1 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— 2 auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen 6. Schadenersatz. 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Der Nothſchrei des zur Verzweiflung getriebenen Böhmenvolkes war endlich hingedrungen bis nach Wien, und hatte das Ohr und das Herz des Kaiſers getroffen! Joſeph war nach Böhmen geeilt, um ſeinem armen, von Hunger und Krankheit verwüſteten Volk Hülfe und Linde⸗ rung zu bringen. Dieſe Nachricht war der erſte Troſt, welcher den verzweifelnden, bis auf's Aeußerſte getriebenen Böhmen inmitten ihrer Trübſal und ihres Jammers wieder eine Hoffnung gab! Der Kaiſer ſelbſt wollte nach Böhmen kommen, und wenn er ihre Noth geſehen, dann mußte ſein großmüthiges Herz auf Abhülfe ſinnen!. Groß und fürchterlich allerdings war die Noth. Die Mißerndten zweier Jahre hatten ganz Deutſchland in Sorge und Trübſal gebracht, aber ſie hatten vor allen Dingen maßloſes Elend über Böhmen und Mähren gehäuft, weil dort zu dem Mißwachſe des Korns ſich noch das Elend fürchterlicher Ueberſchwemmungen geſellte, die alle Aecker und Gärten, und außer dem Korn auch alle Gemüſe und Früchte zer⸗ ſtört hatten. Die Aecker glichen daher nur großen wüſten Todtenäckern, und aus den Hütten der Bauern erſchallte nur Jammern und Klagegeſchrei, in den Ställen fehlte das Vieh, wie in den Scheuern das Korn, un⸗ benutzt ſtand der Pflug in den offenen Wagenſchauern, denn Niemand beſtellte den Acker mehr, es fehlte an Saatkorn, es fehlte an Vieh, um den Pflug zu ziehen, an Knechten und Mägden, um das Land zu be⸗ ſtellen, denn man hatte kein Futter, um das Vieh zu nähren, kein Geld, um hülfreiche Hände zu bezahlen. Jeder war einſam in ſeinem Elend, Kaiſer Joſeph. 2. Abth. II. 1 4 2 verlaſſen in ſeinem Jammer, und in dem Egoismus ſeiner Leiden hielt Jedermann ſich ſelbſt für den Unglücklichſten, und klagte die Andern an, daß ſie ihm den Beiſtand entzögen, den er ſelber wiederum Andern auch nicht gewährte. Und das Elend, welches auf dem Lande, in den Hütten der Bauern und auf den überſchwemmten und verwüſteten Aeckern geboren war, es wuchs und ward größer mit jedem Tage, wanderte endlich von den Dörfern aus in die Städte, und lehrte die armen Städter, die armen Arbeiter und Tagelöhner, die armen Handwerker und kleinen Kaufleute, lehrte alle Diejenigen, welche in den Städten in engen Gaſſen und dumpfen niedrigen Zimmern wohnten, das Lied des Jammers und der Wehklage, welches zuerſt auf den Dörfern erklungen war, das Lied nach Brot und Nahrung! Brot! Brot! Das war der Sehnſuchtsruf, den man jetzt auf den Gaſſen von hundert und aber hundert bleichen Jammergeſtalten ver nahm, von Greiſen und Kindern, von Männern und Frauen, die den Vorübergehenden ihre abgemagerten, zitternden Hände entgegenſtreckten! Brot! Brot! Das war der Verzweiflungsſchrei, der da draußen auf den Dörfern über die Stoppeln der Aecker, und durch die dunklen Räume der öden Scheuern dahin fuhr, den die bleichen Lippen der Bauern wiederholten, die matt und troſtlos ſich hinaus geſchleppt hatten bis zur Seite der Landſtraße, um dort zu warten auf das Vorüber kommen irgend eines Reiſenden, der, glücklicher als ſie, dieſe Gegend des Jammers verlaſſen wollte, und vielleicht ihnen zum Dank für ſeine Rettung aus ſolcher Noth eine milde Gabe ſpenden mochte. Da lagern ſie am Wege, dieſe von Hunger und Verzweiflung ent⸗ nervten Leute, da ſchauen ſie mit gierigen Blicken die Landſtraße hin⸗ unter, ſpähend nach irgend einem Wagen, einem Reiter, der des Weges daher kommen möchte. Es iſt die Straße, welche nach Prag führt, und ſonſt verging keine Stunde, ohne daß mehr als eine elegante Equi⸗ page, mehr als ein ſtolzer Cavalier des Weges daher kam, um nach Prag zu gehen, der ſchönen und glänzenden Hauptſtadt des Böhmerlandes. Aber jetzt waren die Landſtraßen leer, denn in Prag auch hatte der Hunger ſeinen Einzug gehalten, und Niemand mochte mehr hin⸗ reiſen nach dieſer Stadt, wo Tauſende jetzt das Lied des Elends wie⸗ 3 derholten, welches aus den Dörfern erklungen war, wo Tauſende ſchrieen und jammerten nach Brot! Und doch war dieſe Landſtraße nach Prag jetzt die einzige Hoff⸗ nung dieſer armen Leute, welche da an beiden Seiten des Weges in dem Graben lagen und nur noch auf irgend einen Zufall hofften, der ihnen augenblickliche Linderung bringen möchte. Es warer ihrer gegen hundert Menſchen, ein ganzes Dorf war es, das ſich da gelagert hatte. Gruppenweiſe, wie ſie vordem in ihren Hütten gewohnt, lagen ſie bei⸗ einander, der hohe Himmel da droben war jetzt ihres Zimmers Decke, der kahle Erdboden war jetzt ihre Lagerſtätte, die ganze weite Welt war jetzt ihr Haus. Sie waren herniedergeſtiegen aus dem Erzgebirge, um bei den Bewohnern der Thäler ſich Hülfe zu ſuchen, aber ſie hatten da denſelben Jammer wiedergefunden, der ſie fortgetrieben aus ihrem Gebirgsdorf, und mit Hohn und Zorn waren ſie fortgewieſen aus den Dörfern, wo Jeder genug zu thun hatte mit ſeinem eigenen Jammer, und in ſeinem verdorrten Herzen kein Mitleid mehr auftreiben konnte mit Anderer Leid. Sie hatten den ganzen Tag da gelegen, und kein einziger Wagen war gekommen, keine einzige hülfreiche Hand hatte ſich ihnen entgegen geſtreckt. Die heiße Sonne des Mittags hatte auf ihren Scheitel ge⸗ brannt, aber ſie hatten es nicht gemerkt, denn glühender noch brannte der Hunger in ihren Eingeweiden; jetzt begann die Sonne ſich zu nei⸗ gen, und der Abendwind fächelte mit kühlendem Hauch ihre Häupter, aber ſie fühlten keine Linderung, denn die Schmerzen in ihrem Innern waren immer glühender geworden. Die Welt iſt erſtorben und leer geworden, klagte eine alte Frau, die Großmutter eines ganzen Geſchlechts, das wimmernd und heulend um ſie her lagerte. Da war ihr Sohn und ſeine Gattin, einſt ein ſo ſtattliches Paar, jetzt ausgemergelt zu blaſſen Jammergeſtalten, da waren ihre ſechs kleinen Enkelkinder, einſt ſo liebliche rothwangige Ge⸗ ſchöpfchen, wie die flatternden Engel auf dem Altarbild in der Dorf⸗ kirche, jetzt bleiche Schattengeſtalten, mit hohlen Augen und ſchlottern⸗ den Gliedern. Der Hunger hatte ihnen die Jugend, die Schönheit und die Energie genommen, der Hunger hatte nicht blos ihre Körper⸗ kraft gebrochen, ſondern auch ihre Seele gebeugt. 1* — 4 Die Welt iſt erſtorben und leer geworden, wiederholte die alte Frau mit ſo lautem, ſchreienden Schmerzenstoue, daß er weithin er⸗ klang, und das Ohr ſelbſt des Letzten dieſer vom Elend darnieder Ge⸗ mäheten erreichte, und wie ein tragiſcher Chor tönte es auf einmal von Aller Lippen: Die Welt iſt erſtorben und leer geworden! Aber auch der Himmel iſt leer geworden, ſchrie ein alter Mann her⸗ über von der andern Seite der Straße, wo er im Graben mit ſeiner ver⸗ ſchmachtenden Familie lagerte. Ja, auch der Himmel iſt leer geworden, ſage ich, denn gäbe es einen Gott da droben, ſo müßte er unſers Jammers ſich erbarmen. Aber es giebt keinen Gott mehr im Himmel! Es giebt keiclen Gott mhr im Himmel! ſchrie, heulte und wim⸗ merte der Chor der verzweife lnden, hungernden Menge. 3 Still, ſtill, Ihr. Freunde, verſündigt Euch nicht! rief die alte Großmutter, und indem ſie mit ihrer letzten Kraft ſich aus ihrer ru⸗ henden Stellung aufrichtete, breitete ſie ihre Arme wie beſchwichtigend aus über das Meer dieſes Jammers, welches ſie umfluthete, als wolle ſie ihm gebieten ſtille zu ſtehen und rückwärts zu fluthen. Still, Vater Martin, ſtill, ſagte ſie laut und mächtig. Es giebt einen Gott, aber er ſchaut eben nicht auf uns, und ſeine Hand hat ſich von uns gewendet. Laßt uns beten, beten, daß er ſein Antlitz wieder auf uns richte, und ſehe, was wir leiden! Laßt uns beten, daß er uns Hülfe ſende in unſerer Noth! Hört auf meine Stimme, Ihr Alle, laßt uns beten, dann wird Gott uns Hülfe ſenden! Sie warf ſich wieder auf ihre Kniee, und hingeriſſen von ihrer Begeiſterung und Zuverſicht, folgten Alle ihrem Beiſpiele. Die Greiſe und Kinder, die Männer und Frauen erhoben ſich aus ihrer ruhenden Stellung, um ihr Knie zu beugen, um ihre Hände und ihre thränen⸗ loſen Blicke aufzuheben zum Himmel und zu Gott zu beten um Hülfe und Beiſtand. Aber das Gebet war längſt verſtummt, die Knieenden waren längſt wieder hingeſunken, und noch immer zeigte ſich keine Hülfe und keine Rettung. Du ſiehſt es, Mutter Eliſabeth, zürnte der alte Vater Martin, Dein Gebet hat nichts geholfen, der Himmel iſt leer! Wir müſſen 1 ſüerben. 1 aber Geij lung dum aus ſah die um gen⸗ eine ſcho nähe dahn da jett pen des hob auf gell ſchn ſch Au wa⸗ als un ſei ſch 5 Ja, wir müſſen ſterben! heulte und wimmerte der ganze Chor, aber dieſe augenblickliche Aufregung, dieſes letzte Aufflammen ihres Geiſtes hatte auch ihre letzte Körperkraft erſchöpft; ſelbſt zur Verzweif⸗ lung, zum Händeringen und Jammern fehlte ihnen die Kraft, in dumpfem Hinbrüten ſanken ſie zuſammen. Eine lange, fürchterliche Stille trat jetzt ein, hier und dort nur aus einer der Gruppen hörte man ſchmerzliches Stöhnen und Aechzen, ſah man ein paar gerungene Hände ſich hoch emporheben, einen Arm, die geballte Fauſt, gleichſam dem Himmel drohend, ſich aufſchleudern, um dann wieder matt und kraftlos an dem bleichen Körper niederzuſinken. Auf einmal unterbrach dieſe Stille das ferne Rollen eines Wa⸗ gens. Es kam näher und näher, ſchon ſah man auf der Landſtraße eine lichte von der Sonne durchleuchtete Staubwolke ſich aufwirbeln, ſchon ſah man die Köpfe der Pferde aus dieſer Wolke hervortreten. Aber dieſe armen, vom Hunger niedergemäheten Jammergeſtalten näherten ſich nicht, ſie blickten nur mit ſtieren Augen auf die Landſtraße dahin, und hier und da murmelte eine zitternde Lippe wie im Traum: Da kommt ein Wagen! Aber es iſt zu ſpät! Wir müſſen ſterben! Immer näher und näher hatte ſich die Staubwolke herangewälzt, jetzt umhüllte ſie wie ein flatternder Schleier alle dieſe troſtloſen Grup⸗ pen der armen Leute, welche da hülflos und ſtumm zu beiden Seiten des Wegs in den Gräben lagen. Als dieſer Schleier aber dann ſich hob, ſah man zwei Wagen, gefolgt von einigen Reitern, welche eben auf der Straße anhielten. In dem erſten dieſer Wagen ſaßen drei Herren, alle ganz gleich gekleidet in dunkle, unſcheinbare Civilkleider, und doch war es nicht ſchwer in dem jüngſten von ihnen, in dieſem jungen Manne mit dem ſchönen, leicht beweglichen Angeſicht, mit den großen flanmenden blauen Augen, den Herrn und Gebieter der beiden Andern zu erkennen. Er war es, der mit lauter Stimme dem Poſtillon befahl anzuhalten, und als die beiden Begleiter jetzt ſich beeilen wollten, ihm zuvorzukommen, und den Wagen zu verlaſſen, um ihm beim Ausſteigen behülflich zu ſein, wehrte er ſie mit einer haſtigen Handbewegung zur Seite und ſchwang ſich leicht aus dem Wagen. Ohne ſich nur umzuſchauen nach ſeinen Begleitern, die ſich heeiferten 6 ihm zu folgen, ſchritt der junge Mann vorwärts, gerade zu der erſten Gruppe hin, die da im Graben lagerte. Mit einem Blick voll unaus⸗ ſprechlichen Mitleids neigte er ſich nieder zu der alten Frau, welche ihre fieberglühenden Augen mit halbgebrochenen Blicken auf ihn heftete, und leiſe murmelte: wir müſſen ſterben! Was fehlt Euch? fragte er mit leiſer, vor Rührung zitternder Stimme. Sagt mir, was Euch fehlt, und womit ich Euch helfen kann? Mich hungert! ſchrie die alte Frau mit einem letzten krampfhaften Aufflackern ihrer Lebenskräfte. Es brennt, es brennt in meinen Ein⸗ geweiden! Es iſt der Hunger! Der Hunger! Der Hunger! tönte es wie ein klagendes Echo von den Lippen ihrer Kinder und Enkel um ſie her, die halb ſinnlos vor Qual in apathiſcher Ruhe die fremden Geſichter anſtarrten, die ſich über ſie neigten. Oh, mein Gott, dieſe Frau wird ſterben, ehe wir ihr Hülfe bringen können, rief der junge Mann ſchmerzlich. Eilen Sie, Lacy, ſchaffen Sie mir Wein, ihre Lippen zu kühlen. Sire, wir haben keinen Wein mehr, ſagte der Angeredete achſel⸗ zuckend, Ew. Majeſtät haben ja in dem Dorfe, das wir eben paſſirten, die letzte Flaſche Ihres eigenen Reiſebedarfs fortgegeben. Aber ich ſage Ihnen, dieſe Frau ſtirbt, rief der Kaiſer ver⸗ zweiflungsvoll, indem er ſich halb auf ein Knie niederließ neben der ächzenden, röchelnden Greiſin. Wir müſſen ſterben, Alle ſterben! murmelte ſie mit lallender Zunge. Sire, flüſterte Lacy, Sie ſetzen Sich zu ſehr in Gefahr. Ew. Majeſtät thäten beſſer, eiligſt von hier fortzukommen, ſagte ſein zweiter Begleiter, der Graf Roſenberg. Ich fürchte, dieſe armen Leute haben den Hungertyphus und das iſt eine gar ſchlimme und an⸗ ſteckende Krankheit! 4 Anſteckend nur für Diejenigen, welche entbehren, wie ſie, rief der Kaiſer ſchmerzvoll. Oh ſeht nur, ſeht, meine Freunde, drei Generatio⸗ nen, welche Alle dahin geſunken ſind an demſelben Jammer! Oh, es iſt ein qualvoller Anblick, dieſe bleichen, entſtellten Geſichter zu ſehen, dieſe entnervten Körper, welche die Seele getödtet haben! Mein Gott, von dem Menſchen in ihnen iſt nichts mehr übrig geblieben, als das Wi voll ein wied nicht daß ſchle laſſe um wele dem dal Kaiſ ſien ten her Wo 29 einer keine ſc kunf ſich men ſoll den Dic Du alte rüch ſen, 4 Thier, der Hunger hat ihren Geiſt ſchon getödtet. Oh, es iſt grauen⸗ voll, das zu denken, und ſich ſagen zu müſſen, daß eine Handvoll Brot, ein Glas Wein in dieſen Thieren den Geiſt wieder beleben, und ſie wieder zu Menſchen, zu Meinesgleichen machen würde. Und ich habe nichts, nichts, dieſe Unglücklichen zu erfriſchen! Was hilft es ihnen, daß wir da einen ganzen Sack voll Korn und Mehl hinter uns her⸗ ſchleppen. Das Alles iſt dieſen hier unnütz und verächtlich! Aber es wird Andern nützen, Sire, tröſtete Graf Roſenberg, ver⸗ laſſen Ew. Majeſtät alſo Dieſe hier, welchen nicht mehr zu helfen iſt, um zu Denen zu eilen, welchen Ew. Majeſtät noch Hülfe bringen können! Ach, es iſt ein trauriger, herzzerreißender Anblick, ſeufzte Lacy, welcher die Reihe der Gelagerten hinabgegangen, und jetzt wieder zu dem Kaiſer zurückgekehrt war. Es ſind gegen hundert Menſchen, welche da liegen, ſterbend vor Hunger! Und ich ſollte dieſe Unglücklichen verlaſſen, Roſenberg? fragte der Kaiſer vorwurfsvoll. Nein, ihnen muß geholfen werden, und ich werde ſie nicht eher verlaſſen, als bis ſie gerettet ſind. Er winkte einen der Reiter zu ſich heran. Du reiteſt im geſtreck⸗ ten Galopp nach Prag, befahl der Kaiſer, indem er ſeine Schreibtafel hervorzog, und ein Blatt Papier aus derſelben reißend, raſch einige Worte auf das Papier warf. In Prag angekommen, giebſt Du im Schloß an den Oberhofmeiſter ſofort dieſen Zettel. Er wird ſogleich einen Wagen mit Eßwaaren aufladen und hieher ſchaffen laſſen. Um keine weitere Zögerung zu veranlaſſen, ſoll er Alles das aufpacken, was ſich eben in der kaiſerlichen Küche vorfindet, Alles was zu meiner An⸗ kunft herbeigeſchafft, alle Speiſen, die ſchon bereitet worden. Es wird ſich Mancherlei vorfinden, denn ich wollte ja morgen die Stände Böh⸗ mens einladen, und ihnen ein Diner geben. Nun, Alles, was da iſt, ſoll aufgeladen, und hieher gebracht werden. Die Herren Stände wer⸗ den ſich begnügen, morgen mit mir zu ſprechen, ſtatt zu eſſen. Eile Dich, und hörſt Du, der Herr Oberhofneeiſter ſoll Alles hieher ſenden. Du ſelbſt aber läßt Dir ſogleich ein Reiſenéceſſaire mit Flaſchen voll altem Ungarweine füllen, und kommſt damit auf der Stelle hieher zu⸗ rück. Jage Dein Pferd todt, aber ſei in drei Stunden wieder hier! Der Reiter nahm das Stückchen Papier, und es hoch empor⸗ 8 ſchwenkend in die Luft, ſetzte er ſeinem Renner die Sporen in die Seite und flog, wie vom Winde getragen, von dannen. Und jetzt, meine Freunde, ſagte der Kaiſer, ſich an Lacy und Ro⸗ ſenberg wendend, jetzt kommt und helft mir dieſen Unglücklichen wenig ſtens eine kleine Linderung zu verſchaffen! Wir haben keinen Wein für ſie, aber wir haben Fleiſch und Brot! Es iſt wenig, aber es wird hinreichen, dieſe Leute vom Hungertode zu retten, bis der Wagen aus Prag kommt! Und der Kaiſer eilte zu dem Wagen zurück. Schnell, Günther, ſchnell das Néceſſaire her. Aber Ew. Majeſtät werden doch nicht daran denken, an dieſe ar⸗ men Leute zu vertheilen, was für Ew. Majeſtät beſtimmt war? fragte Roſenberg, welcher dem Kaiſer gefolgt war. Mein Gott, Sire, Sie wiſſen es alſo gar nicht, daß Sie den ganzen Tag noch nichts zu Sich genommen haben, daß Sie weder am Morgen noch am Mittag gegeſſen haben, obwohl Ew. Majeſtät den Feldmarſchall Lacy und mich durch Ihren ſtrengſten Befehl genöthigt haben, zu eſſen. Ich darf es und werde es nicht zugeben, daß Ew. Majeſtät Ihre eigene Nahrung, die letzte, die wir heute für Sie noch vielleicht beſchaffen können, fortgepen wollen. Ew. Majeſtät müſſen an Sich Selber denken, Sie ſind das der Kaiſerin, Sie ſind das Ihren Vökkern ſchuldig. Sie bedürfen der Stärkung, Sie müſſen eſſen! Und Sie glauben, Graf, daß ich eſſen könnte, während dieſe da vielleicht ſterben? fragte der Kaiſer heftig. Gieb her, Günther, kommt Alle her und helft! Laßt uns dieſes Geflügel hier zerlegen, und in kleine Stückchen ſchneiden, ah, und was ſehe ich, da iſt, eine Büchſe mit Gelée. Ah, das iſt ein herrlicher Fund. Während Ihr das Fleiſch ſchneidet, werde ich, ſtatt des Weins, ihnen einflößen von dieſer Gelée. Gieb mir einen Löffel, Günther, nimm Dir auch einen, und folge mir. Ihr Beide da, abgeſeſſen, und helft den Herrn hier, das Geflügel zu zerſchneiden, aber in ganz kleine Biſſen, damit wir ein Stückchen haben für jeden Mund! Mein Gott, Lacy, ſo helfen Sie mir doch, rief Graf Roſenberg, den Kaiſer am Arm zurückhaltend. Der Kaiſer will ſeinen letzten Im⸗— biß vertheilen. — — — 8 dieſe brennenden, zitternden, halbgeöffneten L 9 Er hat Recht, unſer großer und guter Kaiſer, ſagte Lacy ernſt. Solcher Menſchennoth und ſolchem Jammer gegenüber giebt es keinen Kaiſer mehr, ſondern nur noch einen Menſchen, und wenn Dem nicht das Herz in tiefſtem Mitleid bewegt würde, ſo wäre der Menſch nicht werth ein Kaiſer zu ſein! Der Kaiſer hörte ſeine Worte nicht, er war längſt ſchon wieder in den Graben hinabgeſtiegen, die kryſtallene Büchſe mit der Gelée in der Hand, und gefolgt von ſeinem Kammerdiener Günther. Mit ge⸗ ſchäftiger, eilfertiger Miene neigte er ſich nieder zu der alten Frau Martha, und einen Theelöffel mit Gelsée füllend, hielt er denſelben an ihre halbgeöffneten Lippen und ließ den ſchmelzenden Saft in ihren Mund träufeln. Der Kammerdiener war dem Beiſpiel des Kaiſers ge⸗ folgt, und hatte in gleicher Weiſe die Lippen des Mannes der neben ihr ruhte, getränkt. Einen Augenblick ſtand der Kaiſer mit ſeiner Kryſtallbüchſe in der Hand, und beobachtete mit geſpannten Mienen die Wirkung ſeiner Arze⸗ nei. Er ſah, wie die Alte ſich regte, wie ein unendliches Entzücken auf einmal ihr Antlitz durchſtrahlte, wie ein roſiger Schimmer ihre Wange überhauchte. Sieh nur, ſagte der Kaiſer mit einem glücklichen Lächeln, man ſieht das Wohlbehagen, das ſie empfindet. Oh, wir werden dieſe Leute hinhalten, bis Hülfe aus Prag kommt! Komm, Günther, laß uns un⸗ ſere Arbeit fortſetzen! Aber mein Gott, es ſind ihrer hundert, hat der Lacy geſagt. Werden denn hundert Theelöffel Gelée in dieſer Büchſe enthalten ſein? Und mit einem Ausdruck angſtvollen Schreckens blickte der Kaiſer die Glasflaſche an. Es iſt eine Büchſe, welche ein Maaß enthält, ſagte der Kammer⸗ diener, das werden wohl hundert Theelöffel ſein. Laß uns alſo hübſch ſparſam ſein, Günther, Jeder einen Theelöf⸗ fel, aber nicht hochaufgehäuft, rief der Kaiſer. Und nun kein Wort mehr! Friſch an die Arbeit! 8 Er bückte ſich wieder nieder, und mit eiliger Hand immer wieder ſeinen Theelöffel in den Glasbehälter ſenkend, träufelte er zwiſchen alle Lippen die ſtärkende Gelée 10 von erkalteter Kraftbrühe ein. Ein wunderbares Leuchten, war in dem Antlitz des Kaiſers, während er ſo, ein echter Prieſter der chriſtlichen Liebe und Barmherzigkeit, durch die Reihen der Unglücklichen dahin⸗ ſchritt, um den Verſchmachtenden Labſal zu bringen. Er ſprach kein Wort, aber die Gedanken des Erbarmens und der Liebe ſtrahlten von ſeiner Stirn, von der Stirn des Urenkels Rudolph's von Habsburg, der einſt, um einem armen Prieſter beizuſtehen, daß er raſcher zu einem Sterbenden das Viaticum bringe, von ſeinem Pferde abſtieg und es dem Diener der Liebe gab. Joſeph aber war ſelber der Prieſter der Liebe, er ſelber trug das Viaticum des Erbarmens zu den Sterbenden und übte die heiligen Pflichten ſeiner Religion in echt chriſtlichem Sinne. Und während er voll liebender Geſchäftigkeit von einer Gruppe zur andern eilte, ſtanden da in der Mitte der Landſtraße die beiden Grafen mit den Lakayen, und tranchirten ernſt und ſchweigend die ge⸗ bratenen Hühner, das Sonper des Kaiſers für die verſchmachteten Ge⸗ birgsbauern. Eine tiefe Stille herrſchte rings umher, ein ſanfter Friede wohnte in der ganzen Natur, und auf die ſchauerlichen Gruppen der Ruhenden warf die Abendſonne ihre kangen röthlichen Strahlen hin. Aber allmälig begannen dieſe Scenen ſich zu beleben, ſah man hier und da ein Haupt ſich erheben, eine Geſtalt ſich emporrichten, all⸗ mälig kehrte Geiſt und Bewußtſein in dieſe ſtarrenden, gebrochenen Augen zurück. Der Kaiſer ſah es, und ein Lächeln des Glückes durchleuchtete ſeine Züge. Er hatte eben ſein Werk des Erbarmens vollendet, das Glas war geleert, aber jeder der Armen hatte einen Löffel voll ſeines ſtär⸗ kenden Inhalts bekommen. Jetzt gebt Jedem von ihnen einen Biſſen Fleiſch, ſagte der Kaiſer, zu der Gruppe inmitten der Landſtraße tretend. Nicht mehr als nur einen Biſſen, denn nach ſo langem Faſten würde mehr ihnen ſchädlich ſein. Wir werden dieſe armen Leute retten, denn jetzt werden ſie Kräfte haben zu warten, bis uns aus Prag Hülſe kommt. Aber dann werden Ew. Majeſtät mindeſtens die Gnade haben, auch etwas zu genießen, ſagte Graf Roſenberg eifrig. Es wird ſich dann von den Speiſen, welche dieſe Leute bekommen ſollen, wohl auch ein wenig erübrigen laſſen. t beruh liegt, gern, ſo we ſeuter ſie br auch er wi und 2 4 fen! meine der g ſchnit geben bedien Sie, Taub 4 Stra ſchwe ſigke hatte der 1 11 8 1 Nuhig, Freund, ruhig, lachte der Kaiſer. Ich werde nicht verhun⸗ gern, dafür ſtehe ich Dir! Wenn die Creatur nach Nahrung ſchreit, 3 ſo werde ich ſie ihr geben, aber da ſei Gott vor, daß ich dieſen armen n Leuten auch nur einen Biſſen entziehen ſollte von dem, was ich für 1 ſie bringen laſſe. Ich denke, es wird einem Kaiſer von Gottes Gnaden auch nicht ſchaden, wenn er einmal Hunger empfindet wie ein Menſch, 5 er wird dann aus eigener Erfahrung wiſſen, wie weh es dem Armen 2 und Dürftigen um's Herz iſt, und er wird ſich bemühen, ihnen zu hel⸗ e fen! Ich werde dieſe Tage in Böhmen nie vergeſſen, und Gott hat * meinen Schwur gehört, ich werde ſie dereinſt, wenn ich erſt wirklich 3 der Kaiſer bin, meinem Volke zu vergelten ſuchen! Euer Fleiſch iſt ge⸗ t ſchnitten, jetzt raſch an's Werk! Ich aber will, um den Roſenberg zu 8 beruhigen, in das Dorf gehen, welches da hinten im Kranz der Bäume 87 liegt, und will mir da in irgend einer Bauernhütte mein Abendbrod e f geben laſſen. Es ſind genug Hände hier, um unſere Hungrigen zu . bedienen, und ſo wird der Lacy mich wohl begleiten können. Kommen d' Sie, Lacy, wir wollen uns eilen, damit wir zurück ſind, wenn unſere „ Taube mit dem Oelblatt aus Prag daher geflattert kommt! n. Er nahm den Arm des Feldmarſchalls und wanderte mit ihm die 4 Straße dahin, welche zu dem Dorf hinunterführte. een—— * ne 18 II. 3 Die ſchwarze Suppe. er, In einer Viertelſtunde hatten ſie das Dorf erreicht, und ſchritten ur ſchweigend die lange breite Straße hinunter. Dieſelbe Stille und Leblo⸗ ſch ſigkeit, welche draußen auf den Feldern das Herz des Kaiſers betrübt iſte hatte, dieſelbe Stille herrſchte auch hier. Nirgends zeigte ſich eine Spur 4 der Thätigkeit, des Schaffens und Wirkens, überall ſtanden die Acker⸗ „ geräthſchaften beſtäubt und zerfallen umher, nirgends aus den geöffneten Ställen vernahm man das Gebrülle einer Kuh, das Geblöke eines Schafs, nirgends einen Ton von dieſer Muſik der Natur, welche das Herz des Landmanns mit Freude erfüllt, und den Vorübergehenden von ſeinem Beſitz und ſeiner Wohlhabenheit erzählt. Nirgends auch das frohe der Kreiſchen, das Singen und Lachen der kleinen Bewohner des Dorfs. 4 ſande Ueberall Schweigen und Stille. Hier und da nur vor den grauen, 4 zerfallenen Hütten lag zuſammengekauert und wimmernd irgend eine der I Menſchengeſtalt in zerlumpten Gewändern, mit hagerm, eingefallenem baut Geſichte, mit großen, glanzloſen Augen, denen der Geiſt, ja ſelbſt der kreiſ Funken der Neugierde entflohen war, denn theilnahmlos ſtarrten ſie die beiden fremden Geſtalten an, die da ernſt und ſchweigend an ihnen vor⸗ edlem überſchritten. des T Lacy, wie fürchterlich iſt dieſes Schweigen des Unglücks! ſagte der 4 die( Kaiſer aufſeufzend. Gehen wir nicht hier umher wie in einem neuen welch Pompeji? Ach leider, leider, der Aſchenregen des Hungers hat ſich auf derne dies arme Volk niedergelaſſen, und ganz Böhmen gleicht jetzt einem Sie einzigen großen Pompeji. Und ich kann ihm nicht Abhülfe bringen, nur benug ein wenig Troſt und Linderung, aber keine Hülfe, kein Ende für die⸗ 4 davon ſen Jammer! 1 Ja, Ew. Majeſtät können auch das, und Sie werden es! ſagte ſen Graf Lacy ernſt. Es wird und muß Mittel geben, dieſer Noth abzu⸗⸗ helfen, und dieſem armen, verhungerten Volk wenigſtens eine Hoffnung Sie auf die Zukunft zu eröffnen. aune Ich habe nach Ungarn Eilboten geſendet, damit man von dorther, dit wo das Korn gut gediehen iſt, große Kornladungen hierher befördere.] g Ich habe für jede vierſpännige Wagenlaſt Korn, welche binnen drei Pdde Wochen hier anlangt, außer guter Bezahlung, eine Prämie von hundert. Ans Gulden ausgeſetzt. Meine guten Ungarn, welche ſonſt ziemlich indolent bi ſind, kennen aber ſehr genau den Werth des Geldes, und ſie werden 1 89 ſich daher beeilen hierher zu kommen!* de Aber drei Wochen iſt eine gar lange Zeit, und die armen Leute nin, hier ſind ſchon ſo ermattet von ihrem Elend, daß ſie n·cht mehr drei iüer Wochen werden auf Hülfe warten können! Ich habe Befehl gegeben, ſofort die Kriegsmagazine in Prag zu unt öffnen, und Mehl und Korn daraus zu entnehmen⸗ ſagte der naije. faſt angſtvoll. m d Das wiedſf ir einige Tage reichen, nicht lünger, ſatexaen tvſſchutelnd.— 5 . 3 4 1 —2** Aber wo giebt es noch ein Mittel, dieſem Unglücke zu ſteuern? rief der Kaiſer beklommen. Nennen Sie mir eins, wenn Sie es können! Dieſe Noth iſt ſo groß, daß ſie kaum auf natürlichem Wege ent⸗ ſtanden ſein kann, ſagte Lacy ſinnend. Wo die Noth iſt, da iſt auch der Wucher, der ſich an ihr bereichert. Diejenigen, welche Korn ge⸗ baut haben, halten es zurück, um ſich durch den Hunger noch höhere Preiſe zu erſchwingen! Wehe ihnen, wenn ich ſie entdecke, rief der Kaiſer erglühend in edlem Zorn. Wehe allen Denen, welche Wucher treiben mit den, was des Volkes heiliges Eigenthum iſt, mit dem Korn und der Frucht, welche die Erde für alle Menſchen wachſen läßt. Es iſt ein Brudermord, welchen die Kornwucherer an ihren Mitmenſchen begehen, und als Bru⸗ dermörder würde ich ſie ſtrafen. Aber Sie haben Recht, Lacy, oh leider, Sie haben Recht! Es muß Menſchen geben, welche das Elend hier benutzt haben, um es immer höher ſteigen und deſto mehr Vortheil dasvon zu ziehen. Gewiß giebt es deren, Majeſtät. Aber ſie werden auf ihrer Huth ſein, und ſich nicht finden laſſen. Ich aber werde ſie ſuchen, rief der Kaiſer drohende Aber ſehen Sie nur dort, Lacy, was für ein ſtattliches Gebäude da hinten auf einmal hervortritt. Wie ſeltſam das contraſtirt zu dieſen elenden todten Hütten hier. Iſt es die untergehende Sonne, welche die Fenſter ſo golden erleuchtet? Nein, die Fenſter ſcheinen ſich von innen ſo zu erhellen, Sire, ohne Zweifel wohnt dort der Edelmann, dem das Dorf hier gehört! Treten wir hier in dieſe Hütte ein, ſagte der Kaiſer raſch. Sehen Sie, es ſteigt Rauch aus dem Schornſtein empor. Man kocht alſo drin, und wir finden vielleicht zugleich ein Abendbrod und Auskunft über das ſtattliche Schloß.— Und der Kaiſer ſtieß raſch die nur angelehnte Hütterthür auf, und trat, gefolgt von Lacy, in das Haus ein. Niemand hieß ſie willkommen, Niemand antwortete ihnen, als ſie in die Stube tretend, ihr Gott zum Gruß riefen. Und doch war das Zimmer nicht leer, doch waren Menſchen darin! Eine Frau und vier Kinder lagen ächzend, wie ein Knäuel in einander gekauert, in einem 4 14 Winkel auf dem harten, ſchmutzigen Fußboden da. Ihre großen hoh⸗ len Augen richteten ſich intereſſelos auf die Eintretenden hin, und nur einen Moment hielten ſie inne in ihrem Aechzen und Stöhnen. Verlaſſen Sie dieſes Zimmer, Sire, flüſterte Lacy. Dieſe Luft iſt verpeſtet von Krankheit und Elend! Er drängte den Kaiſer faſt mit Gewalt hinaus, und drückte hin⸗ ter ihnen die Thür leiſe wieder in's Schloß. Denen da kann Niemand mehr helfen als der Tod, ſagte Lacy ernſt. Sie haben den Hungertyphus. Ich kenne das, ich habe es im Jahr 62 in Mähren kennen gelernt. Laſſen Sie uns nach der Küche gehen, ſagte der Gaiſer Wo Rauch aufſteigt, muß Feuer ſein! Sie ſchritten über den dunklen, dumpfen Hausflur hin, und tra⸗ ten in die Küchenthür ein. Der Kaiſer hatte ſich nicht getäuſcht, es war Feuer auf dem Heerd, und vor deniſelben ſtand ein Mann, wel⸗ cher eifrig damit beſchäftigt war, etwas in einem am Feuer ſtehenden Topfe zu rühren. Gott ſei gelobt, rief der Kaiſer laut und freudig, hier wird doch noch gekocht, hier giebt es alſo noch Etwas zu eſſen. 4 Der Mann am Feuer wandte ſich haſtig zu ihnen um, und ließ ſie ſein hageres, abgemergeltes Geſicht ſehen. Wollt Ihr etwa mit⸗ eſſen? fragte er mit einem lauten höhniſchen Lachen, ſag’ Euch, es iſt ein fetter Biſſen, der da im Topf brodelt, ein Kaiſer könnt uns drum beneiden! Und er beneidet Euch auch, ſagte Joſeph lächelnd. Was habt Ihr denn ſo Schönes in Eurem Topfe? Der Mann hatte aufgehört zu lachen, und warf finſtere Blicke auf die beiden wohlgekleideten Fremden hin. Seid Ihr hieher gekom⸗ men, um uns zu verſpotten? fragte er. Vornehme und geputzte Leute wie Ihr, treten nicht in guter Abſicht zu armen Leuten ein. Kommt Ihr, um Euch an dem Elend verhungernder Menſchen zu weiden, dann geht in die Stube vorn, da findet ihr, was das Herz der Rei⸗ chen erlaben kann! Nein, mein Freund, ſagte der Kaiſer mild. Wir ſind gekommen, um uns bei Dir auszuruhen, um Dich zu bitten, daß Du uns Theil nehmen läßt an Deinem Mahl. 5 Theil Dhr d und N G 1 man r ſoviel ſo die vier 2 uns v zu E. in un wärme denn! Schaſe W helfen ¹ düſter dran ſchmec uns k himml * 15 Der Mann brach wieder in ſein lautes ſpöttiſches Lachen aus. Theil nehmen wollt Ihr an meinem Mahl! rief er höhniſch. Wißt Ihr denn, was es iſt, das da in meinem Topfe brodelt. Es iſt Erde und Waſſer! Erde und Waſſer? wiederholte der Kaiſer entſetzt. Der Bauer nickte. Ja, ſagte er, ich will's einmal verſuchen, ob man nicht daraus eine Suppe brauen kann. Die Erde hat doch ſonſt ſoviel Kraft gehabt, daß ſie Korn wachſen ließ, ſie wird doch jetzt noch ſo viel Kraft haben, eine Suppe aus ihr zu kochen? Wir haben ſeit vier Tagen nichts Warmes gegeſſen. Nur noch etwas Brod, das wir uns von Kleie und Mehlſtaub gebacken hatten. Aber aeeſae ſſen zu Ende gegangen, und da traf's ſich recht glücklich, daß wir geſtern in unſerm Garten hinterm Hauſe gingen, um uns an der Sonne zu wärmen. Im Garten wächſt ſo ſchönes, grünes Gras, und weil wir denn nichts Beſſeres hatten, haben wir es gemacht, wie die Kühe und Schafe, wir haben von dem ſchönen friſchen Graſe gegeſſen! Oh, oh, ächzte der Kaiſer, ich muß das hören und kann nicht helfen! Aber es ſcheint, fuhr der Mann, wie zu ſich ſelber ſprechend, düſter fort, es ſcheint, daß die Kühe und die Schafe doch viel glücklicher d'ran ſind, wie die Menſchen, und daß Gott ſie mehr liebt. Ihnen ſchmeckt das Gras, und ſie werden ſtark und fett darnach, während es uns krank und elend gemacht hat, ach ſo krank, ſo krank, daß es ein himmliſches Glück ſein müßte, zu ſterben. Aber es ſtirbt ſich nicht ſo leicht, und alſo muß man das Leben von der luſtigen Seite betrachten, es ſtirbt ſich nicht ſo leicht, und alſo koche ich mir Suppe aus Waſſer und Erde. Heiſa, luſtig, es wird ein koſtbares Abendeſſen ſein, denn in der Erde iſt die Kraft und der Segen Gottes! Hurrah, meine Suppe iſt fertig! Er ſchwenkte die Arme hoch empor, und nahm dann mit einem lauten Lachen den Topf vom Feuer, um deſſen Inhalt auf die große irdene Schüſſel zu gießen, die da auf dem Küchentiſch ſtand. Nun, ſagte er mit einem hämiſchen Grinſen, auf die ſchwarze, dampfende Maſſe zeigend, wollen die vornehmen Herren noch Theil nehmen an meinem Abendbrod? 16 Ich, ſagte der Kaiſer ernſt, ich will Theil nehmen an Eurem Abendbrod! Im Er ſchritt raſch zu dem Tiſch hin, und nahm den gefüllten Löffel, gallt welchen der Bauer ihm mit einem ernſten und feierlichen Geſicht darreichte. Aler Bleich vor Aufregung und Kummer führte der Kaiſer den Löffel 1 zum Munde und koſtete. Dann reichte er mit einem Blick tiefen Kum⸗ Frnn mers den Löffel an Lacy hin. 4 Lacy, ſagte er, koſte das! Es iſt der Tod, welcher das gebraut hat. Oh und es ſind Menſchen, welche das eſſen wollen! 3 Und während er ſo ſprach, rannen helle Thränen über die Wan⸗— dil gen Kaiſers nieder; er bedeckte ſein Geſicht mit ſeinen Händen und den weinte laut.; 6,G Ja, es ſind Menſchen, ſagte der Bauer trübe. Aber Gott hat ür ſein Antlitz von ihnen gewendet. Er hat ſich des Viehes erbarntt, 4 und es iſt geſtorben, aber die Menſchen läßt er leben in ihrem Jam⸗ änn mer! Er erlaubt dem Tod nicht, daß er ſie erlöſe! 1 Aber wie war's nur möglich, daß dies furchtbare Elend über Ench udi kam? fragte Lacy. Die Mißernten allein können nicht ſo furchtbaren nit Zammer verurſachen! Habt Ihr denn nicht Euer Korn ausgeſäet? Der Bauer lachte laut auf. Säet einmal Korn, wenn Ihr nichts hmti habt! ſagte er. Im vorigen Jahr, ja, da hatten wir noch ein wenig ter Korn, und wir vertrauten unſer letztes der Erde an. Dachten, ſie nn würde Mitleid haben, und Gott im Himmel würde ſeinen Segen dazu daß ſprechen. Aber er ſprach nur ſeinen Fluch, und das Korn mißrieth unte zum zweitenmal, und da kam der Hunger und heulte wie eine Hyäne der durch die Dörfer hin, und wer es konnte, der entfloh vor ihr, und wer alli da bleiben mußte, dem ſog ſie das Blut aus der Bruſt und zerfleiſchte. 4 mach ihn. Viele auch hier aus unſerm Dorf ſind ausgewandert, und die Ate zurückgebliebenen ſind krank, ſehr krank. 8 n Und ſorgt denn Niemand für die, welche zurückgeblieben ſind? 4 on Habt Ihr keinen Gutsherrn, der etwas für Euch thun kann? han Wir haben keinen Gutsherrn, ſind freie Bauern, ſagte der Mann 7 ren mit einem Anfluge von Stolz.. Ich meinte doch, ich hätte ein Schloß geſehen, ganz nahe hier ſ 1 5 am bei? ſagte Lacy. 17 Freilich wohl. Es iſt das Schloß des Freiherrn von Weiſach. Ihm gehört die ganze Gegend, aber wir ſind doch freie Bauern, wir zahlten unſern Zehnten, und thaten unſere Arbeit ſo lange wir konnten. Aber jetzt iſt Alles vorbei, Alles! Und laut aufächzend vor Erſchöpfung ſank der Mann auf den höl⸗ zernen Schemel nieder. Der Freiherr thut nichts für Euch? fragte Lacy. Warum ſollte er es? fragte der Mann mühſam aufblickend, wir zahlen keinen Zehnten mehr, und er kann nichts mehr an uns verdienen. Oh er hat ſehr viel verdient an den armen Bauern, er verdient noch immer fort. Er wird ein ſteinreicher Mann werden. Gewiß bittet er Gott täglich, daß die Noth recht lange dauern möchte, damit er an ihr verdienen kann. Und der Herr wird ſein Gebet erhören, denn er hält es mit den vornehmen Leuten, und Denen, welche haben, denen giebt er! Aber wie kann denn der Gutsherr an der Armuth und der Noth verdienen? fragte Lacy. Wie kann er reich werden, da die Bauern nicht mehr für ihn arbeiten können? Aber wir haben doch für ihn gearbeitet, Herr, und unſere Arbeit hat ihm viel Nutzen gebracht. Die Kornfelder auf ſeinem Gute ſchaukel⸗ ten ſich hin und her wie flüſſiges Gold, und wer ſie anſah, dem hüpfte das Herz vor Freude. Vor drei Jahren hat er ſo viel Korn gebaut, daß die Scheuern es nicht faſſen konnten und er es auf dem Felde unter großen Strohdächern bergen mußte. Und vor zwei Jahren, als der Mißwachs des Korns anfing, da war der Freiherr von Weiſach allein der Glückliche, der noch eine ziemlich gute Ernte hatte. Das macht, er hatte die tüchtigſten Bauern weit in der Runde, und ſein Acker war Uütne⸗ am Beſten beſtellt. In dieſem Jahr freilich iſt's ihm duch ergangen wie allen Uebrigen, die Ernte hat kaum das ausgeſäete Korn wieder gegeben, aber ihm ſchadet's nicht, er kann kaum verbraucht haben, was auf den Kornmiethen auf den Feldern von vor drei Jah⸗ ren aufgeſtapelt ſtand, und ſeine Scheuern müſſen reich gefüllt ſein. Wie aber kann denn Noth hier herrſchen, wenn Korn in den Scheuern iſt? fragte der Kaiſer, welcher dem Geſpräch mit geſpannter Aufmerk⸗ ſamkeit zugehört hatte. Das iſt eine Frage, die Eurem Kopf nicht viel Ehre macht, Herr, Kaiſer Joſeph. 2. Abth. II. 2 —— 18 rief der Bauer laut auflachend. Gerade weil die, welche Korn in den Scheuern haben, es drin behalten, und es nicht auf den Markt liefern, gerade deshalb iſt die Noth ſo groß. Aber iſt nicht ein Geſetz erſchienen, welches den Bauern, Gutsbe⸗ ſitzern und Kornhändlern befiehlt, alles Korn, das ſie aufgelagert haben, zum Verkaufe zu bringen? Geſetze ſind da, damit die armen Leute nach ihnen geſtraft werden, und die Reichen ſie umgehen können, ſagte der Bauer düſter. Wenn die reichen Leute ſagen, ſie haben kein Korn mehr zum Verkauf, ſo wird's ihnen geglaubt. ee Und Ihr glaubt, daß der Geirvon Weiſach noch Korn beſitzt? Der Bauer nickte. Ich weiß es, weiß, daß er große Vorräthe hat, und wenn die Zeit da iſt, wird er ſie auf den Markt bringen. Aber wann iſt die Zeit da? Die Zeit iſt da, wenn die Verzweiflung ſo hoch geſtiegen iſt, daß Jeder ſein letztes Hab und Gut hingeben wird für ein Laib Brod, wenn ein Sack voll Mehl mit Gold aufgewogen und Keiner mehr murren wird, wenn er für den Strich Korn wohl funfzig Gulden zahlen muß. Wenn's ſo weit iſt, dann wird der Freiherr von Weiſach und ſeine vornehmen Nachbarn, dann werden alle dieſe Herren ihre Scheuern öffnen, um ihr Korn in Gold umzuwandeln. Jetzt iſt das Korn noch zu wohlfeil für ſie, viel zu wohlfeil! Koſtet ja erſt ſiebzehn und zwanzig Gulden der Strich! Im vorigen Jahr, als der Strich nur noch ſechs Gulden koſtete, da meinte der arme Mann ſchon verzagen zu müſſen, und der reiche Gutsherr ſchickte ſein Korn in's Ausland, wo auch ſchlechte Ernte geweſen und wo er für den Strich acht Gulden bekam. In dieſem Jahr aber wird er ſich wohl hüten, das zu thun, denn er hat ſo gut ſpeculirt, daß das Korn im Inland drei Mal ſo theuer ge⸗ worden iſt, wie da draußen jenſeits der Grenze!*)— Aber jetzt iſt's genug der Fragen und des Geredes! Laßt mich in Ruhe, und wenn Ihr nichts Beſſeres thun könnt als ſchwatzen, ſo geht und laßt mich meine Suppe eſſen! — 1 *) Groß⸗Hoffinger. Lebens⸗ und Regierungsgeſchichte Joſeph II. Th. 1 S. 138 ff.— Carl Ramshorn: Kaiſer Joſeph II. und ſeine Zeit. S. 90. G in den liefern, Gutsbe⸗ thaben, werden, Wenn tt? äthe hat, iſt, daß Brod, r mehr zahlen ach und zcheuern emn noch wanzig ach ſechs milſſen, ſchlechte m. In mer hat 1 euer ge⸗ eit iſt nd wenn aßt nich — 19 Könntet Ihr Euch Brod und Fleiſch verſchaffen, wenn Ihr Geld dazu hättet? fragte der Kaiſer milde. Für Geld, Herr, kann man ſich Alles verſchaffen, ſagte der Bauer, in deſſen Antlitz ein Strahl der Hoffnung aufflammte. Für Geld würde mir die Wirthſchafterin des Freiherrn Brod und Semmel, und Fleiſch, — oh es iſt wundervoll nur daran zu denken, was man Alles haben kann für Geld. So geht, und holt Euch, was Ihr haben könnt, ſagte der Kaiſer, einige Goldſtücke auf den Tiſch legend. In einigen Stunden werde ich kommen, oder Jemand hierher ſenden, Euch weitere Hülfe zu bringen! Der Bauer hatte ſich mit einem Aufſchrei des Entzückens über die Goldſtücke geworfen, und betrachtete ſie mit gierigen Blicken. Er hörte gar nicht auf den Abſchiedsgruß der beiden Herren, ſah gar nicht, wie ſie hinausgingen aus ſeiner Küche. Jubelnd vor Freude, lachend und weinend durcheinander, ſtürzte er vorwärts, um ſeiner äch⸗ zenden Frau und ſeinen ſterbenden Kindern zu erzählen, daß die Noth jetzt beendet ſei, und daß er hingehen, und ihnen Brod und ſtärkende Nahrung holen würde. Draußen aber vor der Hütte ſtand der Kaiſer mit dem Feldmar⸗ ſchall Lacy. Mein Gott, mein Gott, murmelte er leiſe, und ich glaubte das Recht zu haben, mich unglücklich zu fühlen und traurig zu ſein! Was iſt geiſtiges Leid ſolch tiefem phyſiſchen Jammer gegenüber. Kom⸗ men Sie, Lacy, kommen Sie! Wir müſſen handeln, wir müſſen den Leidenden hülfreich ſein! Die Stunde der Vergeltung iſt da, und beim ewigen Gott, ſie ſoll die Schuldigen treffen! Wohin wollen Ew. Majeſtät? fragte Lacy erſtaunt, als der Kaiſer, ſtatt den Rückweg durch das Dorf anzutreten, ſich nach der andern Seite hinwandte. Dahin will ich! ſagte der Kaiſer, ſeine Hand drohend gegen das Schloß emporhebend, deſſen lange Fenſterreihen jetzt bei der allmählig hereinbrechenden Dunkelheit wie Gold erglänzten. Mitten in ſeinem Feſte will ich den Verbrecher überraſchen, und meine Hand ſoll den Kornwuche⸗ rer ſtrafen, wie er es verdient. Aber die Ausſage eines unglücklichen Bauern wird nicht genügend 3 2 52 8 — 20 ſein, Sire, um dieſe Herren nicht bloß anzuklagen, ſondern zu verurtheilen, es bedarf der Beweiſe, Majeſtät! Sie haben Recht, ſagte der Kaiſer. Es bedarf der Beweiſe, um dieſen Ehrloſen zur Verantwortung zu ziehen. Nun denn, ich werde mir dieſe Beweiſe zu ſchaffen ſuchen, und das ſogleich! Ew. Majeſtät wollten Selbſt— Ich will thun, was meine Pflicht iſt. Ich will ſorgen für mein unglückliches, hungerndes Volk. Das iſt meine heiligſte Menſchenpflicht, und da ich früher Menſch als Kaiſer war, ſo muß die Menſchenpflicht mir die auch heiligſte ſein! Ich werde zu dieſem Freiherrn hingehen, oh, mein Plan ſteht ſchon ganz fertig da in meinem Kopf, und er be⸗ darf nur noch der Ausführung. Ich werde zu dieſen Leuten gehen, als einer der ihren. Da es ſcheint, als wenn er ein Feſt giebt, ſo werden mehrere ſeiner Geſinnungsgenoſſen wohl bei ihm verſammelt ſein. Ich werde ſie Alle kennen und beurtheilen lernen, ich werde Beweiſe ihrer Schuld ſammeln, Lacy. Kein Wort weiter jetzt! Wir wollen handeln! Ew. Majeſtät ſetzen Sich einer Gefahr aus, ſagte Lacy, ich bitte alſo um die Gnade, Sie begleiten zu dürfen. Sie werden mir nachkommen, Lacy, zuerſt gehe ich allein. Während der Zeit werden Sie die Güte haben, den Weg, den wir gekommen, zurückzugehen, und dann mit Roſenberg den Wagen zu beſteigen, und gerade hierher zu fahren zum Schloß. Dort angekommen, fragen Sie nach mir, und laſſen mir melden, daß mein Wagen wieder fertig ſei, und wir weiter fahren könnten. Günther ſoll mit den Dienern bei den unglücklichen Leuten zurückbleiben, und wenn der Proviantwagen aus Prag ankommt, ehe wir zur Stelle ſind, ſoll ein Lakay aufſitzen, und uns hier auf's Schloß die Nachricht bringen! Ich ſoll, wenn wir mit dem Wagen ankommen, Sire, gradezu nach Sr. Majeſtät dem Kaiſer fragen? Nicht doch! Sie wiſſen ja, der Kaiſer reiſt mit ſeinem Hofſtaat auf der großen Straße nach Prag, und Niemand weiß von dieſer klei⸗ nen Excurſion, die wir hier auf der Nebenſtraße machen. Oh ich bin überzeugt, meinem Wagen und meinem Hofſſtaat wird nicht die Hälfte von dem Elend begegnen, das wir hier entdeckt haben. Man wird dort wohl einige officielle Lumpen und Fetzen gefunden haben, um den Jam⸗ mer Kerz geln, Nahn in eb freihe eine Laſe ländi Gau iſt zende regte der gewe der ſchön naui nug doll hat 1 exh⸗ 3 de theilen, ſe, um werde rmein pflicht, nyflicht ngehen, er be⸗ een, als werden . Ich ihrer deln! te alſo ährend zmmen, n, und en Sie rtig ſei bei den en aus n, und zu nach hofſtaat ſer kli⸗ ich bin 21 mer ein wenig aufzuſchminken, der ſich hier ganz todesblaß und nackt uns zeigt. Nein, Lacy, wenn Sie mit meinem Wagen kommen, fragen Sie nicht nach dem Kaiſer, ſondern nach dem Baron von Joſephi. Leben Sie wohl, Lacy, und kommen Sie bald nach! III. Die vornehmen Kornwucherer. Die Säle des Freiherrn von Weiſach ſtrahlten im Glanz der Kerzen, die ſich tauſendfach brachen in den hohen venetianiſchen Spie⸗ geln, welche in ihren breiten, vergoldeten und künſtlich geſchnörkelten Rahmen ringsum an den Wänden hingen, und zwiſchen denen man in eben ſo ſchönen Rahmen die ernſten Geſtalten der Ahnen des reichs⸗ freiherrlichen Hauſes erblickte. In dem größten der Säle befand ſich eine lange Speiſetafel, geſchmückt mit ſilbernen Aufſätzen, mit ſilbernen Vaſen voll duftender Blumen, mit Kryſtallſchalen voll köſtlicher aus⸗ ländiſcher Früchte, und in Schüſſeln und Flaſchen Alles das, was den Gaumen reizen und die Sinne erfreuen kann, und was nothwendig iſt, um ein gutes Diner herzuſtellen. Um die Tafel her ſaß eine glän⸗ zende Geſellſchaft von Herren und Damen in der heiterſten und ange⸗ regteſten Stimmung. Man befand ſich ſeit vier Stunden bereits an der Tafel. Daß die Speiſen auserleſen, und die Weine vorzüglich geweſen, das las man auf den glühenden und zufriedenen Geſichtern der Herren, und ein Wiederſchein dieſer Zufriedenheit glänzte in den ſchönen, ſanftgerötheten Geſichtern der Damen, die mit unendlicher Ge⸗ nauigkeit Eine die Toilette der Andern gemuſtert, indem Jede die Ge⸗ nugthuung empfangen, daß ihre Toilette die modernſte und geſchmack⸗ vollſte, ihre Diamanten die ſchönſten und koſtbarſten ſeien. Man war jetzt beim Deſſert angelangt, und die heitere Stimmung hatte den höchſten Aufſchwung genommen. Die Herren begannen jene erhabenen blumigen Toaſte zu ſprechen, wie ſie der duftende Wein aus den erhitzten Köpfen aufblühen läßt, und die reicher an ſchönen und 2502 hochtrabenden Worten, als an tiefen oder erhabenen Gedanken zu ſein pflegen. Der Freiherr von Weiſach hatte eben einen begeiſterten Toaſt zum Lobe der Damen zu Ende gebracht, den die Herren mit Jubel aufnah⸗ men, und ſich beeiferten, Jeder in halblautem Geflüſter ſeiner Nachba⸗ rin das zu ergänzen, was der Freiherr geſprochen hatte, als der erſte Kammerdiener des Freiherrn ſich demſelben näherte, und ihm leiſe etwas zuflüſterte. Alsdann wandte der Freiherr ſich lächelnd wieder ſeiner Geſellſchaft zu. Meine Damen und Herren, ſagte er, Ihrer Entſchei dung übergebe ich das, was mir mein Kammerdiener berichtet. Es iſt ſoeben ein Herr in's Schloß gekommen, der erzählt, er ſei mit ſei⸗ nem Wagen auf der Landſtraße verunglückt, und bittet, ſich hier aus⸗ ruhen zu dürfen, bis ſein Wagen, an dem ſeine Diener arbeiten, ihn hier abhole. Wollen Sie ihm erlauben, meine Herrſchaften, hier ein zutreten, und eine Stunde bei uns zu verweilen? Zuerſt muß mir mein Herr Gemahl aber erlauben, ſeiner Gaſt⸗ freundſchaft eine Frage vorzulegen! ſagte die Freiherrin von Weiſach, welche ihrem Gemahl gegenüber an der Tafel thronte. Eine Frage im Namen aller hier anweſenden Damen! Iſt der Fremde, der ſich ſo sans fauon in unſere Geſellſchaft drängen möchte, auch ſolcher Ehre werth? Verdient er es, in ſolch auserleſenem Kreis erſcheinen zu dür⸗ fen? Mit einem Wort, iſt er von Adel? Er hat ſich melden laſſen als ein Baron von Joſephi, ſagte der Freiherr ernſt. Das iſt, ſo viel ich weiß, eine alte ungariſche Familie, ſagte einer der Herren feierlich. Dann, mein Gemahl, bitte ich für dieſen Herrn, rief die Freiher⸗ rin lächelnd. Ich hoffe, die Damen ſind mit mir einverſtanden, der Fremde darf eintreten? 