— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ofkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Peseprois- Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun den angenommen⸗ 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 3 5. Auswärtige Abonnenten’haben für Hin⸗ und Zurückſendung der iicher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. . Schadenersatz. 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Seite Fürſ Poiemtin. 1 Der preußiſche und öſterreichiſche Geſandte........10 Der öſterreichiſche Geſandte............... ͤ 22 Kaiſerin Kathgrina..... 3535 Die Kaiſerin und ihr Herr... 113 Eine diplomatiſche Niederlage...B.... 55 Katharina und Joſeph 66 Der Schwur........n... 1„ 37 Fürſt Kaunitz... 93 Der jüdiſche Banquier und ſeine Tochter......... 106 Die Gräſin Baillon......... 119 Der Auszug der Clariſſinerinnen....... 132 Die Ausleuchtung. Sweites Buch. In Kussland. I. Fürſt Potemkin. Fürſt Potemkin hatte ſich ſo eben erſt von ſeinem Lager erhoben, und begab ſich langſamen, ſchweren Schrittes in ſein Cabinet. Zwei Pagen in goldſtrotzenden Anzügen flogen vor ihm her, und riſſen, tief bis zur Erde ſich neigend, vor ihm die Thüren auf, zwei andere Pagen gingen hinter ihm, und trugen die lange Schleppe des ſammetnen, mit Gold und Juwelen beſetzten Schlafrocks, der langhin wallte hinter der hohen coloſſalen Geſtalt des Fürſten. Hinter den Pagen folgten vier Kammerdiener des Fürſten, ſein Dejeuner und ſeine türkiſche Tabakspfeife tragend. Potemkin betrat ſein Cabinet. Schweigend und mit düſterm Geſicht ließ er ſich auf die mit den ſchönſten Caſchemir⸗Shawls be⸗ deckte Ottomane niedergleiten, und nahm aus den Händen der vor ihm knieenden Pagen die Taſſe Chocolade entgegen, die ſie auf goldenem mit Perlen beſetztem Teller ihm darreichten. Dann aber als dünke ihn dieſe Arbeit zu ſchwer, ließ er die Taſſe wieder ſinken, und ſein Haupt rückwärts lehnend an die Kiſſen, ſagte er müde: eingießen! Sofort erhob ſich einer der Pagen, und da der Fürſt geruhte, den Mund zu öffnen, näherte er die ſpitz auslaufende, wie eine pom⸗ pejaniſche Lampe geſtaltete Taſſe dem Munde des Fürſten, und ließ langſam die Chocolade in den Mund des Fürſten träufeln. Die Pagen und Kammerdiener und die ſechs Officiere des Fürſten, welche in ſeinem Cabinet ſein Kommen erwartet hatten, ſtanden, während der Fürſt ſein Frühſtück einſog, in ſteifer, militäriſcher Haltung ehrerbietig und ſſchweigſam da, die Blicke mit einem Ausdruck unausſprechlicher Ehr⸗ aiſer Zoſeph. 3. Abth. II. 1 5 — 2 furcht auf den Fürſten, den allmächtigen Günſtling der allmächtigen Czarin gerichtet. Potemkin indeß würdigte ſie Alle keines Blickes. Nachdem er ſeine Chocolade geſchlürft und dem Pagen erlaubt hatte, ihm mit dem geſtickten Neſſeltuch den Mund zu trocknen, öffnete er abermals ſeine Lippen. Sofort näherte ſich ihm der Kammerdiener, welcher den Dienſt der Pfeife zu verſehen hatte, mit der türkiſchen Pfeife, und das goldene, wundervoll verzierte Gefäß auf dem türkiſchen Teppich, der den Fuß⸗ boden bedeckte, niederſetzend, ſchob er die Bernſteinſpitze des langen Schlauches zwiſchen die halbgeöffneten Lippen des Fürſten. Wieder trat eine tiefe Stille ein, wieder blickten die Pagen, Kammerdiener und Offiziere in ſchweigender Ehrfurcht auf Potemkin hin, der jetzt große Rauchwolken aus ſeiner Pfeife zog, und mit trüben, gelangweilten Blicken ihren bläulichen Wirbeln folgte. Was iſt die Uhr? fragte endlich Potemkin mit ſchwerer Zunge. Zwölf Uhr Mittag, beeilte ſich einer der Officiere zu ſagen. Viel Leute im Vorſaal? fragte Potemkin. Sämmtliche Miniſter, die ganze Generalität, der ganze hohe Adel, und eine ungeheure Zahl von Bittſtellern und Supplicanten haben ſich heut wie immer zum Lever Seiner Durchlaucht eingefunden. Wie lange ſind ſie ſchon im Vorzimmer? Seit drei Stunden erwarten ſie den glücklichen Augenblick, wo es ihnen vergönnt ſein wird, Ew. Durchlaucht zu ſehen! Der Fürſt rauchte ruhig weiter, ohne ſich durch den Gedanken an die im Vorſaal ſeit drei Stunden wartende Hofgeſellſchaft ſtören zu laſſen. . Erſt, nachdem ſeine Pfeife ausgeraucht war, erwachte er aus ſeinem ſinnenden, trüben Schweigen und er erhob ſich langſam von der Ottomane. Zwei ſeiner Kammerdiener eilten herbei, jeder mit fragendem Blick dem Fürſten eine goldgeſtickte reich verzierte Uniform, deren jede indeß von anderer Farbe, anderm Schnitt und anderer Stickerei war, darreichend, um zu wiſſen, ob Se. Durchlaucht heute geruhen wollten, die Feldmarſchalls⸗Uniform, die Großkammerherrn⸗Uniform, oder den goldgeſtickten wundervoll mit Pelz verbrämten Rock eines ruſſiſchen Fürſten anzulegen. — den Potemkin ſtieß ſie Beide mit einer ſtummen Handbewegung fort, und ſchritt vorwärts. Sein braunes Haar, das lang und dicht war wie die Mähne eines Löwen, hing unordentlich und ſtruppig um fein ſchönes Antlitz nieder, hier und dort noch die Spuren der Daunen⸗ betten tragend, aus deſſen weichen Pfühlen Potemkin ſich erſt erhoben hatte; der vorn geöffnete Schlafrock ließ ziemlich unverhohlen die nachläſſige Unterkleidung ſehen, die mit Gold und Perlen geſtickten Pantoffeln bedeckten ſeine Füße, deren nicht ganz ſaubere Strümpfe ſchlotternd niederhingen, und einen Theil ſeiner kräftigen Waden ſehen ließen. In dieſem harmloſen und koſtbaren Negligé näherte ſich der Fürſt der Thür des Vorſaals. Sofort öffneten die dienſtthuenden Officiere dieſe Thür, und riefen mit lauter Stimme: Se. Durchlaucht der Fürſt! Dieſer Name ſchien auf einmal wie ein Sonnenblick die vom dreiſtündigen Warten ermüdeten Geſichter der Hunderte, die da im Vorſaal warteten, zu erhellen, und Generäle und Miniſter, Greiſe und Jünglinge, die höchſten Würdenträger, die Fürſten aus altadeligem Geſchlecht, und die Herzöge und Fürſten, welche die allmächtige Laune er Czarin vielleicht erſt geſtern geſchaffen, neigten ſich gleich demuths⸗ voll vor der hohen, ſtolzen Geſtalt des Mannes, der allmächtiger noch war als die Kaiſerin, weil er keinem Willen ſich beugte, während ſie vor Einem Willen doch ſich beugte, vor dem Willen Potemkin's! Potemkin ging ſchweigend und ſtolz durch die Reihen ſeines Hofes dahin, hier und dort mit nachläſſigem Kopfneigen irgend einen General, einen einflußreichen Miniſter grüßend, und ſtolz an Andern vorüberſchreitend, die mit ſehnſuchtsvoll flehenden Blicken ihn an⸗ ſchauten und jeder ſeiner Bewegungen mit geſpannter Aufmerkſamkeit und der glühenden Hoffnung folgten, endlich doch noch von ihm be⸗ merkt zu werden. Aber Potemkin ſchien heute wenig geneigt irgend Jemand zu bemerken, und auf irgend ein Geſpräch ſich einzulaſſen. Er nahm die Huldigung des Hofes wie eine ſchwere Regierungsſorge hin, der er ſich unterwerfen müſſe, und näherte ſich bald wieder der Thür ſeines Cabinets. Iſt der Juwelier, den ich herbeſtellen ließ, da? fragte er den 1* 4 Officier an der Thür, und als dieſer bejahete, ſagte Potemkin: ſoll zu mir kommen, dann der Polizeiminiſter! Er trat wieder in ſein Cabinet ein, und während er ſeinen Kammerdienern erlaubte ihn anzukleiden, trat der Juwelier Artan⸗ kopf in das Cabinet. Bleich, mit verſtörten Mienen blieb der Mann an der Thür ſtehen, die Anrede des Fürſten erwartend, der eben ſeine langen Mähnen der nothwendigen Procedur des Kämmens unterziehen ließ, und dabei auf einem Lehnſtuhl ſitzend wie ein Jongleur kleine goldene Bälle auf und nieder warf. Gut, Artankopf, daß Du da biſt, ſagte Potemkin lächelnd. Ich habe eine Beſtellung für Dich. Der Juwelier neigte ſich bis zur Erde nieder und murmelte einige unverſtändliche Worte, auf die Potemkin indeß nicht achtete. Ich ſah da geſtern in Deinem Laden einen ſehr ſchönen Tafel⸗ aufſatz von Gold mit allerliebſten Statuetten. Er iſt eine beſtellte Arbeit, beeilte der Juwelier ſich zu ſagen. Ach, beſtellt, ſagte Potemkin lächelnd, ich kann ihn alſo nicht kaufen? Unmöglich, Durchlaucht! Ich beſtelle alſo bei Dir zwei eben ſolche Tafelaufſätze, hörſt Du, von derſelben Arbeit, und beſonders von demſelben Gewicht. Wie viel Goldwerth hat der Aufſatz? Sechszigtauſend Rubel, Durchlaucht! Die Augen Potemkin's leuchteten höher auf. Eine hübſche Summe, ſagte er. Alſo, hörſt Du, zwei ſolcher Tafelaufſätze ſollſt Du für mich arbeiten! Ich beſtelle ſie bei Dir! Sie müſſen in acht Tagen fertig und hier abgeliefert ſein. Und die Bezahlung? wagte der Juwelier zu fragen. Wann wollen Ew. Durchlaucht die Gnade haben zu zahlen? Ich will Dich gleich in dieſer Minute bezahlen, ſagte Potemkin lächelnd. Ich ernenne Dich zum erſten Hofjuwelier der Kaiſerin, unſerer allergnädigſten Herrin. Der Juwelier ſchien indeß wenig entzückt über dieſe große Gunſt, ſondern blickte den Fürſten mit verzweiflungsvoller Angſt an. 8 Ich beſchwöre Ew. Durchlaucht, ſagte er mit zitternder Stimme, wollen Sie die Gnade haben, keinen Scherz mit mir zu treiben. Ich 2* 4 — 4 5 bin Familienvater, und wenn ich dieſe ungeheure und wahrhaft fürſt⸗ liche Beſtellung, welche Ew. Durchlaucht bei mir zu machen die Gnade haben, ausführen ſoll, ſo muß ich ſogleich auf Bezahlung rechnen dürfen, wenn ich nicht ruinirt werden ſoll. Du wirſt meine Beſtellung ausführen, oder Du wirſt jedenfalls ruinirt werden, ſagte Potemkin lächelnd, indem er ſeine goldenen Bälle weiter tanzen ließ. Wenn Du ſie nicht ausführſt, wirſt Du in acht Tagen eine Reiſe nach Sibirien antreten, um einige Jahre zu prüfen, ob die Goldſchmiedearbeit oder der Zobelfang eine amüſantere Beſchäftigung iſt.. Ich werde die Beſtellung ausführen, ſagte der Juwelier ſeufzend⸗ Aber wann werden Ew. Duri laucht die Gnade haben, mich zu be⸗ zahlen? Bezahlen? ſagte Poremtin lachend. Zum Teufel, ich habe Dich bezahlt, Du biſt Hofjuwelier, das iſt eine mehr als genügende Be⸗ zahlung! Geh! Und denk' ein wenig an Sibirien! Geh! Mit einer ſtolzen Handbewegung entließ Potemkin den Juwelier, der bleich, mit Thränen in den Augen, kaum im Stande ſich auf⸗ recht zu halten, hinaus ſchwankte. Potemkin blickte ihm lächelnd nach, und ſeine vorher ſo matten und ſchlafſen Züge hatten jetzt einen lebhaften, glänzenden Ausdruck. Ein⸗ hundertzwanzigtauſend Rubel Goldwerth, murmelte er vor ſich hin, während er die Feldmarſchalls⸗Uniform anlegte. Ich laſſe das Zeug einſchmelzen, und in Münzen umprägen. Zahlbare Münze iſt immer beſſer als goldene Tafelaufſätze! In dieſem Moment öffnete ſich wieder vie Thür und der Polizei⸗ miniſter Nariſchkin trat ein. Hinaus, Ihr Alle, rief Potemkin laut, und ſofort ſtürzten die Pagen, die Kammerdiener, die Ofſiciere den Thüren zu und ver⸗ ſchwanden hinter den ſchweren goldflimmernden Portiéren. etzt, mein Herr Polizeiminiſter, laſſen Sie Ihren Bericht hören, ſagte emkin, indem er ſich vor ſeinem Toilettenſpiegel niederließ, und ſich damit beſchäftigte ſeine blendend weißen Zähne mit einem feinen Leinentuch abzureiben und ſeine langen Nägel mit der elhrien Scheere zu kürzen. Der Polizeiminiſter Nariſchkin blieb vor dem Fürſten in hr⸗ ——ꝭ—ꝭ—ꝭ—ᷣ—ᷣ—ᷣ—ÿ—ÿ—:——-:˖:OBKBU˖LDOůꝛñKp/˖-—— 6 furchtsvoller gebeugter Haltung ſtehen, und begann mit halblauter Stimme ſeinen Bericht über alles das, was ſich ſeit den letzten zwei Tagen in Petersburg begeben hatte. 3 Potemkin hörte ihm mit gelangweilten Mienen zu, oft mit ſeinem lauten Gähnen die Worte des Miniſters übertönend, und ganz und 4 gar, wie es ſchien, mit den Angelegenheiten ſeiner Toilette beſchäftigt. Sie ſind und bleiben ein alter Narr, unterbrach er dann auf einmal den Polizeiminiſter mitten in ſeinem Bericht. Erzählen mir da wie viel Diebſtähle, wie viel Banquerotte, und kleine unſchuldige Scan⸗ 1 dale in unſerer guten Stadt Petersburg vorgekommen ſind. Was gehen 1 mich dieſe Dinge an, ſie ſind langweilig, wenn es ſich nicht um irgend eine ſchöne Mordthat, oder einige pikante Scandaloſa aus der Hofgeſell⸗ ſchaft handelt. Wenn ich Sie herrufen ließ, um mir Bericht zu erſtatten, ſo mußten Sie errathen können, worüber ich Bericht haben will. Ew. Durchlaucht befehlen alſo ohne Zweifel, daß ich Bericht er⸗ ſtatte über den Kaiſer Joſeph, der ſich ſeit zwei Tagen hier in Peters⸗ burg befindet? , Sie ſind wirklich nicht ganz ſo dumm, als Sie ausſehen, denn+ Sie haben's errathen? Erzählen Sie mir von dem Kaiſer! Was thut er, was treibt er? Und indem der Fürſt ſo fragte, lehnte er ſich in ſeinen Fauteuil, und ſtarrte mit ſeinen großen ſchwarzen Augen den Miniſter an. Er ſetzt das Leben fort, wie er es in Moskau geführt hat, ſagte Nariſchkin achſelzuckend. Er ſcheint wirklich ganz ſein Kaiſerthum in der Burg zu Wien zurückgelaſſen zu haben, und als einfacher Graf von Falkenſtein hierher gekommen zu ſein. Freilich iſt er hierher gekommen als ſein eigener Geſandter, rief Potemkin lachend, aber der deutſche Kaiſer Joſeph hätte ſich in der That keinen ſchlechtern Geſandten wählen können, als den Grafen von Falkenſtein.*) Wie arm und elend muß doch dieſes Deutſchland ſein, wenn ſein Kaiſer nicht mehr Luxus machen kann, als ein einfacher ruſſiſcher Gutsbeſitzer! 5 Er iſt, nachdem er hier in Petersburg angelangt war, zu *) Potemkin's eigene Worte. Siehe Kaiſer Joſeph II. Von keinem Reichs⸗ biographen. 7 nur begleitet von einem Bedienten, der ihm den Mantelſack trug, durch die Stadt gegangen, und dann in einem Gaſthof einkehrend hat er ſich dort einfach zwei Zimmer geben laſſen. Ja, ich weiß, rief Potemkin, er hat die Paffion lieber im Gaſt⸗ hof als in einem Schloß zu wohnen, und dieſe Paſſion iſt leicht zu erklären. Wenn er als Gaſt der Kaiſerin in einem ihrer Schlöſſer wohnte, würde es der Anſtand erfordern, daß er kaiſerliche Geſchenke machte und glänzende Douceurs gäbe. Das will er vermeiden, der kleine Graf von Falkenſtein. Hat deshalb auch, als ihn unſere er⸗ habene Kaiſerin nach Sarskoe⸗Selo einlud, nur unter der Bedingung angenommen, daß er dort in einem Gaſthof logiren kann. Unſere große Czarin hat ihm das verſprochen, und weil kein Gaſthof da iſt, muß der kaiſerliche Gärtner jetzt ſein Haus zum Gaſthof einrichten, und ein Schild vor ſeiner Thür aushängen. Der Kaiſer wird nichts ahnen und glauben im Gaſthof zu logiren. So wird Rußland's Kaiſerin im Großen wie im Kleinen dem guten Kaiſer von Oeſter⸗ reich Naſen drehen und ihn nach ihrer Pfeife tanzen laſſen. Weiter, weiter, Nariſchkin. Erzähl' mir von dem Grafen Falkenſtein. Er hat ſich, wie er mir ſelbſt ſagte, in dieſen Tagen unſere Kunſtſchätze und Sammlungen angeſchaut, und Du haſt ihn, wie's einem guten Polizeimann geziemt, überall beobachtet. Nun, war er ganz ge⸗ blendet von unſerm Glanz? Der Graf von Falkenſtein hat, wie es ſcheint, viel Selbſt⸗ beherrſchung, Durchlaucht, und läßt ſich nicht blenden. Er ſieht Alles mit ſtill beobachtenden Blicken an, und ſelbſt die überraſchendſten Huldigungen ſcheinen ihm durchaus nur natürlich. Habt Ihr ihm denn ſo viel überraſchende Huldigungen bereitet? fragte Potemkin düſter. Ihre Majeſtät hat es befohlen, und hat ſelbſt einige ſinnreiche Schmeicheleien, mit denen man ihn überraſchen wollte, erfunden! Ja, ja, ſie ſcheint dieſem kleinen Kaiſer ſehr geneigt, murrte Potemkin. Schwärmt mit ihm von großen Planen, die ich in ihrem Kopf entſtehen ließ, und vergißt— Ach, ach, was ſind's für Huldigungen, die Ihr dem Grafen von Falkenſtein auf Befehl der Kaiſerin dargebracht? Vorgeſtern, Durchlaucht, beſuchte der Kaiſer die Akademie der Wiſſenſchaften man überreichte ihm einen Atlas mit Landkarten, und 1 8 welcher ſeine eigene Reiſe, wie er ſte von Wien nach Mohilew, Moskau und Petersburg gemacht, der ganzen Länge nach und mit verſchiedenen, durch Zeichnungen hervorgehobenen Einzelnheiten dargeſtellt und ge⸗ ſtochen war*). Nicht übel, ſagte Potemkin mit einem ſpöttiſchen Lächeln, doch leider nicht ganz neu, denn in Paris iſt dem kleinen Grafen Falken⸗ ſtein ſchon Aehnliches geſchehen. Weiter, Naniſchkin! Von dort begab ſich der Kaiſer in die Akademie der Künſte, und 4 da legte ihm der Präſident eine Mappe mit Kupferſtichen vor, unter denen ihm wieder ſein eigenes meiſterhaft ausgeführtes Portrait ent⸗ gegenſchaute mit der Inſchrift: multorum providus urbes et mores hominum inspexit. Wer hat dieſe Inſchrift angegeben? fragte Potemkin raſch. Ihro Majeſtät die Kaiſerin ſelber, erwiderte der Polizeiminiſter ſich bei dem Namen der Kaiſerin tief verneigend. Das iſt in der That eine erhabene Schmeichelei, rief Potemkin, und ich wette, der kleine Kaiſer war ganz berauſcht davon! 4 4 Es ſcheint, Durchlaucht, daß er eine gute Portion dieſer Götter⸗ ſpeiſe der Schmeichelei vertragen kann, der Kaiſer blieb ganz gelaſſen dabei, und das ruhige, halb ſpöttiſche Lächeln, das immer ſeine Lippen umſpielt, verließ ihn auch dabei nicht einen Moment. Mit dieſem halben Lächeln betrachtete der Kaiſer geſtern auch unſere kaiſerliche Münze, wo die ungeheure Menge von Silberbarren, die er dort fand, 1 ihn nur zu der Frage veranlaßte: ob immer ſo viel Silber in der Münze vorhanden ſei**)? Potemkin lachte laut auf. Das iſt eine ſchlaue Frage, ſagte er, 6 der kleine Falkenſtein beweiſt damit, daß er uns ein wenig hinter die Couliſſen geſchaut hat, und ganz wohl begreift, daß wir überall zu ſeinem Cmpfang unſern beſten Feſttagsputz angelegt haben, den wir wieder in die Truhe packen, wenn er fort iſt. Ja, es ſcheint wirklich, als ob der Kaiſer von Oeſterreich nicht an den enormen Reichthum Rußlands glaubt, ſeufzte der Miniſter, ℳ als er ihn aufſchlug, fand er darin unter Andern eine Karte, auf 7 3 4 *) Theodor Mundt: Der Kampf um das ſchwarze Meer. S. 141. **) Theodor Mundt: Kampf um das ſchwarze Meer. S. 143. — 9 denn obwohl er die ungeheuren Silberbarren in der Münze geſehen hatte, fragte er doch nachher auf der kaiſerlichen Bank mit ſeinem fürchterlichen Lächeln: ob die Bank auch wohl im Stande ſein würde, all ihr ausgegebenes Papiergeld gegen baares Geld einzutauſchen? Und man bejahte es ihm? Man bejahte es ihm natürlich, Durchlaucht. Das war ein Meiſterſtück der Effronterie, rief Potemkin lachend. Aber dieſe Antwort gefällt mir, und ich werde die Herrn Bankdirectoren beim Wort nehmen, und ich werde ſie noch heute prüfen. Gehen Sie hin, Nariſchkin, ſagen Sie, man ſolle mir ſofort hunderttauſend Rubel ſenden. Ich bedarf das Geld zu einem Feſt, das ich meiner angebeteten Kaiſerin geben will. Man ſoll mir das Geld in einer Stunde ſenden, aber baar! Gehen Sie, eilen Sie, Nariſchkin! Ich eile, Durchlaucht, nur bitte ich um die Gnade, mir die kaiſerliche Ordre einzuhändigen, denn Ew. Durchlaucht wiſſen wohl, die Bank darf keine Gelder auszahlen, ohne einen Befehl der Kaiſerin und ohne ihre Unterſchrift. Ach, ich möchte doch ſehen, ob dieſe Herrn es wagen werden, meine Handſchrift zurückzuweiſen, rief Potemkin mit blitzenden Augen. Er ſprang auf und zu ſeinem Schreibtiſch tretend, warf er raſch einige Worte auf ein Blatt Papier. Da ſteht die Forderung mit meiner Unterſchrift, ſagte er, dem Miniſter das Papier darreichend. Trag' es den Herrn Bankdirectoren hin, und ſag' ihnen, daß ich dieſes Geld noch heute haben will. Wenn ſie nach der Unterſchrift der Kaiſerin fragen, ſo ſag', daß ich ihnen dieſelbe morgen ſenden werde, aber das Geld bedarf ich noch heute! Geh! Nariſchkin verbeugte ſich vor dem Fürſten ſo tief, wie er es nicht vor dem Großfürſten Paul, dem Sohn und Nachfolger der Kaiſerin, gethan haben würde, und verließ dann auf den Spitzen ſeiner Zehen das Gemach des allmächtigen Günſtlings. II. Der preußiſche und der öſterreichiſche Geſandte. Fürſt Potemkin blickte dem Polizeiminiſter mit düſtern Blicken nach, und da er ſich jetzt allein und unbeobachtet fühlte, ſank er wieder auf den Fauteuil nieder, es verſchwand der ſtolze Ausdruck von ſeinem Antlitz und finſtere Wolken lagerten ſich auf ſeiner Stirn. Es geht etwas hier vor, murmelte er in ſich hinein, eine In⸗ trigue iſt im Werk, und meine Feinde hoffen mich zu ſtürzen. Ich ſah das geſtern an den freudeleuchtenden Augen Panin's. Oh, dieſer Panin iſt mein Feind, und ich haſſe ihn faſt ſo ſehr wie ich den Alexis Orloff haſſe. Ich weiß, daß ſie mein Verderben ſinnen, daß ſie nichts unverſucht laſſen, mich zu ſtürzen! Ein Glück für mich, daß Orloff nicht hier iſt, daß er mit ſeiner perſönlichen Gegenwart nicht die Pläne des Grafen Panin unterſtützen kann! Jeden für ſich allein fürchte ich nicht, aber wenn ſie Beide zuſammen ſind, dann iſt Orloff die geladene Piſtole, Panin die brennende Lunte, und der Schuß wird fallen und mein Haupt zerſchmettern! Und als höre er ſchon jetzt das Fallen dieſes Schuſſes, ſo ent⸗ ſetzt ſprang der Fürſt empor und faßte mit ſeinen beiden Händen nach ſeinem Haupt. So ſtand er eine Weile unbeweglich, bleich, mit großen Augen in das Leere ſtarrend, mit keuchendem Athem da. Aber dann allmälig verſchwand die Spannung aus ſeinen Zügen und ein mattes Lächeln glitt darüber hin. Er ließ die Arme von ſtuhl zurück. Noch fliegt die Kugel nicht, murmelte er leiſe. Sie ſteckt noch in der Kanone, und man muß daher bedacht ſein, ſie in ihrem Lauf zu vernageln. Die Kanone Orloff zu vernageln, ah, das iſt ein glücklicher Gedanke! Aber freilich, man kann eine Kanone nicht ver⸗ ſeinem Haupt niedergleiten und ſank langſam wieder in den Lehn⸗ nageln, wenn man ſie nicht hat, und Orloff iſt nicht hier, er hat 1 3 d e! ei ſ d 4 4 ſich zurückgezogen auf ſeine Güter, wie die Spinne in ihr Netz. Aber er webt Etwas, ich weiß und fühle es, er webt ſein Netz, und denkt mich darin zu fangen! Was iſt's? Wo find' ich die Fäden dieſes 44*. Netzes? Oh hab' ich ſie erſt, ſo wär's ein Leichtes, ſie mit meinen ₰ Zähnen zu zerreißen, aber— wo ſind dieſe Fäden, und wie ſind ſier angeknüpft? Panin lächelt, wenn er mich ſieht, und verſichert mich ſeiner ewigen Freundſchaft. Wenn das der Graf Panin thut, ſo heißt das, er will mir die Augen verblenden, daß ich nicht ſehen kann, und glaubt ſich ſeinem Ziel ſchon ganz nahe. Der Großfürſt iſt freund⸗ lich und zärtlich gegen Panin, und ſcheint durch ihn ſich der Kaiſerin ſelbſt verſöhnt zu haben. Als ich geſtern im Salon der Kaiſerin an dem Großfürſten vorüberging ohne ihn zu grüßen, rief er mir einen Fluch nach, und nachher hörte ich, wie er ſich ganz laut zur Kaiſerin beklagte über das, was er meine Grobheit und Unverſchämtheit nannte. Und Katharina hörte ihn ruhig und lächelnd an, ſie zürnte ihm nicht wegen ſeiner ungebührlichen Ausdrücke, ſie befahl ihm nicht zu ſchweigen, .. obwohl ſie ſah, daß ich in ihrer Nähe ſtand und jedes Wort hören * mußte. Das macht, Katharina zittert nicht mehr vor mir und ſie hat keine Furcht mehr vor meinem Zorn. Aber ſie ſoll es büßen, beim ewigen Gott, ſie ſoll es ſchon wieder lernen vor mir zu zittern, und ſich zu beugen unter meinen Willen, ſie ſoll es fühlen, daß ſie einen Herrn hat, und daß Potemkin dieſer Herr iſt! f Und jetzt flammten ſeine Augen, und er ſchwang ſeine geballte 1 Fauſt hoch empon, drohend, zum zerſchmetternden Schlag bereit. Ja, ja, ich werde ſie demüthigen, murmelte er dann zwiſchen ſeinen feſt auf einander gepreßten Zähnen hervor, ich werde wie der Löwe dieſes Netz zerreißen, mit welchem die heimtückiſchen Spinnen mich einzufangen gedenken, aber dazu muß ich erſt dieſes Netz ſehen und wiſſen, wo die Fäden angeſponnen ſind! Oh, oh, iſt es nicht zum raſend werden, daß ich, Potemkin, vor dem ganz Rußland ſich in den Staub beugt, den alle Welt allmächtig nennt, daß ich zittere vor Spinngeweben und vor dieſen kleinen, jammervollen Schleichern, le ein Tritt meines Fußes zerſchmettern würde, wenn ſie es nicht ſtänden, wie die Mäuſe, immer von dannen zu huſchen, und in Mauſeloch zu kriechen, ſobald ſei meinen Schritt hören, und erſt .ͤ arzukommen, wenn ich ſchlafe, um an meiner Macht zu nagen. 8 1 Potemkin, Potemkin, ſei alſo auf Deiner Huth, denn die feindlichen Mäuſe wachen, wenn Du ſchläfſt. Er verſank wieder in ſich ſelbſt und ſtarrte mit großen düſtern Blicken in das Leere. Graf Panin beherrſcht in gewiſſem Grade noch immer das Ohr der Kaiſerin, ſagte er dann leiſe vor ſich hin. Sie hört auf ihn in allen politiſchen Angelegenheiten, und ihre Freund⸗ ſchaft zu dem alten König von Preußen iſt Panin's Werk. Er will dieſes Bündniß, er will die Freundſchaft Preußens, und Katharina ſtimmt ihm bei. Dies iſt der einzige Punkt, in dem ſie mit ihrem Sohn, dem Großfürſten, harmonirt; gleich ihm liebt ſie den König Friedrich; das iſt die Brücke, welche ſich Panin zwiſchen Beiden ge⸗ baut hat. Wie, wenn ich dieſe Brücke zerſtörte, wenn es mir ge⸗ länge, die Kaiſerin anderen Sinnes zu machen? Um Panin und durch ihn Orloff zu ſtürzen, müßte ich die Kaiſerin zu einer ganz neuen Politik beſtimmen, müßte ſie veranlaſſen, den entgegengeſetzten Weg einzuſchlagen. Auf dieſem entgegengeſetzten Wege würde ſie meinem Todfeind Orloff nicht begegnen, denn Orloff iſt preußiſch geſinnt, und er hält ſich deshalb fern vom Hof, weil der Oeſterreicher hier iſt. Oh, warum iſt dieſer Kaiſer Joſeph ein ſo ſtolzer und geiziger Mann, daß es unmöglich iſt, ſich für ihn zu intereſſtren! Wenn er zu mir käme, wenn er mir dieſen Vorzug vor allen andern Großen dieſes Reiches gewährte, er, der alle Einladungen ablehnt, und zu keinem der Großen in's Haus geht, wenn er bei mir eine Ausnahme machte! Ah, das wäre ein Triumph, den ich ihm mit all' meiner Macht und meinem Einfluß lohnen wollte. Aber er thut es nicht! Dieſer übermüthige Kaiſer wagt es mir zu trotzen, er verſchmäht meine Einladung, und durch dieſen Trotz drängt er mich mit Gewalt hin⸗ über auf die Seite des Königs von Preußen. Aber auf dieſer Seite finde ich Orloff und Panin und den Großfürſten, meine drei Tod⸗ feinde, welche Katharina mit Preußen verbinden. Ich kann ihre Politik nicht annehmen, denn das hieße, mich ihnen unterordnen; ich kann nur meinen eigenen Weg gehen, und auf dieſen Weg muß ich Katharina mit mir herüberziehen, damit ich ſie trenne von meinen Feinden. Wie fange ich es an? Was ſoll ich thun, was muß ich thun, um— Ein lautes, dreimaliges Klopfen an der Thür ließ den Graͤfen verſtummen. Se. Excellenz der Graf von der Görtz, Geſandter Sr. Majeſtät des Königs von Preußen, wünſcht Sr. Durchlaucht ſeine Aufwartung zu machen, meldete der eintretende Officier. Führen Sie den Herrn Geſandten in den kleinen Salon, ſagte Potemkin, gelaſſen, und ſagen Sie der Excellenz, daß ich ſehr bald bereit ſein würde, ihn zu empfangen! Ach, der Herr Graf von Görtz finden es für nöthig, mich auf⸗ zuſuchen, ſagte Potemkin leiſe vor ſich hin, indem er wieder nachläſſig in ſeinen Lehnſtuhl zurückſank. Das heißt alſo, der König von Preu⸗ ßen bedarf meiner, und die Intrigue meiner Feinde iſt noch nicht ganz ſo weit gediehen, um dem König eine Garantie des Gelingens zu gewähren. Er bedarf Meiner, überlegen wir alſo ein wenig! Und der Fürſt, ohne im Mindeſten darauf Rückſicht zu nehmen, daß der preußiſche Geſandte ihn erwarte, überließ ſich ſeinem Nach⸗ denken, und überlegte, wie er den Abgeſandten des preußiſchen Königs aufnehmen wolle. Faſt eine halbe Stunde war vergangen, bevor der Fürſt mit ſeinem Ueberlegen zu Ende war und ſich aus ſeinem Lehnſtuhl erhob, um ſich in den kleinen Salon zu euſben wo der Graf von der Görtz ſeiner harrte. Aber trotz dieſer beleidigenden Zögerung trat der Geſandte des Königs von Preußen dem Fürſten doch mit ſeinem verbindlichſten Lächeln entgegen, und erwiderte den nachläſſigen Gruß des Fürſten mit ſeiner tiefen und reſpectvollen Verbeugung. Potemkin ließ ſich im vollen Gefühl ſeiner Würde auf den Divan niedergleiten, und erſt dann deutete er auf einen Fauteuil ihm gegen⸗ über hin, den der Graf ſich beeilte einzunehmen. Se. Majeſtät der König von Preußen hat mich beauftragt, mich zu Ew. Durchlaucht zu begeben, und in ſeinem Namen bin ich hier, ſagte Graf Görtz feierlich. Potemkin nickte nur leicht mit dem Kopf, ohne dieſe feierliche Introduction einer weitern Antwort werth zu halten. Se. Majeſtät hat mir einen ſehr ſchmeichelhaſimn Aluſträg gegeben,— hr der Graf fort. 14 Entledigen Sie Sich deſſelben, ſagte Potemkin gelaſſen. Graf Görtz verneigte ſich, und indem er ſich dann erhob, zog er aus der Bruſttaſche ſeines reichen, goldgeſtickten Gewandes ein Etui hervor, das er dem Fürſten überreichte. 3 Se. Majeſtät der König, mein allergnädigſter Herr, voll Aner⸗ kennung für Ew. Durchlaucht große und leuchtende Thaten, wünſcht Sr. Durchlaucht ein glänzendes Zeugniß ſeiner Zuneigung und Ge⸗ wogenheit zu geben, ſagte Graf Görtz feierlich. Er hat deshalb be⸗ ſchloſſen, Durchlaucht den höchſten und glänzendſten ſeiner Orden zu verleihen, und Ew. Durchlaucht zum Ritter des ſchwarzen Adler⸗ ordens zu ernennen, deſſen Inſtgnien ich die hohe Ehre habe, in dieſem Etui Ew. Durchlaucht zu überreichen. Potemkin nahm das Etui, und ohne es zu öffnen, ſetzte er es mit vyollkommener Gleichgültigkeit auf den Tiſch, der neben ihm ſtand. Kein Zug ſeines Antlitzes verrieth die ſtolze Genugthuung, die er innerlich empfinden mochte; müde und gelangweilt, wie zuvor, blieben ſeine Mienen. Ach, ſagte er achſelzuckend, Se. Majeſtät ſendet mir den ſchwarzen Adlerorden. Ich bin dem König von Preußen zwar ſehr verbunden für dieſe Auszeichnung, aber doch weiß ich in der That nicht mehr, wie ich die Menge von Auszeichnungen der Art, die ich ſchon habe, nebeneinander ordnen kann, und nun ſoll ich auch den großen Orden des Königs von Preußen noch da anbringen.*) Sagen Sie ſelbſt, Herr Graf, fuhr er lachend fort, indem er auf ſeine Bruſt deutete, welche in doppelter Reihe mit Ordenskreuzen be⸗ hangen war, wenn ich alle die großen Bänder dieſer Orden anlege, werde ich da nicht das Ausſehen eines Bandhändlers haben, der ſich ſelber als Aushängefenſter dient, und die Proben ſeines Lagers ſpazieren führt?**) Ew. Durchlaucht führen da, um mich Ihres Ausdrucks zu be⸗ dienen, die Proben Ihrer Schätze ſpazieren, aber es ſind zugleich die *) Potemkin's eigene Worte. Siehe: Dohm's Denkwürdigkeiten. Theil I, Seite 413. **) Potemkin's eigene Worte. Siehe Masson: Mémoires secrètes sur la Russie. Vol. I, p. 161. — 2* — Proben Ihrer Verdienſte, Ihres Heldenmuthes, Ihrer Staatsklugheit und Weisheit. Es wäre eine zu weit getriebene Beſcheidenheit, wenn Ew. Durchlaucht nicht alle dieſe koſtbaren Proben der bewundernden Welt zeigen wollte, und wenn dieſe dann den großen Orden meines Herrn, des Königs von Preußen, auf Ihrer Bruſt vermiſſen ſollte. Nun denn, um Sr. Majeſtät dem König von Preußen gefällig zu ſein, werde ich ihn tragen, und ſage Sr. Majeſtät meinen herz⸗ lichſten Dank für ſeinen Orden. Sie haben mir weiter nichts zu ſagen, Herr Graf? Graf Görtz warf einen langen, fragenden Blick in dem Salon umher, und ließ denſelben beſonders auf den ſchweren Sammetvor⸗ hängen der Fenſter verweilen. Ich hätte allerdings Ew. Durchlaucht noch eine geheime Mit⸗ theilung zu machen, ſagte er, nur müßte ich wiſſen und überzeugt ſein, daß Niemand uns belauſchen könnte. Ah, Sie fürchten die Vorhänge dort, rief Potemkin, der den Blicken des Grafen gefolgt war. Unterſuchen Sie dieſelben doch und überzeugen Sie Sich, daß Niemand dort verborgen iſt. Graf Görtz verneigte ſich. Die Verſicherung Eurer Durchlaucht genügt vollkommen, ſagte er, ſitzen bleibend. Erlauben mir alſo Ew. Durchlaucht, zu Ihnen ein offenes und zutrauliches Wort zu reden. Im Namen Ihres Monarchen? fragte Potemkin, indem er gleich⸗ gültig und zerſtreut mit ſeinen Ordenskreuzen ſpielte. Im Namen meines Monarchen! Ew. Durchlaucht wiſſen, daß der auf acht Jahre geſchloſſene Allianztraktat zwiſchen Rußland und Preußen ſich jetzt ſeinem Ende naht. Wirklich, thut er das? fragte Potemkin nachläſſig. Ich wußte es nicht, Herr Graf, denn ich bekümmere mich wenig um dieſe kleinen Dinge der Politik. Ew. Durchlaucht haben mehr das große Ganze im Auge und leiten das mit dem kühnen Auge des Feldherrn, dem nichts entgeht. Aber dieſer Allianzvertrag mit Rußland gehört für Preußen zu den großen Dingen der Politik, und der König wünſcht nichts ſehnlicher, als die Erneuerung deſſelben. Er weiß ſehr wohl, wie gefährlich für 4 8 ſeine Abſichten das Erſcheinen des Kaiſers Joſeph am hieſigen Hofe 16 Preußen auch am hieſigen Hof einen baldigen r ließ Katharina erſt in vertraulich anfragen, ob ihm dieſer Beſuch aucl Beſuch in Petersburg bei meiner erh ſt ſ Mancher ucht, ich habe nicht gethan, mich ich „ Wollens ihm zu weihen, und ſeine Intereſſen zu und ihn dem Fürſten darreichend. da der Kronprinz von Preußen auch unſer präch kennen lernen möchte, ſuas: die preußiſche Majeſtät n mir an eckmã I ſer Frag allein obwohl mancher Durchlaucht nallein wünſcht E zu mir halten will, ſo bin ich bereit, mich mit der ga ſ J ve Wie ſehr der König von Preußen eret iſt, zu Cw. Durchlaucht zu halten, mög Ihnen dies eigenhändige Schrei⸗ ben Sr. Majeſtät beweiſen, ſagte Graf Görtz, einen Brief hervorziehend laſſen! Potemkin erwiderte dieſe Frage nur mit einem lauten den Lach en. Oh, ob, rief er dann, wa auSf ausſchlit wünſcht B tiges und ich bin deshalb beauftragt, Ew. Durchlaucht vertraul Rath zu fragen, ob Sie meinen, daß, um den Beſuch des Joſeph zu contrebalaneiren, es rathſam ſei, den 1 2 1, ben Ew. C en Miniſter in dieſer Angelegentei nicht um Rath 2 l efriedigung Potemkin nahm ihn ohne irgend ein Zeichen der Uebereeſchung, ich um Kaiſers ſchmettern⸗ ſeid Ihr doch Alle Majeſtät über 17 und das Siegel erbrechend, ſchlug er langſam das Papier auseinander. Dann, nachdem er mit flüchtigen Blicken die Zeilen überflogen hatte, reichte er das Papier dem Grafen Görtz dar. Se. Majeſtät ſchreibt eine etwas undeutliche und unverſtändliche Handſchrift, ſagte er, ich bitte Sie daher, mir gütigſt dies Schreiben Ihres Souverains vorzuleſen. Graf Görtz, die Abſicht Potemkin's ſehr wohl begreifend, ihm den Inhalt des königlichen Briefes mitzutheilen, nahm das Papier und las mit lauter Stimme, und langſam genug, um jede Phraſe ihre gehörige Wirkung thun zu laſſen, dieſes ſo überaus ſchmeichel⸗ hafte und freundliche Schreiben des Königs an den Fürſten Po⸗ temkin. Der König begann ſeinen Brief damit, daß er behauptete, er dürfe nach vielfachen und genügenden Beweiſen gar nicht bezweifeln, daß der Beſuch des Kaiſers von Oeſterreich nichts Anderes bezwecke, als die beſtehende Verbindung zwiſchen Preußen und Rußland auf⸗ zulöſen und ein neues Soſtem der Politik zu ſchaffen. Alsdann er⸗ ging ſich der König in großer Extaſe über das erhabene Genie des Fürſten, und bat ihn, die Sache Preußens zu unterſtützen und des Königs Intereſſen bei jeder Gelegenheit aufrecht zu halten. Dafür verſprach Friedrich wiederum dem Fürſten in jeder Bezichung beizu⸗ ſtehen, und ihm, wo und wie er es wünſche, nützlich und förderlich zu ſein, nicht bloß jetzt, ſondern auch in der Zukunft, wo er vielleicht von größerm Einfluß ſein könne als jetzt.“*) Eine lange Pauſe trat ein, als der Graf zu Ende geleſen. Po⸗ temkin hatte ſich in den Divan zurückgelehnt, und ſeine großen Augen zu dem reichbemalten Plafond emporgerichtet, ſchien er ſinnend den Inhalt dieſes Briefes zu überlegen. Da ſind einige Phraſen, die ich nicht verſtehe, ſagte Potemkin dann, und für die ich um einige Erklärungen bitten möchte. Ich bin beauftragt, Ew. Durchlaucht alle die Erläuterungen zu geben die Sie nur wünſchen mögen. 1 Dieſer Brief iſt hiſtoriſch, und ſein Inhalt findet ſich angegeben in von Denkwürdigkeiten, Th. I, S. 412, und v. Raumer, Beiträge zur neuern Th. V, S. 435. ſeph. 3. Abth. II. 2 18 Nun denn, was bedeutet dieſer Satz, den Se. Majeſtät hier ge⸗ braucht:„der König wird verſuchen, das möglich zu machen, was unmöglich ſcheint?“ Das bedeutet, daß der König erfahren hat, daß Ew. Durchlaucht den Wunſch hegen, Herzog von Kurland zu werden, und daß Seine Majeſtät Alles dazu thun werden, um dieſen Wunſch Eurer Durch⸗ laucht zu erfüllen, daß er den König Stanislaus und die Republik Polen, von denen Kurland als Lehen abhängt, bewegen wollen, es an Ew. Durchlaucht zu übertragen, und daß er dazu beitragen will, den Herzog Biron, der alsdann Kurland verlieren würde, zu ent⸗ ſchädigen, indem er ihm bedeutende Vortheile für ſeine ſchleſiſchen. Beſitzungen zugeſtehen würde.