—--—-y——- Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Okftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: i für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 7 uI. u 8 1—„ 1— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Kasjoinezenl. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 1 ——————— 232 —ę—ꝛ—ꝛ——— ——— Kaiſer Joſeph der Zweite und 2 ſein Hof. Von L. Mühlbach. Dritte und letzte Abtheilung: Kaiſer Zoſeph als Gelbſtherrſcher. Sd Vierter Band.—= Zweite Auflage. 4 Berlin, 1857. Verlag von Otto Janke. Kaiſer Joſeph — als Belbſtherrſcher. Von L. Mühlbach. — = 1 S= Vierter Band.—— Zweite Auflage. Berlin, 1857. Berlag von Otto Janke. Laſter bleibt Laſter Der Graf am Pranger. Die Nemeſis Horja und der Bauern⸗ Aufſtand. Die Rache des Juden Das Strafgericht. Die Deputation der Ungarn Die Vergeltung Aufruhr in den Niederlanden Der kaiſerliche Brautwerber Der letzte Liebestraum Der Türkenkrieg. Die Trauung und Trennung Die Nacht bei Lugos Die Drohungen der Ungarn Der Widerruf.. Der Tod des Maͤrtyrers 4 Inhalt des vierten Bandes. Sechstes Buch. 3 Die Reaction. tzte ſeit einigen Tagen die ganze Ariſtokratie von Wien in Aufruhr. Schreckensbleich und ſchaudernd vor Entſetzen flüſterte man einander in's Ohr, das kaiſerliche Hof⸗ gericht habe ſein Urtheil geſprochen über den Grafen Podſtadzky⸗Liechten⸗ ſtein, es habe ihn, gemäß dem neuen Joſephiniſchen Geſetzbuch, ver⸗. dammt zu lebenslänglicher Zuchthausſtrafe und zum Gaſſenkehren im Sträflingsanzug der gemeinen Verbrecher. Aber dies war noch nicht Alles! Noch eine andere fürchterliche Kunde machte die vornehmen Familien des Adels und des Militairs erbeben. Vor einigen Wochen war der Garde⸗Obriſtlieutenant von Szekuly plötzlich aus der Geſellſchaft verſchmunden, und ſeine Freunde ſuchten ſich vergeblich dieſes unerwartete und eimnißvolle Verſchwinden zu enträthſeln. Freilich ſagte ſein Diener aus, der Herr Obriſtlieutenant habe eine Reiſe nach ſeiner Heimath, nach Ungarn angetreten, aber er ſagte das mit ſo ſcheuen, ängſtlichen Blicken, ſo ſichtbar verſtörtem Weſen, daß Niemand an dieſe Reiſe glauben mochte. Und der ungariſche Obriſtlieutenant von Szekuly hatte ſehr viele Freunde! alle dieſe ungariſchen Ariſtocraten, welche in Wien lebten, waren mit ihm befreundet und liirt, in allen Soireen der vornehmen Welt war der liebenswürdige, joviale und geiſtvolle Obriſtlieutenant ſtets eine will⸗ kommene und begehrte Erſcheinung geweſen, und in zuvorkommender Kaiſer Joſeph. 3. Abth. IV. 8 1— 92 — Aufmerkſamkeit hatte man ſich in letzter Zeit immer beeilt ihn ein⸗ zuladen, wenn man wußte, daß auch die Gräfin Baillou in der Geſell⸗ ſchaft gegenwärtig ſein würde; denn Jedermann wußte, daß der Greis mit dem feurigen Herzen und der leidenſchaftlichen Liebe eines Jünglings dieſe Frau anbete, welche durch ihre Schönheit und Liebenswürd dig⸗ keit ſich ſo ſchnell eine Stellung in der Wiener Geſellſchaft erobert hatte. Und jetzt waren ſie Beüte verſchwunden, jetzt ſah man die Gräfin Baillou nicht in ihrem Hotel, deſſen Fenſter und Thü ken verhangen und verſchloſſen waren, jetzt fehlte der Obriſtlieutenant der Garde, Herr von Szekulg, ſowohl in den Salons als auf der Parade Wo waren ſie. Peidde Waren ſie zuſammer fortgegangen, oder war es nur zufällig, 9, ddß Ff faſt zu gleicher Zi verſchapunden waren? he St Konnte ihnen nicht ein Unglück begegnet ſein der hatte die Gräfin nun des Obriſten glühender Liebe Erhörun nkt, und hatte ſich mit ihm zurückgezogen in irgend ein ſtilles 7 wo Beide nur ihrer Liebe und ihrem Glück leben wollten? Und während man noch ſo fragte und forſchte, verbreitete ſich plötzlich die ſchreckensvolle Nachricht: der Obriſtlieutenant von Szekuly ſei wenige Tage nach der Verhaftung des Grafen Podſtadzky Liechten⸗ ſtein verhaftet und dieſe beiden Verhaftungen ſtänden im innigſten Zuſammenhang mit einander. Jedermann wußte indeß, daß der Graf Podſtadzky der Fälſchung von Bankozetteln angeklagt ſei, aber Niemand glaubte an die Möglichkeit, daß der Obriſtlieutenant von Szekuly, den Jedermann achtete, deſſen ſtolzer und biederer Charakter Jeder⸗ mann bekannt war, daß en der Mitſchuldige des Grafen ſein könne. Aber endlich erfuhr ian die Urſache ſeiner Werhaffumge Der Obriſtlieutenant von Szekuly war angeklagt, aus der Kaſſe ſeines Regiments, die ihm anvertraut. war, die Summe von ſechszigtauſend Gulden entwendet zu haben! Die Gräfin Baillou, deren 1 man gleichzeitig erfuhr, hatte ihn dieſes Verbrechens angeklagt. Sie war beſchuldigt, Theil gehabt zu haben an den Betrügereien des Grafen Podſtadzky, aber dieſer ſowohl, als Szekulg atten dies beharrlich geleugnet. Nur das hatten ſie Beide eingeſtanden, daß ſie ſich in dem innigſten Liebes⸗ verhältniß mit ihr befunden, und daß der Haushalt der Gräfin von —, 1 3 dem Grafen Podſtadzky bezahlt worden ſei. Als ſeine von ihm ver⸗ götterte Geliebte hatte ſie ſich nicht geweigert, die hohen Summen, welche er ſtets in Bankozetteln gegeben, anzunehmen, aber keine Ahnung hatte ſie davon gehabt, daß dieſe Bankozettel gefälſcht ſein könnten. Der Graf Podſtadzky beſtätigte dies; mit dem größten Freimuth hatte er ſeine eigene Schuld eingeſtanden, aber feſt und entſchieden hatte er jede Mitſchuld der Gräfin abgeleugnet. Sie war nur von ihm getäuſcht worden, ſie ſelber war ganz unſchuldig und arglos! Aber dieſe Caſſette mit zwanzigtauſend Ducaten, welche man bei ihr gefunden, dieſe Caſſette zeugte wider die Gräfin Baillou. Graf Podſtadzky hatte ihr ſtets nur Bankozettel gegeben. Woher alſo, da ſie geſtanden, daß ſie bei ihrer Ankunft in Wien gar kein Vermögen beſeſſen, woher hatte ſie dieſe bedeutenden Summen genommen? Man hatte der Gräfin, welche noch immer verhaftet war, dieſe Frage vor⸗ gelegt, und ſie hatte ohne Zaudern erwidert: die Hälfte dieſer Summe habe ſie am Spieltiſch und aus den Geſchenken ihrer reichen und vor⸗ nehmen Anbeter gewonnen, die andere Hälfte aber verdanke ſie der Freigebigkeit des Oberſten von Szekuly, der ihr eines Tages dieſe Summe geſchenkt habe.— Aber man wußte, daß Herr von Szekuly kein perſönliches Ver⸗ mögen beſaß, und alſo nicht im Stande ſei, ein Geſchenk von zehn⸗ tauſend Ducaten zu machen. Und dennoch geſtand der Obriſtlieute⸗ nant ohne Zaudern, wenn auch tief erbleichend ein, daß die Gräfin Baillou wirklich dieſe Summe von ihm empfangen habe! Von einem entſetzlichen Verdacht geleitet, unterſuchte man jetzt die in ſeinen Händen und unter ſeiner Aufſicht befindliche Regiments⸗ kaſſe, und— ſtatt der ſechszigtauſend Gulden, welche in derſelben enthalten ſein ſollten, fand man dieſelbe leer. Herr von Szekuly geſtand, daß er dieſes Geld der Kaſſe entnom⸗ men habe, in dem guten Glauben, es in kürzeſter Zeit durch den Verkauf von wichtigen Papieren erſetzen zu können. Wo waren dieſe Papiere? Man fand ſie nicht, und Herr von Szekuly weigerte ſich ſtandhaft, irgend eine weitere Auskunft darüber zu geben. Er allein war der Schuldige, Er hatte die ſichszigtauſend Gulden der Kriegskaſſe entwendet. Man ſolle ihn alſo Lerhaften und ihn beſtrafen nach der Schwere des Geſetzes! 4 Der Obriſtlieutenant von Szekuly, der ungariſche Baron, der Verwandte der vornehmſten ungariſchen Magnaten, ward verhaftet und des gemeinen Diebſtahls unter den erſchwerendſten Umſtänden angeklagt! Und jetzt, ſagte man, waren die beiden Erkenntniſſe des Hof⸗ gerichts erſchienen, und der Graf von Podſtadzky und der Obriſt⸗ lieutenant von Szekuly waren beide verurtheilt! Zu entehrenden Strafen verurtheilt! Aber noch hatte der Kaiſer dieſe Urtheile nicht beſtätigt, noch konnte man hoffen, daß er die beiden Angeklagten, in Berückſichtigung ihrer Familien, ihres Standes und ihres Ranges, begnadigen oder ihnen wenigſtens mildere Strafen zuerkennen würde! Der Kaiſer hatte, als er ſein neues ſtrenges Geſetzbuch publicirte, ſich wenigſtens das Recht der Gnade vorbehalten! Von dieſem Recht, meinte man, würde er jetzt Gebrauch machen! Es war ganz unmög⸗ lich, daß der Kaiſer den ganzen hohen Adel Oeſterreich's und Un⸗ garn's auf eine ſo furchtbare Weiſe kränken und beleidigen könnte, daß er Zweie aus ihren Reihen als gemeine Verbrecher ſtrafen ließ, ſie verurtheilte am Pranger zu ſtehen, im Sträflingskittel die Gaſſen zu kehren, mit gemeinen Verbrechern an Einer Kette zuſammen⸗ geſchmiedet, mit ihnen zuſammen zu wohnen in den Kaſematten, von der gemeinen Koſt der Sträflinge zu leben, auf harten, mit Stroh belegten Pritſchen zu ſchlafen!*) Man konnte einen Adligen nicht ſtrafen, wie einen gemeinen Verbrecher! Dies wäre eine Barbarei, eine Grauſamkeit geweſen, welcher der Kaiſer ſich nicht ſchuldig machen konnte, ſich nicht ſchuldig machen durfte, wenn er nicht den ganzen Adel erbittern und zur Wuth und Empörung reizen wollte! Man mußte Alles thun, um ihn daran zu verhindern! Man mußte ihn beſtürmen mit Bitſſchriften, mit Vorſtellungen, man mußte ihm das Gehäſſige, das für ihn ſelbſt Gefährliche ſolcher Verurtheilung mit den eindringlichſten Worten vorſtellen! Man that es! Aber der Kaiſer beantwortete alle dieſe Bitt⸗ *) Hübner II. Seite 383. geſuche, dieſe Vorſtellungen nur mit den lakoniſchen Worten! das Geſetz allein hat zu entſcheiden! Ich kann das Geſetz nicht beugen! Aber man wußte doch, daß er die Urtheile noch nicht unterzeich⸗ net hatte, und alſo konnte man noch immer hoffen, des Kaiſers Sinn zu wenden, und ihn zur Gnade zu bewegen. Indeß, wie ſollte man zum Kaiſer gelangen? die Hinterthüren und Hintertreppen, die Protectionen der Beichtväter und Kammer⸗ frauen waren mit Maria Thereſia geſtorben, und auf dem gewöhn⸗ lichen Wege konnte man jetzt keine Audienz erlangen, und den Kai⸗ ſer nicht ſprechen, denn ſeit einigen Tagen, ſeit das Urtheil des Hof⸗ gerichts bekannt geworden, hatte der Kaiſer alle Audienzen verweigert, gar keine Beſuche empfangen, und um dem Adel jede Möglichkeit, ſich ihm zu nähern, abzuſchneiden, hatte der Kaiſer ſelbſt ſeine ge⸗ wöhnlichen Spazierritte und Promenaden im Augarten aufgegeben, und fuhr nun in ſeinem offenen Cabriolet, welches er ſelbſt leitete, ſpazieren! Aber es gab doch noch Ein Mittel, um den Kaiſer zu ſprechen, noch Eine Thür, durch welche man zu ihm gelangen konnte! Das war die Thür des Controlorganges, und der Controlor⸗ gang war das Mittel, um den Kaiſer zu ſprechen! In der Frühe des Morgens ſah man daher heute die Damen und Herren der Ariſtocratie ſich nach der Kaiſerburg begeben. Sie kamen zu Fuß, damit der Kaiſer nicht, aufmerkſam gemacht durch die vielen vor dem Schloß anhaltenden Equipagen, vielleicht heute ſeinen Beſuch des Controlorganges aufgeben möchte, ſie kamen zu ſo früher Morgenſtunde, weil ſie die Erſten ſein wollten in dem Vorſaal zum Controlorgang, die Nächſten an der Thür, um, ſobald dieſe ſich öffnete, einzutreten, und in dem Controlorgang unter ſich, unter „Seinesgleichen“ zu ſein, es zu vermeiden, daß nicht vielleicht irgend Einer aus dem gemeinen Volk neben dem hochgebornen Grafen ſtehen und zuhören möchte, wie der Graf auch ſich demüthigen mußte zur Bitte, und zum Flehen um Gnade! In einer geſchloſſenen Phalanx ſtanden ſie vor der Thür die Grafen und Gräfinnen, die Barone und Baroninnen, in düſterm Schweigen des Momentes harrend, bis die große Wanduhr des Vor⸗ ſaals die neunte Stunde anſchlagen würde! Und endlich kam dieſer 6 Moment, und mit dem letzten Schlag der Uhr öffnete der Kammer⸗ diener Günther die Thür des Controlorganges, und in haſtigem Gedränge eilten ſte vorwärts breit geſchloſſen, feſt wie eine Mauer, Jeden mit ſtarkem Arm, mit finſtern Blicken zurückdrängend, der nicht zu ihnen gehörte. In dichten Reihen bis an die Thür gepreßt, ſtanden ſte jetzt an den Wänden des ſchmalen Gemachs, welches man den Controlorgang nannte, umher. Niemand hatte mehr Platz darin, Diejenigen, welche noch draußen im Vorſaal ſtanden, mußten bis auf die nächſte Stunde warten, und Günther mußte die Thür des Controlorganges ſchließen, denn er war gefüllt! Die vornehmen Bittſteller hatten ihren Zweck erreicht, ſie waren ganz unter Ihresgleichen im Controlorgang, Niemand Fremdes hatte ſich mit ihnen hineindrängen können! Es waren nur Grafen und Gräfinnen, nur Barone und Baroninnen, welche die von den Lippen ihrer Nachbarn zitternden Bitten vernehmen, welche Zeuge ſein konnten dieſer Demüthigung des Adels, der im Controlorgang um Gnade flehen wollte für verbrecheriſche Standesgenoſſen! Endlich öffnete ſich die Thür des kaiſerlichen Arbeits⸗Cabinets, und Joſeph trat ein. Seine großen blauen Augen glitten mit einem ſchnellen, prüfenden Blick an den beiden Reihen der Anweſenden vor⸗ über, und in ſeinen Mienen drückte ſich einige Ueberraſchung aus, aber er that doch, wie er immer zu thun pflegte, er ging langſam an den zu beiden Seiten aufgeſtellten Menſchen vorüber, und ſtreckte ihnen ſeine rechte Hand entgegen, um ihre Bittſchriften zu empfangen. Aber ſeine Hand blieb leer, Niemand hatte ihm eine Bittſchrift zu geben. . Wie? fragte der Kaiſer, als er am Ende ſeiner Wanderung an⸗ gelangt war, und eben vor dem Grafen Lampredo ſtand, keiner von Ihnen hat mir eine Bittſchrift zu geben? Sie wollen mich alſo Alle mündlich ſprechen? Ich fürchte, daß mir die Zeit dazu fehlt, und daß ich nicht Jeden von Ihnen einzeln werde empfangen können! Sire, es bedarf es auch nicht deſſen, ſagte der Graf Lampredo feierlich. Wir ſind nicht gekommen, um einzeln Ew. Majeſtät um Gnade anzuflehen, ein gemeinſchaftliches Unglück iſt es, welches uns Alle bedroht, und um welches wir gemeinſchaftlich Ew. Majeſtät um attilt u in unſern Hä Und wor von mir zu die Knieenden ich das Kni ſpaniſchen S burg ſo ger keinen Unter und Titel al bei ſeinem Und u Um G Gerechtigkei da ſie die leb ſrage ich S Lon mir erk Sire, Gnade Sie fe düſter, und die andere für welche ſie uberfüh Vankozette ruinirt, w Bankozete die Kaſſe dadurch ni . Sannd, we um 122 7 Abhülfe un Erbarmen anrufen wollen. Die Bittſſchrift liegt nicht in unſern Händen, ſondern auf unſern Lippen! Und worin beſteht ſie? Was kommen Sie Alle gemeinſchaftlich von mir zu erbitten? Sire, rief Graf Lampredo laut und feierlich, Sire, wir flehen um Gnade für den Grafen Podſtadzky und den Obriſt⸗Lieutenant von Szekuly! Gnade für en Grafen Podſtadzky und den Obriſt⸗Lieutenant von Szekuly, riefen Alle wie aus Einem Munde, und Alle beugten ſie ihre Kniee, und hoben ihre Hände flehend zu dem Kaiſer empor. Joſeph ſchaute mit finſtern Blicken, mit zornigen Mienen nieder auf die Knieenden. Stehen Sie auf, ſagte er düſter. Wiſſen Sio nicht, daß ich das Kniebeugen unterſagt habe? Im Controlorgang ſind die ſpaniſchen Sitten ſchlecht angewandt, die einſt in den Sälen der Kaiſer⸗ burg ſo gern geſehen wurden! Im Controlorgang giebt es auch keinen Unterſchied der Stände, Jeder hat da draußen ſeinen Namen und Titel abgelegt, und iſt nichts als ein Bittſteller, welcher kommt, bei ſeinem Kaiſer um Gerechtigkeit zu flehen! Und um Gnade, re, ſagte Graf Lampredo ernſt. Um Gnade, die ich nur gewähren kann, wenn ſie ſich mit der Gerechtigkeit verträgt. Ueberlegen Sie Sich das wohl, und nun, da ſie die lebendige Bittſchrift dieſer Herren und Damen zu ſein ſcheinen, frage ich Sie noch einmal, Herr Graf Lampredo, was wollen Sie von mir erbitten? Sire, Gnade für Podſtadzky und Szekuly! Gnade für Podſtadzky und Szekuly! riefen Alle dem Grafen nach. Sie fordern nur Gnade, nicht Gerechtigkeit, ſagte der Kaiſer düſter, und doch habe ich Ihnen geſagt, daß ich die eine nicht ohne die andere gewähren kann! Wiſſen Sie, weſſen die beiden Männer, für welche Sie Gnade erflehen wollen, angeklagt, welcher Verbrechen ſie überführt ſind? Der Graf Podſtadzky hat für eine Million falſche Bankozettel fabricirt, und dadurch Tauſende von armen Menſchen ruinirt, welche ihm glaubten, und im Vertrauen auf ſeine falſchen Bankozettel ihm ihre Waaren gaben; der Obriſt von Szekuly hat die Kaſſe ſeines Regiments um ſechszigtauſend Gulden beſtohlen, und dadurch nicht allein den Staat betrogen, ſondern auch den ganzen Stand, welchem er angehört, beſchimpft und entehrt! 5 8 So wollen ihn Ew. Majeſtät in Gnaden vor ein Ariegsgericht ſtellen! rief der Graf Lampredo. Das Kriegsgericht würde ihn wenigſtens vor der Entehrung bewahren; denn es würde ihn zum Tode ver⸗ urtheilen! Er hat ein bürgerliches Verbrechen begangen, und er wird be⸗ ſtraft nach dem bürgerlichen Geſetzbuch, rief der Kaiſer laut. Das bürgerliche Geſetzbuch aber kennt keine Todesſtrafe, ſie iſt für immer abgeſchafft! Aber ſte iſt erſetzt durch Strafen, die grauſamer und fürchterlicher ſind als der Tod, Sire. Es heißt dreifach tödten, wenn man den Menſchen tödtet in ſeiner Freiheit, ſeiner Ehre und ſeinem Namen. Ein zu ewiger Gefangenſchaft verurtheilter Verbrecher, welcher in Ketten geſchmiedet zu den ſchwerſten Arbeiten verurtheilt iſt, welcher unter dem Hohn des Volkes die Gaſſen kehren, oder die Schifſe ziehen muß, iſt der nicht tauſend Mal härter geſtraft, als der, welcher für ſein Verbrechen ſein Haupt auf den Boöock legt, und in einem Moment büßt⸗ was der Andere mit jahrelanger Marter und Qual bezahlen muß? Oh, Sire, es iſt doch nicht möglich, daß Sie unſere Standesgenoſſen ſo fürchter⸗ lich ſtrafen wollen, nicht möglich, daß Ew. Majeſtät die harten und erniedrigenden Strafen des Geſetzes auch auf den Adel anwenden, den Adel ſtrafen wollen, wie den gemeinen Verbrecher! Nein, Sie haben Recht, dazu ſchätze ich den Adel zu hoch, ſagte Joſeph raſch. Wenn aber ein Cavalier fähig iſt, ein gemeines Ver⸗ brechen zu begehen, ſo entſetze ich ihn ſeines Adels und ſeiner Titel und überlaſſe ihn als Unadligen der Gerechtigkeit, die ihn nicht ſchlim⸗ mer und nicht beſſer als irgend einen andern unadligen Schelm be⸗ handeln wird.*) Beruhigen Sie Sich alſo! Dieſe beiden Ver⸗ brecher ſind nicht mehr von Adel, ihr Verbrechen hat ſie entadelt und ſie zu gemeinen und ehrloſen Miſſethätern gemacht. Sie müſſen erleiden, was ſie verſchuldet haben. Aber, Sire, nicht bloß ſie werden geſtraft, ſondern auch wir, wir Alle! Wie? rief der Kaiſer mit ſcheinbarem Befremden, haben Sie Alle **) Des Kaiſers eigene Worte. Siehe: Hübner. II. S. 432. auch falſche anvertrauten Nein, unſer getreten w T Familien w Hauſe und man Laſter nicht ganz dann Gexec Perſon bele ſcheint, Lau daß ich als handeln kan von Szekul dulden, de Söhne ni So ſp Labinet zu Ein halte, mit ſ 9 auch falſche Bankozettel fabricirt oder hohe Summen aus den Ihnen anvertrauten Kaſſen entwendet? Nein, Sire, aber wir Alle werden geſtraft, weil es die Ehre unſers Standes iſt, welche in dieſen Beiden beſchimpft und zu Boden getreten wird. Sire, um unſers Standes willen, um der glorreichen Familien willen, welche in guten und in böſen Tagen treu zu Ihrem Hauſe und zu dem Kaiſerthron geſtanden hahen, Sire, um der ehr⸗ würdigen und ſeit Jahrhunderten tadelloſen Wappen unſerer Häuſer willen, üben Sie Gnade für uns Alle! Ueben Sie Gnade für uns Alle! riefen die Andern ihm nach. Strafen Sie nicht den ganzen Adel in ſeiner Ehre für das Laſter des einzelnen! Dieſe Strafen entehren und beſchämen uns Alle! Dann alſo haben Sie Alle auch die Verbrechen begangen, deren jene Beiden angeklagt ſind! rief der Kaiſer. Nein, keine Gnade für Verbrecher! Laſter iſt Laſter! Derjenige, welcher ſich nicht ſchämt ein Verbrechen zu begehen, wird ſich auch der Strafe nicht ſchämen? Darf ein Laſterhafter unter andern Laſterhaften den Vorzug haber ſo darf es nur der ſein, daß man ihn um ſo härter ſtraft, weil ſo der Laſterhafteſte, der Abſcheulichſte iſt. Nur der Tugend wartet sude lohnung, und je tugendhafter, je größer die Belohnung. Wymen man Laſterhaften ihrer Perſon wegen Vorzüge einräumen, unt un⸗ nicht ganz die Strafe ihres Laſters fühlen laſſen, was würde aund dann Gerechtigkeit ſein? Und hieße das nicht, das Laſter in der Perſon belohnen?*) Kein Wort mehr! Ich habe Ihnen, wie mir ſcheint, Langmuth genug bewieſen, und Sie zu überzeugen geſucht, daß ich als gerechter und unparteiiſcher Fürſt nur ſo und nicht anders handeln kann und darf. Der Graf Podſtadzky und der Obriſt⸗Lieutenant von Szekuly müſſen die ihnen vom Geſetz zuerkannten Strafen er⸗ dulden, denn der Adel ihrer Väter wäſcht die Nichtswürdigkeit der Söhne nicht ab! So ſprechend verbeugte der Kaiſer ſich leicht und kehrte in ſein Cabinet zurück. Eine Pauſe trat ein, als die Thür ſich hinter ihm geſchloſſen hatte, mit finſtern Geſichtern, mit düſtern Blicken ſchauten ſie einander an. *) Des Kaiſers eigene Worte. — 10 Es iſt alſo Alles umſonſt, flüſterte der Graf Lampredo nach langem Schweigen. Zwei Männer von edlem Stamm werden geſtraft werden, wie gemeine Verbrecher; der Adel wird dieſe grauenvolle Schmach erleiden müſſen! Aber der Adel wird eines Tages ſich rächen für dieſe Schmach, die ihn der Kaiſer erdulden läßt! flüſterte der ungariſche Graf Hojada, ein naher Verwandter des Herrn von Szekuly. Jeder Fürſt iſt ver⸗ loren, wenn er den Adel ſeines Landes wider ſich hat. Und der Kaiſer hat heute die Sympathieen ſeines Adels für immer verſcherzt. Der Kaiſer wird einſt dieſer Stunde gedenken, und er wird ſie bereuen. Ja, er ſoll ihrer gedenken, flüſterte Graf Lampredo mit einem zornflammenden Blick nach der Thür hin, er ſoll ſie bereuen! Wir werden Alle dafür ſorgen, nicht wahr? Ja, wir werden Alle dafür ſorgen, flüſterten ſie untereinander. Der Kaiſer ſoll dieſe Stunde bereuen! u II. f Der Graf am Pranger. Am andern Tage ſtand das Volk überall in großen Trupps an den Straßenecken und las die großen Anſchlagszettel, welche da an⸗ geklebt waren. Dieſe Anſchlagszettel verkündeten dem Volk, daß der Kaiſer die beiden hochadligen Verbrecher zu den Strafen verurtheilt hatte, welche das Geſetz ihnen zuerkannte. Der Graf von Podſtadzky⸗Liechtenſtein war zu zehnjährigem Zucht⸗ haus, zum öffentlichen Gaſſenkehren und zum Pranger verurtheilt. Der Obriſtlieutnant von Szekuly war zu dreitägigem öffentlichem Prangerſtehen und zu vierjährigem Zuchthaus verurtheilt. Die Gräfin Balllou, welche das kaiſerliche Hofgericht zu ein— jährigem Gefängniß verurtheilt hatte, war vom Kaiſer begnadigt 11 worden, weil man ſie ihrer Mitſchuld nicht vollſtändig hatte über⸗ Sr führen können. Doch hatte der Kaiſer befohlen, daß ſie bei dem Prangerſtehen des Grafen Podſtadzky gegenwärtig ſein und alsdann 8 ſogleich Wien für immer verlaſſen ſolle. Das Volk las dieſe Anſchlagszettel mit ſtummem Staunen, mit einem Gefühl unheimlicher Furcht. Niemals vielleicht war es ſo ſehr zum Bewußtſein gekommen, daß eine neue Zeit gekommen, eine neue Ordnung der Dinge hereingebrochen ſei, als in dieſem Moment. Einer von dieſen Hochgebornen, welche das Volk immer nur von fern in ſtolzen Caroſſen, auf köſtlichen Pferden, im Gefolge des Kaiſer⸗ hofes, im Glanz der Uniformen, mit funkelnden Ordensſternen auf 1 der Bruſt geſehen hatte, ein Graf ſollte heute eine Strafe erleiden, welche bisher nur den niedrigſten Verbrechern aus der Hefe des Volks war aufbehalten worden. Ein Graf ſollte im grauen Tuchkittel, mit Ketten an Händen und Füßen, die Gaſſe kehren, welche ſein ariſto⸗ kratiſcher Fuß bisher vielleicht niemals betreten hatte. Einer von den ſtolzen ungariſchen Edelleuten, ein Obriſt von der 9 Garde, ſollte öffentlich am Pranger ſtehen, drei Tage lang! Wie betäubt ſtarrte das Volk zu den Zetteln empor, die ihm ſo Unerhörtes verkündeten. Nicht ein Schimmer von Schadenfreude leuchtete von ihren Geſichtern; dieſe Gleichſtellung der vornehmen Herren mit dem gemeinen Mann ängſtigte ſie, däuchte ihnen ein un⸗ heimlicher Traum, aus dem ſie vielleicht bald erwachen ſollten, und den ſte kaum wagten für Wirklichkeit zu halten. 3 9 Man mußte alſo ſich davon überzeugen, man mußte ſehen, ob V wirklich das Urtheil vollſtreckt werden würde. Heute ſollte der Graf n Podſtadzky Liechtenſtein am Pranger ſtehen, und dann mit dem Beſen 2— in der Hand die Gaſſe kehren. Morgen ſollte die Strafe des Obriſten r Szekuly beginnen. lt 4 Man mußte alſo zuſehen, ob es wirklich wahr ſei, was die An⸗ ſchlagszettel verkündeten, ob wirklich ein Graf heute am Pranger ſtehen konnte.. Von Einem Impuls geleitet, ohne Verabredung, ohne Worte ſtrömte daher die Menge, die an den Ecken die Anſchlagszettel geleſen, durch die Straßen nach dem Kohlmarkt hin, wo die Ausſtellung ſtatt⸗ 8 finden ſollte. Nicht aus Neugierde, nicht aus Schadenfreude gingen 12² ſte; es war ein ſchweigendes, ſcheues Wallfahrten nach der neuen Zeit, welche da auf dem Pranger ihr oft bezweifeltes Daſein ver⸗ künden wollte. Schweigend, ängſtlich faſt zögernd wogten die Maſſen des Volks dem Kohlmarkt zu. Ja, es war kein Traum! Dort in der Mitte des Platzes, dort erhob ſich der fürchterliche Thron der Schmach und Entehrung, auf welchem ein Graf heute Abſchied nehmen ſollte von ſeiner Ehre, ſeiner Familie, ſeinem Namen, Abſchied von allen Genüſſen des Lebens, an welche er ſeit ſeiner Kindheit gewöhnt, Abſchied auch von der Gemeinſchaft mit denkenden, fühlenden, geiſtig belebten Menſchen, die bisher ſeine Gefährten geweſen und an deren Stelle er jetzt nur die Gemeinſchaft roher Verbrecher ohne Gefühl, ohne Gedanken, ohne einen Funken des göttlichen Geiſtes haben ſollte. Entſetzt und ſchreckensbleich waren Aller Geſichter, kein Lachen, kein Schreien ward gehört, nur leiſe flüſterte man untereinander, der Graf Podſtadzky ſei der einzige Sohn ſeiner Aeltern, und die Gräfin, ſeine Mutter, ſei geſtorben vor Gram über das Schickſal ihres Sohnes, und ſei geſtern begraben worden. Und wie die Frauen das hörten, füllten ſich ihre Augen mit Thränen, und um der geſtorbenen Mutter willen empfanden ſie Mitleid mit dem Sohn, und verziehen ihm ſein Ver⸗ brechen, das ſeiner Mutter das Leben gekoſtet, und das er ſelber ſo furchtbar hart büßen ſollte. Und das Weinen der Frauen machte die Männer nur noch ernſter und düſterer, und heimlich in ihrem Herzen begannen ſie zu murren über den grauſamen Kaiſer, der einen Grafen züchtige, wie einen gemeinen Mann, und ſchuld ſei, daß eine Gräfin vor Gram um ihren Sohn geſtorben ſei! Auf einmal ward das Gewoge der Maſſen, die da auf dem großen Platz verſammelt waren, lauter und unruhiger, einen Moment hörte man ein Schreien und Heulen und Murmeln, wie wenn das Meer mit ſeiner Fluth gegen das Ufer ſchlägt. Dann wieder ward Alles ſtill, ſo ſtill, daß man jedes geſprochene Wort weit über den Platz würde vernommen haben. Aber Niemand ſprach, Aller Augen waren hinüber gerichtet nach dem Gerüſt. Und jetzt erſchien auf demſelben ein todesbleicher Menſch. Sein Blick war gebrochen, ſeine Lippen zitterten und flogen wie im Fieber⸗ froſt, ein convulſtviſches Zucken durchfuhr ſeine ganze Geſtalt. 13 Armer junger Herr! murmelten die Frauen. Er wird's nicht lange überleben, ſagten die Männer mitleidsvoll. Er ſieht aus wie ein Todter, ſte werden ihn bald neben ſeiner Mutter begraben können! Niemand erinnerte ſich in dieſem Moment daran, daß dieſer todesbleiche Menſch da oben an dem Schandpfahl, ein ſchmachvolles Verbrechen begangen habe, Niemand dankte es dem Kaiſer, daß er den gräflichen Verbrecher dem gemeinem Verbrecher gleichgeſtellt, daß der Kaiſer ohne Anſehen der Perſon das Verbrechen ſtrafte, und ſeinem Volk als höchſtes Geſchenk die Gleichheit vor dem Geſetz ge⸗ geben hatte. Niemand dankte es dem Kaiſer, und ſelbſt der gemeine Mann murrte, als er den Grafen behandelt ſah, wie einen aus ihrer Mitte. Bis jetzt war der Graf noch in ſeinen eleganten Kleidern, es war noch durchaus der vornehme, elegante Cavalier, welcher da oben auf dem Gerüſt ſtand, gelehnt an den Pfahl, an deſſen oberer Spitze eine ſchwarze Tafel angebracht war, auf welcher der Name, das begangene Verbrechen und das Urtheil des Kaiſers und Gerichts aufgezeichnet war. Aber jetzt näherte ſich ihm der Henker, der bis⸗ her auf den Stufen des Gerüſtes geſtanden, mit ſeiner fürchter⸗ lichen Scheere, jetzt faßte er mit ſeinen rauhen Händen das ſchöne braune, leichtgepuderte Haar des Grafen, und ſchnitt es mit der knir⸗ ſchenden Scheere ganz dicht an ſeinem Haupte fort, daß kaum noch ungleiche borſtige Stoppeln übrig blieben von dem ſchönen, duftigen, ſorgfältig gepflegten Haar.. Dann, als dies vollbracht war, riß der Henker, welcher heute, ſtatt der Kammerdiener früherer Tage, die Toilette des Grafen zu beſorgen hatte, dem Grafen das ſchöne goldgeſtickte Gewand von den Schultern, und zog ihm den braunen Sträflingskittel über. Wie verändert jetzt die Geſtalt war, wie wenig dieſer bleiche, ſchlotternde Menſch, mit dem kahl geſchornen Haupt, dem groben braunen Kittel, dem Grafen glich, der er noch vor wenigen Minuten geweſen! Jetzt war er nur noch ein gemeiner Verbrecher, ein Verbrecher, der keinen andern Namen mehr führte, als die Nummer, welche da mit rothem Wollenfaden auf den linken Aermel ſeines Kittels ge⸗ näht war. 1 14 Aber die Toilette war noch nicht beendet! Der fürchterliche Kammerdiener des Grafen hatte ihm jetzt noch ſeinen Schmuck an⸗ zulegen. Den Schmuck der ſchweren eiſernen Ketten, die Fuß und Hand verbinden und einen Menſchen in ein elendes gefeſſeltes wildes Thier verwandeln ſollten! Jetzt klirrte die Kette an Hand und Fuß. Der Henker blickte erſtaunt ſich um nach dem Volk. Sonſt hatte es oft laut gejubelt und gehöhnt und gelacht bei ſolchem Schauſpiel, laut applaudirt, wenn die Prangertoilette vollendet geweſen. Heute blieb Alles ſtill! Kein Lachen, kein Schreien und Höhnen, nur bleiche Geſichter, ſcheue angſtvolle Mienen, und Gemurmel der Theilnahme rings umher. Jetzt der letzte, der fürchterliche Moment! Das neue Leben ſoll beginnen, der Kampf mit der Unehre, der Schmach, der Erniedrigung und der Verzweiflung ſoll jetzt gekämpft werden! Der Henker reicht dem neucreirten Sträfling dazu den Marſchallsſtab ſeiner Schande und Entehrung, er reicht ihm den Beſen dar, und drückt ihn feſt in ſeine Hand. Ein Schauer des Entſetzens lief durch die Menge, eine athem⸗ loſe Stille trat ein, Jeder ſchaute mit tiefem Mitgefühl auf dieſen bleichen Menſchen, der da oben ſtand, mit ſchlotternden Knieen, in entſtellender Tracht, das geſchorne Haupt auf die Bruſt geſenkt, mit beiden Händen krampfthaft den Stiel ſeines Beſens haltend, und ſich ſtützend auf ihn, um nicht umzuſinken!. In dieſem Moment vernahm man ein lautes gellendes Lachen, das wie das unheilsvolle Gekrächze der Raben weit über den Platz hintönte; und lauſchend und in ſich erſchauernd blickten Alle empor, denn wie aus der Luſt war es erklungen dieſes Lachen, hoch über allen Häuptern. Und jetzt ließ es ſich noch einmal vernehmen, noch lauter, noch wilder und übermüthiger. Der bleiche Menſch da oben auf dem Gerüſt ſchauderte in ſich zuſammen, ſeine glanzloſen Augen wandten ſich ſeitwärts nach jenem⸗ Hauſe hin, von woher ihm das Lachen ertönt war. Da oben am weit geöffneten Fenſter, in der Mitte von einigen ſchwarz gekleideten Herrn, ſtand eine junge, ſchöne Frau mit lächeln⸗ dem Angeſicht, mit glänzenden Augen. 15 Arabella, ſchrie der bleiche, entehrte Verbrecher, Arabella! Und mit einem Aufſchrei des Entſetzens ſank er zuſammen.—— Das Publikum, welches mit Grauen dieſer fürchterlichen Scene zugeſchaut, floh eilig von dannen. Es mochte nichts mehr ſehen von 4 dieſem armen, entehrten Menſchenſohn, deſſen Verbrechen ſchon auf 1 Erden in dem Fegefeuer der Schmach und Schande geſühnt werden ſollten, der die Hölle auf Erden erleiden ſollte, um vielleicht einſt dafür die Gnade im Himmel zu finden.*) Um dieſelbe Stunde, während dies auf dem Markt geſchah, ſah man einen Staatswagen des Kaiſers raſch durch die Straßen dahin rollen und vor einem düſtern Hauſe, deſſen Fenſterläden und Thüren geſchloſſen waren, anhalten. Ein Lakay in der kaiſerlichen Liorée ſprang vom Bock und ſchellte heftig an der verſchloſſenen Thür, bis ſie ſich öffnete und ein alter Mann in verſchoſſener Liorée ſichtbar ward. Der Lakay flüſterte haſtig einige Worte mit ihm und eilte dann zu der Kutſche zurück, um den Schlag zu öffnen. Ein Herr in glän⸗ zender Uniform ſtieg aus und ſchritt raſch in das Haus hinein. Der 4 alte Diener eilte ihm voraus und zeigte ihm den Weg, die knarrende Stiege hinauf, durch ſchweigende, verödete Säle mit verſchoſſenen Tapeten und zerfallenden Meubles, bis zu einer geſchloſſenen Thür, vor der ſie ſtehen blieben. Da drin iſt der Graf Podſtadzky Liechtenſtein, Ew. Majeſtät zu Befehl! ſagte dex alte Diener leiſe. Es iſt gut, melden Sie mich nicht, ich will unangemeldet zu V ihm eintreten, ſagte Joſeph, und er klopfte laut an die Thür. Von innen vernahm man ein ſchwaches Herein! und ſofort öffnete der Kaiſer die Thür und trat ein. Ein hochgewachſener Greis in ſchwarzem Gewande trat ihm ent⸗ 4 gegen und blickte ihn aus tiefen Augenhöhlen ernſt und düſter an. *) Der Graf Podſtadzky Liechtenſtein überlebte ſeine Schande nicht lange. Sein verwöhnter und verweichlichter Körper unterlag gar bald den Qualen und Entbehrungen ſeiner neuen, fürchterlichen Eriſtenz. Beim Gaſſenkehren überfiel ihn eines Tages ein Blutſturz, und mitten auf der Straße, keine andern Leid⸗ tragenden um ſich her, als eleude Verbrecher, ſo ſtarb der Graf Carl Podſtadzky Liechtenſtein. Siehe: Hübner. II. S. 583, 591.— Charakterzüge und hiſtoriſche Anecdoten von Kaiſer Joſeph II.— Friedel's Briefe aus Wien. Th. I. S. 68. ———y— —— 16 Der Kaiſer! rief er überraſcht und ſtaunend. Ja, Herr Graf Podſtadzky, ich bin es, ſagte Joſeph, und er neigte ſich ſo tief und ehrfurchtsvoll vor ihm, wie er es oft vor mächtigen Fürſten und Herren nicht gethan. Ich komme zu Ihnen, den ich liebe und ehre, um Ihnen mein Beileid zu bezeugen, und Ihnen zu ſagen, wie tief ich Sie beklage wegen des großen Ver⸗ luſtes, den Sie erlitten haben. Ich weiß aus Erfahrung, was das heißt, eine Gemahlin, welche man liebt, zu Grabe zu tragen! Und Ihre Gemahlin war eine ſo edle Frau, eine ſo zärtliche Gattin! Zärtliche Gattin! wiederholte der alte Graf, leiſe ſein Haupt ſchüttelnd. Nein, ſie liebte noch etwas Anderes außer mir und daran ſtarb ſie. Ich, ich liebte nichts als ſie allein, und außer ihr noch meine Ehre und meinen Namen. Ich hatte nichts zu lieben, als mein Weib, ſie war meine Familie, mein Alles, und mir graut vor der Einſamkeit, die mich jetzt umgiebt. Ich würde dieſer Qual ein Ende machen, ich würde ſterben, aber ich darf es nicht, denn ich habe ein Princip zu vertreten, das Princip der Ehre und des Namens. Wir Beide haben ein heiliges Princip zu vertreten, ſagte der Kaiſer, tiefbewegt in das ſtille, ſchwermüthige Antlitz des Greiſes ſchauend. Das Princip der Chre und der Gerechtigkeit, Herr Graf! Helfen wir uns Beide darin, beweiſen wir der Welt, daß die Gerech⸗ tigkeit nur die Perſon, niemals die Ehre der Familie und des Na⸗ mens antaſtet, und daß die Ehre der Familie doch die Gerechtigkeit walten laſſen muß! Der Name Podſtadzky Liechtenſtein iſt ein ur⸗ alter, ehrenvoller, und daß ich das weiß und anerkenne, möchte ich Ihnen beweiſen. Geben Sie mir die Hand, Herr Graf, ſeien wir gute Freunde! Er reichte dem Grafen ſeine Rechte dar und ſchaute ihn an mit einem langen, innigen Blick. Der Graf legte mit einer langſamen, feierlichen Ruhe ſeine Hand in die des Kaiſers und ſah ihn ſtarr an, wie gebannt von dieſem Blick. Ich verſtehe Ew. Majeſtät und ich danke Ihnen, ſagte der Graf nach einer langen Pauſe. Sie handeln großmüthig und edel, Sire, und ich werde Ihnen dies nie vergeſſen, und Ihr Name wird auf meinen Lippen ſein, ſelbſt wenn ich ſterbe. Sie haben gehandelt, — —t 17 wie Sie als Kaiſer handeln mußten, denn der Kaiſer darf das Geſetz nicht beugen und nicht drehen, und erhaben muß er ſein über allen Parteien. Hätte ich ſelber auf dem Richterſtuhl geſeſſen, ich würde auch das Schuldig geſprochen haben über dieſen Verbrecher, der einſt mein Sohn war, und jetzt der Mörder ſeiner Mutter geworden iſt. Ich habe ihn ſchon vor Jahren verurtheilt und zu Gericht geſeſſen über dem Verbrecher, und als ich das that, ſtarb mir mein einziger Sohn, und ich ſcharrte ihn ein in meinem Herzen, und ward ein alter Stamm ohne friſche Aeſte und Keime; das Verbrechen hatte ſie alle abgehauen und ließ mich verdorren. Der Verbrecher, der heut ſeine Strafe gelitten, iſt nicht mein Sohn, und ich kenne ihn nicht mehr! Und Ihre Ehre iſt ungetrübt geblieben von dem, was er gethan, rief der Kaiſer. Ich habe den Verbrecher ſtrafen müſſen, wie er es verdient, erlauben Sie mir jetzt, den Edelmann zu ehren, wie er es verdient! Geben Sie mir Ihren Arm, Herr Graf, und erlauben Sie mir, Sie zum Wagen zu geleiten. Es iſt heute ein ſchöner Tag. Wir wollen hinaus fahren nach Schönbrunn und dort diniren. Sie müſſen es Sich ſchon gefallen laſſen, daß ich Ihnen heute Geſellſchaft leiſte für den ganzen Tag. Kommen Sie, Herr Graf Podſtadzky Liechtenſtein. Geben Sie mir Ihren Arm. Ich weiß nicht, Sire, flüſterte der Graf zögernd, indem er einen ſcheuen, ängſtlichen Blick nach den Fenſtern warf, der Tag iſt ſo hell und die Sonne ſcheint ſo fürchterlich glänzend; ich glaube, meine Augen ſind krank und können das Licht nicht vertragen! Ich möchte Euer Majeſtät bitten, mir gnädigſt zu geſtatten, daß ich hier bleibe. Der Kaiſer ſchüttelte leiſe ſein Haupt. Ihre Augen ſind nicht krank, und ſie können das Licht vertragen, und können frei und ſtolz umher ſchauen, und haben den hellen Tag nicht zu ſcheuen und den Glanz der Sonne, die Ihr ehrwürdiges, edles Haupt beſcheinen ſoll. Richten Sie Sich auf, mein Freund, und gedenken Sie deſſen, was wir geſprochen! Haben wir nicht Beide ein Princip zu vertreten, das Princip der Ehre und der Gerechtigkeit? Und müſſen wir nicht Beide hingehen, es zu erſullen? Kaiſer Joſeph. 3. Abth. IV. 18 Ja, Ew. Majeſtät haben Recht, rief der Greis. Ich bin bereit, wenn es Ew. Majeſtät ſo gefällig iſt!*) d Und während der Verbrecher Carl Podſtadzko, aus ſeiner Ohn⸗ di macht erwacht, mit der eiſernen Kette an ſein zweites Ich, an den zweiten Verbrecher gefeſſelt ward, der von nun an ſein unzertrenn⸗ A licher Gefährte, der Zeuge ſeines Schlafens und ſeines Wachens, ſeiner Qualen und ſeiner Verzweiflung ſein ſollte, während er mit ſi dieſem im langen Zug der Sträflinge durch die Straßen raſſelte, fuhr or der alte Graf Podſtadzky Liechtenſtein an der Seite des Kaiſers hin⸗ d aus nach Schönbrunn, und beim Diner, zu welchem eine glänzende g Geſellſchaft geladen war, ſaß der alte Graf zur NRechten des Kaiſers und an ihn richtete ſich Joſeph oft mit gar manchem herzlichen und 1 vertraulichen Wort. 6 1 1 1 3 III. Die Uemeſis. 8 Aber wo war die ſchöne Arabella? die bezaubernde Frau, welche— 8 ſo lange der Stern und der Glanzpunkt der Wiener Geſellſchaft ge⸗ weſen, der Alle gehuldigt und geſchmeichelt hatten, die von allen Ca⸗ valieren angebetet, und von allen Damen der ariſtokratiſchen Welt, in welcher ſie ſich mit ſo viel Geiſt und Grazie bewegte, geachtet und 1 geliebt ward.. Was war aus der Gräfin Baillou geworden, deren Sirenen⸗ ſtimme den leichtſinnigen Grafen verlockt hatte zu dem Abgrund? 6 An dem Abgrund hatte ſie ihn verlaſſen, in den Gefahren hatte ſie ihn verleugnet, im Unglück und der Erniedrigung hatte ſie ihn verhöhnt. 1 — 1† *) Hübner. II. S. 391. 19 ereit, Und keine Strafe für ſolch Verbrechen? Keine Strafe für dieſe Frau ohne Herz, ohne Erbarmen und ohne Reue? Keine Strafe für ein eitles, vergeudetes Daſein? Wird keine rächende Hand die Maske eines Engels von ihrem Antlitz reißen, und den Dämon zeigen, der darunter verborgen iſt? Die rächende Hand ſchwebt ſchon über ihr, ſie iſt ſchon bereit, ſie zu packen. Aber Arabella ahnt es nicht, ihr Auge iſt geblendet vom ſtolzen Sicherheitsgefühl.„Diejenigen, welche die Götter ver⸗ derben wollen, die ſtrafen ſie zuerſt mit Blindheit, daß ſie den Ab⸗ grund nicht ſehen, vor welchem ſie ſtehen!“ Arabella ſah den Abgrund nicht; die Cötter hatten ſie geſtraft mit Blindheit! Der Kaiſer hatte ſie ja begnadigt und für unſchuldig erklärt, keine Schuld haftete alſo an ihr, das Leben grüßte ſie wieder mit allen ſeinen Freuden und Genüſſen! Freilich hatte ſie ihre Caſſette mit ſeinem koſtbaren Inhalt ver⸗ loren, freilich war das Gold, das ſie der Freigebigkeit des unglück⸗ lichen Obriſten von Szekuly verdankte, wieder zurückgefloſſen in die Kaſſe, welcher es entwendet worden, und mit ihm auch das andere Gold. Aber Arabella war doch nicht arm, es blieb ihr doch ein ſüßer Troſt nach ſo ungeheurem Verluſt. Denn beſaß ſte nicht noch den Schmuckkaſten mit ihren Juwelen? Mußte ſie ihn nicht noch wieder finden in dem verborgenen Wandſchrank, deſſen Exiſtenz Nie⸗ velche mand ahnte, ſelbſt nicht Giuſeppe, ihr treuer Diener und Freund? ſt gi⸗ Wenn ſtie dieſe Juwelen erſt wieder beſaß, dann war ſie wieder n Ca⸗ reich, wieder glücklich, dann war ſie wieder geehrt, geſucht und ge⸗ Welt, feiert. Denn Reichthum iſt Ehre, Glück und Anſehen, und ſie hatte und zu dem Allen noch ihre Schönheit und ihren Geiſt. 42 Fort alſo mit ihren Juwelen nach Paris, nach der Stadt der renen⸗ 1 Genüſſe, des Glanzes und der Herrlichkeit. Fort! Sie war frei! * Das Leben gehörte ihr wieder! Der Kaiſer hatte ſte begnadigt! Sie hatte war ja unſchuldig! ze ihn Ihre Reiſe nach Paris, welche ſte damals hatte antreten wollen, 5 war ja nur verzögert, nicht aufgehoben! Der Reiſewagen war noch⸗ da, und Giuſeppe erwartete ſie mit demſelben beim anbtechenden Duunkel der Nacht vor einem der Thore. 20 Sie hatte nur noch nöthig, die Juwelen aus dem verborgenen Wandſchrank zu nehmen, und dies war eine leichte Sache. Es ge⸗ hörte nur ein wenig Muth dazu, in der Nacht durch die Hinterpforte in den Garten, und von dort in das Haus zu ſchleichen, nur ein wenig Muth, durch jene kleine Seitenthür hineinzuſchlüpfen in das öde ſtille Haus, in welchem Niemand ſie erwartete, Niemand ſie will⸗ kommen hieß. Ihre Diener alle waren entlaſſen, das Gericht hatte dies Haus verſchloſſen, denn da Alles, was die Gräfin be⸗ ſaß, ihr von dem Grafen Podſtadzky gekommen, ſo gehörte dies Alles jetzt ſeinen Gläubigern und ſollte verkauft werden zu ihrem Vortheil. Arabella hatte Muth, Alles zu wagen, und ſie beſaß die Schlüſ⸗ ſel zu der Gartenpforte wie zu der Seitenthür des Hauſes! Es war eine finſtere Nacht, die Laternen, welche hier und da die verödeten Straßen erleuchteten, warfen nur noch einen ſpärlichen Schein, denn da Wien ſchlafen gegangen, war auch die Zeit ihres Erlöſchens bald gekommen. Selten nur ließ ſich noch irgend eines verſpäteten Wanderers hallender Schritt vernehmen, und nur von Zeit zu Zeit hörte man den gleichmäßigen, taktirenden Schritt der Patrouillen, die alle Stunde den Umgang durch die Straßen hielten. Eine dieſer Patrouillen hatte eben die ſchmale kleine Gaſſe paſ⸗ ſirt, an deren einer Seite ſich die Mauer des Gartens befand, wel⸗ cher zum Hötel der Gräfin Baillou gehörte. In der Ferne verhallten die Schritte der Soldaten, dann ward Alles ſtill. Die einzige La⸗ terne, welche in dieſer kleinen Gaſſe brannte, warf ihren letzten ver⸗ löſchenden Schein über dieſelbe hin. In dieſem Augenblick ſchlüpfte eine ſchwarze dicht verhüllte Ge⸗ ſtalt hinter einem der Pfeiler der Gartenmauer hervor, und glitt leiſe an der Mauer hin bis zu dieſer kleinen Thür da am Ende der⸗ ſelben. Jetzt raſſelte der Schlüſſel im Schloß, jetzt knarrte die Thür und drehte ſich in ihren Angeln, die ſchwarze Geſtalt ſchlüpfte hinein und zog die Thür hinter ſich zu. Alles ward wieder ſtill in der kleinen Gaſſe. Die ſchwarze Ge⸗ ſtalt legte horchend ihr Ohr an die Pforte, kein Laut ließ ſich ver⸗ nehmen. genen 3 ge⸗ forte r ein 1 das will⸗ ericht be⸗ dies ihrem zchlüſ⸗ nd da klichen ihres eines t von itt der hielten. ſe paſ⸗ wel⸗ hallten ge La⸗ en ver⸗ ſte Ge⸗ d glitt de der⸗ ür und in und ze Ge⸗ ich ver⸗ 21 Ich bin alſo ganz ſicher, flüſterte ſie, Niemand iſt mir gefolgt; ich werde ganz ungehindert eintreten können in mein Höôtel, werde mir meine Brillanten holen und werde wieder fortſchlüpfen, ungehin⸗ dert, wie ich kam. Wen die Götter verderben wollen, den ſtrafen ſie zuerſt mit Blindheit! Arabella ſah nicht dieſe beiden großen Männergeſtalten, welche, als ſie die Allee des Gartens hinauf ſchlüpfte, aus dem klei⸗ nen Hauſe, welches dem Garten gegenüber lag, heraustraten und ſich neben der Pforte des Gartens aufſtellten. Jetzt iſt ſie drin! flüſterte der Eine. Ja, ſagte der Andere mit einem leiſen Lachen, der ſchöne Vogel hat ſich ſelber eingefangen. Warten wir hier auf weitere Ordre. Arabella, wie geſagt, ſah ſie nicht. Mit unhörbarem Schritt eilte ſie die Allee hinauf, kein Zittern war in ihrem Herzen, nicht die kleinſte Furcht und Unruhe empfand ſte. Mit einem dankbaren lächelnden Blick ſchaute ſie zum Himmel empor, der ſo ſchwer von Wolken behangen war, daß der Mond ſie nicht zu durchdringen vermochte, und den Bäumen und Geſträuchen des Gartens nicht einmal etwas verrieth von der Geſtalt, die an ihnen vorüberſchlüpfte. Ich danke Dir, Mond, flüſterte ſie leiſe lachend, machſt Deine Sachen gut, und hilfſt mir mit Deiner Dunkelheit heut beſſer wie mit Deinem Licht! Wart nur bis morgen! Morgen Nacht will ich Dir feſt in's Antlitz ſchauen, morgen habe ich nichts mehr zu fürch⸗ ten, morgen bin ich wieder reich, wieder glücklich! Jetzt ſtand ſie vor der kleinen Seitenpforte des Hôtels. Leiſe ſchob ſie den Schlüſſel in's Schloß. Wie das knarrte und pfiff, wie die Thür ſchnurrte, als ſie auf den Angeln ſich drehte! Aber Niemand war ja da, der es hörte. Wie thöricht alſo, daß ihr Herz klopfte! Nun war ſie im Hauſe, ſchloß die Thür hinter ſich und ſchob den Riegel von innen vor. Tiefe Dunkelheit umgab ſie und grauenhaftes Schweigen. Und wider ihren Willen überkam ſie ein Gefühl des Schreckens, der un⸗ heimlichen Furcht. Wenn nun aus dieſer Dunkelheit hervor eine Hand ſich ihr entgegenſtreckte, wenn dieſe Hand ſie packte und feſt⸗ hielt und— Oh wie ſchauerlich iſt doch die Finſterniß, murmelte 1 ¹ 1 6 . . 22 ſie leiſe, und wie ſchrecklich iſt dieſe dunkle, öde Nacht! Ich könnte hier ſterben, und Niemand wäre da, der mir zu Hülfe käme! Ich wäre allein, wie damals in jener Schreckensnacht! Sie ſchwieg in ſich erſchauernd, und von einer ſeltſamen Angſt gelähmt, kauerte ſie ſich nieder auf der unterſten Stufe der Treppe, zu welcher ſie ſich hingetappt hatte. Bilder der Vergangenheit zogen in wechſelnden Geſtalten, eine wilde Jagd ihrer Erinnerungen, an ihrer Seele vorüber. Sie ſah wieder jene dunkle Schreckensnacht, wo ſie, ein in ihrer Liebe, ihrem Glauben, ihrer Ehre verrathenes Mädchen, auch, wie heute, leiſe durch die Straßen einer Stadt ge⸗ ſchlüpft war, aber damals nicht, um ſich Schätze zu holen, ſondern um den Tod zu ſuchen! Den Tod der Verzweiflung in den ſchwarzen Fluthen der Tiber! Oh, es war ihr, als ſähe ſie es wieder vor ſich, dieſes fürchterliche dunkle, naſſe Grab, als fühle ſie wieder, wie die Wogen mit ihrem letzten Todesſchrei über ihr zuſammenſchlugen. Da hatte eine Haud ſte erfaßt, hatte ſte hervorgezogen aus den Wellen, und das war die Hand des Grafen Podſtadzky geweſen! Er hatte ſie gerettet, um ſie zu verderben! Bis dahin war ſie nur ein leicht⸗ ſinniges, üppiges, genußſüchtiges Weib geweſen, in der Tiber hatte ſie die Taufe des Verbrechens empfangen! Ohne Liebe war ſie jetzt die Geliebte des Grafen Podſtadzky geworden, hatte ſich zur Genoſſin ſeines Lebens, zur Theilhaberin ſeiner Verbrechen gemacht. Einen kühnen, großartigen Plan des Betrugs hatten ſie Beide erſonnen, und wie kühn und glücklich hatten ſie ihn ausgeführt bis zu dem Tage ihres Falls! Mit dem Sprung in die Tiber hatte das unheils⸗ volle Drama ihres ſchuldigen Daſeins begonnen, mit der Pranger⸗ ſtrafe des Grafen Podſtadzky hatte es geendet! Jetzt wollte ſie ein neues Daſein beginnen, ein unſchuldiges, ſchönes, behagliches Daſein! Keine Betrügereien mehr, Betrügereien ſind ſo gefährlich, ſie enden ſo leicht mit der Schande! Nein, nein, flüſterte ſie leiſe, ich will mich begnügen mit Dem was ich habe! Es iſt ja genug zu einem bequemen, genußreichen Leben. Ich will wieder eine tugendhafte, ehrliche Frau werden! Ich kann es ja jetzt haben, denn ich bin reich genug dazu! Sie lachte leiſe über ihre eigenen Worte, und dann erſch rak ſie über ihr eigenes Lachen, und warf ihre Augen ſcheu umher, als könn⸗ önnte Ich n, an naacht, thenes di ge⸗ ondern warzen r ſich, die die H 1. Da Vellen, thatte leicht⸗ r hatte ſie jetzt henoſſin Einen ſonnen, zu dem inheils⸗ ranger⸗ uldiges, ügereien nit Dem ßreichen & en! Ich ſchrak ſie * 23 ten ſte die Dunkelheit durchdringen, und die Kobolde erſpähen, die bei Nachtzeit mit unheimlichem Lachen durch die Häuſer ſchlüpfen, Segen zu bringen oder Verderben. Wie dunkel es hier iſt, murmelte ſie leiſe. Es iſt beſſer, Licht anzuzünden, und Giuſeppe hat mir ja vorſorglich Alles dazu mitge⸗ geben. Sie zog aus ihrer Taſche ein kleines Packet hervor, in welchem ſich eine kleine Bleudlaterne, ein Fläſchchen mit Phosphor und Schwefel⸗ hölzer beſanden. Ich lobe mir dieſe neue Erfindung, welche den Feuerſtein über⸗ flüſſig macht, ſagte ſie leiſe. Ein Tupfen in die Flaſche und das Licht iſt da! Jetzt flackerte es hell auf mit bläulichem Schwefelſchein. Ara⸗ bella zündete das Licht in ihrer kleinen Laterne an, und dieſes Licht beleuchtete jetzt ihr eigenes Antlitz, und ihre von einem ſchwarzen Mantel dicht umhüllte Geſtalt. 