X Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Otkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Teih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Surückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für woochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———;— auf 1 Monat: 1 Nk. Pf. 1 Nk. 50 Pf. 2 N f 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 1⁴ — ⸗--- 2 ————— —--————--———jy-= Kaiſer Joſeph der Zweite ſein Bof. Von L. Mühlbach. Zweite Abtheilung: 4 Kaiſer Joſeph und Marie Antoinette. Sd Dritter Band.—=— Zweite Auflage. Berlin, 1857. Verlag von Otto Janke. 8 Kaiſer Zſeph und Marie Antoinette. Von L. Mühlbach. — ) O&☛/ B 6 7 b S Dritter Band.—= Zweite Auflage. Berlin, 1857. Verlag von Otto JSankte. Herzenskämpfe. Die Trauung... Der Fürſt Louis von Rohan. Das Feſt der Uebernahme Polens Das letzte Lebewohl. Das Concert Die Kataſtrophe Le roi est mort, vive le roi Die beiden Memoires Frankreich und Oeſterreich Die Miniſterliſte. Das erſte Spottgedicht.. Die neuen Moden Die Etiquette und der Frifeur Die neuen Moden und ihre ecbeide Jule. Der Sonnenaufgang. Folgen des Sonnenaufgangs Inhalt des dritten Bandes. (Kaiſer Joſeph und Marie Antoinette.) . . 105 116 122 130 136 143 148 162 Viertes Buch. — IJ. 1. * 4* Herzenskämpfe. Die acht Tage Friſt, welche die Kaiſerin der Comteſſe Starhemberg gegeben, waren verfloſſen, und am Morgen des achten ſollte die junge Gräfin ſich entſcheiden, ob ſie den ihr von der Kaiſerin beſtimmten Gemahl annehmen, oder als Nonne in ein Kloſter gehen wolle. Die Gräfin hatte dieſe acht Tage in einer ſeltſamen, fieberhaften Aufregung zugebracht, und ſowohl ihr Oheim als die ganze Diener⸗ ſchaft des Hauſes hatten viel von ihren Launen zu leiden gehabt, und in heimlicher Angſt und Sorge viel um ſie gelitten. Sie wird ſich das Leben nehmen, flüſterten die Diener unterein⸗ ander, wenn ſie die Gräfin mit jedem Morgen bleicher aus ihren Ge⸗ mächern hervortreten ſahen, um ſtumm an ihnen vorüberſchreitend hin⸗ abzugehen in den Hof, dort das wildeſte und unbändigſte ihrer Pferde zu beſteigen, und von ihren beiden Dienern begleitet von dannen zu reiten. Wenn ſie dann nach vielen Stunden heimkehrte, ſo wußten die beiden Diener viel zu erzählen von dem wilden Ritt der Gräfin, wie ſie im Augarten im raſendſten Galopp durch die Alleen dahin gebrauſt, ſo daß die Diener ihr kaum zu folgen vermocht, wie ſie dann wieder auf einmal ihr Pferd angehalten, und ganz unbeweglich und ſtarr, das Haupt vornüber geneigt an den Hals ihres Pferdes, ſtundenlang auf derſelben Stelle verweilte. Einer der Diener wollte behaupten, ſie habe vor Ermattung geſchlafen, der andere verſicherte, er habe geſehen, daß die Gräfin bitterlich geweint habe. Und der allerunangenehmſte und ärgerlichſte Umſtand in dieſen Erzählungen der Diener war es für den alten Grafen Starhemberg, daß unglücklicherweiſe ſeine Nichte dieſen Aaiſer Joſeph. 2. Abth. III. 1 8“ r —. ſeltſamen Reverien gerade an ſolchen Stellen des Augartens ſich hin— gegeben, wo ſie nicht unbemerkt geblieben. Denn drei Mal war, wie die Diener erzählten, der Kaiſer Joſeph allein, und wie er es pflegte nur von einem einzigen Jockey begleitet, die einſame Allee iater ihr heraufgeritten gekommen. Aber die Gräfin hatte ihn nicht emerkt, bis der Kaiſer dicht bei ihr war, bis er mit lauter Stim n Na⸗ men rief und ſie begrüßte. Die beiden erſten Male, wie dies geſchah, hatte die Gräfin einen Schrei des Entſetzens ausgeſtoßen, und ſich flüch tig vor dem Kaiſer verneigend, hatte ſie ihrem Pferd die Sporen in die Seiten gedrückt und war mit wildem Ruf von dannen geſprengt. 4 Aber das dritte Mal hatte der Kaiſer, welcher ſie von ferne ge wahrte, und ſah, daß ſie, das Haupt vornüber geneigt, das Antlitz ganz begraben in den dichten Mähnen ihres Arabers, ſein Kommen gar nicht gewahrte, einen Seitenweg eingeſchlagen, welcher dicht neben dem Platz ausmündete, wo die junge Gräfin hielt. So war er, aus dieſem Seitenweg hervorkommend, plötzlich an ihrer Seite geweſen. Die Grä⸗ fin hatte wieder, wie die beiden erſten Male, von dannen ſprengen wollen, aber der Kaiſer war dem zuvorgekommen, indem er mit einem raſchen Griff die Zügel ihres Pferdes angehalten, und es zum Stehen gezwungen hatte. Nun hatte die Gräfin einen ſo wilden, drohenden Schrei ausge⸗ ſtoßen, daß die Diener erzählten, ſie hätten gefühlt wie ſie ſelber vor Schrecken erblaßten, und gedacht, der Herr Kaiſer müßte nun ſehr böſe werden über den reſpectwidrigen Schrei. Aber der Kaiſer hatte gelacht, und mit lauter freundlicher Stimme hatte er geſagt: Jetzt ſind Sie meine Gefangene, Gräfin, und nicht eher gebe ich die ſchön nazone frei, bis ſie mir ſagt, weshalb ſie mich ſo hartnäckig flieht, und weshalb man ſie überhaupt niemals mehr bei Hofe ſieht? Bei dieſen Worten des Kaiſers war die Gräfin ſo bleich gewor⸗ den, daß die Diener vermeint hatten, ſie würde ſterben, und daß der Kaiſer ganz angſtvoll gefragt hatte: Aber mein Gott, Comteſſe, was fehlt Ihnen, Sie werden ohnmächtig werden? Da war die Gräfin plötzlich in ein lautes Lachen ausgebrochen, und mit einem gewaltigen Ruck ihr Pferd von der Hand des Kaiſers losmachend, war ſie vorwärts geſprengt. Aber der Kaiſer hatte ſeine * ſich hin ar wie pflegte er ihr emerkt, in Na geſchah, 1 flüch voren in n ſprengt ferne ge 4s Antlit umen gar eben dem us dieſem Die Gra ſprengen mit einem un Skehen rei gusge⸗ ſelbet vor un ſehe böſe hatt geahl tt ſid Sie meſeehab und eshalb leich gewor und daß del zmteſſe, was en, iagebro 16 Kai ers ſ 5 des Kaſft.. halte m es geſehen, und ganz erſchrocken den Zügel ihres Pferdes l Pferd die Sporen in die Seiten gedrückt und war ihr nachgeeilt. Nun war ein wildes Jagen, ein raſendes Wettrennen gefolgt. Mit lautem „Ruf hatte die Gräfin ihr Pferd angetrieben, zornig hatte ſie es geſchla⸗ gen m nnr Reitgerte, daß das Pferd ſich hochaufbäumte, und da war der Ka jeder an ihrer Seite geweſen, und den Moment benutzend, hatte e rmals ihr Pferd beim Zügel ergriffen. zweiten Mal gefangen! hatte er mit einem fröhlichen Lachen gerufen. Da hatte die Comteſſe ihn angeſchaut mit böſen, blitzenden Au⸗ gen. Weshalb lachen Eure Majeſtät? hatte ſie gefragt. Weil ich finde, daß wir da eine allerliebſte komiſche Scene aufge⸗ führt haben, hatte der Kaiſer geantwortet. Aber ſchauen Sie mich nicht ſo zornig an, Comteſſe, ich fürchte mich doch nicht vor Ihren ſchönen Augen. Sie müſſen mir Rede ſtehen, und ich laſſe Sie nicht frei, be⸗ vor Sie mir nicht meine Frage beantworten: weshalb fliehen Sie mich ſo hartnäckig, und weshalb ſieht man Sie nie bei Hofe? Jetzt war das bleiche Geſicht der Gräfin purpurroth geworden, und wie ſie dann geſprochen, war ihre Stimme ſo ſanft und weich ge⸗ weſen, wie die ſchönſte Muſik. Sire, hatte ſie geſagt, Sire, Sie fragen, weshalb ich nicht mehr bei Hofe erſcheine? Weil ich mich arm, unglücklich und elend fühle, weil ich weiß, daß ich mit meinem ganzen Weſen nicht paſſe in dieſe glänzenden, lächelnden, heitern Kreiſe, und endlich, weil ich weiß, daß mich Niemand dort vermißt. Sie fragen, weshalb ich Ew. Majeſtät fliehe? Sire, ich frage Sie: wenn Jemand traurig und einſam in dunkler Macht dahin ſchleicht, kann man von Dem ſagen, daß er die Sonne flieht? Sie erwiedern meine Frage mit einer Frage, hatte der Kaiſer ge⸗ ſagt, Sie weichen mir aus, aber Sie antworten mir nicht. Ich weiß keine Antwort, hatte ſie gerufen, und ich beſchwöre Sie, Majeſtät, laſſen Sie mein Pferd jetzt los, wenn Ew. Majeſtät nicht wollen, daß ich todt zu Ihren Füßen niederſtürzen ſoll.— Und wie ſie ſo geſprochen, war ſie bleich geweſen, wie eine Leiche, und ihre ganze Geſtalt hatte gezittert und gebebt. Der Kaiſer hatte oslaſſend, 12 hatte er ſich tief vor ihr verneigt, und ſchweigend ſein Pferd umwen⸗ dend, war er von dannen geritten. Nun hatte auch die Gräfin den Heimweg eingeſchlagen, und ganz langſam, im Schritt reitend, war ſie in das Hötel zurückgekehrt.—— Ein Glück war es für den alten Grafen, daß die Diener, welche die Gräfin begleitet hatten, ſo verſtändige und klu ute wa⸗ ren, und ſo gut ihre Berichte abſtatteten. Denn von ſeiner ſelbſt hätte Graf Starhemberg nichts erfahren; mit keinem Work hatte ſie dieſer dreimaligen Begegnung mit dem Kaiſer erwähnt, ja, ſie ſprach überhaupt kein Wort, und nicht einmal hatte ihr Oheim, ſeit jenem unglückſeligen Tage, wo der Heirathsantrag des Grafen Eſterhazy und das Billet der Kaiſerin gekommen, Gelegenheit gefunden, ſich mit ſeiner Nichte zu beſprechen. Die Wahrheit zu ſagen, hatte er dieſe Gelegenheit auch gar nicht geſucht, denn die blitzenden, wilden Augen der Comteſſe, und ihre bleichen Wangen flößten ihm Schrecken ein, und er war es ganz zufrieden, daß ſeine Nichte, wie ſie es wünſchte, ſelbſt ihr Diner nicht mit ihm theilte, ſondern ſich auf ihrem Zimmer ſerviren ließ. „Aber die Speiſen, welche man für ſie auftrug, kamen immer un⸗ berührt wieder aus ihrem Zimmer. Die Comteſſe ſchien gar keiner Nahxung mehr zu bedürfen, und auch keines Schlafs, denn die ganzen Nächte hindurch war ſie wach. Stundenlang hörte der alte Graf, welcher die Zimmer unter den ihren bewohnte, ſie da oben auf und niedergehen, bald langſam, dann wieder ſo raſch und wild, als wieder⸗ hole ſie da oben mit ſich ſelber das Wettrennen, das ſie im Augarten mit dem Kaiſer gehabt. Dann wieder muſicirte ſie ſtundenlang, und obwohl ihr Oheim wußte, daß ſie eine außerordentliche chiseren eine hochgebildete Sängerin ſei, hatte er doch nicht geahnt, welch eine große Künſtlerin ſie ſei. Es lag eine wunderbare, magiſche Gewalt in der Muſik, welche ſie ſo in der Stille der Nacht, unter dem Schweigen der Welt, ihrem Inſtrument entlockte, und allnächtlich übte ſie auf den alten Grafen dieſelbe Macht aus. Wie von dieſer Muſik gelockt und gerufen, verließ er ſeine Gemächer, ſchlich er, mit dem brennenden Licht in der Hand, die breite Treppe hinauf, und trat leiſe auf den Zehen in das Vorzimmer ſeiner Nichte. Dann ſetzte er ſich nieder auf den Lehnſeſſel, der da dicht neben der Thür ſtand, hinter welcher ſeine 1 — 5 Nichte weilte, und mit wahrer Andacht, mit tiefem Entzücken lauſchte er auf dieſe Muſik, welche ihm alle Leiden und Qualen, alle Entzückungen und Wonnen eines Menſchenherzens zu verrathen ſchien. Wie dieſe Töne klaagten und weinten, welch eine tiefe, leidenſchaftliche Seele in dieſer nhue Stimme ſich verrieth! Das war nicht mehr ſeine Nichte, wilde Comteſſe Starhemberg, das war ein junges Mädchen voll tiefen, leidenſchaftlichen Gefühls, ein junges Mädchen voll Schüch⸗ ternheit und Gluth, voll Unſchuld und Liebe! Oft unterbrach ſie ſich mitten in ihrem Geſang, und es ſchien dann, als ob Schluchzen ihre Stimme erſtickte, als ob der Schmerz ſie übermannte, und ihre Muſik ſich auflöſte in Thränen.— So war es allnächtlich geweſen, aber nie hatte der alte Graf ſeine Nichte ſo, wundervoll ſingen, ſo leidenſchaftlich klagen und weinen gehört, als in der Nacht, welche ihrem dritten Abenteuer mit dem Kaiſer gefolgt war, in dieſer Nacht, die dem Tage vorherging, an welchem Leonore ihren Entſchluß faſſen ſollte. Und wie er ſie ſo laut weinen hörte, hatte die Liebe und das Mitleid ſelbſt ſeine Scheu vor der Heftigkeit ſeiner Nichte überwunden, und ohne weiter zu überlegen, nur ſeinem Herzen folgend, öffnete er die Thür und trat ein. Leonore bemerkte ihn gar nicht. Sie war von ihrem Stuhl am Clavier zur Erde niedergeſunken, und das Haupt tief auf ihre Bruſt geneigt, die gefaltenen Hände hoch emporgehoben zum Himmel, weinte und ſchluchzte ſie laut. Das weiße Nachtgewand war von ihren Schul⸗ tern herabgeglitten, das lange aufgelöſte Haar fiel über die knieende Geſtalt wie ein dunkler Trauerſchleier nieder. Als der Graf mit zärtlichem Ton ihren Namen rief, blickte ſie auf; der Schein der Kerzen, welche am Clavier ſtanden, fiel gerade auf ihr Antlitz, über welches die Thränen wie lichte Perlen niederrollten. Das Kommen des Grafen ſchien ſie gar nicht zu überraſchen und zu erzürnen, ſie hob die Augen mit einem unbeſchreiblich rührenden Aus⸗ druck zu ihm empor, und ſagte leiſe und wehmüthig: Sieh, mein Oheim, was die Kaiſerin aus mir gemacht hat! Der Graf neigte ſich zu ihr nieder, und zog ſie ſanft empor in ſeine Arme; willenlos wie ein Kind ließ ſie ſich aufrichten, und lehnte 6 matt ihr Haupt an ihres Oheims Schulter. Dann auf einmal ſchien ſie wie aus einem Traum zu erwachen, ein Zittern durchflog ihre ganze Geſtalt, ſich heftig aufrichtend legte ſie ihre beiden Hände auf die Schul⸗ tern des Grafen und ſah ihm feſt in's Geſicht. Oheim, ſagte ſie haſtig, iſt es unabänderlich? Muß ich Rein Herz beugen, und meinen Willen brechen laſſen? Muß ich, wie eine Selavin, einem fremden Willen gehorchen? Der alte Graf ſeufzte tief auf. Ich fürchte, mein armes Kind, daß Du es mußt, ſagte er. Ich habe gethan, was in meinen Kräften ſtand, aber es iſt Alles vergeblich geweſen. Was haſt Du gethan? fragte ſie haſtig. Ich habe mich zuerſt noch einmal mit dem Grafen Eſterhazy be⸗ ſprochen, aber der behauptet, von Deiner Schönheit und Deinem ab⸗ ſonderlichen Weſen bezaubert zu ſein, und nicht blos dem Befehl der Kaiſerin, ſondern den glühenden Wünſchen ſeines Herzens zu folgen, indem er um Dich wirbt. Ich verſuchte alſo mein Heil am Hofe ſel— ber. Allein ich fand Niemand geneigt, mir beizuſtehen, denn die Kai— ſerin iſt noch immer ſehr verſtimmt und mißmuthig über die unglück⸗ liche Aufhebung der Jeſuiten, und Niemand wollte es unternehmen, der Kaiſerin in ihrer Lieblingsangelegenheit, in der Heirathsmacherei, ent⸗ gegen zu treten. So unternahm ich denn, was Keiner wagen wollte, ich ging zur Kaiſerin ſelber, und beſchwor ſie, Dich frei zu geben, und Dich zu erlöſen von der traurigen Alternative zwiſchen dem Kloſter und der Heirath. Allein ich fand die Kaiſerin ganz unbeugſam. Sie heirathet den guten Grafen, oder ſie geht in's Kloſter! Das war Alles, was ſie mir auf mein eindringliches Flehen erwiederte. Ich ſagte ihr, Deine Vermählung würde mein Tod ſein, denn ich würde die rennung von Dir nicht ertragen können, darauf antwortete ſie mir: der Eſter⸗ hazy iſt ein gar gefälliger, lieber Menſch. Er wird gewiß einwilligen, wenn Er ihn bittet, mit ſeiner jungen Frau bei Ihm in Seinem Hötel zu wohnen. Ich wagte zu ſagen, der Charakter des Grafen paſſe nicht zu dem Deinen, worauf ſie erwiederte: gerade darum gebe ich ſie ihm, damit er ſie ſanft mache und ihren ſtörriſchen Sinn breche. Ihr ungebändigt Herz ſoll einen Herrn annehmen, entweder Gott oder einen Gemahl!— Und als ſie mich entließ, befahl ſie mir Dir zu 7 ſagen, daß ſie morgen Alles in der Kammerkapelle herrichten laſſen würde, daß ſie Dir ſelber die Ehre erzeigen wolle, Deine Brautmutter zu ſein und Dich Deinem Gemahl zu übergeben, daß aber, wenn Du Dich weigerteſt, der kaiſerliche Staatswagen, den ſie ſenden würde, um Dich abzuholen, Dich ſogleich ſtatt in die Burg, in das Kloſter Unſerer lieben Frauen fahren würde. g— Du ſiehſt alſo, all mein Flehen war vergeblich, die Kaiſerin giebt nicht nach. Und das war Alles, was Du thateſt, Oheim? fragte die Gräfin, ihre durchdringenden Blicke auf das Antlitz des Grafen geheftet. Ich verſuchte noch Etwas, ſagte der Graf leiſe und mit niederge⸗ ſchlagenen Augen. Ich ging zum Kaiſer und bat ihn um ſein Fürwort und ſeine Vermittelung. Und was antwortete er Dir, Oheim? fragte die Gräfin raſch, indem ſie ihre Hände feſter auf die Schultern des Grafen legte, als wollte ſie ſich auf ihn ſtützen, um nicht umzuſinken. Ich beſchwöre Dich, ſammle Deine Gedanken, Oheim, und wiederhole mir jedes Wort, das er geſprochen! Was erwiederte Dir der Kaiſer, als Du ihn bateſt, für mich bei der Kaiſerin ein Fürwort einzulegen? Ich will Dir genau ſeine Worte wiederholen. Der Kaiſer ſagte: „liebſter Graf, ich bedaure, Ihnen nicht dienen zu können, denn was die Heirathsangelegenheiten anbetrifft, ſo duldet darin die Kaiſerin durchaus keine Mitregentſchaft, ſondern hält ſehr feſt an ihrer Souve⸗ rainetät! Ueberdieß finde ich, daß die Comteſſe ſich gar nicht zu bekla⸗ gen hat, denn die Kaiſerin hat für ſie wirklich eine ſehr gute und paſ⸗ ſende Wahl getroffen. Der Graf Franz Eſterhazy iſt jung, hübſch, außerordentlich reich, ein Günſtling der Kaiſerin und von einer großen Sanftmuth und Herzensgüte. Sie ſollen ſehen, liebſter Graf, er wird da ein Wunder zu Stande bringen, er wird aus Ihrer Nichte eine ſanfte, gehorſame und liebevolle Frau machen, und ſie wird damit auf⸗ hören, den Grafen leidenſchaftlich zu lieben, denn der Haß eines jungen Mädchens gegen den ihr beſtimmten Gemahl iſt oft weiter nichts als cachirte Liebe.“ Das waren genau die Worte des Kaiſers, mein Kind. Ich drang nicht weiter in ihn, denn ich ſah ein, daß es vergeblich geweſen wäre. Leonore antwortete nicht. Sie hatte langſam ihre Hände von — A 1 8 den Schultern des Grafen niedergleiten laſſen, und ſtand da, das Haupt tief auf ihre Bruſt geneigt, die Arme ſchlaff an ihrer Geſtalt nieder⸗ hängend, eine ſchöne Statue der Troſtloſigkeit und der ſchmerzlichen Ermattung. Aber auf einmal richtete ſie ſich wieder ſtolz empor, und das Haupt zurückwerfend, ſagte ſie mit einem verächtlichen Lächeln: Er wird ſich diesmal getäuſcht haben, und das Prognoſticon, das er mir geſtellt, wird nicht eintreffen! Aber mein geliebtes Kind, ſagte der Graf, ich— Was beliebt? fragte ſie mit ſchneidender Kälte. Wollen Sie mir etwa auch prophezeihen, daß ich ſehr glücklich ſein werde mit dieſem „guten jungen Mann!“ Wollen Sie mir etwa auch beweiſen, daß ich ein beneidenswerthes Geſchöpf bin? Wollen Sie— Aber mein Kind, rief ihr Oheim bittend, Du ereiferſt Dich in der That ohne Grund. Ich wollte von dem Allen nichts ſagen! Nein, Sie wollten mir nur einfach Ihren Glückwunſch darbringen zu der morgenden Feier, rief ſie hohnlachend. Aber ſagen Sie doch, Herr Oheim, ſind denn alle Vorbereitungen getroffen? Haben Sie ein glänzendes Feſt arrangirt, haben Sie die Räume dieſes ſtillen, ver⸗ drießlichen, alten Hauſes benachrichtigt, daß morgen ein glückſtrahlendes junges Liebespaar in dieſelben einziehen wird, und daß ſie daher ſich ſchmücken müſſen mit Blumen und Guirlanden, um uns würdig zu empfangen? Haben Sie geſorgt für ein glänzendes Brautkleid und einen ſchönen Schleier, der mein bräutliches Erröthen zu verbergen verſteht, haben Sie mir auch einen ſchönen Brautſchmuck gekauft, recht ſchöne goldene Ketten, damit ich ſie immer recht metallhell klingen höre die Ketten, welche die Frau Kaiſerin in ihrer Güte und Barmherzigkeit mir auferlegt? Und endlich, und vor allen Dingen, haben Sie auch für einen recht vollen, ſchönen Myrtenkranz geſorgt, der meine bräut⸗ liche Stirn zieren ſoll, auf daß— Oh, ich bin das unglückſeligſte, be⸗ klagenswertheſte Geſchöpf, unterbrach ſie ſich plötzlich mit einem lauten Aufſchrei, und ihre beiden Hände vor ihr Antlitz ſchlagend, weinte und ſchluchzte ſie laut. Der Graf hielt es nicht für angemeſſen, es abzuwarten, bis die⸗ ſer Paroxysmus ihres Kummers vorübergegangen, er wagte auch nicht . f ihr zu ſagen, daß er wirklich alle dieſe Dinge, nach welchen ſie in dem Hohn ihres Schmerzes gefragt, bedacht und beſorgt habe, daß der Brautanzug und der Schmuck bereit und das Hochzeitsfeſt arrangirt ſei, ſondern er zog es vor, ſich leiſe von dannen zu ſchleichen, und ſeine arme Nichte, welcher er doch nicht zu helfen vermochte, allein zu laſſen. II. Die Trauung. Um elf Uhr ſollte die feierliche Ceremonie vor ſich gehen. Der große kaiſerliche Gallawagen, den die Kaiſerin geſandt hatte, um das Brautpaar abzuholen, war ſchon vorgefahren, hinter ihm ſtanden ſchon die vergoldeten Staatscaroſſen der Grafen Starhemberg und Eſterhazy. Die beiden Herren aber harrten noch immer vergeblich des Erſcheinens der Braut. Seit zwei Stunden war der Graf Eſterhazy ſchon in dem Hôtel, drei Mal hatte er ſeine Braut ſchon um eine Audienz erſuchen laſſen, aber immer vergeblich, denn immer hatte die Comteſſe erwie⸗ dern laſſen, ſie ſei noch mit ihrer Toilette beſchäftigt, und werde ihn rufen laſſen, ſobald dieſe vollendet ſei. Ich fürchte noch immer, ſie ſpielt uns einen böſen Streich und opponirt ſich der Kaiſerin, ſeufzte der alte Graf, angſtvoll nach der Thür ſeiner Nichte hinblickend.. Opponirt ſich der Kaiſerin? wiederholte Eſterhazy verwundert. Sie ſcherzen, theurer Graf! Die Comteſſe wird nicht wagen, wozu kein Mann den Muth finden würde. Ah mein junger Herr, meine Nichte hat vielleicht mehr Muth, als alle Männer! ſagte der Graf kopfſchüttelnd. Aber mein Gott, rief Eſterhazy, was habe ich denn verſchuldet, um ſo ſehr ihren Haß zu verdienen? Sie ſind ihr aufgedrängt worden, das iſt Alles! Meine Nichte ſſt eine jungfräuliche Amazone, welche den Gedanken nicht ertragen kann, ihre Freiheit, ihre Unſchuld und Schönheit hingeben zu follen * 10 entladen, wenn es tüchtig gedonnert und geblitzt hat, dann ſcheint die Sonne wieder und tauſend Blumen ſprießen auf, welche der Regen wach gerufen. Laſſen Sie es alſo immerhin ein wenig donnern und blitzen, und wehren Sie dem Regen ihrer Thränen nicht, ſondern denken Sie dabei an die ſchönen Blumen der Zukunft und haben Sie Geduld! —DObh gewiß, ich habe Geduld, ſagte Graf Eſterhazy lächelnd, es wird meiner ſchönen Gemahlin nicht gelingen, dieſelbe zu erſchöpfen! Ich— Eben öffnete ſich die Thür der Comteſſe, und die heraustretende Kammerfrau erſuchte den Grafen Eſterhazy, ſich zu ihrer Herrin 4 zu begeben. Der Graf nahm mit einem Händedruck und einem Lächeln Abſchied von dem alten Herrn, und eilte in das Zimmer der Comteſſe. Sie ſtand in der Mitte des Zimmers, als er eintrat, und ſo geblendet war er von ihrer ſtolzen Schönheit, daß er mit einem lauten Ausruf der Bewunderung an der Thür ſtehen blieb und ſtaunend zu ihr hinſchauete. Seit jenem Tage, wo er auf Befehl der Kaiſerin um ihre Hand ge⸗ worben, hatte er ſie nicht wieder geſehen und die Gräfin erſchien ihm heute noch ſchöner, noch reizender als damals. Wie wundervoll ihre an einen Mann und zwar auf Befehl! Hätte man ihrem ſtolzen Her⸗ ho zen Zeit gelaſſen, ſo würde ſie vielleicht von ſelbſt und mit Freuden lle gethan haben, was ſie jetzt nur gezwungen thut. ¹— ſp Sie glauben im Ernſt, lieber Graf, daß die Comteſſe mich lieben en könnte? fragte Graf Eſterhazy mit einem verſtohlenen Seitenblick auf b den großen Spiegel, der ihm ſeine eigene ſchlanke und zierliche Figur 9 und ſein hübſches, ſanftes Geſicht zeigte. ſc Ich bin davon überzeugt, betheuerte der alte Graf, und Se. Ma⸗' jeſtät der Kaiſer iſt derſelben Meinung. Sie werden dieſes ſtolze 1 jungfräuliche Herz doch zuletzt bezwingen, und dann wird es ſich Ihnen 4 8 in inniger und treuer Liebe hingeben. Faſſen Sie alſo Muth! Ha⸗ 4 ſi ben Sie Geduld mit den Launen eines jungen Mädchens, das heute ſ zum erſten Mal es lernen ſoll, ihren Willen einem andern Willen unterzuordnen, geben Sie ihren Launen nach, dulden Sie ihr Zürnen 1 und Grollen, das doch weiter nichts iſt, als die aufſteigende Wolke 4 5 eines Gewitters an einem heißen Sommertage. Wenn die Wolke ſich 1 11 hohe ſchlanke Geſtalt ſich ausnahm in dieſem ſchweren weißen Stoff⸗ kleid, das bis zu der ſchlanken zarten Taille beſetzt war mit Silber⸗ ſpitzen von unſchätzbarem Werth, und in einer langen weißen Schleppe endigte, die wie ein glänzender Schwan hinter ihr herrauſchte. Wie köſtlich das Collier von Diamanten funkelte, das ihren vollen weißen Hals umgab, und in einzelnen Zacken und Spitzen niederfiel auf die ſchönen Schultern und den von Silberſpitzen leicht verhüllten Buſen. Wie prächtig dieſes Diadem von Myrten, deren Blüthen aus Dia⸗ manten beſtanden, ſich ausnahm in dem tiefſchwarzen, nur leicht von Silberpuder angehauchten Haar, das einer hohen, ſtolzen Krone gleich ſich über der Stirn der Gräfin erhob, und von welchem ein langer ſilberdurchwirkter Schleier bis auf ihre Füße niederfiel, der, wenn ſie ſich bewegte, die ganze wunderholde Erſcheinung wie glitzernde, von der Sonne beſchienene Schneeflocken umrieſelte. Aber wie wenig paßte der Ausdruck ihres Antlitzes zu dieſer koſtbaren und feſtlichen Toilette! Ihre Wangen waren von einer durchſichtigen Bläſſe; die ſtolze Gräfin hatte es verſchmäht, der damaligen Mode gemäß, Schminke aufzulegen, und unter erborgter Röthe ihre Bläſſe verſchwinden zu laſſen. Um ihren kleinen Mund mit den leicht aufgeworfenen, purpurrothen Lippen ſpielte ein Lächeln der Verachtung, aus ihren großen ſchwarzen Augen ſprühete der Zorn in hellen Flammen auf. Sie ließ es ſich anfangs gefallen, daß der Graf, ganz geblendet von ihrem Anſchauen, noch immer ſtumm ihr gegenüber ſtand. Dann aber wandte ſie ſich mit einer ſtolzen Kopfbewegung ihm zu. Sie haben alſo wirklich den Muth gehabt, wiederzukommen, Herr Graf Franz Eſterhazy? ſagte ſie. Sie beben nicht zurück vor dem ungeheuren Frevel, den Sie begehen wollen? Wenn ein Mann des Glückes theilhaftig werden ſoll, das ſchönſte, bezauberndſte liebreizendſte Weſen ſein eigen zu nennen, und wenn er dann in ſehnſuchtsvollem Verlangen ſeine Arme dieſem Glück. entgegen ſtreckt, nennen Sie das einen Frevel? fragte der Graf. Sie zuckte leicht die Achſeln. Phraſen, ſagte ſie verächtlich. Ich nenne das einen Frevel, wenn ein Mann die Umſtände benutzt, und eine Frau annimmt, welche nicht ihr eigener, freier Wille, ſondern eine yranniſche Gewalt ihm zuführt. Und ich habe Ihnen geſagt, daß ich 12 Sie nicht liebe, Sie niemals lieben werde, ja, in der Verzweiflung meines Herzens habe ich Sie zum Vertrauten eines Geheimniſſes ge⸗ macht, das bis dahin, außer Ihnen, meine Lippen kaum Gott geſtan⸗ den hatten. Ich habe Ihnen geſagt, daß ich einen andern Mann liebe, zärtlich, leidenſchaftlich liebe! Oh, nicht wahr, Sie ſind jetzt gekommen, um mir zu ſagen, daß Sie mich retten wollen? Nicht wahr, Sie be⸗ ben zurück vor Ihrem fürchterlichen Vorhaben? Sie werden ein Mäd⸗ chen nicht zwingen Ihre Gemahlin zu werden, welche nimmer einwil⸗ ligen würde Ihnen ihre Hand zu geben, wenn ſie nicht auf der an⸗ dern Seite mit dem Kloſter bedroht würde. Oh mein Gott, ſeien Sie barmherzig, ſagen Sie mir, daß Sie uns Beide erlöſen wollen von der Zukunft, daß Sie den Muth gefunden, dem tyranniſchen Befehl der Kaiſerin entgegen zu treten, daß Sie ihr nicht gehorſamen wollen! Ich habe einen höhern, einen köſtlichern Muth gefunden, rief Graf Eſterhazy, ſie mit glühenden Blicken anſchauend, den Muth Ihnen zu trotzen, und Ihres Zorns und Ihrer Weigerung unerachtet, die wun derholde, bezaubernde Gemahlin anzunehmen, welche die Gnade der Kaiſerin mir gewähren will! Dann ſind Sie ein Elender! rief ſie mit einem flammenden Zor⸗ nesblick.. Ich verzeihe Ihnen dieſes Wort, weil ich Sie liebe, ſagte er lächelnd.— Aber wenn Sie nicht Mitleid haben wollen mit mir, ſagte ſie faſt flehend, mein Gott, ſo haben Sie es doch mit Sich Selber. Hat Ihnen mein Oheim nicht erzählt von meinem wilden, unbändigen Sinn? Hat er Ihnen nicht geſagt, wie ich ihn martere und quäle mit meinen Launen? Nun wohl, und ich liebe meinen Oheim! Urtheilen Sie alſo, welch ein Leben ich Ihnen bereiten würde, Ihnen, welchen ich jetzt nicht liebe, welchen ich haſſen würde, wenn er mich zwingt ſeine Gemahlin zu werden. Oh, mein Herr, glauben Sie es mir, ich verſtehe mich auf den Haß, und ich würde mich in meinem Haß an Ihnen zu rächen wiſſen! Haben Sie alſo Mitleid mit Sich Selber! Nehmen Sie nicht eine Gemahlin an, welche es zur einzi⸗ gen Aufgabe ihres Lebens machen würde, Sie noch elender und un⸗ gläcklicher zu machen, als ſie es ſelber iſt. ——— dürfte ich denn Mitleid haben m 13 Ah, rief er lächelnd, wenn ich nicht Mitleid habe mit Ihnen, wie nit mir? Wer das höchſte Glück errin⸗ ſein eigenes daran zu wagen! Ich baue auf gen will, muß bereit ſein, daß es ihr gelingen werde, Ihren Haß zu die Stärke meiner Liebe, beſiegen! Sie ſind alſo ganz unbeugſam? fragte ſie entſetzt. Unbeugſam, denn ich liebe Sie! ſagte er mit ſeiner ſanften, freund⸗ lichen Stimme. Sie ſchleuderte auf ihn einen Blick wilden Haſſes. Nun wohl denn, rief ſie trotzig. Aber ſo wahr ein Gott im Himmel iſt, Sie werden eines Tages dieſe Stunde bereuen. Er zuckte leicht die Achſeln. Kommen Sie, Comteſſe, ſagte er, es iſt die höchſte Zeit. Die Kaiſerin erwartet uns mit dem ganzen kaiſer⸗ lichen Hofſtaat, und mit ihrem Sohn, dem Kaiſer, in der Kammerkapelle! Eine Purpurröthe überdeckte einen Moment das Antlitz Leonorens, und mit einer raſchen Bewegung hüllte ſie ſich in ihren Schleier ein. So kommen Sie, ſagte ſie nach einer Pauſe, laſſen Sie uns zur Trauung gehen. Sie näherte ſich mit haſtigen Schritten der Thür, aber als Graf Eſterhazy im Begriff war dieſe zu öffnen, legte ſie haſtig ihre beiden Hände auf ſeinen Arm und hielt ihn zurück. ² Nein, nein, ſagte ſie athemlos, es iſt unmöglich! Ich kann nicht! — Und plötzlich, ganz überwältigt von ihrer tiefen innern Bewegung, glitt ſie auf ihre Kniee nieder, und ſtreckte flehend ihre Hände zu demn Grafen empor. Haben Sie Erbarmen mit mir, Seele, welche verloren iſt, wenn Sie mich doch von dem furchtbaren Unheil, Ihnen Ihre Ruhe und Ih Seele koſten wird. Denn gehen, wenn ich jetzt thun muß, mein Herz ſich aufbäumt. Ich habe einen wi das Unglück wird ihn zu Stein verhärten, Blüthen meines Gemüthes brechen, und ich werde ein kaltes, boshaftes, rachſüchtiges Weib werden! Ich fühle das, rief ſie, Erbarmen mit meiner ſie nicht erretten. Oh erlöſen Sie das uns Beide bedroht, das ich ſage Ihnen, ich werde verloren wogegen meine Vernunft und lden, ſtörriſchen Sinn, 1— ren Frieden, das mir das Heil meiner es wird alle die ſanfteren ich habe das klar erkannt eeine Gemahlin wollen, welche Ihnen ſo f könnte! Sagen Sie das der Kaiſerin im 14 in dieſen acht fürchterlichen Tagen, in denen ich gerungen habe mit mir ſelber, und in denen ich zu Gericht geſeſſen habe über mir und meiner Zukunft. Haben Sie alſo Erbarmen mit mir um des Heils meiner Seele willen. Mein Gott, Comteſſe, rief der Graf emp ſo ſehr ein Gegenſtand des Abſcheues bin, das Heil Ihrer Seele durch mich einzubüßen Mittel Sich Selber zu erretten! Die Kai native geſtellt. Ja, ſie hat mir die Wa Und ich war entſ findlich, wenn ich Ihnen wenn Sie ſogar fürchten „ſo bleibt Ihnen ja ein ſerin hat Ihnen ja eine Alter⸗ hl gelaſſen zwiſchen Ihnen und dem Kloſter! chloſſen lieber das Kloſter anzunehmen, als Ihre Hand! Ich bereitete mich vor in meinen Gedanken zu dieſer grauenvollen Oede des Kloſterlebens, aber da in einer fürchterlichen Stunde der Schmerzen ward es mir klar, daß dieſes Opfer meine Kräfte überſteigt, daß ich es meinem Herzen nicht abringen kann! Nein, ich kann nicht in ein Kloſter gehen, nein, ich kann mich nicht einſchließen in eine Zelle! Wollen Sie wiſſen, weshalb nicht, ſoll ich Ihnen ſagen, warum ich, wenn mir nur dieſe Wahl bleibt, lieber noch Ihre Gemahlin, als eine Nonne werde? Weil die in ihrem Kloſter eingeſchloſſene Nonne des einzigen Glückes entbehren würde, welches mir noch geblieben: des Glückes, Ihn zu ſehen, Ihn zu ſprechen, Ihn, den ich liebe, um deſſen Anſchauen ich eine Welt voll Qualen an nehmen, um deſſen Liebe ich meine Seligkeit hingeben würde! Oh, nicht wahr, Sie werden nicht ürchterliche Bekenntniſſe macht? Nicht wahr, jetzt ſchaudern Sie zurück vor Ihrer eigenen Zukunft? Sie wollen nicht ein Weib, welches um eines Andern willen bereit iſt mit einem Meineid vor den Altar zu treten, welche um einer ſündigen Liebe zu genügen bereit iſt eine ehrvergeſſene, treuloſe Frau zu werden? Oh, ich gebe Ihnen das Recht, dies Alles, was ich Ihnen da geſagt, der Kaiſerin zu wiederholen, ich gebe Ihnen das Recht, jetzt, indem die Kaiſerin mir die Hand reichen wird, um mich zum Altar zu führen, ihr zu ſagen: Majeſtät, ich nehme dieſe Frau nicht an, denn ſie trägt eine verbrecheriſche Liebe im Herzen, und ich will nicht eine Gemahlin, welche vielleicht eines Tages meinen Namen und mein Haus beſchimpfen Vertrauen, ſie hat ein großes 75 ————— nun, ſo werde ich es ſagen! A4 1415 Herz, ſie wird es als Geheimniß bewahren, aber ſie wird uns Beide erlöſen von dieſer gezwungenen Ehe! Unmöglich, Comteſſe, unmöglich, ſelbſt wenn ich auch ehrlos genug wäre, Sie ſo verleumden zu wollen! Aber der Etiquette gemäß wer⸗ den wir die Kaiſerin erſt nach der Trauung ſprechen. Der Hofſtaat der Kaiſerin erwartet uns an der Thür der Kammerkapelle. Die Ober⸗ hofmeiſterin Ihrer Majeſtät wird die Kaiſerin vertreten und Sie zum Altar führen, während die Kaiſerin ſelbſt in ihrem Oratorium der Ce⸗ remonie beiwohnt. Sie ſehen alſo wohl, daß ich nicht mehr zu der Kaiſerin ſprechen kann! Doch, Sie können es! Sie können mich vor dem Altar ver⸗ werfen! Oh ſehen Sie doch, wie tief ich mich demüthige, ich liege auf meinen Knieen und erflehe von Ihnen meine Schmach und meine Verwerfung, erflehe, daß Sie mich von Sich ſtoßen! Seien Sie barm⸗ herzig, ſagen Sie Nein, wenn der Prieſter das Ja von Ihnen fordert. Alsdann wird die Kaiſerin Sie rufen, und eine Erklärung von Ihnen fordern, und Sie werden ſie ihr geben! Graf Eſterhazy blickte lächelnd und gedankenvoll zu ihr nieder, und in dieſer demüthigen Stellung, mit dieſem flehenden, angſtvollen Ausdruck, mit den Thränen, die in ihren Augen ſtanden, ſchien ihm die Gräfin ſchöner noch als ſonſt. Und wie er ſie, welche in athem⸗ loſer Spannung ſeiner Antwort entgegen harrte, jetzt anſchaute, erin⸗ 3 nerte er ſich der Worte, welche Graf Starhemberg vorher zu ihm ge⸗ — —x ſagt. Dieſer Worte:„geben Sie ihren Launen anſcheinend nach! Dul⸗ 6 den Sie ihr Zürnen und ihr Grollen, das doch weiter nichts iſt wie 4 die aufſteigende Wolke eines Gewitters an einem heißen Sommertage.“ Ich werde ihren Launen anſcheinend nachgeben! ſagte Graf Eſter⸗ hazy zu ſich ſelber, und indem er ſich ſanft lächelnd zu der Gräfin niederneigte, reichte er ihr ſeine beiden Hände dar, um ſie außzurichten. Stehen Sie auf, ſagte er freundlich. Es geziemt der ſtolzen Gräfin nicht vor Ihrem Sclaven zu knieen. Und daß ich Ihr Sclave bin, ſollen Sie jetzt erkennen müſſen. Ich habe keine Kraft Ihrem Willen zu widerſtehen, und da Sie befehlen, daß ich ſtatt Ja lieber Nein ſage, Die Gräfin flog mit einem lauten Freudenſchrei von ihren Knieen empor. Ein ſeliges Lächeln ſtrahlte auf ihrem Angeſicht, eine köſtliche Gluth flatterte wie Morgenröthe über ihre Wangen, in göttlichem Feuer ſtrahlten ihre Augen. Sie war wunderſchön in dieſer Begeiſterung der Freude, und Graf Eſterhazy ſah es. Ich danke Ihnen, oh ich danke Ihnen, ſagte ſie mit einem wun⸗ derlieblichen Lächeln. Sie ſind ein edles, großes Herz, und in allen Tagen des Lebens dürfen Sie von dieſer Stunde an auf meine Freund⸗ ſchaft, auf meine Schweſterliebe zählen! Jetzt, mein Freund, jetzt kom⸗ men Sie! Ich nehme Ihr Opfer an, und ich danke Ihnen. Laſſen Sie uns zur Trauung gehen! Jetzt war ſie es, welche die Thür öffnete und in den Vorſaal eintrat. Staunend ſchaute Graf Starhemberg, welcher das Paar im Vorſaal erwartet hatte, dies glückſtrahlende Antlitz, dieſe freudeglühen⸗ den Wangen. Sie bemerkte es, und lachte hell auf. Findeßt Du nicht, mein theurer Oheim, ſagte ſie, daß ich ganz und gar das Ausſehen einer glücklichen Braut habe? Ich danke es meinem edlen, lieben Grafen Eſterhazy! Kommen Sie, theurer Freund, und auch Sie, mein Oncle, laſſen Sie uns zur Trauung gehen! Sie nahm mit einem lieblichen Lächeln den Arm des Grafen, und ließ ſich von ihm an den Wagen geleiten. Der alte Graf folgte ihnen kopfſchüttelnd und ganz ſprachlos vor Verwunderung. An der Pforte der Kammerkapelle empfing die Oberhofmeiſterin der Kaiſerin die Braut, und führte ſie an den Altar, um welchen in einem weiten Kreiſe die Damen und Herren des Hofes ſich aufgeſtellt hatten. Hunderte von Kerzen brannten auf den Kronleuchtern und den goldenen Candelabern vor dem Altar, und goſſen ein Meer von Licht durch die ganze Capelle aus. Inmitten dieſes goldgelben Lichts ſchwebte die Gräfin in ihren ſilberflimmernden Gewändern, mit ihren in allen Farben funkelnden Brillanten wie eine Sternenkönigin daher, ihr Ant⸗ litz ſtrahlend in einem ſeligen Lächeln. Wie ſie gefolgt von dem Grafen ſich an der Hand der Oberhofmeiſterin dem Altar näherte, trat ihnen der Kaiſer entgegen und grüßte die ſchöne Braut, und reichte dann dem Grafen Eſterhazy die Hand, um ihn zum Altar zu führen. 6 17 Das Lächeln blieb noch immer auf dem Antlitz der Gräfin, es war die lieblichſte, glücklichſte Braut, welche man ſehen konnte. Der Geiſtliche begann ſeine Rede, in tiefer Andacht hörte die hohe Verſammlung, hörte das Brautpaar ihm zu. Aus dem Oratorium ſchaute die Kaiſerin mit theilnehmenden, freundlichen Blicken auf das Brautpaar hin. Jetzt waren die einleitenden Worte des Geiſtlichen beendet, und das eigentliche Trauungs⸗Ceremoniell begann. Der Prieſter wandte ſich an den Grafen, und forderte ihn auf, es laut vor aller Welt mit einem Ja zu beſtätigen, daß er die Comteſſe Leonore von Starhemberg zu ſeiner ehelichen Gemahlin annehmen, als ſolche ſie ehren, lieben und hochhalten wolle. 3 Eine kleine Pauſe trat ein, mit einem ſüßen, teanbennen Lcheln ſchaute Leonore auf ihren Bräutigam hin. Erſtaunt von dem Zaudern deſſelben, wandten ſich Aller Augen auf den Grafen hin; dieſer richtete ſeine Blicke hinüber nach dem Ora⸗ torium der Kaiſerin, er ſah das zornige Aufblitzen ihrer Augen, er ſah die düſtern Falten, welche ſich auf ihrer Stirn* Iſt es Ihr Wille, dieſe Frau zu ehelichen, ſo b Sie ſol⸗ ches mit einem lauten und feierlichen Ja! wiederholte der Geiſtliche mit lauterer Stimme. Jal ſagte Graf Eſterhazy, unverwandt hinüberſchauend nach der Kaiſerin. Ein Schrei tönte von den Lippen der Gräfin, Todtenbläſſe bedeckte ihre Wangen, und einer Ohnmacht nahe war ſie im Begriff umzuſin⸗ ken. Aber plötzlich fühlte ſie ſich von einem Arm gehalten und empor gerichtet, und eine leiſe bittende Stimme flüſterte in ihr Ohr: arme Gräfin, erinnern Sie Sich, daß das Kloſter Sie bedroht! Leonore erkannte ſehr wohl die Stimme des Kaiſers, ſie wußte, daß er es war, welcher ſie aufrecht hielt, ſie fühlte alle die neugierigen, ſtaunenden höhnenden Blicke, welche ſich auf ihr Antlitz bohrten, und ein trotziger, verzweiflungsvoller Muth kam über ſie. Ohne ihn nur anzublicken richtete ſie ſich aus dem Arm des Kai⸗ ſers empor, und nahm haſtig das Riechfläſchchen, das die herzugetre⸗ tene Oberhofmeiſterin ihr darreichte. In vollen Athemzügen ſog ſie Kaiſer Joſeph. 2. Abth. III. 18 ſie ihr Antlitz wieder dem Altar und dem Geſſttlichen zu. ſ Dieſer fuhr in der heiligen Ceremonie fort. Iſt es Ihr Wille, dieſen Mann zu ehelichen, ſagte er, ſo bekräftigen Sie ſolches mit 3 einem lauten und feierlichen Ja! Leonore ſchwieg, aber nicht zögernd und unentſchloſſen, ſondern in dem vollen Bewußtſein der Bedeutung dieſes Moments, ganz ent⸗ ſchloſſen ihr Schickſal auf ſich zu nehmen, und ihre jetzige Rolle mit Würde zu Ende zu führen. 6 —* Ddie Etiquette erforderte, daß ſie um das entſcheidende Ja ſpre⸗ 1 f den ſcharfen Duft ein, und ſich dann wieder ſtolz aufrichtend, wandte * · —V— zu können, erſt die Erlaubniß der Kaiſerin empfangen habe. Die Gräfin wußte das, und wandte ſich demgemäß ſchweigend und mit einer tiefen Verbeugung an die Oberhofmeiſterin. Dieſe wandte ſich jetzt dem Oratorium zu, in welchem die Kaiſerin ſaß, und wiederholte die Verbeugung und gleichſam die ſtumme Anfrage. Maria Thereſia nickte bejahend, und die Oberhofmeiſterin über⸗ lieferte durch e ein eben ſolches Kopfnicken die Einwilligung der Kaiſerin rau Dieſe verneigte ſich tief gegen die Kaiſerin, und ſich em teer zuwendend, ſagte ſie, der empfangenen kaiſerlichen Erlaubniß gemaß: Ja!—*) Die Trauung war zu Ende, und das junge Paar empfing die. Glückwünſche des Hofes; ſelbſt die Kaiſerin war aus dem Oratorium in den Raum der Kapelle getreten, um einige freundliche und gnädige Worte an das Brau aar zu richten. F b' Ihr einen tten und ſanften Mann ausgewählt, ſagte ſie der ffin freundlich zunickend, zweifle gar nit, daß Sie glücklich mit Ihm wird. Ich zweifle auch nicht, Majeſtät, ſagte Eleonore, ſich tief vernei⸗ 1 gend, die glücklichen Ehen werden im Himmel geſchloſſen, und gewiß V hat Gott dieſe Ehe im Himmel geſchloſſen, denn ſonſt würden es Ew. Majeſtät auf Erden nicht gethan haben. Maria Thereſia warf einen zornigen Blick auf die Gräfin, und ihr ſtolz den Rücken zuwendend, richtete ſie gnädige und huldvolle Worte an den Grafen Eſterhazy. *) Karoline Pichler. Denkwürbigkeiten aus meinem Leben. Th. I. S. 32. — 19 Was haben Sie denn der Kaiſerin geantwortet, Frau Gräfin? flüſterte der Kaiſer. Ihro Majeſtät nahm ja eine ganz zornige Miene an. Ich habe Ihro Majeſtät nur geſagt, daß ich überzeugt bin, daß ſie dieſe Ehe nur befohlen hat, weil ſie ſchon vorher im Himmel be⸗ ſchloſſen worden, ſagte Leonore ernſt. Der Kaiſer lächelte. In der That, das iſt eine ſehr kühne Ant⸗ wort, ſagte*— Haben Ew. Majeſtät mich jemals für feig gehalten? fragte ſie. Ich meine doch, in dieſer Stunde bewieſen zu haben, daß ich viel Muth beſitze. Sie meinen, weil Sie dem Grafen Eſterhazy Sich vermählt haben? Nun, ich denke, es gehört nicht gar ſo viel Muth dazu, einen jungen, reichen, ſchönen und guten Mann zu heirathen! Er wird Sie auf ven Händen tragen, Gräfin, und Sie werden ſehr glücklich ſein, denn Eſter⸗ hazy wird Ihnen allezeit ein unterwürfiger und gehorſamer Sclave ſein! Und ich werde mir Mühe geben, ein guter Sclavenzüchter zu ſein, ſagte Leonore, indem ſie einen zornflammenden Blick auf den Grafen ſchleuderte, der ſich eben ihr näherte, um ſeiner jungen Gemahlin den Arm zu bieten, und auf Befehl der Kaiſerin ihr in die innern kaiſer⸗ lichen Gemächer zu folgen.. Als die Hoffeſtlichkeit beendet war, welche die Kaiſerin zu Ehren des neuvermählten Paares hefohlen hatte, fuhr die Oberhofmeiſterin mit der jungen Gräfin in das Hötel des Grafen Eſterhazy, deſſen Ge⸗ bieterin Leonore von nun an ſein ſollte. Die Kaiſerin hatte der Oberhofmeiſterin die Charge übertragen, als Brautmutter die Gräfin ihrem Gemahl zu übergeben, und ihr zu helfen die glänzenden Gewän⸗ der abzulegen, und das reizende Negligé überzuwerfen, welches ſchon bereit lag. Aber die junge Gräfin hatte ſich entſchieden geweigert, ſich dieſer Etiquette zu fügen, und ihr prachtvolles Hochzeitsgewand ſchon ab⸗ zulegen.. 336 Haben Sie die Güte, Frau Oberhofmeiſterin, ſagte ſie, der Kai⸗ ſerin zu berichten, daß Sie mich, wie Ihro Majeſtät befohlen, bis in mein Toilettenzimmer geleitet haben, das wird ihr genügen. Auch kön⸗ 3 nen Sie hinzufügen, fuhr ſie mit einem haſtigen Blick auf die halb⸗ 2* 20 offene Thür fort, daß Sie mich nicht eher verlaſſen haben, als bis mein Herr Gemahl gekommen war. Sie deutete mit der Hand nach der Thür hin, auf deren Schwelle ſo eben der Graf erſchien, und ſich tief vor den Damen verneigte. Ich verlaſſe Sie jetzt, Frau Gräfin, ſagte die Oberhofmeiſterin, Leonore auf die Stirn küſſend. Möge der Himmel Sie ſegnen! Ich hoffe, er wird es! ſagte Leonore, inde je Oberhof⸗ meiſterin zur Thür geleitete.— Graf Eſterhazy blieb nun allein mit Leonoren. Mit einem ſanften Lächeln ſchritt er auf ſie zu, und reichte ihr ſeine beiden Hände dar. Ich heiße Sie willkommen in meinem Hauſe, deſſen Herrin Sie von dieſer Stunde an ſein werden, ſagte er. Alles was ich habe und bin, gehört, wie ich ſelber, von dieſer Stunde an Ihnen, und Ihnen allein! 1 Die Gräfin nahm ſeine dargebotene Hand nicht an, ſondern trat ſtolz einen Schritt zurück. Berühren Sie mich nicht, ſagte ſie, ihre Hand gegen ihn ausſtreckend. Eine unüberſteigliche Kluft liegt zwiſchen uns.— Bezeichnen Sie ſie mir, Leonore, damit meine Liebe verſuchen kar ſie auszufüllen, rief der Graf. Sie heißt, meine Verachtung! ſagte ſie kalt. Sie haben an n. feig und ehrlos gehandelt, Sie haben ein Weib, welches Ihnen ve trauete, welches auf ihren Knieen Sie um Gnade bat, mit einer gi meinen Lüge betrogen, und in feigem Hohn ſie hintergangen. Gott in Himmel, welcher mein Flehen und mein Beten nicht gehört hat, Gott möge jetzt meinen Racheſchwur vernehmen! Ja, ich werde mich rächen für dieſes feige Verbrechen, das Sie an mir begangen haben, ich werde Sie bereuen machen, was Sie gethan haben! Hinfort hat mein Leben nur noch einen Zweck: Sie zu peinigen und zu martern, und an Jh⸗ nen Vergeltung zu üben für alle die Marter, welche ich durch Sie er⸗ duldet habe! Oh, ich ſage Ihnen, Sie ſollen an jedem Tag und zu jeder Stunde bereuen, daß Sie mich zu Ihrer Gemahlin gemacht, mich, welche Ihnen ihr ganzes zuckendes Herz geöffnet hatte, welche ſich vor Ihnen in den Staub demüthigte, und Sie um Erbarmen bat! Sie — 21 haben kein Erbarmen geübt, nun wohl, ich werde auch keines üben! Aber minder feig wie Sie, welcher mich bis zum letzten Moment mit einer Lüge betrog, ſage ich es Ihnen, und Sie mögen nun auf Ihrer Huth vor nir ſein! Ich ſage Ihnen, ich werde mich an Ih⸗ nen rächen! Ich fürchte Ihre Rache nicht, ſagte Eſterhazy freundlich, nein, ich fürchte Sie nicht, denn ich vertraue Ihrem ſtolzen und edlen Her⸗ zen. Eine wird es meiner Liebe gelingen von Ihnen Verzei⸗ hung zu erlangen für dieſe kleine Liſt, mit welcher ich Sie heute hinter⸗ ging. Ich danke es dieſer Liſt, daß ich jetzt das Glück habe, das ſchönſte, edelſte und reinſte Weſen als meine Gemahlin in mein Haus geführt zu haben! Sie ſollen dies Glück theuer büßen! rief ſie mit einem rau⸗ hen Lachen. Ich nehme jede Buße an, welche Sie mir auferlegen, ſagte er lächelnd, indem er ſich ihr näherte. Aber der Sünder, welcher gebüßt hat, wird ja vom Himmel wieder in Gnaden aufgenommen! Sie ſind mein Himmel, Leonore, und eines Tages werden Sie mir gnädig ſein, wie er! So gnädig, wie der Himmel mir geweſen! rief ſie, ihre großen, blitzenden Augen mit einem zornigen Ausdruck zum Himmel erhebend. Gehen Sie, mein Herr, wir haben jetzt genug geredet, von jetzt an werden wir handeln! Gehen Sie! Wie, Leonore, rief der Graf lächelnd, Sie wollen mich verbannen? Sie wollen mir nicht einmal das ſüße Recht gönnen, neben Ihnen zu ſein? Zürnen Sie mir, aber ſeien Sie nicht grauſam! Geſtatten Sie mir wenigſtens, auf die keuſchen und reinen Lippen meiner ſchönen Ge⸗ mahlin einen Kuß, den erſten Kuß meiner Liebe zu drücken. Und mit einer raſchen und unvorhergeſehenen Bewegung ſtürzte er zu ihr, und preßte ſie mit Ungeſtüm in ſeine Arme. Leonore ſtieß einen wilden und drohenden Schrei aus, und mit einem einzigen heftigen Ruck machte ſie ſich aus ſeinen Armen los, und ſtieß ihn von ſich. Keuchend vor Anſtrengung, bleich vor Zorn, mit blitzenden Augen ſaand ſie dem Graſen gegenüber. Sie ſind nicht bloß ein Lügner und ein Feigling, ſagte ſie athem⸗ los, Sie ſind auch ein Ehrloſer, denn Sie wollen ein Weib überwäl⸗ tigen, welches Ihnen geſagt hat, daß ſie Sie haßt und verabſcheut. Aber Leonore, ſagte er flehend, meine Gemahlin— Sie ſchüttelte unwillig ihr Haupt. Herr Graf Franz Eſterhazy, ſagte ſie langſam, ich verbiete Ihnen, mich jemals wieder, wenn wir allein ſind, Ihre Gemahlin zu nennen. Innerhalb di ich die Gräfin Starhemberg, und Niemand hat de Recht mich mit einem andern Namen zu nennen. Sobald ich die Schwelle meiner Ge⸗ mächer überſchritten habe, mögen Sie mich immerhin Ihre Gemahlin nennen. Ich werde dieſen Schimpf mit kalter Verachtung zu ertragen wiſſen der Welt gegenüber, aber mir ſelber gegenüber werde ich ihn nicht dulden! Gehen Sie! Sie deutete mit erhobenem Arm nach der Thür hin, und wie der Graf in ihr zornſprühendes ſtolzes Antlitz ſchaute, fand er nicht den Muth ihr zu widerſprechen, und die heftige Scene, die er ſo eben er⸗ duldet hatte, wieder zu erneuern. Man muß ſich anſcheinend ihren Launen fügen, ſagte er leiſe zu ſich ſelber, und ſich dann lächelnd vor ſeiner Gemahlin verbeugend, - Di 1 er Zimmer bin ſchritt er rückwärts gehend, wie vor einer Königin, der Thür zu. Leonore blieb mit erhobenem Arm ſtehen, bis ſich die Thür hin⸗ ter ihm geſchloſſen hatte, dann ſtürzte ſie hin, und ſchob den Riegel vor, und jetzt, da ſie allein war, da Niemand ſie ſehen konnte, außer Gott, jetzt ſtürzte die juwelenfunkelnde Braut auf ihre Knie nieder, und weinte bitterlich. * * III. ℳ Der Fürſt Louis von Rohan. Der Erzbiſchof Fürſt Louis von Rohan, der Geſandte Frankreichs am öſterreichiſchen Kaiſerhof, hatte die Kaiſerin um eine geheime Audienz 4 23 bitten laſſen, und die Kaiſerin hatte ihm dieſelbe gewährt.