— „.————— ==——-— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Otkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothet ſteht zur Em⸗ „ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe 9 hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zur ückerſtattet — wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:. für wöchentlich 2 Bücher: her: 4 Bücher: 6 Bücher: . 1———— I auf 1 Monat: 1 Mk. Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 0. 1 3 3— 1 3 4— 7 Auswärtige Abonnenten’haben für Hin⸗ und Zurückſendung— f ver. Vuen auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. Schadenersatz. 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Die heimlichen Friedensunterhandlungen Der Bruderzwiſt Die Unterwerfung Die Revanche. Der Brief an die Kaiſerin d von Nußland Fürſtendank.. Friedrich der Große. Der Abſchied von der Flöte Waffenſtillſtand Der Friede zu Teſchen Mutter und Sohn Inhalt des erſten Bandes. 10¹ 117 121 130 ſich e kelnde Wien war Nar Kaiſe Janu tag n laſſen ſich i danz I. Der Tod des Churfürſten von Baiern. In den Galagemächern der kaiſerlichen Hofburg zu Wien bewegte ſich eine glänzende, von Brillanten, Ordensbändern und Sternen fun⸗ kelnde Geſellſchaft auf und ab. Nicht allein der ganze hohe Adel Wiens, ſondern die Ariſtokratie der ganzen öſterreichiſchen Monarchie war an dieſem Abend in der Hofburg erſchienen, um der Kaiſerin Maria Thereſia und dem erſt kürzlich von ſeiner Reiſe heimgekehrten Kaiſer Joſeph ihre Huldigung darzubringen.— Es war der erſte Januar des Jahres 1778, und da der Neujahrstag der einzige Gala⸗ tag war, den Kaiſer Joſephs neue Verordnungen dem Kaiſerhofe ge⸗ laſſen hatten, ſo beeilte ſich Jedermann, dieſen Tag zu benutzen und ſich im reichſten Coſtüm und allem Schmuck der Brillanten und Orden darzuſtellen.* Die Kaiſerin Maria Thereſia war wie immer in ihren dunklen Unterkleidern geblieben, und die große Einfachheit ihres dunkelgrauen, langſchleppigen Gewandes, das durch keine Ve zierung, keinen Schmuck gehoben ward, contraſtirte ſeltſam zu den ſchimmernden Gewändern, den Blumenguirlanden, den funkelnden Brillanken der übrigen Damen. — Aber dennoch, trotz ihrer Einfachheit und ihrer unſcheinbaren Ge⸗ wänder, erkannte man in dieſer hohen, ſtolzen Geſtalt, welche da um⸗ geben von den kaiſerlichen Prinzeſſinnen die Säle durchſchritt, die Kaiſerin, die gebietende Frau. Niemand außer ihr trug das Haupt ſo erhoben und aufrecht, keine andere Frau hatte einen ſo flammenden, gebieteriſchen Blick. Maria Thereſia war noch immer die Kaiſerin und die Herrin, aber— ſie war eine alte Frau geworden! Aaiſer Zoſeph. 3. Abth. I. 1 A 2 Das Alter hatte mit unerbittlichem Finger ſeine geheimnißvolle Runenſchrift durch das einſt ſo ſtrahlende und ſchöne Antlitz der öſterreichiſchen Kaiſerin gezogen, und die Sorgen und Mühen ihres ſechszigjährigen Lebens waren auf ihrer hohen umwölkten Stirn ver⸗ zeichnet. Und nicht bloß das Alter und die Forgen hatten das Antlitz der Kaiſerin verändert, ſondern ein ſchlimmer Unfall hatte die letzten Spuren einſtiger Schönheit, welche Alter und Sorgen vielleicht noch geſchont hatten, zerſtört. Maria Thereſta war von dem Preß⸗ burger Schloß herabfahrend umgeworfen und ſo ungeſtüm gegen einen Stein geſchleudert worden, daß ſte leblos und blutend neben demſelben liegen blieb. Der harte Schlag hatte beſonders ihr Antlitz getroffen, das aus mehr als einer, von dem ſpitzigen Geſtein verurſachten Wunde blutete, und dieſe verharſchten, gerötheten Wundennarben entſtellten ihr Geſicht und nahmen ſelbſt ihrem Lächeln den Zauber, den es bis dahin trotz ihres Alters immer noch beſeſſen.— Außerdem hatte auch die ſchöne, hoheitsvolle Geſtalt der Kaiſerin ſich verändert, die ſchlanke Taille, die ebenmäßige Fülle war untergegangen in der Ueberfülle des Fleiſches, und nur langſam, ſchwerfällig und keuchend bewegte dieſe coloſſale, ungewöhnlich corpulente und fette Geſtalt der Kaiſerin ſich jetzt durch die Säle, in welchen ſie einſt, umſtrahlt von Jugend, Schönheit, Glück und Liebe, an der Seite eines angebeteten Gemahls leicht und anmuthig dahingeſchwebt war. Nur Eins war unverändert geblieben an der Kaiſerin, das waren ihre Augen, dieſe großen, brennenden Augen, welche im raſchen Wechſel bald aufleuchteten im Blitz der Heiterkeit und des Wohlwollens, bald ſich verfinſterten zu flammenden Zornesblicken. Aber heute war in dieſen großen, kühnen Augen der Kaiſerin weder Heiterkeit noch auch Zorn oder Unmuth zu leſen, ſtie blickten vielmehr trübe und gedankenvoll bald im Saal umher, oder hefteten ſich zerſtreut und theilnahmlos auf die Karten hin, welche die Kaiſerin, die ſich eben an den Spieltiſch geſetzt hatte, in ihrer Hand hielt Zuweilen ſchweiften ihre Augen mit einem raſchen, forſchenden Blick. zu ihrem Sohne, dem Kaiſer, hin, der neben ihrem Stuhl ſtand und ſich lebhaft und angelegentlich mit einigen Cavalieren unterhielt. Das heitere, blühende Ausſehen des Kaiſers, ſeine unbefangene, ſorgloſe Miene ſchienen alsdann Maria Thereſia zu beruhigen, ſie wandte ſich . jeßt nahn ihren jetzt auch den und da, Kar⸗ gar und auf ſofor den den aber zurü Gal dem gen gan ſich der get 3 jetzt mit mehr Aufmerkſamkeit den Karten zu, und folgte mit theil⸗ nahmsvoller Lebhaftigkeit dem Gang des Spiels, das ſich eben zu ihren Ungunſten zu entſcheiden ſchien. 8 In dem großen von Gold und Spiegeln funkelnden Saal war jetzt eine allgemeine Stille eingetreten, denn gleich der Kaiſerin hatten auch die Prinzeſſinnen ſich zum Kartenſpiel niedergelaſſen, und zwiſchen den vier Spieltiſchen bewegte ſich die übrige Geſellſchaft nur langſam und vorſichtig umher, und ſtand in einzelnen Gruppen leiſe flüſternd da, um das Spiel der Kaiſerin nicht zu ſtören. Maria Thereſia, wie geſagt, war jetzt ganz und gar mit ihren Karten beſchäftigt, und in dem Eifer dieſer Beſchäftigung bemerkte ſie gar nicht, daß ſich ſoeben einer der Kammerherren dem Kaiſer genähert und ihm leiſe einige Worte geſagt hatte. Dieſe Worte ſchienen aber auf den Kaiſer einen tiefen Eindruck zu machen, denn er hatte ſich ſofort mit raſchen Schritten entfernt, und hatte durch eine Seitenthür den Saal verlaſſen. Niemanden indeſſen war dieſes Fortgehen des Kaiſers aufgefallen, denn Joſeph, welcher niemals ſpielte, pflegte, ſobald die Kaiſerin all⸗ abendlich ſich an den Spieltiſch geſetzt hatte, ſich in ſeine Gemächer zurückzuziehen, und Niemand zweifelte, daß er auch an dem heutigen Galatage dieſer Gewohnheit gefolgt, welche ihn heute überdies von dem läſtigen Zwange der Eiikette befreite. Auch die Kaiſerin Maria Thereſta, welche eben bei einem flüchti⸗ gen Umblicken die Entfernung des Kaiſers bemerkt hatte, ſchien dieſelbe ganz ordnungsgemäß zu finden, ſie ſpielte ruhig weiter, und wandte ſich dabei mit ſcherzenden Worten über ihr unglückliches Spiel an den Oberhofmeiſter von Dietrichſtein, der jetzt neben ihren Stuhl getreten war. Aber in dieſem Moment öffnete ſich da drüben die Seitenthür, und der Kaiſer trat wieder in den Saal ein. Sein Antlitz war bleich und erregt, ſeine Augen flammten, ſeine Lippen zuckten vor innerer Bewegung, und mit haſtigen Schritten näherte er ſich dem Spieltiſch der Kaiſerin. Maria Thereſia hatte ihn nicht bemerkt; ſie hatte eben den Grafen Dietrichſtein beauftragt, ſtatt ihrer die Karten zu vertheilen, und lehnte ſich, das Ende der Vertheilung erwartend, in ihre Fauteuil zurüuck, 1* 7*. In dieſem Augenblick ſtand der Kaiſer hinter ihr, und ſich zu ſeiner Mutter niederneigend flüſterte er haſtig einige Worte in ihr Ohr. Maria Thereſia zuckte zuſammen, und die Karten, welche ſie eben vom Spieltiſch genommen, entſanken ihrer Hand. Mit ungewöhnlicher Leichtigkeit und Haſt erhob ſie ſich von ihrem Lehnſeſſel, und ohne ihren Mitſpielenden nur ein Wort der Entſchuldigung und des Be⸗ dauerns zu gönnen, verließ ſie den Spieltiſch, und ſchritt raſch, kaum ſich lehnend auf den Arm des Kaiſers, durch den Saal dahin nach jener kleinen Seitenthür, durch welche Joſeph eingetreten war. Dieſes Fortgehen der Kaiſerin war ſo ſchnell, ſo unerwartet ge⸗ ſchehen, daß nur der kleinſte Theil der Geſellſchaft daſſelbe bemerkt hatte; ſelbſt die Erzherzoginnen, deren Tiſche umringt waren von Damen und Cavalieren, hatten nichts davon geahnt, und ſpielten ruhig und gelaſſen weiter. Aber wie der Kaiſer ſich ſeiner Mutter genähert und ihr einige Worte zugeflüſtert hatte, ſo näherte ſich jetzt den Prinzeſſinnen der Oberhofmeiſter Graf Dietrichſtein, und flüſterte ihnen einige Worte zu. Sofort ließen die Prinzeſſinnen die Karten fallen und ſich von ihren Sitzen erhebend verließen auch ſie ohne Entſchuldigung und ohne Gruß den Saal, um ſich zurückzuziehen. Staunend und Lerwundert ſchaute die zurückgebliebene Geſellſchaft einander an, und leiſe flüſterte hier und dort Einer dem Andern in's Ohr: etwas Außerordentliches muß geſchehen ſein! Ein unerwartetes, folgenreiches Ereigniß muß eingetreten ſein, ſonſt würde die Kaiſerin nicht auf ſo ungewöhnliche Art ſich entfernt haben! Aber worin konnte dies Ereigniß beſtehen? War es die Aus⸗ ſicht auf einen nahen Krieg, was des Kaiſers Antlitz ſo aufleuchten machte in Freude und Stolz, war es eine Todesbotſchaft, welche der Kaiſerin Augen ſo umdüſterte und eine trübe Wolke auf ihre Stirn herniederſenkte? Niemand wußte das zu ſagen; in ſich gekehrt, verſtimmt und ſorgenvoll der Zukunft eütgegen blickend zog die glänzende, auserleſene Geſellſchaft, welche einige Minuten zuvor noch mit ſo heiteren, glück⸗ ſtrahlenden Geſichtern ſich um die kaiſerliche Familie gedrängt hatte, ſich zurück, und das Rollen der Wagen, das bald darauf ſich von dem Hof der Burg vernehmen ließ und wie ein lang anhaltender, prallender Donner die jetzt vereinſamten, glänzenden Säle durchhallte, verkündigte, 5 daß das Galafeſt beendigt ſei und die Hofgeſellſchaft nach Hauſe eilte, ihre Brillanten und glänzenden Gewänder abzulegen. Während dies in den Empfangsſälen geſchah, hatte Maria Thereſia, wie geſagt, auf den Arm ihres Sohnes geſtützt, ſich durch die Seiten⸗ thür in das anſtoßende Gemach begeben. Sie durchſchritt es raſch, und trat mit Joſeph in das nächſte Zimmer ein. An der Thür deſſelben trat ihr Fürſt Kaunitz entgegen, dicht ein⸗ gehüllt in einen bis auf die Füße herabwallenden Pelz, die Hände und Arme verſteckt in einem Muff, den er zum Schutz gegen die Kälte, welche immer in den Wohnungen der heißblütigen Kaiſerin zu herrſchen pflegte, ſorgſam bis zu ſeinen Lippen emporgehoben hatte. Die Kaiſerin erwiderte ſeinen ehrfurchtsvollen Gruß nur mit einem raſchen Kopfneigen und ſchritt vorwärts zu dem Fauteuil hin, der da neben dem runden Tiſch in der Mitte des Zimmers ſtand. Athem⸗ los, erſchöpft von dem raſchen Gang, mehr noch von der inneren Aufregung, ließ Maria Thereſia ſich in den Lehnſeſſel niedergleiten, und warf keuchend und nach Athem ringend ihr Haupt zurück an die hohe Lehne des Stuhls. Schweigend und mit ernſten Mienen ſtand der Kaiſer ihr gegenüber, und auf einen Wink ſeiner Hand ſchritt Fürſt Kaunitz mit ſeiner gewohnten langſamen und ernſten Würde zu ihnen heran. 53* Maria Thereſta heftete auf ihn ihre großen Augen, in denen ein trübes Feuer glühte. Sage Er, Herr Fürſt, ſprach ſte dann hoch⸗ aufathmend, iſt's wirklich wahr, was mir der Kaiſer ſagt, iſt der Kurfürſt von Baiern wirklich geſtorben? Ja, Majeſtät, der Kurfürſt Maximilian Joſeph herrſcht nicht mehr in München, er hat es auf immer verlaſſen, ſagte Kannitz feierlich. Hier iſt die Depeſche, die unſer Geſandter in München ſofort nach dieſem Ereigniß an mich hat abgehen laſſen.— Er wollte der Kaiſerin das Papier überreichen, ſie lehnte es indeß mit einer raſchen Hand⸗ bewegung ab. Bin jetzt nicht aufgelegt, die Depeſche zu leſen. Gebe Er ſie meinem Herrn Sohn hin, daß der ſie leſe, und hab' er die Güte, nur raſch zu erzählen, wie Alles ſich ſo ſchnell und unerwartet begeben hat. Des Fürſten Stirn bewölkte ſich, und die Lippen feſt auf ein⸗ ander preſſend reichte er die Depeſche dem Kaiſer dar. Joſeph nahm 6 dieſelbe, und indem ſeine Augen den trüben, angſtvollen Blicken des Fürſten begegneten, flog ein ſanftes Lächeln über des Kaiſers Antlitz hin. Ich bitte Ew. Majeſtät, den Herrn Fürſten von dieſer Erzählung zu entbinden, und ſie mir zu übertragen, ſagte der Kaiſer faſt bittend. Se. Durchlaucht iſt ohne Zweifel auch ein wenig erſchöpft von dem Weg hierher, und da Er die Depeſche bereits kennt und geleſen hat, ſo iſt es nicht nöthig, daß er ihr noch einmal zuhört. Ew. Majeſtät werden daher gewiß erlauben, daß der Fürſt ſich dort drüben auf dem Fauteuil, der in der Fenſterniſche ſteht, ein wenig niederlaſſe, und es dort abwarte, bis ich Ew. Majeſtät mit dem Inhalt der De⸗ peſche bekannt gemacht habe. Die Kaiſerin nickte haſtig Gewährung, und der Fürſt, deſſen Stirn ſich jetzt wieder aufgeklärt hatte, wandte ſich ab und ſchritt nach dem von Joſeph bezeichneten Lehnſtuhl hin, der an der äußerſten Ecke des großen Gemaches und weit genug entfernt ſtand, um den Fürſten nicht zu zwingen, das zu hören, was der Kaiſer mit ſeiner Mutter zu ſprechen hatte. Joſeph ſchaute ſinnend und lächelnd der hohen, ſteifen Geſtalt des alten Fürſten nach, und erſt als dieſer ſich langſam auf dem Fau⸗ teuil in der Fenſterniſche niedergelaſſen, und die ſchweren ſeidenen Vorhänge hinter ſich zugezogen hatte, ſo daß er ganz und gar hinter denſelben verſchwunden war, wandte Joſeph ſich wieder der Kaiſerin zu. Verzeihen Ew. Majeſtät, ſagte er leiſe, aber Sie wiſſen ja, welch einen Abſcheu der Fürſt vor einigen Worten und Ideen hat, und daß Per es nicht vertragen kann, wenn man zu ihm vom Tode und von den Blattern ſpricht. Beide Worte aber ſind der Hauptinhalt dieſer Depeſche, deshalb bat ich Ew. Majeſtät, dem Fürſten zu erlauben, daß er ſich ein wenig zurückziehen dürfe. Es war ſchön von Dir, mein Sohn, daß Du nicht vergaßeſt, was mir in der Aufregung des Momentes entfallen war, rief die Kaiſerin haſtig. Aber Du ſagſt, es ſei in dieſer Depeſche von den Blattern die Rede. Iſt denn der Churfürſt Maximilian Joſeph an den Blattern geſtorben? Ja, Majeſtät, an den Blattern, wie ſeine Schweſter, meine unglückliche Gemahlin Joſepha, ſagte der Kaiſer ernſt. ———— 1 7 Seltſam, flüſterte Maria Thereſta ſinnend. Die Joſepha hat mir oft erzählt, daß ihr Bruder die beſtimmte Ahnung habe, er werde eines Tages an den Pocken ſterben, und daß er deshalb mit ängſt⸗ licher Sorgfalt ſich vor jeder Anſteckung zu ſichern trachte. Ew. Majeſtät ſehen alſo, daß man ſein Geſchick ahnen und wiſſen, und ihm doch nicht entrinnen kann. Das Schickſal zeichnet dem Menſchen ſeinen Lebensweg vor, und er muß ihn wandern, ob er ein Fürſt oder ein Bettler ſei! Der Churfürſt ahnte, daß er an den Blattern ſterben werde, er ſuchte ſorgfältig ſtch vor jeder Anſteckung zu ſichern, und er iſt doch an den Blattern geſtorben! Die Kaiſerin ſchüttelte ſinnend ihr Haupt. Und wie iſt denn die Krankheit zu ihm gekommen? ſagte ſie. Durch Anſteckung, Majeſtät; Sie ſehen wohl, Niemand entrinnt ſeinem Schickſal. Eine junge Dame, Frau von Riva, die Tochter des churfürſtlichen Oberhofmarſchalls, war zum Beſuch nach München gekommen, und logirte bei ihrem Vater im Schloſſe ſelbſt. Dort überfiel ſie dieſe unheilvolle Krankheit, die man indeß dem Churfürſten ſorgſam zu verbergen ſuchte. Er hatte in der That keine Ahnung davon, daß der Feind, dem er ſo angſtooll auszuweichen ſtrebte, bereits mit Poſaunenſchall in ſein Schloß eingeſchritten ſei, und er war in heiterſter Stimmung in Geſellſchaft einiger Freunde beim Billardſpiel beſchäftigt, als der Oberhofmarſchall, welcher eben von dem Kranken⸗ bett ſeiner Tochter kam, zu ihm in das Zimmer eintrat. Der Chur⸗ fürſt ſpielte ruhig weiter, auf einmal aber ſah man ihn erbleichen und ſchwanken, und mit dem Ruf:„Eine Perſon hier im Zimmer hat die⸗ Blattern, ich fühle es!“ ſank er ohnmächtig zuſammen. Man trug⸗ ihn ſofort auf ſein Lager, und den Bemühungen ſeiner Aerzte gelang es, ihn nach einigen Stunden wieder zum Leben zu erwecken, aber bald darauf zeigten ſich auch ſchon die Symptome dieſer fürchterlichen Krankheit, welcher der Churfürſt nach wenigen Tagen der Qualen erlegen iſt“).— Das, Ew. Majeſtät, iſt der Inhalt dieſer Depeſche, welche Graf Hartig ſofort nach dem Ableben des Churfürſten an Kaunitz abgeſandt hat. Befehlen Ew. Majeſtät, daß ich die Depeſche vorleſe? *) Wraxall: Memoirs of the Courts of Berlin, Vienna ete. Vol. I. S. 306. 8 Nein, mein Sohn, ich danke Ihnen, ſagte die Kaiſerin trübe. Wir wiſſen, was uns zu wiſſen nöthig iſt. Der Churfürſt'iſt todt, der Sohn meines Feindes, welcher mir einſt mein Erbe entziehen wollte und mit mir als Kaiſer Karl VII. um meine Lande und um meine Kaiſerkrone kämpfte, er iſt todt, und ſeine Herrlichkeit iſt in Staub zerfallen, wie die Herrlichkeit ſeines Vaters. Ja, er iſt todt, der Churfürſt Maximilian Joſeph, ſagte Joſeph ernſt, der Bruder meiner Feindin, welche zwei Jahre lang den harten Kampf der Ehe mit mir gekämpft hat, iſt heimgegangen zu ſeiner Schweſter, der Kaiſerin Joſepha, zu ſeinem Vater, dem Kaiſer Karl, denen Beide die Kaiſerkrone des Hauſes Oeſterreich das Haupt ſo ſchwer niedergebeugt hat, daß der Tod allein es wieder aufzurichten vermochte! Ich habe es Joſepha, ſo lange ſie lebte, niemals verzeihen können, daſt ſie meine Gemahlin geworden und mich mit der Schmach dieſer ſchauerlichen Ehe belaſtet hatte; jetzt aber in dieſer Stunde vergebe ich es ihr, vergebe ihr alles Leid, das ich durch ſie erduldete, denn in dieſer Stunde reicht mir die todte Kaiſerin aus dem Grabe den Brautſchatz dar, und ernennt mich zu ihrem Erben. Dieſer Braut⸗ ſchatz heißt Baiern, und wir müſſen uns beeilen, ihn anzunehmen, bevor Andere uns zuvorkommen. Die Kaiſerin erbebte, und heftete ihre großen Augen mit einem Ausdrucke des Schreckens auf das ſtrahlende Antlitz ihres Sohnes. Will mir der Herr Kaiſer ein Gegenſtück liefern zu der unglück⸗ lichen Theilung Polens? fragte ſie haſtig. Hab' noch auf meiner Seele und meinem Gewiſſen dieſe Laſt der polniſchen Erbſchaft liegen, die wir auch ohne Teſtament und Recht an uns genommen, kann's noch immer nit verwinden, daß ich, bloß weil wir die Stärkeren und Kräftigeren waren, dem kleineren unglücklichen Nachbarn Polen nahm, was ſein war, und was er nur nit feſthalten konnte, weil ſeine Hände ſchwach und fieberkrank waren. Werd’ aber nimmer meine Einwilligung geben, daß wir abermals ſo handeln und uns bereichern auf Koſten eines ſchwächern Nachbarn. Laſſe der Herr Sohn ſich das geſagt ſein, und verſuche er nit wieder, mich zu ſeinem Willen zu bekehren, denn ich ſag' ihm, diesmal wird es ihm nicht gelingen, und mein' doch, daß ich noch immer die Kaiſerin bin, und daß Mein Wille allein mein Land lenkt und regiert. 9 Der Kaiſer verneigte ſich. Ew. Majeſtät müſſen mir das Zeugniß geben, daß ich niemals gewagt habe, mich gegen den gebieteriſchen Willen meiner Kaiſerin aufzulehnen, ſondern mich demſelben immer in Demuth und Gehorſam unterworfen habe. Aber, da wir jetzt mit dem Inhalt der Depeſche fertig ſind, werden Ew. Majeſtät wohl erlauben, daß ich den Fürſten aus ſeinem Verſteck hervorhole, damit er Theil nehme an unſerer Berathung? Maria Thereſia nickte leicht mit dem Kopf, und indem der Kaiſer raſch das Zimmer durchſchritt, ſchlug er die Vorhänge zurück, hinter welchen der Fürſt ſich verborgen hatte, um nichts von der fürchter⸗ lichen Unterredung zu vernehmen. Kommen Sie, Durchlaucht, flüſterte Joſeph leiſe und haſtig. Helfen Sie mir die Kaiſerin zu überzeugen, daß Baiern unſer ſein muß. Ich fürchte, es wird einen harten Kampf geben. Bei welchem wir indeß ſiegen werden, ſagte Kaunitz gelaſſen, ſich von ſeinem Sitz aufrichtend und dem Kaiſer folgend, der ſich jetzt wieder ſeiner Mutter näherte.. Maria Thereſia ſchaute Beiden mit finſtern Blicken und einem trüben Lächeln entgegen. Seh's wohl an Curen Geſichtern und an Euren Mienen, daß Ihr Beide einig ſeid, ſagte ſie haſtig, daß der Kaiſer und der Fürſt zwei Bundesgenoſſen ſind, welche es ſich vor⸗ genommen haben, meinen Widerſtand zu beſiegen. Ja, Ihr ſeid Eurer Zwei, und ich,— ich bin allein, bin immer allein, ſeit mein ſchöner und lieber Kaiſer Franz mich verlaſſen hat, bin immer einſam und allein, und muß meinen Willen durchfechten gegen Euch Zwei, oder muß nachgeben wider meinen Willen. Es iſt aber nit rühmlich, denk! ich, ſich Zwei gegen Einen zu ſtellen, und ſollt' eigentlich vermeinen, daß des Fürſten Platz an meiner Seite iſt, und nit da drüben bei dem jungen Kaiſer, der es macht, wie alle Nachfolger es ihren Vor⸗ gängern thun, der mir opponirt, und meint, daß er Alles beſſer weiß, als ſeine Kaiſerin und Mutter. Sag Er doch, Herr Fürſt, will er mir auch opponiren und wider mich ſein? Will Er auch Seine Kaiſerin verlaſſen und ihr die Treue brechen? Es lebt Niemand auf der Welt, welcher ſagen kann, daß Fürſt Kaunitz ihm die Treue gebrochen hat, ſagte Kaunitz feierlich, ganz Europa weiß, daß Kaunitz ein Mann von Wort und von Ehrre iſt, 10 und geleiſtete Verſprechen niemals zurücknimmt. Ich habe Ew. Ma⸗ jeſtät eines Tages geſchworen, daß ich mein ganzes Leben und die ganze Kraft meines Geiſtes und meines Kopfes dem Dienſte Oeſterreichs weihen wolle, und ich werde mein Wort treulichſt erfüllen, es ſei denn, daß Ew. Majeſtät mich meines Schwurs entbinden und mich gehen heißen! Ach, das heißt, Er droht mir ſchon wieder mit ſeiner Amtsnieder⸗ legung? rief die Kaiſerin heftig. Er will Sich wieder einmal zurück⸗ ziehen, wenn ich ihm nit beiſtimme und will nit mehr mein Miniſter bleiben, wenn ich Meinem Willen und nit dem Seinen folge. Laß Er es ſich aber geſagt ſein, daß die Maria Thereſia feſt entſchloſſen iſt, bis an das Ende ihres Lebens die regierende Kaiſerin zu ſein, und daß weder ihr Mitregent noch ihr Miniſter ſie daran hindern ſollen. Und jetzt, da Ihr Beide das wißt, jetzt laßt uns frei und offen mit einander reden, und uns zu einer Staatsconferenz mit einander vereinigen. Ich erſuche den Kaiſer hier an meiner Seite Platz zu nehmen, und Er, Herr Fürſt, wird die Güte haben, ſich mir da gegenüber zu ſetzen. Mag Ihm gern Aug' in Auge ſchauen, in Seinem Antlitz leſen, ob ſein Herz wahr und aufrichtig meint, was die diplomatiſchen Lippen ſprechen. Und jetzt, da wir Alle unſere Plätze eingenommen, jetzt erſuche ich zuerſt den Herrn Kaiſer, mir grade und offen ſeine Meinung zu ſagen, und was Er meint, das wir zu thun haben bei dieſem unerwarteten Ableben des Churfürſten von Baiern? Grade und offen dann, rief Joſeph raſch, ich meine, daß wir ſofort unſere Regimenter marſchiren laſſen müſſen, um Baiern, welches jetzt, nach dem Ausſterben des Wilhelminiſchen Mannesſtammes, zum Mindeſten ein eröffnetes Reichslehen iſt, zu beſetzen, und es dem Hauſe Oeſterreich, welches unbezweifelte Rechtsanſprüche auf dieſes Reichslehen hat, zu erhalten. Hat Oeſterreich wirklich unbezweifelte Rechtsanſprüche an das Chur⸗ fürſtenthum Baiern? fragte Maria Thereſta mit erzwungener Ruhe. Der Kaiſer ſah ſeine Mutter mit ſtaunenden und fragenden Blicken an. Haben Ew. Majeſtät nicht die Gnade gehabt, die Schriften, und Actenſtücke zu leſen, welche unſere Geſchichtsſchreiber und Hiſtorio⸗ graphen auf meinen Wunſch verfaßt haben, und welche ich die Chre hatte, Eurer Majeſtät zu übergeben? — 11 Ich habe ſtie geleſen, ſagte die Kaiſerin traurig, ich habe dieſe Documente geleſen, aus welchen man zu beweiſen ſucht, daß Oeſter⸗ reich wohlbegründete Anſprüche an Niederbaiern habe, weil Kaiſer Siegmund im Jahre 1410 ſeinen Schwiegerſohn Albrecht von Oeſter⸗ reich damit belehnt habe. Ich habe ferner geleſen, daß Oeſterreich Anſprüche habe auf die ſchwäbiſche Reichsherrſchaft Mindelheim, wo⸗ rauf Kaiſer Matthias ſchon im Jahr 1614 dem Erzhauſe die Anwart⸗ ſchaft gegeben, und welche nachher, als der Churfürſt von Baiern 1706 in die Acht fiel, auch wirklich vom Kaiſer von Oeſterreich in Beſitz genommen ward. Hab ferner all die Actenſtücke geleſen, welche beweiſen, daß die Oberpfalz mit allen ihren Graſſchaften jetzt nach dem Abſterben der Wilhelminiſchen Linie offenes Reichslehen iſt, welches der deutſche Kaiſer als Reichseigenthum beanſpruchen müßte! Und alles dies hat Ew. Majeſtät nicht von der Gültigkeit und dem Recht unſerer Anſprüche auf Baiern überzeugt? fragte der Kaiſer. Alles dies hat mich nicht überzeugt, daß wir berechtigt und ge⸗ zwungen ſind, aus eitler Habgier und übermüthiger Herrſchſucht uns Länder zuzueignen, welche nicht nach unbeſtreitbarem Erbrecht uns zufallen, und deren Beſitz wir vielleicht nur mit Gewalt der Waffen und mit Strömen von Menſchenblut erzwingen könnten. Deren Beſitz uns aber eins der ſchönſten Länder Deutſchlands zu eigen gäbe, rief Joſeph feurig, deren Beſitz Oeſterreich ſeinem großen Ziel, ein deutſches Kaiſerreich zu werden, immer näher führen würde. Wenn die Pfalz, wenn Schwaben und Niederbaiern unſer iſt, dann fließt die Donau nur noch durch Oeſterreichiſche Lande, dann iſt unſer der Handel der Levante, dann bis zum ſchwarzen Meer hinab trägt die Donau unſere Handelsſchiffe, und eines Tages wird auch der Bosporus ſich uns öffnen, und Conſtantinopel ſich gefallen laſſen müſſen, ein Hafen für Oeſterreichiſche Schiffe, ein Stapelplatz für Oeſterreichiſche Waaren zu werden. Wenn Baiern unſer iſt, gehört bald ganz Süddeutſchland unſerm Hauſe an, denn wie von einem Magnet angezogen werden auch Würtemberg und die kleinern Lande und Grafſchaften uns anheimfallen und ſich zu Eins verſchmelzen mit unſerm Oeſterreichiſchen Kaiſerſtaat, welcher alsdann als ein einiges großes Deutſchland dem nordiſchen Preußen gegenübertreten und fragen wird: ob Preußen den Muth habe, ſich loszuſagen von Deutſch⸗ 12² land und allein dazuſtehen, oder ob es die patriotiſche Seelengröße hat, aufzugehen in dem großen Ganzen, oder das Preußenthum auf⸗ zugeben, um Deutſchland anzugehören? Oh, ich beſchwöre Ew. Maje⸗ ſtät, wollen Sie jetzt nicht wanken und zaudern, unſer Recht an⸗ zuerkennen, und die Hand auszuſtrecken nach dem, was unſer iſt. Wollen Sie auch bedenken, daß Baiern ſelbſt uns mit angſtvollen hoffenden Blicken entgegenſchaut, daß es zittert vor den Erbanſprüchen des Churfürſten Carl Theodor von der Pfalz, welcher der einzige noch lebende Erbnachfolger des verſtorbenen Churfürſten iſt. Baiern weiß, daß es von dieſem Mann nichts zu hoffen hat, daß er ihm nicht Glück, Wohlſtand und die Ausſicht auf eine dauernde Danaſtie mitbringt, ſondern daß er einziehen wird in ſein neues Erbe Baiern, umgeben von ſeinen Maitreſſen, welche einen ganzen Schwarm natürlicher Kinder mitbringen. Baiern weiß, daß Carl Theodor zu deren Be⸗ reicherung, da er ein zärtlicher Vater iſt, die bairiſchen Lande aus⸗ ſaugen und plündern wird, um ſeinen Kindern, denen er keine Krone, keine Ehre und keinen Namen geben kann, mindeſtens Geld und Beſitz zu hinterlaſſen. Oh wollen ſich Eure Majeſtät alſo des un⸗ glücklichen Baierns erbarmen, wollen Sie es erretten aus den Händen der Wüſtlinge, der Pfaffen und Finſterlinge, welche das Ohr Carl Theo⸗ dors umlagernund mit ihren unzüchtigen Liedern und ihrem frommen Geplärr ihn betäuben und verwirren, daß er ein willenloſes Werk⸗ zeug in ihren Händen wird. Ew. Majeſtät haben die Jeſuiten aus Ihren Landen verjagt, vollenden Sie jetzt Ihr Werk, verjagen Sie die⸗ ſelben auch aus Baiern, wo ſie Zuflucht und Schutz gefunden haben, und wo ſie herrſchen würden, wenn Carl Theodor von der Pfalz der Nachfolger des verſtorbenen Churfürſten werden könnte. Haben Sie Mitleid mit dem unglücklichen Baiern, erlöſen Sie es von den Wirren und neuen Unruhen und Erbfolgeſtreitigkeiten, die es un⸗ vermeidlich bedrohen, wenn der entnerote, kraftloſe, alternde Carl Theodor ſterben würde, und Baiern abermals nach einem Nachfolger zu ſuchen hätte. Nun ich mein' doch, daß der Nachfolger für Carl Theodor nit ſo ſchwer zu finden iſt, und daß der Herzog Carl von Zweibrücken wohl bereit iſt, ſein Erbe in Anſpruch zu nehmen, rief Maria Thereſin heftig. Wenn's aber wahr iſt, was der Kaiſer ſagt, wenn die guten 13 Baiern wirklich ſo gar groß Verlangen hegen, unſere Unterthanen zu werden und ſich Oeſterreicher zu nennen, ſo mögen ſie doch den Muth haben, das frei und offen zu bekennen und uns zu ihren ſelbſtgewählten Herrſchern auszurufen. Denn ich ſag's und wiederhol's, ich will's nit machen, wie der König von Preußen einſt uns gethan, will nit aus meinen Archiven alte vergilbte Documente hervorſuchen, und da⸗ mit beweiſen, daß das Land, was ſeit Jahrhunderten Andere beſitzen, eigentlich Mein ſei, will auch nicht für zweifelhaft Recht das Blut meiner Unterthanen vergießen, und mit frevleriſchen Händen die Fackel des Kriegs entzünden, daß er abermals den Wohlſtand meines Landes und das Glück meiner Unterthanen in Aſche lege. Hab' damals aus tiefſter Seele und beſter Ueberzeugung den König von Preußen einen böſen und ungerechten Mann genannt, weil er alſo gethan, will jetzt nit thun, wie er gethan hat, und nit an Baiern handeln, wie er an Schleſien gehandelt hat. Und alſo ſoll Oeſterreich dieſe Erbſchaft verlieren, welche ihm gebührt, auf welche es ein unbeſtreitbares Recht hat, rief Joſeph ſchmerzvoll; ſoll ich abermals verdammt ſein, mit unthätigen Händen, in müßiger Ruhe von ferne und im Dunklen zu ſtehen, während die Weltgeſchichte mit ehernem Schritt durch Deutſchland dahin ſchreitet, und ihre ſpähenden Blicke umherirren läßt nach einem Mann, der Deutſchland liebt, der den Muth hat, es groß, mächtig nnd einig machen zu wollen, und ohne Scheu vor dem Gerede der Welt den Augiasſtall der deutſchen Reichskammer zu reinigen, all das kleine Gewürm und Geſchmeiß, welches ſich da feſt geniſtet, zu verjagen, und die kleinen Kronen einzuſchmelzen, auf daß daraus die einzige große Kaiſerkrone Deutſchlands hervorgehe? Oh, ſagen Ew. Majeſtät nicht, daß ich dieſen ſchönſten Traum meines Lebens wieder aufgeben muß, daß es mir nicht vergönnt ſein ſoll, zu thun, was ich muß und kann, dem armen Deutſchland ſeine Einheit und Kraft wiederzugeben, und ihm in Wahrheit ein Kaiſer zu ſein. Nehmen Sie Ihr Wort zurück, Majeſtät, ſagen Sie nicht, daß Sie Baiern aufgeben wollen, weil es möglich ſei, daß man unſere Rechte auf Baiern bezweifeln kann. Und wären unſere materiellen Rechte noch zweifelhafter, als ſie gs ſind, ſo haben wir dennoch moraliſche und politiſche Rechte auf Baiern, welche Jedermann anerkennen wird und muß, moraliſche 14 Rechte, denn wir bringen Baiern zum Erſatz für einen despotiſchen, wollüſtigen Herrſcher, deſſen Ohr von Jeſuiten, Maitreſſen und Wucherern belagert wird, das edle, keuſche und uneigennützige Regiment einer tugendhaften Kaiſerin, welche den Baiern ſtatt der Finſterniß das Licht, ſtatt der Heuchelei die Wahrheit, ſtatt des Despotismus die Freiheit geben will. Wir haben politiſche Rechte auf Baiern, denn die alten Erbverträge unſeres Hauſes ſcheinen in ahnungsvoller Weisheit den Moment vorhergeſehen zu haben, wo Oeſterreich nach Innen ſo groß, ſicher und feſt ſteht, daß es nach Außen auf Vergrößerung und Macht⸗ erweiterung denken kann, und deshalb haben unſere Vorfahren uns gewiſſermaßen ſchon eine Thür geöffnet, und uns den Weg geebnet, der uns über die Grenze Baierns nach dem Thron und Beſitz dieſes Landes führt. Oh, Majeſtät, es ſind unſere erlauchten Ahnen, welche aus dieſen beſtäubten, mit ihrer Unterſchrift gezeichneten Documenten die Hand hervorheben und hinüber deutend nach Baiern uns zurufen: „nehmt, was Euer iſt, und was unſer Wort und unſer Gedanke ſchon vor Jahrhunderten für Euch beſtimmt hat!“ Wollt' in Wahrheit, mein Sohn, daß ich dieſen Zuruf meiner Ahnen ſo deutlich vernehmen könnte, wie Du, rief die Kaiſerin. Aber mein Herz iſt zaghaft; wenn ich dieſer Sach', die wir vorhaben, ge⸗ denke, ertönt vor meinen alten Ohren nur wüſtes Kriegesgeſchrei, und das Jammern und Klagen meines armen Volkes, das der Maria Thereſia ſeine Liebe entziehen und ſte verwünſchen würde, wenn ſie es wieder ſeines Friedens und ſeiner Ruhe berauben möchte. Will nit in die Ewigkeit gehen, belaſtet mit dem Fluch meines Volkes, will auch nit als eine ländergierige, zankſüchtige Fürſtin verzeichnet werden in den Büchern der Geſchichte, ſondern will heimgehen zu meinem Franzel, begleitet von dem Segen nnd den Thränen meines Volkes, und von der Geſchichte aufgezeichnet als eine friedliebende und gerechte Fürſtin! Und ſag Er, Herr Fürſt, könnt' ich noch An⸗ ſprüche machen auf dieſen Namen, wenn ich jetzt trachtete, Baiern ſeinem rechtmäßigen Erben zu entziehen, und Oeſterreich vergrößerte auf Koſten Carl Theodors von der Pfalz? Red' Er jetzt, Durchlaucht, ſag Er uns, was er denkt von dieſer Sach'! Im Namen Oeſterreichs und Seines eigenen Gewiſſens fordere ich ihn auf, daß Er uns frei und unverhüllt die Wahrheit ſage! Ew. konn ſelbf unm Kaif auf Oef eigt Ihnr war Feh räch Feh übe un⸗ ſchl zu lau wit R Ich werde ſte ſprechen, Majeſtät, ſagte Kaunitz mit ſtolzer Würde. Ew. Majeſtät weiß wohl, daß keine Macht der Erde mich dazu bringen könnte, ſie zu verſchweigen. Ich werde die Wahrheit auch jetzt ſprechen, ſelbſt auf die Gefahr hin, daß ſie Ew. Majeſtät unangenehm iſt. Das heißt, Er iſt der Anſicht des Kaiſers? fragte Maria Thereſia unwillig, während der Schimmer eines Lächelns über das Antlitz des Kaiſers hinfuhr, und er ſeine Augen mit einem freudigen Ausdruck auf das ernſte, ſtrenge Geſicht des Fürſten heftete. Ja, ich bin der Anſicht des Kaiſers, erwiderte Kaunitz langſam. Oeſterreich hat das Recht und die Pflicht, ſich dieſe Erbſchaft anzu⸗ eignen, welche der Wille Ihrer Ahnen und die Gunſt der Verhältniſſe Ihnen darbietet, und welche zurückzuweiſen ein Unrecht und ein Fehler wäre. Man muß ſich aber in der Politik vor allen Dingen hüten, Fehler zu begehen, weil dieſe ſich immer am bitterſten an Demjenigen rächen, der ſte begangen hat, und ſelten auf Andere zurückfallen. Ein Feher aber wäre es, wenn Oeſterreich dieſen Moment unbenutzt vor⸗ übergehen laſſen würde, wo es ſeine Macht in Deutſchland befeſtigen und ſtärken, ſeine Grenzen erweitern könnte, indem es ohne Schwert⸗ ſchlag eines der ſchönſten und geſegnetſten Lande Deutſchlands ſich zu eigen macht. Ohne Schwertſchlag? fragte Maria Thereſia haſtig. Ew. Durch⸗ laucht meinen alſo, daß unſere Feinde ganz geduldig zuſchauen würden, wie wir uns zueignen, was uns doch ſicher nit durch unbeſtrittenes Recht gehört? Ohne Schwertſchlag ſollte Baiern unſer werden? Ohne Schwertſchlag, wiederholte Kaunitz langſam. Und wer, ich frage Ew. Majeſtät, wer ſollte denn das Schwert nehmen, um uns zu bekämpfen? Frankreich hat durch politiſchen und Familienbund dem Recht entſagt, feindlich gegen uns aufzutreten. Ich will Ihm indeß nicht rathen, allzuſehr auf Frankreichs Freund⸗ ſchaft zu zählen, unterbrach ihn Maria Thereſta. Marie Antoinette herrſcht wohl über das Herz König Ludwigs, aber ſeine Miniſter herrſchen über ſeinen Kopf, und die werden, wenn es ihre Politik erfordert, gar gern geneigt ſein, den Familienbund zu brechen. Aber Frankreich iſt dennoch außer Stande, wider uns aufzutreten, fuhr Kaunitz fort. Seine Finanzen ſind erſchöpft und es rüſtet ſich außerdem ſoeben, einen Krieg zu unternehmen für Nordamerika's 16 Freiheit, einen Krieg, von dem es nur dann Erfolg hoffen kann, wenn ſeine Kräfte nicht noch durch einen Landkrieg geſchwächt werden. den Auch von Rupland haben wir nicht zu befürchten, daß es unſern mißbi Planen entgegentrete, denn es iſt mit eigenen großen Entwürfen be⸗ ſchäftigt; und wenn wir ihm in der Türkei nicht feindlich gegenüber herr, treten, und allenfalls noch ſeiner Ländergier den Reſt von Polen Lorbe Preis geben, wird Rußland wenig darauf achten, was ſich hier im kennt Innern Deutſchlands begiebt, und über das zu ſprechen gewiß der aus Czaarin kein Recht zuſteht. England liegt uns zu ferne, und der König dem von Preußen hat es erfahren, was Englands Bundesgenoſſenſchaft in Lorb einem Kriege gelten kann. England braucht außerdem ſeine Soldaten und und ſein Geld gleich Frankreich für dieſen Krieg mit Nordamerika. bequ Wer alſo ſollte uns in den Weg treten und uns hindern, ſofort die die i Lande Baiern von Oeſterreichiſchen Soldaten als Oeſterreichs Eigen⸗ kümn thum in Beſitz nehmen zu laſſen? ſtänd Wer uns hindern ſollte? fragte Maria Thereſia haſtig. Er hat Baie Frankreich, England und Rußland genannt, aber den erſten und größten Sadh Feind meines Hauſes, den hat er vergeſſen, den Feind, der es ſich zur Hilf Aufgabe gemacht hat, überall auf unſern Wegen uns entgegen zu und treten, bei jeder Gelegenheit mit der Hardieſſe eines echten Parvenü's Urku uns zu beweiſen, daß er gar keinen Reſpect hat vor unſerer Kaiſer⸗ B der kron' und vor unſern Rechten und Documenten, ſondern daß es ihm ſein grad' nur Freud' macht, das Alles zu verläugnen; dieſen böſen Mann, als der mir ſo viel Thränen und ſchlafloſe Nächte, meinem Lande ſo viel wa Menſchenleben und Blut, meiner Krone die ſchönſte Provinz gekoſtet Krä hat, dieſen böſen Mann hat Er vergeſſen! Be Ew. Majeſtät wollen von dem König von Preußen ſprechen, ſagte 6 Kaunitz mit einem leichten Achſelzucken. Es iſt ſehr erhaben und ſehr Her gnädig, daß Ew. Majeſtät den Markgrafen von Brandenburg immer net noch als einen gefährlichen und furchterregenden Feind betrachten Ma wollen. daß Und wenn er's wäre, rief der Kaiſer ungeſtüm, wenn Friedrich wir der Zweite noch immer der Held, der Feldherr wäre, der er einſt ge⸗ 63 weſen, um ſo mehr Ehre alsdann für mich, ihn zu beſiegen, und die de Lorbeeren wieder von ſeinem Haupte zu nehmen, die er ſich einſt in ſeinen Siegesſchlachten erworben! 