iblivthek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur vo Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. geith- und weſebedingungen. 1 oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von iedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. enen Daſſelbe muß voraus zbezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: Si Monat: 2 1 Mr.— Pf 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen- 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ korene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſ auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ — —— 6 3 S R ——— 3 Erſtes Buch. Our toasts to lips, that bloom no more! Trish Melodies. ————— ——— ———————— 5 Erſtes Buch. Straßenſängerin I. Erſtes Capitel. Es iſt acht. Jondon im Mondſchein! London in einer Juni⸗ nacht! Es hat ſich eine Meinung auf dem Continent ver⸗ breitet, als ob London eine traurige und unerquickliche Häuſermaſſe ſei; ein wüſtes Straßenmeer, feucht, ſchmutzig, nebelig, voll unaufhörlichen Lärmens, bei Tag und bei Nacht, voll ſchwerer Frachtkarren, die durchein⸗ anderrollen, voll menſchenbepackter Omnibuſſe, die mo⸗ noton ihres Weges raſſeln, voll verdrießlicher Kaufleute, welche ſteinreich ſind und voll gefährlicher Spitzbuben, die den Fremdling ausplündern. O, wie wenig kennen die Leute London, welche weiter Nichts von ihm wiſſen! Und' wie verſchieden da⸗ von iſt das London, welches wir ihnen jetzt zeigen wollen. Seht! wie es daliegt mit ſeinen tauſend und aber⸗ tauſend bunten Lichtern unter dem warmen, mattblauen Nachthimmel; wie das Mondlicht voll und üppig um ſeine Parks, ſeine Paläſte, ſeine Kirchenthürme fluthet! Seht, wie es funkelt und ſchimmert und wie es klingt, und winkt und lockt! Unter dem breiten, ſtolzen Säulenportal vom Thea⸗ ter Zhrer Majeſtät erſchienen zahlloſe Damen in Weiß mit rothen Mänteln, denen elegante Herren in weißer Halsbinde Platz machten im Gedränge. Die Oper war zu Ende. Man hatte Lucrezia Borgia aufgeführt. Madame Alboni hatte geſungen. Sie hatte das be⸗ rühmte Trinklied im letzten Akte ni g und hatte nie ſtürmiſcheren Beifall geerndtet als an dieſem Abend. Alles war entzückt. Der ſüße Zauber der italieniſchen Muſik verbebte weich in dem nicht ge⸗ rringeren Zauber der Londoner Mondnacht. 4 Eine lange, faſt unabſehbare Kutſchenreihe bedeckte den Abhang des Hahmarket⸗Hügels, eine dichte Maſſe, enden Livreen und leuchtet! Hört, andern kam vorgefahren. Dienſtmänner in langen Röcken, den Hut in der Linken, öffneten den Schlag und ließen das breite Trittbrett nieder. Zarte Füßchen in weißem Atlas berührten es beim Einſteigen, der Dienſtmann ſchwang ſich vorn auf, die Roſſe zogen an, die Räder rollten und Wagen um Wagen verlor ſich im blauen Schatten von Pall⸗Mall und Piccadilly. „Lady Caſtlemere!“ rief der Dienſtmann, als ſeine wege erſchien. Einige Herren, r einem hinge⸗ worfenen Wort, folgten ihr. Lady Caſtlemere war eine feſſelnde Erſcheinung von eigenartiger Schönheit, voll, üppig, mit goldblondem Haar und bläulichen, klugen —— S 2 8 8 S 5 — S 8 8 —— Augen. Die erſte Friſche der Jugend lag hinter ihr; ſie hatte früh geheirathet und war ſeit einigen Jahren Wittwe. Das Ideal eines Schwärmers hätte ſie nicht werden können; aber die Zahl der Schwärmer verringert ſich auf Erden und Männer genug ſind der Anſicht, daß eine junge Wittwe von Geiſt, Rang und Vermögen der vorzüglichſte Gegenſtand der Anbetung und Be⸗ wunderung ſei. Lady Caſtlemere's Wagen fuhr vor; ein breiter, be⸗ quemer, gelber Wagen, mit einem breiten, bequemen, gelben Kutſcher vornauf(gelb war die Farbe der Caſtle⸗ mere's) und einem ſehr kleinen, ſchmalen, beweglichen Dienſtmann, einem Franzoſen, Namens Jacques Patü⸗ rot, welchen Mylady aus Paris mitgebracht hatte, und welcher ſo ſchlecht Engliſch ſprach, daß Niemand ihn verſtand. Aber Jacques Patürot war Myhlady's Lieb⸗ ling, ſie ſprach gern Franzöſiſch mit ihm und er ſtand ſtets am Schlage des Wagens, wenn ſie ein⸗ oder aus⸗ ſtieg. Die Herren, welche ſeiner angebeteten Gebieterin folgten, hätten ihn faſt von ſeinem beneidenswerthen Platze verdrängt; aber Jacques Patürot ſtand feſt. Er wußte zu gut, was ſeine Herrin ſich aus dieſen Leu⸗ ten mache; er kannte Mylady's Geſchmack beſſer, und“ ertrug es geduldig, daß der Eine derſelben ihm heimlich auf den Fuß trat, und der Andere ihm mit dem Ell⸗ bogen in die Seite ſtieß, während ſie ſich mit den ver⸗ bindlichſten Geſichtern gegen dit einſteigende Dame ver⸗ neigten und ihr eine gute Nacht wünſteten. „Sie fahren nicht mit mir, v. ſagté ſie, ſich noch einmal aus dem Wagen zu e * 6 Manne wendend, an deſſen Arme ſie gekommen war. „Nein,“ ſagte dieſer,„Sie werden mich entſchuldi⸗ Ich denke noch ein Stündchen in der Geſellſchaft u bleiben. Gute Nacht!“ Der Wagen rollte fort, und Jacques Patürot konnte ſich's nicht verſagen⸗ noch einen grinſenden Blick vom Kutſcherſitze herunter den Herren zuzuwerfen, von welchen ihn der Eine getreten und der Andere geſtoßen hatte.— „Sah man je einen gröberen Flegel von einem Mr. Sam Slender, ein langer, Geſtalt einer Schreibfeder, mit ſtark gebogenem Rücken. Mr. Sam Slender war ſchon ſeit einem halben Jahre von Orford geſchieden und hatte dermalen zwei Zimmer im Inner Temple mit der Ausſicht auf die Themſe. Dos war die ein⸗ zige juriſtiſche Ausſicht, die er haite. Er liebte nämlich gewiſſe Dinge viel mehr, als das engliſche Common⸗ law und hatte die fixe Idee, ſich zu verheirathen. Er hatte noch keine feſte Wahl getroffen, aber Reichthum und Schönheit waren die unerläßlichen Bedingungen⸗, die er machte. Man denke ſich alſo ſeinen Zorn über Sam Slender vom den Dienſtmann, welcher ihn, Mr. Inner Temple verhindert hatte⸗ eine Dame in den Wagen zu heben, welche Beides beſaß, Reichthum und Schön⸗ eit und obendrein Lie Schweſter ſeines beſten Freundes D ganz gleich!“ ſagte Mr. John der etwas abſonderlichen Sprache gen. meiner Freunde 3 Dienſtmann?“ ſagte dünner Jüngling, von der was aus — — 5 dieſes Gentleman in die gewöhnliche überſetzt ſo viel heißen ſollte:„Ein ſehr grober Flegel, in der That!“ Denn Mr. John Crawford hatte die Eigenthümlichkeit ſtets einzuſtimmen, wenn ein anderer Menſch Etwas ſagte. Er war von einer äußerſt milden Gemüthsart und hatte in ſeinem Leben noch keinen Mitmenſchen in die Seite geſtoßen; er hätte es auch an dieſem Abend nicht gethan, wenn nicht die Gelegenheit und das böſe Beiſpiel ihn verführt hätten. Seine Verehrung für das ſchöne Geſchlecht war allgemein und unbegrenzt, aber er war zu ſchüchtern, um in dieſer Hinſicht jemals per⸗ ſönlich zu werden. Dieſen würdigen Herren, ſeinen Kameraden und Freunden ſchlug der Honourable Mr. George Meadows, einziger Sohn und Erbe des Lord Hazlewood von Tre⸗ vynyr, vor, eine Flaſche Wein zuſammen zu leeren, be⸗ vor man ſich trenne. George Meadows war jünger als ſeine Schweſter; er hatte auf den väterlichen Hügeln in der Provinz noch den Drachen fliegen laſſen, als die kaum ſiebzehnjährige Miß Jane den alten, reichen Lord Caſtlemere heirathete. Er liebte ſeine Schweſter nicht ſehr und er wußte, daß auch ſie ihn nicht ſehr liebe. Sie waren gänzlich verſchiedene Naturen und ihre Wege liefen weit auseinander. Der alte, würdige Gemal ſeiner Schweſter war ihm immer viel lieber geweſen, als dieſe ſelbſt; und er konnte es ihr niemals vergeſſen, wie raſch ſie ſich über ſeinen Tod getröſtet hatte, nachdem ſie kaum zwei Jahre verheirathet geweſen. Er fühlte ſich uicht glücklich in ihrer Nähe; die ſüßen Empfindeng welche bei dem ſiſet Geſang durch ſeines 1 zogen, waren ihm an dieſem Abend durch die klugen, bläulichen Augen verbittert worden. Er hatte keine Mutter mehr und ſeine Schweſter konnte er nicht lieben. Seine Seele ſchmachtete nach einem Gegen⸗ ſtande, um ſich feſt an ihn zu hängen und ganz hinzu⸗ geben. Die Freunde waren mit der Flaſche Wein einver⸗ ſtanden; eine Flaſche Wein in guter Geſellſchaft war eins von den gewiſſen Dingen, für welche Mr. Sam Slender ſympathiſirte und Mr. John Crawford ſagte, ihm ſei Alles gleich. Er hatte noch niemals in ſeinem Leben und Niemandem in dieſer Welt widerſprochen. Es lag nicht in ſeiner Natur zu widerſprechen. Er gab immer demjenigen Recht, welcher das letzte Wort gehabt. Er hatte deswegen die dunkle Vorſtellung von einem Sitz im Parlament; und faßte wenn er über ſeine Zu⸗ kunft nachdachte, den Entſchluß, ſich von den Pächtern ſeiner weitläufigen Domainen im ſchottiſchen Niederlande wählen zu laſſen, ſobald er volljährig geworden. Die Freunde gingen, Arm in Arm, um eine Flaſche Wein zu ſuchen. Sie waren faſt die Letzten unter dem Säulenportal vom Theater Ihrer Majeſtät. Die Kutſchen der vornehmen Welt waren verſchwunden— fort waren die rothen Mantillen und fort die weißen Cravatten. ete Geſtalten in dieſem allgemeinen Schauſpiel der ichtigkeit traten und ein neuer Akt deſſelben be⸗ n. Der Hügel des Haymarket iſt das Wunder der in London. Das London, welchem der Tag und gehört—(und der Himmel auch, wie Einige 9— meinen) ſchläft alsdann; und im Geheimniß des Dun⸗ tels, der Sterne, des Mondſcheins ſteigt ein anderes London herauf— ein London der Täuſchung, ein Lon⸗ don des Traumes, voll berauſchender Tänze, voll locken⸗ der Reize, voll ſinnebethörender Orgien. Die letzten Feen erſcheinen. Ihre Blumen, ihre Federn, ihre Dia⸗ manten— bei Tage ſo welk und ſo werthlos; ihre Augen, bei Tage ſo matt und ſo todesmüd, leuchten dann auf und blitzen und glänzen. Ach, ein Blitz— ſo raſch verſprüht! Ach, ein Glanz— ſo bald erloſchen! Ihr Herrſchaft geht von Mitternacht bis zum Morgen⸗ grauen, und ihr Reich iſt der Hahmarket mit ſeinen marmornen Theaterfronten, ſeinen Säulen, welche ſchweigend in die Nacht ragen, ſeinen Paläſten, welche ausgeſtorben ſcheinen, ſeinen türkiſchen Cigarrendivans, ſeinen franzöſiſchen Café's und deutſchen Reſtaurants. Ein ganzes Ausland und ein buntes Sprachgewirr ſteigt aus dem Boden. Was den raſtlos ſchaffenden Gang des Londoner Tages begleitet und kennzeichnet— die Thätigkeit, der Ernſt, die Mühe— das iſt dann Alles verſchwunden; was hier lebt, lebt dem Genuſſe. Was hier athmet, athmet Freude. Was hier wandelt, wan⸗ delt in Licht. Ein kümmerlich Reich! werdet Ihr ſagen; eine kurze Herrlichkeit! Aber nennt mir ein Reich, wel⸗ ches nicht zerfallen, und eine Herrlichkeit, welche nicht zu Ende gehen müßte. Früher, ſpäter— was liegt daran? Wirklichkeit, Täuſchung— wer will das unter⸗ ſcheiden? Das Eine iſt nicht viel beſſer, als das An⸗ dere; und glücklich macht den denkenden Menſchen keine von Beiden. C e — Aber laßt uns vergeſſen! Seht, wie die rothen und grünen und blauen Flammen der Fenſter ſich mit dem klaren Silber des Mondes miſchen! Wie zahlloſe ſchwär⸗ niende Augen in ſeinem magiſchen Halbſchatten⸗ blitzen; wie zahlloſe ſchöne Köpfe von ſeinem blauen Schimmer umfloſſen ſind und zahlloſe kleine Füße über den fun⸗ kelnden Teppich hüpfen, welchen er über den Straßen⸗ hügel gebreitet! Schönes, kurzes, unglückſeliges Reich der Nacht und des Rauſches!— Es war eine Schwierigkeit für die drei Freunde, vorwärts zu dringen. Denn je weiter ſie den Straßen⸗ hügel hinanſtiegen, je mehr nahm das Gedränge auf dem Trottoir, der Lärm unter den Droſchken zu, welche die Mitte der Straße in langer Reihe bedeckten. Vor jedem der zahlreichen Caffee⸗, Bier⸗ und Auſternhäuſer am Wege ſtanden Gruppen, von bunten Bichtern ſtark beleuchtet— Männer von jedem Alter und den ver⸗ ſchiedenſten Trachten— Frauenzimmer aus allen Län⸗ dern, einige ſehr jung und friſch, andere ſehr verlebt, einige ſehr luſtig, andere ſehr traurig, einige in rau⸗ ſchender Seide, andere nachläſſig und ſchleppend— einige blaß und müde, andere mit einem fröhlichen Liede auf den Lippen— Alle aber unglücklich— ſehr unglücklich— glaubt es mir! Die lauteſte Stimme in dieſem Getöſe und die luſtigſte dazu haben die Franzöſinnen. Sie am Leichte⸗ en finden ſich in jede, auch die unnatürlichſte Wendung Lebens; mit derſelben Virtuoſität würde die Fran⸗ ent eine Rolle des Laſters und morgen eine der — S— — —— —— ——— hinträllerte. —— ſang ſie, ihn mit einem trotzigen Geſichte verführeriſch „Aber Engländer und Franzoſen ſind jetzt ja Freunde gar in der Mitternacht und auf dem Hahmarket ihr Haupt verſchleiert, läßt die Pariſerin ihr dunkles Auge verführeriſch im Scheine des Mondes und des Gaslichtes blitzen. Eine Pariſerin war es, die dicht vor unſren Freun⸗ den, indem ſie den Hügel vom Hahmarket hinanſtiegen, das Couplet aus einem franzöſiſchen Chanſon vor ſich Paris me plait mieux que Londres, N'ayen pas peur, n'ayez par peur. ſang ſie, hinreichend laut für Sam Slender, um es zu hören, und indem er ſich der Singenden ein wenig näherte, ihr in dem beſten Franzöſiſch, das ihm zu Ge⸗ bote ſtand(und das war ſchlecht genug!) erwidern zu können, daß ihm London beſſer gefalle als Paris. Die Dame drehte ſich raſch um. Sie hatte eines jener länglich⸗runden, zarten Geſichter, die fortfahren intereſſant zu bleiben, wenn ſie aufgehört haben, ſchön zu ſein. Dazu hatte ſie ein paar Augen, in welchen ein matter, ſchwärmeriſcher Glanz ſchwamm. Dieſe Augen waren es, welche den tapfern Tempelreiter ver⸗ anlaßten, zu der Dame zu treten und ſeinen Arm in den ihren zu legen. Aber ſie machte ſich geſchickt los, indem ſie einen neuen Vers aus jenem Chanſon repetirte: Jamais en France, Jamais l'Anglais ne régnera! anblickend. Aber laßt un grünen und blaut klaren Silber des miende Augen in wie zahlloſe ſchön umfloſſen ſind un kelnden Teppich hügel gebreitet! Se Nacht und des Ra Es war eine vorwärts zu dringe hügel hinanſtiegen, dem Trottoir, der die Mitte der Stra jedem der zahlreiche am Wege ſtanden C beleuchtet— Männ ſchiedenſten Trachten dern, einige ſehr ju einige ſehr luſtig, 6 ſchender Seide, and einige blaß und mi Liede auf den Lippen unglücklich— glaubt Die lauteſte Sti luſtigſte dazu haben di * . 6 indlichſten Weiſe gereicht. en finden ſich in jede 3 Lebens; mit derſel reits hatte, ſeut eine Rolle d ſpielen, und w 12 — Bundes⸗ und Siegesgenoſſen,“ ſagte Sam Esq.„Ich ſehe nicht ein, warum Sie nicht frall i— Sie, ſ. licher von England denken kommen Dame, laſſen Sie uns bei einer Flaſche Sch unſern Frieden ſchließen!“ Es Eh b'en!“ antwortete das leichtblütige Pin⸗ —„aber ich ſehe, Sie ſind nicht allein, ſind noch zwei von meinen Freundinnen⸗ die wi ie unſerm Friedensfeſte nicht ausſchließen dürfen!“. Zwei Damen näherten ſich, die bis dahin untu Laterne des türkiſchen Divans, wo die Fenſter miene goldnen Koraninſchrift ſchimmern, geſtanden hatten. 5 von ihnen, welche eine ſchwarze Spitzenmantille Lilahut mit Blonden trug, wollte ſich an George. dows' Arm hängen. Aber er wies ſie ſanft zurücht dem er ſagte:„Madame, ich bin ein ſchlechter Liebhinot mein Freund dort wird amüſanter mit Ihnen Der Freund, auf den er wies, der gute John 5 prd hatte bereits einer Dame ſeinen Arm in der'“ Es war ſehr ironiſch n George Meadows geweſen, ihn als einen Freund der Damen zu ſchildern. Er war in. geſellſchaft der unglücklichſte Mann von der Welt. 5 hätte in dieſem Augenblicke— Gott weiß, S5 darum gegeben, wenn er plötzlich hätte nicht da können. Aber da war er, und da waren auch den Damen, von denen die eine ſeinen linken und die andere ſeinen rechten Arm 8 und ſo mit dem unſchlüſſigſten Herzen und i Lächeln von der Welt und an jedem Sider Kork ſpringt, der ſprudelnde Trank füllt ſechs frallgläſer und der Schaum fließt über die Marmor⸗ ſ„Nehmt Gläſer in die Hand, ſtoßt an mit mphnd trinkt!“ Es lebe England und Frankreich! Es lebe die Pnz, es lebe der Frieden! Es lebe der Kaiſer, es unddie Königin!“ wiwie drei Franzöſinnen hielten die Gläſer in zarten, ee Händchen: und ihre Lippen— glühend nur bei intet und Champagner— neigten ſich zu dem ge⸗ mienen Rande. en. Wärter!— Champagner!“ rief Sam Slender nd Neue ge der Kork ſpringt, der ſprudelnde Trank füllt die rückr noch einmal und der Schaum fließt über den ebhinor. audes war in jener enthuſiaſtiſch bewegten Zeit, wo n Grimkrieg zu Ende, wo Friede geſchloſſen war, wo dern und ganz England in einem Rauſche der Wonne iſch um.— Glückwünſche, Freudenthränen, Umarmun⸗ nüſim ganzen Königreiche. Ach! auch Zähren des Daerzes floſſen und manche Mutter ſchluchzte und elt)e Braut. Ganze Regimenter waren aufgerieben wasen und die Jugend manch' eines ſtillen, grünen dachen Dorfes füllte die Laufgräben von Sebaſtopol. die es lebe der Friede, es lebe die Freude! Arn Wärter!— Champagner!“ m Mr. Sam Slender war ein Mann, der unter allen 1 emänden ſeine Gemüthsruhe bewahrte. Er ſagte der m 8 Franzöſin, der Champagner ſei gut und er liebe 16 es in fröhlicher Geſellſchaft ein Glas zu trinken. Wie ſie denn heiße?„Madame Hortenſe“ erwiderte ſie. Darauf erzählte er ihr, daß er von ſeinem Zimmer die Ausſicht auf die Themſe habe, und Madame Hortenſe fragte ihn, ob er denn neulich die große Friedensproceſ⸗ ſion geſehen habe, die von Weſtminſter nach St. Paul zu Waſſer gefahren? Ha, ha— ſagte ſie— ſie müſſe ſich todtlachen, wenn ſie an dieſe närriſchen Herolde denke mit den langen Trompeten und an den Wappen⸗ könig mit den wunderlichen Schildern und Gewändern, und wie er ſeine Botſchaft von dem großen Pergament heruntergegurgelt habe. Und dann trank ſie ein anderes Glas leer und ſagte, Engländer und Frarzoſen ſeien jetzt Brüder und London ſei ihr jetzt faſt ſo lieb als Paris und wenn ſie vorhin das Gegentheil behauptet habe, ſo ſei das nur geſchehen, um ihn zu ärgern: wozu ihre Freundin gegenüber traurig den Kopf ſchüt⸗ telte.„Ach! die ſchönen, ſchönen Boulevards!“ ſeußzte ſie,„und das luſtige Holz von Boulogne!“ Aber Mr. Sam Slender behauptete, es ſei hier eben ſo ſchön und eben ſo luſtig und ſie ſollten nur fleißig trinken und wenn ſein reicher Onkel aus Oſtindien, welcher jetzt in Taviſtock⸗Square wohne, geſtorben ſei und ihn zu ſeinen Erben eingeſetzt habe, ſo wolle er die ganze Geſellſchaft. einladen, mit ihm nach Paris zu reiſen. Und die drei Franzöſinnen ergriffen die Gläſer und ihre ſchwermuths⸗ vollen dunklen Augen flammten und ihre bleichen, zar⸗ ten Wangen rötheten ſich und ſie riefen:„Es lebe Pa⸗ ris! Es lebe das ſchöne Frankreich!“ Mr. John Crawford ſtimmte, ſeiner Gewohnheit gemäß, ein. Er war ſo eifrig, Alles zu beſtätigen, was hier geſagt ward und auf Alles zu trinken, was man proponirte, daß ſeine gutmüthige Seele den äußerſten Grad von Weichheit erreichte.„O!“ ſagte er,„es iſt mir Alles gleich. Trinkt— ſtoßt an— macht, was Ihr wollt.“ Dann fing er an laut zu lachen— hielt plötzlich inne und gab einige unartikulirte Töne von ſich, wie ein Bauchredner. Hierauf ſah er mit ſeinen kleinen, ſchwarzen Augen Einen nach dem Andern an, zupfte ſeine Cravatte würdevoll zurecht und fragte ſeine Nachbarin:„Sind Sie glücklich?“ Dieſe lächelte ſehr traurig zu der wunderlichen Frage, aber Mr. John, ohne ihre Antwort abzuwarten, ſagte:„O, es iſt mir ganz gleich!“ und forderte neuen Champagner. Mr. John Crawford war ein ſehr beſcheidener Menſch, wie die Leſer bemerkt haben werden. Er glich in dieſem Punkte jenem Magiſter der freien Künſte, von welchem unſer ehrbarer Freund Dick Steele erzählt, daß er mit einer Empfehlung für eine Caplansſtelle in die Stadt gekommen, aber da gerade keine leer geweſen, ſich mit der eines Poſtillons begnügt habe. Was ihm in unſern Augen und für die einfache, aber traurige Geſchichte, die wir hier zu erzählen haben, einen Werth verleiht, iſt ſeine treue Freundſchaft, ſeine liebevolle Er⸗ gebenheit für George Meadows, mit welchem er in Orford mehrere Jahre lang zuſammen geweſen. Es iſt keine Frage, daß George Meadows geiſtig in jeder Beziehung über ſeinem beſcheidenen Freunde ſtand; aber was George Meadows in dem eigenthümlichen Ver⸗ hältniſſe, in welchem er ſich befand, am Meiſten ſuchte Straßenſängerin I. 2 und am Höchſten ſchätzte, das war ein Herz, ſolch' ein gutes, freundliches, harmloſes Herz, wie Mr. John eines beſaß. Seltſam genug,— aber es iſt nicht der Fehler dieſer Geſchichte, noch die Schuld deſſen, der ſie erzählt— daß ſolch' ein Herz mit der etwas niedrigen Stirn, den etwas ſimplen Angen und der etwas komi⸗ ſchen Perſon unfres guten, treuen Mr. John verbunden ſein ſollte. Fragt Euch ſelber, Ihr— die Ihr dieſe Blätter leſet— ob man heutzutage einem Menſchen noch ein Compliment damit macht, wenn man von ihm ſagt, er ſei ein guter Menſch? Reichthum, Rang, Schönheit und Erfolg— das ſind die Worte des Ta⸗ ges. Aber ein guter Menſch— pah, Ihr zuckt die Achſeln! Ein guter Menſch iſt faſt immer auch ein närriſcher Menſch in unſern Augen; Keiner wird öfter ausgelacht, Keiner mehr verſpottet. Und wir ſind darin nicht beſſer, als alle Andern, wir lachen und ſpotten mit ihnen.... aber das ſoll uns nicht verhindern, je⸗ den guten Menſchen und wär' er noch ſo närriſch, zu lieben, und Dich auch, Du guter, treuer John! Alſo Mr. John hatte eine neue Flaſche Champagner gefordert. Ehe dieſe aber kam und während die Damen ſich über den Tiſch beugten, um eine Brillantnadel zu be⸗ wundern, welche George Meadows an der Bruſt trug, war Mr. John verſchwunden. Mr. John war ſonſt kein Menſch von leidenſchaftlicher Gemüthsart; aber eine Leidenſchaft hatte er doch, die nämlich: aus jeder Geſellſchaft, noch ſo groß oder noch ſo klein, noch ſo luſtig oder noch ſo traurig, ohne Abſchied zu verſchwin⸗ — den. Er hatte in ſeinem Leben noch nicht Abſchied ge⸗ nommen. Ob dieſe ſeltſame Abneigung gegen eine füt den gebildeten Menſchen faſt unvermeidliche Ceremonie in ſeiner Gutmüthigkeit, die ſich und Andern gerne jeden Schmerz erſparen wollte, oder in ſeiner Schüchternheit, oder in ſeiner gegen den Widerſpruch wehrloſen Natur ihren Grund hatte, wiſſen wir nicht zu ſagen. Gewiß iſt nur, daß er ſich aus dem Elternhauſe jedesmal heim⸗ lich, bei Nacht und Nebel, fortgeſchlichen hatte, wenn die Ferien zu Ende waren; und daß er bei Staatsvi⸗ ſiten, die er zu machen hatte, den Augenblick benutzte, wo neuer Beſuch kam, um aus der Thüre, durch welche derſelbe eintrat, unbemerkt zu entwiſchen. Die Hinter⸗ liſt und Schlauheit, welche ſein ſonſt ſo harmloſes Ge⸗ müth in dieſem Punkte entwickelte, waren in der That unberechenbar— Wie geſagt, Mr. John war gegangen, ſehr zur Verwunderung der drei Damen, die keinen rechten. Grund für dieſe eigenthümliche Flucht fanden. Mr. Sam Slender jedoch, mit hochrothen Wangen und überaus lebhaften Augen, erklärte ſich bereit, das Glas des geſchiedenen Freundes neben dem ſeinigen zu über⸗ nehmen.„O!“ rief er,„ſchenkt mir ein und rückt heran, ich werde Euch Geſchichten erzählen— von meinem alten reichen Onkel, der aus Oſtindien zurück⸗ gekommen iſt, und von ſeinem Schwarzen, den er mit⸗ gebracht hat, und von ſeinen vielen Häuſern in London.“ Ob Mr. Sam Slender auch von ſeiner Abſicht ſprach, ſich bei paſſender Gelegenheit mit der veichſten und ſchönſten Dame Großbritanniens zu verheirathen, vorausgeſetzt, daß ſich eine ſolche bereit dazu finde, 2* — wiſſen wir nicht. Aber wir haben Grund, daran zu glauben, denn Sam Slender ſprach gern davon, und am lisbſten beim Weine. Er zweifelte nicht daran, daß ſein Plan ſich ſeiner Zeit verwirklichen werde, und wir ſelber zweifeln nicht daran. Vorläufig freilich reichte ſeine Herrlichkeit nicht weiter als bis zu den beiden be⸗ wußten Fenſtern mit der Ausſicht auf die Themſe. Aber“ Hintergrunde war der reiche Onkel aus Oſt⸗ indien mit dem Schwarzen und den vielen Häuſern. Und meint Ihr nicht, daß unſer bewunderter Thackeray Recht hat, wenn er von Heinrich dem Achten oder Blaubart ſagt, ſie könnten— lebten ſie heute und wollten ein zehntes Weib haben— leicht noch immer das hübſcheſte Mädchen bekommen, welches die Saiſon aufzuweiſen hat? Ihr ſollt ſehen, er hat Recht. Wir wollen von unſerem Freunde Sam, der weder ſehr gut noch ſehr bös iſt, nicht ſagen, daß er ein Blaubart ſei, o nein!— wir wollen nur ſagen, daß Freund Sam, wenn er fortfährt, ſeinem alten braven Onkel die Cour zu machen, dieſer nicht allzulang mehr lebt und ſeinen langen dünnen Neffen zum Erben einſetzt, den gegrün⸗ detſten Anſpruch auf eine ſchöne und reiche Dame hat. Die gutmüthige Mittelmßigkeit, ſei ſie nebenbei ſo närriſch, als ſie will, erreicht ihr beſcheidenes Ziel, die Planmäßigkeit und reſpectable Speculation erreicht das ihre. Was aber auf halbem Wege— zuweilen kommt ſie auch nicht einmal ſo weit— niedergeworfen, zer⸗ treten und zerknickt wird, das iſt die Großherzigkeit, welche es wagt, der orthodoren Welt ihre Thorheit, ihr Unrecht, ihre Sünde in's Geſicht zu ſchleudern, die ſchöne Leidenſchaft, welche ſich zu einem hoffnungsloſen⸗ Kampf gegen Vorurtheil und Verworfenheit hinreißen läßt. Weiter wollten wir Nichts ſagen. Und glaubet nicht, daß es darum weniger wahr ſei, weil wir es im Café de la Regence ſagen. Wir ſind nicht der Anſicht, wie viele Andere, daß eine unheilige Stätte das S entweihe. Könnte man ſich daran gewöhnen, 6 gentheil für wahr zu halten, ſo würde d llige darunter nicht leiden, aber der geweihten Statten auf Erden würden mehr ſein. Und im Cafe de la Regence war's, wo Mr. Sam Slender mit ſeinen drei Franzöſinnen ſaß, lachend, plau⸗ dernd, rauchend, und die Gläſer klangen dazwiſchen und Muſik von draußen und Becher⸗ und Hörnerklang vieler Andern, die gleich ihnen auf den rothen Sofa's vor den Marmortiſchen ſaßen, und bunte Pracht und berauſchen⸗ der Duft umgab die Gruppe.— Stiller aber war George Meadows geworden. Die widerſtreitendſten Empfindungen kämpften in ſeiner Seele. Die ſüße Schwermuth, der verführeriſche Schmelz des italieniſchen Geſanges, mit welchem dieſer Abend begon⸗ nen, das lockende Geheimniß der Mondnacht mit ihren tiefen Schatten, und ihren grellen Lichtern, die fremde Welt der Schwärmerei und des Genuſſes, die ihn hier umwogte, die blitzenden Augen, die ſchimmernden Kelche — das Alles hatte die Aufregung ſeines Innern bis zum Höchſten geſteigert. Sein Herz klopfte, ſeine Pulſe zitterten. Eine Sehnſucht erwachte, ſtark und gewaltig, wie er ſie bis dahin nie gekannt. Er hatte ſich allein gefühlt immerdar, er hatte ſtets getrauert, daß er keine Mutter mehr habe, um ſie zu lieben, und daß ſeine Schweſter ein Weſen ſei, welches er nicht lieben konnte. Aber jetzt zuckte ein neues Gefühl wie ein Blitz durch ſeine Seele, daß es in dieſer weiten, weiten Welt doch noch ein fremdes und unbekanntes Etwas geben müſſe, welches er mit der ganzen Inbrunſt dieſer quälenden Sehnſucht umfaſſen könne. Es rief ihn, es winkte, als müſſe er es ſuchen und finden. Die Fülle ſeiner Liebe und ſeines Verlangens quoll über; mitten in der wüſten Orgie des Café de la Regence vernahm er eine Stimme, als käme ſie von andern Welten, die er bis dahin nicht gekannt. Er hatte in der That eine ſchlechte Figur gemacht in dieſer Geſellſchaft, die ſeinem innerſten Weſen ſo ſehr widerſprach. Sie hielten ihn für ſchüchtern, in Wahr⸗ heit aber hatte ihre Nähe nur dazu gedient, das Ver⸗ langen ſeines Herzens nach einer wahren, vollen und ganzen Liebe heftiger zu wecken, indem ſie ihn mit Widerwillen gegen dieſes ihr Zerrbild erfüllte. Es ward ihm unerträglich, dieſes Gläſerklirren, dieſes Gewirr von Stimmen, dieſer ganze Lärm, hinter welchem ſich doch die Pein des jammernden Herzens nur ſchlecht ver⸗ barg; unerträglich wurde ihm dieſer Prunk, welchem das Elend vorausgeht und folgt, dieſe Augen, in welchen der Tod wohnt, dieſes trügeriſche Roth auf ſchwindſüch⸗ tigen Wangen, unerträglich dieſe Mitternachtswelt des Scheines, wo die Armuth ſich mit dem Schimmer der Schönheit umgiebt, wie in jener andern Welt des Mit⸗ tags der Reichthum mit dem Schimmer der Tugend. Giebt es denn wirklich noch ſolche Dinge auf Erden wie Schönheit und Tugend? oder ſind es nur Toiletten⸗ ſtückt, die wir ſo nennen? George Meadows erhob ſich.„Mir iſt es zu warm hier geworden,“ ſagte er, dem ſchwelgenden Sam die Hand reichend,„laß mich Abſchied nehmen für heut. Gute Nacht!“ Sam Slender blieb; wir wollen nicht fragen, wie lange er blieb und wann er nach Hauſe kam und wie. Seid deſſen gewiß, daß er ſich zur rech⸗ ten Zeit wieder an ſeinem bewußten Fenſter einfinden und feinem braven Verwandten keinen Grund geben wird, ihm ſeine Gunſt zu entziehen. George Meadows indeſſen ging mit haſtigen Schrit⸗ ten, bis er Regentſtreet erreicht hatte. Der Mond ſtand hoch. Die Straße war ſtille, nur einzelne Men⸗ ſchen, hier und dort in der weiten, breiten Mondeshelle; nur ein einſamer Wagen, der verloren über das Pflaſter rollte. Wie glänzten die herrlich geſchweiften Halbbögen der Arkade! Wie leuchteten die Giebel! Wie funkelten die Dächer! Sanft und laulich wehte die Luft— es war ſchon Morgenluft. Schon begann das Blau des Mondenhimmels an ſeinen Säumen grün zu ſchimmern. Und langſamer, immer langſamer ward der Schritt des Wanderers. Auf einmal hörte er Geſang. Er blieb ſtehn, er lauſchte. Ein weicher, trauriger Geſang, wie von einer Mädchenſtimme. George Meadows ging näher; es mußte aus einer Seitengaſſe kommen. Es klang ſo ſüß, ſo unwiderſtehlich— es klang wie der Ruf einer Sinkenden, wie der letzte Seufzer einer Flie⸗ henden— es klang wie Gebet aus tiefſtem, ſehnſüch⸗ tigſtem Herzen. Es war in der That nichts weiter als 3 — — 5 eines jener alten, guten, ſchottiſchen Lieder, welches da⸗ mals viel geleiert, viel gepfiffen und viel geſu ger“ ward auf den Straßen von London. Aber er hatte nie ſo darauf gehört, und noch nie hatte es ihn ſo er⸗ griffen. Jetzt verſtand er die Worte: Maxwelton Wald iſt wonnig, Und wonnig iſt die Au; Und ſchön iſt Annie Laurie Des Morgens früh im Thau. Des Morgens früh im Thau, Beim erſten Morgenroth— Da ſchwur ich Annie Laurie Treu' Liebe bis zum Tod! George Meadows ging dem Geſange nach. Nicht weit vom Quadrant, jenem prächtigen Stra⸗ ßenbogen am Ende von Regentſtreet, mit dem Monu⸗ mente des Herzogs von York, den breiten Treppen, die zum Park niederführen, und der Ausſicht auf die dunk⸗ len, dichten Baumgruppen deſſelben, ſteht eine Reihe von vier oder fünf Säulen zwiſchen den Häuſern, mit einem Architrav, das ſie in ihrer ſtattlichen Höhe ver⸗ bindet und unter welchem man aus der breiten, welt⸗ berühmten Hauptſtraße in eine kleine, dunkle, ſchmale und unbekannte Seitengaſſe, Lower Johnſtreet genannt, einbiegt. Das Elend grenzt in London ganz dicht an die Größe, den Reichthum und die Pracht; ſeine ſtolze⸗ ſten Marmorpaläſte werfen ihren Schatten auf kümmer⸗ liche Wohnungen der Armuth, auf moderfeuchte Stätten des Verbrechens, und parallel mit ſeinen faſhionabelſten und lebendigſten Straßen läuft auf beiden Seiten ein verſlenes Gaſſengewirr, in welchem die Fäulniß, der S tz und die Verworfenheit herrſchen. Bis an die Säulen, deren Facade den Anblick dieſer unheimlichen Gaſſe vor der glänzendſten Straße Londons etwas verdeckt, trat George Meadows. Aus dieſer Gegend mußte das Lied gekommen ſein. Der Geſang war verſtummt; aber George hörte, indem er vorſichtig in den tiefen Schatten trat, den der Säulengang warf, wie hinter derſelben ein altes Weib mit keifender un⸗ angenehmer Stimme ein junges Mädchen, welches er für die Sängerin hielt, anfuhr. Er wagte es nicht, ſich vorzubeugen, aus Furcht, ſie zu verſcheuchen; er konnte ſie deswegen nicht ſehen, aber er verſtand bei dem vollkommenen Schweigen der Nacht jedes Wort. „Du wirſt mich tödten!“ ſchluchzte das Mädchen mit von Thränen erſtickter Stimme, welche George Meadows unſäglich erſchütterte,„wenn Du fortfährſt, mich ſo zu mißhandeln!“ „Wäreſt Du todt!“ ſchrie das alte Weib.„Oder wäreſt Du nie geboren! Mir wäre wohler, und Dir auch! Aber da Du einmal auf der Welt biſt, ſo will ich Dich treten und ſchlagen, bis ich Dir Deine elende Seele aus dem Leibe getreten habe!“ Sie mußte ihre Drohung ausgeführt haben, denn das arme Weſen fing an zu wimmern, als ob man ihr eine ſchwere Miß⸗ handlung zugefügt. „Willſt Du ſtill ſein, Du elende Creatur, die Du Schuld biſt an alle dem Elend und alle der Sünde? Und jetzt merke, was ich Dir ſage: ich gehe noch ein⸗ mal nach Vrewerſtreet hinauf und Du ſtellſt Dich an die Säulen und ſingſt Dein Lied. Und wenn ich wie⸗ derkomme und Du ſtehſt noch hier und haſt nicht ge⸗ than, was ich Dir ſage, ſo ſollſt Du in vierundzwanzig Stunden nicht erfahren, was Eſſen oder Trinken heißt. Nun mach' was Du willſt!“ Damit entfernte ſich das alte Weib, und das Mädchen, unter heftigem Schluchzen, rief:„O Gott und Du, mein Heiland— warum nehmt Ihr mich nicht zu Euch?“ Dann verſuchte ſie wieder zu ſin⸗ gen, aber die Stimme verſagte und ſie ſchluchzte auf's Neue. Da hielt ſich George Meadows nicht länger. Er trat hinter der Säule hervor, ſchritt durch den Gang und plötzlich ſtand er vor dem Mädchen in der Dun⸗ kelheit des Gäßchens. Er konnte ihr Geſicht nicht er⸗ kennen; ſie trug einen ſchwarzen, verdrückten Hut, wel⸗ cher es verdeckte, ein ſchwarzes Mäntelchen, welches kaum über ihre nackten Arme reichte und ein ſchwarzes Kleid, welches an ſeinen Rändern zerriſſen war. „Warum ſtehſt Du hier?“ fragte George Meadows das Mädchen, welches bei dem Ton ſeiner Stimme ſichtbar zuſammenfuhr. 8 „Um Gotteswillen, Herr!“ rief ſie haſtig und ge⸗ preßt,„entfernt Euch!“ „Nicht eher, bis ich weiß, warum Du hier ſtehſt und welches Recht jenes alte Weib hat, Dich zu miß⸗ handeln,“ ſagte Georg Meadows, der in der ganzen Schönheit und Kraft der erſten Jugend und in der Erregtheit des Augenblicks wie ein Weſen höherer Ord⸗ nung, wie ein Engel der Rettung vor der armen, elenden Straßenſängerin von Lower Johnſtreet ſtand. 4 „Wenn Ihr Gnade— wenn Ihr Barmherzigkeit kennt,“ ſchluchzte ſie,„ſo geht. Sie kann jeden Augen⸗ blick kommen, und wenn ſie kommt und ſieht Euch bei mir ſtehen...“ Ein heftiger Thränenſtrom unterbrach ihre Worte, und mit der Linken deutete ſie in das Dun⸗ kel der angrenzenden Straße. Aber George Meadows ging nicht. Er ergriff ihre Rechte, und fühlte, wie ſie krampfhaft zitterte. Sie war einige Schritte aus der Dunkelheit hervorgetreten. Das gelbe Licht der Straßenlaterne, der erblaſſende Schein des Mondes, der grünliche Anfangsſchimmer des Morgens beleuchteten nun ihr kummervolles Geſicht, ihre verweinten Augen, ihre ſchwarzen Haare, welche wirr unter dem Hut hervor um ihre bleichen Schläfen hingen. „Laß ſie kommen,“ ſagte George Meadows,„ich gehe nicht, ich laſſe Dich nicht!“ Und dabei ſchlang er ſeine Rechte um die Hüfte des zitternden Mädchens; aber er war nicht ſtark genug, ſie zu halten. Gewalt⸗ ſam ſtürzte ſie auf die Erde und umklammerte ſeine Knie feſt mit dem jammernden Ausruf:„Berührt mich nicht! Ich bin ein unglückſeliges verlorenes Geſchöpf! Mein Leben iſt mein Fluch!“ In dieſen Augenblicken ließen ſich dumpf wieder⸗ hallende Tritte aus der Richtung der Straße vernehmen, in welche das Mädchen vorhin gedeutet. „Komm!“ rief George, als er den fernen Schall vernahm.„Keine Zögerung mehr, ſonſt iſt alles vorbei — eil' Dich, eil' Dich!“ Aber das Mädchen rührte ſich nicht, ſie ſchien das Bewußtſein verloren zu haben und die Tritte kamen näher. Da mit dem Aufgebot ſeiner ganzen Kraft um⸗ ſchlang er ſie mit beiden Armen und trug ſie durch den Säulengang auf die Straße. Ein Wagen kam da⸗ her.„Cabman!“ rief er—„raſch— um Himmels⸗ willen, raſch! Hier iſt ein Goldſtück— Hazlewood⸗ Houſe, Belgrave Square.“ Er hob das Mädchen in den Wagen, er ſtieg ſelber ein— der Cabman gab dem Pferde die Peitſche und fort rollten die beiden Räder des leichten Geſpanns. Fort rollten ſie, fort; und von den Säulen her, die vor Lower John⸗ſtreet ſtehen, ließ ſich ein herzzerreißender Schrei vernehmen. „Wo biſt Du?“ klang es,„wo biſt Du?... Hülfe! Hülfe! Sie iſt nicht da... Man hat ſie mir geſtohlen! Man hat ſie mir geraubt! Hülfe! Hülfe!“ Aber der Hüferuf verklang in der Einöde der men⸗ ſchenleeren Straßen, und der Wagen war verſchwunden. Zweites Capitel. Es wird Morgen. Mr. William Williams, insgemein der alte Bill ge⸗ nannt, ſaß in einem hölzernen Lehnſtuhl am Küchenfeuer. Es war ſpät, der Mond ſchien durch die Gitter hoch herunter und ſeine gebrochenen Strahlen ſpielten mit dem Schein des verglimmenden Feuers auf dem Stein⸗ boden. Die engliſchen Küchen ſind regelmäßig im Sou⸗ terrain des Hauſes; ſie ſind die Stätten der Gemüth⸗ — 2 lichkeit. Der Milchmann, der Fleiſcherjunge, der Ge⸗ würzkrämer, zuweilen auch am ſpäten Nachmittage der italieniſche Orgeldreher, welcher ſich vor den Gittern aufſtellt, um ſeine melancholiſche Weiſen hinunterzuleiern, ſind die Einzigen, welche mit dieſem innerſten Heilig⸗ thum des engliſchen Hauſes verkehren. Da iſt alles Frieden, Reinlichkeit, Behagen. Die zinnernen Deckel und Schüſſeln hängen an den ſchöngebohnten Wänden; ſchweres, feines Porzellan bedeckt die weißgeſcheuerten Bretter, ſpiegelblankes Kochgeſchirr gruppirt ſich um den hochgebauten Kamin und das praſſelnde Feuer macht die angenehme Muſik in dieſem kleinen Himmel, der unter der Erde iſt. Wie Schade, daß man dem Herde immer ungetreuer wird, und nicht mehr in der Küche wohnt, wie in der guten Zeit, die geweſen! Weswegen auch der alte Bill, welcher noch ein wenig aus der guten Zeit ſtammte, jede Gelegenheit wahrnahm, wo Mrs. Blinkerton, die Haushälterin, und Beſſy, die Köchin, drei Stock hoch in ihrer Dachkammer zur Ruhe gegan⸗ gen waren, um ſich in den hölzernen Lehnſtuhl an's Küchenfeuer zu ſetzen. Der alte Bill war der Kammerdiener des jungen Herrn. Ehe der junge Herr geboren worden war, war er der Kammerdiener des alten Herrn geweſen. Er war überhaupt ſchon vierzig Jahre im Dienſte der Hazlewvod's; er war, ſo zu ſagen, von Natur zum Dienſtmann derſelben beſtimmt. Sein Heimathdorf lag in Nord⸗Wales und gehörte zu den großen Stamm⸗ gütern, welche die Familie daſelbſt beſaß. Er konnte ſich ſein Leben nicht ohne den Löwenkopf und den Ha⸗ 30 ſelzweig denken, welche auf den Bronzeknöpfen ſeiner Livrée zu ſehen waren. Der Haſelzweig, hatte ihm der junge Herr geſagt, bezöge ſich auf einen der älteſten ſächſiſchen Vorfahren der Familie, welcher in der Schlacht von Haſtings, wo er an des letzten Sachſenkönigs Seite ſtritt, zum Gefangenen gemacht worden wäre. Als nach dem Verluſte der Schlacht, den Tode Ha⸗ rold's und dem ſiegreichen Einzug des Eroberers in ſein neues Reich, den ſächſiſchen Gefangenen Alles geraubt, und nur das nackte Leben geſchenkt ward, da habe dieſer Vorfahr ſich wenigſtens ſein Schwert zurückerbeten. Aber ein hochmüthiger Normann habe von einem in der Nähe ſtehenden Nußbaum eine ſchwanke Gerte gebrochen, und indem er ſie dem armen Sachſen überreichte, höh⸗ niſch geſagt:„Das würde doch nun wol genug ſein für ihn!“ Mit dieſer Haſelgerte ſchlug ſich das wackere gedemüthigte Geſchlecht an die hundert Jahre und länger durch, bis die glorreichen Zeiten von Richard Löwenherz kamen. Mit dieſem ging auch ein Hazlewood nach Paläſtina und war ſo tapfer und ſo treu, daß er zu hohen Ehren kam bei dem ritterlichen König. Aus dieſer Zeit ſtammt der Löwenkopf im Wappen der Hazle⸗ wood's; und einer von ihren Nachkommen, welcher ſich unter Eduard I. im Kriege gegen die Welſchmänner auszeichnete, ward auf dem großen Reichstage zu Rhudd⸗ lan von dieſem Monarchen zum Peer gemacht und mit der Herrſchaft Trevynyr in Nord⸗Wales belehnt, wo⸗ nach ſie noch heute die Hazlewood's von Trevhnyr ge⸗ nannt ſind. Der alte Bill hatte jetzt ſein kleines Thnſeſcen. ausgeraucht. Zu rauchen wagte er nur, wenn Mrs. Blinkerton mindeſtens ſchon eine gute Stunde ſchlief. Denn dieſe Dame hatte ſolch' eine feine Naſe, daß ſie es im erſten Schlafe ganz gewiß gerochen haben würde, wenn der alte Bill ſich dieſe Freiheit herausgenommen hätte. Heute aber mußte ſie ſich ſchon in der dritten Stunde ihe 8 glücklichen Schlafes befinden; denn wie geſagt, es war ſpät— es war ſehr ſpät.„Wo der junge Herr nur bleibt?“ war ſein Geranke, als er das Pfeifchen ausklopfte, und in einem Glaſe nachſah, wel⸗ ches auf dem ſchwarzen Steinrande des Kamins ſtand. Aber es war Nichts mehr darin.„Er kommt doch ſonſt früher nach Haus,“ fuhr er in ſeinen Gedanken fort.„Er iſt kein Freund von nächtlichen Gelagen; es iſt nicht ſeine Gewohnheit, bis in den Morgen hinein⸗ zuſchwärmen. Er iſt ein ſo richtiger Gentleman, als nur einer zu finden iſt von Merionetſhire bis Kent. Aber weiß es Gott, was ihm fehlt. Er iſt nicht mehr, wie er zu ſein pflegte. Er iſt ſo ſtill geworden. Du lieber Himmel, ſeit Mylady todt iſt, ſieht Alles anders aus. Das war eine Frau— Gott habe ſie ſelig, wir werden niemals vergeſſen, was für eine Frau das war! Wie gut ſie war— wie ſchön— wie gnädig! Und George Meadows war ihr Liebling. Ich weiß noch, wie er eines Abends— o, es mögen jetzt wol an die zehn Jahre ſein— ohne Rock und ohne Mütze in's Schloß kam. Das war ein Geſpött und ein Gelächter, als er ſtotternd und ſchamroth erzählte, er habe es einem armen Jungen»gegeben, der ihn darum gebeten. Und keiner war giftiger und höhniſcher, als Mylady Caſtlemere, dazumal noch Miß Jane— wer würde dieſe beiden auch für Schweſter und Bruder halten? Aber Mylady Hazlewood ſchloß ihn in die Arme und die hellen Thränen liefen ihr über die Wangen, als ſie ſagte:„George, die guten Menſchen müſſen ſich viel gefallen laſſen auf dieſer Welt. Die Tugend wird ver⸗ ſpottet und die Scheintugend trägt den Sieg davon. Aber laß Dich das nicht beirren, mein Junge; gedenke an das Ende, wie es in der Bibel heißt.“— Das ſagte Mylady; und jedesmal, wenn ich an Mylady denke, ſo fallen mir dieſe Worte ein.