) 1 —--——,— „ — ————,'——.-—-— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von„ Eduard Ofkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen..— 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Sunime hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatret wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt;. 8 8 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1euf. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. 3 3„ e„„„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Pasquille................... 1 4 Der Controlorgang............... 12 5 Im Controlorgang.(Zweite Scene.)........... 19 1 Die Dame Patroneg................. 35 Mutter und Sohn................. 43 Der doppelte Schwur............ 55 4 Das neue Begräbniß................ 70 1 Der Einzug des Papſtes............... 87 Die Flucht................ 100 Die Selbſtiranung.....:........... 114 5. Im Augarten................... 118 5 Der Abſchieb.................. 126 Obriſt Szeinly................. 132 Papſt Pins VI.................. 142 Uiertes Buch. —. Die Reformen und das Volk. J. Die Pasquille. Die ganze Nacht hindurch hatte der Kaiſer mit ſeinem vertrauten Secretair Günther gearbeitet. Der Morgen war herein gebrochen, es war heller Tag geworden, und noch immer ſchien der Kaiſer nicht geneigt, ſich Ruhe zu gönnen, und ſeine Geſchäfte zu unterbrechen. Er war ſeit einigen Tagen erſt von ſeiner Reiſe nach den Nieder⸗ landen zurückgekehrt. Ueberall dort hatte ihn das Volk mit begeiſtertem Jubel empfangen, überall hatte er die Herzen gewonnen durch ſeine Leutſeligkeit und Güte; nur die Prieſter, die Biſchöfe und Geiſtlichen hatten finſter dreingeſchaut, denn der Kaiſer, welcher allen ſeinen Landen dieſelben Geſetze, dieſelben Freiheiten und dieſelbe Aufklärung geben wollte, der Kaiſer hatte auch in Belgien ſeine neuen Religions⸗ geſetze verkünden laſſen. Auch dort ſollte die Prieſterſchaft ihre tyranniſche Herrſchaft über die Gewiſſen der Menſchen verlieren, auch dort ſollte das Volk befreit werden von der Herrſchaft der Kirche, und die Geiſtlichkeit unterthänig werden dem Kaiſer und den Geſetzen des Landes. Das war ein Donnerſchlag geweſen für die mächtige und und hochmüthige Prieſterſchaft Belgiens, und zornige Blitze waren in ihren Augen aufgeleuchtet. Aber der Kaiſer hatte ſich den Anſchein gegeben, ihre zornigen Blitze nicht zu ſehen, und ihre Klagen, die ſte, ſo länge Joſeph da war, doch nur halblaut zu murmeln wagten, gar nicht zu hören. Er war nicht gekommen um der Prieſter und Mönche, ſondern nur um des Volkes willen, er buhlte nicht um die Gunſt der mächtigen Biſchöfe, ſondern nur um die Liebe des armen machtloſen Volkes, und wenn die Prieſter ihn leiſe einen ſtolzen Kaiſer Joſeph. 3. Abth. III. 4 1 2 Tyrannen nannten, ſo begrüßte das Volk ihn als den frommen und Nebe leutſeligen Kaiſer, beſonders ſeit es ihn demüthig und fromm in einer bei der Kirchen den ihm vorbehaltenen Ehrenplatz hatte verſchmähen und Qui mitten unter dem armen Volke hatte knieen ſehen.*) 3 Mor Und begleitet von dieſen Grüßen und Segenswünſchen des Volks 3 war der Kaiſer heimgekehrt nach Wien, aber nicht um auszuruhen f feine von ſeiner beſchwerlichen Reiſe, ſondern um weiter zu arbeiten an Bitt dem großen Werk, das er begonnen, um weiter zu bauen an ſeinem 1 neuen Oeſterreich. un Mit unermüdlichem Eifer hatte er ſeit ſeiner Rückkehr ſich wieder muß den Regierungsgeſchäften hingegeben, alle während ſeiner Reiſe ein⸗ gegangenen Bittſchriften und Reſcripte ſelbſt leſend und prüfend, und gr dann auch für alle ſelbſt die Antwort beſtimmend. N Seit zwei Tagen hatte daher der Kaiſer kaum ſein Cabinet ver⸗ 9 laſſen, aber der erſte expedirende Secretair hatte alle zwei Stunden di in daſſelbe eintreten müſſen, um die abgefertigten Briefſchaften in ſů Empfang zu nehmen und zu befördern. Vier Secretaire hatten den un ganzen Tag vollauf zu thun gehabt, um die Briefe auszuführen, deren 8 4 un Inhalt der Kaiſer in kurzen Sätzen am Rande der Briefe und Bitt⸗ ſchriften entweder ſelbſt geſchrieben, oder von Günther hatte ſchreiben aug laſſen. Und dieſe Secretaire mußten ſehr genau und pünktlich arbeiten, vor . denn der Kaiſer begnügte ſich nicht, ihnen Arbeit zu geben, ſondern er prüfte auch ihre Arbeit, und alle von ihnen während des Tages ausgearbeiteten Briefe und Reſcripte mußten am Abend dem Kaiſer und in ſein Cabinet gebracht werden. Dort prüfte er dieſelben mit der' mi größten Genauigkeit, ließ ſich dieſelben von Günther vorleſen oder ich las ſte ſelbſt. Alsdann mußte Günther ſte in Gegenwart des Kaiſers' 4 adreſſiren und ſtegeln, und damit Joſeph ſicher war, daß auch keins 4 Ei dieſer Papiere unterſchlagen werden könne, that er dieſelben eigen⸗ 4 ern händig in eine große Mappe, die er verſchloß, indem er dem Boten, 4 un welcher ſte zu expediren hatte, den Schlüſſel übergab, zugleich mit 1 8υ A einer Liſte, auf welcher die Namen der Adreſſaten verzeichnet waren. N *) In Luremburg wohnte der Kaiſer dem Hochamt bei, und knieete nicht unter dem ihm errichteten Baldachin nieder, ſondern mitten unter ſeinem Volk. „Vor dem Höchſten, ſagte er, ſind wir Alle gleich.“ Hübner I, S. 233. 1 — 3 Neben dieſe Namen mußten diejenigen, welche die Briefe erhielten, bei Empfang derſelben eine Beſcheinigung hinzufügen, und dieſer OQuittungsbogen der Beſtellungen mußte alsdann an jedem nächſten Morgen dem Kaiſer vorgelegt werden. Aber dieſer regelmäßige Gang der Geſchäfte hatte dem Kaiſer ſeit ſeiner Rückkehr aus den Niederlanden nicht genügt. Die Reſcripte, Bittſchriften und Vorlagen hatten ſich während ſeiner Abweſenheit zu Bergen angehäuft, alſo mußte auch die Arbeit verdoppelt werden, um dieſe Berge abzutragen. Da die Tage nicht dazu genügten, mußte die Nacht zu Hülfe genommen werden. Der Kaiſer, in dem Eifer ſeiner raſtloſen Thätigkeit, empfand gar keine Erſchöpfung, keine Abſpannung, ſein Auge leuchtete nach dieſer langen, angeſtrengten Nacht noch ebenſo hell und klar, ſein Geiſt war noch ebenſo friſch und kühn, und erſt, als das letzte Acten⸗ ſtück abgefertigt war, erhob ſich der Kaiſer von ſeinem Schreibtiſch und machte einige Gänge im Zimmer auf und ab, während Günther mit eiliger Hand die Papiere zuſammenlegte, und ſie in die Mappe that. Der Kaiſer hatte ihm, ohne daß der junge Mann es gewahrte, zugeſehen, und blieb jetzt, mitten in ſeinem Gang durch das Zimmer, vor ihm ſtehen. Günther, ſagte er, Sie ſehen leidend und blaß aus? Was fehlt Ihnen? Der junge Mann hob die Blicke langſam zu dem Kaiſer empor, und ein trübes Lächeln trat auf ſeine Lippen. Sire, ſagte er, mir fehlt gewiß nichts als ein wenig Schlaf, und nur davon bin ich blaß. Das iſt nicht wahr, ſagte der Kaiſer ruhig, Sie verleumden Sich Selbſt, wenn Sie ſo ſprechen, denn Sie ſind der beſte und un⸗ ermüdlichſte Arbeiter, und niemals noch habe ich Sie erſchöpft und unluſtig geſehen. Ach, ſehen Sie wohl, Sie ſchlagen vor meinen Blicken die Augen nieder! Sie verbergen mir Etwas, Günther! Wie? Haben Sie kein Vertrauen mehr zu mir, mein Freund? Ich habe zu Ew. Majeſtät das heiligſte und freudigſte Vertrauen, ſagte Günther ernſt, aber, wenn denn Ew. Majeſtät die Wahrheit wiſſen wollen, ich ängſtige mich um Sie! Der Kaiſer ſah ihn erſtaunt an. Sie ängſtigen Sich um mich? wiederholte er erſtaunt. Und weshalb dieſe Angſt, Günther? 1* 4 Weshalb? fragte Günther erregt. Weil Ew. Majeſtät zu kühn, zu unerſchrocken ſind, weil Sie keiner Gefahr achten und vor keinem Schreckniß zurückbeben, weil Sie Ihre Hände kühn hineinſtecken in die lodernden Flammen, um daraus Ihren Völkern das Heil zu er⸗ retten! Aber es wird doch in den Flammen verbrennen, und Ew. Majeſtät werden zum Dank für Ihr edles Beſtreben Sich nur ſchlimme Brandwunden holen! Immer daſſelbe Lied, ſagte der Kaiſer achſelzuckend. Sie ſprechen wie Lacy und Roſenberg. Immer zögern, immer hinhalten, immer temporiſiren, das iſt Eure Taktik! Ich aber will raſch vorwärts, und was ich heute thun kann, das will ich nicht auf morgen verſchieben, denn wer weiß, ob ich den Morgen noch erlebe, um meinen Willen ausführen zu können! Freilich, rief Günther faſt erzürnt, wenn Ew. Majeſtät ſo fort⸗ leben, dann iſt es ungewiß, ob Sie noch viele Morgen erleben wer⸗ den, denn Ew. Majeſtät werden Sich aufreiben. Ew. Majeſtät ver⸗ geſſen, daß die menſchliche Kraft auch ihre Grenzen, daß die Natur auch ihre Rechte hat. Oh verzeihen mir Ew. Majeſtät dieſe kühne und übermüthige Sprache, aber Sie Selber haben mich dazu ermäch⸗ tigt! Ich habe, als ich mein Amt antrat, in Ihre Hand feierlich geſchworen, Ihnen allezeit die Wahrheit zu ſagen und Ew. Majeſtät meine innerſten Gedanken mitzutheilen, auch niemals etwas zu verſchweigen, was ich in Bezug auf Ew. Majeſtät erfahren habe! Und deshalb, getreu meinem Schwur, Ew. Majeſtät immer die Wahrheit zu ſagen, muß ich auch heute Ihnen ſagen: Ew. Majeſtät thun Unrecht! Sie ſtrengen Sich mehr an, als es die Menſchennatur erlaubt. Sie ſind es aber Ihren Völkern ſchuldig, mit äußerſter Sorgfalt auch auf Ihr leibliches Wohl zu achten, Sie müſſen Sich für Oeſterreich geſund er⸗ halten, Sire, denn was ſollte aus dieſem neuen, ſtolzen Rieſenbau Oeſterreich werden, wenn ſein kaiſerlicher Baumeiſter von dannen ginge, ehe er vollendet iſt. Es iſt ja Niemand da, der zu Ende führen könnte, was Ew. Majeſtät begonnen, und alſo müſſen Euer Majeſtät den Bau Selbſt vollenden, damit er feſt da ſtehe und ſtark genug ſei, den Stürmen aller Zeiten zu trotzen. Darin, mein Freund, haben Sie Recht, ſagte der Kaiſer mit einen Rieſ ſtehl weg folg wird ferti einem ſanften Lächeln, ich darf nicht einen Moment meinen begonnenen 5 8 Rieſenbau verlaſſen, damit mir die Prieſter nicht meine Bauſteine ſtehlen, und damit mir der hochmüthige Adel nicht von der Arbeit wegläuft. Und auch darin haben Sie Recht, daß ich keinen Nach⸗ folger habe, der meine Pläne verſteht und den guten Willen haben wird, ſie zu Ende zu führen. Ich werde und will alſo leben bis ich fertig bin mit meinem Werk! Dann aber müſſen Ew. Majeſtät Sich auch ſchonen, rief Günther eifrig, dann müſſen Ew. Majeſtät wenigſtens die Nächte Sich Ruhe gönnen. Oh, Ew. Majeſtät werden mich nicht für einen ſo kleinlichen Egoiſten halten, daß ich dies ſagen ſollte in meinem eigenen Intereſſe, denn Sie wiſſen wohl, daß mein ganzes Leben dem Dienſt Eurer Majeſtät geweiht iſt, und daß nichts mir ſo ſchwer ſcheint, daß ich es nicht freudig thun würde, um mir dadurch die Zufriedenheit meines Kaiſers zu erwerben! Joſeph elegte ſanft die Hand auf Günther's Schulter. Ich glaube Ihnen, Günther, ſagte er ernſt. Sie gehören nicht allein zu meinen⸗ beſten Arbeitern, ſondern auch zu meinen beſten Freunden, und ich vertraue Ihnen, wie ich Wenigen vertraue, und ich mache Sie zum Mitwiſſer meiner größten politiſchen Geheimniſſe! Ew. Majeſtät wiſſen wohl, daß ich eher ſterben würde, als nur Ein Wort mit feſten, Ihrer Geheimniſſe verrathen, ſagte Günther, dem Kaiſer leuchtenden Augen in's Antlitz ſchauend. Aber da Sie alle meine Geheimniſſe wiſſen, fuhr der Kaiſer fort, da Sie meine Pläne für die Zukunft kennen, ſollten Sie mir auch nicht von Ruhe, von Erholung und Müßiggehen ſprechen! Ich habe ſo viel zu thun, daß ich oft bang und angſtvoll vor meiner Arbeit daſtehe, und daß mich eine fröſtelnde Angſt überfällt, ich möchte wirk⸗ lich nicht die Kraft haben, Alles zu vollenden. Oh, es wäre fürchter⸗ lich und entſetzlich, wenn ich zu früh abgerufen würde, wenn ich ſtürbe, bevor mein Gebäude noch unter Dach iſt und geſchützt gegen Regen und Wind. Günther, Günther, die Prieſter würden mir dann doch wieder meinen großen freien Volkspalaſt in eine finſtere Kirche um⸗ wandeln, und auf dem Dach, wo ich die große Uhr anbringen will, welche den Fürſten und Völkern Oeſterreichs immer verkünden ſoll, 8 6 was die Glocke geſchlagen hat, würden ſie mir wieder ein großes Kreuz aufrichten, das nur die Zeit, welche geweſen iſt, wieder herauf beſchwören möchte. Es wäre ein grauſamer Hohn des Schickſals, wenn ich ſterben und vor meinen ſterbenden Sinnen das Zuſammen⸗ fallen meines Gebäudes, das ich nicht vollenden konnte, höxen müßte! Nein, nein, ich will leben, ich muß leben, bis mein Tagewerk voll⸗ bracht iſt! Deshalb alſo, weil Ew. Majeſtät eine ſo heilige Miſſion erhalten haben, gerade deshalb müſſen Sie Sich ſchonen, Sich Erheiterung gönnen, Sire, und nicht der Arbeit alle Ihre Zeit und Ihre Freuden zum Opfer bringen! Ew. Majeſtät leben aber jetzt nur noch der Arbeit und den Geſchäften! Und Sie meinen, ich ſollte, wie der Weiſe von Sansſouci oder die Semiramis des Nordens darauf bedacht ſein, mir noch einen andern Ruhm zu erwerben, als den, ein guter Geſchäftsführer meines Volkes zu ſein? rief Joſeph lächelad. Es kränkt Sie, nicht wahr, daß Sie einem Fürſten Ihre Dienſte widmen, der nur Acten zu ſchreiben, Reſcripte zu erlaſſen und Geſetze zu geben verſteht, und Apoll und die neun Muſen niemals in ſeine Studirſtube ladet! Nun, wenn auch nicht alle neun, Sire, ſo könnten Sie doch einige der Muſen bei Sich dulden, wie Ew. Majeſtät es ſonſt ge⸗ than. Aber auch die Conzerte haben aufgehört und das Violoncell ſteht ſeit Monaten ſchon unberührt in ſeiner Ecke! Und nun können meine Feinde ſagen, ich äffe den König von Preußen nach, und da er nicht mehr die Flöte blaſe, wolle ich nicht mmaehr das Violoncell ſpielen. Nein, nein, mein Freund, ich werde keine der Muſen mehr in mein Studirzimmer einladen! Ein Fürſt hat wahrlich andere Dinge zu thun, als nach ſolcher leichtfertigen Bekanntſchaft zu ſtreben, denn er iſt nicht da, um ſich zu amüſiren, ſondern um zu arbeiten! Ich begreife deshalb auch nicht, wie einige Monarchen auf die kleinliche Begierde gerathen ſind, ſich literariſche Vorzüge erwerben zu wollen, eine Art von Größe darin zu ſuchen, wenn man Verſe macht, oder einen Riß zum Theater zeichnet, der ein Pendant für die Werke des Palladio ſein ſoll. Es ſollen die Könige freilich im Reich der Wiſſenſchaften nicht ganz unbekannt ſein, aber —3 daß ein Monarch die Zeit damit zubringe, Madrigals zu ſchreiben, das finde ich überflüſſig.*) Und doch giebt es in dieſer Zeit gar viele Fürſten und Herrſcher, welche vermeinen, es ließen ſich die Völker mit Sinngedichten glücklich machen, ſagte Günther lächelnd. Das iſt wahr, rief der Kaiſer heiter. Der Markgraf von Branden⸗ burg iſt das Haupt einer Königsſekte geworden, die ſich damit be⸗ ſchäftigt, Memoiren, Gedichte und Abhandlungen über verſchiedene Gegenſtände zu ſchreiben. Die Kaiſerin von Rußland folgte ihm nach, las Voltaire, ſchrieb Schauſpiele und Verſe an Vanhal, dann einige Oden an ihre Alciden; Stanislaus Lesczinsky Friedensbriefe, und der König von Schweden Hymnen und Briefe an die Freundſchaft. Ich werde ihnen nicht nacheifern. Mir ſind weder die großen Grie⸗ chen, noch Römer unbekannt; ich kenne die Geſchichte des deutſchen Reichs und jene meiner Staaten insbeſondere; aber meine Zeit wird mir nie erlauben, Epigramme zu machen und Vaudevilles zu ſchmie⸗ den. Ich leſe, um mich zu unterrichten, ich reiſe, um meine Kennt⸗ niſſe zu erweitern, und indem ich die Gelehrten unterſtütze, erzeige ich ihnen einen größern Dienſt, als wenn ich und einer derſelben an Einem Pult Sonette faſelte.**) Reden Sie mir alſo nicht wieder vom Herrn Apoll und ſeinen leichtfüßigen Begleiterinnen! Mag der Reſonanzboden meines Violoncells vor Aerger platzen, daß ich ihm nicht mehr das eitle Vergnügen gönne, die Luft hier zu entzücken mit ſeinen ſchmeichleriſchen, ſüßen Tönen, wenn nur mein Ge⸗ bäude keinen Riß bekommt und keine Todtenwürmer ihr Lied darin ertönen laſſen. Laſſen wir die Talente bei Seite; ich will nur ein Staatsarbeiter ſein, und da thue ich, was ich kann, und man wird mir nicht den Vorwurf machen können, daß ich nicht Alles thue, was in meinem Vermögen iſt. Aber freilich, fuhr der Kaiſer mit um⸗ düſterten Mienen fort, ich finde bei all meinem Thun und Arbeiten gar wenig Unterſtützung, ſowohl in der Anlage, als in der Ausfüh⸗ rung. Staatsbeamte, Dikaſterien, Große, Kleine, der Adel, die Bür⸗ ger, die Prieſter, die Mönche, Alles häuft Hinderniſſe auf Hinderniſſe, *) Des Kaiſers eigene Worte. Siehe Joſeph II. Briefe S. 54. **) Des Kaiſers eigene Worte. Siehe Joſeph II. Briefe S. 57. und ſo wird der Gang der Maſchine gehemmt. Außerdem ſind die Quellen des Staats auch nicht ſo groß, als man meint. Ich habe unglaubliche Schulden vorgefunden, und nur mit der äußerſten Oeko⸗ nomie kann ich die Ausgaben meines Staats, die Unterhaltung meiner Armee beſtreiten.*) Dafür nennt mich das Volk jetzt einen Geizhals; die großmüthige Verſchwendung Maria Thereſia's legt mir die Pflicht auf, gut hauszuhalten und mich nach neuen Einnahmequellen für den Staat umzuſchauen! Um meinem Lande keine neuen Schulden auf— zubürden, mußte ich darauf bedacht ſein, mir auf außerordentliche Weiſe Geldmittel zu ſchaffen! Und dieſe Geldmittel fanden Ew. Majeſtät unglücklicherweiſe in den Klöſtern und Wallfahrtsorten, ſagte Günther ſeufzend. Unglücklicherweiſe? fragte Joſeph. Glücklicherweiſe wollen Sie ſagen! Dieſe todten Schätze der Klöſter und Wallfahrtsorte haben mein Land und mein Volk vor großem Unheil bewahrt, denn ſie haben uns Geld gegeben, ohne Schulden zu machen. Hat uns nicht Mariataferl allein dreißig Centner Gold und Silber geliefert, die jetzt als gute ausgeprägte Millionen in die Religionskaſſe gefloſſen ſind, und den todten Rumpf, in welchen Aberglaube, Dummheit und Bigotterie ſeine Schätze verſenkte, in einen lebendigen, friſchen Quell des Volkswohlſtandes verwandeln werden? Oh, aus dieſer Religions⸗ kaſſe, welche alle Schätze der aufgehobenen Klöſter und Kirchen auf⸗ nimmt, ſoll meinem Lande Heil und Segen erblühen, und Gott wird es mit Wohlgefallen ſehen, wie die Opfer des todten Aberglaubens ſich nun verklären ſollen zu Opfern der lebendigen Liebe, und er wird ſeinen Segen geben zu dem Werk des Lichts! Freilich werden die Helden der Finſterniß, die Mönche, und Prieſter in ihrer bekannten chriſtlichen Liebe und Duldſamkeit ihren Fluch wider mich ſchleudern, freilich wird es ein großes Geſchrei geben! Ein Geſchrei, wie wenn ein neuer Hercules den Vorhof des Tartarus beſtürmt! ſagte Günther lächelnd. Sie haben Recht, rief der Kaiſer glühend, es iſt eine Hercules⸗ Arbeit, aber mit Gottes Segen wird ſte gelingen. Mögen die Mönche ſchreien, mögen ſie mich einen Abtrünnigen und Ungläubigen ſchelten, *) Des Kaiſers eigene Worte. Siehe Hübner I, S. 198. 1 noger irre u den L Gutes Licht! treibe wollen quill und 9 mögen ſie mich verketzern und verleumden, ich werde mich nicht dadurch irre machen laſſen, und zuletzt wird ihr Geſchrei doch verhallen unter den Liebesrufen meines Volkes, das einſehen wird, daß ich nur ſein Gutes will, nur lebe, um ihm die Freiheit und das Glück zu bringen. Licht! Licht! Es ſoll Licht werden in meinen Staaten, und aus⸗ treiben wollen wir alle Dunkelmänner und Nachtgeſtalten, und lachen wollen wir zu ihrem Geſchrei, ihrem Zetergeheul und ihren Pas⸗ quillen. Sehen Sie da, Günther, welche allerliebſte Sinngedichte und Bilder man mir geſtern gebracht hat. Und der Kaiſer nahm ſeine Schreibtafel und holte einige Papiere daraus hervor. Sehen Sie zuerſt dies Gemälde hier, ſagte er lachend. Es bezieht ſich auf ein anderes großes Verbrechen von mir, darauf, daß ich den Hofdamen und Hofbeamten ihr freies Quartier in der Burg entzogen und ihnen jährliche Quartiergelder gegeben habe, um in der Stadt ſich ſelber eine Wohnung zu miethen. Sehen Sie nur, hier wandern die Hofdamen, jede mit ihrem Bündel unter dem Arm, zur Burg hinaus. Der Oberhofmeiſter kehrt mit dem Beſen hinter⸗ her, und dieſes allerliebſte Herrchen hier in der Ecke, mit der Hetz⸗ peitſche in der Hand, ſoll, wie mir ſcheint, mein Conterfei ſein. Und nun dieſe Unterſchrift:„Allhier ſind im erſten und zweiten Stock Zimmer zu überlaſſen. Wer ſolche miethen will, hat ſich beim Haus⸗ herrn im erſten Stock zu melden.“*) Nun, was ſagen Sie zu dieſer Satyre? Sie iſt eben ſo abſcheulich, ungerecht, als gemein und beißend! Mich beißt ſie gar nicht, ſagte der Kaiſer lachend, nicht einmal die Haut fühle ich mir davon verletzt. Ich habe eine heile Haut, wen es juckt, der kratze ſich, ich hab's nicht nöthig.**)— Dies an⸗ dere Pasquill hier hatte man mir geſtern zum Vergnügen meines Spazierritts im Augarten angeheftet, gerade in der Allee, in welcher ich, wie man weiß, immer zu reiten pflege. Hören Sie:„Joseph premier, aimable et charmant, Joseph second, Scorpion et Tyran!“ Und zu ſolchen Abſcheulichkeiten können Ew. Majeſtät noch lachen, rief Günther, glühend vor Zorn. *) Hübner I. S. 199. **) Des Kaiſers eigene Worte. Aber was wollen Sie, ſagte Joſeph heiter, die Leute, die das geſchrieben, haben Recht. Den Mönchen und Nonnen gegenüber bin ich ein Tyrann, denn ich habe ſie ausgetrieben aus den Freiſchlöſſern der Faulheit, des Hochmuths und des Wohllebens, in denen ſie die Herren und Gebietenden waren. Ich habe ſte angegriffen, ſie ver⸗ theidigen ſich, und da ſte keine andern Waffen haben, als ihre Zun⸗ gen, ſo muß man ihnen wohl geſtatten, dieſe zu gebrauchen. Ich habe meinem Volk die Rede⸗ und die Schreibfreiheit gegeben, die Mönche und Prieſter müſſen eben ſo gut Gebrauch davon machen dürfen, wie jeder Andere. Nun, wenn Ew. Majeſtät das in der Ordnung finden, ſagte Günther, ein Papier aus ſeinem Buſen hervorziehend, wenn Ihnen dieſe Unverſchämtheiten der ſogenannten Himmelsfechter keinen weitern Aerger bereiten, Sire, ſo muß ich Ihnen, treu meinem Gelöbniß, Ew. Majeſtät nichts zu verſchweigen, auch dies Pasquill hier mit⸗ theilen, das geſtern an den Mauern des ehemaligen Königskloſters angeheftet war. Ach, dies Königskloſter ärgert alſo die Himmelsfechter noch immer! rief der Kaiſer lächelnd. Sie können es mir noch immer nicht verzeihen, daß ich das Kloſter an den Banquier Fries verkauft habe, der ſich einen Palaſt daraus bauen will, und daß die Kirche jetzt der evangeliſchen Gemeinde zu ihrem Gottesdienſt überlaſſen wor⸗ den! Nun laſſen Sie hören, was ſagt das Pasquill? Sire, meine Zunge ſträubt ſich, das zu leſen! Wollen Ew. Ma⸗ jeſtät nicht die Gnade haben, Selbſt— Nicht doch! Sie müſſen Ihre Zunge ſchon daran gewöhnen, ſolche Schmähungen wider mich zu leſen, denn ich denke, Sie werden mir noch öfter dergleichen vorzutragen haben. Leſen Sie alſo! Und der Kaiſer ließ ſich in einen Fauteuil niedergleiten, und ſtreckte ſich behaglich in demſelben aus. Günther las:„Dieſer Tempel war erſt zum Dienſt des all⸗ mächtigen Gottes von den frommſten Beherrſchern Oeſterreichs ein⸗ gerichtet, war die Wohnung heiliger Jungfrauen des unbefleckten Lammes; aber es plünderte darin die Kirchenſchätze, es zerſtreuete in alle Welt die Gottgeheiligten Nonnen,— jener Verführer der Braut Chriſti und Schwächer reiner Jungfrauen, des Martin Luther's treuer ‿ — Anhäͤ der g berüch alle hat e Temp anger Stim vollk leſen dieſen hat, Ew. ſollt zu k den eine Men heit druc für den Beiſ und dar tnir Kai Anhänger und Nachfolger, Joſeph II., ein Lutheraner, uneingedenk der göttlichen Barmherzigkeit, die ihn auf den Thron erhoben, ein berüchtigter Verächter heiliger Kirchengeſetze, begünſtigt und befördert alle Ketzereien, und iſt ſelbſt ein Mann von keiner Religion. Nun hat er,— ein ſeit Jahrhunderten unerhörtes Beiſpiel!— eben dieſen Tempel unter der Maske der Tugend zum Sammelplatze der Greuel angewieſen und verkauft.“*) Günther's Antlitz war, während er las, immer glühender, ſeine Stimme immer erregter geworden, aber der Kaiſer hatte ihm mit vollkommener Ruhe, mit heitern, lächelnden Mienen zugehört. Ich beſchwöre Ew. Majeſtät, rief Günther, als er du Ende ge⸗ leſen, dies Mal nur haben Sie die Gnade, Strenge zu üben und dieſen Uebermüthigen zu zeigen, daß auch die Milde ihre Grenzen hat, und daß, wenn die Preßfreiheit in eine Preßlicenz ausartet, Ew. Majeſtät dies nicht dulden werden! Und weshalb ſollte ich das? fragte der Kaiſer lächelnd. Weshalb ſollte ich dieſen Leuten nicht erlauben, ein wenig an mir ihr Müthchen zu kühlen. Wenn ich dies Pamphlet unterdrückte, würde das nicht den Anſchein haben, als ob ich es fürchtete, und in dieſer Anklage eine Gefahr für mich ſehe? Nein, im Gegentheil, ich will, daß alle Menſchen es leſen, um darnach beurtheilen zu können, ob es die Wahr⸗ heit enthält. Ich beauftrage Sie alſo, Günther, dies Pasquille ſofort drucken und in allen Buchhandlungen verkaufen zu laſſen. Wir wollen für das Exemplar einen Kaufpreis von ſechs Kreuzern feſtſetzen, und den Erlös dieſes Unternehmens wollen wir den Kirchenvorſtehern als Beiſteuer für die Armen übergeben.**) Oh, rief Günther tiefbewegt, wenn Ihre Feinde jetzt hier wären, und die hochherzigen Worte Ew. Majeſtät hören könnten, müßten ſie da nicht beſchämt und gerührt zu Ihren Füßen niederſinken, und zer⸗ knirſcht von Ihrer Größe und Ihrem Edelmuth um Vergebung flehen? Still, ſtill, ſagte Joſeph, ſonſt würden meine Feinde, wenn ſie jetzt hier wären, mit allem Grund vermuthen können, ich ſei wie all *) Hübner I, Seite 81. **) Hiſtoriſch. Es wurden ſchon am erſten Tage, als dies auf Befehl des Kaiſers gedruckte Pamphlet erſchien, fünftauſend Eremplare davon verkauft. 12 die andern Fürſten auch; ich liebe es, Oſtentation zu treiben mit meinen wenigen guten Eigenſchaften, und umgebe mich mit Schmeich⸗ mit dithyrambiſchen Lobliedern beſingen müßten!— Aber es i*ſt jetzt genug des Plauderns und der Erholung, fuhr der Kaiſer fort, indem er ſich aus dem Lehnſtuhl erhob. Die Arbeit des Tages ruft mich, und die armen Leute, die mich im Controlorgang erwarten, werden ſchon ungeduldig ſein, denn wie ich ſehe, iſt es ſchon eine Viertel⸗ ſtunde über die feſtgeſetzte Zeit! Gehen Sie alſo, Freund Günther, und laſſen Sie zum Beſten der Armen das Pamphlet drucken; ich will gehen, die Bittſchriften der Armen entgegen zu nehmen und ihre Klagen anzuhören! II. Der Controlorgang. Der Controlorgang, dieſer breite Corribor, welcher ſich unmittelbar vor dem Cabinet des Kaiſers befand, und in welchem ſich alle die⸗ jenigen aufſtellen durften, welche dem Kaiſer eine Bittſchrift zu über⸗ geben, oder ihn perſönlich zu ſprechen wünſchten, war heute ganz angefüllt mit Menſchen. Leute jedes Alters, jedes Standes, die vor⸗ nehmſten Damen der hohen Geſellſchaft, die oberſten Staatsbeamten ſtanden da neben den armen Tagesarbeitern, den hülfsbedürftigen Wittwen und Waiſen und harrten ſehnſuchtsvoll des Moments, wo der Kaiſer die Thür öffnen und zu ihnen hinaustreten würde, und Joſeph that dies von neun Uhr Morgens bis zur Mittagszeit jede Stunde. Unermüdlich in dem Eifer, ſeinem Volk zu dienen, war er dürftigen anzuhören und ihnen Abhülfe zu ſchaffen, ſo weit er es lern, welche die allergewöhnlichſte gute und vernünftige Handlung gleich. jede Stunde bereit die Klagen der Unglücklichen, die Bitten der Be⸗ bermoc Gubring V mit ſor nach je mußte. ſich mi Miener D D zutrage welche G4 zu übe grüßte die R in En freund D ein Gr quoll; hervor geſtickt welche mocht. dieſer des N nicht Mann vermochte, oder ihnen wenigſtens den Troſt ſeiner Theilnahme dar⸗ zubringen. Viel Leute, wie geſagt, waren heute im Controlorgang verſammelt, mit ſorgenvollen Mienen und trüben Blicken ſchauten ſte Alle hinüber nach jener Thür dort, durch welche der Kaiſer zu ihnen eintreten mußte. Auf einmal entſtand eine Bewegung unter ihnen, ſuchte jeder ſich mit geſchickten Wendungen vorwärts zu drängen, nahmen Aller Mienen einen feierlichen Ausdruck an. Die Ohren derer, die auf Audienzen warten, oder Bitten vor⸗ zutragen haben, ſind ſcharf, und ſie Alle hatten daher Schritte gehört, welche ſich der verhängnißvollen Thür näherten. Die Thür öffnete ſich jetzt und der Kaiſer trat heraus. Sofort ſtreckten ſich die Hände aller derer, welche eine Bittſchrift zu überreichen hatten, mit dem weißen Blatt vorwärts. Der Kaiſer grüßte mit freundlichen Mienen nach allen Seiten hin, und machte die Runde durch das Gemach, um alle die dargereichten Bittſchriften in Empfang zu nehmen, und hier und dort mit den Bittſtellern ein freundliches Wort zu ſprechen. Der letzte, welcher ihm jetzt ein Papier darreichen wollte, war ein Greis in der Tracht der ungariſchen Bauern. Das weiße Haar quoll ihm in langen Locken unter dem breitgeränderten braunen Hut hervor, der kurze braune, mit kleinen Muſcheln und Silberflittern geſtickte Mantel bedeckte die breiten Schultern der rieſigen Geſtalt, welche ſelbſt das Alter und die Sorgen noch nicht zu beugen ver⸗ mocht. Das kräftige, ſonnenverbrannte Antlitz zeigte noch nichts von dieſer Runenſchrift der Runzeln, mit der die Jahre ſich auf der Stirn des Menſchen zu verzeichnen pflegen, und wäre das ſilberweiße Haar nicht geweſen, würde man geglaubt haben einen vollkräftigen, ſtarken Mann in der Blüthe ſeiner Jahre vor ſich zu haben. Der Kaiſer betrachtete ihn mit Wohlgefallen, und redete ihm freundlich zu, als er ihm das offene Papier darreichte. Woher kommſt Du, Alter? fragte er. Komm aus dem Banat, Herr Kaiſer, ſagte der Bauer mit einem Lächeln, welches zwiſchen ſeinen braunen Lippen zwei Reihen perlen⸗ weißer Zähne hervorleuchten ließ. Bin acht Tage gewandert, hab' Nachts auf offenem Felde geſchlafen, kein anderes Kopfkiſſen gehabt, 14 als meinen Arm; des Morgens keinen andern Frühtrunk, als das Waſſer des Quells. Und hatteſt Du denn ſo Nothwendiges hier in Wien auszurichten? fragte der Kaiſer. Ich hatte dem Herrn Kaiſer dieſe Bittſchrift da zu überreichen. Bloß deshalb haſt Du die beſchwerliche Reiſe unternommen? Ja, bloß deshalb, Herr! Hab' es den Bauern in unſerm Kirch⸗ ſprengel verſprochen, und feierlich zugeſchworen, daß ich die Bittſchrift in des Herrn Kaiſers eigene Hände niederlegen wollt. Es ſtehen die Namen aller Bauersmänner aus unſerm Kirchſprengel darunter, aber ich ſag's Euch, Herr Kaiſer, hätten wir Zeit gehabt, das Blatt Papier im ganzen Ungarland umherzuſchicken, ſo würd' jeder Bauer ſeinen Namen darunter geſetzt haben. Es iſt ein Nothſchrei vom ganzen Ungarvolk, den ich Euch in dieſem Papier da bringe, Herr Kaiſer, und zu Hauſe in unſern Hütten beten jetzt alle unſere Frauen und Kinder, daß der allmächtige Herr und Gott unſers Kaiſers Ohr unſerm Nothſchrei öffne, damit er, welcher ſogar der Juden ſich er⸗ barmte, auch den armen ungariſchen Bauer und Leibeigenen erlöſen möge! Wir haben's daheim ſchon ſo ausgerechnet, daß ich jetzt zu dieſer Stund' vor dem Kaiſer ſtehen und die Bittſchrift überreichen würde, und beshalſ beten ſie juſt zu dieſer Stund' auch in allen Kirchen des Banats! Es iſt alſo fuͤr Euch alle eine gar wichtige Sache, von der Ihr in Eurer Bittſchrift redet? fragte Joſeph. Herr Kaiſer, es iſt die wichtigſte Sach' unſers Lebens, denn es handelt ſich darum, ob wir immer noch Knechte und Leibeigne bleiben, oder ob wir Menſchen werden ſollen! Und da ich nun doch hier bin, und vor dem Kaiſer ſteh', und da ſte doch zu Hauſe jetzt noch beten, ſo will ich denken, daß Gott dieſe Stunde ſegnet, und will Euch noch etwas bitten, Herr Kaiſer. Bittet, mein guter Freund, wenn ich's vermag, werde ich's Eiinent Sie haben uns daheim geſagt, daß der Kaiſer wohl alle Tag' i „Controlorgang alle Bittſchriften annimmt und auch verſpricht ſte zu leſen, daß er das aber nicht thun könne, weil er ſonſt nichts weiter würd' thun können, als Bittſchriften leſen. Die erſten vier, fünf Bittſchriften läſe der Herr Kaiſer alſo wohl ſelbſt, die andern aber gäb’ er als ob' ausgew den He meiner wollt i ich hör wir ge 8— 1 Ungart die Bi für die kannſt ſchrift er dor darun zu Hl Volk, machen mir A ſelbſt 3 und je Euch aber ſcrift lächel Ihr w ( Daue den Audei Fooj 15 gäb’ er ſeinen Schreibern, daß die ſie läſen und darauf antworten, als ob's der Kaiſer ſelber thät. Nun aber hab' ich, den die Bauern ausgewählt, Euch die Bittſchrift herzutragen, nun hab' ich verſprochen, den Herrn Kaiſer ſo lange anzuflehen, bis er die Bittſchrift gleich in meiner Gegenwart lieſt, und alſo, damit ich weiß, daß Ihr das thut, wollt ich den Herrn Kaiſer bitten, daß er ſte laut leſen möge, damit ich höre, was Ihr leſet, und ob Ihr das auch zu leſen verſteht, was wir geſchrieben haben. Der Kaiſer lächelte traurig. Man hat mich alſo auch dort in Ungarn ſchon verleumdet? fragte er. Man hat Euch geſagt, daß ich die Bittſchriften nicht leſe, und alſo kein Herz und keine Augen habe für die Noth meines Volkes? Ich ſag' Dir, mein Freund, und Du kannſt es daheim überall mir nachſagen: Der Kaiſer lieſt jede Bitt⸗ ſchrift ſelbſt, und wenn's ihm freilich auch viel Zeit koſtet, ſo weiß er doch, daß Gott die Zeit ſegnet, die er ſeinem Volk weiht, und darum wenn die Tage nicht ausreichen, nimmt der Kaiſer die Nächte zu Hülfe, um zu arbeiten für ſein Volk. Denn der Kaiſer liebt ſein Volk, der möcht' ſein Herzblut hingeben, um ſein Volk glücklich zu machen! Sag' das meinen Ungarn, und ſag' ihnen, ſie ſollen getroſt mir Alles ſchreiben, was ſie plagt und bedrückt. Ich werd's immer ſelbſt leſen, und wenn ich kann, werde ich ihnen helfen! Ich werde den Ungarn Eure Worte wiederholen, Herr Kaiſer, und ich werde ihnen ſagen, daß ich in Eurem Antlitz geleſen, daß es Euch Ernſt geweſen mit Euren Worten. Zur mehreren Sicherheit aber möcht' ich den Herrn Kaiſer erſuchen, mir doch lieber die Bitt⸗ ſchrift laut vorzuleſen. Und zur mehreren Sicherheit will ich es thun, rief der Kaiſer lächelnd. Kann ich ſte Euch hier vor den Leuten vorleſen, oder wollt Ihr mit mir in mein Cabinet gehen? Es kann hier geſchehen, Herr Kaiſer. Die Noth des ungariſchen Bauern ſchreit zum Himmel empor und ſoll kein Geheimniß ſein vor den Menſchen! Der Kaiſer nickte dem Bauer freundlich zu, und die Bittſchrift auseinander ſchlagend, las er:„Barmherzigſter Kaiſer! Vier Tage Frohndienſt, den fünften Tag auf die Fiſcherei, den ſechsten Tag mit 16 der Herrſchaft auf die Jagd; der ſiebente gehört Gott. Erwäge, barm⸗ herzigſter Kaiſer, ob wir Steuern und Abgaben zahlen können.“*) Ja, ja, murmelte der Bauer vor ſich hin, er hat's richtig ge⸗ leſen, und jetzt kann er nicht mehr ſagen, daß er unſere Nuth nicht kennt, und nicht weiß, wie's uns ergeht, und was wir leiden! Ich will das auch nicht ſagen, mein Freund, ſagte der Kaiſer tiefbewegt. Die ganze Leidensgeſchichte des ungariſchen Bauern ſteht in den zwei Zeilen aufgezeichnet, die Ihr mir da geſchrieben. Ich kenne Eure Leidensgeſchichte. Ich weiß, daß Ihr geknechtet werdet von Euren Tyrannen, die Euch mit Peitſchenhieben zur Arbeit treiben, wenn Ihr zuſammenſinkt. Ich weiß, daß man Cuch wie Laſtthiere behandelt, die nur dazu da ſind, ihren Herrn Brod zu verdienen. Ich weiß, daß Ihr kein Eigenthum habt, daß Ihr Euer Gut, welches Ihr Euch erworben im Schweiß Eures Angeſichts, nicht auf Eure Kinder vererben könnt, ſondern daß es immer zurückfällt an Euren Gutsherrn. Ich weiß, daß bei Euch die Gerechtigkeit eine feile käufliche Dirne iſt, und daß es da viele Beamte giebt, welche die Einkünfte der Monarchie, den Schweiß und das Blut der Armen, wie die Vampyre verſchlingen. Ich weiß auch, daß der Ackerbau darnieder liegt, weil man Euch tauſend Hinderniſſe in den Weg legt, und weil Ihr vor lauter Herrendienſt nicht dazu kommen könnt, Gott zu dienen und das Land zu bauen, das Gott geſegnet hat mit Fruchtbarkeit und Ueppigkeit. Ich weiß das Alles, und ich ſchwöre Euch bei dem Gott, zu welchem in dieſer Stunde daheim Eure Weiber und Kinder beten, ich ſchwöre, daß ich Eurer Noth Abhülfe und Linderung bringen will! Ich ſchwöre, daß ich den Böſen ein Racheengel, den Guten ein Helfer und Erlöſer ſein will! Glaubt nur, hofft nur auf Euren Kaiſer. Er will und wird Euch erlöſen von der Willkühr Eurer Ty⸗ rannen, er wird die Ketten der Leibeigenſchaft von Euch nehmen, und den armen ungariſchen Bauer frei machen! Frei! rief der Ungar mit einem ſo lauten Jubelruf, daß er wiederhallte an den Wänden, die vielleicht noch niemals ein ſolches Wort vernommen. Frei! Ihr wollt den ungariſchen Bauer frei machen? wiederholte er, den Kaiſer mit glühenden Augen anſtierend. *) Hübner I, S. 100. Iö helfe! und ein ſchützen Curen nach ik und Ge denen i Einer( werde des Ge vor we D gehalte auf ſein H jetzt t Kniee 17 Ich will den ungariſchen Bauer frei machen, ſo wahr mir Gott helfe! rief der Kaiſer feierlich. Die Leibeigenſchaft ſoll aufhören, und eine neue Frohnverordnung ſoll Euch vor den alten Bedrückungen ſchützen. Eine neue Steuertabelle ſoll ausgearbeitet werden, und Euren Vorgeſetzten und Herren ſoll es nicht mehr erlaubt ſein, Euch nach ihrem Belieben und Bedürfniß Steuern aufzuerlegen. Recht und Gerechtigkeit ſoll für Euch ſo gut da ſein, wie für Eure Herren, denen ich nicht geſtatten will, Eure Tyrannen zu ſein. Wo irgend Einer Euch bedrückt, da kommt getroſt zu mir und klagt es mir, ich werde Euch ſchützen und werde Eure Bedrücker ſtrafen nach der Schwere des Geſetzes, welches nicht für Einzelne, ſondern für Alle da iſt, und vor welchem Alle gleich ſind. Der Bauer hatte dem Kaiſer mit leuchtenden Augen, mit an⸗ gehaltenem Athem zugehört, jetzt, als der Kaiſer ſchwieg, ſtürzte er auf ſeine Kniee nieder, und ein Strom von Thränen entrollte ſeinen Augen. Herr Kaiſer, rief er, ich habe noch niemals vor Freuden geweint; jetzt thu' ich's! Ich habe noch niemals vor einem Menſchen meine Kniee gebeugt, auch dann nicht, als mein Gutsherr mich peitſchen ließ, weil ich's nicht thun wollte, jetzt thu' ich's freiwillig und mit Freuden. Ich kniee vor Euch, Herr Kaiſer, um Euch zu danken im Namen aller ungariſchen Bauern, die Ihr frei machen, denen Ihr ihre Menſchenrechte und ihre Menſchenwürde wieder geben, und die Ihr erlöſen wollt von dem Druck ihrer Tyrannen! Oh, oh, wie werden ſie erzittern in ihren ſtolzen Schlöſſern, wie werden ſie auf⸗ ſchreien vor Wuth, unſere hochmüthigen Tyrannen, wenn ſie das Wort vernehmen, das unſer Kaiſer geſprochen hat!„Die Leib⸗ eigenſchaft ſoll aufhören, der Bauer ſoll frei ſein, und Recht und Gerechtigkeit ſoll für Euch ſo gut da ſein, wie für Eure Herren!“— Gott ſegne, und behüte und beſchütze den Kaiſer, für dieſes große Wort, mit dem er den armen ungariſchen Leibeignzn zu einem freien Menſchen gemacht, und den Edelmann gebeugt hat unter das Geſetz, welches von nun an für Alle da ſein ſoll, auch für den Edelmann! Er neigte ſich und küßte die Füße des Kaiſers; dann ſprang er mit jugendlicher Haſt empor. Lebt wohl, Herr Kaiſer, ſagte er, Joſeph lebhaft zunickend, lebt wohl! Es iſt die höchſte Zeit, daß ich gehe! Kaiſer Joſeph. 3. Abth. III. 2 18 Aber unmöglich willſt Du jetzt gleich wieder umkehren und nach Hauſe wandern, ſagte Joſeph. Biſt ja erſt heute angekommen, wie Du ſagſt. Bleib' alſo auf meine Koſten hier, ruh' Dich aus und beſchau' Dir unſer Wien. Nein, Herr Kaiſer, ich muß ſogleich fort; keine Stunde läßt mich's hier ruhen, denn ich weiß, daß die zu Haus mich erwarten mit Sehnſucht und Angſt. Ruhe bedarf ich nicht, und was könnt, ich hier zu Wien wohl beſchauen, das ſchöner und prächtiger wär', als die weißen Schneeberg' und die grünen und ſchwarzen Seen da⸗ heim im ſchönen Ungarland? Nein, nein, ich muß fort, denn ich hab' acht Tage zu wandern, ehe ich daheim bin im Banat, um meinen Brüdern die Freudenbotſchaft zu bringen, daß der Bauer frei ſein ſoll! Nun ſo nimm wenigſtens dies Geld hier, ſagte Joſeph, ihm einige Goldſtücke darreichend, miethe Dir dafür ein Fuhrwerk, damit Du raſcher heim kommſt. Nicht doch, ſagte der Bauer, das Gold mit einer ſtolzen Hand⸗ bewegung zurückweiſend. Ich kann in dieſer heiligen Stund' kein Geld von Euch annehmen, Herr Kaiſer, kann mir meine Müh' nicht bezahlen laſſen, und muß heimkehren zu Fuß, wie ich gekommen bin, denn alſo hab' ich gelobt es zu thun. Es war eine Pilgerfahrt, Herr Kaiſer, die guten, gläubigen Chriſten pilgern nach Rom zum heiligen Vater, die guten gläubigen Unterthanen pilgern nach Wien zu ihrem Kaiſer, der auch ihr Vater iſt, und den die ungariſchen Bauern von heut' an lieben werden, als dankbare und glückliche Kinder. Genug des Plauderns jetzt! Lebt wohl, Herr Kaiſer! Er nickte dem Kaiſer noch einmal zu, und wandte ſich dann, auf ſeinen Wanderſtab geſtützt, der Thür zu. Der Kaiſer legte ſanft die Hand auf ſeine Schulter. Ich ſeh' wohl, daß ich nicht die Macht habe, Dich hier aufzuhalten, ſagte er lächelnd, und ich will's alſo nicht verſuchen. Aber bevor Du gehſt, ſag' mir Deinen Namen da⸗ mit ich doch einen meiner guten Freunde in Ungarn benennen kann. Der Bauer wandte ſich halb zu ihm um. Meinen Namen wollt Ihr wiſſen, Herr Kaiſer? fragte er. Ih heiße Horja! Horja! Gut! Ich werde dieſen Namen nicht vergeſſen, ſagte der Kaiſer freundlich. Sol Bauer er ſchuldig Worte b von Hor Leb der Kaiſ Schrittes Ere ſeine B an ihn wieder Nieman Schritt Corride dort: mochte u Bittend einem welche R. willig an de und- des 8 19 nach Sollt ihn auch nicht vergeſſen, den Namen Horja, ſagte der wie Bauer ernſt. Es iſt der Name eines Mannes, der Euch Dankbarkeit und ſchuldig iſt, und Euch beweiſen wird, daß er Eure edlen und ſchönen Worte begriffen hat. Lebt wohl, Herr Kaiſer, Ihr ſollt eines Tages läßt von Horja hören! erten Leb' wohl, Horja, und laß mich Gutes von Dir hören! rief unt, der Kaiſer, der hohen herkuliſchen Geſtalt nachblickend, die raſchen vät, Schrittes ſich der Thür zuwandte. da⸗ nich um frei ihm III. gamit Im Controlorgang. and⸗(Zweite Scene.) kein nicht Erſt als die Thür ſich hinter Horja geſchloſſen, richtete Joſeph bin, ſeine Blicke wieder denen zu, welche ihn umgaben! und ſich dicht Herr an ihn heran gedrängt hatten. Mit freundlichem Lächeln ſtreckte er ligen wieder ſeine Hand aus, um weitere Bittſchriften zu empfangen, aber hrem Niemand bot deren mehr dar. Wie der Kaiſer indeß langſamen von Schrittes, mit ausgeſtreckter Hand, an den zu beiden Seiten des enug Corridors aufgeſtellten Bittſtellern vorüberging, flüſterte es hier und dort: Ich bitte den Herrn Kaiſer um die Gnade einer Audienz. Ich möchte ihm mündlich meine Bitte vortragen. dann, dn Und jedes Mal dann blieb der Kaiſer ſtehen, und nickte dem Hacht Bittenden freundlich Gewährung zu. Dann grüßte er Alle mit alſo einem raſchen Kopfnicken, und kehrte in ſein Cabinet zurück, die Thür, da⸗ welche auf den Controlorgang führte, weit offen laſſend. fann. Nun ſtellten ſich diejenigen, welchen der Kaiſer eine Audienz be⸗ woll willigt hatte, auf einen Wink des Kammerdieners Günther, welcher aan der nach Außen führenden Thür bis dahin ſeine Stelle gehabt, und Alles überwacht hatte, zu beiden Seiten dieſer nach dem Cabiner des Kaiſers führenden Thür auf, während diejenigen, welche nur 4 8 2* 20 eine Bittſchrift zu überreichen gehabt, durch die andere Thür ſich ent⸗ fernten. Eine kleine Pauſe trat ein, denn Joſeph war in ſeinem Cabinet damit beſchäftigt, die Bittſchriften in die für ſie beſtimmte Chatoulle zu legen, damit keine von ihnen verloren gehen könne. Dann trat er wieder unter die Thür des Controlorganges, und ſeine großen blauen Augen freundlich der Dame zuwendend, welche dicht neben der Thür ſtand, ſagte er mit einer höflichen Verneigung: Haben Sie die Güte einzutreten. Die Dame trat vor in das Cabinet des Kaiſers, mit eigener Hand die Thür hinter ihr ſchloß. Jetzt, Madame, ſprechen Sie, ſagte er, aber ich bitte, ſagen Sie mir deutlich, kurz und beſtimmt, was Sie wünſchen, denn Sie ſehen wohl, es ſind noch neun Andere da, welche angehört ſein wollen: wenn ich Jedem von Ihnen fünf Minuten bewillige, bedarf ich faſt einer Stunde, um mich wieder andern Geſchäften zuwenden zu können. Ich bitte alſo, ſeien Sie kurz und beſtimmt. Zuerſt bitte ich um Ihren Namen. Sire, ich bin die Wittwe des Präſidenten von Kahlbaum. Ah, er war ein guter Diener des Staats, ſagte der Kaiſer freund⸗ lich. Haben Sie Kinder? Ja, Majeſtät, erwiderte die Dame. einen jungen Herrn Sohn. So? Sie haben zwei Fräulein? fragte der Kaiſer. Ich hatte auch ein Mädel, aber es iſt geſtorben.