17 Der Fürſt richtete ſeine großen Augen mit einem ſeltſam warnen⸗ den Ausdruck auf das erregte Antlitz des Kaiſers und ſchüttelte leiſe mißbilligend das Haupt. Der König von Preußen iſt aber nicht mehr der Held, der Feld⸗ herr, der er geweſen, ſagte Kaunitz langſam, er bangt ſehr für die Lorbeeren, die von ſeinem gebeugten Haupte herabſinken könnten. Er kennt und fürchtet die Energie des Kaiſers Joſeph und wird durch⸗ aus nicht geneigt ſein, ſeinen Ruhm in die Gefahr zu bringen, von dem Kaiſer beſiegt zu werden. Er findet es bequemer, auf ſeinen Lorbeeren zu ruhen, die Flöte zu blaſen, ſchlechte Gedichte zu machen und den Schmeichelreden ſeiner philoſophiſchen Freunde zuzuhören, bequemer, als in das Feld zu ziehen und zu kämpfen für eine Sache, die ihn gar nichts angeht. Denn was, ich frage Ew. Majeſtät, was kümmert es den König von Preußen, ob Oeſterreich ſich im Einver⸗ ſtändniß mit dem einzigen berechtigten Erben Baierns zum Herrſcher Baierns mache? Mit welchem Recht ſollte er es wagen, in dieſer Sache gegen uns aufzutreten, wenn Niemand da iſt, der ihn um Hilfe anruft? Er wird geſchehen laſſen, was er nicht ändern kann, und was zu ändern er überdies kein Recht hat. Wir haben unſere Urkunden und Documente, welche uns Baiern als Erbe geben, und der König von Preußen wird ſie willig anerkennen, wenn wir auch ſeine Urkunden und Documente, welche ihm Baireuth und Anspach als Erbe geben, dafür anerkennen wollen. Der König von Preußen war ein Held, jetzt iſt er nur noch ein alter Handelsmann und Krämer, welcher mit Taback handelt und nach Vermehrung ſeines Beſitzes trachtet. Maria Thereſta ſchüttelte unwillig ihr Haupt. Er weiß wohl, Herr Fürſt, ſagte ſie haſtig, daß ich den König nimmer geliebt, viel⸗ mehr ihm immer in meinem Herzen gegrollt habe. Er iſt ein böſer Mann und hat mir viel Leids gethan, aber kann's doch nit zugeben, daß Er ſo geringſchätzend und verachtungsvoll von ihm ſpricht; man wird nit größer dadurch, daß man ſeine Feinde kleiner hinſtellt, und es iſt allzeit beſſer, gegen große Feinde zu kämpfen, als gegen ſolche, die man verachten kann! Der König von Preußen iſt ein Held, ein Weiſer und ein Herr⸗ ſcher, rief der Kaiſer begeiſtert. Gönnen mir alſo Ew. Majeſtät das Kaiſer Joſeph. 3, Abth. I. 2 18 Glück, gegen ihn zu kämpfen und mir Ruhm und Ehre zu erkämpfen, indem ich ihn beſtege! Werd' nimmer ſolcher eitlen Ruhmbegierde nachgeben, wenn's nit klar und erwieſen iſt, daß wir ein Recht auf Baiern haben! ſagte die Kaiſerin. Das iſt klar und erwieſen, ſagte Kaunitz ruhig. Unſere Juriſten haben es erwieſen und ihre Schriften drucken laſſen. Ich habe Sorge getragen, daß Exemplare dieſer Schriften in ganz Deutſchland vertheilt werden, damit ganz Deutſchland ſich von dem Recht des Kaiſers über⸗ zeuge, die verfallenen Reichslehen einzuziehen. Ich habe außerdem bereits einen geſchickten Diplomaten an Carl Theodor von der Pfalz abgeſandt, um mit ihm zu unterhandeln, daß er unſer Recht aner⸗ kenne und freiwillig für ſich und ſeine Erben dem Beſitz Baierns entſage. Auch habe ich ſchon von ſfinn Geſchäftsführer, dem Herrn von Ritter, die Zuſicherung, daß der Churfürſt Carl Theodor von der Pfalz mit Freuden bereit ſein werde, unſere Wünſche zu erfüllen und die Vortheile anzunehmen, die wir ihm bieten. Und was ſind das für Vortheile, die wir dem Churfürſten für Baiern bieten können? fragte Maria Thereſta. Wir bieten ihm zum Erſatz für Baiern unſere Niederländiſchen Provinzen an, ſagte Joſeph haſtig, er mag ſie zu einem Königreich Burgund erheben und über ſie herrſchen als König. Wir bieten ihm außerdem für das Heer ſeiner unehelichen Kinder Fürſtentitel und Orden, und einige Millionen Gulden an. Und putzen die Schande und fröhnen dem Laſter aller Tugend und aller guten Sitte zum Hohn, rief die Kaiſerin unwillig. Der Churfürſt liebt ſeine Kinder leidenſchaftlich, fuhr Joſeph fort, aber er hegt wenig Liebe für Baiern; er wird auf unſere Pläne eingehen, und Baiern wird unſer werden! Unſer ohne Schwertſchlag und Blutvergießen, fügte Kaunitz hinzu, und indem er ein zuſammengefaltetes Papier aus ſeinem Buſen hervorzog, legte er daſſelbe auseinander und breitete es auf dem Tiſch vor der Kaiſerin aus. Sehen Ew. Majeſtät, da iſt eine Karte von Baiern, ſagte Kau⸗ nitz ruhig, mit dem ſchlanken weißen Vorderfinger über die Karte hinſtreichend. Hier unten ſind die Diſtricte, welche wir bean⸗ pfen, s nit e die riſten in für iſchen greich ihm l und ugend doſtph Pläne aunitz Buſen 19 ſpruchen kraft des Lehnsbriefes Kaiſer Sigismunds an Albrecht von Oeſterreich. Wir müſſen dieſe Diſtricte von Oberbaiern ſogleich durch unſere Soldaten beſetzen laſſen, ſagte der Kaiſer haſtig. Niemand wird unſer Recht auf dieſe Erbſchaft beſtreiten können, und wir müſſen eilen, ſie in Beſitz zu nehmen. Die Kaiſerin ſeufzte und blickte mit trübem Sinnen auf die Karte hin. Ja, ſeufzte ſie leiſe vor ſich hin, auf dem Papier ſieht Alles gar friedlich und ſchön aus, und auf dem Papier läßt ſich Alles be⸗ weiſen und erklären! Der Herr Fürſt erobert da mit ſeinem Vorder⸗ finger ganz Oberbaiern und es ergiebt ſich ihm auf dem Papier. Im Leben mag's anders kommen. Ihr habt da die Berge und die Flüſſe, die Wälder und die Landebenen vorgezeichnet, aber nit die Herzen und die G innung der Menſchen; davon ſteht nichts auf dem Papier, und doch werdet Ihr das Land nimmer gewinnen, wenn Ihr die Herzen nit gewonnen habt. Wir werden uns die Herzen gewinnen durch offenes und herz⸗ liches Entgegenkommen, rief der Kaiſer glühend. Wir werden den Baiern ihr kleines Vaterland freilich nehmen, aber wir werden ihnen ein größeres dafür bieten, wir werden ihnen Deutſchland bieten, wir werden die Baiern in Deutſche verwandeln, und eines Tages werden ſſie ſtolz darauf ſein, daß ſie zuerſt den Impuls gegeben, die kleinen zerſtückelten deutſchen Lande zu einigen zu einem großen, freien, mäch⸗ tigen Deutſchland! Die Kaiſerin antwortete nur mit einem Seufzer, und blickte auf die Karte hin, über welche der ſchlanke Finger des Fürſten wieder ſeine Linien zog. Hier ſind die Güter und Länder, ſagte Kaunitz ruhig, welche das ausgeſtorbene Kurhaus vom deutſchen Kaiſer zu Lehen getragen. Und welche zurückzufordern und zu nehmen ich als deutſcher Kaiſer berufen und ermächtigt bin, rief Joſeph ungeſtüm. Und hier endlich, fuhr Kaunitz fort, ſeinen Finger auf einen andern Theil der Karte heftend, hier iſt die Herrſchaft Mindelheim, auf welche der Kaiſer Matthias dem Hauſe Oeſterreich nicht allein die Anwartſchaft gegeben, ſondern die bereits ſchon kraft dieſer An⸗ wartſchaft Oeſterreich zugefallen war, und welche Oeſterreich nur aus 2 3 2* 20 allzufreigebiger Großmuth dem Churfürſten von Baiern zurückgegeben hat!— Ew. Majeſtät werden doch ohne Zweifel nicht Willens ſein, Ihr Erbgut Preis zu geben, damit der Erſte Beſte es ſich nehmen kann? Maria Thereſia antwortete nicht ſogleich, ſte hatte ihr Haupt geſenkt und ihre Stirn berührte faſt das Papier, auf welchem die baieriſchen Lande verzeichnet waren. Neben ihr ſtand der Kaiſer, ſeine großen blauen Augen in athemloſer Erwartung und Spannung auf die Kaiſerin gerichtet, ihr gegenüber an der andern Seite des Tiſches Kaunitz mit ſeinem ehernen gleichgültigen Geſicht, ſeinen kalten un⸗ durchdringlichen Mienen. Keiner von ihnen wagte es, die feierliche Stille dieſes Momentes nur durch ein Wort, einen lauten Athemzug zu unterbrechen. Beide waren ſie ſich bewußt, daß dieſer Augenblick berufen ſei, über ein großes und folgenreiches Ereigniß zu entſcheiden und Deutſchland den Krieg oder Frieden zu geben. 3 Auf einmal richtete Maria Thereſia ihr Haupt wieder empor, und ihre Augen hefteten ſich mit einem raſchen Blick auf den Kaiſer und Kaunitz hin. Hab's ja geſagt und gewußt, daß Ihr Zwei einig ſeid, und daß ich nichts werd' ausrichten können gegen Euch Zwei, ſagte ſte mit einem tiefen Seufzer. Fühl's wohl, daß in dieſer Sach' nit Alles ſo iſt, wie es ſein ſollt, und weiß gewiß, daß man uns des Länder⸗ raubes und der Willkür anklagen wird, wenn wir nit durchkommen und nit ſtegen in dieſer Angelegenheit, aber glaub' auch, daß man unſere Rechte anerkennen und uns für befugt halten wird, die Erb⸗ ſchaft Baierns zu beanſpruchen, wenn es ein fait accompli iſt, und wenn es uns gelingt, zu behalten, was wir beanſpruchen. Der Er⸗ folg entſcheidet in den Augen der Menſchen auch über das Recht, und nur wer unterliegt, den ſchmähen ſte. Hat die Welt es dem König von Preußen verziehen, daß er uns Schleſien nahm, wird ſte uns auch verzeihen können, daß wir uns Baiern nehmen. So mög's denn geſchehen in Gottes Namen, wie der Kaiſer und der Fürſt es wollen und für Recht erkennen. Das Eine aber bitt' ich, nehmt nichts, was wir nicht das Recht haben zu nehmen. Ich ſehe es voraus, werde doch zum Krieg kommen und ich möchte meine Tage ſo gerne in Frieden beſchließen!*) 1 *) Der Kaiſerin eigene Worte. Siehe Wraxall I. S. 311. — geben ſein, kann? dHaupt n die ſeine g auf iſches n un⸗ erliche emzug ablick heiden dihre hin. d daß ſte mit Alles ander⸗ ommen ß man — Erb⸗ t, und er Er⸗ Recht, König ſte uns 6 denn b wollen 3, was werde erne in 21 Ew. Majeſtät ſollen ſte in Frieden und Glück beſchließen, aber möge dieſer Zeitpunkt noch recht lange auf ſich warten laſſen! rief Joſeph glühend, indem er die Hand der Kaiſerin nahm und ſie innig küßte. Möchten Sie noch lange leben, damit Sie ſehen, wie Oeſter⸗ reich ſich verklärt zu Deutſchland, und wie in Oeſterreich's Herrlichkeit aufgehen alle die deutſchen kleinen Lande, die jetzt verſtückelt und ein⸗ ſam umher liegen, ausgeſogen und beherrſcht von ihren kleinen Ty⸗ rannen, die der Reichsgeſetze und des deutſchen Kaiſers ſpotten, mit frecher Willkür das Mark und den Lebensſaft ihrer Unterthanen aus⸗ ſaugen und in üppiger Luſt ſchwelgen, während ihr Volk vergeht in Hunger und Elend. Das Alles ſoll anders und beſſer werden, und dazu haben Ew. Majeſtät jetzt den erſten Impuls gegeben, indem Sie das unglückliche Baiern bewahren vor dem Schickſal, von einem wol⸗ lüſtigen, verſchwenderiſchen, von ſchlaffen Beichtvätern und Maitreſſen beherrſchten Fürſten unterjocht zu werden, indem Sie Baiern retten und es Ihrem Scepter unterwerfen! Möge Gott uns gnädig ſein und unſer Vorhaben ſegnen, ſeufzte die Kaiſerin. Ich werde meine Tage in Gebet und frommer Andacht hinbringen, bis dieſe unglückliche Sach' geordnet iſt, und auf meinen Knieen liegend werd' ich zu Gott flehen, daß er mein Volk bewahre vor Krieg und Unheil und mein Gewiſſen nit belaſte mit dem Blut meiner Unterthanen. Und während Ew. Majeſtät den Segen des Himmels herabrufen, ſagte Joſeph heiter, wollen Kaunitz und ich Alles dazu thun, daß unſerm Unternehmen auch der Segen der Erde nicht fehle, damit unſere Thaten vom Erfolg geheiligt werden. Sie, Herr Fürſt, werden uns Baiern erobern mit Ihrer Feder und den Waffen der Diplomatie, und wenn die nicht ausreichen, ſo werde ich Ihnen zu Hülfe kommen mit andern Waffen, welche hunderttauſende unſerer Soldaten allen Denen entgegentragen ſollen, die es wagen wollen, uns Baiern zu entreißen. Noch in dieſer Nacht ſollen einige unſerer Regimenter marſchiren, um zunächſt Unterbaiern zu beſetzen⸗ Oh oh, ich ſehe es wohl, es wird doch zum Krieg kommen, murmelte die Kaiſerin leiſe vor ſtch hin. Aber bevor der Herr Kaiſer ſeine Soldaten marſchiren läßt, ſagte Kaunitz mit ſeiner gewohnten Ruhe, iſt es nöthig, daß Ihre Majeſtät 22 die Kaiſerin einige Ediete erlaſſe, welche ihre Unterthanen und die ganze Welt von dem Stand der Dinge und von ihrem Recht in Kenntniß ſetze. Ich habe dieſe Edicte vorläufig ſchon aufgezeichnet und ſie haben die Billigung Sr. Majeſtät bereits erhalten. Es fehlt nur noch die Genehmigung und die Unterſchrift Eurer Majeſtät. Und der Fürſt zog aus ſeinem großen Muff ein Papier hervor, das er der Kaiſerin darreichte. Maria Thereſta nahm es feufzend und überflog das Geſchriebene mit flüchtigen Blicken. Es iſt nur eine kurze gedrungene Auseinanderſetzung der recht⸗ mäßigen Anſprüche Oeſterreich's auf Baiern, ſagte Joſeph haſtig. Ich ſehe es wohl, ſeufzte die Kaiſerin, Ihr habt's verſtanden, die Rechtmäßigkeit auf dem Papier zu beweiſen, Gott gebe, daß Ihr's auch im Leben könnt! Aber ich will Eure Edicte unterzeichnen, und Euch den Willen thun! Ueber Euch Zwei komme das Blut meiner Unterthanen, wenn die Sache mißlingt! Sie griff haſtig nach der Feder, welche Kaunitz ihr darreichte, und ſchrieb mit feſten energiſchen Zügen ihren Namen unter das Papier. Jetzt, rief Joſeph aufjauchend, jetzt iſt Baiern unſer Eigenthum! Ja, auf dem Papier! ſagte die Kaiſerin ſeufzend. Wer weiß, ob es jemals in Wirklichkeit dahin kommen wird! II. Ein Blatt aus der Geſchichte. Maria Thereſia's ſchlimme Befürchtungen ſollten nur zu bald zur Wahrheit werden, und die öſterreichiſchen Regimenter, welche Nieder⸗ baiern beſetzten, gaben das Signal zu einem Krieg, der nicht bloß alle Höfe und alle Diplomaten, ſondern auch alle Federn der Juriſten und der politiſchen Schriftſteller in Bewegung ſetzte. Während die die zt in chnet fehlt zur ꝛder⸗ bloß 23 kleinen deutſchen Fürſten in banger Sorge um ihre eigene Zukunft jammerten und klagten über dieſe„Gewaltthat“ Oeſterreichs, ſich ein Land anzueignen, auf das es gar keine Rechte habe, erſchienen Flug⸗ ſchriften über Flugſchriften der öſterreichiſchen Juriſten, in denen das Recht Oeſterreichs klar und deutlich erwieſen ward. Aber dieſen Flug⸗ ſchriften antworteten die Juriſten aller übrigen deutſchen Staaten und Länder mit eben ſo vielen Flugſchriften, in denen eben ſo klar erwieſen ward, daß Oeſterreich nicht die mindeſten Anſprüche auf Baiern machen könne, und daß die Beſitzergreifung Baierns eine Gewaltthat ſei, die alle deutſchen Lande bedrohe, eine freche Verhöhnung des deutſchen Rechts und der deutſchen Verfaſſung. Ein wüthender Federkrieg entſpann ſich jetzt auf beiden Seiten, und in kurzer Zeit ward Deutſch⸗ land von mehr als dreihundert Büchern überſchwemmt, welche die bairiſche Erbfolge betrafen und Oeſterreich entweder vertheidigten, oder angriffen*). Aber dieſer Streit, den Oeſterreich wie eine Bombe mitten in das deutſche Reich hineinſchleuderte, hatte wenigſtens doch das Gute, daß das deutſche Volk ſich auf einmal wieder ſeines Deutſch⸗ thums bewußt ward, und in ſich eine Art von deutſchem Patriotismus aufdämmern fühlte. Der Baier, der Heſſe, der Würtemberger, der Hannoveraner und alle die übrigen deutſchen Stämme, ſie vergaßen auf einen Moment ihren Sonderpatriotismus und fühlten ſich als die Söhne eines Vaterlandes, und jammerten nnd klagten laut, daß dieſes Vaterland von Oeſterreich in ſeinen heiligſten Rechten beleidigt, daß die deutſche Verfaſſung verletzt und beſchimpft worden. Und die Pfaffen und Jeſuiten, die unverſöhnlichen Feinde Kaiſer Joſeph's, verſtanden es, dieſen Patriotismus zu einer höheren Gluth anzufachen, und ihn zu ihren Zwecken zu benutzen. In ſeltſamer Verdrehung aller Begriffe vereinigten ſich auf einmal Pfaffenthum, Jeſuitismus und Sektenweſen mit dem Begriff Deutſchlands und der deutſchen Freiheit, und indem die Prieſter, die Dunkelmänner und die kleinen deutſchen despotiſchen Fürſten Joſeph's kühne vorurtheilsloſe Geſinnung kannten und fürchteten, verſchanzten ſie ſich hinter dem heiligen Wort des deutſchen Patriotismus, um wider Joſeph zu kämpfen, den die deutſchen Fürſten einen Neuerer nannten, weil ſer es verſucht hatte, *) Schloſſer's Geſchichte des achtzehnten Jahrhunderts. Th. IV. S. 363. 24 Ordnung und Recht in die deutſche Verfaſſung zu bringen, den die Jeſuiten, Pfaffen und Prioilegirten als einen Tyrannen verſchrieen, weil ſie Joſeph als den Feind aller Mißbräuche, aller religiöſen Un⸗ duldſamkeit und aller Vorrechte Einzelner kannten und fürchteten. In Baiern allein durfte der Sonderpatriotismus ſich rückhaltlos entfalten, und während Alles klagte über die angegriffene deutſche Verfaſſung, jammerten die Baiern gerade darüber, daß der Kaiſer ihnen ihr Baierthum rauben wolle. Carl Theodor von der Pfalz, deſſen Herrſchaft man ſonſt mit Angſt entgegen geſehen, ward jetzt von den Münchenern bei ſeinem Einzug in die Hauptſtadt mit glühen⸗ dem Enthuſiasmus begrüßt, und man verzieh ihm freudig ſein üppiges Leben, ſeine Verſchwendung, den Schwarm von Jeſuiten und Finſter⸗ lingen, die er mit ſich führte, um ſich nur zu erinnern, daß er berufen ſei, Baiern ſeine Selbſtſtändigkeit zu bewahren, und es als ein freies, unabhängiges Land zu erhalten. Aber der Churfürſt ſelbſt war wenig erbaut von dieſem Patrio⸗ tismus, welchen die Münchener und die Baiern überhaupt ihm ent⸗ gegentrugen. Er wünſchte nichts ſehnlicher, als wieder heimzukehren nach der Pfalz, und dieſer bairiſchen Erbſchaft enthoben zu ſein, welche ihm die Feindſchaft und den Zorn Oeſterreichs zuziehen mußte, und ſo ihn nicht allein mit Unruhen und Krieg bedrohte, ſondern auch ſeine Kinder der Fürſtentitel, Orden und Millionen berauben könnte, welche Oeſterreich ihnen verheißen hatte. Carl Theodor lieh daher den Vorſchlägen, welche Oeſterreich ihm durch ſeinen Geſandten machen ließ, ein williges Ohr, und unterzeichnete, wenige Tage nach⸗ dem er in München eingezogen war, und feierlich Beſitz genommen hatte von ſeinem neuen Lande, eine Convention, in welcher er Oeſter⸗ reichs Anſprüche auf Baiern anerkannte, und zwei Drittheile des Churfürſtenthums Baiern für ſich und ſeine Erben an Oeſterreich abtrat.— Maria Thereſia, froh, die Streitigkeiten endlich auf dieſe Weiſe beendigt zu ſehen, belohnte den nachgiebigen Churfürſten Carl Theodor mit dem Orden des glodenen Vließes, und ſchickte ſich an, von Baiern Beſitz zu nehmen, welches jetzt durch die Convention vom dritten Januar 1778 ihr unbeſtrittenes Eigenthum war. Indeß gab es in der Nähe des Churfürſten Carl Theodor eine Dame, welche in glühendem altbairiſchem Patriotismus empört war Kaul des dem fürſt mmen rreich dieſe Carl han, vom eine war 25 über dieſe Nachgiebigkeit des Churfürſten und bereit war, Himmel und Erde in Bewegung zu ſetzen, um Baiern ſeine Selbſtſtändigkeit zu erhalten. Dieſe Dame war die Herzogin Clemens von Baiern. Kaum hatte ſte von der mit Oeſterreich abgeſchloſſenen Convention des Churfürſten erfahren, als ſie dem Herzog Carl von Zweibrücken, dem rechtmäßigen Erben Baierns nach dem Tode des jetzigen Chur⸗ fürſten, davon Nachricht gab, und einen Eilboten nach Berlin ſandte, um König Friedrich zur Hülfe und zum Schutz Baierns aufzurufen. Dieſer energiſche Schritt der bairiſchen Patriotin entſchied das Schickſal des ganzen Erbfolgeſtreites. Der Herzog von Zweibrücken proteſtirte laut gegen die abgeſchloſſene Convention, und erklärte, der⸗ ſelben niemals beitreten und niemals ſeine Rechte auf Baiern aufgeben zu wollen. König Friedrich aber erklärte ſich bereit, den Herzog von Zweibrücken zu unterſtützen und ſeine Anſprüche an Niederbaiern, Oberpfalz und Mindelheim gegen Oeſterreich mit den Waffen zu vertheidigen, wenn nicht die öſterreichiſchen Truppen ſofort das Land räumten. Vergebens verſuchte es Maria Thereſia, immer noch bemüht, den Frieden zu erhalten, den Herzog von Zweibrücken durch Freundſchafts⸗ verſicherungen, durch Verſprechungen zu gewinnen, vergebens bot ſte ihm den Orden des goldnen Vließes, eine Million Gulden, und endlich den Titel eines Königs von Burgund, und die Herrſchaft über die zum Königreich Burgund erhobenen belgiſchen Provinzen an; Herzog Carl blieb unerſchütterlich. Er erklärte, daß er nichts weiter begehre, als Churfürſt von Baiern zu werden, und daß weder die Königskrone von Burgund, noch der Orden des goldenen Vließes, noch die Million ihn reizen könnten, ſeinen gerechten Anſprüchen auf ſein Erbe zu entſagen, und rief laut den König von Preußen um Hülfe und Beiſtand an. König Friedrich erklärte ſich ebenſo laut bereit,„die Rechte des pfälziſchen Hauſes auf die Nachfolge in Baiern gegen die ungerechten Anſprüche des Wiener Hofes mit ſeiner ganzen Macht zu verthei⸗ digen*),“ und zog ſeine Truppen in Oberſchleſien an der böhmiſchen und ſächſiſchen Grenze zuſammen. *) Vergl. Dohms Denkwürdigkeiten, Th. I. S. 7. 9 ————-3ʒʒq 26 Das war auch für die öſterreichiſchen Truppen das Signal zum Ausmarſch, und trotz ihrer Seelenangſt, ihres inneren Widerſtrebens, ihres Widerwillens gegen dieſen Krieg mußte Maria Thereſta darein willigen, daß Kaiſer Joſeph ſich ſelbſt an die Spitze ſeiner aus⸗ marſchirenden Truppen ſtellte, und in's Feld zog, um ſich von dem König von Preußen Lorbeeren und Ruhm zu erobern. Diesmal war l ihr Flehen, ihre Vorſtellungen vergeblich geweſen, der feurige kühne Thatendrang Joſephs ließ ſich dies Mal nicht mehr zügeln; wie das Schlachtroß, welches den Klang der Trompeten vernommen hat, glühte er nach Thaten, drängte es ihn vorwärts dem Kampfplatz zu! Der ſonſt ſtets ſo gehorſame und unterwürfige Sohn hatte ſich jetzt auf einmal in einen kampfbegierigen ungeduldigen Krieger verwandelt, und Maria Thereſia fühlte, daß ihre Hände zu ſchwach ſeien, ihn jetzt noch zurückzuhalten, um ſo mehr, als auch Kaunitz dies Mal nicht auf ihrer Seite ſtand, ſondern ſich frei und offen zu des Kaiſer Anſich ten bekannte Weinend und voll Seelenangſt ließ daher die Kaiſerin ihren Sohn an der Seite des Feldmarſchalls Lacy in's Feld ziehen, und ſank ohnmächtig zuſammen als Joſeph ihr ſein letztes Lebewohl geſagt und ſich ihren Armen entriſſen hatte. III. Die Zauderpolitik. Mit haſtigen Schritten ging Kaiſer Joſeph in ſeinem Cabinet auf und ab, zuweilen am Fenſter ſtehen bleibend, und mit zerſtreuten Blicken hinaus ſchauend auf die weite Ebene, die ſich da vor ihm aufthat, und auf welcher öſterreichiſche Soldaten aller Waffengattungen im bunten Durcheinander lagerten, dann wieder an den Jiſch tretend, und dem Feldmarſchall Lacy zuſchauend, welcher eifrig mit, Landkarten und Plänen beſchäftigt war. auf cken hat, im end, rten 27 Nichts unterbrach die Stille des öden kleinen Gemachs, als zu⸗ weilen das Schmettern der Fanfaren, oder das fröhliche Jubeln der an dem Fenſter vorüberziehenden Soldaten, die aus ihren fernen Stations⸗ orten ſo eben im Hauptquartiere von Königsgrätz anlangten. Lacy, ſagte der Kaiſer nach einer langen Pauſe, ich beſchwöre Sie, legen Sie Ihre Karten und Pläne bei Seite, und laſſen Sie mich ein Wort des Troſtes, der Beruhigung hören! Der Feldmarſchall legte ſofort ſeine Papiere nieder und ſtand auf. Ew. Majeſtät hatten mir indeß befohlen, genau die Stellung, welche der König von Preußen jenſeits der Elbe bei Welsdorf ein⸗ nimmt, und die Stellung des Prinzen Heinrich bei Nienburg auf unſeren Karten zu verzeichnen. Ich weiß, ich weiß, rief der Kaiſer ungeduldig. Aber wozu dieſe Stellung verzeichnen, da ſowohl der König als der Prinz Heinrich, ſo Gott will, morgen ſchon ihre Poſitionen ändern und weiter vor⸗ dringen werden. Ew. Majeſtät glauben, daß der König angreifen wird? ſagte Lacy kopfſchüttelnd. Ich bin davon überzeugt! Und ich bezweifle es; ich glaube, daß es durchaus nicht in dem Plan des Königs liegt, es zu einer Schlacht kommen zu laſſen, ſondern daß er ſuchen wird, eine ſolche möglichſt zu vermeiden! Weshalb ſollte der König aber alsdann überhaupt die Feind⸗ ſeligkeiten begonnen haben? fragte Joſeph haſtig. Erinnern Sie ſich nur, daß Er es iſt, welcher, obwohl der Churfürſt von Baiern ſelbſt uns ſeine Lande abzutreten bereit iſt, es nicht dulden will, im Namen des Herzogs von Zweibrücken und Deutſchlands dagegen proteſtirte und uns mit einer Armee entgegen gerückt iſt. Weshalb alſo ſollte er dies Alles thun, wenn er jetzt den Kampf vermeiden wollte? Er hat dies Alles gethan, weil er ſehr gute Spione in Wien beſoldet, ſagte Lacy achſelzuckend, und weil ihm dieſe Spione berichtet haben, daß Maria Thereſia durchaus nicht geneigt iſt zum Kriege, und daß ſie Alles thun wird, um denſelben zu vermeiden. Er hat es gethan, weil er gehofft hat, daß das Schmettern ſeiner Fanfaren und das Marſchiren ſeiner Truppen noch immer genügt, um Schrecken und Furcht im Oeſterreichiſchen Heer zu verbreiten. 28 Dieſe Zeit iſt Gott ſei Dank vorüber, und ſie wird nicht wieder kommen, rief Joſeph, das Haupt ſtolz zurückwerfend. Der König ſoll ſich, hoffe ich, bald überzeugen, daß wir gar wohl den Muth haben, ihm gegenüber zu treten, und daß ſeine Perſon für uns kein Schreckbild mehr iſt. Oh mein Freund, wie furchtbar iſt dieſe Zeit des Wartens, zu welcher der Befehl und das Flehen meiner Mutter mich verurtheilt hat, und welch ein Thor war ich, ihrer Angſt nach⸗ zugeben, und ihr zu geloben, daß nicht ich der Angreifende ſein, ſondern es ruhig abwarten will, bis der König uns angreift. Jetzt muß ich, gebändigt und gelähmt, die Dinge in müßiger Ruhe er⸗ warten, darf nicht mein Schwert erheben, nicht den alten langjährigen Feind meines Hauſes zur Rechenſchaft ziehen für all die Unbill, die er uns angethan, bin verurtheilt zum Zaudern und Warten, während meine ganze Seele glüht nach Kampf und Streit, während ich mich ſehne, entweder auf dem Schlachtfeld ruhmvoll zu fallen, oder mir Lorbeeren zu erkämpfen! Und dennoch iſt es ein Glück, Sire, daß Sie bis jetzt nichts unternommen haben, ſagte Lacy bedächtig. Alles kommt darauf an, Zeit zu gewinnen, damit unſere Armee ſich immer mehr zuſammen ziehen, und unſere Truppen vollſtändig und ſchlagfertig dem König gegenüber ſtehen, und jeden Kampf mit ihm wagen können. Noch iſt er uns an Stärke überlegen, denn er ſelber ſteht mit einem Heer von ſiebenzigtauſend Mann bei Welsdorf an der Elbe, und mehr als funfzigtauſend Mann hat Prinz Heinrich bei Nienburg um ſich geſammelt. Aber wir werden dieſen hundertzwanzigtauſend Mann bald zweimal⸗ hunderttauſend gegenüber zu ſtellen haben, rief Joſeph ungeſtüm. Wir werden ſie haben, fagte Lacy bedächtig. Aber dazu be⸗ dürfen wir immer noch einige Tage Zeit; dann aber wird unſere Armee vollzählig ſein, dann werden wir, Dank der Zauderpolitik des Königs von Preußen, die Elbe von Königsgrätz bis Arnau und Hohenelb mit zweimalhunderttauſend Mann Soldaten beſetzt haben, und davon könen wir in ſicherſter Ruhe hinter unſern Verſchanzungen und natürlichen Schutzwehr der hohen Ufer der Elbe, den Feind er⸗ warten: Er wird uns nicht mehr gefährlich ſein, und uns keine Lor⸗ beeren mehr abgewinnen! ——— Hohl Ausl ſagte mutt hat unw gar anke obw Die Ver Ang müſſ ſiche anz Ver ente mat jeder önig Nuth kein Zeit ltter ach⸗ ſein Jetzt inien onig Koch Heer nehr ſich mal⸗ 29 Alſo auch dann noch warten, rief Joſeph mit ſchmerzlichem Hohn. Auch dann noch verurtheilt zur Unthätigkeit, zur Geduld, zum Ausharren! Das Ausharren und Warten iſt im Kriege die höchſte Tugend, ſagte Lacy bedächtig, und Schlachten zu vermeiden iſt oft weiſer und muthvoller, als Schlachten zu liefern. Der große Moritz von Sachſen hat geſagt:„Schlachten liefern iſt nur ein Hülfsmittel, durch welches unwiſſende Feldherrn ſich aus einer Verlegenheit ziehen; wenn ſie gar nicht wiſſen, was ſie thun ſollen, laſſen ſie es auf eine Schlacht ankommen!“ Ich bin ganz der Meinung des Marſchalls von Sachſen, obwohl ich weiß, daß Ew. Majeſtät mir darüber zürnen werden! Die größte Weisheit beſteht für uns darin, daß wir uns auf einen Vertheidigungskrieg beſchränken, und wenn wir auch nur Friedrichs Angriffe vereiteln, werden wir ſchon Großes gethan haben! Wir müſſen in dieſem Krieg nicht die Angreifenden ſein, ſondern wir werden ſicherer dadurch ſiegen, daß wir den Feind außer Stand ſetzen, uns anzugreifen, daß wir ferner durch eine ausgedehnte, wohlgeſicherte Vertheidigungslinie den feindlichen Fortſchritten überall Hinderniſſe entgegen ſetzen, ihn durch vergebliche Anſtrengungen ſeiner Kraft er⸗ matten und endlich zum feigen Rückzug zwingen. Der König von Preußen iſt es gewohnt, durch kühnen und wohlbereiteten Angriff zu ſiegen, wir wollen alſo ſeinen Angriffen einen feſten Damm ent⸗ gegenſtellen und wir haben dabei einen Bundesgenoſſen, welcher uns mehr hilft und bereitwilliger auf unſere Pläne eingeht, als der treueſte Waffengefährte es vermöchte! Und wer iſt dieſer Bundesgenoſſe? fragte Joſeph, welcher dem Feldmarſchall mit düſterer Miene zugehört hatte. Dieſer Bundesgenoſſe iſt das Alter, ſagte Lacy ruhig, das Alter, welches König Friedrich allſtündlich daran mahnt, daß die Zeit ſeiner Siege vorüber iſt, und daß ſeine zitternden welken Hände das Schwert nicht mehr ſchwingen und keine Lorbeeren mehr pflücken können. Der König von Preußen iſt jetzt nicht mehr ein Held, ſondern ein alter Mann. Er hat ſich in einer verſchloſſenen Kutſche zu ſeiner Armee begeben, und als er geſtern ſein Pferd beſteigen wollte, um die Truppen zu muſtern, mußte man ihn auf ſein Pferd heben, denn er war zu ſchwach zum Gehen, und deshalb nachher ſo verſtimmt, daß er ſeinen 30 Generalen die übelſte Laune zeigte, und laut dieſen Krieg und die ländergierigen Oeſterreicher verwünſchte. Ueberläufer, welche heute zu uns gekommen, haben uns davon erzählt, und ſchildern den König als einen kraftloſen, halbtodten Mann! Und das alſo iſt das Ende eines Heldenlebens, ſagte Joſeph tief⸗ bewegt, das der Schluß eines ſchönen, großen, ehrwürdigen Daſeins! Der Held, der König, der Sieger ſo vieler Schlachten iſt jetzt nur noch ein alter Mann! das Alter hat die Flügel des ſtolzen Adlers gelähmt, und die begeiſterungsvolle Gluth ſeiner Dichterſeele gebrochen. Das Alter hat den Helden, den Weiſen, den Philoſophen und den Dichter in einen hinfälligen unwirſchen Greis verwandelt. Oh Lach, verlohnt es ſich da der Mühe zu leben, zu ringen, nach Er⸗ folgen zu ſtreben, wenn man ein ſolches Ende eines glorreichen Lebens betrachtet? Möge Gott mich bewahren vor einem ſolchen Ende, möge er mich ſterben laſſen in der Fülle meiner Kraft, inmitten meines Wirkens und Schaffens, damit ich aus dem vollen Leben in den vollen Tod gehen kann, nicht langſam hinſtechen und verblühen muß zu einer welken Greiſesblume, die ganz lautlos und von ſelbſt von ihrem Stengel fällt!— Und während der Kaiſer ſo ſprach, nahmen ſeine Mienen den Ausdruck tiefer Trauer an, und ſeine großen blauen Augen füllten ſich mit Thränen.“ Aber dies, fuhr der Kaiſer nach einer kurzen Pauſe fort, dies ſind müßige Wünſche und Betrachtungen, die ſich wenig für uns ſchicken, wie mich däucht. Ihre trübe Schilderung des großen Königs hat mich ſo melancholiſch gemacht. Aber ich hoffe, ſie wird über⸗ trieben ſein! Der König von Preußen iſt noch immer der Held und der Feldherr, der er geweſen, und ſein Feuergeiſt wird ihn vorwärts drängen, er wird dieſe Politik des Zauderns von ſich ſchütteln, wie der Löwe, aus ſeinem Schlummer erwachend, die Fliegen von ſich ſchüttelt, welche ſich in ſeine Mähne geſetzt haben, ich hoffe— Das raſche Heranſprengen eines Reiters, der unmittelbar unter dem Fenſter anhielt, an welchem der Kaiſer ſtand, unterbrach ihn in ſeiner Rede, und mit geſpannter Aufmerſamkeit ſchaute Joſeph hin⸗ aus auf dieſen Mann, der jetzt ſich vom Pferde ſchwang. Alsdann kamen um die nächſte Ecke noch andere Reiter im vollen Galopp daher⸗ geſprengt, und mitten hineinreitend in die Soldatenhaufen, rief der Mann die jeute önig 31 mit lauter angſtvoller Stimme einige Worte, welche der Kaiſer nicht verſtand, die aber Schrecken und Entſetzen auf den Geſichtern ſeiner Soldaten verbreiteten. Lacy, ſagte der Kaiſer haſtig, es iſt etwas vorgefallen, und die Leute, welche da gleichſam in wilder Flucht heran gekommen ſind, haben eine ſchlimme Nachricht gebracht. Sehen Sie nur, unſere Soldaten ſprengen auseinander, als ob eine Bombe mitten unter ſie gefahren wäre. Der luſtige Geſang iſt verſtummt, Alles rennt bleich und verſtört den Zelten zu. Laſſen Sie uns doch nachſehen, was dies Alles zu bedeuten hat! Der Kaiſer ging mit haſtigen Schritten der Thür zu, als dieſe geöffnet ward und einer der Adjutanten des Kaiſers mit bleichem, verſtörtem Angeſicht herein trat. Sire, ſagte er haſtig, ein Courier von der böhmiſchen Grenze iſt angelangt, und bringt eine unglaubliche Nachricht. Nun was bringt er? fragte Joſeph athemlos. Er bringt die Nachricht, daß der König von Preußen die Graf⸗ ſchaft Glatz verlaſſen hat, und bei Nachod in Böhmen eingerückt iſt. Der Kaiſer ſtieß einen Schrei des Entzückens aus und ſein An⸗ tlitz leuchtete auf. Der König von Preußen iſt in Böhmen eingerückt! wiederholte er freudig. Das iſt eine herrliche Nachricht! Eine herrliche Nachricht, Sire? fragte der Adjutant erſtaunt. Der Bote, welcher dieſe Nachricht bringt, weiß nicht genug zu er⸗ zählen von dem Schrecken und Entſetzen, welches ſich in Böhmen verbreitete, ſobald ſich die Preußiſchen Blauröcke dort zeigten. Die Einwohner der Dörfer haben ihre Habſeligkeiten zuſammengerafft und ſtnd tiefer in das Land geflohen, die Preußiſchen Truppen haben ohne Widerſtand die Grenze beſetzt, und ſind Herren von Böhmen. Es iſt ſo, wie der Graf berichtet, ſagte Lacy, welcher das Zimmer verlaſſen hatte, und jetzt wieder eingetreten war. Ich habe den Mann, der die Nachricht brachte, ſelbſt geſprochen. Er iſt der Schulze eines der kleinen Dörfer an der Grenze, und er verließ ſein Dorf in dem Augenblick, als der König von Preußen mit ſeinem Generalſtab in daſſelbe einzog. Ich will dieſen Mann ſelbſt ſprechen, rief der Kaiſer lebhaft. Aufeinen Wink ſeiner Hand öffnete der Adjutant die Thür, und der Bauer trat ein. 3²2 Joſeph eilte ihm lebhaft entgegen. Du haſt den König von Preußen geſehen? fragte er haſtig. Hab' ihn geſehen, Herr Kaiſer, ſagte der Mann düſter. Hab' auch gehört, wie er befohlen hat, ohne Barmherzigkeit zu fouragiren, und wie er verboten hat, irgendwo Salvegarden aufzuſtellen. Hab' gehört, wie er ſtreng befohlen hat, keines Eigenthums zu ſchonen, ſondern Alles zu nehmen, was man braucht! Lag in einem Winkel meiner Kammer verborgen, während der König in meiner Stube ſich mit ſeinen Generalen breit machte, und da habe ich gehört, wie er ſagte, die Soldatenweiber ſollten allemal mit auf das Fouragiren geſchickt werden, weil die es am Tollſten machten. Denn die Leute ſollten und müßten fühlen, daß ſte den Feind im Lande hätten!“**) Ich werde mir dieſes Wort des Königs merken! murmelte der Kaiſer leiſe vor ſich hin, und ſeine Augen blitzten auf im Feuer des Zornes. Und wie ſah der König aus? fragte er dann laut. Wie der Teufel, der ſich in einen alten Mann verkleidet hat, ſagte der Bauer düſter. Es blitzt etwas aus ſeinen Augen wie das hölliſche Feuer, und ſeine Stimme iſt ſo ſanft und weich, wie die Stimme eines Bräutigams, der mit ſeiner Braut ſpricht. Aber was er ſagt mit dieſer Stimme, das iſt boshaft und grauſam, und wohin er ſeine Augen richtet, da ſollt' man meinen, daß gleich das helle Feuer aufſchlagen müßt! Auch iſt Niemand mit ihm zufrieden ſelbſt unter ſeinen eigenen Leuten! Hab's ſelbſt gehört, wie ſeine Generale, als der König befahl, wie man das Lager abſtechen ſollte, dagegen proteſtirten, und meinten, wenn er's ſo mache, würden ſeine Leute alle Augenblicke in Gefahr ſein, angegriffen zu werden. Der König ſchalt ſie aber aus, und befahl ihnen, ſeinen Befehlen zu folgen, und als er dann hinausgegangen war, murrten die Generale, und ſagten, der König ſei ein alter, eigenſinniger Mann, der Alles allein thun wolle, und es doch nicht mehr könne. Er habe nicht einmal einen Generalſtab angeſtellt, und Niemand ſei da, der für die Armee und ihre Bedürfniſſe Sorge trage.**) Weiter! weiter! rief Joſeph unwillig, als der Bauer jetzt ſchwieg. *) Des Königs eigene Worte, Siehe Dohm'’s Denkwürdigkeiten, Th. I. S. 130. **) Hiſtoriſch. Siehe Dohm. Th. I. S. 133. war, Dorf. und K beteten noch ſo ſin Kaiſen daß gewor G werde und l Kehre Cure Freun ſie ſo Gott Sie, daß werde beii das wied Zau geko ſlel einer der Chre herr mein — 33 Weiter weiß ich nichts zu erzählen, Herr Kaiſer. Als der König mit ſeinen Leuten mein Haus verlaſſen hatte, und es dunkel geweſen war, ſchlüpft' ich aus meinem Verſteck hervor, und rannt hinaus vor's Dorf. In der Kirche hatte ſich der Herr Pfarrer mit allen Frauen und Kindern verſammelt; die lagen auf den Knieen und weinten und beteten; wir Männer aber rannten ins nächſte Dorf, wohin der Feind noch nicht gekommen war. Dort gaben uns die Leute Pferde, und ſo ſind wir im vollen Galopp hierher gekommen, um den Herrn Kaiſer anzuflehen, daß er ſich unſerer erbarme, und uns davor behüte, daß wir nicht auch Preußiſche werden müſſen, wie es die Schleſter geworden ſind! Ich gebe Euch mein Wort darauf, daß Ihr nicht Preußiſch werden ſollt, ſagte der Kaiſer ernſt. Bleibt nur gut Oeſterreichiſch, und leiſtet dem böſen Feind Widerſtand, wo und wie Ihr könnt! Kehre Du jetzt mit Deinen Freunden zurück in Euer Dorf, damit Eure Weiber und Kinder nicht ſchutzlos bleiben. Grüße alle Deine Freunde, und alle Leute aus Deiner Gegend von mir, und ſage ihnen, ſie ſollten nicht verzagen, ihr Kaiſer wache über ihnen, der werde, ſo Gott will, gar bald den böſen Feind aus ſeinen Landen verjagen!— Sie, Herr Graf, haben die Güte, die nöthigen Befehle zu ertheilen, daß dieſer Mann und ſeine Gefährten mit Nahrungsmitteln verſehen werden, denn da der König das Fouragiren befohlen hat, werden ſie bei ihrer Heimkehr keine Vorräthe mehr in ihrem Dorf finden. Der Adjutant verneigte ſich, und verließ gefolgt von dem Bauer das Gemach. Lach, rief der Kaiſer, ſich jetzt mit freudeſtrahlendem Geſicht wieder dem Feldmarſchall zuwendend, Lacy, jetzt iſt es vorbei mit der Zauderpolitik und dem Hinhalten, die Stunde der Entſcheidung iſt gekommen, und getreu meinem Wort bin nicht ich es geweſen, der ſie herbei geführt hat. Der König von Preußen iſt es, der mir jetzt einen Namen machen, der mir geſtatten wird, aus dem Dunkel und der Unbedeutendheit hervorzutreten an das Licht, um mir Ruhm und Ehre zu erkämpfen, und der Welt zu beweiſen, daß ich auch ein Feld⸗ herr bin, welcher zu ſtegen und Schlachten zu gewinnen weiß! Jetzt, mein Freund, keine Einwendungen, kein Zaudern mehr! Der König hat uns angegriffen, indem er wider Recht und Billigkeit in Böhmen Kaiſer Joſeph. 3. Abth. I. 3 34 eingerückt iſt! Es wäre ehrlos und feig, jetzt noch vor einem Angriff zurückzuweichen. Erlaſſen Sie die nöthigen Ordres! Wir brechen heute noch auf und ziehen uns bis Jaromirs vor! Will's Gott, wird der König uns dort erwarten, und ich werde endlich das Glück haben, mich mit dem berühmteſten Feldherrn ſeines Jahrhunderts zu meſſen! Die heimlichen Friedensunterhandlungen. Finſtere Trauer, ſtummes Entſetzen herrſchte, ſeit der Kaiſer zur Armee gegangen war, in der Kaiſerburg in Wien. Die feſtlichen Räume und Geſellſchaftsſäle waren geſchloſſen, kein Ton der Freude, kein Lachen und Scherzen ward vernommen, bleich und verſtört ſchlüpften die Diener und Dienerinnen über die Corridore, bleich, ernſt und ſchweigſam weilten die Erzherzoginnen in ihren Gemächern, traurig und niedergeſchlagen lag die Kaiſerin Maria Thereſia ihren Geſchäften ob. Aber nicht bloß in der Kaiſerburg, ſondern auch in Wien war die Freude verſtummt, begegnete man nur ernſten, ſorgenvollen Ge⸗ ſtchtern. Seit der Courier die Nachricht gebracht, der König von Preußen habe die böhmiſche Grenze überſchritten und alſo den Angriff begonnen, war ganz Wien in banger Sorge, und angſtvoll flüſterte Einer dem Andern in's Ohr: dies Mal wird der König ſich nicht begnügen, uns eine Provinz fortzunehmen! Dies Mal wird er hier⸗ her kommen, und Wien belagern, wie es vor hundert Jahren die Türken gethan! Und dieſes Geflüſter erhob ſich bald zum lauten Angſtſchrei, das ſeine unheimlichen Klageköne durch alle Gänge und Zimmer der Kaiſerburg erſchallen ließ. Die Reſchen und Beſitzenden begannen ſchon ihre Pretioſen einzupacken, und nach verborgenen Schlupfwinkeln lngriff rechen Gott, Glück ts zu und n ob. war n Ge⸗ j von Ungriff liſterte nicht hier⸗ n die das r der annen inkeln 35 zu ſuchen, wo ſie ihr Geld vergraben könnten, und die Erzherzoginnen und die Damen des Kaiſerhofes beſchworen ſchon Maria Thereſta mit Thränen der Angſt, ſie ſolle Wien verlaſſen, und mit ihrem Hof und ihrer Familie nach Preßburg flüchten.