3 Wie bleich dieſes Antlitz war, wie unheimlich glühend ihre Augen umherflackerten nach jedem Winkel, nach jeder Vertiefung, wohin das Licht ihrer Laterne nicht zu dringen vermochte. Muth jetzt und vorwärts, flüſterte ſie leiſe, und mit haſtigen Schritten ging ſie die Stufen hinauf. Die Laterne, welche ſte in der Hand hielt, beleuchtete nur ſie und ihre Geſtalt, und ſo ſchien dieſe ſchöne leuchtende Nachtgeſtalt aus der Dunkelheit empor zu ſchweben, lichtumfloſſen ſich höher und höher zu heben. Aber wiee raſchelte da nicht etwas hinter ihr, hielt es ſte nicht feſt an ihrem Gewande, und zog ſie rückwärts? Arabella blieb ſtehen, und die Laterne höher empor hebend ſchaute ſte rückwärts mit ſo finſter glühenden Augen, mit ſo todesbleichem Angeſicht! Nein, es war nichts! Ihre eigene Furcht hatte ſie ge⸗ täuſcht, in der fürchterliche Stille, die ſie umgab, hatte das Rauſchen ihres eigenen Gewandes auf den Stufen der Treppe ſie erſchreckt. Nein, es war nichts! Sie war ganz allein in dieſem todten Hauſe. Die beiden ſteinernen Göttergeſtalten, welche da oben an den letzten Stufen der Treppe auf den Pfeilern des Geländers ſtanden, ſte allein ſahen die ſchöne bleiche Gräfin kommen, und ſte ſchauten ſte an mit ihren großen, leeren Augenhöhlen, ſo feierlich ernſt und kalt, daß 24 Arabella vor ihnen zurückbebte, und ſich noch einmal ſcheu nach ihnen umſah, als ſie eben durch die Thür in den erſten Vorſaal eintreten wollte. Aber ſte ſtanden ruhig und groß auf ihren Poſtamenten! Die ſchweigenden Götter verrathen die Menſchen nicht, und ihre Augen von Stein hat man nicht zu fürchten! Mit flüchtigem Fuß eilte Arabella jetzt vorwärts durch die prunkenden Säle, deren Herrin ſte einſt geweſen, wo ſtie einſt unter funkelnden Kronleuchtern, umgeben von Cavalieren und den vornehmſten Damen geſtanden, wie eine diamantenſtrahlende Königin in der Mitte ihrer Vaſallen. Jetzt beleuchtete nur die kleine Laterne in ihrer Hand dieſe öden, ſchweigenden Säle, und machte hier und dort irgend ein Bild, ein vergoldetes Meuble hell erglänzen, und warf wie Arabella weiter wanderte, zuweilen einen hellen blitzartigen, ſchnell erlöſchenden Schein aus den hohen Spiegeln zurück, an denen ſte vorüber ſchritt. Aber ſeltſam! Die ſchweigenden Säle ſchienen lebendig geworden zu ſein von ihrem Schritt. Vielleicht waren es die Geiſter des Hauſes, welche Arabella geweckt hatte durch ihr Kommen zu nächtlicher Stunde, und dieſe Geiſter waren es, welche leiſe flüſterten und ziſchelten in den Gemächern, die Arabella ſchon durchwandert hatte, dieſe Geiſter waren es, die mit leiſen Schritten über den Fußboden dahin glitten, und mit glühenden Augen von ferne, ganz von ferne der ſchlanken dunkeln Geſtalt der Gräfin folgten, und gleichſam von ihr nachgezogen immer weiter vorwärts ſchlüpften, ſo wie die Gräfin weiter ſchritt. Endlich jetzt hatte Arabella das Ziel ihrer Wanderung erreicht, endlich war ſie angelangt in dem Zimmer, welches ihren Schatz, ihre Zukunft, ihr Alles enthielt. Ihr erſter Blick, als ſie eintrat, war nach dem Bilde hingerichtet, deſſen Nagel der Schlüſſel war zu ihrem Paradieſe der Zukunft! Es hing ruhig und unberührt an ſeiner Stelle. Ihr Geheimniß war alſo nicht entdeckt, ihr Schatz war da, da hinter jener Wand! Von einem ſeltſamen Gefühl überraſcht ſank Arabella auf einen Seſſel nieder, und ruhte einen Moment aus nach ſo vielen Aufregungen und Stürmen. Ein unausſprechliches Gefühl von Rührung und Weh⸗ muth überkam ſie, eine ſelige Empfindung des Friedens und der Sicherheit. Es war ihr, als ſtände ſie jetzt am Ende eines gefährlichen⸗ ihnen ttreten enten! ihre h die unter zimſten Mitte üden, d, ein weiter Schein vorden auſes, dtunde, lten in Geiſter glitten, glanken ezogen ritt. rreicht, t, ihre erichtet, ft! heimniß Gand! feinen gungen Weh⸗ und der zrlichen⸗ 25 ſchwindelnden Pfades, als thue eine neue Zukunft ſich vor ihr auf, als ſähe ſie am Horizont eines düſtern und unheilvollen Lebens eine neue ſchöne glückverheißende Morgenröthe aufdämmern! Und ſie grüßte dieſen Strahl eines neuen Tages mit einer ſeltſamen, nie empfundenen Rührung, und ihre Lippen murmelten leiſe ungewohnte Worte, die faſt klangen wie ein Gebet! Aber ſie erſchrak vor ihren eigenen Worten, und ſprang empor und eilte zu dem Bilde hin. Fort mit ihm von der Wand, denn da⸗ hinter liegt ihr Glück! Jetzt einen raſchen Druck an dem Nagel, und der kleine Wand⸗ ſchrank fliegt auf! Da ſteht ſie, die geliebte Caſſette, ſteht ruhig und unvexſehrt da. Arabella ſtreckt ihre beiden Arme nach ihr aus, und hebt ſie an ihre Bruſt, zärtlich und lächelnd, wie eine Mutter, die ihr einzig Kind an ihre Bruſt drückt! 3 Nun ſetzt ſie ſie auf den Tiſch, und hebt den Deckel, und nimmt mit haſtiger Hand die verſchiedenen Etuis aus dem Kaſten hervor. Sie ſind alle noch da, alle! Sie drückt an den Federn, und die Etuis öffnen ſich. Oh, wie himmliſch ſie funkeln und blitzen, dieſe köſtlichen Bril⸗ lanten! Selbſt das kleine beſcheidene Licht der Laterne genügt ihnen, um aufzuleuchten in allen Farben, und mit ihrem Glanz Arabella's Herz zu entzücken. Wen die Götter verderben wollen, den ſtrafen ſie zuerſt mit Blindheit. Arabella iſt ſo vertieft in das Anſchauen ihrer Brillanten, daß ſte die hohe Männergeſtalt nicht ſieht, welche da eben in der Thür erſcheint, nicht dieſes höhniſche, ſchadenfrohe Lachen ſieht, mit welchem dieſer Mann ſie einen Moment lang anſtarrt. Aber nur einen Moment! Dann ſpringt er vorwärts wie eine wilde Tigerkatze, und packt Arabella mit ſeinen beiden muskelkräftigen Händen, und hält ſie feſt trotz ihres Sträubens, ihres Zitterns. Hieher, Ihr Alle, hieher! ruft er mit lauter Stentorſtimme, und man hört es lebendig werden im nächſten Gemach, raſche Schritte ſtürmen heran, und vier andere Männer noch treten ein. Seht Ihr, ruft der Erſte ihnen zu, mit ſeinem Kopf hindeutend auf Arabella, die er mit ſeinen beiden Händen gepackt hat. Seht Ihr, 26 da haben wir den ſchönen reizenden Vogel eingefangen. Es war ganz klug, ihn ein wenig flügge werden zu laſſen, und ihm bloß nachzuſpüren, um zu ſehen, wo er ſich ſein Neſtchen verſteckt, und wo er niederflattern würde. Es war ſehr klug von Euch, Herr Polizeirath, ſagten die Männer, mit einem grinſenden Lachen auf Arabella hinſchauend, die ihre wuth⸗ blitzenden Augen von Einem zum Andern gleiten ließ⸗ und ihre Lippen 8 4† ſ feſt aufeinander preßte, um den Schrei der Angſt oder der Wuth zu⸗ rückzuhalten. Jetzt wird der Kaiſer nicht mehr ſager⸗ müſſen, daß die ſchöne Gräfin Baillou unſchuldig iſt, fuhr der Polizeirath lachend fort. Wir haben ſie Gott ſei Dank mitten bei der That ertappt, als ſie die Brillanten ſtahl, welche den Gläubigern des Grafen Podſtadzky ge⸗ hören, wie Alles in dieſem Hauſe! Und wer weiß! was wir noch ſonſt Alles mit dieſen Brillanten entdecken. Denn Ihr wißt ja, wie viel Brillanten während der Feſtlichkeiten des vorigen Winters ver⸗ und die Gräfin Baillou war bei allen Feſtlichkeiten, wo Brillanten verloren gingen. Ich hab's mir wohl gemerkt, und Sie ſchon lange beobachtet, mein wunderſchöner Engel, und ich war's, der Se. Majeſtät beſchwor, Sie frei zu laſſen, ich war's, der ihm ſagte: ſich frei und ſicher glaubt. Ich „begnadigt ſte, Majeſtät, damit ſte ſchwöre darauf, daß ſte all die verlornen und geſtohlenen Brillanten beſitzt, und daß ſie ſte irgendwo in ihrem Hauſe verſteckt hat. Laſſen wir ihr alſo Zeit dahin zu gehen, und die Brillanten aus ihrem Verſteck zu holen.“ Der Kaiſer erfüllte meine Bitte, ſchönſte Gräfin, und ſo iſt es gekommen, daß wir heute den ganzen Tag ſchon in Ihrem Hoͤtel wohnen, und des ſchönen Moments harren, wo Sie Denn daß Sie kommen würden, deſſen war ich wir den Vogel mit all den Federn, öglein ausgerupft, und die Prämie, loren gegangen, — kommen würden. gewiß. Und jetzo alſo haben die Sie den andern ſchönen V welche mir der Kaiſer verſprochen, iſt mein! Wie viel hat Ihnen der Kaiſer verſprochen, wenn Sie mich ge⸗ fangen nehmen können? fragte Arabella mit vollkommen ruhiger Stimme, denn es war ihrem ſtarken Willen ſchon wieder gelungen, ihren Zorn, ihre Wuth und auch ihre Angſt zu bemeiſtern, und wie⸗ der ſie ſelbſt zu ſein. Kaiſ eine unte Kaiſ Nier ſien auch ſeuf einn ſein Ihr dar ſein Es war n bloß und wo Männer, wuth⸗ Lippen zuuth zu⸗ ie ſchöne ort. Wir zſie die lichkeiten, erkt, und ich war's, ihm ſagte: übt. Ich Brillanten t. Laſſen us ihrem ie Gräfin, ſchon in „wo Sie 1 war ich in Federn, „ Prämie, mich ge⸗ n ruhiger gelungen, und wie⸗ 27 Fünfhundert Dukaten, meine Schöne, iſt die Prämie, die der Kaiſer ausgeſetzt hat, wenn wir Sie auf der That ertappen könnten. Fünfhundert Ducaten! rief ſie ſpöttiſch. Ein Bettellohn für eine Dame, wie ich es bin. Nehmt alle dieſe Brillanten, theilt ſie unter Euch, und Jeder wird das Doppelte haben von dem, was der Kaiſer Euch zuſammen giebt. Nehmt Alles, und laßt mich frei, und Niemand wird erfahren, was hier unter uns abgemacht iſt. Ein lautes, wieherndes Gelächter war die Antwort. Seht da, ſte will uns beſtechen, rief der Polizeirath, ſie glaubt, daß ſie uns auch verführen kann, wie die Cavaliere, die ſonſt zu ihren Füßen ſeufzten. Ihre Rolle iſt ausgeſpielt, Madame, und wenn Sie noch einmal auf der Bühne erſcheinen, ſo wird es auf der Schandbühne ſein! Kommen Sie! Ich habe die Ehre Sie zum Wagen zu geleiten. Ihr packt die Juwelen ein, und tragt ſie uns nach! Sie ſträubte ſich nicht mehr. Ruhig und ſtolz nahm ſie den dargebotenen Arm des Polizeiraths, und ging mit feſtem Schritt an ſeiner Seite dahin. 3 Leiſe nur flüſterten ihre Lippen: Er hat Recht! Meine Rolle iſt ausgeſpielt.*) *) Die ſchöne Gräfin Baillou, die Zierde der vornehmen Wiener Zirkel, wie alle hiſtoriſchen Berichterſtatter jener Zeit ſie nennen, ward ihrer vielfachen Betrügereien wegen verurtheilt am Pranger zu ſtehen, drei Tage hintereinander, wie der Obriſtlieutenant von Szekuly, das beklagenswerthe Opfer ihrer Bosheit und Coquetterie. Dann ward ſie als Ausländerin mittelſt Zwangspaſſes bis zur Grenze der öſterreichiſchen Staaten befördert. Siehe Hübner II. 392. Groß⸗ Hoffinger III. IV. Horja und der Bauern-Aufſtand. Vier Jahre angeſtrengter Arbeit, raſtloſen Eifers waren vergangen, ſeit Joſeph die Alleinherrſchaft ſeines Reiches angetreten. Vier Jahre hatte er nur dem Wohle ſeines Volkes gelebt, nur das Beſte ſeiner Unterthanen gewollt und erſtrebt, und ohne Menſchenfurcht und Eigen⸗ nutz nur das eine Ziel verfolgt, ſein Volk frei, einig, ſtark und groß zu machen, es zu befreien von den Banden der geiſtigen Knecht⸗ ſchaft, welche die Kirche ihm auferlegt, es zu erlöſen von dem Joch der Sclaverei, welches die Leibeigenſchaft über ſeine Schultern gelegt, es zu erheben zu der Würde des freien Menſchenthums, welche die Gleichſtellung vor dem Geſetz ihm gewähren ſollte, es mächtig und reich zu machen durch Oeffnung neuer Handelswege, durch Errichtung von Fabriken und durch Begünſtigung des Handels und der Induſtrie. Und was war ſein Lohn für alle Anſtrengungen, alle Mühen, für ſein Kämpfen und Ringen mit all dieſen widerſtrebenden Elementen, welche ihn haßten, weil jede Neuerung ihm läſtig und unbequem war! Was war ſein Lohn für ſchlafloſe Nächte, für raſtloſes Arbeiten, für ein Leben, welches nur den Mühen und Laſten ſeiner Krone gewidmet war, und ganz reſignirte auf eigene Freude und eigenen Genuß? Unzufriedenheit und Widerſetzlichkeit, wohin er auch ſchauete, Undankbarkeit und Uebelwollen, wohin ſein Auge ſich wandte! Der Adel grollte ihm, weil er ſich erniedrigt fühlte durch dieſe Geſetze, welche ihn mit ſeinen Rechten dem geringſten Bürger gleich⸗ ſtellten, er legte dem Kaiſer bei jeder Gelegenheit offenen Widerſtand entgegen, ſeit Mitglieder der angeſehenſten und größten Familien für begangene Verbrechen zu ſchmachvollen Strafen verurtheilt worden waren, und ſuchte heimlich und offen auch das Volk zur Unzufrieden⸗ heit und zum Widerſpruch aufzureizen. Und in dieſem Beſtreben fand es einen mächtigen und einflußreichen Mitkämpfer an der Geiſtlich⸗ rgangen, ter Jahre ſte ſeiner dEigen⸗ ark und Knecht⸗ em Joch n gelegt, elche die htig und rrichtung Induſtrie. Mühen, lementen, tem war! eiten, für gewidmet nuß! ſchauete, tel urch dieſe ger gleich⸗ Iiderſtand nilten füt t worden zuftieden⸗ Beſtreben Geifllich⸗ 29 keit und der Kirche; dieſe hatte Ideph am mei lohnten es ihm mit dem unverſöhnlichſtn Haß. Die Gewalten aber ſchloß ſich eine dritte an: hatte dem Schlendrian früherer Jahre E 3 † 3 nde c ver von dem höchſten, wie von dem niedrigen Be dennähbeßeer andi Aamen., 0 e„ daß er Kenntniſſee beſitzen ſolla. erter 1 17 S an den tn ſenathede ene er befahl, daß diejenigen, denen es und ernſte Stor mugelte, noch einmal auf die Univerſität gingen, diejenigen vardien machten, er entfernte mit ſchonungsloſer Streßge— n ihren Aemtern, welche das Erſtere nicht wollten! ſten gekänkt, dieſe ſen beiren mächtigen die Bureauctatie. Jofeoh Er war 4.„ und day ein Schrecken der Beamten, und darum fürchteten ſie ihn, fehlen um haßten ſie ihn, und ſetzten ſeinem Willen und ſeinen Be⸗ geger üͤberall den Widerſtand des Schweigens und der Trägheit ent⸗ abön, und hemmten ſeine Schritte und verdarben ſeine Pläne durch „ſichtliches Mißverſtehen ſeiner Abſichten. u, Aber noch hatte dieſe allgemeine Aufregung nur im Stillen be⸗ glüht, noch hatte ſte es nicht gewagt, an das Licht zu treten und dem Kaiſer die Stirn zu bieten, und Joſeph arbeitete weiter, voll des freudigen Muthes, es werde ihm doch noch gelingen, den Wider⸗ ſtand der Uebelwollenden zu beſeitigen, den Beiſtand der Wohlwollenden zu gewinnen, und ſein Volk zu überzeugen, daß alle dieſe Neuerungen, welche es ſo ſehr haßte und ſcheute, nur ſein Wohl und ſeine Größe allein bezweckten. Da auf einmal ward er aus dieſer Hoffnung aufgeſchreckt durch die furchtbaren Nachrichten, welche aus Ungarn zu ihm herübertönten. Er hatte den ungariſchen Bauer frei gemacht von der Leibeigenſchaft, er hatte ihn erlöſt von der furchtbaren Steuerlaſt, und durch die neue gleich⸗ mäßige Steuerregulirung auch dem Adel die Pflicht der Steuerzahlung auferlegt, er hatte die allgemeine Conſcription eingeführt, und jeder Ungar ohne Anſehen der Perſon und des Standes ſollte kämpfen und dienen unter den Fahnen Oeſterreichs; er hatte angeordnet, daß die Häuſer numerirt und gezählt würden, und endlich hatte er be⸗ fohlen, daß man auch in Ungarn die deutſche Sprache als die allein gültige erlernen und ſprechen ſollte. Ein einziger Schrei der Entrüſtung hallte durch alle Schlöſſer der ungariſchen Magnaten. In ihren heiligſten Rechten waren ſie gekränkt und angegriffen; die Conſcription wollte den Sohn des Edel⸗ 30 rr gleichſtellen, die Beſteuerung ihres manns den Sohn des Baue hſle. der Häuſer, um darnach die Steuern Grundbeſitzes, die Numerirung der Bar. norzatken zu können wollte e des Vorrechtes berauben, das ihre „ von allen Oeſterreichiſchen aiſern noch gewährleiſtete Verfaſſung ihnen zuerkannte, Vorchts: keine Steuerm zu zahlen! Und der Befehl endlich, die deutſcheSrache zu eerlernen, ſie an⸗ zuwenden bei allen öſſentlichen und gerichtlichen Acten, bedrohte ſie mit dem Unglück, ihre Nationalität zu verlieren, und hr Vaterland⸗ das Königreich Ungarn, zu einer öſterreichiſchen Pdvinz herab⸗ gewürdigt zu ſehen. Aber nicht bloß die Magnaten und Edelleute fühlten ſichbedroht von dieſen kaiſerlichen Verordnungen, ſondern auch das Vor Es fühlte ſich zum Tode erſchrocken über die anbeſohlene Conſerifion, und vor den kaiſerlichen Beamten, welche kamen, dieſe Conſcriptin vorzunehmen, flohen ſie zu Tauſenden, Alt und Jung, Greiſe un Knaben, von paniſchem Schrecken ergriffen in die Gebirge, in deren Höhlen und Schlupfwinkel und Thäler die kaiſerlichen Beamten ihnen nicht zu folgen vermochten. Aber Einem von den Ihren gelang es, ſie aus ihren Verſtecken hervorzurufen; der laute Ruf des Bauern Horja hallte wieder durch alle Bergklüfte und alle Thäler, und dieſer Ruf hieß: Freiheit und Gleichheit.“ Der Adel, betheuerte Horja, der Adel ſolle aufgehoben werden im ganzen Königreich Ungarn, keine Schlöſſer ſollte es mehr geben, keine Magnaten und Zwingherrn. Der Kaiſer ſelber habe ihm das verſprochen in der Kaiſerburg zu Wien, der Kaiſer habe ihm gelobt neit heiligem Eide, er wolle den ungariſchen und ſieben⸗ Adligen ihm gleich ſtellen, bürgiſchen Bauer frei machen, er wolle der r den freien Bauer. Und und ihm keine Vorrechte mehr geſtatten übe jetzt ſei die Stunde der Erfüllung gekommen, jetzt habe der Kaiſer ſein Wort erfällt, und habe den ungariſchen Edelmann dem Bauer gleichgeſtellt durch die Conſcription und die Beſteuerung, nur gegen die Edelleute, die ſtolzen Magnaten, ſeien die Befehle des Kaiſers gerichtet, nicht gegen das Ungarvolk, von dem Joſeph ſelber zu Horja geſagt, ſie ſeien ſeine liebſten und ſchönſten Kinder, und er wolle, daß ſie Alle frei⸗ glücklich und reich würden. Und dazu habe der Kaiſer alle dieſe Verordnungen ergehen laſſen; aber er könne nicht Alles ſie mi an's habe der K 1 mit d ſprach mit ſt Muſi verne hatte ( Zaub die 3 und dieſes fuͤhlt nicht bürg jauch ſtröm zu h. und mach wir in d Kaiſ aber gelte g ihres Steuern as ihre rfaſſung ahlen! ſie an⸗ fohte ſie neerland, herab⸗ bbedroht Cs tion, 1 Bot ſer nſcriptin reiſe un Höhlen puen nicht Verſtecken eder durch eiheit und ufgehoben he es mehr elber habe gaiſer habe und ſieben⸗ leich ſtellen, auer. Und der Kaiſer dem Bauer nur gegen des Kaiſer u Horja zu 5 er wolle „r u habe der könne nicht Alles allein thun, er rechne auf die Hülfe ſeiner ungariſchen Bauern; ſte müßten vollenden, was er angefangen, ſie müßten ſelber Hand an's Werk legen, und ſich bethenen, als Männer. Der Kaifer habe ihnen die Wege gezeigt und gzebnet, auf denen ſie wandeln ſollten, der Kaiſer wolle, daß ſie Alle frei würden, frei, reich und glücklich! Und wenn Horja mit begeiſterler Stimme, mit blitzenden Augen, mit der flammenden urſprünglichen Beredſamkeit des Naturſohnes ſo ſprach, ſo hörten ihm die ungariſchen und ſiebenbürgiſchen Bauern zu mit ſtaunendem Entzücken, und ſeine Worte dünkten ihnen wie himmliſche Muſik, welche ſie zuweilen in den Träumen einer entzückenden Nacht vernommen, die ſie aber niemals noch mit wachenden Ohren gehört hatten. Der Bauer ſoll frei ſein, glücklich und reich! Das war das Zauberlied, das überall jetzt erklang durch Hütten und Thäler, das die Ziegenhirten vernahmen auf den höchſten Spitzen des Tatragebirges, und die Bergleute in den unterſten Schachten der Bergwerke, und dieſes Zauberlied wirkte auf ſie Alle, wie das Lied des Arion, ſie fühlten ſich von ihm angezogen, ſie mußten ihm folgen, ſie konnten nichts anders mehr denken, wollen und hören, als nur dies. Horja war der Arion, der dem Bauer in Ungarn und Sieben⸗ bürgen dieſes Zauberlied ſang, und um Horja ſammelten ſich die jauchzenden, begeiſterten Schaaren, welche von allen Seiten herbei⸗ ſtrömten, um das zu vollenden, was der Kaiſer angefangen, und ihm zu helfen, ſein Werk zu Stande zu bringen. 4 Horja ſagte ihnen, der Kaiſer hat geſagt, wir ſollen frei, glücklich und reich werden. Frei und darum glücklich hat uns der Kaiſer ge⸗ macht, das Dritte aber ſollen wir uns ſelber ſchaffen. Reich ſollen wir uns machen durch unſere eigene Macht! Unſer Reichthum liegt in den Schlöſſern der Edelleute. Sie müſſen mit uns theilen, der Kaiſer will es ſo. Der Kaiſer iſt ein Feind der ſtolzen Edelleute, aber ein Freund des armen Volks; er will den Cdelleuten daher ver⸗ gelten, was ſie ſeit Jahrhunderten Böſes an uns gethan, er will dem armen Volk vergelten, was es ſeit Jahrhunderten Böſes zu leiden gehabt. Auf den Schlöſſern der Edelleute liegt unſer Reichthum! Und wenn das arme, ſo lange an Knechtſchaft, Armuth und Elend gewöhnte Volk noch zweifelte und zauderte, ſo zeigte ihnen 4— Horja eine Gnadenkette vor, eine ſchwere goldene Kette mit dem Bild⸗ fangen haben, niß des Kaiſers, die er von Joſeph ſelber wollte empf er ſagte ihnen, der Kaiſer habe ihn zu ſeinem Bevollmächtigten er⸗ nannt, und zum Zeichen deß zeigte er ihnen ein mit großen Siegeln verſehenes Pergamentblatt, das mit großen goldenen Buchſtaben be⸗ ſchrieben war. Das, ſagte er, ſei das Patent, mit welchem Joſeph ihn zum General⸗Capitain und Bevollmächtigten ernenne, und zum Zeichen deß habe er ihm auch die Gnadenkette geſandt. Es ſtände Alles geſchrieben in dieſer Schrift, ſie möchten Alle nur kommen und es ſelber leſen. Da die armen Bauern nicht zu leſen verſtanden, erbot ſich der Pope Kriſchan, der Freund Horja's, die kaiſerliche Schrift vorzuleſen, und es ergab ſich, daß Horja die Wahrheit geſagt, es ſtand genau Alles ſo auf dem Pergament, wie Horja es ihnen geſagt, der Pope Kriſchan hatte es geleſen, und einen Popen der Lüge zu zeihen, kam keinem von dieſen gläubigen Kindern der Natur in den Sinn. In Siebenbürgen hatte Horja zuerſt ſein Patent und ſeine Gnaden⸗ kette gezeigt, von dort aus ſollte das Werk der Befreiung und der Rache beginnen. Dort ſchaarten ſich zuerſt die Bauern um ihn zu einer kleinen Armee. Aber immer weiter und weiter hallte der Ruf, Hunderte ſtrömten täglich heran zu ſeinen Schaaren, in allen Dör⸗ fern erhoben ſich die Bauern und kündigten ihrem Herrn den Gehor⸗ ſam auf und eilten Horja entgegen, Horja, dem General⸗Capitain des Kaiſers, der dem Kaiſer helfen ſollte, ſein Volk glücklich, frei und reich zu machen! Der Reichthum lag in den Schlöſſern der Edelleute, und ſie hatten nur nöthig, ihn von dort zu holen, und ſie konnten das, denu eine Armee von ſechsunddreißigtauſend Bauern aus Siebenbürgen und Ungarn ſchaarte ſich jetzt um Horja und ſeinen Freund Kriſchan, und das Werk der Freiheit, des Glücks und des Reichthums konnte jetzt begonnen werden. Und es begann mit allen Greueln und Schreckniſſen des Bürger⸗ krieges und der Empörung, es begann mit Brandſtiftungen, mit der Verwüſtung der Schlöſſer und Burgen, mit der Ermordung der gefan⸗ genen Edelleute und der Vernichtung ihres Hab und Gut. Die Edelleute der entfernter gelegenen Comitate und Geſpanne, wohi ſamn gelan ließen ſchul m Bild⸗ haben, gten er⸗ Siegeln ben be⸗ Joſeph und zum s ſtände men und t ſich der orzuleſen, nd genau der Pope hen, kam Gnaden⸗ und der im ihn zu der Ruf, leen Dör⸗ in Gehor⸗ „Capitain wfrei und „und ſie das, denn ebenbürgen d Kriſchan, ums konnte es Bürger⸗ en, mit der der grfal⸗ 4 Geſpanne, 33 wohin die Empörung noch nicht gedrungen war, ſchaarten ſich zu⸗ ſammen, bewaffneten ſich und zogen wider die Empörer aus. Es gelang ihnen, einzelne von ihnen gefangen zu nehmen, und dieſe ließen ſte, als freie, unumſchränkte Herren, die nur Gott Rechenſchaft ſchuldig ſind, auf grauſame und martervolle Weiſe hinrichten. Dieſe Hinrichtungen, ohne Befehl und Billigung des Kaiſers, fachten die Wuth noch höher an und reizten die Empörer zu feſterm Verharren in ihrem Kampf gegen dieſen übermüthigen Adel, der ſich dünkte, als Souverain ſchalten und walten zu können. Jetzt ver⸗ langten ſie überall mit ſtürmiſchem Wuthgeheul, der Adel ſolle auf⸗ hören zu exiſtiren, die adligen Beſitzungen ſollten unter das Bauern⸗ volk getheilt werden. Die Edelleute ſollten ihren Adel abſchwören und bis zur Krönung des rechtmäßigen Königs, des Kaiſers Joſeph, der ſich deshalb nur bis jetzt nicht habe in Ungarn krönen laſſen, weil er wolle, daß erſt das ganze Volk frei und gleich, und vom Adel befreit ſei, bis zur Krönung Joſeph's ſollten ſie Alle Horja, als dem General⸗Capitain von Ungarn, gehorſam ſein. In einer eigenen Schrift ließ Horja dieſe Bedingungen des Frie⸗ dens auf der Comitatstafel der Edelleute niederlegen, und da ſie die⸗ ſelbe keiner Antwort würdigten, begann das Rauben und Sengen, das Plündern und Morden mit erneuerter Wuth. Aber nur das Eigenthum der Cdelleute griffen ſie an, geheiligt war ihnen, was dem Kaiſer gehörte, denn der Kaiſer war ihr gelieb⸗ ter Herr, aber ihm allein wollten ſie unterthan ſein, er ſollte der einzige Herr und Edelmann bleiben in Ungarn und Siebenbürgen, jeder andere Adel, jedes andere Eigenthum ſollte aufhören! Der Kaiſer durfte nicht länger ſchweigen zu dieſen Worten und Thaten der Empörer, die ſich verrühmten, in ſeinem Sinn und ſeinem Namen zu handeln; er hatte anfangs gehofft, es mit der Milde ver⸗ ſuchen zu dürfen; er hatte allen Empörern einen General⸗Pardon zuerkannt, und nur auf das Haupt ihres Anführers Horja einen Preis von dreihundert Ducaten geſetzt. Aber die armen, bethörten Bauern, welche den Worten geglaubt, die ihnen Horja als die Worte des Kaiſers mitgetheilt, ſie glaubten nicht an den General⸗Pardon des Kaiſers und hielten ihn nur für eine Liſt, mit welcher ihre Gegner ſie bethören wollten. Kaiſer Joſeph. 3. Abth. IV. 3 34 Jetzt durfte Joſeph keine Schonung mehr üben, jetzt mußte das kaiſerliche Militair einrücken in die Gegenden, wo der Aufruhr ſeine brennenden Fackeln ſchwang, und mit blutiger Wafſe und mit Kanonen⸗ donner und Kartätſchengepraſſel mußte zu Ende geführt werden, was das Wort der Güte und der Gnade nicht vermocht hatte. Jetzt, in dieſer höchſten Noth, da Horja einſah, daß er nichts mehr zu hoffen habe von der Gnade des Kaiſers, ließ er den miß⸗ vergnügten Edelleuten antragen, ſich mit ihm und ſeinen Schaaren wider den Kaiſer zu verbinden. Aber ſie wieſen dieſen Antrag zurück, und halfen nur noch eifriger den Soldaten des Kaiſers in Verfol⸗ gung und Aufſuchung der Empörer. Tauſende von ihnen ergaben ſich und balen um Gnade, die ihnen der Kaiſer gewähren ließ. Tauſende flohen in die Gebirge, und Tauſend und aber Tauſende wurden gefangen. Unter ihnen Horja und der Pope Kriſchan, Beide wurden zum Tode verurtheilt. Da in ſeiner höchſten Noth flehte Horja um die letzte Gnade, nach Wien gebracht zu werden, weil er dem Kaiſer Dinge von der größten Wich⸗ tigkeit mitzutheilen habe. Aber es lag nicht im Intereſſe der Edelleute, daß der Kaiſer dieſe Dinge erfahre, Horja's Bittgeſuch ward„aus wichtigen Grün⸗ den“ abgeſchlagen. Vielleicht ahnte der Kaiſer, welcher Art die wichtigen Dinge ſeien, welche Horja ihm mittheilen konnte, vielleicht fürchtete er, dieſe Enthüllungen könnten ihm klar beweiſen, was er ahnte, daß nämlich die Magnaten und Edelleute ſelber den ganzen Aufſtand angeſtiftet, um Joſeph ein ſchreckensvolles Beiſpiel von den Folgen und Conſe⸗ quenzen ſeiner Verordnungen zu geben. Horja ward nicht nach Wien gebracht, ſondern er ward auf dem großen Marktplatz zu Carlsburg gerädert, und zweitauſend gefangene Empörer mußten dieſem grauſenvollen Schauſpiel zuſehen.*) Das war das Ende dieſes fürchterlichen Drama's, bei welchem viertauſend Menſchen ermordet, zweiundſechszig Dörfer und einhundert und zweiunddreißig Edelhöfe verwüſtet worden, und das dem armen irregeleiteten Bauern ſtatt der Freiheit, des Reichthums und des *¹) Den 3. Januar 1785. Glücke mächti 8 ihrer Joſepl hat m 1 binet Cont Seer⸗ bleich Denn ſeine ſeinen meiſt Freu Gehe ihm hatte — Fte das hr ſeine moönen⸗ n, was nichts en miß⸗ ſchaaren zurück, Verſol⸗ die ihnen ge, und n Horja Da in ch Wien n Wich⸗ er Kaiſer i Grün⸗ n Dinge er, dieſe nämlich ngeſtiftet d Conſe⸗ auf dem gefangene i welchem inhundert em armen und des 9 35 Glückes nur den geſteigerten Haß und das bittere Rachegelüſte ihrer mächtigen, durch das Geſetz geſchützten Herren eingetragen hatte.*) Die Magnaten und Edelleute aber riefen, auf den Trümmern ihrer verwüſteten Schlöſſer, ihrer brennenden Dörfer ſtehend: das iſt Joſeph's Werk! Das iſt die blutige Saat, welche der Kaiſer geſäet hat mit ſeinen Reformen und Neuerungen! Die RKache des Juden. Der Kaiſer ging in heftigſter Bewegung in ſeinem Arbeits⸗Ca⸗ binet auf und ab. Aller Gewohnheit entgegen hatte er heute den Controlorgang nicht öffnen laſſen und ſeinen Cabinetsräthen und Secretairen befohlen, in der Kanzlei zu bleiben und dort zu arbeiten. Er wollte allein ſein, er mußte allein ſein, Niemand durfte ſein bleiches, ſchmerzzerriſſenes Angeſicht, ſeine gerötheten Augen ſehen! Denn er hatte geweint, bittere ſchmerzensvolle Thränen geweint. Und einem großen Leid, einer traurigen Enttäuſchung waren ſeine Thränen gefloſſen. Günther, der unermüdliche Gefährte ſeiner Arbeiten, der treueſte ſeiner Cabinetsräthe, der Mann, dem er nächſt Lach und Kaunitz am meiſten vertraut, den er nicht als ſeinen Diener, ſondern als ſeinen Freund gehalten, Günther hatte ihn verrathen, Günther hatte die Geheimniſſe des Staats für ſchnödes Geld verkauft! Da lagen ſie vor ihm, die Papiere der geheimen Polizei, welche ihm an jedem Morgen diejenigen Briefe und Berichte zu bringen hatte, die am verfloſſenen Tage in den Bureaur der Poſt als ver⸗ “) Hübner. I. S. 273 ff.— Groß⸗Hoffinger. III. S. 135.— Ramshorn. Seite 138.— 64 36 dächtig angehalten und geöffnet wurden.*) Unter dieſen Briefen be⸗ fand ſich Einer, welcher klar und unwiderruflich den Verrath und Treubruch Günther's bewies! Es war ein Brief von dem Baron Eskeles Flies an ſeinen Handelsfreund in Amſterdam. Eskeles ſchrieb ihm darin, er habe ſo eben eine Nachricht erhalten, eine Nachricht, die ſo wichtiger Art ſei, daß er die tauſend Ducaten, welche er dafür habe zahlen müſſen, nicht bereue. Dieſe Nachricht ſei, daß der Kaiſer, der Streitigkeiten mit Holland über die Freiheit der Scheldeſchifffahrt überdrüſſig, jetzt geneigt ſei, Frieden zu machen, und die zehn Millionen Kriegs⸗Ent⸗ ſchädigung, welche Holland zahlen wolle, annehmen werde, dagegen einwillige, daß die Republik nach wie vor das Recht haben ſollte, ven Theil der Schelde, welcher unter ihrer Hoheit ſei, nebſt allen Ca⸗ nälen zu ſchließen, und nur gegen eingezahlten Zoll den fremden Schiffen den Durchgang zu geſtatten.**) *) Kaiſer Franz und Metternich. Ein nachgelaſſenes Fragment.(Von Hor⸗ mayr.) S. 79. **) Der Kaiſer hatte von der Republik Holland verlangt, daß ſie die Schelde allen niederländiſchen, belgiſchen und öſterreichiſchen Schiffen öffne, und da die Generalſtaaten dieſem Verlangen nicht willfahren wollten, ſondern ſich lieber zu einem Krieg um ihre durch Verträge geheiligten Rechte bereit erklärten, ließ auch der Kaiſer ſeine in den Niederlanden befindlichen Regimenter marſchiren. Deu ſogenannten heiligen, weil alten Verträgen, ſetzte er das gute Recht aller Voölker auf Freiheit des Handels und der Schifffahrt entgegen, und beſtand auf Oeffnung der Schelde, weil ſie eben die Handelsfreiheit ſeiner Niederländer beeinträchtlge. Indeſſen dieſe Forderungen, welche ſich nur auf die Wohlfahrt und den Vortheil der Völker, nicht aber auf Verträge und altes Recht ſtützen konnten, ſchienen allen Fürſten zu gefährlich, als daß ſte ſie hätten billigen ſollen. Sie erklärten ſich alle zum Schutz Hollands bereit, und ſtatt ſich mit Joſeph gegen die über⸗ müthigen und berechnenden Generalſtaaten zu verbinden, und ſie zu zwingen, daß ſie ein Privilegium abſchafften, welches die Freiheit alles Handels und aller Schiffe beeinträchtige, ſchloſſen ſie eine Art Bündniß wider ihn, und ermahnten den Kaiſer in langen diplomatiſchen Noten zur Nachgiebigkeit. Der Kaiſer, wel⸗ cher endlich einſehen mußte, daß er in dieſem Streit ganz Europa gegen ſich haben würde, mußte ſich endlich wohl entſchließen nachzugeben, und die Hollän⸗ der gegen eine Entſchädigungsſumme für die Kriegskoſten im unbeſtrittenen Beſitz ihrer Schelde zu laſſen. Der Kaiſer forderte Anfangs zwanzig Millionen, er⸗ G auf, 2 Raten ſich g Milli empfa dieſe theil ſei, d von den Stur Depe dieſer Ange das gen allen Kaum dieſen genh⸗ dieſe bleib ſer; entſch den daß lich tigu — kläͤrt efen be⸗ ſth und ſeinen habe ſo Art ſei, müſſen dagegen en ſollte, allen Ca⸗ fremden Von Hor⸗ die Schelde und da die h lieber zu „ließ auch Deu d ermahnten wel⸗ Kaiſer, egen ſich Holl an⸗ die Hollit ittenen Beſt illionen, dl⸗ 37 Eskeles Flies forderte daher ſeinen Geſchäftsfreund in Amſterdam auf, Alles zu thun, damit dieſe Zahlungen, welche der Kaiſer in vier Raten erheben wolle, durch ſein Haus geleiſtet würden, und erklärte ſich gegen angemeſſene Proviſton bereit, den Generalſtaaten dieſe zehn Millionen zu leihen und der kaiſerlichen Regierung auszuzahlen. Er empfahl ſeinem Handelsfreund aber das tiefſte Stillſchweigen über dieſe Angelegenheit, aus welcher ſie Beide allein den möglichſten Vor⸗ theil ziehen wollten, und welche bis jetzt noch Niemanden bekannt ſei, denn die Erklärung des Kaiſers werde erſt am folgenden Tage von Wien abgehen und alſo hätten ſie für ihre Geſchäfte und für den Verkauf von Papieren einen Vorſprung von vierundzwanzig Stunden. Das war der Inhalt des Briefes, den der Kaiſer mit andern Depeſchen und Briefen von dei geheimen Poli rhalten hatte, und dieſer Brief verurtheilte Günther, denn Er allein wußte um dieſe Angelegenheit. Ihm hatte der Kaiſer geſtern den Auftrag gegeben, das Reſeript an die Generalſtaaten auszuarbeiten, und es ihm mor⸗ gen zur Durchſicht und Unterſchrift vorzulegen. Mit ihm allein von allen ſeinen Räthen und Secretairen, mit Ausnahme des Fürſten Kaunitz, hatte der Kaiſer geſtern ſeinen gefaßten Entſchluß beſprochen, dieſen Streit mit Holland fallen zu laſſen. Des Fürſten Verſchwie⸗ genheit war über allen Zweifel erhaben, nur Günther alſo konnte dieſe Sache, welche für jetzt noch ein politiſches Geheimniß hatte bleiben ſollen, verrathen haben. Es war klar und unzweifelhaft, und dennoch wünſchte der Kai⸗ ſer zweifeln zu können, denn ſein Herz konnte ſich immer noch nicht entſchließen, den für ſchuldig zu halten, dem Joſeph ſo lange vertraut, den er ſo lange geliebt hatte! Es war ja doch immer noch möglich, daß irgend ein Zufall gewaltet haben könnte, obwohl Joſeph vergeb⸗ lich ſann, woher er kommen, wie eine Entſchuldigung, eine Rechtfer⸗ tigung Günther's möglich ſein könnte. Aber um ihn verdammen klärte dann mit funfzehn zufrieden ſein zu wollen, und nahm dann zuletzt doch die zehn Millionen, welche die Holländer von Anfang an geboten hatten, wes⸗ halb Friedrich der Große ſagte: Der Kaiſer hat ſich mit einem Trinkgeld ab⸗ finden laſſen. —— — 38 und ſtrafen zu müſſen, mußte Joſeph erſt Alles verſucht haben, um Günther zu rechtfertigen und zu entſchuldigen. Deshalb hatte er ſofort nach dem Baron Eskeles Flies geſandt, und den Banquier aufgefordert, ſogleich zu ihm zu kommen. In der Ungeduld ſeines Herzens hatte es ihm nicht genügt, einen gewöhn⸗ lichen Kammerhuſaren abzuſenden, ſondern ein Courier hatte nach dem Höôtel des jüdiſchen Barons eilen müſſen, und damit nichts ihn am ſchnellen Kommen hindern könne, hatte der Kaiſer ſeine eigene Equipage dem Courier nachgeſandt, daß Herr Eskeles Flies in der⸗ ſelben zum Kaiſer fahre. Mit hochklopfendem Herzen erwartete der Kaiſer jetzt die Ankunft des Wagens, ſo oft er in ſeinem raſchen Auf⸗ und Niederwandeln an das Fenſter kam, blieb er ſtehen und lauſchte, und warf dann wieder einen raſchen Blick Nnüber nach der Uhr, um ſich zu überzeugen, ob der Banquier bald kommen werde. Wenn es wahr iſt, murmelte der Kaiſer leiſe vor ſich hin, indem er jetzt wieder vom Fenſter zurücktrat, und ſein heftiges Auf⸗ und Niederwandeln wieder begann, wenn Günther wirklich mich ſo ver⸗ rathen und hintergehen konnte, dann iſt es vorbei mit meinem Glau⸗ ben an die Menſchheit, vorbei mit meinem Glauben an Treue, Edel⸗ muth, Wahrheit und Uneigennützigkeit! Ich habe ihn wahrhaft ge⸗ liebt, ich habe dem Adel geglaubt, der aus ſeinen Zügen ſprach, und der Seele vertraut, die aus ſeinen Augen mir entgegen leuchtete! und dies Alles ſollte jetzt eine Lüge ſein, eine große fürchterliche Lüge, welche nicht bloß den Kaiſer, ſondern auch den Menſchen in mir tödtlich verletzt? Günther, der edle, uneigennützige Günther, den ich für unbeſtechlich hielt, der ſollte jetzt um elenden Geldes willen ſeinen beſchwornen Eid gebrochen, meine Geheimniſſe verrathen haben? Ich kann's nicht glauben, und ich will's nicht glauben! Günther iſt unſchuldig! Ich will ihn ſelber fragen, ich will ihm ſelber die ganze Sache vorlegen, und er ſoll ſich rechtfertigen! Und von dieſem großmüthigen Entſchluß fortgeriſſen, näherte ſich der Kaiſer ſchon der Thür, um Günther rufen zu laſſen. Aber mit⸗ ten auf ſeinem Wege blieb er ſtehen, und der heitere und freudige Ausdruck, welcher einen Moment ſein Antlitz erhellt hatte, verſchwand wieder aus demſelben. J muß nur zu der U alle n nutz! als d in ſei gen i Günt Thüt nete Flies jener verge ters mutt ſeine lebhe habe Sche ob E und dern ſer r Wir Kaiſ ſer der ben, um geſandt, In der gewöhn⸗ atte nach ichts ihn ne eigene à in der⸗ te Ankunft andeln an in wieder eugen, ob in, indem Auf⸗ und ch ſo ver⸗ nem Glau⸗ rue, Cdel⸗ hrhaft ge⸗ prach, und leuchtete! ürchterliche tenſchen in unther, den ldes willen hen haben? günther iſt t die ganze näherte ſih Aber mit⸗ ad ſteudige verſchwand 7 39 Nein, ſagte der Kaiſer düſter, nein, ich will ihn nicht rufen, ich muß von anderer Seite meine Ueberzeugung erlangen. Ich habe nur zu oft erfahren, wie ſehr die Menſchen es verſtehen, die Rolle der Unſchuld, der Reinheit zu ſpielen, ich weiß, daß die Menſchen alle nur Comödianten ſind, welche die Rolle ſpielen, die ihrem Eigen⸗ nutz und Vortheil angemeſſen iſt. Ich bin zu oft betrogen worden, als daß— Ah, da kommt der Banquier, unterbrach ſich der Kaiſer in ſeinem Selbſtgeſpräch, als jetzt mit donnerndem Geräuſch ein Wa⸗ gen in den innern Schloßhof fuhr, jetzt wird es ſich entſcheiden, ob Günther ſchuldig oder unſchuldig iſt! Mit geſpannter athemloſer Aufmerkſamkeit lauſchte er nach der Thür hin. Jetzt näherten ſich Schritte, und der Kammerdiener öff⸗ nete die Thür des Cabinets und meldete: Der Baron von Eskeles Flies! 4 Der Banquier trat ein. Er war alt, ſehr alt geworden ſeit jener Nacht, als Rahel entflohen war; kaum ein Jahr war ſeitdem vergangen, aber in dieſem Jahr hatte das ſchwarze Haar ihres Va⸗ ters ſich zu Schnee gebleicht, in dieſem Jahr war der ſtarke, lebens⸗ muthige Mann von kaum funfzig Jahren zu einem Greis geworden! Der Kaiſer ging dem Banquier lebhaft entgegen, und reichte ihm ſeine Hand. Sehen Sie mich an, Eskeles, ſagte er in ſeiner raſchen, lebhaften Weiſe, beugen Sie Sich nicht ſo demuthsvoll nieder, wir haben in dieſer Stunde nicht Zeit zu überflüſſigen Ceremonieen. Schauen Sie mir feſt in's Auge, denn ich wünſche darin zu leſen, ob Sie noch immer der treue, biedere Mann ſind, der die Lüge ſcheut, und die Wahrheit ſagt, ſelbſt wenn er fürchten muß, ſich oder An⸗ dern dadurch zu ſchaden! Herr Eskeles Flies richtete ſein Haupt empor und ſah den Kai⸗ ſer mit ernſten, ruhigen Blicken an, und ertrug es, ohne daß eine Wimper zuckte, eine Muskel ſeines Geſichtes ſich bewegte, daß der Kaiſer ſeine großen durchdringenden Augen auf ihn heftete. Ich ſehe es, Sie werden mir die Wahrheit ſagen, rief der Kai⸗ ſer nach einer langen Pauſe. Der treue und gläubige Jude ſagt immer die Wahrheit, erwi⸗ derte Herr Eskeles Flies ernſt, dhas Geſetz gebietet es ihm! Joſeph nickte leicht mit dem Kopf und trat zu ſeinem Schreiy⸗ 1 b 1 I 40 tiſch, von welchem er einen geöffneten Brief nahm, und ihn dem Banquier darreichte. Haben Sie das geſchrieben? fragte der Kaiſer. Herr Eskeles ließ ſeine Blicke langſam über das Papier hinglei⸗ ten und richtete ſie dann wieder feſt auf den Kaiſer. Ja, ſagte er, ich habe das geſchrieben. Es iſt ein Brief an meinen Handelsfreund in Amſterdam. Ich gab den Brief geſtern auf die Poſt, nach meiner Berechnung mußte derſelbe geſtern Abend noch abgegangen ſein, und ſtatt deſſen finde ich ihn heute noch hier? Das wird meinen Con⸗ juncturen einen empfindlichen Rückſchlag geben! Er ſagte das mit dem ſtillen ernſten⸗ Nachſinnen eines Kauf⸗ manns, der nichts weiter im Auge hat, als ſeine Bücher und Con⸗ juncturen, und gar hiht ahnt, daß es auch noch andere Intereſſen geben könne./ C& Ja, der Brief iſt noch hier, ſagte Joſeph, die geheim] Po igei hataen ihn mir ausgeliefert. Jetzt drückten die Züge des Banquiers ein unverholenes Staunen aus. Ah, ſagte er, leiſe ſein Haupt ſchüttelnd, wir haben alſo wirk⸗ lich eine geheime Polizei, und was man ſich vom Chiffre⸗Cabinet und dem Oeffnen der Briefe erzählt, iſt alſo wirklich kein Mährchen?*) *) Das„Chiffre⸗Cabinet“ hatte ſeine Bureaux ſelbſt in der Kaiſerburg in der ſogenannten„Stallburg.“ Hier wurdeu von franzöſiſchen und neapolitaniſchen Adep⸗ ten alle die diplomatiſchen Actenſtücke aufgelöſt, die in Chiffren geſchrieben, an fremde Geſandten gerichtet, und unterwegs von den beſtochenen Courieren an die Mauth⸗ häuschen, die überall an der Oeſterreichiſchen Grenze auf den Courierſtationen angebracht waren, abgeliefert worden. In den Mauthhaͤuschen wohnten Beamte des Wiener Chiffre⸗Cabinets. Sie empfingen von den beſtochenen Courieren die erwarteten Felleiſen mit Depeſchen, fuhren ſogleich mit ihnen weiter, aber während des Fahrens und auf den kurzen Ruheſtationen dechiffrirten und copirten ſie die Depeſchen. Auf dem Mauthhäuschen bei der letzten Poſtſtation vor Wien ward das Felleiſen wieder verſchloſſen, und dem Courier wieder eingehändigt. Drei Stunden ſpäter befand es ſich alsdann in den Händen der betreffenden Ge⸗ ſandten, aber zur ſelben Zeit laſen Joſeph und Kaunitz ſchon die Abſchriften dieſer Depeſchen.— Das Chiffre⸗Cabinet in Wien war das Central⸗Bureau dieſer „Mauthhäuschen,“ aber auch der geheimen Polizei und der Poſt, welche die Briefe an das Chiffre⸗Cabinet abgab, deſſen Beamte ſie prüfen, die intereſſanten N mich n bärmlie zu wer all ihr traurig nicht beſſer T ſchuld denn 3 Kaiſer den C ſicht, worde ſicht: da in copiven binets gehött riges argwo ſit au täglich Kaiſer einen Abend Verbi ihn dem hinglei⸗ ſagte er, elsfreund ch meiner ſein, und nen Con⸗ nes Kauf⸗ und Con⸗ — Intereſſen CGyn oligi hat⸗ u Staunen alſo wirk⸗ abinet und zrchen?*) rburg in der iiſchen Adep⸗ en, an fremde die Mauth⸗ urierſtationen n Beamte Courieren dit aber während opitten ſit on vor Wien ingehändigt⸗ treffenden Ge⸗ ſchriften dieſer Bureau dieſer ſ, welche die it iatereſſanten 41 Nein, es iſt kein Mährchen, ſagte der Kaiſer, und ich entſchuldige mich nicht, daß es ſo iſt. Die Menſchheit iſt ſo ſchlecht und er⸗ bärmlich, daß man immer darauf gefaßt ſein muß, von ihr betrogen zu werden, wenn man ihr nicht auflauert auf allen ihren Wegen, und all ihr geheimſtes Thun und Denken zu erforſchen ſucht. Es iſt traurig und ſchreckensvoll, daß es ſo iſt, aber ſo lange die Völker nicht edler, beſſer ſind, können auch die Regierungen nicht edler und beſſer ſein, können ſie ſolcher Hülfsmittel nicht entbehren. Aber ich habe mich nie eines Vergehens gegen Ew. Majeſtät ſchuldig gemacht, ſagte Herr Eskeles Flies ruhig. Warum ſchien denn auch mein Brief verdächtig? Der geheimen Polizei erſcheint Jeder verdächtig, erwiderte der Kaiſer achſelzuckend. Zudem hatte ich Befehl gegeben, mir alle nach den Generalſtaaten adreſſirten Briefe vorzulegen. Es war eine Vor⸗ ſicht, die durch unſere Mißhelligkeiten mit Holland nothwendig ge⸗ worden. Und Sie ſehen aus Ihrem eigenen Brief, daß dieſe Vor⸗ ſicht nicht überflüſſig war. Es iſt ein Staatsgeheimniß, welches Sie da in Ihrem Briefe verrathen haben, mein Herr. Verrathen? wiederholte der Banquier lebhaft. Man verräth doch copiren, die verdächtigen zurückbehalten mußte. Die Beamten des Chiffre⸗Ca⸗ binets, zu denen auch die vertrauten Cabinets⸗Secretaire(namentlich Guͤnther) gehörten, waren hoch angeſehen, und hoch beſoldet, führten aber doch ein trau⸗ riges Leben, denn gleich Staatsgefangenen waren ſie beobachtet, behütet und be⸗ argwohnt. Sie ſtanden unter ſchärfſter Polizei-⸗Aufſicht; man wußte genau, was ſie ausgaben, wer ſie beſuchte, kannte ihre Neigungen und Vergnügen, und ſtattete täglich Rapport über ſie ab. Jeden Morgen lag auf dem Frühſtückstiſch des Kaiſers dieſer Rapport über die Staatskanzlei und das Chiffre⸗Cabinet, und auf einen Blick konnte Joſeph erſehen, wo jeder der vertrauten Arbeiter Tags und Abends vorher geweſen war. Mit dieſem Chiffre⸗Cabinet ſtand in genaueſter Verbindung die geheime Polizei, die auch täglich ihre Rapporte lieferte, und Berichte über Alles, was in Wien geſchah, gab, oft aber auch, wenn ſie nichts Beſonderes wußte, Berichte erfand, und oft von Andern für ſchweres Geld erkauft, über einzelne Perſonen lügneriſche Thatſachen mittheilte, Intriguen ſpann, und den Kaiſer öfter auf das Bitterſte über Thatſachen und Perſonen täuſchte. — Naäͤheres über das Chiffre⸗Cabinet und die geheime Polizei findet man bei Hormayr: Metternich. Ein Fragment. S. 75 u,. folg. — ———— — — —. —— 4² nur das, was Einem als todtes Geheimniß, das man in ſeinem Herzen einſcharren ſoll, anvertraut worden. Ich erhielt aber dieſe Nachricht als ein lebendiges Geheimniß, das man in das Leben ausſchickt, da⸗ mit es Procente verdient, und ich würde eine halbe Million mindeſtens damit verdient haben, wenn Ew. Majeſtät nicht unglücklicherweiſe meinen Brief hätten zurückgehalten. Ich will Sie nicht hindern, Ihre Procente zu verdienen, ſagte der Kaiſer faſt verächtlich. Ihr Brief ſoll heute abgehen, meine De⸗ peſchen haben Zeit bis morgen. Die Krämer⸗Republik wird es wohl zufrieden ſein, wenn ſte ihre zehn Millionen noch einen Tag länger in ihrer Taſche behält. Eskeles Flies verbeugte ſich. Ich danke Ew. Majeſtät für dieſe gnädige Berückſichtigung meiner Handelsintereſſen, ſagte er. Ich will, wie geſagt, Ihre Depeſche heute, die meinige erſt morgen abgehen laſſen, rief der Kaiſer, aber dafür müſſen Sie mir einen Dienſt erweiſen! r Ew. Majeſtät haben nicht nöthig, mir eine halbe Million zu⸗ zuweiſen, um dafür meine Dienſte zu erkaufen, ſagte Eskeles Flies mit dem Tone leiſen Vorwurfs. Ich hoffe Ew. Majeſtät allzeit meine Dienſtbereitwilligkeit bewieſen zu haben, auch wenn es keine Procente zu verdienen gab. Und ich habe das allzeit anerkannt, mein Herr Baron Eskeles Flies. Aber heute handelt es ſich nicht um materielle Dienſtleiſtungen, ſondern um einen geiſtigen Dienſt. Ich bitte Sie mir frei und un⸗ umwunden zu ſagen, von wem Sie dieſes wichtige Staatsgeheimniß für tauſend Ducaten gekauft haben? Eskeles Flies zuckte zuſammen, wie im tiefen Schreck, und warf einen ſcheuen, fragenden Blick auf den Kaiſer. Steht dergleichen in dem Brief? fragte er. Der Kaiſer reichte ihm das Papier ſchweigend noch einmal dar, Eskeles überflog es mit raſchen, angſtvollen Blicken, und indem er dann die Hand ſinken ließ, taumelte er, wie betäubt, einige Schritte rückwärts.. Es ſteht da, murmelte er leiſe vor ſich hin. Ich habe es geſchrieben! Und mit einem Ausdruck unendlicher Zerknirſchung ſenkte er ſein Haupt auf ſeine Bruſteh enr 8. girichte wort, tauſend E. Entſchl Cs iſt nur ſo Nachri A es aue Nachr Sie d Ihnen 9 es mit fuhr lange Kräm vierze verzei kaiſerl nicht nehme Jetzt 0 ſind, Logik leicht lich i aber dieſer zeich Lig⸗ daß die em Herzen Nachricht hickt, da⸗ nindeſtens licherweiſe en, ſagte meine De⸗ des wohl Lag läͤnger für dieſe rſt morgen nen Dienſt dillion zu⸗ keles Flies llzeit meine ne Procente on Eskeles gleiſtungen, ei und un⸗ tzgeheimniß k, und warf exgleichen in einmal dar, n indem er Schritte nige Lcr ,ben! geſchrieben⸗ ankte et ſein 43 Der Kaiſer hatte ſeine Augen feſt und durchdringend auf ihn gerichtet. Sie ſehen, Herr Baron, ich erwarte noch immer Ihre Ant⸗ wort, ſagte er. Wer war es, der Ihnen mein Staatsgeheimniß für tauſend Ducaten verrathen hat? Eskeles Flies richtete ſein Haupt empor mit der Miene feſter Entſchloſſenheit. Sire, Niemand hat mir Ihr Geheimniß verrathen. Es iſt eine eitle Prahlerei, was da in dem Brief ſteht, ich habe das nur ſo geſchrieben, um meinem Handelsfreund die Wichtigkeit meiner Nachricht nur noch mehr einzuprägen. Ausflüchte, Herr Baron, rief der Kaiſer unwillig. Wenn Sie es auch nicht geſchrieben, wenn Sie Ihrem Handelsfreund die wichtige Nachricht auch ohne dieſen Zuſatz mitgetheilt hätten, ſo würde ich Sie doch gerufen, ſo würde ich Sie doch gefragt haben: wer hat Ihnen mein Staatsgeheimniß verrathen? Niemand, Sire, erwiderte der Banquier ängſtlich, Niemand hat es mir verrathen, ich aber, ich habe es errathen! Ja, ſo iſt es, fuhr er freudiger fort, ich habe es errathen! Alle Welt weiß ja, wie lange Ew. Majeſtät ſchon in Unterhandlung ſtehen mit dem kleinen Krämervolk, mein Handelsfreund in Amſterdam hatte mir ſchon vor vierzehn Tagen ausführliche Meldung davon gemacht, und da ich, verzeihen mir Ew. Majeſtät, da ich ein wenig die Geldverhältniſſe der kaiſerlichen Kaſſen kenne, ſo konnte ich berechnen, daß Ew. Majeſtät nicht länger anſtehen würden, das Gebot der Generalſtaaten anzu⸗ nehmen, um Ihre Völker vor einem unheilsvollen Krieg zu bewahren. Jetzt wiſſen Ew. Majeſtät Alles! Jetzt weiß ich, daß Sie nicht der wahrheitsliebende Ehrenmann ſind, für welchen ich Sie hielt, ſagte der Kaiſer ſtrenge. Es iſt keine Logik in Ihrer Lüge, Herr Baron Eskeles Flies. Sie konnten viel⸗ leicht errathen und berechnen, für wahrſcheinlich halten, daß ich end⸗ lich in eine friedliche Ausgleichung mit den Holländern willigen würde, aber Sie konnten nicht errathen, daß ich⸗gerade jetzt, daß ich geſtern dieſen Entſchluß gefaßt, und daß die Depeſche heute von mir unter⸗ zeichnet werden und abgehen ſollte. Sie ſehen, Herr Baron, Ihre Luͤge war nicht geſchickt, und das macht Ihnen Ehre, denn es zeigt, daß Sie nicht viel Uebung darin haben. Ich will aber von Ihnen die Wahrheit wiſſen, ich verlange als Ihr Kaiſer und Ihr Herr von 44 Ihnen als meinem getreuen und gehorſamen Unterthan, daß Sie mir dieſe Wahrheit nicht länger vorenthalten, denn großes Leid könnte daraus entſtehen! Es iſt beſſer, Einen Schuldigen kennen, als zehn Unſchuldige in Verdacht haben. Herr Baron, um der zehn Un⸗ ſchuldigen willen, welche mein Verdacht unglücklich machen könnte, nennen Sie mir den Schuldigen, Verdächtigen. Ich frage Sie zum dritten Mal: Wer hat Ihnen mein Staatsgeheimniß verrathen? Oh, Sire, ich habe geſchworen, murmelte der Banquier ganz zerknirſcht, beim Gott meiner Väter geſchworen, ihn nicht zu ver⸗ rathen. Ich entbinde Sie Ihres Eides, ich befehle Ihnen zu ſprechen! Nur Gott kann mich eines Eides entbinden, den mein Mund freiwillig geſprochen hat. Ich kann den Namen nie nennen, nie darf er über meine Lippen kommen, aber Ew. Majeſtät können ihn errathen! Das verbietet mir mein Eid nicht!