*) Es bedeutet dieſer Satz ferner, daß der König gern bereit iſt, dem zukünftigen Herzog von Kurland unter den deutſchen Prinzeſſinnen eine Gemahlin zu verſchaffen! Nun wahrlich, rief Potemkin lachend, dieſer unbeſtimmte und deutungsfähige Satz iſt ſehr reich an Inhalt. Aber der König legt in der That zu viel Werth auf das kleine Herzogthum Kurland, von dem ich nicht behaupten möchte, daß es mir für die Träume meiner Zukunft genügend erſcheint, und welches ich, wenn ich es haben möchte, wohl erlangen und mir zu eigen machen könnte, ohne Se. Majeſtät deshalb bemühen zu müſſen. Was aber die Heirath mit einer deutſchen Prinzeſſin anbelangt, ſo weiß ich in der That nicht, ob meine gnädige Kaiſerin Katharina es wünſcht, daß ich mich vermähle, und ich muß dieſen Punkt von ihr abhängig ſein laſſen. Aber nun erklären Sie mir noch den Schlußſatz! Was verſteht der König darunter, wenn er ſagt, er wünſche mir nützlich und förderlich zu ſein, nicht blos jetzt, ſondern auch in der Zukunft, wo er vielleicht von größerem Einfluß ſein könne, als jetzt? Graf Görtz ließ noch einmal ſeine Blicke ſpähend und mißtrauiſch in dem Salon umhergleiten, dann neigte er ſich vorwärts, dichter zu Potemkin hin, und ſagte mit gedämpfter Stimme: Se. Majeſtät leiſtet Ihnen in dieſen Worten das Verſprechen, Ew. Durchlaucht in ſo weit mit dem Großfürſten zu verſöhnen, daß, im Fall des Todes den *) Dohm. Th. I, S. 413. ier ge⸗ 1, was hlaucht Seine Durch⸗ epublik en, es n will, u ent⸗ eſiſchen. r, daß unter te und ig legt d, von meiner nöchte, ajeſtät utſchen nädige muß n Sie wenn blos ßerem auiſch ter zu leiſtet Lreit e dieſer Sache gehört, noch heute der Kaiſerin das Project eines er⸗ 19 ſerin Ihnen keine Gefahr droht, ſondern Ihre Perſon, Ihre Ehren und Beſitzthümer geſichert ſind.*) Dies Mal war der Fürſt nicht im Stande, ſeine innere Aufre⸗ gung zu unterdrücken, er zuckte lebhaft zuſammen, und eine tiefe Gluth übergoß ſein Angeſicht. Wie, fragte er haſtig und leiſe, beſitzt der König die Macht, meine innerſten Gedanken zu leſen, und— Er vollendete ſeinen Satz nicht, ſondern ſprang auf und ging mit großen Schritten einige Male auf und ab.— Graf Görtz war gleichfalls aufgeſtanden, und folgte den Bewegungen Potemkins mit ſtillen, beobachtenden Blicken. Hat Ihnen der Courier aus Berlin gar keine Briefe für die Kaiſerin mitgebracht? fragte Potemkin dann, indem er vor dem Ge⸗ ſandten ſtehen blieb. Ja, Durchlaucht, ein eigenhändiges Schreiben des Königs an die Czarina, das ich indeſſen erſt übergeben ſollte, wenn ich das Glück gehabt, Ew. Durchlaucht zu ſprechen, und Sie mir die Zuſtcherung Ihres Beiſtandes gegeben. Potemkin nickte lebhaft mit dem Kopf. Und wann iſt der Allianz⸗ tractat zwiſchen Rußland und Preußen abgelaufen? In einigen Wochen, Durchlaucht. Aber es wäre wünſchenswerth, ihn ſchon jetzt zu erneuern, und ihn der Kaiſerin baldmöglichſt zur Unterſchrift vorzulegen, damit ſie durch ihr Wort gebunden iſt, und die gefährliche Anweſenheit des Kaiſers von Oeſterreich unſere Allianz nicht zu zerſtören vermöchte. Sie haben Recht, rief Potemkin lebhaft, man muß das Eiſen ſchmieden, ſo lange es noch heiß iſt, und da Ihr mich zu Eurem Schmidt auserſehen, nun wohl, ſo will ich Euch den Willen thun. Es muß Alles ſo raſch wie möglich geſchehen. Ich werde noch heute, oder vielmehr ſogleich zur Kaiſerin gehen, und ſie vorbereiten. Kommen Sie alsdann in einer Stunde und begehren Sie eine Audienz, um Ihro Majeſtät das Schreiben Ihres Königs zu übergeben, und ver⸗ anlaſſen Sie den Grafen Panin, in deſſen Reſſort die Ausführung 20 neuerten Allianzvertrages vorzulegen! Sie ſehen, ich meine es ernſt mit meinem Eifer für Ihren König, denn ich mache ſogar gemein⸗ ſchealiche Sache mit meinem Feind, dem Grafen Panin. Aber dafür verlange ich von Ihnen Eins: Schreiben Sie mir das auf, was Sie mir da als Erläuterung des letzten Satzes in dem Brief des Königs gegeben, fügen Sie hinzu, daß der König Sie dazu ermächtigt hat, mir dieſe Verſprechungen zu machen, und geben Sie dem Papier Ihre Unterſchrift. Und darf ich Ew. Durchlaucht um den Zweck dieſes Papiers fragen? Potemkin neigte ſich dicht an das Ohr des Grafen. Es iſt wegen Lebens und Sterbens, ſagte er leiſe. Wenn der Großfürſt zur Re⸗ gierung kommt, ſo wird, bei der unbegrenzten Verehrung, welche Paul für den König von Preußen hegt, dieſes Blatt ſchon für's Erſte genügen, mich zu beſchützen und zu ſichern. Ew. Durchlaucht ſollen dieſes Blatt haben, ſagte Graf Görtz. Heute noch? Denn Sie begreifen, daß ich auch einer Sicherung und Gewißheit bedarf, wenn ich handeln ſoll. Die Worte Ihres Königs ſind gar ſo unbeſtimmt und laſſen ſich vielfach deuten. Ich werde ihnen diejenige Deutung geben, welche mein Souverain will, daß ſie haben ſollen, ſagte der Graf raſch. Ich werde Alles, was mir der König befohlen, Ihnen in ſeinem Namen zu ſagen, ſo⸗ gleich aufzeichnen, und Ihnen das Papier ſenden, bevor Ew. Durch⸗ laucht noch zur Kaiſerin Sich begeben. Alsdann kann der König von Preußen auf mich zählen, und ich will mit eben ſolchem Eifer jetzt mich für ihn bei Katharina ver⸗ wenden, als ich wünſche, daß er ſich dereinſt für mich bei Paul ver⸗ wenden möchte! Ich eile, Ew. Durchlaucht die gewünſchte Aufzeichnung zu machen! ſagte Graf Görtz, ſich zum Abſchiede verneigend. Eilen Sie! In einer Stunde fahre ich zur Kaiſerin. Finden auch Sie Sich dort ein; es wird ſich dort ſchon Gelegenheit finden, mir das Papier zu überreichen. Adieu! Ich glaube, daß es Preußen dies Mal ehrlich meint, ſagte Po⸗ temkin, als er allein war. Aber was heißt das, ehrlich m. nen?* Der König Lon Preußen meint es i elnel und aus Prel ſchm e Ihres 1 uverain 3 Alles, gen, ſo⸗ Durch⸗ en, und ina vel⸗ aaul ber⸗ machen! Finden tfinden⸗ gie Po⸗ . 7 † meinen! * einen Orden, verſpricht mir ein Herzogthum, eine deutſche Prinzeſſin und ſeinen dereinſtigen Schutz, aber er verſpricht mir das Alles nicht aus Liebe zu meiner Perſon, ſondern aus Furcht vor meiner Perſon. Preußen iſt ehrlich, heißt alſo, Preußen bedarf meiner, und darum ſchmeichelt es mir. Ah, ich bin alſo doch mächtiger, als Panin, mächtiger als der Großfürſt, denn dieſe Beiden gehören zu der Parrei des Königs von Preußen, und er wendet ſich von Ihnen ab, und kommt zu mir. Der Eine Potemkin iſt mächtiger, als dieſe Beiden — ja, als dieſe Beiden, unterbrach er ſich ſelber, aber auch mächtiger als ihrer Drei? Der dritte iſt Orloff! Werde ich auch dann noch der Mächtigſte ſein, wenn Orloff einſt wiederkehrt? Ach, dieſer Or⸗ loff iſt der Alp, der mich ewig bedrückt, der wie ein Geſpenſterſchatten meinen Glanz und meine Herrlichkeit umdüſtert. Ich kann nicht ruhen, ſo lange Orloff athmet, ſein Leben ſchon iſt für mich eine Gefahr, ſeine Gegenwart für mich eine Drohung mit einem aufgehobenen Schwert! Er oder ich, Einer von uns Beiden muß weichen, denn Rußland iſt zu klein für uns Beide.— Wer aber iſt es, der weichen und dem Andern Platz machen muß? Ich nicht, nein, beim ewigen Gott! Ich nicht! Wie ein Elephant will ich daſtehen, und unter dem Schritt meiner Füße, die jetzt Millionen Menſchen zittern machen, wird doch wohl Raum ſein für einen Orloff? Und indem Potemkin das ſagte, brach er in ein lautes, wildes Lachen aus, und ſeine Augen blitzten auf in Haß und wilder Schaden⸗ freude. Aber als jetzt ein leiſes Geräuſch an der Thür ſich vernehmen ließ, ſchrak Potemkin zuſammen, und ſein Geſicht nahm einen faſt angſtvollen Ausdruck an. Wie wagſt Du es, mich abermals zu ſtören, ſchrie er dem ein⸗ tretenden Officier entgegen. Habe ich Dir nicht geſagt, daß ich allein ſein, daß ich Niemand empfangen will? Durchlaucht, ich glaubte, die fremden Geſandten machen heute, wie immer, eine Ausnahme! Der Graf Cobenzl, der Geſandte Oeſter⸗ reichs, wünſcht Ew. Durchlaucht ſeine Aufwartung zu machen. Cobenzl? fragte Potemkin raſch. Iſt er allein? Ganz allein, Durchlaucht! Es iſt gut. Geh hinaus! In zehn Minuten öffne die Thüren und laß den Grafen Cobenzl zu mir eintreten! b III. Der öſterreichiſche Geſandte. Genau nach zehn Minuten alſo wurden die Thüren geöffnet, und Graf Cobenzl tänzelte mit leichtfüßigem Schritt in den Salon. Po⸗ temkin erhob ſich langſam von dem Divan, auf welchem er, noch als der Graf eintrat, lang hingeſtreckt gelegen. Sein Geſicht drückte die größte Ermattung und Gleichgültigkeit aus, ſeine Augen waren halb⸗ geſchloſſen, als öffne ſie Potemkin eben nach langem Schlaf, und doch hatte Potemkin dieſe zehn Minuten nicht dazu benutzt, um zu ſchlafen, ſondern um ſich das große brillantfunkelnde Kreuz des ſchwarzen Adlerordens anzuheften und das große Band deſſelben— an die Erde neben den Divan fallen zu laſſen. Es iſt gut, Herr Graf Cobenzl, ſagte Potemkin, den Grafen begrüßend, ſehr gut daß Sie nicht fünf Minuten ſpäter gekommen ſind, denn Sie würden mich alsdann nicht mehr getroffen haben. Verzeihung, Durchlaucht, ich würde dann nur fünf Minuten in ihrem Vorzimmer gewartet haben, ſtatt daß ich jetzt zehn Minuten dort erdulden mußte! rief Graf Cobenzl laut lachend. Wiſſen Sie, das Antichambriren iſt mir diablement verhaßt, und ich hab's nie⸗ mals recht lernen können und mögen. Alſo wär's gut geweſen, wenn ich ſogar zehen Minuten ſpäter gekommen wäre, denn alsdann würde ich ohne Weiteres gleich zu Ihnen haben eintreten können, um Ew. Durchlaucht meine Aufwartung zu machen. Nein, ich würde Sie dann nicht mehr empfangen haben, ſagte Potemkin ruhig. Denn ich bin eben im Begriff zur Kaiſerin zu gehen. Ach, zur Kaiſerin! rief Graf Cobenzl. Deshalb alſo dieſes ordensgeſchmückte Gewand! Nun, glaubten Sie etwa, ich hätte einen Orden um Ihretwillen angelegt? fragte Potemkin mit ruhiger Inſolenz. d 23 Nein, gewiß nicht, Durchlaucht, ich glaubte es ſei eine Theater⸗ probe, ein— Ach, der Graf Cobenzl beſchäftigt ſich immer mit Theater und Comödienſpielen*), rief Potemkin lachend. Was für eine Comödie werden wir nächſtens im öſterreichiſchen Geſandtſchaftshötel ſehen? Oh, ein höchſt intereſſantes Luſtſpiel, Durchlaucht, und ganz neu, ganz pikant. Es iſt mir aus Frankreich zugeſchickt, und heißt: „Der geſtürzte Günſtling, oder die Launen des Glücks.“ Oh, vrai- ment, es iſt ein höchſt pikantes, amüſantes Stück, dieſer geſtürzte Günſtling, die Franzoſen verſtehen ſich darauf ſo etwas zu machen! Potemkin ſtutzte, und ein blitzartiger, forſchender Blick ſeiner großen Augen traf das Antlitz des Grafen. Und wo ſpielt dieſes pikante Stück? fragte er haſtig. Wo? Wahrhaftig, das weiß ich nicht! Ich glaube da unten in der Tartarei, oder am mongoliſchen Hof, oder— Oder im Mond, rief Potemkin lachend. Laſſen wir das Comödien⸗ ſpiel, beſchäftigen wir uns ein wenig mit der Wirklichkeit, und vor allen Dingen ſetzen wir uns! Potemkin warf ſich mit ungenirteſter Nachläſſigkeit auf den Divan nieder, und verhinderte dadurch Graf Cobenzl ſich neben ihn zu ſetzen. Derſelbe nahm alſo mit ruhigſter Gelaſſenheit auf dem großen Fau⸗ teuil neben dem Divan Platz, und dabei berührten ſeine Füße ganz unwillkürlich das lange, breite Band des preußiſchen Ordens. Graf Cobenzl bückte ſich und es aufhebend, reichte er das Band mit einer leichten Verbeugung dem Fürſten dar. Ach, wirklich, Sie wiſſen nicht, was Sie thun, indem Sie mir dies Band da aufheben, ſagte Potemkin lächelnd. Esiſt Ihr Feind, 4 *) Graf Cobenzl war ein leidenſchaftlicher Theaterfreund, und ſchrieb ſelbſt kleine Dramen für das Theater der Kaiſerin von Rußland in der Eremitage, in denen er alsdann agirte. Selbſt als Oeſterreich durch die Feindſchaft Frank⸗ reichs hart bedrängt ward, entſagte Cobenzl ſeiner Lieblingsbeſchäftigung nicht, und ſo oft eine unangenehme Depeſche in Petersburg von Wien aus anlangte,— 8 veranſtaltete Cobenzl zur Verſüßung derſelben eine theatraliſche Darſtellung, ſo daß Katharina einſt zu ihm ſagte: was werden Sie uns für ein ſchönes Drama geben an dem Tage, wo die Franzoſen in Wien einrücken? 24 es iſt Preußen, das mir dies Band geſchickt hat. Ich bin in Ver⸗ zweiflung, Herr Graf, noch ein neuer Orden, und zwar einer, der ſo ſehr viel Raum einnimmt, denn der preußiſche ſchwarze Adlerorden iſt ein gar großer Stern! Ein gar großer Stern, wiederholte Graf Cobenzl, und ich erlaube mir, Ew. Hoheit zu gratuliren, denſelben vom König von Preußen empfangen zu haben, denn das iſt eine Gunſt, die der ſparſame König nicht allzuoft, und immer nur den Auserwählteſten erzeigt. Es ſcheint indeſſen, daß die Brillanten nicht gar ſonderlich in Preußen gedeihen, ſagte Potemkin, gleichgültig auf das große Kreuz auf ſeiner Bruſt deutend. Dieſe Brillanten des ſchwarzen Adlerordens ſind ein wenig gelb. Finden Ew. Durchlaucht nicht, daß die Brillanten in Oeſterreich beſſer gedeihen? fragte der Graf lächelnd. Ich habe noch niemals Brillanten aus Oeſterreich geſehen, ſagte Potemkin gähnend. Dann bin ich glücklich, der Erſte zu ſein, der Ew. Durchlaucht den Beweis liefert, daß es auch in Oeſterreich Brillanten giebt, rief Cobenzl, und indem er aufſtand, und ein Maroquinetui aus ſeiner Bruſttaſche hervorzog, fuhr er fort: Se. Majeſtät mein allergnädigſter Kaiſer hat mir den ſchmeichelhaften Auftrag ertheilt Ew. Durchlaucht dies Käſtchen zu überreichen. Noch einen Orden? fragte Potemkin beinahe entſetzt. Nicht doch, Durchlaucht, das iſt angemeſſenes Spielzeug für die großen Kinder, Sie aber ſind ein großer Mann, und ſelbſt wenn Sie Spielzeug goutiren, muß es noch einen ernſten und wiſſenſchaft⸗ lichen Hintergrund haben. Mein Kaiſer hat erfahren, daß Ew. Durch⸗ laucht aus der Mineralogie ein Studium gemacht haben, und daß Sie eine roſtbare Mineralien⸗Sammlung beſitzen. Se. Majeſtät hat ſich alſo erlaubt, Ihnen einige ſeltene Exemplare verſchiedener Steine und Kieſel auszuwählen, und ich habe die Ehre, Ihnen dieſelben im Namen des Kaiſers zu überreichen. Potemkin, deſſen Müdigkeit und Gleichgültigkeit ihn plötzlich ver⸗ laſſen zu haben ſchien, öffnete raſch den Deckel des Käſtchens, und ein Ausruf der Ueberraſchung entfuhr ſeinen Lippen, als er den koſt⸗ baren Inhalt deſſelben betrachtete. Es waren indiſche Diamanten von „„S 25 ſeltener Größe und der herrlichſten Schleifung, türkiſche Rubinen von der feurigſten Purpurgluth, die blitzendſten Saphiren, die reinſten Turquoiſen, große goldgeäderte Stücke Lapis⸗Lazuli, und die ſeltenen orientaliſchen Chryſopras, alle dieſe Steine ungefaßt in buntem Ge⸗ nube miſch durcheinander, funkelnd und leuchtend in den wundervollſten ißen Farbenblitzen. önig 4 Das iſt in der That ein wundervolles Geſchenk, eine ſeltene Ueberraſchung, rief Potemkin, ohne die Augen von den blitzenden h in Steinen wegzuwenden, und ganz im Anſchauen derſelben verloren. reuz Ich ſah nie einen ſo herrlich geſchliffenen Brillant wie dieſen hier, er dens ſtrahlt ja wie ein vom Himmel gefallener Stern! Alsdann iſt er es würdig, von Ew. Durchlaucht aufgehoben zu werden, ſagte Cobenzl ſich verneigend. Und dieſer Saphir hier, fuhr Potemkin fort, ſelbſt die Kaiſerin beſitzt kein ſo großes und ſo funkelnd reines Exemplar. ſagte Die Czarin wird eben Ew. Durchlaucht ſelbſt für den größten aucht Edelſtein in ihrer Krone, für ihren Saphir halten! Dies hier ſind rief Turquoiſen von dieſer alten grünlichen Art, die das Entzücken aller einer Kenner und zugleich doch deren Verzweiflung erregen, weil man ſie gſter für ſchwöeres Geld nirgends mehr auftreiben kann, und— ucht* Plötzlich unterbrach ſich Potemkin in ſeinem bewundernden Ent⸗ zücken, und haſtig den Deckel des Käſtchens zuſchlagend, ſetzte er daſſelbe faſt beſchämt neben ſich auf den Tiſch hin. die Sie können Ihrem Souverain als Augenzeuge berichten, daß ich venn mich über ſein wahrhaft fürſtliches Geſchenk gefreut habe, ſagte Po⸗ haft⸗ temkin, ich werde ſelbſt noch heute dem Kaiſer meinen perſönlichen urc⸗ Dank darbringen. Und nun, mein Herr Graf, ohne Umſchweife, Sie worin kann ich Oeſterreich gefällig ſein, und was wünſcht Kaiſer alſo Joſeph von mir? Denn wenn man Geſchenke macht, hegt man hin⸗ ieſel wiederum auch einige Wünſche, die der Beſchenkte erfüllen ſoll. dis Sprechen Sie frei heraus, was iſt das. 9„ Frei heraus alſo, Durchlaucht, der Kaiſer würde ſich freuen, wenn ver⸗ Sie dem Oeſterreichiſchen Cabinet Ihre Freundſchaft zuwenden und 8 die Plane unterſtützen möchten, welche daſſelbe hier verfolgt. Und was ſind das für Plane? Oh, Ew. Durchlaucht ſind ein zu feiner politiſcher Kopf, um die 26 nicht längſt errathen zu haben, und um nicht zu wiſſen, daß wir nur das Schlachtfeld verändert haben in dieſem großen Kampf gegen unſern Todfeind. Wir haben bis jetzt in Böhmen gekämpft um das bairiſche Erbe, jetzt ſetzen wir den Kampf in Petersburg fort, um die ruſſiſche Freundſchaft. Aber hier hat Preußen bei weitem mehr Terrain, und nimmt beinahe das ganze Schlachtfeld ein, Sie werden hier alſo einen ſchweren Kampf gegen daſſelbe haben! Wenn Ew. Durchlaucht auf unſerer Seite ſtehen, nein! Preußen hat Orloff, Panin und den Großfürſten, aber— Und wer ſagt Ihnen denn, das Preußen nicht auch Potemkin für ſich hat? rief der Fürſt lachend. Sie ſehen ja, ich trage den preußiſchen Orden, weshalb alſo glauben Sie nicht, daß ich im Herzen auch ein Preuße bin? Ich glaube das nicht, weil das ein politiſcher Fehler, eine mo⸗ raliſche Schwäche wäre, deren beider Ew. Durchlaucht nicht fähig ſind. Sie dürfen und können niemals auf der Seite ſtehen, wo Ihre un⸗ erbittlichen und unverſöhnlichen Feinde ſchon vor Ihnen geſtanden haben, das würde heißen, ſich in das feindliche Lager flüchten, ſeine eigene Schwäche eingeſtehen, und indem man um Beiſtand bettelt, ſich vor ſeinen Feinden demüthigen! Oh, Orloff, der es Ihnen niemals verzeihen kann, daß Sie es geweſen, der ihn aus der Gunſt der Kaiſerin verdrängt, und ihn geſtürzt hat, Orloff könnte keine größere Genugthuung haben, als Ew. Durchlaucht jetzt hinter ſich zu ſehen, in ſeine Fußtapfen tretend, und die Politik adoptirend, welche die ſeine iſt, und mit welcher er Sie bisher bekämpfte! Orloff wird die Genugthuung niemals haben, rief Potemkin heftig. Das iſt auch die Anſicht des Kaiſers, meines Herrn und darum grade hoffte er, daß Ew. Durchlaucht die Plane Oeſterreichs unter⸗ ſtützen werden. Aber welches, ich frage noch einmal, welches ſind die Plane Oeſterreichs? Oeſterreich wünſcht ſich die Freundſchaft und das Bündniß Ruß⸗ lands, das heißt, es möchte die Stelle einnehmen, welche Preußen hier bisher eingenommen. *₰ 27 Und möchte Preußen ganz und gar verdrängen und bei Seite ſchieben, nicht wahr? Preußen, welches um die Gunſt der Kaiſerin buhlt, liebäugelt zugleich mit dem Großfürſten, es will ſich die Gegenwart und die Zukunft ſichern, und huldigt daher zwei Extremen, die ſich feindlich gegenüberſtehen. Es iſt ein Hauptplan des Königs von Preußen, die Kaiſerin mit dem Großfürſten zu verſöhnen, denn dadurch würde ſeine Partei für immer die herrſchende ſein. Ich weiß, daß noch geſtern Abend beim Miniſter Grafen Panin von dieſem Project die Rede war, und daß der Graf Görtz, der preußiſche Geſandte, die verſchiedenſten Vorſchläge zur Erreichung deſſelben machte. Der preußiſche Geſandte war geſtern Abend bei Panin? Nicht bloß geſtern Abend, ſondern auch ſchon heute morgen wie⸗ der, und von Panin kommend begab er ſich hierher zu Ew. Durch⸗ laucht, um Ihnen den ſchwarzen Adlerorden und einen Brief des Königs von Preußen zu übergeben. Wahrlich, Ihre Spione ſind ſehr gut und genau unterrichtet, rief Potemkin verwundert. Sie werden auch ſehr gut und pünktlich bezahlt, Durchlaucht, ſagte Cobenzl lächelnd. Und was zum Beiſpiel ſchlug denn der Graf Görtz vor, um den großen Zweck einer Ausſöhnung zwiſchen der Kaiſerin und ihrem Sohn zu erreichen? Graf Görtz meinte, man müſſe ſich vor allen Dingen nach mäch⸗ tigen Bundesgenoſſen umſehen; Panin, der Großfürſt und Graf Görtz ſelber ſeien wohl nicht im Stande gegen den Kaiſer Joſeph und Ew. Durchlaucht das Feld zu behaupten, man müſſe alſo zweierlei ver⸗ ſuchen. Erſtens: Gw. Durchlaucht ſelber für Preußen zu gewinnen mit Schmeicheleien, Verſprechungen und Orden. Das hat man verſucht, das iſt wahr! rief Potemkin erſtaunk. Ihre Spione ſind gut, wirklich ſehr gut! Weiter! Was wollte man zweitens verſuchen? Zweitens wollte man einen mächtigen Bundesgenoſſen herbei⸗ rufen, und den Grafen Orloff bitten, ſeine Güter zu verlaſſen, und nach Petersburg zu kommen! Potemkin ſprang auf, und den Grafen mit glühenden weitauf⸗ 5 28 geriſſenen Augen anſtierend, rief er: das hat Graf Görtz vorgeſchlagen? Er, der eben erſt hier war, der— Der Ew. Durchlaucht für Preußen zu gewinnen ſuchte, ja, der hat den Vorſchlag gemacht, Ihren Todfeind, den Grafen Orloff, her⸗ zurufen, oder vielmehr der Kaiſerin den Wunſch einzublaſen, daß ſie Orloff gleichſam als eine Schutzwehr gegen Ew. Durchlaucht her⸗ berufe, um ſie zu erſchrecken und in Zaum zu halten. Das iſt ein infernaliſcher Plan, aber ich ſehe es ihm an, daß er ächt iſt, er trägt die heimtückiſchen Gedanken Panins an der Stirn, rief Potemkin, mit großen Schritten auf⸗ und abgehend. Graf Cobenzl ſchaute ihm mit lächelnder Miene zu, und als der Fürſt immer noch ſchwieg, nahm er das breite Band des Ordens und ließ es ſpielend und lächelnd durch ſeine Hände auf⸗ und nieder⸗ rauſchen. Auf einmal blieb der Fürſt vor Cobenzl ſtehen, und ſein Ant⸗ litz hatte jetzt einen energiſchen, kühnen Ausdruck angenommen, alle ſeine Züge drückten Muth, Entſchloſſenheit und Spannung aus. Herr Graf Cobenzl, ſagte er, ich kenne die Wünſche und Plane Oeſterreichs, und werde ſie jetzt unterſtützen. Ich mache Ihre Sache zu der meinigen, denn für mich heißt jetzt die Frage nicht: Oeſter⸗ reich oder Preußen, ſondern: Potemkin oder Orloff! An dieſem Aus⸗ ſpruch können Sie ſehen, daß ich es ehrlich mit Oeſterreich meine, aber Oeſterreich muß nun auch ſeinerſeits ehrlich mit mir ſein, und ohne vom Wege abzuſpringen, mit mir dieſelbe Straße gehen. Oeſterreich iſt von ganzem Herzen bereit dazu, Durchlaucht. Oeſterreich muß auf meine Plane eingehen, ſie unterſtützen, und die Parole annehmen, die ich ihm gebe. Dieſe Parole iſt: Die Eroberung der Türkei! Das iſt das große Zauberwort, mit welchem ich das Herz Katharina's immer wieder zu mir zwinge, mit welchem ich ihren Ehrgeiz anfeuere, ihre Energie wecke, wenn ſie ermatten will, das iſt der große Opiumtraum, mit welchem ich Katharina erheitere, wenn die Langeweile der ſchläfrigen Wirklich⸗ keit ſte zu Boden drückt. Die Eroberung der Türkei, das iſt der Schild, mit welchem ich mich zuweilen auch gegen meine Feinde ſchütze. Denn, Sie wiſſen es, und ich mache kein Hehl daraus, ich habe d Feinde, mächtige Feinde, die alle Tage das Ohr der Kaiſerin be⸗ agen? Ant⸗ alle lane ache ſter⸗ lus⸗ eine, und .*) Potemkin's eigene Worte. Siehe v. Raumer Th. V. S. 573. 29 lagern, und mich verleumden und verdächtigen, die ihr ſagen, ich habe Nichts im Auge als die Befriedigung meines Ehrgeizes und meine eigene Größe. Oh ſie haben ſchon mächtig eingewirkt auf Katharina's Character, ſie haben ihre große Seele mit Schmeicheleien verweichlicht, ſo daß ſte nicht mehr im Stande iſt, eine unangenehme Wahrheit ohne Zorn zu hören; ſie haben ihr großes Herz mit Miß⸗ trauen und Argwohn erfüllt, ſo daß ſie ſelbſt Mir oft nicht ganz mehr traut, und daß ich oft zu den gefährlichſten Mitteln meine Zuflucht nehmen muß, um mir bei Katharinen mein Anſehen und meine Stellung zu bewahren. Wir ſehen hier niemals rückwärts oder vorwärts, ſondern werden allein von den Eindrücken des Augenblicks regiert. Ein guter und treuer Unterthan weiß daher nie, wie er ſein Benehmen einzurichten habe. Wäre ich gewiß, gelobt zu werden, wenn ich Gutes, und getadelt zu werden, wenn ich Schlechtes thue, ſo wüßte ich doch, was ich zu erwarten habe. Aber dieſe Unter⸗ ſcheidungskraft fehlt, und wenn den Leidenſchaften geſchmeichelt wird, fragt man niemals den Verſtand um Rath*). Aber dies Alles, ich ſchwöre es beim Grabe meiner Mutter, dies Alles ſoll jetzt anders werden, ich will meine Gewalt über die Kaiſerin ganz und ungetheilt wieder gewinnen, ich will wieder der Herr werden, und Niemand ſoll es mehr wagen, mir meine Herrſchaft noch ſtreitig zu machen! Wehe meinen Feinden, ſie ſollen zittern unter dem Fußtritt Potem⸗ kin's, ich will ſie vernichten, wo ich ſie finde, und wäre es ſelbſt auf den Stufen des Thrones! Und indem Potemkin ſo ſprach, ballte er ſeine Hände zur Fauſt zuſammen, und hob ſeine ſtarken herkuliſchen Arme wie zum zer⸗ ſchmetternden Schlag empor. Oeſterreich wird immer bereit ſein, Ew. Durchlaucht ſeinen Bei⸗ ſtand gegen alle Ihre Feinde zu verleihen, ſagte Graf Cobenzl eifrig. Ich glaube das, rief Potemkin, von dem höchſten Zorn jetzk zu der beſonnenſten Ruhe übergehend, ich glaube das, denn es liegt in Eurem Vortheil. Ihr wißt, daß nur Ich Euch helfen kann Eure Zwecke zu erreichen, und Euer Zweck iſt: Ihr wollt Rußlands ganze Politik umgeſtalten, Ihr wollt uns neue Freundſchaften geben. Wir 30 ſollen mit Preußen brechen, das heißt, wir ſollen auch dem Freundſchafts⸗ bündniß mit Frankreich entſagen, denn Ihr wißt wohl, daß Preußen und Frankreich jetzt wieder zuſammenſtehen. Wir ſollen mit Oeſter⸗ reich uns verbünden, Oeſterreich will alsdann ſeine alten Ve mit Frankreich brechen, und England mit hineinziehen öſterreichiſchen Bund, um dadurch Frankreich und Pr Der Plan iſt gut, und kann gelingen, ſonnen. Und was nennen Ew. Durch Ich nenne das: genau das Betragen abwägen, w die Kaiſerin beobachten will! Ich wage es nicht, de hierin einen Rath ertheilen zu wollen, aber ich gebe ihn Ihnen. Sie ſind ſeit kaum einem Jahr hier, und Sie haben oft Gelegenheit mit der Kaiſerin zuſammen zu ſein. Ueberlegen Sie jedes Mal erſt mit mir das, was ſie der Kaiſerin in Hinſicht auf politiſche Dinge ſagen wollen, damit wir immer übereinſtimmen, und niemals in unſern Anſichten divergiren. Vermeiden Sie Alles, was wie Liſt oder Ver⸗ ſtellung ausſteht, laſſen Sie fühlen, daß dies nur die Eigenſchaften Ihrer preußiſchen Gegner ſeien, und daß Sie dieſelben verachten und verwerfen. Schmeicheln Sie ſo viel als möglich, Sie können nicht zu viel Salbung dabei anbringen, aber ſchmeicheln Sie der Kaiſerin für das was ſie ſein ſollte, nicht für das, was ſie iſt*). Zeigen Sie immer Oeſterreichs Bereitwilligkeit, auf der Kaiſerin große Zu⸗ kunftsplane einzugehen, und ſtatt wie Preußen zurückzuſchrecken vor ihrer Eroberungsluſt, huldigen Sie derſelben. Befolgen Sie dieſen Rath, und Sie werden ſehen, in einigen Monaten ſchon ſtehet Oeſter⸗ reich hier an Preußen's Stelle, der Vertrag mit Preußen wird nicht erneuert werden, und meine und Ihre Feinde werden von uns auf lange, wenn nicht auf immer beſtegt werden. Dann, wenn es ſo weit iſt, wenn ich der unbeſtrittene, der allmächtige Herr an dieſem Hofe bin, wenn dieſe elende Welt der Schmeichler und der Selaven vor mir zittert, und den Staub meiner Füße leckt, dann will ich ſie mit einem einzigen Fußtritt von mir ſtoßen dieſe elende Welt, und rbindungen in den ruſſiſch⸗ eußen zu iſoliren. wenn Ihr klug ſeid und be⸗ laucht klug und beſonnen ſein? elches man gegen m Kaiſer Joſeph *) Potemkin's eigene Worte. Siehe v. Raumer Beiträge zur neuern Ge⸗ ſchichte. Th. V. S. 485. 31 will mich aus allen dieſen Laſtern und dieſer Verderbtheit retten in die Einſamkeit des Landlebens, oder in das Schweigen des Kloſters. Wie eine Sonne will ich ſcheinen und freiwillig erlöſchen. Ew. Durchlaucht belieben zu ſcherzen, ſagte Cobenzl lächelnd, die Macht und Größe iſt eine Götterſpeiſe, davon man nie überdrüſſig wird, und die man nie freiwillig aufgiebt. Ich bin ihrer überdrüſſig, ſagte Potemkin müde, und freiwillig gebe ich ſie auf, aber gezwungen niemals! So lange ich noch Feinde habe, die mich ſtürzen könnten bleibe ich, wenn es die nicht mehr für mich giebt, dann kann ich gehen, dann— Ein lautes Klopfen an der Thür unterbrach ihn, und einer der Hausoffiziere Potemkin's trat eilig herein. Was willſt Du ſchon wieder, und was wagſt Du hier ein⸗ zutreten? ſchrie Potemkin, heftig mit dem Fuß ſtampfend. Verzeihung, Durchlaucht. Der Kammerdiener des Kaiſers von Oeſterreich bringt einen eigenhändigen Brief des Kaiſers an den Herrn Grafen Cobenzl, und hat Befehl ihn ſogleich in Gegenwart Ew. Durchlaucht abzugeben. Ein ſeltſamer Befehl in der That, rief Potemkin, aber wir wollen ihm genügen. Laß den Kammerdiener des Kaiſers hier eintreten! Der Offizier ſchlug die Portiere zurück und Günther, der ver⸗ traute Kammerdiener Joſeph's, trat ein. Den Fürſten mit einer tiefen Verbeugung grüßend, ſchritt er gerade auf den Geſandten hin, und überreichte ihm einen Brief. Ein Handſchreiben Sr. Majeſtät, ſagte Günther laut. Excellenz möchten daſſelbe ſogleich leſen. Es bedarf keiner Antwort, es genügt, daß ich es Ew. Excellenz ſelbſt übergeben habe. Und ſich abermals tief verneigend, näherte ſich Günther rück⸗ wärts gehend der Thür, und verſchwand hinter der Portiere. Ew. Durchlaucht erlauben, daß ich in Ihrer Gegenwart leſe? fragte Graf Cobenzl. Leſen Sie, leſen Sie! Ohne Zweifel iſt es die Abſicht des Kaiſers, daß Sie den Brief in meiner Gegenwart leſen, erfüllen Sie alſo dieſe Abſicht! Graf Cobenzl öffnete haſtig das Couvert, und zog deſſen In⸗ 32 halt hervor. Aber dies war nicht ein offenes, ſondern wiederum ein verſiegeltes Schreiben. Oh, dies Mal bin ich nicht der Empfänger, ſondern nur der Ueberbringer eines Briefes, ſagte Graf Cobenzl. Dieſes Schreiben hier iſt an Ew. Durchlaucht gerichtet. Es iſt des Kaiſers eigene Handſchrift, welche ich auf der Adreſſe erkenne. Er reichte Potemkin den Brief dar, welchen dieſer haſtig ergriff und eilig erbrach. Aber kaum hatte er ſeine Blicke auf den Inhalt deſſelben gerichtet, als er einen wilden Schrei ausſtieß, und wie von einem electriſchen Schlag durchzuckt, erbleichte und taumelte. Um Gottes willen, rief Cobenzl entſetzt, was bedeutet dies? Ew. Durchlaucht ſind unwohl, wie es ſcheint? Erlauben Sie mir, Ihre Dienerſchaft und Ihre Aerzte zu rufen! Er wollte nach der Thür eilen, aber Potemkin legte ſeinen Arm feſt auf des Grafen Schulter und hielt ihn zurück. Leſen Sie, ſagte er mit heiſerer, dumpfer Stimme, leſen Sie, daß ich höre, ob ich recht geſehen habe! Er reichte dem Grafen das kaiſerliche Schreiben dar, und Cobenzl las:„Mein lieber Fürſt! Ich will Sie nicht, um mir Ihre Freund⸗ ſchaft zu erwerben, mit Schmeicheleien und Verſprechungen füttern. Ich verſpreche Ihnen keine Herzogthümer, keine Prinzeſſinnen, keinen Schutz in der Zukunft, weil ich überzeugt bin, daß Sie durch Ihre eigene Macht ſich alles das ſelbſt verſchaffen können, was wir andern Sterblichen Ihnen zu bieten vermögen. Aber ich will Ihnen einen Dienſt erzeigen, und darnach mögen Sie die Aufrichtigkeit meiner Geſinnungen ermeſſen. Vor einer Stunde iſt Graf Gregor Orloff auf den Wunſch des Großfürſten und Panin's in Petersburg an⸗ gelangt, und begiebt ſich ſo eben zur Kaiſerin, um eine geheime Unterredung mit Ihr zu haben. Joſeph.“ Es iſt alſo wahr, ich habe nicht falſch geleſen, ſchrie Potemkin, es ſind nicht meine Gedanken, meine geheimen Befürchtungen, welche da als geſpenſterhafte Buchſtaben ſich in Schlachtordnung auf dem Papier aufſtellten, es ſteht geſchrieben: Gregor Orloff iſt in Peters⸗ burg, und er hat eben eine geheime Unterredung mit der Kaiſerin? Es ſteht ſo da? 22 33 Es ſteht ſo da, Durchlaucht, ſagte Cobenzl ruhig. Potemkin ſtieß einen Wuthſchrei aus und ſprang vorwärts wie ein Stier, der eben im Begriff iſt, ſich mit einem wüthenden Stoß auf ſeinen Feind zu ſtürzen. Gregor Orloff iſt bei Katharinen, und ich kann ihn nicht er⸗ würgen, ihn nicht todt zu ihren Füßen niederſchleudern, nicht— Auf einmal verſtummte er und ein triumphirendes Lächeln er⸗ hellte ſein Angeſicht. Ich habe noch meinen Schlüſſel, ſagte er leiſe vor ſich hin, ich werde Katharina zwingen, mich zu hören, wenn ſie Orloff gehört hat.— Herr Graf, fuhr er fort, ſich an Cobenzl wendend, ich muß Sie jetzt bitten, mich zu verlaſſen, denn ich muß zur Kaiſerin, ſogleich auf der Stelle! Gehen Sie zu Ihrem Kaiſer, ſagen Sie ihm, daß ich ihm danke für ſeinen Brief, und daß, wenn es mir gelingt, dieſes Unwetter, das über mir ſchwebt, zu beſtegen, er auf ewig an mir einen dankbaren Schuldner und Diener finden ſoll. Aber jetzt kein Wort mehr, Herr Graf! Leben Sie wohl, und wenn Sie Luſt haben, beten Sie für mich, oder beſſer, überlegen Sie, was für ein Drama Sie am Tage meines Begräbniſſes zur Erheiterung des Hofes aufführen wollen. Ach, an dem Tage könnten wir nur Voltaire's Julius Cäſar's Tod aufführen, ſagte Graf Cobenzl lächelnd, aber Gott verhüte eine ſolche Aufführung. Ich eile zu meinem Souverain, um ihm die Worte Ew. Durchlaucht zu hinterbringen. Potemkin, vor Ungeduld zitternd, die bleichen Lippen feſt auf⸗ einander gepreßt, blieb mitten im Zimmer ſtehen, und raſch und un⸗ geſtüm mit dem Fuß ſtampfend, als ſchlüge er den Takt zu der wilden Melodie ſeiner Gedanken, folgten ſeine flammenden Blicke jeder Be⸗ wegung, jedem Schritt des Grafen, der ſich mit ſeinem gewöhnlichen zierlichen und tänzelnden Schritt der Thür näherte und noch vor derſelben ſtehen blieb, um dem Fürſten eine regelrechte Verbeugung zu machen. Aber kaum war die Portieère hinter Cobenzl niedergefallen, als Potemkin wie ein Raſender vorwärts ſprang, mit wilden Sätzen den Salon durcheilend und in ſein Schlafzimmer ſtürzend. Zu dem Schreib⸗ ſecretair, der da neben ſeinem Bett ſtand, hinſpringend, ſchloß Potem⸗ kin denſelben auf, und haſtig einige Chatoullen, die mit Ketten, Kaiſer Joſeph. 