2 Die Damen gaben lächelnd ihre Zuſtimmung, und der Freiherr erhob ſich, zu führen. Der Baron von Joſephi! rief der Freiherr, den Fremden zu ſei⸗ ner Gemahlin führend; ſie empfing ihn mit einem freundlichen Lächeln, um den Fremden aus einem der Nebenzimmer in den Saal und alle die glänzenden Augen der Damen, die ernſten, ſtechenden Siae 4⁴ erglüt der H Fremd muth deſſen bekunde 1 der F. die G ſonder drucke Züge und einer manqd mir k ihn ſc meine Auch am g 4 Sie eigene gu ſch ſeiner niſchei .Es it ſei r aus⸗ f, ihn r ein Gaſt⸗ eiſach, Frage 4 ſich Chre u dür⸗ 1 te der einer reeiher⸗ der reiherr rSaal 1* zu fei gächeln, lcce 23 der Herren richteten ſich jetzt mit forſchender Neugierde auf dieſen Fremden hin, der mit vollkommener Unbefangenheit, mit lächelndem Gleich⸗ muth in dieſe ſo glänzende, ſo auserleſene Geſellſchaft eintrat, und deſſen Manieren ſo ganz den Mann von Welt und feiner Tournure bekundeten. Mit einer vollkommenen Unbefangenheit nahm er den Platz neben der Freiherrin ein, und als er jetzt ſeine großen blauen Augen über die Geſellſchaft hinſchweifen ließ, ſchien er nicht mehr der Geprüfte, ſondern der Prüfende zu ſein. Mit einem ernſten, faſt ſtrengen Aus⸗ drucke verweilte ſein Blick auf jedem der Herren, als wolle er ſich ihre Züge tief in ſein Gedächtniß einprägen, um ſie nie wieder zu vergeſſen, und vor dieſen ſeltſamen, ſtrengen und gebieteriſchen Blicken ſenkte ſich, einer ihnen ſelber unerklärlichen Befangenheit nachgebend, hier und da manches Auge, fühlte ſich manches Herz geängſtigt und beklommen. Ich weiß nicht, flüſterte einer der Herren ſeiner Nachbarin zu, mir kommt dieſer Herr gar ſeltfam bekannt vor. Ich meine, ich müßte ihn ſchon einmal irgendwo geſehen haben. Er hat wundervolle Augen, ſagte die Dame lächelnd, und ich meinestheils finde, daß ich noch niemals ſo ſchöne Augen geſehen habe! Auch hat er ſehr noble und feine Manieren. Er iſt gewiß ſehr viel am Hofe geweſen, denn nur dort bildet ſich ein echter Cavalier! Das heißt mit andern Worten, meine Gnädigſte, ſagte der Herr erglühend, Sie finden, daß wir hier Alle keine Cavaliere ſind, denn Sie wiſſen, daß wir Alle es vorziehen, König oder Kaiſer auf unſerm eigenen Grund und Boden zu ſein, ſtatt am Hofe uns zu bücken und zu ſcharwenzeln, und der allerunterthänigſte Knecht zu ſein. Sie finden— Still, unterbrach ihn die Dame, hören wir doch, was der Baron ſagt! Ich bin Ihnen wahrlich zu unendlichem Dank verpflichtet, ſagte der Baron von Joſephi eben mit lauter Stimme zu der Freiherrin von Weiſach. Seit den drei Tagen, daß ich dieſes unglückliche Böhmenland durchreiſe, iſt mir nichts als Jammer und Noth, als Elend und Ver⸗ zweiflung begegnet. Ueberall ſieht man Sterbende, Verhungernde; ganz Böhmen ſchien mir ein großes Leichenhaus zu ſein, und ich plagte mich lüho mit ganz melancholiſchen Todesgedanken. Ihre heiteren Geſichter, und dieſe glänzende, reichbeſetzte Tafel heitert mich wieder auf, und be⸗ 24 lehrt mich, daß es doch auch in Böhmen noch glückliche und zufriedene t Leute giebt, und daß man nicht überall hungert, ſondern auch hier noch wir m in heiterer Weisheit das Leben zu genießen verſteht. Dame Wären wir nicht auch Thoren, wenn wir's nicht thäten? fragte machen der Freiherr von Weiſach lachend. Was kümmert uns das Elend da nenn draußen! Man muß nur ſeine eigene Thür ſorgſam bewachen, daß es kon nicht da eindringt, und ſich an unſerm eigenen Heerde niederläßt, und ſellſch davon ſind wir Alle, Gott ſei Dank, noch ziemlich fern! 1 Da ſieht man alſo, wie die Welt immer übertreibt, rief der Baron Joſephi lächelnd. Ganz ſchauderhafte und haarſträubende Berichte von ine dem Elend in Böhmen ſind nach Wien geſandt, ſo daß der Kaiſer mich Joſeph ſich ſelber aufgemacht hat, dieſes Elend zu ſchauen. Ich gan begegnete dem Kaiſer heut früh kurz vor Budweis. Er ſah ziemlich nicht niedergeſchlagen aus. nir Und bei Gott, er hat auch Grund dazu, rief einer der Herren, und denn er wird finden, daß er hier nichts zu helfen vermag, ſo ſehr er i 1 auch immer Kaiſer iſt, und daß er weit beſſer gethan hätte, in Wien. zu bleiben, und es den Behörden hier zu überlaſſen, dieſes wahnſinnige, thein heulende und ſchreiende Volk in Zucht und Ordnung zu halten.„ Ge . Ja, er wird mit einer gewaltig langen Naſe wieder abziehen müſ⸗ 7 ſen, dieſer empfindſame kleine Kaiſer, lachte ein Anderer. Wird finden, und 1 daß das Auftreten ſeines kaiſerlichen Fußes doch nicht genügt, um ve Kornfelder aus der Erde zu ſtampfen, und dem heulenden Volke Brot fnt zu geben! Und Brot iſt das einzige, was dem Volk fehlt! b Und ich meinestheils finde gar nicht, daß dies ein ſo großes Un⸗ 9. glück iſt, ſagte ein anderer Herr achſelzuckend. Ein hungerndes Volk 3 iſt am leichteſten zu regieren, und denkt nicht mehr daran zu murren 8 und zu revoltiren. Si . Ah, wenn die Herren von Politik ſprechen wollen, da iſt es für 3 die Damen Zeit, ſich zurückzuziehen, ſagte die Freiherrin, ſich von ii ihrem Sitz erhebend. Kommen Sie, meine Damen, laſſen Sie uns 8 in den Salon gehen! Wir wollen dort die Herren zum Kaffee erwarten. ä Die Herren erhoben ſich, um die Damen zu 1 dentibme und erſt 8 friedene er noch fragte end da daß es t, und Baron hte von Kaiſer . Ich ziemlich Herren, ſehr er Wien innige, n müſ⸗ es Un⸗ 3 Volk D murren 4 der Herren mit einem wohlgefälligen Kopfnicken. Das Volk iſt weich⸗ 25 Und jetzt, meine Herren, ſagte der Baron von Joſephi, jetzt, da wir mit unſerm ernſten, politiſchen Geſchwätz nicht mehr das Ohr der Damen beläſtigen, jetzt erlauben Sie mir, Ihnen ein Bekenntniß zu machen! Ich bin nicht durch Zufall hieher gekommen, und nicht, weil mein Wagen gebrochen iſt, ſondern es war mein freier Wille hieher zu kommen, und mich als Gaſt einzudrängen in dieſe ehrenwerthe Ge⸗ ſellſchaft. Und darf man wiſſen, welchem Umſtande wir Ihren gütigen und ſchmeichelhaften Entſchluß verdanken? fragte der Hausherr lächelnd. Haben Sie die Güte mir Gehör zu ſchenken, und Sie werden mich bald verſtehen, ſagte der Baron ſich leicht verneigend. Sie haben, ganz im edlen Sinne der ſchönen Gaſtfreundſchaft der Alten, mich nicht nach meinem Stand und meiner Heimath gefragt, erlauben Sie mir alſo, Sie darüber aufzuklären. Ich bin ein Edelmann aus Mähren, und dort beſitze ich einige Güter. Der Graf Hoditz auf Roswaldau iſt mein Nachbar. Dann alſo haben Sie viel zu leiden gehabt, ſagte der Freiherr theilnahmsvoll. Die Hungersnoth war nirgends größer, als in jener Gegend, wie man ſagt. Man hat die Wahrheit geſagt, mein Herr. Wir hatten viel Leid und Jammer, Hungersnoth und Hungertyphus, das arme Volk ſtarb wie die Fliegen, es konnte ſich durchaus nicht daran gewöhnen, Gras ſtatt des Brodes zu eſſen! Hier wollen es die dummen Bauern auch nicht erlernen, rief der Freiherr lachend. Das Volk iſt ja ſo anſpruchsvoll. Lebt doch ein Pferd der edelſten Race von Heu und Gras, warum ſollte nicht ein Bauer von ſo gemeiner Race es können. Es iſt Vorurtheil, weiter nichts, ſagte der Baron wegwerfend, und ich bin der Meinung, daß man dem gemeinen Mann ſolches Vorurtheil abgewöhnen muß. Ich habe daher auch keine Rückſicht genommen auf das Heulen und Schreien der Leute; ich bin immer der Meinung ge⸗ weſen, daß das Volk ſchauſpielert und ſich verſtellt; ich traue dem Ge⸗ weimere nicht, und habe mich niemals davon rühren laſſen! Und gewiß hat der Herr Baron daran Recht gethan, ſagte einer 26 lich und faul, und wenn man ſich von ſeinen albernen Klagen bethören laſſen wollte, würde man bald ebenſo arm und hülflos ſein, wie der gemeinſte Bauer. Ein hungriges Volk iſt ein gehorſames Volk! Und außerdem, was liegt daran, ſagte ein Anderer, wenn bei dem Verſuch, ſich an den Hunger zu gewöhnen, ein paar Tauſend von dem Volk ſterben. Die Welt wird dadurch nicht unglücklicher und auch nicht menſchenleerer, denn das Volk vermehrt ſich wie die Erdäpfel. Sie ſagten alſo, Herr Baron, Sie hätten keine Rückſicht genon⸗ men auf das Brotgeſchrei Ihrer Leute? fragte der Freiherr, ſich wieder an den Baron wendend. Ich machte es wie Odyſſeus, meine Herren, ich verſtopfte meine Ohren mit Wachs, um nicht von dem Syrenengeſang verlockt zu werden. Ein ſchöner Syrenengeſang das, lachten die Herren, eine Jammer⸗ melodie mit den Text: Brot! Brot, Noth! Noth! Ah, Sie haben dieſes Lied auch ſchon vernommen, rief der Baron lachend. Es iſt auch ſchon vor Ihren Thüren erklungen? Ja, aber wir haben es auch gemacht, wie der Herr Baron, wir haben unſere Ohren mit Wachs verſtopft, und nichts gehört. Die Folge davon iſt geweſen, ſagte der Baron, daß auch mein Kornboden nichts gehört hat, und daß auch meine Speicher gut gefüllt ſind. Jetzt aber hat mein Kornboden dieſes Geſchrei hier in Böhmen gehört, und ich bin gewillt, meine Speicher zu öffnen. Ich beabſichtigte nach Prag zu gehen, und dort mit mir wohlbekannten Speculanten zu verhandeln, aber die Noth, der ich hier begegnet bin, hat mein Herz gerührt; Herr Freiherr von Weiſach, ich beklage Sie, nirgends iſt der Jammer und das Elend ſo groß, als in Ihrer Gegend. Hundert arme Leute liegen unfern Ihres Dorfes auf der Landſtraße. Ich weiß es, ſagte der Baron, es iſt elendes Bettelvolk, das nichts thun und nichts verdienen mag, und auf das allgemeine Mitleid ſpecu⸗ lirt. Sie ſind aus dem Erzgebirge herniedergeſtiegen, und muſiciren mit ihrem Jammer durch das ganze Land hin; ſie profitiren von der allgemeinen Noth, um zu ſagen, daß ſie im Begriff ſind, Hungers zu ie elenden Bettler. Aber auch in Ihrem Dorf iſt die Noth entſetzlich, ſagte der Baron A an Ich habe ſie durch meine Büttel aus dem Dorf treiben laſſen, Joſephi. ſtunde b d9 Ei rief der ſpoaren! Ne ſagte de gerührt. weil di mit de Die C Freihe heult! meine; einem f J. daß ich noch vi aber ie derr! I U mäßige 9 nem(o Und e thören ie der i dem dem nicht monl⸗ meine erden. nmer⸗ garon wir mein efüllt hmen jtigte en zu Herz der ndert iichts pecu⸗ eiren n der rs zl affen garon 27 Joſephi. Es iſt wie ein einziger, großer Kirchhof, auf dem zur Geiſter⸗ ſtunde bleiche Schattengeſtalten herumwandeln. Sind Sie nur hieher gekommen, mein Herr, um mir das zu ſagen? rief der Freiherr mit gerunzelter Stirn. Die Mühe hätten Sie Sich ſparen können, denn ich weiß das! Nein, ich bin hieher gekommen, um Ihnen meine Hülfe anzubieten, ſagte der Baron freundlich. Dieſe furchtbare Noth hier hat mein Herz gerührt. Ihre Bauern ſterben vor Hunger, Ihre Felder ſind unbebaut, weil die Bauern kein Korn zur Ausſaat haben. Nicht aus Mitleid mit dem Bauer, ſondern aus Mitleid mit Ihnen will ich Ihnen helfen. Die Geſundheit des Bauern iſt der Reichthum des Edelmannes. Herr Freiherr von Weiſach, Sie haben Mangel an Korn, die Hungersnoth heult vor den Hütten Ihrer Bauern, ich habe Ueberfluß an Korn und meine Bauern ſind ſchon todt. Ih biete Ihnen alſo mein Korn an. Das heißt, Sie wollen es mir verkaufen? fragte der Freiherr mit einem feinen Lächeln. Ja, das will ich, und wenn Sie wollen, ſogleich! Ich weiß wohl, daß ich vielleicht das Doppelte verdienen könnte, wenn ich mein Korn noch vierzehn Tage zurückhielte, bis die Noth noch höher geſtiegen iſt, aber ich habe ein Herz, das ſehr zum Mitleid geneigt iſt, und alſo, Herr von Weiſach, ich biete Ihnen mein Korn an! Und wie hoch der Strich? fragte der Freiherr! Zwanzig Gulden der Strich! Sie werden finden, daß das ein ſehr mäßiger Preis iſt. Ja, wahrhaftig ein ſehr mäßiger Preis! rief der Freiherr mit ei⸗ nem lauten Lachen, in das die übrigen Herren fröhlich mit einſtimmten. Und Sie meinen, ich ſollte Ihr Korn kaufen, und für meine Bauern Brot daraus zu backen? Aber ein Brot von ſolchem Korn wäre ja mit Gold aufzuwiegen, und meine Bauern beſitzen kein Gold Oh, Sie ſind ein großmüthiger Edelmann, und würden Jhten Bauern gewiß gern das Brot umſonſt bewilligen! Haben Sie Selber das gethan? rief der Freiherr höhniſch. Sagten Sie uns nicht, daß Ihre Bauern verhungert ſind, während doch Ihre Kornböden wohl gefüllt waren? Nun denn, mein Herr Baron, ich be⸗ darf Ihres Korns nicht, denn auch ich leide keinen Mangel daran, 28 und wenn wir erſt ſo weit gelangt ſind, daß der Strich Korn wirklich ſie wu mit zwanzig Gulden bezahlt wird, nun dann werde auch ich menſchen⸗ niſſair freundlich genug ſein, meine Kornböden zu öffnen und mein Korn zu freundl verkaufen! Majeſt Und indem der Freiherr ſo ſprach, füllte er den Kryſtallbecher, ihren der vor ihm ſtand, bis zum Rande mit Wein und leerte ihn auf ſelber einen Zug. G Ah, es beliebt Ihnen zu ſcherzen, ſagte der Baron achſelzuckend.„ BVaror Wie ſollte es möglich ſein, daß Sie allein von dieſer allgemeinen Noth Finger ausgeſchloſſen blieben? ten hi Wer zur rechten Zeit haushält und ſpart, iſt geſichert, wenn die hervo Noth kommt, ſagte der Freiherr, deſſen Antlitz glühte von dem über⸗ mäßigen Weingenuß. Ich ſage Ihnen, ich bedarf Ihres Korns nicht, vier denn ich habe ſelbſt genug davon, und wenn die rechte Zeit gekommen— iſt, werde ich eben ſo klug ſein, wie Sie, mein Herr, und werde mein und it Korn verkaufen. Schul Sie ſollten das indeß nicht ſo laut ſagen, mein Herr, ſagte der ſo ſor Baron. Sie wiſſen doch, daß der Kaiſer einen ſtrengen Befehl hat er⸗ ſelnes gehen laſſen, daß alle Kornbeſitzer der Regierung in Prag angeben ſollen, wie viel Korn ſie haben, damit die Regierung es ihnen zu einem ziem⸗. Wile lich hohen Preiſe abkaufen kann. Ein Narr, wer dieſem Befehl des Kaiſers gehorchen wollte, rief Sl der Freiherr mit ſchwerer Zunge. Der Kaiſer iſt nicht der Herr un⸗ ſers Willens und unſers Kornbodens. Auf ſeinem Dorfe iſt der Lorn Edelmann der Kaiſer, und Gott verhüte, daß das jemals anders wer⸗ G den ſollte!. nit Aber der Kaiſer hat eigene Beamte ernannt, welche von Dorf zu dnn Dorf reiſen, und denen die Gutsherren ihre Scheuern öffnen, und ihre a Kornvorräthe zeigen müſſen. h Ja, ſie ſind auch bei mir geweſen, lachte der Freiherr, ſie ſind 4 bei uns Allen geweſen, nicht wahr, meine Herren? nd Ja, ſie ſind bei uns Allen geweſen, rief der Chorus dieſer lachen⸗ 3 den, weinglühenden Herren. 3 aül Aber ſie haben nichts gefunden, fuhr der Freiherr lachend nichts als ein paar hundert Gulden, die plötzlich in ihren Händen w — wirklich nſchen⸗ orn zu becher, n auf uckend. 3,41 Noth. enn die über⸗ Hnicht, zmmen mein 29 ſie wußten ſelbſt nicht wie, und die bewirkten, daß die Herren Com⸗ miſſaire ſich eiligſt aus dem Staube machten. Ah, dieſe von dem volks⸗ freundlichen Kaiſer erfundene Korn⸗Commiſſaire mögen ſich bei Sr. Majeſtät bedanken, er hat ſie zu reichen Leuten gemacht, ſie haben auf ihren Wanderungen kein Korn für das Volk, aber viel Gold für ſich ſelber gefunden.*) Eine dunkle Röthe flammte einen Moment in dem Antlitz des Barons auf, und ein Zittern durchflog ſeine ganze Geſtalt. Seine Finger legten ſich feſter um das Weinglas, das er in ſeiner Rech⸗ ten hielt, und der Athem ging ſchwer und keuchend aus ſeiner Bruſt hervor.— Niemand achtete indeß auf dieſe Aufregung des Fremden. Die vierſtündigen Tafelfreuden, die feurigen Weine, die ſie in ſo reichlichem Maße genoſſen, hatten die Augen der Herren getrübt, ihr Gehirn erhitzt und ihre Zungen geſchwätzig gemacht. Das glänzende Diner allein war Schuld, daß der Freiherr von Weiſach das Geheimniß, welches er ſonſt ſo ſorgſam behütete, verrathen hatte, daß er einem Fremden den Beſitz ſeines großen Kornvorraths zugeſtand. Der Baron Joſephi indeß unterdrückte mit der Kraft ſeines Willens ſeinen aufflammenden Zorn, und wandte ſich wieder an den Schloßherrn. Sie lehnen alſo meinen Antrag ab? fragte er. Ich lehne ihn ab, lallte der Freiherr. Gott ſein Dank, ich habe Korn genug. Nun denn, meine Herren, fuhr der Baron fort, indem ſeine Augen mit einem ſchnellen Blick ſich auf die übrigen Herren richteten, nun dann, ſo biete ich Ihnen mein Korn an. Sie ſind ohne Zweifel auch aus dieſer Gegend, von welcher aus die meiſten Jammerberichte gekommen ſind, und Einige von Ihnen werden gewiß doch des Korns bedürfen. Wir ſind die Nachbarn des Freiherrn, ſagte der nächſte der Herren, und wir haben von ſeiner Weisheit profitirt. Ich glaube, ich darf Ihnen im Namen aller dieſer Herren ſagen, daß wir Ihr Anerbieten ablehnen. Wir bedürfen keines Korns! *) Groß⸗Hoffinger I. 30 Nein, wir bedürfen keines Korns, riefen die Herren insgeſammt. Sieben, es ſind Ihrer ſieben Herren! ſagte der Baron, und keiner von Ihnen bedarf meines Korns? Nein, keiner von uns ſieben Edelleuten! Von uns vornehmen Wucherern, wollen Sie ſagen, rief der Baron mit donnernder Stimme, indem er ſich von ſeinem Sitz erhob, und ſeine zornblitzenden Augen im Kreiſe der Herren umherflammten. Was ſoll das heißen? rief der Freiherr entſetzt. Das ſoll heißen, daß ich hier nicht ſieben Edelleute, ſondern ſieben Mörder gefunden habe, rief der Baron in edlem Zorn. Sieben ehrloſe Wucherer, welche mit herzloſer Grauſamkeit den Jammer eines ganzen Volkes ausgebeutet haben, um ſich zu bereichern, welche ſich wie Blut⸗ egel an den kranken Böhmerleib gelegt, und ſich vollgeſogen haben von ſeinem Blut. Aber beim ewigen Gott, dieſes Verbrechen ſoll geſtraft, die Wucherer ſollen gebrandmarkt werden, gleichviel, ob ſie von niederer oder von hoher Geburt ſind!. Während der Kaiſer ſo ſprach, hatten die Herren anfangs, gleich ſam gelähmt von Erſtaunen, ſtumm und unbeweglich da geſeſſen, aber allmälig begannen ihre Augen zu blitzen, ſchoß eine noch glühendere Röthe in ihre erhitzten Wangen, und von ihren Sitzen aufſpringend, riefen ſie mit drohendem Ton: wer wagt es, ſo zu uns zu ſprechen! Mit welchem Recht kommen Sie hierher, uns zu beſchimpfen? Mit welchem Recht? rief der Kaiſer mit ſo ſtolzer und gebiete⸗ riſcher Stimme, und ſo zornflammenden Augen, daß die Herren unwill⸗ kührlich erbebten und ihre drohend erhobenen Arme ſinken ließen. Mit welchem Recht ich hierher komme? Nun, der Kaiſer hat mir das Recht gegeben! Sie wiſſen ja, der kleine Kaiſer hat ein empfindſames Herz, und er iſt eigens nach Böhmen gekommen, um die Urſache kennen zu lernen, aus der die Noth und das Elend ſeines Volkes entſprungen iſt. Er hat Euch ſeine Commiſſaire geſandt, und Ihr habt ſie be⸗ ſtochen, nun, da bleibt ihm nichts Anderes übrig, als ſein eigener Com⸗ miſſair zu ſein, und ſelber zu kommen. 2 Der Kaiſer! Es iſt der Kaiſer! murmelten die Herren entſetzt durcheinander, indem ſie mit trüben, glanzloſen Blicken auf Joſeph hin⸗ ſchaueten, der glühend von edlem Zorn, ſtolz und hochaufgerichtet n ihrer dieſe A lächter lender Baron und u daß e wir ij ein a Stim ginnt. und i⸗ Brot Geric wider zu br Gok, Titel und! den d hende den u Cuxr Seer und den über im⸗ dun ammt. dkeiner ſieben ehrloſe ganzen e Blut hen von eſtraft, iederer gleich ;, aber jendere ngend, rechen! gebiete⸗ Unwill Mit Necht Herz, nen zu rungen 31 ihrer Mitte ſtand, und deſſen flammende Augen voll tiefer Verachtung dieſe plötzlich erblaßten und zitternden Herren betrachteten. Auf einmal brach der Freiherr von Weiſach in ein lautes Ge⸗ lächter aus. Ah, ſehen Sie, meine Herren, ſagte er mit ſchwerer, lal⸗ lender Zunge, ſehen Sie, welch einen allerliebſten Spaß ſich der Herr Baron von Joſephi da gemacht hat. Will uns in Schrecken jagen, und uns einbilden, daß er der Kaiſer ſei. Merken Sie denn nicht, daß er uns blos einen Schrecken einjagen, und ſich rächen will, weil wir ihm ſein Korn nicht abkaufen wollen? Es iſt wahr, der Freiherr hat Recht, riefen die Herren. Es iſt ein allerliebſter Spaß und— Still Ihr Alle, uuterbrach ſie der Kaiſer mit lauter donnernder Stimme. Der Scherz iſt vorüber, und die Stunde des Gerichts be⸗ ginnt. Ich bin nach Böhmen gekommen, um mein Volk ſatt zu machen, und ich werde es thun! Aber ich werde auch Diejenigen ſtrafen, welche Brot hatten, und es dem hungrigen Volk nicht gaben, ich werde ſtrenges Gericht halten über Diejenigen, welche gewagt ſich meinen Befehlen zu widerſetzen, und meine Commiſſaire durch Beſtechung zum Schweigen zu bringen. Von heute an bin ich mein eigener Commiſſair, und bei Gott, mich werdet Ihr weder mit Euren Adelsdiplomen, noch mit Euren Titeln beſtechen! Ich werde die Schuldigen ſtrafen, wo ich ſie finde, und der Pranger iſt für jeden Verbrecher da! Gnade, Majeſtät, Gnade, ſtammelte der Freiherr von Weiſach, den der Schrecken plötzlich entnüchtert hatte, und deſſen vorher ſo glü⸗ hende Wangen jetzt plötzlich leichenblaß geworden. Ew. Majeſtät wer⸗ den uns nicht anrechnen, was der Wein aus uns geſpochen! Ihr habt das Gewimmer von Tauſenden vernommen, und es hat Euer Herz nicht gerührt, rief der Kaiſer ſchmerzvoll. Das Geächze der Sterbenden, das Geſchrei der Hungernden klingt wieder durch die Luft, und Ihr belauert mit verſteinerten Herzen das Elend und berechnet den Jammer, wann er Euch den höchſten Vortheil bringen könne. Wehe über Euch! Der Kornwucherer iſt wie ein heimlicher Giftmiſcher, der im Dunkel dahin ſchleicht, und langſam Tag für Tag mit dem Gift des Hungers ſeine Brüder ermordet, um ſich an ihren Leichen zu bereichern!— Majeſtät, es hat noch bis jetzt kein Geſetz gegeben, welches uns 32 befiehlt, uns unſers Eigenthums zu entäußern, ſagte einer der Herren mit faſt grollendem Ton, kein Geſetz, welches einen Edelmann zum Verbrecher ſtempelt, wenn er behält, was Sein iſt! Der böhniſſche Edelmann hat ſeine eigene Gerichtsbarkeit, und nur von dieſer kann er geſtraft und gerichtet werden! Der böhmiſche Edelmann wird dieſe Stelle verlieren, ſo wahr ich der Kaiſer bin! rief Joſeph energiſch. Gleich wie vor dem Thron Gottes ſollen die Menſchen ſein vor dem irdiſchen Richter. In dieſem Moment öffnete ſich die Thür, und die beiden Cava liere des Kaiſers traten ein. Lacy, rief Joſeph den Beiden haſtig entgegenſchreitend, Lacy, Sie hatten Recht. Das Elend des armen Volkes iſt nicht auf gewöhnli⸗ chem Wege entſtanden, ſehen Sie hier Einige von Denen, welche es gepflegt und groß gezogen, und das hungernde Volk in den Tod gehetzt haben! Lacy, dieſe Herren haben Korn im Ueberfluß, und das Volk ſchreit nach Brot, draußen auf der Landſtraße liegen hundert Menſchen, welche dem Tode nahe ſind vor Hunger, in den Hütten des Dorfes wüthet der Jammer und der Hungertyphus, und dieſe Herren fand ich hier ſchwelgend beim üppigen Mahl, und der Nothſchrei des Volkes ſtörte ſie nicht bei ihrem glänzenden Feſt! Gnade, Majeſtät, Gnade, riefen auf einmal flehende Stimmen hinter Joſeph, und als er ſich umwandte, ſah er die Damen, welche auf ihre Kniee niedergeſunken, die gefaltenen Hände zu dem Kaiſer emporhohen. Während der Kaiſer mit Lacy geſprochen, hatte der Hausherr ſich raſch in das Nebenzimmer begeben, und in der Angſt ſeines Herzens die Damen zu ſeiner Hülfe herbeigerufen. Der Kaiſer runzelte die Stirn, und trat haſtig einige Schritte zurück. Meine Damen, ſagte er, es iſt hier noch immer von Politik die Rede, und Sie ſagten es Selbſt, vor der Politik müſſen die Damen ſich zurückziehen! Erheben Sie Sich alſo, meine Damen, und ziehen Sie Sich zurück! Nein, Sire, laſſen Sie mich ſo vor Ihnen liegen, rief die Dame des Hauſes, die ſtolze Freiherrin von Weiſach mit flehender Stimme, laſſen Sie mich Ihre Kniee umklammern, und für meinen Gemahl Ihre Gnade anflehen. Ich weiß nicht, was er gethan und verbrochen v hat, abe unter d an ſeine dentt, u Menſche erborgte At mir Vo bar ſei den K da im zu ver Menſc vor mn Sie al niſche S auf ihr ſeine ſchen zu ſein A ſpöttic würdig der W ic bin iſt ein lagen. nur di ſuthe allein meine bekan an S dieſe Herren n zum hmiſche rkann uhr ich Thron Cava ch, Sie wöhnl⸗ iſche es gehetzt 3 Volk nſchen, Dorfes nd ich Volkes timmen welche Kaiſer tte der Angſt ſchritte Politit Damell ziehen zieh Daule Stimme, Henahl tochen. 22 50 hat, aber ich weiß, daß unſer edler Kaiſer nicht Denjenigen ſtrafen kann, unter deſſen Dach er als Gaſt eingetreten iſt, der ihn vertrauensvoll an ſeinen Tiſch geladen hat. Ich weiß, daß der Kaiſer viel zu erhaben denkt, um Diejenigen in's Verderben zu ſtürzen, welche ihm als dem Menſchen vertrauten, nicht ahnend, daß Derjenige, welcher unter einem erborgten Namen zu ihnen eingetreten, daß das der Kaiſer ſeil! Ah, Madame, ſagte der Kaiſer lächelnd, es ſcheint, Sie wollen mir Vorwürfe machen, und Sie finden, ich müßte Ihnen dafür dank⸗ bar ſein, daß Sie mir nachabgelegter Adelsprobe geſtattet haben, in den Kreis dieſer Edelleute einzutreten. Ich war vorher ſo glücklich, da im Nebenzimmer Ihre ernſten Erwägungen über meine Zuläſſigkeit zu vernehmen. Sie, Madame, haben mindeſtens in mir nicht dem Menſchen vertraut, ſondern nur das kleine Wörtchen von, welches ich vor meinen Namen geſetzt, hat mir Ihre Gnade erworben! Aber ſtehen Sie auf, meine Damen, ich bin ein Deutſcher, und liebe nicht die ſpa⸗ niſche Sitte des Kniebeugens! Sire, Gnade für meinen Gemahll rief die Freiherrin, immer noch auf ihren Knieen liegend. Vergeben Sie es ihm, daß er mehr an ſeine Familie und den Glanz ſeines Hauſes, als an die andern Men⸗ ſchen gedacht hat. Was er gethan, hat er doch nur gethan aus Liebe zu ſeinen Kindern, die er reich und angeſehen machen wollte! Ah, Madame, das nennen Sie Liebel ſagte der Kaiſer mit einem ſpöttiſchen Lachen. Die Habſucht und den Wucher wollen Sie zu ehr⸗ würdigen ariſtocratiſchen Familientugenden ſtempeln? Aber genug jetzt der Worte! Stehen Sie auf, ich will es! Indeß, Sie haben Recht, ich bin als Gaſt unter dieſes Dach getreten, und der Herr von Joſephi iſt ein viel zu guter Edelmann, um dieſe Herren beim Kaiſer anzu⸗ klagen. Er wird die Cavaliere nicht verrathen, er wird dem Kaiſer nur die freudige Nachricht bringen, daß er das gefunden hat, was er ſuchte, daß Korn und Brod da iſt für das verhungerte Volk, und dies allein wird der Kaiſer hören wollen! Oeffnen Sie alſo Ihre Speicher, meine Herren! Laſſen Sie überall in der Runde durch reitende Boten bekannt machen und ausrufen, daß Sie den armen Leuten, welche ſich an Sie wenden, unentgeltlich Ihr Korn überla en wollen, und daß dieſe nichts weiter zu thun haben, als Ihnen einen Empfangsſchein Kaiſer Joſeph. 2. Abth. II. 3 34 auszuſtellen, indem ſie ſich verpflichten, dieſes Darlehen an Korn ſpäter in natura wieder abzuliefern.*) Oh Sie werden ſehen, dieſe Bekannt⸗ machung wird wie ein Zauberwort wirken, die Kornvorräthe, welche Sie in großmüthiger Vorſorge für die äußerſten Zeiten der Noth auf⸗ geſpart haben, werden bald genug erſchöpft ſein, und das Volk wird Sie ſegnen als ſeine großmüthigen Wohlthäter!— Ja, meine Herren, Sie werden von heute an die Wohlthäter des Volkes werden, denn ge lobt ſei Gott, Sie haben Korn, und deshalb will ich heute Ihnen ver⸗ zeihen; Ihre Zukunft möge Ihre Vergangenheit auslöſchen! Keiner von den Herren erwiderte ein Wort; mit düſtern Mienen, mit niedergeſchlagenen Augen ſtanden ſie dem Kaiſer gegenüber, deſſen große ſtrahlende Augen unverwandt auf ſie gerichtet waren. Nun, ſagte der Kaiſer nach einer langen, peinlichen Pauſe, kein Wort des Dankes? Die Freude hat Sie ſtumm gemacht, wie ich ſehe! Nun, ich begreife das, es iſt gar ein ſo erhebendes Gefühl, der Wohl thäter der Unglücklichen zu ſein, und Sie werden dies Gefühl von heute an in reichlichem Maße genießen. Sie werden die Hungrigen ſatt machen und die Thränen der Unglücklichen trocknen. Schaaren von Nothleidenden werden zu Ihnen herſtürzen, um aus Ihren gefüllten Kornſpeichern ſich das Leben und die Geſundheit zu holen. Es wird ein wahres Völkerwandern ſein! Meine Commiſſaire ſollen auch Theil daran nehmen, und damit ſie diesmal nicht wieder das Geld in ihrer Hand mit dem Korn in Ihren Scheuren verwechſeln, werde ich jedem Commiſſarius ein Commando Soldaten mitgeben, damit dieſe ihnen auf allen Edelhöfen die Mühe des Suchens erleichtern.**) Aber auch Sie, Madame, fuhr der Kaiſer fort, ſich wieder an die Freiherrin von Weiſach wendend, welche ſich mit den Damen an die andere Seite des Gemaches zurückgezogen hatte, Sie werden auch Theil nehmen wollen an den Wohlthaten Ihres Gemahls! Ich will Ihnen ein Mittel dazu ſagen! Sie haben heute ein Feſt gegeben, und ohne Zweifel haben Sie ein ſo reichliches Mahl gehabt, daß von dem Ueberfluſſe Vieles noch übrig geblieben.“ Sie ſollten alſo die armen Leute in Ihrem Dorf ———— *⁴) Groß⸗Hoffinger I. S. 141. **) Groß⸗Hofſinger I. S. 142. Theil witklich des R reichich Sie he heutige Wein Ihre Gaben müt ich n Wohl zwei! und r ich m eine( die d Leut) ſomn in Ihne Schle Nache erma edle, in T Rega den unſe mei ſpäter ekannt⸗ welche h auf wird Herren, un ge en der Menen, „diſen ſe, kein h ſehe! Wohl⸗ hl von igrigen 1 von — s wird ch Theil 1 ihrer Hjeden ihnen. er auch ein von ite des wollen el dazu haben Vieles m Dolf 35 Theil nehmen laſſen an Ihrem Feſt. Guter Gott, das arme Volk iſt wirklich wie der Lazarus, der von den Broſamen ſich nährt, die von des Reichen Tiſche fallen! Laſſen Sie dieſe Broſamen heute ein wenig reichlich ausfallen, Madame, und der Lazarus wird Sie dafür ſegnen! Sie haben ſo viele Bediente, Madame, Sie ſollten die Ueberreſte Ihrer heutigen Tafel, und das, was dieſe Herren von dem ſchönen und edlen Wein übrig gelaſſen, in Körbe packen laſſen, und mit den Körben Ihre Bedienten im Dorf von Haus zu Haus gehen laſſen, um Ihre Gaben auszutheilen! Ich werde thun, wie Ew. Majeſtät befehlen, ſagte die Freiherrin mit zitternden Lippen und todesbleich vor innerem Zorne. Ich bin davon überzeugt, fuhr der Kaiſer lächelnd fort, aber da ich neugierig bin, und gern erfahren möchte, wie die armen Leute Ihre Wohlthaten aufgenommen haben, werde ich meinen Kammerdiener und zwei von meinen Lakayen ſenden, damit ſie Ihre Bedienten begleiten, und mir nachher Bericht abſtatten. Leben Sie wohl, meine Herren, ich muß Sie verlaſſen, denn ich habe da draußen auf der Landſtraße eine Geſellſchaft, welche ich zur Tafel geladen, und denen ich als Wirth die Honneurs machen muß. Aber da fällt mir ein, daß dieſe armen Leut wahrſcheinlich noch nicht wiſſen, wo ſie für dieſe Nacht ein Unter⸗ kommen finden ſollen. Sie erlauben mir wohl, Madame, daß ich ſie in Ihrem Namen einlade hieher zu kommen, und es ſich eine Nacht bei Ihnen gefallen zu laſſen. Es werden ſich gewiß in Ihrem ſtattlichen Schloß einige leere Räume finden, um dieſen armen Wanderern eine Nachtruhe zu gewähren, und ihnen ein Lager zu geben, auf dem ſie ihre ermatteten Glieder ausſtrecken können! Nicht wahr, ich darf Ihnen meine edle Tafelrunde ſenden, und Sie werden ihr ein Nachtlager gewähren? Ich werde thun, was Ew. Majeſtät befehlen, ſagte die Freiherrin, in Thränen ausbrechend, und nicht mehr im Stande ihre innere Auf⸗ regung zu verbergen. Der Kaiſer nickte leicht mit dem Haupt, und ſich nach ſeinen bei⸗ den Cavalieren umwendend, ſagte er: kommen Sie, meine Freunde, unſere Boten aus Prag werden ohne Zweifel ſchon zurück ſein, und meine Gäſte werden uns mit Sehnſucht erwarten. Gehen wir alſo! Mit einem leichten Kopfneigen ſchritt er an den Herren vorüber 36 der Thür zu, aber plötzlich blieb er vor Einem derſelben ſtehen. Ah, mein Herr, ſagte er mit einem heitern Lachen, Sie ſehen, dies Mal hat ſich ihre Weisheit doch geirrt. Es iſt doch gut, daß der empfind⸗ ſame kleine Kaiſer nicht in Wien geblieben iſt, denn das Auftreten ſei nes kaiſerlichen Fußes hat wirklich genügt, um Kornfelder aus der Erde zu ſtampfen, und dem heulenden Volke Brot zu geben! Und was die gewaltig lange Naſe anbetrifft, von der Sie meinten, daß der Kaiſer mit ihr abziehen müßte, ſo haben Sie Sich darin auch geirrt, denn der Kaiſer überläßt die lange Naſe dieſen Herren hier, und ich ſinde, daß fie Ihnen Allen ganz vortrefflich ſteht! IV. Der Kaiſer in der Zudenſtadt zu Prag. Der Kaiſer hatte Recht gehabt. Das Auftreten ſeines Fußes hatte genügt, um Kornfelder aus der Erde zu ſtampfen, und dem hun⸗ gernden Volke von Böhmen Brot zu geben. Wie ein Wunder wirkte ſeine Gegenwart, überall thaten auf einmal die Speicher ſich auf, ver⸗ ſchwand wie vor einem göttlichen Machtwort die fürchterliche Noth. Begleitet von einem Commando Soldaten, zogen die kaiſerlichen Coni⸗ miſſarien von einem Gutshof zum andern, von einem Getreidehändler zum andern, um dieſe Alle aufzufordern und anzuhalten, ihre Korn⸗ vorräthe anzugeben, und dieſelben, mit Ausnahme des nöthigen Saat⸗ korns, der Regierung für einen feſtgeſetzten geringen Preis zur Ver theilung an die Hülfsbedürftigen zu ſenden. Dieſe Maßregeln, welche Denen, die ihr Korn hergeben mußten, als eine harte Tyrannei und eine grauſame Willkür erſchien, Denen, welche das Korn empfingen, eine Wohlthat und ein Segen für das allgemeine Wohl däuchte, machte ſchnell der ungeheuren Noth ein Ende. Zudem langten die Kornvorräthe an, welche Joſeph aus dem ge⸗ treidereichen Ungarn verſchrieben hatte; mit dieſen ließ der Kaiſer die ausgeleerten kaiſerlichen Magazine füllen, und daſſelbe Denen für nie⸗ deren: Ernte beſonde nen S Millio Armen aufrich 8 währe mer v terlich allmaͤ da in Heſfn ſchweb begann den v von v herrſch der t dunp Verzn fürcht Nem wolle dem dan um über keit des mit 37 g 2 deren Preis verabfolgen, welchen das Korn zur Ausſaat für die nächſte xfind⸗ Ernte fehlte. Und damit auch dem armen Volk in den Städten eine n ſei beſondere Erleichterung verſchafft werde, befahl der Kaiſer die allgemei⸗ Erde 4 nen Steuern zu verringern, und gab aus ſeinen eigenen Mitteln zwei die Millionen Gulden her, um damit die Unglücklichen zu unterſtützen, den Kaſſe Armen zu helfen, den Herabgekommenen beizuſtehen, daß ſie ſich wieder der aufrichteten, und ihre Geſchäfte, ihre Arbeiten wieder aufnähmen. df Aber während ſo dem leidenden Volke Troſt und Linderung ward, 2 während die Wohlthaten und die rege Fürſorge des Kaiſers den Jam⸗ mer verſtummen machten, während Prag, dieſe ſeit einem langen, fürch⸗ terlichen Jahre von Krankheit, Hunger und Elend heimgeſuchte Stadt, allmälig wieder ſich aufzurichten und zu erholen begann, gab es doch da inmitten dieſer Stadt eine Stelle, wohin noch kein Strahl der Hoffnung gedrungen war, über der noch die düſtere Wolke des Elends ſchwebte und jedes Autlitz verdunkelte. Während alle Uebrigen zu hoffen begannen, während auf den andern Straßen allgemach die Jammern⸗ . den verſchwanden, und man nicht mehr da dieſen troſtloſen Gruppen Dußes von vor Ermattung und Schwäche niedergeſunkenen Geſtalten begegnete, hun⸗ herrſchte in der Judenſtadt zu Prag noch immer das furchtbarſte Elend, wirkte der troſtloſeſte Jammer. ver⸗ Dort waren in den engen feuchten Gaſſen, in den niedrigen Neth. dumpfen kleinen Häuſern Tauſende von Kranken, Verhungernden und Com⸗ Verzweifelnden zuſammengepfercht, hatte der Jammer ſich zu einer ndler fürchterlichen Höhe geſteigert. Niemand hatte ſich dieſer Armen erbarmt, Korn Niemand hatte ihr Elend ſchauen und ſie aus ihrer Noth erretten Saat⸗ wollen. Soldaten bewachten die Eiſenthore, welche die Judenſtadt von Ver dem übrigen Prag trennten, und ließen Niemand dieſelbe verlaſſen, der welche nicht den ſtrengen Hütern der Chriſtenſtadt ein Geldſtück vorzeigen und i und damit beweiſen konnte, daß er nicht ausgehe um zu betteln, ſondern iingen, um zu kaufen. machte Kein Nothleidender, kein Hülfeſuchender durfte dieſes eiſerne Thor überſchreiten, welches das Judenelend von der chriſtlichen Barmherzig⸗ em ge⸗ keit trennte, man hatte dort in dem chriſtlichen Prag ſchon hinlänglich ſer die 3 des Elends und der Noth, man hatte nicht nöthig ſich noch zu belaſten nr nie, 11 mit fremdem Elend, und da man dem Jammer nicht abhelfen konnte, 11 1 — 3 8 3 8 3 38 ſo wollte man ihn auch nicht ſehen. Der Verzweiflungsſchrei der Juden ſollte daher in ihren eigenen Gaſſen verklingen, ihr Hülferuf ſollte in⸗ nerhalb dieſer Gaſſen und dieſer Häuſer allein gehört werden. Nicht einmal in dieſen Zeiten der Noth waren die chriſtlichen Be hörden in das Judenviertel gekommen, um das Elend mit eigenen Augen zu ſehen, und um deſſen Abhülfe ſich zu bemühen; nur die Diener der Obrigkeit waren mit grauſamer Pünktlichkeit am erſten jeden Monats erſchienen, um von den Juden die Kopfſteuer einzufordern, und ſie die harten Abgaben zahlen zu laſſen, mit denen das gedrückte und zertre tene Volk ſich das Recht erkaufen mußte, in einem düſtern, ſchmutzigen Winkel der ſchönen, prachtvollen, chriſtlichen Stadt überhaupt leben zu dürfen. Dieſe Abgaben wurden mit unerbittlicher Strenge eingefordert, und nur an dieſen Zahlungen ward das Judenvolk inne, daß es auch für ſie eine Obrigkeit gäbe, daß es auch für ſie Geſetze und Behörden gäbe, und daß ſie von denſelben nicht vergeſſen worden. Immer größer, immer entſetzlicher war daher die Noth in der Indenſtadt geworden, die Reichen hatteu längſt ſchon ihr Hab und Gut, ihre Reichthümer und Schätze zuſammengerafft, und waren ausgewan dert, die Wohlhabenden, welche geblieben, waren verarmt, und die Ar men, welche von der Arbeit jedes Tages, vom Handel und Wandel ſonſt ſich genährt, waren jetzt in den Zeiten der Arbeitsloſigkeit zu ver zweifelnden Bettlern geworden, die vergebens vor den Thüren ihrer Gemeindegenoſſen wimmerten um ein Stückchen Brod. Selbſt der ſtets ſo rege und lebendige Wohlthätigkeitsſinn der Juden war endlich von dem übergroßen Leid erſtickt worden, ſelbſt ſie hörten den Hülferuf der Sterbenden, das Klagegeſchrei der Hungernden, ohne zu ihrer Rettung herbei zu eilen. Jeder dachte nur noch an ſich ſelber, an ſeine eigene Qual, und ſparte ſorgſam auf für die Zukunft, was er in der Gegen wart erübrigen konnte. Wieder war ein neuer Monat begonnen, wieder hatten die Diener der Obrigkeit mit grauſamer Strenge die Kopfſtener eingefordert, die ſich dies Mal freilich um Vieles verringert hatte, denn der Hungertyphus wüthete jetzt in den düſtern ſchweigenden Häuſern, und der Tod war mitleidsvoller geweſen, als die wachthaltenden Soldaten an dem eiſernen Thorz der Tod hatte den armen, hungernden, mittelloſen Juden einen ₰ Weg ge konnten, weiſen! 4 ◻᷑ die Tho ſtenz d dos G des H merdol Gerech niſche ſelbſt man zahlen chen S Straf Kamn Creku dounte rücht neue Obr unt Entj ten⸗ 39 Weg gezeigt, auf welchem ſie dieſer Stadt des Jammerns entrinnen en konnten, er hatte auch Derer ſich erbarmt, welche kein Geldſtück aufzu—— weiſen hatten, er hatte ſelbſt den Bettlern ſeine Hand gereicht, und ihnen 1Be 4 die Thore des ewiges Lebens und des himmliſchen Friedens geöffnet. lugen 2 Aber— welche der Tod zurückgelaſſen in dieſem düſtern de Schlupfwinkel des Elends, mußten ihren Tribut zahlen für dieſe Exi⸗ nna ſtenz des Jammers und der Noth, mußten ſich durch Abgaben und ſe die Steuer das Recht erkaufen, wieder einen neuen Monat des Elends, 6 des Hungers und der Krankheit durchleben zu dürfen. ie Vergebens war alles Flehen, vergebens, daß man den Dienern uüigen der Obrigkeit ſein abgemagertes Geſicht, ſeine zitternden Hände zeigte, „ 5 daß man ſie hineinſchauen ließ in dieſe elenden düſtern Gemächer, in rdel, denen Kranke und Sterbende mit den noch Geſunden auf Einem Lager aucj ruhten, daß man ihnen die leeren Räume, die leeren Spinden und örden Truhen wies, deren Inhalt mian längſt ſchon verkauft und verſchleudert hatte, um ſich für den Erlös ſeiner Habe einige Zeit länger das jam⸗ n der mervolle Daſein zu friſten. Vergebens dieſes Alles! Die Diener der Gut, Gerechtigkeit hatten kein Mitleid, ſie durften keins haben! Die böh⸗ ewan miſche Regierung bedurfte ſo vieler Geldmittel, es waren da in Prag he Ar⸗ ſelbſt ſo viele Chriſten noch, welche darbten, hungerten und bettelten, Landel man konnte alſo den Juden ihre Steuer nicht erlaſſen, ſie mußten u ver⸗ zahlen, damit man etwas mehr Geld noch habe für die armen chriſtli⸗ ihrer chen Leute. ſtets Jammern und Wehklagen durchtönte daher die öden, feuchten ch von Straßen der Judenſtadt. Es hallte wieder in jedem Hauſe, in jeder uf der Kammer und auf jedem Krankenbett! Die Prager Obrigkeit hatte ihre cettung Exekutoren in die Judenſtadt geſandt, und denen, welche nicht zahlen eigene konnten, hatte man ihre Habe ausgepfändet und fortgeführt!— Und hegen⸗ nicht zufrieden mit dieſer grauſamen Härte, hatte man derſelben eine neue hinzugefügt. Diener Zu viel des Elends, der entſetzlichen Noth hatten die Diener der rt, die Obrigkeit, die Executoren und Gerichtsbeamten in der Judenſtadt geſehen, tiyphus um nicht davon mit Entſetzen und Schrecken erfüllt zu werden. Ihr d van Entſetzen hatte den Behörden ſich mitgetheilt, und was die ausgeſand⸗ 1e ten u Boten erzählt hatten von den Krantheiten, welche in der Indenſtadt 40 wutheten, ſteigerte dieſes Entſetzen ſo ſehr, daß es die Herzen gegen das Mitleid verhärtete.