e Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:; für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 1-ur e auf 1 Monat: 14 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. et— Pf. 3— 5 Auswärtige dardeuten dhabes für Hin⸗ und Zurückſendung der(Bü her auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defette Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. kusſaiheae. beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird⸗ —-——-——— 16 8 Kaiſer Joſeph der Zweite 4 und ſein Bof. * Von L. Mühlbach. Zweite Abtheilung: Kaiſer Joſeph und Marie Antoinette. d Vierter Band.—) Zweite Auflage. Berlin, 1857. 1 Verlag von Otto Janke. Kaiſer Joſeph und Marie Antainette. Von L. Mühlbach. d Vierter Band.—= Zweite Auflage. Berlin, 1857. Verlag von Otto Janke. — Die Flucht. Die Flucht.. Abſchied von Deutſchland Der Taufpathe des Poſtmeiſters. Ankunft in Verſailles In Paris Die Königin und dir Darnen der Halle Das angenommene Kind der Königin Chantons, célébrons notre reine!. Im Hötel Treville Eine Enttäuſchung Der Abſchied. Mißhelligkeiten. Der Spaziergang und das Epigramm Das Diner en Famille.. Ein Beſuch bei Jean Jacques Rouſſeau Der Abſchied Inhalt des vierten Bandes. (Kaiſer Joſeph und Marie Antoinette.) 100 109 117 128 141 154 Sechates Buch. Kaiſer Joaſeph in Frankreich. I. Die Flucht. Gräfin Leonore kehrte ſoeben heim aus der Kaiſerburg. Sie hatte dort einem glänzenden Hoffeſte beigewohnt, welches Maria Thereſia zu Ehren ihres Sohnes, des Kaiſers Joſeph, gegeben, und bei welchem Joſeph auf längere Zeit Abſchied genommen von dem Hofe ſeiner Mutter. Denn die lang projectirte Reiſe nach Paris ſollte jetzt endlich ausge⸗ führt werden, und Marie Antoinette ſollte jetzt endlich ihren heißeſten Wunſch erfüllt ſehen, ſie ſollte den Beſuch ihres kaiſerlichen Bruders empfangen. Deshalb alſo, zur Feier dieſer Abreiſe des Kaiſers, hatte heute bei Hofe ein großes Ballfeſt ſtatt gefunden, und die Gräfin Leonore Eſterhazy hatte demſelben beigewohnt. Die Mitternachtsſtunde war längſt vorüber, als ſie von demſelben heimkehrte, aber das Hotel der Gräfin, oder vielmehr des Grafen, ihres Gemahls, ſtrahlte heute wie immer in ſeiner ganzen Fronte vom hellſten Lichterglanz. Leonore hatte es ein für allemal ihrem Haushofmeiſter zum unverbrüchlichſten Geſetz gemacht, jeden Abend beim Hereinbrechen des Dämmerlichtes in allen Salons die Kronleuchter anzuzünden, alle Zimmer mit Kerzen zu er⸗ hellen. Sie haßte und fürchtete die Nacht, und damit es immer Tag in ihrem Hauſe ſei, mußten allabendlich Hunderte von Lichtern angezündet werden, welche die ganze Nacht hindurch brannten. Es war dies eine von den Launen der genialen Gräfin, eine von den Launen, über welche ganz Wien ſich amüſirte, und über welche nur der Gräfin Gemahl ſich vielleicht ärgerte, weil ihm dieſe Laune allmonatlich einige tauſend Gul⸗ den an Wachslichtern koſtete. Kaiſer Joſeph. 2. Abth. IV. 1 ——äü —x Das Hotel ſtrahlte daher heute wie immer in ſchönſter Tageshelle, als der Wagen Leonorens in den Vorhof einfuhr und vor dem großen Portal anhielt. Sechs Lakaien in ihren Livreen von Silberbrokat ſtan⸗ den zu beiden Seiten des Portals, und leuchteten mit Wachsfackeln ihrer Herrin, die ſoeben langſam und hoheitsvoll den Wagen verließ, und in die Vorhalle des Hauſes eintrat. Auch hier, wie im ganzen Hötel, herrſchte Tageshelle. Ein türkiſcher Teppich war quer über den Fußboden bis zur Treppe hingebreitet, und an beiden Seiten ſtanden zwölf Lakaien in ſteifer, feierlicher Haltung, der Befehle ihrer Herrin gewärtig. Am Fuß der Treppe erwarteten der Oberhofmeiſter und der Oberintendant des Hauſes in ehrfurchtsvoller, gebeugter Haltung die Gräfin, und auf dem Abſatz der Treppe ſah man die Geſellſchafts⸗ dame und die erſte Kammerfrau in tiefſter, ehrerbietigſter Verneigung. Gräfin Leonore ſchien das Alles gar nicht zu bemerken, und gar nicht zu ahnen, daß Menſchen da waren, welche ſie ſahen, und denen ſie vielleicht mit einem Kopfneigen für ihre ehrfurchtsvollen Grüße hätte danken können. Inmitten des tiefſten, feierlichſten Schweigens ging ſie auf dem Teppich durch die Halle dahin in ihrem weißen Atlasgewande, das in einer langen Schleppe hinter ihr herrauſchte, angethan mit einer Fülle der wundervollſten, koſtbarſten Brillanten, die auf ihrem Haupt, an ihrem Hals und ihren Armen in tauſend wechſelnden, blitzenden Lichtern funkelten. Ihr Haupt war ſtolz empor gerichtet, ihre großen, ſchwarzen Augen blickten ernſt und feſt grade vor ſich hin in das Leere, nicht Einmal wandte ſie ſich auf ihre Umgebung hin, keine Muskel ihres Antlitzes, das bleich und durchſichtig war wie Alabaſter, bewegte ſich, feſt aufeinander gepreßt, als wollten ſie ſich nie einem Worte wieder öffnen, waren die Lippen. So lautlos und unbeweglich, funkelnd im Sternenglanz wie eine überirdiſche Erſcheinung, ſchwebte ſie dahin, und wunderbar war es anzuſchauen, wie ſie jetzt die Treppe hin⸗ auf ſchritt, die lange, weiße Schleppe hinter ihr herwallend wie Schwa⸗ nenflügel, die ſie aufwärts hoben, das blaſſe Antlitz umleuchtet von Fackeln und Kerzen. Auf dem Abſatz der Treppe, inmitten ihrer beiden Frauen blieb ſie ſtehen; mit einer leichten, unmerklichen Bewegung ſenkte ſie ein wenig ihr ſtolzes Haupt, und ihre Blicke richteten ſich mit einem Ausdrucke unausſprechlicher Gleichgültigkeit auf den Haus⸗ —-——O—;ÿͦ—Oͦ˖V—O—;—;—;;ͦOB—B—B—B—B—B—B—V—V—-—--— 2 3 hofmeiſter, der noch immer in ehrfurchtsvoller Verneigung am Fuß der Treppe ſtand. Man benachrichtige den Herrn Grafen Eſterhazy, daß ich ihn ſo⸗ fort in dem kleinen, blauen Salon erwarte, ſagte ſie mit heller, gebiete⸗ riſcher Stimme, und dann ihr Haupt wieder ſtolz emporrichtend, ſchwebte ſie höher hinauf, bis ſie den Augen ihrer nachſtarrenden Diener am obern Ende der Treppe entſchwand. Jetzt kam Leben und Bewegung in dieſe feierlichen, verſteinerten Geſtalten, jetzt hoben ſich die gebeugten Häupter, jetzt wurden die krum⸗ men Rücken gerade, jetzt belebten ſich dieſe vorher in Ehrfurcht erſtarr⸗ ten Geſichter, und die Lakaien und Kammerdiener, der Oberhofmeiſter und der Intendant waren jetzt wieder Menſchen, welche dachten, fühl⸗ ten und gelegentlich auch ihre erhabene Herrſchaft in den Kreis ihrer Bemerkungen zogen. Habt Ihr's gehört? flüſterte der Eine. Sie will den Grafen ſprechen. Sie fragt nicht einmal, ob er ſchläft. Sie befiehlt ihm zu kom⸗ men, und der arme Herr liegt ſchon ſeit vier Stunden im Bett, denn das iſt ſeine einzige Zuflucht, der einzige Ort, wo er ſicher iſt vor ihren Quälereien. Ja, er wird aber doch auſſtehen. Er wird doch nicht den Muth haben, ihrem Befehl zu widerſtehen! Nein, nein! lachten Alle. Er wird in zehn Minuten ſchon im blauen Salon ſein, denn er weiß wohl, wenn er ungehorſam iſt, ſo giebt es in vielen Wochen keine Ruhe, und die gnädige Gräfin wird Alles das thun, was ihm unangenehm iſt, und ſie wird wieder das Geld mit vollen Händen zum Fenſter hinaus werfen und ganz Wien wird wieder wochenlang von den wundervollen, genialen Streichen der wilden Gräfin zu erzählen haben.— Die Dienerſchaft hatte Recht. Graf Franz Eſterhazy hatte durchaus nicht den Muth, der Botſchaft ſeiner Gemahlin, mit welcher der Ober⸗ hofmeiſter ihn aus ſeinem erquicklichſten Schlaf weckte, zu widerſtehen. Es ſchien, als ob ein elektriſcher Schlag ſeine ganze Geſtalt durchrüt⸗ telte, und ihn empor trieb aus den warmen Kiſſen. Mit ängſtlicher Stimme rief er nach ſeinem Kammerdiener, um ihm bei ſeiner Toilette 1*⅔ 4 behülflich zu ſein, und nicht mehr als zehn Minuten waren vergangen, als der Graf im eleganten Geſellſchaftsanzug durch die erleuchteten Säle dahin ſchritt, um ſich zu dem Rendezvous mit ſeiner Gemahlin in den blauen Salon zu begeben. Leonore war ſchon dort. Sie ſtand inmitten des Saals unter dem Kronleuchter und das Haupt ſtolz zurückgeworfen, die Blicke kalt und groß auf den eintretenden Gemahl geheftet, hatte ſie das Ausſehen einer Königin, welche ſich herabläßt, einem ihrer Vaſallen Audienz zu ertheilen. Ganz ſo mit der Miene eines demüthigen und etwas ängſtlichen Vaſallen, näherte ſich ihr der Graf. Sie haben mich rufen laſſen, Gräfin, ſagte er ſanft, Sie ſehen, mit welcher freudigen Eilfertigkeit ich Ihrem Ruf gefolgt bin. Es iſt für mich ein ſo ſeltenes Glück, von Ihnen zu einer Zuſammenkunft geladen zu werden, es iſt das eine ſo unerhörte Ueberraſchung, eine ſolche liebenswürdige Erfüllung meiner heißeſten Wünſche, ich fühle ſo tief das ſtolze Glück, ich— Er hielt verwirrt inne, denn er fühlte die brennenden Blicke der Gräfin, welche mit einem Ausdrucke unausſprechlicher Verachtung auf ihm ruhten, und das machte ihn befangen, und hemmte den Strom ſeiner ſchmeichleriſchen Beredtſamkeit. Sprechen Sie doch weiter, Herr Graf, ſagte Gräfin Leonore kalt. Sie ſind noch nicht am Ende mit Ihrer Rede, es fehlt Ihnen noch der Nachſatz zu derſelben! Sie werden mit Ihrem hohen Geiſt und Ihrem feinen Gefühl ohne Zweifel den Nachſatz ergänzen können, ſagte der Graf freundlich. Sie müſſen fühlen, Leonore, daß mich die Bedeutung dieſes Moments verwirrt. Ich habe Sie ſo oft und ſo vergeblich um eine Unterredung bitten laſſen, und Sie haben mir dieſelbe niemals gewährt; ich habe Sie ſeit unſerer Verheirathung niemals ohne Zeugen, niemals anders als in Geſellſchaft geſehen. Es iſt daher begreiflich, daß dieſe mir endlich nach ſo langer Zeit freiwillig gewährte Zuſammenkunft mich auf das Höchſte und Schönſte überraſcht und meine Gedanken wahrhaft verwirrt. Wir haben uns niemals wieder ſeit jener unſeligen Nacht allein geſehen, ſagte ſie, wiſſen Sie, wieviel Zeit vergangen iſt ſeit jener Nacht? —— Vier Jahre, ſagte er leiſe. Ja, vier Jahre, wiederholte ſie mit einem heftigen Ausdruck. Gerade heute vor vier Jahren um dieſelbe Zeit, an demſelben Tage ſtanden wir hier auf derſelben Stelle einander gegenüber. Ah vraiment, es iſt wahr, es iſt heute unſer Hochzeitstag, rief der Graf überraſcht. Verzeihen Sie, daß ich das vergeſſen konnte! Wohl Ihnen, daß Sie es vergeſſen konnten! Ich habe jenen Tag und jene Stunde nie vergeſſen, ſie ſteht ewig vor mir in ihrer gräßlichen Bedeutung. Wiſſen Sie noch, Herr Graf, was ich Ihnen heute vor vier Jahren in jener Mitternachtsſtunde auf derſelben Stelle hier geſchworen habe? Oder haben Sie auch das vergeſſen? Ja, ich habe auch das vergeſſen, Leonore, ich wollte nicht der har⸗ ten und grauſamen Worte gedenken, welche Sie damals ſprachen in der Empörung eines nur zu gerechten Schmerzes. Ich ſchwur Ihnen, mich an Ihnen zu rächen für den unerhörten Frevel, den Sie gegen mich verübt. Sie hatten eine Seele betrogen, welche ſich vor Ihnen bis zum Flehen gedemüthigt hatte, und dieſe Seele bäumte ſich dann vor Ihnen auf im Zorn, und ſchwur Sie zu ſtrafen und ihr Unglück zu rächen! Habe ich nicht Wort gehalten, Herr Graf Eſterhazy? Habe ich Sie nicht gemartert und gequält, habe ich Sie nicht durchkreuzt in allen Ihren Neigungen und Wünſchen, habe ich dieſem Hauſe nicht den Frieden und das Glück entführt, habe ich durch meine Verſchwendung nicht Ihre Vermögensverhältniſſe ruinirt, und Sie und mich zu einer lächerlichen Fabel für ganz Wien gemacht? Sie ſind vielleicht ein wenig zu hart in Ihrem Urtheil über Sich Selber, ſagte Graf Eſterhazy ſanft. Es iſt wahr, wir ſind wohl Beide nicht glücklich geweſen; daß wir's nicht waren, beweiſt ſchon, daß es eben ſeit den vier Jahren unſerer Ehe heute das Erſtemal iſt, wo wir ohne Zeugen zu einander ſprechen, und damit allerdings haben Sie meine liebſten und ſchönſten Neigungen und Wünſche durchkreuzt. Ich will auch nicht leugnen, daß die vielen Feſte, Concerte und Bälle und die ganze Führung unſers Hauſes einige Millionen gekoſtet und ein Deficit in meine Rechnungen gebracht hat, aber es wäre ungerecht Sie deshalb der Verſchwendung zu zeihen. Die ſchöne, feenhafte Gräfin Leonore konnte nicht Feſte geben, wie andere gewöhnliche Sterbliche, 6 und man kann von ihrer Genialität nicht fordern, daß ſie bei der Er⸗ findung ihrer Zauberfeſte an Geld und Rechnungen denken ſoll. Wir haben allerdings Einiges wieder gut zu machen, aber noch iſt es Zeit dazu! Nein, es iſt nicht Zeit mehr, irgend Etwas wieder gut zu machen, rief ſie ſtürmiſch, Sie müſſen das fühlen und wiſſen wie ich! Sehen Sie nur, was dieſe elenden vier Jahre aus uns gemacht haben! Sehen Sie Sich Selber zuerſt. Sie waren ein junger Mann mit einem Herzen voll ſanfter Neigungen, voll edler Hoffnungen, das ganze Leben lachte Ihnen entgegen, alle Frauen bewarben ſich um Ihre Liebe, denn Sie waren einer der reichſten, der vornehmſten und liebenswürdigſten Ca⸗ valiere. Jetzt, nach dieſen vier unſeligen Jahren, jetzt ſind Sie ein Greis mit gebrochenem Herzen, ein Greis, welcher niemals ein Mann geweſen, ein Greis, den nicht die Zeit ſondern nur das Unglück kindiſch gemacht, und der durch ſeine unmännliche Schwäche, ſeine weibiſche Nachgiebigkeit zum Geſpött und Gelächter der ganzen Welt geworden! Und nun ſehen Sie auch mich an! Oh, was war ich heute vor vier Jahren, und was bin ich jetzt! Was hätte ich einem Manne ſein kön⸗ nen, der es verſtanden mich ihm unterthänig zu machen in Liebe und Gehorſam, und meinen Stolz und Eigenwillen zu beugen! Was bin ich geworden durch einen Mann, den ich verachten mußte ſeit demn Tage, an welchem ich ihm zum erſten Male begegnete, verachten, weil er nicht den edlen Muth beſaß einen Willen zu haben, aber den fre⸗ chen Muth, vor dem Altare Gottes einen feigen Meineid zu begehen! Die Liebe hätte mich ſanft machen können, der Haß hat aus mir ein Weib gemacht, welches in ihren beſten Stunden ſich ſelbſt verachtet, und blutige Thränen über ſich weint! Unſere Ehe war eine Unnatur, und unnatürlich haben wir Beide uns durch ſie entwickelt; Sie ſind ſchwach geworden und furchtſam wie ein Weib, ich hart und furchtlos wie ein Mann! Wehe über uns Beide! Zwei große Thränen glitten, wie ſie ſo ſprach, aus ihren Augen und rollten langſam über ihre bleichen Wangen nieder. Graf Eſterhazy war wie geblendet von dieſen Thränen, welche zum erſtenmale ſeit dieſen vier Jahren ihm ein Zeugniß gaben, daß dieſes kalte, marmorne Göt⸗ terbild auch ein Weib ſei, welches des Gefühls, ja des Schmerzes 7 ſelbſt fähig ſei. Er näherte ſich ihr haſtig, und ſtreckte ihr mit einem ſanften Lächeln ſeine beiden Hände hin. Leonore, ſagte er freundlich, es iſt heute unſer Hochzeitstag! Ver⸗ geſſen wir, daß vier Jahre ſeitdem vergangen ſind, denken wir, daß es heute der Tag unſerer Vermählung iſt. Löſchen wir dieſe vier Jahre aus unſerm Gedächtniß aus, und fangen wir in dieſer Stunde ein neues Leben an; wir haben eine ſchwere Prüfungszeit durchgemacht, möge ſie jetzt beendet ſein! Reichen Sie mir Ihre Hand, vergeſſen wir Alles, was geſchehen, und beginnen wir ein Leben der Eintracht, der Liebe und des Glücks! Sie ſchauderte in ſich zuſammen vor der Berührung ſeiner Hände, und trat ſtolz einen Schritt zurück. Ich kann Ihnen niemals die Hand reichen, ſagte ſie, denn ich kann niemals vergeſſen, was geſchehen iſt, ich kann Ihnen niemals verzeihen, wie ſchmachvoll Sie an mir geſün⸗ digt haben! Aber ich will vergeben, wenn Sie jetzt thun, um was ich Sie bitten will! Sie wollen mich um etwas bitten? fragte Eſterhazy freudig. Oh, ſprechen Sie, Leonore, was iſt es? Was kann ich thun, um Ihnen ge⸗ fällig zu ſein? Sie können mich frei geben, ſagte ſie mit ſanfter, faſt flehender „Stimme. Sie können die Ketten löſen, welche uns Beide an einander feſſeln! Kommen Sie mit mir zur Kaiſerin, werfen Sie Sich ihr mit mir zu Füßen, ſchildern Sie ihr mit mir den Jammer dieſer vier Jahre, welche wir auf der Galeere unſerer Ehe zugebracht haben, be⸗ ſchwören wir ſie endlich Mitleid zu haben mit zwei armen Menſchen, welche ſie unglücklich gemacht hat, und durch ein kaiſerliches Macht⸗ wort zu trennen, was ſie durch ein kaiſerliches Machtwort verbun⸗ den hat! Die Kaiſerin wird das niemals thun, rief der Graf lebhaft, denn ſie wird meinen Worten keinen Glauben ſchenken. Sie weiß, daß ich glücklich und zufrieden bin durch Sie, ich habe ihr das zu oft verſichert, als daß ſie das Gegentheil jetzt glauben ſollte. Dann laſſen Sie uns an die höchſte Inſtanz gehen! ſagte ſie flehend. Eilen wir nach Rom, werfen wir uns dem Papſt zu Füßen, flehen wir zu ihm, im Namen der Heiligkeit der Ehe, welche durch uns geſchändet wird, daß er in unſere Scheidung willige, und uns frei mache! Unmöglich! rief der Graf. Die Kaiſetin würde das für eine Be⸗ leidigung ihrer Majeſtät, für eine Verletzung der ihr ſchuldigen Ehr⸗ furcht halten, ſie würde es uns nie verzeihen, von einer andern Hand das angenommen zu haben, was ihre kaiſerliche Hand uns glaubte ver⸗ weigern zu müſſen. Nein, das iſt unmöglich, denn die Ungnade der Kaiſerin würde unvermeidlich ſein! Oh, über dieſe ſervilen Herzen, welchen die Sonne der Fürſten⸗ gunſt Alles erſetzt, ſelbſt ihre Ehre und ihr Glück! rief Leonore mit einem ſchneidenden, kalten Lachen. Was hat Ihnen denn die Gunſt der Kaiſerin eingebracht? Was anders als Elend und Jammer, denn dieſer Gunſt verdanken Sie die Schmach Ihrer letzten vier Jahre, und die Ketten, welche uns Beide gefeſſelt halten! Ich kann dieſer Gunſt nicht entbehren, ſie iſt ein ſchönes Vorrecht unſerer Familie, rief der Graf, deſſen ſanftes Antlitz plötzlich aufleuch⸗ tete in Stolz. Seit Jahrhunderten ſind die Kaiſer von Oeſterreich den Grafen Eſterhazy gnädig geweſen, ſeit Jahrhunderten haben wir an dieſem Hof die erſten Ehrenämter, die höchſten Würden bekleidet, es wäre für uns die höchſte Zurückſetzung, die größte Niederlage, wenn das jetzt anders werden ſollte. Der ganze hohe Adel würde mit Ge⸗ ringſchätzung auf uns blicken, und ſich beeilen in der Nähe der Kaiſerin die Stelle einzunehmen, welche wir leer gelaſſen, und welche man uns ſo oft beneidet hat. Nein, ich werde nichts thun, was mir die Gunſt der Kaiſerin entziehen und mich ihrer Gnade unwürdig machen könnte. Sie hat mir dieſe Ehe aufgelegt, und deshalb ertrage ich ſie ohne Klage und ſelbſt ohne Schmerz, deshalb ehre und achte ich Sie, Leo⸗ nore, als ein Geſchenk der Kaiſerin. Und Maria Thereſia weiß und erkennt es, wie ſehr ich ihr in Liebe, Treue und Gehorſam ergeben bin, und ſie wird mich eines Tages glänzend dafür belohnen. Schon hat ſie mir die Stelle des kranken Grafen Palfy zugeſichert, und wenn dieſer ſtirbt, werde ich ihr Oberhofmarſchall; aber noch höhere Ehre ſteht mir bevor.é Wenn ich mir ihre Gnade zu erhalten verſtehe, wird Maria Thereſia den Grafen Franz Eſterhazy bald in einen Fürſten Eſterhazy verwandeln. Oh, Madame, Sie weigern Sich mein Weib ——.,——— 9 zu ſein, aber Sie werden es doch nicht weigern können, meine Ehren und Würden mit mir zu theilen, und eines Tages werde ich das Glück haben, dieſe ſtolze Stirn mit einer Fürſtenkrone geehrt zu ſehen! Sie ſchaute ihn an mit einem Blicke unausſprechlicher Verachtung. Noch elender und erbärmlicher iſt Ihr ſerviles Herz, als ich es dachte, ſagte ſie hoheitsvoll. Jetzt habe ich kein Mitleid, kein Erbarmen mehr mit Ihnen. Hören Sie mich, Graf Eſterhazy, ich frage Sie jetzt zum letzten Male: wollen Sie thun, um was ich Sie gebeten? Wollen Sie mit mir zur Kaiſerin gehen, und mit mir um unſere Scheidung flehen? Wollen Sie, wenn Maria Thereſia ſich weigert unſere Ehe zu löſen, mit mir nach Rom gehen, um den Statthalter Gottes anzuflehen um unſere Freiheit? Ich will und kann Beides nicht, Leonore, ſagte der Graf ſanft. Aber ich will thun, was in meinen Kräften ſteht, um Sie glücklich und zufrieden zu machen. Nie ſollen Ihre Wünſche bei mir ein Hinderniß oder einen Widerſtand finden. Streuen Sie ungehindert Millionen um ſich her, ich werde Sie gewähren laſſen, und mich freuen, wenn ganz Oeſterreich ſtaunt über die Pracht unſerer Feſte, und den Glanz unſeres Hauſes. Ich werde ſchon Mittel finden, die Millionen zu er⸗ ſetzen, und die Kaiſerin wird mir dabei behülflich ſein, ich— Es iſt genug, unterbrach ſie ihn ſtolz. Wir haben einander nichts mehr zu ſagen. Sie haben meiner Bitte nicht Gehör gegeben, jetzt werde ich Sie zwingen, Sich von mir zu ſcheiden. Sie werden dieſe Stunde bereuen, Herr Graf Eſterhazy, und ich will auf Ihr Wappen⸗ ſchild einen ſolchen Balken legen, daß ſelbſt die Fürſtenkrone ihn nicht hinweg ſtoßen kann! Das iſt mein letztes Wort, gehen Sie! Graf Eſterhazy folgte ihrem Befehl nicht, ſondern näherte ſich ihr wieder, um ihre Hand zu nehmen, und ſie an ſeine Lippen zu ziehen. Leonore entriß ſie ihm heftig, und deutete mit einer hoheitsvollen Bewegung nach der Thür hin. Leonore, bat der Graf, zürnen Sie mir nicht! Verzeihen Sie mir, daß ich Ihnen dies ungeheure Opfer, welches Ihre Grauſamkeit von mir fordert, nicht bringen kann. Ich kann Sie nicht frei geben, ich kann Sie nicht von mir laſſen. Sie ſind die Sonne Ihres Hau⸗ ſes, und Sie werden es bleiben! 10 Und die Kaiſerin wird Sie dafür mit einem Fürſtentitel belohnen, rief Leonore mit einem rauhen Lachen. Gehen Sie nur, Sie ſind ſelbſt meines Zornes nicht werth! Aber Sie ſollen dieſe Stunde be⸗ reuen! Gehen Sie! Graf Eſterhazy wagte es nicht noch einmal, ihrem Befehl zu wi⸗ derſtehen, denn er ſah, wie ihre Wangen im Zorn ſich zu röthen be⸗ gannen, wie ihre Blicke ihm drohten. Mit einem tiefen Seufzer verneigte er ſich vor ihr, und verließ den Salon. Leonore ſchaute ihm nach, und als die Thür ſich hinter ihm ſchloß, drang es wie ein Todesächzen aus ihrer Bruſt hervor. Der letzte Strohhalm, an welchen ich mich anklammern wollte, um nicht zu verſinken, murmelte ſie leiſe vor ſich hin, auch der entzieht ſich meinen Händen, und ich muß zu Grunde gehen! Sie neigte ihr Haupt auf ihre Bruſt, und wieder floſſen zwei Thränen über ihre Wangen nieder. Aber ſie ſchüttelte ſie mit einer ſtolzen Kopfbewegung fort. Jetzt iſt es nicht mehr Zeit zu weinen, ſondern zu handeln! ſagte ſie energiſch. So geſchehe denn, was nicht mehr abzuwenden iſt! Die Stunde iſt gekommen! Er wartet auf mich! II. Die Flucht. Mit haſtigen Schritten durcheilte Gräfin Leonore die Säle und trat in ihr Kabinet ein. Die Thür deſſelben verſchloß ſie ſorgfältig hinter ſich, und dann den Raum durchſchreitend, trat ſie da drüben zu dem großen Bilde hin, das an der Wand hing, und deſſen breiter Rahmen mit geſchnitzten, goldenen Roſen verziert war. Sie legte die Hand auf eine dieſer Roſen und drückte ſie nieder. Ein leiſes Knar⸗ ren, wie wenn eine Maſchinerie ſich bewegt, ließ ſich vernehmen. Leo⸗ nore drückte noch einmal, noch ſtärker an der Roſe und trat dann zu⸗ rück. Das Knarren wiederholte ſich, daß große Bild ſchien zu erzit⸗ . 7 11 tern, es bewegte ſich, und hinter demſelben ward eine Thür ſichtbar. Leonore öffnete ſie, aber wie ſie es that, ſchauderte ihre ganze Geſtalt in ſich zuſammen, und eine Todtenbläſſe bedeckte ihre Wangen. Treten Sie ein, Herr Graf Schulenburg, ſagte ſie mit lauter, kalter Stimme. Sofort erſchien in der Thür die hohe, ſchlanke Geſtalt eines jungen Mannes. Darf ich die Schwelle dieſes Paradieſes überſchreiten? fragte er, ſeine glühenden Blicke auf die Gräfin gerichtet, welche kalt und ſtarr in der Mitte des Zimmers ſtand. Sie dürfen es, ſagte ſie, aber ſie ſchritt ihm nicht entgegen, ſie hob nicht die Hand ihn zu begrüßen, ſie ſah ihn nicht an, ſondern blickte zur Erde nieder, und ein roſiger Schleier der Scham goß ſich langſam über ihr Antlitz nieder und bedeckte ihren Hals und ihre Schultern, und ſchien ſelbſt die funkelnden Brillanten mit einem Schat⸗ ten zu überhauchen. Graf Schulenburg ſah dieſes Erröthen und lächelte triumphirend. Er hatte ſchon oft ſo Frauen vor ſich erröthen geſehen, und dieſes Erröthen war allemal das Morgenroth ſeines Glückes geweſen. Er eilte zu ihr hin, und vor ihr niederknieend, hob er ſein Ant⸗ litz, deſſen verführeriſche Schönheit das Entzücken der Frauen und das Entſetzen der Männer Wiens war, zu ihr empor und ſah ſie mit großen, brennenden Blicken an. Leonore ließ es geſchehen, daß er ihre herabhängenden Hände nahm und ſie mit glühenden Küſſen bedeckte, daß er in flammenden Worten ihr ſeine Liebe und ſein Entzücken über die endliche Erwiderung derſelben ſchilderte und ſein ſtolzes Glück pries, daß die ſchöne Leonore, deren kalte Keuſchheit und unnahbare Tugend alle Cavaliere Wiens bisher mit Entſetzen erfüllt, ihm den köſtlichen Triumph gönne, ihr Herz endlich bezwungen zu haben. Sie hörte ihn an mit derſelben kalten Gleichgültigkeit, mit welcher ſie vorher ihrem Gemahl zugehört hatte. Aber als Graf Schulen⸗ burg jetzt leiſe ſich von ſeinen Knieen erhob und ſie in ſeine Arme ziehen wollte, trat ſie zurück und ſtreckte ihre Hände abwehrend gegen ihn aus. Leonore, flüſterte er ſchmerzvoll, Sie wollen alſo noch immer grau⸗ I 12 ſam ſein? Oh, Sie ſind ein kaltes Herz! Sie ſagen, daß Sie mich lieben, und wollen mir nicht einmal die Gunſt einer Umarmung, eines erſten Kuſſes gewähren? Nicht hier, ſagte ſie ernſt, nicht in dieſem Hauſe, in welchem der Mann wohnt, deſſen Namen ich trage. Entweihen wir die Liebe nicht, indem wir die Ehe ſchänden. So kommen Sie, kommen Sie, Leonore, bat er dringend. Alles iſt zu unſerer Abreiſe bereit; der Wagen harrt unten an der kleinen Gartenpforte. Ich habe für Sie und für mich Päſſe nach Italien, nach Frankreich, nach Spanien und nach England beſorgt. Sie haben alſo nur zu wählen, wohin wir gehen, in welchem ſtillen, paradieſiſchen Winkel der ſchönen Gotteswelt wir uns verbergen wollen mit unſerer Liebe und unſerm Glück, bis die Gefahr vorüber iſt, und wir ſie frei vor aller Welt bekennen können. Wir wollen nach Paris gehen, ſagte ſie, indem ſie ihr Geſicht ab⸗ wandte, als wolle ſie es den Blicken des Grafen entziehen. Nach Paris, Theuerſte? fragte Graf Schulenburg überraſcht. Aber bedenken Sie denn nicht, ma toute belle, daß wir dort jetzt am meiſten in Gefahr ſind erkannt zu werden? Der Kaiſer begiebt ſich ja morgen nach Paris, der nimmt ein großes Gefolge mit. Wie leicht könnte Einer dieſer Cavaliere uns begegnen und erkennen! Paris iſt groß, ſagte ſie feſt, und wir werden uns zu verbergen wiſſen. Entdeckt man uns, ſo ſtellen wir uns unter den Schutz des Kai⸗ ſers. Er kennt das Unglück meiner Ehe, und ich weiß, daß er mich bemitleidet. Er wird uns alſo ſeinen Beiſtand gewähren. Sie mögen Recht haben, Theuerſte, rief der Graf nach kurzem Bedenken. Ihr hoher Geiſt erfaßt immer das Richtigſte und Beſte. Wir gehen alſo nach Paris. Dort wollen wir in ſüßeſter Verborgenheit den Wonnemond unſerer Liebe feiern. Ja dort, nicht früher! ſagte ſie ernſt. Graf Schulenburg ſah ſie überraſcht an. Was wollen Sie damit ſagen, theuerſte Leonore? fragte er. 2 Ich will damit ſagen, daß ich von Ihnen einen letzten Beweis Ihrer miebe fordere, bevor ich dieſelbe erhören kann. Ich fordere von Ihnen, daß Sie, bis wir Paris erreicht haben, mir niemals wieder von Ihrer Liebe ſprechen wollen, daß wir neben einander ſein wollen, wie ein Bruder es mit ſeiner Schweſter iſt. Ich fordere von Ihnen, daß Sie niemals mich, oder auch nur meine Hand zu berühren wagen, daß wir von allen Dingen ſprechen, nur nicht von Ihrer Liebe, und endlich fordere ich, daß Sie meine Kammerfrau in dem Wagen neben uns dulden. Sie wird mit mir im Fonds, Sie werden rückwärts ſitzen. Nein, Leonore, Sie fordern das Uebermenſchliche, das Unmögliche von mir, rief der Graf heftig. Ich ſoll neben Ihnen ſein, ohne Ihnen meine Liebe, mein Entzücken zu ſagen, ich ſoll meine glühende Leiden⸗ ſchaft herabdämpfen zu der kalten Neigung eines Bruders, ich ſoll end⸗ lich es dulden, daß die kalten, lauernden Augen einer Dienerin immer da ſind, die meinen zu bewachen, und ich ſoll nicht einmal das Glück haben neben Ihnen zu ſitzen, Ihre himmliſche Geſtalt, den warmen Hauch Ihres Mundes an meiner Seite zu fühlen. Ach, Leonore, Sie wollen meine Liebe nur prüfen, ob ſie der größten Opfer fähig iſt, aber dies iſt nicht Ihr Ernſt, kann nicht Ihr Ernſt ſein! Es iſt mein Ernſt, Graf! Aber bedenken Sie nur, was Alles ich nicht ſchon gethan, um Ihnen meine Liebe zu beweiſen, ſchöne, grauſame Leonore! Seit einem Jahre liebe ich Sie, folge ich Ihnen auf allen Wegen, habe ich keinen Gedanken, keine Hoffnung, keine Sehnſucht, als nur Sie! Sie ſchienen mich gar nicht zu beachten, ich war für Sie nichts als ein Atom, das unbemerkt in dem Strahl Ihrer Sonne ſpielte. Sie hörten nicht meine Seufzer, meine glühenden Liebesworte, Sie ſahen nicht, was ganz Wien ſah, daß ich mich verzehrte in ſchmerzlicher Liebe zu Ihnen. Sie ſchickten alle meine Briefe uneröffnet zurück, und Sie ſchauten in mein bleiches Antlitz mit einem Lächeln, welches für mein Herz ein Todesurtheil war. Ich war in Verzweiflung, in Raſerei, zum erſten Mal widerſtand mir ein Weib, und dieſes Weib war das Erſte, wel⸗ ches ich wahrhaft liebte. Ich wäre geſtorben, freiwillig geſtorben, wenn nicht eines Tages ein Strahl von Mitleid Ihr kaltes Herz erwärmt hätte, Sie ſandten mir meinen Brief nicht zurück, Sie nahmen ihn an, Sie duldeten es, daß ich Abends in der Hofgeſellſchaft hinter Ihrem Stuhle ſtand und in Ihr Ohr die glühenden Bekenntniſſe meiner Liebe flüſterte, und als ich Sie zu Ihrem Wagen geleitete, ſchien es mir, als ob Sie den Druck meiner Hand leiſe erwiderten. Aber dies ſind vie einzigen Gunſtbezeugungen, deren meine ALiebe ſich bis hieher zu erfreuen gehabt. Sie haben meine Liebe geduldet, das iſt Alles, aber Sie haben ſie nie mit Worten oder Briefen erwiedert. Habe ich Ihnen nicht vor acht Tagen geſchrieben? fragte Leonore kalt. O ja, Sie haͤben mir geſchrieben, fagte er lächelnd. Hören Sie nur, Leonore, ich weiß dieſen Brief auswendig. Sie ſchrieben:„Wenn Ihre Liebe wahr und innig iſt, ſo muß es für Sie eine Marter ſein, mich als die Gemahlin eines Andern zu wiſſen. Ich werde niemals vie Ihre ſein, ſo lange ich mit dieſen Manne, deſſen Namen ich trage, unter Einem Dache, in Einer Stadt verweile. Wenn ich an Ihre Liebe glauben ſoll, ſo müſſen Sie mich entführen. Wollen Sie das, ſo bereiten Sie Alles vor, beſorgen Sie Päſſe nach allen Län dern Europa’s, Päſſe für Sie und Ihre Schweſter, laſſen Sie den Reiſewagen heute über acht Tage an der kleinen hintern Gartenpforte meines Hotels warten. Sie werden neben dieſer Pforte eine Frau finven, folgen Sie ihr, und ſie wird Sie durch den Garten in das Hotel zu einer geheimen Treppe führen. Steigen Sie die Treppe hinauf und warten Sie auf dem Corridor, bis ich Sie rufe.“— Dies war Ihr ganzer Brief, Leonore. Sie ſehen, ich habe nicht Ein Wort deſſelben vergeſſen und es findet ſich nicht Ein Wort der Liebe darin. Aber ich folgte Ihren Befehlen wie der gehorſame Sclave ſeiner Her rin. Ich flüſterte Ihnen Abends in der Soirce zu: erwarten Sie mich in acht Tagen! Sie ſahen mich gar nicht einmal an und neig ten nur leiſe bejahend Ihr Haupt und ſchienen mich von dieſer Stunde an gar nicht mehr zu beachten, keinen Blick, kein Lächeln, keinen Hän devruck mehr für mich zu haben. Ich unterdrückte meinen Schmerz und hoffte auf die Zukunft und traf alle nöthigen Vorbereitungen und Ein richtungen. Endlich find dieſe fürchterlichen acht Tage vorüber, ich habe meine Päſſe, der Reiſewagen iſt bereit, ich fliege hierher. Sie laſſen mich eine Stunde auf dem Corridor vor der verſchloſſenen Thür warten. Enplich öffnet ſich dieſe, ich ſehe vor mir die holde Lichtgeſtalt meiner Liebe und ſtürze ſelig zu Ihren Füßen nieder. Sie aber bleiben kalt und ſtolz wie immer, Sie verſagen mir die kleinſte Gunſt, das leiſeſte Zeichen Ihrer Gegenliebe, und endlich, jetzt fordern Sie auch noch, daß 15 ich während einer langen Reiſe meine Liebe wieder zurückdräugen ſoll in die ſchweigende Einſamkeit meines Herzens, daß ich mit der kalten Gleichgültigkeit eines Bruders neben Ihnen ſein und daß ich es mir gefallen laſſen ſoll, nicht einmal mit Ihnen allein zu reiſen, ſondern eine dritte Perſon neben mir zu dulden! Nein, Leonore, das iſt zu viel, das kann ich nicht erfüllen. Dann, Herr Graf Schulenburg, leben Sie wohl, ſagte Leonore feſt. Kehren Sie zurück auf dem Wege, welchen Sie gekommen. Wir haben einander nichts mehr zu ſagen, leben Sie wohl! Sie wandte ſich ab und ſchien im Begriff hinauszugehen. Graf Schulenburg faßte ihre Hand und hielt ſie feſt. Leonore, ſagte er hef⸗ tig, Sie martern mich zu Tode mit Ihrer Kälte und Ihrer Gleich⸗ gültigkeit. Geben Sie mir wenigſtens ein Wort des Troſtes, der Hoffnung. Sagen Sie mir wenigſtens Einmal, oh nur Einmal, daß Sie mich lieben.. Kann ein Weib einen größeren Beweis davon geben, als daß ſie ſich von ihrem Liebhaber entführen läßt? fragte Leonore mit einem ſelt⸗ ſamen Lächeln. Sagt eine Entführung nicht mehr als alle Worte es vermögen? Es iſt wahr, es iſt ein ſtolzes, zauberhaftes Glück, welches Sie mir da bieten, rief er ſinnend. Aber es iſt, als ob Sie mir einen goldenen Becher reichten, der mit Wermuth gefüllt iſt. Das Aeußere iſt ſchön und glänzend, aber der Trank iſt bitter! So trinken Sie ihn nicht, ſagte ſie, ihre Hand zurückziehend. Nein, nein, ich will, ich muß ihn trinken, denn meine ganze Seele dürſtet nach dieſem Becher, und ich bin bereit den Inhalt zu nehmen um des Bechers willen! Sie nehmen alſo meine Bedingungen an? Ich nehme ſie an! Ich werde bis Paris meiner Liebe Schweigen auferlegen, ich werde Sie ehren und fliehen, als eine höchſt geſtrenge, höchſt keuſche Schweſter, ich werde niemals auch nur die Spitzen Ihrer Finger zu berühren wagen, und endlich werde ich dieſes Ungeheuer, dieſe Schildwache der Tugend, Ihre Kammerfrau, neben Ihnen dul⸗ den, und werde ihr gegenüber auf dem Rückſitz meinen Platz nehmen, während es ihr vergönnt iſt, im Fonds neben Ihnen zu thronen. Ich gehe alle dieſe Bedingungen ein bis wir Paris erreicht haben. Aber dann, Leonore, dann endlich werden Sie meine heiße, demüthige Liebe belohnen. Oh, in Paris— In Paris, unterbrach ihn Leonore mit einem flammenden Blicke und einem ſeltſamen Lächeln, in Paris werden wir weiter mit einander ſprechen, und dann werde ich zu Ihnen ſprechen in einer Weiſe, wie Sie ſie niemals von mir vernommen! Oh, Leonore, ich danke Ihnen, rief der Graf leidenſchaftlich. Dieſe himmliſche Verheißung giebt mir Kraft das Schwerſte zu ertragen und mit freudigem Muthe der Erfüllung derſelben die größten Opfer zu bringen! Gehen Sie jetzt, Leonore, und legen Sie Ihr Reiſekleid an! Der Wagen wartet ſchon lange, und die Pferde werden ermüdet wer⸗ den vom langen Stehen und uns nicht ſo ſchnell von dannen führen. Gehen Sie alſo, meine Schweſter, und beeilen Sie Sich! Ich erwarte Sie hier! Er küßte ehrfurchtsvoll die Spitzen ihrer Finger, und ſich dann tief verneigend, trat er zurück bis an die geheime Thür. Gräfin Leo⸗ nore nickte leicht mit ihrem ſtolzen Haupte wie eine Königin, welche einen demüthigen Supplicanten aus der Audienz verabſchiedet, und ver⸗ ließ dann durch die entgegengeſetzte Thür das Kabinet. Graf Schulenburg ſchaute ihr nach, und über ſein ſchönes Antlitz flog jetzt ein Ausdruck grauſamer Schadenfreude, kalter Ironie. Die wilde Gräfin Eſterhazy wird alſo auch gezähmt werden, mur⸗ melte er leiſe vor ſich hin, und ich werde den Triumph haben, dieſe Zähmung zu vollbringen! Ich werde alſo meine Wette gewinnen, und was alle Cavaliere, was ſelbſt der ſchöne und reiche Fürſt Lichtenſtein vergeblich erſtrebt hat, das wird mir gelingen, ich werde dieſe wilde Tugendheldin demüthigen und zu meiner Sclavin machen! Geduld, Geduld, ſie ſoll mir den ſtolzen Uebermuth dieſer Tage ſchon büßen müſſen. Ich will es ihr erlauben, bis Paris noch die Herrin zu ſpielen, aber in Paris werde ich ſie ſchon als Sclavin zu meinen Füßen ſehen! Vraiment, es iſt ein köſtliches, pikantes Abenteuer, das mir Gott Amor zugeführt hat. Ich werde mit der ſchönſten Frau der Welt auf ihre Koſten eine herrliche Hochzeitsreiſe machen, ohne vorher das läſtige Ceremoniell einer Trauung ertragen zu müſſen, und wenn mein mir wir mehr Gräf ihrer trug, ernſt ſie lo ihm! dor hi wüthe tiſch man des ängſt ruhig durch jetzt dem Der in ſe 17 mein Wonnemond zu Ende iſt, und ich nach Wien zurückkehre, wird mir der Prinz von Hildburghauſen die zweitauſend Louis'dor, um die wir gewettet haben, auszahlen müſſen; ma foi, er wird es dann nicht mehr leugnen können, daß ich Sieger bin, denn ich habe die ſchöne, keuſche Gräfin Leonore nicht bloß verführt, ſondern ſogar entführt. Ich— Die Thür öffnete ſich und Leonore im Reiſeanzug, gefolgt von ihrer Kammerfrau, welche die Caſſette der Gräfin und die Reiſeeffekten trug, trat ein. Ich bin bereit, Herr Graf, laſſen Sie uns eilen, ſagte Leonore ernſt; als aber der Graf zu ihr trat, um ihr den Arm zu bieten, ſchüttelte ſie langſam ihr Haupt. Nicht nöthig, ich kenne den Weg, folgen Sie mir! ſagte ſie an ihm vorüberſchreitend und durch die kleine, geheime Thür auf den Corri⸗ dor hinaustretend. Graf Schulenburg folgte ihr ſenfzend und mit einem wüthenden Blick auf die hübſche, junge Kammerfrau, welche ihm ſpöt⸗ tiſch lächelnd ins Angeſicht ſchaute.— Wenige Minuten ſpäter vernahm man das dumpfe Rollen eines Wagens.— Kein Licht in den Sälen des Hotels erloſch, Alles ſtrahlte weiter in Glanz und Herrlichkeit, kein ängſtlicher Traum beſchwerte den Schlaf des Grafen Franz Eſterhazy, ruhig ſchlummerte er weiter, und doch war eben ein finſterer Schatten durch dieſe Säle dahin gerauſcht, und doch ſaß dieſer finſtere Schatten jetzt wie eine Eule hoch oben auf dem goldenen Wappen, welches auf dem mit ſammtenen Vorhängen geſchmückten Lager des Grafen prangte! Der Schatten der Schande, welchen die entflohene Gemahlin des Grafen in ſeinem Hotel und auf ſeinem Wappen zurückgelaſſen! III. Abſchied von Deutſchland. Ein glänzender Reiſezug näherte ſich der langen Brücke, welche bei Kehl über den Rhein und hinüber nach Frankreich führt. Es war der Reiſezug des Kaiſers Joſeph, des Grafen von Falkenſtein, der Kaiſer Joſeph. 2. Abth. IV 2 18 jetzt auf der Reiſe nach Paris bis an die Grenzen Deutſchlands ge⸗ langt war. Stattlicher und glänzender als ſonſt war diesmal das Reiſegefolge des Kaiſers; Maria Thereſia hatte es ſo gewünſcht, und der Kaiſer hatte ſich daher gehorſam ihrem Wunſche gefügt. Er reiſte diesmal alſo nicht in einer einfachen Reiſechaiſe, begleitet von einem Cavalier und einem Kammerdiener, ſondern er reiſte als der reiche und vornehme Graf von Falkenſtein, der ſich, wenn es ihm beliebte, jeden Augenblick in einen Kaiſer verwandeln konnte. Das Gefolge des Kaiſers beſtand diesmal aus dreißig Perſonen, da war ein Reiſemar⸗ ſchall und ein Leibarzt, ein Geheimſecretair und vier Kammerdiener, da war ſogar der Mundkoch des Kaiſers und einige ſeiner Unterbeam⸗ ten, und endlich hatte der Kaiſer außer ſeinem Freunde, dem Grafen von Roſenberg, noch zwei andere vornehme Cavaliere mit ſich neh⸗ men müſſen. Bei einem ſo glänzenden Gefolge, mit welchem der Kaiſer daher kam, hatte ſein Incognito daher wenig Bedeutung, und in München wie in Stuttgart hatte es ſich Joſeph ſchon gefallen laſſen müſſen, daß man die leichte Hülle des Incognito's lüftete und dem Kaiſer, der „darunter verborgen war, ſeine Huldigung darbrachte, und überall auf ſeinem Wege hatte er das Zujauchzen des Volkes, das Zuſammenſtrö⸗ men der Menſchenmenge, und feierliche Anreden und officielle Huldi⸗ gungen zu erdulden gehabt. Jetzt war die Grenze Deutſchlands erreicht, und der kaiſerliche Reiſezug war eben, wie geſagt, bis an die Brücke bei Kehl angelangt. Es war Abend, die Sonne nahte ſich dem Untergang und warf ihre goldglühenden Lichter auf die grünen, glänzenden Fluthen des Rheins, der mit leiſem Murmeln ſeine ſchaumgeränderten Wogen an das Ufer plätſcherte. Der Kaiſer ließ ſeinen Wagen anhalten, und ſich von ſei⸗ nem Sitz erhebend ſchaute er hinter ſich auf dieſe ſechs hochgethürmten mit vier Poſtpferden beſpannten Equipagen, welche ihm folgten. Freund Roſenberg, ſagte der Kaiſer dann, ſich lächelnd an den Grafen wendend, der neben ihm ſtand, ich habe mir ganz in der Stille einen Plan entworfen, und hoffe, daß er Ihren Beifall haben wir Sie ſollen es mir aber ehrlich ſagen, verſprechen Sie mir das? diesr unſer dame wie wir ſchla als den viele Eine ich zufrie dem aus lich; er, unſe mein ſchall will hier entwe man Auſt ganz auch reiſe weni 19 Ich verſpreche Eurer Majeſtät eine durchaus ehrliche Antwort. Nun denn, Freund, aber ganz ehrlich, wie gefällt Ihnen unſere diesmalige Art zu reiſen? Ach, Sire, ich habe jeden Tag mit weinerlicher Sehnſucht an unſere frühern Reiſen gedacht. Oh, wie göttlich ſchön war's doch damals, als wir in jenem Dorf uns ſelber unſer Mittag bereiteten, wie luſtig und abenteuerlich noch auf dieſer Reiſe nach Galizien, wo wir freilich öfter unter Gottes freiem Himmel und unter unſerm Pferde ſchlafen mußten, und oft Tagelang nichts Anderes zu eſſen bekamen, als was wir uns aus den Judenſchenken in den Dörfern, oder aus den einſamen Hütten der Goralen und Slowaken für viel Geld und viele gute Worte eroberten. Oh, ich danke Ihnen, rief der Kaiſer freundlich, ich ſehe, daß wir Einer Meinung ſind, und daß wir uns verſtanden haben! Jetzt habe ich Sie nichts weiter zu fragen, denn ich ſehe ſchon, daß Sie mit dem zufrieden ſein werden, was ich vorhabe! So ſprechend winkte der Kaiſer einen der drei Herrn, welche in dem nächſten der Wagen hinter ihm ſaßen, und ſofort ſprang dieſer aus dem Wagen, und eilte herbei. Der Kaiſer nahm ſeinen Sitz wieder ein, und neigte ſich freund⸗ lich zu dem Gerufenen hin. Herr Hauptmann von Bourgeois, ſagte er, Sie werden mir erlauben müſſen, einige kleine Abänderungen in unſerm Reiſeplan zu machen. Zuerſt aber geſtatten Sie mir, Ihnen meinen Dank zu ſagen, denn Sie haben Ihrem Dienſt als Reiſemar⸗ ſchall mit größter Umſicht und Aufmeerkſankkeit genügt. Aber länger will ich Sie nicht bemühen, und wir wollen den Prunk unſerer Reiſe hier an den Grenzen Deutſchlands zurück laſſen. Frankreich muß ich entweder im vollen Glanz der Kaiſerwürde, oder als einfacher Privat⸗ mann durchreiſen. Zu dem Erſtern habe ich von der Kaiſerin keinen Auftrag, die Million Francs, die wir mitgenommen, und die für die ganze Dauer der Reiſe ausreichen ſoll, möchte für ſolche Kaiſerreiſe auch ſchwerlich genügen. Ich ziehe es alſo vor, als Privatmann zu reiſen. Sie werden mir aber zugeſtehen, daß alsdann unſer Zug ein wenig zu ſtattlich und zu groß erſcheint. Demgemäß wollen Ew. Majeſtät uns entlafſen, und wir ſollen 2* 20 nach Wien zurückkehren? fragte Herr von Bourgeois mit einem leiſen Seufzer, der den vergeblich gehofften Freuden von Paris galt. Nicht doch, mein Herr Reiſemarſchall, ſagte der Kaiſer, welcher den Seufzer gehört und verſtanden hatte. Wir wollen Alle unſern Plan ausführen, und nach Paris gehen, nur wollen wir es nicht ge⸗ meinſchaftlich und in dieſer ſchwerfälligen Weiſe thun, ſondern auf ein⸗ fachere und bequemere Art, indem wir uns zerſtreuen und auf verſchie⸗ denen Wegen zu demſelben Ziele gelangen. Wir wollen uns daher jetzt in drei Colonnen theilen: die erſte Colonne bilde ich mit dem Grafen Roſenberg. Wir bedürfen nichts als dieſen Caleſchwagen, und meinen Kammerdiener Günther, den Sie die Güte haben werden, zu rufen, daß er den Platz hier vorn auf dem Bock neben dem Poſtillon einnehme.— Die zweite Colonne bilden Sie mit den beiden Grafen Colloredo und Cobenzl, und meinem Leibarzt Brambilla, Sie werden mit Ihrer Dienerſchaft an zwei Kutſchen genug haben, und man wird Ihnen überall wegen Ihres ſtattlichen Auftretens die höchſten Ehren und die höchſten Rechnungen ſpenden. Die dritte Colonne endlich bildet der Mundkoch, die Kammerdiener und Lakaien, die in den drei noch übrigen Wagen hinlänglich Platz haben. Dieſe dritte Colonne führt mein Mundkoch an. Er iſt ein ſehr vornehmer und verwöhnter Herr, der von dem Feuer ſeiner Oefen und Heerde gegen die friſche Gottesluft etwas empfindlich und ängſtlich geworden. Wir wollen ihm alſo ge⸗ ſtatten, die große Kutſche, welche Sie mir als Reſerve für kalte Regen⸗ tage beſtimmt hatten, mit irgend einem ſeiner Günſtlinge aus der Küche zu beſteigen, und ſo als grand Seigneur im Gefolge zweier Wagen mit Dienerſchaft und einem Pack⸗ und Fourage⸗Wagen zu fah⸗ ren.— Da haben Sie meinen ganzen Feldzugsplan, Herr Hauptmann, und ich habe nur noch hinzuzufügen, daß die drei Colonnen ſich nach ſechs Tagen auf der letzten Station vor Paris wieder zuſammenzufin⸗ den haben.