— Er ſchwieg einen Moment und blickte gedankenvoll und ſtarr vor ſich hin, und als er dann wieder das Haupt erhob und den Kaiſer anſchauete, waren ſeine Wangen todesbleich und ſeine Lippen bebten, indem er mit leiſer, unſicherer Stimme ſagte: Ew. Majeſtät wiſſen, daß ich eine Tochter hatte? Hatte? fragte der Kaiſer. Ich denke, Sie haben ſie noch, ſie iſt Ihnen nicht geſtorben? Sie iſt mir geſtorben, flüſterte der Banquier ſo leiſe, daß der Kaiſer ihn kaum verſtehen konnte. Sie hat mich verlaſſen und iſt zu einem Manne gegangen, den ſie mehr liebte, als ihren Vater! Sie iſt gegangen, weil Sie ſie an einen Mann verhandeln und verheirathen wollten, den ſie verabſcheuete. Ich weiß das, Gün⸗ ther ſelbſt hat es mir geſagt. Es iſt ſo, nicht wahr? Es iſt ſo, Sire! Ich ahnte nicht, daß mein unglückliches, irre⸗ geleitetes Kind ſo weit gehen würde in ihrem Trotz gegen ihren Va⸗ ter. Hätte ſie mich gebeten, wie es einem Kinde geziemt, ſo würde ich nachgegeben haben, aber ihr Geliebter hatte das Herz meines Kindes von mir abwendig gemacht, und ſo verließ ſie mich, um zu ihm zu gehen, der jetzt Schande und Schmach auf mich häuft, denn meine Rahel, der Stern meines Lebens, iſt nicht ſein rechtmäßiges Weib, ſondern ſeine Maitreſſe! Au einer-G Geſetze einer J für ſei mir zu Er Meine nur l L len lie c J findun Rahel Hier zu leſ iß Sie mir eid könnte zehn Un⸗ en könnte, Sie zum athen? uier ganz cht zu ver⸗ ſprechen! mein Mund en, nie darf n errathen! und ſtarr b und den ſeint Lippen Fw. Majeſtät noch, ſie iſt ſe, daß det und iſt zu gater! verhandeln das, Gün⸗ kliches, irrt⸗ . Va⸗ in ihren Va⸗ 0 würde t, ſo wuͤre⸗ Herz meines mich, um zu bäuft, denn nctmhiges dann ſagte er mit leiſer, flüſternder Stimme: vor einigen Tagen er⸗ G Auch wiederum durch Ihre Schuld, Herr Baron. Sie hat Ihnen einen Eid leiſten müſſen, niemals eine Chriſtin zu werden, und die Geſetze unſerer Kirche verbieten die Che zwiſchen einem Chriſten und einer Jüdin. Sie ſehen, ich bin gut unterrichtet, Günther hielt es für ſeine Pflicht, mir dies Alles zu ſagen, um ſein Betragen vor mir zu rechtfertigen. Er hat Ew. Majeſtät aber nicht die Wahrheit geſagt, Sire. Meine Tochter iſt es, welche ſich weigert, Chriſtin zu werden. Sie iſt alſo eine treue und eifrige Jüdin? Nein, Sire, ſie weigert ſich, den Tempel der Juden zu beſuchen. Aber was iſt ſie denn? rief der Kaiſer überraſcht. Sie iſt eine fanatiſche und eifrige Anhängerin der neuen Lehre, welche nur Gott anerkennt, aber keine Kirche. 2 Eine Deiſtin? Ja, Sire, eine Deiſtin, und weil ich ſie zwingen wollte, dieſer Irrlehre zu entſagen, und entweder eine Jüdin zu bleiben oder eine Chriſtin zu werden, deshalb iſt ſie von mir entflohen und zu jenem Mann gegangen, von welchem ſie nicht glauben wollte, daß er ſie nur liebt, weil ſte eines reichen Mannes Kind iſt. Sie glauben, daß Günther Ihre Tochter um Ihres Geldes wil⸗ len liebt? Ich weiß es, Sire. Er ſchlug mir ſchriftlich vor, ihm eine Ab⸗ findungsſumme von hunderttauſend Gulden zu geben, dann wolle er Rahel entſagen und ſie ſelbſt wieder in mein Haus zurückführen. Hier iſt der Brief, wenn Ew. Majeſtät die Gnade haben wollen, ihn zu leſen. Der Kaiſer nahm haſtig das Papier, welches der Banquier ihm darreichte, und überflog es mit glühenden Blicken. Es iſt ſeine Hand⸗ ſchrift, murmelte er leiſe, und es ſteht wirklich ſo geſchrieben, wie Sie es ſagen. Und Sie lehnten dieſen Vorſchlag ab? Ich lehnte ihn ab, Sire, ich wollte mir meine Tochter nicht kaufen; freiwillig, wie ſite von mir gegangen, ſollte ſie zu mir zurück⸗ kehren. Ich wartete alſo!— Und was geſchah weiter? Der Banquier ſchwieg einen Moment und athmete hoch auf, 46 vr. hielt ich wieder einen Brief von Günther. Er ſchrieb mir, er befinte Auſer ſich in drückender Geldverlegenheit, denn Rahel ſei verwöhnt und be⸗ ann hi dürfe gar Vielerlei, was ſeine Mittel erſchöpft habe. Da ich ſeinen 1 fir n erſten Vorſchlag abgelehnt habe, ſo wolle er mir jetzt einen anderen V Ab a machen. Er könne mir vielleicht in den nächſten Tagen irgend einen bek le Dienſt erzeigen, der mir viel Gewinn tragen könne, ob ich ihm dafür geſtaft die und die Summe zahlen wolle. wieder! Tauſend Ducaten, nicht wahr? Mann! Ich weiß nicht mehr, wie viel? Es ſteht hier in dem Brief ver⸗ jenigen zeichnet, wenn Ew. Majeſtät nachſehen wollen! käme, Und er reichte dem Kaiſer ein zweites Papier dar. keine( Es iſt ſo, es iſt ſo, rief Joſeph ſchmerzvoll, nachdem er dies Pa⸗ V pier geleſen, er fordert tauſend Dukaten für den Dienſt, den er Ihnen Sit ſol leiſten will! Einem Eskeles Flies ſteckte die Papiere ruhig wieder in ſeinen Buſen. Deiſtin Ich trage dieſe Briefe immer bei mir, damit ich ſicher bin, ſie nicht d zu verlieren. Denn wenn meine Rahel einſt zu mir zurückkehrt, will das N ich ihr dieſe Documente zeigen, damit ſie dadurch völlig geheilt werde Rahel von ihrer Liebe. furchtb Und Günther erzeigte Ihnen den angetragenen Dienſt? Und er zitterne erhielt von Ihnen die tauſend Ducaten? ich klac Ja, er erhielt die tauſend Ducaten, Sire. mus a Jetzt alſo werden Sie es nicht mehr leugnen, es war Günther, gezogen welcher Ihnen mein Staatsgeheimniß verrieth? 3 Ew. Majeſtät werden Sich ja entſinnen können, welchen von Ihren welche Secretairen Sie mit der Ausarbeitung dieſes Reſcripts beauftragt F haben! bekenn Der Kaiſer ſeufzte ſchmerzlich. Ich wußte es, murmelte er leiſe, witd g ich wußte es, und dennoch thut es weh, denn ich habe ihn wahr⸗ zuführ haft geliebt! 3 Ich habe meine Tochter Rahel auch geliebt, ſagte Eskeles Flies zum a mit leiſer, zitternder Stimme. Dieſer Menſch hat ſie mir geſtohlen, S entehrt und geſchändet, er hat ihr Herz dem Glauben abgewendet und btſchw ſte zu einer Deiſtin gemacht! und d Sie ſollen Ihre Tochter wieder haben, und Günther ſoll geſtraft mir, werden, wie es ſein Verrath und ſein Verbrechen verdient, rief der neine er befinde nt und be⸗ ich ſeinen en anderen gend einen ihm dafür Brief ver⸗ er dies Pa⸗ n er Ihnen nen Buſen. /, ſie nicht kkehrt, will ſcheilt werde iſt? Und er ar Günther, nvon Ihren jbeauftragt nelte er leiſe, ihn wahr⸗ gskeles Flies nir geſtohlen, ewendet und ſoll geſtraſ ant, ritf der 47 Kaiſer nach einer langen Pauſe mit zorniger Stimme. Kein Erbar⸗ men, kein Mitleid mehr. Ich bin furchtbar getäuſcht, und ich werde zu ſtrafen wiſſen, wie es meine Pflicht als Kaiſer mir gebietet. Aber das wird mir mein Kind nicht wiedergeben, ſagte Herr Eskeles Flies traurig, was hilft es mir, daß dieſer treuloſe Menſch geſtraft wird, mag er ungeſtraft bleiben, wenn ich nur meine Rahel wieder habe! Aber ſie wird nicht zu mir kommen, ſie wird um dieſen Mann weinen, wenn er unglücklich iſt, und man hört nicht auf, die⸗ jenigen zu lieben, um welche man weint. Und dann, wenn ſie auch käme, was hülfe es mir! Was habe ich an ihr, keine Jüdin und keine Chriſtin, ein Geſchöpf, 8 ihres Gottes ſpottet! Wir wollen ſie zurü fühi kem Gott, rief der Kaiſer. Sie ſoll eine Jüdin e nge ein, was L Einem Glauben muß ſie ſich bekennen, wenn ich ſie nicht als eine Deiſtin nach dem Geſetz ſtrafen ſoll! Das iſt es, rief Herr Eskeles Flies freudig, Ew. Majeſtät haben das Mittel angegeben, das allein noch fruchten kann. Wir müſſen Rahel ſchrecken mit der Strenge des Geſetzes, mit der Schande einer furchtbaren Strafe, und ſie wird in ſich gehen, ſie wird reuevoll und zitternd zu ihrem Vater und zu ihrem Glauben zurückkehren! Sire, ich klage hiermit feierlich vor Ew. Majeſtät meine Tochter des Deis⸗ mus an. Ich verlange, daß ſie zur Rechenſchaft und zur Strafe gezogen werde! Zur Strafe! rief der Kaiſer entſetzt. Kennen Sie die Strafe, welche das Geſetz vorſchreibt? Funfzig Stockſchläge für den, welcher ſich des Deismus ſchuldig bekennt, ich kenne dieſe Strafe! Aber die Andeutung, die Furcht wird genügen, meine Rahel zu mir und zu ihrem Glauben zurück⸗ zuführen! Ich darf als Chriſt nicht zugeben, daß ſie durch Zwangsmittel zum Judenthum zurückgeführt werde! So verſuchen es Ew. Majeſtät mit dem Chriſtenthum! Oh, ich beſchwöre Ew. Majeſtät, wenn ich jemals im Stande geweſen, Ihnen und dem Staat irgend einen Dienſt zu erzeigen, ſo lohnen Sie es mir, indem Sie gnädigſt eingehen auf meinen Plan! Geruhen Sie, meine Anklage gegen die Deiſtin anzunehmen, laſſen Ew. Majeſtät 48 ſie in ihrem Hauſe als Gefangene bewachen, laſſen Sie ſie bedrohen mit der fuͤrchtbaren Strafe, aber geben Sie ihr in Gnaden vier Wo⸗ chen Bedenkzeit, und laſſen Sie in dieſen vier Wochen täglich einen . chriſtlichen Prieſter zu ihr gehen, um ſie zu unterrichten in der chriſt⸗ 4 lichen Religion. Dann am Ende dieſer vier Wochen wird ſie ſich entſcheiden, ob ſie Chriſtin oder Jüdin ſein will! Aber bedenken Sie wohl, daß, wenn ſie dies nicht thut, wenn ſie Deiſtin bleiben will, ich ſie alsdann der Strafe nicht mehr ent⸗ ziehen kann. Wenn ich dieſe Sache einmal den Gerichten übergeben habe, muß ich die Gerichte ihren Gang gehen laſſen und kann das e Geſetz nicht beugen! Ich fürchte nichts, Si i meine Tochter des Deismus n Hes e daß ſie enonmen werde! chänehme Ihre Anklage an und werde das Nöthige verhängen Und nun eilen Sie Sich, Herr Baron, Ihren Brief nach Amſter⸗ dam zu ſenden. Hier iſt er! Diesmal wird man ihn auf der Poſt nicht meht zurücklegen, er wird abgehen, und einen Tag vor meinen Depeſchen in Amſterdam ſein. Leben Sie wohl, wir müſſen jetzt Beide unſere Pflicht thun, Sie als Kaufmann und ich als Kaiſer und als ſtrenger Richter! Sie werden dabei Procente verdienen, ich werde die letzten Procente meines Glaubens an die Menſchheit verlieren. Aber es muß ſein! Sie werden gerächt werden für allen Kummer, den dieſer ehrvergeſſene Verräther an ſeinem Kaiſer und an ſeiner Liebe Ihnen bereitet hat! Es liegt mir nichts daran, daß dieſer Menſch geſtraft werde, ſagte Herr Eskeles Flies traurig, ich will nur meine Tochter wieder Vater und zu ihrem Glauben geben Sie 1 —— ———— haben, meine reuige Tochter zu ihrem zurückkehren ſehen! Nur um das iſt es, daß ich flehe: mir meine Tochter wieder, Majeſtät. Wir wollen verſuchen, was Drohungen und Strenge vermag. Leben Sie wohl, Herr Baron! Der Kaiſer reichte dem Banquier ſeine Hand dar, welche dieſer innig an ſeine Lippen drückte und dann langſam rückwärts gehend ſich der Thür näherte und das Gemach verließ. Der Kaiſer blickte ihm voll tiefen Mitgefühls nach. Armer Mann, ſagte er leiſe, der Gram hat ihn ſchnell in einen Greis verwandelt. Ja, jä, au gebe verſchor Glück treuen Kaiſ 1a ie bedrohen n vier Wo⸗ äglich einen n der chriſt⸗ ird ſie ſich thut, wenn t mehr ent⸗ en übergeben ad kann das des Deiemus rde! verhängen nach Amſter⸗ auf der Poſt vor meinen jeht Beide aiſer und als n, ich werde eit verlieren. len Kummer, nd an ſeiner iſtraft werde, Lochter wieder rem Glauben geben Sie renge vermag. welche dieſet hrirts gehend Armer Nann, verwandelt 49 Ja, ja, der Gram beſitzt die Kunſt, den Stunden die Kraft der Jahre zu geben, und Falten auf die Stirn zu legen, welche das Alter noch verſchont hat. Ich bin auch alt, ſteinalt geworden vor der Zeit, und den letzten Hauch der Jugend tödtet dieſer Verräther heute in meinem Herzen, denn ich habe dieſen Verräther geliebt! Er ließ ſich leiſe in einen Seſſel niedergleiten und verſank tiefer in ſich ſelbſt. Draußen aber im Vorſaal ſtand der Baxron Herr Eskeles Flies, er war allein, Niemand war da, der ihn beobachten konnte, und weil er das wußte, legte er ſich keinen Zwang auf, erlaubte er den wilden und ſtürmiſchen Er welche ihn bervegien⸗ in ſeinen Mienen aufzule i Antlitz der Thür zui „Er ſtand da zmit drohend 4 Geſtalt; nichk mehr. ein gramgehengter Gkeis, ſondern einewiumph irenden Nann? mit dem ſtolzen Nachen des Hahas.. auf Neinem wlden An⸗ =- Fitchte.—.... Ich bin gerächt, murmelte er leiſe, mein Werk ſt gelungen, ich bin gerächt. Weichherziger Kaiſer, Du läßt Dein Herz bethören, und in Deinem Kummer ſiehſt Du nicht, daß Du das Werkzeug biſt, mit welchem der Jude Rache nimmt an dem Chriſten, der ihm ſein Glück geſtohlen hat. Geh nur hin, Herr Kaiſer, ſtrafe Deinen ge⸗ treuen Diener, je gerechter Du zu ſein glaubſt, deſto grauſamer wirſt Du ſein, und wenn der Günther in ſeinen Schmerzen zum Himmel ſchreit, dann werden meine Sch merzen ausgelöſcht ſein, denn dann werde ich gerächt ſein! Geh' nur, geh', heißblütiger Mann, ſtrafe Deinen Freund ohne ihn zu hören, bilde Dir ein, gerecht zu ſein, indem Du ſchreiendes Unrecht ausübſt. Das iſt ſo die rechte Chriſten⸗ weiſe! Verſchmähen es allzeit zu berechnen! Verſchmähen es beim held zu berechnen ihren Vortheil, verſchmähen es zu berechnen die — Gerechtigkeit, ob ſie richtig trifft. Folgen ihrem Inſtinet, ihrem — — Lieben und ihrem Haſſen, ihrem Zorn und ihrer Freude, Kinder des — Augenblicks, die nicht die dieionen berechnen und die Wirkungen! Ich bin ein Jude, und habe berechnet. Habe berechnet meinen Haß und meine Rache, habe hereihnet den Ungeſtüm des Kaiſers, und ſeine Leichtgläubigkeit. Und es iſt Alles eingetroffen, wie der Jude Kaiſer Joſeph. 3. Abth. IV. 4 — 7 4 3„ 4 5 50 16 berechnet⸗ hat die Chriſten, und ſie werden thun ſeinen Willen, und werden den Chriſten ſtrafen, weil der Jude es will und es ſo be⸗ rechnet hat. Oh, Du Gott meiner Väter, laß auch meine letzte Berechnung gelingen, laß dieſe Chriſten mir durch ihrer Prieſter Un⸗ geſtüm mein Kind zurückhetzen von ihren Altären, laß ſie wieder heim⸗ kehren zu ihrem Vater, und in dem Tempel des Herrn Zuflucht ſuchen d wider die fanatiſche Kirche der Chriſten! 1 N Eben öffnete ſich die Thür des äußern V orſaals, huſar des Kaiſers trat ein. Herr Eskeles Flies nahm wieder ſeine demüthige, gebeugte Haltung an und verließ geſenkten Hauptes den Vorſaal des Kaiſers. Laß— 8 und der Kammer⸗ Cabinet geſeſſen, kämpfend mit ſei raffend zu dem, was er thun wollte und thun mußte. Jetzt auf einmal ſprang er empor, und ſein Antlitz war wieder ruhig und energiſch. Der Kaiſer hatte ſeinen Entſchluß gefaßt, die Stunde des Handelns war gekommen! Mit haſtigem Schritt durcheilte er ſein Cabinet und ſtieß die Thür auf, awelche in die daneben befindliche„Kanzlei“ führte. Dort an der langen grünen, mit Acten und Papieren bedeckten Tafel ſaßen die vier Cabinetsſecretaire des Kaiſers, ſchweigend, nur beſchäftigt mit ihrer Arbeit, und an ihrer Spitze, dicht neben dem dem Kaiſer be⸗ ſtimmten Fauteuil, ſaß der erſte ſeiner Secretaire, der Cabinetsrath Günther. Hätte Günther dieſen zugleich ſe ſehen können, mit welchem der Kaiſer ihn anſchauete, hmerzvollen und zornigen Blick ſein Herz würde X 7. 8 2 o 2 2 N„ 2e,. e—— 6 meee 2 e f-⸗— Æn. n e 8 VI 4 X.. I* Das Strafgericht. Der Kaiſer hatte noch immer in tiefes Sinnen verloren in ſeinem nem eigenen Herzen und ſich zuſammen⸗ davon er noch ein beim Eit Niemand „denn, dem Sie gleich J und ſein Scl richteten ſtillen u Es Bewegun das vor eintreten So Stimme Athem, Ei⸗ eifrig u Blick ve und kla Gü nehmen dictiren Gü und leg di Nur Ci und wa Antlit das Au Papier zu balt R. Kaiſer davon erbebt ſein in ahnungsvollem Schrecken. Aber weder Günther noch einer der andern Secretaire ſchaute von ſeiner Arbeit empor beim Eintreten des Kaiſers. Es war Joſeph's ſtrengſter Befehl ſo; Niemand ſollte durch ſein Kommen in der Arbeit ſich ſtören laſſen, „denn, hatte Joſeph geſagt, in der Kanzlei bin ich nicht der Kaiſer, dem Sie die ſchuldige Reverenz machen müſſen, ſondern da bin ich, gleich Ihnen, ein Arbeiter, der dazu angeſtellt iſt, für Oeſterreich und ſein Volk zu arbeiten.“ Schweigend ſetzte ſich der Kaiſer auf ſeinen Fauteuil nieder, dann richteten ſich ſeine Augen mit einem raſchen Blick auf die vier ſchweigenden, ſtillen und fleißigen Arbeiter hin. Es muß ſein, ſagte er leiſe zu ſich ſelber, und mit einer haſtigen Bewegung nahm er eine Feder und ſchrieb einige raſche Zeilen auf das vor ihm liegende Blatt. Dann klingelte er und übergab dem eintretenden Kammerhuſaren das beſchriebene Blatt. Sogleich auf die Commandantur zu tragen, ſagte er und ſeine Stimme zitterte ein wenig. Er hörte es ſelber, und ſchwieg, nach Athem, nach Kraft und Faſſung ringend. Eine lange Pauſe trat ein, die Secretaire des Kaiſers ſchrieben eifrig weiter, und noch nicht ein einziges Mal hatte Günther den Blick von ſeiner Arbeit erhoben. Sein Antlitz war ruhig, heiter und klar, wie immer. Günther, befahl der Kaiſer jetzt mit rauher, gebieteriſcher Stimme, nehmen Sie ein neues Papier und ſchreiben Sie, was ich Ihnen dictiren werde. Günther antwortete nur mit einem leiſen Neigen des Hauptes, und legte ein weißes Blatt Papier ſich hin. Die andern drei ſaßen ruhig da und ſchrieben ungeſtört weiter⸗ Nur Einer von den Dreien hob einen Moment ſein Antlitz empor und warf einen raſchen ſpähenden Blick hinüber auf den Kaiſer; ſein Antlitz war bleich, ſeine Stirn ſorgenvoll, und als er dann wieder das Auge ſenkte und weitere ſchrieb, fuhr die Feder kritzelnd über das Papier hin, dean ſeine Hand zitterte ſo ſehr, daß ſie die Feder kaum zu halten vermochte. Niemand achtete darauf. Günther wartete auf das, was der Kaiſer ihm dictiren wolltserz aller ſeine 4* 52 Joſeph athmete hoch auf, ſeine Stirn legte ſich in düſtere Falten, ſein Auge flammte im Zorn. Schreiben Sie, ſagte er rauh.„An Se. Eminenz den Cardinal Migazzi. Ich habe in Erfahrung ge⸗ bracht, und es iſt mir angezeigt worden, daß dieſe widerſinnige und verächtliche Secte der Deiſten ſich von Böhmen her immer weiter ver⸗ breitet, und auch in unſerer Hauptſtadt ſelbſt ſchon Anhänger findet. Es iſt mir heute eine desfallſige Anzeige und Anklage zugegangen, ein troſtloſer Vater iſt zu mir gekommen, und hat ſeine ehrvergeſſene Tochter des Deismus angeklagt, und fordert von mir Beſtrafung der Gottesleugnerin. Wohin der Aberwitz dieſer Sectirer führt, das zeigt ſich an dieſer Perſon, welche Gott, dem Befehl ihres Vaters, der Ehre und Schaam trotzend das Haus ihres Vaters verlaſſen hat und mit ihrem ehrloſen Liebl zuſammenwohnt in wilder, ge⸗ ſetzloſer Ehe. Ich will, daß dieſem Unfug geſteuert werde, und daß dieſe Perſon zum Glauben zurückkehrt, oder vom Geſetz geſtraft werde, zum warnenden Exempel für andere, leichtſinnige Frauen⸗ zimmer, die ihre Nachahmerinnen ſein möchten. Ich gebe Ew. Emi⸗ nenz daher auf, zuerſt zu verſuchen, dieſe Perſon durch Lehre und Unterweiſung auf den Weg der Tugend und des Glaubens zurück⸗ zuführen, und ſie der chriſtlichen Kirche zu gewinnen. Ew. Emi⸗ nenz mögen alſo täglich durch einen würdigen und beredtſamen Prieſter ſie unterrichten laſſen in der Lehre unſers chriſtlichen Bekenntniſſes; aber zugleich werde ich anordnen, daß auch ein Judenprieſter täglich zu ihr gehe, denn ich will nicht, daß man ſagen könne, wir benutzten die Angſt des Gefängniſſes um Proſelyten zu machen, und da dieſe Perſon, welche von dieſer Stunde in ihrem Hauſe als Gefangene bewacht wird, urſprünglich eine Jüdin iſt, ſo muß es auch den Prieſtern Levi geſtattet ſein, zu ihr zu reden, und die tolle Deiſtin zu heilen von ihrem Aberwitz. Ich gebe den Bemühungen der Prieſter vier Wochen Friſt, wenn ſie alsdann dieſe Seele nicht gerettet, dieſe Per⸗ ſon nicht in die Kirche oder den Tempel zurückgeführt haben, ſo wird ſte geſtraft nach der Schwere des Geſetzes, und das Gericht wird ihr die funfzig Stockſchläge aufzählen laſſen, welche das von mir er⸗ laſſene Geſetz den Deiſten zuerkennt.“*) 1—0 *) Groß⸗SHoffinger. III. Lbr Kaiſer ihn ang 0 Accent laſſen, Kaiſer Feder hinge⸗ ther r ( welche Tiſch vollen Er ßen. hat Flie tair tert dem ließ tete Ve die cat ten 8 ni w 53 Der Kaiſer hatte langſam, jedes Wort betonend, mit grollendem Accent dieſen Brief an den Cardinal dictirt, Günther hatte ihn ge⸗ laſſen, nichts Böſes ahnend, geſchrieben. Nur Einmal, nur als der Kaiſer die angeklagte Perſon als eine Jüdin bezeichnete, hatte ſeine Feder geſtockt, und eine Wolke war über ſein edles ruhiges Angeſicht hingeglitten. Aber dies dauerte nur einen Moment, dann hatte Gün⸗ ther ruhig weiter geſchrieben. Sind Sie fertig? fragte der Kaiſer jetzt, und er ließ ſeine Hand, welche ſich zur Fauſt zuſammengepreßt hatte, mit Geräuſch auf den Tiſch niederfallen. Ich bin fertig, vollen Stimme, welch Er Poebte leiſe zuſammen, und ein langer, ßen. Augen ruhte auf Günther. Beantworten Sie mir eine Frage, ſagte der Kaiſer raſch. Man hat mir geſagt, Sie hätten in dieſen Tagen von dem Baron Eskeles Flies eintauſend Ducaten erhalten. Iſt das wahr? Wieder hob ſich das Antlitz des einen der drei andern Secre⸗ taire raſch empor, dies Mal waren ſeine Wangen noch bleicher, zit⸗ terten ſeine Hände noch mehr, und ein wahres Entſetzen ſprach aus Blick, den er über den Kaiſer und Günther hingleiten Sire, ſagte Günther mit ſeiner ſchönen klang⸗ e wider Willen das Herz des Kaiſers bewegte. trauriger Blick ſeiner gro⸗ dem haſtigen ließ. Aber der Kaiſer achtete nicht auf ihn, er ſah nur Günther, hef⸗ tete nur auf ihn ſeine durchbohrenden flammenden Blicke. Günther begegnete dieſen Blicken nur mit dem Ausdruck der Verwunderung und ſchien in den Mienen des Kaiſers die Bedeutung dieſer Frage leſen zu wollen., Haben Sie wirklich von dem Baron Eskeles Flies tauſend Du⸗ caten bekommen? fragte er noch haſtiger, noch dringender. Antwor⸗ ten Sie. Iſt es wahr? Es iſt wahr, Sire, ſagte Günther vollkommen ruhig, ich habe geſtern von dem Baron Eskeles Flies eintauſend Ducaten erhalten, nicht für mich, ſondern für eine Dame, deren Namen Ew. Majeſtät wohl errathen werden. Es war das Erbtheil ihrer Mutter. Der Kaiſer lachte laut auf, aber es war ein ſo wildes, höhniſches Lachen, daß es das Herzs aller ſeiner Hörer mit Entſetzen erfüllte. 54 Geben Sie mir das Schreiben an den Cardinal, ſagte er rauh, und als Günther es ihm darreichte, las er es haſtig und ſetzte dann ſei⸗ nen Namen darunter. Dann reichte er es ernem der anderen drei Secretaire hin. Couvertiren und adreſſtren Sie es ſogleich, ſagte er. Doch halt, Eins habe ich vergeſſen, wir müſſen ich die Adreſſe die⸗ ſer Perſon, welche ſich frecher Weiſe eine Deiſtin unt, hinzufügen. Dieſe Perſon heißt: Rahel Eskeles Flies! Ein Schrei des Entſetzens tönte von Günthers ven, unwill⸗ kührlich ſtreckte er die Hand aus, um das Papier zu eifen, dann ließ er ſie, wie gelähmt von Schrecken, wieder ſinken. Majeſtät, ſagte er mit flehender Stimme, ich bitte Gnade und Erbarmen für Rahel. Man hat Ew. Majeſtät getäuſe Ja, man hat mich getäuſcht, rief der Kaiſer, und der iche Schmerz, den er empfand, ſteigerte nur noch ſeinen Zorn, ma t mich furchtbar getäuſcht, aber diejenigen, welche es gewagt ha ſollen es auch furchtbar jetzt büßen. Stehen Sie auf und treten S zurück von dieſem Tiſch, der nicht wieder durch Ihre Berührung ent⸗ ehrt werden ſoll. Sie ſind aus meinem Dienſt, aus dem Dienſt des Staats für immer entlaſſen, als ein ehrloſer, treuloſer, käuflicher Ver⸗ räther entlaſſen! Ew. Majeſtät! rief Günther faſt mit drohendem Ton. Sie be⸗ ſchimpfen mich, ohne mir zu ſagen, weſſen man mich anklagt, ohne mir eine Rechtfertigung zu erlauben! Was iſt es? Welches Verbre⸗ chens beſchuldigt man mich, Sire? Fragen Sie darnach Ihr eigenes Gewiſſen, und es wird Ihnen die Antwort geben! rief Joſeph, auf das Aeußerſte gereizt von Gün⸗ thers ſtolzem kühnem Weſen. Nun, wenn Ew. Majeſtät mir es nicht ſagen wollen, rief Gün⸗ ther, ſo verlange ich, daß man mich vor Gericht führe, denn der Richter wird wenigſtens meine Schuld mir ſagen, und meine Ver⸗ theidigung anhören müſſen, und das Geſetz wird mich erſt ſtrafen können, wenn es mich ſchuldig gefunden! Ich bin Ihr einziger Richter, ſagte der Kaiſer mit jener eiſigen Kälte, welche das Uebermaß des Zorns zuweilen hervorruft, ich bin Ihr einziger Richter, und das einzige Geſetz, welches über Sie ur⸗ theilt. Ich habe Sie ſchuldig befunden, und ich verurtheile Sie. Ab es mir I Klingel beſtellt? Zu dritten S huſar Schwel bleich, übergel G zerſchn Gnad K hart. fort, u el. 3 und m G ten, und K Arm ih, und ann ſei— ten drei agte er. eſſe die⸗ zufügen. unwill⸗ en, dann Gnade eten O ung ent⸗ ienſt des her Ver⸗ Sie be⸗ tt, ohne Verbre⸗ d Ihnen on Gün⸗ ef Gün⸗ denn der ſt ſtrafen er eiſigen ich bin Sie ur⸗ Sie. 55 Aber weshalb, wofür? ſchrie Günther. Ew. Majeſtät werden es mir ſagen, wenn Sie nicht wollen, daß ich wahnſinnig werde! Ich will nichts, als Sie ſtrafen, ſagte der Kaiſer, indem er die Klingel nahm und heftig ſchellte. Sind die Leute da, welche ich her⸗ beſtellt? fragte er den eintretenden Kammerhuſaren. Zu Befehl, Sire, erwiderte dieſer. Ein Unterofficier von dem dritten kaiſerlichen Regiment und vier Soldaten ſtehen im Vorſaal. Sie ſollen ſogleich eintreten! befahl der Kaiſer. Der Kammer⸗ huſar öffnete die Thür und winkte hinaus. Sofort erſchien auf der Schwelle der Thür der Unterofficier mit den Soldaten. Ihr tretet in einer Stunde Euren Marſch nach Ungarn in Eure neue Garniſon an? fragte der Kaiſer. Ja, Majeſtät, wir ſind reiſefertig, war die Antwort. Der Kaiſer deutete mit erhobener Hand auf Günther hin, der bleich, ſtarr vor Entſetzen daſtand. Nehmt den da mit, ſagte er, ich übergebe ihn Euch als Euren Rekruten! Günther ſtieß einen Schrei des Entſetzens aus, und ſtürzte wie zerſchmettert zu des Kaiſers Füßen nieder. Gnade, ächzte er leiſe, Gnade! Keine Gnade, ſondern Gerechtigkeit für Alle! rief der Kaiſer hart. Er winkte mit der Hand nach den Soldaten hin. Führt ihn fort, und bewacht ihn gut, daß er Euch nicht entwiſchen kann, ſagte er. Ich übergebe ihn Dir, Unterofficier, gieb ihm ſeine Montirung und mach' aus dem Recruten einen Soldaten! Fort! Günther ſträubte ſich nicht, als die Soldaten zu ihm herantra⸗ ten, und ihn aufhoben, er war betäubt, gelähmt, ohne Bewußtſein und Kraft, er ließ es willenlos geſchehen, daß die Soldaten ihn am Arm ergriffen und ihn fortführten. Die Thüren ſchloſſen ſich hinter ihm. Der Kaiſer blieb allein mit ſeinen drei Secretairen. Eine bange, fürchterliche Pauſe trat ein, während welcher man draußen den verhallenden Schritt der Soldaten vernahm. Dann ſagte der Kaiſer mit kalter, harter Stimme: Er war ein Verräther, ein Meineidiger, welcher ſeinen Schwur gebrochen, und ein Geheimniß des Staats für Geld verrathen und verkauft hat. So wie ihm wird es Jedem ergehen, der ſeinen Eid bricht und zum Ver⸗ 56 räther wird! Nehmen Sie Alle Sich ein Beiſpiel an dem Schickſal dieſes ehrvergeſſenen, treuloſen Beamten! Er grüßte die Secretaire mit einer leichten Handbewegung und durchſchritt das Gemach, um in ſein Cabinet zurückzukehren. Hier angelangt, ſchloß er die Thür hinter ſich ab, und da er jetzt allein war, überließ er ſich den ſchmerzvollen, bitrern Gefühlen, die ſeine Seele beſtürmten und Thränen in ſeine Augen trieben. Ich konnte, ich durfte nicht anders handeln, murmelte er leiſe. Ich mußte, weil ich ihn liebte, auch ihn als gerechter Richter die Schwere des Geſetzes fühlen laſſen. Was würden meine Feinde nicht geſchrieen haben, wenn ich, der den Grafen Podſtadzky und den Obriſt Szekuly nicht begnadigt habe, wenn ich jetzt dieſen Verbrecher be⸗ gnadigt hätte, weil er meinem Herzen nahe geſtanden, mein vertrau⸗ ter Diener geweſen, und meines Kammerdieners Bruder iſt? Würde man da nicht gehöhnt und geſagt haben, daß die Camarilla jetzt wieder herrſche, wie i9 früheren Tagen, und daß die Gerechtigkeit nur Diejenigen treffe, welche der Kaiſer nicht liebt? Nein, nein, ich durfte ihn nicht deneede Ihm mußte ſeine Strafe werden! Ach, aber es thut mir weh, ſtrafen zu müſſen, und es wäre ſo viel leichter und bequemer, begnadigen zu dürfen! Aber die Gnade gehört Gott allein! Ich bin dazu da, Gerechtigkeit zu üben ohne Anſehen der Perſon.— Eine Stunde ſpäter marſchirte das dritte Infanterie⸗Regiment aus Wien ab, um ſich nach Szegedin, ſeiner neuen Garniſon, zu be⸗ geben. Einige Wagen folgten dem Regiment, in welchen ſich die Bagage befand, und die kranken und ſchwachen Soldaten, welche man den Strapazen dieſes beſchwerlichen Marſches nicht unterwerfen wollte. Auf dem letzten dieſer Wagen lag ein armer bleicher Menſch, ein junger Recrut, der eben erſt in das Regiment eingetreten war. Seine weitgeöffneten Augen ſtarrten zum Himmel, ſeine Lippen bebten im wilden Fieber, der Athem ging keuchend aus ſeiner Bruſt hervor. Einmal ſchien er aus ſeinen Fieberträumen zu erwachen, denn er rich⸗ tete ſich empor und fragte leiſe:„Wo bin ich!“ Niemand gab ihm Antwort, aber er gab ſie ſich ſelbſt, und indem er mit einem Aus⸗ druck troſtloſen Schmerzes und tiefer Klage ſeine Augen gen Himmel richtete, flüſterten ſeine Lippen leiſe: Raheh meine arme Rahel! Am Abend dieſes Tages verließ der Baron Eskeles Flies zu Fuß und dahinſchre hinauf ſch Ein Geheim⸗ Der wolle; al gung zur Ich er, Sie Cskeles zeigen S Der Gemächer ſpöttiſchen Jett hangende ſelbſt an Er hinter b und trat 4 Kaiſers er haſtig Ja, Sie wiſſ Abe cretair bin ich; Nie ſich unan Ich bin Herr I die Ehr Schickſal ung und n. Hier zt allein die ſeine inde nicht den Obriſt recher be⸗ vertrau⸗ Würde illa jetzt gkeit nur ich durfte H, aber es ichter und ott allein! zerſon.— Regiment n, zu be⸗ ſich die eelche man ſen wollte. uſch, ein Seine bebten im ſtt hervor. mn er kich⸗ gab ihm nem Aus⸗ a Himmel 57 Fuß und ohne Begleitung ſein Hötel, und haſtig durch die Straßen dahinſchreitend, trat er in ein Haus ein, in welchem er eine Treppe hinauf ſchritt, und dann an der nächſten Klingel heftig ſchellte. Ein reich gallonirter Livréebedienter öffnete ihm. Iſt der Herr Geheim⸗Secretair Warkenhold daheim? fragte der Banquier raſch. Der Diener ſagte, daß er es nicht genau wiſſe, daß er nachſehen wolle; aber Eskeles Flies drängte ihn mit einer ſtolzen Handbewe⸗ gung zurück und trat in den Corridor. Ich ſehe es an Ihrem Geſicht, daß Ihr Herr zu Hauſe iſt, ſagte er, Sie haben auch nicht nöthig mich anzumelden, der reiche Baron Eskeles Flies iſt überall willkommen. Gehen Sie nur voran, und zeigen Sie mir den Weg! Der Diener gehorchte, und führte den Baron durch eine Reihe Gemächer, deren glänzende Einrichtung der Baron mit einem halb ſpöttiſchen, halb verächtlichen Blick betrachtete. Jetzt gehen Sie nur, ſagte er dann, als ſie jetzt vor einer nieder⸗ hangenden Portiére ſtanden. Da drin iſt Ihr Herr, ich werde mich ſelbſt anmelden! Er ſchlug die Portidre zurück, und klopfte haſtig an die da⸗ hinter befindliche Thür. Auf das laute Herein öffnete er die Thür und trat ein. Eskeles Flies! rief der Herr, welcher da drüben auf dem Sopha ſaß, und welcher Niemand anders war, als der Geheim⸗Secretair des Kaiſers, der heute Morgen mit ſo viel Entſetzen dem Strafgericht des Kaiſers beigewohnt hatte. Eskeles Flies! rief er noch einmal, indem er haſtig vom Sopha aufſprang und dem Banquier entgegeneilte. Ja, der Baron Eskeles Flies! ſagte der Banquier betonend. Sie wiſſen doch, daß mich der Kaiſer zum Baron ernannt hat? Aber mein Gott, weshalb kommen Sie hierher? fragte der Se⸗ cretair Warkenhold entſetzt. Wenn Sie Jemand hat eintreten ſehen, bin ich in höchſter Gefahr, daß Alles entdeckt wird! Niemand hat mich eintreten ſehen, ſagte der Banquier, indem er ſich unaufgefordert mit größter Behaglichkeit in einen Lehnſtuhl ſetzte. Ich bin zu Fuß gekommen, und ohne Diener. Uebrigens, mein lieber Herr Warkenhold, wird Niemand dadurch gefährdet, wenn ich ihm die Ehre meines Beſuches erzeige. —— .— ——— 5 58 Nur in dieſer Stunde, nur heute iſt es für mich gefährlich, ſagte Warkenhold angſtvoll. Dann hätten Sie mir zuvorkommen, hätten Sich Ihr Geld ab⸗ holen ſollen, rief Herr Eskeles lachend. Sie waren ja ſo in Noth um Geld, hatten Alles im Spiel verloren, und wagten nicht es dem Kaiſer und Ihrer Frau zu geſtehen. Ich gab Ihnen Gelegenheit Geld zu verdienen, und jetzt kommen Sie nicht einmal zu mir, um es ab— zuholen. Ich aber liebe es nicht, Schulden zu haben, und deshalb bringe ich Ihnen Ihr Geld. Hier iſt es! Ein Anweiſung auf tau⸗ ſend Ducaten! Still, um Gotteswillen, nennen Sie die Summe nicht ſo laut, flüſterte Warkenhold angſtvoll. Und'was ſoll ich mit einer Anweiſung? Ich wage es nicht, ſie einzulöſen, denn das könnte mich verrathen, der Kaiſer könnte es erfahren, mein Gott, Sie wiſſen es ja, daß er ſeine Secretaire Nacht und Tag umgiebt mit Spionen und Aufpaſſern. Wenn die ihm hinterbringen, daß ich in Ihr Comptoir gegangen bin, daß ich da tauſend Ducaten erhoben habe, ſo wiro er mißtrauiſch werden, wird nachforſchen, wofür ich ſie erhalten habe. Wird aber vergeblich nachforſchen, unterbrach ihn der Banquier lachend. Wer ſollte es dem Kaiſer verrathen, da Niemand es weiß außer uns Beiden. Haben wir das Geſchäft nicht ganz allein ge⸗ macht? Wer ſoll's alſo dem Kaiſer verrathen, daß Sie ein ſo ge⸗ ſchickter Künſtler ſind, der die Handſchrift Günther's ſo genau nach⸗ zuahmen verſteht, daß der Günther ſelber hätte ſchwören müſſen, er ſelbſt habe jene beiden Briefe geſchrieben. Und wer kann es ihm denn anzeigen, daß Sie ganz zufällig in der Kanzlei waren, als der Kaiſer dem Günther jenes Reſcript an die Generalſtaaten dietirte, und mit ihm die ganze Angelegenheit beſprach? Wer hat's denn geſehen, daß die Thür zum Cabinet offen ſtand, und daß Sie hinter der Thür ſtanden, und horchten, und Alles niederſchrieben, was der Kaiſer ſprach, um, aus herzlicher Liebe für mich, mir dies Staatsgeheimniß zu hinterbringen! Jeſus Maria, müſſen Sie denn Alles wiederholen, was ich ge⸗ than habe? rief der Secretair. Iſt's nicht genug, daß mein Gewiſſen mich plagt und peinigt, Nacht und Tag, daß ich nimmer und nimmer dieſen Blick vergeſſen kann, mit welchem der arme troſtloſe Günther zuſammen zuſammen loffte faſ mehr hät Es. mit einen zerſchmett den Kelch Oh, erzä Wa in ſich ſ Morgene dann Gl dann, a einer ſo tauſend Und mit ein Wahrhe rechnet, wort zu als das habe me recht gen Wo Aufmer ſchwieg, Genie. den Thr Homer. bei Ihr dramati der am alltin w hätte d noch to jrlich, ſagte r Geld ab⸗ 0 in Noth t es dem enheit Geld um es ab⸗ und deshalb 1 auf tau⸗ icht ſo laut, Anweiſung? Gverrathen, n, daß er Aufpaſſern. gangen bin, mißtrauiſch er Banquier ind es weiß ; allein ge⸗ ein ſo ge⸗ genau nach⸗ müſſen, er s ihm denn z der Kaiſer und mit rte geſehen, daß er der Thür der Kaiſer theimniß was ich ge⸗ ein Gewiſſen und nimmer loſe Günther * 8 59 zuſammenbrach? Oh, es war wie ein Weltgericht, das da über mir zuſammenbrach, ich glaubte, es nicht überleben zu können, ja, ich hoffte faſt, ich würde wahnſinnig werden, damit ich kein Bewußtſein mehr hätte für dieſe Scene des Schreckens! Es war alſo recht fürchterlich und grauſam? fragte der Banquier mit einem höhniſchen Lachen. Donnerte er recht, der gute Kaiſer, und zerſchmetterten ſeine Wuthblitze den guten unſchuldigen Günther, der den Kelch austrinken mußte, den wir Beide ihm eingeſchenkt hatten? Oh, erzählen Sie mir das recht genau, hören Sie, recht genau. Warkenhold erfüllte ſeinen Wunſch. Mit beredten Farben, noch in ſich ſelber erſchauernd, ſchilderte er ihm die fürchterliche Scene dieſes Morgens, von dem Moment an, wie der Kaiſer eingetreten, wie er dann Günther jenes Reſeript an den Cardinal Migazzi diktirt, und dann, als Günther bei Rahel'’s Namen laut aufgeſchrieen, ihn mit einer ſo tief bewegten Stimme gefragt habe, ob er von Eskeles Flies tauſend Ducaten erhalten habe? Und er mußte Ja ſagen, unterbrach der Banquier den Erzähler mit einem triumphirenden Lachen. Der Günther iſt ein Ritter der Wahrheit, und er mußte alſo Ja ſagen, denn ich hatte es vorher be⸗ rechnet, daß der Kaiſer ihn ſo fragen würde, und war alſo der Ant⸗ wort zuvorgekommen, hatte grade geſtern tauſend Ducaten hingeſchickt, als das Erbtheil ihrer Mutter! Oh, ich bin mit mir zufrieden, ich habe meine Berechnungen gut gemacht! Erzählen Sie weiter, und recht genau, recht umſtändlich! Warkenhold erzählte weiter; Eskeles hörte ihm mit geſpannter Aufmerkſamkeit, mit freudeſtrahlendem Angeſicht zu, und als Jener ſchwieg, ſagte er lebhaft mit dem Kopf nickend: Sie ſind ein wahres Genie. Sie wiſſen nicht allein Handſchriften nachzumachen, und an den Thüren zu horchen, ſondern Sie verſtehen auch zu erzählen, wie Homer. Niemals habe ich mich im Theater ſo gut amüſirt, als jetzt bei Ihrer Erzählung, die Sie vorgetragen haben, wie eine große dramatiſche Scene. Sie ſind wirklich ein ausgezeichneter Menſch, einer der amüſanteſten Chriſten, die ich je kennen gelernt habe, und Ihnen allein verdanke ich, daß Alles mir ſo wohl gelungen iſt! Kein Judas hätte den Verrath pfiffiger anſtellen können, oder vielmehr, Sie ſind noch talentvoller als Judas, denn Sie ſind nicht ein ſolcher Narr, nachher ſich aufzuhängen in weichmüthiger Reuezerknirſchung. Ihr Chriſten verſteht Euch gut auf den Verrath, und wenn Ihr Geld Euch ganz gleich, ob der, den Ihr verrathet, auch ein Wir Juden denken anders. Kein Jude verräth wir weiſen ihn zurück verdient, gilt's Chriſt iſt, wie Ihr. den Juden! Der Judas war auch kein Inde, N aus unſerer Gemeinſchaft. Er war ja ein Anhänger und Jünger von Chriſtus, und alſo war er auch ein Chriſt, und hat auch gleich ge⸗ handelt wie ein rechter Chriſt; hat ſchlecht berechnet, hat nicht die Wirkung nach der Urſach calculirt, ſondern vor der Wirkung ſeiner Thaten iſt er feige zurückgeſchaudert, und hat ſich in den Tod gerettet. Sie werden kein ſolcher Narr ſein, und darum ſag' ich eben, daß Sie talentvoller ſind in Ihrem Fach, als es der Judas war! Und als beſondere Anerkennung Ihres großen Talents will ich noch funfzig Ducaten zulegen zu den tauſend, die hatten, als ein kleines Nadelgeld für Er zog ſeine Börſe heraus, und auf den Tiſch hin. Ich danke Ihnen, murmelte Warkenhold leiſe. Ich muß das Geld wohl nehmen, denn ich bin in äußerſter Verlegenheit. Aber ich gäb' meine rechte Hand darum, wenn ich dieſes Verbrechen nicht hätte nöthig gehabt, um mich ſelber zu erretten!. Die rechte Hand? Wär's nicht an der linken genug, da Sie die rechte Hand doch ſo nothwendig zum Schreiben gebrauchen? fragte Herr Eskeles Flies lachend. Laſſen Sie doch die Redensarten, mein Herr, und drapiren Sie Sich nicht vor mir mit der römiſchen Toga der Redlichkeit und Herzensreinheit. Ich weiß doch, was ich von Ihnen zu halten habe. Unſer Geſchäft, denke ich, Sie haben keine weitern Forderungen an mich. Nein, ich habe keine weitern Forderungen. Gut, ſagte Herr Eskeles Flies, indem er aufſtand und ſeinen Hut aufſetzte. Wir haben alſo nichts mehr mit einander zu ſchaffen, und da ich Ihnen geſtehen muß, daß ich eine Antipathie gegen Verräther habe, und den Schlangen gern aus dem Wege gehe, ſo möchte ich nicht, daß ſich unſere Wege jemals berührten. Ich hatte ein heiliges Werk der Rache zu vollführen, Sie waren dabei nur mein Werkzeug, Ihre Geliebte! zählte langſam funfzig Ducaten — 7— 7 7 7 h 2 8 Kweiter nichts. Wenn man ſein wir für dies Geſchäft beſtimi iſt jetzt zu Ende. Werk vollendet hat, ſo iſt das Werk⸗ zeug nicht n es. So ſch achtliches I auf meinem Hauſes zu tban haben hat gehand auch ſo: redlich bez iſt zu End Und digen, ſchr Im Wichtiges ten waren zu begehr machen w ſich ihrer Alhülfe; Seit erſchienen gezogen u Vatetland Inge, in Namen d g. Ihr or Geld auch ein n ſeiner gerettet. daß Sie Und als hj funfzig beſtimi Ducaten ne ftagte ten, mein chen Toga 3 ich von zu Ende. . Hut zinen Hut feen, und d Verräther nöchte ich heiligts Verkzeug, elr Nerf⸗ as Weik⸗ 61 zeug nicht nütze und ſtumpf, und man ſchmeißt es weg und zerbricht es. So ſchmeiß ich auch Sie jetzt weit von mir, mein elendes, ver⸗ ächtliches Werkzeug, und verbiete Ihnen, Sich jemals finden zu laſſen auf meinem Wege, jemals mich zu grüßen, oder die Schwelle meines Hauſes zu überſchreiten! Hätte Einer von uns gethan, was Sie ge⸗ than haben, ſo würden die ſtolzen Chriſten geſchrieen haben:„Er hat gehandelt wie ein echter Jude.“ Ich aber ſage jetzt von Ihnen auch ſo: Sie haben gehandelt wie ein echter Chriſt, ich habe Sie redlich bezahlt, wie's einem ehrlichen Juden geziemt, unſer Geſchäft iſt zu Ende! Wir kennen einander nicht mehr! Adieu! Und ohne Warkenhold eines Grußes oder eines Blickes zu wür⸗ digen, ſchritt der Banquier an ihm vorüber und verließ das Gemach. VII. Die Deputation der Ungarn. Im großen Audienzſaal der Kaiſerburg ſollte ſich heute etwas Wichtiges begeben. Die erſten und vornehmſten ungariſchen Magna⸗ ten waren nach Wien gekommen, um von dem Kaiſer eine Audienz zu begehren, nicht als Cavaliere, welche dem Fürſten ihre Aufwartung machen wollen, ſondern als eine Deputation des Königreichs, welches ſich ihrer Lippen bediente, um dem Kaiſer ſeine Noth zu klagen und Abhülfe zu begehren. Seit einem Jahr ſchon, ſeit die neuen Verordnungen und Geſetze erſchienen waren, hatten die ungariſchen Magnaten ſich ſtolz zurück⸗ gezogen und es vermieden, die Burg zu betreten; heute aber, da das Vaterland ihrer begehrte, heute waren ſie gekommen in feierlichem Zuge, in ihren reichſten Galagewändern, um von dem Kaiſer im Namen des Königsreichs Ungarn eine Audienz zu erbitten. 62 Joſeph hatte ihnen dieſelbe bereitwillig zugeſagt, und die Magna⸗ ten erwarteten jetzt im großen Audienzſaal das Kommen des Kaiſers. Mit düſtern Mienen, mit gefurchten Stirnen ſtanden ſie ſchwei⸗ gend in langer Reihe da, die funkelnden Augen mit trotzigem Aus⸗ druck nach der Thür hingewandt, durch welche der Kaiſer eintreten mußte. Endlich öffnete ſich dieſe Thür, und Joſeph trat ein, nicht im Prunk des Kaiſers, begleitet von einem glänzenden Gefolge, ſondern in einfacher Uniform, ganz allein und ohne alles Ceremoniell. Mit offenem Blick und einem ſanften Lächeln grüßte er die Edelleute, die ſich tief vor ihm neigten und dann in ernſter Haltung mit düſtern Blicken erwarteten, daß der Kaiſer ſie anredete. Joſeph ließ ſeine Blicke langſam an der langen Reihe der Magna⸗ ten heruntergleiten. Eine ſtattliche Deputation, welche mir Ungarn da herſendet, ſagte er dann mit einem ſanften Lächeln. Es kennt, wie es ſcheint, ſeine Söhne ſehr gut, denn es hat mir da lauter angeſehene Namen und Geſchlechter geſandt, als wollte es mit Ihnen allen ſeine große und ſchöne Geſchichte repräſentiren. Da iſt zum Beiſpiel der Graf Palfy, der Sohn jenes treuen Grafen Palfy, den die Kaiſerin, meine Mutter, ſo gern ihren Ritter und auch ihren Vater nannte, da iſt der Graf Batthiany, der Sohn meines einſtigen Lehrers. Ich freue mich, Sie Alle begrüßen zu können, und hoffe, daß Sie kommen, um als gute und getreue Unterthanen Ihren Kaiſer zu begrüßen! Err ſah ſie mit einem freundlichen, warmen Blick an, aber dieſer Blick begegnete überall nur finſtern Mienen und drohenden Stirnen. Wir ſind gekommen als Abgeordnete des Königreichs Ungarn, um Sr. Majeſtät unſere Beſchwerden vorzutragen, ſagte nach einer langen Pauſe der Graf Palfy, indem er aus der Reihe der anderen Herren hervortrat und ſich dem Kaiſer gegenüberſtellte. Haben Sie den Grafen zu Ihrem Sprecher ernannt, fragte der Kaiſer die Edelleute, und als ſie mit einem ernſten, einſtimmigen Ja antworteten, fuhr er fort: nun, ſo ſprechen Sie! Ich will Ihre Be⸗ ſchwerden anhören und Ihnen Antwort geben. Wir kommen zu Ew. Majeſtät, ſagte Graf Palfy ernſt, um Ew. Majeſtät daran zu gemahnen, daß Sie uns beim Anfang Ihrer Re⸗ gierung im ſchriobene E unſere Rech uns dieſelbe Stände des ſichert glau der Zeit V gegen iſt. um über beklagen, Ihre gehei Und! haft. Wen alle Provig nur ſein welche unge Uebermuth Wenn feſt, ſo w Tage, denn unſere Kla müſſen unf Ich ir Kaiſer glüt Geſchichte ſagen, was gen! Zue nach Unge Iis nicht Es iſ hinzufügen frage bei⸗ Magna⸗ „ Kaiſers. leute die Kule, die t düſtern Magna⸗ erſendet, ſcheint, Namen ne große der Graf in, meine „da iſt Ich freue kommen, üßen! ber dieſer Stirnen. Ungarn, ach einer randeren fragte der 63 gierung im November 1780 eine von Ew. Majeſtät eigenhändig unter⸗ ſchriebene Erklärung haben zugehen laſſen, daß Ew. kaiſerliche Majeſtät unſere Rechte und Freiheiten uns heilig und unverletzt erhalten, und uns dieſelben auf keine Weiſe entziehen wollten. Ungeachtet nun die Stände des Reichs ſich durch Ihr königliches Wort vollkommen ge⸗ ſichert glaubten, ſo müſſen ſie doch mit Betrübniß erſehen, daß ſeit der Zeit Vieles vorgefallen, was unſern klaren Geſetzen ganz ent⸗ gegen iſt. Wir nähern uns daher Eurer Majeſtät höchſtem Thron, um über die uns bisher zugefügten Kränkungen uns empfindlich zu beklagen, in der Hoffnung, daß Sie unſere gerechten Klagen gegen Ihre geheiligte königliche Würde nicht freventlich finden werden.*) Und wenn ich ſie dennoch freventlich finde? rief der Kaiſer leb⸗ haft. Wenn ich, im vollen Gefühl, daß ich für Ungarn, wie für alle Provinzen meines Landes, die väterlichſte Fürſorge hege, und nur ſein Wohl und Beſtes will, Euch zurückweiſe mit Euren Klagen, welche ungerecht ſind, und nur hervorgegangen aus Eurem Stolz und Uebermuth? Wenn Ew. Majeſtät uns heute zurückweiſen, ſagte Graf Palfy feſt, ſo werden wir morgen wiederkehren, und übermorgen und alle Tage, denn wir haben den ungariſchen Ständen geſchworen, daß wir unſere Klagen vor Ew. Majeſtät Ohren bringen wollen, und wir müſſen unſern Schwur halten. Ich indeß kenne Eure Klagen, bevor Ihr ſie ausſprecht, rief der Kaiſer glühend, und damit Ihr ſeht, daß ich wohlbewandert in Eurer Geſchichte und mit Euren Anforderungen bin, will ich ſelbſt Euch ſagen, was Ihr wollt, und mich zum Sprecher machen für Eure Kla⸗ gen! Zuerſt wollt Ihr Euch beſchweren, daß ich noch immer nicht nach Ungarn gekommen bin zur Krönung und zur Eidesleiſtung. Iſt's nicht ſo? Es iſt ſo, Sire, aber dieſer Beſchwerde wollen wir die Frage hinzufügen, ob es wahr iſt, daß Ew. Majeſtät heimlich, ohne An⸗ frage bei den Ständen, die ungariſche Krone, die Krone des heiligen *) Die eigenen Worte der Ungarn in der Beſchwerdeſchrift der ungariſchen Stände. Siehe Hübner. II. S. 265. 64 Stephan, hat aus dem Schloß von Ofen entführen und hierher nach Wien bringen laſſen? Es iſt wahr, ich habe das gethan, rief Joſeph, ich habe die Krone hierher zu mir bringen laſſen, zu mir, dem ſie gehört, aber ich werde ſie zurückführen laſſen nach Ofen, ſobald das für ſie be⸗ ſtimmte Gebäude vollendet ſein wird. Das iſt wider die Geſetze unſeres Landes, rief Graf Palfy, wi⸗ der die ungariſche Reichsverfaſſung! Sagt, Ihr Magnaten, iſt es nicht ſo? Ja, es iſt ſo! riefen ſie Alle, es iſt wider die Reichsverfaſſung! Ich habe dieſe Verfaſſung nicht beſchworen, und ich ſehe daß ich Recht daran gethan, ſagte der Kaiſer ruhig. Es muß erſt Vieles noch geändert und gebeſſert werden in Ungarn, bevor ich kommen werde, Euch als König meinen Eid zu leiſten. Ihr wollt nur die Freiheit für Euch, Ihr wollt nicht bloß den Bauer, ſondern auch Euren König zu Eurem Leibeignen machen, ein Werkzeug ſoll er ſein in den Händen der Herren Magnaten, ihm wollt Ihr die Hände binden, daß er das Scepter nicht zu führen vermag, damit Ihr ihm helfen, mit ihm und für ihn regieren müßt. Ich aber ſage Euch, ich will nicht einer ariſtokratiſchen Republik vorangehen als Puppe des Königthums, ſondern ich will ein wirklicher König und Herr ſein in allen meinen Landen und Provinzen. Ungarn iſt kein Land für ſich, ſondern es iſt ein Theil, eine Provinz meines Reiches. Ich werde mich alſo in Ungarn ebenſowenig krönen laſſen, wie ich es in Tyrol, in Böhmen, in Galizien, in Belgien oder in der Lombardei gethan. Alle dieſe einſtigen Kronen ſind untergegangen und ver⸗ ſchmolzen in der Einen Krone des Kaiſers von Oeſterreich, und es iſt daher recht und billig, daß, wenn es Eurem Kaiſer alſo behagt, er die Kronen, welche ihm gehören, aufbewahrt in ſeiner Schatzkam⸗ mer zu Wien. Da das Gute nur Eins ſein kann, nämlich jenes, ſo die größte Zahl betrifft, und da alle Provinzen der Monarchie nur ein Ganzes ausmachen, ſo müſſen vor allen Dingen Vorurtheile und Eiferſucht, welche bis jetzt zwiſchen den verſchiedenen Nationen und Provinzen meines Reichs geherrſcht haben, zum Schweigen ge⸗ bracht werden, und die Sonderintereſſen müſſen verſtummen, damit das allgem über Eure aber im E dereinſt Eu Und nun, das Wort Cure drit Unſer ausgeſchle ſind, erha Hiera niverſalſ ie öffentl ſprache den U 8 d Kaiſer Joſ e daß ich ſt Vieles kommen nur die rn auch ler ſein Hände Monarchie heile lationen igen ge⸗ , damit 65 das allgemeine Intereſſe gefördert werde.*) Dies iſt, was ich Euch über Eure Krone und die Krönung zu ſagen habe im Allgemeinen, aber im Einzelnen ſage ich Euch noch, daß ich dennoch gewillt bin dereinſt Eure Bitte zu erfüllen, daß ich mich krönen laſſen will, aber nur erſt dann, wenn alle die Plane erfüllt ſind, welche ich für Un⸗ garn hege, und wenn ich in Ungarn, wie in allen meinen Landen, nicht ein Scheinfürſt, ſondern ein wirklicher Herrſcher ſein werde. Und nun, Herr Kanzler von Ungarn, Graf Palfy, nun gebe ich Euch das Wort, ſagt mir Eure zweite Beſchwerde, ich will Euch nachher Eure dritte nennen. Unſere zweite Beſchwerde iſt, daß der ungariſchen Nation zur Schmach, mit Hintenanſetzung der lateiniſchen und der Landesſprache, das Deutſche bei der bürgerlichen Adminiſtration der ungariſchen Sachen eingeführt worden. Dies iſt der uralten Reichsverfaſſung und Obſervanz ſchnurſtracks zuwider, ſchadet dem Gang des Rechts und der guten Ordnung. Wegen Nichtkenntniß der deutſchen Sprache, die doch zur Sache ſelbſt nichts beiträgt, werden hier und dort die rechtſchaffenſten und verſtändigſten Männer von öffentlichen Aemtern ausgeſchloſſen, Andere aber, die mit ihnen gar nicht zu vergleichen ſind, erhalten dieſe Stellen, nur weil ſie Deutſch verſtehen.**) Hierauf erwidere ich Euch nur dies: Die deutſche Sprache iſt Univerſalſprache meines Reichs! Warum ſollte ich die Geſetze und die öffentlichen Geſchäfte in einer einzigen Provinz nach der National⸗ ſprache derſelben traktiren laſſen? Ich bin Kaiſer des deutſchen Reichs; demzufolge ſind die übrigen Staaten, die ich beſitze, Prooinzen, die mit dem ganzen Staat in Verbindung Einen Körper bilden, wovon Ich das Haupt bin. Wäre das Königreich Ungarn die wichtigſte und erſte meiner Beſitzungen, ſo würde ich die Sprache deſſelben zur Hauptſprache meiner Länder machen, ſo aber verhält es ſich anders, und die Hauptſprache aller meiner Länder iſt und ſoll die deutſche ſein.***)— Ihre dritte Beſchwerde will ich Ihnen jetzt nennen, es iſt die, daß ich Eure Güter habe conſeribiren und verzeichnen laſſen, *) Des Kaiſers eigene Worte, Siehe Briefe Joſeph II. **) Die eigenen Worte der ungariſchen Stände. Hübner. II. S. 266. ***) Des Kaiſers eigene Worte. Siehe Briefe Joſeph II. S. 76. Kaiſer Joſeph. 