*) Dies war indeſſen ſeit einem Jahr das erſtemal daß Maria Thereſia dem Geſandten Frankreichs eine ſolche Gunſt erwies, und der ſtolze Fürſt wollte daher die Gelegenheit benutzen, ganz Wien, welches ſehr wohl wußte, daß die Kaiſerin dem Fürſten Erzbiſchof ſehr wenig geneigt ſei, und ihn niemals allein, immer nur an großen Courtagen in Gemein⸗ ſchaft mit allen übrigen Geſandten empfing, ganz Wien alſo zu zeigen, daß die Kaiſerin ihm jetzt wieder ihre Gnade bewilligt habe, und ihn daher zu einer Privataudienz zulaſſe. Begleitet von einem glänzenden Gefolge begab ſich der Fürſt des⸗ halb nach der Burg. Sechs von Goldtreſſen ſtrotzende Lakaien ſtan⸗ den in doppelter Reihe hinten auf dem vergoldeten, zurückgeſchlagenen Wagen, in deſſen Kiſſen von weißem Atlas der Erzbiſchof im vollen Ornat ſeiner hohen kirchlichen Würden ſich lehnte, mit einem bezau⸗ bernden Lächeln die Frauen, mit einem huldvollen Kopfnicken die Män⸗ ner grüßend, welche ſich auf den Straßen herandrängten, den ſchönen Cardinal zu ſehen. Vier Pagen in den Farben der beiden Rohans ſtanden zu beiden Seiten auf dem Tritt des Wagens, und ſtreuten mit vollen Händen kleine Silbermünzen aus unter das Volk, das ſeine Arme nach dem Fürſten ausſtreckte, um zugleich ſeinen Segen und eine Gabe von ihm zu erflehen. In vier glänzenden und vergoldeten Wa⸗ biſchof von Straßburg. *n) Mémoires sur la vie privée de Marie Antoinette Ve † —— Hand, mit dem Lächeln ihres Mundes, mit dem Aufflammen ihrer Augen den ſchönen Kirchenfürſten zu grüßen, von dem Jedermann wußte, daß er ein großer Kenner der Frauenſchönheit, ein ebenſo vollendeter Weltmann als ein würdevoller Erzbiſchof ſei. Der Fürſt Rohan hatte alſo dieſe Audienz, welche ihm die Kai⸗ ſerin ertheilte, zugleich zu einem öffentlichen Triumph für ſich gemacht, und er war ſich ſehr wohl bewußt, daß die Kaiſerin ſich darüber ärgern würde, und daß er damit Rache nahm für manche Zurückſetzung und Kränkung, welche er in der letzten Zeit vom öſterreichiſchen Kaiſerhof erlitten hatte. Er ließ es daher ruhig geſchehen, daß das Volk, als er, vor der Burg angelangt, ſich in ſeinem Wagen erhob, in ein ſtürmiſches Jubel⸗ rufen ausbrach, und ſo über der Menge, gleichſam wie auf einem Thron ſtehend, breitete er ſeine beiden Arme aus, und ſegnete das Volk, welches ſofort verſtummte und auf ſeine Kniee niederſank.— Unter dem feierlichen Schweigen, das nun eingetreten war, verließ der Kar⸗ dinal ſodann ſeinen Wagen, und betrat das Kaiſerſchloß, gefolgt von ſeinen Officieren und Pagen, ſeinen Kammerdienern und Lakaien. Das Volk, welches ſich wieder von ſeinen Knieen erhoben hatte, jauchzte hin⸗ ter ihm her, und brachte dem ſchönen und freigebigen Kardinal ein drei⸗ maliges Lebehoch aus. So laut und tobend war dieſes Geſchrei, daß es ſogar im Innern der Burg gehört ward, daß es ſogar Maria Thereſia's Ohr erreichte; ſo lange und anhaltend war dieſes Geſchrei, daß es noch nicht verſtummt war, als der Kardinal Fürſt Rohan, ſein glänzendes Gefolge in dem Vorſaal zurücklaſſend, in den kleinen Em⸗ pfangſaal eintrat, in welchen ihn die Kaiſerin beſchieden hatte. Maria Thereſia ſtand am Fenſter, und wandte ihr Haupt nur halb rückwärts nach dem Fürſten Rohan, der mit unübertrefflicher Würde und Anmuth ſoeben ſeine Verbeugung machte. Die Kaiſerin erwie⸗ derte deelher nur mit einem unmerklichen Kopfnicke Kann mir der Herr Kardinal nicht erklären, wa Volkes bedeutet? fragte die Kaiſerin raſch und mit h Toben des ſer Stimme. Ich bin ſehr unglücklich, Ew. Majeſtät hierin nicht gefällig fein zu können, ſagte der Fürſt ehrfurchtsvoll. Ich habe kein wüſtes Ge⸗ ſchrei und kein Foben vernommen, ſondern nur auf meinem m WWege hieher —————,— 25 das Volk ſo zuvorkommend und freundlich, zugleich ſo ehrfurchtsvoll und fromm geſehen, daß es meinem Herzen als Prieſter und als ein hal— ber Unterthan Eurer Majeſtät wohl gethan hat! Ew. Majeſtät müſſen es ſchon gnädigſt geſtatten, daß ich mich mindeſtens einen halben Unterthan der erhabenen Mutter meiner künftigen Königin und Herrin nen⸗ nen darf! Ich wünſchte ſieber meine Tochter fände an Ihnen dereinſt einen ganzen Unterthan, rief Maria Thereſia, hab' aber alle Urſache zu fürch⸗ ten, Herr Erzbiſchof, daß Sie ihr das nimmer ſein werden! Aber bevor wir davon weiter ſprechen, erſuche ich den Herrn Erzbiſchof mir gefäl⸗ ligſt zu ſagen, was dieſer Aufzug zu bedeuten hat, mit welchem es dem Geſandten Frankreichs beliebt hat, heute hierher zu kommen? Wir ſind, ſo viel ich weiß, weder in der Faſchingszeit, noch habe ich eine unvermählte Erzherzogin, um welche der Herr Geſandte feierlich zu werben käme! Und Ew. Majeſtät wollen auch ſicher nicht den tollen Scherz des Faſchings mit der feierlichen Anwerbung um eine Erzherzogin auf eine Vergleichungslinie ſtellen, ſagte der Fürſt mit ſeinem ehrfurchtsvollen Ton. Bleiben Sie bei der Sache, wenn's beliebt, rief die Kaiſerin. Weshalb kommt der Herr Kardinal in ſo feierlichem Aufzug hierher! Weil es in der That für mich ein großer Feſttag iſt, wenn die erhabene Mutter der Dauphine von Frankreich mir endlich, nach langem vergeblichen Bitten, eine Audienz gewährt, und weil ich ſolchen Feſttag mit allen erlaubten Ehren feiern möchte! Und weil Sie hoffen, daß auf dieſe Weiſe ganz Wien ſogleich von dieſer Audienz erfahre, rief die Kaiſerin heftig, weil Sie wiſſen, daß das Gerücht davon bis nach Frankreich, bis zu den Ohren der Frau Dauphine dringen wird! Ich habe leider wenig Grund zu glauben, daß die Dauphine ſo beſondern Antheil an dem Geſandten Frankreichs nimmt, um ſich dafür zu tereſſtceu⸗ ob derſelbe von der Souverainin einer auswärtigen Macht gnädig empfangen wird, ſagte der Kardinal, immer noch in ſei⸗ ner ehrfurchtsvollen, gebeugten Haltung. Die Kaiſerin ſchleuderte einen vollen Zornesblick uaf den Kardi⸗ nal, der es wagte ihr mit ſeiner nndurcrirchne ſſiglenen Ruhe Ich erſuche den Herrn Kardinal jetzt zur Sache zu kommen, rief ſie ungeſtim. Weshalb haben Sie dieſe Audienz gewünſcht? Was be⸗ gehrt der Geſandte Frankreichs von der Kaiſerin von Oeſterreich? Erlauben mir Ew. Majeſtät zu ſagen, daß, wenn ich blos als der Geſandte Frankreichs hierher gekommen wäre, um von der Kaiſerin von Oeſterreich in einer Audienz empfangen zu werden, Ew. Majeſtät dann mich nicht allein, ſondern umgeben von Ihrem Hofſtaat, mit dem gan⸗ zen Ceremoniell Ihrer Kaiſerwürde im großen Thronſaal würden empfan⸗ gen haben, während ich begleitet von meinen Attaché's, meinen Offi⸗ cieren und Cavalieren würde erſchienen ſein. Ew. Majeſtät erzeigen mir aber die Gnade mich allein zu empfangen, ohne Ceremoniell von beiden Seiten, daraus folgt, daß ich nicht bloß hier der Kaiſerin von Oeſterreich als officieller Geſandter Frankreichs gegenüber ſtehe, ſon⸗ dern daß die erhabene Mutter der Dauphine auch mir, dem Kardinal und dem Couſin des Dauphins eine vertrauliche Audienz gewährt hat! Das heißt mit andern Worten, Sie ſind hierher gekommen, um abermals über die Frau Dauphine Klage zu führen, rief Maria The⸗ reſia heftig. Sie wollen wieder mit den Unannehmlichkeiten anfangen, um deretwillen ich es ſeither vermieden habe, den Herrn Kardinal allein zu ſprechen! Nein, Majeſtät, das heißt, ich betrachte es als eine heilige, unab⸗ weisbare Pflicht für mich, zu Ew. Majeſtät vertraulich zu ſprechen, — für die Mutter der Dauphine, mich vertrauensvoll anzuhören. Nun, die Mutter der Frau Dauphine hört Sie an, rief die Kai⸗ ſerin, das Wort Frau ſcharf betonend. Verzeihen mir Ew. Majeſtät dieſen anſcheinenden Verſtoß gegen das Ceremoniell, ſagte der Kardinal lächelnd. Allein als Kirchenfürſt ſteht es mir vor allen Dingen zu, die Wahrheit zu ſagen, und die Wahrheit iſt, daß die Dauphine von Frankreich noch immer nicht die Frau Dauphine iſt! Ew. Majeſtät wiſſen das ſo gut als ich! Ich weiß, daß es den Feinden meines Hauſes und meiner Tochter noch immer gelingt, den Dauphin in ſcheuer und feindſeliger Entfernung von der Dauphine zu halten, rief die Kaiſerin ſchmerzlich. Aber die Dauphine beſitzt in ihrer Schönheit, Anmuth und Lie⸗ benswürdigkeit Waffen, mit denen ſie alle ihre Feinde beſiegen könnte, * — rief be⸗ der von dann gan⸗ fan⸗ ffi⸗ igen von von ſon⸗ iinal at! um The⸗ een, llein nab⸗ hen, Kai⸗ egen fürſt die die ſchter nung Lie⸗ 41 27 wenn ſie nur wollte, ſagte der Kardinal achſelzuckend. Unglücklicher⸗ weiſe ſcheint die Dauphine aber ihre Feinde gar nicht zu fürchten, und ſtatt ſie zu bekämpfen, giebt ſie ihnen immer neue Angriffswaffen in die Hände! 1 Nun, was iſt's? fragte die Kaiſerin ungeduldig. Was für Kla⸗ gen giebt es wieder gegen die Dauphine? Sprechen Sie, Herr Kardinal. Ew. Majeſtät ſind die Einzige, vor welcher der hohe und ſtolze Sinn der Dauphine ſich willig beugt. Marie Antoinette ehrt und liebt Sie als ihre Mutter, ſie erkennt Ihre Größe und Ihren Geiſt als Regentin und Frau an. Wenn Ew. Majeſtät der Dauphine daher einen Rath ertheilen, ſo wird er für ſie doppelt in's Gewicht fallen und ſie wird ihm folgen als gehorſame Tochter, und als dankbare Ver⸗ ehrerin der hohen Tugenden Ihrer Majeſtät. Und welchen Rath ſoll ich meiner Tochter geben? Den Rath, Majeſtät, daß die Frau Dauphine ihren Feinden we⸗ niger Veranlaſſung gebe, ſie der Leichtfertigkeit und der gänzlichen Ver⸗ achtung aller Etiquette zu zeihen. Wer wagt es, die Dauphine der Leichtfertigkeit zu zeihen? rief die Kaiſerin mit zornblitzenden Augen. Diejenigen wagen das, die in der Verderbniß ihres eigenen Her⸗ zens die Harmloſigkeit der Unſchuld mit der Rückſichtsloſigkeit der Leicht⸗ fertigkeit verwechſeln, und das für überlegtes Handeln nehmen, was doch nichts iſt, als das unüberlegte Sichgehenlaſſen eines keſähnn und nichts Böſes ahnenden Sinns!— Der Herr Cardinal belieben in Räthſeln und Sentenzen zu ſpre⸗ chen, die ich nicht verſtehe! rief die Kaiſerin. Ich werde mir erlauben, mich verſtändlich zu machen, ſagte der Cardinal lächelnd. Es giebt viele Dinge, die an ſich harmlos und un⸗ ſchuldig ſind, die aber durch die Umſtände und durch die Augen, von denen ſie betrachtet werden, gerade den entgegengeſetzten Charakter an⸗ nehmen. Die Frau Dauphine begeht daher nur deshalb Fehler, weil ſie ſelber zu unſchuldig und harmlos iſt, und es nicht begreift, daß an⸗ dere Menſchen es weniger ſind als ſie! In ihrer hohen Stellung iſt es aber leider nicht immer erlaubt unſchuldig und hannlos zu ſein, 1 — —— 28 es eine Fürſtin thut. Einer Gräfin zum Beiſpiel mag es verſtattet ſein, im Innern ihrer Gemächer mit ihren jungen Dienerinnen die fröhlichen Spiele ihrer Kindheit zu ſpielen, und ein luſtiges Hetzjagen durch alle Zimmer zu halten, aber ich glaube nicht, daß Ew. Majeſtät ſolche geräuſch⸗ volle Erheiterungen für die Dauphine von Frankreich geeignet halten! Sie iſt noch ſo jung, meine arme Antoinette, ſagte die Kaiſerin mit einem ſanften Lächeln, kaum achtzehn Jahre, und da ihre Feinde es verhindern, daß ſie eine Frau iſt, ſo ſollten ſie ihr wenigſtens geſtat⸗ ten, ein wenig länger Kind zu bleiben. Hab' ſchon gehört von die⸗ ſen harmloſen Beluſtigungen, welche die Dauphine ſich im Innern ihrer Gemächer mit den Prinzeſſinnen von Frankreich, ihren jungen Schwä⸗ gerinnen, erlaubt. Wenn man gerecht ſein wollte, müßte man es ſehr liebenswürdig und gefällig finden, daß die Dauphine, um ihre jungen, unerwachſenen Schwägerinnen zu amüſiren, ſich herabläßt, mit ihnen Kinderſpiele zu ſpielen. Aber ich weiß wohl, daß man ihr ſelbſt daraus ein Verbrechen macht, und daß Frau von Marſan) es der Dauphine niemals verzeihen kann, daß ſie in liebevollem Eifer für ihre Schwä⸗ gerinnen ſich ein wenig um die Erziehung derſelben hat bekümmern wollen. Der Salon der Oberhofmeiſterin iſt ſeitdem ein Foyer der Intriguen, oder vielmehr der Klatſchereien gegen die Dauphine gewor⸗ den. Ihre kleinſten Handlungen werden da ausgedeutet und ausge⸗ beutet, und aus ihrer Heiterkeit und ihrem Frohſinn macht man dort der armen Dauphine ein Verbrechen.**) Wenn der Fürſt über nichts weiter zu klagen hat, als über dieſe unſchuldigen Kinderſpiele, ſo war's nit nöthig deshalb mit ſo feierlicher Miene hieher zu kommen! 4 Ich bin nicht gekommen, Majeſtät, um zu klagen, am allerwenig⸗ ſten um anzuklagen, ſagte der Kardinal gelaſſen, ich bin gekommen, um Ew. Majeſtät anzuflehen, daß Sie die Dauphine warnen möchten vor ihren Feinden. Denn es iſt leider nicht mehr zu leugnen, die Dau⸗ phine hat Feinde, mächtige Feinde am Hofe und in der Nähe des Kö⸗ nigs ſogar. Dieſe Feinde ſprechen aber nicht blos von den unſchuldigen Kinderſpielen der Dauphine, ſondern mit einer Miene wahrhaft ent⸗ *) Die Oberhofmeiſterin der Prinzeſſinnen von Frankreich. .**) Mémoires de Madame de Campan. Vol. I, p. 65.* 44 ſein, chen alle iſch ſerin inde ſtat⸗ die⸗ hrer wä⸗ ſehr ggen, hnen aus hine hwä⸗ mern der wor⸗ gge⸗ dort ichts var' enig⸗ um vor Dau⸗ ge⸗ digen eni⸗ 29 rüſteter Tugend erzählen ſie von noch andern Beluſtigungen, die freilich am franzöſiſchen Königshofe ganz unerhört ſind. Und worin beſtehen dieſe Beluſtigungen? Darin, daß die Frau Dauphine ſich heimlich, ohne Wiſſen und Erlaubniß Sr. Majeſtät des Königs, ein Liebhabertheater hat einrich⸗ ten laſſen. Ein Liebhabertheater? rief die Kaiſerin entſetzt. Das iſt nicht wahr, das iſt nicht möglich! Das iſt wieder eine der boshaften Erfin⸗ dungen von den Feinden der Dauphine! Verzeihen Ew. Majeſtät, es iſt die Wahrheit! ſagte der Kardinal ernſt. Man ſpielt jetzt bei Hofe heimlich Theater. Die Dauphine und die beiden neuvermählten Prinzeſſinnen von Frankreich übernehmen die Damenrollen, die Herrenrollen werden von den beiden Brüdern des Königs ausgeführt, und wenn dieſe nicht ausreichen, erlaubt man dem Geheimſecretair der verſtorbenen Königin, Herrn von Campan und deſſen Sohn, welcher eine gleiche Charge bei der Frau Dauphine verſieht, am Theaterſpiel Theil zu nehmen, und neben den Prinzen und Prin⸗ zeſſinnen zu agiren. Die hohe Truppe hat ihre Bühne in dem Zim⸗ mer eines Entreſols aufgeſchlagen, der unbenutzt und der Dienerſchaft nicht zugänglich iſt. Der Herr Graf von Provence gilt für den erſten Liebhaber der Geſellſchaft, aber auch der Graf von Artois ſpielt mit vieler Grazie. Ueber das Spiel der Prinzeſſinnen erlaube ich mir kein Urtheil. Das Hauptſtudium der Damen ſoll ſich auf die ſchönen und prachtvollen Coſtüme beziehen, und darin ſollen alle Drei die größten Künſtlerinnen ſein, und glänzend mit einander rivaliſiren. Maria Thereſia ſchien dieſe boshafte Bemerkung des Kardinals gar nicht gehört zu haben. Und wer ſind die Zuſchauer? fragte ſie haſtig. Die hohen Schauſpieler haben nur Einen Zuſchauer, Majeſtät. Der Herr Dauphin allein macht das ganze Publikum der hohen Truppe aus. 2 Maria Thereſia athmete erleichtert auf, und ein Lächeln verklärte ihr Angeſicht. 3 Der Kardinal fuhr fort: Selbſt die Prinzeſſinnen⸗Tanten des Dcauphins hat man nicht in das Geheimniß eingeweiht, weil man ih⸗ 30 ren ſtrengen Tadel fürchtet, und meint, ſie würden es für ihre Pflicht erachten, den König von dieſen ſeltſamen und unerhörten Beluſtigun⸗ iſ gen, denen die königlichen Prinzen und Prinzeſſinnen ſich hingeben, in 4 Kenntniß ſetzen, damit er denſelben durch ein Machtwort ſofort ein ü 4 Ende gebe! Ich werde der Dauphine den Rath geben, dieſe Art der Unter⸗ die ¹ 3 haltung aufzugeben, ſagte die Kaiſerin ruhig, nicht weil ich ſie unpaſſend ge 8 finde, ſondern weil ſie ihren Feinden eine willkommene Gelegenheit zur d Mediſance giebt. Wenn die Dauphine für ihre Theaterbeluſtigungen 8 die Billigung ihres Gemahls hat, und dieſer allein Zeuge derſelben iſt, 3 ſo ſollte das eigentlich ſelbſt ihren Feinden genügen, und überdies iſt fr 1 es, wie mir ſcheint, gar nicht eine ſo unerhörte und fürchterliche Sache, * die königlichen Prinzen und Prinzeſſinnen ſich mit Comödienſpiel be⸗ d luſtigen zu ſehen. Ich will nicht daran erinnern, daß König Lud⸗ ſt wig XIV. als junger König vor ſeinem ganzen Hofe als Tänzer im 1 0 Coſtüm auf der Bühne erſchien, aber in den Tagen der frommen und tugendhaften Madame de Maintenon ſelbſt war das Theaterſpielen am Hofe von Verſailles erlaubt, und in den Zimmern dieſer Dame b führten die königlichen Prinzen und Prinzeſſinnen die Dramen von d Corneille und Racine auf. r Aber ſie hatten mindeſtens dazu die Billigung des Königs, ſie r handelten nicht heimlich hinter ſeinem Rücken; außerdem befand ſich aber 3 auch unter den Schauſpielerinnen keine zukünftige Königin von Frankreich. h 1 Der Dauphine von Frankreich mag indeſſen erlaubt ſein, was die Königin von ſelber unterlaſſen wird! rief die Kaiſerin. Da man ihr erlaubt in Verſailles das junge Mädchen zu bleiben, das ſie in Schön⸗ brunn geweſen, ſo darf man ſich nit wundern, daß ſie ihre jungen. Mädchenſpiele fortſetzt, und daß die Dauphine in Verſailles mit ihren Schwägern und Schwägerinnen eben ſo vergnügt Theater ſpielt vor ihrem Gemahl, wie ſie es in Schönbrunn mit ihren Schweſtern und H½ Brüdern vor ihrer Mutter gethan! Die Etiquette ſcheint allerdings an beiden Höfen ſehr verſchieden zu ſein, bemerkte der Kardinal mit leichtem Achſelzucken. Hier in Wien zum Beiſpiel iſt den Erzherzoginnen erlaubt, was man in Paris der Dauphine als einen unverzeihlichen Verſtoß gegen die Etiquette auslegt. “ 31 icht Alſo noch ein neuer Vorwurf! rief die Kaiſerin ungeduldig. Was un⸗ iſt's, ſagen Sie ſchnell! Die Dauphine von Frankreich hat gefunden, daß die Etiquette ſehr läſtig iſt, welche der zukünftigen Königin von Frankreich befiehlt, niemals ein ohne Begleitung zweier Hofdamen durch das Schloß, oder gar durch jer⸗ die Gärten von Verſailles zu gehen. Sie hat daher zum Entſetzen des end ganzen Hofes, zum Staunen aller Welt, dieſe Etiquette abgeſchafft, und zur durchwandert oft die Galerieen und Säle des Schloſſes, nur von zwei gen Lakaien begleitet, ja ſelbſt im Park hat man ſie ſo promeniren ſehen. ſſ, Und dies iſt Alles, was mir der Herr Geſandte zu ſagen hat? ſt fragte Maria Thereſia ungeduldig. 1 he, Es iſt Alles! Aber erlauben mir Ew. Majeſtät zu ſagen, daß be dieſe Dinge, ſo klein ſie immer erſcheinen mögen, doch durch die Um⸗ d⸗ ſtände die höchſte Wichtigkeit erlangen. Der Ruf einer Frau wird ſelten in mit einem einzigen entſcheidenden Dolchſtoß, gemeinhin mit Nadelſtichen gemordet, und ſelbſt eine Königin kann ſich daran verbluten! len Nur muß man geſtehen, daß es dem Herrn Erzbiſchof und Fürſten 8 von Rohan ſehr wenig zuſteht ein beſtimmendes Urtheil über den Ruf un der Frauen zu fällen, rief die Kaiſerin, deren Zorn von der ſentenzen⸗ reichen Weiſe des Fürſten gereizt worden. Wenn der Geſandte Frank⸗ ſe reichs es ſich erlaubt bei mir über allerlei kleine unſchuldige Verſtöße . gegen die Etiquette als über arge Vergehen Klage zu führen, ſo werde ich meinen Geſandten in Paris mit ganz andern und ernſthafteren di Klagen zu dem König von Frankreich beordern. · —r Klagen über die unverzeihliche Gleichgültigkeit des Dauphins gegen ſeine Gemahlin, nicht wahr? fragte der Cardinal mit dem Anſchein der 1 Theilnahme.. gen Nein, Klagen über das unverzeihliche Betragen des franzöſiſchen 6 Geſandten in Wien, mein Herr, rief die Kaiſerin erglühend. Hab' vür 4 lange genug die ärgerlichen Dinge, welche man ſich hier erlaubt, mit md Langmuth ertragen, und darüber geſchwiegen wegen der Egards, welche ich gern gegen das befreundete Königshaus von Frankreich be⸗ da wahren möchte. Aber wenn der Herr Geſandte Frankreichs doch ſo ien gar ſtreng im Punkt der Etiquette iſt, ſo ſollte er ſelber ſie doch min⸗ der deeſtens äußerlich ein wenig ſtrenger beobachten, und ſie als einen egt. 4 1 r 41 3 32 ſchützenden Schleier über ſein Leben ausbreiten. Da der Herr Erz⸗ biſchof es liebt in Sentenzen zu ſprechen, ſo möge er mir auch eine Sentenz erlauben. Wer unſchuldig iſt, und reinen Herzens, dem mag es ver⸗ ziehen ſein, wenn er im Bewußtſein tadelloſen Wandels die Rückſichten der Etiquette zuweilen aus den Augen ſetzt, wer aber ein üppiges Le⸗ ben führt, und ſich Vergehen gegen die Moralität, ja gegen die Kirche zu Schulden kommen läßt, der ſollte mindeſtens aus Klugheit die Eti⸗ quette niemals verletzen, ſondern ſie vielmehr benutzen als einen Schild, hinter dem er ſeine Scham und ſeine Unehre verbirgt! Ich danke Ew. Majeſtät für dieſe Sentenz, welche voll großer Weis⸗ heit iſt, ſagte der Cardinal ſich tief verbeugend. Nur erlauben mir Ew. Majeſtät die Frage: an wen ſoll ich dieſen Spruch der Weisheit befördern? Denn ohne Zweifel iſt er nicht für die Frau Dauphine von Frankreich beſtimmt. Nein, für Sie Selber iſt er beſtimmt, Herr Fürſt! rief die Kai⸗ ſerin außer ſich vor Zorn. Für den Prälaten, den Kirchenfürſten, der, ſonder Scheu aller guten Sitte Hohn ſprechend, ſeinen Liebesaventuren nachgeht, und wenig eingedenk ſeines Standes und ſeiner kirchlichen Würde, ſelbſt mit den Damen meines Hofes ſeine Liebesintriguen un⸗ terhält. Für den Geſandten Frankreichs iſt mein Spruch geweſen, für den Fürſten Louis von Rohan, welcher es zu vergeſſen ſcheint, daß er an dieſem Hofe die Ehre Frankreichs zu vertreten hat, und ein gar wüſtes, lockeres Leben führt. Es iſt ſchön, mein Herr, ein glänzendes Haus zu machen, und ſich zu umgeben mit königlichem Luxus, aber um ſolchen Aufwand mit Würde machen zu können, muß man ihn auch be⸗ zahlen können, und nicht auf Koſten der Leichtgläubigkeit Anderer ihn führen. Ganz Wien kennt jetzt ſchon die Verlegenheiten, welche im franzöſiſchen Geſandtſchaftshötel herrſchen, ganz Wien weiß, daß wäh⸗ rend der Herr Geſandte in ſeinen mit orientaliſcher Pracht ausgeſtat⸗ teten Salons ſeinen Gäſten von ſeiner eigenen Capelle Concerte vor⸗ ſpielen läßt, die Diener der Geſandtſchaft, welche ſchon lange vergeb⸗ lich auf ihre Gage warten, ihren Handelsgeſchäften nachgehen, und von dem Recht der Geſandten, ihren perſönlichen Bedarf ſteuerfrei einzu⸗ führen, einen unrechtmäßigen Gebrauch machend, einen gar ſeltſamen Handel mit Contrebande eingerichtet haben. Ganz Wien nennt jetzt 1 4 1 5 ———.— — ———— 33 ſchon das Hotel der franzöſiſchen Geſandtſchaft das Strumpfwaaren⸗ lager, und es ſind vielleicht von dem Secretariat des Herren Fürſten von Rohan in dem letzten Jahr mehr ſeidene Strümpfe verkauft wor⸗ den, als in Paris und Lyon zuſammengenommen.*) Hab' alſo, um dieſem Scandal ein Ende zu machen, die Steuerfreiheit der Geſandten ein⸗ für allemal für Oeſterreich aufheben müſſen, und weiß ſehr wohl, daß ich mir damit den Tadel der auswärtigen Höfe zugezogen. Sie nennen das Engherzigkeit von mir, und wiſſen nicht, daß es das an⸗ ſtößige Benehmen des franzöſiſchen Geſandten iſt, welches mich dazu gezwungen hat! Ew. Maſeſtät ſind in der That außerordentlich gnädig, Sich ſo ſpeciell um die Details meiner Haushaltung zu bekümmern, ſagte der Fürſt mit vollkommener Gelaſſenheit, und ich geſtehe Ew. Majeſtät, daß Sie beſſer unterrichtet ſind, als ich! Ich zum Beiſpiel habe nichts gewußt von dieſem Handel mit ſeidenen Strümpfen, aber— ebenſo⸗ wenig weiß ich auch von den Liebesintriguen, welche ich mit den Damen dieſes Hofes unterhalten ſoll. Ich habe leider ein gar kaltes Herz, und ohne Zweifel liegt es daran allein, daß keine einzige der Damen Eindruck auf daſſelbe gemacht hat, und nur meiner Gleichgültigkeit und Indolenz ſchreibe ich es zu, daß ich nicht eine Einzige zu nennen wüßte, welche mir ſchön und liebenswerth erſcheint. Da nun dieſe Beſchuldigungen, welche man gegen meinen innern Haushalt wälzt,— denn Ew jeſtät werden mir geſtatten, meine Herzensangelegenheiten als mein ſten Haus⸗ halt zu bezeichnen,— da nun dieſe Beſchuldigunge umen un⸗ begründet ſind, ſo wage ich daraus zu folgern, daß auch jene Beſchul⸗ digungen, welche man gegen meinen äußern Haushalt richtet, nicht min⸗ der unbegründet ſein mögen. Es iſt vielleicht in meinem Secretariat ebenſo wenig mit ſeidenen Strümpfen gehandelt, als in meinem Herzen mit den Damen des öſterreichiſchen Hofes verhandelt worden iſt! Was aber den Aufwand anbetrifft, deſſen mich Ew. Majeſtät beſchuldigen, ſo finde ich nicht, daß derſelbe meinem Rang, meinem Namen und den Mitteln, welche ich beſitze, nicht angemeſſen wäre, und das iſt wohl das Einzige, was ich darüber zu ſagen nöthig habe! *) Mémoires de Madame de Campan. Vol. I. P. 47. Kaiſer Joſeph. 2. Abth. III. 1— 3 A*. 34 Der Herr Geſandte macht ſich ſeine Rechtfertigungen gar leicht und bequem! rief die Kaiſerin ſpöttiſch, und wenn man ihn anhört, möchte man glauben, nicht eine einzige der Beſchuldigungen, welche ich leider zu machen gezwungen bin, wäre wahr. Daß dies indeß möglich iſt, Majeſtät, haben wir an dem Beiſpiel der Frau Dauphine geſehen! ſagte der Kardinal lächelnd. Ich war leider auch gezwungen, Beſchuldigungen gegen dieſelbe zu erheben, und Ew. Majeſtät ſagen mir auch, daß ſie unbegründet ſind. Wenn aber die Verſtöße gegen die Etiquette für eine Dame gar keine Bedeutung haben, ſo ſehe ich nicht ein, weshalb ich, ein Mann, ſo ängſtlich auf die Etiquette halten ſollte! Und es ſind doch, wie mir ſcheint, auch nur Fehler gegen die Etiquette, welche man mir vorwirft. Ich glaube aber, daß man in Frankreich es dem Fürſten Rohan leichter verzeiht, wenn er trotz ſeiner Kirchenwürde mit allen Damen des Wiener Ho⸗ fes Liebesintriguen hat, als man es der Dauphine von Frankreich ver⸗ zeiht, wenn ſie auch nur einen Schritt über die Grenzlinie hinaus thut, welchen die Etiquette und die ſcheue Ehrfurcht des Volkes ſeit uralten Zeiten um die Prinzeſſinnen und Königinnen von Frankreich gezogen. Marie Antoinette hat aber mehr als einen Schritt darüber hinaus ge⸗ than, und ich fürchte, ſie wird das eines Tages ſchwer zu bereuen ha⸗ ben! Ihre Feinde ſind wachſam, und— Ja, ichz daß ſie wachſam ſind, rief die Kaiſerin heftig, ich ſehe das ſen, Herr Fürſt von Rohan. Oh leugnen Sie es nicht, ich aß Sie zu den Feinden der Dauphine gehören, daß Sie auf Seite derer ſtehen, welche Zeter ſchreien, wenn dieſes junge unſchuldige Weſen auch nur Einen Moment vergißt, daß ſie bewacht wird von lauter Menſchen, welche inmitten eines laſterhaften und entarte⸗ ten Hofes keinen Glauben mehr an die Unſchuld haben können, und Alle für ſchuldig halten müſſen, weil ſie ſelber ſich ſchuldig fühlen! Ich weiß, daß Sie gleich allen Uebrigen mit böſen Augen auf dieſes arme Kind hinſchauen, welches allein und vereinſamt einer Welt von Intriguen machtlos gegenüber ſteht, und keine andere Waffen gegen dieſelbe hat, als ihre Unſchuld und ihr reines Bewußtſein. Aber hüten Sie Sich wohl, mein Prinz, die wehrloſe Dauphine wird eines Tages Königin werden, und die Königin wird alsdann die Macht haben, diejenigen 4 ³ 35 iicht zur Rechenſchaft zu ziehen, welche die Dauphine beleidigt und ge⸗ ört, kränkt haben! 4 1 ich Ich hoffe, daß man mich nicht beſchuldigen wird, jemals zu dieſen gehört zu haben, rief der Fürſt, welcher jetzt zum erſten Mal in dieſer piel Unterredung ſeine ſtolze Würde verlor und deſſen Wangen erbleichten. var Ich, die Kaiſerin von Oeſtereich, ich beſchuldige Sie, rief die Kai⸗ und ſerin, ihren drohenden Arm gegen den Fürſten erhebend. ber Aber zu einer Beſchuldigung bedarf es der Beweiſe, ſagte der. ing Fürſt heftig. Wann habe ich mich jemals feindlich gegen die Dauphine 8 auf bewieſen? Denn unmöglich können Ew. Majeſtät die Mahnungen, uch welche ich zu gutem Zwecke an Ew. Majeſtät in Betreff auf die Dau⸗ übe phine zu richten wagte, als Beſchuldigungen und Anklagen betrachten ibt, wollen! Wodurch aber hätte ich es ſonſt gezeigt, daß ich zu den Fein⸗ o⸗ den der Dauphine gezählt werden könnte? er⸗ Wodurch Sie das gezeigt haben, Herr Fürſt von Rohan? fragte nt, die Kaiſerin mit zornſprühenden Augen. Dadurch, daß Sie mit den ten Feinden der Dauphine befreundet ſind, dadurch, daß Sie Theil neh⸗ en. men an den Intriguen gegen ſie, dadurch, daß Sie dieſer Perſon, welche zur Schmach ganz Frankreichs, ſich eine Gräfin und die Ge⸗ e⸗ 9, liebte des Königs neunen darf, in ihren elenden und boshaften Ma⸗ noeuvres hülfreich ſind, und ihr die Bmafien in die Hand geben, um ich damit mich und mein Haus anzugreifen. Oh, mein Herr, es macht 3 Ihnen, einem wirklichen Fürſten, und außerdem einem Kirchenfürſten aß wenig Ehre, mit dieſer Perſon, welche ihre Schande und Schmach mit ge dem erborgten Grafentitel aufputzt, in ſo vertraulichem Briefwechſel bt zu ſtehen, daß Sie es ſelbſt nicht fchenen, über die Mutter der Dau⸗ b⸗ phine zu einer Dubarry in beleidigenden Worten zu ſprechen. le Wann hüätte ich das gethan! rief der Fürſt entſetzt. Wann wäre ß ich ſo ehrlos, und, was eben ſo ſchlimm iſt, ſo lächerlich dumm gewe⸗ nd ſen, an die Gräfin Dubarry jemals ein Wort über die erhabene Kai⸗ ei ſerin Maria Thereſia zu ſchreiben! 4 4 Ah, Sie wagen es zu ſtreiten, ſagte die Kaiſerin ſtolz. Ich be: a. kenne Ihnen, daß mir an Ihrem Beifall wie an Ihrem Tadel wenig 3 i 4 gelegen iſt, und daß ich Ihnen gerade deshalb die erbetene Audienz 3 bewilligt habe, um Ihnen zu beweiſen, daß die Kaiſerin Maria The⸗ 4 3* * 36 reſia gar nicht berührt wird von den Worten des Herrn Fürſten von Rohan. Weil Sie's aber wagen, Ihren Brief an die Gräfin Du⸗ barry abzuleugnen, will ich Ihnen doch deſſen Inhalt zurückrufen. Oh, Sie ſollen wenigſtens ſehen, mein Herr, daß ich auch ziemlich gut un⸗ terrichtet bin von dem, was ſich am franzöſiſchen Hofe zuträgt! Selbſt über die vertraulichen Orgien des Oeil de Boeuf, zu denen König Lud⸗ wig nur ſeine Favoriten zuläßt, empfange ich meine Berichte, und ich will Ihnen ſagen, was bei einer dieſer letzten Orgien geſchah. Die Gräfin Dubarry ergötzte ſich mit ſehr wenig Zurückhaltung und De⸗ cenz über das, was ſie„die Falſchheit und Verſtellungskunſt“ der Kai⸗ ſerin Maria Thereſia nannte, und um zu beweiſen, daß das, was ſie behauptete, auch wahr ſei, zog die Gräfin Dubarry einen Brief aus ihrem Portefeuille hervor. Sehen Sie, rief ſie, das iſt ein Brief des Fürſten Louis Rohan, hören Sie nur, wie der die Kaſſerin ſchildert! — Nun, Herr Erzbiſchof, ſehen Sie jetzt, daß ich gut unterrichtet bin? Wollen Sie jetzt noch leugnen. daß Sie mit dieſer Perſon correſpon⸗ diren? Ich leugne es! ſagte der Fürſt mit feierlicher Entſchiedenheit. Ich habe niemals an die Gräfin Dubarry geſchrieben, und am allerwenigſten über die geheiligte Perſon der Kaiſerin Maria Thereſia! Nun, das iſt in der That eine freche Lüge, rief die Kaiſerin ver⸗ ächtlich. Man wird des Herrn Erzbiſchofs Gedächtniß aufzufriſchen ſuchen müſſen! Ich werde Ihnen vorleſen, was Sie über mich ge⸗ ſchrieben! Hören Sie nur! Die Kaiſerin zog aus ihrer Kleidertaſche ein Papier hervor, und es entfaltend, las ſie:„Ich habe wirklich Maria Thereſia über das Schickſal des bedrängten Polens weinen ſehen; aber dieſe Fürſtin, welche ſo ſehr geübt iſt in der Kunſt der Verſtellung, ſcheint mir auch ihre Thränen ganz in ihrer Gewalt zu haben. In der einen Hand hält ſie das Taſchentuch, um ihre Thränen zu trocknen, mit der andern faßt ſie nach dem Schwert der Verhandlungen, um die dritte Macht bei der Theilung zu ſein.“*)— Nun, Herr Erzbiſchof, ich frage Sie auf Ihre Ehre und Ihr Gewiſſen, haben Sie das geſchrieben? *) Mémoires de Weber, concernant Marie Antoinette. Vol. III. p. 305. 37 dn Der Fürſt war bleich geworden, und rückwärts ſchwankend, mußte er ſeine Hände auf die Lehne eines Seſſels ſtützen, um nicht umzuſinken. O, Auf Ihre Ehre und Ihr Gewiſſen, haben Sie das geſchrieben? un⸗ wiederholte die Kaiſerin. 1 Der Fürſt Erzbiſchof hob langſam ſein bleiches Antlitz empor, und 6 Maria Thereſia's glühenden Augen mit einem traurigen Blicke begeg⸗ 3 nend, ſagte er ernſt und feſt: Ja, Majeſtät, ich habe das geſchrieben! Di Ich darf meine Worte nicht verleugnen! De⸗ Sie geſtehen alſo zu, daß Sie zu den Feinden der Dauphine ge⸗ la hören, daß Sie mit dieſer elenden Gräfin im Briefwechſel ſtehen? ſie Nein, ich geſtehe das nicht zu, denn es iſt eine Unwahrheit. Ich aus habe in einem gereizten, unſeligen Moment, den ich indeß nicht zu ent⸗ des ſchuldigen wage, den Brief geſchrieben, in welchem jene Zeilen enthalten rt! ſind, allein dieſer Brief war nicht an die Gräfin Dubarry gerichtet! in? Und wen wünſcht der Herr Erzbiſchof als den Empfänger deſſel⸗ 5 on⸗ ben, zu bezeichnen? fragte die Kaiſerin verächtlich lachend. Ich bezeichne Niemand, Majeſtät, ich weiß nur, daß derjenige, Ich welchem ich dieſen Brief geſchrieben, mein Vertrauen gemißbraucht und ſten denſelben der Dubarry mitgetheilt hat. Fern ſei er von mir, ihn nen⸗ nen zu wollen! Möge der Zorn Ihrer Majeſtät mich allein zerſchmettern, er⸗— ich allein will der Schuldige bleiben und die Strafe leiden! hen Ich weiß von keiner Schuld, ſagte die Kaiſerin hoheitsvoll, und ge⸗ wie mir ſcheint, ſind Sie meines Zornes nicht werth. Die Maria Thereſia ſteht da vor Gott und aller Welt, und Jedermann hat ein und Recht über ſie zu urtheilen, der Fürſt Rohan ſo gut, als der Zeitungs⸗ das 1 ſchreiber, und der Bettler. Alle dieſe Urtheile der Menſchen verwehet ſche 6 der Wind, aber Gott zeichnet die Thaten auf, und an ihm iſt's zu hre ſtrafen und zu richten! Werd' mich vor dem Fürſten von Rohan weder ält rechtfertigen, noch verlohnt es ſich der Müh' über ihn erzürnt zu ſein! aßt Mag er über mich ſchreiben und denken, was er will, es berührt mich der 1 nicht. Aber ich wollte ihm nur beweiſen, daß wir ihn kennen, die hre. Dauphine und ich, daß wir wiſſen, was man von Ihnen zu er⸗ warten hat! Die Dauphine weiß auch um dieſen Brief? rief der Fürſt entſetz. Nun, ſie 5 es, die mir die Abſchrift geſandt hat! ſagte die Kaiſerin. 38 Der Fürſt ſtieß einen dumpfen Schrei aus, und ſchlug ſeine bei⸗ den Hände vor ſein todtenbleiches, zuckendes Angeſicht. Ich bin ver⸗ loren, murmelte er leiſe, und tiefe ſchmerzliche Seufzer drangen aus ſeiner Bruſt hervor. Die Kaiſerin ſchaute mit finſtern, mißtrauiſchen Blicken zu ihm hin, dieſe ſo plötzliche, ſo heftige Bewegung des ſtolzen Fürſten ſchien ſie zu überraſchen, und ihr Zweifel über die Aechtheit derſelben zu erregen. Wozu dies Comödienſpiel, Herr Fürſt Erzbiſchof? fragte ſie raſch. Es iſt gar nit nöthig eine Scene der Zerknirſchung zu ſpielen, denn ich ſage Ihnen, ich zürne Ihnen um meinetwillen gar nicht. Aber die Dauphine wird es mir niemals verzeihen, ſagte der Fürſt leiſe und mit zitternder Stimme, indem er ſeine Hände langſam von ſeinem Angeſicht niedergleiten ließ. Vergeben mir Ew. Majeſtät dieſe Scene der Zerknirſchung, die aber, das ſendihe ich, kein Comödien⸗ ſpiel war. Ich ſah in dieſem fürchterlichen Moment nur mit prophe⸗ tiſchem Aug' hinein in die Zukunft, und ich ſah da viel Kummer und viel Thränen! Kummer und Thränuen für wen? fragte die Kaiſerin verächtlich. Kummer und Thränen für mich, und vielleicht auch für die Dau⸗ phine. Sie hält mich jetzt für ihren Feind und wird darnach handeln. Der Haß der Feindſchaft aber iſt ein zweiſchneidiges Schwert, mit dem man eben ſo leicht ſich ſelbſt, als ſeinen Feind verwunden kann. Ich bitte Ew. Majeſtät nicht um Vergebung für jene Worte, welche ich ge⸗ ſchrieben, ich weiß, daß Maria Thereſia groß genug denkt, um den Ir⸗ renden verzeihen zu können, aber noch in dieſem Moment beſchwöre ich Ew. Majeſtät, warnen Sie die Dauphine! Laſſen Sie dieſelbe nicht weiter gehen auf dieſem gefährlichen Pfad, den ſie betreten hat. Sie iſt eine Nachtwandlerin, welche nicht ſieht, daß ſie am Rande eines Abgrundes dahinſchreitet. Warten Ew. Majeſtät es nicht ab, daß Ihre Feinde Ihnen zuvorkommen, und die Dauphine mit lautem Zuruf er⸗ wecken, denn ſie würde alsdann hinunterſtürzen in den Abgrund. Noch iſt es Zeit, Majeſtät, noch kann dem Unheil vorgebeugt werden! Marie Antoinette iſt ein holder Engel der Unſchuld, Keuſchheit und Güte, aber die Welt, in welcher ſie lebt, verſteht nicht die Sprache der Engel, und um nicht von ihrer Reinheit und ihrem Glanz geblendet zu werden 39 ſind die Böſen bemüht, den Staub der Gemeinheit darauf zu werfen, und ihr eine um die andere die Federn aus ihren Engelsflügeln aus⸗ zureißen! Warnen Sie die Dauphine! Sie möge auf ihrer Hut ſein vor ihren Feinden, aber ſo wahr ein Gott im Himmel lebt, ich gehöre nicht zu dieſen. Marie Antoinette wird das niemals glauben wollen, und das wird die Todesſtunde ſein, an der ich einſt ſterben werde!— Ich bitte Ew. Majeſtät, mich jetzt entlaſſen zu wollen! Ohne eine Antwort der Kaiſerin abzuwarten, verbeugte ſich der Fürſt, und wandte ſich dann der Thür zu. Maria Thereſia ſchaute mit trüben, ſinnenden Blicken ſeiner hohen, ſtolzen Geſtalt nach, und längſt noch, nachdem die Thür ſich hinter ihm geſchloſſen, blieb ſie ſo ſtehen, den traurigen und ahnungsvollen Gedanken nachhängend, die wie eine düſtre Wolke ihre Seele beſchatteten. Ja, er hat Recht, ſagte ſie dann, in ſich erſchauernd, ſie wandelt am Rande eines Abgrundes dahin, und man muß ſie warnen vor der Gefahr! Ich will Jemand hinſchicken zu ihr, der ſie beobachtet, der ſie warnt, der ihr Rath ertheilt. Mein Gott, mein Gott, wo aber finde ich Jemand, der das wagen wird? Jemand, der unabhängig, edel und großmüthig genug iſt, um eine ſolche ſchwierige Aufgabe übernehmen zu wollen? Wer liebt ſie genug, um ſelbſt ihren Zorn nicht zu fürch⸗ ten, und ſie inmitten der Schmeichelei, welche ſie umgiebt, die Stimme des Tadels und der Warnung hören zu laſſen? Wem vertraut ſie ge⸗ nug, um ihm zu verzeihen, wenn er es wagt, bei ihr den Mentor zu ſpielen? Ach, ſie iſt ſo unglücklich, meine arme Antoinette, und ich hab' nicht die Kraft ihr zu helfen! Es iſt ein elend Ding um unſre Erden⸗ macht, und mit allen Schätzen der Welt erkauft man ſich doch keinen Freund, der ſonder Eigennutz und Furcht uns liebt um unſerer ſelber willen! Du mein Gott, hilf Du der armen Kaiſerin, laß ſie den Freund finden, deſſen ihre arme Tochter ſo ſehr bedarf. 40 VI. Das Feſt der Alebernahme Polens. Der entſcheidende Schritt war geſchehen; die drei Mächte, ſo lange in Feindſchaft und Haß getrennt, hatten ſich jetzt in Liebe und Freund⸗ ſchaft vereinigt, um gemeinſam dem unglücklichen Polen die Ruhe und den Frieden zu geben, nach welchem es ſelber in ewigen Kämpfen und mit blutigen Thränen ſo lange vergeblich gerungen hatte. Polen mußte büßen für ſeine Schuld und ſeine Fehler, und da es nicht verſtanden, ſich ſelber zu regieren, waren die drei Mächte herbeigekommen, um als bedrohte Nachbarn dem König Stanislaus bei der Regierung Polens behülflich zu ſein, und einen Theil der Laſt, welche offenbar für ſeine Schultern zu ſchwer war, von denſelben abzuwälzen.— Vergebens hatte Stanislaus Auguſtus ſich lange geweigert, dieſen freundnachbar⸗ lichen Hülfsleiſtungen ſeine Zuſtimmung zu geben, vergebens hatte er ſich an England und Frankreich um Hülfe gewandt. Beide Mächte wollten um des unglücklichen, von langen Kämpfen zerfetzten und zer⸗ tretenen Polens willen nicht einen Krieg mit den drei Verbündeten wa⸗ gen, welche mit gezückten Schwertern ſich an den Grenzen ihrer durch die Feder eroberten neuen Beſitzungen aufgeſtellt hatten, und bereit waren mit vereinter Macht ihre neuen Länder zu vertheidigen. Wohl hatte König Stanislaus da in dem erſten Sturm ſeiner Verzweiflung geſchworen: er werde ſich eher die rechte Hand abſchlagen laſſen, als mit derſelben die Theilungsacte, welche die drei Mächte ihm zur Unterſchrift vorgelegt, unterzeichnen. Die Mächte, von des Königs langem Widerſtand erzürnt, erklärten endlich durch ihren Geſandten in Warſchau:„es giebt eine Grenze der Mäßigung, welche Gerechtigkeit und Würde den Höfen vorſchreibt,“ und an dieſer Grenze ſtänden ſie jetzt, die ſchleunige Annahme des Theilungsvertrages erwartend.*) Der ruſſiſche Botſchafter aber fügte drohend hinzu, wenn der König ſich wei⸗ e, die Theilungsacte zu vollziehen, und einen Reichstag zu berufen, der die Eroberungen anerkenne, ſo werde den König und ſein Land das *) v. Raumer. Beiträge zur neueren Geſchichte. Th. IV. S. 516. Entſe überz laſſen ſolche mit ſchön Will die weni Geh⸗ ford die hört di Ru Mi und The vor De und lleit 41 Entſetzlichſte treffen, was ſich nur ereignen könne, und der König dürfe überzeugt ſein,„daß man ihm ſelber auch nicht einen ſilbernen Löffel laſſen werde.“*) Der ſchwache und unglückliche König hatte nicht länger den Muth ſolchen Drohungen zu trotzen, oder die Krone freiwillig niederzulegen, mit welcher die Gunſt der ruſſiſchen Kaiſerin einſt das Haupt des ſchönen Grafen Poniatowski geſchmückt hatte. Er unterwarf ſich dem Willen ſeiner mächtigen Nachbarn, und trat nun als vierte Macht in die Reihen der theilenden Mächte, bemüht, für ſich und ſeine Perſon wenigſtens ſo viel Vortheile und ſo viel Beſitz als möglich zu erringen. Gehorſam den Befehlen der drei Mächte, berief er den Reichstag und forderte ihn auf, der Theilungsacte durch ihre feierliche Zuſtimmung die Sanction zu verleihen. Die unglücklichen, verzweifelnden, darnieder geſchmetterten Polen hörten wenig auf den Ruf dieſes Königs, den eine fremde Gewalt ihnen aufgedrungen; nur einige furchtſame oder käufliche Seelen folgten dem Rufe, und die Reichsverſammlung beſtand nur aus ſechs und dreißig Mitgliedern, welche unter dem Zwang und Schutz der öſterreichiſchen und pyeußiſchen Huſaren, die in Warſchau eingerückt waren, zu der Theilung Polens ihre Einwilligung gaben. Und ſo war das Unerhörte geſchehen, und ſtumm und unthätig vor Staunen und Ueberraſchung ſchaute ganz Europa zu, wie Rußland, Oeſterreich und Preußen ſich in die ſchönſten Provinzen Polens theilten, und das Königreich um den dritten Theil ſeines ganzen Umfangs ver⸗ kleinerten. Nicht eine Hand erhob ſich, um die Rechte Polens zu vertheidigen, und der Vergrößerungsluſt der drei Mächte zu wehren; man ließ es ruhig geſchehen, daß der König von Preußen ſich die Herrſchaft Po⸗ merellen und den Netzdiſtrict erwarb, daß Rußland ſich Liefland und die ſchönſten und größten Woiwodſchaften nahm, daß Oeſterreich ſich außer der Zipſer Geſpannſchaft noch einen Theil von Galizien und Lodomerien und faſt das ganze Gebiet von Krakau aneignete. Hier und da hörte man wohl eine tadelnde Stimme, aber ſie ver⸗ *) Ebendaſelbſt. S. 507. 42 hallte unter dem Geklirr der Waffen, und unter dem Fußtritt der Re⸗ gimenter, welche die drei Mächte ausmarſchiren ließen, zur Beſetzung ihrer neuen Grenzen, und wenn doch eine ſolche Stimme das Ohr der Fürſten erreichte, ſo tröſteten ſich Oeſterreich und Preußen damit, daß die Kaiſerin von Rußland ihnen geſagt:„ſie wolle allen Tadel auf ſich nehmen,“ und Katharina lachte zu dieſem Tadel, und nannte ihn nur moutarde après diner.*)— Der König von Preußen aber, gleichſam um ſich ſelber zu beſchwichtigen, ſagte laut:„jetzt erſt wird der König von Polen und die Republik eine gewiſſe Feſtigkeit haben, und wird eine achtungswerthe Mittelmacht zwiſchen den drei andern Staaten bil⸗ den müſſen, damit dieſe ſich nicht einander zu nahe kommen.“**) Die Polen unterwarfen ſich grollend und ſchweigend dem furcht⸗ baren Verhängniß, das über ſie hereingebrochen war, und um dem Blutvergießen, den Verfolgungen, den Drohungen und all den Qualen der Ungewißheit endlich ein Ziel zu ſetzen, fügten ſie ſich in das Un⸗ abweisbare, leiſteten ſie den neuen Herrſchern, welche die Schwäche ihres Königs und ihre eigene Schuld ihnen gegeben, den Eid des Gehorſams und der Treue. Nun erſt, nachdem dies geſchehen, nachdem die neuen Grenzpfähle aufgerichtet, nachdem die alten Provinzen Polens neue Namen ange⸗ nommen, und ſich zu öſterreichiſchen, ruſſiſchen und preußiſchen Pro⸗ vinzen verjüngt hatten, nun erſt, da die Feſtungen des einſtigen Kö⸗ nigsreiches ſich den Truppen der neuen Herrſcher geöffnet hatten, nun erſt konnten die drei Mächte ſagen, daß die Theilung geſchehen ſei, und konnten ihrer neuen Beſitzungen ſich freuen. Selbſt Maria Thereſia war es zufrieden, dieſe traurige und miß⸗ liche Sache, welche Jahrelang ihr Herz gemartert und gequält hatte, endlich beendigt und zum Abſchluß gebracht zu ſehen, und vielleicht, um Gott dafür zu danken, vielleicht um aller Welt zu zeigen, daß die Theilung Polens jetzt auch ihre volle Zuſtimmung und Billigung ge⸗ wonnen, hatte ſie befohlen, im Stephansdom zu Wien ein feierliches Tedeum zur Feier der Erwerbung des neuen Königreichs Galizien abzuſingen. *) Raumer Beiträge. S. 542. **) Ebendaſelbſt. S. 507. 