“ Der alte Bill ward ungeduldig. Sein Pfeifchen war kalt, das Feuer war verlöſcht, das Punſchglas war leer. Er ſtieg die kleine Treppe aus der Küche empor, und trat in die große Halle. Der Mond ſchien voll durch die hohen Scheiben über dem Portal. Die Mar⸗ morſäulen glänzten und auf dem reichen Teppich, wel⸗ cher die Flur bedeckte, wechſelten Licht und Schatten. Todtenſtille herrſchte in dem großen prächtigen Gebände. Die Wanduhr pickte— jetzt ſchnarrte es in dem mäch⸗ tigen Kaſten— jetzt vier raſche Schläge und ein lang⸗ ſamer dumpfer, welcher in dem weiten, hohen, dämmri⸗ gen Raume mälig verhallte. Es war ein Uhr. Noch kein Tritt draußen in der Einſamkeit des ſchweigenden Square's; noch kein Wagen. Er trat in das hochge⸗ wölbte Speiſezimmer. Die Thüre ſtand offen und durch die breiten Fugen der Spalten drang das Dämmerlicht ₰ des Mondes herein. Ein maſſiver Mahagonhtiſch ſtand in der Mitte; geſchnitzte Seſſel, hochgepolſtert, rings⸗ umher. Ein bronzener Kronleuchter mit bläulich flim⸗ mernden Cryſtallglocken hing aus der mit vergoldeten Schildern bedeckten Höhe herab, und dunkle Portraits mit ſchweren Rahmen umgaben die Wände.„Dieſes iſt mein liebſtes Bild,“ dachte der alte Bill, indem er vor das lebensgroße Bild einer Dame trat, auf deren Antlitz ein milder Abglanz des Mondes ruhte. Es war ein ſanftes, liebes Angeſicht; mit dunklen Augen, mit langen braunen Locken— lächelnd, aber traurig, ſehr traurig.„Sie hat nicht viel gute Tage gehabt auf dieſer Welt,“ dachte der alte Bill weiter;„ſie iſt rein und herrlich zum Himmel zurückgekehrt, aber ihr Wan⸗ del auf Erden war reich an Schmerzen und Kummer und Thränen. Ich will von keinem Menſchen etwas Schlechtes denken, am Wenigſten von meinem Herrn, aber—“ dabei wanderte ſein Blick zu einem Bilde, welches neben dem der Dame im Halbdunkel hing. Es ſtellte einen Mann vor, mit röthlichen Haaren, ſo viel man unterſcheiden konnte, und ſtarren, blauen Augen; das Geſicht hatte etwas Hartes, Unerbittliches, Rohes, und über der breiten Bruſt erblickte man eine Ordenskette mit einem Schilde daran.„Das iſt das Ebenbild der Tochter. Sie hat das Haar und die Augen vom Vater, und das Herz auch; ein recht hartes Herz, ſollte ich denken... Aber wo der junge Herr nur bleiben mag?“ Der alte Bill ward ſehr ungeduldig. Jeden Augen⸗ blick horchte er auf, jeden Augenblick meinte er, nun aber müſſe er kommen. Ihm war, als höre er ein fernes Geräuſch. Er verließ das hochgewölbte Zimmer, ſtieg über die Stufen der Halle zum Portal nieder und Stra Fenſängerin I. 3 öffnete die gewaltige Eichenthür. Wie das knarrte und dröhnte in der ungeheuren Stille! Nun ſtrömte das Mondlicht voll herein, und die friſche, ſüße Sommer⸗ nachtsluft wehte und ſäuſelte durch die Thüre. Aber noch immer kein Tritt, noch immer kein Wagen. Nur die alten, ſchwerbelaubten Bäume in der Mitte des Square's hatten gerauſcht. Wie prachtvoll ſtanden die ſtolzen Stadthäuſer des engliſchen Adels ringsum im Kreiſe! Wie hing die ſilberne Helligkeit des Mondes an den majeſtätiſchen Säulen, an den ſtattlichen Balcons, an den kunſtreich geſchmückten Facaden! und ſo ſtille war es, ſo leiſe ſchauerten die Bäume. Dort drüben hinter dem dichten Jasmingebüſch lag das Haus der Lady Caſtlemere. Man ſah nur das oberſte Stockwerk. Die Fagade kehrte ſich dem Park zu, in welchem es lag, und die Hinterſeite, welche den Square überſchaute, war von Gepüſch und hohen Ulmen bedeckt.„Das Haus war ein Nagel zum Sarge meiner gnädigen Frau. Erſt heirathet man einen guten alten Lord, und dann ſucht man ihn zur Welt hinauszuärgern. O! Jugend iſt ein gut Ding, und Schönheit iſt auch ein gut Ding, aber Jugend und Schönheit und Schlechtigkeit zuſammen — Gott verzeih mir die Sünde, ich will nichts Böſes über meine Herrſchaft denken, aber über dieſen Hallun⸗ ken von einem Dienſtmann, dieſen Franzoſen, dieſen Schelm, dieſen— wie nennt Ihr ihn.... dieſen Jac⸗ ques— dieſen Paturot will ich denken, was ich Luſt habe. Seit dieſer Franzoſe dort im Hauſe iſt, iſt gleichſam der Teufel los. Vornehme Leute können ja thun, was ſie wollen, vornehme Ju dürfen ſündigen und freveln 8 und ſpotten und lachen.... aber heimlich, heimlich, aber heimlich. Vornehme Leute bleiben vornehme Leute.“ Und zurück durch das Portal in die Halle und das große Zimmer mit den Bildern ging er. Die Wanduhr pickte, jetzt ſchnarrte es in dem dicken Kaſten— jetzt vier raſche Schläge und zwei langſame, dumpfe, welche in dem wei⸗ ten, hohen, dämmerigen Raume mälig verhallten. Es war zwei Uhr.— Der alte Bill ſchlief vor Ungeduld ein. Er ſaß in dem geſchnitzten Seſſel unter dem Bilde ſeiner todten Herrin und ihm träumte, ſie lebe noch und ſage ihm: Du biſt der Einzige auf dieſer Welt, welcher meinen George liebt— verlaß ihn nicht. Dann träumte ihm, Mrs. Blinkerton behaupte, er habe geſtern Abend in der Küche geraucht; ſie könne es ganz genau riechen, daß er geraucht habe, und er ſolle ſich nicht unterſtehen, es jemals wieder zu thun. Hierauf ſah er ſeinen Feind, den Franzoſen, den Jacques Paturot, wie er heimlich mit einem ſchönen, jungen Herrn ſprach und ihm eine verborgene Eingangspforte zu dem Theile des Hauſes zeigte, in welchem Mylady Caſtlemere wohnte, und dann nahm er ſich vor, jetzt in ſeinen alten Tagen, dieſen franzöſiſchen Klopffechter zu prügeln und dann.. Bei Gott! ihm war, als bekomme er ſelber drei, vier gewaltige Schläge auf den Kopf.„Beim heiligen David von Wales!“ rief der alte Bill—„ich werde Dir den.„ Er erwachte. Die Schläge wiederholten ſich, aber nicht auf ſeinen Kopf, ſondern gegen die Thür. Es war George Meadows, ohne Zweifel. Freudig er⸗ 3* hob ſich der alte Diener, und ſo raſch es ihm ſeine ſchon etwas ſteif gewordenen Gliedmaßen erlaubten, eilte er an die Thür und öffnete. Das Mondlicht kämpfte mit dem Morgengrauen um die Herrſchaft und das eigenthümliche Helldunkel, welches dadurch erzeugt ward, blendete die Augen des eben erſt plötzlich aus dem Schlafe Erwachten ein wenig.„Gott ſei Dank,“ ſagte er,„daß Ihr...“ Aber mitten in ſeiner Rede ſtockte er. Sein Herr war nicht allein.— Zur Seite deſſelben befand ſich eine dunkle Geſtalt, eine Frau oder ein Mädchen, nach dem zerdrückten Hut, dem kurzen Mäntelchen, dem ſchwarzen, ſchmutzigen, zer⸗ riſſenen Kleid zu urtheilen. Von ihrem Geſicht war Nichts zu erkennen. Sie hatte die Arme um die Säule geſchlungen und lehnte den Kopf an das weiße, kalte Geſtein. Sie hatte den einen Fuß auf das Piedeſtal geſetzt und ihre Knie war feſt gegen die Rundung ge⸗ preßt Sie ſtand, als ob ſie mit dem Steine verwach⸗ ſen ſei; wie eine Schiffbrüchige, die ſich an den Maſt klammert, wie eine Flüchtige, die ſich an den Altar wirft. George Meadows ſtand neben ihr. „Komm,“ ſagte er;„wir ſind zu Hauſe!“ Aber die Geſtalt rührte ſich nicht.„Du wirſt es mir unmöglich machen, Etwas für Dich zu thun, armes Mädchen, wenn Du noch lange zögerſt,“ redete der Jüngling ſie auf's Neue an. Die Geſtalt bewegte den Kopf, welcher an der Säule ruhte, ein wenig, als wolle ſie verneinen. George Meadows jedoch ergriff den Arm, welcher läſſig an der Säule niederhing.„Ich ſchwöre Dir,“ rief er,„ich laſſe Dich nicht! Ich fühle, daß der Himmel mich erſehen hat, Dir zu helfen— ich will Dir helfen!“ Da wandte ſich das Mädchen um, und den kalten, ſtarren Arm, mit welchen ſie eben noch die Säule um⸗ ſchlungen hatte, in die graue Morgendämmerung hebend, das bleiche Geſicht vom Zwielicht geiſterhaft beleuchtet, das ſchwarze Haar von der Frühluft durchfäuſelt, rief ſe Herr Herr! Ihr kennt mich nicht— Ihr wißt nicht, daß mit mir das Unglück über Eure Schwelle tritt!“ Der alte Bill, welchen die Unheimlichkeit dieſes Auf⸗ tritts nach den vorangegangenen Stunden der Einſam⸗ keit, des Nachdenkens und Träumens doppelt ergriff, trat auf die Marmorſchwelle des hohen Hauſes, als wolle er ſie beſchützen.„Beim heiligen David!“— dieſes war nämlich der heimathliche Heilige, mit deſſen Namen der Dienſtmann der Hazlewoods, gleich ſeinen übrigen Lands⸗ leuten, ſeinen feierlichen Verſicherungen Nachdruck zu ge⸗ ben pflegte—„das Mädchen hat Recht, Herr,“ ſprach er mit zitternder Stimme—„das Mädchen hat Recht! Laßt ſie gehen— laßt mich ihr geben, weſſen ſie bedarf, ich will ihr Alles vor die Thüre bringen, aber laßt ſie nicht in dieſes Haus.“ Und beide Arme erhob er, um die Thüre gegen ſie zu decken. „Bill,“ ſagte da George Meadows,„Du wirſt mir den Weg nicht vertreten, wenn mein Herz, wenn eine höhere Macht mich ihn wandeln heißt!“ Es lag eine Tiefe, eine Innigkeit des Gefühls in dieſen Worten, welche George mit bebenden Lippen ſprach, daß der alte Bill nicht wiederſtehen konnte. Er ließ die Arme lang⸗ ſam finken; Thränen kamen in ſeine Angen, und leiſe für ſich— ſo daß Niemand es hören konnte, ſprach er: „Ich wollte, daß ſeine Mutter noch lebte!“ George Meadows aber umfaßte das Mädchen und zog es mit ſich in die Halle, in welcher es nun dunkel war, ſeitdem das Mondlicht daraus verſchwunden. „Ich werde ſie mit mir in mein Zimmer nehmen,“ ſagte George Meadows,„und in einigen Stunden, ehe es lebendig wird im Hauſe, laß Dich bei mir ſehen, Bill, und frage nach dem Weitern. Ich gebrauche kein Licht.“ Bill ſetzte ſich auf einen Schemel, welcher in der Holle ſtand, und die beiden Geſtalten ſtiegen die Treppe hinan. Auf den weichen Plücheteppichen ward ihr Schritt nicht gehört und in der Dämmerung der Höhe ver⸗ ſchwanden ihre Umriſſe. Georges Zimmer lag im dritten Stock. Zuerſt trat man in ein Vorzimmer, dann in ſein Schlafgemach und hinter demſelben befand ſich ein kleines Cabinet mit einem Divan. Hierher führte er das Mädchen. Die ſchweren Damaſtvorhänge waren niedergelaſſen, er lüf⸗ tete ſie ein wenig und das erſte Morgenlicht erfüllte den kleinen, traulichen Raum. „Hier laß Dich nieder,“ ſagte George, indem er ihr den Divan wies. Hier ſind Kiſſen, hier iſt eine Decke; Niemand wird Dich ſtören, Niemand Dich beunruhigen. Du ſtehſt unter meinem Schutze und Du ſollſt Theil haben an dem Frieden, der in meinen Räumen herrſcht. Du biſt müde, Du mußt ſchlafen. Schlafe, ſchlafe— Du biſt in Sicherheit!“ Dann verſchwand er hinter der faltigen Portiére, welche ſein Gemach von dem ihren trennte. Halb ent⸗ kleidet warf er ſich auf die ſeidenen Kiſſen ſeines breiten Lagers, aber der Himmel und die Engelsköpfchen, die in dem blauen Atlasgrund deſſelben geſtickt waren, lä⸗ chelten ihm diesmal keinen Schlummer, keine Träume zu. Er lag mit offenen Augen und ſah, wie Strahl um Strahl des nahenden Morgens ſich durch die Fal⸗ ten der Fenſtervorhänge ſtahl. Bis hierher hatte er unter dem unmittelbaren Ein⸗ drucke der Inſpiration geſtanden. Was er gethan hatte, hatte er gethan, weil ſein Herz und der Augenblick es ihm ſo eingegeben hatte. Er hatte eine Bettlerin ge⸗ troffen, welche— wie tauſend andere in dieſem großen, an Elend reichen London— des Nachts auf der Straße ſtand und ſang, um ſich von heimtaumelnden Schwär⸗ mern und Schwelgern ein letztes Almoſen in den Staub werfen zu laſſen. Der eigenthümlich ſchwermuthsvolle Ton ihres Geſanges hatte ihn angezogen, indem er vor⸗ beiging, er blieb ſtehen, er trat näher. Er ward dann Zeuge, wie das Mädchen, welches geſungen hatte, von inem Weibe, deſſen bloße Worte ſchon unheimlich und ſchauerlich klangen, gemißhandelt wurde, wie ſie weinte und ſchluchzend den Himmel bat, ihrem qualvollen Da⸗ ſein ein Ende zu machen. Dann war er aus ſeinem Verſteck herangetreten und wie vorhin der Ton ihrer Stimme, ſo hatte ihn jetzt der Ausdruck ihres Geſichtes auf eine wunderbare Weiſe gefeſſelt und magiſch beſtrickt. Wenn dieſe Stimme gerufen und dieſes Antlitz ſich em⸗ porgewendet hätte, ſo würde er ſich in einen reißenden Strom geworfen haben, um ſie zu retten. Er umfaßte ſie, die Widerſtrebende, er trug ſie, ungeachtet ihres ———— Flehens, von dem Orte fort, an welchem er ſie gefun⸗ den, er befreite ſie aus der Gewalt jenes böſen, alten Weibes, er brachte ſie in das Haus ſeines Vaters, wel⸗ cher wenig Sympathie für Impulſe des Herzens und plötzliche Acte des Erbarmens hatte— da lag ſie nun in ſeinem Gemach— und ſchlief, und ruhte, und war gerettet. „Aber was ſoll nun weiter werden?“ fragte er ſich, indem er von ſeinem Lager aufſprang, auf welchem er doch keine Ruhe fand, und ſich in einen Seſſel warf, welcher daneben ſtand.„Ich will ihr ein paar Stun⸗ den Schlafes gönnen, bis das arme Weſen ſich etwas geſtärkt hat; dann will ich ſie fragen, wie ich ihr hel⸗ fen kann und will ihr ſo viel Geld geben, als nöthig iſt, um ein neues Leben, vielleicht in einer andern Stadt, fern dieſer Alten, die ſie quält und verfolgt, zu begin⸗ nen und Bill ſoll ſie ſicher aus dem Hauſe führen, ehe Jemand von ihrer Anweſenheit eine Ahnung hat ha⸗ ben können.“ Dann aber klang wie ein geiſterhaftes Echo das Lied, welches ſie geſungen, in ſeiner Seele und ihm war, als könne er dies bleiche, traurige Angeſicht in ſeinem Leben nicht wieder vergeſſen. Er ſtand auf und trat an die Portiere. Das un⸗ gewohnte Gefühl, mit einem weiblichen Weſen ſo nahe, ſo allein zu ſein, machte ſeine Nerven beben. Er legte ſein Ohr an den ſchwer rauſchenden Damaſt. Alles war ſtill, nur die tiefen Athemzüge der Schlummernden waren zu vernehmen. Er hob den Vorhang auseinan⸗ der, er trat ein.— Da lag ſie. Eine purpurne Decke war in vielen ſchweren Falten um ſie geworfen; ihr rechter Arm hing am dunkelblauen Sammet des Divans nieder, ihr lin⸗ ker war um das Haupt geſchlungen, welches auf den hohen Kiſſen ruhte. Der erſte Schimmer des Morgen⸗ roths ſpielte über die weiße Stirne, hinter welcher das ſchwarze Haar zurückgeſchlagen war, und der wachſende Abglanz des Morgens und die Wärme des Schlafes färbten ihre bleichen, ſchönen Wangen. George konnte ſich von dem unausſprechlich holden und doch ſo traurigen Bilde nicht trennen. Was war ſie weiter, als ein elender Answurf des Lebens— heut auf ſammetnen Kiſſen ſchlummernd und morgen vielleicht auf den feuchten Steinen der Straße? Der Gedanke, ein ſo edel geformtes, ſo herrlich geſtaltetes, ſo ſchönes und ſo unglückliches Weſen durch die Laune des Schick⸗ ſals in den Koth geſchlendert zu ſehen, ergriff ihn hef⸗ tig. Eine Stimme der Erregung wurde laut, ein Ge⸗ fühl des Trotzes erwachte in ihm, ob es denn nicht möglich ſei, daß das Herz eines von Mitleid und Barm⸗ herzigkeit erfüllten Menſchen gut machen könne, was die Natur in der Blindheit ihres Schaffens und Waltens verbrochen habe? O, du armes, thörichtes Menſchenherz! In dem jugendlich ſchönen Aufwallen deiner Empfindung erkennſt du nicht, daß du doch nichts biſt, als ein Zuſchauer in dieſem Trauerſpiel des Lebens, und daß du es biſt, wel⸗ ches zerbrechen muß, wenn die Räder des Schickſals über dir dahingehen; denn das Schickſal regiert, und der Menſch muß es dulden. Aber ſtill— die Lippen der Schlummernden regen ſich. Sie träumt. Ein Schatten der Angſt fliegt über ihr im Morgenrothe glühendes Geſicht.„Sie kommt! Sie kommt!“ ruft die vom Traume Geängſtigte.„Sie wird mich in das dunkle Haus zurückſchleppen! Sie wird mich zwingen, ſie wird mich hetzen, ſie wird mich jagen, ſie wird mich foltern... O mein Retter, wo biſt du! O mein Retter, hier iſt meine Hand— hier iſt meine Hand... laß mich nicht.. laß mich nicht laß mich nicht! In dieſem Augenblicke ſtieg roth und feurig und ſtrahlend die Juniſonne über den Ulmen von Lady Caſtle⸗ mere's Palais empor, und die ſtechende Gluth ihres Aufgangs, welche durch das Fenſter fluthete, erweckte die Schläferin. Haſtig fuhr ſie empor, verwirrt flogen die ſchwarzen Haare um ihr angſtgequältes Geſicht, und halb emporgerichtet auf dem dunkeln Blau ihres Lagers ſaß ſie in dem zitternden Golde des Morgens.„Wo bin ich, wo bin ich?“ rief ſie, indem ſie das geblendete Auge mit beiden Händen bedeckte. Aber George Meadows hatte ſeinen Arm um ſie geſchlungen.„Ich werde Dich nicht laſſen!“ ſagte er und preßte einen heißen, leidenſchaftlichen Kuß auf die Stirne der heftig Athmenden.„Du biſt mein Eigen⸗ thum von dieſer Stunde an— der Himmel hat Dich mir gegeben, laß es die Welt verſuchen, Dich wieder von mir zu reißen!“ Eine tiefe Gluth überflog die Wange des Mädchens, 4 und lächelnd, wie ſie nie gelächelt, ſelig, als habe der Himmel ſich ihr eröffnet, ſah ſie zu dem ſchönen Jüng⸗ i ling empor, welcher hoch und herrlich, von den Strah⸗ len des Morgens umfloſſen, vor ihr ſtand. Ein dumpfes Pochen, von der äußerſten Thüre ſeiner Gemächer her, erweckte den in dem erſten, glücklichſten Rauſche eines ihm bisher unbekannten Gefühles Ver⸗ ſunkenen. Es war der alte Bill. George Meadows trat ihm durch die Portiére, welche hinter ihm wieder zuſammen⸗ fiel, in ſein Schlafgemach entgegen. Der alte Bill ſah recht kümmerlich und verwacht aus. Er hatte die ganze Zeit auf dem Schemel in der großen Halle geſeſſen und kein Schlaf, ſeit jenem kurzen unter den Bildern, war dieſe Nacht in ſein Auge gekommen. Die Beſorgniß hielt ihn wach. Er wußte, daß es ihn um ſeine alte, ſo lange in Ehren behauptete Stelle bringen würde, wenn Mylord, der die Extrava⸗ ganzen ſeines Sohnes ſehr wenig liebte, von dem Vor⸗ fall erfahren würde; mehr aber noch, als an ſich ſel⸗ ber, dachte der treue alte Diener an ſeinen jungen Herrn, und welche Unannehmlichkeiten ihm auf's Neue aus dieſer raſchen That des guten Herzens erwachſen würden. Es lag ihm daher Nichts mehr auf der Seele, als das ſchmutzige Bettelkind je eher, je beſſer wieder aus dem Hauſe zu ſchaffen. „Sir,“ ſagte er mit gedämpfter Stimme, als ob er ſich ſelbſt hier, in ſeines Herrn Schlafzimmer, vor Ent⸗ deckung fürchtete, es iſt die höchſte Zeit.„Beim hei⸗ ligen David! ich glaube, ich habe in Mrs. Blinkertoms Stube ſchon Geräuſch gehört.“ Mrs. Blinkerton war für den alten Bill der Aus⸗ bund alles Schrecklichen auf dieſer Welt, und er glaubte den Endgrund aller Furcht und Beſorgniß erſchöpft zu haben, indem er ihren Namen nannte Aber George Meadows blieb ſehr ruhig, indem er die Hand auf die Schulter des alten Dieners legte und ſagte:„Bill, ich werde das Mädchen nicht fortſchicken, ich werde es bei mir behalten!“ Da hätte man den alten Bill ſehen ſollen! Nach dem erſten Moment des Schreckens, welchen ihm dieſe Nachricht verurſacht hatte, wandte er ſich kurz um— ſein erſter Entſchluß war, jetzt unverzüglich zu Mrs. Blinkerton oder zu Mhlord oder zu Lady Caſtlemere, oder zu irgend wem zu gehen und irgend was zu ſagen Aber er ging nicht— er zögerte— ihm war, als höre er die Worte wieder, welche vorhin in der Dämme⸗ rung unter den Bildern die todte Lady geſprochen:„Du biſt der Einzige, welcher meinen George liebt, verlaß ihn nicht!“ Und alſo, halb zum Gehen umgekehrt, blieb der alte Bill ſtehen. „Bill,“ fragte ſein Herr, welcher den Kampf in der Bruſt des alten Mannes wol bemerkte,„willſt Du mir treu bleiben?“ „Ja, Sir,“ ſagte Bill, indem er den Kopf traurig auf die Bruſt ſenkte. „Wolan! ich rechne darauf.— Und nun geh; ir⸗ gendwo im Hauſe muß noch der Anzug meines kleinen Grvoms von Oxford her liegen, den bringe mir!“ Der alte Bill ging und brachte nach einiger Zeit den Anzug: ein blaues Höschen mit Silberſtreif, ein blaues Jäckchen mit breitem Treſſenbeſatz. Als George 5 Meadows mit dieſen Dingen über dem Arm in das Cabinet eintrat, da ſtand das Mädchen vor dem empor⸗ geſchobenen Fenſter. Der friſche Morgenwind hatte ihre Wangen leis geröthet, die ſchwarzen Haare, welche ihr kurzgeſchoren um den Kopf hingen, bewegten ſich, der Sonnenſchein beleuchtete ihre zarte Geſtalt. George zö⸗ gerte einen Augenblick, er blieb unter der Portiére ſte⸗ hen, um ſie anzuſehen. Wie lieblich ſie war! Mit allen Zeichen der Armuth und des größten Elends am Leibe, hatte ihr Geſicht doch etwas Edles, etwas Feines, etwas angeboren Vornehmes, welches mit den Lumpen und Fetzen ihrer Kleidung im ſtärkſten Wiederſpruche ſtand. Welch' ein feuchter Glanz in ihrem großen, ſchwärmeri ſchen, leidenſchaftlichen, ſchwarzen Auge— welch' eine zurückgehaltene Fülle in allen ihren Formen, die ſich mächtig nach Entfaltung ſehnte! Wie dieſe Bruſt wogte, und wie bleich doch von Kummer und Entbehrung dieſe ſchön gerundete Wange war... gleich einer Frühlings⸗ blume, welche mit Rauchfroſt bedeckt iſt. „Nein! ich laſſe Dich nicht mehr,“ rief George Meadows entzückt, indem er ſie mit dem rechten Arm umſchlang und das erröthende Geſicht der Schüchternen an ſeine Bruſt preßte.„Du biſt mein Eigenthum; ich habe Dich im Reiche der Nacht gefunden und werde Dich im Lichte des Tages nicht wieder von mir laſſen. Du ſagſt, ein Schleier des Geheimniſſes ruhe über Dei⸗ ner Vergangenheit, o, ich will ihn nicht heben! eine lange Kette des Fluches und der Sünde hänge ſich an Deinen Namen. Wolan! Du ſollſt ein neues Leben beginnen und eine Andre ſein, als Du geweſen. Deine — Vergangenheit ſei begraben, bis Du eines Tages Dich ſelbſt getrieben fühlſt, mir davon zu erzählen; Dein Name ſei vergeſſen. Von nun an ſollſt Du heißen, wie jenes Mädchen im Liede, welches mich zuerſt auf Deine Spur geführt.“ Und mit leiſer, gedämpfter Stimme wiederholte er die erſten Verſe des ſchottiſchen Liedes: Maxwelton Wald iſt wonnig Und wonnig iſt die Au; Und ſchön iſt Annie Laurie* Des Morgens früh im Thau. „Und nun, Annie Laurie,“ fügte er hinzu, nachdem er mitten im Liede abgebrochen,„was ſagſt Du?“ Das Mädchen war vor ihm auf die Knie geſunken. Mit leidenſchaftlicher Wärme umklammerte ſie ihn, und unter heftig fließenden Thränen rief ſie:„Oft, wenn ich eingeſchlafen bin, mitten in meinem Elend und meinem Gebete, daß mein Gott mich zu ſich nehmen möge, da träumte mir, daß Gott mir eines Tages einen Retter ſenden würde. Nun glaube ich, daß mein Traum mich nicht getäuſcht und Ihr der Retter ſeid, den mir Gott geſendet!“ Mehr ſprach ſie nicht. Sie blieb an der Erde lie⸗ gen und lehnte ihren Kopf an die Knie ihres Herrn, welcher ſich auf den Divan niedergelaſſen hatte. Eine lange, lange Zeit ward kein Wort, kein Geräuſch in dem kleinen Gemach vernommen, und die ſteigende Sonne lächelte wehmüthig auf Beide. Drittes Capitel. Es iſt Tag. Lord Hazlewood ſaß in dem großen Lehnſtuhl am obern Ende des reichbedeckten Tiſches. Wir kennen das Zimmer, in welchem wir ihn zu ſuchen haben; wir ha⸗ ben es geſtern ſchon im Mondenſchein geſehen. Heute ſah es freilich anders aus. Die ſchöne, frühe Juni⸗ ſonne erfüllte es, gedämpft durch die ſchweren, rothen Damaſtvorhänge; die Wald⸗ und Gartenluft des Squares wehte durch die ein klein wenig emporgeſchobenen Fen⸗ ſter und das feine Drahtgeflecht, welches jede Beimiſchung des Staubes fernhielt. Die Square's von London gleichen kleinen, freund⸗ lichen Blumengärten und ſtehengehliebenen Waldreſten in der Mitte dieſes ungeheuren dumpfen Straßenmeeres, welches ſie rings umgiebt. Kleine Inſeln des Friedens ſind es im unermeßlichen Häuſerocean; ſüße, grüne Qaſen in der eintönigen Wüſte der rußgeſchwärzten Wände, der braunen Dächer und herenhaft verbogenen Schornſteine und Kaminröhren. Sie beſtehen aus einem breiten Viereck ruhiger, reinlicher Häuſer, deſſen Mitte ein um⸗ gitterter Raſenplatz mit Blumenbeeten und hohen, dich⸗ ten Bäumen einnimmt, unter welchen zur Nachmittags⸗ zeit kleine, weiß und roſig gekleidete Kinder ſpie⸗ len. Der Lärm eines Frachtwagens oder eines Güter⸗ karrens ſtört die Ruhe niemals, welche hier bei Tag und bei Nocht herrſcht; die Straßenrufe, welche ſich in den übrigen Theilen der Metropolis mit erſchreckender — Gleichförmigkeit von Früh bis Spät folgen, dringen nicht in die Stille dieſer abgeſchiedenen Plätze. Man hört die Bäume rauſchen, man ſieht die Blumen leuch⸗ ten, man athmet ihren köſtlichen Duft. Man lebt mit⸗ ten in dem ununterbrochenen Getöſe der Weltſtadt wie in kleinen, ländlichen Paradieſen. Von den achtig oder neunzig Square's, welche man in London zählen könnte— und einige darunter, wie Soho Square oder Golden Square, einſt die Sitze des high-life, ſind nun recht öde und traurige, melancholiſche Square's geworden, obgleich ein ziehender Schatten der alten Tage noch an den trüben Außenſeiten der hohen Häuſer und an dem bleich gewordenen Laub der Bäume hängt— von all' dieſen Square's iſt Belgrave Square der vornehmſte und der prachtvollſte. Er liegt im fern⸗ ſten Weſten, zwiſchen Hyde Park, Green Park und St. James's Park— hinter Buckingham Palace und iſt der Sitz des high-life unſerer Tage. Es iſt möglich, daß jener Neuſeeländer, von welchem Shelley und Ma⸗ caulay träumen, einſt auch auf den Trümmern dieſes Saquares ſitzen wird, wie der Römer auf den Trümmern von Carthago ſaß. Aber jetzt umſchließt er während der kurzen glänzenden Zeit der Londoner Seaſon noch die Creme der engliſchen Ariſtokratie; und die Paläſte, welche ſie daſelbſt inne hat, ſind die ſtattlichſten, brei⸗ teſten und maſſenhafteſten Gebäude, welche man in Lon don findet. Mit ihren hohen und pompöſen Umriſſen, unterbrochen hier und da durch das Geſträuch und Laubwerk eines Gartens, umſchreiben ſie ein kaum zu überſehendes Viereck, deſſen Mitte eine Baumgruppe einnimmt, die durch ihren Umfang, ihre Fülle und ihre Unregelmäßigkeit das Anſehen eines alten wilden Ge⸗ hölzes gewinnt. Dieſe Ausdehnung des Raumes und die Sorgloſigkeit in der Benützung deſſelben ſtehn im richtigen Verhältniß zu den Paläſten von Belgravig. Einige davon ſind im beſten Style, meiſt nach italieni⸗ ſchem Muſter, gehalten; andere ſind mehr coloſſal und dunkel, als ſchön. Alle aber machen den Eindruck des großen Reichthums, der verſchwenderiſchen Pracht und der vornehmſten Abgeſchloſſenheit. Einer dieſer Paläſte, zur linken Hand, wenn man aus Egglestonſtreet kommt— einer Straße, beiläufig, welche voller Wagenremiſen und Kutſcherwohnungen iſt und ſtets nach Pferdeſtällen riecht— die vierte Säulen⸗ front, wenn wir uns recht befinnen, mit dem Stein⸗ balcon und der Marquiſe von geſtreifter Seide darüber — dieſes war der Palaſt, in deſſen unterem großen Zimmer Lord Hazlewvod ſaß. Lord Hazlewvod las die „Times“; kein Zweifel daran. Die„Times“ leſen iſt immer das Erſte, was der orthodoxe Engländer am Morgen thut. Und in Wahrheit, obgleich wir die Ti⸗ mes ſo wenig lieben, als Mhlord ſie liebte— denn er war Torh und glaubte an die Morning Poſt und wir ſind Freunde der Wahrheit und glauben an kein Blatt — ſo ſtimmen wir darin mit ihm und jedem Engländer doch überein, daß es kein größeres Vergnügen gebe, als die„Times“ zu leſen. Sie hat zwar ihre perfiden und nichtsnützigen Stellen, wie jedes Theaterſtück ſeine per⸗ fiden und nichsnützigen Schelme hat; aber wir werden nicht, wie jener Matroſe im„Rohal Victoria,“ auf die Straßenſängerin E 4 — Bühne ſpringen, und den Schauſpieler, welcher den grauſamen Selavenhalter ſpielt, züchtigen, weil er— ſeiner Rolle gemäß— einigen ſchiffbrüchigen Seefah⸗ rern, die dem Hungertode nahe ſind, ein Stück Brod verweigert. „Guten Morgen, Mr. George!“ ſagte Mylord, als ſein Sohn eintrat und ihm die Hand reichte. Worauf der alte Bill in rothſammetnen Kniehoſen und gepuder⸗ ter Perrücke erſchien, um die ſilbernen Deckel von den Schüſſeln zu nehmen, welche unter einer großen Menge von ſilbernen Meſſern und Gabeln, goldenen Löffeln (großen und kleinen) und ſchwervergoldeten Taſſen und Tellern ſtanden. Ein andrer Diener trug auf ſilbernem Teller zwei Kannen von demſelben Metall mit Thee und Kaffee herein. „Darf ich Ihnen etwas Beefſteak anbieten, My⸗ lord?“ fragte Mr. George Meadows, indem er das vor ſeinem Couvert liegende Paar Meſſer und Gabel er⸗ griff. „Nein, ich danke Ine Mr. George,“ erwiderte Lord Hazlewvod,„ich werde mir Etwas von dieſen Fiſchen nehmen.“ Das war für die nächſten zehn oder fünfzehn Mi⸗ nuten die einzige Unterhaltung. Mylord war ein ſchweigſamer Herr, beſonders wenn er Fiſche aß. Sie ſchienen ihm recht wol zu ſchmecken und die Würde und die Grandezza, mit welcher er ſie verſpeiſte, ſtimmten ſehr zu der Steifheit ſeines Anzugs und der vollſtändi⸗ gen Regungsloſigkeit ſeines Geſichtes. Myhlord war un⸗ gefähr fünfzig Jahre alt; aber er ſah jünger aus. Denn Dinge, wie Leidenſchaft, oder Aufregung, oder Sorgen gab es nicht für Seine Herrlichkeit und außer⸗ dem werden gelbe Haare und ein gelber Bart nicht ſo leicht grau. Mr. George Meadows erfreute ſich nicht des glei⸗ chen Appetits, wie ſein höchſt ehrenwerther Vater. Er nippte zwar von ſeinem Thee— er ließ ſich etwas Brod reichen— aber er aß faſt Nichts. Zuweilen ſah er die großen Bilder an, welche mit ihren langen Per⸗ rücken aus den breiten Goldrahmen auf ihn niederblick⸗ ten;— eine düſtre, ſchweigſame Verſammlung, die Einen in ſchweren Rüſtungen, die Anderen in Wämſern, oder in goldgeſtickten Weſten und Röcken, eine Dame darunter mit gewaltiger Halskrauſe und kupferrother Naſe,„die große Viscounteß“ genannt, die Ahnfrau der jetzigen Linie der Hazlewood's von Trevynyr— ein gewaltiger Haufe von Staub und Moder und Treſſen und Puder, auf welchen die ſpielende Sonne ſchräge Strahlen warf. Zuweilen ſah er zu dem milden Ant⸗ litz ſeiner todten Mutter empor, um welches ſich ein breiter Schimmer des Lichts geſammelt hatte, und dann ſenkte ſich ſein Blick auf ſeinen lebenden Vater, welcher Fiſche aß. Endlich, nach langem Schweigen, redete er ihn an. „Mhlord,“ ſagte er,„was würden Sie erwidern, wenn ich Sie um die Erlaubniß bäte, für einige Jahre Eng⸗ land zu verlaſſen, um die große Tour auf dem Conti⸗ nent zu machen?“ „Mr. George,“ antwortete Lord Hazlewvod, indem er ſeinem Diener ein Wink gab, die Teller zu wech⸗ ſeln, denn er hatte beſchloſſen, nach den Fiſchen noch ein Weniges von dem Steak zu genießen;„Mr. George, Sie wiſſen, daß dieſes der Rath iſt, den ich Ihnen ſchon vor einiger Zeit ertheilt. Charlie!“— Charlie war der Name des rothhoſigen Individuums, welches die Ehre hatte, Seine Herrlichkeit zu bedienen— „Charlie! erſuche den Honourable Mr. George, mir ein Schnitt von jenem Steak zu reichen, aber ein wenig fett und nicht zu hart, wenn ich bitten darf.“ Der Honourable Mr. George ſetzte Meſſer und Gabel in Bewegung und Lord Hazlewood, indem er genau aufpaßte, ob ſeine Wünſche in Betreff der Eigen⸗ ſchaften des erbetenen Stückes auch beobachtet würden, ſagte:„Sie haben vollkommene Freiheit in dieſem Punkte, Mr. George,— o, es iſt hinreichend, Mr. George, (dies bezog ſich auf das Steal) ich danke Ihnen— ich gebe Ihnen meine Erlaubniß zu dieſer Reiſe— Charlie! noch eine Taſſe Kaffee— nur wünſche ich, daß Sie, als loyaler Unterthan Ihrer allergnädigſten Majeſtät der Königin, nicht eher reiſen mögen— Charlie! jedesmal zu viel Kaffee, wirſt Du meinen Geſchmack denn nie kennen lernen?— nicht eher reiſen, wollt' ich ſagen, als bis die Feſtlichkeiten vorüber ſind, welche die Stadt aus Anlaß des glücklichen Friedens und zum Empfange der heimkehrenden ſiegreichen Krim⸗ ſoldaten vorbereitet.“ Alsdann machte ſich Seine Herrlichkeit wieder über den Teller her, und das war nicht die beſte Zeit, wo man ihn unterbrechen durfte. Als das Frühſtück ſich ſeinem Ende nahte, und Mylord Miene machte, Meſſer und Gabel definitiv niederzulegen, erlaubte ſich Mr. George noch einmal das Wort zu ergreifen und ſeinem nun ſcheinbar in jeder Beziehung befriedigten Vater mitzutheilen, daß er ſich zu ſeiner bevorſtehenden Reiſe bereits einen„Tiger“ angeſchafft habe. Zur Beruhigung der friedfertigen Leſerinnen, welche vor bengaliſchen Tigern eine gerechte Furcht ernähren, wollen wir hier ſogleich ſagen, daß ein Tiger im fa⸗ ſhionablen Leben von London Nichts weiter bedeutet, als einen jener harmloſen kleinen Diener in blauen Jacken mit ſilbernem Knopfausſchlag an der Bruſt, wie ſie in neueren Zeiten faſt ein jeder Herr von Stande hält. Die ganz eben ſo uniformirten Burſchen heißen Pagen, wenn ſie im Dienſt einer Dame ſtehen. Da Lord Hazlewood in der That gut gelaunt war, ſo wünſchte er den Tiger ſeines Sohnes zu ſehen, und nicht lange, ſo trat, gefolgt von dem alten Bill, deſſen Kniee in der rothen Hoſe faſt ſichtbar zitterten, ein rei⸗ zender Knabe in das Zimmer, in blauen Treſſenhös⸗ chen und in blauem Jäckchen mit Silberknöpfchen, auf denen der Löwenkopf und der Haſelzweig des Hauſes zu ſehen war. Seinen Hut hielt er in der Hand, und ſein Geſicht, von ſchwarzem Haar umfloſſen, mit ſchö⸗ nen, großen, ſchwarzen Augen, ſenkte er erröthend zu Boden. „Eh, ein hübſcher Tiger!“ ſagte Lord Hazlewood, indem er das Lorgnon nahm, um den vor ihm Ste⸗ henden zu prüfen.„Willſt Du mit dem Honourable Mr. George auf den Continent reiſen, mein Tiger?“ „Ja, Mylord!“ war die ſchüchterne Antwort., „Das iſt ein guter Tiger!“ ſagte Mylord.„Char⸗ lie, bring' mir die Zeitungen in das Rauchzimmer!“ Dann erhob ſich Mylord; Mr. George erhob ſich ebenfalls und die Tafel ward abgedeckt. Der Tiger entfernte ſich, der alte Bill ſchüttelte den Kopf und wir laſſen für einen Augenblick die Zwiſchenakts⸗ gardine in unſerm kleinen Schauſpiel fallen. Viertes Capitel. Die Garden ziehen ein. Der 9. Juli des Jahres 1856 war ein großer Tag in London; ſolch' einer, wie er unvergeßlich bleibt für die Generation, die ihn geſehen, und ein Gegenſtand dankbarer Erinnerung wird für alle, die ihr folgen. An dieſem Tage ſah London die Schlußſcene eines Krieges, welcher wegen ſeiner fehlerhaften Führung un⸗ populär geworden war in England, bei welchem es aber ſeine Ehre verpfändet und ſeine beſte Kraft ver⸗ pflichtet hatte und deſſen Ende daher mit einem Enthu⸗ ſiasmus begrüßt wurde, von welchem während ſeiner Dauer wenig zu entdecken war. Nun aber herrſchte Freude und Frieden im Lande und vom Monat Mai bis zu dieſem Tage lebte das Volk von England in einer unterbrochenen Folge von Siegesfeſten und Triumph⸗ zügen, von Feuerwerken, Illuminationen und feierlichem inge zu Waſſer und zu Lande. Die Bank, die 5 Börſe, die ganze City von London und Weſtminſter hatten in einem Feuermeer geſtanden; glänzende Rake⸗ ten, praſſelnde Pulverſonnen und platzende Farbenſterne hatten den dunklen Themſeſpiegel in einen Licht⸗ und Funkenſtrom, ſeine Brücken in Goldbögen und die auf ihm ruhende Laſt der Dreimaſter mit ihren Stangen und Flaggen und Segeltüchern in einen bald roth, bald grün, bald bläulich ſchimmernden Zauberwald verwandelt. Die Highſtreet von Edinburgh und der Palaſt von Ho⸗ lyrood hatten die Freudenbotſchaft in's ſtürmende Meer von Schottland und in's nebelnde Hochland geſtrahlt; und die Freudenfeuer von College⸗Green und die Gas⸗ ſterne des alten Dubliner Schloſſes hatten ein ſchwaches Fünkchen des Widerſcheins in den großen, öden Häuſern von Limerick und den Torfhütten des iriſchen Weſtens entzündet. Die Häfen von Portsmuth und Southamp⸗ ton wimmelten von den Truppenſchiffen der heimgekehr⸗ ten Krimſoldaten und längs der ganzen Südküſte, von Milford Haven bis Dover und Folkſtone wehten von Tag zu Tag die bunten Wimpel und Flaggen zu freu⸗ digem Willkommen. Deputationen der Univerſitäten aller drei Königreiche durchzogen im mittelalterlichen Ornat von Schwarz, Lila, Blau und Roth die Straßen der Hauptſtadt, um der Souverainin aus den Sitzen des Friedens den Gruß des Friedens zu überbringen; die Corporationen von London prunkten in ihren alten, her⸗ kömmlichen Ehren, mit Schleppgewändern, und vergol⸗ deten Kutſchen mit Krönchen, gezogen von Sechſen mit Muſchelzäumen und Federbüſchen. Und Gog und Ma⸗ gog, unſere alten theuren Freunde, die Holzrieſen von Guildhall bekamen einen neuen Ueberzug von Gold⸗ ſchaum auf ihren alten, ſchäbigen, hölzernen Röcken. Dieſer Tag aber, der 9. Juli im Jahre des Heils 1856, war der Schluß und die Krone von Allem. An dieſem Tage ſollten die Garden einziehen in die Haupt⸗ ſtadt des Reiches, die alten, heimatlichen Garden, welche jedes Londoner Kind liebt, wie es die Glocken von Bow⸗Church und die kleinen, ſchwarzen Steinreiter auf Charing Croſſ liebt. Welche Jedermann ſo gut kennt, und Jedermann tauſendmal geſehen, als einen Theil der königlichen Aufzüge und der Garniſon dieſer Me⸗ tropolis. Die Garden... die Grenadiere, die Schot⸗ ten, und Coldſtreams, ſie alle ſollten heute einziehen, nachdem ſie keinen unrühmlichen Theil genommen hatten an der Belagerung und Einnahme von Sebaſtopol. Ihre allergnädigſte Königin und Herrin hatte beſchloſſen, ihnen einen feierlichen Willkomm an der Stätte zu ge⸗ ben, wo ſie zwei Jahre zuvor, beim Anfang des furcht⸗ baren Krimkrieges, ihnen einen bewegten Abſchied zuge⸗ winkt hatte. Die Garden!— wem klopfte das Herz nicht höher, bei dem bloßen Worte? Was ſie geweſen in Londons Straßen und ſeinen Parks, in Sonnenſchein und Feier⸗ tagen, das waren ſie auch geblieben in den grauenhafte⸗ ſten Momenten des Feldes, in dem Tumulte und Don⸗ ner und tödtlichen Sturme des Krieges. Woche nach Woche, wie oft auch Nachrichten kamen aus dem Lager — es war immer dieſelbe Kunde: daß die Garden in der Fremde gleich ſeien den Garden in der Heimath. Als ſtattliche Burſchen pflegte man ſie ſich zu denen, und wenn man ſich eine Vorſtellung von ihnen im wirklichen Werke des Krieges machte, ſo war es im ehr⸗ lichen Ringen mit irgend einem Gegner von gleicher Stärke,— die Bajonette kreuzend mit ſchlachtbewährten Bataillonen oder im feſten Carce dem Säbel und der Lanze trotzend. Ein anderes Schickſal, nicht weniger ruhmreich, er⸗ wartete ſie, und eine andere Rolle ſpielten ſie, nicht weniger herviſch. Nacht und Tag ſtanden ſie ihren Mann in den Gräben, bis ihre einſt ſo prunkenden Uniformen loſe um ihren Leib hingen; bis ihre vollen, ehrbaren Geſichter bleich, hager und entſtellt wurden, bis ſie da ſtanden, geſpenſtiſche Skelette von gigantiſcher Höhe und ihre großen Knochen und Sehnen unheimlich durch die ſchlottrige Haut hervorſtarrten.„Eine Saera indignatio furcht meine männliche Stirne,“ ſagt unſer Freund Wraxall, welcher ſelbſt als Offizier jene un⸗ glückliche Campagne mitgemacht,„wenn immer ich den Namen Lord Panmure's höre, und ich lache vor bos⸗ hafter Freude, wenn ich leſe, daß er wieder einmal von der Gicht niedergeworfen.“— Hunger, Kälte und Nackt⸗ heit, ein muddiges Bett auf unbedeckter Erde, der faſt unaufhörliche Wachtdienſt und das ungenießbare Eſſen, welches der Heißhunger ſelber zu verſchlingen kaum im Stande war— Alles dies vernichtete die Brigade der Garden nahezu, und der Ueberreſt derſelben hatte zum Schluß jenen gräßlichen Marſch nach Balaklava zu machen, bis endlich neue Verſtärkung von England kam. Dann traten die Garden ihren Dienſt in den Lauf⸗ gräben wieder an, und fuhren fort, zu leiden und zu kämpfen, bis Sebaſtopol gefallen. Und heute ſollten ſie einziehen— die Garden, die alten, heimathlichen Gar⸗ den, welche jedes Londoner Kind liebt, welche Jeder⸗ mann ſo gut kennt und Jedermann tauſendmal geſehen! Es war ein ſchöner, goldiger Sommermorgen— ſolch' einer, wie er in ſeiner duftigen, halbverſchleierten Pracht nur in London geſehen werden kann. Es hatte mehrere Tage vorher geregnet, ſelbſt der Dienſtag, wel⸗ cher jenem glorreichen Mittwoch voranging, war noch finſter, traurig und naß bis in den ſpäten Abend hinein geweſen. Ueber Nacht aber hatte es ſich geklärt, und kein ſchönerer Morgen war zu denken, als jener, mit welchem der Mittwoch begann. Welch' eine ſommerliche Kühle wehte durch die Straßen! Wie friſch und wie ſonntäglich war es darin! Sonnenſchein, matt und ge⸗ dämpft, ſtreifte in breiten, durchſichtigen Schichten die Giebel und Dächer der einen Seite, und auf der andern lag ein blauer, tiefer Schatten, während die Ferne ſich in einen goldigen Duft verlor, welcher langſam zerrann. — Wie leuchtete der unabſehbare Raſenteppich des Parks— gleich goldgrünem, weichen Sammet, über welchen kleine Perlen und blitzende Diamanten verſtreut ſind. Und die Bäume, in blauen Duft getaucht, rühr⸗ ten ſich leiſe, und der Himmel dämmerte weißlich⸗blau darüber, und die Vögel jubilirten, und der Morgenwind, rein und lauter, wie von Anbeginn, athmete in vollen Zügen. 