—— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von„ G Eruard Offmann in Gießen, f.. Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. — ſ Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der, Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ ſ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 1 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von G 1 0 jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:* für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. — auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hi d der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und„ mit Kupfern ꝛc.) muß der. 9 2 9— 9 „und Zurückſendung —=— 1 defecte Bücher(namentlich bei ſolchen 3 N Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. ſeusjennezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird J beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen ] der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 1 ————* Raiſer Zoſeph der Zweite *. und ſein Bof. Von L. Mühlbach. — Erſte Abtheilung: 7 Kaiſer Joſeph und KMlaria Therefia. == Dritter Band.= Zweite Auflage. Verlin, 1857. Verlag von Otto Janke. 2 5 Kaiſer Joſeph. 4 und Maria Thereſia. Von L. Mühlbach. 7 —D3 Dritter Band.=— Zweite Auflage. Verlin, 1857. Verlag von Otto Janke. Inhalt des dritten Bandes. * Seite Die Kaiſerin⸗Wittwe................. 1 Die Kaiſerin als Aebtiſſin.............. 11 Der Mitregent................... 22 Harun al Raſchid................. 38 Das Cenſur⸗Collegimm............... 48 Reformen!.................... 62 Noſenkranz und Scepter............... 79 Der Gang durch die Kaiſerburg............ 35 Die regierende Kaiſerin................ 9294 Der entlaſſene Mitregent............... 107 Mutter und Sohn................. 116 Der Tod als Befreier.............. 126 Die Spiegel................... 137 Die geneſene Kaiſerin * Erſtes Buch. * Der Kaiſer-Mitregent. . b b b 8 b dem todten Kaiſer als zwei Todtenwächter, die, ſchläfrig mit dem Kopfe nickend, ſich auf den zwei großen Lehnſtühlen niedergelaſſen hat⸗ 1 Die Kaiſerin-Wittwe. Verhallt war der Klang der Jubelhymnen und der Freude, wel⸗ cher drei Tage lang das Kaiſerſchloß, die Straßen und Plätze von Insbruck durchrauſchte! Ueberall hatte man ſich beeilt, die Symbole der Freude, die Blumen und Fahnen, die Triumphbogen und Arkaden zu beſeitigen, und nach allen Seiten hin waren die Fremden geflohen, welche vor wenigen Tagen zu vielen Tauſenden nach Insbruck gekom⸗ men, um einem glänzenden Hochzeitsfeſt beizuwohnen. Das Hochzeits⸗ feſt hatte mit einem Todtenfeſt geendet, die Jubelhymnen der Freude waren übergegangen in die Trauerhymnen des Schmerzes! Die Säle des Kaiſerſchloſſes in Insbruck waren verödet und leer, die Klänge der Luſt, welche geſtern noch dieſe weiten Räume durchhallten, waren verſtummt. Die Nacht war hereingebrochen, die erſte Nacht ſeit dem Tode des Kaiſers! Er lag noch immer auf ſeinem Feldbett da, ſo wie der Tod ihn getroffen, nur war der Glanz ſeiner Kleider, der Prunk ſeiner irdiſchen Hoheit von ihm genommen, und der, welcher geſtern noch im ſpaniſchen Gallagewande, geſchmückt mit dem brillantfunkelnden Orden des goldenen Vließes, als Kaiſer von Ehrfurcht umgeben durch die Säle dahingegangen, lag jetzt im weißen Leichenhemd als Leiche in dem ein ſamen, todesſtillen Gemach.— Niemand war bei ihm, die Kammerherrn und Kammerdiener, die Lakeyen und Hofſchranzen hatten nichts mehr zu thun in dieſem öden, ſchauerlichen Raum, in welchem geſtern noch ein Kaiſer erwachte, und heute eine kalte, ſtarre Leiche ihren letzten Todesſchlaf hält. Niemand war bei Kaiſer Joſepb. 