*) Und womit kann ich Ihnen, Ihren Fräuleins und Ihrem Herrn Sohn dienen? Oh, Sire, dieſe fürchterliche Verordnung, welche die außer⸗ der alsdann Ich habe zwei Fräulein und ordentlichen, von Ihro Majeſtät der verſtorbenen Kaiſerin bewilligten Penſionen einzieht, hat mich, gleich tauſend Anderen, wie ein Blitz⸗ ſtrahl zerſchmettert. Ich bitte Eure Majeſtät, mir gnädigſt meine außer⸗ ordentliche Penſion, die ich bisher aus dem Kammerbeutel erhielt, zu laſſen! Sie wiſſen alſo nicht, daß der Kammerbeutel aufgehoben iſt? fragte der Kaiſer ſtrenge. *) Des Kaiſers eigene Worte. Siehe Hübner II. S. 80. Ich Gnade! auch me Thaler willigen Verluſt träglich dienten leben, wenn ie mir nie iſt es leben ſ D ſagte d Taaler S dienſte D ſchon l dienſte betriſt denn i thanen mit de Verluf worden kann i desal A werden G Lute geben Aralt Sent⸗ abinet toulle „und welche gung: sdann n Sie ſehen ollen: c faſt onnen. ch um eund⸗ 1 und hatte Ihnen, außer⸗ lligten Blih⸗ ꝛußer⸗ lt, zu n in 21 Ich weiß das, Sire, aber ich weiß auch, daß Eure Majeſtät Gnade üben werden, wo Sie es vermögen. Sie werden Sich daher auch meiner huldreichſt erbarmen, Sire, und mir in Gnaden die tauſend Thaler Zulage, die ich aus dem Kammerbeutel erhielt, geneigteſt be⸗ willigen. Oh, Sire, nur dieſe tauſend Thaler machten mir ja den Verluſt meines Mannes und die geringe Penſton einigermaßen er⸗ träglich. Ich mußte ja ohnedies ſchon meine Equipage, meine Be⸗ dienten abſchaffen, und mich begnügen, einfach und in der Stille zu leben, um wenigſtens vor dem Mangel geſchützt zu ſein. Aber nun, wenn ich die tauſend Thaler aus dem Kammerbeutel verliere, bleibt mir nichts, als die fünfhundert Gulden Penſion. Oh, Sire, wie iſt es möglich, daß ich mit zwei Töchtern von ſo geringer Penſion leben ſoll? Ihre eigene Gerechtigkeit wird meine Fürſprecherin ſein! Die Gerechtigkeit iſt die Richtſchnur aller meiner Handlungen, ſagte der Kaiſer ſtrenge, und darum gerade werden Sie die tauſend Thaler nicht wieder erhalten. Sire, ich bin äußerſt betroffen, ächzte die Präſidentin, die Ver⸗ dienſte meines Mannes, mein Stand— Die Verdienſte Ihres Mannes wurden während ſeines Lebens ſchon belohnt, unterbrach ſte der Kaiſer ernſt, und wegen dieſer Ver⸗ dienſte bekommen Sie jetzt Ihre Penſtion. Was Ihren Stand an⸗ betrifft, ſo habe ich nicht auf den, ſondern auf alle Stände zu ſehen, denn ich bin nicht bloß Kaiſer von Wien und habe nicht bloß Unter⸗ thanen von Ihrem Stande. Soll der Niedere Hungers ſterben, da⸗ mit der Höhere im Ueberfluß leben könne? Ich gebe zu, daß Ihr Verluſt unangenehm iſt, daß Sie in Ihrem Wohlleben beſchränkt worden ſind, aber von den tauſend Thalern, die ich Ihnen nehme, kann ich drei andern Familien geben, und ſie werden glücklich ſein, deshalb alſo kann ich Ihre Bitte nicht erfüllen. Aber, rief die Dame weinend, was ſoll aus meinen Töchtern werden, ohne Vermögen? Gute Wirthſchafterinnen, wenn ſie nichts Beſſeres gelernt haben, gute Erzieherinnen, wenn Sie ihnen eine ordentliche Bildung haben geben laſſen. Unmöglich, Sire, meine Töchter ſind von hoher Familie, von uraltem Adel, unmöglich kann ich meiner Familie die Schmach 22² auferlegen, daß meine Töchter ſich ſelber ihr Brod erwerben und eilte, W dienſtbar werden ſollen! ſagte lau Und warum nicht? Diene ich nicht auch? Diene ich nicht Ihnen Sof 3 und allen Denen, die da draußen meiner warten? Verdiene ich nicht eines Mi auch mein Brod und werde dafür von meinem Volk bezahlt? Nie⸗ tief und mand iſt zu gut zur Arbeit, und da der alte Adel Ihrer Töchter ſie Kei nicht vor Mangel ſchützen kann, ſo darf er ſte auch nicht von der im Audi Verpflichtung zur Arbeit befreien. üͤberfluſ Oh, Majeſtät, ſo erbarmen Sie Sich wenigſtens meines Sohnes! ſehe, R Er iſt doch der einzige Sohn eines Mannes von großen Verdienſten Ja, und von untadelhaftem adlichen Herkommen. ſeligen; Hat er etwas gelerut? Hat er eine Carridère eingeſchlagen? Verordn Er hat die Erziehung eines Edelmannes erhalten, Sire! Wir Wi konnten nicht denken, daß mein Gemahl ſo früh ſterben würde, bevor D er ſeinen einzigen Sohn verſorgt hatte. Jetzt, da er nichts mehr für 4 ihn thun kann, entſchloß ſich mein Sohn, Officier zu werden. Aber gſtern auch da legt man ihm Schwierigkeiten in den Weg; man verlangte, Kenntn daß er ein Examen mache, und da er die ihm vorgelegten Fragen d. 3 nicht alle genügend hat beantworten können, verweigert man ihm ein 3 Officiers⸗Patent. Oh, Majeſtät, erbarmen Sie Sich wenigſtens einut meines Sohnes, und geben Sie ihm um ſeines Vaters und ſeines Jaßs. Standes willen eine Compagnie unter Ihren Fußvölkern! G h⸗ Madame, rief der Kaiſer ernſt, man kann der Sohn eines aus⸗ thßt gezeichneten Vaters ſein, ohne die geringſte Anlage zum Officier zu 3 3 haben, man kann ein Cavalier von guter Familie ſein, ohne andre Ahuer Verdienſte zu haben als die, daß man durch ein Spiel des Zufalls ſprach ein Edelmann geworden iſt!*) Da Ihr Sohn ſein Eramen nicht hat 6 machen können, ſo kann er nicht Officier werden und muß ſich damit und er begnügen, ein Edelmann und nichts als ein Edelmann zu ſein!. Leben Sie wohl! Sie wiſſen, meine Zeit iſt beſchränkt! Es thut vprach mir leid, Ihnen nicht dienen zu können, aber ich muß gerecht ſein, den St und kann daher Ihre Bitte nicht erfüllen! R. . Die Präſidentin, in Thränen ausbrechend, verneigte ſich und rias 8 Jo *) Des Kaiſers eigene Worte. Siehe: Briefe Joſeph II. Seite 108. rund shnen nicht Nie⸗ er ſie n der hnes! enſten 2 Wir bevor ar für Aber angte, ragen m ein ſtens eilte, Wuth im Herzen, der Thür zu. Der Kaiſer folgte ihr und ſagte laut: Der Nächſtfolgende trete ein! Sofort erſchien ein junger Mann in der reichgeſtickten Uniform eines Miniſterialrathes auf der Schwelle der Thür und verneigte ſich tief und der Etiquette gemäß vor dem Kaiſer. Keine Ceremonien, ſagte Joſeph unwillig. Wir ſind hier nicht im Audienzſaal, ſondern im Controlorgang, die Formen ſind hier. überflüſſig. Schnell zur Sache! Sie ſind, wie ich an Ihrer Uniform ſehe, Rath im auswärtigen Departememt? Ja, Majeſtät, ich bin Rath geworden durch die Gnade der hoch⸗ ſeligen Kaiſerin, und jetzt droht man, mich, gemäß der kaiſerlichen Verordnung, abſetzen zu wollen! Wie heißen Sie? Ich heiße Bertram! Ach, ich habe dieſen Namen auf der Conduitenliſte, welche mir geſtern über die verfloſſenen ſechs Monate zuging, geleſen. Ihre Kenntniſſe ſind als nicht genügend befunden nach den Verordnungen, die ich darüber gegeben. Ich bin aber angeſtellt worden, Sire, bevor dieſe Verordnungen exiſtirten. Ihre Majeſtät die hochſelige Kaiſerin verlieh mir mein Raths⸗Patent in Anſehung der großen Verdienſte meines ſeligen Großvaters, der— Bei mir, unterbrach ihn der Kaiſer, bei mir bedürfen Sie zu Ihrer Empfehlung der eigenen Verdienſte. Sind Sie Ihrer Mutter⸗ ſprache mächtig? Geruhen Ew. Majeſtät zu bedenken, daß ich ja in Wien geboren und erzogen bin! Das iſt nicht genügend, denn meine Wiener ſind der deutſchen Sprache nicht allzu ſehr mächtig. Finden Sie an dem jetzt herrſchen⸗ den Styl in den Kanzleien nichts zu tadeln? Nicht das geringſte, Sire, es iſt ja der alte probate Stylus Curiae. Ja, rief der Kaiſer ironiſch, der alte probate Stylus Curiae iſt's noch immer, und ſo lange wir den bewahren, wird auch der Staat in der papiernen Verfaſſung bleiben, in der er jetzt ſchwebt, in der 24 unendlich viel geſchrieben und wenig gethan wird.*) Reden Sie fremde Sprachen? Ja, Ew. Majeſtät, franzöſiſch und ein wenig Italieniſch. Schreiben Sie beide Sprachen? Nein, Majeſtät. Haben Sie ſtudirt? Bis an das jus Naturae! Bis dahin? Und man machte Sie zum Rath? fragte der Kaiſer mit zorniger Stimme. Und Sie haben die Unverſchämtheit, noch ferner auf eine Stelle Anſpruch zu machen, bei welcher Sie, da Sie gar keine Kenntniſſe beſitzen, nur unnütz und unthätig ſein können? Wie wollen Sie Ihre Stimme mit Einſicht geben, wenn Sie nichts von der Verfaſſung meiner Bürger und von ihren Rechten wiſſen? Mein Gott, welchen Köpfen war das Wohl meiner Bürger anvertraut. Ich weiß leider, es giebt noch Viele von Ihrer Art, aber— Sire, ich bitte unterthänigſt, erbarmen Sie Sich meiner! rief der Rath zitternd vor Angſt. Aus beſondener Gnade, ſagte Joſeph nach einer Pauſe, und weil ich es Anderer Thorheit und Gewiſſenloſigkeit mehr noch zuſchreiben muß, als Ihrer eigenen, daß Sie die Stelle eines Rathes ſo lange beſchimpft haben, aus beſonderer Gnade mache ich Sie zum Kanze⸗ liſten. Befleißigen Sie Sich einer leſerlichen Handſchrift und lernen Sie die Sprachen, die Sie zu reden wiſſen, auch correct ſchreiben, ſonſt ſind Sie auch zum Kanzeliſten nicht tauglich und werden abge⸗ ſetzt. Gehen Sie! Der Kaiſer wandte dem Herrn Rath den Rücken zu, wenig ach⸗ tend auf das zorngeröthete Geſicht und die tiefen Verbeugungen, mit welchen dieſer ſich der Thür zuwandte. Der Nächſte ſoll eintreten, rief der Kaiſer abermals, und ein Greis in der Tracht der Landgeiſtlichen trat ein. Ich bin der Pfarrer aus dem Dorf Nonnenburg, ſagte der alte Mann, Ew. Majeſtät haben befohlen, daß ich komme. Ich habe Sie gebeten, zu mir zu kommen, ſagte der Kaiſer, raſch auf ihn zuſchreitend und ihm ſeine Hand darreichend. Sie ſind ein *) Des Kaiſers eigene Worte. Siehe: Briefe Joſeph II. S. 105. rechſchaffe Sie ſo lan in Ihrem ih ſchätze Pflichten fünfzig G Sie an( der Predig durch Ein Seelſorge dem arme Lehrer, ſe⸗ Wie viele Etw noch zwe ſorge hat Und Gar mir wohl Sorge ſei und betri Pflichten Weges m Verſchuld rauben m . Ich lch ſein. Sie gleie Adjuntte füt ihr G rechtſchaffener Mann; ſchreiben Sie es meiner Unwiſſenheit zu, daß Sie ſo lange im Mangel lebten. Ich habe mit warmer Herzensfreude in Ihrem Bezirk den guten Unterricht in der Religion bemerkt, und ich ſchätze Sie doppelt hoch, weil Ihr elender Gehalt Sie in Ihren Pflichten nicht hat lau werden laſſen. Sie ſollen von heute an ſtatt fünfzig Gulden fünfhundert Gulden Gehalt haben, dafür fällt, was Sie an Grundſtücken und Abgaben bekommen, dem Dorf anheim; der Prediger der Nächſtenliebe muß nicht gezwungen ſein, ſeine Worte durch Eintreibung der Abgaben zu widerlegen. Eine wohlgeordnete Seelſorge auf dem Lande liegt mir aber beſonders am Herzen, denn dem armen Landmann iſt ſein Pfarrer Alles in Allem, er iſt ſein Lehrer, ſein Vater und Erretter, oder ſein Verderber und Verführer. Es iſt daher meine heiligſte Pflicht, für gute Landgeiſtliche zu ſorgen. Wie viele Seelen zählt Ihr Sprengel? Etwas über fünfhundert Seelen, Majeſtät, denn es gehören noch zwei Ortſchaften zu meinem Dorſe, in denen ich auch die Seel⸗ ſorge habe! Und wie viele Gehülfen haben Sie dazu? Gar keinen, Sire! Wie konnte ich mit funfzig Gulden Gehalt mir wohl einen Adjuncten halten! Jetzt aber ſoll es meine erſte Sorge ſein; denn es iſt für einen rechtſchaffenen Prieſter ſchmerzlich und betrübend, wenn er bei allem guten Willen doch nicht ſeinen Pflichten genügen kann, wenn er trotz aller Eile wegen der Weite des Weges mit dem Sterbe⸗Sakrament zu ſpät kommt, und ſo ohne ſein Verſchulden dem armen Sterbenden ſeinen letzten und größten Troſt rauben muß! Ich glaube es Ihnen, ſagte der Kaiſer traurig, es muß ſchmerz⸗ lich ſein. Drei Dorfſchaften und einen Pfarrer! Ich bitte Sie, gehen Sie gleich in die Kurie, ſuchen Sie Sich in meinem Namen zwei Adjuncten aus, ſie ſollen ohne Zeitverluſt gleich mit Ihnen gehen, für ihr Gehalt werde ich ſorgen. Vertheilen Sie dieſelben nach Ihrer Einſicht in Ihrem Sprengel! So lange ich regiere, ſoll der arme Landmann ſeine letzte Labung nicht entbehren! Ich glaubte bei meiner Durchreiſe durch Ihr Dorf, Sie hätten nur dieſen einzigen Bezirk! Urſprünglich, Sire, war es auch ſo. Als aber der Pfarrer und und Kaplan der einen Ortſchaft, welche die andere mitzubeſorgen 26 hatten, geſtorben waren, ließ man ihre Stellen eingehen, weil die Dorfleute, die überaus arm ſind, die Abgaben zum Unterhalt eines Prieſters nicht mehr erſchwingen konnten, und die Obrigkeit wollte die Koſten nicht tragen! So kamen die beiden Ortſchaften an mich! So kamen die beiden Ortſchaften an Sie? wiederholte der Kaiſer, ſeine Hand ſanft auf die Schulter des Greiſes legend und ihm tief gerührt in das ſanfte, ehrwürdige Antlitz ſchauend. Und Sie über⸗ nahmen bei Ihren funfzig Gulden Gehalt die neuen beiden Aemter ohne allen Vortheil und Gewinn? Das iſt edel und brav, das iſt gehandelt im Sinn und Geiſt der wahren chriſtlichen Liebe, und ich danke Ihnen dafür im Namen meiner Unterthanen, denen Sie mit Ihrer edlen Liebe beigeſtanden. Es iſt niemals mein Wille geweſen, daß die Pfründen von der Gemeinde ſollten erhalten werden, weil der Seelſorger dadurch die Liebe und Achtung ſeiner Gemeinde ver⸗ liert. Wie kann ich aber auf treue und gute Unterthanen hoffen, wenn für ihr Seelenheil nicht gut geſorgt wird, und wenn ſie in den heiligſten Pflichten ihres Lebens, die der Grundſtein ihres bürger⸗ lichen Gehorſams ſind, nicht genügend unterrichtet werden können, weil ihrer zu Viele ſind und der Pfarrer nicht Zeit hat, ſie zu unter⸗ richten! Drei Ortſchaften und Ein Pfarrer! Ich bitte Sie, eilen Sie nach der Kurie! Ich kann den Gedanken nicht ertragen, daß vielleicht ſchon ſo manche meiner Unterthanen, wie Sie Selbſt ſagen und wie das unvermeidlich war, ohne geiſtlichen Beiſtand geſtorben ſind. Eilen Sie und nehmen Sie Sich zwei Gehülfen mit, ich werde für Alles ſorgen! Eilen Sie! Ich eile, Sire, aber nur geſtatten mir Ew. Majeſtät, Ihnen aus tiefſter Seele zu danken für dieſe Wohlthat, die Sie meiner armen Gemeinde erwieſen, und Ihnen zu verſprechen, daß ich, was an mir liegt, Ihnen gehorſame, fromme und gute Unterthanen erziehen will! Oh, ſie werden Ew. Majeſtät lieben, ſie werden nichts mehr glauben von dem, was die Zeloten und Eiferer ſagen, die Ew. Majeſtät als einen Ungläubigen und Gottesleugner ſchildern, und die Herzen Ihrer Unterthanen von Ihnen abwenden möchten. Ich werde meiner Ge⸗ meinde Ew. Majeſtät ſchildern, wie Sie ſind, ſo edel, menſchenfreund⸗ lich und gut; ich werde ihnen die Worte wiederholen, die Euer Majeſtät zu mir geſprochen, ich werde ihnen ſagen, daß Ew. Majeſtät 4 nicht ein Chriſt ſit Neir nichts de geſagt! würden? zu wider glauben nicht hö ſondern doch wo⸗ würdigen luörige iſt und Ich und ih gottesfü rief der Kaiſer b den Co⸗ eintreten 27 nicht ein eifernder und bigotter, ſondern ein erbarmender und humaner Chriſt ſind, und daß— Nein, unterbrach ihn der Kaiſer lächelnd, ſagen Sie Ihren Bauern nichts davon, wiederholen Sie zu Niemanden, was ich Ihnen hier geſagt! Die Böswilligen würden Ihnen doch nicht glauben, oder ſie würden vermeinen, ich habe nur ſo geſprochen, um ihre Verleumdungen zu widerlegen. Die Gutgeſinnten aber werden auch ohne dies an mich glauben und meinen Thaten vertrauen, wenn ſie auch meine Worte nicht hören können! Ich will aber mein Volk nicht mit Worten, ſondern mit Thaten glücklich machen, und etwas werden meine Feinde doch wohl daran übrig laſſen müſſen! Gehen Sie alſo, mein ehr⸗ würdiger Freund, erziehen Sie mir gute Chriſten, und für alles Uebrige laſſen wir Gott ſorgen! Beten Sie zu ihm, daß er mit mir iſt und ſeine Hand nicht von mir ziehe! Ich werde zu ihm beten, daß er die Augen der Menſchen öffne, und ihre Herzen erſchließe, damit ſie erkennen, welch einen edlen gottesfürchtigen und großmüthigen Fürſten Gott ihnen gegeben hat, rief der Pfarrer tief bewegt, indem er ſich der Thür zuwandte. Der Kaiſer begleitete ihn bis zu der Schwelle, und erſt, als der Pfarrer den Controlorgang durchſchritten, hieß Joſeph den Nächſtfolgenden eintreten. Es war ein alter Huſaren⸗Rittmeiſter mit martialiſchem Geſicht und kräftigem weißem Schnurrbart, der ſich jetzt dem Katſer darſtellte, und mit militairiſchem Gruß ſich neben der Thür des Cabinets aufſtellte. Joſeph winkte ihm näher zu treten, und fragte freundlich nach ſeinem Begehr. Ich komme, Ew. Majeſtät zu bitten, daß Sie mir die Penſion von dreihundert Gulden, welche mir die hochſelige Kaiſerin als Zu⸗ lage zu meiner Penſton bewilligt hat, auch ſerner belaſſen möchten, ſagte der alte Krieger faſt unwillig. Oh, rief der Kaiſer lächelnd, Sie haben eine Penſion aus dem Kammerbeutel gehabt, und wollen die auch ferner behalten? Aber das wird unmöglich ſein, mein Herr Rittmeiſter. Der Kammerbeutel der Kaiſerin Maria Thereſia, welche in der Großmuth ihres Herzens Jedermann, der ſte darum bat, wenn er auch ſonſt keine Verdienſte 28 hatte, doch eine Penſion bewilligte, dieſer Kammerbeutel exiſtirt nicht mehr, er hat ein Loch bekommen! Der alte Huſaren⸗Rittmeiſter warf dem Kaiſer einen grimmigen Blick zu, und zog langſam und feierlich ſeine Perrücke ab. Dann neigte er ſein Haupt, und deutete mit dem Finger auf drei breite, blutgeränderte Narben, die da auf ſeinem glatten, glänzenden Schädel ſichtbar wurden. Sire, ſagte er, ſehen Sie nur, es iſt meinem Kopf gegangen, wie Ihrem Kammerbeutel, er hat auch manches Loch bekommen! Es ſind die Feinde Ihres Hauſes geweſen, welche meinem Kopf dieſe Löcher beigebracht haben! Solche Löcher zu ſtopfen, iſt für mich eine Ehrenpflicht, ſagte Joſeph lächelnd, und wenn auch der Kammerbeutel ein Loch hat, ein bischen iſt immer noch darin geblieben für alte brave Offiziere, die meinem Hauſe gedient haben. Setzen Sie Ihre Perrücke wieder auf, und vergeben Sie mir meine Weigerung. Die Bittſchrift, welche Sie da oben auf Ihrem Schädel tragen, iſt beredter, als Ihre Worte es waren. Sie ſollen Ihre Penſion auch ferner behalten! Ich danke Ew. Majeſtät, ſagte der Rittmeiſter lakoniſch, und mit einer ſteifen militairiſchen Verbeugung machte er Kehrt, und marſchirte der Thür zu. Der Kaiſer blickte ihm lächelnd nach, und rief dann nach dem Nächſtfolgenden. Ein junges Mädchen in einfacher beſcheidener Tracht trat jetzt in das Cabinet ein. Ew. Majeſtät haben befohlen, daß ich herkomme, ſagte ſie mit einem kurzen Knix. Ich bin die Beata Schönhuber, welche geſtern die Bittſchrift überreicht hat! Ach, die geweſene Nonne, die im Königskloſter war, und mit den Andern von mir entlaſſen worden? fragte Joſeph lächelnd. Eben die Majeſtät. Und jetzt wollen Sie Sich, wie ich aus Ihrer Bittſchrift erſehe, verheirathen, und zwar mit einem Offizier meiner Armee? Ja, Sire. Es iſt ein Vetter von mir, und wir lieben uns von ganzem Herzen, können uns aber ohne die Gnade Eurer Majeſtät nicht verheirathen, weil wir Beide arm ſind. Und da meint Ihr, ich ſoll Euch die Ausſteuer zahlen, und Ihnen die Penſte Nun, da ich gewiſ mehr als mache. Penſton braut, he die Ex⸗R lade mich Oh, Ihnen w wird nier Gott wie ſoll das Kaiſers ſein, un mit Gli Sie habe? fr Sir ſinerinne Ald den Lm und Hir Ihr mi aufgefü Si 29 die Penſton, die Sie als ausgetretene Nonne beziehen, weiter belaſſen. Nun, da Sie durch meine Schuld dem Leben wiedergegeben ſind, und ich gewiſſermaßen Ihr Eheprocurator geweſen bin, ſo iſt es nicht mehr als billig, daß ich Ihnen nun auch mein Hochzeitsgeſchenk mache. Ich werde alſo die Ausſteuer beſorgen, und Ihnen Ihre Penſion laſſen. Heirathen Sie alſo, meine kleine abtrünnige Himmels⸗ braut, heirathen Sie alſo meinen Offizier, und ſorgen Sie dafür, daß die Er⸗Nonne dem Staat bald einen jungen Weltbürger ſchenke. Ich lade mich zum Gevatter bei Ihrem erſten Sohn. Oh, Ew. Majeſtät, rief das junge Mädchen mit ſtrahlenden Augen, Ihnen werde ich das Glück meines ganzen Lebens danken. Ihr Name wird niemals in meinen Gebeten fehlen, und wenn mir der gütige Gott wirklich eines Tages das Glück ſchenkt, Mutter zu werden, ſo ſoll das erſte Wort, welches mein Kind ſtammelt, der Name meines Kaiſers ſein, und ſein erſtes und heiligſtes Gebet ſoll für Ihr Wohl ſein, und Gott wird unſer Gebet erhören, er wird Ew. Majeſtät ſegnen mit Glück, Frieden und Freudigkeit!. Sie zürnen mir alſo nicht, daß ich Sie dem Kloſter entriſſen habe? fragte Joſeph lächelnd. Sire, ich ſegne Sie dafür, wie es alle die erlöſeten Klariſ⸗ ſinerinnen thun! Alle? Ich denke, Ihr ſeid noch immer voll heiliger Wuth über den Tempelſchänder und Gottesleugner, der die heiligen Jungfrauen und Himmelsbräute hinausgeſtoßen hat in die ſündige Welt? Habt Ihr mir nicht bei Eurem Auszug aus dem Königskloſter eine Scene aufgeführt und ſogar verſucht, das Volk wider mich aufzuwiegeln? Sire, wir mußten das thun, denn die Frau Priorin und unſer Seelſorger hatten es uns befohlen, und wir hatten uns drei Tage lang mit dem Prieſter, welchem die Frau Priorin nachher auf der Straße wie zufällig begegnete, die ganze Scene einſtudirt. Wir mußten weinen und die Augen gen Himmel wenden, während unſer Herz doch hüpfte vor Vergnügen, daß wir durch die Gnade Eurer Majeſtät frei werden ſollten! Aber wenn es ſo war, weshalb waren Sie denn überhaupt in's Kloſter gegangen? Ich bitte, beantworten Sie mir dieſe Frage auf⸗ richtig. Ich möchte gern den wunderlichen Beruf näher kennen lernen, 30 um deſſentwillen ſo viele junge geſunde Mädchen der Welt entſagen Sehnſucht konnten. Thaten Sie es aus Noth, und ſuchten Sie eine Zuflucht Arbeit übe im Kloſter, weil Sie arm waren? wie ein A Ach, Majeſtät, arme Mädchen finden ſelten oder nie Aufnahme nach der im Kloſter. Ich hatte im Gegentheil ſehr wohlhabende Aeltern, die und konn mich als ihr einziges Kind zärtlich liebten. Sie waren Beide ſehr Kloſter Ih fromm, und freuten ſich, daß die Schweſtern des Königskloſters, in ich jauchze deſſen Nähe wir wohnten, ſo freundlich zu mir waren. Sie ſchickten Thräͤnen, mir Spielwerk und allerlei Näſchereien, ich beſuchte ſte im Sprach⸗ dieſer uns zimmer, und meine kindiſchen Plaudereien erheiterten und amüſirten der ſie, es war ein friſches grünes Blatt aus der Welt, das ihnen der ſankeit z Zufall in ihre dürre Einſamkeit hineinwehte, und deshalb gefiel es Augen u ihnen. Als ich ſteben Jahr zählte, nahm mich die Frau Priorin oft zu drücken Tage lang mit auf ihr Zimmer, ſogar im Chor mußte ich an ihrer Ich Seite bleiben. Sie lehrte mich leſen, ſchreiben, Amulette machen Ihre Ge und etwas ſingen. Meine Aeltern fühlten ſich geſchmeichelt durch V hoffen, dieſe Liebe, welche die hochwürdige Frau ihrem einzigen Kinde weihete, Und doch und aus Freude und Dankbarkeit verwandten ſie einen großen Theil und Klöſe ihres Vermögens auf koſtbare Geſchenke, die ſie dem Kloſter machten. db So wuchs ich heran unter den Liebkoſungen und Schmeicheleien der denken 1 Nonnen. Nun äußerten meine Aeltern den innigen Wunſch, mich o geſci als eine Braut Gottes vor allen Gefahren der Welt geborgen zu Drohunn, ſehen, und ich gab ohne Widerſtreben ihrem Wunſch nach. Ich kannte 9 8 denken a⸗ ja nichts anderes, als die reinen Kloſterfreuden, denen gegenüber man.. mir die Welt als einen Abgrund der Laſter und Verbrechen geſchildert 6 hatte. Ich ward Nonne; meine Aeltern opferten meiner Einkleidung aber d und Aufnahme den Reſt ihres Vermögens und ſtarben bald darauf. 8 ſin Ach, wie bald ſollte ich nun enttäuſcht werden über die reinen Kloſter⸗ 3 1 freuden! Die Nonnen, welche ich bis dahin immer gleich Engeln und linden Heiligen verehrt, hatten nun, da ſie nichts mehr von mir erlangen wollten, udnn nicht mehr nöthig, vor mir ihre gottſelige Maske des lächelnden Ki 4 Himmelsglückes zu tragen. Sie ließen ſie fallen und ich ſah dar⸗ N ſt „unter ihre mißvergnügten, verdrüßlichen Geſichter, ſah, daß die Ge⸗ Sie . 5 2 ine brechen, Schwachheiten und Fehler der Welt auch im Kloſter zu finden eint um ſeien! Nun bereuete ich, was ich gethan, und meine erträumte Glück⸗ denn 8 e ſeligkeit ward mir eine unerträgliche Laſt. Eine unausſprechliche V Nen „ 31 Sehnſucht nach der Welt, nach Menſchen, nach Liebe, Glück und Arbeit überkam mich, aber zu ſpät, zu ſpät! Die Langeweile drückte wie ein Alp auf meinem Herzen und meinem Hirn, die Sehnſucht nach der Welt zehrte an meinem Körper, ich rang nach Reſignation, und konnte ſie nicht finden. Da auf einmal erſchallte durch das Kloſter Ihr kaiſerliches Erlöſungswort, und wie ich's vernahm, ſtürzte ich jauchzend nieder auf meine Kniee, und dankte Gott mit heißen Thränen, daß er das Herz des großmüthigen Kaiſers gerührt, daß dieſer uns die Freiheit wiedergeben wollte! Der Kaiſer hatte dem jungen Mädchen mit geſpannter Aufmerk⸗ ſamkeit zugehört, und jetzt, als ſie geendet und mit Thränen in den Augen zu ihm hineilte, um ſeine Hand zu erfaſſen und an ihre Lippen zu drücken, ließ er es geſchehen und nickte ihr freundlich lächelnd zu. Ich danke Ihnen für Ihre Erzählung, ſagte er, und wenn wirklich Ihre Geſchichte die mancher andrer Nonnen wäre, ſo dürft' ich ja hoffen, Euch armen Geſchöpfen eine Wohlthat erwieſen zu haben! Und doch geht ein Geſchrei des Zorns über mich durch alle Kirchen und Klöſter, und keine der entlaſſenen Nonnen denkt wie Sie! Oh, glauben Ew. Majeſtät mir nur, im Grunde ihres Herzens denken alle dieſe Nonnen ſo, wie ich, und wenn ſie anders ſprechen, ſo geſchieht es nur, um ihre Freude zu beſchönigen, oder weil die Drohungen der andern ſie eingeſchüchtert haben. Nur diejenigen denken anders, welche ihr hohes Alter und die Gewohnheit der Sclaverei vielleicht ſchon unempfindlich gegen die Freuden der Welt und die Gemeinſchaft mit den Menſchen gemacht haben. Die Andern aber denken und fühlen mit mir, und danken es Ew. Majeſtät, daß Sie ſie errettet und dem Leben wieder gegeben haben. Dankt mir, indem Ihr glücklich ſeid und die braven Frauen Eurer Männer, die treuen Mütter Eurer Kinder werdet, ſagte der Kaiſer, indem er dem Mädchen die Hand zum Abſchied reichte, und ſie mit einem freundlichen Kopfnicken entließ. Sie hatte kaum das Cabinet verlaſſen, als in der Thür derſelben eine ärmlich gekleidete Frau erſchien, umringt und umdrängt von einem Haufen Kinder, die ſich ſcheu und ängſtlich um ihre Mutter drängten, und ihre glühend rothen Geſichter in ihrer Schürze und 32 ihrem Rock verbergend, es der Frau unmöglich machten, auch nur einen Schritt weiter vorwärts zu thun. So laßt mich doch gehen, Ihr Kinder, ſagte die Frau halb lächelnd, halb unwillig, wenn Ihr mich feſthaltet, werde ich nimmer dem Herrn Kaiſer meine Bittſchrift übergeben können. Da ſie Euch nicht loslaſſen, werde ich wohl zu Euch kommen müſſen, die Bittſchrift in Empfang zu nehmen, ſagte der Kaiſer, mit lachendem Geſicht zu der Frau hineilend, die noch immer in der Thür mit ihren Kindern rang. Gebt mir Eure Bittſchrift. Majeſtät, dieſe hier ſind meine Bittſchrift, ſagt die Frau auf ihre Kinder deutend. Mein Mann diente im zwölften Regiment zwei und zwanzig Jahre lang und ſtarb jetzt an den Wunden, die er im letzten baieriſchen Krieg erhalten. Er hat mir nichts hinterlaſſen, als einen Haufen Kinder ohne Vater. Der Kaiſer ſchaute lächelnd auf die Kinder hin, die ſich noch immer an ihre Mutter klammerten, und deren goldlockige Köpfe hier und dort aus den Falten ihres Gewandes hervorſchimmerten, wie die goldenen Früchte aus den Zweigen des kräftigen Obſtbaumes. Dann aber auf einmal flog ein Schatten über Joſephs Antlitz hin, und ein leiſer Seufzer entrang ſich ſeiner Bruſt. Ihr beklagt Euch über Eure Armuth, gute Frau, ſagte er, und wißt nicht, wie Viele Euch be⸗ neiden mögen um Euren Reichthum, wie Viele Euch Millionen geben möchten, wenn dafür eins Eurer Kinder ihnen gehören könnte. Kinder⸗ ſegen iſt Gottes Segen! Ja Majeſtät, wenn ein Vater da iſt, der für ſie ſorgen kann! Ich will ihr Vater ſein, ſagte der Kaiſer, und ſeine großen blauen Augen richteten ſich mit einem Blick voll unendlicher Milde und Güte auf die Kinder hin, die jetzt ſchon mehr Muth gefaßt hatten, und mit emporgerichteten Köpfen mit ihren hellen unſchuldigen Augen den Kaiſer neugierig anſtarrten. Lauter Buben, fuhr der Kaiſer forr. Nun ſagt, Ihr Buben, wollt Ihr auch Soldaten werden? Ja, ja, das wollen wir, ſchrieen die beiden größten der Kinder, indem ſie eine ſteife Haltung annahmen, und die Hände an die Schläfe legten, als ob ſte den Kaiſer ſalutirten. Nun gut, rief Joſeph lächelnd, Ihr macht Eure Sache ſchon ganz gut, und ich nehm' Euch dereinſt unter meine Leibgarde, wenn Ihr tüchtig ſeit ich werde forgt und Jahr, und Adieu! O Gott zitternder neine Vul Kaiſer erb werdet bra Sier ſchloß der mal beend Joſep gedankenn mit ihrer auch wohl ſo muß ie ftieden ſei 33 tüchtig ſeid. Gute Frau, meldet Euch morgen drüben in der Kanzlei, ich werde Befehl geben, daß die vier ältern Knaben gleich gut ver⸗ ſorgt und untergebracht werden; den Kleinen bringt Ihr mir über's Jahr, und bis bahin gebe ich Euch Pflegegeld füei menen kleinen Buben. Adieu! Geht morgen auf die Kanzlei. Gott lohne es Ew. Majeſtät, rief die Frau mit vor Rührung zitternder Stimme, tauſendfach vergelte er's Eurer Majeſtät! Ach, meine Buben, meine lieben Buben, jetzt ſeid Ihr verſorgt, denn der Kaiſer erbarmt ſich der Waiſen! Aber das ſag' ich Euch, Buben, werdet brave Kerls und betet für den Kaiſer! Sie war zurückgetreten in den Controlorgang, und hinter ihr ſchloß der Kammerdiener jetzt die Thür, die Audienzen waren für dies⸗ mal beendet. Joſeph ſtand noch immer in der Mitte des Gemaches und ſchaute gedankenvoll und trübe nach jener Thür, hinter welcher die Kinder mit ihrer Mutter eben verſchwunden waren. Und betet für den Kaiſer, wiederholte er leiſe. Was wird denn Gott mehr hören, die Gebete von unſchuldigen Kinderlippen, oder die Flüche und Verwünſchungen von geweiheten Prieſterlippen? Es ſind ſo wenige, welche für mich beten, und ſo Viele, welche mich ver⸗ wünſchen! Ah bah, was nützen dieſe empfindſamen Klagen! Ich muß meine Straße muthig weiter gehen, und der Dornen nicht achten, welche ich mir in die Füße trete. Zuweilen wird ſich unter den Dornen doch auch wohl eine kleine Roſe für mich finden. Und wenn nicht, nun, ſo muß ich auch mit einem Leben ohne Duft und ohne Blüthen zu⸗ frieden ſein, und mich damit begnügen, ſo viel in meinen Kräften ſteht, Andern das Glück zu bereiten, das ich ſelbſt entbehren muß! Fort alſo mit den Empfindſamkeiten, ich habe keine Zeit dazu! Da iſt eine ganze Mappe voll Bittſchriften! Ich will ſie mit Günther durchſehen und bearbeiten! Er trat zu dem Tiſch und ſchellte heftig. Dann nahm er die Mappe und ſie öffnend, vertiefte er ſich ſofort in die Papiere, die er aus derſelben hervorſchüttelte, und die bald den ganzen Tiſch be⸗ deckten. Günther war, dem Ruf der Klingel gehorchend, eingetreten, und hatte ſich vor dem Tiſch, der Befehle des Kaiſers harrend, aufgeſtellt. Kaiſer Joſeph. 3. Abth. III. 3 34 Joſeph blickte nicht zu ihm auf, ſondern war eifrig damit beſchäftigt, die Bittſchriften zu öffnen und ihren Inhalt zu prüfen. Plötzlich lachte der Kaiſer hell auf, und ſchaute mit blitzenden Augen von dem Papier empor und zu Günther hinüber. Ah, welche allerliebſte Bittſchrift ich da eben bekomme, Günther, ſagte er. Einer von den abgeſetzten Hofräthen befiehlt mir, ihm eine höhere Penſion zu geben, damit er anſtändig leben könne, und ſagt, daß er bei der ihm angewieſenen Penſion nicht exiſtiren könne, und nun hören Sie den Schluß der Bittſchrift:„Ein rechter Kahlmäuſer iſt unſer Kaiſer!“*⁰) Und Ew. Majeſtät lachen dazu? fragte Günther empört. Ja, ich lache dazu, ſagte Joſeph. Ich finde, daß es nichts Nai⸗ veres und Reizenderes giebt, als dieſe Bittſchrift. Und ich, vergeben Ew. Majeſtät, ich bin der Meinung, daß ſie eine unerhörte Frechheit iſt, und daß Ew. Majeſtät mit aller Strenge den Unverſchämten beſtrafen müſſen, der— Der ſo ehrlich iſt, mir das in's Geſicht zu ſagen, was tauſend Andere hinter meinem Rücken ſagen? unterbrach ihn der Kaiſer. Nein, Günther, ich werde dieſem ehrlichen Mann ſeine Penſton ein wenig erhöhen, juſt darum, weil er kein Schmeichler iſt! Nun, machen Sie kein ſo böſes Geſicht, Günther! Kommen Sie, wir wollen arbeiten! Und indem der Kaiſer ſich langſam in ſeinen Fauteuil neben dem Tiſch mit den Bittſchriften niederſetzte, ſummte er leiſe vor ſich hin: Ein rechter Kahlmäuſer iſt unſer Kaiſer! *) Hübner I. S. 199. Feſte von Glück dahin. J Siege. 8 Sonne al ſchienen ſiiferüchti keit, die Baillou, ihr warer die Lieben auf dem zum Tan 1 welche du IV. Die Dame Patroneß. Feſte drängten ſich auf Feſte! Wie ein ununterbrochener Strom von Glück, Genuß und Wonne floſſen die Tage der Gräfin Baillou dahin. Jeder brachte ihr neue Triumphe, neue Huldigungen, neue Siege. Sie war der Mittelpunkt aller Geſellſchaften, die leuchtende Sonne aller Soireen, aller Concerte und Bälle. Selbſt die Damen ſchienen dieſer ſiegreichen Schönheit gegenüber aufgehört zu haben, eiferſüchtig und neidiſch zu ſein, und prieſen laut die Liebenswürdig⸗ keit, die Grazie und die ſtrenge unnal dare Sittſamkeit der Gräfin Baillou, und fanden es ganz natürlich, daß die Männer entzückt von ihr waren. Sogar der Kaiſer ſchien nicht ganz unempfindlich gegen die Liebenswürdigkeit dieſer bezaubernden Frau zu ſein, und hatte auf dem großen Ballfeſt beim Fürſten Eſterhazy ſie ſogar zwei Mal zum Tanz aufgefordert. Es war daher natürlich, daß alle Diejenigen, welche durch ihren Rang und ihre Stellung auf das Glück hoffen durften, den Kaiſer bei ihren Feſten erſcheinen zu ſehen, ſich auch be⸗ eilten, die ſchöne Gräfin Baillou einzuladen, von der Joſeph geſagt, daß ſie die intereſſanteſte und geiſtvollſte Dame in ganz Wien ſei. Heute wollte auch der junge Graf Podſtadzky Liechtenſtein dem ariſtocratiſchen Wien ein Feſt geben, und die Gräfin Baillou hatte es übernommen, die Dame Patroneß deſſelben zu ſein, und in dem Salon des unverheiratheten Grafen für einige Stunden die Rolle der Dame vom Hauſe zu übernehmen, um es dadurch den Damen möglich zu machen, in dem Hôtel des jungen Grafen zu erſcheinen. Freilich wäre es natürlicher geweſen, daß die Mutter des Grafen, die alte Gräfin Podſtadzky Liechtenſtein, dieſe Rolle der Dame Patroneß übernommen hätte, allein man wußte, daß das alte gräfliche Paar feit lange ſchon nicht mehr im beſten Einvernehmen mit ſeinem einzigen Sohn lebte, und ſich in letzter Zeit ganz und gar von ihm zurück⸗ 3* 36 gezogen hatte. Die große Prachtliebe uünp enn en heſlht des jungen Grafen war ſeinen Aeltern ein Aergerniß, und mn erz 5 ſtch, daß dies der einzige Grund des Zerwürf fniſſes zſe en dem 3 Grafenpaar und ihrem Sohn ſei, und daß, 1ir der Idds nif verſchwende, der alte Graf deſto geiziger werde. er Gel es 1 en Grafen war in ganz Wien ebenſo anerkannt, ale die„wſchäeutnng des jungen Grafen, und mit demſelben moquanten Lächel n, imit we chem man erzählte, daß der junge Graf Podſtadzky ſein Hötel 8 richide eingerichtet, die Zahl ſeiner Lakayen verdoppelt, neue Cauipagen k herrliche arabiſche Pferde angeſchafft habe, mit demſelben Lächeln der 9 man von dem ſtets zunehmenden Geiz des alten Grafen, der ſein Hôtel vermiethet, ſeine Dienerſchaft zum Theil entlaſſen, ſeine Equipage ver⸗ kauft und in einem einfachen Fiacre mit ſeiner Gemahlin zu Hoſ fahre, obwohl es allgemein bekannt war, daß der alte Graf Pod⸗ ſtadzky Liechtenſtein zu den reichſten Ariſtocratenfamilien der Monarchie gehörte, und herrliche große⸗Beſitzungen in Ungarn hatte. Niemand wunderte ſich alſo darüber, daß die alte Gräfin nicht bei dem Feſt ihres Sohnes die Rolle der Dame vom Hauſe übernommen, und ſelbſt die Damen waren es zufrieden, daß die Gräfin Baillou ſich dieſer wichtigen Charge unterzogen hatte, denn nun durfte man gewiß ſein von einer anmuthigen und zuvorkommenden Wirthin empfangen zu werden, und auch den Kaiſer bei dieſem Feſt erſcheinen zu ſehen, bei dieſem Feſt, von deſſen wunderbarer Pracht und Herrlichkeit man ſich in Wien wahre Mährchen erzählte, und auf welches Jedermann ge⸗ din Achon einige Stunden vor Beginn des Feſtes begann daher das Volk ſich in der Straße, in welcher das Palais des jungen Grafen lag, zu ſammeln, und mit neugierigem Staunen ſchauten hundert 6 aber hundert Augen auf die lange Reihe dieſer Fenſter hin, welche im Glanz der ſchon angezündeten Kronleuchter ſtrahlten, und durch welche die glückliche Menge hier und da einen Blick in die reiche mit Blumen, Gold, Sammet, Seide und Spiegeln drapirten Säle werfen konnte. Mitten in dieſem Schauen und Spähen ward das Publikum der Straße auf einmal von dem raſchen Heranrollen eines Wagens geſtört, der gezogen von vier köſtlichen Schimmeln daherbrauſte, grade hinein in die Menſchenmenge, die entſetzt und ſchreiend auseinander langſ ſtiebte, un werden. Lakahen in von dem l gleicher Z auf, und, einen koſtt dann in aufſtellend Und hervor, g mit Brill wurden ve die in di zaubert v aus in ei blieb auf Ootels ſü Vevegung dankte ihr deſſen ſchn Lutlit kum, Blicd der gann Brc auf offene rima D ur Unte überſchit duüem on Lidre jes def 1 am Auf di Aan Hofe Bod⸗ rchie nicht nen, ſich wiß 37 ſtiebte, und ſich an die Häuſer drückte, um nicht übergefahren zu werden. Die Equipage hielt vor dem Hötel des Grafen an, zwei Lakayen in himmelblauem Sammet mit reicher Silberſtickerei ſprangen von dem hintern Tritt und eilten, den Kutſchenſchlag zu öffnen. Zu gleicher Zeit flogen die beiden Flügel der Thür des gräflichen Hôtels auf, und eine Schaar goldfunkelnder Lakayen eilte heraus und breitete⸗ einen koſtbaren Teppich von dem Hôtel bis zu dem Wagen hin, ſich dann in ernſter, feierlicher Haltung zu beiden Seiten des Teppichs aufſtellend. Und jetzt ſchwebte aus der geöffneten Kutſche eine Frauengeſtalt hervor, ganz eingehüllt in durchſichtigen Silberſtoff, ganz überſäet mit Brillanten, die wie Sterne ſie umfunkelten, und doch verdunkelt wurden von den wunderbaren großen flammenden ſchwarzen Augen, die in dieſem reizenden bleichen Geſicht ſtrahlten. Die Menge, be⸗ zaubert von dem Anblick dieſer ſchönen feenhaften Erſcheinung, brach aus in ein lautes Ach! der Bewunderung; die Dame hörte es, und blieb auf der erſten Stufe der Marmortreppe, die zu der Thür des Hötels führte, ſtehen. Mit einer zugleich ſtolzen und anmuthigen Bewegung wandte ſie ihr Haupt rückwärts, dem Publikum zu, und dankte ihm mit einem liebreizenden Lächeln für dieſes Gemurmel, deſſen ſchmeichelhafte Bedeutung ſte gar wohl verſtanden hatte. Das Publikum, ganz in Extaſe über dieſes Lächeln, über dieſen flammenden Blick der Dame, brach jetzt in ein lautes Jubelrufen aus, und be⸗ gann Brava! Braval ſchreiend zu applaudiren, als ob es ſich nicht auf offener Straße, ſondern im Theater befände, und der reizenden Prima Donna ſeine Huldigung darbringe. Unter dieſem Beifallrufen, dieſem Applaudiren und Zujauchzen überſchritt die Dame die Schwelle des Hötels, und trat in den Flur ein. Die Zuſchauer der Straße reckten die Köpfe empor, um ihr nachzuſchauen, um dieſe mit Blumenfeſtons, mit Teppichen, Kron⸗ leuchtern und Statuen gezierte Vorhalle zu ſehen, in der eine Unzahl von Lioréebedienten auf⸗ und niederſchwirrte, und durch deren Mitte jetzt die funkelnde und blitzende Feengeſtalt, gefolgt von ihren Lakayen, langſam dahin ſchwebte. Auf einmal indeß wurden die Thüren des« Hotels geſchloſſen, und die Menge, welche nur Aug' und Sinn für das glänzende Bild da 38 vor ſich gehabt, fand ſich auf einmal entnüchtert und fröſtelnd auf der kalten, feuchten Straße, und blickte faſt grollend nach den Thüren des Hôtels, hinter denen die wunderbare Lichterſcheinung verſchwun⸗ den war. 4 Sie ſahen nicht mehr, wie die reizende Frau jetzt an dem Fuß der Treppe von dem jungen Grafen Podſtadzky empfangen ward, der athemlos die breite, wundervoll geſchmückte, von duftenden Wachs⸗ fackeln erhellte Treppe herunter eilte, und ſich tief und demüthig vor der ſchönen Frau verneigte. Sie dankte ihm nur mit einem Lächeln und nahm ſeinen Arm, um ſich von ihm die Treppe hinauf führen zu laſſen in die obern Säle. Schweigend ſchritt ſie an ſeiner Seite dahin, und auch der junge Graf ſchien, befangen und zerſtreut, kein Wort der Anrede finden zu können. Schweigend traten ſie in den Vorſaal, und ihn durchſchreitend in die lange Reihe dieſer ſtrahlenden, mit wahrhaft fürſtlicher Pracht ausgeſtatteten Säle ein. Aber weder der Graf noch ſeine Begleiterin hatten einen Blick, einen Gedanken für dieſe Pracht, welche ſie umgab; wie von Einem Wunſch geleitet, wandten ſte ihre Schritte dieſem kleinen halbdunkeln Cabinet zu, das da neben dem großen Empfangsſaal ſich befand. In demſelben angelangt, ließ der Graf die ſchweren Sammet⸗ portièren vor der Thür niederfallen, und dann noch ſchaute er mit einem ſcheuen, raſchen Blick in dem Cabinet umher, als müſſe er ſich überzeugen, daß ſie wirklich allein ſeien. Keine Furcht, Carlo, flüſterte die Gräfin Baillou mit einem ſeltſamen Lächeln, wir ſind allein, Niemand hört uns! Du kannſt mir ungehindert ſagen, daß ich bezaubernd ſchön bin, denn daß Du das ſagen wollteſt, leſe ich in Deinen Augen. Meine Augen können eben ſo wenig als meine Lippen nur den hundertſten Theil von dem Entzücken ſagen, das mein Herz bei Dei⸗ nem Anblick erfüllt, Arabella, ſagte der Graf, die reizende Frau mit leuchtenden Blicken anſchauend. Du biſt ſo ſchön, Arabella, daß es mir ſcheint, die Frauen müſſen Dich haſſen, und die Männer müſſen bezaubert von Dir ſein und Dir Alles gewähren, was Du nur fordern möchteſt! Sie thun es auch, Carlo, ſagte die Gräfin ſtolz. Sie ſind wirk⸗ 8 lich ſolcht laſſen, un Nüchternt Und Deinen F betern! was ſie; ihnen nie Glückſelig mit Dein Vaillou Ein du noch Freund, wo bei liebſte 5 Liebesſe Sechs Seufzer Cin⸗ Liebe leu weiflung Ein Tagen, d Die An jener Th iſt dam mein m des Ver du, C Ca neue W 39 lich ſolche närriſchen Thoren, ſich von einer ſchönen Larve blenden zu laſſen, und um ein paar ſchöner Augen willen ihre Beſonnenheit und Nüchternheit zu verlieren. Und Du, mein Engel, meine Fee, Du läßt ſie alle grauſam zu Deinen Füßen ſchmachten und erhörſt keinen von allen Deinen An⸗ betern! Das iſt es gerade, was ſie unwiderſtehlich an Dich feſſelt, was ſie zu Deinen Sclaven, Dich zu ihrer Herrin macht, daß Du ihnen nicht die kleinſte Gunſt gewährſt! Oh, Arabella, und ich Glückſeliger, Beneidenswerther, ich allein bin es, den Du begnadigſt mit Deiner Gunſt, für mich allein hat dieſe ſtolze, ſtegreiche Gräfin Baillou ein Herz! Ein Herz! rief ſte mit einem lauten, ſpöttiſchen Lachen. Glaubſt Du noch an ſolche alberne Chimäre, Carlo? Du irrſt, mein armer Freund, ich habe kein Herz, ich habe keine Liebe, und an der Stelle, wo bei andern Frauen ein Herz ſchlagen mag, da ſind bei mir aller⸗ liebſte kleine Barren von Gold und Silber aufgehäuft, und ſtatt der Liebesſeufzer flüſtern meine Lippen Zahlen, Zahlen, nichts als Zahlen! Sechs Millionen, ſieben Millionen, acht Millionen, das ſind die Seufzer meiner Liebe! Einſt warſt Du anders, Arabella, einſt ſah ich Dein Antlitz in Liebe leuchten, hörte ich Deinen Mund Worte der Liebe, der Ver⸗ zweiflung flüſtern! Einſt! Du ſprichſt von meinem vergangenen Leben, von den Tagen, die jenſeits des kalten Tiberſtromes lagen. Still von ihnen! Die Arabella, die ich damals war, liegt in der Tiber begraben, und jener Thörin, die an Liebe, an Treue, an Glück und Unſchuld glaubte, iſt damit ganz Recht geſchehen. Die Gräfin Baillou hat nichts ge⸗ mein mit ihr. Sie iſt in der Tiber getauft für die Welt der Sünde, des Verrathes, des Egoismus, der Lüge und des Verbrechens, und Du, Carlo, Du haſt bei ihrer Taufe Gevatter geſtanden, Du haſt die neue Weltbürgerin unterrichtet in der Kunſt des Lebens, und jetzt, Du allzu empfindſamer Lehrer, jetzt verlangſt Du auf einmal von Deiner Schülerin, daß ſie noch ein Herz habe! Das kommt daher, daß Deine unvergleichliche Schönheit, Deine Anmuth und Liebenswürdigkeit mich plötzlich hat empfinden laſſen, daß ich noch ein Herz habe, Arabella. 40 Sie lachte wieder laut und ſpöttiſch, und doch lag etwas finſter Drohendes in ihren Augen. Du empfindeſt, daß Du ein Herz haſt, Carlo? Du haſt davon gerade ſo viel wie der Haſe, der immer in der Ferne das Knallen der Flinte zu hören glaubt und davon rennt, noch bevor der Jäger ſichtbar iſt! Du ſtehſt indeſſen, Arabella, rief der Graf lachend, ich bin nicht davon gerannt, ich bin hier geblieben, obwohl mir zuweilen iſt, als ob ich ſchon ganz nahe an meinem Ohr das Knallen des mörderiſchen Gewehrs vernähme, und als ob der Jäger, der mich erlegen wird, ſchon dicht hinter mir ſtände! Haſenphantaſie, ſagte ſte achſelzuckend. Sieh doch um Dich, Carlo, gedenke doch daran, was wir waren, und was wir jetzt ſind. Alle unſere Pläne ſind geglückt, unſere kühnſten Wünſche haben ſich erfüllt. Wir tanzen über einem Abgrund, den wir uns mit Blumen über⸗ deckt haben, murmelte er leiſe. Aber wir tanzen doch, ſagte ſte lachend, und je länger wir tanzen, deſto weiter werden wir uns von dem Abgrund entfernen, bis wir uns endlich hinein tanzen in den Hafen des Glückes, der Sicherheit und des Reichthums. Ah, Du ſpotteſt meiner, Arabella, ſagte er düſter. Ich fürchte, ich habe mich verrechnet, nnd meine Pläne werden dereinſt als meine Ankläger wider mich aufſtehen! 