8 Im kühlſten Schatten ſtand Buckingham Palace. Buckingham Palace iſt, wie Jeder weiß, die Reſidenz Ihrer Majeſtät der Königin von Großbritannien, in welcher ſie Hof hält, wenn ſie von Osborne⸗Houſe, dieſer reizenden Einſiedelei im ewigen Frühling von Wight, nach der Weihnachtsfeier zurückgekehrt iſt, wenn das Parlament des Reiches ſich verſammelt und die Seaſon von London beginnt. Es iſt weder ein ſehr prächtiges noch ein ſehr kunſtvolles Bauwerk, aber mit ſeinen beiden Flügeln, die Greenpark und St. James's Park commandiren, und ſeiner Mittelfront, welche die ſtattliche Avenue des„Mall“ hinunterſchaut— jene breite, ſchattige Promenade, welche einſt, in den galan⸗ ten Tagen der Königin Anna in den Mittagsſtunden die Equipagen des faſhionablen London rollen und ſpä⸗ ter zur Zeit der George, die Königlichen Prinzen Feder⸗ ball ſpielen ſah;— mit ſeinen Steinbalconen und hohen Fenſtern, welche über Pieccadilly hinaus den Blick nach dem Monumente Wellington's am Eingange von Hyde⸗ park haben— mit ſeinen weißen umgitterten Höfen, welche ſich auf der einen Seite nach Pimlico, und auf der andern in die Parks öffnen,— mit all' dieſem hat es ganz die Erſcheinung des Einfachen zwar, aber doch des Großartigen auch und Königlichen. Und ſo paßt es trefflich zu dem Charakter ſeiner erlauchten Bewohnerin, welche— wie kaum eine Zweite— die Würde der Souverainin mit der Anſpruchsloſigkeit einer Frau, einer Mutter, und alle Tugenden des Herzens mit den ſtrengen Anforderungen der Majeſtät zu ver⸗ einigen weiß. Buckingham⸗Palace ſteht auf dem Platze, wo vor mehr denn anderthalbhundert Jahren John Sheffield Herzog von Buckingham, der poetiſche Eſſahiſt und hoch⸗ herzige Patron Dryden's, ein mit jeder Kunſt geſchmück⸗ tes Haus errichtete, welches Defve in ſeiner„Reiſe durch England“ als„eine von den großen Schönheiten Londons“ bezeichnet. Der edle Herr ſtarb im Jahre 1721 und ſeine Gemahlin, eine natürliche Tochter Ja⸗ kob's II. und jener Catharine Sedleh, von welcher uns Macaulah ein feſſelndes Bild entworfen, vermachte es dem Lord Hervey, welcher unter den Freunden des Dichters Pope eine ſehr illäſtre Stelle einnimmt. Das waren noch Zeiten für die Dichter und ihre Patrone! Das waren noch Zeiten für Gaſtfreundſchaft und Güte und Liebe und Leidenſchaft und Geiſt und Lebens⸗ genuß! Nennt mir das Zeitalter nicht leichtſinnig, weil es fröhlich und gutmüthig und verſchwenderiſch war; und geht mir mit Eurer prompten Moral, welche ſich mit ihrer Tugend für ihre Impotenz entſchuldigt... Hernach kaufte Georg III. das Dichterhaus und ſchenkte es der Königin Charlotte, dem treuen, liebenden Weibe, der kleinen Prirzeſſin von Meklenburg⸗Strelitz, welche das Herz des Monarchen, als er noch jung und glück⸗ lich und geſund war, durch einen Brief über die Schreck⸗ niſſe des Krieges und die Segnungen des Friedens gewonnen hatte. Hier, in dem„Hauſe der Königin,“ wie es von da ab hieß, hatte der alte Johnſon ſeine berühmte Andienz bei Georg II.; hier wurden dieſem Monarchen ſeine Kinder geboren, auch die Prinzeß Amalie, ſein Liebling, berühmt wegen ihrer Schönheit, ihrer Anmuth, ihres frühen Todes und der leidenſchaft⸗ lichen Zärtlichkeit, mit welcher ihr unglücklicher Vater an ihr hing. Sie ſollte es nicht mehr erleben ihn blind, taub, wahnſinnig— eine wahre König Lear'sgeſtalt, im Purpurmantel, mit dem ſchneeweißen Bart über die Bruſt hängend— Jahre lang durch die traurigen Schlöſſer von Kew und Windſor irren zu ſehen; deutſche Kirchenlieder ſingend, und ſie mit dem Harpſichord be⸗ gleitend, und dann niederknieend, um für ſeine Gemah⸗ lin, ſeine Familie, ſeine Nation und zuletzt für ſich ſelbſt zu beten... Georg IV. ließ das alte Haus, ſo voll von Erinnerun⸗ gen des Glanzes und des Leides, welches ſich auch um Königskronen ſammeln kann, im Jahre 1825 nieder⸗ reißen und ein neuetz an ſeinem Platz erbauen. Daſſelbe wurde erſt unter dem folgenden König, Wilhelm IV. vollendet, welchem es aber ſo ſchlecht gefiel, daß er es nie bezog. Erſt vom 13. Juli 1837 an, nicht lange nach der Thronbeſteigung Ihrer Majeſtät, ward Bucking⸗ ham⸗Palace die neue Stadtreſidenz des engliſchen Kö⸗ nigthums; und ſo, in ſeinem Namen die Tradition des alten Hauſes, das einſt hier geſtanden, bewahrend, ſeine Front den friſchen, durch den Regen der letzten Tage doppelt duftigen Parks zugekehrt, mit ſeinen ſtillen Hö⸗ fen und theilweis noch verhängten Fenſtern ſehen wir es im kühlſten Schatten an jenem glorreichen Sommer⸗ morgen, wo die Garden einziehen, und von hier aus den Königlichen Willkommen empfangen ſollen. Man kann ſich denken, wie die Plätze und Zugänge, die Wieſenhügel und belaubten Abhänge ſich mit Men⸗ ſchen füllten, je mehr der Morgen vorrückte. Zedes Ereigniß, welches das Intereſſe oder die Neugier von London erregt, verſammelt Menſchenmaſſen, für welche die continentalen Maßſtäbe nicht ausreichen. Hier war es mehr als Intereſſe oder Neugier; es war das ſtarke Nationalgefühl, es war Patriotismus, es war Kum⸗ mer, es war Freude, es war Liebe, es war jede Leiden⸗ ſchaft, welche die Million von London in all' ihren Schichten und Rängen aufgerüttelt und an den Flanken von Conſtitution Hill bis zum Plateau von Hydepark und in den Niederungen von St. James's zuſammen⸗ geworfen hatte. Welch' eine Guirlande war das, dieſes bunte, dunkle Menſchenknäuel, welches um die Hügel⸗ ſtirnen, unter den Bäumen hin, und durch alle Wieſen⸗ pfade geſchlungen, einen Umkreis von mehreren Meilen beſchrieb! Und um dieſe unabſehbare, ununterbrochene Menſchenwoge, welche den Grund, den ſie dicht bedeckte, in eine bewegte Maſſe zu verwandeln ſchien, um dieſes Rauſchen und dumpfe Toſen, wie das des Meeres: die Stille des Morgens, der wachſende Sonnenſchein, das friedliche Lächeln der Landſchaft— die Baumgruppen, die Blüthenpracht, die umbuſchten Waſſerſpiegel des Parks zur Rechten, die langen Reihen von Paläſten zur Linken, und hinter dem Farbenzauber des Vordergrun⸗ des die blaue Dämmerung der Tiefe mit den viereckigen Thürmen von Weſtminſter und den gothiſchen Zinnen des Parlaments. Nun begann auch das Geläute der Glocken; erſt ein⸗ zeln, hier und da, aus dem ungeheuren Häuſerwirrwarr, welcher hinter den Hügeln, den Paläſten und rings um die Parks liegt. Zuerſt ein feines Klingen, mit einem Silberſtimmichen, welches nur ganz ſchüchtern die Lüfte prüfte. Es kam von der neuen, kleinen Kirche in Pim⸗ lico, gleich hinter Buckingham Palace. Dann jene liebe Melodie von acht Tönen— jene Glockentonleiter hoch in den Lüften, welche wir oft an den Abenden vernah⸗ men, wo ſie über dem unveränderlichen Rauſchen und Brauſen der Straße ihre freundliche Geſchichte erzählt. Es ſind die Glocken der Kirche von St. Martin's in the Fields, in welcher Nellh Gwynn begraben iſt, das luſtige hübſche Orangemädchen, welches Karl dem Zwei⸗ ten einſt Geld borgte, als dieſer ſeine Zeche in Convent⸗ garden nicht bezahlen konnte, wofür Seine Majeſtät, der großherzige Monarch, von Stund' an in das luſtige, hübſche Bettelkind Sich zu verlieben geruhte, daſſelbe zur vornehmen Dame machte, ihm zu Ehren das Chel⸗ ſea⸗Hospital für invalide Soldaten ſtiftete und die Glok⸗ ken in den ſchlanken Thurm von St. Martins hängte, damit ſie an jedem Abend um neun Uhr ihre Geſchichte wiederholen möchten von Karl dem Zweiten, von Nelly Gwynn und den guten alten Zeiten, wo ſich Könige noch in Orangemädchen zu verlieben pflegten.— Dum⸗ pfer und ernſter war der Ton, welcher nun von Weſt⸗ minſter her in das leichte Geläut hineindröhnte. Das war Big Ben, die allergrößte Glocke in London, welche in dem allerälteſten Thurme von London, den von allem Alter und Rauch ganz ſchwarz gewordenen Eckthurm der Abtei hängt. O, eine gewaltige Glocke iſt es— ſchwarz und finſter und ganz mit Moos bewachſen und eine Stimme hat ſie, die Einem das Herz durchbebt, wenn ſie ſo anfängt in ihren tiefen Baßtönen zu ſprechen vom König Sebert dem Oſtſachſen, und Edward dem Bekennerund den Heinrichen und den Eduarden von England, welche ——— alle unter ihr begraben liegen, und welche ſie alle über⸗ lebt hat.... Und was iſt denn das für ein gottloſes Geklingel, welches ſo unbeſonnen auf Einmal dieſem Methuſalem von Weſtminſter antwortet? O, es ſind die Glocken von St. James's, und ſie plaudern mit einander über den Reifrock der Königin Anna und das dumme Geſicht ihres Gemahls, des Prinzen von Däne⸗ mark, und ſie leiern das alte Lied ab, daß ſolch' ein⸗ Zeit, wie ſie geſehen, nie wieder kommen werde, nie, nie, nie, und nie... Sind das nicht die Worte, die man aus ihrem Klange heraushört, wie er dort durch das buſchige Grün tändelt, welches die rothe Facade von St. James's⸗Palaſt deckt?... Und immer mehr Glocken, immer mehr... ernſte, fröhliche, tiefe, helle, alte und junge... dazu ein ſchwacher Widerhall aus der City herüber, von Bow Bells und St. Pauls,„wo Nelſon in Lorbeern begraben liegt,“ bis zuletzt ein Cho⸗ ral die Luft erfüllte, als ob die Geiſter aller Jahrhun⸗ derte und aller Geſchlechter ihn ſängen, welche unter den mulderigen Steinplatten der Münſter, Dome u Kir⸗ chen von London begraben ſind. So war es eilf Uhr Morgens geworden. pin lange Reihe von Equipagen des Adels und der Ariſto⸗ kratie hatte ſich zwiſchen dem Eiſenſtacket des Parkes und der raſtlos ſchwankenden Menſchenmauer eingekeilt, ſehr zum Verdruß aller gut geſinnten Zuſchauer, die auf dieſe Weiſe mit Wagenrädern, Pferdeköpfen und Taſchendieben in allerlei kleine Conflicte geriethen, aber ſehr zum Ergötzen der Lehrjungen und des Straßenge⸗ ſindels, welches jeden neuen Anlaß zu Unfug mit freu⸗ digem Gemüthe begrüßte. Da war namentlich ein gel⸗ ber Wagen, welcher Unendliches zu leiden hatte. Weiß Gott, ob der gute Platz daran Schuld war, den er in der Nähe der Schloßgitterthore dicht an der Straße inne hatte, oder der dicke Kutſcher, mit der gelben Livree und dem dreieckigen Hut, welcher es ſich heraus genom⸗ men, einen Straßenjungen mit der Peitſche zu ſchla⸗ gen, oder der lange, dünne Dienſtmann, welcher es verſuchte, die Lente zur Ruhe zu ermahnen, und dabei ein Engliſch zum Vorſchein brachte, welches kein Menſch verſtehen konnte. Zwei Männer von der Polizei hatten ſich allerdings des bedrängten Wagens angenommen, aber es lag nicht in ihrer Befugniß, gegen verfaſſungsmäßige Rechte des Volkes von Eng⸗ land einzuſchreiten, wie z. B. einen dicken Kutſcher zu ärgern, oder einen franzöſiſchen Dienſtmann aus⸗ zulachen, oder ſich vor den Wagen zu drängen, der ihnen die Ausſicht benahm. Da war namentlich ein altes Weib, welches ſich in letzterer Beziehung ungemein hartnäckig betrug. Sie mochte funfzig Jahre alt ſein und gehörte ihrem Aeu⸗ ßern nach zu der elendeſten und verwegenſten Sorte der Londoner Vagabonden. Sie hatte ein ſchmutziges Kleid von ganz verwiſchten Farben, welches ihr in großen Fetzen um die halbnackten Beine hing. Sie trug fuchs⸗ rothgewordene Mannsſtiefel, deren Schäfte zerſchlißen waren, ein geblümtes Umſchlagetuch, durch deſſen lange Löcher ihre knöcherne Arme hervorſtanden, und einen ſchmutzigen Strohhut, welchen ſie unter dem ſtark vor⸗ tretenden Kinn mit einem Bindfaden zuſammengebunden Straßenſängerin 1. 5 —— —————— ———— — — hatte. Mit dieſem erbärmlichen Anzuge, welcher aus der Gaſſe genommen zu ſein ſchien, contraſtirte die hohe kräftige Geſtalt und das Geſicht, welches man für be⸗ deutend gehalten haben würde, wenn man es unter an⸗ dern Verhältniſſen geſehen hätte, und welches Furcht und Entſetzen einflößte, da es ſich mit dem äußerſten Schmutz und gänzlicher Verwahrloſung gepaart hatte. In den ſchwarzen, durchdringenden Augen lag ein Trotz, den kein Elend gebengt, eine Leidenſchaft, welche kein Schickfal gedämpft und erſtickt, eine Verachtung, welche keine Macht der Erde gedemüthigt zu haben ſchien; ſie machten einen grauenhaften, faſt ſchlangenhaft ſtechenden Eindruck. Sie mußte unſäglich viel geduldet haben, denn ihr Geſicht war tief von den Spuren des Kum⸗ mers und des Unglücks gezeichnet; aber Kummer und Unglück mußten ihre unbeugſame Seele noch härter ge⸗ macht haben. In unentwirrbarer Maſſe hingen ihr die grau gewordenen Haare um das gelbe, gefurchte Ge⸗ ſicht; und ein umheimlicher Zug des Stolzes lief um ihren eingefallenen Mund. Sie hatte etwas ſo Aufrech⸗ tes und Kräftiges in ihrer Erſcheinung, daß man ſie hätte für einen Mann in Weibskleidern halten können. „Treibt mir das Weib da fort,“ ſagte die Dame im gelben Wagen, indem ſie die feine⸗ Hand im knappen Handſchuh gegen die leicht gerunzelte Stirn und an die blauen Augen führte, die ſich unwillkürlich ſchloſſen, als könnten ſie den Anblick der Alten nicht ertragen. „Forttreiben?“ kreiſchte das Weib mit einer heiſern Stimme, welche die Aufmerkſamkeit und die Blicke des ganzen Haufens auf den Wagen lenkten.„Forttreiben,“ wiederholte ſie, die lange hagere Hand unter dem ſchlot⸗ trigen Umſchlagetuche hervor krallenartig nach dem Schlag des Wagens ausſtreckend, um ſich feſtzuhalten,„mich forttreiben? Ha! wer ſeid Ihr, die Ihr Euch unter⸗ ſteht, mich forttreiben laſſen zu wollen?“ Der lange, dünne Dienſtmann war von ſeinem Sitz herabgeſtiegen, um die Hand der Alten von dem Wagen loszumachen, aber mit einem Stoß ſchlenderte ſie ihn zurück, und wendete ſich aufs Neue an die ſchaudernde Dame im Wagen.„Bin ich nicht ein britiſches Weib, wie Ihr?“ kreiſchte ſie„Iſt der Boden auf dem ich ſtehe, nicht britiſcher Boden, für mich, wie für Euch? Und gefällt es Euch nicht, daß ſich ein Weib in eitel Lumpen und Fetzen an Euren Kutſchenſchlag ſtellt, anſtatt ſich von den Hufen Eurer Pferde zertreten zu laſſen? Laßt doch ſehen, ob eure Seide und Euer Gold beſſer und mehr werth ſind, als meine Lumpen— laßt doch ſehen, wer mich hier fortzuſtoßen wagt, laßt doch ſehen!“— Ein lautes Beifallsgebrüll des Haufens folgte ihren Worten, während der Dienſtmann in ſeinem ſchlechten Engliſch ſich an den Conſtable wandte, um ihm mitzu⸗ theilen, daß es Lady Caſtlemere ſei, welche von der Zu⸗ dringlichkeit dieſes Bettelweibes zu leiden habe.„Und wern Ihr tauſendmal Lady Caſtlemere ſeid,“ ſchrie das Weib, durch die Zuſtimmung des Pöbels noch mehr ent⸗ flammt, indeſſen ſich der Conſtable vergeblich bemühte, k durch den immer dichter zuſammenrückenden Haufen hin⸗ irchzudrängen. Wer iſt Lady Caſtlemere, daß ſie ſc— unterſtehen dürfte, ein freies, britiſches Weib, durch ih⸗ ren Bedienten anfaſſen zu laſſen?“ Da hörte man von fern Trompetenſtöße, das Ge⸗ läute der Glocken, welches einen Augenblick geſchwiegen, begann aufs Neue von allen Thürmen der Metropolis, und ein ungeheurer Jubelſchrei aus Tauſenden und Abertauſenden von Kehlen begrub den kleinen Lärm, welcher ſich in der Nähe von Lady Caſtlemere's Wagen erhoben. Ein donnerndes Hurrah, das ſich wiederholte, bis alle Lüfte davon zitterten, wälzte ſich durch die un⸗ abſehbare Menſchenmenge dahin. Denn die Garden waren im Anzug und die Königin von England war auf dem Altan von Buckingham⸗Palace erſchienen. Da ſtand ſie, die geliebte Herrſcherin, in der vollen Sonne des Morgens, die zuletzt bis zu der Fagade des Schloſſes gedrungen; hoch über den Köpfen von Hunderttauſenden ihrer Unterthanen, die ſie jubelnd begrüßten, ſtand ſie da, hoch über den Wieſengründen, den Bäumen des Parks, in der blauen, duftigen Klarheit des herrlichen Tages. Ihr Geſicht ſtrahlte von jenem ſtillen, ſeligen Lächeln, welches Allen zeigte, daß die Ceremonie, in wel⸗ cher ſie eine ſo hervorragende Rolle ſpielte, ihr mehr ſei, als ein bloßes Schauſpiel. Sie fühlte, wie in die⸗ ſem Momente jedes engliſche Herz, die Freude des Wie⸗ derſehens; und die Empfindung, welche ſie den tapfern, heimkehrenden Söhnen des Vaterlandes entgegentrug, war dieſelbe, welche dies wogende Menſchenmeer zu ihren Füßen unter dem Geläut aller Glocken von London ver⸗ ſammelt hatte. Sie trug ein weißes Gewand mit dem breiten, blauen Bande St. Georg's, einen weißen Spitzen⸗ ——— Prinzeß Royal, die kleine Victoria, welche demnächſt ſhawl und ein blaues Hütchen, an der linken Hand hatte ſie den Prinzen von Wales, die Frende und die Hoff⸗ nung des Landes, und in blaßrothem Kleid, mit weißem Shawl und grünem Hütchen ſtand ihr zur Rechten die eine Kronprinzeſſin von Preußen werden ſollte, und der⸗ einſt unter Gottes gnädigem Beiſtand ſeine Königin wer⸗ den wird. Ein reicher Kranz ausländiſcher Fürſten und engliſcher Großen, darunter die Herzogin von Kent und unſer deutſcher Prinz Albert, die nun Beide heimge⸗ gangen ſind, ſchloß ſich um die ſchöne Gruppe der Mutter und ihrer Kinder; und ringsum war jedes Fenſter der Hauptfagade mit der auserwählten und bevorzugten Blüthe der engliſchen Ariſtokratie ge⸗ ſchmückt. Und nun verkündete eine Muſik, deren Töne immer deutlicher wurden, und ein wachſendes Hurrah, welches ſich tauſendſtimmig und unaufhörlich von dem anderen Ende des Mall bis zu den Gittern des Schloßhofes fort⸗ pflanzte, daß die Garden ſich nahten. Dort flimmerten im Sonnenſchein die erſten Bajonette herauf, dort wur⸗ den die erſten Bärenmützen ſichtbar, dort ſchwankten die erſten zerſchoſſenen Fahnen— dort, wo aus St. James's⸗ ſtreet der breite Zugang an den rothen Backſteinmauern von Marlborough⸗Haus vorbeiführt. O, wol mochte ſie ein begeiſterter Jubelruf begrüßen, als ſie an dem alten Hauſe des großen Marlborvugh vorbeizogen. Denn un⸗ ter Marlborough, bei Donauwörth und im Jahre 1704 war es, wo die engliſchen Garden zuerſt ihren Namen und herrlichen Ruhm gewannen. Ein Hurrah darum dem Andenken des großen Churchill, und ein Hurrah den Garden von England! Mit klingender Muſik zogen ſie dahin, unter den ſäuſelnden Bäumen des Parks, unter dem jubelnden Zuruf des Volkes, und der Boden dröhnte unter ihren Tritten, als ſie dahinzogen Mann auf Mann, dicht auf⸗ geſchloſſen. Sie gingen in ſchwerer Schlachtordnung, — mit ihren Bärenmützen, welche von dem Sturm des ſchwarzen Meeres zerzauſt, mit ihren rothen Röcken, welche von dem dunklen Blute der Schlachten, von dem Pulverdampf und dem Lehm der Gräben beſudelt wa⸗ ren— mit ihren grauen Mänteln über ihren Torni⸗ ſtern, und Feldflaſchen und Futterſack an ihrer Seite. Jetzt hatte das erſte Grenadierbataillon, commandirt vom Generalmayor Lord Rokeby, wie er es commandirt hatte auf den Schlachtfeldern der Krim, den Schloßhof erreicht. Die Marſchmuſik der„britiſchen Grenadiere“ dröhnte in den Jubel des Volkes, und mit präſentirten Waffen und geſchwenkten Fahnen zogen ſie am Altane der Königin vorbei. Als ſie ſo dahinzogen, ließ die Königin ihr Taſchentuch unaufhörlich ihnen entgegen flattern, und der königliche Gruß und ihr Willkommen⸗ lächeln unter Thränen bewegte das Herz der ernſten Männer, und ſie erwiderten es mit einem guten, herz⸗ lichem und ausdrucksvollem Hurrah, welches faſt einer Geſchichte des Regiments im letzten Kriege glich— ein Hurrah weder laut, noch erkünſtelt, ſondern tief, männ⸗ lich, feſt und entſchloſſen.— Dann folgten die Schottiſchen Füſiliere mit einer ihrer hochländiſchen Melodien, jenem Riel von„Tullochgorum“, welcher in ſeinen ſcharf und ſchneidend wechſelnden Akkorden ſo ganz den Dudelſackcharakter der urſprünglichen Wildheit be⸗ wahrt hat; und jetzt rückten mit ihren dunkelrothen Schärpen über dem hellrothen Rock die Coldſtreams heran, und das„God save the Queen“, welches ihre Bande ſpielte, ſchlug auf Einmal in die zündende Weiſe von„Home, sweet home“ um. Dieſes iſt das Lied des engliſchen Heimwehs, und ſeine Melodie wirkt auf den Engländer, wie der Klang des Alphorns auf den Schweizer wirkt. Wenn er es in der Fremde hört, ſo flammt ſein Herz in bitterem Heimweh auf und in unſäglichem Verlangen nach dem Meere, nach der Küſte, nach dem Dorfe und dem her⸗ mathlichen Gefilde. Wenn er draußen iſt, in dem frem⸗ den Land und bei dem fremden Volke, das ihn nicht verſteht und ſein ſchönes England nicht kennt, wenn er im Feldlager iſt, wo die Schlacht und der Tod ihn er⸗ warten; wenn er auf dem weiten Ocean ſchwimmt, ein⸗ ſam und vertoren, und der Sturm mit ſeinem Schifflein kämpft, und die Brandung gegen die morſchen Planken donnert— dann ſingt er,„Home, sweet home!“ Hei⸗ math, ſüße Heimath!) Und wenn er nun heimkehrt und das erſte Grün von England's Küſte ſich zeigt, wenn der ſchlanke Kirchthurm aus dem dichten Laub der ge⸗ ſegneten Triften emporragt, wenn zuerſt ihn wieder Hei⸗ mathsſtimmen und die geliebten Laute der Mutterſprache begrüßen, dann ſingt er es wieder— und„home, sweet home“ ſtimmen Alle ein, die es hören,— und„home, sweet home“ fingen Alle, die da verſammelt ſind,— und„home, sweet home“ ſangen an dieſem Morgen war ganz eine volksthümliche Figur geworden, d — 72 der Heimkehr unter dem blauen Dache des Sommer⸗ himmels und bei dem feierlichen Geläut aller Glocken hunderttauſend jubelnde Stimmen, und„home, sweet home“ klang es in rührend ſchönen Akkorden, wie die wahre Muſik des Willkommens, von den ſonnig däm⸗ mernden Höhen des Hydepark bis hinunter zu der küh⸗ len Tiefe von Weſtminſter. Und lockt auch die Ferne mit trügriſchem Bild— Mein Herz bleibt daheim in der Heimath Gefild. Ein Zauber umſchwebet den heimiſchen Heerd, Den Nichts mehr erſetzet, den Nichts mehr 3 Home, home, sweet, sweet home! Wir grüßen dich, o Heimath, mit frend'gem Thränenſtrom! Da draußen vergebens wol ſucht' Ihr das Glück— O, gebt mir die Hütte, die Heimath zurück! Die Vöglein, ſie ſingen den Willkomm— o gebt Den Frieden mir, der um das Heimathdach ſchwebt. Home, home, sweet, sweet home! Wir grüßen Dich, o Heimath, mit freud'gem Thränenſtrom! Und alſo zogen ſie dahin,— die kleinen Tambours voran in breiter Doppelreihe, die Pickelflöten, die Mu⸗ ſik, die Fahnen, die Offiziere, die Gemeinen— Tritt auf Tritt„.. Doch nun, was war das? Hurrahruf mitten in das Lied hinein?.. Es galt einem tapfern Kriegsmanne, welcher ſich in allen Schlachten grreich hervorgethan hatte und deſſen Ruhm ihm in vielfachen Nachrichten und Erzählungen vorangegangen war Er Fitroh; ie Lebens und kauft worden, ſo daß Zedermann ihn kannte. Er war auf allen dieſen Bildern mit einem Hunde neben ſich dargeſtellt worden; und in der That dieſer Hund hatte keine geringere Berühmtheit faſt erlangt, als ſein Herr. Es war ein kleiner Hund, von keiner ſehr ausgezeichne⸗ ten Sorte; auch beſonders ſchön mußte er nicht ſein, dem Bilde nach zu urtheilen. Aber dieſer Hund war beim Beginne des Krieges mit ſeinem Herrn in die Krim gezogen; er hatte an der Seite ſeines Herrn alle Schlachten mitgemacht, war durch die ganze Belagerung von Sebaſtopol mit ihm gegangen und war, noch ſeinem Herrn voranſpringend, der erſte britiſche Unterthan ge⸗ weſen, welcher ſeinen Fuß auf die Wälle der eroberten Feſtung geſetzt. Darum jauchzte das Volk, als der kleine Hund im Zuge der Coldſtreams ſich ſehen ließ; und darum jubelten ſie, indem er vorbeiging, laut und herz⸗ lich:„Hurrah für Captain Fitzroy und Hurrah für ſei⸗ nen Hund!“ Der wachſende Jubel, welcher— das Lied auf eine Weile unterbrechend— ſich von Mund zu Mund in dieſer Verſammlung von Tauſenden fortpflanzte, hatte die Dame im gelben Wagen aufmerkſam gemacht, und ſie neigte ſich, den rechten Arm in die Polſter ſtemmend, ein wenig über den Schlag hinaus. Zetzt kam das Glied, in welchem der Heros marſchirte, heran; und jetzt gellte ein ſchriller Schrei, laut, durchdringend, und ſo gewaltig, daß er das Hurrah, den Geſang und die Muſik übertönte, von der Seite des Wagens her. Für eine Secunde war Alles ſtill— und Aller Augen wa⸗ en nach dem Wagen gekehrt. Da ſah man das alte Weib in den Mannsſtiefeln und dem Strohhut, wie ſie unter den ſchnaubenden Roſſen des Wagens, welche ſich bei dem Schrei hochaufbäumten, und aus der Volks⸗ menge heraus, die ſie mit beiden Ellbogen und mit Rieſenkraft zu beiden Seiten auseinanderarbeite, nach Vorn zu kommen ſich mühte. Ihre Augen ſprühten Haß und Eifer und tödtliche Leidenſchaft; ihr Mund ſchäumte, indem ſie ihn krampfhaft bewegte, ihre grauen Haare hingen ihr über das wuthzitternde Geſicht, und mit einer Stimme, welche in ihrer rauhen Heiſerkeit dem Gekreiſch eines Raubvogels glich, ſchrie ſie:„Das iſt er! Das iſt er! Siebzehn Jahre lang habe ich ihn vergeblich geſucht; ſiebzehn Jahre lang hab' ich Alles, Leben und Ehre und Glück und Tugend und Zufrie⸗ denheit dem einzigen Gefühle der Rache geopfert— aber das iſt er! das, das... Laßt mich durch, daß ich ihn zerreiße vor Euren Augen— laßt mich durch, da⸗ mit ich mich an ſeinen Qualen weide... laßt mich durch, laßt mich durch...“ Aber ſchon hatten vier, fünf Policemen die Raſende gepackt.„Bringt ſie nach Bedlam“ brüllte das Volk, welches wahrlich jetzt nicht in der Laune war, ſeine Siegesfreude und ſeinen Willkommsgeſang durch ſolch' unheimliche Stimme unterbrechen, noch die Perſon ſei⸗ nes gefeierten Helden durch die Wuthausbrüche eines offenbar ganz wahnfinnigen Weibes beläſtigen zu laſſen. Dieſer aber, Captain Fitzroy, hatte ſich halb nach dem Wagen gewandt, von woher der Lärm kam, über deſſen Grund und Urheberin er vollſtändig in Ungewißheit dem zerrauften Haare, welches mit beiden Fäuſten ra⸗ ſend um ſich ſchlagend und unter dumpfen Wuthgeheul von einigen ſtarken Conſtables, welche ſie von Hinten ergriffen hatte, durch die pfeifende und ſchreiende Menge geſchleppt ward, hatte wahrſcheinlich im Gedränge ge⸗ ſtohlen und war dabei ertappt worden. Was kümmerte ihn das? Ihn feſſelte bei Weitem mehr die auffallend reizende Dame, in Weiß und Blau, welche ſich halb erhebend, weit aus dem Wagen gebeugt war. Und jetzt trafen ſich ihre Blicke, und jetzt ſah ſie ihn— wie er eine Weile ſtehen blieb, ihr gegenüber und ihr zugekehrt — ein ſtattlicher Offizier im hellrothen Waffenrock mit der rothſeidenen Schärpe König Georg's— die hohe Bruſt bedeckt von ſtrahlenden Orden, mit der Linken ſeinen berühmten Hund an einer dünnen Schnur füh⸗ rend, und in der Rechten das breite Schwert, noch fleckig hier und da vom Blut der Feinde, ſeine Ehrenwaffe, welche er jetzt, um ſie zu grüßen, mit ritterlichem An⸗ ſtand ſenkte. Unter den ſchönen Männern der Cold⸗ ſtreams konnte man ihn für den ſchönſten halten. Er ſtand im kräftigſten Mannesalter, nicht weit mehr von den Vierzigen; man ſah ſeinem gebräuntem Antlitz die edle normaniſche Abkunft an; ſein Auge war dunkel und ſonnig, wie die Heimath ſeiner Ahnen, ſeine Naſe war pon einer feinen, ſcharfen Linie, und um ſeine männlich ſchönen Lippen ſchloß ſich ein brauner, üppiger Bart. So ſchritt er weiter, vor Lady Caſtlemere ſalu⸗ tirend, mit ſeinem Hund und ſeinen Orden,— ſtolz, ſiegestrunken, erfolgsgewiß— und der Jubel des Vol⸗ kes folgte ihm, bis er hinter den Bäumen verſchwand, mit einem„Hurrah für Captain Fitzroy und Hurrah für ſeinen Hund!“— Lady Caſtlemere aber lehnte ſich in die Polſter ihres Wagens zurück. Ihre feinen Wangen waren leis ge⸗ röthet; mit der ſchönen vollen Hand ſtrich ſie das röth⸗ liche Haar über der breiten, weißen Stirn zurück. Ihr Herz klopfte ein wenig und ein bezauberndes Lächeln ſpielte für einen Moment um ihren kleinen, bleichen Mund. Er, der ſchönſte und gefeiertſte von allen Hel⸗ den, die hier vorübergezogen, hatte ſie, das ſchönſte und bedeutendſte von allen Weibern gegrüßt, welche hier ver⸗ ſammelt waren. Die Coldſtreams indeß hatten den großen Hof von Buckingham⸗Palace erreicht und lang und gezogen mit dem letzten Nachhall der Glocken verbebte der mächtige Refrain ihres Liedes— Home, home, sweet, sweet, home! Wir grüßen dich, o Heimath, mit freud'gem Thränenſtrom! Fünftes Capitel. Tady Caſtlemere in ihrem Hauſe. Die buntſeidenen Marquiſen von Lady Caſtlemere's Drawing⸗Room waren breit gegen die Sonne geſpannt; denn es war mitten am Tage, und der Tag war heiß. In Lady Caſtlemere's Drawing⸗Room jedoch weht eine überaus angenehme, duftige Kühle. Die Fenſter, welche nach dem Park gingen, hatten vollkommenen Schatten vom frühſten Morgen bis ſpät in den Nachmittag, und die Fenſter, welche nach dem Square gingen, wurden bis gegen Mittag durch die hohen Ulmen gedeckt. Dann war freilich die Sonne ſo rückſichtslos gegen Lady Caſtlemere, in eine Poſition zu treten, gegen welche die Ulmen Nichts vermochten, und dann war Lady Caſtle⸗ mere genöthigt, ſich jener buntſeidenen Marquiſen zu bedienen, in deren Dunkel wir das Drawing⸗Room die⸗ ſer Dame jetzt erblicken. Es war eigentlich nicht das Drawing⸗Room ſelber, in welchem Lady Caſtlemere ſaß. Das Drawing⸗Room iſt das Prunkzimmer des engliſchen Hauſes; es iſt das einzige Zimmer im Hauſe, welches nicht den Bewohnern deſſelben, ſondern gewiſſermaßen der Welt im Ganzen gehört. Hier werden die Beſuche empfangen, hier ver⸗ ſammeln ſich die Gäſte, welche zu einer Dinner⸗Party oder einem Ball eingeladen ſind und hier werden ſie entlaſſen. Hier wird der Thee ſervirt, und in den Häuſern des reichen Kaufmannsſtandes wird hier ſogar getanzt, trotz der Teppiche und der Damaſtvorhänge und Sammetmöbeln, die den Boden beſchweren und den Raum einſchränken. Die engliſchen Tänze verlangen kein Parquet; ſie ſind gleich den Tänzen unſerer ſächſi⸗ ſchen Bauern— dieſer biedern Anverwandten des eng⸗ liſchen Volkes— mehr ein Marſchiren nach Muſik. Neben dem Drawing⸗Room— welches unveränder⸗ lich den ganzen Frontraum des erſten Stocks einnimmt — pflegt ſich ein ſalonartiges Hinterzimmer zu befinden, deſſen hohe Flügelthüren ſich in das erſtere öffnen In dieſem Hinterzimmer ſteht gewöhnlich, wenn die Familie muſikaliſch iſt— und ſie iſt ſtets muſikaliſch, wenn im Hauſe Töchter zu verheirathen ſind— der große Flü⸗ gel mit einigen Notenbüchern darauf, in welchen die neue Quadrille, eine Auswahl aus der neuen Oper und der neue„Song“ die Hauptcharakterzüge ſind. Neu muß in England, wenigſtens für den Familiengebrauch im Drawing⸗Room, ein Muſikſtück ſein, ſonſt hat es keinen Werth.— Nun war Lady Caſtlemere für die Muſik leidenſchaftlich eingenommen. Ihr ſelber hatte es zwar immer an Geduld gefehlt, ordentlich ſpielen zu lernen. Ihre ſchönen Finger waren ſehr ungelehrig ge⸗ weſen. Was?— dieſe Taſten mühſam zu bemeiſtern und ſich Vorſchriften machen zu laſſen darüber, wo ſie den Daumen und wo ſie den Mittelfinger gebrauchen ſolle? Sie wollte mit ihrer Hand machen, was ſie wollte, und es dünkte ſie wahrlich ſchade, an dieſen zar⸗ ten Fingern einen ſolchen Zwang auszuüben Außerdem war ſie, wie geſagt, viel zu ungeduldig. Aber ſie hatte von Natur eine tiefe, klangvolle Altſtimme, mit der ſie das Trinklied aus Lucrezia Borgia ebenſo feurig und beinahe ebenſo hinreißend zu ſingen wußte, wie Madame Alboni im Theater Ihrer Majeſtät. Es war ihre Paſſion, dieſe Arie zu ſingen. Sie wußte genau, welche Wirkung ſie damit machte. Sie wußte, daß ſich ihr Auge dann von einem Feuer, ihre Wange von einem Anhauch füdlicher Wärme färbte, welche ihr ſonſt fremd waren; ſie empfand, indem ſie dieſes jubelnde Lied beim vergifteten Becher ſang, daß ſie es auch wol ſo machen könne, wie die fürſtliche Italienerin, und mit lächelnder ₰ 4 3 Lippe den Giftbecher Jedem zu kredenzen im Stande ſei, welcher ihrer flammenden Leidenſchaft in den Weg trete. Und es fehlte nie an klatſchenden Händen und Huldigungen aller Art, wenn ſie die Arie in dieſer Weiſe zu Ende geſungen. Darum war es, daß Lady Caſtlemere einen Flügel im großen Hinterimmer ds erſten Flurs ſtehen hatte. Alle Woche zwei⸗ oder dreimal erſchien ein junger, hüb⸗ ſcher, dunkelbrauner Italiener, um zu fragen, ob Mh⸗ ladh gelaunt ſei, ſich von ihm acompagniren zu laſſen, worauf er eine Guinea ausgezahlt erhielt, vb Mylady nun bei Laune war oder nicht. O, ſie that Etwas für die Kunſt! Singen war ihre liebſte Beſchäftigung, wenn ſie ſich überhaupt beſchäftigte. Sonſt hatte ſie nicht eben vielen Sinn für dergleichen Dinge.»Bilder?— nun ja, es war eitmal Mode, alle Jahre die große Ausſtellung der Rohal Academy von Trafalgar Square zu beſuchen, und Lady Caſtlemere ließ ſich keinen Ver⸗ ſtoß gegen das zu Schulden kommen, was Mode war. Sie kaufte auch jedesmal ein Bild, und hatte regelmäßig das Glück, das ſchönſte und bedeutendſte zu dem Wand⸗ ſchmucke hinzuzufügen, welchen ſie bereits beſaß. Denn all' die großen Maler und Kunſtkenner des Tages wa⸗ ren die Freunde Lady Caſtlemere's, und indem ſie bei ihrem Beſuche von Bild zu Bild ſchritt, ſammelte ſich allmählig um die ſchöne, junge, reiche Wittwe ein Hof glänzender Namen und berühmter Autoritäten, deren Ausſprüche das Geiſtvollſte und Zuverläſſigſte waren, was man überhaupt in England über ein Bild ſagen oder hören konnte. Ach, es war wol recht langweilig, ſo viele geiſtreiche Männer zu Freunden und Verehrern zu haben... und nicht Einen darunter, der ſehr ſchön, ſehr kühn, ſehr— mit einem Worte— ſo geweſen wäre, daß eine vierundzwanzigjährige Wittwe— Doch die Leſerinnen verſtehen! Um das Unglück in dieſer Be⸗ ziehung voll zu machen, mußte ihr neulich ein junger Schriftſteller vorgeſtellt werden, welcher— nachdem ſie zehn oder fünfzehn Minuten mit einander geplaudert— ſie ſchüchtern um die Erlaubniß bat, ihr ſeinen neuen Roman widmen zu dürfen. Was doch alle die Männer von Auszeichnung ſo ſehr in dieſer Dame anzog? Als ob Jugend und Schönheit und Reichthum und Unab⸗ hängigkeit nicht an ſich ſchon anziehend genug für Je⸗ dermann wären! Zudem aber ſchmeichelte ihrer Eitekeit jede Huldigung, einerlei, aus welchem Quartier ſie kam, und ſie war gewandt genug, um einer Huldigung mehr einen Antheil für Dinge zu heucheln, welche ihr in der That entweder ganz gleichgültig oder geradezu lang⸗ weilig waren. Dieſer Roman aber war vollends eine große Un⸗ annehmlichkeit für Mylady. Er machte Aufſehen in der Stadt; er war das Buch der Saiſon geworden und Mu⸗ die, der große Leihbibliothekar von Orfortſtreet, deſſen Bücherpackete mit dem gelben Zettel das ganze König⸗ reich durchwandern, hatte eintauſend Exemplare davon in ſeiner Liſte angezeigt. Um ſo ſchlimmer. Mhlady fühlte, daß ſie dieſen Roman leſen müſſe; aber es war eine unbeſchreibliche Qual für ſie. Seit einigen Tagen mehr als je. Sie hatte gar keine Geduld mehr zum Leſen, am allerwenigſten ſolche Bücher, welche ſich zur — Aufgabe geſetzt,„das engliſche Weib zu ſchildern in ſei⸗ nem Heiligthum, dem Hauſe, wie ſie umgeben von den unveräußerlichen Pfändern der Zärtlichkeit und Liebe, das ſtille Amt des Opferns und Entſagens übt,“ wie es in der Widmung hieß. Viel kümmerte ſie das Hei⸗ ligthum und das Amt des engliſchen Weibes, in der That,— beſonders ſeit jenem unvergeßlichen Morgen unter den Kaſtanien des Mall! Lady Caſtlemere warf das in Maroquin gebundene Buch auf den Tiſch. Lady Caſtlemere war einigerma⸗ ßen verdrießlich. Sie ſaß in einem großen, bequemen Lehnſtuhl, in jenem an das Drawing⸗Room ſtoßenden Gartenſalon. In dieſem Lehnſtuhl pflegte Mylady im⸗ mer ſelber zu ſitzen. Es war ein altmodiſch geſchnitzter, ſehr kunſtreich verzierter Seſſel, der nach oben in zwei Spitzen auslief, zwiſchen denen ſich das Hauswappen der Caſtlemere's befand. Der Sitz war mit gewirktem Atlas von gelber Farbe ausgeſchlagen, und die Armleh⸗ nen waren niedrig und breit und gleichfalls weich ge⸗ polſtert. Die Flügelthüren des Drawing⸗Rooms waren weit geöffnet, und eine Art von grüner Dämmerung herrſchte in dem hohen, prächtigen Gemache. Eirzelne goldene Sonnenfünkchen, welche ſich durch das ſommer⸗ liche Dunkel des Parks und die üppigen Efeuranken des Fenſters geſtohlen hatten, hüpften an der mattwei⸗ ßen Tapetenwand; auf dem hellgrauen Teppich zitterte der fantaſtiſche Schatten der vom lauen Sommerwind bewegten Blätter und das Goldpapier, welches den Ka⸗ min ausfüllte, funkelte in dem grünlichen Zwielicht. Lady Caſtlemere ſaß bereits in voller Toilette, denn Straßenſängerin I. 6 wie geſagt, es war mitten am Tage, und die engliſchen Damen pflegen vor dem Frühſtück ihre erſte Toilette zu machen. Sie trug an dieſem Morgen ein hellblaues Gewand mit Blondenbeſatz, welcher das blendende Weiß ihres Nackens und ihrer Schultern in ihrer ganzen Schönheit und Fülle durchſchimmern ließ. Ihr prachtvolles, röth⸗ lich⸗blondes Haar war in mehreren dicken, breiten Ge⸗ flechten kunſtreich um das Haupt geſchlungen, und unter dem Saume ihres Gewandes lugte der weiße Atlas ih⸗ rer kleinen, zierlichen Schuhe hervor. Ihre ſchöne, marmorglatte und marmorweiße Hand, zärtlich gepflegt und mit Ringen von unſchätzbarem Werthe bedeckt, ruhte auf der Lehne ihres Seſſels. Lady Caſtlemere bildete ſich auf Nichts ſo viel ein, als auf ihre ſchöne, zärtlich gepflegte Hand. Sie würde es keinem Manne verziehen haben, welcher die ungemeine Schönheit dieſer Hand nicht bemerkt hätte. Sie machte es übrigens in dieſem Punkte den Männern nicht ſchwer. Auf einem kleinen, niedrigen Fußſchemel am großen Fenſter, welches in den Park ging, ſaß ein Kind— ein Mädchen von etwa ſechs Jahren. Es ſah recht unglück⸗ ſelig aus, dieſes kleine Mädchen in ſeinem Röckchen von grüner Seide, in ſeinen Höschen, welche die dünnen Beine nicht ganz verdeckten, mit ſeinem magern, ſpitzen Geſichtchen, ſeinen ſichtbar gerötheten Augen und dem ſpärlichen Haar, welches ſeinen breiten Kopf umgab. Die Schulterknochen auf beiden Seiten aus dem Ausſchnitt des grünen Kleides hervor und die nackten Aermchen waren ſo lang und ſo hager, und der Ellen⸗ bogen war ſpitz und roth. Das Kind war nichts we⸗ niger als hübſch, das läßt ſich nach dieſer Beſchreibung wol denken; aber mit ſeinem traurigen Geſichte und in ſeiner verwahrloſten Erſcheinung machte es einen tiefen, unbeſchreiblich rührenden Eindruck. Stundenlang, dieſen ganzen Morgen ſchon, hatte es ſtill und ohne ſich zu rühren auf dem kleinen, niedrigen Fußſchemel am großen Fenſter geſeſſen. Als Lady Caſtlemere den koſtbaren Maroquinband in der Hand hielt und den Verſuch machte, ſich mit dem„Heiligthum des engliſchen Wei⸗ bes“ und mit dem„Amt des Opferns und Entſagens“ zu beſchäftigen, hatte das kleine Weſen auf dem Fuß⸗ ſchemel nicht aufgehört, ſie verſtohlen mit einem Blicke anzuſchauen, in welchem ſo viel Liebe, ſo viel Zärtlich⸗ keit und ſo viel Schmerz lag, als ein Geſchöpf von ſechs Jahren überhaupt nur zu fühlen im Stande iſt. Als Mylady jedoch das Buch plötzlich auf den Tiſch warf, früher und unmuthiger, als die Kleine wol er⸗ wartet haben mochte, da ſenkte ſie dieſen liebevollen, zärtlichen, ſchmerzreichen Blick raſch zur Erde und ihr graues, hageres Geſichtchen flammte für einen Augen⸗ blick in einem ſtechenden Roth auf. „Was haſt Du wieder, Jemima?“ rief Mylady, indem ſie das Kind hart und unwillig anfah. In plötzlicher Ergriffenheit ſprang Jemima von ihrem Schemelchen auf, und zu Lady Caſtlemere ſtür⸗ zend, ergriff ſie die ſchöne, marmorne Hand derſelben, und unter dem gepreßten Ausruf:„O Mama! Mama!“ bedeckte ſie dieſelbe mit Thränen und Küſſen. „Was ſoll dies bedeuten?“ fuhr Mylady ihr Kind an, indem ſie ihm raſch und als fürchte ſie, ſeine Thrä⸗ 6* nen könnten der Schönheit derſelben ſchaden, ihre Hand entzog. „O Mama,“ ſchluchzte das Kind,„ich wollte Dich nur bitten, daß Du mich lieb haben mögeſt... nur ein bischen, bischen lieb..“ „Laß dieſe Albernheit,“ entgegnete Mylady,„Du weißt, daß mir Deine Thränen und Deine Bitten zu⸗ wider ſind! Geh zurück auf Dein Schemelchen und be⸗ läſtige mich nicht!“ Das Kind ging zurück auf ſein Schemelchen und kehrte ſein weinendes Geſichtchen in den Park, damit Mama nicht weiter durch ſeine Thränen beläſtigt werde. Dieſes Kind lieben!— Auf der ganzen Welt gab es Nichts, was Mylady ſo haßte, wie dieſes Kind. Wa⸗ rum hatte ſie, widerwillig, dieſem Kinde das Daſein ge⸗ ben müſſen? Warum hängte dieſes Kind ſich, wie ein Bleigewicht, an jeden ihrer Wünſche und En jede ihrer Hoffnungen? Warum hatte Mhylord Caſtlemere, kurz vor ſeinem Tode, ein Teſtament gemacht, in welchem er dieſes Kind zu ſeiner Univerſalerbin einſetzte und ihm ſein ganzes ungeheures Vermögen vermachte, falls es am Leben bleibe, der Mutter aber Nießbrauch und Ver⸗ waltung legirte, falls ſie ſich, bei Lebzeiten des Kindes, nicht wieder verheirathe? Warum war es am Leben geblieben? Warum war es nicht lange ſchon geſtorben? — Dieſes Kind lieben?.. Dieſes Kind war das große Hinderniß, auf welches Mylady bei jedem Schritte ſtieß, den ſie vorwärts ins Leben zu thun geneigt war; es war die unüberſteigliche Barriere, zwiſchen ihr und allem Glanze, aller Freiheit und allem Genuſſe, welchen die Zukunft in ihrem verſchleierten Schooße noch für ſie barg. Stiller, immer ſtiller ward das kleine Mädchen am Fenſter. Zuletzt hörte man es gar nicht mehr. Lady Caſtlemere rührte, ohne ſich von ihrem altmodiſchen Seſſel zu erheben, einen der Glockenzüge, von welchen ſich auf jeder Seite des engliſchen Kamins einer befin⸗ det. Jacques Paturot trat ein. Mylady verlangte Eiswaſſer. Es war ihr in Wirklichkeit nicht ſo ſehr um Eiswaſſer zu thun. Jacques Paturot war der ein⸗ zige Meuſch, dem ſie vertraute, weil Jacques Paturot der einzige Menſch war, welcher ihr Vertrauen nicht mißbrauchen konnte. Er ſprach kein Engliſch; und in der Halle der Dienſtleute ſprach man kein Franzöſiſch. Er war alſo zum Schweigen verurtheilt. Neben dieſer Haupttugend beſaß er noch eine ganze Reihe von Neben⸗ tugenden, welche bei franzöſiſchen Bedienten im Allge⸗ meinen nicht ſo ſelten ſind, als jene erſtere. Er ver⸗ ſtand Winke und halbe Worte; er konnte ein dummes Geſicht machen; er hatte die Eigenthümlichkeit, immer Unrecht zu haben, nnd ſich ausſchimpfen zu laſſen, wenn Andre einen Fehler begingen. Er war die ſchlauſte und durchtriebenſte Creatur mit einem Wort, welche jemals in Livree geſteckt. Sein großes Talent aber war, die Mittelsperſon zu machen. Er war unermüdlich und un⸗ erſchöpflich in Anſtiftungen und Erfindungen für Andre; Gelegenheitsmacherei war die freie Kunſt, die er neben⸗ bei betrieb, als er noch in der Eigenſchaft eines Com⸗ miſſionairs und Fremdenführers im Hotel des Princes zu Paris fungirte. ehlady haben kein Ohr mehr für den armen Jac⸗ ques Paturot,“ ſagte dieſer tugendhafte Diener, indem er das Silberbrett mit dem Eiswaſſer auf den Tiſch ſetzte. „Deine albernen Plaudereien fangen an, mich zu ennuyiren“, erwiderte Mylady; denn in der That pflegte Jacques, wenn es nichts Beſſeres zu thun gab, die Rolle eines Hofnarren bei ihr zu ſpielen. „Mylady machen aus dem armen Jacques Paturot einen Kopfhänger und einen Nachtwandler“, ſagte dieſer Würdig indem er ſich beſtrebte, in ſeinem Geſicht das höchſte Mitleid mit ſich ſelber auszudrücken. „Es it wahr“, ſagte Mhlady,„Du vernachläſſigſt Deinen Dienſt und treibſt Dich draußen herum, zu Zei⸗ ten, wo man Deiner im Hauſe bedarf. Wo zum Bei⸗ ſpiel biſt Du geſtern Abend geweſen?“ Da machte Jacques Paturot's höchſt trauriges Ge⸗ ſicht den Uebergang zu einem höchſt harmloſen, und in⸗ dem er dem Stuhle ſeiner Gebieterin ein wenig näher trat: widerholte er:„Geſtern Abend?... O, geſtern Abend bin ich in St. James's Squäre geweſen!“ „Und was hat dieſer Square neuerdings ſo Anzie⸗ hendes für Dich, daß Du ihn in Abendſtunden beſuchſt?“ fragte die Herrin, in Harmloſigkeit des Geſichtsausdruckes wetteifernd mit ihrem tugendhaften Diener. „O, Nichts“, ſagte dieſer,—„nichts Anziehendes; nein, er hat nichts Anziehendes. Aber geſtern, gegen Abend, habe ich einen Offizier da geſehen— einen Cap⸗ tain von den Garden...“ Mylady's unſchuldiges Geſicht nahm bei dieſen Worten — 6 ihres Dienſtmannes den Ausdruck plötzlicher Spannung an und ward von einer fliegenden Röthe überglüht. Dann aber ward Mylady ſogleich ſehr unwillig. „Was kümmert's mich, wenn Du einen Captain ſiehſt?