3. Abth. II. 3 34 Brillanten und Gold angefüllt waren, herausziehend und zur Erde ſchleudernd, daß ihr koſtbarer Inhalt weit im Zimmer umherflog, ſchien er mit zitternden Händen nach irgend etwas zu ſuchen. Jetzt hatte er es gefunden, jetzt drückte er an einer Feder, und ein verbor⸗ genes Schubfach that ſich auf. Dieſes Schubfach enthielt nichts als einen Schlüſſel! Aber Po⸗ temkin nahm ihn mit einem Freudenſchrei, und ohne daran zu denken, die umhergeſtreuten Schätze, die vielleicht eine Million werth ſein mochten, wieder voꝛmn Boden aufzuſammeln, ſtürzte er wieder aus dem Schlafzimmer, vorwärts in ſein Cabinet, durch dieſes hindurch in ein dunkles, kleines Vorzimmer, dann über Corridore, Gänge und Treppen, vorwärts, immer vorwärts, athemlos, keuchend, aber vor⸗ wärts!. Jetzt ſtand er am Ende eines langen, öden Corridors. Hier ſchien er am Ende ſeines Reichs angelangt, und dieſe öde, weiße Wand ſchien die undurchdringliche Mauer zu ſein, welche die von Potemkin bewohnte Eremitage von den Räumen des kaiſerlichen Winterpalaſtes trennte! Aber da, ganz am äußerſten Ende dieſer Mauer befand ſich eine kleine, kaum bemerkbare Vertiefung. Potemkin ſenkte ſeine Hand in dieſe Vertiefung und drückte an einer Feder. Sofort ſchien ſich die Wand aufzuthun und eine Thür ſprang auf. Aber hinter dieſer Thür befand ſich abermals eine Thür, die Thür zu dem geheimen Gang, welcher von Potemkin's Wohnung gerade zu dem Winterpalaſt und zu den Gemächern der Kaiſerin führte. Die Thür war verſchloſſen. Aber Potemkin hatte den Schlüſſel, welcher ſte öffnete. Dank dieſem Schlüſſel ſprang er jetzt vorwärts durch die geöffnete Thür, weiter durch die öden Gänge und Gallerien. Und jetzt ſtand er vor der kleinen Thür, welche grade in die Gemächer der Kaiſerin führte! Der Schlüſſel paßte auch zu dieſer Thür, und indem Potemkin ihn leiſe in das Schloß ſenkte, murmelte er: Ich bin gerettet! Ich werde ſtegen! —— — üſſel, fnete tand ſerin mkin 9 IV. Kaiſerin Katharina. Tiefe Stille herrſchte in den Gemächern der Kaiſerin; dieſe prun⸗ kenden goldfunkelnden Säle, in denen ſich allabendlich die von Gold, Juwelen und Ordensſternen funkelnde Hofgeſellſchaft verſammelte, waren jetzt noch verödet und leer. Katharina hatte für dieſen Vor⸗ mittag die befohlene, große Cour abgeſagt, ſie hatte Befehl ertheilt, daß Niemand vorgelaſſen werde, weil ſie allein ſein wolle, um zu arbeiten. Aber ſie war nicht allein! Sie war in ihrem, neben ihrem Schlafzimmer befindlichen Cabinet, und bei ihr war der Graf Gregor Orloff, der Mörder ihres Gemahls, der Geliebte ihrer früheren Tage. Die Kaiſerin lag halb hingegoſſen auf dem von purpurrothem Sammet überzogenen Ruhebette, und ihre klugen, blitzenden Augen waren mit einem Ausdruck innigſter Herzlichkeit auf Orloff hinge⸗ richtet, der ihr gegenüber ſaß. Katharina war, trotz ihrer funfzig Jahre, noch immer eine ſchöne Frau; ſelbſt das Alter ſchien Reſpect gehabt zu haben vor dieſer hohen Stirn, welche eine Krone trug, und hatte kaum mit der Spitze ſeines Fingers ſie zu berühren gewagt; ihr Auge hatte noch immer das Feuer der Jugend, ihr Mund das reizende, coquette Lächeln ihrer frühern Tage bewahrt, und in ihrem Buſen glühte noch immer das leidenſchaftliche, liebebegehrende, unru⸗ hige, bewegliche Herz eines Mädchens von ſechszehn Jahren. Dieſes Herz war noch immer des glühenden Haſſes, der leidenſchaftlichſten Fiebe fähig, und dieſes energiſche, intereſſante Antlitz war immer noch im Stande, zu gefallen und Liebe zu erwecken. Und dieſer Stunde wollte Katharina Orloff g Gefun in dieſer Stunde träumte ſie ſich zurück in die Joldenen S ge. ihrer Jugendliebe, und mit wehmüthiger Theilnahme fuchte — harten, alternden Geſicht des Grafen Orloff die verblichene Scsaßei 36 er ſie umkränzt hatte. gen verſunken, das den Grafen zu ängſtigen begann. kommen und— funkelnden Hand. hierher zu kommen! trachte ich als den erſten Hoheprieſter in demſelben! dienſt halten in unſerm Tempel! der Phantaſte hatte ihm immer gefehlt. Meine gnädige Kaiſerin, ſtammelte Orloff, ich— Kaiſerin! rief Katharina glühend, ſteh' ich denn vor Dir als Deine Kaiſerin, Gregor? Nein, nein, Orloff, ich bin hier nur ein Weib, ein Weib, das Dich einſt ſehr geliebt hat, und das auch heute noch nicht erröthet, es Dir zu ſagen. Oh, ſie ſagen wohl von mir, ich ſei kein frommes Weib, ich habe mich verblenden laſſen von dem Religionsſpötter Voltaire, aber ſie irren ſich, die guten, dummen Menſchen, ich bin doch fromm, und ich habe doch eine Religion, über welche ich ſelbſt Voltaire nicht erlaubt haben würde zu ſpotten, das iſt die Religion der Erinnerungen, Gregor! Religion habe ich in meinem Herzen Tempel gebauet, und Dich be⸗ welche ſie einſt an ihn gefeſſelt hatte. In dieſer Stunde war Katha⸗ rina nicht die Kaiſerin, ſondern das Weib, und ſtie dachte nicht an die Krone, welche einſt Gregor Orloff mit blutigen Händen auf ihr Haupt geſetzt, ſondern nur an die Myrthen und Roſen, mit denen Sie hatten ſich anfangs von gleichgültigen Dingen unterhalten, dann war die Kaiſerin verſtummt und in dieſes wehmüthige Schwei⸗ Majeſtät haben mir befohlen, ſagte er leiſe, befohlen hierher zu Katharina hob ihren ſchönen, nur halb bedeckten Arm ein wenig von dem Ruhekiſſen empor, und winkte ihm mit ihrer von Brillanten Still, Orloff, ſtill, flüſterte ſte leiſe. Nenne mich nicht Majeſtät, es hört uns ja Niemand! Sag' nicht, daß ich Dir befohlen habe, Dieſer meiner Deshalb auch, Gregor, habe ich Dich herberufen, wir wollen zuſammen einen Gottes⸗ Graf Orloff murmelte einige unzuſammenhängende, verlegene Worte. Dieſe glühende, wehmuthsvolle Sprache der Kaiſerin machte ihn befangen, er verſtand ſie nicht und vermochte ihr nicht darin zu antworten; er war immer nur der Mann der That, des Handelns und des Kämpfens geweſen, aber die Poeſie des Herzens, die Gluth nig nten ſtät, abe, eute nir, dem men über das einer b be⸗ nuch, ttes⸗ gene achte n zu delns luth 2 30 Orloff verſtand alſo die Sprache Katharinens nicht, aber er ver⸗ ſtand ihr Lächeln und ihre Blicke, und er eilte zu ihr hin, und ein Knie vor ihr beugend, küßte er zärtlich ihre dargereichte Hand. Gregor, ſagte die Kaiſerin leiſe und zärtlich, ich habe Dich rufen laſſen, weil ich mit Dir zu ſprechen habe über die Zukunft Deines Sohnes! Ew. Majeſtät ſprechen von Baſile Bobrinsky9? fragte Orloff, noch immer vor Katharinen knieend und lächelnd zu ihr aufblickend. Ja von ihm, ſagte Katharina, von Deinem Sohn oder, wenn Du lieber willſt, von unſerm Sohn!. Von unſerm Sohn, Katharina! rief der Graf heftig. Euer Majeſtät bekennen Sich zu ihm als ſeine Mutter, und Sie haben doch ſeinen Vater aus Ihrem Herzen verſtoßen, Sie haben mich aufge⸗ opfert um eines Mannes willen, den ich haſſe, nicht weil er mein glücklicher Nebenbuhler iſt, ſondern weil er die Liebe der großen Ka⸗ tharina nicht verdient, weil er nichts iſt als ein Ehrgeiziger, ein Ver⸗ ſchwender, ein herzloſer Schacherer, der in jeder Stunde bereit iſt, nicht bloß die Ehre Rußlands, ſondern die Liebe ſeiner Kaiſerin zu verkaufen, wenn man ihm nur einen genügenden Kaufpreis dafür zu bieten vermag. Oh, es macht mich raſend, zu denken, daß Gregor Orloff einem Potemkin hat weichen müſſen! Katharina legte lächelnd ihre weiße Hand auf Gregor's Lippen. Still, ſagte ſie, ſchilt ihn mir nicht, mein Freund. Sagte ich Dir nicht, daß ich der Religion der Erinnerungen angehöre, und daß ich heute einen Gottesdienſt halten will in ihrem Tempel? Und Dich, Gregor, habe ich herberufen laſſen, um dieſen Gottesdienſt mit mir zu begehen, und ein förmliches und heiliges Opfer niederzulegen auf dem Altar unſerer Gottheit. Ich will Friede haben, Gregor, Friede mit meiner Vergangenheit, Friede auch in der Gegenwart und Zu⸗ kunft! Ich will nicht, daß die beiden Männer, die meinem Thron und meinem Herzen am nächſten ſtehen, in wilder Feindſchaft und unverſöhnlichem Haß einander ſo nah und doch ſich gegenüber ſtehen! Die Liebe ſoll Euren Haß verſöhnen und dieſe Feindſchaft enden, und über den Häuptern eines glücklichen Liebespaars ſollen ſich Or⸗ loff und Potemkin, die beiden größten Männer meines Reiches, ihre Hände reichen! Ich bitte Dich alſo, Gregor, und Du ſiehſt wohl, 38 ſondern als die Katha⸗ rina, welche Dich einſt ſehr geliebt hat, ich bitte Dich, Gregor, ſage nicht Nein zu dem, was ich Dir jetzt vorſchlagen will! Gieb Deine Einwilligung, daß unſer Sohn Baſtle Bobrinsky die Gräfin Alexandra, Potemkin's Nichte, heirathe! Niemals, rief Orloff mit donnernder Stimme, indem er grimmig ich ſpreche nicht zu Dir als Deine Kaiſerin, aufſprang, wie ein verwundeter Stier. Niemals, ſage ich, werde ich einwilligen, daß mein Baſtard die Dirne eines ſo verächtlichen Thoren als Potemkin heirathe!*) 1 Katharina richtete ſich von ihrem Ruhelager empor, aber nicht im Zorn, ſondern ruhig und ſanft, und faſt mit der Unterwürfigkeit eines liebenden Weibes. Du willſt mir dieſen meinen Lieblingswunſch nicht gewähren? Gregor? fragte ſte wehmüthig. Ich kann nicht, Katharina, ich kann nicht, rief der Graf wild. All' mein Blut empört ſich ſchon bei dem Gedanken, daß mein Sohn der Verwandte Potemkin's werden könnte. Nein, nein, kein Band der Liebe ſoll jemals meine Hand feſſeln, daß ſie, wenn ſte es ver⸗ mag, nicht wie ein Beil niederfällt auf den Nacken Potemkin's und ihm das Haupt von ſeinem Rumpf trennt! Katharina legte zum zweiten Mal ihre Hand auf Orloff's Mund. Still, Du wilder Rieſengeiſt, ſagte ſie lächelnd, mußt Du nicht immer, wie Jupiter, Blitze ſchleudern und Titanen ſtürzen? Aber Du weißt wohl, daß Du mir ſo gefällſt, und daß ich Dich am meiſten liebte, wenn ich vor Dir zitterte. Ein Weib iſt nur dann ganz glücklich, wenn ſie ſich in ſchaudernder Ehrfurcht beugt vor einem wahren Manne. Aber welch' ein Triumph alsdann, dieſen Mann wieder in Liebe vor ihr ſich beugen und ihn gehorſam zu ſehen. Gönne mir heute dieſen Triumph, Gregor! Ich will Dir meinen Lieblingswunſch opfern, und Bobrinsky ſoll nicht Potemkin's Nichte Alexandra heirathen. Seine Nichte, rief Orloff, ſag' lieber ſeine Geliebte! So iſt es nicht, ſo falſch und treulos kann Potemkin nicht ſein, rief Katharina heftig. ) Orloff's eigene Worte, ſ. Raumer: Beiträge ꝛc. Th. V, S. 402. „ 1 39 Sie iſt es, Alexandra iſt Potemkin's Geliebte, der ganze Hof kennt und ſieht dieſen Scandal! Wenn es ſo iſt, und ich werde ſtrenge unterſuchen, wenn es ſo iſt, ſo ſoll Potemkin meine Rache und meinen Zorn empfinden, und nichts vermag ihn alsdann noch vor dem Verderben zu ſchützen! rief Katharina mit flammenden Augen. Aber ich ſage Dir, es iſt nicht ſo, und wie ſehr Potemkin auch fehlen mag, dieſen Vorwurf verdient er nicht. Ew. Majeſtät geſtehen alſo doch ein, daß er Fehler hat, der große Potemkin? fragte Orloff mit einem wilden Lachen. Ich geſtehe es ein, ſagte Katharina ſanft, und gerade um Po⸗ temkin's Fehler willen habe ich Dich herberufen! Mich? Dich, Gregor Orloff, den Treueſten der Treuen! Gregor, Du haſt mir in Deinem Leben große Dienſte erzeigt, und mich zu ewigem Dank verpflichtet, Dir verdanke ich meine Krone und Du biſt einer der leuchtendſten Edelſteine in derſelben. Aber dennoch erwarte ich jetzt noch einen Dienſt von Dir, der faſt noch größer iſt als Alles, was Du bisher für mich gethan, und ich will Dich um etwas bitten, was für meine Ruhe von größerer Wichtigkeit iſt, als Alles, was ich jemals von Dir verlangt habe! Sprich, meine Kaiſerin, ſprich, und wenn es in meiner Macht ſteht, werde ich Deinen Befehl erfüllen, ſagte Orloff, tief er⸗ griffen von dem zugleich hoheitsvollen und feierlichen Weſen Ka⸗ tharina's. Sie legte ſanft ihre Hand auf Orloff's Schulter und blickte bit⸗ tend zu ihm auf. Werde ein Freund Potemkin's, ſagte ſie mit ihrem ſüßeſten Ton. Wirke durch Dein Beiſpiel auf dieſen außerordentlichen Mann, daß er oorſichtiger ſei in ſeinem Benehmen, aufmerkſamer auf die Pflichten der größten Aemter, die er bekleidet, ſorgſamer ſich Freunde zu erwerben, und nicht, zum Lohn für alle meine Achtung und Freundſchaft, mein Leben in eine ununterbrochene Scene des Elends zu verwandeln. Um Gotteswillen, Orloff, ſuche Potemkin's Bekanntſchaft, vermehre meine Verpflichtung gegen Dich, indem Du jetzt noch einmal mein perſönliches Glück ſicherſt und mich bewahrſt 40 vor den Stürmen, die täglich und ſtündlich mein armes Haupt um⸗ brauſen!*) Willſt Du das thun, Gregor, willſt Du mich retten? Sie lehnte ihr ſtolzes Haupt auf ſeine Schulter und ſchaute zärtlich flehend zu ihm auf. Sie wiſſen es, Majeſtät, daß ich Ihr Sclave bin, rief Orloff glühend. Mein Leben ſteht in Ihrer Hand. Wenn Potemkin den Frieden Ihres Gemüthes ſtört, befehlen Sie, und er ſoll unverzüglich verſchwinden, Sie ſollen nie mehr von ihm hören! Aber, Madame, bei meinem Character und meinem Ruf mich mit Hofränken einzu⸗ laſſen, die Freundſchaft eines Menſchen zu ſuchen, den ich als Mann verachten und zugleich als den Größten im Staat betrachten muß, verzeihen Ew. Majeſtät, wenn ich dieſen Auftrag ablehne! Gregor, Du willſt alſo meinen Wunſch nicht erfüllen? rief Ka⸗ tharina, in Thränen ausbrechend. Grauſamer Mann, ſo gehe denn, und laß mich allein mit meinen Schmerzen! Ew. Majeſtät wollen es, ich gehe alſo, ſagte Orloff, indem er ſich tief verneigte und das Zimmer durchſchritt. Katharina ſtieß einen tiefen Seufzer aus und ſank wie zerbrochen auf einen Fauteuil nieder. Dieſer Seufzer indeß ſchien beredter als alle Worte Orloff zurück⸗ zurufen. Schon an der Thür angelangt, wandte er ſich um und kehrte zu d der Kaiſerin zurück. Veinen Sie um Potemkin, Madame? fragte er, Sie wiſſen ohne hue daß er keine wahre donüraliſhte an Sie hat, und überall nur ſein eigenes Intereſſe zu Rathe zieht, daß er nur für die Liſt ein überlegenes Talent beſitzt, daß er ſich verene Ew. Majeſtät allmälig von den Geſchäften abzulenken und in einen Zuſtand trunkener Sicher⸗ heit einzulullen, um ſich ſelbſt mit der höchſten Gewalt zu bekleiden. Orloff, ſchone mich, höre auf! bat Katharina, die Hände flehend zu dem Grafen erhebend. Aber Orloff, ungerührt von ihren Thränen, fuhr lauter und heftiger fort: Potemkin hat Ihrer Flotte weſentlich geſchadet, Ihr Heer zu Grunde gerichtet, und was noch ſchlimmer iſt, Ihren Ruf in den Augen der Welt erniedrigt und die Liebe Ihrer getreuen Unter⸗ *) Der Kaiſerin eigene Worte. 41 im⸗ thanen von Ihnen abgewandt. Wollen Sie Sich eines ſo gefährlichen 3 Mannes entledigen, ſo ſteht Ihnen mein Leben zu Dienſten; ziehen ute Sie aber vor, zu zögern, mit ihm zu temporiſiren, ſo kann ich bei der Ausführung von Maßregeln nicht nützlich ſein, wo Schmeichelei, off Heuchelei und Doppelzüngigkeit die nothwendigſten Eigenſchaften ſind. den Ich glaube Dir, oh leider, ich glaube Dir, rief die Kaiſerin ich ſchmerzlich weinend. Potemkin verdient alle die Vorwürfe, die Du ne ihm machſt, mein Verſtand ſteht es ein, aber mein Herz iſt dennoch zu⸗ zu ſchwach, um ihn ſo zu ſtrafen, wie er es verdient. Oh, die goldenen nn Tage meiner Energie ſind von mir gewichen, Gregor, das Alter hat uß an meinem Character gerüttelt, und einſehend, was ich thun müßte, habe ich doch nicht die Kraft es thun zu w ollen. da⸗ Ein Wort von Ew. Majeſtät, ein Wink Ihres Auges, ich wieder⸗ n, hole es Ihnen, und Potemkin iſt verſchwunden, und Sie ſollen nie wieder von ihm hören, und Rußland iſt befreit von dieſem Vampyr, er der ihm ſeine Ehre, ſeine Schätze und ſeine Kraft ausſaugt. Nein, nein, Gregor, keine Gewaltmaßregeln! rief die Kaiſerin hen angſtvoll. Ich danke Dir für Deinen Vorſchlag, Gregor, ich werde es Dir nie vergeſſen, daß Du freudig abermals bereit warſt, für mich cf⸗ Dein Leben zu wagen, um mich von dem Feind zu befreien, der meine Ruhe bedroht, und mein Leben vergiftet. Aber ich kann Dir dieſen Feind noch nicht opfern, mein Herz hat nicht den Muth zu ſagen, „tödte den Rieſen, der mit ſeinem Schatten meinen Thron verdunkelt.“ * * yne rall Oh, mir ſcheint, ganz Rußland würde erbeben von dem Fall dieſes ein Rieſen, und wie von einem Erdbeben müßte dies Schloß hier über lig mir zuſammenſtürzen. Du ſiehſt, Gregor, ich bin ein armes, ſchwaches er⸗ 4 Weib, ich habe ſelbſt nicht mehr den Muth zu ſtrafen! en. Ich ſehe, daß Ew. Majeſtät den Verderber meines Vaterlandes nd höher ſtellen als das Vaterland, ſagte Orloff düſter. Um Potemkin zu erhalten, opfern Sie ihm Rußland! Und da es ſo iſt, Maieſtät, nd habe ich hier nichts mehr zu ſagen und zu thun. Um Gerechtigkeit r zu üben, hätte ich für Sie ſelbſt das Amt eines Henkers übernommen, uf und mit dem Beil das Haupt des Schuldigen getroffen, aber die r⸗ Schleichwege der Lüge und Intrigue, der unſichtbaren Bosheit, und lichtſcheuen Feigheit, die mit Nadelſtichen tödtet, dieſe Schleichwege ſind nicht für mich, die gleißneriſchen Eidechſen Eurer Höflinge mögen 42 behende darauf hinſchlüpfen, aber der Stier Orloff hat keinen Platz darauf. Leben Sie wohl, Katharina, und laſſen Sie mich zurück⸗ kehren nach Gatſchina, denn hier bin ich nichts nütze! Leben Sie wohl! Er näherte ſich der Kaiſerin, und ihre Hand nehmend drückte er einen glühenden Kuß auf dieſelbe, dann wandte er ſich um, und das Gemach durchſchreitend öffnete er die Thür, die in die lange Reihe der Empfangsſäle führte. Langſam durchſchritt er dieſe Gemächer, das Haupt gebeugt, ſorgenvoll und traurig,— und ſorgenvoll und traurig, mit unverwandten Blicken ſchaute die Kaiſerin dieſer hohen, ſtolzen Geſtalt nach, auf die ſie ſich hatte lehnen wollen in ihren Aengſten, und die ſie jetzt auch verließ. Eine unausſprechliche Angſt überkam ſte, ein Gefühl grenzenloſen Alleinſeins, rettungsloſen Verderbens. Orloff, Orloff, rief ſie laut, und mit beflügelten Schritten eilte ſie vorwärts, flog ſie durch die Zimmer ihm nach, ihm nach, welcher ihr Retter ſein ſollte aus der Gefahr. Orloff, eben ſchon im Begriff durch die Thür, welche zu einem der Seitencorridore führte, hinauszugehen, blieb ſtehen, und die Hand an die Portière gelehnt wandte er ſich um, und ſchaute der Kaiſerin entgegen, welche eben mit hochgerötheten Wangen, mit fliegendem Athem, ihr Antlitz zuckend vor Bewegung, zu ihm eilte. Orloff, ſagte ſte mit heiſerer, leiſer Stimme, verlaſſe heute noch nicht Petersburg, bleib noch drei Tage, und harre meiner Botſchaft. Vielleicht gelingt es meinem Verſtand doch noch, mein Herz zu be⸗ zwingen, vielleicht überwinde ich doch noch meine weibiſche Furcht, und finde den Muth ein Mann zu ſein, und als Mann zu ſtrafen! Vielleicht laſſe ich Dich dann rufen, Gregor, und nehme den Dienſt an, den Du mir vorgeſchlagen! Bleibe alſo und warte, ich bedarf Deines Rathes und Beiſtandes, warte noch drei Tage! Gut denn, ich warte, ſagte Orloff ſich leicht verneigend, drei Tage halte ich mein Schwert noch in Händen, und warte auf Ew. Majeſtät Wink, um es niederfallen zu laſſen. Drei Tage! Alsdann aber ver⸗ laſſe ich Petersburg und kehre nicht wieder! Drei Tage alſo! Er verbeugte ſich leicht, trat durch die geöffnete Thür des Vor⸗ zimmers, und die Portière rauſchte hinter ihm nieder*). *) Dieſes ganze Geſpräch zwiſchen der Kaiſerin und Orloff iſt keine Er⸗ ſte in und alſe tau Lip di rul 43 Drei Tage alſo! murmelte die Kaiſerin leiſe vor ſich hin, indem ſte langſamen Schrittes die ſchweigenden Säle durchſchritt und wieder in ihr Cabinet zurückkehrte. Traurig und mit geſenktem Haupte trat ſie in dies Cabinet ein, und ſchritt vorwärts, gedankenvoll vor ſich hinmurmelnd: Drei Tage alſo wird er warten, ob ich— Auf einmal ſtieß ſte einen gellenden Schrei aus, und rückwärts taumelnd, ſtarrte ſie mit weit aufgeriſſenen Augen, mit bebenden Lippen, erſchauernd wie vor einer Geſpenſtererſcheinung, nach dem Divan hin, zu dem ſtie eben hatte hinſchreiten wollen, um ſich zu ruhen nach ſo vielen Aufregungen. Auf dieſem Divan ſaß— Potemkin! V. Die Kaiſerin und ihr Herr. Bleich, mit flammenſprühenden Augen, mit übereinandergeſchla⸗ genen Armen ſaß Potemkin da, und ſeine Blicke ſchienen mit ihren zornigen Blitzen dieſe Frau zerſchmettern zu wollen, die ſcheu, athemlos vor ihm zurück bebte, und nicht den Muth hatte, um Hülfe zu rufen, nicht die Kraft, nur mit einem Wort den unerwarteten Beſuch zu begrüßen. Auf einmal erhob ſich Potemkin von dem Divan, und ſeine ſtolze, coloſſale Geſtalt richtete ſich in ihrer ganzen majeſtätiſchen Höhe empor. Katharina erbebte und wich ſcheu zurück. Aber Potemkin ging u 4 ung, ſondern der Wahrheit gemäß, und befinde ſich wörtlich in den Geſandt⸗ maftsberichten, die von Raumer mittheilt: Bei aͤge zur neuern Geſchichte. Bd. V. nite 394. 3* grade an ihr vorüber und ſchritt durch das Cabinet nach der Thür hin, durch welche Katharina eben eingetreten war. Mit einer raſchen Bewegung ſeiner Hand drückte er die Thür zu, verſchloß ſte, zog den Schlüſſel heraus, und ſteckte ihn in ſeine Taſche. Katharina, welche ihm mit entſetzten Blicken nachgeſchaut hatte, zuckte zuſammen wie im tödtlichen Schreck, und ließ ihre Blicke ſuchend, hülfeflehend im Zimmer umhergleiten! Nirgends ein Ausweg, eine Rettung, jeder Weg zur Flucht abgeſchnitten! Sie war allein mit Potemkin, ganz allein! Kein Wort war bis dahin von ihnen geſprochen worden, und grauenvoller und entſetzlicher, als alle Worte es vermocht hätten, ſprach dieſes Schweigen zu dem Herzen der Kaiſerin, mehr beängſtigte es ihre Seele, als die lauteſten Vorwürfe es vermocht hätten. Aber jetzt brach Potemkin dieſes Schweigen und dieſe fürchterliche Stille. Und ſich der Kaiſerin grade gegenüber ſtellend und ſte an⸗ ſtarrend mit den zornigen Blicken, ſagte er mit lauter, höhniſcher Stimme:„Wenn Potemkin den Frieden Ihres Gemüthes ſtört, befehlen Sie, und er ſoll augenblicklich verſchwinden, und Sie ſollen nie wieder von ihm hören!“ Oh, rief Katharina entſetzt, er hat gehorcht, eer weiß Alles! Ja, er weiß Alles, ſagte Potemkin lachend. Dank dem Schlüſſel, den Katharina mir gegeben, kam ich hierher, und hinter der Tapete da verborgen, hörte ich Alles, hörte ich, wie Orloff der Kaiſerin ſeine Henkersdienſte anbot. Warum nahmſt Du ſie nicht an? Warum willigteſt Du nicht augenblicklich ein, mich verſchwinden zu laſſen? Du haſt das Beil in ſeine Hand gelegt, mit welchem er mich treffen ſoll, warum ließeſt Du es nicht ſogleich niederfallen? Er war zu ihr herangetreten, und ſo dicht näherte er ſein flammen⸗ des Antlitz dem ihrigen, daß ſte den Athem ſeines Mundes wie eine glühende Kohle auf ihrer Stirn brennen fühlte. Ich frage Dich noch einmal, rief er wüthend mit dem Fuß den Boden ſtampfend, warum ließeſt Du das Beil Deines Henkers nicht niederfallen auf mein Haupt? Antworte mir, ich will es! z⸗ worte mir! fin Als Katharina immer noch ſchwieg, ſtreckte er den Arm ſch und ſeine Fauſt hob ſich drohend gegen ihr Haupt auf. Setr⸗ 28 27Z p Thür ſchen den gatte, zend, eine mit und tten ſtigte rliche an⸗ ſſcher ehlen jeder iſel, pete ſeine rrum ſſen⸗ tefen nen⸗ eine den ccht 1½* 1 . mich 45 Potemkin! ſchrie Katharina entſetzt zurückweichend. Willſt Du mich zerſchmettern? Und wenn ich es thäte? rief er zähneknirſchend. Wäre es nicht eine wohlverdiente Strafe für Deinen Verrath und Deinen Treubruch! Bin ich nicht berechtigt das Weib zu richten, und zu ſtrafen, der ich mein Leben, meine Seele, mein Herz geopfert habe, und die mich vafür verrathen, verleumdet und beſchuldigt hat, nicht in's Geſicht, nicht Stirn an Stirn, wie es großen Seelen geziemt, ſondern hinter meinem Rücken, heimlich und im lichtſcheuen Dunkel. Aber zittre, Du treuloſes, verrätheriſches Weib, die Stunde des Gerichts iſt ge⸗ kommen, und ich bin Dein Richter! Und ich will Dich zerſchmettern mit meinem Zorn, und will Rache nehmen für alle Qualen, die Du mich da, hinter dieſer Tapete, in einer Viertelſtunde haſt erdulden laſſen. Antworte mir alſo, ich will es, ich befehle es Dir, warum haſt Du das Beil nicht niederfallen laſſen, das Du Deinem Henker Orloff in die Hand gegeben? Sieh mich an, und antworte mir, ich will es, ich befehle es! Wieder ſtampfte er wild mit dem Fuß auf den Boden, und wie Donner rollte ſeine Stimme durch den Raum. Katharina, wider ihren Willen„ſeinem Befehl“ gehorchend, hob ihren Arm zu i empor, und ſchaute in ſein glühendes Antlitz. Sie ſah dieſe hoh⸗ ölkte Stirn, die großen wetterleuchtenden Augen, dieſe grollenden purpurrothen Lippen, dieſe hohe, athletiſche Geſtalt, und ein Gefühl grauſigen Entzückens, ſeltſamer Wonne überkam ſie., e Vergeſſen war ihre Angſt, ihr Entſetzen, ein ſüßes Beben durch⸗ 2,zhe ſchauerte ihre ganze Geſtalt, und nicht achtend der drohenden Fauſt, die ſich gegen ſie erhoben, rief ſie laut: Oh Alexandrowitſch, wie ſchön 4 Du biſt! Wie ein zürnender Gott ſtehſt Du vor mir, und ich bete Dich an in Deiner Mannesſchönheit! Und ſtrahlend vor Entzücken legte Katharina ihre beiden Arme um Potemkins mächtige Geſtalt, und lehnte ihr Haupt an ſeine Bruſt. Potemkin ſtand noch immer da mit erhobenen Armen, drohend und zornerfüllt.— Warum läßt Du Deine Arme nicht niederfallen, flüſterte Katharina, warum zerſchmettert mich nicht Deine Rieſenhand? Sieh, ich fürchte nicht, ich bin bereit den tödtlichen Schlag zu empfangen Oh, 46 8 es muß ſüß ſein, Gregor, ſüß von Deinen Händen zu ſterben. Es wäre das letzte Entzücken, welches Du Deiner Katharina bereiteſt, und ſte würde Dich ſegnen, indem ſie ſtürbe! Schlag doch zu, Gregor Alexandrowitſch, zerſchmettere das arme Weib, das, wenn Du ihr zürnſt, nichts weiter wünſcht, als zu ſterben! Potemkin ächzte tief auf, und mit einem heftigen Ruck ſich von Katharinens Armen befreiend, wich er ſcheu, entſetzt immer weiter von ihr zurück. Auf einmal ſtieß er einen lauten Schmerzensſchrei aus, und beide Hände vor ſein Antlitz ſchlagend, brach er in ein lautes Weinen und Schluchzen aus. Warum weinſt Du, Potemkin? fragte Katharina zu ihm hineilend. Er ließ ſeine Hände von ſeinem Antlitz fallen, und ſchaute Ka⸗ tharina mit einem Ausdruck verzweiflungsvollen Schmerzes an. Warum ich weine? fragte er mit bebender Stimme. Ich weine über mein eigenes Verbrechen! Ich weine, weil die Verzweiflung mich faſt zu dem fürchterlichſten Verbrechen verleitet hat! Oh warum verdorrt ſie nicht dieſe tempelſchänderiſche Hand, die ſich frevelnd eben gegen das Allerheiligſte erhoben hatte! Warum ſendet Gott nicht einen ſeiner Blitze hernieder, und zerſchmettert den Verbrecher, der in ſeiner Raſerei ſeines Kummers zum Hochverräther ward an ſeiner Kaiſerin! Ganz in Verzweiflung und Schmerz ſtürzte Iühr zu Katha⸗ rinens Füßen nieder, und ihre Kniee umklammernd rief er: tödte mich, Katharina, habe Erbarmen, tödte mich, damit ich nicht wahnſinnig werde vor Reue und Schmerz! Katharina neigte ſich zu ihm nieder, und verſuchte ihn ſanft empor zu ziehen. Nein, ſagte ſie leiſe und lächelnd, Du ſollſt leben, leben für mich! Nein, rief Potemkin leidenſchaftlich, richte mich nicht auf, laß mich hier zu Deinen Füßen liegen, wie der Sünder zu den Füßen des Altars liegt, und um Vergebung ſleht und ſeine Sünden beichtet. Ich bin ein Schuldiger, ich bin ein Verbrecher, aber es iſt die Ver⸗ zweiflung, welche mich dazu gemacht hat. Als ich da hinter der Tapete ſtand, und hörte, wie Deine Lippen mich anklagten, da fühlte ich wie der Wahnſinn mit kalten Geſpenſterfingern zu meinem Hirn emporkroch, wie jedes Deiner Worte wie ein Dolchſtoß mein Herz veine lung arum eben nicht der iner durchzuckte. Oh Katharina, daß Du mich anklagen konnteſt, Du, die ich liebe wie meine Gottheit, der ich huldige, wie meinem verkörperten Ideal, daß Du an mir irrewerden konnteſt, das iſt es was mich zur Verzweiflung getrieben, das iſt— Er vermochte nicht weiter zu ſprechen, Schluchzen erſtickte ſeine Stimme, und ſein Antlitz an Katharina's Kniee lehnend weinte er laut. Katharina, tief ergriffen von ſeinem Schmerz, die Augen von Thränen umdüſtert, neigte ſich zu ihm nieder, ihn mit zärtlichen Worten anflehend, aufzuſtehen, und ſich ſeinem Schmerz nicht hin- zugeben. Laß mich hier zu Deinen Füßen, ſagte er, und laß mich weinen! Ach, ich weine jetzt nicht mehr über mich, ſondern über Dich, Katha⸗ rina, Dich, den ſchönſten Stern meines Lebens, den ſie von ihrer Höhe herabziehen, deſſen Glanz ſie verlöſchen wollen! Und es wird ihnen gelingen, denn ſie haben mit ihren giftigen, gehäſſigen Worten das Ohr meiner Herrin ſchon getroffen, ſie haben ſie umgarnt mit ihren Ränken und Kniffen, und die große, die argloſe Katharina iſt ein ihre Schlingen gegangen, und wird darin ihre Füße verwirren, daß ſie fallen, und dann iſt ſie verloren? Wer iſt es, von wem redeſt Du? fragte Katharina angſtvoll. Ich rede von meinen Feinden, welche darum meine Feinde ſind, weil ich nicht ihnen gemeinſchaftliche Sache machen wollte, weil ich ihre Hände, die ſie mir darreichten angefüllt mit Gold und Bril⸗ lanten, weil ich dieſe Hände nicht annehmen, nicht zum Verräther werden wollte an meiner angebeteten Kaiſerin. Oh ſie haben mir glänzende Verſprechungen gemacht, ſie wollten mich herüberziehen mit Drdensbändern und Ehren, mit Verheißungen und Schmeicheleien. Alber ich hörte nicht auf ſie! Was kümmerten mich die Verſprechungen iiner goldenen Zukunft, was kümmerte mich der Zorn des Großfürſten Paul, ich ſah nur Dich, dachte nur Dich, und mehr galt mir die Größe Deiner Gegenwart, als die Sicherſtellung meiner Zukunft. Ich bin Dir treu geblieben, das iſt mein Verbrechen, und darum ſenden ſie jetzt einen der Verſchworenen zu Dir, um mich anzuklagen, um mich zu verderben, denn ſte wiſſen es wohl, daß ich ihnen auf ihrem Wege ſtehe, und daß ſie erſt über meine Leiche ſchreiten müſſen, um zu Dir zu gelangen. — 48 Katharina hatte ihm abermals in höchſter Spannung zugehört. Seit er den Großfürſten genannt, hatte ihr Weſen ſich verwandelt, war der weiche, zärtliche und gerührte Ausdruck ihrer Züge einem harten, finſtern Ausdruck gewichen. Sie war jetzt nicht mehr das Weib, ſondern die ſtrenge Kaiſerin. Potemkin, ſagte ſie gebieteriſch, und mit einer ſtolzen Bewegung ihrer Hand, ich befehle Dir aufzuſtehen, und mir zu antworten auf meine Fragen. Potemkin erhob ſich mit der Schnelligkeit und dem Gehorſam eines Sclaven, und ſagte unterwürfig: frage mich, Gebieterin! Ich ſchwöre es bei dem Grabe meiner Mutter, daß ich Dir die Wahrheit ſagen werde! Was ſagteſt Du von dem Großfürſten? Was hat er vor? Wer ſind die Feinde, von denen Du ſprichſt? Welches ſind ihre Plane, ihre Zwecke? Ich ſage von dem Großfürſten, daß er überdrüſſig iſt länger in der Dunkelheit und Unabhängigkeit dahin zu leben, während er ſich berechtigt glaubt, die Krone zu tragen, welche er auf dem Haupt ſeiner Mutter ſieht. Katharina ſtieß einen Schrei des Zorns aus, und legte un⸗ willkührlich ihre Hand an die Stirn, als. wolle ſie da die Krone feſthalten, welche ihr Sohn bedrohte. 8 Er wird dieſe Krone nicht haben, und ſollte ich mit ihm um dieſelbe kämpfen von Angeſicht zu Angeſicht. Oh ich will doch ſehen, ob er den Muth hat, ſeine verbrecheriſche Hand auszuſtrecken nach dem Haupt ſeiner Mutter! Er wird Hände dingen, welche den Muth dazu haben, denn De weißt wohl, Katharina, das Verbrechen, vor dem man ſelber zurüc ſcheut, das überträgt man ſeinen Verſchworenen, und ſie führen es aus. Katharina ſchauerte in ſich zuſammen, und ein tiefer Schatten flog über ihr Angeſicht. Ja, ich weiß es, murmelte ſie leiſe, und daß ich das weiß, das nimmt mir den Schlaf meiner Nächte und die Ruhe meines Gewiſſens. 5. Und der Großfürſt hat Verſchworene, Katharina. Nicht Einen, nicht Zwei, halb Rußland iſt ſein Verſchworener, halb Rußland ſagt, gehört. undelt, einem r d das egung en auf orſam 1 Q 5 Ich hrheit Moer Wer Plane, ger in e ſih Haupt un⸗ Krone n um ſehen, nach n ric ihren atten und und und Trutz⸗Bündniß, das wir mit einander auf acht Jahre abgeſch 51 das nicht mehr anhören, denn ich werde Gregor Orloff nicht mehr dieſe Schwelle überſchreiten laſſen. Der Zufall hat Euch Beiden den⸗ ſelben Vornamen gegeben, aber damit Niemand ſich täuſche, welcher Gre⸗ gor der Auserwählte der Kaiſerin iſt, darf es hier nur einen Gregor geben, das iſt Gregor Potemkin! Wie Katharina, Du willſt mir Orloff opfern? fragte Potemkin erſtaunt. Ich opfere ihn Dir, ſagte ſie lächelnd, es wird nur noch einen Gregor an meinem Hof und meinem Herzen geben! Gregor Potemkin! Du ſchwörſt es mir, Katharina? Mein kaiſerliches Wort darauf, Potemkin. Wirſt Du jetzt bleiben? Wirſt Du bei Deiner Katharina ausharren, und ſie beſchützen? Ich werde bleiben, ſagte Potemkin von der Thür zurücktretend ich werde bleiben, um Deine Feinde zu ſchrecken, und ſie zu bekämpfen, wenn ich es noch vermag! Es ſoll nicht geſagt werden, daß ich ge⸗ flohen bin in dem Augenblick, wo Dein edles und ſtolzes Haupt von Gefahren bedroht wird! Ich werde alſo bleiben, denn die Gefahr iſt groß. Mein Gott, Gregor, mein Herz erbebt vor Deinen Worten, ſagte Katharina ſcheu und ängſtlich. Welche Gefahren ſind es denn, die mein Haupt bedrohen? Du fragſt es noch, Katharina, und Du weißt, daß der Groß⸗ fürſt lebt, und daß Orloff und Panin ſeine Vertrauten ſind, und daß Preußen ſein Bundesgenoſſe iſt! Nein, nein, Gregor, Du gehſt zu weit, rief die Kaiſerin lächelnd. Ich glaube Dir, daß mein Sohn Paul mich haßt, daß er mit meinem Miniſter und den Großen meines Reiches conſpirirt, aber ich glaube Dir nicht, daß Preußen mit ihnen im Bunde iſt. Der König von Preußen iſt viel zu klug und viel zu weiſe, um nicht zu berechnen, daß es mehr in ſeinem Vortheil liegt, mit mir in Freundſchaft zu leben, als mit meinem Sohn! Oh, König Friedrich wünſcht ja ſehr meine Freundſchaft, und er wird nicht ſo unüberlegt ſein, in einem Moment wider mich zu conſpiriren, wo ihm Alles darauf ankommen muß, mit mir in beſtem Einyernehmen zu ſtehen, weil das So utz⸗ hatten, zu Ende geht, und der König deſſen Erneuerung wü d 3 4* 52 Du ſiehſt alſo, Gregor, Deine zärtliche Beſorgniß führt Dich zu weit, Preußen conſpirirt nicht mit meinem Sohn, ſondern es hält zu mir. Oh Du edle, argloſe Kaiſerin, rief Potemkin erührt, Du, welche immer nur das Große und Erhabene willſt und fühlſt, Du haſt keine Ahnung von der kleinlichen Berechnung, dem kalten Egoismus der Welt. Du glaubſt, Preußen ſteht treu an Deiner Seite? Nun wohl, ich ſage Dir, der König von Preußen, welcher, wie Du ſagſt, Dein Leben wünſcht, denkt zugleich ſehr lebhaft an Dein Sterben, und macht ſeine Speculationen auf Deinen Tod! Die Kaiſerin erblaßte, und ein glühender Zorn blitzte in hren Augen auf. Beweiſe mir das, ſagte ſie gebieteriſch⸗ Potemkin verneigte ſich und zog aus ſeinem Buſen ein Papier hervor, das er der Kaiſerin überreichte. Ein Brief des Königs von Preußen, den ich heute Morgen durch ſeinen Geſandten empfing. Lies! Katharina nahm das Papier und las es haſtig, und immer tie⸗ fere Falten legten ſich auf ihre Stirn, immer düſterer ward der Aus⸗ druck ihres Geſichtes. Viel Schmeicheleien und viel Verſprechungen, ſagte ſte dann. Die letzteren verſtehe ich nicht ganz. Was bedeuten dieſe letzten myſte⸗ riöſen Zeilen hier? Das fragte ich den Grafen Görtz auch, Majeſtät, und er hatte die Güte, es mir zu erklären. Dieſe Zeilen bedeuten, daß der König von Preußen mir, wenn ich bei meiner Kaiſerin ſeine Intereſſen und die Erneuerung des abgelaufenen Bündniſſes verfechte, dafür ſeine Stimme für das Herzogthum Kurland bewilligt, mir, wenn ich es wünſche, eine deutſche Prinzeſſin zu meiner Gemahlin anwerben will, und endlich, daß er, im Fall des Todes der Kaiſerin, mir den neuen Kaiſer Paul, den jetzigen Großfürſten, ſo geneigt machen will, daß er mich in meinen Würden und meinen Beſitzthümern beläßt! Das iſt nicht möglich, rief Katharina außer ſich, das ſind will⸗ kührliche Deutungen, Worte, die in der Luft verflattern! Ich habe dafür geſorgt, daß ſte es nicht thun? ſagte Potemkin lächelnd. Wie meinſt Du das? 1 Ich bat den Grafen Görtz, mir dieſe Verſprechungen des Königs von Preußen, die er mir mündlich gegeben, ſchriftlich zu wiederholen. 2 weit, mir. velche keine s der wohl, Dein macht — „ 53 Und er hat es gethan? Und Du kannſt mir auch dieſes Papier geben? Der Graf Görtz ſagte mir, daß er Dich um eine Audienz gebeten habe, um Dir ein Schreiben ſeines Souverains zu überreichen, und daß Du ihm dieſelbe bewilligt habeſt. Er kam zu mir, um mich mit all' dieſen Verſprechungen zu verlocken, daß ich Dich bereden ſollte, gleich heute den neuen Allianztraktat mit Preußen abzuſchließen. Ich verſprach's und machte nur noch die Bedingung, daß, wenn Graf Görtz hierher komme zur Audienz, er mir die ſchriftliche Aufzeichnung der königlichen Verſprechungen mitbringen möge! Die Kaiſerin warf einen raſchen Blick auf die Uhr, welche da drüben auf dem Kamin ſtand. Es iſt zwei Uhr, die Stunde, die ich dem Geſandten bewilligt habe, ſagte ſte. Er muß ſchon im Vor⸗ zimmer ſein. Wenn Ew. Majeſtät erlaubt, gehe ich zu ihm und fordere von ihm das Papier. Die Kaiſerin nickte raſch mit dem Haupt; Potemkin zog jetzt wieder den Schlüſſel hervor und ſchloß die Thür auf, welche in die Empfangſäle führte. Katharina ſchaute ihm nach, wie er durch die Säle dahin eilte; ein tiefer Seufzer entrang ſich ihrer Bruſt, und ganz leiſe flüſterte ſie: es iſt kein Entrinnen mehr! Er ſchwebt über mir, wie das un⸗ abänderliche Verhängniß, dem man in Gehorſam ſich beugen muß! Nach wenigen Minuten ſchon kehrte Potemkin zurück, und mit einem triumphirenden Lächeln reichte er der Kaiſerin ein Papier dar. Jetzt werden Ew. Majeſtät nicht mehr zweifeln, daß ich die Wahr⸗ heit geſagt habe, rief er. Es iſt die ſchriftliche Wiederholung der Verſprechungen, die mir Graf Görtz mündlich im Namen ſeines Königs 4 1 atharina überflog das Blatt mit eiligen Blicken. Du haſt Rech ſagte ſie, der König von Preußen denkt an meinen Tod, und in Bezug auf Dich iſt es mir lieb, daß er es thut, denn Deine Zu⸗ Kaunft iſt dadurch geſtchert, und wenn ich dereinſt ſterbe, wird die Sorge und Angſt um Dich nicht die Nbe meiner Todesſtunde trüben. Das 1 panke ich dem König durch dieſes Blatt. Nimm es, Gregor, und 8 bewahre es wohl aufv; einſt, wenn ich nicht mehr bin, wird es Dein Freibrief ſein! Potemkin nahm das Papier aus den Händen der Kaiſerin, und es heftig in mehrere Stücke zerreißend, warf er dieſe zu Katharina's Füßen nieder. Potemkin, Du zerreißeſt dieſes koſtbare Papier, das Dir ein Schutzbrief bei dem zukünftigen Kaiſer ſein ſoll? fragte Katharina erſtaunt. Er ſah ſie mit flammenden Blicken an. Ich mag nicht mehr leben, wenn Katharina nicht mehr da iſt, meinem Leben Sonnenſchein, Wonne und Glanz zu verleihen, ſagte er, ich wünſche, daß Paul mich tödten und vernichten möge, weil ich Dich und nur Dich geliebt habe, ich werde jauchzend ſterben als ein Märtyrer meiner Liebe und meiner Treue! Oh, Gregor, das iſt ein Wort, deſſen ich gedenken werde, ſo lange ich lebe, rief die Kaiſerin, ein Wort, das Dir zu jeder Zeit alle Thüren meines Palaſtes öffnen ſoll, und mit dem Du Deine Feinde immer in die Flucht jagen ſollſt! Du haſt mir heute viel ge⸗ opfert, Gregor, aber ich will es Dir lohnen, mein kaiſerliches Wort darauf! Du haſt mir die Sicherheit Deiner Zukunft geopfert, ich will Dir wenigſtens dafür die Gegenwart glänzend machen, und Deine Feinde ſollen zu ihrer bittern Pein ſehen müſſen, daß ſie nur dazu beigetragen, Dein Schickſal noch herrlicher zu geſtalten! Möge der Großfürſt zittern vor einem unbedachten Wort, einer unüberlegten Handlung; Sibirien öffnet ſeine Steppen ſowohl dem Fürſten wie dem Bauern, und jeder Verräther, ſei er der Großfürſt oder der Leib⸗ eigene, iſt vor den Stufen des Thrones gleich ſtrafbar. Möge auch Panin ſich hüten! Ich kenne ihn genau und weiß, daß die Worte Redlichkeit und Offenheit, welche er immer im Munde führt, nur der. Schleier ſind, mit dem er ſeine Intriguen verhüllt. Bei dem gering⸗ ſten Schritt, den er unverhüllt thut, werde ich ihn zur Rechenſchaft ziehen! Und Preußen? fragte Potemkin mit einem feinen Lächeln. Katharina lächelte auch. Ich kann dem König von Preußen nicht zürnen, ſagte ſie, denn was für Abſichten er auch dabei gehabt haben mag, jedenfalls war es doch ſein Beſtreben, Dich groß und mächtig Dein zu machen und Dich zu ſichern vor der Zukunft, die Dich bedroht in der Geſtalt meines Sohnes! Das iſt edel und ſchön von dem und König von Preußen, und dafür werde ich ihn immer achten und ina's lieben! Und der Allianztractat, der jetzt abgelaufen iſt? fragte Potemkin er ein düſter. Wollen Ew. Majeſtät dieſem weiſen, berechnenden König den arina Triumph gönnen, daß dieſer Tractat erneuert werde? 