R— 4 von. 5. Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Üühr bis Abends 8 Uhr offen. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— gf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. 3 2„ 3 8— Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zuru ickſendung ver Blcher auf ihre eigene n Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. Schadenersatz. 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Und endlich war dieſer glückliche Moment gekommen, endlich ver⸗ kündete das Donnern der Kanonen, das laute Jubeln des Volkes, das ſich wie eine einzige ungeheure Meereswoge die Schloßſtraße herauf⸗ wälzte, endlich verkündeten die ſchmetternden Fanfaren der Militair⸗ muſik das Annähern des ſo ſehnlich erwarteten Kaiſers! Da kam er die Straße herauf, da, dieſer junge Mann auf dem ſchwarzen ſchäumenden Pferde, dieſer junge Krieger, der allen voraus⸗ ritt, das war Er, der Kaiſer Joſeph, die Hoffnung und die Liebe Oeſterreichs! Tauſendſtimmiger Jubel erfüllte die Lüfte, dankend neigte ſich der Kaiſer links und rechts ſeinem grüßenden Volke entgegen, dankend hob er die Augen empor zu den Fenſtern, von welchen ein duftender Blu⸗ menregen zu ſeinen Füßen niederfiel. Wie er eben wieder ſich neigte, ſein jauchzendes Volk zu begrüßen, fiel ein Strauß von Orangen und Purpurroſen gerade vor ihm auf den Sattelknopf nieder. Der Kaiſer lächelte, und indem er das Bou⸗ quet aufhob, richtete er ſeine Augen empor zu dem Hauſe, an wolchem er eben vorüberritt, umi der ſchönen Geberin zu danken für den ſchö⸗ nen, ſo meiſterhaft gezielten Strauß. Auf einmal nahmen ſeine greich⸗ gültig lächelnden Blicke einen lebhaftern Ausdruck an, und unwillkühr⸗ lich hielt er ſein Pferd an, um hinauf zu ſchauen zu der Frau, die da oben auf dem Balcon lehnte. Es war eine ſtolze impoſante Geſtalt, umfloſſen von einem ſchwarzen Sammetgewand, das einem Reitkleid ähnlich bis zum Halſe hinauf reichte und vorn mit großen Brillant⸗ knöpfen, die in der Morgenſonne wie Sterne funkelten, geſchloſſen war. Ihr regelmäßig ſchönes und jugendliches Antlitz war farblos und blaß, aber von jener ſchönen durchſichtigen Bläſſe, wie ſie die Venetianerin⸗ nen haben, die dem Antlitz nichts Krankhaftes und Todtes, ſondern etwhas von der erhabenen Schönheit der Statuen verleiht. Ihr ſchwar⸗ zes, glänzendes Haar fiel zu beiden Seiten ihres Antlitzes in ſchwer — — — ——————— ————— 4 Locken nieder, die das ſchöne Oval deſſelben wie mit einem dunklen Rahmen einfaßten. Ein Diadem von Brillanten erhob ſich über ihrer hohen Stiru, und von dieſer hernieder floß ein langer ſchwarzer Spitzen⸗ b ſchleier, der wie eine dunkle Wolke dieſe ganze ſo ernſte und zugleich ſo ſchöne Erſcheinung umflatterte.— Ein Zug unausſprechlicher Trauer, lächelnder Wehmuth war über ihr ganzes Antlitz ergoſſen, und ihre großen Augen waren mit einem tiefen Ernſt auf den Kaiſer geheftet. Joſeph neigte ſich tiefer, wie er es bisher gethan, um dieſe ſo ſchöne und ernſte Frau zu begrüßen, ſie aber erwiderte kaum ſeinen Gruß, und ihr Antlitz blieb ſchweigend und traurig wie zuvor. Das Bouguet iſt nicht von ihr, ſagte der Kaiſer leiſe in ſich hin— ein, aber wie er noch einmal das Auge erhob, fiel ſein Blick auf den Strauß, den die Dame am Buſen trug. Es war ein Strauß ganz ähnlich dem, welchen der Kaiſer in der Hand hielt. Dieſelben weißen und dunkelrothen Blüthen, daſſelbe weiße und dunkelrothe Band, das die Blumen zuſammenhielt und in langen Enden niederflatterte. Der Kaiſer lächelte, und den Strauß in ſeiner Hand hoch empor hebend, winkte er der Dame einen letzten Gruß zu und ritt weiter. Aber ſein Antlitz hatte jetzt einen ernſten, ſinnenden Ausdruck ange nommen, und nur zerſtreut und langſam erwiderte er die Grüße des jauchzenden Volkes, und die Damen an den Fenſtern bemühten ſich vergebhlich mit ihren wohenden Taſchentüchern und ihren Blumenbouquets die Aufmerkſamkeit des jungen Kaiſers auf ſich hinzulenken. Er ge dachte immer noch der ſeltſamen, ſchönen Frauenerſcheinung, und fragte ſich ſelber, wo er dieſelbe ſchon geſehen habe, und weshalb ſie ihm ſo bekannt vorkomme. 1 Und endlich war das Ende dieſes langen Triumphzuges erreicht, endlich war der Kaiſer bis zum Schloſſe gelangt, und ſich raſch vom Pferde ſchwingend, trat er, gefolgt von dem Feldmarſchall Lacy und dem Grafen Roſenberg, in das Schloß ein. Das zu vielen Tauſenden auf dem großen Platz verſammelte Volk rief dem Kaiſer ein letztes Vivat nach, und heftete dann ſeine Augen auf das gläuzende Gefolge des Kaiſers, auf die Generäle, Stabsofficiere und Soldaten, die jetzt in buntem Gemiſch und unter klingendem Spiel die Straße heraufzogen, und ſich dann in feierlicher Haltung auf dem 5 Platz aufſtellten. Und von dieſen ſtolzen und glänzenden Soldaten richteten ſich dann die Blicke der Zuſchauer auf dieſe Kutſche, die da, den Generälen voran, und gleichſam von denſelben escortirt, gleichfalls den Weg nach dem Schloſſe einſchlug Die Fenſter dieſer Kutſche waren innerhalb dicht verhangen, und auch nicht ein einziges Mal be⸗ wegten ſich dieſe grünen Vorhänge, um das Geſicht der Perſon ſehen zu laſſen, welche ſich in dem Innern des Wagens befand. Wer war dieſe Perſon? In welcher Beziehung ſtand ſie zu dem Kaiſer? Gewiß war es eine Dame, denn welcher Mann wohl würde es wagen, in einer Kutſche zu fahren, wenn doch Se. Majeſtät der Kaiſer ſelber zu Pferde in die Stadt einzog. Das wäre ein Verſtoß gegen die Etiquette geweſen, deſſen keiner der Herren aus dem Gefolge des Kaiſers fähig war. Gewiß alſo war es eine Dame, welche die geheimnißvolle Kutſche verbarg, vielleicht die Kaiſerin Maria Thereſia ſelber; vielleicht kam die regierende Kaiſerin, um ihren einſtigen großen Widerſacher von Angeſicht zu Angeſicht zu ſchauen, und ihm die Hand zu reichen zu dem Frieden der Zukunft. Während die Zuſchauer ſich dieſe Vermuthungen und Hoffnungen zuflüſterten, hatte der von vier herrlichen Rappen gezogene Wagen das Schloß erreicht, und hielt jetzt vor demſelben an. Die reich gallonirten Bedienten ſprangen von ihrem Sitz hinter der Kutſche herab und ſtellten ſich kerzengrade neben der noch immer geſchloſſenen Thür des Wagens auf. Die beiden andern Livrgebedienten, welche vorn auf dem hohen Kutſchbock geſeſſen, ſchwangen ſich gleichfalls herab, und nahmen dann unter dem Leder ihres Sitzes hervor eine Rolle Zeug, mit der ſie eilfertig die zu der Schloßpforte hinaufführen⸗ den Stufen der Treppe hinaufſchritten. Hier legten ſie dieſelbe nieder, und die Enden der Rolle feſthaltend, ließen ſie den Stoff über die Stufen niederrollen. Es iſt ein Teppich, ein wundervoller Teppich, den ſie da ausbreiten, murmelten die Zuſchauer untereinander, gewiß alſo iſt es die Kaiſerin, welche da in der Kutſche iſt, und deren Fuß nicht das harte und feuchte Steinpflaſter berühren foll. Und ſie drängten ſich näher heran, um die große erhabene Monarchin, wenn ſie jetzt ausſteigen würde, von Angeſicht zu Angeſicht zu ſchauen. — Der Teppich war jetzt geordnet und geglättet und dicht bis an die Räder der Kutſche herangelegt. Mit einem ſchnellen Griff riß der eine der Diener den Kutſchenſchlag auf, eben ſo ſchnell ſchlug der zweite den Tritt des Wagens nieder. Jetzt kommt ſie, jetzt kommt die Kaiſerin! murmelten die Zuſchauer in athemloſer Erwartung, indem ſie ſich ſo dicht als möglich an die Kutſche herandrängten. Aber nein, dieſe Geſtalt, welche ſich da jetzt langſam und ſchwerfällig aus dem Wagen hervorrollte, war nicht die Kaiſerin. Dieſer Fuß, der da jetzt den Wagenſchlag betrat, gehörte nicht einer Dame an, und nicht ein leichter zierlicher Atlasſchuh, ſondern ein glänzender ſchwarzer Leder⸗ ſchuh, geziert mit funkelnder Brillantſchnalle und mit rothen Hacken ver⸗ ſehen, bekleidete denſelben. Es iſt ein Mann! flüſterte das Publikum erſtaunt, ein Mann, welcher mit ſo vielem Pomp vor dem Kaiſerſchloß ausſteigt. Man hatte ſich nicht getäuſcht. Aus dem Wagen kam jetzt die hohe Geſtalt eines Mannes hervor, eingehüllt in einen lang bis auf die Füße herniederwallenden ſchweren Bärenpelz, der ſich gar wunderlich ausnahm zu der hellen ſtrahlenden Sonne des heißen Spätſommertages. Aber dem Beſitzer des Pelzes ſchien dieſe warme Umhüllung noch nicht genügt zu haben, denn er hatte ſeine Hände außerdem noch in einem ungeheuren Pelzmuff verborgen, und dieſen dicht vor ſeinen Mund ge⸗ drückt, als fürchte er, die Luft, welche er einathmete, könnte ihm Er⸗ kältung und Krankheit bringen. Eine von dem Pelz ausgehende Kaputze bedeckte ſein Haupt und ſeine Wangen, und machte ſein Antlitz unſicht⸗ bar und unkenntlich für Jedermann. Nichts von demſelben war ſichtbar als zwei große hellblaue Augen, die mit einem kalten und verächtlichen Blick ſich auf das gaffende Publikum hefteten, langſam und ernſt ſchritt dieſe ſeltſame, ungewöhnliche Geſtalt über den Teppich dahin und die Stufen der Schloßtreppe hinauf, in ehrerbietiger Entfernung gefolgt von ſeinen Dienern, von denen zwei, ſobald er in das Schloß einge⸗ treten war, den koſtbaren Teppich wieder aufrollten, um ihn wieder in den Wagen zu legen. Das Publikum, welches wie gelähmt von Erſtaunen dem ſo ſelt⸗ ſamen verhüllten Manne zugeſchaut hatte, ſchien jetzt, da derſelbe ver⸗ 7 ſchwunden war, wie aus einer Erſtarrung zu erwachen. Man flüſterte, man lachte untereinander, man theilte ſich boshafte und witzige Bemer⸗ kungen mit über dieſen Nordpolkaiſer, der ohne Zweifel vermeine, daß Neuſtadt in Sibirien liege und ſich deshalb ſelbſt in einen Eisbären verwandelt habe. Wer war denn dieſe Eisbär? fragte endlich einer aus der Menge mit lauter Stentorſtimme, und ſofort riefen zwanzig Stimmen es ihm nach: wer war dieſer Eisbär? Und Aller Blicke rich⸗ teten ſich ungeduldig auf die beiden Bedienten hin, welche eben mit dem Aufrollen des Teppichs fertig geworden waren. Wer war dieſer Herr? Sagt uns, wie dieſer Herr, der mitten im heißen Sommer einen Pelz und einen Muff trägt, ſich nennt? Die Bedienten ſchritten mit einer gewiſſen Feierlichkeit die Treppe hinauf, auf der oberſten Stufe derſelben blieben ſie ſtehen, und indem ſie ſich tief verneigten, ſagten ſie Beide zu gleicher Zeit mit der Sten⸗ torſtimme eines Ausrufers: dieſer Herr war Se. Durchlaucht der Fürſt Kannitz, erſter Staatsminiſter Ihrer Majeſtäten der Kaiſerin und des Kaiſers von Oeſterreich! II. Kaunitz. Abominable Idee! murrte Se. Durchlaucht der Fürſt Kaunitz, in⸗ dem er ſich ganz erſchöpft von den Anſtrengungen der Reiſe in einen Fauteuil niedergleiten ließ. Abominable Idee, eine ſolche Reiſe zu machen! Dieſe deutſchen Landſtraßen ſind ganz ſo holpricht und unbequem, als der deutſche Geiſt überhaupt. Man kann dieſen fetten Lehmboden durchaus nicht in bequeme und regelrechte Landſtraßen verwandeln, und iſt immer in Gefahr ſich die Rippen und den Kopf zu zerbrechen! Es wäre allerdings beſſer geweſen, Durchlaucht, erwiederte der Baron von Binder mit einem ſanften Lächeln, beſſer für uns Alle, wenn Se. Majeſtät der König von Preußen lieber dem Kaiſer in Wien ſei⸗ nen Gegenbeſuch gemacht hätte. Kaunitz wandte ſeine großen blauen Augen langſam auf ſeinen Freund hin. Ich glaube gar, es beliebt Ihnen zu ſpotten, Baron? ſagte er faſt verächtlich. Was hätten wir mit dem König von Preußen in Wien anfangen ſollen? Man darf ſeinen natürlichen Feind nicht als Freund in ſein Haus eintaden wollen. Wenn man den Fuchs in den Hühnerſtall einläßt, darf man ſich nicht wundern, wenn man an— deren Tages die Hühner erwürgt findet. Ew. Durchlaucht glauben alſo nicht an die mit ſo vieler Emphaſe und ſo oft wiederholten Freundſchaftsverſicherungen des Königs von Preußen für Oeſterreich? Der Fürſt antwortete nicht, er ging mit langſamen majeſtätiſchen Schritten mehrmahls im Zimmer auf und ab, indem er jedes Mal, wenn er an dem Spiegel vorüberkam, vor demſelben ſtehen blieb, und ſeiner Toilette, welche er ſo eben erſt mit Hülfe ſeiner vier Bedienten und des Haarkünſtlers Hippolpt beendet hatte, einen prüfenden ernſten Blick gönnte. Sie ſind ein großes Kind, Binder, ſagte der Fürſt dann nach einer langen Pauſe. Ihre Frage iſt ſo göttlich naiv und dumm, daß ich ganz ſtumm vor Erſtaunen geworden bin. Meinen Sie großes Kind denn wirklich, daß eine Freundſchaft zwiſchen Oeſterreich und Preußen mög⸗ lich iſt, und daß nur ein Wort von den Liebesverſicherungen, welche der König uns ſandte, Glauben verdient? In der Politik, mein Kind, giebt es weder Liebe noch Freundſchaft, ſondern nur Vortheil und In⸗ tereſſe; der König von Preußen verſichert uns heute ſeiner Freundſchaft, und würde uns morgen mit Vergnügen ein zweites Schleſten abnehmen⸗ Wir, ja ich glaube, wir haben dem König von Preußen auch einige Liebesverſicherungen geſchrieben, und würden doch heute lieber wie mor⸗ gen ihm das eroberte Schleſien wieder abnehmen und den ſogenannten König wieder zu dem Marquis machen, welcher er wirklich iſt! Liebe und Freundſchaft zwiſchen Oeſterreich und Preußen, alberne Idee! Un⸗ ſere Einigkeit von heute erinnert mich an eine Curioſität, die ich ein⸗ mal in Paris geſehen! Ein wunderbares Naturſpiel ſollte es da zu ſchauen geben, wilde Thiere in Einem Käfig miteinander, Thiere, wel⸗ chen die Natur das Geſetz gegeben ſich zu haſſen, und die jetzt in Frie⸗ den und Freundſchaft miteinander lebten. Ich ging auch hin, das Wun⸗ — 9 der zu ſchauen, und allerdings, es hatte ſeine Richtigkeit! Ich ſah da in Einem Raum einen Hund und eine Katze und ſie fraßen in gemüth⸗ lichſter Seelenruhe zuſammen aus Einer Schüſſel ihr Mittagsmahl! In einem andern Raum ſah ich einen Fuchs und bei ihm einen großen kalekutiſchen Hahn, der ſich in aller Gemüthlichkeit auf dem Rücken des Fuchſes ſchaukelte, und luſtig ſeine Weisheit auskrähte. Nur hatte es mit dieſen Freundſchaften eine eigene Bewandtniß! Für einen Louisd'or verrieth mir der kluge Mann, der die Thiere gezähmt, das Geheimniß dieſer Freundſchaft. Er hatte dem Hund die Zähne ausgebrochen, und der Katze die Krallen verſchnitten, ſie liebten ſich alſo, weil ſie keine Macht hatten, ſich ihren Haß zu bezeigen, und was das andere Liebes⸗ paar anbetrifft, ſo hatte der kluge Mann die Füße des Hahns mit fei⸗ nen Drathbändern umwickelt, und ihn mit dieſen um den Leib des Fuchſes feſtgebunden, und ſo feſt und geſchickt, daß es dem Fuchs un⸗ möglich war, ſich den Hahn zu erſchnappen, ſondern daß dieſer in voll⸗ kommenſter Sicherheit auf ſeinem Rücken thronte. Ah, das iſt die geheime Geſchichte ſehr vieler Freundſchaften und Bündniſſe, welche Ew. Durchlaucht da erzählen, rief der Baron lachend. Es giebt auch unter den Menſchen gar viel Füchſe, welche, von einem Klügern überliſtet, ihren Hahn auf dem Rücken tragen, und ihn nicht auffreſſen können, weil ſie gezwungen ſind, ihn leben zu laſſen, und anſcheinend zu lieben. Meine Geſchichte iſt noch nicht zu Ende, Sie Schwätzer Sie, ſagte Kaunitz ernſt. Hören Sie, wie es mit der Freundſchaft der Naturfeinde endete! Eines Morgens lagen der Hund und die Katze todt in ihrem Raum, und in dem Käfig des Fuchſes war von dem Hahn nichts wei⸗ ter übrig geblieben, als einige Federn, aber der Fuchs lag auch blutend und wimmernd in ſeinem Käfig; die Zeit, die allmächtige Zeit, die Herrin und Meiſterin unſerer Aller, die Zeit hatte die unnatürliche Freundſchaft wieder in den natürlichen Haß umgewandelt, und die Weisheit des Thierbändigers überliſtet. Dem Hunde waren die Zähne, der Katze die Krallen wieder gewachſen, und eines Tages waren ſie ſich ihrer wieder⸗ erwachten Kraft bewußt geworden, und mit der Gluth ihrer natürlichen Feindſchaft hatten ſie einander erwürgt. Der Fuchs aber hatte endlich das Hinderniß entdeckt, welches ſeinen Feind auf ſeinem Rücken feſſelte, 10 und er hatte ſo lange an dem Draht mit ſeinen Füßen und ſeinen Zähnen gezerrt und geriſſen, bis der Drath ſich lockerte und endlich nach⸗ gab. So hatte der kluge Fuchs endlich ſeinen aufgedrungenen Freund als willkommene Beute verſchlingen können, nur hatte er in der Leiden⸗ ſchaft ſeines Haſſes ſo ſehr an dem Drath gezerrt, daß der Drath ihm tief in ſein eigenes Fleiſch eingedrungen war, und ihm eine ſchlimme Wunde beigebracht hatte, an der er endlich auch ſterben mußte! Das war das Ende dieſer erzwungenen Freundſchaften! Und alſo, meinen Ew. Durchlaucht, wird auch das Ende dieſer neuen Freundſchaft zwiſchen Oeſterreich und Preußen ſein? fragte Ba⸗ ron Binder. Wollen Sie dieſe allerliebſte Geſchichte von dem Hunde und der Katze auf uns anwenden? Ich dächte, ſagte der Fürſt langſam, ich dächte, Oeſterreich und Preußen hätten ſich einander genug Zähne ausgebrochen, und die Krallen kurz genug geſchnitten, um ſich für eine Zeitlang einander unſchädlich gemacht zu haben. Für dieſe Zeit iſt alſo die Freundſchaft ganz gut, warten wir mit der Feindſchaft bis uns die Zähne wieder gewachſen ſind! Oh, Ew. Durchlaucht geben Oeſterreich alſo die Rolle des Hundes in dieſer Geſchichte, rief Binder lachend. Weil ich Preußen die Rolle der Katze belaſſen will! Ja, ja, dieſer König von Preußen hat uns oft genug gekratzt, und ſelbſt jetzt, wo er ſchmeicheln will, fühle ich doch ſchon ganz leiſe wieder die Spur der wieder wachſenden Krallen! Deshalb bin ich gekommen, ihn zu ſehen und zu beobachten. Bin in der That neugierig zu ſehen, welche Künſte und Mittel er anwendet, um unſern jungen Kaiſer ſo für ſich einzu⸗ nehmen, und zu bezaubern, wie er es in Neiſſe gethan hat! Es ſoll in der That ein wunderbarer Zauber über ſein ganzes Weſen ausgegoſſen ſein, und Niemand ſoll ihm widerſtehen können! rief Herr von Binder. Nun, ich werde ihm widerſtehen können! ſagte der Fürſt mit ei⸗ nem ſtolzen Lächeln, auf mich wird ſein Zauber keine Kraft ausüben, denn ich bin dagegen geſchützt mit dem Talisman meines und ſeines Haſſes! Ew. Durchlaucht gehen zu weit, ſagte Herr von Binder lebhaft, der König von Preußen mag Sie fürchten, aber er kann Sie nicht ——— EREREREERARAAAEAEAEAE/ —— 8 2 11 haſſen, denn wider ſeinen Willen muß er ſich doch gezwungen fühlen, Sie zu bewundern. Und hat nicht der König von Preußen ausdrücklich darum gebeten, daß Ew. Durchlaucht den Kaiſer hierher begleiten möchten? Er hat dies gethan, und wie ſehr ich auch anfangs geneigt war, dieſe Einladung abzulehnen, ſo gab ich doch der Ueberlegung nach, und entſchloß nüch hierher zu kommen, denn dieſer hochmüthige König von Preußen hätte am Ende gar vermeinen können, ich fürchte mich vor ihm und ſeinen Adleraugen.*) Ich ihn fürchten, ich vor ihm zurückweichen! Es iſt gut und nothwendig, daß Oeſterreich und Preußen, ohne indeſſen eine Allianz mit einander zu haben, doch in einer Art von Eintracht miteinander leben, die für den Moment jede Möglichkeit ſich einander zu ſchaden, beſeitigt und auf dieſe Weiſe den Frieden von Europa verfeſtigt. Aber mein Syſtem, welches die Kaiſerin zu dem ihrigen gemacht hat, verbietet mir, jemals mit einem Fürſten ein Bündniß einzugehen, der keine feſten Principien hat, der mit ſeiner Politik von der Hand in den Mund lebt, und der niemals von einem großen erhabenen Plan er⸗ leuchtet iſt.**)— Nein, ich fürchte ihn nicht, denn ich durchſchaue ihn, und trotz ſeines Königstitels und ſeiner uſurpirten Krone dünke ich mich nicht blos Seinesgleichen, ſondern mehr zu ſein als Er es iſt. Wenn Er auf dem Schlachtfeld dreizehn Siege erfochten hat, ſo habe ich deren mehr noch erfochten im Cabinet und auf dem Schlachtfeld der Diplo⸗ matie, und da muß jeder ſeinen eigenen Mann ſtehen, und hat keine Soldaten, die er für ſich kämpfen laſſen kann. Da entſcheiden nicht die Kanonen, ſondern der Geiſt allein, und ich denke nicht, daß der König ſich einbildet, auf dieſem Schlachtfeld mich beſiegen zu können! Er würde wenigſtens zu ſeinem Schaden hoffentlich belehrt werden, daß er in einer Tänſchung befangen geweſen! Hoffentlich! wiederholte Kaunitz mit einer ſcharfen Betonung. Ich weiß das ganz gewiß! Ich hab's ſchon oftmals bewieſen, daß ich Meiſter bin in der Kunſt, die feindlichſten und widerſtrebendſten Mächte ſo zu führen, daß ſie meinen Abſichten dienen müſſen, und ich denke, daß ich das auch jetzt dem König von Preußen beweiſen will! Er wird *) Ferrand: Histoire des trois demembremens de la Pologne. Vol. I. p. 103. **) Des Fürſten Kaunitz eigene Worte. Siehe: Ferrand I. 69. 12 ebenſo gut ein Inſtrument der Oeſterreichiſchen Politik werden, wie alle unſere Alliirten, Dank unſerer Geſchicklichkeit, es immer geweſen ſind! Er ſoll und muß zurückkehren zu der Unterwerfung, welche er als Vaſall des deutſchen Kaiſers uns ſchuldet! Es iſt eine Thorheit anzunehmen, daß dieſe kleinen Fürſten lange ihren hochfahrenden Ton behaupten und lange die große Rolle weiter ſpielen können, welche vorübergehende Um⸗ ſtände ihnen zuweilen verleihen mögen. Auch der König von Preußen wird zu ſeiner Pflicht zurückkehren, er wird ſich Oeſterreichs Größe beugen und unterwerfen müſſen! Und ihn dahin zu bringen, ihn ſo zu demüthigen, das ſoll meine Rache ſein für ſeinen Uebermuth, den er ſelbſt mich hat empfinden laſſen, denn dieſer König von Preußen iſt der einzige Menſch, der es gewagt hat, mir die Achtung zu verſagen, die er mir ſchuldig iſt!*) Während er ſo ſprach, flammten ſeine Augen auf in den Blitzen des Haſſes, und ſeine ſonſt ſo kalten und marmorfeſten Züge nahmen einen erregten, leidenſchaftlichen Ausdruck an. Nun, rief Herr von Binder, bemüht durch eine Schmeichelei die Leidenſchaftlichkeit ſeines Freundes zu ſänftigen, nun, Ew. Durchlaucht wiſſen wohl, daß man Sie aller Orten den Kutſcher der europäiſchen Politik nennt, und ich denke, Sie halten die Zügel ſo ſicher und feſt, daß Niemand es verſuchen wird, Sie aus dem Sattel zu heben! Möchte gern dieſes Preußen als Lakai hinten auf meiner Kutſche haben! ſagte der Fürſt haſtig. Möchte ſeine Pläne durchkreuzen, ſeine innerſten Gedanken durchſchauen! Oh, ich durchſchaue ihn ſchon jetzt, ich weiß, was er beabſichtigt, ich kenne das Motiv dieſer ſeiner Allianz mit Rußland; ich weiß, was den geizigen König plötzlich ſo verſchwen⸗ deriſch macht, daß er ſeiner Bundesgenoſſin, der Kaiſerin Katharina, alljährlich eine Million Thaler Subſidien zahlt, auf daß ſie mit dieſem Gelde ihren Krieg mit der Türkei und mit Polen deſto wirkſamer fort⸗ führen kann!**) Weiß wohl, wo und wie er gedenkt, ſich ſein Capital ſammt Intereſſen zu vergüten, und wohin ſein beutegieriger Blick ſich gewendet hat. Aber wir werden wachſam ſein, und wenn er ſeine Hand *) Des Fürſten eigene Worte. Ferrand I. b. 104. **) Ferrand I. 83.— Dohm Denkwürdigkeiten. 9 13 ausſtreckt, um zu nehmen, wird er auch unſere Hand da finden, welche ihn zwingen wird, mit uns zu theilen! Ew. Durchlaucht ſprechen da für mich in Räthſeln, ſagte Herr von Binder achſelzuckend. Ich bin es gewohnt, wie Sie wiſſen, in Dingen der Politik nur mit Ihren Augen zu ſehen, und ich bitte Sie daher mir dieſes Räthſel zu löſen, und mich Ihre geheimnißvollen Worte verſtehen zu lehren, denn ich bin vollkommen blind, wenn es Ihnen nicht beliebt, mir die Augen zu öffnen! Das Antlitz des Fürſten hatte indeß ſchon wieder ſeinen kalten und ehernen Ausdruck angenommen, und das Feuer in ſeinen Au⸗ gen war ſchon wieder erloſchen. Mit einer hoheitsvollen Bewegung warf er das Haupt zurück und heftete ſeine ſtrengen kalten Blicke auf den Baron. Wiſſen Sie nicht, Baron, ſagte er, was einſt der große Schweiger, Wilhelm von Oranien, geſagt hat?„Wenn ich wüßte, daß meine Nachtmütze mein Geheimniß wüßte, ſo würde ich meine Nachtmütze ver⸗ brennen!“ Nun, Sie großes Kind, hüten Sie Sich wohl, meine Nacht⸗ mütze ſein zu wollen, denn ich würde es machen wie Wilhelm von Oranien, ich würde Sie verbrennen, wenn Sie mein Geheimniß wüßten! — Aber genug jetzt des Geredes und der Worte, mein Freund! Es ſcheint, daß unſer junger Kaiſer es abwarten will, daß ich ihm meinen erſten Beſuch mache. Wir wollen ihm alſo den Willen thun! Man kann ſich äußerlich wohl zu unterwerfen ſcheinen, wenn man ſich innerlich den Herrn und Meiſter fühlt. Ich will alſo zum Kaiſer gehen! Er griff nach der Handklingel, die auf dem Tiſch ſtand und ſchellte heftig. Sofort eilte ſein Kammerdiener herein. Iſt Se. Majeſtät im Schloſſe? fragte der Fürſt. Der Kaiſer iſt eben dahin zurückgekehrt, Durchlaucht. Er war auf dem Platz unten und muſterte die Soldaten. Und weiter? Haſt Du keine Augen und Ohren mehr, Schlingel? Auch war Se. Majeſtät ſchon ſelbſt im Theater, wo ſie den Ballet⸗ meiſter Noverre rufen ließen und ihn befragten, ob er mit allen Vor⸗ bereitungen fertig, und ob das Ballet heute Abend gut gehen würde. Auch unterhielten ſich Se. Majeſtät dort mit dem Kaiſerlichen Opern⸗ capellmeiſter Große und fragten ihn, ob die Sängerinnen gut bei ——— 14 Stimme und ob er hoffe, mit ſeiner Oper vor den ſtrengen Ohren Sr preußiſchen Majeſtät Ehre einzulegen! A Und wo iſt Se. Majeſtät jetzt? S Er iſt mit den Herren ſeiner Suite in dem großen Balconſaal, welcher die Ausſicht auf den Platz darbietet. ei Iſt das weit von hier? Nein, Durchlaucht, nur zehn Schritte über den Corridor. lo Dann alſo nur einen Mantel und den Muff! So! Und jetzt mache mir die Thüre auf, und wehe über Dich, wenn irgendwo ein Fenſter a oder eine Thür offen iſt, und ein Zugwind mich trifft!— A b p III. Souvenir à Eperies. Der Kaiſer ſtand in der Mitte des Saals und war eben in einer lebhaften Unterhaltung begriffen, als die Thür ſich öffnete und Fürſt Kaunitz eintrat. Sofort unterbrach der Kaiſer ſein Geſpräch, und ſchritt dem Fürſten entgegen, ihn mit herzlichen und verbindlichen Worten empfangend. Kaunitz erwiderte dieſelben nur mit einer ſtummen Verbeugung, d und begrüßte dann mit einem leichten Kopfneigen den General Lacy und den Fürſten von Ligne, welche ſich tief vor ihm neigten.— Ew. Durchlaucht kommen gerade zu rechter Zeit, rief der Kaiſer lachend. Es handelt ſich darum, dieſen beiden Herren Muth einzuſprechen, denn ſie haben Herzklopfen und zittern, wie junge Debütantinnen, die zum erſten Mal auf der Bühne erſcheinen ſollen. Und wovor zittern denn dieſe Herren ſo ſehr? fragte Kaunitz. Sie zittern vor Sr. Majeſtät dem König von Preußen, rief der Kaiſer, ſie fürchten, daß ſie vor ſeinen großen Augen wie Wachs an der Sonne zerſchmelzen werden, und Ligne, der, wie Sie wiſſen, der geiſtreichſte Mann an unſerm Hofe iſt, natürlich Ew. Durchlaucht aus⸗ genommen, Ligne gerade zittert am meiſten, und iſt, ich wiederhole mein 17 Kannitz heftete indeſſen ſeine Blicke mit einem kalten und prüfenden Ausdruck auf die Blumen hin, und ließ die Enden der daran befeſtigten Schleife durch ſeine langen weißen Finger gleiten. Die Dame, welche Ew. Majeſtät dies Bouquet zugeworfen, iſt eine Polin geweſen, ſagte er dann kurz und beſtimmt. Eine Polin? rief der Kaiſer. Und weshalb vermuthen Ew. Durch⸗ laucht das? Es iſt gewiß nicht ohne Abſicht geſchehen, daß dieſes Bouquet nur aus weißen und rothen Blumen beſteht, ſagte Kaunitz, und nicht ohne Abſicht hat man an demſelben eine Schleife von roth und weißem Band befeſtigt. Weiß und roth, das ſind die Nationalfarben der ſogenannten polniſchen Republik! Sie haben Recht, rief der Kaiſer lebhaft, es ſind die Farben Po⸗ lens, und die Dame war ohne Zweifel eine Polin, ſie war ſchwarz ge⸗ kleidet, denn gewiß trauert jede edle Polin jetzt um ihr unglückliches, von ſo vielen Wunden zerriſſenes Vaterland! Sehen Sie da, rief Kaunitz, der indeſſen das Bouquet noch immer forſchend und prüfend in ſeinen Händen gedreht hatte. Unter dieſer Schleife befindet ſich ein Papier! Darf ich es hervorziehen, Majeſtät? Thun Sie'’s! Ich habe Ihnen einmal die Blumen zur Unterſuchung übergeben, und ich darf Ihnen kein Beweisſtück entziehen! Kaunitz neigte leiſe, wie zum Dank, ſein Haupt, und begann dann das um die Stengel der Blumen geheftete Band aufzulöſen. Der Kaiſer und die beiden Cavaliere ſchauten ihm mit Blicken lebhafter Theilnahme zu. Jetzt zog Kaunitz unter dem geöffneten Bande einen zuſammenge⸗ falteten Streifen Papier hervor, und reichte ihn mit ſeiner gewohnten kalten Ruhe dem Kaiſer dar. Haben Ew. Majeſtät die Gnade Selbſt zu leſen, ſagte er, denn ohne Zweifel iſt es ein Liebesgedicht, und meine profanen Augen ſind nicht werth, es zu leſen! Ueber des Kaiſers Antlitz zuckte es wie ein ſchmerzlicher Seufzer. Ich bin ein armer, einſamer Mann, ſagte er, und habe leider gar keine Liebesgedichte zu empfangen! Leſen Sie alſo immerhin, Durchlaucht, aber leſen Sie laut, denn Sie begreifen, daß wir neugierig ſind! Kaiſer Joſeph. 2. Abth. I. 2 1 18 Kaunitz entfaltete das Papier, und las:„Souvenir à Eperies.“ tine Nun, und weiter? fragte der Kaiſer. ſich Weiter ſteht nichts darauf, ſagte Kaunitz, Joſeph das Papier und darreichend. ſich Seltſam, ſagte der Kaiſer, nichts als dieſe lakoniſchen Worte, deren Sinn ich indeſſen nicht zu faſſen vermag. bed Die Worte beſtätigen meine Vermuthung, rief Kaunitz, und er er⸗ laubte ſich, die Lieblinge des Kaiſers mit einem triumphirenden und Bl ſtolzen Blicke zu meſſen. Die Dame iſt eine Polin, und zwar eine von z2 den Conföderirten. Gr Ew. Durchlaucht glauben? fragte der Kaiſer haſtig. rich Ich bin davon überzeugt. Haben Ew. Majeſtät nicht auf Ihrer nu letzten Reiſe nach Ungarn in Eperies einen Tag zugebracht, und haben ber Sie dort nicht geruht den Conföderirten Sich ſehr gnädig zu bezeigen,— ja, ſogar ſie in öffentlichen und Privat⸗Audienzen zu empfangen? ſt Ich habe das gethan, ſagte der Kaiſer ernſt, und es hat meinem. Herzen wohlgethan, dieſen edlen und unglücklichen Kriegern, welche mit un ſo viel Heldenmuth und ſo wenig Ausſicht auf Erfolg für eine gute und gerechte Sache kämpfen, die Verſicherung meines innigſten Antheils hi und meiner lebhaften Sympathieen zu geben. Sind Ew. Majeſtät in Ihrer Großmuth nicht ſo weit gegangen,. den Conföderirten Ihre guten Dienſte anzubieten, und zu verſprechen d Sich bei Preußen und Rußland für ſie zu verwenden?*)un ſe Ich that auch das, ſagte der Kaiſer ein wenig erröthend. Nun denn, die Heroine der Conföderirten hat Ew. Majeſtät an dies Verſprechen mahnen wollen, da Sie heute. mit dem König von e Preußen zuſammentreffen, ſagte Kaunitz, indem er, gleichſam in der 7 Zerſtreuung, das Bouquet aus ſeinen Händen und zur Erde gleiten ließ. d Ah, ſehen Sie nur, Majeſtät, ſagte er dann, da liegt dieſes ſchöne 4 coquette Polen zu Ihren Füßen und fleht um Ihre Gnade! Es kommt 1 ganz auf Ew. Majeſtät an, ob Sie es aufheben und erretten, oder ob i Sie es unter Ihre Füße treten wollen!. 3 Oh gewiß will ich es aufheben, ſagte der Kaiſer, damit es nicht h — 1 *) Ferrand I. p. 79. eine Beute der ländergierigen K Erde. Sie würde ſich ſehr gern mit dieſen ſchönen weiß üd Polenblumen ſchmücken, und ſie möchten ihrer moskowitiſchen Herrlichkeit gar prächtig zu Ge⸗ ſicht ſtehen, aber wir werden's nicht leiden! Und indem der Kaiſer ſo ſprach, bückte er ſich raſch nieder, und hob, bevor ſeine Cavaliere es hindern konnten, das Bouquet vom Boden auf. Hüten Sich Ew. Majeſtät doch gnädigſt vor dieſen polniſchen Blumen, ſagte Kaunitz. Aus Polen iſt allzeit alles Unheil und aller Zank gekommen, und was polniſche Hände berührt haben, das geht zu Grunde und verdorrt und vergeht. Ich meinestheils traue den Polen nicht, ſie lieben den Zank und Unfrieden, und können nicht Ruhe und Ord nung halten in ihrem eigenen Reich; ſie haben keine Treue und Glau ben; ſie wiſſen nur als Männer zu ſterben, aber nicht als Männer zu leben! Hüten Sie Sich vor den polniſchen Bouquets, Majeſtät, ſchon der Duft derſelben betäubt die Nerven! „ Von der Straße tönte in dieſem Moment ein lautes Schreien und Jauchzen, das wie ein Donner die Luft durchhallte. Der Kaiſer eilte an's Fenſter und ſchaute mit ſcharfen Blicken hinunter. Der König von Preußen! rief er dann haſtig, und vom Fenſter zurücktretend eilte er der Thür zu. Fürſt Kaunitz indeſſen wagte es, ihm entgegen zu treten, und mit ſeiner hohen Geſtalt ihm den Ausgang zu verſperren. Majeſtät, fragte er faſt vorwurfsvoll, was gedenken Sie zu thun? Dem König von Preußen, welcher, wie ich ſehe, eben am Ende der Straße aus ſeinem Wagen ſteigt, entgegen gehen! rief der Kaiſer eilfertig. Aber wollen Ew. Majeſtät Sich nicht gnädigſt daran erinnern, daß der König von Preußen Ihnen in Neiße keineswegs bis auf die Straße, ſondern nur bis auf die Treppe entgegen kam? Es iſt wohl nicht angemeſſen, daß das große Oeſterreich dem kleinen Preußen mehr Zuvorkommenheit beweiſe, als dieſes ihm bezeigt hat! Lieber Fürſt, Ihre Sache iſt es, dieſe politiſchen Dinge zu ver treten, ſagte der Kaiſer mit einem eigenthümlichen Lächeln. Ich bin vor der Hand nur der kleine Kaiſer von Oeſterreich, welcher eilen muß, dem großen König von Preußen ſeine Huldigung darzubringen. 2 ¾ Und Kaund gend, eilte der Kaiſer hinaus, gefolgt von ſeinen Cad 3 Fürſt Kannitz ſchaute ihm kopfſchüttelnd und mit finſtern Blicken nach. Unverbeſſerlicher Brauſekopf, ſagte er leiſe vor ſich hin. Wird noch oft mit dem Kopf gegen die Wand rennen, und ſoll doch, ſo lang ich lebe, die Wand nicht umſtoßen! Mag der kleine Kaiſer den großen König empfangen. Das große Oeſterreich ſteht hier in meiner Per⸗ ſon, und es wird mit aller Ruhe das kleine Preußen erwarten! Er ließ ſeine kalten Blicke langſam in dem Saal umherſchweifen, und wie ſie dann auf dem Bouguet hafteten, welches der Kaiſer dort neben ſeinem Hut auf den Tiſch gelegt hatte, flog ein ſeltſames, höh⸗ niſches Lächeln durch ſeine Züge hin. Er ſchritt langſam durch den Saal zu dem Tiſch hin, und hob das Bouquet empor, um es noch einmal mit ſpöttiſchen Blicken zu betrachten. Er deutete mit dem Fin⸗ ger auf die weißen Blüthen, die ſchon welk und gelblich geworden waren, und zupfte leicht einige Blätter der dunklen Roſen ab. Wie leicht das abfällt, ſagte er. Wird's der guten und glorwür⸗ digen polniſchen Republik nicht auch ſo gehen können, wie ihren duf⸗ tenden Nationalfarben hier? Nun, es wird meine Sorge ſein, dieſes Souvenir à Eperies welken zu laſſen, und ich denke wohl, daß es mir gelingen wird!—. Er legte das Bouquet wieder nieder, und indem er dann den Saal verließ, murmelte er leiſe in ſich hinein: ich will wiſſen, wer die Polin iſt! Sie kann uns vielleicht ein ſehr nützliches Werkzeug werden, um nach beiden Seiten hin zu operiren. IV. Friedrich der Große. In jugendlicher Haſt, gar nicht daran gedenkend, daß er unbedeckten Hauptes ſei, war der Kaiſer die Treppe hinunter und auf die Straße geeilt. Nicht rechts, nicht links ſchauend, immer nur die Blicke dorthin 21 gewandt, nach dem Ende der Straße, von wo er den König daher kommen ſah, eilte der Kaiſer vorwärts, zum erſten Male des Volkes nicht achtend, das ihm ſeine Grüße entgegenjubelte, und mit zärtlichen, liebeſtrahlenden Blicken der ſchönen, kräftigen Geſtalt ſeines jungen Kaiſers folgte. Gleich ihm eilte auch der König von Preußen mit ſeiner Suite ſchneller vorwärts und trat jetzt aus der Schönwalderſtraße hinaus auf den Platz. Eine athemloſe, feierliche Stille herrſchte in dieſem Moment. Das Militair hatte ſich in der Mitte des Platzes in regelrechten Linien auf⸗ geſtellt, und wie tauſend Sterne blitzten die Gold⸗ und Silberverzie⸗ rungen ihrer Galla⸗Uniformen in der Sonne. Hinter dem Militair füllte das Volk, welches von nah und fern herbeigeſtrömt war, zu vielen Tauſenden den großen Platz, und aus den geöffneten Fenſtern der rings um den Platz befindlichen Häuſer ſah man reichgeſchmückte Frauen und ſchöne Mädchen gleich einem herrlichen Kranz von Blüthen ſich herunterneigen.— Eine athemloſe, feierliche Stille, wie geſagt, herrſchte in dieſem Moment. Jedermann war es ſich bewußt, daß es ein großer, weltge⸗ ſchichtlicher Moment ſei, welcher ſich da begab. Jedermann blickte ge⸗ ſpannt und erwartungsvoll hin auf den Kaiſer, der mit freudeſtrahlendem ſanft geröthetem Antlitz, mit einem köſtlichen, jugendfriſchen Lächeln vor⸗ wärts eilte, auf den König, deſſen edles gefurchtes Antlitz wie von ei⸗ nem Schimmer der Abendſonne durchleuchtet war, und deſſen große feurige Augen dem Kaiſer grüßend entgegen blitzten. Jetzt hatten ſie einander erreicht, jetzt breiteten ſie einander die Arme entgegen, und mit der ganzen Gluth ſeines jugendlichen Enthu⸗ ſiasmus warf ſich der Kaiſer an die Bruſt des Königs und küßte ihn mit der Ehrfurcht und Liebe eines Sohnes. Der König drückte jj feſter an ſich und erwiderte ſeinen Kuß mit Innigkeit. Das Volk hatte ſchweigend dem Annähern der beid entgegen geſehen, und dieſem ſo ruhig, ſo ſicher und e ſchreitenden König von Preußen gegenüber hatte es ſich Kriege, der Ströme Blutes erinnert, welche dieſer§ und Oeſterreich gekoſtete Aber jetzt, wie die beide 22 umſchlungen hielten, jetzt vergaß die Menge alle Leiden und allen Jam⸗ mer der vergangenen Zeiten, jetzt ſtrahlte ihm nur die Gegenwart wie eine Sonne des Friedens entgegen und ſchien ihre glänzenden Streiflichter auch auf die Zukunft zu werfen. Es war Friede, Friede! Das war es, was ein Jeder mit froher Luſt empfand, das war es, was die Augen mit Thränen füllte, das war es, was die Menſchen demüthig und fromm machte, welches be⸗ wirkte, daß ſie, kaum wiſſend, was ſie thaten, ihre Knie beugten, welches ſie ihre Hände und ihre thränengefüllten Augen zum Himmel erheben ließ, als wollten ſie zu Gott beten um Erhaltung dieſes ſeines ſchönſten und ſegensreichſten Geſchenkes.*) Und aus der Mitte des knieenden Volkes rief jetzt eine tiefe, feier⸗ liche Stimme: es lebe der Friede! Tauſend und aber tauſend Stimmen riefen ihm nach! Es lebe der Friede! Es lebe der Kaiſer von Oeſterreich und der König von Preußen! rief dieſelbe Stimme, und mit einem unausſprechlichen Jubelruf hallte und donnerte es von der Gaſſe, von dem Platz und aus den Häuſern zum Himmel empor: es lebe der Kaiſer von Oeſterreich und der König von Preußen! Der König richtete ſich aus den Armen des Kaiſers empor und grüßte die Menge mit jenem unausſprechlichen ſanften und innigen Blick, jenem milden, ſchönen Lächeln, die beide ihm allein eigen waren, und ihm ſtets alle Herzen gewannen. Dann wandte er ſich an den Kaiſer, und indem er ihm den jungen Prinzen von Preußen und die beiden Prinzen von Braunſchweig vor⸗ ſtellte, deutete der König auf ſein eigenes weißes Gewand und das al⸗ ler Herren ſeines Gefolges hin: Sire, ſagte er, ich führe Ihnen, wie Fie ſehen, neue Rekruten zu. Wir glühen alle vor Verlangen, unter ienen!**) Und das, fuhr der König fort, indem er ſeine Lebensgeſchichte Joſeph II. Th. I. S. 40. ig trug die weiße öſterreichiſche Uniform mit Silberſtickerei, Silberlitzen auf den Achſeln, wie die öſterreichiſchen Re⸗ 2 o gekleidet waren die Prinzen und die übrigen Her⸗ 1. el⸗ 23 Flammenblicke auf die in Parade aufgeſtellten öſterreichiſchen Soldaten heftete, das wird für uns eine große Auszeichnung ſein, denn jeder Ihrer Soldaten ſcheint ein Sohn des Mars zu ſein! Wie glücklich müſſen ſie alsdann Alle gleich mir ſein, rief der Kaiſer, daß ſie in dieſem Moment ſich ihrem Vater gegenüber befinden! Der König nahm lächelnd ſeinen Arm, und ließ ſich von dem Kaiſer in die für ihn bereiteten Zimmer des Schloſſes führen. Aber nach kurzem Verweilen dort begab er ſich wieder zum Kaiſer, um mit dieſem vereint durch den großen Empfangsſaal in den Speiſeſaal zur Tafel zu gehen. Das ganze glänzende Gefolge des Kaiſers hatte ſich in dem großen Saal aufgeſtellt und wie das fürſtliche Paar, gefolgt von der Suite des Königs, jetzt in den Saal eintrat, neigten ſich ehrfurchtsvoll alle Häupter, und Aller Blicke wandten ſich zu Boden. Nur Einer neigte ſein Haupt nur leiſe, und richtete es dann wieder ſtolz empor, nur Einer ſchlug das Auge nicht zu Boden, ſondern heftete es ernſt und prüfend auf das Antlitz Friedrichs hin. Des Königs Adlerblick gewahrte ihn ſogleich, und mit einem freund⸗ lichen Lächeln auf den feingeſchnittenen Lippen näherte er ſich dem ſtol⸗ zen Manne. Ich freue mich, den Fürſten Kaunitz endlich von Angeſicht zu An⸗ geſicht begrüßen zu können, ſagte der König mit ſeiner weichen, melo⸗ diſchen Stimme. Es iſt wahrlich nicht nöthig, daß wir einander vor⸗ geſtellt werden; ganz Europa kennt Sie, und Sie werden mich hoffent⸗ lich nicht für einen ſolchen Barbaren halten, daß mir allein Derjenige unbekannt ſein ſollte, den alle Welt bewundert. Dem Fürſten Kaunitz geſchah, was ihm ſeit manchem Jahr nicht geſchehen war, er erröthete; wider ſeinen Willen durchleuchtete ein Lächeln ſein Antlitz, er neigte ſich tiefer und ehrerbietiger, wie er es jemals gethan hatte, aber er fand keinen Ausdruck, die ſchmeichelhafte Anrede des Königs zu erwidern, und murmelte nur einige leiſe, un⸗ verſtändliche Worte. ren ſeines Geſolges. Die Soldaten waren in weißer Uniform ohne Sticherei, und die Dienerſchaft in hellgrauen Anzügen mit gelbem Futter, ————— — b 24 Oh Sire, ſagte die helle, klangvolle Stimme des Kaiſers neben ihm, Sie machen mir alle meine großen Geiſter ſprachlos vor Ent⸗ zücken. Selbſt der Fürſt Kaunitz, welcher ſonſt der ganzen Welt ſeine gewichtigen Antworten zu geben weiß, hat Ihnen gegenüber keine Worte gefunden, und ſehen Sie nur gnädigſt meinen armen Fürſten Ligne hier an. Ich verſichere Ew. Majeſtät, er ſieht ſonſt ganz anders aus. Ich habe ihn noch niemals ſo blöde geſehen. Das macht, die Sonne hat ihn geblendet, aber er wird ſich allmälig an ihre Strahlen gewöh⸗ nen, und dann wird er ſich zu ſeinem Vortheil zeigen.