2 Haſenphantaſie! ſagte ſie wieder, aber dies Mal nicht mehr lächelnd, ſondern verächtlich und zürnend. Anfangs warſt Du ſo kühn, ſo ſiegesgewiß, und jetzt zitterſt Du? Und doch begünſtigt das Glück jeden unſerer Schritte, doch leben wir in ſeinem vollen Sonnenſchein und kein Schatten des Mißtrauens umdüſtert unſere hellen Lichtgeſtalten. Jedermann bewundert, liebt und beneidet uns, Jedermann drängt ſich zu unſern Feſten und ſelbſt der Kaiſer verliebt ſich in die ſchöne Gräfin Baillou, und hält es nicht unter ſeiner Würde, das Hoôtel des Grafen Podſtadzky Liechtenſtein zu beſuchen und Theil zu nehmen an dem Feſt, von welchem ganz Wien ſeit acht Tagen ſpricht, und dem die Gräfin Baillou als Dame Patroneß vor⸗ ſtehen wird! Oh, Carlo, iſt das nicht eine Geſchichte, über welche die Götter lächter aus Du h eine Geſch angenomm Gläubiger Gläuk d9 Leiden ſind willig bezahlten und uns doch einm Pracht, ihren gol ſtall, in in denen und Spe Schüſſel mein Gen werth iſt Alles, me Eigenthun überlſte rafen d „ Ein lächelnd. und wie ſad als ihr Pal, le von d den daliet mu * . einem d 3 tauſead 3 hunden 41 die Götter im Olymp, wenn ſte ſie hörten, in ein homeriſches Ge⸗ lächter ausbrechen müßten? Du haſt Recht, Arabella, rief der Graf ſchnell erheitert, es iſt eine Geſchichte zum Lachen, und daß der Kaiſer meine Einladung angenommen, das iſt das Schild der Meduſa, welches wir unſern Gläubigern vorhalten wollen und welches ſie verſteinern wird. Gläubiger! ſagte ſie achſelzuckend, haben wir denn Gläubiger? Leider haben wir deren, rief der Graf lachend. Die guten Schafe ſind willig hineingegangen in die Netze, die wir ihnen geſtellt. Die bezahlten Rechnungen des erſten Vierteljahrs haben ſie ſicher gemacht, und uns einen unbegrenzten Credit eröffnet. Ach, Arabella, tritt doch einmal hinein in die Reihe dieſer Säle, ſchau auf die fürſtliche Pracht, die uns umgiebt, auf die funfzig Lakayen, die da unten in ihren goldſtrotzenden Livréen meiner Gäſte harren, auf meinen Mar⸗ ſtall, in dem zwanzig der köſtlichſten Pferde ſtehen, in meine Küchen, in denen franzöſiſche Köche ein Heer von Küchenjungen commandiren und Speiſen für unſere Tafel bereiten, Speiſen, von denen eine Schüſſel oft mehr als fünfhundert Gulden koſtet, und endlich ſieh auf mein Gewand, das mit ſeinen Brillanten wohl funfzigtauſend Gulden werth iſt,“*) und auf Deinen Schmuck, der ebenſo viel gilt. Und dies Alles, mein holder Engel, dies Alles gehört uns, und iſt doch das Eigenthum dieſer guten Schafe, die ſo dumm waren, ſich von uns überliſten zu laſſen, und welche dafür den Ehrentitel„Gläubiger des Grafen Liechtenſtein“ gewonnen haben! Ein wahrer Edelmann muß Schulden haben, ſagte die Gräfin lächelnd. Haben nicht die Fürſten Lobkowitz, Schönborn, Colloredo und wie ſie Alle heißen mögen, Schulden, die noch ungeheuerlicher ſind als ihre Einkünfte, umlagern nicht tauſende von Gläubigern ihre Paläſte, daß ſelbſt das Heer ihrer Lakayen kaum im Stande iſt, ſte von der Thür ihres Herrn zurückzuhalten? Ein ordentlicher Ca⸗ valier muß Schulden haben, und je mehr Gläubiger er hat, deſto *) Solche koſtbaren Herrentoilettten waren damals nichts Seltenes. Bei einem der Hoffeſte zum Beiſpiel trug der Graf Palm ein Gewand, das ſiebenzig⸗ tauſend Gulden gekoſtet hatte, und der Fürſt Lichtenſtein eine Uniform, die über hunderttauſeud Gulden Werth hatte. 42 mehr muß man ihn für reich halten, denn nur wer viel Geld hat, hat viel Credit! Und dann, Carlo, wer hindert Dich, Deine Gläu⸗ biger zu bezahlen? Zu bezahlen? fragte der Graf faſt ängſtlich. Du meinſt doch nicht, daß— Daß Du bezahlen ſollteſt, wie Du es ſchon einmal gethan haſt? Ja, das meine ich, Carlo! Deine Banknoten ſind gut, bezahle, mein Freund, bezahle! Und dann, wenn alles Dies unſer Eigen iſt, alle dieſe Schätze uns gehören, dann führen wir unſern letzten großen Plan aus, dann verkaufen wir Alles, unſere Meubles, unſere Paläſte, unſere Silberſervice, unſere Pferde und unſere Brillanten, verkaufen Alles, aber nicht gegen Banknoten, ſondern nur gegen ſchönes, klin⸗ gendes Silbergeld! Dann fort, fort in die Welt, fort nach der ſchö⸗ nen Zauberſtadt Paris, das ſich, wenn wir reich, ungeheuer reich ſind, zu unſern Füßen hinſchmiegen wird, wie der bezähmte Löwe zu den Füßen der reinen Jungfrau. Oh, mein Freund, Geld macht unſchul⸗ dig und mächtig, glücklich und geehrt, Geld bedeckt die Schande und entſchuldigt das Verbrechen! Geld— Ein leiſes Klopfen an der Außenthür des Cabinets machte ſie verſtummen. Der Graf eilte hin, zu öffnen, während die Gräfin Baillou raſch durch die Portière in den großen Saal zurücktrat. Es war der Haushofmeiſter des Grafen, welcher kam, ſeinem Herrn zu melden, daß ſo eben eine tief verſchleierte Dame vorgefahren ſei, welche durchaus begehre, den Grafen in einer dringenden Ange⸗ legenheit zu ſprechen. So führen Sie dieſelbe hier herauf in den Empfangsſaal, ſagte der Graf. Die Gräfin Baillou wird gewiß die Gnade haben, ſte zu empfangen. Gnüdiger Herr, die Dame begehrt durchaus, Sie ganz allein zu ſprechen. Sie ſagt, ſie habe Ihnen eine Mittheilung von der äußerſten Wichtigkeit zu machen. Der Graf ſtutzte. Eine Mittheilung von der äußerſten Wichtig⸗ keit? wiederholte er. Nun denn, ſo führe die geheimnißvolle Dame hier herein! Der Haushofmeiſter eilte fort und Graf Podſtadzky trat in den — Saal. 1 ihn mit Ich! hend, abe Cabinets dieſe gehe lihhes zu Das iſt u dieſer da hierher i⸗ und es g Sie Gra Geliebte ihm an fuͤhre ſi Aber ſe trete ich Sie die Por eilte na Reheimni meiſter, 43 Saal. Die Gräſin Baillou ſtand neben der Portière und empfing ihn mit einem Lächeln. Ich habe Alles gehört, ſagte ſie, ihm leicht mit dem Finger dro⸗ hend, aber ich erkläre, daß ich dieſes Rendezvous im Halbdunkel des Cabinets nicht dulden werde. Haben Sie die Güte, mein Jupiter, dieſe geheimnißvolle Schöne hier im Saal beim Glanz des Kerzen⸗ lichtes zu empfangen, und mich in das Boudoir eintreten zu laſſen. Das iſt weniger gefährlich für uns Alle und erlaubt uns, das Antlitz dieſer Dame zu erkennen, die es wagt, ihre Tugend und Unſchuld hierher in den Löwenrachen zu tragen! Ich ahne, wer die Dame iſt, und es gelüſtet mich, die ſtolze Spröde einmal in der Nähe zu ſehen! Sie meinen, daß es Rahel Eskeles iſt? fragte der Graf. Gräfin Baillou nickte. Sie kommt ohne Zweifel, um ihres Geliebten Verzeihung anzuflehen für die Schmach, welche ihr Vater ihm angethan! Fort alſo! Eile der Dame entgegen, Carlo, und führe ſie hier herein, während ich mich in das Cabinet hier flüchte. Aber ſei auf Deiner Hut, denn ſobald ich Gefahr für mich wittere, trete ich zwiſchen Euch! Sie nickte dem Grafen lachend zu und trat in das Cabinet ein, die Portière ſorgſam hinter ſich zuziehend. Graf Podſtadzky aber eilte nach der Thür des Salons und begegnete an derſelben dieſer geheimnißvollen Unbekannten, die eben, gefolgt von dem Haushof⸗ meiſter, den Corridor herauf ſchritt. V. Mutter und Sohn. Mit einer nachläſſigen Verbeugung und einem leichtfertigen Lächeln bot der Graf der Unbekannten, deren ganze Geſtalt ein ſchwarzer Mantel verhüllte, deren Geſicht ſich unter dichten ſchwarzen Schleiern 44 barg, den Arm, und führte ſie in den Salon. Der Haushofmeiſter ſchloß hinter ihnen die Thür und inmitten dieſes leuchtenden, glän⸗ zenden Raums ſtand jetzt der Graf dieſer ſchweigenden, ernſten Geſtalt gegenüber. Sind wir hier allein? fragte ſie mit zitternder, leiſer Stimme. Ganz allein, meine reizende Sphinx, ſagte der Graf, nur Gott Amor wird hier die ſüßen Geheimniſſe belauſchen, die Dein reizender Mund mir verkünden wird. Aber zuerſt erlaube mir, dieſe neidiſchen Schleier zu lüften und Dein himmliſches Antlitz zu ſchauen, mein geheimnißvoller Engel! Geſtatte mir, unter der Nacht dieſer Hüllen die Sonne Deiner Schönheit hervorleuchten zu laſſen! Er zog die Dame weiter vor in den Saal, gerade zu dem Can⸗ delaber hin, der neben dem Eingang zu dem Cabinet aufgeſtellt war, und von welchem zwanzig Wachskerzen ihr Licht ausſtrömten. Die Dame ſträubte ſich nicht, ſie wehrte es dem Grafen nicht, als er jetzt ſeine Hände zu ihrem Haupt erhob, um die Schleier von demſelben ſortzuziehen und ihr Antlitz zu erhellen. Sie ſtand unbeweglich, wie erſtarrt da und ließ es geſchehen, daß er ihren Mantel öffnete, daß er die Schleier zurückſchlug. Aber wie er den letzten Schleier hob, tönte ein Schrei des Ent⸗ ſetzens von des Grafen Lippen, und rückwärts taumelnd ächzte er: Meine Mutter! Oh, meine Mutter! Hinter der Portière hervor erſchallte ein leiſes, höhniſches Lachen,— aber die Beiden achteten nicht darauf, ſie hörten nichts als das ſtür⸗ miſche Klopfen ihrer Herzen, ſie ſahen nichts, als ihre beiden bleichen, tiefbewegten Geſichter. Ja, Deine Mutter iſt es, welche zu Dir kommt! ſagte die bleiche, hohe Frauengeſtalt, Deine Mutter, welche einſt feierlich gelobt hat, niemals wieder die Schwelle Deines Hauſes zu überſchreiten, niemals wieder Dir ihr Haus zu öffnen! Aber ein Mutterherz kann nicht ewig zürnen, es verzeiht ſelbſt dem Verbrecher! Ich komme, mein Sohn, um Dir meine Vergebung zu bringen! Ich komme, um Dich zu warnen, um Dich zu retten, wenn ich es noch vermag! Der junge Graf antwortete noch immer nicht. Er war wie ent⸗ ſetzt zurückgewichen von ſeiner Mutter, und ſchaute ſie jetzt aus der Ferne mit ſtarren, traurigen Blicken an. Ihre Worte machten kein Eindruck ſchauernd ihr Haar Die zwei Jahr Nächte mo gewacht! der Zorn, herzen die und hat: und hat; Pracht u luſſes! trieben, lichen S Eine Pf Und junge Gr Ich glück bal Äh, müthigen und des Vor indem ſi legte, ſa⸗ daß ich dß ich; 45 Eindruck auf ihn, vielleicht hatte er ſie gar nicht gehört; in ſich er⸗ ſchauernd murmelte er leiſe vor ſich hin: iſt das meine Mutter? Oh, ihr Haar iſt ſo weiß geworden, ihre Stirn ſo tief gefurcht! Die Gräfin lächelte traurig. Du findeſt mich verändert ſeit den zwei Jahren, die Du mich nicht geſehen. Thränen und ſchlafloſe Nächte machen alt, und ich habe viel um Dich geweint und um Dich gewacht! Aber die Liebe läßt ſich nicht hinwegweinen, ſondern nur der Zorn, und in den ſchlummerloſen Nächten iſt in dem Mutter⸗ herzen die Sehnſucht nach ihrem einzigen Sohn immer mehr erwacht, und hat mit angſtvollen Augen um ſich geſchaut nach ihrem Liebling, und hat ſich entſetzt, als ſte ihn endlich gefunden hat, umgeben von Pracht und Glanz, in der Fülle des Reichthums und des Ueber⸗ fluſſes! Oh, mein Sohn, Dein Reichthum iſt es, der mich herge⸗ trieben, Deine Pracht hat mein Herz mit ſolcher Angſt, ſolchem tödt⸗ lichen Schrecken erfüllt, daß ich alles Andere vergaß, und nur die Eine Pflicht noch fühlte, zu Dir zu eilen, Dich zu warnen! Und weshalb willſt Du mich warnen, meine Mutter? fragte der junge Graf, der jetzt ſeine ſichere, ſorgloſe Haltung wieder gefunden. Ich will Dich warnen, mein Sohn, weill vielleicht ſonſt das Un⸗ glück bald mit furchtbarer Gewalt über Dich herein brechen könnte! Ah, ich fürchte das Unglück nicht, rief der Graf mit einem über⸗ müthigen Lachen. Woher ſollte mir auch jetzt in der Fülle des Glücks und des Reichthums das Unglück kommen? Von Deinem Vater, mein Sohn, ſagte ſeine Mutter ernſt, und indem ſie dicht zu ihm herantrat und ihre Hand auf ſeine Schulter legte, ſagte ſie mit leiſer, haſtiger Stimme: Dein Vater weiß nicht, daß ich hier bin, er würde es mir nie verzeihen, wenn er erführe, daß ich unſern Schwur gebrochen, daß ich dem Gelübde untreu ge⸗ worden, welches wir vor zwei Jahren in jener fürchterlichen Stunde geleiſtet haben! Ich muß Dich heute an jene Stunde erinnern, Carl, ich muß Dir Alles das zurückrufen, was damals zwiſchen uns ge⸗ ſchah, muß Dir die Veranlaſſung vergegenwärtigen, weshalb ein un⸗ glückliches Aelternpaar den einzigen Sohn von ſeinem Herzen verſtieß. Warum wollen Sie dieſe Vergangenheit heraufbeſchwören, da wir ſie doch Beide kennen, und ſchwerlich vergeſſen haben? fragte der Graf achſelzuckend. Ich wenigſtens habe nichts vergeſſen, ich ſehe 46 noch meinen Vater, blaß vor Wuth, mit geballter Fauſt auf mich zuſchreiten, ich ſehe meine Mutter, welche mit flammenden Augen neben ihm ſteht, und ihre Hand nicht erhebt, um die Fauſt meines Vaters aufzuhalten, und ſie fällt nieder auf die Schulter ihres Sohnes, der, in Ehrfurcht vor ſeinem Vater, ſich nicht zur Wehre ſetzt, ſondern nur mit einem Schrei des Entſetzens zurücktaumelt, und wie zerſchmettert in ſeine Kniee ſinkt. Ah, meine Mutter, fuhr der Graf mit zitternden Lippen, mit einem wilden höhniſchen Lächeln fort, gehen Sie doch zu meinem Vater, und erinnern Sie ihn an jene Stunde, wo ein unnatürlicher Vater den Fluch ausſprach über ſeinen unglücklichen Sohn, und ihn mit Verwünſchungen fortſtieß von der Schwelle ſeines Hauſes, wo er in ſeiner Wuth die Fauſt aufhob gegen den Sohn, den die Chrfurcht wehrlos machte! Oh, Mutter, Mutter, bis dahin war ich nur ein Leichtſinniger geweſen, aber in jener Stunde empfing ich von meinem Vater den Ritterſchlag des Verbrechers. Sagen Sie ihm das, ſagen Sie ihm, daß ich ihn verantwortlich mache für Alles was geſchehen, für Alles, was noch geſchehen kann, daß Er der böſe Dämon iſt— Still, unterbrach ihn ſeine Mutter mit gebieteriſchem Ton, Du läſterſt Deinen Vater, Du willſt die Schuld auf ihn wälzen, und weißt wohl, daß Du allein der Schuldige biſt. Du ſprichſt von den Schreckniſſen jener Stunde, aber nicht von den Urſachen dieſer Schreck⸗ niſſe! Du ſagſt nicht, weshalb Dein Vater ſeiner L Dir fluchen mußte, Du ſagſt nicht, was es war, das ihn in ſo ſchmerz⸗ liche Wuth verſetzen konnte! Sage auch das, ſprich es aus, damit dieſe glänzenden Räume es hören, damit dieſe Kerzen auslöſchen, da⸗ mit die Brillanten Deines Kleides ihren Glanz verlieren vor Ent⸗ ſetzen: weshalb fluchte Dir Dein Vater? Was hatteſt Du gethan? Ich befehle Dir, es mir zu ſagen, denn ich will wiſſen, ob der reiche Graf Carl Podſtadzky es nicht vergeſſen hat. Sprich, was hatteſt Du gethan, weshalb Dein Vater Dir fluchte? Ich hatte falſche Wechſel gemacht, murmelte der Graf, ganz be⸗ herrſcht von dem ſtolzen gebieteriſchen Weſen ſeiner Mutter, und vor ihren flammenden Blicken die Augen niederſchlagend. Ja, Du hatteſt falſche Wechſel gemacht, wiederholte ſie drohend. Du hatteſt die Handſchrift Deines Vaters unter Papiere geſetzt, welche iebe vergeſſen und Du Deinen geahmten warſt ein zu einem Waru Graf mit ſchrift als etſpart hat Er w Gräfin en überliefern das Glüc unſerer bezahlte verpfände geworden und in d lächelnd, als die! wir habe verpfände wir einſt willen! noch ferr gegen De Deines nich igen ines nes, dern ttert den 47 Du Deinen Gläubigern gegeben, Du hatteſt mit dem trügeriſch nach⸗ geahmten Namen Deines Vaters Dir eine Million erſchwindelt. Du warſt ein Fälſcher und ein Betrüger, der Sohn Deines Vaters war zu einem Verbrecher geworden. Warum erkannte mein Vater ſeine Unterſchrift an? fragte der Graf mit erzwungener Harmloſigkeit. Es ſtand ja bei ihm, die Hand⸗ ſchrift als unrecht zu erklären. Er würde ſich dadurch eine Million erſpart haben! Er würde ſeinen Namen der Schande überliefert haben, rief die Gräfin energiſch. Er würde ſeinen einzigen Sohn den Gerichten haben überliefern müſſen, und das Verbrechen, welches jetzt nur heimlich das Glück Deiner Aeltern mordete, wäre dann vor aller Welt zu unſerer Schande bekannt geworden! Dein Vater ſchwieg alſo und bezahlte die Wechſel. Aber um es zu thun, mußte er ſeine Güter verpfänden, mußte er Alles hingeben, was er beſaß! Wir ſind arm geworden, um uns die Chre zu retten, wir haben bisher ſchweigend und in der Stille uns allen Entbehrungen unterzogen, wir haben es lächelnd erduldet, daß man uns geizig nannte, daß man unſern Geiz als die Urſache des Zerwürfniſſes zwiſchen uns und Dir anführte, wir haben es Niemand verrathen, daß unſere Güter verkauft und verpfändet ſind, man hält uns noch immer für die reichen Leute, die wir einſt waren, man lacht und verſpottet uns um unſers Geizes willen! Wir haben dazu geſchwiegen, und auch Dein Vater würde noch ferner ſchweigen, wenn nicht jetzt ein neuer furchtbarer Verdacht gegen Dich in ihm erwacht wäre. Ganz Wien ſpricht von dem Glanz Deines Hauſes, erzählt von Deinem Reichthum, Deinen Feſten, und mit Schaudern fragt ſich Dein Vater, woher Dir dieſer Reichthum kommt? Woher Du, der Du Dein eigenes Vermögen vergeudet, der Du nichts beſitzeſt, und nichts zu erben haſt, als die bezahlten Wechſel Deines Vaters, woher Du plötzlich wieder dieſen Reichthum genommen, der ganz Wien in Erſtaunen verſetzt? Ich habe einen Schatz entdeckt, das iſt klar, rief ihr Sohn mit einem rauhen Lachen. Wenn es ſo iſt, dann antworte das der Welt, wenn ſie die Er⸗ klärung Deines Vaters geleſen! Die Erklärung meines Vaters? Was will er thun? 48 Er will öffentlich und freimüthig in den Zeitungen die Welt über den Irrthum aufklären, in dem ſte befangen iſt, wenn ſte ihn für reich hält. Er will es laut bekennen, daß wir arm und mittellos ſind, daß wir nichts mehr beſitzen, als eine Revenue von ſechstauſend Gulden, die auch nach unſerm Tode unſern Gläubigern anheim fällt, er will mit ſeinem Ehrenwort verſtchern, daß ſein Sohn nichts mehr von ihm zu erben hat, daß er arm und mittellos iſt, wie ſein Vater. Wenn er das thut, bin ich verloren, rief der Graf überwältigt von dem erſten Schrecken. Ach, es iſt alſo wirklich ſo wie ich ahnte, ſchrie ſeine Mutter verzweiflungsvoll. Du biſt verloren, wenn Dein Vater bekennt, daß er nicht reich iſt, daß er Dir nichts zu hinterlaſſen hat. Du haſt alſo Andere getäuſcht mit dieſer Erbſchaft, Du haſt Vortheil davon gezogen, daß man Deinen Vater einen reichen Geizhals nennt? Sieh mich an, Carl, ſieh mir in das Auge, in das Auge Deiner Mutter, welche Dich einſt ſo grenzenlos geliebt hat, ach, Dich vielleicht noch grenzenlos liebt. Sieh mich an, und ſage mir, woher haſt Du dieſen Reichthum? Von wem kommt Dir dieſe Pracht und dieſer Glanz? Der Graf verſuchte es, ſeine Augen auf das bleiche angſtvolle Antlitz ſeiner Mutter zu heften, mit offenem Blick ihrem Anſchauen zu begegnen, aber er vermochte es nicht, vor ihren flammenden durch⸗ bohrenden Augen ſenkte er den Blick zu Boden. Die Gräfin ſah es und ein tiefes Aechzen quoll aus ihrer Bruſt hervor, ihre ganze Geſtalt ſchwankte und zitterte, aber ſie faßte ſich gewaltſam zuſammen. Dicht zu ihrem Sohn hintretend, legte ſte ihre beiden Hände an ſeine Wangen, hob ſein Geſicht empor, und ſtarrte ihn an in athemloſer, fürchterlicher Angſt. Es war eine ſtumme Scene voll grauenvoller Beredtſamkeit, voll entſetzlicher Pein, und ſelbſt der Graf Podſtadzky fühlte ſein Herz bewegt davon. Woher haſt Du Deinen Reichthum, mein Sohn? ziſchelte die Gräfin, deren Zähne aufeinander ſchlugen, wie im Fieberfroſt. Woher kommt Dir all dies Gold und dieſe Pracht? Sage es mir, ich bin immer noch Deine Mutter, und ich werde Dich nicht verrathen, aber ich werde ſuchen, Dich zu retten! a 4 Du ka Graf dump Ah, d Mutter mit wills nicht nicht mehr nichts mehr aus meinem will nur ne Sohn erret wird dieſe daß er ar wird das! es, Gott errette, de Gott der tiefen nicht um— Aber einer Mutt Nutter wi hre Heima mit dm ſ Komm, m gehen, we dieſen ſi Du kannſt mich nicht mehr erretten, meine Mutter, flüſterte der Graf dumpf in ſich hinein. Ah, das heißt, Du bekennſt, daß Du ſchuldig biſt! rief ſeine and Mutter mit einem lauten Schmerzensſchrei. Aber nein, nein, ich will's nicht glauben, ich kann's nicht glauben! Ich will Dich auch 7 nicht mehr fragen, woher Dir der Reichthum gekommen! ich will 4 nichts mehr wiſſen von der Vergangenheit, ſie ſoll ausgelöſcht ſein * aus meinem Gedächtniß und auch aus dem Deinen, mein Sohn. Ich t will nur noch wiſſen, daß Dir Gefahr droht, und daß ich meinen 8 Sohn erretten will! Dein Vater iſt unbeugſam, Du weißt es, er ter wird dieſe Erklärung geben, er wird es laut vor aller Welt ſagen, a0 daß er arm iſt, daß Du nichts von ihm zu erben haſt, und dann uf⸗ wird das Unwetter über Dir zuſammenbkechen, ich fühle das, ich weiß n es, Gott flüſtert es meinem Mutterherzen zu, damit es den Sohn eh errette, der einſt unter ihm gelegen! ſer, Gott! rief ihr Sohn, ſich gewaltſam noch einmal aufraffend aus och der tiefen Bewegung, die ihn faſt überwältigte. Gott kümmert ſich fen nicht um mich, und weiß wenig davon, ob ich ſterbe und verderbe! 1 Aber Gott hat Erbarmen mit den Schmerzen und der Verzweiflung le einer Mutter, rief die Gräfin, und er wird Dir vergeben um Deiner en Mutter willen, welche bereit iſt, um Deinetwillen Alles zu verlaſſen, ⸗ ihre Heimath, ihren Namen, ja ſelbſt den Gemahl, den ſie liebt, und 3 mit dem ſie dreißig Jahre des Lebens Laſt und Qual getragen hat. iſt Komm, mein Sohn, laß uns entfliehen, weit, weit fort in die Welt 1 gehen, wo uns Niemand kennt, Niemand von uns weiß. Verlaſſe re dieſen ſtolzen Palaſt, der bald in Trümmer über Dir zuſammenfallen te und Dich zerſchmettern wird. Folge mir in irgend ein ſtilles Thal der Schweiz, da wollen wir uns niederlaſſen unter irgend einem fremden l Namen, da wollen wir als einfache Bauersleute uns hingeben an die 3 Stille und den Frieden der Natur, da wollen wir neue Menſchen werden, und ein neues Leben beginnen. ie Ach, meine Mutter, wenn ich das könnte, rief der Graf, wenn er ich mich erretten könnte von dem Verbrechen und der Schande! wenn— n Thränen erſtickten ſeine Stimme, Thränen, die er nicht mehr im Stande er war, zurückzuhalten, die Bächen gleich ſein Antlitz überſtrömten, das er jetzt ſchamvoll und zitternd in ſeinen Händen barg. Kaiſer Joſeph. 3. Abth. III. 4 50 Ein Ausdruck ſeligen Entzückens flog über das Geſicht ſeiner Mutter hin. Er weint, rief ſie, ich habe ſein Herz gerührt, denn er weint ſeine erſten Thränen der Reue. Um dieſer Thränen willen wird Gott Dir vergeben, mein Kind. Nun komm, fliehe dieſes Haus des Verbrechens, ſage, daß Du es willſt, und in dieſer Nacht noch reiſen wir ab. Sieh, ich habe heimlich meine alten Familienbrillanten ver⸗ kauft, damit wir ein kleines Capital haben, mit dem Du Dein neues Leben beginnen kannſt, dafür wollen wir uns in irgend einem ab⸗ gelegenen Thal der Schweiz einen Bauerhof kaufen, und da ſollſt Du Bauer werden! Ein helles melodiſches Lachen erſchallte hinter ihr, und eine ſpöttiſche Stimme rief: Bauer! Der Graf Podſtadzky ſoll Bauer werden!— Die Gräfin wandte ſich um, und ſah da hinter ſich eine junge Frau von blendender Schönheit, ſtrahlend im Glanz der Jugend, funkelnd von Brillanten und Geſchmeide, welche mit einem harmloſen anmuthigen Lächeln der Gräfin in das erſtaunte, fragende Antlitz ſah. Arabella! flüſterte der Graf, und mit einer raſchen Bewegung nahm er ſein Tuch und trocknete die Thränen aus ſeinen Augen fort. Die beiden Frauen blickten einander noch immer an, die Eine lächelnd, ſteggewohnt, die Andere finſter und mit drohendem Zürnen. Dann wandte die Gräfin langſam ihr Haupt nach ihrem Sohn hin. Wer iſt dieſe Frau? fragte ſie, mit erhobenem Finger auf Arabella hindeutend. So komm doch her zu mir, Carlo, und ſtelle mich der Frau Gräfin Mutter vor, rief Arabella lachend. Beobachte noch ein wenig die Formen und Ceremonien der Welt, denn noch biſt Du ja nicht der idylliſche Bauer des einſamen Schweizerthals! Sie hat uns belauſcht! rief die Gräfin verächtlich. Ja, ich war dort in jenem Cabinet, ſagte Arabella lächelnd, ich hatte das Glück, dieſer ganzen erhabenen Scene beizuwohnen. Frau Gräfin, Sie haben geſpielt wie eine Heldin, aber wie mir ſcheint, wurden Sie von Ihrem Sohn ſchlecht unterſtützt. Die Rolle eines zerknirſchten Sünders zu ſpielen iſt ein ſehr undankbares Geſchäft, und als verlorner Sohn heimgeholt zu werden hat immer den An⸗ ſchein des Lächerlichen. Und dieſer verlorne Sohn ſoll noch dazu ſſfen A zur Sühn löſen! Wer Ihr gewonnen. er: meine vorzuſtellen Die mit einem Wirſt Du Aber Graf Pod blick, wo in dieſen Hör böſen E. Gräfin, ihren Ge mein So folge mir all dieſen Richthun bleich un Ja, Mann, den Mu Deine g ſte dieſe Graf P. ſaht, un Hor di Gräf Ei anem zu erſch 51 zur Sühne einen Bauernkittel tragen, und ſich in eine Idylle auf⸗ löſen! Wer iſt dieſe Frau? fragte die Gräfin zum zweiten Mal. Ihr Sohn hatte jetzt vollkommen ſeine Faſſung und Ruhe wieder gewonnen. Er näherte ſich Arabella, und ihre Hand faſſend, ſagte er: meine Mutter, ich habe die Ehre Ihnen hier die Gräfin Baillou vorzuſtellen, die Dame Patroneß meines heutigen Feſtes. Die alte Gräfin erwiederte die tiefe Verbeugung Arabellens nur mit einem ſtolzen Kopfnicken und wandte ſich wieder an ihren Sohn. Wirſt Du jetzt mit mir kommen, mein Sohn? fragte ſie. Aber, gnädigſte Gräfin, rief Arabella lächelnd, wie könnte der Graf Podſtadzky jetzt wohl ſein Hötel verlaſſen, jetzt in dem Augen⸗ blick, wo er die ganze Ariſtokratie Wiens, wo er den Kaiſer ſelbſt in dieſen glänzend geſchmückten Sälen empfangen wird. Höre nicht auf ſte, mein Sohn, höre nicht auf die Stimme des böſen Engels, der Dich in's Verderben ſtürzen wird, bat die alte Gräfin, ihre Augen mit einem flehenden, zärtlichen Ausdruck auf ihren Sohn heftend. Denke an Alles das, was ich Dir geſagt habe, mein Sohn, denke an das Verderben, welches Dich bedroht, und folge mir, rette Dich vor dem Verbrechen und der Schande! Wirf all dieſen leeren Tand des Luxus, dieſen gleißneriſchen Plunder des Reichthums von Dir und komm! Oh mein Sohn, ſteh' nicht ſo bleich und unentſchloſſen da! Raffe Dich auf und ſei ein Mann! Ja, wiederholte Arabella lachend, raffe Dich auf und ſei ein Mann, und laß Dich nicht ſchelten wie ein Schulknabe, ſondern habe den Muth, frei zu ſein! Was kümmert es dieſe Dame, woher Du Deine Reichthümer nimmſt, und wie viel Schulden Du machſt, da ſie dieſelben nicht bezahlen will? Was kümmert ſie überhaupt der Graf Podſtadzky, da dieſe unnatürlichen Aeltern ſich von ihm losge⸗ ſagt, und den Sohn von ihrer Schwelle verſtoßen haben? Höre nicht auf ſie, mein Sohn, ſie iſt Dein böſer Dämon! ſagte die Gräfin. Antworte mir, willſt Du mit mir kommen? Eine Pauſe trat ein. Arabella heftete ihre großen Augen mit einem lächelnden, zärtlichen Blick auf den Grafen. Er begegnete die⸗ ſem Blick und ſchien aus demſelben ſich Muth und Entſchloſſenheit 3u erſchauen. 4* 52 Nein, meine Mutter, ſagte er endlich, nein, ich bleibe! Weshalb ſollte ich auch gehen? Ich bin hier glücklich, geehrt und zufrieden, ich bin reich und unabhängig, ich bleibe! Laſſen wir es genug ſein dieſer tragi⸗komiſchen Scene! Das Glück lächelt mir entgegen mit allen ſeinen Genüſſen, ich wäre ein Thor, ihm den Rücken zu kehren! Ich bleibe! Zum erſten Mal heut haſt Du geſprochen wie ein Mann, ſagte Arabella, ihm mit den Spitzen ihrer roſigen Finger einen Kuß zu⸗ werfend. Du haſt gewählt zwiſchen mir und ihr, rief die Gräfin feierlich. Noch einmal bot Dir das Schickſal die Hand, Du haſt ſie verſchmäht, jetzt wird das Verderben über Dich hereinbrechen! Lebe wohl, unglück⸗ licher, verlorener Sohn! Möge Gott Dir gnädig ſein! Sie wandte ſich ab, warf ihren Mantel wieder um und ließ ihren Schleier wieder über ihr Antlitz niedergleiten. Ihr Sohn wagte es nicht, ihr behülflich zu ſein, denn obwohl er ſie nicht anſah, fühlte er doch, daß Arabella ihn anſchauete mit ihrem fascinirenden, ſpöttiſchen Blick, und dieſer Blick hemmte ſeinen Fuß und bannte ihn an ſeine Stelle. Er ließ es ſchweigend geſchehen, daß ſeine Mutter ſich entfernte; ſie that es ohne einen weitern Gruß oder Blick; hochaufgerichtet, ernſt und langſam ſchritt die ſchwarze, verhüllte Geſtalt durch die glänzenden, prachtsollen Säle dahin, und die flammenden Kerzen, und die funkelnden Luſtres, an denen ſie vor⸗ überſchritt, warfen ihre Schattengeſtalt über dieſe goldenen Tapeten, dieſe funkelnden Spiegel, und unter dieſem dunklen Schatten der ent⸗ fliehenden Mutter erbleichte der Glanz und die Pracht dieſer Säle. Immer weiter und weiter entfernte ſich die dunkle Geſtalt. Der Graf blickte ihr athemlos nach, jetzt, als ſie dort hinten den letzten der Säle betreten, als ſie der Ausgangsthür ſich näherte, machte er eine Bewegung, als wollte er ihr nacheilen, aber ſofort legte ſich die roſige Hand Arabella's auf ſeinen Arm. Bleibe, mein Freund, bleibe, ſagte ſie zärtlich. Von jetzt an will ich Deine Mutter ſein, wenn Du denn durchaus eine Mutter haben willſt, Du zärtliches Mutterſöhnchen.— Er ſchloß ſte mit einer wilden Leidenſchaftlichkeit in die Arme. Nein, ich brauche keine Mutter, ich will keine Mutter haben! Ich brauche n nie verläß Pfui ſchlecht pa Carlo, we Gulden, Herz ſingt lionen! ſchäfte m Patroneß Phargo; mir niem Nei Zauberin Schaffe Oh, mi auch in Abe Carlo! willen haben! iferſücht bis zur neben m Geld ko Ich miſcht, Eb Kaiſers 53 brauche nur Dich, nur eine Geliebte, welche mir treu iſt, welche mich nie verläßt, und mir überall hin folgt, auch auf das Schaffot! Pfui, welch' ein häßliches Wort, ſagte die Gräfin lächelnd, wie ſchlecht paßt das zu dieſen Sälen und zu uns ſelber! Sieh, mein Carlo, wenn wir einander umſchlingen, ſo iſt es eine halbe Million Gulden, welche ſich in unſern Brillanten küßt, und mein begeiſtertes Herz ſingt wieder ſein altes Liebeslied: Vier Millionen! Fünf Mil⸗ lionen! Sechs Millionen! Heute Abend müſſen wir glänzende Ge⸗ ſchäfte machen, Carlo! Ich ſelbſt werde Bank halten! Die Dame Patroneß wird wohl das Recht haben, wenn der Kaiſer fort iſt, beim Pharao zu präſidiren, und Du weißt wohl, meine Karten verſagen mir niemals! Nein, Deine Karten verſagen Dir niemals, meine himmliſche Zauberin, rief der Graf, einen wilden Kuß auf ihre Lippen drückend. Schaffe uns Millionen, meine Zauberin, und dann laß uns fliehen! Oh, mit Dir will ich fliehen bis an das Ende der Welt, mit Dir auch in ein einſames Schweizerthal! Aber nicht als Bauern, ſondern als Herren wollen wir da leben, Carlo! Die ganze Welt ſoll uns beneiden um unſers Reichthums willen! Alſo muthig vorwärts, wir müſſen erſt unſere Millionen haben! Und höre, Carlo, ſei vernünftig und mache nicht wieder ein eiferſüchtiges Geſicht, wie neulich. Der alte Obriſt Szekely liebt mich bis zur Raſerei, und er iſt reich! Er ſoll heute Abend beim Pharao neben mir ſitzen, und ich verſichere Dich, dieſer Platz wird ihm viel Geld koſten! Ich glaub's, ich glaub's, denn Du haſt Deine Karten gut ge⸗ miſcht, und— Eben trat der Haushofmeiſter in den Saal. Ein Laufer des Kaiſers iſt ſveben angelangt, gnädiger Herr! Was bringt er? Se. Majeſtät bedauern, heute Abend nicht hierher kommen zu können, Se. Majeſtät iſt verhindert! 5 iſt gut, Dusal! Wie, noch ſonſt Etwas? s ſind noch einige andere Boten gekommen, gnädiger Herr! Die 4 Fürſtinnen Lichtenſtein, die Gräfin Thun und die Fürſtin Eſterhazy haben gleichfalls geſchickt und ſich entſchuldigen laſſen! 54 Gut, gut, Duval! Gehen Sie, unſere Gäſte werden bald kommen! Der Haushofmeiſter entfernte ſich, und die Beiden blieben wieder allein. Jetzt war das Lächeln von beider Antlitz verſchwunden, und mit trüben, verſtörten Mienen ſchauten ſie einander an. Der Kaiſer läßt abſagen? fragte der Graf leiſe. Und auch die vier erſten Damen der Geſellſchaft, die tonange⸗ benden Damen, in deren Geſellſchaft der Kaiſer immer ſeine Abende zuzubringen pflegt, auch ſie laſſen ſich entſchuldigen? flüſterte Ara⸗ bella. Seltſam! Was bedeutet das? Ja, was bedeutet das? wiederholte der Graf, und wie er jetzt mit ſcheuem Blick vor ſich hinſtarrte, war es ihm, als ſähe er wieder durch dieſe glänzenden Säle da vor ſich die dunkle Trauergeſtalt ſeiner Mutter dahin gleiten, die mit einem ſchwarzen Schatten ſeine Pracht und ſeinen Reichthum verdunkelte. Das bedeutet, daß das Unheil über uns kommt, Arabella, flüſterte er leiſe. Nein, Deine Gäſte kommen, rief ſie lachend. Hörſt Du nicht das Heranrollen der Equipagen! Jetzt Muth, Carlo, Muth! Weg mit den Falten und dem trüben Blick! Einen klaren Blick, eine wolkenloſe Stirn und ein heiteres Lächeln für Deine Gäſte, Graf Podſtadzky Liechtenſtein! Und die Thüren des erſten Saals flogen eben auf, und die Da⸗ men rauſchten herein in ihren glänzenden Toiletten, begleitet von ihren Cavalieren in den reichen Uniformen, mit den funkelnden Ordensſternen auf ihrer Bruſt. Graf Podſtadzky Liechtenſtein eilte ihnen entgegen mit wolken⸗ loſer Stirn und klarem Blick, und die Gräfin Baillou, die Dame Patroneß, empfing ſie mit einem bezaubernden Lächeln. du m denke, daß geſehen! Niemand ſein Com, noch ſo Bleibe, willſt! Mom gen werd Maer au Rahel ko einzulaſſen Und eilen in dern, die ſchein un gegen di Niemand den Bun Oh traueng VI. Der doppelte Schwur. Du willſt mich ſchon wieder verlaſſen, mein Geliebter? Oh, be⸗ denke, daß es drei lange, lange Wochen her iſt, ſeit ich Dich zuletzt geſehen! Bleibe, mein Günther, bleibe! Sieh, es iſt noch ſo früh, Niemand wird mich im Hauſe vermiſſen, und mein Vater verläßt ſein Comptoir nicht vor neun Uhr! Oh, mir ſcheint, wir haben uns noch ſo Vieles zu ſagen, ſo Vieles mit einander zu verabreden! Bleibe, denn eine tödtliche Angſt befällt mich jetzt, da Du gehen willſt! Wer weiß, Günther, wann wir uns wiederſehen! Morgen, alle Tage, wann Du willſt, meine Rahel! Jeden Mor⸗ gen werde ich, wie heute, in der frühen Morgenſtunde hinter der Mauer an der Pforte Eures Gartens ſtehen und warten, ob meine Rahel kommt, mir die Pforten des Paradieſes zu öffnen und mich einzulaſſen in den Himmel! Und jeden Morgen werde ich, ſo wie der Tag graut, hinunter eilen in den Garten; ſelbſt Sturm und Regen ſoll mich nicht hin⸗ dern, die Liebe trotzt allen Ungewittern und iſt immer voll Sonnen⸗ ſchein und Gluth! Und hier im Pavillon, hier ſind wir ja geborgen gegen die rauhe Luft und die kalte Neugierde der Welt. Hier iſt Niemand bei uns, als Gott, und der ſieht in unſre Herzen und ſegnet den Bund unſerer Liebe! Oh Rahel, wie ich Dich anbete um dieſes freudigen, heitern Ver⸗ trauens willen! Du biſt meine Heldin, meine tapfere Minerva! Wenn ich bei Dir bin, fürchte ich nichts, bin ich voll Zuverſicht und Vertrauen, und nicht der leiſeſte Scharten verdüſtert mir mein Himmels⸗ glück. Aber fern von Dir, Rahel, fern von Deinen glänzenden Augen, da kommen die Zweifel und die Sorgen, da kommt die Entmuthigung und die Furcht! Und was fürchteſt Du, mein Geliebter? 56 Ich fürchte Alles, Rahel! Ich fürchte den Stolz und die Strenge Deines Vaters, und ſein täglich wachſender Reichthum macht mich zittern. Oh, in dem Stolz dieſes Reichthums wird er des armen Günther lachen, der es wagt, ſeine Tochter zu lieben, und doch nichts beſitzt, was in den Augen des reichen Eskeles Flies Werth hat, keinen Rang, keine Titel und keinen Reichthum. Aber eine edle Seele und ein großes Herz! rief Rahel, ihren Geliebten mit flammenden Blicken anſchauend, einen erhabenen Geiſt und ein reiches Gemüth, das beſitzeſt du, mein Günther. Und beſitzeſt Du nicht außerdem noch das Vertrauen des Kaiſers? Biſt Du nicht ſein erſter Geheim⸗Secretair? Nennt er Dich nicht ſeinen Freund, hat er Dir nicht jetzt wieder einen Beweis ſeiner Anerkennung gegeben? Ja, rief Günther mit einem bittern Lachen, er hat„zum Dank meiner Verſchwiegenheit und Treue,“ wie es in dem Reſcript heißt, mein Gehalt von zweitauſend auf dreitauſend Gulden erhöht. Dies iſt eine Genugthuung und eine Freude für mich, aber es iſt keine An⸗ erkennung in den Augen Deines Vaters! Er, welcher ſeinem erſten Buchhalter vielleicht ein doppelt ſo hohes Gehalt giebt, er blickt mit Verachtung nieder auf den armen Beamten, deſſen einziger Vorzug iſt, daß er ſeinem Kaiſer treu dient, der nichts hat auf der Welt, um das ihn der reiche Herr Eskeles Flies beneiden könnte. Oh, Rahel, warum biſt Du nicht ein armes Mädchen, warum iſt Dein Vater ſo reich, daß ſein Geld ſelbſt meine Liebe verdächtigt! Läſtere Dich nicht ſelbſt, mein Geliebter, ſagte ſie glühend. Nie⸗ mand wird es wagen, Dich des Eigennutzes zu beſchuldigen, Niomand wird ir dies ſtolze, edle Antlitz, auf dieſe hohe, gedankenreiche Stirn ſchauen und Dich einer unedlen, gemeinen Regung fähig halten. Und dann, mein Günther, was würde es Dir auch nützen, daß mein Vater reich iſt, da Du doch niemals ſein Eidam werden kannſt, da Eure ſtrenge, unduldſame Chriſtenreligion es Dir niemals geſtatten wird, der Gemahl der Jüdin zu werden! Oh, wärſt Du arm, meine Rahel, dann würde ich verſuchen, Dich mir und meiner Religion zu gewinnen! Dann würde ich Dich auf meinen Knieen anflehen, Dich meinem Gott, welcher der Gott der Liebe und der Verſöhnung iſt, zuzuwenden, und dem Juden⸗Go welcher der Goiß der Rache und der Verdammniß iſt, zu entſagen! Veelleicht: für alles( Lehre Chr ein liebend Güntt Chriſtin u ich der Re und Zorn du ſ Liebe und weiflungs Rahe glücklichen weil ich Du es n Dir treu und wer Daß ſie in den Al würde, e Seele, D zwiſchen darau he dem Go wird Ra Deine, kommen Und gemach 8 Dir der Schi 57 Vielleicht möchte es meiner Liebe, meinem Flehen gelingen, Deinen für alles Große, Edle und Erhabene begeiſterten Sinn der heiligen Lehre Chriſti zu erſchließen, und ihm eine gläubige Jüngerin, mir ein liebendes Weib zu gewinnen. Günther, niemals würde mein Vater einwilligen, daß ich eine Chriſtin werde! ſagte Rahel mit ſchnell umdüſtertem Angeſicht. Wenn ich der Religion meiner Väter entſagte, würde er ſterben vor Gram und Zorn, aber bevor er ſtürbe, würde er mir fluchen! Du ſagſt das ſo ruhig, und es iſt doch das Todesurtheil meiner Liebe und Hoffnung, was Du ausſprichſt! rief Günther ver⸗ zweiflungsvoll. Rahel blickte ihm mit leuchtenden Augen und einem ſtolzen glücklichen Lächeln in das erregte Angeſicht. Ich ſage das ſo ruhig, weil ich meiner ſelbſt bewußt bin, weil ich weiß, was ich will! Weißt Du es nicht, mein Günther? Weißt Du es nicht, daß Deine Rahel Dir treu ſein will, daß ſie nie und nimmer von Dir laſſen kann und wenn Erd' und Himmel ſich auflehnten gegen unſere Liebe? Daß ſie Erd' und Himmel trotzen, daß ſie mit freudigem Jauchzen in den Abgrund des Verderbens, der Schmach und Schande ſich ſtürzen würde, ehe denn ſie ihrer Liebe entſagte? Dir gehört meine ganze Seele, Dir gehört mein ganzes Herz, und muß ich denn einſt wählen zwiſchen Wien und meinem Vater, ſo wähle ich nur Dich! Darauf baue, darauf hoffe, denn das ſchwöre ich Dir bei dem Gott, da droben, bei dem Gott, zu welchem die Chriſten, wie die Juden beten, niemals wird Rahel Eskeles Flies eines andern Mannes Weib, als nur das Deine, und wenn ihr Vater ſie deshalb verſtoßen will, ſo wird ſie kommen ſich an Deine Bruſt zu retten! Und an dieſer Bruſt ſoll Rahel Schutz finden gegen alles Un⸗ gemach und alles Leid der Welt, rief Günther feierlich. Ich ſchwöre es Dir bei Deinem Gott und bei meinem Gott, meine Bruſt ſoll der Schild ſein, welcher mein edles, hochherziges Weib beſchützt und ſichert, daß die Bosheit und die Verleumdung nicht mit ihren ver⸗ gifteten Pfeilen ihre reine und keuſche Stirn verletzen kann, an meinem Herzen ſollſt Du Sicherheit, Ruhe und Frieden finden! Aber ich darf zu der Tochter des reichen Eskeles Flies nicht ſagen:„Entfliehe dem Hauſe Deines Vaters, entſage Deinem Gott, und komm zu mir, 58 ſei mein Weib, theile mit mir ein einfaches und beſcheidenes Loos.“ Ich darf nur ſagen:„Rahel, ich liebe Dich grenzenlos, jeder Schlag meines Herzens gehört Dir! Wärſt Du eine Bettlerin, würde ich ſtolz und glücklich zu Dir eilen, um Dich in mein Haus zu führen, um Dich zur Herrin und Gebieterin alles Deſſen zu machen, was mein iſt.“ Da Du aber reich biſt, muß ich Dich erwarten, und Deines Rufes harren. Ja, Rahel, ich erwarte Dich! Jeden Tag, jede Stunde erwarte ich Dich! Mein Herz ſehnt ſich nach Dir ewig und unausſprechlich, mein Haus harrt ſeiner Herrin. Aber ſie muß kommen ungerufen und freiwillig; freudig muß ſie mir angehören wollen, muß ſie fühlen und erkennen, daß ihre Stelle einzig und allein an meiner Seite iſt! Aber nicht meine Worte und meine Liebe ſollen Dich zu dieſer Erkenntniß führen, Rahel, ſondern nur Dein eigenes Herz und Deine eigene Liebe! Ich harre dieſer beſeligenden Stunde, ich erwarte Dich! Und dies ſei unſer Lebewohl für heute! Ich muß fort, aber meine Seele bleibt bei Dir zurück! Und mein Herz geht mit Dir fort! ſagte Rahel, ſich an ihn ſchmiegend. Er ſchloß ſie feſt in ſeine Arme und preßte einen glühenden Kuß auf ihre nicht widerſtrebenden Lippen. Dann ſchauten ſie ein⸗ ander an mit leuchtenden Augen und ſeligem Lächeln. Morgen ſehen wir einander wieder, Rahel? Morgen, mein Geliebter. Du haſt den Schlüſſel zur Garten⸗ pforte, und im kleinen Pavillon erwarte ich Dich! Ich habe meinem Vater wohl verſprochen, Dich nicht in unſerm Hauſe zu empfangen, aber von dem Pavillon und dem Garten habe ich nichts geſagt! Die Liebe iſt ſophiſtiſch und Gott verzeiht es ihr! Morgen alſo erwarte ich Dich hier! Und jeden Tag und jede Stunde erwarte ich Dich bei mir, meine Rahel! Die Liebe lenke Dein Herz, daß ich nicht ewig umſonſt Dich erwarten muß! Lebe wohl! Er küßte noch einmal ihre glühenden Lippen, dann eilte er der Thür zu. Rahel folgte ihm, und ſchaute ſeiner ſchlanken hohen Ge⸗ ſtalt nach, wie ſte mit jugendlicher Haſt durch die Baumgänge da⸗ hin eilte. Dann hob ſie den ſchwärmeriſchen Blick zum Himmel em⸗ por. Mein Gott, beſchütze unſere Liebe! flüſterte ſie leiſe. Bewahre ſte vor Une zu widerſte Langſe bingegeben begegnete i daß Ral el Garten be Rahel ihren Geli binter den wie dort Augen ih ſch auf Stirn. ihre Gen mitten de ihren be Seufzer eines arn wertheſte würde me Sie da duuß täuſcht. Diener. biſt du Ra⸗ ſie. J Ih. begrüßt Sch ihren R ſchon, n bei ihre mehr iw mit der und mi n 59 ſte vor Ungewittern, aber wenn ſie kommen, gieb mir die Kraft, ihnen zu widerſtehen! Langſam, geſenkten Hauptes, ganz ihren Gedanken und Träumen hingegeben, ſchritt ſie dann die Allee hinauf dem Hauſe zu. Niemand begegnete ihr auf ihrem Wege, Niemand ſchien es geſehen zu haben, daß Rahel in ſo früher und ungewohnter Morgenſtunde ſchon den Garten beſucht hatte. Rahel fragte auch nicht darnach, ſie dachte nur an ihn, nur an ihren Geliebten, ſie ſchaute auch nicht ſeitwärts nach den Fenſtern, hinter denen das Arbeits⸗Cabinet ihres Vaters lag. Sie ſah nicht, wie dort die Gardine ſich leiſe bewegte, und die glühenden, ſchwarzen Augen ihres Vaters hinter den Scheiben hervor mit zornigen Blitzen ſich auf ſie richteten, wie er ihr nachſchauete mit finſter bewölkter Stirn. Sie ging ſtill und gedankenvoll weiter, und erſt, als ſie in ihre Gemächer trat, als ſie, um ſich ſchauend, ſich wieder fand in⸗ mitten des Glanzes und der fürſtlichen Pracht, da erwachte ſie aus ihren beſeligenden Träumen, und mit einem bangen, ſchmerzlichen Seufzer flüſterte ſie: ach, warum bin ich nicht eine Bettlerin, nicht eines armen Chriſten Kind! Dann würde Rahel das beneidens⸗ wertheſte Geſchöpf ſein, wie ſie jetzt das beklagenswertheſte iſt! Dann würde mein Geliebter nicht nöthig haben, mich zu erwarten, und— Sie ſchreckte zuſammen und ſchwieg. Es war ihr, als hörte ſte da draußen die Stimme ihres Vaters. Ja, ſie hatte ſich nicht ge⸗ täuſcht. Er war es, er ſprach auf dem Corridor mit einem der Diener. Jetzt nahete er ſich ihrer Thür, jetzt fragte er anpochend: biſt Du ſchon aufgeſtanden, meine Tochter? Darf ich eintreten? Rahel eilte, ohne zu antworten, nach der Thür hin, und öffnete ſie. Ihr Vater trat ihr entgegen mit offenem, heiterm Geſicht, und begrüßte ſie mit einem Lächeln. Schon angekleidet, meine Tochter? fragte er, ſeinen Arm um ihren Nacken legend, und ſie ſanft an ſich drückend. Ich fürchtete ſchon, meine reizende Rahel noch im Schlummer zu ſtören, oder ſie bei ihrer Toilette zu überraſchen, und nun finde ich ſte nicht einmal mehr im Negligée, ſondern ſchon in voller Toilette. Coquettirſt Du mit der Morgenſonne, die da ſo neugierig zum Fenſter hereinſchaut, und mit ihren Strahlen Dein reizendes Antlitz küßt, oder erwarteſt 60 Du vielleicht wieder irgend einen bethörten Herrn Grafen, dem ich nachher hinausleuchten ſoll? Nein, mein Vater, ich erwarte Niemand, und bin ganz glücklich, daß Du hier biſt! 5 Und wenn Du erſt weißt, was mich herführt, dann, meine Rahel, dann wirſt Du erſt glücklich ſein! Gedenkſt Du noch jenes Tages, meine Tochter, wo ich Dir erzählte von den Plänen meiner Zukunft? Damals waren ſie noch leere Träume, aber jetzt ſollen ſte Wirklich⸗ keit werden! Gedenkſt Du noch, was ich Dir verſprach, als Du meinen Wunſch erfüllteſt und mir die Strafe des ſtolzen und über⸗ müthigen Grafen Podſtadzky überließeſt, und mir ihn herbeſchiedeſt zum Rendez⸗vous? Nein, mein Vater, ich beſinne mich nicht, daß Du erſt nöthig hatteſt, mir Verſprechungen zu machen, um mich Deinen Befehlen gehorſam zu finden! Ah, Du biſt ſehr gütig, Rahel, Du willſt mich nicht erinnern an ein Verſprechen, von dem Du meinſt, daß ich es Dir nicht er⸗ füllen kann! Aber ich habe es nicht vergeſſen, und ich will Dir meine Worte zurückrufen! Ich ſagte:„Zum Dank dafür, daß Du mir den Grafen opferſt, will ich Dir eines Tages eine Freiherrn⸗Krone auf Dein ſchönes, jungfräuliches Haupt ſetzen!“ Es war ein großmüthiger Scherz, mein Vater, ein Scherz, der keine Erfüllung haben kann, und auch keiner Erfüllung bedarf! Es war ein ernſtes, feierliches Verſprechen, mein Kind, ein heiliges Gelöbniß, das ſeine Erfüllung haben mußte, und es jetzt auch haben ſoll! Du ſiehſt mich erſtaunt an, meine Tochter? Nun, findeſt Du nicht, daß eine Veränderung vorgegangen iſt mit mir? Iſt nicht mein ſchwarzes Haar germaniſch blond geworden? Hat ſich nicht meine krumme Naſe lang gezogen, und iſt nicht der orientaliſche Schnitt meines Geſichtes auf einmal ganz ausgelöſcht und verſchwunden? Sage ehrlich, Rahel, findeſt Du denn gar keine Veränderung an mir? Nein, mein Vater, ich finde Dich, Gott ſei Dank, ganz un⸗ verändert. Pah, ſolch ein jämmerliches Ding iſt es alſo um eine Freiherrn⸗ Krone, daß man ſie gar nicht bemerkt auf der Stirn deſſen, der ſie trägt, und ſo wenig Kraft iſt in dem Ritterſchlag, daß er nicht ein⸗ mal das bis Freiherr ger Du wa warſt reich, Flies iſt al Ab, d wie es nur rief ihr Va will es Di Ich habe J und Handſ giert, geka mit den pa theken mei Oh, erweßliche Unern Commiſſa mit welche zerſtort hal Bullen un Wagen do So habei mühle gen ar ſein. Vergane Schitze h Anulette riſliche dom Sch —— 98 ch, 2 — n⸗ 61 mal das bischen Judenthum aus meinen Mienen fortſchlägt! Ich bin ein Freiherr geworden, und meine kluge Tochter Rahel merkt es nicht einmal! Du warſt ſchon immer ein freier Herr, mein Vater, denn Du warſt reich, und das Geld macht frei, und der Millionair Eskeles Flies iſt alſo auch durch ſich ſelber ſchon der Freiherr Eskeles Flies! Ah, das iſt ein ſtolzes und ſchönes Wort, Rahel, ein Wort, wie es nur eine Jüdin im vollen Gefühl ihrer Würde ſprechen kann! rief ihr Vater. Ich danke Dir für dieſes Wort, meine Tochter, und will es Dir bezahlen mit Etwas, was Dir Freude machen wird! Ich habe geſtern für Dich einen ganzen Wagen vooll alter Incunabeln und Handſchriften mit den ſeltenſten und ſchönſten Miniaturen ver⸗ ziert, gekauft, und Du kannſt Dir davon eine Bibliothek einrichten, mit den päpſtlichen Bullen und Breven, um welche die größten Biblio⸗ theken meine gelehrte Tochter beneiden können! Oh, ich danke Dir, mein Vater, für dieſe Schätze von ſo un⸗ ermeßlichem Werth! Unermeßlichem Werth! Die Kloſterbibliotheken werden von den Commiſſarien des Kaiſers aufgeräumt mit derſelben Liebenswürdigkeit, mit welcher einſt die Vandalen dergleichen Schätze bei den Gothen zerſtört haben mögen. Ich kaufte dieſe Incunabeln, dieſe Handſchriften, Bullen und Miniaturen bei einem von unſern Leuten, welcher ganze Wagen voll, den ganzen Wagen für zehn Gulden, erſtanden hatte.