2 Darauf kann ich Dir erſt dann antworten, wenn ich den preu⸗ mehr ßiſchen Geſandten empfangen und gehört habe, welche Anträge er mir chein, von ſeinem König zu machen hat! Bleibe hier, Gregor, und warte. mich Ich werde den Geſandten dort in dem zweiten Zimmer empfangen, habe, und Du kannſt alſo Alles hören, was geſprochen wird. Die Kaiſerin nickte Potemkin lächelnd zu und begab ſich in den anſtoßenden Salon. Potemkin ließ die Portière hintene und einen Fauteuil neben dieſelbe hinrollend, ſetzt? in demſelben nieder, wie ein Richter, der be Delinquenten zu vernehmen, und i neiner Die Kai findlichen kle dem eintxas Grafan den Füßen ſeiner Herrin zu küſſen, Graf Görtz mit dem ruhigen und feinen Anſtand eines Weltmannes, der, indem er ſich ehrfurchtsvoll neigt, doch ſeiner eigenen Würde und Stellung eingedenk bleibt. Die Kaiſerin erwiderte den ſelaviſchen Gruß Panin's mit einem kaum merklichen Kopfnicken, den Gruß des Grafen Görtz mit einem graciöſen Lächeln und einem anmuthigen Winken ihrer weißen Hand. Nun, Herr Graf, ſagte ſie freundlich, bringen Sie mir frohe Botſchaft von dem Weiſen von Sansſouci? Iſt der König, das er⸗ habene Vorbild aller Fürſten und aller Dichter, von ſeinem Unwohl⸗ ſein geneſen?* Der König iſt geneſen, Majeſtät, und er wird glücklich ſein, zu vernehmen, welchen freudigen Antheil Ew. Majeſtät an ſeinem Wohl⸗ befinden nehmen. Katharina, der große Friedrich weiß es wohl, welchen Antheil ich an ſeinem Leben nehme, vielleicht Tode haben würde. in das lächelnde Antlitz der Kaiſerin. agen, der König würde Antheil in. Es war ein Sprach⸗ ſagen, Antheil nehmen, in da geſchehen, was men mit haben Rſich eben nehmen n, was ſie ſchon S dereinſt nicht gen und ſchtsvoll bt. t einem t einem n Hand. ir ftohe das er⸗ nwohl⸗ ſein, zu Wohl⸗ welchen vielleicht raiſerin. Antheil Sprach⸗ nehmen, n, was haben nehmen ſie ſchon iſt nicht theil an Alter als gemackt 57 Völkern die Segnungen des Friedens gönnen können! rieſ Graf Görtz emphatiſch. Seid Ihr auch der Meinung des preußiſchen Herrn Geſandten, Ihr, Graf Panin? fragte die Kaiſerin raſch. Ich weiß von dem edlen Herzen meiner erhabenen Monarchin, daß ſie glücklich ſein wird, Rußland und der Welt den Frieden zu erhalten, und ich glaube, daß der Moment gekommen iſt, wo dies möglich iſt, erwiderte Panin ausweichend. Es iſt wahr, ſagte die Kaiſerin ſinnend, wir haben jetzt für den Augenblick keine Veranlaſſung zum Krieg. Alle Zwiſtigkeiten zwiſchen mir und der Pforte ſind durch die letzte den Frieden beſtätigende Con⸗ vention ausgelöſcht worden, und die Pforte wird ſich wohl hüten, neue Streitigkeiten hervorzurufen. Auch in Polen haben wir keinen Bruch des Friedens mehr zu erwarten; es wird nicht wagen, ſich meiner Oberherrſchaft zu entziehen und ſich des Schutzes unwürdig zu machen, den Rußland ihm großmüthig gewährleiſtet hat. Auch unſere Beziehungen zu allen übrigen europäiſchen Staaten ſind freund— lich und gut, England ſucht unſer Bündniß, Holland desgleichen, Frankreich iſt uns befreundet, Preußen iſt unſer Alliirter, und Oeſter⸗ reich hat als ſchmeichelhafteſtes Zeichen ſeiner Geſinnung ſeinen Kaiſer an unſern Hof geſandt. Ihr habt Recht, es iſt gar keine Ausſicht auf einen Krieg, und die Ruſſen und die Türken können als gut befreundete Nachbarn ihren Kopf auf ihr Kiſſen legen und ſchlafen. Und Kaiſerin Katharina, ſagte Graf Görtz, Kaiſerin Katharina kann jetzt, nachdem ſie ſich glänzenden Kriegsruhm erworben und ihre Heere furchtbar gemacht, ausruhen von ihren Siegen. Sie kann als Schöpferin eines neuen Wohlſtandes ihres weiten Reiches, als Geſetz⸗ geberin, als Bildnerin und Beglückerin der mannichfachen ihrer Herr⸗ ſchaft unterworfenen Völker die höchſte Stufe des Regentenruhms erreichen, und durch glänzende Thaten der innern Regierung ihren edlen Ehrgeiz befriedigen. Oh, ſehen Sie da, rief Katharina mit einem leiſen Ausdruck des Spottes, wie gut es der Herr Geſandte verſteht, eine Lehre in die goldbrocatenen,] ſchimmernden Gewänder der Schmeichelei einzukleiden! Sie meineſn alſo, Herr Graf, daß es jetzt meine Regentenaufgabe wäre, zu] Schulmeiſterin meiner Völker zu werden, und ſtatt des 58 erobernden Schwertes die cioiliſirende Zuchtruthe in die Hand zu nehmen. Und Ihr, Panin, lächelt dazu gar holdſelig und überlegt⸗ wie viele Millionen dieſe goldenen Zeiten des Friedens in unſere 44 Kaſſen fließen laſſen würden, nicht wahr? In der That, Majeſtät, der Frieden wäre eine Segnung, unſere erſchopften Finanzen würden ſchnell wieder einen blühenden Zuſtand erreichen, und die Künſte des Friedens würden dem herrlichen ruſſi⸗ 4* ſchen Reich einen ganz neuen Aufſchwung verleihen. ⁵ Katharina lächelte. Ja wohl, ſagte ſie, wir werden Fabriken bauen, Manufacturen anlegen, Academien gründen und unſer Volk gelehrt machen, wie es das Volk meines edlen Verbündeten, des Kö⸗ nigs von Preußen, iſt. Ich hoffe mit Euch Beiden, daß dieſe Zeit der Ruhe und des Friedens gekommen iſt, und daß ich mich gleich Friedrich dem Großen jetzt nur nach innen mit der Beglückung meiner Völker zu beſchäftigen brauche! Oh, Europa geht einer ſehr glück⸗ lichen Zeit entgegen, der Zeit des ewigen Friedens, wie es ſcheint! Und damit dieſe Zeiten des Friedens wirklich ewig und dauernd ſein mögen, ſagte Graf Görtz, werden die Monarchen daran denken müſſen, ſich einander in Freundſchaft und Zugehörigkeit immer mehr zu nähern, ihre Intereſſen zu verſchmelzen und Hand in Hand in unerſchütterlicher und unauflöslicher Bundesgenoſſenſchaft die neuen Wege des Friedens zu wandeln. Alsdann wird kein Feind es wagen, dieſe heilige Ruhe zu unterbrechen, und drohend und angreifend ſich denen gegenüber zu ſtellen, die ſtark und unüberwindlich erſcheinen durch Eintracht und gemeinſames Wollen! Nun, ſagte Katharina lächelnd, wir ſind im Stande unſern Feinden dieſes Schreckbild mächtiger Bundesgenoſſenſchaft entgegen⸗ zuſtellen, denn wir leben ja mit unſerm preußiſchen Nachbar in treueſter und herzlichſter Allianz. Dieſer Allianztraktat, ſagte Graf Panin raſch, dieſer Allianz⸗ traktat war nur auf acht Jahre abgeſchloſſen, und die acht Jahre ſind bald zu Egde! Wirklich! Acht Jahre ſind ſchon verfloſſen, ſeit wir jenes Bündniß ſchloſſen? rief die Kaiſerin erſtaunt. Acht Jahre! Die Zeit fliegt über unſerm Haupt mit Sturmesflügeln hin, und ehe wir ſes denken, ſtehen wir an unſerm Grabe. Ach, ich werde alt, ich fühle mi. meine and zu eerlegt unſere meiner glc dint! auernd denken mehl nd in neuen vagen d ſich veinen unſern gegen⸗ gar in Uianz⸗ Jahre Indniß flieg denken, meine 59 Kräfte ermatten, und bald wird es mit mir zu Ende gehen. Mein edler Freund, der König von Preußen, läßt ſich wirklich von ſeiner Freundſchaft für mich verblenden, wenn er glaubt, es verlohne ſich noch der Mühe, mit mir Bündniſſe abzuſchließen und Traktate zu erneuern. Es wäre weiſer, er verſtändigte ſich zu rechter Zeit mit meinem Nachfolger, und entwürfe mit ihm die großen Plane einer Zukunft, die leider mir nicht mehr gehören wird! Ew. Majeſtät belieben gnädigſt zu ſcherzen, ſagte Graf Görtz ehrfurchtsvoll. Wie ſehr mein Souverain, der König von Preußen, auf das lange und glückliche Leben Ew. Majeſtät hofft, davon bin ich im Stande Ew. Majeſtät einen überzeugenden Beweis zu geben, denn ich bin beauftragt, Ew. Majeſtät im Namen des preußiſchen Monarchen ganz neue Vorſchläge für eine Allianz der Zukunft zu machen. Wollen Ew. Majeſtät mir gnädigſt verſtatten, dieſelben vor⸗ zutragen? Kennt Ihr dieſe Vorſchläge, Graf Panin? fragte die Kaiſerin raſch. Nein, Majeſtät. So viel mir aber Graf Görtz geſagt hat, iſt er beauftragt Ew. Majeſtät nicht förmliche, ſondern nur vorläufige Vorſchläge zu machen, und erſt wenn dieſe die Billigung Ew. Majeſtät erhalten, wird der König ſeine Vorſchläge in definitive Anträge ver⸗ wandeln. Nun denn, Herr Graf Görtz, ſagte Katharina, laſſen Sie Ihre vorläufigen Vorſchläge hören! Der König von Preußen, mein hoher Herr, wünſcht nichts ſehn⸗ licher als dieſem Freundſchaftsverhältniß zwiſchen Rußland und Preußen eine lange Dauer zu geben, damit zu gleicher Zeit den Frieden Europa's zu ſichern, und denjenigen Fürſten, welche vielleicht von Ehrbegierde und Eroberungsſucht verblendet, den Ruheſtand Europa's zu ſtören wünſchen könnten, in ſo drohender Allianz gegenüber zu treten, daß ſie nicht zu thun wagen, was ſie zu thun wünſchten. Zu dieſem Zweck ſcheint meinem Monarchen nichts geeigneter als die Abſchließung einer Defenſtvallianz und einer gegenſeitigen Garantigalhres jetzigen Beſitzthums zwiſchen den Mächten Rußland, Preußen, Polen und der Türkei. Eine ſolche defenſive Allianz ſcheint meinem Monarchen das ſicherſte Mittel, dem jetzt im öſtlichen Europa beſtehenden Zuſtande Dauer zu geben, und die Ruhe auf lange Zeit vor jeder Unter⸗ 60 brechung zu ſchützen. Wenn nun Ew. Majeſtät dieſen Plan des Königs von Preußen billigen und gut heißen, ſo wird mein Monarch den betreffenden Höfen von Polen und der Türkei dieſelben Vorſchläge machen, und dem Abſchluß des Bündniſſes wird dann nichts mehr im Wege ſtehen, denn Frankreich wird ein ſolches, wie der König weiß, ſehr gern ſehen, und Oeſterreich wird durch die Kraft eben dieſes Bündniſſes genöthigt ſein, jeder Unternehmung, welche die Ruhe ſtören könnte, zu entſagen! Die Kaiſerin hatte den Worten des preußiſchen Geſandten mit immer ſteigendem Erſtaunen, mit immer höher anſchwellendem Miß⸗ vergnügen zugehört. Den ſcharfen, verſtohlenen Blicken des Grafen Panin war das nicht entgangen, und er erkannte an dem heftigen Zucken von Katharina's Lippen, an den Falten, die ſich auf ihrer Stirn bildeten, daß der Plan des Königs ſcheitern werde, und daß er nicht die Macht habe, dies Lieblingsproject des Großfürſten zu unterſtützen. Freilich hatte er dem Grafen Görtz ſeine Unterſtützung zugeſagt, aber die Stirnfalten der Kaiſerin waren mächtiger als ſein gegebenes Wort, und da er ſich durch die kluge Verleugnung ſeiner Kenntniß des preußiſchen Planes die Möglichkeit eines Rückzugs offen gehalten, beſchloß Graf Panin jetzt denſelben einzuſchlagen, und ſeinem heimlichen Bundesgenoſſen, dem Grafen Görtz, jetzt als offener Wider⸗ ſacher entgegenzutreten. Als Graf Görtz jetzt ſchwieg, trat eine augenblickliche Pauſe ein. Die Kaiſerin glühend vor Zorn, athemlos vor Aufregung heftete ihre flammenden Blicke bald auf den Geſandten, bald auf ihren Miniſter, immer noch ſchweigend, als bedürfe ſie der Zeit, um ſich von ihrer Ueberraſchung zu erholen. Das alſo ſind die Vorſchläge Sr. Majeſtät des Königs von Preußen, ſagte ſie endlich hochaufathmend, und ihre Stimme zitterte vor Er⸗ regung. Statt ſich einfach mit einer Erneuerung unſeres ablaufenden Allianztraktates zu begnügen, macht die preußiſche Majeſtät uns ganz neue unerwartete Anträge, und ſchlägt uns ein Defenſtv⸗Bündniß mit der Pforte vor! Herr Graf Panin, Ihr ſeid Miniſter, und da Ihr meine Geſinnungen kennen müßt, übertrage ich Euch das Geſchäft, dem Herrn Geſandten des Königs von Preußen ſo zu antworten, wie Ihr glaubt, daß es meinen Anſichten und den Intereſſen meines ——,— önigs h den chläge mehr König eben Ruhe 1 mit Miß⸗ rafen ftigen ihrer daß en zu ltzung z ſein ſeiner offen einem ider⸗ ein. ihre niſter ihrer ußen, Er⸗ enden 61 Reiches gemäß iſt! Ich ertheile Euch das Wort! Sprecht alſo, ant⸗ wortet dem Herrn Grafen! Sie lehnte ſich zurück in den Fauteuil und ließ ihre Augen mit einem glühenden, durchbohrenden Ausdruck auf dem Angeſicht des Miniſters ruhen. Kein Zug in dem Antlitz Panin's verrieth Schwanken oder Un⸗ entſchiedenheit, er ſchien völlig mit ſich einig und ganz bewußt deſſen zu ſein, was er zu ſagen habe. Mit ruhiger Würde und einem Aus⸗ druck des Erſtaunens wandte er ſich an den Grafen. Da Ihro Majeſtät, meine erhabene Monarchin, mir befohlen hat, ſagte er, ſtatt ihrer das Wort zu nehmen, ſo müſſen mir Ew. Excellenz erlauben Ihnen das Erſtaunen auszudrücken, mit welchem ich den wunderbaren und höchſt unerwarteten Eröffnungen Ew. Excellenz zu⸗ gehört habe. Se. Majeſtät der König von Preußen ſchlägt der Kaiſerin von Rußland ein Bündniß mit der Pforte vor. Eine Defenſivallianz zwiſchen Rußland und der Türkei, das iſt indeſſen ein ſo unglaublicher mährchenhafter Gedanke, daß ich nicht im Stande bin zu begreifen, wie Ew. Excellenz erhabener und weiſer Monarch eine ſolche Ver⸗ bindung Rußlands mit dem alten Erbfeind ſeines Reiches nur als möglich hat denken können*)! Sehr gut, Panin, rief die Kaiſerin, lebhaft mit dem Kopf nickend. Graf Panin, ermuthigt von dieſem Beifall Katharinens, fuhr fort: Die Pforte iſt für Rußland eine Macht, mit der jeder Friede nur Waffenſtillſtand, nur momentane Unterbrechung des Kriegszuſtandes ſein kann. Eine Allianz mit der Pforte iſt daher dem ganzen poli⸗ tiſchen Syſtem Rußlands und allen perſönlichen Geſinnungen meiner Monarchin höchſt zuwider und ganz unausführbar**). Da es ſo iſt, ſagte Graf Görtz ſich verneigend, ſo wird mein Monarch dieſen Plan ſofort aufgeben, und ich erlaube mir nur zu wiederholen, daß der König von Preußen ſeinen Plan keineswegs als förmlichen Antrag angeſehen wiſſen will, ſondern nur als eine Idee, auf welche der Wunſch, die Ruhe im öſtlichen Europa befenigt zu *) Panin's eigene Worie. Siehe Dohm's Denkwuͤrdigkeiten. Th. I. S. 401. **) Panin's eigene Worte. Siehe Dohm 2c. S. 400. 62 ſehen, etwa leiten könne, und über welche Idee der König die Mei⸗ nung ſeiner hohen Alliirten, der Kaiſerin von Rußland zu wiſſen wünſchte. Sie kennen jetzt meine Meinung über dieſe Idee, rief Katharina, indem ſie ſich raſch von ihrem Lehnſtuhl erhob, und ſtolz mit blitzenden Augen dem Diplomaten gegenüber ſtand. Graf Panin hat Ihnen genau und gut meine Meinung darzulegen gewußt, und ich bitte Sie, dieſelbe dem König mitzutheilen. Und damit der große Friedrich ſehe und erfahre, daß ich kein Hehl aus meinen wahren Abſichten mache, und daß ich ſehr wohl ſeine Geſinnungen in Bezug auf mich kenne, will ich Ihnen frei und offen ſagen, was ich will, und was der König mit ſeinem Plan verhindern möchte! Sie ſollen alſo wiſſen, mein Herr, daß ich den letzten Frieden mit der Pforte keineswegs deshalb geſchloſſen habe, daß ein bleibender Zuſtand auf denſelben gegründet werden ſolle, ſondern vielmehr allein in der Abſicht, um Zeit zu gewinnen, Zeit, damit ich neue Kräfte zum Angriff ſammele, und mich rüſten könne zur Ausführung der Entwürfe, welche in meiner Seele glühen, und bei denen mich hoffentlich das Glück, das bisher allen meinen Unternehmungen zu Theil geworden, nicht verlaſſen wird. Eine Verbindung mit den Türken iſt darum auch für mich unmöglich, ſie widerſpricht allen meinen Entwürfen und Neigungen, und ich beklage deshalb auch den Vorſchlag Sr. Majeſtät des Königs, denn ich ſehe aus demſelben, daß ich niemals auf eine Mitwirkung des großen Friedrich zur Ausführung meines Lieblingsentwurfes rechnen kann, und dies macht mich traurig. Sagen Sie dies dem König und fügen Sie hinzu, daß ich ſehr wohl die Abſicht ſeines Vorſchlags durchſchaue, und daß ſein Plan mir ſehr weiſe berechnet und ganz den wahren und bleibenden Intereſſen des preußiſchen Staats an⸗ gemeſſen erſcheine. Nicht um meine Beſitzungen zu ſichern und den Ruheſtand zu fördern, hat der König dieſen Plan einer Defenſivallianz zwiſchen Preußen, Rußland, Polen und der Türkei vorgeſchlagen, ſondern weil er mein Streben kennt, die glühenden Wünſche meines Herzens errathen hat, und ſie abdämmen und einengen möchte, damit ſie nicht hinaus können über die Grenzen meines Reiches! Rußland hat ſeine Grenzen noch nicht geſchloſſen; ſoweit die Welt reicht, reichen Rußlands Wünſche, und ſie werden wachſen und gedeihen, und auch Mii⸗ wiſſen arina, gzenden Ihnen e Sie, h ſehe nache, kenne, König mein shalb ündet eit zu „und neiner bisher wird. glich, dich denn 3 des chnen König hlags ganz an⸗ d den llianz agen, eines damit gland eichen uuch 4 63 dann noch nicht befriedigt ſein, wenn die Polen unterjocht und die ungläubigen Türken verjagt ſind aus dem Erdtheil, über welchem leuchtend und groß nur das Kreuz, das heilige Symbol des Chriſtenthums, ſich erheben ſoll! Sagen Sie dies Alles Ihrem König, denn dies iſt mein letztes Wort und ich werde es niemals weder ver⸗ leugnen noch zurücknehmen! Sie grüßte die Herren mit einem leichten, ſtolzen Kopfnicken und das Gemach mit großen Schritten durcheilend, kehrte ſie zurück in das nächſte Zimmer. Dort ſaß Potemkin noch immer auf ſeinem Lehnſtuhl neben der Portière. Er hatte Alles gehört, Alles verſtanden, und er begrüßte daher die eintretende Kaiſerin mit einem ſtrahlenden Lächeln, und mit Blicken voll Begeiſterung und Gluth. Katharina winkte ihm mit der Hand, und ſchritt vorwärts, gerade durch das Zimmer zu ihrem Cabinet. Potemkin folgte ihr leiſe und lächelnd. In ihrem Cabinet angelangt ließ ſich Katharina tiefaufſeufzend auf den Divan niedergleiten. Schließ die Thüren, Gregor, ſagte ſie athemlos, laß die Portièren nieder, damit mich Niemand hört, denn ich weiß nicht, ich muß ent⸗ weder laut weinen, oder laut lachen. Es iſt mir, als habe ich ein Mährchen gehört, in welchem die heiligſten und geheimſten Wünſche in Kartenhäuſer verwandelt und von einer Grille umgeſtoßen werden. Oh, oh, Potemkin, laß mich lachen, lachen, daß die Wände meines Palaſtes einſtürzen und der König von Preußen es vernimmt, welche Senſation ſein mährchenhafter Plan bei mir gemacht hat. Gregor, ich, ich ſollte eine Defenſivallianz mit der Türkei abſchließen? Be⸗ greifſt Du das, und Du findeſt nicht, daß das ein Scherz iſt, über den man lachen muß, bis Einem die Augen übergehen? Ich kann nicht lachen, Majeſtät, wenn es ſich um die heiligſten Güter der Menſchen handelt, ſagte Potemkin faſt zürnend. Der König von Preußen wagt es Ew. Majeſtät einen ſolchen Vorſchlag zu machen? Ein Bündniß zwiſchen Rußland und der Türkei! Das hieße jadas religiöſe Gefühl der ganzen ruſſiſchen Nation beleidigen und den Wider⸗ ſtand der öffentlichen Meinung gegen Dich aufreizen, gegen Dich, meine erhäbene, herrliche Czarina, deren edle und kühne Hand dazu berufen 64 iſt, den frevelnden Halbmond abzureißen von der Kuppel der heiligen Sophienkirche zu Conſtantinopel und das heilige Kreuz der Chriſten⸗ heit wieder auf demſelben zu befeſtigen. Und glaube es mir, mein Freund, rief Katharina glühend, ich werde dieſen meinen Beruf niemals vergeſſen, und ihm niemals un⸗ getreu werden. Der König von Preußen hat nicht die Kraft meine Hand zurückzuhalten, und ſein abmahnender Ruf wird übertönt werden von den kühnen Siegeshymnen, die meines großen Oberfeldherrn Potemkin's Mund mir zu ſingen weiß! Wie lange noch, und unſer Schwert wird wieder aus der Scheide fliegen, und die Welt wird wieder erdröhnen unter den Siegerſchritten meiner Armeen, und die Völker werden ihre alten Landkarten verbrennen und neue zeichnen müſſen, eine neue Karte von Europa, denn Polen und die Türkei werden von derſelben verſchwunden ſein, und Rußland wird die Hälfte der Karte einnehmen! Oh, möchte der König von Preußen lange genug leben, um eine ſolche Karte in ſeiner Bibliothek aufhängen zu können, rief Potemkin lachend. Und der abgelaufene Allianztraktat zwiſchen Ruß⸗ land und Preußen, Katharina? Er wird nicht wieder erneuert werden, ſagte die Kaiſerin mit einem triumphirenden Lächeln. Das wird wenigſtens ein kleiner Geißelhieb ſein für den Aerger, den mir Preußen bereitet hat. Ein Schach dem König! rief Potemkin. Ach, meine erhabene Kaiſerin, Du wirſt, wie überall, Siegerin bleiben auch in dieſem Kampf, und dem Schach des Königs wird bald das Matt folgen. Es iſt wahr, ſagte Katharina ſtnnend, der König von Preußen iſt alt geworden, und die Adlerfittige ſeines Geiſtes beginnen zu ſinken. Er möchte ausruhen in irgend einem Myrtenhain, während ich mich ſehne weiter zu fliegen, immer höher hinauf der Sonne zu! Wer wird mir folgen zu dieſer ſchwindelnden Höhe, wer wird mit mir den kühnen Flug wagen, und— Se. Majeſtät der Kaiſer von Oeſterreich! rief draußen die laute Stimme des Kammerherrn, welcher heftig an die Thür des Cabinets der Kaiſerin klopfte. Kaiſer Joſeph kommt! rief Katharina. Du weißt, ich habe ihm auf ſeinen Wunſch erlaubt, immer unangemeldet und ohne alles Cere⸗. 65 35 moniell zu mir zu kommen. Nur muß der Wachtpoſten am äußers Thor ſofort ein Zeichen geben, wenn der Kaiſer naht, und ſo ge⸗ — langt die Nachricht zu mir, noch bevor Joſeph die Schwelle des ich Pallaſtes überſchritten hat. Ai Eben vernahm man da draußen das Heranrollen eines Wagens. ne Das iſt der Kaiſer, ſagte Potemkin. Lebewohl, Katharina, die arme den Krähe muß ſich zurückziehen vor dem ſtolzen Kaiſeraar. Ach, Katharina, haäln warum bin ich nicht unter einem kaiſerlichen Thronhimmel geboren; znſer warum bin ich nicht ein Kaiſer, wie er es iſt! Ich würde dann das vird Recht haben, Dir meine Hand zu bieten, das Recht mit der Gluth dit der Eiferſucht Deine Schwelle zu bewachen, und keinen andern Mann Men dieſelbe überſchreiten laſſen! urkei Würde ich Dich mehr lieben können, Gregor, wenn Du ein lfte Kaiſer wärſt, als jetzt, wo Du der Potemkin biſt? fragte Katharina . mit einem ſüßen Lächeln. Aber ſtill, der Kaiſer kommt! Lebewohl, um Gregor, lebewohl, und bewahre Deinen Schlüſſel wohl, denn wenn rief Joſeph fort iſt, mußt Du wieder zu mir kommen! Lebewohl! luß⸗ 8* Potemkin küßte glühend ihre dargereichte Hand und verſchwand wieder durch die geheime Thür der Tapete, die auf den kleinen Corri⸗ mit dor führte. Aber ſtatt dieſen Corridor hinabzugehen, trat er raſch iner durch die gegenüberliegende Thür in das kleine Zimmer ein, das dem aiſerlichen Kabinet als Vorſaal diente, und welches der Kaiſer durch⸗ bene ſchreiten mußte, wenn er ſich jetzt zu Katharinen begab. myf, Er war kaum eingetreten, als die Thür da drüben ſich öffnete, und der Kaiſer Joſeph, ſeiner Gewohnheit gemäß in ſeiner einfachen ißen Uniform, ganz allein un ohne Begleitung in den kleinen Vorſaal ken. eintrat. nich Joſeph's große blauen Augen richteten ſich ſofort mit einem raſchen Wer fragenden Blick auf Potemkin, dem er lächelnd ſeinen Gruß zunickte. den Aber Potemkin legte ſeine Finger auf ſeinen Mund, und deutete auf die Thür des kaiſerlichen Cabinets hin. Joſeph verſtand den nute 3 Wink, und ging mit ſeinem lauten gewichtigen Schritt vorwärts. nets Während er weiter ging, näherte ſich ihm Potemkin und flüſterte leiſe: Sire, ich habe Ihnen vorgearbeitet; die Freundſchaft mit Preußen hat heute einen gewaltigen Riß bekommen, und der Allianztraktat „ zird nicht wieder erneuert werden. Es hängt jetzt von Ihuen ab, — Soſeph. 3. Abth. II. 3 dieſe Umſtände zu benutzen, und Oeſterreich die Stelle einnehmen zu laſſen, welche Preußen bisher inne hatte. Schonen Sie gnädigſt die Sympathieen der Kaiſerin, ſchmeicheln Sie ihrem Ehrgeiz und Sie werden Alles erlangen! Meiner Mitwirkung ſind Ew. Majeſtät gewiß! Wie Sie, Durchlaucht, meiner Dankbarkeit! ftüſterte der Kaiſer, der jetzt ſchon vor der Thür des kaiſerlichen Cabinets ſtand. Potemkin machte eine tiefe, ehrfurchtsvolle Verbeugung und ſchlüpfte dann wieder auf den Corridor hinaus. Der Kaiſer blieb ſtehen, bis die Thür ſich leiſe hinter Potemkin geſchloſſen hatte, und dann erſt klopfte er laut an die Pforte des kaiſerlichen Cabinets. VII. Katharina und Joſeph. Katharina lag, als der Kaiſer zu ihr eintrat, in graciöſeſter Nach⸗ läſſigkeit auf dem Divan, und ſchien gar nicht zu ahnen, daß es der Kaiſer ſein könne, welcher da zu ihr komme. Sie flog daher, als ſie Joſeph's anſichtig ward, mit einem Schrei freudiger Ueberraſchung aus dem ſchwellenden Polſter empor, und eilte dem Kaiſer lächelnd entgegen, ihm ihre beiden Hände darreichend. Der Kaiſer bückte ſich und küßte dieſe Hände. Ich komme zu Ew. Majeſtät, ſagte er, weil ich mich krank fühle und ermattet, und weil ich Ihres Anſchauens bedarf, um mich wieder ſtark und lebens⸗ kräftig zu fühlen! Ich habe ſchlimme Nachrichten aus Wien, Majeſtät, die Kaiſerin, meine Mutter, kränkelt und begehrt dringend meine Rückkehr. Das ſind zwei böſe und traurige Nachrichten auf einmal! rief Katharina ſchmerzlich. Sie ſagen mir, daß die großte und edelſte Frau, welche jemals einen Thron geſchmückt hat, leidend iſt, und laſſen mich zugleich befürchten, daß Sie mich verlaſſen wollen. Aber 67 Sie dürfen das nicht, Sire, es wäre grauſam mich ſobald ſchon eines kaum gewonnenen Freundes berauben zu wollen! Nein, nein, Sie dürfen mich nicht ſchon wieder verlaſſen, jetzt, da kaum die Scheide⸗ wand gefallen, welche ſo lange Oeſterreich und Rußland von ein⸗ ander getrennt hat. Ja, es war wirklich wie eine hohe ſpaniſche Wand, welche uns von einander ſchied, rief Joſeph lächelnd, und der König von Preußen ſtand als ſpaniſcher Windmacher neben der Wand, und blies immer⸗ fort dagegen und hielt ſie aufrecht mit dem Hauch ſeiner Verleumdungen und Bosheiten. Aber ich ſehnte mich immer noch nach dem Anblick der ſtolzen und kühnen Beherrſcherin Rußlands, und da mir die ſpaniſche Wand zu hoch war, um darüber fortſchauen zu können, riß ich ſte nieder, und ſprang drüber weg, und kam hierher, um zu Ew. Majeſtät Füßen niederzufallen, zu meinem eigenen Entzücken und zum wahren Entſetzen des Königs von Preußen, der den ruſſiſchen Kaiſerhof gern als eine Domaine hetrachtet, die er wenigſtens als Schildwacht umſchreitet, da er ſie nicht als Herr beſitzen kann. Oh es war in der That der ſchönſte Gedanke meines Lebens hierher zu kommen, um mein Herz zu ſtärken an dem Anblick der genialſten und größten Frau, welche mit dem Feuer ihres Geiſtes jetzt die Welt durchſtrahlt, und die dazu berufen ſcheint, die ganze Welt vor ihr ſich beugen zu ſehen! Nein, Sire, ich verdiene Ihr Lob nicht, ſagte Katharina traurig, ich bin nicht die größte Frau; der Sohn der erhabenen Kaiſerin Maria Thereſia darf mich nicht ſo nennen! Sie beſitzt alle Tugenden, welche eine Sterblichgeborene ſchmücken können, die Weisheit des Geſetzgebers, den Heldenmuth des Kriegers, und endlich die Tugend, Ehrbarkeit und Unſchuld des Weibes! Ach, mein Freund, ich gehöre nicht zu den Auserwählten, denen das Schickſal vergönnt hat, in⸗ mitten der Stürme dieſer Erde ſich die Unſchuld des Himmels zu bewahren. Ich habe ein großes und ſtolzes Erdenloos erhalten, aber ich habe großen und ſtolzen Lohn dafür zahlen müſſen! Ich bin eine Kaiſerin geworden, aber ich bezahlte meine Krone mit den höchſten Schätzen der Frau! Still, unterbrechen Sie mich nicht, ſagen Sie nicht, daß es nicht ſo iſt! Wir ſind hier allein, und Niemand hört dies Bekenntniß, das ich aus vollſter Wahrheit meiner Seele dem 5* 68 Sohn Maria Thereſia's ablege. Sie iſt die genialſte und größte Herrſcherin, denn ſie iſt die tugendhafteſte Frau! Aber ſie iſt eine Frau geblieben auch als Herrſcherin, ſagte Joſeph lächelnd, ſie regiert mit dem Herzen, während Katharina von Ruß⸗ land nur allein mit ihrem Kopf regiert, und ihrem Herzen nur dann Rechte gewährt, wenn die großen Geſchäfte ihrer Regierung ihr Zeit und Muße dazu laſſen. Oh, Ew. Majeſtät tragen Ihre Krone nicht als Weib, ſondern als ein ſtarker, willenskräftiger Mann, und wie wollen Sie denn von einem Mann verlangen, daß er ſich in den Stürmen und dem Toſen des Lebens die Tugend der Unſchuld be⸗ wahre. Wer groß ſein will, muß die Schuld kennen, denn die Un⸗ ſchuld kann nur im Verborgenen unangetaſtet bleiben, und ſobald ſier ſich hinaus wagen will in das Leben, verliert ſie durch die Schlechtig⸗ keit der Menſchen ihre Krone, und geht entweder umher im zerlumpten Bettelgewande, ein Spott der Welt, oder ſie erkauft ſich mit ihrem Herzblut einen Purpurmantel, und lernt von den Schuldigen, wie man es machen muß, um die Schlechten zu beſiegen, und der Welt Geſetze zu geben.— Wären Sie unſchuldig geblieben und rein von aller Schuld, ſo wären Sie niemals Katharina die Große geworden. Es giebt leider jetzt ſo viele Männer, welche Weiber ſind, daß man Gott danken muß, endlich einmal ein Weib zu ſehen, welches ein Mann iſt! Sie verſtehen es auf eine neue Art zu ſchmeicheln, rief Katha⸗ rina lächelnd, aber man muß ein Weiberhaſſer ſein, um in dieſer Weiſe zu ſchmeicheln. Sind ſie das, Sire? Ich würde die Weiber anbeten, wenn es deren viele gäbe, wie der Mann Katharina, ſagte Joſeph. Aber ich habe ſolcher zu meinem Unglück keine weiter kennen gelernt, und daran iſt mein Leben ge⸗ brochen und zerſchellt, daran ſind meine Hoffnungen untergegangen und meine Wünſche geſcheitert. Oh Kaiſerin, was habe ich nicht Alles ge⸗ wünſcht, gewollt und erſtrebt, welche große Plane, welche kühne Zukunfts⸗ wünſche glühten nicht in meinem Herzen, aber die Weiber, die Weiber haben mir Alles untergraben und vernichtet, wenn ich auch nicht ſagen will, daß ſie Alle lange Kleider trugen und zum ſchönen Ge⸗ 8 ſchlecht gehörten, aber es iſt ihnen gelungen, meine Energie iſt ge⸗ 69 brochen, und von dem Joſeph, welcher ich einſt geweſen, iſt kaum noch eine Spur geblieben. Sie läſtern Sich Selber, Freund, rief Katharina, ihm ſchalkhaft drohend. Ich meine doch, der Kaiſer Joſeph habe uns erſt kürzlich bewieſen, daß es ihm nicht an Energie gebricht, und daß ſein Ehrgeiz ſich nicht gern in Grenzen einengen läßt. Ach, Ew. Majeſtät gemahnen mich an den Zwetſchkenrummel, den ich gegen Baiern unternommen! Es war die letzte Don Quixo⸗ terie des deutſchen Kaiſers, der noch für die Idee ſchwärmte, ein eini⸗ ges, großes Deutſchland aus der Zerfallenheit der deutſchen Stämme aufrichten zu können, und mit ſeinem Deutſchland einen neuen Stern aufgehen zu laſſen an dem europäiſchen Staatenhimmel. Ach, Majeſtät, warum mußten Sie es gerade ſein, die meine Schwärmerei brach, Sie, von allen europäiſchen Fürſten der Einzige, welcher fähig war, mein Herz zu begreifen und meine Plane zu billigen? Dieſe Plane, welche doch zuletzt nichts Anderes beabſichtigten, als die alten Raub⸗ ritter und Rattenkönige aus ihren Burgen und Schlupfwinkeln zu vertreiben, den Augiasſtall des deutſchen Reichskammergerichts zu rei⸗ nigen, und das lebendige und wahre Recht an die Stelle des todten, lügneriſchen Actenrechtes zu ſetzen! Glauben Sie mir, Katharina hätte einen guten und nützlichen Nachbarn gefunden an dem Kaiſer von Deutſchland; er würde treu und groß an Ihrer Seite geſtanden ſein und würde Ihnen geholfen haben, die Welt zu erobern, die Ueber⸗ müthigen zu züchtigen, und Recht, Wahrheit und Gerechtigkeit zu etwas mehr als zu einer Fabel zu machen. Aber Katharina, die große Herzenskündigerin, ließ dies eine Mal ſich den ſtolzen, kühnen Blick umnebeln von allerhand Dünſten, die der altgewordene König von Preußen, den ſeine Unterthanen den Einzigen nennen, vor ihr auf⸗ zuwirbeln wußte, und um eines altersſchwachen Greiſes willen, der für ſeine welk gewordenen Lorbeerkränze bangte, trat die kühne Mi⸗ nerva des Jahrhunderts in die Schranken. Es war ein edler und erhabener Irrthum, um deſſentwillen ich Sie anbeten und verehren müßte, wenn ich es bis dahin noch nicht gethan! Der Irrthum einer großen Seele, welche an die Größe der Andern glaubt, und große Worte mit großen Thaten verwechſelt. Und freilich große Worte hat der alte König genug gemacht, ſprach von Deutſchlands Recht und — 70 Einigkeit, ſchilderte mich als den Raubritter, der einfallen wollte in den deutſchen Tempel der Eintracht und Sitte, und machte ſich zum Hohenprieſter Deutſchlands, dem er aber in franzöſiſcher Sprache ſeine Hymnen ſang, weil er ein viel zu guter Deutſcher iſt, um die deutſche Sprache nicht von Grund ſeines Herzens zu verachten. Oh, Majeſtät, ſagen Sie lieber, iſt es nicht um Thränen zu lachen, daß dieſer Mann, welcher das deutſche Weſen, die deutſche Sprache und den deutſchen Geiſt bisher immer verachtet und verſpottet hat, jetzt plötzlich ſich zum Vorkämpfer dieſes ſelben deutſchen Reichs macht, das einſt den Bannſtrahl über ihn ausgeſprochen und den länder⸗ gierigen Emporkömmling in die Reichsacht erklärt hat? Und wäre er nur wenigſtens ausgezogen zu einem ehrlichen Kampf! Aber er vermeinte, es ſei genug am Schwertgeraſſel und Trompetengeſchmetter, und wenn er mir von fern ſeine vergilbten Lorbeeren zeigte, würde ich ſofort Reißaus nehmen, wie ein rechtes Mutterſöhnchen. Da ich's nicht that, verkroch er ſelber ſich, der große Held, hinter dem Reifrock meiner Mutter, und die beiden alten Majeſtäten zitterten und con⸗ ſpirirten miteinander, und warfen ſich mit Zwetſchken ſtatt mit Ka⸗ nonen, und aus dem großen Krieg, den ich erhoffte, ward nur ein närriſches Confettiſchmeißen eines deutſchen Carnevals! Oh, Sie lachen, Kaiſerin! Sie haben Recht, ich bin ein Thor, mich noch immer ſo zu erzürnen bei dem Gedanken an unſern deutſchen Zwetſchken⸗ rummel! Vergeben Sie es mir und lachen Sie mich tüchtig aus! Nein, ich lache Sie nicht aus, rief Katharina, ihre Hand auf Joſeph's Schulter legend und ihm tief in das erregte Antlitz ſchauend, ich lache vor Freuden über ihr ſchönes, feuriges Weſen, über den edlen energiſchen Haß, der von Ihrem Antlitz ſtrahlt. Mein Gott, ein Mann, der ordentlich zu haſſen verſteht, iſt eben ſo ſelten, als ein Mann, der ordentlich zu lieben verſteht, und darum freue ich mich Ihrer, und darum fühle ich, indem ich Sie anſchaue, für Sie die zärtlichſte Sympathie! Sagen Sie, Freund, Sie haſſen ihn alſo ſehr, den König Friedrich von Preußen? Ja, ich haſſe ihn, rief Joſeph hochaufathmend, ich haſſe ihn jetzt eben ſo ſehr, als ich ihn einſt geliebt habe! Ich haſſe ihn, denn Er iſt es geweſen, der alle meine Plane zerſtört, meine Hoffnungen ver⸗ nichtet hat. Er hat Deutſchland wider mich aufgehetzt, er hat mir 71 Baiern entriſſen, Baiern, welches Mein war durch das Recht der Verträge, und auf welches ich ſicherlich gegründetere Anſprüche beſaß, als er auf Schleſten. Ich haſſe ihn um ſo mehr, weil das Schickſal mir nicht mehr die Gelegenheit gönnen wird, mich an ihm zu rächen und ihn zu beſtegen, denn was wäre es jetzt wohl noch für ein Ruhm, dieſen alten, gichtkranken Mann zu beſiegen, der ſo ſchwach iſt, daß er nicht einmal mehr die Flöte blaſen kann, weil er keine Zähne mehr hat. Es iſt wahr, ſagte die Kaiſerin ſinnend, ſelbſt die Geiſter werden alt, und dem Genie ſelbſt rupft das mürriſche Greiſenthum die Federn aus, daß es nicht mehr ſich aufzuſchwingen vermag. Von dem großen Helden Friedrich iſt nichts mehr übrig geblieben als ein kurzſichtiger Greis, der ſeine Zeit nicht mehr verſteht. Und der ſich doch einbildet, ihr Geſetze vorſchreiben und ſte auf— halten zu können in ihrem Lauf, rief Joſeph glühend. Oh Katha⸗ rina, hüten Sie Sich wohl vor dieſem alten Mann, der ſich an Sie anklammert, nicht ſowohl, um ſich an Ihnen aufrecht zu halten, ſon⸗ dern mehr noch, um Sie zurückzuhalten und Ihren vorwärtsſtrebenden Eroberungsſchritt zu hemmen. Er verleugnet jetzt die Thaten ſeiner Jugend, und der Held, der einſt die Grenzen ſeines Landes durch Schleſien erweiterte, der möchte Sie und mich jetzt bannen in die Grenzen unſerer Reiche, und will nicht, daß unſere Blicke hinaus⸗ ſchweifen über dieſelben! Aber es wird ihm nicht gelingen, Sie zurückzudrängen, wie er es mir gethan. Sie haben nicht, wie ich, eine Mutter an Ihrer