*) Aber Maria Thereſta widerſtand mit ſtolzem Muth dieſem angſt⸗ vollen Flehen ihrer Töchter und ihres Hofes. Ihr Auge, das jetzt faſt immer von Thränen umdüſtert war, blitzte einmal wieder auf in dem kühnen Jugendfeuer früherer Tage, und das Haupt ſtolz zurück werfend, ſagte ſie:„Ich bleib' in Wien, und wenn der König von Preußen wirklich hierher kommen ſollt, ſo will ich ſterben als Kaiſerin mit der Kron' auf dem Haupt und nicht als eine landflüchtige Frau, die um Alles gern ihr bischen Leben retten möcht! Hab' juſt keine Freud' mehr am Leben, und liegt mir nichts dran, meine Tag' noch weiter zu ſchleppen, wenn ſie meinen Kindern, meinem Land und meinem Volk nit mehr nutzen können. Schweigt alſo jetzt ſtill, und red' mir Keiner mehr von Flucht, und wenn ich wein' und klag', ſo ſoll doch Niemand denken, daß die Maria Thereſia jammert um ihr eigen Geſchick, und zittert in feiger Furcht! Hab' nimmer in meinem Leben gezittert, und nimmer perſönliche Furcht gehabt! Aber jetzt sittre ich, denn dieſer Krieg bedroht nicht mich, ſondern mein armes, Volk; das iſt nit mein Blut, das vergoſſen werden wird, ſondern das meines Volkes! Deshalb wein' ich und bin traurig, und deshalb wollen wir jetzt auch hingehen und zu Gott flehen, daß er dieſen Jammer von uns abwenden, daß er Erbarmen haben möge mit mir und meinem Volk! Kommt, meine Töchter und Ihr Alle, meine Damen, laßt uns zur Capelle gehen und beten!“ Und zu beiden Seiten gelehnt auf den Arm der beiden Erz⸗ herzoginnen Chriſtina und Eliſabeth, ſchlug die Kaiſerin den Weg nach der Kapelle ein. Hinter ihr her ſchlichen die Hofdamen und Kammerfrauen und der ganze Troß ihrer Dienerſchaft mit niederge⸗ ſchlagenen und gelangweilten Geſichtern, ganz entſetzt, ſchon wieder zu der Kapelle gehen zu müſſen, welche man erſt vor einigen Stunden verlaſſen hatte. Wann wird denn die Hauskapelle der Kaiſerin vollendet ſein? *) Vergl. Dohmes Denkwürdigkeiten. Th. I. S. 137. 3* 36 flüſterte eine der Hofdamen der andern in's Ohr. Wann werden wir endlich von dieſer Marter erlöſt werden, dic Kaiſerin vier bis fünfmal zur Kapelle begleiten zu müſſen, um dort jedes Mal beinahe eine Stunde auf den Knieen zu liegen und zu beten? Eine Stunde lang? flüſterte die Andere. Danken Sie Gott, daß Sie geſtern ſo glücklich waren, Ihre Migraine zu haben, um Ihr Zimmer nicht verlaſſen zu können. Ich hatte die Ehre, die Kaiſerin mit der Erzherzogin Eliſabeth zur Kapelle zu begleiten, und wir ver⸗ weilten da ſo lange, daß mir die Prinzeſſin verſicherte, ſie ſei zuletzt ihrer Sinne kaum noch mächtig geweſen, und habe gar nicht mehr gewußt, was ſie betete und antwortete. Und wie geht es der Erz⸗ herzogin Marianne heute? Wird ſie nicht bald geneſen ſein, und unſere finſtern Vergnügungen theilen können? Glauben Sie mir, flüſterte die erſte Hofdame, die Erzherzogin. Marianne iſt zu geſcheidt, um bald zu geneſen. Aber für den Moment iſt ſte wirklich noch leidend; das Geſchwür auf der Wange hat ſich geöffnet, und ſich in eine große, tiefe Wunde verwandelt. Aber ſie erträgt Alles mit vieler Faſſung und Heiterkeit. Geſtern empfing ſte den engliſchen Geſandten, der kam, ihr eine Condolenz⸗Viſite zu machen, und ihr in ſehr beredten Worten ſein Beileid ausdrückte, aber die Erzherzogin lachte.„Glauben Sie mir, ſagte ſie, für eine Erz⸗ herzogin, die vierzig Jahre alt iſt, und nicht verheirathet, iſt ein Loch in der Wange ein Amuſement; denn kein Ereigniß, welches die Lange⸗ weile und die Gleichförmigkeit meines Lebens unterbricht, kann ein Mißgeſchick genannt werden!**) Die beiden Damen lachten leiſe, aber als in dieſem Moment die Kaiſerin ſtill ſtand und langſam ihr Haupt umwandte, verſchwand ſofort der frohe Ausdruck aus ihren Geſichtern, und eine frömmelnde Miene annehmend falteten ſie ihre Hände. Waren Sie es, meine Damen, welche es wagten, die heilige Stille durch Geflüſter und Geſpräch zu unterbrechen? fragte Maria Thereſta ſtrenge. Ja Majeſtät, wir waren es, ſagte die erſte Hofdame. Wir be⸗ *) Der Erzherzogin eigene Worte. Siehe: The Courts of Europe at the Glose of th last Century. By Heury Swinburne. Vol. I. p. 342. 3 4 4 reiteten ligen J göttliche die Sie ein es freut beſſern beten, daß da der Tu⸗ auf der gen, do der Bau A ſogar e dergeſſe Gehen 4 Kapelle Ermatt halden noch i glaubi ihren Bruſt ihre z keit, ruhige flehen den wir ünfmal zuletz! t mehr T Erz erzogin doment at ſich lber ſie fing ſie jſite zu aber zent die chw and nmelnde Stille chertſta ir be⸗ Htbe 37 reiteten unſere Seelen durch gemeinſchaftliches Gebet vor zu der hei⸗ ligen Meſſe, und wiederholten uns die Gebete des Troſtes und der göttlichen Barmherzigkeit. Die Kaiſerin nickte lobhaft mit dem Haupt. Weiß es wohl, daß Sie ein gar frommes und tugendhaftes Fräulein iſt, ſagte ſte, und es freut mich abſonderlich, daß Sie auch die Comteſſe Julie auf einen beſſern Weg gebracht hat, denn die pflegt ſonſt allzeit nit viel zu beten, und es iſt mir lieb, daß ſte jetzt ſich geändert und erkannt hat, daß das Gebet und die Andacht allein im Stande ſind, uns den Weg der Tugend wandeln zu laſſen, und uns ohne Anfechtung zu erhalten auf der Bahn. Werd' Sie Beid' nit vergeſſen und ſchon dafür ſor⸗ gen, daß Sie eine gute und ſtandesgemäße Partie machen! Da iſt der Baron von Palmöden, welcher eine Frau bedarf, und der Graf— Aber die Kaiſerin, welche über ihrem Lieblingsthema der Heirathen ſogar einen Augenblick ihren Kummer und den Zweck ihrer Wanderung vergeſſen hatte, unterbrach ſich jetzt ſelbſt nnd ſagte mit ernſtem Ton: Gehen wir zur Kapelle, meine Damen! Länger als drei Stunden verweilte die Kaiſerin dies Mal in der Kapelle, und während die Mehrzahl ihrer Damen, überwältigt von Ermattung und Langeweile, eingeſchlafen waren, oder ſich wach zu halten ſuchten, indem ſie leiſe mit einander plauderten, lag die Kaiſerin noch immer auf ihren Knieen, und betete mit aller Inbrunſt einer gläubigen Seele. Während ſie betete, entſtürzten Ströme von Thränen ihren Augen, und das laute Schluchzen, das krampfhaft aus ihrer Bruſt hervorquoll, unterbrach zuweilen die flehenden Worte, welche ihre zitternden Lippen ſtammelten. Aber allmälig legte ſich dieſer Sturm ihrer leidenſchaftlichen Traurig⸗ keit, allmälig ſtockten ihre Thränen, und ihre Züge nahmen einen ruhigen, nachdenklicheren Ausdruck an; die Arme, welche ſie bisher flehend empor gehoben zum Himmel, ſanken herab in ihren Schooß, und die Lippen bewegten ſich zu langſameren friedlicheren Gebeten. Als Hie Kaiſerin alsdann endlich von ihren Knieen ſich erhob, hatte ihr Antlitz einen ernſten, entſchloſſenen Ausdruck, aber nichts von der troſtloſen Traurigkeit und der tiefen Verzweiflung der ver⸗ floſſenen Stunden war mehr in demſelben zu leſen. Sie ſchien einen entſcheidenden Entſchluß gefaßt zu haben, oder reſignirt zu ſein über — 38 ihr Geſchick. Mit raſchern Schritten, kaum noch geſtützt auf die Arme ihrer Töchter, durchwandelte ſie die Corridore, tief in Gedanken ver⸗ loren, das leuchtende Auge in die Ferne und Weite gerichtet. Erſt als ſie vor der Thür ihrer innern Gemächer angelangt waren, wandte Maria Thereſia ſich an ihre Lieblingstochter, die Erzherzogin Chriſtina. Gelt, Chriſtina, ſagte ſie mit einem Blick voll unendlicher Zärt⸗ lichkeit, haſt viel geweint die letzten Wochen her? Biſt troſtlos und verzagt geweſen in Deinem armen Herzen? Und kann das wohl anders ſein, meine gnädigſte Mutter? fragte Chriſtine mit ſchnell hervorbrechenden Thränen. Hat nicht mein grauſamer und ländergieriger Bruder meinen geliebten Gemahl ge⸗ zwungen, ihn in dieſen ſchlimmen und gefährlichen Krieg, den der Joſeph wider göttliches und menſchliches Recht begonnen, zu begleiten? Oh, meine Mutter, wollen Sie doch gnädigſt bedenken, daß, wenn Ew. Majeſtät nicht ein Machtwort ſprechen, und den Kaiſer zwingen, Frieden zu machen, mein armer, theurer Gemahl vielleicht genöthigt iſt, als Feind in Sachſen, in ſein Vaterland einzubrechen, und zu kämpfen gegen die Söhne ſeines eigenen Landes. Und indem die Erzherzogin ſich auf ihre Kniee niederwarf, und ihre gefalteten Hände flehend zu der Kaiſerin erhob, fuhr ſie fort: oh meine Mutter und meine Kaiſerin! Haben Sie Erbarmen mit dem Schmerz ihrer unglücklichen Tochter! Ihre Güte und Liebe iſt es, welche mir den Gemahl geſchenkt hat, den ich grenzenlos liebe, ſchenken Sie mir ihn jetzt zum zweiten Mal, indem Sie dieſem Krieg Ein⸗ halt thun, der ganz Deutſchland mit Verderben bedroht, und meinen Gemahl zu einem Verräther an ſeinem eigenen Vaterlande, oder zu einem meineidigen Soldaten machen wird, der die Fahne verlaſſen muß, der er Treue geſchworen! Haben Sie Erbarmen mit Ihren Kindern und ihrem Lande, enden Sie dieſen ungerechten Krieg, zwingen Sie den habgierigen Kaiſer, die ungerechte Beute fahren zu laſſen, und ſich dem Willen Ew. Majeſtät unterzuordnen, wie es einem ge⸗ gehorſamen Sohn geziemt! Die Kaiſerin neigte ſich mit einem ſanften Lächeln zu ihrer Tochter nieder, und hob ſie auf. Weine nicht mehr, meine Tochter, ſagte ſte, zärtlich ihre beiden Hände auf die Wangen Chriſtinens legend. Es ſoll, ſo Gott will, noch Alles gut werden. Hab' heute mit aller Kraft und n ich ſei weſen, dieſe einem ohne Alles Herze iſt ni allzeit daß Cure der trat allein Schr Lang mit Dir gut Ene Hät Fra Arme n ver⸗ Erſt hvandte iſtina. Zärt⸗ 5 und fragte mein hl ge⸗ en der leiten? wenn ingen, öthigt nd zu „und fort t dem iſt es, henken Ein⸗ nelnen. der zu rlaſſen Ihren vingen laſſen, m ge⸗ Lochtet ſagu ggend. taller 39 Kraft meines Herzens zu Gott gefleht, daß er meine Seele erleuchte und mir ſage, was ich thun und laſſen ſoll. Und mein' auch, daß ich ſeine Antwort vernommen hab', und daß es Seine Stimme ge⸗ weſen, welche meinem Herzen Rath und Troſt zugeflüſtert. Was dieſe Stimme geſagt hat, das will ich thun, und wenn es uns zu einem glücklichen Ziele führt, ſo iſt das alsdann Gottes Werk! Sei alſo ohne Furcht für Deinen ſchönen Gemahl, meine Tochter, Gott wird Alles zum Guten lenken! Aber laß auch in Deinem armen geängſteten Herzen keinen Groll aufkommen gegen Deinen Bruder Joſeph! Er iſt nit ſo ſchlimm und ſo ſtörriſch, als Du ſagſt, ſondern iſt uns allzeit ein guter und gehorſamer Sohn geweſen, zweifle auch nicht, daß er es ferner ſein wird! Geht jetzt, meine Töchter, überlaßt Alle Eure Sorge Gott allein, er wird's ſchon machen. Sie küßte Chriſtine zärtlich auf die hohe, weiße Stirn, nickte der Erzherzogin Eliſabeth einen freundlichen Abſchiedsgruß zu und trat in ihr Cabinet zurück. Als die Thür deſſelben ſich hinter ihr geſchloſſen hatte, und ſie allein und unbeobachtet war, durcheilte die Kaiſerin mit raſchen Schritten das Gemach und trat zu dem Bilde ihres Gemahls hin. Lange ſchaute ſie es an mit großen, ſtarren Augen, und grüßte es mit einem ſanften Neigen ihres Hauptes. Hab' zu Gott gebetet, ſagte ſie leiſe, und jetzt bet' ich noch zu Dir, mein Franzel! Wenn das, was ich thun will, nit recht und gut iſt, ſo ſag mir's, mein Franzel, ſo flüſtere mit Deiner lieben Engelsſtimme ein einzig Nein, und ich werd's laſſen, und meine Händ' in den Schooß legen, und Alles geſchehen laſſen. Oh mein Franzel, wenn ich ſchier verzagen wollt' nnd mich ſo einſam fühlt' und allein, da hab' ich oft in meinem Herzen Deine liebe Stimme gehört, und es iſt mir geweſen, als ob ich auf meinen Lippen den ſanften Hauch Deines Kuſſes fühlte, und als ob Du in mein Ohr flüſterteſt:„hebe Dein Haupt empor, meine Thereſta, und geh' muthig weiter auf Deiner Bahn! Gott iſt mit Dir, und das Auge Deines Franzel wacht über Dir!“— Oh ſprich', ſprich, mein Geliebter, gieb mir ein Zeichen, wenn ich das laſſen ſoll, was ich vorhab!— Sie verſtummte, und ſchaute mit gefalteten Händen und ſehn⸗ ſuchtsvollen Blicken zu dem Bilde des Kaiſers empor. Eine lange 40 Pauſe trat ein, nichts regte ſich, kein Laut unterbrach die tiefe Stille in dem Gemach der Kaiſerin. Schauſt mich immer noch an ſo mild und zärtlich, wie Du es ſonſt gethan, ſagte ſie endlich, und ein wunderbares Lächeln flog jetzt über Maria Thereſta's Antlitz hin. Schüttelſt nit Dein Haupt und räthſt mir ab, flüſterſt kein Nein in meinem Herzen? Will's denn glauben, daß Du mit mir zufrieden biſt, und daß das, was ich thun will, das Rechte iſt! ſo ſoll's denn auch raſch und eifrig gethan ſein, und Deine Maria Thereſia wird es noch einmal wieder beweiſen, daß ſie die regierende Kaiſerin iſt! Sie nickte dem Bilde einen Abſchiedsgruß zu und trat dann von demſelben zurück. Eine feſte Entſchloſſenheit, eine feurige Thatkraft leuchtete jetzt aus ihrem Angeſicht, alle ihre Bewegungen hatten jetzt wieder die ſtolze, freiheitsvolle Energie früherer Tage. Mit entſchloſſener Hand griff ſie nach der ſilbernen Klingel, die auf ihrem Schreibtiſche ſtand, und ſchellte heftig. Sofort zeigte ſich an der geöffneten Thür des Vorſaals das demüthige, fragende Ge⸗ ſicht des Kammerhuſaren. Mein Geheimſekretair Koch ſoll ſogleich zu mir kommen, befahl die Kaiſerin haſtig. Auch ſoll man ſofort meinen Wagen nach dem Baron Thugut ſenden. Ich laſſe den Baron bitten, ſofort zu mir zu kommen. Das Geſicht des Kammerhuſaren verſchwand und wenige Minuten nachher trat der Geheimſekretair Koch, der vertraute und treue Diener der Kaiſerin, in das Cabinet der Kaiſerin ein.— Eine halbe Stunde ſpäter rollte der Wagen der Kaiſerin wieder in den Hof der Burg ein, der Kammerhuſar trat in das Cabinet, und meldete den Baron von Thugut. Die Kaiſerin winkte haſtig mit der Hand, ihn einzulaſſen, und auf der Schwelle ihres Arbeitszimmers erſchien jetzt die kleine, ge⸗ drungene Geſtalt des Grafen Thugut. Maria Thereſia ging ihm mit ungewohnter Lebhaftigkeit einige Schritte entgegen, ihre Wangen glühten vor innerer Erregung, und ein kühnes Feuer blitzte aus ihren Augen. Hör Er, und antwort' Er mir auf das, was ich Ihn fragen will, ſagte die Kaiſerin raſch. Aber eh' Er's thut, bedenk Er wohl, daß Er ei Züge erwid der l gläut meine wird aus Ew. 41 Stille daß Gott Seine Antwort hört, und daß er Ihn ſtrafen wird, wenn Er eine Lüge ſpricht. u es Ein ſeltſames, ſpöttiſches Lächeln flog durch die harten eiſernen fllog Züge des Barons Thugut hin, und mit dem Tone leiſen Spottes aupt erwiderte er: Ew. Majeſtät wiſſen wohl, ich bin ſo lange im Reich ill's der Ungläubigen geweſen, daß ich in gewiſſem Sinne ſelber ein Un⸗ was gläubiger geworden bin! Ich glaube daher nicht ganz feſt, daß Gott eifrig meine Antwort hören wird, aber ich weiß, daß Ew. Majeſtät ſte hören ieder wird, und das genügt! Ich werde alſo, das ſchwöre ich Ew. Majeſtät, aus wahrer und offener Ueberzeugung auf die Frage antworten, welche von Ew. Majeſtät die Gnade haben wollen, mir vorzulegen! kraft Nun denn, was denkt Er von dieſem Krieg um die baieriſche jetzt Erbfolge? Meint Er, daß es ein gerechter Krieg iſt, und daß wir in demſelben auch den Sieg erlangen werden? die Der Baron blickte die Kaiſerin erſtaunt an, und ließ dann ſeine ſich kleinen dunklen Augen hinüber gleiten zu dem Tiſch, an welchem der Ge⸗ Geheimſekretair Koch ſaß, und eifrig mit Schreiben beſchäftigt war. Red' Er, ohne Scheu, ſagte die Kaiſerin, welche dieſen Blick ffahl Thugut's verſtanden hatte. Der Koch iſt ein treuer und verſchwiegener dem Diener, und er kennt das Geheimniß, welches ich jetzt vorhabe. Sprech' mir Er alſo nur frei heraus! Was hält Er von dieſem Krieg? Meint Er, daß wir im Recht ſind, wenn wir Baiern nehmen? uten Im Recht, Majeſtät? fragte Thugut mit ſeiner ſcharfen, ſchnei⸗ ienet denden Stimme. Nur Der iſt im Recht, der den Erfolg für ſich hat, denn nur der Erfolg allein entſcheidet. Der Herr von Schröter hat eder in einer gar gründlichen und gelehrten Schrift und mit vielen Acten⸗ iinet, ſtücken bewieſen, daß Oeſterreich der natürliche und berechtigte Erbe Baierns iſt; Kaiſer Joſeph und mein erhabener Protector, der Fürſt und Kaunitz, haben den Deductionen des Herrn von Schröter Glauben g⸗ geſchenkt, und wollen, was der auf dem Papier bewieſen, jetzt auch 7 durch die Praris beweiſen. Der König von Preußen hat natürlich nige Schröter's herrliches Werk nicht geleſen, denn er liest keine deutſchen und Schriften, und haßt die deutſche Sprache, obwohl er jetzt für die ſo⸗ genannte deutſche Freiheit ins Feld gerückt iſt, und mit ſeinem Schwert einen Strich durch Herrn von Schröters Rechtfertigung Oeſterreichs f ziehen will. Alles kommt darauf an, wer von beiden Parteien nun ohl, 42 ſtegen wird, denn der Siegende hat immer Recht. Wenn wir das Glück haben, den König von Preußen zu beſtegen, und Baiern zu behalten, dann haben wir Recht gehabt, es zu nehmen, und Deutſch⸗ land wird es zufrieden ſein, denn Deutſchland iſt immer zufrieden mit den faits accomplis. Wenn aber unglücklicher Weiſe der König von Preußen uns beſtegen und aus Baiern zurückdrängen wird, dann haben wir Unrecht gehabt, dieſen Streit anzufangen, und durch ganz Deutſchland, durch ganz Europa wird man Zeter ſchreien über Oeſter⸗ reich's Habgier und Ungerechtigkeit! Will mich der Möglichkeit ſolcher Gefahr nicht ausſetzen, ſagte die Kaiſerin raſch. Will's nicht erleben, daß man uns anklagt der Habgier und des ungerechten Guts, ſondern will Frieden haben mit Gott, meinem Gewiſſen und der ganzen Welt! Dazu ſoll Er mir behülflich ſein! Ein leiſes boshaftes Lächeln flog über Thugut's Antlitz hin. Ich zweifle, Ew. Majeſtät, ſagte er, daß ich Gott und dem Gewiſſen gegenüber ein annehmbarer Vermittler bin, aber mit der Welt nehm ich's wohl auf, und wenn mich Ew. Majeſtät der gegenüber gebrauchen können, ſo habe ich die Ehre, Ew. Majeſtät meiner eifrigſten Dienſt⸗ befliſſenheit zu verſichern. Er ſoll mir jetzt beweiſen, ſagte die Kaiſerin, daß ich damals wohl Recht hatte, als ich Ihn im Knabenſeminar traf, und um Seines ſchmucken Ausſehens willen, und wegen Seiner guten Cenſur, Ihm ſeinen ſchlimmen Namen„Thunichgut“ in den beſſern„Thugut“ ver⸗ wandelte. Hoff' jetzt, daß er meinem Namen Ehre machen, und pünktlich und gut thun wird, was ich ihm auftragen werd'! Will Ihn zu König Friedrich von Preußen als Unterhändler ſchicken. Selbſt der Baron Thugut, der Mann, welcher ſonſt ſich zu rühmen pflegte, daß es nichts auf der Welt mehr gäbe, was ihn in Erſtaunen zu ſetzen vermöchte, ſelbſt Thugut konnte einen leiſen Ausruf der Ver⸗ wunderung nicht unterdrücken. Zu dem König von Preußen wollen mich Ew. Majeſtat ſenden? fragte er haſtig. Die Kaiſerin nickte bejahend. In dieſem Augenblick ward die Thür des Vorzimmers geöffnet, und der Kammerhuſar brachte auf einem goldenen Teller zwei Briefe. 43 Die Antwort Sr. Durchlaucht des Fürſten Gallizin, ſagte er, indem er der Kaiſerin die Briefe präſentirte.. Maria Thereſia nahm ſie haſtig, und indem ſte das eine nicht verſiegelte Papier auseinander ſchlug, rief ſie: jetzt haben wir Alles, was wir bedürfen, und Er kann und muß jetzt auf der Stelle abreiſen. Da iſt ein Paß für Ihn, als den Gehelmſekretär des ruſſiſchen Ge⸗ ſandten Fürſten Gallizin; da iſt ferner ein Brief von Gallizin an den König, und Er iſt der Ueberbringer dieſes Briefes. Das iſt der Vor⸗ wand, unter welchem Er zu dem König von Preußen geht! Und die eigentliche Abſicht dieſer Reiſe? fragte Thugut. Die wird Er wiſſen, ſobald er den Brief kennt, den Ich ſelber an den König geſchrieben, und deſſen Ueberbringer Er ſein ſoll. Leſe Er dem Herrn Baron jetzt ſogleich mein Schreiben an den König vor. Der Geheimſekretär erhob ſich ſofort und las:„Mein Herr Bruder und Vetter! Durch die Abberufung des Baron von Riedeſel und durch das Einmarſchiren der Truppen Eurer Majeſtät in Böhmen ſehe ich mit äußerſter Empfindlichkeit das Herannahen eines neuen Krieges. Mein Alter und meine Wünſche für die Erhaltung des Friedens ſind aller Welt bekannt, und ich kann davon keinen reelleren Beweis geben, als durch den Schritt, den ich jetzt vorhabe. Mein mütterliches Herz iſt geängſtigt von dem Gedanken, zwei Söhne und einen geliebten Schwiegerſohn bei der Armee zu haben. Ich thue dieſen Schritt, ohne den Kaiſer, meinen Sohn, davon in Kenntniß geſetzt zu haben, und welches auch der Erfolg deſſelben ſein wird, ſo fordere ich doch, daß er vor aller Welt ein Geheimniß bleibe! Meine Wünſche gehen dahin, die Negotiationen wieder anzuknüpfen, welche der Kaiſer bis jetzt dirigirt, und die er zu meinem lebhafteſten Be⸗ dauern wieder abgebrochen hat. Der Baron Thugut wird Ew. Majeſtät dieſes Schreiben zu eigenen Händen übergeben; ich habe ihn mit den nöthigen Inſtructionen und Vollmachten verſehen. Indem ich ſehn⸗ lichſt wünſche, daß Ew. Majeſtät meine Wünſche unſerer Würde und Zufriedenheit gemäß erfüllen könnten, bitte ich Sie mit denſelben Gefühlen dem lebhaften Verlangen zu entſprechen, welches ich hege, unſer gutes Einvernehmen für immer wieder herzuſtellen zum Wohl —— 44 der Menſchheit und auch unſerer Familien, und verbleibe Eurer Majeſtät wohlgeneigte Schweſter und Couſtne Maria Thereſta.“*) Jetzt begreift Er, nicht wahr, was ich von Ihm will? fragte die Kaiſerin. Ew. Majeſtät wollen, daß ich den Frieden zu Stande bringe, ſagte Thugut. Aber welche Art von Frieden? Bedingungsweiſen Frieden, oder Frieden um jeden Preis? Ein zorniger Blitz ihrer glühenden Augen traf das Antlitz des verwegenen Fragers. Iſt Oeſterreich in der Lage, daß es den Frieden um jeden Preis annehmen muß? fragte ſie ſtolz. Nein, Majeſtät, es iſt in der Lage, daß es ſogar den Krieg um jeden Preis annehmen kann, und wie mir ſcheint, hat ſich der Kaiſer einen ziemlich hohen Preis geſtellt. Das ſchöne Baiern iſt es wohl werth, einen Krieg für daſſelbe zu wagen! Aber, erlauben mir Ew. Majeſtät noch Eine Frage: was wird der Kaiſer, was werden Lacy und Laudon mit der Armee thun, während wir unterhandeln? Sie werden warten, ſagte die Kaiſerin haſtig. Hab' an meinen Sohn, den Herzog von Toscana, geſchrieben, der ſoll zum Kaiſer in's Lager reiſen und ſein Gemüth beſänftigen, denn er wird zuerſt gar zornig werden, wenn er erfährt, was wir gethan haben. Bin aber immer noch die regierende Kaiſerin, und ich bin Gott allein verantwortlich für meine Thaten! Werd' alſo dem Kaiſer und meinen Feldmarſchällen und Generalen befehlen, alle feindlichen Attaquen zu vermeiden und keinen Angriff zu machen. Erſt wenn, was ich nit fürchten mag, die Unterhandlungen ſich wieder nur zerſchlügen, erſt dann müſſen wir den Krieg mit Ernſt und Nachdruck führen. Dann iſt für den Kaiſer die Zeit gekommen zu handeln, und für mich zu beten! Aber wir wollen zuerſt für unſere kranken Zuſtände die heil⸗ ſame Arzenei der Friedensunterhandlungen verſuchen, und erſt wenn. die nit anſchlagen, iſt's Zeit, mit einer blutigen Operation die Heilung zu wagen. 1 Ew. Majeſtät haben Recht, ſagte Thugut mit einem grauſamen Lächeln, was Arzeneien nimmer heilen, das heilt das Eiſen, und wo ) Das Original dieſes Briefes, der in franzöſiſcher Sprache geſchrieben iſt, befindet ſich in Groß⸗Hoffinger: Lebens⸗ und Regierungsgeſchichte Joſeph's II. Th. IV. S. 39. 45 kein Eiſen mehr hilft, hilft das Feuer?*). Sind die Bedingungen, welche ich im Namen Ew. Majeſtät dem König von Preußen zu machen habe, lindernde Arzenei, Eiſen oder Feuer? Sie ſind Balſam, wie ich hoffe, rief die Kaiſerin, und ich denk' damit die Wunden zu heilen, welche der unſelige Krieg ſchon jetzt meinem Lande geſchlagen hat. Hab' dem Koch meine Propoſitionen dictirt, und Er kann ſie jetzt mit mir durchgehen. Dann aber eil' Er ſich abzureiſen, denn mich verlangt ſehr eine baldige Antwort vom König von Preußen zu erhalten, und der Welt den Frieden zu ſtchern. V. Der Bruderzwiſt. Alle Vorbereitungen waren beendet, alle Ordres und Parolen ausgetheilt. Noch einmal war der Kaiſer im Laufe des Tages in Begleitung Lacy's und ſeines Generalſtabes durch das Lager geritten, um Alles ſelbſt zu prüfen, und ſelbſt in Augenſchein zu nehmen. Ueberall hatte der Kaiſer die Truppen in gutem Zuſtand gefunden, überall hatten ſie ihm freudig entgegen gejauchzt, und überall hatten ihm die Officiere verſichert, daß die Soldaten glühten vor Kampf⸗ begier und ſich danach ſehnten, der preußiſchen Armee entgegen zu ziehen und eine entſcheidende Schlacht zu wagen.— Und dieſer Wunſch der Soldaten ſollte endlich in Erfüllung gehen! Sechs Monate waren vergangen mit Unterhandlungen, mit kleinen Scharmützeln und einem unnützen Federkrieg. Die deutſchen Gelehrten hatten ſich die Hände wund geſchrieben über das Recht oder Unrecht Oeſterreichs, die Höfe und Cabinette aller europäiſchen Staaten hatten ihre Diplomaten in Bewegung geſetzt, um mit den 9 Rrh uts eigene Benutzung des Spruches. Siche Hormayr: Beiträge zur Vaterländiſchen eſchichte. 46 Künſten der Diplomatie die Zwiſtigkeiten der beiden größten Staaten Deutſchlands zu ſchlichten. Aber dieſe Künſte ſowohl als die Gelehr⸗ ſamkeit der Juriſten war dies Mal zu Schanden geworden, und hatte nicht ein Haarbreit an der Sachlage des Streits geändert. Oeſterreich behauptete nach wie vor im Recht zu ſein, indem es Baiergrals Erb⸗ ſchaft ſich zu eigen machte, und Preußen, das ſich nunſhiner und Retter des bedrohten Baierns aufgeworfen, erklärte nachffwie vor, es werde es nicht dulden, daß Oeſterreich der deutſchen Reichsverfaſſung und allem göttlichen und menſchlichen Recht zum Hohn ſich ein deutſches Land mit Gewalt zueigne, für deſſen Beſitz natürliche und berechtigte Erben vorhanden ſeien. Aber jetzt ſollte dieſer Zwiſt endlich ſich zu einem offenen und ehrlichen Schwerterkampf erheben, endlich ſollte es vorbei ſein mit der Zauderpolitik und der Unſchlüſſigkeit. Der König von Preußen hatte die Entſcheidung herbeigeführt, er hatte die Grenzen Oeſterreich'’s über⸗ ſchritten, und dieſes hatte jetzt wohl das Recht und die Pflicht, dieſe ihm angethane Beleidigung zu rächen und den Feind aus ſeinem Lande zu vertreiben.. Endlich alſo ſollte es jetzt zur Schlacht kommen! Selbſt Lacy's abmahnende Stimme war verſtummt, und er wagte es jetzt nicht mehr dem Kaiſer von weiſer Zurückhaltung und klugem Zaudern zu predigen. Er las in den flammenden Augen und dem freudigen, ſtolzen Lächeln des Kaiſers, daß alle Abmahnungen der Weisheit jetzt vergeblich ſein, oder daß ſte nur zur Folge haben würden, den ungeſtümen Sinn des Kaiſers zu reizen, und ihn zu voreiligen Thaten und zu allzuraſchem Handeln zu verleiten. Mit kühnem Geiſt und tiefer Sachkenntniß hatte der Kaiſer ſelbſt den Schlachtplan entworfen, und ſeine Generale hatten ihn gutgeheißen! Drüben am andern Ufer der Elbe ſtand der König von Preußen mit ſeinem Heer bei Lauterwaſſer, wohin er es von Nachod vorge⸗ ſchoben, vergeblich nach einem Uebergangspunkt über die Elbe ſpähend, und überall der Gefahr ausgeſetzt, bei ſolchem Uebergang von der öſterreichiſchen Armee, die jenſeits hinter Redouten und hinter dem Wall ſtand, den die Natur ihr in dem ſteilen Elbufer aufgewoarfen, überfallen, und mit einer Niederlage zurückgeworfen zu werden. Was der König von Preußen daher nicht wagen durfte, das woll über einer ſollte einer am je nde 47 wollte der Kaiſer jetzt unternehmen! Er wollte mit ſeiner Armee über die Elbe gehen, alsdann dem König entgegenziehen und ihn zu einer Schlacht zwingen. Sobald alſo die Nacht angebrochen war, ſollten die Colonnen ſich in Bewegung ſetzen, um weiter abwärts an einer ſeichten und bequemen Stelle die Elbe zu durchwaten, und dann am jenſeitigen Ufer im Geſchwindmarſch ſo weit vorzurücken, daß wenn der Tag anbrach, die Armee den Preußen ſchlagfertig gegenüber ſtand. Der Kaiſer hatte alſo, wie geſagt, noch einmal mit ſeinen Generalen einen Ritt durch das Lager gemacht, um zu ſehen, ob alle ſeine Be⸗ fehle und Anordnungen pünktlich ausgeführt worden. Ueberall hatte er die prompteſte Ordnung und Kriegsbereitſchaft gefunden, überall hatten ihm die Truppen entgegen gejubelt, und ihm mit lautem Zuruf dafür gedankt, daß er ſie endlich zur Schlacht führen wollte. Wir werden ſiegen, ich fühl's, wir werden ſiegen, ſagte der Kaiſer zu Lacy, als er ſich wieder mit ihm in ſeinem Cabinet befand. Eine unausſprechliche Freudigkeit iſt in mir, wie ich mir denke, daß man ſie nur nach einer gewonnenen Schlacht oder vor ſeinem Tode empfinden kann! Vor ſeinem Tode? fragte Lacy erſtaunt. Ew. Majeſtät meinen, daß man ſeinem Tode mit Freudigkeit entgegen geht? Und warum ſollte man das nicht! rief der Kaiſer mit einem ſchönen Lächeln. Wenn man ſtirbt, hat man da nicht die größte und blutigſte Schlacht gewonnen, hat man da nicht das Leben überwunden und beſtegt? Muß man da alſo nicht voll Freudigkeit ſein, und in jauchzender Siegerluſt? Solche Worte klingen traurig aus dem Munde Ew. Majeſtät, ſagte Lacy ſeufzend. Ihnen muß das Leben noch in allem Glanz einer ſtrahlenden Hoffnung entgegen leuchten, und nur ein Greis, der viel gelitten hat in einem langen und entblätterten Leben, nur der kann einen ſo düſteren Ausſpruch über das Leben thun. Ich habe auch viel gelitten, Lacy, ſagte der Kaiſer, indem er ſeine Hand ſanft auf des Grafen Schulter legte, und ihn freundlich anſchaute. Ich bin noch jung, meinen Sie, aber glauben Sie mir nur, ich habe mehr gelitten in meinen jungen Jahren, als ein Greis im Lauf eines langen Lebens, und alle meine perſönlichen Wünſche und Träume von Glück ſind ſchon entblättert.— Aber alles dies iſt jetzt 48 vergeſſen, der morgende Tag wird Alles ausgleichen! Ich werfe meine Vergangenheit zu den Todten, und beginne ein neues Daſein, und trete ein in eine neue Welt. Oh mein Freund, begreifen Sie denn mein Glück? Ich ſoll nicht mehr dazu verdammt ſein, ein müßiger Zuſchauer zu ſein, und zu zehren von den Titeln und Würden, welche der Zufall mir in meine Wiege gelegt? Ich ſoll es endlich verſuchen dürfen, mir ſelber ein wenig Ruhm zu erwerben, und zu beweiſen, daß ich es wohl werth bin, von einem Lacy und einem Laudon Freund genannt zu werden. Jetzt bin ich nicht mehr bloß der Mitregent, jetzt bin ich der Soldat, und will's Gott, werde ich mir morgen einen Lorbeer erobern, den ich als herrlichſten Schmuck um meine durch⸗ löcherte Krone legen will. Oh wie lange habe ich einem ſolchen Tage entgegen geſeufzt, und wie habe ich dem Schickſal gegrollt, daß es mir denſelben nicht ſchenken wollte! Wie vieler Jahre hat es bedurft, um mich jenen fürchterlichen Tag vergeſſen zu laſſen, wo die Kaiſerin die mir ſchon gewährte Erlaubniß zurücknahm, und mich nöthigte, daheim zu bleiben, ſtatt in's Feld zu rücken gegen König Friedrich von Preußen, der uns Schleſten nahm. Damals empfing mein Herz einen Stoß, von dem es ſich nie wieder ganz erholt hatte, und der mich jedes Mal geſchmerzt hat, wenn ich der Kaiſerin, meiner Mutter, zur Seite ſtand. Aber heute iſt dieſe alte Wunde verharſcht, und das Bewußtſein, einer neuen ſchönen Zukunft entgegen zu gehen, erfüllt mich jetzt mit einer unendlichen Wonne und Genugthuung. Jetzt möchte ich meiner Kaiſerin alle die Vorwürfe und den Groll, den ich früher heimlich in meinem Herzen gehegt, vergeben, und ſelbſt den Jeſuiten und Prieſtern, die damals Schuld daran waren, daß ich nicht zur Armee durfte, ſelbſt Denen könnt' ich heute ein freundlich Geſicht machen! Heute liebe ich die ganze Welt und— Der Kaiſer unterbrach ſich, und ſchaute ſtarren Blickes hinüber nach der Thür, welche ſich eben geöffnet hatte, und auf deren Schwelle jetzt ein junger Mann erſchien, deſſen Antlitz, obwohl ihm die glän⸗ zenden Augen des Kaiſers fehlten, doch eine große Familienähnlichkeit mit dem Joſephs zeigte. Der Großherzog von Toscana! rief Feldmarſchall Lacy er⸗ ſtaunt. Mein Bruder Leopold! ſagte Joſeph mit leiſer, zitternder Stimme, di meine und denn Higer elche chen iſen, eund gent einen urch⸗ Tag G es E 5 urft drich Herz der tter und hen ung rol, 49 aber ohne dem Großherzog entgegen zu gehen, ohne ihm die Hand zur Begrüßung darzureichen. Das bleiche, kränkliche Antlitz des Großherzogs verfinſterte ſich, und das Lächeln verſchwand von ſeinen blaſſen ſchmalen Lippen. Ew. Majeſtät laden mich nicht ein, näher zu treten? Sie heißen mich nicht willkommen? fragte er düſter. Der Kaiſer hielt noch immer ſeine großen flammenden Augen ſtarr und unverwandt auf ihn gerichtet, und vor ſeinen ſcharfen, forſchenden Blicken ſchlug Leopold jetzt die Augen nieder. Mein Bruder, rief Joſeph heftig, Sie ſind hierher gekommen, um mir eine ſchlimme Botſchaft zu bringen! Ich bin gekommen, um Ew. Majeſtät zu begrüßen, und einige Stunden des Zuſammenſeins mit Ihnen zu genießen, ſagte der Groß⸗ herzog gelaſſen, indem er, ohne eine weitere Einladung ſeines Bruders abzuwarten, die Thür hinter ſich ſchloß, und weiter in das Zimmer vorſchritt. Nein, nein, rief der Kaiſer, das iſt nicht wahr! Es iſt nicht die bloße Sehnſucht, mich zu ſehen, welche Sie veranlaßt hat, hierher zu kommen. Sie ſind mir niemals ein ſo zärtlicher Bruder geweſen, daß ich das glauben dürfte!— Und indem er jetzt dem Großherzog haſtig einige Schritte entgegen trat, fuhr er fort: Ich beſchwöre Sie, mein Bruder, haben Sie Mitleid mit mir, ſagen Sie mir, weshalb Sie kommen? Sie haben Aufträge und Briefe von der Kaiſerin, nicht wahr? Ich bin allerdings der Ueberbringer eines Briefes von unſerer kaiſerlichen Mutter, ſagte Leopold ſanft, auch geruhten Ihre Majeſtät, mir mehrere mündliche Aufträge an Ew. Majeſtät zu ertheilen, aber— Nun,— aber? fragte Joſeph, als ſein Bruder ſtockte. Aber ich muß wünſchen und bitten, daß Ew. Majeſtät mir für dieſelben eine geheime Audienz bewilligen wollen! Wenn Ew. Majeſtät erlauben, werde ich mich zurückziehen, ſagte Lacy, raſch auf die Thür zuſchreitend. Joſeph nickte ihm ſtumm einen Abſchiedsgruß zu und blickte ihm nach, bis die Thür ſich hinter ihm ſchloß. Dann wandte er ſeine Augen, in denen jetzt ein düſteres Feuer glühte, wieder auf das blaſſe, verlegene Angeſicht ſeines Bruders hin. Kaiſer Joſeph. 3. Abth. I. 4 50 Jetzt, mein Bruder, ſind wir allein, ſagte er athemlos, jetzt,— aber nein, ſprechen Sie noch nicht! Gönnen Sie mir noch einen Moment der Sammlung! Mein Gott, es müſſen ſehr ſchlimme Auf— träge ſein, wenn die Kaiſerin Sie ſandte, um ſie auszurichten! Still, ich bitte, ſtill, ſagen Sie kein Wort! Laſſen Sie mich erſt Ruhe gewinnen! Ich erwarte Ihre Befehle, reden zu dürfen! ſagte Leopold, ſich ehrfurchtsvoll verneigend. Der Kaiſer ging mit haſtigen Schritten einige Mal auf und ab, ſeine Wangen waren bleich geworden, ſeine Lippen zitterten, und ſchwer und keuchend kam der Athem aus ſeiner Bruſt hervor. Luft, Luft, murmelte er leiſe. Ich habe ein Gefühl, als ſollte ich erſticken!— Er näherte ſich dem Fenſter und es öffnend athmete er in langen Zügen die kalte Winterluft ein, die ſich wie kühlender Balſam auf ſeine brennend heiße Stirn legte. Alsdann drückte er das Fenſter wieder zu, und wandte ſich an den Großherzog, welcher mit übereinandergeſchlagenen Armen ruhig neben der Thür an der Wand lehnte. Jetzt, mein Bruder, ſagte Joſeph beklommen, jetzt bin ich bereit, zu hören. Haben Sie die Güte, zu ſprechen. Nun denn, Ew. Majeſtät, ſo bitte ich vor allen Dingen um Entſchuldigung, wenn das, was ich zu ſagen gezwungen bin, nicht den Beifall Eurer Majeſtät gewinnen ſollte, bat Leopold mit ſanfter einſchmeichelnder Stimme. Joſeph warf einen raſchen, forſchenden Blick auf das verlegene Antlitz ſeines Bruders. Sie ſind vollkommen entſchuldigt, mein Bruder, ſagte er faſt verächtlich. Ihre Botſchaft ſcheint ihnen ſelber ſchwer genug zu werden. Führen wir die Dinge alſo raſch zu Ende! Geben Sie mir die Briefe der Kaiſerin, und ſagen Sie mir, was Sie zu ſagen haben! Der Großherzog nahm einen dicken verſiegelten Brief aus ſeiner Bruſttaſche hervor, und reichte ihn dem Kaiſer. Hier iſt der Brief der Kaiſerin, oder vielmehr die Briefe, welche ſie Eurer Majeſtät zur Einſicht ſendet! Aber um dieſelben zu ver⸗ ſtehen, müſſen Sie erlauben, daß ich einige erläuternde Worte vor⸗ hergehen laſſe. Die Kaiſerin hat es vorgezogen, ſtatt Ihnen ſelber n 1,— einen Auf⸗ ötill, Ruhe um ſnicht nfter gene mein elber ndel Sie iner lche er⸗ or⸗ lber 51 ausführlich zu ſchreiben, mich zu beauftragen, J ſagen, was ſich ſchwer ſchreiben läßt. Die Kaiſerin hat Furcht gehabt, murmelte Joſeh in ſich hinein. Ja, Furcht, eine ungerechte Handlung zu begehen, ſagte Leopold mit leiſer, frömmelnder Stimme, Furcht, Gott zu beleidigen, indem ſie einen Krieg begönne, dem der Segen Gottes fehlte, Furcht, wider die Gebote Gottes zu ſündigen, welche verbieten, ſeines Nachbars Hab⸗ und Gut ſich widerrechtlich anzueignen! Oh, mein Bruder, jetzt ſind Sie wieder ganz Sie ſelbſt, rief Joſeph höhniſch, ganz der Sohn und Diener der frommen Prieſter, deren ſchönes bairiſches Neſt ich bedrohte, und die darum Tod und Ver⸗ derben gegen mich ſpeien! Ich ſehe es ſchon, wenn ich morgen das Unglück haben würde, in der Schlacht zu fallen, ſo würden Sie, mein Erbe und Nachfolger ſich beeilen, Frieden zu ſchließen, und dem König von Preußen, und der wahnwitzigen Amazone Herzogin Clemens und den armen Baiern ihren Willen zu thun, indem Sie unſer Erbe fahren ließen, und das ſchönſte Stück von Deutſchland den Jeſuiten und Pfaffen als Beute überließen. Oh, das würde Ihnen Heil und Ehre bringen bei den heiligen Schwarzröcken, die Ihnen ohne Zweifel dann ewigen Ablaß gewähren würden für alle Ihre großen und kleinen Sünden, von denen Ihre Gemahlin nichts wiſſen darf! Aber hoffen Sie nichts, ich werde den morgenden Tag überleben, ich werde dem König von Preußen eine Schlacht liefern, in der ich Sieger zu bleiben hoffe. Sie wollen morgen eine Schlacht liefern? fragte Leopold. Das denke ich zu thun, rief Joſeph mit ſtrahlenden Augen. Dann war es die höchſte Zeit, daß ich kam, ſagte Leopold feierlich, die Gnade Gottes hatte meine Schritte noch zur rechten Zeit hierher geleitet, um den Gräueln des Krieges zuvor zu kommen!