*) Ich kenne ihn ſehr wohl, ſagte der König lächelnd, ich habe Ihren Brief an Jean Jacques Rouſſeau geleſen, mein Herr Fürſt, und mich deſſelben gefreut. Weil er ſchön und geiſtvoll iſt, glaube ich gern, daß er von Ihnen geſchrieben iſt, und daß ſich nicht ein Anderer erlaubt hat, ſich Ihres Namens zu bedienen. Ach Sire, rief der Fürſt lächelnd, ich bin nicht berühmt genug, daß irgend ein Schriftſteller auf den Gedanken kommen ſollte, ſich mei⸗ nes Namens zu bedienen.**) Der König neigte ein wenig ſein Haupt, und wandte ſich dann an den Feldmarſchall von Lacy. Dieſen da, ſagte der König, ihm die Hand auf die Schulter le⸗ gend, dieſen da haben Ew. Majeſtät auch nicht nöthig mir vorzuſtellen. Er hat mir Jahre lang zu viel zu ſchaffen gemacht, und er iſt mir oft zu nah gekommen, als daß ich mir ſeine Züge nicht ſollte gemerkt, und ſie auf immer meinem Gedächtniß eingeprägt haben. Ein Glück für mich, mein Herr Feldmarſchall, daß Sie nicht hier heute Quartiermeiſter ſind, ſondern daß der Kaiſer ſelber mir Quartier giebt. Ich habe Gelegenheit gehabt, den Generalquartiermeiſter Lacy zu bewundern und ſeine Macht zu empfinden. Aber wo iſt Loudon? fragte der Kaiſer laut. Sehen Ew. Ma⸗ jeſtät nur, der Loudon iſt nicht da, er hat ſich verſpätet! *) Des Kaiſers eigene Worte. Siehe: Conversations avec Frédéric le Grand par le Prince de Ligne. p. 11. **) Dieſe Antwort bezog ſich darauf, daß kurz zuvor ein anderer Brief an Rouſſeau erſchienen war, unterzeichnet mit dem Namen des Königs von Preußen. Dieſer Brief war indeß von Horace Walpole. Das pflegte ſonſt ſeine Art nicht zu ſein, ſagte der König lächelnd, er war ſonſt ſehr häufig vor mir auf dem Platze,*) und vraiment, Sire, Sie haben London Unrecht gethan, denn ſehen Sie nur, da iſt der Feldmarſchall! Und mit faſt zärtlichen Blicken auf Loudon zuſchreitend, und ſeines ſteifen, ungelenken und verlegenen Weſens nicht achtend, reichte er ihm ſeine Hand dar und begrüßte ihn mit herzlichen und ehrenden Worten. Wenn es Ihro Majeſtät genehm iſt, begeben wir uns zur Tafel, ſagte jetzt der Kaiſer ſeinem Gaſt den Arm darreichend. Der König nahm den Arm des Kaiſers, aber ſeine großen wun⸗ derbaren Augen hafteten noch immer auf dem harten gefurchten Antlitz Loudon's. Sire, ſagte er, wenn ich das Glück haben ſoll auf der einen Seite neben Ihnen zu ſitzen, ſo bitte ich, laſſen Sie mich auf der an⸗ dern Seite Loudon zu meinem Nachbar haben. Ich ſehe ihn lieber an meiner Seite, als mir gegenüber.**) Er nickte dem verlegenen, ſprachloſen General freundlich lächelnd zu, und folgte dem Kaiſer in den Speiſeſaal. Und wenn er ſie alle bezaubert mit ſeinen Schmeicheleien und ſchönen Phraſen, murmelte Kaunitz in ſich hinein, als er dem hohen Fürſtenpaar in den Speiſeſaal folgte, mich zu bethören ſoll ihm doch nicht gelingen! Wie viel ſchöne Worte und Phraſen er an dieſe Herrn Generäle verwendete. Wer Allen ſchmeichelt, giebt jeder Schmeichelei einen bittern Beigeſchmack. Will den Loudon zu ſeinem Tiſchnachbar haben! Als ob ſich mit dieſem unwiſſenden, tölpelhaften und linkiſchen Geſellen jemals eine leidliche Converſation führen ließe! Und der Fürſt, innerlich ergrimmt darüber, daß der König nicht ihn, ſondern Loudon zu ſeinem Tiſchnachbar gewählt, ließ ſich von dem Hofmarſchall zu ſeinem, ihm vom Kaiſer ſelbſt angewieſenen Platz führen. Dieſer Platz war an der Tafel des Kaiſers, und beiden Majeſtäten grade gegenüber. Oh, nun bin ich zufrieden, ſagte der König dem Fürſten lächelnd *) Des Königs eigene Worte. **) Des Königs eigene Worte. — 26 zunickend. Wenn ich den großen Feldmarſchall Oeſterreichs lieber an meiner Seite als mir gegenüber habe, ſo mag ich den größten Diplo⸗ maten Oeſterreichs und Europa's lieber mir gegenüber als an meiner Seite haben, denn nur ſo lange ich Sie ſehen kann, glaube ich vor Ihnen ſicher zu ſein, und Ihren Angriff nicht fürchten zu müſſen. Durchlaucht, ich begebe mich unter den Schutz Ihrer Augen. Haben Sie Nachſicht mit einem alten Krieger, der wenig von den Künſten der Diplomatie verſteht, und deſſen ſcharfes Schwert ſich gar oftmals vor Ihrer ſpitzen Feder hat beugen müſſen. Oh, Ew. Majeſtät haben wohl Recht von Ihrem ſcharfen Schwert zu ſprechen, ſagte Kaunitz, dieſes Schwert war ſo ſcharf, daß Sie ſo⸗ gar mit demſelben die Feder ſchneiden konnten, die jene fliegenden Blätter ſchrieb, welche die Fama zugleich mit Ihrem Ruhm in alle Welt ausſtreute. Ew. Majeſtät haben oft genug Ihre Feder als Schwert, und Ihr Schwert als Feder gebraucht, um Sich als Schrift⸗ ſteller, Diplomat und Krieger gleich ſehr gefürchtet und geehrt zu ſehen! Der Kaiſer neigte ſich näher zu Friedrich hin. Sire, ſagte er, eine Schmeichelei von Kaunitz iſt wie die Blume des Rieſencactus, ſie blüht nur Einmal alle Jahrhundert! * 8*— V. Zie unbekannte Sängerin. Ein großes und glänzendes mehractiges Ballet, in den Zwiſchen⸗ acten unterbrochen von Geſangsaufführungen, ſollte die Feſtlichkeiten des erſten Tages in Neuſtadt beſchließen. Man hatte zu all dieſen Feſt⸗ lichkeiten die großartigſten Anſtalten getroffen, das ganze Corps de Ballet mit ſeinem berühmten Balletmeiſter Noverre war dazu nach Neu⸗ ſtadt beordert, auch das Opernperſonal mit ſeinem Capellmeiſter Florian Gaßmann und ſeinen berühmten Sängern und Sängerinnen hatte ſich dahin begeben müſſen, und mehr denn zwanzig große Wagen voll Cou liſſen, Flugmaſchinen, Decorationen und Coſtümen hatten das Gefolg — à—2c—— —— 27 der Prinzen und Prinzeſſinnen der Bühne ausgemacht. Man wollte dem König von Preußen, deſſen Hof man als den Sitz der Künſte und Wiſſenſchaften in ganz Deutſchland pries, doch beweiſen, daß auch in Wien die Künſte ihre Heimath gefunden, und daß die Oper und das Ballet wagen durften, ſich den prüfenden und ſtrengen Blicken des Königs darzuſtellen. Ew. Majeſtät werden indeß Nachſicht haben müſſen, ſagte der Kaiſer, als er Friedrich in das Theater, und zu den unmittelbar hinter dem Orcheſter aufgeſtellten Fauteuils führte. Ew. Majeſtät haben nicht bloß die Menſchen, ſondern auch die Muſen beſiegt, und ſie für immer zu Ihren Gefangenen gemacht. Dieſe können daher ſelten einen flüch⸗ tigen Moment zu uns nach Wien kommen, und kopfſchüttelnd beſchauen, was wir da gemacht haben, während ſie in Berlin zu den Füßen ihres Meiſters ſitzen, und von ihm Lehre und Begeiſterung empfangen! Ach, Sire, Sie reden von vergangenen Tagen, rief der König. Früher waren die Muſen uns wohl ein wenig hold und ließen es ſich bei uns gefallen! Aber jetzt, da ich ein armer mürriſcher alter Mann geworden bin, machen es die Muſen, wie es die Mehrzahl meiner Freunde gemacht hat, ſie haben mich trenlos verlaſſen und dem Abt von Sansſouci den Rücken gewandt. Die Muſen Sire, ſind nur der Jugend hold, und ich finde es daher ganz begreiflich, daß ſie ſich zu Ihnen nach Wien gewandt haben! Ein Einſiedler, wie ich, iſt ſo köſt⸗ licher Geſellſchaft gar nicht würdig; ich danke es aber Eurer Majeſtät doppelt, daß Sie die ſchönen Göttinnen überliſtet haben, und Sie nöthigen unter Ihrem Schutz meine Nähe zu ertragen! Sehen wir alſo, welche Wunder Sie uns offenbaren wollen! Aber indem der König jetzt im Begriff war, ſich neben dem Kaiſer niederzulaſſen, gewahrte er Kaunitz, welcher mit ſeiner gewohnten gra⸗ vitätiſchen Ruhe daher geſchritten kam, und eben im Begriff war ſich auf einem Seſſel, unfern von dem Kaiſer niederzulaſſen. Oh Sire, rief der König lebhaft, wir Beide, welche hier die Ju⸗ gend und das Alter repräſentiren, thäten wohl ſehr klug, wenn wir die Weisheit in unſere Mitte nähmen, und ich bitte daher Ew. Majeſtät, daß der Fürſt Kaunitz dieſen Fauteuil hier zwiſchen uns einnehme! Der Kaiſer verneigte ſich lächelnd und winkte den Fürſten herbei. — — ———— 3 28 Kaunitz, welcher ſehr wohl die Worte des Königs vernommen hatte, konnte es nicht verhindern, daß ſein Angeſicht und ſeine Augen ein wenig von der ſeligen Zufriedenheit und dem geſchmeichelten Stolz verriethen, der in dieſem Moment ſeine Seele erfüllte, und ihn ganz und gar ſeines Haſſes und ſeiner ſo oft derb genug ausgeſprochenen Abneigung gegen den König vergeſſen ließ. Indem er jetzt auf Befehl des Kaiſers den Sitz zwiſchen den beiden Majeſtäten einnahm, verneigte er ſich ſo tief und ehrfurchtsvoll vor dem König, wie er es nie vor irgend einer Größe der Welt, außer innerlich vor ſeiner eigenen, gethan hatte, und als der König ſodann mit irgend einer ſeiner feinen und ſcherzhaften Bemerkungen ſich an ihn wandte, ſahen die Höflinge und Verehrer des Fürſten mit ſtaunender Verwunderung, was ſie noch nie anihm geſehen hatten,— Kaunitz lachte, und zwar ſo herzlich und wirklich, daß ſogar einige Minuten vergingen, bevor ſein Geſicht wieder die ungewohnten Linien verloren und ſich zu dem gewohnten Ernſt verfeſtigt hatte. Das Ballet begann; Götter und Göttinnen, von Genien umflattert, ſchwebten auf die Bühne, um in ſinnigen Allegorien und vieldeutigen Pantomimen die Begebenheiten dieſes großen Tages zu feiern, und die Freude der Götter und Menſchen darzuſtellen. Noverre, der Schöpfer und Erfinder des neuen Ballets, Noverre, welcher den Tanz gleich der Muſik zu einer Sprache der Empfindung und der Seele erheben wollte, hatte alle Kraft und alle Poeſie ſeines Talentes aufgeboten, um vor dem großen König in glänzender Weiſe die ganze Schönheit ſeines neuen Ballets zu entfalten, und mit ſtolzer Siegermiene blickte er von ſeinem Platz zwiſchen der erſten und zweiten Couliſſe zuweilen, während des pantomimiſchen Tanzes ſeiner Göttinnen, hinüber nach dem König, um in deſſen Augen ſeine Freude und ſeine Bewunderung zu leſen. Aber zu des ſtolzen Balletmeiſters wahrem Entſetzen drückten die großen leuchtenden Augen des Königs nichts von dem Staunen und Entzücken aus, das der König doch nothwendig empfinden mußte. Ja, zu ſeiner tiefſten Indignation mußte Noverre gewahren, daß der König ſeine Aufmerkſamkeit nicht einmal ausſchließlich dem Ballet zuwandte, ſondern mehr als einmal den Blick von der Bühne weg und auf Kau⸗ nitz heftete, mit dem er mehrmals ſich lächelnd und freundlich unterhielt. Oh, ich durchſchaue ihn, murmelte Noverre, er will ſeinen Aerger 29 verbergen, er will ſich das Anſehen geben, von meinen Ballets gar nicht erſtaunt zu ſein! Aber dieſe affectirte Gleichgültigkeit, grade dieſe ver⸗ räth mir ſeinen innern Zorn und Neid! Oh, ich weiß, er denkt mit Beſchämung daran, daß ich einſt in Berlin war, und daß es in ſeiner Macht geſtanden hätte, mich für immer zu gewinnen, daß er aber mein Genie nicht zu erkennen vermochte, und ſo das Glück verpaßte, das ſich ihm darbot. Ja, ja, mein Herr König von Preußen, jetzt iſt es zu ſpät! Ihr werdet Euern Thron weder mit Loudon noch auch mit No⸗ verre ſchmücken können. Der größte Tanzkünſtler und der größte Feld⸗ herr boten ſich Euch an, aber Ihr ließet den Genius entflattern, und nun wendet er Euch für immer den Rücken! Eben hatten die beiden erſten Tänzerinnen ihren freudigen Triumph⸗ tanz zur Verherrlichung des Friedens vollendet. Genien hüpften und ſchwebten von allen Seiten herbei und umwallten die Göttinnen, lieb⸗ liche und reizende Gruppen bildeten ſich wie von ſelbſt, und mit einem kunſtvollen und ſinnigen Tableau ſchloß der erſte Akt. Mit der Miene eines Triumphators trat Noverre zwiſchen den Couliſſen hervor, und gab ſich das Anſehen mit einem der Mitglieder des Orcheſters eine gewichtige geſchäftliche Beſprechung zu haben. Ohne Zweifel wird der König mich jetzt bemerken, dachte der ſtolze Balletmeiſter, alsdann wird er mich zu ſich rufen, um mir ſeine Frende auszudrücken. In der That, eben näherte ſich ihm einer der kaiſerlichen Kammer herrn, und forderte ihn auf, ſofort zum Kaiſer zu kommen. Noverre folgte dem Kammerherrn mit hochgehobenem Haupt, und machte als⸗ dann, vor dem hohen Fürſtenpaar angelangt, ſein zierlichſtes, graziöſeſtes und regelrechteſtes Compliment, wie er es jüngſt noch dem Gott Mars eingeübt, als dieſer ſich vor dem Olympiſchen Zeus zu neigen hat. Ah Majeſtät, rief der Kaiſer lächelnd, ſehen Sie da unſern Ballet⸗ meiſter Noverre. Er iſt, wenn ich nicht irre, auch in Berlin geweſen! Ja, ſagte der König leicht mit dem Haupt nickend, ich kenne ihn ganz ut. Wir haben ihn in Berlin geſehen, und ich verſichere Ew. Majeſtät, er war damals recht poſſierlich. 8 Noverre zuckte zuſammen, als habe der Biß einer Natter ihn getroffen. Poſſierlich? wiederholte der Kaiſer mit einem fragenden Ton. 30 Ja, Sire, fuhr der König fort, Noverre verſtand es nämlich, Je⸗ dermann, beſonders aber unſere Tänzerinnen auf das Täuſchendſte zu imitiren. Oh ich verſichere Ew. Majeſtät, es war zum Todtlachen! Der König, welcher bis jetzt nur zu dem Kaiſer geſprochen hatte, wandte ſich jetzt zu Noverre. Ihr Ballet war ſchön, mein Herr, ſagte er, Ihre Tänzerinnen haben Grazie, aber es iſt keine Grazie im leichten Flügelkleide. Sie iſt gezwungen und ſteif; dabei tragen ſie die Arme und Schultern zu hoch. Erinnern Sie Sich noch an unſere erſte Tän⸗ zerin von damals? Ew. Majeſtät meinen die Barbarina? Ja, die Barbarina, ſagte der König mit einem ſanften Lächeln, und es flog wie ein heller Sonnenſtrahl über ſein edles Antlitz hin. Sie war eine ſehr ſchöne Perſon, bemerkte Noverre. Und eine große Tänzerin, ſagte der König, deſſen Augen mit einem wunderbaren Leuchten einen Moment in die Höhe ſtarrten, als ſehe er da vor ſich in der Luft die liebreizende Erſcheinung eines Weſens, das er einſt mit den letzten Flammen ſeines erlöſchenden Herzens geliebt hatte. Dann ſenkte er langſam den Blick wieder nieder, und richtete ihn auf Noverre, der immer noch auf die Gelegenheit wartete, ſeinem Groll Luft zu machen, und Rache zu nehmen für die leichte und wenig ſchmeichelhafte Art, mit welcher der König ſich ſeiner erinnert hatte. Ja, wiederholte der König, Barbarina war eine ſehr ſchöne Perſon, und eine ſehr große Tänzerin. Die machte es aber nicht ſo, wie Seine Tänzerinnen. Eben darum, Sire, ſagte Noverre, das Haupt ſtolz zurückwerfend, eben darum war ſie auch in Berlin!*) Sire, ſagte in dieſem Moment der Kaiſer, wenn es Ew. Majeſtät beliebt, werden jetzt unſere Opernſänger uns ein kleines Concert vortragen. Der König verneigte ſich, und ließ ſich dann wieder in den Fauteuil niedergleiten, ohne den Balletmeiſter Noverre, der ihm eben eine tiefe künſt⸗ leriſche Abſchiedsverbeugung machte, nur eines Blickes weiter zu würdigen. Ich habe mich gerächt, murmelte Noverre leiſe in ſich hinein, und *) Frédéric le Grand, Conversations avec le Prince de Ligne. —————— — 31 mit einem ſtolzen Lächeln zog er ſich auf ſeinen Platz hinter der Couliſſe zurück. Das dramatiſche Concert begann. Dem Programm gemäß ſollte es die berühmte Sängerin Bernasconi mit einer Arie im Coſtüm aus Gluck's Oper Alceſte eröffnen, dem dann der Sänger Tibaldi mit einer Scene aus Glucks neueſter Schöpfung: Paris und Helena folgen ſollte. Schon begann das Orcheſter die Eingangstakte der Arie zu ſpielen, aber die Sängerin war noch nicht aus der Couliſſe hervorgetreten. Der dirigirende Capellmeiſter richtete ſeine unruhigen Blicke nach dem Ort, von woher ſie auftreten mußte, aber vergeblich, Signora Bernasconi war nicht da, und doch war die Introduction ſchon zu Ende, und der Geſang mußte beginnen. Eine allgemeine Bewegung entſtand, das Or⸗ cheſter verſtummte, der Vorhang rollte langſam wieder nieder, und fragend und erwartungsvoll blickte Jedermann auf den Oberhofmarſchall, der eben, von der Bühne kommend, ſich dem Kaiſer genähert hatte, und leiſe zu ihm ſprach. Sire, wandte ſich der Kaiſer jetzt an den König, Sire, ich habe Ew. Majeſtät um Entſchuldigung zu bitten. Ein unangenehmer Zufall iſt eingetreten. Signora Bernasconi iſt, wie man mir berichtet, plötz⸗ lich heftig erkrankt, und außer Stande zu ſingen. Ah, rief der König lächelnd, ich kenne dieſe plötzlichen Erkrankungen der Sängerinnen; die meinigen haben mich oft damit zu chicaniren verſucht. Es giebt indeſſen ein ſehr wirkſames Mittel gegen ſolche plötzliche Krankheiten der eigenſinnigen Primadonnen, und ſeit ich dies anwende, ſeit ich jeder Sängerin, welche plötzlich erkrankt, eine halbe Monatsgage abziehen laſſe, ſeitdem ſind alle meine Sängerinnen geſund und von allen Anfällen frei. Ich vermuthe, die Signora iſt vor Angſt und Beklemmung krank geworden, ſagte der Kaiſer lächelnd. Das Bewußtſein, vor dem großen König, der zugleich ein großer Künſtler iſt, ſingen zu ſollen, hat ſie ſchüchtern und muthlos gemacht. Ah Sire, wie wenig kennen Sie die Theaterprinzeſſinnen, rief der König achſelzuckend. Sie ſind noch ſchlimmer und eigenſinniger, wie die wirklichen Prinzeſſinnen, glauben Sie es mir! Und die italiäniſchen Theaterprinzeſſinnen ſind die ſchlimmſten von allen! Signora Bernasconi iſt eigentlich eine Polin, ſagte Kaunitz, ie ſtammt aus einer berühmten polniſchen Adelsfamilie. Deſto ſchlimmer, rief der König, das polniſche Blut revoltirt und extravagirt immer, und kann ſich niemals in die ruhigen Bahnen fügen. Es wundert mich, daß die Weisheit Eurer Durchlaucht ſich nicht dagegen aufgelehnt hat, einer Polin eine ſo wichtige Stellung zu geben, wie die einer erſten Sängerin für ein Operninſtitut iſt. Die Polen bringen überall Unruhe und Verwirrung. Aber ſie ſind 3 Schauſpieler, Sire, und wiſſen Heldenrollen zu ſpielen, als ob es Wirklichkeit wäre, ſagte Kaunitz, indem er ſeine goldene Tabatiere hervorzog, und den Deckel, auf welchem ſich das mit Brillanten eingefaßte Bildniß der Kaiſerin befand, langſam öffnete. Aber unter dem Theaterharniſch und dem Cüraß ſchauet doch immer unerwarteter Weiſe wieder der Fripon hervor, rief der König, und im Augen⸗ blick, wo man glaubt, es mit wirklichen Helden zu thun zu haben, ſieht man an dem gekünſtelten Pathos, und dem ſtumpfen blechernen Schwert, daß es doch nur elende Schauſpieler ſind, welche man da vor ſich hat! Vielleicht, ſagte Kaunitz, indem er ſeine ſchlanken weißen Finger tief in den Inhalt ſeiner Doſe verſenkte, vielleicht erleben wir's noch, daß ihre Bühne unter ihnen zuſammenbricht, denn, wie mich dünkt, fahren ſie wie Raſende und Beſeſſene darauf umher, und da werden ſie zuletzt den Boden unter ihren Füßen verlieren. König Friedrichs Augen blitzten höher auf, und richteten ſich einen Moment mit einem ſcharfen, forſchenden Ausdruck auf das ernſte, kalte Antlitz des Fürſten hin, der ſeine Blicke immer noch auf ſeine geöffnete Doſe niedergeſchlagen hatte. Durchlaucht, ſagte der König lächelnd, wir ſind ſo lange Gegner geweſen, daß wir jetzt bei unſerem erſten Begegnen uns feierlichſt unſere freundſchaftlichen Geſinnungen bezeugen ſollten. Die Indianer pflegen bei ſolcher Gelegenheit eine Friedenspfeife mit einander zu rauchen, für unſere cultivirten Zuſtände mag es genügen, den Tabak des Frie⸗ dens nicht in unſere Pfeife, ſondern in unſere Naſe zu ſtecken. Wollen Sie mir alſo erlauben, eine Priſe aus Ihrer Doſe zu nehmen? Das war ein Zeichen von Huld und Herablaſſung. welches ſogar das ſtolze Herz des Fürſten Kaunitz zu rühren vermochte, und ein — 33 ſauftes Erröthen des Vergnügens über ſeine Wangen hauchte. Mit ungewohnter Haſt beeiferte er ſich, dem Wunſch des Königs zu genügen und ihm ſeine geöffnete Doſe darzureichen. Der König nahm aus derſelben eine ziemliche Quantität Spaniol, und indem er das that, ſagte er: ich kann Ew. Durchlaucht die Ver⸗ ſicherung geben, daß dies das erſte Mal iſt, daß ich aus anderer Leute Doſen mir eine Priſe nehme! Nun, Sire, rief Kaunitz heiter, mir ſcheint, Ew. Majeſtät haben uns ganz Schleſien doch als gute Priſe weggenommen! Das iſt wahr, ſagte der König lächelnd, aber es war ein gar ſcharfer Taback, und Sie haben mich viel darnach nieſen machen, ohne mir ein einziges Mal den üblichen Gruß: zur Geneſung! zuzurufen! Der König hatte gar nicht darauf geachtet, daß während ſeiner Unterhaltung mit dem Fürſten Signor Tibaldi längſt ſchon ſeine große Scene aus Glucks Helena und Paris begonnen hatte, und er ſetzte ſein Geſpräch mit Kaunitz fort, bis die Muſik verſtummte, und die allge⸗ meine Stille ihn darauf aufmerkſam machte. Ew. Majeſtät haben dies Mal einer Primadonna Unrecht gethan, ſagte der Kaiſer jetzt. Die Signora iſt, wie man mir eben berichtet, wirklich krank, und ganz in Verzweiflung darüber, nicht vor Eurer Ma⸗ jeſtät ſingen zu können. Sie hat uns, wie ich höre, indeſſen einen Er⸗ ſatz verſchafft und eine Remplagantin geſtellt. Eine zweite Primadonna? fragte der König. Die zweiten Prima⸗ donnen ſind immer geſund, wenn ihre Rivalinnen erkranken, denn ſie hoffen alsdann ſie von ihrem Platz zu verdrängen. Nein, Ew. Majeſtät. Keine zweite Primadonna, glaube ich. Man kennt ſie nicht, die Bernasconi hat ſie als ihre genaueſte Freundin empfohlen, und ſteht dafür ein, daß ſie würdig iſt, ihre Stelle einzunehmen. Ach, dann muß ſie ein wahres Wunder von Geſangskunſt ſein, rief der König, denn daß eine Sängerin eine andere anerkenne, iſt wirklich ein ganz merkwürdiger Fall! Hören wir aber doch dieſe Sän⸗ gerin, welche ſogar von ihres Gleichen geprieſen wird! Der König richtete ſeine blitzenden Augen der Bühne zu, und ſein edles, bewegliches Antlitz nahm jetzt den Ausdruck der lebhafteſten Er⸗ regung und Aufmerkſamkeit an. Kaiſer Joſeph. 2. Abth. I. 3 — 34 Auf's Neue begannen die Eingangstakte der Gluckſchen Arie, und jetzt trat hinter der Couliſſe hervor eine hohe majeſtätiſche Geſtalt, ſtrahlend von Jugend, Schönheit und Majeſtät, prachtvoll anzuſchauen in dieſem langwallenden griechiſchen Gewande der Alceſte, den goldge⸗ ſtickten Purpurmantel mit unnachahmlicher Grazie über die vollen ſchö⸗ nen Schultern geworfen, das dunkle volle Lockenhaar zuſammengehalten von dem goldenen Diadem, in deſſen Mitte ein großer Solitair von ſeltener Schönheit blitzte, das weiße kurze Oberkleid um die ſchlanke Taille befeſtigt mit einem goldenen, von Brillanten funkelnden Gürtel, und eben ſolche Spangen um die weißen, edelgeformten Arme. Es war eine Erſcheinung voll ſo edler Schönheit, ſo imponirender Würde, daß ſelbſt König Friedrich ſich davon ergriffen fühlte, und ganz unwillkürlich einſtimmte in das Gemurmel des Beifalls, das ſich in dem Saal erhob. Die unbekannte Sängerin ſchien dieſes Gemurmel gar nicht zu vernehmen, ihre großen dunklen Augen waren ernſt und unverwandt nur dahin gerichtet, wo die beiden hohen Fürſten ſaßen, und wie ſie jetzt die Arme erhob, um als Alceſte die Hülfe der Götter anzurufen, ſchienen ihre Blicke dieſe hülfreichen Götter nicht dort oben im Himmel, ſondern nur da drüben auf den Seſſeln des Königs und des Kaiſers zu ſuchen.— Und edel und erhaben, wie ihre ganze Erſcheinung, war auch ihr Geſang, war ihre Stimme voll von unendlichem Wohllaut und von edelſter, kernigſter Fülle. Selbſt der geſtrenge und ſchwer zu befriedigende Meiſter Gluck würde mit dem Geſang und dem Vortrag dieſer Alceſte zufrieden geweſen ſein, und ſelbſt Friedrich der Große, ſonſt ein Gegner der Gluck'ſchen Opern, fühlte ſich von dieſem Geſang bezaubert und hingeriſſen, und hörte ihm zu mit ſtrahlenden Augen und einem ſanften Lächeln um die ſchmalen Lippen. Kaiſer Joſeph allein achtete gar nicht auf den Geſang, und der erhabene Rhythmus der Muſik ging dies Mal unverſtanden an ſeinem Ohre vorüber. Seine ganze Aufmerkſamkeit war nur der Perſon der Sängerin zugewandt, und ſchien jeden ihrer Blicke, jede ihrer Bewe⸗ gungen prüfen zu wollen! Sie iſt es, ich erkenne ſie wieder, ſie iſt es, murmelte der Kaiſer halblaut, und als Fürſt Kaunitz, deſſen ſcharfes Ohr vielleicht die Worte —g———— 35⁵ des Kaiſers vernommen hatte, ſeine kalten Blicke mit einem fragenden Ausdruck dem Kaiſer zuwandte, neigte Joſeph ſich raſch zu ihm hin. Erinnern Sie Sich noch, was ich Ihnen heute Morgen von der Dame erzählte, welche mir das Bouquet zugeworfen? fragte der Kaiſer. Ich vergeſſe nichts, was Ew. Majeſtät geruhen mir zu ſagen! erwiderte Kaunitz mit ſeiner gewohnten Ruhe. Nun denn, dieſe Sängerin iſt die Dame, welche mir das Bou⸗ quet gab! Ach, das Souvenir à Eperies! Jetzt begreife ich auch die Krank⸗ heit der Bernasconi, Sire! Sie iſt aus patriotiſchem Edelmuth krank geworden, weil eine Landsmännin vor Ihren Majeſtäten ſingen wollte, um von Ihnen bemerkt zu werden! Es ſollte mich gar nicht wundern, wenn ſie es verſuchen ſollte, noch auf irgend eine eclatantere Weiſe die Aufmerkſamkeit Eurer Majeſtät zu feſſeln. Dieſe Polinnen ſind ſo enragirte Patriotinnen. Der Kaiſer erwiderte nichts. Er blickte hinüber nach der Sän⸗ gerin, deren wunderbare, ſtolze Schönheit, deren räthſelhafte Erſcheinung ſeine Augen und ſeine Neugierde feſſelte.— Jetzt war ihre Scene beendet, und der Vorhang rauſchte nieder. Eine augenblickliche athemloſe Stille trat ein, Aller Augen richteten ſich nach dem Fürſtenpaar hin, gleichſam die Erlaubniß erflehend, der allge⸗ meinen Bewunderung, dem glühenden Enthuſiasmus Ausdruck zu geben. Vielleicht verſtand der König dieſen geheimen Wunſch der Ver⸗ ſammlung, vielleicht folgte er nur ſeiner eignen Bewunderung; er erhob die Hände und applaudirte. Und jetzt brauſete und donnerte ein en⸗ thuſiaſtiſcher Beifallsſturm durch den Saal, und das Brava! Brava! des Kaiſers übertönte noch das enthuſiaſtiſche Rufen der Uebrigen. Der Vorhang erhob ſich wieder, und aus der Couliſſe hervor trat die Sängerin, unter dem lauten Bravarufen und Applaudiren ſchritt ſie vor bis dicht an die Lampen, und verneigte ſich dann tief und ehr⸗ furchtsvoll. Ein neuer Beifallsſturm brauſte durch den Saal, lauter noch als zuvor hörte man die helle Stimme des Kaiſers Brava! Braval rufen. Die Sängerin blickte mit langen glühenden Blicken zu ihm hin⸗ über, ihr Antlitz ſchien aufzuflammen in Begeiſternng, eine dunkle 2 3** 36 Purpurgluth überzog auf einmal ihre bleichen Wangen, und, gleichſam Ruhe gebietend, hob ſie ihre ſchönen Arme einen Moment empor. Eine tiefe Stille ein, von Staunen und Neugierde gefeſſelt, ſtarrte Jeder hinüber nach dieſer ſtolzen räthſelhaften Erſcheinung, welche es wagte, dem Enthuſiasmus eines Kaiſers und eines Königs Schweigen aufzuerlegen. Und aus dieſer Stille erhob ſich jetzt die edle klangvolle und ſonore Stimme der Sängerin. Ihre ganze Seele, ihr ganzes Empfinden bebte und glühte aus den Tönen, den Worten des Liedes, das ſie jetzt ſang, und das alſo lautete: Es liegt in Todesſchmerzen Die ſchönſte Königin. Das Blut aus ihrem Herzen Fließt heiß zur Erde hin. Nicht freventlich geſchlagen Hat ſie die Wunden ſich, Im Sterben darf ſie ſagen: „Für Dich verblut' ich mich! „Für Dich, Du goldne Freiheit, Für Dich, Geſetz und Recht! Für dieſe große Dreiheit Iſt mir das Sterben recht! ¹ „Denn beſſer frei zu ſterben. 1 Als leben, Sclaven gleich, Und laſſen ſeinen Erben Nichts als die Schande bleich. „Und beſſer ſich verbluten In ehrenvoller Schlacht, Als unter Feindes Ruthen Ein Leben hingebracht!“ Die Königliche Klage Erweicht ſie nicht Eu'r Ohr * Und öffnet ihre Plage Nicht Eures Mitleids Thor? —ᷓ 37 Ihr könnt, Ihr könnt ſie heilen, Ihr großen Aerzte hier, Oh thut es ohn' Verweilen, Erbarmen habt mit ihr! Oh, helft dem kranken Polen Der kranken Königin! Oh eilt von ihr zu holen Des Dankes Hochgewinn! Unter dem athemloſen Schweigen der Verſammlung hatte die Sängerin ihr Lied beendet, und auch jetzt, als ſie ſich verneigte, als ihre flehenden Blicke ſich hinüber richteten zu dem Fürſtenpaar, auch jetzt ward die Stille nicht durch das kleinſte Zeichen des Beifalls un⸗ terbrochen. Aller Augen richteten ſich wieder dem Kaiſer und dem König zu, um in ihren Mienen den Eindruck dieſer ſeltſamen und un⸗ gewöhnlichen Scene zu entdecken, und Niemand ſchien es zu bemerken, daß die Sängerin wieder langſam in die Couliſſen zurückgetreten, und der Vorhang wieder hernieder gerauſcht war. Der Kaiſer erhob ſich mit jugendlicher Haſt von ſeinem Fauteuil und winkte den Oberhofmarſchall zu ſich. Gehen Sie, Graf, ſagte er, gehen Sie, und fragen Sie die Sängerin um ihren Namen. Sagen Sie ihr, ich ſei es, welcher ihn zu wiſſen wünſchte! Sie heißt Polen, Sire, ſagte Kaunitz mit einem wegwerfenden Ton, während der Hofmarſchall von dannen eilte. Sagte ich es Ew. Majeſtät nicht zuvor, daß es dieſe Polin nicht bei dieſem Bouquet würde bewenden laſſen? Ich kenne dieſe Polinnen, ſie coquettiren mit Allem, am liebſten aber mit ihrem Vaterlandsſchmerz! Der Kaiſer antwortete ihm nur mit einem Achſelzucken und einem Lächeln, und wandte ſeine Blicke wieder dem Oberhofmarſchall zu, der eben wieder durch die hinter die Bühne führende Thür hervortrat. Nun, Graf, wie heißt die Dame? rief er dem ſich Nähernden entgegen. Der Oberhofmarſchall zuckte die Achſeln. Sire, ich habe den Na⸗ men nicht erfahren können. Die Dame hat ſofort das Haus verlaſſen, und Niemand, ſelbſt nicht der Capellmeiſter wußte mir ihren Namen zu ſagen! 38 Seltſam! murmelte der Kaiſer. So ſoll man die Bernasconi fragen, befahl er dann laut. Sie mindeſtens wird doch Auskunft zu geben vermögen über dieſe Sängerin. Majeſtät halten zu Gnaden, ich habe die Bernasconi ſelber gefragt; ſie iſt im Hauſe, und in ihrem Garderobenzimmer damit beſchäftigt, ſich ihr Coſtüm anzulegen, denn es ſcheint, daß ſich ihr Bruſtkrampf plötzlich ver⸗ loren hat, und ſie kräftig genug iſt, die zweite Arie ſelber zu ſingen! Nun, und was ſagte die Bernasconi? Sire, ſie behauptet den Namen der Sängevin auch nicht zu wiſſen! Sie zeigte mir einen Brief von dem bei der polniſchen Republik accre⸗ ditirten franzöſiſchen Militairbevollmächtigten Obriſten Dumouriez. Die Bernasconi kennt dieſen Herrn von Paris her, und er hat dieſer Dame Empfehlungsbriefe an die Signora mitgegeben. Es ſcheint, dieſelbe wollte nach Wien gehen, und da ſie erfuhr, daß die Bernasconi hier in Neuſtadt war, hat ſie ſchon hier ganz zufällig ihren Brief abgegeben. Der Obriſt Dumouriez bezeichnet in ſeinem Briefe die Fremde nur als eine polniſche Dame von vornehmer Geburt, welche zugleich die emi⸗ nenteſte Sängerin ſei, und deren Geſang ſogar im Stande ſein würde, das kunſtfinnige Ohr Eurer Majeſtät zu erfreuen. Ah, haben Sie gehört, Durchlaucht? fragte der König von Preußen, während der Kaiſer ſein Geſpräch mit dem Oberhofmarſchall fortſetzte. Haben Sie gehört, Durchlaucht? Der franzöſiſche Bevollmächtigte hat dieſe Donna hierher geſandt? Vraiwent, dieſes Frankreich wird, da es der Kriege überdrüſſig iſt, jetzt empfindſam, wie es ſcheint. Die Co⸗ tillons haben ſo lange über Frankreich regiert, daß man jetzt auch die Cotillons in der auswärtigen Politik beſchäftigen will. Es ſind wirk⸗ lich ein paar recht galante Damen, La France und La Pologne! Ja, Sire, aber die Eine von ihnen iſt alt geworden, ſagte Kaunitz, alt und kraftlos. Dieſe Madame La Pologne iſt wirklich eine alte Co⸗ quette, welche vergeblich verſucht ihre Hinfälligkeit und Schwäche unter ihrer Schminke zu verbergen, und trotz ihres Greiſenalters die Alluren der Jugend und Schönheit annimmt. Ew. Durchlaucht glauben wohl gar, daß die Coquette keine Zugend und keine Lebenskraft mehr beſitzt? fragte der König mit einem durch⸗ bohrenden Blick auf das Antlitz des Fürſten. 39 Sire, wenn man ſeine Jugendkraft und ſein Jugendblut auf Tanz⸗ böden und bei Raufereien verſchwenderiſch vergeudet hat, ſo wird man am Tage einer wirklichen Schlacht keine Kraft und kein Lebensblut mehr zuzuſetzen haben. Und es ſcheint wirklich, als ob die Kaiſerin von Rußland der ar⸗ men alten Coquette Polen eine Schlacht zu liefern beabſichtigt, ſagte der König, indem er, zum zweiten Mal an dieſem Abend, eine Priſe aus der Doſe des Fürſten nahm.— Das Concert nahm ſeinen Fortgang, und Signora Bernasconi entwickelte in der großen Arie aus Orpheus und Euridice alle Schön⸗ heit und Volubilität ihrer Stimme, der man gar nichts mehr von dem Bruſtkrampf anhörte, welcher ſie noch eine Stunde vorher zum Singen unfähig gemacht hatte. Der König applaudirte ihr, wie er es zuvor der unbekannten Sän⸗ gerin gethan. Aber der Kaiſer ſaß theilnahmlos und ſichtlich zerſtreut da. Gegen ſeinen Willen wandten ſich ſeine Gedanken wieder und immer wieder der geheimnißvollen Spenderin des Bouquets, der räth⸗ ſelhaften Sängerin zu, welche, indem ſie in ihrem Liede ſo ergreifend ihm das Unglück und Leid Polens geſchildert, ihn zugleich daran erin⸗ nert hatte, daß er in Eperies den Conföderirten Schutz und Hülfe verſprochen hatte. Sie iſt eine Polin, und ſie iſt begeiſtert für ihr Valerland, ſagte der Kaiſer zu ſich ſelber. Sie wird ſich ohne Zweifel mir noch öfter zeigen, denn ſie fühlt, daß ihr Vaterland meines Schutzes bedarf. Bei ihrem nächſten Erſcheinen aber werde ich es machen, wie der Prinz im Mährchen. Ich werde Pech auf die Schwelle der Thür gießen laſſen, damit ihr Fuß daran haften bleibt, und ſie mir nicht wieder ent⸗ ſchwinden kann! Auch Fürſt Kaunitz ſchien vor der Erſcheinung der Fremden leb⸗ haft angeregt zu ſein, nur vertröſtete er ſich nicht, wie der Kaiſer, auf das willkürliche Wiedererſcheinen der Gräfin. In ſeine Gemächer zurückkehrend, ließ er ſogleich ſeinen Geheim⸗ ſchreiber, welcher zugleich einer der gewandteſten Mitglieder der geheimen Polizei und der Keuſchheits⸗Commiſſion war, vor ſich kommen. Sie werden Sich ſogleich nach der Sängerin, die heute Abend vor mir 40 und den Majeſtäten geſungen hat, erkundigen, ſagte der Fürſt. Morgen früh um neun Uhr will ich wiſſen, wie die Dame heißt, wo ſie logirt, und was ſie will. VI. 91s Friedrich der Große und Fürſt Kaunitz. mm Das glänzende militairiſche Schauſpiel, welches der Kaiſer zu Ehren ſeines königlichen Gaſtes veranſtaltet hatte, war beendet, und die Fürſten waren von dem großen Manoeuvre, welches in der Umgebung von Neu⸗ ſtadt abgehalten worden, wieder in ihre Quartiere zurückgekehrt. Dieſes Manoeuvre hatte Friedrich dem Großen die Stärke und Schönheit der öſterreichiſchen Armee bewieſen, es hatte ihm gezeigt, daß die öſterreichiſche Cavallerie der preußiſchen bei Weitem überlegen ſei, und endlich hatte es ihm an der Spitze einer großen kriegskundigen Armee einen jungen, thatendurſtigen, muthigen Fürſten gezeigt, der mit ſeiner Kühnheit und ſeinem Ungeſtüm das größte militäriſche Wiſſen, mit ſeiner Tapferkeit die größte Ueberlegung vereinte, und ganz dazu geſchaffen ſchien’, als ſiegreicher Feldherr ſeinem Heere voranzuſchreiten. Der König hatte dem jungen Kaiſer und ſeinen Soldaten indeſſen das größte Lob geſpendet, er hatte ſich ganz begeiſtert über die Feld⸗ herrntalente des Kaiſers, über die Gewandtheit und die ſichern Bewe⸗ gungen der Truppen geäußert, und vor der Fronte der Armee den Kai⸗ ſer zärtlich umarmt. Nach dieſer militäriſchen Feierlichkeit hatte der König ſich in ſeine Gemächer zurückgezogen, und ein Bote von ihm war zu dem Fürſten Kaunitz geeilt, um zu melden, daß Se. Majeſtät ſehr erfreut ſein würde, den Beſuch Sr. Durchlaucht empfangen zu können. Fürſt Kaunitz hatte ſich ſofort bereit erklärt, der Einladung des Königs zu folgen, und zum größten Erſtaunen ſeiner Kammerdiener hatte er ſogar ſeine Toilettenſtunde verkürzt, und mindere Sorgfalt auf den Bau ſeiner Perrücke verwandt, wie dies jemals ſonſt geſchehen. Selbſt ſein Gang war ungewöhnlich ſchnell und haſtig geweſen, als er 41 den Corridor hinabeilte, um ſich zum König zu begeben, und ſogar ſeine Mienen und ſeine lebhaften Blicke hatten die lebhafte Ungeduld verrathen, mit welcher er dieſer Zuſammenkunft mit dem König entgegen ging. Aber auch der Fürſt ſelber ſchien dieſe ſeine ungewöhnliche Aufre⸗ gung bemerkt zu haben, und ſich zur Ruhe zwingen zu wollen. Je mehr er ſich den Gemächern des Königs näherte, deſto langſamer ward ſein Schritt, deſto mehr nahmen ſeine Züge wieder ihre gewohnte ſtei⸗ nerne Ruhe an, erſtarb der feurige Glanz ſeiner Augen. Vor der Thür des Vorzimmers angelangt blieb der Fürſt ſtehen, und als er, langſam und gravitätiſch umherblickend, ſich überzeugt hatte, daß Niemand ſich in ſeiner Nähe befände, zog er aus ſeiner Buſen⸗ taſche den kleinen Handſpiegel hervor, den er immer bei ſich zu tragen pflegte. Sorgfältig und lange prüfte der Fürſt jetzt ſein Angeſicht, das, während ſeines eigenen Anſchauens, immer ſtarrer und ernſter ward, und ſich gewiſſermaßen als ein immer dichterer Schleier über die Em⸗ pfindungen ſeiner Seele legte. Es verlohnte ſich auch wahrlich der Mühe, murmelte Kaunitz vor ſich ahin, in Emotion zu gerathen über dieſe Zuſammenkunft mit der teu preußiſchen Majeſtät. Sie wäre in ihrer Eitelkeit im Stande zu vermeinen, daß ſeine Nähe und ſeine weltberühmten, unwiderſteh⸗ lichen Adlerblicke auf mich auch die üerwältigende Macht ausüben, die ſie auf ſeine Soldaten, Höflinge und Schmeichler ausüben mag. Nein, nein, was nuch ein wenig erregte, das war nicht der König von Preußen, ſondern der Gedanke, daß ich eben im Begriff bin ein Stückchen Welt⸗ hiſtorie zu machen, und daß von dieſem Gang, den ich jetzt thue, noch nach Jahrhunderten in den Büchern der Geſchichte als von einer großen und denkwürdigen Begebenheit wird geſprochen werden. Es ſind die Geſchicke Europa's, welche ich heute in meinen Händen wiege und de⸗ nen ich nach meinem Gefallen ihre Lenkung geben will. Und dieſer König von Preußen ahnt nichts davon! Bildet ſich wohl gar ein, daß er mich lenkt, und daß ſeine kleinen Minauderien und Schmeichelei mich umnebelt und mein Urtheil umſponnen haben! Ahnt nicht, daß auch Er nur ein Werkzeug ſein wird in meinen Händen, daß auch Er mir dienen wird und ſoll, die Politik, die ich für Oeſterreich als die richtige erkannt, durchzuſetzen! 42 Der Fürſt blickte noch einmal prüfend in ſeinen Handſpiegel, und da er ſich überzeugte, daß ſein Antlitz jetzt wieder ſeine ſtolze Ruhe und Undurchdringlichkeit angenommen, ſteckte er das Glas wieder ein, und öffnete die Thür des Vorzimmmers. Weiche, melodiſche Töne einer Flöte trafen jetzt ſein Ohr und der im Vorzimmer befindliche Adjutant des Königs erzählte dem Fürſten mit flüſternder Stimme, daß Se. Majeſtät gewohnt ſei, um dieſe Stunde die Flöte zu blaſen, und daß der König dieſer Gewohnheit ſelbſt im Feldlager, und ſelbſt während der größten Bedrängniſſe treu geblieben. Fürſt Kaunitz antwortete nur mit einem leichten Achſelzucken, und mit erhobenem Arm auf die Thür deutend, ſagte er:„melden Sie mich Se. Majeſtät.“ Der Adjutant eilte ihm voran, und die Thür öffnend rief er mit lauter Stimme: Se. Durchlaucht der Fürſt Kaunitz. Sofort verſtummte die Flöte, und die zugleich ſo ſanfte und ge⸗ bieteriſche Stimme des Königs ſagte: ſoll eintreten! Fürſt Kaunitz fand in ſeinem Herzen dieſes„Soll“ ein wenig ſehr dictatoriſch und ganz und gar nicht ſeiner eigenen Würde undee ſe aber er mußte ſich dennoch demſelben fügen, und ſchritt langſam und gelaſſen an dem Adjutanten, welcher ihm die Thür offen hielt, vorüber in das Gemach des Königs. m jua Schließe Er die Thür und geh Er in das zweite Vorzimmer, be⸗ fahl der König dem Adjutanten, Niemand ſoll eintreteng ſo lange Se. Durchlaucht hier iſt!