Seite, welche Ihnen die Hände bindet, und Sie werden den König von Preußen nicht zu dieſer hemmenden Mutter annehmen wollen! Ich ſehe den Adlerblick Katharina's, wel⸗ cher ſich gen Süden wendet und die Wogen des ſchwarzen Meeres aufleuchten macht, ich ſehe ſchon dieſe weiße Hand ſich ausſtrecken nach der Moſchee zu Conſtantinopel, und das Kreuz da aufpflanzen, wo jetzt noch der Halbmond prangt! Katharina ſtieß einen Schrei aus, und mit einer leidenſchaftlichen Bewegung ihre beiden Arme um Joſeph's Nacken ſchlingend, zog ſte ihn zu ſich und drückte einen glühenden Kuß auf ſeine Stirn. Oh, mein Freund, ich danke Ihnen für dieſes Wort, rief ſte in flammender Begeiſterung, und mit dieſem Kuß gelobe ich Ihnen meine 72 Treue und meine Freundſchaft. Denn ich fühle es, Sie haben mich verſtanden, Sie haben die ehrgeizigen Wünſche, die da bis jetzt ge⸗ heimnißvoll und tief in meiner Bruſt geruht haben, errathen! Ich habe ſie errathen und ich billige ſte, ſagte Joſeph feierlich. Das Schickſal hat Ihnen eine Miſſion gegeben und Sie müſſen ſte erfüllen, Sie müſſen mit Ihrem Schwert dieſe Pforte erſtürmen, welche ſich dem Glauben und dem Chriſtenthum widerſetzt, Sie müſſen die Fahne des Propheten verſenken in die Wellen des ſchwarzen Meeres, um auf den Wimpeln Ihrer Schiffe dort das heilige Kreuz Chriſti wehen zu laſſen! Oh Gott, ich danke Dir, rief Katharina, die Arme zum Himmel emporſtreckend, lächelnd unter Thränen der Begeiſterung. Ich habe einen Freund gefunden, der mein Herz verſteht und meine Träume zu deuten weiß! Und der, wenn die Stunde gekommen iſt, bereit ſein wird zu helfen, daß dieſe Träume zur Wirklichkeit werden können! Ich nehme Ihre Anerbieten an, und ich werde Sie daran mahnen, wenn die Stunde gekommen iſt. Hier meine Hand, ich biete ſie Ihnen zu einem neuen Bunde, zu einem Bunde wider die alte Welt. Wollen Sie ſie annehmen, Freund, wollen Sie mit mir vereint dieſe alte, morſch gewordene Welt zerſtören, und eine neue Welt mit neuen Grenzen aus dem Schutt hervorſteigen laſſen? Ich nehme Ihre Hand an, Katharina, und Sie werden mich zu jeder Stunde bereit finden, die Treue zu bewähren, die ich Ihnen jetzt gelobe, und Ihnen zu helfen, Ihre großen Zukunftsplane aus⸗ zuführen. Und ſo, Hand in Hand, wollen wir die Welt erobern! rief Ka⸗ tharina glühend. Gelobt ſei Gott, daß ſie groß genug iſt, um Raum zu haben für uns Beide! Uns Beiden muß die Welt gehören, wir Beide müſſen ſie uns erobern und ſie unter uns theilen. Was ſollen ſte Alle auf Erden, dieſe kleinen, jammervollen Fürſten, die erzittern, wenn ihr Nachbar links ſich eine neue Trommel anſchafft, weil das auf Krieg deutet, wenn ihr Nachbar rechts eine Erbſchaft thut, weil er vielleicht dann ein Dorf mehr beſitzt wie ſie. Hinweg mit all' dieſen kleinen Thronen und den kleinen Fürſtenſeelen darauf, zwei Throne darf es nur geben und zwei große Fürſten darauf, die über 73 die Welt hinleuchten wie die Dioskuren der alten Götterwelt, und die Heroen mit den Griechen wieder auferſtehen laſſen aus dem Schutt der Jahrtauſende! Oh Freund, welche Wonne muß das ſein, dazu⸗ ſtehen auf der Höhe des Weltenthrones, hinzublicken über die Erde, welche in ſchauderndem Entzücken unter unſerm Fußtritt erbebt, wie das Meer bei dem Aufgang der Sonne, hinzublicken auf dieſe Millionen und abermals Millionen Menſchen, die von uns das Licht ihres Geiſtes, ihre Cultur, ihre Bildung, ihre Kunſt und ihr Glück erhalten! Oh, welch' eine große ſtrahlende Zukunft thut ſich vor meinen trunkenen Blicken auf, eine Zukunft, in der es nur noch zwei Reiche geben wird, das Reich des Weſtens und das Reich des Oſtens, nur noch zwei Throne, den Thron des griechiſchen und den Thron des römiſchen Kaiſerthums, nur noch zwei Völker, die beide ſo groß, ſo mächtig ſind, daß ſie niemals daran denken können, einander zu bekriegen, ſo groß und ſtark, daß ſie es wagen können, einander zu lieben, und ihre Schwerter bei Seite zu legen, um der glücklichen Welt den ewigen Frieden und das ewige Glück zu geben! Sagen Sie, Freund, wollen Sie mir helfen dieſen Göttertraum zu verwirklichen? Ich will Ihnen helfen, meine erhabene Freundin, rief Joſeph glühend. Ich will treu zu Ihnen halten, und was der König von Preußen als Phanthaſterei verlacht, das wollen wir zur Wirllichkeit machen! Das wollen wir, ſagte Katharina energiſch. Oh, Sie wiſſen nicht, wie lange ich ſchon in meiner Seele dieſen Plan hege, und wieviel ich ihm ſchon vorgearbeitet habe. Es ſteht ſchon fertig vor meiner Seele da, dieſes erhabene neue Reich, das wir aufbauen wollen aus den Trümmern der alten Göttertempel Griechenlands. Aus ihrer Aſche ſollen ſie erſtehen die ewigen Städte Griechenlands, Troja und Athen ſollen wieder aufleben von den Todten, und von der Akropolis hernieder ſoll das Kreuz der Chriſtenheit ſeinen Strahlenſchimmer über ganz Aſien ergießen. Und dieſe neue Welt wird Mein ſein, mein Werk, und ſo werde ich das Teſtament meines großen Ahnherrn Peters des Großen erfüllen! Er hat ſeinen Nach⸗ folgern geboten, Europa zu reinigen von den Türken, das ſchwarze Meer zu öffnen, daß es auf ſeinen ſchäumenden Wogen ruſſiſche Schiffe trage! Ich werde ſeinem Gebot gehorchen, ich werde die Türkei 74 erobern, und in Stambul ſoll der Thron meines Enkels, des griechiſchen Kaiſers Conſtantin, ſich erheben, während in Petersburg mein Enkel Alexander von ſeinem Thron hernieder ſchaut auf Aſien und Europa, welche ihm gehören und vor ſeinem Scepter ſich beugen. Griechen⸗ land, das ſchöne Land der Götter und der Dichter, darf nicht länger das Eigenthum der barbariſchen Türken ſein, wir wollen es wieder befreien und verklären, wir wollen ihm einen neuen Kaiſer Conſtantin geben, und an den Ufern des ſchwarzen Meeres ihm ſeinen Thron errichten. Sie wiſſen nicht, Freund, was Alles ich nicht ſchon gethan, dieſes Ziel zu erreichen. Seit ſeiner Geburt ſchon beſtimme ich meinen zweiten Enkel für dieſe große Zukunft des griechiſchen Kaiſerthums. An den Brüſten einer Helena trank er ſich Lebenskraft, griechiſche Kleider umhüllen ſeine Glieder, griechiſche Knaben habe ich aus Athen hierher kommen laſſen, daß ſie ſpielend dem Kinde die Sprache ihrer Heimath lehren, und ſchon iſt jetzt wieder ein Schiff unterwegs, das zweihundert junge Neugriechen hierher bringt, welche dereinſt die Garde des zukünftigen Kaiſers von Griechenland bilden ſollen*). Griechiſche Worte ſollen die erſten ſein, welche ſeine kleinen Lippen ſtammeln, und wie die Medaille, die am Tage ſeiner Geburt geprägt ward, ſchon hinweiſt auf ſeine hohe Beſtimmung“*), ſo ſoll auch Alles was ihn umgiebt, was ihm gelehrt wird, das hohe Gepräge ſeiner Zukunft an ſich tragen. Sehen Sie hier, mein Freund, ich ſelber habe für meinen Enkel, den einſtigen Kaiſer Conſtantin, die Landcharte entworfen, nach welcher man ihm die Geographie ſeines Reiches lehren ſoll, ſeines Reiches, das ich ihm erobern will! Die Kaiſerin hatte ſich haſtig erhoben, und eilte zu ihrem Schreib⸗ tiſch hin, aus deſſen Schubfach ſie jetzt eine Rolle Papier hervorholte, indem ſie mit derſelben zu dem Kaiſer zurückkehrte. Faſſen Sie dies Papier an, ſagte ſie, dem Kaiſer die Rolle dar⸗ *) Theodor Mundt: der Kampf um das ſchwarze Meer, S. 117. **) Dieſe Medaille war von Potemkin entworfen. Auf derſelben ſah man, wie ein gewaltiger Blitzſtrahl auf die große Moſchee zu Conſtantinopel hernieder⸗ fährt, ſo daß dieſelbe zerſchmettert wird und von ihrer Spitze den Halhmond hernieder gleiten läßt. Dem Titel der Kaiſerin war auf dieſer Medaille die Be⸗ zeichnung hinzugefügt: propugnatrix fidei(Vorkämpferin des chriſtlichen Glau⸗ bens). Theodor Mundt: Kampf um das ſchwarze Meer, S. 117. jiſchen Enkel rropa, ꝛſchen⸗ änger vieder tantin Chron than, einen ums. hiſche lthen ihrer das Harde hiſche und ſchon ihn ft an einen nach eines reib⸗ olte, dar⸗ 75 reichend, Sie müſſen mir ja helfen, mein griechiſches Kaiſerthum auf⸗ zurollen! Joſeph war ihr lächelnd behülflich, die Karte aufzurollen, die ſie alsdann vor ſich auf dem Tiſch ausbreiteten und, Beide über derſelben geneigt, mit glühenden Augen betrachteten. Achten Sie zuerſt ein wenig auf die Randzeichnungen meiner Karte, ſagte Katharina, mit dem weißen Vorfinger ihrer Rechten auf dieſelben hindeutend. Ich erkenne die genialen Gedanken Eurer Majeſtät in dieſen Zeichnungen, ſagte Joſeph lebhaft. Hier ſteht der Genius Rußlands, gelehnt auf das ruſſiſche Wappenſchild, und hat in ſeiner Linken einen Pfeil, Pferdeſchweife, Fahnen mit dem Halbmond und andere Siegestrophäen; dort drüben ſehe ich auf den Wogen des ſchwarzen Meeres ein ruſſiſches Schiff, das eben einen türkiſchen Segler in den Grund bohrt. Und hier in der Mitte ſehen Sie das Kaiſerthum Griechenland und den Archipelagus, rief Katharina. Achten Sie wohl auf die Farben, welche hier die Länder begrenzen, denn in dieſen Farben er⸗ kennen Sie meine Pläne. Dieſe gelbe Farbe hier bezeichnet die Grenzen des griechiſchen Kaiſerthums. Sehen Sie da! Es beginnt dort nordweſtlich bei Raguſa, zieht ſeine Grenzlinie von Skopia, Sophia, Philippopolis und Adrianopel bis an das ſchwarze Meer, dann geht es hinunter bis an die ſüdliche Spitze von Morea, und umfaßt dort unten die Joniſchen Inſeln und die des Archipelagus, mit Einſchluß von Mytilena und Samos. Das iſt das Reich meines griechiſchen Kaiſers der Zukunft, der in Conſtantinopel thronen wird! Hier aber, dieſe rothe Farbe, die bezeichnet die neue Grenze meines Reiches. Durch Natolien zieht ſie ſich hindurch, beginnt dort nörd⸗ lich bei Pendavaſchi und endigt hier drüben bei dem Meerbuſen von Syrien. Der Kaiſer, welcher mit geſpannter Aufmerkſamkeit dem brillanten⸗ blitzenden Finger Katharina's gefolgt war, hob jetzt ſeine Augen von der Landcharte empor, und richtete ſte mit einem ſeltſamen lächelnden Ausdruck auf das erregte Antlitz der Kaiſerin. Was ſchauen Sie mich ſo eigenthümlich und mit einem ſo ge⸗ heimnißvollen Lächeln an? fragte Katharina. 76 Ich lächele, weil das, was Ew. Majeſtät mir da zeigen, mich an eine kleine Begebenheit meiner frühern Reiſen erinnert, ſagte Joſeph heiter. Es war im Anfang meiner armen Mitregentſchaft, und ich war ausgezogen mich ein wenig umzuſehen in den Grenzen meines Reiches. In Mähren beſtieg ich einen mächtig hohen Berg und mit Entzücken ſchaute ich hernieder auf die herrliche Landſchaft, auf Städte, Dörfer und blühende Gefilde, die in prangendem Reichthum mich da umgaben. Wem gehört dieſes lachende Dorf dort und das köſtliche Schloß? fragte ich meinen Führer.„Den ehrwürdigen Patern Je⸗ ſuiten,“ antwortete er mir. Und dieſer Strich hier mit den Dörfern und Kapellen? fragte ich weiter.„Den ehrwürdigen Patern Benedic⸗ tinern,“ war die Antwort.— Und das hier?—„Dem hochwürdigen Capitel zu Brünn.“— Aber dies ſchöne große Gut dort?„Das gehört den Clariſſinerinnen.“ Aber wo liegt denn das, was mir gehört? fragte ich ungeduldig, und der Führer antwortete mir lächelnd: „Wenn Ew. Majeſtät weiter hinein kommen in's Land.“— Und ich kam weiter hinein in's Land, in Gebirge, in Stein,⸗ Sand⸗ und dürres Haideland, und da lag Alles, was mir gehörtes). Und jetzt möchten Ew. Majeſtät auch mich, Ihren Führer durch die neue Welt, fragen: wo liegt das, was mir gehört? fragte die Kaiſerin lächelnd. Bat ich Sie nicht, wohl Acht zu haben auf die Farben meiner Karte? Ich habe Ihnen die rothe und die gelbe Farbe erläutert. Aber finden Sie nicht noch eine dritte Farbe auf meiner Karte? Der Kaiſer bückte ſich tiefer auf die Karte nieder, Katharina hatte ſich aufgerichtet, und die beiden Arme auf den Tiſch aufgeſtützt, ſchaute ſie mit leuchtendem, triumphirendem Antlitz zu dem Kaiſer nieder. Hier im Weſten ſehe ich noch eine grüne Grenzlinie gezogen, welche Neapel und Steilien umfaßt, ſagte Joſeph. Die grüne Farbe auf meiner Karte bezeichnet Oeſterreichs Grenzen, ſagte Katharina lächelnd. Wie ich hoffe auf die Wiederherſtellung des alten Griechenlands im ſchönſten Lichte der Cultur und der Muſen, ſo müſſen Ew. Majeſtät auf die Wiederherſtellung der alten Roma */ Lebensgeſchichte Joſeph II. von Hübner. Th. I, S. 49. ch an oſeph d ich eines mit ädte, h da kliche 77 hoffen. Rom und Neapel, das ſei Ihr Stambul, und wie Sie mich nicht hindern werden, meine Herrſchaft hinabzuſtrecken bis zum ſchwarzen Meer, ſo werde ich auch Sie nicht hindern, Ihre Grenzen auszudehnen bis zu den Küſten des mittelländiſchen Meeres. Italien ſeufzt, wie Deutſchland, unter der Laſt ſeiner Throne und ſeiner Fürſten, es iſt zerſtückelt, zerriſſen und unglücklich wie Deutſchland es iſt. Erbarmen Sie Sich Italiens, Sire! Wien ſei der Sitz Ihres Thrones, aber die blauen Wogen des mittelländiſchen Meeres müſſen den Fuß des⸗ ſelben umſpülen. Tragen Sie nicht den Namen und Titel eines Königs von Rom? Geben Sie Ihrem Titel Inhalt, Sire! Ihnen gehöre der Weſten und Süden, wie mir der Oſten, uns Beiden zu⸗ ſammen die Welt! Wir wollen ſie unterjochen und uns unterthan machen, wir wollen ſie glücklich, groß und ſtark machen, und der von ſo viel Schmerzen zerriſſenen Menſchheit wollen wir den ewigen Frieden bringen!. Joſeph hatte ihr mit ſtaunenden Blicken zugehört, eine tiefe Bläſſe hatte, während die Kaiſerin ſprach, ſeine Wangen überzogen, und war dann einer flammenden Röthe gewichen. Mit einer glühenden Innigkeit faßte er jetzt Katharina's beide Hände und drückte ſie feſt an ſeine Bruſt. Ich danke Ihnen, Katharina, ſagte er tief bewegt, ich danke Ihnen aus tiefſter Seele, daß Sie leben und da ſind! Was auch die Politik meines Verſtandes einwenden möchte, in Ihren göttlich ſchönen Zukunftsträumen ſchlägt mein Herz und ein Geiſt, dem ich mich verwandt fühle! Auch in meiner Bruſt giebt es Träume einer großen, die ganze Menſchheit umfaſſenden Zukunft, und auch ich hoffe, daß einſt für ſie die Stunde der Verwirklichung anbrechen wird! Oh, meine große geniale Herzenskündigerin, Sie haben tief hineingeſchaut in mein Herz, Sie haben richtig erkannt, daß da das Wort:„Rom“ mit brennenden Zügen eingezeichnet ſteht! Ja, das iſt es, wonach ich mich ſehne, dieſem meinem Titel:„König von Rom“ Inhalt und Wahrheit zu geben, nicht mehr der ſklaviſche Vaſall eines Prieſters zu ſein, ſondern neben dem Stuhl von St. Peter den Thron des Königs von Rom aufzuſtellen! Ich da Ihnen, Katharina, daß Sie das Wort gefunden, mit dem 2w 78 geheimſten Wünſche meines Herzens aus ihrem Schweigen erlöſt haben. Oh jetzt, da ich eine Seele gefunden, welche meine Gedanken ver⸗ ſteht und begreift, jetzt thut ſich auch vor mir eine große, ſtrahlende Zu⸗ kunft auf, und Großes will ich ſchaffen, Herrliches erſtreben, denn Katharina wird meine Bundesgenoſſin ſein! In dieſer Stunde werfe ich ſie von mir, alle dieſe Wünſche und Hoffnungen, welche ich bis heute noch für Deutſchland gehegt. Gott iſt mein Zeuge, ich wollte Deutſchland groß, glücklich und frei machen, ſtark im Kampf mit ſeinen Feinden, mächtig im Bund mit ſeinen Freunden, ich wollte es zu dem einigen, großen, ſtarken Herzen Europa's machen! Aber Deutſch⸗ land hat mich verſchmäht, und ſo wende auch ich mich jetzt von ihm und überlaſſe es ſeinem Schickſal, und ſtatt, daß ich ſonſt meine perſönlichen Intereſſen dem Wohle Deutſchlands opfern wollte, werde ich jetzt die Intereſſen Deutſchlands dem Wohl des Kaiſers von Oeſter⸗ reich opfern. Da ich Deutſchland nicht groß machen konnte, will ich Oeſterreich groß machen, ſo groß und ſo mächtig, daß Katharina von Rußland mich als einen gleichberechtigten Bundesgenoſſen an⸗ erkennen und achten ſoll! So laſſen Sie uns denn zuſammenſtehen und unſere Zukunft bauen! Und ein Bündniß ſchließen, das wir jetzt noch geheim halten wollen vor aller Welt, das ſie aber einſt erkennen ſollen an ſeinen Früchten und an ſeiner Glorie! rief die Kaiſerin, die Hand des Kaiſers feſt in der ihren drückend. Gemeinſame Intereſſen verbinden uns von dieſer Stunde an mit einander, Rom und Conſtantinopel heißen die großen Stichworte unſerer Zukunft! Sie werden in Conſtantinopel das Kreuz aufrichten, ich werde es in Rom von meinem Rücken laden, ſagte Joſeph lächelnd, ich werde mich und meine Staaten befreien von dem Joche Roms! Das ſoll meine erſte That ſein, ſobald ich meine Hände frei habe von den Feſſeln, welche ſie jetzt noch binden! Aber nie werden meine perſönlichen Intereſſen mich hindern Ew. Majeſtät Intereſſen zu unterſtützen und an Ihre Seite zu eilen, ſobald Sie mich rufen. Oh, möchten Sie mich bald rufen, es iſt ein großes Werk, das Ew. Majeſtät vor Sich haben, und große Arbeit gehört dazu, es zu vollenden! Ich hoffe, daß Gott mir gnädig ſein wird, daß ich lange genug lebe, um ſie zu vollenden, und um mit Ihnen, Sire, eine ſo enge, 79 aben. ſo feſte, auf einer ſo breiten Grundlage ruhende Verbindung zu ſchließen ver⸗ daß es nicht in der Gewalt meines Nachfolgers ſteht, ſie aufzulöſen*). Zu⸗ Es wäre traurig, wenn mein Tod, gleichwie der Tod der Kaiſerin denn Eliſabeth, das Zeichen ſein ſollte, das ganze Syſtem ruſſiſcher Politik 1 werſe zu ändern. Und dies würde der Fall ſein, wenn ich ſtürbe, bevor bis ich mein Werk in der Türkei vollbracht habe! Denn Paul hängt vollte mit ſchwärmeriſcher Verehrung an dem König von Preußen, und der einen König iſt meinen Plänen abgeneigt, oder er belächelt ſte als die Pham⸗ s zu taſterei einer Frau! 3 tſch⸗ Oh, Ew. Majeſtät wird ihm hoffentlich bald beweiſen, daßadieſer ihm Phantaſtereien ſich zur Wirklichkeit verklären können! 1 neine Sie glauben alſo an die Wahrheit und Möglichkeit meines verde Planes? rief Katharina freudig. Sie finden ihn groß, ſchön und iſter⸗ ausführbar? Joſeph legte ſeine Hand feſt auf Katharina's Arm, und ſah ihr will rrina tief in die Augen. Hören Sie, ob ich Ihren Plan ſchön und aus⸗ an⸗ führbar finde! ſagte er. Ich habe Ihnen geſagt, daß ich den König tehen von Preußen, der alle meine Pläne durchkreuzt, alle meine Wünſche vernichtet hat, von Grund meines Herzens haſſe, nicht wahr? alten Sie haben mir das geſagt, und ich glaube es Ihnen, Sire! inen Nun wohl denn, Majeſtät, ich bin ſo begeiſtert für Ihren Plan, des daß ich noch dann ſeine Ausführung wünſchen würde, wenn dies nur nden unter Friedrichs Mitwirkung und Vergrößerung geſchehen könnte**). vpel Kein Anderer als Ew. Majeſtät ſoll bei meinen Planen mit⸗ wirken und vergrößert werden, rief Katharina. Ich weiß, auch Sie erde ſind den Türken noch eine Revanche ſchuldig! ich Das bin ich! rief Joſeph mit blitzenden Augen. Die Türken Das haben mir Belgrad genommen, und mich gelüſtet ſehr es ihnen wieder den zu nehmen und mir zu erobern, was Mein ſein muß, denn Bel⸗ ber grad 1 das iſt die Donau, und was Ew. Majeſtät das ſchwarze Meer ud mit ſeiner Schifffahrt iſt, das iſt für mich die Donau! Ich bin äie nicht eroberungsſüchtig; ich beabſichtige nicht mehr, mir Schleſten zu zi 1 und werde niemals wieder den Frieden Deutſchlands ſtören; 5 *) Katharina's eigene Worte. Siehe: v. Raumer, Beiträge ec. Th. V, S. 477. nug**) Raumer: Beiträge ꝛc., Th. V, S. 444. 80 mein einziger Ehrgeiz ſoll von jetzt an ſein, die Türken aus Europa zu vertreiben und meine italieniſchen Beſitzungen zu erweitern.*) Und zu beiden Dingen biete ich Ihnen meine Hand, Sire, neh⸗ men Sie ſie an, es iſt die Hand einer geheimen Verbündeten, die gleich Ihnen nur auf den günſtigen Moment wartet, um ihr Schwert zu erheben gegen die ungläubigen Moslems. Sobald dieſer Moment gekommen iſt, werde ich Ew. Majeſtät zu meiner Hülfe herbeirufen. Werden Sie alsdann, treu unſerm geheimen Bündniß, meinen Ruf hören und ihm folgen? Die Kaiſer küßte innig die dargereichte Hand der Kaiſerin. Ich werde ihn hören, ſagte er, ich werde nicht bloß bereit ſein, meine Pflicht als Verbündeter zu erfüllen, ſondern alle meine Macht wird Ihnen in voller Ausdehnung zu Gebot ſtehen. Betrachten Sie mich alsdann als Ihren General und mein Heer als das Ihrige.**) Und betrachten Sie mich immerdar als eine mütterliche Freundin und Schweſter, die mit freudigem Stolz hinblicken wird auf Ihre großen Erfolge und Siege, und feſt durchdrungen iſt von dem Glauben an Ihre großen und erhabenen Ziele! Und jetzt, Kaiſerin, laſſen Sie mich von Ihnen ſcheiden, ſagte Joſeph tief bewegt, ſcheiden vielleicht auf lange Zeit. Wie, rief Katharina ſchmerzlich betroffen, Sie wollen mich ver⸗ laſſen, wollen abreiſen? Meine Mutter iſt krank und verlangt nach mir, ſagte Joſeph. Der Kaiſer hat ſich in Mißmuth von ihr getrennt, aber der Sohn darf den Ruf der Liebe nicht überhören, mit dem ſeine Mutter ihn zurückfordert an ihr Krankenlager, das vielleicht ihr Sterbelager ſein wird. Ich bitte Ew. Majeſtät, mich zu beurlauben, denn ich muß heute noch abreiſen! Heute noch, ſeufzte die Kaiſerin ſchmerzlich. Ich habe kaum in Ihnen den Freund gefunden, der mich verſteht, und ſchon verläßt er mich wieder! Aber er wird wieder kommen, ſobald Katharina ihn ruft. Machen Ew. Majeſtät nur, daß die Türken bald Gelegenheit geben zum Krißs *) Des Kaiſers eigene Worte. v. Raumer Th. V, S. 552. **) Des Kaiſers eigene Worte. Raumer, V, S. 553. 81 tropa dann werden Sie Ihren General Joſeph ſchnell an Ihrer Seite finden. ) Aber jetzt muß ich fort! Vergeſſen Sie dieſer Stunde nicht, Majeſtät. neh⸗ Ich habe mich Ihnen immer ſo gezeigt, wie ich wirklich bin, ich habe die keine Falſchheit oder Kunſt gebraucht, Ihren guten Willen und Ihre wert Freundſchaft zu erwerben, und Sie ſind deshalb im Stande, über ment meinen Charakter und meine Verdienſte zu urtheilen. Ich ſehe vor⸗ ufen. aus, daß man nach meiner Abreiſe verſuchen wird, mich zu verleum⸗ Ruf den und anzuſchwärzen, ich bitte Sie aber, daß, bevor Sie ſolchen Anklagen Glauben beimeſſen, Sie vorher Ihr eigenes Urtheil befragen Ich und darnach entſcheiden.*) neine Ich werde Sie in meinen Gedanken vor mir ſehen mit dem edlen, wird ſtolzen und offnen Antlitz, wie Sie jetzt mir gegenüber ſtehen, und mich dann wird es Niemand gelingen, mir meinen Glauben an Ew. Majeſtät 3 wankend zu machen, ſagte Katharina innig. ndin Und ich, rief Joſeph, ich werde Ihrer gedenken in meinen ſchön⸗ Ihre ſten, wie in meinen ſchlimmſten Stunden. In den ſchönſten Stunden uben wird der Gedanke an Sie mich begeiſtern, in den ſchlimmen— und glauben Sie mir, deren habe ich ſehr viele, in den ſchlimmen Stunden agte wird er mich tröſten und erheben, und mir einen glänzenden Hoffnungs⸗ ſtern für die Zukunft zeigen! Ich bin kein Schmeichler, glauben Sie ver⸗ mir daher, was ich Ihnen ſagen will, Majeſtät: Ich kam, ganz erfüllt von Anerkennung und Verehrung für Sie, ich gehe, ganz durchdrun⸗ epb. gen von Anbetung, Bewunderung, Liebe und Ehrfurcht für die hohe, ohn geniale Frau, die bei Weitem noch den hohen Ruf übertrifft, den ſie ibn in der Meinung der Welt ſich ſchon errungen. Die Wochen, die es ſin. mir vergönnt war, an Ihrer Seite zu verleben, halte ich deshalb auch⸗ nuß für die genußreichſte und nützlichſte Zeit meines Lebens, und danke 3 — Ihnen für dieſelben als für eine herrliche Bereicherung.**) nir Die Kaiſerin, tief gerührt von dem herzlichen und innigen Ton, tar mit welchem Joſeph zu ihr geſprochen, ſchlang ihre Arme um ſeinen Hals und drückte ihn zärtlich an ihre Bruſt. han Ach, flüſterte ſte leiſe, wären Sie mein Sohn, ſo würde die ganze —— 4 19*) Des Kaiſers eigene Worte. Siehe: v. Raumer, Beiträge zur neuern Geſchichte, Th. V, S. 443. „, Des Kaiſers eigene Worte. Siehe: v. Raumer Th. V, S. 444. Kaiſer Joſeph. 3. Abtb. II. 6 82 Welt uns unterthan werden und mein letzter Lebenshauch würde ein Dankgebet ſein für den herrlichen Sohn, der Geiſt iſt von meinem Geiſt! Wären Sie mein Sohn, ſo würde Katharina nicht einſam ſein, nicht zerquält von Kabalen, Verſchwörungen und Intriguen, ſo würde ſie keine Furcht kennen, ſondern ſie würde mit freudigem Ver⸗ trauen ſich ſtützen auf Ihren ſichern und treuen Arm und würde mit Stolz aller Welt zurufen: wagt es nicht, mich anzugreifen, denn mich beſchützt mein Sohn, und dieſer Sohn iſt ein Mann! Beugt Euch vor ihm, wie ich mich vor ihm beuge! Indem Katharina ſo ſprach, neigte ſie ſich wirklich tief vor dem Kaiſer, und ſeine Hand erfaſſend, drückte ſie einen glühenden Kuß auf dieſelbe.*) Joſeph ſtieß einen Schrei aus, und vor der Kaiſerin niederſinkend küßte er ehrfurchtsvoll den Saum ihres Gewandes. Dann ſprang er empor, und gleichſam als fürchte er dieſen großen, inhaltsvollen Mo⸗ ment durch ein lautes Wort zu entweihen, flüſterte er leiſe: Leben Sie wohl, Katharina! Ehe die Kaiſerin Zeit hatte zu antworten, war Joſeph ſchon der Thür zugeeilt, und dieſelbe haſtig öffnend, ſtürzte er von dannen. Katharina blickte ihm, in Thränen ausbrechend, nach. Oh mein Gott, rief ſie ſchmerzlich, er geht, er läßt mich allein. Ich habe einen treuen Freund gefunden, aber nur, um ihn zu verlieren. Ich habe einen großen, edlen Mann kennen gelernt, aber nur, um inne zu werden, daß es keinen in meiner Umgebung giebt, der ihm gleicht, keinen, der mich verſteht, dem ich vertrauen darf! Ich bin allein, ganz allein, oh, und es iſt ſo ſchauerlich, allein zu ſein, ſo— Plötzlich verſtummte ſie und lauſchte ſeufzend auf den Geſang, der ſich da auf einmal, gleichſam als komme er aus der Erde empor, vernehmen ließ. Es war eine tiefe, vollkräftige, männliche Stimme, welche da ſang. Katharina kannte die Stimme gar wohl, ſie wußte, daß es Potemkin war, welcher jetzt ſang, ſie wußte, daß er, trotzend auf ſeine Macht, hinabgegangen war in die für den Günſtling be⸗ ſtimmten Gemächer, und daß er ſte zu ſich rufe mit ſeinem Lied. Sie blieb aber ſtehen und lauſchte, und eine ſchmerzliche Weh⸗ *) Hiſtoriſch. Siehe: v. Raumer, Beiträge, Th. V, S. 443. eein inem nſam , ſo Ver⸗ mit mich Cuch dem Kuß kkend g er Mo⸗ Leben ſchon nnen. Gott, reuen einen erden, n, der allein, iſang⸗ mpor⸗ 83 muth überkam ſie bei den Erinnerungen, die Potemkin's Geſang in ihr erweckte. Sie kannte das Lied gar wohl, das er ſang. Einſt in den ſchönen Tagen, die nun längſt vergangen waren, hatte Potemkin es für ſie gedichtet, damals hatte es ihr Thränen des Entzückens ent⸗ lockt, und inniger hatte ſich Potemkin damals gefreut über das Ge⸗ ſchenk ihrer Thränen, als jetzt über das Geſchenk der ſchönſten Dia⸗ manten. Potemkin aber ſang: Seit ich Dich ſah, dacht' ich nur Dich, Glaubt' immer Dich zu ſehen, Dein reizend Auge feſſelt mich! Nie wagt' ich zu geſtehen, Daß ich Dich liebe glühend heiß, Daß ich nur Dich, nur Dich noch weiß! Die Liebe iſt wohl ein Tyrann,. Gebietet allen Herzen Und feſſelt mit demſelben Bann Der Freuden wie der Schmerzen. Doch Gott, wie groß iſt dieſe Pein: Ganz Ich Dein Eigen, Du nicht mein! Warum, oh Schickſal, ſchufſt Du ſie So ſchön, ſo groß, ſo prächtig? Warum befahlſt Du, daß ich ſie Nun lieben mußt' ſo mächtig? Sie, welche nie mein Mund benennt, Doch deren Bild im Herzen brennt!*) Als die letzten Worte dieſes Liedes verklungen waren, ſchauerte Katharina in ſich zuſammen und ein paar Thränen fielen aus ihren *) Dieſes Liebeslied iſt wirklich eine Dichtung Potemkin's und iſt in Ruß⸗ land zu einem Volkslied geworden, das mit den Worten beginnt: Kak skoro ia tébe widal etc.— Maſſon theilt eine franzöſiſche Ueberſetzung deſſelben mit, die ich in's Deutſche übertragen habe. Siehe: Masson, Mémoires secréètes sur la Russie. Vol. I, p. 167. — ——— — —y 84 3 Augen und rannen langſam über ihre Wangen nieder. Aber wie bezaubert von dieſen Tönen, kaum ſich ſelber deſſen bewußt was ſie that, durchſchritt ſie das Gemach, und ſich zur Erde bückend, drückte ſte leicht an dem goldenen Knopf, der da angebracht war. Sofort ließ⸗ ſich ein klirrender Ton vernehmen, der Fußboden öffnete ſich und eine kleine Wendeltreppe ward ſichtbar, die Treppe, welche von dem Kabinet der Kaiſerin in die Zimmer des Günſtlings führte.— In dieſem Zimmer befand ſich jetzt Potemkin, und Potemkin hatte Ka⸗ tharina gerufen mit ſeinem Liebeslied. Sie ſchickte ſich an, dieſem Ruf zu folgen und zu Potemkin hinab⸗ zuſteigen, aber indem ihr Fuß ſchon die erſte Stufe der Treppe be⸗ rührt hatte, warf ſie einen ſchmerzlich vorwurfsvollen Blick gen Himmel und ihre zitternden Lippen flüſterten leiſe: Katharina wieder in den⸗ ſelben Banden! „ Drittes Buch. Die neue Zeit. 1. Der Schwur. Maria Thereſia war nicht mehr. Am neunundzwanzigſten No⸗ vember 1780 ging ſie heim zu ihren Vätern, heim zu ihrem geliebten „Franzel,“ dem auch noch der letzte Liebes⸗ und Sehnſuchtsruf der ſterbenden Kaiſerin gehörte. Mit verklärtem Antlitz, mit ſtrahlendem Auge wollte ſich Maria Thereſia von ihrem Lehnſeſſel erheben, auf welchem ſie den Tod erwartete; Kaiſer Joſeph, der mit der zärtlichſten Theilnahme eines Sohnes Tag und Nacht an dem Krankenbett ſeiner Mutter verweilte, hielt ſie ſanft zurück. Wo wollen Ew. Majeſtät hin? fragte er. Maria Thereſia breitete die Arme aus und rief:„Zu Dir! Zu Dir! Ich komme!“— Dann ſank ſie zurück und ihre ſterbenden Lippen flüſterten mit einem letzten Lächeln: Franz! Mein Franz! Maria Thereſia war nicht mehr! Ein finſterer Trauerſchleier lagerte ſich über das ſonſt ſo heitere und lachende Wien. Die Edlen und Guten betrauerten die große Kaiſerin, weil ſie ſie geliebt und bewundert hatten, weil ſie während einer Regierungszeit von vierzig Jahren ſich immer großſinnig, milde und ſanft gezeigt, weil ſie immer den Willen gehabt, das Rechte und das Gute zu thun. Die Un⸗ edlen und Schlechten, die Heuchler und Schmeichler jammerten um Maria Thereſia's Tod, weil ſie, ſelber wahrheitsliebend, keuſch und tugendhaft, nicht geahnt hatte, daß Jene nur eine tugendhafte, fromme Maske vor ihr Antlitz gelegt, und alle die guten und edlen Eigen⸗ ſcchaften, um derentwillen Maria Thereſia ſie belohnt und befördert hatte, nur auf ihren Lippen, aber nicht in ihrem Herzen beſeſſen hatten. 88 Sie klagten nicht darüber, daß Maria Thereſta, die edle Regentin, geſtorben, ſondern nur darüber, daß die Quelle verſtopft ſei, aus welcher ihnen ſonſt Reichthum und Ueberfluß geſtrömt, die Quelle der Penſionen, der Gnadengehalte, der Titel und Aemter. Maria Thereſia war nicht mehr! Das Geläute der Glocken, das dumpfe Rollen der Trommeln verkündete den Wienern, daß eben die Leiche der Kaiſerin hinabgeſenkt worden in die Gruft der Kapuziner⸗ kirche, und daß Kaiſer Franz, der ſo lange auf dem Paradebett von Stein ſeiner Kaiſerin geharrt ſte endlich jetzt wieder an ſeiner Seite hatte. Mit dröhnendem Schall waren die eiſernen Pforten der Grab⸗ kapelle wieder hinter der kaiſerlichen Leiche zuſammengeſchlagen und heimgekehrt waren alle die Tauſende, welche als Leidtragende, frei⸗ willig oder befohlen, die Kaiſerin auf ihrem letzten Weg durch ihr geliebtes Wien begleitet hatten. Auch Kaiſer Joſeph war heimgekehrt von dem ſchweren Gang, und gefolgt von ſeinen Vertrauten, dem Feldmarſchall Lach und dem Grafen Roſenberg, hatte er ſich in ſein Cabinet zurückgezogen. Eine tiefe Traurigkeit ſprach aus ſeinem edlen Angeſicht, ſchwermüthig und bewölkt war ſeine Stirn. Die Arme ineinandergeſchlagen ging er langſamen Schrittes, geſenkten Hauptes auf und ab, ganz der beiden Herrn vergeſſend, denen er doch befohlen hatte, ihm in ſein Cabinet zu folgen, und die ſich in eine Fenſterniſche zurückgezogen hatten, nicht wagend, das tiefe Schweigen des Kaiſers nur mit einem Wort, einem lauten Athemzug zu unterbrechen. Endlich aber ſchien Joſeph aus ſeinem traurigen Nachdenken zu erwachen und ihrer zu gedenken. Grade auf ſie zuſchreitend, blickte er die beiden Freunde lange und forſchend an. Bin ich ein ſchlechter und undankbarer Sohn geweſen? fragte er mit tiefer, bewegter Stimme. Ich beſchwöre Euch, meine Freunde, keine Höflings⸗Antworten, ſondern die reine, ungeſchminkte Wahrheit: bin ich ein ſchlechter und undankbarer Sohn geweſen gegen meine große Mutter Maria Thereſia? Lacy, beim Andenken an Ihre eigene Mutter verlange ich von Ihnen, daß Sie mir die Wahrheit ſagen! Beim Andenken an meine eigene Mutter werde ich die Wahrheit ſagen, rief der Feldmarſchall ernſt und feierlich. Nein, Ew. Majeſtät ſind kein ſchlechter, kein undankbarer Sohn geweſen. Sie haben vie pfl me 89 entin, vielmehr mit edler Selbſtüberwindung die großen Laſten Ihrer Sohnes⸗ aus pflicht ertragen, Sie haben oft genug Ihr eigenes ſtolzes Herz über⸗ auelle wunden, und Sich ſchweigend und gehorſam den Willen der Kaiſerin gebeugt, ſelbſt wenn Sie wußten, daß dieſer Wille irrte. Das iſt das meine wahre und aufrichtige Meinung! en die Und die Ihre, Graf Roſenberg? fragte Joſeph mit einem trüben ziner⸗ Lächeln. tvon Die Meine iſt, daß Ew. Majeſtät nicht bloß kein ſchlechter und Seite undankbarer Sohn geweſen, ſondern ein ſehr edler, verſönlicher Sohn, Frab⸗ deſſen Herz weich blieb und ſich nicht verhärtete gegen ſeine Mutter, und obwohl ihm ſeit ſeiner früheſten Jugend viel Anlaß dazu geworden. frei⸗ Ew. Majeſtät haben in Demuth und Geduld mehr ertragen, als ein h ihr thatendurſtiger, ehrgeiziger Mann ertragen könnte, wenn ihn nicht die Liebe und die Treue immer an die Pflicht des Sohnes gemahnt hätten, Ew. Majeſtät haben mehr geſchwiegen, als jeder Andere gethan haben Hang, 35 würde, dem nicht die Sohneszärtlichkeit die Lippen geſchloſſen! Cine Ich habe geſchwiegen, aber mein Herz hat gegrollt, ſagte der und Kaiſer düſter, ich habe Vieles ertragen, aber ich habe das nicht er⸗ g er tragen mit Freudigkeit, ſondern mit Unwillen, und Maria Thereſia eiden hat das mit klarem Blick erkannt. Sie hat auf meiner düſtern Stirn binet die Vorwürfe geleſen, die meine Lippen nicht ſprachen. Ich habe ihr atten, viel gezürnt, ſie aber hat oft um mich geweint! Oh dieſe Thränen Vort, meiner Mutter brennen jetzt auf meiner Seele und beunruhigen mein Gewiſſen! en zu Ew. Majeſtät ſollten daran gedenken, daß die Kaiſerin alle die blickte kleinen Zerwürfniſſe früherer Tage vergeſſen und vergeben hatte, ſagte Graf Roſenberg, daß ſie während der letzten Wochen ihres Lebens ragte nur erfüllt war von Dank und Liebe für ihren kaiſerlichen Sohn, der unde, ihrer pflegte mit der Treue und der Hingebung, wie nur die wahre heit Liebe deren fähig iſt! 2 nrin 4 Ew. Majeſtät ſollten auch gedenken, ſagte Lacy, daß Maria The⸗ 4 reſia mit dem klaren Blick, welcher Sterbenden eigen zu ſein pflegt, agem erkannt hatte, wie viel Kummer und Schmerzen ſie, ohne es zu wollen, gen⸗ Ew. Majeſtät bereitet hat, und daß ſie, groß und edel, wie ſie es hrhei immer war, wenn nicht fremde Einflüſſe über ſte Macht gewonnen, di Ew. Majeſtät um Vergebung gebeten! g * 90 Ich habe mir dies Alles ſelbſt geſagt, rief Joſeph, ich habe es mir in dieſen ſchlummerloſen Nächten hundert Mal wiederholt, und dennoch bleibt der Stachel des Vorwurfs in meinem Gewiſſen, und dennoch gäbe ich jetzt freudig Jahre meines eigenen Lebens darum, wenn meine Mutter noch lebte, wenn ich ihr in unbegrenzter Hin⸗ gebung meine Liebe und meine Unterwerfung beweiſen könnte! Gönnen Ew. Majeſtät der großen Kaiſerin doch die Ruhe im Grabe und die Seligkeit im Himmel, rief Lacy faſt unwillig. Maria Thereſia war müde des Lebens und iſt freudig geſtorben. Ew. Majeſtät aber müſſen jetzt freudig leben, eingedenk der hohen Erbſchaft, welche der Tod der Kaiſerin Ihnen gegeben hat! Dieſe Erbſchaft iſt ein Staat, ſind viele Millionen Menſchen, welche von Ew. Majeſtät ihr Glück und ihre Ruhe erwarten! Es iſt wahr, rief Joſeph glühend, ich habe eine große Erbſchaft empfangen, und ich ſchwöre es hier in dieſer Stunde vor Euch, meinen Zeugen, ich ſchwöre es, ich will dieſe Erbſchaft treu und rechtlich ver⸗ walten, nicht als ein übermüthiger ſtolzer Erbe, der verſchwenden darf in üppiger Luſt, was ſein iſt, ſondern als ein treuer Verwalter, der Gott und ſeinem Nachfolger Rechenſchaft ſchuldig iſt! Ich ſchwöre es, ich will meinen Unterthanen ein guter Kaiſer ſein! Die Thränen meiner Mutter, welche ſie um mich geweint, ich will ſte trocknen in den Augen der Unglücklichen, und die Liebe, welche ſie ſterbend mir geſchenkt, will ich vererben auf ihr Volk! Ihr könnt mich an dieſen Schwur mahnen, wenn ich ſeiner einſt vergeſſen ſollte. Aber jetzt fordere ich auch von Euch ein Gelübde, jetzt, am Anfang einer neuen Zeit ſtehend, fordere ich von Euch Beiden auch einen Beweis Eurer Treue! Sprechen Sie, Sire, rief Lachy mit einem ſchönen Lächeln, ich bin bereit Alles zu thun, was Sie wünſchen können! Setzen Ew. Majeſtät meine Treue auf die Probe, ſagte Roſenberg feierlich, ich weiß, daß ſie nicht wanken wird. Der Kaiſer legte ſeine beiden Hände auf die Schultern ſeiner Freunde, und ſah ſie mit zärtlichen Blicken an. Beneidenswerth der Mann, ſagte er, der ſich rühmen darf, wie ich, zwei treue Freunde zu haben! Aber hört, was ich von Euch fordere! Ich ſtehe jetzt am Anfang einer neuen Welt, am Beginn eines neuen Daſeins. Ich bin 91 habe es jetzt der Kaiſer meines Volkes, frei endlich zu thun, was ich will, t, und frei, die Pläne zu verwirklichen, die ich lange Jahre ſchweigend in 1, und meinem Herzen genährt, frei, um meinen Willen zur That werden zu darum, laſſen und meine Gedanken zu Handlungen. Ich will das Gute und r Hin⸗ das Rechte, ich will die Guten glücklich machen, und den Böſen ein Schrecken ſein, ich will mein Volk befreien von den Ketten der Un⸗ uhe im wiſſenheit, in denen es ſo lange geſchmachtet, ich will es frei, groß Maria und ſtark machen! Ich will, daß es licht werde in meinem Reich, Najeſtät und die Finſterlinge will ich austreiben aus ihren Höhlen und Schlupf⸗ welche winkeln, ich will, daß die Tugend geehrt, und das Laſter verachtet iſt ein werde, und ich will es daher ſtrafen, wo es ſich zeige, wie ich die tät ihr Tugend belohnen werde, wo ich ihr begegne! Aufklärung! das ſei das große Wort, welches ich mit leuchtender Sternenſchrift auf kbſchaft meine Krone ſchreibe, und der ich jeden Gedanken und jeden Plus⸗ meinen ſchlag meines Lebens weihe! Aber wenn mein Eifer einmal mich ich ver⸗ abführen ſollte vom rechten Wege, wenn ich im Eifer, das Gute zu en darf thun, irren ſollte in dem Beſtreben dazu, wenn ich, einzig nur die Zwecke im Auge habend, mich in den Mitteln vergreifen ſollte, dann er, der chwöre iſt der Moment gekommen, wo ich von Euch Beiden den Beweis Eurer hränen Freundſchaft und Eurer Treue verlange. Dann ſollt Ihr frei und wahr nen in vor mich hintreten und mich warnen, dann ſollt Ihr ohne Furcht vor dem ud mir Kaiſer, nur eingedenk Eurer Freundſchaft, mich Euer mahnendes und warnendes Wort vernehmen laſſen! Wenn Ihr meint, daß ich mich in dieſen er jet einem Irrthum befinde, ſo ſollt Ihr mich aufklären, wenn Ihr ſeht, daß neuen ich mich hinreißen laſſe von meinem glühenden Thatendrang, ſo ſollt Ihr Eurer mich warnen; ſollt auch dann nicht ſchweigen und verſtummen, wenn Euer Warnung mich unwillig macht und ich Euch von mir weiſen ich möchte. Grade dann ſollt Ihr Eure Stimme lauter vernehmen laſſen, ie und mich gemahnend an dieſe Stunde ſollt Ihr von mir fordern, daß ſenberg ich Euch höre und Eure Warnung beachte. Wollt Ihr das, meine Freunde? Wollt Ihr mir ſchwören, mir zu allen Zeiten die Wahr⸗ einet heit zu ſagen, ſo oft ich ſie von Euch fordere, aber in großen und uih der wichtigen Momenten ſte mich auch dann hören zu laſſen, wenn ich ade zu ſte nicht von Euch fordere? 