*) So habe ich die herrlichſten Schätze der Gelehrſamkeit von der Stampf⸗ mühle gerettet, und die chriſtliche Wiſſenſchaft mag uns dafür dank⸗ bar ſein. Du ſollſt die päpſtlichen Bullen und Breven, und die Pergamenthandſchriften und Miniaturen haben, und noch ſchönere Schätze habe ich für Dich gekauft! Wundervoll gearbeitete goldene Amulette und Kelche und Schaalen, eines Benvenuto Cellini würdig! Habe ſie auch erhandelt von einem von unſern Leuten, der ſie ge⸗ kauft auf den Kloſter⸗Auctionen. Er wollte alle die koſtbaren und heiligen Dinge eben einſchmelzen, und in Gold⸗ und Silberbarren verwandeln. Haha, die koſtbaren Kirchengefäße, welche einſt die chriſtlichen Biſchöfe geheiligt und geweiht haben, die hat jetzt der Jude vom Schmelztigel gerettet, und die herrlichen Kloſterſchätze, welche der *) Hübner Th. I. S. 180. 62 freiſinnige Kaiſer als eine Waare feil geboten, die hat der freiſinnige Jude gekauft und vor dem Untergang bewahrt. Der freiſinnige Jude durfte das thun, und es wird ihm keinen Schaden bringen, mein Vater, aber der Kaiſer hätte nimmer ſo ſehr die Heiligkeit ſeiner eigenen Kirche und Religion verleugnen müſſen! Die Uebelwollenden werden es ihm auslegen als Spott und Hohn, und er wird ſich mit dieſer vorurtheilsloſen Freiſinnigkeit Mißtrauen und Argwohn erregen bei ſeinem Volk! Bah, er gebrauchte Geld, der arme Kaiſer, und er nahm es, wo er es finden konnte, rief Herr Eskeles mit einem verächtlichen Achſel⸗ zucken. Der Kaiſer bedarf ſehr vielen Geldes, um alle die Kaſſen wieder zu füllen, welche die großmüthige Maria Thereſia ausgeleert at. Sie gab mit vollen Händen aus, er will mit vollen Händen einnehmen, und das iſt ein viel ſchwereres und undankbareres Ge⸗ ſchäft, als das ſeiner Mutter! Es iſt wahr, er geht etwas rückſichts⸗ los bei ſeinem Geldſuchen zu Werke, und indem er ſich zu einem geldſuchenden Banquier für ſein Volk macht, hat er vergeſſen, daß er auch das Vorbild chriſtlicher Frömmigkeit für ſein Volk ſein ſollte. Ach, was würden ſie nicht ſchreien und hohnlachen, dieſe Chriſten, wenn wir Juden die heiligen Tempelgeräthe verkaufen wollten, um uns Geld zu ſchaffen! Wie würden ſie nicht wieder Zeter rufen über den jüdiſchen Schachergeiſt, dem nichts heilig ſei, als das Geld, der keine andere Religion hat, als den Reichthum! Ich will Dir aber ſagen, meine Rahel, wenn die Chriſten Geld gebrauchen, ſind ſte ſchlimmer, wie der habgierigſte von unſern Leuten es ſein kann, denn es iſt ihnen dann nichts mehr heilig, und ſie verlieren in der Angſt und Noth ihres Herzens ihre Beſinnung und ihren Verſtand, ihr Nachdenken und ihre Würde. Nie würde der Jude ſein Allerheiligſtes perkaufen, und ſollt' er verhungern und verdurſten, denn er würd' fürchten den Zorn Gottes und den Fluch ſeines Volkes; aber der Chriſt fürchtet nichts, wenn er Geld gebraucht, der würd' lieber ſeinen eigenen Vater verkaufen, als Hungers ſterben! Wenn Du ihnen viel Geld giebſt, ſo beugen ſich dieſe ſtolzen Chriſten ſelbſt vor dem Juden und werden ihm unterthänig, und geben ihm von ihren Ehren und von ihren Würden. Und ſo iſt denn der Jude Eskeles Flies, weil er viel Geld geworden! Wie, Scherz? D Du haſt e Litels zu Wort von Wann alles kauft anthun, d Adel und Wappen ſonſt ein ſoll ich Chriſten um ſie; der Jude dazu hat Aber ftagte Re niemals, Gere den Kai Millione ließ mich ich mußt plänen, und mir und rief 63 viel Geld geben konnte, jetzt zu dem Freiherrn von Eskeles Flies geworden! Wie, mein Vater! rief Rahel erſtaunt. Es iſt alſo wirklich kein Scherz? Du, der ſtolze, der unabhängige, der reiche Banquier Eskeles, Du haſt es für nöthig gefunden, Dich mit dem elenden Tand eines Titels zu ſchmücken, und vor Deinen ſchönen, alten Namen das hohle Wort von zu ſetzen? Warum ſollte ich es nicht thun, Rahel? Bei den Chriſten iſt alles käuflich, warum ſollte der Jude ihnen alſo nicht die Schmach anthun, von ihnen zu kaufen, was ihnen ſonſt am höchſten iſt, ihren Adel und ihre Wappen? Hab' mir eine Freiherrnkrone und ein Wappen gekauft, wie ich mir oder Dir einen Brillantſchmuck oder ſonſt ein Juwel kaufe. Ich kann den Freiherrn bezahlen, warung ſollt' ich ihn alſo nicht kaufen? Ich wollt' ihn haben, um dieſen Chriſten ihren Hochmuth und ihren Stolz in's Geſicht zu werfen, um ſie zu ärgern und zu verſöhnen, und ihnen zu zeigen, daß auch der Jude ein vornehmer Mann ſein kann, wenn er nur die Mittel dazu hat, und wenn er's nur bezahlen kann! Aber wie war's nur möglich, daß Du es erlangen konnteſt? fragte Rahel. Wie durfteſt Du es nur wagen, zu fordern, was noch niemals exiſtirt hat? Ein jüdiſcher Baron! Gerade darum forderte ich es! lachte ihr Vater. Ich habe für den Kaiſer gethan, was auch noch niemals exiſtirt hat, hab' ihm Millionen geliehen ohne Zinſen und Intereſſen auf ein Jahr. Jetzt ließ mich der Kaiſer rufen, um mir mein Geld wiederzugeben, und ich mußte ihm erzählen von meinen Fabriken und den großen Handels⸗ plänen, die ich noch für die Zukunft habe. Er war erfreut darüber, und mir freundlich zunickend legte er ſeine Hand auf meine Schulter und rief:„Hätte ich viele tüchtige und energiſche Kaufherren, wie Sie, in meinen Landen, ſo würde das ſchwarze Meer bald der Hafen unſerer Handelsſchiffe ſein!“— Und weiter dann forderte er mich auf, zum Dank für meine dem Staat geleiſteten Dienſte mir irgend eine Gnade zu erbitten! Und da erbateſt Du Dir den Baronstitel? Da erbat ich mir den Baronstitel! Der Kaiſer ſtutzte, und ſeine großen, blauen Augen richteten ſich mit einem wunderbaren leuchtenden 64 Blick auf mein Antlitz; er mocht' etwas darin leſen von meinen Ge⸗ danken, denn auf einmal lächelte er und ſagte:„Sie wollen meine Ariſtocraten, die ſich von Ihnen Geld borgen und ſich doch ſo er⸗ haben über Sie dünken, ein wenig ärgern, nicht wahr? Nun, ich finde Ihren Gedanken nicht ſo übel, denn es iſt wahr, der Adel hat ſür ſeinen Uebermuth und Stolz wohl eine Lektion verdient. Sie ſind überdies ein ehrenwerther Mann, der meinem Staat mehr ge⸗ dient hat und ihm nützlicher geweſen iſt, als Viele dieſer großen Ariſtocraten! Ich will Ihnen Ihren Wunſch gewähren! Sie ſollen Baron werden, und noch einige andere verdiente Männer Ihrer Re⸗ ligion werde ich erheben in den Adelsſtand, zum Zeichen, daß ich das Verdienſt zu ehren weiß, wo ich es finde.“ Spo hat Dich alſo die Gnade und die gerechte Anerkennung des Kaiſers geadelt, rief Rahel, Du biſt Baron nicht durch Dein Geld, ſondern durch Dein Verdienſt! Aber es koſtet mich doch mein Geld, meine Tochter! Der Kaiſer verleiht aus Gnaden den Adel, er macht aus Gnaden Freiherrn und Grafen, aber die Diplome, die koſten Geld! Mein Baronstitel koſtet zehntauſend Gulden, und wenn ich dereinſt zum Grafen avancire, werde ich der Titelkaſſe, aus welcher der Kaiſer ſeine wohlthätigen Inſtitute erbaut, zwanzigtauſend Gulden zahlen müſſen!*) Aber für jetzt genügt mir der Baronstitel! Er genügt, um dieſe hochmüthigen Ariſtokraten zu demüthigen und ihnen zu zeigen, daß das Geld mäch⸗ tiger iſt, als alle hre Stammbäume und ihre Ahnen, daß das Geld auch dem Juden Ahnen geben, und daß er ſich für ſein Geld einen Stammbaum kaufen kann! Jetzt wird es nicht mehr heißen, der reiche Jude Eskeles Flies, ſondern jetzt werden ſte ſich bemühen, den Juden zu vergeſſen, weil der Jude Baron geworden iſt. Jetzt werden ſie ſagen:„der reiche Baron Eskeles Flies“, und die Herren Grafen und Fürſten werden kommen, um die Tochter des reichen Barons zu werben, denn Rahel Eskeles Flies wird ihnen nur noch ihre Mil⸗ lionen und ihre Schönheit, aber nicht mehr einen Balken in ihr gräf⸗ liches Wappen als Mitgift bringen, denn Rahel Eskeles Flies iſt . *) Noch theurer war ein Fürſtendiplom. Graf Palm zahlte für ſein Fürſten⸗ 4 diplom fünfmalhunderttauſend Gulden. Groß⸗Hoffinger Th. IV. S. 40. jetzt eines da nichts! ſind, jetzt die wir un dinſt gekne nennen, i der Jude ronin Ra Tochter, d daß wir! unſere M weil wir mit ihren thum, ur doch und daß Du Religion verden ke Zwe ſicherer S bohrender Nein ich auch würde i dich, di 65 jetzt eines Barons Tochter!— Aber ſie iſt doch eine Jüdin, und jetzt, da nichts mehr die Ariſtokraten von uns trennt, da wir ihres Gleichen ſind, jetzt ſoll unſer Glaube die unüberwindliche Scheidewand ſein, die wir uns aufrichten gegen dieſe hochmüthigen Chriſten, welche uns einſt geknechtet haben! Sie werden mich den Baron Eskeles Flies nennen, ich aber will ſie daran gedenken laſſen, daß ich auch noch der Jude Eskeles Flies bin, und daß meine ſchöne Tochter, die Ba⸗ ronin Rahel, auch immer noch die Jüdin Rahel iſt. Oh, meine Tochter, dies ſoll unſere letzte und ſchönſte Rache ſein an den Chriſten, daß wir treu halten zu unſerm Volk und unſerm Glauben, daß wir unſere Millionen und unſere Schätze für ſte unzugänglich machen, weil wir bleiben, was wir ſind, Juden! Haben ſie geprahlt vor uns mit ihrem Chriſtenthum, ſo wollen wir's jetzt thun mit unſerm Juden⸗ thum, und da ſie uns aufnehmen müſſen in ihre Reihen, wollen wir doch uns abſondern von ihnen durch unſern Glauben. Ich weiß, daß Du denkſt wie ich, meine Tochter, weiß, daß Du treu biſt der Religion Deiner Väter, und nimmer eine Verrätherin und Abtrünnige werden könnteſt. Nicht wahr, Rahel, es iſt ſo? Zweifelſt Du an mir, mein Vater? fragte Rahel mit leiſer, un⸗ ſicherer Stimme, vor den Blicken ihres Vaters, welche mit durch⸗ bohrender Gluth auf ihr ruhten, die Augen niederſchlagend. Nein, ich zweifle nicht, ſagte er, denn wenn ich zweifelte, würde ich auch verzweifeln, wenn ich Dich des Treubruchs fähig hielte, würde ich Dich, die ich anbete, von meinem Herzen ſtoßen, würde ich Dich, die abtrünnige Tochter meines Volkes, verwünſchen und— Halt ein, mein Vater, rief Rahel bebend, bleich vor Entſetzen. Sprich nicht ſo fürchterliche Worte, vor denen mein Herz ergraut! Du haſt Recht, ſagte ihr Vater hochathmend, ich bin ein Thor, Dich und mich zu ängſtigen mit Schreckniſſen, die niemals kommen werden! Nein, niemals wird Rahel abtrünnig werden ihrem Vater und ihrem Glauben, wie auch ich niemals vergeſſen werde des Gottes meiner Väter und meiner heiligen Religion! Aber damit wir ein⸗ ander gewiß ſind für alle Zeiten, damit wir uns ſtählen gegen alle Verſuchungen, wollen wir einander jetzt in dieſer Stunde, wo ſich eine neue Welt vor uns aufthut, ſchwören mit heiligem Eide, feſt und treu zu halten zu unſerer alten Welt des Gehorſams und des Glaubens. Kaiſer Joſeph. 3. Abth. III 5 66 Der Menſch iſt ſchwach und ſchwankend, und ſie werden kommen mit allerlei Verſuchungen, dieſe ſtolzen Chriſten, ſie werden mit Schmeiche⸗ leien, mit Bitten, mit Drohungen, mit Ehren und Würden uns zu bekehten ſuchen zu ihrem Glauben, nicht weil's ihnen bangt um unſer Seelenheil, ſondern nur weil ſie's ärgert, daß ein Baron ſollt' Jude ſein können. Ich ſchwöre Dir alſo, meine Tochter Rahel, ich ſchwöre Dir, bei dem Grabe meiner Aeltern, bei dem Geiſt Deiner Mutter, ſchwöre Dir bei Allem, was mir heilig und theuer iſt auf Erden und im Himmel, daß ich niemals aufgeben und verlaſſen will den Glauben meiner Väter, daß ich niemals meine Religion aufgeben und mich taufen laſſen will zu der Religion der Chriſten, niemals hineingehen will in ihre Kirchen, um in denſelben Aufnahme zu finden! Solches ſchwöre ich, ſo wahr mir Gott helfe! Rahel hatte, während ihr Vater mit aufgehobener Hand, mit feierlichem Ernſt ſo ſprach, ihre Hände gefaltet, und das Haupt auf ihre Bruſt geſenkt, ſtarrte ſie mit thränenloſen, weitgeöffneten Augen vor ſich hin. Haſt Du meinen Schwur gehört und in Dein Herz aufgenom⸗ men, meine Tochter? fragte Herr Eskeles Flies nach einer Pauſe. Ja, mein Vater, flüſterte Rahel mit zitternder Stimme. Jetzt iſt an Dir die Reihe, mein Kind, ſagte ihr Vater ſanft. Jetzt ſchwöre auch Du! Sie hob mit einer raſchen Bewegung ihr Haupt empor und ſchaute ihren Vater angſtvoll an. Was ſoll ich ſchwören, mein Vater? Du ſollſt ſchwören, wie ich geſchworen habe, treu zu bleiben unſerm Glauben, und niemals zu der Religion der Chriſten Dich zu bekennen, niemals Dich aufnehmen zu laſſen in ihre Kirche. Schwöre das! Rahel antwortete nicht, ihr Buſen wogte ſtürmiſch auf und ab, ihre ganze Geſtalt erbebte. Mit halb geöffnetem Munde, mit angſt⸗ pollen, großen, fragenden Blicken ſtarrte ſie ihren Vater an. 4 Er begegnete dieſen Blicken mit finſterer Stirn, mit drohenden, zürnenden Mienen.— Eine lange Pauſe trat ein. Man hörte nichts als das fieber⸗ hafte Athmen Rahels, das raſcher und lauter noch taktirte als die große Ro⸗ Kamins. Kannſ fragte ihr hatte etwa und tödlich Kann drohendere wirſt ſienr Gage angſtvol, Vaters. was mir wit zerſc ihre groß Vater au Ich werden, laſſen wi feierliche den, het⸗ die 67 große Roccoco⸗Uhr dort drüben auf dem marmornen Sims des Kamins. Kannſt Du die Worte nicht finden, um Deinen Schwur zu leiſten? fragte ihr Vater endlich nach langem Schweigen, und ſeine Stimme hatte etwas ſo Drohendes und Wildes, daß Rahel zuſammenzuckte und tödlich erbleichte. Aber ſie ſchwieg noch immer. Kannſt Du die Worte nicht finden? wiederholte er mit noch drohenderem Ton. Nun wohl, ſo werde ich ſte Dir ſagen, und Du wirſt ſie wiederholen, oder ich— Sage, was ich ſchwören ſoll, und ich werde es thun! rief Rahel angſtvoll, ganz zerbrochen von dem unheilvollen, zornigen Blick ihres Vaters. Sprich alſo die Worte nach, welche ich Dir vorſagen will, rief ihr Vater. Ich ſchwöre bei dem Andenken an meine Mutter und bei Allem, was mir heilig iſt— Ich ſchwöre bei dem Andenken an meine Mutter und bei Allem was mir heilig iſt, wiederholte Rahel langſam, athemlos, indem ſie wie zerſchmettert auf ihre Kniee niederſank, und die Hände gefalten, ihre großen Augen mit einem Blick voll unendlicher Trauer zu ihrem Vater aufhob. Ich ſchwöre, daß ich niemals dem Glauben meiner Väter untreu werden, niemals der Religion der Juden entſagen und mich taufen laſſen will zu der Religion der Chriſten! fuhr Herr Eskeles mit feierlicher Stimme fort. Ich ſchwöre, daß ich niemals dem Glauben meiner Väter untreu werden, niemals der Religion der Juden entſagen, und mich taufen laſſen will zu der Religion der Chriſten, ſprach Rahel ihm nach, mit leiſer, thränenvoller Stimme. Ich ſchwöre, daß ich niemals hineingehen will in ihre Kirchen, um in denſelben Aufnahme zu finden, vollendete Herr Eskeles. Solches ſchwöre ich, ſo wahr mir Gott helfe! Rahel wiederholte auch dies, dann aber, als ſie geendet, ſtürzte ein Strom von Thränen aus ihren Augen und überfluthete ihr ſchönes, bleiches Angeſicht, und wie zerſchmettert von dem, was ſie gethan, ſank ſie tiefer in ſich zuſammen. Ihr Vater neigte ſich zu ihr nieder, und ſie mit ſeinen beiden 5* 68 ſeine und zog ſte an faſſend, hob er ſte Cr⸗ eit und ihre zuckenden kräftigen Armen uenaſrge⸗ Zärtlichkeit ihre Aug küßte vo ine Stimme Bruſt und. ſa te er, und ſe— „ 9 1; eſen, Lippen. in theures, geliebtes Kind ie ſie ſonſt immer gewe d Jebt, main ſanft und zärtlich, w wir einander gewiß, un war jetzt wieder ur in ſprach, jett ſinb— uns ſtehen, und wenn er zu teinere in Bangen kann jemals 1 dem Juden genug ge⸗ kein Zweifel wind nder entfremden! uchicie Vater in mir Weder, Herzen ein 3 Du nur no L Vater ſoll e unſere Herzen t ſollſt licheren 4 than, mein Kind⸗ jed dankbareren und. Rahel von Eskeles und keinen Kunletsrn des ſchönen Fräulein eben mit der Pracht s der Va ich will Dich umg önheit, Deinen ben, als e in Kind, ich will ine Schönheit, D. Flies iſt. Oh, dmnade ſtaunen über Reiarhun des jüdiſchen arſti nz über den Re ückes willen. iner Fürſtin, ga ärgern über s Glücke Glaap ganz Wien ſol ſen uns beneiden um iäe Vater, ſeufzte Barons von Leal erautihn macht nicht glücklich, m n 3 ückes, ſagte Reichthum u il des Glückes, g traurig. iſt der Hauptbeſtandthe Das Unglück Rahel traurig ichthum iſt der Da Lachen. Aber der Reiiheh fröhlichen, uum ſan. geneſ't leichter, 3 ihr Vater mit eine in einem Palaſt, u Equipage ſpazieren fährt, ſelbſt trägt ſich lochi wiin Pferden gezogenen den Schmutz und Staub man es in einer erriſenem Gewande zurih ber iſt doppelt ſtrahlend, s in zerri Das Glück a ufputzt mit als wenn e in ſchleichen muß. benn man es a dahin ſch kann, wen 4 Ta zu einem der Straße en und pflegen und ihm jeden Tag lend n man es hege Gewändern, in Glück ſein! Strahle Brülauten und dideuden ane Rahel, ſſenene weil es eihes klärt. Und ſo, und ni. Stunde un Feſttag ver idet von Allen, 7 Uhr die zehnte kenlos, benei ägt Deine Uh ichtigen Conferenz und wolken ch, da ſchläg it zu einer wichtiger ber horch, ieſe Zeit zu e 3 wohl alſo, tbehrt. A ß ich um dieſe Zeit. Leb'r— madnt mich daran, ns ich un zu verdienen i meine Rahel mit muß, bei der ich 8 weum ich wiederkehre, hoß ihr ſo gut ſteht, und meine Tochter, lnlichen Lächeln zu ſehen, uns i3 1; a, dem re jendene 3agen gewinnt! küßte ſie auf die Stirr Wn it dem ſie alle u ihr nieder und ſchwarzes Haar. 5 Er neigte den er Hand ihr glänzendes, — t zär ſtreichelte mi 88 ſ g d 4 / ) en, welchem leicht 1 u riedenen 4 erzer ich Di 2 t verla ſe q. te er Die Baro. Jüdin! A Deinem Vo doch Etwa⸗ Liebe Alles, was Und d denn die d beſtune ich Ich habe l unſers Ga franzöſiſch, dich ſcho mein Kint den Du l piſchen G. Früchte d einfachen iſ daß m der 2 Bau Baumeſte ſtein legen werden in beunrubig erſcheinen denn die Tochter ihnen trä ünna u ein frechen ſeinſchleic dächt ter den Vaul ſſorgt, bracen klein:n 5 69 Die Baronin von Eskeles Flies wird bleiben, was ſie war, eine Jüdin! Ach, mein Kind, ich danke Dir für Deinen Schwur, er iſt Deinem Vater mehr werth, als alle Millionen der Welt. Wüßt' ich doch Etwas, womit ich Dich heute erfreuen könnte! Liebe mich, mein Vater, ſagte Rahel ſeufzend, liebe mich, das iſt Alles, was ich von Dir erbitte! Und das iſt gerade das, was Du nicht nöthig haſt zu erbitten, denn die Liebe zu Dir iſt der Athem meines Lebens! Und jetzt eben beſinne ich mich auch auf eine kleine Freude, die ich Dir bereiten kann. Ich habe bemerkt, daß Du Gefallen findeſt an der neuen Einrichtung unſers Gartens, und daß meine Rahel die neuen Anlagen unſers franzöſiſchen Gärtners ihrem Geſchmack gemäß findet, denn ich ſehe Dich ſchon in der Frühe des Morgens den Garten beſuchen. Oh, mein Kind, von heute an werde ich mich alſo beſtreben, den Garten, den Du liebſt, in ein Paradies umzuwandeln. Die herrlichſten tro⸗ piſchen Gewächſe ſollen Dir in den Treibhäuſern erblühen, die duftenden Früchte des Südens ſollen für Dich wachſen, und ſtatt des kleinen einfachen Pavillons ſoll ſich ein Marmortempel erheben, der es würdig iſt, daß meine Tochter in ihm ausruht und träumt. Gleich heute ſoll der Bau beginnen, gleich heute ſollen die Maurer, Zimmerleute und Baumeiſter kommen, und den alten Paoillon abreißen, und den Grund⸗ ſtein legen zu einem kleinen Prachtbau für meine Rahel! Freilich werden in den nächſten Wochen Deine Morgenpromenaden etwas beunruhigt und geſtört werden, denn die Bauleute werden ſehr früh erſcheinen, aber Du haſt doch nicht nöthig, deshalb den Garten zu fliehen, denn die niedrigen Arbeiter werden für meine ſtolze und vornehme Tochter gar nicht als Menſchen exiſtiren, und ſte wird ungenirt von ihnen träumen und ſinnen, und ſich der erwachenden Natur freuen können, wie bisher. Auch ſollſt Du nicht fürchten müſſen, daß irgend ein frecher Dieb oder Bettler ſich mit den Bauleuten in den Garten einſchleichen könnte, denn ich werde an allen Ausgängen des Gartens Wächter aufſtellen, und ſie werden Niemand einlaſſen, der nicht zu den Bauleuten gehört, und eine Karte vorzeigen kann. Sei alſo un⸗ beſorgt, Du haſt nicht nöthig, Deine Morgenpromenaden zu unters brechen, und in einigen Monaten wirſt Du ſtatt des Pavillons einen kleinen Marmorpalaſt haben, um darin auszuruhen! Adieu, mein 70 Kind, adieu! In einigen Stunden ſchon ſoll der Bau beginnen! Adieu! Er nickte ihr mit einem zärtlichen Lächeln zu und eilte fort. Er weiß Alles! flüſterte Rahel verzweiflungsvoll. Er kennt meine Liebe zu Günther, darum hat er mich ſchwören laſſen, keine Chriſtin zu werden. Er weiß, daß ich ihn im Garten getroffen, darum läßt er den Pavillon niederreißen, und die Wächter an die Gartenpforten ſtellen! Tief aufſeufzend ſchlug ſie ihre beiden Hände vor ihr Angeſicht, und ſaß lange unbeweglich da, ganz verſenkt in ihren Schmerz. Auf einmal aber ließ ſie ihre Hände niedergleiten und richtete ihr Haupt raſch empor. Eine glühende Energie leuchtete von ihrem Angeſicht, und ihre Augen flammten im Feuer der Begeiſterung. Ich habe Dir Treue und Liebe gelobt bis zum Tode, mein Ge⸗ liebter, rief ſte. Und kommt die Stunde, wo ich wählen muß zwiſchen Dir und meinem Vater, ſo wähle ich nur Dich! VII. Das neue Begräbniſßz. Der Kaiſer hatte ſeine Arbeiten vollendet, und war eben im Begriff ſeinen gewöhnlichen Spazierritt anzutreten, den er täglich nach Be⸗ endigung der Arbeiten des Vormittags zu machen pflegte. Sein Lieblingspferd ſtand ſchon geſattelt im Hofe, und daneben in ſeiner einfachen grauen Liorée der Jokey, der allein dem Kaiſer auf ſeinem Spazierritt zu folgen hatte. Aber wie der Kaiſer eben ſich anſchickte ſein Cabinet zu verlaſſen, errat der Kammerhuſar ein, und meldete den Feldmarſchall Lacy. Soll eintreten! rief der Kaiſer raſch, und er eilte ſelbſt bis zu 3 der Thür des Vorſaals, um den Feldmarſchall zu begrüßen. Lach ceremonie aus ſeine Sire redung z Gut vfeh Spazierr wollen in vir unſe Ver und ſog Majeſtät gewöhnl und de Cabine ſind, ü ur ſammen Si hat, un⸗ daß Er nicht 1 1 A vielgeli daß er Nurre S 5 3 e I Iü ſal me wind er ſou ernſte a. nen! jeine iſtin läßt orten ſicht, Auf nupt icht, Ge⸗ chen 71 Lacy erwiederte den herzlichen Gruß des Kaiſers mit einer ſteifen ceremoniellen Verbeugung, und ein Ausdruck feierlichen Ernſtes ſprach aus ſeinen Zügen. Sire, ſagte er, ich erlaube mir, Ew. Majeſtät um eine Unter⸗ redung zu bitten. Gut, dieſe Unterredung ſoll Ihnen werden, mein Freund, ſagte Joſeph heiter. Machen Sie mir das Vergnügen, mich auf meinem Spazierritt zu begleiten! Man ſoll Ihnen ein Pferd vorführen, wir wollen in die einſamſten Alleen des Augartens reiten, und da wollen wir unſere Unterredung haben! Verzeihung, Majeſtät, ich bitte um eine Audienz, hier im Cabinet, und ſogleich! Ich ſah bei meinem Kommen wohl das Pferd Eurer Majeſtät geſattelt im Hof ſtehen, und wußte, daß Sie eben Ihren gewöhnlichen Spazierritt antreten wollten. Wenn ich dennoch komme, und dennoch Ew. Majeſtät um eine Unterredung hier im Arbeits⸗ Cabinet bitte, ſo mögen Sie daraus ermeſſen, wie wichtig die Dinge ſind, über welche ich mir erlauben möchte mit Ew. Majeſtät zu ſprechen! Und ſie erleiden keinen Aufſchub? Wir können nicht vorher zu⸗ ſammen einen Spazierritt machen? Sire, wenn ich annehmen darf, daß meine Audienz ſchon begonnen hat, und ich mit meinen Bitten beginnen darf, ſo iſt meine erſte Bitte, daß Ew. Majeſtät heute Ihren Spazierritt aufgeben, und Sich heute nicht öffentlich zeigen! Ah, wahrhaftig, Sie ſprechen, als ob ich an der Stelle meines vielgeliebten Schwagers von Frankreich wäre, von dem man ſagt, daß er es ſcheuen müſſe, ſich öffentlich zu zeigen, weil er das laute Murren ſeines unzufriedenen Volkes zu fürchten habe! Sire, nehmen Ew. Majeſtät immerhin einmal an, daß Sie das⸗ ſelbe zu fürchten hätten, wie der König von Frankreich, und geben Sie Ihren Spazierritt auf! Thun Ew. Majeſtät es mir zu Liebe! Ihnen zu Liebe, ja! ſagte Joſeph raſch, indem er ſchellte. Man ſoll mein Pferd abſatteln, ich reite heute nicht! befahl er dem ein⸗ tretenden Kammerdiener, und ſich dann wieder an Lacy wendend, fuhr er fort: Jetzt reden Sie! Was iſt es, das Sie veranlaſſen kann, ſo ernſte und unheilsvolle Worte zu ſprechen, und mir zu drohen mit dem Murren meines Volkes? 22 Sire, ſagte Lacy ernſt und feierlich, erinnern Ew. Majeſtät Sich noch jenes Tages, als Roſenberg und ich Ihnen gleich nach Antritt Ihrer Selbſtherrſchaft feierlich bei Allem was uns heilig iſt, bei dem Andenken an unſere Mütter in Ihre Hand ſchwören mußten, Ihnen nicht allein immer die Wahrheit zu ſagen, wenn Ew. Majeſtät es forderten, ſondern auch, wenn wir unſerm Gewiſſen nach es für noth⸗ wendig hielten, Ihnen unaufgefordert die Wahrheit zu ſagen? Ich erinnere mich deſſen ſehr wohl, mein Freund, aber ich weiß auch, daß Sie Beide leider noch niemals dieſem Schwur gemäß mir unaufgefordert Ihren Rath ertheilt, Ihre Meinung geſagt haben! Sire, heute thue ich es! Heute komme ich, Ew. Majeſtät zu warnen, zu Ihnen zu flehen, daß Sie ein wenig mehr auf Ihre perſönliche Ruhe und Sicherheit bedacht ſein, und nicht ſo raſch vor⸗ wärts ſchreiten möchten auf dieſem gefährlichen Wege der Reformen! Ach, Lacy, auch Sie! rief Joſeph erſtaunt. Auch Sie, der Tapferſte meiner Tapfern, wollen mich zurückhalten und ſprechen mir von den Gefahren meiner Reformen! Wo liegen denn die Gefahren? Was will ich denn? Ich will mein Volk glücklich, aufgeklärt und frei machen, und das ſo raſch, als möglich! Das eben iſt die Gefahr, Sire! Alles was Sie wollen, iſt groß, edel und gütevoll! Aber indem Sie das Gute bezwecken, überſehen Ew. Majeſtät, daß, wenn man das Gute befiehlt, dies nur als Zwang empfunden, und daher läſſig gethan wird. Ew. Majeſtät wollen in allen Dingen nur das Wohl Ihres Volkes, aber Sie ver⸗ geſſen dabei, daß die Völker eben ſo gut erzogen werden wollen, wie die Kinder, und daß man die Sclaven nicht in Einem Tag gleich in freie Menſchen umformen kann! Ihr Volk hat ſeit Jahrhunderten geſchlafen, es iſt dahin geſchlichen in der Dunkelheit und Finſterniß des Geiſtes⸗ und Gewiſſenszwanges, und jetzt auf einmal wollen Sie es wecken, und ihm das volle Licht des Tages geben? Kein Wunder, daß dieſe an die Dunkelheit gewöhnten Augen ſich davon geblendet fühlen, und daß ſie nun, ſtatt Ew. Majeſtät als den Lichtſpender zu ſegnen, Ihnen zürnen als Dem, der ſie blind gemacht hat! Ew. Ma⸗ jeſtät wollen dieſe vom Prieſterdruck gelähmten Seelen auf einmal erlöſen und frei machen, und weiſen deshalb die Geiſtlichkeit zurück in ihre Schranken, und entreißen den Prieſtern die uſurpirten Rechte 1 über ihre Ihre Unt fühlen ale Peiniger; Wie bittern L. keriſhen ſchen! U. an, nur die Prieſt reißen au Glieder nicht Zei darum Zwingh mern ur Staats We Wer au Säulenb ſeine ſch zuſammen höhltem laſſen he 4 Zei ſchnell Entſchlu und der 73 über ihre Unterthanen. Aber Sie vergeſſen, daß der lange Druck Ihre Unterthanen an den Zwang gewöhnt hat, daß ſie ſich ſelber fühlen als die Untergebenen ihrer Prieſter, und wie gute Kinder ihre Peiniger und Kerkermeiſter lieben! Wie gute Hunde, wollen Sie ſagen, rief Joſeph mit einem bittern Lachen. Ich aber will kein Volk von demüthigen, ſchmeich⸗ leriſchen Hunden, ſondern von denkenden, freien, ſelbſtſtändigen Men⸗ ſchen! Und das will ich haben ſo raſch als möglich, denn mich widert's an, nur einen Fetzen noch zu ſehen von dieſer Zwangsjacke, in welche die Prieſterherrſchaft mein Volk eingezwängt hat! Ich will ſie zer⸗ reißen auf Einen Schlag, ich will, daß mein Volk ungehindert ſeine Glieder regen, daß es aufathmen ſoll aus freier Bruſt! Ich habe nicht Zeit zu temporiſiren, denn ich weiß was ich zu thun habe, und darum muß es ſchnell geſchehen! Schnell müſſen die altgothiſchen Zwingherrſchaften niedergeriſſen werden, damit ſich über den Trüm⸗ mern und dem Schutt das Gebäude eines neuen, freien, glücklichen Staats erheben kann! Wer langſam baut, der baut allein ſicher, ſagte Lacy ſeufzend. Wer auf ſchwachem Fundament einen noch ſo ſchönen und herrlichen Säulenbau aufführen will, wird doch erleben, daß er zuſammenfällt; ſeine ſchönſten Baupläne werden doch nicht verhindern, daß die Säulen zuſammenbrechen und in Staub zerfallen, wenn auf ſchlechtem, unter⸗ höhltem Grund gebaut iſt, oder wenn man dem Bau nicht Zeit ge⸗ laſſen hat zu trocknen und in dem freien Luftzug ſich zu härten. Zeit! Ich habe keine Zeit zu warten, rief Joſeph. Ich gehe ſchnell und ſicher auf mein Ziel los, ohne Warten und Bedenken; Entſchluß und Ausführung muß Eins ſein, denn das Leben iſt kurz, und der Tod ſchaut uns immer über die Schulter. Deshalb darf man nicht ſäumen und nicht ſtille ſtehen auf ſeinem Wege, deshalb muß man auch mit dem Guten ſich beeilen. Ich kann mich nicht damit begnügen, das Gute bloß zu ſäen, und meinen Nachkommen die glückliche Erndte getroſt zu überlaſſen! Ich muß ſelbſt ſäen, aber auch ſelbſt erndten. Als ich meinen Wienern den Augarten öffnete und ihnen einen ſchattigen Spaziergang ſchaffen wollte, habe ich mich da etwa begnügt, ihnen dort junge Sprößlinge hinzupflanzen, damit die langſam wachſen und einſt unſern Enkeln Schatten gewähren * 27 74 möchten? Nein, ich habe, der ungeheuren Koſten und Mühen nicht achtend, gleich ausgewachſene große Bäume dahin ſchaffen, und in die Erde ſenken laſſen, damit ich ſelbſt und meine Mitmenſchen von ihrer Größe und ihrem Schatten Vortheil haben möchten. Und die Erde trägt als ſicheres Fundament auch die großen Bäume, die ich in ſie verſenkt, und mein Volk freut ſich der mächtigen großen Alleen, und indem es ihres Schattens genießt, liebt es mich und dankt mir durch ſein Wohlbehagen*). Ebenſo wird und muß es auch ſein mit meiner ganzen Regierung und meinen Reformen. Große Bäume will ich pflanzen, keine Schößlinge! Das Licht will ich geben, aber auch gleich Schatten haben unter meinen Bäumen! Das Alte ſoll fort, und das Neue will ich an ſeine Stelle ſetzen, bevor die alten zuſammenſtürzenden Ruinen mein Volk zerſchmettern! Die Idee iſt erhaben und ſegensvoll, ſagte Lacy ſeufzend, aber die Praxis kann nicht ſo ſchnell den Ideen folgen, und nur langſam und ruckweiſe kann die Umwandlung der Geiſter und Menſchen ge⸗ ſchehen. Die Reformationen, welche ſich überſtürzen, werden zu Re⸗ volutionen, welche Alles zerſchmettern, das Gute mit dem Böſen, das Erhabene mit dem Erbärmlichen, und nichts übrig laſſen, als ein ödes Chaos, eine ungeheure klaffende Ruine. Reformationen müſſen ſo gemacht werden, wie die Pilgerfahrten der Gläubigen im Mittel⸗ alter. Sie thaten nach drei Schritten vorwärts immer einen Schritt rückwärts, um nur beſonnen und geſtählt in der Geduld und dem Ausharren weiter zu kommen, und ſie kamen weiter, wenn auch langſam; der eine Rückſchritt hemmte ſte, aber er hinderte ihre Reiſe nicht, ſte ruhten zugleich, indem ſie gingen, ſte überſtürzten ſich nicht, ſondern langten beſonnen und ruhig bei ihrem Ziel an. Ich kann und mag nicht lernen von dieſen Pilgern des Mittel⸗ alters! rief Joſeph ungeduldig. Mein Zweck iſt heilig, und darum dürfen auch meine Mittel ſcharf und energiſch ſein! Lacy, was iſt es denn, das man mir zum Vorwurf macht? Ew. Majeſtät reformiren, reformiren zu viel auf Einmal, und das thut zu Vielen wehe! Aber ich reformire doch nur im guten Sinn, ich bin kein Tyrann, *) Des Kaiſers eigene Worte. der ſein und fre mich ük jederzeit zu beſie winnen daß das Herz a Mühe! überleg bringen ſetzlicht Abſicht Wenn ich ni beſtim lichkei Mißve Nicht; bewaͤlt von d wenigſt gerect prüfen ſam Sie r Ideen bezwe großes Volke desha haden daß — nn, 75 der ſein Volk knechtet, und in den Staub tritt. Ich will es erheben und frei machen, und doch ſchreit man wider mich, doch hindert man mich überall! Ich habe ſeit dem Antritt meiner Regierung mir jederzeit angelegen ſein laſſen, die Vorurtheile gegen meinen Stand zu beſiegen, mir Mühe gegeben, das Zutrauen meiner Völker zu ge⸗ winnen; ſeit ich den Thron beſtiegen, habe ich zu beweiſen geſucht, daß das Wohl meiner Unterthanen mich allein beſchäftigt, allein mein Herz ausfüllt, daß ich, um dieſem zu genügen, keine Arbeit, keine Mühe und ſelbſt keine Qualen ſcheue, und daß ich genau die Mittel überlege, welche mich meinem Ziel und meinen Abſichten näher bringen. Dennoch finde ich bei meinen Reformen überall Wider⸗ ſetzlichkeit, ſelbſt von Denen, welche meine Pläne billigen, und meine Abſichten verſtehen! Oh Lacyh, das thut meinem Herzen bitter wehe! Wenn ich unbekannt wäre mit den Pflichten meines Standes, wenn ich nicht moraliſch davon überzeugt wäre, daß ich von Gott dazu beſtimmt bin, mein Diadem zu tragen, mit all der Laſt der Verbind⸗ lichkeiten und Pflichten, die mir damit auferlegt worden, ſo müßte Mißvergnügen, Unzufriedenheit mit meinem Loos, und der Wunſch: Nicht zu ſein! meine Freudigkeit lähmen und die Ruhe meines Geiſtes bewältigen. Ich kenne aber mein Herz, ich bin in meinem Innerſten von der Redlichkeit meiner Abſichten überzeugt, und hoffe, daß wenigſtens einſt, wenn ich nicht mehr bin, die Nachwelt billiger, gerechter und unpartheiiſcher das, was ich für mein Volk gethan, prüfen wird, daß man mich beurtheilt, während man mich jetzt grau⸗ ſam und ungerecht verurtheilt*). Oh, ich ſehe es wohl, Ew. Majeſtät zürnen mir, rief Lacy traurig, Sie rechnen auch mich zu den Uebelwollenden, welche Ihre erhabenen Ideen nicht anerkennen, das Herrliche nicht ſehen wollen, was Sie bezwecken! Und doch bin ich durchglüht von Bewunderung für Ihr großes Wollen, doch weiß und erkenne ich, was Ew. Majeſtät Ihrem Volke Herrliches und Edles geben und aufrichten wollen. Aber grade deshalb erfüllt es mich mit Schrecken und Entſetzen, daß dem er⸗ habenen Wollen nicht auch das Vollbringen entſprechen ſollte, daß Ew. Majeſtät ſcheitern könnten mit Ihren hochherzigen Plänen, *) Des Kaiſers eigene Worte. Siehe Briefe Joſeph's II, S. 114. —— ——— 1 2 * 2 76 weil Sie dabei vielleicht zu wenig auf die Schwäche und Erbärm⸗ lichkeit der Menſchen gerechnet, weil Sie, erfüllt von der Heiligkeiz Ihres Zweckes, vielleicht zu wenig Rückſicht auf Ihr Zeitalter und Ihr Volk genommen haben! Ew. Majeſtät wollen bei Ihrem Volk durch Befehle, nicht durch allmälige Heranbildung eine Veränderung der Denkungsart bewirken, aber ich fürchte, Sie achten dabei zu wenig auf die Gewalt der Meinung und des Vorurtheils, gegen welche doch die größte Fürſtenmacht nichts vermag, ich fürchte, Sie berechnen zu wenig den Einfluß der Menſchen, denen Ihre Reformen wehe gethan! Wer ſind dieſe Menſchen, denen ich wehe gethan? fragte Joſeph haſtig. Es ſind die Adligen und die Prieſter, nicht wahr? Ja, dieſe ſind es zunächſt! Ew. Majeſtät haben durch zu ſchnelle Gleichmachung der Stände, durch die neuen Grafen aus der Finanz⸗ welt, die neuen Barone aus der Judenwelt den alten Geburtsadel beleidigt, welcher bei Ihrer edlen, philoſophiſchen Denkungsart von ſeinem Anſehen eingebüßt hat; Sie haben durch den gerechten Krieg gegen die Hierarchie die Geiſtlichkeit in Aufruhr gebracht, trotz der verliehenen Cenſurfreiheit doch durch jenes Reſcript, in welchem Ew. Majeſtät den Büchernachdruck geſtatten und den Buchhandel mit dem Käſehandel vergleichen, auch die Gelehrten und Publiciſten miß⸗ vernügt und widerwillig gemacht. Sie mögen Recht haben mit all Ihren Anſchuldigungen, rief Joſeph. Ich habe diejenigen, welche ſich gern die bevorrechteten Stände nennen, wider mich aufgebracht, ſte unzufrieden gemacht und ihnen zu Klagen Anlaß gegeben. Aber ich habe es gethan, weil ich keinem Stand Vorrechte vor dem andern zugeſtehen, weil ich gerecht ſein wollte gegen Alle. Die Bevorrechtigten mögen mich haſſen, wenn nur mein Volk mich liebt, und dem Volk, hoff' ich, habe ich keinen Anlaß zum Verdruß gegeben! Ach, Sire, Sie denken zu edel von dem Volk, ſagte Lacy traurig und weil ich denn doch geſchworen habe, Ew. Majeſtät ſtets nur die Wahrheit zu ſagen, ſo muß ich meinem Schwur genügen! Ja, Sire, Sie haben auch Ihrem Volk Anlaß zum Aerger und Verdruß gegeben! Wodurch? fragte der Kaiſer haſtig. Dadurch, Sire, daß Sie die Vorurtheile und den Aberglauben verachtet und verſpottet haben, daß Sie die Gebräuche und Gewohn⸗ heiten d erkannten Volk die reißen u zürnt E wundert Handel; haben, Reifröck und die We und Ve Glauber verrücke Munſche ihres Ae Kinder es Ihne Sie die einen F verbote muſike d der Me ich es die Viſ Ich ma Anualt um Ew erbarme Schwi 77 heiten des Volkes, weil Sie dieſelben als ſchädlich und unheilsvoll erkannten, auszurotten trachteten, ohne Rückſicht darauf, daß Ihr Volk dieſelben liebt, an ihnen hängt, und nur allmälig zum Los⸗ reißen und Aufgeben derſelben mußte gebildet werden! Das Volk zürnt Ew. Majeſtät, weil Sie ihm die Heiligenreliquien und die wunderthätigen Bilder aus ihren Kirchen entrückt, weil Sie den Handel mit Amuletten, Agnis Dei und geweiheten Zetteln verboten haben, weil ſie den Heiligenbildern ihre Allongenperrücken und ihre Reifröcke fortnehmen ließen, weil Sie die Wallfahrten einſchränkten, und die Bitt- und Umgänge verboten! Weil ich den Aberglauben mit all ſeinem Wuſt, ſeiner Heuchelei und Betrügerei beſeitigen wollte, um dafür meinem Volk wieder den Glauben und die wahre unverfälſchte Religion ohne Schminke, Allongen⸗ perrücken und Kleidertrödel zu geben! Das Volk verwechſelt nur zu leicht ſeinen Aberglauben mit dem Glauben, Sire, und wer ſeinen Aberglauben heilig hält, den nennt es gottesfürchtig! Weil menſchenfürchtig! unterbrach ihn Joſeph. Ja, Sire, weil menſchenfürchtig! Ew. Majeſtät fürchten die Menſchen nicht, ſondern Sie lieben ſte, und darum wollen Sie auch ihres Aberglaubens nicht ſchonen, darum wollen Sie die unmündigen Kinder als erwachſene, denkende Männer behandeln. Aber ſie danken es Ihnen nicht, ſie nennen Ew. Majeſtät einen Gottesleugner, weil Sie die Mißbräuche, die ſich die Geiſtlichkeit erlaubte, abgeſtellt haben, einen Freigeiſt, weil ſie den Eid auf die unbefleckte Empfängniß Mariä verboten, einen Despoten, weil Sie die theatraliſche italieniſche Kirchen⸗ muſik verbannt und befohlen haben, daß man deutſche Geſänge bei der Meſſe ausführen ſoll. Oh zürnen Ew. Majeſtät mir nicht, daß ich es wage, ſo zu ſprechen, und Ihnen Alles das aufzuzählen, was die Beſchränktheit und die Dummheit Ihnen als Verbrechen anrechnet. Ich mache mich zum Ankläger Eurer Majeſtät, weil ich mich zum Anwalt des Volkes machen möchte, weil ich hierher gekommen bin, um Ew. Majeſtät zu beſchwören, daß Sie dieſes armen Volkes Sich erbarmen, und Mitleid und Schonung haben möchten mit ſeinen Schwächen und ſeiner Beſchränktheit! — — 2 — 78 Und iſt es etwas Specielles, Lacy, was Sie geändert haben möchten? Ja, Sire, etwas ſehr Specielles, bei welchem ich der Anwalt des Volkes ſein will! Ew. Majeſtät haben eine Verordnung erlaſſen, welche das Volk in ſeinen geheimſten Tiefen aufgeregt hat, und— verzeihen Ew. Majeſtät mir dieſen Freimuth,— welche ſo ſehr frei⸗ geiſtig und frei von allen Vorurtheilen iſt, daß ſie faſt an die Grenzen des Barbariſchen ſtreift. Welche Verordnung meinen Sie? Die Verordnung über das neue Leichenbegängniß, Sire! Ich beſchwöre Ew. Majeſtät, nehmen Sie dieſelbe zurück, beruhigen Sie den aufgeregten geängſteten Sinn Ihres Volkes, welches jammernd und wehklagend ſchreit, daß Eurer Majeſtät nichts heilig ſei, ſelbſt nicht die Todten und die Gräber! Laſſen Sie dem Volk ſeinen Gottes⸗ acker, und die Gräber ſeiner Angehörigen, auf denen es beten geht! Nein, auf denen es ſeinem Aberglauben fröhnen geht, rief Joſeph glühend. Ich will nicht, daß der Menſch den geſtorbenen Menſchen unter der Erde ſuche, ſondern ich will, daß er ſeinen Blick zum Himmel erhebe, ich will nicht, daß er das Andenken der Verweſung und des Würmerfraßes feiere, ſondern ich will, daß er den unſterblichen Geiſt liebe, welcher nicht zu finden iſt in der elenden Menſchenhülle und in dem Futteral der Seele! Die Menſchen ſollen ihre Vorangegangenen nicht lieben in den abgeſtandenen todten Leibern, ſondern in dem lebendigen ungeſtorbenen Geiſt, der bei ihnen bleibt, und ſich nicht in Gräbern verſchütten läßt. Sire, Sie ſprechen da von einem idealen Volk, welches niemals geweſen iſt, und das zu bilden der allmächtige Gott Ihnen das Leben eines Methuſalem geben müßte! Aber noch iſt es zu früh mit dieſer Verordnung, welche dem Volk ſo erhabene Begriffe zumuthet, und ſtatt ſich davon geſchmeichelt zu fühlen, empört ſich das Volk! Sprechen Sie im Ernſt, Lacy? fragte der Kaiſer mit flammenden Augen. Das Volk empört ſich, ſagen Sie? Ja, Sire, es empört ſich! Geſtern hat das erſte Begräbniß der neuen Verordnung gemäß ſtattgefunden und ſeitdem iſt das Volk in der höchſten Aufregung! Heut ſoll ein zweites derartiges Begräbniß in einer der Vorſtädte ſtattfinden. Die Nachricht davon iſt wie ein Lauffeuer den niedt kammern ausgeſtür in den fühlen ſt rechten, bleibende nicht Di nur die Die nutzlos dienſtba Geld ſü muß, d Wohm hungric Ab weit vo⸗ ſehen un zurück, Ju Ich ſoll ich der 79 Lauffeuer durch ganz Wien gefahren, ſie iſt wie ein Wuthſchrei in den niedrigſten und elendeſten Spelunken, in den ſchmutzigſten Dach⸗ kammern wiederholt worden, und die Bewohner derſelben ſind hin⸗ ausgeſtürzt auf die Straße mit geballten Fäuſten, Thränen des Zorns in den Augen, mit einem tiefen Wehegefühl im Herzen, denn ſte fühlen ſich angegriffen und beleidigt in ihren heiligſten Menſchen⸗ rechten, ſte fühlen, daß dies Verbot: ihren Leichen Särge und ein bleibendes Grab zu geben, nicht die Reichen und Bevorzugten trifft, nicht Diejenigen, welche ſich Erbbegräbniſſe bauen können, ſondern nur die Armen, welche das nicht können! Die Armen, denen ich das Land, das ſte ſonſt für ihre Gräber nutzlos liegen laſſen mußten, zu beſſerm und vortheilhafterm Gebrauch dienſtbar machen wollte, die Armen, welche ich verhindern wollte, ihr Geld für einen hölzernen Sarg auszugeben, der in der Erde verfaulen muß, damit ſie ſich dafür anderes Holz kaufen können, welches ihre Wohnung wärmt, und bei dem ſie das Eſſen kochen können für ihren hungrigen Leib! Aber ich wiederhole Ew. Majeſtät, das Volk iſt noch nicht ſo weit vorgeſchritten in der Geiſtesfreiheit und Bildung, um das ein⸗ ſehen und begreifen zu können. Nehmen Sie alſo Ihre Verordnung zurück, Sire, ich beſchwöre Sie darum! Zurücknehmen! rief Joſeph, und ſein Antlitz flammte auf im Zorn. Ich ſollte zurücknehmen, was ich einmal befohlen habe! Niemals werde ich der Dummheit und dem Uebelwollen ein ſolches Zugeſtändniß machen. Dann, ſagte Lacy ernſt und feſt, dann iſt es möglich, daß die Flammen der Revolution, welche, wie Ew. Majeſtät mir Selbſt geſagt, jetzt überall aufglühen, hier in Wien zuerſt zum Ausbruch kommen, und dann werden Sie es ſein, welcher ſie angeſchürt hat! Sire, ich flehe Sie an, haben Sie Erbarmen mit dem armen verdüſterten Volk, das das Licht noch nicht ertragen kann, gehen Sie nicht zu Gericht mit unmündigen Kindern! Bewahren Sie Sich und Ihr Volk vor Aufruhr und Empörung, die Sie wohl dämpfen würden, welche aber das Blut und das Glück vieler Ihrer Unterthanen koſten könnte! Es herrſcht eine Aufregung auf den Straßen, wie ich ſie nie geſehen, Tauſende und aber Tauſende ſtürmen nach der Vorſtadt hin wo das Begräbniß ſtattfinden ſoll. 80 Wann ſoll es ſtattfinden? fragte der Kaiſer raſch. Um drei Uhr Mittags, Sire! In einer Stunde alſo! ſagte Joſeph, einen raſchen Blick nach der Uhr hinüber werfend. Ja, in einer Stunde, Sire, und dies kann eine Stunde des Schreckens werden, wenn Ew. Majeſtät es nicht großmüthig verhindern. Sie haben, um das Volk vom Müßiggang abzuhalten, das Folgen bei den Leichenbegängniſſen verboten, und dieſe arme Handwerkers⸗ frau, welche da heut begraben werden ſoll, wird ein Gefolge von Tauſenden haben, und ſelbſt die Polizei, welche zu Hunderten auf der Straße und ſich mit Drohungen und Scheltworten unter die Menſchen⸗ haufen ſtürzt, wird ſie heute nicht hindern können, oder ſte wird es mit Gewalt thun müſſen. Es iſt alſo ſchon jetzt ein Volksauflauf? fragte der Kaiſer entſetzt. Würde ich ſonſt um dieſe Stunde hierhergekommen ſein? Würde ich Ew. Majeſtät ſonſt gebeten haben, heute Ihren Spazierritt zu unterlaſſen? Deshalb alſo? Sie glaubten doch nicht etwa, daß ich mich vor dem Volke fürchten könnte? Sire, die Wuth des Volkes iſt wie das empörte Raſen eines Tigers, welcher lange im Käfig geſeſſen, und endlich die Eiſenſtangen zerbrochen und ſich frei gemacht hat. In der blutgierigen Freude über ſeine eroberte Freiheit, wird er Jeden erwürgen, der ihm in den Weg tritt, und ihn aufhalten möchte. Ich bin doch begierig, dieſen Tiger in ſeiner blutgierigen Freude zu beobachten, ſagte der Kaiſer, die Hand nach der Klingel aus⸗ ſtreckend. Sire, was wollen Sie thun? fragte Lacy, die Hand des Kaiſers zurückhaltend. Ich will mein Pferd vorführen laſſen, und in die Leopold⸗Vorſtadt zum Begräbniß reiten! Um die Wuth des Volkes noch mehr zu reizen, Sire? Um dieſe armen Leute zu ängſtigen und außer ſich zu bringen? Um Ew. Majeſtät der Gefahr auszuſetzen, dem blutdürſtigen Tiger als Beute zu fallen? Oh, ich beſchwöre Ew. Majeſtät, bei der grenzenloſen Liebe, die ich zu Ew. Majeſtät hege, bei der heiligen Liebe, welche Sie für * Ihr V dem be das Lel Grab i tines g und O und ein ihr ein um Kr. die No⸗ wenigſt die Lei Loch g da ſin Kein nichts Heimg und l barbar fange aber ich ſel Sire, thun und — „ ſehen nichts waͤrti dice acket g don ſe aud d näͤßt mit komn Leben Kaiſ 81 Ihr Volk hegen, geben Sie nach, Sire! Haben Sie Erbarmen mit dem befangenen Sinn dieſer Armen, welche beſitzlos und elend durch das Leben geben, und deren erſtes und einziges Eigenthum oft das Grab iſt, in welchem ſie ausruhen von der harten Arbeit und Mühe eines ganzen Lebens, und Frieden finden nach langen Entbehrungen und Qualen. Und Sie wollen den Kindern dieſer Armen den letzten und einzigen Troſt nehmen, hinzugehen zu den Gräbern, welche auch ihr einziges Eigenthum ſind, und zu beten zu der Aſche ihres Vaters um Kraft und Muth! Sie wollen dieſen Schwerbeladenen, welche die Noth oft verdammt zu leben wie das Thier, noch den Troſt rauben, wenigſtens begraben zu werden wie ein Menſch! Sie befehlen, daß die Leichen in graue Säcke genäht, ohne Sarg, in ein tief gegrabenes Loch geworfen werden, nicht einmal jede einzeln, ſondern ſo viel eben da ſind, und mit Kalk beſtreut werden, um deſto raſcher zu verweſen. Kein Gedenkſtein ſoll ſich mehr erheben über dieſen zugeworfenen Löchern, nichts ſoll die Zurückbleibenden erinnerrn an die Stätte, wo ihre Heimgegangenen ruhen?