“ fuhr ſie den zartfühlenden Jacques an, welcher nach dieſer Anſprache machte, als ob er in tiefſter Seele verletzt ſei, und einige Schritte zurücktrat. Mhlady jedoch, bei ihrem anerkannt guten Herzen, konnte es nicht überwinden, einen ſo treuen und empfindſamen Diener gekränkt zu haben, und um ihn zu befänftigen diglich zu dieſem Zwecke, nahm ſie das gleichgültige Thema wieder auf.„Was für ein Captain war es? fragte ſie.„Wo haſt Du ihn geſehen?“ Jacques Paturot, zum Zeichen, daß er verſöhnt ſei, trat wieder einige Schritte vor„O,“ ſagte er,„es war ein Captain von den Garden. Wiſſen Sie, My⸗ lady, der berühmte Captain mit dem Hunde, welchem das Volk ein Hurrah zurief, als die Garden einzogen, und welcher meiner Lady Caſtlemere ſalutirte, als er ihrem Wagen vorbeimarſchirte. Als ich nun geſtern Abend über St. James's Square ſchlenderte— o, ich weiß gar nicht, wie ich grade dahin kam“ ſchaltete dieſer wahrheitsliebende Mann ein—„da ſah ich den Captain vor dem Army- und Nayvelub ſtehen, auf der großen Treppe, welche nach dem Square geht. Mylady, ich habe ein Herz für Kriegsruhm und Verdienſt und Tap⸗ ferkeit; Mylady, ich bin ein Franzoſe; ich bewundere große Männer. Ich blieb ſtehen daher und bewunderte den großen Mann. Er ſtand ganz allein auf der gro⸗ ßen Treppe; und es war in der Dämmerung und kein Menſch weiter ſah und hörte uns.„Was ſtehſt Du da, Burſche?“ rief der Captain von der Treppe herun⸗ ter. Worauf ich ſo frei war, die Treppe hinanzuſteigen und dem Captain auf Franzöſiſch zu ſagen, daß ich ein Franzoſe ſei, und kein Engliſch verſtünde, daß ich als Franzoſe eine tiefe Verehrung empfände für unſere ta⸗ pfern Alliirten und daß ich da geſtanden hätte, um ihn anzuſehen und zu bewundern. Der Captain, welcher ſehr gut Frarzöſiſch ſprach, fragte mich darauf, welches der Namen meiner Herrſchaft ſei?“ „Und Du haſt ihm dieſen Namen genannt?“ rief, mit immer ſichtbarerer Erregung Lady Coſtlemere, in⸗ dem ſie ſich halb in ihrem Seſſel erhob.— „Ich häbe die Ehre, Ihrer Herrlichkeit, der Ladhy Caſtlemere zu dienen, erwiderte ich,“ fuhr der Dienſt⸗ mann fort, welcher, wie ſich von ſelbſt verſteht, in ſei⸗ ner Unſchuld gar nichts von dem Eindruck ahnte, den jedes ſeiner Worte auf ſeine Herrin machte. „Unbeſonnener... Schamloſer... wie kannſt Du?“ brachte Lady Jaſtlemere hervor, welche das gewaltſame Ebven und Fluthen ihrer innerſten Empfindungen nur mit Mühe ſtillen und dämpfen konnte. „O,“ perorirte der unſchuldige Jacques weiter,„ich wußte nicht, daß ein unterthäniger Dienſtmann den Namen ſeiner Herrſchaft verſchweigen muß, wenn ein großer Mann, gleich dem Captain, ihn darum befragt. — Lady Caſtlemere? fragte der Captain, nachdem ich ſeine Frage beantwortet, ganz nachdenklich. Habe ich von der Dame nicht ſchon gehört? fuhr er langſam fort. Habe ich dieſe Dame nicht ſchon geſehen?.. Richtig, richtig! Sag' doch, mein Burſche, iſt das nicht die Dame im gelben Wagen, welche ich beim Einzug der Garden zu grüßen die Ehre hatte? Iſt ſie nicht die Tochter Lord Hazlewvod's? Iſt ſie nicht die reizende Wittwe, deren Geiſt, Schönheit und Liebenswürdigkeit die Bewunderung der Stadt ſind? Länger konnte Lady Caſtlemere den freudigen Auf⸗ ruhr ihres Herzens und den Triumph darüber, daß er das Alles ſchon wiſſe und in Erfahrung gebracht habe, nicht unterdrücken. Denn auch für die Helden und Heldinnen des Scheins kommt immer einmal, dann und wann, ein Moment, wo die Natur in ihnen ſtärker wird, als die ſubtile Kunſt, mit der ſie dieſelbe ſonſt in Zaum und Zügel zu halten wiſſen; wo die Leiden⸗ ſchaft die Schranke durchbricht, welche die kühle Be⸗ rechnung aufgerichtet, und die Wahrheit einen kurzen Sieg über die fortgeſetzte Lüge ihres Daſeins feiert. „Hat er das wirklich geſagt?“ rief Lady Caſtlemere. „Wort für Wort,“ verſetzte der würdige Dienſtmann dieſer würdigen Herrin, welcher in dem Maße zurück⸗ haltender und ruhiger ward, als der Eifer und das Feuer ſeiner Gebieterin wuchſen.„Dann,“ fuhr Jac⸗ ques Patürot fort,„ſagte der Captain, er habe die Ehre, mit der Familie ſchon von früherher einigermaßen bekannt zu ſein; und endlich fragte er mich, wo die Reſidenz Ihrer Herrlichkeit und wann ſie gewohnt ſei, Beſuche zu empfangen?“ „Und was haſt Du erwidert?“ fiel Lady Caſtlemere haſtig ein, als könne ſie die Zeit nicht erwarten, ſeine Antwort zu erfahren. — 56 In dieſem Augenblicke ließ ſich ein ſtarkes Klopfen an der Hausthür, und gleich darauf das Läuten einer Glocke auf dem Hausflur vernehmen. Lady Caſtlemere ſprang von ihrem Seſſel auf. „Wenn er das wäre!“ rief ſie mit kurzem, ſcharfem Athem, während die Gluth ihrer Wangen ganz ſich in das kühlſte Weiß verwandelte. Ein zweiter Dienſtmann trat ein. „Captain Fitzroy von Ihrer Majeſtät Garden läßt ſich melden!“ „Um Gotteswillen, ſchafft mir das Kind fort“, rief Mylady, welche jetzt dem Drange des Ereigniſſes gegen⸗ über wieder Herrin ihrer ſelbſt zu werden begann, aber unter heftigem Kampfe, wie man dem mangelnden Zu⸗ ſammenhang ihrer Worte und der Haſt, mit welcher ſie dieſelben herausſtieß, wol anmerkte.„Der Captain iſt mir willkommen... führe ihn in's Drawing⸗Room, Francis.. Schließe die Thüren, Jacques...* Myh⸗ lady zog zweimal die Glocke, und kurz darauf erſchien ein bleiches Mädchen von etwa achtzehn Jahren, mit ſchlichtgekämmtem, blondem Haar und in einem Lilakleide. „Eliza,“ fuhr Mylady das bleiche, traurige Weſen an⸗ „wo biſt Du, wo bleibſt Du, wenn ich läute? Was läſſeſt Du mir das Kind hier ſitzen, anſtatt Dich mit ihm zu beſchäftigen?“ „Mylady...“ ſtotterte die bleiche Gouvernante. „Keine Redensarten...“ fiel Mylady zornig ein. „Fort mit Dir... und ſchaff' mir das Kind aus der Stube, und— Dir— ehe der Beſuch die Treppe m Jemima hatte ſich von ſeinem Schemelchen am Gartenfenſter erhoben und war zur Mutter gegangen, um ihr, ehe ſie ginge, die Hand zu küſſen. Aber mit dem Fuß auf den Boden ſtampfend und dem Kinde ihre Hond mit wildem Blick entreißend, rief ſie, indem ſich ihr Geſicht wüthend verzog:„Muß denn dieſes Ge⸗ ſchöpf jeden Plan durchkreuzen, den ich hege? Fort— noch einmal— fort...“ und dabei ſchlenderte ſie das Kind von ſich, und mit erſticktem Weinen verſchwand es an der Hand des bleichen Mädchens aus dem Zimmer. Jacques Patürot aber ſchloß die Flügelthüren, welche den Gartenſalon vom Drawing⸗Room trennten, und auf dem Teppich ließ ſich der ſchwere Tritt eines Man⸗ nes vernehmen. Sechstes Cnpitel. Cuptain Zihroy von Zhrer Majteſtüt Garden mucht ſeine Aufwartung. Captain Fitzroh trat in Lady Caſtlemere's Drawing⸗ Room ein. Ein eigenthümlich feiner Duft, wie von Heliothropen, wehte ihm entgegen; und in bezaubender Dämmerung umgab ihn eine unentwirrbare Fülle von Reichthum und Luxus. Bildſäulen ſtanden an den Wänden, aber unregelmäßig, ſo daß man einen Zu⸗ ſammenhang weder entdeckte noch vermißte; Efeuguir⸗ landen und Roſenketten ſchlangen ſich von einem Trü⸗ meau zum andern, und dazwiſchen plätſcherten kleine Fontainen über Crhſtallſchaalen, in welchen Goldfiſche ſchwammen. Schöne Gemälde hingen an den Wänden; ein Mulready, ein breites Genreſtück, für dreihundert Pfund, und eine Landſeer'ſche Kuh für vierhundert. Dieſer werthvollen Kuh gegenüber hing ein Murillo, ein brauner Betteljunge, welcher im Schatten eines Hauſes von Sevilla kauert. Ihre Herrlichkeit hatte dies Bild gekauft, weil ſie es Lady Threadneedle nicht gönnte, welche für Murillo ſchwärmte und leidenſchaft⸗ lich gewünſcht hatte, es zu beſitzen.— Kleine Tiſche mit Elfenbein ausgelegt ſtanden hier und da, Chaiſe⸗ longues mit der Lehne der Thür zu, Seſſel an die Fenſter gerollt. Alle Möbeln, welche hier umherſtanden, bewegten ſich auf kleinen, unſichtbaren Rädern, welche bei der leiſeſten Berührung geräuſchlos über den koſt⸗ baren Teppich fuhren. Auf der Moſaiktafel des Tiſches in der Mitte trieben ſich faſhionable Bücher und Bil⸗ dermappen von rothem Maroquin in reizender Unord⸗ nung umher. Da waren die Hofſchönheiten älterer und neuerer Zeiten— zarte Geſichter mit traumhaften Augen und melancholiſchen Locken. Da war ein Pano⸗ rama des Rheins mit franzöſiſchem Terte, und ein Heft Carricaturen aus Boulogne von dem unübertrefflichen Cham. Da war eine koſtbare Ausgabe des Bhron mit Bildern, das„Court-Journal“, ein paar Nummern der Pariſer„Presse“ mit Mad. George Sand's„Histoire de ma vie“, das Supplement der„Illustrated London News“ mit dem wohlgetroffenen Bild des Captain Fitzroy und ſeines Hundes„nach dem Leben“, und ein Exemplar in Sammt gebunden und mit dem Wappen der Caſtlemere's in Gold von jenem Roman, welcher „das Heiligthum des engliſchen Weibes“ ſchildert und Lady Caſtlemere gewidmet war. Die Laune ſchien in dieſer kleinen Welt der Ueppig⸗ keit zu regieren, und doch war nichts Zufälliges darin. Mit jedem Blick ſah man Neues, ohne daß es über⸗ raſchte. Zedes Einzelne ſtand eigenſinnig und in capri⸗ ciöſer Nachläſſigkeit für ſich, aber das Garze machte den Eindruck, als ob ein berechnender Schönheitsſinn es ſpielend geordnet. „Jetzt oder nimmer!“ dachte Captain Fitzroy, als er ſich auf einen der Divans niederließ,„hier iſt ein Feld zu gewinnen! Hier iſt eine Feſtung zu nehmen! Hier iſt ein Königreich zu erobern!“ Ein Königreich wäre nun allerdings für unſern mi⸗ litairiſchen Freund nicht ganz zu verachten geweſen, be⸗ ſonders wenn ſich einige Goldminen oder etwelche Sil⸗ berbergwerke darin befunden hätten. Denn, um die Wahrheit zu geſtehen, unſer Freund brauchte viel Geld, hatte viel Geld gebraucht und war der gerechten Be⸗ ſorgniß, auch für den Reſt ſeines Lebens noch viel Geld zu gebrauchen— mehr Geld, als Ihrer Majeſtät Kriegszahlmeiſter für irgend einen Helden zu Waſſer oder zu Lande ausgeſetzt hat. So daß denn, da von väterlichen Beſitzungen ſchon ſeit Jahren keine Rede mehr war, obwol der Captain einen Vater mit einem mäßigen Nachlaß gehabt hatte, ſo gut wie ſeine übrigen Cameraden, mit Schulden der Anfang ſeiner glorreichen Carriere gemacht ward. Aber Schulden ſind ein miß⸗ lich Ding in den Vereinigten Königreichen von Groß⸗ 94 britannien und Irland; und wir haben ſagen hören, daß die Bailiffs von London ſich vor ihren Amtsbrüdern in der Provinz durch eine ganz beſondere Selbſtverleug⸗ nung und Unbeſtechlichkeit auszeichnen. Schon im vorigen Jahrhundert ſchleppten ſie ein⸗ mal den ruſſiſchen Geſandten, welcher einem Treſſen⸗ händler ſeine Rechnung nicht bezahlen wollte, in's Ge⸗ fängniß, worauf dieſer, obgleich die Königin Anna alle mögliche Genugthuung verſprach, in höchſter Wuth ſeine Päſſe verlangte und ſich nach Holland zurückzog, von wo er ein Memorial ſeines Herrn, des Selbſtherrſchers aller Reuſſen, überſandte, welcher augenblicklichen Gal⸗ gen für alle bei dieſer Miſſethat Betheiligten verlangte, „welches die Königin und ihre Miniſter ſehr in Ver⸗ legenheit brachte“, wie Mr. Smollet referirt. Unſer Captain jedoch hatte keinen völkerrechtlichen Schutz gegen die Bailiffs; ſie ſchleppten ihn vielmehr, ſo oft er Schulden gemacht und dieſelben nicht bezahlen konnte, in's Gefängniß. Und dieſe Bailiffs, welche zu jener Zeit noch rothe Naſen und lange Stöcke gehabt haben ſollen, waren es, vor welchen unſer tapfrer Captain weiland die Flucht ergriffen, und zwar ſo gründlich, daß man lange Nichts wieder von ihm ſah noch hörte. Un⸗ ſer Freund hatte nämlich ein Land aufgeſucht, welches ſich noch eines glücklicheren Naturzuſtandes erfreute, wo die Banane wuchs und die Feige reifte, wo es Affen, Hyänen und ſogar Tiger gab, aber keine Bailiffs. Er war nach Oſtindien gegangen. Oſtindien in den drei⸗ ßiger Jahren war noch ein anderes Land, als Oſtindien in den fünfziger Jahren. Es war noch ſicherer zu je⸗ nen Zeiten für Leute vom Schlage unſers Captains, und amüſanter dazu; und es geht ein Gerücht von einigen Jahren glücklicher Vergeſſenheit unter den Pal⸗ men von Coromandel, von einer heimlichen Ehe mit der braunen Tochter eines Rajah's und einer darauf erfolgenden ebenſo heimlichen Flucht. Denn im Pnnkte des ſchönen Geſchlechts war unſer Captain immer ein großer Mann geweſen; und lange bevor ſeine Bravour auf dem Schlachtfelde begann, hatte er auf jenem andern Felde Thaten verrichtet, von denen einige ſich nicht über die Mittelmäßigkeit erhoben, andere aber mindeſtens ſehr ſchlecht waren. Das Ende dieſer frühzeitigen Verſuche im Oſten und Weſten der alten Welt war regelmäßig Flucht; ſo daß denn auf beiden Gebieten, auf welchen die Jugend unſers Helden vertummelt ward, nicht viel Rühmliches von ihm geſagt werden kann. Nach jenem großen Rückzug jedoch, welcher den Pal⸗ men von Coromandel und der angeführten heimlichen Ehe gefolgt ſein ſoll, erſcheint unſer Freund auf Einmal wieder im rothen Rock der Königin, dämpft kleine Auf⸗ ſtände der Eingeborenen im Ganges⸗Delta, macht Pan⸗ therjagden in der Umgegend von Calcutta mit und ver⸗ lobt ſich mit der Tochter eines ſteinreichen Beamten der Compagnie, welcher ſeine Schulden bezahlt und ihm mehrere Jahre lang vergeblich einen Tag zum Vollzug der Heirath vorſchlägt. Jedesmal, wenn die Trauzengen ſchon eingeladen ſind, kommt ein unerwarteter Marſch⸗ befehl, und Captain Fitzroy kann es mit ſeinen Begriffen von Ehre nicht vereinigen, das Schickſal ſeiner angebe⸗ teten Amanda(die oſtindiſchen Damen lieben poetiſche —— Benennungen, gleich dieſer) an das ſeinige zu feſſeln, welches— wer weiß?— ſchon morgen ſie zur Wittwe machen kann. Doch hat er, wie bereits geſagt, Nichts dagegen, daß ſein zukünftiger Schwiegervater einen Theil der für ihn beſtimmten Mitgift nach dem andern dazu verwendet, um ſeine Schulden zu bezahlen; und ſeine Cameraden finden, daß Captain Fitzroy zwar ein Offi⸗ zier ſei, dem man nicht gerne Geld borgt, und ſie mei⸗ nen auch, wenn er nicht dabei iſt, daß ſie ſeine derein⸗ ſtige Frau nicht beneiden, ob es'nun die angebetete Amanda oder eine andere ſein werde; aber ſie ſtimmen doch darüber überein, daß er ein guter und tapfrer Ca⸗ merad, der beſte Geſellſchafter in ganz Hindoſtan, und ein gefährlicher Mann für die Frauen und Alles in Allem ein„Teufelskerl“ ſei. Zehn Jahre waren alſo vergangen mit kriegeriſchen Streifzügen, Pantherjagden und Vorbereitungen zur Vermählung mit der angebeteten Amanda. Da, auf Einmal im Jahre 54 kam die Nachricht, daß England und Frankreich ſich zu einem Kriege gegen den Czaren verbündet hätten und daß zur Completirung der Regi⸗ menter von Ihrer Majeſtät Garden der in Indien ſta⸗ tionirte Theil derſelben ſich ſofort nach der Krim ein⸗ zuſchiffen habe. Wer von den Leſern hat ein ſo grauſames Herz, um Captain Fitzroh's Freude bei dieſer Nachricht nicht zu begreifen? Eine Gelegenheit zur Heimkehr in die lang entbehrte Heimath und zu den Scenen und Shnhl ſeiner Jugend, den Horſe⸗Guard⸗Barrack's von St. J mes's und dem Schuldgefängniß von Queen's ve ward ihm geboten. Nun kam es wirklich auf ihn an, ſein Glück zu machen; zum zweitenmal war die Zukuuft vollſtändig in ſeine Hand gelegt, und nach der leicht⸗ ſinnig verpaßten Gelegenheit in früheren Jahren, faßte er nun den ernſtlichen Entſchluß, dieſesmal ſie beſſer zu benutzen. Er concentrirte jetzt ſeine ganze Kraft darauf, den Augenblick des Glückes feſt zu faſſen, wenn er ſich ihm nähere; und mit dem Säbel in der Hand zu fallen oder ſein Ziel zu erkämpfen. Was dies Ziel war, iſt wol nicht nöthig zu ſagen. Es iſt das Ziel, welches ſchon mehr als ein Mann in des Captains Lage ins Auge gefaßt und erreicht hat: Ruhm, Ehre, Stellung in der Geſellſchaft und natürlich eine reiche Frau.— Dieſes Ziel iſt zu erreichen; mit dem Säbel, mit der Feder— mit tauſend Mitteln; aber man muß klug, rückſichtslos und zäh in der Anwendung derſelben ſein. Mit dieſen Plänen und Abſichten nahm Captain Fitzroy Abſchied von ſeiner angebeteten Amanda. Das gute Mädchen weinte viel und hatte eine dunkle Vor⸗ ahnung, daß ſie ihren geliebten Captain nicht wieder⸗ ſehen würde. Aber der gute Captain tröſtete ſie und führte mehr als einmal den Erfahrungsſatz an, daß nicht jede Kugel treffe. Und dann beſtieg er das Truppenſchiff, welches nach der Krim abging, nahm einen kleinen Geldvorſchuß ſeines Schwiegervaters, ſei⸗ nen Hund und ſeinen Säbel mit, und ſchlug ſich ſo heldenmüthig, daß ſein Name ein Gegenſtand der Be⸗ wunderung ward bei den Soldaten und der Populari⸗ tät bei dem Volke von England. Die Kugel verſchonte ihn; die Kugel verſchont Jeden, verlaßt Euch darauf, 7 Straßenſängerin I. der den euergiſchen Willen hat, nicht zu fallen. Ener⸗ gie iſt die große Parole des Sieges; und unſer Captain war ein Rieſe in dieſer Beziehung. So kehrte er denn im Triumphe mit ſeinem Hunde und ſeinem Säbel und ſeinem Ruhm nach London zurück, welches er vor eini⸗ gen ſiebzehn Jahren in Furcht vor den Bailiffs und dem Gefängniß von Queen's Bench verlaſſen hatte. Er war der Mann des Tages, und fühlte, daß jetzt jener Augenblick gekommen ſei, der ſich in jedem Menſchen⸗ leben nur ein⸗ oder höchſtens zweimal wiederholt. Ruhm, Ehre, Stellung waren ſein; nun galt es, das Letzte zu erringen, ohne welches das Andere nur eitel Schein und Chimäre iſt, die reiche Frau nämlich, welche der flüchtigen Glorie— denn jeder Tag bringt Neues, und ein Held auf dieſer Bühne der Eitelkeit verdrängt den andern— einen ſoliden Hintergrund verleiht. „Jetzt oder nimmer!“ dachte der Captain, als er den Klopfer und die Glocke am Hauſe Mylady Coſtle⸗ mere's in Bewegung ſetzte; und„jetzt oder nimmer,“ dachte er, als er ſich auf dem Divan in ihrem Dra⸗ wing⸗Room niederließ, um ſie zu erwarten. Dem Captain gegenüber war die hohe Kaminwand mit dem Spiegel, und in der durch das künſtliche Dun⸗ kel des Gemachs doppelt reizenden Dämmerung deſſelben erſchien ihm ſein eigen Bild, wie er auf dem Divan ſaß, und eine lächelnde Siegesgöttin dahinter, welche ſich graziös niederbog. Betroffen ſah er ſich um. Da ſtand in der That, unter einem Efeubogen, die Siegesgöttin; eine tadellos ſchöne Marmorgeſtalt, welche er vorhin . 9 nicht bemerkt hatte, mit einem mattflimmernden Gold⸗ kranz in der Rechten. Der Captain ſtrich ſich den Bart.„Warum ſoll ich's nicht wagen?“ dachte er weiter, indem er aufſtand und dem großen Spiegel näher trat.„Warum nicht?“ dachte das Geſicht zurück, welches ihm aus dem Spiegel entgegenſchaute. Es war ein ſo trotziges, braunes Geſicht, als jemals eines vor dem Spiegel geſtanden; mit Au⸗ gen, welche ſchon mehr als ein Weib unwiderſtehlich ge⸗ funden,— nicht mehr ganz jung, aber in dem Alter, welches für junge Wittwen das gefährlichſte ſein ſoll. Der Captain ging in Civil, wie alle engliſchen Offiziere zu thun pflegen, wenn ſie nicht im Dienſt, ſondern in der Geſellſchaft ſind; aber die ritterliche Grazie und das ſchöne Ebenmaaß ſeiner kräftigen Geſtalt gingen im dunklen Anzug nicht verloren. Er erſchien ſchon wie ein Sieger, indem er von dem Kamin und dem Spiegel zu dem Bilde ſeiner Göttin zurückſchritt. Denn der Menſch hat immer ein richtiges Vorgefühl Deſſen, was ihm gelingen wird oder nicht; es giebt Dispoſitio⸗ nen, in welchen wir jedes Glas zerbrechen, welches un in die Hände kommt, und jedem Menſchen treten, welcher ſich uns naht, welchen unſer Geiſt ſich ſo leich Kraft ſich ſo flüſſig fühlt, daß unternehmen dürfen 8 auf den Fuß und Dispoſitionen, in t und jede uns angeborne wir Alles wagen, Alles „Soldatenglück ſteht auf einer Kugel!“ dachte unſer Captain, indem er ſich lächelnd der Göttin zuwandte, und ſeine Hand an die Kugel legte, auf welcher ihr zierlicher Fuß ruhte. 7* 100 ₰ In dieſem Augenblicke, wo er ſeine Andacht vor der Göttin verrichtend, ſo ſtand, daß ihr Goldkranz faſt ſeine Schläfe berührte, wurden die Flügelthüren des anſtoßen⸗ den Gemaches weit und mit einem beträchtlichen Lärm aufgeworfen, und angekündigt von der ſchreienden Stimme des getreuen Jacques Paturot, trat Ihre Herrlichkeit, Mylady Caſtlemere in das Drawing⸗Room. „Captain Fitzroy,“ ſagte ſie, indem ihre rauſchenden Gewänder leicht über den Sammet des Teppichs ſtrichen, „Sie ſind mir willkommen!“ Der weiche, tiefe Ton ihrer Stimme weckte den Cap⸗ tain aus ſeinen Gedanken, und raſch ſich umkehrend, flog eine dunkle Röthe über ſein gebräuntes Angeſicht. So ſchön hatte er ſich dieſes Weib nicht gedacht, wie ſie jetzt vor ihm ſtand, in der ganzen Majeſtät einer reifen, üppigen Jugend, umwogt von koſtbarer Seide, von Blon⸗ den, welche den Reiz ihres ſtolzen Nackens und die ala⸗ baſternen Schultern noch mehr hoben, umgeben von der verführeriſchen Dämmerung und dem ganzen ausgeſuchten Luxus ihres Gemaches. Captain Fritzroh war ſprachlos. „Sie ſind mir willkommen,“ widerholte Lady Caſt⸗ lemere, indem ſie ihm die ſchöne, vielbewunderte, weiße, mit köſtlichen Ringen bedeckte Hand reichte, welche der Captain ſtumm an ſeine Lippen führte; denn noch im⸗ mer hatte der Mann von der Alma und von Sebaſtopol ſeine Sprache nicht wiedergefunden. Aber Mylady, welcher dieſe Verlegenheit des Kriegers mehr ſchmeichelte, als ſeine ausgeſuchteſten Complimente im Stande geweſen wären, fuhr fort.„Sie ſtehen an der Stelle meines Zimmers,“ ſagte ſie,„welche Ihnen — 0 — gebührt. Die Victoria meines kleinen Tempels neigt ſich nieder, um Ihre Stirn mit dem Kranze des Sieges zu ſchmücken. Aber geſtatten Sie, daß ein engliſches Weib, welches ſtolz iſt auf die Thaten ihrer Landsleute, ſich mit den andern becut, dem Heimkehrenden eine Stätte anzuweiſen, welche, wenn nicht ſo ruhmvoll, doch nach den Entbehrungen und traurigen Schauſpielen des Krieges erheitender iſt!“ Dabei reichte ſie aufs Neue ihre ſchöne, vielbewun⸗ derte Hand dem Captain, und dieſer, indem ſie ihn zu einem Fautenil führte, hinter deſſen Lehne ſich auf einen roſenbekränzten Piedeſtal die drei Grazien umſchlangen, ſah nun zuerſt wie vollendet ſchön dieſe Hand ſei, und Myladh fühlte an dem Kuſſe, welchen er noch einmal darauf drückte, daß er es geſehen habe. Lady Caſtlemere preßte mit beiden Händen ihre Ge⸗ wänder ein wenig zuſammen, als ſie ſich dem Captain gegenüber in den Seſſel niederſetzte und nachläſſig zurück⸗ gelehnt, ſchien ſie gleichſam in einer Wolke von Däm⸗ merung, Duft, Pracht und Schönheit zu ruhen, während unter dem koſtbaren Spitzenbeſatz ihrer breit aufgebauſch⸗ ten Unterkleider hervor ihre kleinen Füße ein mit Gold geſticktes Taburet von weißem Atlas berührten. „Ihr Empfang, Mylady“, ſagte Captain Fitzroh, der nun ſeinem großen Ziele vis vis Muth und Be⸗ ſinnung wieder gefunden hatte,„bringt mich in der That um das Vergnügen, Ihnen die Veranlaſſung meines Beſuches vorzutragen Ich glaubte mich entſchuldigen zu müſſen, und meine Eutſchuldigung iſt eine alte Ge⸗ ſchichte— faſt ſo alt, als Sie ſelber, Mylady!“ ſetzte der galante Captain mit einem Blicke hinzu, in deſſen Glanze die ganze Schönheit des vor ihm ſitzenden Wei⸗ bes, von ihren kleinen Füßen bis zu ihren kleinen Hän⸗ den ſich zu ſpiegeln ſchien. „Sie ſtellen mich auf eine harte Probe, Captain,“ lächelte Lady Caſtlemere zurück.„Sie bringen mich auf einen ſchweren Stand zwiſchen die Begeiſterung, die ich als Engländerin empfinde, und die Neugier, die mir, wie jedem Weibe, angeboren. Erlöſen Sie mich aus dieſem Zwieſpalt, Captain, und erzählen Sie mir dieſe Geſchichte, von der ſie geſagt haben, daß ſie ſo alt ſei, als ich ſelber!“ „Nicht ganz ſo alt, wenn ich mich ſtreng an die Wahrheit halten ſoll“, erwiderte der Soldat mit der Rückſichtsloſigkeit eines Diogenes und der Tugend eines Cato.„Sie waren damals, Mylady, ein hübſches kleines Mädchen von ſechs oder ſieben Jahren. Sie trugen ein weißes Kleidchen mit Roſaſ ſchleifen, und ſie hatten lange, goldfarbene Locken, welche luſtig um ihr Köpfchen ſpielten. Sie ſaßen auf einem Hügel, unter einem dicken Kaſtanienbaume, dicht hinter der hohen Mauer, welche den Hof und Park Ihres väterlichen Schloſſes von Trevhnhr umgiebt. Es war in Nordwales, und ich erinnere mich eines hohen, ſteilen, bräunlichen Felſens zur Linken, des weiten blauen Meeres zur Rech⸗ ten und einer weißlich ſchimmernden Inſel darin, welche vom Untergang der Sonne gefärbt wurde „Es iſt der Pen⸗maen⸗mawr— es iſt der St. Ge⸗ org's Canal— es iſt die Inſel Angleſea göi recht, ECaptain. Aber fahren Sie fort!“ 72 — „Von Ihrem Bänkchen auf dem Hügel herab ſahen Sie mich des Weges reiten und hüpften an die eiſerne Brüſtung. Vielleicht zog der bunte Waffenrock, den ich trug, der klirrende Säbel, das vom ſcharfen Galopp ſchäu⸗ mende Pferd die Aufmerkſamkeit des Kindes an Der gutmüthige Captain! Als ob er nicht gewußt hätte, daß kleine Mädchen früh anfangen zu coquettiren; und als ob er nicht damals ſchon, ein Schlingel von achtzehn oder neunzehn Jahren ſeinen Vortheil aus die⸗ ſem kleinen Umſtand hätte zu ziehen verſtanden! „Ich ließ mein Pferd halten... Kleine Schönheit, redete ich Sie damals an, wer iſt der Herr dieſes präch⸗ tigen Parkes?— Mein Vater, Lord Hazlewvod von Trevynhr, ſagten Sie. Aber woher kommen Sie denn, mein Herr Soldat? fragten Sie nun— Sie müſſen ſchon ſehr weit geritten ſein; Ihr Pferd dampft ja ſo! — Sehr weit, meine kleine Lady— und muß noch viel weiter, ehe die Sonne hinunter iſt.“ Dem war nun allerdings ſo, darin ließ ſich der Captain keine Unwahrheit zu Schulden kommen. Denn er befand ſich damals, unter uns geſagt, auf jener erſten großen Retirade vor den Bailiffs nach Milford⸗Haven an der Südküſte von Wales, von wo aus er mit einem bereits ſegelfertigen Oſtindienfahrer in den nächſten Ta⸗ gen abzugehen gedachte. Aber da es in jener Zeit eine Eiſenbahn erſt zwiſchen Liverpool und Mancheſter, Tele⸗ graphen aber im ganzen Vereinigten Königreich noch nicht gab, ſo mußten die guten Bailiffs ſich der Pferde bedienen, um ihren entweichenden Schlachtopfern zu fol⸗ gen. Dieſe Pferde der Bailiffs ſaßen nun unſerm jugend⸗ — 104— lichen Flüchtling fortwährend auf den Hacken, und um ſie zu täuſchen, ſuchte er allerlei unbetretene Wege und Pfade, um durch die Gebirge von Nordwales zu ſeinem Rettungshafen zu gelangen. Und auf einem dieſer un⸗ freiwilligen Seitenwege war es, wo die frühzeitige Freund⸗ ſchaft mit Ihrer Herrlichkeit, dazumal noch ein Kind von ſieben Jahren in weißem Kleide mit Roſaſchleifen, geſchloſſen ward. Dieſes Kind, ein Engel von Unſchuld und Herzensgüte, nach der Behauptung unſers Freun⸗ des, des Captains, wollte den Berittenen nicht vorüber⸗ ziehen laſſen, ohne wenigſtens mit patriarchaliſcher Gaſt⸗ freundſchaft das Pferd deſſelben eigenhändig zu tränken. Worauf der jugendliche Held— überglücklich, daß für eine Weile das unverdächtige Thor der freiherrlichen Be⸗ ſitung ſich hinter ſeinem ſchuldigen Rücken ſchloß— ſein Roß an den Brunnen führte, wo ſelbſt Weißröckchen Waſſer in den Eimer ſchöpfte und im untergehenden Lichte der Sonne eine Scene aufführte, welche Grah, der Idhllendichter, nicht lieblicher hätte beſchreiben können. Unſer Freund, der ſich am Brunnen des Hazlewood'ſchen Schloßhofes ſehr comfortabel fühlte, wenn er an die Bailiffs gedachte, die jetzt vielleicht grade an der Mauer vorbeigalloppirend ihrem düſtern Verfolgungswerke folgten, beeilte ſich nicht ſehr, den Trank abzukürzen, welchen Un⸗ ſchuld und Tugend ſeinem Roſſe im Stalleimer kredenzten. Die Sonne ging unter und über ein Kurzes kam Seine Herrlichkeit, der Vater der Unſchuld und Tugend mit Roſaſchleifen, des Weges daher, und beliebte über die⸗ ſen allerliebſten Streich ſeines Lieblingskindes eines ſei⸗ ner Hauptgelächter anzuſtimmen.„Auf Urlaub, junger Mann?“ fragte Seine Herrlichkeit, nur dann und wann noch von dem Nachhall des Gelächters ſtoßweis unter⸗ brochen, indem er ſeine Hand auf die Schulter des Sol⸗ daten legte.„Auf einem Geſchäftsausflug, Mylord“, erwiederte der junge Mann, welcher ſich fortwährend der größten Wahrheit befleißigte. Darauf fragte Mylord weiter, ob der junge Mann ſich eine Nacht Ruhe in ſeinem Schloſſe gönnen wolle; und der junge Mann, der Pferde und der Bailiffs gedenkend, nahm die Ein⸗ ladung an, trank mit ſeiner Herrlichkeit ein halbes Dutzend Flaſchen leer und erzählte ihm Geſchichten, über die er noch eine lange Zeit hernach lachte. Lord Hazlewvod, der damals noch ein ſehr luſtiger Herr war, fand ſo großes Gefallen an ſeinem militairi⸗ ſchen Gaſte, daß er ihn bat, ſeinen Aufenthalt im Schloſſe zu verlängern; was dieſer auch gewiß gethan haben würde, hätte er nicht am andern Morgen ein dunkles Gerücht von Bailiffs gehört, welche in einem benachbarten Dorfe Na⸗ mens Aber Hausſuchung gehalten. Grund genug für un⸗ ſern geſelligen Freund, um ſogleich nach dem Frühſtück in vollem Geſchäftseifer abzureiſen und in der entgegenge⸗ ſetzten Richtung davon zu gallopiren, natürlich nach gege⸗ benem Verſprechen, auf der Rückreiſe wieder vorzuſprechen. „Die Erinnerung an dieſe liebenswürdige Begegnung“, ſchloß der Captain ſeine offenherzige Rede, in welcher er das Meiſte von dem verſchwieg, was nur unſere Indis⸗ cretion dem Leſer mitzutheilen im Stande war—„der Dank, den ich dafür Zhrer Familie und vor Allen Ihnen, Mylady, ſchuldig blieb, gaben mir den Muth, mich Ihnen aufs Neue vorzuſtellen.“ Mylady lächelte. Sie wußte ſich der kleinen, artigen Jugendreminiscenz kaum noch zu entſinnen; ſie hatte ſeit⸗ dem ſo manchen unſchuldigen Blick ins Leben gethan und ſo manche tugendhafte Scene geſpielt, daß jene Zeit der Roſaſchleifen allerdings nur noch wie eine ſchwache Däm⸗ merung in ihren Gedanken erſchien. Aber das war's ja nicht, worauf es ankam; Mylady fühlte, daß der Captain wol ſchwärmen könnte, wenn es nothendig wäre, daß er aber von Natur nicht grade ein Phantaſt ſei, und daß die Dame im gelben Wagen ihn vielleicht an das weiße Kleid von Wales erinnert haben ume, aber nicht um⸗ gekehrt. „Und um Ihre Carriere, Captain,“ ſagte ſie,„darf man ſie nicht erſt fragen. Ruhm, Ehre— öſtliche Roſen und Lorbeeren: das ſagt Alles!“ Dem Tapfern und Getreuen fuhr bei dieſen Wor⸗ ten der Gedanke an die angebetete Amanda durch die Seele. „Unſere Roſen wachſen nur in England!“ entgegnete er haſtig, als fürchte er, ſein auf der Grenze zwiſchen Juli und Auguſt ſchwankendes Roſenknöspchen von Fin⸗ doſtan könne irgendwo durchs Fenſter nicken. „Und ſind es die beſcheidenen Blumen der Heimath wirklich, welche ſich neben den berauſchenden Düften jener Blüthenwelt in der Erinnerung unſerer tapfren, fernen Landsleute erhalten haben?“ fragte Mylady mit einem hinreißend ſchönen Aufſchlag ihres blauen Anges. „Sie ſind es!“ ſagte der entzückte Pantherjäger von Calcutta, der ſelbſtvergeſſene Wittwer von Coromandel, indem er, mit der Hand auf dem Herzen, eine tiefe — 16 Verbeugung gegen die beſcheidene Blume der Heimath ausführte. Ein Pochen an der Thür unterbrach dieſen Act der Verehrung. Francis trat ein. Jacquets Paturot hatte nicht eintreten wollen. Jacques Paturot wußte es bei ſolcher Gelegenheit immer ſo zu veranſtalten, daß der einfältige Francis eintrat, wenn ein unwilliges„Come in!“ gerufen worden war. Ein ungnädiger Blick der Herrin empfing den eintretenden Bedienten. „Der Hononrable George Meadows läßt ſich melden!“ Lady Caſtlemere erhob ſich von ihrem Seſſel.„Führe den gnädigen Herrn herauf!“ ſagte ſie, indem ſie das goldblonde Haar unter die breiten dicken Flechten zurück⸗ ſtrich, und mit der ſchönen vielbewunderten weißen Hand die Falten ihres koſtbaren Gewandes glättete. Der Gemeldete trat ein. „Der Honourable George Meadows, Sohn un Erbe Mylord Hazlewoods von Trevynyr, mein geliebter und geehrter Bruder—“ ſtellte Lady Caſtlemere den neuen Beſuch vor. Captain Fitzroh richtete ſeine Verneigung ganz ſo tief ein, wie er es dem Sohn und Erben Myhlord's und dem geliebten und verehrten Bruder Mylady's ſchuldig zu ſein glaubte. „Captain Fitzroh, von Ihrer Majeſtät Garden, der Held von Sebaſtopol, ein alter und guter Freund unſers Hauſes!“ Der Honourable George Meadows erwiderte den Gruß des Captains mit einer leichten Neigung ſeines Hauptes; und bedauerte, ſich nicht darauf beſinnen zu 0 können, den alten und guten Freund jemals geſehen zu haben. „Es iſt lange her, allerdings, Sir“, ſagte der Cap⸗ tain,„daß ich das Vergnügen hatte. Sie waren damals, wenn ich meiner Erinnerung trauen darf, ein Knäblein von zwei Jahren; und ich weiß noch recht gut, wie un⸗ gnädig Sie gegen mich waren, wie Sie mit den Händ⸗ chen und den Füßchen zappelten, als Mylord Hazlewood, Ihr ehrenwerther Vater, mich zu Ihnen führte, und wie Sie ſich wehrten und abwandten, als er Ihnen zu ſagen geruhte, Sie ſollten den fremden Offizier küſſen!“ „Ich habe niemals, ſelbſt in meiner früheſten Kind⸗ heit nicht, mich zu verſtellen vermocht“, ſagte George Meadows, indem er ſich auf den ihm von ſeiner Schweſter angewieſenen Seſſel ſetzte,„ich habe es mir von Jugend auf zum Geſetz gemacht, nur der Stimme meines Herzens zu folgen, Captain!“ Lady Caſtlemeere biß ſich ein wenig auf die feinen Lippen, als müſſe ſie ein Lächeln zurückdrängen. Sie faßte ſich jedoch bald, und den feinen Hohn, welcher noch um die Mundwinkel ſpielte, mit einem kaum merk⸗ baren Zucken verwiſchend, ſagte ſie:„Und was ver⸗ ſchafft mir die ſo ſehr ſeltene Ehre Ihres Beſuches, lieber Bruder?“ „Ich bin gekommen, um mich von Ihnen zu ver⸗ abſchieden, Jane“, ſagte George Meadows.„Sie wiſſen, daß ich in einigen Tagen meine Reiſe nach dem Con⸗ tinent antreten werde, und da ich für den Reſt meiner Zeit von den Vorbereitungen gänzlich in Anſpruch ge⸗ nommen bin, ſo habe ich einen freien Angenblick dieſes Nachmittags benutzt, um Ihnen Lebewol zu ſagen, Jane. — Wo iſt Jemima?“ Da flammte eine dunkle Zornesröthe über das vor⸗ nehme Bleich von Myhlady's Wangen. Ihre ſchönen, vielbewunderten, weißen Hände ballten ſich unwillkürlich und mit einer Stimme, welche hörbar mit dem heftigen Athem ihrer Bruſt kämpfte, ſagte ſie,„was meinen Sie?“ „Jemima, Ihre Tochter meine ich!...“ Dabei rührte er die Glocke, und Francis trat ein. In höchſter Erregtheit war Lady Caſtlemere von ihrem Seſſel aufgeſprungen.„Sie iſt nicht zu Haus— ſie wird ausgefahren ſein— ich habe ſie vor einer halben Stunde...“ Der einfältige Francis aber ſagte, Miß Jemima ſei nicht ausgefahren, ſo viel er wiſſe; er glaube, Miß Jemima ſei in der Kinderſtube. George Meadows befahl dem Diener, ſich nach dem Kinde umzuſehen, und bald darauf erſchien die junge, bleiche Gouvernante im Lilakleide und an ihrer Hand das arme, unglückliche Geſchöpf im grünen Röckchen unter der hohen Thüre des Drawing⸗Rooms.— So blieben ſie eine Weile ſtehen, Beide mit änglichſt nieder⸗ geſchlagenen Augen. Kaum aber, daß Jemima George Meadows Stimme hörte, wie er mit ſanftem Tone rief: „Jemima, mein Kind, komm zu mir!“ da flog das kleine Mädchen— plötzlich eine Andre geworden— mit offnen Armen auf den Rufenden zu, verbarg ihr ganzes Ge⸗ ſichtchen in ſeinem Schooß und umklammerte die Kniee deſſelben mit leidenſchaftlicher Inbrunſt. O, die Liebe, wenn man ſie hartherzig zurückſtößt, wird wie ein Strom, . 110 110 der unter dem Eiſe ſich ſtaut, wie ein Wildbach, und ihr Ausbruch, wenn nun die Decke ſich löſt, hat etwas Furiöſes und unheimlich Entſetzendes. George Meadows legte beide Hände auf den mit ſpärlichem Haare bedeckten Kopf des Mädchens und küßte die Stirne der laut und heftig Schluchzenden. „Lebe wol, mein Kind“, ſagte er,„ich gehe und muß Abſchied von Dir nehmen!“ Da ſchrie das Kind furchtbar auf.„O nimm mich mit, v nimm mich mit“, jammerte ſie. Lady Caſtlemere aber, welche dieſer für ſie unerträg⸗ lichen Scene mit ſteigender Empörung zugeſehen hatte, mußte ſich die höchſte Gewalt anthun, um einen Auftritt zu vermeiden. „Ich gehe nicht für immer, liebes Kind!“ ſagte George Meadows ſie zum Abſchied küſſend.„Ich kehre wieder und dann laſſe ich Dich nicht mehr von mir!“ Mit geſenktem Haupte Folgte das Kind dem bleichen Mädchen in Lila; ohne ſich umzuſehen, ohne weitern Widerſtand zu leiſten, ging ſie traurig von der einzigen Seele auf dieſer Welt, welche wußte, wie ſie litt und welche Mitleid mit ihrer Liebe und ihrem frühzeitigen Elend hatte. 8 Mr. George Meadows ſetzte ſich nicht mehr nieder. „Leben Sie denn wohl, Jane“, ſagte er,„und... Er vollendete den Satz nicht. Mit flammendem Ge⸗ ſicht und mit Verderben funkelnden Augen ſtand ſeine Schweſter vor ihm. „Leben Sie wol,“ ſagte ſie, indem ſie ſeine ihr dar⸗ gebotene Hand zornig preßte,„leben Sie wol!“ Man 111— ſah es ihr an, man hörte es ihr an, daß ſie ihrem Bru⸗ der dieſe Scene des Abſchieds und der Beſchimpfung nie vergeſſen und nie vergeben würde!— Dann ging er mit einer leichten Verneigung gegen den Captain. Dieſer tapfre Mann aber war während des ärgerlichen Familiendramas mit dem Hut in der Hand bis zu dem Fußſockel ſeiner Göttin retirirt. Da ſtand er nun, eine viel traurigere Figur fürwahr, als in jenem erſten Momente, wo Lady Caſtlemere ins Gemach getre⸗ ten. Aber nun war ihm Alles klar— nun wußte er Alles. Ein Kind, welches jeder etwaigen Heirath im Wege ſteht— ein gutmüthiger Bruder, welcher das un⸗ bequeme Weſen protegirt,.. eine Mutter, die ihr Kind haßt,— eine Schweſter, die ihren Bruder fürchtet. eine ſtolze, reiche, leidenſchaftliche Frau, welche, wenn ſie nur klug unterſtützt wird, mit allen Hinderniſſen fertig werden und über Haß und Furcht triumphiren wird... das ſind die Schwierigkeiten und das iſt der Preis des Kampfes Eein Kampf allerdings; aber wie wird er, Captain Fitzroh, der mit dem Hut in der Hand unter dem Goldkranz der Siegesgöttin ſteht, vor einem Kampf zurückbeben, in welchem er eine ſolche Beute zu erwarten hat „Captain,“ ſagte die edle Dame, ſchöner, reizender, verführeriſcher als je in dem Purpur des Zornes und der Aufregung, welcher ihre Wangen malte, in dem Feuer der Leidenſchaft, welches das Blau ihrer Augen in dunkle Gewitterfarbe verwandelt hatte,—„Captain, ich bitte Sie nicht, Ihren Platz wieder einzunehmen und das Geſpräch fortzuſetzen, in welcher wir durch dieſe unerwar⸗ tete Scene unterbrochen wurden. Aber ich hoffe, wir haben uns nicht zum letztenmal geſehen!“ Der aufrichtige Captain gab vor, von dem ganzen Auftritt eigentlich und wenn er die Wahrheit bekennen ſollte nicht recht Etwas gehört zu haben; und wenn er auch etwas gehört hätte, ſo hätte er doch Nichts davon verſtanden, und Alles in Allem möchten dies vielleicht die kleinen Schatten des Familienglücks ſein, über die ihm, dem Kriegsmann, kein Urtheil zuſtände, da er ja leider bisher auch ſeine Segnungen nicht erfahren. Kluger, aufrichtiger Kriegsmann... glückliche, ge⸗ ſegnete Mutter mit dem kleinen Familienſchatten, dem unſeligen Geſchöpf im kurzen, grünen Röckchen!— Der Captain ging. Auf der Schwelle fiel ihm ein, daß heut Freitag ſei und am Abend bei dem glänzenden Wetter der Corſo von Rotten⸗Row ſtattfinden werde. „Bleiben Sie nicht aus, Captain,“ waren Myladys letten Worte.„Ich liebe den Corſo. Sie werden mich finden!“ Dann ſchritt er die Treppe herab und die ſchwere Hausthüre fiel hinter ihm ins Schloß. Mylady aber gab den Befehl, daß Eliza ſofort vor ihr erſcheinen ſolle. Zitternd erſchien das bleiche Mäd⸗ chen in Lila; aber ſie fand ihre Herrin auffallend ruhig. „Setzen Sie ſich an den Schreibtiſch, Eliza“, ſagte ſie,„nehmen Sie Feder und einen von den Briefbogen aus jener Mappe.“ Die Bleiche that, wie ihr befohlen, und Lady Caſt⸗ lemere, in denſelben Seſſel zurückgelehnt, in welchem ſie vorhin dem Captain gegenübergeſeſſen, dietirte: „ — —— Belgrave Square. Juli, 18. 1856. Theure Miß Swytz! „Sie ſehen, ich habe es nicht vergeſſen, daß man Sie und Ihr Etabliſſement mir dringend empfohlen hat. Lange hat die Sorge für das Wohl meines Kindes in mir einen harten Kampf mit der Mutterliebe gekämpft. Die Mutterliebe räumt nun endlich das Feld, und ich bin entſchloſſen, mich von meinem einzigen Kinde zu trennen und Ihnen die weitere Erziehung deſſelben an⸗ zuvertrauen. „Sie kennen den großen Fehler meines Kindes, welchen zu wiederholen der Eitelkeit der Mutter ſchwer genug wird. Es iſt eigenſinnig bis zum Uebermaß. Es iſt halsſtarrig, es iſt heftig, es iſt leidenſchaftlich bis zu einem für ſein Alter kaum glaubhaften Grade. Nehmen Sie denn meine Jemima, welche ich Ihnen mit bluten⸗ dem Herzen und überſtrömenden Augen übergebe, und verſprechen Sie mir Eins: ſchicken Sie mir mein Kind unter keinem Vorwand unv zu keiner Zeit zurück, bis Sie es gründlich gebeſſert und von ſeinen Fehlern be⸗ freit haben; was Ihnen, unter S Beiſtand, vielleicht gelingen wird, wenn Sie die Strenge anwenden, durch welche Ihr Inſtitut ſich einen ſo wolverdienten Ruf erworben. „Sie werden dieſe Zeilen heut Abend empfangen und morgen Mittag wird meine geliebte Tochter bereit ſein, den Herd ihrer Mutter mit ſeiner neuen Heimath zu vertauſchen. Noch einmal lege ich Ihnen das Wohl und die Beſſerung deſſelben an das Herz, und in der Hoffnung, 8 Straßenſängerin I. — 1 daß der Allmächtige zu dieſem Werke ſeinen Segen geben werde, bin ich S aufrichtig „Haben Sie geſchrieben?“ fragte Mylady. „Ich habe“, war die ſchüchterne Antwort der Bleichen. „So geben Sie mir die Feder“, und mit einem kräftigen Zuge unterzeichnete ſie: „Jane, Lady Caſtlemere.“ „Sie können gehen, Eliza“, ſagte ſie dann.„Sch werde den Brief ſelbſt convertiren und addreſſiren, ſenden Sie mir Jacques Paturot herein.“ Eliza ging.„Wie iſt's möglich!“ rief ſie, als ſie draußen ſtand, und die traurigen Augen fragend empor⸗ wandte. Dann trat Jaccues Paturot ein und Mhlady machte die Aufſchrift. „Miß Sophia Swytz. Elm⸗Tree⸗Cottage. Edwardes Square. Kenſington.