— Dann wandte er ſich an Kannitz, und auf die Flöte hindeutend, welche er noch immer in der Haud hielt, ſagte er: Sie werden gewiß in Ihrem Herzen den alten Knaben belachen, der es immer noch nicht lernen kann ein Greis zu ſein, und mit den Künſten koquettirt, als wären ſie ſo gefällige Schönen, daß ſie meines Alters und meiner Hinfälligkeit gar nicht achteten. Lachen Sie immer⸗ hin, Durchlaucht, aber ich ſage Ihnen, meine Flöte hier iſt die treueſte, verſchwiegenſte und verſtändnißvollſte Geliebte meines ganzen Lebens geweſen. Treuer als alle meine Freunde, hat ſie mich niemals ver⸗ rathen und betrogen, hat ſie niemals meine Geheimniſſe ausgeplaudert. Deshalb bin ich ihr aber auch treu geblieben! Ich habe mit ihr ein Bündniß für alle Zeiten geſchloſſen, und ich, Durchlaucht, pflege mei⸗ nen dieſe Wor ſagte mich ſth wel Kör 43 nen Bündniſſen immer treu zu bleiben. Fragen Ew. Durchlaucht nur dieſe melodiſche Dame hier, ſie wird Ihnen ſagen, daß ich ihr allezeit Wort gehalten habe und ihr unveränderlicher Ritter geblieben bin! Da ich leider nicht die Sprache dieſer melodiſchen Dame verſtehe, ſagte Kaunitz langſam, ſo müſſen mir Ew. Majeſtät ſchon erlauben mich an eine andere Dame zu wenden, wenn ich mich überhaupt unter⸗ ſtehen ſollte, Zweifel in die Treue und Ritterlichkeit zu ſetzen, mit welcher Ew. Majeſtät geſchloſſene Bündniſſe heilig halten. Und an welche Dame würden Sie Sich dann wenden? fragte der König raſch. An Ihre Majeſtät die Kaiſerin Katharina von Rußland! erwiderte Kaunitz, indem er ſich leicht verneigte. Ah, Sie ſteuern gerade auf das Ziel los, rief der König lächelnd, und ohne alle weitere Präliminarien befinden wir uns da auf einmal mitten auf dem Schlachtfelde der Politik! Nehmen wir alſo Platz, Durchlaucht! Der Seſſel, den Sie da einnehmen, kann ſich rühmen das Streitroß zu ſein, welches den größten Feldherrn der D Diplomatie heute in die Schlacht und zu neuen Siegen führt! Fürſt Kaunitz beeilte ſich, zu gleicher Zeit mit dem König Platz zu nehmen, und ließ ſich in dem großen hochlehnigen Fauteuil nieder, der, dem des Königs ganz gleich, ſich an der andern Seite dieſes ſchmalen, mit Papieren nud Büchern belaſteten Tiſches befand, vor welchem der König ſaß. Eine kleine Pauſe trat ein, Beide ſchienen ſie ſich zu ſammeln und vorzubereiten zu der ernſten und gewichtigen Stunde, welcher ſie ent⸗ gegen gingen. Die Augen des Königs ruhten mit einem ſcharfen, durch⸗ dringenden Ausdruck auf dem kalten ſteinernen Antlitz des Fürſten, der ſich den Anſchein gab, das Anſchauen des Königs gar nicht zu bemerken, ſondern kalten und ruhigen Blickes gerade vor ſich hinſah. Alſo an die Kaiſerin von Rußland würden Sie Sich wenden, wenn es darauf ankäme, zu erfahren, ob ich ein treuer Bundesgenoſſe bin? fragte der König endli ch. Ja, Sire, denn leider iſt es die Kaßferin von Rußland, welche darüber Auskuuft geben kann! Warum ſagen Sie leider? fragte der König raſch 4 44 Weil ich es beklage, daß ein deutſcher Fürſt, der König eines mäch⸗ tigen Landes, der Bundesgenoſſe Derjenigen iſt, welche nur darauf wartet, ganz Enropa zu unterjochen, und alle Fürſten zu ihren Vaſallen zu erniedrigen. Rußland iſt für ganz Europa eine mit jedem Tage wachſende Gefahr, es dehnt ſeine langen Arme immer weiter über. Europa aus und ſucht überall Händel und Zwiſtigkeiten anzuſchüren, weil er ſehr wohl weiß, daß es bei den Zwiſtigkeiten der Andern immer etwas für ſich gewinnen und einen Schritt vorwärts thun kann, ſeinem Ziel entgegen. Und welches, fragte der König lächelnd, welches halten Ew. Durch⸗ laucht für Rußlands Ziel? Die Unterjochung von ganz Europa, Sire! rief Kaunitz mit un⸗ gewohnter Wärme. Rußlands Politik iſt die Politik des Ehrgeizes, der Ländergier, der Weltherrſchaft, und wenn es ſich jetzt noch ſo weit vom Ziel entfernt ſieht, ſo darf ich mich wohl rühmen, Sire, daß es Oeſterreich allein iſt, welches es immer wieder zurückgedrängt hat, daß es meine Politik allein iſt, welche dem Vordringen Rußlands in dem Bündniſſe mit Frankreich, Spanien, und faſt allen Mächten Euxopas einen Damm entgegen geſetzt hat! Mir iſt es gelungen, das Gleichge⸗ wicht Europas wieder herzuſtellen, indem ich, die alten Antipathieen beſiegend, Frankreich zu einem Bundesgenoſſen Oeſterreichs machte, das übermüthige England iſolirte, und dem erobenungsſüchtigen Rußland ganz Europa zum Kampf gerüſtet und in Waffen gegenüber ſtellte. Aber Rußland verliert niemals ſeine Zwecke aus den Augen, es tritt niemals zurück von der Bahn, welche Peter der Große ſeinen Nachfol⸗ gern vorgezeichnet hat, und da ich es verhindert habe ſich mehr nach Weſten auszubreiten, ſo hat es ſich dem Süden und dem Orient zu⸗ gewandt, und möchte ſeine Weltherrſchaft in der Türkei und in Polen beginnen. Gegen alles Geſetz und Recht haben ruſſiſche Armeen Polen überſchwemmt, und werden die arme Republik zu Tode hetzen, um eine ruſſiſche Provinz daraus zu machen. Wenn wir es nicht hindern, mögen bald die amnen ahir vor Conſtantinopel landen und auch die Türkei zu einer ruſſiſe Exroberungen, denn es iſt in ſeinem innerſten Daſein erſchöpft und krank; die Kriege haben ihm das Mark ausgeſogen und es der Geldmittel Provinz machen! Rußland bedarf ſolcher ber leiſt nich eröf haft Aus wel dert wele zahl ihm 2 45 beraubt, es überbietet ſeine Kräfte und will und muß Außerordentliches leiſten, um dem Ruine zuvorzukommen, der es bedroht, wenn Rußland nicht ſeinem Lande neue Kräfte erobern, ihm neue Pforten des Verkehrs eröffnen kann! Ah, da ſind Sie in einem Irrthum befangen, rief der König leb⸗ haft; Rußland iſt eine Macht, die wohl im Stande iſt, die immenſeſten Ausgaben und Unternehmungen zu machen, und die großen Maßregeln, welche es jetzt genommen, haben ſeine Ausgaben nur um fünfmal hun⸗ derttauſend Rubel vermehrt. Die es dann wahrſcheinlich von der Million Subſidien zahlt, welche Ew. Majeſtät ſich verpflichtet haben, alljährlich an Rußland zu zahlen,*) ſagte Kaunitz ſich leicht verneigend, und welche Ew. Majeſtät ihm ſchon einige Jahre ausgezahlt haben, wie ich denke. Freilich, mit ſolchen königlichen Subſidien wird Rußland wohl im Stande ſein, ſeine großartigen Unternehmungen weiter fortzuführen, aber es wird damit eine neue Brandfackel für Europa entzünden. Wenn Rußland noch furchtbar iſt, ſo müſſen Ew. Majeſtät es aufzuhalten und zurückzudrän⸗ gen ſuchen; wenn es erſchöpft iſt, ſo iſt ſeine Allianz Ihnen gefährlich und kann ſogar ſchädlich werden!**) Ew. Durchlaucht ſind ſehr beeifert, mich von der Allianz mit Ruß⸗ land zurückzubringen, ſagte der König ernſt, und eine Wolke lagerte ſich auf ſeiner Stirn. Sie möchten mir beweiſen, daß Rußland eine Macht iſt, welche man gar nicht beachten ſoll, deren Feindſchaft man nicht zu fürchten, deren Freundſchaft man nicht zu ſuchen hat, und doch iſt es mir gar wohl bekannt, wie viele Mühe der öſterreichiſche Geſandte in Petersburg ſich noch vor einiger Zeit gegeben, um Rußland zu be⸗ wegen, die Allianz mit mir aufzuheben, und ſtatt deſſen ein Freund⸗ ſchaftsbündniß mit Oeſterreich zu ſchließen. Ew. Durchlaucht ſehen, ich verſtehe mich wenig auf die zweiſchneidige Kunſt der Politik, ich bin ein alter Soldat und liebe es, ohne Umſchweife die Wahrheit gerade her⸗ aus zu ſagen! Und wenn mir Ew. Majeſtät erlauben, werde auch ich die Wahr⸗ *) Ferrand: Histojre des trois démembremens de la Pologne. Vol. I. p. 84. **) Des Fürſten eigene Worte. Siehe Ferrand I. S. 108. 46 2 heit ſagen, rief Kaunitz, deſſen Augen jetzt in einem ungewohnten Feuer aufflammten. Ew. Majeſtät belieben, mich der Doppelzüngigkeit zu zeihen, Sie beſchuldigen mich, eine Allianz mit Rußland geſucht zu haben, während ich jetzt doch Ew. Majeſtät von eben dieſer Allianz abmah⸗ nen möchte. Ew. Majeſtät vermeinen, ich ſei eiferſüchtig auf die Allianz, welche Preußen mit Rußland geſchloſſen, ich beſtrebe mich, dieſelbe zu brechen, um dann eine Allianz Oeſterreichs mit Rußland zu Stande zu bringen. Darauf erlaube ich mir Ew. Majeſtät Folgendes zu er⸗ widern, und ich bitte Ew. Majeſtät die Gnade haben zu wollen, mich ohne Unterbrechung ausreden zu laſſen! Sprechen Sie, ſagte der König, leicht mit dem Kopfe nickend. Ich werde Sie anhören, ohne Sie zu unterbrechen! VII. Rußland, eine Gefahr für Europa. Fürſt Kaunitz blickte einen Moment ſchweigend vor ſich hin, als überlege er, was er dem König zu ſagen habe. Dann hob er langſam das Haupt wieder empor, und den ſcharfen, beobachtenden Augen des Königs mit klarem ruhigem Blick begegnend, ſagte er: Am Ende dieſes unſeligen Krieges, der die öſterreichiſchen und die preußiſchen Lande gleich ſehr verwüſtete, hatte ich zu überlegen, welches die Bahn ſein ſollte, die Oeſterreich fortan zu wandeln hätte. Ich entwarf mehrere Pläne und unterbreitete ſie der Billigung der kaiſerlichen Majeſtäten. Derjenige Plan, welcher von mir bevorwortet, und alſo auch von den Majeſtäten adoptirt ward, bezweckte nichts weiter, als den Frieden Eu⸗ ropas aufrecht zu erhalten und die Unordnungen im Innern Oeſter⸗ reichs, die unvermeidlichen Folgen eines langjährigen Krieges, zu ver⸗ beſſern. Während einer langen Zeit beobachtete ich mit der größten Aufmerkſamkeit, um zu ſehen, ob Ihre Preußiſche Majeſtät nicht ver⸗ ſuchen ſollte, ſich Frankreich zu nähern, und ſeine früheren Verbindun⸗ gen wieder anzuknüpfen. Die Schritte aber, welche Ew. Majeſtät in 47 Petersburg thaten, benahmen mir jeden Zweifel, und überzeugten den Hof von Wien, daß der von Berlin nur vorzugsweiſe daran denke, ſich ſeinen Rücken zu decken und ſeine öſtlichen Provinzen zu ſichern. Dies einmal erkannt hatte der Hof von Wien nicht mehr nöthig, ſo viele Egards auf das Miniſterium in Petersburg zu nehmen, ſondern durfte daran denken, ſeine Union mit Frankreich zu befeſtigen, eine Union, welche für Oeſterreich dieſelben Vortheile darbot, die Preußen in ſeiner Verbindung mit Rußland fand. Zudem dachte Oeſterreich, daß Preu⸗ ßen mit Rußland zu eng verbündet ſei, um ſich von demſelben loszu⸗ löſen und ihm Frankreich vorzuziehen. Unſere Allianz mit Frankreich ſchien alſo ganz geeignet das Gleichgewicht Europa's zu befeſtigen, und das allgemeine Syſtem ſolide genug zu machen, daß die dem Frieden wahrhaft geneigten Mächte Vertrauen zu demſelben faſſen könnten. Demzufolge iſt der Hof von Wien ganz zufrieden mit ſeiner Allianz mit Frankreich, und erklärt Sr. Preußiſchen Majeſtät auf die unzwei⸗ deutigſte und offenſte Weiſe, daß er ſich niemals damit beſchäftigen wird ihm Rußland abwendig zu machen, daß er niemals und bei keiner Gelegenheit das Entgegenkommen Rußlands annehmen wird, und daß Ew. Majeſtät dies Arrangement als feſtſtehend und unerſchütterlich be⸗ trachten könne!— Das war es, was ich zu ſagen hatte, und ich danke Ihnen, Sire, daß Sie mich ruhig angehört haben!*) Die Stirn des Königs, welcher anfangs finſter und mit miß⸗ trauiſchen Blicken zugehört hatte, war jetzt wieder heiter und klar, und ein wunderbares Feuer leuchtete aus ſeinen großen blauen Augen. Er erhob ſich raſch von ſeinem Seſſel, und Kaunitz ſeine Hand darreichend rief er mit einem köſtlichen Lächeln: Das heißt auf eine edle und frei⸗ müthige Weiſe Politik machen! Sie haben zu mir geſprochen nicht als Diplomat, ſondern als ein Staatsmann, welcher ſich ſtark genug fühlt, die Wahrheit ohne Rückhalt ſagen zu können. Und ſo will auch ich Ihnen jetzt antworten, freimüthig und rückhaltslos! Setzen wir uns wieder, und hören Sie jetzt meine Antwort: Sie fürchten Rußland, *) Dieſe Rede des Fürſten Kaunitz iſt ihrem ganzen Wortlaut nach hiſto⸗ riſch treu und findet ſich in: Ferrand: histoire des trois démembremens de la Pologne. T. I. p. 112. 48 Sie meinen, ein zu großes Uebergewicht deſſelben müſſe für das Staa⸗ tenſyſtem Europa's gerechte Beſorgniſſe erwecken, und auch mir werde ein ſolches Uebergewicht Rußlands dereinſt ſehr nachtheilig werden! Ich gebe Ihnen Recht, ich fühle das Unbequeme meiner Lage, und ſchon beim Beginn dieſes Türkenkrieges dachte ich auf Mittel, den Eroberun⸗ gen Rußlands, ſeinen weitgehenden Plänen, ja— auch ſeiner despo⸗ tiſchen Beherrſchung Polens Grenzen zu ſetzen. Aber ich befand mich in einer gar ſchwierigen Lage. Ihr, welche mich als einen Popanz der Ländergier und des Ehrgeizes vor ganz Europa dargeſtellt, Ihr hattet bewirkt, daß ganz Europa immer noch mit Mißtrauen und Be⸗ ſorgniß auf mich hinſchauete. Ich hatte ſieben Jahre hindurch keine andern Bundesgenoſſen gehabt, als mein gutes Recht und meinen Degen, und als ich dieſen in die Scheide ſteckte, ſtand ich allein, ohne engere Verbindungen mit irgend einer Macht. Die einzige Allianz, welche ſich mir darbot, war die mit Rußland; es war damals ein Glück für mich, ſie eingehen zu können, und die Politik erfordert jetzt, daß ich ſie feſt erhalte. Es iſt meiner Ehre und meinen politiſchen Intereſſen gemäß, die Verbindlichkeiten meines Bundes mit Rußland treu zu er⸗ füllen, und nichts Schwankendes und Unſchlüſſiges in meine Politik zu bringen. Die Erfüllung meiner Allianz mit Rußland iſt für Preußen recht und nützlich, alſo zahle ich traktatenmäßige Subſidien, gebe meine Rathſchläge zur Führung des Krieges, erlaube meinen Offizieren als Freiwillige im ruſſiſchen Heere zu dienen, und habe der Kaiſerin, mei⸗ ner Alliirten, verſprochen, daß wenn Oeſterreich zum Vortheil der Türken ſich einmiſchen ſollte, ich ihr meinen kräftigen Beiſtand leihen wolle, um die Differenzen wieder herzuſtellen.*) Das heißt, in einem möglichen Kriege zwiſchen Oeſterreich und Rußland wird Preußen auf Seiten Rußlands ſtehen? fragte Kaunitz. Das heißt, all mein Beſtreben ſoll darauf gerichtet ſein, einen Krieg Oeſterreichs und Rußlands zu hintertreiben. Sollte es aber aller meiner Beſtrebungen unerachtet doch eines Tages dahin kommen, ſo würde es Preußen in dieſem Falle nicht wohl anſtehen, neutral zu bleiben, denn das würde mich um Achtung und Vertrauen von Freund *) v. Dohm: Denkwürdigkeiten meiner Zeit. Bd. I. S. 456. — und It erfü nun eini auf nig ſtar den N d — 49 und Feind bringen und für Preußen ſelber das Allergefährlichſte ſein! Iſt ein Krieg unvermeidlich, ſo muß ich die Pflichten meiner Allianz erfüllen, um dadurch deren Dauer zu ſichern. Aber ich hege die Hoff⸗ nung, daß es mir gelingen wird, dieſe beiden Mächte in Frieden ſich einigen zu ſehen. Dann muß zuvor Rußland ſeine ehrgeizigen Pläne auf die Türkei aufgeben, und die Ruhe in Polen auf eine befriedigende Weiſe ſchleu⸗ nigſt wieder herſtellen, rief Kaunitz eifrig. Der König lächelte, und nahm von dem Tiſch, welcher vor ihm ſtand, ein verſiegeltes Schreiben, das er mit einem leichten Kopfneigen dem Fürſten darreichte. Ein Brief an mich? fragte Kaunitz erſtaunt. Ja, an Sie, Durchlaucht, ſagte Friedrich ernſt. Wenige Minuten bevor Ew. Durchlaucht hier eintraten, war ein Courier aus Conſtanti⸗ nopel angelangt und hat für mich und für Sie Depeſchen gebracht. Briefe vom Kaimakan, Durchlaucht! Und Ew. Majeſtät erlauben, daß ich dieſen Brief des türkiſchen Miniſters ſogleich leſe? Ich bitte Sie, es zu thun, denn auch ich möchte meine Depeſche hier, die, wie Ew. Durchlaucht ſehen, noch uneröffnet iſt, leſen. Ich habe bis jetzt nur den Bericht meines Geſandten in Conſtantinopel durch⸗ geſehen. Leſen wir alſo! Und indem der König ſich lächelnd gegen Kaunitz neigte, öffnete er das Papier und las. Eine große Pauſe trat ein. Beide ſchienen ſte damit beſchäftigt, die Briefe des türkiſchen Miniſters zu leſen, aber Beide hoben zuweilen mit einem raſchen Blitz das Auge empor und wandten es haſtig und mit einem prüfenden Blick hinüber nach ihrem vis-à-vis. Aber ſowie der Eine das Anſchauen des Andern bemerkte, hob auch er den Blick empor, und ſofort ſenkte das Auge des Andern ſich auf das Papier nieder. Schlimme Nachrichten für die Türkei! ſagte der König endlich, in⸗ dem er das Papier wieder auf den Tiſch legte. Die Pforte hat Unglück gehabt, ſagte Kaunitz achſelzuckend und mit vollkommener Gleichgültigkeit. Rußland hat ihm einen großen Sieg zu Lande abgewonnen und hat die türkiſche Flotte bei Tſchesmé verbrannt. Kaiſer Joſeph. 2. Abth. I.. 1 4 50 Und deshalb wendet ſich die Türkei jetzt an die Höfe von Wien und Berlin, und bittet um unſere Vermittelung, der Pforte einen billigen und ehrenvollen Frieden zu verſchaffen! rief der König. Von uns alſo hängt jetzt die Ruhe und der Friede Europa's ab, und ich meine, es iſt eine ſehr ſchöne und ſehr wichtige Miſſion, welche wir da zu erfüllen haben. Ew. Majeſtät ſind alſo entſchloſſen, ſie anzunehmen? fragte Kau⸗ nitz gleichgültig. Ich bin entſchloſſen, Alles zu thun, was dieſem Krieg ein Ziel zu ſetzen und das gute Einvernehmen aller Großmächte wieder herbeizu⸗ führen im Stande iſt, ſagte der König feierlich. Der Krieg iſt ein gar verderbliches Uebel, wir haben das Beide genugſam erfahren, um uns eine heilige Pflicht daraus zu machen, dem Frieden das Wort zu reden! Die Türkei bittet Oeſterreich und Preußen, ihm ſeinen Frieden mit Rußland wiederzugeben. Sollten Ew. Durchlaucht dieſer Bitte nicht geneigt ſein? Oeſterreich kann ſeine Vermittelung in dieſer Sache nur dann ge⸗ währen, wenn auch Rußland dieſelbe beanſprucht, ſagte Kaunitz langſam. Unter dieſer Bedingung allein kann ſich Oeſterreich dem Vermittelungs⸗ geſchäft unterziehen, Aber der Hof von Wien wird ſich wohl hüten, dem ruſſiſchen Hofe dieſe Vorſchläge zu machen, und es hängt von Ew. Majeſtät ab, ob Sie die Kaiſerin Katharina bewegen wollen, gleich der Türkei die Vermittelung Oeſterreichs zu erbitten. Ich werde der Kaiſerin meine Vorſchläge machen, und ich weiß, ſie wird auf dieſelben eingehen, rief der König haſtig. Kaunitz neigte langſam und hoheitsvoll ſein Haupt. Alsdann wird Oeſterreich gern bereit ſein, zu den Unterhandlungen des Friedens zwiſchen der Türkei und Rußland ſeine Hand zu bieten, ſagte er, nur muß die⸗ ſer Friede auch für die Türkei ein ehrenvoller ſein, und er muß zugleich das weitere Vordringen und die ehrgeizigen Pläne Rußlands hindern. Der König ſchwieg einen Moment, und ſeine Augen richteten ſich mit einem ſcharfen, durchbohrenden Blick auf das eherne Antlitz des Fürſten. Die Pforte wird indeſſen einige Zugeſtändniſſe machen müſſen, da ſie im Nachtheil iſt, ſagte er. Aber ſie kann immer noch eine impoſante Macht bleiben, und ich denke, der Friede wird keine Schwierigkeiten — — — 51 haben, denn Rußland ſcheint ſich damit begnügen zu wollen, das Aſow'ſche Meer und die Krimm zu gewinnen und in der Moldau und Wallachei unabhängige Fürſten einzuſetzen! Unabhängige Fürſten, welche von Rußland eingeſetzt ſind! rief Kaunitz. Meine erhabene Kaiſerin wird unter keinen Umſtänden da⸗ rein willigen, daß die Ruſſen ſich unmittelbar in der Nachbarſchaft ihrer Staaten etabliren. Wenn in der Moldau und Wallachei auch immerhin Hospodare und Despoten an die Spitze geſtellt werden, ſo werden ſie dennoch unter der Botmäßigkeit Rußlands ſtehen, und ihre vermeintliche Unabhängigkeit wird bald ihre gänzliche Abhängigkeit zur Folge haben! Und noch als ein größeres Unglück würde Oeſterreich es anſehen, wenn Rußland wirklich in den Beſitz der Krimm und des ſchwarzen Meeres gelangte, denn Rußland, welchem nichts fehlt als Geld, wird einen für ganz Europa entſetzensvollen Aufſchwung nehmen, wenn es ihm gelingt, ſich den Schlüſſel aller großen Unternehmungen nach Außen hin zu gewinnen; es wird alsdann reich und mächtig werden, und es wird ſeinem Reichthum dazu benutzen, den ganzen Norden und endlich das ganze Europa in Ketten zu legen; eine Gebietsvergrößerung ſelbſt iſt nicht ſo gefährlich, als die Herrſchaft Rußlands auf dem ſchwarzen Meer!*) Ew. Durchlaucht mögen Recht haben, ſagte der König, und Oeſter⸗ reich hat allerdings von dieſer Herrſchaft mehr zu fürchten, als Preußen. Denn die Donau iſt ein Finger des ſchwarzen Meeres, mit welchem es in ganz Oeſterreich hinein greift. Wir werden in unſern Friedens⸗ verhandlungen das wohl im Auge behalten müſſen. Aber bevor wir dieſe Friedensverhandlungen überhaupt beginnen, müſſen wir vor allen Dingen fordern, daß Rußland zuerſt auf eine befriedigende Weiſe die Ruhe in Polen wiederherſtelle! Ah, Ew. Durchlaucht wollen auch Polen in den Kreis unſerer Verhandlungen hinein ziehen, rief der König lächelnd. Der Hof von Wien wird es nicht länger⸗ ſchweigend auſehen kön⸗ nen, daß Rußland über dieſes unglückliche Polen ſich eine despotiſche Gewalt anmaßt, ſeiner Rechte ſpottet, ſeinen Freiheiten Hohn ſpricht. Nicht genug, daß Rußland der polniſchen Republik mit Gewalt den *) Des Fürſten eigene Worte. Siehe Ferrand I. S. 112. 4* 52 König Stanislaus Auguſtus aufgedrungen, hat es Polen auf gewaltſame und blutige Weiſe zur Aenderung ſeiner alten freien Verfaſſung ge⸗ zwungen, und wider alles Geſetz und Recht ein Heer nach Polen ent⸗ ſendet, das mit blutgieriger Wuth gleich ſehr die Diſſidenten und die Königlichen bedroht. Ah, Ew. Durchlaucht wollen von Polen ſprechen, wiederholte der König, indem er langſam ſeine goldene Tabatière öffnete, und eine mächtige Quantität Spaniol in ſeine Naſe beförderte. Indeſſen ſchien die Doſis zu groß geweſen, denn eine kleine dunkelbraune Wolke ſäuſelte von dem Antlitz des Königs nieder, und beſtäubte und färbte den Aer⸗ mel ſeiner weißen öſterreichiſchen Uniform. Der König ſpritzte mit den zuſammengepreßten Fingerſpitzen ſei⸗ ner Rechten dieſen braunen Staub ſorgſam von dem weißen Zeuge fort, und ſagte kopfſchüttelnd: ah ich ſehe wohl, daß ich nicht elegant genug für Sie bin. Ich bin es nicht werth, die öſterreichiſche Livrée zu tragen!*) Sie wollen von Polen ſprechen, und ſogar ſeiner Freiheiten ſich annehmen. Ich glaubte, dieſe Freiheiten wären un⸗ ter den beſtändigen Raufereien der zankſüchtigen, polniſchen Freiheits⸗ helden zu Staub zermürbelt, und in alle Winde zerſtreut. Ich glaubte ferner, es ginge Ew. Durchlaucht auch ſo, wie es der Kaiſerin von Rußland zu gehen ſcheint, und Sie wüßten nicht genau, wo Polen anfängt, und wo es aufhört. Die Grenzen Polens ſcheinen mir auf den Landkarten nicht gut vermerkt zu ſein, denn ich ſehe, daß in War⸗ ſchau, welches ich für eine polniſche Hauptſtadt hielt, eine ruſſiſche Armee als wie in ihrem Eigenthum waltet, ich ſehe ferner, daß im Süden von Polen einige öſterreichiſche Regimenter auf polniſchem Ge⸗ biet ſich aufgeſtellt haben, und kühn behaupten, ſie befänden ſich auf öſterreichiſchem Gebiete. Ew. Majeſtät geruhen, von der Grafſchaft Zips zu ſprechen. Die Zips iſt ein altungariſches Gebiet, welches einſt Kaiſer Sigismund von Ungarn an ſeinen Schwager Wladislav Jagello für eine Summe Gel⸗ des verpfändet hatte.**) Ungarn hat aber ſeine Rechte an dies uralte *) Des Königs eigene Worte. Siehe Prince de Ligne. **) Adam Wolf: Oeſterreich und Maria Thereſia. S. 523. 55 Seit 1412! rief der König, und das öſterreichiſche Eigenthums⸗ recht iſt alſo in dreihundertundachtundfunfzig Jahren nicht erloſchen! Meine rechtmäßigen und, wie ich denke, unwiderleglich dargethanen An⸗ ſprüche auf Schleſien waren nicht von ſo altem Datum, und Oeſterreich wollte ſie doch als verjährt betrachten. Ew. Majeſtät haben uns aber gar gründlich bewieſen, daß ſie es nicht waren, ſagte Kaunitz mit einem leichten Neigen des Hauptes. Wird Oeſterreich das in dieſem Fall auch dem König von Polen auf meine Art beweiſen wollen? fragte der König raſch. König Stanislaus wird es auf ſolchen Beweis nicht ankommen laſſen, erwiderte der Fürſt. Er hat ſich freilich im Anfang beſchwert und an die Kaiſerin Königin ſelbſt deshalb geſchrieben, um, wie er ſagte, Gerechtigkeit zu fordern. Und wollen Ew. Durchlaucht die Güte haben, mir mitzutheilen, was die Kaiſerin Königin dem König von Polen auf ſeine Gerechtig⸗ keitsforderung geantwortet hat? Sie hat dem König von Polen geantwortet, daß ſie es für noth⸗ wendig erachtet habe, die bis dahin immer noch ungewiſſen und zwei⸗ felhaften Grenzen zwiſchen Ungarn und Polen endlich feſtzuſtellen, daß ſie dieſe Demarcation beſtimmt habe nach ihrem guten und unzweifel⸗ haften Recht, und nicht in verwerflichem Eroberungsgelüſte. Die Kai⸗ ſerin hat dem König von Polen ferner geſagt, daß ſie ihre Grenzen unverletzlich erhalten und ſie gegen jeden Angriff, woher er immer kom⸗ men möge, beſchützen werde, daß ſie aber gerade in dieſem Moment ihre Grenzen habe fixiren müſſen, weil Polen jetzt von Unruhen und Kriegen zerriſſen ſei, und man nicht wiſſen könne, auf welche Art die⸗ ſelben endigen könnten.*) Das iſt eine Redeform, die, wenn ich der König von Polen wäre, mich veranlaſſen würde, ſehr auf meiner Huth zu ſein! Ah, Sire, wenn Sie der König von Polen wären, ſo würde man Ihnen gegenüber auch nicht ſolche Redeformen anwenden! rief Kaunitz mit einem halben Lächeln. Es iſt wahr, ſagte der König kopfſchüttelnd, der König von Polen *) Ferrand I. S. 94. 56 iſt ein gar ſchwacher gutmüthiger Mann. Er kann es noch immer und nicht vergeſſen, daß er der Liebhaber der Kaiſerin von Rußland geweſen, de und ich glaube, er wäre im Stande, zum Zeichen, daß er ſie noch liebt, nicht blos ſich ſelber, ſondern auch ſein Königreich zu ihren Füßen als in, ihr Eigenthum niederzulegen. 1 Gw. Oeſterreich würde es nicht zugeben, daß Katharina dieſe Liebesgabe Wa ihres königlichen Liebhabers aufhöbe! rief Kaunitz. EEn Der König zuckte die Achſeln. Die Kaiſerin ſcheint es indeſſen doch biſe zuzugeben, daß Oeſterreich ſich die Herrſchaft Zips, welche zu deſſen Füßen lag, aufgehoben hat, ſagte er. Aber es ſcheinen ihr doch allerlei ter ſeltſame Gedanken dabei gekommen zu ſein. Mein Bruder Heinrich, er welcher jetzt eben in Petersburg anweſend iſt, hat mit der Czaarin von Au der öſterreichiſchen Beſitzergreifung der Zips geſprochen. Da die Kai⸗ ſerin eben ſo wenig wie ich das Glück gehabt, die Documente zu prüfen, w welche in der Oberhofburg⸗Kanzlei zu Wien liegen und Oeſterreichs 3 1 gutes Recht auf die Zips beweiſen, ſo ſcheint die Czaarin auch von 3 dieſem guten Rechte nicht überzeugt zu ſein. Es ſcheint, ſagte ſie zu dem Prinzen Heinrich, es ſcheint, als ob man in Polen nur nöthig hat, ſich zu bücken, um ſich etwas zu nehmen.*) Nun denn, Durchlaucht,— 3 wenn ſogar das ſtolze Oeſterreich, wenn der weiſe Staatsmann Fürſt d Kaunitz ſich herabläßt ſich zu bücken, warum ſollten es nicht auch An⸗ ſ dere Ihnen nachthun? Ich werde mich bald genöthigt ſehen, meine 3 Truppen auch gen Polen marſchiren zu laſſen, denn dieſes unglückliche d Land wird von allen möglichen Uebeln heimgeſucht. Dem Kriege hat 4 ſich nun noch die Peſt zugeſellt, und es wird nöthig ſein, daß ich gegen „ dieſe beiden Uebel nun auch meine Grenzen abſperre. Wer weiß, ob ich nicht in meinen Archiven auch noch einige vergeſſene Documente finde, welche mir geſtatten, meine Grenzen ein wenig weiter in Polen vorzuſchieben. Während der König ſo ſprach, hefteten ſich ſeine Augen, die wie Schwerterſpitzen flammten und blitzten, auf das Antlitz des Fürſten Kaunitz, als wollten ſie ſich in das Innerſte ſeiner Seele hineinbohren. Kaunitz ſchien das gar nicht zu bemerken, ſeine Züge waren ſo ſteinern *) Rulhiere: Histoire de la Pologne. T. IV. p. 210. 1 1 57 und ruhig wie immer, und ganz unbefangen neigte er ſich wieder über die Landkarte hin. Es wäre allerdings ein ſehr großes Glück, wenn Ew. Majeſtät in Ihren Archiven ſolche Documente fänden, ſagte er. Bis jetzt haben Ew. Majeſtät, wie man mir geſagt hat, deren nur in den Archiven in Warſchau geſucht, und da haben ſich unglücklicher Weiſe dem Geſandten Eurer Majeſtät keine Documente entdecken wollen, durch welche ein preu⸗ ßiſches Anrecht auf Samogitien ſich nachweiſen ließe.*) Der König konnte eine leiſe Bewegung des Erſchreckens nicht un⸗ terdrücken, Kaunitz indeſſen ſchien dieſelbe gar nicht zu gewahren, obwohl er jetzt den Blick erhoben hatte, und den König mit ſeinen ruhigen blauen Augen gerade anſchauete. Es wäre für Ew. Majeſtät ein Glück, ſage ich, fuhr Kaunitz fort, wenn Sie Rechtsanſprüche an die Ihnen zunächſt liegenden Theile Po⸗ lens zu machen hätten und Oeſterreich würde Ihnen dabei nicht hin⸗ derlich ſein. Freilich, ſagte der König, indem er auf die Karte deutete, die Graf⸗ ſchaft Pommerellen hier und der Netdiſtrict ſcheinen mir eine beſſere Grenzlinie abzugeben, als meine bisherige Grenze gegen Polen hin. Der Netzdiſtrict wäre meine Herrſchaft Zips, Durchlaucht, und als ſolche mir ſehr gelegen. Würde Ihnen mein Wort genügen, wenn ich Ihnen ſagte, daß die Documente, welche Pommerellen und den Netz⸗ diſtrict als eigentlich zu Preußen gehörig bezeichnen, in meinen Haus⸗ archiven zu Berlin ſich befänden? ia Das Wort Eurer Majeſtät gilt in dieſem Falle mehr als alle Documente, ſagte Kaunitz ruhig. Aber was würde die Kaiſerin von Rußland dazu ſagen? fragte der König. Sie, welche Polen ſchon gewiſſermaßen als ihr Eigenthum betrachtet. Es iſt alſo demgemäß die höchſte Zeit ihr zu beweiſen, daß es nicht ſo iſt, ſagte Kaunitz raſch. Man beweiſt ihr das am Beſten, in⸗ dem man das für ſich beanſprucht, was ſie ſich angeeignet hat. Auch haben Ew. Majeſtät, als Sie vorhin mir gnädigſt von der Unterre⸗ *) Wolf: Oeſterreich unter Maria Thereſia. S. 523. 58 dung der Kaiſerin mit dem Prinzen Heinrich erzählten, den Nachſatz der Kaiſerin vergeſſen. Die Kaiſerin ſagte allerdings:„es ſcheint, als ob man in Polen nur nöthig hat, ſich zu bücken, um ſich etwas zu nehmen.“ Aber ſie fügte hinzu:„wenn der Hof von Wien das König⸗ reich Polen zerſtückeln will, ſo haben die andern Nachbarn Polens das Recht es eben ſo zu machen.“*) Vraiment, Ew. Durchlaucht haben einen ſehr guten Berichter⸗ ſtatter und werden von Ihren Agenten gar trefflich bedient, vief der König. Der Fürſt machte eine ſteife Verbeugung. Ew. Majeſtät haben uns ſchon im erſten ſchleſiſchen Kriege gelehrt, daß das nothwendig iſt, ſagte er, und das Beiſpiel, welches Sie uns in Dresden gegeben, ha⸗ ben wir zu beherzigen geſucht.**)— Ich habe alſo von dieſer merk⸗ würdigen Unterredung zwiſchen dem Prinzen Heinrich und der Kaiſerin Katharina erfahren und ſie hat mir viel zu denken gegeben. Ich fürchte, die Kaiſerin von Rußland wird auch ohne die rechtlichen Anſprüche, welche Oeſterreich zur Seite ſtehen, ihre Grenzen gar weit in Polen hinein verlegen. Sehen Ew. Majeſtät nur, die ruſſiſchen Truppen haben ſich ſchon bis über Warſchau hinaus aufgeſtellt, und ziehen einen Cordon bis hinunter an die türkiſche Grenze. Und wenn ich nun meinen Grenzeordon hier jenſeits des Netzdiſtrictes ziehe, rief der König, indem er mit raſchem Finger über die Karte hin⸗ fuhr, als ſei ſein Finger das Schwert, welches ein Stück von Polen abhaue, wenn Oeſterreich hier unten die Zips und ein Stück Galizien cernirt, ſo iſt freilich die Republik Polen in ihren Grenzen ziemlich eingeengt. Ach Sire, das wird ein Glück für Polen ſein, denn je kleiner es iſt, deſto weniger Unglückliche wird es geben, deſto weniger Unfriede, *) La Roche Aymon: Vie du Prince Henri. P. 171. **) König Friedrich hatte bekanntlich durch ſeinen Geſandten in Dresden den Secretair des ſächſiſchen Archivs durch Gold und Verſprechungen beſtochen und empfing durch denſelben Abſchriften des geheimen Vertrags zwiſchen Sachſen und Oeſterreich. Ebenſo ward ſpäter der Attaché bei der öſterreichiſchen Ge⸗ ſandtſchaft in Berlin, Weingarten, vom König beſtochen, und machte demſelben Abſchriften von allen Depeſchen. Siehe: Friedrich der Große und ſein Hof. Von L. Mühlbach. &= — — F 59 Zank und Streit wird in der Welt ſein. Die Wiege der Polen iſt der Apfel geweſen, welchen einſt Eris auf die Tafel der Götter gewor⸗ fen; aus den Kernen dieſes Apfels ſind die Polen geboren worden, und darum iſt der Zank ihr eigentliches Element und ihre Heimathsluft. So lange noch ein Pole in der Welt iſt, wird da, wo er lebt, auch Unfriede und Hader ſein. Ach, ſagte der König, indem er ſeine Tabatière öffnete und eine Priſe nahm, und doch waren Ew. Durchlaucht vorhin ſo gewaltig er⸗ zürnt auf die Kaiſerin von Rußland, weil ſie die Polen zwingen will, Frieden zu machen nach Außen und nach Innen. Die Kaiſerin ſcheint indeſſen ganz ihrer Meinung zu ſein. Sie ſcheint Polen für den Apfel der Eris zu halten und ſie findet, daß er ſo überreif iſt, daß er nächſtens vom Baume fallen wird. Deshalb hat ſie einen Gärtner unter den Baum geſtellt, daß er den Apfel bewache und behüte. Laſſen wir die⸗ ſen Gärtner, den guten König Stanislaus, die Frucht alſo bewachen. Ihm gehört ſie, und es iſt ſeine Schuld, wenn ſie verfault und zu Grunde geht. Wir indeß wollen auch wachſam ſein und zu rechter Zeit die rechten Mittel ergreifen, damit die faule Frucht uns keinen Schaden thue! Zunächſt liegt es uns ob, den Frieden zwiſchen Rußland und der Türkei zu vermitteln, und alsdann, hoffe ich, wird eine freund⸗ ſchaftliche Verſtändigung zwiſchen Oeſterreich und Rußland ſich leicht anbahnen laſſen. Ich werde mit Freuden die Hand dazu bieten, denn Europa bedarf des Friedens und der Ruhe, es iſt krank von jahrelangen Aufregungen und Erſchütterungen, und da es die heilige Pflicht der Fürſten iſt, ihren Völkern als Arzt beizuſtehen, ihrer Schwachheit den Puls zu fühlen, und ihrer Krankheit das möglichſt beſte Heilmittel zu verſchreiben, ſo müſſen wir jetzt dem armen Europa, welches noch im⸗ mer am Wundfieber leidet, vor allen Dingen Ruhe und Frieden anempfehlen. Oeſterreich iſt ganz geneigt, Europa den Frieden zu erhalten, ſagte Kaunitz, indem er, dem Beiſpiel des Königs ſolgend, ſich von ſeinem Seſſel erhob. Wir werden, wenn auch die Kaiſerin von Rußland uns dieſen Wunſch zu erkennen giebt, gern im Verein mit Ew. Majeſtät den Frieden zwiſchen der Türkei und Rußland vermitteln, aber Ew. Ma⸗ jeſtät müſſen Rußland bewegen, ſolche mäßige Friedensbedingungen zu 60 ſtellen, welche geeignet ſind, die Befürchtungen, welche Rußland den an⸗ dern Mächten einflößt, zu zerſtören, und die Rußland nicht ein allzu— großes Uebergewicht über die Pforte geben. Sollte die Kaiſerin Katha⸗ rina den Hof von Wien aber zu einem Bruch nöthigen, um ſeinem Ehrgeize Schranken zu ſetzen, ſo würde er nicht eher Gewalt anwen⸗ den, um Rußland zu größerer Beſcheidenheit zu zwingen, als bis er geeignete Maßregeln getroffen hätte, um Rußland eines ſo gefährlichen Alliirten, wie Ew. Majeſtät es iſt, zu berauben. Ah, Ew. Durchlaucht belieben mir zu drohen, mich meinem nor⸗ diſchen Verbündeten abwendig machen zu wollen, rief der König lächelnd. Darauf erwiedere ich Ihnen nur, daß ich die Politik des Wiener Hofes, Rußland im Fall eines Krieges mit Oeſterreich ſeines Alliirten zu be⸗ rauben, oder wenigſtens Mittel anzuwenden, um ihn unſchädlich zu machen, ganz gerecht und weiſe finde, aber daß ich doch ſehr begierig wäre, zu wiſſen, welche Mittel Oeſterreich anwenden könnte, um Preußen zu verhindern, ſein gegebenes Wort zu erfüllen, und die Verpflichtungen ſeiner Allianz mit Rußland heilig zu halten! Indeß bin ich es mehr noch zufrieden, wenn ich dieſe Mittel gar nicht zu prüfen brauche, ſon⸗ dern wenn wir Alle in guter Eintracht uns verſtändigen. Ich werde mich beeilen, heute noch der Kaiſerin Katharina ein Reſumé unſerer heutigen Conferenz aufzuſetzen, und ihr meine guten Dienſte anzubieten, um auch zwiſchen Rußland und Oeſterreich ein beſſeres Einvernehmen zu Stande zu bringen. Noch heute werde ich einen Courier an die Kaiſerin abſenden. Und Ew. Majeſtät werden die Gnade haben, mir ſeiner Zeit die Antwort der Kaiſerin mitzutheilen? Ich werde ſie Ihnen mittheilen, denn ich ſagte Ihnen ſchon, ich bin ein alter Soldat, welcher gerade aus auf ſein Ziel losgeht, ſehr wenig von den Schleichwegen der Diplomatie verſteht, und die Wahrheit ſo ſehr liebt, daß er ihr die letzten Funken erſterbenden Herzens widmen will. Ah, Sire, man muß indeſſen ein Held ſein, wie Ew. Majeſtät, um den Muth einer ſolchen Liebe zu beſitzen. Die Wahrheit iſt eine gar dornige Roſe, man verwundet ſich leicht ſelbſt, indem man ſie be⸗ rührt, und verwundet allezeit Diejenigen, deren Haupt man mit dieſer Roſe ſchmücken will⸗ — — — 61 Nun, wir Beide haben unſer Haupt ſchon zu oft den Stürmen und Wettern der Politik ausgeſetzt, um noch eine leicht empfindliche und verletzliche Haut haben zu können. Wir dürfen es daher ſchon im⸗ mer wagen, unſere verhärteten Stirnen mit ſolchen Roſenkränzen zu ſchmücken, rief der König heiter, indem er Kaunitz zum Abſchied ſeine Hand darreichte.— Als Fürſt Kaunitz das Zimmer verlaſſen hatte, blieb der König noch einige Minuten lauſchend ſtehen, bis er die Thür des äußern Vor⸗ zimmers ſich hatte ſchließen hören. Jetzt, Hertzberg, komm Er hervor, ſagte er dann, das Feld iſt rein. Sofort bewegte ſich der rieſenhafte Bettſchirm, welcher das Gemach faſt bis zur Hälfte durchtheilte, und hinter demſelben hervor trat die hohe würdige Geſtalt des Miniſters Grafen Hertzberg. Nun, Hertzberg, hat Er Alles gut gehört? fragte der König lächelnd. Zu Befehl, Majeſtät! Und hat Er gleich in kurzen Zügen die ganze Conferenz nieder⸗ geſchrieben, ſo daß ich Sein Reſums ſogleich an die Kaiſerin Katharina ſenden kann? Ja, Majeſtät, ich habe, ſo viel es möglich war, die ganze Con⸗ ferenz wortgetreu niedergeſchrieben, ſagte Hertzberg mit einem trüben und ſchwermüthigen Ausdruck, welcher dem König auffiel. Er heftete ſeine glänzenden Augen mit einem langen forſchenden Blick auf das ernſte ehrwürdige Antlitz ſeines vertrauten Miniſters. Er iſt nicht zufrieden, Hertzberg? fragte er. Nein, nein, ſchüttle Er nicht Sein Haupt, und leugne Er nicht! Ich kenne Sein Geſicht! Es iſt wie ein Barometer, und wenn Ihm die Mundwinkel ſo hängen, und die drei Falten da auf Seiner Stirn erſcheinen, ſo bedeutet das eben ſo viel, als wenn das Queckſilber im Barometer auf einmal fällt, es iſt dann ſchlechtes Wetter, Sturm und Regen im Anzug! Nun heraus da⸗ mit, ich will's wiſſen! Warum läßt Er die Mundwinkel hängen? Was hat Er an der Conferenz auszuſetzen? Zweierlei, wenn es Ew. Majeſtät denn doch durchaus wiſſen wollen, ſagte Hertzberg unwirſch. Erſtens, daß Ew. Majeſtät den alten Fuchs haben ahnen laſſen, daß Sie Sich auch Ihre Grenzen nach Polen hin erweitern möchten, und ihn dadurch gewiſſermaßen über den Raub der —— 1 62 Zipſer Geſpannſchaft gerechtfertigt haben, und Zweitens, daß Ew. Majeſtät es übernommen haben, Rußland zu veranlaſſen, daß es ſich gleich der Türkei um die Mitwirkung Oeſterreichs bei dem Friedenswerk bewerbe. Das iſt Alles, was Er zu tadeln hat? fragte der König achſelzuckend. Ja, Majeſtät, Alles! Na, ſo hör Er mal! Was ſein Erſtens anbetrifft, ſo habe ich den alten Fuchs, wie Er den Kaunitz zu nennen beliebt, ganz mit Willen mein Gelüſte auf eine Grenzarrondirung ahnen laſſen, weil ich ſehen wollte, wie weit man ſich in dieſer Sache mit ihm einlaſſen konnte. Nun, Oeſterreich wird ſich recht gern noch einmal bücken, um zu nehmen, rief der Miniſter unwirſch. Hat ſich um die Zips gebückt und kann damit zufrieden ſein! Was muß es noch an den Plänen Eurer Majeſtät weitern Antheil haben? Laß Er Oeſterreich immer dies Mal daran Antheil haben, rief der König lächelnd. Es wird dann auch ſpäter ſeinen Antheil an dem Tadel der Welt haben!*)— Was Sein Zweitens aber anbetrifft, ſo iſt es, wie mir ſcheint, für uns Alle nothwendig Frieden zu haben, und ich werde deshalb allerdings Rußland auffordern, auch die guten Dienſte Oeſterreichs in Anſpruch zu nehmen, denn das wird auch Oeſterreich und Rußland einander annähern! Es ſcheint mir ein würdigeres Ge⸗ ſchäft, ganz Europa den Frieden zu ſichern, als es auf's Neue wieder in Flammen zu ſetzen. Aber es iſt nicht ſo leicht, dieſen allgemeinen Frieden herbeizuführen, und man muß ihm ſchon einige Zugeſtändniſſe machen. Er bildet ſich wohl ein, es ſei eben ſo leicht Frieden zwiſchen feindlichen Mächten zu machen, als ſchlechte Verſe zu machen? Ich verſichere Ihn aber, daß ich es lieber unternehmen will, die ganze Ge⸗ ſchichte der Juden in Madrigale zu bringen, als drei Souveraine, un⸗ ter denen ſich noch dazu zwei Frauenzimmer befinden, zu denſelben An⸗ ſichten und Geſühlen zu vereinigen. Aber ich werde mein Möglichſtes thun, und es ſoll nicht an mir liegen, wenn nicht der allgemeine Friede ſo raſch als möglich geſchloſſen wird. Wenn das Haus unſers Nach⸗ bars brennt, müſſen wir uns bemühen, das Feuer zu löſchen, damit es nicht auch noch unſer Haus ergreife!**) *) Des Königs eigene Worte. Siehe: Coxe history of Austria. Vol. V. P. 20. **) Des Königs eigene Worte. Siehe: Oeuvres posthumes. Vol. XI. p. 137. — IX. Die Gräſin Wielopolska. Du glaubſt alſo wirklich, Matuſchka, daß er kommen wird? fragte die Gräfin Wielopolska ihre Kammerfrau, welche, hinter dem Seſſel der jungen Dame ſtehend, damit beſchäftigt war, eine Perlenſchnur in dem dunklen Haar ihrer Gebieterin zu befeſtigen. Ich bin davon überzeugt, Herrin, ſagte Matuſchka lächelnd. Und Du haſt den Kaiſer wirklich ſelbſt geſehen und geſprochen? fragte die Gräfin, ihre weißen, ſchlanken Hände an ihr Herz drückend, als wollte ſie deſſen ſtürmiſches Klopfen beſchwichtigen. Ich habe es Euch Alles erzählt, Herrin, ich habe wirklich den Kaiſer geſehen!. Oh, erzähle es mir noch einmal, Matuſchka, erzähle es mir, da⸗ mit ich lerne, daran zu glauben! rief die Gräfin ungeſtüm. Nun denn, Gebieterin! Ew. Gnaden gaben mir das Billet, in welchem Sie den Kaiſer um eine Audienz bitten wollten; ich ging da⸗ mit nach der Wohnung des Kaiſers, der hier auf ſeinen ausdrücklichen Befehl Jedermann vor ſich läßt, und alle Briefe und Bittſchriften ſelbſt in Empfang nimmt. Die Wache vor der Thür ließ mich alſo ein, und ich war im Vorzimmer des Kaiſers. Es war, wie Ew. Gnaden wiſſen, noch ſehr früh am Tage, und daher kam es, daß noch keine weitern Bittſteller im Vorzimmer waren. Ein Kammerdiener des Kai⸗ ſers allein war da, und auf ſein Befragen ſagte ich ihm, daß ich einen Brief von Ihro Gnaden der Gräfin Wielopolska an den Kaiſer habe, daß ich ihn aber ſelber dem Kaiſer übergeben müſſe. Der Kammer⸗ diener ſagte mir, ich ſolle nur warten, der Kaiſer käme alle Viertel⸗ ſtunde in's Vorzimmer, um zu ſehen, ob Leute da wären, und die Bittſchriften in Empfang zu nehmen. Es dauerte auch nicht lange, ſo öffnete ſich die Thür da drüben, und ein ſchöner junger Herr mit wun⸗ dervollen blauen Augen trat heraus. Ich hätt' nimmer gewußt, daß das der Kaiſer ſei, denn er trug ganz einfache Uniform, und kein Stern und kein Orden war da zu ſehen, aber ich ſah's an dem ehrerbietigen Weſen des Kammerdieners, der ſich kerzengrade an die Wand ſtellte, 64 und ſo ſank ich denn nieder auf meine Knie, und hielt Euren Brief flehend empor. Der Kaiſer kam gerade auf mich zugeſchritten, und wie er den Brief nahm, ſagte ich: Majeſtät, die Frau Gräfin Wielopolska läßt Ew. Majeſtät um gnädigen Beſcheid anflehen.