— Ich erlaube mir nur noch die eine Frage an Ew. Majeſtät zu richten, wann der Feldzugsplan in Angriff genommen werden ſoll? Auf der Stelle, Herr Hauptmann! Die zweite und die dritte Co⸗ lonne werden ſofort über die Brücke fahren, und bis Straßburg ver⸗ einigt bleiben. Dort werden Sie als Reiſemarſchall gütigſt der dritten Colonne ihre Marſchroute vorzeichnen und für die zweite die Route wählen, welche Ihnen und den andern Herren beliebt. Die erſte Co⸗ lonne wird hier noch ein wenig auf deutſchem Boden verweilen und ſich einen ganz neuen Weg ausſpüren, einen Weg, auf welchem die beiden Reiſenden des einfachen Caleſchwagens ſicher ſind, den vorneh⸗ men Reiſenden der zweiten und dritten Colonne gar nicht zu begegnen. An's Werk denn, an's Werk! Haben Sie die Güte, die beiden Gra⸗ fen und den Doctor zu benachrichtigen, daß ich ihnen Lebewohl ſagen möchte. Herr von Bourgeois eilte fort, und der Kaiſer ſprang aus dem Wagen, um nicht, wie von einem Thron herab, den letzten Abſchied von ſeinen Cavalieren zu nehmen. Eine Viertelſtunde ſpäter hatte die ganze Reihe der großen Wa⸗ gen die lange Rheinbrücke paſſirt und verſchwand jenſeits derſelben in einer Wolke von Staub. Der Kaiſer athmete hoch auf, und ein glückliches Lächeln flog über ſein Antlitz hin. Laſſen wir den Staub dieſer Kaiſerherrlichkeit erſt ein wenig verfliegen, ſagte er, alsdann wollen auch wir über die Brücke fahren, und in dem erſten beſten Dorf unſer Nachtquartier nehmen. Kommen Sie, Roſenberg, geben Sie mir Ihren Arm, laſſen Sie uns ein wenig am Ufer des Rheins ſpazieren gehen. Er nahm den Arm des Grafen, und die Landſtraße überſchreitend, ging er mit ihm zu dem kleinen Fußpfad, der einerſeits am Rand einer üppigen Wieſe und andrerſeits am Uferrande des Rheins dahin führte. Eine tiefe Stille herrſchte ringsum; auf den fernen Aeckern ſah man, da der Kaiſerzug längſt vorüber war, die Bauern ruhigen und gemeſſenen Schrittes hinter den von großen Stieren gezogenen Pflügen einhergehen, oder die großen hochaufgethürmten Heuwagen langſam dahin fahren! Weiterhin in einem Kranz grüner Bäume ſah man die Thürme und Häuſer der Stadt Kehl, und ringsum in weiterer Ferne ſtiegen aus der lachenden Landſchaft lieblich gelagerte Dörfer und ein⸗ zelne Gruppen von Häuſern empor. Von den Thürmen von Kehl her⸗ über ſchallte das Läuten der Abendglocken, dazwiſchen vernahm man hier und dort das fröhliche Aufjauchzen irgend eines Bauernburſchen, 22 den jubelnden Klang eines Liedes, das ſich ein Mädchen auf der Heu⸗ wieſe ſang, und leiſe dazu rauſchte der Rhein mit ſeinen grünen Wo⸗ gen das ewig junge und ewig unvergängliche Lied von der Schönheit der Welt und der Herrlichkeit der Natur. Der Kaiſer, welcher anfangs raſch vorwärts geſchritten war, ſtand ſtill und ließ ſeine Blicke lange und mit entzücktem Ausdruck über die reizende, üppige Landſchaft dahin ſchweifen. Sehen Sie nur, Freund, ſagte er nach einer langen Pauſe, ſehen Sie, wie ſchön Deutſchland iſt. Schön wie ein lächelnder, friedlicher Knabe, der aber auf ſeiner Stirn und in ſeinem Antlitz die Züge trägt, welche verrathen, daß er einſt zu einem Manne, zu einem Helden er⸗ ſtarken könnte! Sie werden den Knaben zu dieſem Manne und zu dieſem Helden erziehen, Majeſtät, rief Graf Roſenberg. Der Kaiſer runzelte leicht die Stirn. Sie ſind noch in dem Pa⸗ rademarſch unſerer bisherigen Reiſe, Freund! ſagte er haſtig. Ver⸗ geſſen Sie jetzt wieder den ganzen Firlefanz der Majeſtät und der Kaiſerwürde. Sie wiſſen nur zu gut, daß ich eben nicht ſonderliche Freude von meinem Kaiſerthum habe und daß ich gar hart und kum⸗ mervoll zu tragen habe an meiner Mitregentſchaft, unter der ich hindurch ſchleichen muß, wie einſt die Gefangenen der Römer unter dem Joch! Aber eine Zeit wird kommen, Herr Graf, wo das Joch verſchwindet und wo der Kaiſer groß und frei ſein Haupt emporhebt, rief Graf Roſenberg. An dieſem Tage wird eine neue Sonne des Glücks über Deutſchland aufgehen! Der Himmel gebe, daß Sie Recht haben, ſagte der Kaiſer tiefbe⸗ wegt. Mein Wille iſt gut, möge Gott ihm das Vollbringen geben! Oh, Freund, wir ſind hier allein! Niemand hört uns, als Gott allein, Niemand ſieht uns, als Deutſchland, das da in lachender Herrlichkeit ſich vor uns ausbreitet. Hier an den Grenzen Deutſchlands darf der arme deutſche Kaiſer es wohl wagen, in das Herz des treuen und be⸗ währten Freundes ſeine Klagen und ſeinen Kummer zu ergießen und eine Thräne zu weinen über den zerfetzten Purpurmantel ſeiner deut⸗ ſchen Kaiſerherrlichkeit. Wie haben die deutſchen Fürſten und Raub⸗ ritter an dieſem Mantel gezerrt und geriſſen, Jeder für ſich aus einem abgeriſſenen Fetzen des Kaiſerpurpurs ſich eine Narrenjacke eigener Fürſtenſouverainetät herauszuflicken! Haben Sie geſehen, Freund, zu welcher Jammergeſtalt dieſe vielen kleinen Fürſten das große, herr⸗ liche Deutſchland zerpflückt und zerriſſen und was ſie gemacht haben aus dem deutſchen Kaiſerreich? Haben Sie die Fürſtenherrlichkeit in München und in Stuttgart und die Majeſtät all dieſer kleinen deut⸗ ſchen Fürſten und Zwingherrn geſehen, deren Lande wir im Verlauf einiger Stunden durchreiſt ſind, und die da eben ſo viel Macht, ſo viel unumſchränkte Souverainetät beſitzen, als der größte und mächtigſte Herrſcher?. Es iſt wahr, ſagte Graf Roſenberg ſeufzend, Deutſchland hat gar viele Fürſten und Herrren! Ja, es hat gar viele Fürſten und Herren, wiederholte der Kaiſer glühend, und darum iſt ſein eigentlicher Herr, darum iſt der deutſche Kaiſer eine trübſelige Jammergeſtalt geworden und zu ſchmachvoller Bedeutungsloſigkeit herabgedrückt. Darum tobt der Unfriede und Krieg beſtändig in ſeinen eigenen Eingeweiden, darum iſt Deutſchland nur noch ein hohler Name, den die andern Nationen verlachen, und der für uns ſelber kaum noch eine Bedeutung hat. Ach, wenn die Deutſchen, die ſich doch immer ſo gute Patrioten dünken, doch auch nur ein we⸗ nig wahrer deutſcher Vaterlandsliebe fähig wären, wenn ſie weder Gallomanie noch Anglomanie, weder Pruſſomanie noch Auſtromanie hätten, ſondern wenigſtens eine Anſicht, die ihnen eigen wäre und nicht von Andern erborgt, wenn ſie wenigſtens ſelbſt ſehen und prüfen woll⸗ ten, während ſie meiſt nur das Echo einiger elenden Intriguanten und Pedanten ſind!*) Aber der Preuße zankt ſich mit dem Oeſterreicher, der Baier mit dem Sachſen, der Würtemberger mit dem Badenſer, der Heſſe mit dem Schwaben, Jeder will ſein eigenes Geburtsland als ſein Vaterland hochgeſtellt wiſſen, und über den vielen deutſchen Vater⸗ ländern vergeſſen Alle das gemeinſame, große, deutſche Vaterland, ver⸗ geſſen ſie Deutſchland! Aber Kaiſer Joſeph wird einſt der Kaiſer von Deutſchland ſein, *) Des Kaiſers eigene Worte. Siehe: Joſeph II. Briefwechſel u. ſ. w. S. 175. 8 24 rief Graf Roſenberg glühend, und er wird die Fürſten daran erinnern, daß ſie ſeine Vaſallen ſind und daß er allein der Herr und Kaiſer von Deutſchland iſt! Um die Fürſten das zu lehren, Freund, bedürfte es einer blutigen Lehre, ſagte der Kaiſer haſtig. Schauen Sie einmal hinter Sich, Ro⸗ ſenberg, wenden Sie Ihr Auge hinüber nach jener Seite des Rheins. Sehen Sie, da drüben liegt Frankreich! Das heißt, ein Reich ſo groß wie Deutſchland, ebenſo reich bevölkert, uns weit vorgeſchritten an Cul⸗ tur und Bildung, uns beherrſchend mit ſeinen Capricen und ſeiner Induſtrie, Frankreich, das ſo groß, ſo mächtig, ſo einig iſt, weil es Eins iſt in ſich ſelber, weil es nur Einen Herrn hat, den König, und weil alle dieſe Millionen Menſchen nur Ein Vaterland haben, Frankreich! Und einſt erging es doch Frankreich auch, wie es Deutſchland noch jetzt ergeht, ſagte der Graf lächelnd. Einſt herrſchten ſo viele Souve⸗ raine in Frankreich, wie jetzt in Deutſchland. Da war nicht ein Einiges Frankreich, ſondern da war auch das zerſtückelte, zerfürſtete, ſich befehdende und bekriegende Frankreich. Da war die Normandie, die Bretagne, die Provence, da war Languedoc, Bourgogne und Franche⸗Comté, und jedes dieſer franzöſiſchen Lande hatte ſeinen eigenen ſouverainen Fürſten, welcher ſich ſelten und dann nur mit Widerwillen erinnerte, daß er Va⸗ ſall ſei des Königs von Frankreich und daß dieſes Frankreich weit hin⸗ aus reiche über die Grenzen ſeines kleinen Fürſtenthums. Und wo ſind dieſe Herzöge und Fürſten jetzt? Sie ſind alle verweht und zu Aſche verfallen, ihre ſouverainen Fürſtenthümer ſind jetzt nur noch Pro⸗ vinzen von Frankreich, und über alle Länder und Provinzen von Frank⸗ reich herrſcht nur Ein Wille und Ein Scepter, dem Alle ſich beugen, das iſt der Scepter des Königs von Frankreich.— Was für Frank⸗ reich möglich war, Herr Graf von Falkenſtein, ſollte das für Deutſch⸗ land unerreichbar bleiben? Der Kaiſer legte lächelnd ſeine Hand auf des Grafen Schulter, und heftete ſeine großen flammenden Augen feſt auf ſein Angeſicht. Haſt in meiner Seele geleſen, Freund? fragte er. Weißt, was für glühende und ſtüxmiſche Wünſche da Innen ſich bewegen? Wünſche, welchen ich kaum Worte zu geben wage, und welche mein Bruder, der König von Preußen, ſehr geſetzwidrig finden würde, obwohl er es für 2⁵5 ſich ſelber ganz geſetzmäßig fand, uns Schleſien fortzunehmen, und ſich damit zu entſchuldigen, er habe alte Erbanſprüche darauf! Habe auch mein Schleſien, welches ich eines Tages mir gewinnen will, und bei Gott, meine Erbanſprüche ſind nicht von ſo vermodertem Datum, als die des Königs von Preußen es waren! Nur daß man in Ihrem Schleſien nicht Schleſiſch, ſondern Bai⸗ riſch ſpricht! ſagte Graf Roſenberg lächelnd. Still, um Gotteswillen, ſtill! rief der Kaiſer. Sprechen Sie leiſe, damit nicht die Luft und die Wolken an uns zu Verräthern werden, und hinfliegen zum König von Preußen, um ihm meine Pläne der Zu⸗ kunft in's Ohr zu flüſtern. Aber errathen haben Sie's, Freund. Baiern iſt ein Stück von meinem Schleſien, aber nur ein Stück. Es iſt Mein und muß Mein ſein, und wir werden nicht nöthig haben einen ſiebenjährigen Krieg darum zu führen, denn es fällt uns zu durch unſer gutes Recht und unſere Erbverträge. Oh Baiern wird ſchon ein guter Flicken ſein, um damit ein Loch meines zerfetzten deutſchen Kaiſermantels zu verſtopfen! Baiern verbindet Oeſterreich mit Tyrol, und wenn Baiern unſer iſt, fließt die Donau nur noch durch öſterreichiſche Lande hin. Aber wie ich Ihnen ſagte, Freund, Baiern iſt nur ein Stück von meinem Schleſien. Mein Schleſien liegt zerſtreut rings⸗ um. Schauen Sie gen Oſten, da liegt Serbien und Bosnien, ſie paſſen zu meinem Oeſterreich wie nur je die Lauſitz und die Grafſchaft Glatz zu Preußen paſſen konnten. Nach Süden hinunter ſehen Sie die veraltete, zerbröckelte Republik Venedig, der Löwe von St. Marco iſt alt und blind geworden, und der Adler der Habsburger wird ihn eines Tages faſſen und ihn ſich erbeuten, auf daß Oeſterreichs Grenzen hinan⸗ reichen bis an das adriatiſche Meer. Wenn der Herzog von Modena heimgeht zu ſeinen Vätern, wird mein Bruder, ſein Schwiegerſohn, durch ſeine Frau Herzog von Modena, und ich werd' ihm helfen das alte Erb⸗ land ſeines Hauſes, Ferrara, vom Pabſt zurückzufordern. Dicht dabei liegt ein anderes Stückchen meines Schleſiens, die Landſchaften Torto⸗ neſe und Aleſſandria, die ſich der König von Sardinien zugeeignet hat. Sie gehörten einſt den Herzogen von Mailand, und Oeſterreich, welches Mailand erbte, will Alles haben, was dazu gehört, und wird, wenn's nöthig iſt, auch ſieben Jahre darum kämpfen. Jetzt ſchauen 26 Sie weiter nach Weſten hin, Freund, da liegt wieder ein Stück von meinem Schleſien, wenden Sie Ihr Antlitz hinüber nach dem hohen Dom von Straßburg, ſehen Sie dieſes grüne, üppige Land, den Elſaß. Iſt es nicht, als wenn es mich zu ſich riefe mit tauſend Stimmen der Liebe, redet das jetzt franzöſiſche Land nicht immer noch in deutſcher Mundart, und iſt deutſch geblieben in Herz und Sinn? Der Elſaß hat einſt zu Oeſterreich gehört, und ich will wieder haben, was Mein iſt! Will auch wieder haben, was hinter dem Elſaß liegt, das Herzogthum Lothringen. Mein Vater war der Herzog von Lothringen, und hat als ſolcher ſogar auf ſeinen Knieen dem König von Frankreich den Huldi⸗ gungseid als Vaſall gelobt.“*) Daß Franz der Erſte ſein Lothringen an Frankreich abgetreten, bindet ſeinen Erbnachfolger Joſeph den Zweiten nicht. Wenn die Söhne nicht nöthig haben die Schulden ihrer Väter anzuerkennen und zu bezahlen, ſo haben ſie auch eben ſo wenig nöthig, die Schenkungen anzuerkennen, ſondern können zurückfordern, was wider ihren Willen abgetreten ward. All dieſe zerſtreuten Ländereien zuſam⸗ mengenomimen, die bilden mein Schleſien, und ich will mein Schleſien haben und erobern, ſo gut wie König Friedrich ſich unſterblich gemacht hat durch ſein Schleſien! Und dies, ſein Schleſien, wird der Kaiſer Joſeph das dem König von Preußen laſſen? fragte der Graf lächelnd. Er wird's nicht thun, wenn er's ändern kann, rief der Kaiſer haſtig. Er wird— doch ſchweigen wir von dem, was einſt ſein wird! Oh mein Gott, meine ganze Seele dürſtet dieſem Einſt entgegen, und es iſt mir zuweilen, als wenn Deutſchland, das aus tauſend Wunden blutende Deutſchland, ſeine verweinten Augen auf mich wendete, und mir alle ſeine Wunden zeigte, und mir zuriefe:„Heile mich, Kaiſer von Deutſchland! Verſöhne meine Leiden, lege Balſam auf meine Wun⸗ den!“— Und ich kann nichts thun, ich muß mit müßig gefaltenen Händen daſtehen, und ich kann nichts beſſern und ändern! Und nicht einmal wünſchen darf ich, daß es anders werde, denn damit ich Kaiſer werde, muß Maria Thereſia ſterben, und Gott weiß es, daß ich meine Mutter liebe, und ihren Tod nicht erſehne! Sehen Sie, Freund, ſo *) Mémoires de la Marquise de Créqui. Vol. IV. ſchwa von b Mutte aber den, ſonder aufge alle und ſoll der Prov eigen iſt D Deut das n thun, dami nicht von! kenne getha ſchwi und d, wil die; df 27 ſchwanke ich hin und her, zwiſchen Hoffen und Fürchten, und kann von beiden nicht laſſen, und kann beide nicht verſöhnen. Möge meine Mutter noch lange Jahre leben zur Ehre und zum Glück Oeſterreichs, aber möge es eines Tages Joſeph dem Zweiten auch vergönnt wer⸗ den, den Thron zu beſteigen, nicht als Kaiſer von Oeſterreich bloß, ſondern als Kaiſer von Deutſchland. Dann ſoll Oeſterveich in Deutſchland aufgehen, und Deutſchland in Oeſterreich, und alle meine Lande, und alle die Provinzen meines Schleſiens, die ich mir wiedererobern will, und Alles was Mein iſt, das ſoll deutſch werden und deutſche Zunge ſoll geredet werden, ſo weit der öſterreichiſche Scepter reicht. Denn der Kaiſer des deutſchen Reiches wird nicht dulden, daß die einzelnen Provinzen ſeines Reiches ſich als Einzelſtaaten gebehrden, und ihre eigene Sprache ſprechen wollen. Was dem deutſchen Kaiſer gehört, iſt Deutſch, und bildet zuſammen Deutſchland.*) Und groß ſoll mein Deutſchland werden, groß nach außen, groß nach innen, und damit es das werde, will ich mir Freunde und Bundesgenoſſen ſuchen, will ſogar thun, was mir widerſtrebt, will um Frankreichs Freundſchaft werben, damit es dereinſt geſchehen läßt, was geſchehen muß und ſoll, und mich nicht hindert, wenn ich nehme was mein iſt, und was der Kurfürſt von Baiern mir als Erbe hinterläßt!— Sehen Sie, Freund, jetzt kennen Sie alle meine Wünſche, Pläne und Träume, es hat mir wohl gethan ſie einmal enthüllen zu dürfen vor dem Auge des treuen, ver⸗ ſchwiegenen Freundes! Jetzt können ſie ihr Haupt wieder verhüllen, und hingehen in den Kyffhäuſer, um dem Kaiſer Barbaroſſa zu ſagen, daß, wenn die Stunde gekommen iſt, der Joſeph den Berg zerſpalten will, und den deutſchen Kaiſer daraus befreien wird. Aber noch iſt die Zeit nicht gekommen. Der deutſche Kaiſer liegt noch gefangen im Kyffhäuſer und nur der Graf von Falkenſtein iſt es, der nach Frank⸗ reich geht! Kommen Sie, Freund, ich habe Deutſchland jetzt meine Abſchiedsgrüße dargebracht. Laſſen Sie uns jetzt die Brücke überſchreiten, welche Deutſchland von Frankreich trennt und es mit ihm verbindet! *) Des Kaiſers eigene Worte. Siehe: Briefe Joſeph des II. S. 175. 28 IV. Der Caufpathe des Poſtmeiſters. In dem Poſthauſe des kleinen franzöſiſchen Fleckens Vitry herrſchte heut eine ungewöhnliche Bewegung. Zwei Mägde, in ihren ſchönſten Sonntagskleidern einherſtolzirend, waren damit beſchäftigt, das große Zimmer, ſonſt beſtimmt für die Aufnahme der Paſſagiere und Reiſenden, welche auf das Wechſeln der Pferde warten mußten, in einen eleganten Speiſeſaal zu verwandeln, indem ſie die Wände mit Blumenguirlanden und Kränzen verzierten, die lange, mit dreißig Couverts bedeckte Tafel mit großen Vaſen voll Blumenbouquets ſchmückten, und den großen Anrichtetiſch in ein elegantes Buffet verwandelten, auf welches ſie ſchöne vergoldete Taſſen, große Kuchen, und Schüſſeln mit Paſteten und durch⸗ ſichtigen, glänzenden Gelées aufſtellten.— Der Herr Poſtmeiſter ſelber, ein kleiner, ſchlanker Mann mit jugendlichem, lächelndem Angeſicht, hatte ſeine Staatsuniform angelegt, und eilte in geſchäftiger Beweglichkeit von der gedeckten Tafel zum Buffet, und vom Buffet in die Küche, um zu ſehen, ob alle ſeine Anordnungen auch pünktlich befolgt würden und Jedermann ſeine Schuldigkeit gethan. Er fand in der Küche die Köchin und einige Gehülfinnen mit dem Anfertigen der warmen Speiſen und der Braten beſchäftigt, einige kleine Mädchen ſaßen in der offenen, von der Küche in den Hof führenden Thür, und verlaſen mit höchſt ernſt⸗ haften, allgewichtigen Mienen aus einem großen Korbe ungeheure Köpfe Salat, von dem ſie die zarteſten Blätter in die neben ihnen ſtehende Schüſſel warfen, die größeren Blätter dem allerliebſten, kleinen Ferkel hinwarfen, das auf dem Hof neben der Thür ſtand und als ganz ver⸗ gnügter Lazarus die Biſſen erwartete, die von des Reichen Tiſch ihm zufielen. Auf dem Hofe vor dem Brunnen ſtand der heut in einen Kellner verwandelte Hausknecht, und wuſch und ſpülte Teller und Gläſer, und an der andern Seite der Küche auf dem Hausflur war der Poſt⸗ ſchreiber eifrig damit beſchäftigt, die Batterie von Flaſchen, welche der Poſtmeiſter vorher ſelbſt aus ſeinem Keller herauf geſchafft, zu entkorken, und zum würdigen Genuß vorzubereiten. Der Herr Poſtmeiſter überflog alle dieſe Anſtalten mit ernſt ptüfen ſeinem frieden derte, Zimm und d annt, ſehen, nmit d Bäuer Etien den S Gema vor al 6 SHand es gir Schon geſtell nehme 29 prüfenden Blicken und ſah, daß ſie gut waren. Der Sonnenſchein auf ſeinem Geſicht vergrößerte ſich und mit einer Miene vollſtändiger Zu⸗ friedenheit kehrte er in den Speiſeſaal zurück, den er raſch durchwan⸗ derte, um in das daneben befindliche Zimmer einzutreten. In dieſem Zimmer, offenbar dem eleganteſten und ſchönſten des ganzen Hauſes, und daher auch von Herrſchaft und Dienſtperſonal das Putzzimmer ge⸗ nannt, befand ſich eine junge Frau, deren bleiches, ſchmachtendes An⸗ ſehen, deren hübſche Toilette, auch ohne die mit Blumen geſchmückte Wiege mit dem ſchlummernden Kinde darin und der geputzten, hochbuſigen Bäuerin daneben, die Bedeutung des Feſtes verrathen hätte, das Herr Etienne, der würdige Poſtmeiſter von Vitry, heut zu feiern gedachte. Athanaſia, meine Göttin, ſagte Herr Etienne, indem er ſich auf den Spitzen ſeiner Zehen dem Divan näherte, auf welchem ſeine junge Gemahlin in ſchönſter, graciöſeſter Haltung lehnte, ich erlaube mir, mich vor allen Dingen nach Deinem Befinden zu erkundigen. Sie reichte ihm mit einem ſchmachtenden Blick ihre ſchlanke, blaſſe Hand hin und ſagte mit leiſer, flötender Stimme: der Doctor ſagt ja, es ginge den Umſtänden nach gut, und bei ſorgfältiger Pflege und zarter Schonung würde ich wohl hoffen dürfen, in einigen Wochen wieder her⸗ geſtellt zu ſein und die Oberleitung meines Hausweſens ſelbſt über⸗ nehmen zu können. Herr Etienne machte ein etwas bedenkliches Geſicht und zog die ſchwarzen, glänzenden Augenbrauen hoch empor bis an das Ende ſeiner ſchmalen Stirn. Der Docctor iſt wirklich ein etwas ängſtlicher Herr, ſagte er, der meine ſchöne, junge Frau für ſchwächer hält, als ſie wirk⸗ lich iſt. Unſer kleiner Engel da in der Wiege iſt ja ſchon drei Wochen alt und wird nächſtens Anſtalt machen, auf ſeinen eigenen Füßen zu techtete,h haben. Doctor iſt keineswegs zu ängſtlich, ſagte die junge Frau ſcharf. ſervirogr kann als Arzt und Gelehrter die Leiden und die Schwäche „Einern Mutter ermeſſen, und er allein hat, wie es ſcheint, Mit düſterg eid Irſelben und wünſcht ſie zu ſchonen. Prr Gott, mein Schatz, Niemand hat mehr Mitleid mit Dir und It mehr, Dich zu ſchonen, als ich, rief ihr Gatte angſtvoll. Er⸗ Thdich, ſo lange es nothwendig iſt und ſo lange der Doctor es nier 30 wünſcht, nur bitte ich Dich, mein Engel, habe heute ſo viel Kräfte, um unſerm Feſt vom Anfang bis zum Ende beizuwohnen und als die Göttin der Schönheit, Anmuth und Liebenswürdigkeit an unſerer Tafel zu präſidiren. Ich werde mir Mühe geben, alle Deine Wünſche zu erfüllen, mein guter Etienne, ſagte die junge Frau mit einem Blick herablaſſen⸗ der Güte, und da Du es forderſt, werde ich trotz nieiner Schwäche erſt, wenn alle Gäſte uns verlaſſen haben, mich zurückziehen. Oh und wir werden einen herrlichen, vergnügten Tag haben, rief Etienne, ſich glücklich die Hände reibend, es wird ein Feſt ſein, von welchem Vitry und die ganze Umgegend noch acht Tage lang ſprechen werden. Der Himmel gebe nur, daß unſere Gäſte bald kominen, und daß heute keine ungeladenen Gäſte, das heißt keine Paſſagiere kommen. Das wäre wirklich heute eine große Verlegenheit für uns, ich wüßte in der That nicht, wo ich einen Paſſagier unterbringen ſollte, denn unmöglich können wir doch den erſten beſten unbekannten Reiſenden in den Eßſaal eintreten und an unſerer Geſellſchaft Theil nehmen laſſen, und außerdem weiß ich gar nicht, woher ich Pferde zu ſeiner Weiterreiſe nehmen ſollte, denn wir gebrauchen alle unſere Pferde und Poſtillone ganz nothwendig zur Heimfahrt unſerer Gäſte! Der Himmel behüte uns alſo heute vor Paſſagieren, denn— Herr mein Gott, un⸗ terbrach ſich Herr Etienne ſelber, indem er aufhorchend ſein Ohr dem Fenſter zuwandte, hörte ich da nicht in der Ferne ein Poſthorn? Es wird einer unſerer Poſtillone ſein, der mit den Gäſten kommt, ſagte die junge Frau. Nein, nein, unſere Poſtillone blaſen heute alle die Melodie des Liedes: Je suis un père, un père heureux, rief der Poſtherr, aufmerk⸗ ſam horchend auf die Töne, welche jetzt immer näher und nällamelihne. Es iſt ein Signal, es iſt ein Paſſagier! ſchrie Herr(enne zu m ſammenfahrend. Athanaſia, mein Engel, wir ſind verloreres kommt 8 ein Paſſagier! Und ohne eine Antwort ſeiner intereſſanten, jungen Cyergte ab⸗ zuwarten, ſtürzte Herr Etienne aus dem Putzzimmer, durcheiln er den Eßſaal und den Flur und trat vor die Hausthür, um zu ſehe ſob ſeine bene daher Seite père mein suis über Zeit gen! und Stad Schl pflic hin, auf nach Herr ſeine riche habe ſervi düſſe mer n u 31 ſeine Befürchtungen ſich wirklich beſtätigten, und ob wirklich ſein erha⸗ benes Feſt durch einen Paſſagier geſtört werden ſollte. Richtig, da kam ein mit drei Pferden beſpannter Kaleſchwagen daher geraſſelt, und in demſelben Moment ſchmetterte von der andern Seite der Straße ein Poſthorn laut die Melodie: Je suis un père, un père heureux! Auch das noch, ächzte Herr Etienne. Dieſer Paſſagier wird mit meinen Gäſten zu gleicher Zeit hier vorfahren, er wird— Ein zweites Poſthorn ließ ſich vernehmen, und jubelte froh: Je suis un père, un père heureux! Und jetzt von beiden Seiten der Straße donnerten die Wagen über das holprichte Steinpflaſter daher, und hielten faſt zu gleicher Zeit vor dem Gaſthofe an. Herr Etienne, ſeinem erſten Impuls folgend, ſtürzte zu dem Wa⸗ gen hin, welcher nicht fremde Paſſagiere, wohl aber den ehrwürdigſten und erhabenſten aller ſeiner Gäſte, den Herrn Pfarrer aus der nächſten Stadt nebſt ſeinem Caplan enthielt. Er war ſchon im Begriff, den Schlag des Wagens zu öffnen, aber dann ſich plötzlich ſeiner Dienſt⸗ pflicht erinnernd, prallte er zurück und eilte zu dem zweiten Wagen hin, um die fremden Paſſagiere zu begrüßen. In dieſem Wagen ſaßen zwei Herren, und neben dem Poſtillon auf dem Bock thronte ein anderer Herr, der ſeiner freundſeligen Miene nach der Kammerdiener ſein mußte. Die Herren wollen ohne Zweifel ſogleich weiter fahren? fragte Herr Etienne ſtotternd und mit verlegener Miene. Nicht ſogleich, mein Herr, ſagte der eine der Herren, indem er ſeine großen, blauen Augen mit einem raſchen Blick auf das Poſthaus richtete. Das Haus ſieht ſtattlich und einladend aus. Ohne Zweifel haben Sie ein gutes Gaſtzimmer und können uns ein kleines Diner ſerviren? Herr Etienne ächzte leiſe und ſtarrte den Fragenden mit verlegener, düſterer Miene an. Sie wollen hier diniren? fragte er. Sie wollen ein Gaſtzim⸗ mer und— ThAbermals ſchmetterte ein Poſthorn die ſchöne Melodie und ein 32 dritter Wagen mit Gäſten rollte heran.— Der Poſtmeiſter ſtand ver⸗ wirrt und bleich noch immer neben dem Wagen der fremden Herren. Meine Herren, ſagte er endlich mit haſtiger Stimme und entſchloſ⸗ ſenem Ton, ich beſchwöre Sie, haben Sie Nachſicht und Erbarmen mit mir. Wollen Sie heute nicht hier verweilen, wollen Sie kein Gaſtzimmer und kein Diner begehren! Geſtatten Sie vielmehr, daß der Poſtillon, der Sie hierher gebracht, Sie mit ſeinen Pferden ſche zur nächſten Station weiter fahre! Das iſt unmöglich, Herr Poſtmeiſter, ſagte der Poſtillon, welcher die lauten, ängſtlichen Worte Etienne's gehört hatte, und jetzt eilig vom Bock herunterſprang, um ſofort die Pferde abzuſpannen. Das iſt ganz unmöglich, Herr Etienne. Meine Pferde machen heute ſchon die vierte Tour und ſind ermüdet. Ich laſſe ſie keinen Schritt mehr gehen. Und weshalb wollen Sie uns keine Aufnahme geſtatten, fragte der Fremde, da Sie doch die Herren und Damen jener Wagen dort ganz ungehindert in Ihr Haus eintreten laſſen? Das iſt, das macht, ſtotterte Herr Etienne, und ſich dann plötz⸗ lich zu einem verzweifelten Entſchluß aufraffend, fragte er: mein Herr, ſind Sie Vater? Eine leichte Wolke flog über die hohe Stirn des Fremden hin, und der Glanz ſeiner blauen Augen umdüſterte ſich für einen Moment. Ich war Vater, ſagte er. Aber was ſoll dieſe Frage? Nun, wenn Sie Vater waren, ſagte Etienne entſchloſſen, ſo werden Sie die Gefühle eines Vaters verſtehen, der Ihnen ſagt, daß er heute das herrliche und erhabene Feſt der Kindtaufe ſeines Erſtgeborenen feiert. Ach, Sie feiern Kindtaufe, mein Herr, rief der Fremde heiter. Dieſe Herren und Damen alſo— Sind meine Gäſte, unterbrach ihn Herr Etienne gewichtig. Und der Pfarrer, der da eben in das Haus einſchreitet, ſoll Ihren kleinen Heiden in einen guten katholiſchen Chriſten verwandeln, nicht wahr? So iſt es, mein Herr, und Sie begreifen deshalb, daß ich in dieſem Augenblicke weniger an die Pflichten meines Amtes, als an di esſSten meiner Vaterſchaft denke, daß— 1 33 Daß Sie uns zu allen Teufeln wünſchen, unterbrach ihn der Fremde lachend. Aber ich kann Ihnen dieſen Wunſch nicht erfüllen, denn ich weiß in der That nicht, wo jene hohen Herren reſidiren, und halte es auch allezeit lieber mit Gott und der heiligen Kirche. Deshalb werde ich auch jetzt hier bleiben— Sie werden hier bleiben? fragte Herr Etienne verwundert. Ja, und der feierlichen Handlung, welche Sie vorhaben, beiwohnen! Die Taufe eines Erſtgebornen, das iſt ein ſo feierlicher und großer Act, daß alle Vaterherzen mit Ihnen ſchlagen müſſen! Ich habe auch ein Vaterherz, und nicht wahr, Sie auch, mein Freund? wandte ſich der Fremde an ſeinen Begleiter. Sie wünſchen auch, gleich mir, ein Zeuge der Taufe des jungen Dauphin dieſes Herrn zu ſein? Wenn wir dafür nachher mit einem guten Mittagsmahl belohnt werden, gewiß, erwiederte der zweite Fremde lächelnd. Oh, an einem guten Mittagseſſen wird es nicht fehlen, rief Herr Etienne, deſſen Sympathie der erſte Fremde mit ſeinen Worten von dem Vaterherzen raſch gewonnen hatte. Wenn Sie ſo gütig und freundlich der Taufe meines Sohnes beiwohnen wollen, ſo gehören Sie zu meinen Gäſten, und als ſolche werden Sie mir willkommen ſein. Wir nehmen Ihre Einladung an, mein Herr, ſagte der Fremde lächelnd, indem er ſich raſch aus dem Wagen ſchwang, und ſeinem Begleiter winkte, ihm zu folgen. Erlauben Sie mir nur noch eine Frage, was kommt zuerſt, die Taufe oder das Diner? Das Diner, mein Herr, kommt nach der Taufe. Aber derſelben vorher geht ein Déjeuner, denn meine Gäſte kommen alle aus der Ferne, und ſind einige Stunden gefahren. Sie ſind alſo natürlich müde und erſchöpft, und bedürfen der Stärkung. Ich fühle eine lebhafte Sympathie für Ihre Gäſte, mein Herr, ſagte der Fremde, den Arm ſeines Begleiters nehmend, und mit ihm dem Hauſe zuſchreitend. Auch glaube ich, daß man, wenn man ge⸗ ſättigt iſt, weit mehr zur Frömmigkeit aufgelegt iſt, als mit einem hungrigen Magen. Laſſen Sie uns alſo zuerſt etwas eſſen, damit wir nachher deſto inbrünſtiger für Ihren Erſtgebornen beten können. Der Fremde trat ohne Umſtände in das Haus ein, und da er die Thür zu dem Speiſeſaal geöffnet fand, ſchritt er hinein und begrüßte Kaiſer Joſeph. 2. Abth. IV. 3 — 34 die dort verſammelte Geſellſchaft, welche die beiden Fremden mit gro⸗ ßen, neugierigen Angen anſtarrte, mit einer verbindlichen Verneigung. Zwei fremde Cavaliere, welche die Güte haben wollen ein wenig in unſerer Mitte zu verweilen, und der feierlichen Taufhandlung bei⸗ zuwohnen, rief Herr Etienne laut, indem er die beiden Fremden mit einer ſtolzen Handbewegung ſeinen Gäſten präſentirte. Erlauben Sie, meine Herren, daß ich Sie Madame Etienne vorſtelle. Madame Etienne wird glücklich ſein, zwei Herren zu begrüßen, welche ſo freundlichen Antheil an unſerem Elternglück nehmen, und obwohl ſie noch ſehr ſchwach iſt, wird ſie doch Worte finden, um Ihnen zu danken für die Ehre, die Sie unſerm Erſtgebornen erzeigen wollen! Madame Etienne fand wirklich Worte. Ihr feines geübtes Auge hatte ſofort erkannt, daß dieſe beiden Herren, welche ſo vollkommen unbefangen, und ohne die mindeſte Verlegenheit in den ſtolzen Kreis dieſer glänzenden Geſellſchaft eingetreten waren, durchaus der vorneh⸗ men Geſellſchaft oder hohen Ariſtokratie angehören müßten, und ſie war glücklich, ihren übrigen Gäſten zeigen zu können, wie gut ſie es verſtände, mit den vornehmſten Leuten zu verkehren, und in den feinſten Formen ſich zu bewegen. Sie empfing daher die beiden Cavaliere mit ihrem ſüßeſten Lächeln und ihren ſchmachtendſten Blicken, und während ſonſt der Herr Pfarrer und der Herr Bürgermeiſter aus Solanges ihre Tiſchnachbarn hätten ſein ſollen, lud ſie jetzt die beiden Fremden ein, dieſe Ehrenplätze neben ihr einzunehmen. Sie machte während des Mahls die Fremden in großmüthiger Zuvorkommenheit mit dem Namen, dem Stand und der Bedeutung aller ihrer übrigen Gäſte bekannt, und erzählte ihnen mit beſcheidener Miene, welche Triumphe ſie noch im verfloſſenen Winter auf dem großen Ball des Herrn Unter⸗Präfecten gefeiert, und daß ſie die ganze Nacht hindurch getanzt habe, während die ſchönſten und jüng⸗ ſten Mädchen nicht aufgefordert wurden. Die beiden Fremden hörten ihr mit der verbindlichſten Aufmerk⸗ ſamkeit zu und bewieſen ihr auf die feinſte Weiſe das größte Intere Zuweilen auch miſchte der eine der Fremden, der mit den großen bla Augen und der ſtolzen impoſanten Haltung, ſich in die allgemeine! terhaltung, und fragte den Herrn Bürgermeiſter um die Zuſtände ſein Sta Gen Fabr vor Ben bloß meh ihm dur Ta Pfa dem eine mar tüch wele 35 Stadt, und ließ ſich von dem Herrn Pfarrer von dem Befinden ſeiner Gemeinde erzählen, und fragte theilnehmend nach dem Gedeihen der Fabriken, die gerade in dieſem Theil von Frankreich jetzt mächtig em⸗ por blüheten. Alle Welt war daher entzückt von dem liebenswürdigen, tactvollen Benehmen des Fremden, und Herrn Etienne's Antlitz ſtrahlte nicht bloß von dem reichlichen Genuß des feurigen Muscat⸗Lunel, ſondern mehr noch vor Frende über die angenehmen Gäſte, welche der Zufall ihm zugeführt, und Madame Etienne's Wangen rötheten ſich, und durchaus nichts von Schwäche verrieth ihr lebhaftes, heiteres Weſen. Das Daqjeuner war endlich beendet, und man erhob ſich von der Tafel, um jetzt zu der feierlichen Taufhandlung zu ſchreiten. Der Herr Pfarrer nahm wieder ſeine ehrwürdige Amtsmiene an, und ſchritt, von dem Caplan gefolgt, nach dem Putzzimmer hin, welches inzwiſchen in eine Art von Capelle war verwandelt worden, und in deſſen Mitte man aus einem Tiſch und einigen ſeidenen Decken, weißen Spitzen⸗ tüchern und ſchönen Blumen einen kleinen Altar errichtet hatte, auf welchem das Crucifix und das ſilberne Taufbecken ſich befanden. Der hohe Fremde reichte der Madame Etienne den Arm, um ſie in das Putzzimmer zu führen. Sie erlauben mir doch, Madame, daß ich der heiligen Handlung als Pathe beiwohne? fragte er. Ich wünſchte es ſchon deshalb, um das Glück zu haben, Sie meine Frau Gevatte⸗ rin nennen zu dürfen. Madame Eiienne erröthete vor Vergnügen, und nahm mit be⸗ redten Dankesworten das Anerbieten des Fremden an. Wir werden alſo auch auf dieſe Weiſe erfahren, ſagte ſie zu ſich felber, wer und was der Fremde iſt. Ich bin gewiß, er iſt ein Graf, oder wenigſtens ein Baron. Die heilige Handlung begann. Der Pfarrer ſtellte ſich hinter dem kleinen Altar auf und ihm gegenüber zu beiden Seiten des ſchlummern⸗ den Kindes, das die bäuerliche Amme hielt, nahmen die Taufzeugen ihre Plätze ein. 4 Eine kurze, eindringliche und herzliche Rede des würdigen Pfar⸗ rers leitete die Handlung ein, alsdann folgten die gewöhnlichen For⸗ meln der Taufe, und zuletzt wandte der Geiſtliche ſich den Taufzeugen 3* 36 zu und forderte ſie auf, ihm ihren Namen, Stand und Character zu nennen, damit er ſie verzeichne in dem Kirchenbuche. Ihr Name alſo, mein Herr! wandte er ſich an den Fremden. Aller Augen richteten ſich auf ihn hin, Aller Mienen drückten eine erwartungsvolle Spannung aus; Madame Etienne fühlte ihr Herz wie einen Hammer in ihrem Buſen klopfen, und meinte ſchon das prächtige Wort„Graf“ von den Lippen des Fremden zu vernehmen. Ihr Name, mein Herr? wiederholte der Pfarrer. Joſeph, ſagte der Fremde lächelnd. Joſeph, wiederholte der Pfarrer bedächtig. Joſeph— aber der Zuname, wenn ich bitten darf! Nun, ich dächte, Joſeph wäre genügend, ſagte der Fremde etwas ungeduldig. Nein, mein Herr, es genügt nicht. Der Zuname alſo, wenn ich bitten darf! Nun denn, Joſeph der Zweite! Der Zweite? fragte der Pfarrer mit einem mißtrauiſchen Blick auf den Fremden. Der Zweite? Das iſt Ihr Zuname? Ja, der Zweite, das iſt mein Zuname! Eh bien, meinetwegen! ſagte der Pfarrer achſelzuckend. Joſeph der Zweite. Aber nun Ihr Character,— um Verzeihung, mein Herr, was ſind Sie? Der Fremde blickte faſt verlegen vor ſich nieder und ſchwieg. Ich wiederhole meine Frage, ſagte der Geiſtliche freundlich, was ſind Sie, mein Herr? Kaiſer von Oeſterreich! ſagte der Fremde lächelnd. Ein einziger Schrei des Staunens, des Schreckens, der Freude und Ueberraſchung tönte von Aller Lippen. Der Pfarrer ließ vor Er⸗ ſtaunen den Bleiſtift, mit dem er den„Character“ des Taufzeugen in ſein Kirchenbuch hatte einzeichnen wollen, zur Erde fallen, und ſtarrte den Kaiſer verwirrt an, Madame Etienne war ohnmächtig vor Ent⸗ zücken in ihren Lehnſtuhl zurückgeſunken, Herr Etienne aber achtete gar nicht auf ſie, ſondern zu der Amme hinſtürzend, entriß er ihr das Kind, und ließ ſich mit demſelben vor dem Kaiſer auf ſeine Kniee nieder. Das war das Zeichen, welches wieder Leben und Bewegung in 37 die vor Ueberraſchung verſteinerte Geſellſchaft zu bringen ſchien. Her⸗ ren und Damen, Greiſe und Kinder, Alle folgten ſie dem Beiſpiel ihres Wirthes und beugten ihre Kniee. 4 Herr Kaiſer, rief Etienne mit zitternder Stimme, und Thränen in den Augen, Sie haben meinem Hauſe heute köſtliche Ehre wider⸗ fahren laſſen, und meinen Erſtgebornen unſterblich gemacht. Denn noch nach Jahrhunderten werden die Menſchen von der heutigen Stunde ſprechen, und ſie wird eingetragen werden in die Bücher der Geſchichte als ein glorwürdiges Beiſpiel von der Leutſeligkeit und Güte Eurer Majeſtät. Mein Sohn iſt ein Franzoſe, aber er ſoll doch auch in ſeinem Herzen ein Deutſcher werden, wie unſere ſchöne und gute Königin eine Deutſche iſt, und doch eine Franzöſin geworden iſt. Es lebe unſere ſchöne erhabene Königin Marie Antoinette, es lebe ihr Bruder, der Kaiſer Joſeph der Zweite! Die ganze Geſellſchaft ſtimmte jubelnd ein, und weckte mit dieſem lauten Liebesgruß Madame Etienne aus ihrer Ohnmacht. Sie ſchlug die Augen auf, und ihre wirren Augen ſuchten den erhabenen Gaſt.— Der Kaiſer ſchien dieſen Moment ihres Erwachens nur erwartet zu haben, denn er eilte ſogleich zu ihr hin, und als ſie zu ſeinen Füßen niederſinken wollte, drückte er ſie mit ſanfter Gewalt wieder in ihren Lehnſtuhl nieder. Unter Gevattersleuten darf man kein Ceremoniell beobachten, ſagte er lächelnd, aber ſie müſſen ſich, ſo viel ſie können, untereinander ge⸗ fällig ſein. Wollen Sie mir alſo einen Gefallen erzeigen, Frau Ge⸗ vatterin? Sire, gebieten Sie über mich! Mein ganzes Leben ſteht zu Ihren Dienſten! Ach, Frau Gevatterin, was würde dazu wohl mein kleiner Pathe fagen? Er bedarf Ihrer, und ich bitte Sie, ihm recht viel Liebe und Sorgfalt zu weihen. Sie haben mir verſprochen, mir einen Gefallen zu erzeigen, fuhr der Kaiſer fort, indem er eine goldene, mit Brillanten beſetzte Tabatiere aus ſeinem Buſen hervorzog, ich erſuche Sie alſo, dieſes kleine Andenken von mir anzunehmen. Es iſt mein Bildniß auf dieſer Tabatiere, und da, wie man mir geſagt hat, ſelbſt die ſchönſten Franzöſinnen ſchnupfen, ſo werden auch Sie vielleicht zuweilen aus 82 38 dieſer Doſe eine kleine Priſe de contenance nehmen.— Und jetzt, mein Herr Gevatter, wandte der Kaiſer ſich an den vor Freude weinenden Poſtmeiſter, jetzt, da ich zu Ihren Taufzeugen gehöre, werden ſich doch auch hier noch wohl ein Paar Pferde finden, die mich weiter ſchaffen? V. Ankunft in Verſailles. Der ganze Hof hatte ſich nach Verſailles begeben, denn dort wollte das Königspaar den erſten Beſuch Kaiſer Joſeph's empfangen, und dort ſollte der Kaiſer ſelber mit ihnen reſidiren. Eine glänzende Reihe von Zimmern war für den Kaiſer und ſein Gefolge in Bereit⸗ ſchaft geſetzt, Generale, Kammerherrn und Lakaien waren ernannt, um den Privatdienſt des Kaiſers zu übernehmen, und Jedermann erwartete mit Ungeduld die Ankunft dieſes Fürſten, von deſſen Leutſeligkeit, Güte und Liebenswürdigkeit ganz Frankreich ſich jetzt ſchon, bevor er Paris erreicht hatte, die anmuthigſten Anecdoten erzählte. Ein Courier war ſoeben in Verſailles angelangt mit der Mel⸗ dung, daß der Kaiſer in kürzeſter Zeit daſelbſt eintreffen werde, und ſchon von der letzten Station vor Verſailles abgefahren ſei. Die Königin empfing dieſe Nachricht mit einem lauten Freuden⸗ geſchrei, und befahl allen Damen ihres Hauſes, mit ihr in den großen Empfangſaal zu kommen, woſelbſt das erſte Begegnen mit ihrem kai⸗ ſerlichen Bruder ſtattfinden ſollte.— Der König aber empfing dieſe Nachricht mit einem ſtummen Kopfnicken, und ein leichter Schatten flog über ſeine Stirn hin.— Alsdann wandte er ſich mit einer ha⸗ ſtigen Bewegung zu ſeinem erſten Miniſter und vertrauteſten Rath⸗ geber, dem Grafen Maurepas hin, mit dem er ſich ſo eben allein in ſeinem Kabinet befand. Sagen Sie mir ehrlich, Graf, was halten Sie von dieſer Reiſe des Kaiſers? Der alte Graf zuckte leicht die Achſeln. Sire, die Königin hat ihrer Bitte Beſu müth beſtir dieſe 39 ihren erhabenen Bruder ſo lange eingeladen, bis er ihren dringenden Bitten nachgegeben hat, und ſich entſchloſſen hat, Ihro Majeſtät einen Beſuch abzuſtatten. Ah bah, rief Ludwig ungeduldig, Kaiſer Joſeph iſt nicht ſo weich⸗ müthig, daß er ſich zu ſeinen Handlungen von Familienintereſſen allein beſtimmen ließe. Sagen Sie doch ehrlich, Graf, was halten Sie von dieſer Reiſe? Ew. Majeſtät befehlen, Ihnen meine aufrichtige Meinung darüber zu ſagen? Ich bitte Sie darum! Nun denn, Sire, dann geſtehe ich Ew. Majeſtät, daß dieſe Reiſe des Kaiſers mich und alle übrigen Miniſter vielfach beſchäftigt hat, und daß wir uns über den Zweck derſelben oft beſprochen haben. Ew. Majeſtät haben Recht, Kaiſer Joſeph iſt nicht der Mann, der ſich zu ſeinen Handlungen von Familienintereſſen beſtimmen läßt, und wenn er nach Paris kommt, ſo mag da leicht noch etwas Anderes im Spiel ſein, als die Sehnſucht, ſeine königliche Schweſter zu ſehen. Vielleicht, Sire, hofft er durch ſeine Gegenwart den alten Lieblingswunſch des öſterreichiſchen Kaiſerhofes doch noch erfüllen, und Choiſeul wieder zu Ihrem Miniſter machen zu können. Nein, ſagte der König heftig, Oeſterreich kann das nicht mehr hoffen, ſeine Spione, und Sie wiſſen, Oeſterreich iſt immer gut bedient, ſeine Spione werden ihm geſagt haben, daß meine Abneigung gegen dieſen Herzog vom Machwerk der Kaiſerin Maria Thereſia unwandel⸗ bar iſt. Der Schatten meines Vaters iſt es, der ihn in Chanteloup feſtbannt, und ich ehre dieſen Schatten, wie ich Alles ehre und befolge, was mir der Wille meines Vaters befiehlt. Stände er, wie es ihm gebührt, und wie es vielleicht nur die frevelnde Hand Choiſeuls ver⸗ hindert hat, auf dem Thron von Frankreich, ſo würde die Allianz mit Oeſterreich, welche uns im ſiebenjährigen Krieg Niederlagen und Schande gebracht hat, welche uns ſpäter überliſtet hat, die öſterreichiſche und die antiöſterreichiſche Partei, ſtände mein Vater an meiner Stelle, ſo würde dieſe Allianz mit Oeſterreich längſt gebrochen ſein. Ich muß äußerlich an ihr halten, denn meine Gemahlin iſt die Tochter Maria Thereſia's, und dies iſt das Band, welches mir die Hände bindet. Ebenſo wenig, 40 wie die öſterreichiſche Partei jemals hoffen darf, daß ich den Herzog von Choiſeul zurückrufe, ebenſo wenig darf die antiöſterreichiſche Partei hoffen, daß ich jemals das Band zerreißen würde, mit welchem die Kö⸗ nigin mich an Oeſterreich bindet. Sie iſt die Frau meines Herzens, und ſie wird das immer bleiben, und Niemand wird ſie von dieſer Stelle verdrängen können. Aber die Liebe wird niemals Einfluß haben auf meine Politik, und in der Politik folge ich dem Willen meines Vaters. Wenn alſo der Kaiſer hieher kommen ſollte, um uns zu noch innigerer Allianz mit Oeſterreich zu bewegen, ſo kann man ihn ſogleich bedeuten, daß das verlorne Mühe iſt. Der Kaiſer kann möglicherweiſe noch einen andern Zweck haben, Sire. Er kann hieher kommen, um Ihre bedingte oder unbedingte Einwilligung zu den Vergrößerungsplänen zu erhalten, die er auf Koſten der Türkei auszuführen ſucht. Der Kaiſer iſt ehrgeizig, und er folgt der Politik ſeines Hauſes, welches ſtets und zu allen Zeiten nach Aus⸗ dehnung und Erweiterung ſeiner Grenzen geſtrebt hat. Und doch darein hat willigen müſſen, Schleſien an Preußen ab⸗ zutreten, rief der König ſpöttiſch. Das eben iſt die brennende Wunde, für welche Oeſterreich ſich lindernden Balſam aus der Türkei holen möchte. Ganz Europa könnte darüber wieder von der Brandfackel des Krieges durchlodert werden, wenn Ew. Majeſtät es nicht verhindern. Wenn ich es verhindern kann, ſo will und werde ich es, ſagte der König feſt. Der Friede iſt das heiligſte Beſitzthum der Völker, und man darf ihnen daſſelbe nur in der äußerſten Nothwendigkeit entziehen! Aber der Kaiſer von Oeſterreich hofft auf den Krieg, weil er ſich Ruhm erwerben möchte. Ich aber will den Frieden, weil ich mir auch Ruhm erwerben möchte, den Ruhm mein Volk glücklich und zufrieden gemacht zu haben, rief der König. Der Ruhm der Eroberer iſt die Geißel der Menſch⸗ heit, der Ruhm guter Regenten ihre Segnung. Der letzte ſoll mein Erbtheil ſein, das Glück meines Volkes mein einziges Streben! Aber der Kaiſer wird es vielleicht verſuchen, Sire, gerade Ihre Liebe für Frankreich zu benutzen, um Sie ſeinen Eroberungsplänen geneic in Ar auf 6 für d Fran Ertee liere derer der weiſ ben zu ſt das und ſagt niſt Sie 41 geneigt zu machen. Er wird Ihnen eine Vergrößerung Frankreichs in Ausſicht ſtellen, um Sie nachſichtig zu machen für ſeine Abſichten auf Serbien und Bosnien. Er wird vielleicht geneigt ſein, Ihnen da⸗ für die Niederlande anzubieten. Ich werde dieſes Anerbieten nicht annehmen, ſagte der König raſch. Frankreich bedarf keiner Vergrößerung. Es würde, was es an ſeinen Ertremitäten gewönne, an Stärke und Kraft in ſeinem Centrum ver⸗ lieren. Der Kaiſer wird es vergeblich verſuchen, mich zu einem Län⸗ dereroberer zu machen! Ich trachte nur nach Einer Eroberung, nach der Liebe meines Volkes! Möge der Segen meines Vaters, möge der weiſe Rath meiner Miniſter und mein eigenes gutes und redliches Stre⸗ ben mir beiſtehen dieſe Eroberung zu machen. Oh Ew. Majeſtät hat nicht mehr nöthig nach dieſer Eroberung zu ſtreben, rief Graf Maurepas begeiſtert. Das Herz Ihres Volkes, das iſt eine Domaine, Sire, in welcher Sie ſchon lange der anerkannte und unablösbare Gutsherr ſind. Eine Domaine, welche ich indeſſen mit der Königin theilen will, ſagte der König mit einem ſcharfen Blick auf Maurepas.— Der Mi⸗ niſter ſchlug vor dieſem Blick die Augen nieder. Der König fuhr fort: Sie ſind ſeit einiger Zeit gereizt gegen die Königin.— Die Königin iſt es nur gegen mich, Sire. Ich bin ihr ein Dorn im Auge, denn ſie meint, nur ich hindere die Ernennung Choiſeuls, und wendet daher alle Mittel an, um mich zu verdrängen. Sie wiſſen aber, daß dieſe Mittel vergeblich ſind, Graf, ich habe es Ihnen ſo eben wiederholt! Ich kann als Mann vergeſſen, daß Marie Antoinette eine Erzherzogin von Oeſterreich iſt, aber ich werde es niemals als König, als der Sohn meines Vaters vergeſſen! Daſ⸗ ſelbe gilt von ihrem Bruder, dem Kaiſer. Er ſoll mir willkommen ſein als der Bruder meiner Gemahlin, und es mag ſein, daß ich ihn lieben werde als meinen Schwager, aber als Kaiſer von Oeſterreich wird er in mir ſtets den König von Frankreich finden, welcher miß⸗ trauiſch jeden ſeiner Schritte überwacht, und ihm auch nicht das kleinſte Zugeſtändniß machen wird! Aber hören Sie nur, da rollen Wagen heran, der Kaiſer kommt. Sie kennen jetzt die Anſichten des Königs von Frankreich über den Kaiſer ven Oeſterreich, und Sie können ſie 42 den übrigen Miniſtern mittheilen. Jetzt will ich gehen, meinen Schwa⸗ ger willkommen zu heißen! Der König entließ ſeinen Miniſter mit einem freundlichen Kopf⸗ nicken, und verließ ſeine Gemächer, um ſich zu ſeiner Gemahlin zu begeben. Marie Antoinette ſtand, umgeben von ihren Damen, in der Mitte des Saals, als der König zu ihr eintrat. Ihre Wangen waren todes⸗ bleich, ein fieberhaftes Beben durchzitterte ihre ganze Geſtalt, ihre glü⸗ henden, feuerſprühenden Blicke flatterten immer wieder nach der großen Hauptthür da drüben hin, durch welche der Kaiſer kommen mußte. Als ſie den König von der Seitenpforte eintreten ſah, ging ſie ihm lebhaft entgegen, und ihn mit einem himmliſchen Lächeln begrüßend, ſagte ſie: Sire, ſoeben iſt der Kaiſer angelangt, und mein Herz hat keine Ruhe mehr hier in dem großen Saal. Es flattert meinem Bruder entgegen, und es ſcheint mir unfreundlich und kalt, daß wir ihm nicht entgegen gehen! Oh kommen Sie, mein Gemahl, eilen wir den geliebten Bru⸗ der zu umarmen. Mein Gott, man wird doch einer Königin nicht ver⸗ wehren wollen, daß ſie ein Herz habe. Im Gegentheil, man wird es ihr danken, daß ſie eins hat, ſagte Ludwig mit einem ſanften Lächeln. Aber Ihr Bruder würde nicht zu⸗ frieden ſein, wenn wir ſo thun, wie Sie wünſchen. Denn wenn wir ihm entgegen gehen, ſo heißt das, ihn als Kaiſer anerkennen, und Sie wiſſen wohl, daß er durchaus nur der Graf von Falkenſtein ſein will. Ihn alſo anders empfangen, hieße ſeinen Wünſchen zuwider handeln! Oh die Etiquette, und immer die Etiquette, flüſterte die Königin leiſe vor ſich hin, ihren großen Fächer von Pfauenfedern auseinander ſchlagend, und ſich heftig Kühlung zuwehend. Es giebt kein Mittel ihr hier zu entgehen. Frau von Noailles ſind wir los, aber Madame Etiquette iſt doch geblieben, ſie lauert auf uns in jedem Winkel, ſie verbittert uns jede Freude, ſie— Die Thür da drüben öffnete ſich, eine männliche Geſtalt erſchien auf der Schwelle, ein lächelndes Antlitz ward ſichtbar, ein paar große, blaue Augen ſchauten ſie an. Marie Antoinette ſtieß einen Schrei aus und aller Rückſicht und aller Etiquette vergeſſend, ſtürzte ſie vorwärts. Mein Bruder! Mein geliebter Bruder! rief ſie mit hellem Liebeston. Meine ſolcher ſürzte pen fe hieß i ſamme König uncer wecke ren Ein waren mand Antei Deut deutſ war armu Tran nehm um mit Stan raſch Schu uns hatt und hat. 43 Meine Schweſter! Meine geliebte Antoinette! antwortete ihr ein eben ſolcher Ton, und Joſeph öffnete ſeine Arme, und Marie Antoinette ſtürzte ſich an ſein Herz; weinend vor ſeliger Luſt, deckte ſie ihre Lip⸗ pen feſt auf die Lippen ihres Bruders, und lachte unter Thränen, und hieß ihn willkommen mit einzelnen, abgebrochenen Worten ohne Zu⸗ ſammenhang. Tief gerührt, mit Thränen in den Augen ſtanden die Damen der Königin an der andern Seite des Saals. Dieſe ſo ungewöhnliche, ſo unceremonielle Scene war geeignet die lebhafteſte Sympathie zu er⸗ wecken, und man ſah daher ſelbſt Augen, welche wenig gewohnt wa⸗ ren zu weinen, ſich mit Thränen innigſter Rührung füllen.