4 t am Ich ſchwöre es Ew. Majeſtät! riefen Lacy und Roſenberg wie eh 3c bin aus einem Munde. 3 92² Gott und der Kaiſer haben Euren Schwur gehört, ſagte Joſeph feierlich, und Euer Freund dankt Euch, daß Ihr ihn geleiſtet habt. Gebt mir Eure Hände, Ihr meine treuen Freunde! Ich danke Euch für die Liebe, die Ihr mir bisher bewieſen, ich danke Euch für die Liebe, die Ihr mir noch ferner erzeigen werdet! Oh, an Euch werde ich niemals zweifeln, von Euch Beiden bin ich überzeugt, daß Ihr mir Eure Freundſchaft bewahren werdet bis zu meinem Tode! Ew. Majeſtät ſind der jüngſte von uns Dreien, ſagte Lach, und Sie ſprechen von Ihrem Tode, als könnten wir Sie überleben! Das Alter, mein Freund, zählt nicht nach Jahren allein, ſagte der Kaiſer mit einem wehmüthigen Lächeln. Das Alter zählt nach den Wundnarben, die das Leben auf unſere Stirn und unſer Herz gezeichnet, und wenn Ihr dieſe bei mir zählt, ſo werdet Ihr Beide ſagen müſſen, daß ich länger gelebt habe als Ihr, und daß ich alſo früher ſterben werde. Verſprecht mir, bis zu meinem Tode treu bei mir auszuhalten, und mir dereinſt die Augen zuzudrücken! Das werden Ihre Kinder, das wird Ihre Gemahlin thun, Sire! rief Graf Roſenberg. Ich werde mich nicht wieder vermählen, ſagte der Kaiſer düſter, der Entſchluß iſt gefaßt, und er iſt unabänderlich. Mein Neffe Franz von Toscana wird mein Sohn ſein, auf ihn will ich die Liebe über⸗ tragen, die ich vielleicht für eigene Kinder hegen könnte, und für ihn will ich dereinſt werben um eine Gemahlin. Die Kaiſerin Katharina hat ſchon meine vorläufige Werbung angenommen, und wird ein⸗ willigen, daß ihre Adoptivtochter Eliſabeth von Würtemberg, die Schweſter der Gemahlin des Großfürſten Paul, einſt die Gemahlin meines Neffen werde! Möge er glücklicher ſein in ſeiner Ehe, als ich es geweſen bin! Sprecht mir nicht mehr von ſolchen Plänen, meine Freunde, mein Herz iſt ausgebrannt und leer an Liebe! Und doch ſchlägt es ſo warm und groß für die Menſchheit und für Ihr Volk! rief Graf Roſenberg. Ja, meinem Volk gehört mein ganzes Herz, und darum iſt darin auch kein Platz für ein Weib! ſagte der Kaiſer lächelnd. Oh mein armes, viel geplagtes, treues geduldiges Volk! Dich allein will ich fortan lieben! Dich will ich frei, Dich will ich glücklich machen! Zerreißen will ich die Bande, mit denen die Prieſter Eure Geiſter Joſeph t habt. fke Euch für die werde aß Ihr 9, und ſagte t nach r Herz Beide ch alſo reu bei Sire! düſter, Franz über⸗ ür ihn harina d ein⸗ 9, die mahlin e, als Plänen, it und darin mein vill ih naches, Geiſtet 93 gefeſſelt, und die Ketten, mit denen ſie Euer Gewiſſen belaſtet haben. Ihr ſollt nicht mehr am Gängelband geleitet werden, wie die Kinder, ſondern Ihr ſollt als Männer betrachtet, als Männer geachtet werden! Ein Volk von freien Männern und von tugendhaften Frauen, von unſchuldigen Kindern und ſorgenloſen Greiſen will ich um mich haben, es ſoll hell werden in meinen Staaten, und die ägyptiſche Finſterniß, von der mir die Benedictiner in Prag einſt unter ihren Kloſterſchätzen ein Stückchen gezeigt, die ägyptiſche Finſterniß möge unter den Mönchen und in den Klöſtern verbleiben, aber die Augen meines Volkes ſollen mir die Prieſter nicht mehr damit verblenden. Und jetzt an's Werk, meine Freunde, an's Werk! Mein Volk ruft mich, und jeder Moment meines Lebens gehört ihm! Ihr habt mein Gewiſſen beruhigt, und ich habe Euren Schwur empfangen, daß Ihr treu zu mir halten wollt. Oh, mit zwei Mentoren wie Euch an meiner Seite, muß und wird es mir ſchon gelingen, mein Volk glücklich zu machen, und mir ein wenig Ruhm zu erwerben! II. Fürſt Kaunitz Seit drei Tagen hatte Fürſt Kaunitz ſein Cabinet nicht verlaſſen, ſeit drei Tagen hatte er keine Audienzen ertheilt, keine Geſchäfte be⸗ ſorgt, keine Briefe geleſen oder geſchrieben. Seit drei Tagen hatte, einem lakoniſchen Befehl des Fürſten gemäß, ihm ſein Diner in ſeinem Cabinet ſervirt werden müſſen, und ſelbſt die ſonſtige ſtete Geſell⸗ ſchafterin ſeiner einſarnen Diners, ſelbſt die Gräfin Clary durfte nicht bei demſelben gegenwärtig ſein. Der Fürſt dinirte ganz allein, das heißt, er nahm einige Löffel voll von Bouillonreis, ſeinem gewöhn⸗ lichen Mittagsmahl, und berührte kaum die Speiſen, die der geräuſchlos ihn bedienende Kammerdiener ihm darreichte. Kein Wort ſprach der 94 Fürſt dabei mit ſeinem Lieblingsdiener, und wenn der Tiſch ab⸗ geräumt war, blieb er eben ſo unbeweglich und ſteif vor demſelben ſitzen, wie er es den ganzen Vormittag gethan. Dieſes erſtarrte und verſteinerte Weſen begann die Umgebung des Fürſten zu ängſtigen, denn Niemand kannte die Urſache dieſer Er⸗ ſtarrung, Niemand hatte gewagt dem Fürſten die Nachricht von dem Tode der Kaiſerin Maria Thereſia mitzutheilen, Niemand hatte auch nur mit einem Wort auf dieſes große und ſchmerzvolle Ereigniß hinzudeuten ver⸗ ſucht, und doch ſchien Kaunitz daſſelbe zu wiſſen, denn ſeit drei Tagen ſaß er ſo da in ſeiner ſchweigenden Unbeweglichkeit, und ſeit drei Tagen lebte die Kaiſerin nicht mehr. Heute mochte das Geläute aller Glocken, das dumpfe Trommel⸗ wirbeln vielleicht den Fürſten benachrichtigt haben, daß heute das Begräbniß der Kaiſerin ſtatt finde, aber gefragt hatte er Niemand, und es ſchien als wenn das laute Geräuſch der Straße ſein Ohr gar nicht berührte. Nicht einmal wandte er den Blick zum Fenſter hin, und ſelbſt dann, als der feierliche Leichenzug an ſeinem Hauſe vor⸗ überzog, blieb der Fürſt kalt, unbeweglich, den Rücken den Fenſtern zugewandt, vor ſeinem Tiſch ſitzen und ſtarrte mit großen, weit⸗ geöffneten Augen in das Leere. Herr von Binder, der ihn durch die geöffnete Thür des Neben⸗ zimmers, von Kaunitz unbemerkt, beobachtet hatte, Herr von Binder allein ſah die zwei Thränen, die langſam über des Fürſten Wangen niederrannen, und dieſe Thränen gaben ihm Muth, trotz des Ver⸗ botes noch einmal eine Annäherung an den Fürſten zu wagen. Er nahm ſeinen Hut, und leiſe zu der Ausgangsthür des Zimmers, in welchem er ſich befand, hinſchleichend, öffnete und ſchloß er alsdann dieſe Thür mit Geräuſch, durchſchritt das Gemach und trat, gleich⸗ ſam als wenn er eben erſt anlange, in das Cabinet des Fürſten ein. Kaunitz ſaß immer noch ſo unbeweglich und ſtarr da, wie er es zuvor gethan, nur zuckten ſeine Lippen ein wenig, und eine leichte Wolke flog über ſeine Stirn. Binder hatte den Muth bis dicht zu dem Fürſten hinzüſchreiten und legte jetzt ſanft und leiſe ſeine Hand auf die Schulter des Fürſten. Durchlaucht, ſagte er mit leiſer, zitternder Stimme, Durchlaucht, haben Sie Erbarmen mit dem Kummer Ihres armen Dieners und 95 ſch ab⸗ Freundes. Brechen Sie endlich dieſes fürchterliche Schweigen, das nſelben mich, das alle Ihre Verehrer und Diener ängſtigt wie ein großes Unglück. Sagen Sie uns wenigſtens, was Ihnen fehlt! gebung Mir fehlt gar nichts, ſagte Kaunitz mit ernſter, feierlicher Stimme. ſer Er⸗ Durchlaucht, rief Binder kühn, dies iſt das erſte Mal, daß Ihre n Tode Lippen ſich zu einer Unwahrheit öffnen. Es fehlt Ihnen etwas! Ich nur mit ſehe es an Ihren bleichen Wangen, an Ihrer unthätigen Ruhe und en ver⸗ endlich an dieſen Thränen, die noch nicht auf Ihren Wangen ge⸗ Tagen trocknet ſind! Fürſt Kaunitz machte eine unwillige Bewegung und wandte ſein Tagen 3 Haupt langſam zu dem hinter ihm ſtehenden Freunde um. mmel⸗ Habe ich Ihm erlaubt, mich zu beobachten und an meinem Be⸗ te das tragen zu deuteln? fragte er mit ſtrengem, eiskaltem Ton. Steht es mand, Euch kleinen, erbärmlichen Seelen zu, den Schmerz und das Leiden ür gar einer großen Seele ermeſſen und verſtehen zu wollen? Behaltet Ihr er hin, Eure Schmerzen für Euch, heult und ſchreit ſte in die ganze Welt e vor⸗ aus, wenn es Euch Spaß macht, und Ihr Troſt findet an dem Ge⸗ enſtern ſpötte der Welt, aber mir laßt die Freiheit auch meine Schmerzen wei⸗ für mich zu haben, und zu ſchweigen. Ich bedarf keines Tröſters. Gehen Sie alſo an Ihre Arbeit, und ſchließen Sie dort die Thür deben⸗ zu Ihrem Arbeitszimmer, denn ich liebe es nicht, ein paar ſpionirende Binder Augen auf meinem Antlitz zu wiſſen. Gehen Sie! dangen— Durchlaucht, wagte Binder zu ſagen, meine Augen haben nicht Ver⸗ ſpionirt, ſondern mein Herz, und— er Herr Staatsreferendar von Binder, unterbrach ihn Kaunitz, Sie 16 in. ſind nicht hier, um von Ihrem Herzen zu ſprechen, ſondern um Sich 4 mit den Staatsangelegenheiten zu beſchäfti n! Gehen Sie alſo an dunn Ihre Arbeit! gleic⸗ Herr von Binder ſeufzte tief auf, und ſchlich langſam durch das en ein- Cabinet nach ſeinem Arbeitszimmer hin. 3 64 Thür zu! ſagte Kaunitz gebieteriſch, und gehorſam dem Befehl leicht ſchloß Herr von Binder die Thür des Nebenzimmers. Fürſt Kaunitz war nun wieder allein. Sein Geſicht nahm wieder 1 ſeine kalte ſteinerne Ruhe an, grade aufgerichtet und unbeweglich wie 1 eein Marmorbild ſaß er wieder auf ſeinem Fauteuil und ſtarrte in das Leere. 9 hreiten ürſten. laucht, 5 und 3 96 Auf einmal ward die große, in das Eingangszimmer des Fürſten führende Flügelthür mit ungewohnter Haſt geöffnet, und der auf der Schwelle derſelben erſcheinende Kammerdiener rief mit lauter feierlicher Stimme: Se. Majeſtät der Kaiſer! Ein Zittern durchfuhr die ſtarre Geſtalt des Fürſten, mit einer haſtigen Bewegung legte er die beiden Hände auf die Lehnen ſeines Stuhls, um auf dieſelben geſtützt ſich aufzurichten. Aber noch bevor er Zeit gehabt ſich zu erheben, ſtand der Kaiſer, haſtig das Gemach durchſchreitend, an ſeiner Seite und drückte ihn ſanft in den Fauteuil nieder. Bleiben Ew. Durchlaucht, ſagte Joſeph, Sie ſehen, ich komme ohne Umſtände, empfangen Sie mich eben auch ohne Umſtände. Wollen Sie mir eine Stunde der Unterhaltung mit Ihnen gönnen? Kaunitz ſchien nicht die Kraft zu haben, eine Antwort zu geben, er nickte nur leicht mit dem Kopf. Joſeph wandte ſich nach dem Kammerdiener um, welcher noch immer an der Thür ſtand. Schließen Sie die Thüren, ſagte er, und laſſen Sie Niemand eintreten, ſo lange ich hier bin. Während der Diener ſich eilig zurückzog und dem Befehl ge⸗ horchte, rollte ſich der Kaiſer raſch einen Seſſel neben den Fürſten hin und ſetzte ſich. Eine augenblickliche Pauſe trat ein, dann ſagte Joſeph ernſt: Ich bringe Ihnen Grüße von meiner Mutter, der Kaiſerin! Kaunitz wandte langſam ſeine großen ſtarren Augen auf den Kaiſer hin, und ſchaute ihm lange in das bewegte Antlitz. Die letzten Grüße der Kaiſerin, Sire, ſagte er dann langſam. Wie, Durchlaucht, rief der Kaiſer, Sie wiſſen alſo ſchon die Schmerzenskunde. Man hat gewagt, Sie Ihnen zu ſagen? Niemand hat es gewagt, ſagte Kaunitz, aber ſeit drei Tagen hat man mir keine Bülletins von dem Befinden der Kaiſerin gebracht, und das hat mir Alles geſagt. Nun denn, mein Freund, da Sie es wiſſen, darf ich es Ihnen nicht mehr verhehlen! Ja, ich bringe Ihnen die letzten Grüße der Kaiſerin! Maria Thereſia iſt nicht mehr! Ein Seufzer, der mehr einem Aechzen, einem innerlichen Schluchzen gleichkam, hob die Bruſt des Fürſten, und ganz zerbrochen ließ er ſein Haupt auf ſeine Bruſt ſinken, aber er ſagte kein Wort. 6 ürſten if der licher einer ſeines bevor emach ieder. omme tände. men? geben, noch und l ge⸗ ürſten ernſt: f den igſam. zen die Tagen racht, Ihnen Fe der uchzen ieß er 97 Joſeph indeß verſtand dieſe ſtumme Sprache des Fürſten, und ließ ſich von ſeinem Schweigen nicht beirren, ich weiß, ſagte er innig, Sie beklagen mit mir den Verluſt, der nicht bloß mich und meine Geſchwiſter, ſondern der ganz Oeſterreich betroffen. Ich beklage Sie, ich beklage Oeſterreich und ich beklage mich ſelber, ſagte Kaunitz langſam. Sie ſind meiner edlen Mutter immer ein treuer, unerſchütterlicher Diener und Freund geweſen, fuhr der Kaiſer fort, Sie haben ihr geholfen, Oeſterreich groß, glücklich und mächtig zu machen. Die Kaiſerin hat das nicht einen Moment vergeſſen, ſie hat Ihrer mit der zärtlichſten Dankbarkeit gedacht, und— hören Sie wohl auf meine Worte, Fürſt,— und ſie hat mir aufgetragen Sie daran zu mahnen, daß Sie eines Tages feierlich in die Hand der Kaiſerin gelobt und geſchworen haben, bis zu dem letzten Tage Ihres Lebens all' Ihre Geiſteskraft, Ihre Kenntniß, Ihre Energie und Thätigkeit dem Dienſte Oeſterreichs zu weihen. Sie hat mir aufgetragen, Ihnen zu ſagen, daß das Fortgehen der Kaiſerin Sie nicht von Ihrem Schwur entbindet, denn Sie hätten ihn Oeſterreich geleiſtet, und Oeſterreich gehe nicht von hinnen, ſondern es bleibe, und hoffe noch Vieles von Ihnen. Maria Thereſia läßt Ihnen durch mich ihren letzten Willen mittheilen, der alſo lautet:„Fürſt Kaunitz ſoll, eingedenk ſeines Schwurs, Oeſterreich dienen wie bisher. Ich habe meine Pflichten als treue Dienerin Oeſterreichs erfüllt bis zu meinem letzten Lebenshauch, und ich befehle dem Fürſten, daß er das auch thue, und daß er die Liebe, Treue und Anhänglichkeit, die er mir gezollt, auf meinen Nachfolger übertrage!“ Dies ſind die Worte meiner Mutter, Durchlaucht, ich habe ſie Ihnen getreulich wiederholt, und jetzt komme ich, um Sie zu fragen: wollen Sie dem letzten Willen meiner Mutter gehorſam ſein? Wollen Sie mir das bleiben, was Sie meiner Mutter waren? Wollen Sie Oeſterreich treu und er⸗ geben bleiben bis zum Tode, und als mein erſter Rathgeber und Miniſter, mir helfen, Oeſterreich glücklich und groß zu machen? Fürſt Kaunitz öffnete die Lippen, um zu antworten, aber es war als ob ihm ein Krampf die Kehle zuſchnürte; ſeine ſonſt ſo ſtarren Züge wurden jetzt von einem ſchmerzlichen Zucken bewegt, tiefe Seufzer rangen ſich aus ſeiner Bruſt hervor, und nicht mehr im Stande ſeine Kaiſer Joſeph. 3. Abth. II. 7 4 ——yy—ſſ 98 Bewegung zu unterdrücken, mußte Kaunitz es geſchehen laſſen, daß plötzlich Bächen gleich, die bis dahin unſichtbar unter Steinen dahin gefloſſen, die Thränen aus ſeinen Augen ſtürzten und ſein Antlitz überflutheten. Es war dies ein ſo unerhörter, ſo nie geſehener Anblick, daß auch der Kaiſer ſich tief davon erſchüttert und die Thränen auch in ſeine Augen treten fühlte. Aber Fürſt Kaunitz überließ ſich dieſem leidenſchaftlichen Aus⸗ bruch des Schmerzes nicht lange. Mit einer unwilligen Bewegung ſchüttelte er die Thränen aus ſeinen Augen fort, und trocknete ſich mit dem Battiſttaſchentuch ſorgfältig die bethaueten Wangen. Verzeihung, Majeſtät, Verzeihung, ſagte er dann, ſich tief verneigend. Sie ſehen es wohl, der Kummer hatte mich ſchwach ge⸗ macht, und diejenigen, welche ſonſt immer behaupten, daß ich ein ziemlich gewandter Diplomat ſei, würden, wenn ſie mich eben ge— ſehen hätten, ſich mit verächtlichem Achſelzucken von mir gewandt haben, denn es iſt wahr, ich habe mich benommen, wie ein großes Kind, das noch nicht gelernt hat ſeine Gefühle zu beherrſchen. Aber ich ſchwöre Ew. Majeſtät, daß eine ſolche Unart mir nicht wieder geſchehen ſoll, und deshalb, Sire, bitte ich, verzeihen Sie mir noch dies Mal. Der Kaiſer reichte ihm mit einem ſanften Lächeln ſeine Hand dar. Ich habe Ihnen nichts zu verzeihen, ſondern ich habe Ihnen zu danken, ſagte er. Sie haben für mich gethan, was Sie für wenig andere Menſchen, glaube ich, gethan: Sie haben mich in Ihr Herz ſehen laſſen, und unter der Maske des großen unerſchütterlichen Diplo⸗ maten haben Sie mich das Antlitz eines tiefbewegten Menſchen ſehen laſſen. Ich danke Ihnen dafür, ich danke Ihnen auch für die Liebe, die Sie meiner Mutter geweiht haben, und nicht wahr, eingedenk dieſer Liebe, werden Sie auch den letzten Willen der Kaiſerin erfüllen, und treu zu Oeſterreich halten und zu mir? Kaunitz heftete ſeine Blicke mit einem ſeltſamen Ausdruck auf das Antlitz des Kaiſers. Es iſt dies nun einmal die Stunde der Wahrheit, ſagte er, und darum will ich Ew. Majeſtät auf Ihre Frage auch nur mit der Wahrheit antworten. Ich erwartete ſeit drei Tagen dieſe letzte Botſchaft der Kaiſerin, und wäre ſte nicht gekommen, 99 „ daß ſo würde ich geglaubt haben, Oeſterreich habe Meiner nicht vonnöthen, A dahin und ich könnte von hinnen gehen, wie Maria Thereſta auch von Antlitz hinnen gegangen iſt. S Was ſoll das heißen, Durchlaucht? fragte der Kaiſer erſchrocken. K daß Das ſoll heißen, daß ich geſtorben ſein würde, wenn Ew. Majeſtät 5 uch in mich nicht mehr würdig gehalten hätten, Ihr Miniſter und der Diener 3 Oeſterreichs zu ſein. 4* Aus Wie, Durchlaucht, Sie würden es gewagt haben Hand an Sich egung Selber zu legen? 4.En te ſich Hand an mich ſelber? Nein, Sire, ich würde mich einfach haben un vor Hunger ſterben laſſen. Ich würde es nicht mehr der Mühe werth h tief gehalten haben, die Creatur zu pflegen und zu erhalten, da der Geiſt, ch ge welcher in der Creatur wohnt, überflüſſig geworden. Ew. Majeſtät haben 6 ein mir alſo das Leben durch Ihr Hierherkommen erhalten, und da ich i ge jetzt hoffen darf, Oeſterreich und Ew. Majeſtät durch mein Leben zu wandt nuͤtzen, ſo danke ich Ihnen. Und jetzt, Sire, laſſen wir einen Schleier großes über die eben verfloſſenen Minuten fallen, einen undurchdringlichen Aber. Schleier, und da Ew. Majeſtät meinen, daß mein Menſchenantlitz wieder immer nur eine Maske trägt, ſo erlauben Sie mir jetzt meine Maske, rnoch die einen Moment abgeſallen war, wieder vorzulegen. Sie hat mir in meinem Leben immer viel gute Dienſte gethan, und wenn ich — Oeſterreich einige Dienſte geleiſtet, ſo verdanke ich das zum Theil Ihnen meiner Maske. Die Menſchen verdienen es wahrlich nicht, daß man Min ihnen ſein Menſchenantlitz unverhüllt zeige, und wer von ihnen etwas rwenig erlangen will, der muß eine Maske tragen. Hätten wir zum Bei⸗ r Herz ſpiel vor einem Jahr unſere Maske nicht ſo früh ſinken laſſen, ſo diylo⸗ würde Baiern jetzt unſer ſein. Wir harten aber zu früh den König n ohen von Preußen unſer wahres Antlitz ſehen laſſen, und er errieth uns, Aiebe⸗ und erkannte, daß unſer Gelüſte auf Baiern eigentlich ein Gelüſte nngedenf 4 auf Deutſchland war. Oh, dem König von Preußen gegenüber muß erfülenn, man ſich immer hüten ſeine Maske zu lüften, er iſt ein weitſehender Staatsmann, und was zu fern liegt, um es ſehen zu können, das wiecht er, denn er hat eine gar feine Spürnaſe. Nun, jetzt fürchte ich weder ſeine Naſe, noch ſeine Augen mehr, rief der Kaiſer. Jetzt mag er auf mich ſehen, und ich hoffe, es ſollen große Dinge ſein, die wir in Oeſterreich ihn ſehen laſſen werden. 7*ℳ 7 100 Fürſt. Kaunitz, ich habe Ihnen vorher die letzte Botſchaft meiner Mutter gebracht, jetzt aber frage ich Sie als der regierende Kaiſer: wollen Sie mir folgen auf den Wegen, welche ich jetzt einſchlagen will? Wollen Sie mir helfen, das Gebäude des neuen Oeſterreichs aufzubauen, ein Gebäude, das nichts an ſich hat von der Kloſter⸗ und Mönchsherrlichkeit, von der Gottſeligkeit und Heuchelei früherer Tage, ſondern das einfach, groß und licht emporſteigen ſoll, mit hohen, hellen Fenſtern, daß das Licht ungehindert eindringen und die freie Gottesluft es durchdringen kann in allen ſeinen Winkeln? Wollen Sie als mein Baumeiſter mir zur Seite ſtehen und, Stein auf Stein geduldig mit mir aufeinander fügend, ausharren, bis das Gebäude vollendet iſt? Nein, antworten Sie mir noch nicht, Durchlaucht. Ueberlegen Sie es wohl! Es iſt eine gefährliche Arbeit, welche wir Beide da vorhaben, und wenn das Gebäude nicht feſt und ſicher zu⸗ ſammengefügt iſt, wird es zuſammenſtürzen und uns Beide unter ſeinen Trümmern begraben! Ihr Gebäude muß allerdings ſo feſt und ſtark ſein, daß man es eine Burg nennen könnte, ſagte Kaunitz, eine Burg, hinter welcher man ſich verſchanzen kann gegen die anſtürmende Wuth des Clerus und des Adels! Der Kaiſer ſtieß einen Ausruf der Ueberraſchung aus. Wie, rief er, Sie haben meine Abſichten ſchon errathen und kennen ſie, noch bevor ich ſie ausgeſprochen? Nein, Sire, Sie haben ſie mir ſchon lange verrathen, und was Ihr Mund mir nicht ausgeſprochen, das ſagten Ihre Augen und Ihre Mienen. Ich habe Ew. Majeſtät oft beobachtet, wenn Sie den heuch⸗ leriſchen Prieſtern, den übermüthigen Dienern der Kirche gegenüber ſtanden, ich habe Ihr Stirnrunzeln geſehen, wenn Sie die Anmaßungen und die Ausnahmeſtellung der Ariſtokratie beobachteten und ſahen, wie Leute ohne Verdienſt, ohne Kenntniſſe und Fähigkeiten nur des⸗ halb zu hohen Aemtern und hohen Gehalten befördert wurden, weil ſte alten adlichen Häuſern angehörten und ein adlich Wappen an ihrer Kutſche gemalt hatten. Und jedes Mal, wenn ich Ew. Majeſtät in ſolchen Momenten die Stirn runzeln ſah, hat ſich mein Herz ge⸗ freut, und habe ich mit Wonne der Zukunft gedacht, der Zukunft, 101 meine wo es Ew. Majeſtät vergönnt ſein würde, Ihre Gedanken zu Thaten taiſer: zu machen! llagen Und jetzt iſt dieſe Zukunft zur Gegenwart geworden! rief Joſeph rreichs glühend. Jetzt beginnt der große Kampf, der wiederhallen ſoll in loſter⸗ allen Klöſtern, in allen Kirchen und in allen Burgen und Schlöſſern. üherer— Das Mittelalter wollen wir ausrotten in Oeſterreich mit Stumpf und , mit Stiel, und das Feudalweſen, und die Hierarchie, die Prieſter und die ad die Adelsherrſchaft wollen wir abſchütteln, wie der Löwe die läſtigen In⸗ Vollen ſecten abſchüttelt, die ſich in ſeine Mähne geſetzt! Stein dur möge der Löwe ſich hüten, daß die Inſecten ihn nicht bäude ſtechen, ſagte Kaunitz, denn ſie tragen Gift in ihrem Stachel! aucht. Wir wollen ihnen alſo den Giftſtachel ausreißen, rief der ſe wir Kaiſer, wir wollen ihnen die Macht nehmen, uns zu ſchaden. Und t zu⸗ worin beſteht die Macht der ſchädlichen Inſecten, die in den Klöſtern unter und den Ritterburgen ihre Neſter gebaut? In dem Gelde und den Schätzen der Prieſter, der Kirchen und Klöſter, in der Unſtrafbarkeit ß man des Adels, in ſeiner Erhabenheit über dem Geſetz! Dies alſo muß „geändert werden; der Adel muß, gleich allen übrigen Menſchen, ge⸗ Jlerus horchen lernen und ſich dem Geſetz beugen, das für ihn nicht anders ſprechen und richten darf, wie für den Aermſten meiner Unterthanen; Wie, die Kirche muß arm werden, und die todten Schätze, welche ſie in en ſie, ihren Seminaren und Klöſtern vergraben hat, herausgeben, damit ſie der Welt nützen und lebendigen Segen bringen. Arm, wie Chriſtus d xa5 und ſeine Jünger es geweſen, müſſen die Prieſter ſein, damit ſie ihre dhre Augen abwenden von dem Weltlichen und nur auf Gott und den heuch⸗ Himmel ihr Augenmerk richten! 3 eriber— Wenn Ew. Majeſtät das bewerkſtelligen können, ſo wird Ihr ſungm Volk Sie als einen zweiten Meſſias anbeten müſſen, Sire, denn Sie ſahe, 1 haben ihm dann zum zweiten Mal das Heil und die Erlöſung gebracht! t des⸗ Ja, ich will mein Volk erlöſen von der geiſtigen Knechtſchaft, weil und ſollten meine Widerſacher doch die Macht haben, mich dafür an's 1 In Kreuz zu ſchlagen, ſo werde ich ſterben in dem freudigen Bewußtſein, ictä 1 l das Große und Rechte gewollt zu haben! rief Joſeph begeiſtert. Die Je⸗ innere Verwaltung meiner Staaten erfordert eine Umſchaffung und ers 3 Umgeſtaltung. Ein Reich, das ich regiere, muß nach meinen Grund⸗ akunft, ſätzen beherrſcht, Vorurtheil, Fanatismus, Parteilichkeit und Seclaverei 10² des Geiſtes unterdrückt und jeder meiner Unterthanen in den Genuß ſeiner angebornen Freiheiten geſetzt werden. Der bisherige Einfluß der Geiſtlichkeit auf die Regierung meiner Mutter ſoll aufhören. Ich ſehe nicht gern, daß die Leute, denen die Sorge für das zukünftige Leben aufgetragen iſt, ſich ſo viel Mühe geben, unſer Daſein hieniden zum Augenmerk ihrer Weisheit zu machen! Das Mönchsthum hat in Oeſterreich überhand genommen, die Anzahl der Stifter und Klöſter iſt zum Außerordentlichen emporgeſtiegen. Die Regierung aber hatte bisher kein Recht über ihre Perſonen, und ſie ſind die gefährlichſten und unnützeſten Unterthanen in jedem Staat, da ſie ſich der Beobach⸗ tung aller bürgerlichen Geſetze zu entziehen wiſſen und ſich bei jeder Gelegenheit an den Pontifer Maximus nach Rom wenden. Ich weiß, es iſt ein ſchweres und gefährliches Werk, was ich da vorhabe! Ich will das Heer der Mönche reduciren, die Fakirs zu Menſchen bilden, ſie, vor deren geſchornem Haupt der Pöbel in Ehrfurcht auf die Kniee niederfällt, und die ſich eine größere Herrſchaft über das Herz des Bürgers erworben haben, als irgend Etwas, welches nur immer einen Eindruck auf den menſchlichen Geiſt machen konnte. Aber ich will, dem Monarchismus den Schleier wegreißen, ich will Andromachens Gewebe der Ascetenlehre von den Lehrſtühlen meiner Univerſitäten verbannen, und den bloß beſchaulichen Mönch in einen thätigen Bür⸗ ger, einen nützlichen Unterthan verwandeln.*) Oh, Sire, rief Kaunitz faſt ängſtlich, Ihre Worte erſchrecken mich, wie eine Fanfare, die zur mörderiſchen Schlacht ruft. Ueberlegen Ew. Majeſtät wohl, was Sie da thun. Bedenken Sie, daß Sie die Fackel des Aufruhrs unter ſiebenzigtaufend fanatiſche Kreuz- und Mönchs⸗ ritter werfen wollen, die in Oeſterreich wohnen und Macht haben. Es wird bald nicht ſo viele Mönchsritter mehr geben, ſagte der Kaiſer lächelnd. Wir werden ihre Feſtungen ſchleifen, und ihnen ihr Mönchskleid, das ihre Rüſtung iſt, ausziehen. Wie, Ew. Majeſtät wollen— Die unnützen Klöſter aufheben und die faulen Moͤnche zwingen, arbeitſame Menſchen zu werden. *) Dieſe ganze Rede enthält nur die eigentlichen und ausdrücklichen Worte des Kaiſers. Siehe: Briefe Joſeph's II. S. 48. Genuß influß . Ich Unftige leniden m hat Klöſter hatte ichſten obach⸗ ijeder weiß⸗ 2 Ich bilden, Kniee erz des er einen c will, achens ſitäten Bür⸗ n mich, en Gw. eFackl lönchs⸗ aben. gte der nen ihr vingen/ n Worte 103 Aber die empörte Prieſterſchaft wird Zeter ſchreien und ſich nach Rom um Hülfe wenden! So mag der Pabſt ſie Alle einladen, nach Rom zu kommen! So lange ſie aber in meinen Staaten leben, ſind ſie meine Unter⸗ thanen, und ich allein habe ihnen Geſetze zu geben. Aber das heißt Rom ſelbſt den offenen Krieg erklären! Es iſt auch ſehr meine Abſicht, das zu thun! Der Knecht der Knechte Gottes ſoll erkennen, daß ich alleiniger und unumſchränkter Herr ſein will in meinen Staaten, und daß er keine Macht mehr haben darf über die Gewiſſen meiner Unterthanen, ſeien dieſe nun Laien oder Prieſter. Wir haben dieſer Macht des Papſtes und des Mönchthums den Verfall des menſchlichen Geiſtes zu verdanken, denn dieſe mächtigen Begrifſe von der Religion verbreiten ſich auf den gemeinen Mann; er kannte Gott nicht mehr und hoffte Alles von ſeinen Heiligen.*) Es iſt viel Wahrheit in Ihren Worten, Sire, aber dieſe Wahrheit iſt gefährlich wie ein zweiſchneidig Schwert, das leicht Den verwundet, der es in Händen hält. Hüten Sie Sich, Sire, oder gehen Sie wenigſtens nicht zu raſch vor. Es giebt viele Dinge, die raſch und kühn vollbracht ſein wollen, Andere wieder wollen bedächtig und zö⸗ gernd, Schritt vor Schritt gethan ſein, und wer raſch auf ſie zuſtürzt, überſpringt gar leicht ſein Ziel. So iſt es mit dem, was Ew. Majeſtät vorhaben. Nur mit Beſonnenheit, mit bedächtigem Vorwärtsſchreiten können Sie hoffen, Ihr Ziel zu erreichen, nur wenn Sie ſehr leiſe auftreten, werden Sie Sich Vortheile erringen! Ich habe nicht Zeit zum langſamen Vorſchreiten, nicht Zeit zum Leiſegang der Schlauheit. Was gethan werden ſoll, muß raſch ge⸗ than werden, um ſo mehr, da dieſe Frage von der Aufhebung der Klöſter für mich nicht bloß eine Angelegenheit der Religion, ſondern auch eben ſo ſehr der Finanzwirthſchaft iſt. Die Klöſter ſind über⸗ reich, die Kirchen und Wallfahrtsorte enthalten übergroße, todte Schätze, und der Finanzzuſtand meiner Kaſſen iſt ſehr ſchlecht. Nach einer kurzen Ueberſicht, die ich mir über denſelben verſchaffte, finde ich die Staatsſchulden auf eine ungeheure Höhe angewachſen, und wir .„—. *) Des Kaiſers eigene Worte. Siehe: Briefe Joſeph's II., S. 52. 104 werden Einſchränkungen machen müſſen. Ich darf nicht, wie meine allzu gnadenreiche Mutter, ſechs Millionen Gulden für mein Budget verwenden, ſondern ich muß verſuchen, wie Friedrich der Große, mit dreimalhunderttauſend Thalern auszukommen. Freilich werde ich dann aber auch nicht, wie die großmüthige Maria Thereſia es that, auf jeder Spazierfahrt mir einen Beutel voll Kremnitzer Ducaten mitnehmen, um ſie hier und dort unter das gaffende Volk zu ſchnellen, ſondern die guten Leute müſſen an einem einfachen Gruß ohne metallene Be⸗ gleitung es ſich genügen laſſen. Ich werde auch nicht, wie meine kaiſerliche Frau Mutter, zweitauſend zweihundert Pferde in meinen Marſtällen halten, der Kammerbeutel, aus dem die Gnadengehalte floſſen, wird auf immer verſtopft ſein, und viele der Gnadengehalte und Penſionen werde ich einziehen müſſen, denn ich muß Einſchrän⸗ kungen machen, ſo ſchwer es Denen auch fallen mag, die davon be⸗ troffen werden*). Aber alle dieſe Einſchränkungen genügen nicht; ich bedarf großer Summen, ich bedarf der Millionen, und da ich weiß, daß dieſe in den Kirchen und Klöſtern zu finden ſind, ſo werde ich ſie dort ſuchen! Fürſt Kaunitz hatte dem Kaiſer mit ſtaunender Aufmerkſamkeit, mit immer wachſender Theilnahme zugehört; als der Kaiſer jetzt ſchwieg, nickte Kaunitz lebhaft mehrmals mit dem Kopf, und der Schimmer eines Lächelns, flog über ſein Antlitz hin. Sire, ſagte er, Sie beſitzen einen ſo tapfern und freudigen Muth, daß ich mein altes, vernarbtes Herz daran wieder jung und unbeſonnen werden fühle, und daß ich alle Bedenken meines Kopfes überhören will. Sei es denn, ich werde wie ein treuer Champion an Ihrer Seite ſtehen, und möchte es mir wenigſtens, wenn der mörderiſche Kampf beginnt, als⸗ dann vergönnt ſein, einige der Hiebe aufzufangen, mit denen der Fanatismus, die Mönchswuth und der Aberglaube des Volks das Haupt meines edlen, jugendfeurigen Kaiſers bedrohen werden! Ew. Majeſtät müſſen aber darauf gef⸗ faßt ſein, daß es nicht bloß das Prieſterthum iſt, das ſich wider Sie anfbäumen wird, ſondern auch das Volk, das von dem Prieſterthum verdummte Volk, dem jedes Anrühren an die Kirche wie eine Gottesleugnung erſcheinen wird, *) Joſephs eigene Worte. Siehe: Briefe ꝛc., S. 49. 105 meine und dem in ſeinem blödſinnigen Aberglauben die Aufklärung gleich⸗ Budget bedeutend ſein wird mit der Gottloſigkeit! Das Volk, Sire, wird zje, mit wider Sie ſchreien, wie es damals ſchrie, als wir die Aufhebung der hdann Jeſuiten durchſetzten. f Und es wird aufhören zu ſchreien, wie es damals auch aufgehört t, auf hehmen, hat, rief der Kaiſer lächelnd. Nur Muth, Freund, wir werden ſiegen, ondern Rom und allen Mönchskutten zum Trotz, und wenn wir mit den Kloſtergeldern unſere Schulden bezahlt, und nützliche Anſtalten errichtet haben, dann wird das Volk, welches doch zuletzt immer einen geſunden ne Ve⸗ meine meinen und tüchtigen Sinn hat, wohl zur Einſicht kommen, da Hwir ſein gehalte Beſtes gewollt, und nicht mehr hören auf das Geſchrei der Zeloten! gehalte Ich habe Ihr Wort, Sie werden mir helfen, meine Pläne auszuführen, ſchrän⸗ Sie werden mir Ihren Rath, Ihren Beiſtand leihen, und mich nicht on be⸗ verlaſſen auf den neuen Wegen, die ich bahnen will! „ich Nein! Ich werde Ew. Majeſtät helfen, das Unkraut auszujäten und nützliche Saat auszuſtreuen. ih weiß⸗ Und die Saat, die wir ausſtreuen, ſie wird gute Früchte tragen, rief der Kaiſer glühend vor Begeiſterung. Wir jäten das Unkraut jamkeit, des Mönchthums aus und legen in General⸗Seminarien Pflanzſchulen er jett für neue Prieſter an, für Seelſorger, die einen neuen geläuterten Geiſt d der mit in die Welt bringen, und durch weiſen Unterricht dem Volk mit⸗ te er theilen ſollen. So werden nach einem Zeitraum von einem Jahr⸗ 1 mein hundert wieder wahre Chriſten in Oeſterreich ſein; ſo werden, wenn nfiülle ich meinen Plan vollbracht, die Völker meines Reiches genauer die Sei is Pflichten kennen, die ſie Gott, dem Vaterland und ihren Neben⸗ nd 4 menſchen ſchuldig ſind,— ſo werden uns noch die Enkel ſegnen, daß 6 ur wir ſte von dem übermächtigen Rom befreit, die Prieſter in die Grenzen di 61 ibrer Pflichten zurückgewieſen, und ihr Dortſein dem Herrn, ihr Daſein 15 d aber dem Vaterland allein unterworfen haben!*) . on ü das*) Des Kaiſers eigene Worte. Siehe: Briefe ꝛc., S. 52. en auch III. Der jüdiſche Banquier und ſeine Tochter. Rahel, die ſchöne Tochter des reichen Banquier Eskeles Flies, war allein in dem glänzenden Gemach, das ihr die verſchwenderiſche Liebe ihres Vaters eingerichtet hatte, und das nur das erſte war in einer Reihe von Gemächern, die mit einem Glanz und einem Luxus ausgeſtattet waren, der eines Königs nicht unwürdig geweſen. Rahel aber war ſeit früheſter Jugend an dieſe Pracht gewöhnt, und blickte mit kalten, gleichgültigen Augen auf den Luxus, der ſie umgab. Weder die goldprunkenden Mcubles, noch die reichen orientaliſchen Teppiche, die Luſtres von Bergeryſtall, die koſtbaren Gemälde, die großen Venetianiſchen Spiegel konnten ihr jemals ein Lächeln, ein freudiges Wort abgewinnen, und inmitten aller ihrer Schätze und ihres Luxus ſtellte das ſchöne Mädchen ſelber ſich immer in ſchmuck⸗ loſer Einfachheit dar. Vergebens war es, daß ihr Vater die koſt⸗ barſten Kleiderſtoffe für ſie aus Paris bringen ließ, daß er ihr die ſchönſten Brillanten und Perlen ſchenkte, ihr Bracelets, Ohrgehänge, und allerlei andere Schmuckgegenſtände gebracht, Rahel erſchien immer doch nur im einfachen weißen Gewande, und eine friſche Roſe oder ein lichtes Band war der einzige Schmuck ihrer Toilette. Und Rahel war bewunderungswürdig in dieſer einfachen Toilette; ihre Jugend, ihre Schönheit, ihre Grazie, das war der Schmuck, den ſie angelegt, alle Brillanten überſtrahlte ihr glühendes feuriges Auge, und ſchöner als alle Perlen ſchimmerten die zwei Reihen weißer Zähne bei ihrem ſüßen Kinderlächeln zwiſchen ihren Purpurlippen hervor. Wenn ſie in ihrem leichten weißen Gewande durch die Reihe der glänzenden Prunkſäle ihres Vaters daher ſchritt, ſo war ſie immer doch die Königin und Herrin derſelben, und eine unnennbare Hoheit und Unſchuld umgab ihre hohe ſchlanke Geſtalt. 