— Der Kaiſer, welcher ſchon im Begriff war in ſein Zimmer zurückzukehren, blieb ſtehen und ſah ſich nach mir um. Ihr kommt nicht für Euch ſelbex, gute Frau? ſagte er. Nein, Majeſtät, meine gnädigſte Herrin, die Gräfin Wielopolska hat mich hergeſandt, und ſie wartet in Aengſten und Schmerzen auf meine Antwort!— Sofort öffnete der Kaiſer den Brief, und las ihn. Dann wandte er ſich wieder an mich. Sagt der Frau Gräfin, ich ſei hier nicht ſo eingerichtet, um edle Damen würdig empfangen zu können, ſagte er. Aber da die Gräfin mich zu ſprechen wünſcht, werde ich zu ihr kommen. Sagt mir, wo ſie wohnt! — Ich ſagte es ihm, und er nickte freundlich mit dem Kopf und ſprach: wenn die Frau Gräfin heut' gegen Abend zu Hauſe ſein will, ſo werde ich wohl eine Viertelſtunde finden, um zu ihr zu kommen. Sagt ihr das! Ja, Du haſt Recht, rief die Gräfin, welche ihrer alten Kammer⸗ frau in athemloſer Spannung zugehört hatte, ja, der Kaiſer wird kom⸗ men. Er wird hieher kommen, ich werde ihn ſehen, ihn ſprechen, ihm endlich alles das ſagen können, was mein Herz bewegt! Oh Matuſchka, dem Ziel jetzt ſo nahe, ergreift ein ungeheures Bangen mein Herz, und es iſt mir, als ſollte ich fliehen, weit fort fliehen von hier, als ſollte ich mich verbergen im Grabe der Weichſel, wo mein Gemahl ruht, oder in dem Hügel des Schlachtfeldes, wo meine drei Brüder ruhen! Denkt jetzt nicht an alle dieſe traurigen Dinge, Herrin, ſagte Ma⸗ tuſchka mit mühſam zurückgehaltenen Thränen, es beginnt ſchon zu dun⸗ keln, der Abend iſt da, und der Kaiſer wird bald kommen. Seid alſo heiter, Gräfin, denn Ihr ſeid ſo ſchön, wenn Ihr lacht, und Eure Au⸗ gen leuchten, und ſicher gewährt Euch der Kaiſer Alles, was Ihr bitten mögt, weit leichter, wenn Ihr ſein Herz erfreut durch den Anblick Eurer wundervollen Schönheit. Ja, Du haſt Recht, Matuſchka, ich will heiter ſein, rief die Gräfin, aus ihrem Sinnen emporſchreckend. Die Großen der Erde haſſen die Thränen, denn es ſind die brennenden Bittſchriften des Unglücks, und * 65 das Unglück iſt ihnen ſo unbequem. Nein, ich will nicht weinen, ich will heiter ſein, damit ich dem Kaiſer gefallen kann. Sie trat haſtig zu der großen Pſyche, die da neben dem Toiletten⸗ tiſch ſtand, und betrachtete lange und aufmerkſam ihre eigene Erſchei⸗ nung, nicht wie eine eitle Frau, welche entzückt iſt über ihre eigenen Reize, ſondern mit dem ſcharfen, prüfenden Auge eines Kritikers, der ein ſchönes Gemälde anſchaut, um die Mängel deſſelben zu entdecken. Aber allmälig ſänftigte ſich ihr Blick, und in der That, ſie durfte zu⸗ frieden ſein mit dem Bilde, welches der Spiegel ihr zeigte. Nichts Tadelnswürdiges war an dieſer hohen Geſtalt zu entdecken. Wie eine trauernde Juno ſtand ſie da in dem ſchwarzen Sammetgewande, das in langen ſchweren Falten bis zur Erde hernieder fiel, ihre volle ſchöne Büſte eng umſchließend, und bis zu ihrem Halſe emporreichte, wo es von einer Agraffe von Perlen zuſammen gehalten ward. Junoniſch ſchön und ſtolz war auch ihr Antlitz, deſſen wundervolles, tadelloſes und zugleich liebreizendes und ſtrenges Oval ganz dem Kopf der Lu⸗ doviſiſchen Juno nachgebildet ſchien. Bleich und farblos, aber auch durchſichtig klar und weich wie Marmor waren ihre Wangen und ihre breite edle Stirn, welche von zwei edlen, ſchlanken ſchwarzen Bogen abgeſchloſſen ward. Ihre leicht aufgeworfenen purpurnen Lippen zeig⸗ ten die ſchönen, keuſchen und kräftigen Linien, die nur die Antike kennt, und der Antike gleich ſchloß ſich die Stirn mit breiter grader Linie des Naſenbeins an die ſchlanke feine Naſe an. Nur ihre Augen, dieſe großen ſchwarzen Augen, hatten nicht die Ruhe, die hoheitsvolle Kälte einer Juno, ſie waren bewegt und traurig, ihre Blicke flammten zuwei⸗ len auf in einem glühenden Feuer, und ſchienen dann wieder wie von Wolken beſchattet zu werden. Ja, ich bin ſchön, flüſterte die Gräfin, und um ihre Lippen zitterte ein trauriges Lächeln. Meine Schönheit iſt die letzte Waffe, welche mir geblieben, um damit für mein Vaterland zu kämpfen. Es iſt meine Pflicht ſie zu benutzen! Alles für das Vaterland, Gut und Blut, Leben und Ehre! Sie wandte das Haupt nach ihrer Dienerin hin, wie eine Köni⸗ gin es gethan haben würde, wenn ſie ihre knieenden Vaſallen entläßt. Geh jetzt, Matuſchka, und ruhe Dich, ſagte ſie. Du biſt für mich Kaiſer Joſeph. 2. Abth. I. 5 66 den ganzen Tag thätig geweſen, und Du ſollſt bedenken, daßz Du die einzige Freundin, der einzige Troſt biſt, den mir das Schickſal noch übrig gelaſſen. Wenn ich Dich anſchaue, ſo iſt es mir zuweilen, als ob in Deinen Augen der Blick meiner Mutter ruhe, und ich träume mich glücklich, und denke an die Tage, wo ich zu den Füßen meiner Mutter ſaß, und zu ihrem ſchönen und glanzvollen Geſicht aufſchauend, mir von ihr die Geſchichte meines Vaterlandes erzählen ließ. Ich meine, ſie zu ſehen, wie ſie beim Abendſegen ihre Hand auf mein Haupt legte, und ihre großen Augen, in denen die Thränen längſt erloſchen waren, zum Himmel erhebend, zu mir ſprach: bete zu Gott! Bete, daß er Dich zu einer großen und würdigen Tochter Deines Vaterlandes mache, bete, daß Du immer eingedenk biſt der heiligen Pflichten, welche das Vaterland von jedem ſeiner Söhne und Töchter zu fordern hat! Matuſchka war auf ihre Kniee niedergeſunken, und faßte das Kleid ihrer Herrin, um es an ihre zitternden Lippen zu drücken. Erweicht Euch nicht, Herrin, bat ſie leiſe, macht Euer Herz nicht trübe und ſchwer. Die Gräfin hörte nicht auf Matuſchka. Sie hatte ihr Haupt langſam zurückgelehnt und ſtarrte mit großen flammenden Blicken zur Decke empor. Ich bin eingedenk geweſen meiner heiligen Pflichten, murmelte ſie leiſe, ich habe den Schwur nicht vergeſſen, welchen ich an jedem Abend meiner Mutter geleiſtet, welchen ich ihr auch mit dem letzten Kuß als Siegel meines Gelübdes auf die ſterbenden Lippen gepreßt. Ich bin mein ganzes Leben lang eine Tochter meines Vater⸗ landes geweſen! Ich habe ihm Alles was mein war dargebracht, jetzt beſitze ich nichts mehr als mich ſelber und meine eigene Perſon, und auch mit dieſer bin ich bereit, mich meinem Vaterland zu weihen. Aber es wird Alles vergeblich ſein und umſonſt, Gott hat ſein Haupt von Polen abgewendet und ſein Auge ſieht uns nicht mehr! Läſtert nicht, Herrin, läſtert nicht Gott, wimmerte Matuſchka. Ver⸗ traut auf ihn, und verliert nicht den Muth. Es iſt wahr, ſagte die Gräfin in ſich erſchauernd, es iſt Gottes⸗ läſterung, muthlos zu ſein! Wenn die Polen nichts für ſich ſelber thun, was ſoll alsdann Gott thun? Erſt wenn wir unſere letzten Blutstrop⸗ fen hingegeben, erſt wenn das letzte Polenherz unter den Roſſeshufen er⸗ 67 unſerer Feinde zerſtampft iſt, dann iſt es Zeit zu Gott emporzuſchreien. Aber nein, nein! Auch das iſt Läſterung! Ruhig, ruhig, mein Herz! Stehe auf, Matuſchka, weine nicht mehr! Es kann ja noch Alles ſchön und glücklich werden, und wir müſſen das Unſere dazu thun, daß es ſo wird! Sie neigte ſich nieder, ihre ſchluchzende Dienerin aufzuheben, und indem ſie ſich zwang, eine heitere, lächelnde Miene anzunehmen, fuhr ſie fort: Siehſt Du, Matuſchka, die Wolke iſt ſchon wieder vorüberge⸗ rauſcht, und die Sonne ſcheint wieder auf meinem Angeſicht. Sei alſo ſorglos und vertrauensvoll, meine Vielgetreue! Gott wird uns ſein Haupt wieder zuwenden, und wenn er unſern Jammer ſieht, wird er ſich unſerer erbarmen! Geh jetzt in Deine Kammer, und ruhe Dein armes altes Haupt, es bedarf der Ruhe und Exquickung! Nein, Herrin, es iſt jetzt nicht Zeit zu ruhen, wer ſollte denn dem Kaiſer die Thür öffnen, und ihn einlaſſen? Es iſt wahr, ſeufzte die Gräfin, ich vergaß, daß ich keine Diener und keine Lakahyen mehr habe! Ich vergaß, daß Du nicht allein meine einzige Freundin, ſondern auch meine einzige Dienerin in dieſem Augen⸗ blick biſt! Geh alſo und erwarte den Kaiſer! Möge er kommen! Sie reichte Matuſchka ihre Hand dar, welche dieſe innig an ihre Lippen preßte, Dann durohſchritt ſie das kleine Toilettenzimmer, und trat in das andere Gemach ein. Dies war ein ziemlich glänzend ausgeſtattetes Zimmer, wie ſich deren in den Gaſthöfen für vornehmere Gäſte finden; aber die ſammtnen Bezüge der alterthümlichen Meubles waren ver⸗ blaßt, und hier und da hatte eine ungeſchickte Hand mit wenig ver⸗ ſchwiegener Nadel die Riſſe ausgebeſſert, welche der Zahn der Zeit in die Vorhänge und Draperieen der Fenſter und Thüren, und in den großen Teppich des Fußbodens gebohrt hatte. Aber Matuſchka hatte dafür geſorgt, dieſer verwitterten Gaſthofseleganz einen mehr beimiſchen, gemüthlichen Charakter zu geben. Auf dem großen alterthümlichen Tiſch von geſchnitztem Eichenholz ſtanden große Glasvaſen mit herrlich duftenden Blumen, und von Gewächſen und Blumen umrankt waren die Fenſter; und damit ihre arme vereinſamte Herrin doch mindeſtens Etwas habe, woran ſie ſich freuen und tröſten könnte, hatte Matuſchka gleich am erſten Tage ihrer Ankunft in Neuſtadt Sorge getragen, daß in dieſes Zimmer ihrer Herrin ein Piano gebracht wurde, damit ihr 68 wenigſtens der Troſt bliebe, ihrer Lieblingskunſt die Klagen und Schmer⸗ zen ihrer Seele anzuvertrauen. Das Piano war geöffnet, und auf dem Pult ſtand ein aufge⸗ ſchlagenes Notenheft; wie der Blick der Gräfin ſich darauf heftete blitzte ihr Auge höher auf, und mit einem eigenthümlichen Lächeln zu dem Piano hinſchreitend, ſagte ſie: ich will ſingen! Man ſagt, der Kaiſer liebe die Muſik gar ſehr, und iſt beſonders den Opern vom Maeſtro Gluck gewogen! Ja, ja, ich will ſingen! Sie ſetzte ſich an das Piano und blätterte in dem Notenbuche hin und her. Orpheus und Euridice, ſagte ſie leiſe. Das iſt die Lieb⸗ lingsmuſik des Kaiſers, wie Signora Bernasconi mir geſagt. Oh wüßte ich nur, welches nun ſeine Lieblingsarie iſt! Sie blätterte wieder in den Noten, indem ſie dann und wann mit ihrer Rechten einige Tacte der Muſik angab, oder mit halber Stimme die Melodie irgend einer Arie ſang. Allmälig nahmen ihre ſtolzen, ernſten Züge einen milderen, ſanfteren Ausdruck an, ſie ſchien ihres Kummers und ihrer Schmerzen zu vergeſſen und ſich ganz dem Eindruck hinzugeben, den dieſe ſo wunderbare, ſo erhabene Muſik des Meiſters Gluck auf ihre Seele machte. Sie hatte mit raſchen Blicken eben mehrere Seiten überflogen, da legte ſie ihre Hände auf die Taſten, und ſpielte dieſe kurzen, einfachen, klagenden, halb in Thränen und Schluchzen ſtockenden Sätze, mit denen Gluck die Arie des Orpheus eingeleitet hat, dieſe Arie voll Hammer und Luſt, voll Liebe und Wehklage: che faro senza Euridice! Und nun mit der vollen Gewalt ihrer mächtigen Stimme begann ſie zu ſingen: che faro senza Euridice! Und je weiter ſie ſang, deſto höher leuchtete ihr Antlitz auf in Freude und Entzücken. Der Gegen⸗ wart entrückt, gab ſie ihre ganze Seele hin an die Kunſt, und empfing von ihr die heiligſten Tröſtungen und die ſeligſte Freude. Hinter ihr hatte ſich leiſe die Thür geöffnet, ſie hörte es nicht. Auf der Schwelle der Thür war der Kaiſer erſchienen, gefolgt von Matuſchka, ſie ſah es nicht; ſie ſang weiter, und wie ein ſeliger Hymnus der Liebe ſchwebte ihr Geſang durch die Stille des Gemachs. Der Kaiſer war einen Moment auf der Schwelle ſtehen geblieben, um zu horchen. Sein Antlitz, welches anfangs einen ſpöttiſchen, lächeln⸗ — den wor d. hin 69 den Ausdruck angenommen, war, wie er die Muſik erkannte, ernſt ge⸗ er⸗ worden. Mit einer gebieteriſchen Bewegung winkte er ſodann der ge Dienerin zu, hinauszugehen, und zog leiſe und geräuſchlos die Thür te hinter ihr zu. im X. in Der Kaiſer und die Polin. Die Gräfin ſang immer weiter, ſie hörte es nicht, wie der Kaiſer vorwärts ſchritt bis mitten in das Zimmer hinein. Der dicke Teppich des Fußbodens machte ſeinen Schritt unhörbar. it ne Die Sängerin ſang weiter, der Kaiſer, die rechte Hand aufgeſtützt h, auf den großen Tiſch, der in der Mitte des Zimmers ſtand, hörte ihr 8s zu, und immer bewegter wurden ſeine Züge, immer milder der Glanz f ſeiner großen blauen Augen. 9 Aber auch immer leidenſchaftlicher und herzergreifender ward der Geſang der Gräfin, ihre Stimme, welche erſt ſo voll und mächtig ge⸗ 3 tönt, ſchien jetzt wie in Thränen und Seufzern zu erſticken, ihre Finger 7 ſanken von den Taſten nieder, ſie neigte ihr Haupt, und die Stirn an 1 das Notenblatt lehnend, weinte ſie bitterlich. — Auch in des Kaiſers Augen glänzte Etwas, wie eine Thräne, er ſchüttelte ſie aber faſt unwillig aus ſeinen Augen fort, und trat jetzt 1 mit raſchen Schritten zu der weinenden Sängerin hin. 9 Frau Gräfin, ſagte er mit ſeiner ſanften, weichen Stimme, ich 4 durfte mir wohl erlauben, Ihrem Geſange zuzuhören, aber Niemand 9 als Gott hat das Recht Ihr Weinen zu ſehen. Sie zuckte zuſammen, und ſich haſtig erhebend, wandte ſie ihr be⸗ 6’ 4 wegtes Antlitz zu dem Kaiſer hin. n 1 Ah, Sie ſind es, rief der Kaiſer. Die Gräfin Wielopolsta, und 8 die Dame, welche mir das ſchöne Bouquet gegeben und in dem Con⸗ al ert geſungen, iſt Eine Perſon! Ich danke Ihnen, daß Sie mich endlich 4 Sie finden ließen, denn ich geſtehe es Ihnen gern, daß ich Sie ge⸗ 70 Oh, Ew. Majeſtät ſuchten mich, ſagte die Gräfin mit einem trau⸗ rigen Lächeln, das macht, Ew. Majeſtät iſt immer bereit, das Unglück zu tröſten und der Leidenden Sich zu erbarmen. Sie bedürfen alſo des Troſtes? fragte der Kaiſer raſch. Sire, ich bin eine Polin, antwortete ſie kurz. Und die Familie Wielopolski gehört zu den reichſten und ange ſehenſten Familien Polens! Die ruſſiſchen Soldaten haben unſere Schlöſſer verbrannt, unſere Felder verwüſtet, unſere Unterthanen niedergemetzelt, nach Sibirien ge⸗ ſchleppt oder unter der Knute ſterben laſſen! Ein Graf Wielopolski war, wenn ich nicht irre, der Liebling des Königs von Polen, ſagte der Kaiſer, deſſen Augen ſich umſchleiert hatten. Es war mein Gemahl, Sire, erwiederte ſie ernſt. Er glaubte an die Treue des Königs gegen ſein Land und ſein Volk; als er ſeinen Irrthum erkannte, gab er ſich ſelbſt den Tod. Die Wellen der Weichſel rollen über ſein Grab hin, das ſie allein kennen! Arme Gräfin! rief der Kaiſer mitleidsvoll. Und hatten Sie keine andern Verwandten außer Ihrem Gemahl? Sire, ich hatte noch einen Vater und drei Brüder! Sie hatten ſie? Ja, Sire. Meine drei Brüder ruhen auf dem Schlachtfeld bei Bar, mein Vater iſt nach Sibirien gebracht, und Gott gebe, daß auch er nicht mehr lebt! Der Kaiſer reichte ihr mit einem wundervollen Blick ſeine beiden Hände dar. Ich danke Ihnen, daß Sie inmitten Ihres Unglücks an mich gedacht haben, ſagte er weich. Laſſen Sie mich Ihre Pläne für die Zukunft wiſſen, damit ich erfahre, wie ich Ihnen nützen und helfen kann. Sire, ich habe keine Pläne, ſeufzte ſie. Das Leben ſieht mich mit düſtern Blicken an, ich würde meine Augen ſchließen, um es nicht zu ſehen, aber— Aber? fragte Joſeph.— Aber Sire, ich würde dann auch den nicht mehr ſehen, der meinem Vaterland verſprochen hat, ihm Hülfe und Beiſtand zu gewähren, rief ſie mit einem leidenſchaftlichen Ausdruck, indem ſie auf ihre Kniee nieder⸗ ſank und ihre gefaltenen Hände flehend zu dem 17 emporhob. 71 Joſeph neigte ſich zu ihr nieder, und reichte ihr ſeine Hand dar. Stehen Sie auf, Gräfin, ſagte er freundlich. Es ziemt Ihrer Schön⸗ heit nicht, vor mir ſich zu beugen. Nein, Sire, laſſen Sie mich auf meinen Knieen, rief ſie und ein Strom von Thränen überfluthete ihr ſchönes Angeſicht. Laſſen Sie mich ſo Sie anflehen um Gnade und Erbarmen nicht für mich, ſondern für mein Vaterland! Gnade, Sire, Gnade für Polen, welches ſterben wird, wenn Oeſterreich ihm nicht beiſteht, Erbarmen für die Conföde⸗ rirten, welche nichts verbrochen haben, als daß ſie ihre heiligſten Güter, ihre Freiheit und ihren Glauben bewahren wollen, und welche man um⸗ herhetzt, wie wilde Thiere des Waldes. Oh Sire, bald werden ſie Alle gleich mir, keine Stätte mehr haben, wo ſie ihr Haupt ruhen können, bald werden ſie entweder Sclaven oder Selbſtmörder werden müſſen. Erbarmen, Majeſtät, Erbarmen! Unſer Jammer ſchreit vergeblich zu Gott empor, möge er aber das Ohr des Kaiſers von Oeſterreich erreichen! Ich habe den Conföderirten in Eperies meinen Schutz und meinen Beiſtand verſprochen, ſagte Joſeph ernſt, ich habe ihnen die Hülfe Maria Thereſias zugeſagt, ich habe ihnen verheißen, daß der Hof von Wien feierlich und förmlich einen Geſandten der Conföderirten in Wien empfangen werde.*) Ich werde niemals meines Verſprechens vergeſſen, und es bedurfte kaum der Mahnung, welche Ihr ſchönes Bouquet mir brachte. Jetzt, Gräfin, ſtehen Sie auf. Möchte es mir eines Tages gelingen, Ihr Vaterland aufzurichten, wie ich es mit Ihnen jetzt thue. Den guten Willen dürfen Sie bei mir immer vorausſetzen, denn wir haben Beide Einen gemeinſchaftlichen Feind, und es liegt nicht an mir, wenn ich dieſem Feind, welcher ſich von Moskau her gegen ganz Europa heranwälzt, nicht ſchon jetzt mit den Waffen in der Hand gegenüber ſtehe. Aber was wollen Sie, ich, welchen ſie den Kaiſer nennen, ich, welcher einhergehn muß unter der glänzenden Laſt eines Purpurmantels, ich bin doch gehemmt in allem meinem Thun und Wollen, die Krone ruht auf dem Haupt meiner Mutter, und nur der Schatten derſelben fällt auf das Meine! Sie ſehen, ich rede offen zu Ihnen! Aber wir haben uns auf eine ungewöhnliche Weiſe kennen gelernt, und ſo möge *) Ferrand. Th. I. S. 79. .A 72 auch unſer ganzes Begegnen ungewöhnlich ſein! Sie haben mit Ihren Thränen und mit Ihrem Geſange zu meinem Herzen geſprochen, denn zu meinem eigenen Leid und Mißgeſchick habe ich noch ein Herz, und es ſchmerzt mich zuweilen gar ſehr. Die Arie, welche Sie vorher ſo wunderbar ſchön ſangen, hat mich an die ſchönſte und köſtlichſte Zeit meines Lebens erinnert, an eine Zeit, wo ich noch nicht Kaiſer war, ſondern ein glückſeliges, friſches Menſchenkind, welchem die Welt zum erſten Mal entgegen leuchtete im Sonnenglanze der Liebe und des Glückes. — Ah, Sie ſehen, Gräfin, Sie haben mich ſentimental gemacht, und ich ſpreche zu Ihnen, wie ein junges Mädchen von ſeiner erſten Liebe ſpricht. Nun, Sie werden das verzeihen, denn Sie ſind eine Frau, und verſtehen daher die Liebe. Sie ſchüttelte langſam und ſtolz das Haupt. Ich verſtehe die Liebe nicht, Sire, denn ich habe ſie nie gekannt, ſagte ſie. Der Kaiſer blickte überraſcht in ihr bleiches ſtolzes Angeſicht. Sie haben die Liebe nie gekannt? fragte er. Und Ihr Gemahl? Man vermählte mich mit ihm, wie man die Republik Polen mit dem König Stanislaus vermählte, man befahl mir, ihn als meinen Gemahl anzunehmen. Und Ihr Herz blieb Republik und wollte keinen König anerkennen? Sire, ich hatte bis heute noch keinen Mann geſehen, den mein Herz würdig gehalten, ihn ſeinen König zu nennen. Ach, Sie haben ein gar ſtolzes Herz, rief der Kaiſer; beneidens⸗ werth der Mann, dem es eines Tages gelingen wird, dies Herz zu beugen, und es ſich unterthan zu machen! Sie ſchaute mit einem flammenden Blick zu dem Kaiſer empor. Sire, flüſterte ſie, mein Herz wird ſich nur dem beugen, welcher meinem Vaterlande Rettung und Hülfe bringt, in Ihm aber wird es mit jauch⸗ zendem Entzücken ſeinen Herrn anerkennen. Der Kaiſer erwiederte nichts, er blickte mit einem ſeltſamen Lächeln auf dieſe ſo ſchöne, ſo glühende Frau hin, und ſie erröthete unter ſeinem Anſchauen und ſenkte die Augen zu Boden.. Ah Madame, ſagte der Kaiſer nach einer Pauſe, wenn alle Po⸗ linnen Ihnen glichen und gleiche Entſchlüſſe ausſprächen, dann würden ſie bald ihrem Vaterland aus allen Ländern der Welt ein Heer anwer⸗ 4 in 73 ben, das wohl im Stande wäre Polens Freiheit und Selbſtſtändigkeit wieder zu erobern, allen ſeinen Feinden zum Trotz. Sire, alle Polinnen empfinden gleich mir. Wir ſind alle die Töchter Einer Mutter, und haben aus denn Mutterbuſen gleiche Liebe und gleiches Empfinden eingeſogen. Der Kaiſer zuckte leicht die Achſeln. Wäre dem ſo, dann würde Polen nimmer ſo unglücklich und beklagenswerth geworden ſein, als es jetzt iſt! Aber mit den Unglücklichen und Leidenden ſoll man nicht rechten, ſondern nur Alles thun, um ihr Unglück zu ſänftigen und ſie ihres Kummers vergeſſen zu machen! Fern ſei es daher von mir, Polen, welches blutet und weint, jetzt anzuklagen. Ich ſagte es Herrn Pack, dem Haupte der Conföderirten in Eperies und ich wiederhole es Ihnen, ich werde thun, was ich vermag, um Polen vor dem unglücklichen Schickſal zu bewahren, mit welchem es vielleicht von Rußland bedroht wird. Aber am Beſten werden die Polen doch immer für ſich ſelber ſorgen müſſen, denn wer ſich ſelber hilft, dem hilft auch Gott und wer Ruhe mit ſeinen Nachbarn haben will, der muß vor allen Dingen dadurch, daß er in ſeinem eignen Hauſe Ruhe und Ordnung hält, es ſeinen Nachbarn beweiſen, daß er den Frieden liebt und die Kraft hat, ihn aufrecht zu erhalten. Alsdann wird man ihn ſchätzen und ſich wohl hüten, ihm zu nahe zu treten!— Aber, unterbrach ſich der Kaiſer mit einem ſanften Lächeln, ſprechen wir jetzt nicht mehr von Polen, ſprechen wir von Ihnen! Sagen Sie mir, Frau Gräfin, was ich für Sie thun kann, und welche Pläne Sie für die Zukunft haben? Sire, ich habe gar keine Pläne. Ich ſuche auf der Welt nichts mehr als einen ſtillen Zufluchtsort, wo ich weinen kann! Der Kaiſer ſchüttelte lebhaft das Haupt. Madame, ſagte er, auf das Piano hindeutend, wer ſolche Tröſterin hat, wie Sie, deſſen Thrä⸗ nen werden verſiegen. Auch ſind Sie zu jung und zu ſchön, um Ihr Leben in der Einſamkeit zu begraben. Kommen Sie zu uns nach Wien, ruhen Sie Sich bei uns aus von Ihren Leiden, und lernen Sie gleich mir begreifen, daß man am Ende glücklich und zufrieden ſein kann auch ohne Glück. Ew. Majeſtät wollen es mir erlauben, nach Wien zu gehen? fragte die Gräſin faſt freudig. Seit ich allein und verlaſſen bin, ſeit 74 ich fühle, daß ich meinem Vaterland nichts mehr ſein kann, hege ich nur dieſen Einen glühenden Wunſch, in Wien zu leben, wo ich Eurer Majeſtät, wo ich der erhabenen Kaiſerin Maria Thereſia nahe genug bin, um mich zuweilen an den Sonnenſtrahlen ihrer Größe, wenn auch nur aus weiter Ferne, erfreuen zu können. Sie Beide, Sire, ſind ja die Einzigen, welche in dieſen traurigen Zeiten ſich meines Vaterlands gnädig erbarmt, und großmüthig ſich unſerer angenommen haben. Vor Ihnen Beiden alſo beugt ſich mein ſtolzes Herz in Dankbarkeit und Demuth, denn es weiß, daß Alles, was es noch von Glück und Freude zu erwarten hat, ihm nur von Ihnen kommen kann! Ach, und das ſagt dieſes ſtolze Herz, welches ſich noch niemals gebeugt hat! rief der Kaiſer lächelnd, indem er der Gräfin ſeine Hand darreichte. Kommen Sie zu uns nach Wien, Ihr Herz ſoll ſich nicht beugen müſſen, es ſoll ſtolz und feſt vor uns ſich aufrichten können, denn der Stolz ſteht Ihrer erhabenen Schönheit gar prächtig an! Kommen Sie nach Wien, und wenn Sie dort keine Verbindungen, keine Bekanntſchaften haben, ſo werde ich Sorge tragen, Ihnen Beides zu verſchaffen! Sire, ich habe eine nahe Verwandte in Wien und das iſt die Oberhofmeiſterin der Kaiſerin. Ah, dann bedürfen Sie meiner Vermittelung und Fürſprache gar nicht, und es kann im Gegentheil leicht kommen, daß ich Sie eines Tages um die Ihrige anſprechen muß, rief der Kaiſer lächelnd. Die Frau Oberhofmeiſterin von Salmour ſteht in gar großer Gunſt bei der Kaiſerin und iſt mächtiger als ich. Sire, ich gehe nur nach Wien, wenn Ew. Majeſtät die Gnade haben wollen, es mir zu erlauben, und wenn Sie mir Ihren Schutz verſprechen, flüſterte die Gräfin, ihre tiefen ſchwermüthigen Augen mit einem flehenden Ausdruck auf Joſeph heftend. Ich verſpreche Ihnen denſelben, ſagte der Kaiſer raſch. Ich werde „Ihnen heute noch ein Schreiben an meine Mutter ſenden, und Sie mögen es ihr ſofort in Wien präſentiren. Wann gedenken Sie abzu⸗ reiſen? Ich ſage Ihnen nicht: bleiben Sie hier, denn es iſt hier wie im off⸗ nen Feldlager; unſere Gedanken und unſere Zeit gehören dem Krieg, und für die Schönheit und die Kunſt haben wir nur einige flüchtige Momente. 75 Sie haben uns dieſe Momente zwiefach verklärt, und ich danke Ihnen dafür. Reiſen Sie aber, denn ich fürchte, der König von Preußen iſt Ihnen nicht gewogen um des Liedes willen, das Sie uns geſungen. Er iſt alt und nüchtern geworden, und die Odeale ſind ihm unter ſei— nen kriegeriſchen Händen verwelkt. Er mag vielleicht die ideale Poeſie Ihres Schmerzes nicht mehr zu würdigen wiſſen. Gehen Sie alſo nach Wien, bringen Sie der Kaiſerin meine Grüße, und laſſen Sie uns hoffen, daß alle die guten Wünſche, die ich für Sie hege, die Zu⸗ ſtimmung Ihrer Majeſtät finden mögen. Meine Zeit iſt um, und der König von Preußen erwartet mich zum Souper. Ich muß Sie alſo verlaſſen, aber ich freue mich, ſagen zu können: auf Wiederſehen! Er verneigte ſich tief, und ſchritt dann raſch durch das Gemach der Thür zu. Aber ſchon im Begriff hinauszugehen, wandte er ſich noch einmal um und kehrte zu der Gräfin zurück. Nicht wahr, ſagte er mit weicher Stimme, wenn es mir eines Tages gelungen iſt mir Anſprüche auf Ihre Dankbarkeit zu erwerben, ſo werden Sie mich damit belohnen, daß Sie mir die Arie noch ein⸗ mal ſingen, welche Sie vorhin ſangen? Sire, ſagte ſie mit einem tiefen, leuchtenden Blick, Ew. Majeſtät haben mich in dieſer Stunde zu ſo tiefer Dankbarkeit verpflichtet, daß mein armes Herz keine Worte dafür hat. Mögen alſo die Töne für mich ſprechen! Ich werde ſingen, ſo oft Ew. Majeſtät es mir er⸗ lauben wollen! Nun, in Wien werde ich Sie bald an dieſes Verſprechen mahnen, ſagte der Kaiſer, ihr freundlich zunickend, indem er das Gemach durchſchritt. Die Gräfin ſchaute ihm lange nach, ſie ſtand noch immer auf derſelben Stelle, wo er ſie verlaſſen hatte, ſie horchte athemlos auf ſeine Stimme, welche ſie im Vorzimmer vernahm, auf den Schall ſei⸗ ner Schritte, welche in der Ferne verhallten. Sie ſtand noch ſo, unbeweglich, athemlos, als die Thür haſtig geöffnet ward und Matuſchka herein ſtürzte mit leuchtendem Antlitz, eine Börſe hoch in ihrer Hand ſchwingend. Oh, Herrin, welch ein gütiger edler Herr iſt der Kaiſer, rief ſie froh⸗ lockend. Seht nur, ſeht dieſe Börſe! Es ſind fünfhundert Louisd'or darin! Der Kaiſer hat ſie mir gegeben, als Reiſegeld für Ew. Gnaden! 1 76 Die Gräfin ſtieß einen durchdringenden Schrei aus und eine tiefe Gluth übergoß auf einmal ihr bleiches Angeſicht. Almoſen! rief ſie ſchmerzvoll. Er behandelt mich als eine Bettlerin! Und mit einer leidenſchaftlichen Bewegung legte ſie ihre beiden Hände über ihr Angeſicht, und weinte bitterlich. Nein, Herrin, ſagte Matuſchka niedergeſchlagen, er behandelt Euch nicht als eine Bettlerin, er ſagte, da er Ew. Gnaden gebeten nach Wien zu gehen, habe er wohl das Recht, ſich als Euren Reiſemar⸗ ſchall zu betrachten, und für Eure Reiſebedürfniſſe zu ſorgen! Die Gräfin ließ ihre Hände wieder von ihrem Antlitz gleiten, und ihre brennenden Augen hefteten ſich mit einem ſtolzen verächtlichen Blick auf ihre Dienerin. Du wirſt ſogleich zum Kaiſer gehen, ſagte ſie. Du wirſt ſo lange flehen und bitten, bis der Kaiſer Dich vor ſich läßt. Alsdann wirſt Du die Börſe mit dem Gold zu den Füßen des Kaiſers niederlegen, und wirſt ſagen: Majeſtät halten zu Gnaden, ich wage nicht, meiner Herrin dies Geld anzubieten, denn ich weiß, ſie würde lieber Hungers ſterben, als Almoſen von Ew. Majeſtät annehmen! Geh, und befolge meine Befehle! Matuſchka ſeufzte tief auf, und ſchlich niedergeſenkten Hauptes der Thür zu. Hier aber blieb ſie ſtehen, und blickte ſcheu und angſtvoll nach ihrer Her⸗ rin zurück, welche ihre ſtolzen zürnenden Blicke feſt auf ſie gerichtet hatte. Ew. Gnaden, ſagte ſie leiſe, ich ſoll das Geld dem Kaiſer wieder hintragen, aber gnädigſte Gräfin, Ihr, welche noch niemals nöthig ge⸗ habt, Euch um Geld zu ſorgen, Ihr, welche bisher ſo reich und mächtig war't, Ihr wißt nicht, was es heißt, arm zu ſein, und des Geldes zu entbehren. Ihr habt mir Eure Kaſſe übergeben, und ich muß Euch jetzt leider geſtehen, daß ſie erſchöpft iſt. Oh könnt' ich mein Herzblut ausmünzen in Gold, ſo würde ich es lieber thun als Euch dies Ge⸗ ſtändniß machen, aber ich muß es ſagen; Gräfin, wenn Ihr dieſes Gold dem Kaiſer zurückſendet, ſo weiß ich nicht, wie Ihr nach Wien reiſen werdet, denn es iſt kein Geld mehr in unſerer Börſe! Die Gräfin hob langſam ihre Arme zu ihrem Haupte empor, und löſte aus ihrem Haare die Schnur Perlen los, mit welcher Matuſchka ſie vorher geſchmückt hatte. ——, 77 Da, ſagte ſie, gehe hin und verkaufe das. Es wird ſich ſchon hier am Ort ein Jude finden, welcher verſteht, was dieſe Zahlperlen werth ſind, und wenn er Dir nur den vierten Theil giebt von dem, was ſie werth ſind, wird es doch doppelt ſo viel ſein, als das Almoſen des Kaiſers. Oh Herrin, Ihr wollt Eure Perlen verkaufen, ſchluchzte Matuſchka. Ihr vergeßt, daß ſie zu Eurem Familienſchmuck gehören, und daß jede Erbin, welche ihn bekommt, das Gelübde ablegen muß, die Erbklein⸗ odien unverſehrt zu erhalten, und ſie niemals zu verſchenken, noch zu veräußern! Gott wird mir verzeihen, daß ich dieſes Gelübde breche, ſagte die Gräfin, ihre beiden Arme gleichſam beſchwörend zum Himmel empor— ſtreckend. Gott, der ſieht, welche Demüthigung und Schmach ich er— dulden muß, er wird Nachſicht haben, daß mein Herz ſich aufbäumt gegen dieſe Schmach, und daß ich lieber mein Gelübde breche, als Al— moſen annehme. Geh, Matuſchka, und verkaufe die Perlenſchnur. Ich habe keine Familie und keine Erben mehr, und Niemand wird mich daher anklagen können, daß ich ihm ſein Erbtheil verkürzte. Ich habe nur noch eine Mutter, und dieſe Mutter, das iſt Polen. Für ſie opfere ich mein Hab' und Gut, für Polen gebe ich meine Schätze hin. Geh Matuſchka, und verkaufe meine Perlen! Perlen bedeuten Thränen, und meine Mutter ſorgt dafür, daß ich mich mit dieſen Perlen ſchmücken kann! Geh, Matuſchka, geh! Matuſchka ſeufzte tief auf, und zu ihrer Herrin heranſchleichend, küßte ſie ehrfurchtsvoll den Saum ihres Gewandes. Ich gehe, Herrin, ich gehe, murmelte ſie ſeufzend, ich werde dem Kaiſer das Gold wiederbringen, und werde hingehen, Eure Perlenſchnur zu verkaufen. Ihr werdet von dem Erlös wohl ein halbes Jahr lang leben können, und dann verkaufen wir die Armbänder, die dazu gehören, und dann, wenn die Perlen aufgezehrt ſind, kommt das Diadem von Brillanten, und die Spangen und das Halsband. Oh, Ihr werdet noch lange, recht lange von Eurem Familienſchmuck leben können, ſo lange, daß die alte Matuſchka nicht nöthig haben wird, das letzte Stück zu verkaufen, denn ſie wird vorher geſtorben ſein vor Jammer und Gram. Lebt wohl, Herrin, ich will die Perlenſchnur verkaufen, die — — 78 einſt Johann Sobieski, der große König von Polen, Eurer Urgroßmutter geſchenkt hat! Sie preßte noch einmal das Gewand ihrer Gebieterin an ihre Lippen, und ſtürzte von dannen. Die Gräfin ſchaute ihr lange, in tiefen Gedanken verloren, nach. Allmälig nahm ihr Antlitz einen kühnen, energiſchen Ausdruck an, allmälig leuchteten ihre Augen wieder auf in flammender Begeiſterung, und plötzlich, gleichſam einem übermächtigen Impuls nachgebend, ſtürzte ſie auf ihre Kniee nieder, und rief, ihre Blicke und Arme zum Himmel erhebend: mein Gott, mein Gott, gieb, daß es mir gelingt, ſeine Liebe zu erwerben! XI. Unterhaltungen im Concert. Die zum Concert anberaumte Stunde hatte längſt geſchlagen, und noch immer wartete der Kaiſer, umgeben von ſeinen Cavalieren, ver⸗ geblich auf das Erſcheinen des Königs, der ſich zu einer abermaligen politiſchen Beſprechung mit Fürſt Kaunitz in ſeine Gemächer zurückge⸗ zogen hatte. Der Kaiſer, deſſen Stirn ein wenig bewölkt war, ging im Zimmer auf und ab, die Hände auf dem Rücken gefaltet, und leiſe die Melodie eines Liedes vor ſich hinmurmelnd, wie er das zu thun pflegte, wenn er verſtimmt war.— Der Fürſt von Ligne, Lacy und Loudon hatten ſich in eine Fenſterniſche zurückgezogen, und plauderten leiſe mit einander, dann und wann ihre beſorgten Blicke auf den Kai⸗ ſer heftend, oder ſie unruhig auf die Thür richtend, durch welche der König erſcheinen mußte. Die Uhr, welche da drüben auf dem Kamin ſtand, verkündete eben mit dröhnendem Schlag die achte Stunde, und machte das Antlitz des Kaiſers noch finſterer, und das leiſe Flüſtern ſeiner Cavaliere noch lebhafter. Acht Uhr, murmelte Feldmarſchall Lacy, um halb acht Uhr ſollte das Concert beginnen, und der König iſt noch nicht hier! 79 Das iſt ohne Zweifel das Werk des Herrn Fürſten von Kaunitz, brummte Loudon, die alte hochmüthige Durchlaucht bläht ſich gewiß in ſeinen Gedanken vor Vergnügen, daß er im Stande iſt, den Kaiſer warten zu laſſen. Durchlaucht werden in der That alle Tage ſtolzer und hochfahren⸗ der, flüſterte der Fürſt Ligne achſelzuckend. Er iſt ſo davon durchdrun⸗ gen, daß er der Kutſcher von Europa i*ſt, daß er uns übrige Sterbliche alle nur für die geduldigen Gäule hält, die ſich nach ſeinem Willen müſſen anſchirren und lenken laſſen. Still, meine Herren, ſtill, ſagte der Kaiſer, indem er vor den drei Herren ſtehen blieb. Sagen Sie mir nichts gegen den Fürſten Kaunitz. Er iſt ein großer Staatsmann, und ein treuer Freund meines Hauſes. Oeſterreich hat ſich Glück zu wünſchen, daß es von einem ſo weiſen Politiker geleitet wird, und ich habe mir Glück zu wünſchen, daß ich von ihm lernen kann. Ich werde ihn immer als mein Vorbild und meinen Meiſter betrachten. Die drei Herren verneigten ſich ſtumm, aber dem Kaiſer entging es nicht, daß ihre Mienen Erſtaunen und Unwillen ausdrückten, und daß eine finſtere Wolke auf einmal Lacy's Stirn umwölkte. Ein lei⸗ ſes, unmerkliches Lächeln durchzuckte das Antlitz des Kaiſers, als er dies ſah, und er fuhr fort: Ihr ſeid Alle drei gar parteiiſch für den König; der Lacy und der Loudon ſchwärmen noch vor Wonne über die köſtlichen Pferde, welche Se. Majeſtät heute geruht haben, Ihnen Bei⸗ den zu ſchenken,*) und der Ligne betrachtet ſich als einen Favoriten des großen Königs; ſo kommt es, daß, da Sie der Meinung ſind, es müßte in dieſer Sache Einer von den beiden großen Männern ange⸗ ſchuldigt werden, Sie Alle drei den Fürſten Kaunitz beſchuldigen, um den König zu entſchuldigen. Ich aber bin der Meinung, daß weder das Beschuldigen noch das Entſchuldigen hier am Orte iſt; ich finde es ganz in der Ordnung, daß die wichtigen Fragen der Politik, mit denen der König und der Fürſt ohne Zweifel beſchäftigt ſind, ſie die Stunde vergeſſen laſſen, welche wir zu einem leichtfertigen Concert an⸗ geſetzt haben! 5 *) Der König ſchenkte Lacy ſo wie Loudon in Neuſtadt Jedem zwei präch⸗ tige, reich aufgezäumte Pferde. 80 Haben Ew. Majeſtät geſehen, welche Muſikſtücke der Capellmeiſter zu dem Concert ausgewählt hat? fragte der Fürſt Ligne. Ja, ich habe ſie geſehen! Weshalb fragen Sie darnach? Majeſtät verzeihen, es ſind, glaube ich, faſt lauter Compoſitionen von Gluck. Nun und weiter? Ich glaube bemerkt zu haben, daß der König der Gluck'ſchen Muſik nicht ſehr gewogen iſt! Nun, rief der Kaiſer mit einem kurzen, ſpöttiſchen Lachen, ich ver⸗ lange auch nicht, daß der König von Preußen nach unſerer öſterreichi⸗ ſchen Muſik tanzen ſoll, aber er wird ſie wenigſtens hören können!— Auch iſt der König ein viel zu gerechter und weiſer Held, als daß er verdammen ſollte, ohne zu prüfen, und ich glaube nicht, daß er viele Compoſitionen von Gluck kennt. Machen wir alſo bei ihm Propaganda für unſern großen Maeſtro! In dieſem Augenblick öffnete ſich die Thür, und der König erſchien auf der Schwelle. Seine großen flammenden Augen waren mit einem faſt bit⸗ tenden Ausdruck auf den Kaiſer gerichtet, und er eilte ihm lebhaft entgegen. Sire, ich habe Ew. Majeſtät um Verzeihung zu bitten, ſagte er, um Verzeihung dafür, daß ich im Eifer meines Geſpräches die Stunde überhören konnte, welche mir das Glück gönnen ſollte, mit Ew. Majeſtät vereinigt zu ſein. Aber ich habe während deſſen auch nur an dieſer Vereinigung mit Eurer Majeſtät gearbeitet, und ich hoffe, daß dieſe Vereinigung noch über unſer hieſiges ſchönes Begegnen hinausgehen ſoll. Wir hatten in der That gar wichtige Dinge zu verhandeln, denn der Fürſt Kaunitz hat Ew. Majeſtät ohne Zweifel rapportirt, daß ein Courier des türkiſchen Mi⸗ niſters hier angelangt iſt, welcher eine Vermittelung Oeſterreichs und Preußens erbittet, um der Türkei Frieden mit Rußland zu verſchaffen. Nein, ſagte der Kaiſer mit affectirter Gleichgültigkeit, der Fürſt hat mir nichts davon geſagt. Er weiß gar wohl, daß ich mich um dieſe Dinge gar nicht kümmere, ſondern daß nur das Kriegsweſen das Departement iſt, welches mich beſchäftigt. Die Politik überlaſſe ich meiner Mutter und dem Fürſten Kaunitz.*)* *) Des Kaiſers eigene Worte. Siehe Ramshorn.* 81 Des Königs Augen hefteten ſich mit einem raſchen Blitz auf des Kaiſers Angeſicht. Dann ſagte er mit einer leichten Verneigung: Doch bitte ich Ew. Majeſtät zu erlauben, daß ich Ihnen Bericht erſtatten darf über Alles, was ich mit dem Fürſten beſprochen und verhandelt habe. Ich möchte nichts thun, was nicht zuvor die Zuſtimmung Ihrer Majeſtät gefunden und ſelbſt bei meinem lebhaften Beſtreben, eine dauernde Freundſchaft zwiſchen Oeſterreich und Preußen herbeizuführen, möchte ich doch vor allen Dingen wiſſen, wie weit ich der Billigung Ew. Mafjeſtät mich verſichert halten darf. Erlauben mir Ew. Ma⸗ jeſtät daher, daß ich alle Verhandlungen zwiſchen Mir und dem Fürſten Kaunitz jedes Mal Ihrer Prüfung unterbreite, und meine Entſchlüſſe von Ihrer Billigung oder Ihrem Tadel abhängig mache. Wollen mir alſo Ew. Majeſtät geſtatten, morgen früh um neun Uhr zu Ihnen zu kommen, um Ihnen zu referiren, was wir heute verhandelt haben, und mir meine Inſtructionen für die morgende Verhandlung zu holen? Ich werde Punct um acht Uhr zu Eurer Majeſtät kommen, wie der Schüler zu ſeinem Lehrmeiſter geht, um ſich von ihm unterrichten zu laſſen, ſagte der Kaiſer, der den Vorſchlag des Königs mit ſichtlichem Vergnügen aufgenommen hatte und deſſen Antlitz jetzt wieder ſeinen gewohnten, heitern Ausdruck zeigte.“*) Laſſen wir alſo, wenn es Ew. Majeſtät gefällig iſt, die Politik bis morgen, und ſagen mir Ew. Majeſtät, was wir jetzt thun wollen? Ich werde Alles thun, was Ew. Majeſtät mir befehlen werden,**) ſagte der König mit ſo verbindlicher und ehrfurchtvoller Höflichkeit, daß der Kaiſer vor Vergnügen erröthete. Nun denn, ſo gehen wir, wenn es Ew. Majeſtät gefällig iſt, in den Concertſaal, ſagte der Kaiſer, indem er dem König ſeinen Arm reichte. Meine Sänger und Sängerinnen ſind ohne Zweifel ſchon voll Betrübniß, daß ſie heute nicht das Glück haben ſollten, vor Eurer Ma⸗ *) König Friedrich II. ſagt ſelbſt: da jedoch alle Verhandlungen zwiſchen dem König und dem Fürſten Kaunitz allein geführt wurden, ſo fand es der König ſchicklich, dem Kaiſer von dem in Kenntniß zu ſetzen, was geſagt und abgemacht worden war. Es ſchien, daß dieſer Monarch, wenig gewohnt an ſolche Rückſichten, für dieſe Aufmerkſamkeit dem König Dank wußte. **) Des Königs eigene Worte. Kaiſer Joſeph. 2. Abth. I. 6 82 jeſtät zu ſingen, um vielleicht ſich eines Beifallszeichens von Ihro Majeſtät zu erfreuen, deſſen ſie ſich nachher in Wien wie eines auf dem Schlachtfeld erworbenen Lorbeerkranzes rühmen werden!