— Nur Ein Herz blieb ungerührt, nur Ein Paar Augen blieben trocken,— das waren die Augen und das Herz des Königs. Er allein hatte beachtet, was in der allgemeinen Bewegung Nie⸗ mand beachtet hatte, er allein hatte ſich verletzt davon gefühlt, daß Marie Antoinette den Kaiſer nicht begrüßt hatte als Franzöſin, ſondern als Deutſche mit einem deutſchen Wort, und daß der Kaiſer ihr mit einem deutſchen Wort geantwortet hatte. Es war der deutſche Kaiſer, es war die deutſche Erzherzogin, welche da neben ihm ſich in ſo inniger Um⸗ armung verſchlungen hielten, und neben ihnen ſtand der König von Frankreich ganz vergeſſen, ganz unbeachtet!— Es war eine unange⸗ nehme, verlegene Poſition, und König Ludwig war nicht gewandt genug, um ſich einer ſolchen mit Anmuth zu entziehen. Mit gerunzelter Stirn, mit niedergeſchlagenen Blicken ſtand er da, und endlich nicht mehr im Stande, ſeinen Unmuth zu unterdrücken, wandte er ſich ab und that raſch einige Schritte nach der Thür zu. Aber in dieſem Augenblick legte ſich eine Hand leiſe auf ſeine Schulter, und die volle, ſonore Stimme der Königin fragte: Sie wollen uns verlaſſen, mein Gemahl? Wohin gehen Sie? Ich war zu früh hieher gekommen, ſagte Ludwig ſcharf. Man hatte mir geſagt, der Graf von Falkenſtein ſei in Verſailles angelangt, und ich kam ihn zu begrüßen, aber es ſcheint, daß man ſich geirrt hat. Ich ziehe mich alſo zurück, bis der Graf wirklich da iſt und ſich mir vorſtellt. Der Graf von Falkenſtein iſt da, Sire, und er bittet taufend⸗ mal um Verzeihung, daß er ſeinem Herzen erlaubt hat, die Zügel zu nehmen und mit ſeiner Vernunft durchzugehen, ſagte Joſeph mit ſanfter, bittender Stimme. Verzeihen Sie es mir, Sire, daß ich einen kleinen Moment auch das Herz meiner Schweſter in meinen tollen Lauf mit hineinziehen konnte. Es war eine Eroberung, welche die Erinnerungen unſerer Kindheit mir von der Königin von Frankreich verſchafft haben, aber ich lege dieſe Eroberung jetzt zu den Füßen Eurer Majeſtät nieder und bitte Sie, dieſelbe als eine Trophäe Ihres vollſtändigen Sieges über mich anzunehmen. Er ſchaute den König mit ſo offenen, warmen Liebesblicken an, daß Ludwig ihm nicht zu widerſtehen vermochte und ſich wider ſeinen Willen zu ihm hingezogen fühlte. Der Schimmer eines Lächelns flog über ſein Antlitz hin, und mit einer raſchen Bewegung Joſeph ſeine beiden Hände entgegenſtreckend, ſagte er: Ich heiße Sie von Herzen will⸗ kommen, mein Bruder, und verſichere Sie, das Sie uns in Verſailles ein lieber und willkommener Gaſt ſind. Erlauben Sie mir alſo jetzt, Sie ſelbſt nach Ihren Zimmern zu begleiten und mich ſelbſt zu über⸗ zeugen, daß nichts verſäumt iſt, was zu Ihrer Bequemlichkeit die⸗ nen kann. Er nahm den Arm des Kaiſers und wollte vorwärts gehen, aber Joſeph machte eine leiſe, abwehrende Bewegung und blieb ſtehen. Sire, ſagte er, ich bin bereit, überall Eurer Majeſtät zu folgen, wohin Sie mich geleiten wollen; aber ich würde es mir niemals verzeihen können, Ihnen um meiner Beqguemlichkeit willen Mühe gemacht zu ha⸗ ben. Ich bin ein Soldat, den viele Strapatzen und Entbehrungen abgehärtet haben, und der des Luxus und der Pracht wenig gewohnt und durchaus nicht würdig iſt. Ich darf daher auch Ihr gnädiges Anerbieten nicht annehmen, denn ich bin durchaus nicht würdig, hier in Verſailles zu wohnen. Wie, mein Bruder, rief die Königin erſchrocken, Sie wollen nicht in Verſailles bei uns wohnen? Sie verſchmähen es, unſer Gaſt zu ſein? Ich werde ſtets glücklich ſein, wenn Sie mich als Gaſt an Ihrer Tafel dulden wollen, ſagte der Kaiſer lächelnd, aber es iſt dazu nicht nöthig, daß ich in Verſailles wohne. Wenn ich reiſe, logire ich nie⸗ mals in Schlöſſern, ſondern immer nur im Cabaret. — S= = —2= in la nig di müſſen einem müſſe mal komm ausg graj für r ſchon aufß davo dige bin dahe Sie 1 1 45 Der König zuckte leicht zuſammen und blickte ganz erſchrocken in das Antlitz Joſephs. Im Cabaret? wiederholte er verwundert. Der Graf von Falkenſtein meint im Hötel, Sire, rief die Köni⸗ gin lächelnd. Sie ſehen wohl, es fehlt meinem Bruder noch ein we⸗ nig die volle Gewandtheit unſerer Sprache, und wir werden ihn lehren müſſen, welch ein ungeheurer Unterſchied zwiſchem einem Höôtel und einem Cabaret iſt. Um dieſen Unterricht zu empfangen, mein Bruder, müſſen Sie aber bei uns in Verſailles wohnen, ich bitte Sie noch ein⸗ mal darum. Sie ſollen gewiß in keiner Hinſicht beſchränkt und voll⸗ kommen frei ſein. Auch haben wir Ihnen abſichtlich ſolche Zimmer ausgewählt, die ganz ſtill und fern von jedem Geräuſch ſind. Ich weiß ſehr wohl, ſagte Joſeph, daß Verſailles außerordentlich groß iſt, und da ſo viele Poliſſons darin wohnen, würde ſich auch wohl für mich noch ein Platz finden. Aber ich habe meinen Kammerdiener ſchon beauftragt, mir in einem Hötel garni in Paris mein Feldbett aufzuſchlagen, und dort werde ich logiren. Reden wir nicht mehr davon!*) Ich bin Ihnen außerordentlich verbunden für Ihre mir gnä⸗ dig angebotene Gaſtfreundſchaft, aber ich kann ſie nicht annehmen. Ich bin hierher gekommen, um zu hören, zu ſehen und zu lernen, ich werde daher früh auf ſein müſſen und ſpät heimkehren, und das Alles würde Sie hier in Verſailles beläſtigen! Ach, ich glaubte, Sie wären nach Paris gekommen, um den König und mich zu beſuchen, rief die Königin traurig. Gewiß bin ich das, meine Schweſter, ſagte Joſeph lächelnd, aber Sie werden bald erkennen, daß ich nicht ſo liebenswürdig und bequem bin, wie Ihr gütiges Herz hofft, und es werden viele Stunden kom⸗ men, wo Sie herzlich froh ſein werden, meiner Geſellſchaft überhoben zu ſein. Dieſe Stunden werde ich benutzen, um Ihr ſchönes Paris zu ſehen, meine Kenntniſſe zu bereichern, und Alles das zu lernen, was Sie ſchon wiſſen. Paris iſt ſo reich an Kunſtſchätzen, gelehrten und induſtriellen Anſtalten, daß man ſchon gelehrt und gebildet wird vom bloßen Anſchauen. Sie werden daher in vielen Dingen noch einen ganz ungebildeten Barbaren in mir finden, Sire, und ich habe gar ſehr um Ihre Nachſicht zu bitten! *) Mémoires de Madame de Campan. V. I. p. 172. 46 Wir werden uns dieſe wohl gegenſeitig gewähren können, ſagte der König milde. Aber jetzt, mein Bruder, bitte ich Sie, der Königin Ihren Arm zu reichen und ſich von ihr führen zu laſſen. Sie wollen nicht bei uns wohnen, aber Sie haben mindeſtens verſprochen, an unſerm Tiſch unſer Gaſt zu ſein. Kommen Sie alſo! Wir wollen heute ganz en famille ſpeiſen. Meine Brüder und Schweſtern erwar⸗ ten uns und glühen vor Verlangen, den Grafen von Fallkenſtein zu begrüßen! VI. In Paris. Vor dem kleinen Hôtel Turenne in den Straße Bivienne hielt ein kleiner Fiaere. Der in demſelben befindliche Herr ſchwang ſich leicht aus dem Wagen hervor, und war im Begriff in das Haus einzutreten, als der Wirth, die beiden Hände tief hineingeſenkt in die Taſchen ſeiner Beinkleider, die geſtickte Hausmütze nachläſſig über die Stirn gedrückt, ihm den Weg verſperrte, und ihn mit barſcher Stimme fragte, was er ſuche. Nun, ich ſuche, was jeder Fremde hier zu ſuchen berechtigt iſt, ſagte der Fremde lächelnd, indem er auf das Schild über der Hausthür deu⸗ tete, ich ſuche hier Quartier! Und das iſt gerade dasjenige, was Sie hier nicht finden können, rief der Wirth mit einer ſtolzen Kopfbewegung. Mein Haus iſt in den nächſten Wochen durchaus nicht im Stande, Gäſte aufzunehmen, ſelbſt nicht, wenn ſie ein ſo angenehmes und gewinnendes Aeußere haben, wie Sie, mein Herr! Dann müſſen Sie das Schild abnehmen, ſagte der Fremde miß⸗ muthig. Wenn man die Reiſenden durch ein Schild anlockt, muß man auch die Mittel beſitzen, ihren gerechten Anſprüchen genügen zu können! Ich fordere alſo noch einmal ein Zimmer von Ihnen, mein Herr! Ich ſage Ihnen, daß es unmöglich iſt, Ihnen ein ſolches zu geben. Das denn der L ftiedig der H laſſen der( glüht ſch erzäͤhh würd nesgl er an Man Vera Herr Sr. und furch jauch bar, Yert gethe Yei It don 47 Das Hötel Turenne kann keine gewöhnlichen Gäſte mehr aufnehmen, denn es iſt ihm hohe Ehre widerfahren. Der Kaiſer von Oeſterreich, der Bruder unſerer ſchönen Königin, logirt in meinem Hötel. Und indem der Mann ſo ſprach, ſtrahlte eine ſelige, ſtolze Be⸗ friedigung von ſeinem rothen, wohlgenährten Angeſicht. Der Fremde lächelte. Ach, mein Herr, ſagte er, ich fürchte, wenn der Kaiſer Sie eben gehört hätte, würde er ſogleich Ihr Höôtel ver⸗ laſſen, denn Sie haben ſein Geheimniß verrathen. Er will hier nur der Graf von Falkenſtein ſein! Aber Jedermann kennt dies Geheimniß, mein Herr, und ganz Paris glüht vor Verlangen, den Grafen von Falkenſtein zu ſehen, von dem ſich jetzt ganz Frankreich ſchon die ſchönſten und köſtlichſten Anekdoten erzählt. Der Graf von Falkenſtein iſt ja die Leutſeligkeit und Liebens⸗ würdigkeit ſelbſt, er ſpricht mit dem gemeinen Mann, als wäre er ſei⸗ nesgleichen. Nun, und iſt er das denn nicht? fragte der Fremde lächelnd. Iſt er anders geſchaffen und auf die Welt gekommen, als jeder gemeine Mann? Der Wirth ſchleuderte auf den kühnen Fragenden einen Blick voll Verachtung und Zorn. Ich finde es ſehr vermeſſen von Ihnen, mein Herr, daß Sie es wagen, in ſo wenig ehrerbietigen Ausdrücken von Sr. Majeſtät zu reden, ſagte er. Se. Majeſtät logirt in meinem Hötel, und ich werde es nicht dulden, daß irgend Jemand die ſchuldige Ehr⸗ furcht gegen ihn verletzt. Das franzöſiſche Volk liebt den Kaiſer, und jauchzt ihm entgegen, und es wäre auch in der That ſehr undank⸗ bar, wenn es anders wäre, denn der Kaiſer kommt ihm mit ſo viel Vertrauen und Bonhommie entgegen, wie es noch niemals ein Monarch gethan!. Denken Sie doch nur, er hat es der Königin abgeſchlagen, in Verſailles zu wohnen, er zieht es vor, in meinem Hötel zu reſidiren. Iſt das nicht erhaben, nicht großartig? Ich finde es nur bequem, ſagte der Fremde lächelnd. Der Graf von Falkenſtein wird hier im Mittelpunkt von Paris ſein, und kann alſo mit Leichtigkeit überall hin gelangen! Aber ſagen Sie, iſt der Graf ſchon angelangt? Nein, noch nicht! Nur ſein Kammerdiener iſt bereits hier und hat 48 das Feldbett aufgeſchlagen. Der Kaiſer und das übrige Gefolge wird nachkommen. Deshalb ſtehe ich hier auf der Lauer, und erwarte die Hofequipage, welche den Grafen von Falkenſtein von Verſailles bringt. Iſt der Kammerdiener Günther jetzt eben hier? fragte der Fremde. Ach, Sie wiſſen den Namen dieſes Herrn? rief der Wirth mit großen Augen. Alsdann gehören Sie vielleicht auch zum Gefolge des Kaiſers? Ja, ſagte der Fremde lächelnd, ich raſire ihn bisweilen. Jetzt rufen Sie mir Günther! Es lag etwas Stolzes, Befehlendes in dem Ton dieſer Stimme, das den Wirth ſtutzig machte. Kommen Sie, mein Herr, ich führe Sie, ſagte er, und wenn Sie Se. Majeſtät raſiren, ſo verſteht es ſich von ſelbſt, daß ich ein Zimmer für Sie habe! Der Fremde erwiederte nichts, ſondern folgte raſch dem Wirth, der ihn über die breite Treppe in das erſte Stockwerk des Hauſes geleitete. Eben wie ſie die letzte Stufe der Treppe überſchritten hatten, öffnete ſich da drüben eine Thür, und der Kammerdiener des Kaiſers trat heraus. Se. Majeſtät! rief er überraſcht, indem er ſich ſteif wie eine Schild⸗ wacht neben der Thür aufrichtets. Se. Majeſtät! wiederholte der Wirth entſetzt. Dieſer Herr iſt— Ew. Majeſtät ſind— Ich bin der Graf von Falkenſtein, ſagte der Kaiſer lächelnd. Sie ſehen, mein Herr, es war nicht weiſe von Ihnen, den Reiſenden, der im Fiacre anlangte, vor Ihrer Thür abzuweiſen, denn der Fremde, der ſich durch nichts unterſchied vom gemeinen Mann, war doch der Kaiſer! Ich bitte Ew. Majeſtät um Vergebung und Gnade für Alles, was ich Unziemliches geſprochen! rief der Wirth, im Begriff auf ſeine Kniee nieder zu ſinken. Aber Joſeph winkte ihm haſtig mit der Hand. Folgen Sie mir, mein Herr, ich habe ein wenig mit Ihnen zu reden, ſagte er vorwärts ſchreitend. Der Kammerdiener öffnete die Flügelthür und der Kaiſer ſchritt hindurch, gefolgt von dem Wirth, der ängſtlich und demüthig, ſeine Mütze in der Hand, hinter ihm herſchlich. inden ſch ᷣ 49 Dies ſind die Zimmer, welche ich bewohnen ſoll? fragte der Kaiſer, indem er mit einem raſchen Blick die Reihe der glänzenden Zimmer, welche ſich vor ihm aufthaten, durchflog. Zu Befehl, Majeſtät, ſtotterte der Wirth, es ſind die für den Pri⸗ vatgebrauch Eurer Majeſtät beſtinimten Gemächer. Ich bedarf deren nicht ſo viele, mein Herr. Vier Zimmer genügen vollkommen. Ein Vorzimmer, ein Wohnzimmer, ein Schlafgemach und eine Kammer für meinen Diener. Sie werden mir dieſe erſten vier Zimmer hier geben, ich miethe ſie auf ſechs Wochen. Aber ich mache meine Bedingungen! Ew. Majeſtät haben mir Ihre Befehle zu verkünden. 4 Meine erſte Bedingung iſt, daß Sie von dieſer Stunde an ver⸗ geſſen, wer und was ich in Deutſchland bin. In Frankreich bin ich nur der Graf von Falkenſtein, und wenn ich hier in dieſem Hötel noch einmal mit einem andern Namen angeredet werde, ſo verlaſſe ich ſo⸗ gleich Ihr Haus, und kehre nicht wieder zurück. Ich werde Ihren Befehl pünktlich befolgen, Herr Graf. Sie werden es auch Ihrer Dienerſchaft einprägen. Ich will durchaus keine Ausnahmeſtellung, ſondern ich will aufgenommen und angeſehen werden, wie ein gewöhnlicher Reiſender. Daraus folgt, daß Sie auch nach wie vor andern Reiſenden Ihre übrigen Zimmer öffnen. Ich habe vorher an mir ſelber erfahren, wie unangenehm es iſt, abgewieſen zu werden, und ich will nicht, daß irgend Jemand durch mich benach⸗ theiligt werden ſoll! Ich werde die Befehle des Herrn Grafen genau befolgen, ſagte der Wirth, ſich tief verneigend. Nur erlaube ich mir noch Eine Frage. Wie habe ich mich zu verhalten, wenn das Volk, wie das unvermeidlich iſt, ſobald es weiß, daß Ew.— daß der Graf von Falkenſtein in meinem Hôtel wohnt, wenn das Volk alſo mein Haus belagert und die Straße anfüllt, um den Herrn Grafen zu ſehen? Sie werden alsdann das Volk ruhig gewähren laſſen, mein Herr, und es wird, wenn es ſeine Neugierde nicht befriedigt ſieht, bald genug von ſelbſt auseinander gehen. Die Pariſer haben nicht Zeit, lange zu warten, um etwas ganz Gewöhnliches zu ſehen! Still, mein Herr, ver⸗ ſuchen Sie keine Complimente! Kaiſer Joſeph. 2. Abth. IV. 4 50 Ich ſchweige, Herr Graf! Aber was habe ich zu thun, wenn irgend Jemand kommt, eine Audienz bei dem Herrn Grafen nach⸗ zuſuchen? Mein Herr, ſagte Joſeph lächelnd, der Graf von Falkenſtein er⸗ theilt keine Audienzen, nur die Fürſten thun das,— der Graf von Falkenſtein empfängt Beſuche, und es liegt ſeinem Kammerdiener ob, dieſelben anzumelden. Sollten aber arme Leute, Unglückliche, welche der Hülfe bedürfen, ſich an mich wenden wollen, ſo werden Sie dieſelben ohne Weiteres hieher führen, und wenn der Kammerdiener nicht da iſt, werden Sie Selber ſie zu mir bringen. Ach, das iſt ein ſchönes, erhabenes Wort, rief der Wirth mit Thränen in den Augen, ganz Paris wird jauchzen, wenn es dieſes ſchöne Wort erfährt. Paris wird es aber nicht erfahren; Sie werden Sich wohl hüten, es irgend Jemand wieder zu ſagen, denn ſonſt allerdings würden gar Viele hieher ſtrömen, und wir würden hier nicht bloß die Armen und Unglücklichen haben, ſondern auch die Diebe und Taugenichtſe.— Jetzt, mein Herr, kennen Sie alle meine Winſihe. Werden Sie dieſelben genau befolgen? Wie die Gefetze Gottes, Herr Graf Wahrhaftig, können Sie von Sich behaupten, daß Sie dieſelben genau befolgen? fragte Joſeph lachend. Dann müſſen Sie in der That ein ſehr frommer Mann ſein, und ich habe mir Glück zu wünſchen, daß ich bei Ihnen wohne. Gehen Sie jetzt, mein Herr, und ſorgen Sie dafür, daß ſogleich ein Friſeur hierher komme. Sie werden es aber vermeiden, ihm zu ſagen, wer der Graf von Falkenſtein iſt. Adieu! Und vergeſſen Sie nicht, daß ich vollkommen ungenirt ſein und Nie⸗ mand geniren will. Weiſen Sie alſo keine Gäſte mehr von Ihrer Thür, ſie mögen nun in einer Equipage, oder nur im Fiacre kommen! Der Wirth murmelte einige leiſe unverſtändliche Worte und eilte dann von dannen. Joſeph blickte ihm lächelnd nach, aber die Thür öffnete ſich ſogleich wieder und der Graf Roſenberg trat ein. Der Kaiſer ſchritt ihm entgegen, und reichte ihm die Hand. Will⸗ kommen in Paris, ſagte er heiter, willkommen hier in meiner Jungge⸗ ſellenwirthſchaft. Roſe deß Das Jun Der lich werd oder da Gra ſaill Chrj dift der Gre flüch Par Kei zu ſig wel Brr wac lich ler nes der ſch A im fal 51 Sie gedenken alſo in der That hier zu bleiben, Herr Graf? fragte Roſenberg erſtaunt. Der Herr Geſandte, Graf Mercy, ſagte mir in⸗ deß ſo eben— Daß ich ihm geſagt, ich werde im Geſandtſchafts⸗Hötel wohnen! Das werde ich auch, nur habe ich mir hier, wie Sie ſehen, ein kleines Junggeſellenquartier reſervirt, in das ich mich zuweilen flüchten werde. Der Vortheil davon iſt, daß Niemand wiſſen wird, wo ich mich eigent⸗ lich befinde, und daß ich daher mich ziemlich frei und ungenirt bewegen werde. In Verſailles, das ſehe ich leider ſchon vorher, werde ich mehr oder weniger doch immer den Kaiſer ſpielen müſſen, die Etiquette hemmt da jeden Schritt und jedes freie Wort. Im Geſandtſchafts⸗Hotel, beim Grafen Mercy, wird es auch nicht viel beſſer ſein, und was in Ver⸗ ſailles die Etiquette, das wird beim Grafen Mercy die ſogenannte Ehrfurcht und angeborne Unterthänigkeit, oder richtiger die Feigheit der Höflinge bewirken, man wird den Geruch meiner Erhabenheit immer in der Naſe behalten. Hier aber werde ich ganz einfach und kurz der Graf von Falkenſtein ſein, und deshalb werde ich mich oft hierher flüchten, und hier mein Quartier nehmen, wenn ich meine Studien des Pariſer Lebens machen will! Und Sie wollen dieſe Studien ganz allein machen, Herr Graf? Keiner darf daran Theil nehmen, Keiner darf das Glück haben, Ihnen zu folgen, um Ihnen wenigſtens manche Unbequemlichkeiten und Belä⸗ ſtigungen zu erſparen, um Sie vor Gefahren beſchützen zu können, welche Sie vielleicht irgendwie bedrohen können? Ach, mein Freund, Sie meinen, ich ſollte wie mein königlicher Bruder Ludwig von Frankreich, niemals ohne Gefolge und ohne Leib⸗ wache öffentlich erſcheinen, und alſo immer den Popanz meiner Herr⸗ lichkeit dem Volk entgegenhalten? Nein, nein, ich will das Volk kennen lernen, und das lernt man nur, wenn man ſich unter daſſelbe als ſei⸗ nesgleichen miſcht.„Ich werde überall hingehen, in die Wirthshäuſer der Arbeiter, die Clubbs der Unzufriedenen, die Bureaux der Zeitungs⸗ ſchreiber, wie in die Kabinette der Miniſter.⸗ Ich werde Alles ſehen, Alles hören, denn man wird ſich vor mir niemals verbergen, da ich immer allein, und daher immer unbeachtet ſein werde. Was die Ge⸗ fahren anbetrifft, ſo wiſſen Sie wohl, daß ich nicht furchtſam bin, und 4* 52 wenn Sie meinen, daß ich einiger Beaufſichtigung bedürfe, ſo können Sie überzeugt ſein, daß ich deren hier überall genießen werde, denn die Pariſer Polizei iſt ſehr gut organiſirt, und Herr von Sartines wird wohl der Meinung ſein, daß ich eben ſo ſehr der ſtrengen Ueberwachung bedürfe, wie irgend einer ſeiner großen Einbrecher, die von der Galeere von Toulon zurückgekehrt ſind. Man iſt ja hier der Meinung, daß ich gekommen ſei, ganz Frankreich zu ſtehlen, und in meine Taſche zu ſtecken. Man weiß, daß dem Willen des Grafen von Falkenſtein nichts unmöglich iſt, ſagte Graf oſenenn Wenn Sie Frankreich erobern wollen, ſo iſt das nicht mehr ſchwer. Die Herzen der Franzoſen haben Sie ſchon erobert. Ah bah, die Franzoſen haben kein Herz, rief der Kaiſer achſel⸗ zuckend, ſie haben nur Imagination, und die habe ich aufgeregt, das iſt Alles. Wiſſen Sie, wer hier in Frankreich allein ein Herz hat? Das iſt der König, dieſer arme, junge, ſchüchterne König, der ſich nicht traut ein Mann zu ſein, aber ſich doch fürchtet, daß man es merkt. Ja, der König hat ein Herz, aber ich werde dieſes Herz niemals er⸗ obern. Wollte Gott, daß die Königin es vermag. Die Königin? Wenn König Ludwig ein Herz hat, ſo muß er dieſe ſchöne, liebreizende, junge Frau lieben, welche mit ſo viel Jugend, ſo viel Würde, ſo viel Unbefangenheit und Unſchuld verbindet. Es ſollte ſo ſein, ſagte Joſeph ſinnend. Aber es iſt hier nicht Alles, wie es ſein ſollte. Ich habe das ſchon in dieſen wenigen Stun⸗ den erkannt. Die Königin iſt nicht glücklich, ſie iſt umringt von Fein⸗ den. Aber ich will verſuchen, dieſe Feinde zu entwaffnen, und Sie, mein Freund, müſſen mir dabei behülflich ſein. Wie kann ich das, Herr Graf? Sie können es, indem Sie gleich mir Alles ſehen, Alles beobach⸗ ten, auf Alles hören, und es mir mittheilen. Schwören Sie mir, mein Freund, ſchwören Sie mir als ehrlicher Mann, mir Nichts zu verheh⸗ len, mir Alles mitzutheilen, was Sie hören und ſehen, mich nicht zu ſchonen, und enthielte das, was Sie mir zu berichten haben, auch die größten Beleidigungen gegen mich oder die Königin. Wollen Sie mir das ſchwören? Ich ſchwöre es Ihnen, Herr Graf! 9 53 Ich danke Ihnen, mein Freund. Ich will mir einbilden, ich habe die Miſſion erhalten, meine Schweſter Marie Antoinette aus den Hän⸗ den eines Lindwurms zu befreien, der ſie von ihrem Geliebten trennt. Sie begleiten mich als mein treuer Knappe, und machen mich auf jede Schlange, die am Wege lauert, auf jeden Stein des Anſtoßes, auf jedes Hinderniß aufmerkſam, das uns vom Ziel entfernt. Oh, mein treuer, vielgeliebter Knappe, wir werden den Lindwurm bezwingen, wir werden die ſchöne Prinzeſſin erlöſen, und ihr den verzauberten Prinzen zuführen! In dieſem Augenblick ließ ſich ein lautes Kratzen an der Thür vernehmen, und ſofort öffnete ſich dieſelbe. Ein eleganter Herr, einen dreieckigen, mit einer langen, weißen Straußfeder geſchmückten Hut in der Hand, einen zierlichen Galanteriedegen an der Seite, trat ein, und machte den beiden Herren eine würdevolle, kunſtgerechte Verbeugung. Der Kaiſer ſchritt ihm lebhaft entgegen und fragte in ſeiner freun lichſten und verbindlichſten Weiſe nach dem Begehr des Fremden. Der ſchöne, duftende Cavalier warf ſein Haupt mit einer gra ſen Bewegung zurück und ſagte voll ſtolzen Selbſtgefühls: Man mich hieher gebeten, um einem Herrn beim Arrangement ſeines H meinen Rath zu ertheilen. Ah, der Friſeur, ſagte der Kaiſer lächelnd. Nun denn Herr, haben Sie die Güte, mir Ihren Rath zu ertheilen, und friſiren. Verzeihung, mein Herr, das iſt nicht meines Amtes, der Herr ſtolz. Ich bin nicht der Friſeur, ſondern der Phyſiogn Erlauben Sie, daß ich meinen Unterbeaniten eintreten laſſe! Laſſen Sie ihn eintreten! ſagte der Kaiſer, innerlich beluſtigt vo der feierlichen Würde des Haarkünſtlers.— Dieſer ging gravitätiſch nach der Thür hin und öffnete ſie. Jean! rief er mit der Würde eines Feldmarſchalls, und ſofort er ſchien auf der Schwelle ein Jüngling, beladen mit Puderbeuteln, Kämmen Zangen, Bändern, Pomaden und all' den Dingen, die zum Arrange⸗ ment einer Friſur nothwendig waren. Jetzt, mein Herr, haben Sie die Güte, Sich zu ſetzen, ſagte der Phyſiognomiſt feierlich, indem er dem Kaiſer einen Stuhl präſentirte. 54 Es ſei, fangen wir unſer Werk an, rief der Kaiſer, ſich lächelnd auf dem Stuhl placirend. fragte Der Phyſiognomiſt ſtellte ſich im gegenüber, und die Arme in ein⸗ gang ander ſchlagend, betrachtete er ihn lange und aufmerkſam. zuliſ Haben Sie die Güte, mein Herr, Ihren Kopf auf die linke Seite zu wenden, ſagte er, ſo, noch ein wenig mehr links, daß das volle der Licht des Tages Ihr Profil trifft. dies Mein Herr, wollen Sie mich erſt malen, um mich nachher fri⸗ ſiren zu können? fragte der Kaiſer mit mühſam unterdrücktem Lachen, eine während Graf Roſenberg, nicht mehr im Stande, ein ernſthaftes Ge⸗ gan ſicht zu machen, an das Fenſter ſtürzte und ſein lachendes Geſicht der hall Straße zuwandte. mich Nein, mein Herr, ich ſtudire Ihre Phyſiognomie, um darnach hre Friſur beſtimmen zu können, ſagte der Phyſiognomiſt vollkom⸗ Wer en ernſthaft, indem er ſich bald nach dieſer, bald nach jener Seite ndte, die ſcharfen, prüfenden Blicke unverwandt auf das Antlitz des will ſers gerichtet. 2 Hinter dem Stuhl ſtand der Friſeur in ſeinem eleganten Anzug So Nanking, die ſpitzenbeſetzten Aermel zurückgeſchlagen, die mit ver roßen Friſirkamm bewaffnete Rechte hoch empor gehoben, des wie z ſeines Feldherrn gewärtig, um den kühnen Angriff auf das Haar wie elinquenten beginnen zu können. ein x der Phyſiognomiſt ſprach noch immer das befehlende Wort gel ffs nicht aus. Er betrachtete das Antlitz des Kaiſers von me Seiten, endlich umging er ihn mit langſamen Schritten, und ſich dann wieder ihm grade gegenüber. eiſ Nun endlich ließ er ſein Auge mit einem wahrhaften Feldherrn⸗ blick auf den Friſeur mit der erhobenen Waffe hingleiten. Phyſiognomie eines freigelaſſenen Negers, ſagte er mit Pathos. 8 Geben Sie dem Herrn die Negerfriſur.*) dt Und ſich tief verneigend, wandte der Phyſiognomiſt ſich ab und verließ das Gemach. Der Kaiſer brach in ein lautes, fröhliches Lachen aus, in welches r Graf Roſenberg rückſichtslos einſtimmte. u 7 *) Mémoires d'un voyageur qui se repose. V. 3. P. 42. n 55 Nun, wie werden Sie es machen, mir eine Negerfriſur zu geben? fragte der Kaiſer dann den Friſeur, der ſofort eifrig an's Werk ge⸗ gangen war und ſich damit beſchäftigte, das Toupé des Kaiſers auf⸗ zulöſen. Ich werde das Haar in lauter einzelne Locken verarbeiten, ſagte der Haarkünſtler, dieſe Locken werden das ganze Haupt überfluthen, wie dies bei den Negern der Fall iſt. Nicht doch, rief der Kaiſer lachend, trotz meiner Phyſiognomie eines freigelaſſenen Negers wünſche ich doch heute weniger pikant und ganz im Styl eines freigebornen Europäers friſirt zu werden, und be⸗ halte mir Ihre geniale Friſur für ein ander Mal vor. Friſiren Sie mich raſch und einfach, meine Zeit iſt bedrängt! Der Haarkünſtler gehorchte und in wenigen Minuten war ſein Werk vollbracht. Jetzt, mein Freund, ſagte der Kaiſer zum Grafen Roſenberg, jetzt will ich einige Beſuche machen, und da man die wichtigſten Dinge im⸗ mer zuerſt vornehmen muß, will ich zuerſt die Herren Miniſter meines Schwagers beſuchen, den Grafen Maurepas vor allen Dingen! Es verlangt mich dieſen Mann zu ſehen, der nach vierzig Jahren des Exils wieder ward, was er vorher geweſen, Miniſter, und ſein Regiment juſt wieder ſo fortſetzt, wie er es damals begonnen hatte. Maurepas iſt einer unſerer eifrigſten Gegner, ein wüthender Anti⸗Oeſterreicher. Es gelüſtet mich vor allen Dingen meine Feinde kennen zu lernen. Kom men Sie alſo! Gehen wir zu dem Großſiegelbewahrer!— Aber Sie wollen doch nicht zu Fuß dahin gehen? fragte der Graf erſchrocken. Erlauben mir der Herr Graf alſo, daß ich die Equipage vorfahren laſſe! Lieber Freund, meine Equipage iſt immer vorgefahren, ſagte der Kaiſer lachend. Schauen Sie nur da aus dem Fenſter. Sehen Sie da drüben an jener Ecke die Reihe der Fiacres? Das ſind meine Equipagen! Ew. Majeſtät— der Herr Graf wollen mit einem Fiacre fahren? Ja, nickte der Kaiſer, der Herr Graf wollen, ſo lange ſie in Pa⸗ ris ſind, immer mit einem Fiacre fahren! Kommen Sie, laſſen Sie uns anf die Straße gehen. Ein Wink mit der Hand und meine Equi page fährt vor!— 56 In der Antichambre des Großſiegelbewahrers, Miniſter Maurepas, herrſchte eine feierliche Stille. Nur der Kammerdiener ging mit ge⸗ wichtiger Miene und unhörbaren, ſchleichenden Schritten auf und ab, einer großen Buldogge gleich, welche die Thür ihres Herrn bewacht und bereit iſt, Jeden anzugreifen, der es wagt ſich derſelben zu nähern. Als er daher da draußen vor der Thür, die in das erſte Antichambre führte, ſich nähernde Schritte vernahm, blieb er ſtehen und warf einen drohenden, herausfordernden Blick nach jener Thür hin, welche ſich eben öffnete. Zwei Herren traten ein, und zwar mit einer ſo ſichern, un⸗ befangenen und ſiegesgewiſſen Miene, daß der Kammerdiener des Mi⸗ niſters ſich davon in ſeinem Innerſten empört fühlte. Ach, ſagte er laut, indem er die beiden Fremden mit einem ſtol⸗ zen Blicke maß, die beiden Herren, welche eben im Fiacre vorge⸗ fahren ſind? Ja, dieſelben, ſagte der Kaiſer lächelnd. Iſt der Herr Graf zu Hauſe? Ja, er iſt zu Hauſe, erwiederte der Kammerdiener gewichtig. Dann haben Sie die Güte und melden Sie ihm den Grafen von Falkenſtein! Der Kammerdiener zuckte die Achſeln. Thut mir leid! Sie müſ⸗ ſen warten! Ich habe Befehl Niemand zu melden, der Herr Miniſter Taboureau befindet ſich im Kabinet Sr. Excellenz zu einer wichtigen Conferenz, und bis dieſe nicht beendet iſt, wird Niemand vorgelaſſen. Ich finde das ſehr natürlich, und ich werde warten, ſagte der Kai⸗ ſer lächelnd, indem er ſich auf einen Stuhl unweit der Thür nieder⸗ gleiten ließ und den Grafen Roſenberg bedeutete, neben ihm Platz zu nehmen. Eine tiefe Stille trat jetzt wieder ein. Der Kammerdiener begann wieder, die Hände auf dem Rücken gefaltet, langſam und leiſe auf⸗ und abzugehen, die beiden Herren ſaßen ſchweigend neben der Thür, der Kaiſer mit lächelnder Geduld das Ende der Miniſter⸗Conferenz erwartend. Wiſſen Sie, Roſenberg, ſagte er nach einer langen Pauſe, ich bin dem Grafen Maurepas für dieſe Viertelſtunde ſehr dankbar, denn es iſt eine gute Lehre, welche ich hier empfange. Es iſt ein gutes italieniſchesu Sprüchwort:„die Erfahrung iſt die Mutter der Weisheit.“ Die Er⸗ jahrur langw welche niema die T mit: gen Exce wärt Kaiſe zuW Maj mein fere ſtät der auß e en 1 r 57 fahrung lehrt mich, daß das Antichambriren eine demüthigende und langweilige Sache iſt; ich werde daher bemüht ſein, niemals Diejenigen, welchen ich Audienz verſprochen habe, auf mich warten zu laſſen, und niemals irgend Jemand antichambriren zu laſſen! Ah, ſehen Sie nur, die Thür öffnet ſich wieder, es ſcheint, wir bekommen Geſellſchaft! Derjenige, welcher jetzt eintrat, ward indeß von dem Kammerdiener mit mehr Reſpect und Unterthänigkeit empfangen, er eilte ihm entge⸗ gen und bat in den demüthigſten Worten um Verzeihung, daß Se. Excellenz noch nicht ſichtbar ſei. So werde ich warten, ſagte der Prinz von Havrai, indem er vor⸗ wärts ſchritt. Auf einmal blieb er ſtehen, und ſtarrte hinüber zu dem Kaiſer, der ihn lächelnd betrachtete. Mein Gott, Se. Majeſtät der Kaiſer! rief er entſetzt, indem er zu Joſeph hineilte, und ſich tief vor ihm verneigte. Verzeihen Ew. Majeſtät nur dieſes fürchterliche Verſehen. Still, ſtill! ſagte der Kaiſer lächelnd, wenn Sie ſo laut ſprechen, mein Prinz, werden Sie die Herren Miniſter da drinnen in ihrer Con⸗ ferenz ſtören. Aber Menſch, hat Ihnen Se. Excellenz nicht befohlen, Se. Maje— ſtät ſogleich anzumelden? Se. Excellenz hat mir nichts geſagt von einer Majeſtät, ſtotterte der Kammerdiener angſtvoll. Er hat mir befohlen, Niemand einzulaſſen, außer einem Grafen, deſſen Namen ich zum Unglück vergeſſen habe. Außer dem Grafen von Falkenſtein! Ich glaube, das war der Name! Und Sie laſſen den Herrn Grafen dennoch warten? Mein Gott, ich bitte den Herrn Grafen um Vergebung. Ich werde ſogleich eilen mein Verſehen wieder gut zu machen! Bleiben Sie! ſagte der Kaiſer gebieteriſch, und ſich dann mit freundlicher Miene an den Prinzen wendend, fuhr er fort: wenn der Prinz von Havrai antichambriren kann, ſo ſehe ich nicht ein, warum es der Graf von Falkenſtein nicht auch thun ſollte! Warten wir alſo ruhig ab, bis die Miniſter⸗Conferenz beendet iſt! Dieſe Miniſter⸗Conferenz dauerte in der That ziemlich lange, und F. 58 faſt noch eine halbe Stunde verging, bevor die Thür des Cabinets da drüben ſich öffnete und der Miniſter Graf Maurepas heraustrat. Er kam mit zuckerſüßer Miene und lächelndem Angeſicht, die Herren zu empfangen, welche er da an dem andern Ende des Saals bemerkte. Als er aber näher kommend den Kaiſer erkannte, bebte er zuſammen und erbleichte vor Schreck. Mit verwirrter Miene eilte er vorwärts, verlegene, unzuſammenhängende Worte der Entſchuldigung ſtammelnd. Der Kaiſer reichte ihm mit einem gütigen Lächeln ſeine Hand dar. Es bedarf gar keiner Entſchuldigung, ſagte er; die Geſchäfte des Staa⸗ tes haben billiger und gerechter Weiſe den Vorrang vor den Beſuchen von Privatperſonen.*) Aber Ew. Majeſtät ſind keine Privatperſon! rief der Miniſter verwirrt. Doch, mein Herr, ſagte der Kaiſer ernſt. So lange ich in Frank⸗ reich verweile, bin ich weiter nichts als das, und ich bitte, daß Sie mich immer dafür gelten laſſen! Ich habe den Kaiſer von Oeſterreich in Wien zurückgelaſſen, der hat durchaus nichts zu ſchaffen mit dem Grafen von Falkenſtein, der nach Frankreich und vor allen Dingen nach Paris gekommen iſt, um ſich zu belehren, und große, erhabene Eindrücke zu empfangen, nicht aber, um hier ſein eigenes bischen Herrlichkeit zu ſonnen und ſeine Majeſtät ſpazieren zu führen. Ich bitte Sie, mir das zu glauben, und den Grafen von Falkenſtein, welcher ſo gern lernen möchte, gütigſt zu belehren! VII. Die Künigin und die Damen der Halle. In den Gemächern der Prinzeſſin von Artois drängte ſich eine glänzende Geſellſchaft auf und ab. Die ganze königliche Familie, der ganze Hofſtaat, alle Damen und Herren der hohen Ariſtokratie waren S. 141. *) Des Kaiſers eigene Worte. Siehe: Hübner, Lebensgeſchichte Joſeph II. da ver ängſtli nach hin g drückte reich könig Das Köni Wün fülle Gew Sohr des die ten füllt Stu Ver meh die dung dich den w gei B wo un en er 59 da verſammelt, aber Jedermann beobachtete ein tiefes Schweigen, eine ängſtliche Zurückhaltung, Aller Blicke waren mit geſpannter Erwartung nach dem, dicht neben dem großen Empfangsſaale befindlichen Gemach hin gerichtet, von welchen man zuweilen ſchmerzliches Schreien, unter⸗ drücktes Aechzen vernahm. In dieſem Zimmer ſollte ſich heute ein wichtiges, für ganz Frank⸗ reich bedeutungsvolles Ereigniß begeben, in dieſem Zimmer ſollte die königliche Prinzeſſin dem Königshauſe einen neuen Sprößling gebären! Das Schickſal hatte der Gräſin von Artois dieſen Vorzug vor der Königin, und vor der Gräfin von Provence gegönnt, und die heißeſten Wünſche des Hofes und ganz Frankreichs ſollten ſich endlich jetzt er— füllen; dem Hauſe der Bourbonen ſollte in einem neuen Erben eine neue Gewähr ſeiner Zukunft erſtehen. Aber wird es ein Erbe ſein? Wird die Gräfin von Artois einen Sohn gebären, einen Prinzen, der vielleicht dereinſt der Nachfolger des kinderloſen Königs, des kinderloſen Grafen von Provence ſein wird? Das war die Frage, welche ſich die königliche Familie, der Hof, die Dienerſchaft leiſe wiederholte, welche das Volk, da draußen in dich⸗ ten Schaaren die Corridore und Gallerien, die Treppen und Gänge er⸗ füllte, mit lauter Stimme rief. Die Niederkunft einer königlichen Prinzeſſin beſchäftigte in dieſer Stunde ganz Paris. Alle Behörden und Corporationen hatten ihre Vertreter nach Verſailles geſandt, um derſelben beizuwohnen, oder viel⸗ mehr in dem Empfangsſaal die Kunde zu erwarten. Denn da es nicht die Königin, ſondern nur eine königliche Prinzeſſin war, deren Nieder⸗ kunft man erwartete, ſo gehörte dieſer Act auch nur halb der Oeffent⸗ lichkeit an. Nur die königliche Familie und die Miniſter verweilten in dem Zimmer der Prinzeſſin. Niemand ſonſt durfte daſſelbe betreten, während bei der Niederkunft einer Königin von Frankreich alle Thüren geöffnet waren, und das ganze Volk, die Fiſchweiber der Halle, die Bettler der Straße, die Gamins und Handwerker eben ſo berechtigt waren das Zimmer der Königin zu betreten, als die Herzoge und Grafen, und die höchſten Würdenträger des Reichs.*) **) Madame de Campan. Vol. I. p. 201. 60 Heute aber, da es nur eine Prinzeſſin war, welche ihre Entbin⸗ dung erwartete, durfte das Volk die Zimmer nicht betreten, nur die Corridore und Gallerieen waren ihm geöffnet, nur in der Vorhalle, im Hof, auf den Treppen und im Garten durfte es ſich lagern, des Moments gewärtig, wo da oben auf dem Balcon der Accoucheur der Prinzeſſin in Begleitung der erſten Magiſtratsperſon von Paris er⸗ ſcheinen würde, um mit lauter Stimme die Geburt eines Prinzen, oder einer Prinzeſſin zu verkünden. Seit ſieben Stunden harrte man dieſes Moments, ſeit ſieben Stunden befand ſich die Königin neben dem Lager der Prinzeſſin von Artois, mit den liebevollſten Worten ihr Troſt zuſprechend, mit zarter Aufmerkſamkeit um ſie bemüht, und ihr beiſtehend mit der Sorgſamkeit einer liebevollen Pflegerin. Endlich war der feierliche Moment gekommen, endlich war der erſte königliche Leibarzt in die Thür des großen Empfangsſaals getreten, und hatte gerufen:„Die Prinzeſſin von Artois iſt im Begriff entbun⸗ den zu werden!“ Endlich verkündete das durchdringende Geſchrei einer Kinderſtimme, welche auf einmal die feierliche Stille unterbrach, daß die Gefahr vorüber, daß die Entbindung erfolgt ſei. Dann wieder trat eine Stille ein, inmitten dieſer Stille vernahm man die laute, feierliche Stimme des Arztes, welcher rief: Ihre könig⸗ liche Hoheit die Prinzeſſin von Artois hat einen Prinzen geboren! Ein lauter, durchdringender Freudenſchrei beantwortete dieſe Kunde. Es war die junge Mutter, welche dieſen Schrei ausgeſtoßen. Mit flammenden Augen, mit glühendem Erröthen hob ſie ihr Haupt von den Kiſſen empor, und mit der Hand an ihre fieberhaft glühende Stirn ſchlagend, rief ſie jauchzend:„Mein Gott, mein Gott, wie glücklich bin ich!“*) Die Königin neigte ſich über ſie, und küßte ihre Stirn, und flüſterte *) Madame de Campan. Vol. I. p. 216.— Dieſer Prinz, den ſeine Mutter mit ſo entzücktem Ausruf des Glückes begrüßte, war der nachherige Herzog von Berry, der Vater des jetzigen Grafen von Chambord. Er ward im Jahre 1827, als er eben in's Theater eintrat, ermordet und ſtarb daſelbſt in den Armen des Königs Ludwigs XVIII., des vormaligen Grafen von Provence. ihr za ſch, Schw Wille hell: ihren zeſſin und Wür beide vor über Hier Schr volle zun drär Huli einen vor vorc nen, =g= 61 ihr zärtliche Worte der Theilnahme, der Liebe in's Ohr, und Niemand ſah, wie ſie dabei an dem ſpitzenbeſetzten Kopfkiſſen ihrer glücklichen Schwägerin heimlich ein Paar Thränen abtrocknete, welche wider ihren Willen in ihre Augen getreten waren. Als ſich aber dann die Königin erhob, waren ihre Augen wieder hell und klar, und eine vollkommene Ruhe und Heiterkeit ſprach aus ihren Zügen. Mit zärtlichen Worten nahm ſie Abſchied von der Prin⸗ zeſſin, und ſchickte ſich an, in ihre Gemächer zurückzukehren; ſchweigend und mit lächelnder Ruhe durchſchritt ſie die Säle, mit Gelaſſenheit und Würde die Damen und Herren des Hofes begrüßend, welche ſich zu beiden Seiten ihres Weges aufgeſtellt hatten, und ſich ehrfurchtsvoll vor ihr neigten.— Alsdann trat ſie hinaus auf den Corridor, um über die Treppen und Gallerien zu ihren Appartements zu gelangen. Hier aber veränderte ſich auf einmal die Scene; ſtatt des vorherigen Schweigens herrſchte hier lautes, jubelndes Geräuſch, ſtatt der ehrfurchts⸗ vollen Höflinge, welche demüthig zurücktraten, um ihrer Königin Platz zu machen, war hier das Volk, welches ſich mit wildem Ungeſtüm heran drängte, um die Königin zu begrüßen, und ihr auf ſeine Weiſe ſeine Huldigungen darzubringen. Jeder fühlte ſich berufen, der Königin ein Wort der Bewunderung, einen Gruß der Liebe entgegen zu rufen, und nur langſam, Schritt vor Schritt, konnten die beiden Livréebedienten, welche der Königin vorangingen, ſich Bahn machen und der Königin eine kleine Gaſſe öff⸗ nen, durch welche ſie dahinſchreiten konnte. Ein banges, ängſtliches Gefühl bemächtigte ſich der Königin; jetzt zum erſten Mal bereuete ſie es, die Etiquette abgeändert zu haben, welche bis dahin den Königinnen nicht geſtattet hatte, anders als in Begleitung ihrer Damen, unter Vortritt zweier Läufer, durch die Gal⸗ lerieen und über die Treppen von Verſailles dahin zu gehen. Marie Antoinette hatte ſich von der Laſt dieſer Etiquette befreit und nur zwei Lakaien begleiteten ſie auf ihren Wanderungen durch das Schloß. Heute zum erſtenmal ward ihr dieſe Neuerung unbequem, denn ſie wäre ſicher und behütet geweſen in der Mitte ihrer Damen, während ſie jetzt der unmittelbaren Berührung dieſer rohen Maſſe ausgeſetzt war und es ſich gefallen laſſen mußte, daß die Fiſchweiber, dieſe gefürchte⸗ 62 ten und berühmten Damien der Halle, welche ſich ſeit Jahrhunderten das Recht erobert hatten, ſtets ungenirt zu ihren Souverainen ſprechen zu dürfen, ſich dicht an ſie heran drängten, und an ſie allerlei ſeltſame und wenig decente Reden richteten, welche indeß von der Menge mit lauten Bravorufen begrüßt wurden. Marie Antoinette fühlte, wie ihr)e Wangen erglühten, und haſtig, mit ſchamvoll gerötheten Wangen, mit geſenkten Augen, ſchüchtern und erröthend wie ein junges Mädchen, ſetzte ſie ihren Weg fort, immer umdrängt von den Damen der Halle, immer ihren Zurufen und witzi⸗ gen Bemerkungen ausgeſetzt. Seht nur, rief die Eine von ihnen, indem ſie dicht an die Köni⸗ gin heran trat, ſeht nur, wie lieblich die Königin anzuſchauen iſt, wie eine junge Roſenknospe. Aber Frau Königin, Sie ſollten d'ran denken, daß Sie keine Knospe mehr ſind, ſondern eine wundervolle Roſe, und daß wir darauf warten, daß Sie uns ein Knospe aufblühen laſſen, welche wir alle hegen und pflegen wollen, als unſern ſchönſten Schatz! Das iſt wahr, das iſt wahr! jubelte die Menge. Die Frau Königin Roſe iſt es uns ſchuldig, wir warten auf ihre Roſenknospe! Sehen Sie, ſchöne Frau Königin, rief ein anderes Weib, Sie ſind daran Schuld, daß wir heute hier ſieben Stunden in den Gängen und auf den Treppen haben lagern und die Sonne auf unſern Kopf haben ſcheinen laſſen müſſen. Wären Sie es geweſen, welche da ſtatt der Prinzeſſin von Artois Ihre Frauenpflicht erfüllten, ſo hätte man uns die Thüren dieſer Säle nicht verſchließen dürfen, und die Damen der Halle und das gute Volk von Paris und Verſailles hätte nicht nöthig gehabt, hier draußen zu ſtehen, ſondern wir wären neben den Herzo⸗ ginnen und Prinzen in den goldenen Sälen geweſen, und hätten uns gleich ihnen gebläht auf den ſammetnen Lehnſtühlen. Frau Königin, das nächſte Mal, wenn wir nach Verſailles kommen, müſſen Sie dazu die Veranlaſſung ſein, und die Zimmer müſſen für uns offen ſtehen, damit wir die junge Königsmutter und ihren ſchönen Dauphin ſehen können. Ja, ja, ſo muß es ſein, rief die Menge, wenn wir wiederkommen, muß es die Königin ſein, welche uns ruft, weil wir Zeuge ſein ſollen, wie ſie dem König und Frankreich einen Dauphin ſchenkt! Die Königin ſchien alle dieſe Reden gar nicht vernommen zu haben; 4 24 63 mit derſelben ruhigen, ſtolzen Haltung, demſelben ſanften Ausdruck ihres ſchönen Angeſichts, ging ſie weiter, nur hatte ſie noch nicht ein einziges Mal wieder ihre Augen aufgeſchlagen, und die Purpurroſen auf ihren Wangen waren höher aufgeblüäht. Jetzt näherte ſie ſich dem Ende dieſer qualvollen Wanderung, jetzt befand ſie ſich dicht vor der Thür ihrer innern Gemächer. Einmal dieſelbe überſchritten, war ſie gerettet vor den Zudringlichkeiten der Menge, denn weiter als bis hieher durfte ſie ihr nicht folgen, hier hörten die Gerechtſame des Volkes auf und die der Königin begannen. Aber die Damen der Halle kannten dieſes Geſetz ſehr wohl, und ſie wollten daher, bevor die Königin ihnen entſchwand, ihr noch ihre Abſchiedsgrüße ſagen. Verſprechen Sie uns, Frau Königin, rief Eine von ihnen mit ſchmetternder Stimme, verſprechen Sie uns, daß Sie uns bald einen Dauphin ſchenken wollen, einen tüchtigen, derben Jungen, der ſo ſchön iſt, wie ſeine Mutter, und ſo gut endlich wie ſein Vater! Ja, verſprechen Sie uns das, Frau Königin, rief der jubelnde Chor. Die Männer und Weiber und Alles drängte ſich fröhlich heran, um die Antwort der Königin zu vernehmen. Marie Antoinette war jetzt ganz nahe vor der ſchon geöffneten Thür, ſie athmete hoch auf, und zum erſtenmal richtete ſie jetzt wieder das Auge auf die Menge, um mit einem traurigen, ſchmerzvollen Blick Abſchied zu nehmen von ihren Quälern. Aber in dieſem Moment ſchob ſich ein großes, breitſchultriges Weib zwiſchen die Königin und die geöffnete Thür, und ihre braunen, nackten Arme hoch emporhebend, rief ſie: Sie dürfen uns nicht verlaſſen, Frau Königin, bevor Sie uns Ihr Verſprechen gegeben haben. Wir lieben Sie und wir lieben den König, und wir wollen nicht, daß der Graf von Provence einſt König werde; wir wollen, daß Ihr Sohn unſer König werde. Verſprechen Sie uns alſo, daß Sie uns einen Dauphin ſchenken wollen! Die Königin gab ſich noch immer das Anſehen, gar nichts zu hören und zu verſtehen. Sie trat ſeitwärts, um an der Poiſſarde vorüber nach der Thür zu gehen; aber das Weib merkte ihre Abſicht, und ver⸗ trat ihr auch hier den Weg. — — 64 Ich bitte, Madame, ſagte Marie Antoinette ſanft, laſſen Sie mich meinen Weg fortſetzen. Erſt müſſen Sie uns das Verſprechen geben, Frau Königin, ſagte die Poiſſarde trotzig, ihre Hände in die Hüften ſtemmend. Ja, erſt müſſen Sie uns das Verſprechen geben, jubelte und ſchrie die Menge, und alle dieſe lachenden Geſichter, dieſe funkelnden, blitzen⸗ den Augen waren auf Marie Antoinette hingewandt. Sie fühlte, daß ihre Kräfte ſie verließen, daß ſie nicht mehr im Stande ſein würde, ihre Faſſung zu bewahren, all ihr Blut drängte nach ihrem Herzen hin und wie ein glühender Feuerſtrom brannte es in ihren Augen. Sie mußte ſich erretten vor dieſer granſamen, fürchterlichen Menſchenmenge, und ſich flüchten in die Einſamkeit ihres Kabinets. Verſprechen Sie uns, daß Sie uns bald einen Dauphin ſchenken wollen, rief die Poiſſarde noch einmal mit gellender Stimme. Ich verſpreche es! ſagte die Königin ernſt und laut. Jetzt aber bitte ich, Madame, geben Sie die Thür frei! Das Weib trat zurück, Marie Antoinette überſchritt die Schwelle; hinter ihr her tönte das Jubelgeſchrei der Menge, welche brüllte und rief: ſie hat es verſprochen, die Königin hat uns einen Dauphin ver⸗ ſprochen! Marie Antoinette bebte in ſich zuſammen bei dieſen Worten, und eilte raſch vorwärts, ſchnell durch das Vorzimmer, in welchem die Die⸗ nerſchaft ſich befand, durch die zweite Antichambre, wo ihre dienſtthuen⸗ den Damen ſie begrüßten. Mit zitternder Haſt öffnete ſie ſelbſt die Thür zu ihrem Kabinet. Niemand war dort, außer ihrer erſten Kam⸗ merfrau, Frau von Campan. Mit einem leiſen Aechzen glitt Marie Antoinette auf einen Seſſel nieder. Campan, ſagte ſie haſtig und gedrückt, ſchließen Sie die Thüren, laſſen Sie die Portièren nieder, laſſen Sie Keinen ein, damit Niemand mich hören, Niemand mich ſehen könne. Damit kein Menſch Zeuge ſei von dem Jammer und Elende der Königin von Frankreich! Und mit einer leidenſchaftlichen Bewegung ſchlug Marie Antoinette ihre beiden Hände vor ihr Angeſicht und weinte bitterlich.