*) Das iſt hart und grauſam, es iſt groß und klar gedacht, aber es erſcheint in der Ausführung lieblos und barbariſch! Ich weiß wohl, was ich wage, indem ich mich unter⸗ fange ſo rückſichtslos und unehrerbietig zu Ew. Majeſtät zu ſprechen, aber mein Gewiſſen befiehlt es mir, und ich muß ihm gehorchen, ſollte ich ſelbſt die Gnade meines Kaiſers darüber verlieren! Noch einmal, Sire, widerrufen Sie! Nehmen Sie dieſen grauſamen Befehl zurück, thun Sie es aus Erbarmen mit dieſem armen Volk, das zerknirſcht und gedemüthigt, außer ſich vor ſchmerzlicher Wuth, durch die Straßen *) Die Leichenverordnung lautete: Da bei der Begrabung kein anderes Ab⸗ ſehen ſein kann, als die Verweſung ſo bald als möglich zu befördern, und ſolcher nichts hinderlicher iſt, als die Eingrabung in Todtentruhen, ſo wird für gegen⸗ wärtig geboten, daß alle Leichen in einen leinenen Sack ganz bloß, ohne Kleidungs⸗ ſtücke, eingenäht, ſodann in die Todtentruhe gelegt und in ſolcher auf den Gottes⸗ acker gebracht werden ſollen.— Es ſoll auf dieſen Kirchhöfen jederzeit ein Graben von ſechs Schuh Tiefe und vier Schuh Breite gemacht, die dahin gebrachte Leiche aus der Truhe allemal heransgenommen, und wie ſie in den leinenen Sack ge⸗ näht iſt, in dieſe Grube gelegt, mit ungelöſchtem Kalk überworfen, gleich wieder mit der Erde zugedeckt werden. Sollten zu gleicher Zeit mehrere Leichen an⸗ kommen, ſo können mehrere in dieſelbe Grube gelegt werden.“ Groß Hoffinger: Lebens⸗ und Regierungsgeſchichte Joſeph II. Th. II. S. 146. Kaiſer Joſeph. 3. Abth. III. 6 —-————, 3 1 4 * — 82 rennt; jetzt können Sie es noch beruhigen mit einem gütigen Wort; in einer Stunde, wenn ſein Schmerz bei dem Anblick dieſes Begräbniſſes, welches ihnen ein ſchimpfliches und entehrendes ſcheint, in Raſerei aus⸗ geartet iſt, wird es vielleicht des Schwerdtes und der blutigen Strenge bedürfen, um die Wogen dieſes aufgeregten Meeres wieder in ſeine Grenzen zurückzuführen. Sire, geben Sie nach, jetzt, da Sie es noch können, in einer Stunde wird Ihr kaiſerliches Anſehen es Ihnen nicht mehr geſtatten! Der Kaiſer ſchaute mit einem langen, düſtern Blick in das Ant⸗ litz Lacy's, der mit flehendem Ausdruck, mit gefaltenen Händen vor ihm ſtand. Dann wandte ſich Joſeph von ihm ab, ohne ein Wort zu ſagen, und ging mit ernſtem, feierlichem Schritt zu ſeinem Schreibtiſche. Einen Moment blieb er gedankenvoll vor demſelben ſtehen, einen Moment ſchien es, als wolle er wieder zurücktreten, als gereue ihn der Entſchluß, den er gefaßt. Aber dann nahm er mit einer haſtigen Bewegung die Feder, und auf den Fauteuil vor dem Schreibtiſche ſich niederſetzend, begann der Kaiſer mit raſchen Zügen zu ſchreiben. Dann ſtand er auf und ſchritt mit dem beſchriebenen Blatt Pa⸗ pier in der Hand zu Lacy hin. Leſen Sie, ſagte er, dem Feldmarſchall das Papier darreichend. Dieſer nahm es, indem er einen flehenden Blick auf den Kaiſer warf, deſſen Antlitz einen düſtern, feierlichen Ausdruck zeigte. Leſen Sie laut, befahl der Kaiſer. Lacy verbeugte ſich und las:„Da ich erfahre, daß die Begriffe der Lebendigen leider noch ſo materiell ſind, daß ſie einen unendlichen Preis darauf ſetzen, daß ihre Körper nach dem Tode langſamer fau⸗ len und länger ein ſtinkendes Aas bleiben, ſo iſt mir wenig daran gelegen, wie ſich die Leute begraben laſſen. Sie werden alſo erklären und bekannt machen laſſen, daß, nachdem ich die vernünftigen Ur⸗ ſachen, die Nutzbarkeit und Möglichkeit dieſer Art Begräbniſſe gezeigt habe, ich keinen Menſchen, der nicht davon überzeugt iſt, zwingen will, vernünftig zu ſein, und daß alſo ein Jeder, was die Truhen anbelangt, frei thun kann, was er für ſeinen todten Körper zum Voraus für das Angenehmſte hält.”**) *) Hübner: Lebensgeſchichte Joſeph II. Th. II. S. 525. A ſeinem nach de d. Kaunit es dem det S Alsdan Polizei begäͤng den d zu putz Eilen Halt, auf d Befeh alle S blick, hhes ſ und dern, ahra der Händ darg zeug! Gew den öſpr welc daß 83 Als Lacy ausgeleſen hatte, rief Joſeph mit lauter Stimme nach ſeinem Geheim⸗Secretair Günther; ſofort öffnete ſich die Thür, welche nach der Kanzlei führte, und Günther trat ein. Dieſen Brief ſogleich an den Oberkanzler und Miniſter Fürſten Kaunitz, ſagte Joſeph. Nehmen Sie einen Wagen und bringen Sie es dem Fürſten ſelbſt hin. Ich will, daß dies Schreiben ſofort in der Staatsdruckerei gedruckt und an allen Ecken angeklebt werde. Alsdann eilen Sie in die Leopold⸗Vorſtadt; irgend einer von der Polizei wird Ihnen ſchon das Haus bezeichnen, wo heute das Leichen⸗ begängniß ſtattfinden ſoll. Begeben Sie Sich dahin und ſagen Sie den Leidtragenden, daß ich ihnen gern erlaube, ihre Leiche ſo ſchön zu putzen, als ſie es vermögen, und ſte in einem Sarge zu begraben. Eilen Sie Sich! Günther verneigte ſich und wandte ſich wieder der Thür zu. Halt, noch Eins! rief der Kaiſer raſch. Verfügen Sie Sich alsdann auf das Polizei⸗Präſidium und bringen Sie dem Präſidenten meinen Befehl: es ſollen ſofort alle Polizei⸗Agenten die Straße verlaſſen, alle Soldaten in ihren Kaſernen deſignirt werden. Weder der An⸗ blick einer Waffe, noch irgend ein barſches Wort ſoll das Volk, wel⸗ ches ſich heute zu einer Straßenpromenade verabredet hat, beunruhigen und aufregen. Man laſſe die guten Leute ungehindert ſo lange wan⸗ dern, bis ſie müde werden und unaufgefordert in ihre Häuſer zurück⸗ kehren! Eilen Sie Sich, Günther. Günther verließ das Cabinet, und jetzt wandte ſich Joſeph wie⸗ der dem Feldmarſchall zu. Mit einem Blick voll unendlicher Liebe reichte er Lacy ſeine beiden Hände dar. Lacy, ſagte er, ich habe Ihnen heute das ſchwerſte Opfer dargebracht, ich habe widerrufen, ich habe es gethan, nicht aus Ueber⸗ zeugung oder aus Furcht, ſondern nur, um Ihnen zu beweiſen, welche Gewalt Ihr beredtes Wort über mich hat, um Ihnen zu danken für den mannhaften, edlen und kühnen Muth, mit welchem Sie zu mir geſprochen! Ein treuer und aufrichtiger Freund, das iſt ein Kleinod, welches die Fürſten nur ſelten beſitzen. Ich danke Gott und Ihnen, daß ich dieſes Kleinod mein Eigen nenne! 6* Jünſtes Buch. Der Papſt in Wien. E gen T verbre Winde und. 1 komme borſam Statth dautſc mäͤcht hemd Kaiſe fel ſch Joſep fackel dem 15 Der Einzug des Papſtes. Eine unglaubliche, eine unerhörte Nachricht beſchäftigte ſeit eini⸗ gen Tagen nicht allein ganz Wien, ſondern ganz Oeſterreich. Sie verbreitete ſich hinaus über die Grenzen Oeſterreichs, und flog mit Windesſchnelle durch alle Gauen Deutſchlands hin, überall Erſtaunen und Verwunderung erregend. Der Papſt, ſo lautete die Nachricht, der Papſt wollte nach Wien kommen. Während ſonſt die deutſchen Kaiſer demuthsvoll und ge⸗ horſam gen Rom gepilgert waren, zu werben um die Gnade des Statthalters Gottes, wollte jetzt der heilige Vater nach Wien zu dem deutſchen Kaiſer pilgern, um zu werben um die Liebe und Gunſt des mächtigen Herrſchers! Vorüber waren die Zeiten, wo ein deutſcher Kaiſer im Büßer⸗ hemd zu Canoſſa erſchien, vorüber die Zeiten, wo der Papſt einen Kaiſer im Vorhof durfte warten laſſen, während er ſelbſt an der Ta⸗ fel ſchwelgte. Eine neue Zeit war angebrochen, ein neues Licht hatte Joſeph ſeinen Völkern angezündet, und dieſes Licht war zur Brand⸗ fackel geworden für die Gewalt des geiſtlichen Oberhauptes der Kirche, dem Joſeph nicht mehr geſtatten wollte, auch das Oberhaupt ſeines Staates zu ſein und Geſetze zu geben in ſeinen Landen. Und nicht bloß in ſeiner geiſtigen Oberherrſchaft hatte Joſeph den Statthalter Gottes bedroht, ſondern auch in ſeiner materiellen Macht, denn die materielle Macht iſt das Geld, ſowohl für den Statthalter Gottes, als für die weltlichen Fürſten. Viele Millionen Gulden waren bis dahin jährlich aus dem öſterreichiſchen Kaiſerſtaat 88 in die päpſtlichen Kaſſen gefloſſen, der Kaiſer hielt ſte zurück, vier Quellen waren es geweſen, aus denen den päpſtlichen Kaſſen dieſe Millionen zufloſſen— der Kaiſer verſtopfte ſte. Bisher hatte der Papſt den Biſchöfen in Oeſterreich Titel und Würden ertheilt, und für dieſe Ertheilung hatten dieſelben ebenſo hohe Summen nach Rom zahlen müſſen, als der Kaiſer für die Ertheilung der Grafenwürde oder des Barontitels zahlen ließ. Der Kaiſer verbot ſeinen Biſchöfen, irgend welche Titel oder Würden von Rom anzunehmen, und das war die erſte Quelle der Millionen, welche er verſtopfte. Er verbot ferner, daß die Dispenſe in Eheſachen und ſonſt vorbehaltenen Fällen aus Rom geholt werden ſollten, ſondern befahl, daß man ſich um ſolcher Dispenſationen nur an die inländiſchen Cardinäle und Biſchöfe zu wenden und nur an ſte die Gebühren zu zahlen habe,— und das war die zweite Quelle der Millionen, welche er verſtopfte. Die dritte Quelle der Millionen, die nach Rom ausfloſſen, hatte der Kaiſer verſtopft, indem er befahl, daß alle Ordensleute, alle geiſt⸗ lichen Brüderſchaften keine Abhängigkeit und Gemeinſchaft haben ſollten mit den Generälen und Vorgeſetzten in Rom, ſondern nur den inländiſchen Biſchöfen und der Landesobrigkeit zu gehorſamen hätten. Die vierte und größte Quelle aber war erloſchen, ſeit der Kaiſer bei hohen Strafen alle und jede Geldſendungen außer Landes, ſei es nach Rom oder an andere Stiftungen und Klöſter, den Geiſtlichen ſowohl als den Laien unterſagt, und auch die Ablaß⸗Verleihungen und Beneficien⸗Vergebungen des Papſtes für Oeſterreich verboten hatte.*). Papſt Pius VI., erſchauernd über ſolche Angriffe auf ſeine Macht ſowohl, als auf ſeine Einkünfte, erſchreckt von der Furcht, es könne der Kaiſer noch immer weiter gehen in ſeinen Reformen, und heim⸗ lich von der Hoffnung beſeelt, es könne ſeiner Bitte und Ueberredung gelingen, den Kaiſer andern Sinnes zu machen, oder mindeſtens doch zu verhüten, daß Joſeph ſeinen Kampf mit der Kirche noch weiter fortführe, Papſt Pius alſo hatte den Entſchluß gefaßt, ſelber nach *) Hübner. I. S. 115. Wien zu⸗ gekommen, In ei angezeigt, in Chriſto ſinnungen abzielten, ſcaft zu⸗ der wortet, de lichet Chr Gelegenhe hettt er Nunciatr ſeph für ſeitigen werde, ſ Der Zimmer den. Abe Zimmern dieſe Thü⸗ Jen Kaiſ und dad! dieſe geh nen zur ſcch fährn Der bei der würden, reunde du Ihei . Ihſe liebte u 89 Wien zu pilgern, und da der Kaiſer nicht zu ihm in den Vatican gekommen, ihn aufzuſuchen in der Kaiſerburg. In einem eigenhändigen Schreiben hatte Pius dem Kaiſer Joſeph angezeigt, daß er nach Wien kommen wolle, ſeinen geliebteſten Sohn in Chriſto zu umarmen, ihn zu ſprechen und ihm ſeine innerſten Ge⸗ ſinnungen unmittelbar zu eröffnen, welche einzig und allein dahin abzielten, dem Kaiſer alle Dienſtbefliſſenheit und Pflichten der Freund⸗ ſchaft zu erweiſen.*) Der Kaiſer hatte ihm in einem eigenhändigen Schreiben geant⸗ wortet, daß er Se. Heiligkeit auf die geziemendſte Art und mit kind⸗ licher Ehrfurcht zu empfangen gedenke, und daß er ſich ſehr auf die Gelegenheit freue, ihn zu ſehen und perſönlich zu ehren. Außerdem hatte er gebeten, daß der Papſt nicht, wie er es beabſichtigte, in der Nunciatur wohnen, ſondern die Zimmer annehmen möge, welche Jo⸗ ſeph für ihn in der Kaiſerburg einrichten laſſe, weil dies ihrer beider⸗ ſeitigen Würde gemäßer, und weil ihnen Beiden dadurch Gelegenheit werde, ſich vertraulicher einander zu nähern. Der Papſt hatte ſich freundlich dieſem Wunſche gefügt, und die Zimmer Maria Thereſia's waren für ihn in Bereitſchaft geſetzt wor⸗ den. Aber Joſeph kannte die Gefahr, welche die vielen zu dieſen Zimmern führenden geheimen Thüren und Treppen darboten; durch dieſe Thüren und über dieſe Treppen waren zu Zeiten der großmüthi⸗ gen Kaiſerin alle Diejenigen gewandelt, welche Protectionen beſaßen, und dadurch zur Gnade einer geheimen Audienz gelangt waren, und dieſe geheimen Audienzen hatten ſo viele Gnadengehalte und Penſio⸗ nen zur Folge gehabt, daß dadurch die Schulden des Staatsſchatzes ſich jährlich um Millionen vermehrten. Der Kaiſer fürchtete nicht, daß dieſe Treppen und Thüren jetzt bei der Anweſenheit des Papſtes zu ähnlichen Zwecken verwendet würden, aber er wußte, daß ſie von ſeinen Feinden, welche ſich die Freunde der Kirche und des Papſtes nannten, benutzt werden würden zu geheimen Unterredungen und Verhandlungen. Joſeph aber, welcher für ſich ſelber die Wahrheit und Offenheit liebte, und bei ſich keine Hintertreppen und geheimen Thüren duldete, *) Groß⸗Hoffinger II. S. 210. 90 wollte ſie auch dem Papſt nicht gewähren. Er ließ daher alle ge⸗ heimen Eingänge vermauern, alle kleinen Hintertreppen abbrechen, nur Eine Pforte führte zu dem von dem Papſt bewohnten Flügel der Burg, und vor dieſer Pforte hielten zwei Grenadiere Wache, welche Befehl hatten, Niemand hindurchzulaſſen, der nicht einen Erlaubniß⸗ ſchein des Kaiſers vorzeigen konnte. Der Kaiſer war gern bereit, den Pabſt in den Mauern ſeiner Hauptſtadt gaſtlich zu empfangen, aber er wollte nicht, daß der Papſt nach Wien komme, um als geiſtlicher Oberfeldmarſchall mit ſeinen biſchöflichen Generälen geheime Conferenzen zu halten und den Schlacht⸗ plan wider die kaiſerliche Macht zu verabreden.*) Als Papſt, als das über alle Feindſchaften, alle Wirrniſſe erhabene Oberhaupt der Chriſtenheit ſollte Pius dem Kaiſer willkommen ſein, und ſo wollte Joſeph ihn empfangen, mit der Ehrfurcht und Zuvorkommenheit eines frommen und gläubigen Sohnes. Deshalb ſollte nichts fehlen, um den großen Fürſten der Kirche mit allem Glanz und Pomp der Erde zu umgeben und ihm einen feierlichen Triumph in Wien zu bereiten. Nicht bloß in der Kaiſer⸗ burg hatte man mit verſchwenderiſcher Pracht die Zimmer für ihn ausgeſtattet, auch alle Kirchen waren reich geſchmückt, um als ein würdiges Prachtzimmer zur Aufnahme des Oberhirten bereit zu ſein. Alle Biſchöfe und Prieſter hatten ſich beeifert, ſich neue Goldgewänder, neue Spitzenkragen anzuſchaffen, und die Altäre zu ſchmücken mit neuen Teppichen und glänzendem Gold⸗ und Silbergeräth. Ein hei⸗ liger Feſttag für alle Kirchen und die ganze Geiſtlichkeit ſollte der Tag der Ankunft des Papſtes in Wien ſein, denn ſeit beinahe vier⸗ hundert Jahren hatte kein Papſt mehr den Boden Deutſchlands be⸗ treten; jener Papſt, welcher damals die deutſche Erde mit ſeinem Fuß *) Einer der eifrigſten Anhänger der päpſtlichen Gewalt war der Biſchof von Görz, der es ſogar wagte, gegen die kaiſerlichen Anordnungen zu opponiren. Joſeph ließ ihn zur Verantwortung nach Wien berufen, und zwar gerade zu derſelben Zeit, als der Papſt auf ſeiner Hinreiſe nach Wien durch Görz kommen mußte. Denſelben Tag aber, als der Papſt in Wien eintraf, erhielt der Biſchof den Befehl, wieder in ſeine Diöceſe zurückzureiſen, ſo daß er den Papſt weder ſehen noch ſprechen konnte. Siehe Friedel's Briefe aus Wien. Th. I. S. 223. berührt, h heiligt. J der Chriſt als ein m raubter M Verbrechen des, der⸗ Seit Johann H fangen ge Deutſchlr heilige i geriſſen, als Verb Jetzt einei nach Del und zum Denn in Chriſt gegen die unterwerf Gan der pipſt ſede ande 91 berührt, hatte ſie durch dieſe Berührung nicht geheiligt, ſondern ent⸗ heiligt. Johann XXIII. war als Statthalter Gottes, als Oberhaupt der Chriſtenheit nach dem deutſchen Koſtnitz gekommen, er verließ es als ein mit Schmach beladener, aller ſeiner Würden und Titel be⸗ raubter Mönch, welcher im öffentlichen Concil ſiebenzig verſchiedener Verbrechen angeklagt und überführt war der Seeräuberei, des Mor⸗ des, der Blutſchande! Seit jenen Tagen, wo das Concilium zu Koſtnitz, nachdem es Johann Huß verbrannt, den Papſt Johann XXIII. abgeſetzt und ge⸗ fangen gehalten, ſeit jenen Tagen hatte kein Papſt wieder nach Deutſchland kommen mögen, nach dieſem Deutſchland, welches die heilige Tiara von der Schulter des geweiheten Statthalters Gottes geriſſen, die goldene Krone von ſeinem Haupt genommen, um ihn als Verbrecher zu entlarven! Jetzt aber wollte ein heiliger, frommer Mann die unheilsvollen Erinnerungen jener Tage auslöſchen, jetzt wollte Pius der Sechſte nach Deutſchland kommen, den Frommen und Gläubigen zur Freude und zum Troſt, und der Kirche zur Rettung und zum Gedeihen. Denn er kam, um mit beredtem Wort ſeinen geliebteſten Sohn in Chriſto zu beſchwören, nicht weiter zu gehen in ſeinen Angriffen gegen die Kirche, ſondern als treuer und gehorſamer Sohn ſich zu unterwerfen und in ſich zu gehen. Und Pius zweifelte nicht, daß ihm, welchen ſeine Römer wegen der Macht ſeiner Rede„il Persuasore“(den Ueberreder) nannten, es gelingen werde, das Herz des Kaiſers zu rühren und ihn zum Gehorſam zurückzuführen. Ganz Wien, ganz Deutſchland, ganz Europa kannte dieſen Zweck der päpſtlichen Reiſe; Aller Augen waren daher nach Wien gerichtet, jede anderen Intereſſen ſchienen erloſchen, in athemloſer Erwartung harrte Jeder des Momentes, wo der Kaiſer mit dem Pabſt zuſammen⸗ treffen würde. Und ſo war endlich der Tag hereingebrochen, an welchem der Papſt ſeinen Einzug in Wien halten ſollte. Die ganze Stadt hatte ſich für ihn geſchmückt, Teppiche, Kränze, Guirlanden hingen aus allen Fenſtern, ſchmückten alle Straßen; hunderttauſende von Men⸗ ſchen drängten ſich nach der Stephanskirche, wohin der Papſt ſich 92 gleich nach ſeiner Ankunft begeben wollte, um dort ſein Gebet zu verrichten; hunderttauſende von Menſchen ſtrömten nach der Kaiſer⸗ burg hin, um den Papſt zu ſehen, wenn er an der Seite des Kaiſers dort anlangen würde. Aber die Ungeduld der Erwartung ließ das Volk vergeſſen, daß dieſe Ankunft des Papſtes erſt in der Mittagsſtunde ſtatt haben, daß man daher alſo ruhig ſeinen Arbeiten und Geſchäften nachgehen könne. Niemand wollte daheim bleiben, Niemand konnte einem an⸗ dern Gedanken ſich hingeben, als dieſem großen, unermeßlichen:„der Papſt kommt nach Wien!“ Und dieſem Gedanken folgte dann die Frage:„warum kommt der Papſt nach Wien?“ Um ſeinen Segen zu ſprechen über das, was der Kaiſer gethan hat, ſagten die Anhänger Joſeph's. Um den Kaiſer zu beſchwören und anzuflehen, daß er ablaſſe von den Kränkungen der Kirche, von dem Pfad der Sünde, und von dem Unglauben ſich wiederbekehre zu der allein ſeligmachenden Kirche, ſagten die Geiſtlichen und Prieſter, die Feinde des Kaiſers. Und dieſe Fragen flogen nicht bloß von Mund zu Mund, ſon⸗ dern ſie flogen in Broſchüren und Flugſchriften aus den Stuben der Gelehrten, unter den Preſſen der Drucker hervor, und flatterten in tauſend und tauſend Exemplaren aus den Fenſtern hernieder auf dieſe Volksmenge, welche da athemlos und neugierig in den Straßen ſich drängte. „ Ueber die Ankunft des Papſtes.“ „Warum kommt der Papſt nach Wien?“ „Was iſt der Papſt?“ Das waren die Titel der Broſchüren, durch welche die Wiener ſollten aufgeklärt werden über die Bedeutung dieſes wichtigen Tages, und die Straße glich zu dieſer Stunde einem ungeheuren Leſezimmer, denn dieſe herniedergeflatterten Broſchüren waren in allen Händen, und indem man ſie las, bereitete man ſich vor auf die Ankunft deſſen, dem alle dieſe Flugſchriften galten. Endlich begannen die großen Glocken der Stephanskirche lang⸗ ſam und feierlich einige Töne anzuſchlagen. Dieſe Töne bedeuteten, daß der Papſt, welchem der Kaiſer bis Wieneriſch Neuſtadt entgegen⸗ gefahren war, jetzt an der Seite des Kaiſers die Grenzmarken der Stadt er Wienern ſelber hat Migazzi! mit den „Mich wu Ihre Arti Dieſe verkündet. Jubelſchre ungeſtüme mußte, u und Gre Meute ſt hörend, und zu; der vorn hauchten. den Pap Und Lunge konnt! Das geſchriee von der Stimme all dieſ richeten Punkt ſ nahm 8 ds gaf ) 1 8 Siehte 1 et zu giſer⸗ aiſers daß daß gehen man⸗ „der n die ethan blaſſe wvon irche, ſon⸗ der en in auf raßen iener ages, amer, nden, eſſen, lang⸗ teten, egen⸗ nüder 93 Stadt erreicht habe. Die metallene Zunge des Doms ſollte den Wienern das Nahen des heiligen Vaters verkünden. Der Kaiſer ſelber hatte dazu ſeine Einwilligung gegeben, und als der Cardinal Migazzi den Kaiſer gefragt, ob man bei dem Einzug des Papſtes mit den Glocken läuten dürfe, hatte Joſeph lächelnd geantwortet: „Mich wundert, daß Sie mich darum fragen. Sind nicht die Glocken Ihre Artillerie?“*) Dieſe Artillerie der Kirchen hatte jetzt das Annähern des Papſtes verkündet. Das Volk empfing dieſe Verkündigung mit einem lauten Jubelſchrei und drängte ſich immer ſtürmiſcher, in immer wildern, ungeſtümern Wogen den Straßen zu, durch welche der Zug kommen mußte, und achtete in ſeiner ungeduldigen Neugierde nicht der Kinder und Greiſe, welche ſich unter ihnen befanden; wie eine losgelaſſene Meute ſtürzte es vorwärts, des Jammergeſchreies nicht achtend, nicht hörend auf die Klagen Derer, welche von dem Strom mit fortgeriſſen und zu Boden geſchleudert, jetzt zerſtampft, zertreten unter den Füßen der vorwärts Stürzenden, unbeklagt und ungerächt ihren Geiſt aus⸗ hauchten.**) Das Volk ſah, hörte und dachte nichts, als daß es den Papſt ſehen und von ihm geſegnet ſein wollte. Und jetzt auf einmal begannen alle Kirchthürme ihre ehernen Zungen zu regen, um laut und dröhnend es zu verkünden: der Papſt kommt! Jetzt eben fährt er in die Stadt ein! Das Volk, welches bis dahin gejauchzt, geſungen, gelacht und geſchrieen hatte, verſtummte jetzt auf einmal. Unwillkürlich ergriffen von der Größe dieſes Momentes wagte es nicht, ſeine unheiligen Stimmen zu miſchen in die harmoniſchen Stimmen der Glocken, aber alle dieſe flammenden Blicke, dieſe geſpannten, neugierigen Geſichter richteten ſich die Straße hinunter dahin, wo jetzt ein kleiner, weißer Punkt ſichtbar ward. Dieſer Punkt ward größer und größer, er nahm Form und Geſtalt an; und jetzt erkannte man ſchon die Vorreiter des Kaiſers, jetzt die kaiſerliche Equipage, die von acht milchweißen, *) Friedel's Briefe aus Wien. Th. I. Seite 213. **) Acht Perſonen wurden beim Einzug des Papſtes im Gedränge erdruͤckt. Siehe Friedel's Briefe I. 208. 94 mit Gold⸗ und Purpurdecken aufgeſchirrten Pferden gezogen, langſam daher kam. Immer näher und näher kam der Zug; jetzt war er da, der große, der erhabene Moment, wo Wien den Papſt in ſeine Mauern einziehen ſah. Da, dieſer Greis zur Rechten des Kaiſers, dieſer Greis in dem von Gold und Juwelen blitzenden Gewande, mit dem pelzverbrämten Sammetbarett, unter welchem einzelne ſilberweiße Locken hervorquollen, dieſer Greis mit dem milden, ſanften Blick, den edlen, immer noch ſchönen Zügen, das war Antonio Braschi, der Papſt Pius VI. Ein Ausruf des Staunens ertönte, vielleicht wider ſeinen Willen, von den Lippen des Papſtes, als er ſein Auge auf dieſe ungeheure Menſchenmenge heftete, welche auf den Straßen und Plätzen wogte, welche ſich dicht herandrängte an den Wagen, athemlos keuchend neben demſelben herlief. Niemals vielleicht hatte Pius ſolche Maſſe des Volkes beiſammen geſehen! Und dieſe Tauſende waren gekommen, um ihn zu ſehen, um ihn zu begrüßen! Ein ſtolzes Lächeln des Triumphs flog einen Moment über das ſchöne Antlitz des Papſtes hin, aber er unterdrückte es ſchnell, und heftete ſeine Blicke dann mit einem raſchen, forſchenden Blick auf den Kaiſer hin. Joſeph's Antlitz indeß war heiter und ruhig, nicht der kleinſte Anflug von Mißmuth ſprach aus ſeinen Zügen, ſondern vielleicht ein leiſer Ausdruck des Spottes. Joſeph's ruhiger, ungetrübter Blick ſah, was dem Papſt in ſeiner triumphirenden Freude vielleicht entgangen war, er ſah, daß das Volk, welches ſich einſt vor jedem Prieſter auf die Kniee geworfen, jetzt auf⸗ recht und ungebeugt da ſtand, obwohl es der Papſt war, welchen es da von Angeſicht ſchauete.*) Während der Papſt triumphirte, ſagte der Kaiſer freudig zu ſich ſelber: meine Kinder ſind ſchon Männer geworden! Sie beugen ihr Knie nicht mehr vor einem Menſchen und wenn dieſer Menſch auch immerhin ein Papſt iſt! Dies freie Bewußt⸗ ſein ihrer Menſchenwürde, das habe ich meinem Volke eingeflößt, und es wird den Herrn Prieſtern nicht mehr gelingen, meine Oeſter⸗ reicher wieder in das Joch ihrer Sclaverei einzuſchmieden! *) Friedel I. S. 215. Der; Menſchenſt gelangt, u Der anhielt, d beim Aus⸗ die mit ko Gemaͤcher Pius einem ſar ſtolz und Herrn der Sche gemächer langt we und bat Die Pius mi ſedem, gottſeliger wandelt h übrer Kire Bewußſe egen ſe Und thanen ſeiner U und dieſ ngſam , der auern dem ämten oollen, noch zillen, heure vogte, neben e des mmen, 95 Der Zug war jetzt langſam, immer gehindert von dem wogenden Menſchenſtrom, unter dem Geläut aller Glocken bis zu der Burg gelangt, und fuhr jetzt in den innern Hof ein. Der Kaiſer ſelbſt beeilte ſich, als der Wagen vor dem Portal anhielt, dem Papſt mit der Sorglichkeit und Ehrfurcht eines Sohnes beim Ausſteigen behilflich zu ſein, und bot ihm den Arm, um ihn die mit koſtbaren Teppichen belegte Marmortreppe hinauf und in ſeine Gemächer zu geleiten. Pius ließ das ruhig geſchehen, und ſchauete nur zuweilen mit einem ſanften ſtillen Lächeln zu dem Kaiſer hinauf, der ruhig und ſtolz und durchaus nicht zerſchmettert von der ungeheuren Ehre, den Herrn der Chriſtenwelt zu geleiten, an ſeiner Seite ging. Schweigend durchſchritten ſie die großen Empfangsſäle und Staats⸗ gemächer, und erſt, als ſie bis in das Wohnzimmer des Papſtes ge⸗ langt waren, führte der Kaiſer ſeinen Gaſt zu einem Lehnſeſſel hin, und bat ihn, auszuruhen von der beſchwerlichen Wanderung. Die Wanderung war nicht beſchwerlich, ſondern erfreulich, ſagte Pius mit einem leiſen Kopfſchütteln. Meine Seele neigte ſich bei jedem Schritt dankbar vor den Schatten aller dieſer frommen und gottſeligen Kaiſer, welche im Lauf der Jahrhunderte dieſe Räume durch⸗ wandelt haben als die getreuen Herrn ihrer Reiche, die getreuen Diener ihrer Kirche und ihres Gottes. Oh, welch ein ſchönes und beglückendes Bewußtſein iſt es für mich, ein Haus zu bewohnen, das durch den Segen ſo vieler meiner Vorgänger geheiligt worden— Und deren Herrſchern außerdem niemals die Liebe ihrer Unter⸗ thanen gefehlt hat, unterbrach ihn der Kaiſer lebhaft. Die Liebe ſeiner Unterthanen, das iſt für den Herrſcher der wahre Segen Gottes, und dieſer iſt es, nach welchem ich vor allen Dingen ſtrebe! Und welcher Ew. Majeſtät gewiß niemals fehlen wird, ſagte Pius mit ſeinem ſanfteſten Lächeln. Ich habe niemals gezweifelt an dem edlen Sinn und dem erhabenen Herzen Eurer Majeſtät, und wenn Einiges vorgefallen, was unſere Seele mit Schrecken erfüllte, und uns zittern machte für die Wohlfahrt der heiligen Kirche in den Landen Eurer Majeſtät, ſo getröſteten wir uns doch mit dem Gedanken, daß es nur der eindringlichen Bitte des überzeugenden Wortes be⸗ dürfen würde, um zu unſerer Aller Zufriedenheit dieſe Mißverſtändniſſe 96 zu löſen, welche zwiſchen Eurer Majeſtät weltlicher Regierung und Und darin Ihren Pflichten als erſter gläubiger Sohn der Chriſtenheit entſtehen unſerm he könnten. Deshalb, mein edelſter und geliebteſter Sohn in Chriſto, und Chrfl kam ich hierher, deshalb nahm der ſtebenzigjährige Greis den Wander⸗ hirten wer ſtab und pilgerte nach Wien zu dieſem edlen jungen Kaiſer, der es derſelbe ni verſchmähte, zu dem Statthalter Gottes nach Rom zu kommen, um fſſen, un ſich von ihm den Segen der Kirche zu holen. Ich bringe ihn Euch, Staub un mein geliebteſter Sohn in Chriſto, den Segen Gottes und der Kirche, Cs iſ und mit und in dieſem Segen werden ſchnell alle die Wirrniſſe enden, heiten der die mein Herz bisher betrübt haben! Ich habe Ew. Majeſtät das Dieſe freudige Opfer dieſer Reiſe gebracht, und ich weiß wohl, daß es eine rief Joſep Pilgerfahrt war, wie die Welt niemals eine zweite ſehen wird, eine 4 rührt, un Pilgerfahrt, mit welcher Rom ſich demüthig beugt vor dem mächtigen meiner W Kaiſer Deutſchlands, und es eingeſteht, daß die Zeit ſeiner Größe nnd mir vorüber iſt, und daß es nicht mehr mit ſeinem Bannſtrahl und ernſten ſeinem ſchallenden Gebieterwort die Welt regieren kann, ſondern welche m nur noch mit Liebe, mit Demuth und Geduld. Aber ich weiß auch, und von daß Ew. Majeſtät genug haben werden an dieſer Demüthigung Rom's, ich unerſ daß Sie nicht weiter gehen werden in dieſer Fehde, welche mein nonmen! väterliches Herz ſo ſehr betrübt hat, daß Sie, gerührt von meinem bezwecken Flehen, demſelben nachgeben und die heilige Mutterkirche wieder los ſein 1 einſetzen werden in ihre Rechte. zur deſer Ich fürchte, Ew. Heiligkeit haben Sich in mir geirrt, rief der untrnan Kaiſer, und ſein leuchtender Blick begegnete mit ruhiger Entſchloſſen⸗ Grundſü heit den ſanften bittenden Augen des Papſtes. Wie tief auch mein mich 8* Herz gerührt werden mag von den erhabenen Worten Eurer Heilig⸗ dn keit, ſo darf ich doch als Herrſcher und Kaiſer mich von der Rührung Aicti meines Herzens nicht umſtimmen laſſen, denn ein Fürſt darf nicht die Auagn mit dem Herzen, ſondern nur mit dem Kopf regieren. Und und 4* alſo fürchte ich, daß Ew. Heiligkeit nicht zufrieden ſein werden mit bnie anß dem Reſultat Ihrer Reiſe. Ich habe dieſe Reiſe für ein nicht nur duß fonderbares, ſondern auch ganz ausnehmendes Kennzeichen Ihres 1n as a päpſtlichen Wohlwollens gehalten, und mich der Gelegenheit gefreut, Ueb Ew. Heiligkeit meine kindliche Ehrfurcht und Liebe beweiſen zu können.*) ein du dan *) Des Kaiſers eigene Worte. Siehe: Hübner I. S. 119. g und ſtehen hriſto, nder⸗ er es „um Euch, eirche, nden, das eine eine ztigen Hröße und ndern auch, om's, mein einem vieder f der oſſen⸗ mein eilig⸗ hrung nicht Und mit nur Ihres efreut, ren.) 97 Und darin werde ich mit meinem ganzen Volke wetteifern; als vor unſerm heiligen Vater wollen meine Unterthanen und ich in Liebe und Ehrfurcht uns vor Ihnen neigen, und dem geiſtlichen Ober⸗ hirten werde ich keine Ehre und Anerkennung verſagen, nur muß derſelbe nicht gekommen ſein, um ſich mit weltlichen Dingen zu be⸗ faſſen, und ſeine heiligen und geweiheten Hände zu miſchen in den Staub und Wuſt dieſer Erde. Es iſt indeſſen meine Pflicht, auch die weltlichen Angelegen⸗ heiten der Kirche zu übernehmen, ſagte der Papſt ſeuſzend. Dieſe Dinge zu beſprechen, iſt die Sache Ihrer und meiner Miniſter, rief Joſeph raſch. Aber da Ew. Heiligkeit einmal dieſes Thema be⸗ rührt, und der Streitigkeiten erwähnt haben, welche durch einige meiner Verordnungen veranlaßt zwiſchen der päpſtlichen Regierung und mir ausgebrochen, ſo erlauben mir Ew. Heiligkeit, in dieſer ernſten und gewichtigen Stunde Ihnen eine Erklärung abzugeben, welche meinerſeits unſer Verhältniß klar und unabänderlich feſtſtellt, und von der ich niemals abweichen werde. Dieſe Erklärung iſt; daß ich unerſchütterlich ſein werde in Allem, was ich gethan und unter⸗ nommen habe, und daß die Reiſe Eurer Heiligkeit, wenn Sie damit bezwecken, auf meine Erlaſſe und Verfügungen einzuwirken, frucht⸗ los ſein wird, denn Alles, was ich zum Vortheil der Religion und zur beſſern Einrichtung der Kirchenzucht mit landesherrlicher Gewalt unternommen habe, iſt nur nach reiflicher Ueberlegung und nach feſten Grundſätzen ausgeführt worden, und gar nichts auf der Welt wird mich von denſelben abbringen können.*) Und dennoch gebe ich die Hoffnung nicht auf, das Herz Eurer Majeſtät zu rühren, ſagte der Papſt feierlich. Dennoch verzage ich nicht, die Augen meines geliebteſten Sohnes in Chriſto zu öffnen, daß er ſehen und erkennen möge, er ſei abgeirrt von der rechten Straße und wieder ein⸗ lenke auf die Straße der Gerechtigkeit, des Friedens und der Gottſeligkeit! Einlenke, das heißt widerrufe, rief Joſeph heftig. Niemals wird das geſchehen können, denn ich habe gehandelt aus beſter und ernſter Ueberzeugung, und Ueberzeugungen laſſen ſich nicht umwenden, wie ein Handſchuh! *) Des Kaiſers eigene Worte. Siehe: Hübner I. Seite 119. — Kaiſer Joſeph. 3. Abth. III. — 98 Auch Ueberzeugungen ſind dem Wechſel unterworfen, ſagte Pius. Die Geſchichte der heiligen Päpſte ſelbſt giebt uns Beiſpiele davon. Aeneas Sylvius war als gelehrter Biſchof ein heftiger Gegner der päpſtlichen Gewalt und richtete die glühendſten und gelehrteſten Streit⸗ ſchriften gegen die Unfehlbarkeit des Papſtes, von dem er behauptete, daß er nicht über den Concilien, ſondern unter ihnen ſtände. Aeneas Sylvius aber, als er Papſt geworden, und ſich Pius der Zweite nannte, ſah das Irrige und Gefährliche ſeiner frühern Anſicht ein, und wechſelte ſeine Ueberzeugung, indem er feierlich anerkannte: der Papſt ſteht nicht unter, ſondern über den Concilien, und Niemanden iſt er verantwortlich, als Gott allein, unabſetzbar regiert er auf dem Stuhl St. Petri! Oh, mein Sohn, ich hoffe der gnadenreichen herrlichen Zeit, wo Ew. Majeſtät widerrufen werden, wie einſt Aeneas Solvius widerrufen hat, wo Ew. Majeſtät ſprechen werden die Worte voll Demuth und Zerknirſchung, welche Pius der Zweite in ſeiner Widerrufungsbulle geſprochen hat, daß Sie rufen werden, wie er es gethan hat:„⸗Wir ſind ein Menſch und haben als Menſch geirret. Wir leugnen nicht, daß Vieles von dem, was wir geſagt, oder ge⸗ than haben, verwerflich iſt. Wir haben aus Verführung wie Paulus geſündigt, und aus Unwiſſenheit die Kirche Gottes verfolgt. Wir ahmen aßer dem Beiſpiel des heiligen Auguſtinus nach, der die in ſeinen Werken ihm entſchlüpften irrigen Meinungen widerrufen hat. Wie widerrufen gleich ihm und bekennen offenherzig unſere Unwiſſen⸗ heit, aus Furcht, daß das, was wir in unſerer Jugend gethan haben, zu irgend einem Irrthum, der mit der Zeit dem heiligen Stuhle nach⸗ theilig werden könnte, Gelegenheit geben möchte.“*) Ich hoffe, daß ich niemals ſo ſprechen, und wie Aeneas Sylvius es gethan, um perſönlicher Vortheile willen widerrufen werde, was ich als wahr und recht erkannt habe, rief der Kaiſer glühend. Aber ſtreiten wir nicht über dieſe Dinge, reden wir gar nicht wieder von ihnen. Ich bin kein Theologe, und verſtehe mich nicht darauf, Ihnen, *) Dieſe Widerrufungsbulle gab Pius II., der ehemalige gelehrte Aencas Sylvius, im Jahr 1463, während er auf dem Concilium zu Baſel durch ſeine gelehrten Schriften und Reden grade die Beranlaſſung geweſen, daß das Concilium ſich für ermächtigt erklärte, die Päpſte abzuſetzen. wie ich es alle meine ligkeit alſe punkte ſag Theologen Kleinſte,( das Ganz Aber wir ſind hiehe Gnade u Liebe wü ein gefäll ſogleich r genüge, der Ruh ſtrengend zuziehen Ev. Heit Er darreichte eines So verließ, Der nac. J murmelt Augen er Her ſiine B wie ſie und die Pius. avon. r der treit⸗ ptete, eneas weite ein, der unden dem eichen eneas Vorte ſeinet er es eirrei⸗ r ge⸗ aulus Wir die in hat. wiſſen⸗ haben, nach⸗ loius was Aber von huen, Aentas h ſeine neilium 99 wie ich es müßte, auch aus dem Canoniſchen Recht zu beweiſen, daß alle meine Anſprüche geſetzlich und berechtigt ſind. Belieben Ew. Hei⸗ ligkeit alſo gnädigſt, Alles, was Sie mir über die obwaltenden Streit⸗ punkte ſagen möchten, niederzuſchreiben, damit ich es alsdann meinen Theologen zur Unterſuchung vorlegen kann. Miniſteriell und bis in's Kleinſte, Einzelne ſoll mein Kanzler dann darauf antwortenz; ich will das Ganze dann zur Belehrung meiner Unterthanen drucken laſſen.*) Aber wir ſelber wollen nichts damit zu thun haben. Ew. Heiligkeit ſind hieher gekommen, um mir einen dankenswerthen Beweis Ihrer Gnade und Liebe zu geben; ich werde Alles thun, um mich dieſer Liebe würdig zu zeigen, und meinem edelſten und erhabenſten Gaſt ein gefälliger und dienſtbereiter Wirth zu ſein! Und da mahnt mich ſogleich mein Gewiſſen, daß ich meinen Pflichten als Wirth ſchlecht genüge, indem ich Ew. Heiligkeit durch meine Anweſenheit verhindere, der Ruhe zu pflegen, deren Ew. Heiligkeit nach ſo langer und an⸗ ſtrengender Reiſe ohne Zweifel bedarf. Ich eile alſo, mich zurück⸗ zuziehen, und bitte mir zu vergeben, daß der Wunſch, die Gegenwart Ew. Heiligkeit zu genießen, mich der ſchuldigen Rückſicht vergeſſen ließ. Er neigte ſich tief vor dem Papſt, und als dieſer ihm ſeine Hand darreichte, drückte Joſeph ſie mit der Zärtlichkeit und Unterwürfigkeit eines Sohnes an ſeine Lippen. Dann wandte er ſich raſch ab, und verließ, ohne ein Wort weiter zu ſagen, das Gemach. Der Papſt ſchaute ihm mit einem langen und traurigen Blick nach. Ich fürchte, er hat die Wahrheit geſagt, und er iſt unverbeſſerlich, murmelte er leiſe, und indem er dann langſam ſeine tiefen, dunklen Augen gen Himmel erhob, fuhr er fort: eine Zeit lang verſucht es der Herr mit Milde. Aber wenn die Milde nicht fruchtet, ſendet er ſeine Blitze, und ſte werden dereinſt dieſen Abtrünnigen zerſchmettern, wie ſie noch alle Diejenigen zerſchmettert haben, welche gegen Gott und die heilige Kirche ſündigten! *) Des Kaiſers eigene Worte. Siche Ramshorn: Kaiſer Joſeph II. und ſeine Zeit, S. 318. II. Die Klucht. Du beharrſt alſo bei Deiner Weigerung? fragte Herr Eskeles Flies mit flammenden Augen. Du wagſt es, Deinem Vater zu trotzen und Dich aufzulehnen wider meine Befehle? Ich beharre bei meiner Weigerung, erwiderte Rahel feſt, und ſier ſchaute ihrem Vater mit traurigen ruhigen Blicken in das tief erregte Angeſicht. Ich muß mich auflehnen wider Deine Befehle, denn es gilt nicht nur mein irdiſches Glück, es gilt das Heil meiner Seele, die Freiheit meines Herzens. Vater, oh mein Vater, verhärte Dein Herz nicht gegen Deine Tochter, ſtoße mich nicht grauſam fort von dieſer Stelle, welche mir gebührt, welche mein ſchönſtes Erbtheil, mein köſtlichſter Beſitz iſt. Und zerfließend in Thränen, mit ausgebreiteten Armen näherte ſich Rahel zärtlich ihrem Vater. Er aber wies ſie heftig zurück. Du haſt Dein Herz verhärtet, Rahel, Du allein, rief er. Du haft Deinen Vater verlaſſen und aufgegeben, biſt untreu worden Deinem Gott und dem Geſetz, welches den Kindern befiehlt zu ge⸗ horchen ihren Aeltern und ihnen unterthänig zu ſein! Ich kann dies weſeh nicht mehr anerkennen, meine freie Menſchen⸗ würde lehnt ſich dagegen auf, rief Rahel glühend. Ich will Dich lieben und ehren immerdar, aber ich kann Dir meine heiligſten Menſchenrechte nicht zum Opfer bringen. Ich kann nie und nimmer⸗ mehr die Gattin eines Mannes werden, den ich nicht liebe, den mein Herz nicht gewählt hat! 4 Den aber ich, Dein Vater, für Dich gewählt habe, ſagte Eskeles Flies ernſt und kalt, und den Du heirathen wirſt, weil ich ihn ge⸗ wählt habe! 1 6 1 Er iſt ein roher, unwiſſender Menſch, mein Vater, ein Menſch, 6 den ich ver für nichts Er iſt unſerm all hier in O ganz und Du, denn Er iſt Menſch, ri Ihr Deines G des jungen Freigeiſt dnt das Jude zu Ja, in jeder⸗ in jedem tdlen und ſchlimmen n ſpött und dohn bei⸗ dih zwir dir, ſond allein mei Ich ſeine Gat Ich du mich ich es th Ich p mit dale Linda, 4 errettn d ahel, d Du, de keles ootzen id ſie rregte in es e, die Herz dieſer mein ſchen⸗ dich gſten mer⸗ mein gkeles n ge⸗ enſch 7 101 den ich verabſcheue und haſſe, weil er nichts ſchätzt, als ſeine Millionen, für nichts Hochachtung und Ehrfurcht hat, als vor dem Gelde! Er iſt der Sohn des reichſten Handelshauſes in Brüſſel, von unſerm allergnädigſten Kaiſer belehnt mit dem Baronstitel, weil er hier in Oeſterreich große Kattunfabriken angelegt hat, er iſt alſo ganz und gar Deines Gleichen, oder vielmehr er iſt vornehmer als Du, denn er iſt reicher, ungleich reicher als wir! Er iſt nicht meines Gleichen, denn er iſt ein roher, ungebildeter Menſch, rief Rahel, er verſteht mich nicht! Ihr Vater lachte laut auf. Er verſteht Dich nicht. Er iſt nicht Deines Gleichen, weil er nicht gleich Dir ſchwärmt über die Muſik des jungen Herrn Mozart, er iſt roh und ungebildet, weil er kein Freigeiſt iſt, ſondern heilig hält die Gebrauche ſeiner Väter und be⸗ folgt das Geſetz, und haſſet die Chriſten, und iſt ſtolz darauf, ein Jude zu ſein! Ja, ein Jude, ſagte Rahel in ſich erſchauernd, ein Jude iſt er in jeder Miene, in jedem Zug ſeines Angeſichts, in jeder Bewegung, in jedem Wort und in jedem Gedanken. Ein Jude, nicht in dem edlen und ſchönen Sinn wie Du, mein Vater, ſondern in jenem ſchlimmen und gehäſſigen Sinn, in welchem unſere Nation zum Ge⸗ ſpött und Gelächter der Welt geworden, und der uns Verachtung und Hohn bei allen Völkern erworben hat. Oh, mein Vater, ich beſchwöre Dich, zwinge mich nicht, Dir ungehorſam zu ſein, ſtoße mich nicht von Dir, ſondern geſtatte mir, bei Dir zu bleiben, Dich zu lieben und Dir allein mein Leben zu weihen! Ich habe Dich dem Baron von Meyer verlobt, und Du wirſt ſeine Gattin werden! ſagte Herr Eskeles Flies ernſt. Ich werde nicht ſeine Gattin werden, rief Rahel energiſch. Wenn Du mich zwingſt, mein Vater, Dir ungehorſam zu ſein, ſo muß ich es thun! Ich werde Dich zwingen, mir gehorſam zu ſein, ſagte ihr Vater mit kalter Ruhe. Unſer Geſetz giebt den Vätern Gewalt über ihre Kinder, und ich werde dieſe Gewalt gebrauchen, um meine Tochter zu erretten von dem Abgrund, an welchem ſie ſteht. Oder meinſt Du, Rahel, Dein Vater ließe ſich täuſchen von Deinen Worten? Meinſt Du, Dein Vater ſchauete nicht bis auf den Grund Deines Herzens 10² und wüßte wie es in demſelben ausſteht? Nein, Rahel, täuſche Dich nicht! Dein Vater kennt Dich! Deine Gedanken liegen klar vor ihm da, wie ein aufgeſchlagenes Buch, und er lieſt darin Deine Untreue, Deinen Meineid und Deine Schande! Wenn mein Vater das lieſt, ſo hat er falſch geleſen in meinen Gedanken! rief Rahel mit flammenden Zornesblicken. Nie bin ich untreu geworden den heiligen Geſetzen Gottes, nie habe ich einen Meineid begangen, denn das Gelüöde, welches ich Dir geleiſtet, ich habe es gehalten, ich bin eine Jüdin geblieben! Nie habe ich etwas gethan, was irgend einer ſterblichen Zunge, und ſei es auch die meines Vaters, das Recht giebt, von meiner Schande zu ſprechen! Und Du wagſt es, ſo, mit ſo klarer Stirn, mit ſo offnem Auge zu mir zu ſprechen, ſagte ihr Vater mit leiſer bebender Stimme, in⸗ dem er ihre Hand packte, und ſie mit drohenden Zornesblicken an⸗ ſchauete. Du wagſt es, zu mir von Deiner Treue, Deiner Ehre und Deiner Religion zu ſprechen, zu Deinem Vater, welcher mit angſt⸗ zitterndem Herzen ſeit Jahren jeden Deiner Schritte überwachte, welcher das Unheil langſam, Tag um Tag immer näher heranſchleichen ſah, welcher all ſein Geld und ſeine Reichthümer, all ſeine Millionen hätte hingeben mögen, um dieſes Ungeheuer zu erſticken, welcher es mit verzehrender Angſt im Herzen verſuchte, es wenigſtens zu beſchwören und zurückzudrängen, indem er ſeine Tochter umgab mit verſchwen⸗ deriſcher Liebe, mit königlicher Pracht, um ſte zu zerſtreuen und zu beſchäftigen, um ſie zu rühren, daß ſie großmüthig all die Liebe ihres Vaters mit ein klein wenig Liebe, ein klein wenig Entſagung belohnen ſollte. Und ich konnt's nicht erlangen, konnt' meiner einzigen Tochter nicht einen Tropfen einflößen von dem Blut ihrer Aeltern. Konnt' ihr nicht geben von meinem Haß und meiner Verachtung der ſtolzen Chriſten, die ich ſie doch ſehen ließ in ihrer Erbärmlichkeit und Ge⸗ meinheit, die ich um ſie verſammelte, damit ſie ſähe, wie ſie ihres Uebermuthes, ihres Glaubens und ihrer Verachtung vergaßen, um zu ſchwelgen an der üppig