— Mein Bruder, die Kaiſerin läßt Sie beſchwören, nicht weiter zu gehen auf Ihrem Wege, Mit den Thränen und Gebeten einer zärtlichen Mutter fleht ſie zu Ihnen, abzulaſſen von Ihrem Werke; mit dem Ernſt und der Macht einer regierenden Kaiſerin befiehlt ſte Ihnen, das Schwert in die Scheide zu ſtecken, und zu warten auf das Reſultat der Unterhandlungen, welche die Kaiſerin ſo eben mit dem König von Preußen begonnen hat. hnen Alles das zu 4* 5² Der Kaiſer ſtieß einen wilden Schrei aus, und eine dunkle Gluth ergoß ſich über ſein Angeſicht. Die Kaiſerin hat Unterhandlungen angeknüpft? fragte er. Ohne mein Wiſſen, ohne meine Zuſtimmung? Die Kaiſerin bedarf keiner Zuſtimmung zu Dem, was ſie unter⸗ nimmt, ſie allein iſt die Selbſtherrſcherin; kraft ihres Willens und ihrer Macht hat ſte die Unterhandlungen wieder aufgenommen, und hofft ſie zu einem glücklichen Ende zu führen! Das iſt nicht wahr, das iſt nicht möglich! rief Joſeph glühend. So fürchterlich kann mich meine Mutter nicht demüthigen, ſo grau⸗ ſam kann ſie mich nicht verhöhnen wollen, daß ſie das Schwert, welches ſie ſelbſt in meine Hand gelegt, jetzt zu einer Ruthe machen will, mit welcher ſie meine Ehre zu Tode geißelt. Nein, es iſt nicht wahr, es iſt eine elende, erbärmliche Prieſterlüge, und ich glaube ihr nicht. Maria Thereſta hat ein edles, großmüthiges Herz, eine ſtarke, muthige Seele, ſie wird nicht feige zurückbeben vor der Gefahr! Dieſes Alles iſt eine elende Liſt der Pfaffen und Jeſuiten, und Maria Thereſta weiß nichts davon, nur mein ſrommer Bruder Leopold war es fähig, eine ſolche Botſchaft von ſeinen Beichtvätern, den Herrn Jeſuiten, zu übernehmen, die eine ſolche Liſt erfunden haben. Aber dies Mal ſind ſte geſcheitert mit Ihrer frommen Weisheit, mein Bruder, ich glaube Ihrem frommen Märchen nicht! Nehmen Sie hier Ihr Packet zurück! Es iſt nicht die Handſchrift der Kaiſerin, welche die Adreſſe geſchrieben hat! Es iſt die Handſchrift ihres Geheimſchreibers Koch! Ich bin nicht verpflichtet, ſeine Handſchrift zu reſpectiren, und habe jetzt keine Zeit, mich mit albernen Späßen zu beläſtigen. Warten wir damit bis übermorgen. Nach einer gewonnenen Schlacht iſt man mild und verſöhnlich geſtimmt, und deshalb verſpreche ich Ihnen, über⸗ morgen herzlich zu lachen über dieſe Intrigue, welche Sie da mit Ihren frommen Pfaffen ausgeheckt haben, und dann auch dieſes Packet zu entſiegeln und die Aechtheit oder die Unächtheit ſeines Inhalts zu prüfen! Aber heute nicht! Nehmen Sie Ihr Packet zurück, denn ich habe keine Za, mich damit zu beſchäftigen, ich habe ernſtere Dinge zu thun! Abeusbleiben Sie bei uns; nicht als der Abgeſandte der Prieſter und Frommen, ſondern als der Bruder des Kaiſers, welcher morgen das Glück haben wird, ſeine erſte Schlacht zu ſchlagen, und — 4 lluth ngen ung? nter⸗ und und ſend. rau⸗ wert, achen nicht ihr arke, ieſes reſia ähig, , zu 5 ſeine erſten Lorbeern zu gewinnen. Um dieſer ſchönen Ausſicht willen bin ich bereit, Alles zu vergeſſen, was Sie geſagt haben, und Sie nur anzuſehen als meinen geliebten Bruder, der gekommen iſt, Zeuge zu ſein von den Heldenthaten der Armee und von dem wenn auch geringen Talent ſeines Bruders, Schlachten zu führen! Geben Sie mir Ihre Hand, Leopold, vergeſſen wir alles Andere, am Vorabend einer Schlacht wollen wir uns nur erinnern, daß wir Brüder ſind, und daß wir uns lieben! Aber Dies iſt nicht der Vorabend einer Schlacht, rief Leopeld heftig, die Kaiſerin befiehlt Ihnen inne zu halten, und das Ende der Unterhandlungen abzuwarten! Ich ſagte Ihnen ſchon, daß ich dieſe Intrigue durchſchaue, und an dieſes Märchen nicht glaube! Und ich brachte Ihnen dieſe Papiere, welche Sie überzeugen ſollen, daß dieſes Märchen Wahrheit iſt! Sie wollen dieſe Papiere nicht leſen? Nein, ich will es nicht! Nun denn, ſo werde ich es thun, rief L heftigen Bewegung das Couvert öffnete und eines derſelben dem Kaiſer darhielt. Hier, leſen Sie! ſagte er laut und hart. Die Kaiſerin beſiehlt es Ihnen durch meinen Mund, und als ein guter und gehorſamer Unterthan werden Sie gehorchen! Ich werde Allem gehorchen, was die Kaiſerin mir befiehlt, rief . Joſeph, nur muß ich gewiß ſein, daß ſie es wirklich iſt, welche be⸗ ſiehlt. In dieſem Falle aber zweifle ich nicht allein, ſondern ich bin überzeugt, daß nicht meine Mutter, nicht die hochherzige Maria Thereſia es war, welche Ihnen dieſe Aufträge gegeben. Ueberzeugen Sie ſtch, ſagte Leopold ruhig, ihm immer noch das Blatt darreichend. Es iſt ein von der Kaiſerin eigenhändig geſchriebenes Billet an Sie, mein Bruder. Wenn Sie kein Rebell ſind, werden Sie es leſen! Joſeph warf auf das bleiche, harte Antlitz ſeines Bruders einen angſtvollen, flehenden Blick. Sie wollen alſo kein Erbarmen haben, mein Bruder? fragte er. Sie wollen meine Angſt, meine Weigerung, meine Verzweiflung nicht verſtehen? Hören Sie, Leopold, noch iſt es do eopold, indem er mit einer 0 die Papiere herausreißend ————— Zeit, beweiſen Sie mir ein einzig Mal, daß Sie mich lieben, oh nur dies Eine Mal. Bedenken Sie mein armes, freudenloſes Leben, meine einſame Jugend, haben Sie Mitleid mit meinem armen oft ge⸗ demüthigten und enttäuſchten Daſein, gönnen Sie mir endlich einen Tag des Triumphes, des ſelbſtſtändigen Handelns, einen Tag des Ruhms und der Freude! Und was verlangen Ew. Majeſtät von mir? Was ſoll ich thun? fragte der Großherzog. Der Kaiſer trat dicht an ihn heran, und ihm beide Hände auf die Schultern legend, ſchauteer ihn mit tiefen zärtlichen Blicken an. Die Majeſtät verlangt nichts von Dir, ſagte er ſanft, aber der Bruder bittet Dich, habe Mitleid mit ihm. Einmal in Deinem Leben zeige Dich ihm als Freund, einmal beweiſe Dich ihm hülfreich, feierlicher Moment, dem wir gegenüberſtehen, bedenke das wohl! Die Pfaffen haben von unſerer Jugend an zwiſchen uns geſtanden, ſie haben unſere Herzen einander entfremdet, ſie haben Dich gelehrt, den armen Joſeph zu haſſen, den ſte Dir als einen Gottesleugner und Religions⸗ verſpötter geſchildert haben. Oh, ich weiß ja, alles Ueble, was ich erduldet, alles Unglück, das ich gelitten habe, iſt mir immer von den Pfaffen gekommen, nnd ich rechne es zu meinem Unglück, daß ſie mir auch das Herz meines Bruders entfremdet haben! Aber die göttliche Liebe, hoffe ich, iſt doch ſtärker als der Prieſterhaß; und kraft dieſer göttlichen Liebe flehe ich Dich an, Leopold, gieb mir meinen Bruder wieder, unſere Feinde mir entzogen haben! wirſt Du mir auch meine Bitte erfüllen wollen. Sieh, Leopold, es iſt zu ſpät, ich kann nicht mehr zurück! Die Armee kennt bereits meinen Entſchluß, und jauchzend hat ſie erfahren, daß es morgen endlich zur Schlacht geht. Alle Vorbereitungen ſind getroffen, alle Ordres ertheilt. Die Entſcheidung iſt vor der Thür, ich kann nicht mehr zurück. Mit höhnendem Uebermuth iſt der Feind in unſer Land eingedrungen, derſelbe Feind, der einſt mit frecher Verſpottung alles Völkerrechts und aller Verträge uns Schleſten genommen hat, und der ſich jetzt geberdet, als wären es das Völkerrecht und die Ver⸗ träge, welche er zu vertheidigen komme! Seine Anweſenheit in unſerm Lande iſt ein uns angethaner Hohn, eine Beſchimpfung Oeſterreichs, es iſt ein großer und öffne mir Dein Herz, gieb mir endlich die Liebe, welche Und dann, wenn Du mich liebſt, V — — und Oeſte thätig aus d dann ſchreie nicht gefüh⸗ ſpiele mein Ehre es, müth Ungl Dein Ford der auf unſe! Freig uns auße Nott Bru und mir, ang pier dieſe fluch Ihre wie der Oh daß „oh eben, ge⸗ inen des 55 und ganz Europa ſchaut auf uns, und iſt begierig zu ſehen, wie Oeſterreich dieſe Beſchimpfung rächen wird. Wenn ich jetzt noch un⸗ thätig und feige bei Seite trete, wenn ich dem Feind den Rückzug aus der ſchwierigen Poſttion geſtatte, in welche er ſich hinein gewagt, dann iſt es auf ewig um meinen Ruf gethan, und alle Welt wird ſchreien, daß ich die gute Gelegenheit vorübergehen ließ, daß ich es nicht verſtanden, den Krieg zu leiten, daß ich meine Armee in's Feld geführt, wie die Kinder ihre bleiernen Soldaten, um damit Krieg zu ſpielen, aber den blutigen Ernſt feig vermeidend. Bedenke das Alles, mein Bruder, bedenke, daß es nicht bloß meine, ſondern Oeſterreichs Ehre iſt, welche auf dem Spiel ſteht! Sieh, in Deiner Hand allein liegt es, ſie zu bewahren. Rette mich, rette Oeſterreich durch eine groß⸗ müthige Lüge! Kehre zurück zu der Kaiſerin, ſage, Du habeſt das Unglück gehabt, das Dir anvertraute Briefpacket zu verlieren, und Deinen mündlichen Aufträgen hätte ich keinen Glauben ſchenken wollen. Fordere alſo von der Kaiſerin neue ſchriftliche Inſtructionen! Während der Zeit wird Alles gethan ſein! Ich werde weiter gehen können auf der Bahn des Ruhms und der Ehre, ich werde den Feind über unſere Grenzen zurückdrängen, und Maria Thereſia wird ſich von den Ereigniſſen beſtimmen laſſen, die ſie nicht mehr ändern kann! Laß uns alſo dieſe unſeligen Papiere verbrennen, mein Bruder, Niemand außer uns hat ſie geſehen, und Gott wird Dir wohl dieſe kleine Nothlüge verzeihen, mit der Du die Ehre und die Zukunft Deines Bruders errettet haſt! Gott würde es mir nicht verzeihen, wenn ich gegen mein Gewiſſen und gegen meine Pflicht handelte, und das fordern Ew. Majeſtät von mir, ſagte Leopold, vollkommen ungerührt von dem leidenſchaftlichen, angſtvollen Flehen des Kaiſers. Ich ſoll dieſe mir anvertrauten Pa⸗ piere vernichten und dieſe Ehrloſigkeit mit einer Lüge begleiten! Und dieſe Lüge ſoll Ihnen Zeit verſchaffen, um dieſen ſo ungerechten, ſo fluchwürdigen Krieg weiter zu führen! Nimmermehr! Im Namen Ihrer Kaiſerin und Herrin, der Sie Gehorſam ſchuldig ſind, gleich wie der Geringſte ihrer Unterthanen, fordere ich Sie auf, dieſen Brief der Kaiſerin zu leſen und die darin enthaltenen Befehle zu erfüllen! Oh haben Sie doch Erbarmen mit ſich, mein Brnder, bedenken Sie, daß es Ihr ewiges Heil iſt, welches auf dem Spiel ſteht, bedenken Sie— I —— 8 — 56 Still, unterbrach ihn Joſeph mit lauter, gebieteriſcher Stimme. Antworten Sie mir auf meine Frage: wollen Sie meine Bitte er⸗ füllen? Nein, das will ich nicht! Die Kaiſerin verlangt, daß dieſer un⸗ ſelige Zwiſt friedlich beendigt werde, ſie will alles Blutvergießen ver⸗ meiden, und Sie müſſen ihr gehorchen! Aber ich werde es nicht! rief Joſeph mit flammenden Blicken, mit hoher Zornesröthe auf den Wangen. Ich bin der Mitregent der Kaiſerin, und mir, als dem Mann und dem Soldaten, liegt es ob, die Ehre Oeſterreichs zu wahren gegen alle ihre Feinde, und ſäßen dieſe Feinde auch auf Oeſterreichs eigenem Thron! Ich werde dieſe Papiere nicht leſen, und ich werde thun, was Sie verweigerten. Nie⸗ mand außer Ihnen, der Kaiſerin und mir wiſſen bis jetzt von dieſen Papieren und von den Befehlen der Kaiſerin, ich werde alſo nur in Ihren und in den Augen der Kaiſerin ein Rebell ſein, aber Gott wird mir verzeihen, und die Welt wird ſagen, daß ich Recht gethan, dem Feinde Oeſterreichs mit dem Schwert entgegen zu treten. Sie wollten die Papiere nicht, wie ich Sie darum anflehete, behalten, Sie verlangten, daß ich ſte an mich nehmen ſollte, nun denn, ſo geben Sie ſte mir und genügen Sie dem Befehl der Kaiſerin! Nein, ſagte Leopold, welcher längſt ſchon die Papiere wieder in ſeine Bruſttaſche geſchoben hatte, nein, jetzt werde ich Ihnen dieſelben nicht geben, denn ich weiß, daß Sie ſie vernichten wollen. Es iſt nicht Ihre Sache, davor zurückzuſchrecken; geben Sie die Papiere her! Nein, ich werde es nicht thun! Der Kaiſer ſtieß einen dumpfen Schrei aus, und mit flammenden Blicken, mit zuckenden Lippen und hoch gehobenem Arm näherte er ſich dem Großherzog. Gieb her die Papiere, ſagte er mit dumpfer Stimme. Wie, Sie wollen mich ſchlagen? rief Leopold, entſetzt zurück⸗ weichend. Gieb her die Papiere, oder ich ſchlage Dich zu Boden, wie man ein Thier niederſchlägt, das uns beißen will, ſchrie der Kaiſer, mit hoch erhobener, drohender Fauſt jetzt dicht vor Leopold ſtehend. Schweigend, mit keuchendem Athem, mit todesbleichen Wangen Gefl mme. e er⸗ — 57 ſtanden ſich einen Moment ſo die Brüder einander gegenüber, ſich anſtierend mit Blicken voll tödtlichen Haſſes, voll zorniger Drohung. Sag' noch einmal Nein, ſagte Joſeph mit leiſem, unheimlichem Geflüſter, wage es noch einmal, mir dieſe Papiere zu verweigern, und meine Hand trifft Dein feiges, heuchleriſches Geſicht und entehrt Dich auf ewig, denn ich werde Dir niemals Genugthuung geben! Leopold antwortete nicht, unverwandt die ſtarren Blicke voller Haß auf Joſeph gerichtet, wich er zurück, immer weiter, und immer gefolgt von dem Kaiſer, der in 4 fer Spannung die Antwort ſeines Bruders erwartete. A Jetzt war Leopold dicht an der Thür, jetzt ſtand der Kaiſer vor ihm mit hoch erhobener Hand, ihm drohend mit wilden Blicken, jetzt ſenkte ſich ſeine Hand ſchon nieder, jetzt— mit einem raſchen, wilden Ruck riß der Großherzog die Thür auf und ſtürzte in's Vorzimmer. „Schnell, wie eine gereizte Tigerkatze, ſprang er vorwärts, grade zu dem Feldmarſchall Lacy hin, welcher, der Befehle des Kaiſers gewärtig, im Vorzimmer geblieben war. Auf der Schwelle der Thür ſtand der Kaiſer, bleich, athemlos, mit wuthblitzenden Augen ſeinem Bruder folgend, die Hand noch immer drohend gegen ihn erhoben. VI. Die Unterwerfung. Herr Feldmarſchall Lacy, ſagte Leopold athemlos, keuchend, ich ſtelle mich unter Ihren Schutz, unter den Schutz des Mannes, welchen die Kaiſerin Maria Thereſia zu ihrem Feldmarſchall ernannt hat, und der Sie Treue und Gehorſam geſchworen haben! Und der ich Treue und Gehorſam bewahren werde bis zu ihrem letzten Athemzug! ſagte Lacy ernſt und feierlich. ———— 58 Der Kaiſer ächzte laut auf, und ſein erhobener Arm ſank ſchwer und matt an ſeiner Seite nieder. Ein bleiches, grauſames Lächeln flog über das Antlitz des Groß⸗ herzogs hin. Er ſenkte raſch die Hand in ſeine Bruſttaſche, und die Papiere hervorziehend reichte er ſie Lacy hin. Nehmen Sie die Papiere, ſagte Leopold. Die Kaiſerin Maria Thereſia hat mich ermächtigt, falls der Kaiſer ſie zu leſen verweigert, dieſelben dem Feldmarſchall Lacy zu übergeben und ihm im Namen der Kaiſerin zu gebieten, daß er ſofort in meiner Begleitung ſich mit dieſen Papieren zum Kaiſer verfüge und ihm dieſelben vorleſe. Kommen Sie alſo, Excellenz, leſen Sie dem Kaiſer dieſe Papiere vor! Lacy verneigte ſich, und ohne ein Wort zu ſagen, ſchritt er an der Seite des Großherzogs der Thür zu. Der Kaiſer trat zurück in das Zimmer, und auf einen Seſſel niedertaumelnd, verhüllte er ſich mit beiden Händen das Geſicht Nichts unterbrach jetzt die Stille, als die dröhnenden Schritte des Großherzogs und Lacy's, welche eben eintraten und die Thür hinter ſich ſchloſſen. Eine lange Pauſe trat jetzt ein. Der Großherzog hatte ſich in die Fenſterniſche geſtellt, und die Arme über der Bruſt gekreuzt, ſchien er mit vollkommen wiederhergeſtellter Ruhe die weitere Entwickelung dieſer Scene zu erwarten. Joſeph ſaß noch immer gebeugt und mit verhülltem Angeſicht da, während Lacy mit den Papieren in der Hand in ſtreng militäri⸗ ſcher Haltung an der Thür ſtand, die weitern Befehle des Kaiſers erwartend. Als dieſe immer noch nicht erfolgten, und kein Wort, kein Wink des Kaiſers das athemloſe Schweigen unterbrach, richtete Lacy ſich höher empor und trat militäriſch ſteif einen Schritt vorwärts. Befehlen Ew. Majeſtät, fragte er, daß ich Ihnen die Briefe vor⸗ leſe, welche Se. Kaiſerliche Hoheit der Großherzog mir im Namen und auf Befehl der Kaiſerin übergeben hat? Leſen Sie, ſagte der Kaiſer dumpf, ohne die Hände von ſeinem Antlitz zu ziehen. Jetzt näherte ſich Lacy dem Tiſch, neben welchem der Kaiſer ſaß, und die aus verſchiedenen Briefen, Zetteln und Actenſtücken beſtehen⸗ den P Kaiſeri „9 und vi mir m Dieſelb ich wer blutige meiner und u Feld ſ ſo lan eine N Ihren wie m währen Trupp Ew. lunger Abſch Brieſe gunge und; bleibe ſtieg niede groß Lacy Iſte plän einen und ſchwer Groß⸗ d die Naria gert, amen hmit mmen er an Seſſel hritte Thür ch in ſchien lung — 59 den Papiere auf demſelben ausbreitend, nahm er zuerſt das von der Kaiſerin eigener Hand an den Kaiſer gerichtete Schreiben und las: „Mein lieber Kaiſer und Sohn! Ihnen, als meinem Mitregenten und vielgeliebten Sohn, beeile ich mich Einſicht zu geben in die von mir mit dem König von Preußen angeknüpften Unterhandlungen. Dieſelben werden hoffentlich zu einem günſtigen Reſultat führen, und ich werde dadurch nicht allein das Glück haben, mein Volk vor einem blutigen und unheilvollen Kriege beſchützt zu haben, ſondern auch meinen geliebten Sohn und Kaiſer, nach dem ſich mein Herz ſehnt, und um deſſen Sicherheit ich ſchmerzlich beſorgt bin, ſo lange er im Feld ſteht, wieder an meiner Seite zu haben. Ich bitte Sie aber, ſo lange die Unterhandlungen dauern, nichts zu unternehmen, was eine Fortſetzung derſelben unmöglich macht, und in keiner Weiſe mit Ihren Truppen den Angreifenden oder Herausfordernden zu machen, wie mir ſeinerſeits der König von Preußen verſprochen hat, daß er während dieſer Zeit keinen weiteren Angriff unternehmen und ſeine Truppen nicht weiter vorrücken laſſen wird. Ich werde von nun an Ew. Majeſtät regelmäßig von dem weiteren Verlauf der Unterhand⸗ lungen Nachricht geben und ſende Ihnen anbei genaue und wörtliche Abſchrift der zwiſchen mir und dem König von Preußen gewechſelten Briefe, wie auch der gegenſeitig gemachten Propoſitionen und Bedin⸗ gungen. Indem ich Gott bitte, daß er meinen vielgeliebten Sohn und Kaiſer bald wieder in meine mütterlichen Arme zurückführe, ver⸗ bleibe ich Ihre wohlgewogene Mutter und Kaiſerin Maria Thereſia.“ Ein tiefer Seufzer, der mehr einem ſchmerzlichen Stöhnen glich, ſtieg aus der Bruſt des Kaiſers empor. Langſam ließ er die Hände niederſinken von ſeinem Antlitz, das jetzt todesbleich war, und ſeine großen Augen mit einem unendlich trüben und ſchmerzlichen Blick auf Lacy heftend, fragte er: Lacy, iſt es wirklich wahr und möglich? Iſt es vorbei mit meinen Hoffnungen und mit unſern ſtolzen Sieger⸗ plänen? Der Feldmarſchall antwortete nur mit einem Seufzer und mit einem leiſen Zucken ſeiner Achſeln. Leſen Sie weiter, ſagte der Kaiſer ſanft, meine Augen ſind trübe und vermögen nicht zu leſen! Lacy gehorchte, und nachdem er den erſten Brief der Kaiſerin 60 an den König, mit welchem Maria Thereſia die Initiative ergriffen hatte, vorgeleſen, las er die Antwort des Königs, in welchem dieſer bereitwillig auf die Pläne der Kaiſerin eingeht und ihr verſpricht, ſeine Schritte ſo einzurichten, daß Maria Thereſta nichts für das Leben ihres geliebten Kaiſers zu fürchten habe. Als Lacy das las, zuckte der Kaiſer zuſammen, eine flammende Röthe flog einen Moment über ſein Antlitz hin und machte dann einer noch tödtlicheren Bläſſe Platz. Er öffnete haſtig die Lippen wie zu einem heftigen Wort, dann aber raffte er ſich gewaltſam zu⸗ ſammen und hörte ſtill und ſchweigend der weiteren Lectüre zu. Noch zwei andere Briefe der Kaiſerin und des Königs folgten, voller Verſicherungen gegenſeitiger Verehrung und voll Betheuerungen, Alles zu thun, um Deutſchland den Frieden wiederzugeben. Alsdann kamen die Friedens⸗Propoſitionen der Kaiſerin und die hinzugefügten Bemerkungen des Königs. Maria Thereſia verpflichtete ſich in dieſen Propoſttionen, von den bis jetzt in Baiern in Beſitz genommenen Ländern nur ſo viel zu behalten, als etwa die Revenue einer Million betrage, und das Uebrige dem Churfürſten zurückzuerſtatten, oder die jetzt mit Beſttz belegten Landſtriche Baierns gegen andere zu vertauſchen, über die ſie ſich mit dem Churfürſten einigen wolle, und die nicht den Werth einer Mil⸗ lion Einkünfte überſteigen ſollten. Alsdann folgten die Gegenpropoſitionen des Königs. Dieſen zufolge ſollte Oeſtexreich alle ſeine Anſprüche auf Baiern fahren laſſen, ſich mit einem kleinen Diſtrict von Oberbaiern begnügen, die Anſprüche des Churfürſten Carl Theodor, ſo wie ſpäter des Herzogs von Zweibrücken anerkennen und heilig halten! Weiter, weiter, rief Joſeph haſtig, als Lacy jetzt ſchwieg. Weiter iſt nichts vorhanden, ſagte Lacy, dies iſt das letzte Papier, das in dem Couvert enthalten iſt! Und auf dieſe unverſchämten und höhrneuden Propoſitionen des Königs ſollen wir nicht die einzige mögliche Antwort ertheilen können!. rief der Kaiſer ſchmerzlich, die Antwort mit dem Schwert, das allein noch die gethane Beſchimpfung auslöſchen kann! Oh Lach, Lacy, es iſt fürchterlich zu denken, daß ich abermals meine Hände in den Schooß legen und demüthig und ergeben wie ein Schulknabe abwarten griffen dieſer pricht, r das mende dann Lippen Dieſen laſſen, prüche s von Papier, in des nuen 3 allein Lach, n den warten 61 ſoll, was meine geſtrengen Züchtiger und Lehrer über mich beſchloſſen haben! Es iſt eine ſchwere Pflicht, welche Ew. Majeſtät da zu erfüllen haben, ſeufzte Lacy, aber es iſt eine Pflicht, und Ew. Majeſtät dürfen ſich ihr nicht entziehen! Ich darf mich nicht ihr entziehen, wiederholte Joſeph mit einem tiefen Schmerzensausdruck, indem er aufſprang, ich muß Auf einmal traf ſein irrer flackernder Blick das Antlitz des Groß⸗ herzogs, der immer noch ruhig in der Fenſterniſche ſtand. Sie ſind noch hier? fragte Joſeph mit dem Anſchein des Erſtau⸗ nens. Ich dächte, Ihre Hiobsbotſchaften wären zu Ende, und Ew. Kaiſerliche Hoheit hätten mir nichts mehr zu ſagen! Ich warte auf die Antwort für Ihre Majeſtät die Kaiſerin, ſagte Leopold ruhig. Ah, Sie wollen mich höhnen, rief Joſeph, bebend vor Zorn, Sie wollen mich höhnen, denn Sie wiſſen es wohl, daß es auf die ausgeſprochenen Befehle der Kaiſerin keine Antwort mehr giebt, ſon⸗ dern daß man denſelben ſchweigend und unterwürfig gehorchen muß. Da Sie aber durchaus eine Antwort begehren, ſo will ich ſie Ihnen geben. Aber achten Sie wohl auf meine Worte und hüten Sie ſich, Sagen Sie der Kaiſerin, ich werde mich, ihren Befehlen fügen eins derſelben zu vergeſſen. wie es einem gehorſamen Unterthan gezieme, und ſo lange die von Ihro Majeſtät ohne mein Wiſſen und hinter meinem Rücken angeknüpften Unterhandlungen dauerten, nichts Feind⸗ liches gegen den König von Preußen unternehmen, ihn nicht zu einer Schlacht drängen, obwohl ich wüßte, daß die Welt mir meine Un⸗ thätigkeit als einen Fehler und eine Ungeſchicklichkeit anrechnen würde, und daß nicht bloß meine Feinde, ſondern auch meine wenigen Freunde mich fortan für einen thörichten Prahler halten würden, der ſich großer Entwürfe rühme, und wenn es zur That kommen ſolle, ſich feig und v. kleinlaut zurückziehe. Sagen Sie Ihro Majeſtät, ich würde nichts ſeſtoweniger gehorchen, aber ſagen Sie ihr ferner: wenn die Kaiſerin wirklich im Stande ſei, auf dieſe nachtheiligen, demüthigenden Be⸗ dingungen des Königs von Preußen einzugehen und Frieden zu ſchließen, ſo würde ich niemals nach Wien zurückkehren und niemals mich der Kaiſerin wieder nähern, ſondern in Aachen, oder in irgend 62 einer andern freien Reichsſtadt, nach Sitte der alten deutſchen Kaiſer, meine Reſidenz nehmen.*) Oh, Majeſtät, rief Lacy entſetzt, ich beſchwöre Sie, nehmen Sie Ihr Wort zurück. Ich nehme es nicht zurück, ſondern ich befehle dem Abgeſandten der Kaiſerin, ihr getreulich und genau meine Botſchaft auszurichten, ſagte Joſeph ſtolz. Und ich werde dem Befehl Sr. Majeſtät, des Mitregenten meiner Kaiſerin, zu gehorchen wiſſen, ſagte der Großherzog von Toscana. Ich werde ihr genau jedes Ihrer Worte wiederholen. Weiter haben Ew. Majeſtät mir nichts zu befehlen? Ja, rief Joſeph hoch athmend, ich habe Ihnen noch zu ſagen. daß Sie, wenn Sie Ihre Botſchaft an die Kaiſerin ausgerichtet haben, und heimgekehrt ſind in Ihr Land, Sie alsdann Ihre frommen Väter berufen, und Ihnen gebieten mögen, für Ihren Bruder eine Todten⸗ meſſe zu leſen, denn Sie haben in dieſer Stunde Ihren Bruder Joſeph verloren. Er iſt Ihnen geſtorben für immerdar. Der Großherzog begegnete den ſtolzen, herausfordernden Augen Joſephs mit einem Blick voll finſtern Haſſes. Ich kann nicht ver⸗ lieren, was ich nie beſeſſen habe, ſagte er kurz. Ich habe niemals einen Bruder Joſeph gehabt. Hätte ich den beſeſſen, und wäre es mein Bruder Joſeph geweſen, welcher da vorher vor mir ſtand, ſo würde ich nicht zurückgewichen ſein, ſondern ich würde mein Schwert gezogen, und den Beleidiger zur Rechenſchaft gefordert haben. Aber es war nur der Kaiſer Joſeph, welcher mir gegenüber ſtand, und deshalb allein duldete ich und ſchwieg. Und deshalb allein werde ich auch ferner dulden und ſchweigen, nur werde ich es vermeiden, mit dem Kaiſer Joſeph zuſammen zu treffen. Unſere Wege ſind getrennt, und ich hoffe, daß wir einander nie wieder begegnen, rief der Kaiſer heftig. 8 Ich hoffe es auch, ſagte Leopold ſanft, denn jedenfalls würde unſer Begegnen niemals ein freundliches ſein! Leben Sie wohl! Leben Sie wohl, und wo möglich auf Nimmerwiederſehen! Ohne ein weiteres Wort, einen weiteren Blick, durchſchritt der ) Des Kaiſers eigene Worte. Siehe Dohm’s Denkwürdigkeiten. Th. I. n Kaiſer, nen Sie ſandten urichten, meiner ostana. r haben t ſagen, haben⸗ 1 Väter Augen ht ver⸗ niemals bäre es nd, ſo Schwert Aber d, und erde ich en, mit der nie würde hl T it der 63 Großherzog das Zimmer und öffnete die Thür. Der Kaiſer ſchaute* ihm mit gerunzelter Stirn und finſtern Blicken nach, Feldmarſchall Lacy war weiter zurückgetreten in den Hintergrund, und blickte mit ſteigender Angſt bald auf den enteilenden Großherzog, bald auf das düſtere Geſicht des Kaiſers. Jetzt ſchloß Leopold hinter ſich die Thür, und gleichſam von dieſem Geräuſch aus ſeiner dumpfen Erſtarrung aufgeſchreckt, zuckte Lach zuſammen und eilte vorwärts zu dem Kaiſer hin. Rufen Sie ihn zurück, Sire, flehte er mit zitternder Stimme, ich beſchwöre Ew. Majeſtät, laſſen Sie ihn nicht ſo von Sich ſcheiden. Er iſt Ihr Bruder, Sire, er iſt der Lieblingsſohn Ihrer Mutter, und er iſt die Hoffnung und der Troſt aller Derjenigen, welche vor Ew. Majeſtät zittern, und ſich berechtigt glauben, mit bangen Sorgen in die Zukunft zu ſchauen! Ja, er iſt der Anführer meiner Feinde, ſagte Joſeph, er iſt das Haupt der frommen Partei, welche ewig im Finſtern ſchleicht, und heimlich mir ihre Flüche und Verwünſchungen entgegen ſchleudert, und mir ewig Steine und Hinderniſſe in den Weg ſchieben wird. Aber ein Tag wird kommen, wo ich dieſer finſtern Brut ihr frommes Eulenneſt zerſtören und aufräumen werde in meinem Hauſe. An jenem Tage werde ich auch des heutigen Begegnens mit dem Groß⸗ herzog Leopold gedenken!*) Sire, ich beſchwöre Sie noch einmal, flehte Lach, rufen Sie den Großherzog zurück, wenn nicht als Ihren Bruder, ſo doch als den Abgeſandten der Kaiſerin. Verbieten Sie ihm als Solchem, der Kaiſerin die drohenden Worte zu wiederholen, welche Ew. Majeſtät vorher nur in der Aufregung des Momentes geſprochen haben, nehmen Sie die mündliche Botſchaft zurück, und— Lacy, unterbrach ihn der Kaiſer mit lauter, zürnender Stimme, ich habe heute einen Bruder und eine Schlacht verloren. Wollen Sie mich nun auch noch den Freund verlieren laſſen? *) Dieſer heftige Iwiſt, den Joſeph im Lager mit dem Großherzog Leopold hatte, trennte wirklich die beiden Bruder für immer. Sie vermieden es, zuſammen zu ſein⸗ und ſprachen nie⸗ mals mehr miteinander. Kaiſer Joſeph ließ daher ſpäter nicht ſeinen mächſten Thronfolger, den Großherzog Leopold, ſondern deſſen Sohn und Erben Frauz zum König von Rom krönen, und ſelbſt an das Sterbebett des Kaiſers durfte ſein Nachfolger nicht kommen. Erſt nach Joſephis wirklichem Tode ſollte, ſeinem ausdrücklichen Befehl gemäß, ſein Erbe und Nachfolger Leopold durch Couriere benachrichtigt und gerufen werden. 64 Er ſchaute Lacy mit einem ſo glühenden und zugleich ſo ſchmerz⸗ lichen Blick an, daß dieſem die Thränen in die Augen traten. Sire, ſagte er tief bewegt, vergeben Sie Ihrem treuſten und ergebenſten Diener, wenn ich es gewagt, Ihnen zu widerſprechen, und entziehen Sie mir Ihre Freundſchaft nicht, denn Ew. Majeſtät wiſſen wohl, daß dieſe Freundſchaft den Hauptinhalt meines Lebens und mein einzig Glück ausmacht. Ich habe kein Weib, keine Kinder, ich habe nichts, was ich liebe, als Sie allein, und wenn ich Sie verlöre, ſo würde ich mich verkriechen in irgend einen dunklen Winkel der Erde, und niemals ſollte die Welt wieder von Lacy hören. Sie werden mich nie verlieren, mein theurer geliebter Freund, rief der Kaiſer, indem er mit einer raſchen Bewegung ſeine beiden Arme um Lacy's Hals warf und ihn innig umarmte. Mein Gott, ich leide nur ſo grenzenlos, und es iſt mir, als ob mir eben der Tod eines meiner liebſten Freunde verkündet wäre. Und iſt es nicht ſo, Lach? Iſt mir nicht die ſchönſte und größte Hoffnung meines Lebens geſtorben? Die Hoffnung, mir endlich Ruhm und Chre auf dem Schlachtfeld zu erobern, und der Welt zu beweiſen, daß es außer dem König von Preußen noch Feldherrn und Schlachten⸗ ſteger in Deutſchland geben kann? Oh Lacy, meine ganze Seele glühte dieſem Ziel entgegen, und wie ein wildes Roß bäumte ſich mein Herz auf bei dem Gedanken: Du wirſt morgen dem alten ſiegreichen Feind Deines Hauſes gegenüberſtehen, Du wirſt ihm wenigſtens einen Zweig jener Lorbeeren entreißen, die er ſich auf den Schlachtfeldern gegen Oeſterreich erobert hat!— Oh, ich hätte Jahre meines Lebens freudig hingegeben, wenn ich mir damit dies Ziel hätte erkaufen können, denn,— ich will Ihnen ein Geheimniß anvertrauen, Lacy,— denn ich haſſe dieſen König Friedrich, den die Welt den Großen nennt, ich haſſe ihn ſo glühend, wie ich ihn einſt zu lieben glaubte. Er iſt Schuld an all dem Unglück, das mein Haus ſeit faſt vierzig Jahren betroffen hat, ſein Ruhm ſind unſere Niederlagen, ſein Glanz iſt unſere Dunkelheit. Ich würde es ihm vergeben können, daß er uns Schleſten genommen hat, aber ich werde es ihm niemals vergeben, daß er mich zu der elenden und unwürdigen Rolle eines Nachahmers erniedrigt hat! Denn was ich auch unternehmen und thun mag, immer hat er es ſchon zuvor gethan, immer iſt er vor mir dageweſen, und hat das merz⸗ Sire, enſten ziehen wohl, einzig ichts, würde , und reund, beiden Gott, n der nicht neines Chre „daß ichten⸗ glühte Herz Feind Zweig gegen freudig können, — denn nt, ich Er iſt Jahren unſere hleſen er mich ledrigt hat er at das 65 Alles ſeinem Volk aus ruhiger Reflexion der Klugheit gegeben, was ich meinem Volk aus wärmſter Begeiſterung der Liebe darbringen will. Wenn ich meinem Volk die Aufklärung geben und es befreien will von dem Druck der Prieſter, er hat es vor mir gethan; wenn ich die Künſte, die Wiſſenſchaften, die Induſtrie unterſtützen und fördern will, er hat das Alles ſchon längſt vor mir gethan; wenn ich den Zeloten und Eiferern Duldung anempfehlen, den Geknechteten ſchützen, die Unterdrückten erheben will, er hat von den Juden längſt ſchon den Bann genommen und allen Secten die Erlaubniß ihrer Exiſtenz gegeben! Wenn ich endlich mich ſelber auszeichnen möchte in den Künſten, die ich am meiſten liebe, wenn ich in der Kriegskunſt und in der Muſik mir Ruhm erwerben möchte, er hat es ſchon früher gethan, und ſeine Flöte und ſeine Lorbeern ſind älter, als mein Violoncell und mein Schwert. Oh, ich haſſe ihn, ich haſſe ihn, denn ſeine Größe iſt der Stein, an welchem meine Originalität zerbricht, immer wird er mir im Wege ſtehen und mit ſeiner Größe einen Schatten auf mein Leben und meine Thaten werfen! Oh Lacy, das iſt ein Gedanke, der mich zur Verzweiflung bringt, der wie eine glühende Kohle in meinem Hirn brennt. Dieſer Mann zwingt mich, für ſeinen Nachahmer zu gelten, und doch fühle ich, daß ich es nicht bin, und doch handle ich nur nach eigener freier Entſchließung! Aber Niemand wird es mir glauben, und er ſelber auch nicht! Mir iſt es, als ſähe ich das ſpöttiſche Aufblitzen ſeiner furchtbaren Adleraugen, das höhniſche Lächeln ſeines Mundes, wenn er eines Tages von den neuen Ein⸗ richtungen und Geſetzen des Kaiſers Joſeph hört, und ſich einbildet: „das hat er Mir nachgeahmt!“ Oh er wird mich dahin treiben, daß ich in toller Unvernunft zu viel thue, um nur nicht bloß das zu thun, was er ſchon gethan hat! Er iſt der böſe Dämon meines Hauſes, und nicht bloß, daß er uns Länder und Schlachten abgewonnen, hat er mir auch meine Zukunft und meine Originalität geraubt. Lacy, iſt es nicht furchtbar zu denken, daß es da einen Feind unſers Hauſes giebt, der uns in allen Dingen beſiegt hat, ſelbſt in dem Großen und Guten, was wir thun wollen? Aber Ew. Majeſtät gehen da in der Aufregung des Moments zu weit, ſagte Lach mit einem ſanften Lächeln. Es iſt wahr, der König won Preußen hat viel gethan, und er hat es Ew. Majeſtät ſchwer Kaiſer Joſeph. 3. Abth. I 5 66 gemacht, etwas Originales zu thun, das er nicht ſchon verſucht hat. Aber Eins hat der König noch nicht gethan, und das iſt gerade das Eine, in welchem Ew. Majeſtät ihm dereinſt glänzend und ſiegreich voran gehen werden! Er hat nichts für Deutſchland gethan, er hat es ſelbſt niemals verſucht, ein Deutſcher zu ſein! Inmitten eines deutſchen Landes, auf einem deutſchen Thron ſitzend, iſt er doch nur der Beſchützer fremder Kunſt, fremder Wiſſenſchaft und fremder In⸗ duſtrie. Er verachtet und ignorirt die deutſchen Gelehrten, die deutſchen Dichter, die deutſchen Induſtriellen, und die Sprache der Deutſchen nennt er die Sprache der Barbaren. Der geringſte franzöſiſche Witz⸗ kopf iſt ihm beſſer bekannt, als die größten Gelehrten Deutſchlands, und während er für Voltaire ſchwärmt, und ſich italieniſche Oper und franzöſtſche Maler und Bildhauer hält, iſt ihm Leſſing und Winkel⸗ mann ganz unbekannt, und mißachtet er den deutſchen Meiſter Gluck. Das iſt der große und ſchöne Unterſchied zwiſchen Ew. Majeſtät und dem König von Preußen und den wird die Welt und Nachwelt anerkennen müſſen. Der König von Preußen iſt nur zufällig der Fürſt eines deutſchen Landes, Sie aber ſind ein deutſcher Fürſt, und zu Ihnen wird ſich dieſes Deutſchland flüchten, das er verſtieß, an Ew. Majeſtät wird es ſich anklammern mit allen ſeinen Wünſchen und Hoffnungen, ſeinen Träumen und ſeiner Begeiſterung. Friedrich der Zweite iſt nur der König Preußens, Sie aber werden einſt der Kaiſer Deutſch⸗ lands ſein, und das deutſche Volk, welches Er verſtieß, wird in Ihnen ſeinen Retter und Erlöſer begrüßen und erkennen! Er wird auch das zu verhindern wiſſen, rief der Kaiſer leiden⸗ ſchaftlich, er hat mich ſchon ausgeſpürt auf dieſem meinem Wege, den ich ſelbſtſtändig von ihm wandeln wollte, und ſchon wieder ſtellt er ſich mir entgegen, um mich zu bekämpfen. Ja, Sie haben Recht, es iſt mein höchſtes Ziel, ein deutſcher Fürſt zu ſein, mir den Namen eines Kaiſers von Deutſchland auch der Wahrheit nach zu verdienen. Unter meinem Scepter wollte ich alle dieſe zerſtückelten, auseinander⸗ geriſſenen Länder des ſchönen Deutſchlands vereinen, Ein Land ſollte es werden, Ein Volk und Ein Vater und Fürſt. Hinwegräumen wollte ich den Kehricht der alten, ſo oft verhöhnten und mißbrauchten deutſchen Reichsverfaſſung, hinwegräumen auch den lächerlichen und unglücklichen Theaterſchmuck ſo vieler kleiner Throne und Fürſten, mit de herrſch ihr ele thum er mei freude undg für O pflicht Tuger abſche Preuf imme er ner Clem legti Fahn rettet recke! ſchwe empe Ihr Ohr finde mich ich mich läch, wenr er il The hat. das reich hat ines nur chen ſchen Litz⸗ nds, Oper nkel⸗ luck. und anen ines hnen den⸗ Vege⸗ ſtellt jecht,⸗ nmen nen. der⸗ ollte men hten und ſten, 67 und unter dem Dach einer einzigen Krone wollte ich das deutſche Volk ſammeln in dem großen einigen und einzigen Hauſe ſeines deutſchen Vaterlandes. Das war und iſt mein Ideal, und deshalb wollte ich jetzt Baiern meine Hand darreichen und dies deutſche Land erretten von den Prieſtern, den Jeſuiten und all den finſtern Gewalten, die mit dem wollüſtigen und frömmelnden Carl Theodor über Baiern herrſchen werden, deshalb rief ich ihnen, zu mir zu kommen, und ihr elendes Baiernthum hinzugeben an das große und herrliche Deutſch⸗ thum! Aber da kommt wieder dieſer König von Preußen, und weil er meine Gedanken durchſchaut hat, reißt er mir mit hämiſcher Schaden⸗ freude mein eigen Banner aus der Hand und pflanzt es vor ſich auf und giebt, indem er mich bekämpft, ſich das Anſehen, als ob Er für Deutſchland in die Schranken träte, als ob Er die heilige Ver⸗ pflichtung übernommen, deutſche Freiheit, deutſches Recht und deutſche Tugend zu beſchützen. Ach, iſt es nicht eine zugleich lächerliche und abſcheuliche Farce, welche wir da ſpielen ſehen? Der König von Preußen, der Mann, der niemals Deutſchland gekannt hat, dem es immer nur ein Gegenſtand für ſeinen Witz und ſeinen Spott geweſen, er nennt ſich jetzt plötzlich den Vertheidiger Deutſchlands; die Herzogin Clemens, die Freundin der Obſeuranten, der Roſenkreuzer und Jeſuiten legt über ihre von mir bedrohten Freunde jetzt plötzlich die deutſche Fahne hin und ſchreit: Ihr rettet Deutſchland, wenn Ihr uns er⸗ rettet, und aus allen dieſen kleinen deutſchen Raubneſtern und Schlöſſern recken die kleinen deutſchen Fürſten, welche fühlen, daß ich über ihnen ſchwebe in der Luft, wie der Habicht über dem Taubenneſt ihre Hälſe empor, und ſchreien: Deutſchland iſt bedroht, rettet uns, dann werdet Ihr Deutſchland gerettet haben!— Und Maria Thereſia läßt ihr Ohr betäuben von dieſem tollen Geſchrei, und der König von Preußen findet, daß das himmliſche Muſik iſt, der Victoriageſang, mit dem er mich abermals bei Seite gedrängt und überſchrieen hat! Oh, Lacy, ich haſſe ihn, glühend, unausſprechlich. Denn nicht genug, daß er mich beſtegt hat ohne Schwertſchlag, ſo wird er mich jetzt auch noch lächerlich machen! Muß die Welt mich nicht verlachen und verſpotten, wenn ſie dieſen Brief des Königs an meine Mutter liest, in welchem er ihr verſpricht, daß er ſeine Schritte ſo einrichten werde, daß Maria Thereſia nichts zu fürchten brauche für ihr Blut, und für einen Kaiſer, 5* 68 den er liebe und hochachte, obwohl er in den Angelegenheiten Deutſch⸗ lands mit ihm in den Principien differire“). Bin ich ein verhätſcheltes . Mutterſöhnchen, dem man lächelnd erlaubt, mit Knallbonbons zu ſpielen 4 und ſich einzubilden, daß das Kanonen ſind, welche es abfeuert?