1. Abth. III. 4 —— V——— — rͤ—— 2 ten, die in der Fenſterniſche ſtanden. Der Tod hatte das Ceremoniell aufgehoben, und in Gegenwart des todten Kaiſers durften die wache⸗ haltenden Kammerdiener des Kaiſers ſich immerhin ſetzen und ein⸗ ſchlafen. Niemand wird ſie heut in dieſem Schlummer ſtören, denn morgen erſt ſoll das Leichenceremoniell beginnen, morgen beginnt der Prunk der Trauerfeierlichkeit, morgen wird der todte Kaiſer in den Sarg gelegt, der da, unweit von ſeinem Lager, in der Mitte des Zimmers ſteht, das letzte Lager des für immer Entſchlummerten. Mor gen wird man dem todten Kaiſer die letzten Ehren erweiſen! Aber dieſe Nacht noch bleibt das Ceremoniell und die Etiquette fern von dieſem Gemach des Todes. So hat es Maria Thereſia angeordnet, Maria Thereſia, die trauernde Wittwe des Kaiſers! Tiefe Stille herrſchte im Kaiſerſchloß zu Insbruck. Jedermann war zur Ruhe gegangen, um nach den vielen Aufregungen und Er ſchütterungen des Tages ſich vom Schlaf ein wenig Vergeſſenheit und Erquickung zu erflehen. Selbſt die Söhne und Töchter des todten Kaiſers hatten ihres Grams vergeſſen und waren eingeſchlummert: die Thränen um den geliebten Vater waren auf ihren jugendfriſchen Wangen getrocknet, die Seufzer und Klagen waren auf ihren Lippen verſtummt. Nur Maria Thereſia ſchlummerte nicht. Nur in ihre vom Weinen gerötheten Augen kam kein Schlaf, und in den Gemächern der Kaiſerin allein war man wach geblieben, trotz der hereinbrechenden Nacht, trotz der furchtbaren Erſchütterungen des verfloſſenen Tages. Maria Thereſia hatte keine Zeit zum Schlafen und zum Ruhen, keine Zeit, um ihres Grams zu vergeſſen! Sie hatte den Tag über viel geweint, ſie hatte ſich viele Stunden lang dem verzweiflungsvollſten Schmerz, dem tiefſten Jammergefühl überlaſſen, ſelbſt das Gebet hatte ihr keinen Troſt gewährt und ihre ſtürmiſche Verzweiflung nicht zu ſänftigen vermocht. Jetzt aber war ſie ruhig, hatte ſie ihren Thränen geboten, rückwärts zu fließen in ihr Herz, und nicht mehr hervorzuquel⸗ len aus ihren Augen! Jetzt hatte ſie keine Zeit mehr, um ihren Ge⸗ mahl zu weinen, jetzt bedurfte ſie ihrer Augen, um für ihn zu arbeiten! Der Tod hatte alle Etiquette und alles Ceremoniell aufgehoben, und Maria Thereſia war zu dieſer Stunde nicht die r ſondern die trauernde Frau, die Wittwe eines heißgeli 1 annes! Kaiſerin, un nann Er und dten nert: ſchen ppen ihre chern enden 8. uhen, über lſten hatte ht zu ränen uquel⸗ Ge⸗ eiten! 7 und 31 6! les, Als Frau waltete ſie jetzt in ihrem Gemach, als Frau wollte ſie dem einzigen Mann, den ſie geliebt, die letzte Ehre erweiſen! Sie, deren Hände ſonſt nur gewohnt waren, das Scepter zu führen, und ihre Namensunterſchrift unter Geſetze und Acten zu ſchreiben, ſie hielt jetzt zwiſchen ihren Fingern eine Nähnadel, und geſchäftig zog ſie die Nadel auf und ab durch das weiße feine Leinenzeug, das auf ihrem Schooße ruhte. Maria Thereſia, die Kaiſerin von Oeſterreich, war in dieſer Stunde nur eine trauernde Wittwe, und für den Mann, den ſie geliebt, nähete ſie das Leichentuch.*) Um ſie her ſaßen ihre vertrauten Kammerfrauen und Dienerinnen, aber Maria Thereſia erlaubte ihnen nicht, ihr Hülfe zu leiſten bei ih⸗ rem Werk. Nur die Nadeln durften ſie ihr mit neuen Fäden verſehen und ſie ihr darreichen, wenn der Faden ihrer Nadel aufgearbeitet war, aber ihre Bitten, helfen zu dürfen bei der Arbeit, wehrte die Kaiſerin faſt mit Strenge zurück. Keine von Euch iſt es werth, an dieſer heiligen Arbeit mir zu helfen, ſagte ſie, denn Keine von Euch hat ihn geliebt. Er war für Euch Alle nur der gnädige Herr, der allzeit hülfreiche Kaiſer, aber für mich war er das Glück, die Freude und die Luſt meines Lebens. Ich allein habe ihn geliebt, und darum habe auch ich allein das Recht, ihm ſein Leichentuch zu nähen und ihn einzuhüllen in ſein letztes Erdenkleid! Oh, Majeſtät, könnte doch Ihr ganzes Volk ſehen, was wir jetzt ſehen, rief die Gräfin Thun, mit Thränen der Rührung auf die emſig nähende Kaiſerin blickend. Könnte die ganze Welt Zeuge ſein, wie die große, erhabene Maria Thereſia in der Stille der Nacht hier ſitzt, und für den Gemahl das Leichentuch näht! Die Kaiſerin hob mit einer ſchnellen Bewegung ihr Haupt empor, und ihre Augen flammten einen Moment mit dem gewohnten Feuerblitz. Ich verbiete Euch Allen, von dieſer meiner Arbeit hier zu erzählen, ſagte ſie gebieteriſch. Ich befehle Euch, Jedermann zu verſchweigen, was Ihr in dieſer Nacht mich thun ſeht. Will nicht, daß mein Schmerz n um meinen großen und geliebten Kaiſer den müßigen, neugierigen Leuten 6. 