4 großen chern die S nach; und ſ zenden um i ſtark eine von ſo v Nede been Kai wag oder unte ſam jene gen lehr zite der d rum 43 Der ganze Hof ſollte dieſer Feierlichkeit beiwohnen, und zu der großen Cour, die nach der kirchlichen Feier in den kaiſerlichen Gemä⸗ chern ſtattfinden ſollte, waren auch die neuen Unterthanen Oeſterreichs, die Standesherrn, Grafen und Barone aus Galizien beſchieden, welche nach Wien gekommen, um der Kaiſerin den Huldigungseid zu leiſten, und ſich dadurch den Beſitz ihrer Güter zu ſichern. In der Antichambre der Kaiſerin erwarteten die Damen in glän⸗ zender Galatracht, ſtrahlend von Juwelen, die Ankunft der Kaiſerin, um in ihrem Gefolge ſich in den Dom zu begeben. Die ſchönen, ſtark geſchminkten Geſichter der Damen zeigten heute ein heiteres Lächeln, eine behagliche Zufriedenheit, denn Alle hatten ſie zu leiden gehabt von den Zwiſtigkeiten um Polen, welche der Kaiſerin Maria Thereſia ſo viel ſchlafloſe Nächte, ſo viel Thränen und Sorgen gemacht hatten. Jedermann war daher froh, dieſe unangenehme Angelegenheit endlich beendigt zu ſehen, und hoffte, daß jetzt auch wieder im Innern der Kaiſerburg Zufriedenheit und Glück einziehen würde. Aber die Damen, welche da im Vorzimmer der Kaiſerin warteten, wagten doch nicht, ſich dieſe Hoffnungen laut einander mitzutheilen, oder ſich des neuen Triumphes Oeſterreichs zu freuen. Nur flüſternd unterhielten ſie ſich von dem großen Ereigniß, das ſie heute hier zu⸗ ſammengeführt, und dann warfen ſie ſcheue und verſtohlene Blicke auf jene Dame hinüber, die da allein und abgeſondert, in düſterm Trauer⸗ gewande, mit ungeſchminkten Wangen, bleich und ſtumm an der Wand lehnte, kaum im Stande, die Thränen zurückzuhalten, die in ihren Anugen zitterten. Dieſe Dame war Frau von Salmonr, die Oberhofmeiſterin der Erzherzogin Mariane. Gleich den übrigen Damen war ſie, ihrer Pflicht gemäß, in die Antichambre der Kaiſerin erſchienen, um, wie es die Etiquette gebot, ihrer Gebieterin zur Stephanskirche zu folgen, aber an ihren bleichen Wangen, ihren verweinten Augen und ihren zitternden Lippen konnte man errathen, welchen Kampf dieſe Frau ge⸗ kämpft, und wie ſchwer es ihr geworden, ihren Schmerz um das ge⸗ liebte Vaterland zu unterdrücken, um ihrer Pflicht zu genügen, Vom Stephansthurme ertönte das feierliche Geläute der Glocken, welches ganz Wien anzeigen ſollte, daß die Kaiſerin ſich in den Dom begebe, um Gott zu danken, daß er Oeſterreich neuen Glanz und nene 4 44 Macht verliehen habe, und mit dröhnender Zunge den Ruhm und die neue Größe Oeſterreichs zu verkünden. Und jetzt wurden die Flügel⸗ thüren geöffnet, und am Arm des Kaiſers, gefolgt von den Prinzen und Prinzeſſinnen, den Miniſtern und Generalen, trat die Kaiſerin in die Antichambre ein. Schweigend hatten ſich die Damen zu beiden Seiten aufgeſtellt, um die Kaiſerfamilie vorüber zu laſſen, und dann ihnen zu folgen. Maria Thereſia's flammendes Auge überflog mit einem raſchen Blick ihre Reihen, und haftete auf dem bleichen Antlitz der Gräfin von Salmour. Mit einem leiſen Wink ihres Hauptes rief ſie dieſelbe zu ſich, und ſtand ſtill, die Gräfin erwartend, welche lang⸗ ſam aus den Reihen der Damen hervortrat, und ſich der Kaiſerin näherte. Eine tiefe Stille herrſchte im Gemach, Aller Augen waren mit neugierigen Blicken auf die Kaiſerin geheftet, und auf Frau von Sal⸗ mour, die in ihren Trauergewänden ſo ſeltſam contraſtirte zu dem heu⸗ tigen Feſt des Triumphes. Frau von Salmour, ſagte die Kaiſerin, laut genug, um von Je⸗ dermann gehört zu werden, ich entbinde Sie heute von Ihrer Pflicht. Sie hat nicht nöthig mit uns in den Dom zu gehen. Die Gräfin verbeugte ſich tief, und inmitten des allgemeinen Schwei⸗ gens ſagte ſie ernſt: Ew. Majeſtät haben Recht, mich heute nicht in die Kirche gehen zu laſſen, denn ich könnte vielleicht verſucht ſein, dem Him⸗ mel Wünſche vorzutragen gegen die Bedrücker meines Vaterlandes.*) Mit einem wahren Schrecken und Entſetzen richteten ſich jetzt Al⸗ ler Augen auf die Kaiſerin, Jedermann erwartete von ihr eine heftige zund zürnende Antwort zu vernehmen. Allein das Antlitz der Kaiſerin blieb vollkommen heiter und ruhig. Sie hat Recht, ſagte ſie freundlich, und es iſt ſchön von Ihr, daß Sie den Muth hat die Wahrheit zu ſagen. Sie nickte der Gräfin freundlich zu, und war im Begriff weiter zu gehen, aber plötzlich blieb ſie ſtehen, und wandte ſich noch einmal zu Frau von Salmour um. Iſt die Gräfin Wielopolska noch in Wien? fragte die Kaiſerin haſtig. 5) Hiſtoriſch. Siehe: Swinburne: the courts of Europe at the close of the last century. Vol. I. p. 348. der Ka Begiif S ſagte) F wandten er mi N 1 reitun geſtern polska G ſagte ſchiede gerte deum die K neuen jett i Erwe ſollte an de gewol die g ten, Gatt den mnal Ti d die lügel rinzen in in eiden dann mit ntlit rief lang⸗ erte. mit Sal heu⸗ Je⸗ glicht. wei⸗ die um Al⸗ tige hig. daß eiter mal ſtig 45 Seit geſtern, Majeſtät, iſt ſie wieder hier. Sie ſollte, während wir in die Kirche gehen, zu der Gräfin gehen, ſagte Maria Thereſia theilnehmend. Frau von Salmour ſchüttelte langſam ihr Haupt, und ihre Blicke wandten ſich mit mit einem ſeltſamen Ausdruck auf den Kaiſer hin, wel⸗ cher mit trüben Mienen der Unterredung ſeiner Mutter zugehört hatte. Verzeihung, Majeſtät, ſagte Frau von Salmour, ſich dann wieder der Kaiſerin zuwendend. Die Frau Gräfin iſt, wie ſie mir ſagte, im Begriff, eine große Reiſe anzutreten, und da ſie heute mit den Vorbe⸗ reitungen zu derſelben beſchäftigt iſt, empfängt ſie Niemand. Wir haben geſtern ſchon von einander Abſchied genommen. Die Gräfin Wielo⸗ polska verläßt Wien für immer. Es freut mich, daß die Gräfin reiſen will, das wird ſie zerſtreuen, ſagte Maria Thereſia freundlich, der Frau von Salmour einen Ab⸗ ſchiedsgruß zuwinkend und dann am Arm des Kaiſers weiter ſchreitend. Joſeph folgte ihr ſinnend und gedankenvoll, eine trübe Wolke la⸗ gerte auf ſeiner Stirn, und weder die triumphirenden Klänge des Te⸗ deums noch der Anblick dieſer feſtlich geputzten Menſchenmenge, welche die Kirche erfüllte, um mit der Kaiſerfamilie Gott zu danken für den neuen Glanz Oeſterreichs, vermochte ſein Antlitz zu erhellen. Wie er jetzt im Stephansdom den Jubelklängen des Tedeums zuhörte, das den Erwerb eines Theils von Polen feiern und gewiſſermaßen ſanctioniren ſollte, erinnerte ſich der Kaiſer mit einer Art Beſchämung jenes Tages an dem er zum erſtenmal als Kaiſer einer öffentlichen Feierlichkeit bei⸗ gewohnt hatte.*) Dieſe Feierlichkeit damals hatte der Erinnerung an die glückliche Befreiung Wiens von der Belagerung der Türken gegol⸗ ten, und auf derſelben Stelle, auf welcher der Kaiſer jetzt knieete, um Gott für das eroberte Polen zu danken, hatte er damals gekniet um den Manen Johann Sobieski's und den Polen zu danken, welche da⸗ mals vor noch nicht einem Jahrhundert das unglückliche Wien von den Türken befreit hatten. Und von dieſen trüben und beſchämenden Exrinnerungen wandten ſich alsdann die Gedanken des Kaiſers zu dieſer ſchönen und unglück⸗ *) Siehe die erſte Abtheilung dieſes Werkes. Th. II. 46 lichen Frau hin, zu der Gräfin Wielopolska, deren bleiches, ſchmerz⸗ zuckendes Antlitz oft wie ein letzter Strahl der untergehenden Abend⸗ ſonne vor ſeinem innern Auge vorübergeſchwebt war, und deren ſüße Stimme er wider ſeinen Willen oft noch in der Stille der Nacht flüſtern hörte von den ſchönen Tagen, welche geweſen. Mit einem ſeltſamen ihm unerklärlichen Wehegefühl wiederholte er ſich die Worte der Frau von Salmour, dieſe Worte, welche, wie es ihm ſchien, zumeiſt an ihn gerichtet waren, rief er ſich die traurigen und vorwurfsvollen Blicke zurück, mit welchen Frau von Salmour ihn angeſchaut. „Die Gräfin Wielopolska verläßt Wien für immer,“ hatte Frau von Salmour geſagt, und doch war ſie nicht gekommen, Abſchied zu nehmen von der Kaiſerin, doch hatte ſie den Kaiſer nicht zum letzten Lebewohl zu ſich gerufen! Ein Gefühl unausſprechlicher Sehnſucht, ſchmerzvoller Zärtlichkeit erfaßte den Kaiſer, er hätte zu der Gräfin hineilen, und zu ihren Füßen knieend, ſie um Vergebung anflehen mögen für dieſe Jubelklänge des Tedeums, deſſen letzte Accorde eben die glänzenden, von tauſend Kerzen funkelnden Hallen des Doms durch⸗ rauſchten. Aber ihre Geſchicke waren doch auf ewig von einander ge⸗ ſchieden, und keine Brücke gab es mehr herüber und hinüber! Es half nichts ſie wiederzuſehen, ſie hatten doch einander nichts mehr zu ſagen, nichts, was ſie nicht ſchon längſt in bitter durchwachten Nächten und in dem ſtummen Abſchiedsblick jenes letzten Begegnens bei der Kaiſerin geſagt hatten. In jener Stunde hatte die Gräfin ihm geſagt, eines Tages würden ſie ſich noch wiederſehen, eines Tages würde ſie ihn rufen laſſen zu einem letzten Lebewohl, und er hatte ihr ſchwören müſſen, alsdann ihrem Ruf zu folgen. Dieſer Tag des letzten Lebe⸗ wohls war alſo noch nicht gekommen, und Frau von Salmour hatte alſo Unrecht; Gräfin Anna Wielopolska verließ nicht auf immer Wien, ſonſt würde ſie ihr Wort erfüllt, und Joſeph gerufen haben zum letzten Lebewohl! So ganz verſenkt war der Kaiſer in dieſe Gedanken, daß er gar nicht gewahr worden, daß das Tedeum und das nachfolgende Gebet längſt beendet war, und die Kaiſerin ſich ſchon von ihrem Sitz erhoben hatte. Erſt als ſie leiſe ſeine Schulter berührte, und ihn aufforderte mit ihr die Kirche zu verlaſſen, erwachte der Kaiſer aus ſeinem Sinnen Tedeu hoftan neuen auf d Maric derjen reichs feierl und verne laute jeden volle Thro Weiſ mit i Dher auch war, Auge die u ſprac Rrd ſen wele nen und mierz⸗ bend⸗ ſüße üſtern amen Frau ꝛ ihn Blicke Frau ed zu ſetzten ſucht, räfin lehen eben urch⸗ r ge⸗ Es r zu chten der eſagt, e ſie ören ebe⸗ jatte Sien, tzten gar hebet oben derte unen 47 und ſprang raſch empor, um Maria Thereſia den Arm zu bieten, und ſie zu ihrem Wagen zu geleiten.— Eine zweite Feierlichkeit, wie geſagt, folgte dieſer erſten. Nach dem Tedeum ſollten die neuen polniſchen Vaſallen, welche heute in der Ober⸗ hofkanzlei den Huldigungseid geſchworen, in erſter großer Cour ihrem neuen Herrſcherpaar vorgeſtellt werden. In dem großen Thronſaal, im vollen Pomp ihrer kaiſerlichen Würde auf dem Thron ſitzend, neben welchem Kaiſer Joſeph ſtand, empfing Maria Thereſia ihre neuen Unterthanen, dieſe großen Grundbeſitzer derjenigen polniſchen Provinzen, welche jetzt unter dem Titel des König⸗ reichs Gallizien dem öſterreichiſchen Kaiſerſtaat einverleibt waren. In feierlichem Zuge gingen dieſe neuen Vaſallen an dem Thron vorüber, und indem Jeder derſelben vor dem Thron ſich tief und ehrfurchtsvoll verneigte und halb ſeine Knie beugte, naunte der Oberhofmarſchall mit lauter Stimme den Namen des Knieenden, und Maria Thereſia empfing jeden dieſer Namen mit einem grüßenden Kopfneigen und einem huld⸗ vollen Lächeln. Nachdem dieſe Ceremonie beendet war, ſtieg die Kaiſerin von ihrem Thron, um ihre neuen Vaſallen auf eine weniger ceremoniöſe und ſtolze Weiſe zu begrüßen, und ſich in huldvoller und herablaſſender Weiſe mit ihnen zu unterhalten. Niemand verſtand es ſo gut, wie Maria Thereſia, diejenigen zu bezaubern, die ſie für ſich gewinnen wollte, und auch jetzt noch, obwohl ihre Schönheit und ihre Jugend längſt verwelkt war, übte ihre ſtolze, majeſtätiſche Erſcheinung, ihr glühendes, ſchönes Auge, ihr edles, gütevolles Weſen den alten Zauber. Man ſah, wie die umdüſterten Geſichter der Polen, wenn Maria Thereſia mit ihnen ſprach, ſich nach und nach erheiterten, und während ſie vorher ſchwei⸗ gend und mit finſter zuſammengezogenen Augenbrauen dageſtanden, fingen ſie nun an mittheilſamer zu werden, und ſich den Gruppen anzuſchließen, welche ſich jetzt hier und da in dem Saal gebildet hatten, und in de⸗ nen man zum erſten Mal die Polen neben den Ungarn, den Italienern und Deutſchen als Unterthanen und Vaſallen Oeſterreichs erblickte. Die meiſten dieſer neuen Unterthanen hatten ihre polniſchen Uni⸗ formen und Nationalgewänder abgelegt, und waren in eleganter fran⸗ — zöſiſcher Tracht vor der Kaiſerin erſchienen. in dem Saal zu. 48 Nur Wenige hatten den trotzigen Muth gehabt, den Thronſaal der neuen Herrſcherin angethan mit dem ſchönen, goldgeſtickten polni⸗ ſchen Nationalcoſtüäm zu betreten, und unter dieſen Wenigen war es ein Greis von hoher, ſtolzer Geſtalt, von ehrfurchtgebietender Erſchei⸗ nung, welcher die Blicke Aller auf ſich zog. Während alle ſeine Landsleute ſich beugten und lächelten, und ſchöne Worte machten, ſtand dieſer Greis in dem polniſchen National⸗ gewande allein und abſeit in einer Fenſterniſche. Mit finſtern Blicken, mit verſchränkten Armen, die bleichen Lippen feſt aufeinander gepreßt, ſtand dieſer Mann da, und ſchaute faſt verächtlich dem bunten Treiben Eben ging die Kaiſerin vorüber, und grüßte ihn mit einem huldvollen Lächeln. Der Greis ſenkte kaum merklich ſein Haupt, und dieſe Falte auf ſeiner Stirn ward noch finſterer und tiefer. Kaiſer Joſeph unterbrach ſich mitten in einem angefangenen Ge⸗ ſpräch mit zwei jungen polniſchen Grafen, deren Heiterkeit und unbe⸗ fangenes Weſen bewies, wie gut es die Polen verſtehen, ihrer Schmer⸗ zen zu vergeſſen, und ſich in glücklichem Leichtſinn dem Genuß des Au⸗ genblicks hinzugeben. Können Sie mir ſagen, meine Herren, wer jener ſtolze, finſtere Greis dort iſt? fragte der Kaiſer haſtig. Wie die Blicke der Grafen dem Finger des Kaiſers folgten, wur⸗ den ihre Geſichter ernſt, und faſt beſchämt ſenkten ſie die Blicke zu Boden, als ſie gewahrten, daß die Augen des Greiſes feſt auf ſie ge⸗ richtet waren. Das iſt, ſagte der Eine von ihnen, faſt ſcheu und ängſtlich, das iſt der Graf von Kannienski. Ah, der große Parteigänger früherer Tage! rief der Kaifer leb⸗ haft. Nun, da er nicht zu mir kommt, will ich zu ihm gehen, um ihn zu begrüßen. Er nickte den Grafen einen freundlichen Abſchiedsgruß zu, und den Saal durchſchreitend, ging er zu dem Greis hin, der ihn ohne das mindeſte Zeichen von Ueberraſchung oder Freude mit einem ernſten, kalten„ Gruß empfing. Ich freue mich, den Grafen Kannienski begrüßen zu können, und S 49 ihm meine Achtung zu bezeugen, ſagte der Kaiſer freundlich, indem er dem Grafen ſeine Hand darreichte. Dieſer ſchien die gnädige Begrüßung des Kaiſers nicht zu gewah⸗ ren, und nahm die Hand des Kaiſers nicht an. Er machte nur eine ſtumme Verbeugung, und warf einen düſtern, ſcheuen Blick auf das freundliche Antlitz des Kaiſers. Aber Joſeph ließ ſich nicht zurückſchrecken von dem kalten, abſtoßen⸗ den Weſen des Polen, deſſen düſtere Schwermuth der Kaiſer in ſei⸗ nem Zartſinn gar wohl zu würdigen wußte. Sind Sie zum erſten Male in Wien? fragte der Kaiſer. Zum erſten und zum letzten Male, ſagte der Graf langſam und feierlich. Und gefällt Ihnen Wien? Nein, Majeſtät, es gefällt mir nicht ſonderlich. Der Kaiſer lächelte. Dieſes herbe, abſtoßende Weſen, ſtatt ihn zu verletzen, gewann vielmehr ſein Herz und erfüllte ihn mit Hochachtung vor dieſem edlen, ſchmerzbeladenen Sohn ſeines Vaterlandes, der ſo wenig Höfling war, daß er ſeinen neuen Herrſchern gegenüber unver⸗ hohlen die Trauer um ſein Vaterland auf ſeinem Antlitz und in ſei⸗ nem Weſen trug. Es wundert mich, daß es Ihnen in Wien nicht gefällt, ſagte der Kaiſer freundlich. Sie treffen wenigſtens ſehr viele Landsleute hier. Es waren noch niemals ſo viel Polen hier in Wien, als eben heute. Ein flammender Zornesblick des Polen traf das lächelnde Antlitz des Kaiſers. Nun, ſagte der Graf, ich meine doch, daß an jenem Tage, als König Sobieski die Türken verjagte, ganz Wien mit Polen angefüllt war. Doch das ſind beinah hundert Jahre her, und das Gedächtniß der Menſchen reicht nicht ſo weit*).— Aber, fuhr der Graf dann ſanfter fort, ich bin nicht hierher gekommen, um Ew. Ma⸗ jeſtät an vergangene Zeiten zu erinnern. Es muß ſich ein Jeder in *) Dieſe Unterredung iſt hiſtoriſch. Der Kaiſer ſelbſt liebte es ſie zu er⸗ zählen, und verſicherte, dieſes herbe Weſen, und dieſer ſtolze amor patriae des Grafen hätte ihn ſo erfreut, daß er die größte Neigung gehabt, ihn zu umar⸗ men, und es nur nicht gethan, weil er hätte fürchten müſſen, zurückgeſtoßen zu werden. Siehe: Swinburne I. S. 349. Kaiſer Joſeph. 2. Abth. III. 4— ſeine Gegenwart ſchicken, und Ew. Majeſtät ſehen ja, mit welcher Heiterkeit, und welchem guten Geſchick meine Landsleute das verſtehen. Und doch verſichere ich Ihnen, Herr Graf, daß dieſe Alle mir weniger gefallen, als Sie, ſagte der Kaiſer mit innigem Ton. Ihr Trübſinn macht Ihnen mehr Ehre, als jenen Herren dort ihre Heiter⸗ keit. Ich weiß, trotz der Gegenwart, auch die Vergangenheit wohl zu ſchätzen, und wenn die Söhne den Trauerſlor tragen und weinen um ihre verſtorbene Mutter, ſo zeigt das nur, daß ſie gute und dankbare Söhne ſind, und Jedermann wird ſie deshalb hoch ſchätzen. Der Graf blickte betroffen in das edle, von Geiſt und Güte leuch— tende Antlitz des Kaiſers. Sire, ſagte er traurig, hätte der König Stanislaus Ihnen geglichen, ſo wäre Vieles anders gekommen! Aber es hilft nichts, darüber zu klagen, und ich bin nicht dazu hierher ge⸗ kommen. Bin aber auch nicht gekommen, um mich zu freuen, und um einen Gruß von der Kaiſerin zu buhlen. Die Kaiſerin wird ſich indeſſen freuen, einen ſo tapfern und be⸗ rühmten Helden kennen zu lernen, ſagte Joſeph freundlich. Erlauben Sie mir, Sie der Kaiſerin vorzuſtellen. Der Graf ſchüttelte langſam ſein Haupt. Ich kam nach Wien, ſagte er, nicht um der Kaiſerin willen, ſondern um einer Frau willen, von welcher ich wußte, daß der hentige Tag ſie zerſchmettern würde. Während meine Landsleute hierher gingen, wollte ich bei ihr bleiben, um ſie zu tröſten. Dieſe Frau iſt eine Polin? fragte der Kaiſer haſtig. Ja, Sire, dieſe Frau iſt die letzte Polin, und ich fürchte, ſie wird es machen, wie ihr Vaterland, ſie wird ſterben! Und darf ich den Namen dieſer Frau wiſſen? △ Es iſt die Gräfin Anna Wielopolska, ſagte der Graf leiſe. Sie iſt es, welche mich hierher geſandt hat, und da ſie ſagte, daß es ver letzte Dienſt iſt, welchen ich ihr erzeigen könnte, bin ich gegangen. Sie bringen mir eine Botſchaſt von der Gräfin? fragte der Kai⸗ ſer athemlos. Die Gräfin Wielopolska läßt dem Kaiſer Joſeph ſagen, er möge gnädigſt des Schwurs gedenken, den er ihr geleiſtet am Tage, wo Idie. Kaiſerin die Thringset⸗ unterzeichnete. heute ſie f Maj Gra nur ſtolz ſie den elcher ſtehen. e mir Ilr eiter⸗ hl zu n um lbare leuch⸗ König Aber er ge⸗ d um d be⸗ auben Wien, illen, ürde. aben, wird 51 Ich gedenke deſſen! Weiter, weiter! murmelte der Kaiſer. Eingedenk dieſes Schwurs möge der Kaiſer die Gnade haben, heute Nachmittag um ſechs Uhr zu ihr zu kommen. Wo ſinde ich ſie? In derſelben Wohnung und demſelben Zimmer, wo Ew. Majeſtät ſie früher gefunden haben. Meine Bolſchaft iſt erfüllt, erlauben Ew. Majeſtät, daß ich mich beurlauben darf. Ohne die Antwort des Kaiſers abzuwarten, verneigte ſich der Graf, und wandte ſich ab. Langſam und hochaufgerichtet, ohne auch nur einen ſeiner Landsleute eines Blickes zu würdigen, ſchritt der hohe, ſtolze Greis durch den Saal dahin, und ging von dannen. Der Kaiſer ſchaute ihm ſinnend nach. Er iſt der letzte Pole, wie ſie die letzte Polin iſt, ſeufzte er leiſe. Unſere Geſchicke ſind entſchie⸗ den, die letzte Polin ruft nach mir zum letzten Lebewohl! V. 3- Das letzte Lebewohl. Gräſin Auna Wielopolska war allein in ihrem Zimmer, das heute, wie ſie ſelber, feſtlich geſchmückt und wie zum Empfang eines hohen Gaſtes bereit war. Ein koſtbarer Teppich bedeckte den Fußboden, wun⸗ dervolle Blumen ſtanden in ſchön gemalten und vergoldeten Gefäßen umher, das Pianoforte war geöffnet, und die aufgeſchlagenen Noten be⸗ wieſen, daß die Gräfin noch immer trotz ihres Kummers, ihrer Lieblings⸗ kunſt treu geblieben war. Aber ſonſt war ſie geändert und verwandelt, und ihre einſt ſo ſtolze, imponirende Schönheit hatte jetzt etwas Rührendes, Mitleiderregendes angenommen. Das war nicht mehr die hohe, zür⸗ nende, lebenskräftige Geſtalt früherer Tage, es war ein bleiches, zu⸗ ſammengeſunkenes Weib, mitt tief eingefallenen Wangen, auf denen in leuchtender Pracht dieſe purpurrothen Flecken,„die Roſen des Todes“ aufgeblüht waren, mit großen, verklärten Augen, welche ſtrahlten, als eynten ſie ſchon die Herrlichkeit des Jenſeits, mit glühend rothen Lip⸗ 1 pen, die ein zugleich trauriges und glückliches Lächeln umſpielte.“ 44 52 Wie wenig glich dieſe zarte, durchſichtige, lilienhafte Geſtalt jener Erſcheinung, welche Kaiſer Joſeph damals in Neuſtadt zuerſt auf dem Balcon gewahrte, und von der er damals das Bouquet von weißen und rothen Blumen empfangen hatte. Und doch war es dieſelbe Frau, und ſie trug heute dieſelben Gewänder, denſelben Schmuck wie damals. Das lange, ſchwarze Sammetgewand umhüllte wieder ihre hohe Ge⸗ ſtalt, mit Perlen und Brillanten waren ihr Hals und ihre Stirn ge⸗ ſchmückt, ein ſchwarzer Schleier fiel hernieder von ihrem Haupt und umflatterte ſie wie eine unheilsvolle Wolke, und an ihrem Buſen prangte wieder ein Bouquet von weißen Roſen, zuſammengehalten von einer purpurrothen Schleife, die in langen Enden herniederfiel. Alles an ihr war wie damals, und doch war ſie ſelber eine An⸗ dere geworden. Damals hatte ſie noch gehofft, gefürchtet und gehaßt. Jetzt hoffte und fürchtete ſie nichts mehr, und ſtatt des Haſſes war die Liebe in ihr Herz eingezogen. Wie ſehnſuchtsvoll ihr Herz klopfte, mit welchen ungeduldigen und zärtlichen Blicken ſie immer wieder hinüber ſchaute zu der Pendule, die dort über dem Kamin ſtand, zu welchem himmliſchen Lächeln ſich ihr Antlitz verklärte, als jetzt der Zeiger die volle Stunde bezeichnete, und die Uhr mit lautem, dröhnenden Schlag ſechs Mal anſchlug. Die Stunde iſt dal flüſterte ſie leiſe. Jetzt werde ich ihn wie⸗ derſehen! Eben rollte ein Wagen heran, und ſchien vor ihrem Hauſe anzu— halten. Ein Zittern durchflog ihre ganze Geſtalt, und eine glühende Röthe übergoß auf einen Moment ihre bleichen Wangen. Er iſt es! Ich fühle es, er iſt es! hauchte ſie athemlos, indem ſie angſtvoll ihre beiden Hände auf ihr Herz preßte, das mit ehernen Schlägen in ihrer kranken Bruſt hämmerte. Mit ſchwankenden Schrit⸗ ten näherte ſie ſich der Thür, aber dann auf einmal ſtand ſie ſtill und horchte. Es war ihr, als hörte ſie Schritte, welche ſich näherten, als erkenne ſie die Stimme deſſen, der da draußen im Vorzimmer mit Matuſchka ſprach. Ja, er iſt es, er kommt! flüſterte ſie, und mit einer angſt en und eiligen Bewegung zog ſie aus ihrer Kleidertaſche ein Etui, das ſie öffnete, und aus welchem ſie ein kleines Fläſchchen hervorzog. 1 eie jeſtalt ſt auf eißen Frau, mals. Ge⸗ nge⸗ und zuſen von digen dule, ſich nete, wie anzu⸗ ende dem nen it⸗ und 3 als nit 53 Einen Moment betrachtete ſie daſſelbe mit ſinnenden Blicken, und es gegen das Fenſter emporhebend, ſchien ſie deſſen durchſichtigen, pur⸗ purrothen Inhalt zu prüfen.— Die Stimmen und die Schritte kamen näher und näher.. Es iſt die höchſte Zeit! murmelte die Gräfin, und haſtig die gol⸗ dene Kapſel des Fläſchchens öffnend, führte ſie daſſelbe an ihre Lippen und leerte es bis auf den Grund. Und jetzt gehört mir noch eine letzte Stunde des Glückes! flüſterte ſie, indem ſie die Flaſche wieder in ihrer Kleidertaſche verbarg, und der Thür zueilte. Dieſe ward jetzt geöffnet, und der Kaiſer trat ein. Anna ſtreckte ihm ihre beiden Hände entgegen, und grüßte ihn mit einem ſeligen Lächeln. Tief erſchüttert und ſchweigend blickte der Kaiſer in ihr wunder⸗ ſam verklärtes, von der Glorie des Todes ſtrahlendes Angeſicht. Lange ſchauten ſie einander ſo an, ſchweigend, und doch zu einander ſprechend mit ihren Blicken, ihren Gedanken und ihrem Lächeln. Auf einmal ließ der Kaiſer ihre Hände los, und ſanft ſeine bei⸗ den Hände an ihre Wangen legend, zog er ihr Haupt an ſeine Bruſt, und hielt es dort feſt. Sie ließ es geſchehen, und ſchaute zu ihm em⸗ por mit einem ſeligen Lächeln. Sprich nicht zu mir, Anna,„ſagte Joſeph leiſe. Denk' ich ſei ein Sterndeuter, der jetzt in ſeinem Himmel leſen will! Er hielt immer noch ihr Haupt zwiſchen ſeinen Händen, und ſchaute ſie an mit tiefen innigen Blicken. Ich leſe viel Trauriges und Schmerzliches da, ſagte er nach einer Pauſe. Viel Thränen und Qualen haben meine Sterne getrübt, aber ſie haben doch nicht ihren Glanz verdunkeln können. Ich er⸗ kenne ſie wieder, die ſchöne Königin der Nacht, die mir einſt in Neu⸗ ſtadt erſchien. Sie iſt immer noch das ſtrahlende, herrliche, ſtolze Weib, welches ſie damals war. Nein, ſagte ſie lächelnd, ſie iſt eine andere geworden, ſie iſt zu dieſer Stunde ein demüthiges, zagendes Weib, das nichts mehr auf Erden begehrt und will, als einen Blick des Geliebten, als ſeine Ver⸗ —— 54 gebung, als das Glück, ihm ſagen zu können, daß ſie ihn grenzenlos liebt, und dann in ſeinen Armen ſterben zu können. Wenn man wahrhaft liebt, denkt man nicht an das Sterben und den Tod, ſondern an das Leben, ſag Joſeph ſie feſter an ſich drückend. Der Tod iſt der Anfang des ewigen Lebens, flüſterte ſie lächelnd, und darum, wer wahrhaft liebt, ſehnt ſich nach dem Tode, weil er dann ſeine Liebe als köſtliches, unverlierbares Gut mit ſich nehmen kann in das ewige Leben. Laß uns jetzt nicht vom Tode ſprechen, rief Zoſeph faſt rauh, nicht in dieſer Stunde, in der ich Dich endlich wieder gefunden habe, ſo wie ich Dich immer in meinen Träumen und meinen Gedanken ge⸗ ſchaut habe. Oh Anna, Anna, und biſt Du denn wirklich nur gekom⸗ men, um wieder fortzugehen? Iſt es denn wahr, daß Du fortgehen willſt auf Nimmerwiederkehr? Haſt Du mich wirklich rufen laſſen zum letzten Lebewohl? Nein, ich habe Dich rufen laſſen zum ewigen Willkommen! rief ſie mit leuchtenden Angen. Oh mein Freund, mein Geliebter, ſei will⸗ kommen, tauſendmal willkommen! Mein Herz öffnet Dir weit ſeine Thore, und läßt Dich einziehen in ſeinen Tempel, auf deſſen Altar Dein Name allein als göttliche Flamme brennt. Willkommen, mein Herr und mein Gebieter, willkommen meinem Herzen, meinen Augen und meiner Seele! Jetzt iſt Alles wieder Tag in mir, und feliges Schauen, jetzt jubelt Dir mein ganzes Sein entgegen, und ſchmiegt ſich an Dich in ſeliger Luſt! Und ſo biſt Du denn endlich Mein, rief Joſeph, ſie feſt in ſeine Arme drückend. So hat denn endlich die Liebe dies kalte Götterherz bezwungen, und will mit ihrer Herrlichkeit mich verklären. Oh Anna, jetzt ſollſt Du's wiſſen, daß ich grenzenlos um Dich gelitten habe! Der Mann darf's ſagen, denn der Kaiſer hat ſeine Pflicht gethan. Er hat nicht gezaudert, nicht geſchwankt, er hat die Arbeit, welche das Geſchick ihm übertragen, muthig und ohne Murren auf ſeine Schultern genommen, aber jetzt, jetzt eben iſt eine Feierſtunde, und nun darf der Mann es ſagen, wie ſein Herz geblutet hat bei der Arbeit, wie oft ſeine Thränen ſie bethaut haben, wie oft er unter Lachen und Scher⸗ zen ſeine Verzweiflung und ſeinen Jammer verſtecken mußte. Ach Anna daſein doch grauſ gellag alles geahr gebeu ltt Taä derle um Pol wel ver. eln peeſ ſein ſem ſcha ner d gle 8 enzenlos den und drückend. lächelnd, weil er nehmen. uh, nicht habe, ſo nken ge⸗ gekom⸗ ortgehen ſen zum en! rief ſei wil⸗ eit ſeine n Altar mein Augen ſeliges ſchmiegt in ſeine ſtterherz Anna, 1 habe! gethan. che das ſchultern darf der wie oft Scher⸗ e. A 5⁵ . Anna, es iſt ein gar elend und jammervoll Ding um ein Menſchen⸗ daſein, und das bischen Aufputz, welches eine Krone giebt, macht's doch nicht ſchöner. Nur die Liebe thut's, und die haſt Du, ſchönes grauſames Weib, mir entzogen, und ich habe um Dich geſeufzt und geklagt, wie ein armer, verliebter Knabe, der gar noch nicht ahnt, daß alles Glück enden, und alle Liebe vergehen muß. Niemand hat das geahnt, Anna, Niemand hat gewußt, daß der Kaiſer ein gar trauriger gebeugter Mann war. Ich hab's gewußt, flüſterte ſie leiſe. Ich hab's gewußt, denn ich litt an Deinen Schmerzen, und Deine Thränen waren auch die meinen. Nein, nein, Du lügſt, rief er rauh, indem er, wie aus ſüßen Träumen erwachend, ſie unſanft aus ſeinen Armen ließ. Du haſt mich verlaſſen, Du allein, Du wollteſt nur eine Polin ſein, kein Weib, und um Polens willen verließeſt Du mich. Und jetzt, ſagte ſie, ſich ſanft an ihn ſchmiegend, jetzt bin ich keine Polin mehr, ſondern nur ein Weib, ein Weib, welches Dich liebt, und welches zu Dir kommt, um es Dir zu ſagen, ein Weib, welches Alles verläßt, ihr Vaterland, ihre Erinnerungen und ihre Schmerzen, um ſelig nur in ihrer Liebe zu leben und zu ſterben! Sprich nicht vom Sterben! ſagte Joſeph, ſie feſt an ſeine Bruſt preſſend. Oh Anna, jetzt biſt Du wieder mein, jetzt ſoll Alles wieder ſein, wie damals in jenen ſchönen Abendſtunden, wenn ich hier in die⸗ ſem Zimmer bei Dir war, und in ſeliger Luſt Deinem Lächeln zu⸗ ſchaute, Deiner Stimme horchte. Oh wie oft habe ich mich nach Dei⸗ ner Stimme geſehnt, wie oft iſt ſie mir erklungen, wenn ich in der Oper neben der Kaiſerin ſaß, wie ſchwang ſie ſich da, einem Engel gleich leuchtend und jubelnd, über das Gezwitſcher und Gepfeife der Sänger empor, daß ich nichts mehr vernahm von der ſüßlichen Erden⸗ muſik, ſondern nur Dich noch hörte, Dich meine Himmelsmuſik. Komm, Anna, laß mich Deine Stimme wieder hören, ſinge mein Herz wieder in Ruhe und Frieden ein, wie Du es damals ſo oft gethan. Ja, ich will ſingen! ſagte ſie ernſt, und auf des Kaiſers Arm ge⸗ lehnt, ging ſie zu dem Clavier hin, und ließ ſich auf dem Seſſel vor demſelben niedergleiten. Der Kaiſer ſtand neben ihr, und ſchaute lächelnd zu, wie ihre 56 ſchlanken, durchſichtigen Finger ſich auf die Taſten legten, und langſame, feierliche Accorde denſelben entlockten. Jetzt verſchmolzen dieſe Accorde ineinander, jetzt hoben ſie ſich zu harmoniſchen Klängen, zu einer ſchwer⸗ muthsvollen, ſanften Melodie.— Der Kaiſer horchte auf, und ſchien über etwas nachzuſinnen. Dann lächelte er wieder. Er hatte dieſe Muſik erkannt, es war die Melodie jenes Liedes, das die Gräfin Wie⸗ lopolska damals in Neuſtadt vor ihm und dem König geſungen, es war die Melodie der Klage um die ſterbende Polenkönigin, aber dieſer Melodie hatte die Gräfin jetzt andere Worte untergelegt, und mit rüh⸗ rend ſchöner Klageſtimme ſang ſie: Die Sonne iſt hinunter, Und tiefe Nacht umhüllt Mit ihrem ſchwarzen Schleier Das Weib, von Schmerz erfüllt. ——— Das Weib, das bleich und elend Dort durch die Straßen ſchleicht, Und deren Trauerklage un Den Himmel nicht erreicht. des Ein Purpur hüllt die Glieder, ſchr Die kranken, wie zum Hohn, 3 . bei Und über ihrem Haupte— Schwebt eine Königskron!! 15 So wandert ſie von dannen, ihr Dahin durch Sturm und Nacht, Die Kön’gin, die das Schickſal 4 3 Zur Bettlerin gemacht. Die Kön'gin ohne Krone, d Die Kön'gin ohne Land, Von der die Menſchen Alle Sich mitleidslos gewandt! Zur Bettlerin erniedrigt Iſt Polens Königin! A 4 Sie ſchleicht von Thür zu Thüren, Streckt ihre Hände hin. 57 ungſame, Und fleht um eine Gabe, Accorde Und fleht um ein Stück Brod. ſchwer⸗ Oh Bettlerin, Du Arme, 19; 3 Du nicht den Tod? d ſchien Was ſuchſt Du nicht den T 2 V zte dieſe Der Tod nur kann erlöſen. in Wie⸗ Und ſühnen Deine Schmach, gen, es Der Tod nur kann verſöhnen, dieſer Was man an Dir verbrach. er die nit rüh⸗ Wenn Leben eine Schande, So iſt der Tod Gewinn. Die Bettlerin wird ſterbend Doch wieder Königin! Der Tod iſt Polens Ehre, Das Leben iſt uns Schmach, Und— Sie ſtockte, ihre Hände ſanken kraftlos von den Taſten nieder, und mit einem matten Schrei fiel ſie zurück an die Lehne des Seſſels Der Kaiſer neigte üb⸗ zu ihr nieder, und mit einer Bewegung des Schreckens hob er ihr Haupt empor, und ſchaute in ihr bleiches, ſchmerzzuckendes Antlitz. Dann, ohne ein Wort zu ſagen, legte er ſeine beiden Arme um ſie, und ſie wie ein Kind emporhebend an ſeine Bruſt, trug er ſie durch das Zimmer, und legte ſie ſanft auf dem Divan nieder. Sie ſchante zu ihm empor mit zärtlichen Blicken, und verſuchte ihre Hand empor zu heben, aber ſie ſank kraftlos wieder zurück. Joſeph ſah es, und ein leiſes Schmerzgeſtöhn drang aus ſeiner Bruſt hervor. Ich habe Dich verſtanden, Anna, ſagte er, ſich über ſie neigend, Du willſt ſterben! Der Tod iſt Polens Ehre, das Leben iſt uns Schmach! flüſterte ſie kaum hörbar. G. Ein wilder Schrei des Zorns und des Schmerzes zugleich drang 4 von ſeinen Lippen. Und alles dies war alſo doch nur eine Lüge! ſagte er mit leidenſchaftlicher Heftigkeit. Die Liebe hat Dein Herz nicht be⸗ zwungen, die Polin hat ſich dem Weibe nicht gebeugt! 9 Anna, Anna, wie konnteſt Du ſo grauſam ſein! 58 Grauſam gegen mich ſelber, ſagte ſie matt. Denn indem ich mir ſeii den Tod gab, wußte ich, wie ſchön das Leben ſei. Aber auf dem Grabe Gr⸗ meiner Mutter habe ich einſt geſchworen, die Schande Polens nicht zu Sch überleben. Würdeſt Du mich noch haben lieben können, wenn ich mei⸗ ſen nen Schwur gebrochen hätte? Treu meinem Wort im Leben und im Tode, ſterbe ich als Polin, und lebe weiter als das Weib, das Dich trae 8 liebt und ewig lieben wird. Vergieb mir dieſe Schmerzensſtunde! Aber 1 ich wollte, bevor ich ſterbe, noch eine Stunde glücklich ſein, und Dir, dan mein Freund, danke ich dieſe einzige Stunde des Glücks, die ich erlebt! na 4 Und iſt keine Hülfe möglich? keine? fragte er mit von Thränen er⸗ für f ſtickter Stimme. Sie lächelte matt. Es iſt ein ſicheres Gift, und eigens um es d zu bekommen, bin ich nach Paris gereiſet zum Grafen Caglioſtro. Nein, weine nicht, Du fühlſt und weißt, wie ich, daß ich nicht leben konnte. die Oh, ſchau mich an, und ſo unter Deinen Blicken laß mich ſterben! m Und ich? Muß ich denn ewig leben! rief Joſeph voll zornigen Schmerzes. ſi Du mußt leben, denn Deine Völker hoffen auf Dich, ſagte ſie feier⸗ lich, Du mußt leben, um der Welt und Nachwelt das Beiſpiel eines M großen Fürſten zu geben, der, ſich ſelber überwindend, nur leben will d zum Glück und Wohl ſeines Volkes. Oh mein Freund, ich ſchaue jetzt in die Zukunft, und ich ſehe Dich groß und glänzend vor mir, nur d ſchmückt eine Märtyrerkrone Dein Haupt. Das macht, Du haſt Großes gewollt, und nach dem Edlen und Höchſten gerungen, und die Menſchen; 8 verzeihen das niemals, und die Edlen und Beſten unter ihnen ſteinigen ſie. Aber vorwärts, immer vorwärts, mein Held, mein Fürſt Denke 6 an Deine Völker und ſtrebe nach ihrem Glück! n Ich ſchwöre es in Deine ſterbende Hand, daß ich das will, ſagte 8 Joſeph mit von Thränen erſtickter Stimme, indem er neben ihr nieder⸗ kniete, und ihre ſchon erkaltenden Hände küßte. Denke auch, flüſterte ſie, denke, daß unter Deinen Völkern jetzt„d auch meine Brüder, die Polen, ſind, verſprich mir, daß Du auch den Polen ein guter und großmüthiger Fürſt ſein willſt. 6 Ich verſpreche es Dir! 1 8 Rechne ihnen ähe Unglück und ihre Schande nicht zur Schmach 4 3 ch mir Grabe icht zu h mei⸗ nd im Dich Aber d Dir, lebt nen er um es Nein, konnte. en! rnigen efeier⸗ eines n will n jett c, nur Groſs enſchen einigen Denke ſagie nieder⸗ in jebt ich den ad an, 59 ſei ihnen milde und weich, und verſöhne ſie durch Wohlthaten und durch Großmuth mit dem Schickſal, das ſie in den Staub getreten hat. Schwöre mir, daß Du den Polen ein guter und großmüthiger Fürſt ſein willſt! Ich ſchwöre es Dir! Ich werde ihr Unglück ehren, und darnach trachten, ſie glücklich zu machen! 7 Ein Lächeln verklärte wie ein letzter Sonnenſtrahl ihr Antlitz. Ich danke Dir, hauchte ſie leiſe. In jedes Polen Auge, den Du glücklich machſt, grüßt und ſegnet Dich mein Geiſt! Leb' wohl!— Oh, dieſe fürchterlichen Schmerzen! Leb' wohl! Nun noch ein letzter Blick, ein letztes Zucken ihrer ganzen Geſtalt. Dann war Alles ſtill. Neben der Leiche kniete der Kaiſer, die Hände gefaltet zum Gebet, die großen blauen Augen, denen heiße Thränen entquollen, zum Him⸗ mel emporgerichtet. Die Uhr über dem Kamin ſchlug mit lautem dröhnendem Schlag ſieben Mal. Die letzte Stunde des Glückes war zu Ende!— Am andern Morgen trat der Kaiſer mit bleichem Angeſicht, mit trüben Augen, aber vollkommen ruhig und gelaſſen in das Kabinet der Kaiſerin. Ich komme, um mir von Ew. Majeſtät Urkaub zu erbitten, ſagte der Kaiſer matt. Urlaub? fragte Maria Thereſia verwundert. Was ſoll's, mein Sohn? Willſt Du ſchon wieder einmal eine Reiſe machen? Ich muß, Majeſtät. Ich muß dem neuen Königreich Galizien die Grüße ſeiner edlen Königin bringen, und ſehen, was ihnen fehlt, und wodurch es uns gelingen kann, ſie zu verſöhnen. Ein Fürſt muß ſein Land und ſein Volk kennen, um zu wiſſen wo es mangelt, und wie er helfen kaun! Doch iſt's dazu juſt nit nöthig, daß er überall ſelbſt hingeht, ſagte die Kaiſerin empfindlich. Denk' auch wohl, meine Länder und Völker zu kennen, und mich darauf zu verſtehen, wie man ſie glücklich macht, bin aber doch nimmer ſo viel auf der Landſtraße geweſen, wie der Herr Sohn. „Weil Ew. Majeſtät in Wien viel Wichtigeres zu thun hatten, ½ * 60 und Ihre Beamten in alle Provinzen ſchicken konnten, um Bericht zu erſtatten. Erlauben Sie mir, daß ich als Ihr Beamter nach Galizien gehe, ich verſpreche, treuen Bericht abzuſtatten, und mit ſcharfen Augen zu ſehen. Nöthig iſt's wohl, daß Etwas von unſ'rer Seit' geſchieht, ſagte die Kaiſerin ſinnend. Hab' auch ſchon d'ran gedacht, aber hab' mir ſagen laſſen, daß das Galizien gar ein ſchlimmes Land, und ein rohes Volk darin, das uns nicht günſtig geſinnt iſt. Man kann nicht verlangen, daß ein Volk ſeine Unterdrücker ſogleich lieben ſoll, ſagte Joſeph achſelzuckend. Ein gar barbariſches Land ſoll's ſein, fuhr die Kaiſerin fort, keine Landſtraßen darin, keine Gaſthänuſer, meilenweit oft keine Hütte und kein Dorf, und die Gefahr, in der Einſamkeit von einem Räuber überfallen zu werden. Oh, mein Sohn, verſchiebe wenigſtens Deine Reiſe auf eine mildere Jahreszeit. Ich fürchte für Dich Anſtrengungen und Gefahren. Ich, Majeſtät, fürchte Beide nicht, ſagte Joſeph ernſt. Anſtren⸗ gungen laſſen ſich überdauern, und Gefahren, die von außen kommen, fürchte ich nicht! Ich bitte Ew. Majeſtät, geben Sie mir Urlaub, um die neuen Provinzen zu bereiſen. Aber es ſoll in dieſer Jahreszeit ganz unmöglich ſein, mit einem Wagen durch das Land zu kommen, es fehlen die Landſtraßen und die Brücken. So werde ich zu Pferde reiſen, Majeſtät. In dieſer rauhen Witterung! Und dann, mein Sohn, vergißt Du, daß es unmöglich iſt, die Küchenwagen nachzuſenden, und es giebt dort keine Hotels. Wovon willſt Du leben? Wo willſt Du Nachts Dein Haupt ruhen? 8 Ueberall dort, wo die Nacht über mich herein bricht. Entweder in einer Bauernhütte, auf meinem Pferd, oder auf der Erde. Und was das Eſſen anbetrifft, ſo meine ich, ich werde, wo ein ganzes Volk ſein Brot findet, doch auch ein Stückchen für mich auftreiben können. Und giebt's das nicht, und müſſen Millionen Menſchen dort hungern, ſo iſt's nicht mehr als billig und recht, daß ihr Fürſt, wenn er ihnen nicht helfen kann, wenigſtens mit ihnen hungert. Nochmals, ich bitte Ew. Majeſtät um Urlaub, damit ich heute noch abreiſen kann nach Polen. Dir küß Ben die wei Ta fol hal ter ſen dei G. ve len Au dan 61 richt zu Du willſt es, mein Sohn! Reiſe denn, und Gottes Segen mit jalizien Dir! ſagte die Kaiſerin, Joſeph ihre Hand darreichend, die er innig Augen küßte, indem er von der Kaiſerin Abſchied nahm. Noch Eins, mein Sohn, rief die Kaiſerin, als Joſeph ſchon im ſagte Begriff war das Zimmer zu verlaſſen. Haſt Du ſchon gehört, daß b' mir die arme, ſchöne Gräfin Wielopolska ſich ſelbſt den Tod gegeben hat, rohes weil ſie das Unglück Polens nicht überleben wollte? Ich habe es gehört, ſagte der Kaiſer ruhig. ſoglech Vielleicht wär's gut, mein Sohn, wenn Du Deine Abreiſe um einen Tag verſchieben könnteſt. Alle hier anweſenden Polen wollen der Leiche t keine folgen, und da wir Beide die Gräfin gekannt, und oft bei uns geſehen ud kein haben, ſo würde es wohl einen guten Eindruck auf unſere neuen Un⸗ erfallen terthanen machen, wenn wir unſere Theilnahme recht offenkundig bewie⸗ nj eill ſen, und Du ſelber die Leiche zu ihrem Grabe begleiteteſt. Hab' auch hren. befohlen, daß man nit ſpreche von Selbſtmord, ſondern ſage, daß die liten⸗ Gräfin am Schlagfluß geſtorben ſei, damit man ihr ein Grab in ge— ennnen, weihter Erde nit verſagen kann! 2. 6, um. Man wird die Gräfin Wielopolska nicht hier begraben, Majeſtät, ſagte Joſeph. Der Graf von Kannienski geleitet die Leiche nach Po⸗ einem len. Bei Krakau erhebt ſich ein hoher Grabhügel, von dem die Sage geht, n und daß die erſte Königin Polens, die ſchöne Wanda, dort beſtattet ſei. Auf der Höhe dieſes Hügels wollen ihre Freunde jetzt die letzte Polin, die ſchöne Anna Wielopolska begraben. Nur in geweihter Erde Polens DM kann dies Heldenherz Ruhe finden. Ganz Polen iſt ihr Grab, und hi ich werde hingehen, einige Blumen auf dies Grab zu pflanzen. Dein tweder 1 Und VI. s Volk hnen Das Concert. ungern Ddie ganze vornehme Welt Wiens war in dem großen Concert⸗ 5 6 Saale verſammelt, in welchem Thereſe von Paradies heute ihr erſtes Concert geben wollte, heit ſie durch die Wunderkur Mesmers ihr Augen⸗ vlen. 54 62 licht wieder erhalten hatte. Jedermann war daher neugierig und ge⸗ ſpannt, ſich ſelber durch den Augenſchein zu überzeugen, wer von den ſtreitenden Parteien Recht habe, der Doktor Mesmer und die Familie Paradies, welche behaupteten, daß Thereſe wirklich geheilt ſei, oder die Herren Barth und Ingenhaus und das ganze Corps der Aerzte, welche ſagten, eine ſolche Heilung ſei ganz unmöglich, und das Genſe ſei nur eine Betrügerei Mesmers, zu deren Ausführung die Familie von Pa⸗ radies ihre Hand geboten. Man war alſo heute nicht gekommen, um dem wundervollen Spiel Thereſens zuzuhören, ſondern um ſie zu ſehen und ſein Urtheil zu fällen. Dies Concert ſollte zugleich eine öffentliche Prüfung ſein, und Herr von Paradies hatte daher öffentlich in den Zeitungen bekannt machen laſſen, daß in den Pauſen des Concerts Thereſe bereit ſei, ſich mit Jedermann zu unterhalten und Proben abzulegen, daß ſie wirklich ſehend und daß ihre wunderbare Heilung keine Chimäre ſei. Auch Herr Profeſſor Barth mit ſeinen Freunden, dem Doktor In⸗ genhaus und Pater Hell, war zu dem Concert gekommen und hatte mit triumphirender Miene und einem höhniſchen Lächeln in der erſten Reihe des Zuſchauer⸗Raums Platz genommen. Als er jetzt den Herrn von Paradies erblickte, der in den Saal getreten war, mit vergnügtem Blick das zahlreiche Publikum überſchauend und ſich den reichen Gewinn dieſes Abends berechnend, ſtand Profeſſor Barth auf und ging zu ihm hin. Sie ſind alſo immer noch überzeugt, daß Ihre Tochter wirklich ſehen kann? fragte der Profeſſor. Nun, ich denke, Sie ſind es eben ſo gut wie ich,“ ſagte Herr von Paradies lächelnd. Waren Sie nicht zugegen, als Thereſen zum erſten Male die Binde abgenommen ward, gaben Sie nicht laut und öffent⸗ lich Zeugniß ab, daß ſie wirllich ſehend ſei! ſehen, wie weit die Leichtgläubigkeit der Menſchen gehe, wollte auch durch mein Zeugniß den Herrn Mesmer ſicher machen, um ihn nachher deſto ſicherer zu fangen. Und ich denke es iſt mir gelungen; man er⸗ zählt ſich ſchon allerlei ſeltſame Geſchichtchen von Ihrer Tochter, welche gerade nicht dafür ſprechen, daß ſie beſſer ſehen kann als früher. Hat ſie nicht vor einigen Tagen, als man ihr eine Blume zeigte, gemeint, Ja, ich machte mir den Spaß! rief Herr Barth lachend, wollte das ſehe wol aben Kin gre⸗ ihn we und ge⸗ on den Familie der die welche ſei nur on Pa⸗ u Spiel jfällen. d Herr machen ſich wit ſehend tor In⸗ alte wi n Reihe rn von n Blick dieſes hin. wirllich err von merſten öffent 63 das ſei ein gar ſchöner Stern? Und hat ſie nicht auch, obwohl ſie ſehen kann, mit der Nadel, die ſie zum Haar ihrer Mutter führen wollte, dieſelbe in die Wange geſtochen? Allerdings kommt dergleichen vor, ſagte Herr von Paradies lächelnd, aber das gerade ſpricht für ihr Sehen. Sie iſt noch wie ein junges Kind, das die Namen der Dinge, die ſie umgeben, nicht kennt und ſie oft verwechſelt, auch hat ſie noch keinen Begriff von Entfernungen und die entfernten Gegenſtände ſcheinen ihr oft ſo nahe, daß ſie nach ihnen greift, die nahen ſo entferut, daß ſie gerade auf ſie zugeht und ſich an ihnen ſtößt. Aber das Alles wird ſich durch die Uebung verlieren, und wenn Thereſe, wie das bald geſchehen kann, ganz allein durch die Straßen geht, ſo wird wohl Niemand mehr zweifeln, daß ſie ſehen kann. Sie ſind alſo feſt davon überzeugt? Ja, ich bin feſt davon überzeugt! Es iſt von Ihnen wahrhaft großmüthig, dies ſo offen zu bekennen, ſagte Profeſſor Barth, ihn ſtarr anſehend. Dies Bekenntniß wird Ihnen viel Geld koſten! Wie? fragte Herr von Paradies erſchrocken; wie kann es mir Geld koſten, wenn Thereſe ſehen kann? Nun, das iſt ganz einfach, ſagte Profeſſor Barth gleichgültig. Ha⸗ ben Sie, oder vielmehr hat nicht Ihre Tochter eine Penſion von der Kaiſerin? Gewiß, und eine ſehr bedeutende. Und dieſe Penſion werden Sie gewiß verlieren, fuhr Profeſſor Barth fort, indem er mit Vergnügen das plötzliche Erblaſſen und Zit⸗ tern des Herrn von Paradies bemerkte. Die Kaiſerin hat dieſe Penſion an Ihre Tochter gegeben, weil ſie blind war, jetzt, da ſie ſehen kann, bedarf ſie dieſer Penſion nicht mehr, weil ſie nun für ſich ſelber ſorgen kann. Eine Penſion, welche nur der Blinden bewilligt worden, kann der Sehenden nicht mehr zu Gute kommen! Ich ſelber habe heute bei dem zweiten Leibarzt Ihrer Majeſtät, dem Herrn von Störk, darauf angetragen, daß wenn ſiche heute das Sehen Ihrer Tochter beſtätigt, Herr von Störk die Kaiſerin erſuche, ihr die Penſion zu entziehen und ſſie einer andern Bedürftigen zuzuwenden. 3 Aber wiſſen Sie, ſagte Herr von Paradies, daß Sie dadurch mich 8½ 64* und meine ganze Familie ins Elend ſtürzen würden? Wir haben nichts als dieſe Penſion, und ſie iſt groß genug, daß wir anſtändig von ihr leben können. Wenn uns dieſelbe entzogen wird, ſind wir Bettler! Penſionen können doch nur ſolchen bewilligt werden, die ſich ent⸗ weder um den Staat verdient gemacht oder durch unverdientes Unglück Anſprüche auf eine Staats⸗Unterſtützung haben. Der erſte Grund iſt bei Ihnen nie vorhanden geweſen, der zweite Grund fällt weg, ſobald Ihre Tochter nicht mehr blind iſt. Sie iſt durch die Gnade der Kai⸗ ſerin zu einer Künſtlerin ausgebildet, und damit iſt ihr ein Kapital gegeben, das ſie jetzt verwerthen kann. Sie wird Unterricht ertheilen und Concerte geben. Aber es iſt unmöglich davon mit einer Fanillie zu leben, ſagte Herr von Paradies ängſtlich. Sie werden vielleicht nicht ſo bequem und anſtändig leben können, wie von der großmüthigen und großartigen Penſion der Kaiſerin, aber enfin Sie werden wenigſtens das Nothdürftigſte haben und nicht zu verhungern brauchen. Die kaiſerliche Penſion aber berömmt eine arme blinde Gräfin, die ich ſeit einiger Zeit behandle, und die nach meiner Meinung eben ſo unheilbar blind iſt, wie Ihre Tochter es war. Ich habe Alles mit dem Herrn von Störk verabredet. Schon morgen frühr wird die Kaiſerin die Penſton, welche bisher das blinde Fräulein von Paradies erhielt, und die ihr jetzt nicht mehr zuſteht, auf die blinde Gräfin Dellricht übertragen, und dieſe, das verſichere ich Sie, wird die Penſion ihr Leben lang behalten, denn ſie wird niemals daran den⸗ ken, ſich von Herrn Mesmer kuriren zu laſſen. Aber mein theuerſter Herr Profeſſor, flüſterte Herr von Paradies, haben Sie doch Erbarmen mit mir, mit meiner ganzen Familie. Seit ſechszehn Jahren haben wir dieſe Penſion und ſie iſt uns zugeſichert für Thereſens ganze Lebensdauer. Sie uns jetzt nehmen, heißt eine ganze Familie ins Elend ſtürzen!