“ „Wirf dieſen Brief in den nächſten Briefkaſten,“ ſagte Mylady, und Jacques nahm den Brief und warf ihn in den nächſten Briefkaſten. . Siebentes Capitel. Rotten-Eow. London iſt nicht dieſelbe Stadt in der einen Hälfte des Jahres, welche es in der andern iſt. London lebt zwei Leben; ein dunkles, alterthümlich einförmiges im Nebel des Herbſtes und Winters, ein helles, farbenreich wechſelvolles im Sonnenſchein des Frühlings und Sommers. Sigenthümlich ſcheint es und man hat ſich auf dem Continent oft gewundert, daß der engliſche Edelmann ſein Landſchloß verläßt, wenn der Wald, welcher es um⸗ giebt, ſich anfängt zu färben, und die Wieſe, welche vor demſelben ausgebreitet iſt, in ihrer entzückendſten Friſche zu glänzen beginnt; und daß er um dieſe Zeit die Stadt ſucht mit ihren ſchweren Paläſten, ihren drückendheißen Opernhäuſern und künſtlich verdunkelten Concertſälen. Dieſes ſcheinbare Verkehren der Ordnung, wie wir ſie uns denken, hat jedoch ſeine Gründe. Der engliſche Adel, welcher ſich bei ſeinen alten Sitten und Gebräuchen bei Weitem conſervativer erhalten hat, als der unſrige — obwohl es Dinge giebt, über die er freiſinniger denkt und urtheilt, als dieſer— liebt es, das Weihnachtsfeſt in der mit Efen, Holly und Miſtletoe geſchmückten Halle ſeines väterlichen Schloſſes zu feiern, und den Gkberkopf, welcher eine ſo ehrwürdige Rolle in der Zeit der Zwölften und des heiligen Drei⸗König⸗Tages ſpielt, an der Stelle zu verſpeiſen, wo ſeine Ahnen ihn zu ver⸗ ſpeiſen gewohnt waren. Sein Leben in der Stadt iſt 6 ſehr verſchieden von ſeinem Leben auf dem Lande. Hier iſt er wirklich noch der alte engliſche Edelmann, den wir uns ebenſo gut in Wamms und Halskrauſe denken könnten, ob er nun gleich den Tuchrock und den Vater⸗ mörder ſeiner übrigen Zeitgenoſſen trägt. Hier geht er dem edlen Waidwerk nach in ſeinen eigenen Forſten; hier ſpielt er des Abends, neben dem großen Kamin, Schach mit ſilbernen Figuren; hier ſitzt er mit dem Geiſtlichen ſeines Dorfes am Eichentiſch bei dem Stein⸗ krug, welcher mit Claret gefüllt iſt; hier iſt er gaſtfrei, hier iſt er geſellig, hier iſt er gut gelaunt und hier übt er unter ſeinen Pächtern das verehrte Amt eines Patriarchen. Nun aber wird es Frühling und das Parlament der drei vereinigten Königreiche verſammelt ſich in Weſtwin⸗ ſter. Nun färbt ſich der Forſt und der Raſen— nun wird die ſchwere Reiſekutſche bepackt und mit vier wolge⸗ nährten Roſſen beſpannt— nun verläßt der engliſche Londedelmann mit Weib, Kind, Bedienten und Kammer⸗ jungfern das altmodiſche Caſtell ſeiner Väter, und in einem der nach italieniſchem Muſter erbauten Paläſte von Belgravia finden wir ihn wieder. Hier iſt er ein Andrer. Hier gehören ſeine Abende, ſeine Nächte zuweilen dem Parlament; ſeine Tage dem Klub, der Zeitung, der Parteidebatte. Hier iſt er ein ernſter Mann, hier hat er ſeine Widerſacher, die ihn verdrießlich, ſeine Supplikanten, die ihn ablehnend machen. Hier giebt es keinen Gichentiſch und keine Steinkrüge; hier giebt es nur Nochdenken und Arbeit für ihn. Seine Frau jedoch, ſeine in der Friſche des Landlebens erblüh⸗ — Diamantgehängen, und in ihrer ausgeſuchten Pracht und — 117— ten Töchter, ſeine von der Uebung der ländlichen Win⸗ terbewegungen gekräftigten Söhne— dieſe ſind es, welche ſich nach Unterhaltung ſehnen, und welche den bunten Schauplatz der Londoner Seaſon, von der Eröff⸗ nung des Parlaments im Februar, bis zum Schluſſe deſſelben im Juli oder Auguſt, bevölkern. Für ſie ſen⸗ det Italien ſeine Primadonnen, Spanien ſeine Tänze⸗ rinnen, Frankreich ſeine Comödianten und Deutſchland ſeine Virtuoſen nach London. Für ſie verwandelt ſich dies ernſte, geſchäftige, nachdenkliche London in einen Tum⸗ melplatz des Leichtſinns, des Geſangs und des Vergnü⸗ gens. Dann ſchimmern die großen Spiegelſcheiben der Magazine in Regentſtreet und Picadilly, Haus an Haus, und Fenſter an Fenſter, eine halbe Meile hinauf, eine halbe Meile herunter, von den koſtbaren Geſpinnſten ferner Länder, von hohen Goldgefäßen und blitzenden mit den tropiſchen Gerüchen, welche aus den Läden des kleinen Piver und des großen Atkinſon wehen, gleichen ſie wundervollen Conliſſen für den mannigfaltigen An⸗ blick der offenen Karoſſen der Nobilith und Gentry von England, die ſich auf dem breiten, ſonnigen Podium der Straße bewegen. Und nun muß man ſich nicht einbilden, daß London Nichts ſei, als ein wüſtes Häuſerchaos. Die landſchaft⸗ liche Umgebung dieſer einzigen Stadt— ſie iſt das Rom der neuen Zeit!— iſt von einer unendlichen Schönheit. Die Surreyhügel begränzen ſie. Grüne Waldungen, von dem Hauche des Waſſers in ewiger Friſche genährt, ſind ihr duftreicher Kranz. Luftige Haidehöhen ſtehen — an den Endpunkten ihrer Vorſtädte. Die Themſe, ein tiefklares Gewäſſer, ehe der zähe Abfluß des unterirdi⸗ ſchen Londons ſich in ihre Fluthen wälzt, und der Schaufelſchlag der Dampfſchiffe die trübe Maſſe täglich neu aufwühlt, ſieht liebliche Raſenflächen an ihren Ufern, mit roſenumſponnenen Villen, dunkle Baumkronen und alte Königsburgen, deren Zinnen darüber hinausſchauen, ländliche Beſitzungen, in denen der Friede, die Stille und die Freude an der ſchönen Natur wohnt. Und dieſe Miſchung von Blumen und Wald, von Straße und Landſchaft, von Duft und Sonne, von Muſik und Schauſpiel, von Schönheit und Luxus, von Kraft und Genuß: das iſt die„Seaſon“ von London, in welcher ſich Alles ein Rendezvous giebt, was durch Rang, Reichthum und Geiſt groß und ausgezeichnet iſt in England. Der Moment nun, in welchem man dieſe glänzende Verſammlung am Beſten und mit einem Blicke gleich⸗ ſam überſchaut, iſt der ſpäte Nachmittag des Freitags. Um dieſe Zeit findet altem Brauch und Herkommen ge⸗ mäß der Corſo von Rotten⸗Row Statt, und man iſt gewohnt, dies conventionelle Vergnügen der faſhionablen Welt von London ſo ſehr zu reſpectiren, daß am Freitag die beiden Opernhänſer geſchloſſen ſind und in der Reihenfolge der Concerte eine Pauſe eintritt. Und dann, wenn die Hitze des Tages gewichen, und durch die Bäume und Gebüſche die beginnende Abendkühle weht: dann füllt ſich Rotten⸗Row mit Kutſchen, Karoſ⸗ ſen, Gigs und Broughams, mit Toiletten und Livreen, mit Reitern und Reiterinnen, mit Amazonenhütchen und — Jockehmützen; dann ſitzt Alles was ſchön, jung, lebens⸗ luſtig und adlig iſt in England auf den Polſterkiſſen rollender Equipagen oder auf den feinen Lederſätteln ſchnaubender Roſſe und munterer Ponies. Rotten⸗Row iſt ein breiter Fahrweg mit tiefem, gelbem Sand, welcher zwiſchen der unabſehbaren, grünen, von Baumgruppen hier und da beſchatteten Wieſenfläche von Hydepark und dem träumeriſch von Hängeweiden überdachten Waſſerſpiegel des Serpentine mit ſeinen kunſtreichen Bogenbrücken, ſeinen weißen Segelböten und weißen Schwänen auf azurblatem Grunde, vom Monu⸗ mente Wellingtons und den Säulen an Hydepark⸗Corner bis zu dem Waldpark von Kenſington⸗Garden führt. Dies Alles ſind faſhionable Namen und ariſtokratiſche Quartiere. Den Rücken deckt die lange Palaſtreihe von Park⸗Lane,— coloſſale Steinhaufen, mit rundem Vor⸗ bau, halb in Grün verſteckt, und mit mehrentheils ge⸗ ſchloſſenen und verhängten Fenſtern— die Scene von Thackerah's„Vanith Fair“, der Wohnſitz der Diplo⸗ natie, die Stadtreſidenz von Lionel Rothſchild, Baronet, M. P., und die Stelle wo vor ſiebenzig Jahren der Galgen von Thburn ſtand. Das Buſch⸗ und Baum⸗ grün von Kenſington, mit der Lücke, durch welche man den breiten, flachen Palaſt ſieht, in welchem die gute Königin Marh lebte, liebte, litt und ſtarb, und den holländiſchen Gartengrund davor, welchen Wilhelm III. im Andenken an das väterliche Schloß und voll Heim⸗ weh nach den ſtillen Tagen von Loo anlegte, ſchließt den Aſpect nach Vorn; und zur Rechten, über die Raſen⸗ höhe von Hydepark ſchauen die Dächer und Schornſteine von Edgeware⸗Road und Bahswater, im Dufte des Abends kühngezackten Berggipfeln mit phantaſtiſchem Geholz nicht unähnlich. Hier war es, am grünen Rande des vom Unter⸗ gang der Sonne lieblich gerötheten Serpentine, wo am ſpäten Nachmittage des 18. Juli 1856 George Meadows mit ſeinem ergebenen Freunde John Crawford ritt. Der Corſo war heut von einer beſonderen Eleganz. Die Seaſon dieſes denkwürdigen Jahres hatte ſich we⸗ gen der Ereigniſſe, die unſern Leſern bekannt ſind, über ihre gewöhnliche Dauer hinaus verlängert. In der glänzenden Wagenreihe, welche ſich am Saume von Hydepark unter den abendſonnigen Bäumen bewegten, ward kaum eins von den Wappen, Farben und Emblemen vermißt, welche in Burke's Peerage und Baronetage von Großbritanien und Irland beſchrieben ſind. Zahl⸗ reich hatten ſich auch die Zuſchauer zu dieſem prächtigen Schauſpiel, in welchem die Damen, Herren und Pferde des engliſchen Adels die Acteurs waren, eingefunden, ſitzend entweder auf den eiſernen Bänken am Rande des Fahrweges oder lagernd unter den Kuh⸗ und Schafheer⸗ den, welche friedlich auf der Wieſe von Hydepark weideten. „Es iſt der letzte Tag, an welchem wir zuſammen ſind, lieber John“, ſagte George Meadows;„Sonntag reiſe ich, und wir werden uns ein paar Jahre vielleicht nicht ſehen!“ „O, es iſt mir ganz gleich“, ſagte der treue John, dem die Thränen in den Augen ſtanden,„geh, fahre, reiſe— mach was Du willſt. Ja!“— Dann ver⸗ ſuchte er zu lachen, aber der Ton blieb ihm in der Kehle ſtecken und plötzlich war er ganz ſtill und ſah ſeinen Freund ſchlau an. Es war unſerm guten John, wie wir wiſſen, nicht möglich zu widerſprechen. Er hätte ſeinem Freunde gern geſagt, wie ſchwer ſein Herz ihm bei dem Abſchiede ſei; er konnte aber die Worte nicht über die Lippen bringen, ſagte vielmehr das Gegentheil von dem, was er fühlte, erſchrak mitten in ſeiner Rede über ſich ſelbſt, beſtätigte aber ſich und ſeinem Freunde gegenüber die Wahrhaftigkeit derſelben, vermochte dann aber wirklich Nichts mehr hinzuzufügen, brach plötzlich ab, be⸗ wunderte ſich ſelber und erwartete, daß auch ſein Freund desgleichen thue. Aber George Meadows war heute nicht in der Stimmung auf eine ſo complicirte Gedankenverbindung einzugehen. „O, mein Freund!“ ſagte er, indem ihre Roſſe lang⸗ ſam dahinſchritten,„wüßteſt Du, wie glücklich ich bin! Könnte ich Dir ſagen, warum ich es bin! Aber ich denke, die Zeit iſt noch nicht gekommen; es giebt Ge⸗ heimniſſe, die ihren Werth verlieren, wenn man über ſie ſpricht, wie manche Blume ihren Schmelz verliert, wenn man ſie berührt!“ „O, ich bin auch ganz glücklich“, ſagte der gute John Crawford, indem er ſein Taſchentuch hervorzog, um ſich die Augen zu trocknen.„Ich muß Dir ſagen“, fügte er hinzu aber er ſagte Richts, ſondern ſchloß X ſeine beabſichtigte Rede mit einem zufriedenen Kopf⸗ nicken und einem aus tiefſter Ueberzeugung hervorgehen⸗ den: —— „Sieh“, fuhr George Meadows fort,„Du weißt, wie wenig wol und frei ich mich in der letztern Zeit in dem Hauſe meines Vaters fühlte. Du weißt, was mir fehlte, ich habe oft mit Dir darüber ge⸗ ſprochen“.. „O, es hat mir auch gefehlt“, ſchaltete der gut⸗ müthige John ein, ein Enthuſiaſt darin, an den Freuden und Leiden ſeiner Freunde Theil zu nehmen. Uebri⸗ gens hatte er keine Ahnung weder von dem, was ſei⸗ nem Freunde, noch weniger aber von dem, was ihm ſelber gefehlt habe. „Du weißt“, begann Meadows auf Neue,„daß ich mich lange danach geſehnt habe, dem Zuge meines Her⸗ zens, der Eingebung meiner innerſten Natur endlich ein⸗ mal frei folgen zu dürfen. Warum ſollen wir, habe ich mich oft gefragt, die wir die vom Schickſal Begün⸗ ſtigten genannt werden, im Grunde doch Nichts ſein, als ſeine Sclaven? Warum ſollen diejenigen Dinge, um welche der Haufen uns beneidet, der Reichthum, der Rang und die Bildung unſere Ketten und unſer Joch werden? John, ich bin entſchloſſen, dieſe Ketten von mir zu werfen, dieſes Joch zu zerbrechen— ich bin entſchloſſen, der Welt und den Vorurtheilen zum Trotz meinen Weg zu wandeln— ich bin entſchloſſen und darum bin ich ſo froh und ſo glücklich! Was ſagſt Du dazu, John?“ John, bei dieſer Anrede plötzlich auffahrend, ſah aus, als habe er von der ganzen Anſprache Nichts gehört oder Nichts verſtanden. Dann aber, mit dem Tone der freudigſten Zuſtimmung rief er:„O, es iſt mir ganz — 123— gleich! Wirf, zerbrich, ſei entſchloſſen, ſei froh, ſei glück⸗ lich— o ja!“ Und. mit einem Blicke, ſtrahlend von Triumph, ſah er ſeinen Freund an und lachte ſo laut, daß ſein Pferd unruhig ward, worauf er ſogleich wieder mitten innehielt.— „Dieſen vorletzten Nachmittag habe ich nun dazu beſtimmt, lieber John“, ſagte George Meadows,„mit Dir und Sam zuſammen zu ſein. Aber ich wundre mich ſehr, Sam nicht zu ſehen! Ich möchte wiſſen, wo er iſt!“ „Ich möchte es auch wiſſen“, ſagte John, obgleich er vorhin, als er kam, Sam bereits in Geſellſchaft einer Dame geſehn hatte. „Es iſt möglich, daß wir zu hoch hinauf geritten ſind, John“, ſagte George Meadows, welcher mit den Gedanken des Abſchieds und der Zukunft zu ſehr be⸗ ſchäftigt geweſen, um zu merken, daß ſie allerdings den Rand von Kenſington⸗Garden beinahe erreicht und den Corſo von Rotten⸗Row ſchon weit hinter ſich ge⸗ laſſen hatten. „Es iſt möglich“, ſagte John, welcher dem Beiſpiel des Freundes folgend, ſeinen Braunen herumlenkte. Sam ritt in der Geſellſchaft einer Dame. Es war vielleicht nicht die jüngſte und nicht die ſchönſte Dame, welche auf dem Reitwege, längs der großen Chauſſee von Rotten Row, ritt; aber ſie war diejenige, welche die Blicke und die Aufmerkſamkeit von Allen am Meiſten auf ſich zog. Sie trug ein langes knappanſchließendes mattblaues Tuchgewand, welches über den Flanken ihres kleinen, feurigen Arabers faſt bis in den gelben Sand — 124— niederſchleppte; ſie trug ein graues Filzhütchen mit weißer, prächtig gebogener Reiherfeder und breit nach Hinten ge⸗ worfenem Schleier von blauem Flor, und in der kleinen Hand, welche in einem hohen weißen Stulphandſchuh ſteckte, hielt ſie eine feine Reitgerte, welche die wilde Mähne ihres Thieres zuweilen leiſe ſtrich. „Das iſt Lady Caſtlemere!“ flüſterte ſich das junge Blut der Seaſon zu, indem ſie im ſcharfen Trab ihren Weg nahm durch die vielen Hunderte der hier trabenden oder galoppirenden Amazonen und ihrer Cavaliere und Reitknechte. Der Corſo der Equipagen mit den Kindern, den alten Damen, dem Pudel und dem Regenſchirm, deſſen gelber Griff bei gutem und ſchlechtem Wetter eine ſtereothpe Erſcheinung iſt unter dem Kutſcherſitz, bewegt ſich auf der andern Seite des Weges, und zwiſchen den fahrenden und den reitenden Patriziern befindet ſich ein ſchmaler Raſenſtreifen mit Bänmen und Bänken für die Plebejer zu Fuß. Sam Slender, Esquire, vom Inner Temple hatte ſich pünktlich zu dem verabredeten Rendezvous mit Mea⸗ dows und John eingefunden; aber er konnte es ſich nicht verſagen, als er Lady Caſtlemere und Jacques Paturot im Jokeyhabit, mit breitem Gürtel um die Hüfte dahin⸗ ſprengen ſah, der Schweſter des Freundes einen Augen⸗ blick den Vorzug vor dieſem ſelbſt zu geben. Unſer Freund, der Esquire, litt bekanntlich an einer fixen Idee; und er ſah gar nicht ein, warum Mylady es nicht ſo gut ſein könne, als irgend eine Andere. Sie war allerdings Wittwe und hatte ein Kind aus eſter Ehe, welches der — 125— reichen Mitgift im Wege ſtand; aber Sam Slender, Esquire, dachte großmüthig in dieſem Punkte. Reich⸗ thümer waren nicht das Einzige, worauf er ſah; kurz, er gab ſeinem Rößlein die Sporen und es trug ihn raſch an die Seite Ihrer Herrlichkeit. Mylady war heut in einer ausgelaſſen guten Laune Sie mußte eine große Freude an dieſem Tage erlebt haben, dachte Sam; ſie mußte die Nachricht einer Ertra⸗Erbſchaft, welche ſie mit Einemmal unabhängig von den Feſſeln jenes Teſtaments machte, empfangen haben; ſie mußte durch eine glückliche Fügung des Schickſals in die Lage gekommen ſein, ſich ihren Zukünftigen frei wählen zu dürfen, dachte der Es⸗ quire,— ja, er dachte ſogar daran, ſie von ſeinem Onkel, dem Schwarzen und ſeinen eigenen Ausſichten zu unter⸗ halten, was er bisher nicht gewagt hatte. So liebens⸗ würdig war Mylady heute; ſo freudeſtrahlend war ihr übermüthig ſchönes Geſicht, ſo herausfordernd ihr Lachen. Aber er war mit den Vorbereitungen dieſes Ent⸗ ſchluſſes noch nicht ganz fertig, da kam— als ſie eben bei Hydepark⸗Corner umwenden wollten— ein Reiter von den Säulen der Colonnade daher. Mhlady hielt, als ſie ihn erblickte. Sam Slender hielt auch; aber er that es mit großem Verdruß. „Wer iſt dieſer Burſche,“ dachte er, als er den neuen Ankömmling in ſchöner, ritterlicher Geſtalt auf kohl⸗ ſchwarzem Pferde dahergaloppiren und vor Lady Caſtle⸗ mere mit dem Hut in der Hand Halt machen ſah. „Da ſind Sie endlich, Captain,“ ſagte ſie.„Es ſcheint, Sie laſſen ſich gerne erwarten!“ S „Es wäre unhöflich, einer Dame gegenüber Ja! zu ſagen; und Nein! zu ſagen wäre eine Unwahrheit, da Sie mich fragen, Mhlady,“ erwiederte der Captain mit tiefer, galanter Verbeugung. „So kommen Sie hierher, an meine rechte Seite!“ ſagte Lady Caſtlemere, indem ſie mit ihrer feinen Reit⸗ gerte über die lange wilde Mähne ihres Roſſes ſtrich, worauf dieſes mit raſchem Trabe dahinging. Der verwunderte Sam Slender ſah ſich durch dieſes geſchickte und raſche Manveuvre mit dem grinſenden Jacques Paturot, welcher ihm den Fußtritt vom Theater Ihrer Majeſtät noch nicht vergeſſen hatte, in eine Linie gebracht.„Aber Du wirſt Dich doch nicht durch einen Captain So⸗ und So⸗ aus den Sattel heben laſſen, Sam Slender?“ dachte das beleidigte Mitglied vom Inner⸗ Temple, und flugs nahm er die aufgegebene Poſition zur Linken Ihrer Herrlichkeit ein. „Ah, Captain, ich hatte vergeſſen,“ ſagte Lady Caſtle⸗ mere mit einem ſehr eigenthümlichen Lächeln,„Ihnen Sam Slender, Esquire vom Middle⸗Temple vorzuſtellen!“ Jetzt erreichte ſein Verdruß den Gipfel; das war ſeine ſchwache Seite, das war das Einzige, was er Nie⸗ mandem verzieh. Vom Middle⸗Temple! Als wenn er, Sam Slender, Esquire, mit dem Middle⸗Temple in ir⸗ gend einer Verbindung auch nur gedacht werden könnte! Als ob Jedermann daß, Sprüchlein nicht kennen müßte, welches von den vier Juriſteninnungen ſagt: Der Inner⸗Temple für die Nobility, Der Middle⸗Temple'ne Sinekure— Lincoln's Inn für Bürgersleut, Und Gray's Inn für'ne—— „Vom Inner⸗Temple, Mylady,“ ſtotterte der vor Wuth zitternde Zuriſt, deſ ſen Liebe zu Myladh ſich von dieſem Augenblick an ſtracks in den allergrößeſten Haß verwandelte,—„vom Inner⸗Temple, welcher um das Jahr 1184 nach Chriſti Geburt gegründet ward, Mylady, von tapfern Tempelherrn, welche aus dem gelobten Lande heimkehrten, Mhlady; welcher den Rittern des Rechts übergeben wurde im Jahre 1300, Myladh; zu welchem Sie durch das Thorhaus mit dem Perrückenladen und dem Wappen Heinrich's VIII. von Fleetſtreet gehen, Mylady, und welcher die Ausſicht auf die Themſe hat, Wylady, und ein geflügeltes Roß in ſeinem Wappen führt. Und nun leben Sie wohl, Mhlady,“ rief der empörte Ritter des Rechts, welcher in der Meinung, ſeine Rede müſſe die Dame, an welche ſie gerichtet gewe⸗ ſen, vollſtändig niedergeſchmettert haben, ſeinem Pferde die Sporen gab, und raſcher entſchwand, als Jacques Paturot zu einem ſeiner höhniſchen Gelächter Zeit finden konnte. George Meadows und John Crawford aber be⸗ fanden ſich eben auf ihrem Rückwege zum Corſo, an der beſchriebenen Biegung des Serpentine, als ihnen das geflügelte Roß des Inner⸗Temple entgegenſchnaubte. „Jetzt iſt Alles aus!“ rief der Reiter deſſelben ſeinen Freunden entgegen,„Alles! Fragt mich nicht,“ ſchaltete er ein, als er die erſtaunten Geſichter der Beiden ſah, „aber aus iſt es! Alles iſt aus!“ „Du machſt mir es unmöglich, mit Dir zu ſympati⸗ ſiren, theurer Sam,“ ſagte George Meadows lächelnd, denn er kannte die hitzige, ſonſt aber im Garzen ziemlich harmloſe Gemüthsart ſeines Freundes. ———————— ————— ———— „Aber was iſt Dir denn eigentlich begegnet?“ „Was mir begegnet iſt?“ entgegnete Sam, der bei ſolchen Anläſſen in Räthſeln zu ſprechen liebte, obgleich es ihm anderntheils auch unmözlich war, ſein Geheim⸗ niß ganz für ſich zu behalten.„Was mir begegnet iſt? Nichts iſt mir begegnet. Mylady Caſtlemere iſt mir begegnet. Ihr niederträchtiger Dienſtmann von einem Franzoſen iſt mir begegnet, der Teufel ſoll ihn holen! Ein Captain So⸗ und So⸗ iſt mir begegnet— ich weiß nicht, wie er heißt; ich will nicht wiſſen, wie er heißt. Nichts iſt mir begegnet!“ Bei der Erwähnung des Captains flog eine dunkle Röthe über George Meadows Wangen. Es giebt Leute, von denen bei der erſten Begegnung die Natur uns ſagt, daß wir geſchworene Feinde ſind. Der Captain war für Meadows einer von dieſen Leuten. „Ich bin nicht in der Laune, dieſem Mann zu be⸗ gegnen,“ ſagte George Meadows, indem er ſeinen Freun⸗ den ein Zeichen gab, eine andere Biegung des Weges einzuſchlagen. „Ich bin auch nicht in der Laune,“ ſagte John Crawford, welcher in dieſem Augenblicke zuerſt von dem Daſein eines Captains gehört hatte, welcher ſo unglück⸗ lich geweſen, ſeinem Freunde Sam zu begegnen. „So kommt denn mit mir nach Belgrave Square, wenn Ihr Nichts dagegen habt,“ redete George Meadows ſeine Freunde an,„wir wollen in meinem Hauſe bei einer letzten Flaſche Wein Abſchied nehmen!“ „O, es iſt mir ganz gleich,“ ſagte der treue John⸗ welchem bei dem Worte:„Abſchied nehmen“ die ver⸗ worrenſten Fluchtpläne durch den Kopf gingen. Kommt, trinkt, macht was Ihr wolſt Ha, ha, ha!“ Diesmal ſchloß er ſeine Rede mit einem krampfhaften Lachen der Verzweiflung, in welchem er jedoch, ſeiner Gewohnheit gemäß, wieder plötzlich inne hielt. Schweigend hierauf im Schein der Sonne, welche glühend roth über Kenſington niedergin phataſtiſche Schatten auf ihren Weg warf, ritten die drei auf Seitenpfaden über die breiten Straßen von High⸗Row und Knightsbridge nach Belgrave Square. Als ſie jedoch vor Hazlewvod⸗Hauſe angekommen waren, da fehlte Mr. John Crawford. In einer der vielen kleinen Seitenſtraßen, welche ſie gekreuzt hatten, um dem fürchterlichen Captain zu entgehen, hatte er die Bequemlichkeit eines vorſpringenden Winkels benutzt, um dem drohenden Haupt⸗ und Staatsabſchied zu entrinnen. „Lebe wol, Du guter, treuer Menſch,“ ſagte George Meadows, von ſeinem Pferde abſteigend und in die Rich⸗ tung blickend, in welcher John entflohen ſein mußte— „beſſer mit mir meint es Niemand als Du— aufrich tiger liebt mich Keiner! So, wie wir uns heute ver haben, werden wir uns niemals mehr Gebe Gott denn, daß uns ein frendiges Wiederſehen beſchieden ſei.“—— Hierauf warf er dem alten Bill die Zügel ſe des zu, hieß ihn auch das andere Pferd in den und trat mit ſeinem in das Haus.— ines Pfer⸗ Stall ziehen, immer noch zürnenden Freund Sam — Achtes Capitel. Ein Paus zu vermiethen. Am Abend deſſelben Tages ſaß Captain Fitzroh im Rauchzimmer des Army und Navh Clubs, Ecke von Pall Mall und St. James's Square. Der Club iſt das große Nationalinſtitut für den britiſchen Junggeſellen; gleichſam die Löſung des Pro⸗ blems, ob ein Gemeinweſen exiſtiren könne, welches blos aus Männern beſteht? Demgemäß ſchließt der engliſche lub jedes weibliche Weſen auf das Entſchiedenſte aus; und die Einzigen vom ſchönen Geſchlecht, welche die ge⸗ heiligte Schwelle deſſelben überſchreiten, dürften allenfalls die Scheuerfrau odex die Wäſcherin ſein. Ein männ⸗ licher Ton herrſcht in demſelben; es wird darin geſpielt, mit Karten, mit Billard, zuweilen mit Würfeln und Becher, es wird darin geraucht, gut dinirt und ſtark ge⸗ trunken, und dem engliſchen Junggeſellen iſt ſein Club ſeine Heimatſ und ſein Haus. Darnit ſoll nicht geſagt ſein, daß der verheirathete Mann nicht Chub⸗Mitglied ſein könne und wirklich ſei. Wir häben gute Freunde in London, verheirathete Männer, welche den Beſuch des Clubs fur dos einzige Vergnügen erachten, welches ihnen übrig geblieben⸗ Auch giebt es Clubs wie Carlton und Reform, mit ausgeprägtem politiſchen Charakter, zur parlamentariſchen Vorberathung und zur Verſtändigung über Partheifragen für die Tories und die Whigs. Ein anderer Club, und einer der reichſten und brillanteſten iſt es, das Athenäum, iſt für die Be⸗ 5 rühmtheiten von England, und Mitglied deſ gilt für eine Ehre, gleich der eines Akademilers. Indeſſen iſt der Akademiker, der Politiker und die Berühmtheit nur eine zufällige Vermehrung des Clubs; ſein eigentlicher Stammhalter iſt der Junggeſell, natür⸗ lich von guter Familie und anſtändigem Vermögen. Der engliſche Junggeſell von dieſer Eigenſchaft hat ſeine zwei bis drei Zimmer in irgend einer guten oder ſchlechten Straße der Stadt, von welchem er eins oder zwei als Schlaf⸗ und Ankleidezimmer benutzt, und das andere ſeinem Bedienten anweiſt. In dieſer Wohnung ſchläft er; ſeine Adreſſe aber iſt der Club. Für die Welt exiſtirt er nur im Club. Seine Privatwohnung ſteht außer Rede; ſie iſt nur ſeinem Bedienten bekannt. Alles, was ſich auf Geſellſchaft, Mode, öffentliches Er⸗ ſcheinen und geiſtreiche Unterhaltung bezieht, datirt vom alon, in welchem der Elub. Hier iſt ein großer S Gentleman ſeinen Beſuch empfängt; hier liefert der Poſt⸗ mann ſeine Briefe für ihn ab; hier ſchreibt er die Ant⸗ worten. Hier hat er in einem hohen Leſezimmer die Zeitungen der Stadt und der Provinz, die Magazine und Revüen, die Romane. Hier trifft er täglich mit ſeinen Freunden zuſammen; hier findet er Alles, was er gebraucht. Der Elub hat ſeine excellente Küche und ſei⸗ nen wohlverſorgten Keller; ſeinen unverfälſchten Mokta, ſeine wirklichen Havannah's. Der Club erſetzt dem Gentleman die ganze Behaglichkeit der Familie; und er läßt ihn nicht dazu kommen, wie ſo manchen unſerer continentalen Brüder, nur zu heirathen, weil dieſe Be⸗ haglichkeit ihm mangelt, weil er es 3. B. müde iſt, für ſelben zu ſein, ſeinen Mittagstiſch ſelbſt zu ſorgen oder am Abend ſeine Lampe mit eignen Händen zu putzen. Zu einem guten und anſtändigen Elub zu gehören, iſt daher für den un⸗ verheiratheten Gentleman in London eine Lebensfrage; und der Rang des Clubs, zu welchem er gehört, be⸗ ſtimmt ſeinen Rang in der Geſellſchaft. Die faſhionabelſten Clubs unſerer Zeit ſind diejeni⸗ gen, welche ſich in der Gegend von St. James's und Pall Mall befinden. Auch in andern Ländern, in Hol⸗ land, in Frankreich, in Deutſchland, z. B. in Altona, gibt es breite Straßen und Alleen, welche Pall Mall oder Paille Maille heißen, nach einem franzöſiſchen Spiele mit Ball(Paille) und Hammer(Maille), welches im ſiebenzehnten Jahrhundert in der Mode war. Die Londoner Straße, welche dieſen Namen führt, von jeher dem Vergnügen und der Unterhaltung geweiht, ward auch ſogleich der Ort für die Clubs, ſobald dieſe an die Stelle der geiſtreichen Coffee houſes vom vorigen Jahr⸗ hundert traten. Schon Johnſon ſpricht von dem„elub⸗ biſchen“ Charakter des Pall Mall, und in unſren Tagen zeigt die Straße von Carlton Place bis Malborough Houſe eine ſtattliche Clubfront neben der andern, eine coloſſale Reihe hoher Fenſter mit rieſigen Spiegelſcheiben, Säulen aus grünem, rothem oder weißem Marmor, maſſiven Treppen, palaisartige Aufgänge mit Teppich⸗ fluren, Diener in Frack und weißen Cravatten, Gent⸗ lemen, welche vor Zeitungsbrettern von Mahagonh ſtehen, oder an einem der oberen Fenſter des Gebäudes lehnen und Cigarren rauchen. Von allen faſhionablen Clubs des Pall Mall ſcheint uns der Army und Navy Club der luſtigſte zu ſein. Wir haben oft in dem ſtillen, alt⸗ariſtokratiſchen Square von St. James's geſtanden— es iſt ſo ſtille darin, daß man kaum das Rollen eines Wagens, ſelten etwas Andres, als das Flüſtern der Bäume in der Mitte hört, und Nichts ſieht als hier oder dort unter den co⸗ loſſalen Thoren einen gähnenden Footman in rothen Plüſchhoſen— und nach der ſteinernen Treppe ge⸗ blickt, welche von dem Clubhaus zu der reinlichen Breite des Squares niederführt, und nach den jungen Herren, welche auf der Treppe ſtanden und plauderten und lach⸗ ten. Wir haben die jungen Herren zuweilen beneidet, wenn ſie hinter den hohen Glasſcheiben des Portals verſchwanden und dem ehrerbietigen Wärter mit der weißen Cravatte vertraulich auf die Schulter klopften, welcher ihnen einen angekommenen Brief auf einer Silberplatte überreichte. Wir haben die jungen Herren von England zuweilen beneidet um ihre Sorgloſigkeit und ihren Reichthum, um ihr angebornes Bewußtſein und ihre natürliche Nobleſſe; keine jedoch erſchienen uns aus dieſen Gründen beneidenswerther als die jungen Herrn vom Army und Navh Club, an der Ecke von St. James's Square und Pall Mall. Und im Rauchzimmer dieſes Clubs ſaß Captain Fitz⸗ roh an dem Abend jenes Tages, an welchen er Mylady Caſtlemere beſucht und das erſte Rendezvous mit ihr auf Rotten Row gehabt hatte.— Captain Fitzroy ſaß in einem bequemen Lehnſtuhl, hatte ein Glas Grog neben ſich auf dem kleinen Tiſche, eine Cigarre im Munde und ein Zeitungsblatt in der Hand, in welchem er eifrig las. Captain Fitzroy war als Politiker nicht ſehr groß; pflegte auch im Allgemei⸗ nen nicht viel zu leſen, ſo daß ſeine Freunde, welche gleichfalls in bequemen Seſſeln ſaßen, Cigarren rauchten und Grog tranken, ſich über die Ausdauer, mit welcher der Captain ſeiner literariſchen Beſchäftigung oblag, zu wundern begannen. „Captain!“ riefen ſie unter Lachen,„es iſt wol die Beſchreibung Eurer eignen Heldenthaten, die Ihr da ſo aufmerkſam ſtudirt!“ „Bah!“ entgegnete er, ganz in Nachdenken und das Blatt verſunken, welches wie eine Art von ſpaniſcher Wand ſeinen Kopf und ſeinen Oberkörper unſichtbar machte. „Stört ihn nicht!“ riefen dann die jungen, luſtigen Herren wieder.„Es kommt ſo ſelten vor, daß Captain Fitzroh eine Zeitung lieſt, daß man die Augenblicke re⸗ ſpectiren muß, wenn er es ja einmal thut!“ Indeſſen hatten ſich die jungen Herren doch geirrt. Captain Fitzroy las nicht die Zeitung. Was er las, war das Supplement der Times; welches kein vernünf⸗ tiger Menſch für die Zeitung halten wird. Das Supplement der Times, wie es mit dem tech⸗ niſchen Ausdrucke heißt, iſt das große Receptakel der Londoner Annoncen, Anzeigen, Ankündigungen und Be⸗ kanntmachungen aller Art. Es iſt die Schale gleichſam und die äußere Umhüllung, in welche die Zeitung ſelbſt eingepackt iſt; und wenn es einem Menſchen einfallen ſollte, ſich durch dieſe Emballage bis zum eigentlichen Kern durchleſen zu wollen, ſo würde das gerade Arbeit genug ſein, um den längſten Som füllen. Das Supplement der Tir Seaſon acht Imperialfolioſeiten ſt ſechs Columnen, und jede di nen einige hundert Zeile mertag damit auszu⸗ nes iſt während der ark, jede Seite hat eſer achtundvierzig Colum⸗ n des engſten Druckes, ſo daß denn dieſe Annoncenbeilage des größten Blattes in der Welt wiederum das Größte iſt, was die Welt in dieſer Art aufzuweiſen hat. Dabei herrſcht jedoch auch hier das ſtrengſte Geſetz gewohnheitsmäßiger Ordnung; jede einzelne Columne hat ihren hergebrachten Inhalt und Zeder, der das Supplement der Times nur vierzehn Tage lang nach dem Frühſtück auseinander geſchlagen hat, um die Zeitung ſelbſt herauszunehmen, wird ſich in dieſem ſcheinbaren Wirwarr mit der Sicherheit eines Lotſen zurechtfinden. Von der erſten Columne iſt Alltägliche Dinge, wie Geburten, fälle machen den Anfang. Darunter haben die Ver⸗ waltungsräthe von Kirchhöfen auf Actien die Ehre, ſich einem hochgeneigten Publikum beſtens zu empfehlen; Unternehmer von billigen Begräbniſſen geben ihre Preis⸗ cotrante, mit verhältnißmäßigem Rabatt, für den Fall, daß vielleicht Mehrere aus einer Familie gerade zu be⸗ ſtatten ſein ſollten, und die Steinmetzen vom City Rvad machen bekannt, daß ſie prachtvolle Grabdenkmale zu Spottpreiſen liefern. Dieſen Werken der Bildhauerei ſchließen ſich Monumente im Allgemeinen an, und da man ſich einmal im Gebiete der Kunſt befindet, machen Photographien von einem Schilling ab, Viſitenkarten und unfehlbare Reparatur alter Gemälde den Schluß. nicht viel zu ſagen. Heirathen und Todes⸗ — 136— Mag man über die erſte Columne denken, wie man will: die zweite iſt jedenfalls das abenteuerlichſte Bei⸗ ſpiel der geſammten Annoncenliteratur, und wird von jedem gebildeten Menſchen in England eben ſo unfehlbar geleſen, als er die Leitartikel der Times und ihre Tele⸗ gramme lieſt. In dieſer Columne nehmen gebrochene Herzen Abſchied von dem treuloſen Gegenſtande ihrer Liebe und vom Leben. In dieſer Columne ſucht der gebeugte Vater ſeinen verlorenen Sohn; und die ver⸗ laſſene Gattin ihren wandernden Gemahl. In dieſer Columne werden verſchlagene Matroſen an das Bett eines ſterbenden Verwandten citirt, unbekannte Erben ungeheurer Hinterlaſſenſchaften aufgefordert, ſich zu mel⸗ den und die Inſertionsgebühr für eine Zeile in dieſer Columne beträgt eine halbe Guinea. Nach Dingen, wie dieſen, welche den ſpannendſten Capiteln eines Romans gleichen, iſt ſelbſtverſtändlich eine Steigerung nicht mehr möglich; und der Reſt von 62 Columnen verläuft ziemlich monoton mit Schiffs⸗ gelegenheiten nach Cochinchina und den Auſtraliſchen Colonien, mit Schachbrettern und Feuerwerken, Literatur, Muſik, Concert, Theater, Cadettenſchulen und Mädchen⸗ Inſtituten, Tanzſtunden, Kurmethoden für Epileptiſche, Hochzeitsgratulationen, trocknen und feuchten Ammen, irrenden Knaben(errand boys, d. h. Jungen, welche Botengänge verrichten), Dienſtmädchen, Kellnern, Kut⸗ ſchern, Hauslehrern, Gouvernanten und hinter einer ganzen Wüſte von Spermacilichtern, Leberthran, Perrücken und Milchfläſchchen für Säuglinge zuletzt Zimmer, Woh⸗ nungen und Häuſer zu vermiethen. ————— Der Captain, kein großer Zeitungsleſer, wie wir wiſſen, und auf dem geſchilderten Wüſtenpfade gar in Verzweiflung gerathend, ſprang plötzlich auf, warf das Supplement der Times knitternd auf den Boden und verwahrte ſich mit einem kräftigen Fluche dagegen, es jemals wieder in die Hand zu nehmen. „Was giebt's denn?“ lachten die jungen Herren, welche bei dieſer unerwarteten Bewegung ihres militäri⸗ ſchen Freundes verwundert aufblickten.— „Ach“, rief dieſer im höchſten Unmuthe,„ich bin es müde in Morley's Hötel zu logiren und ſuche eine Privatwohnung. Aber ich nenne Zeden einen Lügner, welcher behauptet, daß man im Supplement der Times Adreſſen finden kann. Das thu' ich!“ fügte der grollende Mann hinzu und wiederholte jenen kräftigen Fluch, mit nicht zu ſchmücken gedenken. „Nichts weiter als eine Wohnung?“ erwiderten die Herren, und Jeder war bereit, ihm aus dem Gedächt⸗ niſſe ein halbes Dutzend wenigſtens zu empfehlen. Der Captain hörte ſie mit großer Geduld an, in⸗ dem er ſeine Cigarre fortwarf, und ein Pfeifchen her⸗ vorzog, aus welchem er im Lager vor Sebaſtopol ſchon manch' eine Handvoll Cavendiſh geraucht hatte.„Iſt Euch der Taback nicht zu ſtark?“ hatten ihn ſeine Freunde vom Club zuweilen gefragt, wenn der bloße Geruch die⸗ ſer untractablen Sorte ſchon ihnen zu Kopfe ſtieg. „Er iſt ſtark und ich bin ſtark“, hatte der Captain dann geantwortet,„und ſo paſſen wir Beide trefflich zu einander!“ „Geht dem Captain mit Euren Adreſſen“, ſagte ſcher⸗ zend einer von den jungen Herrn, während der Cap⸗ tain ſeinen Cavendiſh in das Pfeifchen ſtopfte.„Das iſt Alles nichts für ihn— ich werde Euch eine Wohnung ſagen, Captain! Kommt ſetzt Euch zu mir, Captain!“ Der Captain, nachdem er ſeinen Cavendiſh angezün⸗ det, ſetzte ſich in den ihm angewieſenen Seſſel und die Anderen rückten um ihn zuſammen. Dem blutrothen Sonnenuntergang von Kenſington war ein plötzlicher Umſchlag des Wetters mit Wolken, Kälte, Regen und Nebel gefolgt. Die Nacht war ſehr finſter. Man hätte Feuer im Kamin ertragen können. In der Kaminröhre ſpectakelte der Wind und die Gas⸗ flammen kochten in ihren Röhren— zuweilen blieben ſie einen Augenblick ganz aus, ſo daß plötzliche Dämme⸗ rung in dem Zimmer herrſchte, zuweilen ziſchten ſie mit ungewöhnlich breiten und langen Zungen hervor. „Ich kenne einen alten Gentleman“, begann der Freund des Captains,„welcher in Taviſtock Square wohnt. Derſelbe hat ein halbes Menſchenalter lang in 3 Oſtindien gelebt—“ bei dieſen Worten zuckte der mann⸗ hafte Captain ein wenig zuſammen, beruhigte ſich jedoch augenblicklich wieder, als der Erzähler fortfuhr,„iſt aber ſeit zehn Jahren nach London zurückgekehrt, um den Reſt ſeiner Tage allhier zu verbringen. Er iſt ſtein⸗ reich, ſehr alt, wie geſagt, und beſitzt eine Menge von Häuſern in dieſer Stadt, welche ihm eine beträchtliche Summe einbringen. Unter dieſen Häuſern jedoch iſt eines, welches ſeit Menſchengedenken unbewohnt iſt. Es iſt ein ſo gutes, altes und ſchinz Haus, als eines zu finden iſt in London; aber es iſt unmöglich, daſſelbe zu bewohnen. Der alte Mann, welcher auch ſehr geizig iſt, wie ich zu bemerken vergeſſen habe, hat ſich die größte Mühe gegeben, dieſes Haus rentabel zu machen, wie die anderen; aber es ſteht leer und jeder Verſuch mißglückt. Umſonſt hat er es Miethern aller Art und unentgeldlich angeboten; umſfonſt ſogar arme Leute hin⸗ eingeſetzt, welchen er Geld zuzugeben verſprach, wenn ſie eine gewiſſe Zeit darin aushalten wollten. Aber entſetzt ſchon in der erſten Nacht entfloh Zeder, der es gewagt hatte, das unheimliche Haus zu betreten; und verwirrt, wie ſie ſpäter mit vor Angſt emporgeſträubtem Haar und todtenbleichen Lippen, der Eine Dieß, der Andere Zenes von den grauenhaften Scenen, die ſie daſelbſt erlebt hatten, zu erzählen verſuchten, ſtimmten doch alle darin überein, daß es nicht ſo ſehr Dasjenige, was ſie ſahen oder hörten, geweſen ſei, was ſie fortgetrieben habe, als vielmehr eine unerklärbare Angſt, welche ſie beſonders ergriff, wenn ſie bei der Thür eines gewiſſen dunklen, unmöblirten Gemachs vorbeigingen, in welchem ſie jedoch auch Nichts zu entdecken vermochten; daß es mit einem Worte in dem Hauſe ſpuke...„ In dieſem Augenblick fuhr ein Windſtoß, mit er⸗ neuter Heſtigkeit, heulend durch den Kamin herunter, und die Gasflammen wanden ſich unter dem ſtarken Luftdruck ſchwach und bläulich aus ihren Röhren. Der Captain aber, aufſtehend und ſein Pfeifchen ausklopfend, um es mit friſchem Cavendifh zu füllen, ſagte, als die Gasflammen wieder aufathmeten und ſeine Freunde mit etwas erregten Geſichtern ihn anfahen: „Allerdings, das wäre Etwas für mich! Allerdings! Sagt doch, wo iſt dieſes Haus zu vermiethen?“ „Aber Ihr denkt doch nicht im Ernſt daran, Cap⸗ tain!“ ſagte der junge Herr zögernd, als er bemerkte, daß ſeine Erzählung einen ganz andern Eindruck auf dieſen gemacht hatte, als es Anfangs in ſeiner Abſicht geleßen Aber der Captain erwiederte ruhig:„Ei, warum ſollte es nicht mein Ernſt ſein? Wenn ich auch grade nicht beabſichtige, in dem von Euch geſchilderten Hauſe mein bleibendes Quartier zu nehmen, ſo wäre es doch juſt, in der Eintönigkeit dieſes Stadtlebens ein Abenteuer für mich, wie ich mir kein beſſeres wünſchen könnte. Gebt mir darum die Adreſſe!“ „Wenn Ihr denn einmal wollt“, ſagte der Andre,— „und ich bin der Ueberzeugung, daß Ihr früh genug abſtehen werdet, wenn Ihr Näheres darüber erfahrt,— ſo geht zu dem alten Gentleman ſelber. Ich denke, ſchon der bloße Anblick dieſes alten unheimlichen Geſel⸗ len wird Euch von Eurer Neugier und abenteuerlichen Neigung kuriren. Ich will Euch ſeinen Namen und ſeine Wohnung aufſchreiben.“ Er zog ſein Metallic book hervor, und reichte, nach⸗ dem er geſchrieben, dem Captain das Blatt. Dieſer las:„Tobias Slender, Esquire, 410. Taviſtock Square“, riß darauf das überflüſſige Papier von dem Blatte ab, ſteckte die Schrift in die Weſtentaſche, und zündete ſich mit dem Reſte deſſelben ſein Pfeifchen noch einmal an.— Nenntes Kapitel. Der reiche Vnkel. Der reiche Onkel, mit welchem es unſere Geſchichte zu thun hat, obwol er nur eine Nebenperſon darin iſt, wohnte in Taviſtock⸗Square. Dieſer Square hat gleich ſeinen Nachbaren Gordon Sg., Ruſſel Sq., Bedford Sg., einen bürgerlichen Character; es wohnt daſelbſt der reiche ECithmann und der vom Geſchäft zurückgezogene Handelsherr. Die Häuſer dieſer Squares ſind von einer impoſanten Einförmigkeit; das eine iſt dem andern ſo ähnlich, wie eine Banknote der andern, oder ein Blatt im Hauptbuch dem anderen. Da iſt das Eiſengitter mit dem Souterrain, die ſtets weiß gewaſchene Treppe, die zwei Fenſter des Parlours, die dunkelgrüne Thür mit dem Klopfer in der Mitte, die Glocke„für Beſucher“ rechts,„für Dienſtboten“ links, drei lange, bis auf den Boden reichende, ſtets mit tiefen Gardinen verhängte Fenſter des Drawing⸗Rooms drei kleinere Schlafzimmer⸗ fenſter darüber— und ſchließlich Dach und Himmel, wenn es ſo hell iſt, daß überhaupt Himmel vorhanden iſt. Wir ſind der Meinung, daß die Hauseigenthümer ſelber ihre Thür nicht finden würden, wäre es nicht um die Nummer, welche in verſchwenderiſcher Goldſchrift, wie es reichen Cithleuten geziemt, über dem Klopfer prangt. Es war verdrießliches Wetter. Es war dunkel, es war kalt, es war regneriſch und windig. Die krummen Kaminröhren auf den Dächern, die ſich immer nach dem Winde drehen, wie bei uns die Wetterfahnen, vertri ſich die Langeweile damit, zu klappern und zu knarren; die Policemen trugen Kautſchukkragen, unter welchen ihr Frackzipfel melancholiſch hervorſah. Die Dächer der Cabs und Hanſoms glänzten, was ſie in London nur bei Regenwetter thun; und die Kutſcher hieben auf die unſchuldigen Pferde, die doch wahrlich Nichts dazu konnten, daß die Wege ſo ſchlüpfrig waren. Die Omnibuſſe waren vollgeſtopft mit feuchten Inſaſſen, und der Con⸗ ducteur, welcher auf dem Hinterbrette deſſelben thronend ſonſt ein Muſter von Gaſftfreundſchaft iſt und mit empor⸗ gehobenem Finger männiglich einlädt, an ſeiner Fahrge⸗ legenheit Theil zu nehmen, war an dieſem Tage ein Thrann, kümmerte ſich um Niemanden, lud Niemanden ein, ſah Niemanden an, und ſchüttelte nur zuweilen vor⸗ nehm mit dem Kopfe, wenn Jemand fragte, ob noch ein Platz frei ſei. Außerdem war es Sonnabend. Der Sonnabend iſt der unbehaglichſte Tag in London. Er geht der unge⸗ heuren Monotonie und traurigen Abgeſchiedenheit des engliſchen Sonntags voraus, und der Contraſt wird doppelt unangenehm durch die unruhige Geſchäftshaſt, mit welcher an dieſem Tage Alles auf Märkten und Straßen durcheinanderpoltert, um ſich für den folgenden, an welchem es weder Speiſe noch Trank gibt in der Bannmeile von London, zu verſorgen und zu verproviantiren. Wir werden es nie vergeſſen, mit welcher Beklommen⸗ heit wir den Nachmittag, den Abend vorrücken ſahen; mit welcher Wehmuth wir die Lichter betrachteten, welche nun bald verlöſchen, das bunte Straßengewühl, welches nun bald verſtummen ſollte. Wie eine Angſt uns er⸗ „ * 145 griff, wenn es eilf ſchlug, und die letzte Stunde, welche dem Leben und dem Genuß gehörte, die Muſik der Hallen roch einmal wilder und lauter aufklingen ließ und um die Biertiſche noch einmal die Abſchied nehmenden Gruppen der Nacht verſammelte. Wie es nun endlich anfing, zwölf zu ſchlagen; wie bei dem erſten dumpfen Klange ſich Alles rüſtete und fertig machte, und bei dem letzten plötzlich und wie auf ein Geiſterwort alle Muſik verſtummte, alle Lichter verlöſchten, alle Fenſter ſich ſchloſſen, alle Thüren zuſchlugen— als würden ſie von magiſchen Händen zugeworfen, und eine Einſamkeit, Finſter⸗ niß und Grabesſtille, ein langes, banges, trauriges Schweigen begann, welches keine Nachricht von Außen, keine Botſchaft des Lebens von Zenſeits dieſer Inſeln, keine Zeitung und kein Brief mehr unterbrach. Aber der Sonnabend iſt noch nicht ſo weit. Es iſt erſt Mittag, und Tobias Slender, Esquire, der reiche Dnkel aus Oſtindien ſitzt im Parlour ſeines Hauſes, Taviſtock Square, Nr. 410.