— Das eiſerne Thor, welches ſonſt vom Auf gange bis zum Niedergange der Sonne geöffnet war, das eiſerne Thor ward jetzt geſchloſſen, Niemand durfte daſſelbe ohne Erlaubniß der Soldaten, welche vor demſelben auf und niedergingen, mehr überſchrei⸗ ten, und dieſe Erlaubniß ward nur Denen ertheilt, welche außer demn Geldſtück auch noch ein heiteres Angeſicht hatten, und denen der Arzt, welcher eigens zu dieſem Zweck in einem Hauſe neben dem eiſernen Gitterthor ſtationirt war, das Zeugniß gegeben, daß ihr Körper geſund ſei, und noch keinen Anſteckungsſtoff an ſich trage. Und zu dieſem Allen kam noch ein neues Unglück. Der letzte Arzt, welcher in der Judenſtadt wohnte, war ſo eben geſtorben. Das war der letzte, der fürchterlichſte Schlag, welcher die armen, von ſo vielfachem Leid heimgeſuchten Juden treffen konnte! Nun waren ſie ganz verlaſſen und hülflos. Wie in einem großen Gefängniſſe ab⸗ geſchloſſen von der übrigen Welt, von den freien Menſchen, und in dieſem Gefängniß nicht einmal mehr einen Arzt, der ihre Krankheiten heilen, und ihren Schmerzen Linderung verſchaffen konnte! Verlaſſen von aller Hülfe, waren die unglücklichen Juden gebanut in ihre grauſige Einſamkeit, und Niemand erbarmte ſich ihrer, Nie mand war da, welcher ihren Nothſchrei und ihren Hülferuf vernehmen wollte! Doch, Einer war ihnen geblieben! Einer war da, von dem ſie wußten, daß er ihrer nimmer vergeſſen werde, daß ſein Ohr endlich ihren Klagen ſich öffnen, und daß er ihnen Erlöſung ſenden werde aus dieſer großen Noth! Die Angen, welche vergeblich hülfeflehend auf der Erde umher geſchaut, ſie wandten ſich jetzt zum Himmiel, die Hände, welche vergeb⸗ lich ſich bettelnd um ein Stückchen Brot ausgeſtreckt, ſie hoben ſich jetzt nach Oben, ſie falteten ſich zum Gebet! Gott! Gott! das war jetzt der Hül ffeſchrei der Juden, denen die Menſchen keine Hülfe mehr bieten wollten! Gott mußte ſich ihrer erbarmen, Gott mußte ihr Elend ſchauen, dem weiten Himmel, welcher der Mantel Gottes iſt, der Sonne, welche das Auge Gottes, der Luft, welche ſein Athem iſt, der ganzen Natur woltten ſollte ih d. allgeme Einem meinde Gottes Hände ſlehen. ſollte der L Ceutrr velchen den nit auch de ſich ſch welche zu Jer U da au geſund te Arzt, armen, waren ſe ab nd in heiten ebanut „Nie nehmen em ſie endlich de aus umher ergeb⸗ en ſich und 41 wollten ſie ihren Jammer zeigen, und von dieſer eklen, grauſigen Erde ſollte ihre Schmerzensklage ſich empor ſchwingen zu dem Throne Gottes! Der Rabbiner und die Aelteſten der Judenſchaft hatten daher einen allgemeinen großen Tag des Gebetes und der Klage angeordnet. An Einem Tag, in denſelben Stunden und Minuten ſollte die ganze Ge⸗ meinde ihre Gebete emporſenden zu Gott, auf der Erde knieend, welche Gottes iſt, und nicht das Werk von Menſchenhänden, ſollte Jeder ſeine Hände flehend emporſtrecken zum Himmel und die Gnade Jehova's an flehen. Nicht hinter Mauern und Riegeln, hinter Fenſtern und Thüren ſollte dieſes Gebet ſich verſchließen, frei und ungehindert ſollte es von der Lippe empor ſich ſchwingen zu Gott. Auf dem kleinen Marktplatz inmitten der Judenſtadt ſollte das Ceutrum der Feierlichkeit ſein. Dort ward der Altar errichtet, auf welchem das Buch des Geſetzes lag, und vor dem der Rabbiner mit den niederern Predigern ſtehen und das Gebet ſprechen ſollte, dort war auch der erhöhete Sitz für den Vorſänger, um welchen die Chorknaben ſich ſchaarten, um die alten Lieder und Geſänge erklingen zu laſſen, welche einſt vor Jahrtauſenden in der Heimath, im Tempel Salomonis zu Jeruſalem ertönten. Und wie nun die feſtgeſetzte Stunde des allgemeinen Gebetes ſchlug, da auf einmal öffneten ſich alle Häuſer und alle Thüren, da wankten, in ihre weißen Gebetkleider gehüllt, die bleichen traurigen Geſtalten her⸗ vor, Männer und Weiber, Kinder und Greiſe. Heute gab es keinen Unterſchied des Alters und Geſchlechtes, keine Trennung von Mann und Weib, heute durfte neben den Frauen der Mann, neben dem Greiſe das kleine Mädchen knieen, heute ſollten alle dieſe getheilten, vereinzelnten Gebete in der Luft ſich ſammeln zu einem einzigen Strom, der wogend emporrauſchte zum Himmel. Hinaus Pe das Angeſicht Gottes, hinaus Ihr Kranken und 3 chen und Lahmen, hinaus auch ihr Sterbenden, und hen Derer, di man noch nicht gebettet hat in der kühlen Erde! auß Alle ſchauen, die Kranken und die Geſunden, die Todten ie Lebendigen, er muß ſeinen Finger legen in die Wundmale ihrer Schmerzen, er muß ihre Fieberhitze kühlen mit dem ſegnenden Athem ſeines Mundes! 42 Wer geſund iſt und kräftig, der geht hin zu dem Marktplatze der großen innern Tempelhalle, wo die Rabbiner beten und die Chorkna⸗ ben ſingen werden; wer krank iſt und matt, der ſchleppt ſich hinaus auf die Straße, um dort zu knieen, und diejenigen, welche ſich nicht mehr erheben können von ihrem Lager, die Sterbenden und die ſchon Geſtorbenen, die werden von ihren trauernden und klagenden Ver⸗ wandten und Freunden hinausgetragen, und werden mit ihren Bahren niedergeſetzt inmitten der Straße, damit das ſchon gebrochene und das brechende Auge aufſchaue zum Himmel, damit der Strahl der Sonne endlich die ſtarre Geſtalt berühre, die ſo lange gelegen hat unter den Trauerſchleiern der Trübſal. Gott muß Alle ſchauen, die Todten und die Lebendigen, die Kran ken und die Geſunden! Da ſind ſie Alle draußen! Leer ſind die Häuſer, das Leben und das Leid iſt hinausgewandert auf die Straße. Da liegen ſie auf den Bahren und den Lagern, die Todten und die Kranken, da knieen ſie vor ihren Häuſern, die Schwachen und die Hungrigen, da gehen ſie lang ſam durch die Reihen ihrer kranken Brüder dahin, die Geſunden, um zum Markte zu ſchreiten. Von den Thürmen der ſtolzen chriſtlichen Kirchen herüber tönt der Schlag der elften Stunde, der Stunde des Gebetes! Auf einmal tritt in allen Straßen der Judenſtadt eine tiefe, feier⸗ liche Stille ein, auf einmal verſtummt das Geächze der Sterbenden, das Wimmern der Leidenden, das leiſe Geflüſter Derer, welche einander ihre Noth klagen. Jeder hält den Athem an und lauſcht. Und horch! jetzt erzittert die Luft von leiſen, melodiſchen Klängen, die von dem Marktplatz herkommen. Der Gottesdienſt hat begonnen, die Knaben ſingen die Lieder der Klage, der Rabbiner ſteht vor dem Geſetzbuch und Die Stunde des Gebetes iſt da! Und Aller ugen ri ſich jetzt empor zum Himmel, und Aller Lippen flüſtern Gebete, enie Hände heben ſich jetzt gefalten aufwärts!* Tauſende liegen da mit verweinten Augen, mit bleichen Lippen, Tau⸗ ſende knieen in ihres Herzens Jammer und Noth in dem großen Tempel Jehova's und flehen zu dem allmächtigen Gott um Erbarmen und Hülfe! 1 erbarmen Tie gen ſind Wi ihrer V d' A es iſt ſchließe nergeſt ſtehen, dann gen He ſchreitet weit g Betend hernied ſic ſel Hülfe leuchte ihn, d ner vo Seht Anſtec dort ſ ſame ſeine vons zum, Nein rinne die ge der orkna inaus nicht ſchon Ver⸗ ahren d das Sonne et den Kran n und f den e vor lang , um nt der feier⸗ enden, zander horch 1 n dem er der 43 Wird Gott ihr Gebet erhören? Wird ſeine Hand ſich Derer erbarmen, von denen die Menſchen erbarmunglos ſich abgewandt haben? Tiefe, heilige Stille herrſcht ringsum, die Gedanken und Hoffnun⸗ gen ſind bei Gott, ihn ſuchen die Blicke, zu ihm flüſtern die Lippen! Wird Gott ihr Gebet erhören? Wird er ihnen Hülſe ſenden in ihrer Verlaſſenheit?— Tiefe, heilige Stille herrſcht ringsum. Auf einmal wird dieſe Stille durch ein Geräuſch unterbrochen; es iſt das Klirren der Riegel, welche das eiſerne Thor der Judenſtadt ſchließen, auf einmal thun die Thorflügel ſich auf, und eine hohe Män⸗ nergeſtalt erſcheint in denſelben. Einen Moment bleibt der Fremde ſtehen, betroffen von dieſem Anblick der Hingelagerten und Betenden, dann wendet er ſich rückwärts und winkt abwehrend mit der Hand eini⸗ gen Herren, die hinter ihm ſtehen. Dieſe weichen zurück, Er aber ſchreitet vorwärts, mitten hinein in die Judenſtadt, deren Thor jetzt weit geöffnet bleibt. Er ſchreitet vorwärts, die Straße hinauf; die Betenden, an denen er vorüber kommt, neigen den Blick vom Himmel hernieder auf ſein Antlitz, und in ihrem Innern fragen ſie verwundert ſich ſelbſt: Iſt das der Engel, welchen Gott uns ſendet, daß er uns Hülfe bringe? Sein Antlitz iſt ſo voll himmliſcher Güte und Liebe, es leuchtet ſo viel göttliches Erbarmen aus ſeinen großen blauen Augen! — Ja, es iſt ein Engel Gottes, denn ſeht nur, unſer Jammer rührt ihn, die Menſchen haben kein Mitleid mit uns gehabt, er iſt alſo Kei⸗ ner von ihnen, er iſt ein Engel Gottes, denn er hat Mitleid mit uns! Seht nur, er neigt ſich nieder zu den Kranken dort, er fürchtet keine Anſteckung, ihn ſchaudert nicht vor den Verzerrten und Sterbenden, dort ſchaut er ſie an, dieſe Familie der Bettler, welche Alle die grau⸗ ſame Hungerkrankheit ſchon erfaßt hat. Er bleibt neben ihnen ſtehen, ſeine Geſtalt ſcheint zu ſchwanken unter der Laſt des Entſetzens, und von Mitleid ſchaudernd, wendet er ſeine großen blauen Augen empor zum Himmel, und ſeht nur, oh ſeht! in dieſen Augen glänzen Thränen! Nein, das iſt kein Menſch, kein Chriſt, denn ſeht nur, die Thränen rinnen über ſein Antlitz hin! Er weint über das Leid der armen Juden! Nun, mit der flachen Haud trocknet er ſich die Augen, und ſchreitet die Straße weiter hinauf. Wo er vorübergekommen, da haben ſich .— 44 die Blicke ihm zugewendet, da fliegen ſie ihm nach, da fragt ſich Jeder in ſeinem Herzen, ob das Wahrheit geweſen und Wirklichkeit, oder ob er nur eine Erſcheinung geſehen, welche Gott ihn ſehen ließ? Und wieder richten ſich die Blicke zum Himmel empor, und das Gebet be ginnt auf's Neue! Weiter die Straße hinauf wandelt der Fremde, und jetzt hat en den kleinen Platz erreicht, auf welchem die Aelteſten der Gemeinde um den Altar verſammelt ſind. Der Geſang iſt verſtummt, der Rabbiner ſteht vor dem aufge ſchlagenen Buche des Geſetzes, und betet mit lauter, mächtiger Stimme das Gebet der Klage; und alle Männer und alle Franen, die da hei liger Andacht voll den Platz erfüllen, ſie murmeln halb leiſe ſeine Worte ihm nach, und die thränenumdüſterten Blicke gen Himmel ge wendet, flehen ſie zu Gott um Hülfe und Erbarmen. Der Rabbiner betet noch immerfort. Weshalb wendet auf einmal ſein Blick ſich vom Himmel hernieder? Er ſieht da ſich gegenüber ein von Erbarmen und Rührung ſtrahlendes Angeſicht, es konmt näher und näher! Er ſieht da Augen, ſo blau, als habe ein Stückchen des des Himmels ſich in ſie niedergeſenkt, und dieſe Augen ſchauen ihn an, er hört da eine Stimme, welche ſanft klingt und weich wie ein Gruß liebenden Mitleids, und dieſe Stimme ſagt zu ihm: laßt mich mit Euch beten zu Gott, um Erbarmen und Abhülfe Eurer Noth! Der Rabbiner hält inne in ſeinem Gebet, die Worte ſtockten auf ſeinen Lippen, er ſtarrt den Fremden an, er mag's und kann’s nicht glauben, was ſein freudejauchzendes Herz ihm ſagt! Der Fremde ſieht ihn an mit einem Lächeln. Ich bin gekommen, Euch zu helfen, ſagt er mit milder Stinune. Ich wollte mich ſelbſt überzeugen, wie es Euch ergeht, deshalb kam ich hieher, und ich bin zu einer guten Stunde gekommen, denn wenn Ihr auch Euer Elend nur hinausgetragen habt auf die Gaſſe; damit Gott es ſehe, ſo iſt es auch gut, daß ich es geſehen habe! Mir hat Gott, ſo hoffe ich, es vor behalten, Euch Hülfe zu bringen, und ich gebe Euch mein Wort darauf, daß Euch Hülfe werden ſoll! Erſt heute habe ich gehört von der Härte, mit welcher man Euch bis hieher behandelt hat, und daß man Euch nicht hat Theil nehmen laſſen an den Erleichterungen, die ich ge- 5 währte. ſo viel ic Necht au werde E ſollt Ihr dere Ste Ench zal ſchloſſen überſchre De fangen, rig gew Himmel hinſchall Engel g rer Mit De wort flog iſt gekon Vort d bete in tes Läch tin hü erbaunt nicht b de er d mas dunge um ſei Noth gewöh der g eiſchie Jeder der ob Und ſet be hat er de um aufge Sümne da hei⸗ e ſeiue nel ge inmal er ein näher en des in au, Gruß h mit 44* en auf 3 nicht mmien, ſelbſt 1 1 4 erſchienen. Wo er ſich zeigte, jauchzte ihm das Volk entgegen, knieete 45 währte. Ich bin aber nach Böhmen gekommen, um Allen zu helfen, ſo viel ich kann, und Alle, ohne Unterſchied des Glaubens haben ein Recht auf meine Hülfe, denn Ihr gehört Alle zu meinem Volk! Ich werde Euch Aerzte ſenden und Lebensmittel, und gleich allen Uebrigen ſollt Ihr Theil haben an der Verminderung der Steuern. Die beſon⸗ dere Steuer aber, die Euch auferlegt iſt, werde ich ein Jahr lang für Euch zahlen! Auch ſoll das Gitterthor der Judenſtadt nicht mehr ver⸗ ſchloſſen werden, und auch ohne ein Geldſtück könnt Ihr daſſelbe überſchreiten! Der Rabbiner hatte ihn, wie von einem himmliſchen Traum um⸗ fangen, ſtaunend zugehört, ſein Antlitz, welches vorher düſter und trau⸗ rig geweſen, ſtrahlte jetzt in einem ſeligen Lächeln, und beide Arme gen Himmel erhebend, rief er mit einer Stimme, welche weit über den Platz hinſchallte: Gott hat unſer Gebet erhört! Er hat uns einen hülfreichen Engel geſendet! Sehet ihn an, es iſt der Kaiſer, welcher hier in unſe⸗ rer Mitte ſteht! Der Kaiſer! ſchrie und jauchzte die Menge, und wie ein Zauber⸗ wort flog das Wort durch alle Gaſſen:„der Kaiſer iſt hier! Der Kaiſer iſt gekommen, um uns Hülfe zu bringen!“ Und wo dieſes troſtreiche Wort erſchallte, da belebten ſich die Züge, da verwandelten ſich die Ge⸗ bete in freudiges Jauchzen, da ſtockten die Thränen, und ein ungewohn⸗ tes Lächeln umſpielte die bleichen ſchmalen Lippen. Das Unerhörte, das Niegeahnte war geſchehen! Der Kaiſer Jo⸗ ſeph war ſelbſt in die Judenſtadt gegangen, er hatte gethan, was noch kein Fürſt vor ihm gethan. Er hatte der armen geknechteten Juden ſich erbarmt, er rechnete ſie mit zu ſeinem Volke, ſie waren ihm Menſchen, nicht blos Juden, und er ließ ſie Theil nehnten an den Wohlthaten, die er dem unglücklichen Böhmen gewährte! Und zu Ende war alle Noth und aller Jammer, zu Ende der Hunger und das Clend! Kaiſer Joſeph war nach Böhmen gekommen, um ſein Volk zu erretten und er verließ Böhmen nicht, bevor nicht die Noth beendet, alle Magazine gefüllt und der Preis des Korns auf den gewöhnlichen Preis herabgeſunken war. Seine Anweſenheit hatte Wun⸗ der gewirkt, und allen Leidenden war er wie ein hülfereichender Engel 46 es nieder, um ſeine Füße mit Thränen des Dankes zu netzen; nur die höhern Stände, die wucheriſchen Grundbeſitzer, die beſtechlichen Beam⸗ ten und die unduldſamen Ariſtokraten theilten nicht die allgemeine Be⸗ geiſterung und ſchwuren dem Kaiſer in ihrem Innern einen unbeſieg⸗ baren Haß.*) Diplomatie. Fürſt Kaunitz war in ſeinem Kabinet. Er ließ ſich von dem Ba⸗ ron Binder die geheimen Depeſchen vorleſen, welche eben von dem öſterreichiſchen Geſandten in Berlin, dem jungen Baron van Swieten, eingelaufen waren, und während dieſer Lectüre beſchäftigte er ſich da mit, die Quincaillerien und Koſtbarkeiten, welche auf dem Geſimſe ſeines Schreibtiſches ſtanden, mit einem großen Wedel von Pfauenfedern ab⸗ zuſtäuben, oder ihnen, vermöge eines ſeidenen Tuches, das zu dieſemn Zweck immer in einer Chatoulle ſeines Schreibtiſches aufbewahrt wurde, wieder Glanz und Politur zu verleihen. Es war dies eine Lieblings⸗ beſchäftigung des allmächtigen Miniſters; und ſehr oft geſchah es, daß er in ſeinem Vorzimmer hohe Staatsbeamte, ja ſogar fremde Geſandte Stunden lang warten ließ, weil er mit dem Abſtäuben und Reinigen ſeiner Meubles noch nicht fertig war, oder weil er ſich das Vergnügen bereitete, die ſchönen Sächelchen auf ſeinem Schreibtiſch anders zu grup⸗ piren und zu ordnen.**) Fürſt Kaunitz alſo war damit beſchäftigt, ſeinen Schreibtiſch abzu⸗ zuſtäuben und zu reinigen, während Herr von Binder ihm die eingelau⸗ fenen Depeſchen vorlas.— Dieſe Depeſchen waren indeß heute, ſehr ernſter und wichtiger Natur, denn Herr van Swieten berichtete darin dem Fürſten von einer vertraulichen Unterredung, welche er mit dem *) Groß⸗Hoffinger I. S. 141. *r) Rulhiere histoire de l'anarchie de Pologne. Vol. IV, p. 180. 1 Könige Theilun vveſen. maßen i Mächte ſich Pol mnüſſe d Gebiete S Ernſt, ſteinen einſt König Sucht Polen daß Kr Willi V Herr d beiden Gebiet haupt döfe ſ er vorg lien e gen kö A Kaumit Vanſ Bean pünk von was nur die Beam⸗ ne Be⸗ beſieg⸗ em Ba⸗ in den wieten, ich da ſeines rn ab dieſem wurde, blings⸗ es, daß heſandte teiuigen gnüggen 1 grup abzu⸗ ngelau⸗ te, ſehr e darin nit den 47 Könige von Preußen gehabt, und in welcher ſehr ernſthaft von einer Theilung des unruhigen und in ſich zerfallenen Polens die Rede ge⸗ weſen. Der König von Preußen, ſchrieb der Geſandte, habe gewiſſer⸗ maßen im Scherz über die Ländergebiete geſprochen, welche die drei Mächte ſich von dem Königreich Polen aneignen könnten. Er habe für ſich Polniſch Preußen und Ermeland beſtimmt, dagegen gemeint, man müſſe die Städte Danzig und Thorn, ſo wie auch Krakau mit ſeinem Gebiete dem Königreich Polen laſſen. Sehr gut erdacht, ſagte der Fürſt mit ſeinem unerſchütterlichen Ernſt, während er mit ſorglichſter Genauigkeit ein reizendes, mit Edel⸗ ſteinen verziertes Dintenfaß von Sevres⸗Porzellan reinigte, das ihm einſt die Marquiſe von Pompadour zum Geſchenk gemacht. Dieſer König von Preußen iſt wirklich von einer unübertrefflichen Naivetät. Sucht ſich das ſchönſte, fruchtbarſte, am beſten cultivirte Stück von ganz Polen aus, und läßt dann gleichſam als unwichtig die Clauſel fallen, daß Krakau mit ſeinem Gebiete, das heißt, die reichen Salzwerke von Wieliczka bei Polen bleiben, das heißt, nicht an Oeſterreich fallen. Van Swieten iſt auch nicht darauf eingegangen, Durchlaucht, ſagte Herr von Binder, er hat vielmehr dem König erklärt, daß wenn die beiden andern Mächte nicht zugeben wollten, daß Oeſterreich auch den Gebietstheil von Krakau bekomme, zu fürchten ſei, daß Oeſterreich über⸗ haupt kein hinreichendes Aequivalent der Theile, welche die andern beiden Höfe ſich von Polen zueigneten, erhalten möchte. In dieſem Fall hat er vorgeſchlagen, daß man Oeſterreich vielleicht durch Bosnien und Ser⸗ bien entſchädigen könnte, und gemeint, man werde die Pforte wohl zwin⸗ gen können, dieſe beiden Provinzen heraus zu geben. Aber dieſer Menſch iſt von einer unverſtändigen Tollkühnheit! rief Kaunitz faſt heftig. Wer hat ihm den Auftrag gegeben zu ſolchen Vorſchlägen? Durchlaucht, er hat vielleicht gedacht— Er ſoll nicht denken, unterbrach ihn Kaunitz, ich verlange von den Beamten nicht, daß ſie ſelber denken, ſondern daß ſie meine Gedanken pünktlich und mit ſtrengſter Genauigkeit ausführen. Es iſt ſehr arrogant von meinem kleinen Herrn Geſandten, daß er ſich unterſteht zu denken, was ich nicht gedacht habe, und auf ſeine eigene Hand Vorſchläge zu 18 machen. Schreiben Sie ihm das, Binderk Schreiben Sie ihm:„weder der mit der Pforte beſtehende ewige Friede, noch die rechtliche Geſin⸗ nung der Kaiſerin Königin erlaubten es, türkiſche Provinzen gewaltſam wegzunehmen.“*) Ew. Durchlaucht ſind alſo jetzt definitiv entſchloſſen, Oeſterreich zu einem treuen Bundesgenoſſen der Pforte zu machen? fragte Herr von Binder erſtaunt. Definitiv entſchloſſen? wiederholte der Fürſt kopfſchüttelnd. Sie großes Kind kennen alſo immer noch nicht die Anfangsregeln der Politik, und urtheilen mit einer Unſchuld, als wären Sie ein vollkommener Laie, und nicht ſeit dreißig Jahren mein Special und Vertrauter! In der Politik giebt es keine definitive Entſchließung, ſondern dieſelbe muß ſich allemal der Situation anpaſſen, und da die Situationen wechſeln, nun ſo wechſelt auch die Politik. Rede mir nur Keiner von Geſinnungspo⸗ litik! Der Staatsmann, welcher die verfolgen wollte) würde den von ihm regierten Staat bald an den Rand des Abgrunds bringen! Und doch giebt es keinen Staatsmann von tüchtigerer und felſen⸗ feſterer Geſinnung als Ew. Durchlaucht es iſt, rief Binder mit dem warmen Ton wahrer Freundſchaft. Der Fürſt neigte majeſtätiſch ſein Haupt. Meine Geſinnung iſt die: Oeſterreich groß, mächtig und augeſehen zu machen, ſagte er, jedes Mittel iſt mir recht, wodurch ich dieſen meinen Zweck erreichen kann. Oeſterreich ſoll und muß die erſte europäiſche Macht werden, und die kommenden Jahrhunderte ſollen ſagen:„Der Fürſt Kaunitz iſt es, welcher Oeſterreich zu Dem gemacht hat, was es jetzt iſt!“ Deshalb, damit ich mein Werk vollenden kann, und— damit Oeſterreich nicht zu Grunde gehe, muß ich an der Spitze der Geſchäfte bleiben. Ich bin das Oeſterreich, ja, ich bin das ganz Europa ſchuldig, denn Oeſterreich und Europa hoffen auf mich, daß ich es glücklich hindurch führe durch alle Stürme. Ich darf mich dieſer Aufgabe nicht entziehen, denn was ſollte aus Europa werden, wenn ich, meine Bequemlichkeit mehr liebend, als das Wohl der Welt, mich jetzt von den Geſchäften zurückzöge! Es iſt ja Niemand da, der mich erſetzen könnte! Hundert Jahre braucht *) Wilhelm von Dohm. Denkwürdigkeiten meiner Zeit. Th. I. S. 489. der Hunn Monarchi macht mie an ihrer Zum lenken und unentbehr Ich welche v Oeſterre Man ko haberiſc ſogar t Oeſterre Sie Vom und eite wollen und Cr geſtalten werde. wäre, d in Schr 1 die Wel 3c miu Kliypen einem muß m Narin ſcc i weder Geſin⸗ altſam eich zu r von Sie Politik, e Laie, In der nuß ſich n, nun ngspo⸗ n von felſen t dem ung iſt jedes kann. nd die velcher damit ct zuͦ 49 der Himmel, um einen großen Geiſt für die Wiederherſtellung einer Monarchie zu bilden! Alsdann ruht er wieder hundert Jahre! Dies macht mich zittern für die öſterreichiſche Monarchie, wenn ich nicht mehr an ihrer Spitze ſtehe!*) Zum großen Glück für Oeſterreich werden Sie noch lange es lenken und regieren, rief Binder. Ew. Durchlaucht ſind unerſetzlich und unentbehrlich! Ich weiß das, ſagte Kaunitz gravitätiſch. Aber es giebt Ehrgeizige, welche vermeinen, es ſtände ihnen wohl an, in meine Verwaltung Oeſterreichs drein zu reden, und Theil zu haben an meinen Arbeiten. Man kann nicht wiſſen, wohin der jugendliche Ungeſtüm und die recht⸗ haberiſche Eitelkeit einen ſolchen Ehrgeizigen treiben kann, und ob er nicht ſogar tollkühn genug denken könnte, um auch ohne mich eine Exiſtenz Oeſterreichs für möglich zu halten. Sie wollen von dem jungen Kaiſer reden? flüſterte Binder. Von ihm, ſagte der Fürſt feierlich. Er iſt ehrgeizig, herrſchſüchtig und eitel. Verwechſelt ſeinen guten Willen, etwas Gutes thun zu wollen, mit der Fähigkeit es zu können. Möchte ſich durch Kriege und Eroberungen perſönlichen Ruhm erwerben, möchte Alles anders geſtalten, wie es iſt, bloß damit die Neugeſtaltung ſein Werk genannt werde. Oh, was ſollte aus Oeſterreich werden, wenn ich nicht da wäre, dieſen ungeſtümen Eifer zu dämpfen, und dieſe hitzige Ehrbegierde in Schranken zu halten! Nein, nein, ich darf Oeſterreich nicht verlaſſen, die Welt und die Nachwelt würde mich verdammen, wenn ich's thäte! Ich muß bleiben, was ich bin! Muß mich hindurch winden durch dieſe Klippen, muß zwiſchen einer bigotten, allzu friedliebenden Kaiſerin, und einem ehrgeizigen, thatendurſtigen Kaiſer das vermittelnde Princip ſein, muß möglichſt beiden Parteien genügen, Beider Wünſche befriedigen! Maria Thereſia will den Frieden, und iſt der Pforte geneigt, welche ſich ihr immer als ein guter friedliebender Nachbar gezeigt hat.— Joſeph will den Krieg, um ſich Ruhm zu erwerben, und ſeine Länder zu vergrößern. Wenn er morgen Alleinherrſcher wäre, würde er einen Krieg anfangen mit Rußland oder mit der Türkei, wie es ihm am *) Des Fürſten eigene Worte. Siehe Swinburne. Th. I. S. 230. Kaiſer Joſeph. 2. Abth. II.. 4 50 vortheilhafteſten deuchte! Ich muß ihm alſo dieſe Hoffnung immer offen halten, damit er für möglich halte, was er wünſcht. Ich muß aber auch zugleich den Neigungen Derjenigen, welche jetzt noch herrſcht, mei⸗ nen Tribut zahlen, und wenn wir Krieg haben ſollen, um Joſeph zu befriedigen, ſo muß Maria Thereſia glauben können, daß Wir dieſem Krieg auf das Aeußerſte widerſtreben, und nur durch Andere frevent⸗ lich dazu getrieben ſind. Beim Himmel, das iſt ein feines diplomatiſches Gewebe, rief Herr von Binder lächelnd. Hüten Sie Sich, Binder, Sich nicht in den Netzen deſſelben zu fangen, oder einen Faden deſſelben zu zerreißen, ſagte der Fürſt feier lich. Ich habe ſo offen zu Ihnen geſprochen, weil auch der größte Genius zuweilen Momente hat, wo er des Verſtändniſſes Anderer be⸗ darf, und wo es ihm wohlthut, ſich ausſprechen zu können. Sie wiſſen jetzt, was es mit meiner definitiven Entſchloſſenheit, der Pforte beizu⸗ ſtehen, zu ſagen hat, und ich denke, Sie werden künftig nicht wieder ſo dumme Fragen thun, Sie großes Kind, das dreißig Jahre beim Kaunitz iſt, und ihn noch immer nicht verſteht! Weil Ew. Durchlaucht undurchdringlich ſind, und viel zu erhaben, um von gewöhnlichen Sterblichen begriffen zu werden, ſagte Herr von Binder emphatiſch. Ich glaube, daß es ſo iſt, ſagte der Fürſt einfach, indem er mit der größten Genauigkeit die Lineale, Schreibfedern, Meſſer und Schee⸗ ren in einem Quarré auf ſeinem Schreibtiſch ordnete. Eben öffnete ſich die Thür, und der eintretende Kammerdiener meldete Se. Excellenz den Herrn Geſandten der Ottomaniſchen Pforte, Osman Paſcha! Soll warten, ich werde ihn ſogleich empfangen, ſagte der Fürſt, leicht mit dem Kopfe nickend.— Sie ſehen, ſagte er, als der Kammer⸗ diener hinausgegangen war, ich halte es jetzt wirklich mit der Pforte. Warten Sie hier, ich werde den Herrn Geſandten im großen Saal empfangen. Nachher bedarf ich Ihrer, bleiben Sie alſo! Er nickte ſeinem Vertrauten lächelnd zu, und verließ ſtolz und gra⸗ vitätiſch das Gemach. Herr von Binder ſchaute ihm nach mit Blicken zärtlicher Bewunderung. Er iſt doch ein gpoßer Mann, murmelte er leiſe vo lich. 2 ger und Ur Verlin tereſſen E das G ſeinen Hand wir 3 dieſes Hören unſer abſchle noch d wicht nicht iſt i Rußl unter ſein? tibe diere und einer Pe der dieſ dub er offen uß aber zt, mei⸗ ſeoh z dieſem frevent⸗ ief Herr eben zu ſt feier⸗ größte erer be⸗ wiſſen beizu wieder e beim rhaben, ert von er mit Schee⸗ rdiener Pforte, Fürſt ummer⸗ Pforte. 1 Saal Bliden nelle er 51 leiſe vor ſich hin, und er hat ganz Recht, er iſt Oeſterreich unentbehr⸗ lich. Was thut's, daß er es weiß und es ſagt? Er iſt eben ein klu⸗ ger und wahrheitsliebender Mann! Voil tout! Und er ſetzte ſich nieder, um an den öſterreichiſchen Geſandten in Verlin zu ſchreiben, und ihn ſtreng zu verwarnen, nichts gegen die In⸗ tereſſen der Türkei zu ſagen und zu thun. Er hatte ſeinen Bericht eben vollendet, als der Fürſt wieder in das Gemach eintrat. Sein Antlitz ſtrahlte von Befriedigung, und um ſeinen Mund zeigte ſich Etwas wie der Schimmer eines Lächelns. Binder, ſagte er, indem er einen Bogen Papier, den er in der Hand hielt, auf ſeinen Schreibtiſch legte, ſehen Sie einmal, da haben wir Zuckerbrot für unſern jungen Kaiſer. Können Sie errathen, was dieſes Papier enthält? Doch nicht eine Kriegserklärung an Rußland? fragte Binder erſtaunt. Hm, Etwas das dem ziemlich nahe kommt, ſagte der Fürſt heiter. Hören Sie! Es iſt die geheime Convention, welche, wie Sie wiſſen, unſer Geſandter in Conſtantinopel, Herr von Thugut, mit der Pforte abſchließen ſollte. Der Sultan hat ſie unterzeichnet und ich werde heute noch die Unterſchrift der Kaiſerin⸗Königin einholen. Nun, ſie wird ſich nicht weigern, das zu unterſchreiben, denn wenn ſie die Türkei auch nicht liebt, ſo haßt ſie doch Rußland, und der allerungläubigſte Sultan iſt ihr immer noch lieber als die chriſtliche Kaiſerin Katharina von Rußland. Darauf rechne ich, und deshalb weiß ich, daß die Kaiſerin unterzeichnen wird. Alſo, von jetzt an werden wir nun doch Bundesgenoſſen der Türkei ſein? fragte Herr von Binder triumphirend. Es nun doch eine defini⸗ tive Entſchließung! 4 Der Fürſt zuckte die Achſeln, und blätterte in dem Heft von Pa⸗ pieren, das er mitgebracht. Wir haben uns verpflichtet, ſagte er, hier und dort in den Papieren leſend, verpflichtet, der Türkei mit Rußland einen Frieden zu ſchaffen, nach welchem Rußland ihm alle eroberten Provinzen wieder heraus giebt, oder welcher doch wenigſtens die Ehre der Türkei unberührt erhält. Wir haben uns ferner verpflichtet, in dieſen Friedensbeſchlüſſen auch die Unabhängigkeit und Freiheit der Re⸗ publik Polen zu ſichern. . 4* 52 Aber Durchlaucht, rief Binder erſtaunt, das widerſpricht ja allen Unterhandlungen, die Sie mit Preußen und Rußland eingeleitet haben, das widerſpricht ja den Plänen einer Gebietserweiterung, welche Ew. Durchlaucht in Bezug auf Polen ſo lange gehegt. Alsdann wird ja ein Krieg unvermeidlich ſein, denn Ew. Durchlaucht habe ohne Zweifel vergeſſen, daß Preußen und Rußland einen Vertrag abgeſchloſſen haben, in welchem ſie ſich gegenſeitig„zur Beruhigung Polens“ anheiſchig machen, ſich einige Provinzen dieſes unruhigen Königreichs anzueignen. Merken Sie Sich, mein alberner Freund, daß ich niemals etwas vergeſſe! ſagte Kaunitz ſtolz. Ich kenne dieſen ruſſiſch⸗preußiſchen Ver trag, aber vor der Hand hat man uns noch nicht zum Beitritt einge⸗ laden, und ich werde mich ihnen nicht anbieten. Mögen ſie ſprechen, dann werden wir ſehen! Thun wir es nicht, nun dann werden wir Krieg haben! Sprechen ſie, und fordern uns zum Beitritt auf, ſo wer⸗ den wir am Ende der Klugheit nachgeben müſſen, und auch Beute machen, weil die Andern Beute machen. Aber es iſt wahrhaftig beſſer ſich anſcheinend dazu zwingen zu laſſen, und gewiſſermaßen gezwungen nachzugeben, denn damit werden wir das Gehäſſige dieſer Sache auch auf Diejenigen werfen, die uns zu dieſer Habſuchtspolitik zwingen, und Maria Thereſia wird weniger Gewiſſensſcrupel haben! Durchlaucht, ſagte Herr von Binder ſeufzend, ich gebe es auf, je⸗ mals ein guter Diplomat zu werden. Ich höre Ihrer Weisheit zu, und Ihre Worte ſind für mich delphifche Orakelſprüche, denen man an⸗ dächtig lauſcht, und deren zweideutige Erhabenheit man doch eigenlich gar nicht verſteht. Alſo wir ſind auf einmal die großmüthigen Bun⸗ desgenoſſen der Türkei geworden. Wir leiſten dadurch der Pforte allerdings einen gewaltigen Dienſt. Aber was leiſtet die Pforte uns? Nicht viel, aber doch Etwas, ſagte Kaunitz gelaſſen, indem er wie⸗ der in den Papieren blätterte. Die Pforte, welche, ebenſo wie Sie, auf einen Krieg mit Rußland gefaßt iſt, begreift, daß Oeſterreich ſeine Armee auf den Kriegsfuß ſetzen muß, um ihm ſeine Hülfe angedeihen zu laſſen. Da Oeſterreich dies aber für die Türkei thut, ſo iſt es bil⸗ lig, daß dieſe auch die Koſten trägt. Die Pforte alſo zahlt an Oeſter⸗ reich im Laufe der nächſten acht Monate die Summe von zwanzigtau⸗ ſend Beuteln, jeden zu fünfhundert Piaſtern. Davon ſind viertauſend Beutel worden. A Gott,? einem! J fragte und d Gelde zu ve verſel er m ſtimm ein g Sieben lich u boman und D ein K ehrge ſein; Ich b ventic gehal darau allen aben, Ew. d ja veifel aben, iſchig gnen. etwas Ver einge⸗ rechen, n wir wer⸗ Beute eſſer ngen auch und f, je it zu, n au- enlich Bun⸗ forte ns? wie⸗ Sie, — Beutel gleich nach der Unterzeichnung der Convention ausgezahlt worden.*) Alſo zehn Millionen Piaſter! rief Herr von Binder erſtaunt. Bei Gott, Durchlaucht, Sie ſind ein zweiter Moſes. Sie verſtehen es, aus einem unfruchtbaren Felſen eine ſilberne Quelle hervorſprudeln zu machen. Meinen Sie nicht, daß wir dieſes Geld gut gebrauchen können? fragte Kaunitz. Mir ſcheint, unſere Kaſſen waren ziemlich erſchöpft, und der Kaiſer wird es daher zufrieden ſein, daß wir ſie mit türkiſchem Gelde gefüllt haben. Er iſt dadurch in den Stand geſetzt, ſeine Armee zu vermehren und im reichſten Ueberfluſſe mit allen Bedürfniſſen zu verſehen, und da dies ihm vor allen Dingen am Herzen liegt, ſo wird er mir ſehr dankbar ſein für dieſen Vertrag und demſelben ſeine Zu⸗ ſtimmung nicht verſagen!— Außerdem aber bewilligt uns die Pforte ein gutes Stück der Walachei, regelt die Grenzbeſtimmungen gegen Siebenbürgen zur völligen Befriedigung Oeſterreichs, und gewährt end⸗ lich unſerm Handel zu Waſſer und zu Lande, im ganzen Umfange des osmaniſchen Reichs, Befreiung von allen Abgaben, verſpricht ihm Schutz und Begünſtigung. Aber allen dieſen herrlichen Beſtimmungen gegenüber wird doch ein Krieg mit Rußland unvermeidlich ſein, rief Herr von Binder. Die ehrgeizige, ruhm⸗ und länderbegierige Czarin Katharina wird außer ſich ſein vor Zorn, wenn ſie von dieſer Convention Nachricht erhält! Sie wird vorläufig noch nichts davon erfahren, ſagte Kaunitz ruhig. Ich habe es mir ausdrücklich ausbedungen, daß dieſe geheime Con⸗ vention zwiſchen Oeſterreich und der Pforte vorerſt noch ganz geheim gehalten werde. Der Sultan und ſein Vezier haben uns ihr Wort darauf gegeben, und der Muſelmann hält ſein Wort. Wir werden dieſe Convention alſo erſt dann veröffentlichen, wenn wir wirklich Krieg mit Rußland wollen. Demzufolge, ſagte Herr von Binder vergnügt, demzufolge ahnt Rußland unſere Feindſchaft gar nicht, und hofft noch vielleicht, ſich mit Oeſterreich zu verbinden; und andererſeits iſt auch der Vertrag mit der Türkei vorerſt noch illuſoriſch. *) v. Dohm. Denkwürdigkeiten ꝛc. Th. I. S. 471. 2— 2 8 —, 54 Mit Ausnahme der zehn Millionen Piaſter, welche die Pforte uns in Wirklichkeit zahlt! ſagte Kaunitz. Wir werden nun ſehen, ob die Türkei ſchweigen kann, und ob Rußland ſprechen wird! Jedenfalls liegt in Oeſter⸗ reichs Hand jetzt der Krieg und Frieden von Europa, und wir werden der Welt das geben, was Oeſterreich am meiſten zum Vortheil gereicht. In dieſem Augenblick ward die Thür des Vorſaals haſtig geöffnet, und der Kammerdiener des Fürſten erſchien auf der Schwelle. Se. Durchlaucht der Fürſt Gallitzin, Geſandter Ihrer Majeſtät der Kaiſerin von Rußland, erſucht Se. Durchlaucht den Fürſten Kau nitz, ihm eine Audienz zu bewilligen, ſagte der Kammerdiener emphatiſch. Das war in dieſem Moment und unter dieſen Umſtänden eine ſo wichtige und folgenreiche Nachricht, daß ſelbſt Kaunitz davon für einen Moment erſchüttert ward, und ſeinem Antlitze nicht verwehren konnte, das Erſtaunen auszudrücken, welches ſein Inneres empfand. Ich bitte Se. Durchlaucht, in fünf Minuten hier zu mir eintreten zu wollen, ſagte Kaunitz, und ſeine Stimme ſelbſt war ein wenig be wegt. Genau in fünf Minuten öffneſt Du Sr. Durchlaucht die Thür da! Fort jetzt! Nun? fragte Binder, als der Diener hinter der Portière ver ſchwunden war. Was wird der ruſſiſche Geſandte wollen? Nun, er wird endlich ſprechen wollen! ſagte Kaunitz aufathmend. Ja, aber ſicherlich nicht von dem Theilungsprojekt, ſondern von der türkiſchen Convention. Oh, Ew. Durchlaucht werden ſehen, daß der Muſelmann doch nicht ſchweigt, wenn das Reden zu ſeinem Vor theil gereicht! Schon drei Minuten vorüber, ſagte Kaunitz, nach der großen Ka⸗ minuhr blickend. Kein Wort mehr, Binder! Treten Sie dort hinter den Paravent, und hören Sie zu, was wir hier verhandeln. Ich werde dann nicht nöthig haben, Ihnen nachher Alles zu expliciren. Schnell! Während Herr von Binder eiligſt hinter den Schirm ſchlüpfte, trat der Fürſt zu dem großen Stehſpiegel, um ſein Antlitz zu prüfen, und ſeiner Toilette einen letzten Blick zu gönnen. Er fand zu ſeiner Genugthuung, daß ſeine Züge ſchon wieder vollkommen ruhig und undurchdringlich geworden, und daß nicht eine einzige Locke ſeiner Per⸗ rücke ſich verſchoben hatte. Gen Thür, un ten Ohrer F Geſand einem b und fein neigte, Fürſt G ken, als ſtehen entgegen lichkeit dem W K Finger viel an ten ruh A lächeln T welches d der( Er d ſagte. ins in Türfei eſter⸗ n der ffnet, gieſtät Kau zaiſſh. ine ſo einen onnte, treten und 55 Genau nach fünf Minuten öffnete der Kammerdiener wieder die Thür, und ſeine Stentorſtimme verkündete das Erſcheinen des Geſand⸗ ten Ihrer Majeſtät der Kaiſerin von Rußland. VI. Rußland ſpricht. Fürſt Kaunitz ſtand in der Mitte des Zimmers, als der ruſſiſche Geſandte zu ihm eintrat. Er heftete ſeine großen blauen Augen mit einem vollkommen theilnahmloſen und kalten Ausdruck auf das lächelnde und feine Antlitz des ruſſiſchen Diplomaten, der ſich tief vor ihm ver⸗ neigte, was Kaunitz nur mit einem ſtolzen Kopfnicken erwiderte. Der Fürſt Gallitzin ſchien dieſe ſtolze Zurückhaltung ebenſowenig zu bemer⸗ ken, als er darauf achtete, daß Kaunitz unbeweglich an ſeinem Platze ſtehen geblieben und dem Vortreten Rußlands auch nicht einen Schritt entgegen gekommen war. Er durchmaß mit der bereitwilligſten Höf⸗ lichkeit die Schritte, welche ihn von Oeſterreich trennten, und reichte dem Miniſter deſſelben mit ſeinem ſüßeſten Lächeln ſeine Hand dar. Kaunitz hob langſam ſeine Hand empor, und ließ die weißen Fingerſpitzen derſelben einen Moment kalt und loſe, in der mit ſo viel anſcheinender Cordialität ihm dargebotenen Rechte des Geſand⸗ ten ruhen. Ah, ſehen Sie da, welch ein ſchönes Wunder, ſagte Fürſt Gallitzin lächelnd, Oeſterreich und Rußland reichen ſich die Hand. Verzeihung, Durchlaucht, ſagte Kaunitz ernſt, es war Rußland, welches die Hand darreichte, und Oeſterreich nahm ſie an. Aber ohne meinen warmen Freundſchaftsdruck zu erwidern! rief der Geſandte. Fürſt Kaunitz ſchien dieſen zärtlichen Vorwurf nicht gehört zu haben. Er deutete auf die beiden Fauteuils neben ſeinem Schreibtiſch hin, und ſagte: Setzen wir uns! 34 5 3 ebee= Fürſt Hlitzin wartete, bis Kaunitz ſich langſam und ſteif in 56 ſeinem Seſſel niedergelaſſen hatte, und dann erſt nahm er den Sitz neben ihm ein. Ew. Durchlaucht haben die Güte gehabt, die neuen Friedens⸗ bedingungen, welche Rußland der Pforte anbietet, zu prüfen? fragte Fürſt Gallitzin. Ich habe ſie geleſen, ſagte Fürſt Kaunitz lakoniſch. Und Ew. Durchlaucht werden gefunden haben, daß Rußland, um den Wünſchen Oeſterreichs zu genügen, von ſeinen Forderungen an die Türkei ſo viel nachgelaſſen hat, als ſich irgend mit der Ehre und den Intereſſen Rußlands vertragen mochte! Aber Ihre erhabene Majeſtät, meine Kaiſerin, hat mir befohlen, es Ihnen ausdrücklich zu bemerken, daß ihre Nachſicht und Mäßigung gegen die Türkei nur aus der Ach⸗ tung und Freundſchaft gegen Oeſterreich entſpringt, das ſich großmüthig zur Schutzmacht der Pforte erklärt hat. Ohne dieſe Berückſichtigung würde Rußland nicht einen Augenblick anſtehen, die händelſuchende über⸗ müthige Türkei das ganze Gewicht ſeines Zorns fühlen laſſen, und leicht könnte es kommen, daß vor dem zornigen Daherſchreiten Ruß⸗ lands dieſe Pforte, welche längſt ſchon wurmſtichig iſt, und in ihren Angeln knarrt, zuſammenbräche und in den Fluthen des ſchwarzen Meeres verſänke! Alsdann würde Rußland erkennen lernen, daß Oeſterreich ein Taucher iſt, welcher ſich ſehr gut auf die Perlenfiſcherei verſteht, ſagte Kaunitz ruhig. Wir würden ganz gewiß die Pforte wieder aus den Fluthen des ſchwarzen Meeres empor heben, und ſie wieder in ihre Angeln hängen, und wenn die Angeln, wie Ew. Durchlaucht ſagen, knarren, nun ſo muß man ſie mit ein wenig Fett beſtreichen, oder ſie zum Beiſpiel mit beſſeren Friedensbedingungen umwickeln. Ew. Durchlaucht finden alſo die jetzigen Friedensbedingungen noch immer nicht genügend? Sie ſind noch immer von der Art, daß Oeſterreich ſie nicht be⸗ fürworten kann! Niemals kann die Türkei dieſe ruſſiſchen Forderungen bewilligen, niemals kann ſie darin willigen, die Unabhängigkeit der Krim und der Walachei auszuſprechen. Beide Länder gehören der Pforte, und ſie hat ihre unableugbaren Rechte auf dieſelben. Oeſterreich kann ihr nicht rathen, ſie aufzugeben, dies würde dem öſterreichiſchen Staats⸗ 4 intereſſe Bedingl fortgehe ſehen ſt A ernehr Durchl welche 8 wenn die I verble ihrem Rriede daß ſie U obert! die C und il in de eines felbſt despot . Tarta die B eines vid heit en Sitz jedens⸗ fragte d, um an die ind den gajeſtät, merten, er Ach⸗ zmüthig ttigung über⸗ „ und Ruß⸗ ihren warzen — Durchlaucht geſtehen, daß meine Monarchin ihre Mitwirkung zum 57 intereſſe ſo ſehr zuwider ſein, daß wir ſogar der Annahme dieſer Bedingungen uns widerſetzen müßten, ſelbſt wenn die Türkei durch fortgehendes Kriegsunglück endlich zur Nachgiebigkeit ſich gezwungen ſehen ſollte. Ah, rief Fürſt Gallitzin lächelnd, Oeſterreich würde dann alſo in die ſeltſame Lage kommen können, einen Krieg gegen die Türkei zu un⸗ ternehmen, um es zu ſeinem eigenen Glück zu zwingen! Wollen Ew. Durchlaucht mir nicht gütigſt ſagen, welches denn die Forderungen ſind, welche Oeſterreich für die Pforte machen möchte? Oeſterreich kann der Pforte nur dann zu einem Frieden rathen, wenn bei demſelben die Oberherrſchaft des Sultans über die Krim und die Walachei wieder anerkannt wird, und ihr das unbeſtrittene Recht verbleibt, die Khane der Krim und die Hospodare der Walachai nach ihrem eigenen Willen zu beſtimmen. Nur wenn Rußland dieſe erſte Friedensbedingung ſtellt, wird mein Hof bei der Pforte dahin wirken, daß ſie dagegen einige andere Gebietsabtretungen in der Tartarei eingeht! Und Rußland mindeſtens die Landſtriche läßt, die es ſich ſchon er⸗ obert hat, nicht wahr? fragte Gallitzin mit ſeinem freundſeligſten Lächeln. Die Czarin hat indeß gar nicht die Abſicht, ihr Ländergebiet zu vergrößern, und ihr ungeheures Reich noch weiter auszudehnen. Rußland kämpft in der Krim nicht für ſich, ſondern für die Freiheit und Unabhängigkeit eines edlen Volkes, das ſich ſelbſtſtändig und reich genug fühlt, um ſich ſelbſt ſeine Fürſten und Beherrſcher wählen zu wollen, und dem die despotiſche Türkei dieſes Recht beſtreiten will. Rußlands Kampf in der Tartarei iſt einfach ein Kampf der Civiliſation und der Freiheit gegen Arie Barbarei und den Despotismus! Ah, wie ſchön und glückverheißend dieſe Worte in dem Munde eines Geſandten Rußlands klingen, ſagte Kaunitz faſt lächelnd. Rußland wird indeß zugeben, daß es nicht überall für dieſe Principien der Frei⸗ heit und Civiliſation kämpft, zum Beiſpiel nicht in Polen, wo es gerade das Gegentheil von dem will, was es in der Tartarei verlangt. Für die Tartaren will Rußland das Recht, ſich ihren Fürſten ſelber wählen zu können; den Polen beſtreitet es dieſes Recht und hat ihnen mit Ge⸗ walt einen König gegeben, den ganz Polen verſchmähete. Ich muß Ew. — 4 5 — 58 Frieden zwiſchen Rußland und der Türkei nur unter der ausdrücklichen Bedingung verſpricht, daß Rußland ſich verbindlich macht, Polen unver⸗ mindert in ſeinem jetzigen Umfange zu erhalten, und durchaus keinen Theil dieſes Landes weder für ſich ſelbſt, noch für irgend eine andere Macht verlangen zu wollen.*) Fürſt Gallitzin ſchaute mit einem raſchen Blick in das Antlitz des Fürſten, und begegnete deſſen Augen, die mit einem forſchenden und durchdringenden Ausdruck auf das Antlitz des Geſandten geheftet waren. Ew. Durchlaucht ſprechen für die Unzertrennbarkeit Polens, ſagte Fürſt Gallitzin lächelnd, und doch war es Oeſterreich, welches dieſelbe zuerſt angriff, wie mir ſcheint. Iſt nicht auch nicht die Zips, welche Oeſterreich beſetzt hält, ein Theil von Polen? Nein, Durchlaucht, denn alsdann würde Oeſterreich die Zips nicht beanſpruchen. Die Zips gehörte urſprünglich zu Ungarn, und ward an die Türkei verpfändet. Wir werden die Pfandſumme an die Pforte wieder herauszahlen, und die Zips wieder an uns nehmen, ganz auf rechllichem und natürlichem Wege. Das Alles iſt ganz einfach, und hat gar nichts zu ſchaffen mit dem Schickſale Polens, das jetzt ſo viel⸗ fach bedroht iſt. Wir wollen nur, was unſer iſt, die Zips, und wer⸗ den, ſobald auch Rußland ſeine Truppen aus Polen zurückzieht, gern alle jetzt von öſterreichiſchen Truppen beſetzten Landestheile ohne alle Anſprüche wieder an Polen zurückgeben. Und ohne Zweifel wollen Ew. Durchlaucht auch alles Andere, um welches Polen kämpft und ſchreit, wieder in Polen reſtauriren. Seine uralte Verfaſſung zum Beiſpiel, dieſe Conſtitution, welche ſich in das europäiſche Staatenſyſtem wie der Apfel der Eris hineingeworfen hat, und ſo lange ſie beſtehen wird, mit Revolution und Umſturz droht! Nun, was die Verfaſſung Polens anbetrifft, ſagte Kaunitz raſch, ſo wird man der wohl einige Modiſicationen geben können, wie ſie dem Intereſſe der Nachbarn gemäß ſind. Es kommt nur darauf an, ſich über ſolche Modificationen zu einigen, und alsdann wird Oeſter⸗ reich ſehr bereit ſein, mitzuwirken, um Polen zur Annahme einer revi⸗ dirten Verfaſſung zu veranlaſſen, ja, wenn es ſein muß, dazu zu zwingen! *) v. Dohm's Denkwürdigkeiten. Th. I. S. 492. ”, leicht ver es mir zu ſprech En) ſprechen! lungen R Gallitz den We ten und unvern wagt h N ſcheint; lächelnd weil wi nehmen A auf die Staat könnte, Anſpri haben ſeinen wichts, Monar Ureuße ſerin⸗ über einige ſprüch Sch lichen nver⸗ Theil Nacht des und ren. ſagte ſeſelbe welche nicht ward Pforte 3 auf und viel⸗ wer⸗ gern je alle e, um Seine n das hat, ht! raſch, ſie ſie uf an, Oeſter⸗ r revi⸗ iingen! 59 Ah, wenn Ew. Durchlaucht ſo denken, dann werden wir uns leicht verſtändigen, rief Gallitzin freudig, und Ew. Durchlaucht mögen es mir alsdann erlauben, im Namen Rußlands offen zu Oeſterreich zu ſprechen! Endlich! ſagte Kaunitz aufathmend. Rußland will alſo endlich ſprechen! Bis jetzt handelte es nur, aber ich geſtehe, daß ſeine Hand⸗ lungen mir unverſtändlich waren, und daß ich auf eine Erklärung wartete! Rußland iſt mit Oeſterreich in demſelben Fall, bemerkte Fürſt Gallitzin lächelnd, und Ew. Durchlaucht mögen mir geſtatten, Sie auf den Widerſpruch aufmerkſam zu machen, der zwiſchen Oeſtereichs Wor⸗ ten und ſeinen Handlungen liegt. Der Wiener Hof ſagt, er will Polen unvermindert erhalten, und er thut doch, was wir bis jetzt nicht ge⸗ wagt haben, er nimmt ſich ein Stück von Polen. Vieles wagt man nicht, weil es zu ſchwierig ſcheint und Vieles ſcheint nur deshalb ſchwierig, weil es nicht gewagt wird,*) ſagte Kaunitz lächelnd. Wir haben gewagt uns ein Stück von Polen zu nehmen, weil wir ein Recht darauf hatten, und die Schwierigkeit des Unter⸗ nehmens ſchreckte uns daher nicht. Ah, Durchlaucht, rief der Geſandte lächelnd, was Ihre Rechte auf die Zips anbetrifft, ſo erlaube ich mir zu bemerken, daß es keinen Staat giebt, der nicht alte Anſprüche an ſeine Nachbaren machen könnte, und demgemäß wäre Jeder berechtigt, zu gelegener Zeit ſolche Anſprüche geltend zu machen. Auch Rußland, und— auch Preußen haben ſolche Anſprüche an Polen, und wenn Oeſterreich jetzt von den ſeinen Gebrauch machen will, ſo erfordert das Princip des Gleichge⸗ wichts, daß Preußen und Rußland ebenſo verfahren, meine erhabene Monarchin iſt damit einverſtanden, und glaubt von dem König von Preußen gleicher Geſinnung gewiß zu ſein. Wenn es alſo der Kai⸗ ſerin⸗Königin und— Ew. Durchlaucht gefällig iſt, ſo werden wir uns über die Anſprüche der drei Höfe auf einige Theile von Polen leicht einigen und verſtändigen können. Alles kommt darauf an, unſere An⸗ ſprüche zu formuliren, die Durchführung derſelben wird nachher keine Schwierigkeiten haben. *) Des Fürſten eigene Worte. Siehe Hormayr Plutarch. 