— Die Sänger hatten in der That dem Erſcheinen der Majeſtäten mit der lebhafteſten Ungeduld entgegen geſehen, und kaum waren dieſe daher in den Saal eingetreten, als das Concert ſeinen Anfang nahm. Indeſſen herrſchte bei demſelben nicht der mindeſte Zwang. Man ſaß nicht auf Seſſeln, die in regelrechten Reihen aufgeſtellt waren, ſondern man bewegte ſich frei und ungebunden umher oder ſtand hier und dort in einzelnen Gruppen, denen der Kaiſer oder der König ſich in den Pauſen zwiſchen den einzelnen Muſikſtücken zuwendeten, um mit einem oder dem andern der Herren ein Geſpräch anzuknüpfen, das zuweilen noch flüſternd fortgeſetzt ward, wenn auch ſchon die Muſik auf's Neue begonnen hatte. Ringsum in dem Saale ſtanden Seſſel, deren man ſich nach Belieben bediente, wenn man zu ſtillem Anhören der Muſik ſich zurückziehen wollte, und zwei Fauteuils waren unfern von den Mu⸗ ſikern für die Majeſtäten hingeſtellt worden. Aber Beide nahmen heute dieſe Sitze nicht ein, ſondern zogen es vor, ſich in zwangloſer Freiheit im Saal umher zu bewegen. Der König hatte ſich in das äußerſte Ende des Saales zurückge⸗ zogen, und ein Wink ſeiner Augen rief den Fürſten Ligne an ſeine Seite. Dies ift ein guter Schmallwinkel, von dem aus man mit rechtem Behagen ſeine Beobachtungen anſtellen kann, ſagte der König lächelnd. Wir ſind ſo weit von der Muſik entfernt, daß ſie uns nicht incommodirt, und daß man ſprechen kann, ohne die Zuhörer in ihrer muſikaliſchen An⸗ dacht zu ſtören. Jetzt ſollen Sie mir ein wenig die Herrn, die ich noch nicht kenne, expliciren! Vor allen Dingen zeigen Sie mir diejenigen Ge⸗ nerale und Stabsofficiere, welche ſchon unter dem Feldmarſchall Traun gedient haben, deun dieſen Mann betrachte ich als meinen eigentlichen Lehrer in der Kriegskunſt, und er hat mich mehr als einmal corrigirt. Ah, Sire, rief der Fürſt, alsdann hätten doch Ew. Majeſtät ihm für den genoſſenen Unterricht dankbar ſein, und ſich einmal von ihm ſchlagen laſſen ſollen! Das hat er auch blos deshalb nicht gekonnt, weil ich ihm nie ſo nahe gekommen bin, ſagte der König raſch. ———- l 1 83 Dies war oft die Methode der größten Feldherrn, Sire! Zum Beiſpiel in der Campagne von 1674 und 1675 haben es Montecuculi und Turenne ebenſo gemacht! Gemach, gemach, rief der König, Sie können wohl Traun mit Montecuculi vergleichen, aber Turenne und ich, welch ein Abſtand!— Nun zeigen Sie mir einige der Herren! Sehen Sie da, Sire, dieſe beiden Herren, welche da nebeneinander ſtehen, und die ſchöne Stimme, nein, ich wollte ſagen, die ſchönen Augen der Signora Bernasconi ſo lebhaft applaudiren, die ſind der Graf Alton, der Generaladjutant des Kaiſers, und der Graf Pellegrini. Ich ſehe noch nicht genau, welche Herren Sie meinen. Haben Sie die Güte, ſie mir noch einmal zu bezeichnen. Jetzt, Sire, ſind ſie Beide einige Schritte weiter vorgetreten, viel⸗ leicht um das Mienenſpiel der Signora beſſer ſehen zu können, denn mir ſcheint, ſie ſpricht mit ihnen. Dieſe beiden Herren gehören zu den guten Freunden der Signora. Eben applaudiren ſie wieder, und mit welchem Feuer! Sehen Ew. Majeſtät ſie jetzt? Ja, ich danke Ihnen! Verzeihen Sie, daß ich Sie zwei Mal be⸗ läſtigte, aber ich habe ein ſo ſchwaches Geſicht! Ah, Sire, rief der Fürſt, im Kriege hatten Ew. Majeſtät doch ſehr ſcharfe Augen, und konnten gar weit in die Ferne ſehen! Das that mein Fernglas! ſagte der König lächelnd. Was hätte ich um dieſes Fernglas gegeben, Sire! Aber freilich, es würde für meine Augen das geweſen ſein, was Scanderbeg's Schwert dem Arme des Kaiſers Muhamed war! Nun, und was war es ihm? Ich bin ein ſehr unwiſſender Menſch, wie Sie ſehen, und ich bedarf Ihrer Belehrung. Was hatte es für eine Bewandtniß mit dem Schwerte des Scanderbeg? Ah, Ew. Majeſtät wollen mir die Gnade gönnen, als könnte ich Ihnen Etwas mittheilen, was Ew. Majeſtät nicht ſchon lange und beſſer wüßten. Nun, aus Erkenntlichkeit für dieſe Großmuth, will ich mir den Anſchein geben, als glaubte ich wirklich, Ew. Majeſtät wüßten nicht, daß Scanderbeg ein türkiſcher Krieger und Held war, der ſolche Rieſen⸗ ſtärke beſaß, daß er mit ſeinem Säbel einen bewaffneten Reiter bis auf den Sattelknopf ſpaltete. Kaiſer Muhamed II,, der davon gehört hatte, p . 6* 84 ließ ſich von Scanderbeg ſeinen Säbel ausbitten, um ähnliche tours de force damit zu machen. Aber der Säbel blieb kraftlos und matt in der Hand des Kaiſers, er konnte nichts damit ausrichten. Voll Zorn ließ Muhamed den Rieſen vor ſich kommen, und klagte ihm ſein Leid. Scanderbeg zuckte mitleidig lächelnd die Achſeln.„Ich habe,“ ſagte er, „Ew. Majeſtät wohl mein Schwert, aber nicht meinen Arm geliehen!“ Ja, ja, der hatte Recht, ſagte der König ſinnend. Die beſte Waffe wird ſtumpf in der Hand eines Unfähigen, wie auch die Bibel ſelbſt in der Hand der Prieſter und Pfaffen aufhört, die heilige Waffe des Chriſtenthums zu ſein!— In dieſem Augenblick näherte ſich der Herzog Albert von Sachſen⸗ Teſchen, der ſchöne Gemahl der Erzherzogin Chriſtine, und indem er den König ehrerbietig grüßte, bat er um Erlaubniß, an der Unterhaltung Theil nehmen zu dürfen. Nein, nein, ſagte der König lächelnd, was wir hier ſprechen, iſt nicht für Sie, mein Prinz, nicht für einen Schwiegerſohn der Kaiſerin! Würde dieſe Fürſtin nicht denken, ich ſei hergekommen, um Sie anzu⸗ ſtecken. An dem Fürſten von Ligne iſt ſchon alles verdorben, der kann ſich ohne Gefahr mit einem Ketzer unterhalten, den Ihre Theologen ſchon längſt zum Höllenfeuer verurtheilt haben! Er machte gegen den Herzog, welcher ſich ein wenig beſchämt zurückzog, eine leichte Abſchiedsverbeugung, und wandte ſich dann wieder an den Fürſten Ligne. Sagen Sie mir doch, wer ſind die Herren, welche ſich ſo eben mit dem Kaiſer unterhalten? Sire, der große Herr dort mit dem weißen Haare, das iſt der Fürſt Lobkowitz, Jener dicht daneben der Fürſt Karolath, dann kommt der Fürſt von Windiſchgrätz, der ſich mit dem Fürſten Eſterhazy un⸗ terhält. Der, mit welchem der Kaiſer eben ſpricht, iſt der Fürſt von Lichtenſtein, und neben ihm ſteht der Fürſt von Hohenſtein. Wie, rief der König faſt erſchrocken, Sie nennen mir ja da in einem Athem ein Dutzend Fürſten. Iſt der, mit welchem der Kaiſer jetzt eben ſpricht, auch ein Fürſt? Ja, Sire, das iſt der Prinz von Schwarzenberg! Ich weiß nicht, ſagte der König kopfſchüttelnd, indem ſeine greßen en n A A 9 85 Augen faſt traurig auf der Gruppe der Fürſten verweilten, ich weiß nicht, aber es ſcheint, als ob allen dieſen erlauchten Herren etwas an⸗ gethan wäre! Man müßte die alten Reichsfamilien ein wenig mit neuem Blute auffriſchen, und ihnen neue junge Kräfte zuführen. Nur die Familie der Habsburger ſcheint dieſer Auffriſchung entbehren zu können, und trotzdem, daß ſie ſeit Jahrhunderten nur mit verwandten Häuſern ſich verbindet, bleibt der Stamm heldenkräftig jung und energiſch. Sehen Sie nur den Kaiſer, wie kühn ſein Auge, wie kräftig ſeine Ge⸗ ſtalt, wie energiſch jede ſeiner Bewegungen. Der wird es bewähren, daß er einem großen Geſchlecht entſtammt! Er wird ein großer Feld⸗ herr werden.„Ich war heute bei dem Manoeuvre mit dem Aufmarſch und dem Deployiren der Colonnen ganz außerordentlich zufrieden. Und außerdem beſitzt der Kaiſer ein bewunderungswürdiges Coup d'oeil, ſagte der Fürſt. Er allein hatte heute Alles angeordnet und ſich nirgends, weder in den Diſtancen noch im Terrain geirrt. Was ſagten Sie eben? fragte auf einmal der Kaiſer, welcher, vielleicht angezogen von den Blicken des Königs, die mit ſo freundlichem Ausdruck auf ihm ruhten, haſtig herbeigekommen war. Sie ſprachen eben ſo eifrig, Ligne, daß ich ganz begierig bin, zu wiſſen, was den indolenteſten und blaſirteſten aller Sterblichen auf einmal ſo in Feuer bringen konnte? Aber ich bin überzeugt, Sire, ſagte der König, daß der Fürſt Ligne nicht wagen wird, Ihnen zu wiederholen, was er ſagte. Ich ſelbſt bin kaum ſo dreiſt. Ah, dann war es gewiß ein theologiſches Geſpräch, welches ich zu unterbrechen wagte, und Ew. Majeſtät halten den Sohn meiner Mutter für einen zu guten Chriſten, um ſeine gläubigen Ohren ver⸗ letzen zu wollen durch das, was der Fürſt eben profaner Weiſe ge⸗ ſprochen hat. Allerdings, Sire, wir ſprachen von göttlichen Dingen, aber nicht von dem Gotte der Prieſter und Schriftgelehrten, ſondern von dem heidniſchen Gott Mars und ſeinem geliebteſten und edelſten Sohne, von Eurer Majeſtät. Wir ſtimmten Beide darin überein, daß Ew. Majeſtät in der Bewegung, die Sie Ihre Huſaren zwiſchen den Co⸗ lonnen machen ließen, die Stellung, worin jede Diviſion nach ihrer . d 86 Schwenkung zu ſtehen kommen ſollte, auf's Genaueſte berechnet und vorhergeſehen hatten! Ew. Majeſtät haben das ſichere Auge eines 1 geübten Feldherrn! Ew. Majeſtät wollen ein altes Sprichwort Lügen ſtrafen, rief der Kaiſer lachend, Sie wollen mich auf eine neue Art dafür ſtrafen, daß ich es gewagt habe, Ihr Geſpräch belauſchen zu wollen. Sonſt hieß das Sprichwort:„Der Horcher an der Wand hört ſeine eigne Schand.“ 1 Ew. Majeſtät aber wollen mich durch allzugroßes Lob beſchämen! Ah, Sire, Sie werden einen alten Soldaten Ihres Hauſes nicht ſo hart beſchuldigen wollen. Wiſſen Ew. Majeſtät wohl, daß ich ganz früh in meiner Jugend ſchon in öſterreichiſchen Dienſten geweſen bin? Ich habe meine erſten Waffen für das kaiſerliche Haus getragen, als ich im Jahre 1734 mit zehntauſend Mann brandenburgiſcher Truppen an den Rhein zur Armee des Prinzen Eugen ging. Ich habe damals die letzten Genieſtrahlen des großen Feldherrn Eugen geſehen! Und an dieſen Genieſtrahlen hat ſich wohl das eigene Genie Eurer Majeſtät entzündet? fragte der Kaiſer mit einer leichten Verbeugung. Oh mein Gott, rief der König faſt erſchrocken, wer könnte es wagen, ſich mit dem Prinzen Eugen zu vergleichen!* Nun, ich könnte es wohl wagen, einen ſolchen Helden zu nennen, der ſich mit Eugen vergleichen kann, ſagte der Kaiſer, aber dieſer Ver⸗ gleich würde mich ſchmerzen, denn er würde mich an Schlachten erinnern, in welchen die öſterreichiſche Armee beſiegt worden! Ich wollte mir erlauben, Ew. Majeſtät anzuzeigen, daß das Concert beendet iſt, und daß, wenn es Ew. Majeſtät gefällig iſt, wir uns zum Souper begeben! XII. Der Prinz von othringen und der Marquis von Brandenburg. Er reichte dem Könige den Arm und führte ihn nach dem neben dem Concertſaal befindlichen Speiſeſaal, in welchem eine lange Tafel für das glänzende Gefolge der beiden Majeſtäten ſervirt war, während 87 in einem kleineren Zimmer daneben ſich eine zweite Tafel für die Ma⸗ jeſtäten, und diejenigen wenigen Auserkorenen befand, welchen es heute vergönnt ſein ſollte, in unmittelbarer Nähe des Kaiſers und des Kö⸗ nigs zu ſpeiſen. Sire, laſſen Sie die Prinzen Ihres und meines Hauſes die Hon⸗ neurs an dieſen Tafeln hier machen, ſagte der König raſch, und nehmen wir uns nur einige angenehme Geſellſchafter mit an unſere Tafel. Wählen wir deren jeder Zwei. Haben alſo Ew. Majeſtät die Gnade zuerſt zu wählen! Nun denn, ich wähle den Fürſten von Ligne und den Feldmar⸗ ſchall Lacy. Und ich den Prinzen von Braunſchweig und den Grafen Luccheſini, ſagte der Kaiſer, indem er dem Hofmarſchall winkte und ihm befahl, die Herren zur kaiſerlichen Tafel zu befehlen. Ah, wir werden eine heitere Geſellſchaft ausmachen, rief der König froh, indem er ſich an der Tafel, dem Kaiſer gegenüber, niederließ, aber dies nicht früher that, als bis der Kaiſer Platz genommen. Jetzt, Sire, erlaube ich mir noch einen Vorſchlag! Euere Majeſtät haben nicht vorzuſchlagen, ſondern zu befehlen. Nun denn, hören Sie! Ich ſchlage vor, für dieſen Abend einmal allen Swang und alle Etiquette zu verbannen, und uns zu erlauben, nicht gebietende Häupter, ſondern frohe Menſchenherzen zu ſein. Erinnern wir uns des ſchönen Wortes, welches ein edler junger Fürſt, welcher jetzt eben der Stolz und die Hoffnung ganz Europas iſt, geſagt hat, dieſes Wortes:„mein erſtes und ſchönſtes Vorrecht iſt, ein Menſch zu ſein.“ Sire, kennen Sie dieſen edlen jungen Fürſten wohl? Er ſah den Kaiſer mit ſeinen großen durchdringenden Augen ſcharf und lange an; der Kaiſer erwiederte dieſen Blick mit einem lächelnden Gruß und einem leiſen Erröthen. Es wäre traurig, ſagte er, wenn man einen armen jungen Fürſten, der leider noch niemals Gelegenheit gefunden hat, etwas Rechtes und Großes zu thun, ſchon deshalb loben und preiſen wollte, weil er menſchlich fühlt. Aber ich nehme mit Freuden den Vorſchlag an. Verbannen wir alle Etiquette und allen Zwang! Es giebt hier von dieſem Moment an keinen Kaiſer mehr, der Kaiſer iſt nach Wien gelaufen, um ſich unter 88 die Krone ſeiner Frau Mutter zu verſtecken, oder er hat ſich in der genialen Zackenperrücke des großen Kaunitz ſein bequemes Lotterbett ge⸗ ſucht. Fort mit dem Kaiſer! Und der Kaiſer erhob ſich von ſeinem Seſſel und machte eine gravi— tätiſche Verbeugung. Sire, ſagte er, ich habe die Ehre Ihnen den kleinen Prinzen Joſeph von Lothringen vorzuſtellen, einen jungen un⸗ wiſſenden Menſchen, der noch ſehr viel lernen muß, der noch nichts gethan hat, aber vor Eifer glüht, etwas thun zu können, was ihm den Beifall Eurer Majeſtät verdienen könnte. Und ich, mein Prinz, ſagte der König gleichfalls aufſtehend und ſich verneigend, ich habe die Ehre Ihnen den Marquis von Branden⸗ burg vorzuſtellen, einen alten geriebenen Knaben, der ſehr viel gethan hat, was er beſſer hätte ungethan ſein laſſen, der ſehr viel verlernen möchte, was er leider gelernt hat, und der jetzt nur noch das Eine Ver⸗ langen hegt: des jungen Prinzen von Lothringen Freundſchaft zu erwer⸗ ben! Und jetzt, da die beiden Majeſtäten mit ihren Kronen und dem ganzen Apparat ihrer Herrlichkeit von Gottes Gnaden uns verlaſſen haben, jetzt ſei es uns erlaubt, die Thüren, die in den Saal dort führen, zu ſchließen, und unſer Souper gleich beim Deſſert anzufangen, denn ich habe bemerkt, daß der Prinz Joſeph von Lothringen niemals ſoupirt, ſondern nur aus Gefälligkeit einige Biſſen zu genießen ſcheint; der Mar⸗ quis von Brandenburg aber hat die ſüße Gewohnheit des Soupirens ſchon längſt bei den Tagen ſeiner Jugend und ſeiner geſunden Zähne begraben. Fragt ſich nur, was die übrigen jungen Herren hier dazu ſagen? Ich, meine Prinzen, bin damit einverſtanden, rief der Fürſt von Ligne heiter. Menn man mit Mars und Apollo Nectar und Ambroſia ſchlürfen darf, ſo ſehe ich nicht ein, wie man noch der irdiſchen Speiſe bedürfen könnte. Ich bitte mir bei dieſer olympiſchen Sitzung nur die Ehre aus, den erhabenen Göttern als Hebe dienen und ihnen die Ambroſia des Deſſerts reichen zu dürfen, rief der Prinz von Braunſchweig, indem er ſeine ſchlanke, kräftige Kriegergeſtalt hoch emporrichtete. Und da, wo Hebe iſt, auch Ganymed nicht fehlen darf, ſagte Graf Luccheſini, deſſen rieſige Länge einem Flügelmann des preußiſchen Königs Friedrich Wilhelm I. Ehre gemacht haben würde, ſo bitte ich um Er⸗ n 1 89 laubniß dieſen zierlichen Götterknaben heut vorſtellen und den Nektar kredenzen zu dürfen. Aber welches Amt bleibt denn mir? fragte Feldmarſchall Lacy traurig. Ah, rief Friedrich mit einem zärtlichen Blick auf den Feldmarſchall, Sie haben das Amt eines Generalquartiermeiſters mit ſo viel Ruhm und ſo duftenden Lorbeeren verklärt, daß Sie auch heute Abend nichts Anders ſein dürfen als nur Generalquartiermeiſter! So laſſen Sie mich gleich mein Amt antreten, Herr Marquis, ſagte Lacy, indem er die Thüren nach dem Eßſaal ſchloß, und die ſchweren Portièren über dieſelben hinfallen ließ. Der König athmete hoch auf. Ach, ſagte er heiter, die Welt iſt uns wirklich alſo mit Brettern vernagelt, und von uns abgeſchloſſen. Keine Höflinge, keine Schmarotzer giebt es mehr, ſondern ein halbes Dutzend freier Männer, die ſich eine halbe Stunde einbilden wollen, glücklich zu ſein! Glücklich zu ſein, rief der Kaiſer, glücklich in dem Sinne, wie einer unſerer genialſten Dichter ſagt: Il est beau d'approcher de près du diadéme, Mais il vaut mieux encore dépendre de soi-mèéme! Préférer aux grandeurs l'heureuse liberté! Sie kennen doch den genialen Dichter, den ich meine, Herr Marquis? Wer kann ſagen, mein Prinz, daß er ſich ſelber kenne! Schon die Weiſen Griechenlands hielten das für die ſchwerſte Kunſt, und ſchrieben das:„Erkenne Dich ſelbſt!“ an die Fronte ihrer Tempel. Aber ach, dieſe Tempel ſind in Trümmer zerfallen, und von den Weiſen wiſſen wir kaum mehr noch als ihre Thorheiten. Denn iſt nicht das ganze Leben eine Thorheit, und haben nicht die Prieſter eigentlich Recht, wenn ſie das irdiſche Daſein als eine Hölle bezeichnen? Ach, meine Freunde, ich werde es zuletzt noch machen, wie die altgewordenen Coquetten! Ich werde in mich gehen, und fromm werden!*) Davon zeugt der Brief des Papſtes Clemens an den Mufti Os⸗ man Mola, welchen der Herr Marquis jüngſt aus dem Lateiniſchen überſetzt hat, ſagte der Kaiſer mit einer tiefen Verbeugung. Es iſt *) Des Königs eigene Worte. 90 wirklich rührend, mit welchen ſchönen und frommen Worten der edle Papſt die Allianz des Türken nachſucht. Hören Sie nur, meine Herren, dieſe Worte:„Wären wir vereinigt, ſo würdet Ihr unſere Ercommu⸗ nicationen durch Eure Janitſcharen ſchützen, und von unſerm heiligen Stuhl würden wir unſere Blitze ſchleudern gegen Eure abtrünnigen Omariſten. Möchte doch der Gott der Gnaden alle Diejenigen, um des Heils ihrer eigenen Seele willen, vernichten, welche nicht denken wie wir, die Schismatiker, Ketzer und Omariſten, und vor allen Din— gen die Philoſophen, denn das iſt von allen Secten die verwerflichſte und verdammungswürdigſte, ſie raiſonnirt am meiſten! Wir können nicht umhin, Eurem großen Propheten beizuſtimmen, der die Weisheit gehabt hat, bei Euren Muhamedanern die heilige und fromme Unwiſſenheit aller Dinge als Glaubensſatz zu verewigen. Ah, warum ſind die Chriſten nicht in Hinſicht der Unwiſſenheit Muhamedaner!*) Ah, Sie kennen alſo meine Sünden, rief der König, in das Lachen der Herren heiter einſtimmend. Und ich glaubte Sie doch geſichert, mein Prinz, gegen meine Blasphemieen durch die heilige und keuſche Dame, welche alle ſchlimmen und unkeuſchen Gedanken fern hält von den Grenzen Oeſterreichs, glaubte Sie gegen meine poetiſchen Sünden ſelig geborgen in den weichen Armen der Cenſur. Oh, erwiederte der Kaiſer, reden wir nicht von dieſer alten Co⸗ quette mit den geſchminkten Wangen, Marquis, und den heuchleriſchen Augen, welche gar gern ſelber die obſcönſten Dinge leſen, und erſt, wenn ſie zu Ende geleſen, ſich fromm gen Himmel kehren, und Thrä⸗ nen vergießen! Es iſt ein ſchlimmes und boshaftes altes Weib, die Dame Cenſur, von Jedermann verachtet, und nur von den Jeſuiten geliebt, weil ſie ihnen Anſehen und Geld verſchafft. Sie hat bei uns in Wien daher einen großen Schwarm von Courmachern und ſchwarz⸗ röckigen Verehrern, und mit dieſen zuſammen hat ſie ein Kind erzeugt; das iſt die ſchielende, ſcheinheilige Heuchelei, welche unter dem Geſang⸗ buch den liederlichen Roman verbirgt, und mit den Keuſchheitscommiſ⸗ ſionairen ein Freundſchäftsbündniß ſchließt, um vor den Nachforſchungen dieſer ſtrengen Tugendwächter geſichert zu ſein. Aber ich hoffe, dieſe *) Oeuvres de Frédéric II. Vol. 15. p. 186. 91 natürliche Tochter der Herren Jeſuiten und der Madame Cenſur hat bei uns nicht die Heimathsrechte auf ewige Zeiten erhalten, und wenn die gütige Hand, welche im frommen Eifer ſie jetzt beſchützt, ſich einſt von ihr wendet, ſo werde ich dieſes Fräulein mit Schimpf und Schan⸗ den über meine Grenzen jagen.*) Hebe, ſchenken Sie uns ein, rief der König, bis zum Rand alle Gläſer voll! Ein Pereat der Cenſur, ihren ſchwarzröckigen Liebhabern und ihrer Tochter, der Heuchelei! Pereat, Pereat! rief der Kaiſer, indem er ſein Glas, welches der Prinz von Braunſchweig gefüllt hatte, erhob, und mit dem König anſtieß. Die Gläſer klangen fröhlich in die Runde, und ein heiterer Aus⸗ druck verklärte alle Geſichter. Ich werde dereinſt dieſes Tages gedenken, ſagte der Kaiſer, und unſer Pereat ſoll ſich dann umwandeln in ein Vivat, vivat die Freiheit! Ah, die Freiheit, Prinz! rief der König achſelzuckend. Sie iſt ein Ideal in unſern Gedanken und in unſern Schriften, aber wenn ſie da heraus und in's Leben tritt, ſo hat ſie gar leicht ein freches und ge⸗ meines Anſehen, und ſtatt von ihr entzückt zu ſein, wird man von ihr degoutirt. Die Menſchen ſind es vielleicht nicht werth, die wahre Frei⸗ heit von Angeſicht zu ſehen, und was ſich zuweilen hienieden für dieſe erhabene Königin ausgiebt, das iſt eigentlich ihre Kammerzofe, die ſich heimlich die Kleider ihrer Herrin geborgt hat, und darin vor den armen irregeleiteten Stérblichen einherſtolzirt! Und wir nehmen die Kammerzofe für die Königin, und ihre Gemeinheit und Zügelloſigkeit erſchreckt uns. Aber es iſt doch eine göttlich ſchöne Sache um die Geiſtesfreiheit, *.) Wiſſen Sie wohl, ſagte der König in Neuſtadt zu dem Prinzen. von Ligne, wiſſen Sie wohl, daß ich mich geſtern über den Kaiſer außerordentlich gefreut habe? Sie haben doch gehört, was er von der Preßfreiheit und dem Gewiſſenszwange ſagte. Er wird einſt von ſeinen frommen, unwiſſenden, aber⸗ gläubiſchen und von Vorurtheilen beherrſchten Vorfahren gewaltig abweichen. Er hat geſtern mit vieler Feinheit, und wie im Vorbeigehen die lächerliche Cenſur getadelt, und von der zu großen Anhänglichkeit ſeiner Mutter(doch ohne ſie zu nennen) an gewiſſe Dinge, die zu weiter nichts führen, als Heuchler zu machen, mit wahrem Unwillen geſprochen. Conversations avec Frédéric le Grand par le Prince de Ligne. 92 rief der Kaiſer begeiſtert. Glücklich iſt der Fürſt, welcher die Macht hat, ſie ſeinem Volke zu geben, glücklich Ew. Majeſtät Wie? zu welcher Majeſtät redet denn der Prinz von Lothringen? Nicht zu dem König von Preußen, denn der ſitzt in Berlin, und der Prinz Joſeph kann froh ſein, daß er ſich hier in unſerer olympiſchen Zurückgezogenheit und nicht in Berlin befindet. Es iſt eine gar kalte und langweilige Stadt, ach, und ein Clima, in welchem Einem die Ge⸗ danken einfrieren, und die Phantaſie ihre Blüthen und Knospen verliert. Aber unweit von Berlin liegt Potsdam mit ſeinem herrlichen Gar⸗ ten von Sansſouci, ſagte der Fürſt von Ligne. Garten nennen Sie das, rief der König achſelzuckend. Selbſt Virgil würde keinen Garten daraus haben machen können. Aber Virgil war auch ein ſchlechter Gärtner, Marquis, ſagte der Kaiſer. Das iſt wahr, rief der König lachend. Wiſſen Sie wohl, Prinz, daß ich, mit ſeiner Georgika in der Hand, habe pflanzen, ſäen, graben, pflügen und das Land bauen wollen? Was ſagte aber mein Gärtner, mein Landsmann dazu?„Gnädiger Herr, ſagte er, nichts für ungut, aber Ihr Buch weiß nicht, was es ſpricht, und Sie wiſſen es eben⸗ ſowenig. So läßt ſich's hier nicht arbeiten!“ Ja, er hatte Recht, man kann den Virgil nicht anwenden auf einen Boden, dem Himmel und Erde Alles verſagt! Meine Orangen, meine Oelbäume, meine Citronen⸗ bäume, Alles verkümmert und ſchwindet hin. Aber die Lorbeern gedeihen deſto beſſer bei dem König von Preußen! rief Feldmarſchall Lacy. Der König dankte für dieſe Schmeichelei mit einem herzlichen Kopfnicken. Sie freilich können darüber urtheilen, ſagte er, denn der große Lacy verſteht fich nur zu gut auf Lorbeern, und wenn er mir davon einige Zweige übrig gelaſſen hat, ſo iſt das nur aus Großmuth ge⸗ ſchehen! Ach, Prinz, welch einen großen Mann hat der Kaiſer von Oeſterreich an ſeinem Lacy! Wie oft hat mich der Mann in Schrecken geſetzt, wie oft mich überliſtet. Was für ein großer Stratege iſt er, größer als Puyſégur und Montecuculi, wie weit hat er die alten und neuen, ſelbſt die berühmteſten hinter ſich gelaſſen. So lange der Lacy 8. 93 Generalquartiermeiſter war, konnte der König von Preußen nicht den geringſten Vortheil erlangen! Bei Hochkirch war Er es, der ihn über⸗ fiel, und ihm die gewonnene Schlacht wieder abgewann, und bei Maxen hat er dem König zwölftauſend Mann weggenommen! Aber, rief der Kaiſer, die Großmuth des Königs, welcher nur ſeine verlorenen Schlachten angeführt hatte, mit gleicher Großmuth er⸗ wiedernd, aber ich meine, der König von Preußen hat ſich dafür bei Torgau Revange genommen! Der Zufall war ihm günſtig, ſagte der König beſcheiden, nur der Zufall. Der König hat viele Fehler in ſeinen Kriegen begangen! Nun, vielleicht that er es, um Euch junge Leute in den Stand zu ſetzen, ſie zu vermeiden, und ihn zu übertreffen. Und ich ſehe da Einen, der ihn übertreffen wird, er hat eine wundervolle Armee, und er wird ſich einſt als großer Feldherr bewähren! Welche ſchönen Grenadiere ſind in ſeiner Armee, wie herrlich ſie geſtern vor uns defilirten! Wenn der Gott Mars eine Leibgarde nöthig hätte, ſo würde ich ihm dieſe öſterreichiſchen Grenadiere ohne Bedenken vorſchlagen! Vorläufig muß uns der Gott Mars erlauben, daß wir, wenig⸗ ſtens für dieſen Abend, ſeine Leibgarde bilden, ſagte der Kaiſer, ſich tief vor dem König verneigend. Aber was kümmern uns hier die Soldaten und das rohe Kriegsweſen, eine olympiſche Stunde wollten wir feiern, und die Götter kannten in ihren heiligen Hallen keinen Krieg, es müßte denn ſein, daß der Herr Marquis das himmliſche Eheſtandsgezwitſcher der Frau Venus und des Herrn Vulkan, oder die Raufereien, die einſt bei Tafel über den Apfel der Eris entſtanden, für Vorbilder unſerer Kriege annehmen wollte. Der Freude und dem Glück bringe ich dieſes Glas hier dar! VIII. Voltaire und Taſſo.. Ich habe getrunken, rief der König, nachdem er mit den Herren angeklungen und ſein Glas geleert hatte, ich habe getrunken auf Freude 94 und Glück, das heißt, ich habe einer unbekannten Gottheit auf ihrem Altar geopfert, aber Sie wiſſen ſchon, ich bin ein Ungläubiger, und ſelbſt das Glück wage ich zu verleugnen. Aber an das Unglück glauben Sie doch, Marquis? fragte der Kaiſer. Ich meinestheils glaube daran, denn dieſe harte und ſtrenge Göttin hat mich oftmals in ihren düſtern Tempeln gefangen gehalten, und mich zu ihrem dienſtthuenden Prieſter auserkoren! Ah bah, ſprechen wir nicht davon! Sehen wir das Leben mit heitern Augen an, und wenn es uns einige Wünſche verſagt hat, was thuts, immer ſchon muß man zufrieden ſein, wenn nicht über unſerer Thür die Höllenworte des Dante geſchrieben ſtehen: Entrate e lasciate ogni speranza!— Wenn man jung iſt, hat man der Wünſche ſo viele wie ein Apfelbaum im Frühling Blüthen trägt, aber kaum die Hälſte von den Blüthen über⸗ dauert die Hitze des Sommers und ſetzt an zu Früchten, und von dieſen Früchten weht der Herbſtwind noch viele fort, bevor ſie reifen, und die, welche reifen, werden gar oft vom Wurm zerfreſſen! Was möchte man nicht Alles ſein, wenn man jung iſt! Sagen Sie einmal, Ligne, wenn das Schickſal Ihnen erlaubte, Sich Ihr Leben ſelbſt zu be⸗ ſtimmen, was möchten Sie ſein? Nun, mein Prinz, rief der Fürſt lachend, wenn ich die Wahl hätte, ſo möchte ich bis zu meinem dreißigſten Jahre eine ſchöne bezaubernde Frau ſein, von meinem dreißigſten bis ſechszigſten Jahre aber ein glück⸗ licher, ruhmgekrönter Feldherr! Nun, der verſteht's, ſagte der König heiter, in der Zugend Myrten und Roſen, und wo die unangenehmen Jahre für's Frauenzimmer an⸗ fangen, verwandelt er ſich in einen Mann, und umkränzt ſich das Haupt mit unſterblichen Lorbeern! Aber weiter, Ligne, weiter, rief der Kaiſer, denn unmöglich werden Sie Ihr Leben mit ſechszig Jahren abſchließen wollen? Wer dreißig Jahre ein ſchönes Weib, und andere dreißig Jahre ein berühmter Feld⸗ herr geweſen, der iſt ſeines Lebens noch nicht ſatt und überdrüſſig, der hat noch Anfprüche und Luſt auf mindeſtens zwanzig Jahre! Nun denn, ſagte Fürſt Ligne nach kurzem Beſinnen, von meinem ſechszigſten bis zu meinem achtzigſten Jahre möchte ich Cardinal oder auch Papſt ſein! 95 Wahrlich, wahrlich, der Ligne iſt ein gar weiſer Mann, rief der König, und an ihn hat gewiß der Voltaire gedacht, als er jüngſt ſei⸗ nen Brief des Papſtes an die Clairon ſchrieb. Die Hände faltend und eine fromme Miene annehmend, fuhr der König fort: Malgré tous les dogmes austères Parfois les Papes sont galants. Témoins mes illustres frères, Qui près des Belles de leur tems Méritoient, pasteurs indulgents, Le titre si doux de Saints Peres. Je suis leurs exemples brillants, Et ma Saintété radoucie Sans faste et sans hypocrysie Baisse souvent un oeil d'envie Sur les Graces et les talents, Que L'ignorance excommunie.*) Oh Verzeihung, mein Prinz, daß ich es wage, den alten unkeuſchen Satyr, den boshaften Religionsſpötter Voltaire in Gegenwart eines Sohnes der heiligen römiſchen Kirche anzuführen. Der Kaiſer nahm ſtatt aller Antwort ſein Glas, und es hoch emporhaltend, rief er: Es lebe Voltaire, Frankreichs größter Dichter, größter Fripon, größter Verräther und Egoiſt! Ja, ja, laſſen wir ihn leben, aber bevor wir unſere Gläſer anklingen, will ich Ihnen ein Bild von Voltaire zeigen. Es iſt nicht gemalt mit Farben, ſondern mit Worten, Sie ſollen es ſehen, nicht mit Ihren Augen, ſondern mit Ihren Ohren, und der große Maler, welcher es gemalt, hat dazu nicht der Farben und der Pinſel, ſondern nur ein wenig Tinte und Papier ge⸗ braucht, und doch malt er ein Bild, welches lebt, und welches in je⸗ dem Zug der Natur abgelauſcht iſt. Hören Sie nur:„Die Geſtalt Voltaire's iſt eher klein als groß. Er hat eine hitzige und hämiſche Conſtitution, ein dürres Antlitz, einen glühenden und durchdringenden Blick, lebhafte und boshafte Augen. Seine Handlungen, die zuweilen in der Lebhaftigkeit abſurd ſind, ſcheinen von demſelben Feuer beſeelt *) Epitre du Pape à Mademoiselle Clairon. Nouyvelles Pièces fugitives par Monsieur de Voltaire. Vol. II. p. 82. 4 96 wie ſeine Werke. Gleich einem Meteor, das vor unſern Augen auf⸗ blitzt und verſchwindet, blendet er durch ſeinen Glanz. Ein Mann wie Er kann nicht anders als kränklich ſein, es iſt die Klinge, welche ihre Scheide abnutzt. Aus Gewohnheit heiter, aus Grundſatz ernſt, offen ohne Freimüthigkeit, diplomatiſch ohne Feinheit, die Welt kennend und ſie vernachläſſigend, iſt er Eins um's Andere Ariſtippus oder Dioge⸗ nes. Den Prunk liebend und die Großen verachtend, iſt er ohne Gene mit Höheren, zurückhaltend gegen ſeines Gleichen. Anfangs höflich wird er bald kalt, und macht Euch erſtarren. Er gefällt ſich am Hofe, und ſchreckt vor ihm zurück. Mit einem großen Fonds von Empfindſamkeit, ſchließt er doch wenig Freundſchaften, und enthält ſich der Vergnügun⸗ gen nur aus Mangel an Leidenſchaft. Wenn er ſich Jemand anſchließt, ſo geſchieht das mehr aus Leichtſinn als aus Wahl. Mit einem offe⸗ nen Kopf verbindet er ein verderbtes Herz, er denkt über Alles, und zieht Alles in's Lächerliche. Libertin ohne Temperament moraliſirt er, ohne gute Sitten zu haben. Eitel bis zum Exceß, aber noch geiziger als eitel, ſchreibt er weniger um des Ruhmes als um des Geldes willen, ſo zu ſagen nur arbeitend, um zu leben.*) Obgleich—“ Ach, Gnade, Gnade, mein Prinz, rief der König lachend, laſſen Sie es genug ſein mit dieſer Strafe. Ich ſehe, ich hielt Sie für wei⸗ ſer und unſchuldiger, als Sie ſind, glaubte, Sie kennten den Voltaire nicht, und muß jetzt erſehen, daß Sie nicht nur ihn, ſondern ſogar mein ſchlechtes Portrait von ihm kennen! Oh, oh, wie viele Löcher hat denn die Mauer, welche das heilige Collegium um das Kaiſerreich Oeſter⸗ reich gelegt, und wer hat dieſe Löcher hineingebohrt, durch welche man dieſe Werke des Teufels in die heiligen Lande einſchmuggelte? Sicher hat der Fürſt Ligne mit als Mauerbrecher gedient, und dem Prinzen von Lothringen dieſe verbotenen Bücher, dieſe Billetdoux des Teufels als dienſtbefliſſener Merkur übergeben. Ah Ligne, Sie ſind ein ge⸗ fährlicher Menſch, und ich denke, die Kaiſerin Maria Thereſia muß Sie verabſcheuen! Nein, Herr Marquis, Ihre kaiſerliche Majeſtät iſt ſehr gnädig ge⸗ gen mich, ſo gnädig, daß Sie mir oft ſchon heftige Vorwürfe über *) Oeuvrres complètes de Frédérie II. Vol. 15. p. 198. 97 ⸗ meinen Leichtſinn und meine Verirrungen gemacht hat. Sie beklagt . mich, hofft aber, daß ich eines Tages zu mir ſelber kommen werde. e Ihre Majeſtät ſagten noch kürzlich zu mir:„ich weiß nicht, wie Sie n es anfangen, Ligne, Sie waren ein genauer Freund meines frommen d Beichtvaters Graſſet; der Biſchof von Neuſtadt hat mir immer viel 4 1 Gutes von Ihnen erzählt, der Erzbiſchof von Mecheln auch, und der Herr Cardinal iſt Ihnen ziemlich gewogen.“ Und doch ſind Sie ein Freigeiſt, ſagte der König lachend, und glauben vielleicht mehr an den Teufel als an die Heiligen. Das kommt d , davon, wenn man den Voltaire kennt und mit den neuen Philoſophen 3 ſich abgiebt. Das Heil und die Unſchuld wird erſt wieder auf Erden . ſich einbürgern, wenn wir alle Cultur und alle Bildung bei Seite— werfen und wieder in den Naturzuſtand zurückkehren, den Jean Jacques 3 Rouſſeau uns als das Ideal des Menſchenthums ſchildert. „ 4 Ja wohl, Herr Marquis: 3„Au lieu du Misanthrope on voit Jacques Rousseau 8 1 Qui marchant sur ses mains, et mangeant sa laituc . Donne un plaisir bien noble au public qui le nue.“*) 1 1 Ein wunderliches Ideal, das der Rouſſeau ſich da geſchaffen, rief der König lachend. Ein Thier aus dem Menſchen zu machen, damit . er glücklich ſei! Wir haben da zum Glück den edelſten und größten Dichter, welcher 1 den Rouſſeau widerlegt, rief der Kaiſer mit einem Ausdruck edelſter Begeiſterung. Mögen Diejenigen, welche das Menſchenideal Jean Jacques, den Menſchen, der auf allen Vieren läuft, nachahmen wollen, V zuerſt Torquato Taſſo's Menſchenideal, den ſtolzen Sohn der Götter, der zum Himmel ſchaut und mit den Füßen nur an die Erde geheftet 3 iſt, ſich anſchauen, um zu vergleichen und zu prüfen! 1 2 Ah, mein Prinz, ſehen Sie nur, welch ein alter unwiſſender Knabe ich bin, rief der König, ich kenne dieſes Ideal des Torquato Taſſo nicht. Erbarmen Sie Sich meiner Unwiſſenheit und lehren Sie es mich kennen! Der Kaiſer neigte mit einem ſanften Lächeln ſein Haupt, dann 1*) Voltaire: Le Russe à Paris. 5 Kaiſer Joſeph. 2. Abth. I. 98 richteten ſeine großen Augen ſich mit begeiſtertem Ausdruck aufwärts, und mit ſtrahlendem Antlitz, die Hand um das Glas mit purpurrothem Wein gelegt, begann er: —„Alle andern Thiere ſenken ſich Zur Erd' und ſchauen ſtets nur vor ſich hin Zu der unedlen und gemeinen Mutter. Da ſie dem Bauch gehorſam ſind geboren, Iſt Weid' und Speiſe nur ihr letzter Zweck Und ird'ſche Luſt ihr einziges Gefallen. Doch ſtrebt zur Höh' hinauf der Menſch nicht mit Vernunft, und ohne Gnade und Verdienſt Zum Himmel, hegt er Uebermuth und Kühnheit, Dann ſchau' er auf die Erde hin, und denke Daß er, in Staub geboren, wieder ſich In Staub wird wandeln. Aus dem Herzen banne Er die Idee, die ihn mit Hochmuth ſchwellt Und Jenem gleich, der eine Sclavin nur Zur Mutter hat, zum Vater einen Edeln, Des Vaters Stolz und Zürnen und die Pracht Des alten Stammes zeigt, und hohes Wagen Im edlen Geiſt beginnt und ſich verſuchet, Dann aber, denkt er an der Mutter Abkunft, Der ſtolzen Kühnheit wieder Zügel legt; Schau auch der Menſch der alten niedern Mutter Geringen Urſprung an; vergeſſe nie Den Schooß, dem er entſtieg, worauf er geht Und tritt mit ſtolz unehrerbiet'gem Fuß, Als ob ein Himmelsſtoff, herabgereicht Von oben, Antlitz ihm und Glieder gab. Er denk', auch Er ſei nur ein irdiſch Thier, Das auf der Erde geht, auf Erden ſucht Wovon ſich's nährt, und auf der Erde ſchläft, Um Erd' in Zwiſt und Kriegen oft ſich findend, Vernunftlos zu den wilden Waffen greift; Er unternimmt auf Erden nur was groß Und was gering iſt; dort erliſcht ſein Zorn, Stillt und beruhigt ſich ſein heißes Sehnen. Ob der Gedanke ihn in Demuth beugt, 99 Doch hebt zum Himmel wieder ſich empor Der Seel' Unſterblichkeit, die auf der Erde Nicht heimiſch iſt; ſie ſtammt von gold'nen Sternen, Doch ſind ſie, im Vergleich des hohen Throns Vom Herrn der Himmel, nied're Erde nur, So fern noch ſteht ſie, Gottes Höhe!*) In feierlichem Schweigen hatten Alle dem Kaiſer zugehört, der mit edlem Feuer, getragen von der hinreißenden Gewalt der Dichtung und der ſüßen Muſik der italiäniſchen Sprache, dieſes Bruchſtück aus Torquato Taſſo's Gedicht vorgetragen hatte. Und eine wunderbare Wandelung war, während er ſprach, mit den Geſichtern ſeiner Zuhörer vorgegangen. Die lachenden Mienen waren ernſt geworden, die Blicke, welche ſich auf den Kaiſer geheftet hatten, nahmen einen immer höhern Glanz an, die Hände, welche die vollen Weingläſer gehalten, löſten ſich von ihnen los, die Lippen, welche ſich zuvor noch mit heiterm Lachen geöffnet, ſchloſſen ſich feſt, als wollten ſie den Athem zurückhalten, damit er die heilige Muſik dieſer Verſe nicht ſtöre. Des Königs Augen auch ruhten unverwandt auf dem jungen Kaiſer, ein mildes trübes Lächeln umſpielte ſeine Lippen, und ſanft und ernſt war der Ausdruck ſeines edlen ſchönen Angeſichts. Als der Kaiſer jetzt ſchwieg, und faſt beſchämt über ſeine eigene Begeiſterung ſein glühendes Auge niederſenkte, reichte der König ihm ſeine beiden Hände über den Tiſch hin. Der Kaiſer ergriff ſie und drückte ſie innig in den ſeinen. Ich danke Ihnen, ſagte der König mit ſeiner ſanften weichen Stimme, ich danke Ihnen. Sie haben mein altes kaltes Herz mit einem Sonnenſtrahl des Himmels erwärmt, und während ich Ihnen zuhörte, Ihnen, deſſen Antlitz leuchtete von dem edlen Feuer Ihrer Seele, war mir's, als fühlte ich mich ſelber wieder jung, als glaubte, liebte und litt ich wieder, wie wir Menſchenkinder alle es thun, ſo lange wir noch den himmliſchen Fehler der Jugend an uns tragen, ſo lange noch die Bosheit, Treuloſigkeit und Gemeinheit unſerer Erdenbrüder unſer Herz *) Le sette giornate del mondo creato. Giornata VII.(Die ſieben Tage 4 der Schöpfung) Von Torquato Taſſo. 3 — 100 nicht verhärtet und umpanzert hat.— Sie haben Recht, beſſer als Jean Jacques lehrt uns Torquato Taſſo, was der Menſch ſein ſoll. Und wir haben vergeſſen, ihm ein Vivat zu bringen, wie wir es doch dem Voltaire gethan! rief der Kaiſer. Nehmen wir unſere Gläſer! Der König winkte abwehrend mit der Hand. Nein ſagte er, das hieße den ſchönen Moment, den wir Ihnen danken, profaniren. Die Luft duftet und klingt noch von der ſüßen Muſik Ihrer italiäniſchen Verſe, unterbrechen wir ſie nicht durch unharmoniſches Gläſerklingen. Das Weltkind Voltaire kann man ſchon mit Gläſerklingen feiern, aber nicht den Götterſohn Torquato Taſſo! In dieſem Moment begann die große Pendeluhr, die auf dem alterthümlichen Kamin ſtand, mit lauten, langſamen Schlägen die Stunde anzuſchlagen. Alle ſchwiegen, und gedankenvoll vor ſich hinblickend, ſchienen ſie den dröhnenden Klängen zuzuhören. Mitternacht! ſagte der König, als die Uhr ſchwieg. Unſere Stunde des Glückes iſt vorüber. Ein neuer Tag bricht an, und ich fürchte, Sire, dieſer Tag wird wohl den Prinzen von Lothringen und den Marquis von Brandenburg nöthigen, dem Kaiſer von Oeſterreich und dem König von Preußen zu weichen. Ja wohl, wir müſſen unſer Kreuz wieder auf uns nehmen, ſagte der Kaiſer ſeufzend. Man kann nicht immer träumen und glücklich ſein. Der Tag bricht an! Und welch ein ſchmerzlicher Tag für mich, rief der König mit dem Ausdruck wirklicher Betrübniß. Der Tag des Abſchieds von Eurer Majeſtät. Sie haben Recht, Sire, man kann nicht immer träumen und glücklich ſein. Mein ſchöner Traum geht heut zu Ende, der Re⸗ krut Eurer Majeſtät wird wieder die weiße Uniform hier ausziehen, ſeinen blauen preußiſchen Rock anziehen müſſen und ein preußiſcher Soldat werden. Aber Ew. Majeſtät haben ihn doch angeworben, und Sich für immer ſeiner Treue verſichert. Seien wir einig! ſagte der Kaiſer, dem König die Hand reichend. Ja, einig! rief der König. Und ich denke, wenn Oeſterreich und Preußen einig ſind, dann werden wir das übrige Europa auch wohl zwingen können, Frieden zu halten. Nehmen Sie Ihre Gläſer, meine an 101 Herren, ein letztes Glas, bevor wir ſcheiden: Eintracht zwiſchen Oeſterreich und Preußen!*) *) Ueber die Reiſe nach Neuſtadt ſchrieb der König an Voltaire:„Ich bin in Neuſtadt geweſen und habe da den Kaiſer beſucht, der im Begriff ſteht, eine große Rolle in Europa zu ſpielen. Er iſt an einem bigotten Hof erzo⸗ gen, und hat einfache Sitten angenommen; wird mit Weihrauch genährt und i*ſt beſcheiden; glüht von Ruhmbegierde und opfert ſeinen Ehrgeiz der kindlichen Pflicht auf, die er wirklich äußerſt gewiſſenhaft erfüllt; hat nur Pedanten zu Lehrern gehabt, und doch Geſchmack genug, Voltaire's Verſe zu leſen und ihr Verdienſt zu ſchätzen. Er ſagte mir einmal beinahe einen ganzen Geſaug aus dem Pastor fido und einige Verſe aus dem Taſſo her.