*) *) Mémoires de Madame de Campan. Vol. I. p. 116. 65 Nach einer langen Pauſe ließ ſie ihre Hände wieder von ihrem Antlitz gleiten und heftete ihre von Thränen umdüſterten Blicke auf ihre Kammerfrau, welche vor ihr kniete, und mit Blicken ſchmerzlichſter Theil⸗ nahme zu ihr aufſchaute. Oh, Campan, was habe ich hören, welche Schmach habe ich er⸗ dulden müſſen, rief ſie ſchaudernd. Oh, das niedrigſte Weib der Straße iſt geſegneter und glücklicher als ich, wenn ſie daher ſchreitet mit ihrem Säugling an der Bruſt. Sie hat nicht nöthig, ihr Auge ſchamvoll zur Erde niederzuſchlagen, wenn man ſie fragt:„Weib, wo haſt Du Deine Kinder? Wo haſt Du den Segen Gottes?“ Sie kann ihn zeigen, den Segen Gottes, denn ſie hat ihr Kind, und mitt ſtolzer Verachtung kann ſie vorübergehen an der Königin von Frankreich, welche arm und ein⸗ ſam iſt, welche nichts hat, was ſie ihr eigen nennen könnte, welche ganz verlaſſen daſteht auf ihrem Throne! Die Königin hat eine Krone, aber dieſe Krone gehört Frankreich, die Königin hat auch ein Herz, aber dieſes Herz gehört Niemand, es iſt verſchmäht, verſtoßen und einſam. Sie hat keinen Gemahl, kein Kind und der Segen Gottes iſt nicht mit ihr! Der Segen Gottes iſt mit ihr, und wird ſie dereinſt herrlich um⸗ ſtrahlen! rief die Campan begeiſtert. Der Segen Gottes iſt die Liebe, und Gott hat einen Strahl dieſes Segens in das Herz des Königs geſenkt, und aus dieſem Strahle wird einſt die Sonne Ihres Glückes aufgehen, Majeſtät! Marie Antoinette ſchüttelte traurig ihr Haupt. Nein, ſagte ſie leiſe vor ſich hin, der König liebt mich nicht. Sein Herz hat keine ant⸗ wortende Stimme für das meine, er iſt jetzt an mich gewöhnt, er liebt mich vielleicht wie eine Schweſter, aber mehr nicht, mehr nicht! Er liebt Ew. Majeſtät mit der glühenden, begeiſterten Anbetung eines Liebhabers, flüſterte ihre Vertraute, nur iſt er noch zu ſchüchtern, es zu ſagen, nur kann er in der leberfülle ſeiner Liebe noch keine Worte finden, um ſie auszuſprechen, nur fehlt ihm in ſeiner Beſcheiden⸗ heit erſt die freudige Zuverſicht der Gegenliebe, um beredt zu werden! Nein, nein, der König liebt mich nicht! wiederholte Marie Antoi⸗ nette traurig. Ich habe Alles verſucht, mir dies Herz zu gewinnen, und ich bin mit Allem geſcheitert. Er hat Nachſicht mit meinen Fehlern, Kaiſer Joſeph. 2. Abth. IV. 5 66 großmüthiges Erfüllen für meine Wünſche; er beluſtigt ſich zuweilen in meiner Geſellſchaft, und ich vermag es mitunter ihn zu erheitern, aber das iſt Alles. Es iſt die ruhige, heitere Neigung eines Bruders, nichts weiter. Mein Gott, und mein ganzes Herz ſehnt ſich nach Liebe, nach dieſer andern, himmliſchen, glückſeligen Liebe, von welcher die Dichter ſingen, und welche die edelſten Frauen preiſen als den Theil ihrer Seele; mein ganzes Herz iſt ſein, iſt meines Gemahls, und Er, Er weiß es nicht! Er iſt nicht Mein! Der König weiß es nur nicht, wie ſehr er Ew. Majeſtät liebt, ſagte Frau von Campan. Seine Liebe ruht wie ein Geheimniß, das er ſelbſt nicht kennt, in der Tiefe ſeines Herzens. Es bedarf nur eines Anſtoßes, eines glücklichen Zufalls, eines eiferſüchtigen Traunts, um es zu wecken. Ich hoffe nichts mehr, und wünſche nichts mehr! ſeufzte die Kö⸗ nigin. Möge der Zufall kommen, und der eiferſüchtige Traum, ich will ihn willkommen heißen als meinen Erlöſer und Erretter, denn ich erleide Folterqualen! Sie ſenkte ihr Haupt auf ihre Bruſt, und langſam rannen ein paar Thränen über ihre Wangen nieder, und fielen herab auf ihre Hände, die gefalten in ihrem Schooß ruhten. Dieſe brennenden Thränen ſchienen die Königin auf einmal auf⸗ zuſchrecken aus der Apathie ihres Kummers. Sie zuckte zuſammen, und richtete ihr Haupt wieder empor. Mit einer ſchnellen Bewegung nahm ſie ihr Taſchentuch und drückte es an ihre Augen, dann ſtand ſie auf und ging mit weiten Schritten auf und ab. Allmählig nahmen ihre Züge einen ernſten, ruhigen Ausdruck an, ihre Haltung ward wieder ſicher und feſt. Vor der Kammerfrau ſtehen bleibend, reichte ſie ihr mit einem ſanften Lächeln ihre Hand dar. Sie haben mich heute ſchwach geſehen, gute Campan, ſagte ſie, ich bitte Sie aber, vergeſſen Sie es, und da⸗ für verſpreche ich Ihnen, daß Sie mich niemals wieder ſo ſehen ſollen. Es giebt Schmerzen, welche man immer mit dichten Schleiern umhüllen muß, und die ſelbſt das Auge Gottes kaum ſehen darf. Meine Schmer⸗ zen ſind dieſer Art! Niemand darf ſie ſehen, Niemand darf ſie nur errathen. Ich muß ſie verbergen unter einem lachenden Angeſicht, unter — ·—— 67 der Schminke, die meine Wangen bedeckt, und unter dem Diadem, das meine Stirne ſchmückt! Sprechen wir niemals wieder davon!— Und jetzt, Campan, jetzt rufen Sie meine Frauen, laſſen Sie die Equipagen vorfahren. Ich will Toilette machen! Léonard hat eine ganz neue Fri⸗ ſur erfunden, die will ich heut Morgen verſuchen, die Bertin hat aller⸗ liebſte Hüte gebracht. Wir wollen den ſchönſten und kleidſamſten davon auswählen, und in demſelben will ich ſpazieren fahren, in einer Stunde ſchon. Benachrichtigen Sie die Prinzeſſin von Lamballe, ſie ſoll mich begleiten. Sagen Sie dem Kammerherrn, daß ich nicht in einer Kutſche, ſondern in einem offenen Wagen meine Spazierfahrt machen will. Ganz Verſailles ſoll mich ſehen! Es iſt heute ein Freudentag, und alle Welt ſoll ſehen, daß die Freude über die Geburt des jungen Prinzen auch für die Königin eine Freude iſt, und meine Feinde ſollen nicht ſagen können, daß Marie Antoinette ihre Schwägerin beneidet um ihr Mutter⸗ glück! Und nicht bloß Verſailles, ſondern auch Paris ſoll ſich überzeu⸗ gen, wie innigen Antheil ich an dem Glück der Gräfin von Artois nehme. Heut Abend iſt Oper, man giebt die Iphigenia, eine deutſche Oper, eine Oper meines herrlichen Lehrers und Meiſters Gluck! Der Kaiſer hat gewünſcht, ſie zu hören, und ich werde ihn begleiten. Oh, ich werde mich heute den Pariſern zeigen in allem Glanze des Glückes. Sie ſollen es ſchon erkennen müſſen, daß Marie Antoinette ganz glück⸗ lich und zufrieden iſt, und daß ſie Niemand, Niemand auf der Welt zu beneiden hat! Kommen Sie, Campan, wir wollen Toilette machen! VIII. Das angenommene Kind der Königin. Eine Stunde ſpäter verließ die Königin ihre Gemächer, um ihre Spazierfahrt anzutreten. Sie hatte eine prachtvolle Toilette gemacht, und auf der Spitze dieſer Friſur, die Leonard heut zur Abwechſlung von der ſonſtigen Thurmhöhe ziemlich niedrig als„Parterre“ friſirt hatte, prangte ein reizendes Hütchen, umflattert von Blumen, Federn 5* 68 und Bändern. Die Wangen der Königin waren hoch geſchminkt und damit Niemand ſehen möchte, daß ihre Augen vom Weinen leicht ge⸗ röthet waren, hatte Marie Antoinette ſelbſt ihre unteren Augenwimpern leicht mit einem ſchwarzen Strich umrändert, auf daß ihre Augen doppelt glänzend und hell erſcheinen ſollten. Ein ſtrahlendes Lächeln umſpielte die purpurrothen, leicht aufgeworfenen Lippen der Königin; niemals hatte man ſie ſchöner, liebreizender, unbefangener und gnädiger geſehen, als an dieſem Morgen. Marie Antoinette hatte befohlen, daß man den Weg durch die Stadt Verſailles nehme. Ueberall, wo die knallenden Vorreiter das Herannahen ber königlichen Wagen verkündeten, öffneten ſich die Fen⸗ ſter der Häuſer, und Kopf an Kopf ſchaute heraus, um die Königin zu begrüßen, überall auf der Straße, wo Marie Antoinette vorüber⸗ kam, blieben die Leute ſtehen, um ihre Hüte zu ſchwenken, um mit en⸗ porgehobenen Händen und lachenden Geſichtern ihre ſchöne junge Köni⸗ gin zu begrüßen, welche dem Volk heute ein ſo köſtliches Verſprechen gegeben. Marie Antoinette ſchien ganz berauſcht über dies Zujauchzen des Volkes. Sie lieben mich, mein Gott, ſie lieben mich, dieſe guten Leute, ſagte ſie zu den Damen, welche in ihrem Wagen ſaßen, ſie ſind ganz glücklich mich zu ſehen, und ich bin eben ſo glücklich von ihnen geſehen zu werden! Und ſie grüßte nach allen Seiten hin mit ihrem lieblichſten Lächeln, und hatte für Jedermann ein anmuthiges Kopfneigen und einen bezaubernden, warmen Liebesblick. Ew. Majeſtät ſehen, ſagte die Prinzeſſin von Lämballe, es iſt noch immer ſo, wie Herr von Briſſac bei Ihrem Einzug in Paris ſagte: Ew. Majeſtät ſind von tauſend und tauſend Liebhabern Ihrer Perſon umgeben! Ja, rief die Königin, lächelnd auf die jubelnden Menſchen hin⸗ deutend, meine Liehaber ſind auf die Straße und an die Fenſter gekommen, um mich zu begrüßen, aber meine Feinde ſind in ihren Häuſern ge⸗ blieben, und deshalb kann ich ſie nicht ſehen, aber ich darf ſie doch niemals vergeſſen, und weiß Gott, ſie erinnern mich alle Tage daran, daß ſie exiſtiren, obwohl ſie ſich ſorgfältig vor mir verhüllen, und mich niemals ihr wahres Antlitz ſehen laſſen! Ach, Prinzeſſin, wer bürgt mir denn dafür, daß nicht auch einige meiner anſcheinenden Liebhaber da n die 5 Menj licher mein heim Grü und grür ſchw Him im: Got ſchr krie ſoll habe die und ſpre Na dor de 69 da nur Masken tragen, und eigentlich meine Feinde ſind! Oh, wenn die Könige die Macht beſäßen, die Masken von den Geſichtern der Menſchen fortzunehmen, dann würden die Fürſten und die Völker glück⸗ licher ſein. Aber ſo wie es iſt, müſſen wir Alle unſere Maske tragen, meine Liebhaber da, welche mir zujauchzen, indem ſie mich vielleicht heimlich verwünſchen, und ich, welche mit einem ſeligen Lächeln ihre Grüße erwiedere und ihnen doch mißtraue!— Die königliche Equipage hatte jetzt das Ende der Straße erreicht und wollte nun durch das Thor hinaus in's Freie, in die lachende grüne Landſchaft. Marie Antoilette ließ ihre entzückten Blicke über die Gegend hin⸗ ſchweifen und grüßte mit ihren Augen die grünen Bäume, den blauen Himmel und die flatternden Wolken, und folgte den Vögeln, welche im raſchen Fluge durch die Luft dahin rauſchten. Fliegen, ich möchte fliegen! rief die Königin. Warum hat uns Gott keine Flügel gegeben, daß wir gleich den Vögeln uns empor⸗ ſchwingen können zum Himmel! Müſſen wir nicht auf der Erde dahin kriechen wie die Schnecken, und kommen nicht weiter? Raſcher, man ſoll raſcher fahren, rief ſie ungeduldig. Ich will einmal das Gefühl haben, als ob ich flöge, ich will die Luft durchſchneiden ſo ſchnell wie die Vögel da oben. Raſcher, man ſoll raſcher fahren! Die Ehrendame winkte dem Stallmeiſter zur Seite des Wagens, und wiederholte ihm den Befehl der Königin, und der Stallmeiſter ſprengte vorwärts und rief den Kutſchern und den Vorreitern zu: Raſcher, man ſoll raſcher fahren! Und wie im Fluge brauſte der Wagen dahin, im ſauſenden Galopp vorüber an den einzelnen Bauerhäuſern und durch die Dörfer, durch welche die Straße hinführte; die Königin lag ſanft zurückgelehnt in die Kiſſen des Wagens und athmete mit halb geöffneten Lippen die Luft ein, welche ſie umwirbelte. Auf einmal ertönte ein gellender Schrei, und mit einem raſchen Ruck hielt der Wagen an. Die Königin fuhr empor aus ihren Träume⸗ reien und lehnte ſich vorwärts. Was iſt geſchehen? Um Gottes Willen, was iſt geſchehen? fragte 70 ſie angſtvoll den Stallmeiſter, der eben an den Schlag des Wagens heranſprengte. Majeſtät, ein Kind iſt quer über den Weg gelaufen und unter die Pferde gerathen. Ein Kind! rief die Königin, im Wagen aufſpringend. Es iſt todt, nicht wahr, es iſt todt? Nein, Majeſtät, es iſt zum guten Glück ganz unbeſchädigt davon gekommen. Der Kutſcher hat die Pferde rechtzeitig angehalten, daß die Räder des Wagens das Kind nicht berührt haben, der Vorreiter hat das Kind unter den Pferden hervorgezogen. Es iſt wirklich ganz unverletzt, nur ein wenig betäubt. Sehen Ew. Majeſtät nur, da liegt es im Arm der alten Bäuerin, ſie iſt vermuthlich ſeine Großmutter, oder ihm verwandt, denn ſie kam aus der Hütte dort geſtürzt und rief nach dem Kinde. Sie wird das Kind wieder in die Hütte nehmen wollen, ſagte die Königin, und indem ſie ihre beiden Arme nach der alten Frau hin⸗ ſtreckte, welche eben mit einem kleinen Knaben im Arm haſtigen Schrit⸗ tes nach der Hütte hinlief, rief die Königin mit lauter, flehender Stimme: Gebt mir das Kind! Bringt mir das Kind hierher! Ich will es ſehen! Ich will es haben! Dies Kind iſt mein! Der Himmel ſelbſt hat es mir geſendet, damit es mich tröſte, damit es mein Kind werde.*) Und zitternd vor Aufregung, das Antlitz überfluthet von Thränen, ſtreckte Marie Antoinette noch immer ihre Hände nach der alten Bäuerin hin, die eben, von dem Stallmeiſter herbeigeholt, mit dem Knaben im Arm ſich dem Wagen der Königin näherte. Oh, ſehen Sie nur, ſehen Sie, meine Damen, welch ein Engel das iſt! rief die Königin, deren Thränen plötzlich verſiegten, und die mit leuchtenden Blicken auf den kleinen Knaben hinſchauete, der mit ſeinen großen, blauen Augen, ſeinen langen, gelben Locken, ſeinen von Geſundheit ſtrotzenden, friſchen Wangen wirklich reizend anzuſehen war, trotz des kleinen, zerriſſenen rothen Jäckchens, und der nackten, brau⸗ nen, nicht allzu ſaubern Füße. Hat das Kind noch ſeine Mutter? fragte die Königin, die großen *) Campan. I. 117. Auge gerich Wind rückg die dare 71 Augen unverwandt und mit einem zärtlichen Ausdruck auf den Knaben gerichtet. Nein, Madame, ſagte die alte Bäuerin, meine Tochter iſt letzten Winter geſtorben, und hat mir die Laſt von fünf kleinen Kindern zu⸗ rückgelaſſen! Oh, dieſe Kinder ſollen Euch nicht länger zur Laſt fallen, rief die Königin heiter. Ich übernehme es, für alle dieſe Kinder zu ſorgen, und dieſen kleinen Knaben hier nehme ich gleich mit mir. Wollt Ihr darein willigen, gute Frau? Ach, Madame, die Kinder werden zu glücklich ſein, jauchzte die Bäuerin. Aber mein kleiner Jacob iſt ſo unartig und wild, er wird am Ende nicht bei Ihnen bleiben wollen! Oh, ich will ihn ſchon lehren, mich zu lieben! rief Marie Antoinette, geben Sie mir den Knaben. Sie beugte ſich nieder und empfing aus den Händen der Bäuerin den kleinen Knaben, der ſtarr vor Staunen und Verwunderung, ſchwei⸗ gend und faſt unbeweglich Alles mit ſich geſchehen ließ, und ohne Sträu⸗ ben den Platz auf dem Schooße der Königin einnahm. Sehen Sie wohl, er fürchtet ſich ſchon nicht vor mir, rief die Königin triumphirend, wir werden bald gute Freunde werden. Adieu, gute Frau! Ich ſende heute noch Jemand her, der die Kinder in eine Penſions⸗Anſtalt bringen ſoll. Jetzt, Herr von Vievigne, bitte ich, daß wir nach Verſailles zurückkehren. Sage Deiner Großmama Lebewohl, kleiner Jacob. Jetzt bleibſt Du bei mir! Lebe wohl, mein Jacob, mein guter, kleiner Jacob! rief die alte Bäuerin mitt erſtickter Stimme. Gedenke zuweilen— Ihre Worte verhallten unter dem donnernden Geräuſche des da⸗ hin brauſenden Wagens, der ſich vor den nachſtarrenden Blicken der alten Frau bald in einer Wolke von Staub in der Ferne verlor. Aber das Geräuſch der Räder und die Luft, welche des Knaben goldene Locken fächelte, ſchienen ihn endlich aus ſeiner Betäubung zu wecken. Er rollte ſeine großen Augen wild umher, und ſeinen Kopf rückwärts werfend an den Buſen der Königin, riß er den Mund auf und begann jenes fürchterliche, unharmoniſche Geſchrei, welches das Entſetzen und die Qual aller Mütter und Kinderwärterinnen iſt, und 72 welches noch niemals in der Equipage der Königin vernommen wor⸗ Gefühl den war. und H G Aber Marie Antoinette ſchien dies Geſchrei für einen gax lieblichen und anmuthigen Geſang zu halten, denn je mehr der kleine Jakob alle des K. 1 Orgelpfeifen ſeiner Bruſt in Bewegung ſetzte, deſto herzlicher lachte ſeinen die Königin, je wilder er mit ſeinen Füßen ſtrampelte, doſto zärtlicher zureibe drückte ſie ihn an ihr Herz und merkte es gar nicht, daß ihre Damen 6 mit bedenklichen Geſichtern ihre hellen, ſeidenen Roben betrachteten, welche abin Jakob mit ſeinen Fußtritten regalirte, und an denen ſeine Füße ſehr Dort wenig erfreuliche dunkle Spuren zurückließen. Mier Endlich war man wieder in Verſailles angelangt, und mit ihrem zu de neueroberten Glück im Arm trat die Königin wieder in ihre Ge⸗ geſeſſ mächer ein. Aber dieſes neueroberte Glück ließ noch immer ſein furchtbares, und ohrenzerreißendes Lied erſchallen. Es ſtrampelte und ſchlug ſo heftig rr, um ſich, daß Marie Antoinette es aus ihren Armen laſſen mußte. Mu Mit Entſetzen ſahen die Lakaien, die Kammerdiener und die Pagen in und den Antichambres, die Kammerfrauen und die Damen der Königin in Stel dem zweiten Vorſaal die Königin daher ſchreiten mit dem kleinen Bau⸗ treu ernjungen an der Hand, auf deſſen Antlitz der Staub der Straße von ſtets ſeinen Thränen zu einem wunderbaren Brei zuſammengerührt worden, Mu welcher Brei allerlei ſeltſame Hieroglyphen auf die roſigen Wangen ſett des Knaben gemalt hatte. Der kleine Jakob achtete auf dies Alles thun nicht. Er ſah weder die ſchön geputzten Damen, noch die goldbetreßten kleu Lakaien, ihm imponirte auch nicht der goldene Glanz dieſer Gemächer, Me die er an der Hand der Königin durchſchritt, und er hatte gar kein Ohr für die zärtlichen Liebesworte der Königin von Frankreich. hant Ich will zu meiner Großmutter! brüllte und ſchrie der Knabe. und Ich will zu meinem Bruder Louis und meiner Schweſter Marianne! nn Oh, mein kleiner Jakob hat ein gutes Herz, rief die Königin tri⸗ ſc umphirend. Er liebt ſeine Geſchwiſter und all' unſere Pracht und unſere Zärtlichkeit iſt ihm gleichgültig. In dem Königsſchloſſe ſehnt er ſich nach ſeiner Hütte, und die Königin von Frankreich iſt ihm lange d nicht ſo viel werth als die alte Bäuerin, ſeine Großmutter. Oh, wie 8 gut mir das gefällt, mein kleiner Jacques! Mögeſt Du niemals dies or⸗ 73 Gefühl der Liebe und der Treue verlieren, es nie an die Schlechtigkeit und Heuchelei der Welt hingeben! Sie neigte ſich nieder und küßte die helle, ſchön gewölbte Stirn des Knaben, der ſich in dem Trotz ſeines Kummers indeß beeilte, mit ſeinen beiden Händen den königlichen Kuß von ſeiner Stirn fort⸗ zureiben. Marie Antoinette lachte laut auf und führte den Knaben in ihr Kabinet, wohin ſie der Frau von Campan gebot, ihr zu folgen.— Dort angelangt, nahm das Antlitz der Königin plötzlich eine ernſte Miene an, mit einer faſt feierlichen Haltung geleitete ſie den Knaben zu dem Divan hin, auf welchem ſie heute Morgen in Thränen aufgelöſt geſeſſen hatte, und ſetzte das Kind auf derſelben Stelle nieder. Campan, ſagte ſie, dort ſaß ich heute und klagte mein Geſchick an, und weinte über mein vereinſamtes, liebeleeres Daſein. Sehen Sie nur, wie gütig Gott iſt! Er hat mich ein Kind finden laſſen, dem ich Mutter ſein, dem ich alle die Liebe ſpenden darf, welche ſonſt ungeſehen und ungenutzt in meinem Herzen verdorren müßte! Hier an dieſer Stelle ſchwöre ich Dir, mein Kind, ich will Dir ſtets eine gute und treue Mutter ſein, ich will für Dich ſorgen mit Liebe und Treue, und ſtets nur Dein Wohl und Beſtes im Auge behalten. Möge Deine Mutter im Himmel, möge Gott ſelber meinen Schwur hören!— Und jetzt, gute Campan, jetzt wollen wir uns berathen, was wir zunächſt zu thun haben, und woher wir ſogleich eine Bonne nehmen, damit ſie den kleinen, wilden und ſchmutzigen Bären in das reizende, ſchöne, kleine Menſchenkind umſchafft, das er wirklich iſt! Der Knabe, welcher einen Moment geſchwiegen und ſich erholt hatte vom langen Brüllen, begann daſſelbe jetzt mit erneuerter Gewalt, und ſchrie und heulte mit wüthender Heftigkeit: Ich will fort! Ich mag hier nicht ſein! Ich will zu meiner Großmutter! Zu meinen Ge⸗ ſchwiſtern! Aber ſo ſchweig doch, Du kleiner Wütherich! rief Frau von Cam⸗ pan zürnend. Das iſt ja ein fürchterliches, ohrzerreißendes, Lied, das Du da ſingſt! Nein, ſagte die Königin eifrig, nein es iſt ein ſchönes Lied, Cam⸗ 4 74 pan. Es iſt das Hohelied von der treuen Liebe, die ſich durch Glanz und Flitter nicht beſtechen läßt!*) 3 IX. Chantons, célébrons notre reine! Alle Räume der großen Oper waren ſchon lange vor Beginn der heutigen Vorſtellung von dem glänzendſten und auserleſenſten Publikum angefüllt. In den Logen des erſten Ranges ſah man die Damen der hohen Ariſtokratie in glänzender Toilette, geſchmückt mit Brillanten und Edelſteinen, das Haupt decorirt mit den fürchterlichen, thurmhohen Fri⸗ ſuren, der Erfindung des Herrn Léonard, in den obern Logenreihen ſaß Kopf an Kopf gedrängt das minder vornehme Publikum; Künſtler und Dichter, Gelehrte, Studenten und Beamte erfüllten das Parquet und Parterre, jeder Rang, jeder Stand, jedes Alter war heute in dem glänzenden Hauſe vertreten, und jeder Einzelne fühlte ſich glücklich und ſtolz, auf ſeinem Platz zu ſein, und der heutigen Vorſtellung beiwohnen zu können. Aber zum erſtenmal kam man heut nicht ausſchließlich in die Oper, um die Gluck'ſche Muſik zu hören, zum erſtenmal ſeit langer *) Die Königin hielt Wort: Sie ſorgte wie eine Mutter für den Knaben. Jeden Morgen um neun Uhr ward er durch ſeine Bonne ihr zugeführt, und mußte bei der Königin, welche ihn nie anders als„mein Kind“ nannte, ſein Frühſtück einnehmen. Auch zu Mittag ſpeiſte er gemeinhin an der Seite der Königin, ſelbſt wenn der König zugegen war. Als Jacques heranwuchs und viel Talent zur Malerei zeigte, gab die Königin ihm die ausgezeichnetſten Künſtler zu Lehrern, und ſorgte dafür, daß er überhaupt eine gründliche, wiſſenſchaft⸗ liche Bildung erhielt. Er hatte ſeine Zimmer in Verſailles und durfte auch ſpäter jederzeit ungehindert zu der Königin kommen. Als indeß die Revolution ausbrach, und das blutige Jahr 1792 alle Royaliſten bedrohte, verwandelte ſich Jacques, um nicht als Günſtling der Königin die Wuth des Pöbels auf ſich zu ziehen, in einen wüthenden Jacobiner und ward einer der eifrigſten Ver⸗ folger und Ankläger der Königin. Campan I, 119. zeit ſe verſtun nicht, wer R ſikeln und d Melos beißer ſeinen Muſ wie ſich, die a Suar und des für Piec ſen Red im erſte fan. dieſ tau gel lanz der kum der und Fri⸗ hen ſtler quet dem und nen ˖in iger ben. und ſein der und ſtler aft⸗ auch tion ſcj ſich Ver⸗ 9 75 Zeit ſchien der Haß der Gluckiſten, der Lullyſten und der Picciniſten verſtummt zu ſein, und in den Corridoren und Foyers ſah man heut nicht, wie ſonſt, die Anhänger der verſchiedenen Parteien ſich ſtreiten, wer Recht habe: Marmontel, welcher täglich in feurigen Zeitungs⸗Ar⸗ tikeln den Pariſern bewies, daß Gluck gar kein Componiſt, kein Künſtler, und daß ſeine Muſik nichts weiter ſei, als elendes Tongeklingel ohne Melodie und Harmonie, oder der Abbé Arnaud, der täglich mit ſeinen beißenden Epigrammen die Lullyſten verfolgte, oder Suard, der mit ſeinen Briefen eines Anonymen den Pariſern die edle und erhabene Muſik des Meiſters Gluck verſtändlich machen wollte. Alle, Marmontel, wie Arnaud und Suard hatten eine fanatiſch begeiſterte Partei für ſich gewonnen, und beiden Parteien war es gelungen, einen Sieg über die andere zu erlangen. Die Gluckiſten, mit Rouſſeau, Arnaud und Suard an der Spitze, hatten der Oper„Iphigenie in Aulis“ in Paris und in ganz Frankreich einen glänzenden Erfolg, und das Verſtändniß des Publikums verſchafft, ganz Frankreich begeiſterte ſich ſeit Jahren für dieſes Meiſterwerk des deutſchen Componiſten. Die Lullyſten und Picciniſten, mit Marmontel und Laſarge an der Spitze hatten für die⸗ ſen glänzenden und unerſchütterlichen Erfolg von Glucks Iphigenie ihre Revanche genommen, indem ſie bewirkten, daß die Oper Glucks, welche im Jahre 1776 der Iphigenie folgte, daß die„Alceſte“ bei ihren erſten Darſtellungen in Paris nur eine widerwillige, laue Aufnahme fand.*) Alle dieſe Streitigkeiten, wie geſagt, waren heute verſtummt und dieſes Publikum, das heute alle Räume des großen, von tauſend und tauſend Kerzen feſtlich erleuchteten Opernhauſes erfüllte, war nicht bloß gekommen um die Iphigenie zu hören, ſondern mehr noch um den Kaiſer *) Alceſte wurde 1776 zuerſt in Paris gegeben, fiel aber, Dank den Pic⸗ einiſten bei der erſten Darſtellung nicht bloß entſchieden durch, ſondern ward ſogar ſchmachvoll ausgepfiffen. Gluck, der in den Couliſſen ſtand, war in Ver⸗ zweiflung, ſtürzte aus dem Opernhauſe und rannte in troſtloſer Stimmung durch die Straßen. Da begegnete ihm ein Freund. Gluck warf ſich ihm um den Hals und rief mit von Thränen erſtickter Stimme: Alceste est tombée!— Oui, erwiederte der Freund, indem er Gluck innig umfaßte: Oui, elle est tombée du ciel!(Anton Schmid: Ritter von Gluck. S. 278.) — 76 Joſeph zu ſehen, von welchem man wußte, daß er gewünſcht, gerade dieſe Oper zu hören, und daß er demgemäß heute Abend mit der Kö⸗ nigin in derſelben erſcheinen werde. Der Kaiſer war ſeit ſeiner Ankunft in der Hauptſtadt das Lieb⸗ lingsthema aller Unterhaltungen; man ſprach von ihm in jeder Geſell⸗ ſchaft, bei jedem Begegnen, man erzählte die pikanteſten Anekdoten von ſeiner Leutſeligkeit, ſeiner Herablaſſung und ſeiner Herzensgüte. Man erzählte von ihm die ſanglanteſten Bonmots, die glücklichſten Improm⸗ tus, und die Pariſer, welche für nichts empfänglicher ſind als für Bon⸗ mots, wiederholten ſich diejenigen des Kaiſers mit um ſo mehr Ver⸗ gnügen, als ſie es wenig gewohnt waren dergleichen aus dem Munde ihrer Fürſten zu vernehmen. Auch im Foyer des Opernhauſes ſprach man heut nur von dem Kaiſer, und ein zahlreicher Kreis von Zuhörern hatte ſich um dieſen Redner gebildet, der da in der Mitte des Raums ſtand, und die pikan⸗ teſten Anekdoten von den Wanderungen des Kaiſers durch Paris er⸗ zählte. Geſtern, ſo lautete die Erzählung, habe der Kaiſer das Hôtel- Dieu beſucht und dieſe Anſtalt in allen ihren Details auf das Genaueſte beſichtigt. Selbſt die Abtheilung des Krankenhauſes, in welchem die neugebornen Kinder und die Wöchnerinnen ſich befanden, hatte der Kai⸗ ſer ſehen wollen, und als die frommen Schweſtern ihm, den ſie nicht kannten, anfangs den Eintritt verwehrten, hatte der Kaiſer geſagt:„Laſ⸗ ſen Sie mich immerhin den Anfang des menſchlichen Elends ſehen!“ Die frommen Schweſtern, frappirt von dieſem Wort und dem edlen Weſen des Fremden hatten ihn eingelaſſen, der Kaiſer hatte den Saal der Wöchnerinnen durchwandert. Indem er ſtill ſtand vor dem Bett einer der Frauen, welche eben in Todesſchmerzen rang, hatte er zu den ihn begleitenden Nonnen geſagt:„dieſer Zuſtand kann Sie gewiß vor Reue bewahren, das Gelübde der Keuſchheit abgelegt zu haben.“— Als er das Krankenhaus verließ, hatte er um Erlaubniß gebeten, für die Anſtalt ein Geſchenk zurücklaſſen zu dürfen, und erſt an dieſem Geſchenk, welches der Kaiſer in die Hände der Priorin niederlegte, und ſich dann raſch entfernte, hatte man die hohe Würde des Kaiſers er⸗ rathen, das Geſchenk beſtand in einer Anweiſung auf acht und vierzig tauſend Livres. A ſer gefe ſelben Dehnis in Wie Nreude Turen⸗ nen de Tode, dann daß n den h Augen 1 jardin öfſnen Kößen ruhig verſar Auger welche Kaiſe 77 77 Auch nach St. Denis, ſo erzählte der Redner weiter, ſei der Kai⸗ ſer gefahren, um dort die Gräber der Könige zu ſehen, und vor den⸗ ſelben in ſinnender Beſchauung ſtehend hatte er geſagt: hier in St. Denis ſind die Könige daſſelbe, was die Kaiſer bei den Kapuzinern in Wien und die Bettler auf dem Armenkirchhofe ſind. Mit ſichtbarer Freude hatte er ſodann verweilt vor dem Monument des Marſchalls Turenne, und mit Bezug darauf, daß dieſes Monument ſich neben de⸗ nen der Königsfamilie befände, hatte er gerufen:„er iſt nach ſeinem Tode, wie bei ſeinem Leben, an ſeiner rechten Stelle!— Als ihn als⸗ dann aber einer der begleitenden Hofherrn darauf aufmerkſam machte, daß man für den Helden Turenne noch immer keine Grabſchrift gefun⸗ den habe, hatte der Kaiſer lebhaft gerufen: Sie haben ihm in dieſem Augenblick eine Grabſchrift gemacht, mein Herr! Und weiter erzählte der Redner, daß geſtern der Kaiſer auch den jardin des Plantes habe beſuchen, daß aber der Pförtner ihm nicht habe öffnen wollen, und ihn bedeutet habe, daß er warten müſſe, bis eine größere Menge Zuſchauer beiſammen ſei. Da wäre denn der Kaiſer ruhig unter den Bäumen auf und abgegangen, bis genug Zuſchauer verſammelt geweſen, mit denen gemeinſchaftlich er dann den Garten in Augenſchein genommen. Erſt beim Abſchied, an den acht Louisd'or, welche der Kaiſer dem Pförtner gegeben, hatte dieſer wiederum den Kaiſer erkannt. Auch dem berühmten Naturforſcher Buffon hatte der Kaiſer einen Beſuch gemacht, ſich ihm als einen einfachen Reiſenden anmelden laſ⸗ ſen. Buffon, welcher unwohl geweſen, hatte den Fremden im Schlaf⸗ rock empfangen, und war dann tief erſchrocken und in Verlegenheit ge⸗ rathen, als er den Kaiſer erkannte. Joſeph aber hatte ihn beruhigt, indem er lächelnd ſagte:„Wenn der Schüler ſeinen Lehrmeiſter beſucht, ſieht er nicht auf den Anzug.“ Er beſucht aber nicht bloß die Anſtalten, und die Gelehrten, un⸗ terbrach hier einer der Zuhörer den Redner, er läßt auch den Künſtler dieſe Aufmerkſamkeit widerfahren. Täglich heſucht er im Louvre die Maler und ſchaut ihren Arbeiten zu, und wißt Ihr denn nicht, daß er ſogar unſerm großen Schauſpieler Lekain einen Beſuch gemacht, Le⸗ kain, welcher es ſo gut verſteht, Kaiſer und Könige darzuſtellen, und — — 78 den der Kaiſer erſt Abends zuvor als Kaiſer geſehen. Lekain war auch im Schlafrock, und wollte ſich entſchuldigen, aber Joſeph ſagte:„Laſ⸗ ſen Sie doch! Wir Kaiſersleute nehmen es nicht ſo genau mit einander!“ Der Kaiſer iſt überall, rief eine andere Stimme. Der Kaiſer war geſtern im großen Gerichtshof von Paris und wohnte einer Sitzung bei. Als man ihn erkannte, lud der Präſident den Kaiſer durch den Obergerichtsdiener ein, in der hohen Verſammlung Platz zu nehmen, aber der Kaiſer ſchlug es aus, und blieb in ſeiner Gitterloge. Wie! rief ein Anderer. Der Kaiſer ſaß in einer von den kleinen, gewöhnlichen Gitterlogen? Ja, freilich, erwiederte die erſte Stimme, er ſaß in einer der Gitterlogen, welche wir Laternen nennen. Alle Welt hat ſich darüber gewundert, ſelbſt Marforio und Pasquin*) haben ſich darüber unter⸗ halten. Sagt doch, was haben ſie geſagt, unſere guten Freunde Marforio und Pasquin? Hört zu, ich will's Euch vorleſen! Ich fand vorher am Palais Royal dieſen Zettel angeklebt, riß ihn ab, und brachte ihn mit hieher. Soll ich vorleſen was darauf ſteht? Thut es, leſ't uns vor! riefen Alle laut, und leiſe murmelten und flüſterten ſie einander zu: Das iſt Riquelmont, der Satyriſt, der die ſcharfen Epigramme macht, welche am Pont⸗Neuf geſungen werden!— Leſ't uns vor, was Pasquin und Marforio über den Kaiſer in der La⸗ terne geſagt haben! Nun denn, hört zu, meine Herren! Und mit lauter Stimme, unter dem athemloſen Schweigen der im Foyer und in den Corridoren ſich drängenden Menge las der Satyriſt: Marforio:„Groß Wunder, mein Pasquin, Die Sonne in einer Latern'! *) Marforio und Pasquin ſind die unſichtbaren Witzbolde des Volkes, welche gewöhnlich die Handlungen der Regierung mit ihren ſanglanten Bemer⸗ kungen in Epigrammen zu erläutern pflegten, die man alsdann an den Stra⸗ ßenecken und Häuſern aufgezeichnet ſah, ohne zu wiſſen woher ſie kamen. Noch heute laſſen zuweilen Marforio und Pasquin in Rom ihre Stimme vernehmen. Pas Ma⸗ könig rückn Die ſchien Allen Lebr venc Hau füllte aus — men, inen, der rüber nter⸗ forio alais eher⸗ 79 Pasquin: Geh' nur, Du willſt mich närr'n! Marforio: Die Wahrheit ſag' ich Dir, hör' zu: Diog'nes, wie bekannt „Nen Menſchen ſucht, umſonſt, die Latern' in der Hand: Nun wohl hätt' nach Paris er heute ſich gewandt, Hätt' er gefunden ihn in der Laterne!“*) Sehr gut, ſehr gut, riefen Alle, der Kaiſer iſt in der That ein Wunder von einem Menſchen, er iſt— In dieſem Augenblicke ſchlug die große Glocke im Foyer dreimal an, das Zeichen, daß die Vorſtellung ihren Anfang nehmen ſollte. Sofort entleerten ſich die Foyers und die Corridore und Jeder eilte in den Saal, um ſeinen Platz einzunehmen. Unter der lautloſen Stille des Publikums begann der die erſte Scene einleitende Satz der Iphigenie. Auf einmal vernahm man innerhalb des Saals ein leichtes Geräuſch wie von Stühlen, welche gerrückt wur⸗ den. Das Publikum kannte dies Geräuſch, es wußte, daß es von der königlichen Loge herkomme, und auf einmal wandten ſich Aller Augen rückwärts, und Jeder ſchaute hin nach der großen königlichen Loge. Die ganze königliche Familie, mit Ausnahme des Königs, war dort er⸗ ſchienen, und in ihrer Mitte, die Schönſte und Reizendſte von ihnen Allen, war die Königin Marie Antoinette. Strahlend in Jugend, Liebreiz und Schönheit, ſaß ſie da an der Seite der Gräfin von Pro⸗ vence, mit einem lieblichen Lächeln, mit ein wenig vorwärts geneigtem Haupt die glänzende Verſammlung, welche das Parquet und die Logen füllte, ſich anſchauend. Das Publikum, entzückt von ihrer Schönheit und Lieblichkeit, brach aus in ein lang anhaltendes Applaudiſſement, für welches die Königin *) Marforio:„Grand miracle, Pasquin, Le soleil dans une lanterne! Pasquin: Allons donc, tu me bernes! Marforio: Pour te dire le vrai, tiens: Diogène en vain Cherchait jadis un homme, une lanterne en main; Eh bien à Paris ce matin Il Peüt trouvé dans la lantorne. (Ramshorn, Kaiſer Joſeph II. S. 142.) — — 80 nach allen Seiten hin mit ſtrahlenden Blicken un dankte, und ſich dann in ihren Fauteuil vollen Muſik Meiſter Gluck's zuzuhören. Aber das Publikum Muſik. Die Köpfe blieben immer nach rückwärts ge hefteten ſich immer noch mit einem forſchenden, auf die königliche Loge hin, und ſchienen dort etw zu wollen, das ſich ihnen indeſſen nicht zeigte, ſich in den Hintergrund zurückgezogen, hinter dem ſchweren Sammetvor der königlichen Loge drapirte, wo wohnen. Die Oper nahm ihren Fortgang, und Publikum wieder der Scene zu geſpannter Aufmerkſamkeit. Jetzt kam die Scene, wo Iphigenie im T der Griechen dahingeht, wo der jubelnde Cho llte er ungeſehen der Vorſtellung bei⸗ allmälig wandte ſich das und folgte der wundervollen Muſik mit riumphe durch das Lager r der Theſſalier ſingt: Que d'ttraits, due de majesté, Que de graces! que de beauté! Chantons, célébrons notre reine! Das Publikum ſchien dieſe Worte nur wie trachten, um ſelbſt in Scene zu treten. Alle Köpfe, alle Blicke nicht allein wandten ſich der königlichen Loge zu, auch alle Hände erhoben ſich zum zweiten Mal, und ein donnernder Sturm des Beifalls brauſte durch das Haus hin. Da Capo! da Capo! rief, brüllte, ſchrie die im Parquet, im Parterre und in den L dieſen Chor! Der Sänger, welcher den ſein Stichwort zu be⸗ Menge auf der Gallerie, ogen; da Capo! Noch einmal Achill darſtellte, begeiſtert von dem Mo⸗ ment, und ſehr wohl begreifend, daß der Enthuſiasmus des Publikums diesmal nicht den Sängern und der Muſik gelte, ſondern einen höhern Impuls habe, entzückt von der Idee, daß er auf einmal das Organ des franzöſiſchen Volkes ſein ſollte, trat vor bis dicht an den Rand der Bühne, und mit begeiſtertem Ausdruck ſeine Arme zu der königlichen d reizendem Lächeln zurücklehnte, um der wunder ſchien heute wenig Siun zu haben für die wandt, die Augen neugierigen Ausdruck as ſuchen oder erſpähen denn der Kaiſer hatte und ſeitwärts von der Königin hang ſtehend, der die beiden Seiten 81 mn Käceln Loge erhebend, wiederholte er mit flammendem Entzücken die Worte bunder der Theſſalier: — Chantons, célébrons notre reine! für die Die Königin, hingeriſſen von Freude und Entzücken, ſtrahlend vor ie Augen Stolz und Befriedigung, wandte ihr Haupt ſeitwärts nach dem Kaiſer Ausdruck hin, welcher noch immer hinter der Gardine verborgen ſtand. Mit eiſpihen einer Bewegung liebenswürdiger Ungeduld ſtreckte ſie die Hand nach ſer hatte ihm aus, und den Arm des Kaiſers erfaſſend, zog ſie den leiſe Wider⸗ Künigit ſtrebenden haſtig in den Vordergrund der Loge.*) mnGeten Das Publikum brach in einen lauten, unermeßlichen Beifallsſturm lung bei aus, und begrüßte den Kaiſer mit langen, nicht endenden Jubelrufen, und zum zweiten Mal begann der Sänger ſein: Chantons, célébrons ſich das notre reine! eſik mi Und auf einmal erhob ſich das Publikum von ſeinen Sitzen, und aufrecht ſtehend, wiederholte man jubelnd in den Logen, den Balcons, as Laget dem Parterre und Amphitheater: Es lebe unſere Königin! Es lebe ingt: der Kaiſer! Marie Antoinette, auf den Arm ihres Bruders gelehnt, von Rüh⸗ rung, Freude und Dankbarkeit erfüllt, neigte ſich über die Brüſtung der Loge und dankte dem Publikum mit einem ſeligen Lächeln.— Dieſes Lächeln ſchien den allgemeinen Enthuſiasmus noch höher anzufachen. zu be⸗ Auf's Neue begann es zu applaudiren, zu jauchzen, zu ſingen: Chan- 4 ke nicht tons, célébrons notre reine! erhoben Der Kaiſer, die Prinzen des königlichen Hauſes neigten ſich dankend brauſte nach dem Publikum hin, und um zu zeigen, daß ſie es wohl begriffen, wem allein dieſe Huldigung gelte, verbeugten ſie ſich alsdann tief vor 1 allerie, der jungen Königin, ihr zu ihrem Triumph Glück wünſchend und er⸗ 1 einmal freut, denſelben durch ihre Zuſtimmung verſchönern zu können. 1 Und der Jubelchor, den anfangs nur die Sänger auf der Bühne 4 n Mo⸗ geſungen, den alsdann das Publikum jauchzend aufgenommen, er wälzte likums ſich jetzt wie ein Feuerſtrom weiter fort, und auf der Bühne wie im höhern Zuſchauerraum, in den Corridoren und Foyers, auf den Treppen und Organ d der glichen ſogar vor den Eingangspforten des Theaters jubelte und ſang man laut: *) Campan, Vol. I, p. 184. Kaiſer Joſeph. 2. Abth. IV. 6 82 Chantons, célébrons notre reine! Die Königin, überwältigt von Rührung und ſüßem Entzücken, neigte ihr Haupt; Thränen entſtürzten ihren Augen; gleichſam zuſammenbre⸗ chend unter dem Gewichte dieſes ungeheuren Triumphs, lehnte ſie ſich feſter auf den Arm des Kaiſers, und bedeckte ihr vor Rührung zucken⸗ des, von Thränen überſtrömtes Antlitz mit ihrem Taſchentuch. Eine augenblickliche Stille trat ein. Die Thränen der Königin ſchienen gewiſſermaßen den Sturm des Entzückens beſchwichtigt zu haben, und ihm eine tiefere und heiligere Weihe zu geben. Von der Rüh⸗ rung Marie Antoinette's mit ergriffen, verſtummte das Publikum und ſchaut mit feuchten Augen zu ihr empor. Da auf einmal ſchwang ſich im Parterre eine hohe, männliche Geſtalt auf einen der Sitze empor, und deutete mit aufgehobenem Arme auf die weinende Königin hin, in⸗ dem die mächtige Stimme rief: Si le peuple peut espérer Qu'il lui sera permis de rire, Ce n'est que sous l'heureux empire Des princes, qui savent pleurer. Ein unermeßlicher Beifallsſturm dankte dieſem glücklichen Impromptu des Dichters, der gedrängt von den enthuſiaſtiſchen Dacapo-Rufen des Publikums ſein Gedicht wiederholen mußte. Marie Antoinette hatte ihre Thränen getrocknet, um den Worten des Dichters lauſchen zu können, und ſich alsdann mit leuchtenden Augen ihrem Vruder zuwendend, ſagte ſie: Wie ſchön wäre es, jetzt zu ſter⸗ ben! Welch ein ſeliger Tod wäre das, denn alle Fülle des ſtolzeſten Erdenglückes iſt in dieſem Moment erſchöpft.*) *) Mémoires de Weber. Vol. I. p. 48.— Mémoires de Madame de campan. Vol. I. p. 127.— Hübner, Lebensgeſchichte Jofeph II. S. 142. I pünktl wieſen Caroſ mit d ren, men, zu ge fahr Kaiſe ter be mit g wo Stre lein freun volle u fl 83 N. Im HVötel Treville. Der Wirth des Hötels Treville hatte die Befehle des Kaiſers pünktlich befolgt und kein Fremder war wieder von ſeiner Thür ge⸗ wieſen worden, ſondern Jeder, er mochte nun im Fiacre, oder in einer Caroſſe anlangen, Jeder, der bei ihm Quartier ſuchte, war von ihm mit der größten Zuvorkommenheit aufgenommen worden. Aber es wa⸗ ren, ſeitdem der Kaiſer dies Hôtel bewohnte, ſo viele Fremde angekom⸗ men, daß die Zimmer doch nicht ausreichten, um allen Anforderungen zu genügen, und der gewiſſenhafte Wirth hatte es, um nicht der Ge⸗ fahr einer Mißdeutung ausgeſetzt zu ſein, für nothwendig erachtet; den Kaiſer ſelbſt von dieſem Umſtande zu benachrichtigen. Da er wußte, daß der Kaiſer heut, wie jeden Abend, das Thea⸗ ter beſuchen würde, ging Herr Louis hinaus in die Vorhalle, und dort mit gravitätiſchen Schritten auf⸗ und abgehend, harrte er des Moments, wo der Kaiſer die Vorhalle durchſchreiten mußte, um ſich auf die Straße zu begeben. Kaum eine Viertelſtunde war vergangen, als der Kaiſer ganz al⸗ lein die Treppe herabkam, und Herrn Louis gewahrend, ihn mit einem freundlichen Kopfneigen begrüßte. Der Wirth beeilte ſich, den kaiſerlichen Gruß mit einer ehrfurchts⸗ vollen Verbeugung zu erwidern, und mit ſeiner ſanfteſten Flötenſtimme zu flüſtern: Wollen der Herr Graf mir gnädigſt einige Worte vergönnen? Reden Sie, ſagte Joſeph freundlich. Was haben Sie mir zu ſagen? Ich wollte den Herrn Grafen nur benachrichtigen, daß jetzt alle Zimmer meines Hotels, bis hinauf in die Bodenkammer, beſetzt ſind. Sollten daher der Herr Graf, wenn Sie gefälligſt aus dem Fenſter ſchauten, bemerken, daß ich einen anlangenden Fremden, er möge nun in einer Caroſſe oder in einem Fiacre kommen, von meiner Thür fort⸗ wieſe, ſo beſchwöre ich den Herrn Grafen, nicht zu glauben, daß ich das aus ſträflichem Ungehorſam gegen Ihre Befehle thun könnte, ſon⸗ dern Sich gnädigſt zu erinnern, daß nur die Nothwendigkeit mich ſo handeln läßt. Ich habe wirklich nicht ein einziges Zmmer, ja nicht eine Kammier mehr frei! 6* 84 Es ſcheint in der That, ſagte der Kaiſer freundlich, als ob Ihr Hötel ein ſehr beſuchtes ſei, aber ich finde das ſehr natürlich, denn man iſt ſehr gut bei Ihnen aufgehoben, Herr Wirth. Der Herr Graf halten zu Gnaden, es iſt nicht deshalb, daß die Fremden und Reiſenden jetzt zu mir ſtrömen. Ich habe meine Gäſte immer gut aufgenommen, doch iſt niemals nur halb ſo viel Andrang geweſen, wie jetzt. Das macht, Jedermann weiß, daß unter meinem geſegneten Dache der Graf von Falkenſtein wohnt, und Jeder möchte des Glücks theilhaftig werden, dort zu ſein, wo dieſer erhabene Herr ver⸗ weilt. Oh, Herr Graf, ganz Paris möchte jetzt bei mir logiren, aber nicht um meiner Zimmer, meiner Cotelettes und Ragouts willen, ſon⸗ dern einzig und allein, um mit Ew.