14. Bändchen. 8 5 . 1— — 60 Ich ſehe ſchon, wir werden uns verſtändigen, ſagte Kaunitz leb⸗ haft. Da Rußland jetzt geſprochen und uns ſeine Vorſchläge gemacht hat, ſoll es auch Oeſterreich bereit finden, zu antworten, und auf ſeine Vorſchläge eingehen. Vor allen Dingen laſſen Sie uns alſo über den Frieden mit der Türkei uns einigen! Der Wiener Hof übernimut jetzt die Vermittelung dieſes Friedens, und wird denſelben zu Stande brin⸗ gen. Nur erlaube ich mir deshalb den Rath zu geben, es möchte der ruſſiſche Hof jetzt exorbitante Forderungen ſtellen, die weit über ſein eige⸗ nes Wollen hinausgehen, und denen Oeſterreich nicht beiſtimmen kann. Und auf dieſe Art wollen Ew. Durchlaucht den Frieden vermit⸗ teln? fragt Fürſt Gallitzin erſtaunt. Gewiß, denn ſo exorbitante Forderungen laſſen eine Ermäßigung zu; Rußland gelangt damit, indem es anſcheinend Oeſterreichs Vorſtel⸗ lungen nachgiebt, zu dem, was es eigentlich wollte, und ſtellt dies in einem Ultimatum auf, deſſen Annahme der Wiener Hof der Pforte zur Pflicht machen wird! Vraiment, Ew. Durchlaucht iſt ein großer Diplomat! rief der Geſandte lebhaft. Wenn ein ruſſiſcher Geſandter das ſagt, muß es die Wahrheit ſein! ſagte Kaunitz lächelnd. Was Polen anbelangt, ſo werden wir uns auch darüber leicht verſtändigen, und vor allen Dingen dabei die Grundſätze des Gleichgewichts ſtrenge im Auge behalten. Ich bitte alſo nur um baldige Eröffnung, auf welche Theile von Polen die Staa⸗ ten Rußland und Preußen ihre Anſprüche richten wollen, damit Oeſter⸗ reich darnach auch den Umfang ſeiner Anſprüche ermeſſen und for⸗ muliren kann! Ich ſelbſt werde mich ſofort mit dem König von Preußen in Einvernehmen ſetzen, und ſeine Anſichten über die Grenzen von Po⸗ len, wie ſie hinfort ſein ſollen, mir erbitten. Zweierlei iſt nur nöthig, um dieſe Angelegenheit raſch und glücklich zu Stande zu bringen, und mit dem beſten Erfolg zu krönen. Und das iſt? Erſtens: die vollkommenſte Offenheit der drei Höfe gegeneinander und Beſchleunigung der Verhandlungen, damit Polen nicht etwa ſchon zur Ruhe gelangt ſei, bevor wir kommen, ihm die Ruhe zu bringen! Ich ſtimme Euer Durchlaucht bei. Und zweitens? — 3w nothwend ſondern; den. Di Pelen zu Ich Disereti Augenbl mehr hi Rechte nur da den, da R. manſchet Polens zu finde viel Lan wohl zu bbenſovi nitz leb⸗ gemacht uf ſeine ber den iit jetzt e brin chte der in eige en kann. verwit⸗ äßigung Vorſtel⸗ dies in örte zur ief der Lahrheit den wir zabei die zch bitte e Staa⸗ Oeſter⸗ nd for⸗ preußen von Po⸗ nöthig, en, und einander wa ſchon 1 ringen: 61 Zweitens: iſt ein vollkommenes Geheimniß für dieſe Verhandlungen nothwendig. Frankreich und England dürfen nichts davon erfahren, ſondern müſſen durch das fait accompli der Theilung überraſcht wer⸗ den. Die beiden Mächte würden Alles aufbieten, um zwiſchen uns und Polen zu vermitteln, und die Dinge würden bleiben wie ſie ſind. Ich verſpreche für meinen Hof und auch für Preußen die ſtrengſte Discretion, ſagte der Geſandte feierlich. Europa wird erſt in dem Augenblick die Pläne der drei Mächte erfahren, wenn es dieſelben nicht mehr hindern kann, und wenn unſere einmarſchirten Truppen unſere Rechte auf das polniſche Gebiet dargethan haben. Alles kommt jetzt nur darauf an, drei völlig gleiche Theile für die drei Mächte zu fin⸗ den, damit Jeder zufrieden geſtellt werde. Nun, ſagte Kaunitz leichthin, indem er nachläſſig mit ſeinen Spitzen⸗ manſchetten ſpielte, wenn es Schwierigkeiten machen ſollte, innerhalb Polens drei ganz gleiche Theile für die Beſitzergreifung der drei Mächte zu finden, ſo kann man ja auch leicht einem andern Nachbar, der zu viel Land hat, etwas abnehmen, und die Einwilligung deſſelben möchte wohl zu erzwingen ſein, wenn unſere drei Höfe einig ſind. Fürſt Gallitzin ſchaute mit ſichtbarer Betroffenheit in das kalte und ruhige Antlitz des Fürſten. Ew. Durchlaucht reden von einem andern Nachbar? fragte er zögernd. Aber dieſer Nachbar kann doch kein an⸗ derer ſein als die Pforte ſelbſt? Es iſt allerdings der Nachbar, den ich meine, ſagte Kannitz, gra⸗ vitätiſch mit dem Kopfe nickend. Es iſt ein Nachbar, der uns Alle faſt ebenſoviel beunruhigt, als Polen, und dem gleichfalls ein Aderlaß und eine Verkleinerungsoperation nothwendig wäre. Ich autoriſire Ew. Durchlaucht, meinen Vorſchlag Ihrem Hof mitzutheilen, und bin be⸗ gierig die Antwort deſſelben zu erfahren. Oh Durchlaucht, Sie werden Rußland immer bereit finden, wenn es gilt ſich an ſeinem Erbfeind, der Türkei, zu bereichern, ſagte Fürſt Gallitzin lächelnd, indem er aufſtand. Es iſt für Rußland eine Pflicht der Natur und der Nothwendigkeit, die Türkei ſeinen Grenzen einzu⸗ verleiben, und nur dann, wenn der Fuß des ruſſiſchen Thrones in Conſtantinopel ſteht, wird das Teſtament des großen Czaren Peter er⸗ füllt ſein!— 62 Nun, haben Sie jetzt Alles begriffen? fragte Fürſt Kaunitz, nach⸗ dem der ruſſiſche Geſandte ihn verlaſſen hatte. Ich hoffe doch, daß Sie hinter Ihrem Schirm Alles verſtanden haben? Verſtanden habe ich Alles, aber begriffen nichts! ſagte Herr von Binder hinter dem Schirm hervorkommend. Nein, ich glaube ſogar, ich habe falſch verſtanden! Denn unmöglich können doch Ew. Durch laucht, welche mir eben erſt aufgetragen haben, van Swieten zu tadeln weil er die Möglichkeit einer Theilung Polens mit dem König von Preußen beſprochen hat, unmöglich können Ew. Durchlaucht, welche eben mit der Pforte einen Tractat abgeſchloſſen haben, in welchem Sie Sich verpflichten, die Rechte Polens zu ſchützen, unmöglich können Sie jetzt eine Theilung Polens mit Rußland und Preußen beabſichtigen, und doch habe ich das verſtanden! Und Sie haben richtig verſtanden, ſagte Kaunitz lakoniſch. Die Politik macht nicht die Ereigniſſe, ſondern ſie läßt ſich von ihnen vor⸗ wärts ſchieben. Wir werden dazu getrieben, auch einen Theil von Polen zu nehmen, denn wir verkleinern dadurch wenigſtens die Beute, welche die Andern zu machen entſchloſſen ſind. Ich habe alſo richtig verſtanden in Betreff Polens, ſagte Binder haſtig. Aber in einem andern Punkt habe ich ſicher falſch gehört. Sie haben eben eine Convention mit der Pforte abgeſchloſſen, und für geleiſtete Friedensverſprechungen zehn Millionen Piaſter erhalten. Iſt es nicht ſo? Es iſt ſo! Nun alſo habe ich falſch gehört, rief Herr von Binder aufath⸗ mend, falſch verſtanden, wenn ich meinte, Ew. Durchlaucht hätten ſo eben dem ruſſiſchen Hof vorgeſchlagen, wenn man in Polen nicht genug Land zu einer gleichmäßigen Theilung fände, ſich noch ein Stück von der Türkei dazu zu nehmen. Nein, Sie haben richtig gehört, ſagte Kaunitz, ich habe das vor⸗ geſchlagen. Sie ſind langweilig mit Ihren ewigen Fragen und Ihrem albernen, verwunderten Geſicht. Ich fürchte jetzt ſelber, daß Sie nie⸗ mals ein guter Politiker und Diplomat werden können, denn Sie ſind ſo einfältig, daß Sie eine ehrliche, unbefangene und moraliſche Politik für möglich halten, und ſelbſt am grünen Tiſch ein Biedermann ſein — wollen! Ihrem von Pol gen, und Sie die Kaſſen ſollte m um Ra beſchäft J der, in 8 t, nach⸗ daß Sie err von ſogar, Durch ntadeln nig von che eben die Sich Sie jetzt gen, und h. Die hen vor Polen welche Binder gehört. und für en. Iff aufath⸗ atten ſo ht genug lück von 63 wollen! Ich glaube wahrhaftig, wenn Sie ein Stück von Polen auf Ihrem Wege fänden, Sie wären im Stande es dieſem guten König von Polen wiederzubringen, und Sich mit einem Botenlohn zu begnü⸗ gen, und wenn Ihnen die Pforte einige Millionen anböte, ſo würden Sie dieſelben ausſchlagen, wenn auch ein völliger Bankerutt in Ihren Kaſſen wäre! Ich möchte wohl wiſſen, was aus Oeſterreich werden ſollte mit einer ſolchen Politik, welche das Gewiſſen, ſtatt der Klugheit um Rath fragt, und ſtatt mit ihrem Vortheil ſich mit der Moralität beſchäftigt. Nun, dieſes Problem wird niemals zu löſen ſein, da Ew. Durch⸗ laucht Oeſterreichs Geſchicke lenken, und keine Spur von Moralität und Gewiſſen in Ihrer Politik zu ſehen iſt, brummte Herr von Bin⸗ der, indem er einen Stoß Papiere nahm, und ſich damit in das an⸗ ſtoßende Kabinet zurückzog. Fürſt Kaunitz blickte ihm achſelzuckend nach, und ſchellte dann heftig. Mein neuer Staatswagen ſoll vorfahren! befahl er dem eintreten⸗ den Monſieur Hippolyt, der aber, ſtatt fortzueilen, verlegen und beklom⸗ men an der Thür ſtehen blieb. Nun, was iſt's? Was ſteht Er dar fragte der Fürſt. Verzeihung, Ew. Durchlaucht, ſtotterte der Kammerdiener, der Staatswagen iſt noch nicht fertig. Noch nicht fertig? wiederholte der Fürſt mit einer feierlichen Lang⸗ ſamkeit, jedes Wort ſcharf betonend. Habe ich nicht befohlen, daß der Wagen heute um zwei Uhr fertig ſein ſollte? Zu Befehl, Ew. Durchlaucht. Aber der Tapezierer, welcher die innere Drapirung zu beſorgen hat, behauptet, er könne die Zeichnungen, welche Ew. Durchlaucht ihm gegeben haben, nicht begreifen, und es ſei ihm unmöglich ſich danach zu richten. Er hatte nach denſelben ange⸗ fangen zu arbeiten, aber es hat nicht gehen wollen, er hat Alles wieder abreißen müſſen, und daher kommt die Verzögerung. Dieſer Menſch unterſteht ſich zu behaupten, daß er nach meinen, nach meinen mit eigener Hand entworfenen Zeichnungen, nicht arbeiten kann? fragte der Fürſt, und ein zorniges Blitzen war in ſeinen ſonſt ſo kalten Augen. Weil er ein ungeſchickter Eſel iſt, der nichts Großes begreifen kann, möchte ſich der Kerl den Anſtrich geben, als liege die 64 Schuld an meinen Zeichnungen. Es wird noch dahin kommen, daß ich Alles ſelbſt thun muß, was geſchmackvoll und ſchön werden ſoll! Ich werde wahrhaftig hinunter gehen müſſen, mir ſelbſt meine Kutſche zu drapiren, und dem Tapezierer zu beweiſen, daß er ein Pfuſcher iſt. Und der Fürſt, in ſeiner zornigen Aufgeregtheit alle Rückſichten vergeſſend, näherte ſich mit raſchen Schritten der Thür. Aber vor der⸗ ſelben blieb er ſtehen. Wieviel Grad iſt es heute? fragte er. Der Kammerdiener flog zu dem an der Außenſeite des Fenſters aufgehängten Thermometer. Zwölf Grad Wärme, Durchlaucht! Nur zwölf Grad! ſeufzte der Fürſt, ich werde es nicht wagen dürfen, in die Wagenhalle hinab zu gehen. Iſt die Kutſche ſchon auf den Wagenfedern angeſchraubt? Nein, Durchlaucht! So ſoll man mir die Kutſche hieher in mein Cabinet bringen, be⸗ fahl der Fürſt. Der Tapezierer ſoll mit den Zeichnungen und den Werk⸗ zeugen gleichfalls hieher kommen! Raſch! In zehn Minuten muß Alles hier ſein! Genau nach zehn Minuten öffnete ſich die Thür, und die Lakayen brachten auf einer Tragbahre den aus Bronce, Spiegeln und Glas⸗ ſcheiben zuſammengeſetzten Kutſchkaſten in das Cabinet des Fürſten. Hinter dem wunderbaren, mit Schnörkeleien, vergoldeten Engeln und Kränzen verzierten Kaſten, erſchien der Tapezierer mit angſtvoller, beküm⸗ merter Miene, allerlei Sammet⸗ und Seidenſtoffe über ſeinen Arm ge⸗ ſchlagen und in ſeiner Rechten die Zeichnung des Fürſten haltend. Setzt den Kutſchkaſten dort in der Mitte der Stube hin, befahl der Fürſt den Lakayen, und ſich dann mit einer olympiſchen Kopfbewe⸗ gung an den Tapezierer wendend, fragte er: Iſt es wahr, daß Er die Unverſchämtheit hat, zu behaupten, Er habe nach meiner Zeichnung nicht arbeiten können? Ew. Durchlaucht mögen mir verzeihen, ſtotterte der Mann, aber es iſt in dem Innern der Kutſche kein Raum, um alle die Feſtons, die Schleifen und Roſetten anzubringen, welche Ew. Durchlaucht da auf das Papier aufgezeichnet haben! Ich könnte alle dieſe Drapirungen nur gan karte ve U' Er etw auf das eine K müthig bin als ſich ſel Glast tätiſch und Ander Ihr ſc berühn Dumn diten mener in we Välke empfa Inner zu dee 4 6⁵ nur ganz en miniature machen, und es würde ausſehen, wie eine Muſter⸗ daß. oll karte von Drapirungen.. utſche Und das wagt Er, mir zu ſagen, mir? rief der Fürſt. Meint ſt. Er etwa, ich verſtände mich nicht ebenſo gut auf Sein Handwerk, als chten auf das Regieren? Meint Er, es ſei leichter ein Miniſter zu ſein, als eine Kutſche auszuſchlagen? Ich will Ihm beweiſen, daß Er ein hoch⸗ der müthiger Narr iſt, und daß, wenn ich will, ich ein beſſerer Tapezierer bin als Er! Mach Er den Schlag auf, ich will Ihm beweiſen, daß Tite ſich ſehr wohl nach meiner Zeichnung arbeiten läßt. Der Tapezierer beeilte ſich, die mit goldener Einfaſſung umgebene „ Glasthür des Kutſchkaſtens zu öffnen, und der Fürſt ſchritt mit gravi⸗ wagen tätiſchem Ernſt in denſelben hinein. on an Jetzt gebe er mir den Sammet und Atlas her, befahl der Fürſt, und halte Er mir die Zeichnung, damit ich darnach arbeiten kann. Ihr Andern aber reicht mir die Nägel zu, und haltet die Nadeln bereit. , br⸗ Ihr ſollt jetzt Etwas ſehen, deſſen Ihr Euch Euer ganzes Leben lang Werk berühmen könnt! Ihr ſollt ſehen, wie der Fürſt Kaunitz, durch die Alles Dummheit ſeines Tapezierers gezwungen, ſich ſelber ſeine Kutſche deco⸗ riren muß! ktayen Und der Fürſt ergriff den Sammet und machte ſich mit vollkom⸗ Glad⸗ mener Ernſthaftigkeit an's Werk. Bald hörte man in dieſem Zimmer, ürſten. in welchem Kaunitz noch eine Viertelſtunde zuvor über die Zukunft von in und Völkern und Ländern entſchieden, Tractate unterzeichnet und Geſandte beküm⸗ empfangen hatte, nichts mehr als das Hämmern und Pochen aus dem in ge⸗ Innern des Kutſchkaſtens, welchen die allmächtige Hand des Miniſters d. 4 zu decoriren begonnen. befah fbewe⸗ Fr die 1 VII. Juus Die wilde Gräfin. eſiond, 1 da 12 Graf Starhemberg ging mit haſtigen Schritten und ziemlich ver⸗ jrungen 1— ſtörtem Angeſicht in ſeinem Salon auf und ab, zuweilen einzelne Worte K 1 4 Kaiſer Joſeph. 2. Abth. II. 5 66 vor ſich hin murmelnd, dann wieder tief auffeufzend wie vor innerem Schrecken und Entſetzen. Zuweilen auch hefteten ſich ſeine düſtern Blicke fragend und vorwurfsvoll zugleich auf den jungen Mann, der da in der Fenſterniſche ſtand, und mit verſchränkten Armen und einem ſanften Lächeln um die ſchmalen Lippen dem wunderlichen Treiben des ältern Herrn zuſchaute. Als die große Pendule auf dem Marmorkamin jetzt mit langſamen Schlägen die Stunde verkündete, blieb der Graf vor dem jungen Manne ſtehen, und ſah ihm feſt in das ſanfte, freundliche Angeſicht. Die halbe Stunde Bedenkzeit iſt vorüber, Herr Graf von Eſter⸗ hazy, ſagte er feierlich. Ich habe Ihnen freimüthig und offen bekannt, daß meine Nichte Margaretha eine zwar ſchöne, und vielleicht auch gutmüthige, aber gewiß ſehr heftige und unbändige Dame iſt, vor der mein ganzes Haus, ich leider nicht ausgenommen, zittert. Sie hat dieſen Jähzorn von ihrem ſeligen Vater, meinem in Gott ruhenden Bruder geerbt, und ein Unglück war es für ſie, daß ihre ſchöne und ſanfte Mutter ihrem Vater bald nachfolgte in die Ewigkeit. Es war nun Niemand da, der den Muth und die Autorität gehabt hätte, ihrem Willen entgegen zu treten, und ſo iſt derſelbe niemals gebrochen worden. Ich bitte aber, machen Sie mir keinen Vorwurf daraus, ſagen Sie nicht, ich hätte die Comteſſe anders erziehen ſollen! Ich habe ihr mein ganzes Leben geweiht, ich habe um ihretwillen ſogar die Langeweile eines eheloſen Lebens auf mich genommen, um meiner Nichte nicht viel⸗ leicht in meiner Gemahlin eine tyranniſche Vormünderin zu geben. Auf ihren Todtenbetten habe ich meinem Bruder und meiner Schwä⸗ gerin mit einem feierlichen Eid gelobt, ihrem Kinde ein treuer und liebevoller Vater zu ſein, und ich habe mein Gelöbniß nach beſten Kräften erfüllt. Es iſt nicht meine Schuld, wenn meine Nichte indeß nicht ſo ſanft, hingebend und freundlich iſt, wie man das gewöhnlich von Frauen verlangt. Sie hat eben einen leidenſchaftlichen, energiſchen Character, eine ſtarke, männliche Seele, und ich fürchte, ſie wird nie⸗ mals ſich einem Gemahl unterwerfen, ſondern ebenſogut von ihm wie von ihrer übrigen Umgebung Gehorſam verlangen. Nun, mein Herr Graf, dies Alles, was ich Ihnen hier wiederhole, habe ich Ihnen ſchon einmal geſagt, und dann habe ich Ihnen eine halbe Stunde Bedenk⸗ zeit ge⸗ Sie jet zu wied 3. Stimm Comteſ währen meine C meine Ich n mit n Cs ko teſſe d meine ruhig G dem ei erſuche nnerem düſtern n, der einem en des gaamen Manne Cſter⸗ bekannt, ht auch vor der dieſen Bruder ſanfte r nun ihrem vorden. en Sie ar mein geweil ft vie⸗ geben. chwä⸗ er und Fräften zricht icch von ggiſchen ud rie hm wit in Helt K ſta Bobenk⸗ 67 zeit gegeben. Die halbe Stunde iſt jetzt abgelaufen, und ich frage Sie jetzt, Herr Graf, haben Sie noch den Muth, mir Ihren Antrag zu wiederholen? Ich habe den Muth, ſagte Graf Eſterhazy mit ſanfter, weicher Stimme. Ich wende mich an Ew. Excellenz, als an den Vormund der Comteſſe Margaretha Starhemberg, und bitte Sie, mir das Glück ge⸗ währen zu wollen, der Comteſſe meine Hand zu reichen, und ſie als meine Gemahlin heimzuführen. Es iſt gut, ſeufzte Graf Starhemberg. Ich habe gethan, was meine Pflicht war, und Sie dürfen mir dereinſt keine Vorwürfe machen! Ich nehme Ihren Antrag an! Meine Einwilligung zur Vermählung mit meiner Nichte, der Comteſſe Margaretha Starhemberg, haben Sie! Es kommt nur darauf an, daß Sie auch die Einwilligung der Com⸗ teſſe ſelber erlangen! Ich erſuche Ew. Excellenz, mir zu geſtatten, in Ihrer Gegenwart meine Frage an die Comteſſe zu richten, ſagte Graf Franz Eſterhazy ruhig und ſanft. Graf Starhemberg griff ſeufzend nach der Klingel, und befahl dem eintretenden Diener, die Comteſſe Margaretha um die Gnade zu erſuchen, ſich einen Moment in den Salon zu bemühen. Nun, wir werden ja hören, ob ſie einwilligt, ſagte Graf Star⸗ hemberg dann leiſe vor ſich hin, indem er ſeine raſchen Gänge durch den Salon wieder begann. Die Comteſſe wird die Ehre haben zu erſcheinen, meldete der zu⸗ rückkehrende Bediente. Nun, das iſt in der That ein gutes Zeichen, rief Graf Starhem⸗ berg aufathmend. Sie pflegt nie zu ſo ungewohnter Stunde in den Salon zu kommen, denn Sie müſſen wiſſen, Sie ſind gerade in ihre Muſikzeit hineingefallen, und es gehört zu den Wundern, daß ſie ihr Piano verläßt, um in den Salon zu kommen. Es iſt— Eben vernahm man draußen im Vorzimmer eine laute zürnende Stimme, dann das Klirren von zerbrechenden Gläſern und einen heftigen Knall, wie wenn irgend ein metallener Gegenſtand heftig zur Erde geſchleudert würde. Das iſt meine Nichte, rief Graf Starhemberg zuſammenſchreckend. Es ſind die Fanfaren, mit denen ſie ihr Erſcheinen ankündigt. 5* 68 Jetzt ward die Thür heftig aufgeriſſen, und auf der Schwelle er⸗ ſchien eine Frauengeſtalt von hohen majeſtätiſchen Formen, von ſtolzem, impoſantem Aeußern. Ihr Antlitz, deſſen wundervolle Formen und Lineamente an die antiken Köpfe der Venus erinnerten, würde mit ſeinen ſanftgerötheten Wangen, ſeinen purpurrothen Lippen, ſeiner kla⸗ ren, durchſichtigen Stirn, unter der zwei feine, ſcharfgezeichnete Augen⸗ brauen ſich wölbten, von bezaubernder Lieblichkeit geweſen ſein, wenn der Ausdruck ihrer Züge nur ein wenig den Formen ihres Angeſichtes entſprochen hätte. Aber in ihren großen ſchwarzen Augen flackerte ein wildes, zorniges Feuer, das unruhig und unſtät, bald hier und bald dorthin ſeine Flammen ſchoß, und um ihren ſchönen purpur⸗ rothen Mund zeigte ſich ein ſtolzer, verächtlicher Ausdruck, der ſeinen Wiederſchein in der leichten Falte fand, die wie ein dunkler Schatten dann und wann über ihre Stirn dahin fuhr. Ihre Geſtalt war von einem wundervollen Ebenmaß der Formen, ihre Brüſte voll und üppig, und doch keuſch und ſittſam, ihre Taille, von außerordentlicher Zart⸗ heit und Biegſamkeit, ruhte auf vollen ſchlanken Hüften, und ihre Arme, die halb entblößt aus dem ſpitzenbeſetzten Aermel ihres purpurrothen Sammetkleides hervorſchauten, waren ſchön und marmorweiß, wie die Arme der Venus von Milos. Ohne den jungen Grafen Eſterhazy zu bemerken, der, überraſcht von ihrer wunderbaren und außergewöhnlichen Schönheit, ſich tiefer in die Fenſterniſche zurückgezogen hatte, um die Dame ungeſtörter zu be⸗ trachten, ſchritt die Comteſſe gerade auf ihren Oheim zu. Mein Herr, ſagte ſie mit lauter, tönender Stimme, Sie werden die Gewogenheit haben, Ihren Kammerdiener Iſidor noch heute aus Ihrem Dienſt zu entlaſſen! Hat er es gewagt, ſich gegen Dich zu vergehen, mein Kind? fragte der Graf ſanft. Er iſt ein Idiot, ein ungeſchicktes Thier, das man mit Peitſchen⸗ hieben aus dem Hauſe jagen ſollte, rief ſie mit flammenden Augen. Stellen Sie Sich vor, Oncle, wie ich in das Vorzimmer komme, tritt er mir entgegen mit einem Plateau voll Taſſen und Gläſern. Wie er mich erblickt, überfällt ihn ein Zittern, als ob er einen böſen Geiſt erblickte, er hält das Plateau ſchief, und gerade mein Lieblingsglas, das le⸗ benden Platea 3 ſpac, tiefer ſich je hingen fallen theun es ij ein) mich Alles Du hat teſſe ſtam zu n Sie lle er⸗ olzem, n und e mit er kla⸗ lugen⸗ wenn ſichtes lackerte er und purpur⸗ ſeinen ſchatten ar von üppig, Zart Arme, rothen vie die erraſcht jefer i zu be⸗ werden te aus fragte itſchen⸗ Augen. n, trit n Geiſ gsglas 69 das letzte Geſchenk meiner ſeligen Mutter, das, aus welchem ihre ſter⸗ benden Lippen den letzten Labetrunk genommen, das Glas fällt vom Plateau zur Erde nieder, und zerſchellt! Ihre vorher ſo heftige und ſtrenge Stimme war, während ſie ſprach, immer weicher und ſanfter geworden, und erzitterte jetzt, wie in tiefer Rührung. Ihre Augen, welche vorher ſo zornig blitzten, füllten ſich jetzt mit Thränen, die wie große Brillanten an ihren Wimpern hingen. Sie ſchüttelte aber unwillig ihr Haupt, daß die Thränen wie fallende Sternſchnuppen ſie umleuchteten, und dann verloſchen. Ich begreife es, mein geliebtes Kind, daß dieſer Verluſt eines theuren Angedenkens Dich ſchmerzte, ſagte ihr Oheim ſanft. Sie erröthete, als fühle ſie ſich über einem Unrecht ertappt. Oh, es iſt nicht das, ſagte ſie hart, es iſt mir ganz einerlei, ob das Glas ein Andenken war oder nicht, ich haſſe ſolche Empfindſamkeit. Aber mich empört die Ungeſchicklichkeit dieſes Menſchen. Er hat von jeher Alles fallen laſſen, was er in die Hand nahm. Nein, mein Kind, ſagte der Graf, er hat Dich zum Beiſpiel, als Du ein Kind warſt, oft Stundenlang auf ſeinen Armen getragen, und hat Dich niemals fallen laſſen. Oncle, Sie ſind inſupportable mit Ihren Scherzen, rief die Com⸗ teſſe, unwillig mit ihrem kleinen ſeidenbeſchuheten Fuß den Boden ſtampfend. Es beliebt Ihnen, dieſen grauköpfigen Narren entſchuldigen zu wollen, blos um mir zu opponiren, blos um mir zu beweiſen, daß Sie der Herr im Hauſe ſind, Sie allein, daß ich nichts bin als eine Waiſe, die Sie aus Mitleid aufgenommen, die Sie aus Mitleid dulden. Aber mein Kind— Still, unterbrechen Sie mich nicht, ich will wenigſtens das Recht haben zu ſprechen, ſo lange ich noch in dieſem Hauſe bin. Ich ſage es Ihnen, ich werde es nicht dulden, daß dieſer ungeſchickte alte Menſch noch länger hier herumläuft, und mich durch ſeine Ungeſchicklichkeiten empört. Oh, ich habe ihn diesmal wenigſtens geſtraft, meine Hand hat ſeine Wange glühend roth gefärbt. Wie, Du haſt meinen alten Iſidor geſchlagen? rief der Graf er⸗ ſchrocken. Ja, geſchlagen, ſagte die Comteſſe, ihrem Oheim mit trotziger, 70 herausfordernder Miene ins Geſicht ſchauend. Geſchlagen habe ich den alten Iſidor, und dann habe ich ihm alle ſeine Gläſer und Taſſen, die er auf dem Plateau trug, zur Erde geſchleudert, daß ſie in Stücken zerſchellten, und dann habe ich das Plateau den Scherben nachgewor⸗ fen. Haben Sie etwa dagegen etwas einzuwenden, Herr Oncle? Ich, nein, nicht im Mindeſten, ſagte der Graf, entſetzt über ihren drohenden, herausfordernden Ton. Nein, wenn es Dir Vergnügen machte, dieſe Sachen zu zerſchlagen, nun ſo werden wir neue kaufen. Nein, nicht wir, ſondern der Iſidor wird dieſe Dinge wieder kau⸗ fen, und er wird ſie von ſeiner Gage bezahlen. Er war Schuld daran, daß ich dieſe Dinge zerſchlug, er alſo muß geſtraft werden, Er allein! Ich beſtehe darauf, ich fordere das als einen Act der Gerechtigkeit, den Sie mir ſchuldig ſind. Mein Gott, und ich weigere mich nicht, es zu thun! Sie werden das Herrn Iſidor ſogleich ankündigen. Aber meine liebe Comteſſe,— Sogleich, unterbrach ſie ihn heftig mit dem Fuße ſtampfend. Mein Gott, wollen Sie es denn zu der einzigen Aufgabe Ihres Lebens machen, mir zu widerſprechen? Der Graf ſeufzte tief auf, und näherte ſich langſam der Thitr. Sie ſah es, und ein triumphirendes Lächeln flog durch ihre Züge hin. Nun denn, ſagte ſie, da Sie Sich weigern, werde ich ſelbſt es ihm ſagen, ich ſelbſt und ganz allein. Sie ſagen ihm kein Wort, Oheim, kein einziges Wort, hören Sie? Ich werde ihm nichts ſagen, Margaretha. Aber willſt Du mir jetzt erlauben, von andern Dingen zu ſprechen? Du haſt in Deiner Heſtigkeit Mein Oncle, unterbrach ſie ihn drohend. In Deiner vollkommen gerechtfertigten Heftigkeit, verbeſſerte der Graf, es gar nicht bemerkt, daß wir nicht allein ſind, daß wir einen Zuhörer unſerer kleinen häuslichen Scene hatten! Er deutete mit der Hand nach der Fenſterniſche hin, in deren äußerſte Ecke, halb geborgen von den ſchweren, ſeidenen Vorhängen, der junge Graf Eſterhazy ſich zurückgezogen hatte. Die Comteſſe folgte dem Wink ihres Oncles, und den jungen Mann gewahrend, brach ſie in ein lautes, fröhliches Gelächter aus. F nur im ſchlingt. tiſcher kin bei ſtigen t 8 ſeiner Wäre die zu noch einer fremd in alle 1 Eſterh enthal ſelin die C ihrer wenn geſeg ch den en, die gtücken gewor⸗ — ihren mügen ufen. er lau daran, allein! it, den Mein ebens Thür. e hin. z ihm heim, r jetzt 71 Fürchten Sie nichts, mein Herr, ſagte ſie dann, wagen Sie es nur immerhin hervorzutreten. Ich bin keine Katze, welche Mäuſe ver⸗ ſchlingt. Ah, Sie haben uns belauſcht. Nun, wenn Sie ein drama⸗ tiſcher Dichter ſind, ſo wünſche ich Ihnen Glück dazu, denn Sie konnten kein beſſeres Vorbild eines närriſchen Vormunds und einer widerſpen⸗ ſtigen tollen Mündel finden! Leider aber bin ich kein Dichter, ſeufzte der junge Mann, aus ſeiner Niſche hervortretend, und ſich tief vor der Gräfin verneigend. Wäre ich ein Dichter, ſo würde ich noch heute hundert Sonnette auf die zornflammende Juno ſchreiben, deren Zorn ſie nur noch ſchöner, noch unwiderſtehlicher macht. Oncle, ſagte die Comteſſe ernſt, und plötzlich die ſtolze Miene einer vornehmen Dame annehmend, ich bitte Sie, mir gütigſt dieſen fremden Herrn, der ſich erlaubt, mir ſo fade Complimente zu machen, in aller Form vorzuſtellen. Meine liebe Nichte, ich habe die Ehre, Dir den Grafen Franz Eſterhazy vorzuſtellen, welcher ſeit geſtern von einem mehrjährigen Auf⸗ enthalt in Italien zurückgekehrt, und ein beſonderer Schützling der Kai⸗ ſerin Maria Thereſia iſt. Nun, Oncle, das Letztere iſt eben keine gute Empfehlung, lachte die Comteſſe, denn gehöre ich nicht auch zu den beſonderen Schützlingen ihrer Majeſtät? Haben Sie mir nicht oft genug, und jedes Mal dann, wenn die Kaiſerin mich durch irgend eine tyranniſche Gnade demüthigte, geſagt, daß ich eine beſondere Favoritin der Kaiſerin bin? Gewiß, mein Kind, das biſt Du, betheuerte der Graf. Nun alſo ſehen Sie, daß man eben nicht gut und liebenswürdig zu ſein nöthig hat, um zu dieſem Vorzug zu gelangen, rief die junge Dame faſt ärgerlich. Ich meinestheils wollte außerdem, die Kaiſerin liebte mich weniger, ich würde dann vielleicht nicht nöthig haben, ihre langen und heftigen Strafpredigten anzuhören, mit denen ſie mich je⸗ desmal, wenn ich bei Hofe erſcheine, zu begnadigen geruht. Und es iſt deshalb, daß Sie ſo ſelten bei Hofe erſcheinen? fragte Graf Eſterhazy lächelnd. Ich hörte bei Hofe darüber klagen. Hat Ihro Majeſtät ſich darüber beklagt? fragte Graf Starhem⸗ berg ängſtlich. 72 Nein, Excellenz, es war nicht die Kaiſerin, ſondern der junge Kai⸗ ſer Joſeph, welcher ſich beklagte. Und was ſagte er? Darf ich ſeine Worte wiederholen? fragte Graf Eſterhazy, ſich an die Comteſſe wendend. Sie nickte, und ſtützte ſich wie zufällig an die hohe Lehne eines Fauteuils. Nun denn, ich war geſtern in der Soirée der Kaiſerin, und der Kaiſer, welcher mir, dem Spielgefährten ſeiner Kindheit, mit der größ⸗ ten Herzlichkeit entgegen kam, übernahm es ſelbſt, mir die Namen aller der ſchönen jungen Damen zu ſagen, die ich da erblickte, und die mir, dem heimkehrenden Barbaren, alle fremd waren. Da ſagte der Kaiſer: „die ſchönſte unſerer jungen Damen kann ich Ihnen zu meinem Be⸗ dauern nicht zeigen, denn ſie kommt ſeit einiger Zeit ſehr ſelten zu uns. Aber wenn Sie ſie ſähen, würden Sie mir Recht geben, denn ich behaupte, daß die Gräfin Margaretha von Starhemberg ſchön iſt wie eine Juno und eine Venus zu gleicher Zeit!“ Das ſagte der Kaiſer? rief der Graf freudig. Das ſagte er, betheuerte Eſterhazy. Margaretha ſagte kein Wort, ſie ſtand da mit niedergeſchlagenen Augen; ihre roſigen Wangen waren plötzlich erblaßt, ihre Lippen ſchmerz⸗ lich auf einander gepreßt. Auf einmal aber warf ſie ihr Haupt wieder empor, und ein ſpöttiſches Lächeln tönte von ihren Lippen. Ich wette, daß die Kaiſerin und die übrigen Damen Ihnen einen Commentar zu den Worten des Kaiſers gegeben haben, ſagte ſie mit ſchneidender Stimme. Nun, nicht wahr, ich habe Recht? fuhr ſie fort, als der Graf ſchwieg. Ich fordere von Ihnen, daß Sie mir auch das ſagen, denn Sie werden nicht die Albernheit begehen wollen, mir nur die Schmeicheleien und nicht die Wahrheiten mitzutheilen. Nun, mein Herr Graf Eſterhazy, was ſagte Ihro Majeſtät die Kaiſerin? Comteſſe, ich weiß nicht— Sie wiſſen es ſehr wohl, und ich verlange, daß Sie mir Alles ſagen. Jede Zögerung wäre eine Beleidigung! Nun denn, da Sie befehlen, ſo hören Sie! Die Kaiſerin hatte allerdings die Worte ihres kaiſerlichen Sohnes gehört, und ſie ſagte ſeufzend: ſie eigent iſt wild Ah fen Lach Un De die Sti haben) erzählt bezwun ₰ 1 Händen Ohre? 3 den Arn tes Kin leiſes, und ein G oftmal U wenden den wo 3t, ſ niich v ich au Gott vetſch Kaiſe der aus in ei ge Kai⸗ ſeufzend:„es iſt wahr, ſie iſt ſchön wie eine Göttin, aber man ſollte ſie eigentlich nur der Eris, der Göttin der Zwietracht, vergleichen! Sie iſt wild und unbändig wie dieſe.“— ſich an Ah ſehr witzig, in der That, rief die Comteſſe mit einem ſchar⸗ fen Lachen. eines Und der Kaiſer? fragte ihr Oheim. Der Kaiſer, fuhr Graf Eſterhazy fort, der Kaiſer runzelte ein wenig nd der die Stirn, und blickte die Damen, welche lachten, faſt zürnend an. Majeſtät r größ haben Recht, ſagte er, ſie gleicht jetzt der Göttin Eris. Aber die Mythologie en aller erzählt uns nicht, ob dieſe wilde Göttin zuletzt auch noch vom Gott Amor die mit, bezwungen worden iſt. Die Liebe macht die wildeſten Frauenherzen zahm. Kaiſer: Die Gräfin ſtieß einen Schrei aus, und faßte mit ihren beiden m Be⸗ Händen krampfhaft die Lehne des Stuhls, neben welchem ſie ſtand. Ihre Augen ſchloſſen ſich, und eine tödliche Bläſſe bedeckte ihr Antlitz. en zu i Ihr Oheim eilte zu ihr, und ſie ſanft und zärtlich mit ſeinen bei⸗ ön iſt den Armen umſſchlingend, fragte er erſchrocken: mein Kind, mein gelieb⸗ tes Kind, was fehlt Dir? Sie lehnte einen Moment ihr Haupt an ſeine Schulter, und ein leiſes Stöhnen kam aus ihrer Bruſt hervor. Dann fuhr ſie empor, agenen und eine tiefe Purpurgluth ſchoß auf einmal in ihre Wangen. 1 ömer⸗ Es iſt nichts, ſagte ſie rauh, ein plötzlicher Schwindel, der mich vieder oftmals ergreift. Jetzt iſt es ſchon wieder vorüber! Und ſich mit einer ſtolzen Kopfbewegung an den Grafen Eſterhazy zne wendend, ſagte ſie mit dem ſtrengen Ton einer Gebieterin: Sie wer⸗ 1 ehe den wohl die Güte haben, über dies kleine Intermezzo, das nicht mein ſiem Ich, ſondern nur mein Körper verſchuldet hat, zu ſchweigen. Es würde e in mich verdrießen, wenn die empfindſamen Damen bei Hofe erführen, daß h das ich auch meine empfindſamen Momente haben kann. Aber ſie ſind är vun Gott ſei Dank ſelten, und jetzt hoffe ich wieder auf Jahre von ihnen „wen verſchont zu werden. Uebrigens freut es mich, daß ich die Worte der Kaiſerin Ihnen ſofort als eine Wahrheit beſtätigt, und mich Ihnen in . der That als Göttin Eris gezeigt habe. Sie kamen doch ohne Zweifel r Alls aus Neugierde her, um die neue Eris kennen zu lernen. Nein, gnädigſte Comteſſe, ſagte Graf Eſterhazy feierlich, ich kam 1 ln nn einer für mich ſehr ernſten und heiligen Angelegenheit hierher, und e ſag 74 wenn ich mir jetzt erlaube, zu Ihnen von derſelben zu ſprechen, ſo darf ich ſagen, daß dies mit der Genehmigung des Herrn Grafen Starhem⸗ berg, Ihres Oheims und Vormundes, geſchieht. Ich bin gekommen, Comteſſe Margaretha, um Sie zu bitten, meine Gemahlin zu werden, und meine Hand anzunehmen! Die Gräfin ſchreckte zuſammen, wie von einem Blitzſtrahl getroffen, und ſtarrte mit großen, flammenden Augen, ſprachlos vor Erſtaunen, in das ſanfte, freundliche Antlitz des blonden jungen Grafen. Sie antworten mir nicht, Comteſſe? fragte er mild. Ich ſagte Ihnen, daß ich die gnädige Zuſicherung Ihres Oheims gewonnen habe. Fügen Sie die Ihre hinzu, Gräfin. Entſchließen Sie Sich, die Meine zu werden. Ich werde es zur einzigen und heiligſten Aufgabe meeines Lebens werden laſſen, Sie zufrieden und glücklich zu machen, und viel⸗ leicht gelingt es meinem Streben, mir Ihr Vertrauen, Ihre Achtung zu gewinnen, vielleicht mögen Sie eines Tages, gerührt von meiner treuen, nie wankenden, vertrauensvollen Liebe, mir in Ihrer Gegenliebe die herrlichſte und erſehnteſte Vergeltung ſchenken. Sprechen Sie alſo, Comteſſe, ſagen Sie, daß Sie meine kühnſten Wünſche erhören, daß Sie meine Gemahlin werden wollen! Niemals, niemals wird das geſchehen, rief ſie mit heftiger Gewalt, ihre beiden Arme vor ſich herſtreckend, als wolle ſie das Unheil, welches ſie bedrohte, von ſich abwehren. Niemals werde ich das Weib irgend eines Mannes werden. Ich bin nicht dazu gemacht, mich in Gehorſam und Demuth vor irgend Jemand zu beugen, nicht dazu gemacht, einen andern Willen über dem meinen anzuerkennen! Ich werde das auch niemals fordern, ſagte der Graf ſanft. Sie werden in meinem Hauſe die Herrin ſein, wie Sie es hier ſind, ich fordere nichts als das unbeſtrittene Recht, Ihr erſter, ihr treueſter Diener zu ſein, um jeden Ihrer Wünſche erlauſchen zu dürfen, um ihn ſofort zu erfüllen! Unglücklicher, Sie wiſſen nicht, was Sie da fordern, rief ſie ent⸗ ſetzt. Fragen Sie meinen Oheim, fragen Sie alle unſere Hausge⸗ noſſen, und ſie Alle werden Ihnen ſagen, daß ich die unduldſamiſte, launenhafteſte Tyrannin bin, welche in jeder Stunde zwanzigmal ihre Wünſche ändert, und heute das verabſcheut, was ſie geſtern begehrte. Oh, Sie Oheim d Verwandt haben? auf der wilden( im Hauf jagt, wi Di Kaiſer N Zornes A lieben, nen Ge Edche t Ne lehend than, un weiſen 69. mit ein 4 d Diener und zej Diener 6' Genah d nen ja ſchwe ( leßt d delnd. ſo darf tarhem⸗ ommen, werden, troffen, nen, in ch ſagte en habe. e Meine meines nd viel⸗ Achtung meiner genliebe ie alſo, aß Sie Gewalt, welches irgend horſam t einen Sie nd, ich Diener ſofort ſie ent⸗ Hausge⸗ dſomſte nal ihre 75 Oh, Sie wollen mein Gemahl werden? Mein Gott, hat Sie mein Oheim denn nicht gewarnt vor mir? Haben Sie keine Freunde, keine Verwandte, welche Sie zurückhalten konnten von Ihrem tollen Vor⸗ haben? Ich habe ja niemals geheuchelt und ſchön gethan, die Leute auf der Straße wiſſen von mir, jedes Kind weiß zu erzählen von der wilden Gräfin Starhemberg, die ihre Diener ſchlägt, wie ein Kobold im Hauſe herum tobt, und auf wilden Rennern oft durch die Straßen jagt, wie ein ungebändigter Mann. Die Liebe macht die wildeſten Frauenherzen zahm, ſo hat der Kaiſer geſagt, rief Eſterhazy lächelnd. Margaretha zuckte zuſammen, und ſchleuderte auf ihn einen vollen Zornesblitz. Aber ich liebe Sie nicht, rief ſie ſtürmiſch, ich werde Sie nicht lieben, werde niemals einen Mann lieben, und niemals ohne Liebe ei⸗ nen Gemahl annehmen. Sprechen wir alſo nicht mehr davon, die Sache iſt abgethan! Nein, ſagte der Graf, ihre Hand faſſend, und ihr zärtlich und flehend in das erglühte Antlitz ſchauend, nein, die Sache iſt nicht abge— than, und ich beſchwöre Sie, ſprechen wir noch davon, ich beſchwöre Sie, weiſen Sie mich nicht zurück.— In dieſem Augenblick öffnete ſich die Thür und ein Lakay trat ein mit einem goldenen Teller in der Hand, auf welchem ein Brief lag. Von Ihrer Majeſtät der Kaiſerin, an den Herrn Grafen, ſagte der Diener auf Graf Starhemberg zuſchreitend. Der Graf nahm den Brief, und zog ſich mit demſelben in eine Fenſterniſche zurück, während der Diener leiſe auf den Zehen wieder hinausging. Gräfin Margaretha, fuhr Eſterhazy dringend fort, noch einmal beſchwöre ich Sie, nehmen Sie meine Hand an, werden Sie meine Gemahlin! Sie ſchleuderte auf ihn einen Blick finſterer Verachtung. Ich habe Ih⸗ nen ja geſagt, daß ich Sie nicht lieben kann, rief ſie. Ein Mann von Ehre ſchweigt, und zieht ſich zurück, wenn er ſolches Geſtändniß hört. Ein Mann von Muth ſchweigt nicht, ſondern hofft, doch noch zu⸗ letzt das Ziel zu erringen, nach welchem er ſtrebt, ſagte der Graf lä⸗ chelnd. Wenn man um ein köſtliches Glück wirbt, kann man nicht 76 erwarten, daß es ohne Kampf ſich erobern läßt, nur dem beharrlichen Werben ergiebt es ſich! Phraſen! Elende Phraſen! rief ſie verächtlich. Ihr Auge, welches mit einem ſtolzen Ausdruck die ſchlanke, zierliche Geſtalt des Grafen ſtreifte, begegnete dann ganz zufällig in dem großen Spiegel, in deſſen Nähe ſie ſtanden, ihrem eigenen Bilde. Sehen Sie dorthin, ſagte ſie, mit erhobener Hand in den Spiegel deutend, ſehen Sie, der Spiegel, welcher unſer Beider Bild widerſtrahlt, möge Ihnen Antwort geben auf Ihre Frage. Sehen Sie da dieſe Frau, welche den jungen Mann um eine Kopfeslänge faſt überragt, ſehen Sie ihr ſchwarzes Haar, ihre wilden Augen, ihre ganze kecke, energiſche Erſcheinung! Und nun ſehen Sie dieſen jungen Herrn, ſo niedlich, ſo zierlich und klein, wie die allerliebſten Nippesfiguren, die auf meinem Guéridon ſtehen. Sehen Sie ſeine ſanften blauen Augen, die gar nicht zürnen können, und ſeine ſchlichten blonden Haare, die niemals durch das Kräuſeln einer eigenſinnigen Locke beunruhigt worden ſind. Ah, mein Herr Graf, wenn ich der Mann, und Sie das Weib wären, dann möchte dieſe Ehe möglich ſein! So aber iſt ſie unmöglich! Ich würde Sie tödten mit meiner Heftigkeit, oder Sie würden mich raſend machen mit Ihrer blonden Sanftmuth! Nein, nein, mein Herr, Sie ſind für mich zu blond! Ich kann niemals Ihre Gemahlin werden! Sie machte ihm eine tiefe, ceremonielle Verbeugung, und wandte ſich ab, um das Zimmer zu verlaſſen. Plötzlich fühlte ſie ſich zurück⸗ gehalten von einer Hand, welche ſich auf ihre Schulter legte, und als ſie ſich umwandte, begegnete ſie den Augen ihres Oheims, die mit einem angſtvollen, mitleidigen Ausdruck auf ihr ruhten. Mein Kind, ſagte der alte Herr mit unſicherer Stimme, ich be— ſchwöre Dich zu bleiben, und den Herrn Grafen Eſterhazy nicht im Zorn von Dir zu weiſen. Er iſt ein edler, reicher und angeſehener Cavalier, ganz geeignet der Gemahl meiner ſchönen Nichte zu werden. Ich bitte Dich alſo, gieb ſeinem Flehen nach, entſchließe Dich ſeine Gemahlin zu werden! 3 Der Herr Graf ſteht ab von ſeinem thörichten Wunſch, mein Oncle, ſagte die Gräfin ruhig, ich habe ihm geſagt, daß ich ihn nie⸗ mals lieben werde, das genügt ihm, um zurückzutreten! Aber rief der Wie Augen ſle Nein Kaiſerin Deine H ihrer kai M gereichte Augen ihre Li der Wr Le Pauſe, vicht, es einander de Stather Nähte, baren, wird a gendhaf Eſterha auf das anzunet mit ihr dern D ſal ihr dß i dah Tage acht: Tage ih S rrlichen welches Grafen deſſen Spiegel ſtrahlt, a dieſe berragt, ze kecke, errn, ſo en, die Augen, re, die worden Weib nöglich! en mich n Herr, werden! wandte zurück und als einem ich be⸗ cht im 77 Aber, mein armes Kind, Du wirſt verſuchen müſſen, ihn zu lieben, rief der Graf. Du darfſt die Hand des Grafen nicht ausſchlagen! Wie? ich darf nicht? ſagte ſie mit drohender Stimme, und ihre Augen flammten in wildem Zorn. Nein, Du darfſt nicht, wiederholte der alte Graf zitternd. Die Kaiſerin beſiehlt es! Die Kaiſerin will, daß Du dem Grafen Eſterhazy Deine Hand reichſt. Lies hier das Handbillet, das ich ſo eben von ihrer kaiſerlichen Majeſtät empfangen habe! Margaretha ſtieß einen wilden Schrei aus, und entriß das dar⸗ gereichte Papier den Händen des Grafen. Mit weit aufgeriſſenen Augen ſtarrte ſie es an, ihre ganze Geſtalt zitterte wie im Fieberfroſt, ihre Lippen waren feſt aufeinander gepreßt, als wollten ſie den Schrei der Wuth zurückhalten. Leſen Sie, mein Oheim, leſen Sie, ſagte ſie dann nach einer Pauſe, dem Grafen das Blatt wieder darreichend. Ich vermag es nicht, es ſchwirrt vor meinen Augen, die Buchſtaben tanzen wild durch⸗ einander. Leſen Sie, ich werde mindeſtens hören können! Der Graf nahm ſeufzend das Blatt, und las:„Lieber Graf Starhemberg. Es iſt mein Wunſch und mein feſter Wille, daß Seine Nichte, die Comteſſe Margaretha, ſich endlich vermähle, und eines ehr⸗ baren, reichen und vornehmen Cavaliers ehrbare Gemahlin werde. Sie wird alsdann wohl ihr wildes Weſen verlieren, und eine ſittſame, tu⸗ gendhafte Hausfrau werden. Hab' gehört, daß der junge Graf Franz von Eſterhazy werben will um Seine ſchöne Nichte. Befehle ihr hierdurch auf das Strengſte und Nachdrücklichſte, die Hand das Herrn Grafen anzunehmen und ſeine Gemahlin zu werden. Sie hat lange genug mit ihrem wilden Weſen die Freier von ſich geſchreckt, und unſern an⸗ dern Damen ein ſchlimmes Beiſpiel gegeben. Will's nit länger dulden, ſoll ihren ſtarren Sinn zähmen laſſen durch die Liebe. Sag' Er ihr, daß ich befehle, ſie ſoll die Hand des Grafen Eſterhazy annehmen. Hab' wohl ein Recht dazu als ihre Kaiſerin und ihre Pathin. In acht Tagen iſt die Trauung und ich ſelbſt werde dabei zugegen ſein. In acht Tagen iſt die Trauung oder die Comteſſe Margaretha geht in acht Tagen in ein Kloſter! Das iſt mein Ultimatum! Im Uebrigen bleibe ich Seine wohl affectionirte Kaiſerin Maria Thereſia!“— 78 VIII. Eine gezwungene Ehe. Eine lange Pauſe trat ein, als der Graf das Billet zu Ende ge⸗ leſen. Die Gräfin ſtand da, ſtarr und bleich, wie ein Marmorbild, die großen, glühenden Augen noch immer feſt auf die Lippen ihres Oheims gerichtet, als lauſche ſie noch immer ſeinen Worten. Der junge Graf betrachtete ſie mit ſchüchternen Blicken, und ſeine ſanften Mienen zeugten von einer ruhigen, unerſchütterlichen Entſchloſſenheit. Du ſiehſt, mein Kind, ſagte der alte Graf nach einer langen Pauſe, es iſt unabänderlich. Die Kaiſerin befiehlt, und es bleibt Dir nichts weiter übrig als zu gehorchen. Nein, nein! rief ſie zuſammenfahrend, und wie aus einem Traum emporſchreckend. Nein, ich werde nicht gehorchen. Ich werde nicht die Gemahlin dieſes Mannes werden. Dann wirſt Du in ein Kloſter gehen müſſen, ſeufzte der Graf traurig. Ich werde auch das nicht thun, rief ſie triumphirend, und auf einmal leuchtete ihr Antlitz freudig auf, und ihre Augen flammten wie⸗ der in dem gewohnten Feuer. Nein, ich werde mich nicht vermählen, und ich werde auch nicht ein Kloſter gehen! Es giebt ein Mittel, uns Alle zu retten!