— Und ich ſoll's ihm nicht beweiſen können, daß ich kein Knabe bin, den er zu ſchonen nöthig hat, ſondern daß ich ein Mann bin, den er, ſo Gott will, eines Tages zu fürchten hat. Der alte entnervte Helden⸗ greis ſteckt ſich hinter den mit Roſenkränzen und Scapulieren ver⸗ brämten Reifrock meiner Frau Mutter, und bläst ihr in's Ohr, daß dieſer Krieg ein ſündhafter ſei! Oh Lacy! Soll ich denn niemals Ge⸗ legenheit haben, Rache zu nehmen an dieſem König, der meiner Mutter ſchon ſo viele Thränen und mir ſo viele Enttäuſchungen und ge⸗ knickte Hoffnungen gekoſtet hat? Muß ich denn wirklich auch dies Mal wieder mein Schwert in die Scheide ſtecken und mich in Demuth beugen unter den Willen meiner Mutter? Sie iſt die regierende Kaiſerin, ſagte Lacy ernſt, und Ew. Majeſtät werden Ihrem Volk und uns Allen ein leuchtendes Beiſpiel des Ge⸗ horſams geben! Ach ich weiß es wohl, ſeufzte Joſeph, ich muß abermals dies arme, ungeſtüme Herz beſtegen, und ſchweigen und dulden! Er ging mit haſtigen, unſichern Schritten einige Male auf und ab, bald halblaute Worte vor ſich hin murmelnd, bald düſtere, ſchmerz⸗ liche Blicke auf das Fenſter werfend, durch welches man da draußen das bunte Gewimmel der Soldaten ſehen konnte, welche das Lager abzubrechen begannen, indem ſie mit voller friſcher Kehle dazu Lieder voll Kampfluſt und Siegesfreudigkeit ſangen. Auf einmal blieb der Kaiſer ſtehen, und ſich mit einer ſtolzen Bewegung des Hauptes an Lach wendend, ſagte er: Herr Feldmarſchall, ich nehme meinen Plan zurück. Die Kaiſerin Königin Maria Thereſta hat befohlen, und es iſt an uns, zu gehorchen! Treffen Sie alle nöthigen Anordnungen, ertheilen Sie Ihre Befehle, verkünden Sie der Armee unſern umgeänderten Beſchluß: Wir werden dem König nicht bis über die Elbe entgegenmarſchiren und ihm eine Schlacht *) Groß⸗Hoffinger, Urkundenbuch zur Lebeusgeſchichte Joſephs II. S. 41. liefern, hier blei Sir heit eine Der dieſer S hoffte, Gehen warten. laſſen S armen an dem utſch⸗ heltes pielen 2— bin, en er, lden⸗ ver⸗ daß 3 Ge⸗ neinet n ge⸗ Mal eugen jeſtät 3 Ge⸗ 3 dies f und zmerz⸗ raußen Laget Lieder ſolzen rſchall hereſta ie alle en Sit König chlacht 69 liefern, wir werden nicht unſer Lager abbrechen, ſondern wir werden hier bleiben und warten! Sire, rief Lacy begeiſtert, in dieſer Stunde haben Sie in Wahr⸗ heit einen Sieg gewonnen, den Sieg über Sich ſelbſt! Der Kaiſer ſah ihn mit einem ſchmerzlichen Lächeln an. Aber dieſer Sieg iſt ſchwerer als der, welchen ich mir morgen zu erkämpfen hoffte, ſagte er ſeufzend. Doch es nutzt nichts mehr, davon zu reden. Gehen Sie, Lacy, und ertheilen Sie Ihre Befehle! Wir wollen warten. Da wir das Schwert nicht ziehen dürfen, mein Freund, ſo laſſen Sie uns beten, beten, daß Gott ſich meiner erbarme, und dem armen Kaiſer von Oeſterreich eines Tages geſtatte, Revanche zu nehmen an dem König von Preußen! VII. * Die Revanche. Feldmarſchall Lacy hatte das Kabinet des Kaiſers verlaſſen, und die Generale und Stabsoffiziere zu ſich berufend hatte er ihnen den Beſchluß des Kaiſers mitgetheilt und mit ihnen die nöthigen Verab⸗ redungen getroffen. Der Kaiſer war allein geblieben, und ganz ſeinen trüben ſchmerzlichen Gedanken hingegeben, war er lange in ſeinem§. auf und abgegangen. Dann trat er an's Fenſter und ſchau düſterm Blick hinaus auf das Treiben ſeiner Soldaten. Jetzt wiſſen ſie es ſchon, ſagte der Kaiſer leiſe vor ſich iſt es ſchon wie ein Unkenruf durch das Lager gegangen: ⸗ will keine Schlacht! Wir werden nicht über die Elbe ge Moment der That hat der Kaiſer Furcht bekommen und wag dem alten Heldenkönig gegenüber zu treten!“— Ja, ja, ſ denken ſie, meine tapfern Soldaten, ich ſeh's an den finſte 70 mit denen ſie ihre ſchon halb abgebrochenen Zelte wieder ordnen. Sie ſingen nicht mehr bei der Arbeit, wie vorher, ſie ſind nicht mehr fröhlich und guter Dinge. Ihr Muth iſt gebrochen, ach, und der meine auch! Und dieſe Schlacht, welche wir nicht geſchlagen haben, nutzt dem König von Preußen mehr, als es ein neuer Sieg würde gethan haben. Denn jetzt denken meine Soldaten: der Kaiſer fürchtet ſich vor dem König von Preußen, und da ſinkt ihnen auch der Muth, und Friedrich der Zweite wird wieder das Schreckbild, vor dem die Oeſtreicher fliehen! Oh Friedrich, Friedrich, wann wird denn für mich die Stunde der Vergeltung ſchlagen? Ein leiſes Klopfen an der Thür ließ ſich gerade in dieſem Mo⸗ ment vernehmen und auf das Herein des Kaiſers erſchien einer ſeiner Adjutanten, um zu melden, da draußen ſtehe ein Huſar von den Gali⸗ ziſchen Regimentern, die unmittelbar an der Elbe, dem Lager des Königs von Preußen gegenüber, poſtirt ſeien, und verlange durchaus und mit dringendem Flehen, den Kaiſer in's Geheim zu ſprechen, weil er ihm etwas Wichtiges mitzutheilen habe. So laſſen Sie ihn eintreten und ziehen Sie ſich alsdann zurück, ſagte Joſeph gelaſſen. Der Wiutant zögerte. Stre, ſagte er, dieſer Mann hat ein gar finſteres und tückiſches Anſehen, und ich wollte mir daher erlauben, Ew. Majeſtät anzuflehen, nicht allein mit ihm zu bleiben, ſondern mir gnädigſt zu geſtatten, das ich ihm zur Seite bleibe. Ach, Sie glauben, daß dieſer Mann hierher gekommen ſei, mich zu ermorden? fragte Joſeph lächelnd. Der Krieger iſt ein Pole, bemerkte der Adjutant ſchüchtern. Nein, er iſt ein Oeſterreicher, ſagte der Kaiſer ſtolz, denn Gali⸗ eine öſterreichiſche Provinz. Ich fürchte meinen Oeſterreicher nicht. Sie alſo dieſen Mann eintreten, ich will mit ihm allein ſprechen! r Adjutant verneigte ſich und trat in das Vorzimmer zurück. hörte man da draußen das Klirren von Sporen und das eines feſten Schrittes, und in der Thür erſchien eine hohe, ftige Geſtalt in der kleidſamen, phantaſtiſchen Tracht der 4 Scharfſchützen.. kaiſer erwiderte den militäriſchen Gruß des Soldaten mit ſen Kopfneigen und winkte ihm mit der Hand, näher zu treten Vorz Solde zu ſa⸗ biſt g voll, den ſoll der alſo Clb waͤh Alle Prr thi eir Fr Ge we W ge er ordnen. t mehr nd der haben, würde fürchtet Muth, dem die enn für m Mo⸗ rſeiner n Gali⸗ ger des urchaus en, weil zurück ein gar rlauben, ſondern ſei, mich ern. n Gali⸗ her nicht. prechen! 3 zurüch und das ne hohe/ acht der aten mit äher zA 71 treten. Ein zweiter Wink gebot dem Adjutanten, die Thür nach dem Vorzimmer zu ſchließen, und der Kaiſer war jetzt allein mit dem Soldaten. Jetzt ſprich, ſagte der Kaiſer, und wenn Du mir etwas Wichtiges zu ſagen haſt, ſo ſage es, denn ich habe Deinen Wunſch erfüllt, Du biſt ganz allein mit mir! Der Soldat richtete ſein Haupt, welches er bis dahin ehrfurchts⸗ voll geneigt hatte, höher empor und blickte Joſeph mit großen, blitzen⸗ den Augen an. Bin gekommen, Ew. Majeſtät einen großen Dienſt zu leiſten, ſagte er, aber Ew. Majeſtät müſſen mir auch verſprechen, daß Sie mich auch dafür belohnen wollen, wie es einem Kaiſer geziemt. Wenn Du mir wirklich einen großen Dienſt leiſten kannſt, ſo ſoll auch Dein Lohn groß ſein, mein kaiſerliches Wort darauf, ſagte der Kaiſer ernſt. Der Soldat nickte. Ich nehm' Ihr Wort an, Herr Kaiſer, und alſo hören Sie! Hab' die Wache auf dem Vorpoſten dicht an der Elbe. Hab' da oft gelegen, hinter dichtem Gebüſch verſteckt, und während mich Niemand ſehen konnt', hab' ich Alles geſehen und auf Alles Acht gehabt! Hab' alſo oft geſehen, daß der König von Preußen, ſo alt und gebrechlich er auch ausſieht, doch ein gar mu⸗ thiger und unerſchrockener Herr iſt, denn er wagt ſich beim Recognos⸗ ciren gar weit vor, kommt oft ganz nahe heran bis zum Elbufer. Freilich weiß er und denkt er nicht, daß da drüben hinterm dichten Gebüſch Scharfſchützen liegen, und daß ein guter Schütze ihn da, wenn er ſo ſorglos da drüben reitet, leicht vom Pferd holen könnt. Was aber der König von Preußen nit gedacht hat, das habe ich gedacht! Und was haſt Du gedacht? fragte der Kaiſer mit geſpannten, erwartungsvollen Mienen. Hab' gedacht, daß ich ein guter Schütze bin und daß meine Kugel noch nimmer ihren Mann verfehlt hat, und hab' auch darüber nach⸗ gedacht, was für ein berühmter, großer und reicher Mann ich doch werden müßt und werden würde, wenn ich mir den König da drüben vom Pferd ſchöß' und damit Oeſterreich von ſeinem ſchlimmſten und aufſäſſigſten Feind befreite und uns Allen endlich einen dauernden 72² Frieden gäbe. Und wie ich das geſtern wieder dacht', Herr Kaiſer, da kommt juſt der König da drüben hervorgeritten auf ſeinem Schim⸗ mel. Grad' der Stelle gegenüber, wo ich, hinter’'m Gebüſch verſteckt, auf Vorpoſten ſtand, macht er Halt; ganz deutlich konnt' ich ſein blaſſes, runzlichtes Geſicht ſehen, mit den großen, fürchterlichen Augen darin, die wie ein helles Höllenfeuer zu mir herüberblitzten. Den Krückſtock hielt er in der Hand und damit zeigt' er vom Pferd aus herüber nach uns und fächelte mit dem Stock hin und her, juſt als wenn er ſeinen Generalen vormacht, wie er den Feind da drüben durchprügeln wollt. Und wie ich das ſah, da ſtieg mir's Blut in's Geſicht und ich richtet' mich auf in meinem Verſteck und zog den Hahn an meinem Gewehr auf. Bin ein guter Scharfſchütz, Herr Kaiſer, und nuf was ich anlege, das treffe ich auch. Weiter, weiter, murmelte der Kaiſer, als der Soldat jetzt ſchwieg und einen wohlgefälligen, lächelnden Blick auf ſeine Büchſe warf, die ihm im Arm ruhte. Nun, alſo, ich hab' meine Büchſe und wollt' eben auf den König anſchlagen, da fiel mir ein— Da fiel Dir ein? fragte der Kaiſer, dem der Angſtſchweiß in hellen Tropfen auf der Stirn ſtand. Da fiel mir ein, daß es am Ende doch beſſer ſein möchte, erſt den Kaiſer zu fragen, ob er's erlaubt, daß ich den König todt ſchieße, und was er mir dafür zum Lohn verſpricht. Ach, rief der Kaiſer aufathmend, das war ein guter Gedanke von Dir! Der Huſar nickte. Hab' alſo ſtill mein Gewehr wieder zurück⸗ gezogen, fuhr er fort, und gleich nach der Ablöſung hab' ich den Hauptmann gebeten, mir auf ſechs Stunden Urlaub zu geben, weil ich gern in's Lager gehen und da einen alten Bekannten von mir ſprechen möcht. Das war keine Unwahrheit, Herr Kaiſer, denn ich kenne Sie ſchon von damals her, als Sie Ihre Reiſe in Galizien machten. Da haben Sie ein Nachtquartier genommen im Dorf Za⸗ logane bei meinem alten Vater und haben ihn am andern Tag reich⸗ lich beſchenkt, daß er noch ein Stück Ackerland mehr kaufen konnt' und mir erlaubte, mein Mädel zu heirathen und das Ackerland zu bewirthſchaften⸗ Bin alſo bloß in's Hauptquartier gekommen, um meinen ich da Anſchle meinen mehr ich we denn U fragte I Vorhe davon zu N L der C Vertr vertro gem wer ſchu Wo daß will die ſchie 73 meinen alten Bekannten, den Herrn Kaiſer, zu ſprechen, und nun bin ich da und frage: Wollen Ew. Majeſtät mir erlauben, daß ich meinen Anſchlag ausführe? Wenn Sie's erlauben, ſo ſtehe ich Ihnen mit meinem Kopf dafür, daß der König von Preußen nicht acht Tage mehr leben ſoll. Ich hab' einen feſten Arm, ein ſcharfes Auge und ich weiß ganz genau, wie weit meine Büchſe mit Sicherheit trägt, denn ſie bat ſchon manchem Bosniaken das Lebenslicht ausgeblaſen. Und was hat Dein Hauptmann zu Deinem Vorhaben geſagt? fragte Joſeph. Mein Hauptmann? Hab' ihm gar nichts geſagt von meinem Vorhaben. Werd' nit ſo dumm ſein, irgend einem Menſchen etwas davon zu verrathen, könnt' ja ein Anderer meinen ſchönen Einfall ſich zu Nutzen machen und mich um Lohn und Chre bringen. Demzufolge, fragte der Kaiſer aufathmend, demzufolge bin ich der Einzige, den Du in Dein Vertrauen gezogen haſt? Der Allereinzige, Herr Kaiſer, und ich denk', Sie werden mein Vertrauen nicht mißbrauchen! Nein, ich werde das nicht und zum Dank, daß Du Deinem Kaiſer vertrauſt, ſchenke ich Dir hier dieſe zwei Goldſtücke. Der Soldat nahm haſtig das von dem Kaiſer ihm dargereichte Geld und betrachtete es mit einem freudigen Lächeln, dann aber ver⸗ finſterte ſich ſein Geſicht und unter ſeinen buſchichten Augenbrauen hervor einen düſtern Blick auf den Kaiſer werfend, ſagte er: iſt der Kopf des Königs von Preußen nicht mehr werth, als zwei Ducaten? Er iſt mehr werth als alle Ducaten, die ich in meinem Schatz hab', ſagte der Kaiſer ernſt, und kein Menſch auf Erden kann ihn bezahlen. Hab' Dir bloß den Weg bezahlen wollen, den Du hierher gemacht haſt in's Hauptquartier, um mich zu ſprechen. Aber ich werde Dich auch noch ferner belohnen, wenn Du mir feierlich zu⸗ ſchwören willſt, daß Du keinem Menſchen auf der Welt auch nur ein Wort von Dem verrathen willſt, was Du mir anvertraut haſt, und daß Du niemals wieder ein Wort davon über die Lippen bringen willſt. Wenn Du mir dies feierlich zuſchwören willſt, ſo will ich Dich frei geben vom Dienſt und Dich heute noch in Deine Heimath ſchicken, wo ich Dir eine Anſtellung als Grenzjäger verſpreche. Wenn 74 Du aber Deinen Schwur brichſt, ſo biſt Du verloren und mußt Deine Schwatzhaftigkeit mit dem Tode büßen. Herr Kaiſer, ich werd' meinen Schwur nimmer brechen. Ich ge⸗ lobe und ſchwöre, daß ich nimmer und zu keinem Menſchen auch nur ein Wort von Dem erzählen will, was ich Ew. Majeſtät geſagt und anvertraut hab', und daß ich, ſo lange ich lebe, es als ein Geheimniß in meinem Herzen begraben will. Schwöre mir das bei Gott und der heiligen Jungfrau. Ich ſchwöre es bei Gott und der heiligen Jungfrau, rief der Soldat feierlich, indem er ſeine rechte Hand empor hob zum Himmel. Und jetzt, Herr Kaiſer, da ich den Schwur geleiſtet hab' und Niemand alſo jemals außer uns Beiden etwas erfahren wird von Dem, was ich thun will, ſelbſt nicht der Beichtvater in der letzten Beicht'— jetzt frage ich Ew. Majeſtät: wann ſoll ich den König herunter ſchießen und wann kann ich dann zurückgehen in meine Heimath? Ein zürnender, glühender Blick des Kaiſers traf den Soldaten. Soldat, ſagte er mit lauter, feierlicher Stimme, das Geld, das ich Dir gegeben, bewahre zum ewigen Andenken daran, daß Dein Schutz⸗ geiſt Dich gewarnt und noch zu rechter Zeit Deine Hand gehalten hat, als Du auf den König ſchießen wollteſt. Siehſt Du denn nicht ein, welche abſcheuliche That Du begangen hätteſt, wenn dies gekrönte Haupt durch Dich gefallen wäre? Hoffe und glaube wohl, daß jeder brave Soldat ſein Leben wagen wird, um in der Schlacht und im Gefecht den König gefangen zu nehmen, aber keiner wird ſo gottlos und heimtückiſch ſein, ihn aus dem Hinterhalt vom Pferde zu ſchießen und ſich ſelber zu einem feigen Mörder zu erniedrigen. Der Soldat ſtarrte den Kaiſer mit maaßloſem Erſtaunen an und kein Wort der Erwiderung kam über ſeine Lippen. Der Kaiſer fuhr fort: Ich will Dir aber Deinen böſen Gedanken dies Mal noch verzeihen, weil Du ihn noch nicht zur Ansführung gebracht und weil Du Niemanden etwas davon geſagt haſt außer mir. Wenn aber Dein Gedanke zur That geworden wäre, ſo hätte ich Dich noch heute als einen gemeinen und niederträchtigen Mörder ohne Abſolution am Galgen aufknüpfen laſſen! Danke alſo Gott, daß er Dich errettet und erlöſt hat und nun kein Wort weiter davon! Es iſt ſchon ſpät und Du kannſt dieſe Nacht hier bleiben. kom Ich ſagte ſpro wie wo. ſeh Deine ge⸗ nur und niß der mel. nand was eßen aten. ich hutz⸗ alten nicht önte jeder dim ttlos teßen und 75 Aber ich hab' nur ſechs Stunden Urlaub vom Hauptmann be⸗ kommen, ſagte der Soldat haſtig, ich muß alſo gleich wieder zurück. Der Kaiſer betrachtete ihn mit finſtern, mißtrauiſchen Blicken. Ich werde ſelber dem Hauptmann Deine Entſchuldigung bringen, ſagte er. Zudem habe ich Dich ja eben vom Kriegsdienſt frei ge⸗ ſprochen und Dir zum Lohn für Deine Verſchwiegenheit erlaubt, wieder in Deine Heimath zurückzukehren! Und es bleibt wahr? rief der Soldat aufjauchzend, und das wollen der Herr Kaiſer mir doch erfüllen, obwohl Sie mich eben ſo ſehr geſcholten haben, daß mir das Herz im Leib noch zittert? Das will ich Dir gewähren, wenn Du mir verſprichſt, ein or⸗ dentlicher Menſch zu bleiben und niemals mehr einen Menſchen, und wär's auch nur einen Bosniaken, aus dem Hinterhalt und anders als im offenen Krieg zu erſchießen. Das verſpreche ich Ew. Majeſtät von ganzem Herzen, rief der Soldat feurig. Dann kannſt Du jetzt gehen, um zu eſſen und der Ruhe zu pflegen. Warte, ich will Jemand beauftragen, für Dich zu ſorgen. Der Kaiſer klingelte und ſofort öffnete ſich die Thür und der Kammerdiener Günther trat ein. Günther, ſagte der Kaiſer, ich über⸗ gebe Dir dieſen Mann, und ſo lange er hier bleibt, wirſt Du ihn nicht einen Augenblick verlaſſen. Er wird mit Dir eſſen und bei Dir ſchlafen, und Du wirſt dafür ſorgen, daß er gut gepflegt wird! Günther verbeugte ſich und gab dem Soldaten einen ſtummen Wink, ihm zu folgen. Joſeph ſchaute den Beiden nach, bis die Thür ſich hinter der hohen, muskulöſen Geſtalt des Soldaten ſchloß, dann hob der Kaiſer ſeine großen, blauen Augen mit einem Blick unendlicher Dankbarkeit zum Himmel empor. Mein Gott, flüſterte er, ich habe heute viel geklagt, und doch biſt Du mir heute gar gnädig geweſen! Du haſt meinen Namen vor ewiger Schande und vor dem Fluch der Mit⸗ und der Nachwelt bewahrt, denn wenn dieſer Menſch ſeine entſetzliche That ausgeführt hätte, würde doch Niemand geglaübk haben, daß er ſie allein erſonnen härte! Was für ein Zetergeſchrei würde man in der ganzen Welt erhoben haben, wenn ein öſterreichiſcher Soldat den König von Preußen 4 76 erſchoſſen hätte, fuhr der Kaiſer fort, indem er mit großen Schritten, die Arme über der keuchenden Bruſt zuſammengeſchlagen, auf und ab ging; und wie würde man mit hohnlachender Verachtung auf mich gedeutet und geſagt haben, ich hätte den König feig aus dem Hinter⸗ halt erſchießen laſſen, weil ich nicht den Muth gehabt, ihm auf offenem Felde entgegen zu treten! Mein Gott, das Leben des Königs von Preußen iſt mir jetzt koſtbarer, als mein eigenes Leben, denn ſein Leben iſt meine Ehre! Ich weiß es ja, die Verleumdung und der Neid der Welt iſt immer bereit, wenn irgend ein außerordentlicher Todesfall in unſerer Nähe geſchieht, ihn Oeſterreich aufzubürden. Hat nicht der Parteihaß den Kaiſer Ferdinand beſchuldigt, als Guſtav Adolph bei Lützen fiel? Und als zu Ende des vorigen Jahrhunderts der baieriſche Churprinz Joſeph Ferdinand, welcher Spanien als Erb⸗ ſchaft erhalten ſollte, plötzlich ſtarb, hat man da nicht in ganz Europa geſagt, der öſterreichiſche Geſandte in Madrid, Fürſt Mansfeld, habe dem Tod den Weg gezeigt zum Schlafzimmer des kleinen Erben von Spanien? Oh die Welt iſt immer bereit geweſen, Oeſterreich zu ver⸗ leumden, und ſie würde uns auch jetzt angeklagt haben, wenn dieſer Unglückliche ſeine That ausgeführt hätte. Mein Gott, ich danke Dir, daß Du dieſe Schmach von mir abgewandt und meinen Namen be⸗ hütet haſt vor ſo furchtbarer Verleumdung!— Aber wie? fuhr der Kaiſer nach einer Pauſe fort, während er noch immer mit großen Schritten auf und abging: wie, wenn nun ein Anderer von den Scharfſchützen das ausführte, was dieſer nur beſchloſſen hatte? Wenn einer dieſer wilden Grenzjäger in ſeiner Rohheit und Unwiſſenheit ſich einbildete, daß es ein ebenſo lohnens⸗ werthes und gutes Stück Arbeit wäre, den König von Preußen zu erſchießen, als die Paſcher, Räuber und Wilddiebe, gegen die er an den Grenzen von Ungarn und Galizien Jagd zu machen hat? Und wie der Kaiſer das dachte, erbleichte er und der Angſtſchweiß ſtand anf ſeiner Stirn. Ich muß durchaus ein Mittel erſinnen, den König und mich ſelber vor dieſer furchtbaren Gefahr zu behüten, murmelte der Kaiſer angſt⸗ voll in ſich hinein, ſein Leben und meine Ehre ſteht auf dem Spiel!— Lange noch, bis ſpät in der Nacht, vernahmen die Diener im Vorzimmer den raſchen, unruhigen Schritt des Kaiſers, und ver⸗ 77 geblich harrte Günther des Rufs ſeines kaiſerlichen Herrn, um ihm beim Auskleiden behülflich zu ſein. Als er endlich es wagte, ſchüchtern und unhörbar die Thür des Kabinets zu öffnen, ſah er den Kaiſer in voller Uniform da drüben in dem Lehnſtuhl ſitzen. Das bleiche Haupt zurückgeſunken an die hohe Lehne des alten Lederſtuhls, die beiden Hände auf die breiten Seitenarme des Stuhls gelehnt, war der Kaiſer eingeſchlafen. Ein bleicher Strahl der eben aufgehenden Sonne beleuchtete das Antlitz des Kaiſers, das ſelbſt im Schlummer noch den Ausdruck der Angſt und Sorge beibehalten hatte. Der treue Kammerdiener wagte es, ſich dem Kaiſer zu nähern und ihn leiſe zu berühren. Sire, ſagte er mit flehender Stimme, Ew. Majeſtät ſollten die Gnade haben, ſich entkleiden zu laſſen, und ein wenig auf dem Feldbett auszuruhen. Es iſt jetzt die vierte Nacht, daß Ew. Majeſtät die Kleider nicht verlaſſen haben. Joſeph hatte langſam ſeine Augen aufgeſchlagen, und ſchaute Günther mit ſinnenden Blicken an. Hätte freilich die andern drei Nächte ruhig in mein Bett gehen und ſchlafen können, wie ein ehr⸗ amer Spießbürger, der weiß, daß es nichts auf der Welt giebt, was ſeinen Schlaf beunruhigen wird, ſagte er ſeufzend. Dieſe Nacht aber durft' ich mich nicht behaglicher Ruhe hingeben, und ich bin in den Kleidern geblieben, weil ich früh auf ſein mußte. Mein Gott, fuhr der Kaiſer wie von heftigem Schrecken ergriffen fort, was iſt aus dem Grenzjäger geworden, den ich Dir zur Bewachung über⸗ geben; und wie konnteſt Du es wagen, ihn ſo lange allein zu laſſen? Sire, er iſt nicht allein, der zweite Kammerdiener ſchläft mit ihm zuſammen auf Einem Lager, und ich hatte die Thür, welche vom Vorzimmer in unſere Schlafkammer führt, geöffnet, ſo daß ich, während ich aufblieb, und den Ruf Ew. Majeſtät erwarte, den Soldaten doch immer im Auge behielt. Er ſchläft ruhig und feſt, und ſcheint ſehr glückliche Träume zu haben, denn er lacht und ſingt im Schlaf. Laß ihn ſchlafen, Günther, und wecke ihn nicht, ſagte der Kaiſer aufathmend. Aber wenn er erwacht, ſo hab' wohl Acht auf ihn, laß ihn mit Niemand ſprechen und bleib immer an ſeiner Seite. Jetzt aber gieb mir einen Trunk friſchen Waſſers zum Frühſtück. Günther eilte hinaus und kehrte nach wenigen Minuten mit dem 78 1 Verlangten zurück. Der Kaiſer leerte das Glas auf einen Zug. Oh, ſagte er dann erleichtert, wie wohl mir das thut, wie köſtlich dieſes Frühſtück iſt, welches mir der liebe Herrgott da unten in den geheimniß⸗ vollen Tiefen ſeiner Erde brauen läßt. Keiner meiner Köche iſt im Stande, mir ein ſo wohlſchmeckendes und geſundes Frühſtück zu be⸗ reiten. Und doch würde der Aermſte von Ew. Majeſtät Unterthanen nicht damit zufrieden ſein, ſagte Günther, und Jammer und Noth würden ſte ſchreien, wenn ſie mit einem Glaſe Waſſer zum Frühſtück ſollten abgefunden ſein! Die Menſchen ſind niemals zufrieden mit Dem, was ſie leicht haben können, ſagte der Kaiſer lächelnd, und nur was zu erlangen ihnen Beſchwerde macht, das ſcheint ihnen reizvoll und begehrens⸗ werth. Wenn ich ihnen eines Tages die Brunnen zudeckte, und ver⸗ böte ihnen, Waſſer zum Frühſtück zu trinken, ſo würden ſie von Stund an ſchreien, es gäbe kein ſchöneres Frühſtück als Waſſer, und ich ſei ein Barbar, es ihnen zu verbieten, und wenn ich wollte, daß meine Unterthanen alleſammt Aſſafötida zu ihrer Lieblingsſpeiſe machten, ſo hätte ich nur nöthig, es ihnen zu verbieten, um ſte raſend darnach zu machen. Aber ſtehe, da ſchickt die Sonne mir einen Strahl in's Fenſter herein, der mich mahnen ſoll, daß es die höchſte Zeit zum Aufbruch iſt. Eile Dich, Günther. Man ſoll mein Pferd vorführen, einige Ordonnanzen ſollen aufſitzen, und den Feldmarſchall Lacy laſſe ich bitten, ſofort zu mir zu kommen, um mich auf einer Inſpections⸗ tour zu begleiten.—. Eine Viertelſtunde ſpäter verließ der Kaiſer in Begleitung des Feldmarſchalls Lacy und gefolgt von nur wenigen Ordonnanzen das Hauptquartier. Sie werden ſich ſchnell entſchließen müſſen, Freund Lach, einen ziemlich weiten Ritt mit mir zu machen, ſagte der Kaiſer, indem er mit ungeduldiger Hand ſein Pferd zu raſcherem Lauf anfeuerte. Und hatten wir es nicht geſtern ſchon im Sinne, heute früh auf zu ſein, und aufzuſitzen? Wir haben alſo Wort gehalten, nur daß unſere Armee nicht hinter uns iſt, und das die Fanfaren unſer Herz nicht ſchwellen machen in Glück und Siegesvorahnung. Ach, Freund, was für ſchwache, thörichte Kinder ſind wir Menſchen doch alle! Meinen imme daß ſind Gott meine Eierſ Ei g ſchön nicht und Him zur mehr Nag bin mütt thur mbe zum das ſehe den we mi nu ma Oh „ leſes niß⸗ 79 immer, uns ſelber unſer Schickſal zu beſtimmen, dünken uns ſo kühn, daß wir uns ſelbſt unſern Himmel über uns wölben könnten, und ſind doch gar armſelige, winzige Geſchöpfe, Liliputer vor den Augen Gottes, denn unſere Schwerter zerbricht er wie Stecknadeln, und meine glorreiche Kaiſerkrone iſt vor ihm nicht mehr, als das Stückchen Eierſchale auf dem kahlen Kopf des Küchleins, das eben aus dem Ei gekrochen iſt. Ach Lacy, und was vermeint' ich nicht für einen ſchönen Himmel über mir gewölbt zu haben, einen Himmel, der mir nicht voll Geigen, ſondern voll Schwerter und Lorbeerkränze hinge, und nun genügt das bloße Rauſchen eines Weiberrockes, um meinen Himmel mit ſolchem Gewitter zu verfinſtern, daß die Schwerter alle zur Erde fallen und ſtumpf werden, und die Lorbeerkränze zu nichts mehr gut ſind, als ſich Suppe damit zu kochen für den verdorbenen Magen. Geſtern hoffte ich, heute ein Held zu werden, und heute bin ich gar nichts, als ein Schulknab, der zur Strafe für einen über⸗ müthigen Streich auf Erbſen knieen muß. Ach, und dieſe Erbſen thun meiner kaiſerlichen Majeſtät ſo weh, daß ich ſchier aufſchreien möcht' vor Jammer und Weh, wenn's nicht eigentlich gar ſo ſehr zum Lachen wär', daß einem Kaiſer, dem Feldherrn einer Armee, das geſchieht. Mein Gott, ſo lachen Sie doch, Lacy, denn Sie ſehen ja, daß ich mir alle Mühe gebe, Sie zu erheitern, und Ihnen den Morgenſchlaf aus den Augen zu bringen. Ich ſehe, Sire, daß Sie traurig ſind, und ich kann nicht lachen, wenn Ew. Majeſtät leiden, ſagte Lacy weich. Der Kaiſer ſchwieg eine Zeit lang, und ritt langſam vorwärts. Lacy, fragte er dann ernſt, faſt feierlich, Lacy, ich habe Unrecht zu murren gegen mein Schickſal, das ſich mir heute gar gnädig erwieſen hat. Ich erzähle Ihnen das ein ander Mal, Jetzt ſagen Sie mir nur dies: glauben Sie, daß die Disciplin bei unſern Soldaten ſo mächtig iſt, daß ſte ſogar die Gedanken des Menſchen in ihm zu unter⸗ drücken vermöchte? 3 Ich gkaube es nicht, Sire, ich bin davon überzeugt, erwiderte der Feldmarſchall. So lange der Soldat im Dienſt und in Reih und Glied iſt, ſo hört ſein freies, denkendes Menſchenthum auf, und er iſt nichts als ein willenloſes Werkzeug in der Hand ſeines Vor⸗ geſetzten. — 80 Darauf hatte ich gerechnet, und darauf habe ich meinen Plan gemacht, ſagte der Kaiſer leiſe vor ſich hin. Kommen Sie raſcher, Freund, wir wollen heute die ganze Kette der Vorpoſten beſichtigen; ich habe da einen Befehl zu ertheilen, deſſen Veranlaſſung ich Ihnen ſpäter mittheilen will. Eben hatten ſie den äußerſten Vorpoſten erreicht; der Kaiſer ſprengte vorwärts bis dicht an das Ufer der Elbe und ſchaute mit ſpähenden ſcharfen Blicken hinüber zu dem jenſeitigen Ufer. Nichts ließ ſich dort erblicken, öde und kahl lag das Land da, und nur am äußerſten Horizont bemerkte man einzelne ſchwarze Punkte, welche vielleicht die äußerſten Vorpoſten der Preußen bezeichnen mochten. Der Kaiſer winkte den commandirenden Offizier der Vorpoſten zu ſich heran. Wagen die Preußen ſich über jene Linie da hinten hinaus? fragte er. Es nähern ſich täglich bedeutende Trupps weit vorwärts, Sire, ſagte der Offizier. Wahrſcheinlich preußiſche Generale, die der König zum Recognosciren ausgeſchickt hat, und die einen Uebergangspunkt über die Elbe erſpähen ſollen. Oft kommen die Herrn Preußen ſo⸗ gar dem Ufer ziemlich nahe, und die Grenzjäger, welche ſchärfere Augen haben als das beſte Fernrohr, behaupten, daß faſt immer der König ſelber unter den Recognoscirenden ſei. Es iſt möglich, daß ſie Recht haben, ſagte Joſeph raſch, und daß der König ſich unſern Vorpoſten im Eifer der Recognoscirung nähert. Für dieſen Fall will ich Ihnen einen Befehl ertheilen. So⸗ bald die äußerſten Wachen den König erkennen, ſollen ſie das Ge⸗ wehr präſentiren, und mit dem Säbel ſalutiren, und ſo lange ſtehen bleiben, bis der König nicht mehr zu ſehen iſt. Meine Soldaten ſollen durch dies Salutiren die hohe Achtung bezeugen, die dem ge⸗ krönten Haupt, dem berühmten Feldherrn und meinem perſönlichen Freund gebührt. Ich verlange daher, daß dieſer Befehl auf das Genaueſte und Pünktlichſte befolgt und jedes Mal dem ablöſenden Offizier mitgetheilt werde.*) Der Kaiſer grüßte den Offtzier mit einem leichten Neigen ſeines Hauptes und ritt weiter, die Elbe hinunter. Bei jedem neuen Vor⸗ ) Des Kaiſers eigene Worte. S. Groß⸗Hoffinger S. I. 431 ſchwe zu h ruhit weſer und ſchul merk keit Ihn⸗ und ich geſte ich aller Lach wol edle der Re⸗ ihn Grof Plan ſcher, gen; hnen aiſer mit ichts nig unkt ſo⸗ fere der und ung Go⸗ ge⸗ chen das den nes or⸗ geſtern noch mit ſo glühendem Haß ſprach, und Ihnen ſchwur, daß 81 poſten blieb er ſtehen, überall wiederholte er ernſt und ſcharf den⸗ ſelben Befehl, den er dem erſten Wachtpoſten gegeben, überall machte er es den Poſten zur Pflicht unterm Gewehr zu ſtehen, ſo lange ſte des Königs anſichtig wären. Spät erſt am Nachmittag kehrte der Kaiſer heim von dem be⸗ ſchwerlichen Ritt, deſſen Anſtrengung er indeſſen gar nicht empfunden zu haben ſchien, denn ſein Antlitz war jetzt wieder ſo heiter und ruhig, wie es vor der Ankunft des Großherzogs von Toscana ge⸗ weſen, und ſeine Augen ſtrahlten im Feuer edler Begeiſterung. Lacy, ſagte er, indem er den Arm des Feldmarſchalls nahm, und ihn in ſein Gemach führte, ich bin Ihnen noch eine Erklärung ſchuldig wegen meines heutigen Befehls, der Sie, wie ich wohl be⸗ merkt habe, überraſchte, und Ihnen eine zu weit getriebene Höflich⸗ keit gegen meinen verhaßten Feind däuchte. Nicht wahr, es kommt Ihnen ſonderbar vor, daß ich heute meinen Vorpoſten die äußerſte und ſchmeichelhafteſte Artigkeit gegen dieſen Mann anempfehle, den ich als meinen gefährlichſten Feind betrachte, von dem ich Ihnen ich Revanche an ihm nehmen wollte. Wenn ich Ew. Majeſtät die Wahrheit ſagen ſoll, ſo war ich allerdings ein wenig erſtaunt über Ihre Sinnesänderung, ſagte Lacy lächelnd. Ich dachte mir, Ew. Majeſtät hätten mir beweiſen wollen, daß dieſer Haß gar nicht ſo ernſt gemeint ſei, und daß Ihr edles Herz gar nicht mehr daran denke, Revanche nehmen zu wollen! Doch, Lacy, es iſt mir gar ſehr ernſt mit meinem Haß, rief der Kaiſer haſtig, und ich halte meinen Schwur. Ich habe meine Revanche an dem König von Preußen ſchon genommen. Ich habe ihn vor der Kugel eines Mörders bewahrt!*)* *) Dieſe ganze Begebenheit iſt hiſtoriſch. Siehe darüber Riedler’s Archiv für 1831 und Groß⸗Hoffinger I. S. 427. 3 Kaiſer Joſeph. 3. Abth. I 0 Them der Mit reich, VIII. hatte . 2 wei Der Brief an die Kaiſerin von Rußzland. alä 3 Grei Mit glühenden Wangen und hochwallendem Buſen ging Maria Sch Thereſia in ihrem Kabinet auf und ab, zuweilen einen zornflammenden i Blick auf die Papiere werfend, die hochaufgethürmt auf ihrem Schreib⸗ eign tiſch lagen, dann wieder in heftigſter Erregung weiter wandelnd, und gar nichts fühlend von den Beſchwerden, welche ihr ſonſt das Gehen war zu verurſachen pflegte. Es waren ſchlimme Nachrichten, welche die Laur Kaiſerin ſo erregt und ihr Blut ſo in Wallung gebracht hatten, 5 ſchlimme Nachrichten von allen Seiten, die ſchlimmſten aber aus Ln Böhmen von dem Heer. Denn immer noch, obwohl ſchon über ein 4 hr verfloſſen war ſeit dem Beginn des Streits, ſtanden ſich die hatt eſterreicher und Preußen einander in Böhmen gegenüber, immer 3 och, wie es ſchien, bereit den Krieg über die Zukunft Baierns ent⸗ ban ſcheiden zu laſſen. d— — Maria Thereſta, erſchreckt von der drohenden Botſchaft, welche dil ihr Joſeph beim Beginn des Krieges durch den Großherzog von Tos⸗ hei cana geſandt, hatte die Unterhandlungen mit dem König von Preußen abgebrochen, und ſich ſchweren und traurigen Herzens in die Feind⸗ kan ſeligkeiten gefügt, um nur den gereizten Sinn ihres kaiſerlichen Sohnes ihr zu ſänftigen. zuf Abber dennoch war es nicht zu einer entſcheidenden Schlacht ge⸗ hat kommen, denn indem die Kaiſerin die Friedensunterhandlungen aufgab, nac neu hatte ſte doch ihrem Sohn und ihren Feldherrn den ſtrengſten Befehl ertheilt, niemals Angriffsweiſe zu verfahren, niemals eine Schlacht anzubieten, ſondern ihr ſo lange als möglich auszuweichen, und eine hin Schlacht nur anzunehmen, wenn das Ablehnen nicht mehr mit der Kan Ehre verträglich erſcheine. ben dur Indeß, das Schlachtenanbieten hatte dies Mal nicht in dem Plan und dem Willen des Königs von Preußen gelegen, und gleich Maria Naria enden reib⸗ und Hehen e die atten, aus r ein h die mmer ent⸗ velche Tos⸗ eußen eind⸗ oöhnes ſt ge⸗ fgab, zefehl glacht eine t der Plan Naria 83 Thereſta ſchien auch Friedrich jede Schlacht vermeiden zu wollen, und der Entſcheidung durch das Schwert ſorgſam aus dem Wege zu gehen. Mit kühnem Geiſt hatte der König wohl die neue Fehde gegen Oeſter⸗ ‚rreich, den alten Urfeind ſeines Hauſes, aufgenommen, aber das Alter hatte doch die Schwingen ſeines Genius gelähmt, und mit ver⸗ zweiflungsvollem Schmerz hatte der Feldherr ſo vieler Schlachten ſich plötzlich jetzt auf dem Kriegsſchauplatz als einen alten hinfälligen Greis gefühlt, deſſen gichtkranke Hand wenig im Stande war, das Schwert zu führen, und deſſen gebrochene Geſtalt weniger für den Sitz auf dem Schlachtroß als für die Polſter des Lehnſtuhls ſich eignete. Verdrießlich, heftignund traurig, wie man ihn nie zuvor geſehen, war der König in dieſem Feldzug immer geweſen, und die verdrießliche Laune des kranken Greiſes hatte den Heldengeiſt des Feldherrn gelähmt. Statt eine Schlacht zu wagen, hatte er ſich mit Fouragiren und Plänkelgefechten begnügt, und das verzweifelnde, von Krankheiten, Noth und Entbehrungen auf das Aeußerſte gebrachte preußiſche Heer hatte den von ihm beſetzten Theil von Böhmen in eine Wüſte ver⸗ wandelt. Der Winter hatte ſich endlich der Leiden Böhmens erbarmt; er hatte dieſen Scheinkrieg, der wenig Blut, aber viel Thränen und viel Menſchenwohl gekoſtet hatte, auf eine Zeitlang beendet, und die beiden feindlichen Heere hatten die Winterquartiere bezogen. Maria Thereſia hatte die Zeit, welche den thatendurſtigen und kampfbegierigen Sohn zur Nuhe und zum Abwarten nöthigte, für ihre Wünſche zu benutzen geſucht, und war eifrig bemüht geweſen, auf’'s Neue den Weg der Unterhandlungen einzuſchlagen. Graf Mercy hatte im Namen der Kaiſerin die Hülfe und den Beiſtand Frankreichs nachſuchen, und zugleich hatte Baron Thugut dem König von Preußen neue Friedensvorſchläge machen müſſen. Bis heute hatte alſo Maria Thereſta ſich der freudigen Hoffnung hingegeben, dieſen unſeligen Krieg, den man in Norddeutſchland den Kartoffelkrieg, in Süddeutſchland den Zwetſchkenrummel höhnend benannte, und der ſo viel Geld und ſo wenig Blut koſtete, endlich durch einen Frieden beendet zu ſehen, welcher nicht durch das Schwert des Kriegers, ſondern durch die Feder des Diplomaten herbeigeführt worden. 84 Aber der heutige Tag hatte dieſe Hoffnungen der Kaiſerin ver⸗ nichtet. Zwei Couriere waren ſo eben eingetroffen, der eine aus Frankreich, der andere aus Böhmen von dem Kaiſer. Mit dem erſten meldete der Graf Mercy, daß Frankreich es nicht bloß ablehne, die Rolle eines Vermittlers anzunehmen, ſondern Oeſterreich entſchieden zur Beendigung eines Krieges rathe, den Frankreich zu ſeinem Bedauern für einen ungerechtfertigten und nicht zu billigenden Krieg von Seiten Oeſterreichs erklären müſſe. Mit dem zweiten Courier war ein Brief Kaiſer Joſeph's angelangt, welcher der Kaiſerin meldete, daß die Winterruhe vorüber ſei, und der Krieg, wie er hoffe, nun in einer würdigeren und entſchiedeneren Weiſe fortgeſetzt werden ſolle. Schon ſeinden Oeſterreichern das Kriegsglück günſtiger geweſen, denn dem General Wurmſer ſei es gelungen, den Prinzen von Heſſen⸗Philippsthal zu überrumpeln, und ihn ſammt der preußiſchen Beſatzung aus der Feſtung Habelſchwert zu verdrängen. Auch bereite der Kaiſer ſich vor, jetzt mit ſeiner Armee dem König entgegen zu ziehen, ihn zu einer Schlacht zu zwingen, und Böhmen endlich von dem verhaßten, grauſamen Feind zu befreien. Das waren die Nachrichten, welche Maria Thereſta ſo heftig er⸗ regt, und ihre Seele mit Angſt und Schrecken erfüllt hatten. Ich will endlich Frieden haben, einen entſchiedenen, feſten Frieden, ſagte die Kaiſerin ernſt vor ſich hin, immer noch auf und abwandelnd. Will nicht in den Tod gehen, belaſtet mit dem Schreckniß eines neuen Krieges, und verfolgt von dem Blut und den Thränen meines armen Volks. Nein, nein, es ſoll jetzt ein End' haben mit dieſem Krieg, von dem alle Welt behauptet, daß er ein ungerechter iſt, und der jetzt mein Gewiſſen belaſtet wie ein Verbrechen. Will aber Ruh haben mit meinem Gewiſſen, will die Laſt abſchütteln, auf daß ich mit freier Bruſt und leichtem Herzen dereinſt zu meinem Franzel kommen kann, und nit nöthig hab', vor ihm mein Aug' zu Boden zu ſchlagen! Friede ſoll ſein, ich will's, und denk' wohl ich bin noch immer die regierende Kaiſerin, und kann wohl durchſetzen, was ich will! Und gleich heut ſoll's geſchehen! Gleich heut will ich dazu thun, daß dies unſelige Kreuz von mir und meinem Land genommen werd! Will den Joſeph ſchon zwingen, keine Schlacht zu wagen, und will's mir gar ſehr verbitten, daß er Händel ſucht und Schlachten anfängt. Ruhe m ver⸗ 2 aus erſten die jeden auern Seiten langt, und eneren 1 das 3 ſei es , und hwert Armee ingen, fräen. ig er⸗ ieden, delnd. neuen armen Ktieg⸗ et jeßt haben freier kann, lagen! er die Und z dies ill den ir gar Ruht 9 ſoll werden, Ruhe und Frieden, und wenn mir der Joſeph auch dar⸗ über zürnen wird, ſo denk' ich wohl, daß mein Volk, daß ganz Deutſchland und ganz Europa mich dafür ſegnen wird, wenn ich den Frieden mach! Ganz erfüllt von dieſem Gedanken trat Maria Thereſia zu dem Schreibtiſch hin, und ließ ihre Augen mit einem haſtigen Blick über die Papiere und Bücher hinſchweifen. Auf einmal flog eine glühende Röthe über ihr Antlitz hin, und ein zorniges Feuer blitzte in ihren Augen auf, als ſie haſtig ein Heft gedruckter Papiere emporhob. Hat der Schrötter ſchon wieder eine Broſchüre drucken laſſen, ſagte ſie unwillig, bläst ſchon wieder die Lärmtrompet', und will beweiſen, daß wir Recht haben, Baiern zu nehmen! Muß dem ſtreit⸗ ſüchtigen Menſchen befehlen endlich den Mund zu halten, und ſich nicht zu kümmern um Sachen, die ihn ganz und gar nichts angehen! Wills ihm heut gleich ſagen, denn es ſoll und muß Friede ſein, und die Schwerter und die Federn ſollen ruhen. Will gleich in dieſer Stund den Kaunitz hier haben, und mit ihm berathen, was zu thun iſt.