— um mit dem Grafen von Fal⸗ kenſtein zuſammen zu ſein! Wahrhaftig, rief der Kaiſer lächelnd, es zeugt von wenig gutem Geſchmack, daß die Pariſer mich ſogar Ihren Cotelettes und Ragouts vorziehen ſollten, und ich bekenne Ihnen aufrichtig, daß ich das nicht glaube. Ich bin davon überzeugt, ſagte Herr Louis pathetiſch. Jedermann kommt nur deshalb hierher, um den Herrn Grafen zu ſehen, und viel⸗ leicht einmal den Ton ſeiner Stimme vernehmen zu können. Es wird daher für Jedermann ein niederſchmetternder Schlag ſein, wenn ich ihm verkünde, daß er im Hötel Treville kein Unterkommen mehr finden kann, daß alle meine Zimmer beſetzt ſind! Halt, Herr Wirth, Sie können das nicht ſagen, ſagte der Kaiſer heiter, ich muß Ihrem Gedächtniß zu Hülfe kommen. Die beiden Zim⸗ mer, welche ſich neben den meinen befinden, ſind, wenn mir recht iſt, unbeſetzt. Der Herr Graf mögen mir verzeihen, ſagte Herr Louis, aber es iſt unmöglich, dieſe Zimmer zu vermiethen, und andern Fremden das Recht zu vergönnen, dieſelben zu bewohnen, denn dieſe Zimmer hängen unmittelbar mit denen des Herrn Grafen zuſammen, und ſind nur durch eine leichte Thür von denſelben getrennt. Man würde nicht al⸗ lein jedes Wort vernehmen können, was in den Zimmern des Grafen von Falkenſtein geſprochen würde, ſondern der Herr Graf könnte auch durch das Geräuſch und Geſpräch Ihrer Wandnachbarn ſehr leicht 85 in Ihrer eigenen Ruhe geſtört werden. Der Herr Graf werden daher gnädigſt geſtatten, daß ich dieſe beiden Zimmer unbeſetzt laſſe. Nicht doch, ſagte der Kaiſer lächelnd. Ich weiß aus der Erfah⸗ rung, die ich mir hier vor Ihrer Hausthür erworben habe, wie unange⸗ nehm es iſt, wenn man ruhebedürftig vor einem Gaſthaus anlangt, dort abgewieſen zu werden. Oh, mein Gott, ſtöhnte Herr Louis, der Herr Graf gedenken alſo noch immer dieſes meines unverzeihlichen Vergehens? Ich gedenke Ihrer Weigerung mir Quartier zu geben, um Andere vor einem ähnlichen unangenehmen Refus zu bewahren, ſagte der Kai⸗ ſer ernſt. Ich erlaube Ihnen daher und wünſche, daß Sie die beiden Zimmer neben den meinen immerhin ankommenden Reiſenden öffnen mögen. Es wäre mir ſehr unlieb, wenn irgend Jemand durch mich ſollte behindert werden, und ich will nicht die Schuld tragen, daß Sie auch nur einen einzigen Fremden von Ihrer Thür weiſen ſollten. Oeffnen Sie alſo Ihre Zimmer und nehmen Sie darin Gäſte auf. Und ſomit Gott befohlen, Herr Wirth! Er iſt wirklich ein ſehr humaner Herr, ſagte Herr Louis vor ſich hin, indem er dem Kaiſer nachblickte, der eben auf die Straße hinaus trat und von dannen ging, ja, ich glaube, es giebt keinen Fürſten, der ſo menſchlich und herablaſſend mit andern Menſchen verkehrt. Glaub's auch nimmermehr, was die Leute ſagen, daß der Kaiſer hieher gekom⸗ men ſei, um unſere Feſtungen und unſere Militairſtärke zu ermittteln, und unſern Fabriken und Manufacturen ihre beſten Arbeiter zu ent⸗ führen, indem er ſie mit großen Verſprechungen beſticht, daß ſie hier fortgehen und nach Oeſterreich kommen; glaub's auch nicht, daß der Kaiſer uns das Elſaß und Lothringen fortnehmen will, wie mir geſtern der Kammerdiener des Grafen von Provence erzählte, und daß er bloß hieher gekommen iſt, um Frankreich zu überliſten, und den jungen König ſo lange in Gemeinſchaft mit der Königin zu beſtürmen, bis er ſeine Miniſter entläßt, und andere nimmt, welche im Dienſte Oeſterreichs ſtehen. Der Privatſecretair des Herrn Herzogs von Chartres hat mir das erzählt, und der kann freilich mancherlei von ſeinem Herrn erfah⸗ ren, was andere Leute nicht wiſſen, aber ich glaub's doch nicht. Die Grafen von Provence und Artois und der Herzog von Orleans ſchei⸗ — 7— — 86 nen ihre Schwägerin wenig zu lieben, denn alle böſen Gerüchte, welche man über ſie verbreitet, gehen von dort aus, wie man weiß, und jetzt wollen dieſe Herren auch den Kaiſer angreifen und verleumden, wie ſie es ſeiner ſchönen Schweſter gethan. Aber das Volk von Paris wird ihren Verleumdungen keinen Glauben ſchenken, denn das Volk liebt die Königin und den Kaiſer, und Jedermann beneidet mich und preiſ't mich glücklich, daß der große Kaiſer Joſeph in meinem Hauſe wohnt. Und Herr Louis beendete ſein Selbſtgeſpräch, um mit ſtolzer Miene und hochgetragenem Haupt, die Hände auf dem Rücken gefaltet, in der Vorhalle auf⸗ und abzugehen, und ſich zu ſonnen in dem Bewußtſein ſeiner eigenen hohen Würde und Bedeutung. So oft ſich aber das Rollen eines Wagens vernehmen ließ, blieb Herr Louis ſtehen, und ſchauete erwartungsvoll nach der Hausthür hin, und athmete erleichtert auf, wenn der Wagen, ſtatt anzuhalten, vorüberfuhr. Ich wünſchte, es käme gar kein Fremder mehr, ſagte Herr Louis nach einer langen Pauſe. Es will mir gar nicht in den Kopf, daß ich Fremde ſo unmittelbar in die Nähe des Kaiſers bringen ſoll. Wer bürgt mir dafür, daß ich nicht auf dieſe Weiſe Diebe und Mörder in die Nähe des Kaiſers bringe, daß ſeine Feinde, welche vielleicht nur auf eine Gelegenheit lauern, um ihn zu vernichten, nicht dieſe Gelegenheit benutzen, und unter der Maske eines harmlos Reiſenden hieher kommen. Mein Gott, ſie hätten alsdann, wenn ſie die Zimmer neben dem Kaiſer bekommen, nur nöthig Nachts die Thür geräuſchlos aus ihren Angeln zu heben, um den Kaiſer im Schlaf zu ermorden. Oh, ich wäre als⸗ dann auf ewig beſchimpft, mein Name würde mit unſterblicher Schande befleckt werden, während ich jetzt hoffen kann als ein glänzender Name in den Büchern der Geſchichte eingezeichnet zu werden!— Der Kaiſer hat ſich meinem Hauſe anvertraut und ich bin es ſeinem Volk ſchuldig über ſeiner Sicherheit zu wachen. Ich werde es thun, ich werde Nie⸗ mand aufnehmen, der mir nicht ganz unverdächtig erſcheint, mit einem Wort, ich werde nur Damen die Zimmer neben dem Kaiſer anver⸗ trauen! Und ganz erfüllt und beglückt von dieſem Vorſatze trat der Wirth mit entſchloſſener Miene in die Thür ſeines Hötelg, und ſchaute, die Arme Frem zu ne Czuid ſchw nur wag⸗ erwi daß Zim ein Her ort dem neh llche jetzt wie aris Volk und auſe jene der ſein das und tert 87 Arme in die Seiten geſtemmt, mit trotziger und ſtolzer Miene den Fremden entgegen, welche vielleicht kommen möchten, bei ihm Quartier zu nehmen. Es währte in der That auch nicht lange, und eine glänzende Equipage hielt vor der Thür an. Herr Louis bohrte ſeine kleinen, ſchwarzen Augen tief hinein in das Innere des Wagens, und ſah, daß nur drei Herren in demſelben befindlich waren. Mit gravitätiſchen, langſamen Schritten ging er zu dem Reiſe⸗ wagen hin, und auf die Frage der Fremden nach einem Nachtquartier erwiederte er mit trauriger Miene und einem tragiſchen Achſelzucken, daß es ihm unmöglich ſei noch Fremde aufzunehmenn, weil ſämmtliche Zimmer ſchon beſetzt ſeien, und daß die Fremden daher beſſer thäten, ein anderes Hotel aufzuſuchen. Ich bin für die Sicherheit des Kaiſers verantwortlich, wiederholte Herr Louis mit ſtolzem Pathos ſich ſelber, indem er auf ſeinen Stand⸗ ort in der Hausthür zurückkehrte, und mit vollkommener Gemüthsruhe dem dahin rollenden Wagen nachſchaute. Ich bleibe alſo dabei, ich nehme nur Damen in die gefährlichen Zimmer auf! Und getreu ſeinem Vorſatze wies Herr Louis jetzt alle Reiſende von ſeiner Thür, verſah er heute den ganzen Abend, in der Beſorgniß, der Oberkellner möchte nicht ſtark genug ſein, den flehenden Bitten, oder den goldenen Beſtechungen der Reiſenden zu widerſtehen, ſelbſt den Dienſt, die vorfahrenden Fremden zu becomplimentiren, und ſie mit höf⸗ lichen Redensarten weiter zu ſchicken. Stunde nach Stunde verging auf dieſe Weiſe, und noch immer waren die gefährlichen Zimmer unbeſetzt, denn noch immer waren keine Damen gekommen, ſondern immer nur Herren! Allmählig begann Herr Louis unruhig und ängſtlich zu werden, und mit einiger Beſorgniß blickte er nach der Wanduhr hin. Der Kaiſer wird bald zurückkehren, murrte er leiſe vor ſich hin, denn die Theater ſind zu Ende. Wenn alsdann die Zimmer noch nicht beſetzt ſind, ſo wird der Kaiſer entweder denken, es ſei nur eine leere Renommage von mir geweſen, daß ſo viele Fremde Aufnahme in mei⸗ nem Hotel begehrten, oder er wird vermuthen, daß ich ſeine Befehle nicht befolgen, und keine Fremden aufnehmen wollte. Beides wäre 88 fürchterlich! Ich muß alſo die nächſten Fremden, welche kommen, und einigermaßen unverdächtig erſcheinen, aufnehmen! Das Schickſal indeß ſchien den Wünſchen des ehrenwerthen Herrn Louis günſtig zu ſein, denn in der glänzenden Equipage, welche da ſoeben vor ſeiner Thür anhielt, bemerkte Herr Louis ſofort beim Schein der Straßenlaternen die hellen Gewänder und den Reiſehut einer Dame. Mit freudigem Eifer ſtürzte er daher an den Wagen, und ſelbſt der Anblick des Herrn, welcher auf dem Rückſitz innerhalb des Wagens ſaß, vermochte die Freude des Wirthes nicht zu dämpfen, denn da im Fonds des Wagens ſaßen wirklich zwei Damen. Auf die Frage des Herrn, ob er zwei Zimmer bereit habe, er⸗ wiederte Herr Louis daher mit einem freudigen Ja, und beeilte ſich, ſelber den Schlag zu öffnen, und den Damen beim Ausſteigen behüflich zu ſein, nahm dem Oberkellner den ſilbernen Armleuchter aus der Hand, um ſelber die Herrſchaften die Treppen hinauf und in ihre Ge⸗ mächer zu führen. Wie er eben die letzte Stufe der Treppe überſchritt, vernahm er unten abermals das Vorfahren eines Wagens, und bald darauf eine männliche Stimme, welche einige laute Worte ſprach. Es war die höchſte Zeit, ſagte Herr Louis mit einem glücklichen Lächeln zu ſich ſelber. Es iſt der Kaiſer, welcher da zurückkehrt! Und mit freudiger Haſt öffnete er die Thür zu dem Vorzimmer und bat die Reiſenden einzutreten. Sie folgten ihm ſchweigend. Weder der Herr noch die Damen hatten bis jetzt auch nur ein Wort geſprochen, und des Wirthes geübte und neugierige Augen vermochten nicht die dichten Schleier zu durch⸗ brechen, welche das Antlitz dieſer hochgewachſenen Dame bedeckten, deren ſtolze, impoſante Haltung, deren reiche, geſchmackvolle Reiſekleidung in ihr die Herrin jener andern Dame erkennen ließen, die mit geſchäftiger Eile für das Reiſegepäck ſorgte und um die verſchleierte Dame ſich bemühte, welche ohne ein Wort zu ſagen, ohne ihren Hut oder ihren Mantel abzulegen, ſich auf einen jener prächtigen Fauteuils neben dem Divan niedergleiten ließ, als ſei ſie ganz erſchöpft und kraftlos von den Anſtrengungen der Reiſe. Werden die Herrſchaften ein Souper befehlen? fragte der Wirth, 89 ſich an den Herrn wendend, der ſchweigend und mit ineinander ge⸗ ſchlagenen Armen ſich der verſchleierten Dame gegenüber geſetzt hatte, ſie dann mit gedankenvollen Blicken anſtarrte, und welchen Herr Louis für den Gemahl der Dame hielt. Der Fremde ſchien von dieſer Frage aus tiefem Nachſinnen ge⸗ weckt zu werden und ſchrak leicht zuſammen. Gewiß, Herr Wirth, ſagte er haſtig, ſorgen Sie für ein Souper. Das Beſte und Feinſte, was Ihre Küche zu liefern im Stande iſt: nur tragen Sie Sorge, daß ſpäteſtens in einer Viertelſtunde ſervirt iſt. In zehn Minuten wird das Souper bereit ſein. Werden die Herrſchaften erlauben, daß in dieſem Zimmer die Tafel gedeckt werde? Ja wohl, mein Herr, und ſorgen Sie für glänzende Beleuchtung. Laſſen Sie den Kronleuchter anzünden, bringen Sie Armleuchter mit Wachskerzen, aber Alles ſchnell, mein Herr, ſchnell. Sie haben ver⸗ ſprochen in zehn Minuten fertig zu ſein, halten Sie Wort. Dieſer Herr hat eine merkwürdige Ungeduld, ſagte Herr Louis zu ſich ſelber, ſollte er vielleicht ſchlimme Abſichten auf den Kaiſer haben, und ſich nur den Anſchein geben, hier ein Feſt feiern zu wollen, um mich ſicher zu machen? Ich werde auf meiner Huth ſein.— Für wie⸗ viel Perſonen befehlen Ew. Gnaden, daß ſervirt werde? fragte Herr Louis dann laut. Der Fremde warf einen ſchnellen Blick hinüber nach der verſchleier⸗ ten Dame, und ſagte dann mit lauter Stimme! für zwei Perſonen. Richtig, die andere Dame iſt die Kammerfrau, dachte Herr Louis, es ſind vornehme Herrſchaften; deſto ſchlimmer, denn grade die vor— nehmen Leute haſſen den leutſeligen Kaiſer!— Ich werde auf meiner Huth ſein! Er näherte ſich der Thür, kehrte aber noch einmal wieder um. Wie viel Betten befehlen Ew. Gnaden, daß ich in dem zweiten Zimmer herrichten laſſe? Ein ſeltſames, triumphirendes Lächeln flog bei dieſer Frage über das Antlitz des Fremden, aber er erwiderte nichts, und blickte nur flam⸗ menden Auges hinüber nach der Dame. Der Wirth ſchaute Beide verwundert an, und wiederholte: wieviel Betten ſoll ich herrichten laſſen? 90 Gar keines! ſagte die verſchleierte Dame mit feſter, gebieteriſcher Stimme. Gar keines? wiederholte Herr Louis erſtaunt. Ew. Gnaden wollen alſo nur ſoupiren, und dann weiter reiſen, ſtatt hier zu über⸗ nachten? Haben Sie die Güte, nichts zu fragen, ſondern vor allen Dingen das Souper zu arrangiren, rief der fremde Herr ungeduldig. Das Ue⸗ brige wird ſich alsdann finden! Eilen Sie, mein Herr! Die Sache kommt mir verdächtig vor, ich werde auf meiner Huth ſein, wiederholte Herr Louis, indem er die Zimmer der Fremden ver⸗ ließ. Ich werde zum Kaiſer gehen, und ihn benachrichtigen, daß die beiden Zimmer beſetzt ſind, und daß er die Nacht wohl Acht geben ſoll auf ſeine Wandnachbarn. Vorher aber will ich die nöthigen Ordres ertheilen!— Souper für die eben angekommenen Herrſchaften! rief er dem Oberkellner zu. Glänzende Beleuchtung wie zu einem Feſt! Alle Gargons in Bewegung ſetzen, dem Koch die höchſte Eile anempfehlen! In zehn Minuten muß das Souper ſervirt, und das Zimmer glänzend erleuchtet ſein! 1 Und nachdem Herr Louis mit der Würde eines Feldherrn dieſe verſchiedenen Befehle ertheilt hatte, eilte er in das Vorzimmer des Kai⸗ ſers, um dem Kammerdiener Günther ſeine Befürchtungen mitzutheilen, und den Kaiſer zu benachrichtigen, daß ſeinem Befehle gemäß die beiden Zimmer beſetzt ſeien. Während deſſen eilten die Garçons mit geſchäftiger Haſt in den Zimmern der neuangekommenen Fremden ein und aus. Kein Wort ward hier geſprochen, nichts vernahm man als das Klappern und Klir⸗ ren der Teller und Gläſer, des Silbergeſchirrs, mit welchem die ge⸗ wandten Kellner die Tafel ſervirten, während Andere den Kronenleuchter anzündeten, und große Armleuchter mit brennenden Kerzen hereinbrachten. Genau zehn Minuten waren ſo vergangen, als die Tafel ſervirt, der erſte Gang der Speiſen auf demſelben niedergeſetzt waren, und der Oberkellner mit einer tiefen Verneigung ſich den Herrſchaften zuwandte, und verkündete: Madame est servie! Das ſeltſame Paar ſaß ſich noch immer ſchmeigend gegenüber, nur die hin und herflackernden Augen des Herren, welche mit düſterer Auf⸗ 4 merlſ gedul die ſtehe Gen 91 merkſamkeit dem Wirken der Kellner zugeſchaut, verriethen einige Un⸗ geduld. Sie können ſich Alle zurückziehen, ſagte er haſtig. Ich ſelbſt werde die Ehre haben Madame zu bedienen! Der Oberkellner verneigte ſich abermals, und den an der Thür ſtehenden Gargons einen Wink gebend, verließ er mit ihnen das Gemach. Der Herr wandte jetzt ſeine düſteren Blicke auf die zweite Dame hin, welche ſich ſtill in eine der Fenſterniſchen zurückgezogen hatte. Sie werden die Güte haben, jetzt auch das Zimmer zu verlaſſen Madame, ſagte er. Ich werde, wie ich ſchon ſagte, Madame bedienen und Sie thäten wohl gut, Sich nach einem Zimmer für Sie Selber um⸗ zuſehen. Haben Sie die Güte, perſönlich darüber mit dem Wirthe zu verhandeln! Gute Nacht Madame! Die Dame erwiederte nichts, aber ſie ſchien die Worte des Herrn gar nicht gehört zu haben, ſondern verharrte ruhig und unbeweglich auf ihrem Platz. Eine Purpurröthe flammte in dem Antlitze des Herrn auf, und ſeine Augen ſchoſſen Blitze. Sie ſcheinen meine Worte nicht verſtanden zu haben, Madame, rief er. Ich befehle Ihnen, dies Zimmer zu ver⸗ laſſen, hören Sie wohl, ich befehle es Ihnen, und ich benachrichtige Sie, daß Sie von nun an, durchaus wieder in die Stelle einer Dienerin zurückkehren, und die uſurpirte Stelle an der Seite Ihrer Herrin aufgeben müſſen. Gehen Sie alſo! Die Dame blieb ruhig auf ihrem Platz, und ein kaltes, ſpöttiſches Lächeln umſpielte ihre Lippen, als ſie mit vollkommener Ruhe ſagte: Ich erwarte die Befehle der Frau Gräfin! Die verſchleierte Dame nickte leicht mit dem Kopf. Erfüllen Sie den Wunſch des Herrn Grafen, meine gute Dupont, ſagte ſie. Ich bedarf Ihrer jetzt nicht. Laſſen Sie Sich ein Zimmer anweiſen, und ſchlafen Sie, denn Sie werden der Ruhe bedürfen! Madame Dupont verließ das Zimmer, und kaum hatte die Thür ſich hinter ihr geſchloſſen, als der Herr hineilte und den Riegel vorſchob. Oh, jetzt endlich ſind wir allein; rief er hochaufathmend mit einem Ausdruck wilden Triumphs. 92 Ja, jetzt endlich ſind wir allein! wiederholte die Dame, und in⸗ dem ſie mit einer haſtigen Bewegung ihren Mantel zurückwarf und den Hut abnahm, ward die hohe ſtolze Geſtalt und das bleiche, ſchöne Antlitz der Gräfin Leonore Cſterhazy ſichtbar. Xl. Eine Enttäuſchung. Einige Augenblicke ſtanden ſie ſich ſchweigend gegenüber, einander anſchauend mit ernſten, forſchenden Blicken, aber mit der Kraft ſeines Willens rief Graf Schulenburg wieder ein Lächeln auf ſeine Lippen und verſcheuchte die Wolken von ſeiner Stirn. Mit ausgebreiteten Armen, mit glühenden Blicken näherte er ſich der Gräfin. Jetzt, Leonore, jetzt endlich ſind Sie mein, rief er, ich habe die Prüfung überſtanden, ich habe geduldet, geſchwiegen und gehofft, dieſer Stunde, dieſer ſeligen Stunde gedenkend, in welcher die ſtolze keuſche Leonore endlich mir ſich zu eigen geben wollte. Dieſe Stunde iſt da! Komm an mein Herz, Du göttlich ſchönes Weib! Er wollte ſie in ſeine Arme ziehen, aber ſie trat ſtolz zurück und ſtreckte ihren Arm gegen ihn aus, wie eine Königin, welche mit aufge⸗ hobenem Scepter einen Rebellen niederſchmettert. Wagen Sie es nicht, mich zu berühren, ſagte ſie mit einem Aus⸗ druck tiefer Verachtung. Treten Sie zurück, weit von mir zurück, denn mir iſt es, als ob der Hauch Ihres Mundes mich vergiftete, und wenn Sie mich anſchauen, habe ich einen Anblick, als ob ich in die wilden Au⸗ gen einer Hyäne ſähe. Der Graf lachte laut auf. Meine ſchöne, geiſtreiche Leonore, rief er, Sie verſuchen es vergeblich, mich zurückzuſchrecken und meine glü⸗ hende Sehnſucht nach Ihnen mit ihren ſarkaſtiſchen Bemerkungen über mein Geſicht abzukühlen. Oh, mein holder, wilder Engel, gieb doch endlich dieſe ſcheue Kälte und Sprödigkeit auf, denn es bedarf bei mir nicht deſſen, um meine Liebe zu entflammen. Ich liebe Dich grenzen⸗ los, jeder Schlag meines Herzens ſehnt ſich nach Dir, alle meine Fi⸗ bern zucken nach Dir, und ich würde die Stunde des Glückes und der diebe wich tung, erträ wwur endl müt Her tern und eine Nur lieb — ———-———— nd in⸗ und ſchöne aander ſeines dppen iteten die dieſer enſche t dal und ufge⸗ Aus⸗ denn wenn Au⸗ rief glü⸗ über 93 Liebe in Deinen Armen nicht hingeben, und wenn man mir ein König— reich dafür böte! Ich biete Ihnen indeß nichts dafür als meine grenzenloſe Verach⸗ tung, und Sie werden Sich wohl entſchließen müſſen, mir dafür Ihre erträumte Stunde des Glücks zu überlaſſen, ſagte ſie ruhig. Sie ſcherzen noch immer, Leonore, rief der Graf mit einem er⸗ zwungenen Lachen. Ich aber ſage Ihnen, ich will Ihr ſtolzes Herz endlich beugen, ich will endlich mein ſcheues, wildes Reh in ein de⸗ müthiges, ſanftes Weib verwandeln, welches ſich der Liebe beugt, und ihre Herrſchaft anerkennt. Fort, Leonore, fort mit dieſer Maske der Schüch ternheit, Du liebſt mich ja, Du haſt um meinetwillen Deinen Gemahl und Deine Ehre hingegeben, Du haſt es ſelbſt geſagt: kann ein Weib einen größeren Beweis ihrer Liebe geben, als wenn ſie ſich entführen läßt! Nun alſo, Leonore, wozu dieſe Verſtellung, dieſe Grauſamkeit, da Du mich liebſt, da Du mir den ungeheuerſten Beweis Deiner Liebe gegehen haſt. Nein, ſagte ſie, ich habe Ihnen nur den ungeheuerſten Beweis meiner Verachtung gegeben, indem ich Sie mit kalter Ueberlegung zu dem Werkzeuge meiner Pläne machte. Oh, begreifen Sie es doch, mein Herr, der ſchöne, vielgeliebte, vielbewunderte Graf Schulenburg, der ſchönſte Cavalier Wiens, der alle Frauen anbetet, und der es eines Tages ſogar wagte, ſeine Augen auf mich zu richten, und mir das Schnupftuch ſeiner Liebe zuzuwerfen, er iſt von mir überliſtet worden, ich habe ihn zum Werkzeug meiner Pläne gemacht. Er hat mich als mein Kammerdiener von Wien nach Paris begleitet, und jetzt, da ich keines Kammerdieners mehr bedarf, jetzt entlaſſe ich ihn. Gehen Sie, mein Herr, gehen Sie! Ich danke Ihnen für Ihre guten Dienſte, Sie ſind wirklich ein ganz guter Kammerdiener. Sie haben überall auf unſerer Reiſe ganz gut für unſere Bedürfniſſe Sorge getragen, die Poſtpferde beſtellt, die Poſtillons und die Rechnungen in den Hötels bezahlt, und Sie ſind dabei ziemlich ehrlich zu Werke gegangen, denn wie mir meine Kammerfrau heute ſagte, haben Sie das Geld, welches ich ihr für unſere Reiſe übergeben, noch nicht verbraucht. Ich habe alſo Grund’ mit Ihnen auch als Kaſſirer zufrieden zu ſein, und werde mich ſtets gern Ihrer guten Dienſte erinnern, aber ich bedarf Ihrer doch nicht mehr! Gehen Sie! 94 Der Graf ſtand ihr gegenüber und ſchaute mit einem ſeltſamen, boshaften Lächeln in ihr ſtolzes, bleiches Angeſicht. Wie? fragte ſie gleichſam verwundert. Sie gehen noch nicht, da ich Sie doch entlaſſen habe, Herr Kammerdiener. Ach, Sie haben Recht, ich vergaß, daß man ſeinen Dienern, wenn man ſie entläßt, auch ihren Lohn auszahlen muß! Sie zog aus der Taſche ihres Kleides eine volle Börſe hervor, und ſchleuderte ſie zu den Füßen des Grafen nieder. Nehmen Sie, mein Herr Kammerdiener, ſagte ſie, und dann gehen Sie! Ein lautes, wildes Lachen tönte von den Lippen des Grafen. Er ſetzte ſeinen Fuß auf die Börſe, und die Arme ineinander ſchlagend, blieb er unbeweglich auf derſelben Stelle ſtehen und ſtarrte die Gräfin an mit flammenden, drohenden Blicken. Sie gehen noch immer nicht? fragte Leonore verächtlich. Nein, ſagte er ruhig, ich gehe noch nicht und ich werde überhaupt nicht gehen. Ah, Sie werden nicht gehen? rief Leonore, in deren Antlitz der Zorn jetzt in hellen Flammen aufloderte. Sie ſind ehrlos genug, bei einer Frau bleiben zu wollen, welche Ihnen ſagt, daß ſie Sie verechtet. Meine ſchöne Leonore, das iſt die gewöhnliche Redensart aller Frauen, lachte der Graf. Sie ſchwören Alle, daß ſie uns verachten, wenn ſie uns lieben, und ſind doch ganz empört, wenn wir eines Ta⸗ ges ihn ebenſo antworten. Der Unterſchied iſt nur der: die Frauen verachten uns, indem ſie uns lieben, wir aber verachten die Frauen erſt, wenn wir ſie nicht mehr lieben! Fürchten Sie nichts, Leonore, ich bin noch nicht bis zu dieſem Stadium gekommen, ich liebe Sie noch, und es bedarf bei mir nicht dieſer Maske Ihrer Verachtung! Wir haben einander die ſtärkſten Beweiſe unſerer Liebe gegeben, Sie, indem Sie Sich von mir entführen ließen, ich, indem ich Ihnen geſtattete, auf dieſer ganzen Reiſe mich zu verhöhnen, und mich wirklich die lächer⸗ liche Rolle eines Dieners ſpielen zu laſſen. Jetzt aber iſt es genug, Leonore, genug der Prüfung, genug des Sträubens. Gedenken Sie deſſen, was Sie mir in Wien vor unſerer Abreiſe ſagten. Ich ge⸗ lobte verſpr da S daß Sie entfü Wen Sie ſo t ſchm Hoh Den Sche achte Sie Bü bele rüch wan ich ver frei hal ſpr 1 daſ T 9⁵ lobte Ihnen unbedingte Unterwürfigkeit während unſerer Reiſe, Sie verſprachen mir dagegen, mich in Paris für dieſelbe zu belohnen! Ich verſprach, Ihnen in Paris die volle Warheit zu ſagen, und da Sie es fordern, da es Ihnen nicht genügt, daß ich Sie nicht liebe, daß ich Sie gehen heiße, will ich Ihnen dieſe volle Wahrheit ſagen! Sie nennen es einen Beweis meiner Liebe, daß ich mich von Ihnen entführen ließ? Denken Sie beſſer von mir, Herr Graf Schulenburg! Wenn ich Sie geliebt hätte, würde ich im Stande geweſen ſein, für Sie zu ſterben, mit Ihnen zu ſterben, nimmer aber würde ich mich ſo tief gedemüthigt haben, daß ich mit dem Manne, welchen ich liebte, ſchmachvoll entflohen wäre, denn die Schmach tödtet das Glück, und das Hohnlachen der Welt iſt ein ſchlechter Hochzeitsgeſang für die Liebe. Dem Manne meiner Liebe würde ich es nie geſtattet haben, meine Schande mit mir zu theilen; Ihnen erlaubte ich es, weil ich Sie ver⸗ achtete, und weil ich Sie züchtigen wollte für die Frechheit, mit der Sie es wagten, mich, eine Frau, welche Ihnen durch kein Wort, keinen Blick ein Recht dazu gegeben, durch das Geſtändniß einer Liebe zu beleidigen, von der ich wußte, daß ſie doch nur eine ekle Lüge ſei. Ich rächte mich dafür, indem ich Sie zu meinem Werkzeuge machte! Sie waren mir ganz ungefährlich, ganz gleichgültig, und deshalb wählte ich Sie zu meinem Entführer! Ihr Name genügte, um mir das zu verſchaffen, was ich erſtrebte, meine Freiheit. Ja, mein Herr, nur um frei zu werden, frei von den Banden einer qualvollen Ehe, nur des⸗ halb unternahm ich die lächerliche Farce dieſer Entführung. Der Macht⸗ ſpruch der Kaiſerin Maria Thereſia feſſelte mich an einen Gemahl, den ich nicht liebte, und der durch eine elende Lüge mich überliſtet hatte, daß ich ihm zum Altar folgte. Ich habe ihm geſchworen, mich dafür zu rächen, und mich wider ſeinen Willen aus dieſer Ehe zu erlöſen. Sie ſind das Werkzeug, welches ich benutzt habe, den Schwur meiner Rache zu erfüllen. Die Frau, welche mit dem Grafen Schulenburg aus dem Hauſe ihres Gemahls entflohen iſt, hat ſeinen Namen und ſeine Ehre dadurch ſo ſehr beſchimpft, daß er nimmermehr es wagen darf, ſie wieder zu ſich zu rufen, daß er ſich gezwungen ſieht, eine Scheidung von ihr zu begehren! Das überlegte und berechnete ich, mein Herr, und deshalb ließ ich mich von Ihnen entführen. Jetzt — — —— 6— —y—— 96 wird Graf Eſterhazy ſich nicht mehr ſträuben dürfen, ſich durch eine Scheidung von mir zu trennen, jetzt werden die fromme Maria Thereſia und der heilige Vater zu Rom wohl einwilligen müſſen, unſere Ehe zu löſen, denn ich habe die Schande zwiſchen mich und meinen Gemahl geſtellt, ich habe, um meine Freiheit zu erlangen, meine Ehre hinge⸗ geben!— Jetzt, mein Herr, habe ich Ihnen die Erklärung gegeben, welche Sie forderten, und ſie wird Ihnen wohl genügen, um ſogleich dies Zimmer zu verlaſſen! Nein, meine ſchöne Gräfin, ſie genügt mir nicht, ſagte der Graf mit einem ſpöttiſchen Lächeln. Auch ich habe Ihnen eine Erklärung zu machen! Zunächſt alſo werde ich Ihnen mit derſelben ſchätzenswer⸗ then Offenheit, welche Sie mir bewieſen, die Gründe angeben, welche mich ſo kühn machten, um Ihre Liebe zu werben. Ihre Schönheit und Anmuth wären freilich wohl eine genügende Erklärung dafür, und da ganz Wien weiß, wie wenig die Gräfin Eſterhazy ihren Gemahl liebt, ſo darf man es keinem Anbeter der Schönheit verargen, wenn er den kühnen Verſuch macht, in dem Herzen der ſchönen Leonore die Stelle auszufüllen, welche ihr guter Gemahl darin vacant gelaſſen hat. Freilich behauptete man, die ſchöne Gräfin ſei von einer ſo ſcheuen und wilden Tugend, daß Niemand es wagen dürfe, ſich ihr zu nahen, freilich warnten mich meine Freunde, welche ſahen, wie glühend ich Sie anbetete, vor einer Liebe, welche niemals Erhörung finden würde, aber gerade dies reizte mich. Ich ſchwur, daß Sie mein werden ſoll⸗ ten, daß ich Sie beſitzen wollte, meine Freunde ſtellten eine hohe Wette dagegen, und angefeuert von allen dieſen Gründen unternahm ich den kühnen Feldzug nach Ihrer Liebe. Ich muß Ihnen das Zeugniß ge⸗ ben, daß Sie mir den Kampf nicht ſehr ſchwer gemacht haben, ſondern, daß ſich die ſtolze, und bis dahin unüberwindlich geglaubte Feſtung Ihrer Tugend mir ſehr ſchnell übergeben hat. Dank Ihnen, habe ich meine Wette gewonnen, und wenn ich jetzt als Triumphator heimkehre nach Wien, werden meine Freunde mir ohne Weigern einige tauſend Louisd'or auszahlen müſſen, denn meine herrliche Leonore hat mir ſo öffentlich vor aller Welt durch unſere Flucht ein Zeugniß ihrer Liebe ausgeſtellt, daß Niemand es mehr wagen darf, meinen Triumph zu bezweifeln. do Geld ei Ve mnausfi gunächſt nobern und ein Gott? liebte, nicht! haſt d Zeugn an mi mich W Leebe eine reſia Ehe nahl nge⸗ ben, leich Graf rung wer⸗ delche nheit und nahl venn die hat. heuen ihen, ich ürde, ſoll⸗ Gette 97 Dann rathe ich Ihnen, ſofort nach Wien abzureiſen, und Ihr Geld einzucaſſiren, ſagte Leonore vollkommen ruhig. Verzeihung, gnädigſte Leonore, der Rath iſt gewiß gut, aber er iſt unausführbar, denn, ich ſagte es Ihnen ja, ich liebe Sie, und es war zunächſt meine Liebe, welche mich das Unternehmen wagen ließ, Sie erobern zu wollen. Ich habe Sie erobert, Sie ſind mein, Leonore, und ein Thor müßte ich ſein, wenn ich das ſchönſte Eigenthum, welches Gott Amor mir geſchenkt, freiwillig aufgeben wollte. Nein, meine Ge⸗ liebte, keine Macht der Erde kann Dich mir jetzt noch entreißen. Suche nicht mir zu entfliehen; wohin Du gehſt, werde ich Dir folgen! Du haſt der ganzen Welt ein Zeugniß Deiner Liebe abgelegt, und dieſes Zeugniß, welches unſerer Beider Schande und Glück iſt, feſſelt Dich an mich für immerdar. Ich werde Dich niemals verlaſſen, ich werde mich an Deine Schritte heften,— Wie mein böſer Dämon, unterbrach ſie ihn hohnlachend. Nein, wie Ihr guter Genius, Leonore, denn ich werde mit meiner Liebe das Brandmal Ihrer Schmach zudecken. Um meinetwillen haben Sie ſich der Schande überliefert; es iſt an mir, Sie dafür zu belohnen. Elender, fagte ſie mit einem ſtolzen Blick, Sie wiſſen es wohl, daß Sie keinen Theil haben an dem, was ich that. Meine Schande gehört mir allein, und ich allein will ſie tragen! Ihnen überlaſſe ich die Lächerlichkeit, denn ich ſage Ihnen, wenn Sie nicht jetzt, nicht auf der Stelle gehen, ſo werde ich Sorge tragen, daß ganz Wien die Ge⸗ ſchichte meiner Entführung erfahre, und glauben Sie nur, ganz Wien wird über die drollige Geſchichte lachen, wie der ſchöne Graf Schulen⸗ burg die Gräfin Eſterhazy als ergebener und dienſtgewandter Kammer⸗ diener auf der ganzen Reiſe nach Paris begleitete, und in Paris von ihr entlaſſen ward! An demſelben Tage, Leonore, ſagte der Graf, an welchem Sie den lachluſtigen Wienern dieſe Geſchichte erzählen, an demſelben Tage werde ich ihnen auch eine Geſchichte erzählen, und darüber werden ſie jubeln vor Lachen. Ich werde ihnen ſagen, daß die Gräfin Leonore Eſterhazy nicht bloß ein geniales Weib, ſondern auch eine große Dich⸗ terin iſt, und wenn man mir das nicht glauben will, ſo werde ich es ihnen beweiſen! Kaiſer Joſeph. 2. Abth. IV. 7 98 Beweiſen, wiederholte Leonore, leiſe zuſammenzuckend. Ja, beweiſen, ſagte er lächelnd. Ich war freilich auf der ganzen Reiſe nur Ihr ergebener Kammerdiener, aber Sie wiſſen wohl, die Kammerdiener kennen am beſten die Geheimniſſe ihrer Herrſchaft. So belauſchte ich auch das Geheimniß meiner Herrin, und ſah, wie ſie jede Nacht, ſtatt zu ſchlafen, ſich damit beſchäftigte, in ihrem Album zu ſchreiben. Zuweilen, wenn ich lauſchend draußen vor ihrem Fenſter ſtand, ſah ich, wie ſie das Geſchriebene küßte, öfter noch, wie ihre Thränen in hellen Bächen darauf niederrieſelten. Ich war eiferſüchtig auf dieſes Album, und— Und Sie ſtahlen es mir, unterbrach ſie ihn kalt, ich vermiſſe es ſeit geſtern! Ich ſtahl es Ihnen, und ich denke, ein Liebender hat wohl das Recht, an ſeiner Geliebten ſolchen unſchuldigen Diebſtahl zu begehen, um ſo mehr, wenn er hoffen darf, daß ſein Bild allein auf dem heiligen Grunde ihres Herzens ruht, und daß er in dem, was ſie ge⸗ ſchrieben, nur die ſüßen Offenbarungen ihrer Liebe zu ihm wiederfinden wird. Ich aber hatte mich grauſam getäuſcht, und dieſe leidenſchaft⸗ lichen und phantaſtiſchen Dithyramben Ihres Herzens, welche jenes Album enthält, gelten leider nicht mir! Oh, meinen Sie nicht, daß, wenn ich den Wienern meine Geſchichte erzählen werde, ſie aufhören werden, über Ihre Geſchichte zu lachen, um über die, welche ich ihnen erzähle, zu ſtaunen, zu höhnen, und außer ſich zu gerathen?— Sie werden mir mein Album wiedergeben, ſogleich, auf der Stelle!⸗ rief die Gräfin, indem ſie mit hochgerötheten Wangen, mit blitzenden Augen auf ihn zuſchritt. Ich werde es Ihnen wiedergeben als Lohn für Ihre Liebe und Hingebung, als Zeichen meiner Dankbarkeit für ein ſchönes Glück, nicht früher! Sie ſtieß einen leiſen Schrei aus, und ihre ganze Geſtalt erbebte. Reizen Sie mich nicht, ſagte ſie athemlos, treiben Sie mich nicht auf das Aeußerſte. Ich wäre im Stande, mich grauſam an Ihnen zu rächen! Geben Sie mir das Buch zurück! Nein, Leonore, erſt ſoll ganz Wien Ihre himmliſchen Poeſieen kennen, erſt ſoll es erfahren, daß die keuſche, die tugendhafte Leonore nur des herzen t nerwide Gedichte diſe Ge und erze lrſeph N in Wie Voſeph achte, Antlitz Seele er nich Magd für m mich mel ſe mit a richt, ihn, dieſe Leben gehen nehm der; Nder richt Säl ſein nore Aug „Ene doll ganzen hl, die t. So ſie jede um zu Fenſter ie ihre rüchtig iiſſe es hl das xgehen, f dem ſie ge⸗ finden nſchaft⸗ jenes „daß, fhören ihnen Stelle! zenden e und Glück, jt auf ien zu deſteen conore — 99 nur deshalb ſo ſtolz und kalt iſt, weil ſie eine ſtolze Liebe in ihrem Herzen trägt, eine Liebe, die freilich ein wenig demüthigend iſt, da ſie unerwidert geblieben, da die ſchöne Gräfin, wie ſie in ihren herrlichen Gedichten klagt, vergeblich auf Gegenliebe gehofft hat! Kaufen Sie mir dieſe Gedichte mit Ihrer Liebe ab, ſchönſte Leonore, oder ich gehe hin und erzähle den Wienern, daß die Gräfin Leonore Eſterhazy den Kaiſer Joſeph leidenſchaftlich liebt! Nun denn, ja, rief Leonore hochaufathmend, ja, erzählen Sie es in Wien, erzählen Sie es der ganzen Welt, ja, ich liebe den Kaiſer Joſeph! Ja, ich kenne keinen Mann, den ich meiner Liebe würdig er⸗ achte, außer ihm; ſeine Augen ſind für mich ein ganzer Himmel, ſein Antlitz iſt für mich wie Sonnenſtrahl. Ja, ich liebe ihn, meine ganze Seele beugt ſich vor ihm in Anbetung, Liebe und Bewunderung; wenn er mich liebte, würde ich ſelig ſein, als ſeine demüthige und ergebene Magd zu ſeinen Füßen zu ſitzen, und jeder Wink ſeiner Augen würde für mich ein Befehl ſein, jedes Lächeln ein ſeliger Lohn. Wenn er mich liebte, würde ich das glückſeligſte Weib ſein, würde ich den Him⸗ mel ſelber nicht beneiden um ſeine Seligkeit, denn der ganze Himmel mit aller Seligkeit wäre dann in meiner Bruſt. Aber er liebt mich nicht, und ich bedarf ſeiner Liebe nicht zu meinem Glück! Ich liebe ihn, und kein Machtgebot der Menſchen, kein Befehl Gottes ſelbſt kann dieſe Liebe aus meinem Herzen bannen, denn ſie iſt der Athem meines Lebens, mein Stolz, meine Hoffnung, meine Religion.— Und nun gehen Sie hin und wiederholen Sie vor ganz Wien meine Worte, ich nehme keines zurück, ich ſchlage auch nicht ſchamvoll meine Augen nie⸗ der; wenn der Schleier einmal von meinem Herzen geriſſen iſt, ſo möge Jedermann ſehen, was darin zuckt und glüht, ich habe mich deſſen nicht zu ſchämen. Wehe aber Dem, welcher mit frevelnder Hand den Schleier zerriſſen hat, wehe Ihnen, Graf, denn ich werde mich rächen! Von ſo himmliſchen Händen muß ſelbſt die Rache willkommen ſein, rief der Graf, ganz geblendet von der leuchtenden Schönheit Leo⸗ norens. Hochaufgerichtet, mit glühenden Wangen, mit flammenden Augen, ihr Antlitz durchſtrahlt von dem Fexer der Begeiſterung und „Energie, ſtand ſie vor ihm mit hochwogender Bruſt, ihr ganzes Weſen voll Gluth und Entſchloſſenheit. 7* 100 Rächen Sie Sich an mir, fuhr der Graf fort, aber zuerſt erfüllen Sie mir Ihr Wort, zuerſt erhören Sie meine Liebe! Sie müſſen mein ſein, Leonore, Sie haben es mir verſprochen, und ich werde Sie zwin⸗ gen, mir Ihr Wort zu erfüllen!. Und mit ausgebreiteten Armen ſtürzte er auf ſie zu. Leonore, meine ſchöne Leonore, komm an mein Herz, komnr, ich will Dich das Glück kennen lehren und die Liebe, komm, mein ſchönes, götterglei⸗ ches Weib! 1er Wenn Sie es wagen mich zu berühren, ermorde ich Sie, ſagte ſie, ihre Arme ineinander ſchlagend und ihn mit trotzigen Blicken an⸗ ſtarrend. Ich wage Alles, denn ich liebe Dich, und es muß gökttlich ſchön ſein, zu ſterben in Deinen Armen, rief der Graf, wieder auf ſie ein⸗ dringend. Sie werden nichts wagen, was die Gräfin Eſterhazy beleidigen könnte, ich verbiete es Ihnen! rief eine laute, gebieteriſche Stimme hinter ihnen. Der Graf taumelte zurück und wandte entſetzt ſein Haupt rück⸗ wärts. Leonore ſtieß einen Schrei aus, einen Schrei des Entzückens und Schreckens zu gleicher Zeit. Der Kaiſer! rief ſie. Der Kaiſer rettet mich! Er iſt es— ihre Stimme ſtockte, eine Todtenbläſſe bedeckte ihre Wangen, und ihre Augen ſchließend taumelte ſie rückwärts, mit aus⸗ geſtreckten Armen nach einem Stützpunkte ſuchend, um ſich aufrecht zu halten. XII. Der Abſchied. Der Kaiſer eilte zu Leonoren und fing die ohnmächtig Zuſammen⸗ ſinkende in ſeinen Armen auf und trug ſie zu dem Divan hin, auf welchen er ſie ſanft niedergleiten ließ. S der leiſ ſind kal und ihr E zeworfe er zuri druck Bruſte hinſch das 2 weiten neben und ſie ne ſein im 3 der( ſer und rfüllen mmein zwin⸗ ſge en an⸗ ſchön je ein eidigen timme t wüc⸗ s Und rettet te ihre t aus⸗ icht zu mmen⸗ 1, auf 101 Sie iſt ohnmächtig, ſagte der Kaiſer, ſich über ſie neigend, nicht der leiſeſte Athem kommt aus ihrer Bruſt hervor, und ihre Wangen ſind kalt und weiß wie Marmor. Die Natur hat ſich ihrer erbarmt und ihre Augen geſchloſſen, die Natur wird ſie auch wieder öffnen. Er nahm den Schleier, welchen Leonore zuvor auf den Tiſch geworfen, und deckte ihn ſorglich über ihr Antlitz hin, dann trat er zurück, und ſein Angeſicht nahm jetzt einen harten, ſtrengen Aus⸗ druck an. Jetzt zu Ihnen, Graf Schulenburg, ſagte er, indem er ſich dem Grafen zuwandte, welcher wie vernichtet, an allen Gliedern bebend, dort drüben an der Wand lehnte. Er fühlte den ſtolzen, verächtlichen Blick des Kaiſers, obwohl er ſeine Augen nicht zu ihm zu erheben wagte. Geben Sie mir das Album der Gräfin, befahl Joſeph. Graf Schulenburg zog mit zitternden Händen ein Buch aus ſeiner Bruſttaſche hervor, und mit leiſen, unſichern Schritten zu dem Kaiſer hinſchwankend, taumelte er zu ſeinen Füßen nieder, und reichte ihm das Buch dar. Der Kaiſer entriß es ihm haſtig, und ohne ihn nur eines Blickes weiter zu würdigen, ſchritt er zu Leonoren hin, und legte das Buch neben ihr auf den Divan hin. Dann neigte er ſich wieder über ſie, und horchte auf ihrem Athem. Als er ſich aber überzeugt hatte, daß ſie noch immer ohnmächtig ſei, trat er zurück, und wieder wandte ſich ſein flammender Zornesblick auf den Grafen hin, der noch immer mitten im Zimmer kniete. Stehen Sie aufV! herrſchte der Kaiſer ihm zu, und ſofort richtete der Graf ſich empor, und ſtand bleich und geſenkten Hauptes dem Kai⸗ ſer gegenüber. Sie haben an dieſer Frau gehandelt nicht wie ein Ehrenmann und Cavalier, ſondern wie ein ehrloſer Verbrecher, ſagte der Kaiſer mit harter, rauher Stimme. Man wird Sie daher ſtrafen, wie es Verbrechern geziemt! Gnade, Sire, Gnadel ſtotterte der Graf. Gnade für ein Verbrechen, welches— Still! unterbrach ihn der Kaiſer, wagen Sie es nicht Sich ent⸗ 102 ſchuldigen zu wollen, denn es giebt keine Entſchuldigung für eine Ehr⸗ loſigkeit! Ich kannte bereits Ihr Verbrechen, ein Courier des Fürſten Kaunitz hat dem Grafen Mercy die Nachricht, und zugleich den Befehl der Kaiſerin überbracht, im Fall Sie Sich hieher begeben ſollten und man Sie mit Hülfe der Polizei entdecken könnte, Sie ſofort nach Wien zu transportiren, um dort vor Ihren Richter geſtellt zu werden! Sie kennen die ſtrengen Geſetze, welche die Kaiſerin für die Verbrechen ge⸗ gen die Sittlichkeit gegeben hat. Wiſſen Sie, welche Strafe Denjenigen bedroht, welche eine verheirathete Frau aus dem Hauſe ihres Gatten entführt? Die Strafe des Todes! murmelte der Graf tonlos. Ja die Strafe des Todes, wiederholte der Kaiſer, weil ein ſolches Verbrechen einem Morde gleichgeachtet wird; und mit Recht, denn man mordet mehr als den Körper, wenn man eine Seele ſchändet, einen Mann um ſeine Frau betrügt, und ſeinen Namen mit Schmach bedeckt. Das iſt Ihr Fall! Gnade, Sire, Gnade! wiederholte der Graf. Nein, keine Gnade, ſagte der Kaiſer hart, Sie ſind keiner Gnade werth! Folgen Sie mir! Er wandte ſich um, und ſchritt nach der Thür hin, welche dies Zimmer von dem ſeinen trennte und durch welche er vorher hier ein⸗ getreten war. Graf Schulenburg ſchlich zitternd, mit geſenktem Haupte hinter ihm her; der Kaiſer durchſchritt das nächſte Zimmer raſch, und trat in das zweite ein. Günther! rief er mit lauter Stimme, und ſofort öffnete ſich die Thür des Vorzimmers und der Kammerdiener trat ein. Der Kaiſer deutete mit aufgehobenem Arm auf den Grafen hin, welcher eben langſam die Schwelle überſchritt und demüthig an der Thür ſtehen blieb. Günther, ſagte er, ich übergebe Dir den Grafen Schulenburg. Du wirſt ihn in dieſem Zimmer hier bewachen bis morgen früh. Als⸗ dann werden wir ihn in das Geſandtſchaftshotel befördern. Sprich kein Wort mit ihm, bewache ihn gut, und gieb wohl Acht, daß er Dir nicht entſchlüpft!— und indem der Kaiſer ſich mit einer halben Kopf⸗ bewegung rückwärts wandte nach dem Grafen hin, fuhr er fort: Ich würde Zimme nicht h dener: Kaiſer in de ſich b Schn eben erhel wund Auge umſc Sti We ſchie eine te Chr⸗ Fürſten Befehl en und Wien l Sie hen ge⸗ enigen Gatten ſolches an man einen bedeck. Gnade he dies er ein⸗ Haupte c, und ſich die en hin, an der enburg⸗ „Al⸗ Sprich er Dir n Kopf rt: Jch 103 würde Sie auffordern, mir Ihr Ehrenwort zu geben, daß Sie dieſes Zimmer nicht verlaſſen wollen, allein Niemand kann geben, was er nicht hat, und alſo verlaſſe ich mich auf die Wachſamkeit meines Kammer⸗ dieners! Er wird Sie gut bewachen! Ohne den Grafen noch eines Blickes zu würdigen, verließ der Kaiſer das Zimmer, deſſen Thür er hinter ſich ſchloß, und jetzt wieder in dem zweiten, dicht neben dem Zimmer der Gräfin belegenen Gemache ſich befand. Der Kaiſer durchſchritt es raſch, und indem er über die Schwelle zu dem andern Zimmer trat, ſah er die Gräfin, welche ſich eben aus ihrer Ohnmacht erholt hatte, und ſich langſam von dem Divan erhebend, nit träumeriſchen Blicken um ſich ſchaute. Ach, ich hatte einen Traum, flüſterte ſie leiſe vor ſich hin, einen wunderbaren, ſeltſamen Traum. Ich ſah den Kaiſer, ich ſah ſeine Augen, welche auf mir ruhten, ich fühlte ſeine Arme, welche mich ſanft umſchloſſen. Es war kein Traum, Gräfin Eſterhazy, ſagte Joſeph mit milder Stimme, indem er näher trat. Sie zuckte zuſammen, und hob ſich raſch empor. Ihr ganzes Weſen bebte und zuckte in tiefer Bewegung. Ihre flammenden Blicke ſchienen in dem Zimmer etwas zu ſuchen, und richteten ſich dann mit einem Ausdruck unendlichen Schreckens auf die geöffnete Thür, welche in die Zimmer des Kaiſers führte. Sie waren dort, Sire, und Sie hörten Alles? fragte ſie leiſe, auf dieſe Thür hindeutend. Ich war dort, ſagte er ernſt, der Zufall machte mich zum Zeugen Ihrer Unterredung mit dieſem Elenden, und ich danke es dem Zufall, daß ich vernahm, welche Beweggründe es waren, welche die edle und ſtolze Gräfin Eſterhazy dazu bewegen konnten, mit einem ſolchen Manne aus dem Hauſe ihres Gemahls zu entfliehen. Ich übernehme Ihre Vertheidigung in Wien, Gräfin, ich werde der Verleumdung Schweigen gebieten, und wenn es nothwendig iſt, werde ich laut und öffentlich erzählen, was ich hier vernommen habe. Sie haben auf eine geniale und außergewöhnliche Weiſe dieſe unnatürlichen Ketten zerriſſen, mit welchen man Sie gefeſſelt hatte. Ich kann Ihnen deshalb nicht zürnen, unn ich kann ermeſſen, was Sie gelitten haben, ich kann die Ver⸗ — ——— — 104 zweiflung und den Jammer begreifen, der Sie bis zum Aeußerſten ge⸗ trieben hat. Oh, ich kenne das, ich habe gelitten an dieſen Schmerzen und gerungen an dieſen Qualen, ich kenne den ganzen Fluch und das Elend einer unglücklichen Ehe, und begreife, daß man, um ihr zu ent⸗ gehen, ſelbſt die Schande und das Verbrechen nicht ſcheut. Ich werde das Alles der Kaiſerin ſagen, und ſie wird Ihnen verzeihen müſſen, denn ſie zunächſt trägt die Schuld an Ihrem Unglück, und ſie iſt Ihnen einen Erſatz für daſſelbe ſchuldig. Bleiben Sie jetzt noch eine Zeit lang im Ausland, ich werde dafür ſorgen, daß Ihre Scheidung raſch gefördert wird, und dann dürfen Sie nach Wien zurückkehren, Niemand ſoll es wa⸗ gen, Sie dort mit ſcheelem Auge anzuſehen, Sie durch ein Wort, ein Lächeln zu beleidigen. Die Kaiſerin iſt großmüthig und hochherzig, und wo ſie ein Unxecht begangen, da eilt ſie freudig, es wieder zu verſöhnen. Sie hat aber an Ohnen ein großes Unrecht begangen, verzeihen Sie es ihr, denn ſie fehlte nicht aus böſem Wollen, ſondern aus edler Ab⸗ ſicht, und ich weiß, wenn ich ihr die Scene erzähle, zu deren Zeugen der Zufall mich gemacht, ſo wird Maria Thereſia tiefgerührt Ihnen die Hand reichen, und an ihrer und an meiner Hand werden Sie wie⸗ der eintreten in die Geſellſchaft! Sire, flüſterte die Gräfin leiſe und ſchüchtern, indem eine glühende Röthe in ihrem Antlitz aufflammte, Sire, werden Sie der Kaiſerin Alles erzählen, was Sie hier vernommen haben? Alles, was Bezug hat auf Ihr Verhältniß zu Ihrem Gemahl, und zu dem Grafen Schulenburg, ſagte der Kaiſer ernſt. Wenn ich noch etwas Anderes vernommen, ſo verzeihen Sie es mir, daß meine unheiligen Ohren dieſe ſüßen und heiligen Worte gehört haben, welche zu vernehmen nur Gott und die ſeligen Engel würdig wären. Nie werden meine Lippen es wagen zu verrathen, was ich gehört habe, aber in der Mitte der Nacht wird es zuweilen in meinem Herzen nachklin⸗ gen wie ein ſeliges Lied aus meiner Jugendzeit, und ich werde weinen vor Jammer, daß die Rauhheit des Lebens meine Stimme ſo ſehr ge⸗ brochen und vernichtet ſei, daß ſie die Melodie dieſes Himmelsliedes nicht mehr zu ſingen vermag! Kommen Sie nach Wien zurück, Gräfin, da wollen wir einander tröſten und aufrichten, und indem wir deſſen ſten ge⸗ hmerzen und das zu ent⸗ werde müſſen, tOhnen eit lang efördert des wa⸗ ort, ein ig, und ſöhnen. en Sie ler Ab⸗ Zeugen Jhnen ie wie⸗ lühende gaiſerin hemahl, enn ich meine welche Nie 6 aber achlln⸗ weinen ehr ge⸗ loliedes Grüfin deſſen 105 gedenken, was wir gelitten haben, wollen wir verſuchen, uns mit der Gegenwart zu verſöhnen. Nein, Sire, ſagte ſie, traurig ihr Haupt ſchüttelnd, nein, ich werde niemals nach Wien zurückkehren, und wir Beide werden uns niemals wiederſehen. Ich würde vergehen vor Scham und Schmerz unter Ih⸗ ren Blicken; je gütiger dieſelben auf mir ruhten, deſto tiefer würden Sie mich verwunden, denn ich würde ſie immer auf Rechnung Ihrer Großmuth ſchreiben, und würde niemals an die Wahrheit Ihrer Güte glauben. Iſt Ihr Herz plötzlich ſo klein und zaghaft geworden, Leonore? fragte der Kaiſer ſanft. Schämen Sie Sich plötzlich eines Gefühls, das Sie vorher mit einem Götterſtolze der ganzen Welt bekennen wollten, oder bin ich allein dieſes Bekenntniſſes nicht werth? Ueber das Urtheil der Welt konnte ich mich hinwegſetzen mit dem Heroismus meines Gefühls, vor Ihrem Urtheil, Sire, muß ich fliehen und mich verbergen in die Wüſte und die Einöde! Sehen Sie dorthin, Leonore, ſagte der Kaiſer, auf das Album deutend, dort liegt das Album. Meine Augen haben nicht gewagt es anzuſchauen und ſeine holden Geheimniſſe zu ergründen. Niemand darſ die wiſſen, außer Gott, und wenn ein Verräther ſie erfahren hat, ſo wird er dafür büßen, und— ſeien Sie deſſen gewiß— ſeine Lippen werden nichts verrathen. Die Welt wird alſo nichts davon erfahren! Was kümmert mich die Welt! rief ſie ſtürmiſch. Ich habe mit ihr abgeſchloſſen. Was kümmert mich das Urtheil der Menſchen, ich frage nichts darnach! Nur daß Sie, Sie mich jetzt verachten müſſen, Sire, das bricht mein Herz. Und darum will ich hinausgehen in die Wüſte, und ſeufzen mit dem Sturm, und jammern mit dem verſchmach⸗ tenden Thier der Wüſte und mich begraben laſſen von irgend einer Staubwolke, die der Samum daherweht! Leben Sie wohl, Sire, leben Sie wohl! Reichen Sie mir noch einmal, zum letztenmal Ihre Hand, und dann ſcheiden wir! Der Kaiſer reichte ihr ſeine beiden Hände dar, und ſeine großen blauen Augen waren auf ſie gerichtet mit einem unausſprechlichen Aus⸗ druck von Trauer, Mitgefühl und Rührung. Sie wollen alſo wirklich gehen? fragte er. Es iſt alſo immer — 106 mein Loos, daß Diejenigen mich verlaſſen, welche Theil an mir nehmen, und mir ihre Liebe weihen. Leonore, auch Sie wollen mich verlaſſen? Ich muß es, Sire, wenn ich mich nicht ſelbſt verachten ſoll! Le⸗ ben Sie wohl!