“ Oeuvres completes de Voltaire. Vol. 76, p. 235. ——ꝛ—ꝛℳõ— ————— weites Buch. Die erſte Theilung Polens. J. Maria Thereſia. Es freut mich in der That, daß Sie zu mir gekommen iſt, ſagte die Kaiſerin Maria Thereſia, indem ſie der Gräfin Wielopolska, welcher ſie heute eine Audienz bewilligt, gnädig die Hand darreichte. Bin der Oberhofmeiſterin der Erzherzogin Mariane wohl gewogen, und deshalb iſtss mir lieb, einer Verwandtin der Frau von Salmour mich gnädig zu zeigen. Aber außerdem auch hat Sie einen Anſpruch auf meine Theilnahme, denn Sie iſt ja eine Polin! Werd's nimmer vergeſſen, welche treue und hülfreiche Bundesgenoſſen die Polen meinem Hauſe allzeit geweſen, und daß es der König von Polen Johann Sobieski war, welcher Wien von den Türken befreit, und die umlagerte Stadt erlöſt hat. Auf dieſem großmüthigen Nichtvergeſſen Eurer erhabenen Majeſtät beruht Polen's letzte Hoffnung! rief die Gräfin, indem ſie ihr Knie beugte, und die dargereichte Hand der Kaiſerin an ihre Lippen drückte. Polen iſt verloren, wenn Ihre Majeſtät Sich ſeiner nicht erbarmt. Aber Gott hat zu unſerer Erlöſung das Herz der edelſten und größten Frau Europa's erweicht, Gott will durch ihre Milde und Großmuth verſöh⸗ nen, was dieſe böſe Kaiſerin von Rußland Uebles gegen uns im Sinne hegt. Und Katharina vermeint doch in ihrem ſtolzen Sinne, daß Polen eine willkommene Beute iſt, die ſie ſich mit Ew. Majeſtät wird theilen können. Nimmer ſoll es geſagt werden, daß die Maria Thereſia mit dieſer Frau irgend etwas gemein hat! rief die Kaiſerin heftig. Laſſe ſie ihre Hände ab von Polen, oder Oeſterreichs Adler wird ſeine Fittige aus⸗ breiten über das arme Polenland, und wird es ſchützen und behüten. Der Gräfin Antlitz ſtrahlte in Begeiſterung und Freude. Mit 106 einer leidenſchaftlichen Bewegung hob ſie ihre ſchönen Arme zum Him⸗ mel empor, und rief mit voller freudiger Stimme: Du haſt es gehört, mein Herr und mein Gott, und du wirſt die ſtrahlenden Worte Maria Thereſia's unter die Sterne des Himmels aufnehmen, daß ſie dem unglücklichen Polenland leuchten in der Nacht ſeiner Schmerzen! Oh Kaiſerin, wie viel tauſend unglücklicher Herzen werden von heute an ihre thränenumdüſterten Blicke zu Eurer Majeſtät wenden, deren Antlitz uns Allen ſein wird und ſoll wie das Antlitz einer gnadenvollen erbar⸗ menden Gottheit. Hinfort werden wir Alle nicht mehr zu Gott beten, ſondern zu unſerer Schutzheiligen, zur Kaiſerin Maria Thereſia! Das heißt Gott läſtern! rief die Kaiſerin ſtrenge, indem ſie ſich fromm bekreuzigte. Bin nur des Herrn demüthige Magd, und klein wie ein verlöſchendes Licht iſt meine Macht gegen die Sonne ſeiner Herrlichkeit! Mein' aber, recht zu thun, und den Willen Gottes zu er⸗ füllen, wenn ich der unglücklichen Polen mich annehme. Thu's nit aus Ehrgeiz oder Eitelkeit, nit weil ich buhl' um Menſchengunſt, ſondern blos aus meines Herzens ehrlicher Ueberzeugung, und darum wieder⸗ hol' ich Ihr: die Conföderirten dürfen auf mich rechnen, denn ſie ſind in Polen die Einzigen, welche noch ein ſchön Gefühl von Ehr' und Redlichkeit beſitzen.*) Mit dieſem Gefühl wollten ſie bis heute ſterben, jetzt werden ſie mit ihm leben dürfen, rief die Gräfin freudeſtrahlend. Oh möge mir Eure erhabene Majeſtät verzeihen, daß ich es wage, ſo mein Entzücken und meine Luſt in Worten vor Ew. Majeſtät auszuſtrömen. Es iſt ein übervolles, ſeliges Herz, das zerſpringen würde, wenn es ſein Glück in ſich verſchließen ſollte! Ich bin ein armes, verlaſſenes Weib, habe nichts was ich liebe, nichts als mein Vaterland, meine arme unglück⸗ liche Mutter Polonia! Armes Weib, ſo jung und ſchon vereinſamt! ſagte die Kaiſerin mitleidsvoll. Hab' gehört von Ihrem traurigen Schickſal, der Kaiſer hat mir davon erzählt. Der Kaiſer! murmelte die Gräfin, und ein tiefes Erſchrecken durch⸗ zitterte ihre ganze Geſtalt. Maria Thereſia achtete nicht darauf, ſie 2 *) Der Kaiſerin eigene Worte. Siehe Ferrand I. S. 79. 107 hatte ihre Gedanken ihrer Lieblingsneigung zugewandt, das heißt, ſie beſchäftigte ſich mit einem Heirathsproject. Sie iſt indeß noch viel zu jung, um unvermählt zu bleiben, fuhr ſie fort. Gott hat das Weib erſchaffen, daß ſie Frau und Mutter werde, einen Mann liebe, und ihrer Familie wie dem Staat Kinder gebe. Glückſelig die Frau, welcher es vergönnt iſt, dieſe heilige Be⸗ ſtimmung zu erfüllen, und der das Schickſal nit andere ſchwere Pflich⸗ ten und Sorgen mit auferlegt hat! Die Blicke der Kaiſerin wandten ſich, während ſie ſo ſprach, ganz unwillkürlich hinüber zu dem Bilde des Kaiſers Franz, das immer noch in ihrem grauen Wittwengemach zwiſchen den breiten Fenſterflü⸗ geln die Stelle des Spiegels einnahm. Kronen und Erdenhoheit iſt nit zu beneiden, fuhr die Kaiſerin fort, denn die Kronen drücken gar ſehr, und die Erdenherrlichkeit müſſen wir mit gar vielen Schmerzen und Enttäuſchungen bezahlen. Aber ein gläcklich Weib, das ſeinen Gemahl liebt, das iſt zu beneiden, und wenn eine Mutter im Kreiſe ihrer Kinder ſteht, ſo mein! ich, daß ihr Herz mit allen Engeln im Himmel das Hallelujah ſingt! Drum ſoll Sie heirathen, und ich werd' ſchon dafür ſorgen, daß Sie einen edlen und braven Gemahl bekommt. Mache es zu meiner Sache, Ihr eine Partie auszuwählen, eine reiche und glänzende Partie. Majeſtät, ich bin arm, ſagte die Gräfin ernſt, und nimmer würde ich die Demüthigung ertragen, als armes Weib einzuziehen in den Palaſt eines reichen Gemahls.. d Sie ſoll's auch nicht! Werd' meinen Geſandten in Petersburg beauftragen, daß er ſich bei der Kaiſerin verwende, damit ſie Ihre ſchönen und großen Güter, welche das ruſſiſche Gouvernement Ihr ungeſetzlicher Weiſe confiscirt hat, wieder heraus gebe.„S wär' doch eine gute und gerechte That, womit dieſe Frau*) manche andere Thaten ſühnen könnte. Sie ſoll ihre Güter wiederhaben, und dann wird Sie dem Gemahl, den ich Ihr geben werde, eine herrliche Mitgift bringen. Gräfin Wielopolska ſchüttelte langſam ihr ſchönes bleiches Haupt. —») Die gewöhnliche Benennung, womit Maria Thereſia die Kaiſerin von Rußland bezeichnete. — — 108 Wenn ich meine Güter wieder bekomme, ſagte ſie, ſo ſollen ſie voch weiter nichts ſein, als ein einziges großes Zufluchtshaus für alle Polen, für alle Die, welche leiden und unglücklich ſind, welche ihrem Vaterland ihr Hab und Gut, ihre Ruhe und Sicherheit, ihr Glück und ihre Ge⸗ ſundheit geopfert haben. Was ich habe und bin, gehört Polen, und jedes Glück würd' ich verſchmähen, das nicht zugleich auch über Polen aufgeht. So lange mein Vaterland weint und blutet, wär es ein Frevel für mich, ein perſönliches Glück zu ſuchen, und nimmer kann ich froh ſein, ſo lange Polen klagt! Aber es wird wieder glücklich und zufrieden werden! rief die Kaiſerin faſt ungeduldig. Werden es, mit Frankreich im Bunde, ſchon ſo mächtig unterſtützen, daß die Kaiſerin von Rußland abſtehen wird von ihren Forderungen, und alsdann wird es nit ſchwer werden, den König von Polen wieder mit den Conföderirten auszuſöhnen. Er iſt im Grunde ein guter Mann, er wird die gerechten Forderungen der Conföderirten bewilligen, und dieſe wiederum werden milde und nachgiebig ſein, umt dem armen Reiche den Frieden endlich wiederzugeben. Wir werden gern die Vermittelung übernehmen, und zu dieſem Zweck auch von den Con föderirten einen Abgeſandten an unſerm Hof empfangen. Polen wird wieder glücklich und zufrieden ſein können, wenn es nur will! Wenn es nur will! rief die Gräfin mit einem ſchmerzvollen Blick gen Himmel. Es giebt Völker, wie Menſchen, die vom Geſchick dazu verurtheilt zuͦ ſein ſcheinen, ihr Leben nutzlos zu verbluten in dem Suchen nach Glück. Die Polen ſind ein ſolches Volk. Das Glück iſt ihr Ziel, aber indem ſie es ſuchten, haben ſie ſtatt deſſen immer nur das Unglück gefunden; die Freiheit iſt ihre Begeiſterung, aber indem ſie auf hundert Schlachtfeldern für dieſelbe ihr Blut verſpritzten, ziehen die Bande der Knechtſchaft ſich immer enger und enger um ihre Grenzen. Aber wir werden ſie ſprengen, ſagte Maria Thereſia, wir werden Polen frei machen, während wir die ſchöne Gräfin Wielopolska in Feſſeln legen. Doch Feſſeln ſollen es ſein, welche das Weib erſt frei machen, denn die Liebe allein macht frei! Will Ihr ſchon einen Mann ausſuchen, der Ihr wohlgefallen und den Sie lieben ſoll! Ew. Majeſtät mögen vergeben, daß ich zu widerſprechen wage, ſagte die Gräfin ernſt und kalt. Ich habe ein feierliches Gelübde ge⸗ 109 than, und ich habe es beſchworen auf denn Grabe meiner Mutter: ſo lange ich Polen nützlich ſein kann, werde ich für mein Vaterland leben; wenn es in ſeinem Unglück ſeiner Söhne und Töchter nicht mehr be⸗ darf, werde ich ſterben; wenn es ſich erlöſt und glücklich wird, werde ich in ein Kloſter gehen, um mit jedem Athem und jedem Gedanken meines Lebens Gott zu preiſen für Polens Glück. Ew. Majeſtät ſehen alſo wohl, daß ich keinen Bräutigam mehr annehmen darf. Ich bin ſchon eine Braut! Eine Braut des Todes, oder des Himmels! Eine Braut des Himmels! rief die Kaiſerin. Es ziemt mir nit von ſo heiligem Gelübde Sie abwendig zu machen, und Sie tadeln zu wollen! Gehe Sie alſo hin und erfülle Sie Ihr Gelübde, wir werden ſchon dafür ſorgen, daß Sie es eines Tages thun kann! Sie nickte der Gräfin freundlich zu und entließ ſie, indem ſie ihr gnädig ihre Hand zum Kuſſe darreichte. Die Gräfin drückte ihre glühen⸗ den Lippen auf dieſe Hand und verabſchiedete ſich. Aber indem ſie ſich tief und demüthig zu Erde neigte, war doch etwas Hoheitsvolles und Ehrfurchtgebietendes in ihrer ganzen Erſcheinung, und als ſie dann mit hochgehobenem Haupt, mit ernſter Würde langſam der Thür zu⸗ ſchritt, hätte man meinen ſollen, eine Königin zu ſehen, welche ſo eben Audienzen ertheilt habe. An der Thür angelangt wandte ſie ſich noch einmal, um ſich mit einer letzten ceremoniellen Verbengung zu verabſchieden, aber wie eben ihre ſtolze majeſtätiſche Geſtalt ſich ſenkte, öffnete ſich hinter ihr die Thür. Se. Durchlaucht, der Fürſt Kaunitz! rief der Kammerhuſar, und ſofort, und während die Gräfin ſich noch nicht aus ihrer tiefen Ver⸗ beugung aufgerichtet hatte, erſchien hinter ihr die lange und hagere Ge⸗ ſtalt des Fürſten Kaunitz auf der Schwelle. Darf ich eintreten, Majeſtät? fragte der Fürſt mit ſeiner kalten Ruhe. Der Fürſt weiß wohl, daß Er allezeit freien Zutritt bei mir hat, ſagte die Kaiſerin ihm lebhaft zuwinkend. Kaunitz neigte ziemlich nachläſſig ſein Haupt, und indem er im Vorübergehen ſeine kalten Augen auf die Gräfin heftete, welche ſo eben durch die Thür ſchritt, flog einen kurzen Moment ein kaltes, höhniſches Lächeln durch ſeine Züge. Alsdann ſchritt er raſcher vorwärts zu der Kaiſerin hin, welche ſich eben auf ihrem Fauteuil niedergelaſſen hatte. 1 110 II. Marie Antoinette und die Etiquette. Briefe aus Frankreich, Majeſtät, ſagte Kaunitz, indem er der Kai⸗ ſerin einige Briefe darreichte. Maria Thereſia nahm ſie haſtig entge⸗ gen, und ihr Antlitz ſtrahlte vor Freude, als ſie auf der Adreſſe die Handſchrift ihrer Tochter erkannte. 1 Die Dauphine iſt alſo geſund und wohlauf, ſagte ſie. Schauen mich doch die zierlichen Buchſtaben ihrer Handſchrift da ſo luſtig und lieblich an, als wär's der Antoinette eigenes liebes Geſicht, das ich da vor mir ſehe! Ah, es iſt recht einſam und ſtill um mich her geworden, ſeit die Antoinette auch mich verlaſſen hat; es geht Alles von hinnen und verläßt uns im Leben! Der da allein hält getreulich bei mir aus, und ſein ſchönes Antlitz wendet ſich nimmer von mir. Sie deutete mit einem lebhaften Kopfnicken hinüber nach dem Bilde des Kaiſers, und wandte dann den Blick wieder auf den Brief hin, den ſie noch immer in der Hand hielt. Gute Nachrichten, nit wahr? fragte ſie. Gute Nachrichten, Majeſtät, ſagte Kaunitz, die Dauphine wird von ganz Frankreich geliebt und angebetet. Man erzählt ſich von ihr tauſend allerliebſte Bonmots, man feiert ſie in Sinngedichten, Oden und Madrigals, man ſieht ihr Bild an allen Läden und in allen Pri⸗ vatwohnungen. Wenn ſie in offener Kaleſche durch die Straßen fährt, bleibt das Volk ſtehen und jauchzt ihr entgegen; wenn ſie im Theater erſcheint, ſieht das Publikum nicht mehr auf die Schauſpieler, ſondern auf die Dauphine, und ſtatt den Primadonnen zu applaudiren, gehen ſie in ihrem Enthuſiasmus ſo weit, der Dauphine zu applaudiren. Noch heute, nach einem halben Jahr, iſt das Wort wahr, welches der Herzog von Briſſac an dem Tage ſagte, als die Dauphine ihren Ein⸗ zug in Paris hielt, und mehr als hunderttauſend Menſchen, Kopf an Kopf gedrängt, ihr entgegen jauchzten.„Madame, da ſind hunderttau⸗ ſend Liebhaber Ihrer Perſon, und doch wird der Dauphin nicht auf ſie eiferſüchtig ſein!“*)— Ach der gute Herzog, er wußte damals noch *) Mémoires de Madame de Campan. Vol. I. p. 60. 111 nicht, wie ſehr er die Wahrheit ſprach, und wie wenig der Dauphin überhaupt geneigt iſt, eiferſüchtig zu ſein. Was will Er damit ſagen? fragte die Kaiſerin haſtig. Red’ Er ſchnell! Ich ſeh's an Seinem Geſicht, daß Er was zu ſagen hat, und daß nit Alles in Ordnung iſt!— Ich wollte damit ſagen, daß der Dauphin auf Niemand eiferſüch⸗ tig iſt, und das aus dem Grunde, weil Er von dem ganzen franzö⸗ ſiſchen Volk der Einzige iſt, welcher nicht in die Dauphine verliebt iſt! Die Kaiſerin ſtieß einen Schrei aus, und eine Purpurgluth über⸗ flog ihr Antlitz. Es iſt eine ſchwere Anklage, welche Er da gegen den Dauphin zu richten wagt, rief ſie heftig. Aber ſie iſt leider wahr, ſagte Kaunitz gelaſſen. Die Dauphine hat mir nichts davon geſchrieben, ſagte die Kaiſe⸗ rin, lebhaft den Kopf ſchüttelnd. Nicht die leiſeſte Klage iſt in ihren Briefen. Vielleicht ahnt die Dauphine in ihrem reinen jungfräulichen Mäd⸗ chenherzen gar nicht einmal, wie ſehr ſie Grund zur Klage hat, ſagte Kaunitz leicht hin. Die Kaiſerin warf auf ihn einen flammenden Zornesblick. Weiß Er, das Seine Worte beleidigend ſind für die Dauphine? fragte ſie ſtreng. Er wagt es zu behaupten, daß der Dauphin unempfindlich iſt gegen die Reize ſeiner jungen und ſchönen Gemahlin? Ich wagte das zu behaupten, und Ew. Majeſtät weiß wohl, daß ich mich allezeit gehütet habe, die Unwahrheit zu ſagen! Das franzö⸗ ſiſche Volk iſt unglücklicher Weiſe mehr verliebt in die Dauphine als ihr Gemahl, und ich glaube nicht, daß ſich jetzt noch am Hofe Lud⸗ wigs XV. irgend ein Anwalt findet, der bei dem Enkel des Königs die Sache der Dauphine vertritt. Sie ſteht ganz allein, ſeit die intrigui⸗ rende, cabalirende und ſchamloſe Partei der Dudevant über den edlen Herzog von Choiſeul geſiegt hat. Der Herzog von Aiguillon iſt ein Anti⸗Oeſterreicher, und Ew. Majeſtät wiſſen wohl, wie ſehr auch der Vater des Dauphins das war! Warum ſagt Er mir das Alles? fragte die Kaiſerin haſtig. Warum will Er mein Herz beängſtigen? Kenn Ihn gar gut, Herr Fürſt, weiß, daß Er nichts ſagt und thut, ohne Zweck! Sag' Er alſo, was ſoll's mit all' Seinen Worten? 112 Ew. Majeſtät haben, glaube ich, den Brief der Dauphine, den ich die Ehre hatte, zu überreichen, noch nicht geleſen? fragte Kaunitz. Maria Thereſia nahm, ohne ein Wort zu erwidern, haſtig den Brief wieder von dem Gusridon, der neben ihrem Fauteuil ſtand, und ſchlug das Papier auseinander, um es eilenden Blickes zu leſen. Er hat Recht, ſagte ſie dann ſeufzend, die Dauphine, welche bis her immer glücklich und zufrieden geſchrieben, klagt heute zunm erſtenmale über Verlaſſenheit und Einſamkeit.„Seit der Herzog von Choiſeul den Hof verlaſſen hat, ſchreibt ſie, bin ich ganz allein, habe ich nicht Einen Freund mehr!“ Er hat Recht, Er hat Recht! Die Dauphine iſt in Gefahr, in großer Gefahr. Was ſehe ich da, fuhr ſie fort, indem ſie den Brief weiter las, man hat ſie von dem Dauphin trennen wol⸗ len, man hat durch eine Intrigue der Dauphine in Fontainebleau eine von den Gemächern des Dauphins weit entfernte Wohnung anwei⸗ ſen wollen? Ja, ſagte der Fürſt, die antisöſterreichiſche Partei, welche jetzt in Frankreich herrſcht, hegt den vermegenen Wunſch, eine Scheidung des Dauphins von ſeiner Gemahlin herbeizuführen. Sie ſehen, daß er ſie nicht liebt, ſie wollen dieſe Gleichgültigkeit in Abneigung umwandeln. Dieſe Partei hatte es durch Beſtechung dahin gebracht, daß die In⸗ ſpektoren der Königlichen Bauten erklärten, die für den Dauphin be ſtimmten Gemächer in Fontainebleau könnten nicht mehr fertig werden, und alſo hatten ſie dem Dauphin auf dem andern Flügel des Schloſſes eine Wohnung angewieſen. Aber die Dauphine durchſchaute ihre In⸗ trigue, ſie beſchwerte ſich beim König, und da dieſer ſich für ſie ver⸗ wendete, waren die Gemächer des Dauphins in acht Tagen vollendet.*) Das war muthig und recht gehandelt! rief die Kaiſerin freudig aus. Ja, ſagte Kaunitz, es war muthig, wie Ew. Majeſtät ſagen, denn die Dauphine hat damit die Zahl ihrer Feinde um einige bedeutende vermehrt! Sie hat, ſtatt zuerſt mit Aiguillon zu ſprechen, ſich unmit⸗ telbar an den König gewandt, und das verzeiht ihr der Herzog nie⸗ mals. Es war gegen die Etiquette, und als die Oberhofmeiſterin von Noailles der Dauphine deshalb Vorwürfe machte, hat ſie ihr mit Strenge *) Mémoires de Madame de Campan. 113 geantwortet: in ihren Familien⸗Angelegenheiten würde ſie niemals die Etiquette um Rath fragen!— Seitdem iſt Frau von Noailles auch ihre Feindin! Auch ihre Feindin? wiederholte die Kaiſerin ſchmerzlich. Sie hat deren alſo noch mehr? Frau von Marſan, die Gouvernante der Schweſtern des Dauphins, wird es der Dauphine niemals vergeben, daß ſie es gewagt hat, ſich in die Erziehung der Prinzeſſinnen einmiſchen zu wollen, indem ſie vorſchlug, daß Madame Adelaide Theil nehmen ſolle an ihrem Ge⸗ ſangs⸗Unterricht und an den Tanzſtunden, welche die Dauphine bei Gardel nimmt. Aber die Prinzeſſinnen⸗Töchter des Königs werden meine arme Marie Antoinette lieben und beſchützen, davon bin ich überzeugt! rief die Kaiſerin faſt ängſtlich. Sie haben ihr alle Drei ihre Freund⸗ ſchaft und ihren Schutz zugeſagt, ſie werden ſich meiner armen ver⸗ laſſenen Tochter jetzt annehmen, und mit ihr Front machen gegen die Partei dieſes ſchamloſen und ehrvergeſſenen Weibes, welche jetzt über den König von Frankreich herrſcht! Fürſt Kaunitz zuckte die Achſeln. Madame Apdelaide, die älteſte der Prinzeſſinnen, ſagte er, hatte, bis zur Ankunft der Dauphine, nach dem König den erſten Rang bei Hofe. Bei ihr fand jeden Abend die Spielpartie des Königs ſtatt; jetzt hat die Dauphine den Vortritt vor ihr, und das königliche Spiel iſt auch in die Gemächer der Dauphine verlegt. Madame Adelaide hat das bitter empfunden, und ſtatt Abends zur Dauphine zu gehen, hat ſie in ihren eigenen Appartements eine Spielpartie arrangirt, wohin ſich alle Diejenigen begeben, welche gleich Madame Adelaide antis⸗öſterreichiſch ſind, ohne doch mit der Dubarry gemeinſchaftliche Sache zu machen. Das iſt die zweite Partei, die gegen die Dauphine wirkt!— Madame Sophie mag wohl in ihrer Kloſterzelle für die Dauphine beten, aber ſie verhält ſich ſonſt paſſiv. Madame Victoire iſt die einzige, welche ein wahres und herzliches Intereſſe für die Dauphine hegt, aber ſie iſt zu kränklich, um ihre Appartements oft verlaſſen zu können, ſie hat daher in ihren Gemä⸗ chern zuweilen kleine Feſtins veranſtaltet, denen ihre Dame d'Honneur, Kaiſer Joſeph. 2. Abth. I. 8 114 die Marquiſe Durfourt, präſidirte, und welche der Dauphine ſehr wohl gefielen. Aber Frau von Noailles hat ſich dagegen opponirt, und Dank der Etiquette haben dieſe Réunions aufhören müſſen! Die Kaiſerin war aufgeſtanden und ging mit lebhaften Schritten auf und ab. So jung, ſo ſchön, murmelte ſie, und doch von ihrem— Gemahl verſchmäht. Die Tochter der Cäſaren im Kampf mit einer verächtlichen Maitreſſe und elenden Hofparteien. Und ich, die Kaiſerin, ich, ihre Mutter, vermag ihr nicht zu helfen! Doch, Majeſtät, ſagte Kaunitz, Sie vermögen ihr zu helfen! Nicht mit einer Armee und nicht mit Waffen iſt der Dauphine zu helfen, ſondern nur mit gutem Rath, und wer kann ihr den wirkſamer erthei⸗ len, als Ew. Majeſtät! Soll ich ihr rathen, den Kampf gegen dieſen ſittenloſen, entarte⸗ ten Hof aufzugeben? fragte die Kaiſerin zürnend. Soll ich ihr vor⸗ ſchlagen, an den petits soupers des Königs Theil zu nehmen und die Dubarry zu ihrer Freundin zu machen? Nein, Herr Fürſt, nein! Möge meine Tochter lieber unglücklich ſein, als ſich erniedrigen, und jemals ihrer Würde vergeſſen! Auch würde ich es nicht wagen der Dauphine ſolchen Vorſchlag zu machen, ſagte der Fürſt gelaſſen. Man kann für die Dubarry nicht thun, was man für die Pompadour thun konnte. Jene war mindeſtens eine geiſtreiche Frau, dieſe iſt nur eine ſchöne! Möge die Dau⸗ phine ſich von ihr ſo fern halten, als es ihrer Tugend und ihrer Würde Bedürfniß iſt. Aber möge ſie eine andere viel wichtigere Dame, welche die ſchamloſe Gräfin verjagt hat, aus Klugheit neben ſich dulden! Von welcher Dame ſpricht Er? Von der Dame Etiquette, Majeſtät! Es iſt freilich eine ſehr läſtige, anſpruchsvolle Dame, ſie miſcht ſich in Frankreich in Alles, was am Hofe geſchieht, ſie erlaubt der königlichen Familie weder zu Bett zu gehen, noch aufzuſtehen, weder zu eſſen, wenn ſie geſund, noch zu mediciniren, wenn ſie krank ſind, ohne ihre Gegenwart. Sie be⸗ ſtimmt die Kleidung, das Amuſement, die Langeweile, die Geſellſchaft und das Alleinſein der königlichen Perſonen. Das Alles iſt ſehr läſtig, aber es iſt eine Laſt, welcher man eine Königskrone als Unterlage ge⸗ geben hat, um ſie erträglich zu machen. 115 Es iſt die Sache der Oberhofmeiſterin von Noailles, für die Etiquette zu ſorgen, rief die Kaiſerin ungeſtüm. Aber es iſt die Sache der Frau Dauphine, dem nachzukommen, was Frau von Noailles im Namen der Etiquette fordert. Die Dauphine wird ſich deſſen nicht weigern, denn es wäre unbeſonnen! Majeſtät, man iſt nicht immer beſonnen, wenn man funfzehn Jahre alt iſt und hunderttauſend Liebhaber ſeiner Perſon hat! Die Frau Dauphine findet die ſich täglich erneuernden ernſten Ermahnun⸗ gen der Frau von Noailles ſehr unbequem, darin hat ſie Recht. Sie widerſetzt ſich ihnen, und verſpottet die Oberhofmeiſterin, darin hat ſie Unrecht. In einer Aufwallung ihres Mißmuthes hat die Dauphine der Frau von Noailles den Beinamen Madame Etiquette gegeben, und da eine zukünftige Königin nichts ſagt, was nicht zwanzig Schmeich⸗ ler ihr nachſagen, ſo heißt Frau von Noailles jetzt am franzöſiſchen Hofe überall:„Madame Etiquette.“ Die Dauphine ſelbſt nennt ſie niemals anders. Vor einigen Tagen hatte die Dauphine in den Gär⸗ ten von Verſailles eine kleine Luſtpartie veranſtaltet, man ritt auf Eſeln! Auf Eſeln! rief die Kaiſerin entſetzt. Die Dauphine auch? Ja, die Dauphine auch, aber nicht lange. Der Eſel der Dauphine wußte ſein Glück nicht zu ſchätzen, er warf ſeine kühne Reiterin ab. Oh, und die Antoinette fiel? Sie fiel, Majeſtät, und zwar auf eine nicht ganz discrete Weiſe. Der Graf von Artois wollte ſie aufrichten, aber die Frau Dauphine wehrte ihn zurück, indem ſie mit ſchalkhaftem Ernſt ſagte:„Nicht ſo! Eilen Sie erſt Madame Etiquette zu holen, ſie wird Ihnen ſagen, welches Ceremoniell nöthig iſt, um eine Dauphine aufzuheben, welche von ihrem Eſel gefallen iſt.“— Der ganze Hof lachte; am andern Tage lachte ganz Paris mit ihm über dieſes allerliebſte Bonmot der Dauphine, und nur die Frau von Noailles hat die Gelbſucht vor Aerger bekommren.— Die Kaiſerin lachte nicht. Sie ging geſenkten Hauptes, in tiefe Gedanken verloren, einige Male auf und ab. Er hat Recht, ſagte ſie dann, vor Kaunitz ſtehen bleibend. Ich werde die Antoinette warnen, ich werde ſie beſchwören vorſichtig und klug zu ſein, und den Ueber⸗ 8* + 116 muth ihrer Jugend zu zügeln. Oh, mein Herz zieht ſich in unerklär⸗ baren Aengſten zuſammen, wenn ich mir mein Kind denke, verlaſſen und einſam an einem laſterhaften Hofe, umringt von Feinden und Schmeichlern, verſchmäht von ihrem Gemahl, und ſelber noch ſo jung, ſo unerfahren, ſo gläubigen Herzens! Mein Gott, warum habe ich ſie von mir gelaſſen, warum bin ich den prophetiſchen Stimmen nicht ge⸗ folgt, welche mich warnen wollten, da es noch Zeit war! Weil Ew. Majeſtät groß genug dachten, nicht ſogenannten Pro⸗ pheten zu glauben, ſondern auf die Vorſehung allein zu bauen, weil Ew. Majeſtät, eingedenk Ihres hohen Berufes, Ihr eigen Herz beſieg⸗ ten und der Politik gaben, was der Politik gehört, die Hand der Erz⸗ herzogin, die berufen war neue Bande zu knüpfen, Bande, die, ſo Gott will, und wir ſelber wollen, uns Allen zum Segen gereichen! Gott wolle es! ſeufzte die Kaiſerin. Ich werde thun, was ich vermag. Ich werde ihr noch heute ſchreiben, ſie warnen, ſie zur Be⸗ ſonnenheit ermahnen! Es iſt eine ſehr ſchwere Tugend beſonnen zu ſein, ſagte Kaunitz gedankenvoll. Man muß viel erlebt und viel erlitten haben, um end⸗ lich beſonnen zu werden! Und auch dann noch läßt man zuweilen ſich noch von ſeinem Herzen hinreißen. Iſt es uns ſelber nicht noch ganz kürzlich ſo ergangen? Haben wir nicht in der edlen Gutmüthigkeit, welche Ew. Majeſtät erhabenem Sinn ſo viel Ehre macht, uns ſo weit hinreißen laſſen, dieſen ruheloſen, händelſuchenden Polen Verſprechun⸗ gen zu machen? Verſprechungen, welche wir indeß auch halten werden, rief die Kaiſerin heftig. Majeſtät, man hält ſeine Verſprechungen nur, wenn man es kann! Man giebt keine Verſprechungen, ehe man weiß, daß man ſie er⸗ füllen kann. Dann aber erfordert es die Ehre, daß man ihnen treu bleibt! Wir haben dieſem unglücklichen Polenlande unſere Hülfe zuge⸗ ſagt, wir haben den Confoderirten, den treuen und ithvollen Käm⸗ pfern des Glaubens und der Religion, unſern Schutz und unſern Bet ſtand verſprochen, und Gott verhüte, daß wir Denen welche auf un hoffen, unſer Wort nicht erfüllen ſollten! 11 Kaunitz verneigte ſich. Alsdann mögen Ew. Majeſtät die em 11: haben, dem Kaiſer zu befehlen, daß er die Armee auf den Kriegsfuß bringe, die Magazine fülle und Alles zu einem langen Kriege bereit halte. Zu einem Kriege mit wem? rief die Kaiſerin erſchrocken. Zu einem Kriege mit Rußland, mit Preußen, mit Schweden, was weiß ich, zu einem Kriege mit ganz Europa vielleicht. Oder meinen Ew. Majeſtät etwa, daß das monarchiſche Europa es ſchweigend mit anſehen werde, wie ſich in ſeiner Mitte plötzlich eine Republik erhebt, eine Republik, welche von Oeſterreich geſchützt wird? Eine Republik inmitten von Monarchieen, das iſt ein anſteckendes Krebsgeſchwür, das immer weiter um ſich frißt, und endlich alle Monarchieen in ſich auf zehren wird! Aber wo iſt denn die Republik, von welcher Er da redet? fragte die Kaiſerin ungeduldig. III. Ein Sieg der Diplomatie. Ich rede von Polen, ſagte Kaunitz mit ſeiner eiſernen Ruhe! Von dieſen kühnen waghalſigen Conföderirten, welche von den Verſprechun⸗ gen und Freundſchaftsverſicherungen Oeſterreichs übermüthig gemacht, vermeinten Alles wagen und ihre Raufereien zu einem Principienkampfe für alle ſchwärmeriſchen und erxalirten Köpfe in Europa mgohenzzu kön⸗ nen. Dieſe Herren Conföderirten haben es für gut b an den König Stanislaus Auguſtus ſeiner Krone für verluſtig und den Ihron für erledigt zu erklären. Sie haben dieſe Erklärung ſoggf zu⸗ pier gebracht, und mit den Unterſchriften aller ihrer Häupter 4 ihrer verſehen, dieſes Papier vermöge einer angewandten Liſt dem König in ſeinem eigenen Palaſte zu Warſchau in die Hände gelegt. Sie haben dieſe Erklärung in tauſend und aber tauſend Abſchriften durch das ganze Land geſtpeut, und jetzt handelt es ſich in Polen nicht mehr darum, ob man den Conföderirten gleiche Rechte bewillige, ſondern ob man eine Monarchie oder eine Republik will! 1 118 Wenn dem ſo iſt, dann ſind ſie verloren, dann giebt es für die Conföderirten keine Hülfe mehr! rief die Kaiſerin. Dann können auch wir ihnen nicht mehr beiſtehen. Ich habe verſprochen, ihnen zu helfen gegen die Feinde, welche von Außen ſie bedrängen, aber ich kann ihnen nicht helfen gegen die Feinde in ihrem eigenen Innern! Es würde wenigſtens ein gefährliches Beiſpiel ſein, wenn Oeſter⸗ reich Diejenigen, welche ihren König ſeiner Krone berauben, vertheidi⸗ gen, und auf dieſe Weiſe ihre Maximen heiligen wollte! Was mich anbetrifft, ſo widerſtreitet es meinen politiſchen Grundſätzen, mit ſolchen Republikanern von friſchem Machwerk zu verkehren, und denen beizu⸗ ſtehen, welche in frevelndem Uebermuthe die Krone von dem Haupte Kees Königs reißen wollen! Der Fürſt hat Recht, nimmer dürfen wir Andern ein ſolches Bei⸗ ſpiel geben! Haben wir bis jetzt frei und offen den Conföderirten unſere Sympathieen gezeigt, ſo iſt es jetzt Zeit ihnen unſere Mißbilligung zu beweiſen, und uns als die Feinde ihrer republikaniſchen Gelüſte zu erklären! Wenn wir das thäten, würde ein Krieg mit Frankreich die unver⸗ meidliche Folge ſein! Frankreich hat den Conföderirten Hülfe und Schutz zugeſagt, es hat den Obriſten Dumouriez mit Soldaten, Waffen und Geld den Polen zur Unterſtützung hingeſandt, es glüht vor Begierde, in dieſen Kampf zwiſchen Rußland und der Türkei ſich handelnd ein⸗ zumiſchen, es warket nur auf uns, ſeinen Bundesgenoſſen, um ſich an die Seite Polens zu ſtellen, und Front zu machen gegen Rußland. Es wird Front machen gegen uns, wenn wir jetzt auf einmal, nach ſo vielen Verſprechungen, uns declariren gegen dieſe aufrühreriſchen Polen. Aber was können wir denn thun, um einen Krieg zu vermeiden? rief die Kaiſerin angſtvoll. Ach, Er ſieht wohl, Herr Fürſt, die Tage meiner Jugend und meines Muthes ſind vorbei! Ich ſchaudre jetzt, wenn ich bedenke, wie viel Blut während meiner Regierung gefloſſen iſt, und nur die äußerſte Nothwendigkeit könnte mich noch dazu bringen, Urfache zu ſein, daß noch Ein Tropfen vergoſſen wird!*) Sage Er alſo, was das Weiſeſte iſt zu thun, um den Krieg zu vermeiden! *) Maria Thereſia's eigene Worte. F. v. Raumer: Beiſtäge zur neueren Geſchichte. Th. IV, S. 419. die auch lfen nen ſter⸗ eidi mich chen eren 119 Das Weiſeſte iſt: nichts zu thun! ſagte Kaunitz ruhig. Schanen wir den Dingen zu, beobachten wir, warten wir ab, und verhüllen wir nach beiden Seiten hin unſere Geſinnungen. Halten wir Frankreich hin, indem wir es an unſere Sympathieen für Polen glauben laſſen, beruhigen wir Rußland und Preußen, indem wir Polen keine Hülfe zuwenden, ſondern uns ganz ruhig und neutral verhalten! Aber während wir zuſchauen und warten, rief die Kaiſerin ſchmerz⸗ lich, wird Rußland dieſes arme Polen, das bisher ſo tapfer und muth⸗ voll gekämpft hat, unter ſeine Füße treten, und es zu einer blutigen Leiche machen! Es iſt wahr, die Polen ſind vielleicht zu weit gegangen in ihrem Wollen und Beginnen, aber bedenk' der Fürſt nur, daß es unglückliche, in ihren heiligſten Rechten gekränkte Menſchen ſind, daß ſie jetzt flüchtig und obdachlos umher irren, kein Aſyl, keine Macht, und ſelbſt keine Nahrung mehr haben, daß ſie nur noch die Hülfsmittel der Verzweiflung haben, und daß auch dieſe Hülfsmittel geſchwächt werden durch ihre eigene Uneinigkeit! Mich erbarmt's, wenn ich d'ran denk, daß auch wir von dem armen Polenland unſere Hand abwenden wollen, damit es eine Beute werde dieſer Frau, welcher kein Mittel zu grau⸗ ſam iſt, wenn es ihr zu ihren Zwecken verhilft. Hat ſich nit geſcheut das Blut ihres eigenen Gemahls zu vergießen, um ſeine Krone auf ihr Haupt zu ſetzen, wird ſich auch nit ſcheuen das Herzblut Polens zu vergießen, um dereinſt auch dieſe Krone ſich anzueignen! Sie wird's nicht thun, wenn wir es nicht dulden werden! ſagte Kaunitz, langſam ſein Haupt wiegend. So lange wir mit Rußland in Frieden ſind, wird es nicht wagen, unſere offene Feindſchaft hervorzu⸗ rufen, denn mit uns würde auch Frankreich aufſtehen, und ſelbſt Preußen würde ſich offen widerſetzen, wenn Rußland vermeſſen genug wäre, Polen für ſich allein zu nehmen! Aber der König von Preußen, welcher ſo gern nehmen mag, was ihm nicht gehört, würde freudig bereit ſein mit Rußland zu theilen! Das wird Oeſterreich nicht dulden können! Dann erſt, wenn dieſer Fall wirklich eintritt, würden wir uns entſchließen müſſen, Rußland und Preußen den Krieg zu erklären, oder— Oder? fragte die Kaiſerin athemlos, als Kaunitz inne hielt. Oder, ſagte Kaunitz, indem er ſeine Augen mit einem kalten, feſten * 120 Blick auf das Antlitz der Kaiſerin heftete, oder mit Rußland und Preüßen zu theilen! Was zu theilen? Den Zankapfel zu theilen, welcher Europa beunruhigt! Die Anarchie iſt ein Ungeheuer mit drei Köpfen; wenn man es beſiegen will, muß man ihm zuerſt dieſe drei Köpfe abſchlagen. In Polen herrſcht jetzt offene Anarchie, und ich denke, die drei Mächte wären wohl ſtark genug, das polniſche Ungeheuer zu bezwingen, indem Jeder ihm einen Kopf abſchlüge, und ihn als warnende Trophäe auf ſeine ein wenig vorge⸗ rückten Grenzpfähle ſetzte! Das ſieht aus, als ob Er Recht hätte, und doch iſt Er im Unrecht, ſagte die Kaiſerin ſinnend.'S iſt ein gar ſchlimmes und gefährliches Ding, einen guten Zweck mit böſen Mitteln erreichen wollen! Und böſe iſt das Mittel, welches Er da genannt hat, denn nimmer wird ein' Sach' dadurch gut, daß man ſich den Anſchein giebt, als hab' man mit dem Böſen das Gute gewollt. Wenn das unglückliche Polen unter⸗ gehen muß, ſo mög's untergehen mit Gottes Willen und durch ſeine eigene Schuld, aber nimmer ſoll's geſagt werden, daß Oeſterreich aus dem Unglück Anderer Vortheil gezogen habe. S wär grad' ſo, als ob man dem Verzweifelnden, der ſich in den Abgrund ſtürzen will, nachrennt, nit um ihn zu retten, aber um ſeinen Mantel zu ergreifen, damit der nit auch hinabſinke, ſondern man ſich ſelbſt eine Jacke draus machen könnt! Will auch nichts gemein haben mit der Kaiſerin von Rußland, und glaub' nimmer an die Freundſchaft des Königs von Preu⸗ ßen. Mag nit gemeinſchaftliche Sach' machen mit Denen, welche ſo lange meine Feinde geweſen! Frankreich war drei Jahrhunderte lang Oeſterreichs Feind, und wir haben uns doch mit ihm verbündet! Aber das Bündniß wird bald zu Ende gehen, wenn wir den Weg einſchlagen, den der Fürſt da vorſchlägt. Frankreich wird nicht ſo ruhig zuſchauen, wie der Fürſt vermeint. Es wird den Nothſchrei Polens hören, und es wird ihm zu Hülfe eilen! Nein, Majeſtät, Frankreich wird warten, zuſehen, was wir thun, es wird warten und warten, bis es zu ſpät iſt, und es einſehen muß, daß ſelbſt die Waffen ein fait accompli nicht mehr umſtoßen können. 121 Deshalb wiederhole ich: das einzige Mittel, um einen allgemeinen Krieg zu vermeiden, und den Brand, welcher in Polen wüthet, innerhalb ſeiner Grenzen zu erſticken, iſt: daß wir in vollkommener Neutralität zuſchauen, und nicht für, nicht gegen Polen Partei ergreifen! Ein Krieg muß vermieden werden, rief die Kaiſerin heftig. Mein armes Volk ſoll nicht ſchon wieder zu neuem Jammer und Herzeleid verdammt werden! Es ſoll Ruhe haben ſich zu erholen von Allem, was es gelitten hat, und ſeine Wunden auszuheilen. Meinem Volk den Frieden zu erhalten, das muß und ſoll meine heiligſte und größte Aufgabe ſein! Ich werde Alles thun, was in meinen Kräften ſteht, um dieſe Aufgabe zu erfüllen, Alles was ſich mit meiner Ehre und meinem Gewiſſen verträgt! Ach, Majeſtät, die Politik darf kein Gewiſſen, ſondern nur Egois⸗ mus haben, und was dieſer befiehlt, das muß ſie thun! Er ſieht's alſo ein, daß es eine gewiſſenloſe Politik iſt, welche Er mir da vorſchlägt? Nein, Majeſtät, nur eine nützliche! Der eigene Nutzen muß immer in der Politik entſcheiden; ein guter Politiker iſt niemals ein Kosmopolit. Er ſorgt nur für ſich ſelber, und läßt Andere auch für ſich ſelber ſorgen! Mag Polen untergehen, denn es vergeht und ſtirbt nur das Volk, welches ſich ausgelebt hat, und nur wer keine Kraft zum Widerſtand hat, wird beſiegt! Mag alſo Polen untergehen, wenn es reif iſt zum Fall! wir dürfen es nicht halten und nicht ſtützen, wir müſſen an uns ſelber denken, und den Frilden, das Glück und die Größe Oeſterreichs haben wir allein zu bedenken. Der Friede aber kann nur erhalten werden, indem wir neutral bleiben, den Polen keinen Vorſchub leiſten, aber auch den ruſſiſchen Eroberungsplänen nicht beiſtimmen, und vor allen Dingen unſere Geſinnungen auch gegen unſere franzöſiſchen Bun⸗ desgenoſſen in das tiefſte Geheimniß hüllen. Aber wenn Frankreich nun eine Erklärung von uns fordert? So erklären wir uns, Majeſtät, das heißt, wir machen Worte! Mein Gott, Worte ſind ein ſo gefälliger Schleier um damit ſeine Ge⸗ danken zu verhüllen! Nun, ſo mag's ſein, ſagte die Kaiſerin ſeufzend. Seh wohl, daß eine finſtere Wolke da über uns heraufſteigt, weiß auch, daß Er geſchickt 1 51 1 4 89 A * 122 genug ſein wird, die Sach' ſo einzurichten, daß der Hagelſturm und die Blitze, die in der Wolke ſtecken, nit unſer eigenes, ſondern nur unſers Nachbars Feld zerſchmettern werden. Aber es iſt mir doch bang und weh' um's Herz, und mag's kaum wagen, Seinen Plänen nachzuſinnen und mir ſelber das klar zu machen, was Er für die Zukunft des un⸗ glücklichen Polens beabſichtigt. Weiß nur, daß ich Frieden haben will und muß mit der ganzen Welt, und daß meine Unterthanen von mir fordern können, kein Mittel zu ſcheuen, um ihnen dieſen Frieden zu er⸗ halten! Geh Er alſo, Herr Fürſt, und verlaſſe Er Sich darauf, daß ich Ihm Wort halten, und gegen Niemand verrathen werd', was wir heut hier verhandelt haben! Es bleib ein Geheimniß zwiſchen Mir und Ihm! Sie nickte ihm freundlich einen Abſchiedsgruß zu, den der Fürſt mit einer wenig ceremoniellen Verbeugung erwiederte, indem er alsdann das Gemach verließ. Die Kaiſerin blieb allein. Sie ging langſam, mit hochgehobenem Haupt auf und ab, und ihr lebhaftes und ausdrucksvolles Geſicht ver⸗ rieth die tiefe Sorge und Unruhe, welche in dieſer Stunde ihre Seele erfüllte. Schau klar in die Zukunft, und weiß was ſie wollen, murmelte ſie leiſe vor ſich hin. Der Joſeph dürſtet nach Thaten und Eroberungen und der Kaunitz möcht' ihm gar gerne gefällig ſein. Sie werden nit zuſchauen wollen, wie Rußland und Preußen allein von dem unglück⸗ lichen Polen Vortheil ziehen; wollen auch ihren Antheil an der Beute haben! Und ſie werden mich überreden, daß es ſo recht iſt und gut, und daß ich's meinem Oeſterreich ſchuldig bin, Alles zu ſeinem Vortheil zu thun, und gar nit zu hören auf mein Gewiſſen und meine Herzens⸗ angſt. Und doch iſt's heimtückiſch und ſchlecht, einen Unglücklichen, welcher ſich nicht mehr wehren kann, zu berauben und Vortheil zu ziehen von ſeiner Schwäche. Doch ich ſeh's ſchon, ich werd's thun müſſen, um Frieden zu haben in meinem Haus und mit der Welt! Aber es geht ein Schauder durch meine Seele, denn es iſt ein ſündhaft Werk, das wir da vorhaben, und mir iſt bang und beklommen dabei zu Sinn! Will meinem Herzen Erleichterung ſchaffen, will mich mit Gott beſprechen! Sie klingelte heftig, und als der Kammerhuſar herbeieilte, befahl ſie mit lebhaftem Ton: der Beichtvater ſoll zu mir kommen, und das ſogleich! A d die nſers und nnen un⸗ will mir er⸗ ich heut m fürſt ann nem ver⸗ ihre elte gen nit ſück⸗ uute aut, heil ns⸗ IV. Der KRaiſer und der Feldmarſchall Lacy. Kaiſer Joſeph ging mit heftigen Schritten in ſeinem Arbeitskabinet auf und ab, ſeine Stirn war in finſtere Falten gelegt, und zornige Blitze waren in ſeinen großen Augen. Wenn er an dem Feldmarſchall Lacy vorüberkam, welcher da in ſteifer militäriſcher Haltung an der Thür ſtand, ſchienen dieſe Blitze der kaiſerlichen Augen ihn zerſchmettern zu wollen, und ſeine Lippen murmelten einzelne Ausrufe des Zorns. Aber Lacy achtete gar nicht darauf, ſein Antlitz blieb entſchloſſen und ruhig, und ein trotziger Ernſt ſprach aus allen ſeinen Zügen. Der Kaiſer mochte fühlen, daß alle ſeine Verſuche, dieſe Entſchloſſen⸗ heit zu beugen, vergeblich waren, und daß ſein Zorn nichts mehr ver⸗ möge über den harten Mann. Er blieb auf einmal vor dem Grafen ſtehen, und ſah ihm lange, und jetzt mit einem Ausdruck von Schmerz und Liebe, in das eiſernfeſte Angeſicht. Sie ſind alſo ganz feſt entſchloſſen, Herr Feldmarſchall, Sie wol⸗ len mich verlaſſen? fragte der Kaiſer. Ich muß Ew. Majeſtät verlaſſen, ſagte Lacy ernſt. Ich bedarf der Ruhe, der Erholung; die vielen Feldzüge und Strapatzen haben meine Kräfte erſchöpft, und ich fühle es, daß ich alt bin und der Ruhe bedarf. Es iſt noch kein Monat her, als Sie mir ſagten, daß Sie noch gar nichts von den Beſchwerden des Alters kennten; auch ſeien Sie noch zu jung dazu! Kaum ſechszig Jahr! Sire, als ich das ſagte, bewies ich eben, daß ich alt bin, denn es iſt dem Alter eigen zu prahlen und ſich ſeiner Jugendkraft zu be⸗ rühmen! Ich bedarf wirklich gar ſehr der Ruhe, und deshalb noch einmal: ich bitte Ew. Majeſtät, mich in Gnaden aus Ihren Dienſten zu entlaſſen! Und wer ſoll zu Ende führen, was Sie begonnen haben, Herr Feldmarſchall, wer ſoll fortan für die Armee ſorgen, die Verbeſſerungen ausführen, welche Sie angefangen, die Finanzpläne in's Werk ſetzen, die Sie entworfen, die Magazine füllen, die Sie erbaut haben? Mein — 3 —— 124 Gott, wir haben da die großen Magazine gebaut für die Uniformirung, die ungeheuren Paläſte für die Fourage. Aber alle dieſe Gebäude ſind leer! Sie wollten Sie mit mir füllen. Sie haben noch geſtern die Schneider berufen laſſen, um ihnen den neuen Schnitt zu einem Waf⸗ fenrock für die Infanterie, den Sie gezeichnet und erfunden, zu erklä⸗ ren. Sie wollten heute den Schuſtern das Modell zu den neuen Som⸗ merſchuhen für die Soldaten geben. Und haben Sie mir nicht erſt vor einigen Tagen Ihre Pläne vorgelegt zu den großen Manoeuvres, die wir im Sommer in Böhmen halten wollen? Sie ſehen alſo, vor einigen Tagen dachten Sie nicht daran, Ihr Alter zu fühlen, und der Ruhe zu bedürfen! Aber heute denke ich daran, ſagte Graf Lacy faſt rauh, und ich bitte Ew. Majeſtät, mir