— Wenn Ihre Tochter ſehen kann, verliert ſie die Penſion und meine Gräfin bekömmt ſie. Herr von Störk hat mir ſein Ehrenwort gegeben, und die Kaiſerin hat ihm noch niemals eine Bitte abgeſchlagen, weil er niemals Ungerechtes bittet. in der rett von hen Joh Ao n nichts von ihr ttler! ſich ent⸗ Unglück rund iſt „ſobald der Kai Kapital ertheilen n, ſagte fönnen, n, aber nicht zu ne arme meiner r. SIch en früh ein von 2 bünde ie, wid ran den⸗ aradied, Seit geſicher ßt eine dd meine g e geben, en, weil 65 So ſind wir alſo verloren, murmelte Herr von Paradies dumpf in ſich hinein. Alles kommt darauf an, ob Ihre Tochter wirklich ſehen kann, ſagte der Profeſſor mit ſcharfer Betonung. Wenn ſie blind iſt, ſind Sie ge⸗ rettet; denn Sie behalten die Penſion und es iſt möglich, daß Herr von Störk dann die Kaiſerin bewegt, dieſelbe noch ein wenig zu erhö⸗ hen, in Anbetracht der vielen Leiden und Täuſchungen, die Sie und Ihre Familie erduldet haben. Run das Alles wird ſich ja heute Abend noch entſcheiden und wir Alle werden dann wiſſen, was wir zu thun haben! Er grüßte Thereſens Vater mit einem flüchtigen Kopfnicken und kehrte zu ſeinem Platz zurück. Nun ich denke, daß ich da eben dem Herrn von Paradies ein ſehr wirkſames Recept gegen die Mesmerſche Wunderkur gegeben habe, flüſterte Herr Profeſſor Barth ſeinem ärztlichen Collegen zu. Ich hoffe, es wird ſich heute Abend doch zeigen, daß Thereſe noch immer blind iſt. Wir dürfen es nicht dulden, daß ein Charlatan alle Kunſt und Wiſſenſchaft der Aerzte widerlegen und zu nichte machen kann. Sie haben Recht, zur Ehre der Wiſſenſchaft dürfen wir das nicht dulden, ſagte Doktor Ingenhaus. Alles was man thun kann, um das Anſehen der Wiſſenſchaft zu retten, muß geſchehen. Laſſen Sie uns jetzt ſehen, was geſchieht, flüſterte der Profeſſor, indem er ſeine Blicke auf das junge Mädchen hinwandte, das eben in den Saal trat. Ein allgemeines Gemurmel, eine ſichtbare Aufregung entſtand in dem Publikum. Jedermann erhob ſich ein wenig, um Thereſe anzu⸗ ſehen, die, obwohl man ſie ſeit Jahren kannte, doch heute Alle als eine fremde, nie geſehene Erſcheinung intereſſirte. Eine Blinde, welche alle Aerzte, ſogar der berühmte Augenarzt Profeſſor Barth für unheilbar erklärt hatten, und die Mesmer durch ſeine bloße Berührung, durch das bloße Auflegen ſeiner Hand kurirt hatte, das war wohl geeignet, Staunen und Neugierde zu erregen und ſelbſt das eleganteſte Publikum in einige Aufregung zu verſetzen. Vielleicht war Thereſe ſich dieſes Eindrucks bewußt, den ihre Er⸗ ſſcheinung erregte, denn während ſie ſonſt, wenn ſie als Blinde Concerte Kaiſer Joſeph. 2. Abth. III. 5 66 gab, leicht und lächelnd in den Saal getreten war, kaum geleitet von der Hand ihrer Mutter, ſchlich ſie jetzt ſchüchtern mit niedergeſchlagenen Augen, mit gebeugtem Haupte, linkiſch insjeder Bewegung, langſam daher. Sonſt hatte das Publikum, ſobald Thereſe in dem Saal erſchien, ſie mit lautem Applaus begrüßt; heute empfing es ſie ſchweigend, athem⸗ los, in der Spannung der Neugierde alle gewohnte Freundlichkeit ge⸗ gen die Künſtlerin vergeſſend. Mit ſtaunendem Intereſſe ſah man indeß, wie Thereſe langſam den Raum durchſchritt, welcher zwiſchen der Thür und dem in der Mitte des Saals aufgeſtellten Flügel ſich befand. Vielleicht durch ein Verſehen oder aus Abſicht ſtanden drei Stühle, dicht zuſammengeſtellt, gerade in ihrem Weg. Thereſe umging ſie mit Leichtigkeit und kam an ihnen vorüber, ohne ſie auch nur mit dem Saume ihres weißen Atlas⸗Kleides zu berühren. Eine allgemeine Bewegung entſtand in dem Saal. Sie ſieht wirklich! Sie iſt wirklich geheilt! Sie iſt nicht mehr blind! flüſterte und murmelte das Publikum untereinander, und mit erneuerter Theilnahme ſchauten Alle wieder auf ſie hin. Drei Perſonen waren es indeſſen, auf welche dieſes Beifallsge⸗ murmel des Publikums einen ganz andern und verſchiedenen Ein⸗ druck machte. Profeſſor Barth vernahm es mit innerer Wuth und legte ſeine Stirn in finſtere Falten, Herr von Paradies erblaßte und fühlte ſich von tödtlicher Angſt ergriffen. Mesmer aber, welcher da drüben un⸗ weit des Flügels hinten an der Wand lehnte, vernahm dieſes Beifalls⸗ gemurmel mit unausſprechlichem Entzücken und ſeine großen, leuchten⸗ den Augen wandten ſich mit einem ſtrahlenden Ausdruck des Glücks auf Thereſe hin. Und wie von dieſem Blick und tiefen Anſchauen bezaubert, ſchlug jetzt Thereſe von Paradies ihre Augen auf und wandte ſie mit einem freudigen Ausdruck gerade hinüber auf Mesmer. Wieder entſtand ein Gemurmel des Beifalls über den ſtrahlenden, ſeelenvollen Blick dieſer Augen, welche ſonſt immer ſtier und ſeelenlos in das Leere geſchaut. Das war ein neuer Beweis, daß Thereſe wirklich ſehen konnte. Aber dieſes Gemurmel des Publikums erinnerte das junge Mäd⸗ chen, welches bis jetzt nur Mesmer geſehen, daran, daß ſie nicht allein mit und blike Blie jene und Ent chen wit un, und von der Augen, daher. ien, ſie athem⸗ keit ge⸗ langſam in der urch ein ngeſtellt nd kam weißen and in t nicht er, und fallsge⸗ n Ein⸗ ſeine te ſich den un⸗ eifalls⸗ zuchten⸗ Glücs ſclag einem nd ein dieſer ſchaut. Mid⸗ all in 67 mit ihm ſei. Gleichſam erſchrocken wandte ſie das Auge von ihm ab, und richtete es jetzt zum erſten Mal auf das Publikum, auf jenes Pu⸗ blikum, das da Kopf an Kopf gedrängt mit glühenden Augen, mit Blicken ſtreng prüfender Neugierde ſie anſtarrte. Das Anſchauen dieſer Maſſe Menſchen, der vielen Geſichter, jener blitzenden Augen, das viele Durcheinander machte Thereſe ſtutzen und erfüllte ſie mit einem unerklärlichen Gefühl der Angſt und des Entſetzens. Sie trat einen Schritt rückwärts, als wollte ſie zurückwei⸗ chen vor den vielen Augen, welche auf ſie eindrangen, dann griff ſie haſtig mit ihren Händen umher, als ſuche ſie nach einem Stützpunkte, um nicht umzuſinken, und ſah doch den Stuhl nicht, der dicht neben ihr ſtand und auf den ſie ſehr bequem ihre Hand hätte lehnen können. Staunend blickte das Publikum ſie an, und jetzt waren es die Ge⸗ ſichter des Profeſſor Barth und des Herrn von Paradies, welche einen freudigen Ausdruck annahmen, während Mesmers Antlitz ſich umdüſter⸗ te und eine finſtere Wolke ſich auf ſeine Stirn lagerte. Thereſe ſtand noch immer ſchwankend und allein da, verwirrt einige Schritte vorwärts gehend und dann wieder angſtvoll und zitternd ſtill ſtehend. In athemloſen Schweigen ſtarrte das Publikum ſie an und in Mitte dieſes Schweigens vernahm man auf einmal aus dem Hinter⸗ grunde des Saals eine Stimme, welche rief:„Will denn Niemand dem armen Mädchen die Hand reichen und ſie zum Flügel führen? Man ſieht ja, daß ſie noch immer blind iſt!“— Thereſe zuckte zuſammen und ſchleuderte einen zornigen Blick hin⸗ über nach jener Richtung, von woher die Stimme erſchallte.„Ich bin nicht blind!“ rief ſie haſtig und als habe dieſe Beſchuldigung ihr ihre ganze Energie und Thatkraft wiedergegeben, ſchritt ſie raſch vorwärts und ging gerade auf das Iuſtrument hin. Ein rauſchender Sturm des Beifalls erſchallte durch den ganzen Saal, Thereſe dankte mit einem freundlichen Lächeln und einer Vernei⸗ gung, und während ſie die Handſchuhe auszog um zu ſpielen, blickte ſie hinüber zu Mesmer, deſſen Stirn jetzt wieder heiter war und der ſie anſchaute mit ſtrahlenden Augen. Ganz befangen von ſeinem Anſchauen, kaum wiſſend, was ſie tha⸗ 9 * 68 glitt das junge Mädchen auf den Seſſel nieder und begann zu ſpielen. Nicht einmal, während ſie ſpielte, warf ſie den Blick auf die Taſten hin, nicht einmal ſah ſie hinüber nach dem Publikum, wie gebannt ſchauten ihre Augen hinüber nach Mesmer, deſſen Blicke den ihrigen begegneten und mit gebieteriſchem Willen ſich in ihr Antlitz bohrten. Und unter dieſen Blicken jauchzte ihre Seele auf in Entzücken und Wonne, wie getragen von Begeiſterung flatterten ihre Finger über die Taſten hin in ſchmelzenden und weichen, in ſtarken und mächtigen Klängen, alle die ſo glühenden und gewaltigen, ſo geheimnißvollen und zarten Gefühle verkündend, welche die Seele des jungen Mädchens erfüllten. Man hatte Thereſe oft ſchon ſo auf dem Flügel in freien Phan⸗ taſien ſich ergehen hören, aber niemals waren ihre Phantaſien ſo voll der edelſten Muſik, niemals mit ſo vollendeter Meiſterſchaft ausge⸗ führt geweſen. Als Thereſe daher geendet hatte, und mit einem Seußzer, als erwache ſie eben aus einem entzückenden Traume, ihre Hände von den Taſten gleiten ließ, brach das Publikum wieder in einen lauten, ein⸗ ſtimmigen Applaus aus. Allein dieſer Applaus galt diesmal nicht den Augen Thereſens, ſondern ihrer Künſtlerſchaft und ihrem wunder⸗ ſchönen Spiel. Thereſe fühlte das, und mit einem wunderlieblichen Lächeln ihr Haupt dem Publikum zuwendend, grüßte ſie es mit einer leichten Verbeugung. Aber mit dieſen freien Phantaſieen ſollten für heute die Pro⸗ duktionen der Künſtlerin beendet ſein, und die Productionen der geheilten Augen beginnen. Herr von Paradies hatte in den Annoncen, welche das Concert ſeiner Tochter betrafen, das Publikum aufgefordert, Noten⸗ hefte und Bücher mitzubringen, damit Thereſe das Publikum von ihrer Heilung überzeuge, indem ſie nach den ihr unbekannten Noten ſpiele und aus den fremden Büchern leſe. Dieſem Programm zufolge trat jetzt Herr von Paradies, welcher ſich, während ſeine Tochter ſpielte, in finſterm, unheilvollen Nachſinnen in eine Fenſterniſche zurückgezogen hatte, an das Inſtrument heran, und ſich tief vor dem Publikum verneigend, ſagte er mit lauter Stimme: Ich erſuche diejenigen hochverehrten Da⸗ men und Herren, welche meiner Bitte gemäß Noten oder Bücher mit⸗ gebracht haben, ſie gefälligſt mir überliefern zu wollen, damit ich ſie neir geeh blind geige geän lüſt der kann Sch Au mer und w u ſpielen. ie Taſten gebannt ihrigen bohrten. cken und über die Kläͤngen, nd zarten erfüllten. en Phan⸗ en ſo voll ft ausge⸗ fzer, als von den uten, ein⸗ mal nicht wunder⸗ lieblichen nit einer die Pro⸗ geheilten , welche Noten⸗ on ihrer iele und trat jebt 69 meiner Tochter gebe und ſie aus denſelben ſpiele und leſe, auf daß das geehrte Publiknm ſelbſt erkenne und entſcheide, ob Thereſe ſehend oder blind iſt. Ich erſuche Sie um ſo mehr, mir dieſen Liebesdienſt zu er⸗ zeigen, fuhr Herr von Paradies mit zitternder Stimme fort, als mein geängſtetes Vaterherz durch dieſe Probe doch endlich ſeine Zweifel ge⸗ löſt ſehen wird, und mit Beſtimmtheit erfahren kann, wer Recht hat, der Herr Doctor Mesmer, welcher behauptet, daß meine Tochter ſehen kann, oder ich, welcher leider befürchtet, daß ſie noch immer blind iſt! Ein Gemurmel des Erſtaunens durchrauſchte das Publikum, ein — Schrei des Entſetzens ertönte von Thereſens Lippen, und mit einem Ausdruck ſchmerzlichen Flehens richtete ſie ihre Blicke hinüber zu Mes⸗ mer, der todesbleich, wie gelähmt vor Schrecken, unbeweglich da ſtand, und in deſſen Augen für den Moment das mächtige Feuer erloſchen war, mit dem er ſonſt Alle, die ihn anſchauten, zu bannen wußte. Profeſſor Barth hatte mit einem behaglichen Lächeln dieſe ſchnelle, unerwartete Seene beobachtet, und ſich an Doctor Ingenhaus wendend, ſagte er leiſe: Sie ſehen, mein Recept war gut und kräftig, denn es hat ſchon gewirkt! Aus der Reihe des Publikums erhoben ſich jetzt zwei Herren, und näherten ſich Herrn von Paradies. Der Eine überreichte ihm ein Buch, der Andere ein Notenheft. Herr vdn Paradies hielt beides ſeiner Tochter hin. Sie griff, mit einem vorwurfsvollen Blick auf ihren Vater, zuerſt nach dem Buche und ſchlug es auf. „Emilia Galotti, von Gotthold Ephraim Leſſing,“ las ſie mit lauter, ſilberheller Stimme. Sie kann ſehen! Es iſt unzweifelhaft, ſie ſieht! flüſterten die Zu⸗ ſchauer untereinander. Sie konnte doch nicht wiſſen, was für ein Buch man ihr gab! Sie iſt nicht mehr blind!— Thereſens ſcharfes Ohr hatte dieſes Geflüſter mit Entzücken ver⸗ nommen, und ſie wollte jetzt dem Urtheil des Publikums eine neue Beſtätigung geben. Sie wandte ſich daher wieder dem Publikum zu, und mit einem bezaubernden Lächeln ſagte ſie:„Ich bitte eine der Damen um die Gefälligkeit, mir die Seite bezeichnen zu wollen, welche ich leſen ſoll, * 70 und eine andere Dame gnädigſt hierher zu kommen und zuzuſehen, ob ich die Seitenzahl richtig treffe.“ Sofort erhoben ſich zwei Damen. Die Eine, den vornehmſten und größten Kreiſen Wiens angehörend, näherte ſich Thereſen, die an⸗ dere, eine allbekannte und berühmte Künſtlerin des Theaters, ſagte: „ich bitte Fräulein Thereſe gefälligſt, Seite 71 aufſchlagen zu wollen.“ Thereſe blätterte mit haſtiger Hand in dem Buch, und reichte es lächelnd der Gräfin hin. Es iſt richtig, meine Liebe, ſagte die Dame freundlich, Seite 711 Haben Sie die Güte zu leſen! Immer höher ſtieg jetzt der Enthuſiasmus des gläubigen Publi⸗ kums. Man flüſterte es jetzt nicht mehr, ſondern man ſagte es ganz laut:„Sie kann ſehen, es iſt keine Lüge, die Wunderkur iſt eine Wahr⸗ heit.“ Und immer grollender ward das Geſicht des Herrn Profeſſor Barth, immer ängſtlicher und bleicher das des Herrn von Paradies, immer freudiger und ſtrahlender das des Doctor Mesmer. Thereſe hatte gewartet, bis die gefällige Gräfin auf ihren Platz zurückgekehrt war. Alsdann las ſie die ihr von der Schauſpielerin bezeichnete Seite des Leſſingſchen Trauerſpiels, das erſt ſeit kurzer Zeit in Wien bekannt geworden war. Ein Jubel, ſtärker noch als derjenige, mit welchem man ihr mei⸗ ſterhaftes Clavierſpiel belohnt hatte, erſchallte jetzt, als die Lectüre been⸗ digt war. Er galt indeß nicht mehr der Künſtlerin, ſondern der ge⸗ heilten Blinden! Und aus dem Hintergrunde des Saals rief jetzt eine Stume: „Ich dächte es wären genug der Proben, und Fräulein von Paradies erfreute uns lieber mit einer ihrer herrlichen muſikaliſchen Leiſtungen. Jedermann wird ſich jetzt wohl genügend überzeugt haben, daß das Fräulein nicht mehr blind, ſondern vollkommen ſehend iſt.“ Eine allgemeine Stille folgte dieſen Worten. Herr von Paradies war es, welcher dieſelbe unterbrach. Ich kann mich der Meinung des geehrten und unbekannten Gön⸗ ners des Herrn Doctor Mesmer nicht anſchließen, ſagte er mit ſcharfer Betonung. Ich ſuche in dieſem Streit ganz zu vergeſſen, daß ich der Vater des Fräulein von Paradies bin, und ſtelle mich auf Seiten des wei Beſt geſch leger nem Sei die mög zu Gn hät mu ihn der obe gef man 71 ehen, ob zweifelnden, ungläubigen Publikums, welches durchaus mit poſitiver Beſtimmtheit erfahren will, ob wirklich in unſeren Tagen noch Wunder nehmſten geſchehen, und ob es möglich iſt, daß ein Menſch durch das bloße Auf⸗ die an⸗ legen ſeiner Hand Lahme gehend und Blinde ſehend machen kann. , ſagte: Mein Recept hat Wunder gethan, murms Proſeſſor Barth ſei⸗ wollen.“ nem Freunde zu. keichte es Herr von Paradies fuhr fort: Indem ich mich aber ſo auf die Seite des zweifelnden Publikums ſtelle, muß ich mir eingeſtehen, daß Seite 71 die eben geleiſtete Probe mich nicht hat überzeugen können, ja daß es möglich wäre, Zweifel an ihrer Aechtheit zu erheben! Es wäre möglich en Publi⸗ zu denken, daß Herr Doctor Mesmer die große Künſtlerin, welche die es ganz Gnade hatte die Seitenzahl zu beſtimmen, um die Gunſt angefleht ee Wahr⸗ hätte, gerade dieſe Seitenzahl zu nennen, und daß ſie es in der Groß⸗ profeſſor muth ihres Zutrauens zu Mesmer, der ſeit einiger Zeit ihr Arzt iſt, garadies, ihm bewilligt hätte. Es wäre möglich, daß die gnädige Gräfin nicht bemerkt hätte, daß gerade dieſe Seite durch einen ſchrägen Kniff am ren Platz obern Ende bezeichnet war, und demgemäß auch von einer Blinden leicht ſpielerin gefunden werden konnte. Daß dem aber ſo iſt, davon bitte ich Jeder⸗ it kurzer mann ſich zu überzeugen. Er nahm das Buch, das Thereſe ſo eben auf das Inſtrument hr mei⸗ gelegt hatte, und blätterte darin. re been⸗ Hier iſt Seite 71, und hier iſt der Kniff! ſagte er, das aufge⸗ der ge⸗ ſchlagene Buch in die Höhe haltend. Vater, Du haſt ſo eben einen Kniff in das Papier geſchlagen, et ume: ich hab's geſehen, rief Thereſe, alles Andere vergeſſend, glühend aradies vor Zorn. ſungen. Ihr Vater wandte halb das Haupt zu ihr hin. Geſehen!! ſagte aß das er achſelzuckend, und ſich dann wieder dem Publikum zuwendend, fuhr er fort: es wäre ferner möglich, daß der Herr Baron von Horka, einer garadies der gläubigſten Mesmerianer, welcher die Güte hatte, das Buch mir hier zu übergeben, im Auftrage Mesmers gerade das Buch gebracht, Gun⸗ und daß Thereſe dies durch Mesmer erfahren hätte; wer von einer 2n fer Sache gründlich überzeugt zu ſein wünſcht, muß mit dem größten Miß⸗ 1 trauen die Sache prüfen. Nur von dem glühenden Verlangen beſeelt, j feſt und unumſtößlich von der Heilung meiner geliebten Tochter über⸗ 72 zeugt zu werden, erſuche ich das hochgeehrte Publikum zu erlauben, daß Thereſe jetzt auch verſuche, aus dieſen Noten zu ſpielen. Das Publikum gab durch allgemeines Applaudiren ſeine Zuſtim⸗ mung zu erkennen, und Herr von Paradies reichte daher das Notenheft ſeiner Tochter dar. Sie achtete nicht darauf, und nahm es nicht an, ſie ſchien ganz und gar der Gegenwart entrückt, ſich gar nicht bewußt zu ſein, was hier geſchah. Die Hand aufgeſtützt auf die Lehne des Stuhls, welcher an dem Inſtrument ſtand, ſchaute ſie hinüber zu Mesmer, deſſen große glühende Augen jetzt wieder mit feuriger Gluth auf ſie gerichtet waren, deſſen wunderbar ſchönes und ſtolzes Angeſicht mit dem Ausdrucke eines gebietenden Herrſchers ihr zugewandt war. Ihre Blicke wurzelten feſt ineinander, und aus den ſeinen ſchien Thereſe Troſt und Freudigkeit zu empfangen, denn ihre Wangen, welche, während ihr Vater ſprach, anfangs marmorbleich geworden waren, ſtrahlten jetzt wieder im ſchönſten Inkarnat, und ein glückliches Lächeln umſpielte ihre ſchmalen Lippen. Ihr Vater hielt ihr noch immer das Notenblatt dar, ohne daß ſie es bemerkte. Im Publikum entſtand ein leichtes Murren und Ziſcheln, eine unruhige Bewegung, und ſofort wandte Mesmer ſeine Blicke von Thereſen ab, dieſer Menge zu, welche ihn heute ſchon ſo vielfach in Aufregung verſetzt hatte. Jetzt durchflog ein leichtes Beben Thereſens ganze Geſtalt, und wie aus einer ſeligen Verzückung er⸗ wachend, wandte ſie den Blick wieder der Erde zu. Mit einer Geberde des Schreckens nahm ſie das aufgeſchlagene Notenblatt aus den Händen ihres Vaters, der ſie mit einem kalten ſpöttiſchen Lächeln anblickte, und legte es auf das Pult vor dem Inſtrument. Marſch aus Oedipus von Gluck! ſagte ſie mit lauter Stimme, indem ſie ſich vor dem Inſtrumente niederſetzte. Mein Gott, Thereſe, Du lieſeſt den Titel, ohne das Titelblatt aufgeſchlagen zu haben? fragte ihr Vater laut. Sie ſchrak zuſammen und ſchlug ihre Augen zu ihm empor. Ich habe ihn vorher ſchon geſehen, als der Herr Kapellmeiſter, Ritter von Gluck, die Güte hatte, die Noten zu überreichen. ver ſci den zen, daß Zuſtim⸗ kotenheft en ganz in, was welcher en große t waren, ice eines elten feſt eudigkeit ſprach, der im ſchmalen hne daß een und er ſeine ſcon ſo s Beben kung er⸗ ſchlag ene u kalten vor dem Stimme, Litelblatt or. 3ch üter von 73 Und Du kennſt den Herrn Ritter von Gluck? fragte ihr Vater verwundert. Er iſt indeſſen niemals in unſerem Hauſe geweſen. Ich habe ihn bei Herrn Doctor Mesmer geſehen, ſagte ſie ſchüchtern. Ahl der Ritter von Gluck, der die Noten brachte, iſt alſo gleich dem Baron von Horka, der das Buch brachte, auch ein Freund des Herrn Doctor Mesmer, rief Herr von Paradies mit einem Lachen, welches ſeine Tochter erbleichen machte. Um ihn zum Schweigen zu bringen, legte ſie ihre Finger auf die Taſten und begann ein Präludium, das durch ſeine Kunſtfertigkeit, ſeine perlenden Läufe, ſeine klaren Doppeltriller, ſeine kunſtvollen, har⸗ moniſchen Uebergänge Jedermann entzückte und in Staunen verſetzte. Die allgemeine Aufmerkſamkeit hatte ſich jetzt wieder ausſchließlich der Künſtlerin zugewandt, und mit bewundernder Theilnahme folgte man ihrem herrlichen Spiel und dem meiſterhaften Vortrag dieſes erhabenen Trauermarſches aus Glucks Oedipus. Auf einmal ſtockte ſie und hielt mitten in einem angefangenen Takt inne. Ihre Augen hefteten ſich mit entſetztem Ausdruck bald auf die Noten, bald auf ihre Hände, welche mit haſtiger Beweglichkeit über die Taſten hin und her fuhren. Ihr Vater, welcher neben ihr ſtand und die Noten umgewendet hatte, betrachtete ſie mit einem kal⸗ ten ſpöttiſchen Blick. Er ſah die tödtliche Angſt, die aus ihren Mienen ſprach, er ſah wie ſie bleich geworden war, und mit einem Ausdruck des Entſetzens ihre hüpfenden Finger betrachtete. Jetzt ſchien ſie ſich innerlich zuſammen zu raffen, und feſt und ſicher ſpielte ſie weiter. Aber nur wenige Takte, alsdann ſtockte ſie abermals und ein vollkom⸗ mener Mißton unterbrach ihr Spiel. Thereſe ſchauderte, ſie wagte es nicht, hinüber zu ſehen nach Mes⸗ mer, der unbeweglich mit niedergeſchlagenen Blicken da ſtand; mit einem leiſen Seufzer ſchloß ſie die Augen. Aber nun auf einmal ſchien wieder Leben und Kraft ſie zu durch— ſtrömen, und mit erneuter Energie ſpielte ſie weiter. Wie Schmetter⸗ linge flatterten ihre Hände jetzt über die Seiten hin, wie Perlen roll⸗ ten die Läufe auf und nieder, und dazwiſchen in mächtigen, vollen Ac⸗ corden erkönte die feierlich majeſtätiſche Melodie des Trauermarſches. 74 Das Publikum, ganz hingeriſſen von Begeiſterung, war kaum noch im Stande ſeinen Enthuſiasmus zurückzuhalten, und die Künſtlerin nicht mitten im Spiel mit einer Beifallsſalve zu unterbrechen. Plötzlich aber legte Herr von Paradies ſeine Hände mit einer ungeſtümen Bewegung auf die kunſtfertigen Finger ſeiner Tochter, und machte ſie verſtummen. Du ſpielſt ſchon ſeit langer Zeit nicht mehr die Noten, welche da ſtehen! rief er entſetzt. Das was Du da ſpielſt, iſt freie Phantaſie aus der Oper Orpheo, aber es iſt nicht der Trauermarſch, der hier vor Dir liegt. Ich frage das verehrte Publikum, ob ich Recht habe oder ob das wirklich der berühmte Trauermarſch iſt, den wir Alle kennen und der hier auf dem Pult ſteht? Eine tiefe Stille trat nun ein, dann ſagte eine zarte, bewegte Stimme: Nein! das war nicht der Trauermarſch, aber es war eine ſchöne und herrliche Zuſammenſtellung von Melodieen aus dem Orpheo. Herr von Paradies ſtieß einen Schrei aus, und mit dem Ausdruck tiefſten Schmerzes die Arme um den Nacken ſeiner Tochter legend, rief er: Oh mein armes geliebtes Kind, alſo es iſt doch wahr, was ich lange und mit bitterm Schmerz befürchtete! Das Wunder beſtätigt ſich nicht, und meine arme geliebte Thereſe iſt blind, und wird blind blei⸗ ben, ſo lange ſie lebt! Vater! ſchrie Thereſe entſetzt emporſpringend, Vater, Du weißt— Ich weiß, daß Du blind biſt, rief er, ſie unterbrechend und ſie feſt in ſeine Arme drückend, komm, meine arme Tochter, komm, und fürchte nichts. Verzage auch nicht, noch iſt Dein Vater da, der wird Dich ſtützen und führen, und Dir ſeine Augen leihen und für Dich ſehen. O mein Kind, mein Kind, Gott vergebe es Denen, welche in unſeren Herzen ſo lange dieſe Hoffnungen entzündeten! Jetzt iſt Alles verloren, Alles hin; Du biſt und bleibſt blind, und Dein armer Vater kann nur über Dich weinen! Das Publikum hatte mit tiefer Rührung dieſem glühenden und ſchmerzlichen Ausbruch der väterlichen Zärtlichkeit zugehört, hier und da ſah man die Damen ihre Batiſttücher an die Augen drücken, hörte man halblaute Worte der Theilnahme! Nur Herr Profeſſor Barth ließ ſich nicht fortreißen von der all⸗. noch im ein nicht it einer ter, und eelche da aſie aus hier vor abe oder e kennen bewegte ar eine rpheo. lusdrud end, rief was ich igt ſich d blei⸗ it d und un, und er wird Dich ſche in Alles Vater en und er und 3 hörte er all⸗ 1 4 1 5 75 gemeinen Rührung, und als er an dem erbleichten Antlitz ſeines Freun⸗ des Ingenhaus gewahrte, daß auch dieſer voll Mitgefühl für den ſchmerzbewegten Vater ſei, fuhr ein höhniſches Lächeln über ſeine har⸗ ten Züge hin. Theuerſter Freund, flüſterte er, ſich zu ihm wendend, ich habe da an dieſem Herrn von Paradies mit meinem Recept eine Kur zu Stande gebracht, um welche die ganze Fakultät mir eine Dankadreſſe votiren müßte. Ich denke, ich habe mein Wort erfüllt, und die Ehre der Wiſſenſchaft iſt gerettet! In dieſem Augenblick tönte ein gellender Schrei von Thereſens Lippen, mit Ungeſtüm ſuchte ſie ſich aus ſeinen ſie umſchlingenden Ar⸗ men zu befreien. 3 Vater, laß mich los! rief ſie. Ich bin nicht blind, ich bin ge— heilt! Mesmer hat mir mein Augenlicht wiedergegeben und ich kann ſehen, aber was ich ſehe, iſt fürchterlich, oh fürchterlich! Und mit einem dumpfen Schmerzenslaut ſank ſie ohnmächtig wie⸗ der zurück in die Arme ihres Vaters. Er hob ſie mit ſeinen Armen empor, ſein bleiches, ſchmerzzucken⸗ des Antlitz mit einem flehenden Ausdruck dem Publiknm zzugewendet, grüßte er es zum Abſchied mit einer leichten Bewegung des Hauptes, und ſchwankte dann mit ſeiner rührenden und traurigen Laſt der Aus⸗ gangsthür des Saals zu. Das Publikum blickte ihm ſchweigend und gerührt nach, bis die Thür ſich hinter ihm geſchloſſen, dann erhoben ſich Alle mit geräuſch⸗ vollem Stuhlrücken.— Das Schauſpiel war zu Ende, aber der Streit nicht, und wie Herr Profeſſor Barth mit Ingenhaus langſam durch die Menge, die ſich dem Ausgange zudrängte, ſich Bahn machte, hörte er zu ſeinem Verdruß gar viele und angeſehene Perſonen, welche er⸗ klärten, daß ſie vollkommen überzeugt wären von der Heilung der Blinden, und daß es keinem Zweifel unterliegen könne, wie Mesmer ihr wirklich das Augenlicht wiedergegeben habe. 76 V. Die Kataſtrophe. Erſt nach ſtundenlangem Bemühen gelang es, Thereſe aus ihrer tiefen Ohnmacht zu erwecken; man hatte ſie ſanft auf dem Divan ihres Zimmers gebettet, und ihre Mutter hatte leiſe weinend voll zärtlicher Sorge ſich um ſie beſchäftigt, während ihr Vater mit grollenden Mie⸗ nen, mit finſteren Blicken neben dem Divan ſtand, und das Erwachen Thereſens erwartete. Mit einem tiefen Seufzer ſchlug ſie jetzt die Augen auf, und blickte erwundert umher. Wo bin ich? flüſterte ſie leiſe. befremdet und Du biſt in Deinem Zimmer, Du biſt bei Deiner Mutter, rief ihre Munter, ſich über ſie neigend, und ihr Antlitz mit Thränen und Küſſen bedeckend. Nein nein, ich bin im Concertſaal, flüſterte ſie matt und wie im Traume, da ſitzen ſie, Kopf an Kopf gedrängt, und ſtieren mich an, mit den kalten neugierigen Dolchen, welche ſie Augen nennen, und die meinem Herzen ſo wehe, ach ſo wehe thaten. Da ſitzen ſie und klatſchen in die Hände, wie die Wilden aus kindiſcher Freude über die Thränen und Seufzer meiner Seele, welche ſich zu Muſik cryſtalliſirten. Aber ich muß ſprechen, ich muß! Laßt mich los! ihre Augen ſind auf mich gerichtet und höhnen mich! Laßt mich, ich bin nicht mehr ohn⸗ mächtig, laßt mich wieder zum Flügel gehen und ſpielen! Sie wollte ſich aufrichten, aber ihr Vater drückte ſie in die Kiſſen zurück. Bleib, mein armes Kind, es iſt vergeblich, uns noch länger zu belügen, habe das Vertrauen zu Deinen Aeltern, geſtehe es uns nur, Du irrſt Dich, Du biſt nicht mehr im⸗Concertſaale, und wenn Du ſehen könnteſt, würdeſt Du erkennen, daß Deine Mutter Dich nicht täuſcht, daß Du wirklich in Deinem Zimmer biſt. Du haſt nur Mes⸗ mer zu Gefallen uns die Wahrheit verborgen, Du biſt nicht geheilt, die Kur iſt nicht gelungen, Du biſt blind. Oh, mein Gott, ſeine Worte und ſeine Stimme klingen wie Wahr⸗ heit, und doch weiß er, daß er eine Lüge ſpricht, rief ſie mit durchdrin⸗ 8 gendem Schmerzensſchrei, indem ſie mit unwiderſtehlicher Gewalt ſich 77 von dem Divan aufrichtete, und gerade und frei ſich ihren Eltern gegen⸗ über ſtellte. Ich weiß ietzt Alles, Alles, fuhr ſie athemlos fort. Die Ohnmacht hielt vorher noch meine Sinne gefangen, jetzt aber bin ich erwacht und ſehe Alles! Ja mein Vater, ich ſehe! Ich ſehe dort am us ihrer Fenſter die blühenden Topfgewächſe, welche Mesmer mir geſtern brachte, an ihres dort drüben ſteht mein Flügel und die ſchwarzen und weißen Taſten ärtlicher ſcheinen mir zu winken und mich zu ſich zu rufen. Zwei aufgeſchlagene hen Mie⸗ Bücher liegen auf dem mit einem ſchönen bunten Teppich bedeckten Srwachen Tiſch, der in der Mitte des Zimmers ſteht, daneben liegen Zeichnungen, Malereien und Kupferſtiche. Oh, mein Vater, ſage ob ich das Alles nicht richtig geſehen und nicht richtig bezeichnet habe? nd blccke Du weißt, daß es ſo ausſieht in Deinem Zimmer, ſagte ihr Va⸗ feiſe. 5 rief ter achſelzuckend, und deshalb iſt Deine Schilderung richtig. en und Und dann, fuhr ſie athemlos fort, ſehe ich auch Euch Beide! Ich ſehe das liebe, ſanfte Antlitz meiner Mutter, welches mit zärtlicher wie im Theilnahme mir zugewendet iſt, und deren liebe milde Augen um mich nich an, geweint haben. Ich ſehe das ſtrenge, ernſte Antlitz meines Vaters; und die dieſelbe Wolke, welche ſchon im Concert ſeine Züge verdüſterte, lagert ſie und noch auf demſelben, das iſt mir, als ob aus ſeinen Augen ein böſer lber die fremder Dämon mich anſchaute. Was iſt das, mein Vater? Was liſrten. hat Dich plötzlich ſo geändert und umgewandelt, daß Du Deine The⸗ und auf reſe nicht mehr liebſt, daß Du ihr Verderben willſt und ihr Glück br ohn⸗ verleugneſt?— 1 Ich will nicht länger das Spielzeug eines Betrügers ſein! ſagte e Liſen ihr Vater finſter. Ich will nicht, daß ganz Wien mich als einen gläu⸗ „ bigen Mann verlache, der an die lächerlichen Wunderkuren des Herrn nge 3 Mesmer glaubt, während alle Welt den Charlatan durchſchaut. Ich 1a 5* will endlich den Muth haben, es zu bekennen, daß wir betrogen ſind, 7 . ct daß Thereſe noch immer blind iſt! 1 1e Ein gellender Schmerzensſchrei tönte von Thereſens Lippen, ihre 1 kE ganze Geſtalt erbebte wie im Krampf des Schmerzes. eil di Nein, es iſt nicht wahr, ich bin nicht blind! rief ſie außer ſich. 5 12 Oh mein Gott, erbarme Dich mein, ſende mir Hülfe in meiner Noth! 8 Bähr⸗ Ich bin allein, ganz allein, Mesmer, Mesmer!— 5 1 nchdri 5 Auf einmal verſtummte ſie und ihr Antlitz nahm einen freudigen. valt ſch G 78 Ausdruck an, ihre Wangen übergoß ein freudiges Erröthen: mit vor⸗ gebeugtem Kopf, die halbgeöffneten Lippen von einem ſeligen Lächeln umſpielt, die weitgeöffneten ſtrahlenden Augen der Thür zugewandt, ſchien ſie zu horchen und auf ein kommendes Glück zu lauſchen. Jetzt erbebte ihre ganze Geſtalt, dann durchſchauert von Glück, murmelte ſie leiſe: Er kommt, er kommt! Die Thür ward haſtig geöffnet, Mesmers hohe gebieteriſche Ge⸗ ſtalt erſchien auf der Schwelle. Mit einem Freudenſchrei flog Thereſe zu ihm, und mit glühender Gewalt ſeine beiden Hände ergreifend, zog ſie ihn vorwärts. Kommen Sie, Meiſter, jetzt iſt Alles gut, jetzt ſind Sie da, und Niemand kann mir mehr etwas anhaben, Ihre Hände werden mich ſchützen, Ihr Arm wird mich aufrecht halten. Sie ſchmiegte ſich an ihn und lächelte ſelig, als er ſanft ſeinen Arm um ſie legte, und dann mit ſeiner Rechten leiſe über ihr Antlitz hinfuhr. Ihre großen Augen zu ihm aufſchlagend, ſchaute ſie tief in ſeine Augen, die feſt auf ihr ruhten. Ich leſe in Ihren Blicken, Meiſter, daß Sie nicht mit mir zufrieden ſind? fragte ſie angſtvoll. Ja Sie zürnen mir, weil ich heute mich im Concert ſo linkiſch und ungeſchickt benahm. Ich weiß es wohl, Meiſter, es war thöricht und kindiſch, aber wie ich den Saal durchſchritt, und plötzlich aufſchauend die vielen Köpfe erblickte, dieſe vielen neugie⸗ rigen, feindlichen Geſichter, dieſe Blicke, die wie Nadelſtiche meine ganze Geſtalt verwundeten, da kam die alte Angſt wieder über mich und das Entſetzen vor den Menſchengeſichtern, und da ſchien es mir wieder, wie ich vorwärts ſchritt, als ob die Wände mir entgegen kämen, um über mir zuſammen zu ſtürzen, und ich wollte nicht vorwärts, denn ich fürch⸗ tete den Tod. Und was war es, was im Spiel Sie auf einmal beunruhigte? fragte Mesmer ſanft. Oh, das war wieder kindiſch, ſagte ſie lächelnd. Ich kann es im⸗ mer noch nicht lernen, von den Noten zu ſpielen, und dann wieder meine fliegenden, zappelnden Finger zu ſehen. Das verwirrt mich, das macht mich ſchwindlich, die Noten und die Finger hüpfen dann wie im wilde was auch die laſſen und haft . Sie lend da, und den mich ſeinen Antlitz tief in ufrieden te mich wohl, hſchritt, neugie⸗ e ganze und das der, wie n über hfürch 79 wilden Tanze durcheinander, und ich weiß nicht mehr wo ich ſpiele und was ich ſehe. Und das Alles iſt ſo natürlich und wahr, ſagte Mesmer trogrig, denn auch das Sehen hat ſeine Sprache, und die müſſen Sie erſt lernen, wie die Kinder das Sprechen lernen! Aber man wird Ihnen keine Zeit dazu laſſen, armes Kind, man wird Sie wieder hinein zwingen in die Nacht und das Schweigen, meine liebe Thereſe! Sie warf nun beide Arme um ſeinen Nacken, und hielt ſich krampf⸗ haft feſt an ſeiner hohen Geſtalt. Retten Sie mich, Meiſter! retten Sie mich! rief ſie flehend. Er neigte ſich über ſie und ſtreichelte ihr Haar, und ließ ſeine ſtrah⸗ lenden Blicke lange auf ihrem Antlitz ruhen. An der anderen Seite des Zimmers ſtand Herr von Paradies und neben ihm ſeine Gattin, welche in tiefer Bewegung ihrer Tochter zu⸗ gehört hatte, und jetzt leiſe ihre Hand auf ihres Gatten Arm legte. Sage mir, was dieſes Alles zu bedeuten hat? Was quälſt und marterſt Du die Arme ſo ſehr? Was leugneſt Du auf einmal, daß ſie ſehen kann, da Du doch— Still, unterbrach ſie ihr Mann leiſe. Höre nur dies: Wenn The⸗ reſe nicht mehr blind iſt, werden wir die kaiſerliche Penſion verlieren und können mit unſern Kindern betteln gehen! Ach arme Thereſe! flüſterte ſeine Frau tief aufathmend. Arme Thereſe, jetzt weiß ich Alles! Du wirſt blind bleiben müſſen Dein Leben lang. Ich bin gekommen zu Ihrer Hülfe, Thereſe, ſagte Mesmer jetzt, nachdem Thereſe von ſeiner Hand beſchwichtigt wieder ſtill und ſanft geworden war. Ich weiß Alles was hier vorgeht, fuhr er fort, ſeine zürnenden Blicke auf Thereſens Eltern heftend, Sie wollen dieſes arme Kind wieder zurück ſtoßen in ihre Nacht. Aber ſo ſchnell ſoll es Ihnen nicht gelingen. Meine Ehre, mein Name, meine Zukunft und das Sy⸗ ſtem einer neuen Wiſſenſchaft, deren Verkünder ich bin, ſteht auf dem Spiel. Ich werde für Thereſe und für mich ſelber kämpfen gegen Ihre Grauſamkeit. Sie wiſſen es, daß dieſe Aufregungen, dieſe Kän geeignet ſind, Thereſe wieder blind zu machen, und Sie werden nicht ſchonen. Ich bin alſo gekommen, ſie von hier fortzu 80 ſie mit mir in meine Villa zu führen zu meinen andern Kranken. Oh ſeien Sie ruhig, Niemand wird darin etwas Anſtößiges finden, denn Thereſe wird dort unter dem Schutze meiner Frau ſein, der ich heute zum erſten Mal vergebe, daß ſie meine Frau iſt, denn ſie macht es mir möglich, Thereſe zu beſchützen und über ſie zu wachen, auf daß ſie vollſtändig geneſe. Thereſe, mein Wagen wartet vor Ihrer Thür. Sind Sie bereit mit mir zu gehen und bei mir zu bleiben, bis Ihre Kur vollendet iſt, und Ihre Augen ſtark genug ſind, um das Weinen und die Menſchengeſichter vertragen zu können? Ich bin bereit, Meiſter, mit Ihnen zu gehen, rief ſie freudig. Aber ich werde es nicht dulden! ſagte ihr Vater, heftig näher ſchreitend. Thereſe iſt meine Tochter, und Niemand als ich allein hat zu entſcheiden, was mit ihr geſchehen ſoll. Thereſe verläßt mein Haus nicht und bleibt unter dem Schutze ihrer Eltern! Sie geht mit mir! ſagte Mesmer mit einer Stimme, welche mächtig war wie ein Donner. Ihr habt ſie in meine Kur gegeben, und ſo lange ſie krank iſt, gehört ſie ihrem Arzte. Komm, Thereſe, ich trage Dich zum Wagen! Leicht wie eine Feder hob er ſie empor, und wandte ſich mit ihr der Thür zu. Mit einem Ausruf des Zorns ſtürzte Herr von Para⸗ dies ihm nach, während ſeine Frau zur Erde niedergeſunken war und betete. Wie Mesmer aber die Thür öffnen wollte, ſtand Herr von Para⸗ dies vor derſelben und deckte mit ſeinem Rücken den Ausgang. Laſſen Sie uns gehen! rief Mesmer glühend und mit flammenden Blicken. Gehen Sie, aber laſſen Sie meine Tochter hier! Nein, ſie geht mit mir! Ihr ſollt ſie nicht wieder blind machen! Er ſuchte mit dem rechten Arm, welchen er frei hatte, während Thereſe in ſeinem linken Arm ruhte, Herrn von Paradies von der Thür fortzudrängen. Als dieſer ſich widerſetzte, drang ein wildes ſpöt⸗ tiſches Lachen von Mesmer's Lippen, die Rieſengeſtalt richtete ſich in r ganzen Höhe auf, ſein ſtarker, muskelkräftiger Arm hob die kleine Geſtalt des Herrn von Paradies enfpor und ſchleuderte ihn in das Zimmer. f 81 unten. Oh Lebt wohl und fürchtet nichts, rief er mit lauter Stimme, Thereſe den, demn bleibt bei mir! Aber doch iſt Eure Penſion noch nicht verloren, denn 4 , der i9 noch könnt Ihr ja ſagen, daß ſie blind iſt. Ich nehme ſie mit mir, um he mh ſie zu heilen h aif dß Dies war indeß eine vergebliche Hoffnung! Die Feinde Mesmer's, hre Wür an ihrer Spitze der Profeſſor Barth, waren einflußreicher und mäch⸗ is Jhre tiger als er, und Herr von Paradies, welcher zitterte für ſeine Penſion, 1s Wennen verband ſich mit ihnen. Man wußte es endlich dahin zu bringen, daß Herr von Störk, der Leibarzt der Kaiſerin, einen Befehl erwirkte, dem⸗ redig. zufolge Herr von Paradies ermächtigt ward, ſeine Tochter ſogleich der fſig näher Kur Mesmer's zu entziehen, und ſie wieder unter die eigene väterliche allei bn Obhut zu ſtellen. mein Haus Mit dieſem ſchriftlichen Befehl begab ſich Herr von Paradies, be⸗ gleitet von ſeiner Gemahlin, in die von Mesmer und ſeiner Kranken ge mächtig bewohnte Villa, und begehrte ſeine Tochter zurück. Aber Thereſe wei⸗ 1, und ſo gerte ſich, ihren Aeltern zu folgen; als ihr Vater ihre Hand gegen ſie „ich trage ausſtreckte, floh ſie entſetzt zu Mesmer hin, und ihn angſtvoll mit ihren 7 1 beiden Armen umklammernd, beſchwor ſie ihn, ſie zu beſchützen, und es ch mi ihr nicht zu dulden, daß man ſie ihm entreiße, um ſie wieder in die Nacht ven Part⸗ ihrer Blindheit zurückzuſtoßen. war und Eine fürchterliche Scene folgte nun, die Mesmer ſelbſt in einfach rührenden Worten ſchildert: von Pard—„Thereſens Vater, ſagt er, wollte ſie mit Gewalt fortführen, und ng. drang mit entblößtem Degen, wie ein Raſender auf mich ein. Es ge⸗ ammenden lang mir wohl, den Wüthenden endlich zu entwaffnen, und ihn zu ent⸗ fernen, aber Mutter und Tochter fielen mir ohnmächtig vor die Füße, die erſtere vor Entſetzen und Zorn, die andere, weil ihr barbariſcher dmachen! Vater ſie mit dem Kopf wider die Wand geſtoßen hatte. Die Mutter während ward ich nach einigen Stunden los, aber wegen des Schickſals der armen 1 von der Thereſe war ich in der äußerſten Unruhe; Gichterbrechen und Raſen ildes ſput erneuerten ſich bei ihr alle Augenblicke, ja, in Folge dieſer furchtbaren tte ſich in Aufregungen, erblindete ſie auf's Neue. Ich zitterte für ihr Leben und die kleine 7 uderte ihn 91— 4* ihren Verſtand, dachte an keine Rache gegen die Aeltern, vernachläſſigte alle rechtlichen Mittel, und ſuchte bloß die Uuglückliche, welche in mei⸗— nem Haus geblieben war, zu retten.“ Kaiſer Joſeph. 2. Abth. III. 6 1 8 82 „Herr von Paradies, geſtützt von den Perſonen, welche ſeine Trieb⸗ feder waren, ſchrie ganz Wien voll. Ich wurde dadurch ein Gegenſtand der abgeſchmackteſten Verleumdungen, ja man brachte mit leichter Mühe den allzugutmüthigen Herrn von Störk dahin, daß er befahl, es ſolle das Fräulein von Paradies ihren Eltern ausgeliefert werden.“*) Mit dieſem erneuerten Befehl begab ſich Herr von Paradies, be⸗ gleitet von einigen Freunden und Dienern, abermals zu Mesmer, der Thereſe nun, trotz ihres Flehens und Jammerns, ihrem Vater über⸗ geben mußte. Thereſe, ſei es in Folge der heftigen Gemüthserſchütterungen, des vielen Weinens, des Kummers um den verlornen Freund, Thereſe war jetzt wieder blind, und ſie gab als Blinde noch viele Concerte in Wien. Profeſſor Barth und die Aerzte überhaupt triumphirten, Mesmer aber verließ im Zorn über ſeine hohnlachenden Verfolger Wien, und ging nach Paris, um dort ſeiner Lehre und ſeiner Erfindung des thie⸗ riſchen Magnetismus Ausbreitung, Ruhm und Anhänger zu verſchaffen. Thereſe von Paradies war und blieb blind. Ob ſie jemals ſehend geweſen? Das iſt eine Frage, welche damals wie noch jetzt unentſchie⸗ den geblieben. Die Aerzte leugnen es, die Anhänger Mesmer'’s beja⸗ hen es, und behaupten mit voller Beſtimmtheit, daß es der magneti⸗ ſchen Kraft Mesmer's vollſtändig gelungen ſei, die Blinde zu heilen, daß ſie aber wieder erblindet ſei, in Folge der grauſamen Härte ihres Vaters, der eine blinde Tochter haben mußte, um die kaiſerliche Pen⸗ ſion nicht zu verlieren. *) Juſtinus Kerner. Franz Anton Mesmer ꝛc. S. 70. ne Trieb⸗ egenſtand er Mühe es ſolle K 1 über⸗ Fünſtes Buch. ngeu, des ereſe war Wien. Mesmer Marie Antoinette. gſchaffen. ls ſebend nentſchie⸗ rs beja⸗ magneti⸗ z heilen, ce ihres ihe Pen⸗ J. Le roi est mort, vive le roi! Es war am Abend des zehnten Mai 1774. Das ſonſt ſo laute, von Jubel und Luſt durchhallte Königsſchloß von Verſailles war heute vüſter und ſtill. Kein lautes Wort, kein lauter Schritt ward in den Corridors und in jenen Sälen gehört, welche ſeit einem halben Jahr hundert zum erſtenmal heute öͤde und leer ſtanden. Das Königthum, welches hier ſonſt ſeine Feſte feierte, lag jetzt eben in einer Kriſis, es ſtand da mit zerfetztem Mantel, mit beſchmutzter Krone, mit hängenden ſchlaffen Zügen, und wartete auf den letzten Seufzer eines Sterbenden, um ſich wieder zur Jugend und Schönheit, zur Reinheit und Majeſtät zu verklären, und ſein wüſtes Greiſenangeſicht in ein Jünglingshaupt zu verwandeln. Das Königthum, es ſchwebte als Engel der Hoffnung über dem einen Flügel von Verſailles, in welchem der Dauphin mit ſeiner Ge mahlin verweilte, als Dämon des Todes über dem anderen Flügel von Verſailles, in welchem ein alter, ſterbender, entnervter Greis, den man fünfzig Jahre lang König Ludwig den Funfzehnten genannt, ſeine letzte Rechnung mit dem Leben machte. Es iſt wahr, die Rechnung war eine ſehr große und fürchterliche, und unter den Todesqualen und Schmerzen, welche des Königs von Alter, Laſter und Krankheit verwüſteten Körper durchwühlten, hatte der König einſehen lernen, das es zu ſpät ſei, Abrechnung zu halten mit der Welt, und die höchſte Zeit, ſeine Rechnung anzufangen mit dem Himmel. Er hatte daher dem Flehen und Bitten ſeiner Töchter nachgege⸗ 86 ben und nach dem Erzbiſchof von Paris geſandt, um von ihm den Segen der Kirche und den Troſt der heiligen Sacramente zu empfan⸗ gen, und damit dieſe unentweiht einziehen könnten in das Schloß, hatte der König das für ihn größte und ſchwerſte Opfer gebracht, hatte er die ſchöne Gräfin Dubarry aus Verſailles entfernt, und ſie nach Schloß Ruelles geſandt. Aber Herr von Beaumont, der Erzbiſchof von Paris, forderte von Ludwig dem Funfzehnten noch ein anderes Zeichen der Reue, er for⸗ derte, daß er öffentlich vor ſeinem Hofe bekenne, daß er ein fündhaftes und ſtrafwürdiges Leben geführt habe. Anfangs hatte der Stolz des Königs ſich gegen dieſe Demüthigung geſträubt, aber bald hatte die Todesangſt des königlichen Sünders dieſen Stolz gebeugt, und um Frieden zu machen mit dem Himmel, hatte der König ſich bereit erklärt, der Tugend und Moral dies letzte große Opfer zu bringen. Auf einmal alſo öffneten ſich die Pforten des königlichen Kranken⸗ zimmers, und die Schaar der von Erwartung und Neugierde zermar⸗ terten Höflinge, welche ſeit drei Tagen nur fragten: wie geht es dem König? wird der König geneſen?, und welche die Gegenwart hätten feſthalten mögen, weil ſie vor der Zukunft zitterten, welche noch nicht wagten, die Vorzimmer des Königs zu verlaſſen, und in die des Dau⸗ phins zu eilen, weil es ja noch möglich, daß Jener geneſen könnte, dieſe Höflinge ſahen da auf dem prunkenden Paradebett eine blutige, entſtellte, verſchwollene Geſtalt, ein von den Pocken verzerrtes und verſtümmeltes Geſicht mit blutunterlaufenen Augen, mit zerfetzten, blu⸗ tigen Lippen,— die Geſtalt des ſterbenden Königs von Frankreich! Vor dieſem Paradebett aber ſtand im vollen Ornat der Erzbiſchof von Paris, ihm zur Seite der Groß⸗Almoſenier und der Miniſter Herzog von Aiguillon, während die Töchter des Königs am Bette ihres Vaters knieten, und mit leiſen Worten des Troſtes und der Hoffnung den ichzenden König zu tröſten ſuchten. Der König wünſcht ſeinen Freunden und Getreuen ein letztes Lebewohl zu ſagen, rief der Herzog von Aiguillon mit lauter Stimme. Ein leiſes Gemurmel des Entſetzens durchlief die Reihen der Höflinge. Jeder von ihnen fürchtete die Anſteckung, welche der König aus jeder Pore ſeines von den furchtbarſten Pockengeſchwüren verpeſteter 87 hm den Körpers ausdampfte. Mehr als dreißig Perſonen waren ſchon dieſer empfan⸗ Anſteckung erlegen, und erſt vor einigen Tagen hatte der ſchöne Mar⸗ 5, hatte quis von Letoridres es mit dem Tode büßen müſſen, daß er, dem drin⸗ gatte er genden Wunſch des Königs nachgebend, in die Thür ſeines Kranken⸗ Schloß zimmers getreten war, und ſich einige Minuten mit ihm unterhalten hatte.— Niemand mochte daher mehr dies Zimmer betreten, Jeder⸗ erte von mann hatte vergeſſen, daß es ein König ſei, welcher ſie gerufen, und er for erinnerte ſich nur, daß es ein von ſcheußlicher Krankheit verpeſteter ndhaftes Menſch ſei. Aber der Herzog von Aiguillon rief ihr Gedächtniß wach. tolz des atte die Der König wünſcht ſeinen Freunden und Getreuen ein letztes Lebe⸗ und um wohl zu ſagen, rief er zum zweitenmal, und jetzt wagten die Hofleute nicht erklärt, länger mehr zu zaudern, denn es war ja immer noch möglich, daß der König geneſen konnte, und dann würde er ihnen das Zaudern dieſer ranken Stunde niemals verziehen haben! ermat Seufzend und innerlich Gebete der Angſt murmelnd, kamen ſie es dem näher und traten in das gefürchtete Gemach ein, deſſen verpeſtete Luft hätten und deſſen Verweſungsgeruch ſelbſt nicht von den Weihrauchdüften über⸗ richt deckt werden konnten, die in großen bläulichen Wolken aus den goldenen, Dau⸗ von den Chorknaben des Erzbiſchofs geſchwenkten Rauchfäſſern empor fünnte, wirbelten. tlunigt,— Mit angehaltenem Athem, mit feſtgeſchloſſenen Lippen umgingen 65 und die Hofherren das Bett des Königs, der ſeine halbgebrochenen, blut⸗ n, llu unterlaufenen Augen auf ſie gerichtet hielt, und Worte der Begrüßung nheic murmelte, die indeß Niemand verſtand. Endlich hatte der Erſte des e hdon Zuges die Thür wieder erreicht. Die Ceremonie des letzten Levers henzeg war überſtanden, und mit eilfertiger Haſt drängten Alle dem erſehnten Vatets Ausgang zu.