3. Abth. IV. 5 66 und daß ich Euch auferlegt habe, im Widerſpruch zu Eurer alten Verfaſſung, die dem ungariſchen Adel Steuerfreiheit zuerkennt, Steuern zu zahlen, ſo gut wie der Bauer und der Bürger. Ich habe dies mit gutem Bedacht gethan, und ich werde dieſes Geſetz der Steuerordnung aufrecht erhalten. Die Vorrechte und Freiheiten einer Adelſchaft be⸗ ſtehen in allen Ländern und Republiken der Welt nicht darin, daß ſie zu den öffentlichen Laſten nichts beitragen, vielmehr iſt ihre Be⸗ legung, wie zum Beiſpiel in England und Holland, ſtärker als irgendevo, ſondern ſie beſtehen einzig darin, ſich ſelbſt die für den Staat und das Allgemeine erforderlichen Laſten aufzulegen, und durch ihre Ver⸗ willigung mit Erhöhung und Vermehrung der Auflagen vorzugehen. Die Freiheit der Perſonen iſt wohl zu unterſcheiden von jener der Beſitzungen, in deren Rückſicht die Eigenthümer nicht den Edelmann, ſondern bloß den Feldbauer, den Hauer oder den Viehmäſter, und in Städten bloß den Bürger und Conſumenten, auf der Straße und Ueberfahr bloß den Reiſenden und den Ueberſetzer vorſtellen; in dieſen Fällen allen müſſen ſie zur Erhaltung der allein das Syſtem nutzbar machenden freien Concurrenz, nach der Größe ihrer Beſitzungen mit allen andern Bürgern und Einwohnern gleich ſein.*) Ein Jeder muß das Seine beitragen zum Wohl des Ganzen, der Edelmann ſowohl wie der Bürger, der Bauer und der Kaiſer. Ich kann alſo dieſes Geſetz der neuen Steuerordnung nicht zurücknehmen. Aber, Sire, rief Graf Palfy, es verträgt ſich nicht mit unſerer Reichs⸗Conſtitution, mit unſerer Verfaſſung! Hat Ungarn eine Verfaſſung? rief der Kaiſer heftig. Ein tumultuariſcher Reichstag, die Exemtion des Adels von allen Geld⸗ leiſtungen, die Leibeigenſchaft in ihrer roheſten Geſtalt von drei Fünf⸗ theilen der Nation, iſt das eine Verfaſſung? Es iſt die Verfaſſung Ungarns, und Ew. Majeſtät haben uns die feierliche Verſprechung gegeben, uns unſere Rechte und Privilegien zu erhalten, und die ganze Reichs⸗Conſtitution unverletzt zu bewahren; aber auch ohne beſondere Verſicherungen hängt die Verpflichtung der unverletzten Erhaltung der National⸗Freiheiten mit dem ganzen *) Des Kaiſers eigene Worte. Siehe: Briefe Joſeph II. Seite 95. Succeſſton dingnißwei Siew Augen. Nein, und wir f die Wahrh Majeſtät; mit unſen Aber unſe Maria Th letzten Ja zuſamment heilig geh ſchworen. gethan. C Reiche zei Aber Edelmann und das, von Freih und Ihr für das Und gefördert, Ah, die Conſe auch dem und Sohr und forden Edelmann Rechte au *) die Kaiſer. 9 19 d raugeber rzugel jener der delmann, ſter, und Straße len; in Syſtem Ein Jeder Edelmnann⸗ kann alſo t unſerer nben uns rivilegien vahren; 67 Succeſſtons⸗Rechte des öſterreichiſchen Hauſes unzertrennbar und be⸗ dingnißweiſe zuſammen.*) Sie wagen es mir zu drohen? rief der Kaiſer mit zornflammenden Augen. Nein, Sire, wir wagen es nur unſerm Schmerz Worte zu geben, und wir fühlen uns verpflichtet einem wahrheitsliebenden Monarchen die Wahrheit vein und lauter zu ſagen. Wir haben ſchon unter Ew. Majeſtät Vorfahren und Vorältern einiges leiden müſſen, was ſich mit unſerer Conſtitution und unſern Geſetzen nicht wohl vertrug. Aber unſere Fundamental⸗Geſetze mindeſtens waren bis zum Tode Maria Thereſia's unangegriffen, denn obwohl Maria Thereſia in den letzten Jahren lihrer Regierung den ungariſchen Landtag nicht hat zuſammentreten laſſen, ſo hat ſie doch ſonſt ſtets unſere Privilegien heilig gehalten. Sie hat ſich krönen laſſen, ſte hat den Eid ge⸗ ſchworen. Auch Carl der Sechſte, auch Joſeph der Erſte haben das gethan. Es verträgt ſich ſehr wohl, wie auch die Verfaſſung anderer Reiche zeigt,— Erbrecht und Nationalfreiheiten.**) Aber in Ungarn giebt es keine Nationalfreiheiten, ſondern nur Edelmannsfreiheiten, keine Nation, ſondern nur Herren und Seclaven, und das grade iſt es, was ich ändern und abſchaffen will. Ihr ſprecht von Freiheiten! Die Freiheit verträgt ſich nirgends mit der Sclaverei, und Ihr wollt die Freiheit nur für den Edelmann, die Sclayerei für das Volk! Und meinen Ew. Majeſtät wirklich, daß die allgemeine Freiheit gefördert werde durch die Conſcription? Ah, da kommt der vierte Beſchwerdepunkt, rief der Kaiſer. Ja, die Conſcription, das iſt Euch ein Dorn im Auge, denn dieſe legt auch dem Adel Pflichten auf, und macht den Edelmann zum Bürger und Sohn ſeines Landes. Sie giebt ihm das Schwert in die Hand, und fordert ihn auf zum Dienſt des Vaterlandes, nicht weil er ein Edelmann, ſondern weil er ein Mann iſt, und weil das Vaterland Rechte auf ihn hat! *) Die eigenen Worte der ungariſchen Stände in ihrer Beſchwerde an den Kaiſer. Huͤbner II. S. 263. **) Die eigenen Worte der Stände. 5* 68 Wir haben dem Vaterland niemals unſern Arm und unſere Hülfe haben es mit unſerm Blut und vertheidigt, und Niemand hat es bis hierher wagen dürfen, ſeine Rechte, ſeine Freiheiten anzugreifen, denn wir waren da, ſie zu vertheidigen. Aber wir haben freiwillig, aus unſer Vaterland gekämpft, nicht innerſtem Drang unſers Herzens, für auf Commando. Wir, und auch das ganze Volk von Ungarn, glauben nicht an die Glückſeligkeit eines conſcribirten Volkes. Wir Alle wiſſen gar wohl, welche Wirkungen die Conſeription in den benachbarten ſchleſiſchen, böhmiſchen und mähriſchen Landen Unſer ganzes Volk fühlt daher mit uns einen Abſcheu Unſer Volk kennt auch die Freiheiten unſers es, daß Niemand wider ſeinen Wtllen zu Kriegsdienſten erden kann, und dies iſt den Gemüthern ſo feſt ein⸗ davon abzubringen und zum Gegentheil zu Reichsſtände und Gutsherren mit ihren ſollen, ſo würde verſagt, rief Graf Palfy, wir Leben gegen Alle unſere Feinde gezwungen und hervorbringt. vor der Conſcription. ganzen Reich gezwungen w gedrückt, daß nichts es überreden vermag. Wenn Unterthanen auf gleiche Weiſe conſcribirt werden dieſer den Vorrechten unſers Adels angethane Schimpf jedes adlige und empfindliche Herz mit Recht verwunden. Und wena wir alle Bewegründe und Folgen der Co ſuchen und er⸗ wägen, ſo bleibt uns nur die Schlußfolgerung: daß auch wir, die wir in ſüßer Freiheit geboren wurden, in den traurigſten Zuſtand der Sclaverei gebracht, und auf den Fuß der übrigen deutſchen Provinzen regiert werden ſollen. Aber ehe wir uns dieſem unterwerfen, opfern wir lieber in unterthäniger Treue Blut und Leben auf, und wollen lieber in ſüßer Freiheit ſterben, als in verworfener Selaverei leben!*) Und ich, rief Joſeph mit tiefer Zornesröthe auf den Wangen, ich ſage Euch Allen, Ihr werdet leben, wie ich, Euer König und Euer Herr, Euch befehle zu leben! Ein drohendes Gemurmel durchlief die Reihen der Edelleute, mit lammenden Wuthblicken ſchauten ſie hinüber auf den Kaiſer, der, er allein gegen ſo Viele, dennoch in ungebeugter Herrſcherwürde ihnen gegenüber ſtand. Ah, rief der Kaiſer mit einem verächtlichen Lachen, die Herren nſcription genau unter *) Die eigenen Worte der Stände. dünken ſich men ihres! zw annuliit gangen an nicht zu E weder Cue auf meinen es, Unga Cdelleute, habe ich klärung 1 ich die R Landes ge Conſcripti oldnung, und Baue zelnen zu den deutſe Sitte un in die R wollt mich Nationale umgeſtoße ſeit dreihr immer un wenn alle ſind, daß abreichen aller Vert ſein ſolle Lauf dieſe Themſe g di Geſet Schilde g hinweg thuns! en unſers Sien or dlenſten ſt ein⸗ utheil zu ihren würde a 3adlige — 69 dünken ſich hier auf dem polniſchen Reichstag und vermeinen das Brum⸗ men ihres Veto's genüge, um die Befehle und den Willen ihres Königs zu annulliren! Der König von Polen iſt ſchmachvoll zu Grunde ge⸗ gangen an dieſem Veto ſeiner murrenden Edelleute. Ich aber will nicht zu Grunde gehen, und deshalb will ich kein Veto hören, und weder Cuer Brummen noch auch Euer Beifall wird Einfluß haben auf meinen Willen und auf meine Entſchließungen! Mein Wille iſt es, Ungarn mächtig, ſtark und groß zu machen, nicht durch ſeine Edelleute, ſondern durch ſein ganzes gemeinſames Volk! Deshalb habe ich das barbariſche Feudalſyſtem abgeſchafft, weil es die Auf⸗ klärung und die Entwickelung des Landes hemmt. Deshalb habe ich die Reichsſtellen und die Statthaltereien in den Mittelpunkt des Landes gelegt, deshalb habe ich eine neue Gerichtsordnung und die Conſcription eingeführt, deshalb auch die allgemeine neue Steuer⸗ ordnung, welche gleich der Conſcription den Edelmann dem Bürger und Bauern gleichſtellt, und die Vorrechte und Privilegien des Ein⸗ zelnen zu Gunſten des Ganzen aufhebt, deshalb endlich will ich Ungarn den deutſchen Staaten näher bringen, damit es annehme von deutſcher Sitte und Cultur, damit es ſein Barbarenthum ablege und eintrete in die Reihe der gebildeten Völker! Aber Ihr, Ihr Edelleute, Ihr wollt mich daran hindern! Da giebt es Privilegien, Freiheiten und Nationalverfaſſung, welche durch das neueingeführte Gute verletzt oder umgeſtoßen werden. Da zieht Ihr alte Pergamente hervor, auf denen ſeit dreihundert Jahren geſchrieben ſteht, daß das Königreich Ungarn immer unverändert in ſeiner alten Weiſe beſtehen ſoll, auch dann noch, wenn alle andern Völker an Verfeinerung und Cultur weit vorgeſchritten ſind, daß das Königreich Ungarn von ſeiner Barbarei kein Haarbreit abweichen, daß dieſes mächtige und große Volk auf ewige Zeiten aller Verbeſſerung, alles höhern Wohlſtandes unfähig und unzugänglich ſein ſolle. Die Britten würden ihre Charta Magna, wenn ſie ihnen auf dieſe Art geflucht hätte, längſt zerriſſen, und ihre Stücke in die Themſe geworfen haben. Aber der Ungar ſchützt das Alterthum und die Geſetzmäßigkeit ſeiner Mißbräuche vor und will hinter dieſem Schilde aller Verbeſſerung und aller Cultur Trotz bieten. Ich aber ſage: hinweg mit dieſem verroſteten Schilde mittelalterlichen Barbaren⸗ thums! Ein neues Jahrhundert iſt angebrochen, ein neues Licht 70 iſt aufgegangen für Alle, und nicht bloß die Privilegirten und adlig Gebornen ſollen es ſehen, ſondern auch die, welche Ihr bisher ausgeſtoßen hattet von aller Glückſeligkeit und aller Menſchenwürde, die Ihr zu Sclaven gemacht hattet, damit Ihr deſto mehr die Her⸗ ren ſein könntet. Dieſes Licht, das heißt die Cultur, welche die Geiſter erleuchtet und auch den Niedriggeborenen erhebt zur Würde des freien Menſchenthums. Die Cultur will ich dem Ungarvolke bringen und wenn ſie ſich nicht verträgt mit Euren alten Privilegien, und dem, was Ihr Eure Reichsconſtitution nennt, ſo wird die Cul⸗ tur dieſe bei Seite ſchieben, und wenn es ſein muß, auch zerreißen, damit ſie ihren freien und ſiegreichen Einzug halten kann in das Land, das bis jetzt nur von Cdelleuten und Leibeigenen bewohnt ward, in welchem es aber in der Zukunft ein freies, glückliches und ſeinem König und Herrn gehorſames Volk geben ſoll! Dies iſt meine alleinige und unabänderliche Antwort auf alle Eure Beſchwerden! Kehrt heim, Ihr Magyaren, und bringt ſie den Ständen, Geſpann⸗ ſchaften und Edelleuten, welche Euch hergeſandt: mein Wille iſt un⸗ abänderlich, und alle die neuen Geſetze und Verordnungen, welche ich gegeben, bleiben in voller Gültigkeit, nichts ſoll und darf an ihnen verändert und gedeutelt werden, denn niemals nehme ich zurück und widerrufe, was ich nach reiflicher Ueberlegung und nach beſter Ein⸗ ſicht beſchloſſen und befohlen habe! Ich bin jetzt König in Ungarn, nicht mehr die Magyaren, ich bin es, der die Geſetze giebt, ich bin Eure Reichsconſtitution, und mir ſeid Ihr Gehorſam und Unter⸗ werfung ſchuldig! Kehrt heim und ſagt das den Magyaren! Der Kaiſer hat ſeine Geſetze gegeben, daß ſie gehalten werden, an Euch iſt es, ihnen zu gehorchen! Er wandte ihnen mit einem leichten Kopfneigen den Rücken, und ehe noch die Edelleute Zeit gehabt, ſich in ihrem Erſtaunen und ihrem Zorn zu einer Antwort zu ſammeln, war der Kaiſer ſchon durch die Seitenthür verſchwunden. Die Magharen ſchauten einander an mit flammenden Blicken und drohenden Gebärden. Er widerruft nie! ſagte Graf Palfy nach erner langen Pauſe. Habt Ihr's gehört, Magyaren, der Kaiſer widerruft nie, und wenn unſere Conſtitution ſeinen Neuerungen im Wege ſteht, ſo wird er ſie Wir u Ton. Wei und wer un ein Athemz So ſe den Fehdeh zum Kamy wir. Ein Thereſta z ſie ein in Beiſtand. riamur pre reich verlor gehen durch nostro(o! Noria vor Begeij Und) von hinnen geworfen, muß dieſer Kaiſet erw In ih Gefangene in das bewohnt ches und ſt meine werden! eſpann⸗ iſt un⸗ velche ich in ihnen rück und ter Ein⸗ Ungarn, ich bin Unter⸗ u! Der an Cuch ken, und dihrem die ch die 71 bei Seite drängen, und wenn es ſein muß, zerreißen. Werden wir das dulden, Magyaren? Wir werden das nicht dulden! riefen ſie Alle mit begeiſtertem Ton. Wer unſere Conſtitution antaſtet, der greift uns ſelber an, und wer uns angreift, gegen den vertheidigen wir uns, ſo lange noch ein Athemzug in uns iſt! So ſei es, ſagte Palfy ernſt und ſeierlich. Der Kaiſer hat uns den Fehdehandſchuh hingeworfen, wir nehmen ihn auf und ſind bereit zum Kampf. Wir werden ja ſehen, wer der Sieger bleibt, er oder wir. Einſt in ihrer höchſten Noth rettete ſich die Königin Maria Thereſia zu uns, mit ihrem kleinen Sohn Joſeph auf dem Arm trat ſte ein in unſere Reichs⸗Verſammlung, und bat uns um Hülfe und Beiſtand. Damals rieſen die Magyaren in edler Begeiſterung: mo— riamur pro rege nostro Maria Theresia!— Damals wäre Oeſter⸗ reich verloren geweſen ohne Ungarn, heute aber ſoll Ungarn verloren gehen durch Oeſterreich, und heute rufen wir: moriamur pro rege nostro Constitutione! Moriamur pro rege nostro Coustitutione! rieſen Alle, glühend vor Begeiſterung, die Rechte zum Himmel emporgehoben. Und jetzt, Ihr Magyaren, ſagte Graf Palfy, jetzt laßt uns ſtill von hinnen gehen, und den Handſchuh, welchen der Kaiſer uns hin⸗ geworfen, unſern Freunden zeigen. Nicht hier, ſondern in Ungarn muß dieſer Kampf ausgefochten werden, in Ungarn wollen wir den Kaiſer erwarten! VIII. Die Vergeltung. In ihrer eigenen Wohnung war Rahel ſeit vier Wochen als Gefangene bewacht worden. Eine Schildwacht hatte vor der Thür 72 des Hauſes geſtanden, zwei Gerichtsbeamten hatten ſie im Hauſe ſelbſt bewacht, und die Thüren ihres Zimmers ſtets verſchloſſen gehalten. Niemand hatte zu ihr eintreten dürfen außer dem katholiſchen Prieſter und dem jüdiſchen Lehrer, welche täglich, dem Befehl des Kaiſers gemäß, zu ihr gekommen waren, um die Deiſtin wieder zurückzufüh⸗ ren zur Religion, zur Kirche der Chriſten oder zum Tempel der Juden. Niemand außer dieſen Beiden hatte ſeit vier Wochen zu Rahel eintreten dürfen. Aber heute ſchien dies Gebot aufgehoben zu ſein, denn heute war noch anderer Beſuch eingelaſſen worden, zuerſt ein Abgeordneter des kaiſerlichen Kanzleigerichts, welcher eine lange Unter⸗ redung mit Rahel gehabt, und jetzt beim Anbruch der Nacht kam noch ein anderer Beſuch in das einſame verödete Haus, kam der Baron Eskeles Flies. Die Schildwacht draußen vor der Thür hatte ihn eintreten laſ⸗ ſen, und auch die beiden Gerichtsbeamten in Rahel's Vorzimmer machten keine Schwierigkeit, als ihnen der Banquier ein Blatt vor⸗ zeigte, einen von des Kaiſers eigener Hand geſchriebenen Paſſirſchein. Sich tief und ehrfurchtsvoll verneigend übergaben ſie dem Banquier die Schlüſſel zu Rahels Zimmer, und fragten nach ſeinen weiteren Befehlen. Geht hinaus auf den Flur, ſagte Eskeles mit leiſer, haſtiger Stimme, und dort wartet, bis ich Euch rufe. Der Kaiſer beftehlt uns durch jenes Papier, Ew. Gnaden zu gehorchen, wir folgen alſo dem Befehl des Kaiſers, ſagten ſie, wir gehen! Herr Eskeles dankte ihnen mit einem leichten Kopfnicken, und reichte dann Jedem eine Hand dar. Als er ſie zurückzog, blitzte etwas wie Gold in den Händen der Gerichtsboten, und mit einem freund⸗ lichen Grinſen ſchlichen ſie hinaus. 4 Nicht ſobald hatte ſich die Thür hinter ihnen geſchloſſen, als Eskeles Flies haſtig hineilte und vor dieſer Thür den Riegel vor⸗ ſchob. Dann durchſchritt er raſch das Gemach und näherte ſich mit dem Schlüſſel in der Hand der gegenüberliegenden Thür. Aber wie er jetzt den Schlüſſel in das Schloß ſchob, zitterte ſeine Hand ſo heftig, daß ihr die Kraft fehlte, den Schlüſſel umzudrehen, und ganz überwältigt nieder. Wie ich ihr in’” geworden, Kind, mei Thränen,” als Deinen jetzt die K hier, um ihr zu ve glücklich! ſie ſchauen lend wie geweint he zer will umſonſt d Tochter u Er d Nieu brach die Lichter, w auf eine Solc Gemach Dar Lichter h gegangen ſtalt gew wie eine Wangen Wie Zügen, d ſein ſchö manten in dieſen e ſelbſt halter häalten. Rahel zu ſeir, erſt ein anquier welteren haſtiger h mit lber wie Hand ſo und ganz 73 überwältigt von ſeiner innern Bewegung ſank er auf einen Stuhl nieder. Wie wird ſie mich empfangen? murmelte er leiſe. Wie werde ich ihr in's Auge ſehen? Sie ſagen, ſie iſt bleich und unkenntlich geworden, und ihre Augen ſind roth vom vielen Weinen! Oh mein Kind, meine ſchöne Rahel, werde ich Dich anſchauen können ohne Thränen, ohne zu Deinen Füßen niederzuſinken und mich anzuklagen als Deinen Verderber? Aber ſtill, unterbrach er ſich ſelber, wozu jetzt die Klagen. Aller Kummer iſt ja jetzt ausgelöſcht. Ich bin ja hier, um mein Kind wieder heimzuführen in ihr väterlich Haus, um ihr zu vergelten, was ich ihr Böſes gethan. Oh, ſie ſoll wieder glücklich werden, und ich werde wieder mit Stolz und Entzücken auf ſie ſchauen können, wenn ſie da ſteht im Kreiſe ihrer Anbeter, ſtrah⸗ lend wie eine Königin, ſchön wie ein Engel. Jede Thräne, die ſie geweint hat, will ich ihr bezahlen mit einem Brillanten, jeden Seuf⸗ zer will ich vergelten mit einem Goldſtück! Oh, ich heiße nicht umſonſt der reiche Eskeles Flies, ich habe wohl die Mittel, um meine Tochter wieder glücklich zu machen! Jetzt zu ihr, zu meiner Rahel! Er drehte haſtig den Schlüſſel um und öffnete die Thür. Niemand hieß ihn willkommen, als er eintrat, kein Laut unter⸗ brach die Stille dieſes ſchweigenden, öden Gemachs, das durch vier Lichter, welche da auf dem Tiſch in der Mitte des Gemachs ſtanden, auf eine feierliche und unheimliche Weiſe erhellt ward. Solche hohen Wachslichter hatten einſt das ſtille ſchweigende Gemach erhellt, in welchem Rahels Mutter auf der Bahre gelegen. Daran mußte der reiche Banquier jetzt denken, als er auf dieſe Lichter hinblickte, und das bleiche ſtille Leichenantlitz ſeiner heim⸗ gegangenen Gartin ſiel ihm ein, als ſein Auge jetzt dieſe bleiche Ge⸗ ſtalt gewahrte, welche da drüben auf dem Sopha ſaß, regungslos wie eine Statue, und in ihrem weißen Gewande mit ihren farbloſen Wangen wirklich anzuſchauen wie ein Marmorbild. Wie? War das wirklich Rahel? Dieſe Frau mit den vergrämten Zügen, der ſchmerzgebeugten Geſtalt, den glanzloſen Augen, war das ſein ſchönes Kind, ſeine Königin, ſein Engel? Was ſollten die Dia⸗ manten auf dieſer gramgefurchten Stirn, was ſollten die Goldſtücke in dieſen blaſſen magern Händen, die ſich matt gerungen in Gebeten der Verzweiflung, und jetzt kraftlos und kalt in Rahels Schooße ruhten? Ein Schrei des Entſetzens drängte ſich auf ihres Vaters Lippen, als er ſie anſchauete, aber er hielt ihn mit Gewalt zurück und zwang ſich zur Ruhe, zur Gelaſſenheit. Leiſe und langſam durchſchritt er das Gemach und nüäherte ſich ſeiner Tochter, die ihn feſt anblickte mit ihren großen verweinten Augen. Rahel, ſagte er leiſe und flehend, Rahel, kennſt Du mich? Ich kenne Dich, erwiderte ſte kalt, aber Du, kennſt Du mich? Ich kenne Dich, und mein Herz ruft Dich zu ſich, mein Kind, meine Rahel, rief ihr Vater mit vor Rührung zitternder Stimme. Oh, komm, meine Rahel, komm an das Herz Deines Vaters. Sieh, ich ſtrecke Dir meine Arme entgegen, ich habe Alles vergeben und vergeſſen, ich will nichts mehr als Dich glücklich machen! Oh, mein Kind, komm doch in die Arme Deines Vaters! Er ſtreckte ihr ſeine beiden Arme entgegen, aber Rahel folgte nicht ſeinem Ruf. Sie war aufgeſtanden, aber ſie blieb bewegungs⸗ los ſtehen, und ſah ihren Vater mit einem finſtern, faſt drohenden Blick an. Herr Eskeles Flies ſeufzte tief auf, und ließ ſeine Arme ſinken. Eine lange Pauſe trat ein. Dann ſchritt Rahel langſam zu ihrem Vater hin, und blickte, ganz nah ihm gegenüberſtehend, mit durch⸗ bohrenden Augen ihn an. Wo iſt Günther? fragte ſie. Was haſt Du aus ihm gemacht? Ich? fragte ihr Vater zurück. Der Kaiſer hat ihn geſtraft, hat ihn wegen Verrath und Treubruch ſeiner Aemter entſetzt und ihn unter die Soldaten geſteckt. Er iſt mit dem Regiment nach Ungarn abmarſchirt. Der Kaiſer hat ihn als Verräther erkannt und geſtraft. Ich kenne dieſes Mährchen, ſagte Rahel mit einem verächtlichen Lächeln. Die Prieſter, die ihr mir geſandt, haben es mir ja täglich, um mich zu tröſten, wiederholt, daß Günther ein Verräther iſt, und daß der Kaiſer ihn geſtraft hat. Aber ich weiß es beſſer, und Du weißt es auch. Nicht der Kaiſer hat ihn geſtraft, ſondern Du haſt Dich gerächt! Du biſt es, der ihn als Verräther angeklagt hat, Du biſt es, der mit Complotten, mit Intriguen, mit falſchem Zeugniß, mit ſalſchen Briefen, mit Allem, was die Rache erſinnen, und das Geld bezahle der Aukläͤe Wer ſa Dein G zu begegnen Leugne es, dem Glaube Wahrheit z Er wa ſondern ſen ſagte er. Kaiſer hat Der K oh, der Ka was die R kenne meine gerächt haſt Wenn theilt hat! Wenn angeſchuldi⸗ Wir! ſireiten um um mit Die durch unſe hat wie ein düſtert hat iſt vorüber nichs ſoll Ein A ſich das G ſeine Hand bei dieſem hinaus.( Wolke, di war meine 75 Schvoße Geld bezahlen kann, ihn dem Kaiſer verdächtigt haſt! Du allein biſt der Ankläger meines edlen unſchuldigen Günther geweſen! ppen, Wer ſagt das? Wer wagt es, mich anzuklagen? rief ihr Vater. Dein Geſicht ſagt es! Deine Augen, die nicht wagen den meinen zu begegnen, Deine Augen klagen Dich an, ſagte Rahel feierlich. Leugne es, wenn Du kannſt, Vater! Beim Geiſt meiner Mutter, bei dem Glauben Deiner und meiner Väter fordere ich Dich auf, mir die Wahrheit zu ſagen: Biſt Du es, der ihn angeklagt hat? nich? Er wagte es nicht, ihren durchbohrenden Blicken zu begegnen, n Kind, ſondern ſenkte die Augen nieder. Wer ihn angeklagt hat, gilt gleich, Stimme. ſagte er. Der Kaiſer hat ihn ſchuldig befunden des Verraths, der Sieh, Kaiſer hat ihn geſtraft.„. en und Der Kaiſer iſt getäuſcht, elendiglich, ſträflich getäuſcht, rief Rahel, i Sh mein ‚der Kaiſer kennt nicht, was Fdenbosheit vermag, er weiß nicht, Yuie 31 die Rache des Juden erſinnen kann. Ich aber weiß es. Ich ſ⸗ ne— kenne meinen Vater und ich kenne Günther! Ich weiß, daß Du Dich LK 4 gerächt haſt, und daß Günther unſchuldig iſt. 2 A Wenn Du das ſagſt, klagſt Du den Kaiſer an, der ihn verur⸗ theilt hat! Wenn ich das ſage, klage ich Dich an, der ihn verleumdet und ſinken. bra angeſchuldigt hat. durc⸗ Wir wollen uns jetzt in dieſer Stunde des Wiederſehens nicht ſtreiten um Worte, ſagte ihr Vater ſanft. Ich bin nicht gekommen, macht? um mit Dir von dieſem Mann zu ſprechen, der wie dunkler Schatten aft, hat durch unſer Beider Leben dahin gegangen iſt, und über Dir geſchwebt ad ihn hat wie eine ſchwarze Wolke, die mir das Antlitz meines Kindes um⸗ Ungarn düſtert hat. Der Schatten iſt jetzt auf immer verſchwunden, die Wolke eäraft. iſt vorübergezogen, und Alles iſt wieder hell und licht um uns, und nichts ſoll mehr zwiſchen uns ſtehen! Ein Abgrund ſteht zwiſchen uns, und aus dieſem Abgrund erhebt ſich das Grab meines Glückes, und Güntherſtreckt mir aus demſelben ſeine Hand entgegen. Ich kann nicht zu Dir, mein Vater, ich muß bei dieſem Grabe und bei Günther bleiben, und kann niemals darüber hinaus. Ein Schatten, ſagſt Du, war Günther's Liebe zu mir, eine Wolke, die mein Antlitz verdüſterte? Nein, ſage ich Dir, nein! Er war meine Sonne und mein Licht, und alles Unglück der Welt löſcht eugniß, ad das 76 dieſe Sonne nicht aus. Sie ſtrahlt noch in meinem Herzen, trotz dieſer furchtbaren Wochen, die ich durchlebt habe. Ich ſage Dir nicht, was ich gelitten habe in dieſen Wochen, nichts von meinem Jammer, meiner Einſamkeit und Verzweiflung, nur das ſage ich Dir, daß ich dennoch nicht bereue ihn geliebt zu haben, daß er immer noch das Licht meines Lebens iſt, und daß ich nimmer von ihm laſſen werde, wie Er nimmer von mir! Er iſt jetzt ein entehrter Menſch, ein gemeiner Soldat! ſagte Es⸗ keles Flies düſter. Und ich werde morgen auch eeine Entehrte ſein, rief ſie faſt triumphirend. Ihr Vater ſchrak zuſammen. Ueber dem Wiederſehen hatte er alles Andere vergeſſen, ſelbſt die Gefahr, welche Rahel bedrohete. Rahel, ſagte er leiſe, Rahel, ich komme ja, Dich zu holen, Dich zu erretten vor dem morgenden Tag. Mich zu holen? wiederholte ſte langſam. Wohin? Zu mir! In das Haus Deines Vaters, Rahel! Ich habe keinen Vater, ſagte ſie düſter. Er hat mich verſtoßen, er hat mich aus ſeinem Hauſe verbannt, er hat meinen Geliebten in Schande und Verzweiflung getrieben, er hat mein Glück gemordet. Ich habe keinen Vater mehr, und nie kehre ich heim in das Haus, dem ich entfliehen mußte, weil ich verkauft werden ſollte an einen Mann, den ich verabſcheute. Du haſt mein Seele damals nicht be⸗ zwungen, und auch die Prieſter haben ſie jetzt nicht bezwungen! Ich bin frei im Glauben, im Lieben und im Haſſen, und dieſe Freiheit wird mir bleiben und meine Seele aufrecht erhalten, auch wenn ſie morgen meinen Körper ſchmachvoller Strafe dahin geben. Du wirſt dieſe Strafe nicht erleiden wollen, rief ihr Vater ent⸗ ſetzt. Du wirſt widerrufen, meine Rahel, wirſt nicht mehr ſagen, daß Du keine Religion und kein Glaubensbekenntniß haſt, daß Du nur Gott glaubſt, und keiner Religion angehörſt. Ich muß ſagen, was wahr iſt, ich gehöre keiner Religion an, die Pforten des Tempels und der Kirche ſind mir geſchloſſen, ich bin keine Jüdin mehr, und ich darf keine Chriſtin werden, denn der Schwur, den ich Dir geleiſtet, hält mich zurück. Aber auch ohne dieſen Schwur würde ich jetzt keine Chriſtin mehr werden; durch Furcht und Fri ſoll i Gebet an Jammer, d haben mein gemacht, u Jüdin, ein Gott, und wie hoffe Und morg werde ich Morg bleich vor Nein, leben werd mich verhä dieſen ſchl wie der J hat, daß die Kraft Schlag, w frei werde Rahe ſam ſein, Wort ſpr Kirche De Du keine ſcheinheili ligion der und der ſie alle de Alles ein und inden plärren, ibnen wi Nennen erſtoßen, ebten in emordet. Haus, n einen cht be⸗ n! Ich Furcht und Drohungen will ich mir keine Religion aufzwingen laſſen. Frei ſoll mein Glaube ſein, frei mein Gebet. Und ich richte mein Gebet an Gott, ich glaube ihn, ich hoffe auf ihn, und alle der Jammer, den ich erduldet, alle dieſe qualvollen Tage und Nächte, haben mein Vertrauen und meinen Glauben an meinen Gott nicht irre gemacht, und nicht erſchüttert. Was liegt daran, ob ich nun eine Jüdin, eine Chriſtin oder Deiſtin heiße, ich glaube Gott, ich liebe Gott, und ich fürchte Gott, und ich hoffe auf ein ewiges Leben! Oh, wie hoffe ich darauf! Wie ſehnt ſich meine ganze Seele gen Himmel! Und morgen ſchon wird meine Seele ihre Schwingen entfalten, morgen werde ich bei Gott ſein! Morgen? Du willſt Dich alſo Selber tödten? ſchrie ihr Vater, bleich vor Entſetzen. Nein, aber glaubſt Du, daß ich die Schande und Schmach über⸗ leben werde, die ſie morgen im Namen der chriſtlichen Kirche über mich verhängen wollen? Oh, mein Körper iſt todesmatt, und in allen dieſen ſchlafloſen Nächten, dieſen troſtloſen Tagen habe ich gefühlt, wie der Todtenwurm in meinen Gliedern gearbeitet und gehämmert hat, daß ſie immer matter und hinfälliger wurden, immer weniger die Kraft haben meine Seele noch länger zu feſſeln. Bei dem erſten Schlag, mit dem ſte morgen meinen Körper treffen, wird meine Seele frei werden, und mein Körper ſterben. Rahel, rief ihr Vater verzweiflungsvoll, Du wirſt nicht ſo grau⸗ ſam ſein, dieſe furchtbare Entſcheidung abzuwarten. Du wirſt das Wort ſprechen, das Dich frei macht, Du wirſt heimkehren in die Kirche Deiner Väter, Du wirſt in dieſen Wochen erkannt haben, daß Du keine Chriſtin werden möchteſt. Sieh, wie heimtückiſch und ſcheinheilig dieſe Religion der Chriſten iſt. Sie nennen ſie die Re⸗ ligion der Liebe, aber ſie iſt die Religion des Haſſes, des Stolzes und der Grauſamkeit. Im Uebermuth ihres Selbſtgefühls verachten ſie alle diejenigen, welche nicht glauben was ſie glauben, nennen ſie Alles eine Irrlehre, welches nicht lehrt, was ſie gelernt wiſſen wollen, und indem ſtie mit ihren ſüßlächelnden Lippen das Gebet der Liebe plärren, verfolgen ſie mit höhniſcher Grauſamkeit alle diejenigen, welche ihnen widerſtreben, und ſtrafen den Unglauben als ein Verbrechen. Nennen ſie nicht Dich, meine unſchuldige, edle Rahel, eine Verbrecherin, 78 Volk gebli Ueeberall, i ſeinem Ant bloß weil Du nicht eintreten willſt in ihre Kirche, bloß weil Du ehr⸗ lich genug biſt zu ſagen: ich glaube nicht an Euren Chriſtus und an Eure Kirche, aber ich glaube an Gott? Wollen ſie Dich nicht mar⸗ tern mit ſchimpflicher Strafe, daß Du nur Gott glaubſt, nicht die Kirche? Sieh, das iſt ihre vielgeprieſene chriſtliche Liebe, das iſt ihre’ Duldſamkeit und ihr Erbarmen. Nein, ich weiß, meine Rahel will ſich nicht bekennen zu einer Religion, die mit entehrenden Schlägen benn diejenigen ſtraft, welche vor ihr zurückweichen. Sprich es alſo aus, Ehriſſen n mein Kind, ſage, daß Du eine Jüdin biſt und bleibſt, und Alles iſt damit woll wieder gut! ſiiner Ah von unſerm unſer Antli tiger iſt al und klagt /, Ich kann nicht heimkehren zu dem Gott der Juden, rief Rahel u uns get u1 ſ feierlich, es iſt ein Gott der Rache und des Zorns, und mein Gott grga ein Gott der Liebe und des Erbarmens; er will ſich ja meiner Gott auf — erbarmen, und mich zu ſich rufen, morgen ſchon! Ich muß meinen mir Deine Gott bekennen und für ihn leiden. wenn ſie m Nun wohl, ſagte ihr Vater nach einer langen Pauſe, ſo habe holen wolh denn Deinen Willen! Du willſt keine Jüdin mehr ſein, und der Prieſter ih Schwur bindet Deine Lippen, daß Du keine Chriſtin werden kannſt. worten zu — Ich nehme dieſen Schwur zurück, ich entbinde Dich von der Er⸗ und will, füllung Deines Eides! Gehe hin und werde eine Chriſtin! Oh, du wieden Rahel, mein Kind, dies iſt der größte Beweis meiner Liebe, den ich ſich vor di Dir geben kann. Um Dich zu retten, erlöſe ich Dich von Deinem werben um Schwur. Gehe hin und werde eine Chriſtin! Deiner Mi Nein, ſagte ſie kopfſchüttelnd, ich kann keine Chriſtin mehr wer⸗ und glückli den, darin haſt Du Recht, es iſt ihnen durch ihre Härte und Grau⸗ Nein, ſamkeit gelungen, mich dem Chriſtenthum abwendig zu machen. Die denn Günt Chriſten tragen die Liebe auf den Lippen und den Haß im Herzen, Glück. A. ich will nicht zu denen gehören, welche meinen Geliebten unſchuldig bleiben, n geſtraft haben. Gott! de Oh, das ſind die Worte einer Jüdin, daran erkenne ich meine lt ittd Tochter, rief Eskeles Flies, ſtrahlend vor Freude. Wie kannſt Du 4 für das, n ſagen, Rahel, daß Du keine Jüdin biſt, da doch Dein Denken und die entehre Empfinden, Dein Stolz und Dein Haß jüdiſch iſt? Du biſt mein meinen Ri Kind, biſt die Tochter Deines Volkes! Bleibe bei uns, meine geliebte ſchrei d die Rahel, laß uns treu zuſammenhalten, wie wir es gethan ſeit uralten des gaffen Zeiten her. Sieh, der Herr hat uns gezeichnet, und wir ſind ſein liegt, dan == 9, la‿ 2 3 e 4 i Du ehr⸗ und an mar⸗ die dle ihre will ägen Nahel in Gott meiner meinen ſo habe der Cr⸗ Oh, den ich Deinem hr wer⸗ Grau⸗ n. Die Herzen, ſchuldig meine nſt Du en und ſt mein geliebte 9 uralten ind ſein 7/ 9 7ch. 79 Volk geblieben, obwohl wir verſtreut worden durch die ganze Welt. Ueberall, in allen Ländern und bei allen Völkern, erkennt man an ſeinem Antlitz ſchon den Juden, und kein Chriſtentaufwaſſer verlöſcht 5 von unſerm Antlitz dieſes heilige Erkennungszeichen, welches Gott in unſer Antlitz gezeichnet. Daran ſehll Du. daß das udenthum- mäche Aue. tiger iſt, als das Chriſtenthum, denn es läͤßt ſich nicht hinwegwiſchen, und klagt zu jeder Stunde diejenigen als Apoſtaten an, welche ſich? Chriſten nennen und doch zu unſerm Volk gehören. Gott hat uns damit wollen ein Zeichen geben, daß wir treu bleiben ſollen ihm und ſeiner Lehre, und nie uns vermengen ſollen mit denen, welche nicht zu uns gehören, und uns ſchon äußerlich kenntlich gemacht ſind durch ihr Geſtcht als unſere Feinde. Erkenne alſo das Judenthum an, das Gott auf Deine Stirn geſchrieben hat, meine Tochter. Komm, gieb mir Deine Hand, ſage, daß Du wieder zu uns gehören willſt, und wenn ſie morgen kommen, die chriſtlichen Richter, wenn ſie Dich ab⸗ holen wollen, um Deine edle, ſchöne Geſtalt zu zerſchlagen, wenn die Prieſter ihrer Kirche kommen, um Dich mit Drohungen und Bitt⸗ worten zu bekehren, dann ſchreie ihnen entgegen: ich bin eine Jüdin und will eine Jüdin bleiben! Und dann wirſt Du frei, dann wirſt Du wieder die Tochter des reichen Juden ſein, und alle Welt wird ſich vor Dir beugen, und alle die vornehmen Cavaliere werden wieder werben um Dich, und werden Dich preiſen um Deiner Schönheit und Deiner Millionen willen! Oh, Rahel, es kann ja Alles wieder gut und glücklich werden! Komm' nur, komm'! Nein, es kann niemals wieder gut werden, ſagte Mhel kalt, denn Günther iſt nicht bei mir, und ohne ihn giebt es für mich kein Glück. Auch kann ich niemals Dir meine Hand geben und bei Dir bleiben, niemals beten mit Dir in Einem Tempel und zu Einem Gott! Denn Du biſt der Ankläger meines Geliebten, und ſein Un⸗ glück iſt das Werk Deiner Rache! Aber ich will Dich jetzt ſtrafen für das, was Du Günther gethan! Ich bleibe! Ich will die Strafe, die entehrende Strafe leiden, und wenn mein Blut in Strömen über meinen Rücken hinfließt, und wenn mein wahnſinniger Schmerzens⸗ ſchrei die Luft durchhallt, und wenn da auf dem Marktplatz inmitten des gaffenden Volkes ein entehrtes, zerſchlagenes Weib am Boden liegt, dann werde ich gerächt ſein, denn dann wird der Stolz de 80 reichen Juden gebeugt werden, und alle Welt wird mit Fingern auf ihn zeigen, und Jedermann wird ſcheu zurückweichen vor dieſem Mann, deſſen einziges Kind entehrende Strafe hat erleiden müſſen. Sie hatte ſich ſtolz und hoch aufgerichtet, während ſie ſo ſprach, eine fieberiſche Gluth brannte jetzt auf ihren vorher ſo bleichen Wan⸗ 4 gen und ihre Augen leuchteten im Feuer der Begeiſterung oder der Rrnitheie Ah, ich ſehe es wohl, Du haſſeſt mich, ſagte ihr Vater traurig, aber ich kann dennoch nicht von Dir weichen, ich muß Dich retten, wider Deinen Willen. Rahel, Du mußt und Du ſollſt mit mir gehen. Sieh', Alles iſt bereit zu Deiner Flucht, und der Kaiſer ſelbſt will, daß Du fliehſt, der Kaiſer ſelbſt ſchaudert zurück vor dieſem Strafgericht und will Dich ihm entziehen. Mit Seiner Bewilligung bin ich hier, Er iſt es, der mir erlaubt hat, wenn Du nicht wider⸗ rufen und zu keiner Religion Dich bekennen willſt, mit Dir zu ent⸗ fliehen, Er ſelber hat mir Päſſe gegeben nach Paris. Dorthin will ich Dich führen, dort wollen wir ein neues Leben beginnen! Ah, rief ſie höhniſch, und die dunklen Roſen des Fiebers leuch⸗ teten höher empor auf ihren Wangen, ah, der Kaiſer will, daß ich entfliehe, damit die Schmach und Grauſamkeit dieſes Geſetzes, welches Deiſten mit Stockſchlägen zur Kirche zurücktreiben will, nicht auf ihn zurückfallen möge. Er hat das Geſetz gegeben, Er muß jetzt auch die Conſequenzen tragen. Oh, wird es nicht herrlich ſein, wird die Welt ſich nicht freuen, zu ſehen, wie dieſer menſchenfreundliche, humane Kaiſer, welcher ſich verrühmt, die Aufklärung, die Toleranz und Menſchenfreundlichkeit zu bringen, auch unduldſam, thranniſch und graufam iſt, wie ſie Alle? Ich haſſe dieſen Kaiſer, welcher meinen edlen, unſchuldigen Günther in's Verderben gejagt hat, ich will ihn daher nicht erretten von der Schmach, daß er ein Weib hat peitſchen laſſen, weil ſie bekennt, daß ſie Gott liebt und fürchtet, aber nicht an eine Kirche glaubt, ſondern nur an Gott.*) Nein, ich fliehe nicht, *) Das Glaubensbekenntniß der Deiſten war ſehr einfach: Es heißt: Wir glauben an Einen Gott, welcher die Welt regiert, das Böſe ſtraft und das Gute belohnt. Wir halten Jeſus Chriſtus für den erhabenſten und edelſten aller Men⸗ ſchen, aber nicht für einen Gott.— Die Strafe, welche Kaiſer Joſeph für die⸗ ich blibe, hat, er ſol unſchuldig, mel emporf Sie ſt ſchon der; Das! mehr, die ſie emporh Divan tru ſtockte in Siei ſie neigte! es iſt die Dich auf, welche der Schande 4 Sie Vater mi Tochter, Gie in das I faßte entſe wie eine, geſtockt, k Sie herzgerreif nieder. A und rief ſie ſchnell — jenigen, wer ig Stocſch einen Anden Jemand di Siche: Gr Kaiſer Joſ gern auf gy n Mann, oſprach, n Wan⸗ 8 oder der traurig, h retten, - Hioſe r dieſem zilltauna billigung rs leuch⸗ daß ich welches auf ihn auch die die Welt humane anz und iſch und meinen will ihn peitſchen nicht an he nicht, 81 ich bleibe, der Kaiſer ſoll mich ſtrafen laſſen, wie er Günther geſtraft hat, er ſoll mich entehren, wie er ihn entehrt hat. Beide ſind wir unſchuldig, und unſere Leiden und unſere Thränen werden zum Him⸗ mel emporſchreien um Rache! Und unſere Qual wird— Sie ſtockte und lehnte ſich ſchwankend an einen Seſſel. Iſt das ſchon der Tod? murmelte ſie leiſe. Kommt er ſchon, mich— Das Wort verhauchte auf ihren Lippen, ſie hatte keine Kraft mehr, die Arme ihres Vaters zurückzuweiſen, ſie duldete es, daß er ſie emporhob an ſeine Bruſt, daß er ſie durch das Zimmer nach dem Divan trug. Ihr Haupt lag ſchwer auf ſeiner Schulter. Ihr Athem ſtockte in ihrer Bruſt. Sie iſt ohnmächtig, flüſterte Eskeles Flies, indem er ſich über ſie neigte und mit troſtloſer Angſt in ihr Antlitz ſchaute. Mein Gott, es iſt die höchſte Zeit zur Flucht. Rahel, Rahel, erwache! Richte Dich auf, mein Kind, und folge mir. Die Stunde iſt abgelaufen, welche der Kaiſer mir beſtimmt, wir müſſen fort, Rahel, damit die Schande Dich nicht ereilt! Sie athmete hoch auf und öffnete ihre Augen und blickte ihren Vater mit ſtarren, fieberiſch glühenden Augen an. Komm', meine Tochter, komm,, ſagte er dringend. Sie regte ſich nicht und antwortete auch nicht, ſie blickte ſtarr in das Weite, und ein Lächeln umſpielte ihre Lippen. Ihr Vater faßte entſetzt ihre Hand, ſte wehrte es ihm nicht, ihre Hand brannte wie eine glühende Kohle in der ſeinen, der Athem, welcher vorher geſtockt, kam jetzt keuchend und fieberiſch heiß aus ihrer Bruſt hervor. Sie iſt krank! Sie wird ſterben! ſchrie ihr Vater mit einem herzzerreißenden Wehelaut und wie zerſchmettert ſank er neben ihr nieder. Aber dann ſprang er wieder empor, dann ſtürzte er hinaus, und rief die Gefangenwärter, und bot ihnen Geld, viel Geld, wenn ſie ſchnell einen Arzt herbeiſchafften. jenigen, welche ſich zum Deismus bekennen, zum Geſetz erhoben, lautete auf fünf⸗ zig Stockſchläge. Aber eben ſoviel Schläge wurden demjenigen zuerkannt, der einen Andern verläumderiſcher Weiſe einen Deiſten genannt. Ebenſo ſollte,„wer Jemand einen Naturaliſten nannte, mit zehn Stockſchlägen geſtraft werden.“ Siehe: Groß⸗Hoffinger. Th. II. und III. und Friedel's Briefe, Th. I. Kaiſer Joſeph. 3. Abth. IV. 6 8² Und ſie ſtürzten von dannen, und er eilte wieder zu ſeiner Toch⸗ ter hin. Sie lag noch immer mit weitgeöffneten Augen unbeweglich da, ihr Athem keuchte und wimmerte aus ihrer hochfliegenden Bruſt hervor, ihre trocknen, glühenden Lippen murmelten leiſe zitternde Worte, die unheimlich und tonlos, wie Geiſtergeflüſter, die Stille durchzitterten. Endlich kam der Arzt; er neigte ſich ſchweigend über die Kranke, er horchte auf ihren Athem, prüfte ihren Puls und legte ſeine Hand auf ihre Stirn und ihre Bruſt. Dann zuckte er leiſe die Achſel und wandte ſeine Blicke auf den Banquier hin, der mit hochklopfendem Herzen in athemloſer Angſt jede ſeiner Mienen belauſcht hatte. Sind Sie verwandt mit der Kranken? fragte er. Ja, ich bin ihr Vater! ſagte der Banquier, und ſelbſt in dieſem ſchreckensvollen Augenblick that es ihm wohl, dies Wort ſprechen zu können, welches ſo lange nicht über ſeine Lippen gekommen. Dann bedauere ich, Ihnen wenig Hoffnung geben zu können, ſagte der Arzt. Es iſt der Typhus in ſeiner heftigſten Geſtalt. Ich fürchte, die Kranke hat nur noch wenige Tage zu leben; das Fieber muß lange ſchon heimlich in ihrem Körper umhergeſchlichen ſein, und ſte hat es verborgen, bis es ſie jetzt gewaltſam niedergeworfen hat. Hat die Kranke vielleicht irgend einen Kummer, ein großes Herzeleid gehabt? Ja, ich glaube, ſte hat Kummer und Herzeleid gehabt, murmelte Eskeles mit von Thränen halb erſtickter Stimme. Sie wird ſterben, ſagen Sie? Ich fürchte, daß die Kranke nicht zu retten iſt! Doctor, rief der Banquier, aus ſeinem dumpfen Schmerz ſich aufrichtend, Doctor, Sie müſſen ſie retten, Sie ſollen ſie retten. For⸗ dern Sie, was Sie wollen, ich bin ja reich, ich will Ihnen geben, was Sie haben wollen, ich will Ihnen eine Million geben, nur retten Sie mir mein Kind! Das Leben läßt ſich nicht mit Millionen erkaufen, ſagte der Arzt achſelzuckend, und am Kxrankenbett iſt auch der reiche Mann arm und hülflos. Nur Gott kann retten und helfen, ich habe keine Mittel, um dieſe Krankheit zu lindern. Hätte ich ſie, würde es Ihrer Mil⸗ lionen nicht bedürfen, um mich zur Hülfe aufzurufen. Wir können nur berſuch aber kann! Was! ganz demüt Kühler Kopf, das Nein, Rahel Esk Ach, Kind, ſie Gott, den Aber rief der Ba ja Hülfe ge Es m ja, es muß können die ſind, all? Nrau nicht und Kumn Eben ihrem Kop der ſie verl Kalte bieteriſcher und holte Kanne mit Händen di ſeliges En zurückſank. Wir An. A diir Pfl Potel Die ich wade Toch⸗ eeweglich n Bruſt tternde e Stille Kranke, ne Hand l und ppfendem n dieſem chen zu 83 * nur verſuchen zu lindern und der Natur zu Hülfe zu kommen, helfen aber kann nur die Natur und Gott allein! Was können wir thun zu ihrer Linderung? fragte Eskeles Flies ganz demüthig und zerbrochen. Kühlende Getränke, kühlende Arzeneien, kalte Umſchläge um den Kopf, das iſt Alles! Haben Sie keine weibliche Bedienung hier? Nein, meine Tochter iſt allein, ſie iſt eine Gefangene. Es iſt ja Rahel Eskeles Flies! Ach, die Deiſtin, welche morgen geſtraft werden ſollte. Armes Kind, ſie wird nicht nöthig haben, irgend eine Kirche zu wählen, Gott, den ſte bekannt hat, Gott 9 1 zu ſich nehmen. Aber es iſt doch noch möglich, ß ſte gerettet wird, Doctor, rief der Banquier flehend. Wir aai a 3 Mittel? uerſuichen⸗ es muß ja Hülfe geben! Es muß ja Hülfe geben, wiederholte der Arzt mit leiſem Hohn ja, es muß, denn Sie ſind ja der reiche Baron Eskeles Flies, Sie können die Hülfe ja bezahlen! Sehen Sie, wie ohnmächtig Sie ſind, all Ihr Geld und Ihre Schätze haben doch dieſe arme ſchöne Frau nicht glücklich machen können, und ſie wird ſterben vor Gram und Kummer trotz ihres Vaters Millionen. Eben ſchrie Rahel laut auf, und faßte mit beiden Händen nach ihrem Kopf und klagte, daß da in ihrem Hirn ein Feuerbrand ſei, der ſie verbrenne. Kalte Umſchläge, raſch kalte Umſchläge! rief der Arz zt mit ge⸗ bieteriſcher Stimme, und Herr Eskeles Flies ſtürzte in das N keben gemach, und holte Lan dem Tollettentiſch ſeiner Tochter das Lavoir und die Kanne mit Waſſer und Tücher herbei, und legte ſelber mit zitternden Händen die Umſchläge um ihre glühende Stirn, und empfand ein ſeliges Entzücken, als ſie aufhörte zu wimmern, und wieder ſtill zurückſank. Wir bodürſen hier der weiblichen Hände und Pflege, ſagte der Arzt. Die Kranke muß in's Bett gebracht werden, muß die ſorg⸗ ſamſte Pflege haben. Eilen Sie, Herr Baron, holen Sie aus Ihrem Hotel Dienerinnen und Wärterinnen. Ich nehme Alles auf mich, ich werde ſelber morgen früh in den Controlorgang gehen, und dem 6* 84 Kaiſer Bericht abſtatten. Einer ſolchen Krankheit gegenüber hört alle Gefangenſchaft auf. Eilen Sie nach Hauſe, und ſenden Sie weibliche Hülfe. Nein, ich bleibe, ſagte der Banquier entſchieden. Sie hat nur noch wenige Tage zu leben, ſagen Sie, ich kann alſo keine Minute miſſen, die ich bei ihr ſein könnte. Ich beſchwöre Sie, eilen Sie in mein Hôtel, holen Sie einige von meinen Leuten, die Dienerinnen meiner Tochter, welche immer da waren, und ſie erwarteten. Oh, aus Barmherzigkeit, eilen Sie hin. Mein Wagen ſteht an der nächſten Straßenecke, fahren Sie mit ihm hin, und bringen Sie die Dienerinnen. Oh, hören Sie nur, ſte ſchreit ſchon wieder auf, ihr Kopf brennt ſchon wieder. Neue Umſchläge, ſchnell, ſchnell! Und mit angſtooller Haſt bereitete er neue Umſchläge, und legte ſie mit der Sorgſamkeit einer Mutter um ihre Stirn. Aber ach, es war kein Waſſer mehr in der Flaſche, nirgends ein Tropfen mehr, und doch bedurfte er es zu neuen Umſchlägen für ſeine Tochter. Ohne zu zaudern, ohne ſich nur zu bedenken, nahm Eskeles die Kanne und ſtürzte fort, die Treppe hinunter, hinaus auf den Hof und zum Brunnen hin. Mit geſchäftigter Eile ſtellte er die Kanne unter den Brunnen und begann den Brunnenſtiel hin und her zu bewegen. Die erſten Strahlen der Morgenſonne begannen eben empor⸗ zuleuchten, und einer dieſer Strahlen beleuchtete mit hellem Schein das todesbleiche, gramerfüllte Angeſtcht des Millionairs, der da am Brunnen ſtand und Kuechtesdienſte verrichtete für ſeine Tochter, die er einſt verſtoßen hatte! Jetzt war die Kanne gefüllt, jetzt konnte der Banquier wieder mit ihr hinaufeilen zu der Kranken. Schon auf der Treppe hörte er ihr lautes Schreien und Klagen, ihren wilden Schmerzensſchrei. Er beflügelte ſeine Schritte, er fühlte gar nicht, daß er eine Laſt trug, ſeine Füße berührten kaum den Boden. Er war wieder jung und ſtark geworden in der Sorge um ſein Kind! Der Arzt hatte nur ſein Kommen abgewartet, um, wie er ge⸗ beten worden, fortzueilen, und die Dienerinnen für Rahel aus dem Hötel ihres Vaters herbeizuholen. Er blieb bei ihr, ganz allein, und das that ihm wohl, denn er durfte jetzt weinen, und ihre Hände küſſen, die ſie ihm willenlos über⸗ ließ, er dur für das Leb liebte. Die 3 aus der Apt lauter Stin Stunden ſeh thun könne Als er laſt ſich au loren und Er ha Lager niede reich zu ſei immer bem Und ſo keine Nahrn Aber Ahrä es ihm das zweiflung In di lachte, wäh Zäge geleg Oh, Scherzwor hören! U welchem Er vor ſich ſa wandten! Nicht ihren Fiet gelöſcht in noch ihren Oſtl weiflungs Plick, ein ber hört nen Sie hat nur Minute Sie in nnerinnen en. Oh, rnächſten nerinnen. ff brennt und legte ber ach, en mehr, r. Ohne inne und Brunnen Brunnen empor⸗ Schein r da am hter, die r wieder pe hörte ensſchrei. eine Laſt der jung eer ge⸗ aus dem denn er os über⸗ 85⁵ ließ, er durfte auch niederknieen und beten, beten heiß und inbrünſtig für das Leben Rahel's, ſeiner Tochter, die er ſo grenzenlos wieder liebte. Die Zeit verging, und der Arzt brachte die Dienerinnen, und aus der Apotheke gleich kühlende Arzeneien mit, und machte mit halb⸗ lauter Stimme ſeine weitern Verordnungen, und verſprach in einigen Stunden ſchon wieder zu kommen, um zu ſehen, ob er noch Weiteres thun könne. Als er ging, war es Herrn Eskeles Flies, als ob eine Centner⸗ laſt ſich auf ſeine Bruſt wälze, als ſei ſeine Tochter jetzt ganz ver⸗ loren und aufgegeben. Er half Nahel in ihr Bett tragen, und ſetzte ſich vor ihrem Lager nieder, er ſaß da Stunde um Stunde, immer bereit ihr hülf⸗ reich zu ſein, auf jeden ihrer Seufzer, jede ihrer Klagen achtend, und immer bemüht, ihr Linderung zu ſchaffen. Und ſo ſaß er da den kommenden Tag und die kommende Nacht, keine Nahrung kam über ſeine Lippen, kein Schlaf kam in ſeine Augen. Aber Thränen, ach, welche ſchmerzvolle, bittere Thränen! Und wie es ihm das Herz zerriß, wenn ſie klagte und jammerte, welche Ver⸗ zweiflung ſeine Seele erfüllte, wenn er ihren Phantaſteen lauſchte. In dieſen Phantaſieen war ſie auch glücklich, ſie ſcherzte und lachte, während der Tod ſchon ſeinen Finger auf ihre gramdurchfurchten Züge gelegt hatte. Oh, wie furchtbar dieſes Lachen war, wie grauenvoll, heitere Scherzworte von dieſen heißen, fieberzuckenden, Lippen flüſtern zu hören! Und wie glühend dann wieder dieſe Sprache der Liebe, mit welchem Entzücken ſte zu ihm ſprach, zu ihrem Geliebten, den ſie immer vor ſich ſah, von dem ſich ihre Gedanken nicht einen Moment ab⸗ wandten! Nicht einen Moment gedachte ſie ihres Vaters, nicht einmal in ihren Fieberphantaſteen nannte ſie ſeinen Namen! Er ſchien aus⸗ gelöſcht in ihrem Gedächtniß und in ihrem Herzen! Sie hatte immer noch ihren Geliebten, aber ſie hatte keinen Vater mehr! Oft lag er vor ihr auf ſeinen Knieen, und rief ſie an mit ver⸗ zweiflungsvollem Schmerz, und flehte zu ihr nur um ein Wort, einen Blick, ein Wort der Vergebung. ——— 86 Aber Rahel ſchwärmte und lächelte, und ſang und ſcherzte weiter, und achtete nicht auf den verzweifelten ſchmerzzuckenden Mann, der da bleich und zerſchmettert vor ihrem Lager kniete, und den ihre leuchtenden Augen nicht ſahen, weil ſie immerfort nr Ihn ſahen, nur ihren Geliebten, ihren Freund. Aber auf einmal wurden die lächelnden Phantaſtt in u einem wilden Schmerzensſchrei ihrer zuckenden Lippen unterbrochen. Auf einmal fuhr ſie empor in wilder Raſerei, und ſuchte ſich mit wilden Zuckungen den Armen ihrer Wärterinnen zu entwinden, und ſchrie und jammerte über ihr grauſames Schickſal und über diejenigen, welche ſie ſo unglücklich gemacht, und rief den Zorn und die Rache des Himmels hernieder auf ihre und auf Günther's Mörder. Und jetzt in ihrer Raſerei hatte ſie den Namen ihres Vaters genannt, aber indem ſie ihn nannte, hatte ſie ihn verwünſcht! Wie er das hörte, ſank er mit einem lauten Jammerſchrei vor ihrem Lager nieder, und barg ſein Antlitz in ſeinen Händen, und ächzte laut. Rahel aber ward allgemach ſtiller und ſanfter, ſie fiel zurück auf ihr Lager, ſo matt, ſo zerbrochen, wie eine welke Blume. Jetzt ſchien ſte zurückzukehren zu ihren glücklichen Phantaſteen, denn ein ſeliges Lächeln umſpielte ihre Lippen. Aber ſie ſprach nicht, ſie ſeufzte auch nicht, ſie war lautlos und ſtumm! Nur einmal flüſterte ſie leiſe, ganz leiſe: Günther! dann ward ſie wieder ſtumm. Ganz ſtumm! Ihr Vater, erſchreckt von der tiefen Stille, richtete ſich von ſeinen Knien empor, er ſah die Dienerinnen weinend an der andern Seite des Lagers ſtehen, er blickte Rahel an. Wie ſchön ſie ausſah, ſo ſtill, ſo ſanft, ſo lächelnd und ver⸗ klärt! So ſtill! Kein Schrei mehr tönte von ihren Lippen, kein Seufzer hob ihre Bruſt! Aber das Lächeln blieb, blieb unverändert als die ſtarren, weit geöffneten Augen ſchon glanzlos wurden und trübe! Rahel war todt! Zwei Tage ſpäter bewegte ſich ein langer, dunkler Trauerzug von dem Hôtel des reichen Barons Eskeles Flies dahin durch die Straßen. Es war der Leichenzug ſeines einzigen Kindes. Rahel war heimgekehrt bekannte ſi Dieſe Juden, nac Die tt Sie war Väter, ſor Viel ihres Vol einſt der gehuldigt ein öffentl Al! von danne den Freud Nur rollt, den mehr! U und vor Vor Kutſche au behülflich Lang dem weiße in ſein ſt empor, al men, Niel keer ſind Er Eökeles —ꝑq *) Uel vollen Gel Faiſer Fr⸗ einem Auf wilden ſchrie welche che des Vaters ück auf e Jeht nn ein ſeufzte erte ſie richtete an der d ver⸗ 1, kein rändert en und ug von⸗ traßen. el war 7 heimgekehrt in das Haus ihres Vaters, aber nur als Leiche, Rahel bekannte ſich wieder zum Judenthum, aber nur als Leiche! Dieſe Leiche ward hinausgefahren auf den Begräbnißplatz der Juden, nach jüdiſchem Ritus ward ſie eingeſegnet! Die todte Rahel war keine Deiſtin mehr, ſondern eine Jüdin. Sie war heimgekehrt zu dem Gott, welcher nicht bloß der Gott ihrer Väter, ſondern der Gott aller Erdenkinder iſt! Viel Leidtragende waren ihrer Leiche gefolgt, nicht bloß Männer ihres Volkes, ſondern auch viele von den vornehmen Cavalieren, die einſt der ſchönen Rahel, der Tochter des Banquiers und Millionairs, gehuldigt hatten, der Kaiſer ſelbſt hatte ſeine Equipage geſandt, um ein öffentlich Zeugniß ſeiner Theilnahme zu geben.