— Und indem ſie ſich mit einem bezaubernden Lächeln an den Grafen Eſterhazy wandte, fuhr ſie fort: in Ihrer Hand liegt dieſes Mittel, und Sie werden, Sie müſſen es ergreifen! Sie haben gehört, was die Kaiſerin geſchrieben, Sie haben ihren tyranniſchen Befehl vernommen. Das Cheſtiften iſt einmal die große Paſſion der Kaiſerin, und ich bin ein neues Opfer, das ſie dieſer Leiden⸗ ſchaft darbringt. Sie haben gehört, daß Maria Thereſia mir als meine Kaiſerin und meine Pathin befiehlt, entweder mich Ihnen zu vermählen, oder in ein Kloſter zu gehen. Wenn es ſich um eine Ehe⸗ ſtiftung handelt, iſt die Kaiſerin unbeugſam, und alles Flehen iſt ver⸗ geblich! Retten Sie mich alſo, retten Sie mich! Ich kann nicht Ihre Gemahlin werden, denn ich ſagte es Ihnen ſchon, ich liebe Sie nicht, werde Sie niemals lieben! Ich kann aber auch nicht in ein Kloſter gehen, mein ganzes Herz bäumt ſich auf, wenn ich nur daran denke. Ich muß frei ſein, frei wie der Vogel in der Luft, ich kann mich nicht feſſeln und bind Retten S Befehl g können fu alſo zuri in einem Gräfin Abſicht frei, un e S blickte i D der Ka mich hit Di wie eine Blicken de ge⸗ orbild, ihres junge Nienen Pauſe, richts Traum ſcht die aurig. d auf wie⸗ ählen, l, uns Lächeln d liegt haben niſchen aſſion eiden⸗ r als en zu Ehe⸗ ſt ver⸗ Jhre nicht phen h muß feſeln 79 und binden, mir nicht die Schwingen meiner Seele lähmen laſſen! Retten Sie mich alſo, denn Sie, Sie ſind ja frei! Sie ſind durch keinen Befehl gezwungen, durch keine tyranniſche Drohung eingeſchüchtert. Sie können frei über Ihren Willen und Ihre Hand ſchalten. Treten Sie alſo zurück, gehen Sie zur Kaiſerin, ſagen Sie ihr: Ew. Majeſtät ſind in einem Irrthum befangen. Es war niemals mein Wunſch, mich der Gräfin Starhemberg zu vermählen, und niemals habe ich die ernſte Abſicht gehabt, um ſie zu werben! Sagen Sie ihr das, und ich bin frei, und der tyranniſche Befehl der Kaiſerin iſt fruchtlos! Sie hatte ihre kleinen, durchſichtig weißen Hände gefalten, und blickte ihn flehend an. Der junge Graf ſchüttelte leiſe das Haupt. Ich kann nicht ſo zu der Kaiſerin ſprechen, ſagte er ſanft, denn es iſt die Kaiſerin, welche mich hierher geſchickt hat! Die Kaiſerin hat Sie hierher geſchickt! rief die Gräfin, indem ſie, wie eine gereizte Tigerin vorwärts ſpringend, mit flammenſprühenden Blicken dem Grafen in's Antlitz ſchaute. Sie ſind alſo nicht gekommen aus freiem Antrieb, es iſt die Kaiſerin, welche Ihnen befohlen hat, um meine Hand zu werben! Ja, es iſt die Kaiſerin, welche es mir geboten hat, ſagte der junge Graf mit ſeiner unerſchütterlichen Sanftmuth. Die Gräfin brach in ein lautes, wildes Gelächter aus. Das alſo war die glühende Liebe, von welcher Sie mir ein ſo rührendes Mähr⸗ chen erzählten, rief ſie, das Ihr zärtlicher Wunſch, mich glücklich zu machen, und Ihr ganzes Leben mir zu weihen. Die Kaiſerin hatte Ihnen befohlen, um meine Hand zu werben, und Sie ſind wie ein Schulknabe, der die Ruthe fürchtet, wenn er nicht gehorcht, hierher ge⸗ kommen, um den Willen der Kaiſerin zu erfüllen! Oh, warum bin ich kein Mann! Beim ewigen Gott, mir ſollte man ſolche Schmach nicht anthun! Es iſt wahr, ſagte Graf Eſterhazy, die Kaiſerin hatte mir befohlen, um Ihre Hand zu werben. Aber ſeit ich das Glück hatte, Sie zu ſehen, war es nicht mehr der Befehl der Kaiſerin, welcher mich nach Ihrem Beſitz ſtreben läßt, ſondern der glühende Wunſch meines Herzens. Still, ſagte ſie mit rauher Stimme, laſſen Sie dieſe Albernheiten, 2 M 2 80 an welche Niemand glaubt! Sie waren entſchloſſen, dem Befehl der Kaiſerin zu gehorchen, bevor Sie mich kannten. Aber jetzt haben Sie mich ge⸗ ſehen, jetzt haben Sie hier eine Scene erlebt, welche Ihnen mein ganzes unbändiges, leidenſchaftliches Weſen enthüllt hat, jetzt haben Sie geſehen, daß die 2 een Recht haben, welche mich„die wilde Gräfin“ nennen! wee 3 zur Kaiſerin, ſagen Sie ihr das! Sagen Sie ihr, daß betei n Ihnen meine Hand zu geben, daß Sie aber nicht wollen, 4 Sie zurückſchaudern vor einer Verbindung mit mir! Ah! dies wäre eine Beleidigung für Sie, rief der Graf entſetzt. Was liegt mir daran, ob Sie mich beleidigen, wenn Sie mich damit nur frei laſſen! rief ſie verächtlich. Ich ſelber werde niemals einem ſchönen, edlen Mädchen ſolche Beleidigung anthun, ſagte Eſterhazy entſchloſſen. Füge Dich alſo, mein Kind, füge Dich, flehte Graf Starhemberg mit Thränen in den Augen. Oh es iſt zum erſten Mal, daß Dein Wille gebrochen wird, und deshalb iſt auch der Kampf nun ſo ſchwer. Beuge Dein ſtolzes Herz, mein armes Kind, und unterwirf Dich dem Befehl der Kaiſerin. Du ſiehſt es wohl, aller Widerſtand iſt vergeblich. Ich beuge mich nicht, rief ſie, ſich ſtolz aufrichtend, und ihr Haupt ſchüttelnd. Ich will nicht, ich kann nicht die Gemahlin dieſes Mannes werden! Mein Oheim, ich bitte Sie, laſſen Sie mich einen Augenblick allein mit ihm! Treten Sie auf einige Minuten in Ihr Cabinet dort. Ich habe dem Herrn Grafen nur einige Worte zu ſagen, die Niemand hören darf! Ihr Oheim verneigte ſich, und durch den Salon eilend, öffnete er die Thür zu dem anſtoßenden Cabinet. Die Gräfin blickte ihm nach, bis die Thür ſich hinter ihm geſchloſſen hatte. Dann wandte ſie ſich wieder dem Grafen zu. Jetzt, mein Herr, ſagte ſie ernſt und feierlich, jetzt ſind wir allein, und Niemand als Gott wird jetzt außer uns das Geheimniß hören, das ich Ihnen ſagen will, und das bis jetzt Niemand außer Gott ge⸗ kannt hat. Schwören Sie mir bei Allem, was Ihnen heilig iſt, ſchwören Sie mir bei dem Andenken an Ihre Mutter, daß Ihre Lippe niemals das Geheimniß verrathen will, welches ich Ihnen jetzt mittheilen werde! Ich ſchwöre Ihnen bei Allem, was mir heilig iſt, bei dem An⸗ denken an niemals! Sie Und jetzt einmal il ich nieme Haupt n emporra⸗ Ja, fuh vorrichte Andern mit jed Gebet; ſich auf geben! Sie, daf Sie hing vollen ausſchla Ge Comteſſ er. Vo Mann! 8o ſie faſt N Sie ſet etjunder ſaß wi O dieſe Denn ſie ſte Sie m heit g6 Kaie daiſerin iich ge⸗ ganzes heſehen, ennen! r, daß wollen, giſetzt. ie mich 1 ſolche eemberg Dein ſchwer. h dem lich. Haupt Nannes genblic et dort. iemand nete er bloſſen allein, hören, olt ge⸗ chwören niemuls verdel em An 81 denken an meine Mutter, das Geheimniß, welches Sie mir mittheilen, niemals mit einem Wort, einem Blick, einer Andeutung zu verrathen! Sie nickte leicht mit dem Kopf, als nehme ſie ſeinen Schwur an. Und jetzt, ſagte ſie aufathmend, und eine glühende Röthe übergoß auf einmal ihr Geſicht und ihren Hals, jetzt will ich Ihnen ſagen, weshalb ich niemals die Ihre werden kann! Ich,— ſie ſtockte, und ſenkte ihr Haupt matt und kraftlos auf ihre Bruſt, aus der ſich ſchwere Seufzer emporrangen. Ich liebe einen Andern, flüſterte ſie dann kaum hörbar. Ja, fuhr ſie nach einer Pauſe fort, und wie ſie nun ihr Haupt wieder em⸗ porrichtete, ſtrahlte ihr Antlitz in ſeligem Entzücken, ja, ich liebe einen Andern, liebe ihn mit meiner ganzen Seele, meinem ganzen Herzen, mit jedem Pulsſchlag meines Daſeins; jeder Gedanke an ihn iſt ein Gebet für ihn, all mein Wünſchen, mein Hoffen, mein Sehnen richtet ſich auf ihn. Für ihn möchte ich ſterben, für ihn meine Seligkeit hin⸗ geben! Sie wiſſen es jetzt, ich liebe einen Andern, und nun begreifen Sie, daß ich niemals die Ihre werden kann, und jetzt, nicht wahr, werden Sie hingehen, und der Kaiſerin ſagen, daß Sie mich nicht heirathen wollen? Jetzt werden Sie mich frei geben, indem ſie meine Hand ausſchlagen? Garf Eſterhazy lächelte mitleidig. Es iſt ein ſchlechtes Mährchen, Comteſſe, welches ſie da erſonnen haben, um Sich frei zu machen, ſagte er. Vor wenigen Minuten erſt ſagten Sie, daß Sie niemals irgend einen Mann lieben, niemals die Gemahlin irgend eines Mannes werden wollten. Ich ſagte es, um mich frei zu machen, glauben Sie es mir! bat ſie faſt demüthig. Nein, ich glaube es Ihnen nicht, ſagte der Graf gelaſſen. Weil Sie jetzt Sich frei machen wollen, deshalb haben Sie dieſes Mährchen erfunden. Nein, Sie lieben keinen Andern, nein, Ihr Herz iſt kalt und ſtolz wie das der Juno. Oh, ich wünſchte, Sie hätten Recht, rief ſie ſchmerzvoll. Ich wünſchte, dieſe Lippen, welche Ihnen von meiner Liebe erzählten, hätten gelogen. Denn dieſe Liebe iſt mein Unglück und meine Pein, ich werde durch ſie ſterben oder verloren gehen. Sehen Sie mich an, mein Herr, ſehen Sie mir feſt iws Auge, glauben Sie noch, daß ich Ihnen eine Unwahr⸗ heit geſagt? Kaiſer Joſeph. 2. Abth. II. 6 82 Nein, Gräfin, ich will Ihnen glauben, ſagte der Graf nach einer Pauſe, in welcher er ſie ernſt und ſchweigend betrachtet hatte, will den Thränen glauben, welche in ihren Augen glänzen. Aber jetzt beantwor⸗ ten Sie mir noch eine Frage. Sie haben mir durch Ihr Vertrauen das Recht zu derſelben gegeben. Fragen Sie, ſagte die Gräfin. Wird Ihre Liebe nicht erwidert? Iſt ſie dem glücklichen und be⸗ neidenswerthen Mann, dem Sie dieſelbe weihen, nicht bekannt? Glüht er nicht vor Verlangen, das ſchönſte, keuſcheſte und ſtolzeſte Weib, welches ihn liebt, zu ſeiner Gemahlin zu machen? Sie ſchwieg und ſchien mit ſich ſelbſt zu ringen. Ein Zittern durch⸗ flog ihre Glieder, und Todtenbläſſe bedeckte ihr Angeſicht. Nein, ſagte ſie endlich mit bebender Stimme, nein, er ahnt es nicht, und darf es nicht ahnen, daß ich ihn liebe, und niemals, wenn er es auch wüßte, würde er daran denken können, mir ſeine Hand zu reichen. Wir ſind getrennt für alle Zeit und Ewigkeit! Dann, ſagte Eſterhazy ernſt und feſt, dann iſt er alſo auch kein Hinderniß, welches ſich unſerer Vermählung entgegen ſetzen kann. Be⸗ wahren Sie immerhin in Ihrem Herzen dieſe Liebe, welche von keinem Menſchen gekannt wird, bauen Sie in Ihrem Herzen Altäre für Ihren unbekannten Gott, und ſchmücken Sie dieſe Altäre mit den ſchönſten Blüthen Ihrer Gedanken. Ich werde nicht eiferſüchtig darauf ſein, ich werde niemals mich bemühen, den Namen dieſes unbekannten Gottes kennen zu lernen. Ihr Geheimniß iſt in meiner Seele begraben, und ich werde es niemals wieder mit einer Sylbe entweihen. Ich meines⸗ theils habe Ihnen kein gleiches Geſtändniß zu machen. Mein Herz ſtand noch wie ein neugebauter Palaſt weit auf mit all ſeinen Thüren und Fenſtern, bereit ſeine Herrin zu empfangen, und da die Kaiſerin Maria Thereſia mir jetzt meine Herrin zuführt, jauchzt ihr mein Herz entgegen und nimmt ſie freudig an. Die Gräfin ſtieß einen Schrei aus, und legte mit einer heftigen Bewegung ihre Hand auf ſeinen Arm. Sie wollen alſo nicht zurück⸗ treten? fragte ſie athemlos. Sie haben gehört, daß ich einen Andern liebe, und trotz dieſes Geſtändniſſes wollen Sie mich zu ihrer Gemah⸗ lin annehmen? Mad loſe iſt, er darf! Ein und Sie Aber Befehl de Und Vaſallen Kaiſerin nimmer ihre Se was me eine Pfl mal, um gewähren We rif ſier dor Ihne habe do ganzen? Niemals ich Sie zwungen ch einer will den antwor⸗ rtrauen und be⸗ Glüht welches n durch⸗ es nicht, er es reichen. ich kein n. Be⸗ keinem r Ihren ſchnſten ſein, ich Gottes en, und meines⸗ in Herz C hüren Kaiſerin in Herz heftigen mrid⸗ Andern hemah⸗ 83 Madame, Sie haben mir geſagt, daß Ihre Liebe eine hoffnungs⸗ loſe iſt, erlauben Sie alſo der meinen, daß ſie auf die Zukunft hoffen darf! Eines Tages wird es ihr vielleicht gelingen, Ihr Herz zu rühren, und Sie werden mir alsdann die heutige Stunde vergeben! Aber Sie lieben mich ja nicht, rief ſie heftig. Es iſt ja nur der Befehl der Kaiſerin, welcher Sie um meine Hand werben läßt! Und die Eſterhazy's ſind von jeher die treuen und gehorſamen Vaſallen der Kaiſerin geweſen, ſagte der Graf ernſt. Was ihnen die Kaiſerin beſiehlt, das machen ſie zur Sache ihres Herzens, und ſtehen nimmer davon ab, und führen es aus, müßten ſie auch ihr Leben und ihre Seligkeit laſſen! Erlauben Sie mir alſo, Gräfin, das zu thun, was meine erhabene Kaiſerin mir geboten hat, und was mir nicht blos eine Pflicht, ſondern auch ein ſtolzes Glück iſt! Ich wage es noch ein⸗ mal, um Ihre Hand zu werben, ich bitte Sie, daß Sie mir das Glück gewähren, meine Gemahlin zu werden! — Wehe Ihnen, wenn ich einwillige, nach dieſer Stunde einwillige! rief ſie mit flammenden Augen und drohender Geberde. Ich habe mich vor Ihnen bis zur Bitte erniedrigt, und es iſt vergeblich geweſen! Ich habe vor Ihnen die Schleier aufgedeckt, welche mein Herz vor der ganzen Welt verhüllen, und Sie haben Sich nicht zurückſchrecken laſſen! Niemals werde ich Ihnen das verzeihen! Ich ſagte Ihnen vorher, daß ich Sie niemals lieben würde, jetzt ſage ich Ihnen, daß, wenn ich ge⸗ zwungen werde Sie zu heirathen, und wider meinen Willen Ihre Ge⸗ mahlin zu werden, ich Sie haſſen werde, als meinen tödtlichſten Feind! Vom Haß bis zur Liebe iſt oft nur Ein Schritt, ſagte Graf Eſter⸗ hazy achſelzuckend, erlauben Sie mir darauf zu hoffen, daß Sie dereinſt für mich dieſen einen Schritt thun werden! Ein drohender, fürchterlicher Schrei tönte von ihren Lippen, ihre Augen ſchoſſen Funken, und mit einer blitzartigen Bewegung hob ſie den Arm mit der kleinen geballten Fauſt empor. Dann aber ließ ſie ihn, beſchämt gleichſam über ihre eigene Heftigkeit, wieder ſin⸗ ken, und ſtarrte den Grafen an, als wollte ſie auf dem Grunde ſeiner Seele leſen. Eine lange Pauſe trat ein. Es iſt gut, ſagte die Gräfin dann, und ihr Weſen zeigte jetzt eine kalte, ſtolze Ruhe. Sie haben mich 84 zum Kampf herausgefordert, und ich nehme ihn an. Wir werden ja ſehen, wer Sieger ſein wird! Nur das ſage ich ihnen, wenn Sie es ſind, ſo wird Ihr Sieg Ihnen keine Ehre bringen, und ich werde mich nicht gutwillig und unterwürfig in das Joch fügen, welches Sie niemals um meine Schultern hätten legen können, wenn Ihnen nicht die mäch⸗ tige und drohende Hand der Kaiſerin dabei hülfreich geweſen! Leben Sie wohl, ich denke, wir haben einander nichts mehr zu ſagen! Ueber legen Sie meine Worte wohl, und laſſen Sie Sich von meinem Oheim, und allen Denen, welche mich kennen, ſagen, daß ich wenigſtens den Einen Vorzug habe, daß ich mein Wort erfülle. Ich ſchwöre Ihnen aber, daß, wenn ich gezwungen werde, Ihre Gemahlin zu werden, daß, wenn Sie nicht ein Mittel erſinnen, uns Beide von einander zu be⸗ freien, mein ganzes Leben ein fortgeſetztes Beſtreben ſein wird, Sie zu ſtrafen, und mich an Ihnen zu rächen! Ich halte Wort im Guten wie im Böſen, und meine Freunde wie meine Feinde dürfen auf mich rechnen! Erinnern Sie Sich deſſen! Sie grüßte ihn mit einem ſtolzen Neigen ihres Hauptes, und ging dann langſam und hochaufgerichtet, wie eine Königin, welche den Au⸗ dienzſaal verläßt, aus dem Gemach. Graf Eſterhazy ſchaute ihr mit trüben, ſinnenden Blicken nach. Wahrhaftig, murmelte er in ſich hinein, ſo ſchön ſie immer iſt, ſo könnte man doch faſt ſich vor ihr entſetzen! Sie hat nicht die Schönheit eines Engels, ſondern einer Meduſa, und ich meine, wen ſie anſchaut mit ihren großen, flammenden Augen, dem erſtarrt das Herz. Ich würde gern der Seligkeit entſagen, der Gemahl dieſes ſchönen Dämons zu werden, aber der grauſame Befehl der Kaiſerin zwingt mich dazu, und ich fürchte, es wird kein Entrinnen mehr möglich ſein. Und der Graf zog ſein batiſtenes Taſchentuch hervor, um ſich damit den Schweiß zu trocknen, der in großen Tropfen auf ſeiner Stirn ſtand. Nun? fragte Graf Starhemberg, durch die Thür ſeines Kabinets ſchauend. Darf ich wieder eintreten? Ich bitte, thun Sie es, Herr Graf! Ah, meine Nichte iſt ſchon fort, rief der alte Herr, mit jugendli⸗ cher Eilfertigkeit das Zimmer durchſchreitend. Sagen Sie mir was iſt das R immer, ih Nein ich bitte zu dürfen 7 D und nie⸗ teten ſie Thür hi Ich ſc hin, Janz hen iſt ſ b We es die bis D können ſie nit eine r ich mei verden ja Sie es rde mich niemals ie mäch⸗ Leben Ueber Obeim, tens den re Ihnen den, daß, er zu be⸗ „Sie zu uten wie rechnen! nd ging den Au⸗ en nach. ſo könnte eit eines Faut mit würde nons zu zu, und um ſich f ſeiner Kabinets 85 iſt das Reſultat Ihrer Unterredung? Nicht wahr, ſie hat diesmal, wie immer, ihren Willen durchgeſetzt, und Sie treten zurück? Nein, Herr Graf, ſeufzte Graf Eſterhazy trübe, es bleibt dabei, ich bitte um die Ehre, der Comteſſe Margarethe meine Hand reichen zu dürfen! Die Kaiſerin hat es befohlen, und wir müſſen ihr gehorchen! N. Die letzte Vitte. Die Kaiſerin Maria Thereſia ging unruhig in ihrem Kabinet auf und nieder; ihre Züge waren ernſt und trauervoll, und ihre Augen rich⸗ teten ſich zuweilen mit einem trüben, faſt angſtvollen Blick nach der Thür hin. Ich fürcht' mich, wahrlich, ich fürcht' mich, murmelte ſie leiſe vor ſich hin, und das iſt mir mein Lebtag noch nimmer paſſirt. Muß alſo nit ganz hell und klar ſein da drin in mein’m Gewiſſen, ach, und ich fürcht' es iſt ſo, und dieſe Stimmen, welche da in mir flüſtern, ſagen beſſer die Wahrheit, als alle meine Miniſter nud Staatsräthe. Es iſt ein bös Ding, das wir vorhaben, und wir werdens nimmer verantworten können vor Gott und Menſchen! Wollt' meine Hand würde lahm, daß ſie nit nöthig hätt', dieſes furchtbare Document zu unterſchreiben, wollt' eine Krankheit packt' mich zu dieſer Stund' und würf' mich nieder, daß ich meinen Namen nit' braucht' unter dieſe Schrift ſetzen neben die Namen meiner Feinde, neben die Namen der Kaiſerin Katharina und des Königs Friedrich! Oh, es kann nimmer ein gutes und Gott wohl⸗ gefälliges Werk ſein, zu dem ich mich einige mit einem Mann, welcher ſein Lebelang die heilige Kirche verhöhnt und die Religion verſpottet hat, mit einer Frau, welche allen Geſetzen der Sitte und Moralität Hohn ſpricht, und welche durch ein Verbrechen zum Thron gelangt iſt. Und mit dieſen Beiden habe ich mich verbündet, um raubend einzufal⸗ len in ein fremdes Land, meine Feinde von geſtern ſind meine Freunde voon heute geworden, damit ich Theil nehme an ihrem Raub, aber auch Theil nehme an ihrem Unrecht! 86 Aber was hilft jetzt noch alles Klagen und Bereuen, fuhr ſie nach einer Pauſe fort. Es iſt zu ſpät, zu ſpät! Die Entſcheidung ſteht ſchon vor meiner Thür, und ich kann ſie nicht mehr zurückweiſen. Der Joſeph wird ſogleich kommen, um meine Uuterſchrift zu fordern, und ich habe kein Recht mehr ſie ihm zu verweigern! Muß die Sach' eben ihren Lauf gehen laſſen, und mich drein ergeben. Muß— ah, da kommt er ſchon, unterbrach ſich die Kaiſerin, als ſie ein leiſes Geräuſch an der Außenſeite der Thür vernahm. Es iſt Joſeph! Die Kaiſerin ließ ſich ſeufzend in den Fauteuil niedergleiten, der neben ihrem Schreibtiſch ſtand, und ihre Augen waren unverwandt auf die Thür geheftet. Dieſe Thür öffnete ſich jetzt, aber es war nicht der Kaiſer, welcher da auf der Schwelle erſchien, ſondern die Baronin von Salmour, die Oberhofmeiſterin der Erzherzoginnen. Frau von Salmour, rief die Kaiſerin erſtaunt, was will Sie hier? Es muß ein gar ungewöhnliches Ereigniß ſein, welches Sie herführt. Ich komme im Namen des Unglücks, Ew. Majeſtät um eine Gnade anzuflehen, ſagte Frau von Salmour ernſt und feierlich. Im Namen des Unglücks? wiederholte die Kaiſerin. Spreche Sie! Was will Sie von mir erflehen? Majeſtät, eine Audienz, für eine Landsmännin von mir! Eine Au⸗ dienz für die Gräfin Wielopolska! Die Gräfin Wielopolska! flüſterte die Kaiſerin in ſich erbebend. Dann aber, als ſchäme ſie ſich ihrer eigenen Beängſtigung, fügte ſie raſch hinzu: die Gräfin ſoll eintreten! Ich will ſie ſprechen. Wenn der Kaiſer kommt, ſo mag er auch eintreten, ſelbſt wenn die Gräfin noch bei mir iſt! Frau von Salmour verneigte ſich tief, und ſchritt wieder hinaus, aber ſie ließ die Thür weit geöffnet, und durch den Vorſaal näherte ſich jetzt die hohe, majeſtätiſche Geſtalt der Gräfin Wielopolska. Das Antlitz war bleich und farblos, wie das einer Leiche, ein ſchwarzes Sam⸗ metkleid umhüllte ihre hohe Figur, und floß in einer langen Schleppe hinter ihr her, ein ſchwarzer Spitzenſchleier, der auf ihrem Haupt be⸗ feſtigt, bis zur Erde niederfiel, umwallte ſie, wie ſie raſch vorwärts ſchritt, gleich einer dunklen Wolke.— Si ihr entg durchſich e tef ver D einem einer 2 eigen; laſſen dert, chelhaf die Ka das ſi warte die K der wohl ſchaf jett haſti Sie erfü hab I ner me gen ſie nach ng ſteht n. Der rn, und ch' eben ah, da Heräuſch ten, der andt auf welcher our, die will Sie erführt. Gnade he Sie! eine Au⸗ bebend. ügte ſie Wenn Gräfin hinaus, näherte Daßs 3 Sam- zchleppe upt he⸗ erwärts 87 Sie ſchaut aus wie der Engel des Todes, murmelte die Kaiſerin, ihr entgegen ſehend, und ich mein', wen ſie berührt mit dieſen blaſſen, durchſichtigen Händen, die ſie über der Bruſt gefalten hat, der muß ſterben! Jetzt trat die Gräfin in das Kabinet ein, und während ſie ſich tief verneigte, ſchloſſen ſich hinter ihr die Thüren. Die Kaiſerin erwiderte den demüthigen Gruß der Gräfin mit einem Kopfneigen. Hab' Sie lang nit geſehen, Gräfin, ſagte ſie mit einer Befangenheit, welche der muthigen und ſtolzen Frau ſonſt nicht eigen zu ſein pflegte. Ich wartete, daß Ew. Majeſtät die Gnade hätten, mich rufen zu laſſen, ſagte die Gräfin feierlich. Und da ich es nicht gethan, kommt Sie endlich einmal ungefor⸗ dert, rief die Kaiſerin. Das i*ſt ſchön, es freut mich Sie zu ſehen! Die Gräfin erwiederte dieſe, im Munde einer Kaiſerin ſo ſchmei⸗ chelhaften Worte nur mit einem leiſen Neigen ihres Hauptes, welches die Kaiſerin zu jeder andern Zeit ſehr ungeeignet gefunden haben würde, das ſie aber heut kaum bemerkte. Eine Pauſe trat ein. Jede von den beiden Damen ſchien zu er⸗ warten, daß die Andere zuerſt dieſe peinliche Stille unterbreche. Als die Kaiſerin aber ſah, daß ihre Erwartung vergeblich ſei, daß die Lippen der traurigen, marmorbleichen Gräfin ſich nicht öffneten, mußte ſie ſich wohl entſchließen die Converſation zu beginnen, und in ihrem leiden⸗ ſchaftlichen und muthigen Weſen jeden Umſchweif verachtend, ging ſie jetzt gerade auf das Ziel los. Ich kann mir denken, weshalb Sie gekommen iſt, ſagte die Kaiſerin haſtig. Sie hat gehört von dem Unglück, welches Polen bedroht, und Sie will mich fragen, ob es ſo iſt, und ob ich ſo die Verſprechungen erfülle, welche ich Ihr einſt für Ihr unglückliches Vaterland gegeben habe! Nun, ſpreche Sie, iſt es nit ſo, hab' ich nit recht geleſen in Ihrem ſchönen Marmorangeſicht? Es iſt ſo! ſagte die Gräfin, und ihre Stimme ſchien wie in Thrä— nen zu zittern. Ja, ich habe gehört von der Schmach und dem Elend meines Vaterlandes; der Jammerruf dieſes Elends iſt zu mir gedrun⸗ gen in die Einſamkeit, in die ich mich ſeit Monaten begraben hatte, er hat mich aufgeſchreckt aus der dumpfen Verzweiflung, von welcher 88 ich hoffte, daß ſie mich tödten werde. Dieſer Jammerruf treibt mich her zu Ihnen, zu der allmächtigen Kaiſerin, in dereu Hand die Zukunft meines Vaterlandes liegt, die uns den Tod und die ewige Schmach, oder das Leben geben kann! Oh, wäre Dem ſo, dann ſollte Sie wahrlich nit lange zu bitten haben, rief die Kaiſerin ſchmerzvoll. Läg' in meiner Hand das Schick⸗ ſal Polens, dann würde ſich Polen nit zu beklagen haben, und es würde daſtehen, frei und unabhängig, wie jeder andere Staat! Majeſtät, das Schickſal Polens liegt in Ihrer Hand, Gräfin flehend. Noch haben Ew. Majeſtät, terliche Acte nicht unterzeichnet, welche mein Vaterland mordet und in Stücke zerreißt, noch ſind Sie rein von dieſer Schuld, noch hat dieſe edle Hand nicht Ihren Namen gezeichnet unter das Denkmal unſerer Erniedrigung. Oh laſſen Sie mich dieſe Hand küſſen, laſſen Sie an⸗ betend mich vor ihr neigen, vor dieſer Hand, welche ſo Unſeliges noch nicht gethan, welche einem unglücklichen verzweifelnden Volk noch Se⸗ gen und Heil ſpenden kann. Und hingeriſſen von dem Ungeſtüm ihres Schmerzes eilte die Gräfin zu der Kaiſerin hin, ſtürzte ſie vor ihr auf die Kniee nieder, und preßte Maria Theeeſia's Hände leidenſchaftlich an ihre Lippen. Stehe Sie auf, Gräfin, ſtehe Sie auf, ſagte die Kaiſerin milde. Es thut mir weh, Sie ſo demüthig flehend vor mir zu ſehen, da ich Ihr doch nit helfen kann! rief die ich weiß es, dieſe fürch Wer ſollte denn helfen können, wenn nicht Ew. Majeſtät! rief die Gräfin. Nein, entziehen Sie mir nicht dieſe ſchöne reine Hand, welche noch nicht befleckt iſt von dem Blute Polens, welche noch die Macht hat, gleich dem Meſſias die Todten zu erwecken, und den Sterbenden Leben einzuhauchen! Oh Kaiſerin, ich bin nicht gekom⸗ men, um Sie an die Verſprechungen zu erinnern, welche Ew. Ma⸗ jeſtät mir einſt gegeben! Nein, nicht als eine Verpflichtung, ſondern als eine Gnade ſollen Ihre Lippen für uns das Wort der Erlöſung ſprechen! Ich kann nicht, mein Gott, ich kann nicht! rief Maria Thereſia mit dem Ausdruck des tiefſten Schmerzes. Ich habe viele Monate lang gekämpft, und was ich bei dieſer Sach' gelitten, überſteigt alle Beſchrei⸗ bung! die mir a der Kait Kaiſerin Million und ihr u die Ka ſchuldi denke, als die daß n 1 Gv. P ſich vo anſtarr Tdes eine ft ( darf rief d Kaiſer villg Verſp Maſe Nreuü wird und Adl ibt mich Zukunft ſchmach, bitten Schick⸗ würde nef die e fürch⸗ und in at dieſe unſerer zie an⸗ snoch Se⸗ te die nieder, en. milde. da ich ef die Hand, p die den kom⸗ Ma⸗ ndern öſung ereſic lang ürei⸗ 89 95 bung! Nie kann ich ohne Angſt an dieſe unglückſelige Sache denken, die mir in Wahrheit das Leben zu koſten drohte!*) Ich kann nicht! ſagte die Gräfin, welche nur dieſe erſten Worte der Kaiſerin gehört zu haben ſchien. Ich kann nicht! Und es iſt eine Kaiſerin, welche das ſagt, eine Kaiſerin, die mit einem Wink ihrer Hand Millionen Menſchen gebietet, die von Niemand abhängt, außer von Gott und ihrem eigenen Gewiſſen! Und von den Pflichten, welche ſie ihren Völkern ſchuldig iſt! rief die Kaiſerin hoheitsvoll. Meinem Volk aber bin ich es vor allen Dingen ſchuldig, ihm den Frieden zu erhalten. Ich ſchaudere, wenn ich daran denke, wie viel Blut während meiner Regierung gefloſſen iſt! Nichts als die äußerſte Nothwendigkeit könnte mich dazu bringen, Urſache zu ſein, daß noch ein Tropfen vergoſſen wird.**) Und um Ihrem Oeſterreich einen Tropfen Blut zu erſparen, wollen Ew. Majeſtät jetzt helfen ein ganzes Volk zu ermorden! rief die Gräfin ſich von ihren Knieen erhebend und die Kaiſerin mit flammenden Blicken anſtarrend. In dem Egoismus Ihrer Friedensliebe wollen Sie den Todesſchrei eines Reiches nicht hören, das eben ſo heilige Rechte an eine freie Exiſtenz hat, wie jedes andere Land! Gräfin, Sie geht zu weit, rief die Kaiſerin. Mit welchem Recht darf Sie es wagen, ſo zu mir zu reden? Mit dem Recht welches das Unglück hat, die Wahrheit zu ſagen, rief die Gräfin ſtolz, mit dem Recht, welches die Verſprechungen einer Kaiſerin mir gegeben haben! Denn jetzt, da Ew. Majeſtät nicht frei⸗ willig uns Gnade gewähren wollen, jetzt erinnere ich Sie an Ihre Verſprechungen! Das Wort einer Herrſcherin muß heilig ſein, und Ew. Majeſtät haben mir verſprochen, Polen zu ſchützen gegen Rußlands und Preußens Habgier, Ew. Mafeſtät haben geſagt: Oeſterreichs Adler wird ſeine Fittige ausbreiten über das arme Polen und wird es ſchützen und behüten! Ich frage die allmächtige Kaiſerin, wo iſt der öſterreichiſche Adler jetzt, unter deſſen Fittichen Polen Schutz finden ſollte? *) Der Kaiſerin eigene Worte. Siehe Raumer: Beiträge zur neuern Geſchichte. Bd. IV. S. 539.. **) Der Kaiſerin eigene Worte. Siehe Wolf: Oeſterreich unter Maria Thereſia. S. 527. n. — — — — 90 Oh, ſie haben es verſtanden, ihm die Flügel zu binden, ſagte die Kaiſerin ſchmerzvoll vor ſich hin. Gott weiß es, ich hab' redlich und ehrlich gekämpft für Polen, und es war mir Ernſt mit meinem Kämpfen. Hab' auf alle Art verſucht, Polen zu befreien, zuerſt mit Drohungen, dann ſogar mit Intriguen. Anf meine Drohungen antwortete man, daß die Theilung beſchloſſen ſei, und daß Rußland und Preußen bereit ſeien, ihre neuen Beſitzungen gemeinſam zu vertheidigen.„Thut, was Ihr wollt, ſagte man uns, wir aber ſind entſchloſſen, mit oder ohne Euch, zum Ziel zu gelangen.“ In dieſer Lage, was ſollten wir thun? Rußland und Preußen bekriegen? Wahrlich, nur unſere Feinde konnten wünſchen, daß wir ſolch einen Schritt thäten? Oder ruhig ſtill ſitzen und zuſehen, wie die beiden Mächte einen Staat nach Belieben zer⸗ ſtückelten, und ſolche Erwerbungen machten, welche das künftige Daſein Oeſterreichs ſogar auf das Spiel ſetzen konnten?— Wir nahmen alſo unſere Zuflucht zur Liſt! Wir wehrten uns viele Monate lang, vertheidigten unſern Boden Zoll für Zoll, und gaben erſt beim letzten Aeußerſten nach. Wir forderten für unſern Antheil mehr als wir glaubten, daß man uns bewilligen werde, mehr als wir von Anfang an glaubten beanſpruchen zu können. Aber zu meinem größten Schmerz bewilligte man mir ſelbſt meine übertriebenſten Forderungen! Ach, die ganze Sach' war mir ſo unangenehm, ſo meinen Grundſätzen und dem gan⸗ zen Inhalt meiner Regierung zuwider, daß ich es nit ertragen kann, auch nur daran zu denken, und daß ich die geſammte Führung derſelben dem Kaiſer, dem Fürſten Kaunitz und dem Marſchall Lacy übergeben habe.*) Und das iſt alſo Alles, was von den großen Verſprechungen ei ner Kaiſerin übrig geblieben iſt, rief die Gräfin mit einem ſchmerzlichen Hohnlachen. Maria Thereſia war Polens letzte Hoffnung, und Maria Thereſia verläßt Polen, weil unſer Jammergeſchrei ihrem weichen Ohr wehe thut! Oh Kaiſerin, Kaiſerin, gedenken Sie des Tages, an wel⸗ chem Sie vor Gottes Thron erſcheinen ſollen, um Rechenſchaft abzu⸗ legen vor ihm über alle Ihre Thaten! Wie wollen Sie es verant⸗ *) Dieſe ganze Rede der Kaiſerin iſt hiſtoriſch treu. Siehe Wolf S. 525. Raumer IV. S. 540. — worten Kaiſerit mit Si ſerin I die Ac S litz vo Ausdr — Sie! der( in ihn ſtehe fühlt; mir d tigen meinen ſanft hat n Bin leiden ehrlie traur nahn darre dam, nen 88 hür 91 gte die worten und entſchuldigen, was Sie heute über Polen verhängen? Oh h und Kaiſerin, zum letzten Male flehe ich Sie an: haben Sie Erbarmen mpfen. mit Sich Selber, Erbarmen mit Ihrer Größe und Ihrem Ruhm! Kai⸗ ungem ſerin Maria Thereſia: geben Sie Polen frei! Unterſchreiben Sie nicht man, die Acte, welche Polen in Stücke zerreißt! bereit Sie war wieder auf ihre Kniee niedergeſunken, ihr bleiches Ant⸗ was litz von Thränen überſtrömt, hob ſie ihre gefaltenen Hände mit einem ohne Ausdruck unausſprechlichen Flehens zu der Kaiſerin empor. ihun? Oh mein Gott ſie glaubt mir nicht, ſagte die Kaiſerin traurig. tonnten Sie meint noch, es ſtehe in meiner Macht zurückzutreten!— Dicht zu lſitzen der Gräfin heranſchreitend, nahm ſie die gefaltenen Hände der Gräfin en zel⸗ in ihre eigenen, und ſie mit ſanfter Gewalt emporziehend, ſagte ſie weich: Daſein ſtehe Sie auf, Gräfin! Sie ſieht es wohl, wie tief mein Herz mit Ihr ahmen fühlt; würd' ſonſt nimmer gelaſſen angehört haben, was Alles Sie lang, mir da geſagt hat, würd' aufgebraust ſein im Zorn, und Ihren hef⸗ letzten tigen und böſen Worten Schweigen auferlegt haben! Aber weil ich in ubten, meinem Herzen verſteh' und begreife, was Sie leidet, darum bin ich zubten ſanft und geduldſam geblieben, und die heftige Sprache Ihres Unglücks willigte hat mich nit beleidigen können! Verzeihe ſie Ihr von ganzem Herzen. ganze Bin ein Weib und eine gute Patriotin, und verſtehe daher, was Sie n gan⸗ leidet! Will Ihr auch jetzt noch ein Zeugniß geben, daß ich es allzeit kanu, ehrlich gemeint hab' mit Polen, und daß ich noch zu dieſer Stunde traure und klage um das, was die Politik mich nöthigt zu thun! ſelben geben So ſprechend ſchritt die Kaiſerin zu ihrem Schreibtiſch, und 4 nahm von demſelben ein zuſammengefaltetes Papier, das ſie der Gräfin en ei⸗ darreichte.. lichen Leſe Sie das, ſagte ſie, es iſt ein Billet, das ich, kurz ehe Sie Maria kam, an den Fürſten Kaunitz geſchrieben, und das ich über Ihrem Kom⸗ rOhr men vergeſſen hab' abzuſchicken! Leſe Sie es, und leſe Sie laut, denn wel⸗ es ſoll meine Rechtfertigung in Ihren Augen ſein, und darum will ich alß- hören, ob Sie verſteht, was ich geſchrieben! erant⸗ 6 Die Gräſin entfaltete das Papier, und las:„Als alle meine Län⸗ der angefochten wurden, und gar nit mehr wußte, wo ruhig niederkommen 84 1 ſollte, ſteifete ich mich auf mein gutes Recht und den Beiſtand Gottes. Ji Aber in dieſer Sach', wo nit allein das offenbare Recht himmelſchreiend 4 92 wider Uns, ſondern auch alle Billigkeit und die geſunde Vernunft wider Uns, muß bekennen, daß Zeitlebens nit ſo beängſtigt mich befunden, und mich ſehen zu laſſen ſchäme. Bedenke der Fürſt, was wir aller Welt für ein Erempel geben, wenn wir um ein elendes Stück von Polen oder von der Moldau und Walachei unſere Ehr' und Reputation in die Schanz ſchlagen! Ich merke wohl, daß ich allein bin und nit mehr en vigueur, darum laſſe ich die Sachen, jedoch nit ohne meinen größten Gram, ihren Weg gehen.“*) Nun? fragte die Kaiſerin, als die Gräfin zu Ende geleſen, glaubt Sie nun, daß es mir weh thut, ſo zu handeln, wie man mich nöthigt, es zu thun? Die Gräfin ſchaute noch immer auf das Papier hin, und wie ſie dann ihre Augen empor hob, und ſie auf die Kaiſerin heftete, ſtanden große Thränen in denſelben. Ich danke Ihro Majeſtät, ſagte ſie tief⸗ bewegt, ich danke Ihnen, daß Sie mich dies Blatt haben ſehen laſſen. Es wird unſterblich ſein, wie das Unglück Polens, und in den Büchern der Geſchichte wird es dereinſt daſtehen als das erhabenſte Denkmal Maria Thereſia's! Jetzt habe ich nicht den Muth mehr, Ew. Mafeſtät zu zürnen, jetzt will ich zum letzten Mal in Liebe und in Ehrfurcht dieſe Hand küſſen, obwohl ich jetzt weiß, daß ſie bald Polens Unglück unterzeichnen wird! Sie näherte ſich der Kaiſerin, und faßte ihre Hand, um ſie an ihre Lippen zu drücken. Aber die Kaiſerin entzog ihr dieſelbe heftig, und mit einer ungeſtümen Bewegung ihre beiden Arme um den Hals der Gräfin legend, rief ſie mit vollem Liebeston: an mein Herz, Du ſchönes und unglückliches Weib! Ich kann Dir nit helfen, aber ich kann doch mit Dir weinen! Die Gräfin, ganz überwältigt von dieſer großmüthigen Zärtlichkeit der Kaiſerin, ſchmiegte ſich feſt an Maria Thereſia's Bruſt, lehnte ihr Haupt an ihre Schulter und weinte bitterlich. Die Kaiſerin neigte ſich zärtlich über ſie, ſie ſtreichelte mit liebevoller Hand das ſchwarze glänzende Haar der Gräfin, und wie ſie dann ſich tiefer beugte, und *) Eigenhändiges Schreiben Maria Thereſia's an Fürſt Kaunitz. Siehe: Hormayr's Taſchenbuch für vaterländiſche Geſchichte. 1831. S. 66. einen große und g der R. wider unden, aller von tation d nit inen glaubt öthigt, vie ſie anden tief⸗ iſſen. chern lmal jeſtät urcht glück e an eftig, Hals Du kann hkeit ihr eigte varze und einen Kuß auf die marmorbleiche Stirn Anna's drückte, fielen zwei große Thränen aus ihren Augen nieder auf das Haar der Gräfin, und glänzten und leuchteten dort wie zwei Sterne in dem Dunkel der Nacht. X. Finis Poloniae. In dieſem Moment ſagte hinter ihnen eine weiche, melodiſche Stimme: Verzeihung, Majeſtät! Ich wußte nicht, daß ich ſtöre. Gräfin Wielopolska ſtieß einen Schrei des Entſetzens aus, und ein krampfhaftes Zittern überflog ihre ganze Geſtalt. Ruhig, Gräfin, ruhig, ſagte die Kaiſerin, indem ſie die Gräfin ſanft aus ihren Armen entließ. Es iſt mein Sohn, es iſt der Kaiſer! Vor ihm haben wir nicht nöthig uns unſerer Thränen zu ſchämen, denn er weiß es wohl, daß dies nicht die erſten Thränen ſind, welche ich dem Schickſal Polens geweint habe! Der Kaiſer ſagte kein Wort, er ſtand ſtumm und bewegungslos da, und ſchaute mit trüben Augen hin zu der Gräfin, welche an allen Gliedern bebend, das farbloſe Antlitz auf die Bruſt geſenkt, ihm gegen⸗ über ſtand. Je länger er ſie anblickte, deſto bleicher ward auch ſein Angeſicht, deſto ſchmerzlicher wurden ſeine Blicke, die er unverwandt auf ſie geheftet hielt.— Auf einmal aber, gleichſam aus ſeinem ſchmerz⸗ lichen Sinnen erwachend, näherte er ſich raſch der Gräfin, und ſtreckte ihr ſeine Hand entgegen: Gott grüße Sie, Gräfin, ſagte er weich. Ich freue mich, daß der Zufall mich Sie finden ließ, denn ich habe Sie ſeit lange vergeblich geſucht. Sie ſchien ſeine Hand nicht zu ſehen, ihre Arme hingen ſchlaff an ihrer Geſtalt nieder, welche ſchwankte, wie eine vom Sturm be⸗ wegte Lilie. Ich war nicht in Wien, ſagte ſie kaum hörbar. Ich hatte mich mit meiner Verzweiflung in die Einſamkeit geflüchtet. 94 Aber die Trauerkunde von dem Untergang Polens hat ſie von dort zurückgetrieben nach Wien, rief die Kaiſerin, ihre Hand auf der Gräfin Schulter legend. Das glaube ich, ſagte der Kaiſer bitter, das Schickſal Polens iſt das Einzige, welches Einfluß auf die Entſchließungen der Gräfin hat. Die Gräfin Wielopolska iſt nicht ein Weib, wie andere Weiber, ſie iſt eine Polin, weiter nichts! Ein leiſer Klageton rang ſich aus der Bruſt der Gräfin empor, und ihr Haupt ſenkte ſich tiefer auf ihre Bruſt, aber ſie erwiederte kein Wort. Der Kaiſer fuhr heftiger fort: Die Gräfin Wielopolska iſt eine Tochter Polens, ſie liebt nur dies, und dieſe Liebe hat ſich wie ein Panzer um ihr Herz gelegt, und es abgeſondert von allem andern menſchlichen Empfinden! Und in dieſem Egoismus ihres Polenthums begreift ſie nicht, daß es noch anderes Fühlen und Denken giebt, ver⸗ langt ſie, daß Jeder denken ſoll, wie ſie! Wer das nicht thut, nicht kann, nicht darf, den möchte ſie zu einem Verbrecher ſtempeln! Du biſt ſehr hart, mein Sohn, ſagte die Kaiſerin mitleidsvoll. Wenn Dir die Gräfin vielleicht auch einſt Vorwürfe gemacht, wie ſie es mir heute gethan, ſo hätteſt Du bedenken ſollen, daß ſie unglücklich iſt, und daß ſie ein Recht dazu hat. Das Unglück aber darf man nit ſchelten, vorzüglich wenn man ihm nit helfen kann. Laſſen Sie ihn, Majeſtät, flüſterte die Gräfin, und indem ſie lang⸗ ſam ihr Haut emporrichtete, heftete ſie ihre großen, trüben Augen mit einem unausſprechlichen Schmerzensausdruck auf das Antlitz des Kai⸗ ſers. Ew. Majeſtät hat Recht, ſagte ſie, ich bin nichts weiter als eine Polin, und ich werde mit meinem Vaterlande ſterben. Sie werden über uns beiden den Sargdeckel ſchließen, und ich weiß wohl, daß Ihnen das keine ſolche Thräne koſten wird, wie ich ſie eben die Kaiſerin wei⸗ nen ſah! Die Erinnerung an dieſe Thränen, und— an Ihre thrä⸗ nenloſen Augen nimmt Polen und die Polin Anna Wielopolska mit ſich in das Grab. Des Kaiſers Augen leuchteten auf, wie im Zorn, und er war im Begriff eine heftige Antwort zu geben, aber er hielt ſie mit Gewalt zurück. Nur ein zorniger Blitz ſeiner Augen traf die Gräfin, und machte ſie in tief vor Ihr int Allein Dingen herzube terzeich welche lin un Ew. J ſich d befan⸗ zwinge Aber eilte i Grauſ und di die tie Wäi, demi daß ſich v das, Kunn meine würde dähf fuhr an ſchti gebe ter, hand je von zuf der ans iſt hat. ſie iſt mpor, jederte ſt eine de ein andern hums ver nicht Lvoll. ie ſie ücklich m nit lang⸗ mit Kai⸗ eine erden hnen wei⸗ thrä⸗ mit er in rwalt achte 95 ſie in ſich erſchauern, dann wandte er ſich an die Kaiſerin, und ſich tief vor ihr verneigend ſagte er: Ihro Majeſtät verzeihen, wenn ich Ihr intereſſantes Geſpräch mit der Frau Gräfin unterbrochen habe. Allein die Geſchäfte des Staates haben ein Vorrecht vor allen andern Dingen. Ew. Majeſtät hatten aber die Gnade, mich zu dieſer Stunde herzubeſcheiden, damit ich der Theilungsacte, welche Ew. Majeſtät un⸗ terzeichnen wollten, auch meinen Namen beifügen ſollte. Die Couriere, welche mit der Nachricht von unſerer erfolgten Unterzeichnung nach Ber⸗ lin und Petersburg abgehen ſollten, ſtehen bereit. Erlauben mir alſo Ew. Majeſtät die Frage: haben Sie die Theilungsacte ſchon unterzeichnet? Die Gräfin, welche ſehr wohl begriff, daß der Kaiſer, indem er ſich den Anſchein gab, ſie gar nicht mehr zu gewahren und ganz un⸗ befangen mit der Kaiſerin von den Staatsgeſchäften zu ſprechen, ſie zwingen wollte ſich zu entfernen, zog ſich leiſe nach der Thür zurück. Aber die Kaiſerin, welche einen Moment gedankenvoll da geſtanden, eilte ihr jetzt mit haſtigen Schritten nach und hielt ſie zurück. Die Grauſamkeit und Härte des Kaiſers, deren Urſprung ſie nicht kannte, und die ſie daher nicht begriff, weckte in ihrem großmüthigen Herzen die tiefſte Sympathie, das zäKrtlichſte Mitleid für dieſes bleiche, ſchöne Weib, das ſie vorher ſo flammend und ſtolz geſehen, und das jetzt ſo demüthig und zerbrochen der Thür zugeſchlichen war. Nein, ſagte ſie heftig, bleiben Sie, Gräfin. Der Kaiſer ſagt, daß Sie Eins ſind mit Polen! Nun, ſo möge er es denn verſuchen, ſich vor Ihnen zu rechtfertigen, und Ihnen und mirx zu beweiſen, daß das, was wir jetzt thun wollen, Recht iſt! Hab' ſeit Monaten ſo viel Kummer gelitten, ſo viel geweint um das unglückliche Polen, hab' in meinem Gewiſſen ſo viel Beängſtigungen erlitten, daß ſich eine Laſt würd' von meinem Herzen wälzen, wenn der Kaiſer es vermöcht zu rechtfertigen, was Oeſterreich jetzt thun will,— Mein Sohn Joſeph, fuhr ſie fort, indem ſie ſich mit einer ſtolzen, hoheitsvollen Bewegung an den Kaiſer wandte, Du biſt hierher gekommen, um meine Unter⸗ ſchrift für die Theilungsacte Polens einzuholen. Bevor ich dieſe aber gebe, beweiſe es vor den Augen Gottes, vor den Augen Deiner Mut⸗ ter, und endlich vor den Augen Polens, daß wir ſo und nicht anders handeln konnten. Es iſt Polen ſelbſt, welches Dir in der Gräfin ge⸗ 96 genüberſteht! Rechtfertige Dich und uns vor Polen mit dem, was Du willſt, und ich werde Dir dann meine Unterſchrift nicht länger verſagen! Rechtfertigen! rief der Kaiſer heflig. Es giebt viele Dinge, welche man vertheidigen, aber doch nicht rechtfertigen kann, und die Nothwen⸗ digkeit entſchuldigt Vieles, was das Gewiſſen verdammen muß! Beweiſe die Nothwendigkeit unſers Handelns! ſagte die Kaiſerin gebieteriſch. Beweiſe, weshalb Polen ein Schickſal erdulden muß, wel⸗ ches ohne Gleichen daſteht in der Weltgeſchichte, beweiſe, was den Nachbarn Polens ein Recht giebt, ein Land zu zerſtückeln, das mit ihnen allen in Frieden gelebt, und nur in ſeinen eigenen Grenzen an Unglück und Zwiſtigkeiten krankte. Aber mit dieſem Unglück und dieſen Zwiſtigkeiten bedrohte es ſeine Nachbarn, rief der Kaiſer zornig. Wie ein an böſer, anſteckender Krank⸗ heit Sterbender lag dieſes Polen in unſerer Mitte, und der Todeshauch ſeines ſterbenden Hauptes verpeſtete unſere eigenen Lande! Wenn die Nachbarn ein Haus brennen ſehen, wenn ſie die Flammen ſehen, welche hoch emporſchlagen aus dem brennenden Hauſe, ſind ſie da nicht ver⸗ pflichtet hinzueilen, das Feuer zu löſchen, und müßten ſie dabei auch, um dem Brande zu ſteuern, einen Theil des Gebändes ſelbſt zerſtören und in Trümmer legen? Aber ſie dürfen doch nicht den Boden ſelbſt, auf dem das Ge⸗ bäude ſtand, ſich aneignen, weil ſie das Feuer gelöſcht haben? fragte die Kaiſerin. Der Boden gehört Gott, und dem Volk, welches darauf lebt, rief die Gräfin feierlich. Gott aber wollte die Moralität der Mächtigen prüfen, und zeigte ihnen Polen! Aber Gott prüft auch die Moralität der Völker, rief der Kaiſer glühend, und Gott ſtreicht ſie aus dem Buch des Lebens, wenn ſie auf der Wage der Gerechtigkeit zu leicht befunden werden! Es iſt wahr, die Polen haben viel gelitten, aber man darf um ihrer Leiden willen nicht vergeſſen, daß ſie an denſelben die erſte größte Schuld tragen! Ein Volk kann niemals ſterben, wenn es nicht den Tod in ſeinen ei⸗ genen Eingeweiden trägt! Polen ſtirbt, weil es ſeine Lebenskraft vergeudet hat. Polen gleicht einem Jüngling, der ſich durch ſeine eigene Lieder⸗ lichkeit frühzeitig unter die Erde bringt, einem ſeiner vielen ſchönen jungen ihre Ge Ein Vo regiert, Beſtecht mit ſein Geſetze ohne S ohne der fr alleini heute pachte riſchen ten„ der So auf de an der wie A Selar Geſet Gott zu lei bend. Sterk hat d Rt weſß anſch ich da — vas Du erſagen! welche sthwen⸗ aiſerin , wel⸗ as den tihnen Unglück es ſeine Krank⸗ eshauch un die welche t ver⸗ auch, rſtören s Ge⸗ fragte t, rief htigen Kaiſer te auf wahr/ willen ragen! ꝛn ei geubdet Liederr chönen jungen Grafen, welche jung ſterben, nachdem ſie ihr Vermögen und ihre Geſundheit vergeudet haben. Was iſt Polen zu dieſer Stunde? Ein Volk von Sclaven, von Bauern und Juden, ohne Bürger, nicht regiert, ſondern tumultuariſch umgerührt von einer liederlichen, jeder Beſtechung und Verführung zugänglichen Ariſtocratie, deren Reichstag mit ſeinem Liberum veto in Europa zum Sprichwort unauflöslicher Geſetzesverwirrung und nie endenden Haders geworden iſt! Ein Volk ohne Schulen, ohne Kunſt und Wiſſenſchaft, ohne Schifffahrt und Handel, ohne Keim höherer Betriebſamkeit, nothdürftig zehrend von dem, was der fruchtbare Boden ohne Mühe ihnen darbringt! Ein Volk, deſſen alleinige Herren und Eigenthümer die Güter ſammt den Bauern noch heute beides zuſammen auf ein Jahr pränumerando in Ducaten ver⸗ pachten!*) Bauern und Juden, Sclaven des Adels, der in ſchwelge⸗ riſchen Feſten Eines Winters in Warſchau verpraßt, was ſeine verkauf⸗ ten„Seelen“ ihm eingetragen, und ſtatt ſein Haupt zu verhüllen um der Schmach ſeiner eigenen Entartung willen, mit geſchminkten Wangen auf dem Grabe ſeiner Ehre tanzt und ſeine Saturnalien hält! Und an der Spitze dieſes entarteten Volkes ein König, den eine fremde Macht, wie zum Hohn, auf ihren Thron geſetzt, der, ein König entarteter Sclaven, wiederum ein Sclave iſt einer andern Macht, ſeinem Volke Geſetze gebend, die er von dorther als Geſetz empfängt. Wahrlich, 4 Gott hat die Moralität des polniſchen Volkes geprüft, und er hat ſie zu leicht befunden! Halten Sie ein, es iſt genug! rief die Gräfin bleich und be⸗ bend. Weshalb wollen Sie ein Volk noch läſtern, welches ſchon im Sterben liegt? Nein, es iſt nicht genug, ſagte der Kaiſer hart. Es iſt Polen, hat die Kaiſerin geſagt, Polen, welches mir gegenüber ſteht, um die „Nechtfertigung der Politik der drei Mächte zu vernehmen, und ich ſelber weiß ſehr wohl, daß dieſes bleiche, edle Götterbild, welches mich da anſchaut, in ſeinem Marmorbuſen nicht das Herz eines Weibes trägt, ich weiß, daß es nicht eine Frau, ſondern daß es Polen iſt, welches da als ſchöne Statue vor mir ſteht! Polen, welches anklagt, welches *) v. Raumer. Beiträge zur neuern Geſchichte. Th. IV. S. 547. Kaiſer Joſeph. 2. Abth. II. 98 — zu Gott um Rache emporſchreit, Polen möge alſo auch die Anklage vernehmen, welche die ganze Welt gegen daſſelbe ſchleudert. Ich ſage es noch einmal: ein Volk kann nur ſterben und untergehen durch ſeine eigene Schuld! Polen trug in ſich ſelber die Keime ſeiner Auflöſung, es iſt ein Volk, welches Verrath begangen hat an Allem, was heilig iſt, Verrath an ſich ſelbſt, an ſeiner Vergangenheit, ſeiner Miſſion, ſeinem Genius, ja ſelbſt an ſeinem Glauben!