„ 1 den Die feierliche und mächtige Stimme des Erzbiſchofs von Paris, T deſſen ernſte, mahnende Worte ſchon ſo oft das Gewiſſen der leichtſinni⸗ 4 gen und egoiſtiſchen Höflinge des Königs getroffen, gebot ihnen jetzt lebte 4 11 ſtill zu ſtehen, und ſich noch einmal umzuwenden.— ütimme Der Erzbiſchof ſtand da neben dem Bette des Sterbenden, und en 2 hielt das heilige Viaticum mit beiden Händen hoch empor. Füng— Der König wünſcht ſeinen Freunden und Getreuen Abbitte zu efetn 88 thun wegen ſeines ſündhaften und ſcandaleuſen Lebenswandels, ſagte Herr von Beaumont, jedes Wort ſcharf und ſchneidend betonend. Ob⸗ wohl der König über ſein Betragen Niemand Rechenſchaft ſchuldig iſt, als Gott allein, ſo erklärt er doch durch meinen Mund, daß er es herzlich bereut, ſeinen Unterthanen Schande gemacht zu haben, und daß er nur noch zu leben wünſcht, um eine Stütze der Religion und des Glückes ſeiner Völker ſein zu können.*) Ein langanhaltendes, jammervolles Aechzen ertönte von dem Bett des kranken Königs, ſchaudernd und todesblaß eilten die Höflinge zurück in das Vorzimmer, ſich entſetzt bewußt werdend, daß es zu Ende gehe mit dem König und mit ihrer eigenen Macht, und daß der Morgen einer neuen Zeit zu dämmern beginne!— Während dies ſich auf dem einen Flügel des Schloſſes von Ver⸗ ſailles begab, herrſchte auf dem andern Flügel, in welchem der Dauphin mit ſeiner Gemahlin wohnte, eine tiefe, ſchauerliche Ruhe. Alles war hier Einſamkeit, Oede und Schweigen. Hier und da nur in den großen, öden Gemächern brannte ein Licht, und warf einen fahlen, gelblichen Schein auf die verblaßte Pracht und die verwitterte Herrlichkeit, welche hier herrſchte. Aber allmälig ward dieſes Schweigen der Einſamkeit durch eine laute, majeſtätiſche Stimme des Donners unterbrochen, und zu den einſamen Lichtern der Zimmer zündete der Himmel ſeine blen⸗ dend hellen Fackeln des Blitzes an.— Die ganze Natur ſchien Theil nehmen zu wollen an dem letzten Todeskampf einer ſterbenden Mo⸗ narchie und der Donuer ſchien es dem Himmel und der Erde mit ſei⸗ ner hallenden Stimme verkünden zu wollen, daß die Stunde der Ge⸗ burt einer neuen Monarchie und einer neuen Zeit gekommen ſei! Der Dauphin hatte ſich mit ſeiner Gemahlin und der ganzen kö⸗ niglichen Familie in die Kapelle des Schloſſes begeben, um noch einmal zu Gott zu beten für das Leben des Königs. In tiefer Andacht knie⸗ ten alle die jungen, lebensfriſchen Geſtalten um den Altar, auf welchem das heilige Sacrament enthüllt worden, und mit zitternden Lippen, mit Thränen in den Augen flehten die jungen Prinzen und Prinzeſſinnen, *) Soulavie. Mémoires historiques et politiques du-Regne de Louis XVI. Vol. I. p. 103. dels, ſagte end. Ob⸗ huldig iſt, daß er es „und daß mund des dem Bett inge zurück Ende gehe r Morgen von Ver⸗ Dauphin Ulles war en gloßen, gelblichen it, welche einſamkeit chen, und ine blen⸗ jen Theil den Mo⸗ e mit fei der Ge⸗ ſeil anzen kö⸗ f einmal act knit⸗ welchen pen, mit zeſſinnen, XVI. puis 89 au ihrer Spitze der Dauphin und die Dauphine, zu Gott, ihrem Groß⸗ vater das Leben zu erhalten, und ihn noch einmal geneſen zu laſſen! Dann begannen die Prieſter vor den Altären die„Gebete der vierzig Stunden“ und die kleine, nur aus der königlichen Familie und ihren Dienern nebſt wenigen Freunden beſtehende Gemeinde ſtimmten leiſe ein in die heiligen Geſänge. Auf einmal ward der Himmel draußen von finſtern Wolken um⸗ düſtert; die Nacht mit ihren Todesſchatten ſchien die ganze Kapelle einzuhüllen; der erſte laute Donnerſchlag ließ ſich auch hier hören. Bald folgte ihm ein zweiter, dann heulte und 8 der Sturm, Ströme von Regen ſchlugen praſſelnd gegen die Fenſter, Blitze, ſich von Minute zu Minute erneuernd, machten die Kerzen auf den Altären erbleichen, und ſchleuderten eine ſchreckliche Helle in die entſetzensvolle Finſterniß. Dann wieder und immer wieder grollte der Donner, ernenerte ſich der drohende Glanz des Blitzes, der die Decke und die Wände der Kapelle zu zerreißen ſchien; mit dem Rollen des Donners vereinigten ſich die hei⸗ ligen Geſänge, welche man fort und fort ſang, den Ausdruck des Ent⸗ ſetzens in der Stimme wie im Geſicht, denn während man Gott um Erbarmen anflehte, antwortete der Himmel mit ſeiner Stimme des Zorns, als wolle er mit derſelben endlich jetzt das königliche Gewiſſen noch wach rufen, das ſo lange geſchlummert hatte. Vor dem Altar lag das junge Paar, der unſchuldige Erbe eines laſterhaften, verderbten Königs, mit ſeiner jungen Gemahlin, Beide in Thränen zerfließend, Beide zitternd vor dem Grabe, das für ihren Vater geöffnet war, vor dem Thron, der ſie ſelber erwartete. Endlich war der heilige Dienſt beendet, Jedermann erhob ſich von den Kuieen; ſchweigend, in tiefer Stille verließen Alle die Kapelle, kein Ton ward gehört außer dem Schall der eiligen Schritte, mit welchen Jeder ſich entfernte, um in dem Innern ſeiner Gemächer aufathmen zu können von der Laſt, welche ſeine Seele bedrückte. Auch der Dauphin und die Dauphine kehrten ſchweigend und laut⸗ los in ihre Gemächer zurück, und heute zum erſtenmal ſchien der Dau⸗ phin ſich innig und tief der Bande bewußt zu ſein, welche ihn mit der jungen Gemahlin vereinten; denn ſtatt in ſeine Gemächer zurückzukeh⸗ eru. reichte er ihr den Arm und ging mit ihr.— Die wenigen treuen 90 Diener des jungen Paares, welche im Vorzimmter ſtanden, blickten ihnen mit einem wehmüthigen Lächeln nach, und falteten ihre Hände zum Gebet, nicht für den ſterbenden König, ſondern für dies junge, unerfah⸗ rene, unſchuldige Paar, das jetzt, vielleicht ſchon in wenigen Stunden, die Laſt der Krone auf ſich nehmen ſollte.. Wie der Dauphin mit der Dauphine am Arm in ihr Wohnzim mer eintrat, vollte ein Donner daher, ſtärker wie er bis dahin noch erſchallt war, und wie in Feuer ſchien das ganze Gemach auf einmal getaucht. Die Dauphine ſtieß einen leiſen Schrei aus, und klammerte ſich angſtvoll an den Arm ihres Gemahls, der geblendet und überraſcht auf der Schwelle der Thür ſtehen geblieben war. Durch die Ritzen der Fenſter und durch die offene Thür heulte und pfiff der Sturm und ziſchte durch das ganze Zimmer, daß die Lichter auf dem Arm leuchter, welcher da drüben auf dem Tiſch ſtand, ſchwankten, und ihre gelbe Flamme ſenkten, dann das Licht, welches unmittelbar neben der Thür auf dem Fenſterbrett ſtand, verlöſchte. Aber ſofort, und der An weſenheit des hohen Paars gar nicht achtend, ſprang Herv vhn Cam pan mit dem verlöſchten Licht zu dem Aymleuchter hin, es haſtig wie der anzündend, um es dann eilig wieder an ſeine vorige Stelle zu ſetzen. Der Dauphin, welcher eben im Begriff geweſen, mit ſeiner Ge⸗ mahlin das Zimmer zu durchſchreiten, um ſich mit ihr in das daneben befindliche Kabinet zu begeben, hatte dieſe haſtige und ungewöhnliche Handlung des ſonſt ſo ehrerbietigen und ceremoniellen Geheim⸗Seecre⸗ tairs der Dauphine bemerkt und blieb ſtehen. Was bedentet dieſes Licht da auf dem Fenſter, Herr von Cam⸗ pan? fragte Ludwig mit ſeiner ſanften, hellen Stimme. Herr von Campan ſchien zu erſchrecken, und ſehr froh zu ſein, daß ein neuer heftiger Donnerſchlag die haſtigen Worte, die er murmelte, vollkommen unhörbar machte. Aber der Dauphin wartete das Ende des Donners gelaſſen ab, und erneuerte ſeine Frage. Verzeihung, Hoheit, ſagte Herr von Campan verwirrt, dies Licht bezieht ſich einfach auf ein Ceremoniell. Auf ein Ceremoniell? fragte der Dauphin verwundert. Wollen Sie mir dies Ceremoniell erklären? ten ihnen inde zum unerfah⸗ Stunden, xᷣ Wohnzim alhin noch uf einmal klammerte überraſcht die Ritzen er Sturm dem Arm⸗ und, ihre tepen der der An ſn Cam⸗ aſtig wie zu ſetzen. iner Ge⸗ daneben wühnlih m⸗Seere on Canl⸗ zu ein, nurmelte, laſſen ab, dies Lit Pollen 91 Ew. Hoheit befehlen es? Ich bitte Sie darum,— falls die Frau Dauphine es erlaubt, ſagte Ludwig, ſich an Marie Antoinette wendend, die bleich und er⸗ ſchöpft an ſeinem Arm hing, und nur mit einer leiſen Bewegung ihres ſchönen Hauptes ihre Zuſtimmung zu erkennen gab.. Nun, wenn Ew. Hoheit befehlen, muß ich die Wahrheit ſagen, ſeufzte Herr von Campan. Ew. Hoheit haben befohlen, daß, ſohald ein trauriges, aber jetzt ſchon unvermeidliches Ereigniß hier eingetreten iſt, die königliche Familie und der ganze Hof, welcher zu dieſer Stunde im Schloß verſammelt iſt, Verſailles verlaſſen ſoll, um nach Choiſy zu gehen. Aber in dem feierlichen Augenblick, den wir erwarten, würde der Anſtand und die Schicklichkeit es nicht geſtatten, daß die poſitiven Befehle zur Abreiſe laut wie ſonſt von Mund zu Munde wiederholt würden. Der Ober⸗Stallmeiſter iſt daher mit mir übereingekommen, wie er ohne alles Geräuſch ſeine nöthigen Ordres empfangen kanu. Die Gardes du Corps, die Pagen, die Stallmeiſter, die Wagen, die Kutſcher und Lakaien, ſie Alle ſind jetzt ſchon im Hof da unten ver— ſammelt, und ſchauen erwartungsvoll zu dieſem Fenſter und zu dieſem einzelnen Licht hier empor. Sobald dieſes Licht hier verliſcht, beſtei⸗ gen die Gardes du Corps, die Stallmeiſter und Pagen ihre Pferde, die königlichen Carroſſen fahren vor, die Lakaien öffnen den Schlag, denn Jedermann weiß alsdann, daß der königliche Hof im Begriff iſt, Verſailles zu verlaſſen. 7 Demzufolge, ſagte der Dauphin haſtig, iſt dieſes einzelne Licht, welches da im Fenſter brennt, das Signal, welches den Wartenden da unten im Hof verkündet, daß der König todt iſt? Herr von Campan verneigte ſich ſchweigend. Der Dauphin aber zog ſeine Gemahlin haſtiger vorwärts und trat mit ihr in das Kabinet ein. Er achtete gar nicht darauf, daß die Dauphine ſeinen Arm los⸗ ließ, und erſchöpft anf den Divan niederglitt. Die⸗Hände auf dem Rücken gefaltet, das Haupt auf die Bruſt geſenkt, ging er haſtig in dem Kabinet auf und ab. Dann auf einmal blieb er mitten im Zim⸗ mer ſtehen, und ſeine ſanften blauen Augen zum Himmel empor hebend, rief er mit bewegter Stimme: Gott iſt gerecht! Es giebt eine Vergel⸗ tung im Hinime und er übt ſie auf Erden zu dieſer Stunde! 92 Marie Antoinette, deren große dunkle Augen ihrem Gemahl immer gefolgt waren, erhob ſich raſch vom Divan und trat zu ihm. Was wollen Sie damit ſagen, mein Gemahl? fragte ſie verwundert, indem ſie ihre ſchöne weiße Hand auf die breite, kräftige Schulter des Dau⸗ phins legte. Ich will damit ſagen, Antoinette, ſagte er feierlich, daß jenes einſame Licht, welches zuerſt den Tod des Königs verkündigen ſoll, daß jene dort unten im Hof harrenden Stallmeiſter und Pagen, die auf das Erlöſchen des Lichtes warten, daß dies Alles eine Vergeltung iſt für die traurige und fürchterliche Sterbeſtunde meines Vaters. Ich verſtehe Sie noch immer nicht, mein Gemahl, ſagte die Dauphine. Ich glaube es wohl, rief der Prinz heftig, ich glaube es wohl, daß Sie mich nicht verſtehen, denn ich habe Ihnen niemals von mei⸗ nem Vater und von der Stunde ſeines Todes erzählt, nicht wahr? Thun Sie es jetzt, mein Gemahl, bat die Dauphine mit ſanfter, ſchmeichelnder Stimme. Ja, ich will es thun, ſagte Ludwig düſter. Ich will Ihnen er⸗ zählen von der Sterbeſtunde meines Vaters. Er war ein ſo edler, hochherziger, großmüthiger Mann, und ſie verließen ihn doch, dieſe ſchmeichelnden, egoiſtiſchen Hofleute, welche allemal nur da zu finden ſind, wo es ihr eigener Vortheil erheiſcht. Der Dauphin lag einſam und verlaſſen in ſeinem Krankenzimmer, aber ein Engel wachte an ſei— ner Seite Nacht und Tag, und pflegte ihn mit unerſchütterlicher Liebe und Treue. Dieſer Engel, das war ſeine Gemahlin, meine Mutter! Der Hof befand ſich zu Fontainebleau, und der Vater des Dauphins, König Ludwig, hatte befohlen, daß, ſobald der Dauphin, mein Vater, geſtorben ſei, der Hof nach Choiſy abreiſen ſolle. Jedermann alſo be⸗ reitete ſich darauf vor, denn Jedermann wußte, daß die letzte Stunde des armen Märtyrers, der ſo viel leiden mußte, ohne jemals eine Sünde begangen zu haben, bald kommen werde.— Der Dauphin, welcher zum letzten Male die ſchöne Frühlingsluft einathmen, und den blauen Himmel ſchauen wollte, ließ ſich im Fauteuil an das geöffnete Fenſter tragen, und von da konnte er ſchauen, wie Jedermann ſchon eilig ſeine Vorbereitungen zur Abreiſe traf, er ſah da die Carroſſen, — F velch ihrer daß wang beei mach düſte eine pag⸗ dieſ Zei mei zu ſahl immer hm. Was ert, indem des Dau⸗ daß jenes u ſoll, daß au, die auf rgettung iſt e es wohl, zvon mei⸗ wahr? wit ſarfter, Ihnen ei⸗ n ſo edlel doch, dieſe zu finden f idn Dauphins, welche man mit Koffern und Kiſten belud, Stallmeiſter, welche neben ihren Pferden ſtanden; er ſah, daß Alle bereit ſeien abzureiſen, und daß man nur noch warte auf ſeinen Tod. Mit einem traurigen Lächeln wandte er ſich an ſeinen Arzt:„Ach, ſagte er ſanft, ich muß mich ſchon beeilen zu ſterben, denn ich ſehe es wohl, wenn ich noch länger zögere, mache ich zu viel Menſchen ungeduldig!“*) Entſetzlich! flüſterte die Dauphine, ihre ſchönen, von Thränen um⸗ düſterten Augen voll mitleidiger Zärtlichkeit auf den Gemahl heftend. Ja, entſetzlich, wiederholte der Dauphin. Aber Sie ſehen, es iſt eine Vergeltung im Himmel. Wie damals, warten auch heut die Equi⸗ pagen im Hof, wie damals wollen wir nach Choiſy abreiſen, und wenn dieſes kleine Licht da am Fenſter verliſcht, ſo iſt das ein ſymboliſches Zeichen, daß das Leben eines Königs erloſchen iſt. Oh, wenn alsdann mein Vater hier wäre! Wie viel würdiger wäre ſein Haupt, eine Krone zu tragen, als es das me eine iſt! Er muß ein ſehr edler, bewunderungswürdiger Mann geweſen ſein, ſagte die Dauphine leiſe, gleich Ihnen wünſchte ich, er lebte noch! Und er iſt ſo jung geſtorben! An welcher Krankheit ſtarb er, mein Gemahl? Der Dauphin warf einen raſchen, forſchenden Blick auf das Ant⸗ litz ſeiner Gemahlin. Er ſtarb an derſelben Krankheit, welche bald darauf auch meine Mutter tödtete, ſagte er düſter, und deren Name zugleich eine Anklage iſt!**) Sprechen wir nicht davon, werfen wir keine neuen Schatten auf dieſe düſtere Stunde, in welcher— Ein furchtbares, entſetzenvolles Getöſe übertäubte in dieſem Mo⸗ ment die Stimme des Dauphins. Wie ein lauter, ungeheurer Donner rollte es daher, nur daß der Donner nicht vom Himmel kam, ſondern aus dem Vorzimmer der Dauphine, nur, daß nicht Gott dieſen Don⸗ ner geſchaffen, ſondern die Maſſe der Höflinge, welche die Vorzimmer des eben geſtorbenen Königs in eiligem Lauf verlaſſen hatten, um die *) Sonlavig: Mémoires etc. Vol. I. **) Der allgemeinen Annahme nach war der Dauphin und ſeine Gemahlin vergiſtet worden, und zwar im Intereſſe einer politiſchen Partei, deren Chef der Herzog von Choiſeul war.— Der Dauphin ſowie ſeine Gemahlin Sähörten zur anti⸗öſterreichiſchen Partei. 94 aufgehende Macht des eben erſtehenden König Ludwigs des Sechs⸗ zehnten zu begrüßen!*) Der Dauphin und ſeine Gemahlin verſtanden die Sprache des irdiſchen Donners, und überwältigt von dieſem großen und heiligen Moment, ſanken Beide auf ihre Kniee nieder, hoben Beide ihre Arme zum Himmel empor und riefen, ihr Antlitz von Thränen überfluthet: Mein Gott, mein Gott, führe und beſchütze Du uns, wir ſind noch zu jung, um regieren zu können!**) Im gleichen Moment ward die Thür des Kabinets haſtig geöff⸗ net, und die Oberhofmeiſterin Marie Antoinettens erſchien auf der Schwelle. Hinter ihr ſah man Hunderte von Damen und Herren, welche, Kopf an Kopf gedrängt, ihre neugierigen Augen hinein bohr⸗ ten in das Zimmer, und dort mit einer Art Schrecken und Angſt ſa⸗ hen, was ſie noch niemals geſehen: ein junges Königspaar, welches nicht mit ſtolzem Entzücken, ſondern demüthig und ſchmerzbewegt ſeinem glänzenden Geſchick entgegen trat. Frau von Noallles verneigte ſich faſt ſo tief, daß ſie auf den Knieen lag, während das junge Königspaar ſich aus ſeiner knieenden Stellung aufrichtete. Ihre Majeſtäten mögen mir gnädigſt verzeihen, wenn ich einzu⸗ treten wagte, ſagte die Oberhofmeiſterin mit dem vollen Aplomb ihrer Würde, deren Geſetze Niemand beſſer kannte als Frau von Neoallles. Ich komme aber, die Majeſtäten zu erſuchen, die inneren Gemächer zu verlaſſen, um im großen Vorſaal die Glückwünſche der königlichen Prinzen und Prinzeſſinnen, und der Groß⸗Officiere und Groß⸗Würden⸗ träger Ihres Hofes zu empfangen, welche Alle vor Begierde glühen, ihren neuen Souverainen ihre Huldigung darzubringen. Eine ſolche Bitte aus dem Munde der Frau von Noallles hieß, dem jungen Konigspaar einen unumgänglichen Act der Etiquette an⸗ kündigen, dem man ſich daher nicht widerſetzen durfte. Der junge König reichte daher ſeiner Gemahlin den Arm, und auf ihn gelehnt, mit der Rechten das von Thränen feuchte Taſchentuch *) Madame de Campan. Mémoires etc. Vol. I. p. 78. **) Ebendaſelbſt. 95 des Sechs⸗ an ihre Augen drückend, geſenkten Hauptes, rührend in dieſer trauervollen, kindlichen Haltung, trat Marie Antoinette zum erſten Mal in den Kreis ihres Hofes, der mit lauten Glückwünſchen das Herrſcherpaar umringte. Während die Gemahlinnen der Prinzen von Provence und Artois 1 tief gerührt und mit Thränen die junge Königin in ihre Arme ſchloſ⸗ ſen, näherten ſich die beiden Prinzen in ſteifer, ceremonieller Haltung dem König, ihrem Bruder. Laſſen Sie uns, ſagte der Graf von Provence feierlich, laſſen Sie uns die Erſten ſein, Sire, welche Euerer Majeſtät, unſerm König, ihre Huldigung darbringen und ihre— Ach, mein Bruder, unterbrach ihn der König mit vor Rührung zitternder Stimme, ſoll mich meine Krone ſogleich eines Glückes be⸗ rauben? Laſſen Sie mir doch den ſchönen Namen: Bruder! Ich ver⸗ liere zu viel, wenn Sie mich nur Ihren König nennen! Und ich gewinne alſo in dieſer Stunde doppelt, denn ich gewinne einen gnädigen König und behalte einen geliebten Bruder! rief der Graf von Provence, ſich in die geöffneten Arme des Königs werfend. Eine Viertelſtunde ſpäter war das Schloß von Verſailles öde und leer. Die Stallmeiſter, die Garden, die Pagen und Lakaien hatten ihre Schuldigkeit gethan; ſo wie das Licht am Fenſter erloſch, beſtiegen ſie ihre Pferde, ließen ſie die Carroſſen vorfahren. Jedermann beeilte Noulle ſich, das Schloß zu verlaſſen, um dieſer verpeſteten Luft und dieſer 1 Noan 4 Anſteckung zu entfliehen, welche ſchon ſo viele Opfer gefordert hatte. hemüche 3 Und nicht allein der Hof des neuen Königthums verließ in angſtvoller nilihe Eile Verſailles, ſondern auch die Diener und Freunde des alten Kö⸗ ei Würden nigthums beeilten ſich fortzukommen, und Niemand fand es für nöthig, Ihen, ihren die Treue gegen König Ludwig le Bien-Aimé noch bis eine Minute über 7, ſeine Todesſtunde feſtzuhalten! Alles flüchtete ſich aus dem Hauſe des To⸗ uiles hit des, Alles wollte ſich retten aus der Luft, deren Einathmen Verderben prache des nd heiligen ihre Arme überfluthet: r ſind noch gaſtig geüff en auf der ind Herren, inein bohr⸗ Angſt ſe⸗ ae, welches vegt ſeinem ſie auf den er knieenden ich einzu⸗ lomb ihrer guette ane und Krankheit nach ſich zog; ſelbſt der Herzog von Villequier, der erſte d Kammerherr des Königs, vergaß zum erſten Mal in ſeinem Leben der Eti⸗ Arm, M quette, und ſtatt, wie es dieſe erheiſchte, bei der noch nicht erkalteten Leiche Tiſchenuh des Königs Wache zu halten, wollte auch er ſich aus dem Schloß ent⸗ f ¹ fernen. Aber indem er ſich anſchickte, das Sterbezimmer zu verlaſſen, wollte er ſeiner Flucht doch den Anſchein des Rechtes geben. 1 7 4 2 1 Sy — 3 AN— 96 Mein Herr, ſagte er, ſich an Andouillé, den erſten Chirurgen des todten Königs, wendend, mein Herr, ich verlaſſe Sie jetzt, damit Sie Ihr Werk beginnen. Ihre Pflicht iſt es, den Körper zu öffnen und einzubalſamiren! Andouillé erblaßte, denn wenn er dieſem Befehl des Herzogs nach⸗ kommen mußte, war ſein Tod unvermeidlich.— Ich bin bereit, Herr Herzog, ſagte er nach einer Pauſe, aber während ich operire und ſchneide, werden Sie die Güte haben, den Kopf zu halten. Ihre Charge macht Ihnen das zur unumgänglichen Pflicht!*) Der Herzog von Villequier erwiederte nichts, er verneigte ſich leicht gegen den Arzt, und verließ eiligſt das Gemach. Herr Andouillé folgte ſeinem Beiſpiel, aber rückſichtsvoller noch als die übrigen Diener des Königs ſorgte er ein wenig für die einſame Leiche. Er rief einige ſubalterne Diener und befahl ihnen bei der Leiche zu wachen, dann, als er hinunter ging in den Hof, um ſeine Egnipage zu beſteigen, ſah er da einige Arbeiter, welche Handlangerdienſte bei den Bauten im Schloß zu thun hatten. Herr Andouillé rief ſie zu ſich, und befahl ihnen dem Ober⸗Hof⸗ meiſter zu ſagen, daß man Weingeiſt in den Sarg des Königs gießen, und auch die Leinentücher damit tränken ſolle. Das war die Leichenrede des Königs Ludwigs des Funfzehnten, deſſen Körper einſam in dem öden Schloß von Verſailles ſtand, nur bewacht von einigen niedern Dienern und Arbeitern. II. Zie beiden Memoires. Es war in der Frühe des andern Morgens. Der Hof hatte ſich mit dem jungen Königspaar nach Choiſy begeben, und dorthin ſtröm⸗ ten jetzt von Paris aus ganze Schaaren von Menſchen; Fürſten, Gra⸗ *) Campan I. 79. 0 —— rurgen des damit Sie ffnen und zogs nach⸗ er während jzu halien. t ſich leicht er noch al je einſame der Leiche Ennipage ſte bei den Ober Hof⸗ 95 gießen, unfzehnten, ſtand„ nur Kaiſer Joſeph. 2. Abth. III. 3 7 97 fen und Marquis, Feldmarſchälle, Generale und Officiere, die Magiſtratur, der Maire und die Geiſtlichkeit von Paris, Abgeordnete der Bürger⸗ ſchaft, wie der einzelnen Gewerke; jeder Stand, jeder Rang, jede Klaſſe ſandte ihre Vertreter, um dem jungen Königspaar zu huldigen, und den Segen des Himmels auf daſſelbe herabzuflehen. Ein wahrer Freudentaumel hatte ſich der ganzen Bevölkerung be⸗ mächtigt, Entzücken und Luſt ſtrahlte von allen Geſichtern, und Niemand gedachte mehr des todten Königs le Bien-Aimé, deſſen Leiche zu derſel⸗ ben Stunde, in welcher die halbe Bevöl kerung von Paris nach Choiſy eilte, um den König und die Königin zu ſehen, nach St. Dénis in das letzte Ruhelager der Könige gebracht ward. Es war ein wenig cere⸗ moniöſer Zug, dieſer Leichenzug König Ludwigs des Funfzehnten. In einer großen Jagdcarroſſe ſtand der Sarg des Königs, in einer zweiten und dritten Carroſſe folgten der Herzog von Ayen, der Herzog von Aumont und zwei Prieſter. Zwanzig Pagen, und ebenſo viel Stall⸗ knechte ſchloſſen den Zug, der unbemerkt, von Niemand beklagt und be⸗ weint, in St. Denis anlangte. Eiligſt, während die Prieſter einige Gebete murmelten, ließ man den Sarg hinab in die Königsgruft, deren Eingang man alsdann nicht blos vermauerte, ſondern auch die Fugen ſorgſam verkittete, damit der Dunſt des verweſenden Körpers nicht noch aus der Wohnung der Todten ſich hervordrängte, um die Lebenden zu vergiften. Keiner der königlichen Prinzen war dem Sarge gefolgt. Was kümmerte ſie der todte, nur der lebende König hatte Anſprüche auf ihre Liebe, ihre Treue und Ergebenheit. Und der lebende König war zu Choiſy, nach ihm hin drängten ſich alle Herzen, ihn ſuchten alle Blicke, alle Wünſche, alle Hoffnungen. Tauſende von Menſchen drängten ſich in den Sälen und Vorſälen, Unruhe und Erwartung, Furcht und Hoff⸗ nung war auf allen Geſichtern zu leſen. Wer wird Einfluß haben? Das war die große Frage, welche alle Gemüther beſchäftigte. Wird es die Königin ſein, oder die Tanten des Königs. Welches Schickſal erwartet die Gräfin Dubarry? Welche Miniſter wird der neue König ſich wählen? Während man in den Sälen und Antichambres, in den Zimmern der Prinzen, und in den Corridors dieſe Fragen debattirte, war der Kö⸗ 98 nig noch immer unſichtbar, verweilte er einſam noch immer in ſeinem Kabinet. Vergebens harrten die Großwürdenträger und die perſönlichen Diener des Königs ſeit Stunden ſchon im Vorſaal des Rufes Sr. Majeſtät; die Thür ſeines Kabinets blieb noch immer geſchloſſen. Der König war allein in dieſem Kabinet. Sein nachläſſiger An⸗ zug, ſein ungeordnetes, verwirrtes Haar, ſeine trüben, verweinten Augen, und endlich die auf den Armleuchtern heruntergebrannten Lichter, die eben im Verlöſchen waren, bewieſen, daß der junge König die Nacht nicht geſchlafen, und ſein Kabinet gar nicht verlaſſen hatte. Er ſelber hatte gar nicht daran gedacht, daß nach ſo vielen auf⸗ regenden Scenen des verfloſſenen Tages ein wenig Schlaf ihm wohl Bedürfniß geweſen. Ruhelos war er die ganze Nacht in ſeinem Ka⸗ binet auf⸗ und abgegangen, und vor ſeinen trüben Blicken hatte die Zukunft ſich wie eine ſchwere, unheilsvolle Wolke aufgethürmt. Und dieſe Beängſtigungen der Nacht hatte auch der Tag nicht zu verſcheuchen vermocht. Immer ſorgenvoller und ängſtlicher war das Antlitz des jungen Königs geworden, große Schweißtropfen tanden auf ſeiner Stirn, und ſein Antlitz, welches niemals ſchön und anmuthig anzu⸗ ſehen, war heute in ſeiner Erſchlaffung und Abſpannung beſonders wenig anziehend. Ich bin noch ſo jung, murmelte der König leiſe vor ſich hin, ich weiß Niemand, zu dem ich Vertrauen haben kann, Niemand an dieſem Hofe, der es redlich und wahr mit mir meint. Ich habe ſie Alle ſich bücken und beugen ſehen vor der fürchterlichen Perſon, welche den Thron meiner Väter befleckt und das Alter meines Großvaters entehrt hat. Ich habe ſie Alle dem Laſter ihre Hymnen und der Verderbtheit ihre Schmeicheleien darbringen hören. Oh, es iſt eine fürchterliche Oede um mich her, zu wem ſoll ich mich flüchten in der Einſamkeit meines Herzens? Wer wird dem armen, unerfahrenen König ein guter Rath⸗ geber ſein? Ein leiſes Kratzen an der Thür ließ ſich vernehmen, und wieder⸗ holte ſich nach einer Pauſe lauter und vernehmbarer.— Der König ſchritt langſam und ſchwankend hin und öffnete die Thür. Herr von Nicolai! ſagte er verwundert, den Greis anſchauend, welcher gebeugten Hauptes vor ihm ſtand. Was führt Sie zu mir? nen Retzt treue tun mir lich in ſeinem rerſönlichen KRufes Sr. oſſen. iſſiger An⸗ iten Augen, eichter, die die Nacht vielen auf⸗ ihm wohl ſeinem Ka⸗ hatte die nt. g nicht zul war das ſlanden auf uthig anzu⸗ beſonders hhin, ich an dieſem e Ale ſch den Thron ntehrt hat. ücheit ihre ſche Oede iit weines tter Rath⸗ id widde⸗ der Konig rſchuend, „ zu mir 99 Sire, der Befehl und Wille Ihres Herrn Vaters, des verſtorbe⸗ nen Dauphins, führt mich her, ſagte der alte Mann feierlich. Der König trat zurück, und winkte Herrn von Nicolai einzutreten. Jetzt reden Sie, ſagte er hochaufathmend. Ich weiß, Sie waren ein treuer Diener meines Vaters, Sie waren bei ihm in ſeiner Sterbe⸗ ſtunde, und ich habe deshalb oft verſucht, mich Ihnen zu nähern, und mir Ihre Liebe zu gewinnen. Aber ich fühlte, daß Sie mich abſicht⸗ lich flohen, und nur um Ihnen gefällig zu ſein, gab ich Sie auf. Sire, ich fürchtete an derſelben Krankheit ſterben zu müſſen, welche den Dauphin und die Dauphine hinwegraffte, wenn ich mir nicht den Anſchein gab, nur ganz paſſiver und harmloſer Beobachter zu ſein, ſagte Herr von Nicolai feierlich. Nicht, daß ich den Tod ſo ſehr fürch⸗ tete, aber der Dauphin hatte mir das Leben zur Pflicht gemacht, ich hatte ihm ſchwören müſſen, das Vermächtniß, welches er mir übergab, treu zu bewahren, und es eines Tages demjenigen ſeiner Söhne zu übergeben, welcher der Nachfolger König Ludwigs des Funfzehnten ſein würde. Und dieſes Vermächtniß? rief der König athemlos. Man hat es Ihnen nicht geraubt? Sie haben es gerettet vor den Feinden meines Vaters? Oh ſagen Sie, wo iſt dieſes Vermächtniß? Hier iſt es! ſagte der Greis, ein großes verſiegeltes Papier aus ſeinem Gewande hervorziehend und es dem Könige darreichend. Ludwig ergriff es haſtig, und ſeine Augen auf die Adreſſe rich⸗ tend las er mit tiefbewegter Stimme:„Papiere, welche demjenigen meiner Söhne beſtimmt ſind, der nach meinem Vater zur Regierung gelangen wird. Abzugeben am Tage der Thronbeſteigung.“ Ew. Majeſtät ſehen, daß ich meinen Schwur treulich erfüllt, und daß ich lange genug gelebt habe, um dieſe Papiere in die Hände des⸗ jenigen niederzulegen, welcher ſtatt ſeines edlen Vaters den Thron Lud⸗ wig des Heiligen beſteigt. Oh, warum lebt mein Vater nicht, um ihn ſtatt meiner in Beſitz zu nehmen! rief Ludwig tiefbewegt. Er mußte ſterben, damit er das Elend nicht ſehen könne, welches ſeitdem über Frankreich gekommen iſt, ſagte der Greis feierlich. Er mußte ſterben, um der Welt ein Zeugniß abzulegen von der Schlech⸗ 7 100 tigkeit Derer, die ſeine Feinde und die Feinde Frankreichs waren, und welche ſeitdem über Frankreich geherrſcht haben. Sein Tod iſt nicht umſonſt ge⸗ weſen, und auch Ew. Majeſtät wird von demſelben gelernt haben! Ja, ich habe davon gelernt, ſagte der König düſter. Ich kenne die unſichtbare Hand, welche meinen Vater, meine Mutter, und die Königin, meine Großmutter, getödtet hat, ich kenne ſie, und— Der Dauphin, unterbrach ihn Herr von Nicolai, der Dauphin, Ihr Vater, hat auf ſeinem Sterbebette allen ſeinen Feinden vergeben, auch Denen, welche vielleicht ſeinen Tod verſchuldet haben. Er be⸗ ſchwört durch meinen Mund den König, gleich ihm zu verzeihen und zu vergeben, wie er vergeben hat! Ich werde dem Befehl meines Vaters gehorchen, ſagte der König matt, möge Gott Diejenigen ſtrafen, welche ſchuldig ſind! Und jetzt, da ich meine Pflicht erfüllt habe, möge Ew. Majeſtät die Gnade haben, mich zu entlaſſen, bat Herr von Nicolai. Aber bevor Sie gehen, werden Sie mir ſagen, womit ich Ihnen dienen kann? Nein, ſchütteln Sie nicht das Haupt! Laſſen Sie mein junges Königthum nicht gleich fühlen, daß es zu ohnmächtig iſt, die Treue, Liebe und Großmuth zu belohnen. Sie haben an meinem Vater und an mir gehandelt als ein wahrer Freund. Sagen Sie mir, wie es mir möglich ſein wird, Ihnen eine Freude zu machen? Dadurch, Sire, daß Sie die Gnade haben, die Papiere Ihres Vaters genau zu leſen, und ſeine Worte tief in Ihr Herz zu prägen. Ich werde das thun, mein Freund, ich gebe Ihnen mein Wort darauf, ich werde dieſe Papiere ſogleich leſen, und jedes Wort meines Vaters wird für mich ein Befehl ſein! Aber nun ſagen Sie mir auch einen Wunſch, den ich Ihnen erfüllen kann? Der Greis wiegte lächelnd ſein Haupt. Den Wunſch, den ich habe, kann mir nur Gott erfüllen, kein irdiſcher König hat die Macht dazu! Ich habe mein Tagewerk vollbracht, jetzt möchte ich ausruhen und ſchlafen, um nicht hier unten, ſondern da oben im Himmel meine Augen wieder aufzuſchlagen, wo ſie meinen edlen und geliebten Herrn, Ihren Vater, wiederſehen werden! Ew. Majeſtät ſehen wohl, daß Sie nichts für mich thun können, ich bitte nur um die Gnade, mich ent⸗ fernen zu dürfen! ;, und welche umſonſt ge⸗ ben! Ich kenne er, und die dee er Dauphin, en vergeben, en. Er be⸗ äihen und zu⸗ e der König w. Majeſtät t ich Iünen n Sie mem gtig iſt, de an meinem Sagen Sie machen? zere Ihres zu prägen. mein Wort Port meines ie mir auch h, den ich die Macht 1 ausruhen m mel meine bien Herrn, hl, daß 24 d,. 4 nich en 101 Der König reichte dem Greiſe ſeine Hand dar, und ſchaute ihm nach, bis die Thür ſich hinter ſeiner gebeugten Geſtalt geſchloſ⸗ ſen hatte. Oh wie arm ſind doch die Könige, ſagte er dann ſchmerzvoll, ſie beſitzen nur Gold, um Dienſtleiſtungen und Schmeicheleien zu bezahlen, aber ſie haben nichts um die Treue und die Liebe belohnen zu können! Und mit einem tiefen Seufzer nahm er das Paket, welches Herr von Nicolai ihm gebracht und entſiegelte es. Zwei Hefte Papiere waren in demſelben enthalten. Der König nahm das erſte und las:„Ueber den Allianz-Tractat, der zwiſchen Ludwig XV. und Maria Thereſia am erſten Mai 1756 geſchloſſen iſt; eine Auseinanderſetzung und Beweisführung, daß dieſe Allianz früher oder ſpäter mit dem Verderben und Unglück Frankreichs enden wird.“— Es iſt wahr, murmelte der König, indem er die von der Hand ſeines Vaters eng beſchriebenen Papiere betrachtete, es iſt wahr, der Dauphin war immer ein Feind der Oeſterreicher, Alle, die ihm nahe ſtanden und ſeine Geſinnungen kannten, haben mir dies erzählt, und er hat dieſe Feindſchaft mit ſeinem Tode büßen müſſen! Er wandte die Papiere in ſeiner Hand um, und durchflog die einzelnen Blätter. Sollten dieſe Blätter weiter nichts enthalten, als eine politiſche Abhandlung? fragte er leiſe. Nicht ein einziges liebe⸗ volles Wort des Vaters an ſeinen Sohn? Viielleicht finde ich ein ſolches am Schluß des Mémoires! Ah, in der That, da iſt eine Nachſchrift! Und mit lauter, bewegter Stimme las der König: Wer auch von meinen vier Söhnen den Thron Ludwigs XV. einzunehmen berufen iſt, er höre und beherzige den letzten Liebes⸗ und Warnungsruf ſeines Va⸗ ters:„Hüte Dich, mein Sohn, vor jeder Allianz mit Oeſterreich! Wolle nie eine Verbindung ſchließen mit einer Tochter aus dem Hauſe Oeſterreich, denn die Verbindungen mit sen Prinzeſſinnen von Oeſter⸗ reich haben den Königen von Frankreich nremals Segen gebracht!“— Der König ſeufzte tief auf, und ſenkte ſein Haupt traurig auf ſeine Bruſt. Es iſt zu ſpät, mein Vater, ſagte er, Dein Sohn hat⸗ 102 nicht mehr die Macht Deinem Befehl zu gehorchen, ſein Geſchick iſt entſchieden! Er legte langſam das Memoire auf den Tiſch, und nahm das zweite Papier. Ich will doch, bevor ich das gründlicher leſe, ſehen, was dieſes zweite Papier enthält, ſagte er, und er las die Ueberſchrift: „Liſte mehrerer Perſonen, welche ich, der Dauphin Ludwig, dem⸗ jenigen meiner Söhne empfehle, welcher der Nachfolger Ludwigs XV. ſein wird.“ Oh, rief der König freudig, das iſt ein ſehr nützliches Papier, und ein guter Rathgeber! Sehen wir doch gleich, welche Perſonen mir mein Vater beſonders empfohlen hat! Zuerſt Herr von Maurepas,„ein ehe⸗ maliger Miniſter, der, wie man mir ſagt, ſein Attachement für die wahren und allein richtigen Principien der durch Frau von Pom⸗ padour geſtürzten antiöſterreichiſchen Politik treu bewahrt hat.“— Ah, das iſt ſehr gut, rief der König, ſich in ſeiner Lectüre unterbrechend, das werde ich mir merken, und Herr von Maurepas ſoll, ſo Gott will, nicht länger in der Verbannung ſchmachten!— Ah, ich finde hier viele andere Namen, fuhr der König fort, Namen, die auch ich hoch halte und liebe. Da iſt Herr von Machault und Herr von Nivernois, Herr von Muy und der Graf Perigord, die Grafen Broglie und D'Estaing, auch der Graf von Vergennes und viele andere, mir wohlbekannte Namen. Oh welch einen ſichern und weiſen Blick hat doch mein edler Vater gehabt, denn dieſe Männer, welche er vor vierzehn Jahren ſei⸗ nem Sohn empfohlen hat, ſie haben ſich bewährt alle dieſe Zeit hin⸗ durch, und niemals haben ſie ihr Haupt gebeugt vor der herrſchenden Partei, und niemals haben ſie ſich erniedrigt, den Favoritinnen und Maitreſſen zu ſchmeicheln! Nur Einer iſt da, ſagte der König, wieder in das Papier ſchauend, Einer, den mein Vater nicht ganz erkannt, oder der ſich nicht bewährt hat, der Herzog von Aiguillon! Es iſt wahr, er iſt ſeiner politiſchen Geſinnung treu geblieben, und iſt als Miniſter nicht in die Fußſtapfen Choifeuls getreten, aber,— der Freund und Genoſſe der Dubarry kami nicht mein Miniſter bleiben! Herr von Aiguillon mag immerhin ein guter Politiker ſein, aber er iſt kein ehren⸗ werther Character, und ich will zu meinen Miniſtern nur ſolche wählen! n Geſchick iſt d nahm das , was dieſes ft: Ludwig, dem⸗ Ludwigs XV. SPapier, und ten mir mein as,„ein ehe⸗ nent für die von Pon⸗ at.“— Ah, mterbrechend, ſ Gott wil, de hier viele hoch halte rnois, Herr O'Estaing, vohlbekannte · mein dle Jahren ſel⸗ ſe Zeit hin⸗ herrſchenden tinnen und nig, wieder kannt, oder jiſt wahr ls Miuiſte Freund und Herr von 4 tuin ehren 6 e wihlen 5 — 1 103 Aber, unterbrach ſich der König auf einmal ängſtlich, wo werde ich einen Miniſter finden an die Stelle des Herrn von Aiguillon? Wer iſt befähigt, aufrichtig, ehrlich und geiſtvoll genug, um der Miniſter eines armen, unerfahrenen, jungen Königs zu ſein? Er nahm wieder die Liſte zur Hand. Da iſt Herr von Maure⸗ pas, Vergennes, Machault und Muy, würdige und ehrenwerthe Männer. Ob ich ſie wähle, ob?— Mein Gott, wer giebt mir Rath? Wer liebt mich genug, um mit mir zu überlegen, was zu meinem und zum Beſten Frankreichs geſchehen muß? Ich kann doch nicht allein beſchlie⸗ ßen, allein handeln, ich muß doch Jemand haben, mit dem ich berathen und überlegen kann! Auf einmal flog es über das bleiche, geängſtete Antlitz des Kö⸗ nigs wie ein heller Sonnenblick, und ein Lächeln verklärte ſeine Züge. Ich will zu der Dauphine gehen, ſagte er leiſe, mit ihr will ich überlegen. Als meine Gemahlin hat ſie wohl ein Recht auf mein Ver⸗ rauen, und obwohl wir Beide uns nicht lieben, ſo glaube ich doch, daß wir einander gute und treue Freunde ſind. Ja, ich will zu Marie Antoinette gehen, und ſie ſoll mir helfen, mir würdige Miniſter auszuwählen! Der König nahm die Perſonenliſte ſeines Vaters, und ſchritt mit ungewohnter Eilfertigkeit der Thür zu. Aber auf einmal ſtockte ſein Fuß, und ſein Antlitz nahm wieder ſeinen düſtern, ängſtlichen Aus⸗ druck an.. Nein, ſagte er, die Dauphine iſt nicht geeignet, mir in dieſer Sache Rathſchläge zu ertheilen. Sie würde mir lauter Miniſter von der politiſchen Geſinnung des Herrn von Choiſeul empfehlen, ſie wäre im Stande dieſen Mann ſelber wieder in das Miniſterium rufen zu wol⸗ len. Nein, der letzte Wille meines Vaters und meine eigene Geſin⸗ nung verbieten es mir, dieſe öſterreichiſche Allianz weiter auszubilden! Ich werde Marie Antoinette ehren und lieben als meine Gemahlin, aber ſie wird in der Politik niemals meine Rathgeberin ſein! Ich ſchwöre das bei dem Andenken meines Vaters, der geſtorben iſt als ein Opfer der öſterreichiſch⸗franzöſiſchen Partei, ich werde der Politik mei⸗ nes Vaters treu bleiben! Ich werde alſo nicht zu meiner Gemahlin gehen, aber zu wem denn? Wer iſt hier an dieſem Hofe, der geeignet 104 iſt, mir ſeinen Rath und ſeinen Beiſtand zu leihen?— Ah, rief der König auf einmal laut und freudig, ich werde zu der Schweſter mei⸗ nes Vaters, zu Madame Adelaide gehen. Sie iſt, wie man mir oft geſagt, meines Vaters Lieblingsſchweſter, und meiner Mutter vertrau⸗ teſte Freundin geweſen. Ja, ich werde zu Madame Adelaide gehen, und ſie wird mir helfen, mir und meinem Lande würdige Miniſter aus⸗ zuwählen und der Geiſt meines Vaters wird mit mir ſein, unſere Wahl leiten! Der König nahm haſtig die Papiere, und in das kleine Vorzim⸗ mer eilend, befahl er einem der dort harrenden Lakaien, ſofort zu Ma⸗ dame Adelaide zu eilen, und ihr den Beſuch des Königs zu melden.*) *) Madame Adelaide, die geiſtvollſte, gebildetſte und geſchickteſte der Töch⸗ ter Ludwigs XV. gehörte durchaus, gleich dem Grafen von Provence, zu den entſchiedenſten Gegnern der öſterreichiſch⸗franzöſiſchen Allianz, und daher auch zu den Feinden der jungen Königin Marie Antoinette, mit der ſie beſtändig in einer Art kleinen Krieges lebte, in welchem ihrer Stellung nach freilich die Königin immer offen den Sieg gewann, der aber insgeheim ihr viele Nieder⸗ lagen bereitete, und die Gegner der Königin mit jedem Tage vermehrte. Da⸗ gegen war und blieb von Anfang an Madame Adelaide die treue Rathgeberin und Freundin des Königs. Ihrem Einfluß iſt es zuzuſchreiben, daß Lud⸗ wig XVI. auch in ſpäterer Zeit, als er ſeiner Gemahlin in zärtlichſter Liebe zugethan war, doch niemals ſeine Politik änderte, und nicht die Partei Choiſeul wieder ihre alte Macht gewinnen ließ.— Madame Adelaide gab dem König auch gleich nach ſeiner Thronbeſteigung den Rath, die Herren von Maurepas und von Vergennes, Beide unverſöhnliche Feinde des Herzogs von Choiſeul und ſeiner öſterreichiſchen Politik, zu ſeinen Miniſtern zu ernennen, und dem erſteren bei ſeiner Perſon die Stelle eines Premiers und eines beſondern Rath⸗ gebers des Königs zu gewähren. Der König befolgte dieſen Rath der Madame Adelaide, und beide Miniſter erhielten ſich in ſeiner Gunſt, obwohl die Königin unaufhörlich an ihrem Sturz arbeitete, und ihre Feindſchaft gegen ſie gar nicht verhehlte. Der König ließ außerdem, um zu jeder Zeit unbemerkt zu Madame Adelaide gelangen zu können, eine geheime Treppe von ſeinem Kabinet aus anlegen, welche mit den Gemächern ſeiner Tante in Verbindung ſtand, damit er zu jeder Zeit zu ihr eilen, und ſich Rath holen konnte. Siehe Soulavie II. P. 162.— Campan I. p. 72. lb, rief der zweſter mei⸗ an mir oft ter vertrau⸗ lade gehen, liniſter aus⸗ ſein, unſere ine Vorzim⸗ fort zu Ma⸗ melden.*) ſte der Töch⸗ ence, zu den daher auch ſie beſtändig j frellch die viele Midder⸗ tehrte. Da⸗ Ratögeberin „ daß Lud⸗ ſcchſter Liebe Rei Choeil dem König n Maurepas von Cheiſeul n, und dem ndern Raih⸗ der Madame die Königin T vicht 105 III. Frankreich und Heſterreich. Während der König ſich zu Madame Adelaide begab, um mit ihr an der Ernennung ſeines neuen Miniſteriums zu arbeiten, befand ſich die Königin in ihren Gemächern, in welchen ſie heut zum erſtenmal ihren Hofſtaat, die Palaſtdamen, die Hofdamen, die Kammerfrauen, die Vorleſerin, und endlich auch die Kammerherrn und Stallmeiſter, nebſt ihrem frühern Lehrer, dem Abbé Vermond empfangen hatte. Jetzt war dieſer große Act der Etiquette beendet, und die junge Königin hatte ſich in ihr Kabinet zurückgezogen, um ſich ihren Träumen und Gedanken nach ſo vielen Aufregungen endlich wieder einmal ungeſtört überlaſſen zu können. Aber dieſe Ruhe ſollte auch jetzt nur von kurzer Dauer ſein, denn bald kam Herr von Campan, dieſelbe zu unterbrechen, indem er der Königin den Geſandten der Kaiſerin von Oeſterreich, den Grafen von Mercy meldete. Die Königin befahl mit lebhafter Stimme ihn eintreten zu laſſen und ging dem Grafen alsdann ſogar haſtig einige Schritte entgegen. Die Oberhofmeiſterin Frau von Noailles, welche zugleich mit Herrn von Campan in das Gemach der Königin eingetreten war, um, wie es ihr Dienſt erheiſchte, bei der Audienz zugegen zu ſein, ſah dieſe Zu⸗ vorkommenheit der Königin gegen den Geſandten mit tiefem Erſchrecken, und ihre Stirn legte ſich in düſtere Falten. Marie Antoinette achtete nicht darauf. Sie reichte ſogar mit ei⸗ nem ſüßen Lächeln dem alten Grafen ihre Hand dar, und duldete es freundlich, das er ſie an ſeine Lippen zog und küßte. Frau von Noailles ſeufzte und räusperte ſich ganz hörbar. Das gehört zur großen Cour der Geſandten, ſagte ſie leiſe vor ſich hin, aber es iſt ganz unſtatthaft in einer Privat⸗Audienz! Die Königin hörte es nicht, ſie hatte die Anweſenheit der Ober⸗ hofmeiſterin ganz vergeſſen, und das ſchöne Lächeln, und die leuchten⸗ den Blicke, mit welchen ſie den Grafen Mercy anſchaute, galt nicht ihm, ſondern ihrer geliebten Heimath, den Erinnerungen an ihre Mutter, ihre Geſchwiſter, und alle die reinen Freuden ihrer Kindertage. 106 Was bringen Sie mir, Herr Graf? fragte Marie Antoinette mit ihrer ſchönen ſonoren Stimme. Nicht wahr, es ſind Nachrichten aus Wien angelangt, und zwar gute, nicht wahr? Ich bringe die Condolenzbriefe und die Glückwunſchſchreiben der Kaiſerin Maria Thereſia und des Kaiſers Joſeph, ſagte der Graf lächelnd. Aber ſind Sie denn ein Zauberer? rief die Königin verwundert. Unſer Königthum iſt noch nicht vierundzwanzig Stunden alt, und der Conrier, welcher dem Hofe von Wien die Nachricht bringt, kann kaum den vierten Theil des Weges zurückgelegt haben. Sie müſſen alſo durchaus ein Zauberer ſein, wenn Sie jetzt ſchon die Glückwunſchſchrei⸗ ben meiner Mutter und meines Bruders empfangen haben! Die Sache geht indeß ganz natürlich zu, Majeſtät, ſagte Graf Mercy lächelnd. Ew. Majeſtät erinnern Sich gnädigſt, daß ſchon vor acht Tagen die Nachricht ſich verbreitete, der König ſei geſtorben. Seine Aerzte ſelbſt hatten ſich getäuſcht, und eine tiefe Ohnmacht für den Tod ſelber gehalten. Nach drei Stunden erwachte der König noch einmal aus ſeinem Todesſchlaf, aber mein Courier, der die Nachricht ſeines Todes nach Wien brachte, war ſchon abgefertigt, und derjenige, den ich ihm ſpäter, als ich den Widerruf der Aerzte erfuhr, nachſen⸗ dete, hat den erſten Courier nicht mehr einholen können. Als er in Wien anlangte, war der erſte Courier mit dem Antwortsſchreiben ſchon wieder abgegangen, und ſo iſt es gekommen, Majeſtät, daß dieſe bei⸗ den Schreiben hier ſchon heute vor einer halben Stunde anlangen konnten. Der Graf reichte mit einer tiefen Verneigung der Königin zwei verſiegelte Schreiben dar. Marie Antoinette nahm ſie haſtig, und in⸗ dem ſie auf dieſelben ihre großen, von langen ſeidenen Wimpern be⸗ ſchatteten Augen heftete, rief ſie freudig: es ſind die Handſchriften der Kaiſerin und meines Bruders. Laſſen Sie mich zuerſt den Brief der Kaiſerin leſen! 1 Sie erbrach das Schreiben und während ſie es dann las, ſchwand der Glanz der Freude aus ihren ſchönen Zügen, und das Lächeln er⸗ ſtarb auf ihren purpurrothen Lippen. Es iſt nichts als ein ganz officielles Schreiben, ſagte ſie, das —„ ntoinette mit rrichten aus chreiben der e der Graf verwundert. lt, und der kann kaum müſſen alſo wunſchſchrei⸗ — ſagte Graf ſchon vor en. Seine ht für den Künig noch e Machricht derjenige, , nachſen⸗ Als er in üben ſchon disſe bei⸗ e anlangen anigin wei und in⸗ unenn be⸗ griften der Brief der — ſchwand Läͤcheln er⸗ 4 ſie das 107 Papier auf den Tiſch legend. Jetzt kenne ich auch den Inhalt des zweiten Briefes, und ich habe gar keine Luſt mehr, dieſe ſteifen, cere⸗ moniellen Phraſen zu leſen! Haben Sie mir weiter nichts zu bringen? Giebt es gar nichts Neues am Hof, und in meinem lieben Wien? Beſinnen Sie Sich, Herr Graf, haben Sie mir gar nichts zu erzählen? Graf Mercy warf einen verſtohlenen Blick hinüber nach der Oberhofmeiſterin, welche gerade und ſteif neben einem Lehnſtuhl ſtand, und Aug' und Ohr der Königin zugewandt hatte. Marie Antoinette fing dieſen Blick des Geſandten auf und ver⸗ ſtand ihn. Die Frau Oberhofmeiſterin wird wohl nichts dagegen haben, ſagte ſie, ſich an Frau von Noailles wendend, wenn ich Sie erſuche, Sich in das anſtoßende Zimmer zurückzuziehen. Ich wünſchte von dem Herrn Grafen von Mercy noch einige Nachrichten zu vernehmen, die er, wie ich vermuthe, nur mir mittheilen ſoll. Die Oberhofmeiſterin blieb ſteif und unverändert wie vorher in in ihrer vorigen Stellung, und die Worte der Königin ſchienen ihr Ohr gar nicht erreicht zu haben. Marie Antoinette erröthete, und warf ihr Haupt ſtolz zurück. Ich erſuche die Gräfin von Noailles, ſich in das große Empfangzim⸗ mer zurückzuziehen, ſagte ſie gebieteriſch. Ich wünſchte mit dem Herrn Grafen Mercy allein zu ſein. Ich erlaube mir dagegen Euerer Majeſtät zu bemerken, daß ich dieſen Wunſch Euerer Majeſtät durchaus nicht befriedigen darf, ſagte Frau von Noailles. Keine Königin von Frankreich darf den Geſand⸗ ten einer auswärtigen Macht anders als umgeben von ihrem Hof⸗ ſtaat empfangen. Es iſt ſchon ein unerhörter Fall, daß die Köni⸗ gin von Frankreich den auswärtigen Geſandten nur allein im Beiſein ihrer Oberhofmeiſterin empfängt, und ich werde Se. Majeſtät den König wegen dieſes meines Fehlers um Vergebung bitten! Die Augen der Königin ſchoſſen Blitze des Zorns auf die verwe⸗ gene Oberhofmeiſterin, welche es wagte ſich ihr zu widerſetzen, und ihr eine Lehre zu ertheilen. 