— Sie neigte ſich über ſeine Hände und küßte ſie, und als ſie ſich dann wieder emporrichtete, leuchtete ein wunderbarer Glanz von ihrem Angeſichte. Sire, ſagte ſie, ich werde Sie nicht wiederſehen, aber Ihr Bild wird mich begleiten überall wohin ich gehe, und meine Seele wird bei Ihnen ſein mit ihren beſten Gedanken überall wohin Sie gehen. Ich hoffe Großes, Unermeßliches von Ihnen, und ich weiß, daß Sie meine Hoffnungen erfüllen werden. Ganz Europa wird einſt wiederhallen von dem Ruhme meines Kaiſers, und ſeine Millionen Unterthanen werden ihn ſegnen und lieben als ihren Vater und Freund. Sire, ich werde alsdann ſehr glücklich ſein, denn mein Leben ruht in Ihnen. In dieſer Stunde, und in dieſem heiligen Moment ſage ich es Ihnen mit freudigem Muthe: ich liebe Sie! Meine ganze Seele neigt ſich vor Ihnen, mein ganzes Weſen betet Sie an. Und ſo iſt es gewe⸗ ſen, ſo lange ich denke und athme; dieſe Liebe iſt der ſchönſte und hei⸗ ligſte Theil meines ganzen Daſeins geweſen, ich habe ſie genährt mit meinen beſten Gedanken, mit meinen reinſten Gefühlen, ſie hat mir viele Schmerzen und Qualen gegeben, und dennoch war ſie mein höchſtes Glück, und unter Thränen pries ich mich ſelig! Glücklich und benei⸗ denswerth ſind Diejenigen, welche es verſtehen zu lieben, denn in ihnen wohnt Gott! Darum iſt es etwas Großes und Herrliches um eine wahre Liebe, und eine götttliche Kraft ruht in ihr. Mit dieſer Kraft ſage ich jetzt zu Ihnen: leben Sie wohl, Sire, und möge der Segen meiner Liebe auf Ihrem edlen Haupte ruhen!— Und jetzt, Sire, bitte ich Sie, entheiligen Sie dieſen Moment durch kein Wort, keinen Abſchied weiter. Reichen Sie mir noch einmal die Hand, und dann wenden Sie ſich ab und verlaſſen Sie mich! Leben Sie denn wohl, Leonore, ſagte der Kaiſer tiefbewegt, und indem er ihr ſeine Arme entgegenbreitete, rief er laut: Komm an mein Herz, Du ſchönes, edles Weib! Ein einzig Mal laß Dein Herz an dem meinen ſchlagen! Komm, Leonore! Sie warf ſich mit einem Schrei des Entzückens an ſeine Bruſt, —— 107 ganz überwältigt lehnte ſie ihr Haupt an ſeine Schulter, und ſchaute zu ihm auf mit ſtrahlenden Augen. Der Kaiſer lächelte, und ſich über ſie neigend, küßte er ihre Augen und ihre zuckenden Lippen, und ſchloß die erbebende Geſtalt feſter in ſeine Arme und flüſterte leiſe in Ohr: Willſt Du mich jetzt noch ver⸗ laſſen, Leonore? Sie ſchrak in ſich zuſammen, wie aus einem ſeligen Traum er⸗ wachend, und ſich ſchnell aus ſeinen Armen losreißend, that ſie einen Schritt rückwärts. Leben Sie wohl, Sire, hauchte ſie leiſe. Leben Sie wohl! Der Kaiſer ſchaute ſie an mit einem tiefen, ſchmerzlichen Blick. Leben Sie wohl, Leonore, ſagte er tiefbewegt, und ſich raſch umwen⸗ dend, verließ er mit haſtigen Schritten das Gemach, deſſen Thür er hinter ſich ſchloß. Leonore ſchaute ihm nach, athemlos, mit weitgeöffneten Augen, und dann, als ſie ihn nicht mehr ſah, ſchlug ſie ihre beiden Hände vor ihr Angeſicht, und ächzte laut. Aber dies dauerte nur eine kurze Zeit; alsdann ließ Leonore ihre Hände von ihrem Antlitz gleiten, welches bleich war, aber ſtrahlte von Energie und Entſchloſſenheit. Mit großen Schritten durcheilte ſie das Gemach, ſie zog heftig an der Klingelſchnur und ſchob den Riegel zu⸗ rück, mit welchem Graf Schulenburg vorher die Thür geſchloſſen hatte. Wenig Minuten ſpäter öffnete ſich die Thür und Madame Dupont trat ein. Gute Dupont, ſagte Leonore mit feſtem, entſchloſſenem Tone, wir werden noch in dieſer Nacht Paris verlaſſen. Allein? fragte die Kammerfrau, indem ſie ſuchend ihre Augen im Zimmer umhergleiten ließ. Freuen Sie Sich, ſagte Leonore, er iſt nicht mehr hier, und er wird nicht wiederkehren. Wir werden allein ſein, meine treue Dupont, ganz allein! Aber wir müſſen fort von hier, ſchnell, ſogleich! Rufen Sie die Leute, ſenden Sie Jemand hin, der uns Poſtpferde beſtelle. In einer Stunde ſchon müſſen wir Paris verlaſſen haben! Und wohin gehen wir, gnädigſte Gräfin? Wohin wir gehen? wiederholte Leonore gedankenvoll.— Wer 108 kann ſagen, wohin er geht, und von wannen er kommt! Der Zufall oder der Willen Gottes lenkt unſere Schritte. Er mag entſcheiden, wohin wir gehen! Die treue Dienerin eilte zu ihrer Herrin hin, und in Thränen ausbrechend, nahm ſie die Hand der Gräfin und drückte ſie feſt an ihre Lippen. Oh, theure, geliebte Herrin, flüſterte ſie leiſe, raffen Sie Sich em⸗ por, verſinken Sie nicht in dieſe Traurigkeit, ſeien Sie wieder ſtark und willenskräftig, wie Sie es immer geweſen! Leonore hob ihr geſenktes Haupt empor, und ſchüttelte ihre Locken, wie eine erwachende Löwin ihre Mähnen ſchüttelt. Sie haben Recht, Dupont, ſagte ſie energiſch, ich will den Schmerz bekämpfen, und er ſoll keine Gewalt über mich haben! Wir wollen reiſen, die Welt iſt ſo groß, und irgendwo wird ſich wohl ein einſames Thal finden, wo man ausruhen und träumen kann! Oh, rief die Dupont freudig, jetzt ſind Sie wieder wie ſonſt, wie⸗ der die ſtarke Heldin, welche ihr eigenes Herz beſiegt, und jetzt wage ich es, meine Frage zu wiederholen: Wohin reiſen wir, Frau Gräfin? Wir reiſen zuerſt in das gelobte Land, ſagte Leonore feierlich. Auf dem Grabe des Heilandes will ich niederknieen, und ihm meine Schmerzen ſagen, vielleicht heilt er ſie! Kaum eine Stunde ſpäter rollte ein Wagen aus dem Hotel Tre⸗ ville hinaus auf die Straße, und bald verſchwand das Geräuſch ſeiner Räder in der Ferne. Es war die Gräfin Leonore Eſterhazy Starhemberg, welche, nur begleitet von Madame Dupont, die Pilgerreiſe nach Jeruſalem an⸗ trat.— In der Frühe des Morgens rollte abermals ein Wagen aus dem Hötel. Er wandte ſich zuerſt nach dem Hötel des öſterreichiſchen Ge⸗ ſandten, Grafen Mercy.— Der Kammerdiener des Kaiſers ſprang heraus, und den Portier herbei winkend, befahl er ihm, an dem Wa⸗ gen Wache zu halten, bis er aus dem Hötel zurückkehren würde. Als⸗ dann zog Günther einen Brief von dem Kaiſer an den Grafen Mercy hervor, und begab ſich mit demſelben in das Höotel. Eine Viertelſtunde verging. Der Portier ſtand noch immer an der verſt Reiſ Der ſich tran fane Zufall eiden, ränen eſt an h em⸗ ſtark Locken, hmerz oollen ames wie⸗ wage räfin? exlich meine Tre⸗ ſeiner nur anl⸗ 109 der geſchloſſenen Kutſche, hinter deren Glasfenſtern man ein bleiches, verſtörtes Männergeſicht bemerkte. Alsdann traten ein Secretair und ein Diener des Geſandten mit Reiſemänteln und Gepäck aus dem Höôtel und näherten ſich der Kutfche. Der Schlag ward geöffnet, der Secretair ſtieg ein, der Diener ſchwang ſich auf den Bock, und der Wagen rollte von dannen. In dieſem Wagen ſaß Graf Schnlenburg, welcher nach Wien transportirt ward, um dort die Strafe für ſein Verbrechen zu emp⸗ fangen.*) XIII. Mißhelligkeiten. Kaiſer Joſeph hatte wohl Recht, als er am erſten Tage ſeines Begegnens mit der Königin Marie Antoinette ihr verkündete, daß ſie *) Die Kaiſerin Maria Thereſia ließ den Grafen Schulenburg vor das Keuſchheitsgericht ſtellen, und dieſes vexurtheilte den Grafen wegen der Ent⸗ führung der Gräfin Eſterhazy zum Tode!— Graf Schulenburg ſchien verloren, denn Maria Thereſia, voll Zorn über den fürchterlichen Scandal, mit dem dieſe von ihr geſtiftete Ehe geendigt hatte, und um mit einem ſtrengen Exempel der überhand nehmenden Sittenverderbniß zu ſteuern, war entſchloſſen das Todesurtheil zu beſtätigen. Aber der großmüthige Graf Franz Eſterhazy ver⸗ hinderte es. Er eilte zur Kaiſerin, und flehte um Gnade für ſeinen Rivalen und wagte es endlich, der Kaiſerin zu geſtehen, daß er in dieſer von Maria Thereſia befohlenen Ehe kein Glück gefunden, ſondern nur viel Qual und Leid, von dem ihn Graf Schulenburg erlöſ't habe, indem er ihm dieſe ſchöne, wilde Frau entführte, die niemals ihm angehört habe, und mit der zuſammen zu ſein für ihn eine Folter geweſen, weil er ſie zugleich gehaßt und geliebt habe. Maria Thereſia ließ ſich bewegen von dem Flehen Eſterhazy's und begnadigte en Grafen Schulenburg, ihn aber zugleich aus Wien verbannend. Auch jetzt olſieder nahm ſich Graf Franz Eſterhazy ſeiner mit der wärmſten Theilnahme ſier und ſchien es Schulenburg durch die großmüthigſten Beweiſe ſeiner Dank⸗ au eit lohnen zu wollen, daß er ihn von ſeiner Gemahlin befreit habe. . —yy—— 110 vielleicht ſehr bald an ſeiner Geſellſchaft keine beſondere Freude mehr haben möchte.— Dieſe Freude war in der That ſchnell genug ver⸗ rauſcht, und hatte einer trüben und gedrückten Stimmung Platz gemacht. Marie Antoinette fühlte, daß der König ſich täglich mehr von ihrem Bruder zurückzog, daß des Kaiſers offnes und freimüthiges Weſen dem Könige mißfiel und ihn demüthigte, weil ſeine eigenen ſteifen und linki⸗ ſchen Manieren gegen den feinen und ungezwungenen Weltton des Kaiſers nur noch greller hervortraten; ſie ſah, wie ſich die ſonſt ſo ſanften Augen Ludwigs zuweilen mit einem ſtrengen, faſt gehäſſigen Ausdruck auf das offene, edle Angeſicht des Kaiſers hefteten, und wie er die Stirn runzelte, wenn der Kaiſer mit bitter'm Spott die ſtrenge und ſteife Etiquette des franzöſiſchen Hofes geißelte. König Ludwig, der ſelber ſonſt dieſe Etiquette, welche die franzö⸗ ſiſchen Könige auf jedem Schritte verfolgte, ſehr läſtig gefunden hatte, ſchien dieſelbe jetzt, weil der Kaiſer ſie verſpottete, ſehr heilig zu hal⸗ ten, und fügte ſich ihren Anordnungen mit der genaueſten Pünktlichkeite Während er ſonſt ſeiner Gemahlin die unbedingteſte Freiheit ſich ihre Lebensweiſe zu beſtimmen geſtattet hatte, ſchien Ludwig jetzt zuweilen zu bemerken, daß ſie von dieſer Freiheit allzuviel Gebrauch mache und er wagte es einmal ſogar ziemlich heftig zu ſagen; die Königin von Frankreich habe die Verpflichtung, ſich den Geſetzen der Etiquette ein wenig mehr zu fügen, ſie dürfe nicht dem verderblichen Beiſpiel des Kaiſers folgen, welcher in dem Streben nach Popularität ſeine eigene Würde vergeſſe, und um ſich bei'm Volk beliebt zu machen, für das königliche Haus gar keine Rückſichten kenne, und es ungeſtraft glaube beleidigen zu dürfen. Daß Kaiſer Joſeph aber ſich ſo beliebt gemacht beim franzüſiſchen Volke, das war es, was den König argwöhniſch und ängſtlich machte, das war es, was ſeine Brüder, und deren Gemahlinnen, was ſeine Miniſter und der hohe Adel ſeines Hofes, dem Könige Ludwig als das argliſtigſte Beſtreben des Kaiſers darſtellten, dem Könige die Liebe ſei⸗ nes Volkes zu entziehen, ihm das Elſaß und Lothringen abzunehmen und die öſterreichiſche Partei wieder zur Regierung zu bringen, den Frankreich, wie es unter Choiſeul geweſen, nur noch eine Provinz v Oeſterreich bleibe und von dem Kabinet von Wien her gelenkt werde. 1 Parte Mach Einfl imme Aufn auf einm woll Geſe hen, hatte in d jett Peor dem Sch) reich ohne allei der anzu welch ſtatt e mehr g ver⸗ emacht. ihrem en dem d lnki⸗ 'n des onſt ſo iſigen nd wie ſtrenge franzö⸗ hatte, u hal⸗ lichleit ch ihre uweilen he und in von tte ein lel des eigene ür das glaube ſiichen nachte, ſeine ls das ebe ſef ehmen dani n vol werde 111 Und ganz erfüllt von dieſer Idee, ſchloß ſich die antiöſterreichiſche Partei immer feſter und gewaffneter zuſammen, erweiterte ſie täglich ihre Macht, und übte bald auf das Gemüth des Königs den gefährlichſten Einfluß aus, und drängte die Königin Marie Antoinette und ihre Partei immer weiter zurück von der Seite des Königs. Ludwig, welcher ſeiner Gemahlin ſeit einiger Zeit die zärtlichſte Aufmerkſamkeit, die leidenſchaftlichſte Bewunderung bewieſen, zog ſich auf einmal kalt und ſchüchtern wieder von ihr zurück, und ſchien auf einmal wieder gleichgültig und ſchroff gegen ſeine Gemahlin werden zu wollen, wie er es früher ſo lange geweſen. Während er ſonſt die Geſellſchaft Marie Antoinette's geſucht hatte, ſchien er dieſelbe zu flie⸗ hen, und die Stunden, welche er ſonſt in letzter Zeit dazu verwandt hatte, Arm in Arm mit der Königin in ſüßer Vertraulichkeit und Stille in den Gärten von Verſailles zu luſtwandeln, verbrachte der König jetzt in ſeinem Kabinet mit ſeinen Miniſtern oder mit dem Grafen von Provence, dem erbitterten Vorkämpfer der antiöſterreichiſchen Partei, dem unverſöhnlichen Feinde Marie Antoinettens, der es ſeiner ſchönen Schwägerin niemals verzeihen konnte, daß ſie eine Tochter des öſter⸗ reichiſchen Kaiſerhauſes war, welches der Graf von Provence laut und ohne Scheu den gefährlichſten Feind von Frankreich nannte. Und der König, welcher es ſonſt vermieden mit ſeinem Bruder allein zu ſein, weil er ſeine Feindſchaft gegen Marie Antoinette kannte, der König ſchien ſich jetzt inniger wie je dem Grafen von Provence anzuſchließen und hörte mit düſterer Miene auf die gehäſſigen Berichte, welche der Prinz ihm über den Aufenthalt des Kaiſers in Paris ab⸗ ſtattete; er widerſprach nicht, wenn er von dem innigen Einverſtändniſſe erzählte, welches zwiſchen dem Kaiſer und Marie Antoinette herrſchte, die immer noch in ihrem Herzen eine Oeſterreicherin geblieben, und zu jeder Zeit bereit ſein würde, die Intereſſen Frankreichs den Wünſchen und Befehlen ihres Bruders und der Kaiſerin Maria Thereſia zum Opfer darzubringen. Aber der Graf von Provence begnügte ſich nicht damit, dem Könige ſolche gehäſſige Zuflüſterungen zu bringen, er ſorgte auch dafür, daß ſie laut und öffentlich im Publikum wiederholt wurden, daß die Sänger auf dem Pont⸗Neuf in luſtigen Spottgedichten den Kaiſer verhöhnten, 112 welcher gekommen ſei, Frankreich zu erobern, daß man an jedem Tage neue Karrikaturen verbreitete, welche den Kaiſer und die Königin dem Volke in den lächerlichſten und widerſinnigſten Situationen darſtell⸗ ten, und Marie Antoinette dem Geſpött und Gelächter des Volkes Preis gaben. Dieſe antiöſterreichiſche Partei, angefeuert von den ſchlimmen Be⸗ ſtrebungen des Grafen von Provence, eröffnete jetzt einen wahren Feld⸗ zug der Verleumdung, der boshaften Erfindungen gegen die junge Kö⸗ nigin, und verbreitete über ſie die fabelhafteſten Gerüchte, welche man Sorge trug, dem Gedächtniſſe des Volkes in Chanſons oder Karrikaturen einzuprägen und dem Könige Ludwig täglich in dem Polizeiberichte des Herrn von Sartines hinterbringen zu laſſen. Es war ein heftiger, erbitterter Kampf des Hofes gegen das Volk, ein Kampf, deſſen Merk⸗ würdigkeit darin beſtand, daß es der Hof, daß es die königlichen Prinzen und Prinzeſſinnen ſelber waren, welche ſich beſtrebten, die Spitze des Hofes, die Königin, beim Volke unbeliebt zu machen, und daß es das Volk war, welches gegen den Hof opponirte, indem es noch immer die Königin liebte, und noch nicht hörte auf die verleumderiſchen Stimmen, welche ſich von allen Seiten gegen ſie erhoben. So war dem kurzen Sonnenglanze der Freude, welchen der Beſuch des Kaiſers Joſeph in dem Schloſſe von Verſailles verbreitet hatte, bald eine düſtere, unbehagliche Kälte gefolgt, und je mehr das Volk in Paris dem Kaiſer entgegenjubelte und ihm überall hin mit ſeiner Begeiſterung und ſeinem Entzücken folgte, deſto finſterer und mißtraui⸗ ſcher ſprach man am königlichen Hofe von ihm. Selbſt Marie Antoinette fühlte ſich zuweilen aufgelegt, dem Kaiſer zu zürnen, ſelbſt ſie fühlte ſich zuweilen verletzt, nicht bloß von dem allzu lebhaft ſich äußernden Enthuſiasmus des Volkes, ſondern auch von dem allzu freimüthigen und offenen Weſen des Kaiſers, deſſen ſarkaſtiſche Bemerkungen ſie oft genug ſchon verletzt und geängſtigt hatten, und die oft genug ſich ſchon genirt fühlte von ſeinen großen blauen Augen, welche mit ſo ſcharfer Aufmerkſamkeit auf ihr ruhten. In der Stille ihres Herzens geſtand ſich Marie Antoinette zu⸗ weilen, daß ſie den Zeitpunkt herbeiſehne, wo der Kaiſer Paris ver⸗ laſſen werde, und daß dieſe Diners en famille, welche ſie einſt der Etique täglich eine u 2 tüglich und h und d werde ſorder Wam er ge Schw ſich e cen, lunge etwas Verſ währ öffen nich cher hinte Reih und einte Koſ Amn An. Wi — Tage n dem arſtell⸗ Volkes en Be⸗ Feld⸗ ge Kü⸗ de man katuren hte des eftiger, Merk⸗ rinzen ge des es das ner die immen, Beſuch hatte, Volk ſeiner jtraui⸗ Kaiſer n dem auch deſſen hatten, blauen te zu⸗ is vel⸗ nſt der 113 Etiquette zum Trotz bei Hofe eingeführt, und an denen der Kaiſer täglich Theil nahm, für die ganze königliche Familie eine große Laſt, eine unerträgliche Géne geworden. Aber ſie mußte doch ertragen werden und man mußte ſich doch täglich mit lächelnder Mienè begrüßen und ſich bemühen, eine lebhafte und heitere Unterhaltung zu führen, damit das Schweigen des Königs und das boshafte Lächeln des Grafen von Provence weniger bemerkt werde. Und damit dem Kaiſer keine Zeit bliebe, auf alles dies zu achten, forderte Marie Antoinette ihn täglich auf, ihnen zu erzählen von ſeinen Wanderungen durch Paris und ſie theilnehmen zu laſſen an dem, was er gelernt und erfahren.— Der Kaiſer kam dieſer Aufforderung ſeiner Schweſter ſtets mit der lebhafteſten Bereitwilligkeit entgegen und machte ſich ein Geſchäft daraus, den König auf alles das aufmerkſam zu ma⸗ chen, was es in Paris an herrlichen und großen Einrichtungen, Samm⸗ lungen und Kunſtſchätzen gab, von denen der König vielleicht niemals etwas kennen gelernt hatte. Auch heut wie alle Tage war der Kaiſer zum Familiendiner nach Verſailles gekommen, aber früher als er es ſonſt zu thun pflegte, während zugleich König Ludwig noch damit beſchäftigt war, die täglichen öffentlichen Audienzen zu ertheilen. Nun, ſagte der Kaiſer heiter, ich werde warten, bis die Reihe an mich kommt!— Und er trat in die Antichambre des Königs, in wel⸗ cher ſich eine Schaar von Höflingen und Beamten befanden, die Einer hinter dem Andern ſtehend, den glücklichen Moment erwarteten, wo die Reihe an ſie kommen und die Thür des Königs ſich ihnen öffnen würde. Der Kaiſer ſtellte ſich gelaſſen als der Letzte in der Reihe auf und wartete. Niemand merkte anfangs auf ihn, aber als endlich der eintretende Oberhofmarſchall des Königs ihn erkannte, eilte er zu dem Kaiſer hin und bat ihn um die Erlaubniß, dem Könige ſofort ſeine Anweſenheit melden zu dürfen. Nicht doch, ſagte der Kaiſer, ich bin ſehr lange ſchon an das Antichambriren gewöhnt, denn ſo wie hier ſtehe ich alle Morgen zu Wien im Vorzimmer meiner Mutter.*) *) Mémoires de Weber. Vol. I. p. 48. Kaiſer Joſeph. 2. Abth. IV. 8 114 Euer erlauchte Majeſtät darf es ſchon wagen, ſich zuweilen in be⸗ ſcheidenes Dunkel zu hüllen, ſagte der Hofmarſchall, denn der Strahlen⸗ glanz Ihrer Erhabenheit leuchtet doch immer aus dieſem Dunkel blen⸗ dend hervor. Ich wünſchte wohl eines Tages der Gnade theilhaftig werden zu dürfen, dem Herrn Grafen von Falkenſtein zu Wien meine Aufwartung machen und ihn dort bewundern zu dürfen in ſeiner Kaiferherrlichkeit. Es ſoll mir lieb ſein, Herr Herzog, ſagte Joſeph lächelnd, wenn Sie mich in Wien beſuchen wollen, aber ich ſage Ihnen vorher, Sie werden da ebenſo wenig Glänzendes an mir finden wie hier, ausge⸗ nommen zehn oder zwölf Mal des Jahres, wenn ich genöthigt bin den Kaiſer zu ſpielen.*) Aber ſchanen Sie nur, da öffnet ſich die Thür des königlichen Kabinets und eine Anzahl Glücklicher wird in das Him⸗ melreich eingelaſſen! Der Kaiſer hatte ſich indeß geirrt, es war nicht ein Kammerherr, welcher kam, einige neue Herren zur Audienz zu berufen, ſondern es war König Ludwig ſelber. Man hatte ihn von der Anweſenheit des Kaiſers benachrichtigt und er kam jetzt, denſelben zu begrüßen. Mit lebhaften Schritten eilte er zu Joſeph hin, die ehrerbietigen Verneigungen der Anweſenden mit einen flüchtigen Kopfneigen erwie⸗ dernd, und den Kaiſer in ungewöhnlich herzlicher Weiſe um Entſchuldi⸗ gung bittend, daß man ihn ſo lange im Vorzimmer gelaſſen. Kommen Sie aber jetzt, mein Bruder, fuhr der König fort. Das Wet⸗ ter iſt herrlich, und wir wollen, bis man uns zur Tafel ruft, ein wenig in den Gärten promeniren. Geben Sie mir Ihren Arm, Herr Graf! Er reichte dem Kaiſer ſeinen Arm dar, aber dieſer nahm ihn nicht an, ſondern deutete mit ſeiner Rechten auf die Schaar der Anwe⸗ ſenden hin. Ew. Majeſtät verzeihen, ſagte er, aber Sie ſind noch nicht zu Ende mit den Audienzen, und es iſt noch nicht an mir die Reihe. Es würde mich aber ſehr ſchmerzen, wenn ich die Veranlaſſung wäre, daß Sie Ihre Pflicht als König vernachläſſigten! Ludwig runzelte die Stirn, und das Lachen verſchwand aus ſeinen *) Hübner: Kaiſer Joſeph II. Th. I, S. 152. lichen gefäll Arm Thür Köni Ferne und d beant Giiqu hinte gen vergr glän Mar tes führt Köni Lein len in be⸗ Strahlen⸗ nkel blen⸗ theilhaftig ien meine in ſeiner nd, wenn her, Sie r, ausge⸗ t bin den die Thür das Him⸗ amerherr, adern es nheit des 3. erbietigen en erwie⸗ niſchuldi⸗ Das Wet⸗ wenig in raf! ihn nich Anwe⸗ nicht zu ſe Neiſe ng wär, us ſeinen 115 Zügen. Ich werde dieſe Herren morgen um dieſelbe Stunde empfangen, ſagte er mit lauter Stimme und einem ſchnellen Kopfneigen nach den Anweſenden, welche, dieſe Abſchiedsbewegung ſehr wohl verſtehend, ſich eiligſt und geräuſchlos durch die Thür drüben zurückzogen. Jetzt, Herr Graf, ſagte Ludwig, ſich gewaltſam zu einem freund⸗ lichen Lächeln zwingend, jetzt kommen Sie. Wir wollen, wenn es Ihnen gefällig iſt, unſere Promenade antreten! Er verneigte ſich leicht, aber er bot dem Kaiſer nicht wieder ſeinen Arm an, ſondern ging frei neben ihm her.— Der Huiſſier riß die Thüren auf, und rief mit lauter Stimme den Corridor hinunter: der König will ſpazieren gehen! Der König will ſpazieren gehen! wiederholte ſich der Ruf in der Ferne, und alsbald hörte man unten im Hof die Trommel wirbeln, und den Corridor herauf eilten die Kammerherren und die hohen Hof⸗ beamten, ſich ſchweigend den beiden Fürſten anſchließend, um ſie, der Etiquette gemäß, auf der Promenade in den Gärten zu begleiten. Der Kaiſer ſchaute mehr als einmal mit einem ſeltſamen Lächeln hinter ſich und es ſchien ihn zu ergötzen, dieſen Schwarm von Höflin⸗ gen zu ſehen, der wie eine rollende Lawine ſich mit ſeder Minute vergrößerte. In feierlichem Schweigen ſchritten alsdann die Fürſten mit ihrem glänzenden Gefolge von Herzogen, Marquis und Grafen die breiten Marmortreppen hinab, welche in den innern Hof führten. Ein lebhaf⸗ tes Trommelwirbeln empfing ſie hier, und in Reih und Glied aufge⸗ führt ſtanden da die hundert Schweizer mit ihren Offizieren, vor dem Könige ſalutirend, während an dem offenen Gartengitter zwölf Mann Leibwache aufgeſtellt waren. Sire, fragte Joſeph ſtill ſtehend, ſollen dieſe Alle uns geleiten? Gewiß, Herr Graf, ſagte Ludwig erſtaunt, es iſt die gewöhnliche und von der Etiquette vorgeſchriebene Begleitung auf meinen Spazier⸗ gängen. Aber wie mir ſcheint, mein Bruder, rief der Kaiſer lachend, wer⸗ den wir mit dieſer militäriſchen Bedeckung mehr das Ausſehen von zwei Staatsgefangenen, welche man auf ihrem Spaziergange bewacht, als von zwei Staatsoberhäuptern haben, welche ſich das Vergnügen 8* 116 eines Spaziergangs gewähren. Ich denke, es iſt hinreichend, in den Staatsgemächern unſere Fürſtenherrlichkeit zu produciren, und in Gottes herrlicher Natur dürfen wir uns wohl erlauben, freie und einfache Menſchen zu ſein, denn wir werden doch immer überragt werden von der Erhabenheit und Pracht der Natur. Sie wünſchen alſo, daß wir ohne meine gewöhnliche Begleitung unſere Promenade machen? fragte Ludwig. Ich bitte, daß Ew. Majeſtät mir erlauben, mich Ihnen zum Garde⸗ hauptmann anzubieten. Ich gelobe Ew. Majeſtät, daß ich Sie vor jedem Unfall als Ihr getreuer Diener behüten will, und dann haben wir ja doch dieſe glänzende Suite von Cavalieren, welche uns folgen und uns bei jeder Gefahr hülfreich ſein werden! Der König antwortete ihm nicht, ſondern wandte ſich an den erſten Offizier der Schweizergarden. Mein Herr, ſagte er, wir wollen heute ohne Ihre Begleitung unſere Promenade machen. Laſſen Sie daher Ihre Mannſchaft immerhin abtreten! Der Offizier ſtarrte den König an, als habe dieſer in einer ihm gänzlich fremden Sprache geredet, und vergaß in ſeinem Erſtaunen ſo⸗ gar, vor dem vorübergehenden hohen Königspaare den gewöhnlichen militairiſchen Salut zu machen. An dem Gitter des Gartens ſalutirten die zwölf Mann Leibgarde, und waren im Begriff unmittelbar hinter dem König her, wie es die Etiquette erfordert, das Gitter zu durchſchreiten. Der König winkte abwehrend mit der Hand. Bleiben Sie zurück. Wir wollen allein promeniren! Und die Leibgardiſten ſtarrten, gleich den Schweizern, den Fürſten nach, wie ſie Arm in Arm, nur gefolgt von ihren Cavalieren, die große Allee hinabgingen. Etwas Unerhörtes, nie Erlebtes war geſchehen! Der König von Frankreich ging in Verſailles ſpazieren ohne ſeine Leib⸗ wache und ohne ſeine hundert Schweizer!*) *) Hübner, I. S. 148. Gefol Privi Köni öffen nach 11ʃ ,in den XIV. in Gottes einfache Der Spaziergang und das Epigramm. erden von Das hohe Fürſtenpaar alſo ging allein ſpazieren, das heißt im Gefolge von ungefähr zwanzig Edellenten, welche das unangreifbare Privilegium beſaßen, nicht bloß zu den Jagden in die Carroſſen des n Garde⸗ Königs zu ſteigen, ſondern ihn auch auf den Spaziergängen zu begleiten. Es iſt alſo bei Ihnen nicht Sitte, daß die Fürſten bei ihrem öffentlichen Erſcheinen immer repräſentiren müſſen? fragte der König nach einer Pauſe, in welcher ſie ſtumm dahin gewandelt waren. Oh doch, Sire, wir haben auch unſere Leibgarde, die uns beglei⸗ tet, ſagte Joſeph, nur iſt es das Volk, welches dieſelbe bildet, und im Geleite dieſer Leibgarde ſind wir überall ſicher und wohlgeborgen. Ich bin gewiß, mein Bruder, daß Ihr gutes Volk ſehr gern bereit ſein würde, auch Ihre Leibgarde zu bilden, und Sie ſtatt der Schweizer zu escortiren. Sie ſollten es nur einmal verſuchen mit dieſer Art der Leibgarde, Sire, ſie iſt wohlfeiler und gewährt viel Freude und Ge⸗ nugthuung! Freilich, ſagte der König leichthin, es iſt ſehr wohlfeil ſich populär zu machen, nur muß man ſolche Popularität mit ſeiner verletzten Würde bezahlen, und das ſcheint mir doch ein wenig theuer erkauft, wenigſtens Begleitung Sie vor un haben ns folgen den erſten len heute zie daher 87 einer ihm aunen ſo⸗ öhnlichen eibgarde, ii es d möchten wir in Frankreich dieſen Kaufpreis nicht zahlen! Der Kaiſer heftete ſeine großen, blanen Augen mit einem ſanften ie zurüch. Blick auf Ludwig. Finden Sie denn, mein Bruder, ſagte er, daß man 3 durch die nahe Berührung des Volks einbüßt an ſeiner Würde? Ich rFürſten meine nicht, daß es nöthig iſt, vor dem Volk, um von ihm geachtet die große henr und geliebt zu werden, immer einherzuſtolziren als der Popanz der ſſchehen! eſchehe 3 Majeſtät, ſondern daß der Fürſt ſich ſeinem Volke nur immer als echter ene Lei und wahrer Menſch zeigen muß. Wenn das Volk fühlt, daß ſein Fürſt ihm ein warmes Menſchenherz entgegen trägt, giebt es ihm dafür ein warmes Herz und eine treue Liebe zurück. Zudem, fuhr er lachend fort, iſt es immer ein eigen Ding um unſere Herrlichkeit, und ich meine, daß, um uns den Verſtand nicht umnebeln zu laſſen von dem Wohl⸗ geruche der Schmeicheleien unſerer Höflinge, es für uns ſehr nothwendig 118 iſt, zuweilen den Purpur und die Krone bei Seite zu legen, und uns als ſchlichte Bürger darzuſtellen. Unſere Höflinge nennen das eine Verkleidung, aber in dieſer Verkleidung wird Einem oft die Lehre zu Theil, wie Niemand es merkt, daß wir was Anderes und Beſſeres ſind, ſondern die Verkleidung ganz einfach und ſchlicht für die Wahrheit hält. Das Volk ahnt nichts von unſerer Majeſtät; es ſcheint, ſie ſteht nicht auf unſerer Stirn und im unſerm Antlitze geſchrieben, ſondern beruht nur in unſerm Purpurmantel, den der Schneider, und in un⸗ ſerer Krone, die der Goldſchmied gemacht hat! Ich empfing dieſe Lehre erſt kürzlich wieder, bevor ich Wien verließ, von einem kleinen Schu⸗ ſterjungen! Von einem Schuſterjungen? fragte der König mit einem erzwun⸗ genen Lächeln. Es wäre in der That ſehr dankenswerth, wenn der Graf von Falkenſtein uns erzählen wollte, wie der Kaiſer von Oeſter⸗ reich von einem Schuſterjungen über ſeine Majeſtät und Würde be⸗ lehrt ward! Es war ſehr einfach, Sire! Ich fuhr in meinem einfachen Cabriolet nach Schönbrunn, und bemerkte auf der Straße einen unſerer renom⸗ mirten Wiener Schuſterjungen, der fröhlich ſingend einherging und die Vorübergehenden mit allerlei harmloſen Redereien anrief. Ich fand Gefallen an dem drolligen Weſen des Buben, und lud ihn ein, mit mir zu fahren, was ſich der luſtige Burſche gefallen ließ. Er nahm neben mir auf dem Sitze Platz und ſchaute mit ſeinen großen, brau⸗ men Augen mich gar vergnüglich an, und es gefiel ihm über die Maßen, wie mein Pferd, das ich ſelber führte, ſo luſtig und ſchnell mit dem leichten Wägelchen dahinrollte. Er ſchaute, wie geſagt, mich gar luſtig an, und nicht eine Ahnung von Reſpect und Demuth war in ſeinen friſchen, kecken Zügen, obwohl es das Antlitz eines Kaiſers war, wel⸗ ches er anſchaute. Ich wollte eudlich doch wiſſen, wofür er mich wohl halten möge, und fragte den Buben darnach. Nun, ſagte er, mich mit kritiſirenden Blicken betrachtend, ſein's etwan ein Stallmeiſter?— Rathe höher, entgegnete ich.— Alſo ein Graf? fragte er.— Noch höher!— Etwan gar ein Fürſt?— Noch immer höher!— Der Knabe ſprang von dem Sitz empor, und rief entſetzt: Sein's etwan gar der Kaiſer?— Haſt's errathen, ſagt' ich lachend. Aber der Bube glaubte mit lu Leibes Kaiſer gebliet erhielt ſchicht Exzäl mal! folgte ſchwie begeg und f mir wide ſchar noch Bru ſer wig legte Unte ſagte Gele wit alſe 119 und uns glaubte mir nicht. Er ſprang mit Einem Satz aus dem Wagen, und das eine mit luſtigen Sprüngen nebenher laufend, ſchrie er höhniſch lachend aus Lehre zu Leibeskräften: Oh, eh, ſchaut's den an, ſchaut's den an, Der will der ſeres ſind, Kaiſer ſein!*) Wahrheit Der König war, als Joſeph ſeine kleine Erzählung begann, ſtehen t ſie ſteht geblieben, vielleicht um ſeinen Cavalieren, welche dadurch die Erlaubniß „ſondern erhielten, ſich ihm mehr zu nähern, die Gelegenheit zu geben, der Ge⸗ nd in un⸗ ſchichte des Kaiſers zuzuhören.— Indeſſen hatte Ludwig der ganzen dieſe Lehre Erzählung des Kaiſers mit dem tiefſten Ernſt, und ohne auch nur ein⸗ gen Schu⸗ mal die Miene zu verziehen, zugehört, und da der König nicht lachte, folgten natürlich auch die Cavaliere ſeinem Beiſpiel. Als Joſeph daher ſchwieg und mit lachendem Antlitz im Kreiſe ſeiner Zuhörer umherſchaute, venn der begegnete er überall nur ernſthaften Geſichtern und feierlichen Mienen. Oeſter⸗ Und Ew. Majeſtät fanden Gefallen an dieſen Lazzi des luſtigen ärde be und frechen Schuſterbuben? fragte der König nach einer langen Pauſe. Ich verſichere Ew. Majeſtät, daß ſie mich beſſer amüſirten und mir mehr zu denken gaben, als die blumigſten Redensarten und die widerliche Unterthänigkeit meiner Höflinge, ſagte Joſeph mit einem ſcharfen Blick auf die Cavaliere, deren ernſthafte Geſichter ſofort einen 1 erzwun⸗ Cabtiolet er renom⸗ und di 4 3 och ſand noch düſterern Ausdruck annahmen.— ein, mi Laſſen Sie uns weiter gehen, wenn es Ihnen gefällig iſt, mein Er nahm Bruder, ſagte der König haſtig, indem er vorwärts ſchritt. Der Kai⸗ brou⸗ ſer folgte ſeinem Beiſpiel und ging eine Zeitlang ſchweigend neben Lud⸗ 4 wig her. Dieſes Schweigen naches de König befangen, und er über⸗ „Maßen, iit dem legte eben, welches wohl ein geeigneter Gegenſtand zur Anknüpfung der mit den Unterhaltung ſein möchte, als Joſeph lebhaft und mit gedämpfter Stimme 3 bii ſagte: mein Bruder, wir ſind jetzt allein, der Zufall ſcheint mir dieſe 1 m ſine, Gelegenheit geſandt zu haben, um mich einmal frei und ohne Zeugen 8 4 bl mit Ihnen ausſprechen zu dürfen, und ich will es. Ich frage Sie ich wet alſo, Sire, warum haſſen Sie mich? ni 6 Aber mein Bruder, rief Ludwig erſtaunt, wer hat es gewagt, lter Ju Ihnen zu ſagen— l 8*) Characterzüge, Memorabilien und hiſtoriſche Anecdoten vom Kaiſer 1 1s u Joſeph und ſeine Zeit. S. 105. 1 der 1 *— G 120 Niemand hat es mir geſagt, unterbrach ihn Joſeph lebhaft, aber ich weiß es, ich fühle es, ich habe Ihre Blicke, Ihre Mienen, den Ton Ihrer Stimme beobachtet! Sire, ich frage Sie, warum haſſen Sie mich, da ich Sie doch liebe! Da ich doch hierher gekommen bin, nur um mir Ihre Liebe zu gewinnen, und an Ihnen mir einen Freund, einen Bruder zu erobern. Oder glauben Sie wirklich dieſen albernen Gerüchten, welche man verbreitet hat, glauben Sie, daß ich gekommen bin, mir noch etwas Anderes zu erobern, als nur das Herz des Kö⸗ nigs von Frankreichs? Ich weiß, daß man mich Ihnen als einen ehr⸗ geizigen, länderſüchtigen und nach Erweiterung ſeiner Macht ſtrebenden Fürſten dargeſtellt hat, aber ich beſchwöre Sie, mein Bruder, denken Sie beſſer von mir, und damit Sie es können, will ich ganz frei und offen zu Ihnen reden. Ja, ich leugne es nicht, ich ſtrebe nach Ver⸗ größerung meiner Macht, aber niemals würde ich das thun auf Koſten eines Bundesgenoſſen und eines Freundes! Ich ſtrebe auch nach Erweiterung meiner Länder und meines Beſitzes, aber nie würde ich daran denken, mir Länder zuzueignen, auf welche ich nicht geheiligte und wohlbegründete Anſprüche hätte. Ein ſolches Verfahren wäre ein Raub und eine Ungerechtigkeit, und ich denke meine Regierung niemals mit einer Ungerechtigkeit zu beflecken. Es giebt aber Länder in Deutſch⸗ land, auf deren Beſitz ich Rechte habe, wohl begründetere Rechte, als der König von Preußen auf Schleſien hatte, da er es uns nahm. Wohlbegründetere Rechte auch, als Oeſterreich auf Galizien hatte, welches es dem Könige von Polen nahm? fragte Ludwig ſcharf. Sire, wir nahmen Galizien nicht, es fiel uns zu durch die Schwäche Polens, durch die Stärke Rußlands, Preußens und Oeſter⸗ reichs im Bunde. Meine Rechte auf Baiern aber ſind anderer Art, ſie ſind geheiligt durch Erbverträge, und um ſo gewichtiger, als der Churfürſt von Zweibrücken der dereinſtige Erbnachfolger des Churfür⸗ ſten von Baiern, in voller Uebereinſtimmung mit uns und bereit iſt, Baiern an Oeſterreich abzutreten. Auch Baiern ſelbſt wird uns keine Schwierigkeiten machen; das ſchamloſe, üppige und verſchwenderiſche Weſen, welches jetzt am baieriſchen Hofe herrſcht, läßt das arme Volk ſehnſuchtsvoll nach einem andern und beſſern Herrſcher ſich umſchauen, und es weiß gar wohl, daß der Fürſt von Zweibrücken nur noch eine Verſch fend! deren Leiden ſchern mache fen, Mor gege Deu liebt wen allein gege unſe Oeſ dieſ zu ihr Oe fürf reic und den haft, aber , den Ton haſſen Sie bin, nur en Freund, n albernen gelommen r des Kö⸗ einen ehr⸗ ſtrebenden er, denken frei und nach Ver⸗ auf Koſten auch nach würde ich geheiligte wäre ein g niemals „Deutſch echte, als nahm. zien hatte⸗ arf. durch die Oeſter⸗ derer Art, als der Churfür⸗ bereit iſt feine d uns venderiſche arme Vell umſ hauen, noch eine 121 Verſchlimmerung herbeiführen würde. Die Baiern richten daher hof⸗ fend und vertrauend ihre Blicke auf die Kaiſerin Maria Thereſia hin, deren Tugend, Größe und Güte ihnen einen Erſatz verſpricht für die Leiden, die ſie bis jetzt erduldet haben unter ihren angeſtammten Herr⸗ ſchern. Die Baiern werden uns alſo ebenſo wenig Schwierigkeiten machen, wie der Erbnachfolger des Churfürſten, und ſo dürfen wir hof⸗ fen, ganz ohne Blutvergießen das Land Baiern der öſterreichiſchen Monarchie einzuverleiben! Der Einzige, welcher vielleicht ſeine Stimme gegen uns erheben möchte, der einzige Gegner, welchen Oeſterreich in Deutſchland hat, iſt der König Friedrich von Preußen, welcher es ſehr liebt, ſeine eigenen Grenzen zu erweitern, aber Zeter ſchreien wird, wenn Andere es auch machen wie Er. Aber er wird es nicht wagen, allein gegen uns aufzutreten, er wird es nicht wagen, ſein Schwerdt gegen uns zu ziehen, wenn er ſieht, daß wir in Uebereinſtimmung mit unſern mächtigen Nachbarn ſind, und daß Frankreich die Rechtsanſprüche Oeſterreichs auf Baiern anerkennt. Dieſe Anerkennung Frankreichs, dieſe Zuſtimmung zu unſern Plänen nachzuſuchen, iſt, wenn meine Reiſe zu Ihnen denn doch durchaus einen politiſchen Zweck haben ſoll, iſt ihr Zweck. Ja, Sire, ich wünſche Sie überzeugen zu können, daß Oeſterreich wohl berechtigt iſt, Baiern bei dem Tode des jetzigen Chur⸗ fürſten in Beſitz zu nehmen, ich wünſche auf das Lebhafteſte, von Frank⸗ reich die Zuſicherung zu erhalten, daß es unſere Berechtigung anerkennt, und, wenn der Moment der That gekommien iſt, uns nicht hindernd in den Weg treten und ſich nicht auf die Seite unſerer Feinde ſtellen wird!— Sie ſehen, mein Bruder, ich rede zu Ihnen mit dem offen⸗ ſten und rückhaltloſeſten Vertrauen, und offenbare Ihnen die Pläne, welche ich bis jetzt nur unter dem Siegel des tiefſten Geheimniſſes ver— handelt habe! Und ich gebe Ihnen mein königliches Wort, daß ich Ihr Vertrauen nicht mißbrauchen und an Niemand, hören Sie wohl, an Niemand auch nur Ein Wort dieſer unſerer Unterredung mittheilen werde, ſagte Lud⸗ wig, welcher dem Kaiſer mit ſichtbarer Aengſtlichkeit und Verſtimmung zugehört hatte, und deſſen Antlitz den Ausdruck des Unbehagens zeigte. Glauben Sie mir, mein Bruder, Alles, was Sie die Güte hatten mir zu ſagen, iſt ſo gut, als wenn es nicht geſagt worden iſt, denn ich 122 werde es in der Tiefe meines Herzens begraben und Niemand auch nur eine Andeutung Ihrer großen und wichtigen Pläne geben. Der Kaiſer warf einen ſcharfen und düſtern Blick auf ſeinen Schwa⸗ ger Ludwig. Er fand, daß die Worte, in welche er ſeine Verſicherun⸗ gen einer völligen Verſchwiegenheit einkleidete, etwas ſeltſam gewählt waren; es ſchien ihn wenig zu befriedigen, daß Ludwig ihn verſicherte, Alles, was der Kaiſer geſagt habe, ſei eben ſo gut, als wenn es nicht geſagt worden. Und Sie werden meinen Plänen beiſtimmen, und ſie fördern? fragte der Kaiſer raſch. Dieſe ſo directe und unumwundene Frage machte den König ver⸗ legen, und verſtimmte ihn daher nur noch mehr. Sie fragen, mein Bruder, ſagte er mit einem erzwungenen Lächeln, Sie fragen ſo drin⸗ gend, als ob es ſich in dieſer Stunde ſchon um die Entſcheidung Ihrer Pläne handelte. Meines Wiſſens aber iſt der Churfürſt von Baiern noch ganz geſund und rüſtig, und da er durchaus noch kein alter Mann iſt, ſo ſteht zu hoffen, daß er noch viele Jahre leben und regieren kann. Warten wir es alſo ab, überlaſſen wir der Zukunft, was ihr angehört, und beſchäftigen wir uns ein wenig mit der Gegenwart! Und ſehen Sie nur, wie ſchön dieſe Gegenwart iſt! Sie hatten ganz recht, mein Bruder, die Natur in ihrer Herrlichkeit und Größe überragt gar ſehr unſer bischen Erdenherrlichkeit, und alle meine Schweizer und Gar⸗ diſten ſind nicht ſo ſtolz und majeſtätiſch, wie hier die Pinien dieſer Allee, welche hoch und ſtolz da in Reih und Glied vor uns ſtehen, als wollten ſie vor uns ſalutiren, und uns ihre Ehrenbezeugungen dar⸗ bringen. Der Kaiſer erwiederte nichts, und eine finſtere Wolke lagerte auf ſeiner Stirn. Er fühlte ſehr wohl die Abſicht des Königs, der Un⸗ terhaltung eine andere Wendung zu geben, und das Feld der Politik zu verlaſſen; grade dieſe Abſicht gab ihm zu denken, und war ein Be⸗ weis von der Abneigung und dem Uebelwollen des Königs. Schweigend gingen ſie eine Zeitlang neben einander her, und ſchweigend, oder nur leiſe miteinander flüſternd, folgten ihnen die Ca⸗ valiere. Indeſſen empfand Ludwig doch bald die Nothwendigkeit dieſes Schw Gaſt anzuk wend and auch Schwa⸗ rſicheun⸗ gewählt erſicherte, es nicht 1 fragte nig ver⸗ n, mein ſo drin⸗ g Ohrer Baiern -r Mann en kann. angehört, nd ſehen tt, mein gar ſehr d Gar⸗ n dieſer ſtehen, en dar⸗ erte auf der Un⸗ Politik ein Be⸗ er, und die Ca⸗ dieſes 123 Schweigen zu enden, und die Unterhaltung mit Joſeph, welcher ſein Gaſt und dem er daher doch einige Rückſichten ſchuldig war, wieder anzuknüpfen. Haben Sie ſchon beſchloſſen, wie Sie heute Ihren Abend ver⸗ wenden wollen, mein Bruder, fragte er daher nach einer langen Pauſe. Nein! ſagte Joſeph kurz. Es wäre ſchön, wenn Sie einmal, ſtatt wie Sie pflegen, in's Theater zu gehen, bei uns Ihren Abend zubrächten, fuhr der König fort. Die Königin würde ſehr glücklich ſein, wenn Sie ihr die Freude bereiteten, und heute Abend dem petit jeu in ihren Gemächern beiwohnen, und Theil nehmen wollten an ihrem Spiel. Nein, ſagte Joſeph rauh, nein, ich ſpiele niemals, denn ein Fürſt, wenn er beim Spiele verliert, verliert von dem Gelde ſeiner Unterthanen.*) Nun, wenn Sie das Spiel nicht lieben, ſagte Ludwig gelaſſen, ſo werden wir uns ein anderes, Ihnen mehr zuſagendes Vergnügen auswählen! Es iſt heute ein gar ſchöner Tag, und wenn es Ihnen gefällig iſt, ſollten wir eine kleine Jagdpartie nach den Wäldern von Meudon unternehmen. Sie ſind doch ein Liebhaber der Jagd? Nein, das bin ich nicht, rief Joſeph unmuthig. Die Jagd iſt eine Beluſtigung, welche ſich die Fürſten ſo ſelten als möglich erlauben ſoll⸗ ten, denn ſie fördert nicht das⸗ Wohl der Unterthanen, ſondern iſt ihm ſchädlich, weil ſie das Gemüth zerſtrent, und Gelegenheit giebt, ernſthaftere Beſchäftigungen zu vernachläſſigen.**) Oh, rief König Ludwig, deſſen Langmuth von den rauhen Ant⸗ worten des Kaiſers erſchöpft ſchien, Sie wollen alſo durchaus Ihrem früheren Feinde, dem Könige von Preußen nachahmen, der ſchon vor zwanzig Jahren gleich Ihnen gegen das Spiel und die Jagd moraliſirt hat! Schnelle Röthe flog über das Antlitz des Kaiſers hin, und einen Moment blitzten ſeine Augen wie im Zorn. Sire, ich erlaube mir Ihnen zu bemerken, daß ich Niemand nachahme, ſagte er heftig, und daß ich ſehr entſchloſſen bin, meine eigene Straße zu gehen! *) Des Kaiſers eigene Worte. Siehe: Hübner, Thl. I. S. 151. ***) Des Kaiſers eigene Worte. Siehe: Hübner, Thl. I. S. 152. 124 Der König neigte ſanft und gleichſam zuſtimmend ſein Haupt, ohne indeſſen ein Wort zu erwidern. Schweigend gingen ſie wieder nebeneinander her, und der König, lebhaft wünſchend, dieſen Spaziergang beendigt zu ſehen, bog jetzt in eine Allee ein, welche ſie auf einem kürzern Wege wieder nach dem Schloſſe zurückführen mußte.— Dieſe Allee verlief ſich in einen offenen Baumgang, der unmittelbar neben dem Eiſengitter des Gartens ſich befand, und nach dem Vorhofe des Schloſſes ausmündete. Hier pflegte das Volk ſich aufzuſtellen, wenn es in der Neugierde ſeiner Liebe, ſei⸗ nen Fürſten zu ſehen und zu begrüßen wünſchte. Zu Anfang der Re⸗ gierung Ludwigs hatte das Volk zu ganzen Stunden da geſtanden, ſehnſuchtsvoll das Königspaar erwartend, welches hier in der un⸗ mittelbarſten Nähe vorübergehen mußte, und daher am beſten von Jedermann geſehen werden konnte.— Jetzt ſtand das Volk zu ganzen Schaaren hinter dem Gitter, jedesmal wenn der Kaiſer nach Verſailles kam. Es hatte heute Stundenlang geharrt, denn einige Glückliche und Bevorzugte hatten von den Schweizern in den Parkanlagen erfahren, daß der Kaiſer heute mit ſeinem Schwager, dem Könige, ſpazieren gehe, und man freute ſich ungemein des intereſſanten Anblicks, beide Fürſten nebeneinander zu ſehen.