beſetzten Tafel des Juden, vor dem ſie ſich beugten, und den ſie wie einen Hund würden von ihrer Thür ge⸗ ſtoßen haben, wenn er nicht Millionen beſäße, Millionen, denen ſte huldigen, wie einſt unſere mißleiteten Urväter gehuldigt haben dem goldenen weſen, A auf die S dem lügn Vater, d gerungen heiteres( geleitetes von Dein Rahel E. Laters,, Rendezve Liebe ein ſein We Ah, voller S Wort g und Ve ich liebe Ic bin Erde auf leden als darf V 103 goldenen Kalb und des Herrn vergaßen. Es iſt Alles umſonſt ge⸗ aih weſen, Alles vergeblich! Mein einzig Kind hat nicht hören wollen treue, auf die Stimme der Wahrheit, ſie hat ſich doch bethören laſſen von dem lügneriſchen Chriſtenlächeln. Und zu mir, Rahel, zu Deinem heinen Vater, der dies Alles weiß, der die Nächte ſich auf ſeinem Lager n ich gerungen hat in Schmerz und Verzweiflung und Dir doch Tags ein einen heiteres Geſicht gezeigt hat, der jedes Mittel verſucht hat, ſein irre⸗ geleitetes Kind wieder zu ſich zu ziehen, zu mir wagſt Du zu ſprechen t,ii von Deiner Treue und Deiner Unſchuld? Deiner Unſchuld! Nennt is Rahel Eskeles Flies das Unſchuld, wenn ſie, trotz des Verbotes ihres wine Vaters, einem Manne in früher Morgenſtunde im Pavillon des Gartens Auge Rendezvous geſtattet? Nennt ſte das Treue, wenn ſie in glühender 34 Liebe einem Chriſten angehört, und dieſem Chriſten geſchworen hat in⸗ ſein Weib zu werden, oder keines Mannes Weib! 1 Pi Ah, mein Vater, Du weißt alſo Alles! rief Rahel mit freudiger, rund voller Stimme. Gelobt ſei Gott, daß Du endlich das entſcheidende ingſi Wort geſprochen haſt, daß wir endlich klar und frei, ohne Rückhalt eſche und Verſchleierung zu einander ſprechen können. Ja, mein Vater, rſah, ich liebe Günther, ich liebe ihn ewig, unausſprechlich, grenzenlos. hätte Ich bin freudig bereit für ihn alles Leid und alles Ungemach der mit Erde auf mich zu nehmen, für ihn in den Tod zu gehen, für ihn zu wören leben als ſeine Sclavin, ſeine Magd, wenn ich ſein Weib nicht ſein hwen⸗ darf! Und nun kennſt Du das Geheimniß und den Inhalt meines nd zu ganzen Lebens! Ich liebe Günther, ich liebe ihn ſeit jenem Tage, eihres als Du ihn mir vor zwei Jahren zuführteſt, als Du mit der lohnen ſtrahlenden, ſtolzen Freude jüdiſcher Demuth ihn mir vorſtellteſt, als ochter den Liebling und den Vertrauten des Kaiſers. Damals warſt Du donnt ſtolz darauf, daß er unſer Haus beſuchte, denn damals warſt Du ſolzen noch nicht der reiche Millionair, der vornehme Baron. Was kann d Ge⸗ Günther dafür, daß Du anders geworden? Er iſt derſelbe geblieben, ihres derſelbe hochherzige, edle, uneigennützige Mann. 1 , um Uneigennützig! unterbrach ſie ihr Vater hohnlachend. Uneigen⸗ ſie ſich nützig, und er ſucht die Tochter des Millionairs zu verführen! ür 95 Und er beklagt es, daß ſeine Geliebte die Tochter eines Mil⸗ nen ſi lionairs iſt, rief Rahel ſtolz, und er wäre ſelig, wenn ſeine Geliebte en del die Tochter eines armen Tagelöhners wäre! 104 Aber er würde ſich dann wohl hüten, ihr ſeine Hand zu geben, und ſie zu ſeiner Gemahlin zu erheben, hohnlachte ihr Vater. Er würde zufrieden ſein, ſie als ſeine Geliebte um ſich zu dulden, während jetzt ſein glühender Wunſch iſt, die Tochter des Millionairs zu ſeiner Gemahlin zu erniedrigen! Zu erniedrigen! wiederholte Rahel. Mein Vater, ich würde mich ſtolz und hochgeehrt fühlen, wenn ich das Weib meines Geliebten ſein könnte, nicht weiler eine bedeutende Stellung hat, nicht weil er der Günſtling des Kaiſers iſt, ſondern weil eich ihn liebe, weil für ihn und für mich die Ehren der Welt, und die Millionen meines Vaters nichtig und werthlos ſind, weil wir nichts wollen, und nichts erſehnen, als uns anzugehören, und in ſtiller Abgeſchiedenheit zu leben unſerer Liebe und unſerm Glück. Und doch, gelobt ſei Gott, doch wird Rahel Eskeles Flies nie⸗ mals daran denken können, die Gattin ihres Geliebten zu werden, rief ihr Vater, und ein Strahl triumphirender Freude flog über ſein Antlitz hin. Rahel Eskeles Flies hat ihrem Vater geſchworen, nie⸗ mals zu verleugnen die Religion ihrer Väter, niemals eine Chriſtin zu werden, ſie hat es geſchworen bei dem Andenken an das Grab ihrer Mutter, bei Allem, was ihr heilig iſt im Himmel und auf Erden! Sie wird ihren Schwur halten, wenn ihr Vater ſte nicht davon entbindet, rief Rahel glühend. Aber er wird es thun, er wird ge⸗ rührt werden von dem Jammer, dem Schmerz ſeiner Tochter, er wird ſein Kind nicht grauſam der Verzweiflung dahin geben wollen! Und ganz überwältigt von ihrem leidenſchaftlichen Schmerz, ganz Demuth, Angſt und Liebe ſank Rahel vor ihrem Vater auf die Kniee nieder, und ihre ſchönen Arme zu ihm erhebend, rief ſie: Mein Vater, habe Erbarmen mit Deiner Tochter, zeige ihr nicht mehr dieſes finſtere, unheilsvolle Angeſicht. Laß Dich erweichen von meinem Schmerz und meiner Qual, öffne Deine Arme, und nimm mich wieder auf an Dein Herz. Sei großmüthig und edel, wie Du es ſonſt immer ge⸗ weſen, entbinde mich von dieſem Gelübde, erlaube mir, eine Chriſtin zu werden, damit ich die Gattin meines Geliebten werden kann. Er fragt nicht nach Deinen Millionen, Deinen Schätzen, er will nichts, nichts als mich allein! Gieb mich ihm zum Weibe, Vater, laß mich eine Chriſtin werden, damit ich ſein Weib werden kann. Ihr Haſſes. Ich erzogen i die Bildn bin keine u haſt an Einen der chrif Dein Kl Dir, wie gelegt, der nur der Wa mein V engen abſchwö bekennen die Wel nichts n Liehe iſ biſt kin AA rief Ca es noch Erden, 8e Unglüch raſt. Cs iſt hrſſir Küiebt lhrn n Dir ni unſers meinen geben, Er hrend ſeiner mich ebten weil l für eines ichts it zu nie⸗ rden, ſein nie⸗ riſtin Hrab den! avon ge⸗ wird ganz ſtniee gater, ſtere, merz fan ge riſtin Er ichts, mich 105 Ihr Vater ſchaute zu ihr nieder mit einem Ausdruck finſtern Haſſes. Du biſt eine Jüdin, ſagte er, Du wirſt eine Jüdin bleiben! Ich bin keine Jüdin, mein Vater, rief Rahel, Du haſt mich auf⸗ erzogen in chriſtlicher Luft, in einem chriſtlichen Staat, Du haſt mir die Bildung, die Gewohnheit, die Sitten der Chriſten gegeben. Ich bin keine Jüdin mehr, und auch Du biſt nicht mehr ein Jude, denn Du haſt auch das Geſetz Deiner Väter verleugnet, Du haſt gegeſſen an Einem Tiſch mit den Chriſten, haſt angenommen die Wohlthat der chriſtlichen Geſetze, und haſt dafür Dein Haar beſchnitten und Dein Kleid gekürzt, Du haſt Deinen alten Namen verleugnet und Dir, wie es der chriſtliche Kaiſer geboten, einen Familien⸗-Namen bei⸗ gelegt, und vor dieſen Namen haſt Du jetzt einen ſtolzen Titel geſetzt, der nur den Chriſten gehört. Du biſt kein Jude mehr, kein Jude der Wahrheit, ſondern nur der Form nach! Zerbrich die Form, mein Vater, habe den Muth der Wahrheit! Tritt hinaus aus dem engen Judentempel in die freie ſchöne chriſtliche Gotteswelt, laß uns abſchwören den ſtrengen Gott des Haſſes und der Rache, und ihn bekennen den Gott der Liebe, den Allerhaltenden, Allmächtigen, der die Welt ſo ſchön gemacht, damit ſich die Menſchen ihrer freuen, der nichts weiß von Kirchen und Religionen, deſſen einziges Geſetz die Liebe iſt! Wirf ihn von Dir, mein Vater, den Judentitel, denn Du biſt kein Jude! Ich bin ein Jude, und will ein Jude bleiben, ſo lange ich lebe! rief Eskeles Flies mit Zornesröthe auf den Wangen. Ich ſchwöre es noch einmal bei Allem was mir heilig iſt, im Himmel und auf Erden, ich will ein Jude bleiben, ſo lang ich lebe. So nimm ihn von mir dieſen Schwur, der mich bindet an das Unglück wie an ein wildes Ungeheuer, das mit mir durch die Welt raſ't. Löſe die Bande, welche meine Zunge und mein Herz binden! Es iſt ja nicht der Glaube, ſondern die Liebe, welche mich zu einer Chriſtin macht! Laß alſo die Liebe gewähren, gieb mich meinem Geliebten zum Weibe, behalte alle Deine Millionen, wir begehren ihrer nicht, ſie ſind machtlos gegen unſere Liebe, wir begehren von Dir nichts als Deinen Segen, wir wollen nichts als die Heiligung unſers Bundes! Habe alſo Erbarmen, mein Vater, erlöſe mich von meinem Schwur, laß mich eine Chriſtin ſein! 106 Du biſt eine Jüdin, und bleibſt eine Jüdin! ſagte ihr Vater rauh. Rahel ſtieß einen wilden Schrei aus und ſprang von ihren Knieen empor. Iſt das Dein letztes Wort? fragte ſie mit flammenden Augen, mit fliegendem Athem, keuchend vor Erregung und Gluth. Es iſt mein letztes Wort! ſagte ihr Vater, ſie mit feſten kalten Blicken anſehend. Nun, ſo höre auch mein letztes Wort, rief ſie athemlos, ihre ganze Geſtalt durchzittert von leidenſchaftlicher Erregung. Ich habe Günther Treue gelobt bis an den Tod, ich werde ſie halten. Ich habe geſchworen, wenn ich einſt wählen müſſe zwiſchen ihm und Dir, dann Alles aufzugeben, Alles zu verlaſſen, und nur Ihn zu wählen. Ich werde dieſen Schwur eben ſo treu erfüllen, wie den, welchen ich Dir geleiſtet habe! Ich werde nicht mich bekennen zu der Religion der Chriſten, aber ich werde doch auch keine Jüdin mehr ſein, ich werde ausſcheiden aus Eurer Gemeinde, wie das Geſetz es mir er⸗ laubt, und wenn Du mich daran verhindern willſt, ſo werde ich hin⸗ gehen zu dem Kaiſer und ihn um ſeinen Schutz bitten, und bei ihm Klage führen über den Zwang, den Du einer freien Menſchenſeele anthun willſt. Hüte Dich, daß ich Dir nicht zuvorkomme, und Klage gegen Dich zu führen habe bei dem Kaiſer, rief ihr Vater mit einem rauhen Lachen. Du drohſt mir auszuſcheiden aus der Gemeinde der Juden, und willſt doch nicht den Schwur brechen, und willſt keine Chriſtin ſein. Was willſt Du denn ſein, wenn Du keine Jüdin mehr biſt und keine Chriſtin werden kannſt? Zu welcher Religion willſt Du Dich alsdann bekennen? Zu der Religion der Liebe, der Wahrheit und der Treue! Ich werde in keinen Tempel und in keine Kirche mehr gehen, aber ich werde Gott dienen mit meinem Leben, und ich werde ihm einen Cul⸗ tus errichten in meinem Herzen. Das heißt, Du willſt eine Deiſtin werden? Nenn's wie Du willſt! Ich werde gehorſam ſein dem göttlichen Gebot auch ohne Cultus und ohne Kirche. Ah, eine Deiſtin? Und Du weißt alſo nicht, welche Strafe der Kaiſer den Deiſten zuerkennt? Du weißt auch nicht, daß der Kaiſer, welcher ſich einbildet, den Gedanken erlöſ't und die Geſinnung frei gegeben zu reſpee will, daß it? Und Er erlal Eriſtenz, und mit alſo, ein dem Kam des Aug ihr Unr Tochter Schatz werde unausg Iö liebten I zu habe gehorſa ihr zufß R. D abrede ich ge Baron hunde Rahel benhu kleinen dulege drauu dun welch — 107 gegeben zu haben, daß der Kaiſer, welcher ſich verrühmt, jede Religion zu reſpectiren, um jedem das Recht zu geſtatten, zu glauben, was er will, daß der Kaiſer auch ſeine Achilles-Ferſe hat, wo er verwundbar iſt? Und dieſe Achilles⸗Ferſe des Kaiſers, das iſt grade der Deismus. Er erlaubt den Juden, den Muhamedanern, den Proteſtanten ihre Exiſtenz, aber die Deiſten will er nicht dulden in ſeinen Staaten, und mit ſchimpflicher Prügelſtrafe will er ſie ausrotten.*) Hüte Dich alſo, eine Deiſtin zu werden, denn ich könnte hingehen und Dich bei dem Kaiſer anklagen! Aber dieſes Alles ſind ja nur Phantaſiegebilde des Augenblicks. Meine Tochter Rahel wird in ſich gehen, ſie wird ihr Unrecht bekennen und bereuen. Sie wird wieder meine gehorſame Tochter ſein, und ich werde ſie lieben und anbeten als den herrlichſten Schatz meines Lebens, und was die Vaterliebe erſinnen kann, das werde ich thun, um Dich glücklich zu machen, um Dir jeden noch unausgeſprochenen Wunſch zu befriedigen. Ich habe nur einen Wunſch, nur den, die Gattin meines Ge⸗ liebten werden zu können! rief Rahel glühend. Ihr Vater gab ſich den Anſchein, ihre Worte gar nicht gehört zu haben und fuhr ruhig fort: Ja, meine Rahel wird wieder eine gehorſame Tochter werden, ſie wird den Gemahl annehmen, den ich ihr zuführe! Niemals, niemals, mein Vater! Das Geſchäft war lange ſchon unter unſern beiden Familien ver⸗ abredet, das iſt ein gutes Geſchäft für uns Beide, dieſe Heirath, denn ich gebe meiner Tochter eine halbe Million baares Geld mit, und der Baron von Meyer bekommt von ſeinem Vater eine Million zweimal⸗ hunderttauſend Gulden. Außerdem zahlt der Schwiegervater meiner Rahel monatlich dreihundert Gulden Nadelgeld und ich gebe ihr ſie⸗ benhundert Gulden, ſo daß ſie tauſend Gulden monatlich zu ihren kleinen Ausgaben hat, und Niemanden über dieſelben Rechenſchaft ab⸗ zulegen braucht. Das iſt auch ein ganz gutes Geſchäft für eine junge Frau! Zudem gebe ich meiner Rahel einen Trouſſeau, wie nur eine Fürſtin ihn wünſchen kann; im Hof ſteht ſchon ihre Kutſche, auf welcher die adligen Wappen derer von Eskeles Flies und von Meyer *) Groß⸗Hoffinger. II. S. 160. 108 neben einander gemalt ſind, und im Stall ſtehen vier herrliche Rap⸗ pen, welche morgen Mittag die junge Baronin von Meyer, geborne von Eskeles Flies, in ihr neues Hôtel führen werden! Ah, mein Kind, freue Dich, denn Du wirſt jetzt auch, obwohl Du eine Jüdin biſt, doch von Geburt ſein. Weißt Du nicht, wie wir einſt dabei waren, als der Graf Fürſtenberg von einer ſchönen Dame ſprach, und man ihn fragte: was ſie für eine Geborne ſei?„Sie iſt gar keine Geborne, erwiderte der Graf, ſie iſt nur eine getaufte Jüdin!“ Die Jüdinnen ſind bisher keine Gebornen geweſen, aber meine Rahel wird eine Geborne ſein, denn ſie iſt eine Baronin, obwohl ſie eine Jüdin iſt. Frau Baronin von Meyer, geborne von Eskeles Flies, ich mache Ihnen mein Compliment. Sie werden die ſchönſte Equi⸗ page, das eleganteſte Hotel, den prächtigſten Salon haben, und alle vornehmen Grafen, Freiherren und Barone werden ſich herandrängen zu dem Salon der ſchönen Baronin von Meyer, und alle Damen der haute volée werden Dich beneiden und Dir doch ſchön thun, und Dir ſchmeicheln, weil Du reich biſt, außerordentlich reich! Alle dieſe Dinge werden ſich nicht begeben, ſagte Rahel vollkom⸗ men ruhig, ich werde niemals dem Baron von Meyer meine Hand geben! Du wirſt morgen in der Frühe dem Baron von Meyer ange⸗ traut werden, ſagte ihr Vater eben ſo ruhig. Alle Vorbereitungen ſind beendet, Dein Hötel iſt vollſtändig eingerichtet, Dein Trouſſeau iſt bereit, die nöthigen geſetzlichen Schritte ſind geſchehen, ich habe Alles in der Stille beſorgt, ohne Dich mit dieſen Vorbereitungen be⸗ läſtigen zu wollen, und nichts ſteht Deiner Vermählung mehr im Wege. Nichts als mein Wille, und dieſen wirſt Du nicht aus dem Wege räumen können! rief Rahel heftig. Du kannſt freilich den Prediger und den Mann, den ich heirathen ſoll, in mein Zimmer führen, aber ich werde dieſes Ja, welches der Prediger von mir for⸗ dern wird, nicht ſprechen, ich werde Nein rufen, und immer nur Nein, bis Gott un Himmel mich hört, und mir Rettung ſendet! Gott im Himmel wird Dich ebenſo wenig höxen, wie Dich der Prediger hören wird, der die Trauung verrichten ſoll. Ich habe ihn mir eigens aus Polen kommen laſſen zu dieſem Zweck, denn er iſt ſtocktaub, und Dein Nein wird ihn ebenſo wenig entſetzen, als ihn Dein mütl weiß phan gutes treue ſollte und halte alſo gebo glüch 109 e Rap⸗ Dein Ja entzücken kann. Herr Baron von Meyer aber wird groß⸗ müthig Dein Nein überhören; ich habe ihn auf Alles vorbereitet, er geborne er In Ue— 1b weiß, daß Du Dir einbildeſt, einen Andern zu lieben, er kennt Deine bn phantaſtiſchen Träume und er verzeiht ſie Dir, denn er macht ein daben gutes Geſchäft mit dieſer Heirath, und außerdem iſt er ein viel zu ſprach, treuer und eifriger Jude, als daß er mir nicht helfen und beiſtehen ii gar ſollte, meine Tochter zu erretten von den Verführungen der Chriſten, üdin!“ und ſte dem Glauben unſerer Väter in unverbrüchlicher Treue zu er⸗ Rahel halten. Du ſtiehſt, all' Dein Sträuben iſt vergeblich. Füge Dich de en alſo in Dein Schickſal, und nimm das glänzende Loos an, das Dir Flies geboten wird. 2. 1 Ich nehme es nicht an, rief Rahel. Lieber den Tod, lieber Un⸗ Equi⸗„ ull⸗ glück und Schande! 19t i0 Gott wird gnädigſt Dich vor Unglück bewahren, vor der Schande Nängen aber werden Dich die wachſamen Augen Deines Vaters zu behüten nen der wiſſen, ſagte Herr Eskeles Flies ruhig. Aber jetzt genug der Worte. u, und Ich verlaſſe Dich jetzt, mein Kind. Die Nacht beginnt zu dunkeln, 1 und ich habe noch allerlei kleine Anordnungen für den morgenden vlkom⸗ Tag zu treffen. Auch Du wirſt Dich noch vorzubereiten haben. In Hand der Stille der Nacht wirſt Du mit Dir Selber Dich berathen, wirſt überlegen und prüfen und wirſt endlich zu der Erkenntniß kommen, ange⸗ daß es am Klügſten und Weiſeſten iſt, ſich mit Anſtand in das Un⸗ tungen vermeidliche zu fügen. Denn unrvermeidlich iſt dieſe Heirath, und ouſſeau ich bin entſchloſſen, ſte durchzuſetzen. Füge Dich alſo und ſei mein h habe gehorſames Kind. Wir werden uns heute nicht wieder ſehen, Du gen be⸗ wirſt allein bleiben müſſen, aber das geziemt wohl einer Braut vor Wege⸗ dem Hochzeitstage, und damit das Alleinſein Dich nicht ennuyirt, dem habe ich Dir in den Staatsgemächern all' die Herrlichkeiten Deines ch den Trouſſeau ausbreiten laſſen. Du haſt nur nöthig, durch Deine Ge⸗ zinmer mächer Dich dorthin zu begeben, um Zerſtreuung und Unterhaltung it for⸗ zu finden. Alle Kronleuchter brennen, damit Du Alles genau ſehen Nein, kannſt. Lebewohl, meine Rahel, morgen wirſt Du die Baronin von Meyer! 2 ich Nein, niemals! rief Rahel, aber ihr Vater achtete nicht darauf, er ſchritt ruhig der Thür zu und ging hinaus.„Sie hörre, wie er 110 geräuſchvoll den Schlüſſel im Schloß umdrehte, ihn auszog und dann von dannen ging. Mit einem bangen Auſfſchrei ſtürzte ſie zu der Thür hin, ja, ſte hatte ſich nicht geirrt, dieſe Thär war verſchloſſen, ſie konnte ihr Zimmer nicht mehr verlaſſen. Aber ſie mußte hinaus, ſie mußte Günther Nachricht geben, er mußte ſie erretten von der Gefahr, die ſie bedrohte! Wo waren ihre Dienerinnen, wo war ihre treue, alte Amme? Rahel ſuchte ſie in ihren Zimmern, aber dieſe Zimmer waren leer, Niemand war da zu ſehen, ſie ſchellte heftig an allen Klingelzügen, aber Niemand kam. Nun erinnerte ſie ſich, daß ihr Vater geſagt, die Staatszimmer ſeien geöffnet, vielleicht fand ſie dort ihre Dienerinnen, vielleicht be⸗ ſchauten ſie dort die ausgeſtellten Schätze. Mit fliegender Haſt eilte Rahel durch ihre Zimmer fort und ſtieß die Thür auf, welche dieſe mit den Staatszimmern verband. Glän⸗ zende Helle ſtrahlte ihr entgegen, überall in der langen Reihe dieſer Säle brannten die Kronleuchter und warfen ihr funkelndes Licht auf die ungeheuren Spiegel, auf die Goldverzierungen, die Sammettapeten, die prunkvollen Meubles, die herrlichen Gemälde, die koſtbaren Tep⸗ piche, und endlich auf dieſe Fülle von Kleidern, Blumen, Spitzen und Putzgegenſtänden, die da auf den Stühlen und Tiſchen umher lagen und Zeugniß gaben von der Prachtliebe des Herrn Eskeles, der ſeiner Tochter die Ausſtattung einer Fürſtin gegeben hatte. Aber Rahel achtete auf alle dieſe Dinge nicht, ſie flog über das funkelnde Parquet dieſer Säle hin, bleich, mit keuchendem Athem, mit hochpochendem Herzen. Sie ſah nichts von den Schönheiten und der Pracht, die ſie umgab, ſie ſah nur die Thüren, welche da hinausführten auf den Corridor, und zu dieſen Thüren ſtürzte ſie hin und rüttelte an den Schlöſſern. Aber alle dieſe Thüren waren geſchloſſen, und keine Stimme ant⸗ wortete auf ihr lautes Rufen. Nur die koſtbaren chineſiſchen Vaſen auſ den goldenen Conſolen ſchienen zu erzittern, nur die ſtummen Geſtalten auf den Gemälden ſchienen zu lauſchen bei dieſer Stimme, welche auf einmal die todte Pracht und die ſchweigende Oede dieſer Säle unterbrach. 11 6 ſchrei und! hinab wie e zwing eines meine Her, an al richte die bliel den ſuch Blu ein war Gl gede ſelbe entſ herb Nof gro tor ſch di ind dann „ja, ſie unte ihr eben, et Amme! ren leer, gelzügen, tzimmer leicht be⸗ und ſtieß .. Gläͤn⸗ ibe dieſer eicht auf ettapeten, ren Tey⸗ iten und er lagen der ſeiner über das Athem m Alhe Feiter ch önl eite Raſen Vaſt nen hel „ſtumn alimme/ da dieſer 111 Ich bin eine Gefangene! rief Rahel mit einem wilden Schmerzens⸗ ſchrei. Eine Gefangene, und mein Vater iſt mein Kerkermeiſter! Sie lehnte einen Moment ganz zerbrochen an der letzten Thür, und blickte mit ſtieren Augen die lange Reihe dieſer glänzenden Säle hinab, dann murmelte ſie leiſe: Ich will frei ſein! Ich will nicht wie eine Sclavin mich unterwerfen! Keine Macht der Erde ſoll mich zwingen, einen Meineid zu begehen! Ich habe geſchworen, niemals eines andern Mannes Weib zu ſein, als meines Günther! Ich werde meinen Schwur halten oder ſterben! In dieſer Stunde hat ſich mein Herz losgeriſſen von meinem Vater, Niemanden gehöre ich jetzt mehr an als Günther, und Günther erwartet mich! Günther erwartet mich, wiederholte ſie leiſe, indem ſie ſich auf⸗ richtete und jetzt langſam, mit hochgehobenem Haupt, wieder durch die Säle dahinſchritt. Günther erwartet mich, flüſterte ſte immerfort, und mechaniſch blieb ſte hier und dort vor den ſchönen Sachen ſtehen, die da auf den Stühlen und Tiſchen ausgebreitet lagen, als wollten ſte ſie ver⸗ ſuchen und verlocken und das junge Mädchen zu ſich rufen mit ihren Blumen und Schleifen, ihren Spitzen und Stickereien. Aber Rahel war zu dieſer Stunde kein junges Mädchen, ſondern ein willenskräftiges, ſtarkes Weib, eine Heldin, welche entſchloſſen war, mit ihrem Schickſal und mit ihrem Vater zu kämpfen um ihr Glück. Günther erwartet mich! wiederholte ſie immerfort, träumend, gedankenvollz ſinnend. Worauf? Wozu? Das wußte ſte vielleicht ſelber nicht. Nur das fühlte ſie klar, daß ihr Geſchick ſich in dieſer Stunde entſcheiden, und daß ſie ſelber mit feſter Hand dieſe Entſcheidung herbeiführen müſſe. Günther erwartet mich, wiederholte ſte, als ſie eben vor dieſem großen, runden Tiſch ſtehen blieb, der in dem Hauptſaal unter dem großen Kronleuchter von Bergcryſtall aufgeſtellt war. Auf dieſem Tiſch befanden ſich die Schmuckkaſten und die Car⸗ tons mit den koſtbaren Taſchentüchern von Spitzen. Rahel's Auge ſchweifte flüchtig über alle dieſe Dinge hin. Sie dachte nicht daran, dieſe Etuis, dieſe Cartons öfſnen zu wollen. Sie ſah nur dieſe 11² großen, goldenen Lettern, welche da überall glänzend und hell ſich von dem purpurrothen Marroquin hervorhoben. „Rahel von Meyer“ ſtand auf all' dieſen Cartons, dieſen Etuis. Sie war alſo ſchon eine Andere! Sie hatte ſchon ihren Namen verloren in den Gedanken ihres Vaters, er hatte ſchon ihre Zukunft zur Gegenwart gemacht, und ihr wider ihren Willen den Namen dieſes Mannes beigelegt, den ſite kaum kannte, den ſie aber haßte, weil man ſie zwingen wollte, ihn zu lieben! Rahel von Meyer! ſagte ſie laut und langſam, wie ein Stein, fiel jedes Wort von ihren bleichen Lippen nieder. Rahel von Meyer! Ich bin das nicht und werde das nie ſein! Mein Vater hat mir alſo ſchon ſeinen Namen genommen, ich bin für ihn nicht mehr Ra⸗ hel Eskeles Flies! Wer bin ich denn? Ich bin Rahel Günther! rief ſie auf einmal laut und freudig, und ein glühendes Roth flog über ihre Wangen hin, und ihre Augen flammten auf vor Seligkeit. Ich bin Rahel Günther, ja das bin ich! ſagte ſie noch einmal. Und weil ich das bin, ſo iſt meine Stelle nicht mehr in dieſem Hauſe, und es geziemt mir nicht, hier umherzuwandeln zwiſchen den Schätzen, die nicht Mein ſind, ſondern der Baronin Meyer gehören. Mir nicht! Nicht der beſcheidenen, einfachen Rahel Günther, die nichts will und erſehnt, als das Herz ihres Geliebten! Oh, was kümmert mich all' dieſe nichtige Herrlichkeit, dieſer lächerliche Flittertand des Putzes! Rahel Günther hat nichts zu ſchaffen damit, ſte muß fort, fort aus dieſem Hauſe, das nicht mehr ihre Heimath iſt! Fort, denn Günther erwartet mich. Fort! Aber wie? fragte ſte ſich ſelber, einen bangen, verzweifelten Blick auf die verſchloſſenen Thüren, auf die hohen Fenſter werfend. Oh, warum kann ich nicht hinausfliegen wie ein Vogel, murmelte ſte leiſe. Alle meine Gedanken fliegen zu ihm hin, und doch muß ich hier bleiben, doch bin ich eine Gefangene! Plötzlich zuckte ſie zuſammen, wie von einem jähen Gedanken durchſchüttert. Ihre Augen flogen von dem Fenſter hinüber zu den Sachen, die da vor ihr ausgebreitet lagen, und ſchienen etwas zu ſuchen. Dann eilte ſie haſtig in das nächſte Gemach, und ſchauete wieder ſuche denn hin, haſtig nicht Es if im C laſſen Werk Haſt hüllt ihn haft hellſic n Etuis. Namen Zukunft Namen r haßte, Stein, Meyer! hat mir ihr Ra⸗ freudig⸗ re Augen einmal. n Hauſe, Schätzen, n. Mir e nichts tümmert tand des nuß fort, ort, denn ten Blick n. Ob, ſie leiſe⸗ ich hier ged anken r zu den etwas zu eie wiedet 113 ſuchend umher. Jetzt ſchien ſie gefunden zu haben, was ſie ſuchte, denn ein Lächeln umſpielte ihre Lippen, und ſie eilte nach jenem Tiſch hin, auf welchem ſich die Bänder und Schleifen befanden. Da dieſe Rolle des breiten, ſchweren Seidenbandes nahm ſte haſtig empor und rollte es vor ſich hin. Es iſt lang, viele Ellen lang, flüſterte ſie. Stark genug, um nicht zu zerreißen, lang genug, um mich ſicher hinunter zu bringen. Es iſt dunkel draußen und Niemand wird mich ſehen, Niemand wird im Garten ſein außer den Wächtern, und die werden mich hinaus⸗ laſſen, wenn ich ihnen ein Geldſtück gebe. An's Werk alſo, an's Werk! Die Nacht bricht an und Günther erwartet mich! Jetzt flog ſie zurück in ihr Wohnzimmer. Mit einer fieberiſchen Haſt nahm ſie Mantel und Hut aus den Schränken hervor und hüllte ſich ein. Dann warf ſie einen letzten Blick im Zimmer umher und ließ ihn mit einem Ausdruck tiefer Trauer auf dem Bildniß ihres Vaters haften, das da drüben über ihrem Divan hing. Lebe wohl, mein Vater! flüſterte ſie leiſe. Lebe wohl! Eine Thräne trat in ihr Auge, ſie ſchüttelte ſie aber raſch fort und wandte ſich ab. Eilenden Fußes, kaum wiſſend, was ſie that, flog ſie jetzt wieder zurück in die Säle. Keinen Blick hatte ſie für dieſe Herrlichkeiten, für dieſen Putz, der ſo viele Frauenherzen verlockt, nur das lange, breite Band, das ſie vorhin ausgerollt hatte und das da wie eine ungeheure, glitzernde Rieſenſchlange ſich über das Parquet des Saals hinzog, nur das ſah ſie, das begehrte ſie. Darnach allein bückte ſie ſich und hob es auf, und ſprang mit ihm vorwärts, raſch durch die Säle dahin, raſch vorwärts bis zu dem letzten Fenſter des kleinen Zimmers, das die lange Reihe abſchloß und deſſen Fenſter hinaus führten in den Park. Mit leiſer Hand öffnete Rahel eins dieſer Fenſter. Dann lauſchte ſie. Da drunten im Garten herrſchte eine lautloſe Stille, nur der Wind flüſterte ganz leiſe in dem dichten Gezweig der Bäume, nur hiier und da ſchlug ein Vogel wie im Traum einen Ton an. um Jetzt legte Rahel mit geſchäftigen Händen das lange, breite Band Kaiſer Joſeph. 3. Abth. III. 8 ern Knoten um das Fenſterkreuz und ließ es dann hinaus. Nun horchte ſie noch einmal, ſchaute noch einmal mit einem raſchen, angſtvollen Blick in die Säle zurück. Nichts regte ſich da. Die Kronleuchter brannten und blitzten in den Spiegeln und Goldverzierungen, die goldgeſtickten Gewänder, die Seidenkleider und Spitzen und Blumen, die ganze Herrlichkeit, welche morgen der jungen Frau Rahel von Meyer beſcheert werden ſollte, lag wartend da. Alles war ſtill! Nun ſchwang ſich Rahel auf das Fenſterbrett empor, nun um⸗ klammerte ſte mit ihren Armen das Fenſterkreuz und faßte dann nach dem Band und hielt es feſt mit beiden Händen. Dann that ſte einen raſchen Sprung hinab, und wie ſie das that, flüſterte ſie leiſe: „Günther erwartet mich!“——— in einem feſten, ſich III. Die Selbſttrauung. Günther, der Kabinetsrath und Geheim⸗Secretair des Kaiſers, war allein in ſeinem Gemach. Seit einer Stunde war er heimge⸗ kehrt aus der Burg. Die Geſchäfte des Tages waren beendet, er konnte jetzt wieder für einige Stunden wenigſtens ſich ſelber ange⸗ räumen von ihr, die er grenzenlos liebte, die er jetzt en nicht geſehen, von der keine Kunde zu ihm ge⸗ und an deren Liebe und Treue er doch nicht einen hören, konnte t ſchon ſeit Woch kommen war, Moment gezweifelt hatte. Ihr Vater wird ſie bewachen, ſagte Günther zu ſich ſelber, wie er jetzt auf dem Divan ausgeſtreckt, das Haupt in die Kiſſen zurück⸗ gelehnt, ſeinen Träumen und Gedanken ſich überließ, die ihn wie immer zu ihr hinführten. Der ſtolze Herr Baron wird ſte umgeben mit Spähern, die ihm Alles, was ſie thut, verrathen und ihm die Briefe wird d iſt? 8 grenzen lich de Wann E Schatt, ſich au E je nach behren d Günth ſpäter um ih G wachen 5 Günth E mit ih Augen W drüben unaus du ihn G Nium hün 4 Hauſ. einen weil geſch Dir es dann nit einem litzten in nder, die t, welch en ſollte, nun um⸗ ann nach ſie einen ſie leiſe: 3 Kaiſers, et heiuge eendit, er lber ange⸗ die er jet ihm ge⸗ ngt einen 115 Briefe auffangen, die ſie mir ſchreibt. Oh, Rahel, Rahel, wann wird dieſe Qual enden, dieſe Qual, welche doch mein einziges Glück iſt? Denn Du biſt der Engel meines Lebens, und ich liebe Dich grenzenlos! Wann wirſt Du Mein werden? Wann wirſt Du end⸗ lich Deinen Stolz überwinden und Deine keuſche Schüchternheit? Wann wirſt Du Mein werden? Er ſchwieg und verſank tiefer in ſich ſelbſt. Zuweilen flog ein Schatten über ſeine edlen, männlichen Züge hin, zuweilen hellten ſie ſich auf zu einem ſeligen Lächeln des Glückes. Er träumte und phantaſirte, und war glücklich oder unglücklich, je nachdem die Träume ſeiner Liebe ihm das Glück oder das Ent⸗ behren malten. Draußen an der äußern Thür ſchlug eben die Klingel heftig an. Günther achtete nicht derauf. Was kümmerte es ihn, wer da zu ſo ſpäter Abendſtunde noch kommen mochte. Sein Diener war ja da, um ihn abzuweiſen, um ſeinen Herrn zu verleugnen. Günther träumte ruhig weiter, träumte mit offenen Augen, mit wachen Sinnen. Hinter ihm öffnete ſich die Thür und ſchloß ſich leiſe wieder. Günther achtete nicht darauf, er träumte weiter mit offenen Augen. Er ſah ſie vor ſich in ihrer Schönheit und Lieblichkeit, ſah ſie mit ihren bleichen, durchſichtigen Wangen, ihren großen, brennenden Augen, ihren ſchwarzen Locken. Wie? War das noch immer ein Traum? Stand ſie nicht da drüben an der Thür, bleich und zitternd, die großen Augen mit einem unausſprechlichen Ausdruck auf ihn gerichtet, ſchwebte ſie nicht jetzt zu ihm heran mit leiſem, unhörbarem Schritt? Günther ſprang empor und flüſterte leiſe: Rahel, biſt Du's? Träume ich nicht? Biſt Du's wirklich, meine Rahel? Ich bin es! ſagte ſte. Ich komme zu Dir, mein Günther! Aber höre erſt, was ich Dir zu ſagen habe! Ich bin entflohen aus dem Hauſe meines Vaters, der mich verhandeln und verkaufen wollte an einen Menſchen, den ich haſſe und verabſcheue. Ich bin entflohen, weil ich morgen dieſes Mannes Weib ſein ſollte, und weil ich Dix geſchworen habe, keinem Manne anzugehören, außer Dir. Ich bringe Dir keine Millionen, keine Schätze, ich komme zu Dir als eine Bett⸗ 8* 3 116 lerin, eine Bettlerin, deren einziges Erbtheil der Fluch ihres Vaters ſein wird, ich bringe Dir nichts, als meine Liebe, meine Treue, nichts als ein Herz, welches Dich unausſprechlich liebt. Günther, willſt Du mich annehmen? Willſt Du, daß ich Dein ſei für alle Ewigkeit? Willſt Du mich haben und halten an Deinem Herzen? Günther ſchaute ihr mit einem feſten langen Blick in die großen forſchenden Augen, und was ſie in dieſen Augen und auf dieſem edlen männlichen Antlitz geleſen, mußte troſtreich und glückverheißend ſein, denn ein ſanftes Lächeln glitt über ihre Züge hin. Ich will Dich halten an meinem Herzen, als mein ſchönſtes und heiligſtes Kleinod, ſagte er nach einer langen Pauſe mit ernſter feier⸗ licher Stimme. Ich will verſuchen mich würdig zu zeigen des edlen und ſchönen Glückes, das meine Rahel mir heute darbietet, und das ich ſo lange ſchon vom Himmel erflehe als den ſchönſten und heiligſten Segen meines Lebens. Komm, meine Rahel, komm und überzeuge Dich, daß es ſo iſt! Er legte ſanft ſeinen Arm um ihre Geſtalt, und zog ſie vor⸗ wärts durch das Zimmer, und öffnete die Thür da drüben. Komm, Deine Wohnung iſt bereit, meine Rahel, ſagte er lächelnd, ſie durch die Thür geleitend. Sie traten jetzt in einen Salon, der mit äußerſter Eleganz und Zierlichkeit, aber fern von allem Glanz und allem Prunk eingerichtet war. Ein einfacher Kronleuchter erleuchtete den Raum und ließ ſein mattes Licht auf die Divans und Seſſel fallen, die da um den runden Marmortiſch ſtanden, und ihre Gäſte zu erwarten ſchienen. Das iſt Dein Salon, ſagte Günther, komm nun in Dein Wohn⸗ zimmer! Sie traten ein in das nächſte Gemach; auch hier brannte, wie in dem Salon, ein einfacher Kronleuchter, und beleuchtete die geſchmack⸗ volle Einrichtung dieſes mit Comfort und ſinniger Eleganz aus⸗ geſtatteten Gemachs. Dort, ſagte Günther, auf die entgegengeſetzte Thür deutend, dort iſt Dein Toilettenzimmer, und dahinter Dein Schlafgemach, meine Rahel. Seit einem halben Jahr erwartete dieſe Wohnung Tag und Nacht ihre Herrin, und damit ſie zu jeder Zeit alles bereit finde, brannten allnächtlich dieſe Lichter. Rahel, ich erwartete Dich ſchon f ſo lan biſt D zu Del Du do dieſe 6 Und n Wann Segen wird! 117 ſo lange, und mein Herz ermattete faſt in hoffnungsloſer Pein. Jetzt biſt Du da, endlich da! Jetzt biſt Du heimgekommen aus der Fremde zu Deinem Angehörigen, jetzt biſt Du in Deiner Heimath, und mögeſt Du darin bleiben und glücklich ſein, und dieſe Stunde nie bereuen, dieſe Stunde, welche ich preiſe als den Grundſtein meines Glückes! Und nun, Rahel, frage ich Dich, wann wird unſere Hochzeit ſein? Wann wird meine Rahel die Taufe der Liebe empfangen, damit der Segen unſeres Glückes über uns ausgeſprochen werde? Rahel, wann wird unſere Hochzeit ſein? Niemals! ſagte Rahel feierlich. Günther ſchaute ſte mit ſtaunenden Blicken an. Niemals? Du willſt alſo nicht meine Gemahlin werden? Ich kann es und darf es nicht, Günther. Ich habe mit einem heiligen und feierlichen Eide geſchworen, niemals eine Chriſtin zu werden, ich habe es geſchworen bei dem Grabe meiner Mutter! Ich kann nicht meineidig werden, ich muß meinen Schwur halten! Aber ich bin Dein und bleibe Dein, ich gehöre nur Dir an, für Dich nehme ich die Schande auf mich, und den Hohn der Welt! Gott ſieht in unſere Herzen, und Gott wird Verzeihung haben für eine Liebe, welche auf Erden vergeblich den Segen ſucht, und ihn nur im Himmel und bei Gott finden kann! Günther, wirſt Du mich verſtoßen, weil ich eine Jüdin bin, eine Jüdin bleiben muß? Sie ſchaute ihn an mit einem Blick voll unendlicher Liebe, und reichte ihm ihre beiden Hände dar. Er neigte ſich auf ſte nieder, und indem er ſie küßte, ſank er auf ſeine Kniee nieder. Rahel, ſagte er laut und feierlich, auf meinen Knieen ſchwöre ich Dir, ich will Dich ewig lieben, und der Inhalt meines ganzen Lebens ſoll das Beſtreben ſein, Dich glücklich zu machen. Rahel, auf meinen Knieen ſchwöre ich zu dem allmächtigen Gott, Dich zu achten und hochzuhalten, als mein edles keuſches Weib, und nimmer von Dir zu laſſen und nimmer Dir die Treue zu brechen! Rahel war leiſe neben ihm niedergeſunken, und ihre Rechte in die ſeinige legend, die Augen fromm gen Himmel gewandt, ſagte ſie mit begeiſterter Stimme: auf meinen Knieen ſchwöre ich Dir, ich will Dich ewig lieben und der Inhalt meines ganzen Lebens ſoll das Be⸗ ſtreben ſein, Dich glücklich zu machen. Auf meinen Knieen ſchwöre 118 ich zu dem allmächtigen Gott, Dich zu ehren und hochzuhalten als meinen Gatten und meinen Herrn, Dir ein gehorſames Weib zu ſein, und nimmer Dir die Treue zu brechen! Nun neigten ſie ſich zu einander und küßten ſich, und um⸗ ſchlangen ſich einander feſt und innig, und ruhten einander in ſtummer ſeliger Umarmung. Dann zog Günther die Geliebte ſanft von ihren Knieen empor. Das war die heilige Trauung unſerer Herzen! ſagte er. Die Liebe war unſer Prieſter, und Gott war unſer Zeuge, und hat unſere Schwüre vernommen. Jetzt, Rahel, biſt Du mein Weib, und Gott und die Liebe ſegnen Deinen Einzug in mein Haus! VI. Im Augarten. Im Augarten war heut ein glänzendes Leben. Der erſte ſchöne Frühlingstag hatte die vornehme Welt hinausgelockt in's Freie, und hunderte von Equipagen und hunderte von eleganten Reitern bewegten ſich in den großen Alleen des Augartens auf und ab. Da ſah man die glänzende Equipage der Fürſtin Eſterhazy, gefolgt von zwanzig Leibhuſaren in den Farben des Fürſten, da war die Equipage des neuen Fürſten Palm, der die vier Rappen, welche dieſelbe zogen, mit gediegenem Gold hatte aufſchirren laſſen, da war das vergoldete Vis⸗a⸗Vis der ſchönen Gräfin Thun, deſſen Wände mit herrlichen Gemälden der erſten lebenden Künſtler geſchmückt waren, da war die Caroſſe des Grafen Dietrichſtein, beſpannt mit vier milchweißen Pferden, deren ſchlanke zierliche Füße behangen waren mit Bracelets von Gold und Cdelſteinen, die würdig geweſen wären, die Arme der ſchönſten und vornehmſten Damen zu ſchmücken, und da war eendlich eine Un⸗ zahl von den eleganteſten prächtigſten Equipagen, prangend mit den Wappen der erſten und größten Ariſtocratenfamilien Oeſterreichs, Ungarns und der Lombardei. ( der ga ſtrahle darzub A ihren große Arbeit Grüns ſonne vornel allen, zu fin als ſein, um⸗ mer hren ſagte und Jeib, 119 Es ſchien, als halte der Frühling heute ſeine erſte Cour, und der ganze vornehme Adel ſei herbeigeſtrömt, um dem lächelnden ſonnen⸗ ſtrahlenden Fürſten, der jetzt die Welt beherrſchte, ſeine Huldigung darzubringen und von ihm erwärmt zu werden mit einem Sonnenblick. Aber nicht bloß die Ariſtocratie in ihren Equipagen und auf ihren koſtbaren Pferden machte heut im Augarten dem Frühling ihre große Cour, ſondern auch der gemeine Mann, der Bürger und der Arbeiter, das Volk war in Maſſen hingeſtrömt, um des ſproſſenden Grüns der Bäume, der warmen erquicklichen Luft, der ſchönen Frühlings⸗ ſonne zu genießen, und nebenbei ſich zu ergötzen an dem Anblick der vornehmen Herren und Damen und ihrer Equipagen und Pferde, vor allen Dingen aber den Kaiſer zu ſehen, der jeden Mittag jetzt dort zu finden war. Ein beſonders lebhaftes Wogen und Drängen fand daher heute nach dem großen Platz in der Mitte der Hauptallee ſtatt, Tauſende und aber Tauſende ſtrömten aus allen Gängen und Alleen dorthin, denn dort war der Kaiſer, und dort auch war der ganze Hof, und man konnte in nächſter Nähe dieſe vornehmen Damen ſehen, die ſonſt dem Volk ſo unnahbar nur in ihren vorüberfliegenden Equipagen, oder in der Loge des Theaters erſchienen, man konnte Ellenbogen an Ellenbogen mit den großen Herrn ſtehen, die man ſonſt nur hoch zu Roß, oder an den Fenſtern ihrer Paläſte im vornehmen Niederblicken auf das Volk aus der Ferne bewundert hatte, und endlich konnte man da den Kaiſer ſehen, der in liebenswürdigſter Einfachheit ſich auf⸗ und abbewegte, und in unbefangener Natürlichkeit, ganz ohne das Weſen vornehmer Herablaſſung, ſich unter die Menge miſchte, hierhin und dorthin freundliche Worte richtete, und ſich oft eben ſo lange und angelegentlich mit dem einfachen Bürgersmann unterhielt, als mit hochgebornen Ariſtocraten. Der Kaiſer war vom Pferd geſtiegen, und ging jetzt zu Fuß auf und ab. Das war das Zeichen für alle Cavaliere geweſen, gleich⸗ falls ſich von ihren Roſſen zu ſchwingen, und dem Kaiſer zu folgen, das Zeichen auch für die Damen, ſich von den ſchwellenden Sammet⸗ polſtern ihrer Caroſſen aufzurichten und mit ihren ſeidenbeſchuheten Füßen die niedere Erde berühren. Ihre Equipagen ſtanden Kopf an Kopf in unabſehbarer Menge die lange Allee jenſeits des Platzes hin⸗ 120 unter, und daneben pirouettirten die Reitpferde, die am Zügel geleitet von der Hand der reichgekleideten Jokeys ihrer Cavaliere harrten. Der ganze übrige Garten war jetzt leer, Alles hatte ſich nach dieſem Platz hingedrängt, und ein ungeheures Menſchengewoge füllte denſelben aus, alle Etiquette, alle Rangunterſchiede hatten aufgehört und in freudiger, ſtaunender Neugierde drängte das Volk ſich immer näher und näher heran, und durchbrach arglos die lebendige Mauer von Cavalieren, deren Abſicht es geweſen, in der Mitte des Platzes wenigſtens ſich und dem Hof eine Stelle zu bewahren, wohin das gemeine Volk ſeine profanen Schritte nicht richten könne. Der Kaiſer hatte weder das Bemühen der Cavaliere, noch das rückſichtsloſe Vordrängen der nicht courfähigen Menge bemerkt, aber er ſah jetzt die finſtern, mißmüthigen Geſichter der Cavaliere, die ihn umgaben, ſah, wie ſie zornige Blicke hinter ſich warfen auf die gaffende Menge. Was iſt Ihnen Allen denn widerfahren, meine Herren? fragte Joſeph lächelnd. Weshalb ſind Ihre Geſichter auf einmal ſo trübe und verſtört, daß man wahrhaftig meinen ſollte, es ſei plötzlich über Ihnen Allen ein Unglück eingebrochen? Sie ſchweigen Alle? Nun? Sprechen Sie, Herr Graf Fürſtenberg, was iſt es? Sire, ich weiß nichts, ſagte der Graf verlegen. Sie wiſſen nichts? Und doch iſt auch auf Ihrer Stirn eine Wolke? Sprechen Sie alſo, aber die Wahrheit. Ew. Majeſtät befehlen es? Ich befehle es! Nun denn, Sire, wir finden Alle, daß dieſe Menge des Volkes hier ſehr beläſtigend iſt, und daß es ein wenig ſehr unbequem iſt, ſich von dieſen Menſchen begaffen und anſtieren zu laſſen, als wäre man irgend eine monſtröſe Seltenheit, die von den Südſeeinſeln, oder aus einem Raritäten⸗Cabinet gekommen, und hier ausgeſtellt worden. Es iſt wahr, die Neugierde der Wiener iſt ein wenig lebhaft und feurig, ſagte der Kaiſer lächelnd, indem er ſeine großen blauen Augen mit einem freundlichen Blick über die Menſchenmaſſen dahin gleiten ließ. Aber nennen wir doch das Herandrängen der guten Leute nicht Neugierde, ſondern Liebe, dann wird es uns ſehr willkommen ſein. Majeſtät halten zu Gnaden, es wäre auch dann noch höchſt un⸗ bequen gnädi Gw. T dem g⸗ ü- Aaflug S wöchte T N und b Gire, Gemem Spaz behal der u Dam d son Einen wenig und und gleich verla ein a ſein binal keine kehre Kaiſ Va Joſe leitet 1. nach füllte ehört nmer tauer atzes das das aber ihn fende ragte trübe über tun? eine olkes n iſt, wäre oder jrden bhaft lauen dahin Leute ſein. Jun⸗ 121 bequem, ſagte Graf Fürſtenberg achſelzuckend. Wenn mir Ew. Majeſtät gnädigſt eine Meinung geſtatten wollen, ſo wage ich zu glauben, daß Ew. Majeſtät wirklich zu großmüthig und liberal geweſen, als Sie dem gemeinen Volk dieſe herrlichen kaiſerlichen Gärten geöffnet. Wirklich, glauben Sie das? ſragte Joſeph mit einem leichten Anflug von Spott. Sir, wir glauben das Alle, und im Namen des ganzen Adels möchte ich es wagen, Ew. Majeſtät meine Bitte vorzutragen. Wagen Sie es immerhin, Herr Graf! Nun denn, Majeſtät, ſo bitte ich Sie im Namen aller Cavaliere, und beſonders im Namen aller unſerer Damen: haben Sie die Gnade, Sire, und erlöſen Sie Ihren getreuen Adel von dieſer unangenehmen Gemeinſchaft mit dem niedern Volk! Mein Gott, alle Gärten, alle Spaziergänge ſind jetzt dieſen Leuten offen! Nirgends giebt es Vor⸗ behalte, abgeſperrte Alleen, nirgends iſt man ſicher, daß Einem der ungeſchliffene Pöbel nicht das bordirte Kleid beſchmutzt, oder den Damen die zarten Roben zerreißt, oder zertritt, nirgends iſt man à son aise. Wir beſchwören alſo Ew. Majeſtät, wollen Sie wenigſtens Einen der kaiſerlichen Gärten der Menge verſchließen, wollen Sie wenigſtens den Prater reſerviren, und uns Allen wieder das ſichere und angenehme Gefühl gönnen, daß man dort unbeachtet ſich ergehen und die ſchönen Lüfte genießen kann, nur in Geſellſchaft von Seines⸗ gleichen.*) Joſeph hatte dem Grafen mit lachendem Antlitz zugehört. Sie verlangen immer unter Ihresgleichen zu ſein, ſagte er. Wenn ich ein ähnliches Verlangen trüge, wenn ich immer unter Meinesgleichen ſein wollte, ſo müßte ich in die kaiſerliche Gruft bei den Kapuzinern binabſteigen und darin meine Tage zubringen.**) Ich habe aber durchaus keine Luſt dazu, und ziehe es entſchieden vor mit allen Menſchen zu ver⸗ kehren, und ſie für Meinesgleichen zu halten. So mögen es meine *) Der hohe Adel Wiens wandte ſich in der That mit einer Eingabe an den Kaiſer und bat um die Schließung des Praters. Dieſer Eingabe ſind die obigen Worte entlehnt. Siehe: Hübner. I. S. 53. **) Des Kaiſers eigene Worte. Siehe: Ramshorn Lebensgeſchichte Kaiſer Joſephs II. 122² Herren Cavaliere denn auch thun, und auch diejenigen für Ihres⸗ gleichen halten, die nicht durch den Zufall der Geburt mit einem adlichen Wappen und einem hochtönenden Namen geſchmückt ſind. Ich werde dieſen guten Leuten keinen meiner Gärten verſchließen, denn ich habe ſie ihnen ja geöffnet, weil ich ſie ſchätze.*) Er nickte dem Grafen einen flüchtigen Gruß zu und wandte ſich an die Gräfin Pergen, welche unweit von ihm ſtand. Ah, ich heiße Sie willkommen in Wiens Frühlingsluft, ſagte der Kaiſer ſich verneigend. Sie waren lange verreiſt, wie ich höre. Darf man wiſſen, wie es Ihnen ergeht? Treès- bien, votre Majesté! erwiderte die Gräfin, ſich tief ver⸗ neigend. Der Kaiſer runzelte die Stirn. Warum ſprechen Sie denn nicht Deutſch? fragte er haſtig. Wir ſind ja in Deutſchland!