8* Sie haben Niemand um Verzeihung zu bitten, Madame, als mich allein, rief ſie, und zwar wegen Ihres ungebührlichen Betragens gegen mich. 108 Ew. Majeſtät verzeihen, ſagte Frau von Noailles ruhig, aber ich handle nur meiner Pflicht gemäß, und dieſe gebietet der Oberhofmeiſterin ſtreng darüber zu wachen, daß das Ceremoniell niemals verletzt werde. Die Etiquette iſt das Geſetz, welches über den Königinnen von Frank⸗ reich ſteht, und ſie müſſen ſich dieſem Geſetz beugen, und haben es von jeher gethan! Ich benachrichtige Sie, Madame, daß ich dieſes Geſetz nicht an⸗ erkennen werde, rief Marie Antoinette mit flammenden Blicken und zitternden Lippen. Die Königin von Frankreich iſt da, um Geſetze zu geben, nicht um ſie zu empfangen, und was die Etiquette anbelangt, ſo werde ich mich deren Lächerlichkeiten und Extravaganzen nicht fügen. Noch einmal, und zum letzten Mal, Madame, ich befehle Ihnen in das große Empfangszimmer zu gehen, und mich mit dem Geſandten der Kaiſerin, meiner Mutter, allein zu laſſen! Frau von Noallles erwiederte nichts, ſie machte gegen die Königin ihre tiefe, ceremonielle Verbeugung und wandte ſich dann rückwärts gehend, langſam der Thür zu. Marie Antoinette blickte ihr mit glühenden Blicken nach, bis die letzte Spitze ihrer langen Schleppe verſchwunden war, und die ſam⸗ metne Portière über der Thür niederrauſchte. Ah, endlich einmal ein kleiner Triumph über meine Tyrannin, murmelte ſie, ihre Purpurlippen zornig aufwerfend, daß die beiden Reihen ihrer glänzend weißen Zähne ſichtbar wurden. Ich habe lange genug geſeufzt unter dem Druck, aber jetzt iſt es an mir Lectionen zu ertheilen, und Frau von Noailles hat ſo eben ihre erſte Lection em⸗ pfangen. Die Dauphine hat die Ketten getragen, aber die Königin wird ſie zerreißen, und dieſe lächerlichen Feſſeln der Etiquette ſollen mich nicht länger tyranniſiren! Und jetzt, Herr Graf, fuhr ſie aufath⸗ mend fort, jetzt, da wir allein ſind, frage ich Sie: bringen Sie mir keine weitern Nachrichten von meiner Mutter? Herr von Mercy warf einen langen, forſchenden Blick im Zim⸗ mer umher, und als er ſich überzeugt hatte, daß wirklich Niemand ſein Geſpräch mit der Königin belauſchen könne, zog er zwei andere verſiegelte Papiere aus ſeiner Bruſt hervor, und überreichte ſie der Königin. hig, aber ich erhofmeiſterin erletzt werde. von Frank⸗ nd haben es ſetz nicht an⸗ Blicken und n Geſetze zu te anbelangt, nicht fügen. le Ihnen in r Geſandten die Königin in rüchwärds ich, bis die d die ſam Tyrannin, die beiden habe lange Leckionen zll Lection em⸗ die Königin ulette ſollen ſe aufath⸗ n Sie mi 109 Marie Antoinette nahm ſie haſtig, und indem ſie das Siegel des erſten Briefes raſch erbrach, begann ſie zu leſen. Ah, das iſt kein Brief, ſagte ſie dann traurig, es iſt eine Inſtruction, welche mich un⸗ terrichtet, wie ich es anzufangen habe, mir das Vertrauen des Königs zu gewinnen, und auf ſeine Politik zu influiren, um ihn zu einem treuen und unerſchütterlichen Bundesgenoſſen Oeſterreichs zu machen. Ach wahrlich, die Kaiſerin hat nicht nöthig mir dieſe Politik zur Pflicht zu machen, und mich zu ermahnen, die Intereſſen meines Hauſes nie— mals aus den Augen zu verlieren. Die Königin von Frankreich wird in ihrem Herzen immer eine Oeſterreicherin bleiben, und Alles dazu thun, daß die Bande innigſter Freundſchaft ſich immer feſter und un⸗ auflöslicher um Oeſterreich und Frankreich ſchlingen! Sagen Sie das meiner Mutter, Herr Graf, ſagen Sie ihr, das ich niemals vergeſſen werde, daß ich ihre Unterthanin und ihre Tochter bin, und daß ich daher ihre Intereſſen immer zu den meinen mache! Und jetzt laſſen Sie mich das zweite Schreiben ſehn! Sie erbrach das Siegel des zweiten Briefes. Mein Gott, ſagte ſie dann lächelnd, wieder Politik! Meine Neugierde empfängt heute keine Befriedigung, und es ſcheint, ich werde nichts Neues erfahren aus meinem lieben Wien! Sie ſchaute wieder in das Papier und las:„Liſte derjenigen Per⸗ ſonen des Hofes von Verſailles, welche ich meiner Tochter, der Köni⸗ gin Marie Antoinette, als beſonders brauchbar empfehle, und die be⸗ ſonders zu Rathgebern des Königs und zur Geſellſchaft des Königs geeignet ſind.“— Es war dies eine ziemlich lange Namenliſte, an deren Spitze von der Kaiſerin eigener Hand geſchrieben ſtand:„Der Herzog von Choiſeul. Es muß Alles angewandt werden, denſelben wieder zum Miniſter zu erheben, denn er iſt uns treu und unveränder⸗ lich ergeben!“— Viele andere hohe und bedeutungsvolle Namen folg⸗ ten; aber wenn die Königin dieſe Liſte der von ihrer Mutter ihr em⸗ pfohlenen Perſonen mit der Liſte der von ſeinem Vater an den König empfohlenen Perſonen hätte vergleichen können, ſo würde ſie gefunden haben, daß nicht Einer dieſer Namen auf beiden Liſten ſich wiederholte, und daß alle die Perſonen, welche Maria Thereſia anführte, die offen⸗ kundigen und erklärten Gegner derjenigen Perſonen waren, welche auf 110 der Liſte des Dauphins enthalten waren. Auf der einen befanden ſich die Namen lauter öſterreichiſchgeſinnter, auf der andern die Namen lauter anti⸗öſterreichiſchgeſinnter Perſonen. Ich werde mir dieſe Liſte getreulich aufbewahren, ſagte die Köni⸗ gin, indem ſie beide Schreiben in der Taſche ihres großen Reifrocks barg. Sie kennen ohne Zweifel die Namen derſelben, aber da unten am Ende der Lſſte ſteht geſchrieben:„Berathen Sie Sich immer mit Mercy.“ Nun, Herr Graf, folgen wir den Befehlen meiner erhabenen Mutter, berathen wir uns! Wollen Ew. Majeſtät aber nicht zuerſt auch das Schreiben des Kaiſers leſen? fragte der Graf. Wozu, rief die Königin lächelnd. Ich haſſe dieſe kalten Schrei⸗ ben der Etiquette, und es überläuft mich ein Fröſteln, wenn ich ſolche vom Ceremonienmeiſter, und nicht vom eigenen Herzen diktirten Briefe meiner nächſten und theuerſten Verwandten leſe. Laſſen Sie alſo den Brief immerhin neben dem officiellen Schreiben der Kaiſerin uneröff⸗ net liegen. Der König mag ihn nachher leſen! Ew. Majeſtät mögen verzeihen, aber ich glaube nicht, daß das ein officielles Schreiben iſt. Ich bin feſt überzeugt davon, rief die Königin lächelnd, und zur Strafe Ihres Unglaubens ſollen Sie, Herr Graf, Selber mir das Schreiben vorleſen müſſen. Sie nahm das verſiegelte Schreiben und öffnete daſſelbe. Ohne den Brief aber auseinander zu falten, reichte ſie denſelben dem Geſandten dar. Leſen Sie, Herr Graf, leſen Sie, und zwar mit lauter, deut⸗ licher Stimme, ſagte ſie, indem ſie ſich langſam in einen Fauteuil niedergleiten ließ. Aber wenn dies mehr iſt als ein officielles Schreiben, Majeſtät? Nun, ich habe Vertrauen genug zu Ihnen, um Ihnen auch den Einblick in ein vertrauliches Schreiben des Kaiſers zu geſtatten. Hat nicht die Kaiſerin geſchrieben:„Berathen Sie Sich mit Mercy?“— Nun, um mit Ihnen berathen zu können, muß ich Ihnen vertrauen. Leſen Sie alſo! Graf Mercy verneigte ſich, und indem er das Papier auseinander faltete, las er: 111 ffanden ſich„Madame! Ich wünſche Ihnen Glück zu der Thronbeſteigung die Namen Ihres Gemahls. Er wird Frankreich über die letzte Regierung beruhi⸗ gen; er wird dem Volk die Liebe wiedergeben, die es ſonſt für ſeine edie Köni⸗ Könige gehabt, und das Reich ſo glücklich und groß machen, als es en Reifrocks vormals geweſen. - „Die Nation ſeufzte unter der Laſt, welche ihr in den letzten Jahren von Ludwig XV. auferlegt worden. Er hatte die Parlamente verwie ſen, ſeinen Günſtlingen zu viel Herrſchaft über das Volk eingeräumt, hatte die Choiſeuls, Malesherbes und den Chalotais entfernt, Männer b wie Maupeou, den verhaßten Abt Terray und den Duc d'Aiguillon an’s Ruder geſetzt, die mit der ſchändlichen Dubarry das Reich plün⸗ derten und verwirrten; und dies hatte ihm die Liebe ſeines Volkes er da unten immer mit r erhabenen hreiben des ten Schrei⸗ ich ſolche geraubt. „Ich habe dieſen Prinzen oft in meinem Innerſten beklagt, daß er ſich ſo ſehr zum Spiel ſeiner Leidenſchaften gemacht, ſo vor den Augen ſeiner verehrungswürdigen Familie und ſeiner Unterthanen ſelbſt herab⸗ geſetzt hat, und daß er ſo wankend in ſeinen Entſchließungen als König ten Briefe e alſo den in unerdf if des ein geweſen.* G G 1„Vereinigen Sie Ihre Bemühungen mit dem Beſtreben Ihres und zur Gemahls, Ihm die Liebe ſeines Volkes zu erwerben. Laſſen Sie nichts 2 nir das unverſucht, um Sich der Zuneigung Ihrer Unterthanen zu verſichern, und Sie werden dadurch das wohlthätigſte Geſchenk der Vorſehung für das Ohne den Reich der Franken ſein! 4 dien dar„Leben Sie immer zufrieden, Königin! Befeſtigen Sie die Harmonie n aadeit zwiſchen Frankreich und dem deutſchen Reich, und entſprechen Sie nach er, 4 4. 1 2.2 8 te allen Kräften Ihrer Beſtimmung, die Sie zur Friedensſtifterin von zweien Fautnil der berühmteſten Nationen Europas gemacht hat. *„Ich küſſe Ihnen die Hände, und bin mit der größten Hochachtung neſtät! Ew. Majeſtät gehorſamſter Bruder und Freund Joſeph.*)“ auch d Sie hatten Recht, Herr Graf, ſagte die Königin, als der Graf zu ten. Ha Ende geleſen, und ihr das Schreiben wieder darreichte. Das iſt durchaus re” kein officielles, ſondern ein ſehr charaktervolles Schreiben meines Bru⸗ vertrauen. ders. Es überträgt mir eine große Aufgabe. Ich ſoll die Harmonie ageinander*) Briefe von Joſeph II., als charakteriſtiſche Beiträge ꝛc. S. 20 folgd. 112 zwiſchen Frankreich und dem deutſchen Reich befeſtigen und die Friedens⸗ ſtifterin beider Nationen machen! Ach ich fürchte, ich bin dieſer Aufgabe wenig gewachſen, und ich geſtehe Ihnen ehrlich, ich empfinde nicht die mindeſte Luſt, mich in die ernſthaften Händel der Politik einzulaſſen. Ich bin noch ſo jung und wie mir ſcheint, habe ich das Leben noch ſo wenig genoſſen. Man wird es einer Königin von neunzehn Jahren nicht verargen können, wenn ſie auch ihren Antheil fordert an den Freuden und Genüſſen des Lebens. Ich will das Leben in all ſeinen unſchuldigen, ſchönen und reinen Freuden genießen, das iſt meine Politik; ich will die Feſſeln zerreißen, welche die Königin von Frankreich zu einer Sclavin der Etiquette machen, und ihr kaum ein menſchliches Fühlen und Empfinden geſtatten. Das iſt die kleine Palaſtrevolution, die ich mir vorgeſetzt habe, und die Welt ſoll bald die Wirkungen davon er⸗ fahren. Aber außerdem liegt mir doch Eines ſehr am Herzen, und dies zu erreichen, ſoll mein Beſtreben ſein, und dazu müſſen Sie mir Ihren Rath und Beiſtand geben. Der Herzog von Choiſeul muß durchaus wieder in das Miniſterium treten. Ich weiß, daß er es wünſcht, und ich bin ihm zu viel Dank ſchuldig, um nicht ſeine Wünſche berückſichtigen zu wollen. Er iſt es, der meine Vermählung zu Stande gebracht, und mich zur Königin von Frankreich gemacht hat. Er iſt außerdem allezeit ein treuer und eifriger Diener meiner Mutter geweſen, der treueſte und gewiſſenhafteſte Verwalter ihrer Politik. Wenn es mir daher gelingt, fuhr die Königin mit einem ſanften Lächeln fort, den Herzog von Choiſeul wieder zum Miniſter des Auswärtigen zu machen, ſo wird man ohne Zweifel mich gar nicht mehr mit dieſer ernſthaften, und verzeihen Sie, ein wenig langweiligen Staatspolitik beläſtigen wollen, und Herr von Choiſeul wird ein guter Remplagçant für mich ſein. Er wird es verſtehen, die Politik unſeres Haufes zur Geltung zu bringen, und ich ſelher werde an ihm einen treuen und ergebenen Diener und Freund haben. Es iſt alſo durchaus nöthig, daß wir den Herzog von Choiſeul wieder an den Hof zurückrufen! Der Herzog iſt heute Morgen ſchon von ſeinem Gut Chanteloup in Paris eingetroffen, ſagte Graf Mercy, aber er hält es nicht für rathſam, ſich ſeiner Majeſtät dem König vorzuſtellen, ohne dazu auf⸗ gefordert zu werden! 113 Ich werde dieſe Aufforderung veranlaſſen, rief die Königin raſch. Der König wird mir dieſe Bitte nicht verweigern können! Sie zucken die Achſeln? Zweifeln Sie, Herr Graf? Ew. Majeſtät haben die Gnade gehabt, mich Ihres Vertrauens würdig zu halten, ſagte der Graf ernſt, und ich darf mich rühmen, daß auch meine erhabene Kaiſerin mich deſſelben werth erachtet. Ich bin außerdem ein alter Diener Ihres Hauſes, und mein Haar iſt weiß geworden im treuen Dienſt meiner Herrſcherin. Wollen Ew. Majeſtät, welche ich von dem erſten Tage Ihrer Geburt an gekannt, deren Kind⸗ heit und Jugend, deren Entwickelung und endlich, deren jetzige Größe der Himmel mich begnadigt hat zu ſchauen, Ew. Majeſtät, welche ich nicht blos verehre und anbete als die Tochter meiner Kaiſerin, ſondern welche ich, geſtützt auf mein Alter und meine langjährige Zugehörigkeit, ſogar zu lieben wage, wollen mir Ew. Majeſtät geſtatten, offen und ohne Umſchweife zu Ihnen zu reden? Ich geſtatte es Ihnen nicht nur, ich bitte Sie darum. 3 el e Dann erlauben mir Ew. Majeſtät, Sie zu beſchwören: ſeien Sie daß e auf Ihrer Huth! Es iſt nicht Alles an dieſem Hofe, wie es ſein ſollte, die Friedens⸗ jeſer Aufgabe nde nicht die t einzulaſſen. s Leben noch nzehn Jahren dert an den in all ſeinen meine Politik; Frankreich zu lichs Fühlen tion, die ich en davon er⸗ Herzen, und ſen Sie mir hoiſeul muß eine— ſein müßte! Ew. Majeſtät hat Feinde, ſcharfe, wachſame Feinde, welche zu zuf nur auf eine Gelegenheit warten, um ihre geheimen Drohungen in jat⸗ e n offene Gewaltthätigkeiten zu verwandeln. Der eigene Bruder Ihres tter ſnge Gemahls, der Graf von Provence, und die Prinzeſſinnen⸗Tanten ſtehen 7 denn 65 un an der Spitze dieſer Feinde, und glauben Ew. Majeſtät mir nur, daß 3 n fert, den ſie mit wachſamen Augen jeden Ihrer Schritte beobachten. zu nuchen Mein Gott, was that ich ihnen nur, um dieſe Feindſchaft zu ver⸗ ernſhaften dienen? fragte die Königin ſchmerzlich. figen volln Sdiee ſind eine öſterreichiſche Prinzeſſin, das genügt. Dieſe Ver⸗ ic ſein. 4 mählung des Dauphins mit der Erzherzogin von Oeſterreich war ein 4 zu bringe, Sieg, welchen die altfranzöſiſche Partei Ihnen, Majeſtät, und dem 4 Diener und Herzog von Choiſeul niemals verzeihen wird. Wenn es ihnen möglich 4* Herzog vn iſt, werden ſie Rache dafür nehmen, und wenn Ew. Majeſtät nicht auf Ihrer Huth ſind, werden ſie dieſe Rache ſelbſt bis auf Ihre erhabene Ehanteloun Perſon ausdehnen! Der Graf von Provence hat eine gar ſcharfe Zunge es ni t füt und weiß ſie wirkſam und mit Vorſicht zu gebrauchen; die Prinzeſſin⸗ u auf nen⸗Tanten, welche es Ew. Majeſtät niemals verzeihen werden, daß 2 ſr Joſeph. 2. Abth. III. 8 64 114 eine Oeſterreicherin an dieſem Hofe jetzt die erſte Stelle einnimmt, werden ſich dafür rächen, indem ſie ſich umgeben mit einem großen und glänzenden Anhang, der es ſich zur Aufgabe machen wird, jede Miene, jedes Lächeln, jedes Wort und jeden Blick Euerer Majeſtät zu bewa⸗ chen, um daran zu deuteln, zu feilen und zu drehen, bis ſich daraus eine Waffe machen läßt, um entweder Ew. Majeſtät damit zu ver⸗ wunden, oder Sie zu verdächtigen. Deshalb, verzeihen mir Ew. Ma⸗ jeſtät, daß ich es zum dritten Mal wiederhole, deshalb müſſen Ew. Majeſtät auf Ihrer Huth ſein, und Alles vermeiden, was⸗Ihren Fein⸗ den Anlaß geben könnte zu Verdächtigungen irgend einer Art. Ich fürchte aber, daß Ew. Majeſtät in dem edlen Bewußtſein Ihrer Größe, Reinheit und Unſchuld Ihre Feinde zu gering achten. Frau Gräfin von Noailles zum Beiſpiel! Sie gehört zu dem älteſten und größten Adel Frankreichs, eine große machtvolle Familie ſteht hinter ihr, die Achtung einer ganzen Nation ſteht ihr zur Seite, und das franzöſiſche Volk, welches gewohnt iſt, ſeine Königinnen von der ſtrengſten Etiquette umgeben, ſie gewiſſermaßen wie in einem Heiligenſchrein eingeſchloſſen zu ſehen, das franzöſiſche Volk weiß, daß die Gräfin von Noailles das Palladium Frankreichs, welches die Ehre ſeiner Königin iſt, mit uner⸗ ſchütterlicher Treue und Standhaftigkeit überwachen wird. Es wäre daher gefährlich und ſchlimm, wenn es den Bemühungen und den ge⸗ häſſigen Zuflüſterungen Ihrer Feinde endlich doch gelingen ſollte, dieſe Frau hinüberzuziehen in das feindliche Lager, und man würde ſie be⸗ nutzen, um vor ganz Frankreich den Beweis zu führen, daß die Köni⸗ gin gebrochen habe mit den heiligen Geſetzen der franzöſiſchen Etiquette und gering achte, was bis dahin als heilig und unverletzlich gegolten! Ew. Majeſtät ſollten es daher gnädigſt vermeiden, die Gräfin von Noailles durch Widerſtand gegen dieſe immerhin ein wenig drückenden Anforderungen der Etiquette zu reizen, und der Gräfin nicht anzurech⸗ nen ſcheinen, was nur die ſtrengſte Pflichterfüllung ihres Amtes iſt. Es wäre ſehr beklagenswerth, wenn die Gräfin von Noailles eines Tages dahin kommen ſollte, ihr Amt niederzulegen, denn mit ihr wür⸗ den die größten und mächtigſten Adelsfamilien Frankreichs in das Lager der Feinde der Königin übergehen! Sind Sie jetzt zu Ende, Herr Graf von Mercy? fragte die Kö⸗ ri ge e einnimmt, großen und jde Miene, ät zu bewa⸗ ſih daraus mit zu ver ir Ew. Ma⸗ müſſen Ew Ihren Fein »Aut. Ich ahrer Größe, Frau Grüfin und größten er ihr, die franzöſiſche ten Eiigpette ingeſchloſſen Noailles das mit uner⸗ Es wäre nd den ge ſollte, dieſe ürde ſie be⸗ ß die Köni en Etiquette c gegolten! üfin von drückenden t anzurech⸗ Amtes iſt. nilles eines it ihr wür⸗ das Lager gte die Kö 115 nigin, welche ihm mit immer höher erglühenden Wangen, mit immer feuriger aufblitzenden Augen zugehört hatte. Ich bin zu Ende, und ich danke Ew. Majeſtät, daß Sie die Gnade gehabt, mich ſo lange anzuhören. Hören Sie auch jetzt meine Antwort, Herr Graf, rief die Königin, indem ſie ſich aus ihrem Fauteuil erhob, und groß und ſtolz dem Grafen gegenüber ſtand. Sie haben mir geſagt, daß es für mich hier mächtige Feinde giebt, welche es mir niemals vergeben werden, daß eine öſterreichiſche Prinzeſſin Königin von Frankreich geworden. Sie haben mich ermahnt, gegen dieſe Feinde auf meiner Huth zu ſein, und ihnen wo möglich einige Zugeſtändniſſe zu machen. Sie ſind noch weiter gegan⸗ gen, Sie haben mir Frau von Noailles als die Repräſentantin der Tugend, Ehrbarkeit und Sitte dargeſtellt, als die Blüthe des reinſten und älteſten Adels Frankreichs, und Sie haben Sich nicht undeutlich merken laſſen, daß, wenn die Frau von Noailles mich eines Tages verließe, mich damit auch die Tugend und Ehrbarkeit und außerdem noch der hohe Adel Frankreichs verlaſſen würden. Oh, vertheidigen Sie Sich nicht, denn Ihre Worte haben mich nicht beleidigt, da ich weiß, daß ſie aus einem treuen Herzen kamen. Aber hören Sie nun auch, was ich darauf zu erwiedern habe! Ich kenne meine Feinde, und ich fürchte ſie nicht, ich werde ihnen niemals Zugeſtändniſſe machen, ſie nie⸗ mals zu verſöhnen ſuchen, denn ſolches ſcheint mir der Königin von Frankreich, wie der Tochter der Kaiſerin von Oeſterreich gleich unwürdig zu ſein. Mit offnem Viſier, mit unverhüllter Bruſt werde ich meinen Feinden entgegentreten, und ich werde ihnen nicht den Triumph gönnen, daß ſie mich jemals zittern, jemals zurückweichen ſehen ſollten. Ich werde mich auch gegen ihre Verleumdungen und ihre Anklagen niemals vertheidigen, nur ſoll mein ganzes Leben und jeder Tag meines Lebens meine Vertheidigung ſein, und damit es ſo ſein könne, muß Jedermann mein Leben ſehen und es beobachten können. Ich werde daher der Gräfin von Noailles keine Zugeſtändniſſe machen, denn ich bedarf keiner Eti⸗ quette, um meine Tugend zu ſchützen, keines Ceremoniells, um mir die Grenzen zu bezeichnen, welche die gute Sitte der Königin von Frank⸗ reich, wie jeder andern Frau vorſchreibt. Ich ſage„wie jeder andern Frau,“ Herr Kraf, denn ich will mir das Recht bewahren, nicht blos 8* — e 116 eine Königin, das heißt ein Popanz der Etiquette, ſondern auch eine Frau zu ſein, welche Herz und Sinn hat für alles Schöne, Große und Gute, und den Muth und Willen das zu zeigen, zu äußern und zu bethätigen, ſelbſt wenn es nicht vereinbar wäre mit denjenigen Regeln, welche Frau von Noailles mit unermüdlicher Gelehrſamkeit aus den alten Pergamentbüchern vergangener Jahrhunderte zuſammengeſucht hat, um mir aus dem Königthum eine Qual, und aus der goldenen Krone eine Dornenkrone zu machen. Ich will dem franzöſiſchen Volk zeigen, daß die Tugend und Reinheit ihrer Königin keiner Vertugadin, keiner Etiquette und keines Ceremoniells bedarf, und daß der Glanz und die Glorie des Königthums nicht in dem Schein und den Formen, ſondern in der innern Wahrhaftigkeit und dem reinen Selbſtbewußtſein ſich äußert. Bis hierher ſind die Königinnen von Frankreich Marionetten geweſen in den Händen der Etiquette, ich will ſie ſrei machen, und die Mario⸗ nette in eine Frau verwandeln, welche das franzöſiſche Volk um ihrer ſelbſt willen lieben kann, und deren Leben offen und unverhüllt vor ihm daliegt, damit das Volk ſehe, daß ſeine Königin die Tugend liebt, und ihr folgt aus freiem Antrieb und freier Entſchließung! Das heißt königlich geſprochen und gedacht, ſagte eine ſanfte Stimme hinter ihr, und wie die Königin erſchrocken ſich umwandte, ſah ſie den König, welcher auf der Schwelle der kleinen Thür ſtand, welche von dem Cabinet der Königin in die Gemächer des Königs führte. Der König hatte, um ſeine junge Gemahlin zu überraſchen, dieſe Thür leiſe geöffnet, und ſo die letzten Worte der Königin vernommen. Die Miniſterliſte. Marie Antoinette eilte ihrem Gemahl mit einem heitern Lächeln entgegen, und wie ſie ihm ihre Hand darreichte, hob der König dieſe an ſen Lippen empor, und füigie ſie ſo innig, daß die Königi n auch eine Große und ern und zu gen Regeln, it aus den geſucht hat, denen Krone Volk zeigen, zadin, keiner unz und die ten, ſondern ſich äußert. ten geweſen die Mario⸗ um ihrer verhüllt vor ugend liebt, eine fanfte umwandte, bür ſtand, es Königs berraſchen, ernommen. 117 Wiſſen Sie, Antoinette, was mich herführt? fragte er heiter. Die Todesangſt der Frau Oberhofmeiſterin, der guten Madame Eti⸗ quette. Ich begegnete ihr im großen Vorſaal, und ſie beichtete mir, daß ſie das unverzeihliche Verbrechen begangen, die Königin mit dem Geſandten einer auswärtigen Macht allein zu laſſen. Um die Oberhof⸗ meiſterin zu beruhigen, verſprach ich ihr, ſelber hieher zu gehen, um einer ſo gefährlichen Converſation ein Ende zu machen, und da bin ich nun! Ach, ſagte Marie Antoinete mit einem reizenden Schmollen, Ew. Majeſtät ſind alſo nur gekommen, um der Madame Etiquette einige Vapeurs zu erſparen, nicht aus freiem Antrieb und in der Abſicht mich zu ſehen? Das heißt, ſagte der König verlegen, im Bewußtſein, eine Unge⸗ ſchicklichkeit begangen zu haben, das heißt, ich benutzte es als Vorwand, um zu Ihnen zu gehen. Oh, Ew. Majeſtät bedürfen nie eines Vorwandes, um zu mir zu kommen, ſagte Marie Antoinette raſch. Diesmal doch, denn ich habe da ein allerliebſtes Téte-à-téte un⸗ terbrochen, rief der König lächelnd, indem er dem Geſandten raſch einige Mal zunickte. Der Herr Geſandte wird ſicherlich ſehr böſe auf mich ſein! Der Herr Graf hat mir Briefe von der Kaiſerin gebracht, ſagte Marie Antoinette raſch. Und denken Ew. Majeſtät nur, es ſind dies ſchon Glückwunſchbriefe zu unſerer Thronbeſteigung. Der König lächelte nur, und ſchien durchaus nicht verwun⸗ dert zu ſein. Sie ſind gar nicht überraſcht, mein Gemahl? fragte die Königin. Sie halten den Grafen Mercy nicht für einen Zauberer? halte ihn für einen ſehr treuen, ſehr ergebenen und ſehr ge⸗ wandten nd und Diener Ihres Hauſes, ſagte der König ernſt. Ich ich glücklich ſchätzen, wenn auch wir ſolche Freunde und Diener beſäßen. Aber über das Gratulationsſchreiben wundere ich mich gar nicht, denn der Courier, durch welchen der Herr Graf ſeinem Hof den Tod des Königs anzeigte, iſt ja ſchon vor acht Tagen abgegangen. Wie, Ew. Majeſtät wiſſen das? fragte die Königin erſtaunt.. 118 Ein König muß Alles wiſſen, ſagte der König heiter. Sind Sie nicht auch meiner Meinung, Herr Graf? Muß nicht der Beherrſcher eines Landes von allen Dingen, welche in demſelben geſchehen, Kennt⸗ niß haben? Muß er nicht jeden wichtigen Brief, jedes wichtige Acten⸗ ſtück ſelbſt leſen und prüfen, und überall ſeine Agenten haben, welche ihm ſagen und berichten, was anderswo geſchrieben wird? Ich glaube wohl, daß das nöthig iſt, ſagte der Graf ſichtbar verwirrt. Ich bin überzeugt davon, rief der König lächelnd, und ich glaube, die Kaiſerin von Oeſterreich iſt es auch. Sie wird außerordentlich gut bedient, wie man mir geſagt hat, und kein Schriftſtück der franzöſiſchen Geſandtſchaft in Wien, ſei's mit Chiffern oder gewöhnlich geſchrieben, paſſirt die Grenze, von dem nicht die Kaiſerin vorher eine Abſchriſt er⸗ halten. Iſt dem nicht ſo, Herr Graf Mercyoy Ich glaube nicht, Sire, daß ſich bei der franzöſiſchen Geſandtſchaft in Wien irgend Jemand befindet, der zum Verräther an den Intereſ⸗ ſen ſeines eigenen Landes werden, und Geheimniſſe verrathen könnte, ſagte Graf Mercy. Oh glauben Sie das nur immexrhin, rief der König, es giebt überall und in allen Ländern gemeine und käufliche Seelen! Aber, fuhr er fort, ſich an die Königin wendend, wir hahen uns von der Hauptſache ent⸗ fernt. Sie erzählten mir, daß Sie Briefe erhalten hätten von der Frau Kaiſerin. Gute Nachrichten? 4 Es iſt nur ein ganz officielles Schreiben, Sire, ſagte die Königin, das Papier von dem Tiſch nehmend und es ihrem Gemahl darreichend. Ludwig überflog es mit einem raſchen Blick, und legte es dann wieder auf den Tiſch. Und die andern Briefe? fragte er. Welche andern Briefe? fragte die Königin. Sagten Sie nicht, Sie hätten mehrere Briefe bekommen 2 Nein, Sire, ich bekam nur dieſen hier, ſagte die Königint end. Ah, ſehen Sie alſo, welch ein Mährchen man da unſeter Geſandt⸗ ſchaft in Wien aufgebürdet hat, rief der König leichthin. Ich bekam ſo eben einen Courier aus Wien, er war freilich noch für meinen Vor⸗ gänger beſtimmt, aber da die Depeſchen an den König gerichtet waren, durfte ich ſie wohl erbrechen. Nun, man berichtet mir da, daß der Sind Sie Beherrſcher hen, Kennt⸗ ſige Acten⸗ ben, welche ar verwirrt. ich glaube, dentüch gut fenzöſſchen geſchrieben, lbſchiiſt er eſandtſchaft en Intereſ⸗ hen könnten, jebt überall hr er fort, tſache eut⸗ i von der ie Königin, darreichend fe 65 dann 119 Herr Graf Mercy durch den öſterreichiſchen Courier vier Schriftſtücke für Ew. Majeſtät erhalten würde, erſtens ein officielles Schreiben der Kaiſerin, ſodann aber ein zweites geheimes Schreiben, eine Art In⸗ ſtruktion, zum dritten eine Liſte von Perſonen, welche die Kaiſerin Ihnen empfiehlt, und zum vierten einen Brief des Kaiſers Joſeph. Und von dem Allen iſt nun kein Wort wahr, und Sie haben der Königin nur dies officielle Schreiben gebracht, nicht wahr, Herr Graf von Mercy? Es iſt ſo, wie Ew. Majeſtät zu ſagen geruhen, ſagte der Graf leiſe und verwirrt, während Marie Antoinette erröthend und verlegen die Augen niederſchlug. Der König weidete ſich einen Augenblick an ihrer Befangenheit; er ſchien mit Behagen dieſen erſten Triumph ſeines jungen Königthums zu genießen und ein Lächeln flog über ſeine gutmüthigen, etwas plum⸗ pen Züge hin. Sie ſehen alſo, ich war vollkommen falſch berichtet, ſagte er dann freundlich, und es ſcheint wirklich, als wenn die öſterreichiſchen Beamten ſchwerer zu beſtechen ſind, als es leider die franzöſiſchen zu ſein ſcheinen, denn, wie ich höre, hat der Graf von Mercy und der Fürſt Kaunitz gar keine Schwierigkeiten gefunden, das Geheimniß aller unſerer Chif⸗ fern zu erfahren, und von jeder Depeſche Abſchrift zu erhalten. Nun, wie dem auch ſei, wir werden es machen, wie die Königin, wir werden unſer Leben und Betragen ſo einrichten, daß wir die Oeffentlichkeit nicht zu ſcheuen haben, und vor den Redlichen und Guten beſtehen können, denn den Böſen und Uebelwollenden wird man es doch niemals recht machen können. Aber da fällt mir ein, daß nnſere gute Frau Oberhofmeiſterin noch immer nicht von ihrer Angſt und Unruhe erlöſt iſt, und das Tetea-tete mit dem Geſandten einer auswärtigen Macht noch nicht beendet glaubt. Sie wird nicht ruhig werden, bis ſie Sie im Vorſaal geſehen hat, Herr Graf! Ew. Majeſtät möge mir alſo erlauben, mich zu beurlauben, ſagte Graf Mercy, ſich tief verneigend. Der König entließ ihn mit einem leichten Köfriten. während ihm die Königin mit einem gütevollen Blick die Hand darreichte. Als der Graf dann ſchon im Begriff war das Zimmer zu verlaſſen, war es der König indeß, welcher ihn zurückrief.. 120 Noch ein Wort, Herr Graf, ſagte er. Senden Sie heute noch einen Courier nach Wien? Zu Befehl, Sire, in einer Stunde ſchon! Alsdann erlauben Sie mir, Ihnen ein Geheimniß mitzutheilen, welches bis jetzt nur noch von Wenigen gekannt iſt, und welches, wie ich glaube, auch Ihro Majeſtät die Kaiſerin intereſſiren wird. Die neue Miniſterliſte!— Haben Ew. Majeſtät Ihre Miniſter denn ſchon ernannt? keegi die Königin erſchrocken. Der König nickte bejahend. Es war meine erſte und heiligſte Pflicht, ſagte er ernſt, mir erfahrene und tüchtige Räthe an die Seite zu ſetzen, welche meine Unerfahrenheit zu leiten und mich zu unterſtützen vermöchten. Ich durfte daher dieſe Pflicht nicht verſäumen. Ich habe deshalb Miniſter gewählt, welche mit den Regierungsgeſchäften vertraut ſind, und ſich ſchon früher als tüchtige Miniſter bewährt haben. Die Augen der Königin leuchteten höher auf, und ſelbſt der Graf Mercy erlaubte ſeinen Mienen einen Ausdruck freudiger Ueberraſchung. Ich bitte Ew. Majeſtät, nennen Sie die Miniſter, denn Sie ſehen wohl, ich glühe vor Ungeduld, ihre Namen zu erfahren, rief Marie Antoinette. Zuerſt alſo, ſagte der König lächelnd, Herr von Maurepas. Die Königin ſtieß einen leiſen Schrei der Ueberraſchung aus. Herr von Maurepas? fragte ſie verwundert. Der Miniſter des Re⸗ genten von Orleans, der ſeit vierzig Jahren in der Verbannung lebt? Derſelbe, ſagte der König ernſt. Er war ein Freund meines Va⸗ ters, und wird daher ſeinem Sohn nicht ſeinen Rath und Beiſtand verſagen. Er iſt alt genug, um die Eitelkeiten dieſer Welt verachten zu können, und vierzig Jahre des Exils ſind wohl geeignet, ſelbſt einen etwas lebensluſtigen Miniſter der Regentſchaft in einen Philloſophen und Stoiker zu verwandeln. Herr von Maurepas wird alſo mein erſter Miniſter und Rathgeber ſein, denn da ich das Unglück habe mit zwanzig Jahren ein König zu ſein, ſo muß ich mich wohl bemühen, alte erfahrene Miniſter zu haben, deren Alter und Weisheit den Mangel meiner Jugend ausgleicht. Und wer wird der Nachfolger des Herzogs von Aiguillon ſein? heute noch nitzutheilen, welches, wie . Die neue annt? fragte und häligſte mn die Seite unterſtützen 8c habe ten vertraut aben. ſt der Gro tberraſchung. n Sie ſehen rief Marie reyas. chung aus. ſet des Re⸗ nnung cebt? meines Va⸗ d Beiſtand lt verachten felbſt einen Palloſophen alſo mein dck habe nit hl bemühen, de gheit den grillon ſen b 121 fragte die Königin raſch. Denn, verzeihen mir Ew. Majeſtät, ich wage vorauszuſetzen, daß Sie demſelben ſeine Entlaſſung geben? Ich würde ihn gern in meiner Nähe gelaſſen haben, ſagte der König langſam, denn mit ſeiner Politik ſtimme ich vollkommen über⸗ ein, und als politiſchem Charakter hat man ihm keine Vorwürfe zu machen. Er hat immer nur das Wohl und die Größe Frankreichs im Auge gehabt, und ſich von keinen andern Nebenintereſſen leiten laſſen. Aber er hat ſich leider zu offenkundig als ein Freund und Anhänger der Dubarry gezeigt, und aus dieſem Grunde allein muß ich ihn aufgeben. Und ſein Nachfolger? fragte die Königin mit zitternder Stimme, kaum im Stande ihre Aufregung und ihren Aerger zu verbergen. Sein Nachfolger wird der Graf von Vergennes ſein! Vergennes? rief die Königin heftig. Derſelbe Vergennes, der früher in Conſtantinopel Geſandter war, und dort ſich mit einer Scla— vin vermählte? Ah, Sie wiſſen von dieſem albernen Mährchen, Madame, welches der Herzog von Choiſeul verbreitet hat, weil er hoffte, dadurch den Grafen Vergennes, ſeinen verhaßten Feind, lächerlich zu machen? Nie⸗ mand hat indeſſen an dieſe Erzählung aus Tauſend und Einer Nacht geglaubt, und die Frau von Vergennes genießt in Stockholm, wo ihr Gemahl bis jetzt Geſandter war, der vollſten Achtung des Hofes und der Stadt. Vergennes iſt ein ſehr talentvoller und geſcheidter Kopf, und ich denke, er wird uns als Miniſter des Auswärtigen gute Dienſte leiſten. Die andern neuen Miniſter ſind: für das Kriegsdepartement der Graf du Muy, einer der Getreuen meines Vaters, für die Finan⸗ zen an Stelle des verhaßten Abbé Terray— nicht wahr, ſo nennt ihn Ihr Bruder der Kaiſer?— an Stelle des verhaßten Abbé Ter- ray der Herr Graf von Clugny.— Ah, Clugny! rief die Königin, deren ſchönes Antlitz ſich aufzuhei⸗ tern begann. Ew. Majeſtät meinen doch den Grafen von Clugny, den Freund des Herzogs von Choiſeul? Eben den, Madame, ſagte der König gelaſſen. Und da Sie eben den Namen des Herzogs von Choiſeul nannten, fällt mir ein, daß ich ihn heute ſchon einmal nennen hörte. Sie, Herr Graf von Mercy, P 122 gehören, glaube ich, auch zu den Freunden des Herzogs von Choiſeul, und da ich unglücklicherweiſe nicht zu denſelben gehöre, muß ich mir von Ihnen Auskunft erbitten. Man ſagte mir nämlich, der Herzog von Choiſeul habe ſein Landgut Chanteloup, wohin ihn der verſtorbene König exilirt hatte, verlaſſen, und ſei nach Paris gekommen. Iſt dies Gerücht begründet? Ja, Sire, es iſt begründet. Der Herzog von Choiſeul befindet ſich ſeit heute morgen in Paris! Aber was mag er da wollen? fragte der König mit der Miene vollkommener Unſchuld. Warum bleibt er nicht in Chanteloup? Wenn man ſo glücklich iſt, ein eigenes Landgut zu beſitzen, ſo iſt es jetzt gerade die Jahreszeit, um dort zu leben. Sie ſollten doch Ihren Freund darauf aufmerkſam machen. Und jetzt leben Sie wohl, Herr Graf, Sie kennen jetzt meine Miniſterliſte, und die Frau Oberhofmeiſterin wird ganz in Verzweiflung ſein. Haben Sie die Güte, ſie zu beruhi⸗ gen, und ihr zu ſagen, daß ſich die Königin jetzt in einem weniger ungewöhnlichen Téte-à-téte befände, in Geſellſchaft ihres Gemahls! V. Das erſte Spottgedicht. Der junge königliche Hof hatte das Schloß Choiſy verlaſſen, und ſich nach dem Schloß La Muette nahe bei Paris begeben. Dort ſollte die erſte große Trauercour ſtattfinden, dort wollte die Königin alle die berechtigten Damen in großer öffentlicher Cour empfangen, welche den Wunſch heg⸗ ten, ihrer neuen Souveränin vorgeſtellt zu werden. Und in dieſen Zeiten des jungen Enthuſiasmus wollte jede Dame zu dem Glück ge⸗ langen, glühten Alle vor Verlangen, die ſchöne, liebreizende, junge Kö⸗ nigin zu ſehen, welcher das franzöſiſche Volk laut entgegenjubelte, und welcher die Pariſer in dieſen Tagen in Verſen und Gedichten, in Bil⸗ dern und Darſtellungen aller Art huldigten. Denn Marie Antoinette hatte ſich die Herzen des Pariſer Volkes zu gewinnen verſtanden, und eine höchſ beim den Mar niedr Claſß toine dürfe Lauf Fral Cab ciſeul, h mir derzog obene dies ffindet Miene Wenn s jetzt reund Graj, iſterin eruhi emiget 8* 1s! 123 eine einzige großmüthige Handlung hatte genügt, den Enthuſiasmus auf’s höchſte zu entflammen. Einem alten Gebrauch gemäß mußte das Volk beim Tode eines Königs der neuen Königin eine Steuer zahlen, welche den Namen„der Gürtel der Königin, la ceinture de la reine“ führte. Marie Antoinette, welche erfahren hatte, daß dieſe Steuer gerade die niedrigen und bedürftigen Claſſen treffe, daß die reichern und höhern Claſſen Mittel gefunden, ſich dieſer Abgabe zu entziehen, Marie An⸗ toinette bat den König ihr zu geſtatten, daß ſie dieſer Steuer entſagen dürfe, und der König gewährte ihr freudig dieſen Wunſch. Wie ein Lauffeuer verbreitete ſich die Nachricht durch ganz Paris; durch ganz Frankreich, und auf allen Straßen und Plätzen, in allen Cafés und Cabarets ſang das franzöſiſche Volk in dieſen Tagen: Vous renoncez, charmante souveraine, Au plus benu de vos revenus. A quoi vous servirait la ceinture de reine Vous avez celle de Vénus.*) Das Volk, wie geſagt, jauchzte und lachte, überall begegnete man nur heitern, freudigen Geſichtern, und Niemand ſchien daran zu denken, daß mit der Thronbeſteigung eines neuen Königs immer auch die Trauer um den verlornen König verbunden ſei. Niemand dachte mehr an den König, welcher geſtorben war, Niemand beklagte ihn, Niemand trauerte um ihn; nur ein ſpeculativer Kopf gab ſich den Anſchein dies zu thun, und dieſe Coquetterie machte ihn zu einem reichen Mann. Dieſer ſpe⸗ enlative Kopf gehörte einem Juwelier an. Er ließ ſchwarze Tabatidèren anfertigen, auf deren von ſchwarzem Chagrin⸗Taffent, einem ſchweren Seidenſtoff, angefertigten Deckeln ſich das Bildniß der jungen Königin befand. Dieſe Tabatièren nannte man mit einem glücklichen Calem bourg: La consolation dans le chagrin! Jedermann wollte ein ſolches Bildniß der Königin, dieſes„Troſtes im Kummer“ haben, und mehr als hunderttauſend ſolcher Trauertabatièren wurden in den erſten acht Tagen in Paris verkauft.**) Aber auch der König ſollte ſeinen Antheil haben an dieſem allge *) Mémoires de Weber. Vol. I, p. 43. *n) Mémoires de Madame de Campan. Vol. I, p. 91 2 124 meinen Enthuſiasmus. Wie die Königin der„ceinture de la reine“ zu Gunſten des Volks entſagte, ſo hatte der König eine andere für den König beſtimmte Steuer„le joyeux avénement“, mit dem ſonſt das Volk ſeinen neuen König hatte feiern müſſen, aufgehoben, und als Gegenſtück der Tabatièren mit dem Bildniß der Königin erſchien eine andere Tabatière, auf welcher man nebeneinander die Bildniſſe Lud⸗ wigs XII. und Heinrichs IV. erblickte, darunter das Portrait des jun⸗ gen Königs Ludwigs XVI., mit der Inſchrift: Les peères du peuple, XII. et IV. font XVI. Und von dieſen Tabatièren wie von denen der Königin wurden hunderttauſende verkauft, und das Volk pilgerte zu ganzen Schaaren hinaus nach La Muette, um das Gitter des Schloſſes zu umlagern, und dem jungen König die Grüße ſeiner Liebe darzubringen, oder in den Kaſten, welcher auf Befehl des Königs an der Mauer aller königlichen Schlöſſer angebracht worden, und zu wel⸗ chem der König allein den Schlüſſel führte, ſeine Bittſchriften, Beſchwer⸗ den, oder Glückwunſchadreſſen zu legen. Der Jubelruf: es lebe der König, erſchallte von der Frühe des Morgens bis in die Nacht ununterbrochen fort, und durchhallte das Schloß La Muette wie eine köſtliche, lange nicht vernommene Muſik. Jeder ſchwelgte und träumte nur von Hoffnungen, von Glück, Reich⸗ thum, überall wurden die Symbole des Ueberfluſſes angebracht, und die Coiffuren der Frauen ſchmückten ſich mit einer Fülle von Korn⸗ ähren. Die Dichter auch feierten in hunderten von Sinngedichten den neuen Monarchen, alle Herzen, oder vielmehr alle Köpfe glühten von einem beiſpielloſen Enthuſiasmus, und niemals hatte der Beginn einer. Regierung ſo viele Zeugniſſe allgemeiner Liebe und Anhänglichkeit erhalten. Aber inmitten dieſes allgemeinen Freudenrauſches bewahrte die anti⸗öſterreichiſche Partei ihr düſteres, feindliches Geſicht, und blickte, geärgert und beunruhigt von dieſem Volksenthuſiasmus, mit doppelt ſchar⸗ fen Augen auf die junge Königin hin, um mit dem boshaften Verlan⸗ gen, ihr zu ſchaden, genau Acht zu geben, ob die Jugend und Uner⸗ fahrenheit der Königin ſie nicht einige Fehler würde begehen laſſen, Fehler, welche man ausbeuten und in Verbrechen verwandeln könnte, um damit allgemach die Liebe des franzöſiſchen Volkes in Haß und Verach erreich partei ren R Traue beut! digun Emyf Krepy ſeinen ent die e nen, die g Par Nie erſte ware ſenha verge Reüf Noa hatte ſehen acher hei wai die Ge des noc den reine“ ere für n ſonſt ind als en eine ſe Lud⸗ es jun⸗ peuple, n denen pilgerte tet des er Liebe nigs an zu wel⸗ ſchwer ühe des llte das Muſik. Reich t, und Korn ten den en von einer. ichkeit rte die blicke, lt ſchar⸗ Verlan⸗ d Uner⸗ b laſſen, könnte, aß un Verachtung zu verwandeln, und zuletzt auf dieſe Weiſe doch noch zu erreichen, was die glühendſte Sehnſucht der anti⸗öſterreichiſchen Hof⸗ partei war: eine Scheidung des Königs von ſeiner Gemahlin, und de⸗ ren Rückſendung nach Deutſchland! Im Schloſſe La Muette, wie geſagt, ſollte heute die erſte große Trauercour ſtattfinden, und die hoffähigen Damen hatten das Recht heut ungeladen zu erſcheinen, um ihrer jungen Souverainin ihre Hul⸗ digung darzubringen. Der große Thronſaal war zu dieſem allgemeinen Empfang feſtlich geſchmückt, und bot mit ſeinen Feſtons von ſchwarzem Krepp, ſeinen Silberverzierungen, ſeinen ſchwarzbehangenen Seſſeln, und ſeinem mit ſchwarzem Tuch und Silberfranzen verzierten Thron einen gar feierlichen und trüben Anblick dar. Hunderte von Damen füllten die eine Seite des großen Saals, und ſchauten alle mit ernſten Mie⸗ nen, mit neugierigen Blicken hinüber nach jener Thür, durch welche die Königin mit ihrem Hof nunbald erſcheinen mußte. Alles, was Paris, was Verſailles an hoffähigen Damen beſaß, war erſchienen, Niemand glaubte ſich davon dispenſiren zu können, der Königin ihre erſte Huldigung darzubringen. Die älteſten wie die jüngſten Damen waren herbeigeeilt, und man ſah da in wunderbarem Gemiſch das grei⸗ ſenhafte Alter mit der zarteſten Jugend, neben den Moden einer längſt vergangenen Zeit die neueſten Moden der Gegenwart. Jetzt wurden die beiden Flügel der Thür da drüben geräuſchvoll geöffnet, und unter Vortritt ihrer Oberhofmeiſterin, der Frau von Noailles, erſchien die Königin mit ihrem Hof. Ein allgemeines Gemurmel entſtand in der Verſammlung. Man hatte die Königin niemals ſo ſchön, ſo anmuthig und liebreizend ge⸗ ſehen, wie heute in dieſer Toilette der großen Trauer, in dieſem feier⸗ lichen Aufzug ihrer Königswürde, welche nur dazu diente, die Schön⸗ heit und Lieblichkeit der jungen Frau noch mehr hervorzuheben. Glänzend weiß wie eine Lilie hob ſich ihr wunderbar ſchöner, unverhüllter Hals aus dieſer Maſſe von Krepp, Seidenzeug und Spitzen hervor, die ihre ganze Geſtalt wie eine Wolke umhüllte; ihre Wangen waren heute, der Trauer wegen, ungeſchminkt, und von einer tiefen, durchſichtigen Bläſſe, die noch mehr hervorgehoben ward von ihren purpurrothen Lippen und deem ſchwarzen Schleier, der von ihrem ſchönen, blonden, nur leicht ge⸗ 126 puderten Haar niederfiel. Ein tiefer feierlicher Ernſt, ein Ausdruck von Würde und unnahbarer Hoheit war über die ganze Erſcheinung der Königin ergoſſen. Niemand verſtand ſo gut zu repräſentiren, und ſo ohne alle Affec⸗ tation und Anſtrengung die Würde und Größe darzuſtellen, als Marie An⸗ toinette, und mit Ueberraſchung und Staunen ſahen die alten ergrauten Damen der Regentſchaft und des üppigen Hofes Ludwigs des Funfzehn⸗ ten da vor ſich auf dem Thron eine junge Frau, deren ernſte, majeſtä⸗ tiſche Blicke, deren ſtolze Kopfhaltung ihnen imponirte, und deren Ant⸗ litz noch ſo ſehr den Ausdruck der Jugend und Unſchuld trug, daß die alten Damen ſich faſt gedemüthigt und beſchämt davon fühlten, und in der Bosheit ihres Herzens einander zuflüſterten: ſie iſt eine gute Co⸗ mödiantin! Sie verſteht es die Unſchuldige zu ſpielen! Sie giebt ſich ſehr geſchickt die Miene eines Mädchens von ſechszehn Jahren, denn ſie weiß ſehr wohl, daß das die Herzen rührt, und der Menge imponirt! Marie Antoinette hatte indeß ihren Platz unter dem Thronhimmel eingenommen, zu ihrer Rechten und Linken befanden ſich die königlichen Prinzeſſinnen, hinter ihr in doppelten Reihen ſtanden die Damen ihres Ho⸗ fes, dem Thron gegenüber die Gräfin von Noailles, welcher ihr Amt die Pflicht auferlegte, jede der aus der Reihe hervortretenden Damen der Kö⸗ nigin vorzuſtellen, und mit lauter Stimme ihren Namen zu nennen. Die Repräſentation begann. Feierlich, mit wankenden Schritten, auf ihren hohen Hackenſchuhen der Regentſchaft hin und her ſchaukelnd, nahten ſich, eine nach der andern, die hochehrwürdigen und hochadlichen Wittwen, welche es noch immer nicht vergeſſen konnten, daß ſie am üppigen Hof des Regenten die bezauberndſten, leichtfertigſten, tonange⸗ benden Schönheiten geweſen, und die, im völligen Ignoriren ihres Alters, ihrer Runzeln und ihrer Magerkeit, in der Tollette ihrer jun⸗ gen verführeriſchen Tage erſchienen waren. Es war in der That ein wunderlicher Anblick, dieſe alten verwitter⸗ ten Geſtalten in den coquetten Coſtümen zu ſehen, dieſe verwelkten Geſichter, deren Runzeln kunſtvoll mit rubinbeſetzten Schönpfläſterchen geſchmückt waren, auf deren wackelndem Haupte ein coquettes ſchwarzes Hütchen, mit großen Schmetterlingen geziert, ſich wiegte, und dieſe tiefen Verneigungen zu ſehen, die mit dem Wackeln des Kopfes zu cor⸗ reſpondiren ſchienen. Die jungen Prinzeſſinnen ſchlugen angſtvoll und — La uck von önigin Affec⸗ rie An⸗ rauten nfzehn⸗ najeſtä en Ant⸗ daß die und in nte Co ett ſich —, denn ponirt! himmel iglichen res Ho⸗ lutt die der Kö⸗ en. hritten, zukelnd, adlichen ſe mm enange⸗ ihres er jun— witter⸗ welkten ſterchen watzes d dieſ t Col⸗ 5 zu all und Marquiſe Charente Tonnerre auf der Erde ſitzen, und die wunderbaren 127 entſetzt vor dieſen majeſtätiſchen Repräſentantinnen einer verblichenen Zeit ihre Augen nieder, denn ſie begriffen, daß eine Gefahr ſie bedrohte, die Gefahr, ihre Ernſthaftigkeit zu verlieren, und vielleicht ſogar zu lachen, wenn ſie ihre Blicke noch einmal auf dieſe erhabenen Ruinen der Vergangenheit richteten. Die Hofdamen aber, welche ſich hinter den großen Reifröcken der Königin und der Prinzeſſinnen wie hinter einer Mauer geſichert und verborgen fühlten, und deren Köpfe hinter den Geſtalten und den Schleiern der Fürſtinnen verſchwanden, die Hof⸗ damen durften es wagen, ſich dem erheiternden Eindruck dieſer Scene hinzugeben und das Lachen, welches die Prinzeſſinnen angſtvoll zurück⸗ drängen mußten, frei und rückhaltslos auf ihr Antlitz treten zu laſſen. Hinter den Reifröcken der Prinzeſſinnen durften die ſtrengen Anforde⸗ rungen der Etiquette aufhören, und die geſtrenge Frau Oberhofmeiſterin ſah es nicht, wie die ſchöne junge Marquiſe von Charente Tonnerre, welche hinter der Königin ihre Stellung hatte, ermüdet von der langen Ceremonie, ſich auf das Parquet des Fußbodens niedergleiten ließ, um in völliger Bequemlichkeit ſich auszuruhen von dem langen Stehen. Die geſtrenge Frau Oberhofmeiſterin ſah auch nicht, wie die Marquiſe in dem Uebermuth der Jugend und Mocquerie, auf der Erde ſitzend, allerlei Muthwillen begann, bald die andern Damen an ihren Röcken zupfend, bald in drolligſter Weiſe die ſeltſamen und ceremoniellen Ge⸗ ſichter der alten Damen nachäffend. Äber die übrigen Hofdamen ſahen es, und während in der vorderen Reihe der feierlichſte Ernſt, das er⸗ habenſte Ceremoniell herrſchte, begann hinter den Reifröcken ein leiſes Flüſtern und Kichern, ſah man da nur lachende Geſichter, ziſchelte man ſich allerlei Neckereien und Scherze in’s Ohr. Eben nahete ſich wieder eine dieſer hohen, in wunderbarer altmo⸗ diſcher Toilette einherſtolzirenden Marquiſen der alten Zeit dem könig⸗ lichen Thron, und mit lauter Stimme begann die Gräfin von Noailles die langen und hochtönenden Namen und Titel der würdigen Dame herzuſagen, welche in drei untadelhaften, ceremoniöſen Verbeugungen der Königin ihre Huldigung darzubringen hatte. In dieſem Moment aber wandte die Königin neugierig gemacht von dem Flüſtern und Lachen hinter ihr, ihr Haupt ein wenig rückwärts. Sie ſah da die — 128 Mienen der erhabenen Wittwe nachahmen, ſie ſah die lachenden Ge⸗ ſichter der Hofdamen, und endlich die niedergeſchlagenen Augen, die zu⸗ ſammengepreßten, zuckenden Lippen der Prinzeſſinnen. Dieſer unerwar⸗ tete Anblick, ſo ſeltſam contraſtirend zu der feierlichen Scene vor ihr, überraſchte und decontenancirte die Königin. Mit einer Art von Schrecken waudte ſie ihre Blicke wieder der vorgeſtellten Dame zu, welche eben in ihrer zweiten Verneigung begriffen, gleich der Marquiſe da hinten auf der Erde zu ſitzen ſchien. Marie Antoinette fühlte ein unüberwindliches Zucken in ihren Lip⸗ pen, das Lachen dahinten übte auf ſie ſeine anſteckende, magiſche Ge⸗ walt, und ſtatt die feierliche Begrüßung mit einem feierlichen Neigen des Hauptes zu erwiedern, ſchlug die Königin auf einmal ihren großen Fächer auseinander, und verbarg hinter demſelben ihr lachendes, erglü⸗ hendes Angeſicht. Aber die ſtrengen Damen auf der andern Seite des Saals hat⸗ ten Alles geſehen, Alles beobachtet, und auch die erhabene Wittwe mit dem wackelnden Haupte, den Schönpfläſterchen und den Schmetterlingen hatte es geſehen. Statt ihre feierliche dritte Verbeugung zu machen, trat ſie zurück, und einen drohenden Blick auf die Königin ſchleudernd, ſtellte ſie ſich in die Reihe der ſchon präſentirten Damen. Eine kleine Pauſe trat ein; Frau von Noailles vergaß in ihrem Entſetzen für einen Moment ihrer Pflicht, mit dem Fächer der nächſt zu präſentirenden Dame zu winken, und ſchien noch immer auf die ver⸗ ſäumte dritte Verbeugung zu warten. Die Königin hatte noch immer ihr Antlitz hinter ihrem Fächer verborgen, und die Prinzeſſinnen waren ihrem Beiſpiel gefolgt. Mit finſtern Geſichtern und drohenden Blicken ſchauten die Damen zu ihr hinüber und als die Oberhofmeiſterin end⸗ lich das Zeichen gab, näher zu treten, ſchien die nächſte Dame nur zögernd und unwillig dem Rufe zu folgen. Marie Antoinette hatte indeß ihre Heiterkeit beſiegt, ſie ſchlug den Fächer wieder zuſammen und blickte mit vollkommen ernſten Zügen der Dame entgegen, deren hochtönende Titel Frau von Noailles eben mit erhobener Stimme verkündete. Aber das Mißgeſchick wollte, daß die jetzt vorgeſtellte Dame die älteſte und wunderlichſte Geſtalt der ganzen Verſammlung war, und daß ihr Antlitz, ihre Runzeln, ihr wackelndes een Ge⸗ die zu⸗ nerwar⸗ vor ihr, ſchrecken eben in ten auf ren Lip⸗ ſche Ge⸗ Neigen 1 goßen 3 erglü⸗ als hat⸗ twe mit terlingen machen, eudernd n ihrem r nächſt die ver⸗ h immer n waren Blicken rin end⸗ 129 c. e Haupt in dem wunderbarſten und ſchneidendſten Contraſt zu ihrer voll⸗ kommen jugendlichen und coquetten altmodiſchen Toilette ſtand. Ein ſeltſames Zucken flog über das Antlitz der Königin hin, eine glühende Röthe ſchoß über ihre vorher ſo bleichen Wangen, zum zweiten Mal ſiegte die Jugend und die Heiterkeit über die Königswürde und die Etiquette, zum zweiten Mal mußte Marie Antoinette den Fächer auf⸗ ſchlagen, um dahinter ihr Lachen zu verbergen. Ein ziemlich vernehmbares, unwilliges Gemurmel ließ ſich in den Reihen der Damen vernehmen. Sie lacht über uns! flüſterten ſie un⸗ tereinander. Wir ſind ihr zu alt und ehrwürdig! Sie liebt nur die Jugend! Sie weiß nicht, was ſich ziemt für eine Königin! Vergebens war es, daß Marie Antoinette, mit der ganzen Kraft ihres Willens ſich zuſammenraffend, von nun an wieder das ernſteſte, feierlichſte Geſicht zeigte, vergebens, daß ſie die Damen mit ihrem graciöſeſten Kopfneigen, ihrem reizendſten Lächeln willkommen hieß; ihre finſtern Mienen erhellten ſich nicht wieder, die Wolken verſchwanden nicht wieder von den welken Stirnen. Der ſtrenge Areopagus hatte ſein Urtheil geſprochen: die Königin war eine leichtſinnige Frau! Sie hatte den ſchlimmſten aller Fehler, ſie war eine Spötterin! Sie verachtete die gute Sitte und den Wohlanſtand! Die Zahl der Feinde der Königin vermehrte ſich an dieſem Tage um mehr als hundert Perſonen, welche ſich gegen die Königin bewaff⸗ neten, nicht mit Schwertern und Dolchen, ſondern einfach mit ihren Zungen, die aber mit ihrem Gift und ihrer Schärfe die Königin bald tiefer und gefährlicher verwundeten, als jede andere Waffe.