1 4 Rahel, wie geſagt, war allein in ihrem Boudoir. Sie lag an 107 muthig hingeſtreckt auf dem Divan von dunkelgrünem Sammet, wie ein Schwan, der ſich im Grün des Ufers gebettet hat. Ihr voller weißer Arm, von dem der weite weiße Spitzenärmel herabgeſunken war, ruhte auf der Seitenlehne des Divans, und in die aufgeſtützte Hand hatte ſie ihr Haupt gelehnt, von dem in langen Locken das ſchwarze, glänzende Haar niederrieſelte auf ihren vollen Hals und die ſchönen üppigen Schultern. In ihrer Rechten hielt ſie einen Brief, auf den ihre geſenkten Augen gerichtet waren, und ein wundervolles Flie, ſüßes Lächeln umſpielte ihre feinen purpurrothen Lippen, während deriſch ſie las. war 1 Als ſie zu Ende geleſen, ließ ſie langſam die Hand mit dem Lurus Brief in ihren Schooß niederſinken, und das Haupt ein wenig rück⸗ Nahel wärts neigend, ſchlug ſie, in ſinnende Betrachtungen vertieft, ihre blickte ſtrahlenden ſchwarzen Augen zur Decke empor. ungab. Oh, mein armer, geliebter Freund, flüſterte ſie leiſe, er hofft nliſchen Alles von der Großmuth des Kaiſers. Er jauchzt der Zukunft ent⸗ le, die gegen, als ob ſie im Stande wäre uns glücklich zu machen! Uns ln, ein glücklich zu machen! Kein Kaiſer kann das, denn wo iſt das Land ze und der Welt, in dem eine Jüdin das Weib eines Chriſten werden darf? hmuck⸗ Auch der edle Kaiſer Joſeph wird nicht ſo weit gehen in ſeiner To⸗ e koſt⸗ leranz, er wird die Feſſeln der Schmach vielleicht von uns nehmen, ihr die Kber er wird uns den Chriſten nicht gleichſtellen! Und ich darf nie⸗ ehänge, mals daran denken, auf andere Weiſe dieſe Schranke wegzureißen, immer welche mich von meinem Geliebten trennt! Es würde meinen Vater ſe oder tödten, wenn ſeine Rahel eine abtrünnige Tochter ſeines Volkes würde. Nein, nein, nie darf das geſchehen! Beſſer iſt es, meine eigene Liebe oilette; zu tödten, als die Mörderin meines Vaters ſein! Oh, mein armer uc, den Vater, und ach, mein armer Geliebter! Euch Beiden allein gehört „Auge, 1 mein Herz, und doch werde ich dem Einen entſagen müſſen, um dem Zähne 8 Andern meine Liebe zu beweiſen! Wem aber, wem ſoll ich entſagen? hervor. Sie ſchwieg und blickte träumeriſch ſinnend empor, aber immer he der höher glühte ihre Wange auf, immer feuriger blitzte ihr Auge, immer immer ſtürmiſcher wogte ihr Buſen, und nicht mehr im Stande in ſo ruhiger Hoheit friedlicher Stellung zu verharren, ſprang ſie, leicht wie eine Gazelle, von dem Divan empor und ſchüttelte hochaufathmend ihr Haupt, daß die Locken, Was die Todtenvögel, ihr Antlitz umflatterten. * 108 Nein, mein Geliebter, rief ſie glühend, nein, nicht Dir kann ich entſagen! Ich habe Dir meine Liebe und Treue geſchworen, und ich werde meinen Schwur erfüllen, oder ſterben! Das Weib ſoll ihrem Geliebten folgen, und um ſeinetwillen ſoll ſie Vater und Mutter ver⸗ laſſen. Vater und Mutter, warum denn nicht auch ihren Glauben und ihren Gott! Ich werde den Muth dazu haben, wenn es alſo ſein muß, ich werde Alles hingeben für Dich, mein Günther, denn ich weiß, ich bin der Stern Deines Lebens, und wenn ich Dir unter⸗ gehe, iſt es Nacht um Dich, und ich weiß auch, daß Du die Seele meiner Seele biſt, und daß ich lieber mein ganzes Daſein hinwerfen will, als Dir entſagen, von Dir mich abwenden! So will ich denn kämpfen für meine Liebe und mein Glück, und in dieſem Kampf unter⸗ gehen, oder Siegerin ſein! Sie nahm den Brief, den ſie vorhin geleſen, und preßte ihn lange und feſt an ihre glühenden Lippen, dann faltete ſie ihn zu⸗ ſammen, und ſchob ihn in ihren Buſen. Du ſollſt der Schild ſein, mit dem ich meine Bruſt umpanzere, ſagte ſie mit einem reizenden Lächeln, indem ſie den Brief an ihrer Bruſt verbarg. Von Dir beſchützt zittre ich nicht, ſondern werde Muth haben, den Kampf zu wagen, und— Ein leichtes Klopfen an ihrer Thür machte ſie verſtummen; ehe ſte Zeit hatte zu einer Antwort, öffnete ſich die Thür, und eine hohe männliche Geſtalt trat herein. Mein Vater! rief Rahel freudig, und mit ausgebreiteten Armen flog ſie zu ihm hin, und ſchmiegte ſich zärtlich an ſeine breite, kräftige Bruſt. Herr Eskeles Flies ſtreichelte zärtlich ihr dunkles Lockenhaupt, und drückte einen Kuß auf ihre hohe weiße Stirn. Ich habe Dich zwei Tage nicht geſehen, mein Vater, ſagte Rahel 2 mit leiſem Vorwurf. Ich war hinunter gefahren nach Brünn, meine Tochter, um ein⸗ nal die großen Fabriken, die ich dort angelegt, zu inſpiciren. Aber Du warſt gegangen, ohne Abſchied zu nehmen! Abſchied nehmen iſt gar eine ſchlimme Sache, ſagte ihr Vater lächelnd, und ich mag nichts damit zu thun haben. Aber ich liebe das Heimkehren, und Du weißt wohl, Kind, ſo wie ich die Schwelle 1 „ * 1 109 kann ich meines Hauſes betrete, iſt mein erſter Gang immer zu Dir! Und und ich heute, Rahel, komme ich als Freudenbote! l ihrem Rahel hob ihr Haupt von ſeiner Bruſt empor, und ſah ihm ter ver⸗ fragend in das lächelnde Angeſicht. Als Freudenbote? fragte ſie. Glauben Betrifft Deine Botſchaft uns Beide? es alſo Nicht uns Belde allein, Rahel, ſondern unſer ganzes Volk! r, denn Sieh mich an, meine Tochter, und ſag' mir, ob Du keine Veränderung unter⸗ an mir findeſt? e Seele Rahel trat zurück und überſchaute lächelnd die große ſtolze Ge⸗ werfen ſtalt ihres Vaters. Nein, ſagte ſie, das iſt daſſelbe energiſche aus⸗ h denn drucksvolle Angeſicht, dieſelbe mächtige Geſtalt, derſelbe Blick, daſſelbe unter⸗ gütige Lächeln, und auch dieſelbe gewohnte Toilette ſogar. Doch nein, da ſeh' ich eine Veränderung. Du haſt das gelbe Band, das zte ihn Zeichen der Schmach vergeſſen, das der Jude um ſeinen Arm tragen muß. iu zu⸗ Der Kaiſer hat es von meinem Arm gelöſt, Rahel, von dem Arm unſers ganzen Volkes. Wir ſollen nicht mehr gezwungen ſein, als panzete, Abzeichen ein gelbes Band, oder gelbe Aermel zu tragen. Die m ihrer Schmach der Jahrtauſende will der Kaiſer von uns nehmen, und 84 werde auch für die Juden ſoll es fortan Menſchenrechte geben! Der Kaiſer iſt ein edler, großmüthiger Monarch, rief Rahel mit nz ehe lendem Angeſicht. 36 Dacun ds 3 hoht h, wir ſind ſo tief hinabgeſtoßen in die Abgründe der zund der Verachtung, ſagte ihr Vater düſter, ſo tief, daß Arme chon G oßmuth erſcheint, wenn man uns einen Finger darreicht, dunn an den uns ein wenig aufrichten können, um nicht ganz zu verſinken in unſ Elend. Der Kaiſer will ein wenig wieder gut machen von dem Uebel, das man uns hier, wie aller Orte, zugefügt! Wir ſollen daupt, nicht mehr nöthig haben, das gelbe Band, das bisher den Juden Ralcl kenntlich machte, zu tragen! Aber wozu braucht's auch des gelben Rahe Bandes für die feinen chriſtlichen Augen. Sie werden uns doch er⸗ . kennen, denn der Kaiſer, der uns die gelben Bänder nimmt, kann uns n ein doch die langen Naſen und das ſchwarze Haar, und alle die kleinen Züge, an denen die chriſtliche Liebe den Juden erkennt, nicht ab⸗ operiren! Und mögen ſie uns immerhin erkennen, ſagte Rahel lächelnd, aiſer wird's nicht dulden, daß ſie uns verſpotten und uns um 110 unſers Glaubens willen verhöhnen und zurückſetzen, wie ſte es bisher gethan! Der Kaiſer wird wenig Zeit haben, an uns zu denken, Rahel, ſagte ihr Vater achſelzuckend. Er wird genug zu thun haben, für ſich ſelber zu ſorgen, und ſich die Schaar ſeiner Feinde abzuwehren, die ſich mit jedem Tag vergrößert, weil der Kaiſer ſeinem erſtaunten Volk mit jedem Tag neue Ueberraſchungen bereitet. Er hat damit angefangen, die Aufhebung der Klöſter zu befehlen, und als die Mönche und Nonnen ſich nach-Rom wandten um Hülfe, und als der Papſt an den Kaiſer ſchrieb und befahl, der Kaiſer ſolle die Kirchengüter unangetaſtet laſſen, erklärte der Kaiſer, Rom habe in ſeinen Landen keine Befehle zu ertheilen. Da überkam ein Schrecken das öſterreichiſche Volk, und ſie bebten ſchon ein wenig zurück vor dem Kaiſer, der ſelbſt an den Papſt nicht mehr glaubte.— Aber der Kaiſer ging noch weiter, er gab das Toleranzedict, er erlaubte den Nichtkatholiken, den Proteſtanten und Lutheranern ſich Kirchen zu bauen, frei und offen ihre Religion zu bekennen, er geſtattete ihnen, in den Staatsdienſt zu treten, und verſprach ihnen Anerkennung und Förderung. Aber in ſeinem Toleranzedict vergaß er doch unſerer, gedachte er nicht der armen Juden! Er hat's jetzt nachgeholt, Rahel, auch gegen uns will er Toleranz üben, und jetzt geht ein Schrei der Wuth durch alle ſeine chriſtlichen Lande. Wie ich jetzt durch die Straßen Wiens fuhr, ſah ich, wie ſich überall an den Straßenecken, wo die neue Verordnung des Kaiſers angeheftet war, das Volk zuſammenrottete, und mit finſtern Geſichtern und höhniſchem Lachen die ſeltſame Mähr las, daß der Jude auch ein Menſch ſei, der Rechte habe, dem man ſogar jetzt geſtatten wolle für ſein gutes Geld ſich Acker zu pachten, und Landmann zu werden, oder ein Handwerk zu erlernen. Acker zu pachten, mein Kind, be⸗ ſonders uncultivirten Acker, aber zu kaufen, das ſoll uns noch immer nicht verſtattet ſeins*). Und dies Wenige, was uns vergönnt wird, ſchon das ſcheint dieſem chriſtlichen Volk zu viel, ſchon um deſſentwillen nennen ſie den Kaiſer einen Gottesleugner, und ſeine Humanität ſcheint ihnen ein Verbrechen! Laut auf offener Straße *) Ramshorn: Kaiſer Joſeph II, S. 259. s bisher Rahel, ben, für uwehren, rſtaunten at damit Mönche er Papſt hengüter Landen reichiſche der ſelbſt ng noch iken, den ind offen natsdienſt dachte er Toleranz riſtlichen wie ſich Kaiſers heſichtern ute auch ten wolle werden, eind, be⸗ uns noch vergönnt chon um und ſeine r Strabe 111 hörte ich das Volk ihn verwünſchen, und ihm wegen ſeines Unglaubens mit der Rache des Himmels drohen! Die Rache des Himmels wird über Diejenigen kommen, die den edlen und großmüthigen Kaiſer verwünſchen! rief Rahel glühend. Ihr Vater zuckte die Achſeln. Wenn der Himmel wirklich Rache übte für die Erbärmlichkeit der Menſchen, ſagte er, hätte er dann nicht längſt ſeine Blitze hernieder ſenden und unſere Peiniger ſtrafen müſſen? Nein, mein Kind, Gott überläßt es den Menſchen ſelbſt, das Verbrechen der Menſchen an ihnen zu rächen. Weißt Du, was die Rache der Juden an den Chriſten iſt? Der Reichthum. Sie haben uns Alles genommen, Ehre, Rang, Titel und Orden, aber eine Macht iſt uns geblieben! das Geld! Das habe ich ſeit lange erkannt, und darum habe ich gearbeitet und geſtrebt, Nacht und Tag, darum habe ich gerechnet, geſcharrt und geknauſert, und Tauſende zu Tauſenden gefügt, bis die erſte Million da war. Iſt die aber erſt da, ſo iſt der Weg zu der zweiten gebahnt, und ſie läßt nicht lange auf ſich warten! Sie iſt auch bei mir raſch gekommen, und eine dritte, eine vierte, eine fünfte und eine ſechſte iſt ihr gefolgt! Der Jude Eskeles Flies iſt ein reicher Mann geworden durch ſeine eigene Kraft, er hat Fabriken angelegt, und wenn er eintritt in die Hallen, ſo neigen ſich demüthig vor ihm die fünfhundert Chriſten, die in ſeinen Fabriken arbeiten, die fünfhundert Chriſten, denen der Jude und Verdienſt giebt! Und wenn er durch die Straßen aßen ihn ſelbſt die vornehmen Herrn Grafen und Barone, n ihm gar freundſchaftlich zu, und flüſtern zu einander: Geld vergeſſen ſie's ſchon, mich den Juden Eskeles Flies zu nennen. Selbſt der Kaiſer nickt mir freundlich zu, wenn er in ſeinem Cabrio⸗ lett an mir vorüberfährt, denn ſelbſt der Kaiſer iſt der Schuldner des Juden geworden, und er hat es nicht verſchmäht, ſich von dem Juden mit dem gelben Band den Arm eine Million Gulden zu leihen! Oh, ich ſag' Dir, an jenem Tage, als ich das Geld in die kaiſerliche Staatskaſſe ablieferte, da hüpfte mein Herz vor Freuden, ich that, was ich nicht gethan hatte ſeit dem Tage Deiner Geburt, ich weinte vor Freuden, und ſank nieder auf meine Kniee und dankte Gott! 112 Oh, ſprich nicht ſo, mein Vater, rief Rahel, angſtvoll ſich an ihn ſchmiegend. Du verleumdeſt Dich, und ich kenne Dich beſſer, als Du Dich ſelber kennſt! Dein Herz hängt nicht am Gelde, und Du, der Du ſo einfach biſt in Deinem Leben und Deinen Bedürf⸗ niſſen, Du biſt es Dir, gleich mir bewußt, daß es nicht der Reich⸗ thum iſt, welcher glücklich macht. Du irrſt, Rahel, mein Kind, ſagte Eskeles Flies mit einem leiſen Kopfſchütteln. Der Reichthum allein iſt es, der den Juden glücklich machen kann, denn der Reichthum iſt unſere Macht und unſere Ehre. Der reiche Jude Eskeles Flies! Siehſt Du, vor dem beugen ſich die ſtolzen Chriſten, denn dies kleine Wörtchen reich, das iſt ſein Titel, ſein Adelsdiplom, ſeine Würde und ſein Orden. Sie haben unſerm Ehrgeiz alle Quellen verſtopft, und ſo hat er ſich denn er⸗ gießen müſſen in den einzigen Weg, der ihm geblieben, in den Weg zum Reichthum, und ſo haben wir Alle bei uns ein einziges Talent gebildet, das Talent: Geld zu verdienen; und des Juden Hand iſt geworden wie ein Magnet, wenn er die Finger ausſtreckt, ſo tanzen die Thaler und die Ducaten aus den Käſten der Chriſten hervor, und hängen ſich an ſeine Fingerſpitzen, und ſchauen ihn an mit liebäugelndem Glanz, denn ſie wiſſen's gar wohl, daß ſie nirgends vüer ge und gepflegt werden, als in den Käſten und den warmen, l oſe Händen der Juden! Rahel, Rahel, ich hoffe, daß eine Zelt kommen wird, in der die Juden alles Geld und alle Papiere an haben, in der die Juden den Königen Geſetze geben, und i in d der Kaiſer entſcheiden werden über Krieg und Frieden ttionen. Denn ohne Geld werden ſie keine Kriege machen könner die Juden alles Geld und alle Millionen in ihren Käſten ha werden wir es ſein, die zu entſcheiden haben, ob Krieg ſein ſoll, denn wir werden es ſein, die das Geld dazu leihen. Oh, mein Kind, die Juden werden die Chriſten aufeinander hetzen, kraft ihres Geldes, und wenn ſie ſich einander die Hälſe chen, und wenn das Chriſten⸗ blut in Strömen dahin fließt, dat werden wir Juden es ſein, die es vergoſſen haben, wir Juden, welche die Chriſten dafür bezahlen, daß ſie einander ſchlachten! Und das wird die Rache ſein, die wir nehmen an dieſen Chriſten, welche die Liebe im Munde und den Haß und den Hochmuth im Herzen tragen! 113 l ſcch an Ueberlaß den Andern die Rache, mein Vater, ſagte Rahel mit hh beſſer, zitternder Stimme. Die Rache iſt ein ätzendes Gift, deſſen Berührung lde, und ſchon krank macht, und das Glück tödtet. Gönne uns unſer Glück, Bedürf⸗ mmein Vater, laß uns beſſer ſein, als dieſe ſtolzen Chriſten, die uns er Reich⸗ wie Du ſagſt, unſere Naſen, unſer ſchwarzes Haar und unſere kleinen Eigenthümlichkeiten nicht verzeihen können, und ſich darüber ärgern, em leiſen daß wir reich ſind. glücklich Ja, rief ihr Vater lebhaft, ſie ärgern ſich über unſern Reichthum! re Chre. Das iſt meine Genugthuung, deshalb umgebe ich Dich und mich mit gen ſich fürſtlichem Luxus, deshalb habe ich ein Hotel, reich galonirte Lakayen, iſt ſein eine glänzende Tafel, eine prachtvolle Equipage, deshalb führe ich e haben den Haushalt eines großen Herrn, denn ſie ärgern ſich über unſern denn er⸗ Reichthum! Sie ärgern ſich, daß der Jude Eskeles Flies mehr Geld den Weg hat, wie ſie, und daß er es mit vollen Händen zum Fenſter hinaus 3 Talent wirft; aber er weiß, daß es immer verdoppelt wieder zur Hinterthür en Hand herein ſchlüpft, während, wenn die faulen Grafen es zum Fenſter ſo tanzen hinausſchmeißen, es nicht wieder kommt, weil ſie zu ſtolz ſind zu arbeiten, und neues Geld zu verdienen! Sie ärgern ſich, daß, wenn ſie in Noth ſind, der Jude ihnen Geld leiht, und mit ihren Wechſeln und ihren Verſchreibungen ihre Ehre in ſeine Judentaſche ſteckt. Sie ärgern ſich, daß er glänzende Diners giebt, und doch kommen ſie, wenn er ſie einladet, denn ihren lüſternen Gaumen behagen die herrlichen Weine und die ſeltenen Speiſen, die der Jude ihnen vorſetzt, und die er ſelber oft mit königlicher Verachtung an ſich vorübergehen läßt, weil das Geſetz ihm verbietet davon zu eſſen. Und ſie ärgern ſich jetzt am Meiſten darüber, daß der reiche Jude Eskeles Flies außer ſeinem Geld noch einen Schatz beſitzt, der mehr werth iſt, als alle Millionen der Welt, eine junge, ſchöne und geiſtreiche Tochter! Oh, rief Rahel erröthend, jetzt, mein Vater, habe ich wohl ein d5 und Recht zu ſagen, daß Du in der Lebhaftigkeit Deines Gefühls über⸗ griſen rreibſt! Vorher durfte ich es dente, jetzt darf ich 8s ſagen: iin, die Du gehſt zu weit, mein Vater, zu weit im Tadeln, wie im Loben. uhler, Der Haß und die Liebe haben Deine ſonſt ſo klaren und riefblicenden die wir Augen ein wenig verblendet; Du unterſchätzeſt die Chriſten, und Du 1Haß überſchätzeſt Deine Tochter! den 3 Ihr Vater zog ſie in ſeine Arme und drückte ihr ſchönes Haupt Kaiſer Joſeph. 3. Abth. II. 8 4 8. 114 zärtlich an ſeine Bruſt. Nein, mein Kind, ich überſchätze Dich nicht, ſagte er innig. Du biſt wirklich ſchön, reizend, anmuthig und geiſt⸗ reich. Es iſt nicht bloß mein Vaterauge und mein Vaterherz, das Dich dafür hält, ſondern ganz Wien ſagt es, ganz Wien ſpricht von der ſchönen Rahel, der Tochter des reichen Eskeles Flies! Still, mein Vater, ſtilll Oder willſt Du, daß Deine Tochter ein eitles, hochmüthiges Geſchöpf werde? Ich will, daß meine Tochter ſich ihres Werthes bewußt ſei, und daß ſie ihre Vorzüge gebrauchen lerne! Gebrauchen? Und wozu? fragte Rahel verwundert. Dazu, meine Tochter, daß Du das Glück Deines Vaters voll⸗ ſtändig machſt, und ihm hilfſt ſeine Rache an den hochmüthigen, ſtolzen Chriſten zu vollenden! Oh, mein Kind, Du weißt es nicht, welch ein ſtolzes Gefühl befriedigter Rache mein ganzes Weſen durch⸗ glüht, wenn ich Dich ſehe, umſchwärmt von Grafen und Baronen, die ſich um Dich drängen, und ſich ehrfurchtsvoll beugen vor Deiner Schönheit und den Millionen Deines Vaters. Rahel, gebrauche Deine Schönheit und Deinen Geiſt, um zu machen, daß alle dieſe vornehmen Herrn als Deine überwundenen Sclaven zu Deinen Füßen liegen, und dann ſchreite mit verächtlichem Fuß über ſie hin, und gönne mir das Glück all' dieſen demüthig Werbenden zu ſagen: „meine Tochter iſt eine Jüdin und will eine Jüdin bleiben, und nie⸗ mals wird ſie ſich herablaſſen eines Chriſten Weib zu werden, denn ſie verachtet die Chriſten, wie Ihr die Juden verachtet, wenn ſie nicht reich ſind!“— Gönne mir einen ſolchen Tag des Triumphes, meine Tochter, und dann fordere von mir was Du willſt, ich will es Dir gewähren, und ſollte ich die Sterne vom Himmel herniederziehen! Rahel antwortete nicht; ihr Haupt ruhte noch immer an ihres Vaters Bruſt; er ſah nicht, daß die Thränen in hellen Strömen aus ihren Augen floſſen, aber er fühlte, daß ein krampfhaftes Zittern ihre ganze Geſtalt erſchütterte, 5 etnem Ausruf des Schreckens hob er ſte empor und trug ſie zum ivan hin. Sie ließ es geſchehen, daß er ſie ſanft auf denſelben niederdrückte, daß er ſich neben ſie ſetzte, und leiſe ſeinen Arm um ihren Nacken ſchlang, um ſie wieder an ſein Herz zu ziehen. Warum weinſt Du, Rahel? fragte er leiſe und angſtvoll. Sage nicht, geiſt⸗ das t von ochter „ und voll⸗ jigen, nicht, zurch⸗ onen, deiner rauche dieſe füßen und agen: nie⸗ denn nicht meine 3 Dir en! ihres römen ittern ſeckens hehen, ſetzte, n ſein Sage 115 mir, was bedeuten dieſe Thränen? Oh Kind, treibe Deinen Vater nicht zur Verzweiflung, ſage mir, warum Du weinſt? Ich weine, weil das, was ich lange fürchtete, jetzt als eine fürchter⸗ liche Wahrheit vor mir ſteht, flüſterte ſie ſchluchzend. Ich weine, weil mein Vater, mein theurer, angebeteter Vater, ſeine Rache und ſeinen Haß mehr liebt, als ſein einziges Kind, denn ſeinem Haß will er die Seele ſeines Kindes opfern, und um ſeiner Rache willen ſoll ſeine Tochter ſich zu einer elenden Coquette erniedrigen, welche die Liebe, die Unſchuld und die Tugend dem ſtolzen, herzloſen Ruhm opfert: die elende Begier einiger armen, verſchuldeten Grafen und Barone erregt zu haben! Ich ſage Dir aber, fuhr ſie fort, ihr Haupt raſch emporhebend und ihren Vater mit blitzenden Augen und glühenden Wangen an⸗ ſchauend, ich ſage Dir, mein Vater, und ich ſchwöre es Dir bei dem Andenken an meine Mutter, die uns dort droben erwartet, ich werde niemals mich zu ſolcher Coquetterie erniedrigen, und niemals ſoll es geſagt werden, daß Rahel in kaltem höhniſchem Uebermuth Liebe zu erwecken ſuchte, ohne ſie erwiedern zu wollen! Oh, jetzt verſtehe ich erſt, weshalb Du all' dieſen Herrn erlaubteſt, in unſer Haus zu kom⸗ men, jetzt begreife ich, warum dieſer hochmüthige Wüſtling, vor dem meine Seele zurückſchaudert und der ſich in ganz Wien den Namen des Frauenverführers erworben hat, warum der Graf Liechtenſtein Podſtadzky das Recht hat, ſich Deiner Tochter zu nahen und mir ſeine ſchlimme Geſellſchaft aufzudrängen! Ihr Vater ſtieß einen Ausruf der Freude aus und ein ſtrahlen⸗ des Lächeln flog über ſein Antlitz hin. Du liebſt ihn alſo nicht? fragte er, ihre beiden Hände ergreifend und ſie feſt an ſeine Bruſt drückend. Sag' es, meine Tochter, wiederhole es mir noch einmal, Du liebſt ihn alſo nicht dieſen ſchönen Grafen Podſtadzky? Wie? Ich ſollte ihn lieben, dieſen entarteten Wüſtling, dieſen Menſchen ohne Herz, ohne Geiſt und ohne Seele! rief Rahel mit dem Ausdruck tiefen Abſcheues. Und ich Thor fürchtete, daß das Herz meiner Rahel ſich verirrt habe, ich Thor fraß heimlich manche Nacht ſchon an dieſem Schmerz, und als ich vorhin Deine Thränen ſah, da war's mir, als ob ein Dolch mir in's Herz führe, denn ich meinte, Du weinteſt, weil Du 8* 116 meinen Worten angemerkt, daß ich nimmer den Grafen Podſtadzky zu meinem Schwiegerſohn annehmen würde, ſelbſt wenn der Kaiſer es erlauben wollte, daß der verſchuldete Graf, um ſich zu erretten, eine Jüdin zu ſeiner Gemahlin machte! Aber nun iſt Alles gut, nun athme ich wieder leicht und frei, und nun freut's mich zu denken, daß der vornehme Graf die Tochter des Juden liebt! Nein, mein Vater, dieſer Menſch liebt mich nicht, ſagte Rahel verächtlich, er liebt nichts als ſein Vergnügen und ſich ſelbſt. Aber er beläſtigt mich mit ſeiner Frechheit, und ich bin nicht gewillt, ſeine Beleidigungen länger zu ertragen! Oh, er hat es gewagt, Dich zu beleidigen? rief ihr Vater mit drohendem Ton. Was iſt es, mein Kind? Was that er Dir? Er iſt während dieſer Tage, daß Du verreiſt warſt, drei Mal hier geweſen, um mich zu beſuchen. Ich ließ ihn abweiſen, da hat er es gewagt, ſich ſchriftlich an mich zu wenden, und mir durch mein Kammer⸗ mädchen einen Brief zuſtellen zu laſſen, einen Brief, in welchem der freche Menſch es gewagt, mir eine glühende Liebeserklärung zu machen und mich um eine geheime Zuſammenkunft zu bitten. Lies Du ſelbſt, mein Vater, und dann ſage, ob ich nicht ein Recht habe, dieſen Menſchen zu verachten! Sie nahm den geöffneten Brief, der vor ihr auf dem Tiſch lag, und reichte ihn ihrem Vater dar. Herr Eskeles Flies las ihn und ſein Antlitz flammte auf in Zorn. Siehſt Du, meine Tochter, ſagte er mit tiefem Grimm, ſiehſt Du, das iſt die Sprache, welche die Chriſten vermeinen, gegen ein ehrbares unſchuldiges Mädchen führen zu dürfen, weil ſie eine Jüdin iſt, weil ſte außerhalb der Geſellſchaft ſteht! Aber wir wollen dieſen Ueber⸗ müthigen ſtrafen für dieſe Beleidigung, ganz Wien ſoll es erfahren, daß wir den Herrn Grafen verachten und verſpotten! Wie, mein Vater, rief Rahel entſetzt, Du willſt Deine Tochter zum Gerede und Geſpötte der Welt machen? Nein, Rahel, aber ich will der Welt, welche, wie ich weiß, ſchon gewagt hat, ein Liebesverhältniß zwiſchen Dir und dem Grafen zu muthmaßen, ich will der Welt beweiſen, daß ſie ſich geirrt, und daß die ſchöne Rahel und ihr Vater den Grafen Podſtadzky Liechtenſtein verachten. Deshalb, meine Tochter, bitte ich Dich, ja, ich verlange adzkh raiſer tten, gult, nken, lahel Aber ſeine mit hier r es mer⸗ der cchen lſt, eeſen 117 es von Dir, daß Du dem Grafen die erflehete Zuſammenkunft be⸗ willigſt und ihm eine Stunde beſtimmſt, in welcher Du ihn hier in Deinem Zimmer empfangen willſt. Aber es muß eine Tagesſtunde ſein, unter dem vollen Glanz der Sonne und des Lichtes kann meine Tochter den Grafen Podſtadzky Liechtenſtein empfangen, denn Rahel Eskeles Flies hat nicht nöthig, den Tag zu ſcheuen und ihr Thun zu bergen unter dem Schleier der Nacht! Ich werde thun, was Du befiehlſt, ſagte Rahel ſeufzend, obwohl ich Dir geſtehen will, mein Vater, daß mein Herz bangt, und ich wünſchte, wir begnügten uns, den Grafen einfach von unſerer Thür zu weiſen und ihn niemals wieder die Schwelle unſeres Hauſes über⸗ ſchreiten zu laſſen. Damit er vielleicht lachend ſeinen Kumpanen und ariſtokratiſchen Freunden erzählt, die ſchöne Rahel liebe ihn, und ihr Vater habe ihm einige Millionen geboten, wenn er ſie zu ſeiner Gemahlin mache, er aber habe ſein adlich Wappen nicht beſchmutzen wollen und ſei deshalb fortgeblieben aus unſerm Hauſe? Oh, ich kenne ja dieſe Verleumdungen, welche dieſe ſtolzen Chriſten allzeit bereit haben, wenn es gilt, ſich an einem Juden zu rächen, und deshalb, Rahel, muß ganz Wien wiſſen, daß ich es bin, welcher den Grafen Podſtadzky verachtet. Thue alſo dies Mal meinen Willen, Rahel, ich befehle es Dir nicht mehr, aber ich bitte Dich darum: ſchreib' dem Grafen, daß Du ihm eine Zuſammenkunft bewilligſt, gieb ihm eine Stunde an, wann er kommen ſoll! Damit er meinen Brief ſeinen Freunden zeige? fragte Rahel. Damit er die Welt glauben mache, ich habe ihn geliebt, und deshalb habeſt Du ihm gezürnt? Iſt es durchaus Dein Wille, daß er hierher komme, ſo werde ich hinſchicken und ihn mündlich einladen. Meine alte treue Amme ſoll hingehen, ſie kennt mein Herz und wird nichts Schlimmes von ihrer Rahel denken, ſelbſt wenn dieſe den Grafen Podſtadzky zu ſich einladen läßt. Warum willſt Du nicht das Kammermädchen hinſenden, das Dir den Brief des Grafen gebracht hat? Weil ich ſte ſofort ihres Dienſtes entlaſſen und ſte verabſchiedet habe, mein Vater! Das war es, was ich hören wollte, ſagte ihr Vater lächelnd. 118 Ich finde meine Rahel immer ſo, wie ich ſie erwartete, ſtolz und keuſch, und ohne den leiſen Schimmer eines Fleckens auf ihrer klaren, jung⸗ fräulichen Stirn. Oh nur Geduld, Geduld, mein Kind, ich will Dich belohnen für dieſe Stunde, und da Du die Grafenkrone des Herrn Podſtadzky verſchmähſt, will ich um Deine ſchöne Stirn eine Freiherrn⸗ krone legen. Du ſtehſt mich erſtaunt an? Ja, mein Kind, das bleibt vorläufig mein Geheimniß, aber ich denke, Du ſollſt es bald erfahren, was der reiche Jude Eskeles Flies unter der freiſinnigen Regierung des edlen Kaiſer Joſeph mit ſeinem Gelde ſich Alles erkaufen kann! Aber jetzt lebe wohl, man erwartet mich im Comtoir, ich muß rechnen, mein Kind, rechnen, denn meine Millionen müſſen ſich verdoppeln, damit ich meiner Rahel ein Königreich kaufen und ihr zu Füßen legen kann! Er küßte ſeine Tochter auf die Stirn und erhob ſich dann, um das Zimmer zu verlaſſen. Aber ſchon an der Thür angelangt, wandte er ſich noch einmal um. Iſt der Geheime Secretair des Kaiſers, Herr Günther, wieder hier geweſen? fragte er lächelnd. Ja, er war hier, ſagte Rahel gelaſſen. Und Du haſt ſeinen Beſuch angenommen? Ich habe ihn angenommen, mein Vater, denn Du ſelbſt warſt es, der ihm den Beſuch unſers Hauſes erlaubt hat. Ihr Vater ſchwieg einen Augenblick. Und doch glaube ich, ſagte er dann, daß es beſſer wäre, wenn Du ihn ſeltener empfingſt. Du, in Deiner Unbefangenheit und dem ſtolzen Gefühl Deiner Ueberlegen⸗ heit, haſt vielleicht nicht geſehen, was die wachſamen Augen Deines Vaters längſt errathen haben: dieſer junge Mann liebt Dich, Rahel, er liebt Dich wahrhaft; nicht ſo wie die übermüthigen Ariſtokraten, ſondern mit einem redlichen Herzen. Ich glaube wahrhaftig, er könnte kühn genug ſein, zu vermeinen, die ſchöne Rahel Eskeles könnte ihren Vater und ihren Glauben aufgeben, um das Weib eines kleinen Geheimſecretairs zu werden, eines Subaltern⸗Beamten, deſſen Bruder der Kammerdiener des Kaiſers iſt und den Vorzug genießt, Seiner Majeſtät die Stiefel ausziehen zu dürfen! Ich habe ſolche kühne Wünſche in den Augen des jungen Menſchen geleſen, und wenn ich auch lachen muß über ſeine Vermeſſenheit, ſo jammert es mich doch 119 obwohl ein Chriſt, doch ein guter Menſch iſt. Viel⸗ ihn von ſeiner Liebe zu heilen und ihn zur Behandle ihn alſo ſtrenge, oder beſſer noch, nimm ihn gar nicht mehr an! Du ſiehſt, Rahel, ich bin nicht immer ſo ſchlecht, Dich zur Coquetterie verleiten zu wollen, und ich bitte ſelbſt für den armen, kleinen Geheimſecretair Günther. Armer, junger Menſch! Er hat den Anblick der Sonne nicht ertragen können, und ſeine Augen ſind ihm daran geblendet worden! Es iſt alſo beſſer, ihn die Sonne nicht mehr ſehen zu laſſen und ihn ſo zur Ver⸗ nunft zurückzuführen. Alſo, es iſt abgemacht, der Kabinetsſecretair Günther wird nicht mehr angenommen! Er nickte ſeiner Tochter noch einmal lächelnd zu und ging dann eilig hinaus. Rahel ſchaute ihm, wie erſtarrt vor Schreck, mit weit aufgeriſſenen Augen nach, bis ſein Schritt in der Ferne verhallte. Dann aber ſank ſie wie zerſchmettert auf ihre Kniee nieder, und ihre Hände vor ihr Antlitz ſchlagend, flüſterte ſie mit verzweiflungsvollem Schmerz: oh mein Gott, ich ſoll ihn nicht mehr ſehen! Ich ſoll ihn aufgeben und verlaſſen, ihn, den ich liebe, den ich ewig lieben werde! Schluchzen erſtickten ihre Stimme, und in dem mit ſo viel Pracht und Reichthum ausgeſtatteten Zimmer vernahm man nur noch das tiefe Klagen, die bangen Seufzer der ſchönen Rahel, der Tochter des reichen Juden Eskeles Flies, die ſich arm und elend fühlte, trotz der Millionen ihres Vaters! zugleich, weil er, leicht iſt's noch Zeit, Beſonnenheit zurückzuführen. IV. Die Gräfin Baillou. Die ſchöne Gräfin Baillou gab heute in dem Höôtel, das ſie ſich auf der langen Straße zu Wien gekauft hatte, ihr erſtes Feſt. Sie 120 hatte dazu Einladungen an die ganze hohe Ariſtokratie von Wien geſandt, und überall waren dieſelben angenommen worden. 2 Und doch lebte die Gräfin Balllou erſt ſeit einigen Wochen in Wien, doch war ſie mit Niemand von der hohen Ariſtokratie ver⸗ 6 wandt, und niemals hatte man in dieſen hohen Kreiſen früher ihren il Namen vernommen. Aber ſie war nach Wien gekommen, ausgeſtattet ſt mit zwei Dingen, welche ihr die Salonthüren der hohen Ariſtokratie i geöffnet hatten, ausgeſtattet mit Empfehlungsbriefen und Gold. Ihre herrliche Equipage, ihre Lakayen in den goldbetreßten Livreen, ihre 3 eigene glänzende Toilette, und endlich ihre große Schönheit hatten die Augen der vornehmen Welt ſchon gefeſſelt, noch bevor die Gräfin 1 ihre Empfehlungsbriefe abgegeben. Man hatte im Augarten ihre glänzende Equipage bemerkt, man hatte Abends im Theater das Flimmern ihrer Brillanten und ihrer wundervollen ſchwarzen Augen geſehen, und die ganze Schaar dieſer( jungen Cavaliere des erſten Ranges richtete von ihren Logen aus ihre Perſpective auf die fremde, glänzende Dame, die da mit ſo viel Grazie und vornehmer Unbekümmertheit in dem Fauteuil ihrer ein⸗ ſamen Loge lehnte. Plötzlich ſahen ſie die Thür dieſer Loge ſich öff⸗ nen, ein junger Mann trat ein und näherte ſich der ſchönen Fremden, die ihn mit einem Lächeln empfing, welches zwei Reihen blendend weißer Zähne blicken ließ. Ein Ausruf der Ueberraſchung ertönte von den Lippen der Cavaliere, die da drüben in der großen Loge verſammelt und deren Perſpective noch immer auf die Fremde gerichtet waren. Sie Alle erkannten jetzt den jungen Mann, der zu der Dame eingetreten. Es war der Graf Podſtadzky Liechtenſtein, der ſchönſte, reichſte, übermüthigſte Cavalier des Kaiſerhofes, von deſſen Verſchwendung, Leichtfertigkeit und Unwiderſtehlichkeit ganz Wien ſich die wunder⸗ barſten Dinge erzählte, und der, ſeit einigen Monaten von großen Reiſen zurückgekehrt, in Wien ſeinen Aufenthalt genommen. Seitdem war der junge Graf Podſtadzky, der einzige Sohn einer der vornehm⸗ ſten Ariſtokratenfamilien, der einzige Erbe des alten Grafen Pod⸗ ſtadzky, welcher beim jungen Kaiſer in hohem Anſehen ſtand, das bewunderte Vorbild aller jungen Cavaliere geworden, und ſie Alle hatten ſich beſtrebt, ihm nachzueifern. Als ſie daher den jungen Mann 12¹ jetzt in die Loge der Fremden eintreten ſahen, ſtand es bei ihnen Allen feſt, daß es nothwendig ſei, die Bekanntſchaft der geheimniß⸗ vollen Dame zu machen, welcher Graf Podſtadzky eben mit ſo viel Ehrfurcht und Aufmerkſamkeit begegnete, daß er es nicht wagte neben ihr Platz zu nehmen, ſondern in ehrfurchtsvoller Haltung vor ihr ſtehen blieb, während ſie auch nicht einen Moment um ſeinetwillen ihre nachläſſige, bequeme Stellung aufgegeben hatte. Als der Graf Podſtadzky endlich die Loge der Dame verlaſſen, eilten die jungen Cavaliere aus ihren Logen, um dem Grafen zu be⸗ gegnen, um ihn mit glühender Neugier über den Namen, den Stand und die Verhältniſſe der jungen Fremden auszufragen. Graf Podſtadzky gab ihnen auf alle ihre ſtürmiſchen Fragen genügende Auskunft. Er erzählte ihnen, daß er die Gräfin Baillon vor einem Jahre in Rom kennen gelernt habe, wo ſie mit ihrem Gemahl, einem achtzigjährigen Greis, an den die Habgier ihrer ver⸗ armten Aeltern ſie verkauft hatte, ein glänzendes Haus gemacht, und die Zierde der hohen, ſo excluſiven und ſtrengen Ariſtokratie des alten Roms geweſen. Er erzählte ferner, daß man ſie in Rom nicht bloß wegen ihrer Schönheit, ihres Geiſtes, und ihres Reichthums bewundert habe, ſondern mehr noch wegen ihrer ſtolzen unnahbaren Tugend, die an der Seite eines alten, verhaßten Gemahls, und umringt von einem Heer junger ſchöner Anbeter, um ſo merkwürdiger geweſen. Aber ſelbſt die größte Wachſamkeit der neidiſchen und eiferſüchtigen Damen Roms habe an der jungen Gräfin keinen Makel finden und nicht einer ihrer Anbeter habe ſich verrühmen können, von der Gräfin jemals nur eine kleine Bevorzugung, ein kleines Zeichen ihrer Gunſt erhalten zu haben. Daher habe man die Gräfin immer nur la Contessa del cuore freddo genannt. Ferner erzählte der Graf Podſtadzky, daß er ſelber die glühendſte Liebe zu dieſer wunderbaren, kaltherzigen Schön⸗ heit empfunden habe, und in Verzweiflung gebracht von ihrer Grau⸗ ſamkeit, um ihretwillen Rom verlaſſen habe. Jetzt aber, da er ſte ſo unerwartet hier wieder gefunden, habe er der Verſuchung nicht widerſtehen können, ſie zu begrüßen, und habe mit heimlichem Ent⸗ zücken von ihr vernommen, daß ſie ſeit einigen Monaten Wittwe, Erbin der ungeheuren Reichthümer ihres Gemahls und Willens ſei, eine Saiſon in Wien zu verleben. — 122 Natürlich beſtürmten die jungen Cavaliere den glücklichen bevor⸗ zugten Grafen Podſtadzky, ſie der wunderbaren, ſchönen Contessa del cuore freddo vorzuſtellen, damit ſie gleich ihm ſelber verſuchen dürften, ihr kaltes Herz endlich zu rühren, und die Liebe der jungen Wittwe zu gewinnen. Graf Podſtadzky begab ſich in die Loge der Gräfin, um ihr den Wunſch der Cavaliere mitzutheilen, kehrte aber bald mit der unwill⸗ kommenen Nachricht zurück, die Gräfin Baillou empfange keine Herrn, welche ihr nicht von irgend einer namhaften und angeſehenen Dame der Geſellſchaft vorgeſtellt worden. Dieſe Weigerung machte die Cavaliere nur noch begieriger auf die Bekanntſchaft der ſtolzen ſpröden Frau, und als ſie am andern Tage in ihrer von vier herrlichen Rappen gezogenen Equipage ihre Promenade im Augarten machte, folgte ihr ein ganzer Cortéège vor⸗ nehmer, junger Reiter, welche Blicke voller Neid auf den jungen Grafen Podſtadzky Liechtenſtein warfen, welcher beneidete, glückliche Sterbliche neben dem Wagen ritt. Einige Tage ſpäter machte die Gräfin Baillou ihre Antritts⸗ viſiten, das heißt, ſie fuhr bei den Hôtels der größten und angeſehenſten Familien vor, und ließ durch ihren von goldenen Treſſen ſtrotzenden Lakahen ihre Karte und ihre Empfehlungsbriefe abgeben, ohne indeß perſönlich eine Viſite machen zu wollen. Die Empfehlungsbriefe waren ſämmtlich von den erſten Fürſten⸗ 8 und Grafenfamilien Rom's ausgeſtellt, die Colonna's und Orſtini's hatten die Gräfin Baillou ihren Bekannten und Freunden in Wien mit ſolcher Wärme empfohlen, daß dieſe ſich beeiferten, dieſen Em⸗ pfehlungen zu genügen. In den nächſten Tagen ſah man daher vor dem Gaſthof, in welchem die Gräfin