*) Als das Begräbniß zu Ende war, fuhren die Kutſchen wieder von dannen, hierhin und dorthin, um die Leidtragenden wieder zu den Freuden und Genüſſen des Lebens hinzuführen! Nur den Einen, der da in ſeiner Kutſche durch die Straßen rollt, den führt ſie nicht mehr zu Freuden und Genüſſen, niemals mehr! Und doch iſt er ein Millionair, und ein vornehmer Mann, und vor ihm beugen ſich die ſtolzen Chriſten, obwohl er ein Jude iſt! Vor dem ſtolzen Hôtel des Barons Eskeles Flies hält die Kutſche an, und die Lakayen ſtürzen herbei, um ihm beim Ausſteigen behülflich zu ſein. Langſam, ſchwerfällig ſteigt er aus, der funfzigjährige Greis mit dem weißen Haar, der gramgebeugten Geſtalt. Langſam tritt er ein in ſein ſtolzes, glänzendes Hötel, ſchreitet er die breite Marmortreppe empor, allein, ſchweigend und einſam. Niemand heißt ihn willkom⸗ men, Niemand ruft ihm einen Gruß der Liebe entgegen. Oede und leer ſind die reichen Säle. Er iſt ein ſehr armer unglücklicher Mann, der reiche Baron Eskeles Flies. *) Ueber das traurige Schickſal Günther's und ſeiner„ſchönen und geiſt⸗ vollen Geliebten Rahel Eskeles Flies“ berichtet Hormayr in ar Schrift: Kaiſer Franz und Metternich. Ein Fragment. 3 ZTadene dem Hôtel des reichen Barvn⸗ Es war der Leichenzug ſeines ernd.S. Siebentes Buch. Des Kaiſers Ende. Ka Krim. von Ru geweſen, 1 die etſt erhielt. Po Kaiſerin eigens 1 ward d und als dem Po i Potemk men ru ſchwarze gereiht, den hat harrt, ſaanting V 6. 253 1 6* 4 J. Aufruhr in den Riederlanden. Kaiſer Joſeph war wieder heimgekehrt von ſeiner Reiſe in die Krim. Er hatte dort einem neuen Triumph der Kaiſerin Katharina von Rußland und des Fürſten Potemkin beigewohnt. Er war Zeuge geweſen, wie Katharina in der von ihr angelegten Feſtung Sebaſtopol die erſten Grüße ihrer einſtigen Kriegsflotte des ſchwarzen Meeres erhielt. Potemkin hatte ihr dieſen neuen Triumph bereitet. Er lud ſeine Kaiſerin und den Kaiſer Joſeph zu einem Diner ein, das in einem eigens dazu errichteten Pavillon eingenommen ward. Plötzlich aber ward das Mahl durch laute Muſik und Kanonendonner unterbrochen, und als die ruſſiſche Kaiſerin an der Hand des deutſchen Kaiſers aus dem Pavillon hervortrat, ſah ſie da zu ihren Füßen im Golf des ſchwarzen Meeres ihre neue Kriegsflotte in Schlachtordnung auf⸗ gereiht, und alle dieſe Schiffe grüßten die Herrin durch die donnernde Jubelſtimme ihrer Kanonen. Dann aber, als dieſe ſchwiegen, rief Potemkin mit begeiſterter Gluth ſeiner Herrin zu: Dieſe Donnerſtim⸗ men rufen es aus, daß das ſchwarze Meer jetzt ſeine Herrin gefun⸗ den hat, und daß der ruſſiſche Pavillon nur noch des Augenblicks harrt, um die Waffen und Fahnen Rußlands zu den Mauern Con⸗ ſtantinopels hinüberzutragen.*) *) Siehe: der Kampf um das ſchwarze Meer. Von Theodor Mundt. S. 253. —. 92 An einem andern Tage hatte Joſeph in einer Barke mit der Kaiſerin, Potemkin und dem franzöſiſchen Geſandten eine Spazier⸗ fahrt in dem Hafen von Sebaſtopol gemacht, um dort die neue ruſ⸗ ſiſche Kriegsflotte näher zu beſichtigen. Als ſie durch die Reihe der fünfundzwanzig wohlausgerüſteten Kriegsſchiffe dahin fuhren, welche in ſtolzem und ſchönem Kranz die Rhede beſetzt hielten, rief Potem⸗ kin der Kaiſerin zu:„Dieſe Schifſe harren nur Deines Winkes, um ihre Segel zu entfalten, und zum Zuge nach Conſtantinopel in das ſchwarze Meer zu ſtechen!“*) Und wie Potemkin ſo ſprach, ſchaute Katharina mit ſtolz geho⸗ benem Haupt und leuchtenden Augen hinüber nach jener Seite, wo das ſtolze Byzanz lag, das noch immer ſich ihr nicht gebeugt, und glühende Siegesträume waren in ihrer Bruſt. Kaiſer Joſeph aber blickte ernſt und ſtumm hinunter in die ſchäumenden Wogen des Meers, und Niemand ſah das leiſe, ſpöttiſche Lächeln, das einen Moment ſeine feinen Lippen umſpielte, als er Katharina und Potem⸗ kin dann wieder von der Wiederherſtellung der griechiſchen Republiken und des alten Hellas ſprechen hörte. Er ſelbſt glaubte nicht mehr an dieſe großen und ſternfunkelnden Phantaſieen der großen Kaiſerin, die Begeiſterung, mit welcher er ſel⸗ ber einſt die Pläne der Kaiſerin aufgenommen und zu den ſeinen ge⸗ macht, war erloſchen, er war wieder aus dieſen berauſchenden Zukunfts⸗ träumen erwacht, und die Wirklichkeit und die Gegenwart hatte ſeine Begeiſterung längſt gekühlt und ſie entnüchtert mit dem Zweifel. All dieſer Glanz und dieſe Pracht, welche Potemkin aus dem Schutt und der Aſche eines eroberten Landes hervorzauberte, um ſeine Kaiſerin zu ergötzen, blendete nicht des Kaiſers Augen. Hinter den ſchnell aufgerichteten Paläſten ſah er die Trümmer der verwüſteten Städte, hinter den jauchzenden Menſchenmaſſen, welche Katharina begrüßten und die Potemkin von fern her hatte zuſammentreiben laſſen, ſah Joſeph die bleichen Schattengeſtalten der Tartaren, die mit finſtern Blicken und mit heimlichen Verwünſchungen auf den Lippen dieſe Frau anſchaueten, die jetzt ſich ihre Herrin nannte, und die es erſt geworden, nachdem ſie die Städte in Aſche gelegt, das Land ver⸗ *) Theodor Mundt: Kampf um das ſchwarze Meer. S. 255. wüſtet u oder in Kaiſ Kaiſerin Entzücke in ihrer les, ſkep heit alle Abe all die huͤlflich und der Khane Unfern einer ne nehmen dazu un hinaus den ſol Un und der zu der Mauerk hinzu. meſſenen Geſand ſpazier wahres wir hal die Ka A aufgeſch Courie beſchwe nit der pazier⸗ Ue ruſ⸗ ihe der welche Potem⸗ es, um in das geho⸗ ite, wo gt, und h aber en des einen Potem⸗ ubliken kelnden er ſel⸗ en ge⸗ kunfts⸗ te ſeine fel. us dem m ſeine ter den üſteten tharina treiben die mit Lippen die es nd ver⸗ 93 wüſtet und mehr als funfzigtauſend Tartaren entweder in den Tod oder in die Fremde getrieben. Kaiſer Joſeph ließ ſich von all' dieſer Herrlichkeit der ruſſiſchen Kaiſerin nicht blenden, und wenn Katharina mit ſchwärmeriſchem Entzücken ſich dieſen ſtolzen Triumphen hingab, welche Potemkin ihr in ihrer neuen Provinz bereitete, ſo bewahrte Joſeph immer ſein ſtil⸗ les, ſkeptiſches Lächeln, mit welchem er in unerſchütterlicher Gelaſſen⸗ heit alle dieſe ſchönen Dinge ſich betrachtete! Aber doch wieder ging er mit liebenswürdiger Gefälligkeit auf all' die ehrgeizigen Träume der Kaiſerin ein, und war ihr gern be⸗ hülflich, ſich in allem Glanz ihrer neuen Herrſcherwürde zu zeigen, und der neuen Herrſcherin der Krim, welche die Städte der alten Khane zerſtört hatte, jetzt zu helfen, ſich neue Städte zu erbauen. Unfern von Sebaſtopol wollte Katharina den erſten Stein legen zu einer neuen Stadt, und ſie bat Joſeph, ſte zu begleiten und Theil zu nehmen an der feierlichen Handlung. Der Kaiſer war gern bereit dazu und begab ſich mit der Kaiſerin und ihrem glänzenden Gefolge hinaus auf die wüſte Ebene, in welcher die neue Stadt erbaut wer⸗ den ſollte. Unter dem Donner der Kanonen, unter dem Jubel der Muſik und dem Zujauchzen ihrer Cavaliere legte Katharina den Grundſtein zu der Stadt Ekatsrinoslaw, und nach ihr nahm der Kaiſer die Mauerkelle und den Mörtel, und fügte den zweiten Stein dem erſten hinzu.— Er that das mit dem, dieſem feierlichen Moment ange⸗ meſſenen Ernſt, aber als er eine Stunde ſpäter mit dem franzöſiſchen Geſandten, Herrn von Ségur, wie er es täglich pflegte, ſeinen Abend⸗ ſpaziergang machte, ſagte er lächelnd zu ihm: Wir haben heute ein wahres Zaubekwerk zu Stande gebracht, die Kaiſerin und ich, denn wir haben in Einer Minute den Bau einer ganzen Stadt vollendet. Die Kaiſerin hat den erſten Stein gelegt und ich den letzten!*) Aber mitten in dieſen Feſtlichkeiten und Triumphen ward Joſeph aufgeſchreckt durch ſeltſame und unerhörte Nachrichten, welche ein Courier ihm von Wien von dem Fürſten Kaunitz brachte. Der Fürſt beſchwor ihn, heimzukehren in ſein Land, welches ſeines Kaiſers be⸗ *) Masson: Mémoires secrets sur la Russie. Vol. I. 94 dürfe, denn die Flammen, welche ſo lange ſchon unter der Aſche ſich entzündet, waren jetzt hell emporgeſchlagen, das grollende Gewitter, das ſich langſam in dieſen ſieben Jahren der Regierung Joſeph's zuſammengezogen, es begann jetzt ſich zu entladen; in den öſter⸗ reichiſchen Niederlanden zuckten die erſten Blitze des Aufruhrs empor, ſie zündeten in allen Gemüthern, die Donner der Empörung rollten durch ganz Belgien dahin, und jetzt war dies ganze Land nur noch Ein großes Gewitter, das den Kaiſer bedrohte, und ſeine Macht und ſeinen Scepter zu Boden ſchleudern wollte. Das waren die Nachrichten, welche Fürſt Kaunitz dem Kaiſer ſandte, und die ihn heimriefen nach Wien. In Kiſikermann, auf der Rückreiſe aus der Krim, nahm er Abſchied von Katharinen, aber in⸗ dem er es that, erneuerte er ihr ſein Verſprechen, wenn die Zeit ge⸗ kommen, ihr beizuſtehen gegen die Türken, und ihre Pläne fördern zu helfen mit aller ſeiner Macht. Neue Couriere waren eben aus den Niederlanden in Wien an⸗ gelangt, als der Kaiſer, von ſeiner Reiſe heimkehrend, dort eintraf. Ganz Belgien ſtand in hellen Flammen, und an der Spitze der Aufrührer ſtanden die Prieſter und Biſchöfe; ſie waren es, welche das Volk aufreizten zur Wuth, indem ſie auf die aufgehobenen Klöſter, die eingezogenen Kirchengüter deuteten, und dem Volk ſagten, der Kaiſer ſei ein Un⸗ gläubiger und Ketzer, welcher die katholiſche Kirche zertrümmern und in Aſche legen, welcher ſeinen Unterthanen ihren Glauben und ihre Religion nehmen, und ſich ſelber an die Stelle des Papſtes ſetzen wollen. Die Prieſter waren es, welche die Studenten in Löwen aufſtachelten, indem ſie ihnen ſagten, daß des Kaiſers neue Ver⸗ ordnungen und Geſetze die Belgier ihrer Vorrechte und Freiheiten berauben, und ihnen die Joyeuse entrée“) nehmen wollten. *) Die Joyeuse entrée war die alte verbriefte Verfaſſung, welche einſt Philipp der Gute bei ſeinem Einzug in Brüſſel den Belgiern gegeben. Dieſer Verfaſſung zufolge ſollte Belgien nie mit Soldaten beſchwert, die Beamten nur aus gebornen Brabantern gewählt und nichts geändert werden an den alten Gerichts- und Jagd⸗Privilegien. Der große Rath von Brabant ſollte immer aus fünf Brabantern beſtehen, und aus nur zwei fürſtlichen Beamten, die indeſſen des flamländiſchen Idioms vollkommen maͤchtig ſein ſollten. Außerdem ſollten 7 Und gebeul, ri dieſes, w Wien ha Aber in ſeinem achſelzuck faſſung Abe werde ni vinzen n wie die Sie ſolle unterwer Frankenb es ſein, verdüſter befreien melnden Volk ha Abe als Ew. berg iſt während von Fra Ew. Ma Ich haßt, r erziehen, ein Mor ſtolze B — der Johe von den nie von; ſche ſich ewitter, oſeph's möſter⸗ empor, rollten ur noch cht und Kaiſer auf der aber in⸗ Zeit ge⸗ fördern reiheiten 95 Und alles dieſes, all dieſer Aufruhr, dies Schreien und Wehe⸗ geheul, rief Joſeph, als ihm Kaunitz dieſe Nachrichten mittheilte, alles dieſes, weil ich einen Seifenſieder, den reichen Franz Hondt, nach Wien habe abführen laſſen, um ihn zur Verantwortung zu ziehen. Aber di Joyeuse entrée verordnet, daß jeder Brabanter nur in ſeinem Lande und von Brabantern gerichtet werde, ſagte der Fürſt achſelzuckend. Die Brabanter kennen jeden Paragraphen ihrer Ver⸗ faſſung ſehr wohl! Aber ſie ſollen auch mich kennen lernen, rief Joſeph heftig. Ich werde nicht zurückweichen. Brabant iſt mein, wie alle andern Pro⸗ vinzen meines Landes, die Brabanter ſind meine Unterthanen ſo gut wie die Oeſterreicher, die Lombarden, die Ungarn und die Böhmen. Sie ſollen ſich daher gleich allen Andern den Geſetzen meines Landes unterwerfen. Nicht die fanatiſchen Prieſter, nicht der Biſchof von Frankenberg ſoll länger Herr ſein in Brabant und Brüſſel, ich will ees ſein, und auch in dieſes von Prieſterfanatismus und Mönchslehre verdüſterte Land will ich die Aufklärung bringen, will die Gemüther befreien von den Banden religiöſer Knechtſchaft, will ſtatt eines fröm⸗ melnden, müßig betenden Volks, ein glückliches, freies, arbeitſames Volk haben. Aber die Prieſter ſind leider in Belgien und Brabant mächtiger als Ew. Majeſtät, ſagte Kaunitz gelaſſen. Der Biſchof von Franken⸗ berg iſt da der eigentliche Kaiſer, denn er beherrſcht die Gemüther, während Ew. Majeſtät nur gezwungenen Gehorſam finden. Der Biſchof von Frankenberg iſt es, welcher zuerſt geſchrieen hat gegen die von Ew. Majeſtät auch in Belgien errichteten Generalſeminarien. Ich glaube es wohl, daß der bigotte Biſchof dieſe Seminarien haßt, rief Joſeph, denn in ihnen will ich dem Volk neue Prieſter erziehen, damit die Kinder Levi nicht mehr mit dem Menſchenserſtand ein Monopol treiben können.*) Aber er ſoll erkennen lernen, der ſtolze Biſchof von Frankenberg, daß ich auch der Kaiſer bin über der Joyeuse entrée zufolge die Brabanter nur nach ihren Landesgeſetzen und von den einheimiſchen Behörden gerichtet werden, nie außerhalb Landes geführt, nie von fremden Richtern abgeurtheilt werden. *) Des Kaiſers eigene Worte. Siehe: Briefe Joſeph II. 96 ihm, und daß die Hand des Papſtes nicht hinüberreicht nach Brüſſel, um den aufrühreriſchen Biſchof zu beſchützen vor meinem Arm, wenn der den Ungehorſamen zerſchmettern will! Aber wenn Ew. Majeſtät ſo handeln würden, ſagte Kaunitz, be⸗ dächtig ſein Haupt wiegend, ſo möchte gar leicht der Arm Eurer Majeſtät, welcher den Biſchof von Frankenberg zerſchmettern will, dabei zugleich Ihre eigene Herrſchaft in Belgien zerſchmettern. Belgien iſt ein ſchlimmes und gefährliches Land. Die Allmacht von tauſend kleinen localen Autoritäten iſt da auf den Baum der Volksfreiheit gepropft; in Folge deſſen ſind unzählige Mißbräuche in die Ver⸗ waltung eingedrungen; es ſind da ſo viele Berechtigte, welche ein Stück Privilegium auszubeuten haben, und Jeder betrachtet den Miß⸗ brauch, von dem er Genuß und Vortheil zieht, als ſein Eigenthum, und ſein Recht. Und weil ich dieſe Mißbräuche abſchaffen will, ſchreien ſie, daß ich ſie bedrohe an ihrem Eigenthum, rief Joſeph ſchmerzlich, und weil ich ihnen neue Geſetze geben möchte, welche ſie glücklich und frei machen ſollen, ſchreien ſie, daß ich ihre alte Prioilegien zerſtöre, und klagen mich an als einen Neuerer, der ihr Glück zerſtören will. Oh, mein Freund, ich fühle zuweilen, wie mein Muth ermattet in dieſem fortgeſetzten Kampf mit der Dummheit, dem Eigennutz und dem Hoch⸗ muth der Menſchen; es giebt Stunden, in denen ich mir ſchon ſage, daß es ſich eigentlich gar nicht der Mühe verlohnt, den Völkern die Freiheit, die Aufklärung und die Cultur zu bringen, und daß es für die Völker beſſer iſt, wenn man ſie ruhig in der Knechtſchaft des Geiſtes, die ſie nicht mehr empfinden, und in der Erniedrigung, die ihnen eine liebe Gewohnheit geworden, dahin ſchleichen läßt, um nichts bekümmert, als um ihr leiblich Wohl, gleich dem Thier nur dem elenden Leibesbedürfniß nachgehend, und nichts begehrend und wünſchend als ihres Leibes Nahrung! Die Völker an ſich ſind auch nichts Beſſeres werth, ſagte Kaunitz mit ſeiner eiſernen Ruhe. Es ſind gedankenloſe egoiſtiſche Kinder, die Jeder fangen und gewinnen kann, wenn er ihnen ein Stück Zucker darreicht. Ew. Majeſtät haben das vielleicht zu ſehr verſäumt, Ew. Majeſtät haben nicht bedacht, daß es ſehr ſchwer hält, den Kindern, wenn ſtie krank ſind, die nützliche Arznei einzuflößen, und daß man 1 ſie nur dc oder ein Die Joyel ſee nur he verſilbert etwas He beimiſcher verfahren Belgier; Prioilegi verhüllen jeſtät hä entrée! wäre, go Sie es d und nun Freiheite Hätten abgefüh! ſo würd während ſie um i entführt Ich ſchmeich Schritt Banner, Ab werden im Hint ſem ber als bis gehen, ſie muß ſie ſich die Va Kaiſer, Brüſſel, m, wenn nitz, be⸗ n Curer rn will, Belgien tauſend ksfreiheit die Ver⸗ delche ein den Miß⸗ genthum, ſie, daß ich, und und frei töre, und vill. Oh, in dieſem em Hoch⸗ hon ſage, ilkern die aß es für ſchaft des gung, die läßt, um Lhier nur rend und te Kaunitz de Kinder, ück Zucker umt, Ew. Kindern, daß man 97 ſie nur dazu vermag, wenn man ihnen zugleich ein Stückchen Kuchen, oder ein Spielzeug giebt. Die Belgier ſind auch ſolche kranke Kinder. Die Joyeuse entrée hat ſie atrant gemacht, und Ew. Majeſtät wollen ſte nur heilen mit bittern Arzeneien, und mit Pillen, die nicht einmal verſilbert ſind! Das geht nicht, Sire, ſelbſt der geſchickteſte Arzt muß etwas Hocuspocus treiben, und dem Bitterwaſſer einigen Zuckerſtoff beimiſchen, damit es trinkbar wird. Ew. Majeſtät ſind zu ehrlich verfahren, zu offen geweſen in Ihren Angriffen gegen das, was die Belgier ihre verbrieften Freiheiten, wir aber verrottete und ſchädliche Privilegien nennen. Vieles läßt ſich thun, wenn man es nux zu verhüllen weiß, und wenn man langſam vorwärts ſchreitet. Ew. Ma⸗ jeſtät hätten langſam, Tag um Tag, das alte Gebäude der Joyeuse entrée unterminiren müſſen, bis es endlich von ſelbſt zuſammengefallen wäre, ganz ohne Geräuſch und Aufſehen. Aber ſtatt deſſen wollten Sie es an Einem Tage durch eine Pulvermine in die Luft ſprengen, und nun ſchreien dieſe großen Kinder, es brenne in dem Tempel ihrer Freiheiten, und Ew. Majeſtät ſei es, welcher das Feuer angelegt. Hätten Ew. Majeſtät den betrügeriſchen Seifenſieder nicht nach Wien abgeführt, ſondern ihn richten laſſen nach den Geſetzen ſeines Landes, ſo würden die guten Brabanter ihn als Verbrecher geſtraft haben, während er ihnen jetzt als ein Märtyrer ihrer Freiheit erſcheint, und ſie um ihn weinen und jammern, als um ein Kleinod, das man ihnen entführt hat! Ich kann nicht Winkelzüge machen, kann nicht heucheln und ſchmeicheln, rief der Kaiſer. Grade aus iſt mein Weg, mit raſchem Schritt muß ich ihn vorwärts ſchreiten, und die Wahrheit iſt das Banner, das ich in Händen halte! Aber auf dieſem Wege und mit dieſem Banner in der Hand werden Ew. Majeſtät zuletzt vor einem Abgrund anlangen, den Ihre im Hinterhalt lauernden Feinde Ihnen gegraben, und den ſie ſo ſorg⸗ ſam verdeckt haben, daß Ew. Majeſtät ihn nicht eher bemerken können, als bis Sie in ihm verſinken! Die Politik kann nicht grade aus gehen, ſie muß immer Seitenwege neben der graden Straße anlegen, ſie muß ſich auch immer einige Schlupfwinkel offen halten, in denen ſie ſich bergen kann, wenn es ſtürmt und ungewittert, und wenn auch die Wahrheit immerhin ihre Standarte iſt, ſo thut ſie doch gut einen Kaiſer Joſeph. 3. Abth. IV. 7 98 Schleier darüber zu breiten, daß man ſie nur hald unkenntlich hinter demſelben hindurch glitzern ſieht! Sie mögen Recht haben, ſeufzte der Kaiſer, aber es iſt traurig, daß es ſo iſt! Ich hatte es ſo gut und ehrlich im Sinn! Ich wollte meinen Völkern das Glück bringen und die Freiheit, und ſie ver⸗ kennen meine Abſicht und beſchuldigen mich der Tyrannei. Ich habe ihnen ein Herz voll Liebe entgegen getragen, und ſie ſchreien wider mich, als ſei ich ihr Feind, der ſie haßt und ſie in's Verderben ſtür⸗ zen will! Aber gleichvdiel! Der Undank der Menſchen ſoll mich nicht irre machen in dem, was ich als recht und groß und gut erkannt habe! Und das Geſchrei der Belgier ſoll mich nicht beſtimmen, mei⸗ nen Willen zu ändern, der nur das Beſte meines Volkes beabſichtigt. Mit gebundenen Händen kann Niemand arbeiten, mit geknebeltem Munde kann Niemand Urtheil ſprechen und Recht. Die Joyxeuse entrée bindet meine Hände und knebelt meinen Mund, ſie iſt der gordiſche Knoten, den ich auflöſen oder zerhauen muß, um Belgien mein zu nennen; das Auflöſen würde zu lange dauern, alſo zerhaue ich ihn! Eben öffnete ſich die Thür der Kanzlei, und einer der Cabinets⸗ Secretaire trat ein, und ſchritt haſtig zu dem Fürſten hin. So eben, ſagte er, iſt ein Courier aus Brüſſel angelangt und bringt Depeſchen vom Grafen Belgiojoſo an Ew. Durchlaucht. Da der Courier Ew. Durchlaucht nicht zu Hauſe traf, iſt er hierher ge⸗ kommen. Ich hatte befohlen, wenn Couriere anlangten, ſie herzuſenden, damit ich Ew. Majeſtät ſofort Bericht abſtatten könnte, bemerkte Kau⸗ nitz, indem er die Papiere nahm und dem Secretair mit einem ſtum⸗ men Wink bedeutete, hinauszugehen. Erlauben Ew. Majeſtät, daß ich die Depeſchen leſe? Ich bitte Sie darum, ſagte der Kaiſer haſtig. Hoffentlich brin⸗ gen ſie uns gute Nachrichten! Ich habe Belgiojoſo ſtrenge Verhal⸗ tungsbefehle gegeben, er ſoll meinen Willen durchführen, er ſoll den Belgiern beweiſen, daß ihr Kaiſer ſich nicht einſchüchtern läßt. Er ſoll ihnen ſagen, daß ich, unbekümmert um ihre alten, verrotteten Privilegien, ihnen ihren koſtbaren Seifenſieder nicht wipder ſchicken werde. Er hat mich, ſeinen Landesherrn, betrogen, un es iſt mein gutes Rech Er ſoll ih meines Re⸗ daß ich er Velgie dem Wille Leſen der der Seifen ſehen geri hat das eingeworſ Oh, zornig. Und der ſieben Befehl Ew Jopeuse gaben auf ſie ihm ge entrée. Und Er le die eingeg und Priv fehlt, we n die nicht meh Das Kaiſer. Es ſage Kau Das Vol ſenmeng ſind mit Lieder no Sie hab ch hinter traurig, ch wollte ſie ver⸗ Ich habe en wider ben ſtür⸗ nich nicht t erkannt nen, mei⸗ abſichtigt. knebeltem Joxeuse e iſt der Belgien o zerhaue Cabinets⸗ langt und ucht. Da ierher ge⸗ erzuſenden, erkte Kau⸗ nem ſtum⸗ t, daß ich llich brin⸗ ſe Verhal⸗ läßt. Er verrotteten der ſchicken 5 iſt mein 99 gutes Recht, den Betrüger richten zu laſſen nach meinen Geſetzen. Er ſoll ihnen ferner ſagen, daß ſie gleich allen andern Provinzen meines Reichs auch außerordentliche Abgaben entrichten müſſen, ohne daß ich erſt den Brabanter großen Rath um Erlaubniß gefragt habe. Belgiojoſo hatte den Belgiern das Alles geſagt, und ſie nach dem Willen Ew. Majeſtät beſchieden, ſagte Kaunitz, der eben mit dem Leſen der erſten Depeſche zu Ende war. Er hat ihnen geſagt, daß der Seifenſteder Hondt in Wien bleiben und nach den dortigen Ge⸗ ſetzen gerichtet werden würde, obwohl er ein Brabanter ſei. Dafür hat das gute Volk von Brüſſel dem Grafen Belgiojoſo die Fenſter eingeworſen. Oh, ſie ſollen mir dieſe Fenſter wohl bezahlen, rief der Kaiſer zornig. Und ferner, fuhr Kaunitz ruhig fort, ferner hat er den Ständen der ſieben Provinzen geſagt, daß ſie außerordentliche Abgaben auf Befehl Ew. Majeſtät zahlen müßten, wann auch der achte Artikel ihrer Joyeuse entrée beſagt, daß der Fürſt dem belgiſchen Volk keine Ab⸗ gaben auferlegen könnte ohne Bewilligung der Stände. Darauf haben ſie ihm geantwortet mit dem neunundfunßzigſten Artikel ihrer Joyeuse entrée. Und wie lautet dieſer neunundfunfzigſte Artikel ihrer Verfaſſung? Er lautet:„Wenn der Fürſt ſich in irgend einer Weiſe gegen die eingegangenen Verbindlichkeiten vergeht, wenn er die Vorrechte und Privilegien der Stände mißachtet und etwas anordnet oder be⸗ fiehlt, was den Artikeln der Joyeuse entrée zuwider iſt, ſo ſollen ihm die Stände und das Volk keinen Gehorſam mehr ſchuldig und nicht mehr verpflichtet ſein, ſeinen Bedürfniſſen zu genügen.“ Das iſt die Sprache des Aufruhrs und der Empörung! rief der Kaiſer. 4 Es iſt auch abermals zu Aufruhr und Empörung gekommen, ſagte Kaunitz, der die zweite Depeſche entfaltet und geleſen hatte. Das Volk hat ſich in Mecheln und in Brüſſel auf den Straßen zu⸗ ſammengerottet, die Bürger haben ſich zu Tauſenden bewaffnet und ſind mit drohendem Geſchrei und unter Abſingung aufrühreriſcher Lieder nach dem Palaſt des kaiſerlichen General⸗Gouverneurs gezogen. Sie haben den Palaſt umzingelt, und während das andere Volk zu 7* 100 ganzen Schaaren ſich auf dem Platz und in den angrenzenden Stra⸗ ßen drängte, haben die bewaffneten Bürger verlangt, daß man ihnen die Thore des Schloſſes öffne und ſie zu dem General⸗Gouverneur' führe, dem ſie die Wünſche des belgiſchen Volkes vorzutragen hätten. Und hat mein Schwager, der Herzog von Sachſen⸗Teſchen, ſie angenommen? fragte der Kaiſer haſtig. Ja, Sire, er hat ſie angenommen, ſagte Kaunitz, mit einem dü⸗ ſtern Blick auf die Depeſchen. Und was hat er den Aufrührern auf ihre unverſchämten Forde⸗ rungen erwidert? Sie ſchweigen, Kaunitz? Ah, ich leſe in Ihren Blicken, daß es nichts Gutes iſt! Ich kenne ja meinen Schwager Albrecht, oder vielmehr, ich kenne meine Schweſter Chriſtine, denn ſie ſpricht immer aus ihrem ſchwachen Mann, ſie iſt ihres Mannes Mann! Und Chriſtine iſt immer meine Feindin geweſen, von früheſter Jugend an iſt ſie mir ſtets feindlich geweſen, hat immer zwiſchen mir und meiner Mutter geſtanden, hats lle meine Plane gekreuzt und verdäch⸗ tigt, alle meine Schritte zu hemmen geſucht. Oh, Chriſtine wird ihren ſchwachen Gemahl auch in Brüſſel haben eine Antwort ſagen laſſen, von der ſie weiß, daß ſie meinen Wünſchen entgegen iſt! Es ſcheint, daß Ew. Majeſtät Recht haben, ſagte Kaunitz mit ſeiner eiſernen Ruhe. Die Bürger haben von dem General⸗Gouver⸗ neur, Herzog Albrecht von Sachſen⸗Teſchen, die ausdrückliche Erklä⸗ rung verlangt, daß er die Joyeuse entrée in allen ihren Artikeln anerkennen und ſofort wieder herſtellen ſolle, und daß Alles und Jedes, was derſelben zuwider ſei, ſofort abgeſchafft werden ſolle. Nun, ſagte Joſeph aufathmend, dieſe Forderungen ſind wenigſtens ſo unverſchämt, daß ſelbſt meine Schweſter Chriſtine, wie ſehr ſie auch heimlich meine Feindin ſein mag, ſie doch nicht bewilligen konnte, um ihrer Würde nichts zu vergeben! Ich bin begierig zu erfahren, wie alſo mein Herr Schwager ſich da herausgewunden und mit was für ſüßen Schmeichelworten er die Leute abgewieſen hat! Sagen Sie alſo, Kaunitz, wie war es? Was hat er geſagt? Er hat ſich Bedenkzeit ausgebeten, Sire, zehn Stunden Bedenk⸗ zeit. Die Bürger kamen um eilf Uhr Vormittags, um eilf Uhr Nachts wollte er ihnen Antwort geben auf ihre Forderungen. Und die Leute kehrten ruhig heim? Nein, bewaffnete ganze gro hinter den benachbar und Alles die Joyeu Kaun ausmalen bärmliche rühreriſch raſch! Sire ſchlug, w würden, Vürger ſ zog ein, Nur Der er hat d Der Bläſſe ül wieder h ſtine iſt: zugefügt habe! Autoritä ſie gelat verpeſtet umſtoßen das Gut dem Sch Gute er N Kauniz hindurc n Stra⸗ n ihnen Wverneur hätten. hen, ſie nem dü⸗ Forde⸗ n Ihren Schwager denn ſie s Mann! Jugend mir und verdäch⸗ ine wird ort ſagen iſt unitz mit Gouver⸗ e Erkla⸗ Artikeln Alles und ſollle. enigſtens tſie auch a konnte, erfahren, mit was dagen Sie 101 Nein, Sire, ſie lagerten ſich um den Palaſt, und immer neue bewaffnete Schaaren kamen hinzu, und in einigen Stunden glich der ganze große Schloßraum nur einem ungeheuren Waffenplatz, und hinter den Bewaffneten ſtand das Volk zu Tauſenden, es füllte die benachbarten Straßen, es kletterte auf die Bäume und auf die Dächer, und Alles ſchrie und heulte, und donnerte und brüllte: Gebt uns die Joyeuse entrée wieder! Die Joyeuse entrée wollen wir haben! Kaunitz, Sie würden die Wuth des Volkes weniger lebendig ausmalen, wenn die Antwort des Herzogs nicht eine feige und er⸗ bärmliche geweſen wäre! rief Joſeph heftig. Was hat er dem auf⸗ rühreriſchen Volk nach abgelaufener Friſt geantwortet? Sagen Sie raſch! Sire, als die zehn Stunden verfloſſen waren, als es eilf Uhr ſchlug, warteten die Bürger nicht, daß ihnen die Schloßthore geöffnet würden, ſondern ſie ſchlugen ſie ſelber ein, zweihundert bewaffnete Bürger ſtürzten in's Schloß, und traten unangemeldet zu dem Her⸗ zog ein, um ſich ſeine Antwort abzufordern. Nun, Kaunitz, und ſeine Antwort? Der General⸗Gouverneur hat ihnen bewilligt, was ſie forderten, er hat die Joyeuse entrée wieder in allen ihren Punkten hergeſtellt! Der Kaiſer ſtieß einen Schrei des Zorns aus, und eine tiefe Bläſſe überzog plötzlich ſeine Wangen. Er hat die Joyeuse entrée wieder hergeſtellt, rief er. Oh, ſagte ich es Ihnen nicht zuvor, Chri⸗ ſtine iſt meine erbitterte Feindin; ſte iſt es, die mir dieſe neue Schmach zugefügt hat! Widerrufen! Sie haben widerrufen, was ich befohlen hhabe! Das Geheul des wüthenden Pöbels hat genügt, um meine Autorität umzuſtoßen, meinen Willen zu brechen! Oh, was werden ſie gelacht haben, dieſe elenden Empörer, als ſie bloß mit dem verpeſteten Athem ihres Mundes meine Befehle wie Kartenhäuſer umſtoßen konnten, wie elend mußte ihnen dieſer Kaiſer dünken, der das Gute ſelbſt nur ſo lange will, als es nicht angefeindet wird, der dem Schlechten den Sieg läßt, ſobald es ſich zum Kampf gegen das Gute erhebt! Nein, Sire, dieſe Leute haben weder gelacht, noch gehöhnt, ſagte Kaunitz ruhig, ſie ſind bloß ſelig geweſen, ſie ſind die ganze Nacht hindurch jauchzend und lobſingend durch die Straßen gezogen, ſie 10² haben am andern Tage ganz Brüſſel illuminirt, und ſechshundert junge Leute haben ſich vor den Wagen des Herzogs und ſeiner Ge⸗ 172 mahlin geſpannt, und haben ſie in's Schauſpielhaus gezogen unter dem lauten Jubelruſen: Vive JEmpereur! Vive la Joyeuse entrée!*) Vive †Empereur! rief der Kaiſer höhniſch lächelnd. Sie wollen es mit mir machen, wie die Wilden mit ihrem hölzernen Götzen. Wenn er ihnen nicht den Willen thut, ſo prügeln ſte ihn, und nach⸗ her, wenn der Zufall thut, was ſie wünſchen, ſo heben ſie den ge⸗ prügelten Götzen wieder auf den Altar und beten ihn an. Ich will ihnen aber beweiſen, daß ich kein hölzerner Götze bin, ſondern ein Mann und ein Fürſt, welcher das Schwert zu führen und den ihm angethanen Schimpf zu rächen weiß. Nur in Blut kann das Feuer des Aufruhrs gelöſcht werden, und alſo will ich es löſchen mit dem Blute der Empörer!**) Aber es iſt auch ſchon manche Krone untergegangen in den Wo⸗ gen vergoſſenen Menſchenblutes, ſagte Kaunitz bedächtig, und mancher edle Fürſt iſt in der Geſchichte als Tyrann gebrandmarkt worden, bloß weil er das Gute mit Gewalt durchſetzen wollte, und weil er die Böſen, die ihm widerſtrebten, züchtigte. Die aufrühreriſchen Stände haben einen Schein von Recht für ſich, und dieſer Schein wird ſich als Märtyrerglorie um ihre Stirn legen, wenn Ew. Majeſtät mit Härte und Strenge gegen ſie verfahren! Und doch bin ich, ich allein der Märtyrer! rief Joſeph ſchmerz⸗ lich, der Märtyrer der Freiheit und der Aufklärung! Oh, Kaunitz, wie das weh thut, ſich mit ſeinen beſten Abſichten, ſeinem reinſten Willen verkannt zu ſehen, es dulden zu müſſen, daß die, welche man liebt, irre geleitet werden von der Bosheit, der Heuchelei und dem Uebelwollen unſerer Feinde! Ich muß das Volk ſtrafen, und doch ſind es die Mönche und Prieſter allein, welche Alles verſchuldet haben. Sie haben mir dieſen Aufruhr angeſtiftet, ſie ſtehen hinter den Cou⸗ liſſen und laſſen die Stände und die Bürger wie Marionetten agiren, *) Groß⸗Hoffinger III. S. 201 und Hübner II. S. 447. **) Des Kaiſers cigene Worte. Siehe: Coxe history of the house of Austria. Vol. IV. S. 478. ſie halten geſehen u Und Aufrühren und den wäterlichen Aufruhr Auft ſeitigt. wiedergeg Und Sire. 2 es ſcheint Vürger l rufen mit und den quille ſch Morgen und wan das gang walt dur Mitteln ſchöpft he Und heſtig. Nei Volk ver niedrigt Noch ha Ihrem 2 Rordnet um mit die erſte nüchtern handlur Volk er hhundert ner Ge⸗ en unter atrée!“ wollen mancher worden, reriſchen r Schein Majeſtät ſchmerz⸗ Kaunitz, reinſten lche man und dem und doch et haben. den Cou⸗ n agiren, house of 103 ſie halten ſie an ihren Dräthen und ſetzen ſie in Bewegung un⸗ geſehen und wohl geborgen. Und weil es ſo iſt, Sire, und weil das Volk nicht der eigentliche Aufrührer iſt, ſondern die Prieſterſchaft, ſo geben Sie dem Volk und den Ständen noch eine Friſt, verſuchen Sie es noch einmal mit väterlicher Milde und Geduld! Vielleicht daß es damit gelingt, den Aufruhr zu ſtillen! Aufruhr? fragte der Kaiſer befremdet. Der Aufruhr iſt ja be⸗ ſeitigt. Der General⸗Gouverneur hat ihnen ja die Joyeuse entrée wiedergegeben, er hat den Ständen ja den Willen gethan! Und doch ſind neue Tumulte ſchon am folgenden Tage entſtanden, Sire. Man hat den Verſprechungen des General⸗Gouverneurs, wie es ſcheint, gemißtraut; in Brüſſel, in Mecheln, überall haben ſich die Bürger bewaffnet und durchziehn in Patrouillen die Stadt, die Prieſter rufen mit fanatiſchem Geſchrei das Volk zum Kampf auf für die Kirche und den Glauben, aufrühreriſche Schriften, Brandbriefe und Pas⸗ quille ſcheinen vom Himmel niederzuregnen, denn ſie liegen an jedem Morgen neu auf den Straßen, ganz Belgien ſteht da wie Ein Mann, und wartet auf die Entſcheidung Eurer Majeſtät. Sie müſſen jetzt das ganze Volk niederſchmettern, wenn Sie Ihren Willen mit Ge⸗ walt durchſetzen wollen! Man muß aber niemals zu ſolchen äußerſten Mitteln ſchreiten, ſo lange man noch nicht alle andern Mittel er⸗ ſchöpft hat. Und welches andere Mittel rathen Sie mir an? rief der Kaiſer heftig. Soll ich unterhandeln mit dem Pöbel? Nein, Sire, aber unterhandeln mit dem Volk! Wenn das ganze Volk vereinigt daſteht, iſt es ſeines Fürſten ebenbürtig, und er er⸗ iehrigt ſich nicht, wenn er ihm milde und wohlmeinend begegnet. Noch haben Ew. Majeſtät in dieſen Streitigkeiten nicht perſönlich zu Ihrem Volk geſprochen, verſuchen Sie es damit! Berufen Sie Ab⸗ geordnete aller Provinzen und der drei Stände hierher nach Wien, um mit ihnen zu unterhandeln. Damit werden Sie Zeit gewinnen, die erſte Hitze der Aufrührer wird ſich abkühlen, ſie werden wieder nüchtern und beſonnen werden, und warten auf das Ende der Unter⸗ handlungen hier in Wien. Wenn man es aber mit einem aufrühreriſchen Volk erſt bis zum Wafefenſtillſtand der Unterhandlungen gebracht hat, 104 6 ſo iſt das Volk auch ſchon ſo gut, wie beſtegt, denn in ſeiner kind⸗ 1 teinn u lichen Argloſigkeit verſteht es ſich ſehr ſchlecht auf Diplomatenkünſte! jeht woch Unterhandeln Ew. Majeſtät alſo! Laſſen Sie Deputirte herſenden!„von ein ihnen an Rufen Sie mit väterlichem und gütigem Wort dieſe Deputirten hierher! Kaiſer B Nun wohl, es ſei, ſagte der Kaiſer nach langem Beſinnen. Ich mit den will Ihnen nachgeben, will meinen Stolz bezwingen zum Wohl dieſes Der armen, von fanatiſchen Prieſtern irre geleiteten Bolks. Ich will dieſe Ber Deputirte aller Provinzen und der drei Stände und außerdem den en als General-Gouverneur mit ſeiner Gemahlin und meinen Militair⸗ dritten Bevollmächtigten herbeirufen. Sie Alle ſollen mir Rechenſchaft zählen! geben, und mir ihre Klagen und Wünſche vortragen! Ich will ſie dürfen. noch einmal als Vater und Freund anhören, ehe ich ſie als Richter Die verdamme! Wenn aber auch dieſer letzte Schritt meiner Güte nicht ſtein, de fruchtet, wenn die Belgier fortfahren in ihren Ausſchweifungen und Sie Empörungen, dann werden ſie auch die Folgen zu tragen haben, und zartfühle nicht auf mich, ſondern auf ſie allein komme dann die Schuld des Dictrich vergoſſenen Blutes!*) daß ich gebe, un 4 Sich I. εα um entreißen nehme d landen Volk vr II. an die Sie ihr Der kaiſerliche Brautwerber. ausſchre auch vo Ein halbes Jahr war ſeitdem vergangen. Die Deputirten der horſam Niederlande waren ſeitdem nach Wien gekommen, und der Kaiſer mit der hatte mit ihnen unterhandelt, ſeine Güte und Sanftmuth, ſeine Herab⸗ din ſo laſſung und Freundlichkeit hatte auf ſie Alle einen tiefen Eindruck ge⸗ nicht w macht, und ſie kehrten heim, um dem belgiſchen Volk die Verſicherung ſehle er des Kaiſers zu bringen, daß er niemals die Abſicht gehegt, die Frei⸗ hole 5 mich a d 82 *) Des Kaiſers eigene Worte. Siehe Hübner II. S. 454. r kind⸗ rkünſte! ſenden! zutirten n. Ich l dieſes ch will te nicht n und rten der r Kaiſet Herab⸗ ꝛruck ge⸗ ſicherung die Fri⸗ 105 heiten und Privilegien der Niederländer anzugreifen, vielmehr auch jetzt noch gewillt ſei, dieſelben aufrecht zu erhalten, nur müßten ſie „von einigen ſchädlichen Mißbräuchen, die ſich im Laufe der Zeiten ihnen angehängt, befreit werden.“ Zu dieſem Zweck verſprach der Kaiſer Bevollmächtigte nach Brüſſel zu ſenden, um in ſeinem Namen mit den Ständen zu unterhandeln. Der Graf von Trautmannsdorf und der General d'Alton waren dieſe Bevollmächtigten, welche der Kaiſer öffentlich nach Brüſſel ſandte, aber als geheimen Bevollmächtigten wollte er ihnen jetzt noch einen dritten treuen Diener und Freund nachſenden, auf deſſen Treue er zählen durfte, wie ſchon Maria Thereſta auf dieſelbe hatte zählen dürfen. Dieſer geheime dritte Bevollmächtigte das war der Graf Dietrich⸗ ſtein, der einſtige Hofmarſchall der Kaiſerin. Sie ſollen den beiden Andern mit Ihrem feinen Kopf und Ihrem zartfühlenden Herzen zur Seite ſtehen, ſagte Joſeph zu dem Grafen Dietrichſtein, als dieſer kam, von ihm Abſchied zu nehmen. Ich weiß, daß ich meinen beiden Bevollmächtigten in Ihnen einen weiſen Mentor gebe, und ich danke Ihnen, daß Sie mir das Opfer gebracht haben, Sich Ihrer ſüßen Behaglichkeit, Ihrer Ruhe und Ihrer Familie zu entreißen, um mir auf's Neue Ihre Dienſte zu weihen! Aber ich nehme dies Opfer von Ihnen an, denn Sie werden dort in den Nieder⸗ landen nicht bloß mir, ſondern noch mehr dem armen, mißleiteten Volk von Nutzen ſein. Sie ſind mein Deputirter an die Geſellſchaft, an die öffentliche Meinung. Klären Sie dieſelbe über mich auf, ſagen Sie ihr, daß ich nicht der Tyrann bin, als welchen die Prieſter mich ausſchreien, weil ich einige unnütze Klöſter aufgehoben, und weil ich auch von der Geiſtlichkeit, wie von allen meinen Unterthanen Ge⸗ horſam fordere. Sagen Sie den Belgiern, nicht officiell, ſondern mit der Ihnen eigenen feinen Zutraulichkeit, das ich wirklich nicht ein ſo ſchlechter Chriſt bin, als die Prieſter es ſagen, wenn ich auch nicht will, daß der Papſt in meinen Landen über mir ſteht, und Be⸗ fehle ertheilen kann, die den meinen zuwider laufen. Kurz, ich wieder⸗ hole es noch einmal, klären Sie die öffentliche Meinung über mich auf! Dies iſt ein ſehr leichter Auftrag, ſagte Graf Dietrichſtein lächelnd, 106 Ew. Majeſtät haben mir da ſchon ſo ſehr vorgearbeitet durch die Auf⸗ nahme, welche die belgiſchen Abgeordneten hier gefunden. Es wird nicht nöthig ſein, Sire, die öffentliche Meinung für Ew. Majeſtät, ſondern nur, ſie gegen die Geiſtlichkeit anzurufen, gegen dieſe aufrühreriſchen Prieſter, welche ſich ſchützen mit dem heiligen Symbol der Kirche, und ſtatt das Volk zu beſchwichtigen, es aufwiegeln! Ah, ich ſehe, daß Sie mich verſtanden haben, mein alter treuer Freund, rief der Kaiſer freudig, indem er dem Grafen ſeine Hand darreichte. Nun ſehe ich Sie mit Freuden ſcheiden, denn ich weiß, daß Sie dort Gutes und Heilſames wirken werden! Ew. Majeſtät wiſſen, daß ich ſtets bereit bin, für meinen Kaiſer mein Leben einzuſetzen, ſagte der Graf ernſt. Es iſt dies aber kein Verdienſt von mir, ſondern eine alte von meinen Ahnen ererbte Ge⸗ wohnheit meiner Familie. Die Dietrichſtein haben immer treu und feſt in guten und in ſchlimmen Zeiten zu dem Kaiſerhauſe geſtanden, und haben ihm gedient in unerſchütterlicher Treue und Ergebenheit. Ich wünſchte, es gäbe ein Mittel, Ihnen und Ihrer Familie dieſe hundertjährige Treue und Anhänglichkeit zu lohnen, und Ihnen zu beweiſen, daß die Habsburger dankbar ſind, rief der Kaiſer. Sire, es giebt ein ſolches Mittel, ſagte der Graf nach einer Pauſe mit ernſter Stimme. Wenn Ew. Majeſtät wirklich vermeinen, daß mein Haus und meine Familie einer Anerkennung von Ew. Majeſtät werth ſind, ſo weiß ich eine Gnade, um deren Bewilligung ich Ew. Majeſtät anflehen möchte. Sprechen Sie, Graf, rief der Kaiſer haſtig. Sprechen Sie, ſagen Sie mir Ihre Bitte, ich bewillige ſie Ihnen ſchon, bevor ich ſie kenne, denn ich weiß, daß der Graf Dietrichſtein niemals etwas Unbilliges und Unmögliches von mir fordern wird! Ich nehme dieſe Bewilligung meiner Bitte ſchon im Voraus von Ew. Majeſtät an, ſagte der Graf mit demſelben feierlichen Ernſt, wie zuvor. Meine Bitte iſt indeß für Ew. Majeſtät leicht zu er⸗ füllen, ſie wird meinem angebeteten Kaiſer keine Mühe und Schwierig⸗ keiten machen. Ich wollte Ew. Majeſtät um eine Gnade bitten in Bezug auf meine Tochter Thereſe, die ich hier in Wien zurücklaſſe. Wie? Sie laſſen Thereſe hier? fragte der Kaiſer erſtaunt. Ja, der Obh Ach Strahl. Gre düſterer Sendun Gefahr ſo ſind bedroht aber ich Deshal beſonde nicht ge bleibt, heit no de langſan und al Rücken den P. G. und gi S mählen M M Majeſte um U U den R teſſ ſe J haupt und d Cliſal ie Auf⸗ rd nicht ſondern eriſchen Kirche, treuer 2 Hand weiß, Kaiſer ber kein bte Ge⸗ eu und tanden, benheit. Familie Ihnen er. h einer meinen, on Ew. Uligung en Sie, vor ich 3 etwas aus von Ernſt, zu er⸗ wierig⸗ itten in rücklaſſe⸗ ni. Ja, Sire, die Comteſſe Thereſe bleibt hier in meinem Hötel unter der Obhut ihrer Tante. Ach, Thereſe bleibt hier! rief der Kaiſer und es blitzte wie ein Strahl der Freude über ſein Antlitz hin. Graf Dietrichſtein ſah es, und über ſein Antlitz legte ſich ein düſterer Schatten. Ich laſſe meine Tochter hier, ſagte er, weil die Sendung, welche Ew. Majeſtät mir aufgetragen, vielleicht nicht ohne Gefahr iſt, denn wenn es zu ernſten Conflicten in Belgien kommt, ſo ſind die treuen Diener Eurer Majeſtät von der Wuth des Volks bedroht. Ich opfere freudig mein Leben dem Dienſt Eurer Majeſtät, aber ich habe nicht das Recht, das Leben meiner Tochter zu gefährden. Deshalb bleibt ſie hier. Aber freilich, Gefahren giebt es überall, beſonders für ein junges ſchönes Mädchen. Deshalb iſt es mir auch nicht genügend, daß Thereſe hier unter dem Schutz ihrer Tante zurück⸗ bleibt, ſondern ich möchte ihrer Jugend, ihrer Ehre und Unerfahren⸗ heit noch einen andern kräftigeren Schutz an die Seite ſtellen. Der Kaiſer hatte, während Graf Dietrichſtein ſo ſprach, ſich langſam abgewendet, und war haſtig und unruhig einige Male auf⸗ und abgegangen, dann trat er an's Fenſter, und dem Grafen den Rücken zuwendend, ſchien er aufmerkſam hinunter zu ſchauen auf den Platz. Graf Dietrichſtein blickte mit düſterm Geſicht zu ihm hinüber, und ging dann langſam durch das Zimmer nach dem Kaiſer hin. Sire, ſagte er laut, ich wünſchte meine Tochter Thereſe zu ver⸗ mählen. Mit weme? fragte der Kaiſer, ohne indeſſen ſich umzuwenden. Mit dem Grafen Philipp von Kinsky, dem Kammerherrn Eurer Majeſtät. Der Graf liebt ſie zärtlich, und wirbt ſchon ſeit lange um Thereſens Hand. Und ihre Tochter? fragte der Kaiſer, immer noch dem Grafen den Rücken zukehrend und aus dem Fenſter ſchauend. Hat die Com⸗ teſſe ſeine Bewerbungen nicht angenommen? Nein, Sire, ſie hat ſie bis jetzt immer zurückgewieſen. Sie be⸗ hauptet, einen unüberwindlichen Abſcheu gegen die Ehe zu haben, und verlangt durchaus meine Einwilligung, um in das Kloſter der Eliſabethinerinnen eintreten zu dürfen. Ich aber will ihr meine Ein⸗ 108 willigung nicht geben, ich will nicht, daß mein einziges Kind um einer ſchwärmeriſchen Mädchenlaune willen ihre Jugend in einem Kloſter vergrabe, ſie gehört der Welt an und ſoll in dieſer Welt eine Rolle ſpielen, wie ſie der Tochter meines Hauſes gebührt. Der Graf Kinsky iſt ein Ehrenmann, er liebt meine Tochter, und wird ſie glücklich machen. Ich wünſche deshalb dieſe Verbindung, und es be⸗ trübt mich, daß meine Tochter mir ihre Zuſtimmung verſagt. Des⸗ halb alſo will ich das Aeußerſte thun, um meinen Wunſch erfüllt zu ſehen. Meine Tochter iſt auch darin die echte Tochter ihres Hauſes und ihres Vaters, daß ſie eine unbegrenzte Hochachtung und Ver⸗ ehrung für Ew. Majeſtät hegt, und daß jeder Wunſch Eurer Majeſtät für ſie ein Befehl iſt, den ſie ſich beeilen wird, zu erfüllen. Deshalb alſo, und weil ich weiß, daß es zum Beſten meines einzigen Kindes iſt, deshalb wage ich es, Ew. Majeſtät an die Worte zu erinnern, welche Sie vorher geſprochen, und Sie um die Gnade zu bitten, daß Ew. Majeſtät ein mächtiges Wort ſprechen, daß Sie meiner Tochter ſagen, es ſei auch Ew. Majeſtät Wunſch, daß die Comteſſe Dietrichſtein ſich mit dem Grafen Philipp von Kinsky vermähle, und Ew. Majeſtät zweifelten nicht, daß meine Tochter ſich beeilen würde, Ihren Wunſch zu erfüllen! Der Kaiſer wandte ſich haſtig um, und ſchaute den Grafen mit glühendem Antlitz an. Wie? fragte er mit leiſer zitternder Stimme. Sie fordern von mir, daß ich den Brautwerber bei Ihrer Tochter mache? Sire, es iſt die Bitte, welche ich an Ew. Majeſtät richten wollte, und welche Ew. Majeſtät bereits die Gnade gehabt, mir im Voraus zu bewilligen! ſagte der Graf ernſt und feſt. Der Kaiſer antwortete nicht ſogleich. Er ſchaute den Grafen mit finſtern durchbohrenden Blicken an, aber der Graf ſchlug vor ihnen die Augen nicht nieder, ſondern begegnete ihnen mit feſtem, ruhigem Anſchauen. Eine lange Pauſe trat ein. Allmälig ward der Blick des Kaiſers milder, allmälig ſchwand die Röthe von ſeinen Wangen und machte einer tiefen Bläſſe Platz. Er athmete hoch auf, und zuckte zuſammen, als erwache er aus tiefem Nachſinnen. Graf Dietrichſtein, ſagte er endlich, und ſeine Stimme zitterte, als er ſ ein Mitt bar bin genannt der Bro Ach der Gra ihm da Ihnen Ahnen, unſern Grafen danke d. habe 6 Wann S S ſchon Grafe! mählu 6 Seufße Ihrer zu Ha J Villa ausſen die El der Ke gezoge Vrau meine lajeſtät eshalb Kindes unern, n, daß Lochter chſtein Najeſtät Wunſch fen mit timme. Tochter wollte, Voraus Grafen ug vor ſeſtem/ K aiſers machte ſammen, zitterte, als er ſprach, Graf Dietrichſtein, ich habe Ihnen geſagt, daß ich mir ein Mittel wünſchte, um Ihnen beweiſen zu können, daß ich Ihnen dank⸗ bar bin für langjährige treue Dienſte. Sie haben mir dieſes Mittel genannt, und ich nehme es an! Ich werde bei der Comteſſe Thereſe der Brautwerber ſein für den Grafen Kinsky! Ach, daran erkenne ich meinen großmüthigen, edlen Kaiſer! rief der Graf in freudiger Rührung, indem er die Hand, welche der Kaiſer ihm darreichte zärtlich an ſeine Lippen drückte. Oh, Sire, ich danke in meinem Namen, ſondern im Namen aller meiner Ahnen, denn Thereſe iſt die letzte Tochter unſers Hauſes, und ſte ſoll unſern Namen rein und ſchön hinüber tragen in das edle Haus der Ew. Majeſtät wollen das vermitteln, und darum danke ich Ihnen in meinem und meiner Ahnen Namen! Danken Sie mir nicht, mein Freund, ſagte der Kaiſer trübe. Ich habe Sie verſtanden, und Sie haben mich verſtanden, das iſt Alles! Wann ſoll ich meine Brautwerberſchaft antreten? Sire, ich ſoll nach den Befehlen Eurer Majeſtät heute Abend ſchon abreiſen, und ich möchte meine Tochter gern als Braut des Grafen zurücklaſſen! Wenn ich wiederkehre, ſoll dann ſofort die Ver⸗ Ihnen nicht blof Grafen Kinsky. mählung ſein! Gut denn, ſagte der Kaiſer mit einem mühſam unterdrückten Seufzer, ſo werde ich noch heute Ihren Wunſch erfüllen, und bei Ihrer Tochter den Brautwerber für Kinsky machen. Iſt die Comteſſe zu Hauſe in Ihrem Höôtel? Nein, Sire, ſie iſt heute Morgen hinausgefahren auf unſere Villa in Schönbrunn. Aber ich werde ſogleich meine Equipage hin⸗ ausſenden, die Comteſſe abzuholen, und ſobald ſie hier iſt, werde ich die Ehre haben, es Ew. Majeſtät zu melden. Nicht doch, laſſen Sie die Comteſſe immerhin in der Villa, ſagte der Kaiſer raſch, gönnen Sie es ihr, noch einen Tag in ſtiller Zurück⸗ gezogenheit ihren jungen Mädchenträumen nachzuhängen, ehe ſie als Braut des Grafen Kinsky eintritt in die große Welt. Ich werde meine Spazierfahrt nach Ihrer Villa richten, und dort meine Wer⸗ Und damit die Sache bald entſchieden ſei, werde ich ſogleich fahren. Freilich werde ich dann wohl auf Ihre Begleitung verzichten müſſen, denn ich weiß, daß Sie ſogleich zum Fürſten Kau⸗ bung anbringen. 109 110 nitz wollen, der Sie ſchon erwartet, um Ihnen weitere Inſtructionen zu geben.