— Den alten Gentleman fröſtelt; er hat den größern Theil ſeines Lebens in dem ſonnigen Oſtindien verbracht, er kann ſich an das wechſelnde Klimg von London noch immer nicht recht ge⸗ wöhnen, und außerdem iſt er ſo alt. Im Kamin praſſelt daher ein hübſches Kohlenfeuer und der alte Esquire hat ſeinen Seſſel dicht an das Stahlgitter vor demſelben gerückt. Neben ihm, auf der andern Seite des Kamins, ſitzt ſein Neffe Sam Slender, Esquire, vom Inner Temple, deſſen gelbes, blankes Geſicht mit den großen unden Augen von der Flamme maleriſch beleuchtet wird. Sam Slender thut ſeinem Onkel Alles zu Liebe; ſeinem — 144— Onkel zu Liebe iſt ihm warm, und ſeinem Onkel zu Liebe iſt ihm kalt. Sam Slender, Esquire, iſt das Muſter eines treuen, ſorgſamen Neffen, und Tobias Slender, Esquire, weiß dies wohl zu ſchätzen. Es iſt dunkel in dem Gemache, welches zu ebener Erde liegt und mit den beiden Fenſtern auf den Square ſieht. Das trübe, ſchmutzige Licht des Regentages dringt kaum durch die langen, ſchweren, dunklen Damaſtvorhänge der Fenſter; und man würde am untern Ende des Parlours Nichts ſehen, wenn des Feuer nicht brennte. „Es iſt ein ſchlechter Tag heute!“ ſagte Tobias Slender, Esquire, indem er die langen, hagern Hände, deren Haut ſo trocken wie Pergament, und ganz auf die Knochen eingeſchrumpft war, gegen das Feuer hielt. Mr. Tobias Slender trug einen Pelzrock, welcher ihm bis über die Knie ging, kurze Mancheſterhoſen mit Schnallen und Seidenſtrümpfen, nach der Mode, die geherrſcht, da er noch jung geweſen, und auf dem Scheitel ſeines hohen, breiten Kopfes ein Sammetkäppchen, unter deſſen Rändern auf beiden Seiten ein ſchlichter Streifen ſilbernen Haares herabhing, mit welchem ſeine kohl⸗ ſchwarzen, dicken und buſchig über der ſtarken Naſe zuſammengewachſenen Augenbrauen unhe lich contraſtir⸗ ten. Seine Augen jedoch waren matt, kalt, und blöde, der untere Theil ſeines tiefgerunzelten Geſichtes war eingefallen, und ſeine Stimme, wenn er den zahnloſen Mund öffnete, hatte etwas unangenehm Dröhnendes. „Ein ſchlechter Tag in der That, lieber Onkel“, ſagte Sam Slender, Esquire, und warf eine neue Schaufel voll Kohlen in die Glut. Hiermit war das Geſpräch * der beiden Anverwandten für eine Weile zu Ende, und Beide beſchränkten ſich darauf, zu hören, wie die breunen⸗ den Kohlen praſſelten und zu ſehen, wie die langen Züng⸗ lein des bläulich weißen Gaſes das glänzende Schwarz derſelben beleckten. „Mich fröſtelt heute ſehr“, ergriff nach einer Viertel⸗ ſtunde der Onkel wieder das Wort, welchem ein uner⸗ klärliches Schandern über den ganzen Körper rieſelte. „Mich fröſtelt auch ſehr, lieber Onkel“, entgegnete der Neffe, obgleich ihm bei der Nähe des immer luſtiger praſſelnden Feuers bereits die dicken Schweißtropfen auf der Stirn ſtanden. Dann war es wieder ruhig im Gemach, und es iſt nicht abzuſehen wie lange dieſe beiden Stillvergnügten ſo geſeſſen haben würden, hätte nicht zum Glück der Schwarze, von deſſen Daſein uns Sam bereits in einem vorhergehenden Capitel benachrichtigt, ſeinen Kopf durch die Thüre geſteckt, um ſeinem Herrn Tobias Slender, Esquire, zu melden, daß draußen ein Gentleman von militairiſchem Ausſehen ſei, welcher ihn zu ſprechen wünſche. Der Gentleman von militairiſchem Ausſehen trat ein. „Ich habe die Ehre, mich Ihnen als Captain Fitz⸗ roh von Ihrer Majeſtät Garden vorzuſtellen,“ ſagte der⸗ ſelbe, indem er in der Dunkelheit des Zimmers einige Schritte nach dem Feuer im Hintergrund machte. Mr. Slender, der Onkel, vom Kaminfener nun in ſeiner ganzen Geſtalt belenchtet, hatte ſich, beide Hände auf die Lehnen des Seſſels geſtützt, halb vom Sitze deſſelben erhoben, und wandte ſein ſchneeweißes Haar Straßenfängerin I.. 10 — 146 und ſeine dicken, buſchigen, ſchwarzen Augenbrauen in die Richtung des neu angekommenen Gentleman. Mr. Slender, der Neffe, aber hatte in rachſüchtiger Erinne⸗ rung des ihm geſtern angethanen Schimpfes und der Rolle, welche Captain Fitzroy dabei geſpielt, den Feuer⸗ haken ergriffen. „Was ſteht zu Ihrem Befehl, Captain?“ ſagte Mr. Slender, der Onkel, während Mr. Slender, der Neffe, einige unverſtändliche Redensarten von Unverſchämtheit und harter Stirne vor ſich hin murwelte. „Ich höre, Sie ſind der Eigenthümer eines Hauſes, mein Herr“, erwiderte der Captain,„welches in dem Rufe ſteht, daß es aus dem einen oder andern Grunde für Menſchen unbewohnbar ſei. Ich bin gekommen, dieſes Haus von Ihnen zu miethen, mein Herr!“ „Was?“ rief Mr. Slender, der Onkel, indem er aus ſeinem Kaminwinkel hervor, und dem Captain näher trat,—„was? Sie, ein Gentleman ſind gekommen, um dies üble und verrufene Haus von mir zu miethen, welches ſeit neun Jahren leer ſteht und in welchem nicht einmal ein Bettler aushalten will!“ Mr. Slender, der Neffe, ließ den Fuerhaken fallen. Denn ſein rachſüchtiges Inneres ſchwelgte in der dunklen Vorſtellung von allerlei unerhörten Unglücksfällen, welche dem Captain, ſeinem Erzfeinde, im Verfolg dieſes Aben⸗ teuers zuſtoßen könnten; und in der Entzückung ſeines Herzens ſchüttelte er ihm ermunternd die Hände, und ſagte:„Captain, wir kennen uns; wir haben uns q Nachmittag in Rotten Row geſehen!⸗ Hierauf ward der Captain eingeladen, chusn am 1 Feuer Platz zu nehmen, und alle Drei gruppirten ſich um das Stahlgitter des Kamins. In der Bruſt des alten Mannes kämpften die wi⸗ derſtreitendſten Empfindungen; Frende und ſchwache Hoffnung, ſein verrufenes Haus, welches ihm ſchon ſo manchen Kummer gemacht, nun doch vielleicht noch ver⸗ werthen zu können, mit der Angſt und dem Verdacht, es könne hier auf ein böſes Complott gegen ihn ſelber abgeſehen ſein. Denn wie ſollte ein Gentleman von dem Stande und Range des Captains auf den Gedanken kommen, dieſes Haus zu bewohnen, welches ſo berüchtigt war, daß ſich ſchon ſeit Jahren nicht einmal ein Straßen⸗ feger mehr dazu bewegen ließ, die Fenſterläden deſſelben am Morgen zu öffnen und am Abend zu ſchließen? Mr. Tobias Slender entſchloß ſich daher, ſehr vorſichtig zu Werke zu gehen, und dem Captain Nichts zu verſchweigen, was ihn allenfalls von ſeinem Vorhaben abbringen könnte. „Was bewegt Sie dazu, wenn dieſe Frage erlaubt iſt“, begann der mistrauiſche Alte ſeinen Diskurs,„dieſes Haus miethen zu wollen, welches ſich weder einer faſhionablen Nachbarſchaft rühmt, noch wegen ſeines ſchlechten Rufes dem Range angemeſſen iſt, welchen Sie in der Geſellſchaft einnehmen?“ „Die Luſt zum Abenteuer, mein Herr,“ war die Antwort des Captains.„Ich wage gern, was die andern Menſchen für unthunlich erklären; und es iſt mein Ver⸗ gnügen, der Welt zu zeigen, daß man mit Muth und Willensſtärke vielmehr auszurichten im Stande iſt, als ſie für möglich hält!“— 10* — 148— „Der Captain hat Recht“, warf der rachſüchtige Sam Slender, Esquire ein, fürchtend, die Einwände ſeines ängſtlichen, alten Onkels könnten den tapfern Mann in ſeinem Entſchluſſe wankend machen.„Muth und Willens⸗ ſtärke ſind die höchſten Tugenden des Mannes“, ſchloß der rechtsverſtändige Tempelritter, welcher ſich jetzt zum erſtenmal in ſeinem Leben für Tugenden dieſer Art zu begeiſtern anfing. Aber dem mistrauiſchen Tobias Slender, Esquire, kam es nicht darauf an, den Captain zu ermuthigen, vor dem er ſich immer mehr zu fürchten begann. „Miſch Dich nicht in die Dinge Anderer, Sam“, fuhr er ſeinen gehorſamen Reffen an, den er noch nie in ſolch' herviſcher Laune zu ſehen Gelegenheit gehabt. „Dieſe Verhandlung betrifft nur uns Beide, und es iſt meine Pflicht, den Captain auf Alles vorzubereiten, was ihm möglicherweiſe zuſtoßen kann.“ Der Regen nahm zu, die Dunkelheit wuchs. Es war jetzt ſo finſter im Zimmer, daß man nur die von den Flammen beleuchteten Umriſſe der drei Geſtalten am Feuer ſah, und melancholiſch klaſchten die ſchweren Tropfen gegen die Scheiben der Fenſter. „Das Haus, von welchem wir reden, Captain“, be⸗ gann der Alte, indem er ſeine hagere Knochenhand auf's Neue gegen die Glut hielt, um ſich zu wärmen,„ſteht am New Road, führt die Nummer 814 und Sie wer⸗ den es ohne Mühe finden, wenn Sie aus Upper Gower⸗ ſtreet tretend, ſich rechts wenden. Es iſt ein altes Eigen⸗ thum meiner Familie, ward zuletzt bewohnt von einem weitläufigen Anverwandten mütterlicher Seite, welther — 149— bereits vor fünfzig Jahren ſtarb und daſſelbe nebſt einigen andern Stücken ſeines Nachlaſſes meinen Eltern hinter⸗ ließ⸗ Es iſt lange her, Captain, fünfzig Jahre, ein Menſchenleben faſt; ich war damals ſelbſt noch jung und ſtand im Begriff nach Indien zu gehen um mein Glück zu verſuchen. Nun erinnere ich mich, daß man kurz vor meiner Abreiſe aus London das Haus an eine damals junge, eben verheirathete Frau vermiethete, die mit unſerer Familie bekannt war. Dann ging ich und als ich nach vierzig Jahren von Indien wiederkam, da fand ich das Haus halb verfallen, verödet, verſchloſſen und unbewohnt. Von der Frau, welche daſſelbe bewohnte, als ich Abſchied nahm, wußte Niemand Etwas, als daß ſie viel Unglück gehabt, arm geworden, vergeſſen und verſchollen ſei. Von dem Hauſe aber ſagte man mir, es ſpuke darin, und Niemand wolle es mehr bewohnen. Ich lächelte zu dieſer Geſchichte, die mir ſo müßig ſchien. Ich ließ das Haus von Innen und von Außen neu malen, ließ die Zimmer friſch tapeziren, fügte zu dem vorhandenen altmodiſchen Mobiliar derſelben eine Anzahl neuer Stücke, kündigte es in der Zeitung an und bekam ſogleich einen Miether für ein Jahr. Es war ein alter Oberſt, der ſich mit halbem Sold vom Dienſt zurückgezogen hatte. Er kam mit ſeiner Familie, einem Sohn, einer Tochter und vier oder fünf Dienſtboten: aber ſie verließen das Haus ſchon am nächſten Tage; und obgleich ſie alle er⸗ zählten, daß Jeder etwas Verſchiedenes geſehen und ge⸗ hört, ſo war dieß„Etwas“ doch gleich furchtbar für eden geweſe. Mehrere Miether nach einander mel⸗ eten ſich noch; aber Keiner von ihnen hielt es länger S — als eine Nacht aus; die Meiſten verließen es in voller Flucht ſchon mitten in der Nacht. Zuletzt hörte ich, durch Zufall, daß jene Frau, welche einſt vor langen Jahren, als ſie noch jung und wohlhabend geweſen, das Haus von meinen Eltern gemiethet, jetzt ſo herunterge⸗ kommen ſei, daß ſie, alt und arbeitsunfähig in ein Armenhaus aufgenommen worden. Dieſe alte Frau ließ ich zu mir kommen, und bot ihr an gegen eine angemeſſene Vergütigung, die für ihren Lebensunterhalt ausreichte, jenes Haus zu beziehen, und die Zimmer deſſelben an einzelne Miether abzulaſſen. Die alte Frau, kümmerlich gekleidet und mit einem durch lange Leiden entſtellten Geſichte, ging auf mein Anerbieten ein, bezog das Haus und ward am dritten Morgen todt auf ihrem Bette im Schlafzimmer des oberen Stockes gefunden.— Wirf Kohlen in das Feuer, Sam,“ unterbrach der alte Mann ſeine ſchauerliche Geſchichte, denn ihn fing wieder an zu fröſteln; Sam aber, deſſen gelbes Geſicht um dieſe Zeit bleich und deſſen große Augen vor Angſt noch größer ge⸗ worden waren, beugte ſich zum Kohlenbecken, um mit zitternder Hand den Befehl ſeines Onkels auszuführen. Dieſer aber mit ſeiner dröhnenden Stimme fuhr fort: „Ihr plötzlicher Tod und der Ausſpruch des Coroner's, welcher nach dem Leichenbefund auf gewaltſamen Tod vermittelſt Erdroſſelung lautete, machte das Haus auf einmal zum Geſpräch der ganzen Stadt und zum allge⸗ meinen Schreckensbild. Wer konnte ihr Gewalt angethan — welche Hand ſie erdroſſelt haben? Das Haus ſtand leer und ward von menſchlichen Weſen nicht bewohnt. Das war das Räthſel und Geheimniß, welches damals BGrenzen des Jenſeits und der Geiſterwelt zu führen, bemerkt, der alte Mann, der ſo dicht am Rande des die Gemüther folterte. Es ſind jetzt neun Jahre ver⸗ floſſen ſeit jenem Vorfall; ſeit nenn Jahren ſteht das Haus leer und Niemand wagt es, ſelbſt bei hellem Tage nicht, zu betreten. Ich ſelber war einmal neu⸗ gierig das Haus zu unterſuchen. Aber ich hielt es nicht länger als drei Stunden darin aus. Meine Neugier iſt nicht befriedigt; aber ſie iſt erſtickt. Ich werde dieſen Verſuch niemals wiederholen“, ſchloß der Alte, und ſchlug die langen Schöße ſeines Pelzrocks über die ſpitz hervor⸗ ſtehenden Knie.— „Und haben Sie nie etwas Näheres über die Ver⸗ gangenheit dieſer Frau erfahren, welche doch in einem ganz eigenthümlichen Zuſammenhange mit dem ver⸗ rufenen Hauſe zu ſtehen ſcheint?“ fragte der Captain nach einer Panſe, in welcher nur das Heulen des Windes und das dumpfe Rauſchen der regenſchweren Bäume vom Square vernommen ward in der dunklen Stube, wo die dreie ſaßen. „Was ich in Erfahrung gebracht“, ſagte der alte Mann, hiſt nicht der Art, um das Geheimniß zu löſen; es dient vielmehr nur dazu, das Dunkel deſſelben zu vermehren und uns auf verſchleierten Wegen bis an die deren ſchauerliche Verbindung mit der unſren wol oft geleugnet, aber doch niemals ganz hinwegdemonſtrirt werden konnte. Wenn es wirklich ſo Etwas gäbe, wie Unruhe noch im Grabe, wie Qual und Verdammniß noch in der Ewigkeit!“ rief mit ſeltſamer Bewegung, die man bisher in ſeinem kalten, ſtumpfen Weſen nicht einen und ſo nah an der Grenze der andern ſtand. „Wenn wir wirklich verurtheilt wären, nach dem Tode noch die Stätten unſrer irdiſchen Sünden im Schauer der Mitternacht zu beſuchen und über die Spuren unſrer Verbrechen jammern müßten, daß wir ſie nicht unge⸗ ſchehen und die Opfer derſelben nicht mehr verſöhnen können!“ Schandernd bedeckte der alte Mann ſeine ver⸗ ſchrumpfte Stirn bis zu den ſchwarzen, dicken, buſchigen Augenbrauen mit beiden Händen.„Aber das gehört nicht zur Sache,“ unterbrach er, ſich wieder ermannend, ſein Selbſtgeſpräch;„ich bin Ihnen die Geſchichte der alten Frau ſchuldig, Captain, und will Ihnen davon mittheilen, ſo viel ich weiß. Es ſcheint, daß ſie zu der Zeit vor funfzig Jahren, wo ich England verließ, ſich gegen den Willen ihrer Verwandten mit einem Amerikaner von ſehr verdächtigem Charakter verheirathet hatte. Man hielt ihn allgemein für einen Seeräuber, von denen damals, nicht lange nach dem Bruch der amerikaniſchen Kolonien mit dem britiſchen Mutterlande, der atlantiſche Ocean wimmelte. Sie ſelber war die Tochter höchſt ehrenwerther Handwerker und hatte vor ihrer Verheirathung in der Eigenſchaft eines Kindermädchens in vornehmen Häuſern gedient. Sie hatte einen Bruder, einen Wittwer, der für reich gehalten wurde und ein einziges Kind von ungefähr ſechs oder ſieben Jahren beſaß. Einen Monat nach der Heirath ward der Leichnam dieſes Bruders in der Themſe, nahe bei London Bridge gefunden; es ſchienen einige Merkmale von Gewalt an ſeiner Kehle vorhanden zu ſein. Aber die Verdachtsgründe wurden für nicht ausreichend erachtet, um eine weitere Unterſuchung darauf zu gründen; und der Wahrſpruch der Todtenjury lautete einfach auf: Ertrunken. „Das jungverheirathete Paar nahm das Kind des Bruders zu ſich; es ward ein Teſtament producirt, in welchem der Verſtorbene ſein Kind zum Erben, ſeine Schweſter zur Verwalterin ſeines Vermögens eingeſetzt hatte. Er erſuchte ſie, für die Erziehung des Kindes Sorge zu tragen, und im Falle daſſelbe in ſeiner Min⸗ derjährigkeit mit Tode abgehen ſollte, ward ſie als Uni⸗ verſalerbin ſubſtituirt. Sechs Monate ſpäter ſtarb das Kind. Man fand Spuren der Grauſamkeit, aber keine Spuren des Mordes an ſeinem Leichnam; und die Tante trat ihre Erbſchaft an. Dies Alles,“ ſchaltete Tobias Slender, Esquire, ein,„begab ſich in dem Hauſe, welches die Veranlaſſung unſerer Verhandlung iſt, Captain. Aber noch war das erſte Jahr nicht vergangen ſeit der Heirath jener Frau, da verſchwand plötzlich ihr Mann aus demſelben, und kehrte nicht wieder zurück. Das Schiff, welches er führte, ſoll auf dem Atlantiſchen Ocean verloren gegangen ſein. Die Wittwe blieb im Ueberfluß und Reichthum zurück. Aber Unglücksfälle der verſchiedenſten Art befielen ſie im Lufe der Jahre; eine Bank, der ſie den größten Theil ihres Vermögens über⸗ geben hatte, machte Bankerott.— Staatspapiere, welche ſie beſaß, verloren durch den Krieg auf dem Kontinent ihren Werth— ſie fing ein kleines Geſchäft an, und wurde infolvent. Daun gab ſie das Haus auf, nahm wieder Dienſte bei fremden Leuten an, ſank tiefer und tiefer, von einer Wirtſchafterin bis zum Dienſtmädchen und hielt ſich in keiner Stelle lange, obwol man gegen ihre Aufführung nichts ſagen konnte. Sie war geſchickt, ehrbar und ſehr ſtill; aber ihr glückte nichts. Und ſo kam ſie zuletzt in das Armenhaus, aus welchem ich ſie nahm und in das Haus ſetzte, welches ſie neun Jahre vorher als eigene Herrin und für ſich gemiethet hatte. Das Ende kennen Sie, Captain, und nun ſagen Sie mir, ob Sie noch entſchloſſen ſind zu dem Vorhaben, welches Sie hiehergeführt!“ Ein unerklärliches Gefühl von Beklommenheit, als lege ſich der Druck einer ungeheuren Fauſt auf ſeine Bruſt, überkam den Captain, während der alte Mann ſprach. Wir wiſſen nicht, ob der grauenhafte Inhalt der Erzählung ihn ſo ſehr bewegte; wir glauben es nicht. Aber wir geben zu bedenken, ob ihn nicht vielleicht die Aehnlichkeit der Verhältniſſe, welche ſie ſchilderte, mit denen, in welche er ſeit geſtern eingeweiht worden, plötz⸗ lich ergriff; ob nicht die Bilder, welche geſtern im roſigen Dämmerlicht des Drawing⸗Rooms ſeiner Seele vorüber⸗ zogen, ihm jetzt in der unheimlichen Beleuchtung des Re⸗ gentages und im myhſteriöſen Schleier jener alten Geſchichte etwas düſterer erſchienen; ob nicht die entfernte Möglich⸗ keit eines gleichen Ausganges ſein Gemüth erſchütterte, und ob die Zukuuft nicht ihren verhängnißvollen Schatten auf den Weg warf, welchen zu wandeln er ſich entſchie⸗ den hatte, ſeitdem er Lady Caſtlemere zum erſten Male geſprochen. Gewiß iſt, daß er ſich raſch wieder ſammelte, und da Furcht nicht die Schwäche dieſes kühnen Abenteurers war, ſich um ſo unwiderſtehlicher von dem Geheimniß 5. angezogen fühlte, welches ihn von an gelockt hatte. 5 Denn wir wiſſen, daß der Menſch ſeinem Schickſal nicht entgeht! „Ich bin entſchloſſen,“ ſprach er mit feſter Stimme. „Ich werde noch heute Nacht das verrufene Haus beziehen und bitte Sie, mir den Schlüſſel zur Thüre deſſelben zu überliefern.“ „Ich habe Sie gewarnt,“ ſagte der alte Mann;„für den Reſt ſtehen Sie ſelber ein, Captain!“— Dann erhob er ſich von ſeinem Armſtuhl, ſchritt zu einem hohen Eckſchrank, öffnete die knarrende Thür deſſelben und hieß Sam Slender, einen Wachsſtock anzünden. Dieſer jugendliche Tempelritter hatte ſich ſo ſehr über die Erzählung ſeines Onkels und die Toll⸗ kühnheit des Captains entſetzt, daß er zuerſt den Wachs⸗ ſtock nicht finden konnte, und nachdem er ihn endlich gefunden, viele vergebliche Verſuche machte, ihn am ver⸗ kehrten Ende anzuzünden. Einen langen Kampf zu beſtehen hatte ſeine Selbſtbeherrſchung und ſeine Rach⸗ ſucht gegen ein unbeſtimmtes Gefühl, als ob er ſich vor dem Captain niederwerfen und ihn beſchwören müſſe, von dem geſpenſtiſchen Abenteuer abzuſtehen, welches er im Begriffe war zu unternehmen. Aber die Selbſtbe⸗ herrſchung ſiegte, obwol die Rachſucht anfing, ſich ganz gegen ſeinen Willen in eine Art von Bewunderung zu ver⸗ wandeln; und mit zitterndem Arm und flackernder Kerze, welche in der entfernten Ecke des Zimmers düſterrothe Ringe um ſich verſammelte, trat er zu ſeinem alten Onkel. Dieſer wühlte in einem Schubkaſten, welcher voll alter Schlöſſer und verroſteter Schlüſſel war, und zog zuletzt ein verſiegeltes Pickchen unter der klirrenden Maſſe hervor. „Dieſes iſt der Schlüſſel,“ ſagte er, indem er das Siegel erbrach, das Papier abſtreifte und dem Captain den Thürſchlüſſel des verrufenen Hauſes überreichte. Man würde ſich eine falſche Vorſtellung von den Londoner Hausſchlüſſeln machen, wenn man ein Inſtru⸗ ment erwartete, von maſſiver Schwere, mit vielen räthſel⸗ haften Zacken und abſonderlich durchbrochenen Zähnen; obgleich ein ſolches Inſtrument, wie wir nicht verhehlen wollen, ſich viel beſſer für die Thür eines Geſpenſter⸗ hauſes ſchicken würde. Aber wir bleiben bei der Wahr⸗ heit, indem wir ſagen, daß der Londoner Hausſchlüſſel ein ſo feines, zierliches Ding iſt, als man in der Weſten⸗ taſche, oder allenfalls im Portemonnaie tragen kann; und wir müſſen hinzufügen, daß der Schlüſſel des verrufenen Hauſes ſich durchaus nicht von der winzigen Geſtalt und dem beſcheidenen Ausſehen ſeiner Stammverwandten in ganz London unterſchied. S „Ich danke Ihnen!“ ſagte der Captain, den Haus⸗ ſchlüſſel einſteckend,„und ich hoffe Ihnen morgen oder übermorgen ſchon den Beweis zu liefern, daß Muth und Wille auch mit Geſpenſtern fertig werden!“ „Das gebe Gott,“ erwiederte der alte Mann, indem er die dargebotene Hand des Captains mit ſeiner kalten, knochigen berührte. Dann ging er zu ſeinem Armſtuhl am Feuer zurück, und Sam ſtand noch lange am Fenſter und ſah in den Nebel und Regen hinaus, welche den Wagen des Captains bald vor ſeinen Blicken verhüllte.— Von all den langen, breiten und traurigen Straßen Londons iſt diejenige des Cith⸗Road und ſeiner Fort⸗ ſetung, des New⸗Road, die längſte, breiteſte und traurigſte. In einem ungeheuren Bogen, welcher im Herzen der Cith und dem abgelegenen Quartiere von Finsburh, ſeitwärts von Bank und Börſe, im Oſten der Stadt entſpringt, und in Edgeware⸗Road, im Weſten derſelben, in der Nähe des Hydepark und der eleganten Teraſſen von Paddington mündet, ziehen dieſe alten Straßen⸗ chauſſeen, einſt des Königs Heerwege unter den Mauern von London, als London noch eine Feſtung war, zu Norden der Metropolis an ihrem ganzen Rücken dahin, das eine Ende derſelben mit dem andern verbindend. Die Mauern von London ſind lange geſtürzt und gefal⸗ len; wer könnte auch dieſe Hunderttauſende von Häu⸗ ſern und dieſe Millionen von Menſchen in ſteinerne Ringe faſſen? Aber eine Straße, an der Stelle wo die Mauern dereinſt geſtanden, heißt noch heute London⸗Wall; und auch des Königs ehemalige Heerwege haben noch Etwas von ihrem alten Charakter behalten. Sie ſehen noch immer rieſenhaften Landſtraßen ähnlicher als Stra⸗ ßen einer Stadt; und im Regen und Nebel giebt es vielleicht nichts Oederes und Troſtloſeres in der Welt, als dieſe langen und breiten Roads zwiſchen dem Oſt⸗ und Weſtend von London. Die Bevölkerung auf beiden Seiten dieſer Rvads iſt eine ärmliche Menſchenklaſſe, auf den mühſamen Erwerb des Tages angewieſen. An den Höhen von Islington, welches ſich mit ſeinen ſteilen Straßen und iſolirten Plätzen zur Linken erhebt, und bei Regen und Nebel in eine wallende, feuchte Dunſtmaſſe begraben ſcheint, wohnt der deutſche Arbeiter, welcher die Heimath verlaſſen, weil ſie ihm das kümmerliche Brod verſagte, deſſen er hier im Schweiße ſeines Angeſichts genießt. In den Tiefen zur Rechten liegt der Fabrikdiſtrict von Clerken⸗ well. Himmelhohe Schlöte, gleich ſchwarzen Thürmen, ragen über dem Labhrinth der Dächer empor, und ihre ſchwarze Fahne, die dunkle Rauch— und Aſchenſäule miſcht ſich im Aufſteigen mit den niederſinkenden Schichten des Nebels und der Wolken— eine trübe Miſchung, in welcher die ganze Niederung mit all ihren Menſchen, Häuſern, Frachtkarren und Fabriken als ein ſchwinden⸗ des Bild hängt. Hier iſt Nichts zu ſehen von dem Reichthum, der Pracht und Fülle des inneren Londons. Andere Geſich⸗ ter ſcheinen die Menſchen zu haben, andere Kleider. Schwere Omnibuſſe raſſeln durch die eintönige Breite dieſes Quartiers; ängſtlich huſchen die Cabs dahin, als ſei dies nicht ihr rechtes Gebiet, und die eigentliche Maſſe des Fuhrwerks ſind Frachtkarren mit koloſſalen Rädern und gewaltigen Pferden, deren harter Hufſchlag das Fflaſter erſchüttert. Wir kommen in eine Welt, ſehr verſchieden von der, welche wir bis jetzt durchwan⸗ dert. Das Leben hat ſeine Prunkgewänder von ſich ge⸗ ſtreift; es zeigt uns ſein kümmerliches Geſicht und ſeine harten Hände. Uns aber, die wir daran nicht gewöhnt ſind, fängt an zu ſchaudern. Uns ſchaudert nicht vor — der Arbeit; wir lieben es, ihren Klang und Schall zu hören in der behaglichen Werkſtatt oder aus der grünen Umgebung des Dorfes. Was uns ſchreckt, iſt die Ge⸗ ſtalt, welche ſie in der großen Stadt annimmt. Der Cith⸗Road und der New⸗Road ſind die Ver⸗ kaufs⸗ und Handelsſtraßen der umliegenden Quartiere; ſie ſind das Picadillh und die Regentſtreet des Nordens. Aber die Verkaufslokale, deren ununterbrochene Reihen auf beiden Seiten meilenlang fortlaufen, ſind hier kleine, elende, flache Holzſchuppen, einſtöckig, mit plattem Schie⸗ ferdach und gläſerner Vorderſeite; und ihre Schaufenſter, welche von Unten bis Oben, an das platte Dach, reichen, hängen ganz voller Schuhe, Stiefel oder Blech⸗ geſchirre. Ab und an zwiſchen dieſen Läden findet ſich einer, wo die Vorderwand ganz fehlt. Hier liegen auf ſchrägen Steinbänken zerſchnittene Fiſche und zweideutige Auſtern, gegen die der Regen ſchlackert; hier thürmen ſich dunkelrothe Schinkenſchnitte und ſchmutzige Speck⸗ ſeiten mit eingeſpießten Preisconranten, und hier im freien Raume von der Decke herab baumeln zuſammen⸗ geſchrumpfte Fleiſchſtücke von allerlei bekannten und un⸗ bekannten Animalien, welche melancholiſch im Winde tanzen. Die einzigen Lurusartikel dieſer Gegend ſchei⸗ nen irdene Gefäße zu ſein, welche das Innere von mehreren dieſer Buden mit ihren zuweilen rieſigen und abentheuerlichen Formen erfüllen; und Alles, was im übrigen Theile von London unter dem Namen von „tancy articles“ die Schaufenſter mit tauſend bunten Erfindungen ziert, ſcheint ſich hier ganz an jenen Kamin⸗ röhren erſchöpft zu haben, die mit ihren verzerrten und SSee verbogenen Umriſſen dem Laden des Ofenſetzers, deſſen Dach ſie in allen möglichen Geſtalten und Größen ſchmücken, das Anſehn einer Hexenkäche geben; und, wenn ſie ſich mit ihrem beweglichen Obertheile im Winde hin⸗ und herdrehen, das Anſehen einer tanzenden Kobold⸗ geſellſchaft annehmen. Je weiter man den New⸗Road hinauf und dem Weſtend nahe kommt, um ſo mehr tritt an die Stelle der nackten Kahlheit ein gewiſſer Schein und Anſtrich des Beſſeren und der Verbindung mit der großen Welt. Da ſind zuerſt die Künſtter, welche allerdings für die große Welt arbeiten. Aber für die Todten und die Hräber derſelben. Es ſind die Höfe der Steinhauer, welche dieſe zu Nutz und Frommen ihrer Firma und zur Erbauung aller Derer, welche vorübergehn, reiten und fahren mit den Erzeugniſſen ihrer Hämmer und Meißel bevölkert haben. Es iſt die Reclame des Kirch⸗ hofs und die große Putzfabrik des Grabes, voll von hohen Kreuzen und trauernden Engeln, welche auf der Mauer ſitzen und mit rußgeſchwärzten Angeſichtern und elend verſtümmelten Fittigen nach Kunden ausſchauen. Von ſchmutzig gewordenen Göttern— denn der Stein⸗ metz von London iſt ein Heide, und er würde Euch mit dem beſten Gewiſſen einen Merkur oder eine Venus aufs Grab pflanzen— und gefallenen Göttinnen, welche im Regen, triefend vom Scheitel zur Zehe, zuweilen auf einem Beine ſtehen; von liegenden Hirſchen, auf deren Geweihen Moos wächſt, von brüllenden Löwen, in deren Rachen ſich ein Vöglein gegen den Regen duckt, und von Sarkophagen und Aſchenkrügen aller Art. Hof bei S i ———— Hof, eine Viertelſtunde lang und mehr; ein Kirchhof mit all ſeinen Schauern über der Erde; ein ganzer Olhmp in der kläglichſten Verbannung, eine Akademie voll ſteinerner Gäſte, und trüb dahinter die Fabriken, in welchen der Prometheus von London Götter und Heilige meißelt, und die kümmerlichen Bäumchen, mit ihren fahlen, unreifen, ewig zitternden und bebenden Blätterchen. Dicht hinter dieſer Gegend iſt es, wo Gower ſtreet in den New⸗Road fällt. Nach dem Cith⸗Road und dem New⸗Road iſt Gower⸗ſtreet die traurigſte Straße von London. Es iſt eine ſehr vornehme Straße in ihrem oberen Theile, der die Squares der reichen Cityleute ſtreift; und ihre maſſiven dunklen Backſteinhäuſer mit den Eiſengittern vor den langen, dünnen Fenſtern des erſten Stockes ſehen alle ſo ernſt und ſo verſchwiegen aus, wie geheime Archive oder wie Gefängniſſe für Königinnen, welche hingerichtet werden ſollen. Keine Farbe, keine Abwechslung, kein Geſicht am Fenſter, kein Menſch an der Thür. Grau an Grau und Haus an Haus— ein unabſehbares Nebeneinander von Todten⸗ ſtille und Lebloſigkeit, als ſtände die ganze Straaße leer, obgleich wir gehört haben, daß ganz anſtändige und wolhabende Leute darin wohnen, welche eſſen, trinken, die Times leſen, heirathen und zuletzt ſterben ſollen, ganz wie die Andern. Das Ende dieſer Straße jedoch, welches den Namen Upper Gowereſtreet führt, und eben ſo todt, aber nicht eben ſo anſtändig gusſieht, als das Stück derſelben, welches die Squares berührt, ähnelt in vielen Dingen Straßenſängerin 1. 11 ſchon ſeinem guten Nachbar, dem New⸗Road. Die Häu⸗ ſer ſind dunkel und ſchäbig; an den Fenſtern ſieht man nie ein menſchliches Weſen, dagegen ſehr oft räthſelhafte Kiſten und Kaſten, von denen man nicht weiß, weshalb ſie gerade an den Fenſtern ſtehen. Die Einwohner die⸗ ſer Häuſer ſind Handwerkerfamilien, in denen die Mutter todt zu ſein pflegt, mit Töchtern, die nicht mehr an das Heirathen denken, und mit Vätern, die ſich zuweilen des Nachts entfernen, um nicht vor Tagesanbruch heim⸗ zukehren. „Eine traurige Gegend!“ ſagte Captain Fitzroy, als er au jenem Sonnabendnachmittag mit ſeinem Bedienten und ſeinem Hunde nach dem Hauſe am New⸗Road fuhr, welches er von Mr. Tobias Slender gemiethet hatte. Es war zwiſchen fünf und ſechs Uhr. Das ſchlechte Wetter hatte ſich noch nicht verzogen. Der Regen ſtrömte unverdroſſen nieder; der Wind heulte fort, und in den naſſen, ungaſtlichen Straßen von London war es um dieſe Zeit ſchon ſo dämmrig, wie es ſonſt tunm nach Sonnenuntergang zu ſein pflegt. „Nun, mein Junge,“ ſagte Captain Fitzroy, indem er ſeinem Diener auf die Schulter ſchlug,„nnn giebt es endlich einmal wieder Arbeit für uns!“— „Ja, Herr,“ ſagte der Diener, welcher ſich immer dadurch ausgezeichnet hatte, daß er wenig mehr als Ja oder Nein ſagte. Seines Glanbens war er ein ſchotti⸗ ſcher Pnritaner, hatte ſich bis hierher, außer vor Gott, noch vor Niemandem gefürchtet, hieß Obadiah, hatte unter ſeinem Herrn die Campagne mitgemacht. und war in ſeinen Dienſten verblieben. Obadiah war ein leiner Kerl mit breiten Schultern, grauen Augen und rother Naſe. Sie war ihm nämlich vor Sebaſtopol erfroren. Obadiah ſaß ſeinem Herrn in dem Wagen gegenüber, welcher ſie nach dem New Road bringen ſollte. Neben ſich hatte er einen ſchwerbepackten Feldkoffer, in welchem ſich Alles befand, deſſen man zu dem bevorſtehenden Abenteuer benöthigt zu ſein glaubte. Ein Revolver mit fünf Läufen, Kugeln, Schrot, Pulver, Zündhütchen, Feuerzeug, Kerzen, Kohlen zum Kaminfeuer, Taback. Wein und beträchtliche Speiſevorräthe. Obadiah trank keinen Wein; Obadiah gehörte zum Mäßigkeitsverein. Das war ſeine Antwort, wenn man Anſpielungen auf ſeine Naſe machte. Auf ſeinem Schvoße lag Pym, der Hund des Captains. Pym war kein Anusbund von Schönheit, ſo wenig als Obadiah. Pym war ein kleines häßliches Thier, mit ſchwarzem, zottigem Haar, ſpitzer, langer Schnautze, kurzen Ohren und ganz verteufelt ſchlauen Augen. Wenn er das Maul öffnete, ſo prä⸗ ſentirte ſich eine Reihe von Zähnen, welche ſo ſcharf und ſo dünn waren, wie Fiſchgräten. Aber er ſtand in dem Ruf, mit dieſen Zähnen Eiſen durchbeißen zu können. Phym und Obadiah hatten ſich ſehr lieb, waren un⸗ ertrennlich, hatten ihren Herrn niemals, ſelbſt im heiße⸗ ſten Kugelregen der Krimm nicht verlaſſen, und hatten ſich öffentlich mit ihm dem Volke von England gezeigt an jenem großen Tage, wo die Garden einzogen, und waren entſchloſſen, ihm auch zu dem Abentener in das verrufene Haus zu folgen. Betzt bog der Wagen um die Ecke von lpper Gower⸗ 1 — 164— ſtreet rechts nach dem New⸗Road ein. Dieſes iſt die Gegend dicht hinter jenen Heiligen auf der Mauer und jenen Grabkreuzen mitten unter Heidengöttern, von wel⸗ chen wir geſprochen. Die Häuſer, welche hier ſtehen, ſehen allerdings ſchon mehr aus, als ob Menſchen darin wohnten; aber ein Schleier des Geheimniſſes ſcheint ewig um ihre dunklen Außenſeiten zu ſchweben. Es ſind hohe Häuſer, von Stein und einer gewiſſen altmodiſchen Bauart, als ſeien ſie einſt in vergangenen Tagen ſehr prächtige Gebäude geweſen; aber Nichts erweckt in die⸗ ſer Welt der allgemeinen Hinfälligkeit traurigere Empfin⸗ dungen, als eine Pracht, die vergangen, und eine Herr⸗ lichkeit, die geweſen. Die Kleider, in welchen heute Jugend und Schönheit und Hoffnung geglänzt, ſehen wir morgen in der Trödelbude; und in die Wohnungen, welche der Reichthum und die vornehme Ausſchließlich⸗ keit verlaſſen, zieht der Bettler ein. „He, Junge!“ rief der Captain zum Wagen heraus, welcher zögernd und rathlos unter dem Regen und der Dämmerung dahinrollte,„kannſt Du mir nicht ſagen, wo das Haus Nro. 814 ſteht?“ Man konnte in der That die Nummern nicht erken⸗ nen, theils wegen des unſicheren Lichtes, theils weil die Häuſer weit zurückſtanden, in einer Art von Gärten, welche die Vorderſeite derſelben bis über die Hausthüre mit verkümmertem Gebüſch und einigen zwerghaften Bäumen voll grauer Blätter verdecken. Der Junge, welcher mit einem paar Stiefeln über den Schultern, einer hohen Mütze von braunem Papier und einer großen Leinenſchürze ſorglos ſeines Weges ge⸗ — 165— gangen war, und das Lied von des Rattenfängers Toch⸗ ter, welche ſich mit Glas die Kehle abgeſchnitten, dazu gepfiffen hatte(Schuſterjungen pfeiffen überall, in London ſo gut, wie in Berlin und Poſemuckel), blieb ſtehen. „Nummero 8147“ wiederholte er nachdenklich— „ne! Weiß nicht.— Iſt doch nicht das Haus, Herr, „Nun was, mein Junge?“ fragte der Captain. „O, das Haus... Ne, ne, Herr, das Haus wird's nicht ſein...“ „Und warum nicht?“ „Weil's in dem Hauſe ſpukt, Herr, und weil die alte Frau, welche zuletzt darin wohnte, todt auf ihrem Bette gefunden wurde, mit beiden Augen weit offen. Sie ſagen, daß der Teufel ſie ſtrangulirt hätte. Das Haus wird's doch nicht ſein, Herr?“ „Das iſt das Haus, mein Junge, und wenn Du mir zeigſt, wo es ſteht, ſo ſollſt Du einen Sixpence haben.“ Der tapfere Junge aber, ohne ein Wort weiter zu ſagen, ſah den Captain, dann den Kutſcher ängſtlich von der Seite an, nahm ſeine Stiefeln, welche er bei dem Diskurſe niedergeſetzt hatte, wieder auf die Schulter und rannte davon, als ob ihm der Teufel ſchon auf den Ferſen ſäße. „So müſſen wir das Haus wol ſelber fuchen,“ ſagte der Captain, welcher ausſtieg und dem Kutſcher befahl, ihm langſam zu folgen. Es war unbehagliches Wetter; und der Captain wickelte ſich feſter in ſeinen Mantel, indem er dicht an den * — 166— Gittern jener Gärten dahinging, hinter welchen die Häu⸗ ſer ſtehen. „Gefunden!“ rief er nach einer Weile...„dies iſt 812... dies iſt 813... dies muß 814 ſein. Halt Kutſcher!“ Der Wagen hielt. Sie befanden ſich vor einem Hauſe, das ſich ſcheinbar von den übrigen in der Nach⸗ barſchaft wenig unterſchied. Da war ein Garten, etwas verwilderter in der That, als die andern, aber im Zwie⸗ licht, in welchem er lag, dieſelben zwei, drei Bäumchen zeigend, deren Blätter im Winde zitterten. Daſſelbe Buſchwerk, deſſen wirres Gezweig im Regen tropfte. Da war die mit einem dünnen Anflug von Moos be⸗ kleidete Treppe, die graue Vorderwand, die vom Wetter verwaſchene Thür, deren Farbe ehemals roth oder gelb geweſen— die Fenſter allerdings waren feſt mit halb⸗ vermorſchten Holzläden verſchloſſen. Aber das wußte der Captain ja. „Wir ſind an Ort und Stelle,“ ſagte der Captain an den Wagen tretend.„Obadiah, biſt Du bereit?“ „Ja, Herr,“ erwiederte Obadiah, erhob ſich und nahm, während Pym ihm aus dem Wagen voranſprang und ſein Herr den Kutſcher bezahlte, den Koffer auf die Schulter und trat in den Garten. Der Kutſcher, ſobald er ſeine halbe Krone in der Hand hatte, gab dem Pferde die Peitſche, und ſauſte davon, als ob ihm, Gott weiß was, drohe. Das Benehmen des Schuſterjungen und jetzt das geheimnißvolle Ausſehn des verſchloſſenen Hauſes hatten ihn ängſtlich gemacht; und obgleich die Droſchkenkutſcher bei allen Geheimniſſen, Abenteuern und — 167— Eutführungen der neueren Zeit als unentbehrliche Ge⸗ hülfen betheiligt ſind, ſo iſt doch ihre Seele ſo wenig von der Romantik ihres Berufes durchdrungen, daß ſie ſich nicht um das Ende bekümmern, und je eher, je lieber Reißaus nehmen. Der Captain, Pym dicht hinter ihm, betrat nun die Steintreppe vor dem Hauſe, langte den Schlüſſel aus der Taſche, ſteckte ihn in das Schloß, und berührte die Thür, um ſie zu öffnen. In dem Angenblicke fühlte er einen heftigen Schlag, zuerſt in den Armen, dann durch den ganzen Körper. „Ha!“ rief er, zitternd zum erſten Mal vielleicht in ſeinem Leben, aber er erſtickte den Ausruf in ſeiner Kehle, um den Bedienten nicht ängſtlich zu machen, welcher mit dem ſchweren Koffer auf ſeiner Schulter in der trüben, troſtloſen Dämmerung unter einem der windzitternden Bäumchen ſtand. „Komm doch herauf, Obadiah!“ rief der Captain, welcher ſich überzeugen wollte, ob ſeine Einbildungskraft ihn getäuſcht habe, oder nicht,„und öffne die Thüre!“ Obadiah kam, ſteckte den Schlüſſel in das kleine Schlüſ⸗ ſelloch, griff an die Thür, und ſchrie, als ob eine Natter ihn geſtochen, warf den Koffer auf die Erde, daß der Boden dröhnte und Pym ein kurzes ſchauerliches Geheul ausſtieß. „Was iſt Dir, Obadiah?“ fuhr der Captain ſeinen Diener mit verſtelltem Zorn an.„Ich will nicht hoffen, daß Du hier auf der Schwelle ſchon anfängſt Dich zu fürchten. Nimm Deinen Koffer auf, beruhige Pym und fotge mir!“ — Obadiah beugte ſich zu dem Hunde, welcher in offen⸗ barer Furcht vor dem Hauſe ſich umgekehrt hatte, und ſtreichelte ihm den Kopf. Das arme Thier, welches— wie ſich bei dieſer Gelegenheit zeigte— wenig vom Teufel in ſich hatte, obgleich es im Lager vor Sebaſtopol ge⸗ glaubt ward, wimmerte entſetzlich und wedelte ängſtlich mit dem Schweif. Die vratoriſche Begabung Obadiahs war überhaupt nicht ſehr groß, wie wir wiſſen; bei dieſer beſondern Gelegenheit aber ſchien ihm die Sprache ganz zu verſagen, und Alles, was er zum Troſte Pyms vor⸗ zubringen wußte, beſchränkte ſich auf einige unartikulirte Naturlaute. Endlich hatte er ſich ſoweit gefaßt, um den Koffer wieder zu ſchultern und ſeinem Herrn etwas näher zu treten. Dieſer, in der feſten Ueberzeugung, daß hier nur die entſchiedenſte Unbeugſamkeit des Willens und die vollſtändigſte Beherrſchung der Phantaſie durch den nüch⸗ ternen Verſtand zu irgend einem Ziele führen könne, hatte den Schlüſſel aufs Neue ergriffen. Seine Neugier war zu ſtark gereizt; und außerdem,— obwol er ſich deſſen nur dunkel bewußt war— zog ihn ein eigenthüm⸗ licher Trieb weiter. Er hätte nicht umkehren können, um Alles in der Welt nicht. Er ſtand wie gebannt vor dem Geheimniß, deſſen Schleier er lüften wollte; und ob er gleich eine düſtere Ahnung hatte von ſchrecklichen Dingen, welche ihm begegnen würden, ſo riß es ihn doch unaufhaltſam vorwärts. Er wiederholte den Verſuch— derſelbe Schlag durch⸗ zuckte ihn glühend— aber er wollte— und mit einem wüthenden Tritt ſeines Fußes flog die Thür auf. Sie waren in der Halle. Die Thür fiel hinter ihnen — 169— zu. In der vollſtändigen Dunkelheit und dumpfen Nacht, die hier herrſchte, ſahen ſie nur das unheimliche Leuchten von Phm's Augen. Nur gezwungen hatte er die Schwelle überſchritten, und jetzt mit ſchaurigem Gewinſel kroch er zurück und kratzte am Eiſenbeſchlag derſelben. Eine Weile war vollkommene Stille. Aber dem Captain war, als höre er ein dumpfes Brauſen, ein unterirdiſches Geſtöhne. „Setz den Koffer nieder und mach Licht!“ rief er ſeinem Diener zu. Es waren die erſten Worte, welche in der Einöde dieſes Hauſes geſprochen wurden; und fonderbar, von allen Seiten, von Oben, von Unten hall⸗ ten ſie wieder. Aber der Captain wiederholte ſich ſeinen Vorſatz, allen fremden Erſcheinungen in dieſem Hauſe gegenüber an den Willen des Mannes und den Muth des Soldaten zu appelliren, und noch einmal, lauter als zuvor, rief er:„mach Licht!“ und ſogleich hier kichernd, wie von Mädchenlippen, dort traurig, als käme es aus dem Grabe, und dort wieder ſcharf und gellend wie von höhniſchen Geiſtern, klang es aus dem Dunkel zurück: „Mach Licht! Mach Licht! Mach Licht!