meinen Abſchied zu geben. Aber Sie geſtehen wenigſtens zu, daß Ihre Altersſchwäche nur ein Vorwand iſt? Ich bitte um meinen Abſchied, Sire, weil ich das Bedürfniß fühle, mich aus der geräuſchvollen Welt des Hoflebens zurückzuziehen, und ein wenig mir ſelber zu leben. Ich gedenke nach Otalien zu gehen, und dort in einem ſtillen und einſamen Thal mein Leben zu beſchließen. So ſeid Ihr! rief der Kaiſer. Egoiſten, kalte, herzloſe Egoiſten! Immer nur an Euch ſelber denkend, ſchmeichelt Ihr uns armen Fürſten, ſo lange es Euch gefällt, mit den Schwüren Eurer Liebe und Freund⸗ ſchaft, macht es Euch Spaß, unter den Falten unſers Königsmantels das Herz heraus zu ſpüren, und wenn Ihr gefunden habt, daß es ein menſchlich warmes Herz iſt, welches zucken kann vor Schmerz und zit⸗ tern in Freude, wenn Ihr Eure Neugierde befriedigt und geſehen habt, daß der beneidete, anſcheinend ſo angebetete und glückliche Fürſt auch am Ende nur ein armer, unglücklicher, wenig beneidenswerther Men⸗ ſchenſohn iſt, ſo wendet Ihr Euch ab und geht ruhig weiter auf Eurem Wege. Gehen Sie, Lacy, gehen Sie! Sie ſind auch nur, wie ſie Alle, ein Schmeichler mit Worten, ein treuloſer egoiſtiſcher Mann, wenn es darauf ankommt, ſich in Thaten zu bewähren. Sie fordern Ihren Abſchied, ich bewillige Ihnen denſelben! Sie ſind frei! Ich danke Ew. Majeſtät, ſagte der Feldmarſchall ſich tief vernei⸗ gend. Dann richtete er ſich gerade und ſtolz wieder empor, und heftete 125 jetzt ſeine Augen mit einem kühnen flammenden Zornesblick auf den Kaiſer. Und jetzt, da ich frei bin, ſagte er, da ich nicht mehr in dem Subordinations⸗Verhältniß eines Soldaten zu ſeinem Kriegsherrn ſtehe, jetzt müſſen mir Ew. Majeſtät erlauben, Ihnen auf die Vorwürfe zu antworten, welche Sie mir gemacht haben. Sie haben mich angegrif⸗ fen, ich werde mich vertheidigen. Sie haben mich gefragt, weshalb ich meinen Abſchied forderte! Ich werde es Ihnen jetzt ſagen mit dem Freimuth, wie er einem Manne, dem Manne gegenüber, wie er einem Soldaten, der oft genug auf dem Schlachtfeld für die kaiſerliche Fa⸗ milie ſein Blut verſpritzt und ſein Leben gewagt hat, wohl geziemt. Sie ſollen jetzt erfahren, Sire, weshalb ich meinen Abſchied forderte. Ah, endlich! rief der Kaiſer aufathmend und mit einem Ausdruck der Freude, welchen Lacy indeſſen nicht beachtete. Es iſt nicht, weil ich mich alt und kränklich fühle, daß ich den Dienſt aufgeben will, nicht, weil ich der Ruhe bedarf, daß ich mich in die Einſamkeit zurückziehen will! Sie haben alſo doch vorher die Unwahrheit geſagt? Ich habe es gemacht, wie ich es alle Welt hier thun ſehe, ich habe gelogen, Sire, aber ich werde jetzt die Wahrheit ſagen! Ich fühle mich ſtark und kräftig wie in meinen ſchönſten Jünglingstagen, nie hat eines Reiters Hand ſein Pferd kräftiger geführt, wie ich das meinige, nie hat ein Soldatenherz freudiger aufgejauchzt, wie das meinige es in dieſer Stunde noch thun würde, wenn es zur Schlacht gehen ſollte. Wenn ich alſo jetzt meinen Abſchied fordere, ſo geſchieht es, weil ich unzufrieden bin! Unzufrieden mit wem? Mit einem Manne, den ich geliebt habe, wie ein Greis die letzte, ſchönſte Hoffnung ſeines Lebens liebt, unzufrieden mit einem Manne, von dem ich geträumt hatte, daß er von Gott berufen ſei zu einem heiligen Kampfe, zu dem Kampf mit der Heuchelei, der Bosheit, dem Eigennutz, mit all den Laſtern, welche an einem bigotten Hofe herrſchen, und das Unglück und die Schmach der Völker erzeugen. Mein Gott, wie habe ich dieſen Mann geliebt! Um ſeinetwillen habe ich Tag um Tag den Kampf wieder aufgenommen mit den Dunkelmännern und Heuchlern, um ſeinetwillen habe ich mit den Schwarzröcken und Pfaffen 7 1 126 mich täglich herumgeſchlagen, wenig bekümmert darum, daß ſie mich verläſtern und verunglimpfen, und in ihrem zelotiſchen Eifer die Rache Gottes, ihres Gottes auf mein Haupt hernieder rufen! Um ſeinetwil⸗ len machte ich mich, wie Ew. Majeſtät es vorhin bemerkten, zu einem Schuſter und Schneider für die Soldaten, ward ich zum Baumeiſter von Magazinen und Caſernen, wollte ich die erſtern mit Lebensmitteln und Kleidung, die letztern mit tüchtigen Soldaten füllen. Um ſeinetwil⸗ len ertrug ich's, daß man mich haßte und verfolgte, daß die Officiere mich einen Geizhals und Knauſer nannten, weil ich ihnen die Gewalt nahm, ihren Souverain zu betrügen, und die Compagniegelder einzu⸗ ſtecken, für welche ſie ihre Soldaten zu verſorgen hatten, doppelt zu hoch anzuſchreiben, während ſie doch die Soldaten in ſchimpflicher Dürftigkeit einhergehen ließen. Um ſeinetwillen lacht' ich dazu, wenn ich für all dieſe Mühſeligkeiten, dieſe kleinlichen Sorgen, auch von den Soldaten nur Undank und Spott erntete, weil ich mich ſogar herab⸗ ließ, für ſie den Schuſter und den Schneider, den Koch und den Wirth⸗ ſchafter zu machen. Aber ich wollte dieſem einzigen Mann, welchen ich liebte, eine tapfere, edle und kriegsbereite Armee geben, weil ich hoffte, daß er ihrer eines Tages bedürfen könnte, um die großen und leuchtenden Pläne, welche in ſeinem Haupte flammten, auszuführen, ich wollte ihm Soldaten erziehen, welche geſund an Leib und Seele jeden Augenblick freudig bereit wären, für das Vaterland und für die Ehre in den Kampf zu ziehen. Ich wollte ihm eine Armee geben, welche dieſer im Dunkeln ſchleichenden, ewig heuchelnden, ewig verläſternden Armee von Schwarzröcken einen feſten Damm entgegen ſetzen ſollte. Ach, ich war ein alter Thor, denn ich rechnete auf meinen Liebling, daß er, wie der heilige Georg, mit dem flammenden Schwert dieſe Lindwürmer bekämpfen ſollte, und ich wollte alsdann an ſeiner Seite ſtehen, um ihn ſiegen zu helfen. Und er hat Ihre Rechnung zu nichte gemacht? fragte der Kaiſer mit einem ſanften Lächeln. Er iſt klüger geweſen wie ich, Sire! Er hat eingeſehen, daß die Welt jetzt keine Krieger und keine Männer mehr gebrauchen kann, ſon⸗ dern daß es Zeit iſt, ſein Schwert in die Scheide zu ſtecken, und ſich, da man auf Erden keinen Kampf mehr hat, nun auch zuletzt mit dem „ 1, nich Rache etwil⸗ inem eiſter tteln twil⸗ lciere walt (ingu⸗ ſt zu icher venn den , 127 Himmel zu verſöhnen! Oh er iſt viel klüger, wie ich, denn er hat es aufgegeben, einen eigenen Kopf, eigene Gedanken und eigene Anſichten zu haben, er findet es viel bequemer, Andere für ſich handeln und denken zu laſſen.* Den Fürſten Kaunitz zum Beiſpiel? fragte der Kaiſer wund. Ja, den Fürſten Kaunitz! rief der Graf mit mühſam zurückgehal⸗ tenem Zorn. Es iſt allerdings viel leichter, ſich von dieſem aufgeblaſenen alten Herrn, der ſich den Kutſcher der europäiſchen Politik nennt, in der goldenen Kutſche träger Herrlichkeit umherfahren zu laſſen, und ſein Leben in ſorgloſem Müßiggang zu vertändeln, ſtatt ſelber die Zügel zu ergreifen, und die alte Kutſche, welche lange genug im Sand dahin ge⸗ ſchleppt worden, auf einen neuen Weg zu führen. Und den alten Kutſcher erſt vom Bock zu werfen, damit er von den Hufen der dahin brauſenden Roſſe der neuen Politik zerſtampft werde, nicht wahr? fragte der Kaiſer ernſt. Man hätte ihn wohl auf gütliche Weiſe von einem Sitz zu ent⸗ fernen, der ihm nicht zukommt! Der ihm zukommt, weil eine hohe und mächtige Hand ihm den⸗ ſelben angewieſen hat! Nun, ſo möge er ihn behalten, rief Lacy zornig. Möge er immer⸗ hin thronen auf ſeiner Höhe, und unter ſeinen Höflingen und Schmeich— lern auch Denjenigen ſehen, welcher ſein Herr und ſein Meiſter ſein ſollte; nur will ich nicht verdammt ſein, es zu ſehen, und meinen Aerger und meine Galle täglich ſchweigend wieder verſchlucken zu müſſen, um dem alten hochmüthigen Miniſter, der hier mehr iſt als der Kaiſer ſelbſt, meine reſpectvolle Reverenz zu machen! Laſſen mich Ew. Majeſtät alſo gehen! Ich bin wirklich nichts nütze am Hofe Sr. Durchlaucht des Miniſters Fürſten Kanse Gehen Sie, ich halte mener Gleichgültigkeit. Graf Lacy ſah faſt ein wenig erſtaunt zu dem Kaiſer hinüber. Gut, ſagte er dann rauh. Ich gehe! Leben Sie wohl! Leben Sie wohl, Herr Feldmarſchall außer Dienſt, rief der Kaiſer, leicht mit dem Kopf nickend. Lacy machte eine tiefe, militairiſche Verbeugung, und ging dann nicht! ſagte der Kaiſer mit vollkom— — 128 im ernſten, ſtolzen Paradeſchritt der Thür zu. Der Kaiſer ſchaute mit einem Blick voll unendlicher Liebe auf dieſe ſtolze kräftige Kriegergeſtalt, deren Schmerz er an dem geſenkten Haupt, an dem Schritt, welcher immer mehr zögerte, je mehr er ſich der Thür näherte, errathen konnte. Jetzk legte der Feldmarſchall die Hand auf den Griff der Thür, um ſie zu öffnen. Lacy, ſagte der Kaiſer in einem halb bittenden, halb befehlenden Ton. Der Feldmarſchall wandte ſich um, und es war ein ſeltſames Zucken in ſeinen harten Zügen. Was befehlen Ew. Majeſtät? fragte er. Ich habe Ihnen nichts mehr zu befehlen, denn Sie haben Sich von mir losgeſagt, und Sie ſind jetzt alſo ein freier Mann! Ich wollte mir nur noch eine Frage erlauben! Sie haben vergeſſen, mir den Na⸗ men des unglücklichen Mannes zu nennen, auf den Ihr Herz gehofft, und der Sie enttäuſcht hat. Wollen Sie mir nicht jetzt zum Abſchied den Namen Ihres entarteten Lieblings nennen? Sire, es nützt nichts mehr, ihn zu nennen! Es iſt doch Alles vorbei! ſagte Lacy finſter. Nun denn, ſo gehen Sie! Aber einen letzten Freundſchaftsdienſt, Lacy! Ich will Ihnen beichten! Ich will Sie, welchen ich geliebt habe als meinen Lehrer, meinen Mentor und Freund, ich will Sie zum letzten Mal auf dem Grunde meines Herzens leſen laſſen, Sie ſollen das Geheimniß meiner Gedanken mit in Ihre Einſamkeit neh⸗ men! Kommen Sie hieher, Lacy, dicht an meine Seite, hier inmitten der Stube wird uns Niemand belauſchen können, und die Ohren der Wände werden nicht die Beichte vernehmen, welche der kleine Joſeph dem großen Laey machen will. Lacy, mein Geiſt beugt ſich vor Ihnen auf die Kniee, und wenn ich nicht auch mit meiner Geſtalt vor Ihnen niederkniee, um zu beichten, ſo geſchieht das nur, weil ich weiß, daß der Lacy die Schwarzröcke genug haßt um nichts, ſelbſt nicht eine Form und ein Ceremoniell mit ihnen gemein haben zu wollen! Und nun hören Sie, mein Freund und mein Lehrer. Sire, ich höre, ſagte Lacy, indem er dicht zu dem Kaiſer heran⸗ tretend, ſeine ernſten Blicke auf denſelben heftete, und die Hände fal⸗ tete, als handele es ſich hier wirklich um einen heiligen Act, für den er den Segen des Himmels herabflehen wolle. . te mit eſtalt, velcher onnte. , um Ton. ſames gte er. h von wollte Na⸗ hofft, ſchied Alles dienſt ſeliebt neh⸗ nitten n der ſeph Ihnen Ihnen „daß eine Und heran⸗ de jal⸗ den er 129 Der Kaiſer legte ſanft die Hand auf ſeine Schulter und nickte ihm zärtlich zu. Sie wiſſen, ſagte er dann, was ich gelitten und ge⸗ duldet habe von früheſter Jugend auf; Sie wiſſen, daß ich einſam und gemieden an dieſem Hofe geweſen bin, ſo lang ich athme undedenke! Weil ich nicht denken konnte wie die Andern, haben ſie mich verleum⸗ det und geläſtert, weil ich nicht heucheln wollte, haben ſie mich ver⸗ ketzert; weil ich die Dunkelheit, welche über meinem ſchönen Oeſterreich lagert, zerſtreuen wollte, haben ſie mich einen Freigeiſt geſcholten. Von meiner Mutter beargwöhnt, von den Prieſtern verleumdet, von den kriechenden Höflingen gefürchtet, weil ich oft genug ihrer ſpottete, von dem hohen Adel gehaßt, weil ſie wiſſen, daß ein Tag kommen wird, wo ich ihre Privilegien in Staub verwandeln werde, rings umgeben von Widerſachern und Feinden, habe ich ein einſames, düſteres Daſein geführt als Knabe, als Jüngling und als Mann! Einmal ſiel ein Strahl des Glückes auf mich nieder, und durchleuchtete mein ganzes Innere, einmal ſtand die Liebe in holdeſter Frauengeſtalt neben mir, und berührte mit ihrem Roſenſinger mein Herz, daß die Rinde ver⸗ härteter Thränen von ihm abfiel und er frei aufathmete im Sonnen⸗ ſchein des Glückes. Aber Sie wiſſen es ja, die Sonne geht unter, und ihr folgt die Nacht! Meine Nacht iſt ſchon lange wieder ange— brochen, und ſie iſt zuweilen ziemlich finſter geweſen, ziemlich ſtürmiſch! Aber was thut's, ich hoffe immer noch auf meinen Morgen, und wenn er aufgeht, ſo will ich ihn ſo glänzend und hell machen, daß die ganze Welt ihn ſehen kann, und daß es Licht wird in allen meinen Landen! Ich hoffe auf meinen Morgen, aber fern ſei es von mir, ihn herbei⸗ zuwünſchen, denn Diejenige, welche ihn von mir fern hält, iſt meine Mutter, und ich liebe ſie, als ihr Sohn, ich bin ihr Gehorſam ſchul⸗ dig, als ihr Unterthan. Aber es iſt noch eine dritte Eigenſchaft in mir, und dieſe ſträubt ſich gegen den Gehorſam, welchen der Sohn und der Unterthan der Kaiſerin ſchuldig iſt! Ich bin Mitregent, ich bin Kaiſer! Der Kaiſer kann nicht gut heißen, was der Sohn und der Unterthan ſchweigend ſieht, der Kaiſer kann die Nacht nicht loben, da er das Licht kennt und es ſeinen Völkern geben möchte! Ich habe alſo verſucht, meine Pflicht als Kaiſer zu erfüllen, und den Dunkel⸗ männern, welche den Thron meiner Mutter umlagern, die Männer Kaiſer Joſeph. 2. Abth. I. 9 — —— 130 des Lichts entgegenzuſtellen, und mit ihnen vereint den Kampf zu wa⸗ gen, den Kampf des Neuen gegen das Alte. So ungleich der Kampf auch ſein mochte, ſo hatte ich doch neben mir einen Feldherrn, der alleingmehr werth war, als das Heer von Prieſtern und Ariſtocraten, mit welchen der Cardinal Migazzi und die Jeſuiten gegen uns ins Feld rückten! Ich hatte neben mir den Lacy! Und ſeine Art, die Möncheund ihren Anhang zu bekriegen, iſt grade dieſelbe, als womit er vor einigen Jahren dem König von Preußen die Spitze bot; es iſt die vertheidigende Art Krieg zu führen. Wie oft hat mir der Lacy Pläne vorgelegt von verſchanzten Lagern, Zickzackmärſchen und vortheilhaften Retiraden, vor denen der Kardinal Migazzi mit all ſeinen braunen, ſchwarzen und weißen Truppen das Feld räumen und die Winterquar⸗ tiere beziehen mußte, ohne ſchlagen zu können! Aber all dieſe Kämpfe waren doch vergeblich, und haben Ew. Majeſtät wenig genützt, ſeufzte Lacy. Sie mußten auch vergeblich ſein, weil da noch eine dritte Partei war, eine Partei, an deren Spitze ein in ſeiner Art gar mächtiger und großer Feldherr ſteht! Ah, Ew. Majeſtät meinen den Fürſten Kaunitz, ſagte Lacy düſter. Ja, den Fürſten Kaunitz, Lacy, den Mann, der ſich ſelbſt den größten Staatsmann Europa's nennt, und der es in gewiſſem Be⸗ tracht auch iſt, den Mann, welchem die Kaiſerin es verdankt, daß wir nicht allein jetzt Frieden haben, ſondern daß das Haus Oeſterreich im ganzen Europa jetzt keine Feinde hat, und dennoch eine zahlreiche und glänzende Armee erhält, die es, Dank den glücklichen und ökonomiſchen Arrangements des Fürſten Kaunitz, auch ernähren und bezahlen kann! Ich habe geglaubt, daß man Armeen hält, um Kriege zu führen, murrte Lacy. Ich habe das auch geglaubt, ſagte der Kaiſer lächelnd. Aber der Fürſt Kaunitz iſt anderer Meinung, und da er es iſt, ſo iſt es auch meine Mutter, ſo werden wir unſere Armeen nur haben, um jährlich Manoeuvres und Revuen zu halten, und in nachgebildeten Schlachten uns zu entſchädigen für die wirklichen, die wir nicht haben können, weil Kaunitz es nicht will! Kaunitz iſt bis hieher der eigentliche Herr⸗ ſcher von Oeſterreich geweſen, und wir dürfen das nicht tadeln, denn ———,—— wa⸗ umpf der tten, ins die t er den Be wir rim und ſchen unn! rren, Aber auch hrüch ichten unen, Herr⸗ denn 131 er hat ſich als ein treuer Diener Oeſterreichs bewährt, und das Vertrauen meiner Mutter hat ihn zu Dem gemacht, was er iſt. Und beſſer noch, daß Er regiert, als daß die Prieſter ganz und gar die Herrſchaft erlan⸗ gen ſollten. Er iſt die Vormauer, welche zwiſchen uns und den Schwarz⸗ röcken ſteht, und er hat uns ſchon manches Scharmützel abgeſchlagen. Wenn wir ihn für uns gewinnen und auf unſere Seite bringen könnten, ſo wäre uns der Sieg gewiß, und wir würden hier die Stärkſten ſein! Aber Kaunitz zu gewinnen iſt ſchwer. Er iſt ein ſtolzer, harter Fels, der ſich ſo hoch dünkt, daß er vermeint, bis in den Himmel hinein zu ragen, und die Sonne ſelber zu ſein, welche nur ihrer eigenen Kraft bedarf, um zu leuchten. Er iſt daher auch unbeſtechlich in dem gewöhn⸗ lichen Sinne des Wortes! Aber inmitten ſeiner ſtolzen Sicherheit hat er doch zuweilen Momente der Beunruhigung. Er wendet zuweilen den Blick von dem Glanz ſeiner Gegenwart auf die Zukunft hin, die ihm noch ein wenig dunkel und unklar erſcheint. Er ſteht zwiſchen zwei Fürſten, die gar ſehr verſchieden ſind, und in ſeinen geheimſten Stun⸗ den fragt er ſich zuweilen, wie es möglich ſein wird die Gunſt der Einen Partei zu bewahren, und die der Andern zu gewinnen, ſeinen jetzigen Credit nicht zu verlieren um bloßer Hoffnungen willen und die Hoffnungen doch nicht aufzugeben um des jetzigen Credits willen. Bei Gott, Ew. Majeſtät haben ſehr ſcharf geleſen in dem un— durchdringlichen Geſicht des Fürſten Kaunitz, rief Lacy lächelnd. Ich habe Jahre lang dazu Zeit gehabt, denn Kaunitz hatte dafür geſorgt, daß der Mitregent meiner Mutter nichts zu thun hatte, weil der Miniſter Kaunitz Alles that. Aber endlich, Lacy, endlich konnte ich dieſen erzwungenen Zuſtand der Unthätigkeit nicht mehr ertragen, endlich glühte ich darnach, meinen Antheil zu haben an der Regierung und an der Arbeit, endlich wollte ich Spielraum haben auch etwas zu thun für dieſes Volk, welches ich leiden ſehe, und dem ich bisher nichts geben konnte als meine Liebe. Da ſelbſt der große Lacy mir nicht hatte zu einem entſcheidenden Siege helfen können, ſo beſchloß ich mir ſelber zu helfen, ich, ganz allein! Mir ſo zu helfen wie es Brutus that, indem er den Blödſinnigen ſpielte, und ſich zum Hofnarren ſeines Tyrannen machte. Ich rechnete auf Diejenigen, welche mich genugſam kennen mußten, um nicht an mir irre zu werden, auf die wenigen 9* 132 Freunde, welche mein Herz kannten, ich rechnete vor allen Dingen auf Lacy, und ich dachte, er wird dieſe Kriegsliſt durchſchauen, und ſeine Augen werden erkennen, was mein Mund nicht verrathen darf! Ich ward alſo mein eigener Brutus, und näherte mich ſo dem allmächtigen Miniſter meiner Mutter! Da es unmöglich war, des Fürſten Macht zu zerſtören oder auch nur ſeinen Einfluß auf die Kaiſerin zu contre⸗ balanciren, ſo blieb mir nur übrig auf ihn ſelber einwirken. Es wäre vergeblich ihn beſtechen zu wollen, ich mußte alſo ſuchen ihn zu verfüh⸗ ren, und ſeinem Ehrgeiz und ſeinem Stolz zu ſchmeicheln. Denn die⸗ ſem großen Mann geht es wie dem Achilles, er hat auch ſeine Ferſe wo er verwundbar iſt. Dieſe Ferſe iſt ſeine Eitelkeit! Oh, jetzt fange ich an zu begreifen, rief Lacy freudig. Sie fangen an zu begreifen! wiederholte der Kaiſer nicht ohne Ironie. Für einen Mann, der ſich meinen Freund nannte, iſt dieſes Begreifen ziemlich ſpät! Ich war feſt entſchloſſen, aus meiner Unthätig⸗ keit hervorzugehen, und endlich die Rolle zu ſpielen, die mir gebührt. Ich richtete mich alſo ſtolz empor an der Ferſe meines Achilles. Ich ſchien es von nun an nicht mehr zu ſehen, wenn der Fürſt gegen mich die Ueberlegenheit eines Mannes annahm, der ſich als den ſchützenden Genius der öſterreichiſchen Monarchie betrachtete. Ich ſchien nicht mehr beleidigt zu werden von dem Hochmuth und der Zurückhaltung, mit welchen er mir entgegentrat. Ich war es ſogar zufrieden, daß der Fürſt Kaunitz mich nach Neuſtadt begleitete, und dort ganz allein ſeine Conferenzen mit dem König von Preußen hielt. Ich gönnte dem Fürſten dieſen an⸗ ſcheinenden Triumph, welcher zugleich meine Mutter und ihn ſelber ſicher machte. Aber indem Kaunitz ganz allein mit dem König confe⸗ rirte, ahnte er doch nicht, daß er ſchon ein Werkzeug in meinen Händen war, und daß er grade das that und ſprach, wäs ich wollte! Ich ſtand hinter den Couliſſen und lenkte die Maſchinerie, und wiſſen Sie, wie mir das gelang? Dadurch, daß ich durch ein rückſichtsvolles und zuvor⸗ kommendes Betragen dem Stolz des Fürſten ſchmeichelte, durch einen feſten Willen ſeinen Ehrgeiz allarmirte! Dadurch bin ich dahin gekommen, ihn zu beherrſchen! Ich ward ſein Schmeichler, weil ich ſein Herr ſein wollte!*) Und ich ward ſein Herr! Nicht ſo weit wie es mir geziemt, aber *) Des Kaiſers eigene Worte. Siehe Ferrand. Bd. I. S. 89. N 133 auf. doch genug, um meine Zukunft vorzubereiten. Ich habe dadurch den eine Kaunitz zu einem Vermittler gemacht zwiſchen mir und der Kaiſerin. Ich Seine Aufgabe iſt es, meine Neigungen mit dem Willen meiner Mutter gen zu verſöhnen, meinen gerechten Forderungen und Anſprüchen bei ihr ꝛcht Gehör und Anerkennung zu verſchaffen, und ihr das was ich will rre und fordere ſo darzuſtellen, daß es ihrem religiöſen Sinn nicht als äͤre Freigeiſterei erſcheint. Ich herrſche jetzt durch Kaunitz, weil er ſich ein⸗* üh⸗ bildet, dereinſt dann durch mich herrſchen zu können! Nun, Lacyl haben 4 ie⸗ Sie mich jetzt verſtanden, und verzeihen Sie mir, daß Sie mich unter 5 eſe den Schmeichlern und Höflingen des Fürſten Kaunitz geſehen? 4 Ich bin es, der um Verzeihung zu flehen hat, Majeſtät, ſagte Lacy 3 tiefbewegt, ich, deſſen kurzſichtige Augen nicht hinaufreichten zu Ihrer hne Größe, und Ihr hohes Wollen nicht zu erkennen vermochten. Oh mein ſes Kaiſer und mein Herr, Vergebung für einen alten Soldaten, deſſen tüg⸗ Blut und Leben Ihnen gehört, und der glückſelig iſt, ſich diesmal in 3 hel. Eurer Majeſtät geirrt zu haben!: jien Aber was hilft es Ihnen und mir jetzt noch, daß Sie Ihren Irr⸗ die thum erkannt haben? fragte der Kaiſer mit anſcheinender Gleichgültig⸗ 1 ius keit. Sie werden ja keinen Antheil haben an meinen verſteckten Kämpfen 1 digt und meinen herrlichen Siegen? ner Ew. Majeſtät wollen mir alſo nicht erlauben, bei Ihnen zu blei⸗ nit ben? fragte Lacy mit flehendem Ton. 1 gen Sie ſind ja alt, Lacy, und bedürfen der Ruhe, Sie ſind krank, 1 an⸗ und müſſen Sich zurückziehen vom Hofe! 42 ber Nein, Sire, ich bin nicht alt, denn ich fühle da ein jugendliches 4 ife⸗ Herz in meiner Bruſt, welches vor Freuden klopft; ich bin nicht krank, den denn ich ſehe, daß mein Kaiſer immer noch derſelbe iſt, daß er meiner and noch bedarf, daß ich ihm noch nützen kann. Ich will mich nicht zurück⸗ tie ziehen vom Hofe, denn alsdann würde ich die Stimme meines Kaiſers vor naicht hören, wenn er den Lacy ruft, mit ihm hinaus zu ziehen in die lven Schlacht und zum Sieg!.* 1 nen Ach, ich fürchte, Lacy, wir werden noch lange Winterquartier gus⸗ fin zuhalten haben, ehe unſer Frühlingsfeldzug beginnt. ͤ über Nun, hat mir nicht der König von Preußen ſelbſt zugeſtanden, daß ich ein guter Quartiermeiſter bin? Schicken mich alſo Ew. Majeſtät 2ᷣ* 4 134 nicht fort von Ihrer Armee, laſſen Sie mich bei Ihnen in den Winter⸗ quartieren! Wohl, ſagte der Kaiſer lächelnd, ich will es thun! Aber unter Einer Bedingung! Haben Ew. Majeſtät die Gnade, mir dieſe Bedingung zu nennen! Ich nehme ſie an, ſchon ehe ich ſie kenne. Nun denn, ſagen Sie mir jetzt den Namen Deſſen, den Sie einſt Ihren Liebling nannten, und der es jetzt nicht mehr iſt. Sire, nur als ich glaubte, ihn verloren zu haben, durfte ich in meiner Verzweiflung es wagen, ihn meinen Liebling zu nennen, jetzt darf ich das nur thun in der Stille meines Herzens. Sie ſind meine Bedingung eingegangen. Den Namen alſo Ihres Lieblings! Nun denn, wenn Ew. Majeſtät es ſo wollen! Der Name meines Lieblings iſt Joſeph! Er neigte ſich nieder auf die Hand des Kaiſers, und wollte ſie an ſeine Lippen ziehen, aber dieſer entzog ſie ihm heftig. Mit einer ungeſtümen Bewegung breitete er ſeine beiden Arme aus, und ſchaute mit Blicken voll unendlicher Liebe auf den Freund hin. An mein Herz, mein treuer, mein wiedergefundener Freund, rief der Kaiſer mit vor Rührung zitternder Stimme. Ich auch habe einen Liebling, den ich mir verloren glaubte, und dieſer Liebling heißt Lacy! V. Polniſche Wirthſchaft. Die Gräfin Wielopolska war allein in ihrem Gemach. Sie ging mit haſtigen Schritten auf und ab, zuweilen vor dem großen Trumeau ſtehen bleibend, um ihre eigene, reich geſchmückte Geſtalt zu betrachten, dann wieder bei jedem Rollen eines Wagens an das Fenſter eilend, und enttäuſcht von demſelben zurücktretend, wenn der Wagen vorüberfuhr. Er kommt heute ſehr ſpät, ſeufzte ſie leiſe. Vielleicht hat er es ter⸗ nter en! 135 vergeſſen, daß er mir überhaupt ſein Kommen verſprochen! Mein Gott, mein Gott, er liebt mich nicht! Ich werde niemals Gewalt über ihn haben. Er wird Polen nicht retten, denn ſein Herz iſt kalt!— Und doch, murmelte ſie nach einer Pauſe, doch ruht ſein Blick oft mit ſo glühendem Feuer auf mir, doch fühle ich oft das Zittern ſeiner Hand, wenn er die meine drückt, doch ſagt mir ſein tägliches Kommen, daß er es liebt bei mir zu ſein. Ach, und ſeine Nähe läßt mich zuweilen ſogar vergeſſen, was ich will, vergeſſen des erſonnenen Plaus, und ganz Hingebung, ganz Gefühl— nein, nein, unterbrach ſie ſich ſelbſt, ich darf das nicht denken, ich will es nicht! Meinem Vaterland iſt mein Leben und mein Herz geweiht, keine andern Gefühle, keine andern Wünſche dürfen in demſelben wohnen! Hinweg mit Euch, Ihr ſchwär⸗ meriſchen Mädchengedanken, ich— Die Gräfin unterbrach ſich und horchte, denn ſo eben hielt ein Wagen vor ihrer Thür an, und ſie hörte die Glocke der äußern Thür ſchellen. Er kommt, er kommt! flüſterte ſie athemlos, und ihre glühenden Blicke wandten ſich der Thür zu. Dieſe that ſich jetzt auf, und auf der Schwelle erſchien eine junge Dame von bewunderungswürdiger Schönheit, in glänzendſter Toilette, Hals und Arme funkelnd von Bril⸗ lanten. Gräfin Zamoiska! rief die, Gräfin überraſcht, indem ſie der Dame entgegeneilte. Und weßhalb ein ſo kalter, ceremonieller Empfang, meine theure Anna? fragte die Dame mit einem fröhlichen Lachen. Bin ich nicht mehr kurzweg Deine kleine Luſchinka, wie Du mich in der Penſion nannteſt, und haben wir uns dort nicht ewige Liebe und ewige Treue geſchworen? Ja, wir thaten es, ſagte Gräfin Wielopolska ernſt, aber ſeitdem ſind ſechs Jahre vergangen, und welche fürchterlichen ſechs Jahre! Nun, ich weiß nicht, rief die Dame, indem ſie zum Spiegel trat und einen lächelnden Liebesblick auf ihr eigenes Bild warf, ich weiß nicht, weshalb Du dieſe ſechs Jahre ſo fürchterlich findeſt! Es waren die ſechs Blüthenjahre unſerer Schönheit, und ich mache Dir mein Kompli⸗ ment, Du warſt, als wir die Penſion verließen, um uns Beide zu ver⸗ mählen, nicht ſchöner, als Du es heute biſt. Ob ich mich verändert habe? Nun, Du ſiehſt, mein Herz iſt wenigſtens unverändert geblieben, 136 und kaum erfahre ich bei meiner Ankunft in Wien von der Frau von Salmour, daß Du hier biſt, als ich ſofort zu Dir eile! Ach, ich habe es immer ſo ſehr bedauert, daß Deine Familie ſich in die Politik miſchte, und Dir das Leben ſo umdüſterte. Wie abgeſchmackt von Deinem Ge⸗ mahl, ſich das Leben zu nehmen, und gerade am Tage vor einem Mas⸗ kenball, den der König arrangirt hatte, und bei welchem Dein Mann doch mit dem König in derſelben Quadrille tanzen ſollte! Ja, ſagte die Gräfin leiſe vor ſich hin, der König, mein Gemahl, der ruſſiſche General Repnin, der eben hundert polniſche⸗Edelleute hatte hinrichten laſſen, und der Ruſſe Branicki, der es liebte zu ſeinem Ver⸗ gnügen die polniſchen Dörfer in Brand zu ſtecken, das waren die Herren dieſer Quadrille.. Die Dein Gemahl auf eine ſo ungenteele Weiſe ſtörte, ergänzte Gräfin Zamoiska. Die Quadrille hätte gar nicht zu Stande kommen können, wenn nicht Herr von Bibezkoi raſch ſich als Remplagant ge⸗ meldet, und die ganze Nacht gellbt hätte, um die Tanztouren zu lernen. Vraiment, ein ſehr liebenswürdiger Cavalier, der Herr von Bibezkoi! Ein Ruſſe! ſagte die Gräfin lakoniſche Nun, lachte die Dame, was kümmert es uns Frauen, von welcher Nation die Cavaliere ſind, wenn ſie es verſtehen, den Damen zu ge⸗ fallen und ihnen auf eine angenehme Art die Cour zu machen. Dis donc, ma chère, haſt Du noch immer Deine Politik nicht aufgegeben, und ſchwärmſt für dieſe enragirten Landsleute, welche unſer armes, ſchönes Vaterland mit ſo wüſtem Geſchrei und ſo unharmoniſchem Frei⸗ heitsgebrüll beunruhigen? Du weißt, daß der Graf Pac meines Vaters theuerſter Freund iſt, und daß ich ihn als meinen Vater liebe und ehre! Ah, der Graf Pac, das Haupt der Conföderirten zu Bar, ſagte Gräfin Zamoiska gleichgültig. Ich bitte Dich, chdere Anne, laß uns nicht politiſiren. Es giebt nichts Langweiligeres als die Politik, und ich begreife nicht, wie eine Frau Gefallen daran finden kann! Mon dieu, es giebt ja ſo viele andere Dinge, welche für uns Frauen von der höchſten Wichtigkeit ſind. Zum Beiſpiel: wie amüſirt man ſich hier in Wien? Wie lebſt Du? Haſt Du viele Courmacher? Beſuchſt Du viele Bälle? 137 Hältſt Du mich wirklich für ſo niedrig und entartet, daß ich tanzen könnte, während Polen leidet und ſich verblutet? fragte Gräfin Wielo⸗ polska in edlem Zorn. Die Gräfin Zamoiska lachte laut auf. Ah, voyons, eine neue Jeanne d'Arc, welche das polniſche Heroinenthunz wieder zu Ehren bringen will! Ich verſichere Dich, meine ſchöne Anna, wir haben in Warſchau niemals mehr getanzt und glänzendere Feſte gefeiert, als in dieſen letzten Jahren, ſeit die ſchönen euſſiſchen Regimenter in Warſchau ſtationiren, und die ruſſiſchen Officiere am Hofe unſers guten Königs erſcheinen. 2— Ihr habt getanzt? rief die Gröfin entſetzt. Getanzt mit den ruſ⸗ ſiſchen Officieren, welche vielleicht geſtern erſt das Blut Eurer Brüder, Eurer Vettern vergoſſen, oder ſie in finſtere Kerker geſchleppt haben! Ihr habt getanzt, während das ganze polniſche Volk jammert und klagt, und perzweifelt! 5 7 A Ah bah, ne parlez pas du peuple! rief Gräfitt Zamoiska lachend. Das Volk iſt ein Haufen dummen ſchmutzigen Geſindels, nicht beſſer als das Vieh, und auch nicht werth, daß es beſſer gehalten werde! Ich kenne kein polniſches Volk! Wo iſt es in Polen? Oder willſt Du unſere Leibeigenen, oder unſere ſchmutzigen, betrunkenen Bauern ſo nen⸗ nen, ma chère? Oder ſind's vielleicht die Räuberbanden, welche ſich jetzt aller Orten aus dem niedrigſten Geſindel zuſammenrotten, und ſelbſt die Umgebung von Warſchau unſicher machen? Dn haſt Recht, ſprechen wir nicht von Politik, ſeufzte Gräfin Wielopolska. Erzähle mir von Warſchau! Vom Hofe, von Deinen Freunden! Sie führte, die Gräfin zum Divan, und ſetzte ſich neben ihr nieder. Alſo ein wenig chronique scandaleuse möchteſt Du hören? fragte Gräfin Zamoiska lachend. Ah ma chere, daran fehlt es freilich nicht, denn es iſt ein gar heiteres und luſtiges Leben an unſerm Hofe zu Warſchau. Der König iſt noch immier ein gar ſchöner Cavalier, und ſein Herz hat, trotz der Kaiſerin Katharina, noch immer einige Gluthen bewahrt. Du kennſt ſeine Liaiſon mit der ſchönen Gräſin Kannizka! Freilich, Du mußt ſie kennen, denn ſie war ja eine Schweſter Deines Gemahls! Eine unwürdige, ehrloſe Schweſter, welche die Geliebte des Man⸗ 138 nes war, der ſein Vaterland verrieth und ſich zum Sclaven unſerer Feinde machte! Aber dieſer Mann war ein König, ſagte die Gräfin achſelzuckend. Stanislaus war als Liebhaber ſehr hinreißend und verführeriſch, und die ſchöne Kannizka liebte ihn wirklich ſo leidenſchaftlich, daß ſie un⸗ tröſtlich war, als die Liebe des Königs endlich, wie das ja nicht anders ſein kann, zu erkalten anfing. Ah, ſie hat alſo ihre Strafe erhalten, rief Gräfin Wielopolska faſt freudig, der König hat ſie verlaſſen! Nicht doch, meine liebe Anna! Du wirſt doch Deiner Schwägerin nicht eine ſolche bétise zutrauen, die Rolle einer Dido zu übernehmen! Sie beſtrafte den Verbrecher, faſt noch ehe er geſündigt hatte. Da ſie ahnte, daß der König vielleicht eines Tages ſie verlaſſen könnte, kam ſie ihm zuvor und verließ ihn, und fing eine Liaiſon an mit dem Fürſten Repnin! Mit Repnin?rief Gräfin Anna entſetzt. Mit dem Geſandten der Kaiſerin von Rußland? Mit demſelben, nickte Gräfin Zamoiska. Ah, mein Herz, Du hätteſt die Verzweiflung des Königs ſehen ſollen, als er dieſen Verrath ſeiner Geliebten erfuhr, und allerdings, es war ein wenig boshaft von der Gräfin, dem König gerade den Mann zum Nachfolger zu geben, welcher, wie man ſagt, eigentlich auf dem Thron ſein Nachfolger, und der ei⸗ gentliche König von Polen iſt. Aber hinreißend liebenswürdig war der König in ſeinem Liebesſchmerz. Er verſuchte Alles, ſich mit der Gräfin zu verſöhnen, er belagerte wie ein Troubadour ihr Haus mit Serenaden, er ſchrieb ihr die zärtlichſten Briefe, er beſchwor ſie um eine Zuſam⸗ menkunft. Alles vergeblich! Gräfin Kannizka blieb unerbittlich, ſie ver⸗ ſchloß ihm ihre Thür, und hat jetzt noch eine erklärte Liaiſon mit Repnin! Der König war wirklich lange Zeit untröſtlich!*) Er gab Bälle und Feſte, um ſich zu zerſtreuen, er ſpielte ganze Nächte hindurch, er ver⸗ ſäumte keinen Abend das Theater, und gab Maskenbälle und Schlitten⸗ partieen, aber man ſah es ihm doch an, daß er innerlich traurig und voll Verzweiflung war, und wäre es der ſchönen Sängerin Tiſſona *) Wraxall Memoirs of the Court of Vienna ete. Vol. II. p. 96. 2 139 nicht endlich gelungen, ihn zu tröſten, ſo würde unſer ſchöner König am Ende geſtorben ſein vor Liebesgram! Er iſt alſo getröſtet! rief Gräfin Wielopolska ironiſch. Er lacht wieder und giebt Feſte, er tanzt und ſpielt, dieſer gute König von Polen, und während der Zeit verbluten ſich die Edelſten der Polen in unſeligen Kämpfen gegen die Freunde ihres Königs, und während der Zeit ſtirbt das unglückſelige beklagenswerthe Polen, und verfällt der Sclaverei und der ruſſiſchen Knute. Oh, Stanislaus, Stanislaus, Polen wird eines Tages vor dem Throne Gottes Rechenſchaft von Dir fordern, und die Helden, welche Du in den Tod getrieben, werden Dich fragen, was Du angefangen haſt mit ihrem Vaterlande und mit der Freiheit Polens. Vraiment, meine liebe Anna, wenn man Dich hörte, ſollte man vermeinen, Du gehörteſt auch zu den Conföderirten, welche neulich das ſchauderhafte Attentat gegen unſern guten König gemacht haben! rief Gräfin Zamoiska lachend. Was für ein Attentat? fragte die Gräfin erbleichend. Nun, das Attentat auf ſein Leben, das neulich von Lukawski, Stra⸗ winski und Koſinski gemacht worden! Du kennſt es nicht? Ich kenne es nicht, ſagte die Gräfin, deren ganze Geſtalt erbebte in fieberiſcher Aufregung. Nichts weiß ich von dieſem Attentat. Ich beſchwöre Dich, erzähle! Wann geſchah es, und wer hat es gethan! Freilich, Du kannſt es auch kaum wiſſen, ſagte Gräfin Zamoiska ruhig; denn es war erſt einen Tag vor meiner Abreiſe geſchehen, und wir ſind mit Courierpferden hierher gereiſt. Ich beſchwöre Dich, erzähle, wiederholte die Gräfin. Es iſt eine lange und ſehr abenteuerliche Geſchichte, ſagte Gräfin Latuſchka achſelzuckend. Die Verſchworenen hatten ſich als Bauern ge⸗ kleidet und waren ſo nach Warſchau gekommen. Es waren ihrer vierzig, aber Lukawski, Strawinski und Koſinski waren die eigentlichen Anführer. Der König hatte ſeinen Oheim beſucht, der, wie Du weißt, in einer Vorſtadt von Warſchau ſeinen Palaſt hat. Es war eine finſtere und dunkle Nacht, und zu unſerm Unglück ſind die Straßen von Warſchau noch immer nicht erleuchtet. Der König ward mitten in Warſchau auf offener Straße von den Verſchwörern angefallen, ſeine berittene Be⸗ gleitung entfloh vor Schreck und Angſt und ließ den König ganz allein 140 in den Händen der Verſchworenen zurück. Sie riſſen ihn aus ſeiner Kutſche, ergriffen ihn bei den Armen und ſchleppten ihn fort, indem ſie ſchwuren, ihn zu ermorden, wenn er einen Schrei, einen Hülferuf ausſtieß. Der heldenmüthige König ſchwieg, und ließ ſich fortſchleppen, fort aus Warſchau; wie einen gemeinen Verbrecher ließen die Ruchloſen ihn, den ſie am Kragen gepackt hatten, zu Fuß laufen zwiſchen ihren Pferden, die im vollen Galopp dahinbrauſten. Endlich, als ſie ſahen, daß der König nicht mehr fähig war zu laufen, gaben ſie ihm ein Pferd und fort ging's in raſendem Jagen hin nach dem Walde von Bielani. Hier ward der König ausgeplündert, und man ließ ihm nichts als ſeine Kleider und das Band des weißen Adlerordens. Dann zerſtreuten ſich die Verſchwornen, um ihren Mitverſchwornen das glückliche Gelingen ihres Unternehmens anzuzeigen, und zu berichten, daß ſie den König im Walde von Bielani hingerichtet hätten. Mit der eigentlichen Ermordung aber hatten ſie Koſinski beauftragt, den ſie jetzt mit ſechs Verſchwornen in dem finſtern Wald zurückließen! Weiter! Weiter! rief Anna Wielopolska athemlos, als Gräfin Zamoiska jetzt ſchwieg.— Die junge Gräfin lachte. Nicht wahr, ſagte ſie, es klingt wie ein Ammenmährchen, was ich Dir da erzähle und hat ſich doch wirklich ſo begeben und zwar am dritten November dieſes geſegneten Jahres 1771. Sie ſchleppten alſo den König immer weiter hinein in den Wald, und die Verſchwornen verlangten mit Ungeſtüm von Koſinski, daß er endlich halt machen und zur Hinrichtung des Königs ſchreiten ſolle. Aber Koſinski fand den Ort immer noch nicht abgelegen und ſtill genug, und ſo zogen ſie weiter, der König ohne Schuhe, die er verloren, durch den Moraſt watend, mit zerriſſenen und zerſchoſſenen Kleidern, blutend aus mehr als zehn leichten Wunden, aber muthig und entſchloſſen ſeinem Schickſal entgegen gehend. Auf einmal begegneten ſie einer ruſſiſchen Patrouille. Von Angſt und Entſetzen ergriffen, flohen die Verſchwornen und ließen Koſinski allein bei dem König zurück, Koſinski, welcher den entblößten Säbel über das Haupt des Königs emporſchwang, ſchwur, ihn auf der Stelle zu tödten, wenn er es wage einen Laut von ſich zu geben. Der König ſchwieg, und die Patrouille zog vorüber, ohne ſie in der Dunkelheit zu bemerken. 141 Und Koſinski? fragte Gräfin Wielopolska angſtvoll. Koſinski, immer mit gezücktem Schwert neben dem König gehend, zwang ihn weiter zu wandern, obwohl der König ihn anflehte nur um eine Minute der Ruhe und Erholung. Aber der König ſah's, daß Koſinski unentſchloſſen und ängſtlich war, und als ſie am Kloſter von Bielani vorüberkamen, ſagte der König: ich ſehe, Ihr wißt nicht, wel⸗ chen Weg Ihr einſchlagen ſollt. Laßt mich alſo hier in's Kloſter ein⸗ treten und ſorgt für Eure eigene Sicherheit!— Nein, ich habe geſchwo⸗ ren, Euch zu tödten, entgegnete Koſinski, indem er den König weiter ſchleppte. So wanderten ſie weiter und kamen endlich nach Mariemont, dem zwei Meilen von Warſchau entlegenen Luſtſchloß des Churfürſten von Sachſen. Wieder bat der König um einen Moment der Erholung, und Ko⸗ ſinski bewilligte es ihm. Sie ſetzten ſich Beide auf einen Grabenrand nieder, und der König ließ ſich in ein Geſpräch mit ſeinem Mörder ein. Koſinski ge⸗ ſtand, daß er nicht aus eigenem Antrieb ihn ermorden wolle, ſondern auf höhern Befehl, und daß ſein Tod beſchloſſen ſei wegen der vielen Ver⸗ brechen, welche der König gegen Polen begangen habe. Der König ſuchte ſich zu rechtfertigen, er klagte über ſeine unglückliche Lage, über die Tyrannei Rußlands, die er vergeblich von Polen abzuwenden ſuche, und ſeine Worte bewegten endlich des Mörders Herz. Er warf ſich dem König zu Füßen und bat unter Thränenſtrömen um Vergebung, und ſchwur den König zu retten, und koſte es auch ſein eigenes Leben. Stanislaus verſprach ihm ſeine volle Vergebung, und verſicherte ihn ſeiner vollen Strafloſigkeit, wenn er jetzt Alles thun werde, was der König von ihm fordern werde. Koſinski erklärte ſich bereit dazu und der König, welcher ſich erinnerte, daß ſich in der Nähe von Mariemont eine Mühle befände, befahl Koſinski ihn dorthin zu führen. In we⸗ nigen Minuten waren ſie dort, und baten, an die Thür klopfend, um Einlaß. Aber der Herr der Hütte ſchlug es entſchieden ab, und je mehr der König bat und flehte, deſto heftiger verweigerte es der Mann, indem er ihnen erklärte, daß er nicht ſo thöricht ſein würde, Räubern ſeine Thür zu öffnen.„Wenn wir Räuber wären, ſagte der König, ſo würde es uns, da wir Zwei gegen Einen ſind, leicht ſein, dies Fenſter hier zu zerbrechen und mit Gewalt uns Eingang zu verſchaf⸗ fen.“— Das leuchtete dem Müller ein, er öffnete die Thür und ließ 8 2 142 die beiden„verirrten Wandrer“ ein. Hier ſchrieb der König ſogleich auf einem Blatt ſeiner Brieftaſche, welche durch einen glücklichen Zu⸗ fall den plündernden Händen der Verſchwornen entgangen war, einige Worte an den General Cocceji und forderte ihn auf, ihn mit einem Wagen von der Mühle abzuholen. Eine Magd aus der Mühle ent⸗ ſchloß ſich nach vielem Flehen und Bitten, den Brief nach Warſchau zu tragen und ihn in die Hände des Generals zu bringen.— Du kannſt Dir denken, welch ein Jammer indeß unter der ganzen Bevöl⸗ kerung und beſonders am Hofe herrſchte. Jedermann glaubte natür⸗ lich den König ermordet, man hatte auf der Straße ſeinen durchſchoſ⸗ ſenen Mantel, und weiter hin vor dem Thor ſeinen mit Blut beſchmutz⸗ ten Federhut und ſeine Schuhe gefunden. Jammern und Wehklagen war in jedem Hauſe, und nun auf einmal der Jubel, das Entzücken, als die Nachricht ſich verbreitete: der König lebt! Der König iſt ge⸗ rettet!