— Die Kaiſerin nahm die Handklingel von ihrem Schreibtiſch und ſchellte. Zwei Boten! befahl ſie dem eintretenden Kammerhuſaren. Der eine an den Fürſten Kaunitz, ich laſſe Se. Durchlaucht bitten, ſogleich zu mir zu kommen. Den andern an den Hofrath von Schrötter; ſoll in einer Stund' zur Audienz hier ſein! Und jetzo, ſagte die Kaiſerin, als ſte wieder allein war, jetzo, überlegen wir einmal was zu thun iſt, und wie ich's anfangen muß um mein Ziel zu erreichen. Sie hatte ſich auf den Fauteuil vor ihrem Schreibtiſch nieder⸗ gleiten laſſen, und neigte ſich über den Berg von Papieren und Akten⸗ ſtücken, die da vor ihr lagen. Mit tiefem Ernſt und beſonnen Ruhe beſchäftigte ſie ſich mit der Durchſicht derſelben, bald die einen ganz zu Ende leſend, bald die andern raſch überfliegend und bei Seite ſchiebend. Seh' nirgends einen Ausweg und einen Anknüpfungspunkt, ſagte ſie, ſorgenvoll ihr Haupt ſchüttelnd, als ſte eben noch einmal den letzten Bericht ihres Geſandten in Paris geleſen hatte. Kann mich nit ſo weit demüthigen, daß ich noch einmal mich an den König von Preußen ſelber wend' und ihm abermals Friedensvorſchläge mache. Er iſt ein gar hochmüthiger Mann und wird zuletzt vermeinen, er 86 könnt' noch unverſchämtere Forderungen machen als er ſchon gemacht hat, und die Folge davon könnt' ſein, daß ich, um die Beleidigung zu rächen, doch zuletzt mit dem Krieg Ernſt machen müßt! Nein, es geht nicht, wie⸗ der unmittelbar mit dem König zu verhandeln. Aber wen nehm' ich als Mittelsperſon? Frankreich hat es abgelehnt und die Marie Antoinette hat bei ihrem ſtörriſchen Mann nichts weiter ausrichten können, als daß er in dieſer Sach' nit grad'zu und öffentlich gegen Oeſterreich auf⸗ tritt. Iſt ein wenig complaiſanter Schwiegerſohn, der König Ludwig, und wenn nit die Marie Antoinette jetzt wieder in geſegneten Um⸗ ſtänden wär' und man ihr daher alles Aergerniß erſparen müßt', ſo ſollt' Frankreich wohl erfahren, daß Oeſterreich ſich wenig kümmert um ſeinen Beifall oder ſein Mißvergnügen. Aber ſo müſſen wir ſchweigen und den Uebermuth meines Schwiegerſohnes hingehen laſſen, und wenn die Marie Antoinette dies Mal einen Dauphin bekommt, ſo will ich ihrem ſtörriſchen König auch nit mehr gram ſein!— Hab⸗ ſehr gerechnet auf Frankreichs Vermittelung und es kränkt mich gar ſehr, daß es mich jetzt im Stich läßt und daß ich halt nit weiß— Aber da iſt noch ein Schreiben von meinem Geſandten in Rußland, das ich noch nit geleſen hab'! Wollen ſehen, was das enthält! Die Kaiſerin nahm das Papier und las, und während des Leſens nahm ihr Antlitz einen immer geſpannteren und ſtaunenderen Aus⸗ druck an. „Der König ſehnt ſich gar ſehr, dieſer ruſſiſchen Hülfe überhoben zu ſein, las ſie halblaut. Die Kaiſerin von Rußland iſt bereit, ihm ein Hülfscorps zu ſtellen und hat ſchon ein ſolches an die Grenze von Galizien vorrücken laſſen. Aber ſie verlangt, daß dieſes Hülfs⸗ corps nicht unter preußiſchem Obercommando ſtehe, ſondern frei und ſelbſtſtändig handeln ſolle; außerdem fordert die Kaiſerin zur Fort⸗ ſetzung ihres Türkenkrieges von dem König von Preußen Subſidien im Betrage zon zwei Millionen Thalern. Der König iſt ſehr unge⸗ halten darüber und die ſehr gefährliche Allianz der beiden Mächte iſt durch dieſe ſtolzen und übermüthigen Forderungen Rußlands ein wenig gelockert worden. Dies wäre für Oeſterreich ein günſtiger Moment, um die Allianz ganz aufzulockern, Preußen mit Rußland zu entzweien und ſich ſelber zum Allerten Rußlands zu machen. Wenn die Kai⸗ ſerin⸗Königin von Oeſterreich es über ſich gewinnen könnte, an die bran dieſe mah beſch und dieſe Man ſchaf ſtol icht hat, rächen, tt, wie⸗ ich als toinette ls daß h auf⸗ udwig, en Um⸗ üßt, ſo ümmert en wir laſſen, kommt, Hab⸗ ich gat deiß— ußland, lt Leſens Aus⸗ rhoben it, ihm Grenze Hülfs⸗ rei und Fort⸗ bbſtdien unge⸗ chte iſt wenig oment, zweien Kai⸗ an dit 87 Kaiſerin von Rußland zu ſchreiben und in einem freundſchaftlichen Ton ihre Vermittelung anzurufen“— Nein, unterbrach ſich Maria Thereſta in ihrer Lectüre, nein, das werde ich nimmer thun! Es iſt gegen meine Ehre und gegen meine Prinzipien! Sie warf das Papier unwillig bei Seite und ein düſteres Feuer brannte in ihren Augen. Werd' nimmer mich dazu hergeben, an dieſe fürchterliche Frau zu ſchreiben, welche über die Leiche ihres Ge⸗ mahls hinweg ſich zu dem Thron gedrängt hat, deſſen Hoheit ſie beſchimpft durch ihr ſittenloſes Leben und die Schaar ihrer Favoriten und Liebhaber. Nein, nein, werd' nimmer die Freundin ſein können dieſer Kaiſerin von Rußland und nie ſoll geſagt werden, daß die Maria Thereſta ſich ſo tief gedemüthigt habe, um Rußlands Freund⸗ ſchaft zu werben. Und während ſie ſo ſprach, ſtrahlte das Antlitz der Kaiſerin in ſtolzer Entſchloſſenheit und der ſchöne und kühne Ausdruck ihrer ſchö⸗ nen Jugendzeit verklärte einen Moment ihre Züge. Das Eintreten des Kammerhuſaren unterbrach jetzt die Kaiſerin in ihrem Selbſtgeſpräch. Der Bote, der auf Ew. Majeſtät Befehl zu dem Fürſten Kaunitz geſandt worden, iſt eben zurückgekehrt, mel⸗ dete der Kammerhuſar. Se. Durchlaucht laſſen Ew. Majeſtät um gnädige Verzeihung bitten, daß ſie dem Befehl der kaiſerlichen Majeſtät nicht gehorchen können. Der Herr Fürſt iſt krank und muß das Bett hüten, kann es auch morgen noch nicht verlaſſen! Der helle Glanz war längſt ſchon von dem Antlitz der Kaiſerin gewichen, und mit finſterer Miene winkte ſie dem Kammerhuſaren, hinaus zu gehen. Kenn' dieſe Art des Krankſeins gar wohl, rief die Kaiſerin un⸗ willig, als ſie wieder allein war, hab's alle Mal erlebt, daß mir der Kaunitz krank wird, wenn's eine zweifelhafte Sach' giebt und er es nit mit mir, aber auch mit dem Kaiſer Joſeph nit verderben möcht. Wie ſich, wenn's draußen Gefahr giebt, der Fuchs in ſeinen Bau zurückzieht, ſo kriecht der Kaunitz jederzeit in ſein Bett, wenn er nit weiß, ob er's mit mir oder dem Kaiſer am beſten halten ſoll. Wollt' auch, daß ich könnt' heute in mein Bett gehen, und die Augen ſchließen, und nichts ſehen und nichts hören von Dem was da draußen geſchieht! 88 — Aber nein, fuhr die Kaiſerin nach einer langen Pauſe fort, hab' nit das Recht dazu, muß ſchon tapfer auf dem Platz bleiben und mein Amt getreulich verwalten, und wenn mir der Kaunitz dabei nit helfen will, nun, ſo muß ich mir ſchon ſelber helfen. Die Sach⸗ muß heut in Ordnung kommen und jede Minute Zögerung vergrößert die Gefahr, denn der Joſeph iſt gar ſtreitſüchtig und will durchaus den Krieg! Ich will's nit leiden und ich darf's nit leiden! Oh mein Gott, zeig' mir alſo ein Mittel, wie ich's hindern kann! Die Kaiſerin begann wieder die Papiere durchzuſehen und die Berichte ihrer Geſandten an den verſchiedenen Höfen zu leſen. Wäh⸗ rend des Leſens verdüſterte ſich ihr Antlitz mehr und mehr, ſteigerte ſich die Angſt ihrer Seele. Alle dieſe Berichte brachten ihr Kunde von der Unzufriedenheit der Höfe, von dem Mißtrauen und Uebelwollen, mit welchem man überall auf Oeſterreich hinblickte. Alle dieſe Berichte ermahnten zum Frieden, zur ſchleunigen Beilegung des Streites, damit nicht eine allgemeine Erhebung der europäiſchen Mächte und eine furchtbare De⸗ müthigung des ganz allein ſtehenden und ganz verlaſſenen Oeſterreichs die Folge längeren Widerſtrebens ſei. Mein Gott, mein Gott, rief die Kaiſerin mit hervorſtürzenden Thränen der Angſt, wie kann ich's hindern? Wie kann ich's ändern? Wo iſt die Hand, die mich leiten, der Freund, der mir beiſtehen kann? Wo finde ich denn einen Vermittler, der mächtig und groß genug iſt, um den Frieden anzubahnen? Wo— Auf einmal ſtockte die Kaiſerin und ihre Thränen verſiegten. Mit haſtiger Hand ſuchte ſte unter den Papieren nach dem Bericht ihres Geſandten in Petersburg, den ſie vorher ſo verächtlich bei Seite geworfen, und als ſie ihn gefunden, begann ſie noch ein Mal zu leſen. Tiefe Stille herrſchte jetzt in dem Kabinet der Kaiſerin, nur zu⸗ weilen unterbrochen von den Seufzern Maria Thereſia's oder von dem Kniſtern des Papiers, daß ſie in ihren zitternden Händen hielt. Auf einmal ließ die Kaiſerin dieſe Hände mit dem Papier ſinken, und ihr Haupt zurückwerfend, rief ſie mit einem ſchmerzlichen Wehe⸗ laut: Das iſt der Weg der Rettung, aber er iſt ſchmerzlich zu gehen! Muß ich ihn denn wandeln? Muß ich? t, hab' en und bei nit Sach⸗ rößert rchaus hmein nd die Wäh⸗ eigerte henheit nman n zum t eine te De⸗ rreichs jenden dern! kann? genug legten. gericht ch bei m Mal Ir zu⸗ n dem . ſinken, Gehe⸗ — ehen: 89 Sie raffte ſich wieder zuſammen, und mit einer zornigen Hand⸗ bewegung die Thränen aus ihren Augen fortſchleudernd, begann ſie wieder zu leſen. Und wieder trat eine tiefe Stille ein. Dann legte Maria The⸗ reſia das Papier hin, und ihr Antlitz hatte jetzt einen finſtern, aber entſchloſſenen Ausdruck. Ich muß meinem Volk, meinem Vaterland und meinem Gewiſſen dies Opfer bringen, ſagte ſie mit lauter, feierlicher Stimme. Ich muß meinem Land und meinem Volk und mir ſelber Frieden geben, und da es kein anderes Mittel giebt, denſelben herbeizuführen und den weitern Krieg zu vermeiden, ſo werde ich mein armes Herz demüthigen und an die Kaiſerin von Rußland ſchreiben, um ihre Vermittelung in Anſpruch zu nehmen. Du allein, mein Gott da droben, du allein weißt, wie furchtbar mir dies Opfer iſt, aber du willſt, daß ich es bringe, und ich unterwerfe mich! Raſch denn an's Werk! Was man zu thun für nöthig hält, muß man ſogleich und ohne Zaudern thun! Mit haſtiger Hand griff die Kaiſerin nach einem Blatt Papier und nahm die Feder, aber ſchon indem ſtie zu ſchreiben beginnen wollte, ſtockte ihre Feder. Nein, rief ſie angſtvoll, nein, ich kann dieſe Frau nicht meine Schweſter nennen. Ich kann ihr, die ich verachte, nicht ſchön thun und ihr ſchmeicheln! Meine ganze Seele bäumt ſich dagegen auf, und mir iſt es, als nähme ich auf mein Haupt einen Theil der Schmach, mit welcher dieſe Frau ihre Kaiſerkrone befleckt hat!— Und ihre angſtoollen, von Thränen umdüſterten Blicke auf das Bild⸗ niß des Kaiſers Franz werfend, das über ihrem Schreibtiſch hing, rief Maria Thereſta in Todesangſt: oh mein Franzel, mein Geliebter! Kannſt Du Dein armes Weib verlaſſen in dieſer Noth? So hilf mir doch und ſteh mir bei, und nimm dieſen Kelch von mir!— Aber nein, nein, dies Alles iſt vergeblich, ſeufzte ſie dann, die Zeit vergeht, und während ich zaudere, rüſtet der Joſeph ſich zur Schlacht. Mu⸗ thig alſo, mein Herz, und trink den Kelch. Sie griff abermals nach der Feder und begann zu ſchreiben. Oft noch hielt ſte zögernd inne, und wenn ſie dann weiter ſchrieb, ſeufzte ſte hoch auf und es kam wie leiſes Wimmern aus ihrer wo⸗ genden Bruſt hervor. Zuweilen auch wiederholte ſie laut und mit 90 fliegendem Athem die Worte, welche ſie ſchrieb, und dictirte ihrer 6 Hand, was ſie nur zögernd zu ſchreiben wagte. Dann ſchrak ſie zu⸗ Bur ſammen vor ihrer eigenen Stimme und ſchwieg, um eiliger weiter zu ſchien ſchreiben. Und endlich war das ſchwere Werk vollbracht. Maria Thereſia ſich u ſchrieb jetzt die Schlußworte ihres Briefes an die Kaiſerin von Ruß⸗ land, und mit lauter, feierlicher Stimme wiederholte und dictirte ſie ſolle ſich dieſe letzten Worte:„Ich überlaſſe Eurer Majeſtät allein die Wahl davon der Verſöhnungsmittel, welche Ew. Majeſtät im Verein mit Frank⸗ Alsd reich für die billigſten und tauglichſten zur Herſtellung des Friedens mein halten, und ich hege die Ueberzeugung, daß ich mein Heil und meine Rußt Würde in keine beſſern Hände legen konnte. In ſolcher Hoffnung noch verbleibe ich Ew. Majeſtät treu ergebene Schweſter und Freundin zu ſg Maria Thereſia.“*) Mit einem lauten Schmerzensſchrei ließ Maria Thereſia jetzt die ſich Feder ſinken. Ihre ganze Geſtalt bebte, glühendes Roth brannte auf ihren Wangen und krampfhaftes Schluchzen kam aus ihrer Bruſt hervor. Noch einen angſtvollen, ſchaudernden Blick warf die Kaiſerin auf den eben vollendeten Brief, dann ſchlug ſie ihre beiden Hände vor ihr glühendes, zuckendes Angeſicht und weinte laut und bitterlich. Allmälig legte ſich„der Paroxysmus ihrer Verzweiflung, ver⸗ ſtummte das krampfhafte Schluchzen, das aus ihrer Bruſt hervor kam. Maria Thereſia ließ die Hände wieder von ihrem Antlitz glei⸗ ten, das jetzt todesbleich war. Es muß zu Ende geführt werden, ſagte ſie mit zuckenden Lippen, alles Zaudern iſt vom Uebel. Sie nahm den Brief, faltete ihn zuſammen und ſchrieb mit raſchen Federzügen die Adreſſe: An Ihre Majeſtät die Kaiſerin Katharina von Rußland! Dann nahm ſie die Klingel, aber dies Mal nicht die große ſtl— berne, mit welcher ſie dem Kammerhuſaren läutete, ſondern eine kleine goldene, welche ſie nur leiſe bewegte, ſo daß ſie nur einen einzigen ſchrillenden Laut vernehmen ließ. *) Adam Wolf: Oeſterreich und Maria Thereſia. S. 568. Dieſer Brief der Kaiſerin Maria⸗ V Thereſia an Katharina II. wird noch heut im kaiſerlichen Archiv zu Petersburg aufbewahrt. Coxe, der den Brief wörtlich mittheilt, erzählt, daß er ibn ſelbſt in Petersburg ger und davon Abſchrift genommen habe. Siehe Coxe History of the house of Austria. Vol. e ihrer ſie zu⸗ eiter zu hereſta rRuß⸗ tirte ſte Wahl Frank⸗ riedens meine offnung reundin jetzt die nte auf Bruſt Kaiſerin Hände tterlich. , ver⸗ hervor t glei⸗ Lippen, raſchen tharina oße ſli⸗ ie kleine einzigen rin Mar 91 Sofort öffnete ſich die kleine Tapetenthür, die in das zweite Bureauzimmer der Kaiſerin führte, und der Geheimſekretair Koch er⸗ ſchien in derſelben.. Die Kaiſerin winkte ihn mit einer haſtigen Handbewegung zu ſich und reichte ihm den Brief dar.. Ein Courier an die Kaiſerin von Rußland, ſagte ſie, ſogleich ſoll er abgehen! Siegle Er den Brief, aber nehm Er zuvor Abſchrift davon, damit wir dieſelbe dem Kaiſer, meinem Sohn, ſenden können. Alsdann ſchicke Er ihn ab! Hab' gethan, um was Er und viele meiner Diener mich ſchon lange gebeten! Hab' an die Kaiſerin von Rußland geſchrieben! Still, ſag' Er kein Wort! Mein Herz iſt noch nit ſtark genug, und meine Lippen wagen es noch nit, davon zu ſprechen! Geh' Er und thue Er, wie ich ihm geſagt! Der Geheimſekretär hatte das Kabinet noch nicht verlaſſen, als ſich da drüben die Thür öffnete und der Kammerhuſar hereintrat. Der Hofrath von Schrötter, ſagte er, iſt kaiſerlichem Befehl ge⸗ mäß ſo eben angelangt, und meldet ſich Eurer kaiſerlichen Majeſtät zur Audienz. Ein Ausdruck wilder, grauſamer Freude flog über das blaſſe Antlitz der Kaiſerin. Ach, der Mann kommt mir eben recht, ſagte ſie leiſe vor ſich hin, bin grad' in der rechten Stimmung, ihn zu empfangen, und es wird mir das Herz leicht machen, ihm die Wahr⸗ heit zu ſagen! Sie winkte mit der Hand und befahl, den Hofrath von Schrötter eintreten zu laſſen. IX. Fürſtendank. Der Hofrath von Schrötter, noch ganz entzückt über den kaiſer⸗ lichen Befehl, der ihn zu der Ehre einer Audienz beſchied, trat in das Kabinet der Kaiſerin. Sein Herz klopfte hoch in freudiger 92 Erwartung, alle ſeine Pulſe ſchlugen, und das Blut kreiſte mit haſtiger Ungeduld durch ſeine Adern. e Die Stunde der Anerkennung und der Belohnung war endlich erſchienen. Er hatte ſo lange ſie erhofft, ſo lange ihr entgegen ge⸗ ſeufßt. Sein ganzes Leben war Arbeit, Studium und Reſignation geweſen; unter dem Actenſtaub und hinter dem grünen Tiſch der Kanzlei war ſeine Jugend verblüht; jetzt war er ein Mann von mehr als vierzig Jahren, und war doch niemals ein Jüngling geweſen, und hatte niemals in ſeinem Herzen einen andern Wunſch gehegt, als den Ehrgeiz ſich einen Namen zu machen, mit Ehre und An⸗ erkennung in der Reihe der Gelehrten eine Stelle einzunehmen, und eine Autorität zu werden in der juriſtiſchen Welt. Und ſchon ſah er ſich dem Ziel ſo vieler Nachtwachen, ſo vieler unter Actenſtaub, in düſtern Archiven durchlebten Tage näher ge⸗ führt, ſchon nannten die Juriſten ſeines Vaterlands ihn einen großen Mann, ſchon begann man in Deutſchland den Namen des Mannes zu nennen, der auf eine ſo geſchickte Weiſe die Rechte Oeſterreichs auf die bairiſche Erbſchaft dargelegt. Es hatte nur noch an der An⸗ erkennung des Kaiſerhofes gefehlt, um ſeinen Namen mit dem hellen Sonnenglanz des Ruhms zu verklären, und ihm endlich den herr⸗ lichſten Lohn zu geben für ſeine treuen Dienſte, für ſo viel Arbeit, Entſagung und vernichtete Jugendblüthen eines im ſtrengen Dienſt der Bureaukratie zerriebenen Herzens. Und jetzt ſollte ihm dieſer herrliche Lohn werden, jetzt ſollte er aus den Händen ſeiner Kaiſerin den Lohn ſeiner Arbeit empfangen, von ihren Lippen das Lob ſeines Namens hören! Dieſer Gedanke war ſo überwältigend, daß der ſtarke Mann da⸗ von ſeine hohe Geſtalt zittern fühlte, und ein gewiſſes ſchlotterndes Beben ſeiner Kniee empfand, wie er es niemals zuvor gehabt, ſelbſt damals nicht, als er vor den Herren Examinatoren ſtand, und ſeine Examina machte und zum Doctor juris promovirte!— Matt und bleich, und doch unendlicher Freude voll, lehnte daher der Hofrath von Schrötter jetzt an der Thür des Kabinets der Kaiſerin, und er⸗ wartete hochklopfenden Herzens die Erlaubniß der Kaiſerin, ſich ihs zu nähern. Aber Maria Thereſta öffnete ihre ſtolzen Lippen noch imm Tiſh entge ſchrit Broſ haſtiger endlich hen ge⸗ nation ſch der nmehr eweſen, gehegt, nd An⸗ n, und vieler zer ge⸗ großen Nannes erreichs der An⸗ hellen herr⸗ Arbeit, Dienſt ſollte er ffangen, unn da⸗ tterndes ¹ ſelbſt nd ſeine att und hoftalh und er⸗ ſich ißr 93 zu dieſer Erlaubniß. Sie ſaß unbeweglich auf ihrem Lehnſtuhl und ſchoß zornvolle Blicke auf den gelehrten Herrn von Schrötter. Schwerer und immer ſchwerer zogen ſich die Wolken auf ihrer Stirn zuſammen, und endlich waren dieſe Wolken herangereift zu einem Ungewitter, das bereit war, ſich mit Donner und Blitz über dem Haupt des un⸗ glücklichen gelehrten Juriſten zu entladen. Die Kaiſerin ergriff die Broſchüre, welche neben ihr auf dem Tiſch lag, als ſei ſie ein Schwert, mit dem ſie einem verhaßten Feind entgegen treten wollte, und ſich langſam von ihrem Sitz erhebend, ſchritt ſie durch das Gemach gerade auf den Herrn von Schrötter hin. Hat Er das geſchrieben? fragte die Kaiſerin, indem ſie ihm die Broſchüre darreichte. Ja, ſagte Herr von Schrötter freudig, ich habe das geſchrieben. Leſe Er einmal laut den Titel, befahl die Kaiſerin. Herr von Schrötter las:„Ihro Kaiſerlich Königlich Apoſtoliſchen Majeſtät Gerechtſame und Maßregeln in Abſicht auf die baieriſche Erbfolge.“— Und Seine erſte Schrift, wie heißt die? Sie führte den Titel:„Unparteiiſche Gedanken über verſchiedene Fragen bei Gelegenheit der Succeſſion Maximilian Joſeph's.“ Er bekennt Sich alſo zu beiden Schriften? Ich bekenne mich freudig dazu, Ew. Majeſtät. Demzufolge iſt Er alſo der Mann, welcher die Mitſchuld trägt an dieſem unſeligen Streit, der jetzt wieder einmal Deutſchland durch⸗ rast? fragte die Kaiſerin mit flammenden Blicken. Er iſt es der Sich unterſtanden hat, Seine Feder zu einem Schwert zu machen, welches die Bande des Friedens zerhaut und das Blut tauſender bis dahin friedliebender und glücklicher Menſchen koſtet? Was hat Er, frage ich Ihn, zu ſchaffen gehabt mit dieſer Sach'? Unparteiiſch nennt Er Seine Gedanken? Und hat doch Seine Naſ' nur in meine Archive geſteckt, um da etwas hervorſuchen, was Seinem Zweck dienlich war und es iſt Ihm richtig gelungen, da einige verſtaubte Actenſtücke zu finden, aus denen Er der Welt meint beweiſen zu können, daß Oeſter⸗ reich ein Recht hat auf Baiern. Und da hat Er's austrompetet in alle Welt, und hat Wunder gemeint, was für ein Heldenſtück Er ausübt, und wie ſchön Er meine Sach' geführt hat. 94 Auch hatten Ew. Majeſtät mich ſelber durch den Herrn Fürſten von Kaunitz Ihrer Zufriedenheit verſichern laſſen, ſagte Herr von Schrötter ſchüchtern, und des Kaiſers Joſephs Wunſch war es, daß ich eine zweite Schrift in dieſer Sach' erließ. Ich dank's Ihm nimmer, daß Er den Wunſch des Kaiſers er⸗ füllt hat, rief die Kaiſerin heftig, denn Seine Tinte hat ſich in Blut verwandelt, und was Er in behaglicher Ruhe in Seiner Studirſtube ausgeheckt, das treibt jetzt meine armen Soldaten hinaus in Sturm und Kälte, es koſtet ihren Müttern und Vätern Kummer und Sorge. Was hat Er, frag' ich Ihn, Sich zu ſcheeren um all' dieſe Dinge? Was kümmert Ihn der Kurfürſt von Baiern und ſeine Erbſchaft? Hat wohl gemeint, ich würd' aus Dankbarkeit für Ihn von der baieriſchen Erbſchaft ein klein Stückel abfallen laſſen, und Seine Schriften da würden Ihm zum WMindeſten ein Landgut abwerfen? Nein, Majeſtät, das hab' ich nicht gemfint, rief Herr von Schrötter erglühend, ich bin nur der Anſicht gewiſen, daß es meine heilige Pflicht als Juriſt und als Staatsdiener wäre, den Beweis zu führen, daß Oeſterreich mit ſeiner Forderung an Baiern in ſeinem Recht ſei! Und in Seinem Hochmuth bildet Er Sich ein, daß Ihm das auch gelungen iſt? fragte die Kaiſerin hohnlächelnd. Denkt wohl, die Welt kümmert ſich um Sein Geſchreibſel, und wird Raiſon annehmen von dem Hahn, der da auf ſeinem Strohhaufen ſteht und kräht, und ſich einbildet ein Adler zu ſein und in die Sonne zu fliegen, bloß weil er eine Feder hinter'm Ohr hat? Beweiſen wollt Er der Welt, daß Oeſterreich im Recht ſei mit ſeiner Forderung? Was geht's Ihn an? Was hat Er zu ſchaffen mit Oeſterreich? Es war meine Pflicht als Schriftſteller und Publiciſt, die Sache meines Vaterlandes zu führen, rief Herr von Schrötter bebend und erglühend vor Aufregung und Zorn. Ja, ja, kenne dieſen Hochmuth der Herrn Schriftſteller, ſagte die Kaiſerin verächtlich. Bilden ſich ein, daß ſie der Rieſe Athos ſind, der das Vaterland auf ſeinen Schultern trägt, und daß Alles über den Haufen fallen muß, wenn ſie ihren Kopf fortziehen! Muß Ihm aber ſagen, daß ich nicht ſo gar viel von den aufgeblaſenen Herrn Seribenten halte, und daß mich bedünken will, die Welt wäre viel glücklicher und die Regierungen hätten ein viel bequemeres Leben, wenn denn heiten nun! Cuch aber! ſcheer Ihr daß( Er he Vater mit ſ wenn kiel d hinau gacker geleſe ander ihre⸗ daß krieg ſei u um habt wirr und der die wieſ gähr ſagt Und zt nütz ten von chrötter ich eine ers er⸗ n Blut dirſtube Sturm Sorge. Dinge? bſchaft? eriſchen ten da chrötter heilige führen, cht ſei! 5 auch Welt en von nd ſich oß weil lt, daß hn an? Sache nd und 4 ſagte Athos 5 Alls Muß laaſenen lt wärt Leben 95 wenn es gar keine Schriftſteller auf der Welt gäbe. Und müßt Ihr denn einmal durchaus ſchreiben und kommt's über Euch wie die Krank⸗ heiten, welche die Kinder durchmachen müſſen, um geſund zu werden, nun meinetwegen, ſo ſingt den Mond an und die Sonne, erfindet Euch Romane, und macht Theaterſtücke zum Amüſement der Leute, aber laßt Eure Händ' fort von dem, was Euch nichts angeht, und ſcheert Euch nicht um die Regierungen, von deren Thun und Treiben Ihr gar nichts verſteht, und die ganz und gar nichts darnach fragen, daß Eure neugierigen Augen und Eure ſuperklugen Zungen da ſind. Er hat's für Seine Pflicht gehalten, als Schriftſteller die Sach' Seines Vaterlandes zu führen? Das Vaterland wird wohl nit nöthig haben, mit ſeiner Sach' auf die Feder eines Schriftſtellers zu warten, und wenn ſeine Sach' ſchlimm iſt, wird Seine Tinte und Sein Gänſe⸗ kiel daran nichts beſſern können. Da hat Er geſchrieen in die Welt hinaus, und auf Seinem Actenbündel und Seinen Documenten ge⸗ gackert, daß Jedermann neugierig worden iſt und Sein Geſchreibſel geleſen hat. Und was iſt der Erfolg davon geweſen? Daß hundert andere Schriftſteller in andern Landen auch gemeint haben, es ſei ihre Pflicht, die Sach' in die Hand zu nehmen und Euch zu beweiſen, daß Ihr Unrecht habt, und daß ſie Recht haben. Und ein Feder⸗ krieg iſt daraus geworden, daß man vermeinen ſollt', der böſe Geiſt ſei unter die Gänſe gefahren und habe ihnen die Federn ausgerupft, um ſie Euch Schriftſtellern hinter die Ohren zu ſtecken.— Und ſo habt Ihr Schriftſteller jetzt mit Eurem Geſchreibſel die Köpfe ver⸗ wirrt, daß Niemand mehr weiß, wer Recht und wer Unrecht hat, und daß, wenn Einer aufſteht und ſchreit:„Oeſterreich hat Recht, der Herr von Schrötter hat's geſagt,“ gleich zehn Andere da ſind, die ſchreien:„Preußen hat Recht, der Herr von Herzberg hat's be⸗ wieſen!“ Aber dieſer Kampf gerade iſt nothwendig, um endlich aus den gährenden Elementen die Wahrheit ſiegreich hervorſteigen zu laſſen, ſagte Herr von Schrötter mit lauter, vor Aufregung zitternder Stimme. Und deshalb bereue ich es auch nicht, jene beiden Schriften verfaßt zu haben, und deshalb bin ich noch immer überzeugt, daß ſie ge⸗ nützt haben! So? Er iſt immer noch davon überzeugt? rief die Kaiſerin, ——— — 96 indem ſie von der kühnen Entgegnung Schrötter's auf das Aeußerſte gebracht, mit zornblitzenden und glühenden Wangen einen Schritt ihm näher trat, als wollte ſie ihn durchbohren mit ihren Blicken und ihn mit ihrer drohend erhobenen Hand zerſchmettern. Er meint immer noch, daß Seine Schriften genützt haben? Hör! Er denn, ich will Ihm ſagen, was ſie genützt haben! Sie haben dazu genützt, daß der Kaiſer, welcher ein Gelüſt' auf Baiern hatte, ſich damit ver⸗ meint rechtfertigen zu können, wenn er den Krieg um dieſe Erbſchaft anfinge; ſte haben genützt, daß alle Welt Gelegenheit gehabt hat, die Documente, auf die wir unſere Anſprüche gründen, genau kennen zu lernen und zu prüfen, um ſich zu überzeugen, daß ſich gar Mancher⸗ lei ſagen ließ gegen unſere Anſprüche. Sie haben dazu genützt, daß das Unheil des Krieges über mein Land ausgebrochen iſt, daß das Blut meines Volkes vergoſſen wird um eine zweifelhafte Sach'! Sie haben genützt, daß meine Nächte ſchlaflos und meine Tage voll Kummer ſind, und daß ich endlich jetzt in der Verzweiflung meines Herzens, um das Unglück und den Krieg abzuwenden und meinem Oeſterreich den Frieden wiederzugeben, mich ſo weit gedemüthigt hab', den Bei⸗ ſtand Rußland's anzurufen, und die ſtolze und übermüthige Czarin zu bitten, daß ſie dieſe Angelegenheit in die Hand nehme und Schieds⸗ richterin ſei in dieſem Streit, der ganz Deutſchland zerfleiſcht und in Aufruhr ſetzt. Daran iſt Er Schuld, Er mit Seiner Juriſten⸗Klug⸗ heit und Seinem ſuperklugen Schriftſtellerweſen, Er hat dies Elend und dieſen Jammer verſchuldet, und Er auch wird Schuld ſein an meinem haldigen Tode. Denn ich ſag's Ihm, dieſer unſelige Krieg hat mein Herz gebrochen, und iſt der letzte Nagel worden zu meinem Sarg*). Wenn dann mein Volk weint und klagt, und ich hoff', es wird weinen und mich bedauern, dann zähl' Er die Thränen, und freu' Sich an dem Kummer, denn Er hat das verſchuldet, Er hat mir mein Grab graben helfen, und ich werd' Ihm das gedenken, und aus der Stille meines Grabes hervor werde ich Ihn anklagen und meine zürnende Stimme ſoll Ihn verfolgen und Ihm keine Ruhe geben und keinen Frieden, denn— Majeſtät, nicht weiter, ich beſchwöre Sie, nicht weiter, rief Herr ) Der Kaiſerin eigene Wortke. ſein, wärte die d ich J und; dieſer wagt, Das laſſen Blich Verk gewi rede höre hein Wor zu u auch er r höre laut eußerſte Schritt Blicken meint denn, genützt, dit ver⸗ rbſchaft bt hat, kennen ancher⸗ zt, daß daß das „1 Sie dummer derzens, ſterreich en Bei⸗ Gzarin Schieds⸗ und in ⸗Klug⸗ 3 Elend ſein an ge Krieg meinem ch hoff, zen, und hat mir und en,„ gen und he geben rief Herr 97 von Schrötter, indem er bleich, zitternd und angſtvoll bis an die Thür zurückwich und mit weit aufgeriſſenen ſtieren Blicken die drohende, hochaufgerichtete Geſtalt betrachtete, welche mit ihren zornblitzenden Augen, mit ihrem glühenden Antlitz ihm als die zerſchmetternde Göttin der Rache erſchien. Schonen Sie mich, ächzte er matt und zuſammenbrechend, oder ich werde todt zu Ihren Füßen niederfallen. Und das meint Er wohl, würde ein rechtes Unglück für Oeſterreich ſein, ſagte die Kaiſerin verächtlich, und es würd' gar nicht mehr vor⸗ wärts gehen können, wenn der Schriftſteller Hofrath von Schrötter die Feder nicht mehr führt! Sterben wird Er nicht von dem, was ich Ihm geſagt hab', aber daran gedenken ſoll Er Sein Lebenlang, und merken ſoll Er's Sich, daß ich nit will, daß Er noch einmal in dieſer Sach', die Ihn gar nichts angeht, Seine Stimme zu erheben wagt, und daß ich Ihm ernſtlich befehl', Seine Feder ruhen zu laſſen. Das wollt' ich Ihm bloß ſagen, und dazu hab' ich Ihn herrufen laſſen! Jetzt kann Er gehen, ich habe Ihm nichts mehr zu ſagen! Aber ich habe Ew. Majeſtät noch Etwas zu ſagen, rief Herr von Schrötter, ich muß mich vertheidigen! 1 Er muß Sich vertheidigen? ſagte die Kaiſerin, indem ſte mit einem Blick glühender Verachtung die ganze Geſtalt Schrötter's überflog. Vertheidige Er Sich vor Gott, wenn Er es Lermag, ich bin nicht gewillt, Seine Vertheidigungen anzuhören! Aber Ew. Majeſtät— Still, unterbrach ihn Maria Thereſia. Wer wagt es, noch zu reden, wenn die Kaiſerin ihn entlaſſen hat? Es war an Ihm zu hören, aber nicht zu reden! Die Audienz iſt zu Ende! Geh' Er heim, und ich rath' Ihm als gute Freundin, beherzige Er meine Worte wohl! Sie nickte ihm kaum merklich mit dem Kopf einen Abſchiedsgruß zu und that einige Schritte rückwärts. Aber als Herr von Schrötter auch jetzt noch nicht ging, als er es wagte die Lippen zu öffnen, als er mit leiſer, aber feſter Stimme ſagte: Ew. Majeſtät müſſen mich hören;— da trat die Kaiſerin heftig zu dem Tiſch und ſchellte ſo laut, daß das Tönen der Glocke die Worte des Sprechenden überdeckte. Der Herr Hofrath von Schrötter iſt entlaſſen, ſagte die Kaiſerin Kaiſer Joſeph. 3. ee 7 98 zu dem eintretenden Kammerhuſaren. Man öffne ihm die Thüren, daß er hinaus gehen kann! Herr von Schrötter ſtieß einen tiefen, ſchmerzlichen Seufzer aus, und einen langen, traurigen Blick auf die Kaiſerin werfend, verneigte er ſich tief und trat dann ſchwankenden Schrittes und todesbleich in den Vorſaal zurück. Maria Thereſia ſchaute ihm nach, bis die Thür ſich hinter ſeiner hohen, gebeugten Geſtalt geſchloſſen hatte, dann ſagte ſie aufathmend: Ah, das hat mir wohl gethan, und ich fühle mich leicht und frei, wie ich's ſeit langer Zeit nit geweſen bin. Und jetzt, da ich mir die Laſt des Zorns von meiner Seel' herunter gewälzt hab', jetzt werd' ich auch wieder inbrünſtigen und demüthigen Herzens zu meinem Herrgott beten und ihn in Demuth und Unterwürfigkeit anflehen können, daß er mir ſeinen Segen geb', daß das wohl gedeih', was ich heute unternommen hab'. Ja, beten will ich, und ſogleich! Eine Meſſ' will ich hören, meine ganze Seele ſehnt ſich darnach! Sie ſchellte die Diener herbei, und befahl ihren Hofſtaat zu⸗ ſammenzurufen, und den Hauscaplan zu benachrichtigen, daß die Kaiſerin ſofort eine Meſſe zu celebriren wünſche. Eine Viertelſtunde ſpäter begab ſich Maria Thereſia, gefolgt von ihren Damen, in den neben ihrem Wohnzimmer belegenen kleinen Vorſaal. Nichts war in demſelben enthalten als einige Betpulte, und über dem großen Marienbilde da drüben brannte eine nie ver⸗ löſchende Lampe. Maria Thereſia ging feierlichen Schrittes zu dem erſten der Betpulte hin und ließ ſich langſam auf demſelben nieder⸗ gleiten. Die Hofdamen knieten vor den andern Schemeln und hinter ihnen die minder hochgeſtellten Dienerinnen. Eine tiefe Stille trat ein, man hörte nichts als die leiſe gemurmelten Gebete der Kaiſerin und ihrer Frauen. Auf einmal ließ ſich ein Ton vernehmen gleich dem Ton des Glöckleins in der heiligen Meſſe, ein ſchrillendes Ge⸗ räuſch folgte, wie von unſichtbaren Geiſterhänden fortgeſchoben öffnete ſich auf einmal der mittlere leer gelaſſene Raum des kleinen Saals und verſchwand ſeitwärts unter dem getäfelten Fußboden, auf dem die Kaiſerin mit ihren Damen knieete. Durch den weiten nun geöffneten Raum befand man ſich plötzlich jetzt auf dem hohen Chor der neuen kaiſerlichen Hauscapelle. Drunten vor dem Altar ſtand der Prieſter, Thüren, zer aus, verneigte bleich in ter ſeiner athmend: und frei, mir die zt werd meinem anflehen ih', was hl Eine taat zu⸗ daß die olgt von kleinen Betpulte, nie bel⸗ zu dem nieder⸗ nd hintet ftille trat Kaiſerin en glch ndes Ge⸗ en offnele n Saals fdem die effneten er neuen Ptieſter A 99 hinter ihm die Chorknaben mit den Weihkeſſeln: leiſe ziehende, immer höher anſchwellende Orgelklänge ließen ſich vernehmen, und aus den Weihkeſſeln ſtiegen blaue Wolken auf und kräuſelten ſich empor bis zu den Füßen der Kaiſerin, die ganz Andacht und Frömmigkeit dem heiligen Dienſt ihr Herz und ihren Sinn zugewandt hatte. Während die Kaiſerin alſo betete und ihrer Frömmigkeit Genüge that, kehrte Herr von Schrötter in ſeine Wohnung zurück, die er vor⸗ her mit ſo jauchzendem Herzen, ſo ſeligen Hoffnungen verlaſſen hatte. Nicht Einen Blick hatte er gehabt für ſeine alte treue Haushälterin, die ihm die Thür ſeines Hauſes geöffnet hatte, und die er ſonſt immer mit einem freundlichen Wort zu begrüßen pflegte, mit einer zornigen Handbewegung hatte er den Diener zurückgewieſen, der ihm, da es die Stunde ſeines gewöhnlichen Mittagsmahls war, die Thür zu dem kleinen Eßſalon geöffnet hatte; ohne ein Wort zu ſagen war er an der geöffneten Thür vorüber die Treppe hinauf gegangen, langſam, ſchwankenden Schrittes, ſich mühſam an dem Geländer haltend, als fürchte er rückwärts zu fallen, als ſei ihm der Weg zu ſchwer, um ihn ohne Stütze zu gehen. Drunten am Fuß der Treppe ſtanden die alte Haushälterin und der langjährige Diener des Hofraths, und ſchauten ſtarr vor Ver⸗ wunderung ihrem Herrn nach, den ſie niemals noch ſo bleich, ſo ſtumm, ſo ſchwach geſehen, und der ihnen jetzt nur wie der grauſige Schatten dieſes hohen, ſtolzen, thatkräftigen Mannes erſchien, der vor kaum einer Stunde da dieſelbe Treppe ſo raſchen, mächtigen Schrittes hinabgekommen war. Auf einmal ſchreckten ſie Beide zuſammen und horchten. Es war ihnen geweſen, als ob ſie da aus dem Studirzimmer ihres Herrn ein Gelächter gehört hätten, aber ein ſo lautes, wildes, fürchterliches Gelächter, wie nur ein Wahnſinniger es ausſtoßen kann. Dann wieder ward Alles ſtill; die alte Haushälterin und der Diener von ſeltſamen Schauern ergriffen, ſtanden immer noch und lauſchten. Jetzt ließ ſich ein lautes Geräuſch vernehmen, es war, als ob man mit Un⸗ geſtüm die Meubles hin⸗ und herrückte, dann klang es ſchwer und dumpf, als ob ein ſchwerer Gegenſtand zur Erde fiel. Das iſt unſer Herr! Es iſt ihm ein Unglück geſchehen! riefen 7* ———— — 100 Beide zugleich und ſie eilten die Treppe hinauf und ſtürzten in das Studirzimmer ihres geliebten Herrn. Da, mitten in dem Zimmer, umgeben von Büchern und Acten, den einzigen treuen Gefährten und Freunden ſeines arbeitsvollen, ſtudienreichen Lebens, da lag Herr von Schrötter am Boden, bleich, keuchend wie ein Sterbender, überfluthet von ſeinem eigenen dampfen⸗ den Blut, das in hellen Strömen aus ſeinem Munde floß. Er hat einen Blutſturz gehabt, jammerte die alte Haushälterin. Hülfe, ſchnell, ſchnell Hülfe! Der Diener ſtürzte von dannen, um den Arzt zu rufen; aufgelöſt in Thränen kniete die alte Haushälterin am Boden neben ihrem geliebten Herrn. Er ſtarrte ſie an mit halberloſchenen Augen, und um ſeine Lippen zuckte ein ſeltſames, geiſterhaftes Lächeln. Das iſt Fürſtendank! murmelte er ſo leiſe, daß ſeine Worte wie Seufzer verhallten. So lohnen es die Fürſten, wenn die Schrift⸗ ſteller ſich erinnern, daß ſie ein Vaterland haben! Was ſagen Sie? fragte die alte Frau, die ſich vergeblich bemüht hatte, ſeine Worte zu verſtehen. Oh mein theurer, geliebter Herr! Sehen Sie mich nicht ſo ſtarr an! Was iſt es, das Sie beunruhigt? Er machte eine Bewegung, als wollte er ſich aufrichten, und hob den Kopf raſch empor. Das iſt die Dankbarkeit Oeſterreich's! ſagte er mit lauter, ſchallender Stimme, das iſt— Sein Kopf ſank kraftlos zurück und auf ſeinen Lippen zeigten ſich wieder dieſe purpurrothen Tropfen, mit denen das Leben und der Geiſt aus dem gebrochenen Körper des ſchwer gedemüthigten Mannes zu entfliehen trachtete. In dieſem Moment trat der Arzt herein, gefolgt von dem athem⸗ los keuchenden Diener. Leiſe hob man den Kranken empor und trug ihn auf ſein Lager. Der Doctor neigte ſich zu ihm nieder und prüfte ſeinen Puls, und ein tiefer Schatten flog über ſein Antlitz. En winkte die Haus⸗ hälterin und den Diener in eine Fenſterniſche. Es iſt keine Hülfe mehr, ſagte er leiſe. Irgend eine furchtbare Nervenerſchütterung, eine ungeheure Aufregung hat ihn überwältigt, und dieſer Zuſtand iſt die Folge davon. Es iſt ein Blutſturz, von min das d Acten, tsvollen, bleich, dampfen⸗ hälterin. aufgelöſt n ihrem e Lippen orte wit Schrift⸗ bemüht er Herr! aruhigt! und hob 6 ſagte n zeigten und der Mannes n athem⸗ und trug en Puls, tt Haus⸗ urchtbart rw altigt, urz/ von 1 I‿☚☚— 191 dem er ſich nicht wieder erholen wird. Er hat nur noch einige Stunden zu leben! Maria Thereſia, die fromme Kaiſerin, lag noch auf ihren Knieen und betete die frommen, chriſtlichen Gebete voll Liebe und Demuth, und Friede, Ruhe und Ergebung war in ihrem Herzen und leuchtete von ihrem Angeſicht. Die Meſſe war noch nicht beendigt, und kein Gedanke der edlen frommen Kaiſerin richtete ſich reuevoll auf das arme Opfer ihres kaiſerlichen Zorns, auf den beklagenswerthen Mann, der, während Maria Thereſia betete, ſeinen letzten Todesſeufzer aus⸗ hauchte*). X. Friedrich der Groſſe. König Friedrich verweilte immer noch in ſeinem Lager zu Wild⸗ ſchütz, und vergeblich hoffte ſeine Armee von Tag zu Tag, daß endlich dieſer Zuſtand des Harrens und der Unthätigkeit aufhören werde, daß endlich der König ſich an die Spitze ſeiner Armee ſtellen, und das erſehnte Wort:„Vorwärts, dem Feind entgegen“ ausſprechen werde. Sehnſuchtsvoll richteten ſich an jedem Morgen die Blicke der Soldaten auf dieſes kleine graue Häuschen da drüben zu Ende des Dörfchens, in welchem der König ſein Quartier genommen, immer hoffend, den König wieder zu ſehen, nicht gebeugt, zitternd auf ſeinen Stab geſtützt, wie er ihnen immer in dieſem Krieg erſchienen war, ſondern hochaufgerichtet, mit flammenden Blicken, mit kühnem Schritt, wie er vor ihnen hergeeilt war zu den Zeiten des ſiebenjährigen Krieges. Aber dieſe Hoffnung war immer vergeblich geweſen; in thaten⸗ *) Dieſe ganze Scene iſt hiſtoriſch. Siehe Hormayr: Oeſterreichiſcher Plutarch, Bd. 6. 