“ „Fürchte Dich nicht, Obadiah,“ ſagte der Captain, mehr um ſich, als um den zähneklappernden Puritaner zu beruhigen.„Die alten Häuſer von London pflegen alle ſo akuſtiſch gebaut zu ſein, daß bei der vollkommnen Stille, welche in dieſem hier herrſcht, dieſes eigenthüm⸗ liche Echo aus all ſeinen hohen und leeren Räumen nicht ſehr zu verwundern iſt. Das unglückliche Mitglied des Mäßigkeitsvereins, welches in dieſem Augenblick zuerſt Etwas von den Ge⸗ — 170— ſetzen der Akuſtik vernahm und ſich ganz gewiß einbildete, dieſer fremde Begriff müſſe mit Geiſtern und Geſpenſtern in einem eigenthümlichen Zuſammenhange ſtehen, warf den Koffer auf die Erde. Ein dumpfer Schall, wie aus der Tiefe, folgte, und Pym antwortete mit einem kurzen, abgeſtoßenen Gehenl, welches ſich alſobald rechts und links und oben und unten ſchauerlich fortpflanzte. Alsdann verſuchte Obadiah Licht zu machen. Das erſte Schwe⸗ felholz verſagte. Das zweite flammte kurz auf, und be⸗ leuchtete mit ſeinem phosphoriſchen Schimmer eine⸗ öde, traurige Halle und offene Thüren zur Rechten, eine Treppe im Hintergrund— und dann war Alles wieder tiefe, moderfenchte Nacht. „Gieb mir das Feuerzeug!“ rief der Captain, und ſtrich mit dem Wachskerzchen über die rauhe Fläche deſ⸗ ſelben. Es brannte— aber kaum eine halbe Minute, in welcher ſie die Halle, die Thüren, die Treppe aufs Neue ſahen. Dann ward es, wie von einem daherſchwe⸗ benden Hauche, wieder ausgeblaſen. „Es iſt Sinnentänſchung,“ ſagte der unerſchütterliche Captain.„Es zieht in dieſer verwünſchten Halle aus tauſend Löchern; wir werden unſern ganzen Vorrath auf⸗ brauchen, wenn wir nicht vorſichtig damit umgehen. Halte Deinen Hut hierher, Obadiah, und ſchütze das Licht vor Zug, wenn ich geſtrichen habe!“ Obadiah nahm ſeinen Hut vom Kopfe und hielt ihn in der vom Captain vergeſchriebenen Stellung; aber ſeine Hand zitterte ihm ſo heftig, daß er das Licht ſelber aus⸗ böſchte, als es nun endlich wieder brannte. Mit kaum hörbarer Stimme wimmerte er, eine eiskalte Fauſt habe —— ſeinen Arm gepackt und ſchüttele ihn, wie mit eiſernen Fingern. „Angſthaſe! Scheer Dich zum Teufel!“ donnerte ihn der Captain an... und„Angſthaſe“ und„Teufel“ don⸗ nerte es kichernd, traurig, gellend und höhniſch durch⸗ einander aus der Finſterniß zurück. Aber unbeſorgt um die ſeltſamen Klänge, welche ihn umtoſten, trat der Captain in die geſchützte Ecke hinter der Thür, rieb ein neues Wachsſtäbchen, ſchirmte das entglimmende Flämmchen ſorgfältig mit vorgehaltener Hand und brachte endlich die dicke Wachskerze zum Bren⸗ nen, welche ihm ſein Diener aus dem geöffneten Koffer gereicht hatte. Wunderbar bläuliche Ringe und ſeltſam röthliche Licht⸗ reflere warf die brennende Kerze in das träge und un⸗ willig weichende Dunkel. „So, jetzt haben wir Licht, Obadiah— jetzt folge mir,“ ſagte der Captain, indem er mit der Kerze dem Diener voran durch die offene Thür rechts ſchritt. Es war ein großes Speiſezimmer mit einem maſſiven Tiſch von altmodiſchen Formen in der Mitte, ein kleineres Zimmer dahinter, nach dem Hofe zu— Alles ſtill, wie der Tod. Der Captain zündete eine zweite Wachskerze an und ſtellte beide auf den Tiſch in der Mitte. Dann hieß er ſeinen Diener hinausgehen und die Schalter öffnen. „Licht haben wir, nun müſſen wir Luft haben,“ ſagte er, indem er ſich in einen der umherſtehenden Seſſel ſetzte. Obadiah ging. Er war jetzt wieder ruhig und gefaßt, und öffnete die Läden, wie ſein Herr ihm befohlen. Dann kehrte er ebenſo ruhig zurück, trat über die Schwelle des Zimmers, wollte die Thür ſchließen— ſprang aber mit einem wilden Blick zurück, und warf ſich jammernd ſei⸗ nem Herrn zu Füßen. „Barmherzigkeit!“ rief er wehklagend—„wir kom⸗ men nicht lebendig aus dieſem Hauſe!“ „Was iſt Dir wieder?“ zürnte ſein Herr, obgleich ihm ſelber anfing, unheimlich zu werden. „Die eiſerne Fauſt iſt wieder da,“ winſelte er,„ſie hat mich auf die Schulter geſchlagen... hier, o hier!“ Und dabei erhob er ſeine Hand, um ſeinem Herrn zu zeigen, wo ihn die vermeintliche Fauſt des Geiſtes ge⸗ troffen; aber ſein Herr ſah ihn nicht, ſein Herr ſah, wie ein Seſſel, dem ſeinigen gegenüber, ſich bewegte.— Der Captain wollte lachen. Der Captain wollte ſpre⸗ chen. Aber der Ton verſagte ihm. Er blieb ſtumm. Endlich nach heftigem, innerem Kampfe richtete er ſich in die Höhe, ſchloß die Thüre, welche Obadiah offen gelaſ⸗ ſen, und ſagte dieſem, er ſolle ſich ſchämen, daß er ſich ſo kindiſch benehme. Es ſei nichts als ſeine erhitzte Ein⸗ bildungskraft, welche ihm alle dieſe trügeriſchen Bilder vorſpiegele. Aber er hatte noch nicht ausgeredet, da gab Pym wieder ſein kurzes, abgeſtoßenes Angſtgeheul von ſich, und mit furchtbarem Knarren flog die Stubenthür auf. Es war kein Zweifel daran, daß ſie wirklich verſchloſſen ge⸗ weſen. Der Captain ſelber hatte ſie eben geſchloſſen. „Dies verwünſchte Neſt iſt voll von Wind und Ratten,“ ſagte der Captain, ſeinem etwas ſinkenden Muthe mit einem ſeiner kräftigſten Flüche aus dem Lager zu Hülfe eilend.„Komm, Obadiah, zünde die Laterne an; wir wollen Hausſuchung halten; wir wollen uns ein Quar⸗ tier für die Nacht wählen und Feuer anmachen. Es fängt an mir kalt zu werden in dieſem Hauſe!“ Obadiah hatte die kleine Blendlaterne angezündet und ſie traten in die dunkle Halle hinaus, nachdem ſie zuerſt die Thüre des kleineren, und dann diejenige des größeren Gemaches hinter ſich geſchloſſen hatten. Das Erſte, was ſie wahrnahmen, als ſie durch die dröhnende Halle ſchrit⸗ ten, waren in der dichten Finſterniß des Hintergrundes, kleinliche, bläuliche Lichtkörperchen, von einer penetranten Helligkeit, welche eine Sekunde hin⸗ und hertanzten, fun⸗ kelnd wie Diamanten vom reinſten Waſſer, und dann ſich zu einem glühenden Strahlenbogen ſchloſſen, welcher mit wunderbaren Wechſeln des Scheines aus glühendem Blau, Roth und Grün in blendendes Weiß überging, und Alles ringsum, Thüren, Wände, Treppen und die ge⸗ wölbte Decke mit ſeinem ſcharfen Glanze beleuchtete. Wie Geſpenſter in dieſem unerträglich hellen Scheine ſtanden die drei, der Herr, der Diener und der Hund, und ſie konnten die herüberſchießenden Strahlen nicht ertragen, und ihr eckiger Schatten zeichnete ſich faſt ſchwarz auf dem weißen Lichtgrund. „Das iſt die Gegend jenes unheimlichen Gemaches,“ dachte der Captain,„vor welchem man mich im Voraus gewarnt; und es müßte mich Alles täuſchen, wenn ſich dort nicht der Heerd des ganzen Spukes befände. Aber ich will hineindringen und ſehen, was es iſt, ſo wahr ich Captain bin von Ihrer Majeſtät Garden!“ Mit dieſem Gedanken ſammelte er ſeinen Muth wieder, und ſeinen Willen mit dem ganzen Aufgebot ſeiner Kraft — gleichſam in einen Punkt concentrirend, blickte er aufs Neue feſt in jenen blendenden Lichtbogen— und ſiehe, er war verſchwunden wie mit einem Schlage, und in der Halle war es wieder finſter und ſtille, wie zuvor. Der Captain beſchloß nun, zuerſt die übrigen Räum⸗ lichkeiten des Hauſes in Angenſchein zu nehmen, bevor er jenes räthſelhafte Gemach beſuche, ließ ſich von Obadiah die Laterne geben und ging von Beiden, dem Diener und dem Hunde, gefolgt, voran. Sie traten zuerſt durch die Hinterthür in den kleinen Hof, welcher ſehr hohe Mauern hatte. Die Steine dieſes Hofes waren feucht; und war es nun die Feuchtigkeit, welche mit Staub und Rußniederſchlag gemiſcht ſein mochte, oder was ſonſt immer— genug, ihre Füße ließen einen ſchwachen Eindruck zurück, wo ſie gingen. Das ſah der Captain. Aber plötzlich blieb Obadiah ſtehen und rief mit dumpfer Stimme:„Herr, o Herr, ſeht Ihr nicht?“— Der Captain ſah Nichts, als jene Eindrücke auf das feuchte Pflaſter des Hofes, und ſagte dies ſeinem Diener, Dieſer aber fuhr angſtgeguält fort—„nein,“ rief er, „das iſt es nicht.. Seht Ihr nicht hier und hier und hier?“ Und dabei wies er mit der Hand vor ſich und ſchien einem ungeſehenen Etwas zu folgen...„hier fällt ein Fußtritt— hier fällt noch einer.— O ſeht, Herr! es iſt wie der nackte Fuß eines Kindes.“ „Obadiah!“ erwiderte der Captain, indem er ſeinen Diener an den Arm packte und ihn ſchüttelte, als wolle er ihn aus einem Traume erwecken.„Deine Phantaſie 3 5„ 7 pielt Dir einen Poſſen. Du erinnerſt Dich an die Ge⸗ ſchichte von dem Kinde, welches hier geſtorben ſein ſoll, und Deine Furcht bringt die Tritte, welche wir ſelbſt auf dieſen Grund gedrückt, in Verbindung mit jenem vor fünfzig Jahren geſchehenen Vorfall, welchen ich Dir lieber bätte ganz verſchweigen follen!“ Hierauf begaben ſie ſich in das Haus zurück und ſtiegen die Treppe hinan; eine breite Treppe ohne Tep⸗ viche, aber mit maſſivem Holzſchnitzwerk an den Gelän⸗ dern, wie man es in London nur in denjenigen Häuſern ſieht, die in der Zeit nach dem großen Brande gebaut worden ſind. Obadiah war wieder ganz ſtumm geworden und Phym winſelte ununterbrochen. Sie beſuchten das Drawing⸗Room— eine feuchte, froſtige Luft wehte ſie aus dem leeren, dunklen Gemach an. Sie ſtiegen weiter, zu den Kammern des zweiten Stocks. Schwere Himmel⸗ betten, mit vier Pfoſten, ſtanden daſelbſt. Sonſt war nichts Merkwürdiges darin. „Ich denke, wir verzichten dieſe Nacht auf Betten und Schlafkammern,“ ſagte der Captain.„Wir wollen dieſe Nacht wachen. Wir wollen hinunter gehn, zuerſt jenes dunkle Gemach unterſuchen und dann im Vorderzimmer Feuer machen und uns an unſeren mitgebrachten Vor— räthen erquicken!“ Nachdem ſie vorſichtig alle Thüren hinter ſich ver⸗ ſchloſſen, gingen ſie die Treppen hinab und blieben vor der Thür jenes räthſelhaften Gemaches ſtehen. Obadiah wollte ſie öffnen. Aber ſie war feſt verſchoſſen. „Ich werde einen meiner Schlüſſel probiren,“ ſagte der Captain. Aber kaum hatte er die Hand in die Taſche 176 geſteckt, um ſeine Schüſſel hervorzuziehen, ſo öffnete ſie ſich geräuſchlos von ſelbſt. Erſtaunt ſahen Herr und Diener ſich an. Obadiah, den die Angſt zuerſt ganz ſtumm und dann beredter gemacht hatte, als er vorher in ſeinem Leben geweſen, beſchwor ſeinen Herrn, nicht weiter zu gehen. Aber dieſer ſtürzte hinein, und zog ſeinen Diener hinter ſich her. Pym war entflohen, und man hörte ſein dumpfes Winſeln aus dem Vorderzimmer. Bei dem ſchmalen Lichtſtreifen, den ihre Blendlaterne warf, ſahen ſie allmälich, daß ſie ſich in einem öden, traurigen Raume, ohne jegliches Meuble befanden. Ein paar leere Kiſten und Körbe in der Ecke— ein kleines Fenſter— die Läden geſchloſſen— kein Kamin— keine andere Thür, als diejenige, durch welche ſie eingetreten — kein Teppich auf dem Dielenboden, dieſer ſelbſt ſehr alt, uneben, wurmſtichig und hier ein etwas helleres, jün⸗ geres Stück Holz, welches offenbar erſt ſpäter eingefügt worden war. Aber kein lebendes Weſen, nicht einmal ein Platz zu entdecken, wo ſich allenfalls ein lebendes Weſen hätte verborgen halten können. Als ſie ſo, bei dem Schimmer der Blendlaterne rundblickten, ſchloß ſich auf Einmal die Thür, durch welche ſie eingetreten, ſo langſam und geräuſchlos, als ſie ſich vorhin geöffnet. Sie waren gefangen. Und zugleich, von einem unerklärlichen Fröſteln und Zittern ergriffen, ließ der Captain die Laterne fallen, welche klirrend auf den Boden ſchlug und verlöſchte. Sie waren im Dunkeln. Und jetzt kam der Angenblick, wo auch dem Captain ein Schauer durch alle Glieder lief ung rieſelte, der ſich ſchwer beſchreiben, aber noch ſchwerer vergeſſen läßt. Ihm war, als ob ein unbekannter und geſpenſtiſcher Dunſt ſich aus den Ritzen jenes Fußbodens erhoben und die Atmoſphäre mit einem giftigen Einfluß geſchwängert habe, welcher dem menſchlichen Leben feind iſt. Verge⸗ bens, daß Obadiah ſeine ganze Stärke anwandte, um die Thüre zu ſprengen; und Obadiah war ein Mann, berühmt wegen ſeiner Körperkraft. Aber die Thür bewegte ſich nicht einmal bei ſeinen ſtärkſten Stößen. Schnaufend und athemlos gab er es zuletzt auf, ſie zu öffnen. Den Captain aber, mitten in jenem unbe⸗ ſchreiblichen Schauer, ergriff die Ueberzeugung, daß ſein Wille hier gegen den Willen irgend einer ihm bis jetzt unbekannten geiſtigen oder phyſiſchen Kraft zu kämpfen habe: daß er hier verloren ſei, in dem Augenblicke, wo ſeine Einbildungskraft den Sieg über ſeinen Willen davon trage, daß und ſiehe! die Thüre öffnete ſich ruhig und langſam, und Beide verließen das unheim⸗ liche Gemach. Die beiden Lichter brannten noch, als ſie zu dem Vorderzimmer zurückkamen, ſo klar und ruhig, wie ſie gebrannt hatten, als ſie es verließen. Der Captain holte ſein Pfeifſchen aus der Taſche und ſtopfte es mit ſeinem beliebten Cavendiſh; aber der Cavendiſh ſchmeckte ihm heute nicht recht, und er legte das Pfeifchen bald wieder hin. „Gib mir Wein,“ ſagte er dann zu Obadiah,„und nimm ſelbſt ein Glas!“ Der Diener holte eine Caraffe mit funkelndem Port hervor und füllte einen großen Kelch damit, welchen der — 8 3 5 Straßenſängerin L. 12 Captain auf einen Zug leer trank. Er wollte jenen Schauer, der ihn noch immer nicht ganz verlaſſen hatte, damit verſcheuchen. „Warum trinkſt Du nicht, alter Junge?“ rief der Captain, der ein zweites Glas hinunter geſtürzt hatte, und deſſen Stirn von Wein und Aufregung zu glühen begann.„Heut iſt die Welt nicht, wie ſie alle Tage iſt. Heut feiern wir ein Feſt unter Geiſtern— trink, alter Junge, trink!“ Aber Obadiah war wieder ſtumm geworden und ſchüttelte mit dein Kopfe. „Wirf Deinen Puritaniſchen Glauben und den Mäßig⸗ keitsverein zuſammen und gieß Milch dazu— mir aber gieb Wein, alter Gefährte!“ Sein Herz ſchlug immer heftiger. Er meinte nun ſelber den Druck einer Hand zu fühlen, ihm war, als legten ſich Hände, ſchöne, weiche Hände eines Geiſtes in die ſeinen, und zögen ihn fort. „Mach Feuer!“ rief er ſeinem Diener zu.„Ich will noch einmal in jenes Gemach!“ „Um Gott!“ flehte der Diener.„Ihr wollt i „Ich muß,“ entgegnete der Captain, deſſen Augen funkelten. Er nahm die Laterne, welche Obadiah aus dem dunkeln Gemach mitgebracht und wieder entzündet hatte, obgleich das Glas zerſplittert war.—„Halte mich nicht— mach Feuer, bis ich zurück bin— ich werde bald zurück ſein... laß mich, ich muß!“ Er mußte.— Es giebt Kräfte, und ſie wohnen in unſrer eignen Seele, die uns vorwärts zerren. Nennt es Ahnung, nennt es Sehnſucht, nennt es Sympathie— ihr Daſein iſt nicht zu leugnen, und umſonſt, daß wir widerſtrebeu— ſie ziehen uns.. in den Himmel, in die Hölle, in das Licht oder die Nacht und wir folgen. Dieſer Zug in ihm war wirklich; was er ſonſt ge⸗ ſehen, mag Einbildung geweſen ſein, wir wiſſen es nicht. Er ſah, ſobald er ſich jener dunklen Thüre wieder ge⸗ naht, ein großes, bleiches Licht.. ſo groß, wie eine Menſchengeſtalt aber formlos und unkörperlich. einen matt und trübe leuchtenden Umriß, ohne Dichtig⸗ keit, ohne Schwere— ſchwebend, wandelnd, ziehend. die erſte Treppe hinauf... die zweite Treppe hinauf.. die dritte Treppe hinauf... eintretend in eine kleine, enge, niedrige Dachkammer... ſich zuſammenballend in eine kleine Lichtkugel, von außerordentlichem Glanze und Schimmer, ſich auf ein Bett in der Ecke niederlaſſend, zitternd, verſchwindend.... Das Bett war dasjenige, auf welchem die alte Frau geſtorben. Auf der breiten Decke deſſelben lag ein gelbes Halstuch, welches ſie getragen, als man ſie in dieſem Bette todt gefunden. Dicht neben dem Bette ſtand eine hohe, braune Commode mit roſtig gewordenen Meſſing⸗ griffen. Der Captain zog die Schublade derſelben heraus — die unterſte war ganz leer, in der mittleren lagen einige weibliche Kleidungsſtücke, in der oberen fand er ein Medaillon, in zwei Briefe geſchlagen und mit einem vergilbten Bande zugewickelt Er löſte das Band, und... Um Gottes Barmherzigkeit willen!— Was hatte er 12 — 180— geſehen! Was hatte er gefunden! Er kannte das Bild! Er kannte die Briefe!... Es war ſein Bild, es waren ſeine Briefe!— Wer könnte Briefe, die er vor langen Jahren empfing, von einer theuren Hand, die nicht mehr iſt, oder an eine geliebte Seele gerichtet, welche gegangen, wer könnte dieſe ſtummen, traurigen Zeugniſſe einer Vergangenheit, in der wir beſſer waren, als wir jetzt ſind, weil die Jugend noch uns gehörte und die Liebe und das Glück, wer könnte ſie im ſpätern Leben, mitten im Sturm, der uns verſchlagen, mitten im Aufruhr, der uns umgiebt, plötzlich und unvermuthet wieder finden, ohne jenes wehmüthige Lächeln, welches ſich nicht viel unterſcheidet vom Weinen, bei der rührenden Begegnung mit Geiſtern? Wer könnte ſein eigen Bild aus jener Zeit, welches er der Geliebten an's Herz gehängt... an dies ſchöne, reine, warme Herz, welches zum erſtenmal liebte, und dann vielleicht vrach, weil es nicht haſſen konnte.. wer könnte dies Bild, fo friſch noch, ſo jung, ſo freudig und lachend, in ſpäterm Alter wiederſehen ohne Thränen? Aber keine Thränen hingen an dieſen Briefen, an diefem Bilde; an dieſen Briefen, an dieſem Bilde klebte Blut!— Das Bild ſtellte ihn vor, wie er achtzehn, neunzehn Jahre früher geweſen, als er England verließ. Es ſtellte ihn vor in der ganzen leichtſinnigen Schönheit und dem unbeſonnenen Lächeln ſeiner Jugend. Es war ein feines, zartes Aquarell, in eine kleine goldene Kapſel mit einem Glasdeckel gefaßt, an einer dünnen Kette von dunkelbraunem Haar, welche lange getragen zu ſein ſchien, ehe ſie für Immer abgelegt worden. Von den Briefen trug einer den Poſtſtempel:„Port⸗ ſea,“ und war an ihn gerichtet geweſen. Die Schrift⸗ züge, von einer des Schreibens nicht ſehr gewohnten Mädchenhand, waren durch die Zeit halb verwiſcht und gelb geworden; und ihr ſchmuckloſer, aber in ſeiner Ein⸗ fachheit rührender Inhalt, welcher auf eine dem niedri⸗ gen Stande Angehörige deutete, lautete folgendermaßen: „Geliebter Richard! „Ich weiß, Du fliehſt mich. Ich weiß, Du willſt von Deinem Mädchen Nichts mehr wiſſen. Aber ich kann nicht von Dir laſſen. Ich fluche Dir nicht in meinem Unglück; ich ſegne Dich, ich ſuche Dich! O, daß Du kämeſt! Daß Du kämeſt, mich zu ſehen und das Kind, welches mich ewig an Dich erinnern wird! Es ſieht aus wie Du; es lächelt wie Du, an dem Tage, wo Du mich zuerſt an der Kirche getroffen. Es hat Deine Augen, es hat Deine Stirne und Dein Haar; es iſt ſo ſchön wie Du; und es ſtreckt ſeine Aermchen aus, als hätte es Sehnſucht nach Dir, und es weint, weil Du nicht kommen willſt, nicht kommen willſt! O wüßteſt Du, was ich leide! Wie die Mutter flucht, wie die Mutter raſt, und wie ſie das Kind haßt und verwünſcht, welches ausſieht, wie Du! Wie ſie ſchwört, ſie wolle Rache an Dir nehmen, und ſollte es ihr das Leben und die Seligkeit koſten; wie ſie die Hand zum Himmel hebt darauf, daß ſie nicht eher dieſe Erde verlaſſen wolle, bis Du ihrer Tochter die Ehre wiedergegeben oder ſelbſt zu Schanden gekommen wäreſt, wie ſie. O Richard! nicht meinetwegen... ich fühle es, ich weile nicht lange mehr auf dieſer Welt! Nach jenem großen Glück, das ich nach Deiner Liebe erlebt, nach jenem raſenden Schmerze, den ich durchgemacht, nachdem Du mich verlaſſen, iſt mein Werk hienieden gethan. Aber um das Kind, das ich zurücklaſſe, um das Kind— welches ausſieht wie Du, und lächelt wie Du, und Deine Augen, und Deine Stirne und Deine Haare hat— um das Kind iſt mir bange, und um das Kind iſt mir weh! Richard! Richard! ich bitte nicht um mich, ich bitte um das Kind! Richard! Richard! Ich werde gehen, aber das Kind wird bleiben ich werde ſterben, aber das Kind wird leben. O Richard, Richard, werde ich Dich nie wiederſehen?...“ Damit brach der Brief ab. Er war„Flory“ unter⸗ ſchrieben. Der andere Brief war von einer Männer⸗ hand... O, wie gut der Captain dieſe Handſchrift er⸗ kannte, ob ſie nun gleich auch von der Zeit faſt weg⸗ gewiſcht war. Aber es verknüpfte ſich eine Erinnerung mit ihr, welche keine Zeit und keine Macht der Erde hinwegwiſchen konnte. Dieſer zweite Brief war von London datirt und lautete: „Thörichtes Mädchen! Was rufſt Du beſtändig, da ich doch nicht hören will und hören kann! Das Leben eines Mannes hat mit wichtigeren Dingen zu thun, als mit Liebesklagen. Was geſchehn iſt, iſt geſchehn. Wir Alle haben unſer Schickſal; wir Alle müſſen es ertragen. Ich habe Dir gegeben, was ich geben konnte. Ich habe kein Geld mehr, ich ſitze tief in Schulden und bin es müde, von Dir angerufen zu werden, da ich doch nicht helfen kann. Darum nimm dieſen Brief zurück, und richte keinen zweiten mehr an mich. Ich verlaſſe morgen die Stadt, und in einer Woche das Land. Ich gehe — 183— nach Oſtindien, wo mich Deine Mahnungen nicht länger erreichen werden. Unter dieſem Briefe befanden ſich, von einer ganz rohen, offenbar ungebildeten Frauenhand, noch dazu in altmodiſchen Schriftzügen, die Worte: „Starb am 5. Juli 1838, am zweiten Tage nach Empfang dieſes Briefes. Gottes Fluch auf ihn!“ Bleich, wie ein Geſpenſt, und froſtgeſchüttelt am ganzen Leibe, kam der tapfre Captain mit der Blend⸗ laterne in der einen Hand und den Briefen, dem Bild⸗ niß in der andern in das untere Zimmer zurück. Aber ein faſt noch grauenhafterer Anblick ſollte ſeiner daſelbſt warten. Auf einer kleinen flachen und faſt unmerkbaren Er⸗ höhung vor dem Kamin ſtand Obadiah, welcher das Feuer darin angemacht, mit emporgeſträubtem Haar, welches zu kniſtern ſchien, mit weit von ſich geſtreckten Armen, in welchen er heftige Stiche empfand, mit Rock⸗ ſchößen, welche ſich ſteif nach beiden Seiten auseinander⸗ bewegten und mit vor Angſt und Entſetzen aus ihren Höhlen getretenen Angey. „Was iſt Dir? Was iſt Dir?“ ſchrie der Captain, als er ihn ſo ſah; aber Funken fprühten aus allen Theilen ſeines Körpers, an welche ihn der Captain an⸗ faßte, um ihn zu ſich ſelber zu bringen. „Sie ſind hinter mir! Sie ſind in mir! Sie ſind um mich! Hülfe! Hülfe! Die ganze Hölle iſt hinter mir!“ kreiſchte der gefolterte Diener, ſprang von jener Erhöhung vor dem Kamin fort, ſtürzte aus dem Zimmer und rannte — 184— aus dem Haus, während Pym laut und gräßlich heulte. Der Captain hörte die Thür hinter ihm fallen; nun war er mit ſeinem Hunde, ſeinem Bilde, ſeinen Briefen und den böſen Geiſtern ſeiner Vergangenheit allein in dem verrufenen Hauſe.— Das Feuer im Kamin ſchwehlte düſter und ſchwer; es konnte nicht recht zum Brennen kommen. Es war, als preſſe ein ungeſehener Druck auf die empor⸗ ſtrebende Flamme; und in ängſtlichen, dickrothen Strömen krümmte und wand ſie ſich um die aufgeſchichteten Kohlen⸗ klötze. Ein ſtarker und unangenehmer Geruch entwickelte ſich allmälig; und um das Licht der beiden Kerzen bildeten ſich trübe Höfe. Pym richtete ſich langfam in der Ecke auf, in welcher er bis jetzt gelegen; ſein Haar war aufgeſträubt und ſtand ſtarr in die Höhe. Seine Augen waren mit einem unheimlichen aber feſten Blicke auf das Feuer gerichtet. Sein Maul ſtand weit offen, er zeigte alle ſeine Zähne. Der zähe Geifer lief über ſeine Kinnbacken. Er ſah aus, als ob er toll ſei; und ſein Biß würde in dieſem Momente vielleicht giftig ge⸗ weſen ſein. Plötzlich ſtieß er ein furchtbares Angſtgeheul aus, kehrte ſich um, kroch in einen Winkel und rannte mit dem Kopf hinein, ſo feſt und gewaltſam W ob er durch e Wand brechen wolle.— Aber der Captain bemerkte Nichts von dem qualmen⸗ den Fener und Nichts von der Angſt ſeines Hundes. Neben ihm auf dem Tiſche lagen die beiden Briefe und das Bild; und ſeine Augen waren unverwandt darauf gerichtet. Der Gedanke an die Gegenwart ſchwand hin. Das Heute war nicht mehr. Siebzehn ganze Jahre die ſtarben; er konnte ſie nicht halten. Er konnte den Arm nicht regen. Eine centnerſchwere Wolke, ein furchtbarer Nebel begrub ſie. Ihm wurde der Kopf ſo ſchwer. Die Lichter brannten trüber, immer trüber. Seine Vor⸗ ſtellungen verwirrten ſich. Jede klare Unterſcheidung wich; jeder Vorſatz war gelähmt. Er hatte eine dumpfe Empfindung davon, wie ihm alles dies genommen ward; aber er konnte es nicht hindern. Nur die Briefe blieben da und das Bild. Nun auf Einmal ſah er, wie ſich Etwas vor das Licht ſchob, welches die Briefe und das Bild überſchattete. Es war ein dunkles Etwas, welches ſich in unbe⸗ ſtimmten Umriſſen aus der Luft formte. Es war keine menſchliche Geſtalt; und doch glich es der Geſtalt oder dem Schatten eines Menſchen mehr, als irgend einem andern Dinge auf der Welt. Wie es da ſtand, ganz geſondert und geſchieden von der Luft und dem Lichte, ſchienen ſeine Außenlinien zu wachſen, bis es zuletzt die Decke des Zimmers erreicht hatte. Das Gefühl einer ſchneidenden Kälte ergriff den Captain. Ein Eisberg hätte ſein Blut nicht mehr erſtarren machen können. Und nachdem die Erſcheinung ſo gewachſen war, unter⸗ ſchied er zwei Augen, welche aus der Höhe zu ihm nieder⸗ blickten. Einen Moment lang ſah er ſie ganz deutlich, im andern waren ſie fort. Aber zwei Strahlen eines mattblauen Lichtes ſchoſſen häufig durch die Dunkelheit, und ſie ſchienen von dem Punkte auszugehen, wo er vor⸗ hin die Augen geſehn. Er ſtrengte ſich an, ein Wort hervorzubringen. Aber er konnte nicht. Matt, immer matter kämpfte ſein Wille gegen die Schauergebilde der Phantaſie. Seine phhſiſche Kraft war gelähmt. Er ſtrengte ſich an, außzuſtehen. Umſonſt. Eine unwiderſtehliche Gewalt drückte ihn nieder. Und nun, indem dieſer Eindruck ſich in ihm geltend machte, nun kam zuletzt Entſetzen— Entſetzen, bis zu einem ſolchen Grade, daß kein Wort es ausdrücken kann. Alles in ihm gerieth in eine ziehende und ſchwindende Bewegung; er fühlte ſie in ſeinem Hirn, er fühlte ſie in ſeinen Fußſpitzen. Vergebens ſuchte er, dieſer Bewegung Einhalt zu thun. Er fühlte, in dem dumpfen Zuſtande, in welchem er ſich befand, daß zuletzt ſein Leben und ſeine Seele ſelber ſo ziehen und ſo ſchwinden würden. Er raffte ſich auf, und mit einer furchtbaren Kraftauf⸗ wendung faßte er den Entſchluß, den Revolver zu er⸗ greifen; aber er konnte den Arm nicht erheben.— Und nun, um ſein Entſetzen zu vollenden, begann auch das Licht langſam von der Kerze hinwegzuſchwinden — ſie wurde nicht ausgelöſcht, aber es war, als ob eine dunkle, ſchwere Hand darüber hinſtreiche, ſie nieder⸗ drücke und in ſchwarzen, glanzloſen Qualmſtreifen der Flamme gleichſam das innerſte Leben ausziehe. Daſſelbe geſchah mit dem Feuer. Der Schein deſſelben ſchien von der wachſenden Dunkelheit ebenfalls aus den Kohlen herausgeſogen zu werden; und in wenigen Minuten war das Zimmer ganz ſpſten Gräßliche Schatten in fliegender Haſt ſtiegen mun herauf. Unter dem Tiſch kam eine Hand hervor, ſicht⸗ bar bis zum Gelenk. Es war eine Hand ſcheinbar von Fleiſch und Blut, wie die eines Menſchen; aber hager, voll Falten, klein, eine Frauenhand. Die Hand ſchloß ſich langſam um die beiden Briefe und das Bild, welche auf dem Tiſche lagen; und Hand, Briefe und Bild ver⸗ ſchwanden.— Auf Einmal drei dumpfe Schläge... Das Blut ſchoß dem zu Tode gequälten Menſchenkind in den Kopf, und plötzlich wuchs aus dem Stuhl, auf der andern Seite des Tiſches eine Geſtalt.... eine Frauengeſtalt. Sie war beſtimmt in ihren Umriſſen, wie eine Geſtalt des Lebens; aber geiſterhaft in ihrem Ausſehn, wie eine Geſtalt des Todes. Das Geſicht war das der Jugend, von einer ſeltſam traurigen Schönheit, Hals und Schultern waren nackt, der übrige Theil des Körpers in einem loſen Gewande wolkigen Weißes. Sie begann ihr langes, gelbes Haar zu ſtrählen, welches über ihre Schultern fiel; und in der Höhe des Zimmers er⸗ ſchienen wieder jene ſchrecklichen Augen. Sie waren jetzt auf die Frauengeſtalt im Stuhle gerichtet. Aus der Thür, obgleich ſie ſich nicht öffnete, wuchs nun eine andere Geſtalt, gleich beſtimmt, gleich geiſter⸗ haft; die Geſtalt eines Mannes, eines jungen Mannes. Sie ging in der Tracht vom Anfang dieſes Jahrhun⸗ derts, und grauenhaft war der Contraſt zwiſchen der ausgeſuchten Nüchternheit, der gezirkelten Steifheit jenes altmodiſchen Anzuges und dem leichenartigen Ausſehen, der geſpenſtiſchen Stille ſeines in der Luft fließenden Trägers. In dem Augenblicke, wo dies ſchwebende Ge— ſpenſt das Weib in Weiß berührte, welches auf dem Stuhle ſaß, ſchoß der ſchwarze Schatten plötzlich von der Wand und alle drei waren für kurze Zeit in Dun⸗ kel gehüllt. Dann kam das bleiche Leuchten, wie man — 188— es bei Nachtzeit zuweilen über faulen Sümpfen und alten Kirchhöfen ſieht, zurück, und die beiden Phantome ſchie⸗ nen unter dem harten Griff des zwiſchen ihnen getrete⸗ nen Schattens zu zittern; und auf der Bruſt des weib⸗ lichen Geſpenſtes war ein Blutfleck, und das männliche Geſpenſt lehnte auf ſein Schwert, und Blut rieſelte von ſeinen Händen; und die Finſterniß des Schattens zwiſchen ihnen ſog ſie auf, und ſie zogen wieder und ſchwanden und waren fort. Nun that ſich die Schrankthür zur Rechten des Ka⸗ mins auf, und heraus trat die Form einer alten Frau. Sie wandte ſich um, wie um zu lauſchen; und über ihrer Schulter erſchien ein gelbes Geſicht, wie das eines Mannes, welcher vor langer Zeit ertrunken— aufge⸗ ſchwemmt, geſchwollen— Seegras hing in ſeinen tropfenden Haaren; und zu den Füßen der Frau lag eine Geſtalt, wie der Leichnam eines Mannes, und neben dem Leichnam kauerte ein Kind, ein elendes, ſchmutziges Kind, mit Hunger auf ſeinen Wangen, mit Furcht in ſeinen Zügen... Wenn die Geiſter gezwungen wären, die Stätte ihrer Verbrechen auf Erden wieder zu beſuchen! Wenn es eine Gerechtigkeit hinter der Scene gäbe; wenn Blut⸗ fiecken exiſtirten, welche ſelbſt durch den Tod nicht aus⸗ gewiſcht würden.. O, das war die Frau, welche einſt in dem wüſten Verlangen ihrer Jugend den geheimnißvollen Mann ge⸗ heirathet, der ſpäter auf offener See ertrank; die Frau, welche ſchuldig war am Tode ihres Bruders und am Tode des Kindes, welches er zurückließ— die Frau, welche todt und mit umgedrehtem Halſe und offenen Augen auf ihrem Bette in dieſem Hauſe geſunden ward... und dort der Leichnam zu ihren Füßen war ihr Bruder, und dort das traurige Weſen war ihr Ki Aber nein! ſie waren es nicht. Die Erſcheinung zog und wechſelte; und aus denſelben Geſtalten ſchienen andere zu werden. Andere, aber ihm bekannt, der ver⸗ urtheilt war, ſie zu ſehen. Das war ein junger Mann, im rothen Waoffenrock; ſchön, glänzend, übermüthig. Und das war ein trauriges, junges Weib mit braunem, aufgelöſtem Haar, mit braunen verweinten Augen; und in ihren jammernd ausgeſtreckten Armen hielt ſie dem jungen Krieger ein Kind entgegen, welches mit den klei⸗ nen, ſchuldloſen Händchen zappelte, um die ſeinen zu ergreifen. Aber er wandte ſich ab— und unter dem Einfluß jener gräßlichen Augen von der Höhe des Zimmers herab wurden die Geſtalten matter und mat⸗ ter, bis ſich aus ihren ſchwindenden Umriſſen neue For⸗ men bildeten. Der Krieger ſchien nun älter geworden; und an die Stelle, wo die jammernde Mutter mit ihrem Kinde geſeſſen, erſchien ein glänzendes Weib in der koſtbaren Tracht und Mode unſerer vornehmen Geſellſchaft— mit blauen Augen, röthlich goldenem Haar, üppigen For⸗ men, prächtigen Umriſſen, ſtolz, ſiegesgewiß, triumphirend. Ein Kind war auch da, die Leiche eines Kindes. Ein klägliches Weſen mit ſkelettartigem Aeußern, einem grü⸗ nen Kleide, unter welchem die hagern Beine hervor⸗ ſtanden und mit einem Geſichtchen, welches Hunger und Elend zernagt hatte; und es lag in den Armen eines ſterbenden jungen Mannes, deſſen braunes, ſchwär⸗ meriſches Auge brechend auf dem Soldaten und der ſchönen Frau ruhte. Da kam der Schatten wieder und die Geſtalten löſten ſich ziehend in ſeiner Dunkelheit auf und Nichts blieb als die Angen in der Höhe des Zimmers— furcht⸗ bare Augen, Schlangenaugen. Dieſe Augen waren es allein, welche das letzte ver⸗ glimmende Fünkchen des Lebens und des Willens in der Seele des Captains noch wach hielten. Er hatte Augen, wie dieſe ſchon einmal geſehen; es gab nichts Schreck⸗ licheres für ihn, als dieſe Augen. Seine ſchwindende Beſinnung ſträubte ſich gegen dieſe Augen; ſie waren es, welche den letzten Reſt ſeines Bewußtſeins zum Widerſtand herausforderten, bevor auch dieſer gegangen. Und in dieſem Augenblick, wahnſinnig vor Angſt und Schmerz, aber durch ſeinen Wahnſinn für eine kurze Weile wieder belebt und aufgerüttelt, ſtürzte der Captain ans Fenſter, eine Scheibe brach, die friſche, kühle Nachtluft ſtrich herein, die Kohlendämpfe des Kamins zogen in dicken, ſchwarzen Schichten heraus, und das Bewußtſein des Captains kehrte langſam zurück. Er war dem Erſticken nahe geweſen. Haſtig riß er alle Fenſter auf. Die Lichter, obgleich vom hereinſtrömenden Luftzuge heftig hin und herbewegt, fingen wieder an zu brennen. Die Flamme des Ka⸗ mins kehrte zurück. Aber die Oeffnung der Röhre war verſtopft. Die Flamme hatte keine Luft von Oben, und — ſchlug nun, mit dickem rothem Qualm vermiſcht, durch die Gitter in die Stube. Der Captain hatte deſſen nicht Acht, da nun durch die Fenſter für genügenden Abzug geſorgt war. Die Briefe und das Bild lagen auf dem Tiſche; was er geſehen und geſchaut hatte, waren die wilden Phantasmagorien eines Erſtickenden geweſen. Was die Erinnerung an die Geſchichte, welche ihm der alte Tobias Slender von den früheren myſte⸗ riöſen Bewohnern dieſes Hauſes erzählt, was aus den ähnlichen Vorgängen ſeines Lebens, nach dem räthſel⸗ haften Auftauchen jener Briefe und jenes Bildes die Qnal des Gewiſſens und aus der dunklen Vorſtellung von der Zukunft die Vorahnung ſeiner Seele hinzuge⸗ fügt, kümmerte ihn nicht mehr. Er hatte wieder Luft, er hatte wieder Beſinnung, Geiſtesgegenwart und Muth. Aber in dem Winkel der Stube, den Kopf noch feſt gegen die Wand gepreßt, lag Pyhm. Er war todt. Draußen im Garten war es ruhig. Fern auf bei⸗ den Seiten der öden Straße brannten die Gaslaternen in der finſtern, ſtürmiſchen Nacht; und von dem alten, grauen Thurm, der an der Ecke des New⸗Road, in der Nähe von Euſton Square ſteht, ſchlug es Mitternacht. Eilftes Capitel. Die ſchwarzr Farah. Der Captain ſteckte das Bild und die Briefe in ſeine Bruſttaſche. Er machte ſich aus ſeiner Weichherzigkei 4₰ einen Vorwurf.„Sie hätte mir das Leben koſten kön⸗ nen!“ dachte er.„Armer Pym! Du biſt ihr Opfer ge⸗ worden.“ Aber nun war er entſchloſſen, bis zum Aeu⸗ ßerſten zu gehn. Das Erſchütterndſte, was dieſe Nacht für ihn haben konnte, lag hinter ihm; was vor ihm lag, ſchreckte ihn nicht mehr, ſeit er ſich ſelber und ſeinen Revolver wieder hatte. Er fühlte wohl, daß ihm dies Alles begegnet, weil ſeine Willenskraft dem überwälti⸗ genden Aufruhr des Herzens und der Phantaſie nicht mehr Stand gehalten; und daß all' dieſe Erſcheinungen über ihn gekommen, wie ein Traum über den willenloſen Schläfer. Jetzt war er erwacht, und eine Anwandlung von Scham ſteigerte ſeine Unerſchrockenheit und gab ſei⸗ nem Entſchluſſe eine Beimiſchung von Trotz. Dies war wieder jene Stimmung, in welcher ihm Alles gelingen mußte! Er ging zu jener geheimnißvollen Kammer zurück, über welcher vorhin am Anfange des Spukes der Licht⸗ bogen geſehen worden war. Schon als er das erſtemal darin geweſen, war ihm jener weiße Einſatz auf dem dunkleren, wurmſtichigen Dielenboden aufgefallen. Er unterſuchte ihn jetzt genauer mit ſeiner Laterne. Er fand eine Fuge. Das Brett bewegte ſich, es gab nach, es ſchob ſich zurück. Eine Treppe, muldig und feucht, die ins Dunkel hinunterging, erſchien. Es waren nur vier Stufen. Der Raum, in den ſie mündete, war eng und niedrig. Der Captain konnte kaum aufrecht darin ſtehen. Es mußte ſich noch Etwas dahinter befinden. Hier konnte der untere Hausraum nicht zu Ende ſein. Dem Captain war, als ſähe er in der Wand vor ſich einen ſchwachen, ſchmalen Lichtſtreif. Er wandte ſeine Blendlaterne ab. Richtig, da war der Lichtſtreif. Und jetzt auch ein dumpfes Geräuſch dahinter wie von ver⸗ worrenen Menſchenſtimmen. Der Captain legte ſein Ohr an die Wand. Kein Zweifel, das Geräuſch war dahinter. Er ging im Dunkeln dem Lichtſtreif nach. Hier mußte ſich eine Thür in der Mauer befinden. Er taſtete mit den Händen, und empfand deutlich, daß an der Stelle, wo der Lichtſtreif ſaß, die kalte Feuchtigkeit der Mauer durch Etwas unterbrochen ward, was ſich wie Holz anfühlte. Der Lichtſtreif mußte aus der Thür kommen. Er taſtete weiter; hier fand ſich ein kleines Loch in der Thüre, welches durch Staub und Spinne⸗ webe verſtopft ſchien. Es war nicht ſchwer, dieſe Hin⸗ derniſſe zu entfernen. Der Captain legte das Auge an die Oeffnung— und das des Geſp pen ſterhauſes war gelöſt! Da war ein hoher, wüſter Kellerraum, durch einige trüb ſchwehlende Oellampen erleuchtet; und ein bunt⸗ ſcheckiges Geſindel, reif für die Kolonie und den Galgen, lag auf den feuchten, ſchmutzigen Steinen. Die Meiſten ſchienen zu ſchlafen. Nur ein Mann von vierzig oder fünfzig Jahren mit braunem, verwittertem Geſicht, und neben ihm eine alte Frau wachten. Der Mann log mit dem Rücken an eine eigenthümliche Maſchine ge⸗ lehnt, deren Zuſammenhang der Captain nur langſam entziffern konnte. Da war eine gewaltige Scheibe, wie ein Rad, welche durch ein Hebelapparat zu bewegen war. Die Scheibe war von Glas. Glasfüße, Metallchlinder mit Kugeln an ihren Enden vollendeten das wunderliche 2 3 Straßenſängerin 1. 13 — Ding. Eine Anzahl von ſchwarzen Drähten lief von dieſer Maſchine aus und war durch die Wand weiter geführt. Nicht weit davon ſtand eine andere Vorrich⸗ tung von noch eigenthümlicherer Zuſammenſetzung. Es waren dicke, kurze Flaſchen, dicht neben einander auf einem Brett, durch Drähte verbunden, nebſt allerlei Ch⸗ lindern, Stäben und Rollen.— Dem Captain wurde nun auf Einmal Alles klar. Die geheime Naturkraft, welche dem Schiffer ſeine Straße zeigt auf den einſamen Gewäſſern des Meeres und die andere, durch welche Franklin dem Himmel den Blitz entriß; die Verbindung dieſer beiden Kräfte, durch welche der Menſchengeiſt die Grenzen der Erde gleichſam zuſammengerückt und den Gedanken beflügelt hat, daß er nun, mit der ihm angeborenen Schnelle, über Land und Meer fliegt: dies war es, was die Gauner von London angewandt, um ſich im Beſitze dieſes Schlupf⸗ winkels zu halten, und ihn für die anderen Menſchen, welche den Tag nur kennen, und auch dieſen nicht mehr als halb, und eine Scheu haben, von den Dingen mehr zu ſehen, als ihre Oberfläche, in einen Ort voll böſer Geiſter und Mitternachtsſpuk zu verwandeln. Die glã⸗ ſerne Scheibe, welche der Captain geſehen, war die Scheibe einer Elektriſirmaſchine; und die Flaſchen mit den Drähten und Stäben waren die Flaſchen einer Volta'ſchen Rieſenbatterie. „Elektrizität und Magnetismus alſo ſind die Ge⸗ ſpenſter, welche dieſes Haus bewohnt haben,“ dachte der gute Captain, und indem wir, wie billig, den tapfern Mann bewundern, welchem es noch bevorſteht, mit den viel ſchlimmeren Geſpenſtern und dem viel traurigeren Geheimniß jener Briefe fertig zu werden, bitten wir zu⸗ gleich unſere Leſer um Verzeihung, daß wir ſie bis hier⸗ her in eine ſo ſchlechte Geſelſſchaft geführt und durch eine Reihe von Scenen gefoltert haben, welche unſern Autor bei Einigen in den Verdacht bringen können, als ob er an Tiſchrücken, Geiſterklopfen, Hume und Hartung glaube. Wir verſprechen unſern Leſern, dieſen Fehler ſo bald als möglich gut zu machen, und erſuchen ſie, nur durch den Reſt dieſes Capitels noch ſtandhaft mit uns zu gehen. Dann werden wir es lange nicht wieder mit Geheimniſſen zu thun haben; dann werden wir auf's Neue von Liebe und andern Dingen handeln, die bei der Leſewelt in gutem Credit ſtehen, und jeden Schuft, wo wir ihn gebrauchen, wenigſtens in anſtändigen Klei⸗ dern auftreten laſſen. „Elektrizität und Magnetismus,“ dachte der Cap⸗ tain, der jetzt unglücklicherweiſe noch vor jener geheimen Thür des Vagabundenkellers ſteht.„Das waren alſo die Schläge, die wir empfanden, wenn wir die Klinke berührten! Das waren die geheimen Hände, welche die Thüren öffneten und die Stühle bewegten! Ein Volta'ſcher Luftbogen hat über den Eingängen dieſer Höhle ge⸗ brannt und ein Iſolirſchemel vor dem Kamine die Haare meines armen Obadiah emporgeſträubt und Funken aus ſeinen chrlichen Knochen ſprühen laſſen! Eine ſchöne Verſammlung das!—“ dachte er weiter, indem er die zum Schlafe Herumgelagerten überſchaute—„aber halt! Da wird geſprochen!“ „Altes Geſtell— ſchwarze Canaille,“ ſagte der 13* 6 56 1 1 1 Mann mit dem braunen Geſicht, welcher an die Elek⸗ triſirmaſchine gelehnt lag,„Du biſt ſeit einiger Zeit ſo ſtill geworden. Du ſprichſt kein Wort mehr.“ Die mit dieſem Ehrennamen bezeichnete Perſon rich⸗ tete ſich träg und langſam in die Höhe. ZJetzt zuerſt konnte der Captain das Geſicht derſelben ſehen. Un⸗ willkürlich lief ein neuer Schauer durch ſeinen Körper. Er ward plötzlich wieder an die Viſionen erinnert, die er vorhin in dem erſtickenden Miasma der Kohlendämpfe gehabt. Das waren die Augen, jene ſchrecklichen Schlangenaugen, welche aus den dicken Nebelwolken von der Decke fortwährend auf ihn geheftet geweſen! Wo hatte er dieſes Weib doch geſehen, welches die ſchreckli⸗ chen Augen hatte? Es waren kohlſchwarze, bitterböſe, verderbenſchwangere Augen; wie Gewitterwolken, aus welchen jeden Augenblick ein tödtlicher Blitz ziſchen kann. Auch ihr Haar war noch pechrabenſchwarz, obgleich ihr Geſicht ſo abgelebt und eingefallen war, daß man ſie für ein Weib von Sechzig halten mußte. Dieſe Farbe ihres Haares und ihrer Augen hatten ihr offenbar jenes ehrenvolle Prädikat der„ſchwarzen Canaille“ verſchafft, welches im weitern Geſpräch jedoch mit dem der„ſchwar⸗ zen Sarah“ abwechſelte, ſo daß wir annehmen müſſen, dieſes ſei ihr rechter und eigentlicher Spitzbubenname geweſen. Die ſchwarze Sarah hatte ein zerriſſenes Kleid nebſt Mannsſtiefeln an; und wenn ſie in ihrem eigenen Quartier und gewiſſermaßen bei ſich zu Haus auch jenen Hut mit Bindfaden nicht trägt, in welchem wir ſie zuerſt geſehen, ſo gehen wir doch nicht fehl, wenn wir in ihr dieſelbe Perſon erkennen, welche ſich ——— bei dem Einzug der Garden ſo unreſpectirlich gegen Mylady Caſtlemere benommen. „Was ſoll ich ſprechen, Schwefel⸗Joe?