*) Sie klagen an, aber Sie beweiſen nicht, rief die Gräfin, ihre zornblitzenden Augen auf den Kaiſer geheftet. Oh, es iſt nicht ſchwer, den Beweis der Anklage zu führen, ſagte der Kaiſer mit einem verächtlichen Lächeln. Betrachten Sie nur, was in Polen geſchieht, ſeit man dort das Schickſal ahnt, welches ihm be⸗ vorſteht. Was thut der Ausſchuß des Reichstages, ſeit er weiß, daß dies die letzten Tage ſeiner Wirkſamkeit ſein werden? Sie ſitzen bis in die Nacht hinein, nicht um für Polen, ſondern um für ſich ſelber zu ſorgen. Sie weiſen ſich Jahrgelder, Staroſteien, Erbgüter und alle möglichen Einnahmen auf Koſten der unglücklichen Republik an, und geben ihrer Ehre und ihrem Vaterlande damit den letzten Gnadenſtoß. Dieſe Vertreter Polens, gleichen ſie nicht einer Räuberbande, die in ein Haus einbricht, und Alles plündert und zerſtört, was in ihre Hände kommt? Ungerechtigkeit, Thorheit und Raubſucht herrſchten ſeit lange auf dem polniſchen Reichstage, und ein ſolcher Mangel an Tugend und Ehre, ſolch ein Verderben, ja, ſolche Umkehr der Rechtspflege, wie es in der Geſchichte anderer Länder kein ſo ſchamloſes Beiſpiel giebt! Die Worte Freiheit und Vaterlandsliebe ſind in Jedermannes Munde, aber kein gebildetes Volk trägt dieſe Worte weniger im Herzen als die Polen. Selbſt ihre Leiden und ihr Jammer haben die Polen nicht ge⸗ beſſert. Dieſelben Leidenſchaften und Feindſeligkeiten, welche ihr Unglück herbeigeführt, ſind geblieben! Der Stolz und die Gier, über ihres Glei⸗ chen die Oberhand zu gewinnen, ſind nicht erloſchen in den Ge⸗ müthern, welche ſonſt gegen die härteſten Erniedrigungen unempfindlich zu ſein ſcheinen, die ſie von den Fremden erleiden! Sclaven, welche ſich ohne Widerſtand in Ketten ſchmieden laſſen, wollen noch über andere *) Wolf, Oeſterreich unter Maria Thereſia. S. 535. — Selave und da 9 Länder und es rungen tracht, feindli nur e unſer gelun will Wir dieſen Wwing los i Land muß, dge ſchär Grü kann nicht Uebe wenr locke liche heug den abn und ſch — Anklage Ich ſage ich ſeine flöſung, 8 heilig Niſſion, en, ſagte ur, was ihm be iß, daß bis in lber zu nd alle 1, und denſtoß. in ein Hände t lange end und wie es t! Die e, aber ls die cht ge⸗ Unglück Glei⸗ n Ge⸗ findlich welche andete 99 Sclaven herrſchen!*) Das iſt Polen in ſeinem jetzigen, wirklichen Weſen und daran allein wird es ſterben! Nein, rief die Gräfin glühend, Polen ſtirbt an der Habſucht und Ländergier ſeiner Nachbarn. Dieſe ſind es, welche Polen krank gemacht, und es vergiftet haben mit ihren böſen Rathſchlägen, ihren Zuflüſte⸗ rungen und Verlockungen. Sie ſind es, welche den Geiſt der Zwie⸗ tracht, der Habſucht und Herrſchſucht nährten, welche Polen in zwei feindliche Feldlager theilten, indem ſie ihm einen König aufzwangen, der nur ein Werkzeug war in ihren Händen, nur der Henkersknecht, welchen unſere Feinde ſandten, damit er die Freiheit Polens enthaupte! Es iſt gelungen, er hat ſein blutiges Amt vollendet, Polen iſt enthauptet! Wer will ſagen, daß es eines natürlichen Todes geſtorben! Dieſe Anklagen treffen nicht uns, nicht Oeſterreich, ſagte der Kaiſer. Wir hahen Polen nicht einen König aufgedrungen, wir haben allen dieſen Zwiſtigkeiten fern geſtanden! Aber die Pflicht der Selbſterhaltung zwingt uns jetzt Antheil zu nehmen an einer Beute, die ſich widerſtand⸗ los ihren Nachbarn darbietet. Wenn Rußland und Preußen ſich ein Land theilen können, darf Oeſterreich nicht theilnahmlos zuſchauen, es muß, da es die Theilung nicht verhindern kann, wenigſtens ſeinen An⸗ theil daran fordern. Ich weiß, die Sache hat ein ſchlechtes, ja ein ſchändliches Anſehen, welches Jedem in die Augen fällt, während die Gründe, welche Oeſterreich ſo zu handeln zwangen, nur Wenigen be⸗ kannt ſind! Was ich aber that oder vielmehr billigte,— denn ich war nicht ein Handelnder, ſondern nur ein Rathgebe⸗— geſchah aus der Ueberzeugung unbedingter Nothwendigkeit! Es würde mich bitter betrüben, wenn die Welt dies falſch auslegte, und mich als einen Mann von lockern und regelloſen Grundſätzen betrachtete. Ich meine aber im öffent⸗ lichen und Privatleben ein wahrhaft redlicher Mann zu ſein, und bin über⸗ zeugt, daß Redlichkeit die weiſeſte und geſundeſte Staatskunſt iſt.**) Und dennoch konnten wir nicht anders handeln, und im vollen Gefühl der un⸗ abweisbaren Nothwendigkeit wende ich mich jetzt wieder an Ew. Majeſtät, und wiederhole meine Frage: haben Ew. Majeſtät die Theilungsacte ſchon unterzeichnet, oder werden Sie die Gnade haben, es jetzt zu thun? *) Raumer. Beiträge. Th. IV. S. 551. **) Des Kaiſers eigene Worte. Siehe v. Raumer Beiträge ꝛc. Th.IV. S. 539. 7* 100 Die Kaiſerin hatte ihrem Sohn mit größter Aufmerkſamkeit zuge⸗ hört, ſie war ſeinen lebhaften Erörterungen in athemloſer Spannung gefolgt, und ihre Mienen, welche Anfangs trübe und zweifelnd geweſen, hatten einen immer energiſcheren und entſchloſſeneren Character ange⸗ nommen. Jetzt bei der Frage des Kaiſers zuckte ſie leicht in ſich zu ſammen, und richtete ihre großen Augen mit einem ernſten, andachts vollen Ausdruck gen Himmel. Eine Pauſe trat ein. Bleich und athemlos, mit halb geöffneten Lippen, mit vorgebeugtem Oberkörper ſtarrte die Gräfin zu der Kaiſerin hinüber; ruhig und ernſt, mit ſtolz gehobenem Haupte blickte der Kaiſer ſie an. Und inmitten dieſes allgemeinen Schweigens und dieſer auf ſie gerichteten Blicke ſchritt jetzt die Kaiſerin zu ihrem Schreibtiſch hin. Mit einer haſtigen Bewegung nahm ſie die Feder, und ſenkte ſie in das große ſilberne Dintenfaß. Ein leiſes Stöhnen drang von den Lippen der Gräfin. Die Kai⸗ ſerin hörte es, und ſandte einen ſchnellen Blick zu ihr hinüber, aber der Ausdruck ihres Geſichtes blieb unverändert, entſchloſſen und energiſch. Jetzt neigte ſie ſich über die Papiere, jetzt fuhr ihre Hand mit raſchen Schriftzügen über das aufgeſchlagene Actenſtück hin, dann warf ſie die Feder zur Erde, und ihre flammenden Blicke auf den Kaiſer heftend, deutete ſie mit ihrer Rechten auf das Acctenſtück hin. Placet, rief ſie mit ſtarker Stimme, Placet, weil ſo viele große und gelehrte Männer es wollen; wenn ich aber ſchon längſt todt bin, wird man er⸗ fahren, was aus dieſer Verletzung von Allem, was bisher heilig und gerecht war, hervorgehen wird.*) 1 Und vielleicht, um ihre eigene, tiefe Bewegung nicht ſehen zu laſſen, oder um einem Schmerzensausbruch der Gräfin zu entgehen, durchſchritt Maria Thereſia raſch das Gemach, und zog ſich in das anſtoßende Toilettenzimmer zurück. Der Kaiſer blieb jetzt allein mit der Gräfin. Schweigend ſtanden ſie ſich gegenüber, Beide ſtumm vor innerer Bewegung. Dann rang ſich ein tiefer Seufzer aus der Gräfin Bruſt empor. *) Maria Thereſia's eigene Worte. Siehe Zeitgenoſſen. Th. XI. S. 29. Fi wurfsve ſchritt l D 82 ſchaute welche anſchau wie ſie unzuſi 8 nach ſeine Haupt zwei T ihre G des Ka ſchitt t zuge⸗ annung eweſen, ange⸗ ich zu⸗ dachts⸗ ffneten Laiſerin tie der auf ſie ch hin. ſſ in 1 4 e Kai⸗ aber ergiſch. d mit warf Kaiſer Placet,— elehrte an er⸗ g 4 L ſchritt ßende 2 tanden nrang 101 Finis Poloniae! rief ſie ſchmerzvoll, und die Blicke mit einem vor⸗ wurfsvollen Ausdruck zum Sine erhebend, wandte ſie ſich um, und ſchritt langſam der Thür zu. Der Kaiſer, unbeweglich und ſtunm auf ſeinem Platze verharrend, ſchaute ihr nach; ſeine ganze Seele ſchien in ſeine Augen gedrängt, welche die hohe, dahinſchwebende Geſtalt mit zärtlich ſchmerzvollen Blicken anſchauten. Jetzt, nahe ſchon der Thür, ſah er ſie ſchwanken, ſah er, wie ſie die Arme ausſtreckte, nach einem Stützpunkt ſuchend, um nicht umzuſinken. Mit einem Sprung war der Kaiſer neben ihr, und die Arme nach ihr ausbreitend, zog er die Schwankende, halb Ohnmächtige an ſeine Bruſt. eehnte einen Moment, ganz betäubt, ganz überwältigt, ihr Hau ſeine Schulter, und aus ihren geſchleſſenen Augen fielen zwei Thränen nieder auf ſeine Hand, die auf ihrer Schulter ruhte. Finis Poloniae! wiederholte ſie leiſe, und ein Zittern flog durch ihre Geſtalt. Mit einem ſchmerzvollen Aechzen richtete ſich aus des Kaiſers Armen empor, und ohne ihn nur noch einmal anzuſchauen, ſchritt ſie vorwärts der Thür zu. Leben Sie wohll! flüſterte ſie leiſe, leben Sie wohl! Der Kaiſer hielt ihre Hand zurück, welche ſchon. im Begriff war, die Thür zu öffnen. Anna, ſagte er tiefbewegt, Anna, wollen Sie ſo von mir gehen? Iſt dies Ihr letztes Lebewohl? Werden wir uns niemals wiederſehen? Sie wandte ihr Haupt langſam zu ihm hin, und blickte ihm lange nit einem unausſprechlichen Ausdruck von Liebe und Schmerz in das erregte, zuckende Angeſicht. Wir werden uns noch einmal wiederſehen, ſagte ſie langſam. Wann? fragte er dringend. Wenn die Zeit gekommen iſt! Ich werde Sie alsdann rufen laſ⸗ ſen! Schwören Sie, daß Sie meinem Ruf folgen, daß Sie kommen wollen zum letzten Wiederſehen! Ich ſchwöre es Ihnen! Leben Sie wohl! 10² Leben Sie wohl, Anna! Oh reichen Sie mir noch einmal Ihre Hand!. Nein, ſagte ſie rauh; und raſch die Thür öffnend, ſchritt ſie hinaus. XI. Franz Anton Mesmer. Ganz Wien war ſeit einigen Wochen in einer aufgeregten Stim⸗ mung, in allen Geſellſchaften, allen Cafés, allen Häuſern und Reſtau⸗ rationen, auf allen Straßen und Plätzen ſprach man von ein und dem⸗ ſelben Gegenſtand, mit leidenſchaftlicher Heftigkeit die Wahrheit deſſen, was man erzählte, vertheidigend, oder ſie beſtreitend. Dieſer Gegen⸗ ſtand waren die wunderbaren und unerhörten Kuren des ſchwäbiſchen Arztes Franz Anton Mesmer, der ſich ſeit einiger Zeit in Wien nie⸗ dergelaſſen hatte, Kuren, welche aller Erfahrungen der Wiſſenſchaft ſpot⸗ teten, und ſich jedem Urtheil der Vernunft und Erfahrung zu entziehen ſchienen. Denn Mesmer heilte ſeine Kranken nicht, wie die andern Aerzte, mit Medicinen und Latwergen, mit Aderläſſen und Umſchlägen, er verordnete ihnen keine Bäder und künſtliche, nach lateiniſchen Re⸗ cepten gemiſchten Getränke, ſondern er kurirte ſeine Patienten einfach durch das Auflegen ſeiner Hand, durch das Anblicken ſeiner großen dunkelblauen Augen, er beſchwichtigte ihre Fieberphantaſieen mit dem zornigen Schütteln ſeines Hauptes, oder machte die ſtummen Kranken reden von wunderbaren Geſichten und entzückenden Träumen, indem er ihre Stirn anhauchte, oder mit den Spitzen ſeiner Finger leiſe und in gleichmäßigen Schwingungen über ihr Antlitz und ihre Bruſt auf und niederfuhr. Seine Hände und ſein Auge, das war die Apotheke, aus denen Mesmer ſeine Heilungen ſchöpfte, mit denen er ſeine Kranken kurirte. Kein Wunder alſo, daß ihn die Aerzte einen Charlatan, die Apo⸗ theker einen verdammungswürdigen Quackſalber nannten. Kein Wunder, daß das Volk, welches ſo leicht geneigt iſt, das 1 Punder mer ber und an thun kö dütren Augen die Au erweckt 2 Er ve und d heiten W krank Kraft. Geneſu welche ſie in bevor eilten dem empör neue Aerzt dem ſchaft welch ten mord heit, ſie k neue einmal mnaus. n Süm Reſtau⸗ nd dem⸗ deſſen, Gegen üäbiſchen en nie⸗ ft ſpot⸗ ntziehen andern ſchlägen, hen Re⸗ einfach großen nit dem ranken iindem eiſe und ruſt auf 18 denen kurirte die Aye⸗ 103 Wunderbare zu verehren, und an das Ueberirdiſche zu glauben, Mes⸗ mer verehrte und an ihn glaubte, wie es an die Wunder der Heiligen und an die Legenden glaubte. Weshalb ſollte nicht Mesmer ſo gut mit ſeiner Hand Wunder thun können, als es Moſes mit ſeinem Stabe gethan, indem er dem dürren Felſen Waſſer entlockte? Weshalb ſollte das Anblicken ſeiner Augen nicht eben ſolche belebende Kraft ausüben können, als es einſt die Augen der Apoſtel gethan, die mit ihrem bloßen Anſchauen Todte erweckten und Stumme reden machten? Mesmer war auch ein Apoſtel. Der Apoſtel einer neuen Lehre. Er verwies die leidende Menſchheit auf den Himmel, auf die Sonne und die Planeten, und ſagte ihnen, daß vom Himmel allein ihre Krank⸗ heiten kämen, daß der Himmel allein ſie zu heilen vermöchte. Der Einfluß der Planeten, ſagte er ihnen, mache die Menſchen krank oder geſund, der Strahl der Sonne übe auf ſie eine magnetiſche Kraft. Nicht die künſtlichen Heilmittel und Medicamente könnten ihnen Geneſung bringen, ſondern einzig und allein dieſe magnetiſche Kraft, welche die Natur in das Eiſen und den Stahl gebannt, und welche ſie in ihrem höchſten, geheimnißvollen Wirken auch einigen wenigen bevorzugten Menſchen mitgetheilt! Und das Volk glaubte an ihn, und die Kranken und Leidenden eilten zu ihm, um unter der ſanften Berührung ſeiner Hand, unter dem Anſchauen ſeiner mächtigen Augen ihrer Schmerzen ledig zu werden. Aber je mehr Glauben Mesmer bei den Laien fand, deſto mehr empörten ſich gegen ihn die Aerzte. Jede neue Heilung brachte ihm neue Segnungen von den Geneſenen, neue Verwünſchungen von den Aerzten ein. Die Aerzte, welche einen Paracelſus in Salzburg von dem Felſen herniedergeſtürzt, weil er eine neue Lehre in die Wiſſen⸗ ſchaft gebracht, weil er geſprochen von den geheimnißvollen Kräften, welche in der Erde und in den Planeten ſchlummern, die Aerzte konn⸗ ten jetzt zwar Mesmer, der dieſelb Lehre predigte, nicht heimlich er⸗ morden, aber ſie konnten ihn verfolgen mit ihrem Haß und ihrer Bos⸗ heit, ſie konnten ihn verleumden als einen Betrüger und Charlatan, ſie konnten mit langen gelehrten Deductionen beweiſen, daß dieſe ganze neue Lehre von Mesmer eine ſchamloſe Lüge, ein lächerlicher Unſinn 104 ſei, nur erfunden, um die Menſchen zu hintergehen, um das Geld aus ihren Taſchen zu locken, und ſich zu bereichern auf Koſten ihrer Leicht⸗ gläubigkeit. Diejenigen, welche ſich ſtarke Geiſter nannten, und nichts aner⸗ kennen wollten, was ihre Vernunft nicht einzuſehen vermochte, hörten auf das zornige Schelten der Aerzte und ſtimmten ein in ihr Hohnge⸗ lächter und ihre Verleumdungen. Diejenigen, welchen eine gläubige Seele inne wohnte, welche ſo gut an die Myſterien der Natur wie an die Myſterien der Kirche glaubten, nannten Mesmer einen Wunderarzt, den Gott auf die Welt geſendet, daß er den Leidenden helfe, und der Lehre der Wiſſenſchaft die Lehre der Natur gegenüber ſtelle. So beſtand Wien endlich nur aus zwei Parteien, aus Freunden oder Feinden Mesmers, die ſich gegenſeitig mit der größten Leidenſchaft bekämpften, und einander der Lüge und der Verhüllung der Wahrheit beſchuldigten. Die Freunde erzählten mit ſtaunendem Entzücken die wunderbaren Kuren, die Mesmer täglich an den von andern Aerzten als„unheilbar“ zurückgewieſenen Kranken durch das bloße Auflegen ſeiner Hand bewirkt hatte, die Feinde erklärten alle dieſe Kuren für Betrügereien, welche Mesmer mit bezahlten Individuen, mit aßgerichte⸗ ten Helfershelfern ausführe. Und dieſe Streitigkeiten, wie geſagt, bewegten ſich durch alle Schichten der Geſellſchaft, ſelbſt der Kaiſerhof nahm Theil an ihnen, ſelbſt Maria Thereſia ließ ſich täglich Bericht erſtatten über die neuen Kuren, welche Mesmer in einem Zeitraum von wenigen Tagen an Schwerleidenden bewirkt hatte, und wenn ihre beiden Leibärzte van Swieten und Störk in allem ſtürmiſchen Zorn ihrer Hochgelahrtheit ſie beſchworen, dieſem Unweſen ein Ende zu machen, und dem„Betrü⸗ ger und Charlatan“ ſein ferneres Treiben und Practiſiren zu unterſa⸗ gen, ſo wiegte die Kaiſerin ſinnend ihr Haupt, und erwiederte die Anſchuldigungen der gelehrten Herren mit einem feſten und entſchie⸗ denen Nein! Wollen's abwarten, ſagte ſie, was der Mann thut und zu Stande bringt. Seine Kurarten ſind nicht gefährlich, weil er den Leuten nichts eingiebt, und mit dem Auflegen ſeiner Hand wird er ſie nimmer ver⸗ giften! zenei g währen und B Mann fochten ſich ja Betrü befohl ich a dann — Ich 88, w wuß Ma niem dieſe Natt ſie jeld aus er Leicht⸗ ts aner⸗ „hörten Hohnge⸗ welche ſo er Kirche die Welt iſenſchaft Jraunder denſchaft Vahrheit cken die Aerzten Auflegen ren für gerichte⸗ ucch alle m ihnen, ie neuen agen an zte van lahrtheit „Betri⸗ — erlernt, von denen Thereſe ließ, um ſie alsdann ohne Anſtoß ſpielen zu können, wenn ſie, eine woollendete Virtuoſin, öffentliche Concerte gab, in denen ſie das Publi⸗ 10⁵5 giften können, wie es mancher Arzt ſchon mit einer übelgewählten Ar⸗ zenei gethan, mit dem Anblicken ſeiner Augen wird er ſie nit tödten, während es wohl ſchon paſſirt iſt, daß andere Aerzte mit Aderläſſen und Blutentziehungen ihre Kranken getödtet haben. Laßt mir alſo den Mann in Ruhe, denn ſo lange er nichts Böſes thut, ſoll er unange⸗ fochten hier in Wien bleiben und ſeine Kunſt ausüben dürfen! Hat ſich ja jetzt ſelber eine Probe auferlegt, die beweiſen muß, ob er ein Betrüger iſt, oder ein Mann Gottes! Wenn er meine kleine Schutz⸗ befohlene, das blinde Fräulein von Paradies, ſehend macht, dann werde ich an ihn glauben, und ihn einen Wundermann nennen, und wehe dann Euch Allen, wenn Ihr es dann noch ferner wagt, ihn zu läſtern. Ich werde dem Mesmer mehr glauben als all' Eurer Gelahrtheit, denn wer die Blinden ſehend macht, iſt in Wahrheit der Arzt Gottes! Seid alſo ruhig, und wartet es ab, ob es dem Mesmer gelingt, das blinde Fräulein von Paradies wieder ſehend zu machen.— Das alſo war es, worauf jetzt alle Welt geſpannt war, das war es, was alle Gemüther beſchäftigte; die Kur, welche Mesmer mit dem Fräulein von Paradies begonnen, und von der er behauptet, daß ſie zu einer Heilung führen würde! Ganz Wien kannte dieſes junge blinde Mädchen. Ganz Wien wußte, daß ſie in ihrem zweiten Lebensjahr in Folge zurückgetretener Maſern erblindet war, und daß ſeitdem die Nacht, welche ſie umgab, niemals durch einen Lichtſtrahl unterbrochen worden. Ganz Wien liebte dieſes junge Mädchen, in deſſen Seele die allmächtige und allgütige Natur ein anderes Licht als das Licht der Sonne aufleuchten ließ, dem ſie als Erſatz für ihre blinden Augen die Weihe der Kunſt verliehen, dem ſie es gegeben Gott zu ſchauen nicht in der Natur, aber in der Muſik. Wenn Thereſe von Paradies am Klavier ſaß, wenn ihre Hände mit ſchwindelnder Schnelligkeit über die Taſten hinglitten, oder ihnen langſame, volle Accorde entlockten, wenn ſie mit ruhigſter Sicher⸗ heit die ſchwierigſten Concertſtücke ſpielte, welche die größten Virtuoſen jener Zeit nur nach langer Uebung, nach langem Einprägen der Noten aber ſich nur zweimal die Noten vorleſen 106 kum entzückte durch ihr wundervolles Spiel, dann hätte Niemand glau⸗ b ben ſollen, daß dieſes reizende junge Mädchen mit den großen glän⸗ in ein zenden Augen doch eine Blinde ſei. Es leuchtete ſo viel Geiſt und ihrem Gefühl von dieſem reinen, unſchuldigen Angeſicht, ihre Züge waren mit r von einer ſo wunderbaren Beweglichkeit, ihre Augen ſchienen, wenn ſie lichkei lachte, aufzublitzen in Freude, ſie ſchienen umdüſtert und traurig, wenn fremd ſie ernſt war. Und dennoch war Thereſe von Paradies wirklich blind; könne aber es leuchtete eine glühende Seele von dieſem Angeſicht, und dieſe wollt Seele war es, welche ihren Augen das Licht gab, das die Natur ihnen Sche verſagt hatte. wer um XI una Thereſe von Paradies. Ve ſie Thereſe von Paradies war in ihrem Zimmer; ihre Mutter war ſpri bei ihr, und mit Hülfe derſelben hatte die Kammerjungfer eben den ih Anzug ihrer jungen Herrin vollendet. Thereſe war heute in einer be⸗ mei ſonders gewählten glänzenden Toilette und ſie ſelber ſchien große Freude an derſelben zu haben. Sage mir, Mutter, ſagte ſie jetzt, nachdem ihr Anzug vollendet ge war, ſage mir, von welchem Stoff iſt doch dies Kleid, das ſo wunder⸗ me bar weich und glatt iſt, wie ein Menſchenangeſicht, und ſich ſo dem vi Körper anſchmiegt, wie eine ſchöne Melodie der Seele? me Es iſt Atlas, mein Kind, ſagte die Mutter lächelnd. Und die Farbe? 8 Weiß! Weiß! wiederholte ſie ſinnend. Ihr nennt das die Farbe ohne 1 Farbe. Wie wunderbar das ſein muß, wie entſetzlich! Eine Farbe ohne Farbe; Oh mir ſchaudert, wenn ich denke, daß ich die jetzt auch n kennen lernen ſoll! Dir ſchaudert? fragte Frau von Paradies lächelnd. Freuen ſollteſt Du Dich, dieſe ſchöne Gotteswelt, mit all' ihrer Herrlichkeit und ihren Wundern, kennen zu lernen! 2 b nd glau⸗ n glän⸗ iſt und waren enn ſie „wenn blind; d dieſe rihnen r war n den er be Freude llendet under⸗ dem 107 Freuen! ſagte ſie kopfſchüttelnd. Wie kann ich das! Ich werde in eine neue Welt treten, in eine Welt, die mich entſetzen wird mit ihrem fremdartigen und unerhörten Weſen. Jetzt kenne ich Ench Alle mit meiner Seele, jetzt leuchten Eure Angeſichter in wunderbarer Herr⸗ lichkeit in meinem Herzen, aber wenn ich Euch ſehe, werdet Ihr mir fremd ſein, und zur an Euren Stimmen werde ich Euch wiedererkennen können, nur an dem Ton Eurer Seele! Oh Mutter, Mutter! Warum wollt Ihr mir meine Blindheit nehmen! Sie war ſo voll ſeligen Schauens! Ich war ſo glücklich in ihr! Thörigtes Kind, ſagte ihre Mutter, Du wirſt noch viel glücklicher werden, wenn Du ſehen kannſt. Es iſt wirklich kindiſch und albern, um das ſich zu ängſtigen, was, wenn es ſich erfüllt, doch für Dich ein unausſprechliches Glück iſt! Und warum nennſt Du das albern? fragte ſie. Geht nicht die Braut am Tage ihrer Hochzeit auch ihrem Glück entgegen, und bangt ſie nicht vor ſeligem Weh, und klopft nicht ihr Herz auch zum Zer⸗ ſpringen, und ſchaudert nicht ihre Seele in ſüßem Erſchrecken? Nun, wich bin heute auch eine Braut, eine Braut des Lichtes, und ich erwarte meinen Bräutigam, den Tag! Aber wer weiß, ob er kommen wird, ſeufzte ihre Mutter. Er wird kommen, ſagte ſie zuverſichtlich. Ich habe das geſtern gefühlt, als Mesmer die Binde zum erſtenmal ſeit meiner Kur von meinen Augen nahm. Es war nur einen Moment, aber ich ſah etwas wie einen Blitzſtrahl, es fuhr mir wie ein ſchneidendes Schwert durch meine Augen, und ich ſtürzte beſinnungslos zuſammen.* Thörichtes Kind, es war nur ein Strahl des Tages, ein erſter Blick Deines Bräutigams! Dann werde ich ſein volles Anſchauen nimmer ertragen können, rief Thereſe bebend. Aber ſage mir, Mutter, bin ich denn ſeiner auch werth? Habt Ihr mich ſchon geputzt, daß mein Bräutigam Freude an mir haben wird? 4 Gewiß, Thereſe, Du biſt geſchmückt wie eine Braut, und wie es Ziemt an dem Tage, an welchem eine junge Dame zum erſtenmal eſellſchaft tritt. den wir werden dene große Geſellſchaft Ganz Wien möchte dabei ſein, wenn die Binde von Deinen * 108 Augen genommen wird. Selbſt die Kaiſerin hat den Beſuch eines ih— rer Kammerherrn anſagen laſſen, damit er ihr ſogleich vermelden kann, ob ihr Schützling wirklich ſehen kann, und auch die beiden Leibärzte der Kaiſerin, die Herren van Swieten und von Störk werden kommen, das Unerhörte zu ſchauen, und Fürſtinnen und Fürſten, Gräfinnen und Grafen, Miniſter und Generale werden in Menge da ſein. Ge⸗ wiß, es iſt für Dich ein Ehrentag und deshalb habe ich Dich feſtlich geſchmückt. Iſt auch mein Haar recht ſchön friſirt? fragte Thereſe, indem ſie ihre beiden Hände erhob, und ſie prüfend über ihren hohen Kopfputz hingleiten ließ. Gewiß, wir haben Deine Lieblingsfriſur genommen, à la Matignon, und die Pepi hat einen wahren Wunderbau gemacht, die Friſur iſt faſt drei Viertel Ellen hob, und oben drauf ſchwebt eine ungeheure Puffhaube mit langen himmelblauen Flatterbändern. Ja, es iſt wirklich ſehr hoch, ich kann das Ende mit meinen Händen nicht erreichen, rief Thereſe lächelnd. Ach es muß wundervoll ausſehen. Doch ich will Dich noch etwas fragen, fuhr ſie dann ernſt⸗ haft fort, und ich bitte und beſchwöre Dich, antworte mir die Wahrheit! Verſprich mir, daß Du es thun willſt. Ich verſpreche es Dir! Nun denn! So ſage mir, wie iſt mein Ausſehen? Bin ich ſo, daß ich den Menſchen gefallen kann? Bis jetzt ſind die Menſchen gut und freundlich mit mir geweſen, weil ſie Mitleid mit mir hatten, um meines Unglücks willen begegneten ſie mir mit Wohlwollen. Aber wer⸗ den ſie mir das nun auch thun, um meiner Selbſt willen? Werde ich im Stande ſein, mir ihre Gunſt zu erhalten? Sage mir, oh ich beſchwöre Dich, ſage mir, bin ich hübſch genug, daß die Menſchen ihre Freude an mir haben können? Ja, Du biſt hübſch, Thereſe, ſagte ihre Mutter lächelnd, Du haſt eine ſchöne, ſchlanke und volle Geſtalt, das Oval Deines Geſichtes iſt von einer reizenden Lieblichkeit, Deine Züge ſind edel und regelmäßig, Deine Stirn iſt hoch und mächtig, und wenn erſt in Deinen großen, dunklen Augen der Strahl des Lichts aufleuchten wird, dann wirſt Du ein ſchönes Mädchen ſein! Ich jauchzend Mund i Armen! Jer ſie. Ir vorher nehmen Alles e Kamme N keit un baren allein S nahm D vollkom das im 8 J Tönen L und be Finger welche ſchien ſlüſtert wieder Scme Stron 4 purgl nieden dolle Ketrie eines ih⸗ en kaun, Leibärzte kommen, räfinnen n. Ge⸗ feſtlich ndem ſie Kopfputz latignon, iſt faſt ffhaube meinen dervoll ernſt⸗ ahrheit! ich ſo, hen gut en, um er wer⸗ Werde oh ich en ihre du haſt htes iſ lmäßig a2r 1 * 1 109 Ich danke Dir, meine Mutter, ich danke Dir! rief Thereſe freude⸗ jauchzend, indem ſie ihre Mutter feſt in ihre Arme ſchloß, und ihren Mund mit Küſſen bedeckte. Ihre Mutter machte ſich ſanft aus ihren Armen los. Jetzt muß ich eilen, die nöthigen Vorbereitungen zu treffen, ſagte ſie. In zwei Stunden ſchon ſoll die Operation gemacht werden, und vorher ſchon werden ſich alle Verwandte, Freunde, und die andern vor⸗ nehmen Gäſte bei mir im Salon verſammeln. Ich muß alſo eilen, Alles einzurichten, und ſelber Toilette zu machen. Ich werde Dir die Kammerjungfer rufen, daß ſie bei Dir bleibe! Nein, rufe ſie nicht, rief Thereſe lebhaft. Ich bedarf der Einſam⸗ keit und Stille. Auch ich muß mich vorbereiten, muß zu der wunder⸗ baren Stunde meine Seele ſammeln, und meine Gedanken ordnen, muß allein ſein mit meinem Gott, muß zu ihm ſprechen in meiner Sprache! Sie begleitete ihre Mutter bis zu dem anſtoßenden Gemach, und nahm von ihr mit einem herzlichen Kuß Abſchied. Die Blinde war jetzt allein, aber ſie durchſchritt das Gemach mit vollkommener Sicherheit, und ging gerade zu ihrem Inſtrument hin, das immer geöffnet war. Ich will ſpielen, ſagte ſie leiſe, ich will ihn rufen mit meinen Tönen. Er muß es fühlen, und er wird kommen! Sie ließ ſich auf das Tabouret vor ihrem Flügel niedergleiten und begann zu ſpielen. Eine wunderbare Muſik war es, welche ihre Finger den Taſten entlockten, es war die Verkündigung einer Seele, welche jauchzt und klagt, betet und weint, liebt und verzweifelt. ſchien dieſe Muſik wie ein Hymnus der Freude aufzurauſchen, bald flüſterte und ſeufzte es aus ihr wie eine tiefe Schmerzensklage, dann wieder ſchwoll ſie empor zu heitern, ſonnigen Melodieen, und alle Schmerzen und Diſſonanzen ſchienen ſich aufzulöſen in einen ſeligen Strom von Harmonie. Auf einmal durchflog ein Zittern ihre ganze Geſtalt, und eine Pur⸗ purgluth ſchoß über ihr Antlitz hin. Ihre Hände ſanken von den Taſten nieder, ihr Haupt neigte ſich auf ihre Bruſt, aus der ſchwere, angſt⸗ volle Athemzüge hervorquollen. Wie von einer unſichtbaren Gewalt 3 1 getrieben, erhob ſie ſich von ihrem Seſſel, und richtete ſich gerade und 110 ſteif empor, dann mit einer ſchnellen Bewegung ſchritt ſie von dem In ſtrument weg, bis in die Mitte des Zimmers hinein. Aber hier wie⸗ der blieb ſie wie feſtgewurzelt ſtehen, und ihre beiden Hände feſt auf ihr Herz drückend, flüſterte ſie athemlos: er kommt! Oh ich fühl's, er kommt! Jetzt, jetzt ſteigt er die Treppe herauf, jetzt ſchreitet er über den Flur, jetzt, oh, jetzt legt er die Hand auf die Thür, und— Die Worte erſtarben auf ihren bebenden Lippen, der Athem kam fieberhaft ſchnell und ächzend aus ihrem wogenden Buſen hervor, ihr ganzes Weſen war in Aufruhr und Bewegung. In dieſem Moment öffnete ſich die Thür ihres Zimmers leiſe, ſo leiſe, daß auch das ſchärfſte Ohr es kaum zu hören vermochte. Aber Thereſe hörte es doch. Ein Schrei des Entzückens tönte von ihren Lippen, ſie ſtreckte die Arme aus, ſie wollte vorwärts ſtürzen, aber ihre Füße waren wie eingewurzelt, und ſo mit ausgebreiteten Armen, mit vorgebeugtem Haupt blieb ſie ſtehen. Sie hatte mit ihrem Herzen die Geſtalt geſehen, welche da drüben auf der Schwelle der Thür erſchienen war! Die Geſtalt war die eines Mannes von kaum vierzig Jahren,*) von ſtolzem, impoſantem Aeußern, von ſchönen, einnehmenden Zügen. Seine großen blauen Augen, in denen ein wunderbares Leuchten war, ruhten mit einem gebieteriſchen, feſten Ausdruck auf dem jungen blinden Mädchen, das im innerſten Mark ihres Lebens ſeinen flammenden Blick empfand und unter ihm erzitterte. Den rechten Arm hielt er ausge⸗ ſtreckt gegen ſie gerichtet, anfangs ſteif und ohne ihn zu regen, dann aber ſenkte er ihn tiefer hinab und deutete mit dem Finger auf den Fußboden, gerade auf die Stelle hin, wo Thereſe ſtand. Sofort ſank die Bindé auf ihre Kniee nieder. Ein triumphirendes Lächeln flog durch das ernſte Antlitz des Mannes, er hob den Arm wieder empor und winkte mit der Hand. Die Blinde ſprang ſofort von ihren Knieen empor, ein Freudenruf tönte von ihren Lippen, und als hätte ſie geſehen, daß er ihr die Arme jetzt ausbreitete, ſprang ſie vorwärts, ſtürzte ſie, ohne zu ſchwanken und zu irren, gerade aus in ſeine Arme, und lehnte ihr Haupt an ſeine Bruſt. Mesmer! Mein Freund! Mein Arzt, mein Erlöſer! flüſterte ſie leiſe. *) Mesmer war geb. den 23. Mai 1734 in Iznang unweit Conſtanz. Sch hat mich Er dergleite aus, un 2. Si gendem mächti Blicken richten, türliche Wird Geitt ſ aus I gehorſa 2— — hört 70 111 dem In Ich bin's, ſagte er mit voller melodiſcher Stimme. Ihr Herz hier wie⸗ hat mich geſehen und erkannt, Thereſe! Bald ſollen es auch ihre Augen! efeſt auf Er führte ſie zu dem Divan, und ließ ſie ſanft auf demſelben nie⸗ fühl's, er dergleiten. Dann ſtreckte er zwei Mal ſeine Fingerſpitzen gegen ſie t er über aus, und ſofort flog ein Zittern durch ihre Geſtalt. Sie ſind heute ſehr erregt, Thereſe, ſagte er mit leiſem, mißbilli⸗ gendem Ton. lihem kam ir ihr Ich bin es, weil Sie es ſind, mein Freund, flüſterte die Blinde. Ihr Antlitz glüht, Ihre Pulſe ſchlagen, Ihre Augen ſchießen Blitze, zleſſ, ſo welche eine Welt zerſchmettern möchten. bte. Aber Eine Welt der Lüge, der Unwiſſenheit und der Bosheit, rief er von ihren mächtig. Ja, Thereſe, die will ich heute zerſchmettern mit meinen aber ihre Blicken und mit meiner Hand! Und eine neue Welt will ich dafür auf⸗ richten, eine Welt des Nichtwiſſens, aber des Schauens, des Ueberna⸗ men, mit h 2. türlichen, und doch ſo Natürlichen! Oh Thereſe, wird es mir gelingen? d hiae Wird meine Hand die Kraft haben Ihre Augen zu erlöſen, wird mein Jahren,*) Geiſt ſo mächtig herrſchen über den Ihren, daß er ihm befehlen kann b Zägen aus Ihren Augen hervorzublitzen und zu ſchauen? Werden Sie mir m 4 gehorſam ſein mit Ihrer Seele und Ihrem Körper? üenn Mit meiner Seele gewiß, hauchte ſie leiſe, denn meine Seele ge⸗ nb üina hört Ihnen einzig und unbedingt, ob mit meinem Körper weiß ich nicht! nden Vil Die Seele muß dem Körper gebieten! ſagte Mesmer ſtreng. er aucgi Sie will es! ſagte Thereſe flehend. Oh zürnen Sie nicht, wenn gen, fu ſie es nicht kann! 7 r au Sie zweifeln, Thereſe? fragte Mesmer, und ſeine Augen bohrten ſich wie zwei Dolche in ihr Angeſicht. phirende Oh, Ihre Augen thun mir weh, ächzte ſie, indem ſie ihr Antlitz den Arm mit ihren Händen bedeckte, als wolle ſie es ſchützen vor ſeinen Blicken. Mesmer ſchlug ſeine Augen nieder, und wiederholte ſanft: Sie reudenri zweifeln, Thereſe? die Arnie Ich zweifle, weil ich fühle, daß Sie zweifeln, ſagte ſie aufathmend. anken und Aber wenn es nun auch wäre, mein Freund? Wenn Ihr großer er⸗ ne Bruft habener Geiſt nur meiner Seele, nicht meinem Körper gebieten könnte? te ſe leſe 12 Was thut das? Ich werde deshalb nicht unglücklich ſein, ich werde 8 mich nicht beklagen! Ich ſehne mich nicht nach dem Licht da außen, onſtanz⸗ 112 denn das Licht iſt in mir! Mein Herz ſieht Sie, was thut es alſo wenn auch meine Augen Sie nicht zu ſehen vermögen! Nein, glauben Sie mir, ich zittere und bange der neuen Welt entgegen, und mir iſt, als müßte ich mich vor ihr verbergen in die tiefſte Einſamkeit meiner Blindheit. Oh, mein Freund, mein Herr und mein Meiſter, wenn ir⸗ gend Zweifel in Ihnen ſind, wenn das Werk mißlingen könnte, ſo ver ſuchen Sie es nicht! Ich bin glücklich und zufrieden, denn ich trage eine Welt in mir, und bedarf keiner Welt außer mir! Nein, rief Mesmer, das Werk iſt begonnen, es muß vollbracht werden. Und es ſoll und muß gelingen! Es handelt ſich jetzt nicht mehr darum, Thereſe, ob Sie wünſchen ſehend zu werden, oder blind zu bleiben! Sie müſſen ſehend werden, oder Alles, was ich gewollt, gedacht und erſtrebt habe, ſtürzt in Trümmern über mir zuſammen, und zerſchmettert mein Leben nicht allein, ſondern auch meinen Namen und meine Ehre! Der heutige Tag iſt der Tag der Entſcheidung! Heute wird Mesmer ſeinen Feinden und ſeinen Freunden beweiſen, daß er die Wahrheit geſprochen, daß der thieriſche Magnetismus, den die Aerzte ver⸗ „ſpotten, den die Wiſſenſchaft verleugnet, weil ſie ihn noch nicht kennt, den die Laien für Zauberei oder Betrug halten, daß der thieriſche Magne⸗ tismus die göttliche Heilkraft iſt, welche den Menſchen mit der Natur und dem Himmel verbindet, daß dieſer wechſelweiſe Einfluß unter den Himmelskörpern, der Erde und allen belebten Weſen, den die dummen klugen Menſchen ableugnen wollen, wirklich exiſtirt. Nein, Thereſe, ich werde Sie heilen mittelſt der magnetiſchen Kraft, welche uns Beide ein⸗ ander vereint, uns Beide zugleich dem Himmel verbindet! Heilen Sie mich, mein Herr und mein Meiſter, rief die Blinde begeiſtert, ich nehme von Ihnen das Licht an, und Sie ſollen durch mich ein neues Licht ausſtrahlen über die ganze Welt! Er legte ſanft die Hand auf ihr Haupt, und ſah ſie mit leuchtenden Blicken an. Du glaubſt alſo an mich, Thereſe? fragte er. Nicht wahr, Du glaubſt? Ich glaube an Dich, und ich verſtehe Dich, ſagte ſie leiſe. Ich werde ſehend werden, ich weiß es, ich fühle es! Und dann wird Nie⸗ mand mehr zweifeln dürfen. Die Binde, die von meinen Augen fällt, wird auch abfallen müſſen von den Augen Deiner Feinde, von den Augen d daß es Kraft der die Arzn Oh lich, Du meine T Es giel beſſer o Heilung wich v Wahrc Trug. abgekon ſich zur A rif Th rechte( dafür T men lo des W denn C ih ſeh rendes mehr d ſlch in nich wellen Natut „Dh weiter — * Ven tes alſo glauben mir iſt, it meiner wenn ir⸗ 2, ſo ver trage eine vollbracht jett nicht oder bünd h gewolt, men, und zmen und ! Heute aß er die erzte ver⸗ ennt, den Magne⸗ eer Natur unter den 2 dummen hereſe, ich Beide ein⸗ len durch euchtenden icht wahr 113 Augen der Wiſſenſchaft und der Gelehrſamkeit. Sie werden ſehen, daß es eine Kraft giebt, welche ſie nicht kannten und nicht ahnten, eine Kraft der Natur, welche ohne menſchliches Zuthun das verrichtet, was die Arzneikunde bisher der Kunſt oder der Natur zugeſchrieben hat! Oh, Du ſprichſt meine Gedanken aus, Thereſe, rief Mesmer zärt⸗ lich, Du ſiehſt in meine Seele hinein, und findeſt auf Deinen Lippen meine Worte wieder! Du weißt alſo auch, daß ich die Wahrheit ſage! Es giebt einen thieriſchen Magnetismus, eine überſinnliche Kraft, welche beſſer als alle Arzneien im Stande iſt, den Menſchen Geſundheit und Heilung zu bringen. Mögen die Aerzte darüber lachen, die Wiſſenſchaft mich verſpotten, eines Tages werden ſie erkennen müſſen, daß ich die Wahrheit geſprochen, und daß ihr Wiſſen nichts iſt als eitel Lug und Trug! Die Aerzte ſind Reiſende, welche, einmal von der rechten Straße abgekommen, ſich immer tiefer verirren, weil ſie, ſtatt umzukehren und ſich zurechtzufinden, beſtändig gerade forteilen!*) Aber Sie werden ihnen die rechte Straße zeigen, mein Meiſter, rief Thereſe begeiſtert, Sie werden die Verirrten zurückführen auf die rechte Straße, und der Dank der zukünftigen Geſchlechter wird Ihnen dafür lohnen! Wenn der Undank des gegenwärtigen Geſchlechtes es dazu kom⸗ men läßt, ſagte Mesmer webmüthig. Es iſt ſchwer, in dem Labyrinth des Wiſſens und des Glaubens ſich zurecht zu finden. Ich weiß das, denn auch ich war lange Zeit ein Verirrter in dieſem Labyrinth, aber ich ſehnte mich nach der Befreiung, nach der Erkenntniß! Ein verzeh⸗ rendes Feuer füllte meine ganze Seele! Ich ſuchte die Wahrheit nicht mehr voll zärtlicher Neigung, ſondern voll der äußerſten Unruhe. Ich floh in die entlegenſten Wälder, in die tiefſte Einöde. Da fühlte ich mich näher der Natur. In der heftigſten Bewegung glaubte ich zu⸗ weilen, daß mein von ihren vergeblichen Lockungen ermüdetes Herz die Natur wild von ſich ſtieße, und mit zürnender Stimme rief ich ihr zu: „Oh Natur, was willſt Du von mir? Laſſe ab von mir! Laſſe mich weiter ziehen in meiner Dunkelheit, wenn Du mir doch das Licht nicht *) Mesmer's eigene Worte. Siehe: Franz Anton Mesmer aus Schwaben. Von Dr. Juſtinus Kerner. S. 58. Kaiſer Joſeph. 2. Abth. II 8 114 zeigen willſt!“— Dann wieder glaubte ich ſie zärtlich zu umarmen, und beſchwor ſie mit der glühendſten Ungeduld doch endlich meine Wünſche zu erfüllen. Ein Glück für mich, daß in der Stille der Wälder nur die Bäume die Zeugen meiner Heftigkeit waren, denn die Menſchen würden mich für wahnſinnig gehalten haben! Ich nicht, Meiſter! rief Thereſe glühend. Ich hätte bei Ihnen ſein mögen, und ich hätte Sie verſtanden! Mesmer drückte ihr zärtlich die Hand und fuhr fort: Alle übrigen Beſchäftigungen wurden mir verhaßt, jeder Augenblick, den ich ihnen widmete, ſchien mir ein an der Wahrheit begangener Diebſtahl zu ſein! Ich bereute ſogar die Zeit, die ich bedurfte, um Ausdrücke für meine Gedanken zu finden. Ich fand, daß wir jeden Gedanken unmittelbar ohne langes Nachſinnen in die Sprache einzukleiden pflegen, die uns die bekannteſte iſt. Und da faßte ich den ſeltſamen Entſchluß, mich von dieſer Sclaverei loszumachen. Drei Monate dachte ich ohne Worte! Als ſich dies tiefe Nachdenken endete, ſah ich mich voll Erſtaunen um! Meine Sinne betrogen mich nicht mehr wie vorher. Alle Gegenſtände hatten für mich eine neue Geſtalt, und mit einem nie gefühlten Ent zücken ward ich mir bewußt, daß ich die Wahrheit, die ich ſo lange geſucht, endlich gefunden hatte! Es kam wieder Ruhe in meine Seele, denn ſie hatte die Wahrheit erkannt, und ſie entfernte ſich nicht mehr von mei⸗ ner Erkenntniß! Freilich ſtand mir nun noch ein ſchwerer Kampf mit den Meinungen der Menſchen bevor, aber das ſchreckte mich nicht. Vielmehr fühlte ich die Nothwendigkeit, die Anzahl der Hinderniſſe da⸗ durch zu vergrößern, daß ich's mir als die heiligſte Pflicht auferlegte, der Menſchheit das unſchätzbare, meinen Händen anvertraute Gut in ſeiner vollen Reinheit ſo unverfälſcht, als ich es von der Natur erhal⸗ ten hatte, zu überliefern, und nur da helfend einzuſchreiten, wo ich mei⸗ ner Selbſt gewiß war! Viel habe ich gelitten von dem Unverſtand und der Bosheit der Menſchen, am meiſten von dem Neid und dem Hohn der Aerzte, welche in ihrem Hochmuth lieber blind bleiben, als ſich von Andern ein Licht anzünden laſſen wollen!*) Aber der Tag iſt gekom⸗ *) Alle dieſe Reden enthalten Mesmer's eigene Worte. Siehe: Juſtinus Kerner. S. 60. men, an kennen m mit ihre⸗ Oh The Gottes! Kind, d laſſe ſie Paanetem J den Ur wider mein? ſehende waren. licht w ohnmäc laß mi 4 S ſich die J ſich in 2 Miſſte wie ſi Komm - erwart T Der 8 die T der und wird anwe marmen, Wünſche der nur Renſchen i Ihnen übrigen ch ihnen zu ſein! ür meine mittelbar die und ß, mich Worte! nen um! euſtände ten Ent⸗ geſucht, denn ſie von mei⸗ unpf mit 9 nicht. niſſe da⸗ fferlegte, Gut in r erhal⸗ ich mei⸗ and und m Hohn ſich von ſt gekom⸗ 1 guſtuus aanwendet, der ſchon mehr als hundert Kranke geheilt hat, 115 men, an dem ich ſie zur Erkenntniß zwingen will! Heute ſollen ſie er⸗ kennen müſſen, daß all ihr Wiſſen Stückwerk iſt, und daß die Natur mit ihren heiligſten Offenbarungen ihnen bis hierher verſchloſſen war. Oh Thereſe, Du biſt das Evangelium meiner neuen Religion, welche Gottes und der Natur überſchwellend voll iſt! Verkünde ihnen, mein Kind, die neue, die heilige Religion! Schlage Deine Augen auf, und laſſe ſie in ihren hellen Sternen die allewige Urkraft der Sterne und Planeten erkennen, die ſie zu leugnen gewagt! Ich will es, Meiſter, ich will es, rief Thereſe begeiſtert, ich will den Ungläubigen und Zweifelnden Dein Evangelium verkünden, und wider ihren Willen ſollen ſie glauben müſſen! Ja, mein Herr und mein Meiſter! Die Stunde der Erkenntniß iſt gekommen, und meine ſehenden Augen ſollen alle die Andern überzeugen, daß auch ſie blind waren. Komm, Meiſter, nimm die Binde von meinem Angeſicht, das Licht wird mich nicht mehr blenden, ich werde nicht mehr wie geſtern ohnmächtig vor ſeinem Strahl zuſammenſinken! Oh laß mich ſehen, laß mich Dich ſehen! Sie fuhr mit ihren beiden Händen zu ihrem Haupt empor, um ſich die Binde abzunehmen, aber Mesmer hielt ſie zurüc. Nein, ſagte er, noch nicht! Im Beiſein aller meiner Feinde, die ſich indeß Deine Freunde nennen, muß es geſchehen, nicht eher! Aber ſie werden ſchon im Salon unſerer warten! Hörſt Du nicht, Meiſter, wie die Wagen vor unſerer Thür rollen. Hörſt Du nicht, wie ſie die Treppe heraufſteigen! Oh ſie werden Alle ſchon da ſein! Komm, alſo, laß uns gehen! 4 Noch nicht, Thereſe, denn wenn alle Diejenigen da ſind, die ich erwarte, wird man, wie ich es erbeten habe, uns benachrichtigen. Wen erwarteſt Du denn, Meiſter? Meine Feinde, Thereſe! Und ich ſage Dir, ſie werden kommen! Der Profeſſor Barth wird kommen, um den Charlatan zu ſehen, der die Vermeſſenheit hat, durch eine unſichtbare Kraft zu heilen, was er, der berühmte Staarſtecher und Anatom, nur vermöge ſeiner Pincette und ſeiner Meſſer vermag. Doctor Ingenhaus, mein erbitterter Gegner wird da ſein, um zu ſehen, welche infernaliſche Künſte der Charlatan 8* die ſeine Ge⸗ 116 lahrtheit als unheilbar erklärt hatte; Pater Hell wird da ſein um zu und rah ſehen, ob die Gegenwart eines großen Aſtronomen mich nicht ſchrecken daugen wird, oder ob der Charlatan wirklich den Muth hat, ſelbſt in Gegen⸗ ſchlafen wart Pater Hell's, der es doch beſſer weiß, zu behaupten, daß die Nu Planeten da oben im Zuſammenhang ſtehen mit den Menſchen, und lionen. Einfluß haben auf ihr Sein und Denken. Ja, ja, ſie werden Alle Mund; kommen, nicht um ſich überzeugen zu laſſen, ſondern um zu triumphiren! in ihren Denn in ihrer Meinung iſt es keinem Zweifel unterworfen, daß der Char⸗ unzitter latan heute vernichtet ihnen gegenüber ſtehen wird! ſeiner Nenne Dich nicht mit ſo unwürdigen Namen, Meiſter, bat Thereſe Hände ſchmerzlich. Bruſt Sie nennen mich ja Alle ſo, warum alſo ſoll ich es nicht auch wieder thun, rief Mesmer lachend. mäßig Sie nennen Dich jetzt noch ſo, aber heute noch werden ſie Dich, ward! wie ich, ihren Herrn und Meiſter nennen. Heute noch werden ſie zur zr ihre Erkenntniß kommen, heute noch werden ſie zu Deinen Füßen nieder⸗ zuhauch ſinken, und weinend und innerlich zerbrochen Dich um Vergebung D flehen, daß ſie ſo lange an Dir zweifelten, ſo lange im Irrthum be⸗ det 3 fangen waren. 9 Oh, mein Kind, wie wenig kennſt Du die Welt, rief Mesmer 9 ſchmerzlich. Die Menſchen verzeihen niemals Denen, welche ſie eines— Irrthums überführten, und für empfangene Wohlthaten pflegen ſie ſich Gen; durch Verleumdung und Verdächtigung zu rächen! Oh, wenn es ſo iſt, Meiſter, ſo laſſe mir meine Blindheit! Be⸗ gehre nicht, daß ich Diejenigen ſehen ſoll, welche Deine Feinde ſind, oder gieb meinem Auge die Kraft eines Dolches, damit ich die Un⸗ würdigen durchbohre, gieb— Sie ſtockte, und ſank ächzend in die Kiſſen des Sopha's zurück. Mesmer hatte ſeine Hand gegen ſie ausgeſtreckt, und die Spitzen ſeiner Finger berührten faſt ihre Stirn. Du biſt aufgeregt, ſagte er, ſchlafe! Nein, murmelte ſie, nein, ich will nicht ſchlafen! Ich will es! ſagte Mesmer gebieteriſch, und die Spitze ſeines Vorderfingers berührte leiſe ihre Stirn. Thereſe ſeufzte tief auf, ihr Haupt ſank zurück, und die ſchweren. Geſe n um zu ſchrecken Gegen⸗ daß die den, und den Alle mphiren! der Char⸗ t Thereſe nicht auch ſie Dih, ſie zur nieder⸗ ergebung hum be⸗ Mesmer ſie eines i ſie ſich eit! Be⸗ ne ſind, die Un⸗ s zurid. en ſeine te eine 117 und ruhigen Athemzüge, welche aus ihrer Bruſt hervorgingen, be⸗ zeugten es, daß ſie Mesmers Befehl erfüllt hatte, daß ſie einge⸗ ſchlafen war. Nun neigte ſich Mesmer über ſie, und begann ſ tionen. Er näherte ſich ihren halbgeöffneten Lippen, und auch ſeinen Mund öffnend, hauchte er ihren Athem ein, und ſtrömte ſeinen Athem in ihren Mund zurück, den jetzt ein Lächeln unausſprechlicher Wonne umzitterte. Dann erhob er ſeine beiden Hände, und mit den Spitzen ſeiner Finger der Schlafenden Scheitel berührend, ließ er ſeine beiden Hände einen Halbkreis durch die Luft beſchreiben, und dann auf der Bruſt Thereſens ſich wieder vereinigen, um dann in leiſer Schwingung wieder empor zu ſteigen zu ihrer Stirn. So auf und ab in gleich⸗ mäßigen Wellenlinien bewegten ſich ſeine Hände, und immer tiefer ward der Schlaf der Blinden, und immer wieder neigte ſich Mesmer zu ihren Lippen, um ihren Athem zu trinken, und ihr den ſeinen ein⸗ eine Manipula⸗ zuhauchen. Und jetzt öffnete ſich die Thür und Thereſens Mutter erſchien auf der Schwelle.