9 102 loſer Ruhe mußten die Soldaten in ihrem Lager verweilen, und in dieſem Lager herrſchte Mangel an Allem, was nicht bloß zur Be⸗ quemlichkeit ſondern zur Nothdurft des Lebens gehörte. Es fehlte an Nahrungsmitteln für die Menſchen, an Fourage für die Pferde, welche ihre Reiter nicht mehr zu tragen vermochten, ſondern von ihnen mühſam fortgeführt werden mußten*). Krankheiten und Seuchen aller Art wütheten unter den Soldaten und machten die tapferſten Krieger traurig, ſtech und ſchwach wie Greiſe. Längſt ſchon verſtummt war der fröhliche Geſang und das heitere Lachen, mißmuthig ſchlichen die Soldaten ihren täglichen Lager⸗ beſchäftigungen nach, finſter und mit heimlichen Flüchen erduldeten ſie die Qual der Entbehrungen, des Hungers und der Krankheiten, und verſtohlen richteten ſich oft ihre Blicke hinüber nach dem jenſeitigen Ufer der Elbe, wo die Oeſterreichiſchen Armeen lagerten. Da drüben herrſchte Frohſinn und Heiterkeit, oft trug der Wind die Klänge der fröhlichen Lieder, mit denen die öſterreichiſchen Soldaten ſich beluſtigten, hinüber zu den Preußen, und wenn ſie zur Mittagszeit die hohen Rauchſäulen aus dem Lager der Oeſterreicher aufwirbeln ſahen, da ward den Preußen gar ſehnſuchtsvoll und ſchmerzlich zu Sinn, und gar verbrecheriſche Gedanken von Deſertion und Flucht regten ſich in ihren zermarterten und geängſtigten Seelen. Und nicht Alle vermochten dieſen verlockenden ſchlimmen Gedanken zu widerſtehen, das fröhliche Lied, die wirbelnden Rauchſäulen, welche ſte den langentbehrten Genuß warmer, kräftiger Fleiſchſpeiſen ahnen ließen, die Verzweiflung ihrer troſtloſen Lage, die Hoffnung, ſich den Krankheiten zu entziehen, die im preußiſchen Lager wütheten, das Alles war es, was die armen Preußen verführte! Um mehr ſchon als achttauſend Mann, die theils zu den Oeſterreichern deſertirt, theils den Krankheiten erlegen waren, hatte ſich das preußiſche Heer ſeit dem Beginn dieſes Feldzugs verringert, und doch war noch keine einzige Schlacht geſchlagen, doch hatte der Krieg ſich immer nur auf Schar⸗ mützel, kleine Vorpoſtengefechte und gegenſeitige Neckereien beſchränkt. Wie oft hatten die preußiſchen Soldaten, zitternd vor Kampf⸗ begier, den Oeſterreichern ſo nahe geſtanden, daß der Marſch eines )) Dohm’s Deukwürdigkeiten. Th. I. S. 157. halb ſein, endli gewe abzu nahe Fein ſtatt preu das Das Hun denr ſo Feld von hin Kör ziel hat wo ge G un be 103 und in halben Tages genügt haben würde, um ihnen gerade gegenüber zu zur Be⸗ ſein, und wie freudig wären ſie bereit geweſen, mit den Oeſterreichern is fehlte endlich den entſcheidenden Kampf zu wagen, und wär's auch nur Pferde,„ geweſen, um ihnen ihr gut eingerichtetes Lager und ihre Eßwaaren ern von abzugewinnen! Seuchen Aber immer wieder, wenn ſie der Entſcheidung glaubten ganz apferſten nahe zu ſein, hatte der König, als ſähe er den herausfordernden Feind da drüben nicht, es vermieden den Kampf zu beginnen, und ſtatt des Kampfes war den Soldaten nur das Fouragiren erlaubt. Indeß auch dies war ſchon eine Erlaubniß, von welcher die preußiſchen Soldaten wenig Vortheil mehr zu ziehen vermochten, und das wenig dazu geeignet war, ihren Hunger und ihre Noth zu lindern. Das arme Böhmen war ausgeplündert und leer, es bot den Hungernden keine Hülfsmittel, den Kranken keine Pflege mehr dar; s heitere Lager⸗ duldeten akheiten, nſeitigen weite denn die Böhmen, voll Haß und Ingrimm gegen den Feind, der mit uſtigten, ſo ſchonungsloſer Grauſamkeit ihnen ihr Eigenthum nahm und ihre lhohen Felder verwüſtete, die Böhmen waren zu ganzen Schaaren aus dem hen. 88 vom Feinde beſetzten Theil Böhmens ausgewandert, und hatten ſich f. id hinüber gerettet zu den Oeſterreichern. Und dennoch beſtand der ke ſih König darauf, daß ſein Heer noch ferner ſeinen Unterhalt aus Böhmen ziehen müſſe, und alle Vorſtellungen, alle Bitten ſeiner Genchale danken hatten bei ihm nur ein übelgelauntes, mürriſches Nein! zur Ant⸗ daß wort gehabt. wellh Dieſes fortgeſetzte Nein! hatte endlich das Heer zur Verzweiflung ahnm getrieben, und ſeit einigen Tagen herrſchte unter den Soldaten eine 4 ſich den Gährung und Aufgeregtheit, welche die Officiere zu ängſtigen begann, in, das und die ſie weder durch Drohungen, noch durch gute Worte mehr zu 1 ſchon beſchwichtigen vermochten. theils Wir wollen dem König unſere Noth klagen! Wir wollen mit ſeit dem dem König ſelber ſprechen, und er muß uns hören wenn er noch der einzige alte Fritz iſt! riefen die Soldaten wild durcheinander, und mit dieſem Schal⸗ Ruf wälzte ſich ein Haufen Artilleriſten dem Quartier des Königs zu. hrinkt In Reih und Glied ſtellten ſie ſich vor demſelben auf, die Kampſ⸗ blitzenden, herausfordernden Augen unverwandt auf die Fenſter ge⸗ jeines 8 richtet, hinter denen der König verweilte. Wir wollen unſern König ſprechen! Hurrah! Es lebe unſer 8 104 König! brüllten die Soldaten. Wo iſt unſer alter Fritz! Will der alte Fritz die Klagen und Bitten ſeiner armen Soldaten nicht mehr hören? Ich will ſte hören! ſagte eine ſanfte Stimme, die indeß doch das Geſchrei der Soldaten übertönte, und in dem geöffneten Fenſter er⸗ ſchien der König in ſeiner wohlbekannten Uniform, mit dem Hut auf dem Kopf. Die Soldaten empfingen ihn mit lautem, dreimaligen Hurrahruf, und aller Noth, alles Unheils vergeſſend, ſtrahlten ihre Augen vor heller Liebesluſt, erglänzte das Roth der Freude auf ihren einge⸗ fallenen Wangen. Was wollt Ihr? fragte der König, als der Jubel verſtummt war. Zuerſt wollten wir unſern König ſehen, ſagte einer der Soldaten, indem er vortrat, und im Namen ſeiner Kameraden das Wort ergriff. Ja, wir wollten endlich einmal den alten Fritz wieder ſehen, denn wir konnten's ſchier gar nicht mehr glauben, daß unſer großer König noch bei uns ſei in dieſem jammervollen Lager, und uns ohne Er⸗ barmen hier ſo umkommen und hungern ſähe! Ihr ſeht jetzt, daß ich da bin, ſagte Friedrich mit einem ſanften Lächeln, und Ihr ſeht, daß ich auch nicht viel beſſer dran bin, als Ihu Oder meint Ihr, daß dies hier ein paſſendes Schloß iſt für Euren König? 1 Eine elende Hundehütte iſt's, rief der Soldat, und alle ſeine Gefährten riefen es empört ihm nach, eine elende Hundehütte iſt's“ Seid Ihr bloß gekommen um mir das zu ſagen! fragte der König, als wieder Stille eingetreten war.„ Nein, Herr König, zuerſt wollten wir Euch ſehen, und dann— Nun, und dann? Dann wollten wir Euch bitten, unſerer Noth ein Ende zu machen. Kann unſer König uns nicht ſatt machen, ſo muß er wenigſtens unſere Pferde ſättigen. Der Menſch kann wohl ſchon eine Zeiklang Hunger und Durſt vertragen, und als ein rechtſchaffener Soldat ausharren trotz Entbehrung und Noth, aber das arme Vieh hat kein Ehrgefühl und kennt keine Pflichten, und wenn's eben hungert, ſo wirdes krank, und kann ſich nicht zuſammen nehmen und ſich nicht auf die Zukunft vertröſten. Es kann bloß hungern oder ſterben. Und wenn unſere Pferd recht ſich n darum uns d und mit C geſchl getret rollte zill der t mehr ſch das ter er⸗ ut auf rahruf, en vor einge⸗ it war. ldaten, ergriff. denn König n Er⸗ ſanften , als ſt für ſeine itt König, nn nachen⸗ unſere zunger harren krank⸗ ukunft unſere 105 Pferde noch lange hungern ſollen, ſo ſterben ſie, und es iſt ein Un⸗ recht vor Gott und den Menſchen, wenn man das arme Vieh, das ſich nicht ſelber helfen kann, hungern läßt, und darum, Herr König, darum ſind wir hergekommen, und flehen Euch an. Fourage! Gebt uns Fourage für unſere Pferde! Das ganze Corps brüllte und ſchrie es nach: Fourage! Gebt uns Fourage für unſere Pferde! Und immer wilder, immer fanatiſcher ward dieſer Ruf, denn mit Entſetzen hatten die Soldaten geſehen, daß der König ſein Fenſter geſchloſſen hatte, und in den Hintergrund ſeines Zimmers zurück⸗ getreten war. Die Verzweiflung gab ihnen Rieſenkräfte, wie Donner rollte ihr Ruf: Fourage! Gebt uns Fourage für unſere Pferde! Auf einmal rief eine machtvolle gebieteriſche Stimme: Still Ihr Alle! Still ſage ich! Sie kannten Alle dieſe Stimme gar wohl, dieſe Stimme, welche ſte ſo oft zu Siegen und Schlachten geführt, und vor der ſie auch jetzt mit erzitterndem Herzen verſtummten. Da dicht vor ihnen, auf der kleinen, aus elenden Feldſteinen aufgeführten Treppe, die zur Thür des Hauſes führte, ſtand der König, und hinter ihm drängten ſich ſeine Generäle und Adjutanten in buntem Gemiſch durch einander, und von allen Seiten drängten ſich die Stabs⸗ officiere herbei, und ſtellten ſich zu beiden Seiten des Königs neben der Steintreppe auf. Sire, ſagte einer der Generale leiſe zu dem König, ſollen wir die Empörer mit Gewalt forttreiben? Ein zorniger Blick des Königs traf den Fragenden wie ein zer⸗ ſchmetternder Blitz. Und warum ſollten wir das? fragte er ſcharf. Warum wollten wir meinen armen Soldaten das Recht nehmen mir ihre Klagen mitzutheilen, da das Ohr meiner Generäle taub und verſtopft dagegen zu ſein ſcheint? Sprecht, meine Kinder, ſprecht, was wünſcht Ihr von mir? 3 Futter für unſere Pferde, Herr König, denn unſere Pferde fallen um, wie die Fliegen! Der König wandte ſich wieder ſeinen Generälen zu. Seht, ſagte er, ſie zornig anblickend, dieſe braven Leute fordern nichts für ſich, 106 ſie verlangen nur, daß man für ihre Pferde ſorgt. Sie haben Recht! Weshalb ſorgen meine Herrn Generäle nicht dafür, daß Ordnung herrſcht, und daß meine Soldaten gehörig verproviantirt ſind. Warum läßt man nicht beſſer fouragiren? Sire, wagte einer der Generäle zu ſagen, alles Fouragiren in dieſer Gegend iſt unnütz. Wir haben auf Befehl Eurer Majeſtät fouragirt, ſo lange es noch ein Heubündel, eine gefüllte Scheune, oder Rauchkammer und Küche gab. Jetzt gleicht die ganze Gegend rings umher einer öden Wüſte. Der König ſchaute den kühnen Sprecher mit zornblitzenden Augen an. Leere Ausflüchte, rief er rauh und mit jener Verſtimmung, welche ihn ſeit Beginn dieſes Feldzugs niemals verlaſſen hatte. Ihr ſeid es, die meinen Soldaten die Fourage entzieht, und während Eure Pferde im Ueberfluß ſchwelgen, müſſen die Pferde meiner armen Sol⸗ daten verhungern. Aber Ew. Majeſtät— Kein aber! Ich weiß, daß es ſo iſt, und ich befehle daher, daß die Herrn Generäle, Adjutanten und Stabsofficiere meiner Suite ſofort alle die Fourage, die ſich bei ihnen findet, hierher vor die Thür meines Quartiers ſchaffen laſſen. Die Soldaten der reitenden Artillerie da ſollen ſo lange hier ſtehen bleiben und warten, bis die Fourage kommt, damit ſie davon ausgetheilt bekommen.*) Seid Ihr's zufrieden, Kinder? Ja, Herr König, wir ſind's zufrieden! riefen die Soldaten wild durcheinander, jubelnd, lachend und fröhlichen Muthes, wie man ſtie lange nicht geſehen. Aber mit düſtern Geſichtern, mit finſtern Mienen ſtanden die Generäle da, tief ergriffen von dem unerwarteten und demüthigenden Befehl, den der König erlaſſen. Friedrich indeſſen ſchien die Verſtimmung ſeiner Generäle gar nicht zu gewahren. Er ſtand, auf ſeinen Krückſtock gelehnt, den Hut tief in die Augen gedrückt, und ſchaute zur Erde nieder. Nur zu⸗ weilen, wenn ein Soldat, mit einem Heubündel beladen, daher kam, und ihn vor der Thür ablud, warf der König einen raſchen Blick darauf hin und ſenkte ihn dann ſchnell wieder nieder. *) Dohm’s Denkwürdigkeiten. Th. I, S. 158. ( waren Geſicht nigen unter? Suite C das C tieren iſt. 2 undm bekom tanten das N ihre ragire Alle Suite was nicht da, 1 der( voll; ihnen Befel ſichten ſorge aufd der en Recht! Ordnung Warum giren in Majeſtät ne, oder nd rings en Augen z, welche Ihr ſeid nd Eure een Sol⸗ her, daß er Suite vor die reitenden bis die eid Ihr' ten wild man ſie den die higenden eräle gat den Hut Nur zu⸗ her kam, en Blch 107 Die Artilleriſten, welche erſt laut gejubelt und gelacht hatten, waren allmälig ſtill geworden und blickten mit angſtvollen, fragenden Geſichtern bald auf den König und ſeine Generäle, bald auf die we⸗ nigen Bündel Heu, welche von den dazu commandirten Soldaten, unter Anführung eines Officiers, aus den Quartieren der königlichen Suite herbeigeſchafft wurden. Endlich näherte ſich der Officier dem König und meldete, daß das Geſchäft zu Ende ſei und daß ſich nirgends mehr in den Quar⸗ tieren ein Bündel Heu auffinden laſſe. Der König ſchaute empor und ließ einen faſt traurigen Blick auf die kleinen Hügel von Heubündeln hinüber gleiten. Das iſt Alles, was Ihr gefunden habt? fragte er. Alles, Sire! Nun, rief er den Artilleriſten zu, theilt Euch in das, was da iſt. Wenn die Herren meiner Suite eigennütziger geweſen wären und mehr für ihre Pferde zurückbehalten hätten, würdet Ihr jetzt mehr bekommen haben. Aber Ihr ſeht, meine Herrn Generäle und Adju⸗ tanten ſind brave und tapfere Krieger, wie Ihr. Hatten auch nur das Nothdürftigſte, und da Ihr ihnen auch dies noch nehmt, werden ihre Pferde hungern, wie die Euren, wenn Ihr nicht tüchtig zu fou⸗ ragiren verſteht. Habe Euch nur den Beweis geben wollen, daß wir Alle nicht beſſer daran ſind wie Ihr, und daß die Herren meiner Suite nicht im Ueberfluß ſchwelgen, wenn Ihr darbt. Jetzt nehmt, was da iſt, und verlangt nicht von mir, daß ich Euch gebe, was ich nicht habe. Die Artilleriſten ſtanden noch immer ſtill und ohne ſich zu rühren da, faſt beſchämt nach dem Heu hinüberſchielend. Aber die Geſichter der Generäle und Adjutanten hatten ſich aufgeklärt, und mit Blicken voll Bewunderung und Liebe ſchauten ſie auf den König hin, der ihnen eine ſo glänzende Ehrenerklärung gegeben, und deſſen ſeltſamen Befehl ſie erſt jetzt verſtanden. Der König indeſſen ſchien jetzt ebenſowenig ihre erheiterten Ge⸗ ſichter zu bemerken, als vorher ihre düſtern. Er ſchaute mit ernſten, ſorgenvollen Mienen nach den Soldaten, die ſich jetzt mit wilder Begierde auf das Heu geſtürzt hatten, und einander in wahrer Angſt den Beſitz der einzelnen Bündel ſtreitig machten. Er ſah, wie Wenige nur — — — 108 glücklich und triumphirend, mit einem Bündel Heu beladen, von dannen zogen, wie Viele aber leer, mit unverhohlenem Mißmuth ſich ab⸗ wandten und ihren Zelten zuſchlichen.*) Auch der König wandte ſich ab, ſtumm und ohne Gruß ging er an den Generälen vorüber in das Haus und kehrte in ſein Zimmer zurück. Jetzt, als er ſich allein und unbeobachtet fühlte, wich die ſtrenge Ruhe aus dem Antlitz des Königs. Mit einer verzweiflungsvollen Geberde warf er ſeinen Hut von ſich, und ließ ſich auf den ledernen Lehnſtuhl, das einzige Meuble, das ſich außer einem Tiſch und einem Bett in dieſem düſtern, kleinen Gemach befand, niedergleiten. Es geht nicht mehr ſo, murmelte der König vor ſich hin, wir müſſen Ernſt machen im Guten oder im Böſen! Wir müſſen vor⸗ wärts oder rückwärts gehen! Dieſer Krieg iſt nichts als eine Miſsre, nichts als das Werk eines erſchöpften Greiſes, der keine Kraft und keinen Schwung mehr beſitzt. Wie oft, ach wie oft habe ich nicht in dieſem Feldzug Boileau's Verſe wiederholt: „Malheureux, laisse en paix ton cheval vieillissant De peur, que tout à coup essoufflé, sans haleine Il ne laisse en tombant son mattre sur l'arène.“*) Warum habe ich dieſen Krieg begonnen? Warum bin ich nicht in meinem Land geblieben, nur beſchäftigt, mein Volk glücklich zu machen und ſeinen Wohlſtand zu ſichern! Der König ſchwieg, und ſchwer aufſeufzend ſenkte er ſein Haupt tiefer auf ſeine Bruſt. So ſaß er eine lange Zeit, ganz hingegeben ſeinen ſorgenvollen Betrachtungen. Aber auf einmal richtete er ſein Haupt empor und aus ſeinen großen Augen blitzte jetzt wieder das kühne Feuer ſeines Heldengeiſtes. Warum ich dieſen Krieg unternommen habe? fragte er mit lauter, voller Stimme. Ich habe ihn unternommen für deutſche Ehre und deutſches Recht! Wie ſchwer die Laſt des Krieges meinem Alter auch *) Dohm'’s Denkwürdigkeiten. Th. I, S. 158. **) Des Königs eigene Worte. Siehe: Supplément aux Oeuvres posthumes. Vol. III, pag. 49. ſein! den d kann. dern einer ungen als d auch Sieg muß ihnen oder Köni⸗ Held wegu beſal müſſ ein edle blitz ſich und ſein 109 on dannen ſein mag, ich will ſie mit Heiterkeit ertragen, wenn ich nur dadurch ſich ab⸗ den Frieden und die Ruhe Deutſchlands für die Zukunft conſolidiren kann. Ich habe dieſen Feldzug nicht begonnen aus Uebermuth, ſon⸗ ging er dern ich habe ihn begonnen, weil ich den tyranniſchen Principien Zimmer einer habgierigen Regierung einen Damm entgegenſetzen, und einen. ungemäßigten Ehrgeiz zurückdrängen mußte, der keine Grenzen kennt, die ſtrenge als die, welche eine hinlänglich ſtarke, feindliche Macht ihm anweiſt.*) ngsvollen Deshalb bin ich in den Kampf gezogen, und deshalb will ich ledernen auch ausharren, bis ich der Gerechtigkeit und der deutſchen Ehre zum und einem Siege verholfen habe. Aber dieſes Zaudern und dieſe Unthätigkeit 1. muß jetzt ein Ende haben, es demoraliſirt meine Soldaten und nimmt hin, wir ihnen das Vertrauen auf ihre eigene Kraft. Entweder Vorwärts, iſſen vor⸗ oder Rückwärts! Vorwärts alſo!. e Miſere, Gleichſam, als habe dies Wort ihn ſelber electriſirt, ſprang der Kraft und König raſch von ſeinem Lehnſtuhl empor, und das kühne Feuer ſeiner nicht in Heldenzeit blitzte wieder in ſeinen Augen auf. Vorwärts alſo! rief er noch einmal, und mit einer haſtigen Be⸗ wegung griff er nach der Handklingel und ſchellte. 1 Sogleich die Herrn Generäle und Stabsofficiere hierher beſchieden, 0 befahl er dem eintretenden Kammerdiener. In einer Viertelſtunde 4 —— 1 müſſen die Herren hier ſein! ich nicht ¹ Alsdann ging er, die Hände auf dem Rücken gefaltet, das Haupt lücklich zu 4 ein wenig in den Nacken zurückgelehnt, langſam auf und ab. Eine 3 edle Begeiſterung leuchtete von ſeinem Angeſicht, ein kühnes Feuer blitzte aus ſeinen Augen, der Greis von achtundſechszig Jahren hatte ſich wieder in den Helden ſo vieler ſiegreichen Schlachten verwandelt, und die unverwelkten Lorbeeren früherer Tage glänzten wieder auf ſeiner hohen Stirn. Mit dieſem Geſicht und dieſen Feueraugen der Vergangenheit begrüßte der König ſeine Generäle, die genau zu der b — ein Haupt ingegehen ete er ſein vieder das befohlenen Zeit eintraten, und erwartungsvoll und ſchweigend ſich in dem kleinen, niedern Gemach aufſtellten. Der König ging auf und nieder und wartete, bis ſie Alle ver⸗ mit laute, Ehre und Alier auo *) Des Königs eigene Worte. Oeuvres posthumes. Vol. 12, pag. 36. Vol⸗ III, es. 110 ſammelt waren, dann blieb er mitten in dem Gemach ſtehen, und ein finde Blitz ſeiner Augen fuhr an den Geſtalten ſeiner Generäle hin. he Meſſteurs, ſagte der König laut, wir brechen morgen von hier auf. Prol Die Generäle empfingen dieſe Nachricht in ehrfurchtsvollem träge Schweigen. elle Wir gehen morgen über die Elbe und dem Feind entgegen! ſagte der König mit lauterer Stimme. Bei dieſem Wort ſtrahlten alle Geſtchter auf, wie von einem Sonnenſtrahl getroffen, und wie aus einem Munde riefen Alle: Es lebe unſer König! Er lebe hoch! Der König bemühte ſich ein ſtrenges Geſicht zu machen. Still, Ihr alten Knaben, ſagte er, was ſollen denn die jungen Burſchen da draußen thun, wenn Ihr ſchon ſolch' Geſchrei macht! Seid Ihr alſo freudig, und meint, es müſſe gelingen, den Uebergang über die Elbe zu machen? Red' Er zuerſt, General⸗Major von Keller, Er hat Sich in der Affaire des Arrieregardegefechtes das Recht erworben, überall mitzuſprechen. Was meint Er, werden wir die Elbe paſſiren können? Suit Wir werden es, Ew. Majeſtät. Ich habe geſtern bei einer Re⸗ Sat cognoscirung einen Punkt entdeckt, wo wir hinüber können, ohne von den den Kugeln des Feindes allzuſehr moleſtirt zu werden. Geſt Gut! Jetzt Ihr andern Herrn! Sagt mir Cure Meinung! Der König hörte mit Aufmerkſamkeit den Urtheilen ſeiner Gene⸗ ihn räle zu, und ſein Antlitz ward immer heiterer und freudiger. jetzt Ich ſehe, daß wir Alle übereinſtimmen, ſagte er dann, und daß ſein wir Alle entſchloſſen ſind, den Angriff endlich zu wagen. Vorwärts alſo! Mögen ſich meine Soldaten morgen ihre Fourage im Lager ſein der Oeſterreicher ſuchen. Jetzt, Meſſieurs, nehmen Sie Ihre Schreib⸗ einn tafeln, ich will Ihnen die Ordres du jour für morgen ertheilen. Pfe Und mit dem alten gewohnten Feuer, dem ſcharfen klaren Geiſt Ga ſeiner großen Tage dictirte Friedrich ſeinen Generälen ſeine Ordres, wies er Jedem ſeine Stelle an in der Schlacht, zu welcher er morgen lich die Oeſterreicher zu zwingen beabſichtigte. geb Jetzt zu Pferde, meine Herren, zu Pferde, ſagte er dann. Ich imn habe Ihnen, als wir Berlin verließen, verſprochen, an den Tagen der Schlacht an Ihrer Spitze und zu Pferde zu ſein, und ich werde Wort ged halten. Ueberall, wo die Gefahr iſt, werden Sie auch den König n, und ein hin. n hier auf. ꝛchtsvollem entgegen! von einem Alle: Es n. Still, urſchen da Ihr alſo die Elbe hat Sich n, überall n können? einer Re⸗ ohne von nung! ner Gene⸗ r. und daß Vorwärts im Lager Schreib⸗ jeilen. nren Geiſt . Ordres, er morgen & unn. Ich ragen der ade Wort en König — 111 finden. Gott Mars muß einmal ein Auge zudrücken und mir meine ſtebenundſechszig Jahre in Gnaden verzeihen! Heute will ich einen Proberitt machen, damit mein alter Leib es inne wird, daß die Zeit träger Ruhe vorüber iſt! Zu Pferde alſo! Der General⸗Major von Keller ſoll uns die Uebergangsſtelle an der Elbe zeigen. XI. Der Abſchied von der Flöte. Wenige Minuten ſpäter ſtanden die Pferde des Königs und ſeiner Suite bereit, und Friedrich ſchritt lebhaft hinaus, um ſich in den Sattel zu ſchwingen. In jugendlicher Haſt trat er heran und hob den Fuß empor, aber dann flog ein ſchmerzhaftes Zucken durch ſeine Geſtalt, und er mußte den Fuß wieder ſinken laſſen. Der Heldengeiſt hatte des Körpers vergeſſen und der Gicht, die ihn ſeit einigen Wochen wieder plagte. Aber der kranke Körper war jetzt doch mächtiger als der kühne Geiſt, der ihn bewohnte und lähmte ſeine Schwingen. Friedrich mußte es ſich gefallen laſſen, von ſeinen Lakayen auf ſein Pferd gehoben und auf den Sattel gebracht zu werden. Aber einmal im Sattel und die Füße in den Bügeln, drückte er ſeinem Pferde ſo heftig die Flanken, daß es hoch aufbäumte und im raſenden Galopp vorwärts jagte. Vielleicht hatte der König, indem er das that, einer augenblick⸗ lichen Regung ſeines Zorns über ſeine eigene Hinfälligkeit nachge⸗ geben, vielleicht wollte er ſeinen Begleitern beweiſen, daß er noch immer der kühne und gewandte Reiter von ehemals ſei. Aber wieder hatte er nicht an ſein Alter und ſeine Hinfälligkeit gedacht, und wieder erinnerten die heftigen Schmerzen ihn daran, die ihm die raſche Bewegung ſeines Pferdes verurſachte. ——————— ——— — — 112 Er hielt es an und erwartete ſeine Suite, die im vollen Gallop ihm gefolgt war. Langſam, meine Herren, laſſen Sie uns langſam reiten, ſagte der König matt.— Sie ritten langſam weiter, der König ſchweigſam und ſtumm, die Generäle verſtohlene Blicke der Angſt auf den König werfend, deſſen Antlitz immer bleicher ward, deſſen Lippen zitterten, wie von großen Schmerzen. Aber er ertrug ſeine Qual, und keine Klage, kaum ein Seufzer entfuhr ſeinen Lippen. Wenn ſein Körper ihm Schmerzen verurſachte, war ſein Geiſt doch noch mächtig genug, ſie zu überwinden oder min⸗ deſtens zu ertragen. Erſt als er die Stelle erreicht, die vom General von Keller als zum Uebergang tauglich bezeichnet worden, und als er ſie genau beſichtigt hatte, wandte er ſein Pferd um und kehrte in das Lager zurück. Aber vor ſeinem Quartier angelangt, genügte es nicht, den Kö⸗ nig vom Pferde zu heben, wie man ihn hinaufgehoben. Man mußte ihn bis in ſein Zimmer und bis zu ſeinem Lehnſtuhl tragen, denn die ungewohnte Anſtrengung hatte ſeine Glieder ſteif und unbewegliche gemacht. Als er auf ſeinem Lehnſtuhl niedergelaſſen war, winkte der König heftig mit der Hand und befahl Allen, hinauszugehen. Er wollte allein ſein, er mußte allein ſein, um ſich zu ſammeln, um Niemand ſeine Schmerzen zu zeigen. Mit einem tiefen Seufzer legte er ſein Haupt zurück an die Lehne des Stuhls, und wieder murmelten ſeine ſchmerzlich zuckenden Lippen: Malheureux, laisse en paix ton cheval vieillissant!— Dann ſchwieg er und ſchloß die Augen, und ſaß eine lange Zeit un⸗ beweglich da, ſchweigend, verloren in ſchmerzliches und hitteres Nach⸗ denken.— Es iſt vorbei mit mir, murmelte er dann leiſe vor ſich hin, und zum erſten Mal vielleicht nicht im leichten Spott, ſondern aus tiefer Ueberzeugung ſich der Worte der Bibel bedienend, fuhrt er fort: Der Geiſt iſt willig, doch das Fleiſch iſt ſchwach!— Die Jugend hat mich verlaſſen und das Alter mit ſeinem Krückſtock und ſeinem Aſchenmantel hockt vor meiner Thür, und es findet mich allein! So ſprechend ließ der König einen langen, ſchmerzvollen Blick gute grei mal verft es i zul weg en Gallop ten, ſagte chweigſam den König zitterten, n Seufzer erurſachte, oder min⸗ n General und als kehrte in den Kö⸗ an mußte gen, denn abeweglich der König ör wollte Niemand ck an die zuckenden — ssanlt! Zeit un⸗ eres? ach⸗ hin, und aus tiefer el fort: 3 Jugend nd ſeinem lein! llen Blick 113 in dem öden, düſtern Gemach umherſchweifen. Auf einmal zuckte es wie ein freudiger Blitz in ſeinen Augen auf, und ſeine Blicke hefteten ſich mit einem ſimmer ſanftern, mildern Ausdruck auf den Tiſch— auf den kleinen, dunklen, mit Leder bezogenen Kaſten, der da zur Seite der Papiere und Landkarten ſtand.— In dieſem Kaſten war ſeine Flöte, die treue Freundin ſeiner guten und ſeiner ſchlimmen Tage, die langjährige Gefährtin des Helden⸗ greiſes. Er hatte ſie in der letzten Zeit vernachläſſigt, und nicht Ein⸗ mal hatte er in der Mißſtimmung, die ihn während dieſes Feldzugs verfolgte, ſeine Flöte aus ihrem Gefängniß entlaſſen. Jetzt aber ſtreckte er die Hand nach ihr aus, jetzt fühlte er, daß es ihren ſchmeichelnden Tönen vielleicht gelingen möchte, ſeine Qualen zu lindern, und daß er ihr allein ſie zu klagen vermöchte. Komm, meine Freundin, komm, ſagte er leiſe, ich will Dir meine Schmerzen klagen, und ich weiß, daß Du beſſer als die Menſchen mein Herz verſtehen wirſt! Er ſetzte die Flöte an die Lippen und begann zu blaſen. Aber auch die Flöte ſchien alt geworden zu ſein und ſchwach, wie ihr königlicher Freund! Mühſam nur und zitternd kamen die Töne aus ihr hervor, jeder Ton begleitet von einem leiſen Ziſchen und Pfeifen, wie als ob der Wind durch zerfallene Ruinen pfeift.*) Mitten in dem angefangenen Adagio unterbrach ſich der König und ließ die Hand, welche die Flöte hielt, langſam niedergleiten. Es iſt vorbei! ſagte er mit einem lauten, ſchmerzlichen Seufzer. Der letzte Sonnenſtrahl aus den Tagen meiner Jugend iſt erloſchen! Oh beneidenswerthe Jugend! Sie kann wenigſtens ihre Schmerzen noch ſingen, wenn ſie von keinen Freuden mehr zu ſingen hat! Das Alter aber muß ganz und gar verſtummen und ſchweigend ſein großes Leid, über das die Menſchen lachen würden, in ſich hinein freſſen! Er ſchwieg und ſeine großen blauen Augen, in denen noch das ewige, unvergängliche Feuer der Jugend erglänzte, richteten ſich mit einem Ausdruck tiefen Schmerzes, vorwurfsvoller Klage zum Himmel ⸗ *) Der König mußte zur Zeit des baieriſchen Erbfolgekrieges das Flötenblaſen aufgeben wegen ſeiner zitternden Hände und des Verluſtes ſeiner Vorderzähne. Preuß: Friedrich der Große. Th. I, S. 211. Kaiſer Joſeph. 3. Abth. I.. 8 „ —— — — 114 empor.— Das Alter hatte die Schwingen des Adlers gebrochen und ihn, den kühnen Bewohner ſonniger Höhen, verurtheilt, gleich den niedern Sterblichen auf der Erde umherzukriechen, und ihre Miſère zu erdulden. Er würde darüber nicht geklagt haben zu den Menſchen⸗ aber er klagte es dem Himmel und den Hoͤhen, zu denen er ſich nie mehr aufſchwingen ſollte! Immer noch ſchaute der König ſchweigend, mit zuckenden Lippen empor und ſeine Augen füllten ſich mit Thränen, die langſam über ſeine Wangen niederfloſſen. Der König wehrte ihnen nicht, denn er war allein mit Gott und ſeinem Schmerz, oder er war ſich ſeiner Thränen vielleicht nicht einmal bewußt, bis ſie von ſeinen Wangen niederrollten auf die Hand, welche auf ſeinem Schooß ruhte und welche noch immer die Flöte hielt. Dieſe brennende Thräne ſchien Friedrich aus ſeinem Schmerz zu erwecken; er ſenkte ſeinen Blick nieder auf ſeine Hand und ein rührendes, trauriges Lächeln überflog ſein Angeſicht. Nun, ſagte er leiſe, es wird einem alten Manne wohl erlaubt ſein, über der Leiche ſeiner letzten und einzigen Jugendfreundin eine Thräne zu vergießen! Nun will ich ſie begraben! Er legte die Flöte in ihr Futteral, und wie er dann den Deckel krachendeſchloß, klang es wie das Rollen der erſten Scholle auf ein friſches Grab. Der König hatte ein Gefühl, als ob es ſo ſei; in ſich erſchauernd, ſetzte er den Kaſten auf den Tiſch. Sie iſt begraben, ſagte er. Lebewohl auf Nimmerwiederſehen! In dieſem Moment vernahm man von draußen lautes Jubeln und Singen, und tauſend und abertauſend Stimmen riefen: es lebe unſer König! Es lebe der alte Fritz! Sie jubeln, weil ſie die Nachricht erhalten haben, daß es morgen zur Bataille gehen ſollte! ſagte der König leiſe. Aber ihre Hoffnung iſt umſonſt, wie die meine! Es hieß vorwärts oder rückwärts! Da ich nicht mehr vorwärts kann, muß ich mich wohl entſchließen rück⸗ wärts zu gehen. Wir werden morgen aufbrechen gen Schleſien, wenn auch nicht beſtegt vom Kaiſer, ſo doch von meinem Alter, und das iſt, weiß Gott, die ſchlimmſte aller Niederlagen, denn man kann ſie nicht mit neuen Lorbeeren auswetzen. mäli Töne mach ſeinen ſange Lied Köni verd mich es p Sch Wen ich nich anfo nie den iſt's abg mit ſee — ochen und gleich den re Miſere Menſchen⸗ r ſich nie en Lippen gſam über mit Gott icht nicht die Hand, löte hielt. chmerz zu ührendes, gl erlaubt ndin eine een Deckel eauf ein ſchauernd, Cnl erſehen: z Jubeln 1 6 lbe z morgen Hoffnung uts! Da Jjen růck⸗ ſen, wenn und das kann ſie 115 Draußen jubelten und ſchrieen die Soldaten noch immer; all⸗ mälig läuterte ſich aber dieſes wüſte Schreien und Jubeln zu reinern Tönen, und ein vielſtimmiger Geſang ſchmetterte durch die Luft und machte die Fenſterſcheiben des Königlichen Gemachs erbeben, als ob leiſe Geiſterhände daran klopften, um den König zu erwecken aus ſeiner Trauer und ihn zurückzurufen in die Tage der Vergangenheit. Denn es war ein Lied aus ſchönern Zeiten, was die Soldaten ſangen, und mit vollen Orgeltönen tönte es zu Friedrich herein, dieſes Lied der Erinnerung an ſeine große Zeit, und hoch auf ſeufzte der König, als ſeine Soldaten jetzt ſangen: „Vom ſternenhellen Himmel ſah'n Schwerin und Winterfeldt— Bewundernd den gemachten Plan, Gedankenvoll den Held! Gott aber wog bei Sternenklang Der beiden Heere Krieg; Er wog, und Oeſtreichs Schale ſank Und Preußens Schale ſtieg.*) Und Preußens Schale ſtieg! wiederholte Friedrich leiſe. Ich werde ſie nicht mehr ſteigen laſſen und die goldenen Tage ſind für mich vorbei! Nun, fuhr er nach einer kurzen Pauſe fort, wenn ich es nicht thue, ſo mögen es meine Nachfolger thun, mögen ſie Preußens Schale hoch emporſteigen laſſen! Ich habe gethan, was ich konnte! Wenn ich aber jetzt ſtatt vorwärts rückwärts gehen muß, ſo bin nicht ich daran Schuld, ſondern das Alter und die Gicht, und ich kann nicht wie Cicero's weiſer Lehrer Poſidonius bei einem Schmerzens⸗ anfall ausrufen:„oh Gicht, Du magſt es anſtellen, wie Du willſt, nie werde ich geſtehen, daß Du ein Uebel ſeieſt.“ Ich bemühe mich, den Schmerz zu ertragen, aber ich fühle ihn. Nun, und vielleicht iſt's gut, daß es ſo iſt, denn dieſe Schmerzen bereiten mich vor, das abgenutzte Futteral meiner Seele bald zu verlaſſen. Und ich ſage mit Mare Aurel:„man unterwerfe ſich Allem, was die ewigen Ge⸗ ſetze der Natur uns zu ertragen auferlegen, ohne Murren!***) ») Gleim, Lieder eines preußiſchen Grenadiers. *)) Des Koͤnigs eigene Worte. Siehe: Oeuvres posthumes Vol. 12. S. 47. * 1* 8* — 116 Draußen hatten die Soldaten ein anderes Lied angeſtimmt, und lauter und vieltauſendſtimmiger noch als zuvor ſangen ſie jetzt: „Und wenn der große Friedrich kommt, Und klopft nur auf die Hoſen, So flieht die ganze Reichsarmee, Panduren und Franzoſen.“ Tempi passati! ſeufzte der König, aber es flog doch ſchon wieder ein leiſes Lächeln durch ſein Antlitz hin und ſeine Augen begannen wieder zu leuchten. Er hörte dem fröhlichen, übermüthigen Lied an⸗ dächtig zu, und immer heller ward ſein Antlitz und immer ſtrahlender ſein Blick. Eh bien, man muß die Dinge eben ſo nehmen, wie ſie kommen, ſagte er nach einer langen Pauſe faſt heiter. Kann ich nicht mehr fechten und nicht mehr Flöte blaſen, ſo kann ich doch noch ſchreiben und meine Zunge rühren. Und meine Feder und meine Zunge ſollen jetzt den Herrn Franzoſen immer noch möglichſt läſtig fallen! Mein Lobgedicht auf Voltaire iſt noch nicht ganz vollendet, ich will's heute zu Ende bringen, damit es in der Academie zu Berlin zur Gedächtniß⸗ feier des geſtorbenen Dichterkönigs vorgeleſen werden kann.*) Frei⸗ lich wird die franzöſiſche Akademie mein Franzöſiſch wieder tüchtig kritiſtren, aber wie ſoll man in Böhmen richtig Wälſch ſchreiben? Ich thue, was ich kann, aber ich weiß wohl, daß meine Arbeit nicht deſſen würdig iſt, den ſie feiern ſoll; jedenfalls benutze ich die Frei⸗ heit meiner Feder, um in Berlin das laut vortragen zu laſſen, was man in Paris ſich kaum in's Ohr zu ſagen wagt.**) Der König zog den Tiſch näher zu ſich heran, und die Feder nehmend, begann er an dem Manuſecript zu ſchreiben, das aufgeſchlagen auf dem Tiſch vor ihm lag. Voltaire war im Mai 1778 geſtorben, und im Lager zu Böhmen dichtete Friedrich ſeine Lobrede auf ihn, die alsdann Ende des Jahres in einer außerordentlichen Sitzung der Akademie zu Berlin vorgeleſen und darauf gedruckt ward **) Des Königs eigene Worte. Siehe Oeuvres posthumes, Vol. 12. S. 35 timmt, und jetzt: hon wieder begannen n Lied an⸗ ſtrahlender ſe kommen, nicht mehr h ſchreiben unge ſollen ln! Mein wills heute Seahimi⸗ 1*) Frei⸗ der Küchtig ſchreiben? lrbeit nicht die rii aſſen, was die Feder ſgeſchlage drich ſeinte Friedrich ſel⸗ kademie g der A XII. Waffenſtillſtand. Tiefe Ruhe herrſchte um ihn her; die Soldaten, welche ihr Lied dicht vor den Fenſtern des Königs begonnen hatten, waren jetzt weiter hinab in das Lager gegangen, und ihr fröhlicher Geſang verhallte in der Ferne.. Der König ſchrieb haſtig weiter; auf einmal ward die Stille durch ein ſchüchternes Klopfen an der Thür unterbrochen, und auf des Königs Ruf trat ſein Kammerdiener herein. Sire, ſagte er, der Herr, welcher ſchon zweimal zu Ew. Majeſtät in's Lager gekommen, iſt wieder da und bittet um Audienz. Der König zuckte zuſammen in freudigem Schreck und ſeine großen Augen richteten ſich mit ſo flammenden, durchbohrenden Blicken auf den Kammerdiener, daß dieſer ganz verſchüchtert die Augen ſenkte. Thugut, der Baron Thugut iſt wieder da? fragte der König. Ich weiß nicht, ob er ſo heißt, Sire, er ſagte, ich ſollt Eurer Majeſtät den Secretair des Fürſten Gallizin melden! Er iſt's, er iſt's, murmelte der König. Laß den Herrn ſogleich zu mir eintreten! Hätte der Kammerdiener gewagt aufzuſchauen, ſo würde er geſehen haben, welch' ein ſtrahlendes Lächeln das Antlitz des Königs erhellte und wie freudig ſeine Augen aufleuchteten. Aber dieſes Lächeln und dieſe leuchtenden Blicke waren längſt ſchon wieder verſchwunden, als der Baron Thugut eintrat, und der König empfing ihn mit vollkommen gleichgültigem und ruhigem Geſicht. Nun, mein Herr Baron, ſagte er, die tiefen Verbeugungen des heimlichen Abgeſandten der Kaiſerin von Oeſterreich mit einem kaum merklichen Kopfneigen erwidernd, Sie kommen zum dritten Mal? Wenn der böſe Feind zum dritten Mal kommt, muß er entweder die arme Seele erbeuten, oder er muß auf immer auf ſie verzichten. 118 Sire, ich fürchte, er muß auf immer auf ſie verzichten, ſagte Thugut lächelnd, vorausgeſetzt, daß Ew. Majeſtät mir gnädigſt ge⸗ ſtatten wollen, Ihr ſchmeichelhaftes Wort auf mich zu beziehen und mich für den böſen Feind gelten zu laſſen. Und Sie finden das ſchmeichelhaft? fragte Friedrich lächelnd. Ja, Sire, denn der böſe Feind oder der Teufel iſt ein gar großer und mächtiger Herr, und ich, der leider nicht das Glück hat an Gott zu glauben, ich glaube an den Teufel. So? Und weshalb glauben Sie an den Teufel und nicht an Gott? Weil ich dem Teufel überall begegnet bin und überall in jeder Stadt ſeinen Thron aufgerichtet geſehen habe, während ich die Spuren Gottes überall vergeblich geſucht habe unter den Menſchen und ſeine Throne nirgends entdecken konnte. Für einen Abgeſandten der Kaiſerin Maria Thereſia ſind das ſehr freie Anſichten, ſagte der König lächelnd. Aber laſſen Sie hören, was bringen Sie mir? Nur muß ich Ihnen zu allererſt ſagen, daß ich nicht geſonnen bin, die alten Verhandlungen wieder anzuknüpſen. Die Kaiſerin Königin hat meine letzten Vorſchläge entſchieden abgelehnt und damit ſind ſie für immer beſeitigt. Wenn Sie alſo nichts wollen, als neue Vorſchläge machen, neue Bedingungen, unter denen Sie Baiern, oder ein Stück von Baiern gewinnen wollen, ſo ſage ich Ihnen zum Voraus: Es iſt umſonſt! Ich unterhandle nicht mehr! Oeſterreich muß ſeine Anſprüche auf Baiern fahren laſſen und Deutſch⸗ lands Geſetze heilig halten, oder es muß mit Waffengewalt erkämpfen, was wir ihm nimmer gutwillig laſſen werden. Sire, ich komme auch nicht mit den alten Vorſchlägen, ſonderr mit einem ganz neuen Vorſchlag, den ich im Namen der Kaiſerin Königin Eurer Majeſtät vortragen ſoll. Hier ſind meine Creditive, wenn Ew. Majeſtät die Gnade haben wollen, dieſelben anzuſehen, und hier habe ich die Ehre, Ew. Majeſtät ein eigenhändiges Schreiben meiner Souverainin zu überreichen. Und das da fragte der König, auf eine mit Bindfaden zu⸗ ſammengebundene Rolle Papier deutend, die der Baron noch in der Hand hielt. Das da, Majeſtät, ſind meine Acten und Documente, ſämmtliche 119 ten, ſagt zwiſchen Ew. Majeſtät und der Kaiſerin Königin gepflogene Ver⸗ gte 3 g 9 9 uͤdigſt ge⸗ handlungen enthaltend. 4 8.. 8 ie Ich glaube Ihnen ſchon bemerkt zu haben, mein Herr, daß ich en un d 5 mich auf Verhandlungen nicht mehr einlaſſen will, ſagte Friedrich helnf raſch, und ohne eine Antwort abzuwarten, erbrach er das Schreiben ſchelnd. 5 der Kaiſerin und überflog es raſch. Baron Thugut benutzte dieſe Zeit, um mit vollkommenſter Seelen⸗ ruhe den Bindfaden, der ſeine Acten zuſammenhielt, zu löſen und die 11 Papiere auf einem Stuhl auszubreiten. 1 Dieſer Brief hier enthält weiter nichts, als Ihre Beglaubigung, mein Herr Baron. Die Kaiſerin beruft ſich im Uebrigen auf die mündlichen Aufträge, die ſte Ihnen gegeben. Reden Sie alſo, Herr gar großer t an Gott nicht an in jeder ie Spuren Lch tih Baron.. Sire, die Kaiſerin Königin, beſeelt von dem lebhaften Wunſch, ſind das ihren Völkern und ganz Deutſchland den Frieden wiederzugeben, und ind die Ruhe Europa's aufrecht zu erhalten, hat die Vermittelung Ruß⸗ land's und Frankreich's angerufen, um die Streitigkeiten zu ſchlichten, die zu der Kaiſerin Königin tiefſtem Schmerz zwiſchen ihr und Eurer Majeſtät ausgebrochen ſind. Damit nun dieſe beiden Mächte, welche Beide ſich geneigt und willig erklärt haben, die ihnen angebotene Vermittlerrolle zu übernehmen— die hören, agen, daß zuknüpſen. abgelehnt ts wollen, heneſ Bl Sagen Sie richtiger, unterbrach ihn der König lebhaft, daß dieſe ſage ih beiden Mächte der Kaiſerin Königin den dringenden und etwas icht mehr. peremptoriſch ausgeſprochenen Rath gegeben haben, ihren Anſprüchen dDeutſc⸗ auf Baiern zu entſagen und Frieden zu machen!