— Tauſende von blitzenden, neugierigen Augen, waren daher durch das Gitter auf das untere Ende dieſes Baumganges gerichtet, ſorgſam ſpähend nach den blitzenden Uniformen der Leibgar⸗ diſten, welche dem Könige bei ſeinen Spaziergängen vortraten! Aber ſtatt der glänzenden Leibgardiſten ſah man da jetzt zwei ein⸗ fache, ſchlichte Geſtalten den Gang heraufſchreiten, und in einiger Ent⸗ fernung hinter ihnen eine Menge Herren mit geſtickten Gewändern und blitzenden Ordenskreuzen. Wer konnten dieſe beiden einfachen Herren ſein, welche den Hof⸗ cavalieren voranſchritten? Unmöglich der Kaiſer, unmöglich der König! Denn der König kam immer erſt hinter ſeinen Leibgardiſten, und da fehlten auch die hundert Schweizer, welche ſonſt allemal hinter den Cavalieren des Königs einherſchritten. Es iſt aber doch der Kaiſer, rief Einer aus der Menge, welchem es gelungen war, ſich dicht an das Gitter vorzudrängen. Ja, es iſt der K und ſ ich er Leibg Fran nicht die( gehen zutre folgt Erſta iſ, zuge dige gewe giti Fur zupt, ohne er König, ig jetzt in nach dem en offenen rtens ſich ier pflegte Liebe, ſei der Re⸗ geſtanden, der un⸗ ſten von u ganzen Verſailles buiche und erfahren, eren gehe, e Fürſten n Augen, unganges Leibgar⸗ zvei ein⸗ ger Ent⸗ dern und den Hof⸗ r König! und da nter den welchem a, 6 iſt der Kaiſer, ich erkenne ihn ſchon an ſeinen großen blitzenden Augen, und ſeinem ſchönen Angeſicht. Und der Herr neben ihm iſt wirklich der König, ſagte ein Anderer, ich erkenne ihn ganz deutlich. Aber das kann nicht ſein! ſchrie ein Dritter. Der König ohne Leibgardiſten und Schweizer? Das iſt unmöglich. Die Könige von Frankreich gehen ja niemals ohne Bewachung aus, ſie wagen ja ſelbſt nicht im Innern ihrer Palläſte ohne Leibgardiſten und Gefolge durch die Corridore zu gehen, viel weniger könnten ſie im Freien ſpazieren gehen, ohne ſich durch eine Mauer von Soldaten von ihrem Volk ab⸗ zutrennen. Dieſen mit ſcharfer und kreiſchender Stimme geſprochenen Worten folgte zuerſt eine tiefe Stille, entweder der Beiſtimmung, oder des Erſtaunens über die Kühnheit derſelben. Alsdann ſagte ein Anderer aus der Menge: Aber jetzt iſt dieſe Mauer fort, denn es iſt wirklich der König, welcher da neben dem Kaiſer geht. Der Kaiſer wird wohl ſeinen Schwager überredet haben, es einmal ohne die Garden und Schweizer zu riskiren, und zu verſuchen, ob es wirklich ſo gefährlich iſt, ohne Soldaten mit geſchultertem Gewehr vor einem Eiſengitter her⸗ zugehen, hinter welchem das Volk ſteht, und demüthig auf einen gnä⸗ digen Gruß ſeines Fürſten harrt! Ja, ganz gewiß, rief ein Anderer laut aufjubelnd, es iſt ganz gewiß der Kaiſer, welcher das gemacht hat. Der Kaiſer iſt ein gar gütiger und leutſeliger Herr, welcher das Volk liebt, und gar keine Furcht hat, ſich allein und unbewacht unter daſſelbe zu miſchen. Ja, ja, der Kaiſer hat die Leibgardiſten und die Schweizer fort geſchafft, rief ein Dritter, der Kaiſer giebt dem Volke ſeinen König wieder, und ſchiebt die Soldaten bei Seite. Das iſt ſchön und gut von dem Kaiſer, und wir müſſen ihm dafür dankbar ſein. Ja, ja, wir müſſen ihm dafür dankbar ſein, ſchrie und jubelte die Menge durcheinander und Aller Blicke richteten ſich mit glühender Ungeduld wieder durch das Gitter auf die beiden Fürſten hin, welche langſam näher kamen, und jetzt nur noch zwanzig Schritte entfernt waren von der Stelle wo das Volk ihrer harrle. Eine tiefe Stille trat ein; jetzt waren die Fürſten ganz nahe, jetzt 126 begrüßten ſie Beide das Volk. Der Kaiſer mit einer tiefen Verbeugung und einem freundlichen Lächeln, der König mit mehrmals wiederholtem Kopfnicken, aber mit etwas verdrießlicher, ernſter Miene. Und jetzt auf einmal erklang es wie ein aufbrauſender Orkan von tauſend jubelnden Stimmen: es lebe der Kaiſer! Er lebe hoch! Vivat der Kaiſer Joſeph! Jetzt war es der König, über deſſen Antlitz eine glühende Röthe dahin ſchoß, aber er hatte nicht den Muth, den in ſeinen Augen auf⸗ blitzenden Zorn zu zeigen, ſondern er ſenkte ſeine Augenlider, um ihn nicht ſehen zu laſſen. Er ſah daher auch nicht, wie Joſeph ſich, ſtatt grüßend zu danken, mit einem leiſen Kopfſchütteln dem Volke zuwandte und verſtohlen mit dem aufgehobenem Zeigefinger ſeiner Rechten auf den König hindeutete. Das Volk verſtand diefen leiſen Wink des Kaiſers ſehr wohl, und begriff, weshalb Joſeph ihm den Dank für ſeinen Ruf bis jetzt verweigert hatte. Mit einer überraſchenden Einſtimmigkeit, als folgte es dem winkenden Taktſtock eines Capellmeiſters, und doch nur geleitet vom Impuls ſeines eigenen Herzens, jubelte jetzt das Volk im frendi⸗ gen Chor: es lebe der Kaiſer! und es lebe unſer guter König Ludwig, der Vater ſeines Volks! Nun neigte ſich der Kaiſer freundlich grüßend, nun ruhten ſeine ſchönen, blauen Augen mit einem faſt zärtlichen Ausdruck auf dem Volk, und er winkte lächelnd mit der Hand. Das Volk, ganz begeiſtert von dieſer Leutſeligkeit, brach auf's Neue in Jubel aus, und wiederholte jauchzend: es lebe der Kaiſer, es lebe der König! Und wieder neigte der Kaiſer ſich freundlich grüßend; der König aber, welcher es ſehr wohl bemerkt hatte, daß man ihn dem Kaiſer nachgeſtellt, und ſeinen Namen hinter dem des Kaiſers genannt hatte, der König nickte nur leicht und kurz mit dem Haupt, und wandte ſich dann dem Kaiſer zu. Sie haben wirklich Recht, ſagte er haſtig, und in jenem unmelo⸗ diſchen, ſchneidenden Discant, zu dem die Stimme des Königs ſich, ſo⸗ bald er heftig erregt war, hinaufſchwindelte, Sie haben wirklich Recht, mein Bruder, es muß eine ſehr wohlfeile Sache ſein, ſich popnlair zu machen. Man hat dazu vielleicht nur nöthig, ſtatt in ſeiner Carroſſe ware meſſ habe Bei ſein Janz natü eine jubel Ma teete darcch ſas 88 ger der — 8 ¹ 2 2 3 7 8 1 N — 2 GIN erbeugung ederholtem Orkan von ch! Vivat nde Röthe lugen auf⸗ c, um ihn ſich, ſtatt zuwandte chtten auf ihr wohl, bis jebt als folgte ur geleitet im frendi⸗ g Ludwig hten ſeint dem Volk, iſtert von iederholte er König n Kaiſer int hatte, andte ſic unmelo⸗ ſch ſe⸗ ich Re cht, pulit in Carroſſe 127 in einem Fiacre zu fahren, und ſtatt des ſeidenen, geſtickten Kleides mit dem goldenen Stern, einen groben, unſcheinbaren Rock anzuziehen, um ſofort der Abgott des Volkes und ein populairer Fürſt zu ſein. Es fragt ſich nur wie lange dieſe Popularität dauert? Wenn ſie nur von dem Fiacre und dem groben Rock hervorgerufen iſt, Sire, ſo wird ſie ſehr raſch vergehen, ſagte Joſeph, indem ſeine Augen mit einem ſanften, faſt mitleidigen Blicke auf dem gerötheten Antlitze des Königs ruhten. Es iſt freilich ſehr leicht populair zu werden, aber um es zu bleiben, dazu gehört ſehr viel perſönliche Würde und ſehr viel wahres Verdienſt! Welches Niemand wagen wird, Ihnen ſtreitig machen zu wollen, ſagte Ludwig mit einer linkiſchen Verneigung. Ah, ich wußte nicht, mein Bruder, rief Joſeph lächelnd, daß Ihre Bemerkungen von dem Fiacre und dem groben Rock auf mich gezielt waren, ſonſt würde ich nicht gewagt haben, einen ſo ſtolzen und ver⸗ meſſenen Nachſatz zu machen, ſondern ich würde ganz einfach erwiedert haben: Ich ſtrebe nicht nach Popularität, und liebäugle nicht um den Beifall des Volkes, ſondern ich erlaube mir nur ganz einfach ſo zu ſein und zu leben, wie es meinen Neigungen angemeſſen iſt. Ich bin ganz natürlich und ich trage die Ueberzeugung im Herzen, daß der natürliche Zuſtand nicht der eines Kaiſers oder Königs, ſondern der eines Menſchen iſt! Nach dieſer Ueberzeugung handle ich!*) So ſprechend wandte ſich der Kaiſer noch einmal grüßend der jubelnden und Vivatſchreienden Menge zu, und ſchritt dann die breiten Marmorſtufen hinauf, welche auf die Terraſſe des Schloſſes führten. Das Volk ſchaute den Fürſten, welche jetzt in das Schloß einge⸗ treten waren, und hinter denen die Cavaliere ſich tänzelnd und graciös durch die Thüre ſchoben, mit glühenden Blicken nach. Dem hochauf⸗ flackernden Jubel war eben ſo ſchnell ein tiefes Verſtummen gefolgt, es ſchien, als wenn Jedermann das Bedürfniß fühlte, durch tiefes Schwei⸗ gen ſich zu erholen von dem Sturm ſeines Enthuſiasmus. Aber inmitten dieſes tiefen Schweigens erhob ſich auf einmal wie⸗ der die grelle, ſchneidende Stimme, welche man ſchon zuvor vernom⸗ *) Des Kaiſers eigene Worte. Ramshorn: Kaiſer Jofeph II. S. 146. 128 men, und welche ſchon vorhin ſo gehäſſige Worte gegen den feierlichen Pomp geſprochen, mit welchem der König von Frankreich ſich von ſei⸗ nem Volk abzuſchließen gewohnt war. Dieſe Stimme rief: Marforio hat wieder einen Spitzreim gemacht, und es ſcheint, er hält mich für Pasquin, denn er hat es mir eben in's Ohr geflüſtert. Nun, was hat er geſagt, der gute Marforio? fragte die Menge lachend. Laßt uns hören, Pasquin! Sagt uns das neue Epigramm Marforio's. Ich will's Euch ſagen, kreiſchte die Stimme. Hört nur: Dem Auge, ganz entzückt von ſeiner Einfachheit, Zeigt Falkenſtein ganz ohne Pracht die Majeſtät. Welch ſchmachvollen Contraſt zeigt hier ihm Eitelkeit? Was findet er bei uns? Die Pracht, doch ohne Majeſtät.*) Bravo, bravo! rief die Menge, laßt uns das Epigramm noch einmal hören, wir wollen es uns aufſchreiben, wir wollen es unſern Freunden wiederholen. Laßt uns das Epigramm noch einmal hören, damit ganz Paris erfahre, was Marforio geſagt hat! Die Bitte der Menge ward erfüllt, die Stimme recitirte noch ein⸗ mal das beißende Epigramm und am Abende deſſelben Tages ward es in allen Cafféhäuſern und allen Geſellſchaften von Paris wiederholt. XV. Das ZBiner en Famille. Der König und der Kaiſer hatten ſich indeß in die kleinen Ge⸗ mächer begeben, um in dem großen Kabinet das Diner en famille ein⸗ *) A nos ycux étonnés de sa simplicité Falkenstein a montré la majesté sans faste, Chez nous par un honteux contraste Qu'a-t'il trouvé?— faste sans majesté. t (Ramshorn, S. 146.) zunehn das Kö Gemal bereut, ſonſt ſehr g von d dadure denen Saree des F unter zurück der F mußte ſie i und ſei, nach letzt als entge er ih au be lch Jor feierlichen hven ſei⸗ gemacht, eben in's die Menge Epigramm *) ſtät mm noch es unſern nal hören, noch ein⸗ ges ward iederholt enen Ge⸗ mille ein⸗ 146.) 129 zunehmen. Niemand ſollte bei demſelben gegenwärtig ſein, als eben das Königspaar, der Kaiſer und die beiden königlichen Prinzen mit ihren Gemahlinnen. Aber wie geſagt, Marie Antoinette hatte es ſchon oft bereut, dieſe vertraulichen Diners eingeführt zu haben, und ſie, welche ſonſt die großen, öffentlichen Diners ſo ſehr gehaßt hatte, würde jetzt ſehr gern bereit geweſen ſein, täglich vor dem Volke und umgeben von dem Glanze des großen Hof⸗Ceremonielles zu ſpeiſen, weil dann dadurch dieſe vertraulichen und ungezwungenen Unterhaltungen, mit denen der Kaiſer ſie ängſtigte, verhindert, und weil alsdann auch die Sarcasmen des Grafen von Provence und das verdrießliche Geſicht des Königs weniger bemerkt worden wären. Indeß war es unmöglich dieſe neue Mode, welche Marie Antoinette unter dem Widerſtande der großen Hofchargen eingeführt hatte, wieder zurückzunehmen, denn Jedermann würde das für ein Zugeſtändniß der Königin an ihren Hof gehalten haben, und Marie Antoinette mußte ſich daher ſchon ihren eigenen Anordnungen fügen. Nur zögerte ſie immer ſo lange als möglich ſich in den Speiſeſaal zu verfügen, und erſt, wenn man ihr geſagt, daß auch der Kaiſer ſchon angelangt ſei, verließ Marie Antoinette ihre Gemächer und begab ſich dorthin. Heut hatte ſie ungewöhnlich lange gezögert, und der König, der nach der Promenade einen lebhaften Appetit empfand, fühlte ſich ver⸗ letzt von dieſem langen Wartenlaſſen der Königin. Er ging ihr daher, als ſie jetzt, gefolgt von ihren Damen, eintrat, mit verdrießlicher Miene entgegen, und neigte nur ein wenig zur Begrüßung ſein Haupt, indem er ihr die Hand reichte, um ſie zur Tafel zu führen. Die Königin indeß ſchien dieſe Verſtimmung des Königs gar nicht zu bemerken, ein künſtliches Lächeln ſtrahlte von ihrem Antlitz und ver⸗ lieh demſelben einen neuen Liebreiz. Sie haben uns warten laſſen, Madame, ſagte der König, aber Ihre Erſcheinung belohnt uns doch jetzt für dieſes Warten. Die Königin lächelte, denn ſie hatte das volle Bewußtſein, daß ſie heute wirklich ſchön ſei, und daß dieſe neue Friſur, welche Léonard heut zum erſten Male gebaut hatte, und welche ein Parterre von allerlei Gemüſen und Früchten darſtellte, rings umgeben von einem hohen Gitter, das aus den herrlichſten Straußfedern gebildet war, daß dieſe Kaiſer Joſeph. 2. Abth. IV. 9 130 neue Friſur die beiden Prinzeſſinnen ärgern würde, weil ſie dadurch mit ihren thurmhohen Toupés und ihrem Geranke von Blumen und Schmetterlingen altmodiſch erſcheinen mußten. Ich bitte Ew. Majeſtät um Verzeihung, ſagte Marie Antoinette mit einem Lächeln, welches die beiden Reihen ihrer perlenweißen Zähne ſichtbar werden ließ, ich bitte Ew. Majeſtät um Verzeihung, daß ich warten ließ. Mein kleiner Jacques trägt allein die Schuld daran, er iſt krank, und muß das Bett hüten. Er wollte aber von Niemand be⸗ dient ſein, als von mir, und ſo habe ich vor ſeinem Bettchen geſeſſen und ihm erzählt, bis er eingeſchlafen iſt. Oh, ſehen Sie da, mein Bruder, rief der Graf von Provence lachend, Ew. Majeſtät hat mit ſeinem Diner warten müſſen, weil ein kleiner Bauerjunge nicht einſchlafen wollte. Verzeihen Sie, mein Bruder, ſagte die Königin haſtig, Jacques iſt kein Bauerjunge mehr; ſeine Großmutter hat ihn mir geſchenkt, und alſo iſt er mein Kind. Iſt er alſo der Dauphin, welche Ew. Majeſtät neulich den Damen der Halle verſprochen hat? fragte der Graf von Provence. Die Königin erröthete ſo heftig, daß man es trotz der Schminke bemerken konnte, und wandte ſich, ſtatt dem Prinzen zu antworten, haſtig an den Kaiſer. Und Sie ſagen mir nicht ein einziges Wort der Begrüßung, mein Bruder? fragte ſie. Das kommt daher, Antoinette, ſagte Joſeph lächelnd, daß ich ganz ſprachlos bin vor Erſtaunen über dieſe ſeltſame Phantaſie, welche ich da auf Ihrem Haupte erblicke. Sagen Sie doch, wer hat dieſen merk⸗ würdigen Wunderbau geſchaffen? Wer anders wohl, als Léonard? ſagte die Königin heiter. Wer iſt Léonard? Wie? rief die Gräfin von Artois haſtig, Ew. Majeſtät wiſſen nicht, wer Léonard iſt? Sie kennen alſo nicht den autokratiſchen Tyrannen, dem die Köpfe aller Damen ſich beugen, und dem unſere königliche Schwägerin ſelbſt ſich unterwirft, und ſich ſeinen phantaſtiſchen Träumen fügt. Léonard iſt der Friſeur der Königin, der Beherrſcher aller Damenköpfe, und ſehen Sie nur, welch ein neues Wunder er da auf d ſchwel ſchöne faſſun Entzi an d Graf ſie dadurch lumen und Antoinette ßen Zähne 3, daß ich daran, er temand be⸗ en geſeſſen Provence weil ein acques iſt enkt, und een Damen Schminke antworten, ung, mein Pich gal welche ich eſen nerk 131 auf dem Haupte der Königin geſchaffen hat. Man ſollte meinen, der ſchwebende Garten der Semiramis habe ſich auf das Haupt unſerer ſchönen Schwägerin niedergelaſſen! Und wie herrlich dieſe Federn ſind, welche dem Garten als Ein— faſſung dienen, rief die Gräfin von Provence mit dem Anſcheine des Entzückens. Wirklich, ich ſah niemals ſchönere Straußfedern! Sind das dieſe koſtbaren Straußfedern, welche Ew. Majeſtät geſtern an dem Federhute des Herzogs von Lauzun bewunderten? fragte der Graf von Provence. Nun, das iſt eine ſeltſame Frage, mein Bruder, ſagte der König lächelnd. Durch welches Wunder ſollten die Federn des Herzogs Lauzun ſich jetzt auf dem Haupte der Königin befinden? Sire, ich ſtand in der Nähe, als die von Guéménée im Auftrage des Herzogs von Lauzun die Königin erſuchte, dem Herzoge die Gnade zu gewähren, daß er ihr die ſeltenen Federn, welche die Königin be⸗ wundert hatte, zum Geſchenk anbieten dürfe. Und die Königin? fragte der König haſtig. Ich nahm das Geſchenk an, mein Gemahl, ſagte Marie Antoinete vollkommen ruhig. Das Anerbieten war etwas übereilt und nicht ganz paſſend, aber es wäre eine allzu große Beſchämung geweſen, es zurück— zuweiſen.*) Uebrigens mag ſich der Graf von Provence beruhigen, dies hier ſind nicht die Federn des Herzogs von Lauzun, ſondern ein Geſchenk meiner Schweſter, der Königin von Neapel. Das iſt alſo ein noch größeres Wunder, als der Garten ſelbſt, rief der Kaiſer lachend, indem er der Königin den Arm bot, um ſie zur Tafel zu führen. Unſere Schweſter Caroline liebt es ſonſt nicht, Geſchenke zu machen, ſie empfängt lieber deren, und jeder Cavalier des Hofes hat das Recht, ihr ſo viele Geſchenke zu machen, als nur möglich. Das beweiſ't, daß die Etiquette am Hofe von Neapel von der unſrigen ſehr verſchieden iſt, ſagte der König, auf der anderen Seite der Königin an der runden Tafel Platz nehmend. Bei uns in Frank⸗ reich geſtattet die Etiquette eigentlich keinem unſerer Unterthanen, der Königin ein Geſchenk anzubieten, und wenn es geſchieht, ſo gehört die be⸗ ſondere Bewilligung des Königs dazu, daß die Königin es annehmen kann. *) Campan. I. 1 96. 9* 132 Nun, rief der Graf von Provence lächelnd, jetzt beküämmern wir uns Gott ſei Dank nur noch wenig um dieſe Tyrannin Etiquette! Seit Madame Etiquette, die Gräfin von Noailles, ihre Oberhofmeiſter⸗ ſtelle niedergelegt und ſich vom Hof zurückgezogen hat, ſind auch die Ketten, mit welchem die Etiquette uns einſchnürte, zeriſſen und wir be⸗ wegen uns ſo zwanglos und frei, als nur irgend möglich. Dieſe Frei⸗ heit verdanken wir aber allein unſerer ſchönen, königlichen Schwägerin, denn ſie allein hat den edlen Muth gehabt, den Vorurtheilen zu trotzen, und dieſe Ketten zu ſprengen, welche die Königinnen von Frankreich ſeit Jahrhunderten mit ſo viel Geduld getragen haben! Die Königin dankte ihrem Schwager für dies zweifelhafte Com⸗ pliment nur mit einem finſtern Blick, und beſchäftigte ſich damit die Suppe zu eſſen, welche ihre erſte Ehrendame ihr auf einem Kiſſen knieend und eine ſeidene Serviette über den Arm gelegt, ſoeben dargeboten hatte.*) Sie haben in der That Grund meiner Schweſter dankbar zu ſein, daß ſie dieſe Kette gebrochen hat, ſagte der Kaiſer lebhaft. Aber ich finde, daß doch noch ein gutes Stückchen der Kette zurückgeblieben iſt, und ſie klirrt Einem bei jeder Stufe nach, die man über die Treppen von Verſailles und Fontainebleau hinauf ſchreitet. Denn ohne Zweifel iſt es doch auch die Etiquette, welche geſtattet, daß die Treppen, Corridore und Gallerien dieſer Schlöſſer den Krämern und Handelsleuten als be⸗ quemer Platz dienen, wo ſie ihre Buden aufſchlagen und ihre Waaren feil bieten können.*) *) Wenn der König und die Königin in den kleinen Gemächern ohne Ce⸗ remoniell ſpeiſeten, ward der Dienſt bei Tafel immer nur von den Frauen der Königin verſehen, weil die Königin von Frankreich nach den Anordnungen der Etiquette in ihrer unmittelbaren Umgebung immer nur Frauen haben durfte. Die erſte Ehrendame und vier Kammerfrauen im großen Hofkleide waren als⸗ dann mit der Aufwartung bei Tafel beſchäftigt, und auch wenn fremde gekrönte Häupter an der Familientafel theilnahmen, behielten die Frauen den Dienſt. Wenn aber nur Mitglieder der königlichen Familie an der Tafel theilnahmen, zogen ſich die Frauen der Königin zurück und die Controleurs und dienſtha⸗ benden Kammerherren des Königs übernahmen den Tafeldienſt. Die Königin beſeitigte ſpäter auch dies Ceremoniell und übertrug dem männlichen Perſonat ein für alle Mal die Aufwartung bei Tafel. Campan, I. 177. **) Dieſer Gebrauch exiſtirte damals noch und als Marie Antoinette ihn V König gooße aber Volk mmern wir Etiquette! hofmeiſter⸗ zauch die d wir be⸗ Dieſe Frei chwägerin, zu trotzen, nkreich ſeit afte Com⸗ damit die en knieend n hatte.“) r zu ſein, wich finde, ſt und ſie ppen von zweifel iſt Corridore n als be⸗ Waaren nohne Ce⸗ en Frauen ordnungen ben durfte. varen alö⸗ e gekrönte en Dienſt. eilnahmen, d dienſtſa⸗ ſe Käünigil n gaſeuat vinete ihl 133 Das iſt eine alte, von der Gewohnheit geheiligte Sitte, ſagte der König lächelnd. Aber ſie entheiligt das Schloß der Könige, und macht es zu einer großen Marktbude, rief der Kaiſer lebhaft. Das Schloß der Könige aber ſoll heilig ſein, denn es iſt der Tempel der Liebe, welchen das Volk ſeinen Fürſten errichtet hat, und die Fürſten müſſen es daher ehren und hoch halten und es nicht durch ſolche profane Krämerbuden entweihen laſſen. Der Meſſias, welcher einſt die Krämer und Wucherer aus dem Tempel des Herrn austrieb, würde, wenn er dies Schloß, die⸗ ſen Tempel des Königthums beträte, gewiß auch hier die Krämer und Wucherer austreiben! Niemand antwortete ihm. Alle ſchienen ſie nur damit beſchäf— tigt zu eſſen und mit finſteren Mienen ſchaute Jeder auf ſeinen Teller nieder. Eine Pauſe trat ein; eine verlegene, angſtvolle Pauſe, welche die Königin endlich unterbrach, indem ſie ſich an den Kaiſer wandte und ihn fragte, ob er noch immer viel Sehenswerthes und Merkwürdiges in Paris fände? Sie fragen das, meine Schweſter, und wiſſen ja Selber, daß Paris überreich iſt an Sehenswürdigkeiten, ſagte Joſeph lebhaft. Ich habe geſtern die herrlichſten Dinge geſehen, und mein Herz iſt noch ganz erfüllt von den großen Anſtalten, Inſtituten und Sammlungen, welche ich geſtern beſichtigt habe. Wo waren Sie denn geſtern, Herr Graf? fragte Ludwig, deſſen Geſicht ſich bei den lebhaften und ſchmeichelhaften Worten des Kaiſers aufzuklären begann. Ich war zuerſt im Invalidenhauſe, Sire, und ich geſtehe Ihnen, dieſes großartige Aſyl der im Kriege erprobten Tapferkeit hat mein Herz zugleich mit Rührung und mit Neid erfüllt, denn ich habe in Wien nichts, was ich dieſem herrlichen Denkmale des Erbarmens und der Dankbarkeit einer ganzen Nation gegen ſeine tapferen Vertheidiger endlich abſtellte, erwarb ſie ſich dadurch die Feindſchaft aller Krämer und Han⸗ delsleute von Paris, die ſich darüber beklagten, daß ihnen willkührlich ein Pri⸗ vilegium und ein Verdienſt entzogen worden. — —ꝛ— 134 an die Seite ſtellen dürfte. Eine tiefe Rührung ergriff mich, als ich dieſe Säle durchſchritt, in denen die alten Helden Frankreichs ausruhen auf den Lorbeeren, welche das franzöſiſche Volk ihnen dargebracht hat. Geht es Ihnen nicht auch ſo, mein Bruder, wenn Sie das Invaliden⸗ haus beſuchen? Ich habe das Invalidenhaus noch niemals beſucht, ſagte der König faſt beſchämt. Wie? rief Joſeph heftig, der König von Frankreich kennt nicht einmal das Haus, in welchem die alten tapferen Krieger wohnen, welche für ihre Könige ihr Blut vergoſſen haben? Ah, Sire, dies iſt eine hei⸗ lige Pflicht, welche Sie eilen müſſen zu erfüllen! Und was ſahen Sie noch außerdem? fragte die Königin, welche die finſtere Wolke auf der Stirn des Königs und das ſpöttiſche Lächeln auf den Lippen des Grafen von Provence bemerkte. Außerdem ſah ich das Findelhaus, das ſchöne und würdige Ge⸗ genſtück des Invalidenhauſes, denn hier beginnen die kleinen Erdenbür⸗ ger das Leben, das ſie dort beſchließen. Das Findelhaus muß beſon⸗ ders für Sie, meine Schweſter, von großem Intereſſe ſein, und ich bin von Ihnen überzeugt, daß Sie ihm die thätigſte Unterſtützung an⸗ gedeihen laſſen. Es wird jährlich eine Summe aus meiner Chatonlle an das Fin⸗ delhaus gezahlt, ſagte die Königin. Aber Sie gehen ohne Zweifel Selbſt dahin und überzeugen Sich durch den Augenſchein von der Vortrefflichkeit der Anſtalt und belohnen die edlen, frommen Schweſtern durch Ihre freundliche Theilnahme für die Mühſeligkeit ihres Dienſtes? Nein, ich war niemals dort, ſagte die Königin verlegen. Es iſt nicht Sitte, daß die Königin von Frankreich öffentliche Inſtitute der Wohlthätigkeit beſucht. Nun, rief der Kaiſer rauh und heftig, wenn es die Sitte erlaubt, daß die Königin von Frankreich die öffentlichen Opernbälle beſucht, ſo darf es ihr auch wohl geſtattet ſein, die Sitte zu Gunſten einer öffent⸗ lichen Wohlthätigkeitsanſtalt zu verletzen! Marie Antoinette erblaßte trotz ihrer Schminke, und jetzt ſenkte ſich auch auf ihre Stirn eine Wolke des Unmuths nieder. Pauſe würd Dent hat, ganz hauſe Ihr Inſt wun Seel dirt, Verſ veru⸗ jett, Wel Sof Inſ ſpr in d als ich ausruhen aacht hat. nvaliden⸗ der König nnt nicht n, welche eine hei⸗ 1, welche 2 Lächeln dige Ge⸗ rdenbür⸗ uß beſon⸗ und ich zung al⸗ das Fin⸗ an Sic belohnen ahme für Es iſt tute der erlaubt ſucht, 5 er üffen ett enkte 135 Abermals folgte dieſen heftigen Worten des Kaiſers eine lange Pauſe, aber diesmal war es der Kaiſer ſelber, welcher ſie unterbrach. Außerdem habe ich geſtern die herrliche Anſtalt des edlen und würdigen Abbé de LEpeée geſehen, ſagte er. Das iſt ein erhabenes Denkmal, welches ſich da die edle Menſchenliebe eines Einzelnen geſetzt hat, denn man hat mir geſagt, daß dieſer große Mann ſein Inſtitut ganz ohne jede öffentliche Unterſtützung vom Staat oder dem Königs⸗ hauſe aus eigenen Mitteln erhalte. Meine Schweſter, ich wage es, an Ihr Herz und Ihre Chatoulle zu klopfen, und für das Taubſtummen⸗ Inſtitut des Abbé de l'Epée zu bitten! Das iſt ein großer, ein be⸗ wunderungswürdiger Mann! Mit welcher Liebe hat er ſich in die Seelen und die Empfindungen ſeiner unglücklichen Zöglinge hineinſtu⸗ dirt, und das troſtloſe, öde Dunkel ihrer Seele mit dem Strahle des Verſtändniſſes erleuchtet. Dieſe armen Taubſtummen, welche ſonſt dazu verurtheilt waren, als gedankenloſe, zweibeinige Thiere zu exiſtiren, ſind jetzt, Dank dem Abbé de l'Epée, zu Menſchen geworden, welche die Welt genießen und der Welt nützen können! Es wird meine erſte Sorge ſein, in Wien ein Taubſtummen-Inſtitut nach dem Muſter dieſes Inſtituts hier anzulegen, und der würdige Abbé de l'Epée hat ver⸗ ſprochen, mir einen Schüler zu erziehen, der fähig iſt, den Unterricht in Wien zu leiten.*) Es freut mich, Herr Graf, ſagte Ludwig, daß wir in Frankreich alſo im Stande ſind, Ihnen etwas Intereſſantes und Sehenswürdiges zu zeigen. Oh, Frankreich und beſonders Ihr Paris iſt ja überreich an Sehenswürdigkeiten, rief der Kaiſeer, und Sie Selber, mein Bruder, beſitzen die herrlichſten Schätze, deren Exiſtenz Sie kaum ahnen. Wahrhaftig, mein Bruder, ſagte der Graf von Artois lächelnd, wenn Sie, Dank der gütigen Andeutung des Herrn Grafen, noch einige Ihnen unbekannte Schätze entdecken, ſo bitte ich Sie, dabei auch mei⸗ ner Caſſette zu gedenken, welche immer eine merkwürdige Sehnſucht nach Schätzen empfindet. *) Der Kaiſer ließ in der That in Wien ein Taubſtummen⸗Inſtitut nach dem Muſter deſſen zu Paris anlegen. Ramshorn 140. 136 Zuerſt muß der Herr Graf aber die Güte haben, mir dieſe Schätze näher zu erörtern, ſagte der König lächelnd. Darf ich Sie darum bitten? Ich meine dieſe herrlichen Kunſtſchätze, welche Sie beſitzen, Sire, und welche im Stande wären, Ihr Paris, wenn es bis jetzt ein unbe⸗ kanntes kleines Dorf geweſen, zu einem berühmten Wallfahrtsort für alle Künſtler und Kunſtliebhaber der Welt zu machen! Ich war in Ihren Bildermagazinen, mein Bruder, und ich geſtehe Ihuen, daß ich es nicht begreifen kann, wie man ſolche herrlichen Schätze in den Staub dieſer ungeheuren Magazine vergraben kann. Ein Glück für Sie, daß die Etiquette es ſo mit ſich bringt, daß immer, wie man mir geſagt hat, einige dieſer herrlichen Bilder in den Appartements von Verſailles aufgehängt, und von Zeit zu Zeit durch neue erſetzt werden, ſonſt wür⸗ den Sie vielleicht nicht einmal die Meiſterwerke erſten Ranges, welche Sie beſitzen, kennen lernen! Man ſieht alſo, die Etiquette hat doch auch ihr Gutes und Nützliches!*) Gewiß hat ſie das, ſagte der König ernſt, die Etiquette iſt ſehr oft die einzige Schutzmauer, welche die Könige vor aufdringlicher Weis⸗ heit und voreiligen Bemerkungen behüten kann. Vorausgeſetzt, daß dieſe aufdringliche Weisheit ſich nicht jenſeits der Schutzmauer neben dem König befindet, fügte der Graf von Pro⸗ vence mit ſeinem ſpöttiſchen Lächeln hinzu. Ich meine, die Weisheit kann niemals aufdringlich gefunden wer⸗ den, ſagte Joſeph mit einem ſanften Lächeln, man muß lange und viel ſuchen, ehe man ihr begegnet. Aber es iſt wahr, geſtern bin ich ihr begegnet, und zwar in einem der herrlichſten Inſtitute Ihres Paris, in der Kriegsſchule. Ah, mein Bruder, das iſt eine großartige und erha⸗ bene Anſtalt, und wenn man dieſe durchwandelt, fühlt man, daß man hier in der würdigen Schule der Helden iſt, welche Frankreich be⸗ rühmt und groß gemacht haben. Ich war drei Stunden in der Kriegs⸗ ſchule, und verließ ſie voll Bewunderung und Freude über Alles, was ich dort geſehen und gelernt hatte. Ich geſtehe Ihnen, Sire, daß ich Sie beneide, die Kriegsſchule oft beſuchen zu können, und ich bin ge⸗ wiß, daß Sie es thun! *) Des Kaiſers eigene Worte. S. Campan, Vol. I, p. 178. — jeſe Schätze m bitten? teen, Sire, ein unbe⸗ rtsort für ſch war in en, daß ich den Staub r Sie, daß mir geſagt Verſallles ſonſt wür⸗ es, welche doch auch tte iſ ſehr ſcer Weis⸗ ht fenſeit von Pro⸗ nden wer⸗ he und viel nn ich ihr Paris, in und erha⸗ daß man kreich be⸗ er Ktiegs⸗ llles, was ,, daß 1ch ch bin ge⸗ 137 Sie irren Sich, Herr Graf, ſagte Ludwig rauh, ich beſuche die Kriegsſchule nicht oft, ja, ich habe ſie ſogar noch niemals beſucht! Aber dies iſt ja unmöglich, Sire, rief Joſeph heftig. Sie kennen auch nicht die Kriegsſchule? Sie kennen alle die großartigen Inſtitute nicht, welche der königliche Geiſt Ihrer Vorfahren geſtiftet hat? Aber wie kann man denn hoffen, ſeinem Volk ein guter und brauchbarer Herrſcher zu werden, wenn man nicht einmal das kennt, was das Volk beſitzt, und darnach ermeſſen kann, was ihm fehlt? Es iſt Ihre Pflicht, Sire, Alles zu kennen und zu prüfen, nicht das allein, was in Paris exiſtirt, ſondern ſie müßten Frankreich alle Jahre durchreiſen, in jeder der großen Städte einige Tage reſidiren, und genaue Kenntniſſe ſam— meln von den Wünſchen und Bedürfniſſen jeder Provinz und jeder Stadt.*) Ich finde doch, daß die Weisheit ſehr aufdringlich ſein kann, ſagte Ludwig heftig und mit finſterm Angeſicht, indem er die Tafel aufhob, und ſich mit einer kurzen und haſtigen Verbeugung von dem Kaiſer ab⸗ wandte. Marie Antoinette richtete ihre Augen mit einem ängſtlichen Aus— druck auf das Antlitz des Kaiſers, um in ſeinen Mienen zu leſen, wel⸗ chen Eindruck die barſchen Worte des Königs auf ihn gemacht hätten. Aber Joſeph's Antlitz war heiter und klar, und mit vollkommener Un⸗ befangenheit wandte er ſich jetzt an den Grafen von Artois und be⸗ gann mit dieſem eine lebhafte Unterhaltung, denn der Prinz, welcher ein großer Freund der Malerei war, hatte heute zum erſtenmal mit Erſtaunen von den Schätzen vernommen, welche der König in ſeinen Magazinen beſäße, und bat den Kaiſer jetzt um nähere Auskunft über dieſelben.**) Die Königin kehrte in ihre Gemächer zurück, innerlich froh, dieſes Diner en famille beendigt zu haben, und ganz entſchloſſen, den König *) Des Kaiſers eigene Worte. Campan, I, 79. **) Dieſe Unterredung des Grafen von Artois mit Kaiſer Joſeph trug ihre guten Früchte. Schon wenige Wochen nach der Abreiſe des Kaiſers legte der Graf von Artois einen Plan vor zu dem Baue eines neuen Muſeums, in welchem die Gemälde aufgeſtellt werden ſollten, und der Bau dieſes Muſeums ward ſofort begonnen. — — 138 zu bitten, daß man dem guten, neugierigen Volke von Paris einmal wieder das Vergnügen vergönne, die königliche Familie ſpeiſen zu ſehen, und alſo einige Male öffentlich wieder in den großen Sälen dinire. Die Königin, wie geſagt, kehrte in ihre Gemächer zurück, und trat in ihr Kabinet, um dort mit Herrn von Augeard, ihrem Geheimſecretair und Treéſorier zu arbeiten, wie dies täglich nach dem Diner zu geſche⸗ hen pflegte. Marie Antoinette alſo arbeitete, das heißt, ſie nahm vor ihrem Schreibtiſche Platz, und unterzeichnete eines nach dem andern die Papiere, welche Herr von Augeard ihr darreichte, und unterhielt ſich dabei, während ſie unterzeichnete, ganz unbefangen und heiter mit dieſem Herrn. Auf einmal öffnete ſich die Thür ihres Kabinets und der Kaiſer trat ein. Die Königin wollte aufſtehen und ihm entgegen gehen, aber Joſeph eilte zu ihr hin und drückte ſie mit liebevoller Gewalt wieder in ihren Fauteuil nieder. Bleiben Sie, ich beſchwöre Sie, meine Schweſter, ſagte er, bleiben Sie. Gönnen Sie mir doch den reizenden Anblick, Sie arbeiten zu ſehen, und vertreiben Sie mich nicht von hier, indem Sie mir zeigen, daß ich Sie ſtöre. Wenn Sie Sich unterbrechen laſſen durch meine Gegenwart, ſo muß ich ſogleich fortgehen, und ich wollte Sie doch um die Gunſt bitten, Sie heute in das Theater begleiten zu dürfen. Nun denn, ich werde gehorchen, mein Bruder, ich werde weiter arbeiten, ſagte die Königin lächelnd. Und von mir gar keine Notiz nehmen, ſondern ganz vergeſſen, daß ich hier bin! Arbeiten Sie, und laſſen Sie mich auf und nieder⸗ gehen. Er grüßte ſeine Schweſter mit einem freundlichen Lächeln und die Arme ineinander legend, ging er langſam in dem Kabinet auf und ab. Marie Antoinette arbeitete weiter, das heißt, indem Sie ihre Unterhaltung mit Herrn von Augeard fortſetzte, unterzeichnete ſie die Papiere, die er ihr vorlegte, und alsdann wieder in ſein Porte— feuille ſchob. Der Kaiſer hatte auf⸗ und abwandelnd eine Zeitlang dieſer„Ar⸗ beit“ zugeſchaut, und allmälig hatte ſeine Stirne ſich bewölkt, und ſein vorhe Jetzt Schr Papf Blich bin Ante unte es ſich Han is einmal zu ſehen, dinire. „und trat imſecretair zu geſhe nahm vor andern die erbielt ſich mit dieſem der Kaiſer ehen, aber alt wieder er, bleiben arbeiten d nir zeigen, irch meine Sie doch dürfen. dde weiter vergeſſen ind nieder⸗ d di und die inet auf b Sie ihre ete ſie dſ ein Porte⸗ er Al⸗ dieſer. un ſein 139 vorher ſo heiteres Antlitz eine ernſte und zürnende Miene angenommen. Jetzt, als die Königin wieder unterzeichnete, blieb Joſeph neben ihrem Schreibtiſche ſtehen. Meine Schweſſer, ſagte er, ſeit einer Viertelſtunde ſehe ich Sie Papiere unterſchreiben, ohne dieſelben nur anzuſehen, ja, ſie nur eines Blickes zu würdigen, und ich geſtehe Ihnen, daß ich wahrhaft erſchrocken bin darüber. Und weshalb ſind Sie erſchrocken, mein Bruder? fragte Marie Antoinette. Weil es gewiſſenlos und pflichtwidrig gehandelt heißt, ſeinen Namen unter Papiere zu ſetzen, deren Inhalt man nicht zuvor geprüft hat, weil es ſehr wenig Intereſſe und ſehr wenig Sachkenntniß verräth, wenn man ſich ſo ſehr auf ſeine Diener verläßt, daß man nur eigentlich die ausübende Hand ihres Willens wird! Sie ſollten das wohl bedenken, meine Schwe⸗ ſter, und erſt nach reiflicher Ueberlegung und nicht ſo gedankenlos und me⸗ chaniſch Ihre Unterſchrift geben. Nichts iſt gefährlicher für einen Fürſten, als wenn er leichtſinnig und ohne zu prüfen ſeine Unterſchrift giebt.*) Marie Antoinette erröthete tief und ihre Stirn legte ſich in Fal⸗ ten. Sie fühlte ſich gedemüthigt und beſchämt von der rückſichtsloſen Weiſe, in welcher Joſeph ihr in Gegenwart ihres Untergebenen eine ſo herbe Lehre ertheilte, und der Zorn gab ihr den Muth, dieſe ſofort zu erwiedern. Mein Bruder, ſagte ſie gereizt, ich bewundere in der That, mit welcher Aufrichtigkeit und Leichtigkeit Sie Andern gute Lehren ertheilen, und ihre herrlichen Principien entwickeln. Aber es will mir ſcheinen, als ob man auch die richtigſten Principien falſch anwenden könne, und ich fürchte, das iſt zuweilen bei Ihnen der Fall. Mein Geheimſecretair, Herr von Augeard, welcher mein volles Ver⸗ trauen verdient, präſentirte mir in dieſem Augenblick nur die Ordonnan⸗ zen für die Zahlungen des Trimeſters der Ausgaben für mein Haus, und dieſe Ordonnanzen ſind vorher von der Rechenkammer geprüft; Sie ſehen alſo, daß ich durchaus nicht riskirte, unbedachtſamer Weiſe meine Unterſchrift zu geben!. Und ich ſehe ferner, daß Sie der Anſicht Ihres Gemahls ſind, *) Des Kaiſers eigene Worte. 140 ſagte Joſeph mit einem ſanften Lächeln, indem er der Königin ſeine Hand darreichte, ich ſehe, daß Sie gleich ihm der Meinung ſind, daß die Weisheit ſehr läſtig und aufdringlich ſein kann. Vergeben Sie mir meine allzugroße Aufrichtigkeit, meine Schweſter, und laſſen Sie uns gute Freunde ſein, denn ich glaube, daß Sie der Freunde hier ſehr bedürfen! Die Königin winkte Herrn von Augeard ſeine Entlaſſung zu, und als dieſer ſich zurückgezogen hatte, erhob ſie ſich, und trat dicht zu dem Kaiſer hin. Sie ſehen es alſo auch, daß ich von Feinden umgeben bin? flüſterte ſie. Ich ſehe es und fürchte für Sie, Antoinette, Ihre Feinde ſind mächtig, und Sie, Sie ſind ein wenig unbedacht. Aber was iſt es denn, was man mir zum Vorwurfe macht? fragte die Königin ſchmerzlich. Was habe ich gethan, daß Sie mich tadeln müſſen? Ich werde Ihnen das ein andermal und ausführlicher beantworten, ſagte Joſeph ernſt. Noch bin ich es nicht im Stande. Ich ſehe, daß es hier ſchwül iſt, und daß ein Gewitter in der Luft hängt, und bereit iſt, Ihren Himmel zu umdüſtern, aber ich weiß noch nicht, von welcher Seite es kommt, und ob der Haß Ihrer Feinde oder ihr Jugendüber⸗ muth allein es heraufbeſchworen hat. Sobald ich das ergründet habe, werde ich Sie um eine geheime Unterredung bitten, und nicht wahr, meine Schweſter, Sie erlauben es mir, daß ich vor meiner Abreiſe einmal recht offenherzig und vertraulich mich mit Ihnen ausſpreche, daß wir einmal wieder beiſammen ſind, nicht als Königin und Kaiſer, ſondern als zwei Geſchwiſter, welche ſich von ganzem Herzen lieben und Alles dazu thun möchten, um einander glücklich und zufrieden zu ſehen. Wollen Sie mir auch ſolches Zuſammenſein gewähren, An⸗ toinette? Die Königin nickte ihm zu, und ihre großen Augen füllten ſich mit Thränen. Sie lehnte ihr Haupt an des Kaiſers Schulter und flüſterte: ach, mein Bruder, ich wollte, wir wären noch Kinder, und ſpielten im Garten zu Schönbrunn! Damals waren wir glücklich! nigin ſeine ſind, daß geben Sie laſſen Sie eunde hier ng zu, und cht zu dem geben bin? einde ſind ci? fragte nich tadeln eantworten, ſehe, daß und bereit on welcher ugendüber undet habe, nict wahr, der Abreiſe uſrte, nd Kaiſer, gen l ſihe frieden zu An⸗ hreu, en ſich mit d fllſtere fas ten im 141 XVI. Ein Beſuch bei Jean Jacques Nouſſeau. Vor einem kleinen niedrigen Hauſe im Dorfe Montmorency, un⸗ weit Paris hielt ein Fiacre an, und ein großer, ſtarker Herr, in ein⸗ facher, ſchlichter Kleidung, ſprang heraus, und näherte ſich der Thür, in welcher eine Frau ſtand, die Arme auf die Hüften aufgeſtützt, und mit großen, trotzigen Augen den Fremden anſtarrend. Wohnt hier Herr Rouſſeau? fragte der Herr, indem er leicht mit ſeiner Hand ſeinen Hut berührte. Ja, mein Mann wohnt hier, ſagte die Frau verdrießlich. Der Herr lächelte. Ah, Sie ſind alſo Thereſe Levaſſeur, des großen Philoſophen Lebensgefährtin? fragte er. Das bin ich, und Gott weiß, daß es ein trauriges Leben iſt, welches wir führen, rief Aersſe heftig. Sie beklagen Sich, Madame, und ſind doch die Gattin eines edlen, guten und berühmten Mannes? Mein Herr, von der Berühmtheit kann man nicht leben, und daß Jean Jacques edel und gut iſt, das iſt gerade unſer Unglück. Er giebt ſo lange er hat, und vertraut den Menſchen, bis ſie ihm Alles geſtohlen haben, das iſt, was wir von ſeiner Güte und ſeinem Edel⸗ muth haben. Man kann dabei verhungern und zu Grunde gehen! Der Fremde warf einen langen, traurigen Blick auf dieſe Frau, deren ſtarke, rohe Züge, deren geröthete Wangen etwas unendlich Ge⸗ meines und Niedriges hatten. Ich bitte Sie, mich zu Herrn Rouſſeau zu führen, ſagte er in ziemlich gebieteriſchem Tone. Ich werde das nicht thun, erwiderte Thereſe Levaſſeur trotzig. Leute, welche wie Sie, ohne Bediente und im Fiacre kommen, ſollten wenigſtens beſcheiden bitten. Herr Rouſſeau iſt nicht für Jedermann zu ſprechen! Ah, das ſind ja ſeltſame Grundſätze, welche ich da vor der Thür des großen Philoſophen vernehme, rief der Fremde lachend. Man ſieht alſo auch hier nicht bloß auf den Menſchen, ſondern auf ſein Kleid! 142 Ich bitte, haben Sie Nachſicht mit meinem Kleid, und laſſen Sie mich dieſe Thür überſchreiten! Erſt ſagen Sie mir, was Sie bei ihm wollen! Bringen Sie ihm vielleicht Noten, welche er abſchreiben ſoll, oder irgend eine andere Arbeit, womit er Geld verdienen kann? Ich komme einfach, um Herrn Rouſſeau zu beſuchen, Madame. Dann werde ich nicht eine ſolche Thörin ſein, Sie zu ihm zu laſſen, rief Thereſe mit einem ſpöttiſchen Lachen. Mein Mann iſt kein wildes Thier, welches man als Merkwürdigkeit anſtieren kann, und wofür man wie im Jardin des plantes nicht einmal nöthig hat, Entrée zu zahlen. Wenn wir jedem Neugierigen, welcher hierher kommt, um Jean Jacques zu ſehen, Einlaß gewähren wollten, ſo würden wir bald verhungern müſſen, denn mein Mann würde alsdann nichts mehr ver⸗ dienen können, und wir müſſen doch von ſeiner Arbeit leben. Gott weiß, daß es nur eine kümmerliche und abſcheuliche Art zu leben iſt, welche wir von ſeiner Arbeit gewinnen, aber wir müſſen's uns gefallen laſſen, und es wäre alſo närriſch, wenn wir uns nun noch die Arbeit durch müßiges Geſchwätz verkümmern laſſen ſollten. Der Herr ſenkte ſeine rechte Hand in die Taſche ſeines Kleides und als er ſie wieder hervorzog, legte er ſie ſchnell in die braune, ſchmutzige Hand Thereſens. Meine gute Madame, ſagte er, ich bitte, laſſen Sie mich mit Herrn Rouſſeau ſprechen. Thereſe warf einen ſchnellen Blick in ihre Hand, der gelbe Strahl des Goldſtücks, welches der Herr in derſelben zurückgelaſſen, warf einen hellen Wiederſchein auf ihr Angeſicht. Nun ja, ich will Ihnen erlauben, zu Jean zu gehen, ſagte ſie freundlich. Aber Sie müſſen mir Eines verſprechen? Was denn? Daß Sie ihm nichts verrathen wollen von Dem, was zwiſchen uns vorgefallen iſt, weder, daß ich Sie nicht gleich zu ihm laſſen wollte, noch auch dies hier! Er würde wieder den ganzen Tag mit mir maulen, und grollen, und ganz gewiß verlangen, daß ich Ihnen das Geld zurück gäbe. Er iſt ja ein ſo wunderlicher Narr, der lieber hungert, friert und arbeitet, als die Unterſtützung ſeiner Freunde annimmt! heut Sch Sie mich Sie ihm ine andere Nadame. zu ihm zu Mann iſt kann, und at, Entrée ommt, unn wir bald mehr ver en. Gott wleben iſt, as gefallen die Arbeit s K leides ie braune, wit Hertn lbe Strahl warf einen ſagte ſie G zwiſchen ſen wollte, nir maulen Geld znit gert, imn T 1 143 Sein Sie unbeſorgt, ich werde Herrn Rouſſeau gar nicht ſagen, daß ich das Glück gehabt, Sie zu ſehen, Madame! Dann mein Herr, treten Sie in's Haus ein, und gehen Sie die Treppe hinauf, nur hüten Sie Sich zu fallen, oder mit den Stufen ein⸗ zubrechen, denn die Treppe iſt alt und halb verfault. Oben gradezu an der Thür klopfen Sie nur an, da drin iſt mein Mann! Während Sie mit ihm plaudern, werde ich ſchnell hinlaufen und für Ihr Geld einige Sachen für Jean kaufen, welche er dringend braucht. Glauben Sie nur, es that Noth, daß ein großmüthiger Freund, wie Sie, gerade heute kam, und ich will ſogleich gehen, und für meinen Mann ein Paar Schuhe und ein Halstuch kaufen! Leben Sie wohl, und nur immer die Treppe hinauf. Sie nickte freundlich und trat eilig aus dem Hauſe. Mit haſtigen Schritten ging ſie die Straße hinunter, ſtill vor ſich hin murmelnd: werd' nicht ſolche Närrin ſein, ihm Schuhe und Tücher zu kaufen. Wenn er Sachen gebraucht, mag er mehr verdienen, dann kann er ſich etwas kaufen. Dies Geld hier iſt mein, und ich werd' mir dafür ſo⸗ gleich das ſeidene Tuch kaufen, das ich mir ſchon ſo lange gewünſcht habe, und wenn ich dann noch einige Francs zu einer Flaſche Wein und ein paar Fiſchen erobern kann, deſto beſſer für mich.— Während Thereſe Levaſſeur rüſtig die Straße dahin eilte, war der Fremde in das Haus eingetreten, und die unter ſeinen Tritten wankende, dunkle und unſaubere Treppe hinaufſchreitend, klopfte er an die niedrige Thür, welche ſich der Treppe gegenüber befand. Eine ſanfte Stimme rief von innen Herein! und der Fremde öffnete die Thür.— Das Gemach, in welches er jetzt eintrat, war klein, düſter und unſauber, wie das ganze Haus. Einige wenige Stühle mit Stroh⸗ geflecht, und ein großer, einfacher Holztiſch waren das einzige Ameuble⸗ ment deſſelben. An den Wänden hingen eins über dem andern kleine und große Vogelbauer, in denen die verſchiedenartigſten Vögel auf⸗ und niederflatterten, und ihr luſtiges und melodiſches Gezwitſcher zu einem harmoniſchen Chor vereinigten. Vor den dunklen, trüben Fenſtern, an welche außen ein großer Wallnußbaum ſeine friſchen und duftigen Blätter anlehnte, ſtanden große mit Waſſer angefüllte Glaskugeln, in denen allerlei Gewürm und Fiſche ſich bewegten, andere mit grünem Blätter⸗ — 144 werk verſehene Schaalen, oben mit Papier geſchloſſen, das vielfach durchſtochen war. Der Fremde hatte mit einem ſchnellen, forſchenden Blick das Zim⸗ mer beſchaut, und ließ jetzt ſeine Augen auf der Geſtalt verweilen, welche da drüben vor dem großen, mit Papieren und Schreibgeräth bedeckten Tiſche ſaß.— Dies war ein Mann in einem einfachen, grauen Rock von grobem Tuche, wie es die Arbeiter und die Bauern vielleicht an Sonntagen zu tragen pflegten; der Kragen ſeines Hemdes, von grober Leinwand, das auf der Bruſt zwiſchen einer einfachen Weſte ſichtbar ward, war über ein buntes Baumwollentuch zurückgeſchlagen, welches vorn am Halſe zu einem leichten Knoten geſchürzt war.— Das Antlitz dieſes Mannes war bleich, traurig und erſchöpft, und die Falten und Runzeln deſſelben, wie das graue Haar, das in wenigen leichten Streifen ſeinen Scheitel umgab, ließen erkennen, daß er ſchon mehr als ſechszig Jahre viel von der Laſt, und wenig von dem Genuſſe des Lebens erfahren hatte. Nur aus ſeinen großen Augen, von einem dunklen Grau, ſtrahlte noch das Feuer der Jugend und der Schwär⸗ merei, und das ſanfte, milde Lächeln, das ſeine ſchmalen Lippen um⸗ ſpielte, zeugte von ſeiner Herzensgüte und Geduld. Er ſchien ſo eben mit Schreiben beſchäftigt geweſen zu ſein, denn ſeine Hand ruhte noch auf dem Papier, das da vor ihm lag, und ſeine Finger hielten noch die Feder über dem Papiere, von welchem er nur ſeine Augen empor⸗ gehoben hatte, um den eintretenden Fremden anzuſchauen. Verzeihen Sie, mein Herr, ſagte dieſer, daß ich ſo unangemeldet hier einzutreten wage. Indeß ich fand Niemand zu Hauſe, der mich hätte melden können. Das geht ſehr natürlich zu, mein Herr, erwiderte der Andere mit einem Lächeln. Wir ſind zu arm, um uns eine Dienerin zu halten, und meine gute Thereſe iſt vielleicht ausgegangen, etwas einzuholen. Womit kann ich Ihnen dienen? Ich kam nur, um Jean Jacques Rouſſeau, den Dichter, den Phi⸗ loſophen und den Weltweiſen zu begrüßen. Jean Jacques Rouſſeau bin ich, aber ich fürchte, alle ihre Epitheta ſind falſch. Das Leben iſt ſo rauh mit mir umgegangen, daß es den Dichter, der ich vielleicht einſt war, in einen alten, mürriſchen, entnüch⸗ eine iſt Po Au — 145 terten Mann umgewandelt hat. Die Menſchen haben mich ſo vielfach betrogen und getäuſcht, daß ich vor ihnen geflohen bin; aber an den Schmerzen und dem Kummer, den mir dieſe Schlechtigkeit der Menſchen bereitet, erkenne ich nur zu deutlich, daß ich weder ein Philoſoph noch ein Weltweiſer bin. s vielfach das Zim⸗ verweilen, hreibgeräth Und das ſagt Jean Jacques, der große Menſchenfreund, welcher den, grauen behauptet hat, daß die Menſchen von Natur gut ſind? n viellicht Ich habe das geſagt, und ich ſage es noch, rief Rouſſeau mit mdes, don einem begeiſterten Ausdruck. Ja, der Menſch iſt von Natur gut, er cen Weſte iſt die höchſte Blüthe der Schöpfung, und ein Duft von Schönheit, kgeſchlagen, Poeſie und Unſchuld ſtrömt aus ſeiner Seele, wenn er zuerſt ſeine t war.