**) Und ohne die Dame eines Wortes oder eines Blickes weiter zu würdigen, wandte der Kaiſer mit verdrießlichem Geſicht ſich ab. Auf einmal indeſſen erhellte ſich ſein Antlitz und ſich lebhaft durch die Um⸗ ſtehenden hindurchdrängend, die nicht Platz hatten bei Seite zu treten, näherte er ſich jenem jungen Mann, mit dem bleichen jugendlichen Angeſicht, deſſen große blaue Augen mit einem ſanften lächelnden Ausdruck dem Kaiſer entgegenleuchteten. Joſeph nickte ihm lebhaft zu und reichte ihm ſeine Hand dar, und die Cavaliere ſahen mit Entſetzen, daß dieſer junge Mann, deſſen einfacher brauner Rock nicht mit dem kleinſten Ordenszeichen decorirt war, nicht wie es doch die Ehrſurcht und die Hofſitte erheiſchte, die dargereichte kaiſerliche Hand an die Lippen drückte, ſondern daß er ſie herzhaft in der ſeinen ſchüttelte, als wäre der Kaiſer wirklich Seinesgleichen. Seht da, unſer junger Maeſtro Mozart, rief der Kaiſer heiter. Sind Sie hierhergekommen, Mozart, um die Nachtigallen des *) Als der Kaiſer den Augarten einrichten und ihn dem Publikum öffnen ließ, ward über der großen Eingangspforte eine Tafel angebracht, auf welcher dieſe von dem Kaiſer ſelbſt angeordnete Inſchrift ſich befand:„Allen Menſchen gewidmet von ihrem Schätzer.“ **) Groß⸗Hoffinger. Th. III. Augar pfeifen Ihre! und bo Nachti⸗ B. letnen lauſchen mir no Oper, ſehnſue D ſah ih nicht einen legt, 1 zu br. Sie ſ meiner Verke Strail 1 aus d gar zu S — . Snu Oxeind geneigte alsdan Naza Mutte . Liebes haſter Lehen 123 Augartens auch die Melodieen aus Ihrer„Entführung aus dem Serail“ pfeifen zu lehren? Iſt's Ihnen denn nicht genug, daß alle Menſchen Ihre Melodieen ſingen und trällern, und daß ſie in jeder Kehle ſtecken, und von allen Damenlippen wiedertönen? Müſſen auch noch die Nachtigallen ſie lernen? Behüt' Gott, Majeſtät, rief Mozart lachend, ich vielmehr ſollt' lernen von den Nachtigallen, und die himmliſche Muſik ihnen ab⸗ lauſchen, die Gott der Herr in ihre Kehle gelegt. Vielleicht gelingt's mir noch und ich ſchreib' eines Tages noch für meinen Kaiſer eine Oper, in welcher alle Nachtigallen des Augartens ihre zärtlichen und ſehnſuchtsvollen Lieder austönen laſſen. Der Kaiſer legte ſanft ſeine Hand auf Mozart's Schulter und ſah ihm lächelnd in das feine bleiche Angeſicht. Der Mozart hat nicht nöthig von den Nachtigallen zu lernen, ſagte er, Gott hat ihm einen ganzen Schatz von Himmelsmelodieen in ſeine eigene Bruſt ge⸗ legt, und er hat nur nöthig die Feder zu nehmen und ſie zu Papier zu bringen. Ihre Entführung aus dem Auge Gottes,— nicht doch, Sie ſehen ich bin ein rechtes Wiener Kind und mache auch die Späße meiner Wiener mit. Sagen Sie doch, welches von Ihren beiden Werken hat Ihnen mehr Mühe gemacht, die Entführung aus dem Serail, oder die aus dem Auge Gottes?*) Wahrhaftig, Sire, rief Mozart lachend, ich glaube beinahe die aus dem Auge Gottes. Es hat gar vieler Bitten und Klagen und gar großen Jammers und Verzweifelns bedurft, ehe ich das Werk zu Stand' gebracht! *) An dem Tage, an welchem Mozart ſeine Oper„die Entführung aus dem Serail“ zum erſten Mal in Wien zur Aufführung brachte, entführte er nach der Opernvorſtellung ſeine geliebte Conſtanze aus dem Hauſe ihrer ſeiner Liebe ab⸗ geneigten Mutter, und geleitete ſie zu einer gemeinſchaftlichen edlen Freundin, die alsdann die Verſöhnung zu Stande brachte, und in deren Hauſe die Vermählung Mozart's mit Conſtanzen ſtattfand. Das Haus, in welchem Conſtanze mit ihrer Mutter wohnte, hieß„das Auge Gottes“, und die Wiener, welche Mozart's Liebesgeſchichte eben ſo gut kannten als ſeine Oper, pflegten dieſe letztere ſcherz⸗ hafter Weiſe„die Entführung aus dem Auge Gottes“ zu nennen. Siehe: Niſſen's Lebensgeſchichte Mozart's. 124 Nun, Sie haben's aber doch fertig gebracht, und juſt am ſelben Tag mit Ihrem andern Werk? Beide Aufführungen auf Einmal? Eine nach der andern, Sire! Erſt das Werk, das ich im Noten⸗ heft unterm Arm trug, und dann das, welches ich im Herzen trug. Und beide Werke ſind Ihnen wohl gelungen, und ich gratulire Ihnen dazu! Alſo ich mache Ihnen mein Compliment zu der Ent⸗ führung aus dem Serail. Es iſt eine hübſche Oper! Sehr gut, ſehr brav, nur gar zu viele Noten! Grade ſo viel, als nöthig ſind, Sire, rief Mozart lebhaft, dem Kaiſer feſt in die Augen ſchauend. Joſeph lächelte. Kann auch ſein, Maeſtro, ſagte er ſanft, Sie müſſen das freilich beſſer verſtehen, als ich. Weil Sie's beſſer ver⸗ ſtehen, fuhr er fort, indem er ſich näher zu Mozart hinneigte und ſeine Stimme zu leiſem Flüſtern dämpfte, weil Sie's beſſer verſtehen, hab' ich ihnen ja meine Sonate gegeben, daß Sie ſie ein wenig durchſehen, und mir Ihr Urtheil ſagen. Und ich bin ungeduldig und ängſtlich wie's jedem angehenden Künſtler und Componiſten zu gehen pflegt. Alſo ſchnell heraus damit, Herr Kapellmeiſter, wie finden Sie meine Sonate? Mozart ſchwieg einen Moment, und wiegte ſinnend ſein Haupt, der Kaiſer ſchaute ihn geſpannt und faſt ängſtlich an. Nun ſo ſprechen Sie doch, ſagte er ungeduldig. Wie finden Sie meine Sonate? Die Sonate iſt wohl recht gut, Sire, ſagte Mozart zögernd, wohl recht gut, aber,— fuhr er raſcher fort, der, welcher ſie gemacht hat, iſt doch noch viel beſſer. Nehmen's halt nit übel, Majeſtät, wenn Sie ein paar Fenſter darin finden.*) Der Kaiſer lachte. Alſo auch zu viel Noten? fragte er. Sie urtheilen über meine Sonate, wie ich über Ihre Oper. Nur daß Ihr Urtheil in dieſen Dingen competenter iſt als meins, und daß Sie gewiß Recht haben werden. Laſſen Sie uns bald eine neue Oper haben, aber wieder etwas Heiteres und Luſtiges. Die Muſik ſoll das Herz erfreuen und erheitern, nicht es betrüben. Addio! Er nickte Mozart noch einmal zu, und wandte ſich dann wieder *) Dieſe Scene iſt hiſtoriſch und wortgetreu.(Siehe: Niſſen. Biographie Mozart's.) Unter„Fenſter“ verſtand Mozart die von ihm durchſtrichenen Stellen. nach ſe der la jungen, geſehen M. eilen w Nieman Veliebe ich lieb Sie al Pferd E ging i T ſtreng beweg er ebe 6 ihm j Stimn und d ſchäfti Ange nicht Sie! für e für d aller eine und ſelben mal? Noten⸗ trug. ratulire r Ent⸗ or gut, ft, dem ft, Sie er ver⸗ te und rſtehen, wenig eduldig iſten 5 r, wit Haupt, Nun ſo Zonate! ögernd, gemacht hajeſtit Eie ur daß ind dah ne nelle Muſik lo! 1 wieder oqraphie Ftellen⸗ Sicl 125 nach ſeinen Cavalieren um, die mit befremdeten, finſtern Geſichtern der langen und vertraulichen Unterredung des Kaiſers mit dem jungen, unbedeutenden kleinen Kapellmeiſter der kaiſerlichen Oper zu⸗ geſehen hatten. Meine Erholungsſtunde iſt vorüber, ſagte Joſeph, und ich muß eilen wieder heim zu kommen zu meinen Acten. Ich bitte aber, daß Niemand ſich nach mir genire, ſondern hier bleibe ganz nach ſeinem Belieben. Ich bin kein Freund der Ceremonien, wie Sie wiſſen, und ich liebe es ebenſo wenig genirt zu werden, als zu geniren. Bleiben Sie alſo! Ich weiß genau die Stelle, wo mein Jokey mit meinem Pferd ſteht, und ich wünſche allein dorthin zu gehen. Er grüßte die Cavaliere mit einem freundlichen Kopfnicken, und ging über den jetzt ſchon lichter gewordenen Platz hin. Mit einmal blieb er ſtehen, und ſeine Miene hatte jetzt einen ſtrengen, finſtern Ausdruck angenommen. Mit einer ſchnellen Hand⸗ bewegung winkte er den jungen Grafen Podſtadzky Liechtenſtein, den er eben unfern von ſich bemerkt hatte, zu ſich heran. Graf Carl Podſtadzky näherte ſich ihm und wollte ſich eben, vor ihm ſtehend, ehrfurchtsvoll verneigen, als der Kaiſer mit rauher Stimme ſagte: Keine Ceremonien, Herr! Es iſt hier nicht der Ort und die Zeit dazu. Was thun Sie hier in Wien? Womit be⸗ ſchäftigen Sie Sich? Der Graf blickte dem Kaiſer erſtaunt in das finſtere zorngeröthete Angeſicht. Sire, ſagte er, ich beſchäftige mich, wie es eben kommt. Das heißt, Sie reiten, fahren, ſpielen und jubiliren, wenn Sie nicht noch etwas Schlimmers thun, rief Joſeph haſtig. Ich glaubte, Sie hätten Wien verlaſſen, Graf! Sie ſollten es thun, es wäre beſſer für Sie, wenn Sie Sich auf Ihre Güter zurückzögen und arbeiteten für das Wohl Ihrer Unterthanen. Der Müßiggang iſt die Mutter aller Laſter, und ich fürchte ſehr, Sie werden, wenn Sie noch einen Tag länger in Wien bleiben, Ihren Aeltern Schande und Verdruß bereiten. Reiſen Sie alſo ab.*) *) Des Kaiſers eigene Worte. Siehe: Characterzüge, Memorabilien und hiſtoriſche Anekdoten von Kaiſer Joſeph II. Herausgegeben von keinem Reichs⸗ hiſtoriographen. I. S. 68. 126 Der Kaiſer ging, ohne zu grüßen, weiter, und bald ſah man ihn, wie er hoch zu Roß, nur von einem einzigen Jockey gefolgt, durch die Menge ritt. Graf Podſtadzky ſchaute ihm gedankenvoll ſinnend nach. War das ein Zufall, oder war das Abſicht? fragte er leiſe ſich ſelber. Wollt' er mich warnen, und ahnt er etwas? Oder iſt es nur im Allgemeinen ſeine Weiſe ſo? Man weiß ja, daß der Kaiſer ſogar von dem Edelmann verlangt, daß er arbeiten und ſich nützlich machen ſoll! Ah bah, ich werde zu Arabella gehen, und mit ihr überlegen! V. Der Abſchied. Sie ſaßen zuſammen in dem kleinem Cabinet, welches ſonſt ſo oft wiederhallt hatte von ihrem Lachen und ihren Scherzen, in welchem ſte oft der ganzen Welt gehöhnt, und die thörichten Menſchen ver⸗ ſpottet hatten. Heute war das Lachen verſtummt, heute lag ein Schatten auf dem Antlitz der Gräfin Baillou, heute war ſelbſt der leichtſinnige und lebensluſtige Graf Podſtadzky ernſt und ſinnend. Die Gräfin war herrlich geſchmückt; ein goldgeſticktes Sammet⸗ kleid umhüllte ihre ſchöne ſtolze Geſtalt, ein Diadem von Brillanten blitzte auf ihrer hohen Stirn, und köſtlich geſchmückt waren ihre Arme und ihr wundervoller nackter Hals. Sie war eben im Begriff ge⸗ weſen zu einem Diner bei der Fürſtin Karl Lichtenſtein zu fahren, als der Graf Podſtadzky gekommen war, und die ſeltſamen Nach⸗ richten, die er ihr gebracht, hatten ſte veranlaßt daheim zu bleiben, und der Fürſtin Lichtenſtein ihre Entſchuldigung zu ſenden. Seit einer Stunde waren ſie beiſammen und überlegten! Ueber⸗ legten den Sinn jedes Wortes, welches der Kaiſer geſprochen, und machtel von an d. iſt⸗ fra Jo liebt es lieht es wenn d ſein ſo das V beliebt du we und K. fen P wohlg 3 ſo bed gehein W Dich d „ 1 füͤrchte bleibe alſo e prach Gefah laſt m fühlte uns a m ihn, durch War ſelber. ur im ar von nachen legen! nſt ſo elchem n vel⸗ n auf innige mmet⸗ lanten Arme ff ge⸗ ahren, Nach⸗ „ und , leber⸗ umd 127 machten darnach ihre Pläne, die immer wieder verworſen, immer wieder von andern verdrängt wurden. Du glaubſt alſo wirklich nicht, Arabella, daß Gefahr vorhanden iſt? fragte der Graf jetzt nach einer langen Pauſe. Ich glaube es nicht, ſagte Gräfin Baillou ſinnend. Der Kaiſer liebt es bekanntlich, immer und überall guten Rath zu ertheilen, er liebt es, den Ariſtokraten rauh und lieblos zu begegnen, beſonders, wenn das im Beiſein des Volkes geſchehen kann, damit dies entzückt ſein ſoll von ſeiner Strenge gegen den Adel, ſeiner Leutſeligkeit gegen das Volk. Ich glaube, er wollte ſich alſo wieder nur bei dem Volk beliebt machen, als er mit ſo ernſter, zürnender Miene zu Dir ſprach. Du weißt wohl, das gute, dumme Volk ſpielt immer den Moraliſchen und Keuſchen gegenüber den Bevorzugten, und es hat von dem Gra⸗ fen Podſtadzky allerlei Dinge vernommen, die ihm vielleicht nicht wohlgefallen. Ich glaube, das iſt Alles! Der Graf ſchüttelte leiſe ſein Haupt. Der Ton des Kaiſers war ſo bedeutungsvoll, ſo pointirt, ſagte er. Man ahnte, daß ein tieferer, geheimnißvoller Sinn in ſeinen Worten lag. Das heißt, mein theurer Carlo, Deine ſtets wache Furcht ließ Dich das ahnen! Und dieſe Worte ſelbſt, waren ſie nicht inhaltsvoll genug?„Ich fürchte ſehr, Sie werden, wenn Sie noch einen Tag länger in Wien bleiben, Ihren Aeltern Schande und Verdruß bereiten. Reiſen Sie alſo ab.“ Das waren ſeine letzten Worte, Arabella, und wie er ſie ſprach und wie er mich anſchauete! Arabella, Arabella, es droht uns Gefahr! Ich fühle, ich weiß es! Mir iſt es, als wenn eine Centner⸗ laſt meine Bruſt beſchwerte, als wenn meine Arme ſchon die Ketten fühlten, die bald ſie läͤhmen könnten. Arabella, laß uns fliehen, laß uns abreiſen, ſogleich, auf der Stelle! Er war aufgeſprungen und zu ihr hingeeilt, um ſie mit krampf⸗ hafter Angſt an ſich zu ziehen. Sie wehrte ihn ruhig und ſtolz zurück, und ſchaute ihn an mit einem Blick kalter Verachtung. Keine Kindereien! ſagte ſie. Entfliehen willſt Du? Wohin? Wenn der Kaiſer wirklich mit Abſicht ſo geſprochen, ſo iſt jede Flucht auch ſchon zu ſpät, denn ſeine Polizei iſt wachſam und klug, und wird Dich nicht mehr von hinnen laſſen. 128 Nein, nein, Arabella! Ich ſage Dir, es war die Abſicht, mich zu warnen, der Kaiſer will mich entfliehen laſſen, er will es um meiner Aeltern willen! Oh, warum habe ich mich nicht ſogleich auf mein Pferd geworfen und bin von dannen geſprengt! Mein Gott, irgendwo wird es doch ein einſames Thal, eine verborgene Stelle geben, wohin ich mich flüchten kann! Und wo der ſtolze Graf Podſtadzky ſich in einen Bauer ver⸗ wandeln kann, und mit nackten Füßen, in Sack und Aſche, demüthig an der Seite ſeiner Mutter zum Dorfkirchlein wallen und als zer⸗ knirſchter, reuiger Sünder die Vergebung des Himmels anflehen kann! Die Idylle Deiner Frau Mutter ſpukt noch in Deinem erhitzten Ge⸗ hirn. Ich mein'’ aber, es giebt nichts Lächerlicheres und Alberneres als einen Menſchen, welcher bereut. Es iſt die demüthigendſte Rolle, welche man ſpielen kann, eine Rolle, in welcher man immer ſicher iſt, ausgeziſcht und verhöhnt zu werden! Carlo, richte Dich auf, denn dieſe Rolle iſt Deiner nicht würdig. Hebe Dein Haupt empor und blicke um Dich. Es iſt noch Alles unverändert. Das Leben, die Ehre, das Glück gehört noch uns, weshalb ſollten wir es vorſchnell, von thörichter Furcht geplagt, von uns werfen? Weshalb uns äffen laſſen von unſerm Gewiſſen und den Dunſtgebilden unſerer erhitzten Phantaſie? Wer thun will, was wir gethan haben, der muß ein für alle Mal abgeſchloſſen haben mit aller Furcht, und muß ſein Gewiſſen hinter ſich geworfen haben als ein abgetragenes Kinderkleid, das nicht mehr paßt für den groß gewordenen Menſchen! Hätten wir Beide ein Gewiſſen gehabt, ſo wärſt Du jetzt ein armer, ruinirter Graf, der von der Gnade ſeiner Aeltern lebte, oder froh ſein könnte, wenn der Kaiſer ihm eine Schreiberſtelle bewilligte, ſo wäre ich eine ehr⸗ ſame Nonne, die im hohen Chor Lieder pſalmiren, mit den langwei⸗ ligen alten Kloſterjungfrauen ſich zanken, und den einzigen Troſt haben könnte, vielleicht einſt nach ihrem Tode heilig geſprochen zu werden. Denn ſage Selbſt, was wäre der enterbten Gemahlin des alten Gra⸗ fen Baillou wohl anders übrig geblieben, wenn ſie ein Gewiſſen ge⸗ habt hätte, und was hätte der ruinirte, von Gläubigern verfolgte Graf Podſtadzky wohl für andere Ausſichten gehabt, wenn er auf ſein Gewiſſen gehört hätte? Wir haben es aber Beide nicht gethan, wir haben die Bande des Gewiſſens mit unſern ſtarken Händen zerriſſen und h baut. ſeine! Fürſte furcht; unſerer A uns he S mögen glücks Dingen Vertra trauet. nur p. erſchei⸗ s zer⸗ kann! 1 Ge⸗ rneres 129 und haben uns ſelbſt ein neues Leben geſchaffen, ein neues Glück ge⸗ baut. Und es iſt ein ſchöner und ſtolzer Bau geworden, kühn ſteigt ſeine vergoldete Kuppel empor, und in ſeinen glänzenden Sälen ſind Fürſten und Grafen unſere Gäſte, und neigen ſich vor uns in Ehr⸗ furcht und Achtung, und huldigen unſerem Glanz, unſerer Macht und unſerer Schönheit! Aber der Bau wird über uns zuſammenbrechen, und die, welche uns heute huldigen, werden uns morgen verachten und verhöhnen! Sei's darum! Laß den Bau zuſammenbrechen! Seine Trümmer mögen uns begraben, das iſt beſſer, als ſich in der Stunde des Un⸗ glücks feig zu zeigen! Muth, Carlo, Muth! Laß uns vor allen Dingen der Welt ein heiteres, ſorgloſes Geſicht zeigen, dann hat ſte Vertrauen zu uns, denn man mißtrauet nur dem, der ſich ſelber miß⸗ trauet. Vielleicht hat der Kaiſer in ſeinem argwöhniſchen Sinn Dich nur prüfen wollen, weil der Aufwand, den Du treibſt, ihm verdächtig erſcheint. Zeige ihm alſo ein ruhiges, gleichmüthiges Weſen, bleibe, wie Du immer warſt, entfliehe nicht, und er wird ſich überzeugt hal⸗ ten, daß Du bleibſt, weil Du nichts zu fürchten haſt! Was ſchaueſt Du mich ſo ſeltſam an, Carlo? Ich ſchaue Dich an, Arabella, weil Du ſo ſchön biſt, ſagte der Graf mit einem matten Lächeln, ſo ſchön, wie die gefallenen Engel ſein mögen, welche auf die Erde verbannt ſind, um die Menſchen zu verführen. Ich bin auch ein gefallener Engel, Du weißt es ja, ſagte ſie ſtolz, bin mit Dir gefallen, Carlo, und habe mich mit Dir wieder aufgerichtet. Laß uns jetzt aufgerichtet nebeneinander ſtehen bleiben! So lange die gefallenen Engel lächeln, können ſie die Menſchen ver⸗ führen, aber ſobald ſie ihr Lächeln verlieren, erkennt man ſte als Teufel und entflieht vor ihnen. Lächle alſo, lächle, zeige den Men⸗ ſchen ein heiteres Geſicht! Ich kann nicht, Arabella, ich kann nicht! rief der Graf. Eine namenloſe Furcht iſt in mir, eine gräßliche Angſt martert mich! Oh, mir iſt es, als ſähe ich da vor mir das bleiche, ſchmerzzerriſſene An⸗ geſicht meiner Mutter, und ihr Blick zerreißt mir das Herz! Ara⸗ bella, laß uns fliehen, oder wenn Du das nicht willſt, ſo laß uns ſterben! Beſſer ſterben, als der Schmach überliefert werden, beſſer Kaiſer Joſeph. 3. Abth. III. 9 130 in den Tod gehen, als im Kerker verſchmachten und verkommen. Arabella, laß uns ſterben, in dieſer Stunde noch! Er preßte ſie in ſeine Arme mit bleichem, verzerrtem Angeſicht, ſeine Lippen bebten, ſein Athem kam keuchend und fieberiſch aus ſeiner Bruſt hervor. Arabella wehrte ihn wieder von ſich, und ein helles, luſtiges Lachen tönte von ihren purpurnen Lippen. Sterben! ſagte ſie. Biſt Du des Lebens und der Freude ſchon ſatt und überdrüſſig? Ich nicht! Ich will das Leben noch genießen, noch aus goldenen Bechern trinken von ſeinem berauſchenden Wein! Sterben? Als ob man Wüßte, was kommt hinter dem Tode! Hier wiſſen wir, was wir haben, wiſſen, daß es ſchön und genußvoll iſt! Aber mich erbarmt Deiner Angſt, und wenn Du's denn durchaus verlangſt, ſo wollen wir verreiſen! Verreiſen, aber nicht fliehen! Der Graf ſtieß einen Freudenſchrei aus und drückte einen glü⸗ henden Kuß auf die Hand, die ſte ihm darreichte. Wann reiſen wir ab? fragte er. In einer Stunde, nicht wahr? Das wäre Flucht, ſchimpfliche Flucht! Nein, morgen wollen wir abreiſen! Morgen, wenn der Tag graut, alſo! Morgen, beim hellen Licht des Tages! Morgen um die Mittags⸗ ſtunde, vor Aller Augen, furchtlos und ruhig! Es ſei ſo! ſagte der Graf ſeufzend. Morgen Mittag alſo! Du reiſeſt allein ab, ich desgleichen. In Neuſtadt treffen wir zuſammen! Ja, in Neuſtadt treffen wir zuſammen! Nun aber laß uns eilen, Carlo. Vieles muß noch gethan werden bis dahin, ungeheure Laſten müſſen abgewickelt werden. Ich habe gar wenig zu thun und abzuwickeln, lachte der Graf, der jetzt ſchnell ſeine Heiterkeit wiedergewonnen hatte. Meine Meubles, meine Koſtbarkeiten, meine Pferde und Equipagen, das Alles gehört den Wucherern, und Du weißt, ſte haben mir ihren Bevollmächtigten als Haushoſmeiſter gegeben, der überwacht ihr Eigenthum. Warum bezahlſt Du ſie nicht heute noch mit Deinen ſchönen Banknoten? fragte ſie lachend. Ich machte ihnen geſtern den Vorſchlag, ſagte der Graf düſter. Aber ſie verweigerten es und ſagten, ſie hätten mir klingendes Geld gegebe meine D nicht ſ mein Argus tigen i reiſe a Carlo, meine dieſe N und e meine vohl, den, l morge amice 6 dar, ſie ih 1 131 gegeben, und klingendes Geld wollten ſie wieder haben. Sie wollten meine Banknoten nicht nehmen! Deſto beſſer, ſo nehmen wir ſie mit! Anderswo wird man ſich ammen. Gaüihe nicht ſcheuen, ſie zu nehmen, ſagte Arabella haſtig. An's Werk denn, zſeinen mein Geliebter, an's Werk! Sieh' zu, was Du den Augen Deines 26. Argus entreißen kannſt, verbrenne alle Papiere, welche Dich verdäch⸗ uſhihe tigen könnten, triff alle Vorbereitungen, laß Deine Koffer packen und — 35 reiſe ab. In Neuſtadt treffen wir zuſammen. Jetzt aber fort, fort, 1 Carlo, denn auch ich muß meine Vorbereitungen treffen, meine Koffer, Bechern meine Juwelen packen, mein Silberzeug verkaufen! Oh, ich werde b man dieſe Nacht keine Stunde des Schlafs genießen können, werde arbeite as uir und einrichten müſſen, und heimlich, damit es Niemand merkt, damit aline meine Gläubiger— doch ſtill, ſprechen wir nicht mehr davon. Lebe wo wohl, mein Carlo, und laß die Wolken von Deiner Stirn verſchwin⸗ 3 den, laß die Furcht in Deinem Herzen erſterben. Morgen reiſen wir, en glü⸗ morgen biſt Du frei aller Sorge und aller Angſt! Addio, caro ſen wit amico mio, addio! Sie reichte mit einem ſüßen Lächeln ihm ihre purpurnen Lippen wollen dar, und er preßte einen glühenden Kuß auf dieſelben. Dann geleitete ſie ihn bis zur Thür. 3 Auf morgen alſo, Carlo! dittags⸗ Auf morgen alſo, Arabella! Jetzt ſchloß ſich die Thür hinter ihm, jetzt war er fort. 1 24 Arabella legte ihr Ohr lauſchend an die Thür. Sie hörte ihn ammen! den Corridor hinunter gehen. Jetzt war er an der Treppe. Nun gs ellen, noch fünf Minuten, nun konnte er hinab gegangen und bis zum Laſten Ausgang gelangt ſein! . Da, da rollte ſein Cabriolet von dannen. Jetzt war er fort. r Graf Gelobt ſei Gott, er war fort! Mubles, gehun chtigten— ſchönen düftel. es Gelh 9* VI. Obriſt Szekulp. Arabella lauſchte noch immer, lauſchte, bis das Rollen des Ca⸗ briolets, welches den Grafen entführte, in der Ferne verklang, dann brach ſie in ein lautes, höhniſches Lachen aus. Er glaubt mir, er vertraut mir! rief ſite höhniſch, denkt, daß ich eine ſolche Thörin bin, mit ihm entfliehen, mein Schickſal mit ihm theilen zu wollen! Als ob ich nicht dies Alles vorher geſehen, dies Alles berechnet, als ob ich nicht gewußt hätte, daß es ſo kommen müßte, daß dies das Ende des leichtſinnigen Grafen Podſtabzky Liechtenſtein ſein würde! Wozu denn wäre ſonſt meine Contremine geweſen, wozu hätte ich mir die Qual auferlegt, die lächerliche Liebe dieſes alten Obriſten Szekuly zu dulden, wozu, wenn er mir nicht in ſeiner blinden Greiſenliebe goldene Schätze hätte graben müſſen! Was kümmert's mich, woher er's genommen hat, ich weiß nichts davon, brauch' nichts davon zu wiſſen. Greiſe ſind freigebig, wenn ſie lieben, der alte Obriſt von Szekuly liebt mich, und er hat's mir bewieſen mit funfzigtauſend Gulden! Und ſeine Gulden waren nicht von Papier, ſondern von reinem, gutem Silber, das ich mir umgeſetzt in ſchöne, blitzende Du⸗ caten. Meire Ducaten werden in Paris ebenſo gut klingen und ſtn⸗ gen, wie in Wien. Nach Paris, oh nach Paris! Jetzt bin ich frei! Frei von meinem gefährlichen Mitſchuldigen, frei von meinem lang⸗ weiligen, alten Anbeter, vor deſſen Liebe ich mich faſt ängſtige, denn ſte iſt über ihn gekommen wie ein Wahnſinn, und in ſeinen Fieber⸗ phantaſieen mag er Dinge gethan haben, die ihn gefährden können. Aber mich nicht, oh nein, mich nicht! Niemand ahnt von meinem Verhältniß mit ihm, Niemand auch von meinem Verhältniß mit Podſtadzky. Ich bin noch immer die keuſche, tugendhafte Gräfin Balllou. Sie war, während ſie ſo ſprach, mit haſtigen Schritten auf und 2 3 ab ge und h Lächeln A von ih wande, Antlit ſtolz au ſie für auf die derben. E iſt klan nicht Ich w wie ei nicht, muß daß ic ſo müt tragen J freil Noch ehe ir des C Nacht Auſſch wenn g durer : ſagen . mein wied aus des Ca⸗ ng, dann mir, er örin bin, en! Als „als ob das Ende 2 Wozu mir die Szekulh eiſenliebe woher davon zu briſt von grauſend dern von nde Du⸗ und ſln⸗ ic ftꝛil m lang⸗ ge, denn Fiebel⸗ können. meinem riß mit Gräfin auf und 133 ab gegangen, die Arme ineinander geſchlagen, das Antlitz leuchtend und hell, die purpurnen Lippen umſpielt von einem diaboliſchen Lächeln. Aber jetzt blieb ſie ſtehen, und das Lächeln ſchwand allmälig von ihrem Antlitz. Wie ſie da ſtand in ihrem goldgeſtickten Ge⸗ wande, ihr Haupt umſtrahlt von dem brillantenen Diadem, ihr Antlitz ſo ſchön, ſo düſter, ſo drohend, wie ſie da ſtand, das Haupt ſtolz aufgerichtet, das große Auge voll boshafter Tücke, mochte man ſie für eine böſe Fee halten, die ihr finſteres Reich verlaſſen, und auf die Erde gekommen war, die Menſchen zu verlocken und zu ver⸗ derben. Es iſt klar, ſagte ſie nach langer Pauſe dumpf vor ſich hin, es iſt klar, der Kaiſer hat ihn warnen wollen! Wenn er nicht heute, nicht ſogleich entflieht, iſt er verloren! Und er ſoll verloren ſein! Ich will ſeiner los! ſein! Er ſoll nicht an meinen Ferſen hängen wie eine Kette, die mich feſthält und bindet. Ich will frei ſein, will nicht, was ich mir mühſam erworben habe, mit ihm theilen müſſen. Er muß gefangen ſein, damit ich frei bin! Er würd's nimmer dulden, daß ich Wien verließe ohne ihn, würde mich nimmer aufgeben, und ſo müßte ich nicht bloß ihn, ſondern auch die Liebe Szekuly's er⸗ tragen! Nein, Podſtadzky muß gefangen ſein, denn erſt dann bin ich frei! Oh, willkommen, Du ſüße, Du goldene Freiheit, willkommen! Noch heute Nacht wirſt Du mein! Noch heute Nacht entfliehe ich, ehe irgend ein Verdacht auf mich fällt, irgend ein leichtſinniges Wort des Grafen mich verrathen hat! Aber wie, wenn er noch nicht dieſe Nacht gefangen wird, wenn der Kaiſer ihm wirklich noch eine Nacht Aufſchub gönnt? Wie, wenn er noch einmal heute hierher kommt, wenn er Argwohn faßt? Sie flog zur Klingelſchnur und ſchellte heftig, daß der Kammer⸗ diener ganz erſchreckt aus dem Vorzimmer hereinſtürzte. Wenn der Graf Podſtadzky Liechtenſtein kommt, befahl ſie, ſo ſagen Sie ihm, ich ſei nicht zu Hauſe. Sagen Sie daſſelbe allen meinen andern Dienern. Der Graf wird nicht vorgelaſſen, niemals wieder, hören Sie? Derjenige, welcher ihn eintreten läßt, iſt ſofort aus meinem Dienſt entlaſſen! Merken Sie Sich das! 134 Der Kammerdiener verneigte ſich ſchweigend und zog ſich zurück. Und jetzt an's Werk! ſagte ſte dann lächelnd. Jetzt meine Schätze aus ihren verborgenen Schlupfwinkeln hervorgeholt, meine Juwelen gepackt, und dann fort, fort! Sobald die Nacht anbricht, reiſe ich ab! Nun nahm ſie das Diadem aus ihrem Haar, und löſte die Spangen von Hals und Armen, dann flog ſte in ihr Toilettenzimener, und holte aus dem verſchloſſenen Schrank ihre Schmuckkaſten hervor. Mit einem glücklichen Lächeln öffnete ſte die Deckel, und ließ ihre verborgenen Schätze aufleuchten, und labte ihr Herz an dem Anblick dieſer herrlichen Juwelen und Perlen. Dieſe drei Steine, ſagte ſte, auf die drei größten und funkelndſten Brillanten eines Colliers deutend, dieſe drei Steine verdanke ich der Fürſtin Garampi. Ich bat ſie, mir ihr Armband auf eine Stunde zu leihen, damit ich es meinem Juwelier zeigen And mir eins dar⸗ nach faſſen laſſen könnte. Ich ſchwur, das Armband nicht aus den Händen zu laſſen, und ich that's auch nicht, und ſo wurden die drei Steine mein! Was geht's mich an, daß ſie ſich nicht beſſer auf Brillanten verſteht, und die unechten nicht von den echten zu unterſcheiden ver⸗ mag! Dieſe Schnur koſtbarer Zahlperlen mit dem herrlichen Rubin⸗ ſchloß, die ſchulde ich der Fürſtin Palm. Mein Gott, ich liebe ſie ſo zärtlich, wie ſie mich, ich umarmte ſie eines Tages herzinnig in der Gluth meiner Freundſchaft, und ſchäkerte mit ihr, während ich's that, und dabei drückte meine Hand aus Verſehen an dem Schloß des Perlenhalsbands, und es öffnete ſich. Die gute Frau merkte es nicht, denn es iſt wahr, ich war gar ſo liebenswürdig, gar ſo witzig. Ich erzählte ihr eine allerliebſte Geſchichte von der Maitreſſe ihres Mannes, und ſie hörte mir zu, und leiſe glitt das Halsband über ihren Nacken nieder und fiel zur Erde. Niemand hörte es fallen, denn wir ſtanden im Tanzſaal, und die Muſik ſchmetterte eben einen neuen Tanz. Sie merkte nicht, wie das Perlenhalsband, ein Vermögen! von ihrem Nacken niederglitt, ich aber merkt' es wohl, und ließ leiſe mein Schleppkleid darüber hingleiten, und winkte Carlo. Er führte die Fürſtin fort zum Tanz, und ich bückte mich und hob das Perlen⸗ halsband auf, und ſchob es in meine Taſche. Nachher hieß es, ſte 1 habe es beim Nachhauſefahren verloren, ganz Wien ſprach davon, zurück. Schätze Juwelen —t, reiſe Spangen er, und ör. Mit orgenen errlichen kelndſten ich der Stunde as dar⸗ aus den die drei illanten den ver⸗ Rubin⸗ liebe ſte innig in nd ich Schloß rerkte es witig. ſe ihras nd über fallen, n einen er zgen! große Belohnungen wurden ausgeſetzt, aber das Halsband kam nicht wieder!— Dieſe Nadel hier— Aber ich Thörin! unterbrach ſte ſich ſelber, verliere mich hier in die luſtigen Geſchichten meiner Perlen und Brillanten, und der Abend dunkelt ſchon herauf, und ich muß eilen, einzupacken! Mit haſtiger Hand verſchloß ſie jetzt alle die einzelnen Etuis, und ſchob ſie dann alle in den großen mit Bronceplatten und Nägeln be⸗ ſchlagenen Schmuckkaſten, den ſte alsdann ſorgfältig verſchloß und den Schlüſſel in ihren Buſen ſchob. In dem Kaſten iſt ein Landgut, oder ein Palaſt verborgen, je nachdem ich das eine oder das andere haben will, ſagte ſie lächelnd. Jetzt zu meinem Schatz! Sie flog durch das Zimmer nach der Wand dort drüben, und nahm ein dort hängendes Bild vom Nagel. Dann drückte ſie an dem Nagel, und eine kleine verborgene Thür in der Wand öffnete ſich, eine Mauervertiefung ward ſichtbar, in welcher ein Kaſten ſtand. Arabella nahm dieſen Kaſten, und trug ihn langſam und keuchend zu dem Tiſch hin, und ſtellte ihn neben dem großen Schmuckkaſten auf. Dann öffnete ſie den Deckel, und ein ſtrahlendes Lächeln flog über ihr Antlitz, als ſte ſich über den Kaſten beugte. Oh, meine ſchönch, liebreizenden Ducaten, flüſterte ſte, Ihr ſeid noch alle da, Ihr ſchaut mich an mit zwanzigtauſend Liebesaugen, und weiſſagt mir eine köſtliche Zukunft voll Ehre, Genuß und Freude! Mit Euch will ich hinausziehen in die Fremde, mit Euch werde ich überall geehrt, geliebt und geſucht werden, denn überall liebt man Euch, überall geltet Ihr für den beſten Empfehlungsbrief, den man nur vorzuzeigen braucht, um allenthalben eingeladen und willkommen zu ſein! Und Ihr wißt, daß ich Euch liebe, denn ich habe Euch gehegt und gepflegt, und hab' immer darnach getrachtet, Euch neue Geſellſchaft zuzuführen, damit Ihr Euch nicht langweilen ſolltet in dem düſtern Kaſten! Und ſo ſeid Ihr Eurer zwanzigtauſend geworden! Zwanzigtauſend Ducaten! Ich denke, ich kann mit mir zufrieden ſein, es ſind genug der Erſparniſſe in einem Jahr! Erſparniſſe! Ha, ha, ein köſtliches Wort! Der gute alte Szekuly hat mir das Erſparen leicht gemacht, denn die Hälfte meiner ſtegreichen Armee verdanke ich ihm, zehntauſend Mann Ducaten hat er mir zugeführt. Freilich, fuhr 136 ſte mit einem ſchalkhaften Lächeln fort, ich habe ihm dafür Documente uns d gegeben, Documente über ein Fideicommiß, das ich in Italien be⸗ vorzul ſttze, und das er leicht verkaufen kann, wenn er will. Er hat mir 1 alſo eigentlich nichts geſchenkt, ſondern mir nur auf ſicheres Unterpfand Sogle zehntauſend Ducaten geliehen. Und alſo bin ich ihm eigentlich gar pferde, keinen Dank ſchuldig; und alſo lebe wohl, mein Herr Obriſtlieutenant Keopol von Szekuly, ich nehme Deine Ducaten mit, Du behältſt meine Do⸗ meing cumente hier, wir ſind quitt! 3 Sie ſchloß den Kaſten, und eilte dann ſich umzukleiden, ihr der Po ſchimmerndes Gewand mit einem unſcheinbaren Reiſekleid, ihre gold⸗ is zu geſtickten Schuhe mit feſteren und haltbareren zu vertauſchen, und nehme ihre ganze Toilette zu wechſeln. ht, Der Abend war tiefer herabgeſunken, die große Uhr auf dem ſagen, Kamin verkündete ſchon die achte Stunde. Arabella hatte jetzt alle 3 ihre Vorbereitungen beendet, alle die Dinge in einem Koffer geordnet, J welche ſie mitnehmen wollte auf ihrer Reiſe. Niemand hatte ihr unde helfen dürfen bei dieſer Arbeit, bei verſchloſſenen Thüren hatte ſie 9 Alles zu Stande gebracht, ſich ſelber die Lichter angezündet, ſelber bella den Koffer herbeigeſchleppt. ſagte Jetzt, wie Alles fertig war, eilte ſle in ihr Wohnzimmer und nicht. ſchellte raſch und heftig Einmal. Das bedeutet, daß ihr erſter Kammer⸗ tertra diener erſcheinen ſollte. Nach wenigen Minuten öffnete ſich die Thür 6 und ein Greis mit ſilberweißem Haar, mit den ſchwarzen Augen und nide der dunkeln Geſichtsfarbe des Italieners, trat ein. un Arabella befahl ihm, die Thür zu ſchließen, und bis in die Mitte Etill des Zimmers zu kommen. und Er that es, ohne Befremden, ohne Ueberraſchung, und murmelte 3 nur leiſe vor ſich hin: die Wände haben Ohren! empor Giuſeppe, ſagte die Gräfin, als er dicht vor ihr ſtand, biſt Du— 3 mir immer noch treu? Gedenkſt Du noch immer des Schwurs, welchen bu Du meiner ſterbenden Mutter geleiſtet? Gan Ich habe ihr, welche meine Wohlthäterin war, auf ihrem Sterbe⸗ ge bette geſchworen, Euch, ſo lang ich lebe, nie zu verlaſſen, und ich dede werde meinen Schwur halten, Signora. 3 Dank Dir, Amico! Jetzt hör'! Ich muß Wien verlaſſen. die Ich weiß es, Signora! Hab' es gemerkt an dem Befehl, den’ V rumente lien be⸗ jat mir erpfand lich gar utenant ne Do⸗ uf dem zt alle ordnet, tte ihr atte ſie ſelber r und mmer⸗ Thür en und Mitte melte iſt Du vel chen terbe⸗ nd ich tn 137 uns der Kammerdiener brachte, den Grafen Podſtadzky nicht wieder vorzulaſſen, und meine Sachen ſind ſchon gepackt. Du biſt ein treuer und kluger Diener, Giuſeppe. Jetzt höre! Sogleich wollen wir aufbrechen! Eile auf die Poſt und beſtelle Poſt⸗ pferde, aber natürlich nicht hierher. Du weißt ja, draußen in der Leopold⸗Vorſtadt habe ich mir eine Remiſe gemiethet, und da ſteht mein Reiſewagen. Ich habe den Schlüſſel zur Remiſe, ich ſchiebe den Wagen heraus, der Poſtillon legt die Pferde vor, dann kommen wir hierher gefahren bis zur nächſten Straßenecke. Ich komme herauf, benachrichtige Euch, nehme die Kaſten, Ihr geht zu Fuß bis nach der Ecke, wo der Wagen ſteht, ſteigt ein, und vorwärts geht es. Nicht wahr, das wollt Ihr ſagen, Signora? Ja, das wollte ich ſagen, Giuſeppe! Eile Dich! Macht Euch bereit, Signora, in einer Stunde iſt Alles gethan, und erwartet Euch der Reiſewagen! Mit unhörbaren Schritten eilte Giuſeppe von dannen, und Ara⸗ bella war wieder allein. Das iſt auch ein Juwel, welches ich beſitze, ſagte ſte, Giuſeppe nachblickend, und noch dazu eins, welches ich mir nicht— geliehen habe, ſondern welches Mein iſt durch heiligen Erb⸗ vertrag. Jetzt bin ich fertig und jetzt kann ich ausruhen, bis Giuſeppe kommt. Sie glitt mit einem tiefen Aufathmen der Befriedigung auf den Divan nieder, und lehnte ſich zurück in die Polſter, und ſchloß die Augen, um zu träumen. Eine tiefe Stille umgab ſie. Plötzlich aber ward dieſe Stille durch raſch herannahende Schritte unterbrochen, die Thür flog auf, und der Lakay meldete: Der Herr Obriſtlieutenant von Szekuly! Wird nicht angenommen! rief die Gräfin raſch und ohne ſich emporzurichten. Wird angenommen, Frau Gräfin! ſagte eine tiefe Stimme hinter ihr, und als ſie raſch ſich emporlehnte, ſah ſie da die hohe Geſtalt des alten Obriſtlieutenants der Garde, welcher, tief ein⸗ gehüllt in ſeinen Militairmantel, den Federhut tief in die Augen gedrückt, neben dem Divan ſtand. Ehe ſie Zeit hatte, ein Wort zu ſagen, befahl der Obriſt dem Diener mit einer gebieteriſchen Handbewegung und einem haſtigen Wort hinauszugehen, und die Thür zu ſchließen. Dieſer gehorchte. 138 Ah, Sie trotzen viel auf Ihre Allgewalt und auf meine Nach⸗ ſicht, rief Arabella halb lächelnd, halb zürnend. Weil Sie über mein Herz gebieten, dünken Sie Sich auch der Gebieter meines Hauſes und meiner Diener! Weil— Still, unterbrach ſie der Obriſt rauh. Ich bin nicht gekommen, um auf's Neue Gift von Ihren Lippen einzuathmen. Es iſt genug, ich habe ſchon ſo viel Gift geathmet, daß ich daran ſterben werde, ſterben oder verderben. Ich bin gekommen, um Ihnen auch jetzt noch, obwohl Sie mein böſer Dämon ſind, meine Liebe zu beweiſen! Unter⸗ brechen Sie mich nicht, hören Sie! Ich höre! ſagte Arabella, indem ſie ihn mit einem ſo bezaubernden Lächeln anblickte, daß der Obriſt die Augen niederſchlug, um dieſes Lächeln nicht zu ſehen. Sie wiſſen, ſagte er leiſe, der erſte Polizei⸗Director iſt mein naher Verwandter und mein Freund. Ich hatte ihn auf heute Abend zu mir eingeladen, und er hatte die Einladung angenommen. Jetzt eben war er bei mir, um mir abzuſagen, weil er dieſen Abend drin⸗ gende Dienſtgeſchäfte habe. Ahnen Sie, welche Dienſtgeſchäfte? Wie ſollt' ich das ahnen, ſagte ſte, immer noch ihn anblickend mit ihrem zauberiſchen Lächeln. Ich habe gar keinen Zuſammenhang mit der Polizei! Gott gebe, daß es ſo bleibt, ſagte er dumpf in ſich hinein. Hören Sie, was den Polizei-Director verhindert hat, zu mir zu kommen. Er hat ſoeben den Grafen Carl Podſtadzky verhaftet und in's Ge⸗ fängniß geführt. Er ſah, wie er das ſagte, die Gräfin mit ſtarren feſten Blicken an. Sie lächelte noch immer, und ihr Antlitz blieb unverändert. Ah, verhaftet! ſagte ſte. Und weshalb hat man den Grafen Podſtadzky Liechtenſtein verhaftet? Weil er, hören Sie, Gräfin, weil er falſche Banknoten gemacht hat, Banknoten für mehr als eine Million Gulden an Werth. Ich wußte, daß er das that, ſagte Arabella ruhig. Er hat mich ſelber mehr als einmal beim Spiel mit ſeinen Tauſend⸗Gulden⸗Bank⸗ noten betrogen! Betrogen, Gräfin? Iſt das der richtige Ausdruck? fragte der Obriſt mit einem ſeltſamen Ton. 4 aber ſind Ausr derbe wußt wir Grät Pod War mir verm GCs Ben rige bald Ihr Joſ Kon lönr wei geh Nach⸗ er mein Hauſes ommen, genug, werde, tzt noch, Unter⸗ bernden n dieſes ſt mein Abend 1. Ictt ad drin⸗ te? blickend nenhang Hören kommen⸗ us Ge⸗ Blicken dert. Grafen gemacht h. hat mich Bank⸗ n⸗2 139 Ich denke, es iſt der richtige, ſagte ſte ruhig. Und ſind das all Ihre polizeilichen Nachrichten, Herr von Szekuly? Nein, Gräfin, nicht alle. Der Graf Podſtadzky iſt gefangen, aber,— Nun aber? Aber ſeine Mitſchuldigen noch nicht! Sie ſchreckte leicht zuſammen und ihre Wimper zuckte ein wenig, aber ſie faßte ſich ſchnell wieder. Hat er Mitſchuldige? fragte ſie leicht. Ja, er hat Mitſchuldige, ſagte der Obriſt raſch und leiſe. Sie ſind ſeine Mitſchuldige. Still, Arabella, kein Leugnen jetzt, kein Ausweichen, die Zeit iſt koſtbar, jede Minute bringt Sie dem Ver⸗ derben näher. Vielleicht kam der Polizei⸗Director zu mir, weil er wußte, daß ich Sie geliebt habe, und weil er Sie retten will. Hoffen wir das! Er ſagte mir, daß er ferner den Befehl erhalten habe, die Gräfin Baillou, die Mitſchuldige und Helfershelferin des Grafen Podſtadzky, gefangen zu nehmen. Wann? fragte ſie, und nur die Bläſſe, welche auf einmal ihre Wangen bedeckte, verrieth ihre innere Aufregung. Wann? Bei Anbruch der Nacht ſollte die Verhaftung ſtattfinden, ſagte mir mein Freund. Erſt wenn es ganz dunkel ſei, damit Aufſehen vermieden werde. Arabella warf einen raſchen Blick nach den Fenſtern hinüber. Es iſt ganz dunkel! rief ſie, und jetzt ſprang ſie mit einer wilden Bewegung empor. Ja, es iſt ganz dunkel, ſagte der Ungar mit einem langen trau⸗ rigen Blick. Aber ich hoffe, daß es noch Zeit iſt. Hören Sie! So⸗ bald mein Freund mich verlaſſen hatte, eilte ich ſort, um Alles zu Ihrer Rettung zu beſorgen. Jetzt bin ich fertig. Mein Wagen, mit Poſtpferden beſpannt, harret Ihrer an der nächſten Straßenecke. Kommen Sie, ich führe Sie dahin, und raſch, wie die Pferde laufen können, verlaſſen Sie Wien. Der Poſtillon fährt Sie zwei Stationen weit die Richtung nach Weſten. Sie mögen ſagen, wohin die Reiſe geht. Nur fort, fort! Ja, fort! rief Arabella. Ich kehre gleich zurück. Sie flog nach ihrem Toilettenzimmer und zu den beiden Kaſten 140 hin, die ihre Schätze enthielten. Beide wollte ſie ſie in ihre Arme nehmen, aber ſie vermochte es nicht. Ich muß das Geld hier laſſen, es iſt zu ſchwer für mich, flüſterte ſte, und raffte mit ihren beiden Händen den Kaſten empor, und trug ihn zu dem geheimen Wandſchrank hin. Haſtig ſchob ſie ihn hinein und drückte die Thür zu und hing das Bild wieder auf. Niemand wird es da entdecken, flüſterte ſie. Wenn ich frei bleibe, wird Giuſeppe es mir holen! Kommen Sie! rief Szekuly aus dem andern Zimmer. Ich komme, ſagte ſte, indem ſte Hut und Mantel überwarf, und den Kaſten mit den Juwelen unter ihren Arm nehmend, vorwärts ſtürzte. Geben Sie mir die Laſt, welche Sie da tragen, damit wir raſcher vorwärts kommen, ſagte er, die Hand nach dem Kaſten ausſtreckend. Sie hielt ihn nur noch feſter, und blickte den Obriſt mit einem ſcheuen Blick an. Nein, ſagte ſie, ich trag' ihn ſelber. Es ſind meine Juwelen, mein einziges Beſitzthum. Ah, und Sie fürchten, ich könnte Ihnen dieſelben rauben, und Sie um Ihr Eigenthum betrügen? fragte er mit einem bittern Lächeln. Nein, Arabella, es iſt nur mein Schickſal, betrogen zu werden. Aber daß dies Schickſal von Ihnen kommen mußte, daran ſterbe ich! Es ſtirbt ſich nicht ſo leicht! ſagte ſie mit keuchendem Athem, denn während ſie zu einander ſprachen, waren ſie in wilder Haſt die Treppe hinunter geflogen, über den Flur und zur Hausthür hin. Der Portier öffnete ihnen mit verwunderten Blicken die Thür. Nun waren ſie auf der Straße, einen Schritt näher zur Freiheit. Jetzt hinüber über die Straße, hinüber! Aber halt, da auf einmal dieſe finſtern Geſtalten, die von den Mauern der Häuſer ſich abzulöſen ſcheinen, die mit wilden Sätzen heran ſpringen, wer ſind ſie? Was wollen ſie? Wie dürfen ſte es wagen, mit ihren rauhen Händen die zarten Arme der hochgebornen Gräfin zu faſſen, ſie mit rauher Gewalt zurückzuziehen nach ihrem Hoôtel. Zu ſpät! Ah, zu ſpät! murmelte der Obeiſt, ſich ganz ohne Widerſtand der Führung Derer überlaſſend, die auch ihn gepackt hatten. Jetzt ſchritten ſie wieder über die Schwelle des Hötels der Gräfin, jetzt Angef ſtalten verhaf G Sie? G Lüchel iſt me ( und i bleich ſcharf Spün geſtel daß wiede bei A großt wird Arme lüſterte d trug hinein bleibe, f, und rwärts raſcher eckend. einem meine 1, und ächeln. Aber 6t Athem, aſt die 141 jetzt beleuchtete der brennende Kronleuchter des Flurs ihr bleiches Angeſicht, ihre glühenden, zornigen Augen, ihre zuckenden Lippen. Frau Gräfin Arabella Baillou, ſagte eine dieſer dunklen Ge⸗ ſtalten, welche die Beiden hieher geführt, im Namen des Kaiſers, ich verhafte Sie! Sie ſchaute ihn an mit einem finſtern, trotzigen Blick. Wer ſind Sie? Ich kenne Sie nicht! Er nahm ſeinen Hut ab, und verneigte ſich mit einem ſpöttiſchen Lächeln. Ich bin der Polizei⸗Director von Fuchs, Gräfin, und hier iſt meine Ordre, Sie zu verhaften, vom Kaiſer ſelbſt geſchrieben. Er wollte ihr das Papier hinreichen, ſie ſtieß es unwillig zurück, und ihr Auge ſuchte mit zornigen Blitzen den Obriſt Szekuly, der bleich und wie zerbrochen an dem Pfeiler der Hausthür lehnte. Das iſt Ihr Vetter und Ihr Freund, nicht wahr? fragte ſte mit ſcharfer, ſchneidender Stimme. Sie haben dem Polizei⸗Director als Spürhund gedient, welcher das Edelwild auftreibt und es in die auf⸗ geſtellten Netze jagt? Sie ſind gekommen, um mich mit Liſt zu bereden, daß ich entfliehe, damit ich den Anſchein der Schuld auf mich häufte? Der Obriſt ſtieß einen lauten Schmerzensſchrei aus, der unheimlich wiederſchallte in der weiten Halle des Flurs. Ich wollte Sie retten, bei Allem, was mir heilig iſt! rief er verzweiflungsvoll. Und dafür muß ich Sie jetzt auch gefangen nehmen, mein armer, großmüthiger Freund, ſagte der Polizei⸗Director traurig. Aber es wird nur auf kurze Zeit ſein, Sie werden ſchnell beweiſen können, daß Sie nicht der Mitſchuldige dieſer Dame, ſondern nur der von ihr Betrogene ſind. Laſſen Sie Sich von zweien meiner Leute nach Hauſe führen. Sie haben Hausarreſt bis auf Weiteres! Und Sie, Madame, kommen Sie, der Wagen erwartet Sie ja! Erlauben Sie mir noch zuvor, Ihrem Freund ein paar Worte des Abſchieds zu ſagen? fragte die Gräfin. Thun Sie das immerhin, aber eilen Sie Sich! Arabella nickte dankend mit dem Kopf und ſchritt zu dem Obriſten hin, der immer noch an der Thür lehnte, und mit bleichen, ver⸗ zweiflungsvollen Mienen ſie anſtarrte. Herr Obriſt Szekuly, ſagte ſie leiſe flüſternd, Sie haben mir auf meine Documente funfzigtauſend Gulden geliehen. Dieſe Documente 142 ſind falſch. Ich habe ſie nachgemacht, ſo gut wie meine Empfehlungs⸗ briefe und alle meine Papiere. Obriſt Szekuly ſtarrte ſie einen Moment an mit entſetzten Blicken, dann faßte er haſtig nach ſeinem Herzen, und ſank mit einem leiſen Aechzen wie eine gefällte Eiche zu Boden nieder. Gräfin Baillou lachte laut auf. Er iſt ohnmächtig geworden! ſagte ſie zu den herantretenden Polizei⸗Beamten. Verächtliche Welt, wo die Männer ohnmächtig werden, und nur die Frauen allein noch Muth haben! Kommen Sie, mein Herr Polizei⸗Director, ich bin be⸗ reit, Ihnen zu folgen, aber Sie werden bald erkennen müſſen, daß ich unſchuldig bin, und der Kaiſer ſelber wird mich um Verzeihung bitten müſſen! VII. Papſt Pius VI. Das fromme und gläubige Wien ſchwelgte noch immer in Ent⸗ zücken über die Anweſenheit des Papſtes. Es folgte ihm in an⸗ dächtigen Schaaren, ſo oft er ſich zeigte, es ſtrömte ihm jubelnd nach, ſo oft er ſpazieren oder nach der Stephanskirche zur ſonntäglichen Meſſe fuhr, es ſank auf ſeine Kniee nieder, ſo oft er die Hände er⸗ hob, um dem Volk mit ſeinem milden, bezaubernden Lächeln ſeinen Segen zu ertheilen. Der Papſt, entzückt über dieſe Begeiſterung der guten Wiener, zeigte ſich daher täglich entweder auf der Straße, oder auf ſeinem Balkon, und niemals war in Wien ſo viel Segen geſpendet, ſo viel Ablaß geſchenkt, ſo viel Vergebung verkündet, wie in dieſen glück⸗ ſeligen Wochen der Anweſenheit des Papſtes. Aber dieſe zufälligen Segnungen genügten weder dem leutſeligen Vapſt, noch dem frommen Volk. Pius wollte bei ganz beſonderer Gelegenheit ſich dankbar zeigen für ſo viel Andacht und Chrfurcht, und Papf ſeiner an al daß d groß 0 hin, meng mit Sege wie ſchön Gele lang hoch heili ihne lungs⸗ Blicken, leiſen orden! Welt, n noch ein be⸗ , daß eihung n Eit⸗ in an⸗ ad nach, äglichen nde er⸗ ſeinen Wiener, ſeinem ſo viel 143 und das Volk ſehnte ſich, auf recht feierliche Weiſe den Segen des Papſtes zu erhalten, und ihn zu ſehen und zu bewundern in aller ſeiner Herrlichkeit. Pius wollte dieſem Sehnen genügen, und große Anſchlagszettel an allen Kirchthüpen und an allen Mauern verkündeten den Wienern, daß der heilige Vater morgen dem Volk im Hof der Kaiſerburg den „großen Segen“ ertheilen würde. In ungeheuren Schaaren ſtrömten die Wiener am andern Tage hin, dieſen„großen Segen“ zu erhalten. Eine unabſehbare Menſchen⸗ menge füllte den ungeheuren Raum, alle Dächer rings umher waren mit Menſchen angefüllt. Jeder wollte Theil haben an dem großen Segen des heiligen Vaters, Jeder wollte den erhabenen Greis ſehen, wie er im vollſten Schmuck ſeiner heiligen Würde, das ehrwürdige ſchöne Haupt geſchmückt mit der dreifachen Krone, im glänzenden Geleit der Cardinäle unter dem Geläut aller Glocken mit feierlichen langſamen Schritten über den Platz dahin ſchritt, mit ſeinen beiden hoch erhobenen Armen dieſen Tauſenden, welche durchſchauert von heiliger Andacht auf ihren Knieen lagen, den Segen zu ertheilen, und ihnen die Gnade des Ewigen zu erflehen! Aber auch dieſer große und feierliche Act hatte der frommen Begeiſterung der Wiener noch nicht Genüge gethan. Sie hatten ihn bei dem großen Segen auf dem Hofe geſehen und angebetet als den Herrn der Kirche, aber ſie wünſchten ihn nun auch noch zu ſehen als den Diener Gottes! Papſt Pius ſelber wünſchte ſich dem Volk auch noch als aus⸗ übender Prieſtet, als Diener Gottes zu zeigen. Und abermals erſchienen große Anſchlagszettel an den Kirchthüren und an den Straßenecken, und verkündeten dem Volk von Wien, daß der Papſt morgen am erſten Tage des heiligen Oſterfeſtes das Hochamt abhalten werde. Das Volk empfing dieſe Nachricht mit jubelndem Entzücken, und erwartete mit Ungeduld den kommenden Tag. Die Cardinäle, Biſchöfe und Geiſtlichen aber hielten am Vorabend des heiligen Feſtes im St. Stephans⸗Dom eine Generalprobe vom Hochamt;*) der päpſtliche Ceremonienmeiſter übernahm bei dieſer Probe *) Friedels's Briefe aus Wien Th. I. S. 217. 