— Der Kampf der Zungen gegen die Königin begann, und ihre erſte Waffen⸗ that war ein Spottgedicht auf Marie Antoinette, das am andern Tage auf eine geheimnißvolle und räthſelhafte Weiſe in tauſenden von Exem⸗ plaren durch ganz Paris verbreitet ward. Die Volksſänger auf dem Pont-neuf, welche geſtern noch vor den entzückten Zuhörern der Straße ihr begeiſtertes Loblied:— O princesse, dans qui la France Sous les traits d'Hébé voit Pallas, 1 Heureuse par tes bienfaisances, Les vrais plaisirs guident tes pas etc. Kaiſer Joſeph. 2. Abth. III. 9 b 130 geſungen hatten, dieſelben Volksſänger des Pont-neuf ſangen heute das erſte Spottlied auf die Königin, und das Volk, welches geſtern gejubelt hatte vor Liebe und Entzücken, das Volk lauſchte heute mit ſtaunender Neugierde und ſchadenfroher Luſt auf das boshafte Lied von derreine mocqueuse“, deſſen Refrain alſo lautete: Petite reine de vingt ans, Vous qui traitez si mal les gens, Vous repasserez la barrière Laire, laire, laire, lanlaire, laire lanla.*) VT Die neuen Moden. Die Königin hatte ſich in das Unabwendbare gefügt, ſie hatte es aufgegeben die Wünſche ihrer Mutter zu erfüllen, und den Herzog von Choiſeul wieder zum Miniſter zu befördern. Mit dem ihr eigenen feinen Tact hatte ſie erkannt, daß ſie in dieſem Punkt ihren Gemahl, der ſonſt ſo ſehr geneigt war, den Wünſchen Anderer nachzukommen, unbeugſam finden würde, und daß daher ein ferneres Verfolgen ihrer Wünſche für ſie ſelber gefährlich werden müßte, weil es ihr eine Niederlage bereiten, und gar leicht die Zuneigung wieder zerſtören könnte, welche der König ſeit einiger Zeit für ſeine junge Gemahlin an den Tag legte. Schon kannte Ludwig kein größeres Vergnügen, als neben ſeiner jungen Gemahlin zu ſein, und oft ſah man ihn ſtundenlang an ihrer Seite in den ſchattigen Alleen des Parks auf und abwandeln, mit hei⸗ term Geſicht ihren Worten lauſchend, und frohmüthig eingehend auf ihre muntere Laune und ihre jugendliche Heiterkeit. Schon konnte es ihm geſchehen, daß er auf dieſen Spaziergängen leiſe den Arm um ihre ſchöne Taille legte, und ganz verſtohlen und ſcheu einen Kuß auf ihre volle, weiße Schulter drückte.— *) Mémoires de Madame de Campan. Vol. I, p. 90. 91. ite das ejubelt nender „reine atte es 9 von feinen ſonſt ugſam he für ereiten, König ſeiner ihrer t hei⸗ d auf nte es m ihre üf ihre 131 Das Herz des Königs war erwacht, und Marie Antoinette, welche ſo lange und mit ſo viel heimlichem Schmerz auf dieſes Erwachen ge⸗ hofft, Marie Antoinette ſagte ſich mit einem ſeligen Lächeln und einem verſchämten Erröthen, daß der König anfange ſich in ſie zu verlieben. Nun richtete ſich ihr eifriges Bemühen dahin, dieſes Verliebtſein immer mehr zu ſteigern, demſelben immer mehr Nahrung zu geben, und immer mehr ihren kalten, unempfindlichen Gemahl in einen ſchmach⸗ tenden, zärtlichen Liebhaber zu verwandeln.— Da ſie es einmal auf⸗ gegeben hatte, als Königin auf ihn zu influiren, und eine politiſche Rolle zu ſpielen, ſo wollte ſie jetzt mit allen ihren Gedanken, all ihren Sinnen als Frau handeln und als Frau herrſchen, wo man ihr ver⸗ ſagt hatte, als Königin zu regieren. Die Zuneigung des Königs immer mehr zu ſteigern, ihn immer inniger zu feſſeln an ihre Perſon, das war von nun an das leiden⸗ ſchaftliche Beſtreben der Königin, und ſie ſetzte alle Mittel der weib⸗ lichen Liſt, der Coquetterie und der Toilette in Bewegung, um es zu erreichen. Die Toilette ward alſo von nun an für Marie Antoinette ein Gegenſtand der ernſteſten Erwägung, des tiefſten Nachſinnens, und die ſonſt ſo einfache und prunkloſe Dauphine verwandelte ſich auf einmal in eine junge, gefallſüchtige Frau, welche den Putz liebte, und ganze Vor⸗ mittage ſich mit ihrer Toilette beſchäftigen konnte. Die antiöſterreichiſche Partei, die Prinzeſſinnen⸗Tanten, die Brü⸗ der des Königs, und endlich die Familie Orleans, welche an der Spitze dieſer Partei ſtanden, beobachteten räit innigſter Befriedigung dieſe neue Richtung, welche der lebhafte Geiſt und die feurige Imagination der Königin genommen. Niemand von ihnen aber ahnte den geheimen Zweck aller dieſer Toilettenkünſte, Niemand begriff, daß die ſchöne junge Frau ſich nur deshalb ſchmückte, nur deshalb alle Künſte der Toilette zu ihrer Hülfe herbeirief, um damit das Herz des Gemahls zu erobern, Niemand begriff, daß Marie Antoinette, welche ihre Feinde der Coquet⸗ terie und der Gefallſucht beſchuldigten, doch nur coquettirte mit ihrem Gemahl, und nur ihm allein zu gefallen ſich beſtrebte.— Jedermann bemühte ſich daher, dieſer Putzſucht der Königin zu ſchmeicheln, denn eine Frau, welche mit den wichtigen Gegenſtänden der Toilette ihre 1 macherin empfangen? fragte die Oberhofmeiſterin entſetzt. 132 Gedanken anfüllte, war für Jedermann ganz ungefährlich, konnte niemals einen politiſchen Einfluß erſtreben! Die Herzogin von Chartres empfahl daher der Königin eine Per⸗ ſon, welche in dieſem Augenblick in Paris für diejenige galt, welche in Sachen des Putzes und der Coiffüre den beſten Geſchmack, die höchſte Eleganz beſaß, und dazu berufen ſchien, in den Moden der der Frauen eine Revolution zu Gunſten des guten Geſchmackes und der Schönheit zu bewirken. Dieſe Perſon war die Putzmacherin Ma⸗ demoiſelle Bertin. Die junge Herzogin von Chartres ſchilderte der Königin mit ſo beredten Worten, ſo enthuſiaſtiſcher Bewunderung die Kunſtwerke der Putzmacherin, daß Marie Antoinette in ihrer jugendlichen Ungeduld ſogleich befahl, den Wagen vorfahren zu laſſen, und die Oberhofmei⸗ ſterin zu benachrichtigen, daß ſie die Königin zur Mademoiſelle Bertin zu begleiten habe. Frau von Noailles vernahm dieſe Botſchaft mit wahrem Entſetzen, und eilte mit ungewohnter Haſt in das Gemach der Königin, um ſich perſönlich ihre Befehle zu erbitten. Ich will zu der Putzmacherin Bertin fahren, und bei ihr einige Einkäufe machen, Madame, ſagte die Königin in dem ſtrengen Ton einer Gebieterin. Aber Frau von Noailles ließ ſich von dieſem Ton nicht er⸗ ſchrecken. Majeſtät, das iſt unmöglich, ſagte ſie feierlich. Noch nie⸗ mals hat eine Königin von Frankreich den Fuß in eine Kaufhalle ge⸗ ſetzt, noch niemals iſt ſie in einem öffentlichen Lokal erſchienen. Das wäre ein unerhörter Verſtoß gegen die Etiquette, und ich bin gewiß, daß Ew. Majeſtät einen ſolchen nicht begehen wollen! Nun denn, ſagte die Königin mit einem kurzen, ſpöttiſchen Lachen, ich will Ihrer Ueberzeugung kein Démenti geben. Ich werde nicht thun, was noch niemals eine Königin von Frankreich gethan, ich werde nicht zu der Bertin fahren, ſondern ſie ſoll mit all ihren ſchönen Sa⸗ chen hierher kommen, ich will ſie hier empfangen und ihre Wunder ſchauen! Hier? Ew. Majeſtät wollen hier in Ihrem Gemach eine Putz⸗ Aber be⸗ 8 1 393 32 133 enai denken Ew. Majeſtät gnädigſt, daß nur Damen, welche die große Entrée Per⸗ haben, und zum Tabouret berechtigt ſind, das Empfangszimmer der velche Königin betreten dürfen. die Die Königin preßte ihren Fuß vor Ungeduld feſt auf die Erde, 3 3 der und ihre Augen flammten. Nun denn, Madame, ſagte ſie, ich werde z und alſo Mademoiſelle Bertin nicht hier empfangen, ſondern in meinem Ma⸗ Kabinet, und ich denke wohl, daß Niemand ſich erlauben wird, dagegen 3* etwas einzuwenden, wenigſtens würde ich auf dieſe Einwendungen — nicht achten. 4 wüͤ ſ Die Pflicht meines Amtes indeſſen befiehlt mir, Ew. Majeſtät 1 be der zu bemerken— dul Es giebt kein Amt, unterbrach Marie Antoinette die Oberhofmei⸗ 1 Wimner⸗ ſterin, es giebt kein Amt, welches Jemand erlaubt, den Befehlen der Bertin Königin zuwider zu handeln. Gehen Sie alſo, Madame, und treffen Sie die nöthigen Anordnungen, daß ſogleich nach der Bertin geſchickt ſtsm, werde. In einer Stunde erwarte ich ſie in meinem Kabinet. 1 mm ſich Ah, murmelte Antoinette vor ſich hin, indem ſie der langſam ſich 8 entfernenden Oberhofmeiſterin mit einem zornigen Blick nachſchauete, 1 einige ich werde ſie ſtrafen für dieſen Uebermuth. Sie meint das Recht zu Ten haben, mich zu martern und zu quälen, aber ich werde es ihr vergelten!— Eine Stunde ſpäter trat Mademoiſelle Bertin in das Kabinet — k der Königin. Vier königliche Lakaien, beladen mit Cartons, folgten ihr. h nie⸗ Mademoiſelle, ſagte die Königin, auf dieſe Cartons deutend, Sie brin⸗ 3 lle ge⸗ gen mir da die neueſten Geſetzbücher der Mode, nicht wahr? Das Nein, Ew. Majeſtät, ſagte die Modiſtin, ſich tief verneigend, ich gewiß, bringe nur den Stoff, auf welchen Ew. Majeſtät Ihre Geſetze ver⸗ zeichnen werden. achen, Aber hat man Ihnen nicht geſagt, daß ich einige Ihrer neueſten nicht Moden zu ſehen wünſchte? fragte die Königin erſtaunt. werde Ew. Majeſtät, es giebt keine neuen Moden, ſagte die Bertin ehr⸗ n Sa⸗ erbietig. Ew. Majeſtät müſſen erſt das Werde! ſprechen, und eine gunder neue Welt wird von heute an aus dem Chaos hervorgehen. Wenn eine Königin geruht einen gnädigen Blick auf die Mode zu werfen, „Put⸗ ſo iſt es nur, um ihr zu gebieten, nicht aber, um ihr zu gehorchen, her be⸗ deu die Königin gibt Geſetze, aber ſie empfängt keine. *₰ 3 134 Ah, rief Marie Antoinette lächelnd, Sie meinen, daß ich einige neue Moden erfinden ſollte? Ich meine, Ew. Majeſtät, daß die Königin von Frankreich nicht tragen wird, was jede andere Dame auch tragen kann, ſondern daß die Königin zuerſt eine Sache trägt, und daß die Damen es ihr nur nachahmen können. Sie haben Recht, rief die Königin, geſchmeichelt von dieſer Sprache der ſchlauen Modehändlerin, Sie haben Recht, wir wollen von der Mode nicht Geſetze empfangen, ſondern ſie ihr geben. Schnell, laſſen Sie mich Ihre Stoffe ſehen, und verſuchen wir, was wir Neues er⸗ ſinnen können! Ach, Mademoiſelle, Sie haben da in der That eine ſehr gute Idee gehabt, es wird ganz amüſant ſein, ſich mit dieſen Dingen zu beſchäftigen. 3 Mademoiſelle Bertin lächelte, und indem ſie ihre Cartons öffnete, nahm ſie daraus die verſchiedenartigſten Stoffe, die ſeltenſten Wunder der Induſtrie und des Luxus hervor. Da waren die herrlichſten Ge⸗ webe aus den Seidenfabriken von Lyon, die weißen Atlasſtoffe, durch⸗ webt mit Blumenbouquets in der ſchönſten und kunſtvollſten Nachah⸗ mung der Natur, da waren die ſchweren Sammete mit koſtbarer Gold⸗ und Silberſtickerei, die Spitzen von Goldgewebe aus den Fabriken von Alengçon, die Points von Valenciennes, von ſo kunſtvoller Arbeit, als hätten die ſchneeigen Finger einer Elfe ſie hervorgezaubert, die Mouſſe⸗ line aus Indien, die von ſo feinen Fäden gewebt waren, daß man ſie in Indien, um ſie vor dem Zerreißen zu ſchützen, nur im Waſſer und beſtändig von demſelben angefeuchtet, weben kann, die Krepps aus China, welche die Zartheit des Flors mit der Schwere und Weichheit des Sammet verbinden, da waren auch die majeſtätiſchen, zugleich ſchwe⸗ ren und luftigen Federn der Strauße von Afrika, und die wundervollen, aus den Fabriken von Paris hervorgegangenen Blumen, welche der Natur ihre zarteſten Geheimniſſe abgelauſcht zu haben ſchienen, und denen nur der Duft fehlte, um ihre natürlichen Schweſtern an Schön⸗ heit zu übertreffen. Selbſt Marie Antoinette ließ ſich bezaubern von dieſen Wundern des Luxus und der Induſtrie, ihre zarten Hände wühlten mit Behagen in dieſen Schätzen umher, ihre Augen leuchteten, ihre Wangen glühten, 135 und in dieſer Stunde war ſie nicht die Königin, ſondern nur die junge, ſchöne Frau, welche glühte vor Verlangen, es allen andern Frauen zu⸗ h nicht vor zu thun in ihrem Putz und ihrer Toilette. n da Länger als eine Stunde blieb Mademoiſelle Bertin in dem Ka⸗ einige en daß 3 8 binet der Königin, und als Marie Antoinette ſie dann entließ, ſagte ſie: Ich wiederhole Ihnen, Mademoiſelle, Sie haben da eine vortreff⸗ öprache liche Idee gehabt, und mir eine amüſante Stunde bereitet. Sie wer⸗ on der den von jetzt an alle Morgen zu mir kommen, und ich werde mit Ih⸗ liſen nen meine Toilette für den Abend beſtimmen und auswählen. Nur nes er⸗ mache ich Ihnen Eine Bedingung! Sie werden niemals irgend einer 6 ne ſehr Dame vorher verrathen, wie ich mich kleiden will, und Sie werden von 1 Dingen meinen Hüten, Aufſätzen, und von all meinen Putzgegenſtänden erſt acht Tage, nachdem ich ſie zuerſt getragen, den Damen Copieen liefern.„ fnete Mademoiſelle Bertin nahm eine feierliche Miene an, wie ſie der 1 Lunder Ernſt des Momentes erheiſchte. Ich ſchwöre Ew. Majeſtät, ſagte ſie, 4 ge⸗ daß ich den Putz für Ew. Majeſtät ganz allein, und nur bei verſchloſſe⸗ durch⸗ nen Thüren arbeiten, und daß ich lieber ſterben werde, als das Geheim⸗ chat⸗ niß deſſelben verrathen, wenn man mir den Verrath auch mit Gold Gold⸗ aufwiegen möchte. Und was die Copieen anbetrifft, die ich von Origi⸗ ** nalen Eurer Majeſtät anfertigen werde, ſo ſollen ſie ſich immer nur 1 — verhalten wie eine holprichte Ueberſetzung zu einem Originalgedicht; 1 t. Si ich werde dieſe Copieen nur von meinen Gehülfinnen anfertigen laſſen, V Noufſe⸗ 1 denn dieſe Hände, welche dazu berufen ſind, die Ideen einer Königin Hnſ auszuführen, werden niemals mehr für eine andere Sterbliche arbeiten.* 2 1 3.47 3 aus**) Mademoiſelle Bertin kam wirklich von dieſem Tage an jeden Morgen 1 ichyeit zur Königin, der Putz ward jetzt eine Lieblingsbeſchäftigung Marie Antoinettens, ſchwe⸗ und es gewährte ihr eine angenehme Erheiterung, ihren Hof an jedem Abend vollen, durch irgend eine neue Mode zu überraſchen. Alle Frauen natürlich wollten he der es ihr nachahmen, und Mademoiſelle Bertin ward für die Herzoginnen und 3 und Marguiſen, für alle Damen, die wichtigſte Perſon, die man umſchmeichelte und Shin hätſchelte, der man die koſtbarſten Geſchenke machte, um dafür des Glücks theil⸗ 11 haftig zu werden, eine Coiffüre oder einen Putzgegenſtand zu bekommen, der dem von der Königin getragenen gleich komme.— Die geſchickte Modiſtin ward undetn— bald in ganz Europa eine gefeierte und berühmte Perſon, und aus allen Ländern gehagen und Gegenden wandte man ſich an ſie um Copieen von den Originalen der liyen* 136 Und jetzt, ſagte Marie Antoinette mit einem heitern Lachen, als ſie ihr Kabinet verließ, jetzt ſoll Madame Etiquette einen neuen Grund zum Entſetzen haben! Ich bin ihr wirklich einige Revanche ſchuldig. Die Königin begab ſich in ihr Ankleidezimmrr, in welchem die Oberhofmeiſterin, die beiden Ehrendamen, die erſte und zweite Kammer⸗ frau nebſt den zwei Unterbeamtinnen ſeit einer Stunde des Erſcheinens Ihrer Majeſtät harrten, um die zweite Toilette der Königin zu Stande zu bringen. VII. Die Etiquette und der Friſeur. Dieſe Toilettenſtunde der Königin war für die Oberhofmeiſterin jeden Tag ein neuer Triumph, denn es war eine ſtets ſich erneuernde Verherr⸗ lichung der Etiquette, deren Gewicht der Königin niemals fühlbarer gemacht ward, als in dieſen Stunden. Ein eigener Codex, an welchem ſogar Männer wie Richelieu, La Rochefoucauld und Dores gearbeitet hatten, beſtimmte überhaupt dieſe ſervilen Geſetze, welche jeden Schritt, jede Bewegung des Königs und der Königin wie mit einer klirrenden Kette begleiteten, und ſie zu Sclaven machten, denen es nicht geſtattet war, zu athmen, zu ſprechen, krank oder geſund zu ſein, ohne ſich da⸗ bei dieſen Geſetzen fügen zu müſſen, welche ſie ſtets mit einem Schwarm von Höflingen, Spionen und Neugierigen umgaben, und ihnen niemals eine Stunde des Alleinſeins und der Einſamkeit verſtatteten. Die Ankleideſtunde der Königin war vor allen Dingen ein Mel⸗ Königin. Mademoiſelle Bertin war ſich aber auch ſehr wohl ihrer hohen Wich⸗ tigkeit bewußt, und behandelte Jedermann mit dem größten und lächerlichſten Stolz. Einſt kam eine vornehme Dame des Hofes zu ihr, und verlangte einige Gegenſtände zu kaufen. Man zeigte ihr Mehreres, welches der Dame nicht gefiel. Mademoiſelle Bertin rief mit einem ärgerlichen und ſuffiſanten Ton: Nun, ſo zeigen Sie den Damen einige Proben von meiner letzten Ar⸗ beit mit der Königin.(Campan Mémoires I. p. 100.) n, als Grund ig. m die mmer⸗ einens Stande jeden erherr⸗ lbarer elchem rb eitet Schritt, renden eſtatet ich da⸗ hwarm emals Mel⸗ Wich⸗ llichſten erlongte Dane ſimm ten Ar⸗ 137 ſterwerk der Etiquette und gehörte deshalb, wie geſagt, zu den größten Genüſſen der Frau von Noailles, welche niemals ein befriedigteres und glücklicheres Geſicht zeigte, als in dieſen Stunden, wo die Königin gewiſſermaßen willenlos in ihre Hand gegeben war. Marie Antoinette bemerkte auch heute mit einem heimlichen Lächeln dieſe tiefe Befriedigung auf dem Antlitz ihrer Tyrannin, und ſchien ſich ſanfter und williger wie ſonſt ihren Anforderungen zu fügen. Die erſte Ehrendame goß das Waſſer in das goldene Lavoir, und Marie Antoinette, welche wenigſtens das Recht hatte ſich ſelber die Hände zu waſchen, hielt dann ihre Hände geduldig hin, bis die Ehren⸗ dame aus den Händen der erſten Kammerfrau das Handtuch entgegen genommen, um es dann mit einer feierlichen Kniebeugung der Königin zu überreichen. Alsdann folgte der zweite Act der Toilettenſtunde, der wichtige Moment, in welchem die Königin ihr Hemd wechſelte, und das geſtickte und mit Spitzen beſetzte, künſtlich gearbeitete Nachthemd mit dem ein⸗ fachern Batiſthemde des Tages vertauſchte.— Dieſes Anziehen des Hemdes war allzeit einer der feierlichſten und erhabenſten Momente der königlichen Toilette geweſen, und auch bei der Toilette der Könige nahm es eine wichtige Stelle ein. Bei den großen Levers des Königs war nur ein Prinz von Geblüt berechtigt, dem König das Hemd darzurei⸗ chen, bei den kleinen Levers bezeichnete der König jedes Mal denjenigen ſeiner Cavaliere, welchem er dieſe Gunſt widerfahren laſſen wollte, und dieſer glückliche und beneidete Sterbliche gehörte dann für den gan⸗ zen Tag zu der nächſten Umgebung des Königs; er war berechtigt an der königlichen Tafel zu ſpeiſen, und durfte bei der Jagd in die Kutſche des Königs ſteigen. Auch bei der Toilette der Königin war für das Hemd eine be⸗ ſondere Etiquette gebräuchlich, und der Königin das Hemd überzuwer⸗ fen war eine Ehre, die allemal nur der vornehmſten und erſten Dame, welche ſich in Gegenwart der Königin befand, bewilligt werden durfte. Die Gräfin von Noailles ſollte heute dieſer Ehre theilhaftig wer⸗ den. Schon hatte Marie Antoinette ihr Nachtgewand von ihren Schul⸗ tern niedergleiten laſſen, und ihre wunderſchöne Geſtalt ward bis zu dem Gürtel unverhüllt ſichtbar. Marie Antoinette erröthete Gt —— ——Q—Q—— — b „ —————„ 138 kreuzte ihre Arme über ihrem ſchönen Buſen, und neigte ihr Haupt ſanft vorwärts, bereit, das Hemd zu empfangen, welches Frau von Noailles eben aus den Händen der erſten Kammerfrau genom⸗ men hatte.. In dieſem Moment vernahm man ein leichtes Kratzen an der Thür, und die Herzogin von Orleans trat ein. Ein glückliches Lächeln glitt über das ſtrenge Antlitz der Oberhofmeiſterin, denn die Ceremonie mußte ſich jetzt verlängern, und der Herzogin ſtand das Recht zu, der Königin das Hemd zu reichen. Aber es wäre ein ſtrenger Verſtoß gegen die Etiquette geweſen, wenn die Oberhofmeiſterin ſich ſo tief hätte demüthigen müſſen, um der Herzogin unmittelbar das Hemd dar⸗ zureichen. Der erſten Kammerfrau allein lag die Pflicht ob, das könig⸗ liche Hemde der Dame zu geben, welche es der Königin darreichen ſollte. Frau von Noailles winkte demgemäß die erſte Kammerfrau zu ſich, welche das Hemd von ihr empfing und es der Herzogin darreichte, die noch immer damit beſchäftigt war, ihre Handſchuhe auszuziehen, um das unerwartete Glück genießen und den Ehrendienſt leiſten zu können. Und während dieſer ganzen Zeit ſtand Marie Antoinette mit ge⸗ kreuzten Armen, geſenkten Hauptes da, in der Kühle dieſes großen ſchattigen Zimmers in ſich erſchauernd vor Froſt und in ihrer nackten, unverhüllten Schönheit lieblich und reizend anzuſchauen, wie eine jener „Nymphen, welche uns der Meißel des Phidias oder Praxiteles verewigt hat. Endlich waren die Vorbereitungen beendigt, und die Herzogin von Orleans näherte ſich mit dem Hemd der Königin. Aber plötzlich ſtand ſie ſtill. Sie hatte da außen vor der Thür die Stimme von Madame, der Gräfin von Provence gehört, und es wäre ein unverzeihlicher Fehler geweſen, wenn ſie der erſten königlichen Prinzeſſin das Vorrecht hätte entziehen wollen, der Königin das Hemd anzuziehen. Die Herzogin hatte ſich nicht getäuſcht. Die Thür öffnete ſich, und Madame, die Schwägerin der Königin, trat ein. Sofort trat die Herzogin von Orleans zurück. Die Oberhofmeiſterin näherte ſich ihr, um von ihr das Hemd zu empfangen, und übergab es dann zum zweiten Mal der Kammerfrau, damit dieſe es der Prinzeſſin darreichte. Und die Königin ſtand noch immer halb entkleidet da und wartete. mu ge T r Haupt rau von genom⸗ an der Lächeln eremonie zu, der Verſtoß ſo tief und dar⸗ as könig⸗ en ſollte zu ſich, hte, die en, um können. mit ge⸗ großen nackten, e jener figt hat. gn von Thür und es glichen Hemd te ſich, rat die ch ihr zweiten vartete⸗ 139 Ihre Wangen glühten, aber nicht mehr vor Scham, ſondern vor Un⸗ geduld und Aerger, zwiſchen ihren Lippen hervor murmelte ſie leiſe Worte des Mißmuths und Zorns, während ein Fröſteln ihre ganze Ge⸗ ſtalt durchſchauerte. Madame ſah es, und beeilte ſich ihrer königlichen Schwägerin zu Hülfe zu kommen. Ohne ihre Handſchuhe abzulegen, nahm ſie das Hemd und ſchritt raſch zu der Königin hin, aber indem ſie eilig das Hemd über Marie Antoinettens Haupt warf, blieb es an ihrem hohen Toupé ſitzen, und derangirte die Coiffure der Königin.*) Ah, rief die Königin mit einem gezwungenen Lachen, Sie haben mir mein Haar ruinirt, meine Schweſter! Ich werde es zum zweiten Mal arrangiren laſſen müſſen. Frau von Noailles zog ihre Augenbrauen hoch empor, wie ſie es zu thun pflegte, wenn irgend ein Verſtoß gegen die Etiqnette ſie be⸗ unruhigte, und winkte der zweiten Kammerfrau, damit dieſe die Füße der Königin neu bekleide.— Die Toilette der Königin nahm nun ihren ungeſtörten Fortgang, und ward nach allen Regeln des Ceremoniels vollendet. Die Königin mußte jetzt ihr Toilettenzimmer verlaſſen, um mit ihren Damen in das große Empfangszimmer zu gehen. Frau von Noailles hatte ſchon die Thür zu demſelben geöffnet, und ſich mit der Ehrendame neben derſelben aufgeſtellt. Aber Marie Antoinette ließ ſich mit einem glücklichen cheln auf dem Fauteuil vor der großen Pſyche nieder, und ſich dann an die Oberhofmeiſterin wendend, fragte ſie mit ſcharfem Ton: Ich hoffe, daß die Etiquette nicht befiehlt, daß die Königin von Frankreich mit derangirter Friſur vor ihrem Hofe erſcheine. Mein Haar wird alſo noch einmal geordnet werden müſſen. Frau von Noallles ſchloß die Thür wieder, und winkte der erſten Kammerfrau, das Werk zu beginnen. Nicht doch, ſagte die Königin lächelnd. Ich will meine gute Cam⸗ pan nicht bemühen. Haben Sie meine Befehle ausgeführt, oder viel⸗ mehr iſt Ihr Mann, mein guter Geheimſekretair, nach Paris geweſen, die bewußte Perſon zu holen! *) Madame de Campan: Mémoires etc. Vol. I p. 98. Lä. 140 Zu Befehl, Majeſtät, ſagte Frau von Campan. Die bewußte Perſon wartet im erſten Vorſaal. So gehen Sie, und rufen Sie dieſelbe, Campanl! rief die Königin heiter, und während die Kammerfrau ſich beeilte dem königlichen Befehl nachzukommen, wandte ſich Marie Antoinette an die beiden Prinzeſſinnen. Jetzt, meine Damen, ſagte ſie heiter, jetzt werden Sie den zweiten Gott von Paris kennen lernen. Sie wiſſen, der eine Gott iſt Herr Veſtris, der große Tänzer, der ſich ſelbſt„le Dieu de la Danse“ nennt, der zweite aber iſt Léonard, der große Friſeur, den die ſchöne Welt von Paris„le Dieu des Coiffures“ nennt. Ich habe ihn herbeſchieden, damit er mich friſire. Aber ohne Zweifel haben Ew. Majeſtät vergeſſen, rief Frau von Noailles, daß die Königin überall nur von weiblichen Händen bedient werden darf. Darf, Madame? wiederholte die Königin ſtolz. Ich werde mir erlauben, dieſes„darf“ nicht zu beachten. Ich glaube, daß männliche Hände geſchickter darin ſind die Friſur zu machen, und ich werde daher von heute an, ſtatt von meiner Kammerfrau von einem Friſeur mich friſiren laſſen. Die Thür öffnete ſich wieder, und Madame Campan trat ein, gefolgt von dem Friſeur Herrn Léonard. Jetzt, meine Prinzeſſinnen und Damen, ſagte die Königin ſich mit ihrem lieblichſten Lächeln an die Damen wendend, jetzt werden Sie die Güte haben, in das große Empfangszimmer zu gehen, denn ich habe hier ſehr ernſte und wichtige Unterhandlungen vor.— Als die Köni⸗ gin aber ſah, da Frau von Noallles ſchon den Mund öffnete zu einer Bemerkung, fügte ſie hinzu: die Frau Oberhofmeiſterin wird die Güte haben, gleich den Kammerfrauen hier zu bleiben, und den Unterhand⸗ lungen beizuwohnen. Als die Prinzeſſinnen mit den Damen ſich entfernt hatten, wandte ſich die Königin haſtig an den Friſeur, welcher mit geſenktem Haupt und ehrerbietigen Mienen, ganz das Bild der Devotion, an der Thür ſtand. Jetzt, mein Herr, ſagte die Königin lebhaft, jetzt werden wir ſehen, ob Sie wirklich ein ſo großer Künſtler in Ihrem Fach ſind, als man behauptet. Kommen Sie hierher, und friſiren Sie mich. —„„—4—.— bewußte Königin Befehl ſinnen. zweiten itt Herr nennt, ne Welt ſchieden, au von bedient de mir ünnliche h daher ur mich nt ein, ich mit ie die habe Küni⸗ einer Güte chand⸗ vandte Haupt ſund. ſehen, 3 man feeierliche Pauſe trat ein; mit geſpannter Erwartung blickten die Damen 141 Léonard verbeugte ſich tief, und trat ſchweigend hinter den Seſſel der Königin, um mit leiſen und geſchickten Händen ihr Haar aufzulöſen, das er dann mit dem Wohlgefallen eines Bildhauers, der einen herr⸗ lichen Marmorblock ſieht, aus welchem er die Statue einer Göttin meißeln will, durch ſeine Finger gleiten ließ. Marie Antoinette bemerkte in dem Spiegel dieſe Bewegung des Haarkünſtlers und lächelte. Wie wird die Friſur heißen, welche Sie mir geben? fragte ſie. Sie wird heißen à la Reine Marie Antoinette, ſagte Loonard. Ich habe dieſe Friſur niemals geſehen, rief die Königin verwundert. Herr Léonard vergaß einen Moment ſeiner demüthigen Haltung und indem er ſein Haupt emporhob, blitzte in ſeinen Augen das Feuer ſtolzen Selbſtbewußtſeins. Ew. Majeſtät halten mich auch ohne Zweifel nicht ſo niedriger Geſinnung fähig, ſagte er, daß ich beabſichtigen ſollte, der Königin eine Friſur zu geben, welche ſchon von irgend eines Sterblichen Augen ge⸗ ſehen worden. Sie werden alſo eine neue Friſur für mich erfinden? fragte ſie heiter. Nach welcher Mode? Ich werde eine neue Mode creiren, Majeſtät, ſagte der Künſtler ſtolz. Dieſer heutige Tag wird eine neue Ordnung der Dinge bezeich⸗ nen, und wird Epoche machen in den Annalen der Kunſt. Wollen Ew. Majeſtät die Gnade haben die Wahl der Friſur allein meiger Begeiſterung und der Exaltation des glücklichen Moments zu überlaſſen Folgen Sie ganz Ihrer Eingebung, ſagte die Königin lächelnd. Nur ſage ich Ihnen, daß ich die niedrigen Friſuren nicht liebe, und daß ich der Hüte und Papillons herzlich ſatt bin. Majeſtät, rief Léonard mit einem wegwerfenden Achſelzucken, Hüte und Papillons gehören von dieſer Stunde der verweſeten Vergangen⸗ heit an, und was die niedrigen Friſuren anbetrifft, ſo weiß ich, daß das Erhabene auch in einem erhabenen Styl ausgeführt ſein muß! Im Bau der Thürme und Tempel allein zeigt ſich die Kunſt des ge— nialen Baumeiſters! Herr Loonard verneigte ſich und begann ſein Werk. Eine lange 142 auf die raſchen und kunſtfertigen Hände Léonards hin, und ſelbſt die Königin beobachtete mit ſteigender Verwunderung das Werk des Haar⸗ künſtlers, das ſich in immer kühneren Schwingungen über ihrem Haupt aufthürmte. Aufthürmte im eigentlichen Sinne des Wortes, denn wie einen Thurm in Geſtalt und Höhe wölbten die Hände des Friſeurs über zierlichem Drathgeflecht und mit leichten Daunen gefüllten Kiſſen, welche er in ſeinen Cartons mitgebracht, das Haar der Königin empor zu einem Gipfel, daß dadurch die hohe und ſtolze Geſtalt der Königin mu mehr als einen Fuß breit erhöht ward. Alsdann wandte Léonard ſeine Augen auf den großen Toilettentiſch der Königin, auf welchem in buntem Gemiſch Blumen, Spitzen und Federn, welche die Königin an dieſem Morgen erſt von der Bertin gekauft hatte, ſich befanden. Darf ich von dieſen Dingen wählen? fragte Léonard. Die Königin nickte bejahend, und auf ſeinen Fußſpitzen ſchlüpfte Herr Léonard zu dem Tiſch hin, und nahm von demſelben ein halbes Dutzend der ſchönſten, breiteſten und längſten weißen Straußfedern. Federn? rief die Königin erſtaunt. Sie wollen mich doch nicht mit Federn coiffiren? Ew. Majeſtät werden die Gnade haben, mich mein Werk vollenden zu laſſen, und alsdann zu entſcheiden, ſagte Léonard, indem er die ſchönen Federn auf dem künſtlichen Haarthurm befeſtigte, daß ſie den hohen Bau noch um einen Fuß breit erhöheten und in graciöſen Wall⸗ ungen ihre flatternden Spitzen zu beiden Seiten bis auf die Schläfe des königlichen Hauptes niederſenkten. In der That, das iſt eine ganz neue und wie mir ſcheint, ſehr kleidſame Friſur, ſagte die Königin, indem ſie mit ſichtlichem Behagen ihr ſchönes Antlitz in dem Spiegel betrachtete, nicht bedenkend, daß eben ihr roſiges Geſicht, ihre leuchtenden Augen, ihre hohe, klare Stirn, und das ſchöne Oval ihres Geſichtes ganz dazu geeignet waren jede Coiffure zu ertragen, und ſie kleidſam zu machen. Ich adoptire die Federn, mein Herr, fuhr die Königin lächelnd fort, und ich erlaube Ihnen dieſer Friſur meinen Namen zu geben. Ach, ich meine, die armen Strauße werden ſich darüber eben nicht zu freuen haben, denn man wird ihnen in der nächſten Zeit viel Federn ausrupfen! Sie ſtehen von heute an in meinem Dienſt, Herr Léonard, elbſt die Hear⸗ ꝛHaupt , denn Friſeurs Kiſſſen, empor Königin Léonard welchem Königin den. chlüpfte halbes detn. h nicht llenden er die ſie den Walr⸗ Söliiſe t, ſehr ehagen ß eben n, und oiffure 4 zchelnd geben. ich zu Federn bonard. 143 und Sie werden Sich an meinen Intendanten wenden, der Ihnen Ihr Gehalt anzuweiſen hat, Herr Loéonard verbeugte ſich mit dem Stolz eines Künſtlers, der ſich bewußt iſt, daß ihm nur die Ehre widerfährt, welche ihm gebührt. Sie werden jeden Morgen um dieſe Stunde und jeden Abend um ſieben Uhr hier ſein, das iſt Ihr ganzer Dienſt, ſagte Marie Antoinette. Im Uebrigen erlaube ich Ihnen, Ihre Zeit nach Ihrem Belieben zu verwenden, und ſo viele Damen zu friſiren, als Ihnen möglich iſt. Ew. Majeſtät verzeihen, wenn ich mir eine Bemerkung erlaube, ſagte die Oberhofmeiſterin, ſich der Königin nähernd. Eine alte, un⸗ verbrüchliche Regel unterſagt jedem ſubalternen Beamten des königlichen Hauſes, ſeine Talente und Fertigkeiten außerdem noch für das Publi— kum zu verwenden, und der Friſeur der Königin darf daher niemals irgend eine andere Dame friſiren. Ich erlaube es indeſſen Herrn Léonard, ſagte die Königin leicht⸗ hin. Selbſt der größte Künſtler muß einſeitig und monoton werden, wenn er ſeine Kunſt nicht viel und in den verſchiedenſten Formen übt. Herr Léonard ſoll ſich daher an den Köpfen der Damen üben, um vielſeitig zu bleiben, und ſeine Phantaſie immer rege und friſch zu erhalten! Die Oberhofmeiſterin ſeufzte und näherte ſich wieder der Thür zu dem Empfangszimmer. Diesmal ſäumte die Königin nicht, der ſtummen Aufforderung der Oberhofmeiſterin zu genügen, denn ſie ſelber glühte vor Verlangen, die Damen das Wunderwerk ihrer Friſur ſehen zu laſſen. V VIII Die neuen Moden und ihre gefährlichen Folgen. 4 Ein allgemeines Murmeln des Staunens und der Bewunderung entſtand, als die Königin mit ihrem künſtlichen Haarbau und ihren wal⸗ lenden Federn in das Zimmer eintrat, und mit ſchlecht verhehltem Miß⸗ 144 muth ſchaute die Gräfin von Provence auf ihre königliche Schwägerin hin, deren Schönheit heute wirklich von überraſchender Wirkung war. Die Königin weidete ſich einen Moment an der allgemeinen Ueber⸗ raſchung, die ihr Erſcheinen hervorgebracht, und näherte ſich dann mit ihrem ſüßeſten Lächeln der Gräfin von Provence. Meine Schweſter, ſagte ſie, erlauben Sie mir, Ihnen heute einen Vorſchlag zu machen. Speiſen wir heute gemeinſchaftlich, vereinigen wir uns zu einem heitern und ungenirten Mahl, zu einem rechten Diner en famille! Gewiß werden wir mit Freuden den Befehlen Curer Majeſtät folgen, rief die Prinzeſſin lachend, nur daß das, was Sie ein Diner en famille nennen, meine Schweſter, uns allen gar ſehr verkümmert wird durch die Neugierde der guten und enragirten Bewunderer Ihrer Majeſtät, die aus Paris, aus Verſailles und aus der Ferne herbei⸗ ſtrömen, um das Königspaar ſein Mittagsmahl eſſen zu ſehen. Nicht wahr, ſagte die Königin lebhaft und mit erhöhter Stimme, Sie erkennen es auch für eine ganz unerträgliche Tyrannei, dieſes öffentliche Diniren, bei welchem jeder Biſſen Einem vergällt wird durch das ſtarre Angaffen dieſer Menſchen, welche unſere Tafel umringen, und uns jede freie Bewegung, jedes harmloſe Wort, jede vertrauliche Unterhaltung unmöglich machen? Ich habe dieſe Tyrannei des öffent⸗ lichen Dinirens vier Jahre lang als Dauphine ertragen, und ich ge⸗ ſtehe, daß ich herzlich ſatt davon bin, und daß die Königin nicht ge⸗ duldig ſein wird, wie die Dauphine. Wir wollen daher heute en famille ſpeiſen, meine Schweſter, und das Speiſen vor dem Publikum ſoll mit dem heutigen Tage für immer aufhören. Ah, das iſt eine allerliebſte Neuerung, der wir in der That viel ſchöne Stunden werden zu verdanken haben, rief die Prinzeſſin lächelnd. Nur bedaure ich die guten Leute, welche heute hierher kommen werden, um Ew. Majeſtät ſpeiſen zu ſehen! Die Königin zuckte leicht die Achſeln. Sie werden wieder nach Hauſe gehen, ſagte ſie, und bei ruhigem Ueberlegen werden ſie finden, daß es viel menſchlich natürlicher und würdiger iſt, wenn auch die Könige ſich wie Menſchen benehmen, und das Glück des Familienle⸗ bens und des Hauſes höher ſchätzen, als dieſen kalten Götzendienſt, mit übri die ſtell prm vich bew inne ſes Sie kön und Pa tau 145 wägerin mit welchem die Etiquette uns ganz und gar ablöſen will von der z war. übrigen Menſchheit. Ich glaube, daß, um ſich populair zu machen, Ueber⸗ die Fürſten nur nöthig haben, ſich ihren Völkern als Menſchen darzu⸗ inn mit ſtellen, mit einem warmen, fühlenden Herzen, und einem einfachen, prunkloſen Sinn, und auf dieſe Weiſe, meine Schweſter, wünſchte ich te einen mich bei dem Volk populair zu machen. Ich will nicht als Götzenbild gen wir bewundert, ſondern als Frau und als Königin geliebt werden! Dinem Nun, ſagte die Prinzeſſin mit einem erzwungenen Lächeln, und 1 innerlichſt geärgert über das ſchöne, energiſche Weſen der Königin, die⸗ Majeſtät ſes Wollen wird Eurer Majeſtät erfüllt werden, denn das Volk liebt n Diner Sie und bhetet Sie an, und wenn die guten Pariſer Sie eben ſehen ümmert könnten mit dieſen leuchtenden Augen, dieſen purpurrothen Wangen, r Jhrer und dieſem wundervollen pikanten Haarputz, ſo würde der Maire von herbei⸗ Paris wieder ſagen müſſen:„Ew. Majeſtät ſehen da vor ſich hundert⸗ tauſend Liebhaber Ihrer Perſon!“ Die Königin lachte. Das iſt allerdings eine ganz reſpectable Armee, Simme, 1— ſagte ſie, nur wünſchte ich, daß der König, mein Gemahl, immer als d durch Feldherr an ihrer Spitze ſtehen möchte! Ach ich freue mich heute, uingen, das Erſtaunen des Königs über unſer Diner en famille zu ſehen! auliche Se. Majeſtät weiß alſo nichts davon? 1 zffent⸗ Es iſt eine Ueberraſchung, welche ich meinem Gemahl bereiten ih ge⸗ will, und welche, wie ich weiß, ihn freuen wird. Er ſelber hegte wohl iät ge den Wunſch, dieſes läſtige Diniren en publie abzuſchaffen, aber er nie en fürchtet das Aufſehen. Nun, ich bin weniger ängſtlich, wie Sie wiſſen, ölium und davon ſollen Sie ſogleich einen Beweis haben! 1b Die Königin wandte mit einer halben Kopfbewegung ſich nach. t viel der Oberhofmeiſterin hin. 4 lnd Fran Gräfin von Noaillles, ſagte ſie laut, ich bitte Sie dafür n Sorge zu tragen, daß die Huiſſiers heute während des Diners Nie⸗ perden mand in den Speiſeſaal eintreten laſſen. Dieſer Gebrauch ſoll von heute an beſeitigt werden! a d Die Gräfin hatte nur auf die Anrede der Königin geharrt, um jir ſich ihr zu nähern. Majeſtät, ſagte ſie leiſe und mit dem Ausdruck uch tiefſter Sorge, Majeſtät, ich beſchwöre Sie, nehmen Sie Ihr Wort zurück! Es iſt gefährlich, ſo willkürlich dieſe alten Gebräuche, welche Kaiſer Joſeph. 2. Abth. III. 10 nilienle⸗ 146 Jahrhunderte geheiligt haben, abzuſtellen. Das Volk hängt an ihnen, und ſie verlachen und verſpotten, heißt das Königthum ſelber antaſten. Seit Franz des Erſten Zeiten ſpeiſet die königliche Familie von Frank⸗ reich immer nur öffentlich, und jede anſtändig gekleidete Perſon hat das unbeſtrittene Recht in den Speiſeſaal einzutreten, und die königliche Familie diniren zu ſehen. Es iſt alſo ein Recht, welches Ew. Ma⸗ jeſtät dem franzöſiſchen Volk entziehen wollen, und die Franzoſen ſind ſehr eiferſüchtig auf ihre Rechte. Außerdem aber wage ich, Ew. Ma⸗ jeſtät zu bemerken, daß das öffentliche Diniren ein ausdrückliches Cere⸗ moniell des franzöſiſchen Hofes iſt, und daß die Etiquette es als ganz unerläßlich für die königliche Würde bezeichnet. Die Etiquette, Madame, iſt indeſſen nicht für die Könige, ſondern von den Königen gemacht, ſagte die Königin ſtolz, und die Könige haben daher wohl das Recht dieſelbe abzuändern. Da Sie vorher von den unantaſtbaren Rechten des Volkes ſprachen, ſo iſt es mir wohl geſtattet, die unantaſtbaren Rechte des Königthums denſelben gegenüber zu ſtellen. Es iſt aber ein unantaſtbares Recht der Könige, Geſetze zu geben, nicht ſie zu empfangen. Demgemäß, Madame, gebe ich Ihnen den Rath: durchſtreichen Sie in Ihrem Codex der Etiquette das ver⸗ altete Geſetz, welches die Könige zu den Diners publiques verurtheilt, und ſchreiben Sie ſtatt deſſen dieſes neue Geſetz hin:„Die königliche Familie dinirt ohne alles Ceremoniell und bei geſchloſſenen Thüren, und nur an großen Galatagen und bei beſondern Feſtlichkeiten iſt es dem Publikum erlaubt, dem Diner der königlichen Familie beizuwoh⸗ nen.“ Noch Eins habe ich vergeſſen! Da wir von heute an ohne alles Ceremoniell ſpeiſen, ſo iſt es auch unnöthig, daß die Ehrenfräu⸗ lein zur Bedienung bei dem Diner erſcheinen. Die Ehrendame und die vier Kammerfrauen genügen für den gewöhnlichen Dienſt bei Tafel. Und jetzt, meine Schweſter, laſſen Sie uns einen Spaziergang in den Park machen! Die Königin reichte der Prinzeſſin den Arm, und ging mit ihr hinaus auf die Terraſſe, gefolgt von den Damen ihres Hofes. Nur Frau von Noallles blieb zurück in dem großen, ſtill gewor⸗ denen Empfangsſaal. Wie zerbrochen ſtützte ſie ſich auf die hohe Lehne ihnen, taſten. Frank⸗ t das gliche Ma⸗ ſind Ma Cere ganz ondern Könige vorher wohl nübet Heſetze Jhnen ver⸗ theilt, gliche züren, iſt es uwoh⸗ ohne ffräu⸗ — und Tafel. n den it ihr gewol⸗ Lehne 147 eines Fauteuils, und ſtarrte mit trüben Blicken und bleichem Angeſicht hinein in das Leere. Es geht zu Ende mit dem Königthum, murmelte ſie leiſe vor ſich hin. Dieſe Frau rüttelt mit allzukecken Händen an den Säulen, welche den Königsthron tragen, er wird mit ihr zuſammenbrechen, und unter ſeinen Trümmern den König und die Königin begraben, wenn ſie fort⸗ fährt dieſe gefährliche und unheilsvolle Bahn zu verfolgen, welche ſie in dem Uebermuth ihrer Jugend eingeſchlagen hat. Sie nennt die Etiquette eine lächerliche Tyrannei; ſie weiß nicht, daß die Etiquette allein es iſt, welche das Königthum mit dem Schimmer des Erhabe⸗ nen und Heiligen umgiebt und die Völker dergeſtalt blendet, daß ſie ihre Fürſten als erhabene und unnahbare Geſtalten ſchüchtern in der Ferne verehren. Laßt ſie erſt ſehen, daß ſie Menſchen ſind, und die Völker werden bald ihrer Ehrfurcht vergeſſen, und als Menſchen an ihnen kritiſiren und tadeln— und um das Königthum iſt es geſchehen! Ich ſehe eine finſtere, unheilsvolle Zeit kommen, fuhr die Oberhof⸗ meiſterin nach einer Pauſe düſtern Hinbrütens fort, denn die Königin iſt umringt von Feinden, und ſtatt ſie zu verſöhnen, trotzt ſie ihnen, und ſtatt ihre Freunde an ſich zu feſſeln, verſcheucht ſie dieſelben durch ihren Uebermuth! Oh welche gefährliche und unheilsvolle Dinge hat ſie heute mit lachendem Munde und freudiger Unſchuld begonnen, aber es ſind die Drachenzähne, welche eines Tages in Krieger ſich verwan⸗ deln, und wider ſie aufſtehen werden, um ſie zu vernichten! Oh, oh, das Königthum iſt angegriffen, und die Königin ſelbſt iſt es, welche das gethan! Sie verachtet das Geſetz und die Sitte, ach ſie weiß nicht, wie ſehr ſie die Putzmacherin, den Friſeur und die Diners en famille eines Tages mag bereuen müſſen!— Nun, ich habe meine Pflicht gethan, ich habe geſprochen und gewarnt, und ich werde aus⸗ harren, ſo lange meine Geduld und meine Ehre es erträgt, aber nicht länger, nein, beim Himmel, nicht länger!