— General Cocceji, begleitet von allen Herren des Hofes, eilte ſofort hin nach der Mühle von Mariemont. Vor der elenden Hütte hielt Koſinski mit gezücktem Schwert die Wache, aber er ließ Cocceji ſofort eintreten. Und welch ein Anblick bot ſich ihm jetzt dar! Auf der bloßen Erde dieſes Hüttenflurs lag der König, bedeckt mit dem Rock des Müllers, in tiefen Schlaf geſunken. Sofort warf ſich Cocceji auf die Kniee, um ihm die Hände zu küſſen und ihn ſeinen Herrn und ſeinen König zu nennen. Die Müllersleute, welche bis dahin gar nichts geahnt von dem hohen Rang ihres Gaſtes, ſtürzten auch nieder auf ihre Kniee und baten um Gnade und Vergebung, die der König ihnt lächelnd zuſagte, und dann mit Cocceji nach Warſchau zurückkehrte.— Da, meine Liebe, haſt Du die romantiſche Geſchichte von dem Mord⸗ verſuch auf das Leben des guten und ſchönen Königs von Polen.*) Es iſt eine traurige und ſeltſame Geſchichte, ſagte Anna düſter. Wie ſchuldig der König anch iſt, ſo wäre es doch ein Fleck auf der reinen Stirn Polens, wenn ſein König von Mördern, die zu ſeinen Unterthanen gehörten, gefallen wäre. Ah, meine Liebe, dieſe Herren halten ſich nicht mehr für die Un⸗ terthanen des Königs, denn Du weißt ja, die Conföderirten haben die folie begangen, den König für abgeſetzt zu erklären. ) Wr vol. II. p. 76. *) Wraxall Memoirs ete. 143 geich Und was haben die Conföderirten mit den Mördern zu thun, Zu⸗ vwelche den König nur überfielen, um ihn zu berauben? fragte die inige Gräfin erglühend. Will man den Haß und die Bosheit jetzt ſo weit 1 nem treiben, daß man die Conföderirten verantwortlich machen will für ent⸗ dieſes Verbrechen ehrloſer Räuber? 18 chau Ah, ma chere, die Räuber waren nur die Werkzeuge, nicht die 3 Du Thäter! Sie ſind gefangen, und haben Alles bekannt. Pulawski, 8 völ der große Held der Conföderirten, hat ſie zu dieſer That gedungen, er 2 tür⸗ ließ die Häupter der Verſchworenen einen Eid leiſten, den König lebendig* coſ⸗ oder todt ihm zu überliefern und der päpſtliche Nuntius am Hofe zu nutz⸗ Warſchau, Monſignore Durini, war eigens nach Czenſtochau gekommen, agen um den Verſchwörern ſeinen Segen zu geben.*) Es iſt Alles erwie⸗ en, ſen und klar; man hat bei Lukawski, der ſich noch jetzt ſeines Vorha⸗ 6 mge bens rühmt, und den König einen Verbrecher gegen das Vaterland eilte nennt, mehrere Briefe von Pulawski gefunden, die ihn als das eigent⸗ hütte liche Haupt der Verſchwörung, und den Anſtifter des Attentats be⸗ 4 vccej zeichnen, und man hat daraus erſehen, daß auch die Generäle der Auf Conföderirten, daß auch Zaremba und Pac darum wußten! dem Oh, dann iſt Alles verloren, rief Gräfin Anna mit einem Schmer⸗ occeji zensſchrei, dann geht es zu Ende mit Polen, und die heilige Sache iſt mnd beſchmutzt mit dem Brandmal der Schande! Wehe, wehe über uns Alle! nits Und mit einem lauten Aechzen ſchlug ſie ihre Hände vor ihr An⸗ 4 auf geſicht und weinte bitterlich. 1 Vraiment, ich begreife Dich nicht, ſagte Gräfin Zamoiska achſel⸗ 34 88 zuckend. Statt Dich über die glückliche Rettung des Königs zu freuen, 6 dor⸗ weinſt Du über die Schlechtigkeit ſeiner Mörder. Sie werden Beide 4 ihre Strafe empfangen, darauf verlaſſe Dich. Ganz Polen dürſtet — nach ihrem Blute und ſelbſt die Güte des Königs wird uns daſſelbe Jre 1 nicht vorenthalten dürfen!**) Weine alſo nicht mehr, theuerſte Anna, 3 enen.. 8*) Wraxall II. p. 58.. Un⸗**) Lukawsky und Strawinski wurden Beide zum Tode verurtheilt und „ de hingerichtet. Sie ſtarben Beide, indem ſie Koſinski als einen Verräther ver⸗ ·1 wünſchten. Dieſer, der ſich in Polen nicht mehr ſicher fühlte, ging nach Ita⸗ lien, wo er in Sinigaglia von einer Penſion des Königs lebte. Wraxall I. 83. x 3 8 — ——— — — = — 144 das Weinen iſt den Augen ſchädlich und trübt ihren Glanz. Mein Gott, wenn ich mir das nicht täglich wiederholt hätte, wie viel hätte ich weinen müſſen! Denn Du weißt nicht, was ich gelitten habe, Anna, ſeit wir uns trennten. Du haſt ein egoiſtiſches und kaltes Herz und fragſt gar nicht einmal wie es mir ergangen iſt, ſeit wir uns nicht ſahen! Weißt ſo wenig von meinen Schickſalen, daß Du mich noch Gräfin Zamoiska nennſt! Und biſt Du's nicht? fragte Anna, ihre Hände langſam von ihrem Geſicht niederfallen laſſend. Ach, ma chere, es iſt ſchon vier Jahre her, daß ich mich zuletzt ſo nannte, ſagte die Gräfin lachend. Mein Gott, der König weiß am Beſten, welche Qual es iſt an eine Perſon gefeſſelt zu ſein, die man nicht mehr liebt, und es iſt daher ein Glück für unſere polniſchen Schmetterlingsherzen, daß der König die Macht hat, unſere Ehen zu ſcheiden. Er thut es mit der größten Bereitwilligkeit, und das giebt alsdann Veranlaſſung zu immer neuen und glänzenden Feſten, denn Du begreifſt, man läßt ſich nicht bloß ſcheiden, um geſchieden zu ſein, ſondern um ſich wieder zu vermählen, und man bemüht ſich, das Glück einer zweiten Ehe mit den herrlichſten Feſten zu feiern. Du biſt alſo zum zweiten Male vermählt? fragte die Gräfin mit einem traurigen Lächeln. Ja, ich bin zum zweiten Mal vermählt, ſeufzte die Dame, oder vielmehr, ich war zwei Mal vermählt, und bin eben zum zweiten Mal geſchieden. Aber ich verſichere Dich, Anna, ich bin nicht die Schul⸗ dige. Ich habe meinen Gemahl, den erſten, meine ich, wahrhaft ge⸗ liebt, und ich war ganz untröſtlich, als er mir ſechs Monate nach un⸗ ſerer Vermählung erklärte, er liebe mich nicht mehr, ſondern wünſche die Gräfin Luwiendo zu beſitzen. Nun, ſie war meine theuerſte Freun⸗ din, und alſo machte ich bonne mine au mauvais jeu. Ich lud die Gräfin auf meine Villa ein, und alle drei in den Schattengängen un⸗ ſers Parks Arm in Arm dahin wandelnd verabredeten wir die Bedin⸗ gungen meiner Scheidung.*) Jedermann lobte mich wegen meiner lie⸗ benswürdigen Nachgiebigkeit, alle Männer waren davon entzückt, und *) Wraxall II. p. 111. ⸗. Mein hätte habe, altes wir Du zrem Uletzt am man ſchen u zu giebt denn ſein, Hlück mit oder Mal chul⸗ ge⸗ un⸗ nſche reun⸗ d die 1 un⸗ * iſt, der kann nicht fordern, daß ſeine Rechte Andern heilig ſind. 145 Fürſt Martin Lubomirski verliebte ſich deshalb ſo leidenſchaftlich in mich, daß er ſich von ſeiner erſten Gemahlin ſcheiden ließ, um mir ſeine Hand anbieten zu können. Und Du nahmſt ſie an? Welche Frage! Der Fürſt war jung, liebenswürdig, reich, ein Favorit des Königs, er liebte mich, und ich ihn, wir wurden alſo ver⸗ mählt! Aber ach, meine Liebe, das Glück iſt immer nur von kurzer Dauer, und die Liebe hat ſo leichte Schmetterlingsflügel, ſie flattert weiter, wenn man es am wenigſten vermuthet! Mein zweiter Gemahl machte es wie mein erſter, er bat mich um eine Scheidung, und ich durfte ihm nicht abſchlagen, was ich dem Andern bewilligt hatte! Es iſt ein abominables Geſchlecht, die Männer, und kaum von mir geſchieden iſt Fürſt Lubomirski ſchon zum dritten Mal vermählt!*) Polen iſt verloren! ſeufzte die Gräfin traurig vor ſich hin. Es geht zu Grunde an ſeinen eigenen Laſtern! Wem nichts mehr heilig Polen iſt verloren! Au contraire, mein Herz, lachte die Dame. Es war nie glücklicher als jetzt, und nie gab es in Warſchau glänzendere Feſte. Ich ſage Dir ja, die vielen Scheidungen veranlaſſen neue Vermählungsfeſte, und deshalb ſchon begünſtigt ſie der König. Jeden Abend giebt es Bälle, Illuminationen, Maskenfeſte, und man hört in den Paläſten nichts als Jubel, Muſik und Gläſerklirren. Und dennoch haſt Du Dich entſchloſſen, Warſchau zu verlaſſen? fragte die Gräfin mit einem Ton kalter Verachtung. Ja, ich habe mich dazu entſchloſſen, ſeufzte die Fürſtin. Ich gehe nach Italien! Ich wollte nicht gern ſogleich mit der dritten Gemahlin des Fürſten am Hofe zuſammentreffen, denn geſtehe ſelbſt, ma chere, es wäre ein kleines Ridicule, da immer zwei Frauen mit ihren Männern zu begegnen, die einſt Beide meine Männer geweſen, und mich verlaſſen haben! Ich hätte mich entſchließen müſſen auch zum dritten Mal zu heirathen, um meinen zwei Treuloſen ein Paroli zu biegen. Und da⸗ gegen ſträubte ſich unglücklicher Weiſe mein Herz. ) Wrue 2 ) Wraxall II. P. 110. 2. Abth. I.— Kaiſer Joſepb. 146 Du gehſt alſo nach Italien nicht mit einem dritten Gemahl, Du gehſt allein? Nein, ma chore, ich gehe dahin mit meinem Geliebten! Ach, Anna, er iſt ſchön, bezaubernd ſogar, er malt zum Entzücken, ſo ſchön, daß die Kaiſerin Katharina ihn ſogar zu ihrem Hofmaler ernannt hat! Ich liebe ihn grenzenlos! Ah, Du ſchüttelſt Dein ſtolzes Haupt? Was willſt Du, meine Liebe, le coeur toujours vierge pour un second amour! Wenn Du ihn grenzenlos liebſt, warum heiratheſt Du ihn nicht? Ich ſage Dir ja, er iſt ein Künſtler, und nicht von Adel! Man liebt ſo Etwas, aber man heirathet es nicht! Ah bah, wie würden meine beiden Männer lachen, wenn ich meinen Fürſtentitel aufgäbe, um die ehrbare Gattin eines Künſtlers zu werden. Die Fürſtin Lubomirska eine Madame Wand, kurzweg Wand! Das iſt eine Idee zum Todtlachen, chère Comtesse. Nein, nein, ich gehe mit ihm nach Italien! So gehe, ſagte Gräfin Wielopolska rauh, indem ſie aufſtand und ihre großen flammenden Augen mit dem Ausdruck tiefſter Verachtung auf die Fürſtin heftete. Gehe, Du entartete Tochter Deines entarteten Vaterlandes, gehe nach Italien, trage unſere Schande und unſer Un⸗ glück weithin in die Fremde, lache und juble, während Polen ſich ver⸗ blutet, genieße Dein leichtfertiges Glück, während Dein Vaterland zu Grabe getraben wird. Aber nimm auf Deinen Weg die Verachtung Deines Vaterlandes mit, die ich Dir verkünde, ich eine Polin! Sie wandte ſich um, und verließ hochaufgerichtet und ſtolz das Gemach. Die Fürſtin Lubomirska blickte ihr voll Crſtaunen nach; dann auf einmal brach ſie in ein lautes, fröhliches Lachen aus. Welch eine pathetiſche Närrin! ſagte ſie aufſtehend. Man ſieht es wohl, daß kein reines Blut in ihren Adern fließt! Ihre Mutter war eine Sängerin, eine Theaterprinzeſſin, und der Tochter die Künſtlerin erglüht in moraliſchem Zorn, weil eine Fürſtin Lubomirska ſich nicht herablaſſen will, einen Künſtler zu heirathen. Quelle bétise! Und laut auflachend rauſchte die Gräfin von dannen! woeeder glücklich ſein, oder zu ſterben wiſſen! Geh, Matuſchka, nimm 147 VI. Eine ſchwere Wahl. Gräfin Wielopolska hatte ſich, als ſie die Fürſtin verließ, in ihr Kabinet zurückgezogen. Eine tiefe Verzweiflung, ein unausſprechlicher Jammer war in ihr; wie zerbrochen von Schmerz war ſie auf einen Stuhl niedergeſunken; die Hände in ihrem Schooß gefaltet, ſtarrte ſie mit weit geöffneten Augen in das Leere. Sie hörte es nicht, wie ſich hinter ihr die Thür leiſe öffnete, und Matuſchka hereintrat, ſie ſah nicht, wie die treue Dienerin ſie mit zärt⸗ lichen, von Thränen umdüſterten Blicken anſchauete. Erſt als Matuſchka dicht zu ihr herantrat, ihre Hand ergriff und ſie an ihre Lippen drückte, erſt da ſchreckte ſie zuſammen. Was willſt Du? fragte ſie, wie aus tiefen Träumen erwachend. Herrin, ich will fragen, was weiter aus uns werden ſoll? fragte Matuſchka mit zitternder Stimme. Das Perlenhalsband iſt aufgezehrt, das Diadem auch. Wir haben zweitauſend Ducaten dafür erhalten, und haben kaum ein Jahr daran genug gehabt, denn wir verſchmähen es, uns einzuſchränken, wir leben, wie es der Gräfin Wielopolska wohl geziemt, aber wie man es nicht kann, wenn man von ſeinem Capital lebt. Oh, Herrin, hört doch auf die Worte Eurer alten Matuſchka, beugt Euer ſtolzes Herz, lehrt es vernünftig ſein, und ſich fügen. Wa⸗ rum wollt Ihr Eure Armuth verbergen, warum ſoll der Kaiſer nicht ahnen— Still, unterbrach ſie die Gräfin raſch, ſprich nicht vom Kaiſer, wenn Du von unſerer Armuth redeſt! Es iſt kein Geld mehr da! Nun wohl, nimm das Brillantdiadem, laß die Steine herausbrechen und falſche dafür einſetzen, verkaufe die Brillanten, nur ſorge, daß ich das Diadem bald wieder erhalte. Die Brillanten ſind ſchön, jeder Juwelier wird Dir dafür tauſend Ducaten geben. Wir werden alſo ein zweites Jahr zu leben haben! 5 Und dann? fragte Matuſchka mit einem leiſen Schmerzensſchrei. Dann? wiederholte die Gräfin ſinnend. Dann werden wir ent⸗ 10* 148 das Diadem, aber ich befehle es Dir, daß Niemand erfährt, was Du thuſt, hörſt Du, Niemand! Und ſorge, daß ich morgen Abend das Diadem mit den falſchen Steinen wiederbekomme, es iſt morgen Soirée bei der Kaiſerin; ich muß alſo meinen ganzen Schmuck wieder anlegen können! Hörſt Du! Den ganzen Schmuck von falſchen Steinen und falſchen Perlen! ſeufzte Matuſchka. Ach, wie würde es den Kaiſer ſchmerzen, wenn er das erführe, Ihn, welcher Euch ſo gern helfen und beiſtehen möchte! Still, ſtill, wiederholte die Gräfin heftig. Habe ich Dir nicht ſchon geſagt, daß Du den Namen des Kaiſers nicht nennen ſollſt, wenn Du von unſerer Armuth ſprichſt? Gehe, gehe, Matuſchka, verkaufe die Brillanten und ſchaffe mir mein Diadem zu morgen Abend wieder herbei! Ich gehe! ſagte Matuſchka faſt trotzig, und mit einem ſeltſamen, zürnenden Blick auf die Gräfin nahm ſie aus dem Schmuckkaſten der Gräfin das Etui mit dem Brillantdiadem, und ging hinaus. Draußen im Vorzimmer ſtand eine tiefverhüllte männliche Geſtalt. Matuſchka ſchien nicht überraſcht davon, ſie ſchritt vielmehr gerade auf dieſelbe zu, und hielt ihr das geöffnete Etui entgegen. Das Diadem! flüſterte ſie leiſe. Ich ſoll die Steine ausbrechen und falſche dafür einſetzen laſſen. Ich ſoll die Brillanten verkaufen, und der Gräfin zu morgen Abend das Diadem wieder herbeiſchaffen. Wieviel glaubt die Gräfin für die Diamanten bekommen zu kön⸗ nen? fragte der Herr leiſe flüſternd. Tauſend Ducaten, Sire! Ich werde heut Abend die Summe herſenden. Bewahrt das Diadem bis morgen Abend, und ſtellt es ihr dann zurück. Wo iſt die Gräfin? In ihrem Kabinet, Sire! Gut, ich gehe dahin! Laßt Niemand ein, ſo lange ich hier bin! Er warf ſeinen Mantel ab, und ſchritt leichten Fußes durch das Vorzimmer hin. Ohne anzuklopfen öffnete er die Thür, und trat in das Gemach ein. Die Gräfin ſaß noch immer in tieſen Gedanken ver⸗ loren da, ſie ſtarrte noch immer in die Weite, und horchte auf die trau⸗ rigen und unheilsvollen Stimmen, welche in ihrem Herzen flüſterten. Der Kaiſer blieb einen Moment auf der Schwelle ſtehen, und 149 Du. 4„.. dos ſeine großen blauen Augen richteten ſich mit einem warmen, innigen jree Liebesblick auf die edle und ſchöne Erſcheinung vor ihm, die kalt, un⸗ gen beweglich und bleich wie ein Marmorbild ſich ihm darſtellte. 4 Gräfin Anna! ſagte er dann leiſe, indem er näher ſchritt. en! Sie ſtieß einen Schrei aus, und eine dunkle Purpurgluth über⸗ G goß auf einmal ihre Wangen. 4 Der Kaiſer! rief ſie, haſtig aufſpringend und ſich zu ihm umwendend. 3 Ehren Sie mein Incognito immer noch nicht? fragte er, ihr ſeine ſit beiden Hände darreichend. Bin ich für Sie immer noch der Kaiſer, ein und wollen Sie mich nicht annehmen als den Grafen Falkenſtein? edi Iſt nicht der Kaiſer derjenige, den der Prieſter auf der Kanzel, bei wenn er für das Wohl der Menſchheit betet, gleich zuerſt nennt? fragte len, die Gräfin mit einem bezaubernden Lächeln. Denken Sie alſo, mein der Herz ſei ein Prieſter, gönnen Sie es ihm, immer zuerſt den Kaiſer . zu nennen, wenn es mit Gott ſpricht! nlt. Oh, beim Himmel, wenn die Prieſter Ihnen glichen, rief der auf Kaiſer lachend, dann würde ich nicht in Feindſchaft mit ihnen leben, ſondern würde ſehr bereit ſein, ſie zu lieben. Kommen Sie, mein cen holder, ſchöner Prieſter, ich vergebe es Ihnen, daß Sie mich den Kai⸗ fen, ſer nannten, wenn Sie mich nur jetzt als Graf Falkenſtein willkom⸗ en. men heißen wollen. lind Willkommen, Herr Graf! ſagte mit einem vollen freudigen Tone. Gott ſei gelobt, der Kaiſer iſt auf eine Stunde quittirt, ſagte Joſeph aufathmend. Er hat ſich in ſeine Gemächer zurückgezogen, und das ruht dort aus von der Langweile, den Sorgen und Zwiſtigkeiten ſei⸗ iſt nes Tages! Ach, Gräfin, wie traurig und umnebelt das Leben doch 1 iſt, wie wenig Momente, wo die Sonne ſcheint! Er ließ ſich, wie erſchöpft, auf den Divan niedergleiten, und lehnte 1 ſein Haupt müde in die Kiſſen zurück. das Gräfin Anna neigte ſich über ihn, und mit einem ſüßen Lächeln zu in ihm niederſchauend, flüſterte ſie: was weiß denn die Sonne ſelber ver⸗ von ihrem Leuchten und ihrem Glanze? Sie empfängt nicht, ſondern mu⸗ 5 ſie giebt nur Licht und Wärme. So geht's Ihnen, Graf! Wohin n. Sie gehen, bringen Sie den Tag und das Licht, und doch klagen Sie. und Er ließ ſein Haupt ruhen, aber er hob ſeine Augen zu ihr empor, 1 8 1 8 150 und ſchaute ihr tief und lange in das ſchöne, ſanft geröthete Angeſicht. Sie hielt ſeinen Blick aus und lächelte. Ich bin da, ſagte er endlich leiſe, nun ſagen Sie, iſt es jetzt Tag in Ihrem Herzen? Tag, heller, ſchöner Sonnentag! rief ſie freudig. Alle verdorrten Blüthen meines Herzens heben langſam ihre müden Köpfe wieder empor, und öffnen ſich wieder dem Leben und dem Licht. Oh mein Herr und mein Kaiſer, es muß göttlich ſchön ſein, ſo erhaben dazuſtehen auf der höchſten Höhe des Lebens, und unberührt von ihren Schmerzen hernie⸗ derzuſchauen auf das Getriebe der Welt, ſich bewußt zu ſein, daß ein Wink des Auges, ein Wort, ein Lächeln genügt, um Thränen zu trock⸗ nen, Unglück zu lindern und Schmerzen vergeſſen zu machen. Welch ein großes beneidenswerthes Vorrecht der Fürſten, den Völkern, welche weinen, gleichſam vom Himmel hernieder das Glück zu geben! Was iſt Glück! fragte Joſeph, leiſe das Haupt wiegend. Die Menſchen jagen Alle dem Glücke nach, Jeder ſucht es in ſeiner Weiſe, und noch Niemand hat es gefunden! Was iſt Glück? Glück iſt, Großes wollen und vollbringen zu können, rief Anna begeiſtert, Glück iſt, auf der Höhe des Daſeins zu ſtehen, und den Millionen Menſchen, welche ihr Heil ſuchen, ohne es finden zu können, daſſelbe aus freier Wahl und Entſchließung zu geben; Glück iſt, ſo geſtellt zu ſein, daß man den Völkern, welche leiden, Beiſtand gewäh⸗ ren, den Völkern, welche unterdrückt werden, die Freiheit bringen kann! Mit einem Wort, ſagte der Kaiſer mit einem feinen Lächeln, Glück iſt, Polen befreien und eine Armee gegen die tyranniſche Kai⸗ ſerin von Rußland marſchiren zu laſſen! Ja, das iſt Glück! jubelte die Gräfin, denn dieſe That würde Dem, der ſie gethan, den Segen eines jammernden, verzweifelnden und doch heldenkühnen Volkes gewinnen; dieſe That würde ihn zu einem Meſſias der gekreuzigten Freiheit erheben, und durch alle Zeiten hin⸗ durch würde der Menſchheit ſein Bild entgegen ſtrahlen, umleuchtet von der Glorie der Volksfreiheit. Oh mein Kaiſer, welch ein glück⸗ ſeliges Geſchöpf wäre ich, wenn ich Ihr Bild ſo in der heiligſten Glorie mir leuchten ſähe! 1 Und mit einer unnachahmlichen Grazie nahm ſie ſeine Hand und 1 1 1 n — 151 drückte ſie mit einem bezaubernden Lächeln an ihren Buſen. Aber der Kaiſer entzog ſie ihr ſanft.. Still, Gräfin, ſtill, ſagte er, ſprechen wir nicht mehr von Politik! Gerade um ſie zu vergeſſen, flüchte ich mich zu Ihnen! Mein Gott, laſſen wir doch dieſe verwitterte und verdrüßliche alte Dame in unſerer Hofkanzlei oder im Kabinet der Kaiſerin ihre ſibylliniſchen Weisheitsbücher entfalten, und ihren alten Weiberklatſch für erhabene Klugheit aus⸗ geben. Aber was wollen Sie mit ihr! Wiſſen Sie nicht, daß man ſagt, das Begegnen eines alten Weibes bringe Unglück! Nun alſo, weichen wir ihr, aus, der Dame Politik, denn ich möchte einen Moment des Glückes genießen, des Glückes an Ihrer Seite, Anna! Die Gräfin ließ ſich mit einem mühſam unterdrückten Seufzer neben dem Kaiſer auf dem Divan nieder, und wandte ihr ſchönes bleiches Geſicht mit einem ſeltſamen Ausdrucke zu ihm hin. Der Kaiſer nickte ihr lächelnd zu, und ließ ſein Haupt immer noch ermattet in den Kiſſen ruhen. Wie ſüß dieſe Stille iſt, ſagte er nach einer Pauſe. Ach, Anna, Sie wiſſen nicht, wie ſehr ich mich den gan⸗ zen Tag über nach dieſem Momente des Friedens und der Erholung geſehnt habe. Und doch ſind Sie ſo ſpät gekommen, Graf! flüſterte ſie mit einem Ton leiſen Vorwurfs. Ich habe einen Umweg gemacht, ſagte der Kaiſer lächelnd, bin in mehrere Fiacres geſtiegen, hierhin und dorthin gefahren, um meine Späher in die Irre zu führen; denn Sie wiſſen es ja, ich bin immer von Spähern umgeben, und ich will nicht, daß dieſe mit ihren läſtern⸗ den Augen mir dieſes Heiligthum hier verdüſtern ſollen! Sie würden das nicht verſtehen, was ſie erſpäheten, und diejenigen, denen ſie ihren Bericht abſtatten müſſen, würden's auch nicht verſtehen! Die Menſchen ſind ſo geartet, daß ſie immer das Schlimme argwöhnen, und diejenigen, welche ſich ſelber für tugendhaft und unſchuldig erklären, argwöhnen bei Andern immer am ſchnellſten das Laſter und die Schuld! Deshalb möchte ich mich immer mit einem unſichtbar machenden Mantel umge⸗ ben, wenn ich zu Ihnen gehe! Oder meinen Sie, daß auch nur Einer an dem keuſchen und tugendhaften Hofe meiner Mutter es glauben würde, was er hier ſehen könnte! Meinen Sie, daß man es für mög⸗— 152 lich hielte, daß eine reine keuſche Freundſchaft allein uns verbindet, daß ich hierher komme, um mich zu erquicken an Ihrem Anſchauen, mich aufzuheitern im Geſpräche mit Ihnen, mich zu erheben, indem ich Ihrem himmliſchen Geſang zuhöre! Meinen Sie, daß Einer es begreifen würde, wie Sie mir in himmliſcher Güte geſtatten, vor Ihnen mein bischen erborgte Majeſtät und meinen durchlöcherten Purpurmantel abzulegen, um hier nur ein Mann ohne alle Oſtentation und ohne alle Macht zu ſein, ein Mann, der Ihnen nichts weiter iſt, als ein langweiliger Freund, den Sie aufzuheitern ſtreben, und dem Sie nicht einmal das Glück dafür gönnen, Ihnen in irgend einer Weiſe dankbar ſein zu dürfen! Mein Gott, Gräfin Anna, wodurch auch habe ich dieſe edle, großmüthige und uneigennützige Freundſchaft verdient, die immer nur giebt und nichts empfangen will? Wodurch habe ich die Ihre verdient? fragte ſie mit einem köſt⸗ lichen Lächeln. Und dann? Wer ſagt denn, daß ich uneigennützig bin? Ein Tag mag kommen, wo ich Ihnen zeigen werde, wie tief und über⸗ ſchwänglich ich auf Ihren Beiſtand gerechnet habe, wie ſehr ich auf Ihre Hülfe zähle! Aber nicht wahr, Sie haben mir nicht um dieſen Tag, welcher einſt kommen kann, Ihre Freundſchaft zugewendet? fragte der Kaiſer, und ſeine Augen hefteten ſich mit einem tiefen, forſchenden Blick auf ihr ſchönes bleiches Angeſicht. Die Gräſin ſchlug vor dieſem Blick die Augen nieder, und der Schim⸗ mer eines Erröthens flog über ihre durchſichtigen Wangen hin. Sie mißtrauen mir? fragte ſie mit leiſer, zitternder Stimme. Geben Sie mir Beweiſe, daß Sie mir vertrauen, ſagte Joſeph, indem er ſich aus ſeiner ruhenden Stellung aufrichtete und die Hände der Gräfin ergriff. Geſtatten Sie mir, Ihnen endlich etwas ſein, etwas gewähren zu können! Sie nennen mich Ihren Freund, nun wohl, ge⸗ währen Sie mir das Vorrecht der Freundſchaft, Ihnen beiſtehen zu können, Ihnen zu nützen in den ganz elenden und erbärmlichen Sorgen der Exiſtenz. Ich will Ihnen einmal beweiſen, wie ſehr ich Ihnen vertraue, indem ich ganz offen und rückhaltslos mit Ihnen ſpreche! Anna, Sie ſind in Sorgen um Ihre Eriſtenz, Sie bedürfen der Hülfe und wenden Sich nicht an mich! Sie leben wie ein tollkühner Ver⸗ 153 d ſchwender von Ihrem Capital, und wenn dies aufgezehrt iſt, werden Sie am Rande eines Abgrundes ſtehen. Anna, warum erlauben Sie mir nicht, Ihnen die Hand zu reichen, bevor Sie da angekommen ſind, warum geſtatten Sie mir nicht, Ihnen das zu erſetzen, was die rohe Gewalt der ruſſiſchen Kaiſerin Ihnen genommen hat? Sie irren Sich, Sire, ſagte die Gräfin, ſtolz ihr Haupt ſchüttelnd. Ich kenne keine Sorgen und keine Noth, meine Exiſtenz iſt geſichert, und es braucht deshalb keiner Beunruhigung. Die Kaiſerin von Ruß⸗ land hat meine Güter mit Beſchlag belegt, aber ich hatte in kluger Vorausſicht viele Kapitalien im Ausland deponirt, und die ſichern mir die Exiſtenz. Und dann, habe ich nicht meinen Schmuck? Oh, Ew. Majeſtät können wohl überzeugt ſein, daß ich, wie viele andere Sorgen auch mein Herz beſtürmen mögen, doch keine Nahrungsſorgen kenne. Würde ich ſonſt nicht gezwungen ſein, meine Brillanten und Perlen zu verkaufen? Nun denn, Sie ſollen morgen ſehen, daß ich genug Exiſtenz⸗ mittel hahe, denn ich werde morgen meinen ganzen Schmuck anlegen, den koſtbaren Familienſchmuck meines Hauſes, und Sie werden ſehen, daß er noch unverſehrt iſt. Lügnerin! ſagte der Kaiſer traurig. Weshalb nennen Sie mich ſo? Weil Sie die Unwahrheit ſagen! Die Unwahrheit, Sire? Ja, Gräfin, aber ich will Ihnen die Wahrheit ſagen! Hören Sie nur! Er neigte ſich dichter an ihr Ohr. Ihre Brillanten ſind falſch, flüſterte er, ſtatt der echten Perlen haben Sie unechte einſetzen laſſen, und nicht ein einziger Stein Ihres Diamantendiadems iſt mehr echt. Die Gräfin ſtieß einen Schrei aus, und ſenkte beſchämt und troſt⸗ los ihr Haupt auf ihre Bruſt. Der Kaiſer legte ſanft ſeinen Arm um ihren Nacken. Jetzt, Anna, ſagte er mit tiefem, leidenſchaftlichem Tone, jetzt, da Sie ſehen, daß ich Alles weiß, jetzt, da ich Ihr Geheimniß kenne, jetzt gönnen Sie mir das Glück, Ihnen helfen zu können. Beſchämen und demüthigen Sie mich nicht ſo ſehr, daß Sie mich nun noch von Sich weiſen, daß Sie in Ihrem Stolze mich zu gering achten, Ihnen hel⸗ 4 154 fen zu dürfen. Mein Gott, Sie, welche elenden Krämern und Juwe⸗ lieren vertrauen, indem Sie an dieſelben das Geheimniß Ihrer Ar⸗ muth verrathen, Sie wollten mich geringer in Ihrem Vertrauen ſtellen als dieſe? Oh, Anna, übertragen Sie mir die Sorge für Ihre Exi⸗ ſtenz, mir allein! Nein, nein, rief ſie heftig. Das hieße einen Flecken auf unſer Verhältniß werfen. Man kann von einem Fremden annehmen, was von einem Freund anzunehmen eine Demüthigung wäre! Aber was man einem Freunde verweigert, würde man einem Ge⸗ liebten bewilligen, rief Joſeph ungeſtim. Oh, Anna, wenn Sie mich liebten, würde ich das Recht haben, für Sie zu ſorgen, wenn Sie mich liebten, würden Sie dieſen elenden Stolz fahren laſſen, würden Sie großmüthig mir gönnen, dieſe niedern kleinen Sorgen von Ihrem ſtol⸗ zen Haupt fern zu halten. Wenn Sie mich liebten, wie ich Sie liebe, würde dieſe elende Frage des Mein und Dein uns nicht dieſe ſchönen Momente des Beiſammenſeins trüben. Ja, es iſt einmal geſagt, und ſo mögen Sie es wiſſen, ich liebe Sie, Anna und weil ich Sie liebe, kenne ich Ihnen gegenüber keinen Stolz mehr, bettle ich demüthig vor Ihnen um das, was koſtbarer iſt als alle Brillanten und alle Perlen der Erde, bettle ich um Ihre Gegenliebe. Anna, wollen Sie dem armen, kaiſerlichen Bettler dies größte und herrlichſte Geſchenk verſa⸗ gen? Oh, Anna, laſſen wir dieſe falſche Stellung, welche wir zu ein⸗ ander haben, aufhören! Es giebt keine Freundſchaft zwiſchen Mann und Weib, es iſt eine Lüge, welche die Lippen ſprechen, wenn das Herz nicht den Muth hat, die Wahrheit zu ſagen! Mein Herz aber hat den Muth: Ich liebe Sie, Anna! Werden auch Sie jetzt den Muth haben, mir zu antworten? Sie hatte ihm immer noch geſenkten Hauptes ſchweigend zugehört, jetzt hob ſie langſam ihr Antlitz empor, welches wie in himmliſcher Begeiſterung ſtrahlte. Ja, ſagte ſie, ich habe den Muth. Ich liebe Sie, ja, ich liebe Sie unausſprechlich, ewig! Er ſchloß ſeine beiden Arme um ihren Nacken und ſagte, ihr feſt in's Antlitz ſehend: Sie ſagen es, aber ich will von dieſem ſtolzen Herzen einen Beweis haben, daß es die Wahrheit iſt, welche dieſe 155 Lippen ſprechen. Von dieſer Stunde an übertragen Sie mir das Recht für Ihre Exiſtenz zu ſorgen und Ihr Schatzmeiſter zu ſein? Nein, ſagte ſie, das wäre kein Beweis meiner Liebe, ſondern eine Enteh⸗ rung. Ich liebe Sie, oh ich liebe Sie feſt und ſtark, dies ſei Ihnen genug! Worte, Worte, ſagte er heftig, ich aber will Thaten! Oh haben Sie doch Nachſicht mit mir, Anna! Die Welt, in der ich lebe, hat mich das Mißtrauen gelehrt, ich glaube keinen Worten mehr, ich glaube nur Thaten! Von andern würde das, was ich von Ihnen begehre, nicht ein Beweis der Liebe, ſondern des Eigennutzes ſein! Ihr ſtolzes Herz aber iſt nach andern Geſetzen zu beurtheilen, und was bei an⸗ dern Eigennutz wäre, verwandelt ſich bei Ihnen in Beweis der Liebe. Habe ich das Recht für Ihre Exiſtenz zu ſorgen? Geben Sie es mir? Ich kann nicht, klagte ſie leiſe, nein ich kann nicht. Dann, ſagte er faſt rauh, dann lieben Sie mich nicht! Ich liebte Sie nicht? rief ſie zuſammenzuckend. Ja, ich liebe Sie! Und weil Sie denn meinen, daß die Liebe mein Herz beugen muß, ſo ſoll es ſich vor Ihnen beugen. Ja, ich will von Ihnen Hülfe und Beiſtand annehmen, ja ich will mir meine Liebe belohnen laſſen, ja ich will im Namen meiner Liebe Geſchenke annehmen! Oh, Sire, ich liebe Sie, hören Sie es wohl, ich liebe Sie! Und kraft meiner Liebe for⸗ dere ich Beweiſe Ihrer Liebe, fordere ich Geſchenke. Hülfe für Polen, Sire, Rettung für mein Vaterland! Es iſt umgeben von Feinden, ſeien Sie ein Freund! Es ſchreit zum Himmel empor um Hülfe, hören Sie ſeinen Hülferuf, da Gott ihn nicht hören will! Hülfe für Polen, Sire, es iſt bedroht von Rußland und Preußen, es wird unter den Füßen dieſer beiden Mächte zertreten weeden, wenn Oeſterreich ſich nicht ſeiner erbarmt, wenn Oeſterreich nicht das Banner emporhebt, um die Freiheit eines unglücklichen zerſchmetterten Volkes zu vertheidigen! Polen wird gerettet ſein, wenn das edle, das großmüthige Oeſterreich ſich ſeiner erbarmt. Oh, rief der Kaiſer finſter, Sie nennen mich Oeſterreich, und Sie lieben mich, weil Oeſterreich eine Armee hat, welche allerdings wohl im Stande iſt, den Armeen Rußlands und Preußens entgegen zu tre⸗ ten! Es iſt Oeſterreich, welches Sie in mir lieben, nicht Ich ſelber, und Sie lieben Oeſterreich, weil es Polen Hülfe bringen ſoll! 8 4 156 Ich liebe Sie, weil ich in Ihnen den Retter meines Vaterlandes ſehe, rief ſie begeiſtert. Ah, deshalb! ſagte er faſt ſpöttiſch. Die Gräfin in ihrer glühenden Begeiſterung achtete nicht darauf. Ich liebe Sie, fuhr ſie fort, weil Sie für mich der Meſſias ſind, wel⸗ chen Gott meinem Vaterlande geſandt hat, und weil ich weiß, daß Sie es erlöſen werden. Oh mein Gott, bis ich Sie kannte, liebte ich nichts als mein Vaterland, nichts als Polen, ihm gehörte jeder Schlag, jeder Seufzer meines Herzens, meinem Vaterlande gehörte jeder Gedanke, jede Sehnſucht meiner Seele. Polen wieder frei, glücklich und groß zu ſehen, das war das einzige Gebet, welches ich am Abend und am Morgen zum Himmel emporſandte. Seit ich Sie kenne, Sire, gleiche ich einer Veſtalin, welche das heilige Feuer, das bis dahin auf dem Altar ihres Herzens brannte, ſchlecht behütet hat, bin ich wie eine treu⸗ loſe Nonne, die dem keuſchen Gelübde untreu geworden und den himm— liſchen Bräutigam verlaſſen hat um einer irdiſchen Liebe willen. Oh Sie, Sie allein können mich mit Gott, meinem Gewiſſen und meinen gebrochenen Gelübden verſöhnen, Sie allein.“ Ich habe am Grabe meiner Mutter geſchworen, nur für Polen zu leben, nur dem Vater⸗ lande meine Gedanken, meine Sehnſucht, mein Wollen und mein Han⸗ deln zu weihen! Ich habe meinen Schwur gebrochen, denn Ihnen ge⸗ hören jetzt meine Gedanken, meine Wünſche, Ihnen meine Träume, meine Hoffnungen und meine Sehnſucht. Oh mein Held und mein Kaiſer, verſöhnen Sie mich mit meinem Gewiſſen! Bringen Sie Polen Hülfe und Rettung, und dann an dem Tage, an welchem Ihre Sol⸗ daten mit flatternden Fahnen ausziehen, meinem Vaterlande zu Hülfe, an dem Tage werde ich das glückſeligſte Weib ſehen, denn ich werde zu den Füßen meines Geliebten niederſinken, und werde zu ihm ſagen: Da bin ich, nimm mich hin! Laß mich Dein Weib ſein! Für mich giebt's keine Ehre mehr, außer in Dir, kein Glück mehr, außer in Deiner Liebe. Ach, Sie wollen ſo weit gehen, rief der Kaiſer mit einem grau⸗ ſamen Lachen, Sie, welche ſo ſtolz ſind, ſo erhaben und unnahbar, Sie wollen Sich ſelber verkaufen, um Polen mit Ihrer Unehre und Schmach Soldaten zu kaufen! Ah, ich durchſchaue jetzt Ihren ganzen Plan, und 157 ich mache Ihnen mein Compliment, er war fein angelegt! Sie kamen zu mir, weil Sie im vollen Gefühl Ihrer Schönheit und Ihrer Un⸗ widerſtehlichkeit, meine Liebe gewinnen wollten, um damit Ihrem Vater⸗ land ein Hülfscorps zu gewinnen. Ihre Liebe war ein Rechnenexempel der Politik, nichts weiter! Oh, Sire, rief ſie entſetzt, Sie verachten mich alſo! Nein, ſagte er, ich verachte Sie nicht, aber ich kann Sie nicht loben, denn Ihr Rechnenexempel war falſch! Die Hälfte deſſelben iſt richtig, Sie hatten berechnet, daß ich Ihrer Schönheit, Ihrer Anmuth, Ihrem Geiſt nicht widerſtehen würde. Und das iſt wahr, ich habe mich fangen laſſen in den goldenen Netzen, welche Sie mir geſtellt haben. Ich liebe Sie, liebe Sie von ganzer Seele!— Und ich, habe ich Ihnen nicht geſagt, daß ich dieſe Liebe mit aller Gluth meines Herzens erwiedere! rief ſie freudeſtrahlend. 4 Still, rief er, laſſen Sie mich erſt zu Ende kommen! Die andere Hälfte Ihres Rechnenexempels war falſch! Sie haben geſagt:„er wird mich lieben, und dann wird er mir nichts verſagen können, dann werde ich ſeine Hülfe für Polen begehren, und er wird ſie mir gewähren müſſen, weil er mich liebt!“ Da liegt der Fehler! Ich liebe Sie, und ich ſchwöre, daß ich als Privatmann Alles thun möchte, um Sie glück⸗ lich zu machen! Aber als Kaiſer darf ich es nicht, und wie ſehr mein Herz Ihnen gehört, mein Kopf gehört meinem Vaterlande, ihm allein! Wenn es ſich um das Wohl meines Vaterlandes handelt, dann bin ich nicht der Joſeph, welcher Sie liebt, dann bin ich der Kaiſer von Oeſterreich, welcher vor allen Dingen das Wohl und die Größe ſeines Landes in's Auge faſſen muß, und ſich durch keine Nebengedanken und keine egoiſtiſchen Wünſche darin beirren laſſen darf! Sire, ich fordere und erflehe ja auch nichts, was Oeſterreich Scha⸗ den bringen könnte. Ich fordere ja nur Hülfe für Polen! 8 Und wer ſagt mir, daß dieſe, Polen dargebrachte Hülfe, Oeſter⸗ reich nicht Schaden bringt? Wer bürgt mir dafür, daß dieſe Hülfsleiſtung mich nicht in einen Krieg mit Rußland und Preußen verwickelt, der für Oeſterreich mit einer Demüthigung enden kann, der Oeſterreich ſo ſehr ſchwächt, daß es ruhig und theilnahmlos nachher zuſehen kann, wie ſich ℳ 158 die ſtarken Nachbarn die ihnen nun rettungslos verfallene Beute Po⸗ len theilen, ohne Oeſterreich ein Stück von dieſer Beute zu laſſen! Polen theilen! rief ſie mit einem Aufſchrei des Entſetzens. Das i*ſt das fürchterliche Wort, das wie Rabengekrächze jetzt durch die Luft über Polen dahinbrauſt. Und Sie, Sire, Sie könnten Theil an die⸗ ſem fürchterlichen Raub nehmen? Nein, nein, Sie ſehen es wohl, das Entſetzen hat mich unſinnig gemacht, und ich läſtere Sie. Nein, nim⸗ mermehr wird der große, der edle Joſeph Theil nehmen wollen an dem unnatürlichen Raub, nimmer wird er ſich mit Denen verbinden, welche Polen jetzt zerfleiſchen und verhetzen, um, wenn es blutend zuſammen ſinkt, den Edelhirſch zu tödten und in Stücke zu zerſchneiden! Ich werde thun, was ich meinem Reich und meiner Stellung ſchuldig bin, ſagte der Kaiſer feierlich, ich werde thun, was die Politik, die Klugheit und der Wille meiner Mutter mir vorſchreibt! Ach Anna, Anna, wie ſchmerzlich traurig iſt es, daß wir dahin gekommen ſind, das Geſtändniß unſerer Liebe mit Erörterungen der Politik zu entweihen! Nehmen Sie Ihr Wort zurück! Sie haben eine Unwahrheit geſprochen! Sie lieben mich nicht, denn ein Weib, welches liebt, hat kein Vater⸗ land, keinen Gott, keine Politik mehr. Sie geht auf in Liebe, und das Herz ihres Geliebten, das allein iſt ihre Heimath und ihr Vater⸗ land! Ein Weib, welches liebt, kennt nur Eine Pflicht, Ihren Gelieb⸗ ten glücklich zu machen! Ich liebe Sie! rief ſie leidenſchaftlich, ja ich liebe Sie!— Und vor ihm nieder ſinkend, faltete ſie die ſchönen vollen Arme über ſeinen Knieen zuſammen und blickte mit einem ſtrahlenden, bezaubernden Lächeln zu ihm empor. Hülfe für Polen, flüſterte ſie, und ich bin Dein, auf ewig Dein! Gieb mir zur Morgengabe Deiner Liebe Rettung für Polen, und nimm dafür das Weib, nimm die Geliebte! Die Liebe handelt nicht, ſagte der Kaiſer in flammendem Zorn. Wenn das Weib liebt, muß es ſich beugen in Demuth, und den Ge⸗ liebten anerkennen als ihren Herrn, wenn ſie das nicht thut, liebt ſie nicht! Ich frage Dich zum letzten Male, liebſt Du mich? Ja, ich liebe Dich! So ſei ein Weib, und gieb Dich Deiner Liebe hin! Weg mit der Politik, weg mit dem Vaterland! Was kümmert Dich Polen, was 4 159 kümmert Dich die ganze Welt! Komm in meine Arme, mein Herz ſchreit nach Dir, komm und erlöſe es! Komm, ohne Bedingungen und ohne Vorbehalt! Ich kann Dir nicht verſprechen, Dein Polen zu ret⸗ ten, ich darf es nicht, aber das kann ich Dir verſprechen, daß ich Dich glücklich machen will!— Sie ſchüttelte traurig ihr Haupt, indem ſie ſich langſam von ihren Knieen erhob. Mich glücklich machen, ſagte ſie. Für mich giebt's kein Glück, wenn Polen weint! Sag' das noch einmal, und wir ſind getrennt für ewig! rief er, ſie mit flammenden Augen anſehend. Ich ſag's noch einmal, erwiederte ſie mit ſtolzer Ruhe, es giebt für mich kein Glück, wenn Polen weint! Und wenn ich nicht bereit bin, Polen zu Hülfe zu eilen, zu ſeiner Rettung das Blut meiner Soldaten, die Ruhe und den Frieden mei⸗ nes Volkes zu opfern, dann glauben Sie nicht an meine Liebe? Ah, Madame, Sie wollen mir nicht das kleinſte Opfer bringen und Sie fordern von mir, daß nicht ich, der Mann, ſondern, daß Ich, der Kai⸗ ſer, mich Ihnen unterwerfe! Gehen Sie mir voran in der Unterwer⸗ fung! Beugen Sie Ihren Stolz, Anna, geben Sie mir ein Zeugniß Ihrer Liebe, indem Sie mir geſtatten für Sie zu ſorgen, und Sie reich und unabhängig zu machen! 8 Laſſen Sie das Glück Polens meine Mitgift ſein, und nehmen Sie dafür das Weibl rief ſie flehend. Es iſt genug! ſagte der Kaiſer düſter. Stolz gegen Stolz! Wir ſind geſchieden, denn zuerſt verlange ich von dem Weibe, daß ſie ſich in Liebe unterwerfe. Sie aber wollen aufrecht ſtehen, und Ihre Be⸗ dingungen machen, ehe Sie Ihrem Herzen folgen! Das iſt nicht weib⸗ lich, und darum iſt es auch nicht ſchön! Und mich ſchmerzt es bitterlich, einen Flecken auf Ihrer Schönheit zu ſehen. Aber ich werde dieſen Schmerz überwinden, weil ich muß! Geben Sie mir Ihre Liebe ohne Bedingungen, und ich bin der glücklicſſte Mann! Mit Bedingungen muß ich ſie zurückweiſen. Nie wird die Liebe einer Frau Einfluß ge⸗ winnen auf meinen Willen und auf meine Politik. Wenn ich darüber die Frau und die Liebe verlieren muß, ich kann's nicht hindern, ſondern muß das zu den Opfern legen, die der Mann dem Kaiſer darbringt. 160 Glauben Sie mir, Anna, in dieſer Stunde bringe ich ihm ein ſchwe⸗ res Opfer, und mein Herz blutet. Und mein Herz? rief ſie außer ſich, indem ein Strom von Thränen aus ihren Augen hervorſtürzte. Ihr Herz iſt ein ſtolzes Herz, und es wird ſich tröſten, ſagte er mit einen traurigen Lächeln. Kehren Sie zu Ihrer einzigen Liebe, zu Ihrem Vaterland zurück, ich werde Ihrem Beiſpiel folgen, und hinfort auch nur meinem Vaterlande leben! Meinem Vaterland und meiner Pflicht! Leben Sie wohl, denn ich erinnere mich eben zur rechten Zeit, daß es in meinem Vaterland Viele giebt, welche weinen, leiden und entbehren, und welche, weniger ſtolz als Sie, meine Hülfe annehmen werden! Den Leidenden zu Hülfe zu eilen, das ſei mein Troſt für dieſe Stunde! Leben Sie wohl, Gräfin Wielopolska, in dieſer Nacht noch verlaſſe ich Wien! Mein Volk in Böhmen ſchreit nach Hülfe, denn der Hunger frißt in ſeinen Eingeweiden! Ich will zu meinem böhmiſchen Volk, und wenn's mir gelingt, da Thränen zu trocknen, ſo wird's mir wohl verziehen ſein, daß ich in dieſem Augenblick Thränen vergießen möchte! Leben Sie wohl! 4 Er nickte ihr leicht mit dem Kopf ſeinen Gruß entgegen, und durch⸗ ſchritt das Gemach, um hinaus zu gehen. Sie ſchaute ihm nach mit entſetzten Blicken, den Mund wie zu einem Schrei geöffnet, der auf ihren Lippen erſtarrt war. An der Thür wandte ſich der Kaiſer noch einmal zu ihr um, und heftete auf ſie einen langen traurigen Scheideblick. Leben Sie wohl, Anna, ſagte er tiefbewegt. Sie antwortete noch immer nicht, ſie ſtand wie erſtarrt. Der Kaiſer öffnete die Thür und ſchritt hinaus. Jetzt, als ſie ihn nicht mehr ſah, als die Thür ſich hinter ihm ſchloß, ſtieß ſie einen leiſen Schrei aus. Mit einer zuckenden Bewegung als empfände ſie da einen furchtbaren Schmerz, drückte ſie ihre beiden Hände auf ihr Herz. Mein Gott, ich liebe ihn! murmelte ſie leiſe, und wie eine geknickte Lilie neigte ſie ihr bleiches Haupt und ſank ohnmächtig nieder. Druck von A. Bahn& Comp. in Berlin, Schleuſe 4. Solour& Grey Gontrol Chart Sen Cyan Green vellow Hed Magenta Grey 4