— Ein düſterer mißtrauiſcher Blick des Grafen Dietrichſtein traf das Antlitz des Kaiſers; er begegnete dieſem Blick und fuhr haſtiger fort: aber wenn Sie mich auch nicht begleiten können, ſo werden Sie mir doch nachfolgen. Ich erwarte Sie in Ihrer Villa, und bringen Sie nur gleich den Grafen Kinsky mit, damit wir ihm ſeine Braut entgegenführen können, wenn Sie wirklich meinen, daß meine Fürbitte bei der Comteſſe von Einfluß ſein wird! Ich bin davon überzeugt, Sire. Meine Tochter Thereſe wird den Wünſchen Eurer Majeſtät eben ſo gehorſam ſein als ich. Und ſo wie ich jetzt getreu den Befehlen Eurer Majeſtät zum Fürſten Kaunitz gehe, und auf das Glück verzichte, Ew. Majeſtät nach meiner Villa begleiten zu können, ſo wird auch Thereſe den Befehlen Eurer Majeſtät gehorchen, und den Gemahl annehmen, den Ew. Majeſtät ihr vorſchlagen. Wir wollen es verſuchen, ſagte der Kaiſer düſter. Eilen Sie, Herr Graf, Sich beim Fürſten Kaunitz zu beurlauben. Ich fahre ſo⸗ gleich nach Ihrer Villa, und Sie,— beeilen Sie Sich, mir dahin mit Ihrem Schwiegerſohn nachzukommen! Er reichte dem Grafen ſeine Hand dar und entließ ihn mit einem freundlichen Lächeln. Aber ſobald der Graf das Zimmer verlaſſen hatte, ſchwand dieſes Lächeln von dem Antlitz des Kaiſers, und es nahm den Ausdruck tiefer Trauer an. Mit einem ſchweren Seufzer auf einen Seſſel niedergleitend, ſchlug er beide Hände vor ſein An⸗ geſicht. So ſaß er lange da, unbeweglich, nur zuweilen aufächzend wie in tiefer Pein. Tiefe Stille herrſchte um ihn her; aber plötzlich ward ſie unterbrochen durch den hellen Klang der Kaminuhr, welche die elfte Stunde anſchlug. Der Kaiſer ſchrak zuſammen und ließ die Hände von ſeinem Antlitz gleiten, welches jetzt farblos war und tief bewegt. Elf Uhr! flüſterte er mit zitternden Lippen. Die Zeit verfliegt und ich muß eilen, denn ich habe mein Wort gegeben, und es ziemt mir, es zu halten! Ein Kaiſer hat nicht Zeit, ſeinem Schmerz nachzuhängen, er darf nicht menſchlich leiden, und nicht Schonung haben für ſich ſalbet!2 ich will vittute Ein des Gra inmitten allein in ter ihm Wien's ihn zu Nieman Augen fahren, wie ein 1 am En hatte il ganz n dillon dem S oder di Clegan darin gen. Einwi lier. ctionen n traf aſtiger werden —’, und ſeine meine e wird . Und Fürſten meiner Eurer dajeſtät en Sie, hre ſo⸗ dahin t einem erlaſſen und es Seufßer in An⸗ end wie ch ward ſche die ſeinem ff Uhr! ch muß „ es zu hängen, für ſich 111 ſelber! Ach, es iſt zuweilen ſchwer, ſeiner Pflicht zu genügen! Aber ich will's! Die Deviſe meines Wappens muß ich treu erfüllen! Virtute et exemplo! Fort zu ihr! Eine Viertelſtunde ſpäter fuhr der Kaiſer hinaus nach der Villa des Grafen Dietrichſtein, die unfern von dem Luſtſchloß Schönbrunn inmitten eines Parks belegen war. Der Kaiſer fuhr dahin, ganz allein in ſeinem Cabriolet, nur begleitet von ſeinem Jokey, der hin⸗ ter ihm auf dem leichten Wagen ſaß. Die Leute auf den Straßen Wien's blieben ſtehen, um den Kaiſer vorüberfahren zu ſehen und ihn zu begrüßen; Joſeph nickte freundlich nach allen Seiten hin, und Niemand ſah es, wie bleich ſeine Wangen, und wie traurig ſeine Augen waren, denn der Kaiſer liebte es, wie ſeine Mutter, raſch zu fahren, und er flog in ſeinem Cabriolet, das er ſelber leitete, flüchtig wie ein Blitz vorüber!— III. Der letzte Liebestraum. Thereſe von Dietrichſtein war allein in dem kleinen Pavillon am Ende des Parks. Dieſer Pavillon gehörte ihr allein; für ſie hatte ihr Vater ihn erbauen laſſen, für ſie hatte er ihn eingerichtet ganz nach den Wünſchen und dem Begehr ſeiner Tochter. Der Pa⸗ villon beſtand aus einem kleinen Salon und einem Cabinet. In dem Salon empfing Thereſe ihre Gäſte, ihren Vater, ihre Tante, oder die nächſten Freunde ihres Hauſes, er war mit der äußerſten Eleganz und doch ohne allen Prunk eingerichtet, und man konnte darin füglich die vornehmſten, wie die beſcheidenſten Gäſte empfan⸗ gen. Das Cabinet aber durfte Niemand ohne Thereſens beſondere Einwilligung betreten, es war ihr Sanctuarium, ihre Zelle, ihr Ate⸗ lier. Dort feierte das junge Mädchen ihre ſtillen heiligen Andachts⸗ 2 2 11 ſtunden, dort hing ſie in ungeſtörter Stille ihren jungen Mädchen⸗ träumen nach, dort verwandelte ſich die Gräfin in eine Künſtlerin, welche mit tiefem Ernſt die Künſte, welche ſie liebte, und denen ſie ſich hingegeben, übte und ſtudirte. Thereſe war eine Virtuoſin auf dem Clavier und der Harfe, und eine ausgezeichnete Malerin. Ihr Vater und ihre nächſten und vertrauteſten Freunde wußten das; Niemand ſonſt hatte Proben davon, denn Thereſe war ſcheu wie eine Gazelle, und ſie verbarg mit erröthender Schüchternheit ihre Talente vor jedem fremden Blick und Ohr. In der glänzenden Villa und in dem Hôtel ihres Vaters war ſie die vornehme Dame, die ſtolze Grafentochter, welche es ſehr wohl verſtand zu repräſentiren, welche in dem Salon ihres Vaters ſtatt ihrer verſtorbenen Mutter die Dame des Hauſes machte, und alle Welt entzückte durch ihre Anmuth, ihre Schönheit und ihren Geiſt. In ihrem Pavillon aber war Thereſe nur die Künſtlerin, oder das träumeriſche junge Mädchen. In ihrem Cabinet ſtand ihre Harfe, ihr Clavier, und nah an dem großen Fenſter die Staffelei, an wel⸗ cher ſie malte, daneben der runde Tiſch, auf welchem ihr Zeichenbrett, bunte Farben und Sitifte lagen. Wenn ſie in dem Cabinet war, und malte oder muſicirte, mußte ihre Kammerfrau draußen vor dem Pavillon Wache halten, um, ſo⸗ bald irgend ein Beſuch durch die Allee, den einzigen Weg, der zu dem Pavillon führte, ſich nahete, ſofort zu ihrer Herrin zu eilen, und ihr Nachricht davon zu geben. Dann erhob ſich Thereſe von ihrer Harfe, oder von ihrer Staffelei, und trat aus dem Cabinet, deſſen einzige Thür ſie ſorgfältig hinter ſich verſchloß, in den Salon, um dort ihre Gäſte zu empfangen. Heute war Thereſe in ihrem Cabinet; und da ſie keinen Beſuch zu fürchten hatte, denn ihr Vater war mit ihrer Tante nach Wien gefahren, und wollte erſt am Nachmittag zurückkehren, da ſie alſo bis dahin ſicher war, ganz allein zu ſein, hatte ſie die Portieère, welche in den Salon, und die Thür, welche von da in den Garten führte, nicht geſchloſſen. Die ſchöne friſche Sommerluft ſollte durch Thür und Fenſter zu ihr eindringen, der Garten ſollte ihr ſeine Düfte und das ſanfte Bäumegerauſche herein ſenden. Sie war ja ganz ſicher, nicht geſtört und überraſcht zu werden, denn draußen im Gar⸗ ten un Phant ihr be ein Li Töne ſichtig an di der S Schw ſeinen des t nachz! langſa ſchwer dasl walle das ſ den i ruhen thaut Genil Grab trauer nieder und d kaum 3 nieder berüh ihrer leiſes Thra Kaiſe 113 ten unfern von dem Paoillon ſaß ja ihre treue Kammerfrau, und hielt Wache, daß kein Unbefugter ſich nahen durfte. Thereſe war alſo ganz unbeſorgt. Sie durfte ſich zwanglos ihren Phantaſieen und Träumen hingeben, durfte thun und treiben, was ihr beliebte. Sie hatte eben muſicirt, zu ihrer Harfe hatte ſie ſich ein Lied geſungen, das ſie ſelber gedichtet und componirt. Die letzten Töne dieſes Liedes waren eben verhallt; Thereſe ließ ihre weißen durch⸗ ſichtigen Hände von den Saiten niedergleiten und lehnte ihre Stirn an die goldene Säule ihrer Harfe. Der goldene Adler, der ſich auf der Spitze der Säule befand, ſchwebte mit ſeinen weit ausgebreiteten Schwingen über dem Haupt Thereſens, als wolle er ſie beſchützen mit ſeinen Fittichen, und die Pfeile des Unglücks von ihr abwenden. Das junge Mädchen überließ ſich ihren Träumen; die Worte des traurigen Liedes, das ſie eben geſungen, ſchienen noch in ihr nachzuklingen, denn ſie ſeufzte tief auf, und zwei Thränen glitten langſam über ihre Wangen nieder. Wer ſie ſo geſehen hätte in dieſer ſchwermuthsvollen Haltung, in dieſem leichten luftigen weißen Negligee, das loſe und maleriſch ihre edle ſtolze Geſtalt umhüllte, und in langen wallenden Falten bis auf die Füße herunterfiel, wer ſie ſo geſehen, das ſchöne Haupt geneigt an die Harfe, die ſchönen, nur halb von den weiten weißen Aermeln verhüllten Arme nachläſſig im Schooß ruhend, die bleichen und durchſichtigen Wangen von Thränen be⸗ thaut, der hätte dieſe zarte, edle und ſchöne Erſcheinung für den Genius der Muſik halten mögen, der an die Harfe gelehnt, auf dem Grabe irgend eines großen Künſtlers trauere. Aber Thereſe war nur mit ihrem eigenen Leid beſchäftigt, ſie trauerte nur um ſich ſelber, und die Thränen, die über ihre Wangen niederglitten, galten dem Kummer, der tief in ihrer Seele ſchlummerte, und den ſie niemals zu Worten aufwachen ließ, den ſte ſich ſelber kaum zu geſtehen wagte. Als daher die Thränen jetzt von ihren Wangen auf ihre Hände niederfielen, ſchrak ſie zuſammen, als habe eine brennende Kohle ſie berührt, und hob haſtig ihr Haupt empor. Ein ängſtlicher Blick ihrer großen dunkelblauen Augen irrte in dem Gemach umher, ein leiſes Roth flog über ihre Wangen hin, als erröthe ſie über dieſe Thränen, welche ihr Herz verrathen. 4 Kaiſer Joſeph. 3. Abth. IV. 3 Ich will nicht weinen, ſagte ſie leiſe. Riemand darf ahnen, daß mein Herz trauert, ich ſelber kaum! Nein, ich will nicht weinen! Ich will mein Geſchick annehmen und es ſchweigend tragen! Schweigend und muthig! Für mich giebt es auf Erden kein Glück, aber das Unglück will ich mir fern halten, und mich nicht einſchmieden laſſen in ſeine Feſſeln. Frei will ich ſein und bleiben, und keine Drohungen und keine Bitten ſollen mich vermögen, meine traurige Freiheit auf⸗ zugeben. Ich will wenigſtens das Recht haben, weinen zu dürfen, ohne daß meine Thränen mich anklagen, träumen zu dürfen, ohne daß meine Träume ein Verbrechen ſind! Ich nehme mein Schickſal an, aber nur von meinem eigenen Herzen; ich will meinen einſamen ſtillen Weg durch das Leben dahin gehen, und wenn ſie mich mit Gewalt davon forttreiben wollen, ſo flüchte ich mich in ein Kloſter! Ja, rief ſie ganz laut und begeiſtert, ja, dann flüchte ich mich in ein Kloſter! Und warum in ein Kloſter? fragte eine ſanfte Stimme hinter ihr. Thereſe ſtieß einen Schrei aus, und ſprang ſo raſch empor, daß die Harfe mit einem ſchrillenden Klang zurückfiel an die nahe Wand. Thereſe kannte dieſe ſanfte Stimme gar wohl, ſie war die Muſik ihrer Träume, das heimliche Entzücken ihres Herzens, und wie ſie jetzt ſo unvorbereitet, ſo unerwartet an ihr Ohr ſchlug, hatte das junge Mädchen ein Gefühl als ob ein Blitz ihr Herz treffe, als ob ſie ſterben müßte, ſie wußte ſelber nicht, ob vor Entſetzen oder vor Glück⸗ ſeligkeit. Joſeph! rief ſie laut, ganz überwältigt ſank ſie w fielen kraftlos nieder, ihr Haup durchflog ihre ganze Geſtalt. Sofort war der Kaiſer an ihrer Seite. Mit dem Ausdruck tiefen Erſchreckens neigte er ſich zu ihr nieder, und faßte ihre Hände. Verzeihung, Comteſſe, ſagte er leiſe, ich habe Sie erſchreckt. Es war unrecht von mir, daß ich es wagte, unangemeldet bei Ihnen ein⸗ zutreten, und die Kammerfrau fortzuſchicken, die mich annonciren wollte. Oh mein Gott, in meinem Egoismus dachte ich nur an mich, daß ich nicht eine Minute länger warten wollte, Sie zu das Annonciren das verzögern würde. Oh ſagen ſich ſelber unbewußt, und ganz ermattet, jeder nieder auf den Seſſel. Ihre Arme t neigte ſich auf ihre Bruſt, ein Zittern nur daran, ſehen, und daß „ Sie laſſe haben ich unal verre aufr habe ich entl wie daß inen! igend das en in ungen auf⸗ irfen, ohne ickſal amen h mit loſter! ich in er ihr. daß Wand. Muſik bie ſie te das ob ſie Glück⸗ mattet, Arme Zittern tieſen kt. Es en ein⸗ onciren n wich, Sie zu ſagen 1 Sie mir, daß Sie mir verzeihen, Comteſſe, ſchauen Sie mich an, und laſſen Sie mich in Ihrem Antlitz leſen, daß Sie mir vergeben haben! Sie hob langſam ihr Haupt empor, und ſchaute ihn an. Sie wollte ſagen, daß ſie ihm nicht zürne, aber das Wort verſtummte auf ihren Lippen; der Kaiſer bannte es mit ſeinen großen blauen Augen, die mit einem Ausdruck unausſprechlicher Zärtlichkeit auf ihr ruhten. Sie hatte nicht die Kraft, dieſen Augen auszuweichen, dieſe tiefen zärtlichen Augen bannten ſie wie ein Zauberkreis, und ſchienen mit magiſcher Kraft die geheimſten Gedanken ihres Herzens hervorzulocken, und ſte aus ihren Blicken ſprechen zu laſſen. Verſtand der Kaiſer, was dieſe Blicke zu ihm ſagten? Er ſchaute ſte noch immer an, ſo tiefernſt, ſo zärtlich und durch⸗ dringend. Sie verſuchte, ſich dieſem Zauber zu entwinden, ſte wollte die Augen niederſchlagen, das erhobene Haupt ſenken, und aufſtehen. Er drückte ſie ſanft wieder in ihren Seſſel nieder, und bat leiſe: bleiben Sie! Und als ſie ihr Haupt ſenkte, legte er mit einem unausſprech⸗ lichen Ausdruck ſeine beiden Hände an ihre Wangen, und hob ihr Haupt empor und ſchaute ſte an. Oh, entziehe mir nicht Dein Antlitz, Thereſe, flüſterte er leiſe. Ich habe es ſo lange nicht geſehen, ſo ewig lange nicht! Laß mich Abſchied nehmen von dieſem letzten ſchönen Traum meines Lebens, Abſchied von Deinem Engelsangeſicht. Sie zuckte ſchmerzlich wieder zuſammen, und fragte leiſe: Ab⸗ ſchied? Ja, ſo iſt es! ſagte Joſeph. Abſchied! heißt das Wort, welches mich hergeführt. Sie haben mein Herz errathen, die klugen Menſchen, ſie haben das Geheimniß ausgeſpürt, von dem ich glaubte, daß nur ich und Gott es kenne. Und doch habe ich Dir niemals geſagt, wie unausſprechlich ich Dich liebe! Aber meine Augen haben es doch verrathen, und ſeit jenem Abend, wo ich in Schönbrunn die Roſe aufnahm und ſie küßte, die Dir vom Buſen gefallen, ſeit jenem Abend habe ich Dich nicht wieder geſehen. Ich hätte es Dir nie geſagt, daß ich Dich liebe, aber der Schmerz und die Ueberraſchung dieſer Stunde entlockt mir dieſes Wort. Es wird vor Deinen Ohren verklingen, wie eine fremde Melodie, die Du einſt von einem armen vorüber⸗ 8* 116 ziehenden Wanderer vernommen, und Du wirſt ſie vergeſſen unter den s ſchönen glücklichen Lebens! Jubelklängen Deine H Antlitz niedergleiten, und wandte Er ließ ſeine Hände von ihrem ſich ab, um die Thränen nicht ſehen zu laſſen, die ſeine Augen ver⸗ düſterten. Thereſe ſtand auf, ſie wollte ein ſüßer Schauer durchrieſelte Blut in ihren Adern ſtocken, und wieder ſo heftig und ſtürmiſch ſchlagen. Der Kaiſer wandte ſich wieder zu ihr hin, und ſein Antlitz war jetzt ernſt und gefaßt. Er hatte ſich überwältigen laſſen von dem erſten Moment des Wiederſehens, das fühlte er mit Beſchämung, und⸗ er wollte jetzt wieder gut machen. Schweigend nahm er die Hand Thereſens und führte ſie zu dem Divan hin, in welchen er ſte mit ſanfter Gewalt niederdrückte. Sie ließ es geſchehen, ſie hatte keinen eigenen Willen mehr, ſie war ſich keines andern Gedankens bewußt, als daß Er da war, Er, deſſen Name in ihrem Herzen brannte, und den ihre Lippen kaum zu nennen wagten. Ihre ganze Seele lag in dem Blick, mit welchem ſie zu ihm auf⸗ ſchaute, zu ihm, der mit verſchränkten Armen vor ihr ſtand und ſie betrachtete, wie man ein ideales Kunſtwerk, ein angebetetes Heiligen⸗ bild betrachtet. Thereſe, ſagte Joſeph nach einer langen Pauſe, warum ſagten Sie vorher, daß Sie in ein Kloſter flüchten wollten? Thereſe ſchrak zuſammen, und das Lächeln erblaßte auf ihrem kam ihr jetzt ſo kalt und hart vor. Joſeph ſich nieder zu ihr, und wiederholte fliehen, und vermochte es doch nicht, ihre ganze Geſ alt und machte das ihr Herz ſtill ſtehen, und dann Antlitz, denn ſeine Stimme verſtand ihren Blick und neigte mit leiſer weicher Stimme ſeine Frage. Wenn mein Vater mich zwingen will zu einer verhaßten Ver⸗ mählung, dann flüchte ich mich in ein Kloſter, ſagte Thereſe, die un⸗ ter dem Zauber ſeiner Blicke die Wahrheit aus ihrem Herzen auf ihre Lippen hervorſtrömen fühlte, wie der Duft aus dem Kelche der Roſe ſteigt. Aber Sie werden ihm doch folgen und nachgeben müſſen, The⸗ reſe, ſagte er traurig, eingedenk des Verſprechens, das er dem Grafen gegeben. Sie werden Sich vermählen müſſen. und k ihm danken des S Gnad Anſch ſätze, Verzü Ich mich jung, jetzt Warr Auge ſchau 3 es m eigen mähl ihren gluͤhe Veid icht, das dann war dem und. dem Sie r ſich Name agten. auſ⸗ nd ſie ligen⸗ ſagten ihrem Joſeph erholte Ver⸗ ie un⸗ en auf che der The⸗ Grafen 117 Ich werde es niemals thun, rief ſie heftig, ich werde mich nie⸗ mals vermählen. Es iſt indeſſen die Beſtimmung des Weibes, ſagte Joſeph, das Weib ſoll dem Gatten folgen. Wenn ſie ihn liebt, unterbrach ſie ihn raſch. Oh, es muß ſüß und köſtlich ſein, mit dem Geliebten in die Welt hinauszugehen, mit ihm Leid und Freude zu theilen, ihm ſich hinzugeben mit allen Ge⸗ danken, allen Wünſchen, aller Begeiſterung der Seele, aller Gluth des Herzens, für ihn zu leben in Liebe, für ihn, wenn Gott dieſe Gnade gewährt, zu ſterben in Liebe. Thereſe! rief Joſeph mit leidenſchaftlicher Innigkeit, über dem Anſchauen ihres ſtrahlenden, begeiſterten Angeſichts all' ſeiner Vor⸗ ſätze, ſeiner Verſprechungen vergeſſend. Sie ſchrak zuſammen bei ihrem Namen und ſchien wie aus einer Verzückung zu erwachen. Tief erröthend ſenkte ſie ihre Blicke nieder. Ich werde ein ſolches Glück nie kennen lernen, ſagte ſie, ich werde mich nie vermählen! Nie? Nein, nie! Und warum nicht? fragte er heftig. Warum wollen Sie, ſo jung, ſo ſchön, ſo begeiſtert und glühend, warum wollen Sie ſchon jetzt am Eingang in das Leben verzichten auf das Glück deſſelben? Warum wollen Sie Sich nie vermählen? Thereſe antwortete ihm nicht. Sie ſaß da mit niedergeſchlagenen Augen, beſchämt, verwirrt, und in dieſer Verwirrung reizend anzu⸗ ſchauen. Sagen Sie es mir, Thepeſe, bat er dringender, vertrauen Sie es mir, mir, dem Ihr Wohl und Ihr Glück theurer iſt, als ſein eigenes Leben, ſagen Sie es mir, warum wollen Sie Sich nicht ver⸗ mählen? Thereſe antwortete noch immer nicht. Joſeph neigte ſich zu ihr nieder und faßte ihre Hände, die in ihrem Schooß ruhten, und dieſe Berührung ſchien ſie Beide zu durch⸗ glühen, wie ein elektriſcher Funke, denn Beide ſchraken ſte zuſammen, Beide errötheten ſie. Oh, ſchau mich an, Thereſe, flüſterte er leiſe, hebe Dein Antlitz 118 zu mir empor und laß mich in Deinen Augen die Antwort leſen, die mir Deine Lippen verſagen. Schau mich an, Thereſe, denn Dein Antlitz iſt mein Himmel und mein Licht, und wenn ich es nicht ſehe, iſt es trübe um mich und kalt. Thereſe hatte nicht die Kraft ihm zu gehorchen, ſte neigte ihr Haupt tiefer, und bange Seufzer hoben ihre Bruſt. Joſeph, kaum wiſſend, was er that, kniete vor ihr nieder, um ihr in's Antlitz zu ſehen, um in ihren Mienen zu leſen, um ihre Augen zu ſchauen. Vor ihr auf den Knieen liegend, ihre Hände in den ſeinen, ſein Antlitz ganz nach dem ihren, ſah er ſie an mit ſeinen flammenden Blicken und flüſterte: warum willſt Du Dich nicht ver⸗ mählen? Der Zauber ſeiner Augen wirkte wieder auf ſie; wider Willen hob ſie ihre Blicke empor begegnete den ſeinen, wider Willen, betäubt, ſelig, befangen von ſeiner Nähe, ſeinem Anſchauen, ſeinen Worten, wider Willen flüſterte ſie: Weil ich Dich liebe! Hatte ſie das wirklich geſprochen? War ſie wirklich von ihren Lippen gehaucht, dieſe ſüße, heilige Muſik? Waren es nicht die Bäume geweſen, die ſie gerauſcht? Hatten ſie nicht die Vögel ge⸗ ſungen, die vorüberflatterten an den Fenſtern? Hatte ſie nicht der Himmel geflüſtert, der ſo rein und blau zu ihnen hernieder ſchauete? Hatte Thereſe wirklich dieſe ſüße, heilige Muſik von ihren Lippen tönen laſſen, dieſe Muſik, welche Joſeph's Herz mit ſüßen Schauern erfüllte, und ſein Antlitz ſtrahlen machte wie im Sonnenglanz? Er kniete noch immer vor ihr und hielt ihre zuckenden Hände in den ſeinen, und ſchaute ſie an mit einem ſtolzen, ſeligen Lächeln. Und ſo habe ich Dich endlich gefunden, Du letzter Stern meines düſtern, einſamen Lebens, ſagte er nach einer langen Pauſe, ſo biſt Du endlich mein geworden, Du ſchüchterne Gazelle, die ſcheu vor mir her floh, immer höher, höher hinauf den ſteilen Pfad, höher hinauf in Schnee und Eis. Endlich, hoch oben in den Schneeregionen des ße Gazelle. Oh, The⸗ ich Dich nicht da ich ein Und den⸗ iebſt mir Lebens, da hat ſie ſich mir ergeben, meine ſüß reſe, warum erſt in den Schneeregionen, warum habe gefunden am Anfang meiner Laufbahn, warum erſt jetzt, Mann bin, ein alternder, von Sorgen gebeugter Mann? noch danke ich Dir, daß ich Dich jetzt finde, denn Du g meine ich di der en und al müthit ſtumm ſen, hieß D gewor habe als ich der mi klar, werde. traum Kaiſen ler vo und( mir, Einme Oh, ſ der N um de biſt, einen Näige Liyper die E. um ihre e in inen Nr⸗ illen illen, einen ihren t die l ge⸗ ſt der uete? ippen auern ör Wir zinauf en des The⸗ nicht ich ein d den⸗ ſt mir 119 meine Jugend wieder, meine Illuſionen und Jünglingsträume. Wenn ich Dich anſchaue, bin ich wieder jung und das Leben lacht mir wie⸗ der entgegen, und alle Schmerzen ſind vernarbt in meinem Herzen, und alle Erfahrungen ſind ausgelöſcht. Ich fühlte und wußte das, als ich Dich zum erſten Mal ſah, Thereſe, als Du an der Hand Deines Vaters mir entgegentrateſt, ſo ſtolz wie eine Königin, ſo de⸗ müthig wie eine Prieſterin, ſo ſchön wie eine Venus. Ich ſtand Dir ſtumm und ſtaunend gegenüber und fand kein Wort, Dich zu begrü⸗ ßen, aber mein Herz grüßte Dich mit ſeinen lauten Schlägen und hieß Dich willkommen als ſeine Herrin! Und ſo bin ich Dein Selave geworden, ohne daß ich es ſelber wußte, ſo bin ich Dir gefolgt und habe Dir gehuldigt, ohne zu wiſſen, was ich that. Nur neulich, als ich jene Roſe nahm und ſie küßte, und dann Deinen Vater ſah, der mich mit düſtern Blicken anſchaute, da ward ich zuerſt mir ſelber klar, da wußte ich, daß ich Dich liebe, daß ich Dich ewig lieben werde. Ja, Thereſe, Du biſt meine letzte Liebe, der letzte Liebes⸗ traum eines armen, mattgehetzten Menſchen, den ſie da draußen einen Kaiſer nennen, der aber vor Dir kniet, wie ein armer, kranker Bett⸗ ler vor dem Madonnenbild, und Dich anfleht um ein wenig Troſt und Erquickung, um eine milde Gabe Deiner Liebe! Neige Dich zu mir, Madonna, Einmal nur laß mich tief in Deinen Augen leſen, Einmal nur laß mich ihn noch träumen den letzten Liebestraum! Oh, ſie werden ſchon kommen, mich zu wecken, mich aufzuſchreien mit der Mahnung, daß ich ein armer Kaiſer bin, der nicht werben darf um den reichen Schatz Deiner Liebe, daß Du eine reiche, ſtolze Gräfin biſt, die alles Glück und alle Pracht des Lebens verſchenken ſoll an einen andern Mann, nicht an mich, oh, nicht an den armen Kaiſer! Neige Dich zu mir, Thereſe, nur Einmal, Einmal berühre meine Lippen mit einem Kuß, weihe meine Lippen für den Schmerz und die Entſagung! Und Thereſe, ganz überwältigt von ſeinen Worten, ſeinen Blicken, Thereſe, gleich ihm befangen in dem begeiſternden Traum ihrer Liebe, neigte ſich zu ihm nieder, ihre Augen leuchtend in Thränen, ihren Mund umflattert von einem ſeligen Lächeln. Ihre Lippen brannten aufeinander, innig und feſt, ihre Arme leg⸗ ten ſich wie von ſelbſt um ſeinen Nacken, ſeine Arme ſchlangen ſich feſt —õööinnnn um ihre ſchlanke Geſtalt. Eine unausſprechliche Wonne durchglühte ſte Beide in dieſem erſten Kuß Tiefe Stille herrſchte um ſie her. unterbrochen von einem doppelten Schrei, und in der offenen Por⸗ tière des Salons ſtand Thereſens Vater mit dem Grafen Kinsky, die entſetzten, bleichen Geſichter hingewandt auf das Liebespaar. Der Kaiſer ſprang empor, flammend vor Schaam, vor Zorn und Schreck. Thereſe ſchauderte in ſich zuſammen, und ſchlug ihre beiden Hände vor ihr bleiches Angeſicht, und ſaß da tief gebeugt, zitternd wie eine Angeklagte, die ihr Urtheil erwartet. Eine lange Pauſe trat ein, Niemand wagte es, das erſte Wort zu ſprechen, den Gefühlen Ausdruck zu geben, die mit wildem Unge⸗ ſtüm in ihrem Innern tobten. Mit finſtern, drohenden Blicken ſchauten die beiden Grafen hin⸗ über zu dem Kaiſer, der an der Fenſterniſche lehnend, die großen Augen mit einem unausſprechlichen Ausdruck von Schmerz und Klage zum Himmel empor gerichtet hatte. Endlich wandten ſich dieſe Blicke niederwärts, und richteten ſich hinüber nach den beiden Männern, die noch immer unbeweglich, finſter und ſchweigend auf der Schwelle ſtanden. Die ſchmerzliche Spannung verſchwand aus des Kaiſers Zügen, die jetzt einen milden, ſchwermuthsvollen Ausdruck annahmen. Er hatte ſeinen Schmerz niedergekämpft, er hatte ſein Herz bezwungen! Mit ſtolz gehobenem Haupt, mit ruhiger, ernſter Haltung trat er wieder zu Thereſen hin, die noch immer mit verhülltem Antlitz da ſaß. Stehen Sie auf, Thereſe, und geben er faſt gebieteriſch. Sie gehorchte ihm ohne Wi ihre Hand. Der Kaiſer nahm ſie als wollte er ihr damit Muth einflößen, an der Hand führend, durchſchritt Joſe den beiden Grafen hin, die ihnen entgegen ſchau⸗ ihrer Liebe. Auf einmal ward dieſe Stille Sie mir Ihre Hand, ſagte derſtreben und reichte ihm aufſtehend und drückte ſie feſt in der ſeinen, den Muth der Entſagung⸗ Sie ph mit ihr das Ge⸗ mach und ging zu ei Richter den Angeklagten. ſagte der Kaiſer ernſt und feſt, Sie Dienſte, welche Ihre ten, wie zw Herr Graf Dietrichſtein, mahnten mich heute an die hundertjährigen Fam gelte in u Ihre zur tt ausg Kins unve Verl es i tternd Wort Unge⸗ n hin⸗ großen Klage ten ſich finſter Zügen, en. Er zungen! ing trat Antlitz d, ſagte iſſtehend r ſeinen, ſagung. das Ge⸗ en ſchau⸗ fit, Sie ſche Ihre 121 Familie dem Kaiſerhauſe geleiſtet, und ich verſprach Ihnen zu ver⸗ gelten, wenn es in meiner Macht ſtände. In dieſer Stunde iſt es in meine Macht gegeben. Herr Graf Dietrichſtein, ich führe Ihnen Ihre Tochter zu, ſie iſt bereit, freudig und gehorſam Ihren Willen zu thun, und den Gemahl anzunehmen, den Ihre väterliche Liebe ihr ausgewählt, Sie giebt Ihnen, und mir, und auch Ihnen, Herr Graf Kinsky, ihr Wort, daß ſie nicht in ein Kloſter gehen, und auch nicht unvermählt bleiben, ſondern daß ſie ihr Geſchick ertragen und ihren Beruf erfüllen will, wie wir Alle es müſſen. Nicht wahr, Thereſe, es iſt ſo, wie ich in Ihrem Namen Ihrem Vater verſpreche. Ja, es iſt ſo, ſagte ſie leiſe. Und jetzt, Herr Graf Dietrichſtein, fuhr der Kaiſer fort, jetzt muß ich Sie bitten, Ihre Reiſe noch auf einige Tage zu verſchieben. Ich gebe Ihnen noch acht Tage Urlaub, damit Sie alle Anordnungen treffen, die zur Vermählung Ihrer Tochter nothwendig ſind, denn es iſt beſſer, daß Sie ſie als vermählte Frau denn als Braut zurück⸗ laſſen. In acht Tagen, wünſche ich, ſoll die Vermählung ſtattfinden in der Kapelle der Kaiſerburg. Ich ſelbſt will Zeuge ſein bei der Trauung! Herr Graf von Kinsky, ſehen Sie da Ihre Braut, in acht Tagen Ihre Gemahlin! Leben Sie wohl! In der Schloßkapelle ſehen wir uns wieder! Er grüßte die Herren mit einem flüchtigen Neigen des Kopfes, und ging an ihnen vorüber und durchſchritt raſchen Fußes den Salon. Er hörte wohl den durchdringenden Schmerzensſchrei, der von The⸗ reſens Lippen tönte, aber er wandte ſich nicht um, auch dann nicht, als Graf Dietrichſtein mit lauter ängſtlicher Stimme nach Hülfe, nach Thereſens Kammerfrau rief. Aber als der Kaiſer dieſe Frau, welche den Ruf nicht gehört, weiter hinauf in der Allee bemerkte, ging er zu ihr hin, und ſagte flüchtig: die Comteſſe iſt ohnmächtig geworden, eilen Sie zu ihr. Dann ging er weiter die Allee hinauf, zwiſchen den Blüthen⸗ bäumen und duftenden Sträuchern dahin, und er gedachte daran, wie Adam aus dem Paradieſe getrdeben worden, durch die drohende Stimme Gottes und ſeiner eigenen Schuld, und er fühlte, daß dieſe Austreibung aus dem Paradieſe an jedem Menſchen ſich erneuere, auch an ihm, dem ſchwerbeladenen traurigen Menſchenſohn, der eben —mmwmrrs 122 noch geträumt den ſeligen Traum des Paradieſes, und jetzt aus der Pforte deſſelben hinaus ſchritt in das rauhe, kalte ſtürmende Leben. Vor der Pforte des Parks ſtand ſein Cabriolet mit dem har⸗ renden Jockey daneben. Der Kaiſer ſchwang ſich hinein, und ergriff die Zügel und kehrte in raſendem Galopp heim nach Wien. Und wieder blieben die Leute auf der Straße ſtehen, um ihn zu grüßen, und wieder neigte ſich der Kaiſer freundlich dankend nach allen Seiten hin, und Jeder war entzückt von ſeiner Leutſeligkeit, und Niemand ſah, daß der Kaiſer jetzt bei ſeiner Rückkehr von der Spazier⸗ fahrt noch bleicher wahr, als beim Anfang derſelben. Niemand ſah das, denn der Kaiſer liebte es raſch zu fahren, und er flog in ſeinem Cabriolet, das er ſelber leitete, wie ein Blitz an ihnen vorüber. IV. Der Türhkenkrieg. Der lange erwartete Schlag war endlich gefallen; der Krieg Rußlands mit der Pforte war ausgebrochen. Als der Kaiſer heim⸗ kehrte von ſeiner traurigen Fahrt nach der Villa des Grafen Dietrich⸗ ſtein, waren ſo chen Couriere angekommen aus Petersburg, Con⸗ ſtantinopel und Berlin. Der Courier aus Peterburg brachte ihm nebſt vielen Depeſchen ſeines Geſandten, des Grafen Cobenzl, ein eigenhändiges Schreiben der Kaiſerin. Katharina mahnte ihn in demſelben an ſein ihr in Petersburg gegebenes, in Cherſon erneuertes Gelübde: wenn es wieder zum Krieg Rußlands mit der Türkei komme, dann treu zu ihr zu ſtehen, und mit ihr ſeine Armeen in den Kampf ziehen zu laſſen wider die Türken. Und jetzt war die Stunde gekommen, in welcher der Kaiſer ſein Gelübde erfüllen mußte, denn der Krieg Rußlands mit der Türkei, dieſer Krieg, welcher ſo lange unter der Aſche des Scheinfriedens geſch l geſch 7 angeb den F kührli in die Türke laſſe, Rußl und üſtern belden Verſe hatte und alle führ Hinl nunt Kam wied 3 der ben. har⸗ rgriff n zu nach und zier⸗ ſah einem Krieg heim⸗ ttrich⸗ Con⸗ ihm l, ein T' in uertes omme, Kampf ſein Lürkei, iedens 123 geſchlummert hatte, er war jetzt wieder in vollen Flammen empor⸗ geſchlagen. Diesmal indeſſen war es die Türkei geweſen, welche die Flammen angeblaſen. Schon im Sommer des vorigen Jahres hatte die Pforte den Frieden gebrochen, indem es den ruſſiſchen Geſandten wegen will⸗ kührlich herbeigeführter Streitigkeiten gewaltſam gefangen nehmen und in die Siebenthürme feſtſetzen ließ. Rußland hatte ſchon damals der Türkei den Krieg erklärt, wenn ſie nicht ſofort ihren Geſandten frei laſſe, und volle Genugthuung gebe. Die Pforte dagegen hatte an Rußland die Bedingung geſtellt, es ſolle ihr die Krim wiedergeben, und ſeine Flotte wieder aus dem ſchwarzen Meer entfernen. Den beiden feindlichen, ſtreitenden Mächten hatte ſich damals der öſterreichiſche Internuntius zum Vermittler angeboten, und da er von beiden Mächten angenommen worden, hatten ſeitdem fortwährende Verſuche zur Verſöhnung und Verſtändigung Statt gefunden. Aber weder Rußland, noch auch die Pforte, noch auch Oeſterreich hatten an das abermalige Zuſtandekommen des Friedens geglaubt, und ganz offen hatten alle drei Mächte ihre Rüſtungen begonnen, alle Drei nur bemüht, Zeit zu gewinnen, um dieſe Rüſtungen zu Ende führen und dann eine imponirende Streitmacht entwickeln zu können. Und jetzt, im Frühling des Jahres 1788, war die Zeit dieſes Hinhaltens und Wartens vorbei, jetzt hatte der öſterreichiſche Inter⸗ nuntius die Friedens⸗Verhandlungen für abgebrochen erklärt, und der Kampf zwiſchen der Türkei und Rußland war mit erneuerter Wuth wieder begonnen. Das war es, was die Couriere aus Petersburg und Conſtan⸗ tinopel dem heimkehrenden Kaiſer meldeten.— Joſeph nahm die Nachrichten mit freudigem Muth auf. Er athmete hoch auf, denn es ſchien ihm, als nähmen dieſe Briefe eine Laſt von ſeiner Bruſt, die Laſt des Kummers und des Grams. Jetzt werde ich geneſen von dieſen Schmerzen, ſagte er, indem er mit raſchen Schritten, die Depeſchen in der Hand, in ſeinem Cabinet auf und nieder ging. Gott iſt ſehr gnädig gegen mich, denn er zeigt mir das Mittel, um Troſt und Beruhigung zu finden, er zeigt mir den Weg, den ich wandeln muß, um wieder zu fühlen als Kaiſer und als Mann! Oh, mir wird wohl werden, wenn die Kugeln mich umſauſen, wenn die Schlacht mich umtobt. Für mich giebt es keine Morten, aber vielleicht Lorbeeren. Das hat das Schickſal mir ſagen, daran hat es mich mahnen wollen. Sei mir alſo willkommen, Krieg, vielleicht bringſt Du mir Lorbeeren, vielleicht auch den Tod! Ich fühle meine alte Kraft wieder in mir erwachen, ich fühle, daß ich noch immer ein Mann bin, der noch den Muth beſttzt, dem Kummer zu trotzen, und dem Unglück die Stirn zu bieten! Auf zum Kampf gegen die Türken! Er klingelte haſtig und befahl dem eintretenden Kammerhuſaren ſogleich nach dem Feldmarſchall Lacy zu ſenden, und ihn zu bitten, ſich unverzüglich zum Kaiſer zu verfügen. Dann las er wieder in den Depeſchen, von Zeit zu Zeit un⸗ geduldige Blicke hinüberwerfend nach der Thür, durch welche Lacy eintreten mußte. Endlich öffnete ſich die Thür, und der Kammerhuſar meldete den Feldmarſchall Grafen Lacy. Der Kaiſer ging ſeinem langjährigen vielbewährten Freund mit einem ſtrahlenden Lächeln entgegen. Lacy, ſagte er, von heute an ſollen Sie wieder mit mir zufrieden ſein. Sie haben mich in letzter Zeit oft mit unwilligen und miß⸗ vergnügten Blicken angeſehen,— oh, verſuchen Sie nicht zu ſtreiten, ich habe es wohl bemerkt, und wenn ich nichts ſagte, war es viel⸗ leicht, weil ich mich ſchuldig fühlte,— Sie haben oft über meine Schwermuth und Verzagtheit geſeufßt. Von heute an ſollen Sie wieder mit mir zufrieden ſein, von heute an bin ich wieder bereit, dem Schickſal zu trotzen und mit dem Unglück zu kämpfen. Oh, wie freue ich mich, Ew. Majeſtät ſo zu ſehen, rief Lacy, des Kaiſers dargereichte Hand zärtlich in der ſeinen drückend. Jetzt ſind Sie wieder mein Held, mein Kaiſer, aund der Siegesmuth leuchtet von Ihrer Stirn. Oh, mit dieſen flammenden Augen, dieſem ſtolzen, ſiegreichen Blick gleichen Ew. Majeſtät dem Schlachtengott ſelber, und wenn Ihr Heer Sie ſo ſieht, wird es mit begeiſtertem Jubelruf Ihnen folgen, wohin Sie es auch führen wollen. Ah, rief Joſeph mit einem heitern Lachen, Sie haben es alſo ſchon errathen, Sie wiſſen es ſchon, daß es zur Schlacht geht! Ja, ich weiß es wohl, der Krieg wird Ihnen und Tauſenden in meinem was ich Ihnen jetzt Heer willkommen ſein! Ich weiß auch, daß das, ſagen bevor ich u alles ausg Ihre neral ten! raub grö lebe Sei beer bt es lmir umen, Tod! daß mmer tampf iſaren ditten, t un⸗ Lacy chuſar d mit frieden mih⸗ treiten, 3 viel⸗ meine n Sie bereit, cy, des tt ſind unt von ſtolzen, er, und Ihnen es alſo t! Ja, meinem nen jeht 125 ſagen will, Sie erfreuen wird. Lacy, ich lade Sie ein, mir in der bevorſtehenden Campagne wider die Türken Geſellſchaft zu leiſten; ich übertrage Ihnen zugleich die Oberaufſicht über meine Heere, über alles das, was zum Feldzug gehört, nachdem wir mit den Ruſſen ausgezogen ſind, die Osmanen zu beſiegen. Sie haben Sich durch Ihren Patriotismus immer rühmlich ausgezeichnet, Sie ſind ein Ge⸗ neral, deſſen Dienſte ich ſo annehmen muß, als wenn Sie ſie mir freiwillig leiſteten, denn Jahre, Ruhm und vollkommen erfüllte Pflich— ten würden mir alle rechtlichen Anſprüche auf die Fortſetzung derſelben rauben.*) Aber Ew. Majeſtät wiſſen, daß es mein größter Stolz, meine größte Freude iſt, Ihnen meine Dienſte zu weihen, ſo lang ich lebe, rief Lacy glühend, daß ich glücklich ſein werde, an Ihrer Seite zu fechten, und Zeuge zu ſein, wie ſich mein Kaiſer ſeine Lor⸗ beeren verdient! Und nicht wahr, fragte der Kaiſer, Sie ſind es auch noch ganz beſonders zufrieden, daß wir ausziehen gegen dieſes übermüthige Türkenvolk? Lacy ſchwieg einen Augenblick. Ich würde ganz glücklich ſein, ſagte er dann zögernd, wenn Oeſterreich freiwillig und ſelbſtſtändig in den Krieg zöge wider die Türken. Oh, unſere Bundesgenoſſen, die Ruſſen geniren Sie? fragte der Kaiſer lächelnd. Sie lieben alſo die Ruſſen noch immer nicht? Sire, ich erlaube mir kein Urtheil über Diejenigen, welche es Ew. Majeſtät ſeit einiger Zeit beliebt, Ihre Bundesgenoſſen zu nennen! Ehrlich, Lacy, keine Winkelzüge. Sie haben mir ja Ihr Wort gegeben, mir immer die Wahrheit zu ſagen. Chrlich alſo, es iſt Ihnen zuwider, daß wir in dieſem Krieg mit den Türken die Bun⸗ desgenoſſen Rußlands ſind? Nun denn, Sire, wenn ich die Wahrheit ſagen ſoll, ja! Ich würde mich noch mehr freuen, wenn Ew. Majeſtät als ſelbſtſtändiger Kriegsherr gegen die Pforte aufgetreten wären. Rußland denkt immer nur an ſich, hat immer nur Vergrößerungspläne für ſich im *) Des Kaiſers eigene Worte. Siche: Hübner. II. S. 466. 126 Auge, und wird Ew. Majeſtät Hülfe nur benutzen wollen, um ſich ſelber neue Eroberungen zu ſichern. Aber ich werde ſolche Eroberungen nicht dulden, rief Joſeph heftig. Katharina mag ihren Kampf gegen die Türkei auskämpfen, es iſt als ihr Bundesgenoſſe und als Mann von Wort meine Pflicht, ihr beizuſtehen, wie ich es verſprochen habe. Aber zu neuen Erobe⸗ rungen werde ich nicht meine Hand bieten. Ich habe es geduldet, daß die Pforte Tauris an Katharina abtrat, denn dies brachte mir nicht allein keinen Nachtheil, ſondern den unberechenbaren Vortheil, daß meine Staaten dadurch vor jedem Angriff der Türken geſchützt ſind, weil dieſe die Truppen und Schiffe der Krim fürchten, und dann entzweite ſich bei dieſer Gelegenheit der Petersburger Hof mit dem Berliner, wodurch dem Letztern ein mächtiger Alliirter geraubt ward.*) Dies beſtimmte mich, Rußland im Beſitz der Krim nicht zu hindern; aber jetzt hat Alles eine andere Geſtalt; ich werde nicht dulden, daß ſich die Ruſſen in Konſtantinopel niederlaſſen! Die Nachbarſchaft der Turbane wird für Wien immer noch weniger gefährlich ſein, als die der Hüte.**) Aber Rußland bietet mir eine Gelegenheit, auch mei⸗ nerſeits die Scharte auszuwetzen, welche die Türken in das Schwert der Habsburger geſchlagen. Wir müſſen Belgrad wieder haben, ich muß die Niederlage rächen, welche mein Vater vor Belgrad von den Türken erfahren. Der Sohn muß wieder erobern, was man ſeinem Vater genommen, Belgrad muß wieder zu Oeſterreich gehören, die Türken müſſen es mir wiedergeben. Oh, dieſe Barbaren des Orients haben ſeit mehr denn zweihundert Jahren alle mögliche Treuloſigkeiten gegen meine Vorfahren begangen, Tractate verletzt, ſo oft es ihren Raubgierde gefiel, Verheerungen anzuſtellen, und alle Aufrührer un⸗ terſtützt, die ſich dem rechtmäßigen König entgegenſtellten. Meineidiger Weiſe verletzten ſte alle Friedensbündniſſe, und als ſie in den Ungar⸗ aufſtänden Tökely und Ragotzy gegen meinen Ahn Kaiſer Leopold unterſtützten, mißhandelten ſie die Einwohner von Ungarn auf die grauſamſte Art. Die Zeit iſt gekommen, wo ich als Rächer der Menſchheit auftrete, wo ich es über mich nehme, Europa für die 7 *) Des Kaiſers eigene Worte. Siehe Groß⸗Hoffinger III. **) Des Kaiſers eigene Worte. Siehe Groß⸗Hoffinger III. && um ſich . 4 Joſeph. mpfen, ortheil, eſchützt d dann it dem vard.*) ndern; n, daß erſchaft in, als ch mei⸗ Schwert en, ich on den ſeinem n, die Drients gkeiten 3 ihrer er un⸗ eidiger Ungar⸗ eopold nuf die zjer der für die 127 Drangſale zu entſchädigen, die es ehemals von den Türken erdulden mußte, und wo ich es hoffe, dahin zu bringen, daß ich die Welt von einem Geſchlecht Barbaren reinige, die ihr ſo lange zur Geißel ge⸗ worden!*) Und mir wollen Ew. Majeſtät die ſtolze Freude gönnen, rief Lach, daß ich in dieſem großen Kampf der Cultur und des Chriſten⸗ thums gegen den Moslem und das Barbarenthum Ew. Majeſtät zur Seite ſtehen, mit Ihnen fechten, mit Ihnen ſitegen darf! Dies iſt eine Gnade, die ich Ew. Majeſtät lohnen will mit dem letzten Tropfen meines Blutes, wenn das Schickſal mir vergönnen will, es für Sie auf dem Schlachtfelde zu vergießen! Der Kaiſer reichte ihm ſeine Hand dar und nickte ihm freundlich zu. Ich wußte, daß Sie das freuen würde, Lach, und daß Sie gern mit mir hinausziehen in's Feld. Diesmal wird's kein Zwetſchken⸗ rummel werden, ſondern ein ernſter, wirklicher Krieg. Wir ſind ge⸗ rüſtet und alſo mag der Kampf beginnen! Jetzt zu den Vorberei⸗ tungen! In einer Stunde muß der Courier abgehen, welcher mein Kriegsmanifeſt an die Pforte bringt. Nein, Lacy, fuhr der Kaiſer fort, als Lach Miene machte, ſich zurückzuziehen, als mein erſter com⸗ mandirender General müſſen Sie den Stand der Angelegenheiten genau kennen, und ich bitte Sie daher, hier zu bleiben und den bei⸗ den Manifeſten zuzuhören, die ich jetzt meinem Secretair dictiren will. Das erſte iſt an die Pforte gerichtet, und bringt ihr meine Kriegserklärung. Das zweite iſt eigentlich kein Manifeſt, ſondern ein Brief, und zwar an den König Friedrich Wilhelm den Zweiten, den Nachfolger des großen Friedrich. Se. preußiſche Majeſtät, in geiſtvoller Vorausahnung, daß ich jetzt nicht länger zögern würde, auch meinerſeits der Pforte den Krieg zu erklären, hat geruht, ſich freundſchaftlichſt an mich zu wenden und mir ſeine Vermittelungen zwiſchen mir und der Pforte anzubieten! Ich habe ſeinen Vermitte⸗ lungsbrief ſo eben durch einen erpreſſen Courier erhalten und will ihn ſogleich beantworten! Haben Sie die Güte, mir zuzuhören und dann mir zu ſagen, ob Sie mit meiner Antwort einverſtanden ſind! *) Des Kaiſers eigene Worte. Siehe: Briefe Joſeph II. S. 135. Lacy verneigte ſich, und Joſeph öffnete die Thür des Kabinets, um einen ſeiner Geheim⸗Secretaire in ſein Kabinet zu rufen. Setzen Sie Sich und ſchreiben Sie, was ich Ihnen dietiren werde, ſagte der Kaiſer, als der Secretair eintrat. Dieſer nahm vor dem großen, mit Papieren beladenen Schreib⸗ tiſch des Kaiſers Platz und harrte mit der Feder in der Hand des kaiſerlichen Wortes. Lacy durchſchritt leiſe auf den Zehen das Ge⸗ mach und zog ſich in die Fenſterniſche zurück, um dort, die Arme über der Bruſt zuſammengeſchlagen, das edle, ernſte Antlitz halb be⸗ ſchattet von den dunkelrothen Fenſtervorhängen, zuzuhören. Joſeph aber ging unruhig und mit haſtigen Schritten auf und ab, und dictirte mit raſcher, zürnender Stimme das Manifeſt an die Pforte, in welchem er, hinweiſend auf die Verträge mitt Rußland und auf das Scheitern ſeiner Vermittelungsverſuche, der Pforte an⸗ zeigte,„daß er nunmehr ſich veranlaßt und genöthigt ſehe, die ihm felber und als getreuen Freunde und Alliirten der Kaiſerin von Ruß⸗ land obliegenden Pflichten in die vollſtändigſte Erfüllung zu bringen und an dem Kriege unverzüglichen, wirklichen Antheil zu nehmen.“*) Jetzt, ſagte Joſeph zu ſeinem Secretair, als das Manifeſt been⸗ digt war, jetzt nehmen Sie ein anderes Blatt und ſchreiben Sie: An Se. Majeſtät den König von Preußen.— Er ging eine Zeit lang, die Hände auf dem Rücken gefaltet, ſinnend und tief ernſt auf und ab. Dann begann er mit lauter Stimme, und ſo raſch und heftig, daß der Secretair kaum mit flüchtigen Zügen und Zeichen ſeinen Worten zu folgen vermochte. „Mein Herr Bruder! In der That, es iſt die unangenehmſte Aeußerung, die ich zu machen genöthigt bin, daß ich Ew. Majeſtät die angebotene Vermittelung in Anſehung der mit der Pforte entſtande⸗ nen Irrungen auf das freundſchaftlichſte verbitten muß. Ich muß den Degen ziehen, und er wird nicht wieder in die Scheide kommen, bis ich Genugthuung, bis ich wieder habe, was man meinem Hauſe entzogen hat. Ew. Majeſtät ſind Monarch, und als Solchem ſind Ihnen die Rechte der Könige nicht unbekannt. Und iſt die Unter⸗ nehmung gegen die Ottomanen etwas Anderes, als ein wiedergeſuchtes *) Hübner. II. S. 468. Rech. Zeit Nari ſie gi dem Vorſe T Größ das4 dem ſten; als d L Euro⸗ Oeſte lorne dem darau Aache einen Haté dieſen einen die g tgkeit minde travef ich be der gegen einig Kaiſe inets, etiren te an⸗ e ihm Ruß⸗ ringen en.*) been⸗ Sie: e Zeit nſt auf ch und Zeichen nehmſte ſtät die ſtande⸗ h muß ommen, Hauſe m ſind Unter⸗ ſſuchtes 129 Recht auf einige meinem Hauſe entriſſenen P Zeit, Schickſal und Verhängniß me „Die Türken,(und vielleicht nicht ſte allein Marime, das, was ſie in widrigen Zeiten verloren, ſie günſtigen Gelegenheit wieder zu ſuchen,— d dem Schickſal ſeinen Lauf und unterw Vorſehung.“ „Das Haus Hohenzollern iſt au rovinzen, deren Beſitz iner Krone geraubt hat?“ „) haben es zur bei der erſten für as heißt, man läßt irft ſich den Fügungen der f eben die Art zum Gipfel ſeiner Größe gelangt.— Albrecht von Brandenburg entriß ſeinem Orden das Herzogthum Preußen, und ſeine Nachfolger behaupteten ſogar in dem Frieden zu Oliva die Souveralhetät über dieſes Land.“ „Eurer Majeſtät verſtorbener Oncle entzog meiner Mutter Schle⸗ ſien zu ein Zeit, da ſie, von Feinden umringt, keinen andern Schutz als die Größe ihrer Seele und die Treue ihres Volkes hatte.“ „Was haben die Höfe, die dermalen von dem Gleichgewicht in Europa ſo viel Poſaunens machen, was haben dieſe dem Hauſe Oeſterreich zum Aequivalent ſeiner nur in dieſem Jahrhundert ver⸗ lornen Beſitzungen gethan?“ „Meine Vorfahren mußten im Utrechter Frieden Spanien— in dem zu Wien die Königreiche Neapel und Sicilien— etliche Jahre darauf Belgrad und die Fürſtenthümer in Schleſten, in dem zu Aachen Parma, Piacenza, Guaſtalla, und vorher noch Tortona und einen Theil der öſterreichiſchen Lombardei an ihre Nachbarn überlaſſen. Hat Oeſterreich dafür eine andere Acquiſition von Wichtigkeit binnen dieſem Jahrhundert des Verluſtes gemacht?“ „Einen Theil vom Königreich Polen! einen beſſern Antheil als ich.“— „Ich hoffe, daß Ew. Majeſtät die Urſachen meines Entſchluſſes, die Pforte zu bekriegen, ſehr einleuchtend finden, daß Sie die Gerech⸗ tigkeit meiner Anſprüche nicht verkennen werden, und daß Sie nicht minder mein Freund ſein werden, wenn ich auch die Orientalen etwas traveſtire. Ew. Majeſtät können Sich von mir verſichert halten, daß ich bei ähnlichen Gelegenheiten die nämlichen Grunkine Luſt, ſondern der Erwerbungswege ſeiner verlornen Beſitzunen, und dann zuletzt gegen mich anwenden laſſe, und daß jetzt all einige Jahre Ruhe haben.“ I. S. 184. Kaiſer Joſeph. 3. Abth. IV. 9* Und hiervon hat Preußen 130 „Ich empfehle mich der Fortdauer Ihrer Freundſchaft und bin mit vieler Hochachtung Ew. Majeſtät Freund und guter Bruder Joſeph.“*) Nachdem der Kaiſer dieſen Brief zu Ende dictirt, winkte er dem Secretair hinaus zu gehen, und ließ ſich erſchöpft und hoch auf⸗ athmend in einen Lehnſtuhl niedergleiten. Nun, Lacy, ſagte er nach einer Pauſe, ſind Sie zufrieden mit meinem Brief? Hat derſelbe, wie ich es wünſchte, auch Sie über⸗ zeugt, daß ich eine Art von Pflicht, jedenfalls aber das Recht habe, mein Schwerdt zu ziehen, und es gegen die Moslems zu richten? Sire, ſagte der Feldmarſchall, ſich dem Kaiſer nähernd, ich danke Ew. Majeſtät von ganzer Seele, daß Sie mir geſtatteten, dieſem Brief an den König von Preußen zuzuhören, und ich weiß nicht, was ich, während Ew. Majeſtät dictirten, mehr bewundert habe, Ihre allzeit präſente Kenntniß der Geſchichte Ihres Hauſes, oder die ruhige Schärfe Ihrer Darſtellung. Das aber weiß ich, daß wenn Ew. Majeſtät mich auch nicht aufgefordert hätten, Sie zu begleiten, ja, wenn Sie es mir ſelbſt verbieten wollten an dieſem Feldzug Theil zu nehmen, ich jetzt zum erſten Mal in meinem Leben Ew. Majeſtät ungehorſam ſein würde, und als gemeiner Soldat verkleidet dieſen Krieg mitmachen würde, wenn Ew. Majeſtät mir unterſagten, es auf andere Weiſe zu thun. Das iſt mein Lacy, mein tapferer Freund, rief der Kaiſer, dem Grafen ſeine beiden Hände darreichend. Auf denn an's Werk. Er⸗ theilen Sie heute noch Ihre Ordres, ſetzen Sie die Regimenter in In zwei Tagen müſſen zweimalhunderttauſend Mann d ſich in ſechs Heeres⸗Colonnen den Grenzen nähern. ſen wir einen Rieſen⸗ Bewegung. marſchiren, un Vom DOnieſter bis zum adriatiſchen Meer müſ cordon ziehen, um unſere Grenzen gegen die türkiſchen Räuberhorden Die Hauptarmee aber rückt vorwärts auf Semlin und Wir beide führen die Hauptarmee, und ſchon in drei Tagen müſſen wir aufbrechen und— nein, unterbrach ſich der Kaiſer, Jy.d der Glanz ſeiner Augen erloſch plötzlich, nein, in drei Tagen nehmung gegen die Wrt. Ich muß erſt alle meine Anordnungen treffen, zu ſichern. Futak zu. *) Hübner. II. S. 468. voſeph II. S. 121 folg. muß die R fertig. Tag beſchw mahne unrege ſo wie danke n Brief as ich, allzeit Schärfe t mich G. ie es en, ich im ſein machen Weiſe nter in Mann nähern. Rieſen⸗ rhorden liu und in drei 8 31 muß erſt abſchließen mit allen Beziehungen des Lebens, muß reiſe fertig ſein, um, wenn es ſein muß, die große Reiſe in das Jenſeits antreten zu können, muß mich erſt losreißen von Allem, was mir theuer iſt, und dem letzten Traum meines Lebens entſagen! In acht Tagen, Lacy, gehen wir zur Armee ab, die uns immerhin langſam vorangehen mag! Oh, und wenn wir erſt im Feldlager ſind, dann werden wir nicht Zeit haben, unſerer Träume und unſerer Schmerzen zu gedenken, und das iſt am Ende auch ein Glück! V. Die Trauung und Trennung. Die acht Tage waren verfloſſen, alle Geſchäfte waren beendet, die Regimenter waren ausgerückt und auch der Kaiſer war jetzt reiſe⸗ fertig. Er hatte in dieſen acht Tagen raſtlos gearbeitet, hatte ſich Tag und Nacht keine Ruhe gegönnt, und wenn ſeine Freunde ihn beſchworen, ſich zu ſchonen, wenn ſein Leibarzt es wagte ihn zu er⸗ mahnen, mehr Sorgfalt auf ſeine Geſundheit zu verwenden, und von unregelmäßigem Puls und von Fieberröthe auf den Wangen ſprach, ſo wies Joſeph alle dieſe Mahnungen kopfſchüttelnd und mit einem ſanften Lächeln zurück. Der Staat hat mich nicht zum Kaiſer gemacht, ſagte er, damit ich meines Leibes pflege und an mein Wohlergehen denke, ſondern damit ich für ihn arbeite, und ſeinem Wohlergehen jede Stunde meines Lebens weihe. Ich bin nur der erſte Beamte meines Staates, und wenn ich nicht m hr die Kraft habe, meine Schuldigkeit zu thun, ſo muß ich mich penſtoniren laſſen und in ein Kloſter gehen, wie Carl der Fünfte.*) Dazu habe ich aber noch gar keine Luſt, ſondern ich möchte gern noch ein wenig als Kaiſer le ben, und dann zuletzt *) Des Kaiſers eigene Worte. Siehe Hübner I. S. 184. — — auch als Kaiſer ſterben! Laſſen Sie mich alſo immerhin meine Pflicht thun. Aber, Sire, ſagte der Leibarzt, Dingen auch die Pflicht, Sich Ihrem Volk zu erhalten. wenn das ſo fortgeht. Ew. Majeſtät Wangen ſind eingefallen, die Lippen Herr von Quarin, Sie haben —ᷣ vor allen Und Sie werden krank werden, haben heute heftiges Fieber, die brennen, und die Augen glühen fieberhaft. Geben Sie mir kühlende Tränke, Doctor, vielleicht kühlt das mein brennendes Herz, rief der Kaiſer mit einer ſchmerzlichen Ironie. Kühlende Tränke ſind nicht genügend, Sire, ſagte Herr von Quarin. Der Schlaf iſt die Hauptarzenei, welche Ew. Majeſtät be⸗ dürfen, und Ew. Majeſtät ſchlafen zu wenig. Ich mag nicht ſchlafen, ſagte der Kaiſer düſter vor ſich hin. Der Schlaf bringt mir Träume, die ich fürchte, weil ſte ſchön ſind. Und ich mag nicht von einem Glücke träumen, das ich im Wachen nicht beſitzen kann! Der Kammerdiener hat mir Nacht gar nicht geſchlafen haben! Der Kammerdiener iſt ein Schwätzer, der nichts davon weiß, rief Joſeph haſtig. Er weiß indeſſen, daß geſagt, daß Ew. Majeſtät die vorige Ew. Majeſtät gar nicht Ihr Bett be⸗ rührten! Nun ſo habe ich im Lehnſtuhl geſchlafen!