— erkämpfen, Baron Thugut verneigte ſich und fuhr fort: Damit nun dieſe beiden Mächte ihr Vermittelungswerk glücklich zu Stande bringen , ſonder können und der Friede während dieſer Zeit durch keine militairiſchen er Kalſetin Zwiſchenfälle geſtört werden kann, ſchlägt Ihro Majeſtät die Kaiſerin Ereditibe Königin Sr. Majeſtät, dem König von Preußen, vor, einen Waffen⸗ 9 ſehen, und Schreiben ſtillſtand eintreten zu laſſen, der mit dem heutigen Tage beginnen ſoll. Der König hatte bis dahin Thugut mit großen, forſchenden Augen angeſehen, jetzt bei deſſen letzten Worten ſchlug er plötzlich die Augen nieder, vielleicht, um den ſchlauen Diplomaten nicht in ſeinen Augen die freudige Ueberraſchung wegen ſeines willkommenen Vorſchlags ſehen zu laſſen. pfaden zu⸗ och in der aaumtlich 120 Sind Sie durch's Lager gekommen? fragte der König nach einer Pauſe. Ja, Sire! Haben Sie den Jubel meiner Soldaten gehört? Hat man Ihnen geſagt, daß ich morgen über die Elbe gehen will, um Ihrem Kaiſer eine Schlacht anzubieten, und daß ich meinen Generälen ſchon ihre Ordres ertheilt habe? Ja, Sire, ich habe Alles das geſehen und gehört! Und in dem Augenblick, wo ich den entſcheidenden Kampf beginnen will, wo meine Soldaten jauchzen vor Kampfesluſt, kommen Sie und verlangen Waffenſtillſtand. Sie ſehen, daß ich nur aus perſönlicher Rückſicht auf die Wünſche der Kaiſerin mich jetzt noch entſchließen könnte, ihr zu willfahren und den Waffenſtillſtand anzunehmen, und daß Sie mir im Namen Ihrer Monarchin einige Garantien für einen für mich und für Deutſchland ehrenvollen Frieden geben müſſen. Laſſen Sie alſo hören. Baron Thugut nahm jetzt ſeine Acten, die er auf den Tiſch vor dem König hinlegte, und die diplomatiſchen Unterhandlungen begannen. Es war eine lange Unterredung, welche der König mit dem heim⸗ lichen Geſandten der Kaiſerin hatte, und als nach derſelben der König den Baron Thugut entließ, ſagte er, leicht mit dem Kopfe nickend: Nun wohl denn, ich will der Kaiſerin dieſes Opfer bringen. Ich nehme den Waffenſtillſtand an, und ſtatt morgen, wie ich beabſichtigte, vorwärts über die Elbe zu gehen, werde ich morgen rückwärts nach Schleſien gehen, und meine Armee die Winterquartiere einnehmen laſſen. Und Ew. Majeſtät verſprechen gnädigſt, der Kaiſerin Königin billige Friedensbedingungen zu machen und dieſelben dem ruſſiſchen Geſandten Fürſten Repnin mitzutheilen? Ich verſpreche es, und die Kaiſerin Königin möge feſt auf die Erfüllung meines Verſprechens rechnen! Leben Sie wohl! Der Geſandte wandte ſich der Thür zu, aber ſchon im Begriff dieſelbe zu öffnen, ward er vom König zurückgerufen. Herr Baron, ſagte der König mit einem eigenthümlichen Lächeln, indem er auf den Bindfaden deutete, welcher von den Akten abgefallen und auf dem Tiſch des Königs zurückgeblieben war, Herr Baron, Sie nach einer an Ihnen em Kaiſer ſchon ihre beginnen Sie und erſönlicher ttſchließen nen, und für einen n. Laſſen Tſch vor begannen. dem heim⸗ der König nickend: ſen. Ich bſtchtigt, ärts nach nen laſſen. Königin rüſſiſchen n Begriff Lächeln, bgefallen ron, ʒie 121 haben da etwag vergeſſen, nehmen Sie Ihr Eigenthum zurück. Ich bereicherémnich nicht gern mit dem Eigenthum Anderer.*) Baro Thugut, ein wenig beſchämt, ſteckte ſeinen Bindfaden zu ſich und entfernte ſich. Der König ſchaute ihm mit einem ſinnenden Lächeln nach, dann, als er verſchwunden war, wandten ſich ſeine leuchtenden Augen lang⸗ ſam dem Himmel zu. Iſt das nun Zufall oder Schickſal? ſagte er leiſe. Wer von ihnen Beiden hat mir dieſen ehrenvollen Ausweg aus meinen Nöthen bereitet? Vespaſian hat geſagt:„ein Kaiſer muß ſtehend ſterben.“ Vielleicht gelingt's mir auch noch, ſo zu ſterben! 4 * XIII. Der Friede zu Teſchen. Und ſo iſt es denn mit dem Krieg zu Ende, ſeufzte Joſeph, einen traurigen Blick auf die Depeſchen werfend, mit denen der Courier ſo eben aus Wien im Lager eingetroffen war. Und ſo iſt es denn auch zu Ende mit meinen Hoffnungen! Ich verlaſſe das Schlachtfeld nicht mit einem Lorbeerkranz, ſondern mit einer Narrenkappe, und Jeder⸗ mann wird das Recht haben, mich zu verlachen, und meiner Helden⸗ thaten zu ſpotten! Mag es drum ſein! Ich werde wohl noch eines Tags Gelegenheit finden, dieſen Flecken von meiner Stirn fortzulöſchen, und der Welt zu beweiſen, daß ich nicht der Narr bin, für welchen man mich halten muß, und daß ich wohl im Stande geweſen wäre, mit meiner Armee von dreimalhunderttauſend Mann Beſſeres zu leiſten, als unthätig und zwecklos umher zu ziehen, und mit feiger Kriegs⸗ gewandtheit jeder Schlacht aus dem Wege zu gehen. Oh, jetzt wünſche *) Des Königs eigene Worte. 122 ich mir nicht mehr den Tod! Ich habe ihn mift, oft eerfleht, als den Befreier von all dieſen Feſſeln, welche meine Bruſt zerdwitken, jetzt aber flehe ich zu Gott, daß er mir das Leben läßk, ſo lange noch läßt, bis ich frei bin, bis ich mein Schwert ziehen und mich rächen kann an denen, die mich beleidigten! Wenn ich ihn aber alsdann endlich errungen habe dieſen Lorbeer, nach dem ſich mein Herz ſehnt, wenn ich die Schmach und Lüächerlichkeit dieſer Tage auslöſche, und mit den Siegesfanfaren einer großen Schlacht das elende Geklimper dieſes Zwetſchkenrummels begraben habe, dann, mein Gott, dann bin ich's zufrieden, zu ſterben und auszuruhen von dieſem großen Kampf mit den Verhältniſſen, in denen ich bis jetzt immer noch der Unter⸗ liegende geweſen! Dann,— aber nein, unterbrach ſich der Kaiſer, nein, keine Klagen mehr. Alles dies iſt unnütz, und es iſt jetzt keine Zeit mehr zu melancholiſchen Betrachtungen! Es muß gehandelt werden, Lacy und Loudon müſſen ſogleich hier ſein, und dann— Eben öffnete der Adjutant die Thür und meldete die Feldmarſchälle Lacy und Loudon.— Der Kaiſer ging ihnen lebhaft entgegen, und reichte ihnen ſeine beiden Hände dar. Depeſchen aus Wien, meine Herrn Feldmarſchälle, ſagte Joſeph, mit der erhobenen Hand auf die Papiere deutend, die auf dem Tiſch am Fenſter lagen. Ich habe ſie geleſen, und bitte, daß auch Sie Beide Kenntniß davon nehmen. Leſen Sie, meine Freunde, leſen Sie! Die beiden Herren traten zu dem Tiſch, und während ſie alsdann die Papiere laſen, ging der Kaiſer mit haſtigen Schritten, ſein Antlitz zuckend von innerer Bewegung, auf und ab. Haben Sie geleſen, Loudon? Ja, Sire, ich habe geleſen. Und auch Sie, Lacy? Auch ich, Majeſtät! Nun denn, ſo bitte ich die Herren, mir Ihre Meinung zu ſagen. Was iſt zu thun? Zu ſchweigen, und ſich zu unterwerfen, ſagte Loudon mit einem tiefen Seufzer. Die Waffen niederzulegen, und ruhig abzuwarten, was die Herren Geſandten aller Mächte in Teſchen zu Stande bringen werden! Ja, ja, Ihr habt Recht, ſagte Joſeph mit einem ſpöttiſchen Lachen, ht, uls den fkken jett lange noch nich rächen der alsdann Herz ſehnt, löſche, und Geklimper t dann bin oßen Kampf der Unter⸗ der Kaiſer, t jetzt keine jgehandelt dann— eldmarſchälle gegen, und agte goſeph f dem Liſch auch Sit leſen Sie⸗ ſie alsdann ſein Antlitz 123 es iſt nichts weiter zu thun! Dreimalhunderttauſend Mann ſtehen da kampfgerüſtet und warten nur des Wortes, das ihnen erlaubt ihr Schwert zu erheben, und auf den verhaßten Feind los zu gehen. Ein Kaiſer und zwei große und berühmte Feldherrn ſind bereit, dieſes von einer großen tapfern Armee erſehnte Wort zu ſprechen, aber ihre Lippen verſtummen vor dem Ton einer ſchwachen Weiberſtimme, die aus Wien herübertönt. Dreimalhunderttauſend Schwerter ſenken ſich vor den Federn von ſieben Diplomaten, die ſich in Teſchen verſammeln, um einen Frieden zuſammen zu leimen, der nicht haltbarer ſein wird wie ein Kartenhaus, und den wir gezwungen ſind zu reſpectiren. Oh wahrlich, es iſt ein luſtig Ding um dieſen Krieg! Länger als ein Jahr ziehen zwei Armeen in künſtlichen Windungen nebeneinander her, bramarbaſirend, und von Heldenthaten träumend, und ſich doch mit kleinen Scharmützeln, mit Fouragiren und Plänkeleien begnügend. Millionen ſind ausgegeben, Städte und Dörfer ſind niedergebrannt, Tauſende von Menſchen irren obdachlos umher, unbebaut und wüſte liegen ganze Landſtriche da, und alle Greuel des Krieges ſind über Deutſchland gekommen, nur der Krieg ſelber nicht! Und doch iſt Deutſchland beſtegt, und doch legt dieſer Friede, den ſie in Teſchen zuſammen leimen werden, Deutſchland eine Kette an, die es nimmer und nimmer wieder von ſeinem Nacken ſtreifen wird, und die ihm viel Wunden und viel Blut koſten wird! Ihr ſeht mich verwundert an, als ob Ihr mich nicht verſtändet. Habt Ihr die Note nicht geleſen, welche die Kaiſerin von Rußland an Oeſter⸗ reich geſandt hat? Ohne eine Antwort abzuwarten, ſtürzte Joſeph zu dem Tiſch hin, nahm eins der Papiere auf und hob es hoch empor. Dies Papier, ſagte er heftig, enthält nur Worte, aber es ſind eben ſoviel Dolch⸗ ſtöße, welche Rußland der Freiheit und Unabhängigkeit von Deutſch⸗ land in's Herz ſtößt. Rußland macht ſich damit zum Garanten deutſcher Verfaſſungen, deutſcher Freiheit und deutſchen Rechts. Ruß⸗ (land giebt ſich das Anſehen, als wäre es berechtigt, in den Angelegen⸗ heiten Deutſchlands nicht eine vermittelnde, ſondern eine entſcheidende Stimme zu haben, und als wüßten die deutſchen Fürſten ſich gehorſam ſeiner Entſcheidung unterwerfen. Wahrlich, Ludwig der Vierzehnte hat niemals ſtolzer und anmaßender Deutſchland gegenüber geſprochen als es 1 4 124 Katharina von Rußland jetzt thut*)! Und denken zu müſſen, daß wir ſelber es ſind, welche Rußland das Recht gegeben, daß wir ſelber das unglückliche Deutſchland an die Kette gelegt, und es zu einem Vaſallen von Rußland gemacht haben! Oh erſt nach langen Zeiten und nach ſchweren Erfahrungen wird man begreifen, welch' eine Laſt man Deutſchland aufgelegt hat mit der ruſſiſchen Protection und Vermittelung, und wenn die böſe Sieben der Geſandten in Teſchen jetzt die Angelegenheiten Deutſchlands auf ihre Weiſe ordnet, ſo wird Oeſterreich nicht bloß Baiern verlieren, ſondern Deutſchland wird ſeine Freiheit und Unabhängigkeit verlieren an Rußland. Und Ihr meint, daß ich mich dem unterwerfen ſoll, daß ich, der deutſche Kaiſer, ſchweigen ſoll zu dieſer Demüthigung, daß ich, der Mitregent von Oeſterreich, den Frieden unterzeichnen ſoll, den ſie wider meine Anſicht und meinen Willen da zurechtmachen wollen? Ew. Majeſtät ſind in dieſer Sache nur der Mitregent, ſagte Lacy traurig. Maria Thereſia iſt die regierende Kaiſerin, in ihrer Hand allein lag die Entſcheidung und ſie hat entſchieden! Nun wohl denn, ſie hat entſchieden, rief Joſeph heftig, aber auch ich habe entſchieden. Entſinnen Sie Sich, Lacy, was ich meinem Bruder ſagte, als er zu mir hierher kam? Ich ſagte ihm, daß wenn die Kaiſerin einen Frieden eingehen wolle, der nicht der Ehre und den Rechten Oeſter⸗ reichs entſpräche, ich nicht zu ihr nach Wien zurückkehren, ſonderen in irgend einer andern deutſchen Stadt meine Reſidenz aufſchlagen wül xde? Ich entſinne mich deſſen, Sire! t Und ich frage Sie Beide, halten Sie dieſen Frieden, den wir haben werden, für ehrenvoll? Glauben Sie, daß es ſich mit der Ehre Oeſterreichs, daß es ſich mit meiner perſönlichen Ehre verträ gt, wenn die Diplomatie jetzt dieſen Krieg entſcheidet, indem unſe re Schwerter nicht eine einzige entſcheidende That wagen durften? war nicht eine Antwort an Oeſterreich richtete, lben von or dem Eintreffen deſſe aſſungen und Ver⸗ *) Die Note, welche Katharina von Rußland Brief der Kaiſerin Maria Thereſia, ſondern war ſchon v Die Czarin ermahnte darin die Kaiſerin, die Verfe und drohte, daß nicht entſchlöſſe, nach auf den Petersburg abgegangen. träge Deutſchlands heilig zu halten, wenn Oeſterreich ſich Menſchlichkeit ſich mit Preußen und den andern Mächten zu vergleichen, in ernſthafte Betrachtung werde ziehen müſſen, was ſie dem Inter die ihre Freunde ſeien und ihre Unterſtützung n gegen Alliirte ſchuldig ſei. Siehe Au aller Billigkeit und die Kaiſerin von Rußland, Deutſchlands, dem Intereſſe der Prinzen, geſucht hätten, und vor Allem ihren Verpflichtungen Wolf: Oeſterreich unter Maria Thereſia S. 569. nüſſen, daß Feldmarſchall Lacy antwortete nur mit einem Achſelzucken und / zwir ſelber einem ſchweren Seufzer. z zu einem Feldmarſchall Loudon murrte halblaut vor ſich hin: c'est une ngen Zeiten chienne de guerre diplomatique*). 1:„.„. d. läa eine Laſt Der Kaiſer betrachtete mit glühenden Augen dieſe beiden hoch⸗ herzigen tapfern Krieger, die jetzt ſo kleinlaut und niedergeſchlagen ihm gegenüber ſtanden. Ich werde nicht nach Wien zurückkehren, ſagte er dann ent⸗ ſchloſſen. Die Welt ſoll mindeſtens ſehen, daß ich nicht Theil habe an dieſer Demüthigung Oeſterreichs, an dieſem Unglück Deutſchlands. Ich werde nicht nach Wien zurückkehren, ſondern in Frankfurt oder Aachen meine Reſidenz aufſchlagen. Mögen Sie jetzt entſcheiden, meine Herren, ob Sie mir folgen, und mit der Armee mir die Treue bewahren wollen oder ob Sie einſam mich fortziehen laſſen wollen als einen Kaiſer ohne Land, ohne Unterthanen und ohne Freunde? Für einen Soldaten giebt es da keine Wahl, ſagte Loudon traurig. Ich habe der Kaiſerin Treue und Gehorſam geſchworen, bis zu ihrem Tode bin ich der Soldat der Kaiſerin, und nur ihr darf ich gehorchel, und dienſtbar ſein! Der Feldmarſchall hat Recht, ſagte Lacy traurig, unſere Pflicht un die Kaiſerin bindet uns an die Kaiſerin, und der Soldat darf niemals zögern Deſte⸗ ſeine Pflicht zu erfüllen. Aber auch Ew. Majeſtät ſind Soldat, auch Sie haben der Kaiſerin Treue geſchworen, und Sie dürfen Ihren Fahneneid nicht brechen. Aber ich habe auch Deutſchland Treue geſchworen, ich habe auch gegen Oeſterreich heilige Pflichten zu erfüllen, rief Joſeph heftig. Aber Ew. Majeſtät, erwiderte Lacy, werden dieſe heiligen Pflichten gegen Oeſterreich ſchlecht erfüllen, wenn Sie Sich jetzt von der Kaiſerin trennen, wenn Sie Ihrem Volk das traurige Beiſpiel einer Un⸗ einigkeit zwiſchen Mutter und Sohn geben, wenn Sie den Feinden Ihres Oeſterreichs geſtatten, von dieſer Uneinigkeit Vortheil zu ziehen, und von der Nachgiebigkeit der Kaiſerin Conceſſionen zu erhalten, die Ew. Majeſtät durch Ihre Gegenwart zu verhindern im Stande wären. Oh Majeſtät, ich beſchwöre Sie, geben Sie einen Vorſatz ttection und in Teſchen net, ſo wird d wird ſeine Ihr meint, ſſche Kaiſer, üiregent von meine Anſicht u, ſagte Lacd niihrer Hand tig, aber auch B der jeinem T ru *) Loudons— Worte. 8 4⸗ 126 auf, der für Oeſterreich ein Unglück wäre, haben Sie den Muth Sich ſelber zu überwinden, und über Ihr gedemüthigtes und empörtes Herz den Panzer ſtrenger Pflichterfüllung zu legen. Das Schickſal hat Ihnen in dieſem unſeligen Kriege nicht geſtatten wollen, Sich als ein Held der That zu zeigen; ſeien Sie alſo ein Held des Leidens, und tragen Sie Ihren gerechten Schmerz mit einer großen ſtarken Seele! Ach Lacy, Sie wollen aus mir einen Märtyrer machen! ſeufzte der Kaiſer mit einem traurigen Lächeln. Das Märtyrerthum iſt eine gar traurige Berühmtheit, und man muß erſt ſich an tauſend Wunden verblutet haben, um ſte zu erlangen. Und Sie, Loudon? fragte der Kaiſer, ſich an den Feldmarſchall wendend, der bisher ſchweigend, und verdrießlich vor ſich hingeſtarrt hatte. Nicht wahr, Sie begreifen meinen Zorn, und billigen meinen Plan? Denn ich weiß, auch Sie haben mit ſchwerem Herzen den Jammer dieſes Krieges ertragen, ich⸗ weiß, auch Sie haben nur mit kummeryvollem Herzen ſich dem Be⸗ fehl der Kaiſerin gefügt, und die Gelegenheit unbenutzt gelaſſen, dem Teinde eine Schlacht zu liefern und ſich neue Lorbeern zu pflücken. Ich weiß, daß Ihr tapferes und kühnes Herz nichts ſehnlicher wünſcht, als die Fortſetzung dieſes Krieges, daß Sie meine Empörung und meinen Schmerz begreifen, und es daher auch billigen werden, wenn ich nicht heimkehren will nach Wien, nicht unterthänig und gehorſam mich dieſen Friedensbedingungen fügen will, von denen ich im Vor⸗ aus weiß, daß ſie demüthigend und ſchmachvoll für Oeſterreich ſein werden. Der greiſe Feldmarſchall neigte ernſt ſein Haupt, und ſeine kleinen grauen Augen richteten ſich mit einem düſtern Feuer auf das bewegte Antlitz des Kaiſers. Ew. Majeſtät haben Recht, ſagte er mit lauter feierlicher Stimme, Oeſterreichs Nachgiebigkeit in dieſer Sache wird ihre herben Früchte tragen; ich begreife daher den Unwillen vollkommen, mit dem Ew. Majeſtät dem bevorſtehenden Frieden entgegenſieht, und betrachte jedes rechtliche Mittel, ſolchen Friedensſchluß zu verhindern, als ein Gebot der Staatsklugheit. Oh, rief Joſeph mit ſtrahlenden Augen, Loudon giebt mir Recht, Loudon billigt meinen Entſchluß, nicht nach Wien zu gehen! Das Nuth Sich empörtes Schickſal Sich als Leidens, en ſtarken a! ſeufzte n iſt eine Wunden fragte der hweigend, begreiſtn auch Eie aagen, ich dem Be⸗ aſſen, dem pflücen. rwünſcht rung und den, wenn gehorſam im Vor⸗ rreich ſtin ne kleinen z bewegte Stimme, in Früchte dem Ew. achle ides als ein Recht, nir Reche 6ul Da rechtfertigt mich vor meinen eigenen Augen, und giebt mir die Ge⸗ wißheit, daß ich den kühnen Schritt wagen darf! Ew. Majeſtät haben mich nicht zu Ende ſprechen laſſen, ſagte Loudon ernſt. Ich ſagte, jedes rechtliche Mittel ſei Ihnen erlaubt, den Friedensſchluß zu hintertreiben. Aber das Mittel, welches der Zorn Eurer Majeſtät gerathen, iſt kein rechtliches Mittel. Das Schau⸗ ſpiel eines Zwiſtes zwiſchen Mutter und Sohn iſt in jeder Hinſicht ein beklagenswerthes und trauriges. Aber habe ich nicht Recht in dieſem Zwiſt, unterbrach ihn der der Kaiſer, bin ich es nicht, der gekränkt, gedemüthigt iſt? Loudon fuhr fort: Aber die Welt iſt glücklicher Weiſe noch nicht ſo verderbt, daß ſie in ſolchem Zwiſt dennoch nicht die Partei der Mutter gegen den Sohn nehmen ſollte, ſelbſt wenn das Recht auf ſeiner Seite ſtände. Und welchen Eindruck würde dieſes Verfahren des kaiſerlichen Sohnes auf das öſterreichiſche Volk machen, welches ſich unter der patriarchaliſchen Regierung Maria Thereſia's glücklich fühlt, und die Kaiſerin liebt als ihrer Aller Mutter! Dieſe Liebe des Volks zu ſeiner Kaiſerin hat in den Zeiten der Gefahr Wunder gewirkt, und ſelbſt den Staat gerettet! Ew. Majeſtät iſt von der Vorſehung erkoren, einſt mit der öſterreichiſchen Monarchie auch dieſe Liebe der Unterthanen zu erben, und wollen und dürfen darum auf dieſes Erb⸗ theil nicht verzichten, oder in der Fremde einen Erſatz für die Liebe Ihrer Oeſterreicher ſuchen. Ganz Oeſterreich ſchaut jetzt auf Sie hin und hofft von Ihnen eine glückliche und ſegensreiche Zukunft. Aber wie wollen Ew. Majeſtät jetzt Ihren Völkern das Beiſpiel eines mit ſeiner erhabenen Mutter im Zwiſt lebenden Sohnes geben, und dann von ihnen die Erfüllung der kindlichen Pflichten erwarten, über welche Sie ſelber Sich hinweg geſetzt haben? Wie wollen Sie dereinſt gehorſame Unterthanen verlangen, wenn Sie ſelber kein ge⸗ horſamer Sohn und Unterthan ſind*)? Und als Loudon mit lauter zürnender Stimme ſo fragte, flammten ſeine Augen höher auf, und richteten ſich mit einem Ausdruck edlen Zornes auf das Antlitz des Kaiſers.— Joſeph ſchlug vor dieſem kühnen Blick das Auge nieder, und ſeufzte. *) Loudon’s eigene Worte. Siehe Groß⸗Hoffinger I. S. 371. 128 Hören Sie ihn, mein Kaiſer, flehte Lacy, hören Sie die edle Stimme des alten Feldherrn, der oft für ſeine Kaiſerin ſein Blut vergoſſen hat! Der Kaiſer neigte ſinnend ſein Haupt und leiſes Aechzen, qual⸗ volle Seufzer drangen aus ſeiner Bruſt hervor. Ich kann nicht nach Wien zurückkehren, murmelte er leiſe, ich kann nicht heucheln und meiner Mutter mit Liebe und Ergebenheit entgegentreten! Ein tapferer Soldat muß jeden Feind überwinden können, Sire, auch den Feind in ſeiner eigenen Bruſt, ſagte Loudon. Ueberwinden Sie Sich ſelbſt, Sire, und von den Schmerzen und Unannehmlichkeiten der Gegenwart wenden Sie Ihr Auge auf die glanzvolle und große Zukunft, die Ihrer harrt, ſagte Lacy. Oh mein Gott, wißt Ihr denn, was Ihr von mir fordert? rief Joſeph außer ſich. Ihr fordert von einem Sclaven, der das Joch von ſeinem Nacken ſtreifen und frei ſein könnte, daß er ohne Murren ſein Joch weiter trage, und die Sclaverei freiwillig und aus eigener Wahl dulde. Ihr fordert von mir Unterwerfung und Gehorſam, während meine ganze Seele ſich aufbäumt in Zorn und Empörung über die Schmach, die man mir aufbürdet. Wir verlangen von dem zukünftigen Selbſtherrſcher, daß er ein guter Unterthan ſei, rief Loudon ſtreng. Wir flehen zu dem großen und edlen Sinn unſers Kaiſers, daß er um Oeſterreichs willen ſeinen Stolz beuge, und ihm ſein gekränktes Ehrgefühl zum Opfer bringe, flehte Lacy. Joſeph ſchaute Beide mit traurigen Blicken an. Nun denn, ſagte er matt, ich habe den Freund und den Soldaten gehört, jetzt will ich auch den Staatsmann noch hören. Ich hatte Kaunitz meinen Vorſatz mitgetheilt, und um ſeinen Rath gefragt. Seine Antwort iſt heute angelangt, aber ich habe das Schreiben noch nicht geöffnet, weil ich von Ihnen Beiden erſt eine Meinung hören wollte. Ihr ſeid Beide wider mich, und ſo ſoll Kaunitz denn jetzt die Entſcheidung geben. Dort liegt der Brief. Ich bitte Sie, Lacy, öffnen Sie denſelben, und leſen Sie uns vor.! Lacy ſuchte das noch verſiegelte Schreiben unter den Papieren hervor, und öffnete es. Dann las er mit lauter Stimme das von des Fürſten eigener Hand geſchriebene Billet, das ſo lautete: 1 die edle 129 t Puuj.„Ew. Majeſtät haben mich mit einem Schreiben beehrt, und be⸗ qual⸗ gehren in demſelben meinen Rath. Ich bemerke aber ſeit einiger Zeit, t uach daß man meinen Vorſchlägen ſeltener beipflichtet und alſo meinen 1 und Rath entbehren kann. Dieſe Betrachtung hatte in mir den Gedanken erweckt, meine Rolle niederzulegen und den Reſt meiner Tage in „Sir⸗ Zurückgezogenheit den Freunden und den Wiſſenſchaften zu leben. Der Entſchluß Eurer Majeſtät, Ihre Reſidenz nach Frankfurt oder In und Aachen zu verlegen, beſtimmt mich nun, meinen Vorſatz ſogleich aus⸗ 7 1, zuführen. Denn unmöglich kann ich wünſchen, daß man von mir uif die einſt ſage, ich hätte während meiner Verwaltung nicht zu hindern te rij gewußt, was die Welt mit Staunen vernehmen, alle öſterreichiſchen 19 Völker mit tiefem Kummer erfüllen, und dem Staat höchſt verderblich 3 och ſein wird.“ huüren Eine Pauſe trat ein, als Lacy dies laconiſche Schreiben zu Ende eenet geleſen hatte. Mit traurigen, geſpannten Mienen blickten die beiden orſan, Feldherrn auf den Kaiſer hin. rung Er ſtand da mit übereinander geſchlagenen Armen, das Haupt rückwärts gelehnt, die großen, blauen Augen mit einem Blick fragen⸗ a an den, vorwurfsvollen Schmerzes gen Himmel gerichtet, die zitternden . Lippen feſt aufeinander gepreßt. Allmälig ſenkte ſich ſein Blick nieder⸗ 3, daß wärts, und die Augen, welche in den ziehenden Wolken des Himmels nktes ſein Schickſal geleſen zu haben ſchienen, wandten ſich jetzt den beiden Feldherrn zu. denn, Ihr habt mich aufgefordert, ein guter Unterthan und ein guter , jett Soldat zu ſein, ſagte er langſam und mit bebender Stimme. Ich neinen will es ſein, ich will mir Eure Achtung verdienen, und ich will ntwort S Oeſterreich einen Staatsmann erhalten, der ihm in guten und ſchlim⸗ öffnet, men Tagen genutzt hat! Mein Geſchäft hier iſt zu Ende, ich kehre r ſeid 4 heut noch heim nach Wien! geben. Ein ſchönes Lächeln verklärte das harte, durchfurchte Antlitz Lou⸗ und don's, und lebhaft mit dem Kopfe nickend, ſagte er: Ich wußt' es wohl, daß mein Kaiſer nicht anders handeln würde. vieren Lacy ſtieß einen Freudenruf aus und zu dem Kaiſer hinſtürzend, von nahm er ſeine Hand und drückte ſie voll unendlicher Zärtlichkeit an ſein Herz. 1 ann Sire, ich habe Sie geliebt, ſo lange Sie leben, ſagte er innig, Kaiſer Joſeph. 3. Abth. I. 9 4—————— 4 2———————— zweiundſechzigſte Geburtstag Maria T der Friedensfeier. der lange und ermat wirklichen und dauernden Frieden abgeſchloſſen. die ſieben Geſandten von Oeſterreich, Preußen, Baiern, Zweibrücken und Sach ſtritten. Drei Monate lang hatte Joſep genährt, dieſe Unterhandlungen ſch greß einen wirklichen Krieg aufblüh war vergeblich geweſen, das Friedensw Oeſterreich mußte, Dank dieſe mir Ausnahme des Innviertel 130 von heute an aber gehört Ihnen nicht bloß meine Seele! Liebt mich immerhin ein wenig, ſagte Joſeph tief aufathmend, die Liebe meiner Freunde muß mich entſchädigen für vieles Leid. So ſei es denn, wir reiſen heute noch ab nach Wien. Und Lacy, fuhr er mit traurigem Lächeln fort, es iſt doch nicht ganz ſo, wie ich es Euch geklagt, und nicht ohne einen Sieg gefeiert zu haben, kehre ich zu meiner Mutter zurück. Ich habe heute eine große Schlacht gewonnen, nur daß ſie mir keine Lorbeeren eingetragen, und daß die Wunden, die ich bekommen, nicht auf der Stirn, Herzen bluten! Auf denn nach Wien zu meiner renden Kaiſerin! mein Herz, ſondern auch ſondern in meinem Mutter, der regie⸗ XIV. Mutter und Sohn. Wien feierte heute einen doppelten Freudentag. Es war der hereſta's und zugleich der Tag Denn der Krieg war nun wirklich beendet, und tende Scheinkampf war nun endlich mit einem Drei Monate hatten Rußland, Frankreich, ſen in Teſchen unterhandelt und ge⸗ h noch immer die Hoffnung eitern und aus dem Friedenscon⸗ en zu ſehen. Aber dieſe Hoffnung erk war zu Stande gekommen. m Frieden, das ganze baieriſche Erbtheil s wieder an den Churfürſten Carl Thgur⸗ n auch zmend, Leid. Lach, vie ich kohre hlacht ih die einem jegie⸗ 131 dor zurückgeben, und die mit demſelben früher abgeſchloſſene Conven⸗ tion für nichtig und erloſchen erklären. Das war das Ende eines Krieges, der Preußen neunundzwanzig Millionen Thaler und durch Krankheit und Elend mehr Menſchen gekoſtet hatte, als eine große Schlacht der Opfer fordert. Das war das Ende eines Krieges, der Oeſterreich viel Niederlagen und Demüthi⸗ gungen eingetragen, und auf viele Jahre hinaus ſeine böhmiſchen Provinzen, in denen die Preußen mit wilder Barbarei gehauſt, zu Grunde gerichtet hatte! Und dennoch freute ſich ganz Wien der Kunde des in Teſchen abgeſchloſſenen Waffenſtillſtands, und dennoch nahm Maria Thereſta mit ſtrahlendem Angeſicht die doppelten Glückwünſche an, mit denen man ihr zu ihrem Namenstag und zu dem Friedensſchluß gratulirte. Die Geſandten aller europäiſchen Höfe waren heute in ihren Galla⸗ Uniformen zur Kaiſerburg gefahren, um der Kaiſerin zu huldigen, und das Volk, welches ſich zu vielen Tauſenden vor dem Schloß auf⸗ geſtellt hatte, begrüßte jeden der Geſandten mit lautem Freudengruß und brachte der Kaiſerin, der„Friedensmutter“, jauchzende Vivats aus. So oft Maria Thereſia, welche im vollen kaiſerlichen Ornat, mit der Krone auf dem Haupt, in dem großen Audienz⸗Saal die Cour der Geſandten und der hohen Ariſtocratie empfing, dieſes Jubelrufen des Volks vernahm, verklärte ſich ihr Geſicht und ein freudiger Glanz leuchtete in ihren Augen auf. Aber immer wieder ſenkte ſich alsdann ein trüber Schatten auf ihre Stirn nieder, und immer wieder wandten ſich ihre Augen mit einem ängſtlichen, erwartungsvollen Ausdruck der Thür zu. Das machte, die Kaiſerin vermißte an dieſem ihrem Ehrentag an ihrer Seite den Kaiſer, ihren Sohn. Seit drei Monaten war er heimgekehrt nach Wien, und nicht Ein Wort der Verſtändigung, des Mißfallens oder der Uebereinſtimmung war zwiſchen Mutter und Sohn gewechſelt worden. Gefliſſentlich hatte der Kaiſer es vermieden, mit Maria Thereſia allein zu ſein, niemals war er ſeit ſeiner Rückkehr im Staatsrath erſchienen, und wenn man ihm Verfügungen und Dokumente zur Unterſchrift vorgelegt, ſo hatte er ſie, nachdem er ge⸗ ſehen, daß ſie ſchon die Unterſchrift der Kaiſerin trugen, ſchweigend, ohne irgend eine Bemerkung, einen Widerſpruch unterzeichnet. ——— 13² Aber gerade dieſe ſtumme Nachgiebigkeit, dieſes ſanftmüthige Unterordnen des Kaiſers beängſtigte Maria Thereſia. Sie hätte eine ſtürmiſche Scene dieſer kalten, ſchweigenden Ruhe vorgezogen, ſie hätte lieber von Joſeph Vorwürfe hören mögen, als ihn ſich ſo kalt, ſo ergeben und doch unnahbar gegenüber zu ſehen! Ich muß dieſem beängſtigenden Zuſtand ein Ende machen, ſagte Maria Thereſia zu ſich ſelber, ich muß Joſeph zwingen, ſich mit mir auszuſprechen. Und dieſer neue Entſchluß machte ſie freudig und zuverſichtlich, und verſcheuchte die Schatten von ihrer hohen Stirn. Mit unge⸗ theilter Aufmerkſamkeit wandte ſie ſich jetzt wieder dem glänzenden Geſellſchaftskreis zu, der ſie umgab, und mit einem ſtolzen, ſelbſtzu⸗ friedenen Lächeln nahm ſie die Glückwünſche entgegen, welche die Ge⸗ fandten aller europäiſchen Mächte ihr darbrachten. Selbſt für den preußiſchen Geſandten hatte ſie freundliche und zuvorkommende Worte, und von dieſem ſich ab- und dem neben ihm ſtehenden ruſſiſchen Ge⸗ ſandten zuwendend, ſagte ſie mit lauter Stimme: Ich bin vor Freuden über dieſen Frieden außer mir. Ich habe keine Vorliebe für den König von Preußen, aber ich muß ihm die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, er hat edel gehandelt. Er hatte mir verſprochen, billige Be⸗ dingungen zu machen, und er hat Wort gehalten.*) Aber nachdem die feierliche Gratulations⸗Cour beendigt war, und die Kaiſerin wieder in ihre Privatgemächer zurückgekehrt war, ſandte ſie ſofort einen ihrer Kammerherrn zu Joſeph und ließ ihn um ſeinen Beſuch bitten. Wenige Minuten ſpäter öffnete ſich die Thür und Kaiſer Joſeph trat ein. Maria Thereſia ging ihm mit einem freundlichen Lächeln ent⸗ gegen, und ihm beide Hände darreichend, ſagte ſte zärtlich: Ich dank' Dir, mein Sohn, daß Du meinem Ruf gefolgt biſt. Mein mütterlich Herz hatte gar groß Verlangen, Dich zu ſehen, und ich ſehnte mich, Dich meinen Kaiſer und Mitregenten, an meiner Seite zu haben. Sie hielt ihm noch immer ihre beiden Hände entgegen, aber Jo⸗ *) Hiſtoriſch. Siehe: Groß⸗Hoffinger I. S. 411. 133 hige ſeph ſchien das nicht zu ſehen, denn er nahm ſie nicht an, ſondern eine verneigte ſich tief und ehrfurchtsvoll. ſie Ich bin weder der Kaiſer noch der Mitregent, fagte er, ſondern alt nur Ew. Majeſtät gehorſamſter Sohn und Unterthan, und als ſolcher . habe ich ſchon heute früh meiner erhabenen Kaiſerin und Mutter meine gte Glückwünſche zu ihrem heutigen ſchönen Ehrentag dargebracht. mir Was verſteht mein Sohn darunter? fragte die Kaiſerin haſtig. Nennt er meinen Geburtstag einen Chrentag, oder die Friedensfeier, lich, die wir heute begehen? ige⸗ Den Geburtstag meiner Kaiſerin nenne ich für mich am liebſten den einen Freudentag, ſagte Joſeph ausweichend. zu⸗ Alſo die Friedensfeier nennſt Du einen Ehrentag? fragte Maria He⸗ Thereſia dringend. Nun, er muß es doch wohl ſein, ſagte Joſeph mit leiſem Hohn. den rte, Haben wir uns nicht mit den andern Mächten eine Menge Compli⸗ Ge⸗ mente geſagt, und in Wien um des Teſchner Friedens willen neun⸗ den undneunzig Tauſend Te Deum geſungen und geſchoſſen?*) den 3 Du biſt jedoch mit dieſem Frieden nicht einverſtanden, mein zren Sohn? fragte die Kaiſerin, welche es durchaus zu einer Erklärung Be⸗ und Verſtändigung bringen wollte. Ich habe indeß, um Ew. Majeſtät nicht zu betrüben, den Frieden und genehmigt und die Garantie darüber geleiſtet, ſagte Joſeph ernſt ndte und kalt. uen Aber Du thateſt es mit widerſtrebendem Herzen, nicht wahr, und indem Du es thateſt, zürnteſt Du mit mir, und nannteſt Deine al Mutter eine alte, verzagte Frau, welche zitterte vor dem Kriege und ſeph feig der Entſcheidung durch das Schwert ausweichen wollte? Iſt es . nicht ſo? t Indem ich dieſen Frieden unterzeichnete, e ich an meinen gnt„ Ahnherrn, Carl den Fünften, und wagtens. i Betragen mit lih dem ſeinen zu vergleichen. Er mußte nach eine idrigen Feldzug ic, in Afrika endlich mit ſeiner Flotte nach Spanien zurückkehren,— er ſtieg zwar auch zu Schiff, war aber der letzte, der es that. So war Jo⸗ auch ich der letzte, der den Friedenstractat unterzeichnete.**) *) Des Kaiſers eigene Worte ) Des Kaiſers eigene Worte. 9 134 Und weiter haſt Du mir über dieſe Angelegenheit nichts zu ſagen? Du biſt alſo einverſtanden mit dieſem Frieden? Es geziemt einem Unterthan und Sohn nicht, ſich aufzulehnen gegen die Beſchlüſſe ſeiner Kaiſerin und Mutter! Aber Du biſt nicht blos der Unterthan und Sohn, Du biſt der Kaiſer und der Mitregent. Nein, Majeſtät, ich bin wie einer der venezianiſchen Generäle, der im Kriege die Landarmee commandirt und dazu die Beſtallung der Republik erhält,— wenn die Feldzüge vorbei ſind, ſo bekommt er eine Penſion und hat ſich um nichts weiter zu kümmern.*)— Oh, mein Sohn, dies ſind ſehr harte und bittere Worte, rief die Kaiſerin ſchmerzlich. Ich ſehe es wohl, Dein Herz hat ſich von mir gewendet und Du zürnſt mir, weil ich einen ſichern und verſöh⸗ nenden Frieden einem zweifelhaften Krieg vorgezogen. Ich wage es nicht, Ew. Majeſtät zu zürnen, und wenn dieſer Friede wirklich ſo verſöhnend und ſicher iſt, ſo wünſche ich Ew. Majeſtät Glück dazu! Maria Thereſia ſeufzte tief auf. Ich ſehe es wohl, ſagte ſie traurig, Du weichſt mir aus, Du willſt mir nicht Rede ſtehen und mich nicht in Dein Herz ſehen laſſen. Des Kaiſers Antlitz überflog ein trauriges Lächeln. Oh Majeſtät, ich habe kein Herz mehr, ſagte er achſelzuckend, in meiner Bruſt iſt nur ein großes Grab, und darin ſind alle meine perſönlichen Hoff⸗ nungen begraben! Ich denke nicht, daß es dem zukünftigen Kaiſer von Oeſterreich ziemt, ſo gar hoffnungslos und verzagt zu ſein! rief die Kaiſerin. Ich ſprach auch nicht von dem Kaiſer, Majeſtät, ſondern nur von dem armen Joſeph von Habsburg und deſſen perſönlichen Wün⸗ ſchen. Was dengzukünftigen Kaiſer anbetrifft, ſo hat der noch gar viele Wünſche unz Hoſſitungen; zuerſt die, daß die Zeit ſeiner Herr⸗ ſchaft noch fern ſein und Ew. Majeſtät Oeſterreich noch lange erhalten bleiben möge! Dann den Wunſch, Oeſterreich zu nützen. Da wir Frieden haben, und ich als General penſtionirt bin, ſo biete ich mich, um nützlich zu ſein, Eurer Majeſtät als Diplomat an. Das iſt auch 135 zu V ein ganz ehrenvolles Amt, und man kann mit der Feder und der en Zunge ebenſo ogut und vielleicht noch beſſer Krieg führen, als mit dem Schwert. Ich bitte Ew. Majeſtät, mich zu Ihrem Geſandten er bei einer auswärtigen Macht anzunehmen. Ah, Du willſt uns ſchon wieder verlaſſen und auf Reiſen gehen? le, rief Maria Thereſta ſchmerzlich. ng Ich bitte Ew. Majeſtät um Ihre Einwilligung zu einer langen mnh Reiſe. Aber mein Sohn vergißt, daß er hier in Wien nothwendig iſt, ief daß ich ſeines Raths, ſeines Beiſtandes bedarf, daß der Kaiſer und o der Mitregent— 2 Majeſtät, unterbrach ſie Joſeph raſch, an Ihnen allein iſt es zu regieren, an mir zu gehorchen, und ich weiß ſehr wohl, daß das Wort ſr Mitregent, das hinter meinem Namen ſteht, nur ein leerer Titel iſt, t den mir die Gnade Eurer Majeſtät bewilligt hat. Ich bin hier in Wien durchaus nicht nothwendig, aber ich kann anderswo Ew. Majeſtät nützlich ſein, und ich bitte deshalb um Urlaub. Und wohin gedenkſt Du zu gehen, mein Sohn? Ich bitte Ew. Majeſtät um Erlaubniß zu einer Reiſe nach Ruß⸗ land zur Kaiſerin Katharina! it⸗ Zur Kaiſerin Katharina? rief Maria Thereſia, indem ſie faſt iſ entſetzt einen Schritt zurücktrat. Du willſt zu dieſer Frau gehen?— f⸗ Ich will zu dieſer Frau gehen, unterbrach ſte Joſeph, in derſelben Eigenſchaft, wie Baron Thugut zu dem König von Preußen ging, ich als der Geſandte Eurer Majeſtät, nur daß ich es nicht heimlich und hinterrücks thue, ſondern Ew. Majeſtät erſt davon benachrichtige! ur Und was beabſichtigt der Kaiſer mit dieſer Reiſe nach Rußland? i⸗ fragte Maria Thereſta, die ſich den Anſchein gab, die Anſpielung des gar 1 Kaiſers nicht verſtanden zu haben. ⸗ rt⸗ Ich beabſichtige, uns die Freundſchaft der Kaiſerin von Rußland 4 en zu gewinnen. it Die Freundſchaft dieſer ſchlimmen und laſterhaften Frau! rief c, Maria Thereſia erglühend. Das iſt ein Beſitz, den ich nicht begehre! 82 1—..* ich Und doch waren es Ew. Majeſtät, welche Sich zuerſt an die Kai⸗⸗ rin von Rußland wandten, und ihr das Recht gaben, ſich zu einer hiedsrichterin in unſern und in Deutſchland's Angelegenheiten auf⸗ . 136 ſ zuwerfen. Ew. Majeſtät haben den böſen Feind citirt, und da er gekommen iſt, müſſen wir nun ſuchen ihn zu beſchwörkn und ihn uns zum Freunde zu machen, daß er uns nicht ſchade! Wenn Rußland einmal mitſprechen und regieren ſoll in Deutſchland, ſo iſt es beſſer, es ſteht uns zur Seite, als daß wir es uns gegenüber auf Preußen's Seite ſehen. 2 Aber Rußland iſt ſeit lange Preußens Bundesgenoſſe, rief die Kaiſerin ſinnend. Es kommt alſo darauf an, ihm dieſen Bundesgenoſſen zu ent⸗ ziehen. Es iſt eine Fortſetzung des Zwetſchkenrummels, und vielleicht gewinnen wir wenigſtens auf dem diplomatiſchen Felde Preußen eine Schlacht ab und entziehen ihm einen Bundesgenoſſen. Das zu ver⸗ ſuchen iſt meine Abſicht. Ich wiederhole alſo meine Bitte: erlauben mir Ew. Majeſtät eine Reiſe nach Rußland zu machen! Die Kaiſerin ſah ihn mit einem langen, zärtlichen Blick an. Es iſt alſo Dein Wunſch, mein Sohn, dieſe Reiſe zu unternehmen? Ja, Majeſtät, es iſt mein Wunſch. Weil es ſo iſt, gebe ich meine Einwilligung, nicht weil ich mit dem Plan und Zweck dieſer Reiſe übereinſtimme, ſagte Maria Thereſta lebhaft. Ich wünſchte aber meinem Sohn zu beweiſen, wie gern ich ihm gefällig ſein und ihm jeden Wunſch befriedigen möchte. Der Kaiſer verneigte ſich, ohne ein Wort zu erwiedern. Maria Thereſia ſeufzte und ein ſchmerzlicher Ausdruck zuckte über ihr Antlitz hin. Wann gedenkſt Du dieſe Reiſe anzutreten? Sobald als irgend möglich, denn wenn mich nicht Alles täuſcht, i*ſt es gerade jetzt der richtige Zeitpunkt, um Preußen den vielgeliebten Bundesgenoſſen zu entreißen und ihn zu uns herüberzuziehen! Ich werde alſo bald wieder meinen geliebten Sohn und Kaiſer entbehren müſſen? fragte die Kaiſerin zärtlich. Und ich fürch mein Sohn ſcheidet ohne Bedauern von mir, und wird auf großen Reiſe wenig ſeiner Mutter gedenken, deren zärtlichſte Wuün ihn überall hinbegleiten! Ich werde auf dieſer Reiſe ſtets meiner Kaiſerin gedenken und mich erinnern, daß ich eine Miſſion zu erfüllen und meiner Kaiſer einen Bundesgenoſſen zu erwerben habe. Aber ich habe zu die 1* Solour& Grey Sontroſ Shart Cyan Green Vellow Hed Magenta