“ erwiederte die ſchwarze Sarah, mit jenem kreiſchenden Tone, den wir an ihr kennen, obgleich er nun durch eine eigene Art von Trauer etwas gedämpft war.„Seit mir das Kind fehlt, habe ich keine Luſt mehr zu ſprechen.“ Der Biedermann, welcher auf den Namen Schwefel⸗ Joe hörte, wahrſcheinlich, weil er ſein Lebtag ſchon viel in Schwefel und Salpeter gearbeitet, meinte, es habe mit dem Kinde ſo viel nicht auf ſich.„Hat man ſie Dir geſtohlen, ſtiehl' Dir eine andre, ſo biſt Du ent⸗ ſchädigt,“ war ſein kurzer und bündiger Beſcheid. „Ach, Schwefel⸗Joe,“ erwiderte ſie,„Du weißt nicht, was es heißt, im letzten Augenblick um das Werkzeng betrogen zu werden, welches man ſich Jahre lang in zurückgedrängtem Zorne und verhaltener Rache zugerich⸗ tet! Jetzt fehlt ſie mir. Jetzt hätte ich ſie gebrauchen können. Jetzt iſt der Augenblick gekommen, wo ich ſie hätte an die Hand genommen, um vor den Elenden zu treten und ihn vor aller Welt zu fragen: Kennſt Du ſie? Ach, Schwefel⸗Joe, ſiebzehn Jahre lang mitten im wüthendſten Schmerze war dieſer Augenblickmeine Hoffnung, mein Troſt, mein ganzes Leben... nun iſt der Augen⸗ blick gekommen, nun iſt der Elende wieder im Bereiche meiner Macht... nun hab' ich ihn wiedergeſehen und wiedererkannt, wie er von dem wahnwitzig brüllenden Haufen mit Jubel empfangen triumphirend einzog, nach⸗ dem ich ſiebzehn lange, lange Jahre ſeine Spuren um⸗ ſonſt geſucht, nun iſt die Zeit der Rache genaht, wie — ſie nicht zum zweitenmal nahen wird um ſeine Ehre in Schande, und ſeinen Triumph in Zerſchmetterung zu verwandeln, und nun iſt ſie nicht da!...“ Ein krampfhaftes Schluchzen und Heulen der Wuth unterbrach die Worte der heftig Erregten; aber nicht lange, ſo ſprang ſie auf, ein eigenthümlicher Ton, als ob Etwas krache und breche, ward vernommen, dann ein harter, dumpfer Fall— und nicht lange, ſo ſprangen Alle auf, Schwefel⸗Joe und Alle, die hier gelegen und geſchlafen in der Höhle des Verbrechens.. „Wir ſind verrathen! Wir ſind verrathen!“ gellte ein lauter Schrei der Verzweiflung durch den düſtern Raum; und dazwiſchen klang der ſchrille, herzdurch⸗ dringende Ruf der ſchwarzen Sarah:„Ha, das iſt er! Das iſt er! Schießt ihn nieder, das iſt er! Die Thüre, an welcher der Captain geſtanden und gegen welche er, ohne es zu wiſſen, härter gedrückt, je mehr das Geſpräch hinter derſelben eine Wendung nahm, ganz darauf berechnet ihn neugierig, geſpannt und auf⸗ merkſam zu machen, hatte nachgegeben— die morſchen Angeln waren gewichen, die von Zeit und Würmern zerfreſſenen Leiſten waren gebrochen und mit einem ge⸗ waltigen Schlage war die Thür nach Innen geſtürzt, ſo daß in der Dunkelheit, welche ihn einrahmte, ganz plötzlich die Figur des Captains ſichtbar wurde. Aber der Captain gab den Inſaſſen der Höhle keine Zeit zu verzweifeltem Angriffe auf ſeine Perſon; und dieſe ſelber ſchienen weniger an ſolche Acte der Gewalt, als an Rettung zu denken. Sie ſtanden offenbar in dem Wahn, die Polizei ſei ihnen auf die Spur gekom⸗ — men, und ein bewaffneter Trupp ſei bereit ſie zu bin⸗ den und der Gerechtigkeit zu überliefern. Es entſtand daher ein allgemeines Stürzen nach dem Hintergrunde und der wüſte Raum war leer, ehe noch der Captain die Hausthür erreicht hatte, welche er haſtig aufriß. Und nun, in die Nacht von New⸗Road hinaus, feuerte er raſch hinter einander alle fünf Läufe ſeines Revol⸗ vers ab, und nicht lange, ſo gellten Rechts und Links und überall jene den Spitzbuben und Nachtwandlern von London ſo wohlbekannten Pfiffe der kleinen Polizeipfeife, und ehe noch fünf Minuten vergangen, waren zehn, zwölf Conſtables mit ihren ſcharfen Blendlaternen und bleigefüllten Knütteln an der Stelle, wo die Schüſſe gefallen. Sie fanden auf dem Hausflur einen Mann im ver⸗ zweifelten Ringen mit einem alten Weibe begrif⸗ fen, welches ihm bereits den ganzen Rock vom Leibe geriſſen. „Sie wird mich erwürgen, dieſe wüthende Beſtie, dieſe Hhäne— fort von mir!“— kreiſchte er, aber wie eine Schlange hatte ſich die Raſende, welcher Schaum und Geifer vor dem Munde ſtanden, um den vergeblich Abwehrenden gewunden. Nur mit der äußerßen Mühe gelang es den Polizei⸗ leuten, das in viehiſche Wildheit gerathene Weib von ſeinem Schlachtopfer fortzureißen, und lange noch, nach⸗ dem ſie durch zweie von ihnen fortgeſchleppt worden, hörte man durch die Stille der Nacht ihr heiſeres Geheul, wie das eines wilden Thieres, wenn es tödtlich verwundet. — Als die übrigen Polizeimänner unter Anführung des Captains in den Höhlenraum unter der Erde zurückge⸗ kehrt waren, fanden ſie Alles leer. Es mußte eine ge⸗ heime Ausgangsthür vorhanden ſein, die man jetzt, in der Nacht und da man mit einer ſo geringen Anzahl ſich nicht ſicher glaubte, nicht weiter zu ſuchen beſchloß. Man beſetzte jedoch das Haus, Verſtärkungen wurden telegraphiſch verlangt, und am andern Montag bereits lief die Nachricht von den erſtaunlichen Vorgängen jener Nacht durch die Londoner Morgenblätter und erregte kein geringes Aufſehen in der Stadt. Man hatte die geheime Ausgangsthür gefunden. Sie leitete, vermittelſt eines kurzen unterirdiſchen Ganges zu dem kleinen Bierhauſe in Euſton Place, auf der Rückſeite des New⸗Road. Durch dieſes Bierhaus ſchie⸗ nen die Bewohner jener Höhle ihren Weg zu dem ver⸗ rufenen Haus genommen zu haben, da die Thür deſſelben ſeit Jahren von Niemandem geöffnet worden. Auch das kleine Bierhaus ward von der Polizei leer gefunden; ſo daß man vermuthete, die bisherigen Inhaber deſſel⸗ ben hätten mit dem Diebsgeſindel gemeinſame Sache gemacht und es für gut befunden, zugleich mit demſelben zu verſchwinden. Trotz der ausgebreitetſten und ſorg⸗ fältigſten Nachforſchungen fand man doch keine Spnr, welche zu ihrer Entdeckung hätte leiten können. Man vermuthete aus einigen vorgefundenen Werkzeugen und Inſtrumenten, welche aber augenſcheinlich ſeit langer Zeit nicht mehr benutzt worden, daß vor Jahren ſich eine Falſchmünzerbande im Keller aufgehalten haben möge, welche, um ſich gegen Eindringlinge zu ſchützen, — 201— iene electro⸗magnetiſchen Apparate aufgeſtellt habe. Durch die Schläge und Wirkungen derſelben, ſo oft Jemand verſucht habe, das früher ſchon unbewohnt geweſene Haus zu betreten, ſei es immer mehr in Verruf ge⸗ kommen; und der plötzliche Tod der letzten Haushälte⸗ rin— wahrſcheinlich ſei ſie durch die Bande ſelbſt er⸗ droſſelt worden— habe die Furcht vor demſelben nur noch geſteigert. Wie im faſhionablen Leben pflegen auch in dem der Verbrecher die kleinen Leute in die Woh⸗ nungen einzuziehen, welche die großen Lente verlaſſen; und den Falſchmünzern folgten Diebe und hausloſes Ge⸗ findel als Bewohner jenes unterirdiſchen Verließes. Die ſchwarze Sarah wollte ſich nicht dazu verſtehn, einen Namen zu nennen. Sie blieb dabei, daß ſie keinen von der ganzen Geſellſchaft, welche angeblich mit ihr zuſammen in dem Keller geweſen, gekannt habe. Die einzige Angabe, welche ſie machte, war, daß man durch das Halten eines Wagens vor der Thür und darauf folgende Tritte und Bewegungen im Hauſe veranlaßt, auf den Gedanken gekommen, daß oben„Beſuch“ ſei und daß man deswegen die Maſchinen gedreht und die Flaſchen in Thätigkeit verſetzt habe, um den Beſuch zu vertreiben. Mehr ſagte und geſtand ſie nicht. Man konnte ihr nachweislich Nichts weiter zur Laſt legen, als „einen verbrecheriſchen Angriff auf eine Perſon“, und verurtheilte ſie demzufolge zu einer Gefängnißſtrafe von zwei Jahren. Der Name des Captains Fitzroy aber ward zum zweitenmal ein Wort des Tages für die Million von — 202— London, und kurze Zeit darauf erſchien in der Gazette die Ankündigung, welche man eigentlich ſchon früher er⸗ wartet hatte, daß er die höhere Commiſſion eines Majors in Ihrer Majeſtät Garden erworben habe. Der Major Fitzroy— wie wir ihn von nun an zu nennen die Ehre haben werden— bezeugte jedoch wenig Luſt, das durch ſeine Entſchloſſenheit von Ge⸗ ſpenſtern geſäuberte Haus zu beziehen; er miethete ſich vielmehr ein hübſches Gebände mit Säulen und Balcon in der faſhionableren Gegend von Grosvenor Place, Pimlico, welches ſeinem jetzigen Range mehr ge⸗ ziemte und obendrein nicht fünf Minuten von Bel⸗ grave Square und dem Palais Mylady Caſtlemere's entfernt lag. Zwölftes Capitel. Die Reiſe nach dem Continent. „Baron Oſh“ iſt der Name eines von der Ant⸗ werpner Compagnie berühmten Dampfſchiffe, J. H. Fer⸗ guſon Commandeur, welches an jedem Sonntag Mittag 12 Uhr,„wenn es Wind und Wetter erlauben“, wie die Schiffsnachricht in Times und Bradſhaw lautet, die Rhede von London und den Steam⸗wharf von St. Ca⸗ tharine's Dock verläßt, um nach Antwerpen zu fahren; und am Mittwoch um 1 Uhr nnter der obigen Bedin⸗ gung von dort nach London zurückkehrt. Es iſt ein gutes Schiff, und manch ein guter Mann und manch eine — 203— gute Frau haben mit demſelben ſchon eine Reiſe ge⸗ macht. Das Deck iſt weit, geräumig und bequem; die Cajüte hat einen allerliebſten kleinen Ofen und hübſche kleine Sammtſeſſel, in welchen die Geſellſchaft ſich rings herum ſetzen kann; ſie hat wolgepolſterte, breite Divans an den Wänden, auf welchen es nicht gerade verboten iſt, ſich auszuſtrecken mit einer Novelle oder einem Zei⸗ tungsblatt, und einen gediegenen Mahagonytiſch, auf welchem gegen drei Uhr, ſobald man hinter Gravesend iſt, ein gediegenes Mittagseſſen erſcheint. Die kleinen Kojen ringsum, die„berths“, wie die Engländer ſie nennen, ſind ein Muſter von Reinlichkeit, Comfort und Bequemlichkeit, vorausgeſetzt, daß man nicht gar zu lange Beine hat. Wie ſchön ruht ſichs in dieſen kleinen ſchmalen Betten dicht an der Schiffswand, dicht an dem Waſſer, wenn das Schiff ſo bei Nachtzeit die weite Nordſee durchſtreicht und ihre rauſchenden Wellen am Kiele ſich brechen!— Denn der gute„Baron“ in ſeiner ächt niederländi⸗ ſchen Sorge für die Bequemlichkeit ſeiner Paſſagiere, hat es ſo eingerichtet, daß er in ſeiner Fahrt von Strom zu Strom die Strecke des Meeres, welche ſie trennt, bei Nachtzeit zurücklegt, wenn die Paſſagiere nach ſeiner Anſicht ſchlafen; daß er die Themſemündung ſpät am Abend verläßt und die Scheldemündung früh am an⸗ dern Morgen gewinnt, wenn der Tag graut. Darum iſt der„Baron Oſy“ der Liebling aller derjenigen hohen Herrſchaften, welche Zeit genug und Geld genug haben, um den Continent ſo bequem als möglich zu erreichen; und darum hat er auf ſeinen kurzen und unermüdlich wiederholten Reiſen ſo viele frohe, glückliche und heitere Menſchen ſchon an Bord gehabt. Denn der Cockney. das wahre und unverfälſchte Londoner Kind, welches ſein Lebtag nicht viel mehr geſehen hat, als den betän⸗ benden Wirrwarr der City, den flüchtigen Glanz des Weſtends und die Sonntagnachmittagsanſicht von Wind⸗ ſor⸗forſt und Richmond⸗park, wird ein ganz ſFer Menſch, wenn er nun plötzlich die von Wetter grauen Säulen und Kuppeln, die von Ruß geſchwärzten Giebel und Fronten der gewaltigen Stadt hinter ſich verſchwin⸗ den und vor ſich die offene, luſtige Weite des Themſe⸗ ſpiegels auftauchen ſieht, gekreuzt von tauſend Dampfern und Segelſchiffen und Böten, wenn die duftigen Hügel⸗ ufer zu beiden Seiten ihm Labung und Erquickung ath⸗ men und der friſche Lebenshauch vom Meere ſchon ſanft Waſſer, Wald und Wieſe ſtreift. Ein tiefer, dichter Nebel lag über London, als am Sonntag, dem zwanzigſten Juli 1856, Mittags zwölf Uhr, der„Baron Oſy“ die ſchmutzige Hafentreppe und die ſchwarze, ſchauerliche Einfuhr von St. Catharine's Wharf verließ, Am Tage vorher war ſchlechtes Wetter geweſen, viel ſchlechter als man ſonſt in London um dieſe Jahreszeit gewohnt war. Man hatte Feuer im Kamin gehabt, ſo kalt war es geweſen Man hatte Licht gebrannt, ſo dunkel war es geweſen. Dabei hatte den ganzen Tag lang der Wind rumort, daß man die Ziegelſteine fallen hörte; und geregnet hatte es„Hunde und Katzen“, wie man in London zu ſagen pflegt. Aber der„Baron Oſy“ hatte ſeine Laune nicht ver⸗ loren.„Der Baron hat Glück“, ſagten die biedern Schiffsknechte,„wenn der Baron fährt, ſo gibt es gut Wetter. Verlaßt Euch darauf.“ Am Sonntag Morgen ſah es freilich nicht ganz ſo aus, als ob ſie Recht behalten ſollten. Indeſſen gingen ſie nicht von ihrer Anſicht ab: zogen ſich ihr Sonntags⸗ zeug an, blaue Jacken mit großen, blanken Knöpfen und weiße Hoſen, die ſo verſchwenderiſch geſtärkt waren, daß ihre ſteifen Kanten ſpitze Winkel bildeten; ſtopften ſich ihr Pfeiſchen und lagen von früh Morgens ocht Uhr an auf dem Schiffsgeländer, um die Paſſagiere zu erwarten. Dieſen gaben ſie auf ihre verzagten Fragen, ob man ſich denn wirklich mit einiger Sicherheit in See wagen konne, die herzhafteſten Antworten.„Bis wir in See ſind, Sir, haben wir das ſchönſte Wetter.“ Dies ſagten ſie Jedem, der ſie anredete; und dabei rauchten ſie ihr Pfeifchen, bis es hieß, das Anker ſollte aufge⸗ wunden und das große Strick vom Pfahl, an welchem es lag, eingezogen werden. In der That, ſie hatten gut prophezeit. Sobald das Schiff ſich zu rühren begann, fing auch der Nebel an zu wanken. Man ſah, wie er ſich langſam theilte, und gleichſam nach beiden Seiten auseinanderſchob. Man war noch keine Stunde gefahren, da ſah man auch ſchon die erſten, ſchwachen, rothen Sonnenſtreifen, wie ſie durch die weichende Maſſe über dem dunklen Themſe⸗ ſpiegel zitterten; dann, je raſcher der„Baron“ durch die Schiffe und Böte dahinflog, deſto heller ward es über ihm und um ihn, und als endlich die Königin des Ta⸗ ges in aller Glorie hervortrat, da war London längſt verſchwunden, und von Oben lächelte ein blauer Him⸗ mel und auf beiden Seiten des ſich erweiternden Stro⸗ mes liebliche Uferlandſchaften. Die Wieſen waren ſaftig grün und blauduftig dahinter die Hügel; und die Bäume rauſchten zuſammen den Sonntagschoral und die breite Themſewoge, welche dem Meere zurollt, begleitete ihn. Und die Sonne ging nieder und wie ihr letzter Funken über dem flachen Marſchland von Thames⸗haven ver⸗ glommen war, da fingen ringsum die Leuchtthürme zu glänzen an. Wie farbige Sterne auf dem weiten Grau der Abenddämmerung ſchloſſen ſie den Geſichtskreis.... Möven flatterten um den Maſt, jene Vögel, welche das Letzte ſind, was der Seemann vom weichenden Lande ſieht und die ihm den erſten Willkomm vorausbringen, wenn er ſich demſelben wieder naht— der Lootſe ging unabläſſig auf und nieder, geſpannten Auges, beobach⸗ tend, commandirend.... jetzt ſegelte das Schiff um die letzte Uferbank.... es war Nacht geworden.... weithin zeigten Leuchtſchiffe, welche einſam im Waſſer lagen, die Meeresſtraße an... ihm, dem nach Belgien beſtimmten Schiffe, leuchtete ein rothes und ein weißes Licht... die Sterne, die wirklichen, die unſre ſtummen Freunde ſind auf dem Feſtlande, und unſre beredten Führer auf dem Waſſer, funkelten dazu in prachtvoller Klarheit und in den dicken Rauchwolken des Steamers flogen glühende Funken umher und mitten in dieſem unheimlich ſchönen Schauſpiel der Nacht begann auf Einmal das Schiff zu ſchwanken, ſich zu heben, zu ſenken.... der Wind blies ſcharf und ſalzig.... hinten vom Helm ſchoß das Lootſenbvot zurück... ringsum und weit hinaus fing es an gar ſeltſam zu rauſchen und zu branden. Das Schiff war im Meere.— O Nacht auf dem Meere, wie groß biſt du! Wie weitet dein Geheimniß die Menſchenbruſt, und wie weckt dein dumpfes Rauſchen von Anbeginn die Stimmen der ewigen Sehnſucht, die in ihr ſchlummern! Und wie flattert die Seele dir dann entgegen, ſehnſüchtig, kla⸗ gend, ſeufzend, weinend. du, den ſie nicht finden kann, du Geheimniß, das im Geheimniß wohnt,— du Schöpfer der Nacht und des Meeres!... Die letzten Lichter waren verſchwunden. Aber nur eine Weile war es dunkel. An die Stelle der Leuchten von Menſchenhand trat die ewige Leuchte von Gotteshand. Der Vollmond ging auf; und von ſchwerem Gewölk, welches die Nacht aus der Meerestiefe ſog, nur ge⸗ dämpft und ihre Ränder mit mattem Silber beglän⸗ zend, theilte er der Luft und dem Horizonte Dämme⸗ rungshelle mit. Dann wurden nach Vorn die Wolken immer dicker und dichter und der Reiſende hatte das Gefühl, als ginge es da grad auf rieſige, ſchwarze Gebirge zu, über deren ſchroffen Zacken der Mond ſtehe und an deren Widerſtand das Schiff zerſchellen niſſe Am andern Morgen, zur geſetzten Zeit, war man auf der Schelde. Es war noch früher Tag; aber die Sonne ſchien ſo golden, und zu beiden Seiten des leiſe wallen⸗ den Stromes fiel ihr wärmendes Licht auf die weh⸗ müthigen Weiden des flachen Strandes. Dahinter, auf weiten, farbloſen Flächen ſah man hier ein einſames Fiſcherhaus und dort eine Windmühle, ganz fern einen kleinen Kirchthurm... Man mußte in wenigen Stunden das Reiſeziel erreicht haben.— Die ganze Reiſegeſellſchaft des guten„Barons“ hatte ſich an Deck verſammelt, um der ſanften Kühle und Klarheit auf dem Strome zu genießen. Da waren eng⸗ liſche Damen mit Hüten von blauer Seide und einem rieſigen Fallſchirm davor, wie bei Badekutſchen. Wir erinnern uns dergleichen in England ſelbſt kaum geſehn zu haben. Es iſt, als ob die Engländer ſich blos zu Narren machen, wenn ſie den Continent bereiſen. Viel⸗ leicht haben ſie eine ſo profunde Verachtung für den Continent, daß ſie glauben, ſie könnten es ſich auf keine Weiſe bequem genug machen. Wer darum eine richtige Meinung von dem Engländer erhalten will, dem biedern, gemüthvollen, offenherzigen Engländer, der darf ſeine Bekanntſchaft nicht auf dem Continente machen. Der Engländer iſt er ſelber nur in ſeinem Hauſe; in der Fremde wird er ein Anderer. Da waren junge Männer, welche— ſo lang ſie waren— auf den Bänken lagen und ſich die Sonne ins Angeſicht ſcheinen ließen. Andre rauchten nach Herzensluſt. Rauchen iſt immer die erſte Freiheit, die der Engländer in der Fremde ſich heraus⸗ nimmt. Weil er daheim faſt nirgends und eigentlich niemals mit gutem Gewiſſen rauchen darf, raucht er draußen überall und immer. Er raucht beim Eſſen und raucht beim Trinken; rauchend ſitzt er im Wagen, der ihn ſeinem Hute bringt, und rauchend fährt er — ———— — —— — 200 Theater, der Gemäldegalerie und dem Dome, welchen Murrah's Handbuch als eine Sehenswürdigkeit anmerkt, nicht rauchen ſoll.— Die intereſſanteſten Perſönlichkeiten unter der Reiſe⸗ geſellſchaft, die ſonſt, wie geſagt, zum größten Theil aus engliſchen Damen mit blauſeidnen Fallſchirmen und eng⸗ liſchen Herren, auf den Bänken umherliegend und rauchend beſtand, waren ein junges, fein und ariſtokratiſch aus⸗ ſehendes Paar, welches die Aufmerkſamkeit der Uebrigen ſchon genugſam beſchäftigt hatte. Sie hatten geſtern den Tag lang auf einer Bank nebeneinander geſeſſen, immer Hand in Hand; ſie hatten immer leiſe mit einander ge⸗ ſprochen und ſich oft mit ſtillem Lächeln angeſehn. Sie hatten ſich mit Keinem von den andern Paſſagieren unterhalten; ſie waren höflich gegen Jeden geweſen, aber ſie beſchäftigten ſich nur mit ſich ſelber. Dann ſobald es dunkel geworden, waren ſie in ihre Kajüte gegangen; und jetzt, in der goldnen Morgenhelle, ſtanden ſie wieder dort, allein, abgeſondert von den Uebrigen, am Geländer des Schiffes. Die junge Dame war von mittelgroßer, äußerſt zierlicher Geſtalt. Ihr Geſicht, von einem feinen Zug des Leidens beſchattet, hatte etwas ungemein Feſſeln⸗ des, jenen rührenden Zauber der Zärtlichkeit und Liebe, welcher der ſchönſte Ausdruck im Geſicht eines Weibes iſt. Ihr ganzes Geſicht war Liebe, Hingebung, Demuth — Alles für den Mann, an deſſen Arme ſie ſtand. Ihre dunkelbraunen Augen, wenn ſie dieſelben langſam und erröthend zu ihm aufſchlug, redeten eine Sprache, für welche jede andere zu arm iſt. Denn dier Liebe iſt ſchöpferiſch; und wie viel vermag das gute, ſchöne Auge Straßenſängerin I. 14 — 210—, eines liebenden Weibes zu ſagen, für welches ſelbſt die Dichtkunſt keine Worte mehr hat. Eine ſanfte Farbe war über ihre Wangen gehaucht, ähnlich dem verhaltenen Glühen, das man zuweilen im Kelch einer weiſen Roſe ſieht. Kurz um den Kopf hingen ihr die ſchwarzbraunen Haare, von einem runden braunen Strohhütchen zuſam⸗ mengefaßt, an deſſen Rand eine feine Goldlitze ſchimmerte. Ihre Kleidung war modeſt und ſchmucklos; ſie trug ein ſchwarzes Seidenkleid und einen Mantel von dunkelgrauem Tuche, über welchen nach Hinten der dunkle Schleier ihres Hutes zurück geſchlagen war. Der Mann, in deſſen Arme der ihre lag, war ein wenig größer als ſie. Sein Geſicht hatte den Schnitt der engliſchen Ariſtokratie. Es war ein gutes und ein edles Geſicht; mit dunkel⸗ blauen Augen und wehmüthigen Lippen— ein ſchwär⸗ meriſches Geſicht von faſt durchſichtiger Zartheit... ſolch eines, wie es den Wunſch erweckt, wenn man ihm begegnet, daß der Sturm des Lebens die reine Klarheit ſeiner Züge niemals zerſtören möge. Beide waren noch ſehr jung; er konnte nicht viel älter ſein, als zwanzig Fahre, und ſie konnte kaum das achtzehnte erreicht haben. Man hielt ſie auf dem Schiffe für ein eben verheirathetes Paar, welches ſeinen Honigmond auf dem Continent verbringen wollte. Sehr vornehm mußten ſie auch ſein; das ſah man an ihren Geſichtern und ihrem Benehmen, ganz beſonders aber an dem dicken Bedienten, der mit ihnen reiſte. Solch einen digten Bedienten und ſo grob dabei, konnten nur ſehr vorſehme Leute haben. Stand doch der Kerl ſo breit und verdrießlich da, als ob alles Andere an Deck mit Ausnahme ſeiner Herrſchaft für ihn nicht da ſei. Dieſes betrübte ein junges Individuum ſehr, das ſich ſonſt durch nichts auszeichnete, als etwa dadurch, daß es immer eine ganze Bank für ſich allein in Be⸗ ſchlag nahm, und ſo viele und ſo ſchlechte Cigarren dabei rauchte, daß Niemand in ſeiner Nähe aushalten konnte. Dieſes Individuum hätte gar zu gern gewußt, wer die Beiden ſeien, wie ſie heißen und wohin ſie wollten. Es hatte eigenlich weiter kein Intereſſe dabei; aber es ge⸗ hörte zu jener unglücklichen Klaſſe von Wißbegierigen, deren es ſo gut in England als auf dem Continent giebt, die nun einmal nicht leben können, ohne die Namen aller möglichen Menſchen, die ſie gar nichts angehen, zu erfahren und ſich über die Zwecke von Reiſenden zu unterrichten, die ſie wahrſcheinlich in ihrem ganzen Leben nicht wiederſehen werden Dieſes Individuum hatte ſchon mehrfache Entdeckungs⸗ züge in die Gegend gemacht, wo die Reiſebagage aufge⸗ ſtapelt lag. Aber es war ihm nicht möglich, ſich aus dieſem Gemenge von„Smith“ und„Brown“ und „Jones“ zurechtzufinden,(Namen, die ungefähr in Eng⸗ land ſo populär ſind, wie bei uns in Berlin die Namen von Müller und Schulze). Auch war ihm die Operation zu unſicher. An einer Reiſetaſche, welche der fragliche Herr zuweilen in die Hand nahm, hing allerdings Etwas wie ein beſchriebener Zettel; aber jedesmal, wenn er die Taſche wieder fortlegte, wußte er es ſo einzurichten, daß man— ohne in den Verdacht eines Diebes zu gerathen — gar nicht an den Zettel herankommen konnte.— 14 2 Das Einfachſte wäre nun freilich geweſen, mit dem Bedienten Freundſchaft zu ſchließen. Aber dieſer Be⸗ diente ſah gar nicht aus, als ob er für Freundſchaft empfänglich ſei. Auch hatte er jedesmal ſehr bedenklich gegrunzt, wenn das neugierige Individuum einen Ver⸗ ſuch machte, ſich zu nähern. Aber in ſeiner großen Noth entſchloß er ſich dennoch zu dieſem letzten Mittel, und bot dem beſagten Dienſtmann eine Cigarre an.— Dieſer, welcher mit dem Mantel ſeines Herrn über dem Arme, auf dem Hinterdeck ſtand, ſchnarrte Etwas, wie„er danke.“ „Ah, Ihr ſeid wol nicht aus London, guter Freund,“ eröffnete der nengierige Jüngling die Converſation.„Ihr ſprecht nicht wie ein Londoner.“— Der gute Freund hatte bis jetzt überhaupt noch nicht geſprochen; er hatte bis jetzt blos gebrummt und ge⸗ ſchnarrt, und hätte, dieſen Aeußerungen ſeiner Stimm⸗ organe nach, ebenſo gut ein Botokude als ein Engländer ſein können. „Sagt doch, guter Freund,“ fuhr der Unverdroſſene fort,„Eure Herrſchaft iſt wohl auch nicht aus London?“ Der Angeredete brachte aufs Neue einige Töne her⸗ vor, die ein unbefangenes Gemüth gerade nicht für eine Aufmunterung gehalten haben würde. Aber unſer Jüng⸗ ling bemerkte das nicht, ſondern fuhr ganz zutraulich fort, indem er ſeine Stimme geheimnißvoll dämpfte: „wol kürzlich erſt vermählt, guter Freund?“ Da aber platzte der grobe Diener los und donnerte ein„Goddam!“ ſo unbarmherzig auf den zutraulichen Jüngling herunter, daß dieſer ängſtlich zurückwich, und — 2 den einſamſten Winkel des Decks aufſuchte, um ſich von dieſem Schlag zu erholen. „Ein Engländer iſt er, das ſteht feſt,“ dachte dieſer Märtyrer ſeiner Neugier, als er wieder ein wenig zu ſich gekommen,„und ein Grobian dazu. Mehr werde ich wol nicht erfahren,“ tröſtete er ſich hierauf ſelber, zündete die Cigarre an, die jener abgeſchlagen, und legte ſich wieder auf die Bank, auf welcher er zuvor ſchon gelegen.— Uns ſcheint, das Paar wollte nicht geſehen und gekannt werden; es wollte incognito reiſen. Aber von dem Privilegium, von welchem lhriſche Dichter und Romanſchreiber Gebrauch machen, wenn ſie um fremder Leute Fenſter fliegen und an die Thüren ihnen unbe⸗ kannter Herrſchaften klopfen, wenn ſie an das Lager ſchöner Träumerinnen treten, die ihnen auf der Straße keinen Blick gönnen würden, um über das roſige Antlitz gebeugt, ihren Athem zu belauſchen, und ihr Kopftiſſen um Geheimniſſe zu befragen... von dieſem Privileg auch für unſer Theil Gebrauch machend, faſſen wir den groben Bedienten ins Auge, und erkennen den alten Bill in ihm; ſchauen wir den beiden Liebenden ins Geſicht, und ſehen, daß es George Meadows und Annie Laurie, die Straßenſängerin von London iſt! O, wir wiſſen, daß es Männer genug giebt, welche nicht begreifen, wie man ein Weſen anziehend finden könne, friſch noch von den Spuren der Hütte oder der Straße; und wie eine Hand, welche hart iſt von dem Drucke der Arbeit, oder ein Geſicht, in welchem die Sorge des Lebens mit dem Glanze der Jugend und Schönheit — 214— ringt, für irgend eine Empfindung geſchickt ſeien. Für ſie giebt es Liebe nur im Boudoir, in roſiger Dämme⸗ rung, unter ſchwer verhauchenden Blumen; rauſchende Gewänder von Atlas oder Sammet, Schleier, Armbän⸗ der, Battiſttücher mit ſtarkem Bonguet, pariſer Hand⸗ ſchuhe und ein Fächer ſind für ſie die Erforderniſſe einer jeden Leidenſchaft. Wir aber ſind der beſcheidenen An⸗ ſicht, daß die ſtürmiſche Wallung des Herzens nicht ganz und gar ein Vorrecht des Standes; und daß es zuweilen auch einer Plebejerſeele geſtattet ſei, um Liebe zu leiden und zu ſterben! „O, mein Herr, mein Freund,“ ſagte Annie Laurie, „welch' eine Seligkeit empfinde ich an dieſem Morgen; wo ich an Deinem Arme ſtehe, wo die Sonne ſcheint und die Wellen des Stromes murmeln!“ „Geliebtes Mädchen,“ erwiderte George Meadows, „auch mir geht ein neues Daſein auf. Sieh, mein Leben war öde, bis Du mir gegeben. Was ſoll dieſe Folge von Tag auf Tag, dieſes raſtloſe Einerlei von Jahr zu Jahr, wenn es nicht von der ſüßen Sorge um ein geliebtes Weſen unterbrochen wird?.. Nein, wenn es die Liebe nicht iſt, die dieſem kalten Nebeneinander⸗ ſein, wo Jeder für ſich lebt, Wärme, Licht und Freude leiht? Oft hab' ich lange Stunden vor dem Bilde meiner todten Mutter geſeſſen, und in ihr trauriges, lächelndes Angeſicht geſchaut. Eine unendliche Sehnſucht überkam mich dannpnach der Liebe, die im Himmel und im Jenſeits wohnt. Auf Erden giebt es keine! dacht' ich, wenn ich es umſonſt verſucht hatte, mich an meinen Vater oder meine Schweſter zu ſchließen. Zuweilen — — ſchlief dieſe Sehnſucht ein; zuweilen zog ſie mich gaukelnd in den bunten Rauſch der Straße. Aber mitten in der Betäubung hörte ich ihre klagende Stimme, wenn ſie erwachte und durch das Gläſerklirren und den tollen Jubel der Muſik mir zurief: wie arm biſt du, wie elend! Und wieder hörte ich die große Klage meiner Seele; und wieder riß ich mich los aus den lockenden Armen der Weltluſt und ſuchte die Einſamkeit und die Nacht. Da habe ich Dich gefunden. Wie eine Roſe, die man weit weggeworfen; wie eine Perle, die man in den Koth geſchlendert. Ich hob Dich auf; ich legte Dich an mein Herz. Dein Unglück und Deine Liebe ſind meine Schätze; und an meinem Herzen ſei Dein Platz im Leben und im Tode!“ Und feſter preßte er den Arm des Mädchens, welcher in dem ſeinen ruhte, an ſeine klopfende Bruſt. Ihr aber floſſen Thränen über die zarten Wangen, indem ſie erwiderte: „Mein Herr, mein Geliebter! Mein Leben hatte keinen Werth für mich, ehe ich Dich geſehen; und ſeit⸗ dem ich Dich geſehen, hat es einen Werth nur, weil Du mich liebſt. Dieſer wunderbare Wechſel aus finſterer Nacht zu ſonniger Herrlichkeit hat meinen Blick geblendet und meine Seele verwirrt. Alles, habe ich gefürchtet, ſei nur ein Traum; ſolch einer, wie ich ihn mehrmals hatte, da ich noch im dunklen Hanſe wohnte; und ich zitterte, da ich Dir in jener Verkleidung als Dein Diener folgte, daß das Geſicht wieder auftauchen möchte mit den ſchrecklichen Augen, und daß mir die grauſamen Krallenhände das trügeriſche Gewand vom Leibe zerren, 3 26 mich von Deinem Herzen reißen und zurückſchleppen möchten in das ſchauerliche Gefängniß— ah, mein George,“ rief ſie, ſchwer aufathmend,„ſeit dieſe Furcht überwunden, ſeitdem bin ich meines Glückes bewußt und meine Seele jubelt!“ Eine Pauſe tiefglücklichen Schweigens folgte, während welcher die Beiden das Rauſchen des Waſſers hörten, und wie das Schiff es fröhlich durchſtrich, und wie an den ſchon enger zuſammentretenden Ufern die Weiden ſich rührten, wenn der luftige Morgenwind ſich erhob, und wie die immer reichlicher erſcheinenden Bäume flüſterten und die Wieſen dahinter im goldenen Morgen⸗ glanz träumten, und die friedlichen Dörfer mit den Stimmen von Glocken und ganz in blauer Ferne der duftige Wald. „Nein,“ ſagte nach dieſer Pauſe Annie und erhob ihr noch feuchtes, aber nun ſo himmliſch ſtrahlendes Auge, von der lieblichen Landſchaft heimkehrend, zu ihrem Geliebten,„nein, bis hierher kann ihre Macht nicht reichen. Im dumpfen Gewühle jener Straßen, die wir verlaſſen, in ihren geheimen Schlupfwinkeln und gemiede⸗ nen Abwegen kann ich ſie mir denken; nicht aber hier in der goldenen Helle des Sommermorgens, auf grünen Wieſen, in der Nähe ſtiller Dörfer und glücklicher Men⸗ ſchen. Und ein Bild taucht herauf aus meiner früheſten Kinderzeit— ein Bild von grünen Bäumen und einem kleinen, traulichen Hauſe, und von einer Straße und einem offnen Platze und einer grauen, alten Kirche mit bunten Fenſtern. Es iſt ſchon lange her— o, ſo lange! Aber mir iſt, als ob der Morgenwind, der dort die — 217— Weiden biegt, langſam den Schleier von meiner Ver⸗ gangenheit hebe, daß wir beide einen Blick hineinthun ſollen... und ich ſehe ſie wieder, die kleine Stube, und ich ſehe in einem Schranke einen weißen Hut und ein Kleid mit rothen Schleifen hängen, und ich höre, wie ſie— die Alte ſagt, die Mutter meiner Mutter: das das hat ſie getragen am Tage ihres Unglücks! Und ich erinnere mich eines kleinen Medaillons mit dem Bildniß eines jungen Offiziers, und wie ſie ſagte: dieſes iſt Dein Vater, und er trägt das Kainszeichen des Mordes an ſeiner Stirne, denn er hat Deine Mutter gemordet! Und ich erinnere mich, wie ich oft, als kleines Kind, wenn ſie, die Alte nicht da war, über dem Bilde meines Vaters ſaß und weinte, daß er meine Mutter gemordet haben ſollte. Und wie ich oft an das Grab meiner Mutter ging, wenn die Alte es nicht wußte, und unter dem kleinen Kreuze ſaß, das auf dem Hügel ſteht. Und ich erinnere mich zweier Briefe, welche die Alte niemals aus ihrem Gewahrſam ließ, und von welchen ſie ſagte, es ſeien die Zeugniſſe des Mordes und ſie wolle ſie zum Vorſchein bringen, wenn der Tag der Rache gekommen. Eines Tages, ich mochte ungefähr ſieben oder acht Jahre damals ſein, verließen wir die kleine Stadt, in welcher wir bis dahin gelebt. Die Zeit ſei gekommen, ſagte ſie, wo ſie ausziehen müſſe, um den Mann zu ſuchen, der mein Vater ſei. Sie wollte nach London wandern, dort müſſe ſie ihn finden. Sie habe keine Ruhe mehr daheim. Mich ließ ſie bei einer armen, aber braven und ehrlichen Pächterfamilie auf dem Lande, mit welcher ſie verwandt war. Kurz bevor ſie Abſchied von mir nahm, griff ſie — in ihre Taſche und brachte einen Ring hervor und ſteckte ihn mir auf den Finger. Sieh, mein Herr, es iſt dieſer Ring, den ich noch heute trage. Wenn Du die Kapſel aufdrückſt, ſo kommt eine Fläche darin zum Vorſchein und darin die Worte:„Gedenke mein!“ Es ſei der Ring, welchen meine unglückliche Mutter zum Andenken an jenen Mann getragen habe, ſagte ſie, und ich ſolle ihn fortan als Zeichen der Rache an meinem Finger haben. Ich hätte ihn gern davon entfernt; aber ſieh: — er iſt ſo feſt darauf geworden, daß ich ihn nicht mehr herunterbringe!“ Annie Laurie ſchwieg einen Augenblick. Sie erhob die Hand mit dem Ringe, und fuhr darauf fort, indem George ihn betrachtete. „Die Zeit, welche ich bei der guten Pächterfamilie verlebte,“ ſagte ſie,„iſt die glücklichſte meines Lebens geweſen. Die Leute hatten ein ſo aufrichtiges Mitleid mit mir und liebten mich ſo treulich und lehrten mich in der Bibel leſen und erzogen meine Seele zur Unter⸗ ſcheidung zwiſchen Gutem und Böſem. Meine einzige Angſt in dieſen glücklichen Tagen war die Alte, und daß ſie wiederkommen und mich holen könne. Und ſie kam, als ich vierzehn Jahre alt geworden, und holte mich. FJetzt ſei ich alt genug, um ihr zu folgen, ſagte ſie, und ich ſolle jetzt mit ihr nach London. Hätte ich damals ſchon gewußt, wie ſchlecht ſie geweſen,— ich würde mich lieber in's Waſſer geſtürzt haben, als ihr gefolgt ſein. Aber ich war ja noch zu jung, um ſchon zu begreifen, wie ſie dem düſtern Wahnſinn der Rache Alles geopfert habe, das Heil ihrer Seele und ihr zeitliches Wohl— * — — und wie ſie demſelben auch mich zu opfern bereit war. Aus einem ehrlichen und fleißigen Weibe war ſie in der hartnäckigen Verfolgung ihres Planes eine Bettlerin und Verbrecherin geworden, und mich hatte ſie dazu beſtimmt, das Werkzeug ihrer Rache zu werden. Nach unſrer An⸗ kunft in London lehrte ſie mich Lieder und zwang mich mit Drohungen und Schlägen, ſie an den Straßenecken zu ſingen. Mein Herz empörte ſich ſchon damals, ohne daß es wiſſen konnte, worauf alles Das hinauslaufe. Eines Abends brachte ſie mich in ein dunkles Haus, weitab, und in einen Keller unter der Erde, wo ſchreck⸗ liche Männer und ſchmutzige Weiber von der Straße lagen. Sie ſtanden alle auf, da wir eintraten, und ſtellten ſich um uns her. Ihr kennt den Preis, ſagte die Alte, um welchen ich ſie Euch überliefere. Ihr ver⸗ ſprecht mir, an meiner Arbeit Theil zu nehmen; ihn zu ſuchen, ihn zu verfolgen, und wenn Ihr ſeiner habhaft geworden, ihn mir zu überliefern. Und ſie erwiderten: der Pact ſei geſchloſſen und ſie gaben ſich darauf ein⸗ ander die Hände. Und ein betrunkener Menſch mit fürchterlichem Bart, den ſie Schwefel⸗Joe nannten, faßte mich an das Kinn und ſagte, ich würde bald ein flottes und hübſches Mädchen ſein, und dann wollten wir ein flottes und luſtiges Leben zuſammen führen. Mich aber durchſchauderte es, wenn er mich anrührte. Es war ein ſchauerliches wüſtes Haus, in welchem Niemand wohnte; und ſie hatten allerlei große Maſchinen unten, mit welchen ſie die Menſchen abſchreck⸗ ten und furchtſam machten, wenn ſie es hätten verſuchen wollen, es zu betreten. Und ganz oben im Hauſe war — 220— eine Dachkammer, in welcher die Alte das Bild meines Vaters und die Briefe verſteckte, bis zu der Stunde, wo ſie dieſelben gebrauchen wollte. Und mehr und mehr, je älter ich ward, fühlte ich, wie ſie mich haßte. Sie iſt das leibhaftige Bild ihres Vaters, hörte ich ſie ein⸗ mal ſagen; und wenn ich ſie anſehe, ſo dreht ſich mir das Herz herum, und mit dieſen Händen möcht' ich ſie erdroſſeln, müßte ich ſie mir nicht zu einem höheren Zwecke ſparen... Gieb Dich zufrieden, ſchwarze Sarah, ſagten dann die Andern— das war nämlich ihr Name in jenem dunklen Hauſe— ſie wird bald alt genug ſein, um ſie zu unſerem Gewerbe gebrauchen zu können, und der Tag wird erſcheinen, ſchwarze Sarah, wo wir den Mörder vor unſer Tribunal bringen. Jo, ſagte ſie dann, ja; aber ich will ſie wenigſtens ſo elend machen, wie ihre Mutter, wie mein Kind geweſen; und ſo will ich ſie dann ihrem Vater, deſſen gottverfluchtes Geſicht ſie hat, einſt entgegenſchleudern. Bei Tage war das Haus leer; aber des Abends verſammelten ſie ſich, gingen ab und zu, brachten Schmuckſachen und Geld und Kleider und Nahrungsmittel und erzählten ſich, wo ſie es ge⸗ ſtohlen. Ihren Weg nahmen ſie durch ein kleines Bier⸗ haus, von welchem ein unterirdiſcher Gang zu dem Keller führte. Eines Abends nun befahl mir die Alte, mit ihr auszugehen; ich ſollte mich an eine Straßenecke ſtellen und ſingen, und wenn irgend ein Mann käme und mit mir zu ſprechen anfange, ſo ſollte ich ihn auffordern, mit mir zu gehen. Sie entfernte ſich und ich begann zu ſingen. Nicht lange, ſo kam ein Mann daher und fragte mich, wie ich heiße. Ich konnte kein Wort her⸗ — 6 — — 221— vorbringen und fing an zu weinen. Er aber umfaßte mich mit ſeinen rohen Armen und ſagte: ich ſolle es kurz machen und ihm mittheilen, wo ich wohne. Da kam die Alte aus ihrem Winkel, wo ſie mich belauſcht hatte, heran und fragte den Mann, ob er mit mir gehen wollte? Jo, ſagte der Mann. Darauf flüſterten Beide einen Augenblick mit einander und ich ſah, wie er der Alten Geld gab; ein Wagen ward gerufen, und wir fuhren nach dem kleinen Bierhaus, wo ich mit dem Manne in einem Zimmer gelaſſen wurde.„Nun Lieb⸗ chen ſind wir allein,“ ſagte der Mann, indem er ſich mir näherte. Da durchzuckte mich ein fürchterlicher Ge⸗ danke... Da ergriff mich eine unſägliche Angſt, wie vor einem Verbrechen, welches an mir begangen werden ſollte, und ich ſtürzte an die Thür. Aber die Thür war verſchloſſen, und keinen Ausweg entdeckte mein verzwei⸗ felndes Auge, keinen als das Fenſter, und ich riß das Fenſter auf und ehe mich ſeine Arme umſchlingen konn⸗ ten, ſtürzte ich mich hinunter. Das Fenſter war nicht ſehr hoch über der Erde; ich fiel auf allerlei Stroh und Lumpen, welche unten im Hofe lagen, und da ward ich im bewußtloſen Zuſtande gefunden. Ich weiß davon nichts Genaueres mehr zu erzählen. Ich ſchlummerte lange, erwachte unter heftigen Schmerzen und verfiel zuletzt in eine Krankheit, welche mehrere Wochen lang währte. Als ich langſam geneſen war, ſagte die Alte: heut Abend gehen wir zum zweitenmal aus. Benimmſt Du Dich aber wieder ſo trotzig, wie an jenem erſten Abend, ſo will ich Dich zertreten, wie einen giftigen Wurm!— Und wir gingen. Sie ſtellte mich hinter die Säulen, hieß mich ſingen und verſteckte ſich in der Nebenſtraße; ich ſtand zitternd da, ich weinte, ich ſang... Da biſt Du gekommen, George, und haſt mich gerettet!“ Schimmernd über George und Annie, wie ſie ver⸗ loren da ſtanden, verſunken in Betrachtung über das ſtille Walten der Macht, welche ſie zuſammengeführt, ihn aus den höchſten Regionen des Lebens, ſie aus ſeinen niedrigſten und verworfenſten— himmelweit geſchiedene Regionen, wie die Menſchen wähnen, und doch einander ſo ähnlich darin, daß es in beiden mehr Grauſamkeit als Liebe giebt— ſchimmernd über George und Annie wölbte ſich das blaue Dach des Himmels mit der gol⸗ denen Sonne darin und den Vögeln, welche jubelnd die landwärts Fahrenden begrüßten; ſchimmernd zu beiden Seiten des lachenden Geſtades lagen blühende Gärten und friedliche Häuſer und nicht fern mehr am Horizonte erſchien Dach an Dach, und hoch darüber die Cathedrale von Antwerpen. „Nun kennſt Du das Geheimniß meines Lebens, George,“ ſagte das Mädchen; ich habe Dir ſo viel davon.. erzählt, als ich ſelber weiß. Du haſt mich nicht darum gefragt; aber ich verſprach Dir, davon zu beginnen, ſo⸗ bald mein Herz mich triebe. An dieſem Morgen hat 6 mein Herz mich getrieben. Nur die Namen habe ich Dir verſchwiegen; ſie zu nennen, würde mir zu ſchmerz⸗ lich ſein. Du ſelber haſt mir ja meinen neuen Namen gegeben; und für mich iſt die Vergangenheit hinwegge⸗ wiſcht, ſeit Dein Auge darüber geſtreift. Aber Du, mein Herr, mein Geliebter— kannſt Du mich — noch an Deiner Seite dulden, nun da Du weißt, aus welchen Abgründen ich zu Dir emporgeſtiegen?“ In dieſem Augenblick begannen die Glocken der Cathedrale zur Mette zu läuten; und indem ſich ihre ſanften Akkorde vom Lande her mit dem Murmeln und Flüſtern der Wellen miſchten, zog George ein kleines, in rothen Saffian gebundenes Büchlein hervor. Es war ſein Lieblingsdichter, Thomas Moore, welchen er auf⸗ ſchlug. Dann las er: Komm, ruh mir am Buſen, mein arm flüchtig Thier— Ob die Heerd' Dich auch ließ— Deine Heimath iſt hier. Hier winkt Dir ein Ort, wo kein Feind Dich mehr hetzt, Eine Hand und ein Herz, welche Dein bis zuletzt. O! was wär' die Liebe, blieb' ſie nicht gleich warm Durch Ruhm und durch Schande, durch Luſt und durch Harm? Ich weiß nicht, ich frag' nicht, ob Schuld Du Dich weißt— Ich weiß nur, ich lieb' Dich, was immer Du ſeiſt. Du haſt Deinen Engel zuvor mich genannt, Und Dein Engel bleib' ich, nun Dein Loos mir bekannt. Durch's Feuer Dir folg' ich und führ Dich zur Ruh, Zur Ehre, zum Sieg— oder falle, wie Du! Die Glocken der Cathedrale hatten ausgeklungen. Das Schiff legte an, man war in Antwerpen. Arm in Arm betraten George und Annie den Con⸗ tinent, und zwiſchen ihnen und der alten Heimath von England rauſchte das Meer. Ende des erſten Buches. Verlin, Druck von W. Pormetter, Neue Grünſtr. 30. dſſ 7 8 9 10 12 12 13 14 5 16 1 — 5 — 2 — 3 2 8 *.