— Nein, fuhr der Kaiſer nach einer kleinen Pauſe mit weicherem Tone fort, nein, ich will Ihnen die Wahrheit ſagen, Quarin, ich habe wirklich dieſe Nacht nicht geſchlafen. Ich hatte eine ſchwere Arbeit zu vollenden, und ich durfte Wien nicht verlaſſen, bevor ich damit fertig war. Ich habe mein Teſtament gemacht! Ihr Teſtament? fragte Herr fürchten doch nicht— Ich fürchte gar nichts, unterbrach ihn der Kaiſer, ſelbſt nicht den Tod. Oh, es muß ſchön ſein, todt zu ſein, denn dann iſt es vorbei mit allem Fieber und mit allen Träumen, und man ſchläft entweder den ewigen Schlaf, oder man iſt ſelig im ewigen Leben und den Tod nicht, aber ich mußte mein Haus Wachen! Nein, ich fürchte d Die Kugeln haben gar keinen von Quarin entſetzt. Ew. Majeſtät ordnen, und mich auf ihn vorbereiten. Reſpe Kaiſer nüchſte weiche zur er ſicht, werder liebrei Junge meine Kind. Kinde es mi 4 um ei G fragte das möcht gleite, Kaiſen von keinen doch nicht Und welche Sie q viele In zu Geſch bring meine zjeſtät ippen tdas ronie. r von at be⸗ weiß⸗ ett be⸗ ühr der ein, ich ſe Nacht und ich ch habe Mazeſtät öſt nicht nn iſt es i ſchlüſt en und C„4 Haus ein koinel „ inen ar keln 133 Reſpect, und wiſſen nichts von dem Ceremoniell, daß man einem Kaiſer nicht unangemeldet nahen darf. Und ich denke, es ſollen in nächſter Zeit ſehr viel Kugeln fliegen, und ich werd' ihnen nicht aus⸗ weichen. So könnte es alſo ſein, daß eine von ihnen mein Haupt zur ewigen Ruhe legte. Machen Sie nicht ein ſo jammervolles Ge⸗ ſicht, Doctor! L'empereur est mort! Vive l'empereur! Und Sie werden einen lieben jungen Kaiſer haben nach mir, und eine ſchöne, liebreizende Kaiſerin, iſt das nicht beſſer als einen mürriſchen alten Junggeſellen, wie ich es bin? Der Franz iſt jetzt mein Stolz und meine Freude, und ſeine Gemahlin Eliſabeth liebe ich wie mein eigen Kind. Ich mußte alſo wohl mein Teſtament machen und für meine Kinder ſorgen. Doctor, ſind Sie nun zufrieden, und verzeihen Sie es mir jetzt, daß ich die Nacht nicht geſchlafen habe? Ich habe nichts zu verzeihen, Sire, ich habe nur zu bitten. Und um eine Gnade möchte ich Ew. Majeſtät jetzt in dieſer Stunde bitten. Sie wollen mir Arzeneien und Latwerge mitgeben, nicht wahr? fragte der Kaiſer lachend. Oh, ich ſeh's an Ihrem Geſicht, daß Sie das wollen, eine ganze Apotheke liegt in Ihren Mienen! Nein, Sire, ich möchte Ew. Majeſtät mich ſelber mitgeben, ich möchte Sie beſchwören, mir zu erlauben, daß ich Ew. Majeſtät be⸗ gleite, damit ich zur Hand bin, wenn irgend etwas geſchieht! Nein, Quarin, ich kann Ihnen dies nicht gewähren, ſagte der Kaiſer ernſt. Es wäre zu viel Egoismus von mir, denn Tauſende von Menſchen würden Sie hier entbehren, und ich— würde doch keinen Vortheil von Ihnen haben, denn mein Unwohlſein dürfte ich doch nicht beachten. Sie wiſſen ja, ein Soldat im Felde läßt ſich nicht krank melden, damit man ihn nicht der Feigheit beſchuldige! Und wenn eine Kugel mich niederwirft, ſo ſind ja die Chirurgen da, welche mich ſo gut verbinden werden, wie meine Soldaten. Bleiben Sie alſo hier, Quarin, und gedenken Sie meiner, indem Sie rech. viele Kranke geſund machen! Und jetzt leben Sie wohl, Quarin! In zwei Stunden reiſe ich ab! Und vorher habe ich noch zwei wichtige Geſchäfte; zuerſt muß ich zum Fürſten Kaunitz und ihm mein Teſtament bringen. Ew. Majeſtät wiſſen doch, daß der Fürſt neulich die Gräfin Clary 134 faſt geſchlagen, und ſie acht Tage von ſeinem Angeſicht verbannt hat, weil ſie das Wort„Teſtament“ in ſeiner Gegenwart ausgeſprochen hat? Ich weiß es, und werde mich wohl hüten, mich in eine ähnliche Gefahr zu bringen, rief der Kaiſer lächelnd. Ich werde nicht von meinem Teſtament ſprechen, ſondern ich werde ſagen, ich bringe Ihnen hier meinen Friedenstractat mit dem Leben! Seltſames Leben, fuhr der Kaiſer ſinnend fort, ſo bunt und wechſelnd wie ein Kaleidoſcop! Zuerſt beſorge ich jetzt mein Teſtament und übergebe die Regierung an Kaunitz, dann wohne ich einer Trauung bei, und dann— dann geht's in den Kampf mit den Türken! Leben Sie wohl, Quarin, auf Wieder⸗ ſehen hier unten oder dort oben! Eine Stunde ſpäter begab ſich der Kaiſer, heimkehrend, in die Kapelle der Burg. Er hatte ſeine Staatsuniform angelegt, und war geſchmückt mit allen ſeinen Orden. Nur bei außer⸗ ordentlich feſtlichen Gelegenheiten pflegte der Ka iſer ſich ſo zu ſchmücken, und ſeit der Vermählung ſeines Neffen Franz mit der Prinzeſſin Eliſabeth von Würtemberg hatte man ihn nicht in ſo glänzender Toilette geſehen. Aber heute war ſein Antl vom Fürſten Kaunitz itz nicht ſo heiter und freudig ſtrahlend, wie es an jenem Tage geweſen, heute war ſein Blick ernſt und finſter und als er in die Kapelle eintrat, und da drüben vor dem Altar die Braut gewahrte, welche in ihren weißen Gewändern, umwallt von dem weißen Spitzenſchleier, der von ihrem Haupt niederfiel, vor dem Altar ſtand, da überdeckte eine tödtliche Bläſſe das Antlitz des Kaiſers, und er mußte ſich an eine der Säulen lehnen, um nicht umzuſinken. Aber dies dauerte nur einen Moment, dann ſchritt der Kaiſer vor⸗ wärts zu dem Brautpaar hin, das da, Verwandten und Freunden, vor dem Altar ſtand, und nur des Kaiſers geharrt hatte, um die Ceremonie beginnen zu laſſen. Der Kaiſer näherte ſich dem Grafen Dietrichſtein, und begrüßte ihn freundlich, dann wandte er ſich zu dem Grafen Kinsky und reichte ihm ſeine Hand dar. Aber der Graf ſchien dies nicht zu ſehen, er verneigte ſich ſteif und ceremoniell vor dem Kaiſer, der mit einem ſchmerzlichen Lächeln ſeine Hand zurückzog. Noch nicht einen Blick hatte er auf Thereſe geworfen, auf die bleiche, zitternde⸗Braut, die eben ſich auf einen der Seſſel hatte nie⸗ der umgeben von den nächſten nach Nuch Auch Keop Trau Ior Wieder⸗ Kaunitz uniform Kaiſers, nuſinken. iſer vor⸗ nächſten Kaiſers begrüßte nd d eichte ſehen, r nit einem auf die hatte nib⸗ 135 derſetzen müſſen, und um welche die Damen mit Flacons und Eſſen⸗ zen beſchäftigt waren, denn Thereſe hatte ſo eben einen Anfall von Ohnmacht gehabt, und es ſchien, als würde ſich derſelbe erneuern. Die Comteſſe Dietrichſtein, die Tante Thereſen's, gab indeſſen den Anweſenden eine genügende Erklärung dieſer Ohnmacht. Thereſe hatte von Kindheit an eine unüberwindliche Scheu vor Gewittern und jeder zuckende Blitz hatte auch ihren zarten Körper zucken ge⸗ macht. Und es ſtand ein Gewitter am Himmel, eins jener ſeltenen Früh⸗ lingsgewitter, die mit ſo donnerndem Jauchzen daher rollen, als wolle der Frühlingsgott der g eit verkünden, daß der Winter wieder verſchwunden, und er unter Fanfaren und Wetter⸗ leuchten wieder einziehe in ſeine Welt. Der ganze Himmel war be⸗ deckt mit ſchwarzen Wolken, die nächtige Schatten in die düſtere Kapelle hineinwarfen;zs durch die hohen gemalten Fenſter zuckte Blitz auf Blitz, und der rollende Donner ſchien die Erde erbeben zu machen. Aber man hatte nicht Zeit, das Ende des Gewitters abzuwarten, denn die Reiſewagen ſtanden bereit, ſowohl für den Kaiſer als auch für den Grafen Dietrichſtein und für das junge Paar, das gleich nach der Trauung nach ſeinen Gütern in Tyrol abreiſen wollte. Auch ſtand Thereſen's Oheim, der Fürſtbiſchof von Paſſau, Graf Leopold von Thun, der auf ausdrücklichen Wunſch der Braut die Trauung verrichten ſollte, ſchon umgeben vo m Prälaten und Kapla⸗ nen vor dem Altar und harrte des Brautpaars. Graf Dietrichſtein näherte ſich alſo ſeiner Tochter und flüſterte ihr einige Worte in's Ohr. Sie nickte leiſe mit dem Haupt und erhob ſich raſch von ihrem Seſſel, aber ihre Geſtalt ſchwankte hin und her, und ihr Antlitz war bleich, wie das einer Todten. Thereſe konnte ja dus Rollen des Donners nicht ertragen, und eben erſchütterte ein majeſtätiſcher Donner die Mauern und machte die Fenſter klirren, und eben zuckte ein ſo gewaltiger Blitz daher, daß der Kaiſer, der ſich eben der Braut näherte, wie in einem Flammen⸗ meer daſtand. Aber ihn hinderte dieſes Toſen der Elemente nicht, er ſchritt vorwärts mit erhobenem Haupt und ſtolzer Haltung, gerade zu Thereſen hin. Ohne ein Wort, einen Zlick verneigte er ſich vor ihr und reichte ihr dann ſeine Hand dar. anzen Menſchh 7 Thereſe legte langſam und todesmatt die ihre hinein, und zuckte zuſammen vor der Fiebergluth, die aus des Kaiſers Hand in ihre eiskalten erſtarrten Finger ſich übertrug. Der Kaiſer führte ſte zum Altar, hinter ihnen ging Graf Dietrichſtein mit ſeiner Schweſter, in ihrer Beider Mitte Graf Kinsky, deſſen düſtere Blicke mit einem fin⸗ ſtern zornigen Ausdruck bald auf den Kaiſer, bald auf ſeine Braut ſich richteten, und jede ihrer Bewegungen, jeden ihrer Schritte zu überwachen ſchienen. Aber ſie ſahen ſich gar nicht an, nicht ein einziges Mal wandte der Kaiſer ſein Haupt ſeitwärts und blickte auf ſie hin, nicht ein ein⸗ ziges Mal richtete Thereſe ihr geſenktes Haupt empor. Nur der Druck ſeiner Hand, nur das Beben der ihren mochte ihnen Beiden verrathen, was ſie Beide empfanden. Jetzt ſtanden ſie vor dem Altar, jetzt nahm der Kaiſer Thereſen's Hand und winkte den Grafen Philipp von Kinsky näher herzu und legte die kalle willenloſe Hand der Braut in die ſeine— dann trat er zur Seite. Der Fürſtbiſchof begann ſeine Rede, und der Himmel ſchien der bleichen ſchwankenden Braut mit ſeinem rollenden Donner die Gegen⸗ wart Gottes verkünden zu wollen, und ihr ſeine zuckenden Blitze als Hochzeitsfackeln zu ſenden. Die Trauung war zu Ende, der Biſchof ſprach den Segen, und alle Anweſenden ſanken auf ihre Kniee nieder. Neben der Braut knieete der Kaiſer. Gemeinſam ſtiegen ihre Gebete zum Himmel empor. in Einem Seufzer, in Einem Gedanken ſchwangen ſie ſich aufwärts. Sie beteten für einander, das fühlten und wußten ſie Beide, und darum ſtrahlte Thereſen's Antlitz jetzt in ſchwärmeriſcher Begeiſterung, und darum waren die Augen des Kaiſers feucht von Thränen! Aber er drückte ſie ſchnell in ſeine Augen zurück und erhob ſich von ſeinen Knieen, wie es die Andern thaten, und näherte ſich der Braut, um ihr ſeinen Glückwunſch darzubringen. Der Donner rollte eben ſo mächtig, daß Niemand die Worte verſtand, welche der Kaiſer zu ihr ſagte. Sie allein verſtand ſie, ſie allein hörte, wie er leiſe ſagte:„Lebewohl, Thereſe! Dort oben biſt Du mein!“ 4 4 3 ausſpe T fin K trat e Graf noch allein fen, d 4 die C ( büſter Ichh G nicht Antlit hielte ( Sie: ſind Sage „ Gott ner C etzt r Sie die ei gel it zuckte ihre ezum er, in fin⸗ Braut te zu andte ein⸗ r der Zeiden teſen's mund trat en der hegen⸗ he als „und Braut mpor. wärts. und erung, 1 ob ſich ich der Worte ſie, ſie en biſt 137 Ja, dort oben! flüſterte ſie leiſe, und mit einem Ausdruck un⸗ ausſprechlicher Sehnſucht richteten ſich ihre Blicke zum Himmel empor. Der Kaiſer ließ ihre Hand fahren, und wandte ſich an den Gra⸗ fen Kinsky. Herr Graf, auf ein Wort! ſagte er gebieteriſch, und er trat einige Schritte zurück aus dem Kreis der Herren und Damen. Graf Kinsky folgte zögernd und mit finſtern Blicken dem Kaiſer, der noch einige Schritte weiter ging bis zu dem Seitenſchiff hin, wo ſte allein waren und Niemand ſtie hören konnte. Hier blieb der Kaiſer ſtehen und wandte ſich um nach dem Gra⸗ fen, der ſchweigend und finſter ihn anſchauete. Herr Graf Kinsky, ſagte der Kaiſer ernſt und feierlich, Sie lieben die Gräfin Thereſe? Der Graf ſchwieg einen Moment, und ſein Antlitz ward noch düſterer, und ein trauriges Lächeln zuckte um ſeine blaſſen Lippen. Ich habe ſie ſehr geliebt, ſagte er dumpf. Sie haben ſie geliebt, wiederholte der Kaiſer. Sie lieben ſie nicht mehr? Nein, ich liebe ſie nicht mehr! Wann iſt Ihre Liebe erloſchen, Graf? Heute vor acht Tagen, Ew. Majeſtät! 4 Er ſah dem Kaiſer mit einem drohenden Zornesblick feſt in's Antlitz, aber Joſeph ſchien das nicht zu bemerken. Seine Augen be⸗ hielten ihren milden, ſanften Ausdruck. Graf, ſagte er nach einer kleinen Pauſe, nicht wahr, obwohl Sie mir grollen, halten Sie mich doch für einen Ehrenmann und ſind überzeugt, daß ich niemals einen Meineid ſchwören würde? Sagen Sie, ſind Sie deſſen überzeugt? Ja, Sire, vollkommen überzeugt! Nun wohl, fuhr der Kaiſer haſtig fort. Ich ſchwöre Ihnen bei Gott und bei Allem, was mir heilig iſt, ich ſchwöre Ihnen bei mei— ner Ehre als Kaiſer und als Mann, Sie dürfen die Gräfin auch jetzt noch ſo lieben, wie Sie es vor acht Tagen gethan, Sie dürfen Sie ehren und lieben und hochhalten als Ihre Gemahlin und als die einſtige Mutter Ihrer Kinder, denn Thereſe iſt rein, wie die En⸗ gel im Himmel, und ſie darf ohne Vorwurf und ohne Schaam zu Gott aufblicken, ſte hat weder vor ihrem Vater, noch vor ihrem Ge⸗ mahl, noch dereinſt vor ihren Kindern zu erröthen! Ew. Majeſtät müſſen ſehr genau und vertraut auf dem Grunde ihres Herzens geleſen haben, um gut ſagen zu können für die Grä⸗ fin, ſagte der Graf mit einem höhniſchen Lächeln. Der Kaiſer ſah ihn betroffen an. Ah, ſagte er ſchmerzlich, Sie ſind alſo unverſöhnlich. Aber nicht wahr, Sie glauben meinem Ehrenwort? Der Graf verneigte ſich. Ich werde niemals wagen, an dem Ehrenwort meines Kaiſers zu zweifeln. Und Sie werden Ihre Gemahlin, deren Ehre rein iſt wie ein Spiegel, der nie von einem Hauch getrübt worden, Sie werden The⸗ reſe wieder lieben, wie Sie ſie geliebt haben? Die Liebe läßt ſich nicht befehlen, Sire, ich kann mein Lieben und Haſſen nicht wie ein Paar Handſchuhe aus⸗ und anziehen! Haſſen! rief der Kaiſer entſetzt. Mein Gott, es iſt doch unmög⸗ lich, daß Sie die Frau haſſen, welcher Sie eben vor dem Altar Ihre Treue und Liebe gelobt? Weshalb haben Sie denn der Gräfin Sich vermählt, wenn Sie ſie jetzt, heute haſſen? / Sire, heute vor acht Tagen befahlen mir Ew. Majeſtät, die Com⸗ teſſe Thereſe von Dietrichſtein an dieſem Tage zu heirathen. Ich habe mich als gehorſamer Unterthan, als dienſtbereiter Edelmann und Cavalier dieſem Befehl nicht entziehen wollen! Ich habe der Com⸗ teſſe Thereſe meine Hand gereicht. Und Sie werden glücklich durch ſie werden, Graf, ſagte der Kai⸗ ſer trübe. Ihre Liebe wird verzeihen, und Ihre Gemahlin wird Ihren beleidigten Stolz zu heilen wiſſen. Sein Sie milde und ſanft mit ihr, Graf, denn ihr Herz, glaube ich, iſt krank und bedarf einiger Schonung. Der Graf verneigte ſich ſchweigend. Wollen mir Ew. Majeſtät erlauben, eine Bitte an Sie zu richten? fragte er dann. Es wird mich freuen, Ihnen irgend einen Wunſch gewähren zu können! rief der Kaiſer lebhaft. Bitten Sie alſo. Ich bitte Ew. Majeſtät um die Gnade mir Ihr Ehrenwort zu geben, daß Sie auf eine Frage, die ich mir erlauben will, an Sie zu richten, mir mit der vollen unverkürzten Wahrheit antworten wollen. m Ge⸗ Drunde Grä⸗ „, Sie neinem n dem Lieben m umög⸗ ar Ihre in Sich le Com⸗ ch habe nn und r Com⸗ der Kai⸗ d Ihren anft mit einiget Majeſät ähren zu wort zu an Sie wollen. 13 9 Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, ſagte der Kaiſer ruhig Fragen Sie! Was ſagten Ew. Majeſtät vorher zu der Gräfin, als das Cexe⸗ moniell beendet war, und was antwortete ſte Eurer Majeſtät? Der Kaiſer ſah den Grafen betroffen und verwirrt an, und ant⸗ wortete nicht. Ew. Majeſtät hatten die Gnade, mir Ihr Ehrenwort zu geben, daß Sie meine Frage mit der vollen Wahrheit beantworten wollten. Ja, Herr Graf, ich gab Ihnen mein Ehrenwort, und ich werde s halten. Ich ſagte: Lebe wohl, Thereſe! Dort oben biſt Du mein! Ew. Majeſtät hatten alſo die Gnade, meine Gemahlin zu dutzen! Und ſie eniherden Sie erwiderte: Ja, dort oben! Ich danke Ew. Majeſtät, ſagte der Graf ſich tief verneigend. Der Kaiſer nickte leicht mit dem Kopf, und dem Grafen den Rücken zuwendend, kehrte er zu der Geſellſchaft zurück. Einen ein⸗ zigen, raſchen Blick warf er auf Thereſe hin, die im Kreiſe der Damen ſtand, bleich und matt, mit einem ſchmerzvollen Lächeln um die zit⸗ ternden Lippen, dann wandte er ſich an den Grafen Dietrichſtein. Jetzt, Herr Graf, ſagte er, wird es wohl für uns Beide an der Zeit ſein, abzureiſen, denn unſer Beider Urlaub iſt abgelaufen, und wir müſſen, als treue Beamten des Staats unſern Dienſt antreten. Leben Sie wohl, Graf, und möchten wir Beide ſtegreich heimkehren! Addio! Er drückte dem Grafen die Hand, und ſchritt raſch dahin durch die Kapelle, h der Thür, welche in die innern Gemächer der Burg führte.— Eine Viertelſtunde ſpäter rollte ein einfacher Kaleſchwagen aus dem großen innern Hof der Burg. Darin ſaß der Kaiſer, nur be⸗ gleitet von ſeinem General-Adjutanten und einem Kammerdiener. Er begab ſich zur Armee, zu der ſchon einige Tage zuvor der General⸗Feldmarſchall Lacy abgereiſt war. Um dieſelbe Zeit ſtand auch der Reiſewagen bereit, in welchem der Graf von Kinsky mit ſeiner jungen Gemahlin abzureiſen gedachte. Graf Dietrichſtein hatte ſeine Tochter und ſeinen jetzigen Schwie⸗ gerſohn in das Héôtel des Grafen von Kinsky begleitet, dort hatte er 140 Abſchied von ihnen genommen, und dann ſofort ſeine Reiſe nach den Niederlanden angetreten. Thereſe war alſo jetzt allein, ganz dem Willen und der Gewalt ihres Gemahls dahingegeben! Wie ſie das dachte, durchrieſelte ein Schauder ihre ganze Geſtalt, und mit einem angſtvollen Blick ſchaute ſte umher in dem großen düſtern Zimmer, in welchem ſie ſich befand, und das in ſeiner weiten Ausdehnung nur ſpärlich von den zwölf Wachskerzen erleuchtet ward, die auf den bei⸗ den ſilbernen Armleuchtern da auf dem Tiſch brannten. Dieſes düſtere Zimmer ſollte ihr künftiges Wohnzimmer ſein; ſie war eben, nachdem ſie ihre Reiſetoilette beendet, in daſſelbe eingetreten, und erwartete jetzt den Grafen. Sie erwartete ihn mit hochklopfendem Herzen, mit athemloſer Bruſt, es ſchien ihr, als leuchteten aus jedem dunklen Winkel dieſes großen Gemachs ihr ſeine zornige Augen entgegen, als tauchte überall aus der Dunkelheit ſein bleiches drohendes Antlitz hervor. Sie fürchtete ſich, und wußte ſelbſt nicht weshalb, ſie wußte nur, daß der einzige Freund, den ſie erſehnte, den ſie freudig willkommen heißen möchte, der Tod war! Eben öffnete ſich die Seitenthür, und eine dunkle, ganz in einen ſchwarzen Mantel eingehüllte Geſtalt trat ein. Thereſe ſtieß einen Schrei aus und ſank auf einen Seſſel nieder. Graf, Kinsky beantwortete dieſen Schrei mit einem kurzen höh⸗ niſchen Lachen. Fürchten Sie Sich Madame? fragte er, immer näher zu ihr heranſchreitend, und dann mit übereinander geſchlagenen Armen vor ihr ſtehen bleibend, ſeine düſterflammenden Blicke mit zornigem Ausdruck auf ſie gerichtet. Thereſe hob langſam ihre Augen zu ihm empor, und ſah ihn ſtolz und ruhig an. Ich fürchte mich nicht, ſagte ſie, auch dann nicht, wenn Sie gekommen ſind, mich zu tödten. Der Graf lachte laut auf. Ach, Madame, rief er rauh, Sie denken, ich werde es machen, wie der Fürſt Bragation oder der Herzog von Orleans, die Beide ihre ſchönen jungen Frauen erwürgten, weil ſie von ihnen ihre Ehre verletzt glaubten? Beruhigen Sie Sich, Madame, ſolche romantiſche Schreckensgeſchichten gehören dem vorigen Jahrhundert an, in unſerer proſaiſchen und nüchternen Zeit ſucht man 8 ſeine Ehre auf weniger gewaltſame Weiſe rein zu waſchen, und wenn man ſonden Gräft 4 1 Sie 1 und a woller läufig Güte ches werde Arme mit geho mach mich worf daß Reſu Sie Frau Rom und den ruhi Ich ein rich chh den 3 dem le das einem mmer, ig nur n bei⸗ düſtere achdem vartete emloſer dieſes überall Sie aß der heien n einen 5 einen in höh⸗ r näher Armen ornigem ſah ihn m nicht, ih, Sie r Herzog en, weil ſje Sich, vorigen ucht man nd wenn 141 man ſich rächt, ſo geſchieht das nicht durch corſiſches Blutvergießen, ſondern durch Verachtung. Ich bin nur gekommen, um die gnädige Gräfin zu fragen, ob Sie bereit ſind, abzureiſen? Ich bin bereit, ſagte Thereſe ſich langſam erhebend. Und ich darf die Ehre haben, Sie zu Ihrem Wagen zu geleiten? Sie wollen mir das erlauben? Mein Vater hat Sie zu meinem Gemahl ernannt, Herr Graf, und alſo habe ich kein Recht, Ihnen dieſe Erlaubniß zu verweigern. Vorher aber bitte ich die Frau Gräfin, gnädigſt beſtimmen zu wollen, welches meiner Güter die Frau Gräfin Kinsky zu ihrer vor⸗ läufigen Reſidenz erwählen will? Sie haben auch darüber zu beſtimmen, Graf, ich kenne Ihre Güter nicht. So wähle ich für Sie dasjenige meiner Güter in Ungarn, wel⸗ ches am nächſten an der Grenze nach der Türkei liegt, denn dort werden Madame am raſcheſten und leichteſten Nachrichten von der Armee und den Heerführern derſelben haben können. Thereſe antwortete auf dieſe beißende Anſpielung des Grafen nur mit einem ruhigen kalten Blick. Da ich meinem angetrauten Gemahl gehorchen muß, ſagte ſie, ſo werde ich Ihnen das Recht nicht ſtreitig machen dürfen, für mich den Aufenthaltsort zu wählen, und muß mich fügen. Ich hoffe, daß die Frau Gräfin nicht lange dem Zwang unter⸗ worfen ſein wird, ſich meinem Willen zu fügen, ſagte er finſter, und daß die Reiſe, welche ich ſoeben antreten will, zu einem günſtigen Reſultat für uns Beide führen wird. Ich komme nicht bloß, um Sie zu Ihrem Wagen zu führen, ſondern auch, um mich von der Frau Gräfin zu beurlauben, denn ich bin im Begriff, eine Reiſe nach Rom anzutreten. Ich will mich dem heiligen Vater zu Füßen werfen, und ihn um die Gnade anflehen, die Frau Gräfin zu erlöſen von den Feſſeln, die Sie an mich binden. Sie wollen den Papſt um Scheidung anflehen? fragte Thereſe ruhig. Vielleicht können Sie Sich dieſe Mühe ſparen, Herr Graf. Ich bin Ihnen zuvorgekommen. Ich habe ſchon vor meiner Trauung ein ſchriftliches Geſuch um Scheidung an den heiligen Vater ge⸗ richtet, und— 142 Se. Majeſtät hat die Gnade gehabt, Ihr Schreiben durch einen eigenen Courier nach Rom zu befördern, nicht wahr, das wollten Sie ſagen? Thereſe fuhr ruhig, als habe ſie die Unt erbrechung gar nicht gehört, fort: und ich habe dieſes Schreiben ſelbſt an den päpſtlichen Nuntius Monſignore Garampi gegeben. Er hat mir verſprochen, es ſogleich zu befördern, und bei dem heiligen Vater mein dringendes Flehen um Scheidung zu befürworten. Welch ein ſeltenes und muſterhaftes Ehepaar wir ſind, rief der Graf mit einem rauhen Lachen. Wir hegen ſchon jetzt milben Ge⸗ danken, dieſelben Wünſche, und ſehnen uns nach demſelben Ziel! Ich nehme jetzt Abſchied von Ihnen, Madaine, und ich werde nicht eher die Ehre haben, Sie wiederzuſehen, als bis ich Ihnen das Deeret überreichen kann, durch welches der Papſt unſere Scheidung bewilligt. Sie werden mir alsdann ſehr willkommen ſein, ſagte Thereſe ruhig. Wollen Sie jetzt die Güte haben, mich zum Wagen zu geleiten? Ich bitte die Frau Gräfin, mir ihre Arm reichen zu wollen. Nur eins habe ich noch zu bemerken! Ic h hoffe, daß Madame dem Kaiſer beweiſen kann, daß er nicht dürchans nöthig hatte zu dieſer Phraſe: Dort oben biſt Du mein! ſeine Zuflucht zu nehmen. Aber ich bitte, daß Sie ihm dies hier unten doch nicht eher beweiſen, als bis ich die Ehre gehabt, mich Ihnen nach meiner Rückkehr von Rom mit meinen Depe ſchen zu präſentiren. Thereſe hatte nicht die Kraft zu einer Erwiderung. Sie neigte leiſe ihr Haupt, und zwei Thränen glitten langſam über ihre bleichen Wangen nieder. Mit einer ſtummen Verneigung nahm ſie den Arm des Grafen, und ließ ſich von ihm zu dem Wagen führen, auf welchem ſchon die Kammerfrauen und Bedienten ihre Plätze eingenommen. Der Graf hob Thereſen in den Wagen, und machte ſelbſt den Schlag zu. Dann ging er hechen Schrittes zu dem Caleſchwagen, der hinter der großen, hochbeladenen Reiſe⸗Equipage ſtand, und ſchwang ſich hinein. Zu gleicher Zeit donnerten die beiden Wagen von dem Schloß⸗ hof, nur daß ſie nicht dieſelbe Straße einſchlugen, nur daß das junge Ehepaar, welches ſoeben vor Gottes Altar geſchworen, den Weg durch wie H Gema letzt, Kaiſer deſſen Der daß er lich m Kirche gab d Trauu Ja au Iill. und T verme Nape gr öran einen vollien nicht klichen en, es gendes ef der n Ge⸗ ¹ Ich tt eher Deeret villigt. Lhereſe ſen zu wollen. ne dem dieſer Aber en, als n Rom neigte bleichen en Arm velchem zen. öſt den wagen, 143 das Leben gemeinſam zu machen, ihre Ehe damit begann, daß ihre Wege ſich trennten, um ſich nie wieder zu begegnen. Die Gräſin begab ſich auf eins der ungariſchen Güter ihres Gemahls, der Graf fuhr nach Rom, den Papſt um ſeine Scheidung anzuflehen.*) IV. Die Uacht bei Lugos. 4 Das Schickſal ſchien es einmal darauf abgeſehen zu haben, den Muth und die Ausdauer des Kaiſers prüfen zu wollen, und ihn **²*) Der ganze Hergang dieſer Scenen iſt hiſtoriſch. Die„himmliſche Thereſe,“ wie Hormayr ſie nennt, ward wirklich ſo vermählt, und ſo von ihrem jungen Gemahl verlaſſen,„denn,“ ſo ſagen die Geſchichtsbücher,„er glaubte ſich ver⸗ letzt, glaubte an ein mehr als platoniſches Verhältniß zwiſchen ihr und dem Kaiſer, ſchied gleich nach der Trauung von ihr, und eilte nach Rom.“— In⸗ deſſen erfolgte die Scheidung nicht ſo leicht und ſchnell, als Beide gehofft hatten. Der Papſt weigerte ſich, die Scheidung auszuſprechen, vielleicht weil er glaubte, daß er grade den Oeſterreichern, deſſen Kaiſer ihm und der Kirche ſo oft feind⸗ lich und hemmend entgegengetreten, die Unbengſamkeit und Macht der katholiſchen Kirche beweiſen müſſe. Jahre vergingen unter nutzloſen Bemühungen, endlich gab der päpſtliche Nuntius Severoli den Rath, Thereſe möge conſtatiren, die Trauung ſei unter den heftigſten, von Thereſen überhaupt ungeheuer gefürchteten Gewitterſchlägen geſchehen, und ſie ſei während derſelben ſtets halb ohnmächtig und faſt ganz bewußtlos geweſen.— Außerdem gab der Fürſtbiſchof Leopold von Thun das Atteſt:„er habe gar nicht gehört, daß die Ohnmächtige das Ja ausgeſprochen habe.“ Dieſe Erklärungen führten endlich zu dem gewünſchten Ziel. Die Ehe des Grafen Kinsky ward als weſentlich defect, ja null erklärt, und Beide wurden von den Feſſeln derſelben befreit. Nach dem Tode des Kaiſers vermählte ſich Thereſe an den Grafen Max Meerveldt, denſelben, der 1797 mit Napoleon den Frieden von Campo Formio ſchloß.— Siehe Hormayr: Kaiſer Franz und Metternich. Ein Fragment. S. 160 144 ſeine unangreifbare Macht fühlen laſſen. Es widerſtrebte allen ſeinen Wünſchen, es zermürbelte alle ſeine Kraft, es legte ihm die grau⸗ ſamſte Enttäuſchung von allen ſeinen Hoffnungen und Wünſchen auf. Mit dem ſtolzen Gleichmuth der unnahbaren und unangreifbaren Gott⸗ heit ſchien es prüfen zu wollen, wie viel die Kraft eines Sterblichen ertragen, wie viel ein menſchlich Herz zu dulden vermöge! Aufruhr und Empörung bedrohte den Kaiſer in allen ſeinen Pro⸗ vinzen, in den Niederlanden und in Ungarn hatte ſich ſchon die Empörung organiſirt, und bedrohte den Kaiſer mit offenem Abfall, wenn er die alten Prioilegien nicht herſtellen, die alten Verfaſſungen, die er umgeſtürzt zum Wohl ſeines Volkes nicht wieder aufrichten wolle zum Wohl des ſtolzen Adels und der herrſchſüchtigen Geiſtlich⸗ keit, in Tyrol begann das Volk auch ſchon zu murren, und ſchaarte ſich mit drohendem Geſchrei hinter ſeinen Prieſtern, um dieſe, wenn es ſein müſſe, zu vertheidigen gegen den Kaiſer ſelbſt. Auch in Rom hatte man noch nicht Frieden gemacht mit dem Kaiſer, und mit ge⸗ harniſchtem Widerſtand hatte ſich der ganze katholiſche Clerus dem Kaiſer gegenüber geſtellt. Und zu dieſem Allen kam jetzt noch dieſer türkiſche Krieg, der dem Kaiſer und ſeinem Heer wenige vereinzelte Lorbeeren, aber deſto mehr Schmerzen und Krankheiten brachte! Das Schickſal ſchien es darauf abgeſehen zu haben, den Muth und die Ausdauer des Kaiſers zu prüfen! Es bedrohte ihn nicht allein mit Aufruhr und Empörung, mit der Vernichtung aller ſeiner Pläne, es ſandte ſeinem Heer, das in den feuchten Sümpfen zwiſchen der Donau und Save lagerte, in den Sommermonaten eine glühende Hitze, und in Folge derſelben verheerende Krankheiten, die in den Reihen der Regimenter furchtbarer wütheten, als es eine ganze feind⸗ liche Armee in offener Feldſchlacht vermocht hätte. Die Spitäler waren überfüllt, traurig und mißmüthig ſchlichen die Soldaten im Lager umher, und endlich begannen auch ſie zu murren, endlich begann auch in der Armee ein finſterer Geiſt der Un⸗ zufriedenheit und der Inſubordination ſich zu regen, und die Soldaten, beſiegt von dem unſichtbaren Schlachtenführer Tod, der unaufhaltſam in ihren Reihen wüthete, muthlos gemacht durch Krankheiten und Entbehrungen aller Art, die Soldaten verloren die Freudigkeit und Heima L des K er aue gegeni geblich abred um ü vorzu hellig die K zuſtell in B wiede Arme Mach kam der C ſich d ſchütz lager lagt beach denn die ſeinen grau⸗ en auf. Gott⸗ blichen Pro⸗ on die Abfal,, ſungen, frichten eiſtlich⸗ ſchaarte wenn n Rom nit ge⸗ us dem Muth n nicht r ſeiner zwiſchen lühende in den r oldaten, fhaltſam ten und hit und 145 das Vertrauen zu ihren Heerführern, und murrten laut über dieſen läſſigen und unthätigen Krieg, und nannten den Kaiſer und Lach die Urheber deſſelben. Dieſes unthätige Lagerleben empörte ſie, und machte ſie unwirſch und träge, ſte wollten entweder zurück in die Heimath, oder vorwärts dem Feind entgegen! Vorwärts dem Feind entgegen! Das war auch die Sehnſucht des Kaiſers. Und dennoch konnte er ihr nicht genügen, dennoch mußte er auch jetzt wieder, wie im bayerſchen Krieg, unthätig dem Feinde gegenüber lagern mit ſeiner Armee, denn er wartete noch immer ver⸗ geblich auf das Anrücken der Ruſſen, die dem gemeinſamen und ver⸗ abredeten Plan gemäß, ſich mit den Oeſterreichern vereinigen ſollten, um den Grenz⸗Cordon unüberwindlich zu machen, und gemeinſam vorzurücken in die türkiſchen Länder. Aber die Ruſſen zögerten noch immer, denn unerwartete Miß⸗ helligkeiten, die mit den Schweden ausgebrochen waren, nöthigten die Kaiſerin, auch ein Armeekorps an den nördlichen Grenzen auf⸗ zuſtellen, und hinderten ſte, mit gehöriget Kraft in der Moldau und in Beſſarabien aufzutreten. Wieder alſo war der Kaiſer verurtheilt zu zaudern und zu warten, wieder durfte er es nicht wagen, vorwärts zu gehen. Denn ſeine Armee war allein nicht ſtark genug, um der ganzen vereinten türkiſchen Macht zu trotzen. Er mußte warten auf Rußland, und Rußland kam noch immer nicht, und die Hitze, die Krankheiten dauerten fort. Joſeph mußte ſich dem Schickſal, das wieder ein neues Opfer der Entſagung von ihm forderte, unterwerfen! Seine Truppen mußten ſich von allen Seiten aus dem türkiſchen Gebiet zurückziehen, die Ge⸗ ſchütze mußten nach Peterwardein zurückgeführt werden, denn die Be⸗ lagerung von Belgrad, welche des Kaiſers glühender Wunſch geweſen, mußte jetzt vorläufig ganz und gar aufgegeben werden. Und wieder lagerte ſich die Armee in unthätiger Ruhe hin, und die Hitze und die Krankheiten folgten ihnen auch zu ihren neuen L Lager⸗ ſtätten. Immer lauter murrten die Soldaten, immer vernehmlicher klagten ſie den Kaiſer an für alle Leiden, die ſie erduldeten. Sie beachteten es nicht, daß er mit ihnen litt, daß er mehr litt als ſte, denn ſie hatten nur die phyſiſchen Leiden, Er hatte außerdem noch die moraliſchen! Kaiſer Joſeph. 3. Abth. IV. 10 146 Er theilte mit ſeiner Armee jede Gefahr und jede Beſchwerde, jede Entbehrung und jede Noth, er ſorgte für ſie mit unabläſſiger Liebe und Treue. Er legte für ſie Lagerſpitäler an, ließ täglich Wein unter die Mannſchaften vertheilen, ließ Brunnen graben, und mit ungeheuren Koſten von fernher kräftige Nahrungsmittel kommen. Vor Sonnenaufgang mußte exercirt und manoeuvrirt werden, damit die Hitze des Tages die Mannſchaften nicht erſchöpfe. Alles Lager⸗ ceremoniell ward aufgehoben, und ſelbſt die Annäherung des Kaiſers durfte die Soldaten nicht unterbrechen in ihren Beſchäftigungen und in ihrer Ruhe.„Wer liegt, bleibe liegen, wer ſitzt, bleibe ſitzen,“ war der ausdrückliche Befehl des Kaiſers, und Niemand durfte auf ihn ſehen, wenn er durch das Lager ſchritt, mit ſorgſamen, liebevollen Augen hin- und herſpähend, jeden Kranken mit mitleidigen Blicken betrachtend, überall aufmerkend, wo es der Hülfe, der Verbeſſerung bedurfte. Und Niemand ſah auf ihn! Niemand ſah, daß auch auf ihn die tödtliche Luft der Sümpfe, die glühende Hitze, die Entbehrungen und Strapatzen ihre Wirkung ausübten, Niemand wußte, daß das Fieber auch in ſeinem Körper raſ'te, daß es ſeine Kräfte ausdörrte und ſein Blut in Feuerſtrömen durch ſeine Adern jagte. Niemand ſah es, und der Kaiſer klagte zu Niemand. Wenn ſeine Armee ſchlief, arbeitete er. Auch im Feldlager war er immer noch der thätige Regent, welcher nicht bloß für die Armee zu ſorgen und an den Krieg zu denken hatte, ſondern der für alle ſeine Länder und Provinzen der denkende Kopf, die handelnde Hand ſein mußte. Im Lagerzelt arbeitete er daher wie in ſeinenn Kabinet der Burg zu Wien. Alle wichtigen Regierungs⸗Depeſchen mußten ihm von Wien aus geſandt werden, alle Chefs der Hofſtellen mußten ihm ihre Acten ſenden, und von Bergen derſelben umgeben, ſaß er oft inmitten der Nacht vor ſeinem kleinen Arbeitstiſch, umſchwärmt von den Schna⸗ ken, die fürchterliche Plage dieſer Gegenden, die kalte, ſumpfige Nacht⸗ luft einathmend, mit brennenden, dürſtenden Lippen, und arbeitete mit ruhiger Gelaſſenheit und ohne eine Klage an ſeinen Acten und Depeſchen.*) *) Im Wiener Archiv wird eine Depeſche aufbewahrt, welche der Kaiſer Ausde ( vollen ſelber erſchof ſers) bliebe nicht der t zur! Geger verzw Türke einfal Heer. der2 begin Gren Negie Lacy Seite verkü den pilla zurüc dieſe Türk zwerde, läſſiger täglich n, und zmmen. damit Lager⸗ Kaiſers en und ſitzen,“ fte auf hevollen Blicken eſſerung ihn die en und Fieber nd ſein Wenn immer ſorgen Länder mußte. er Burg hm von hm ihre enmitten Schna⸗ Nacht⸗ arbeitete ten und tr Kaiſe 147 Das Schickſal hatte es darauf abgeſehen, den Muth und die Ausdauer des Kaiſers zu prüfen. Einen Lichtblick indeſſen gab es in dieſen trüben und unheils⸗ vollen Tagen. Das war die Einnahme der Feſtung Sabacz; Joſeph ſelber leitete die Belagerung; drei Kanoniere wurden an ſeiner Seite erſchoſſen, die von den Kugeln aufgewirbelte Erde beſpritzte des Kai⸗ ſers Antlitz und ſeine Gewänder,*) aber inmitten des Kugelregens blieb er heiter und ruhig, und ſeit langer Zeit hatte man ſein Antlitz nicht ſo freudig ſtrahlen ſehen, als an dieſem Tage. Aber dies, wie geſagt, war doch nur ein Lichtblick in der Reihe der trüben und düſtern Tage, die ihm folgten, und welche die Armee zur Unthätigkeit, zum Ausharren in dieſen ungeſunden, ſumpfigen Gegenden Siebenbürgens nöthigten. Plötzlich indeſſen ward dieſe verzweiflungsvolle Ruhe durch den Schreckensruf unterbrochen:„die Türken ſind über die Donau gegangen und wollen in das Banat einfallen!“ Nun auf einmal ward Alles lebendig in dem ſiechen, todesmatten Heer. Wie von einer drückenden Laſt befreit, athmete Joſeph auf, der Moment der That war endlich doch gekommen, der Kampf ſollte beginnen! Die Kriegstrompete ſchmetterte durch das Lager und rief die Grenadiere und den größten Theil der Infanterie⸗ und Cavallerie⸗ Regimenter zum Marſch auf, und mit ihnen zogen der Kaiſer und Lacy aus, den Türken entgegen. Aber bald kamen ihnen von allen Seiten fliehende Regimenter entgegen. Mit angſtbleichen Geſichtern verkündeten ſie, der Großvezier habe mit ſeinem Heer an zwei Stellen den Grenz⸗Cordon der Oeſterreicher durchbrochen, der General Pa⸗ pilla habe ſich ſcheu vor ihnen mit ſeinen Truppen und Kanonen zurückgezogen, dadurch ſei eine Lücke im Cordon entſtanden, und durch dieſe wälzten ſich jetzt die raubſüchtigen und wüthenden Schaaren der Türken unter Anführung des Großveziers in das Banat herein. Und wie ein Lauffeuer verbreitete ſich dieſe Kunde von Poſten in der Nacht vor der Einnahme von Sabacz mitten im Walde unter freiem Himmel ausgefertigt hat. Siehe Groß⸗Hoffinger III. S. 464. *) Hübner II. S. 472. 10* 148 zu Poſten, von Lager zu Lager, und von paniſchem Schrecken ge⸗ trieben wich das Heer zurück, immer weiter zurück, denn immer ſahen ſie vor ſich die glühenden Feuerſäulen der Städte und Dörfer, welche den nahenden Schritt der Moslems verkündeten; immer hörten ſie Wehegeſchrei der geängſteten Flüchtlinge, mit blutenden Wunden, mit zer⸗ aher geraſ't kamen, um bei die Luft erzittern von dem welche mit zerfetzten Gewändern, ſchlagenen Gliedern in ganzen Haufen d der Armee des Kaiſers Schutz zu ſuchen gegen dieſe türkiſchen Hor⸗ den, die wie ein beflügeltes Furienheer das Land überſtrömten, überall hin Tod und Verderben brachten, und die Arrièéregarde in ganzen Haufen niederſäbelten. Immer weiter zurück wich das kaiſerliche Heer, denn es hatte nicht die Kraft, nicht die moraliſche und phyſiſche Kraft, dieſen un⸗ geheuren Türkenhorden, die wie toſende und heulende Sturmeswellen daher brauſeten, zu trötzen, es mußte ſich zurückziehen vor dieſer heranſchwellenden Fluth! Immer weiter, weiter zurück wich das kaiſerliche Heer. Jetzt ſtand es bei Lugos, hier ſollte es raſten, denn jetzt glaubte man ſich weit genug von den Türken entſernt, um nach ſo langem, qualvollen und angeſtrengten Marſch einige Stunden der Ruhe und der Erho⸗ lung genießen du können. Mit einem Gefühl unausſprechlichen Be⸗ hagens lagerten ſich die Soldaten, bewaffnet und gerüſtet zum Weiter⸗ marſch, aber voll Sehnſucht nach einigen Stunden Schlafs. Neben den Kanonen legten ſich die Kanoniere, neben ihren geſattelten Pfer⸗ den die Cavalleriſten nieder, in langen Reihen ſank die Infanterie auf die Erde hin, unbekümmert um ihre Feuchtigkeit und Kühle, nur ſelig, endlich die Glieder ſtrecken, endlich ſchlafen zu können! Und der Schlaf kam, die müden Augen der Krieger zu erquicken, und über das ſtille, ſchweigende Lager ſchien der Mond mit ruhiger, ſtiller Klarheit dahin. Der Kaiſer machte noch einen letzten Gang durch das Lager, er ſah, daß überall Friede und Ruhe herrſchte, er prüfte mit ſpähendem Auge nach allen Seiten hin, nirgends ließ ſich eine Rauchſäule, eine Flamme gewahren, nirgends auch vernahm man irgend ein Geräuſch. Die Türken waren fern, die Oeſterreicher konnten alſo ſchlafen! Tiefe Ruhe herrſchte in der ganzen Natur, tiefe Ruhe auch in dem i in ſeit er jet geneh hellen 0 wie a den] mit ei Bild erloſe düſten C ten je der mel deſſel mit mehr dem Nähe ten d um d berau Schl der⸗ Alle dater en ge⸗ ſahen welche ten ſie ͤtlinge, lit zer⸗ um bei n Hor⸗ überall ganzen es hatte ſen un⸗ eswellen rdieſer r. Jetzt nan ſich alvollen r Erho⸗ hen Be⸗ Weiter⸗ Neben en Pfer⸗ nfanterie ihle, nur rquicken, ruhiger, Laget, elr oäͤhendem zule, eine Geräuſch. T fen 4 auch in 149 dem improviſirten Lager der Armee des Kaiſers. Der Kaiſer kehrte in ſeine Lagerſtätte, das heißt, in ſeine Kaleſche zurück. Dort wollte er jetzt einige Stunden ruhen. Die Kälte der Nacht fächelte ſo an⸗ genehm ſeine fieberglühenden Wangen, in der ſternenklaren, mond⸗ hellen Nacht ließ es ſich ſo köſtlich träumen! Der Kaiſer ſchlief nicht, er träumte mit offenen Augen, er ſah, wie allmälig Wolken heranzogen und die Sterne verdüſterten, und den Mond wie mit einem ſchwarzen Trauerſchleier überdeckten, und mit einem trüben Lächeln ſagte er zu ſich ſelber, daß dies ein treues Bild ſei ſeines eigenen Lebens, und daß auch für ihn alle Sterne erloſchen, und jeder Lichtſtrahl von ſchwarzen Trauerſchleiern ver⸗ düſtert ſei! Immer ſchwerer und ſchwerer zogen die Wolken herauf und deck⸗ ten jetzt eine tiefe Nacht über die Erde und über das ſchlafende Heer. Der Kaiſer lag hingeſtreckt in ſeinem Wagen und ſchaute zum Him— mel empor und verſank tiefer in ſeine Träume. Aber nicht Alle ſchliefen im Lager. Drüben am linken Flügel deſſelben, da ging es lebendig her, da hatten ſich um einen Wagen mit Branntwein Huſaren gelagert und tranken in langen Zügen, mehr Stärkung erhoffend von dem berauſchenden Getränk, als von dem Schlaf. Und auch einige Soldaten des Freicorps, das in ihrer Nähe lagerte, waren ihrer Meinung. Auch ſte wollten lieber mit Branntwein ſich erquicken, als mit Schlaf, und ſte ſtürmten heran zu den Huſaren und forderten mit Ungeſtüm, daß dieſe mit ihnen den Branntwein theilen ſollten. Dieſe weigerten ſich, und zwiſchen den Huſaren und den Soldaten des Freicorps kam es zu wüthenden Händeln. Aber die Huſaren blieben Sieger bei denſelben. Sie jag⸗ ten die Soldaten in die Flucht und lagerten ſich wieder triumphirend um die gewonnenen Fäſſer, und ſchlürften in langen Zügen von dem berauſchenden Getränk, und ſanken dann betäubt, überwältigt vom Schlaf und der Trunkenheit zur Erde nieder. Eine Zeitlang herrſchte jetzt tiefe Stille auch auf dieſem Flügel der Armee. Der Himmel war jetzt ganz dunkel und umwölkt, und Alles ſchlief im Lager. Und hätten Einige auch gewacht, ſie würden doch kaum die Sol⸗ daten des Freicorps bemerkt haben, welche die Huſaren vorher in 150 die Flucht geſchlagen, und die jetzt mit Wuth und Rachegedanken im Herzen leiſe herankrochen, wie Schlangen auf der Erde weiter rutſch⸗ ten, bis ſie ganz nahe waren bei der Lagerſtätte der Huſaren. Nun auf einmal ſprangen ſie empor, nun feuerten ſie mit ſchmet⸗ terndem Knall ihre Gewehre ab und ſchrieen und brüllten mit wildem Geſchrei: Türki! Türki! Die Huſaren, betäubt noch vom Branntwein, ſprangen auf, hier und dort richteten ſich andere Schläfer empor, das Wort Türki hatte ſte Alle lebendig gemacht. Die Türken ſind dal ſchrie Alles wild durcheinander. Die Türken ſind da, laßt uns fliehen! Und die Schlaftrunkenen erhoben ſich taumelnd vom Boden und ſchrieen mit lallender Zunge: die Türken ſind da! Und ſtürzten rath⸗ los, beſinnungslos, vorwärts, gleichviel wohin, nur fort von hier, wo die Türken ſind, wo ſie eben mit lautem Gewehrknall die ruhigen Schläfer geweckt. Mitten hinein in die Reihen der Schläfer ſtürzten die entſetzten ſchlaftrunkenen Soldaten vorwärts mit der furchtbaren Klage: die Türken, die Türken ſind da! Halt! Halt! ſchreien den entſetzten Schaaren die Beſonnenen entgegen. Halt! Halt! Den geängſteten Ohren klingt das wie Allah, Allah! Wie das gefürchtete, oft vernommene Kriegsgeſchrei der Türken. Die Türken alſo auch hier! Die Türken haben die ganze Armee umringt! Man muß ſich ſeines Lebens wehren, man muß ſich hin⸗ durch ſchlagen durch die wüthenden Schaaren! Die Säbel heraus, die Gewehre geladen, die Türken ſind da mit ihrem Allahgeſchrei! Der Kampf beginnt, in's Blinde hinein feuern Dieſe, in's Blinde hinein ſchwingen Jene ihre Schwerter. Wuth⸗ geheul, Jammergeſchrei, Aechzen und Klagen, das Todesgeröchel der Sterbenden, das Winſeln der Verwundeten erfüllte die Luft. Immer allgemeiner, immer ungeheurer ward die Verwirrung. In blinder Wuth, in bleichem Entſetzen feuerten und kämpften die Schaaren, der Freund gegen den Freund, der Bruder gegen den Bruder, immer noch überzeugt, daß er die Türken vor ſich habe, daß es Türken ſeien, vor denen er floh. Bald war die Verwirrung, das Entſetzen allgemein. Die fliehenden Schac Türke kelheit Fliehe talſche 8 2 boten, verbre Dieg Meer, weck, und! wilde auf d um d. in wi hüllt auf Nach dräng hatte Nlieh Lärm — ſeiner wilde ſteile in de Gewe ſie au Waf dach aken im rutſch⸗ ſchmet⸗ wildem uf, hier ki hatte Türken den und en rath⸗ on hier, ruhigen ſtürzten chtbaren ſonnenen Wie das ze Armee ſich hin⸗ d da mit in feuern Wuth⸗ chel der Immer blinder Schaaren, er, immer ken ſeien⸗ lüchenden 151 Schaaren wälzten ſich rückwärts in das Lager, der Jammerſchrei: die Türken! die Türken kommen! ſauſete vor ihnen her, und in der Dun⸗ kelheit und in der Verwirrung des erſten Schreckens hielt man die Fliehenden für die anſtürmenden Türken, und empfing ſie mit Kar⸗ tätſchenſchüſſen, und ſchwang gegen ſte die Schwerter. Vergeblich, daß die Officiere und Generale Ruhe und Halt ge⸗ boten, ein paniſcher Schrecken hatte ſich jetzt durch das ganze Heer verbreitet. Alles floh durcheinander, Alles kämpfte gegeneinander. Die ganze Armee glich jetzt nur noch einem einzigen wild bewegten Meer, das in brauſenden Wellen auf⸗ und niederrauſchte. Der Kaiſer war von dem wilden Lärm aus ſeinen Träumen ge⸗ weckt, in ſeiner offenen Kaleſche war er, begleitet von einigen Generälen und Adjutanten zu Pferde, vorwärts geeilt, gerade hinein in das wilde Getümmel. Aber die wüthenden Schaaren achteten nicht mehr auf den Kaiſer, nicht auf ſein Kommandowort. Die Kugeln pfiffen um die Ohren des Kaiſers, die Kugeln ſeiner eigenen Soldaten, die in wildem Kreuzfeuer von hüben und drüben die Luft durchſauſeten. Und die Nacht war ſo dunkel, der Mond ganz von Wolken um⸗ hüllt, keine Sterne am Himmel, als fürchteten ſie herniederzuſchauen auf dieſes furchtbare Gemetzel, auf dieſe Bruderſchlacht! In immer wilderen Wogen brauſten die Flüchtenden durcheinander. Nach der kleinen Brücke, die dort drüben über das Flüßchen führt, drängten die angſtbleichen Schaaren. Aber gerade vor dieſer Brücke hatte der Kaiſer ſeinen Wagen auffahren laſſen. Hier wollte er die Fliehenden aufhalten, wollte ihnen ſagen, daß Alles nur ein falſcher Lärm, daß gar kein Feind da ſei! Aber die Fliehenden achteten nicht auf ſeine Worte, nicht auf ſeinen Kommandoruf. Sie drängten vorwärts, ſie ſchoben in ihrer wilden Angſt den Wagen des Kaiſers vorwärts, gerade hin an das ſteile Ufer des Fluſſes. Er neigte ſich, die fliehenden Schaaren ſtießen in dem Wahnſinn ihres Entſetzens gegen ihn mit den Kolben ihrer Gewehre, ſie wußten nur, daß dieſer Wagen ein Hinderniß ſei, das ſie aufhielt, nichts weiter! Der Wagen ſtürzte nieder von dem Ufer, gerade hinein in das Waſſer, das ziſchend emporſchlug. Niemand achtete darauf. Jeder dachte nur an ſich, nur an ſeine Flucht! Niemand achtete auf den 152 Wagen, der im Waſſer verſank, auf den Kaiſer, der beſonnen und kühn in dem Moment, wo der Wagen ſich neigte, aus demſelben herausſprang. Jetzt ſtand er auf ſeinen Füßen, jetzt fühlte er wieder Boden unter ſich; aber er war allein, Niemand von ſeiner Suite war mehr bei ihm. Sie Alle hatte der wilde Strom der Flucht, das wahn⸗ ſinnige Drängen und Schieben von ihm getrennt. Der Kaiſer war allein, denn der Strom der Flüchtenden hatte jetzt eine andere Richtung genommen, die kleine Brücke war zuſammen⸗ gebrochen, und mit wüſtem Geſchrei lief jetzt Alles an dem Ufer ent⸗ lang, nach einem anderen Uebergang ſpähend. Weit ab wälzte ſich die Flucht. Der Kaiſer ſtand allein und verlaſſen inmitten der Nacht auf ödem Feld. Mit troſtloſem Schmerz blickte er empor zum Himmel und ſeine Lippen flüſterten leiſe: jetzt könnt' ich ſterben! In dieſer Nacht des Schreckens könnte mein Leben ausglühen wie ein Licht, das man in’s Waſſer wirft, und das ziſchend erliſcht! Oh, meine Seele iſt wund und todesmatt, alle meine Hoffnungen ſind zerſchmettert. Könnt' ich jetzt nicht ſterben? Liegt nicht mein Wagen da unten im Waſſer? Wer will's wiſſen, wer den Kaiſer da mit ſeinem Wagen hinab⸗ geſtürzt?— Er ſchwieg und ſchaute ſinnend und ſchwermuthsvoll aufwärts. Nein, nein, rief er dann laut und mit mächtiger Stimme, nein, es iſt noch nicht Zeit zum Sterben! Ich will, ich darf, ich kann noch nicht ſterhen. Ich will nicht dahin gehen, verkannt und geſchmäht von meinem Volk! Ich muß noch leben, um mein Volk überzeugen zu können, das nur die feſte Begründung ſeines Glückes das einzige Ziel aller meiner Arbeiten und Mühen iſt!*) Eben trat der Mond hinter zerriſſenen Wolken hervor und be⸗ leuchtete mit hellem Schein das Antlitz Joſeph's, dies traurige, bleiche, ſchmerzzuckende Antlitz.**) Der Kaiſer! rief eine laute Stimme unſern von ihm. Der Kaiſer! *) Des Kaiſers eigene Worte. Siche Hübner II. S. 488. **) Hübner. II. S. 475. einem dann Mond ſchon C vor Gott einſa rufen gefäl Jock ſchwe jubel werd mihi gewo Ode iſt Gra ſuch n und nſelben Boden mehr wahn⸗ hatte mmen⸗ er ent⸗ zte ſich cht auf ſeine ht des an in's t wund nt' ich Waſſer? hinab⸗ uthsvoll Stimme, aff, ich int und in Volk Glückes und be⸗ „bleiche, r Kaiſer! 153 rief ſie noch einmal, und ein Reiter ſprengte heran, er hielt gerade vor dem Kaiſer an und ſchwang ſich haſtig vom Pferd. Hier, Majeſtät, mein Pferd! Beſteigen Sie es! Es iſt ein ſicheres Thier! Du kennſt mich? fragte der Kaiſer. Ja, Majeſtät, ich bin ja ein Reitknecht von der Suite Eurer Majeſtät. Wollen Sie die Gnade haben, mein Pferd zu beſteigen. Aber Dus fragte der Kaiſer, indem er ſich in den Sattel ſchwang. Was wird aus Dir werden? Ich werde Ew. Majeſtät begleiten, ſagte der Jockey frohen Muthes. Die Pferde laufen heute Nacht wie toll herum, wir werden ſchon einem Thier begegnen, und ich werd's mir einfangen, und wenn's dann Ew. Majeſtät gefällig iſt, reiten wir nach Karanſebes. Der Mond ſcheint ja jetzt wieder hell, und ich glaube, ich werde den Weg ſchon finden! Ich habe meinen Weg ſchon gefunden, flüſterte der Kaiſer leiſe vor ſich hin, als er langſam dahin ritt durch die ſchweigende Nacht, Gott hat mir meinen Weg gezeigt, als er mir Hülfe ſandte in dieſer einſamen dunklen Stunde. Das Leben hat mich wieder zu ſich ge⸗ rufen, und ich will es muthig und geduldig tragen, ſo lange es Gott gefällt! Eben ſprengte in wildem Lauf ein herrenloſes Pferd daher; der Jockey faßte es mit kräftiger Hand, und brachte es zum Stehen, und ſchwang ſich mit lautem Jauchzen in den Sattel. Jetzt, Herr Kaiſer, jetzt wollen wir fröhlich davon jagen, rief er jubelnd. Da ſind wir auf dem rechten Weg, und in einer Stunde werden wir in Karanſebes ſein! In Karanſebes, ſagte der Kaiſer gedankenvoll vor ſich hin. Cara mihi sedes! ſo hat Ovid geſungen, und aus der Ode iſt eine Stadt geworden*)— ein Denkmal ſeines Ruhmes und der Stadt, der ſeine Ode den Namen gegeben, da iſt das Grab Ovid's. In Karanſebes iſt er geſtorben, und jetzt kommt ein verirrter einſamer Kaiſer zu dem Grabe des Dichters, um bei ihm ein wenig Troſt und Schutz zu ſuchen, und auszuruhen auf ſeiner dornenvollen Pilgerfahrt in dem *) Groß⸗ Hoffinger III. S. 471. 154 Schatten ſeines Dichtergrabes. Ooid, gönne mir eine Zuflucht in Deiner Stadt! Oh Cara mihi sedes! wo biſt Du? Schweigend und in ſich gekehrt ritt er weiter, der Jockey ſprengte vor ihm her; gedankenvoll folgte ihm der Kaiſer. Der Morgen dämmerte herauf, da ritten ſie in Karanſebes ein. Und jetzt war die Gefahr vorüber, denn hier hatten einige der Re⸗ gimenter ſich geſammelt, hier fand der Kaiſer ſeine Generäle, ſeine Suite und auch ſeinen geliebten Neffen, den Erzherzog Franz wieder, der, gleich ihm, von dem Gedränge mit fortgeriſſen, aber von ſeinen Getreuen gerettet worden. Mit ihren eigenen Leibern hatten ſie den Erzherzog geſchützt, und ein Quarré um ihn bildend, hatten ſie ihn ſicher aus dem Getümmel entführt und nach Karanſebes gebracht.