— Die Eingeladenen ſind Alle verſammelt, ſagte ſie feierlich. Mesmer nickte gravitätiſch. Wir ſind bereit, ſagte er. Mein Gott, Sie ſagen das, und doch ſchläft Thereſe? rief Frau von Paradies verwundert. Ich werde ſie wecken, wenn es Zeit iſt! Wo iſt meine Glasharmonika? Im Salon, wie Sie angeordnet hatten! So laſſen Sie uns dahin gehen, und von dorther Thereſe rufen! XIII. Zer erſte Tag des Kichts. In dem Salon des Herrn von Paradies war die Elite der Wiener Geſellſchaft verſammelt. Die Ariſtocratie, die Wiſſenſchaft, die Kunſt 4 Kaiſerin, wie ge⸗ 118 ſagt, hatte einen ihrer Kammerherren geſendet, um ihr Bericht zu er⸗ ſtatten über die merkwürdige Operation, die der neue Wunderdoctor heute an der„Penſionairin der Kaiſerin“ vornehmen wollte. Aber auch aus dem niedern Bürgerſtande, ſogar aus den unterſten Schichten des Volkes waren, auf ausdrückliches Begehr Mesmers, einige Bevorzugte eingeladen worden. Die Bewohner der Paläſte wie der Hütten ſollten Zeuge ſein des Triumphes der neuen Viſſenſchaft über die alte, des Triumphes des thieriſchen Magnetismus über die Satzungen der bis herigen Arzneikunde! Ein geheimnißvolles Halbdunkel herrſchte in dem Saale, denn auf Mesmer's Anordnung waren die grünen Vorhänge der Fenſter herun⸗ tergelaſſen. Ringsum in dem Saale waren Stühle aufgeſtellt, die mehrfach gereiht in einem Halbkreiſe dieſe Eſtrade umgaben, die ſich da in der Mitte des Saals befand. Auf dieſer Eſtrade ſtand ein Divan, einige Stühle und ein Tiſch, auf welchem man einen verſchloſſenen Kaſten bemerkte.— Auf dieſen Kaſten waren die neugierigen, fragenden Blicke der Verſammlung gerichtet, und ſelbſt Herr Profeſſor Barth konnte ſich, trotz ſeines ſtolzen, ironiſchen Lächelns, ſeiner olympiſchen Haltung und ſeines hoheitsvollen Weſens, eines Anflugs von Neugierde nicht erwehren, und wandte ſeine ſtolzen Blicke immer wieder zu dem Kaſten hin. Sie werden ſehen, Herr Kollege, ſagte er, ſich zu ſeinem Nachbar neigend, er wird uns Allen ein X für ein U gemacht haben. Er wird die Gelegenheit benutzen, um vor einer glänzenden Geſellſchaft ſeine erſte Augenoperation zu machen, und auf dieſe Weiſe ſich ſchnell einen Ruf zu erwerben. Der Kaſten wird ſeine Inſtrumente enthalten! Sie wer⸗ den ſehen, im entſcheidenden Moment wird er eine Lancette aus jenem Kaſten nehmen und ſie damit operiren. Das heißt, operiren wollen, Herr College, ſagte Docter Ingen⸗ haus bedächtig. Dieſe Blinde zu operiren iſt unmöglich, wie Ew. Hoch⸗ wohlgeboren ja Selbſt zu allererſt erkannt haben. Wie ſoll man ope⸗ riren, wo nichts zu operiren iſt? Das Meſſer und die Lancette können doch den erſtorbenen Sehnerven ihrer Augen nicht neue Thätigkeit verleihen? W bohren Stimm Viſſen Ich w betreffe 9 flüſter was wit Aſtro Apott meine denen Kaſte⸗ den ihm vern Mo Aſtr Me⸗ jetzt hht zu er⸗ derdoctor lber auch chten des vorzugte en ſollten alte, des der bis deun auf ſter herun⸗ 1 mehrfach da in der n, einige en Kaſten gZlicke der ante ſich, ſtung und Herwehren, 1 hin. 1 Nachbar Er wird ſeine erſte iinen Nuf Sie wer⸗ aus jenem ter Ingen Ew. Hoch⸗ man ope⸗ ete lunnen nuipt 119 Wenn er eine Lancette nimmt, um ihr damit in die Augen zu bohren, werde ich ihn verhindern, rief der Profeſſor mit drohender Stimme. Man ſoll es in meiner Gegenwart nicht wagen dürſen die Wiſſenſchaft zu verhöhnen, und die geſunde Vernunft Lügen zu ſtrafen. Ich werde genau Acht geben, und wehe dem Betrüger, wenn ich ihn betreffe. Aber der Kaſten enthält gewiß keine chirurgiſchen Inſtrumente, flüſterte der zweite Nachbar des Profeſſor Barth. Ich denke, ich weiß, was darin iſt. Nun, was iſt darin, Herr Pater Hell? fragten die beiden Herren mit lebhafter Neugierde. Ein Planet wird darin ſein, meine Herren, rief der berühmte Aſtronom. Sie wiſſen ja, der Wunderdoctor hat nicht genug an Euren Apotheken, er pfuſcht mir in meinen Himmel hinein, und will ſich aus meinen Fixſternen und Planeten Arzneien und Latwergen brauen, mit denen er ſeine Patienten heilt. Hoffe indeß, daß er ſich da in ſeinem Kaſten einen Planeten mitgebracht hat, den noch niemand kennt, und den er daher ungeſtraft ſich vom Himmel herunterlangen konnte. Wehe ihm aber, wenn ich heut Abend auf meiner Warte einen meiner Sterne vermiſſen! Ich werde dann ſogleich die Polizei requiriren, und den Monſieur Mesmer als einen frechen Dieb einſtecken laſſen. 4 Die Herren lachten fröhlich über den ſarkaſtiſchen Scherz des Aſtronomen, wurden aber in ihrer Fröhlichkeit durch das Eintreten Mesmer's unterbrochen, der, dem Ruf der Frau von Paradies folgend, 8 jetzt in den Saal trat. 1 Ohne die Verſammlung eines Blickes, eines Grußes zu würdigen, durchſchritt Mesmer den leeren Raum, und trat auf die Eſtrade. Sein Antlitz war bleich, aber ernſt und energiſch, und wie er jetzt, neben dem Tiſch ſtehend, ſeine großen blauen Augen mit einem langſamen Blick über die Geſellſchaft hingleiten ließ, fühlte Jedermann, daß in der Seele dieſes Mannes kein Zweifel und keine Unruhe, ſondern nur feſte, unwandelbare Ueberzeugung wohne. Jetzt öffnete Mesmer den Kaſten. Ein athemloſes Schweigen herrſchte in der Geſellſchaft, alle dieſe leuchtenden, fragenden, neugie⸗ rigen Blicke waren unverwandt auf den Doctor gerichtet. 120 Er ſchien das nicht zu fühlen. Mit vollkommener Gelaſſenheit nahm er einen Stuhl und ſetzte ſich nieder. Nun legte er ſeine Hand in den geöffneten Kaſten, deſſen Rückſeite dem Publikum zugewendet war. Jetzt wird er die Inſtrumente heraus nehmen, murmelte Profeſſor Barth ſeinem Nachbar zu; aber bevor dieſer Zeit fand zu einer Er⸗ wiederung, erſchallte ein Ton von ſo wunderbarer, ſeltſamer Gewalt, daß ſelbſt der gelehrte Profeſſor ſein Herz davon erbeben fühlte. Und jetzt ein neuer Ton, noch mächtiger anſchwellend, noch langſamer in geiſterhaftem Geflüſter verklingend, und nun reihte ſich Ton an Ton, nun durchrauſchte den Saal die wunderbarſte, nervenerſchütterndſte Muſik. Und alle Geſichter erbleichten, und von den fremdartigen ſeltſamen Klängen fühlte ſich jedes Herz bewegt, und wie verzückt hingen Aller Augen an dieſem Zauberer, der ſeinem Kaſten, ſo merkwürdige, herr⸗ liche Muſik zu entlocken vermochte. Ah, ſehen Sie da, Herr Profeſſor, flüſterte der Pater Hell, Sie haben Sich nur im Pronomen geirrt. Der Mann hatte in ſeinem Kaſten nicht Inſtrumente, ſondern nur ein Inſtrument. Ja wahrhaftig, flüſterte Profeſſor Barth, der Planet, den Sie prophezeihten, hat ſich in eine Glasharmonica verwandelt. Und die Lancette, die er führt, iſt ein Fiſchbeinſtab mit einem Pfropfen daran, ſagte Doctor Ingenhaus achſelzuckend. Mesmer ſpielte weiter; immer lauter, immer machtvoller durch⸗ rauſchten die Töne den Saal, mit immer ſehnſuchtsvollerer Gewalt ſchienen ſie einen unſichtbaren Geiſt beſchwören zu wollen, daß er erſcheine. Und jetzt nahte da durch das Vorgemach eine weiße Geſtalt. Sie ſchwebte näher heran, ihre Füße ſchienen den Boden nicht zu berüh ren, man hörte ſie nicht, man ſah ſie nur nahen. Jetzt ſtand ſie auf der Schwelle der Thür. Da blieb ſie ſtehen, angewurzelt, unbeweg⸗ lich, denn Mesmer ſtreckte abwehrend eine Hand gegen ſie aus, und baunte ſie an dieſe Stelle. Aller Augen wandten ſich jetzt auf dieſe Geſtalt hin, auf„dieſe Braut des Tages,“ die da in dem Schmuck ihres bräutlichen Feſtes ſich nahte. Noch waren ihre Augen verhüllt von einer dicken Binde, noch gehörte dieſe rührende, zarte Geſtalt dem Gott des Schweigens und der Finſterniß an, aber ſie ſtand ſchon auf der Schwelle einer neuen ſchien ließ nehme hatte rauſch ſchal tes man ſelbe Dan über verle heit nahm d in den war. Profeſſor einer Er⸗ Gewalt, lte. Und ſamer in an Ton, ſte Muſtk. ſeltſanen gen Aller ige, herr⸗ zell, Sie m Kaſten den Sie üt einem er durch⸗ Gewalt erſcheine. Al. Sie berüi⸗ ſie auf unbeweg⸗ us, und natürlich eine verabredete und einſtudirte Scene.. 121 neuen Welt, und das ſelige Lächeln, welches ihre Lippen umfpielte,. ſchien dieſe Welt mit einem erſten Liebeshauch zu begrüßen. 4 Athemloſe Stille herrſchte in dem Saal, langſam nur und leiſe„ ließ ſich dann und wann ein ſanftanſchwelleunder Harmonikaton ver⸗. nehmen. Dann wieder ward Alles ſtill, feierlich, geheimnißvoll.. 4/ Da ließ Mesmer die Hand, welche er gegen Thereſe ausgeſtreckt hatte, ſinken, da legte er ſie wieder auf die Taſten, und nun durch⸗ ⸗ rauſchte der volle Strom der Melodieen wieder den Saal. 1„ Thereſe bewegte ſich, ſie ſchritt vorwärts. Lauter, mächtiger er⸗ 4 ſchallte die Muſik. ℳ ⸗ Im Saal ward jetzt das tiefe Schweigen hier und da durch lau⸗ tes Schluchzen, durch halblaut gemurmelte Gebete unterbrochen. Jeder⸗* mann fühlte die Bedeutung dieſes Momentes, und ließ ſich von dem— ſelben hinreißen. Auf einmal entſtand eine Bewegung, und einige Damen waren ohnmächtig geworden: ihre zartbeſaiteten Nerven waren überwältigt worden von dem Eindruck dieſer Stunde und dieſer Muſik.*) Aber Niemand kümmerte ſich um ſie, Niemand wollte ſeinen Platz verlaſſen, um die Ohnmächtigen aus dem Saal zu führen. Man ver⸗ gaß ihrer und ſchaute nur in athemloſer Erwartung auf Mesmer und. Thereſe hin.„ Er ſpielte immerfort, aber das Haupt halb rückwärts gewandt, heftete er ſeine großen flammenden Blicke mit einem gebieteriſchen Aus⸗ druck auf Thereſe. 7. Sie fühlte dieſen Blick und erbebte unter demſelben. Mit raſche⸗ ren Schritten näherte ſie ſich jetzt; wie getragen von unſichtbaren Ge⸗ nien ſchwebte das junge, lächelnde Mädchen mit den verhüllten Augen zu der Eſtrade hin, und ſtand jetzt auf derſelben, dicht neben Mesmer.* Er deutete mit einem einzigen, kurzen Wink ſeines Fingers auf den Divan hin. Sofort wandte ſich Thereſe von Mesmer ab, und ging zu dem Divan, auf dem ſie ſich niederließ. Sie iſt gut abgerichtet, murmelte Herr Profeſſor Barth. Das iſt *) Es geſchah ſehr häufig, daß Damen, ja ſogar auch Herren in Ohnmacht fielen, wenn Mesmer auf der Glasharmonika ſpielte. Siehe Juſtinus Kerner Seite 42. XX 122 XN 1 Wenn man mit einer Glasharmonika Blinde ſehend machen kann, terlich z N flüſterte Doctor Ingenhaus, ſo verbrenne ich morgen meine Bücher, ſanm und werde wandernder Muſikant. Jt Wenn man mit dem Winken ſeiner Hand Planeten eitiren kann, Si ſagte Pater Hell, ſo zerſchlage ich heute noch meine Gläſer und werde trüben „amulus von Mesmer. Es ſcheint in der That, als ob— das G. Die Harmonika verſtummte, und machte dem leiſen Geſpräch der der der gelehrten Herren ein Ende. Mutte Mesmer ſtand auf, und ſeine hohe muskelkräftige Geſtalt hoch 4 Demporrichtend, näherte er ſich Thereſen. Sie erbebte, und lehnte tet ſi ſchwer athmend ihr Haupt zurück in die Kiſſen. Mesmer erhob ſeine Freud Hände, und beſchrieb über ihrem Haupte langſam einige Kreiſe durch 8 die Luft. als 8 Es brennt und bohrt in meinen Augen wie glühende Dolche, mur⸗ d 5 melte Thereſe. 3 1 ſ Jetzt richtete er die Spitzen ſeiner Finger gerade gegen ihre Augen, und berührte mit denſelben die Binde. ¹ 3 Nimm die Binde ab und ſieh! rief Mesmer mit gebieteriſcher 1 danſ Ne— 1 ſtand Stimme. Thereſe hob haſtig ihre Hände empor und riß die Binde von ben ihren Augen fort. dir I Eine athemloſe Stille herrſchte in dem Saal, alle Herzen klopften 4 agſtval, mit glühender Neugierde waren alle Blicke auf dieſes bleiche, and Aunge Mädchen gerichtet, das mit weit geöffneten Augen auf der Eſtrade. d ſtand, und ſtarr und unverwandt auf Mesmer hinſchaute, der unbeweg⸗ 15 6 kich ihr gegenüber ſtand. zutie Jetzt hob Thereſe die Hand empor und deutete auf Mesmer hin. 8 Wie, rief ſie mit einem Ausdruck tiefen Entſetzens, iſt das das Bild drri eines Menſchen?*) r X Mesmer antwortete nicht, er nickte nur mit dem Kopf; ſeine Arme ſage S Dauf die Hüften ſtützend, ließ er ſeinen Körper allerlei ſchwankende Be⸗ Do wegungen machen. beß 8 hereſe ſtieß einen Schrei aus, und fuhr zurück. Das iſt fürch⸗ 1 lie *)*) Thereſens eigene Worte. Siehe Iuſtinus Kerner. S. 63. 4 3 d chen kann, he Bücher, ren kann, und werde ſpräch der eſtalt hoch und lehnte erhob ſne riiſe durch lche, mul⸗ re Augen, ieteriſcher ginde von en lopften ſes bleiche, de Eſtrade unbeweg⸗ kzmer hin. das Bild ſeine Ammt tende Be⸗ ziſt fürch 123 terlich zu ſehen! rief ſie entſetzt. Dies Menſchenbild wird über mir zuſammenſtürzen. Wo iſt Mesmer, zeigt mir Mesmer! Ich bin es, ſagte Mesmer, ſich ihr nähernd. Sie zuckte zuſammen und betrachtete ihn lange mit prüfenden, trüben Blicken. Ich glaubte, ein Menſchenantlitz ſei ſtrahlend wie das Glück, ſagte ſie, und dies Geſicht, dünkt mich, ſieht aus wie der verkörperte Schmerz. Sehen alle Menſchen ſo aus? Wo iſt meine Mutter? Frau von Paradies hatte nur auf den Ruf ihrer Tochter gewar⸗ tet, ſie kam jetzt mit ausgebreiteten Armen, ihr Antlitz überſtrömt von Freudenthränen, zu ihr herangeeilt. Aber Thereſe warf ſich nicht in ihre Arme, ſie ſtieß einen Schrei aus, und verhüllte ſich mit beiden Händen das Geſicht. Thereſe, mein geliebtes Kind, rief ihre Mutter zärtlich, ſieh mich an, ſchau in meine Augen und erkenne darin die Liebe einer Mutter. Ja, das iſt die Stimme meiner Mutter, rief Thereſe freudig, in⸗ dem ſie ihre Hände wieder von ihrem Antlitz gleiten ließ. Ihre Mutter ſtand neben ihr, und ſchaute ſie lächelnd an. Du, Du biſt meine Mutter? flüſterte Thereſe. Ja, ja, ich er⸗ kenne Dich, ich kenne dieſe Augen, ſie ſehen aus, wie eine verklärte Thräne der Liebe! Oh Mutter, meine Mutter, laß mich Dich anſchauen und zu Deinen Augen beten! Frau von Paradies neigte ihr Haupt vorwärts, um ihre Tochter zu küſſen, aber wieder fuhr Thereſe mit einem Aßßſchrei des Entſetzens zurück, und verhüllte ihr Geſicht. Weshalb drohſt Du mir ſo fürchterlich? fragte ſie angſtvoll. Geh zurück, Du wirſt mir mit dem entſetzlichen Ding die Augen ausbohren. Womit, Thereſe? fragte ihre Mutter erſtaunt. Sieh mich an, und ſage mir, was Dich in meinem Antlitz erſchreckt. Blicken Sie empor, und ſchauen Sie Ihre Mutter an, Thereſe, befahl Mesmer. Sie gehorchte dieſer Stimme, welche ihr Herz erbeben machte, und ließ ihre Hände von ihrem Antlitz gleiten. Nun ſage mir auch, was Dich erſchrecktt hat, bat Frau von Paradies! 124 Thereſe hob ihre Hand empor, und deutete ſchüchtern auf die Naſe ihrer Mutter. Das da, ſagte ſie. Was iſt das? Das iſt meine Naſe! rief ihre Mutter lächelnd, und durch den ganzen Saal hörte man jetzt das melodiſche Rauſchen eines frohen Lachens. Dieſe Naſen ſind fürchterlich in dem Menſchengeſicht, rief Thereſe entſetzt. Es kommt mir vor, als wenn ſie mir entgegen drohten, und mir meine Augen ausſtechen wollten.*) Ich will Ihnen das Bild eines drohenden Menſchen zeigen, The⸗ reſe, rief Mesmer, indem er eine drohende Stellung annahm, und mit geballten Fäuſten, mit blitzenden Augen, mit feſt aufeinander gepreßten Lippen zu ihr heranſchritt. Thereſe brach zuſammen, und ſtürzte auf ihre Kniee nieder. Sie werden mich tödten, ſchrie ſie entſetzt. Die Scene, zugleich ſo einfach und ſo dramatiſch, machte auf alle Anweſenden einen überzeugenden Eindruck. Selbſt der gelehrte Pro⸗ feſſor Barth ließ ſich hinreißen von der Gewalt des Moments. Bei Gott, das iſt keine Täuſchung, ſie kann ſehen, rief er. Wenn das Herr Profeſſor Barth ſagt, ſo wird wohl Niemand es mehr zu beſtreiten wagen, ſagte Mesmer laut genug, um von Jeder⸗ mann im Saal verſtanden zu werden. Der Profeſſor runzelte finſter ſeine Stirn, und gab ſich das An⸗ ſehen, die Worte Mesmer's gar nicht gehört zu haben. Er bereute ſchon, was er geſagt, und hätte, trotz ſeines bekannten Geizes, jedes ſeiner Worte mit einigen Ducaten zurückkaufen mögen. Aber es war zu ſpät, alle Anweſenden hatten ſie vernommen, und Jeder flüſterte es froh dem Andern zu: Auch Profeſſor Barth iſt jetzt überzeugt. Auch er geſteht zu, daß Thereſe ſehen kann. Mesmer iſt in Wahrheit ein Wunderdoctor! Thereſe indeß hatte jetzt auch ihren Vater und ihre nächſten Ver⸗ wandten begrüßt. Aber ſie, welche während ihrer Blindheit immer ein ſo zärtliches, liebevolles Weſen gegen alle ihre Angehörigen gezeigt, hatte jetzt gegen ſie Alle ein kaltes, faſt zurückſtoßendes Weſen. *) Thereſens eigene Worte. Siehe Juſtinus Kerner. S. 63. Jü Sehen meinem nen Aus rigen G um pie ſuhr e ling. Führer T verſchl ternd, 2 ⸗ ftürzte 5 Füßen ℳ₰o T empor. v legte 1 Angen —₰ Hund Menj ſein ſchene Prof lieben dem mich ſein wirr dari die Naſe en gauzen aachens. [Thereſe hten, und gen, The „ und wit gepreßten der. Sie auf alle tte Pro⸗ 8. er. emand es en Jeder⸗ das An⸗ 1 bereute zes, jedes r s war iſerte ee t. Auch grheit iin ſien Ver⸗ it immer n gezigt 125 Ich wußte es wohl, ſeufzte ſie traurig, ich wußte es, daß das Sehen mich nicht glücklicher machen könnte. Ich ſah Euch Alle mit meinem Herzen, und ich liebte Euch! Jetzt, wo ich Euch ſehe mit mei⸗ nen Augen, bebt mein Herz zurück und entſetzt ſich vor all den trau⸗ rigen Geheimniſſen, die mir Eure Geſichter verrathen. Ach, ich glaube, um die Menſchen recht lieben zu können, muß man blind ſein! Aber, nue evete fort, weshalb entzieht Ihr mir Bello, meinen Lieb⸗ ling. Dh laßt mich meinen treuen Hund ſehen, er iſt ſo lange mein Führer in meiner Blindheit geweſen, laßt mich ihn ſehen! Bello, der große ſchwarze Bernhardinerhund, hatte längſt an der verſchloſſenen Thür eines Nebengemaches, die Nähe ſeiner Herrin wit⸗ ternd, laut gebellt und gewinſelt. Frau von Paradies eilte jetzt hin die Thür zu öffnen, und ſofort ſtürzte der Hund mit langen Sätzen zu Thereſen hin, um zu ihren Füßen niederzukauern, und ihre Hände zu lecken. Thereſe neigte ſich lächelnd zu ihm nieder, und hob ſeinen Kopf empor. Das kluge Thier, als errathe es den Wunſch ſeiner Herrin, legte ſeinen Kopf auf ihre Knie und ſchaute mit ſeinen großen, dunklen Augen klug und verſtändig. zn ihr empor. Thereſe ſtreichelte ſanft ſein glänzendes ſchwarzes Fell. Dieſer Hund, ſagte ſie ſinnend, dieſer Hund gefällt mir weit beſſer als ein Menſch. Es liegt ſo viel Güte und Wahrheit in ſeinen Augen, und ſein Hundekopf erſchreckt mich lange nicht ſo ſehr als ein Men⸗ ſchenangeſicht.*) 1 2 2 Ich denke, wir könnten uns jetzt von dannen begeben, brumuite Profeſſor Barth, das Schauſpiel iſt zu Ende, und jetzt werden die lieben Verwandten und Freunde nichts Eiligeres zu thun haben, als dem Autor und der erſten Liebhaberin zu applaudiren. Ich ſehe für mich gar keine Verpflichtung ein, dabei zu ſein! Ich auch nicht, ſagte Doctor Ingenhaus, indem er ſich anſchickte ſeinen Herrn Collegen zu begleiten. Ueberdies fühle ich mich etwas ver⸗ wirrt im Kopfe von all' den Gedanken, die dieſer verteufelte Doctor darin zerbröckelt hat. Laſſen Sie uns gehen! *) Thereſens eigene Worte. Juſtinus Kerner. S. 63. 126 Nehmen Sie mich mit, ſagte Pater Hell ihnen folgend. Ich muß wirklich nachſehen, ob der Zauberer keinen Planeten vom Himmel geſtohlen hat, mit deſſen Hülfe er dieſes Wunder hier zu Stande gebracht hat. Die drei Herren durchſchritten gravitätiſch, und ohne ſich zu ver⸗ abſchieden den Saal, um ſich hinweg zu begeben. An der Thür trafen ſie den Grafen von Langermann, den Kammerherrn der Kaiſerin Ah, Sie machen es, wie ich, meine Herren, ſagte der* enteilen dem Zauberſaal, um die Wunder, die Sie erſchaut †Vhren Freunden mitzutheilen. Ganz Wien wird heute und morgen von nichts Anderem ſprechen als von der glücklichen Heilung der ſchönen Thereſe von Paradies, und Niemand wird jetzt mehr zweifeln können, da unſer berühmter Profeſſor Barth ſelber die glückliche Heilung conſtatirt hat. Ich werde mich beeilen, das der Kaiſerin mitzutheilen, und Ihro Ma⸗ jeſtät wird ſehr erfreut ſein ihren Schützling geneſen zu wiſſen. Sie können der Kaiſerin auf alle Fälle mittheilen, daß wir eben eine ſehr gut geſpielte Theaterſcene erlebt haben, Herr Graf, ſagte Profeſſor Barth verdrießlich. Eine Theaterſcene? fragte der Graf verwundert. Aber die Heilung des blinden Mädchens iſt indeß doch eine, Wahrheit, und Sie Selber haben das vorher beſtätigt.. Ein flüchtig hingeworfenes Wort, das man halb aus Höflichkeit halb aus Uebereilung ſagt, iſt noch keine Beſtätigung, rief der Profeſſor Barth ärgerlich. Man ſagt Manches im Salon, was man in ſeiner Studirſtube nicht zu rechtfertigen unternähme. Auch bedarf ein ſolcher Fall der reiflichen Erwägung, ſagte Doc⸗ tor Ingenhaus bedächtig. Es iſt unmöglich, in Einem Tage über ein Factum von ſo ernſter Bedeutung zu entſcheiden. Aber, meine Herren, rief der Graf lachend, das Factum ſteht min⸗ deſtens feſt, daß das Fräulein von Paradies nicht mehr blind iſt und daß Mesmer ſie ohne Inſtrumente und Arzneien blos durch Auflegen ſeiner Hand kurirt hat! Ich eile, der Kaiſerin dieſe Nachricht zu bringen! Er grüßte die Herren mit einer flüchtigen Verbeugung, und eilte von dannen. Da geht er hin, murrte Profeſſor Barth, thut als ob er eine wunder habe. doctor u' kleinen und beiden 1 langſa 9 zugeſte Daß haben, ter A zu br mit e fahru deſſen der haupt herun ken einen nicht Ner entge dan Ich muß geſtohlen üt hat. h zu ver⸗ ür tafen ſerin Krait Sie uPhren von nichts en Ulereſe „da unſer ſtatit hat. Ihro Ma⸗ en. wir eben g, ſagte Heilung ie Selber Höflicleit Profeſſor 1in ſeiner niie Doe⸗ eüber ein ſeeh min⸗ d iſt und Auflegen ahricht 30 und eille 1 ie aix — — 127 wunderbare Freudennachricht in der Burg als Herold zu verkünden habe. Im Hofeirkel wird man heute natürlich nur von dem Wunder⸗ doctor Mesmer zu ſprechen wiſſen. Und wir? Was werden wir thun? fragte Pater Hell, mit ſeinen kleinen liſtigen Augen die beiden Freunde anblinzelnd. Ba, ſagen Sie, Herr College, was werden wir thun? fragte Doc⸗ tor Iagenhaus. Fofeſſor Barth antwortete nicht. Er ſchritt mit gravitätiſcher Ruhe die Treppe hinab, und über den Flur der Hausthür zu. Erſt als ſie auf der Straße angelangt waren und ſich einige Schritte von dem Hauſe der Wunder entfernt hatten, blieb Profeſſor Barth ſtehen, und legte ſeine Hände ſchwer und gewichtig auf die Schultern ſeiner beiden Freunde. Was wir thun werden, meine Herren und Freunde? fragte er langſam. Ja, ſagen ſie es uns, ſagte Doctor Jugenhaus. Dürfen wir es zugeſtehen, daß dieſer Mann über uns den Sieg davon getragen hat? Daß er, den wir ſo lange als einen Charlatan verhöhnt und verſpottet haben, jetzt zu Stande gebrgcht blos mit ſeiner Hand, was unſer berühm⸗ ter Augenoperateur mit der Kancette in ſeiner Hand nicht zu Stande zu bringen vermochte? Dürfen wir es dulden, fragte Pater Hell düſter, daß dieſer Menſch mit einem kühnen Handgriff alle Geſetze der Wiſſenſchaft und der Er⸗ fahrung umſtößt, und uns eine ganz neue, lächerliche Lehre an Stelle deſſen ſetzen will, was ſeit Jahrhunderten und Jahrtauſenden her in der Wiſſenſchaft erkannt und erforſcht war? Wagte er es nicht zu be⸗ haupten, daß er ſich ſeinen thieriſchen Magnetismus von den Sternen herunter geholt habe? Hat er nicht die Keckheit zu ſagen, was noch kein Aſtronom der ganzen Welt entdeckt hat, daß nähmlich die Planeten einen directen Einfluß haben auf die Welt und die Menſchen? Und endlich, ſagte Doctor Ingenhaus ingrimmig, endlich iſt er nicht mir, der ich es zur Aufgabe meines ganzen Lebens gemacht habe, Nervenkranke zu behandeln und zu kuriren, mit der frechen Behauptung entgegen getreten, daß nur der thieriſche Magnetismus die Nerven⸗ krankheiten zu heilen vermöge? Und laufen nicht ſeitdem alle meine 4 4 9 4* 3 8 S. 5 A 4 128 Kranken wie wahnſinnig und toll mir aus der Kur fort, und rennen zu dieſem Charlatan hin, der ihnen Heilung verſpricht durch das Auf⸗ legen ſeiner Hand? Er iſt auf dieſe Weiſe Arzt und Apotheker in Einer Perſon, und die wahnſinnigen Menſchen zahlen ihm für ſeine eigene Perſon das Honorar, das ſie ſonſt zwiſchen uns und dem Ano⸗ theker theilen. Er ruinirt die Aſtronomie, die Medicin und die Pharmacie wenn er den Sieg über uns erlangt, ſagte Profeſſor Barth feierlich; Wüber uns, das heißt über die Wiſſenſchaft, denn wir vertreten die Wiſſen⸗ ſchaft, an welche dieſer freche Menſch Hand anzulegen wagt. Die Wiſſenſchaft würde in Trümmer zuſammenſinken, wenn wir dieſen Mesmer gewähren ließen. Wir ſelbſt würden durch ihn bei Seite ge⸗ drängt, und in den Staub getreten, während er triumphirend an uns vorübereilte, der höchſten Ehre zu. Schon verkündet der Kammerherr der Kaiſerin bei Hofe das Wunder, das er erſchaut, und in wenigen Stunden wird ganz Wien entzückt ſein über die wunderbare Mähr, die es empfängt. Wenn wir nicht unſere Maßregeln nehmen, iſt die Wiſſenſchaft zu Grunde gerichtet, ſind unſere Lehrſtühle umgeworfen, iſt unſere Praxis vernichtet. 8— Wir müſſen alſo unſere Vorkehrungen treffen, riefen die beiden Herren ſchnell. Sagen Sie alſo, was ſollen wir thun? Einfach, die Scene, die wir erlebt haben, für ein Theaterſtückchen ausgeben, ſagte Profeſſor Barth gelaſſen. Thereſe von Paradies iſt blind, und bleibt blind, und was wir da heute geſehen, war eine ein⸗ ſtudirte Farce, weiter nichts! Aber unglücklicher Weiſe, verehrter Freund, haben Sie uns dieſes Auskunftsmittel durch den liebenswürdigen Enthuſiasmus unmöglich gemacht, mit dem Sie die Blinde laut und öffentlich für geheilt und für ſehend erklärten. Sie haben alſo nicht den Ton der Jronie bemerkt, mit dem ich dieſe unglücklichen Worte ſprach? Ich wollte den Charlatan verhöhnen, weiter nichts! Der Eſel nahm für Wahrheit, was nur Spott war! Und alle Anweſenden haben es unglücklicher Weiſe auch ſo gemacht, ſeufzte Pater Hell. Man wird Ihren Verſicherungen leider hinterher ſchwerlich glauben! G morge Wiſſe wird ruinir bekäm Aufga von? nothn bewei ner ſß wir brüte Herrn ſich T zu be die f wenr Das Zeit dami fremd durch ſtel die Das rennen s Auf⸗ eker in rſeine Apo⸗ wenn über Wiſſen⸗ . Die dieſen eite ge⸗ an uns nerherr venigen Mähr, iſt die vorfen, beiden lücſchen dies iſt ne ein⸗ dieſes möglich ilt und dem ich höhnen, war! enuch mnterher 129 Man wird es nicht heute, und nicht morgen, aber vielleicht über⸗ morgen, ſagte der Profeſſor ſtolz. Wenn wir Aerzte und Männer der Wiſſenſchaft in einem feſten Phalanx auftreten gegen dieſen Mann, wird es uns ſchon gelingen ihn zu beſiegen. Wenn wir es nicht thun, ruinirt er uns Alle. Es iſt alſo Pflicht der Selbſterhaltung ihn zu bekämpfen, und als einen Charlatan zu brandmarken! Das ſei unſere Aufgabe, und ſie zu löſen, muß unſer heiliges Beſtreben ſein! Thereſe von Paradies iſt eine Blinde, und es iſt im Intereſſe der Wiſſenſchaft nothwendig, daß ſie es bleibt. Man wird ſchon Mittel finden, es zu beweiſen, daß ſie es auch iſt, und daß die guten, leichtgläubigen Wie⸗ ner ſich wieder einmal einen Bären haben aufbinden laſſen! Kommen Sie, wir wollen daheim in meinem Studirzimmer das Nähere verabreden! Während die drei Widerſacher Mesmer's ſolche unheilvolle Pläne brüteten, waren die Freunde und Bekannten, die in dem Salon des Herrn von Paradies verſammelt waren, noch immer damit beſchäftigt, ſich Thereſen vorzuſtellen und die Geneſene mit herzlichen Glückwünſchen zu begrüßen. Thereſe ſaß bleich und unbeweglich auf dem Divan, und ſtarrte die fremden Geſichter mit einem traurigen Lächeln an, und ſchauderte, wenn man ihr ſagte: das da iſt die Freundin, welche Du ſo ſehr liebſt! Das iſt der Freund, der Dir ſo oft durch ſeine luſtigen Geſchichten die Zeit verkürzte! Sie ſchloß dann die Augen, und ſagte flehend: Sprecht zu mir, damit ich Euch wieder erkenne, und mich ſo ganz allmälig an Euer fremdes Angeſicht gewöhne. Sprecht jetzt zu mir, damit meine Augen durch mein Herz lernen Euch lieb zu gewinnen! Auf einmal aber, als eben wieder eine ihrer Freundinnen ihr vor⸗ geſtellt ward, brach Thereſe in ein lautes Lachen aus. Was trägt denn die für ein lächerliches Ding da über ihrem Haupt? fragte ſie. Nun, ſagte ihre Mutter, das iſt ja die Friſur, die Du ſo ſehr liebſt. Das iſt ein Kopfputz à la Matignon. Thereſe fuhr entſetzt mit beiden Händen zu ihrem eigenen Haupt empor. Ja, ſagte ſie traurig, ſo unnatürlich ſteif und häßlich ſteigt da auch bei mir das lächerliche Ding in die Höhe. Ich will niemals wieder ſo friſirt werden, Mutter! Kaiſer Joſeph. 2. Abth. II. 9 130 Aber, mein Kind, dieſe Friſur iſt jetzt die neueſte Mode, und Du wirſt Dich wohl darin fügen, ſie zu tragen, denn was Mode iſt, iſt ſchön! Ich werde mich nicht darin fügen, ſagte Thereſe, langſam ihr Haupt ſchüttelnd. Jetzt da ich ſehen kann, werde ich nicht ſo ſehr fra⸗ gen, was Mode, ſondern was kleidſam, hübſch und natürlich iſt. Aber jetzt, da ich Menſchen und Thiere kennen gelernt habe, jetzt laßt mich auch die Natur und den Himmel kennen lernen. Mein Arzt, der mir das Licht gegeben, ſoll mir jetzt auch den Himmel geben. Oh, Mesmer, führen Sie mich zu Gott, zur Natur und zum Himmel! Kommen Sie, Thereſe, wir wollen es verſuchen, ob Sie den An⸗ blick des Lichtes ſchon zu ertragen vermögen, ſagte Mesmer, indem er ſanft ihren Arm in den ſeinen ſchob, und ſie von der Eſtrade her⸗ unter hob. Aber ſeltſam, Thereſe, welche ſonſt in ihrer Blindheit frei und leicht durch alle Zimmer des elterlichen Hauſes ihren Weg fand, ohne nur einmal anzuſtoßen und ſich zu verwirren, Thereſe bewegte ſich jetzt nur ſchwankend und mit kleinen furchtſamen Schritten vorwärts. Mein Gott, mein Gott, flüſterte ſie, ſich angſtvoll an Mesmer's Arm klammernd, ſehen Sie nur, wie alle dieſe Dinge auf mich zuſchreiten, ſie werden über uns zuſammenſtürzen und uns zerſchmettern! Mesmer lächelte. Dieſe Dinge ſtehen feſt, ſagte er, und wir ſind es allein, welche ſich bewegen. Sie werden Sich an alle dieſe neuen Eindrücke gewöhnen, Sie werden durch die Erfahrung die Geſetze der Optik begreifen, und die Größe der Gegenſtände ermeſſen lernen. Aber was iſt denn das? rief Thereſe verwundert, indem ſie ſich eben dem großen Wandſpiegel näherte, der zwiſchen den Fenſtern an⸗ gebracht war. Das iſt ein Spiegel, Thereſe. Aber da drin ſind Sie ja zum zweiten Mal? Wer iſt es, der es wagt, ſo auszuſehen, wie Mesmer? Das iſt mein Spiegelbild, Thereſe. Aber welch eine wunderliche Geſtalt mit der abſcheulichen Matig⸗ nonfriſur hängt da am Arm ihres Spiegelbildes? Das ſind Sie, Thereſe! zuſchr 9 qi Laſſen fröhlie wie ie ſie do junge Ihr 2, und ode iſt, im ihr zr fra⸗ Aber t mich er mir komer, een An⸗ dem er de her⸗ dleicht ne nur zt nur smer's hreiten, dir ſind neuen . ſe ſich n an⸗ der es Matig⸗ *) Inſtinus Kerner. S. 65. 8* 1 131 Das bin ich? rief ſie lebhaft, indem ſie haſtig auf den Spiegel zuſchritt. Aber plötzlich wich ſie entſetzt zurück. Mein Gott, ſagte ſie, dieſe Perſon kommt gerade auf uns zu. Laſſen Sie uns zurücktreten, oder ſie wird uns umſtoßen! Und ſie wich ängſtlich und ſcheu zurück; aber auf einmal lachte ſie fröhlich auf. Ah, ſagte ſie, dieſes Mädchen hat ebenſo wenig Muth wie ich. Je weiter ich mich von ihr entferne, deſto ängſtlicher weicht ſie vor mir zurück.*) Aber das iſt auch nur eine optiſche Täuſchung, Thereſe. Das junge Mädchen, welches Sie da ſehen, iſt auch nur ein Spiegelbild, Ihr Bild! Ach, es iſt wahr, ich vergaß, ſagte ſie müde, indem ſie ihre Hände gegen ihre Stirn drückte. Kommen Sie, führen Sie mich dicht an den Spiegel, daß ich mich betrachten kann! Ich werde die Augen ſchließen, um nicht vor der Erſcheinung zu erſchrecken. Sie ſchloß die Augen, und lehnte ſich feſter auf den Arm Mesmers, der ſie jetzt zu dem Spiegel geleitete. Das alſo bin ich, flüſterte Thereſe, ihre Augen wieder öffnend, und mit prüfenden Blicken ihr Spiegelbild betrachtend. Meine Mutter hat Unrecht, ſagte ſie dann nach einer Pauſe. Das Geſicht da iſt nicht hübſch, denn es iſt langweilig; die Seele hat noch nichts auf dieſes Geſicht geſchrieben.Kommen Sie, Meiſter, beſchäftigen wir uns nicht mehr mit dieſem langweiligen Geſicht, laſſen Sie mich den Himmel ſehen! Erſt wollen wir verſuchen, ob Sie das Tageslicht auch ſchon in ſeiner unverhüllten Gewalt ertragen können, Thereſe. Bleiben Sie hier ſtehen, ich werde den Vorhang des Fenſters öffnen. Mesmer trat an das Fenſter, und ließ den Vorhang langſam auf⸗ rollen. Aber Thereſe ſtieß einen Schrei des Entſetzens aus, und ver⸗ hüllte ſich das Geſicht. Das bohrt in meine Augen, wie Dolchſpitzen, ächzte ſie. Ich wußte es wohl, ſagte Mesmer, Ihre Augen müſſen ſich erſt an den Tag gewöhnen. Ich werde Ihnen den Himmel heut Abend zeigen. Jetzt, Thereſe, müſſen Sie es Sich ſchon gefallen laſſen, die 9* 132 Binde wieder vor Ihr Antlitz zu legen, denn Ihre Augen bedürfen der Ruhe!*) XIV. Ber Schlachtplan. Kaiſer Joſeph war in ſeinem Cabinet eifrig damit beſchäftigt, die im Laufe des geſtrigen Tages eingelaufenen Briefe und Bittſchriften zu leſen, als die Thür haſtig geöffnet ward, und der eintretende Lakay Se. Durchlaucht den Fürſten Kaunitz meldete. Der Kaiſer winkte ſtumm mit der Hand, den Fürſten eintreten zu laſſen, und eilte dann ſelber dem Fürſten entgegen, der ſo eben auf der Schwelle der Thür erſchien. Nun wahrlich, rief er lebhaft, dem Fürſten ſeine Hand darreichend, es muß ein ungewöhnliches Ereigniß ſein, das Ew. Durchlaucht in ſo früher Morgenſtunde zu mir führt. Es iſt auch ein ungewöhnliches Ereigniß, Sire, ſagte Kaunitz, in⸗ dem er auf dem Lehnſtuhl Platz nahm, den der Kaiſer ihm ſelbſt neben den ſeinen geſtellt hatte.— Und zwar ein Ereigniß ſehr feierlicher und feſtlicher Art, fuhr der Kaiſer verwundert fort, denn wie ich ſehe, ſind Ew. Durchlaucht heute im Gala⸗Anzug, und geſchmückt mit all den hohen und blitzenden Or⸗ den, welche die gerechte Anerkennung aller europäiſchen Fürſten Ihnen verliehen hat. Oh ſagen Sie doch, Durchlaucht, was hat dies Alles zu bedeuten? Das hat zu bedeuten, Sire, daß heute der Tag gekommen iſt, den ich ſeit zwanzig Jahren erwarte, den ich ſeit zwanzig Jahren nicht *) Die Schilderungen in dieſem Capitel, namentlich der Eindrücke, welche Thereſe von dem, was ſie ſah, empfing, ſowie auch Thereſens Worte ſind keine Erfindung, ſondern ich bin darin genau einem Aufſatz gefolgt, den Juſti⸗ nus Kerner in ſeinem oft citirten Werk mittheilt, als von dem Vater des 75 blinden Mädchens herrührend. einer gewi ihn den cher hoher ich die zuj habe Ihr daß woh noch Sie, Sie er e hät edürfen igt, die iften zu kah Se. eten zu en auf eichend, t in ſo itt, in⸗ ſt neben uhr der t heute en Or⸗ Ihnen Alles en— n, melce orit ſind buir deng I 5 8 de auſi⸗ 8 133 einen Moment aus den Augen verloren, für den ich gearbeitet, gedacht, gewirkt habe all dieſe Jahre hindurch, ſchweigend und in der Stille, ihn vor mir ſehend wie ein herrliches Ziel, ihn herbeiwünſchend wie den koſtbarſten Lohn all meiner Arbeit und meiner Mühen. Ein ſol⸗ cher Tag iſt aber im Leben eines Staatsmannes gewiß ein heiliger und hoher Feſttag, und Ew. Majeſtät werden es daher natürlich finden, daß ich mich zu demſelben geſchmückt habe mit all den Zierrathen, welche die Gunſt der Fürſten mir verliehen. Ich habe heute eine Schlacht zu ſchlagen, und damit ich ſie gewinne, muß Ew. Majeſtät die Gnade haben mir zu ſecundiren. Ah, es iſt alſo ein Zweikampf mit der Kaiſerin, in welchem ich Ihr Secundant ſein ſoll? fragte Joſeph lächelnd. Es iſt ſehr gütig, daß Ew. Durchlaucht mir die Ehre erzeigen wollen, aber Sie wiſſen wohl, daß ich nichts vermag über meine Frau Mutter, und daß ich noch immer ein Kaiſer ohne Scepter und ohne Krone bin! Aber ſagen Sie, Kaunitz, was iſt der Grund dieſes neuen Zweikampfes? Sie kennen ihn, Sire, und ich komme zu Ihnen, Majeſtät, damit Sie ſehen ſollen, daß der Kaunitz ein Mann von Wort iſt, und daß er erfüllt, was er verſpricht. Aber ich entſinne mich nicht, daß Sie mir jemals etwas verſprochen hätten, rief Joſeph ſinnend. Doch! Ich entſinne mich deſſen, ſagte Kaunitz, langſam ſein Haupt neigend. Ich entſinne mich, daß eines Tages der junge Kaiſer, glühend vor Aufregung und Zorn, in mein Kabinet ſtürzte, und von mir Rechenſchaft verlangte für einen Kummer, den man ihm angethan. Mariandel! rief der Kaiſer tief aufſeufzend. Es war damals, als man mir dies holde, liebliche Kind böslich entführt hatte. La, es war an dem Tage, ich ſah da einen jungen Mann, der mehr mit dem Herzen als mit dem Kopf lebte, und mehr ſeinen Nei⸗ gungen als ſeiner Vernunft Gehör geben wollte. Das mag im ge⸗ wöhnlichen Leben recht genußvoll und bequem ſein, aber dieſer junge Mann durfte ſich das nicht erlauben, denn er war ein Kaiſer, und ich erinnerte ihn daran! Sie erinnerten ihn daran, daß er nicht das Recht anderer Men⸗ chen habe, ſeinem Herzen zu folgen, ſagte der Kaiſer bitter, daß er 4 —— 134 kein Mann ſei, der lieben und haſſen dürfe, was ihm gefällt, ſondern ein Kaiſer, das heißt ein von den Verhältniſſen der Politik und Eti⸗ quette abhängiges Geſchöpf, das nur die Leiden, aber nicht die Freuden anderer Menſchen zu theilen berufen iſt.— Der Kaiſer aber verſtand mich und ſeinen hohen Beruf, und opferte ſeiner Krone das junge Mädchen, an welchem ſeine Augen Wohlgefallen gefunden. Für dieſes Opfer verſprach ich dem Kaiſer, ihm allzeit ein treuer Bundesgenoſſe zu ſein, und es ihm dadurch zu vergelten, daß ich mein ganzes Leben, Sein und Denken dem Dienſte Oeſterreichs weihte. Drei Dinge waren es vor Allem, die ich Eurer Majeſtät verhieß, und für die wir uns zu treuer Bundesgenoſſenſchaft vereinigten. Entſinnen Sich Ew. Majeſtät deſſen noch? Ich entſinne mich deſſen. Sie verſprachen mir, Oeſterreich ſieg⸗ reich und groß an die Spitze aller europäiſchen Mächte zu ſtellen, und Sie haben es gethan. Sie verſprachen mir zum Zweiten, daß Sie Oeſterreich eine Entſchädigung ſchaffen wollten für das verlorene Schle⸗ ſien, und auch dies Wort haben Sie erfüllt, für Schleſieu haben Sie uns Galizien und Lodomerien gegeben. Zum Dritten verſprachen Sie— Zum Dritten verſprach ich die Gewalt der Prieſter zu brechen, und die Jeſuiten zu bekämpfen, unterbrach in Kaunitz mit feierlicher Stimme. Sire, ich bin heute hier, um mein Wort zu erfüllen. Die Stunde der Entſcheidung iſt da, ich will zur Kaiſexin gehen, um ihre Einwilligung zur Vertreibung der Jeſuiten aus dem ganzen Kaiſerſtaat Oeſterreich zu erlangen! Aber ſie wird Ihnen dieſelbe niemals gewähren, rief der Kaiſer heftig. Sie wiſſen es ja, die Anhänglichkeit an dieſen Orden der Je⸗ ſuiten iſt in dem Hauſe Habsburg erblich geworden, und die Kaiſerin nennt mich zuweilen in ihrer ſchmerzlichen Aufwallung einen„entarteten Sohn,“ weil ich dieſe Anhänglichkeit nicht theile. Es wird am Ende doch Mittel geben, dieſe Anhänglichkeit der Kaiſerin zu untergraben, ſagte Kaunitz gelaſſen. Sie hoffen noch immer, und wir haben doch bisher immer ver⸗ geblich gekämpft, rief Joſeph ſchmerzlich. Wäre ich Regent, ſo könnten Sie meiner Uuterſtützung gewiß ſein, und meinen Beifall zu Ihrem Plan der Aufhebung der Jeſuiten haben Sie. Aber ich ſehe, nach all 18 den ¹ nicht die K. weiß niß ü terre land Beich in P tigen ſie ſollt gelun welch aus Eſſe der Hab Jeſt Wär muth des auf ſeine ſondern nd Eti⸗ reuden opferte efallen eit ein aß ich weihte. eß, und niſinnen ich ſieg en, und ß Sie Schle⸗ n Sie Sie— rechen, erlicher u. Die im ihre ſerſtaat Kaiſer o⸗ der Je raiſerin arteten teit der ner ver⸗ könnten dhrm 43 1 135 den Niederlagen, welche wir Beide in dieſer Sache ſchon erfahren haben, nicht ein, wie Sie denſelben verwirklichen wollen! Oh, warum ſieht die Kaiſerin dieſe Leute nicht mit meinen Augen! Ich kenne ſie, ich weiß alle ihre Entwürfe, die ſie durchgeſetzt, ihre Bemühungen, Finſter⸗ niß über den Erdboden zu verbreiten, und Europa vom Cap. Finis⸗ terre bis an die Nordſee zu regieren und zu verwirren. In Deutſch⸗ land waren ſie Mandarine, in Frankreich Akademiker, Hofleute und Beichtväter, in Spanien und Portugal die Granden der Nation, und in Paraguay Könige.*) Und doch iſt es dem Herzog von Choiſeul gelungen, dieſe mäch⸗ tigen Herren aus Frankreich, doch iſt es Pombal und Aranda gelungen, ſie aus Portugal, Spanien und Paraguay zu vertreiben. Weshalb ſollten alſo wir verzweifeln an einer Sache, die doch dieſen Männern gelungen iſt? Weil wir es unglücklicher Weiſe mit einer Fürſtin zu thun haben, welche die Jeſuiten liebt, Kaunitz. Weil Maria Thereſia eine Tochter aus dem Hauſe Habsburg iſt. Ferdinand der Zweite und Leopold der Erſte waren bis zum letzten Hauch ihrer Lebens die treuen Gönner der Jeſuiten, und Maria Thereſia ſtammt aus ihrem Blut! Aber Joſeph der Erſte, Ihr Großoheim, Sire, war auch ein Habsburger, und wie mich dünkt, war dieſer Kaiſer nicht eben der Jeſuiten Freund! Nein, wahrlich, der war nicht ihr Freund, rief der Kaiſer glühend. Wäre Joſeph nicht Kaiſer geworden, ſo hätten wir in Deutſchland ver⸗ muthlich auch Malagridas, Aveiros und einen Verſuch des Königsmor⸗ des erleben können. Aber Joſeph kannte ſie vollkommen, und er war auf ſeiner Huth.**) Kennen Sie die Geſchichte, wie Joſeph der Erſte ſeinen Beichtvater gegen die Jeſuiten zu vertheidigen wußte? Ich bitte Ew. Majeſtät um die Gnade, mir dieſe Geſchichte zu erzählen! Hören Sie alſo! Das Synedrium des Ordens hatte einſtmals *) Des Kaiſers eigene Worte. Siehe Briefe Joſeph II. als charakteriſtiſche Beiträge zur Lebens⸗ und Staatsgeſchichte dieſes Herrſchers. S. 12. *) Des Kaiſers eigene Worte. Siehe Briefe ꝛc. S. 13. 136 den Beichtvater im Verdacht der Redlichkeit, es beſchuldigte ihn, mehr Anhänglichkeit an den Kaiſer als an den Vatican zu beweiſen, und veranlaßte deshalb, daß dieſer redliche Mann nach Rom citirt ward. Er aber ſah ſein ganzes, grauſames Schickſal voraus, wenn er dort hin müßte, und bat alſo den Kaiſer, dies zu verhindern. Umſonſt war Alles, was der Monarch that, um dieſem Schritt vorzubeugen. Selbſt der Nuntius verlangte im Namen ſeines Hofes die Entfernung des Beichtvaters. Da aber erklärte der Kaiſer, aufgebracht über dieſen Despotismus Roms, daß, wenn dieſer Prieſter unumgänglich nach Rom müßte, er nicht ohne zahlreiche Geſellſchaft dahin reiſen ſollte, und daß ihn alle Jeſuiten in öſterreichiſchen Landen dahin begleiten müßten, von denen er keinen jemals in ſeinen Landen wiederſehen wolle. Dieſe auch in den damaligen Zeiten unerwartete und außerordentlich ent⸗ ſchloſſene Antwort des Kaiſers ließ die Jeſuiten von ihrem Vorhaben zurückſtehen, und der redliche Beichtvater des Kaiſers blieb in Wien.*) Nun, wir wollen verſuchen, zu dieſer ſchönen Geſchichte heute einen Pendant zu liefern, ſagte Kaunitz mit dem Anflug eines Lüächelns. Laſſen Sie uns an's Werk gehen, Majeſtät. Wir haben keine Zeit mehr zu verlieren, Alles iſt von mir angeordnet, vorbereitet und über⸗ legt, Alles genau auf die Stunde berechnet. Leihen Sie mir alſo Ihren Beiſtand, Sire, und laſſen Sie uns die Scene beginnen. Sagen Sie mir nur, was ich zu thun habe, und ich bin bereit einen letzten Verſuch zu wagen, rief Joſeph. Fürſt Kaunitz blätterte einen Moment in dem Portefeuille, welches er mitgebracht hatte, und nahm dann einen Vrief aus demſſelben her⸗ vor, den er dem Kaiſer darreichte. Wollen Ew. Majeſtät nicht die Gnade haben, dieſen Brief an Ihro Majeſtät zu übergeben? Es iſt ein Schreiben des Königs Carl III. an die Kaiſerin, und wie ich aus dem Begleitſchreiben des Marquis Aranda erſehe, beſchwört darin der König ſeine erlauchte Verwandte auf die eindringlichſte Weiſe, den Jeſuiten, welche der König ſo ener⸗ giſch aus Spanien vertrieben, nicht in Oeſterreich noch länger eine Zuflucht zu laſſen. *) Des Kaiſers eigene Worte. Siehe Briefe ꝛc. S. 13. läche hätte thun Carl der! daß Vor ſand ich dief heut den vich wir M inn wer wan cur R G. ve w. „mehr n, und ward. dort ſt war Selbſt g des dieſen Rom nd daß en, von Dieſe ch ent⸗ rhaben ien.*) einen chelns. e Zeit über⸗ Ihren bekeit wel ches en her⸗ arl III. arquis wandte o ener⸗ er eine 137 Dieſen Brief ſoll ich meiner Mutter übergeben? fragte der Kaiſer lächelnd. Wenn das Alles iſt, was ich zu thun habe, ſo dünkt mich, hätte der Geſandte Spaniens das eben ſo gut machen können als ich. Verzeihen Ew. Majeſtät, es iſt aber nicht Alles, was Sie zu thun haben, und es geſchieht auf den ausdrücklichen Wunſch König Carls, daß ich Ew. Majeſtät erſuchen ſoll, eigenhändig ſein Schreiben der Kaiſerin zu übergeben. Der König von Spanien wünſcht dringend, daß Ew. Majeſtät ſein Schreiben durch Ihre eindringlichen Worte und Vorſtellungen unterſtützen möchten, und er hat mich durch ſeinen Ge ſandten auffordern laſſen, Ew. Majeſtät ſeinen Wunſch vorzutragen. Und ich bin gern bereit, dieſem Wunſch zu genügen, nur weiß ich vorher, daß heute, wie ſchon ſo oft, all mein Reden und Bitten in dieſer Sache fruchtlos ſein wird. Verſuchen es Ew. Majeſtät nur noch einmal, vielleicht hat es heute beſſern Erfolg. Ich werde zu rechter Zeit mit guten Hülfstrup⸗ pen zu Ihnen ſtoßen, und ich bitte Sie deshalb, Sire, die Kaiſerin nicht eher zu verlaſſen, als bis ich mich bei ihr habe anmelden laſſen. Es iſt alſo eine durchaus überlegte und geordnete Scene, welche wir da ſpielen wollen? Eine durchaus überlegte Scene, ja! Und gebe nur Gott, daß die Maſchinerie in Ordnung iſt, und alle Perſonen ihr Stichwort genau inne haben. Sie werden alſo nicht allein kommen? Ich werde in Begleitung des päpſtlichen Nuntius kommen und wenn Ew. Majeſtät erlauben, gehe ich jetzt, ihn abzuholen, denn er er⸗ wartet mich. In einer halben Stunde werde ich mit ihm als Suc curs für Ew. Majeſtät kommen. Gehen Sie, und ich will mich zur Kaiſerin begeben, rief Joſeph glühend. Es iſt ein großer Momient, dem wir entgegen gehen, der Geiſt der Weltgeſchichte möge uns ſeinen Beiſtand und ſeinen Segen verleihen, damit dieſer Moment auch ein guter und fruchtbringender werde für die kommenden Geſchlechter! 