144 die Rolle des Papſtes, und ſtatt der Bibel hielt er einen ungeheuren Folianten in der Hand, das Ceremonienbuch, aus welchem er den fungirenden Cardinälen und Biſchöfen und dem ganzen Schwarm der Prälaten und Geiſtlichen ihre Rollen vorlas, und ihnen ihre Stelle anwies bei dem großen Feſt des morgenden Tages.*) Dank dieſer Generalprobe fand die große Ceremonie am andern Tage mit aller Pracht ſtatt. Hoch oben auf ſeinem Thron ſaß der heilige Vater in ſeinen goldenen Gewändern, die dreifache Krone auf dem Haupt, das große Brillantenkreuz ſeines höchſten Ordens auf der Bruſt, beſchattet von einem goldgeſtickten Purpurbaldachin, um⸗ ringt von den Cardinälen und Biſchöfen, die in ihren violetten und purpurnen Gewändern ihn umgaben und deren ganze Seele mit allen ihren Gedanken nur heute dem Papſt und dem vorgeſchriebenen Ce⸗ remoniell zugewandt war. Hoch oben auf ſeinem Thron ſaß der Papſt, mit begeiſtertem Angeſicht hinſchauend auf das heilige Crucifix, das erhabene Bildniß des Gottes, den zu celebriren der Papſt gekommen war, demuthsvoll ſich neigend, er, der erhabene Fürſt der Kirche, vor dem ſegenſpendenden, lebengebenden Gott, deſſen Statthalter auf Erden er ſelber war, und in deſſen Namen er Segen zu ſpenden und Gnade zu verkünden hatte. Und das Volk, das zu ganzen Schaaren zur Andacht in die Kirche geſtrömt war, das auf ſeine Kniee niederſtürzte, als der Papſt auf ſeinem hohen Thron ſich von ſeinem goldenen Seſſel erhob, und den Segen ertheilte, und das Gebet ſprach, das andächtige Volk ſchauete bewundernd auf den ſchönen, erhabenen Papſt, und entzückte ſich an ſeiner ſtolzen Würde, an ſeiner edlen Majeſtät und ſeiner Hoheit, und betete inbrünſtiger wie jemals, als es den Papſt mit ſo inbrünſtiger Andacht und Demuth das Wundergeheimniß des Altars celebriren ſah. 4 Aber es gab ſo Viele, welche an dieſem Tage nicht die Kirche beſuchen konnten, welche von Krankheit und Gebrechlichkeit an ihr Haus gefeſſelt, nicht dem Papſt perſönlich ihre Huldigung hatten darbringen dürfen, ſo viele vornehme Damen und Cavaliere, welche *) Friedel's Briefe aus Wien Th. I. S. 217. nich Pa den ihre ten dam ſelbe gew haft fahr der dig hin W. Sd leu Kni ihr ver heuren er den hwarm Stelle andern aß der ne auf 1s auf um⸗ n und t allen n Ce⸗ ſtertem zildniß poll ſich venden, r, und hatte. in die Papſt b, und Volk ntzückte ſeiner mit ſo Altars Kirche an ihr hatten welche 145 nicht des Glückes hatten theilhaftig werden können, den Pantoffel des Papſtes zu küſſen. Mit flehender Bitte wandten ſich dieſe Damen und Cavaliere an den heiligen Vater und flehten ihn um die Gnade an, ihnen, da ſie ihrer Krankheiten und Gebrechen wegen nicht zu dem Papſt wallfahr⸗ ten könnten, den Pantoffel Sr. Heiligkeit in ihr Haus zu ſenden, damit ſte ihre andachtsvollen, Gebete murmelnden Lippen auf den⸗ ſelben drücken könnten. Dies war ſelbſt für den Papſt, den an alle Arten der Huldigung gewöhnten Statthalter Gottes, eine neue, überraſchende und ſchmeichel⸗ hafte Huldigung, der er indeſſen mit freudiger Bereitwilligkeit will⸗ fahrtete. In der großen Staatskutſche des Papſtes ward alſo eines Tages der Pantoffel Sr. Heiligkeit umhergefahren zu den vornehmen Gläu⸗ bigen, der päpſtliche Ceremonienmeiſter, im vollen Ornat, trug ihn hinein in die Paläſte, in deren Vorhallen die ganze Dienerſchaft, mit Wachsfackeln in den Händen, Spalier bildete, um den auf goldener Schüſſel ruhenden Pantoffel zu geleiten, ihm vorzutreten und vorzu⸗ leuchten bis hinein in die Gemächer der Herrſchaften, die auf ihren Knieen den Pantoffel willkommen hießen, und wenn der Ceremonien⸗ meiſter ihnen denſelben zum Kuſſe darreichte, mit glühendſter Inbrunſt ihre Lippen auf denſelben hefteten.*) Aber alle dieſe Huldigungen, dieſe Schmeicheleien, dieſe Anbe⸗ tungen, ſo ſehr ſite auch immer das edle Herz des Papſtes erfreuten, vermochten doch nicht ihn zu befriedigen, denn es gab zwei Männer in Wien, welche ſich dieſer Vergötterung nicht anſchloſſen, zwei Män⸗ ner, welche Pius zu widerſtehen wagten und ihm entgegentraten mit dem Stolz ihrer eigenen Perſönlichkeit und dem Bewußtſein ihrer eigenen Würde und Bedeutſamkeit. Der Erſte dieſer beiden Männer war der Kaiſer! Freilich hatte er es niemals an der Ehrfurcht und Rückſicht mangeln laſſen, die er Pius als dem erhabenen Kirchenfürſten, als dem frommen und ehr⸗ würdigen Greiſe ſchuldete. Aber Pius fühlte doch, daß er das Herz, und noch viel weniger den Kopf Joſeph's nicht für ſich gewonnen, *) Friedel's Briefe aus Wien. Th. I. S. 221. Kaiſer Joſeph. 3. Abth. III. 146 daß er nicht dem Rufe ſeines frommen Vaters gehorſamend in voller Zerknirſchung des verlornen Sohnes heimgekehrt war zu der Mutter Kirche, um reuige Abbitte zu leiſten und ſeine Fehler zu widerrufen. Der Kaiſer hatte ihn geehrt als Gaſt, aber er hatte den Papſt doch fühlen laſſen, daß Joſeph immer noch alleiniger und unum— ſchränkter Herr ſei in ſeinen Landen, ſelbſt wenn das Oberhaupt der Chriſtenheit in denſeloen ſich befinde. Joſeph hatte befohlen, daß alle geiſtlichen Breven, bevor ſie ge⸗ druckt und publicirt würden, ihm zur Unterſchrift vorgelegt würden, damit er ihnen das Exequatur ertheile. Als daher Papſt Pius wäh⸗ rend ſeiner Anweſenheit in Wien ein Breve erließ, in welchem er der neuerbauten Michaelis⸗Kirche Beneficien und Indulgenzen verlieh, weigerte ſich die Staatsdruckerei, dieſes Breve zu drucken, da es noch nicht die Unterſchrift des Kaiſers trüge, und auf ausdrücklichen Be⸗ fehl Joſeph's mußte auch dieſes Breve, gleich allen übrigen, ihm erſt zur Uaterſchrift vorgelegt werden. Noch andere Kränkungen hatte der ſtolze Kirchenfürſt von dem Kaiſer erfahren. Vielleicht hatte er ſich gefreut, bei den beiden großen Feierlichkeiten, bei dem Segen auf dem Hofe und dem Hochamt in der Stephans⸗Kirche, den gläubigen und anbetenden Wienern auch den Kaiſer zu zeigen, wie er in Demuth und Gehorſam, als ehr⸗ furchtsvoller, gläubiger Sohn, ſich beugte vor ſeinem erhabeneren Vater, und in dem Statthalter Gottes ſeinen Herrn und Vorgeſetzten anerkannte, dem er überall den Vortritt und den erſten Rang ein⸗ räumte. Aber der Kaiſer vereitelte ihm die Freude. Er hatte nicht ſobald erfahren, daß auf ausdrückliche Anardnung des päpſtlichen Ceremonien⸗ meiſters der päpſtliche Thron in der Stephanskirche um eine Stufe höher ſein ſollte, wie der neben demſelben errichtete Thron des Kaiſers, als er befahl, ſofort ſeinen Thron fortzunehmen, da er dem Hochamt nicht beiwohnen werde. Bei dem Papſt entſchuldigte er ſich mit einem Augenübel, das ihn den Glanz der vielen Lichter bei dem feierlichen Hochamt ſcheuen laſſe. Und dieſes Augenübel war ſehr hartnäckiger Natur, denn der Kaiſer hatte ſchon daran gelitten, als der Papſt den großen Segen auf dem Hofe ertheilte, und ſchon damals hatte ——„ voller Mutter errufen. Papſt unum⸗ pt der ſie ge⸗ sürden, wäh⸗ hem er verlieh, s noch en Be⸗ hm erſt on dem großen aamt in en auch Kaiſers ochamt t einelt jel näckigtk Papſt 6 bat lichen 147 er wegen deſſelben dieſer Ceremonie nicht beiwohnen können, bei welcher er hinter dem Papſt hätte einherſchreiten müſſen. Der andere Mann, welcher es gewagt hatte, ſich dem Papſt als freier, ſelbſtſtändiger Character gegenüber zu ſtellen, das war der Fürſt Kaunitz, der„ministro eretico“, wie der Papſt ihn oft in ſeinen Breven genannt, der Mann mit dem eiſernen Kopf und dem ſtarken Willen, welche Beide Rom ſchon ſo viel Leid zugefügt. Vergeblich hatte der Papſt an jedem Tage den Beſuch des Für⸗ ſten erwartet; Kaunitz war nicht gekommen, dem heiligen Vater ſeine Huldigung darzubringen; vergeblich ſtand der päpſtliche Pantoffel auf goldgeſticktem Kiſſen in dem Vorſaal des Papſtes; alle hohen Staats⸗ beamten, der ganze hohe Adel kam, dieſen Pantoffel zu küſſen, Kaunitz allein kam nicht. Und ſo war endlich der Tag der Abreiſe des Papſtes herangekom⸗ men, und Kaunitz hatte Pius noch immer vergeblich auf ſich warten laſſen, und der Papſt, der persuasore, hatte noch immer nicht den ministro eretico die Macht ſeiner Beredſamkeit können empfinden laſſen, noch immer nicht verſuchen können, durch ſeine Güte und Gnade den Für⸗ ſten zu gewinnen, und ihn zu einem Freund der Kirche umzuwandeln. Heute um die Mittagsſtunde ſollte die Abreiſe des Papſtes ſtatt⸗ finden. Pius hatte ſchon alle Abſchiedsbeſuche empfangen, alle Car⸗ dinäle und Biſchöfe beurlaubt. Um zwei Uhr erwartete er den Kai⸗ ſer, der ihn abholen und ihn bis Mariabrunn begleiten wollte. Jetzt war es eilf Uhr, Pius hatte alſo noch einige unbeſchäftigte Stunden vor ſich. Er konnte alſo endlich zur Ausführung bringen, was er ſchon lange beabſichtigt hatte. Er ſchellte ſeinem Kammerdiener und befahl ihm, ſofort einen Boten zu dem Fürſten Kaunitz zu ſenden, um Sr. Durchlaucht zu vermelden, daß der Papſt in einer halben Stunde ihm ſeinen Beſuch machen werde. Der Kammerdiener eilte fort, aber wenige Minuten ſpäter öffnete ſich wieder die Thür und der Ceremonienmeiſter des Papſtes trat ein. Pius empfing ihn mit einem ſauften Lächeln. Ich weiß, weshalb Ihr kommt, ſagte er. Ihr habt von Brambilla erfahren, daß ich beabſichtige, dem Fürſten Kaunitz meinen Beſuch zu machen, und Ihr wollt mich bitten, dies nicht zu thun! 10* 148 Ja, ich wollte Ew. Heiligkeit beſchwören, nicht einen Schritt zu thun, der— Der ganz und gar nicht der päpſtlichen Würde entſpricht, unter⸗ brach ihn der Papſt. Ihr könnt denken, daß ich mir das Alles ſchon ſelbſt geſagt, daß ich lange gekämpft und überlegt habe, daß es de⸗ müthigend für mich iſt, zu dieſem ſtolzen Manne zu gehen, der es verſchmäht hat, zu mir zu kommen. Aber demüthig zu ſein, iſt die Pflicht des Dieners Gottes, und der Hochmuth der Welt darf mich nicht verhindern, einen Schritt zu thun, der vielleicht für die Kirche von erſprießlichen Folgen ſein kann. Denn dieſe Aufmerkſamkeit, welche der Papſt dem Miniſter zollt, wird ihn vielleicht rühren, wird ſein Herz erſchüttern und ihm beweiſen, daß wir nicht ſo herrſchſüch⸗ tig und ſtolz ſind, als er vermeint, daß wir gern Jedem Anerkennung und Ehre ſchenken, und nur wünſchen, daß man auch uns das thue, was wir gethan haben unſerm Nächſten. Aber wenn denn Ew. Heiligkeit dem Fürſten ſolche ungeheure, niemals dageweſene Ehre erzeigen wollen, ſo hätten Ew. Heiligkeit mindeſtens den Fürſten früher davon benachrichtigen, hätten es ihn ſchon geſtern wiſſen laſſen müſſen, damit er ſeine Vorbereitungen treffen konnte zu einem würdigen Empfang Eurer Heiligkeit. Der Papſt lächelte traurig. Kurzſichtiger Freund, ſagke er, meine Augen ſehen weiter, als die Eurigen! Ich habe dem Fürſten ſo ſpät meinen längſt beſchloſſenen Beſuch angekündigt, um mir noͤch größere Demüthigungen zu erſparen; hätte ich Kaunitz ſchon geſtern vermelden laſſen, daß ich ihn heute beſuchen wolle, ſo hätte die Höflichkeit und Schicklichkeit erfordert, daß er mir zuvorkomme, und mir zuerſt ſeinen Beſuch mache. Ich fürchte aber, der rückſichtsloſe Mann würde dieſe Höflichkeit nicht erfüllt haben. Hätte ich ihm heute um einige Stun⸗ den früher meinen Beſuch angekündigt, ſo würde er Zeit gehabt-haben, Vorbereitungen zu treffen, um den Kirchenfürſten, den Statthalter Gottes, mit einiger Feierlichkeit zu empfangen. Ich fürchte aber, er würde von dieſer Zeit keinen ſolchen Gebrauch gemacht, er würde keine Vorbereitungen getroffen haben. Es war alſo beſſer, unerwartet zu kommen, um meiner Würde eine Demüthigung zu erſparen. Aber weshalb wollen Ew. Heiligkeit überhaupt dieſem hoch⸗ müthigen Mann eine ſolche hohe Ehre angedeihen laſſen? fragte der Cereme da er! erkenne 81 laſſen, Weil e wenn e Sohn dem K ſeinem 2 denn bereitt zu em A reichſt belegt und i Segen 4 legte Grafn trug, zu er 3 durch Wort entgen ahsgu 9 Jetzt die gnäd 149 Ceremonienmeiſter eifrig. Weshalb ihn mit einem Beſuch begnadigen, da er den Werth dieſer Gnade vielleicht gar nicht in dem rechten Maaß erkennen und würdigen wird? Weshalb! Weil mir mein Amt beſiehlt, nichts unverſucht zu laſſen, was zum Heil und zur Ehre der Kirche förderlich ſein könnte. Weil eine Demüthigung meiner Perſon nicht geſcheut werden kann, wenn es gilt das Heil zu fördern und der Kirche einen verlorenen Sohn wieder zu gewinnen. Eilt Euch, ſendet raſch meinen Boten hin, denn die Zeit verfliegt, und ich will dieſen Mann aufſuchen, der mich vermeidet, und ſeinem Gotte trotzt! Eine balbe Stunde ſpäter hielt eine kaiſerliche Hof⸗Equipage vor dem Hotel des Fürſten Kaunitz an, und der Papſt, nur gefolgt von ſeinem Caplan, kam, dem Fürſten Kaunitz ſeinen Beſuch zu machen! Aber dies Mal ſchien der weiſe Pius ſich doch geirrt zu haben, denn Fürſt Kaunitz ſchien die kurze Zeit gleichwohl zu einigen Vor⸗ bereitungen benutzt zu haben, um Se. Heiligkeit würdig und feſtlich zu empfangen. Auf dem Flur des Hotels ſtand die fürſtliche Dienerſchaft in reichſter Gallalivree, an der Treppe, welche mit koſtbaren Teppichen belegt war, empfing die Gräfin Clary in reichſter Toilette den Papſt, und ihre Kniee beugend vor Sr. Heiligkeit, bat ſie ihn um ſeinen Segen. Pius neigte ſtch zu ihr nieder mit einem ſanften Lächeln, und legte ſegnend ſeine Hände auf ihr Haupt, und geſtattete es, daß die Gräfin alsdann dieſe ſchöne weiße Hand, welche den Ring St. Peters trug, an ihre Lippen preßte. Dann bat er ſie, ſtch von ihren Knieen zu erheben, und ihn zu ihrem Oheim dem Fürſten zu geleiten. Die kleine Gräfin Clary ſtand auf, und während ſie den Papſt durch eine Reihe glänzend decorirter Säle führte, bat ſte in demüthigen Worten um Entſchuldigung, daß der Fürſt nicht ſelber Sr. Heiligkeit entgegen gekommen, weil er nicht wagen dürfe, der kalten Luft ſich auszuſetzen, und ſeit einigen Wochen ſein Zimmer nicht verlaſſen habe. Pius neigte ſanft ſein Haupt zur Zuſtimmung, und ſchritt weiter. Jetzt endlich ſtanden ſie vor einer geſchloſſenen Thür, und indem die Gräfin ſie öffnete, ſagte ſie: Hier erwartet mein Oheim den gnädigen Beſuch Eurer Heiligkeit. 150 Pius trat ein, aber nicht, wie er erwartet hatte, empfing ihn Fürſt Kaunitz an der Thür. Nein, er ſtand da drüben an der andern Seite des großen Gemachs vor dem Kamin, in welchem ein helles Feuer brannte, er ſtand da, den Hut auf dem Kopf, in ſeinem ein⸗ fachen Hausrock, deſſen Schöße er zurückgeſchlagen hatte, um ſich zu wärmen.*) So ganz vertieft in ſeine Gedanken ſchien der Fürſt zu ſein, daß er das Eintreten des Papſtes und ſeines Gefolges gar nicht bemerkte, ſondern ruhig ſtehen blieb, bis die Gräfin Clary mit lauter Stimme ſagte: Se. Heiligkeit der Papſt! Nun ſchritt Kaunitz, ohne daß indeß ſein Antlitz irgend eine Ueberraſchung, ein Aufſchrecken aus ſeinem Nachdenken verrathen hätte, langſam vorwärts. Grade in der Mitte des Salons traf er mit dem Papſt zuſammen, und indem er ſich ehrfurchtsvoll verbeugte, nahm Kaunitz endlich jetzt ſeinen Hut ab. Pius neigte ſein Haupt zum Gruß und reichte mit einer hoheits⸗ vollen Bewegung dem Miniſter ſeine Hand zum Kuſſe dar. Aber Kaunitz, ſtatt ſeine Lippen auf dieſe Hand, welche ſeinem Munde dar⸗ gereicht ward, zu preſſen, ergriff ſie mit ſeiner Rechten, und ſchüttelte ſte, à l'anglaise, auf das Kräftigſte und Herzlichſte, indem er aus⸗ rief: De tout mon coeur! De tout mon coeur!**) Ueber das edle, ſchöne Antlitz des Papſtes flog ein düſterer Schatten hin, und das Lächeln ſeiner feinen Lippen verblaßte. Ich bin ge⸗ kommen, weil ich wünſchte, Ew. Durchlaucht Lebewohl zu ſagen, und Ihnen meinen Segen zu bringen, auch ohne daß Sie ihn fordern! Ich danke Ew. Heiligkeit für die Ehre, welche Sie mir erzeigen, indem Sie mein Haus beſuchen, erwiderte der Fürſt mit vollkommen ruhiger, gleichmäßiger Stimme. Aber vor allen Dingen bitte ich Ew. Heiligkeit mir zu erlauben, daß ich meinen Hut wieder aufſetzen darf. Die Luft iſt hier etwas kühl, und ich habe einen ſchwachen Kopf.***). *) Groß Hoffinger III. S. 38. *) Hiſtoriſch. Siehe: Groß⸗Hoffinger. III. S. 39. **) Des Fürſten eigene Worte. Siehe: Bourgoing: Pins VI. und ſein Pontificat. S. 225. — er ſich Fürſten Ka Augen erwarte beginne E Papſt hin ur hin. ſanſtes 8 einen Pius K um ſo kit n die ich glaube V deshal verſtän dem K ſeligm gelung heihen J rrih keit weſen Kette mach ſein 151 Und war's nur die Furcht vor der kühlen Luſt, oder vor dem Segen des Papſtes,— Fürſt Kaunitz ſetzte ſchnell ſeinen Hut wieder auf ohne nur die Erlaubniß des Papſtes abzuwarten. Pius gab ſich den Anſchein dies nicht zu bemerken, und indem er ſich langſam auf einen Lehnſtuhl niedergleiten ließ, bat er den Fürſten mit ſanfter Stimme, neben ihm Platz zu nehmen. Kaunitz ſetzte ſich ihm gegenüber, und richtete ſeine großen blauen Augen mit kalter ſtarrer Ruhe auf das Angeſicht des Papſtes, und erwartete mit vollkommener Gelaſſenheit, daß dieſer die Unterhaltung beginne. Eine Pauſe trat ein; dieſe eiſige Ruhe des Fürſten ſchien den Papſt zu verwirren und zu betrüben, denn er bewegte ſich unruhig hin und her, und ein Ausdruck tiefer Trauer flog über ſeine Züge hin. Aber er raffte ſich gewaltſam zuſammen, und rief wieder ſein ſanftes, ſo oft geprieſenes Lächeln auf ſeine Lippen zurück. Ich bin zu Ew. Durchlaucht gekommen, weil ich wünſchte Ihnen einen hohen Beweis meiner Achtung und Anerkennung zu geben, ſagte Pius endlich. Kaunitz verneigte ſich leicht. Und ich bin von dieſem Beſuch um ſo mehr überraſcht worden, als ich aus den Breven Eurer Heilig⸗ keit niemals die Achtung und Anerkennung herausleſen konnte, die ich als Staatsmann und treuer Diener Oeſterreichs zu verdienen glaube. Vielleicht haben wir uns Beide mißkannt, ſagte Pius ſanft, und deshalb eben bin ich ſelbſt hierhergekommen nach Wien, um alle Miß⸗ verſtändniſſe zu löſen, alle Hinderniſſe bei Seite zu ſchieben, welche dem Kaiſer, meinen geliebteſten Sohn in Chriſto, den Weg zu der allein ſeligmachenden Kirche zu verſperren ſchienen. Vielleicht iſt es mir gelungen, vielleicht werden auch Ew. Durchlaucht, wie ich es mit heißen Gebeten vom Himmel erflehe, dieſen Weg wiederfinden. Ich hoffe, daß ich mich niemals von mänem rechten Wege ver⸗ irrtrhabe, ſagte Kaunitz feſt. Die Größe, Freiheit und Unabhängig⸗ keit Oeſterreichs iſt das Ziel und Streben meines ganzen Lebens ge⸗ weſen, und immer bin ich meinem edlen Kaiſer behülflich geweſen die Ketten zu zerreißen, mit welchen man ihn binden und ihn abhängig machen möchte von einem fremden Willen. Jetzt giebt es in dieſem 15² Staat kein anderes Geſetz, als das Geſetz des Kaiſers, keinen andern Willen, als den ſeinen, er iſt unumſchränkter Gebieter in ſeinem Reiche, und da er immer nur das Gute will, und das Große erſtrebt, geht Oeſterreich jetzt einer herrlichen, ſtolzen und freien Zukunft ent⸗ gegen. Dieſe Zukunft aber hat es gefunden auf dem Wege, den Ich mit dem Kaiſer wandelte! 1 Pius blickte mit einem Ausdruck tiefen Kummers in das Antlitz des ſtolzen Miniſters. Sie ſprechen nur von dem, was Sie als Staats⸗ mann und als Politiker gethan, ſagte er, und nur mit weltlichen Gedanken iſt Ihre ganze Seele erfüllt. Und doch iſt Ihr Haar ſchon weiß wie Schnee, doch ſind Sie ein Greis, welcher dem Grabe zuwankt, doch wäre es Ihrem hohen Alter wohl erſprießlich und angemeſſen, ſich auch mit Gott zu verſöhnen, und etwas zu thun zum Beſten der Kirche.*). Das Angeſicht des Fürſten war bleich geworden, ſelbſt die ſtark aufgelegte Schminke genügte nicht, dies zu verſchleiern. Seine Stirn legte ſich in düſtere Falten, und der Athem kam laut und ſieberiſch aus ſeiner Bruſt hervor. Pius hatte ein Wort genannt, welches Kaunitz ſtreng verboten hatte in ſeiner Gegenwart zu nennen, und welches jetzt ſeine Bruſt wie ein Dolchſtoß getroffen hatte. Dieſes Wort war: das Grab! Pius hatte den eitlen Fürſten an ſeiner Achilles⸗Ferſe verletzt, denn er hatte von ſeinem hohen Alter geſprochen, er hatte ihn einen Greis genannt! Aber nach einigen Minuten hatte Kaunitz ſeinen Zorn und ſeine Empörung bekämpft und ſein Antlitz ward wieder ſo ruhig und ehern, wie es immer zu ſein pflegte. Ich hoffe, ſagte er mit lauter, feſter Stimme, ich hoffe, daß ich nicht nöthig habe, mich mit Gott zu verſöhnen, weil ich niemals etwas gethan habe, weshalb er mir ſeine Gnade entziehen müßte. Zum Beſten der Religion glaube ich auch Vieles gethan zu haben, und es iſt nicht meine Schuld, wenn das Beſte der Religion nicht immer im Einklang iſt mit dem Beſten der Kirche. Aber verzeihen mir Ew. Heiligkeit, daß unſer Geſpräch durch meine Schuld eine ſo *) Des Papſtes eigene Worte. Siehe: Pius VI. und ſein Pontificat. S. 226. 4 ernſt Eure Sit und bleibe Geſel Ding und ſind Kung heili mir Men zu i um — 153 ernſte Wendung genommen, denn ſicher lag es nicht in der Abſicht Eurer Heiligkeit, mit mir eine Geſchäftskonferenz zu halten, ſondern Sie wollten mir die Gnade eines freundſchaftlichen Beſuchs erzeigen, und ſolchen Beſuchen müſſen die Staats⸗Angelegenheiten immer fern bleiben, denn die Geſchäfte des grünen Tiſches paſſen nicht für das Geſellſchaftszimmer. In dieſem ſollte man ſich nur von den heitern Dingen des Lebens unterhalten, von den Wiſſenſchaften, den Künſten und Allem, was das Leben ſchmückt und verſchönt. Ew. Heiligkeit ſind ja auch ein gnädiger Gönner der Wiſſenſchaften und Künſte! Ich liebe die Künſte, ſagte der Papſt ſanft, liebe beſonders die Kunſt, welche zur Verſchönerung der Kirche und zur Erweckung einer heiligen und andächtigen Freude am Meiſten beitragen. Es ergeht mir damit, wie mit dem Menſchen, denn ich ſchätze auch diejenigen Menſchen am höchſten, welche die Kirche ſchmücken und zieren, und zu ihrer Verherrlichung beitragen. Aber es können doch nicht alle Menſchen ſich zu Pinſeln machen, um die Kirche mit Heiligenbildern und Wundermährchen auszumalen, rief Kaunitz, denn, nicht wahr, ich habe recht gerathen, die Malerei iſt die Kunſt, welche Ew. Heiligkeit am Meiſten lieben? Ja, die Malerei, welche die eigentliche chriſtliche Kunſt iſt! Ach, wenn Ew. Heiligkeit die Malerei lieben, ſagte Kaunitz raſch, ſo darf ich hoffen, Ihnen auch in meinem Hauſe einen kleinen Genuß zu gewähren, denn ich beſitze eine ziemlich bedeutende Gemälde⸗Sammlung und ich bitte Ew. Heiligkeit um das Vergnügen, Ihnen dieſelbe zeigen zu können. Er ſtand auf, bevor noch Pius ſeine Zuſtimmung gegeben, die Gemälde zu ſehen, und bat den Papſt, ihn in den anſtoßenden Saal zur Beſichtigung ſeiner Gemälde zu begleiten. Pius erhob ſich langſam aus ſeinem Lehnſeſſel und folgte dem Fürſten, der mit raſcherem Schritt ihm vorauseilte, und die Thüren zu dem Saal öffnete. Ehrerbietig folgten dem Papſt ſein Caplan, e⸗ und die Gräfin Clary, und der Staatsreferendar Baron von Binder, welche während des Geſprächs zwiſchen Pius und dem Fürſten ſich ehrfurchtsvoll bis an die Thür zurückgezogen hatten. Sie traten ein in den großen Saal, deſſen hohe Wände rings 0 154 mit den ſchönſten Gemälden geziert waren. Kaunitz beeiferte ſich, jedes dieſer Gemälde dem Papſt zu erklären. Sehen Sie, da habe ich ein Gemälde, um welches mich ſelbſt der Vatican beneiden kann, ſagte er, auf das große Bild hindeutend, vor welchem ſie eben anlangten. Es iſt ein Werk von Murillo, dieſem großen Meiſter, welcher Madonnen und Betteljungen gleich herrlich zu malen verſtand. Sehen Ew. Heiligkeit nur! Kann es ein ſchöneres Erdenweib, eine lieblichere und üppigere Mutter geben, als dieſe Ma⸗ donna hier? Es iſt wahr, dies iſt ein ſehr ſchönes Bild! ſagte Pius, näher zu dem Bilde herantretend. Ah, Ew. Heiligkeit haben nicht den richtigen Standpunkt, um es ſehen zu können, rief Kaunitz. Sie müſſen hier links herkommen. Und im Eifer ſeines Kunſt⸗Enthuſiasmus ganz und gar des Ceremoniells vergeſſend, ergriff der Fürſt den Arm des Papſtes und zog ihn hinüber nach der linken Seite. Pius zuckte erſchreckt in ſich zuſammen, und einen Moment blitzte ein Funke des Zorns in ſeinen Augen auf über dieſe unehrbietige Berührung ſeiner geheiligten Perſon, aber wieder überwand er ſich und betrachte mit theilnahmsvoller Aufmerkſamkeit das Bild. Kaunitz ſchien die Erregung des Papſtes gar nicht gewahrt zu haben, er führte ihn weiter von Bild zu Bild, bald ihn rückwärts drängend, bald ihn vorwärts ſchiebend, bald ihn rechts wendend, oder nach links ihn drehend, je nachdem er es zur wirkungsvollen Be⸗ ſchauung ſeiner Gemälde nothwendig erachtete.*) Der Papſt ließ es geſchehen, vielleicht, weil er betäubt war vor Erſtaunen, vielleicht, weil er den ſtolzen Miniſter nicht ahnen laſſen wollte, daß er ſich gekränkt fühle. Zum erſten Mal hatte es eine profane Hand gewagt, ihn zu zerren und zu ſtoßen, ihn, dem man ſich ſonſt nur mit tiefſter Ehrerbietung nahte, den man nur berührte, um ihm zu huldigen!— Mühſam rang er nach Faſſung, aber ſeine Lippen zitterten, und er warf faſt einen ängſtlichen, hülfeflehenden Blick auf ſeinen Caplan, der mit wahrhaft entſetzten Blicken dieſer unerhörten Scene zugeſchauet hatte, und ſich jetzt beeilte, den Papſt aus dieſer *) Bourgoing: Pius VI. und ſein Pontificat S. 227. pein und Abre und muß zu b wäre beſch welch welch er h des ſein der peinigenden Situation zu erlöſen, indem er ſich haſtig ihm näherte, und Pius mit halblauter Stimme daran mahnte, daß die Stunde ſeiner Abreiſe heranrücke, und daß der Kaiſer ihn erwarten werde. Ihr habt Recht, meine Zeit iſt abgelaufen, ſagte Pius raſch, und indem er ſich an den Fürſten wandte, ſagte er freundlich: Ich muß fort, und kann nicht einmal die Freude haben, alle Ihre Bilder zu beſchauen. Hätte ich geahnt, daß Sie ſo viele Schätze beſitzen, ſo wäre ich ſchon eine Stunde früher gekommen, um ſie mit mehr Muße beſchauen zu können. Ich danke Ihnen indeß für die große Gefälligkeit, welche Sie mir erwieſen, und für das viele Neue und Unerwartete, welches Sie mir gezeigt haben! Er grüßte Kaunitz mit einer tiefern Neigung des Hauptes, aber er hütete ſich wohl, ihm nochmals ſeine Hand darzureichen, um ſtatt des Kuſſes ſeinen kräftigen Händedruck zu empfangen. Auf den Arm ſeines Kaplans gelehnt, wandte er ſich der Thür zu, aber als er an der Gräfin Clary vorüberkam, blieb er ſtehen, und legte mit einer Bewegung voll Hoheit und Anmuth zugleich ſeine Hand auf ihr Haupt. Ich laſſe meinen beſten Segen in dieſem Hauſe und auf Ihrem Haupt zurück, ſagte er, möge er Ihnen und dieſem Hauſe Früchte tragen, und möge Gott in ſeiner Gnade und Barmherzigkeit auch allen Denen helfen, welche ihm ein ſtörrig und unwillfährig Herz entgegen halten, als einen Schild, mit dem ſte ſich gegen ihn wappnen. Möge er ſie erleuchten, und zur Demuth zurückführen, denn die De⸗ muth ziemt dem wahren Chriſten, und wer die Demuth nicht hat, iſt klein vor ihm ſelber und ſeine Werke ſind unnütz, denn ſie haben nicht das ewige Leben!. Er ging weiter, ohne nur ein einziges Mal ſich umzuſchauen, ohne nur ein einziges Wort noch an Kaunitz zu richten, oder ihn zum Abſchied zu begrüßen. Mit ſtolzem Schritt, mit hochgehobenem Haupt, jetzt wieder der erhabene unnahbare Fürſt der Kirche, ſchritt er durch die Säle dahin, und ſchien es ganz vergeſſen zu haben, daß es da neben ihm einen Fürſten Kaunitz gab, und ſchien es gar nicht zu hören, daß dieſer jetzt zu ihm ſprach und ſich beurlaubte, weil er die kalte Luft nicht vertragen, und daher Se. Heiligkeit nicht zur Treppe geleiten könne. Ruhig und ſtolz ſchritt der Papſt weiter, die Treppe hinunter, 156 und durch das Spalier der fürſtlichen Diener dahin nach ſeinem Wagen, der ihn raſch zurück trug zu der Burg. Der Ceremonienmeiſter empfing ihn am Portal, und geleitete ihn hinauf in ſeine Gemächer. Ein einziger Blick auf das bleiche, kummer⸗ erfüllte Angeſtcht des Papſtes hatte ihm genügt, um ihm das Reſultat ſeines Beſuches zu verrathen. Ew. Heiligkeit haben den Miniſter eben ſo halsſtarrig und ſchroff gefunden, als er immer geweſen, nicht wahr? fragte er theilnahmsvoll. Pius ließ ſich ſeufzend und ganz erſchöpft von der innern Aufregung auf einen Seſſel niedergleiten. Ihr hattet Recht, ſagte er matt, ich hätte nicht zu dieſem Manne gehen ſollen. Gott hat mich geſtraft für meine Eitelkeit und meinen Stolz, er hat dieſen Mann zu ſeinem Werkzeug gemacht, um mich zu demüthigen, und mich daran zu mahnen, daß ich nur ein armer, ſchwacher Menſch bin, welcher ſich Vielerlei vorgeſetzt hat, und doch⸗ ſo wenig davon erreichen wird! Ach, Battiſta, was habe ich nicht Alles Großes und Segenbringendes von dieſer Wiener Reiſe mir er⸗ hofft, und wie wenig iſt davon in Erfüllung gegangen! Wenig! Wir ſind allein, Niemand hört uns, als Gott, und Ihr ſeid mein älteſter und treueſter Freund, Euch darf ich die Wahrheit ſagen! Nichts iſt in Erfüllung gegangen von allem, was ich hoffte, nichts habe ich erlangt! Ich werde das Niemand ſagen, ich werde Niemanden meine Hoffnungsloſigkeit zugeſtehen. Aber Euch ſage ich's! Es iſt Alles umſonſt! Ich habe Alles verſucht, damit die Dinge auf dem alten Fuß bleiben, oder wieder dahin gebracht werden möchten. Aber bis jetzt iſt Alles umſonſt geweſen!*) Nur eins habe ich gewonnen auf dieſer Pilgerfahrt: die Ueberzeugung, daß der Kaiſer ein guter und edler Menſch, wenn auch kein guter Chriſt iſt. Ach, Zattiſta, ich bin gekommen, um den Kaiſer zu bekehren zu mir, und nun iſt er es, der mich faſt zu ſich bekehrt hat. Man hat mir viel falſche Schilderungen von dem Character des Kaiſers gemacht, und nun finde und erkenne ich ihn als einen edlen und großherzigen Fürſten, der, was er thut, doch nicht thut als Feind der Kirche, ſondern nur aus dem, wenn auch falſchen und irregeleiteten Drang nach dem Rechten *) Des Papſtes eigene Worte. Siehe Hübner I. S. 129. und man auf von Deer erlaſ zwech Zum antn Äbl. zerb klop der Cere Ang geſe zurn des Joſ zum ihre 5] — 157 und Guten. Joſeph iſt kein Feind der Religion und der Kirche, wie man mich zu Rom wollte glauben machen! Der Ceremonienmeiſter warf einen düſtern vorwurfsvollen Blick auf das ſanfte Angeſicht des Papſtes. Ew. Heiligkeit wiſſen alſo nichts von den neuſten Verordnungen des Kaiſers? fragte er. Was ſind dies für Verordnungen? rief Pius angſtvoll. Der Kaiſer hat den Orden der Bettelmönche aufgehoben, das Decret iſt geſtern erſchienen. Er hat ferner, wie man ſagt, ein Decret erlaſſen, durch welches er alle Kloſtergüter einzieht, um ſie zu Staats⸗ zwecken zu verwenden, und er will den Geiſtlichen eine Penſton geben. Zum dritten hat er den Cardinal⸗Erzbiſchof zur ſtrengſten Ver⸗ antwortung gezogen, weil er den letzten von Ew. Heiligkeit verliehenen Ablaß ohne Bewilligung des Kaiſers durch den Druck ankündigte.*) Pius ſtieß einen tiefen, ſchmerzvollen Seufzer aus, und ließ ganz zerbrochen ſein Haupt auf ſeine Bruſt ſinken. In dieſem Moment klopfte es leiſe an die Thür, welche dann ſofort geöffnet ward, und der Kaiſer trat ein. Er kam wie er immer zu thun pflegte, unangemeldet ohne alles Ceremoniell und Gefolge, und begrüßte den Papſt mit offenem heitern Angeſicht. Der Ceremonienmeiſter zog ſich leiſen Schrittes, mit demüthig geſenktem Haupt, einen grollenden Seitenblick auf den Kaiſer werfend, zurück in das Vorgemach, in welchem das Gefolge des Papſtes und des Kaiſers verſammelt war und des Befehls zum Aufbruch harrte. Der Papſt und der Kaiſer blieben allein, und ſofort näherte ſich Joſeph dem Papſt, und reichte ihm ein Etui dar, indem er ihn bat, zum Zeichen ihrer Freundſchaft und als Andenken an die ſchönen Tage ihres Zuſammenſeins ein Andenken von ihm anzunehmen. Pius, ganz verwirrt von all' dieſen verſchiedenen, auf ihn ein⸗ drängenden Empfindungen, öffnete ſchweigend das Etui, und ſelbſt ſeine heiligen und frommen Lippen konnten einen leiſen Schrei der Ueberraſchung nicht zurückhalten über dieſes herrliche und ſtrahlende Geſchenk, welches der Kaiſer ihm darbot. Es war ein großes Kreuz *) Groß⸗Hoffinger III. S. 41. 158 von den reinſten und größten Brillanten, das ihm da entgegenblitzte, und das ganze Gemach wie mit Sternenglanz zu durchfunkeln ſchien.*) Ich bitte Ew. Heiligkeit, dies Kreuz zu meinem Angedenken tra⸗ gen zu wollen, ſagte Joſeph mit faſt zärtlicher Stimme. Pius hob den Blick von den funkelnden Juwelen empor und ſchaute ſinnend zu dem Kaiſer auf, der lächelnd vor ihm ſtand. Oh, mein theuerſter Sohn in Chriſto, ſagte er wehmuthsvoll, wird dies das einzige Kreuz ſein, welches Ew. Majeſtät mich zurücktragen laſſen nach Rom? Ew. Heiligkeit nehmen noch außerdem meine Liebe mit, ſagte Joſeph ausweichend, und dieſe Liebe möchte ich Ihnen gern noch durch einen anderweitigen kleinen Freundſchaftsdienſt beweiſen! Wollen mir Ew. Heiligkeit alſo erlauben, Ihrem Neffen Luigi Braschi das Di⸗ plom eines Fürſten zu verleihen? Pius ſchüttelte leiſe ſein Haupt. Ich danke Ew. Majeſtät für dieſe Gnade, die Sie meinem Neffen erzeigen wollen, ſagte er, aber ich kann ſie nicht annehmen, denn ich will nicht, daß man glauben könnte, ich hätte mich hier in Wien mehr mit der Erhebung meiner Familie, als mit den Intereſſen der Kirche beſchäftigt!?*?*) Ew. Majeſtät wollen meinen Neffen zu einem Fürſten erhöhen, aber ſeinen Oheim, den Fürſten der Kirche, den wollen Ew. Majeſtät erniedrigen, dem wollen Sie die Ehre nicht gönnen, welche ihm gebührt, und welche Ew. Majeſtät Vorfahren dem Statthalter Gottes niemals verweigert haben! Ah, ich ſehe, man hat mich wieder einmal bei Ew. Heiligkeit verleumdet, rief der Kaiſer. Was iſt es, was hat man geſagt? Sagen Sie es mir, vielleicht vermag ich mich zu rechtfertigen! Ew. Majeſtät haben den Orden der Bettelmönche aufgehoben? Ja, das habe ich gethan, denn es iſt ein träger und unnützer Orden, welcher der Menſchheit keinen Gewinn, der Kirche aber Scha⸗ den bringt durch das ſittenloſe, wüſte und verächtliche Leben ſeiner Mönche. *) Dieſes Brillantkreuz hatte einen Werth von 200,000 Gulden. Siehe Hübner I. S. 128.— **) Des Papſtes eigene Worte. Siehe: Groß⸗Hoffinger III. S. 46. gezo laſſen meine biche Ew. Majeſtät haben den Cardinal Migazzi zur Verantwortung gezogen, weil er meinen Ablaß ohne Ihre Einwilligung hat drucken laſſen? Ich habe das thun müſſen, weil ich will, daß die Geſetze in meinem Lande aufrecht erhalten werden, ohne Anſehen der Perſon, und das Geſetz befiehlt, daß nichts gedruckt werde ohne Zuſtimmung der Cenſur. Der Papſt ſeufzte tief auf und fuhr mit zitternder Stimme fort: Und endlich, iſt es wahr, wollen Ew. Majeſtät die Kloſtergüter ein⸗ ziehen, das Vermögen zu Staatszwecken verwenden und den Geiſt⸗ lichen Penſionen ausſetzen? Das Letztere iſt mein Ziel, ich habe es aber noch nicht erreicht, und von dem Letztern hängt das Erſtere ab. Ich will in dieſer Scheideſtunde ganz offen und ehrlich zu Ew. Heiligkeit ſprechen. Ja, es iſt mein Plan, alle Kirchengüter einzuziehen und den Geiſtlichen, vom Cardinal bis zum Caplan, Beſoldungen aus der Staatskaſſe zu geben. Aber, wie geſagt, noch bin ich fern von dieſem Ziel, und die Kirchengüter, welche ich bis jetzt eingezogen, ſind nur diejenigen der aufgehobenen Mönchs⸗ und Nonnenklöſter. Dieſe habe ich zum Eigenthum des Staats gemacht. Wehe über Ew. Majeſtät, daß es ſo iſt, rief Pius, indem er bleich vor Schmerz und Zorn zugleich ſich aufrichtete, und ſtolz und hoch dem Kaiſer gegenüber ſtand. Ich kann mich nicht enthalten, Ew. Majeſtät zu ſagen, daß Sie der Kirche eine wehevolle Wunde ſchlagen, und bei den Frommen ein unverſöhnliches Aergerniß erregen durch ſolches Thun. Ich muß ſagen, was ich Gewiſſens halber nicht in meinem Herzen verſchließen kann. Ich muß ſagen, daß der Kirche und den Prieſtern ihr weltliches Eigenthum nehmen, nach der Lehre der katholiſchen Kirche, ein öffentlicher Irrthum ſei, verdammt von den Kirchenräthen, verflucht von den heiligen Vätern und mit dem Namen einer giftigen, einer gottloſen Lehre von erlauchten Schrift⸗ ſtellern gebrandmarkt. Soll ich Ihnen anführen, was Johann, der Patriarch von Antiochien, im zwölften Jahrhundert den weltlichen Fürſten zugerufen hat, welche die Güter der Geiſtlichen einziehen wollten? Dies ſind ſeine Worte:„Da Du ein vergänglicher, ſterb⸗ licher, kurze Zeit lebender Menſch biſt, wagſt Du es, einem andern 160 Menſchen das zu geben, was nicht Dein iſt? Und wenn Du ſageſt, Du wolleſt das geben, was Gott gehört, ſo wirfſt Du Dich Selber zum Gott auf! Welcher mit Menſchenverſtand begabte Mann wird dieſes Weisheit nennen und nicht vielmehr eine Uebertretung, den äußerſten Ungehorſam und ſchändliche Ungerechtigkeit? Wie kann einer ſich einen Chriſten heißen, der die unſerm Gott und dem himm⸗ liſchen Chriſtus geheiligten Sachen entweiht?“— Alſo hat Gott ge⸗ ſprochen, und ich kann ſeine Worte nicht verwerfen, ſondern muß ſagen, daß ſie gut ſind, und angewandt werden müſſen auf Euer Majeſtät!*) Die Stimme des Papſtes erloſch faſt in Thränen bei ſeinen letz⸗ ten Worten, und ganz zerſchmettert, ſeine ganze Geſtalt durchbebt von Schmerz, glitt er wieder auf den Seſſel nieder und ſenkte ſein Haupt auf ſeine Bruſt. Der Kaiſer hatte ihm mit größter Gelaſſenheit und Ruhe zuge⸗ hört. Es war nicht das erſte Mal, daß er Zeuge geweſen ſolcher heftigen Zornesausbrüche des heiligen Kirchenfürſten, und immer hatte er ſie dadurch zu beſchwichtigen gewußt, daß er ihnen ruhig zuhörte, bis der Papſt ermattet von ſeiner eigenen Aufregung ver⸗ ſtummte, und dann, beſchämt über dieſelbe, einen mildern und ver⸗ ſöhnlichern Ton anſchlug.**) *) Dieſe ganze Rede enthält des Papſtes eigene Worte. Siehe: Huͤbner I. Seite 285.. **) Als der Kaiſer ſpäter nach Rom kam, um dem Papſt ſeinen Gegenbeſuch zu machen, ſagte er eines Tages, als er ſich mit dem Kardinal Bernis unter⸗ hielt und ſie von dem Papſt ſprachen:„Ich halte etwas auf Pius, er iſt ein guter Mann, obwohl ſehr heftig. Sie hätten lachen müſſen, wenn Sie Zeuge unſerer Wiener Conferenzen geweſen wären. Der Papſt ward oft ſehr hitzig, manchmal böſe; ich ließ ihn reden, behielt mein kaltes Blut und meinen Ent⸗ ſchluß.“— Und daß dies ſo war, geht aus den eigenen Worten des Papſtes hervor, denn als er ſich mit dem ſpaniſchen Geſandten Azara über ſeine Wiener Reiſe und deren Reſultate unterhielt, ſagte er:„Wir mußten ihm doch allezeir, was wir denken, zu wiſſen thun, um vor Gott und Menſchen vorwurfsfrei zu ſein. Wir ſind vollkommen überzeugt, daß Vorwürfe ihn nicht aufbringen kön⸗ nen, denn mit vieler Gelaſſenheit hört er Alles an, was man ihm ſagen mag, und thut hinterher doch, was er will.“ Dem ſpaniſchen Geſandten Joſepl Schri auf ſe nur di Stimn Beſchü Dieſe graden Ew.§ Ihnen die W Regier Cw. K erhoff nehme nicht laſſen einer welche Keer, einand winn, werden verhin feindli — kam di und 1 * 29 Kaiſe⸗ 161 Ew. Heiligkeit gehen zu weit in Ihrem apoſtoliſchen Eifer, ſagte Joſeph nach einer Pauſe. Ich will Ihnen nicht Texte der heiligen Schrift und der Kirchenväter anführen, denn dieſe können bekanntlich auf ſehr verſchiedene Art ausgelegt werden, ich will Ew. Heiligkeit nur dies ſagen, daß ich trotz Ihres Zürnens in meinem Innern eine Stimme höre, welche mir zuruft, daß es mir als dem Geſetzgeber und Beſchützer der Religion ſo und nicht anders zu handeln gezieme. Dieſe Stimme, vereint mit dem Beiſtand von Oben und meinem graden, biedern Sinn kann mich nicht irre führen!*) Aber ich bitte Ew. Heiligkeit zu glauben, daß ich mit kindlicher Ehrfurcht und Liebe Ihnen zugethan bin, und daß ich ſtets freudig und bereitwillig auf die Wünſche Ew. Heiligkeit eingehen werde, wenn dieſe nicht meinen Regierungspflichten geradezu entgegengeſetzt ſind. Es kann ſein, daß Ew. Heiligkeit nicht das erreicht haben, was Sie von dieſer Reiſe erhofften, aber die Ueberzeugung werden Sie wenigſtens mit zurück⸗ nehmen, daß ich ein ehrlicher Mann und— nicht wahr?— daß ich nicht ſo freigeiſtig und verderbt bin, als meine Feinde es Sie glauben laſſen wollten. Denn ich frage Ew. Heiligkeit, ob Sie in irgend einer meiner Verordnungen nur eine einzige Stelle gefunden haben, welche die Glaubenslehre angeht, ob Ew. Heiligkeit nicht vielmehr Selbſt geſtehen müſſen, daß meine Verordnungen alle nicht die Reli— gion, ſondern nur die Kirchenzucht anbetreffen? Ja, ſagte Pius nach kurzem Sinnen, ja, ich muß es bekennen, daß es ſo iſt! Nun denn, rief der Kaiſer lächelnd, ſo bin ich doch nicht ein Ketzer, wie man in Rom behauptet.**) Man hat uns Beide über einander getäuſcht, und deshalb iſt es immer ein unverlierbarer Ge⸗ winn, daß wir uns kennen, lieben und achten gelernt haben. Wir werden, ſo hoffe ich, hinfort immer doch Freunde ſein, wenn wir auch verhindert ſind, wie Freunde an einander zu handeln. Die einander feindlich gegenüberſtehenden Principien des weltlichen Staats und der kam dieſe Aeußerung ſehr komiſch vor, der Papſt aber meinte ſie ganz ernſthaft und ohne alle Ironie. Siehe Groß⸗Hoffinger III, S. 58 und 53. *) Des Kaiſers cigene Worte. Siehe Hübner I. S. 287. **) Groß⸗Hoffinger III, S. 42. Kaiſer Joſeph. 3. Abth. III. 162 Kirche mögen feindlich zwiſchen uns ſtehen, aber unſere Herzen können doch zu einander ſtehen, und über dem Abgrund, der uns trennt, können wir uns doch zuweilen die Hände reichen und uns einen Gruß der Freundſchaft zurufen. Nicht wahr, Ew. Heiligkeit, ſo ſoll es ſein?— Er reichte Pius ſeine beiden Hände dar und ſchaute ihn freund⸗ lich an aus ſeinen großen, offenen Augen. Ja, ſo ſoll es ſein, ſagte Pius, ſeine Hände in die des Kaiſers len in unſerm Innern Freunde bleiben, trotz der Außen umtoben werden! Und dies ſei m Gruß laſſen Sie mich von hinnen Dies Kreuz, welches die ver⸗ legend, ja, wir wol Feindſeligkeiten, die uns von unſer Scheidegruß, mit dieſe gehen, denn es iſt Zeit zum Aufbruch! ſchwenderiſche Freundſchaft Ew. Majeſtät mir gegeben, werde ich als ein ſtrahlendes Pfand Ihrer Neigung mit mir nehmen nach Rom, und werde es tragen zu der Erinnerung des hochherzigen Kaiſers, für den ich alle Tage zu Gott beten werde, daß er Ihr großes Herz erleuchten und wenden möge von dem Pfade des Irrthums zurück zu dem Pfade der Kirche. Denn in der Kirche allein iſt das wahre Heil und die wahre Erlöſung, und wer wider die Kirche ſtreitet, der ſtrei⸗ tet wider Gott, denn die Kirche iſt ſein auserkornes Haus, und in ihr wohnen heißt: bei und mit Gott ſein! Leben Sie wohl, und Gott ſei mit Ihnen und lehre Sie ſeine Wege finden und erkennen! Schluß des dritten Bandes. Druck von J. Draeger in Berlin, Adlerſtr. 9. nen ennt, Gruß ll es V zund⸗ I, und ennen! Soſour& Grey Gontrol Chart ase Cyan Green vellow- Hed Magenta Grey 3