abgeſtiegen war, ein ununter⸗ brochenes Vorfahren von Equipagen der hohen Oeſterreichiſchen Ar⸗ riſtokratie, deren Damen aus eigener Neugierde, und gedrängt von Wünſchen ihrer Gatten, Brüder und Freunde, welche ja nur durch die Damen zu der Ehre gelangen konnten, der Fremden vorgeſtellt zu werden, kamen, der Gräfin Baillou ihren Gegenbeſuch zu machen. Allein die Gräfin Baillou nahm in ihrem Gaſthof die Beſuche der Damen ebenſo wenig an, als ſie in ihrer Loge die Beſuche der Herren hatte annehmen wollen. Nun ſchrieb ſie an alle dieſe Damen 84 4 vor⸗ 888 chen gen den will⸗ errn, dame auf dern ihre vor⸗ ngen kliche ritts⸗ nſten nden ndeß rſten⸗ ſini's Wien Em⸗ vor untel⸗ 1 Ar⸗ tvon durch llt zu en. eſuche he der Hamen 123 Entſchuldigungsbriefe, und aus allen dieſen Briefen, von welchem keiner dem andern glich, obwohl ſie doch Alle daſſelbe Thema der Entſchuldigung behandelten, ſprach ein ſolch hoher, feingebildeter Geiſt, ſo viel Liebenswürdigkeit und Zierlichkeit, daß ſelbſt die anſpruchsollſten und ſtolzeſten Damen ſich davon überwunden fühlten, und erklärten, die Gräfin Baillou müſſe eine ſehr geiſtreiche und liebenswürdige Frau ſein, und es verlohne wohl der Mühe, ihre Bekanntſchaft zu machen. In ihren Briefen dankte die Gräfin den Damen für die große Zuvorkommenheit, mit welcher dieſe, nicht Dank dem Verdienſt der Gräfin, ſondern Dank den Empfehlungsbriefen ihrer Freunde in Rom, die Fremde aufgenommen, indem ſie ſogar ſich herablaſſen wollten, ſie in den elenden Zimmern eines Gaſthofes zu beſuchen. Aber dieſe Zimmer ſeien nicht würdig, ſo hohen Beſuch zu empfangen, und deshalb verzichte die Gräfin auf das Glück, die jungen Damen kennen zu lernen, bis zu dem Moment, wo ſie ſo glücklich ſein dürfe, ſie in ihrem eigenen Hôtel empfangen zu können. An der Einrichtung deſſelben werde bereits gearbeitet, und ſobald ſie vollendet, werde die Gräfin die Damen erſuchen, durch ihr liebenswürdiges Erſcheinen ihr Haus zu weihen, und ihr, der Fremden, großmüthig eine Heimath zu geben. Nach dieſen Briefen hatte man wenig mehr von der Gräfin Baillou geſehen; ſelbſt im Theater war ſie nie mehr erſchienen, nur im Augarten begegnete man zuweilen ihrer Equipage, aber die Fenſter derſelben waren heraufgezogen, und die Contessa del cuore freddo ſchien ſich hinter dieſe glänzenden Wände vor den neugierigen Blicken der ihr fremden Cavaliere nicht allein, ſondern auch vor den Unter⸗ haltungen des Grafen Podſtadzky geflüchtet zu haben. Vergebens ſuchte dieſer ſich ihr zu nähern, vergebens ritt er dicht an ihren Wagen heran um ſie zu begrüßen. Die Gräfin Balllou ſchien ſeine ehrerbietigen Verbeugungen kaum zu bemerken, und nicht Einmal ließ ſie die Fenſter niedergleiten, um dem Grafen die ſo ſehnlichſt gewünſchte Unterredung zu geſtatten. Aber wenn man wenig mehr von der Gräfin Baillon ſah, hörte man doch deſto mehr von ihr. Sie hatte ſich auf der langen Gaſſe, der faſhionableſten Straße der Wiener Altſtadt ein ganzes Höôtel ge⸗ miethet, und mit wahrem Neid hatten ſeine jungen Freunde von dem 124 Grafen Podſtadzky vernommen, daß er das Glück gehabt, der Gräfin Baillou bei dem Aufſuchen einer paſſenden Wohnung hehülflich zu ſein, und daß er ſie begleiten durfte, als ſie das von ihm vorgeſchlagene Hotel beſichtigte. Von der glänzenden Einrichtung dieſes Hétels, das nun für den Winter die Reſidenz der ſchönen Contessa del cuore freddo ſein ſollte, fing man nun bald an, ſich in Wien die größten Wundermährchen zu erzählen. In den Magazinen der erſten Kaufleute hatte die Gräfin Baillou ſo außerordentliche und verſchwenderiſche Beſtellungen gemacht, daß dieſelben Anſtand genommen haben würden, dieſelben auszuführen, hätte der Ruf ihnen nicht ſchon von den enormen Reichthümern der Gräfin erzählt, und wäre ſie nicht außerdem bei ihrem erſten Erſcheinen in den Magazinen von dem jungen Grafen Podſtadzky Liechtenſtein begleitet geweſen, den Jedermann kannte, und deſſen Begleitung für die ſchöne Fremde eine genügende Bürg⸗ ſchaft ſein konnte. Die Beſitzer der großen Magazine beeilten ſich daher, ihre koſt⸗ barſten geſchnitzten und ausgelegten Meubles, ihre Stoffe von gold⸗ geſticktem Sammet und ſchwerem Seidenbrofat, ihre Luſtres von Bergeryſtall, ihre perſiſchen Teppiche, ihre Venetianiſchen Spiegel, ihre Marmorvaſen und Statuen, kurz Alles, was zu einer noblen und glänzenden Einrichtung nothwendig war, zur Verfügung zu ſtellen. Die Goldarbeiter empfingen von der Gräfin Baillou die Beſtellungen zu den ſchweren maſſiven Tafelaufſätzen und goldenen und ſilbernen Couverts, und die Juweliere ſchätzten ſich glücklich, der Gräſin Baillou einige ihrer auserleſenſten und koſtbarſten Schmuckſachen verkaufen zu können. Die Gräfin hatte aber auch eine Eigenſchaft, welche die Kaufleute mit Entzücken erfüllte. Sie bezahlte Alles baar, zwar nicht mit klingender Münze, aber doch mit guten öſterreichiſchen Banknoten, ihr Haushofmeiſter hatte von ſeiner Herrin die ſtrenge Ordre erhalten, keine Sendung der Kaufleute und Fabrikanten anzunehmen, ohne nicht zugleich den Betrag für dieſelben auszuzahlen, und dieſe ſtrenge Ordre der Gräfin war es, welche die Lieferanten berauſchte, und ſie mit wahrer Bewunderung für die ſchöne Fremde erfüllte. Und endlich jetzt war die Ausſchmückung und Einrichtung des Hôtels fertig, und die Gräfin, wie geſagt, wollte heute ihr erſtes 125 räͤfin Feſt geben, zu welchem ſie an alle die vornehmen Familien, an welche ) zu ſie Empfehlungsbriefe gehabt, ihre Einladungen geſandt hatte, die von gene Allen bereitwillig acceptirt worden waren; denn Jedermann war be⸗ das gierig, dieſes Feenſchloß zu ſehen, und mehr noch die geheimnißvolle ore Fee aus den Schleiern ihrer Verborgenheit hervorrauſchen zu ſehen. ßten Es war aber auch in der That ein Feenſchloß, dieſes Hôtel der leute Gräfin Baillou, und die lange Reihe dieſer Prunkgemächer und Säle iſche war mit einem Luxus ausgeſtattet, welcher an die verſchwenderiſche den, Pracht des alten Roms erinnern konnte. Da ſah man Säle, ganz men zuſammengeſetzt aus Marmor, Bronze und Spiegeln, die Fußböden bei ausgelegt mit den ſeltenſten und koſtbarſten Holzarten, die einen köſt⸗ afen lichen Duft von Cedern und Roſen ausſtrömten, und über deren nte, glänzende Spiegelfläche die tanzenden Füße wie beſchwingt dahingleiten mochten. Da waren Zimmer mit den herrlichſten Gemälden, den auserleſenſten Kunſtgegenſtänden, die in anſcheinender Nachläſſigkeit koſt⸗ hier und dort auf marmornen Tiſchen und goldenen Gueridon’s um⸗ herſtanden, während die koſtbarſten Divan's und Fauteuils zum urg⸗ old— u Niederſitzen einladeten, um alle dieſe herrlichen Sachen beim Schein egel, der hunderte von Wachskerzen, die von goldenen Armleuchtern und blen Wandleuchtern und von den Luſtres der Decke ihr Licht ausſtrömten, llen. bewundern zu können. Aber wem dieſes Meer von Licht, von Gold ngen Croſtall, und Spiegeln die Augen verblendete, der mochte ſich zurück⸗ rnen ziehen in die kleinen, reizenden Boudoirs, die von Zeit zu Zeit an llou der Seite der Säle und Prunkgemächer ſich öffneten, und in denen ufen ein ſüßes Schweigen, ein ſanftes Dämmerlicht herrſchte, und wo man auf ſchwellende Polſter hingeſtreckt, in behaglicher Ruhe dem Treiben heute der glänzenden Geſellſchaft, die ſich da in den Gemächern bewegte, krni zuſchauen konnte. An dieſe Reihe der Zimmer, Säle und Boudoirs vicm⸗ ſchloß ſich das Gewächshaus an, eine neue Reihe von Sälen, in denen ltm aber die herrlichſten Blumen aus allen Ländern und Zonen, die wunder⸗ tht vollſten Palmen, die von den grünen Zweigen der O Suanden und Lorbeer⸗ vi bäume herniederhängenden Früchte, die Pracht des Goldes, des Mar⸗ en mors, und der Spiegel erſetzten, wo in vergoldeten Käfigen oder in 21 ſchaukelnden Reifen die buntgefiderten Vögel der ſüdlichen Zonen, von dem Kakadu bis zu den kleinen Colibri's ſich wiegten, wo in des Bosquets, aus blühenden Myrten und Roſengeſträuchen gebildet, 126 künſtliche Raſenbänke zum Sitzen einluden, um dem Murmeln und Plätſchern der kleinen Cascaden und Springbrunnen zuzuhören, die ihr herrlich duftendes Waſſer in marmorne Becken ergoſſen. Noch war die Geſellſchaft nicht eingetreten in dieſe prachtvollen Räume, aber alle Vorbereitungen zu dem Empfang der Gäſte waren beendet, die Kerzen der Luſtres, Armleuchter und Gueridons brannten ſchon und verbreiteten Tageshelle durch dieſe Säle, deren tiefes Schweigen zugleich etwas Schauerliches und geheimnißvoll Feier⸗ liches hatte. Die Gräfin Baillou ſelbſt war noch nicht in dem erſten der Säle erſchienen, in welchem ſie ihre Gäſte empfangen wollte, ſie hatte noch ihr Toilettenzimmer nicht verlaſſen, und die Säle in ihrer Vollendung und Pracht, zum heimlichen Aerger ihres Haushofmeiſters, noch gar nicht in Augenſchein genommen. Aber endlich öffnete ſich da drüben die Thür, endlich verließen ihre Dienerinnen das Toilettenzimmer, und der Anzug der Gräfin war vollendet. Der Haushofmeiſter ſtand noch immer in dem Em⸗ pfangsſaal, nach welchem das Toilettenzimmer der Gräfin ausmündete und erwartete ihr Kommen. Und jetzt flog die Thür auf, und dieſe hohe wundervolle Frauengeſtalt in dem weißen Atlasgewande, mit dem Diadem von Brillanten in dem ſchwarzen Haar, mit den Arm⸗ bändern von Brillanten um die blendend weißen üppigen Arme, das war ſie, die ſchöne Gräfin Baillou. Wie eine Feenkönigin ſchwebte ſie daher, ein Meer von Glanz, Licht und Farben um ſich her ver⸗ breitend, bewunderungswürdig in ihrer Schönheit, ihrer Würde und Hoheit, die allen Glanz der Brillanten und Edelſteine noch überſtrahlte. Ihre Geſtalt hatte zugleich etwas von der Venus und der Juno, ſie war zugleich üppig und hoheitsvoll, imponirend und reizend; es war die Geſtalt dieſer reizenden Frauen Roms, welche bei aller Gluth und Ueppigkeit der Italiänerin doch nie vergeſſen, daß ſie die Töchter der ewigen Roma ſind, und daß dieſe Abkunft ihnen einen ewigen un⸗ vergänglichen Adel verleiht. Ihr Haupt, das ſie auf einem ſchlanken Halſe wiegte, war umringt von Locken, die ſchwarz wie Ebenholz zur Seite ihres Antlitzes niederrollten, und ihr durchſichtig blaſſes Geſicht, deſſen klaſſiſches Ooal an den Kopf der Venus von Milos erinnerte, wie mit einem Rahmen umgeben. Und in dieſem bleichen 24 edlen Antlitz mit dem energiſchen Mund, der kühnen, leicht gebogenen Naſe, der hohen, majeſtätiſchen Stirn leuchteten zwei Augen, von 3 ſo unergründlicher Tiefe, ſo intenſtver Gluth, als hätte ein Sabl von der brennenden Sonne des Südens ſich in ihre Tiefe geſenkt. 4 Die Gräfin ging, oder ſchwebte unhörbaren Schrittes bis in die Mitte des Empfangsſaales, und ihr ſchönes Haupt ſeitwärts wendend, warf ſie einen einzigen langen prüfenden Blick durch die Reihe der Gemächer, die ſich da vor ihr aufthat. Dann wandte ſie ſich an ihren Haushofmeiſter, der in athemloſer Gpannung einem Wort von ihr entgegenharrte. 4 Nicht übel, mein Freund, ſagte ſie mit ihrer ſonprer, melodiſchen Stimme. Ich bin mit Ihnen zufrieden, und ich danke Ihnen. Sie haben Alles, wie es ſcheint, gut und glänzend arrangirt. 12 Wollen mir die Frau Gräfin nicht das Glück gönnen, Sie durch dieſe Säle geleiten zu dürfen, und von Ew. Gnaden zu erfahren, ob ich Alles Ihren Anordnungen gemäß irt und placiri habe? 3 fragte der Haushofmeiſtetrr. Wozu das, mein Freund? ſagte die Gräfin gleichgültig. ch bin im Voraus überzeugt, daß Sie meinen Befehlen genügt haben, 8* und daß Alles gut arrangirt iſt. Für mich ſelbſt aber hat. gles⸗ Bischen Flittertand und dieſe Decorationspracht gar und ich bin gar nicht neugierig es zu ſehen. 4 für, daß auch die Küche ihre Schuldigke die auserleſenſten Speilen Gaumen der nie, daß es nicht Ihre Aufgabe iſt, irgendwie Erſparungen llen, ſondern vielmehr Alles ſo glänzend als möglich entließ den Haushofmeiſter mit einem kaum merklichen Kopf⸗ micken, und ließ ſich langſam und mit einem tiefen Seufzer in einen uteuil niedergleiten. G AC r kaum hatte der Haushofmeiſter das Zimmer verlaſſen, kaum die? des Vorſaals ſich hinter ihm geſchloſſen, als die Gräfin . gegung aus ihrem Fauteuil erhob. Auf ſtolze, hoheitsvolle Weſen verſchwunden, lles an ihr? hmete Leben, Feuer und Gluth. Mit einem itz ihrer Augen ſeͤunte ſie umher, als müſſe ſie ſich noch ei, dann, als ſie ſich überzeugt, belauſchen könne, durchſchritt ſtoßende Gemach ein. Ihre hierhin und dorthin flogen, wollen, und je mehr ſie deſto ſchneller ward der Schritt eeſe hohe majeſtätiſche Geſtalt glanz durch dieſe einſamen, ſchweigenden Inden Brillanten das eeh ihren eigenen Glanz wiederſpisgelnd denen ſie vorüberſchwebte. ährchenkönigin in ihren Blick nicht auf die Abgründe, Carlo, ſondern auf die denen wir ſtehen, und denke daran, daß wir nur nöthig h Höhen zu erklimmen, um ſicher zu ſein. ſicher! Fühle meine Hand, ſie iſt warm, fühle meinen Puls, ruhig und gleichmäßig, ich habe keine Furcht, ich zittere vor keine Schreckniß. Du biſt ein Heldenweib, Arabella, ſagte der Graf, Du⸗ kenne der That keine Furcht, und als ich vorhin hier e eintra ſogar⸗ als ob ich Dich lachen hörte. Du haſt Recht, ich lachte auch, ſagte ſie. Und mußte ich nicht lachen, lachen vor Freude und ſtolzer Luſt, wenn ich daran. dachte, zu welcher Miſère mich das Schickſal eigentlich⸗ verdammt h. in welchen Glanz und in welche Ararht⸗ ich mich ſelb Miſéère gerettet habe? Oh, iſt es nicht, Gefühl, ſich ſagen zu können iſt, daß man ſich ſelbe wir haben nich in Deinem Eigenthum ſind und daß ich hier die erſte Geſellſchaft Wiens empfangen will. Horch, mein Freund, da rollen die Wagen ſchon heran. Sie kommen, die ſtolzen, tugendhaften Damen, ſie zmmen, ſich vor meinem Reichthum zu beugen und ſich über meine Schönheit zu ärgern. Noch eine Frage, Carlo! Wie ſtehſt Du mit r ſchönen Rahel? Ich hoffe, unſer Plan wird gelingen! Rahel liebt mich, wie es ch habe ſite um ein Rendezvous gebeten, und ſie hat es . Uebermorgen wird ihr Vater verreiſen, und dann ſoll 3 ihr kommen! Geh', mein Carlo, geh', mein beſter Segen begleitet Dich, riefe man lächelnd. Mache Deine Sache gut, damit das klingende nen Juden Eskeles Flies recht bald in unſere Truhen Banknoten paart. Und nun fort, fort! halben Stunde komm' in den ahaften Damen dürfen iungen Grafen chaft agen ſie teine ürfen rafen 133 fürchtend, den Kampf mit ſeinen gefährlichſten Feinden begonnen, er hatte der Prieſterſchaft den Fehdehandſchuh hingeworfen, und hatte mit demſelben ſogar den Stuhl des heiligen Petrus zu Rom getroffen. Der erſte Schlag, den er führte, traf die geiſtlichen Oberhirten in ſeinen Landen, die Biſchöfe. Sie ſollten von nun an Unterthanen ſein des Kaiſers, wie alle übrigen Unterthanen. Unabhängig und frei von dem Papſte ſollten ſie als Staatsbürger dem Kaiſer allein gehorſam ſein, und keine Bulle und kein Beſehl des Papſtes ſollte zur Ausführung kommen, bevor nicht der Kaiſer dazu ſeine Erlaub⸗ niß ertheilt. Die Biſchöfe ſollten in ihre alten Rechte wieder einge⸗ ſetzt werden, und die angemaßte Befugniß des Papſtes, daß Er allein in katholiſchen Landen Dispenſationen in Cheſachen, Abläſſe und Strafen gebieten könne, ſollte aufhören und in die Hände der Biſchöfe übergehen. Aber dies war nur der erſte Schritt, den der Kaiſer gegen das erzitternde Rom that. Frei wollte er ſein Volk haben und ſelbſt⸗ ſtändig, und auch die Prieſter und Geiſtlichen zählte er zu ſeinem Volk. Deshalb entband er alle geiſtlichen Gemeinden und Ordenshäuſer in den öſterreichiſchen Erbſtaaten von aller Verbindlichkeit und allem Zuſammenhang mit auswärtigen Obern, Provinzen und Klöſtern, und der Ordensgeneral zu Rom durfte den öſterreichiſchen Ordens⸗ geiſtlichen keine Geſetze mehr auferlegen, nur die einheimiſchen Biſchöfe hatten das Recht dazu. Kein Geld durfte mehr von den Klöſtern und Brüderſchaften außer Landes geſandt werden, keine geiſtliche Ver⸗ ordnung durfte ohne landesfürſtliche Genehmigung verbreitet werden. Dieſe Verordnungen brachen indeß nur den Machteinfluß, den Rom ſich in Oeſterreich angemaßt, ſie betrafen nur Nom's Einfluß auf den Clerus, aber ſie erſchütterten noch nicht den Machteinfluß, den der Clerus auf das Volk bis dahin ausgeübt! Dieſen indeß zu brechen, ſein Volk frei zu machen von der Vormundſchaft der Prieſter, die Gewiſſen zu erlöſen von den Banden der Bigotterie und des Aberglaubens, das war das große Ziel, welches der Kaiſer ſich ſelber geſteckt, darnach wollte er ringen und ſtreben, unbeirrt von den ängſt⸗ lichen Mahnungen ſeiner Freunde, von den wüthenden Drohungen ſeiner Feinde! 134 Das Volk ſollte frei werden von den Prieſtern und dem Aber⸗ glauben. Hinweg alſo mit dem Ablaßkram, den Amuletten, den Wallfahrten und Prozeſſionen! Die Religion ſollte gereinigt werden von dem Flitterſtaat und dem Aufputz, den Hochmuth, Unwiſſenheit und Eitel⸗ keir ihr ſeit Jahrhunderten angeheftet, die Prieſter ſollten wieder die Diener der Kirche, nicht mehr ihre Herren ſein, und anſtatt das Volk, wie ſie bishen gethan, zu verdummen, ſollten ſie daſſelbe aufklären! Deshalb befahl der Kaiſer, daß ſie ſelber gehalten ſein ſollten, ſich Kenntniſſe zu erwerben und Fründliche Studien zu machen, deshalb gründete er Seminarien, in denen die angehenden Prieſter erzogen werden ſollten zur Toleranz, zur Liebe und zur Freiheit! Aber dieſes Alles war doch nur die Vorbereitung zu dem großen Schlag, mit dem der Kaiſer endlich dieſes ganze Gebäude der Prieſter⸗ herrſchaft und des Monachismus zerſchmettern und in Staub legen wollte! Dieſer letzte entſcheidende Schlag war die Aufhebung der Klöſter! Die Klöſter ſollten nicht mehr eine Zufluchtsſtätte ſein für die Trägheit, die Arbeitsſcheu, die Genußſucht und Bequemlichkeit! Ar⸗ beiten und nützlich ſein ſollten die Mönche ſowohl wie die Nonnen. Ein heiliges und gottſeliges Leben, der Drang nach Einſamkeit und Stille, um in heiliger Zurückgezogenheit die Hände zu müßigen Ge⸗ beten zu falten, das ſollte nicht mehr die Aufgabe der Mönche und Nonnen ſein, und deshalb erließ der Kaiſer ein ganz neues, nie ge⸗ ahntes Geſetz. Alle die nutzloſen Klöſter ſollten aufgehoben werden und die Bewohner derſelben ſollten in das Leben, in die Wirkſamkeit, zu der Arbeit um das tägliche Brot zurückkehren! Und jetzt ging ein Schrei des Entſetzens durch alle öſterreichiſchen Lande, aus den Klöſtern tönte er hervor und fand ſeinen Wiederhall in allen Hütten und allen Paläſten, und Alles ſchrie und jammerte und klagte: der Kaiſer will die Religion vernichten! Der Kaiſer greift ſte an in ihren heiligſten Satzungen, der Kaiſer iſt ein Ungläubiger, ein Ketzer, und er will auch ſein Volk zu ſeinen Geſinnungen bekehren, und er will auch ſein Volk mit hineinziehen in das Verderben, mit dem eines Tages die Rache des Himmels ihn ſelber zerſchmettern wird. So ſprachen und wehklagten die Prieſter, und das Volk ſprach 135 und wehklagte es ihnen nach! Die Religion, klagte man, ſei gefährdet, die heilige Kirche ſei bedroht von dem ungläubigen Kaiſer! Joſeph hörte wohl dies Geſchrei, aber er lächelte dazu.„Wenn die Prieſter aufhören werden zu ſchreien, wird mein Volk die Stimme der Vernunft hören und mir danken für das, was ich thue,“ ſagte er. Und wenn ſte ſehen, daß der Himmel nicht einſtürzt an dem Tage, an welchem die faulen Mönche und Nonnen ihre Klöſter verlaſſen und wieder eintreten müſſen in die Welt, oder ſich zum Dienſt in nütz⸗ lichen Klöſtern bequemen, wenn ſie ſehen, daß Gott keine Blitze ſendet, mein ruchlos Haupt zu zerſchmettern, ſo werden meine guten Unterthanen doch zur Beſinnung kommen, und ſte werden einſehen, daß ich ſie frei gemacht von einer ſchlimmen Geiſtesfeſſel! Ich will ja nur das Beſte meines Volkes, und es wird mich gewiß einſt dafür lieben, und mir danken! Aber noch freilich war das Volk nicht zu dieſer Einſicht und Erkenntniß gekommen, noch entſetzte es ſich vor dieſem freigeiſtigen Kaiſer, der mit ſeinen räuberiſchen Händen die Pforten der Klöſter öffnete, die frommen Bewohner hinausſtieß in die Welt, und von den Altären, und aus den Schränken der Sacriſteien die heiligen Kirchenſchätze nahm, um ſie in Geld zu verwandeln, und daſſelbe zu ſeinen nützlichen Zwecken zu verwenden! Aber der kaiſerliche Befehl ward nicht zurückgenommen, trotz Prieſterwuth und Volksgeſchrei, und der 12. Januar 1782 war der Tag, an welchem das kaiſerliche Decret über die Kloſteraufhebungen zur Ausführung kommen ſollte! Zu ganzen Schaaren ſtürzte daher das Volk von Wien nach dem Königskloſter, aus welchem die heiligen Clariſſinerinnen heute ihren Auszug halten ſollten, und deſſen Kloſterſchätze man zugleich in öffent⸗ licher Auction verſteigern wollte. Tauſende von Menſchen füllten die Straßen, und ſtarrten hin⸗ über nach den Pforten des Kloſters, vor denen die Commiſſarien des Kaiſers in voller Uniform ſich aufgeſtellt hatten, um von der Priorin des Kloſters im Namen des Kaiſers die Schlüſſel in Empfang zu nehmen. 3 Unweit davon ſah man die Beamten der öffentlichen und gericht⸗ 4 lichen Auctionen ihre Tiſche aufſchlagen, und ihre Papiere und Schreib⸗ . 136 geräthe in Bereitſchaft ſetzen, und neben ihnen hatte ſich ein Schwarm jüdiſcher Handelsleute aufgeſtellt, welche das Kloſter begierdevoll wie Raben umſchwärmten. Seht ſie an, die Söhne der Finſterniß, murmelte der Prieſter, der ſich da drüben unter den dichteſten Volkshaufen gemiſcht hatte, ſeht dieſe Juden, welche der Kaiſer frei gegeben hat, daß ſie heute ſogar hieher kommen durften, um die heiligen Kloſterſchätze zu kaufen, die der Herr Kaiſer verauktioniren läßt! Der Jude wird die herrlichen Monſtranzen und Weihkeſſel kaufen, welche Eure Prieſter zum Dienſte Gottes geſegnet hatten, und er wird ſte einſchmelzen und Geld daraus machen zu niedrigem Handel und Wandel. Der Jude wird die koſt⸗ baren alten Nachtmahlskelche kaufen, aus denen Eure Prieſter Euch den Segen zugetrunken, er wird daraus trinken, wenn er den Schabbes feiert und den Chriſten flucht. Der Jude wird die goldgeſtickten Tiaren Eurer Prieſter kaufen, und er wird ſeiner Frau daraus Kleider machen, mit denen ſie im Tempel und auf der Straße einherſtolziren kann. Der Jude darf das Alles thun, denn der Kaiſer hat es ihm erlaubt, der Kaiſer hat den Juden frei und den Chriſten unfrei gemacht, der Kaiſer hat dem Juden erlaubt, zu thun, was er will, und es dem Chriſten verboten, denn unſere frommen Brüder und Schweſtern dürfen dem Herrn nicht mehr dienen, ſie werden ausgetrieben aus ihren Tempeln und die Juden werden hereingelaſſen, damit ſite ſchachern und handeln in den heilgen Räumen, in denen ſonſt nur fromme Lieder und inbrünſtige Gebete erſchallt ſind. Das Volk hatte ſich dicht um den Prieſter gedrängt, in athemloſer Andacht mit flammenden Blicken und finſtern Mienen hatte es den leiſen Worten deſſelben zugehört, und als er jetzt ſchwieg, lief durch die dichtgedrängten Haufen ein drohendes Gemurmel, wie das Rollen eines nahenden Unwetters hin, und manche Fauſt hob ſich empor und mancher wüthende Blick richtete ſich hinüber nach den Juden, die da ſtanden und lachten und plauderten, und des Moments harrten, wo ſte Geſchäfte machen könnten. Wir werden es nicht erlauben, Ehrwürden, rief ein junger Burſche mit wüthenden Mienen und drohend gehobenen Armen, wir werden es nicht erlauben, daß die Juden die heiligen Schätze kaufen, und ihre Weiber die Kleider unſerer Heiligen anziehen. 137 Nein, wir werden das nicht erlauben, ſchrie und heulte der ganze Haufe. Ihr werdet es erlauben müſſen, ſagte der Prieſter, denn der Kaiſer hat es befohlen, und Ihr ſeid dem Kaiſer allein Gehorſam ſchuldig, nicht mehr dem heiligen Vater zu Rom, auch nicht mehr Euren Seel⸗ ſorgern und Geiſtlichen. Der Kaiſer allein iſt Euer Herr, ihm allein habt Ihr zu gehorchen, und wenn er das heilige Gebäude dort den Juden verkaufen will, ſo dürft Ihr nicht murren, wie auch die frommen Clariſſinerinnen nicht murren dürfen, die der Kaiſer heute austreibt aus ihrer heiligen Heimath, die ſie ſich erkauft haben mit ihrem Gelde und den Gelübden ihres Herzens, welche ſie Gott dargebracht. Ihr Geld behält der Kaiſer, und von ihren Gelübden gegen Gott ent⸗ bindet ſie auch der Kaiſer, und ſtößt die armen Lämmer des Herrn hinaus in die Welt und macht ſie zu Märtyrern. Oh, wir Alle werden unter dieſem freiſinnigen Kaiſer, der die Heiligen verſpottet, und die Prieſter verhöhnt, Märtyrer werden müſſen unſers Glaubens. Aber wir werden es dulden in freudiger Begeiſterung, denn wir werden dulden für Gott und unſere Kirche. Seht nur, da kommen ſte einher gewallt, die frommen Märtyrerinnen der neuen Zeit! Seht nur die Dulderinnen, denen man verbieten will, ihrem Gott zu dienen. Und mit weit ausgebreiteten Armen, das Antlitz von Thränen überfluthet, deutete der fanatiſche Prieſter hinüber nach dem Kloſter. Die Pforten deſſelben hatten ſich eben geöffnet, und in feierlichem Schweigen verließen die Nonnen das Kloſter, deſſen Pforte ſie nun nie wieder überſchreiten ſollten. Voran ſchritt die Priorin, in ihrem weißen Ordenskleid, das Haupt umweht von dem langwallenden Schleier, das von Thränen überfluthete bleiche, vom Alter durchfurchte Antlitz gen Himmel gewandt, die Hände, welche das große goldene Crueifix hielten, feſt an die Bruſt gedrückt. Paarweiſe folgten ihr die Nonnen, voran die alten, im Dienſt des Herrn ergrauten, hinter ihnen die jungen, und dann die Novizen. Es war ein langer feierlicher Zug, der unter dem Schweigen der tiefen Rührung des Volks, aus dem Kloſter hinaus trat auf die Straße, um ſich ſelber die letzte CEhre zu erzeigen, und ſich ſelber zu begraben! Vor den kaiſerlichen Commiſſarien machte der Zug Halt. Eine athemloſe Stille trat ein. Mit gefaltenen Händen, mit von Thrän 2* * 138 verdüſterten Blicken ſchaute die Menge auf die ehrwürdige Priorin, welche jetzt, dem grauſamen Befehl gemäß, die Schlüſſel ihres Kloſters und das große Kreuz der Priorin in die Hände des kaiſerlichen Commiſſarius niederzulegen hatte. In tiefem Schweigen, mit Thränen in den Augen, ſchaute die Menge ihr zu, hier und da ſah man die Frauen die Kniee beugen, und die Hände falten zu ſtummen Gebeten, ſah man die Männer drohende Blicke auf die Commiſſarien ſchleudern, oder mit der ge⸗ ballten Fauſt hinüber deuten nach der nahe gelegenen Kaiſerburg; dann wieder wandten ſich Aller Augen auf die ehrwürdige Priorin und ihre Nonnen hin. Die Priorin war vor dem Commiſſarius ſtehen geblieben, und hatte mit feſter Hand ihm den Schlüſſel der großen Hauptpforte des Kloſters dargereicht. Ihre Hand hatte nicht gezittert, als ſte das that, ihr Auge hatte nicht einen Moment ſich vom Himmel abgewandt.— Aber jetzt ſollte ſie auch das heilige Kreuz, das Zeichen ihrer Würde dahin geben, und dies Opfer ſchien die Kräfte der frommen Frau zu brechen. Sie ſtreckte die Hand aus, um dem Commiſſarius das Kreuz darzureichen, aber wie er es faſſen wollte, zog ſie daſſelbe zurück und drückte es feſt an ihre Bruſt. Dann hob ſie es empor an ihre Lippen und indem ſie es küßte, fielen ihre Thränen darauf nieder, und ſchmückten es wie mit funkelnden Brillanten. Die Menge erbebte von tiefem Mitgefühl, lautes Schluchzen allein unterbrach das tiefe Schweigen, ſelbſt die Drohungen waren verſtummt und nur noch von Rührung erfüllt waren ihre weichmüthigen Herzen. Nun hob die Priorin mit beiden Händen das Kreuz empor, hoch über ihrem Haupt, und wie ſte das that, hoben auch die Nonnen die Arme auf zum Himmel, weinend, mit leiſen Gebeten auf den zitternden Lippen. Vielleicht hatten ſie immer noch gehofft, Gott werde ſich ihrer erbarmen, er werde ein Wunder thun, und den Frevel verhindern. Aber Gott blieb ſtumm, und alſo mußte man ſich dem Befehl des Kaiſers unterwerfen! Die Priorin lie das Haupt auf die Kreuz dar. ß ihre erhobenen Hände ſinken, und zitternd, Bruſt geſenkt, reichte ſie den Commiſſarien das Aber als ſie es jetzt mit einem raſchen Griff ihren Händen —/— 139 entwanden, da hob ſie mit einer drohenden Geberde ihr Haupt wieder empor, da öffnete ſie die bleichen Lippen und mit lauter Stimme rief ſte: Wehe! Wehe! Wehe! Wehel riefen die Nonnen ihr nach, und wie von einer ſchmerzlichen Verzweiflung erfaßt, jammerte und wehklagte die Menge: Wehe! Wehe! Das Opfer war vollendet, dem kaiſerlichen Befehl genügt. Die Priorin hatte die Schlüſſel und das Kreuz hingegeben, und damit waren ſie und die Nonnen ihres heiligen Gelübdes entbunden, damit waren ſie ausgeſtoßen aus dem Kloſter in die Welt. 3 Schwankend, ihre ganze Geſtalt von frommen Schauern durch⸗ bebt, wandte die Priorin von dem Commiſſarius ſich ab, um nun hineinzugehen in die Welt, die ſie nicht mehr kannte, in der ſte keine Heimath, keine Freunde mehr hatte, in der ſie eine Fremde war. Aber der Kaiſer hatte es befohlen, und man mußte gehorchen! Das Haupt gefenkt, die Hände auf der Bruſt gefaltet, ging die Priorin vorwärts, und wie ſie, mit geſenktem Haupt und gefalteten Händen, folgten ihr die Nonnen. Ihr Auge ſchaute nicht auf den Weg, ſie wußte nicht, wohin ſie ging, wohin ſie ihre Schritte lenkte. Sie ging nur vorwärts, vorwärts, gerad hinein in das dichteſte Gewühl der Menge, die ſich vor ihr aus einander theilte, wie das Meer vor dem Kiel des ſtolzen Schiffes und ihr einen Weg frei gab. Unwiſſend deſſen, was ſie that, ſchritt die Priorin hinein in dieſe Gaſſe, grade hinein in den ſeufzenden, weinenden, klagenden Volkshaufen, und hinter ihr her ſchritten die Nonnen, angeſtaunt von den Blicken der Männer und verſchämt vor ihnen die Augen ſenkend. Der Prieſter, der vorher zu dem Volk geredet, hatte ſich jetzt durch die Haufen durchgedrängt und mitten im dichteſten Gewühl begegnete er der Priorin. Wohin gehſt Du, meine Tochter? fragte er mit lauter Stimme. Sie hob ihr Haupt empor, und blickte ihn mit ernſten, thränen⸗ loſen Augen an. In die weite, weite Welt, ſagt ſte troſtlos. Weshalb thuſt Du das? fragte er wieder. Haſt Du nicht Deinem Gott und dem Papſt zu Rom geſchworen, dem Herrn zu dienen und ihm treu zu ſein bis an Deinen Tod? Haben nicht Gott und der Papſt Dein Gelübde empfangen? 5 5 140 Gott und der Papſt haben mein Gelübde und das meiner frommen Schweſtern empfangen, aber der Kaiſer hat uns unſerer Gelübde entbunden. Der Kaiſer will nicht, daß wir Gott dienen, daß wir beten und uns kaſteien, und in frommen Bußübungen uns vorbereiten auf den Tod. Der Kaiſer will, daß Ihr nützliche Mitglieder der menſchlichen Geſellſchaft werdet, rief eine mächtige Stimme mitten aus dem Menſchen⸗ gewühl hervor. Der Kaiſer will, daß ihr beten ſollt mit guten Handlungen, und daß Ihr, ſtatt in Unthätigkeit ein nutzloſes Daſein zu führen, gute Frauen, tugendhafte Mütter werden, und dem Staat Kinder geben und erziehen ſollt, denn es iſt der Beruf, den Gott ſelber dem Weibe gegeben! Ein drohendes Gemurmel durchlief die Menge, und Aller Augen richteten ſich nach jener Seite hin, von woher die Stimme gekommen. Aber vergebens ſuchten die wüthenden Blicke des Prieſters den zu erſpähen, der ſo dreiſte Worte geſprochen; es war unmöglich ihn in der Menge ausfindig zu maͤchen. Die Priorin hatte wieder ihr Haupt geſenkt, und wollte weiter ſchreiten, aber noch einmal hielt der Prieſter ſie auf. Aber wo werdet Ihr denn jetzt wohnen? fragte er. Wovon werdet ihr leben? Hat man Euch Euer Vermögen wiedergegeben, das Ihr dem Kloſter ge⸗ ſchenkt, als Ihr in daſſelbe eintratet? Das Kloſter mit ſeinen Schätzen gehört jetzt dem Kaiſer, ſagte die Priorin ſanft. Der Kaiſer hat Alles zu ſeinem Eigenthum ge⸗ macht, aber Jeder von uns giebt er eine Penſton von zweihundert Gulden! Aber man kann nicht leben von zweihundert Gulden! rief der Prieſter erzürnt. Man kann davon leben, wenn man durch Arbeit ſich etwas dazu verdient, rief die mächtige Stimme von vorhin. Fragt dieſe braven Leute, ſie, die immer gearbeitet, immer Gott mit ihrem Fleiß gedient haben, fragt ſte, ob Jeder von ihnen ſich nicht glücklich preiſen würde, wenn er eine Penſton von zweihundert Gulden er⸗ hielte? Was haben denn die faulen Nonnen für Verdienſte, daß ſie mehr haben wollen, wie die fleißigen Arbeiterinnen? Und wenn hnen die Penſion nicht genügt, warum treten ſie denn nicht ein in 141 men die nützlichen Klöſter der Urſulinerinnen und Eliſabethinerinnen, wie übde der Kaiſer es ihnen freigeſtellt? Dieſe beiden Klöſter wird der Kaiſer etin niemals aufheben, denn dieſe frommen Urſulinerinnen und Eliſa⸗ auf bethinerinnen dienen Gott und dem Kaiſer, indem ſie Kranke pflegen und Kinder erziehen. Warum, da Ihr ſo große Furcht habt vor der chen Welt, tretet Ihr denn nicht in die Klöſter und dienet dem Herrn, jen⸗ indem Ihr Euch Euren Mitmenſchen nützlich macht? 1 8 lten Ja, warum thut Ihr das nicht? fragten hier und dort einzelne— ein Stimmen, und immer lauter und lauter ward die Frage: warum qat thut Ihr das nicht? Warum geht Ihr nicht zu den Eliſabethine⸗ ott rinnen und Urſulinerinnen, die unſere Kinder erziehen und uns pflegen, wenn wir krank ſind? gen Stimmt ein heiliges Lied an und zieht ſchnell von dannen, mur⸗ en. melte der Prieſter raſch, indem er von der Priorin zurücktrat. Und jetzt erhob die Priorin ihre Stimme und mit mächtigem 1 zu ihn Laut ſtimmte ſie an: Cujus animam gementem, contristantem, et dolentem pertransivit gladius! ter Pertransivit gladius! fielen die Nonnen mit ſchmetternden Stim-— det men ein, indem ſie raſcher vorwärts ſchritten, unaufgehalten von dem Volk, in deſſen Augen die Thränen getrocknet waren, und deſſen dat e⸗ Rührung ſich bei den Worten, welche jene unbekannte Stimme zu ihnen geſprochen, abgekühlt hatte. ge Während die Nonnen ſo unbehindert und unaufgehalten weiter e⸗ zogen, blieb das Volk ruhig auf ſeinem Platz ſtehen und begann alle rt mälig ſeine Blicke von den Nonnen ab und wieder dem Kloſter zuzus- wenden. Nur drei Männer, die Hüte tief über die Stirn gedrückt, er die Rockkragen hoch über ihr Antlitz emporgezogen, machten ſich Bahn durch die Menge und folgten in einiger Entfernung den Nonnen. 15 Ihr ſeht, meine Freunde, ſagte der Eine von ihnen, das Volk ſe iſt immer gelehrig und gut. Ein paar verſtändige Worte genügten, ß um alle die Machinationen jenes fanatiſchen Prieſters zu zerſtören, h der durchaus das Volk aufhetzen wollte. 4 Und dem es auch gelungen wäre, wenn Ew. Majeſtät— . Still, um Gotts willen, Lacy, verrathen Sie uns nicht, flüſterte 1 der Kaiſer. Wir ſind ehrſame Arbeiter, mein Freund, weiter nichte Und weiß Gott, wir haben als ehrſame Arbeiter mir unſern 1 142 Händen und Ellenbogen zu thun gehabt brummte Lacy. Es war in der That ein gefährliches Unternehmen von Ew.— von Ihnen, hierher zu gehen. Ich mußte hier ſein, um das Volk zu beobachten, um den Ein⸗ druck zu ſtudiren, den dieſer Auszug der Nonnen auf die Gemüther machte, und um meine ſchlauen Feinde in ihrem eigenen Kriegslager zu beobachten. Denn als die Frau Priorin mich erſuchen ließ, ihr und den Nonnen freien, feierlichen Abzug aus dem Kloſter zu ge⸗ ſtatten, ahnte ich ſogleich, daß ſie irgend einen geheimen Zweck mit dieſer Bitte verbanden. Deshalb verweigerte ich es ihnen auch nicht, damit meine hochmüthigen und mächtigen Feinde nicht etwa vermein⸗ ten, ich hätte Furcht vor ihnen, aber deshalb mußte ich auch mit zur Stelle ſein, um zu ſehen, was ſie beabſichtigten und welchen Plan ſte entworfen. Und ſagen Sie Selbſt, Lacy, war es nicht gut, daß wir da waren? Habe ich nicht dieſen Schwarzröcken eben durch Liſt eine Schlacht abgewonnen? Wollten ſie nicht die gutmüthige, gerührte Menge zu einer Empörung aufreizen? Wiegelten ſie nicht mit ihrer frommen und vortrefflich geſpielten Komödie mein gutes Volk auf, daß es im Begriff war, ſich wider mich zu empören? Es iſt wahr, ſagte Lacy, es hatte ganz den Anſchein, als wolle das Volk zu wildem Zorn ſich aufſtacheln laſſen von dieſer frommen Komödie. „ um uns durchzudrängen, Oh, ich kenne ja meine verſchmitzten Feinde, rief der Kaiſer. Man muß immer auf der Hut vor ihnen, und immer auf einen hinter⸗ liſtigen Angriff gefaßt ſein. Nun, dies Mal habe ich ſie mit einem paar Worten aus dem Felde geſchlagen. Aber ſte werden ſich viel⸗ leicht an einer andern Stelle wieder ſammeln. Gehen wir nach der Nicolai⸗ und nach der Seilergaſſe, wo die zwei andern Clariſſine⸗ rinnen⸗Klöſter auch aufgehoben werden! Sehen wir, was ſich dort begiebt! — —— Grey Gortroſ Shart 832 Green vellow- Hed Magenta a 2 4—— 2 7& * 2₰ . 1 4 8