138 XV. „Dominus ac Redemptor noster.“ Getreu den mit dem Fürſten Kaunitz getroffenen Verabredungen hatte der Kaiſer, ſobald der Fürſt ſich entfernt, ſich in die Gemächer der Kaiſerin begeben, und von dieſer eine Audienz verlangt; denn Jo⸗ ſeph genoß nicht des Vorrechts, deſſen ſich Fürſt Kaunitz erfreute, er durfte nicht wie dieſer in das Zimmer der Kaiſerin treten, nachdem nur vorher der Kammerhuſar ſeinen Namen laut verkündet hatte, ſon⸗ denn er mußte erſt jedesmal in aller Form durch den Kammerherrn du jour bei Ihro Majeſtät um eine Audienz nachſuchen laſſen, und ge⸗ duldig ſo lange im Vorzimmer warten, bis dieſer ihm die ablehnende oder gewährende Antwort der Kaiſerin brachte. Maria Thereſia hatte indeß heute ihrem Sohn die nachgeſuchte Audienz ſofort bewilligt, und ihn in ihr Cabinet eintreten laſſen. Jo⸗ ſeph aber, um den Zweck ſeines Kommens ſofort zu erklären, hatte ſich beeilt der Kaiſerin das Schreiben des Königs von Spanien zu über⸗ reichen und ſie im Namen des Königs zu erſuchen, daſſelbe in ſeinem Beiſein zu leſen. Die Kaiſerin, verwundert über dieſe Dringlichkeit, hatte eingewil⸗ ligt, und las jetzt, in dem Fauteuil vor ihrem Schreibtiſch ſitzend, den Brief ihres königlichen Verwandten, während der Kaiſer ſich in eine Fenſterniſche zurückgezogen hatte, und die Arme in einander geſchlagen, mit ſinnenden, tiefernſten Blicken zu der Kaiſerin hinüber ſchaute und den Eindruck beobachtete, den der Brief auf ſie machte. Er ſah, wie das Antlitz der Kaiſerin allmälig zu erglühen be⸗ gann, wie ihre Stirn ſich in finſtere drohende Falten legte, wie ihr Buſen ſtürmiſch auf und abwogte, und das Papier in ihren Händen zu zittern begann. Das ſind die Seemöwen, welche den nahen Sturm verkünden, ſagte der Kaiſer zu ſich ſelber. Ich werde mich hüten müſſen, nicht von einer aufſchäumenden Woge des Zorns wie ein leckes Schiff in den Grund gebohrt zu werden. Maria Thereſia, als habe ſie die Gedanken des Kaiſers errathen, hob zorni der d nig jeſtät mit: res, Jeſt unge Ew. weif nicht wahr ſechte zue aus thur und hung und beſch wig derb der Nei ver tug die We nen edungen hemächer enn Jo⸗ eeute, er nachdem atte, ſon⸗ merherrn und ge⸗ blehnende geſuchte n. Vo⸗ atte ſich zu über⸗ ſeinem eingewil end, den in eine ſchlagen, nute und ben be⸗ wie ihr Händen erkünden, müſſen, s Shjf 3 eralhen, 139 hob eben ihre Augen von dem Papier empor und ſchaute mit einem zornigen Blitz zu ihrem Sohn hinüber. Weiß der Kaiſer, was dieſes Papier enthält? fragte ſie haſtig. Ich glaube, es zu wiſſen, Majeſtät, ſagte Joſeph, indem er aus der Fenſterniſche hervortrat, und ſich der Kaiſerin näherte. Der Kö⸗ nig Carl von Spanien wünſcht nichts ſehnlicher, als daß Ew. Ma⸗ jeſtät ſich in Anſehung der Jeſuiten auf ſeine Seite ſtellen. Er verlangt nichts Geringeres, rief Maria Thereſia, indem ſie mit der Hand auf das Papier ſchlug, daß es kniſterte, nichts Geringe⸗ res, als daß ich ſeinem Wüthen gegen die heiligen Väter vom Orden Jeſu nachkomme, und wie mich dünkt verlangt er das in einer ziemlich ungebührlichen und leidenſchaftlichen Sprache. Ohne Zweifel hat er Ew. Majeſtät gebeten, ſein Geſuch bei mir zu unterſtützen, denn er weiß wohl, daß der Kaiſer in dieſem Ding, wie in ſo vielen andern, nicht mit ſeiner Mutter harmonirt und ihr vielmehr entgegen iſt. Nit wahr, Herr Sohn, gedenkſt mit dem König Carl da ein Turnier zu fechten gegen Deine Mutter, und hoffſt wiederum den Sieg über mich zu erlangen, wie Du es leider mit Polen auch gethan. Sag's frei her⸗ aus! Willſt nicht dem Brief da das Wort reden? Frei heraus, Majeſtät, ja, das will ich, rief Joſeph. Ja, ich will thun, was König Carl gethan hat, ich will Ew. Majeſtät beſchwören und anflehen, den Jeſuiten die Macht zu entziehen, welche ſie ſeit Jahr⸗ hunderten in Oeſterreich wie in der ganzen Welt auf eine ſo empörende und gewaltſame Weiſe gemißbraucht haben! Ich will Ew. Majeſtät beſchwören, zu tbun, was König Carl von Spanien, was König Lud⸗ wig von Frankreich gethan, und die Jeſuiten aus Ihren Landen zu verbannen! Ich werde das nicht thun, mein Herr Sohn, rief die Kaiſerin, deren Antlitz glühte, die ſich aber noch gewaltſam zur Ruhe zwang. Nein, ich werde das nicht thun! Ich unterſuche nicht, ob die Jeſuiten verdient haben, was ihnen ſo eben in Frankreich, Spanien und Por⸗ tugal widerfahren iſt, denn ohne Zweifel hatten die Sonveraine, welche die Unterdrückung des Ordens verfügt, das Für und Wider in ihrer Weisheit abgewogen; allein da ich ſie wegen ihrer Aufführung in mei⸗ nen Staaten nur loben kann, nicht minder wegen ihres Eifers und ihrer 140— Arbeiten, ſo halte ich ihre Exiſtenz für das Wohl der Religion und meiner Völker höchſt wichtig und muß ſie in dieſer Ueberzeugung auf⸗ recht erhalten und beſchützen.*) Wenn Ew. Majeſtät das thun, ſo iſt Oeſterreich verloren, rief der Kaiſer, in ſeiner eigenen heftigen Erregung der nöthigen Vorſicht ganz gar vergeſſend. Wer wagt es, das zu ſagen, rief Maria Thereſia, von ihrem Fauteuil emporſpringend, und ſich hoch und ſtolz vor Joſeph aufrichtend. Wer wagt es, mit ſo kecker Stirn mir gegenüber zu treten, und zu ver⸗ dammen, was ich billige, zu ſchelten, was ich gut heiße? Ich wage das, im Namen des ganzen öſterreichiſchen Volkes, das die Jeſuiten bisher in Zwang und Knechtſchaft erhalten haben, ſagte Joſeph ernſt, ich wage es im Namen der mißßleiteten, irregeführten Ju⸗ gend, welche in den Schulen und Collegien der Jeſuiten irrige Lehren und falſche veraltete Begriffe eingeſogen, ihre Lehrjahre vergeudet hat, und unwiſſend und verdummt aus den Schulen und Univerſitäten wie⸗ der hervorgegangen iſt. Das Schulweſen iſt verfallen und zu Grunde gegangen unter der Herrſchaft der Jeſuiten, und Unwiſſenheit und Geiſtes⸗ finſterniß haben ſich an deſſen Stelle geſetzt. Man hat bei mir ſolche Klagen geführt, ſagte die Kaiſerin ſtolz, und ich habe davon, wie es einer Herrſcherin ziemt, wohl Notiz genom⸗ men. Habe dem Jeſuitencollegium das Recht entzogen, ihren Rector zugleich als Präſidenten der Univerſität zu betrachten, und hab' die frommen Väter auf immer von dieſer Stelle entfernt. Hab' ihnen auch die Cenſur der Bücher entzogen, hab' ferner den Cardinal Migazzi ge⸗ ſtattet ein Prieſterſeminar zu errichten, und die Oberaufſicht deſſelben den Jeſuiten zu entziehen. Hab' Alles reiflich in Erwägung gezogen, was mir der Cardinal in ſeinem Mémoire über der Jeſuiten nachthei⸗ ligen Einfluß auf die Studien und die Wiſſenſchaft Ueberzeugendes ge⸗ ſagt hat, und bin bereitwillig auf alle ſeine Verbeſſerungsvorſchläge ein⸗ gegangen. Ich denk' alſo als Kaiſerin und Herrrſcherin meine Pflicht gethan zu haben, und mein' auch mich ſtreng genug gezeigt zu haben, *) Maria Thereſia's eigene Worte. Siehe: Georgel mémoires pour ser- vir à P'histoire des évenements de la fin du XVIII. siècle. P. 130. denn hat, Cardin aus O für di Mehr Will ſchütze Autor der J über ſenſch fährd den Zügli Ahhei warem in d mein dem Jeſu Schj die welch Jeſu zwei und gion und ung auf⸗ rief der cht ganz n ihrem frichtend. dzu ver⸗ les, das en, ſagte hrten Ju⸗ e Kehren det hat, ten wie⸗ Grunde Geiſtes⸗ rin ſtolz z genom⸗ n Reckor hab' die nen auch gaßzi ge⸗ deſſelben gezegen, nachther⸗ ndes ge⸗ 141 denn da der Beichtvater der Erzherzoginnen, der Franz Lener es gewagt hat, gegen die Prinzeſſinnen in ungebührlichen Ausdrücken wider den Cardinal zu eifern, hab' ich ihn ſeiner Stelle entſetzt, und für immer aus Oeſterreich verbannt. Hab' alſo nit bewieſen, daß ich Partei nehm' für die Väter Jeſu, ſondern bin ſtreng und gerecht verfahren allzeit. Mehr aber ſollt Ihr nit verlangen, und mehr werd' ich nimmer thun! Will Allen gerecht werden, alſo auch den Jeſuiten, will ſie ferner ſchützen in meinen Landen, denn die Jeſuiten ſind die Vormauer aller Autoritäten, und ſo lange ſie aufrecht ſtehen, wird das freche Weſen der Anarchie und des Ungehorſams nimmer die Grenzen Oeſterreichs überſchreiten können.*) 3 So lange die Jeſuiten aufrecht ſtehen, rief Joſeph, wird die Wiſ⸗ ſenſchaft, die Moral, und die Religion in ihrem innerſten Weſen ge⸗ fährdet ſein! Weshalb nimmt der Adel jetzt überall ſeine Söhne aus den Jeſuitenkolle fort? Weil man allgemein bemerkt hat, daß die Zöglinge der Jeſuiten vor Allen durch ausgelaſſene Lebensart, durch Atheiſterei und die unſichere Moral des Probabilismus ausgezeichnet waren!**) Weshalb ſind bei uns die Wiſſenſchaften verfallen und nicht in dem Zuſtande, der ihnen gebührt! Ich antworte darauf nicht mit meinen Worten, ſondern mit denen, welche der Cardinal Migazzi in dem Memoire gebraucht, das er an Ew. Majeſtät gerichtet hat.„Der Jeſuitenorden hatte, wie alles Irdiſche, das allgemeine und klägliche Schickſal, welches will, daß ſich Alles ſeinem Untergang nähere, und die Väter ſcheinen durchaus von der guten Straße abzuweichen, auf welcher ſie einſt ſo ruhmwürdig dahingeſchritten waren.“— Oh, die Jeſuiten ſchreien über die Bosheit und den Haß ihrer Feinde, aber die zwei größten Feinde, welche ſie haben, ſind ihre eigene Unwiſſenheit, und die zunehmende Geiſtescultur des Volkes! Aber ſie haben durch Jahrhunderte Gutes und Großes geſchafft, rief die Kaiſerin, ſie haben durch Jahrhunderte die Wiſſenſchaften und Künſte gepflegt und behütet, die Bildung gefördert und den Völkern ferner Welttheile das Chriſtenthum gebracht. Wenn Ihr jetzt, Ihr *) Der Kaiſerin eigene Worte. Siehe Groß⸗Hoffinger I. S. 185. **) Groß⸗Hoffinger I. S. 184. 142 klugen jungen Leute, Alle vermeint, daß die Jeſuiten alte Leute ſind, welche nichts mehr zu leiſten vermögen, ſo ſolltet Ihr ihnen mindeſtens die Ehrfurcht bezeigen, die man dem Alter ſchuldig iſt, und dem greiſen Orden, welchem ich die Macht genommen zu ſchaden, ſolltet Ihr dank⸗ bar ſein für die Großthaten ſeiner Jugend! Nein, Majeſtät, rief Joſeph erglühend in edlem Zorn, kein Volk hat die Verpflichtung der Dankbarkeit gegen dies Inſtitut, das die ſchwärmeriſche Einbildungskraft eines ſpaniſchen Veteranen in einer der ſüdlichen Gegenden Europas entwarf, das eine Univerſalherrſchaft über den menſchlichen Geiſt zu erwerben ſuchte, und ſeinen Ruhm, die Ausbreitung ſeiner Größe und die Verfinſterung der übrigen Welt zum erſten Augenmerk ſeiner Pläne machte. Aber am allerwenigſten hat Deutſchland Grund den Jeſuiten dankbar zu ſein! Ehe ſie in Deutſch⸗ land bekannt geworden, war die Religion eine Glücſſeligkeitslehre der Völker, aber die Jeſuiten haben ſie zum empörenden Bild umgeſchaffen, zum Gegenſtand ihres Ehrgeizes, und zum Deckmantel ihrer Entwürfe ſie herabgewürdigt. Der Jeſuiten Intoleranz war Schuld und Urſach, daß Deutſchland das Elend eines dreißigjährigen Krieges dulden mußte. Ihre Principien haben die Heinriche von Frankreich um Leben und Krone gebracht, und ſie allein ſind Urheber des entſetzlichen Edicts von Nantes geweſen! Die Erziehung der Jugend, Literatur, Belohnungen, Ertheilung der größten Würden im Staat, das Ohr der Könige, und das Herz der Königinnen, alles war ihrer weiſen Führung anvertraut! Man weiß aber nur zu ſehr, welchen Gebrauch ſie davon gemacht, welche Pläne ſie ausgeführt, und welche Feſſeln ſie den Nationen auf⸗ erlegt haben. Wahrlich, wenn ich zu irgend einem Haß fähig wäre, ſo müßte ich dieſe Menſchengattung haſſen, welche einen Fénélon verfolgt, und welche die Bulla in coena Domini hervorgebracht, die ſo viel Ver⸗ achtung für Rom erzeugt hat!*) Nun, es will mich bedünken, daß der Herr Sohn eines tapferen Haſſes fähig iſt, und daß er ſich nit zu beklagen hat über ſein allzu⸗ *) In dieſer ganzen Rede des Kaiſers iſt kein Wort Erfindung, ſondern ſie enthält nur die eigenen Worte des Kaiſers. Siehe: Briefe von Joſeph II. S. 15— 16. weiche Ging! könnte würde! den do der K men, digung ihm allen Der Welt den hat d lombir ſandte talien Sohn mit! Jede und ſeinen Entſe nem Bres für ſter dai wen⸗ eine die — ute ſind, indeſtens greiſen ör dank⸗ in Volk das die ner der heriſchaft uhm, die Lelt zum ſten hat Deulſch⸗ re der ſchaffen, ntwürfe Urſach, mußte. een und icts von hnungen, üge, und vertraut! gemacht, nen auf⸗ wäre, ſo verfolgt, iel Ver⸗ tapferen n alhu⸗ dem ſe gſerh D. 143 weiches und gutes Herz, rief Maria Thereſia mit flammenden Blicken. Ging's nach ihm, ſo würden die Väter Jeſu noch heute verbannt, und könnten geſchmäht und verhöhnt in der Fremde umherirren. Aber ſie würden freilich nit weit zu wandern haben, denn der König von Preußen, den doch mein Herr Sohn auch den weiſen und großen Friedrich nennt, der König von Preußen iſt gern bereit uns auch die Jeſuiten zu neh⸗ men, wie er uns Schleſien genommen hat. Will auf all die Beſchul⸗ digungen, welche der Herr Sohn gegen die Jeſuiten geſchleudert hat, ihm auch nur antworten mit den Worten dieſes Königs, der ja doch allen modernen Freigeiſtern und Philoſophen als Muſter vorleuchtet. Der König hat auch ſchon das Gerücht vernommen, welches jetzt die Welt durchrauſcht, das Gerücht, es wolle der heilige Papſt zu Rom den Orden der Jeſuiten ganz und gar aufheben, und in Bezug darauf hat der preußiſche König an ſeinen Agenten zu Rom, den Abbé Co⸗ lombine, ein Schreiben gerichtet, von welchem mir unſer dortiger Ge— ſandter eine Abſchrift hat zugehen laſſen. Hab' fie heute mit dem italieniſchen Courir bekommen, und es macht mir Freude, ſie dem Herrn Sohn vorzuleſen. Höre Er nur! Die Kaiſerin nahm von ihrem Schreibtiſch ein Blatt Papier, und mit haſtigem Athem, mit glühenden Wangen las ſie:„Sagen Sie es Jedermann, der es hören will, jedoch ohne Prahlerei und Affectation und ſuchen Sie auch eine ſchickliche Gelegenheit es dem Papſt oder ſeinem erſten Miniſter zu ſagen, daß in Anſehung der Jeſuiten mein Entſchluß dahin gefaßt ſei, ſie auf alle Fälle in meinen Staaten in je⸗ nem Zuſtande, in welchem ſie ſich bis jetzt befanden, beizubehalten. Im Breslauer Frieden habe ich in Anſehung der Religion den Status quo für Schleſien garantirt. Ich habe in allen Rückſichten nie beſſere Prie⸗ ſter als die Jeſuiten gefunden. Fügen Sie zugleich auch hinzu, daß, da ich in die Klaſſe der Ketzer gehöre, der heilige Vater mich ebenſo⸗ wenig von der Obliegenheit, mein Wort zu halten, als von den Pflichten eines ehrlichen Mannes und eines Königs dispenſiren könne. Friedrich.*)“ Nund rief die Kaiſerin, nachdem ſie zu Ende geleſen. Soll ich, die apoſtoliſche Majeſtät, mich beſchämen laſſen von dem Ketzerkönig? *) Peter Philipp Wolf: Allgemeine Geſchichte der Jeſuiten. Bd. 4. S. 53. 144 Wollt Ihr alles Ernſtes verlangen, daß ich einem katholiſchen Orden mich grauſamer zeige als ein proteſtantiſcher Fürſt? Nimmer und nim⸗ mer ſoll das geſchehen! Hab' in meinen Landen keine Urſach den from⸗ men Söhnen Loyola's zu zürnen, bin ihnen Lieb und Dankbarkeit ſchul⸗ dig für viel Gutes und Schönes, das ſie ſeit langen Zeiten in Oeſter⸗ reich zu Stande gebracht, und will ſie dafür ſchätzen und hoch halten, ſo lang mir Gott das Leben läßt! Der Kaiſer war eben im Begriff eine heftige Antwort zu geben, als die Thür ſich öffnete und der Kammerhuſar mit feierlicher Stimme verkündete: Se. Durchlaucht der Fürſt Kaunitz, und Se. Eminenz der päpſtliche Nuntius Monſignore Garampi! Maria Thereſia befahl ſie eintreten zu laſſen, und nahm wieder auf ihrem Fauteuil Platz, hinter welchem der Kaiſer ſich aufſtellte, die leuchtenden Blicke der Thür zugewandt, durch welche jetzt der Fürſt ein⸗ trat, Hand in Hand mit dem päpſtlichen Nuntins. Beide Herren näherten ſich ſchweigend und mit feierlichem Ernſt der Monarchin, welche ihnen in geſpannter Erwartung entgegenſah, und dem Nuntius mit einem huldvollen Lächeln die Hand zum Kuſſe darreichte. Bin wahrlich geſpannt, zu erfahren, was dieſe beiden Herren zu gemeinſamer Audienz zu mir führt! ſagte die Kaiſerin nach einer Pauſe. Man iſt's nit gewohnt den Geſandten Sr. Heiligkeit des Papſtes ge⸗ rade in Geſellſchaft des Fürſten Kaunitz Durchlaucht zu mir kommen zu ſehen, und wenn Se. Eminenz es heute vorgezogen haben, ſtatt in Begleitung des Herrn Cardinal Migazzi, lieber in der des Herrn Für⸗ ſten Kaunitz zu kommen, ſo muß das wohl ſeine abſonderlichen und ungewöhnlichen Beweggründe haben. Das kommt daher, Majeſtät, ſagte Kaunitz ruhig, daß das, was der Herr Nuntius heute vorzutragen hat, eigentlich zunächſt nicht die Kirche allein, ſondern mehr noch den Staat angeht, und bei Staats⸗ geſchäften gebührt es wohl dem Reichskanzler und erſten Miniſter Euerer Majeſtät zugegen zu ſein. Ew. Eminenz haben mich im Namen des Papſtes in Staatsge⸗ ſchäften zu ſprechen? fragte die Kaiſerin verwundert. Sprechen Sie alſo! Was iſt's, das Se. Heiligkeit Ihnen aufgetragen? pä Bre Orden nd nim⸗ n from⸗ t ſchul⸗ Oeſter⸗ halten, 1 geben, Stmme nenz der n wider ellte, die ürſt ein⸗ n Ernſt egenſah, m Kuſſe derten zu er Pauſe. yſtes ge⸗ kommen ſiat in enn Für⸗ hen und as, was nicht die Staal- er Euetet Ztaatoge echen Sie Der Nuntius nahm ans ſeinem Talar ein zuſammengefaltetes Pergamentblatt hervor, von welchem an ſeidenen Fäden die großen päpſtlichen Siegel herabhingen. Se. Heiligkeit beauftragt mich, Ihro„apoſtoliſchen Majeſtät ein Breve vorzuleſen, ſagte Monſignore Garampi feierlich. Wollen mir Ew. Majeſtät die Erlaubniß dazu ertheilen? Leſen Sie! ſagte die Kaiſerin, indem ſie ſich aus ihrem Seſſel erhob, um die Botſchaft des Papſtes anzuhören. Der Nuntius entfaltete das Pergament, und unter dem feierlichen, athemloſen Schweigen der Andern las er dieſes Breve, welches ſeitdem in der Geſchichte nach ſeinen Anfangsworten den Namen:„Dominus ac Redemptor noster“ erhalten hat. Dieſes Breve begann mit einer Auseinanderſetzung, daß es von jeher in der Gewalt der Päpſte gele⸗ gen, religiöſe Orden zu begründen und aufzuheben, und daß die Päpſte zu allen Zeiten von dieſer Gewalt Gebrauch gemacht. So habe Gre⸗ gor alle Bettelorden, Clemens V. den Tempelorden, Pius V. den Or⸗ den der Humiliatenbrüder u. ſ. w. aufgehoben. Sodann wandte ſich das Breve zu einer Beleuchtung des Jeſuitenordens. Es ſagte, dieſer Orden der Geſellſchaft Jeſu ſei von den Päpſten großmüthig und frei⸗ gebig unterſtützt, wegen ſeines guten Zweckes, beizutragen zur Förde⸗ rung der Frömmigkeit und Religion, zur Bekehrung der Ketzer und Ungläubigen. Es ſei aber in dieſer Geſellſchaft ſeit ihrem Entſtehen mannigfacher Samaun amnicht allein ine 146 kalt hefteten ſich ſeine großen lichtblauen Augen auf den Nuntius und ſchweiften dann zuweilen langſam und theilnahmlos hinüber nach der Kaiſerin und ihrem Sohn. Leſen Sie weiter, Eminenz, leſen Sie weiter! ſagte Maria Thereſia jetzt athemlos.„ Der Nuntius verneigte ſich ein wenig, und mit lauter erhobener Stimme las er:„In Rückſicht, daß zwiſchen dem heiligen Stuhl und den Königen von Frankreich, Spanien, Portugal und beider Si⸗ cilien, deren Voreltern ſich durch angeerbte Frömmigkeit und Großmuth auszeichneten, Zwietracht entſtanden ſei, welche durch die Intriguen des Ordens der Geſellſchaft Jeſu hervorgerufen, in Betracht, daß dieſe Ge⸗ ſellſchaft die reichen Früchte nicht mehr bringen, und den Nutzen nicht mehr ſchaffen könne, welchen ſie geſtiftet, in Betracht deſſen heben wir mit reifer Ueberlegung, aus gewiſſer Kenntniß und aus der Fülle der apoſtoliſchen Macht, die erwähnte Geſellſchaft auf, unterdrücken ſie, löſchen ſie aus, ſchaffen ſie ab!“*) Ein durchdringender Schrei tönte von den Lippen der Kaiſerin, und wie zerſchmettert von der unerwarteten Nachricht taumelte ſie rück wärts und ſank laut ächzend wieder in den Fauteuil nieder. Als aber der Kaiſer ſich zu ihr niederbeugte, als er zu ihr ſprechen wollte, wehrte ſie ihn mit Heftigkeit zurück. ſagte ſie heftig. Dir aber, Deine 1 6 Nuntius über nach Thereſia erhobener Suuhl und eder Si Hroßmuth iguen des dieſe Ge⸗ uben nicht heben wir Fülle der rücken ſie, Kajſerin, e ſe tch As ober te, wehrte r tröſtliche bet, Deine allein Her⸗ als Geheimniß wie ein Blitzſtrahl überraſcht, und ich muß mir erſt Zeit gönnen, mich zu erholen, und meine Entſchließungen zu treffen. Nein, Majeſtät, ſagte der Nuntius, Niemand hat dieſes Breve ge⸗ kannt, Niemand hat vor ſeinem Erſcheinen mit Beſtimmtheit von dem⸗ ſelben gewußt. Im tiefſten Geheimniß, in der Stille der Nacht hat Se. Heiligkeit es mit dem Kardinal Zelada ausgearbeitet, und weder die Geſandten in Rom, noch die Congregation der Jeſuiten wußten etwas davon.*) Auch hat Se. Heiligkeit mich ausdrücklich ermächtigt und mir befohlen, Ihro apoſtoliſchen Majeſtät der Kaiſerin Maria Thereſia von ihm zu ſagen,„daß Se. Heiligkeit es der Kaiſerin und der ganzen Welt verſichere, er habe ſich in der Jeſuiten⸗Angelegenheit nicht durch irgend eine Rückſicht der Welt, auch nicht aus Zwang oder Gefälligkeit für die bourboniſchen Höfe beſtimmen laſſen, ſondern ſei einzig und allein den Befehlen ſeines Gewiſſens und ſeiner reiflichen Ueberlegung gefolgt.“**) Mit Gebet und Einſamkeit hat er ſich vorbe⸗ reitet zu dem großen, ernſten Schritt, mit Gebet hat er ihn vollendet. Und jetzt beſchwört und bittet Se. Heiligkeit die Allerchriſtlichſte Kaiſe⸗ rin, für Ihre Lande ſeinem Breve die Beſtätigung zu ertheilen, auf daß alle Welt erkennen möge, welche unerſchütterliche Eintracht herr⸗ ſchet zwiſchen dem heiligen Stuhl zu Rom und dem Kaiſerhofe Oeſterreichs. Das iſt der Moment, wo die Staatsgeſchäfte beginnen, ſagte Kaunitz ſich der Kaiſerin nähernd. Ich bitte Ew. Majeſtät, mir den ſchriftlichen Befehl zuzuſtellen zur Publicirung des Breve, welches ich alsdann dem Kardinal Migazzi mitzutheilen habe. Bitt' Er nicht, Seine Bitte kommt zu früh! rief die Kaiſerin hef⸗ tig. Bin noch nit entſchloſſen zu thun, was Er verlangt. Hat Se. Heiligkeit, ohne mich zu fragen und mich nur zu benachrichtigen, ohne mich auch nur einer vertraulichen Mittheilung zu würdigen, ſeine Ent⸗ ſchließungen getroffen, ſo werde ich nun auch, ohne Rückſicht auf den päpſtlichen Stuhl, die meinigen treffen. Aber ich bin von der Weisheit und Erhabenheit Eurer Majeſtät überzeugt, daß dieſe Ihre Entſchließungen im Einklang ſtehen werden *) Adam Wolf. Maria Thereſia ꝛc. S. 430. *) Ebendaſelbſt. S. 431. 148 2 mit denen des heiligen Vaters zu Rom, rief Joſeph glühend, und in⸗ dem er halb ein Knie vor der Kaiſerin beugte, und ihre Hand an ſeine Lippen drückte, fuhr er fort:„Oh Mafjeſtät, laſſen Sie dieſe Stunde zu einer ſegenbringenden für Ihre Völker werden! Geben Sie Ihrem Sohn das heilige und ſchöne Vorrecht im Namen aller dieſer Völker zu Ihnen zu flehen: erlöſen Sie uns aus den tyranniſchen Händen, welche bis hieher unſern Geiſt gefeſſelt und in Banden hiel⸗ ten, befreien Sie uns von dem Zwang, den die Jeſuiten über unſere Gewiſſen und unſere Herzen ausgeübt. Oh ſeien Sie diesmal, wie immer, unſere weiſe Mutter, welche nichts will als das Wohl ihres Volkes, nichts begehrt als die Größe ihres Landes!— Oh meine Kaiſerin und Herrin, es iſt ein großer erhabener Entſchluß, den ich im Namen Oeſterreichs von Ihnen erflehe, aber mit goldenen Lettern wird der Genius der Weltgeſchichte ihn einzeichnen in ſeine Bücher, und leuchtend wird er den kommenden Geſchlechtern entgegen ſtrahlen als ein Denkmal der Erhabenheit und Größe Maria Thereſia's, die ihr eigenes Herz überwand, um ihrem Volk genug zu thun. Oh meine Mutter, wenn in meinem Herzen irgend noch eine Stelle geweſen, zu welcher die Liebe und Anbetung für Ew. Majeſtät nicht gedrungen, ſo wird mein ganzes Herz davon erfüllt werden zu dieſer Stunde, in welcher Ew. Majeſtät einen neuen Segen und eine neue Kraft über Oeſterreich ausgießen, indem Sie das Wort des Papſtes beſtätigen, und Oeſterreich frei machen von der Gewalt der Jeſuiten!“ Ich kann nicht, ich kann nicht! rief Maria Thereſia, wider ihren Willen tief bewegt von den glühenden Worten ihres Sohnes, der jetzt noch immer vor ihr knieend, mit leuchtenden Augen zu ihr aufſchaute. Nein, ich kann nicht thun, was ich für grauſam und verderblich halte. Die frommen Väter haben allzeit treu zu uns gehalten, ſeit mehr als einem Jahrhundert ſind ſie die Beichtväter unſers Hauſes geweſen, unſere Geheimniſſe ſind in ihrer Bruſt ſo feſt und ſicher bewahrt ge⸗ weſen, als habe ſie nur das Ohr Gottes vernommen, ich kann ihre Treue gegen uns nicht lohnen mit grauſamer Untreue! Stehe alſo auf, mein Sohn, denn ich kann Dir Deinen Wunſch nicht erfüllen. Der Kaiſer richtete ſich mit finſterm Antlitz und düſtern Blicken empor und trat zurück. Aber jetzt näherte ſich der Kaiſerin, die ſich ˖in⸗ an dieſe Sie eſer hen jiel⸗ 149 wieder von ihrem Seſſel erhoben hatte, Fürſt Kaunitz, und tiefer, wie er es ſonſt gewohnt war, ſich vor ihr neigend, ſagte er mit ſeiner kalten, beſonnenen Ruhe: Ich bitte Ew. Majeſtät jetzt auch mir einen Moment Gehör zu gönnen. Spreche Er, Herr Fürſt, rief die Kaiſerin ungeduldig, aber ich ſag's Ihm zuvor, meinen Entſchluß wird Er diesmal nit ändern! Weiß ſehr wohl, daß Er, ſo wie der Kaiſer, ein Feind der Jeſuiten iſt, und daß Euch Beide das väpſtliche Breve gar ſehr erfreut. Will Euch Beiden aber nicht den Willen thun, will mich nit einſchüchtern laſſen von Eurer Freude oder Eurem Zorn; noch bin ich die Herrſcherin, und alſo will ich entſcheiden! Auch will ich es nicht wagen, gegen dieſe Entſcheidung anzu⸗ kämpfen, ſagte Kaunitz gelaſſen. Nur auf das, was Ew. Majeſtät vorher geſagt in Bezug auf die Treue und Verſchwiegenheit der Jeſuiten, welche kaiſerliche Beichtväter geweſen, möchte ich mir Erlaubniß erbitten, Ew. Majeſtät einige Worte zu erwiedern. Ah, alſo eine neue Beſchuldigung, rief die Kaiſerin hohnlächelnd. Laſſe Er hören! Ich wünſchte ſie indeſſen nur vor den Ohren Ew. Majeſtät hören zu laſſen, ſagte Kaunitz, und ich möchte Ew. Majeſtät um die Gnade bitten, mir auf wenige Minuten eine Privat⸗Audienz zu bewilligen. Ew. Majeſtät haben ein ſcharfes Ohr, und ich vermag leiſe zu ſprechen. Ich bin überzeugt, daß man dort drüben in der Fenſterniſche nicht zu verſtehen vermöchte, was wir hier Beide ſprechen werden! Maria Thereſia blickte unſchlüſſig und verlegen auf den Kaiſer hin, der indeſſen die ungewöhnliche Bitte des Fürſten mit vollkommener Gelaſſenheit und einem unbefangenen Lächeln aufnahm. Kommen Sie, Monſignore, ſagte Joſeph heiter, indem er ſeinen Arm vertraulich unter den Arm des Nuntius ſchob, kommen Sie, und laſſen Sie uns verſuchen, ob Se. Durchlaucht Recht hat und ob man wirklich dort in der Fenſterniſche nichts zu hören vermag von den ge⸗ heimnißvollen Worten, welche der Herr Fürſt jetzt zu der Kaiſerin ſprechen wird.— Die Kaiſerin blickte ihrem Sohn nach, bis dieſer mit dem Nuntius ſich in die äußerſte Fenſterniſche zurückgezogen hatte. 150 Jetzt red' Er, ſagte ſie dann, ſich an den Fürſten wendend, der gelaſſen ein zuſammengefaltetes Papier aus ſeinem Buſen hervorgezogen hatte, und es langſam und ſpielend aus einer ſeiner Hände in die an⸗ dere ſchob. Ew. Majeſtät bemerkten vorher, ſagte Kaunitz leiſe, die Jeſuiten ſeien ſeit einem Jahrhundert die treuen und verſchwiegenen Beichtväter der kaiſerlichen Familie geweſen, und Ihre Geheimniſſe ſeien in ihrer Bruſt ſo feſt und ſicher bewahrt geweſen, als habe ſie nur das Ohr Gottes vernommen. Sind Ew. Majeſtät feſt überzeugt, das dem ſo iſt? Ich bin davon feſt überzeugt, ſagte die Kaiſerin laut und ener⸗ giſch. Ich habe meinem Beichtvater alle meine Geheimniſſe anvertraut, und er hat mich niemals verrathen, ja ich bin überzeugt, daß er ſelbſt nicht mit Gott von Dem geſprochen, was ich ihm in der heiligen Beichte anvertraut. Und iſt denn das am Ende ein ſo großes Verdienſt? fragte Kau⸗ nitz gelaſſen. Gilt es nicht in der katholiſchen Kirche für ein heiliges, unverbrüchliches Geſetz, daß der Prieſter die Geheimniſſe des Beicht⸗ ſtuhls bewahren muß, und ſie nur dann verrathen und mittheilen darf, wenn ein ausdrücklicher Dispens des Papſtes ihn dazu ermächtigt? Es iſt ſo, ſagte die Kaiſerin, und Er ſieht alſo, daß ſich die from⸗ men Väter Jeſu den Geſetzen der Kirche gehorſam unterwerfen, denn das Beichtgeheimniß iſt ihnen, wie allen andern Prieſtern heilig. Verzeihen mir Majeſtät noch eine Frage. Wird nicht auch der Prieſter, welcher die Beichtgeheimniſſe verräth, ohne vom Papſt dazu er⸗ mächtigt zu ſein, von der Kirche als ein Verbrecher bezeichnet, wird er nicht als ein Uebelthäter ausgeſtoßen, auf immer von ſeinem Amt enthoben und muß in ſtrenger Kloſterhaft büßen für ſeinen Verrath? Ja, Er hat Recht, Herr Fürſt! Wer das Beichtgeheimniß verräth, den nennt das Geſetz des Papſtes einen Verbrecher, die heilige Kirche ſtößt ihn aus, und niemals wieder darf er die Funktionen der Prieſter verrichten. Dann, Majeſtät, war der Papſt wohl befugt, den Orden der Je⸗ ſuiten zu beſtrafen, ſagte Kaunitz, dann werden Ew. Majeſtät die weiſe Anordnung des Papſtes billigen müſſen. Denn dieſes Papier führt den 151 Beweis, daß der Orden nicht viel hält von der Geheimhaltung der Beichte, und daß es wenig auf ſich hat mit der Treue und der Ver⸗ ſchwiegenheit der kaiſerlichen Beichtväter. Wollen Ew. Majeſtät die Gnade haben, dies Papier anzuſchauen? 3 Er reichte mit einem leiſen Neigen ſeines ſtolzen Hauptes der Kaiſerin das Papier dar, welches ſie haſtig nahm und auseinander ſchlug. Aber wie ſie alsdann die Augen darauf heftete, zuckte ſie zu⸗ ſammen, und ihre Wangen erbleichten. Was iſt das? murmelte ſie entſetzt, indem ſie halblaut las:„Beichte der Kaiſerin Maria Thereſia, gehalten am 20. Mai 1772 und von mir unmittelbar nachher niederge⸗ ſchrieben.“— Aber dies iſt eine Verleumdung, eine Intrigue, mit welcher man mich zu überraſchen trachtet! Oh, Durchlaucht, es iſt das eine ziemlich plumpe Lüge, welche Seinem Scharfſinn wenig Ehre macht! Ich lüge niemals, ſagte der Fürſt ernſt. Ew. Majeſtät haben ja überdies nur nöthig das Blatt umzuſchlagen, und zu leſen, was da ge⸗ ſchrieben ſteht. Ew. Majeſtät allein können ja wiſſen, ob Ihre damals gehaltene Beichte wirklich dem entſpricht, was dieſes Blatt enthält. Die Kaiſerin warf einen ſchnellen forſchenden Blick auf den Fürſten, dann ſchlug ſie das Blatt um und heftete ihre Augen auf das Papier. Eine tiefe, durch keinen Laut, keinen Seufzer unterbrochene Stille herrſchte jetzt in dem Gemach. Drüben in der Fenſterniſche ſtand der Kaiſer mit ineinandergeſchlagenen Armen, neben ihm der Nuntius, die Hände über der Bruſt gefalten. Beide ſchauten mit ernſten geſpannten Blicken hinüber zu der Kaiſerin, welche immerfort las, und auf deren Antlitz der Fürſt ſeine kalten, ſtieren Augen gerichtet hielt. Jetzt ließ Maria Thereſia die Hand, welche noch immer das Pa⸗ pier hielt, ſinken, und ſtarrte düſter und in ſich gekehrt zur Erde nieder. Es iſt keine Verleumdung, murmelte ſie leiſe in ſich hinein. Oh ich entſinne mich ſehr wohl jenes Tages, an welchem ich Porhammer, um meinem geängſteten Herzen Erleichterung zu ſchaffen, jene Beichte hielt. Der Fürſt hatte mir eben die Nothwendigkeit auseinandergeſetzt, daß Oeſterreich ſeinen Antheil fordere an der Theilung Polens, und ich hatte endlich, obwohl widerſtrebend, nachgegeben. Da ließ ich Porhammer 152 kommen, und in heiliger Beichte vertrauete ich ihm alle die Zweifel und Beängſtigungen meines Gewiſſens an. Und Alles, was ich ge ſagt, das ſteht da Wort für Wort geſchrieben! Es iſt als wenn ich in einen Spiegel ſchaue, und da mein eigen zuckend Herz erblicke. Sag' Er mir, Herr Fürſt, fuhr ſie dann fort, ihr Haupt raſch erhebend und Kaunitz mit blitzenden Augen anſchauend, ſag' Er mir ſchnell und ohne Umſchweife, woher hat Er das Papier? Se. Heiligkeit der Papſt Ganganelli hat es mir geſandt, ſagte Kaunitz. Ew. Majeſtät wiſſen, daß auf Befehl des Papſtes der Jeſui tengeneral Rieci vor einigen Monaten verhaftet und auf die Engels burg gebracht ward. Bei dieſer Gelegenheit unterſuchte man ſeine Papiere und fand da dieſe Schrift, welche der treue Porhammer ſeinem General geſandt hatte.*) Die Kaiſerin ächzte laut auf und zerknitterte in ihrem zornigen Schmerz das Papier in ihrer Hand. Wahrlich, es iſt eine ſcharfe und ſchneidende Waffe, welche Ihm da der Papſt geſandt hat, ſagte ſie dann nach einer Pauſe, und Er hat mein Herz damit getroffen, daß es blutet. Muß es freilich zugeben, daß der Mann, dem ich mein Lebtag vertraut, der zwanzig Jahr mein Beichtvater geweſen, daß der Mann ein Ver räther geweſen! Aber das Eine böſe Beiſpiel entſcheidet nicht für Alle! Weil der Porhammer ein Verräther und Meineidiger iſt, kann man nit den ganzen Orden verdammen! Aber er ſcheint doch in Uebereinſtimmung mit dem General des Ordens gehandelt zu haben, ſagte Kaunitz bedächtig. Ricci hat dieſe geſchriebene Beichte empfangen, und wohl aufbewahrt, ohne den Pater für dieſen Verrath zu züchtigen. Er hat Recht! ſagte die Kaiſerin raſch. Der Ordensgeneral wußte um das Verbrechen und er beſtrafte es nicht! Ach nun iſt meine Hand gelähmt, und ich kann den Blitz nicht mehr aufhalten, der hernieder⸗ fährt, den Orden zu zerſchmettern. Möge denn geſchehen, was ich nicht mehr hindern darf! Aber dies da, fuhr ſie fort, indem ſie auf das zerknitterte Papier 8 *) v. Hormayr Taſchenbuch für die vaterländiſche Geſchichte. 2. Jahrgang. S. 55.— Preuß Friedrich der Große. Th. IV. S. 38. len. weifel h ge n ich „ Sag und ohne 153 in ihrer Hand deutete, dies da bleibe ein Geheimniß zwiſchen uns. Ich dank's Ihm, daß Er nit im Beiſein und vor den Ohren des Kai⸗ ſers mir das Dementi gegeben, es würd' mich ſehr beſchämt und den Joſeph gar ſehr gefreut haben. Werd's Ihm nimmer vergeſſen, wie taktvoll und ſchonend Er Sich in dieſer Sach gegen mich benommen, werd' Ihm auch dafür mein Leblang eine wohlaffectionirte und treue Kaiſerin bleiben, und Er kann allzeit auf mich zählen! Sie nickte ihm freundlich zu, und that dann einige Schritte vor, indem ſie den beiden Herren, welche in der Fenſterniſche ſtanden, mit erhobener Hand winkte, zu ihr zu kommen. Tritt hieher zu mir, mein Sohn, ſagte die Kaiſerin, Joſeph die Hand darreichend. Haſt vorher gar eindringliche und feurige Worte zu mir geſprochen, und ſollſt jetzt ſehen, daß ſie nit ungehört an mei⸗ nem Ohr und meinem Herzen vorübergerauſcht ſind. Sie Beide aber, meine Herren, Sie, Herr Nuntius, und Er, Herr Fürſt, vernehmen Sie jetzt, was die Kaiſerin Maria Thereſia Ihnen zu ſagen hat, und was, ſo hoffe ich, den Beifall meines Mitregenten und Sohns, des Kaiſers Joſeph, haben wird.— Monſignore, Sie haben mir im Auf⸗ trage Sr. Heiligkeit das Breve des Papſtes Clemens XIV. vorgeleſen, welches den Orden der Jeſuiten vernichtet. Ich meinestheils würde mich niemals haben veranlaßt geſehen, die Jeſuiten in meinen Staaten zu unterdrücken. Da jedoch Seine Heiligkeit die Aufhebung des Or⸗ dens für nothwendig erachtet, ſo werde ich mich als eine treu gehor⸗ ſame Tochter der Kirche nicht länger widerſetzen, und bin bereit die Aufhebungsbulle vollziehen zu laſſen.*)— Berichten Sie das Sr. Hei⸗ ligkeit, und damit Sie ſehen, daß ich mich beeile, ſeinen Befehlen zu genügen, verweilen Sie noch einen Moment. Sie trat zu ihrem Schreibtiſch, und warf mit fliegender Hand einige Zeilen auf ein Papier, das ſie alsdann dem Fürſten Kaunitz darreichte. Herr Fürſt, ſagte ſie, Er bat mich vorher, Ihm, um der Form zu genügen, in einem eigenen Handbillet den Befehl zu ertheilen, das Aufhebungsbreve des Papſtes vollziehen zu laſſen. Nehme Er das *) Groß⸗Hoffinger I. S. 193. Der Kaiſerin eigene Worte. 3— ————* 154 Billet hier, und begebe Er Sich damit zum Cardinal Migazzi. Se. Eminenz möge alsdann das Weitere verfügen, und die Begräbnißfeier für den armen, verblichenen Orden veranlaſſen! Sie wandte ihr Haupt haſtig ab, um Niemand die Thränen ſehen zu laſſen, welche auf einmal ihren Augen entſtürzten, und durchſchritt das Gemach, um ſich hinauszubegeben. Tief ergriffen und ſchweigend ſchauten der Kaiſer und die beiden Miniſter der hohen Geſtalt der Kai ſerin nach, welche gebeugt und kummerbelaſtet der Thür zuſchwankte. Aber an dieſer Thür wandte ſich die Kaiſerin noch einmal um, und ließ die Herren ihr zuckendes Antlitz, und ihre von Thränen überflu theten, bleichen Wangen ſehen. Wenn der Cardinal in's Jeſuiten⸗Collegium fährt, ihnen das Aufhebungsbreve vorzuleſen, ſagte Maria Thereſia laut und gebiete riſch, ſo ſoll ihm ein kaiſerlicher Commiſſarius beigegeben werden. Die⸗ ſer Commiſſarius hat ſogleich nach der Kundmachung den Jeſuiten meinen Schutz und meine Gnade zu verſprechen, wenn ſie als getreue Diener der Kirche und des Staats ſich aufführen werden. Auch ſoll ihnen in meinem Namen geſagt werden, daß ich befehle, es ſolle mit allem Glimpf, Gelindigkeit und gutem Anſtand gegen ſie verfahren werden, und daß ich's auch künftig nimmer dulden werde, daß man den geweſenen Jeſuiten mit Unanſtändigkeit und Hohn begegne.*) Sie nickte noch einmal leicht mit dem Kopf und ging hinaus. Schweigend ſchauten die Herren ihr nach. Keiner wagte die Größe und Bedeutſamkeit dieſes Moments durch irgend ein Wort zu entwei⸗ hen. Ohne ein Wort zu ſagen, machte daher der Nuntius dem Kai⸗ ſer ſeine ceremonielle Abſchiedsverbeugung, als aber dann auch Kaunitz ſich verneigen wollte, ſchritt der Kaiſer raſch auf ihn zu, und ſchloß ihn feſt und innig in ſeine Arme. Ich danke Ihnen, flüſterte er leiſe. Sie haben alle Ihre Ver⸗ ſprechungen erfüllt, Sie haben Oeſterreich groß und frei gemacht. Ich werde Ihnen das nie vergeſſen, und bleibe Ihr Schuldner ſo lang ich lebe!— *) Der Kaiſerin eigene Worte. Siehe: Adam Wolf: Maria Thereſia ꝛc. S. 432. — Se. ißfeier ſehen ſchritt igend Kai ankte. „und erflu⸗ 1 das ebiete Die⸗ zuiten treue ſoll mit ahren man Sie jröße twei⸗ Kai⸗ unib chloß Ver⸗ Ich lang ia ec- — — 7 4 155 Ernſt und ſchweigend ſchritten ſodann die beiden Herren durch den Vorſaal und über die Treppe hinab zu dem großen Portal, vor welchem ihre Staatscaroſſen hielten. Fürſt Kaunitz nickte dem Nuntius einen letzten ſtummen Abſchieds⸗ gruß zu, und angſtvoll erbebend vor der rauhen Luft eines Septem⸗ bertages,*) gegen den er ſich indeß durch ſechs Mäntel und einen Muff geſchützt hatte, eilte er in ſeine dicht geſchloſſene Kutſche. Aber als die Thür hinter ihm geſchloſſen war, und der Wagen mit ihm dahin— rollte, ließ der Fürſt den Muff, den er ſich angſtvoll vor den Mund gehalten, herabgleiten, und,— etwas Unerhörtes und Seltenes!— ein Lächeln umſpielte ſeine ſchmalen Lippen. Wie's nun auch kommen möge, ſagte er bedächtig, ich werde Mi⸗ niſter, das heißt, Oeſterreichs unumſchränkter Beherrſcher bleiben. Ob nun Maria Thereſia oder Joſeph Kaiſer von Oeſterreich ſich nennen wird, ich werde ſein Herrſcher bleiben. Beiden bin ich unentbehrlich, Beide haben ſie erkannt, welchen Schatz ſie an mir beſitzen, und haben mich ihrer ewigen Dankbarkeit verſichert. Polen iſt gefallen, die Je⸗ ſuiten ſind geſtürzt, aber Kaunitz wird immerdar aufrecht ſtehen, eine Säule, an welche Oeſterreich und ſein Kaiſerhaus ſich anlehnen!— Am andern Tage fuhr ein Schrei der Ueberraſchung und des Entſetzens durch ganz Wien, denn wie die Windsbraut ſauſete die Nachricht durch alle Straßen, und durch alle Häuſer:„der Jeſuiten⸗ Orden iſt aufgehoben! Cardinal Migazzi iſt ſo eben ins Jeſuiten⸗ Collegium gefahren, um den frommen Vätern das Breve des Papſtes vorzuleſen, und ſie aufzufordern, binnen vier Wochen ihre Häuſer zu räumen und ihre Ordenskleider abzulegen!“ Und ſo geſchah es! Vier Wochen nach dem Tage, an welchem der Cardinal im Jeſuiten⸗Collegium das Breve vorgeleſen, öffneten ſich die Pforten des Gebäudes und ein ſeltſamer, feierlicher Anblick bot ſich der Menge dar, welche Kopf an Kopf gedrängt, die ganze Straße erfüllte. Angeführt von ihren Obern gingen die Jeſuiten in ihren langen ſchwarzen Ordenskleidern, den ſchmal und lang aufgeſchlagenen Hut *) Das Aufhebungsbreve langte am 10. September 1793 in Wien an. 156 auf dem Haupt, den Roſenkranz an dem blauen Gürtel hängend, aus dieſem großen, finſtern Gebäude hinaus, das ſie ſeit einem Jahrhun⸗ dert inne gehabt. Jeder von ihnen trug eine Bibel oder ein Er⸗ bauungsbuch unter dem Arm, Aller Geſichter waren traurig und bleich, Aller Lippen feſt aufeinander gepreßt, als wollten ſie das Wort des Unmuths, oder den Seufzer des Schmerzes zurückhalten. Nur ihre finſterblitzenden Augen indeß ſprachen zu der Menge, und ſchienen un⸗ ter dieſen Hunderten nach einem befreundeten Geſicht, einem theilneh⸗ menden Auge zu ſuchen.— Aber das Volk ſchaute in dumpfer Be⸗ ſtürzung dieſem ſeltſamen, aus lebendigen Leichen beſtehenden Leichen⸗ zug zu, und nur hier und da ſah man ein altes Mütterchen weinend ihre Hände falten, eine reichgeputzte Dame an einem der Fenſter der Häuſer, an welchen der Zug vorüberkam, ihr Taſchentnuch auf ihre Augen drücken. Kein Ruf, kein Gruß, aber auch keine Verwünſchung und kein Hohn ertönte aus dieſer Menge, die überall ſchweigend ſich aufthat, und dieſen feierlichen, ſchwarzen Zug, der ſich langſam in ihrer Mitte fortſchlängelte, hindurch ließ. So unter athemloſer Stille, umwogt von dem Volk, bewegte ſich der Zug weiter durch die Straßen dahin bis zu dem Kohlmarkt. In der Mitte deſſelben hielt der Rector an, und in einem weiten Kreis ſammelten ſich um ihn die Ordensbrüder. Jetzt entblößte der Rector ſein Haupt, die Jeſuiten folgten ſeinem Beiſpiel; ſie neigten ihr Haupt zum Gebet; und das Volk, hingeriſſen von dem feierlichen, tiefernſten Anblick, plötzlich von wunderbarem, groß⸗ müthigen Mitleid ergriffen für dieſe Ausgeſtoßenen, Vertriebenen, die von dieſer Stunde an keinen Namen, keinen Stand und keinen Beruf mehr haben und auf ewig von der Welt verſchwinden ſollten, das Volk ſchaute jetzt mit Thränen auf dieſe ſchwarzen Geſtalten, die miit geſenk⸗ ten Häuptern da ſtanden, und in einem letzten Gebet Abſchied nahmen von ihrer großen Vergangenheit und ihren großen Erinnerungen; das Volk ſank auf ſeine Kniee nieder, um zum letzten Male mit den from⸗ men Vätern die Gebete zu beten, welche ſie ihm gelehrt! Es war ein letzter Triumph, eine letzte Schauſtellung, welche die klugen Väter ſich bereitet hatten. Jetzt war das Gebet beendet, und d, aus hrhun in Er⸗ bleich, rt des rihre n un⸗ eilneh⸗ er Be eichen einend er der f ihre Hkein fthat, Mitte e ſich In Kreis einem riſſen groß⸗ „die Beruf Voll ſent⸗ hmen das from⸗ edie — der Rector trat zu Denen, welche ihn umgaben, und reichte ihnen die Hand. Und Jeder dieſer bleichen, finſtern Männer flüſterte leiſe einige Worte, auf die der Rector leiſe eine Antwort gab. So ſchritt der Rector immer weiter, weiter durch die Reihen der Ordensbrüder, und als er von Jedem mit einem Händedruck Abſchied genommen, Jedem leiſe einige Worte geſagt, trat er aus ihrem Kreis heraus, und ſchritt langſam, nur von zwei Jeſuiten begleitet, von dannen, hinein in die Menge, in deren Gewoge er bald verſchwunden war. Und ſeinem Beiſpiel folgten jetzt die Ordensbrüder, ſchweigend und düſter verloren ſie ſich hier und dorthin, und bald war von all dieſen ſchwarzen Geſtalten nichts mehr zu ſehen, als hier und dort ein ſchwar⸗ zer, langaufgekrämpter Hut, der über den Köpfen des Volks ſich fort⸗ zubewegen ſchien, und endlich auch in der Ferne verſchwand.— Das war das Leichenbegängniß der Jeſuiten, welche ein Macht⸗ ſpruch Ganganelli's getödtet hatte, und von welchen die Wiener mein⸗ ten an dieſem Tage für immer Abſchied genommen zu haben, und von welchen die ganze Welt glaubte, daß ſie für immer geſtorben ſeien. Sie aber wußten es beſſer, ſie glaubten nicht an ihren Tod, und die Worte, welche der Jeſuitenrector, Abſchied nehmend, zu ſeinen Brü⸗ dern geflüſtert, bezeugten das. Wann wird unſer Orden wieder auferſtehen? hatte Jeder von ihnen gefragt. Und Jedem von ihnen hatte der Rector geantwortet:„Er wird auferſtehen, wann ſeine Zeit gekommen iſt. Harret auf dieſe Zeit! Unſterblich wie die Seele iſt der Orden Loyola's!“ F —& A&⏑ 8&⏑—eͤ— 8 6 5 E 3 5 2 8 8 5 5 5 8 Inhalt des zweiten Bandes. (Kaiſer Joſeph und Marie Antoinette.) Hungersnoth in Böhmen............... 1 Die ſchwarze Suppe................. 11 Die vornehmen Kornwucherer.............. 21 Der Kaiſer in der Indenſtadt zu Prag........... 36 Diplomatie................... 46 Rußland ſpricht.................. 55 Die wilde Gräfin................. 65 Eine gezwungene Ehe............... 78 Die letzte Bitte.................. 85 — Finis Poloniae.................... 93 Franz Anton Mesmer................ 102 3 Thereſe von Paradies............... 106 Der erſte Tag des Lichts............... 117 4 Der Schlachtblon................. 132 1— „Dominus ac Redemptor noster............. 138 2 — 4 4 COolour& Grey Sorurol Shart G Cyan Green vellow Hed Magenta