*) Die Gefahr war beendet, aber dieſe Schreckensnacht von Lugos hatte des Kaiſers letzte Kräfte aufgezehrt. Das Fieber durchraſte von nun an ſo heftig ſeinen Körper, daß er nicht mehr ſein Pferd beſteigen, nicht mehr arbeiten konnte. Und zu dem phyſiſchen Leiden kam noch das moraliſche. Die Armee hatte kein Vertrauen mehr zu ihm, ſie glaubten nicht an ihn. Sie rief mit lautem Ungeſtüm nach Loudon, ſie beſchwor den Kaiſer, Lou⸗ don zum Heere zu rufen, denn Er allein ſei im Stande die Truppen zu ſiegreichen Schlachten zu führen. Der Kaiſer in tiefſter Seele verwundet von dieſem Mißtrauen ſeiner Soldaten, ſchmerzvoll reſtgnirend auch auf die letzte Hoffnung, ſich ſelber im Felde Ruhm und Lorbeeren zu verdienen, der Kaiſer gab dem Flehen ſeiner Armee nach, und berief Loudon zur Armee und an die Spitze des Heeres. Und Loudon, getreu dem kaiſerlichen Ruf, nicht achtend ſeines Alters und ſeiner Hinfälligkeit, Loudon kam! Mit lautem Jubel empfing ihn das Heer. Dieſer Jubel hallte hinein in das ärmliche kleine Zimmer, in welchem der Kaiſer fiebernd auf ſeinem Lager lag. Er vernahm ihn mit einem traurigen Lächeln, und ſagte nur leiſe vor ſich hin: Loudon iſt da! Jetzt kann der Kaiſer gehen! Niemand bedarf ſeiner mehr! Ich will heimkehren *) Hübner II. 477. 0. — war men, doch ihn! ( über verſtu Türke Wunf men cht in reengte s ein. er Re⸗ ſeine vieder, ſeinen ſie den ſie ihn acht.*) Lugos ſte yon ſteigen, Armee 1. Sie —, Lou⸗ truppen ßtrauen ng, ſich ſer gah und an ſeines el hallte ſiebernd Lächeln, ann der mkehren 155 nach Wien! Heimkehren und beten, daß Gott Loudon und meinem Heere den Sieg verleihe, den ich ihnen nicht habe geben können! Das Schickſal hatte nicht den Muth des Kaiſers gebrochen, aber wohl ſein Herz! VII. Die Drohungen der Angarn. Ja, das Schickſal hatte des Kaiſers Herz gebrochen! Krank war war er zu Ende des Jahres 1788 aus dem Türkenkrieg heimgekom⸗ men, und obwohl er nach einigen Monaten anſcheinend genas, war doch der Todeswurm in ſeinem Herzen zurückgeblieben, und er fühlte ihn hämmern und bohren, raſtlos, unermüdlich, Tag und Nacht! Selbſt die freudigen Siegesnachrichten, die von der Armee her⸗ über tönten, machten dieſen Todeswurm im Herzen des Kaiſers nicht verſtummen. Loudon gewann Schlachten, Loudon hatte Belgrad den Türken abgenommen, er hatte vollführt, was des Kaiſers glühender Wunſch geweſen. Er hatte die Fahnen Oeſterreich's auf den Thür⸗ men Belgrad's aufgepflanzt.*) Wien empfing dieſe Botſchaft mit *) Folgende merkwürdige Zuſammenſtellung brachten damals die Zeitungen Wien's über die Eroberung von Belgrad: Kaiſer Franz, damals Herzog von Lozhringen, Maria Thereſta's Gemahl, war 1739 bei der kaiſerlichen Armee, als Belgrad an die Türken überging. Sein Enkel, Erzherzog Franz, war 1789 bei der öſterreichiſchen Armee, als Belgrad den Türken wieder abgenommen ward, und er feuerte mit eigener Hand die erſte Kanone gegen Belgrad ab! General Wallis kommandirte im Jahre 1739 die Armee bei Belgrad, und übergab die Feſtung an die Türken. Sein Sohn, der nachherige Feldmarſchall Wallis, ward 1789 der erſte Commandant von Belgrad. Der türkiſche Com⸗ mandant Osman Paſcha, welcher jetzt 1789 die Feſtung an die Oeſterreicher 156 lautem Freudejauchzen, es illuminirte die Stadt drei Tage lang, und auch der Kaiſer nahm Theil an dem Entzücken ſeines Volkes. Er löſte von ſeinem eigenen Gallakleid den brillantenen Ordensſtern des Maria⸗Thereſien Ordens; dieſen Stern, den nur der Kaiſer als der Großmeiſter des Ordens allein tragen durfte, und der vierundzwanzig⸗ tauſend Ducaten an Werth hatte*), ſandte er an Loudon, indem er ihm zugleich das Patent als Generaliſſimus verlieh. Er wohnte dem Tedeum in der Hofkirche bei, und zeigte Allen ein freudeſtrah⸗ lendes Angeſicht. Nur als er ſich allein befand mit Lacy, nur da ließ er einen Moment die Maske von ſeinem Antlitz gleiten, und das Lächeln verſchwand von ſeinen zitternden Lippen. Lacy, ſagte er traurig, ich beneide Loudon nicht, aber ich hätte gern dieſen letzten ſeiner Lorbeerkränze mit meinem Leben bezahlt. Aber für mich giebt es keine Lorbeeren, nur Cypreſſen, für mich giebt es keine Triumphe, nur Niederlagen! Ja, er hatte wohl recht, ſo zu ſprechen! Für ihn gab es keine Triumphe, ſondern nur Niederlagen! Alles, was er gehofft und er⸗ ſtrebt, ſollte er in Trümmer zerfallen ſehen, die langen ſchmerzvollen Jahre ſeiner Alleinherrſchaft ſollten umſonſt geweſen ſein! Aufruhr tobte in Ungarn und in den Niederlanden, Aufruhr drohte in Tyrol. Wohin er ſein Auge wandte, überall begegnete er unzufriedenen Geſichtern, hörte er lautes Murren und wüſtes Ge⸗ ſchrei ſeines Volkes, das gegen ihn ſich erhob, gegen den Kaiſer, der es ſo grenzenlos geliebt, daß er ihm jeden Gedanken, jede Stunde ſeines Lebens gewidmet hatte, gegen den Kaiſer, deſſen ganzes Be⸗ ſtreben es geweſen, ſeinem Volk die Aufklärung, die Cultur, die Gei⸗ ſtesfreiheit zu bringen!„ Aber ſein Volk wollte nicht frei ſein, es liebte ſeine Geiſtesfeſſeln, und ſeine Prieſter hatten es glauben gemacht, was der Kaiſer ihnen darbiete als Aufklärung, das ſei der Unglaube, der Abfall von der Kirche, der Treubruch an den Prieſtern! übergab, war der Sohn Osman Paſcha's, dem ſie die Kaiſerlichen 1739 über⸗ geben hatten. S. Hübner II. 492. *) Groß⸗Hoffinger 1II. S. 500. es wa 6G Bürg, ihre 6 Trupp beſtege gingen ſtellte Anfül Mani Herrf „den hatte Ablig trat kaſſer ten ſ allen neten Patr jauch und nach blieb Kaiſe r Joſe zu ſt reiſte Gift en des ls der anzig⸗ indem vohnte eſtrah⸗ nur da nd das h hätte bezahlt. h giebt z keine und er⸗ tzwollen lufruhr gnete er Ge⸗ . iſer, der Stunde zes Be⸗ die Gei⸗ esfeſſeln, er ihnen von der 730 über⸗ 157 Und das Volk glaubte ſeinen Prieſtern mehr als ſeinem Kaiſer, es war bereit, für ſeine Prieſter den Kaiſer aufzugeben! Ganz Belgien ſtand jetzt in hellen Flammen des Aufruhrs, die Bürger hatten ſich bewaffnet und bildeten eine Volksarmee, und an ihre Spitze ſtellte ſich der Adel und die Geiſtlichkeit. Die kaiſerlichen Truppen hatten nicht mehr die Macht, dieſe fanatiſirten Schaaren zu beſtegen, aber ſie hatten auch nicht mehr den Willen. Haufenweiſe gingen die Soldaten zu dem Volk über, und dieſe vereinte Macht ſtellte ſich jetzt drohend dem Kaiſer gegenüber. Van der Noot, der Anführer und das Haupt des Aufſtandes, erließ jetzt ein feierliches Manifeſt, in welchem er Brabant für unabhängig, den Kaiſer ſeiner Se uſxh in den Niederlanden für verluſtig erklärte, und ſich ſelbſt den Bevöllmächtigten des Brabanter Volkes“ nannte. Das Volk hatte jetzt ſchon eine Armee von zehntauſend Mann, und neben den Adligen waren die Prieſter die Führer dieſer Armee. In Waffen trat der Mönch an die Spitze der Volkstruppen, aus den Kloſter⸗ kaſſen wurden dieſe Truppen beſoldet, in den Kloſterhöfen und Gär⸗ ten ſo gut wie auf den öffentlichen Plätzen wurden ſie einexereirt. In allen belgiſchen Städten wurden Meſſen zur Beglückung des bewaff⸗ neten Volks geleſen, und Todtenämter gehalten für die gefallenen Patrioten.*) Ein allgemeiner Fanatismus bemächtigte ſich der Gemüther, und jauchzend öffneten die Städte Brüſſel, Antwerpen, Löwen, Mecheln und Namur dem Patriotenheer die Thore. 1 Der öſterreichiſche General d'Alton entfloh mit ſeinen Truppen nach Luxemburg, und ſeine Kriegskaſſe mit drei Millionen Gulden blieb in den Händen der Inſurgenten.**) Das waren die unglückſeligen Nachrichten, welche der kranke Kaiſer zu Ende des Jahres 1789 aus den Niederlanden erhielt. Joſeph wollte indeß noch einen letzten Verſuch machen, die Belgier zu ſich zurückzurufen. Er ſandte den Grafen Cobenzl mit Friedens⸗ *) Groß⸗Hoffinger III. S. 289. **) Der Kaiſer ließ d's Alton zur Verantwortung nach Wien berufen; er reiſte von Luxemburg ab, ging bis Trier, dort aber tödtete er ſich, indem er Gift nahm, an dem er vier Tage vor dem Tode des Kaiſers ſtarb. 158 aufträgen nach Brüſſel, und bat den Fürſten Ligne, ihm dahin nach⸗ zureiſen. Der Fürſt war bereit dazu, und kam, ſich von dem Kaiſer zu beurlauben. Ich ſende Sie als Vermittler zu Ihren Landsleuten, ſagte Joſeph mit einem ſchwachen Lächeln. Beweiſen Sie dort den ſogenannten Patrioten, daß Sie ein wahrer Patriot ſind, indem Sie das bel⸗ giſche Volk mit ſeinem Fürſten verſöhnen wollen. Sire, ich werde gehen, ſagte der Fürſt, ich werde meinen armen irregeleiteten Landsleuten ſagen, daß ich Ew. Majeſtät habe über ihre Treuloſigkeit weinen ſehen, daß Sie ihnen nicht zürnten, aber um ſie trauerten. Ja ich trauere um ſtie, ſagte Joſeph tiefbewegt. Ihr Land iſt es, das mich umbringt, mein Freund. Gent's Einnahme iſt mein Todes⸗ kampf. Das verlaſſene Brüſſel iſt mein Tod. Oh, fuhr er heftiger und mit einem Ausdruck unendlichen Schmerzes fort, oh, welche Schmach iſt dies für mich! Welche Schmach! Ich ſterbe daran! Ich müßte ja von Holz ſein, wenn nicht! Gehen Sie nach den Nieder⸗ landen, bewirken Sie, daß ſie zu ihrem Herrſcher zurückkehren. Kön⸗ nen Sie das aber nicht, mein Freund, ſo bleiben Sie dort. Opfern Sie mir Ihr Glück nicht, Sie haben Kinder.*) Ich habe Kinder, aber ich— habe auch meinen Kaiſer, rief der Fürſt tiefbewegt. Ihn ſehe ich leiden, und ſehe auch mein Volk leiden in ſeinem Unverſtand und ſeiner Verirrung. Was ich vermag, werde ich thun, um es auf den rechten Weg und zu ſeinem Kaiſer zurück⸗ zuführen! Ich reiſe in dieſer Stunde noch ab, wenn Ew. Majeſtät die Gnade haben wollen, mich zu beurlauben. Reiſen Sie, mein Freund, meine beſten Wünſche begleiten Sie, aber ich geſtehe Ihnen, ich habe keine Hoffnung mehr! Ich gebe die Hoffnung noch nicht auf, Sire! Und indem ich jetzt ſcheide, ſage ich: auf Wiederſehen, Sire! Auf Wiederſehen dort oben! flüſterte der Kaiſer leiſe, als der Fürſt ihn verlaſſen hatte. Ja, ich fühl's, auf Wiederſehen dort oben! Der Tod ſteht ſchon hinter mir und— und ich habe noch ſehr viel *) Des Kaiſers eigene Worte. Siehe Oeuvres de Prince de Ligne. zu thu habe k G Kabine d 6 Ouari Sie in Ruhe 8 ſtehen ich da zukom ſind C T Beitra⸗ beamte ihren ſcriptit Beamt überall pflichti ſchleun A ſoll ihn marſche 6 S Schlo Majeſt G 4 Spize 3 Lache haben n nach⸗ niſer zu Joſeph nannten as bel⸗ armen ber ihre ber um iſt es, Todes⸗ heftiger welche an! Ich Nieder⸗ u. Kön⸗ Opfern rief der lk leiden , werde zurück⸗ Majeſtät iten Sie, adem ich als der ort oben! ſehr viel Ligne. „ 159 zu thun und zu arbeiten, unterbrach ſich der Kaiſer ſelbſt, und ich habe keine Zeit müßigen Träumereien nachzuhängen! Er erhob ſich haſtig von ſeinem Lehnſtuhl und durcheilte das Kabinet, um ſeine drei Secretaire aus der Kanzlei herbeizurufen. Wir wollen arbeiten, ſagte er den Eintretenden. Sire, ſagte einer von ihnen mit ſchüchterner Stimme, Herr von Quarin hat uns beſchworen, wenn Ew. Majeſtät arbeiten wollen, Sie in ſeinem Namen anzuflehen, Sich doch nur einige Tage noch Ruhe zu gönnen! Ich kann nicht, rief der Kaiſer uugeduldig, die Staatsgeſchäfte ſtehen nicht ſtill, weil meine Kräfte nicht vorwärts wollen, und wenn ich das Arbeiten noch länger aufſchiebe, ſo wird bald nicht mehr durch⸗ zukommen ſein. Statten Sie mir Bericht ab. Was für Depeſchen ſind aus Ungarn eingelaufen? Traurige, Sire. Die ungariſchen Grundherren verweigern ihren Beitrag zu der ausgeſchriebenen Kriegsſteuer, ſie jagen die Steuer⸗ beamten, welche kommen, ſie einzuziehen, mit Hohn und Spott von ihren Gütern fort, und das Volk weigert ſich ebenſo der Con⸗ ſcription zu gehorchen, es folgt nicht mehr dem Ruf der kaiſerlichen Beamten, es ſchaart ſich zuſammen in Haufen, die mit wildem Geſchrei überall die Polizeibeamten und die Soldgten, welche die Militair⸗ pflichtigen auszuheben kommen, mit dem Ad bedrohen, wenn ſie nicht ſchleunigſt entfliehen.*. Aufruhr, Aufruhr überall, flüſterte der Kaiſer entſetzt. Man ſoll ihnen nicht nachgeben, ſie ſollen gehorchen! Eben öffnete ſich leiſe die Thür des Cabinets, und der Hof⸗ marſchall trat ein. Sire, ſagte er, ſo eben iſt eine Deputation der Magyaren in's Schloß gekommen, und fleht dringend um eine Audienz bei Ew. Majeſtät. Eine Deputation von wem? fragte der Kaiſer haſtig. Ich weiß es nicht, Sire. Der Graf von Palfy ſteht an ihrer Spitze. Ah, Palfy wieder einmal, rief Joſeph mit einem höhniſchen Lachen. Wenn die Ungarn mir eine Unglücksbotſchaft zu ſenden haben, ſchicken ſie ſie durch Palfy! Ich will die Herren empfangen, 160 Herr Graf! Führen Sie ſie in das kleine Empfangszimmer neben mein Cabinet hier. Sagen Sie ihnen, daß ich ſogleich bei ihnen ſein werde. Er entließ die Secretaire mit einem raſchen und klingelte nach ſeinem Kammerdiener, um ſein weites bequemes Gewand mit der Uniform zu vertauſchen. Aber während des An⸗ ziehens ſchwankte ſeine Geſtalt hin und her, und als er einige Schritte te er ſich auf den Arm des Kammer⸗ Wink ſeiner Hand, vorwärts machen wollte, muß dieners lehnen, um nicht umzuſinken. Oh, rief der Kaiſer zornig, wie ſte hohnlachen werden, wenn ſte mich ſo ſchwach und hinfällig ſehen, wie triumphirend ſie heim⸗ kehren werden, um es den Ungarn zu ſagen, daß ich nichts mehr bin als ein kranker, todesmatter Greis! Aber ſie ſollen das nicht ſehen, ich will ihnen zeigen, daß ich noch immer der Kaiſer bin, und daß das Leben und die Kraft noch nicht in mir erloſchen iſt! Führe mich dorthin, Günther, dort an den Pfoſten der Thür. An ihn will ich mich lehnen, und da will ich ſtehen bleiben, während ich die Herren aus Ungarn empfange. Er ließ ſich zu der Thür hingeleiten, und lehnte ſich an die breite Mauerbrüſtung derſelben, dann befahl er Günther, die beiden Thür⸗ flügel, welche nach außen hin nach dem Empfangszimmer aufgingen, zu öffnen..*,„ Als dies geſchehen, ſch man da in dem Zimmer die zwölf Magyaren in ihren reichen geſtickten ungariſchen Coſtümen, mit denen ſte ſich diesmal ſtatt der Uniformen und der hatten. Es waren dieſelben Männer, welche ſchon vor Jahren bei dem Kaiſer als Deputation der Ungarn erſchienen waren, und wieder wie damals, ſtand der Graf Palfy, der jetzige Kanzler von Ungarn, an ihrer Spitze. Der Kaiſer begrüßte ſie mit einem leichten Neigen des Kopfes, die Herren verbeugten ſich mit düſteren Geſichtern. Wenn mich mein Gedächtniß nicht trügt, ſagte der Kaiſer raſch, ſind das alle dieſelben Herren, welche ich ſchon vor Jahren einmal bei mir geſehen? Es iſt ſo, Sire, erwiderte Graf Palfy ernſt. Und warum kommen Sie wieder? Hofkleider geſchmückt— r neben i ihnen Hand, equemes 3 An⸗ Schritte tammer⸗ u, wenn te heim⸗ nehr bin ht ſehen, und daß hre mich die breite en Thür⸗ ufgingen, die zwölf geſchmückt 38 ahren bei nd wieder Ungarn, 3 Kopfes, ſer raſch, en einmal 161 Um derſelben Urſache willen, Sire, um welche wir im Jahre 1783 hier waren! um der bedroheten Freiheiten und Rechte unſeres Vaterlandes willen, und darum ſendet das Königreich Ungarn Eurer Mäjeſtät dieſelben Männer, damit Sie ſehen und erkennen mögen, daß die Jahre unſere Geſinnungen und unſere Herzen nicht ändern, daß die Männer, welche vor ſechs Jahren Eurer Majeſtät die Klagen und Beſchwerden Ungarns vorgetragen, noch dieſelben Worte, die⸗ ſelben Gedanken, dieſelben Wünſche haben, daß wir noch immer ent⸗ ſchloſſen ſind, unſere Freiheiten und Rechte mit unſerm Blut und Leben zu vertheidigen! Ungarn hat ſich nicht geändert und wird ſich niemals ändern, Sire, es fordert heute, was es vor ſechs Jahren gefordert hat! Und der Kaiſer hat ſich auch nicht geändert, rief Joſeph glühend, er befiehlt heute, was er vor ſechs Jahren befohlen hat, er kann heute ſo wenig wie damals ſeinen Willen ändern. Dann, Sire, wird das ganze Königreich ſich erheben, ſagte Graf Palfy mit feierlicher Stimme, dann wird das ganze Ungarnvolk ſich waffnen, zu dem heiligen Kampfe für ſeine Freiheiten, ſeine Verfaſſung und ſeine Rechte. Sire, noch einmal, aber zum letzten Male nahen wir uns flehend dem Throne Eurer Majeſtät, noch einmal bitten wir: geben Sie uns unſere Rechte wieder! Und was nennt Ihr Eure Rechte? fragte der Kaiſer höhniſch lächelnd. Das, was uns ſeit Jahrhunderten auf den Pergamenten unſerer Verfaſſung geſtchert worden, was unſere Könige uns feierlich jeder bei ſeinem Regierungsantritt gelobt und geſchworen, uns zu erhalten: unſere Nationalität, unſere Sprache, unſere Abgabenfreiheit, unſere Krone, unſeren Landtag! Sire, wir wollen keine deutſche Provinz wer⸗ den, denn wir ſind Ungarn und wollen Ungarn bleiben, wir wollen keine Steuern zahlen, wir wollen keine Conſecription haben, denn unſere Ver⸗ faſſung ſagt, daß wir Steuerfreiheit haben und nicht gezwungen werden ſollen zum Kriegsdienſt. Sire, Ungarn ſteht am Rande eines Abgrun⸗ des; wenn Ew. Majeſtät es nicht von demſelben zurückziehen wollen, wird Ungarn ſelber ſich retten müſſen. Nicht bloß unſere Freiheiten ſind bedroht, ſondern auch unſere materiellen Intereſſen ſind gefährdet. Durch das Losſchlagen der Krongüter, durch den Verkauf der ein⸗ Kaiſer Joſeph. 3. Abth. IV. 11 162 engüter iſt der Werth des Grundbeſitzes auf das Er⸗ Steuerregulirung hat durch die Verminderung ändiſchen Gutsbeſitzer um neun gezogenen Kirch heblichſte gefallen; die des Grundwerthes die Einkünfte aller ſt Millionen, und das Stammkapital um mehr als zweihundert Millionen verringert. Sire, Ungarn geht, wenn Ew. Majeſtät dieſe, unſerm Lande, unſern Freiheiten, unſerer Ehte ſchädlichen Geſetze nicht auf⸗ heben, ſeinem Ruin entgegen, oder— Oder? fragte der Kaiſer haſtig, als Palfy zögernd ſchwieg. Oder der Revolution! ſagte der Graf mit feierlicher Stimme. Ah, Sie wagen es mir zu drohen? rief der Kaiſer mit mächtiger Stimme. Ich wage es zu ſagen, was mir mein Land zu ſagen geboten hat, was dieſe Männer, die mich begleiten im Namen unſeres Volkes, Eurer Majeſtät ſagen würden, wenn meine Lippen zu feig wären, es auszuſprechen. Iſt es nicht ſo, meine Freunde! Ja, es iſt ſo! riefen Sie Alle wie aus Einem Munde. wenn Ew. Majeſtät nicht jetzt unſere Sire, ich wiederhole es, geht Ungarn, welches nicht zu drohende, mahnende Stimme hören, Grunde gehen will, einer Revolution entgegen. Gleich den Belgiern, werden wir unſere Freiheiten zu ſchützen wiſſen, gleich ihnen werden wir unſere Verfaſſung mit unſerm Leben vertheidigen. Sire, noch kann Alles gut werden! Geben Sie uns unſere Conſtitution wieder, rufen Sie die Stände zu einem Landtag zuſammen, laſſen Sie unſere Krone wieder nach Ungarn zurückführen, und kommen Ew. Majeſtät Selber dahin, um ſich krönen zu laſſen und unſerer Verfaſſung den Eid der Treue zu ſchwören, dann werden auch wir Ew. Majeſtät den Eid der Treue ſchwören, dann werden wir treu und feſt zu unſerm König halten, und bereit ſein, ihn mit unſerm Gut und Blut zu vertheidigen! Geben Sie uns unſere Krone und unſere Verfaſſung wieder, riefen die Magyaren mit glühender Begeiſterung, und wir ſind bereit, Ew. Majeſtät zu vertheidigen mit unſerm Gut und Blut! Das heißt, rief der Kaiſer mit flammenden Zornesblicken, das heißt, ich ſoll mich erniedrigen, ſoll ſoll nicht das Geſetz reſpectiren, ſond Euren Trotz zu Recht anerkennen, ern Euren Willen, ſoll die Ehre n neun Uionen unſerm ht auf⸗ 9 Stimme. achtiger wären, t unſere nicht zu Belgiern, werden re, noch wieder, ie unſere Majeſtät ſung den jeſtät den n unſerm Blut zu „dor wieder, 1 nd bereit, ken, das nerkennen/ die Ehte 163 —— Eures Fürſten Eurem Belieben unterordnen, und meinen Willen von Eurem Veto abhängig machen. Nein, Sire, rief Graf Palfy glühend, das heißt, Ew. Majeſtät ſollen das letzte Mittel ergreifen, das noch im Stande iſt, Ew. Ma⸗ jeſtät Ungarn zu erhalten. Denn wenn Ew. Majeſtät nicht unſere billigen und gerechten Forderungen erhören wollen, ſo ſteht Ungarn auf wie Ein Mann, und verweigert Dem Gehorſam, der es knechten will. Das ſchwören wir im Namen unſerer Nation! Das ſchwören wir im Namen unſerer Nation! riefen die Ma⸗ gyaren. Und ich ſchwöre im Namen meiner Ehre und meiner Würde, rief der Kaiſer, bebend vor Aufregung, mit Zornesgluth auf den Wangen, ich ſchwöre, daß ich niemals Denen nachgeben werde, welche drohen, niemals Denen verzeihen werde, welche mit verbrecheriſchen Mitteln von mir ertrotzen wollen, was ich nicht geben kann, ohne mich zu demüthigen. Sire, es iſt keine Demüthigung, einzugeſtehen, daß man geirrt hat, und begeiſterter noch werden Ihre Ungarn Sie lieben, wenn ſte ſehen, daß ihr König ſie ſo ſehr liebt, daß er ſogar um ihretwillen ſeinen Fürſtenſtolz beugt und ſagt: ich war ein Menſch, ich habe mich geirrt als Menſch, und ich will wieder gut machen als Fürſt, welcher ſein Volk liebt. Sire, wir warten mit Todesangſt auf dieſe Ant⸗ wort, wir warten auf dieſelbe bis morgen um dieſe Stunde. Ah, Sie ſind alſo großmüthig genug, mir eine letzte Gnadenfriſt zu ſetzen, rief der Kaiſer außer ſich, Sie— Plötzlich verſtummte der Kaiſer und ſein Antlitz bebdeckte eine tödtliche Bläſſe. Er hatte ein Gefühl, als ob da innen in ſeiner Bruſt eine Ader zerſprengt ward, als ob ein Feuerſtrom von ſeinem Herzen in ſeine Bruſt und zu ſeinen Lippen emporſtieg. Mit einer haſtigen Bewegung drückte er ſein Taſchentuch an ſeine Lippen, und ebenſo haſtig zog er es dann wieder zurück und barg es in ſeinem Buſen. Der Angſtſchweiß ſtand in dicken Tropfen auf ſeiner Stirn, es dunkelte vor ſeinen Augen. Aber dieſe übermüthigen Magyaren ſollten nicht die Freude haben, ihn zuſammenſinken zu ſehen, ſeine Feinde ſollten nicht den Triumph haben, ſeine Leiden zu gewahren! 11* 164 er ſich em⸗ Mit einer letzten ungeheuren Kraftanſtrengung raffte und ſeine Blicke leuchteten wieder auf in ſtolzer Energie: Geht, ich habe Eure Forderungen vernommen, ich por, ſagte er laut und ſtolz, werde Euch meine Antwort zukommen laſſen! Wir erwarten ſite bis morgen Mittag, erwiderte Graf Palfy feier⸗ lich, alsdann reiſen wir ab, um nimmer wieder zu kommen. Geht, rief der Kaiſer heftig, und die Magyaren hielten dieſen krampfhaften Schrei ſeiner Leiden für einen Ausruf ſeines Zornes. Mit düſtern Geſichtern verneigten ſie ſich und verließen das Gemach. att in ſein Cabinet zurück. Der Kaiſer kehrte langſam und todesm Mit einem tiefen Seußzer ſank er in einen Lehnſtuhl nieder, und hatte kaum noch ſo viel Kraft, die Handklingel zu nehmen und zu ſchellen. Günther, ſagte er zu dem eintretenden Kammerdien tonloſer Stimme, ſende einen Wagen zu meinem Leibarzt Quarin, er ſoll ſogleich hierher kommen. er mit leiſer, VIII. Der Widerruf. Als Herr von Quarin eine Viertelſtunde ſpäter in das Cabinet eintrat, ſaß der Kaiſer ruhig vor ſeinem Schreibtiſch, der mit Stößen von Acten beladen war, und arbeitete. Quarin blieb ehrfurchtsvoll an der Thür ſtehen und wartete, bis der Kaiſer ihn bemerken wolle. Plötzlich unterbrach ein heftiger Huſtenanfall den Kaiſer in ſeinen Arbeiten. Er ließ die Feder ſinken und lehnte ſich erſchöpft in den Fauteuil zurück. Ew. Majeſtät dürfen nicht arbeiten, ſagte Herr von Quarin ernſt, Sie müſſen Sich mehr ſchonen, Sie müſſen einige Zeit lang alle Arbeiten ausſetzen! Ich glaube, ich werde ſie bald für immer ausſetzen, ſagte der teſen nes. ach. rück. und d zu eiſer, arin, abinet tößen tsvoll wolle. ſeinen n den r von e Zeit te der 165 Kaiſer matt. Ich habe Sie rufen laſſen! Ich habe einen ſchlimmen Prozeß mit meiner Bruſt und möchte gerne wiſſen, wer ihn gewinnen wird.*) Sie ſollen mir das ſagen, Quarin! Was ſoll ich Ew. Majeſtät ſagen? fragte der Arzt zögernd. Der Kaiſer ſah ihm mit ſeinen großen, fieberglühenden Augen feſt in's Antlitz. Quarin, Sie wollen mir ausweichen, Sie haben mich aber ganz gut verſtanden. Sie ſollen mir ſagen, wer in dem Prozeß, den ich mit meiner Bruſt habe, gewinnen wird, der Tod oder ich? Und damit Sie dazu alle nöthigen Beweisſtücke haben, nehmen Sie das! Er zog ſein Taſchentuch, das er vorher ſo haſtig in ſeinen Buſen geſteckt, hervor und legte es auf den Tiſch. Dieſes Tuch war dunkel⸗ roth gefärbt. Blut! rief der Arzt erbebend. Ew. Majeſtät haben Sich verwundet? Ja, innerlich, tief im Herzen, ſagte Joſeph. Die Ungarn haben mir vorher den Todesſtoß gegeben. Das Blut, das von meinen Lippen gequollen iſt, zeugt davon! Sehen Sie mich nicht ſo trau⸗ rig an, Doctor, laſſen Sie uns wie Männer, die den Tod nicht fürchten, zu einander ſprechen. Sehen Sie mir feſt in's Auge, und dann ſagen Sie mir, Doctor, glauben Sie, daß ich geneſen kann? Warum ſollten Ew. Majeſtät nicht geneſen können? ſagte der Arzt langſam. Sie ſind ja noch ſo jung, Sire, haben eine ſo ge⸗ ſunde Natur! Keine Gemeinplätze, Quarin, keine Umſchweife, rief der Kaiſer ungeduldig. Ich will die Wahrheit, hören Sie, die Wahrheit. Ich darf mich von dem Tod nicht überraſchen laſſen, denn ich habe für ein ganzes Volk zu ſorgen, ich muß mein Haus beſtellen, muß alle meine Verhältniſſe ordnen! Und ich ſage Ihnen, ich fürchte den Tod nicht, er erſcheint mir nach einem qualvollen Leben als ein rechter Tröſter und Freund. Deshalb, Ouarin, zögern Sie nicht, ſagen Sie es frei heraus, ich fordere Sie dazu auf als Ihr Kaiſer und Ihr Herr: iſt meine Krankheit gefährlich? Er ſah den Arzt mit großen, durchdringenden Augen an; dieſer 7 *) Des Kaiſers eigene Worte. Siehe: Charakterzüge Joſeph II. S. 14 3 9 9 3 Joſep 166 erbleichte, es arbeitete und zuckte in ſeinem Angeſicht, und Ströme von Thränen entſtürzten plötzlich ſeinen Augen. Ja, Sire, ſagte er leiſe, ſie iſt gefährlich. Joſeph's Angeſicht blieb vollkommen ruhig und klar. Können Sie mir mit Beſtimmtheit ſagen, wie viel Tage oder Wochen ich noch zu leben habe? fragte er. Nein, Sire. Es kann noch ſchnell zu Ende gehen. Dieſe Krankheit iſt eine von denen, wo Patienten jeden Augenblick ihrem Tod entgegen ſehen müſſen. Unheilbare Bruſtkrankheit, nicht wahr? fragte der Kaiſer ruhig. Ja, Sire, flüſterte Quarin unter Thränen, unheilbar. Der Kaiſer ſchwieg einen Moment und blickte ernſt und ſinnend vor ſich hin. Dann reichte er mit einem ſanften Lächeln dem Arzt ſeine Hand dar. Ich danke Ihnen, mein Freund, ſagte er, danke Ihnen aus tiefſter Seele, daß Sie mir die Wahrheit geſagt haben. Ich werde Ihnen beweiſen, daß ich dankbar bin, und Ihre Treue und Wahrheitsliebe gern belohnen möchte.*) Sie haben Familie, nicht wahr? Ja, Sire, zwei Töchter! Und Sie ſind nicht reich? Sire, das Gehalt, welche und meine Praxis ernähren uns reichlich. Der Kaiſer nickte leicht mit dem Kopf. Beſtellung von mir zu übernehmen, ſagte er, Schreibtiſch zuwandte, nahm er die Feder und Papier haſtig einige Zeilen. Nehmen Sie, Doctor, ſagte er dann, dem Arzt das Papier dar⸗ reichend, haben Sie die Güte, dies Blatt in meiner Hofkanzlei bei dem Finanzbureau abzugeben. Man wird Ihnen zehntauſend Gulden dafür zahlen. Das iſt die Ausſteuer Ihrer Töchter. Oh, Sire, rief der Arzt tief bewegt und mit zitternder Stimme, ich danke Ihnen, danke Ihnen im Namen meiner Töchter und mit der ganzen Kraft meines Vaterherzens. * einige Wochen dauern, es kann die s mir Ew. Majeſtät gnädigſt geben, Ich bitte Sie, eine kleine und indem er ſich dem ſchrieb auf ein Blatt *) Dieſe Seene iſt hiſtoriſch genau, wie auch die Worte des Kaiſers. Siehe: Hübner II. S. 496. trome ounen noch ruhig. innend n Arzt danke haben. Treue aamilie, geben, ꝛe kleine ich dem n Batt 167 Nein, ſagte der Kaiſer ſanft, danken Sie mir nicht, es iſt meine Pflicht, Verdienſte zu belohnen.*) Damit Sie aber auch perſönlich ein kleines Erinnerungszeichen an mich haben, das Sie immer mit Sich herumtrugen müſſen, ernenne ich Sie zum Freiherrn, und werde dafür ſorgen, daß Ihnen das Patent gleich ausgefertigt werde. Still, Freund, kein Wort mehr! Laſſen Sie mich jetzt allein. Ich muß arbeiten, denn, Sie wiſſen es am Beſten, meine Zeit iſt kurz und meine Stunden ſind gezählt! Gehen Sie! Wer weiß, wie bald ich Sie wieder werde rufen müſſen! Herr von Quarin küßte ſchweigend die dargereichte Hand, und ging dann raſch, um ſeine Thränen nicht ſehen zu laſſen, hinaus. Der Kaiſer ſank tief aufſeufzend in ſeinen Lehnſtuhl zurück. Seine großen Augen richteten ſich mit einem unausſprechlichen Aus⸗ druck gen Himmel, ſein bleiches abgezehrtes Geſicht hatte einen wun⸗ derbaren Glanz, es leuchtete, wie in einem Strahl der Verklärung. Da öffnete ſich haſtig die Thür der Kanzlei, und ſein erſter Ca⸗ binetsrath trat ein, und ſchritt, mit Papieren in der Hand, raſch zu dem Kaiſer hin. Was giebt's? fragte der Kaiſer leicht zuſammenſchreckend. Sire, zwei Couriere ſind ſoeben eingetroffen. Der Eine kommt vom Grafen Cobenzl. Er hat ihn in Luxemburg abgefertigt, und meldet, daß ſich ganz Belgien mit Ausnahme Luxemburg's in den Händen der Patrioten befinde, daß eine General⸗Verſammlung der unirten belgiſchen Provinzen Lon Lan der Noot zuſammenberufen ſei, in welcher der Cardinal Frankenberg als Präſident fungirt. Man hat feierlich Belgien zu einer Republik erklärt, und England, Preu⸗ ßen und Holland ſollen als Garanten derſelben auftretea. Graf Cobenzl bittet Ew. Majeſtät um Verhaltungsbefehle, was nun zu thun ſei. Der Kaiſer hatte der traurigen Botſchaft mit vollkommen ruhigen Mienen zugehört. Und der zweite Courier? fragte er nach einer kurzen Pauſe. Sire, ſagte der Cabinetsrath zögernd, der zweite Courier kommt von dem kaiſerlichen Statthalter in Tyrol. *) Des Kaiſers eigene Worte. Was meldet er? Schlimme Botſchaft, Sire. Das Volk empört ſich, es ſchreit laut gegen die Conſecription und gegen die kirchlichen Reformen. Es droht laut mit Abfall und Empörung, wenn die neuen Geſetze nicht wieder abgeſchafft werden. Der Kaiſer ſtieß einen lauten Schmerzensſchrei aus, und drückte ſeine beiden Hände auf ſeine Bruſt. Es iſt nichts, ſagte er dann nach einer Pauſe, als er den angſtvollen, fragenden Blicken des Ca⸗ binetsraths begegnete, ein zufälliger, vorübergehender Bruſtſchmerz, weiter nichts! Fahren Sie fort in Ihrem Bericht! Sire, ich bin zu Ende. Dies iſt die ganze Meldung des kaiſer⸗ lichen Statthalters. Er beſchwört Ew. Majeſtät, den Aufruhr im Keim zu erſticken, und— Und meine Geſetze und Erlaſſe zurückzunehmen, nicht wahr? unter⸗ brach ihn der Kaiſer ruhig. Oh, ich kenne das, es iſt das alte Un⸗ kenlied, das ich jetzt von allen Seiten vernehme! Nun, ich will mir's überlegen, und werde Sie nachher rufen, um Ihnen meinen Entſchluß mitzutheilen!— Aufruhr in Tyrol, Aufruhr in Ungarn und in den Niederlanden, ſagte der Kaiſer leiſe vor ſich hin, als er wieder allein war. Sie läuten von allein Seiten meine Todtenglocken! Sie wollen mich begraben, noch ehe ich todt bin! Kaiſer Carl der Fünfte, mein großer Ahn, ſchaute auch ſeinem Begräbniß zu, aber er that's, freiwillig, mich wollen ſite dazu zwingen durch Aufruhr und Rebellion. Ich ſoll Alles begraben, was ich gewollt, gewirkt und erſtrebt habe, ich ſoll ſterben mit dem Bewußtſein, umſonſt gelebt zu haben! Oh, mein Gott, welche Qualen ſind dies, und wodurch habe ich denn ſolche Demüthigung verdient? Was habe ich denn verſchuldet, daß ich ſo furchtbar büßen muß? Und muß ich denn, giebt es kein Rettungs⸗ mittel für mich? Muß ich, oh, mein Gott, muß ich widerrufen? Er ſchwieg, und verſank tiefer in ſich ſelbſt, und überdachte angſt⸗ voll und ſchmerzensreich ſeine Lage. Und immer bleicher ward ſein Angeſicht, immer düſterer ſein Blick, immer ſchwerere Seufzer hoben ſeine beklemmte Bruſt. Ja, murmelte er nach einer langen Pauſe leiſe vor ſich hin, ich habe kein anderes Mittel mehr, ich kann mein Werk nicht vollenden, 169 es bricht über mir zuſammen! Ungeheure Schwierigkeiten thürmen ſchreit ſich gegen daſſelbe auf, und ich habe kein Leben mehr vor mir, keinen 1. Es Raum für meine erlöſchende Kraft. Drei meiner Länder in Aufruhr, nicht und nur die äußerſte Gewalt wäre im Stande, ihn zu dämpfen. Oh, mein Gott, warum muß ich grade jetzt ſterben, warum darf ich nicht drückte noch einige Monate leben, nur ſo lange, bis ich meinem Reich wieder dann Ruhe gegeben! Denn ſo kann ich es, ſo darf ich es meinem Nach⸗ 8 Ca⸗ folger nicht hinterlaſſen, kann ihm dieſe Erbſchaft der Revolution nicht chmerz, auferlegen. Ich muß es verhüten, daß mein Staat zuſammenbricht, ich muß es verhüten, denn ich habe es verſchuldet. Oh, und es giebt kaiſer⸗ dazu nur Ein Mittel, ein furchtbares, martervolles Mittel, aber ich ühr im muß es ergreifen, ich muß widerrufen! Er ſchauderte in ſich zuſammen, und legte ſeine beiden Hände unter⸗ über ſein ſchmerzzuckendes Angeſicht. Lange ſaß er ſo da, tief gebeugt, te Un⸗ leiſe ſtöhnend und wimmernd, ringend mit ſeiner Qual. Große U mir's Thränen rannen zwiſchen ſeinen Fingern hervor, ſeine ganze Geſtalt ntſchluß erbebte im Krampf des Schmerzes. Einmal ſchrie er laut auf vor ungeheurer Seelenpein, und hob ſein zuckendes Antlitz jammernd zum landen, Himmel empor, dann ſenkte er es wieder nieder in ſeine Hände, und elaͤuten kroch ſchmerzvoll in ſich ſelbſt zuſammen. graben, Dann nach einer langen, langen Stunde der Qual ließ er lang⸗ er Ahn, ſam ſeine Hände von ſeinem Geſicht gleiten, das jetzt farblos und mich bleich war, wie das eines Todten. Ich ſoll Jetzt iſt's vorüber, ſagte er mit zitternden Lippen, der Kampf iſt ich oll ausgekämpft, das Opfer iſt gebracht. Alle meine Werke, meine Ge⸗ z, mein ſetze und Einrichtungen ſollen mit mir niederſteigen in mein Grab, 1 ſolche und wenn ſie es über mir ſchließen, wird keine Spur von mir zurück⸗ s ich ſ bleiben. Ich will meinem Vaterland und meinem Nachfolger dies , letzte Opfer darbringen, ich will widerrufen! eiunzi Er griff nach der Klingel und ſchellte heftig, und befahl dem nen 6, eintretenden Kammerdiener, den Cabinetsrath aus der Kanzlei herbei⸗ 4 u zurufen, denn ſeine Stimme hatte nicht mehr die Kraft zu rufen. zaard ſein Jetzt, ſagte er, als der Kanzleirath eintrat, jetzt wollen wir ar⸗ beiten! Meine Hand iſt leider zu ſchwach, die Feder zu führen, Sie werden Alles für mich ausarbeiten müſſen. Zuerſt die Antwort für die Ungarn. Ein Manifeſt ſetzen Sie auf, in dem ich alle die er hoben hin, ich 0 Uenden, Neuerungen, alle die Geſetze, welche gegen die alte ungariſche Reichs⸗ Conſtitution ſind,— widerrufe! Er ſchwieg einen Augenblick, und trocknete ſich den Schweiß ab, der in großen Tropfen auf ſeiner Stirn ſtand. Hören Sie, fuhr er dann fort, ich widerrufe in dieſem Manifeſt alle meine Geſetze, mit Ausnahme des Toleranz⸗Ediktes. Ich verſpreche den Ungarn im kommenden Jahr den Reichstag auszuſchreiben, und die Verwaltung und die Rechtspflege des Königreichs wieder auf den alten Fuß, wie es vor 1780 war, herzuſtellen. Ich hebe die Conſcription feierlich und förmlich auf, und nehme das Steuergeſetz zurück. Alles ſoll wieder ſo werden, wie es zu Maria Thereſia's Zeiten geweſen. Ich verſpreche, die Grundgeſetze des Landes und die geheiligten Rechte der Stände zu ehren, und nie zu verletzen. Ich verordne, daß die ungariſche Krone ſofort wieder von Wien nach Ofen gebracht werde, und bin bereit, ſobald ich mich von meiner Krankheit erholt habe, nach Ungarn zu kommen, und mich krönen zu laſſen.—*) Fertigen Sie dies Decret ſogleich aus, und bringen Sie es mir zur Unter⸗ ſchrift. Alsdann wird es dem Kanzler Grafen von Palfy übergeben, er wird es nach Ungarn bringen.— Das war, was wir für Ungarn zu thun hatten!— Unſere zweite Sorge gilt Tyrol. Fertigen ſie in meinem Namen auch ein Decret für Tyrol aus. Ich bin bereit, dem Willen des Volks Ge⸗ nüge zu thun, ich hebe die Conſeription auch für Tyrol auf, und nehme die eingeführten Neuerungen in Kirchenſachen zurück. Fertigen Sie dies Decret auch ſogleich aus, geben Sie es mir zur Unterſchrift, und ſenden Sie es alsdann fofort durch einen Courier an den kaiſer⸗ lichen Statthalter in Throl.— Dann haben wir alſo Ungarn und Tyrol Ruhe und Zufriedenheit gegeben, und es bleibt nur noch übrig, die Niederlande zu beruhigen. Aber ich fürchte, dort wird Niemand meine Srimme mehr hören wollen. Ich werde alſo mein Herz über⸗ winden und meinen Stolz beugen. Ich werde an den Papſt ſchreiben, *) Dies iſt der Inhalt der Widerrufungs⸗Verordnung, die Joſeph einige Wo⸗ chen vor ſeinem Tode erließ, und die damals in der ganzen Welt das ungeheuerſte Erſtaunen und Aufſehen erregte. Siche Groß⸗Hoffinger III. S. 290., Hübner II. Seite 496. ſeine 2 die Ge Sie m mit der auſſetz eigenh das S fehl g D an der letzte ( von d Fami offen Aben ware ſeine ſeine ichs ab, dr er mit im tung wie rlich ſoll Ich techte die erde, habe, tigen nter⸗ eben, inſere h ein Ge⸗ und rigen hrift, aiſer und ubrig, mand über eiben, Wo 1 heuerſte ner Il. 171 ſeine Vermittelung anflehen, und ihn bitten, daß er die Biſchöfe und die Geiſtlichkeit ermahne, Frieden mit mir zu machen.*) Was ſehen Sie mich ſo erſtaunt und traurig an? Ich mache meinen Frieden mit der Welt, mein Freund, ich ſtreiche mein Leben mit einigen Feder zügen aus, und gieße das Dintenfaß über meine Geſetze! Eilen Sie, die Decrete auszufertigen. Beſorgen Sie auch einen Courier, der nach Rom abgeht. Ich will ſogleich das Schreiben an den Papſt aufſetzen, denn wenn man als Bittſteller kommt, muß man ſchon eigenhändig ſchreiben. In einer Stunde kommen Sie hier herein, das Schreiben abzuholen, und jetzt eilen Sie Sich! Nach einer Stunde trat der Cabinetsrath, dem kaiſerlichen Be⸗ fehl gemäß, wieder in das Cabinet. Auf dem Schreibtiſch lag der ſchon beendete Brief des Kaiſers an den Papſt. Aber dieſe letzte furchtbare Demüthigung hatte die letzte Kraft des Kaiſers gebrochen. Er lag ohnmächtig in ſeinem Fauteuil, und ſeine Lippen waren von dem Blut geröthet, das aus ſeiner Bruſt hervorſtrömte. IX. Der Tod des Märtyrers. Es war Alles vollbracht! Er hatte Abſchied genommen von ſeiner Familie, ſeinen Freunden, ſeinen Dienern, er hatte gebeichtet, und öffentlich, im Beiſein ſeiner Familie und ſeiner Freunde, das heilige Abendmahl empfangen. Der Kampf mit dem Leben war ausgekämpft, alle Schmerzen waren überwunden. Mit heiterſtrahlendem Angeſicht lag Joſeph auf ſeinem Lager; kein Wort des Unmuths oder der Klage kam über ſeine Lippen. Er tröſtete die Weinenden, und hatte für Jeden ein *) Groß⸗Hoffinger III. S. 279. Wort der Beruhigung und der Liebe. Er ſchrieb noch in den letzten Tagen mit eigener zitternder Hand Abſchiedsbriefe an ſeine Schweſtern, an den Fürſten Kaunitz, und an einige Damen ſeines nähern Um⸗ gangs, Briefe voll rührender Innigkeit und Zartheit, und unter⸗ zeichnete noch am ſiebenzehnten Februar achtzig Mal ſeinen Namen. Aber jetzt fühlte er, daß ſeine Kräfte zu Ende, und als am Abend dieſes Tages ſeine Freunde Lacy und Roſenberg zu ihm kamen, um die Nacht bei ihm zu wachen, winkte er ſie mit der Hand dicht zu ſich heran an ſein Lager. Es geht zu Ende, meine Freunde, ſagte er leiſe, die Lampe hat kein Oel mehr, ſie wird bald erlöſchen! Still! Weint nicht, ſagt mir heiter das letzte Lebewohl! Heiter? fragte Lacy traurig, heiter, wenn wir Sie niemals wieder ſehen ſollen? Der Kaiſer blickte ſinnend zur Decke empor. Wir werden uns wieder ſehen, ſagte er nach einer langen Pauſe. Nicht hier auf Erden, aber im Jenſeits. Oh, ich glaube an ein Jenſeits, ich hoffe auf ein Jenſeits! Muß es denn nicht ein Daſein geben, wo ich einigen Er⸗ ſatz ſinde für Alles, was ich hier auf Erden gelitten? Und eine Strafe für diejenigen, welche Ew. Majeſtät leiden ge⸗ macht? fragte Graf Roſenberg düſter. Ich habe Allen verziehen, ſagte der Kaiſer lächeld. Kein Groll und kein Unmuth iſt mehr in meinem Herzen, ich bin ganz reſignirt! Ich hatte die gute Abſicht und den redlichen Willen, mein Volk glücklich zu machen, ich zürne ihm nicht, daß es nicht annehmen wollte, was ich ihm geboten habe. Ich wünſchte, man ſchriebe auf mein Grab:„Hier ruht ein Fürſt, deſſen Abſichten rein waren, der aber das Unglück hatte, alle ſeine Entwürfe ſcheitern zu ſehen.“— Ach, meine Freunde, der Dichter hat nicht Recht, wenn er ſagt: „Et du trêne au cercueil le passage est terrible.“ Ich vermiſſe den Thron nicht, und fühle mich ganz ruhig, nur ein wenig gekränkt durch ſo viele Lebensplage, ſo wenig Glückliche und ſo viel Undank⸗ bare gemacht zu haben. Allein das iſt das ganz gewöhnliche Schickſal der Männer auf dem Thron!*) *) Des Kaiſers eigene Worte. Siehe Charakterzüge aus dem Leben Kaiſer Joſeph II. S. 23. 0 ſagte und d Geiſtes Dumm 3 aber ſ A in unß G Tage Sie n mir ei Sie, Freud daß ſchenk nehme wird liebt Kind ihr g ( nieden Erden, uf ein n Cr⸗ en ge⸗ Groll gnirt! Volk ehmen be auf n, der 1. ſagt: ermiſſe kränkt ndank⸗ hicſel Kaiſer 173 Das Schickſal der großen Männer, die ihrer Zeit vorangehen, ſagte Lach, das Schickſal Aller, die Großes wollen, Großes erſtreben, und den Völkern neue Ideen des Glücks, der Aufklärung und der Geiſtesfreiheit bringen! Sie müſſen Alle ſterben als Märtyrer der Dummheit, des Uebelwollens und der Kleinlichkeit. Ja, ein Märtyrer bin ich, ſagte Joſeph mit einem ſanften Lächeln, aber ſie werden aus meinen Gebeinen keine Reliquien machen. Aber die Liebe zu Eurer Majeſtät werden wir als heilige Reliquie in unſerm Herzen tragen, rief Graf Roſenberg weinend. Sie ſollen nicht weinen, ſagte Joſeph. Haben wir nicht ſchöne Tage der Treue und der Freundſchaft mit einander durchlebt, wollen Sie mir nicht auch jetzt noch Ihre Freundſchaft beweiſen, indem Sie mir ein heiteres Angeſicht zeigen? Sie vor allen Dingen, Roſenberg, Sie, welcher mir heute die letzte Freudenbotſchaft gebracht, das letzte Freudenlächeln auf meinem Antlitz geſehen hahen, als Sie mir meldeten, daß meine geliebte Nichte Eliſabeth meinem Franz eine Tochter ge⸗ ſchenkt hat. Oh, es iſt ſchön, eine Freude mit ſich in ſein Grab zu nehmen, und ſterbend eine neue Hoffnung aufblühen zu ſehen! Eliſabeth wird dereinſt Eure Kaiſerin ſein, liebt ſte, Ihr meine alten Getreuen, liebt ſie um meinetwillen, denn ich habe ſie geliebt, wie mein eigenes Kind! Man hat mir ſeit einigen Stunden ſchon keine Nachricht von ihr gebracht. Es geht ihr gut, nicht wahr?„ Die beiden Freunde antworteten nicht, und ſenkten die Augen nieder. Lacy, rief der Kaiſer, und jetzt fuhr wieder ein Ausdruck menſch⸗ lichen Leidens durch die vorher ſo verklärten Züge, Lach, warum weinen Sie? Sie ſchweigen, oh mein Gott, Sie ſchweigen? Roſen⸗ berg, ich beſchwöre Sie bei unſerer Freundſchaft, bei Allem, was Ihnen heilig und theuer iſt, ſagen Sie mir die Wahrheit: wie ſteht es mit der Erzherzogin Eliſabeth, mit meiner Tochter? Er richtete ſich halb im Bett empor, und ſchauete in athemloſer Angſt auf den Grafen hin. Dieſer wagte es nicht, den Blicken des Kaiſers zu begegnen. Die Erzherzogin Eliſabeth iſt ſehr krank, ſagte er leiſe. Die Entbindung hat ſte ſehr angegriffen. 2 Ah, ſie iſt todt, rief der Kaiſer, nicht wahr, ſie iſt todt? 174 Niemand antwortete, nur die Thränen, welche in Lacy's und Roſenberg's Augen ſtanden, gaben die Antwort. Joſeph ſtieß einen lauten durchdringenden Schmerzensſchrei aus, und ſeine Arme zum Himmel emporſtreckend, rief er: Oh Gott, Gott, Dein Wille geſchehe! Aber was ich leide, iſt unbeſchreiblich! Ich meinte, ich wäre bereit, alle Todespein zu ertragen, die es Gott ge⸗ fallen möchte, mir zu ſenden; aber dieſes fürchterliche Unglück über⸗ ſteigt Alles, was ich jemals gelitten habe!*) Er ſank zurück auf ſein Lager, und lag ſtill und ſtarr da eine lange, lange Zeit. Dann auf einmal richtete er ſich wieder empor, und ſeine Stimme war wieder kräftig und voll, und ſein Auge hatte wieder Feuer und Glanz, und ſein ganzes Weſen zeigte wieder den Kaiſer und den Herrſcher, der vor allen Dingen ſich ſelbſt beherrſcht. Man ſoll die Erzherzogin mit allen Ehren, wie ſie dieſe edle und erhabene Fürſtin verdient, beſtatten, ſagte er. Ihnen übertrage ich die Sorge, Roſenberg, daß das Leichenbegängniß mit allem Pomp geſchehe. Morgen ſoll die Leiche in der Hofkapelle ausgeſtellt werden, aber dann ſoll man ſich beeilen, ſie zur ewigen Ruhe in die Kaiſer⸗ gruft hinabzuſenken, damit in der Hofkapelle Platz werde für meine eigene Leiche!**) Das war der letzte Befehl, den der Kaiſer ertheilte; von nun an war er nur noch ein armer, ſterbender Menſch, und nur Gott und ſeinem Volk galten ſeine letzten Gedanken. Er ließ ſeinen Beichtvater an ſein Lager rufen und bat, ihm etwas aus dem Gebetbuch vorzuleſen, ein Sterbegebet! Mit gefaltenen Händen hörte er zu, die großen Augen gen Himmel gewandt, aber plötzlich ſchien es, als wenn eine freudige Begeiſterung über ihn komme, und er begann laut die Worte des Gebetes mitzuſprechen. „So bleiben nun Glaube, Hoffnung und Liebe!“ betete der Geiſtliche. Der Kaiſer wiederholte die drei letzten Worte. Er ſprach das Wort Glaube mit tiefer Zuverſicht, das Wort Hoffnung leiſe und *) Des Kaiſers eigene Worte. **) Des Kaiſers eigene Worte. Siehe Huͤbner II. S. 491. ſchüch Inbrl 4 Kaiſer ( kennſt nahm zum Händ ger. aber in ſe meine unte! ſtarb Tage Tode liebt jetzt ihre für giſt tet da eine empor, ehatte er den errſcht. le und ge ich Pomp verden, Kaiſer⸗ meine in nun r Gott „ihm en gen reudige 175 ſchüchtern, das Wort Liebe aber rief er mit einer wahren, freudigen Inbrunſt.*) Dann wieder ward er ganz ſtill. Die Gebete verſtummten. Der Kaiſer lag mit gefaltenen Händen bleich und unbeweglich da. Einmal hörte man ihn leiſe ſagen: Herr, der Du mein Herz kennſt, Dich rufe ich zum Zeugen an, daß ich Alles, was ich unter⸗ nahm und befahl, aus keinen andern Abſtichten als zum Wohl und zum Beſten meiner Unterthanen meinte. Dein Wille geſchehe!**) Dann wieder ward er ſtill, ganz ſtill.— Weinend, mit gefaltenen Händen, ſtand der Erzherzog Franz, Lacy und Roſenberg an ſeinem La⸗ ger. Der Kaiſer ſah ſie mit ſeinen großen, ſchon gebrochenen Augen an, aber er kannte ſie nicht mehr. Aber dann wieder blitzte der Geiſt mit einem letzten Scheidegruß in ſeinen Augefauf und mit feſter Stimme ſagte er: Ich glaube meine Pflicht als Menſch und als Regent erfüllt zu haben! Dann wandte er ſein Antlitz zur Seite. Wieder herrſchte eine tiefe Stille. Auf einmal ward dieſe Stille unterbrochen von einem langen, ſchweren Seufzer. Es war der Todesſeufzer Kaiſer Joſeph des Zweiten!—— Am 20. Februar 1790 ſtarb Kaiſer Joſeph. Aber ſein Geiſt ſtarb nicht mit ihm, er lebte und wirkte fort bis auf die heutigen Tage! Auch ſein Volk, welches ihn oft mißkannt, fühlte nach ſeinem Tode erſt, was es an ſeinem Kaiſer verloren, und wie ſehr er es ge⸗ liebt hatte.— Jetzt, da er todt war, da ſie ihm das Herz gebrochen, jetzt liebten ſie ihn und weinten um ihn. Die Dichter ſangen ihm ihre Klagelieder nach und mühten ſich ab, geiſtreiche Grabſchriften für den großen Märtyrer der Aufklärung zu machen. Die beſte und geiſtoollſte dieſer Grabſchriften iſt vom Fürſten von Ligne, und lau⸗ tet alſo: Ce prince malheureux, dans ses vastes projets Pour fixer leur bonheur déplut à ses sujets. Esclave d'un devoir, que vit mal son génie A créer, reformer, il consuma sa vie; *) NRamshorn, S. 449. **) Hübner II. S. 502. 176 Sourd aux cris de son coeur, qu'égarait son esprit Risquant plus d'une fois de perdre tout crédit; Allarmant ses états, et l'Europe et l'Asie; Blamé par des ingrats que suscitait Penvie; Il entreprit beaucoup, et commençant toujours Ne put rien achever, exceptés ses beaux jours. Das Volk aber ſang: Ich denk' ſo manchmal hin und her, 's kommt doch kein Kaiſer Joſeph mehr! Wenn Einem der in's Auge ſah, Das war mein' Seel' ein Gloria! * * 5 Druck von J. Draeger in Berlin, Ablerſtr. 9. n. f . A. J. Groß 15. v. Dohm. Denkwürdi Quellen-Uachweis. Lebensgeſchichte Joſeph's des Zweiten, Kaiſers der Deutſchen, oder Roſen auf deſſen Grab. Geſammelt von L. Hübner. Salzburg. Friedrich von Raumer. Europa vom Ende des ſiebenjährigen bis zum Ende des amerikaniſchen Krieges(1763 bis 1783). Nach den Quellen im britiſchen und franzöſiſchen Reichsarchiv. Leipzig 1839. Carl Ramshorn. Kaiſer Joſeph II. und ſeine Zeit. Leipzig 1845. Hoffinger. Lebens⸗ und Regierungsgeſchichte Joſeph's des Zweiten und Gemälde ſeiner Zeit. 4 Bände. Stuttgart 1842. Johann Pezzl. Characteriſtik Joſeph's II. Eine hiſtoriſch⸗biographiſche Skizze. Wien 1790. z. J. D. E. Preuß. Friedrich der Große. Eine Lebensgeſchichte. 5 Bände. Berlin 1833. . Caxroline Pichler. Denkwürdigkeiten aus meinem Leben. 4 Bände. Wien 1844. .Joſeph Freiherr von Hormayr. Oeſterreichiſcher Plutarch oder Leben und Bildniſſe aller Regenten und der berühmteſten Staatsmänner, Ge⸗ lehrten und Künſtler des Kaiſerſtaats. 20 Bändchen. Wien 1807. J. G. Siegmeier. Ueber den Ritter Gluck und ſeine Werke. Berlin 1837. .. Anton Schmid. Chriſtoph Wilibald, Ritter von Gluck. Deſſen Leben und tonkünſtleriſches Wirken! Leipzig 1854. B Johann Friedel. Briefe aus Wien an einen Freund in Berlin. 2 Thle. Leipzig und Berlin 1783 und 1785. . Briefe aus Berlin über verſchiedene Paradore dieſes Zeitalters. An den Verfaſſer der Briefe aus Wien an einen Freund in Berlin. 2 Theile. Berlin und Wien 1784. Zehn Briefe aus Oeſterrei druckt an der ſchleſiſche Kaiſer Franz und Mette Freiherr von Hor den Verfaſſer der Briefe aus Berlin. Ge⸗ renze 1784. . Ein nachgelaſſenes Fragment.(Von Joſeph⸗ Leipzig 1848. eiten meiner Zeit oder Beiträge zur Geſchichte von 1778 bis 1806. Fünf Bände. Lemgo und Hannover 1814. 16. Carl Riesbeck. Briefe eines reiſenden Franzoſen über Deutſchland. An ſeinen Bruder in Paris. 2 Bände. 1783. 17. Johann Bernouilli's Sammlung kurzer Reiſebeſchreibungen. Bd. 16 u. 17. Berlin 1785. 18. Characterzüge, Memorabilien und hiſtoriſche Anecdoten von Kaiſer Joſeph II. Herausgegeben von keinem Reichsbiographen. 2 Bände. Leipzig und Meißen 1847. 19. Joſeph Freiherr von Hormayr. Wien, ſeine Geſchicke und ſeine Denkwürdigkeiten. Band V. Wien 1823. 20. F. C. Schloſſer. Geſchichte des achtzehnten Jahrhunderts ꝛc. Bd. III. und IV. Heidelberg 1844. 21. Briefe von Joſeph dem Zweiten als charackeriſtiſche Beiträge zur Lebens⸗ und Staatsgeſchichte dieſes unvergeßlichen Herrſchers. Leipzig 1821. 22. Theodor Mundt. Der Kampf um das ſchwarze Meer. Hiſtoriſche Dar⸗ ſtellungen aus der Geſchichte Rußlands. Braunſchweig 1855. 23. Adam Wolf. Oeſterreich unter Maria Thereſia. Wien 1854. 24. v. Hormayr. Taſchenbuch für vaterländiſche Geſchichte. 25. Peter Philipp Wolf. Allgemeine Geſchichte der Jeſuiten. 26. Juſtinus Kerner. Franz Anton Mesmer aus Schwaben. 27. Caraccioli. La vie de Joseph II. Amsterdam 1790. 28. Henry Swinburne. The Courts of Europe at the Close of the last Century. 2 Bände. London 1841. 29. Rulhiere. Histoire de l'anarchie de Pologne. 4 Bände. 30. Masson. Mémoires secrètes sur la Russie. 31. Madame de Campan. Mémoires. 4 Bände. 32. Soulavie. 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