— Augen öffnet. Aber die Welt, mein Herr, die Welt iſt nicht gut und t, und die edel, zwei Teufel ſchleichen durch dieſelbe hin, das ſind der Eigennutz n wenigen und die Lüge. Dieſe beiden vergiften die guten Menſchen, und machen ß er ſchon ſie zu böſen, hartherzigen, gefühlloſen Geſchöpfen, welche immer nur en Genuſſe ihren Vortheil und den Nachtheil der Andern zum Zweck haben. Oh, von einem wer im Stande wäre, dieſe beiden Teufel aus der Welt zu verbannen, er Schwär⸗ der würde in Wahrheit der zweite Erlöſer der Menſchheit ſein! 4 eippen unn⸗ Aber ich fürchte, dieſe beiden Teufel waren in der Welt, ſo lange jen ſo eben ſie beſteht. ruhte noch Sie waren nicht im Paradieſe, rief Rouſſeau lebhaft. Und was ielten noch iſt denn unter dem Paradies anders gemeint, als der ſelige Urzuſtand gen empor⸗ der Menſchen, wo ſie im ſanften Einklange mit der Natur an den Brüſten ihrer Mutter Erde lagen und von ihr Nahrung, Geſundheit nangemeldet und Frieden empfingen. Das Paradies iſt die Zeit der Unſchuld, wo der mich die Erde noch keine einzelnen Herren hatte, ſondern Gottes war, wo 1 die Menſchen noch gar keinen Beſitz kannten und daher Beſitzer der Andere mit ganzen Erde waren. Seit der Beſitz unter die Menſchen gekommen, uu halten, und ſie zertheilt und zerklüftet hat in Stände und Kaſten, iſt auch das 3 einzuhelen. Unglück auf die Welt gekommen, und nur, wenn die Menſchen den Beſitz aufgeben, und wieder zurückkehren zur Natur, werden ſie auch r, den Phi⸗ das Paradies wiederfinden. 1 Sie können es aber nicht, rief der Fremde lebhaft, ſie haben ein⸗ Evitheta mal gekoſtet vom Baume der Erkenntniß, und ſind auf immer aus dem he ds den Paradieſe verbannt! Kaiſer Joſeph. 2. Abth. IV. 10 — ——— 146 Wehe mir, und wehe uns allen, wenn Sie Recht haben, mein Herr, ſagte Rouſſeau ſeufzend, denn alsdann iſt die Welt ein elendes Jammerthal, und wenn man wirklich weiſe wäre, ſollte man eilen, ſie zu verlaſſen! Aber verzeihen Sie, mein Herr, ich habe im Eifer des Geſprächs ſogar vergeſſen, Ihnen einen Stuhl anzubieten, und Sie ſtehen noch immer, während ich ſitze. Er entlaſtete, haſtig aufſtehend, einen Strohſtuhl, der neben dem ſeinen ſtand, von allerlei Büchern und Papieren, und lud den Fremden mit einem Winke ſeiner Hand ein, neben ihm Platz zu nehmen. Sie waren mit Schreiben beſchäftigt? fragte der Fremde, indem er ſich ſetzte. Ohne Zweifel darf die Welt bald wieder hoffen, ein neues Werk des großen Jean Jacques zu erhalten? Die Welt darf nichts mehr von mir hoffen, ſagte Rouſſeau traurig. Ich bin erſchöpft, alt und unglücklich, ich ſchreibe nicht mehr. Aber Sie ſchrieben ja ſo eben! Ja, aber ich ſchrieb keine Gedanken nieder! Ich ſchrieb nur Noten ab, und Gott weiß, daß in dieſen Noten oft ſehr wenig Gedanken ſind! Wie, rief der Fremde lebhaft, Sie ſchreiben Noten ab? Ja, um davon zu leben, mein Herr. Es verlohnt ſich wirklich nicht der Mühe, etwas Beſſeres und Edleres thun zu wollen, und den Menſchen, welche einander nicht einmal die Früchte auf den Bäumen gönnen, die Gott hat wachſen laſſen, den Menſchen die Früchte unſeres Geiſtes, welche der Gedanke hat wachſen laſſen, darzubringen. Ich habe viele Bücher geſchrieben, ich habe den Franzoſen lange Gelegenheit ge⸗ geben, zu denken, aber es war umſonſt, ſie dachten nicht! Jetzt gebe ich ihnen Gelegenheit zu ſingen, und ſie ſingen!*) Aber es will mich bedünken, als ob die Franzoſen zuweilen eine ziemlich rauhe und unmelodiſche Muſik machten, rief der Fremde leb⸗ haft, als ob ihnen die rechte und wahre Harmonie verloren gegangen wäre, und eine große, ungeheure Diſſonanz bald unſere Ohren zerreißen ſollte. Sie, welcher zugleich ein großer Muſiker, und ein großer Phi⸗ loſoph ſind, Sie werden mir ſagen können, ob ich irre, oder ob meine Befürchtungen Wahrheit ſind! Ramshorn, S. 140. G *) Rouſſeau's eigene Worte. ben, mein in elendes eilen, ſie Eifer des und Sie neben dem n Fremden nen. de, indem offen, ein uu traurig. nur Noten mken ſind! c wiiliih , und den Bäumen te unſeres 4 Ich habe enheit ge⸗ t gebe ich eeilen eine ende leb⸗ Gagenge z zerreißen oßer Phi⸗ ob meine ꝑ 147 Nein, Sie irren nicht, mein Herr, ſagte Rouſſeau leiſe, dieſe Diſ⸗ ſonanz iſt da, ſie durchklingt ſchon die Luft von ganz Frankreich, und eines Tages wird ſie ſich auflöſen zu einem fürchterlichen Accord und ſich zu einem Liede geſtalten, welches die Armen und Geächteten, die Verſtoßenen und von der Noth des Daſeins Gebrandmarkten, welches alle Diejenigen ſingen wenden, die jetzt in dem Schmutz ihrer Lumpen und dem Staub ihrer Niedrigkeit außerhalb der Schranken der Geſell⸗ ſchaft ſtehen, die keinem Stande angehören, und keine Rechte haben. Mit dieſem Liede des Haſſes und der Rache werden ſie eines Tages kommen, ihre Rechte des Menſchen einzufordern, und wehe dann De⸗ nen, welche ſie ihnen bisher verweigert hatten. Sie werden eine fürch⸗ terliche Rache an ihnen nehmen! Und wer ſind Diejenigen, welche dem Menſchen die Rechte des Menſchen verweigern können? fragte der Fremde haſtig. Es ſind die Bevorzugten und Beſitzenden, ſagte Rouſſeau feierlich, es ſind die Stände, welche Diejenigen hinausweiſen, die zu arm ſind, die Abgaben zu zahlen, und vermeinen, daß das Volk, welches auf der Straße wohnt, von der Arbeit ſeiner Hände lebt, von dem Schweiße jedes Tages jeden Tag friſtet, daß dieſes Volk keinem Stand angehöre, und daher keine Rechte, ſondern nur Pflichten habe. Es ſind die Prieſter und die Ariſtokraten, welche den Sturm heraufbeſchwören, der eines Tages aufbrechen wird, und an ihrer Spitze ſteht der König! Der König? fragte der König erſtaunt. Was verſchuldet der Kö⸗ nig? Was hat er Uebles gethan? Er hat das Ueble gethan, daß er geboren worden iſt als der Sohn ſeiner Väter, als der Enkel Ludwig des Funfzehnten, deſſen bö⸗ ſes Beiſpiel die franzöſiſche Nation demoraliſirt hat, deſſen ſchmachvolles Leben auf der Stirn des franzöſiſchen Volkes als ein dunkler Fleck ſteht, den er eines Tages mit Blut von ſeiner Stirn wegwiſchen wird! Das iſt ein fürchterliches Wort, mein Herr! Sind Sie ein Prophet, welcher in die Zukunft zu ſchauen vermag? Nicht in die Zukunft, ſondern in die Vergangenheit, und aus die⸗ ſer prophezeihe ich die Zukunft, wie die Auguren es thaten aus dem Fluge der Vögel, und die Zeichendeuter aus allerlei Zeichen und An⸗ deutungen, die ihr Auge zu verſtehen wußte. 10* 148 Haben auch Sie ſolche Zeichen und Andeutungen beobachtet? fragte der Fremde leiſe und faſt ängſtlich. Rouſſeau wiegte leiſe ſinnend ſein Haupt. Ich habe ſie geſehen, ſagte er, und Jedermann, der nicht blind iſt, oder ſein Auge nicht ab⸗ ſichtlich ſchließen will, muß ſie ſehen. Das Schickſal hat das Leben dieſes unglücklichen Königs gezeichnet, und wieder und immer wieder hat es auf ihn mit drohendem Finger hingezeigt. Aber Niemand hat auf dieſe Warnung geachtet, damit das Wort des großen Griechen ſich erfülle, das geheimnißvoll fürchterliche Wort: Diejenigen, welche die Götter verderben wollen, ſtrafen ſie zuerſt mit Blindheit, auf daß ſie den Abgrund nicht bemerken, vor welchem ſie ſtehen! Ich beſchwöre Sie, öffnen Sie meine Augen, laſſen Sie mich ſehen! rief der Fremde dringend. Was ſind das für Zeichen, Pon wel⸗ chen Sie reden? Was für böſe Omen, die Bezug haben auf König Ludwig, haben Sie bemerkt? Nicht ich allein, Jedermann kennt dieſe böſen Omen, mein Herr! Sollten Sie allein nicht von ihnen gehört haben? Wiſſen Sie nicht, was Alles ſich zutrug ſchon bei der Geburt Ludwigs des Sechszehnten? Nein, ich weiß nichts davon, und ich bitte Sie, ſagen Sie es mir! Es iſt wenig in den Augen der Kurzſichtigen, viel in den Augen der Sehenden! Dieſer König ward nicht geboren, wie die Könige, ſeine Vorgänger es waren, und darum fürchte ich faſt, er wird nicht ſterben, wie ſie. Sonſt verſammelt ſich die königliche Familie in dem Zimmer der Königlichen Prinzeſſin, welche der Natur ihren Tribut abtragen und der Welt ihre heiligſte Pflicht erfüllen will, indem ſie ihr einen Bür⸗ ger gebiert. Sonſt werden die Kinder der Prinzeſſinnen geboren unter dem Segensruf der Könige, und das Haus Frankreich umſteht ſeine Wiege und giebt ihm die erſten Grüße. Die Danphine aber war ganz allein in Verſailles, als ihre Niederkunft ſie überraſchte, Niemand von der königlichen Familie war neben ihr; von Fremden umgeben gebar ſie den Sohn, und Fremde nahmen ihn in ihre Arme. Man ſandte einen Courier ab, um die Geburt des Prinzen in Paris zu verkünden; vor der Barridre von Paris ſtürzte er mit ſeinem Pferde und ſtarb auf der Stelle, und ſeine Botſchaft verhauchte auf den Lippen eines Sterbenden.— Der Abbé von Saujon ſollte dem Neugebornen die 8 et? fragte e geſehen, vicht ab⸗ das Leben ner wieder emand hat riechen ſich welche die uf daß ſie Sie mich von wel⸗ auf König nen Herr! Sit richt, ſszehnt ten? e es mit den Augen gnige, ſeine cht ſterben, em Zinme nagen und einen Bür⸗ cren unter ſteht ſeme war ganz emand pon bben gebar * ſandte verküunden; und ſarh ippen iins lbornen de ⸗* 149 gebräuchliche Nothtaufe geben; im Begriff ſich nach der Kapelle zu be⸗ geben, ſank er auf der großen Treppe von Verſailles nieder, von einem Schlagfluß getroffen, der ſeinen Arm und ſeine Zunge lähmte.*)— Der Leibarzt des Dauphin’s hatte für den neugebornen Prinzen drei Ammen von Hunderten als die geſundeſten, kräftigſten und jüngſten ausgewählt. Aber zwei von ihnen ſtarben, nachdem ſie den Prinzen kaum acht Tage an ihren Brüſten genährt, und ſeine dritte Amme, die Madame Gulllotin, ward nach ſechs Wochen von den Pocken hinweg⸗ gerafft. Selbſt der leichtſinnige König Ludwig erſchrak vor dieſen bö⸗ ſen Anzeichen, und als man ihm den Tod der dritten Amme meldete, rief er: das ſind ſehr ſchlimme Vorbedeutungen! Und ich weiß nicht, weshalb ich dem Prinzen eigentlich den Titel eines Herzogs von Berry gegeben habe? Das iſt ein Name, welcher Unglück bringt!**)— Sie ſehen wohl, mein Herr, der Tod betrachtete den Prinzen immer noch als ſein Eigenthum, das Unglück ſchwebte über ihm, und es erfaßte mit ſeinen blutigen Krallen Diejenigen, welche den einſtigen König umgaben! Aber das Leben und das Glück, welche mit dem Tod und dem Unglück einen ſo erbitterten Kampf über dem Haupte des Prinzen ge⸗ führt, haben doch, wie es ſcheint, den Sieg davon getragen, rief der Fremde. Der kleine Herzog von Berry hat längſt dieſen unheilvollen Namen abgelegt, er nennt ſich jetzt König, und trägt auf ſeinem Haupte die Krone Frankreichs! Wiſſen Sie, was er ſagte, als er die Krone zum erſtenmal auf ſein Haupt ſetzte? fragte Rouſſeau ſinnend. Nein, erzählen Sie es mir! Es war zu Rheims am Tage ſeiner Krönung. Ludwig ſtand in mitten des hohen Chors der Cathedrale, und der Erzbiſchof von Rheims hatte ſoeben die Krone auf des Königs Haupt geſetzt. Der König legte ſeine Hand an die Krone und ſagte:„Sie thut mir wehl“— Nur einmal hatte ein König von Frankreich in dieſem feierlichen Mo⸗ ment ein Wort geſprochen, und dieſer König war Heinrich der Dritte a —— 4+ 5) Mémoires de Madame de Créqui. Vol. III. 179. **) Créqui. III, 180. 3 150 geweſen, welcher auch bei der Krönung die Hand an ſeine Krone legte und ſagte:„Sie ſticht mich!“*)— Die dem König Ludwig nahe⸗ ſtehenden Perſonen wurden frappirt von der Aehnlichkeit dieſer beiden Ausrufe, und ſelbſt der Cardinal von Rheims erbleichte, und ſchaute mit einem Blicke voll Trauer und Entſetzen auf den König hin.**) Seltſam, flüſterte der Fremde. Ein Schauder, den ich mir ſelber nicht erklären kann, erfaßt mich bei dem, was Sie da ſagen, und doch muß ich mir geſtehen, daß dieſes Alles thöricht und müßig iſt. Junger Mann, ſagte Rouſſeau ernſt, thöricht iſt es nur, die wun⸗ derbaren Zuſammenhänge zwiſchen den Schickſalen der Menſchen und den kleinen Ereigniſſen, welche ſie andeuten, leugnen zu wollen. Die Geheimniſſe der Welten ſind unergründlich, und wehe Denen, welche nur glauben, was ſie begreifen. Auch über den Schickſalen der Men⸗ ſchen ſchweben Geheimniſſe, und vielleicht, wenn wir dieſe enträthſeln könnten, würden wir unſer Schickſal lenken können. Es hat ſeine Pha⸗ ſen und ſeine Verpuppungen, und wenn wir ſie kennten, würden wir daraus auf die Weiterbildung ſchließen, und unſere Vorkehrungen treffen können. Man ſoll alſo die Zeichen, welche uns gegeben werden, und ſich an große Begebenheiten in dem Leben der Menſchen knüpfen, nicht gering achten, ſondern ihnen nachſpüren, um zu erforſchen, worauf ſie hindeuten. Giebt es noch mehr ſolcher Zeichen im Leben des Königs? Wollen Sie dieſelben noch weiter verfolgen, ſo denken Sie doch an all' das, was ſich zutrug bei der Vermählung des Dauphins mit der Erzherzogin von Oeſterreich. An der Grenze von Frankreich betrat Marie Antoinette, nachdem ſie ihre deutſchen Begleiterinnen verlaſſen hatte, das Zelt, in welchem ſie, der Etiquette gemäß, ihre Kleider wech⸗ ſeln, und in Frankreich gewebte Stoffe anlegen ſollte. Die Wände dieſes Zeltes waren mit den koſtbarſten Gobelins verhangen, aber die Gobelins ſtellten alle Scenen voll Blut und Greuel vor, und man ſah da das Maſſacre der unſchuldigen Kinder, die Niedermachung der Maccabäer in furchtbar lebendigen Gruppen dargeſtellt. Marie An⸗ *) Heinrich III. ward bekanntlich ermordet. **.) Campan, I, 115. +̈——— 151 toinette bemerkte es; ſie ſprach kein Wort, aber ihre Wangen erbleich⸗ Trone legte dwig 5 ten, und ihre Hand erhebend, deutete ſie mit Thränen in den Augen eſer beiden auf dieſe Bilder hin.*)— An demſelben Abend und unter demſelben und ſchaute Zelt ſtarben zwei von den Frauen, welche bei der Toilette der Dau⸗ hin.“) phine beſchäftigt geweſen. Freilich ſagte man, ſie ſeien am Genuß von nir feber Champignons geſtorben, aber ſie ſtarben doch!— Und nun denken Sie und doch an den furchtbaren Sturm, welcher in der Hochzeitsnacht des Dauphins ſt in Verſailles wüthete, und Bäume entwurzelte und brach, welche den „die wun⸗ Stürmen von Jahrhunderten getrotzt hatten; denken Sie an das Ge⸗ nſcen und witter, das mit ſeinen rollenden Donnern das Schloß von Verſailles llen die in ſeinen Grundfeſten erbeben machte, und endlich denken Sie an das 4 en, welche furchtbare Unglück, welches den Einzug der Dauphine in Paris be⸗ ter Men⸗ gleitete, und Hunderten von Menſchen das Leben koſtete, und dann eireölſeln ſagen Sie mir, ob es nicht erlaubt iſt, an Vorzeichen zu glauben? ui 2 Und wenn man auch daran glaubte, was nützen uns dieſe Vor⸗ ſohn Ph zeichen? Was können ſie verhindern? Sie haben meine ganze Seele vürden 4 mit Furcht und Schrecken erfüllt, durch das, was Sie mir mittheilten, ngen ufen aber wozu nützt es, was wird dadurch erreicht, wenn wir die Zeichen erden, dig kennen, aber ihre Anwendung nicht verſtehen? pfen, 8 Wozu es nützt, daß ich Ihnen das Alles ſagte? fragte Rouſſeau, vorauj ſe indem er mit einem ſanften Lächeln in das bewegte Antlitz des Fra⸗ genden ſchauete. Es nützt dazu, daß Kaiſer Joſeph, der Mann mit igs? dem warmen Herzen und dem hellen Verſtand, hingehen kann, um ſei⸗ * les nen Schwager und ſeine Schweſter zu warnen, um ihnen zu ſagen, uphins mi was ihnen Noth thut, um ſie aufmerkſam zu machen, daß ſie am Rande eich betrut eines Abgrundes ſtehen, und in ihm verſinken werden, wenn ſie die verlaſſen drohenden Zeichen nicht verſtehen wollen, die das Schickſal mit ſchwar⸗ ider ec⸗ zem Finger über ihrem Haupte in die Luft malt. Thun Sie das, ie Wände Sire, gehen Sie zu Ihrer Schweſter und warnen Sie dieſelbe! „aber dit Wiel rief Joſeph erſtaunt, Sie haben mich erkannt? und as Wenn ich das nicht gethan hätte, ſagte Rouſſeau lächelnd, würde achung dar ich dann ſo offen und ausführlich zu Ihnen geſprochen haben? Ich bin Marie Ar⸗ nicht immer ſo mittheilſam, und ich liebe die Menſchen nicht mehr ge⸗ *) Créqui, IV, 104. 152 nug, um vor Fremden mein Herz aufzudecken, und ſie meine Gedanken ſehen zu laſſen. Ich habe Sie in Paris geſehen, Sire, und ich habe Sie beobachtet im Theater, als das Publikum Ihnen huldigte. Ich habe auf Ihrer Stirn große Gedanken, und in Ihren Augen ein war⸗ mes, edles Herz geleſen, und darum habe ich zu Ihnen geſprochen, wie ein warmer, aufrichtiger Freund. Und ſo laſſen Sie mich jetzt auch zu Ihnen ſprechen, ſagte Jo⸗ ſeph, dem Philoſophen ſeine Hand darreichend. Gönnen Sie es mir, Ihnen nützlich ſein zu können! Sie ſind hier in einer Umgebung und einer Lage, die ſich nicht für den Dichter und Philoſophen geziemt, wel⸗ chen gauz Europa liebt und bewundert. Sie verlieren Ihre Zeit und Ihre Kräfte mit elenden Brod⸗Arbeiten, während Sie es der Menſch⸗ heit ſchuldig wären, ihr ferner mit dem Licht und der Kraft Ihres Geiſtes zu nützen und zu dienen, wie Sie es ſonſt gethan. Gönnen Sie mir die Freude, Sie Ihren Studien, Ihren Phantaſien und Dich⸗ tungen zurückzugeben, indem ich Ihre Exiſtenz ſichere, und Sie vor Noth und Mangel bewahre! Sagen Sie mir, nicht mir dem Kaiſer, ſondern mir dem Freunde, was kann ich für Sie thun? Was Sie für mich thun können? fragte Rouſſeau leiſe. Nichts! Ich bin ein alter Mann mit geknickten Wünſchen, mit vernichteten Hoff⸗ nungen, mit zerſtörten Illuſionen. Ich bedarf nichts mehr, als ein wenig Sonnenſchein, um meinen kahlen Scheitel zu wärmen, und ein Stück Brod, um meinen Hunger zu ſtillen. Das bedarf ich für mich und meine Frau, weiter nichts, und das muß ich mir mit meiner eigenen Arbeit und Kraft verdienen können, dafür darf ich Niemand auf der Welt dankbar und verpflichtet ſein, denn einen Sonnenſtrahl und ein Stück Brod zu haben, iſt das natürliche Recht des Menſchen, und es wäre zerſchmetternd, wenn der Menſch auch das nicht einmal von ſich ſelber haben könnte! So kann ich alſo nichts für Sie thun, fragte der Kaiſer ſchmerz⸗ lich. So wollen Sie mir alſo nicht die Freude gönnen, Ihnen— Der Kaiſer verſtummte, denn draußen vernahm man jetzt eine laute, kreiſchende Stimme, welche ſagte: warten Sie nur hier! Ich werd' ſogleich hinauf gehen, und die Noten holen. Sie ſind fertig und ſie müſſen fertig ſein, denn wir brauchen das Geld! Zählen Sie Gedanken dich habe ggte. Ich ein war⸗ rochen, wie ſagte Jo⸗ ie es mir, ebung und iemt, wel⸗ Zeit und Menſch⸗ aft Ihres Gönnen und Dich⸗ Sie vor em Kaiſer, Nictts tien Hof⸗ ein wenig din Stüch mich und er eigenen d auf der und ein n, und es von ſic r ſchmeiß es alſo nur immer da auf dem Tiſch auf, während ich zu meinem Mann gehe, und Ihnen die Noten hole. Mein Gott, murmelte Rouſſeau angſtvoll und erſchrocken, mein Gott, und ich bin noch nicht fertig! Und ich hatte es Thereſen ſo feſt verſprochen, nicht eher aufzuſtehen von meinem Stuhl, als bis ich die Abſchrift fertig hätte, denn ſie braucht das Geld ſo nothwendig. Was ſoll ich ihr nun ſagen? Womit mich entſchuldigen?— Und indem Rouſſeau ſich lebhaft dem Kaiſer zuwandte, fuhr er fort: Sie fragten mich eben, was Sie für mich thun könnten, Sire? Nun, Sie können mir einen großen Gefallen erzeigen, mein Herr. Thereſe wird kommen! Ich höre ſchon ihren Schritt auf der Treppe. Wenn ſie einen Frem⸗ den bei mir findet, während ich ihr verſprochen hatte, Niemand zu em⸗ pfangen, und meine Arbeit fertig zu machen, wird ſie mit vollem Rechte ſehr böſe auf mich werden. Wenn ſie aber erzürnt iſt, pflegt die arme gute Thereſe ſehr laut zu ſprechen, und das greift meine ſchwachen Ner⸗ ven an. Gehen Sie alſo, ich beſchwöre Sie um dieſen Dienſt, gehen Sie! Aber wenn ich da hinaus gehe, werde ich ihr doch ohne Zweifel begegnen, und außerdem, wenn ſie mich auch nicht ſieht, wird ſie doch ſehen, daß Ihre Arbeit nicht fertig iſt? Ich werde ihr ſagen, daß ich mich ein wenig ausgeruht habe, daß ich mich matt fühlte, und dann wird ſie mir ſchon eher vergeben, denn ſie hat ein gutes und großmüthiges Herz. Nein, fuhr Rouſſeau er⸗ röthend fort, ich werde nicht lügen, ich werde ihr die Wahrheit ſagen, aber ich will nicht, daß Sie dabei ſind, es würde mich zu ſehr beſchämen, wenn Sie Zeuge wären wie ich geſcholten werde! Sie kommt! Ich bitte Sie um den Liebesdienſt, Sire, gehen Sie fort! Da hinaus, durch dieſe kleine Thür. Sie führt in meine Schlafkammer. Durch die entgegengeſetzte Thür kommen Sie zur Treppe, und können unge⸗ fährdet hinabſteigen! Und zitternd vor Aufregung drängte Rouſſeau den Kaiſer nach der kleinen Thür hin, die er öffnete. Treten Sie ein, Sire, ſie iſt ſchon vor der Thür, flüſterte er. Der Kaiſer nickte ihm lächelnd einen Abſchiedsgruß zu, und trat in die Kammer, deren Thür er hinter ſich ſchloß. 3 — P.—— — — ..— — 154 Bald darauf vernahm man von der Straße her das Fortrollen des Wagens, in welchem der Kaiſer von dannen fuhr, und von Rouſſeau's Studirſtube her die laute, keifende Stimme der Thereſe Levaſſeur, welche dem Philoſophen eine Scene machte, weil er mit ſeiner Abſchrift nicht fertig geworden. XVII. Der Abſchied. Die ſechs Wochen, welche der Kaiſer für ſeinen Aufenthalt in Paris beſtimmt hatte, waren zu Ende gegangen, und Joſeph wollte jetzt auf einem Umwege durch Frankreich und die Schweiz ſeine Heim⸗ reiſe antreten. Paris hatte ihm nichts Neues mehr zu bieten, denn er hatte Alles geſehen, Alles ſtudirt, und in raſtloſem Eifer vom Morgen bis zum Abend thätig, hatte er alle Inſtitute, alle Sammlungen, alle Fabriken und Kunſtſchätze mit Aerfgnerkſamkeſt betrachtet. Auch der Genuß und die Triumphe ſeines Pariſer Aufenthaltes waren jetzt er⸗ ſchöpft. Ganz Paris hatte dem Kaiſer gehuldigt, in den höchſten Ge⸗ ſellſchaften, wie im Volk ſprach man mit Enthuſiasmus von dem Kai⸗ ſer, erzählte man ſich Züge von ſeiner Leutſeligkeit, ſeinem Witz und ſeiner Geiſtesſchärfe. Selbſt die berühmten Fiſchweiber von Paris, die Damen der Halle, waren von dem allgemeinen Enthuſiasmus mit fort⸗ geriſſen worden, und hatten ſich in feierlicher Proceſſion zum Kaiſer begeben, um ihre Huldigung darzubringen.*) Mehr denn hundert Fiſchweiber in ihrem glänzendſten Putz begaben ſich in das Hötel Treville, angeführt von der Aelteſten von ihnen, der Madame Trigodin, um dem Kaiſer einen Beweis ihrer Achtung zu gehen. Joſeph nahm ihren Beſuch an, und Madame Trigodin richtete an ihn, im Namen ihrer Schwe⸗ ſtern, und indem ſie dem Kaiſer einen rieſengroßen Blumenſtrauß überreichte, folgende Anrede:„Gnädigſter Herr Kaiſer. Nehmen Sie es nicht übel, wir wiſſen es wohl, daß Sie es ſind, obwohl Ihr Kammerdiener es verboten hat, daß wir es Ihnen ſagen. Der König und die Königin und wir Alle ſind s Fortrollen c, und von der Thereſe er mit ſeiner ufenthalt in iſeph wollte ſeine Heim⸗ ten, denn er vom Morgen lungen, ale Auch der ren jetzt er⸗ ſcſſen Ge⸗ en dem Kal m Wi und Pmris, de is mit fork⸗ zum Kaiſer Nur am Hofe des Königs war die Verſtimmung gegen den Kaiſer mit jedem Tage düſterer geworden, und ſein aufrichtiger Freimuth, ſein oft ſcharfer und beißender Tadel über das, was er ſah und hörte, ſeine Sarcasmen und ſein Spott hatten ihm dort immer mehr die Herzen entfremdet. Der König verzieh es nicht, daß er ſich täglich von dem Kaiſer beſchämt fühlte, weil dieſer beſſer in den Einrichtungen, Inſti⸗ tuten und Anſtalten von Paris Beſcheid wußte, wie Ludwig ſelber, und ſich deshalb oft erlaubte, dem Könige Rath zu ertheilen. Die Königin verzieh es ihm nicht, daß der Kaiſer nicht blos im ſtillen, vertraulichen Beiſammenſein, ſondern ſogar öffentlich vor dem Hofe die neuen von der Königin eingeführten Moden verſpottete, und ſie an die Einfachheit erinnerte, an welche ſie als Erzherzogin in Wien gewöhnt worden; ſie verzieh es ihm nicht, daß er über ſie ein Bonmot gemacht, welches man ſich lachend in allen Geſellſchaften von Paris wiederholte. Die Königin liebte es ſehr, Schminke aufzulegen, und der Kaiſer quälte ſie um dieſer ihm verhaßten Mode willen mit beſtändigen Neckereien. Eines Tages, als ſie in Begleitung des Kaiſers in's Theater gehen wollte, hatte Marie Antoinette ſich ungewöhnlich ſtark geſchminkt. Der Kaiſer lachte, als er die Königin, gefolgt von ihren Ehrendamen, auf ihn zuſchreiten ſah, und auf eine der Damen ihres Gefolges hindeu⸗ tend, welche noch ſtärker geſchminkt war, ſagte der Kaiſer zu Marie Antoinette:„Noch ein wenig mehr Schminke, Madame, hier unter den Augen iſt noch eine Stelle leer. Sie müſſen noch ein bischen mehr Roth auflegen, damit Sie wie eine Furie, und wie dieſe Dame hier ausſehen!“*) Die Königin hatte ihm dieſen beißenden Scherz nicht verziehen, recht froh Sie zu ſehen. Ihre Schweſter iſt unſere Mutter, und Sie ſind unſer Vetter, und wir ſind Ihre Dienerinnen. Das Volk iſt ſehr glücklich, daß Dero Kleider bezahlt ſind, und wir ſind ſehr glücklich, einen erhabenen Herrn zu ſehen, der Gold und Silber ganze Hände voll verſchenkt! Ade!“— Der Kaiſer vertheilte in Erwiederung auf den ſchmeichelhaften Schluß der An⸗ rede wirklich Hände voll Gold und Silber unter die Damen der Halle, welche alsdann wieder laut ſingend und jubelnd von dannen gingen, und die Luft von Paris mit dem Lobliede des großmüthigen Kaiſers erfüllten.(Hübner, I, S. 151.) *) Campan, I. 180. 156 ſie fürchtete täglich in ähnlicher Weiſe von Joſeph gekränkt zu werden und war daher gleich dem Könige, gleich den Prinzen und ihren Ge⸗ mahlinnen froh, als dieſer ſo ſehnlich erhoffte und ſo froh begrüßte Beſuch des Kaiſers ſeinem Ende nahte. Aber dennoch, als die Stunde des Abſchieds kam, als der Kaiſer ſie umarmte, um von ihr zu ſcheiden, überkam ſie ein tiefes Schmerzgefühl, und mit aufrichtigen Thränen, nicht achtend der düſtern Blicke des Königs und des ſpöttiſchen Lächelns des Grafen von Provence, warf ſie ſich an das Herz ihres Bruders und küßte ihn mit zärtlicher Schweſterliebe. Der Kaiſer zog die Schweſter ſanft an ſein Herz, und indem er das that, flüſterte er leiſe in ihr Ohr: Sie haben mir verſprochen, mir vor meinem Scheiden eine geheime Znſammenkunft zu gewähren. Ich bitte Sie jetzt darum. Senden Sie Jemand zu mir, der mich in Ihr Aſyl führt? Die Königin blickte erſtaunt zu ihm auf, und ihre Thränen ver⸗ ſiegten. In mein Aſyl? fragte ſie leiſe. Wer ſagte Ihnen davon? Still, meine Schweſter, ſehen Sie denn nicht, daß Aller Augen auf uns ruhen, daß der König argwöhniſcher wird? Wollen Sie mich dort empfangen? Ich werde heute Abend Louis ſenden, um Sie abzuholen, flüſterte die Königin, indem ſie ſich aus den Armen des Kaiſers emporrichtete, und mit einem Lächeln zu dem Könige hinſchritt. Die Königin hielt Wort. Während alle Welt glaubte, daß der Kaiſer ſchon abgereiſt ſei, während die Equipagen und das Gefolge des Kaiſers ſchon Paris verlaſſen hatten, begab ſich der Kaiſer, be⸗ gleitet von Louis, dem treuen Kammerdiener der Königin, noch einmal nach den Tuilerieen, um ein letztes, vertrauliches Abſchiedswort mit ſeiner Schweſter zu wechſeln. Durch eine kleine Seitenpforte trat er in das Schloß ein, und ſchritt durch die Gänge und Corridore, immer Louis folgend, welcher in einiger Entfernung vor ihm herſchritt und ihm als Wegweiſer diente. Ueber dunkle Corridore und enge, düſtere Treppen ſtiegen ſie eine Zeitlang empor, bis endlich Louis vor einer kleinen Thür ſtill ſtand, die er mit einem Schlüſſel, den er aus ſei⸗ ner Taſche zog, aufſchloß. Dann, bevor er die Thür öffnete, klopfte er 1 dreim wandt erwar einfa von! mit offen und Bild dies haſte nigi Rei wär t zu werden dihren Ge⸗ roh begrüßte die Stunde zu ſcheiden, en Thränen, hen Lächelns res Bruders d indem er prochen, mir ähren. Ich nich in Jhr chränen ver⸗ en davon? Aller Augen en Sie mich en, flüſttt nporrichtete „ daß der te das Gefolge 157 dreimal in die Hände, und als das Zeichen von innen erwiedert ward, wandte er ſich mit einer ehrerbietigen Verneigung zu dem Kaiſer hin. Sie können eintreten, Herr Graf, flüſterte er leiſe. Die Königin erwartet Sie! Joſeph drückte die Thüre auf und trat ein. Es war ein kleines, einfach meublirtes Gemach, in welchem er ſich jetzt befand. Meubles von weißem Holze, mit buntem Zitz bezogen, ſtanden umher, ein Schrank mit Büchern nahm die eine Wand ein, ihm gegenüber befand ſich ein offenes Clavier mit einem aufgeſchlagenen Notenbuch auf dem Pult, und in dem einzigen Fenſter ſtand ein Tiſch mit allerlei Papieren und Bildern bedeckt. Der Kaiſer warf einen raſchen, prüfenden Blick durch dies Gemach, und da er Niemand in demſelben fand, durchſchritt er es haſtig, und trat in das nächſte Gemach ein. In dieſem Gemache befand ſich die Königin. Aber nicht die Kö⸗ nigin, wie Joſeph ſie ſonſt geſehen, nicht die Dame in dem ungeheuren Reifrock, über welchem die goldgeſtickten, langſchleppigen Sammetge⸗ wänder niederrauſchten, nicht die Königin der Mode, auf deren Haupt die phantaſtiſche Friſur Léonards ſich erhob, und deren Wangen hoch⸗ roth geſchminkt waren, ſondern eine junge Frau voll Jugend, Anmuth und Schönheit, angethan mit einem weiten, geſtickten Faltenkleide von indiſchen Mouſſelin, das nur loſe durch einen Gürtel von Lilaband zu⸗ ſammengefaßt war, ihr ſchönes Angeſicht ungeſchminkt, die Wangen nur angehaucht von einem zarten roſigen Schimmer, das ſchöne, ungepuderte Haar in langen, ſchweren Locken niederfallend über ihre Schultern und ihren Nacken. Marie Antoinette ſchritt ihrem Bruder entgegen, und reichte ihm ihre beiden Hände dar. Ich wollte Sie genau ſo empfangen, wie ich hier zuweilen meine Freunde empfange, ſagte ſie mit einem traurigen Lächeln. Sie ſollten mich ſehen, ſo wie ich hier bin, hier in dieſem Aſyl, wo ich zuweilen vergeſſen darf, daß ich die Königin von Frank⸗ reich bin! Sie dürfen das niemals vergeſſen, meine Schweſter, ſagte Joſeph ernſt, und um Sie daran noch einmal zu mahnen, bat ich Sie um dieſe Zuſammenkunft.. Sie wollten mein Aſyl ſehen? fragte die Königin heftig. Man 6 158 hatte Ihnen davon erzählt, nicht wahr? Man hatte mich auch bei Ihnen verleumdet, wie man mich bei dem Könige, bei dem Volke, bei aller Welt verleumdet! Oh, ich weiß es ja, man will mich verhaßt machen, und man erzählt ſich, daß ich mir hier eine Art petite maison eingerichtet habe; man macht ſogar unzüchtige Lieder darüber, welche man auf dem Pont⸗neuf ſingt, und welche den Grafen von Provence weinen machen vor Lachen! Ja, meine Schweſter, ich habe alle Anklagen gehört, welche man gegen Sie ſchleudert, und Sie haben Recht, ich kam hieher, um Ihr Aſyl zu prüfen. Nun, Sie ſehen es jetzt, Joſeph. Dieſe beiden Zimmer, das iſt mein Aſyl! Dort jene Thür führt in die Zimmer der Prinzeſſin von Lamballe, und niemals bin ich hier ohne ſie. Aber Sie ſollten niemals hier ſein, rief Joſeph. Dieſe Zurückge⸗ zogenheit ziemt Ihnen nicht, und wehe Ihnen, wenn jemals ein Mann außer mir Sie in dieſen Zimmern aufſuchen dürfte. Das würde hei⸗ ßen, den ſchlimmen Gerüchten, welche Ihre Feinde über Sie verbreiten, eine Beſtätigung geben! Mein Gott, rief die Königin mit dem Ausdrucke wahren Entſetzens, was ſagt man denn von mir? Ich bitte, ich beſchwöre Sie darum, mein Bruder, ſagen Sie mir die Wahrheit! Was würde es nützen, meine Schweſter, Ihnen die albernen Mähr⸗ chen, die elenden Anekdoten zu wiederholen, welche Ihre Feinde über Sie verbreiten. Nicht dazu kam ich hieher, ſondern nur um Sie zu warnen, Antoinette! Es hängt ein Gewitter über dem Himmel Frank⸗ reichs, und wehe Ihnen, wenn es nicht vorüberzieht, denn es wird mit ſeinen Blitzen den König und Sie zerſchmettern! Ich fühle das, wie Sie, mein Bruder, und gerade deshalb, gerade um der Angſt zu entfliehen, welche mich in den vergoldeten Sälen, und unter dem Prunk meines Königthums zuweilen erfaßt, fliehe ich hieher in mein Aſyl, wo ich vergeſſe, daß ich die Königin bin, welche umgeben iſt von einem Hof, den ich nicht liebe, und der mich haßt und ver⸗ leumget; wo ich vergeſſe, daß ich die Gemahlin bin eines Königs, der mich flieht gleich allen Uebrigen, und mir niemals ein Zeichen ſeines Vertrauens, ſeines innerſten Verſtändniſſes gegeben hat! Hier, mein 159 ich auch bei Bruder, hier vergeſſe ich das Alles, hier lege ich den Prunk meines elen⸗ n Volke, bei den Glückes ab, hier ruh' ich aus, und umgeben von einigen wenigen nich verhaßt vertrauten Freunden, ſuche ich mir hier eine Stunde der Ruhe, des etite maison behaglichen Sichgehenlaſſens zu erhaſchen! Aber Sie dürfen das nicht, meine Schweſter! Sie dürfen niemals vergeſſen, daß Sie Königin von Frankreich ſind, und, verzeihen Sie es mir, Sie haben es zuweilen vergeſſen, Sie haben mit verwegener Hand einen Strich durch die Geſetze der Etiquette gezogen, welche die Königinnen von Frankreich ſeit Jahrhunderten ertragen haben! Mein Gott, rief die Königin mit einem ſpöttiſchen Lachen, das wollen Sie mir zum Vorwurf machen, Sie, welcher die Etiquette ſtets mit Spott verfolgt, und ſich ihr ſelber niemals unterwirft? Ich darf das thun, denn ich bin ein Mann, und Vieles iſt dem Manne erlaubt, was man der Frau niemals verzeihen wird! Ein Mann darf wohl unter der Maske die öffentlichen Opernbälle beſuchen, und wäre er immerhin ein König oder Kaiſer. Aber eine Frau, eine Kö⸗ nigin darf das nicht, und verzeihen Sie, Sie haben es gethan. Ich that es mit Einwilligung des Königs, ſagte ſie raſch, und Entſetzens, niemals war ich auf einem Opernball ohne meine Ehrendanmen, und d drum ohne die Prinzen! Sie da Ein Mann, und ſei er auch der größte Fürſt, darf auch im Fiacre fahren, aber eine Königin nicht, und, meine Schweſter, Sie haben auch über, welche on Provence welche man er, um Ihr mer, das iſt inzeſſin von ſe Zurückge⸗ z ein Mann wünde hei⸗ e verbreiten, ernen Mühr ddas gethan! Feinde 1 Es war ein Zufall, mein Bruder! Ich wollte mit der Herzogin unt Si 3 von Duras auf den Opernball fahren, unſer Wagen brach, und Louis uniel Fenn mußte uns einen Fiacre holen, damit wir weiter fahren konnten.*) es wird m Ein Mann, ein König oder Kaiſer, darf ſich auch wohl im Ueber muthe der Jugend erlauben, ſolche leichtfertige und kindiſche Spiele, halb, gerade wie Colin⸗Maillard, und dies berüchtigte Descamptivados, dies verliebte Säle, und Verſteckſpiel, mit ſeinem Hofe zu treiben, aber wenn eine Königin das eich hiehe thut, ſo vergiebt ſie dadurch ihrer eigenen Würde und erlaubt ihrem he umgeben Hof eine Vertraulichkeit, die eines Tages in Mißachtung umſchlagen t und 1. kann. Und dennoch, meine Schweſter, haben Sie dieſe Spiele geſpielt, Königs, *) Campan, I, p. 165. 160 nicht einmal, ſondern oft, haben ſie nicht bloß in Ihren Gemächern geſpielt, ſondern ſogar in den Häuſern Ihrer Freunde in ſpäter Abend⸗ zeit, während der König, Ihr Gemahl, längſt ſchon zur Ruhe ge⸗ gangen war. Der König geht ſtets ſo früh zu Bett, ſagte Marie Antoinette verlegen. Und doch geht er Ihnen noch nicht früh genug zu Bett, wenn Sie zu einer Soirée bei irgend einem Ihrer Freunde gehen wollen. Eines Abends, als Sie mit Ihren Damen zum Herzoge von Duras gehen wollten, und nicht warten mochten, bis der König Sie wie ge⸗ wöhnlich um elf Uhr verlaſſen hatte, haben Sie ſelbſt geſchickter Weiſe Ihre Pendule um eine halbe Stunde vorgerückt. Der König ließ ſich täuſchen, und im Wahne, die Stunde des Zubettgehens ſei gekommen, verließ er Sie, und ging in ſeine Gemächer, wo er indeß Niemand fand, um ihn auszukleiden.*) Ganz Paris hat damals gelacht über dieſen muthwilligen Streich der Königin. Können Sie ihn ableugnen, meine Schweſter? Ich verleugne niemals die Wahrheit, ſagte Marie Antoinette ſtolz. Aber ich bin erſtaunt, mein Bruder, mit welchem Behagen Sie den kleinſten und unſchuldigſten Begebenheiten meines Privatlebens nachgeſpürt haben. z Eine Königin hat kein Privatleben, kein Kabinet, wo ſie unbemerkt iſt, keine Freundin, der ſie vertrauen darf. Ihr Leben gehört der Oeffentlichkeit und dem Volk an, und wehe ihr, wenn ſie auch nur über Einen Tag, oder Eine Stunde ihres Lebens einen verhüllenden Schleier decken möchte. Der erſte beſte Kammerdiener oder Lakay kann ihn weg⸗ ziehen, kann über die Königin Gerüchte verbreiten, kann das Unſchul⸗ dige zu einem Verbrechen ſtempeln! Mein Gott, rief die Königin, Sie reden zu mir mit einer Feier⸗ lichkeit, mein Bruder, als wäre ich eine Angeklagte und ſtände hier vor meinem Richter! Sie ſind eine Angeklagte, meine arme Schweſter! Die öffentliche Meinung klagt Sie an, und das iſt oft noch ſchlimmer, als die Anklage *) Campan, 1 29. Gemächern er Abend⸗ Ruhe ge⸗ Antoinette ett, wenn en wollen. on Duras te wie ge⸗ kter Weiſe Fließ ſich ekommen, Niemand acht über anbleugnen, Antoinette Sje hagen Sie ivatlebens unbemerkt ehört der nur über Solleier ihn weg⸗ Unſchul⸗ er Feiel⸗ ände hier zffenlihe je Aullage 161 vor Gericht! Von dieſer kann man ſich reinigen, und ſeine Unſchuld be⸗ weiſen, aber gegen jene giebt es keine Waffen; die öffentliche Meinung richtet ohne zu prüfen, und verdammt oft, ohne gerecht zu ſein. Dies iſt Ihr Fall, meine Schweſter, und darum bin ich zu Ihnen gekom⸗ men, nicht, wie Sie ſagen, als Ihr Richter, ſondern als Ihr zärtlicher und treuer Freund, welcher zittert für Ihre Zukunft, für Ihren Frie⸗ den, als Ihr Bruder, welcher zu Ihnen ſprechen darf im Namen un⸗ ſerer gemeinſchaftlichen Mutter! Im Namen der edlen und hochherzi⸗ gen Maria Thereſia beſchwöre ich Sie, meine Schweſter, ſeien Sie vorſichtig und beſonnen, geben Sie Ihren Feinden keine Gelegenheit über Sie böſe Gedanken zu verbreiten! Entwaffnen Sie die Verleum⸗ dung, welche im Dunkeln ſchleicht, indem Sie immer Sorge tragen, im vollen Lichte der Wahrheit dahin zu wandeln. Nehmen Sie die Laſt Ihrer Krone mit heiterer Stirn und einem ſtolzen Herzen auf Sich, und wenn ſie Ihnen zu ſchwer deucht, ſo denken Sie, daß Sie eine Königin ſind, nicht um glücklich zu ſein, ſondern um glücklich zu machen, um ein ganzes Volk, welches auf Sie hofft, welches Ihnen entgegen jauchzt, und jetzt noch nicht den Verleumdungen Ihrer Feinde glaubt, um ein Volk, welches Sie liebt, glücklich zu machen! Geben Sie dieſem Volk Ihr Herz, Marie Antoinette, entſagen Sie allen egoiſtiſchen Wünſchen, allem perſönlichen Glück, und eines Tages, wenn Sie Ihre Feinde beſiegt haben— durch Ihre Tugend, wenn Sie glänzend und herrlich daſtehen, geſegnet von einem glücklichen Volk— eines Tages wird die Königin Marie Antoinette alsdann gleich mir, gleich allen Fürſten ſagen: Man kann glücklich ſein, auch ohne Glück! Nein, mein Bruder, ſagte die Königin ſanft, und zwei große Thrä⸗ nen rollten über ihre Wangen nieder, nein, eine Frau kann nicht glück⸗ lich ſein ohne Glück! Ihr Herz bedarf des Glückes, um glücklich machen zu können. Und mein Herz iſt einſam, mein Bruder. Es ſehnt ſich nach Liebe, nach Verſtändniß, es möchte ſich hingeben in Demuth und Gehorſam, hingeben an den Gemahl, den das Schickſal an meine Seite geſtellt hat, und den ich liebe! Ja, mein Bruder, ich ſage es Ihnen aus der Fülle meiner Seele, und ich ſage es ohne zu erröthen, ich liebe den König, mein Herz gehört ihm, obwohl er es verſtoßen und verwor⸗ Kaiſer Joſeph. 2. Abth. IV. 11 162 fen hat. Ich ſchmachte nach ſeiner Gegenliebe, denn dann erſt werde ich mich fühlen als Königin! Alles, was ich thue, und was Sie, viel⸗ leicht mit Recht tadeln, alles dies geſchieht ja nur, um mein armes, krankes Herz zu betäuben. Ich ſtürze mich in Zerſtreuung, ich ſuche mein Herz anzuklammern an eine Freundin, um mich nur täuſchen zu können über meine troſtloſe Einſamkeit. Oh, glauben Sie mir, mein Bruder, Alles würde beſſer ſein, Alles wäre gut, wenn mich der Kö⸗ nig lieben könnte! Alsdann, Marie Antoinette, wird Alles gut werden, rief eine helle Stimme hinter ihr, und als die Königin mit einem lauten Schrei ſich umwandte, ſah ſie da, in der geöffneten Thür, welche zu den Zimmern der Prinzeſſin Lamballe führte, den König, ihren Gemahl. Ich war da, und ich hörte Alles! ſagte der König, indem er die Thüre hinter ſich zudrückte, und zu den Beiden hinſchritt. Mit einem ſchönen und heitern Lächeln, wie er es ihm lange nicht gezeigt, reichte er dem Kaiſer die Hand dar; Verzeihung, mein Bruder, daß ich wider Ihren Willen hieher komme. Aber laſſen Sie mich auch meinen Theil haben an dieſer ſchönen Stunde! Da unten in unſern vergoldeten Sälen hat der König von Ihnen Abſchied genommen, hier oben will Ihnen der Bruder den letzten Scheidekuß geben. Der Bruder! ſagte Joſeph düſter. Sie ſagten, Sire, Sie hätten Alles gehört. Nun wohl, alsdann haben Sie auch gehört, wie meine Schweſter Marie Antoinette klagt und trauert über ihre Einſamkeit und Verlaſſenheit. Wenn Sie meine Schweſter nicht lieben und ihr kein Glück bereiten, ſo dürfen Sie Sich nicht meinen Bruder nennen, denn ſie allein iſt das Band, welches uns Beide verbindet. O ſehen Sie ſie an, Sire, ſehen Sie dieſes ſchöne, unſchuldige, junge Weib mit dem von Thränen bethaueten Angeſicht. Was that ſie Ihnen, daß Sie ſie nicht lieben können? Sie iſt reinen Herzens, und keine Schuld haftet an ihr. Ich ſage Ihnen das, ich, welcher mit ängſtlicher Ge⸗ nauigkeit, wie ein bezahlter Spion, ihrem Leben nachgeſpürt hat. Hätte ich ſie ſchuldig gefunden, bei Gott, ich wäre der Erſte geweſen, der ſie angeklagt und verurtheilt hätte. Aber Marie Antoinette iſt unſchuldig, und was ſie gefehlt hat, in Leichtſinn, das haben Sie allein verſchuldet, Sire. Ihre Pflicht war es, das unerfahrene junge Weſen, das Ihnen werde , viel⸗ armes, ſuche chen zu , mein der Kö⸗ n helle rei ſich immern er die einem reichte ) wider n Theil poldeten en will hätten meine amleit ud ihr nennen, ſehen eib mit aß Sie Schuld er Ge⸗ hütte der ſit chubdg ſhulde⸗ G Ihnen 163 vertrauete, zu leiten und ſie zu warnen, wo es Noth that! Was hat Antoinette verſchuldet, daß Sie ſie von Sich ſtoßen? Fragen Sie lieber, mein Bruder, was ich verſchuldet habe, daß man mich von ihr ſo fern hielt? fragte Ludwig ſanft. Fragen Sie die Menſchen, welche ewig mein Ohr vergifteten mit ihrem Argwohn und ihren Verleumdungen, was ich ihnen gethan habe, daß ſie mich des einzigen Glückes berauben konnten, welches einen König für die Laſt und Qual ſeines Standes entſchädigen kann, des Glückes, an ſeiner Seite eine Gattin zu haben, welche Eins iſt mit ihm in Liebe und Treue!— Wollen wir in dieſer Stunde des Verſtändiſſes Niemand anklagen! Nur Eins ſage ich Ihnen: man hatte es erſpäht, daß Sie hier mit der Königin eine letzte Zuſammenkunft haben wollten, und man ſagte mir, daß der Kaiſer von Oeſterreich dieſe Zuſammenkunft benutzen werde, um Marie Antoinette vergeſſen zu machen, daß ſie Königin von Frankreich ſei, und ſie nur daran zu erinnern, daß ſie die Tochter Maria Thereſia's ſei, und ihren Befehlen gehorchen müſſe. Ich faßte einen raſchen Entſchluß, ich wollte Zeuge ſein Ihrer Unter⸗ redung, und ich danke es meinem Geſchicke, daß ich es ward. Von heute an, Herr Graf, werde ich keinen Verleumdungen mehr glauben, und wie verſchieden auch unſere Wege ſeien, und wie ſehr ſie ausein⸗ 2 ander gehen mögen, in meinem Herzen werde ich Ihnen immer ange⸗ 1 hören in treueſter und vertrauensvollſter Geſinnung! Und immer werden Sie bei mir dieſelbe treue Geſinnung finden, ſagte Joſeph ernſt, vorausgeſetzt, daß Sie meine Schweſter glücklich machen! Der König wandte ſich mit einem ſanften Lächeln zu Marie An⸗ toinette hin, welche, ganz überwältigt von Rührung, auf einen Stuhl 5. 3— niedergeſunken war, und ſtill weinte. er/ ./ Ludwig ſchritt zu ihr hin, und ihre Hände, welche in ihrem Schooße ruhten, ſanft ergreifend, und ſie an ſeine Lippen drückend, ſagte er leiſe: Antoinette, Sie ſagten, daß ich Sie nicht liebe! Sie haben alſo nicht in mein Herz geſchaut, Sie haben nicht geſehen, daß ich Sie grenzen · los liebe, daß ich vor Ihnen zurückbebte, weil man mir geſagt, d Sie— doch nein, wozu jetzt der Verleumdungen gedenken, welche un einander fern gehalten, jetzt, wo Sie es wiſſen ſollen, daß ich Sie 11* *† 164 ausſprechlich liebe, daß ich Sie ewig lieben werde! Antoinette, wollen Sie mein Herz annehmen? Wollen Sie mein Weib ſein? Er breitete ihr ſeine Arme entgegen, und ſchaute ſie an mit einem ſtrahlenden Liebesblick. Die Königin ſah dieſen Blick und mit einem Schrei des Entzückens ſprang ſie empor und warf ſich an des Königs Bruſt. Er umſchlang ſie feſt mit ſeinen beiden Armen, und zum erſten Male brannten ſeine Lippen in einem glühenden Kuß der Liebe auf den ihren. Meine Geliebte, mein Weib, flüſterte der König leiſe. Dich werde ich lieben, ſo lange ich lebe, und keine Gewalt der Erde ſoll Dich von meiner Seite trennen! Marie Antoinette erwiederte nichts. Sie ſchlang nur Ihre beiden Arme um des Königs Hals, und ihr Haupt an ſeine Bruſt legend, weinte ſie vor ſeliger Luſt. Der König neigte ſich über ſie und küßte ihr duftiges Haar, und auch in ſeinen Augen ſtanden Thränen. Mit einem flehenden Blicke wandte er ſich jetzt zu Joſeph hin, der ſtumm und lächelnd ihnen zugeſchaut hatte. Mein Bruder, ſagte der König ſanft, denn nicht wahr, jetzt darf ich Sie ſo nennen? Mein Bruder, vor ſieben Jahren haben die Prie⸗ ſter uns eingeſegnet, aber die Politik hatte unſere Ehe geſchloſſen. Heute ſind die ſieben ſchlimmen Jahre vorüber, und die guten ſollen beginnen. Heute vermählen wir uns zum zweitenmal, und diesmal iſt es die Liebe, welche unſere Ehe ſchließt. Geben Sie jetzt unſerm Bund Ihren Segen, mein Bruder, ſeien Sie der Prieſter, welcher ein glückliches Liebespaar vereinigt! Der Kaiſer trat zu ihnen hin, und ſein Weſen war gehoben und feierlich. Mit einer großen Würde legte er ſeine beiden Hände auf die Häupter des Königs und der Königin. Ich ſegne Euch, mein Bru⸗ der, meine Schweſter, ſagte er mit vor Rührung zitternder Stimme, ſegne Euch zu dem Bunde der Liebe und der heiligen Ehe. Tragt miteinander die guten und die böſen Stunden! Liebt Euch, vertragt Euch, und vergebt Euch! Nichts darf Euch hinfort ſcheiden, als der Tod allein! Möge auch die Liebe nicht eher von Euch ſcheiden, als bis der Tod Euch ſcheidet!— Und dies ſei mein Lebewohl! Bleibt ſo in ℳ dieſer Umarmung! Laßt mich dies ſchöne Bild mitnehmen nach Deutſch⸗ land, damit ich Maria Thereſia ſagen kann, daß ihre Tochter glücklich i*ſt, damit ich mit dieſem Bilde mich tröſten kann, wenn ich ſelber nicht glücklich bin. Bleibt ſo! Lebt wohl! Der Graf von Falkenſtein ver⸗ läßt Frankreich, denn Deutſchland bedarf ſeines Kaiſers! Druck von A. Bahn& Comp. in Berlin Schleuſe 4 danes Solour& Grey Soruroi Chart 2 Cyan Green vellow Hed Magenta Gen 1—