— Die Oberhofmeiſterin hatte Recht! Dieſe anſcheinend ſo kleinen, ſo unſcheinbaren Dinge waren doch für die Königin von den traurigſten und ſchlimmſten Folgen. Die Königin, welche bis dahin ſich mit einfachem und noblem Geſchmack gekleidet, brachte jetzt auf einmal eine Revolution in den „ A 148 Moden hervor, und machte die Toilette zu einer wichtigen Angelegen⸗ heit. Alle Frauen des Hofes nicht allein, ſondern auch diejenigen, welche dem Hofe fern ſtanden, wollten das nachahmen, was die Königin that. Jede Dame wollte denſelben Platz, dieſelben Federn, dieſelben Guir⸗ landen tragen, wie die Königin. Der Preis der Straußfedern nahm in wenigen Wochen einen ungeheuren Aufſchwung, und bald konnte man ſich dieſelben nur noch vom Auslande mit den größten Koſten und Schwierigkeiten verſchaffen, denn dieſe neue Mode der Straußfedern bemächtigte ſich der ſchönen Welt wie eine Krankheit, von der Jede befallen ward, und welcher Niemand ausweichen wollte. Wer nur ir⸗ gend auf guten Ton, auf Eleganz Anſprüche machen wollte, mußte Straußfedern tragen, mußte von der Modiſtin der Königin ſeinen Putz erhalten, mußte von Herrn Léonard friſirt werden. Die Ausgaben der jungen Schönen vermehrten ſich außerordent⸗ lich; die Mütter und die Ehemänner ſeufzten, und begannen über dieſe junge Königin zu murren, welche ihren Töchtern, ihren Gattinnen das Beiſpiel eines täglich wechſelnden Luxus, einer launenhaften und koſt⸗ ſpieligen Putzſucht gab. Aber die Damen waren einmal mitten im Fieber ihrer Krankheit, und wenn die Mütter oder die Ehemänner ihnen das Geld verſagten, um dieſe koſtbaren Federn und Putzſachen zu kau⸗ fen, ſo machten die Damen lieber Schulden, als daß ſie dem ſtolzen Glück entſagt hätten, die Moden der Königin nachzuahmen. Traurige und ärgerliche Familienſcenen waren die Folge davon, die Eltern entzweiten ſich mit ihren Töchtern, mehr als eine glückliche Ehe ward untergraben, und die Väter und die Mütter klagten laut, daß die Königin alle Damen Frankreichs in's Verderben ſtürzen würde!*) IX. Zer Sonnenaufgang. Der königliche Hof hatte ſich nach Marly begeben, und feierte dort die erſten Wochen ſeines jungen Glanzes. Jeder Tag brachte *) Madame Campan. Mémoires etc. Vol. I. p. 96. im 149 neue Feſte, neue Genüſſe, überall hörte man lachen und ſcherzen, und ſelbſt der König verlor allmälig ſein ſteifes und linliſches Benehmen, und ganz bezaubert von dem liebreizenden Weſen ſeiner Gemahlin, immer mehr ſich aus dem gleichgültigen Gemahl in einen zärtlich ſchmachtenden Verliebten verwandelnd, war Ludwig gern bereit, allen den unſchuldigen und kindlichen Wünſchen ſeiner Gemahlin zu genü⸗ gen, ließ er ihr volle Freiheit ſich ihr Leben ſo zu geſtalten, wie es ihr ſelber bequem und angenehm erſchien, ohne danach zu fragen, ob die Wünſche der Königin auch allemal den Anforderungen der Etiquette genügten, und ob die Vergnügungen der jungen ſchönen Frau ſich auch mit der Würde und Unnahbarkeit der Königin vertragen möchten. Zeder Tag brachte neue Vergnügungen, neue Zerſtreuungen, man machte Promenaden zu Wagen, zu Fuß und zu Pferde in den herrli⸗ chen Gärten von Marly, man unternahm große Jagden in den benach⸗ barten königlichen Waldungen, oder führte improviſirte Idyllen auf, zu welchen die Königin die Rollen vertheilte, und bei welchen Marie Autoinette und die Prinzeſſinnen in den reizenden und maleriſchen Trach⸗ ten der franzöſiſchen Landmädchen erſchienen, und mit den in Bauern verwandelten Prinzen, mit dem König die beluſtigendſten und heiterſten Scenen aufführten. Marie Antoinette wußte für jeden Tag eine neue Erheiterung, einen neuen Scherz zu erſinnen, und glücklich und ſtolz darauf, ihren Gemahl immer mehr an ſich zu feſſeln, machte ſie es zu einem eifrigen Studium, ihm immer neue Zerſtreuungen zu bereiten, ihn immer mehr in ihre Nähe und in ihre Reize zu verſtricken. Schon war der König ſo kühn geworden, daß er es wagte, gleich allen Andern, der Königin die glühendſten Schmeichelworte über ihre Schönheit zu ſagen, und daß er zuweilen in der Extaſe ſeiner jungen, aufkeimenden Liebe die Andern noch übertraf in der Begeiſterung ſeiner Ausdrucksweiſe, daß er noch feurigere Worte fand, wie der Graf von Artois, oder der Herzog von Chartres, noch geiſtvollere Bonmots ſagte, wie der Graf von Provence. Marie Antoinette beobachtete dieſe Umwandelung ihres Gemahls mit Entzücken, und ihre kleinen Coquetterieen mit den Brüdern des Königs, mit dem Herzog von Chartres und den vornehmen Cavalieren 0 ihres Hofes hatten immer nur den Einen Zweck, das Herz des Königs zu wecken, und durch die Eiferſucht die Liebe in ihm wach zu rufen. Eines Tages, ſagte ſie mit frohem Muth zu ſich ſelber, eines Tages wird er doch dahin kommen, mich von Herzen zu lieben, und mir ein wenig Gewalt über ſein ſtörriſches, kaltes Herz einzuräumen. Ich warte auf dieſen Tag, wie die Natur während der Nacht auf den Aufgang der Sonne harrt. Oh mein Gott, wie himmliſch ſchön wird es ſein, wenn endlich der Morgen meines Glückes erwacht, und die Sonne wirklich aufgeht!— Aber, unterbrach ſie ſich ſelbſt in ihrer Extaſe mit einem frohen Lachen, aber ich rede da, wie der Blinde von der Farbe. Ich preiſe den Sonnenaufgang und bin eine ſolche Barbarin, daß ich noch nie⸗ mals einen Sonnenaufgang geſehen habe! Das muß wieder gut ge⸗ macht werden! Man hat mich ſelbſt in letzter Zeit ſo oft die aufge⸗ hende Sonne Frankreichs genannt, daß ich doch in der That einmal das Original ſehen muß, von dem ich die Copie ſein ſoll! Und die Königin, ganz begeiſtert von dieſer neuen Idee, ließ die Gräfin Noailles rufen. Madame, ſagte ſie ernſt, ich bitte Sie, mir zu ſagen, um welche Stunde die Sonne jetzt aufgeht? Die Oberhofmeiſterin blickte überraſcht in das ſchöne Antlitz der Königin, deren ſchalkhaft blitzende Augen ſeltſam contraſtirten zu ihren ernſten Mienen. Wann die Sonne aufgeht? wiederholte Frau von Noailles ver⸗ wundert. Ja, das möchte ich wiſſen, ſagte die Königin, und ich hoffe, daß in meiner Frage nichts iſt, was gegen die ſtrengſte Form der Etiquette verſtößt. Es iſt mir in der That ſehr wichtig zu wiſſen, wann die Sonne aufgeht! Dann bedaure ich, Eurer Majeſtät keine genügende Antwort ge⸗ ben zu können, denn ich geſtehe, daß ich mich noch niemals um dieſe Dinge bekümmert habe. Aber wenn Ew. Majeſtät gnädigſt geſtatten, will ich mich ſogleich erkundigen, und Ew. Majeſtät die nöthige Aus⸗ kunft bringen. Ich bitte Sie darum, rief Marie Antoinette lächelnd. 151 nigs Frau von Noailles zog ſich eilends zurück, und kehrte nach ziemlich en. langem Verweilen wieder zu der Königin zurück. ines Verzeihen Ew. Majeſtät, ſagte ſie, daß ich ſo lange ausblieb. und Aber Niemand wußte mir Auskunft zu geben. Zum Glück begegnete’ nen. mir im Corridor einer der Gärtner, welcher friſche Blumen in das den Kabinet Ew. Majeſtät getragen, und von dieſem habe ich erfahren, was vird Niemand wußte. Die Sonne geht Morgens früh um drei Uhr auf, die Majeſtät. Haben Sie die Güte, demgemäß Ihre Befehle zu ertheilen, ſagte öhen die Königin. Ich will morgen früh um drei Uhr auf dem kleinen Berg niſt hier im Garten von Marly die Sonne aufgehen ſehen. nie⸗ Die Gräfin von Noailles ſchrak zuſammen, und ſchaute mit wah⸗ ge rem Entſetzen zu der Königin hin, die ihre ſtolzen Blicke mit einem fge⸗ herausfordernden Ausdruck auf ſie gerichtet hielt. mal Ew. Majeſtät wollen morgen früh um drei Uhr, das heißt mitten in der Nacht, Sich in den Garten begeben, um die Sonne aufgehen zu 1 die ſehen? fragte ſie mit ſchwankender, ängſtlicher Stimme. b Ja doch, rief die Königin ungeduldig. Schreibt die Etiquette ſche vielleicht irgend ein Reglement vor, das beobachtet werden muß, wenn die Königin von Frankreich die Sonne aufgehen ſieht, ſo ſagen Sie es der mir, und ich will ſehen, ob ich mich demſelben unterwerfen kann! Nein, Majeſtät, ſagte die Gräfin matt, die Etiquette ſchreibt gar zre nichts vor, denn dieſer Fall iſt gar nicht als möglich gedacht worden. ver⸗ Es iſt, ſo lange der Thron von Frankreich ſteht, noch niemals ge⸗ ſchehen, daß eine Königin von Frankreich die Sonne hat aufgehen ſehen 9 wollen. deß Arme Königinnen! rief Marie Antoinette. Sie waren gewiß im⸗ elte mer ſo mit ſich ſelber und mit dem Ceremoniell beſchäftigt, daß ihnen 1 de gar keine Zeit blieb, noch etwas Anderes ſchön zu finden und anzubeten, als ſich ſelber. Ich bin eine beſcheidene Königin, Madame, und ich— ge will in Demuth Gott bewundern in ſeinem ſchönſten und erhabenſten deſe Werk. Da die Etiquette, wie Sie ſagen, dieſen Fall nicht vorgeſehen, iee und keine Beſtimmungen darüber gegeben hat, ſo haben wir demgemäß lus⸗ auch nicht weiter nöthig, ſie zu befragen, und können Alles nach unſerer Bequemlichkeit und unſern Wünſchen einrichten. 152 Aber zuvor erlauben mir Ew. Majeſtät nur eine Bemerkung, ſagte Frau von Noallles feierlich. Die Etiquette ſchreibt vor, daß bei allen außergewöhnlichen und nicht berechneten Gelegenheiten die Königin zu dem was ſie unternehmen will, erſt die Einwilligung des Königs er⸗ halten haben muß. Ah ſehen Sie wohl, rief die Königin mit einem herben Lachen, die Etiquette hat doch immer einen Schlupfwinkel offen, aus dem ſie hervorſtürzt, um uns zu meiſtern, und uns ſelbſt die unſchuldigſten Freuden zu vergällen. Indeß, diesmal ſoll es ihr doch nicht gelingen. Treffen Sie immerhin Ihre Vorbereitungen, Madame, damit morgen früh um drei Uhr Alles bereit iſt. Ich werde dem König meinen Wunſch mittheilen und das wird genügen! Meine Hoffräulein, welche wie ich weiß, Tagebücher führen, können dann mit beruhigtem Gewiſſen die Notiz in ihr Journal ſchreiben:„heute hat die Königin, mit Erlaub⸗ niß des Königs, die Sonne aufgehen ſehen!“— Marie Antoinette entließ ihre Oberhofmeiſterin mit einem kaum merklichen Kopfneigen, und begab ſich dann in ihr Ankleidezimmer, um ſich von Herrn Léonard zu Abend friſiren zu laſſen. Der geſchickte Haarkünſtler ſchien heute in ſeiner glücklichſten Ex⸗ taſe zu ſein, und bald wölbte ſich über dem Haupt der Königin ein mehrere Fuß hoher künſtlicher Bau, umwallt von den ſchönſten Strauß⸗ federn, und außerdem auf das herrlichſte verziert mit Blumenguirlanden und Diamantagraffen. Die Königin war außerordentlich befriedigt von dem Meiſterwerk Léonard's, und trat daher mit einem ſtrahlenden Lächeln und dem hei⸗ terſten Ausdruck ihres lieblich ſchönen Angeſichts in den Salon ein, in welchem ſich heute neben den Prinzen und Prinzeſſinnen nur ein Kreis auserwählter Günſtlinge und bevorzugter Damen verſammelt hatte. Dem Wunſche der Königin gemäß, führte der Hof in dieſen Tagen der Sommerluſt ein ziemlich freies und ungezwungenes Leben, und die ſteife Etiquette und die ſcharfen Unterſcheidungen des Ranges waren bei den Réunions in den geöffneten Gartenſalons und bei den Spazier⸗ gängen und Spielen im Freien gänzlich verbannt. Jedermann hatte vollkommene Freiheit, ſich ſeiner Neigung gemäß zu beſchäftigen, und entweder Theil zu nehmen an den Vergnügungen des Cercle's der ſagte allen in zu 3er⸗ ichen, n ſie gſten igen. orgen inen velche wiſſen laub⸗ kaum 153 Königin, oder mit dem König und deſſen Vertrauten ſich über die ernſten politiſchen Fragen des Tages zu beſprechen, mit ihm im nahen Billard⸗ ſaal Billard zu ſpielen, oder die neuen Erſcheinungen der Literatur, welche in demſelben Saal auf einem großen Tiſch aufgehäuft waren, zu beſchauen. Heute indeſſen bildete die Geſellſchaft des Gartenſalons nur einen Cercle, und dieſer hatte ſich um die Königin gebildet, welche in dem hellen Glanz ihrer Schönheit Jedermann zu feſſeln und unwiderſtehlich an ſich zu ziehen ſchien. Marie Antoinette ſtand in der Mitte des Saals, und ſchaute mit ſtrahlenden Blicken durch die geöffneten Thüren, welche auf die Terraſſe führten, hinaus in den Garten, deſſen Blumen den Saal mit den herr⸗ lichſten Wohlgerüchen erfüllten, und der unter dem rothgoldenen Schein der untergehenden Sonne wie in einer Verklärung in ſüßem Schwei⸗ gen dalag. Neben ihr ſtand der König, ſein ſanftes, gutmüthiges Geſicht von einem milden Lächeln erhellt, ſeine freundlichen, guten Angen mit einem Ausdruck innigſter Liebe auf ſeine junge Gemahlin geheftet. An der andern Seite der Königin befanden ſich die jungen Gemahlinnen der beiden königlichen Prinzen und die jungen Schweſtern des Königs und hinter dieſen ſah man eine Reihe der jüngſten, lieb⸗ reizendſten und ſchönſten Damen der hohen Ariſtocratie, umringt und umflattert von einer Anzahl junger Cavaliere, durch Liebenswürdigkeit, Rang und Esprit ſich der Gunſt würdig machend, welche das Königs⸗ paar ihnen ſchenkte. An ihrer Spitze aber ſah man die Prinzen des königlichen Hauſes, den geiſtreichen Grafen von Provence, den ſtets liebenswürdigen und heitern Grafen von Artois mit ihrem Vetter, dem Herzog von Chartres,*) und endlich den Herzog von Lauzun, welche letztere Beide ſeit einiger Zeit zu den begeiſtertſten Bewunderern der Königin gehörten. Es war ein merkwürdiger und ſeltener Anblick, den der franzöſiſche Königshof in dieſer Zeit darbot. Nur die Jugend und Schönheit ſchien jetzt an dieſem Hofe zu thronen, das Alter mit ſei⸗ nem Ernſt, ſeinen Runzeln und ſeiner Schwerfälligkeit ſchien ganz und *) Dem nachherigen Herzog von Orleans, in der Revolution bekannt unter dem Namen: Philippe Egalité. 154 gar aus dieſen Sälen verbannt zu ſein, oder fand nur eine vergeſſene und unbeachtete Repräſentantin in der Oberhofmeiſterin von Noailles, die ernſt und ſchweigend von ferne ſtand, und mit düſtern Blicken dem heitern Treiben zuſchaute. Heute indeſſen war auch die Oberhofmeiſterin nicht in dem Salon der Königin erſchienen, zum erſtenmal hatte ſie von der allgemeinen Erlaubniß Gebrauch gemacht, und ſich in ihre Zimmer zurückgezogen. In dieſem glänzenden Saal begegnete man daher heute nur heitern Geſichtern, nur jugendlichen Geſtalten, hörte man nur Lachen und fröhliche Scherze. Die ganze, vielleicht aus dreißig Perſonen beſtehende Geſellſchaft befand ſich noch auf der äußerſten Grenze der Jugend; man konnte von dieſen Cavalieren kaum ſchon ſagen, daß ſie zu Män⸗ nern gereift, und auf den Angeſichtern dieſer jungen Frauen ſah man noch die Lieblichkeit des Kindes und des jungen Mädchens vereint. Der zwanzigjährige König war unter den Herren der älteſte, die neunzehn⸗ jährige Königin unter den Frauen die gereifteſte und ernſteſte. Und alle dieſe von Jugend, Schönheit und Geiſt ſtrahlenden Ge⸗ ſichter waren der Königin zugewandt, auf ſie waren alle dieſe leuch⸗ tenden, feurigen Blicke gerichtet, und alle dieſe friſchen, lächelnden Lip⸗ pen ſchienen nur deshalb das begeiſterte Wort des Entzückens zurück⸗ zuhalten, weil ſie auf das lebengebende Wort aus dem Munde der Königin harrten. Marie Antoinette ſchien eine Zeitlang ganz verſunken in den An⸗ blick des Gartens, in deſſen blühenden Geſträuchen der Abendwind ſeine kräuſelnden Spiele begann, des Himmels, welcher vor Freude zu erröthen ſchien über den letzten Liebesblick der Sonne. Ein allgemeines Schweigen war eingetreten, all dies lachende, gaukelnde, heitere Leben verſtummte auf einen Moment. Da die Kö⸗ nigin ſchwieg, wollte Jedermann ihr huldigen, indem er ihrem Bei⸗ ſpiel folgte. Auf einmal wandte Marie Antoinette ihre Blicke von dem Him⸗ mel wieder zurück auf die Erde, und ihr Antlitz, welches vorher einen ſchwärmeriſchen Ausdruck angenommen, glänzte jetzt wieder in der hei⸗ terſten Laune. Vor allen Dingen, meine Damen und Herren, ſagte die Königin geſſene ailles, dem Salon neinen zogen. heitern r und ehende gend; Min⸗ h man Der gehn⸗ 2n Ge⸗ leuch⸗ mLip⸗ nrück⸗ he der en An— dwind ude zu hende, ie Kü⸗ 1 Bei⸗ 155 mit ihrer ſonoren ſchönen Stimme, vor allen Dingen will ich Ihnen heute ein Räthſel aufgeben. Ein Räthſel! riefen Alle erwartungsvoll. Ja, ein Räthſel, und wehe dem, der es nicht erräth. Er wird ſchwer geſtraft werden, und ſeine Strafe wird darin beſtehen, daß er für dieſe Nacht dem Schlaf und der Ruhe entſagen muß, rief die Königin. Das iſt in der That eine harte Strafe, ſagte der König ſeufzend, der Himmel möge daher geben, daß ich Ihr Räthſel löſe, und nicht zu dieſer Strafe verurtheilt werde. Nun alſo, laſſen Sie Ihr Räth⸗ ſel hören! Hören Sie Alle, ſagte die Königin pathetiſch, und nehmen Sie allen Ihren Verſtand zuſammen, um mein Räthſel zu löſen. Es heißt ſo: um welche Zeit geht die Sonne jetzt auf? Eine tiefe Beſtürzung zeigte ſich auf allen Geſichtern; Jeder blickte verlegen und ſchweigend vor ſich hin, nur der König lächelte und ließ ſeine blauen Augen mit einem heiterforſchenden Ausdruck auf den Mie⸗ nen der Andern umherſchweifen. Nun, meine gelehrten Herren, meine geiſtvollen Damen, wollen Sie mein Räthſel nicht löſen, meine Frage nicht beantworten? rief Marie Antoinette fröhlich. Sollten Sie, mein Schwager Philipp, Sie, von welchem ich immer geglaubt habe, daß er Alles weiß, und ſich um „Alles bekümmert, ſollten Sie wirklich nur um den Aufgang der Sonne ſich niemals bekümmert haben? Das Antlitz des Grafen von Provence verfinſterte ſich ein wenig, denn er verſtand ſehr wohl die leiſe Ironie, welche ſich unter den ſcher⸗ zenden Worten der Königin verbarg. Ich bekümmere mich nur um diejenigen Dinge, meine Schweſter, ſagte er, welche mich ſelbſt, unſere Familie oder Frankreich angehen. Die Sonne, welche da oben am Himmel ſteht, hat alſo unglücklicher Weiſe gar nicht auf meine Beachtung zu rechnen. Verurtheilt! ſagte die Königin lächelnd. Kein Schlaf wird dieſe Nacht in Ihre Augen kommen. Und Sie, mein luſtiger Schwager Artois, Sie, welcher ein ſo warmer Bewunderer der Schönheit ſind, llten auch Sie gar nichts wiſſen von der Sonne, der Schönſten der 156 Schönen, und Sich niemals um ihr Kommen und Gehen bekümmert haben? Ich habe vor einer Viertelſtunde die Sonne hier in dieſem Salon aufgehen ſehen, ſagte der Prinz lachend. Ich behaupte alſo kühn, die Sonne geht um acht Uhr Abends auf. Verurtheilt, rief die Königin wieder. Kein Schlaf wird dieſe Nacht in Ihre Augen kommen. Und was ſagen meine ſchönen Schweſtern, die Prinzeſſinnen von Provence und Artois, und meine liebe Eliſabeth? Werden Sie mein Räthſel löſen können? Es wäre vermeſſen, gelehrter ſein zu wollen, wie es unſere Män⸗ ner ſind, ſagte die Prinzeſſin von Provence lachend. Ich ordne mich in Demuth dem höhern Wiſſen meines Gemahls unter, und erröthe gar nicht, das nicht zu wiſſen, was auch Er nicht weiß. Verurtheilt, Alle Drei verurtheilt! wiederholte die Königin. Und Sie, Herzog von Chartres, man ſagt, daß Sie oft die Nacht mit dem Tage verwechſeln, und daß die Feſte Ihres Abends noch da icht des Tages ſehen. Sollten Sie alſo nicht wiſſen, wann die Som ahan Ma foi, ſagte der Herzog lachend, Ew. Majfeſtät ſagen esn und alſo iſt es ſo; meine Feſte des Abends haben oft das Licht des Ta. es 1 geſehen, aber ſie haben daſſelbe dann gleich mir für eine vorkant Straßenlaterne gehalten, die uns heimleuchtete in die Betten, und welche man wohl verwünſcht, aber nach deren pünktlichem Kommen man nicht weiter forſcht. 8 Und Sie Alle, meine Damen und Herren, fragte die Königin. Kann Keiner von Ihnen meine Frage beantworten? Weiß Keiner von Ihnen, wann die Sonne aufgeht? 6 Ein allgemeines Schweigen war die Antwort. Ueber das Antlitz der Königin flog ein Schatten von Traurigkeit. Ach, ſagte ſie trübe, wie egoiſtiſch wir Alle doch ſind! Wir wol⸗ len, daß der Himmel ſich um uns kümmere, und wir bekümmern uns nicht einmal um ſeine herrlichſten Offenbarungen. Und mich fragen Sie gar nicht, Madame? fragte der König lächelnd. Sire, ſagte Marie Antoinette raſch, es geziemt keinem Ihrer Un⸗ terthanen, die Königin mit eingeſchloſſen, dem König eine Frage vor⸗ 4 zulegen, auf welche er vielleicht die Antwort ſchuldig bleiben müßte. üb rie immert Salon in, die Nacht veſtern, ſabeth? Män⸗ ne wich etlöthe „Und it denn 4 Käuigin. ner voll b Antlitz dir wol⸗ gern uns lächelud⸗ dter lli 157 Ich gebe Ihnen indeſſen Erlaubniß zu dieſem Wagniß, ſagte Lud⸗ wig, oder vielmehr ich bitte Sie, auch an mich Ihre Frage zu richten. Nun denn, Sire, können Sie das Räthſel löſen, und uns ſagen, wann die Sonne aufgeht? Sie geht um drei Uhr Morgens auf, ſagte der König, indem er mit einem Blick triumphirender Freude umherſchaute. Ein allgemeines Murmeln des Staunens und der Bewunderung machte ſich hörbar. Marie Antoinette ſchlug mit einem frohen Lachen ihre kleinen weißen Hände ineinander. Bravo, bravo, mein königlicher Oedip, rief ſie. Die Sphinx iſt überwunden, aber ſtatt ſich in's Meer zu ſtürzen, zieht ſie es vor, demüthig und ergeben zu Ihren Füßen ſich niederzulegen, und ihr Haupt zu beugen vor Ihrer Allwiſſenheit. Und die Königin neigte mit einer Bewegung unausſprechlicher Kunnuah ihr ſchönes ſtolzes Haupt, und war im Begriff niederzuknieen. Audwig, vor Vergnügen erröthend, hob ſie mit ſeinen beiden Händen 8 † Nempor. Madame, ſagte er lächelnd, wenn ich den Muth hätte im Styl meines Bruders Artois zu reden, ſo würde ich jetzt ſagen, ich habe „die Sonne erſt vor einer Viertelſtunde aufgehen ſehen, und ſie kann daher unmöglich ſich jetzt ſchon wieder niederwärts neigen wollen. Aber kerlauben Sie mir eine Frage: weshalb erkundigten Sie Sich nach dem Aufgang der Sonne, und was knüpft ſich an dieſe Frage? E Daf ich die Frage mit einer Frage beantworten, Sire? Fragen Sie! 4 Nun denn, Sire, wollen Sie die Gnade haben mir zu ſagen, bb Sie die Sonne ſchon einmal haben aufgehen ſehen? Ich? rief der König verwundert. Nein, wahrlich niemals. Und Sie, meine Prinzen und Prinzeſſinnen? fragte die Königin. Ich antworte im Namen unſerer Aller mit einem lauten Nein, rief der Graf von Artois lachend. Und Sie, meine Damen und Herren? Alle neigten ſie ſtumm und mit einer verneinenden Bewegung ihr Haupt. Sire, ſagte die Königin, ſich wieder an ihren Gemahl wendend, nun geſtatten Sie mir noch eine Frage. Iſt es für eine Königin von Frankreich unziemlich, die Sonne aufgehen zu ſehen? age 2 nüßte 158 Nein, ſicherlich nicht, Madame, rief der König lachend. Wollen Ew. Majeſtät mir alſo die Erfüllung meines glühenden Wunſches geſtatten? Darf ich die Sonne aufgehen ſehen? Ich denke, Madame, Sie haben darnach Niemand anders zu fragen als Ihre eigenen ſchönen Augen, von denen allein es abhängt, ob ſie ſich ſchon um drei Uhr Morgens aufſchlagen und den Schlaf von ihren Wimpern ſchütteln wollen. Oh, was meine Augen anbetrifft, ſo werde ich dieſe wohl zum Gehorſam zwingen können, rief Marie Antoinette lächelnd, und ſie werden gar nicht nöthig haben den Schlaf abzuſchütteln, da er ſie bis nach dem Aufgang der Sonne gar nicht heimſuchen wird. Und indem ſich die Königin der Geſellſchaft zuwandte, fuhr ſie fort: Da Keiner von Ihnen Allen mein Räthſel gelöſt hat, ſind Sie Alle der Strafe verfallen. Ich verurtheile Sie daher, ſämmtlich mit uns die Sonne aufgehen zu ſehen, und ſo lange hier in unſerer Nähe zu verweilen, bis der Moment dazu gekommen iſt. Wir werden uns alsdann Alle hinaus begeben auf den kleinen Berg am Ende des Parks, und von dort aus dem Schauſpiel zuſehen, das der Himmel vor uns aufthun wird. Darf ich hoffen, Sire, daß Sie in der Großmuth Ihres königlichen Herzens nicht Gebrauch machen werden von dem Vorrecht, welches Ihnen Ihre Gelehrſamkeit gewährt? Sie ſind der Einzige, wel⸗ cher mein Räthſel zu löſen vermochte, aber ich hoffe, daß Sie dennoch Sich nicht ausſchließen, ſondern mir das Glück gönnen, mit Ihnen ge⸗ meinſam die Sonne aufgehen zu ſehen? Der König machte ein etwas verlegenes und ängſtliches Geſicht, und öffnete ſchon den Mund zu einer Antwort, als der Hofmarſchall an den geöffneten Thüren des Speiſeſaals erſchien, und ſich dem König nähernd, mit lauter Stimme ſagte: Le Roi est servi! Ah, laſſen Sie uns Alle erſt zu Tafel gehen, rief der König. Zu dem großen Werk, das Sie vorhaben, bedarf der Körper wohl einiger Stärkung! Er reichte ſeiner Gemahlin den Arm, und führte ſie, unter dem Vortritt der Hofchargen, und gefolgt von den Prinzeſſinnen und der Hofgeſellſchaft in den Speiſeſaal, wo zwei Tafeln, eine für das Königs⸗— ühenden fragen ob ſie nihren ohl zum und ſie ſie bis fuhr ſie lind Sie lich mit r Nähe den Vnd 8 Pakks, vor uns ohres zorrecht, g, wel⸗ dennoch hnen ge⸗ 159 paar und die königlichen Prinzen, eine zweite für die Damen und Herren des Hofes errichtet waren.— Während ſonſt nach der Abendtafel der König und die Kö⸗ nigin ſich in die„petits appartements“ zurückgezogen, um ſich zur Ruhe zu begeben, und auch die Hofgeſellſchaft ſich dann zu zerſtreuen pflegte, kehrte man heut nach der Abendtafel in den Gartenſalon zurück, um dort mit allerlei Spielen und Zerſtreuungen die wenigen Stunden der Nacht bis zum Sonnenaufgang hinzubringen. Marie Antoinette war heute von der frohmüthigſten Laune, der hinreißendſten Liebenswürdigkeit und Anmuth, ſie entzückte Jedermann durch ihre herablaſſende Freundlichkeit, ihre unſchuldsvolle, liebliche Fröh⸗ lichkeit.— Zuweilen trat ſie mit der Aengſtlichkeit eines Kindes an die offene Thür des Gartens, und ſchaute ängſtlich zum Himmel em⸗ por, ob auch kein Wölkchen da emporſteige, um ihr die Sonne zu ver⸗ düſtern. Aber der Himmel blieb klar und durchſichtig wie ein Azurmeer, und groß und herrlich klar ſtand der volle Mand da drüben am Hori⸗ zont, und beleuchtete mit ſeinem Silberglanz den dämmernden Garten, und die träumenden Sträuche, Blumen, Bosquets und Bäume. Und Marie Antoinette wandte ſich mit freudeſtrahlendem Antlitz wieder dem Saal zu, und ſuchte mit ihren Blicken den König, um ihm den ſchönen Anblick dieſer ſtillen friedvollen Natur da draußen zu gewähren. Aber der König war verſchwunden, und wie Marie Antoinette ihre ängſtlichen Blicke noch immer ſuchend im Saal umher ſchweifen ließ, näherte ſich ihr der Graf von Provence. Ich bin beauftragt, meine Schweſter, Ihnen die Grüße des Königs zu bringen, ſagte er laut. Se. Majeſtät bittet um Entſchuldigung, daß er von ſeinem Recht Gebrauch macht. Denn da er zu keiner Strafe verurtheilt werden konnte, durfte er ſich wohl die Gnade des Schlafes gönnen. Der König hat ſich alſo zur Ruhe begeben, aber er bittet Ew. Majeſtät inſtändigſt, Sich in Ihrem Vergnügen nicht ſtören zu laſſen, ſondern jedenfalls Ihr Vorhaben auszuführen und die Sonne aufgehen zu ſehen.*) *) Campan. I. 93. — 160 Eine dunkle Purpurgluth überdeckte das Antlitz der Königin, und eine finſtere Wolke lagerte ſich auf ihrer Stirn. Ein Gefühl unaus⸗ ſprechlicher Angſt überkam ſie, und ſie öffnete ſchon die Lippen, um zu ſagen, daß ſie ihren Entſchluß geändert habe, daß ſie gleich dem König ſich zur Ruhe begeben wolle. Aber ſie fühlte alle dieſe brennenden, glühenden Augen, welche neugierig und forſchend auf ihr ruhten, ſie fühlte, daß man ſie verſpot⸗ ten und belächeln würde, wenn ſie jetzt noch zurückträte. Ihr Stolz erwachte in all ſeiner Gluth, und drängte die inſtinctive Schüchternheit der Frau zurück. Ihr ängſtlicher Blick indeß wandte ſich hinüber nach der Seite des Salons, wo die Oberhofmeiſterin Gräfin von Noailles gewöhnlich zu ſein pflegte. Es war zum erſtenmal, daß die Königin die Madame Etiquette zu ihrem Beiſtand herbeirufen wollte, und gerade diesmal war die Oberhofmeiſterin nicht zugegen. Da die Etiquette nichts zu thun hatte mit der Sonnenaufgangspartie der Königin und den Dienſt der Oberhofmeiſterin nicht nothwendig machte, hatte die Gräfin es gemacht wie der König, ſie war zur Ruhe gegangen.—— Marie Antoinette rief mit einem ſtolzen Wink ihres Hauptes ihre erſte Ehrendame, die Prinzeſſin von Chimay zu ſich. Ich bitte Sie, Madame, ſagte ſie laut, die Frau Oberhofmeiſterin zu benachrichtigen, daß ſie ſelbſt und alle meine Frauen ſich bereit halten, uns um zwei Uhr hinaus zu begleiten auf den Berg, und mit uns dem Sonnenanf⸗ gang beizuwohnen. Auch ſollen die Lakaien mit brennenden Fackeln uns begleiten und uns leuchten. Ah, meine Schweſter, rief der Graf von Artois lachend, Sie wollen die Sonne mit Fackellicht aufſuchen. Sehen Ew. Majeſtät aber nur, es iſt ja Tag da draußen. Der Vollmond iſt ein guter Herold der Sonne, und ihm gegenüber würden ſich unſere Fackeln nur wie matte Glühwürmchen in der durchleuchteten Luft verlieren. Es iſt wahr, ſagte Marie Antoinette faſt beſchämt, der Mond macht die Fackeln überflüſſig. Er wird mit ſeinem göttlichen Licht unſern Pfad umleuchten, und wir werden ſicher ſein, keinen Schritt im Dunklen zu thun.. Es iſt indeſſen noch ziemlich lange hin, ſagte, die Gräfin von Pro⸗ vence müde, ziemlich lange, bis die Sonne aufgeht. Sehen Sie nur, der Königin, und n Gefühl unaus⸗ ie Lippen, um zu gleich dem König en Augen, welche man ſie verſpot⸗ räte. Ihr Stolz ve Schüchternheit ſcc hinüber nach fin von Nocilles daß die Königin vollte, und gerade da die Eiiguette R Königin und nachte, hatzs dit gegangen. res Hauptes in Ich bitte Sle, benachrichtigen uns um zwe dem Sonnenauf⸗ ennenden Fackeln chend, Sie wollen aſeſtä aber nur, t, der Mend 161 meine Schweſter, die Pendule dort zeigt eben erſt die Mitternachtsſtunde an. Wir haben alſo noch zwei Stunden, bis wir die Promenade nach dem Berg und der Sonne beginnen müſſen. Womit werden wir uns bis dahin die Zeit vertreiben, damit ſie verfliegt, und der Schlaf es nicht wagt, ſich unſern Augen zu nähern? Schlagen Sie etwas vor, meine Schweſter, ſagte Marie Antoi⸗ nette zerſtreut, irgend ein Amüſement, welches uns die Zeit vergeſſen ließe. Ich ermächtige unſern Bruder Artois, uns ein Amüſement vor⸗ zuſchlagen, rief die Prinzeſſin lächelnd. Er iſt in ſolchen Dingen der Erfahrenſte und Geſchickteſte von uns Allen. Stimmen Ew. Majeſtät meiner gnädigen Schwägerin bei? fragte der Graf von Artois lächelnd. Wollen auch Sie mich ermächtigen, uns ein Spiel zu beſtimmen, welches uns bis zum Sonnenaufgang angenehm beſchäftigen ſoll? Ich ermächtige Sie dazu, mein Bruder, ſagte die Königin. Und Sie werden das Spiel annehmen, das ich Ihnen vorſchlage? Ich werde es annehmen! Nun denn, rief der junge übermüthige Prinz lachend, ſo wollen wir denn das reizendſte, unſchuldigſte, kindlichſte und luſtigſte aller Spiele ſpielen. So wollen wir Blindekuh ſpielen! Ein allgemeines, nicht zurückzuhaltendes Gelächter, in welches die Königin fröhlich mit einſtimmte, war die Antwort. Ich habe Ihr Wort, meine Schweſter, ſagte der Prinz mit affectirtem Ernſt, Sie dürfen es nicht zurücknehmen. Wir ſpielen Colin-maillard! Nein, ich nehme mein Wort nicht zurück, rief die Königin, mit ihrem leicht beweglichen Sinn plötzlich von ihrem augenblicklichen Trüb⸗ ſinn jetzt wieder zur heiterſten, übermüthigſten Jugendluſt ſich auf⸗ ſchwingend. Ich nehme mein Wort nicht zurück. Verſetzen wir mit un⸗ ſern Gedanken, unſern Herzen und unſern Wünſchen uns wieder zu⸗ rück in die unſchuldigen Tage unſerer Kindheit! Spielen wir Colin- maillard, ſpielen wir Blindekuh, bis die Sonne aufgeht, und die Kin⸗ der der Nacht wieder in erniſſafte und vernünftige Leute des Tages verwandelt.*) 7 *) Dieſe kindlichen Spiele wurden ſeitdem in dem Cerele der Königin vielfach geſpielt, und machten eine Lieblingsunterhaltung des Hofes aus, die Kaiſer Jofeph. 2. Abth. III. 11 — bald von ganz Paris nachgeahmt ward. Ueberall, in jeder Geſellſchaft, in jedem Hauſe, bei jedem Feſt ſpielten die Erwachſenen jetzt die Spiele der Kinder; Blindekuh und Verſteckſpiel waren bei Hofe wie in der Geſellſchaft jetzt eine Lieblingsunterhaltung. Jedermann machte ſich luſtig über dieſe neue kindliche Mode der Königin, und Jedermann ahmte ſie doch nach. Colin-maillard und guerre panpan ward jetzt eine wahre Manie der Geſellſchaft. Frau v. Genlis, welche in ihren Dramen ſich die Aufgabe geſtellt, die Lächerlichkeiten ihrer Zeit zu geißeln, machte daher auch dieſe Mode des Blindekuh⸗ und Verſteckſpiels zum Thema eines ihrer Stücke, das mit vielem Erfolg dargeſtellt ward.(Cam- pan I. p. 148.) X. Folgen des Sonnenaufgangs. Die Königin befand ſich allein in ihrem Kabinet, welches ſie faſt ſeit zwei Tagen nicht verlaſſen hatte; die Sonnenaufgangspartie hatte ihr eine heftige Erkältung zugezogen, und als Erinnerung an den herr⸗ lichen Genuß des ſchönſten und großartigſten Naturſchauſpiels, hatte Marie Antoinette ein leichtes Schmerzen in allen Gliedern und einen Huſten zurückbehalten. Indeß ſchien es nicht blos dieſe Unpäßlichkeit zu ſein, welche das Antlitz der Königin ſo bleich erſcheinen ließ, und ſo finſtere Wolken auf ihre Stirn hinlagerte. Nicht die Gluth des Fiebers, ſondern das Feuer des Zorns blitzte aus ihren Augen, und wenn ſich dieſe von Zeit zu Zeit immer wieder auf den mit Papieren und Büchern bedeckten Tiſch hefteten, welcher vor ihr ſtand, ſo flog ein glühendes Roth über ihre Wangen hin, und ſie preßte die Lippen feſt aufeinander, als wolle ſie ein Wort des Zorns zurückhalten. Als ſich indeß ein leichtes Kratzen an der Thür vernehmen ließ, ſchrak die Königin leicht zuſammen, und flüſterte: der König!— Mit einer haſtigen Bewegung warf ſie ihr Taſchentuch über die auf dem Tiſch liegenden Papiere, und ihr Haupt ſtolz zurückwerfend, zwang ſie ſich zu einem ruhigen, heitern Geſichtsausdrucke. Marie Antoinette hatte ſich nicht geirrt. Es war wirklich der König, welcher da durch die kleine Seitenthür in das Kabinet trat. caft, in Kinder; zjetzt eine kindliche ard und Genlis, hrer Zeit ſtecſpiels .(Cam- ſie faſt üe hatte in herr 5, hatte d einen ßlihkeit iß, und luth des gen, und Papieren ſlog ein ppen feſt * 1 163 Die Königin richtete ſich raſch von ihrem Divan empor, und wollte ihrem Gemahl entgegen eilen, aber Ludwig kam ihr zuvor, und ſich ihr mit ungewöhnlicher Eilfertigkeit nähernd, drückte er ſie leiſe wieder in die Kiſſen des Divans zurück. Bleiben Sie, Madame, ſagte er freundlich. Ich komme nur, um mich nach Ihrem Befinden zu erkundigen, und wenn Sie Sich um mei⸗ netwillen derangiren, ſo muß ich fürchten, läſtig zu werden, und muß Sie daher ſogleich wieder verlaſſen. Sire, ich bleibe alſo auf meinem Divan, damit Sie bleiben, ſagte Marie Antoinette mit einem matten Lächeln. Und wie geht es Ihnen heute? fragte der König. Sie ſind noch immer leidend? Es iſt eine Erkältung, Sire, und ſie wird vorübergehen. Eine Erkältung, welche Ihnen der kalte Morgenwind zugezogen hat, rief Ludwig mit ſcharfem Ton. Es ſcheint alſo in der That, daß die Königinnen von Frankreich ſehr Recht thaten, wenn ſie es bisher vermieden, jemals die Sonne aufgehen zu ſehen, weil das allerlei üble Folgen haben kann. Die Königin warf einen raſchen, prüfenden Blick auf das Antlitz des Königs, und bemerkte ſehr wohl die finſtere Wolke auf ſeiner Stirn. Ew. Majeſtät haben mir indeß die Erlaubniß dazu gegeben, ſagte ſie ernſt. 4 Ich glaube, es war Unrecht, daß ich das that, ſagte der König gedankenvoll vor ſich hin. Ich hätte bedenken ſollen, daß das franzö⸗ ſiſche Volk leider ſeit einem halben Jahrhundert nur gewohnt iſt, am Hofe ſeiner Könige Verderbniß, Schamloſigkeit und Sittenloſigkeit ihr freches Spiel treiben zu ſehen, und daß es daher den Glauben an die Unſchuld, die Keuſchheit und Herzensreinheit verloren hat. Sie wer⸗ den das arme franzöſiſche Volk erſt wieder lehren müſſen, Madame, die Unſchuld von der Sittenverderbniß, und die ahnungsloſe Unbefan⸗ genheit, welche nichts vorlügt, weil ſie nichts zu verbergen hat, von der frechen Zügelloſigkeit, welche nichts verbirgt, weil ſie keine Scham mehr kennt, zu unterſcheiden. Aber ich glaube, wir müſſen dabei ſehr vorſichtig zu Werke gehen, um uns ſelber vor Mißdeutungen zu be⸗ wahren! F 8 11* Ew. Majeſtät wollen mir damit andeuten, daß mein unſchuldiges Begehren, die Sonne aufgehen zu ſehen, auch Mißdeutungen unter⸗ worfen iſt? fragte die Königin, ihren Gemahl mit großen fragenden Blicken anſehend. Der König ſchlug vor dieſen Blicken die Augen nieder, und errö⸗ thete leicht. Nicht doch, ſagte er befangen, ich rede nicht von dem was geſchehen iſt, ich rede nur von dem was geſchehen kann, und ich meine, daß man vielleicht etwas vorſichtiger ſein muß! Und dieſe unſchuldige Sonnenaufgangspartie hat Sie auf dieſe Gedanken gebracht, Sire? Ich ſage nicht, daß es ſo iſt, aber— Verzeihen Ew. Majeſtät, unterbrach ihn die Königin heftig, ich aber ſage, daß es ſo iſt. Es iſt edel und großmüthig von Ihnen, daß Sie mir etwas verſchweigen wollten, was mir Kummer und De⸗ müthigung bereiten muß, aber Andere ſind minder großmüthig geweſen als Sie. Ich kenne bereits dieſes ſchmachvolle Libell, zu welchem mein unglückliches Anſchauen des Sonnenaufgangs Veranlaſſung gegeben. Ich habe dieſe fürchterliche Chanſon: le lever de J'aurore geleſen.*) Sie haben das geleſen? fragte der König heftig. Wer durfte es wagen, Ihnen dieſes Libell mitzutheilen? Oh Sire, rief die Königin mit einem rauhen Lachen, wenn es ſich darum handelt, uns eine Wunde beizubringen, ſo finden ſich immer gute Freunde, welche bereit ſind, dieſe Operation an uns zu machen! Man hat die Güte gehabt, mir dieſes Gedicht anonym zuzuſenden. Ich fand es heute Morgen unter den Briefſchaften und Bittſchriften, die man für mich in den Kaſten gelegt. Sie ſſollten in'skünftige dieſe Briefe und Bittſchriften nicht mehr ſelbſt leſen, ſondern Campan damit beauftragen, und ſich Bericht ab⸗ ſtatten laſſen, ſagte der König raſch.* *) Dieſes Libell, welches die Partie der Königin zum Aufgang der Sonne ſchilderte, war eins der ſchamloſeſten und beſchimpfendſten, welches jemals über⸗ haupt gegen die Königin gerichtet worden, und that ihr in der öffentlichen Meinung unendlichen Schaden, denn es richtete gegen die Königin zum erſtenmal den Vorwurf der Sittenloſigkeit, und eines leichtfertigen Lebenswandels. unſchuldiges ungen unter⸗ en fragenden Sie glauben alſo, daß ſich noch öfter dergleichen Beſchimpfungen unter den Briefen finden werden? fragte die Königin. Und Sie mei⸗ nen, ich ſollte feig ſein, ihnen auszuweichen? Nein, Sire, ich will nicht, daß mir etwas verheimlicht werde. Ich habe den Muth, jeder Ver⸗ r, und erro⸗ leumdung in's Auge zu ſchauen, und ihr meine Stirn zu bieten, denn von dem was meine Stirn iſt rein. nd ich meine, Ja, das iſt ſie, ſagte der König bewegt, ſie iſt rein von jeder 5 Schuld, und keine andern Schatten werden jemals darüber hinziehen, ie auf dieſe als dieſe Staubwolken, welche die Verleumdung darauf wirft! Suchen wir dieſem Staub alſo auszuweichen, halten wir uns in unnahbarer Ferne von der Menge, daß ſie keine Gelegenheit findet, uns er⸗ in heflig, Dich reichen, und uns mit Staub zu umdüſtern. von Ihnen, Ah, Sire, rief die Königin, aber wie können wir uns vor denen mer und De ſchützen, welche uns ſo nahe ſtehen, daß wir uns vor ihnen nicht ab⸗ üthig geweſen ſchließen können oder dürfen? welchem mein Der König zuckte leicht zuſammen, und ſein ängſtlicher Blick begeg⸗ ſung gegeben nete den Augen der Königin, die feſt auf ihm ruhten. geleſen.) Sie fragen mich nicht um den Sinn meiner Worto, ſagte ſie mit ger durfte es einem ſchmerzlichen Lächeln, das beweiſt, daß Sie mich verſtanden haben! 3 Und mit einer haſtigen Bewegung das Taſchentuch von den Pa⸗ en, wenn 65 pieren zurückziehend, nahm ſie ein Papier und reichte es dem König dar. en ſich inner Sire, dies iſt das Couvert, in welchem man mir das Libell le u machen! lever le Taurore zuſandte. Die Adreſſe iſt mit verſtellter Handſchrift — zzzuſenden. geſchrieben, aber ich frage Sie auf Ihre Ehre, Sire, erkennen Sie dennoch itſchriften, nicht dieſe Handſchrift? Ich weiß nicht, ſagte der König verwirrt, ich kann mich täuſchen, „ richt mohr aber— a Bets ab⸗. Nein, Sie täuſchen Sich nicht, unterbrach ihn die Königin heftig, * es iſt die Handſchrift des Grafen von Provence, Ihres Bruders, Sire. Er iſt es, welcher ſich die boshafte Freude bereitete, mir dieſes ſchmutzige Dande und heſchimpfende Libell zuzuſenden, und ich bin überzeugt, daß Er es ung der er auch War, der es Ihnen mittheilte. es lemals ſihen haben Recht, mein Bruder hat das gethan, aber er that es der 1 ſiccherlich nur in guter Abſicht, ſagte der König raſch, nur um uns zu warnen, Hamit wir vielleicht ein wenig vorſichtiger werden, und bei un⸗ ſern Handlungen ein wenig mehr auf die boshaſten Seelen, welche ſtets das Böſe argwöhnen, und eine Luſt an der Verleumdung haben, Rück⸗ ſicht nehmen ſollten, als auf die guten und harmloſen Seelen zu zäh⸗ len, welche noch an die Unſchuld glauben, und die Unvorſichtigkeit entſchuldigen. Die Königin lachte ſpöttiſch und nahm von dem Tiſch ein zweites Papier, das ſie dem König darreichte. Glauben Ew. Majeſtät, daß dies auch bei dieſen Zeichnungen ſeine Abſicht geweſen? Der König heftete ſeine Blicke auf das Papier, welches in leichten flüchtigen Zügen einige Zeichnungen enthielt. Woher kommt dies Papier, und was bedeutet es? fragte er haſtig. Sire, es ſind, wie Sie ſehen, einige Carricaturen der lächerlichſten und zugleich der unanſtändigſten Art. Jede Skizze hat eine Unterſchrift voll ſanglanten Witzes und boshafter Verleumdung. Bei dieſen Unterſchrif⸗ dten hat man es nicht für nöthig gefunden, die Handſchrift zu entſtellen, denn man ahnte nicht, daß dies Papier in meine Hände kommen würde. Nicht wahr, diesmal werden Sie nicht ſagen können, daß man ſich täuſchen kann? Diesmal müſſen Sie zugeſtehen, daß dies die Hand⸗ ſchrift des Grafen von Provence, meines Herrn Schwagers iſt? Es iſt leider wahr, ich kann das nicht beſtreiten, ſeufzte der König. Aber woher haben Sie nur dies unſelige Papier bekommen? Die Königin lächelte ſchmerzvoll. Sagte ich Ihnen nicht ſchon vorher, Sire, daß wir immer gute Freunde haben, welche bereit ſind, uns eine Wunde beizubringen. Man hat mir auch dies Papier anonym zugeſandt, und mir dabei geſchrieben, daß der Graf von Provence dieſe Carricaturen geſtern im Abendeirkel ſeiner Tante, Madame Adelaide, entworfen hat, und daß die Unterſchriften von ihm in Gemeinſchaft mit den Prinzeſſinnen⸗Tanten entworfen worden ſind. Der König trocknete ſich mit ſeinem Taſchentuch haſtig den Schweiß von der Stirn, der in großen Tropfen darauf lag, und ſtand heftig auf, das Papier noch immer in der Hand haltend. Wo wollen Ew. Majeſtät hingehen? fragte die Königin erſchrocken, dem König nacheilend, welcher ſich ſchon der Thür näherte.. Ich will zu meinem Bruder gehen, ſagte der König heftig. Ich will ihm dies Papier zeigen, und ihn fragen, mit welchem Recht er ſtets Rück⸗ zäh⸗ igkeit weites daß eichten ſtig lihſten rſchrif rſchrif⸗ ſtellen, würde. an ſich Hand⸗ König⸗ t ſchon dit ſind/ anonhl lce hieſe ſelaide, Haft mit 2chwäß d heftig choden, ig A Recht er 167 die Gemahlin ſeines Bruders, ſeine Königin ſo beſchimpfen darf. Ich will ihm ſagen, daß er gehandelt hat als ein Verräther und ein Rebell— Und wenn Sie ihm das geſagt haben, Sire, werden Sie ihn alsdann auch ſtrafen wie einen Verräther und Rebellen? fragte die Kö⸗ nigin mit lauter Stimme. Der König ſchwieg, und ſenkte vor den flammenden Blicken der Königin die Augen langſam zu Boden. Marie Antoinette lächelte traurig. Sie werden ihn nicht beſtrafen, Sire, ſagte ſie, denn der Rebell, der ſeine Königin beſchimpft hat, iſt inzwiſchen doch der Bruder des Königs, und das macht ihn ſtraflos. Nein, es macht ihn nicht ſtraflos, rief Ludwig heftig. Ich werde ihm ſein ganzes Unrecht vorhalten, ich werde ihm bei meinem königlichen Zorn befehlen, Sie hochzuachten, zu verehren und zu lieben. Ah, Sire, die Liebe läßt ſich nicht befehlen, ſagte Marie Antoinette traurig. Und wäre ich rein und ſchön und unſchuldig wie die Engel des Himmels, der Graf von Provence würde mich dennoch haſſen, denn ich bin eine öſterreichiſche Prinzeſſin, er verzeiht mir das niemals. Und wenn er es ſelbſt wollte, ſo wird Madame Adelaide es niemals erlauben, Madame Adelaide, welche mir ſelbſt die kleine Stelle miß⸗ gönnt, die ich vielleicht im Lauf dieſer Jahre mir im Herzen Eurer Majeſtät erobert habe. Ah, Antoinette, Sie wiſſen es wohl, daß Ihnen mein ganzes Herz gehört, rief der König mit ungewohnter Innigkeit. Glauben Sie nur, daß alle dieſe Verleumdungen und Anfeindungen niemals Gewalt über mich gewinnen ſollen, und daß es niemals irgend Einem gelingen ſoll, Ihr reines und ſchönes Bild in meinen Augen und in meinem Herzen zu umdüſtern. Fürchten Sie daher nichts, ich werde Sie ſchützen, und Ihnen Selber wird es gelingen, durch Ihre Anmuth, Unſchuld und Tu⸗ gend Ihre Feinde zu bezwingen! Nein, es wird mir niemals gelingen, rief die Königin heftig. Sie haſſen mich zu glühend, und ſelbſt meine Tugend wird in ihren Augen ein Verbrechen ſein, denn ſie wird ihnen die Mittel erſchweren, mir zu ſchaden. Aber dennoch fürchte ich meine Feinde nicht, Sire, den⸗ noch will ich den Kampf mit ihnen wagen, und ich kann es, denn mein gutes Bewußtſein und mein gutes Recht ſtehen mir zur Seite. Und neben dieſen Beiden werden Sie auch immer Mich finden, rief der König, ihre Hand an ſeine Lippen drückend. Sire, ich hoffe darauf, ſagte Marie Antoinette ſanft. Lieben Sie mich immerhin ein wenig, meine Feinde werden ſchon dafür ſorgen, mir Wermuth in dieſen Freudenbecher zu tröpfeln! Und jetzt, Sire, geben Sie mir dieſe Carricaturen zurück. Ich gab ſie Ihnen nur, um Ihnen zu beweiſen, daß ich meine Feinde kenne, daß ich den Muth habe, Alles zu ſehen, und daß es daher nicht nöthig iſt, mir irgend etwas zu verhehlen. Geben Sie mir jetzt dies Papier zurück. Ludwig legte es ſchweigend in ihre ausgeſtreckte Hand. Marie Antoinette nahm es, und es zerreißend, und die Stücken in kleine und immer kleinere Stücke zerzupfend, warf ſie dieſelben endlich mit einer hoheitsvollen Bewegung zur Erde nieder. Die Beleidigung des Grafen von Provence iſt vergeſſen, ſagte ſie. Ich werfe ſie zu den andern hin, und ſie iſt Staub wie dieſe! Der König neigte ſich nieder, und hob einige dieſer Fetzen empor. Wollen Sie mir das ſchenken zur Erinnerung an dieſe Stunde? fragte er, ſeine Gemahlin mit einem ſtrahlenden Lächeln anſchauend. Ich ſchenke es Ihnen, Sire! Aber Sie wiſſen doch, ein Fürſt darf niemals ein Geſchenk an⸗ nehmen ohne ein Gegengeſchenk dafür zu bieten. Wollen Sie Sich herablaſſen, und von mir ein Gegengeſchenk annehmen? Ich nehme es an, Sire! Nun denn, ſagte der König, indem er ein zuſammengefaltetes Pa⸗ pier, an dem einige Siegel hingen, aus ſeinem Buſen hervorzog. Dies iſt mein Gegengeſchenk, ich gebe Ihnen Papier für Papier! MBe Königin nahm das Papier und entfaltete es haſtig, und während ſie alsdann las, flog ein glühendes Roth über ihr Antlitz hin. Wie, mein König? fragte ſie freudig überraſcht. Sie wollen mir ein ſo königliches Geſchenk machen? Ich ſchenke Ihnen das Schloß Trianon, ſagte der König lächelnd. Das iſt die Schenkungsacte, welche Ihnen das Schloß mit allen Ge⸗ rechtſamen überweiſt.— Es iſt freilich nur ein kleines Beſitzthum, aber es iſt immer doch eins. Dort werden Sie wenigſtens die Frei⸗ heit genießen, ſich der Natur freuen zu können, und Niemand wird es finden, n Sie orgen, Sire, ar, um Muth irgend Mrie kleine ieſe! empor. fragte ¼ Und neben dieſen Beiden werde rief der König, ihre Hand an ſeine„ 1 Sire, ich hoffe darauf, ſagte 3 mich immerhin ein wenig, meine. mir Wermuth in dieſen Freudenbe 7* geben Sie mir dieſe Carricaturen 73 3 Ihnen zu beweiſen, daß ich meine 1 4 61,₰ habe, Alles zu ſehen, und daß est 8 t e. Nen 2* etwas zu verhehlen. Geben Sie mf AA Ludwig legte es ſchweigend inſ 1 Antoinette nahm es, und es zerſ und immer kleinere Stücke zerzun einer hoheitsvollen Bewegung zuß 4 5 82*— Die Beleidigung des Graf⸗ 5— ſie. 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