1 5 4 *) Coxe: history of Austria, Vol. V. 187 1* 4 4 ein Gegenſtand des Geredes und des Mitleids werde; mag auch nicht Prunk treiben mit meinem Kummer und mir Lob damit ernten von den gleichgültigen Lippen der Menſchen. In dem einfältiglichen Schmerz meiner Seele thue ich, was mein Herz mir gebietet, nicht aber um groß zu thun vor den Leuten. Wenn der Mann todt iſt, ſo iſt ſeine Frau eine Wittwe, welche das Recht hat, um ihn zu trauern, ſei ſie eine Kaiſerin, oder eine Bettlerin. Ach, und ich bin jetzt arm und kummervoll wie eine Bettlerin, hab' ja das Liebſte und Schönſte verloren, was ich auf Erden beſeſſen. Hab' meine Lebensfreude und mein Glück hingeben müſſen an den kalten, grauſamen Tod! Hab'— Maria Thereſia verſtummte, lautes Schluchzen drang aus ihrer Bruſt hervor, und nicht länger im Stande, ihre Thränen zurück zu halten, verbarg ſie ihr Antlitz in dem Linnentuch, an dem ſie arbeitete, und weinte laut.— Um Gottes Barmherzigkeit, Majeſtät, laſſen Sie nicht Ihre Thrä⸗ nen auf das Leichentuch fallen, rief die Gräfin Thun, indem ſie es wagte, mit ſanfter Gewalt das Tuch von dem Antlitz der Kaiſerin fortzuziehen. Es iſt nicht gut, das, was man in den Sarg legt, mit ſeinen Thränen zu benetzen, denn das giebt dem Todten, ſagt man, ein Recht auf den, der dieſe Thränen vergoſſen, und er zieht ihn nach. Wollt', Du ſprächſt die Wahrheit, ſagte die Kaiſerin, welche ihre Augen getrocknet hatte und wieder zu arbeiten begann. Wollt', der Franzel holt mich zu ſich in ſeine Arm' und ich dürft ausruhen an ſeiner Seiten von der Trübſal und Beſchwerde dieſes Lebens. Werde ja doch nimmer wieder froh werden, denn ich hab' in meinem Gemahl den zärtlichſten Freund meiner Jugend, den liebſten Gefährten meiner dreißigjährigen Ehe und meine ganze Lebensfreude verloren. In den erſten ſchweren zwanzig Jahren meiner Regierung minderte er meine Leiden und Sorgen, indem er⸗ſie theilte, in den letzten zehn Jahren erhöhete er mein Glück, indem er es theilte!*) Wenn ich ihn anſchaute, fühlte ſich mein Herz erquickt, und alle Träume und alle Luſt meiner Jugend leuchteten mir aus ſeinen Augen wieder auf. Treu haben wir zu einander gehalten in herzlicher Liebe und Eintracht, und kalt und „ **) Maria Thereſia's eigene Worte. Siehe: Vie de Marie Thérese. Vol. 1I. den 5 einſam wird hinfort mein Leben ſein, da mein einzig Geliebter nicht mehr an meiner Seite iſt! Ja, es iſt wahr, rief die Gräfin Daun, Ew. Majeſtät iſt ein Muſter ehelicher Treue und Liebe geweſen! Ihre Treue hat ſich ſelbſt durch ſchlechten Lohn nicht irre machen laſſen, und Ihre Liebe iſt ſich immer gleich geblieben trotz Anderer Treubruch und Undankbarkeit. Die Kaiſerin ſchaute mit einem ſchnellen, zornigen Blick von ihrer Arbeit empor. Ich verſtehe Sie nicht, Frau Gräfin Daun, ſagte ſie mit ſtolzem Ernſt. Weiß nicht, von was für Treubruch und Undank⸗ barkeit Sie ſprechen will. Das aber gebiet' ich Euch Allen, daß Ihr müßiges Geſchwätz, mit welchem ſich die neugierige und boshafte Welt ergötzt, nicht weiter tragen ſollt, und alle kleinen und mißgünſtigen Ge⸗ ſchichten, wie ſie an jedem Hof und aus der Umgebung jedes Fürſten erzählt werden, in den Mauern des Palaſtes verklingen und keine Sylbe davon hinaustönen laßt unter die Menſchen! Fehler hat jeder vom Weib Geborener, aber edel und groß vor allen Andern war mein Kaiſer, und ſchön und treu und herzinniglich hat er mich geliebt ſein ganzes Leben lang! Sie neigte ſich tiefer auf ihre Arbeit und nähte emſig weiter. Keine der Frauen wagte es, die Stille zu unterbrechen; Aller Blicke waren mit innigem Mitgefühl auf die Kaiſerin gerichtet, welche da in ihren ſchwarzen Trauergewändern in der Mitte des von hohen Wachs⸗ kerzen erleuchteten Gemaches ſaß, und an dem Leichentuch des Kai⸗ ſers nähete. Eine tiefe Stille trat ein, nur zuweilen unterbrochen von den Seufzern, die wie unterdrücktes Schluchzen ſich aus dem Buſen der Kaiſerin emporrangen. 82 Endlich nach ſtundenlanger, raſtloſer Arbeit war das Werk voll⸗ endet, und die Kaiſerin erhob ſich von ihrem Lehnſeſſel. Mit einem matten, traurigen Lächeln hob ſie das Leinentuch empor und warf es über ihr Haupt, daß es wie ein großer dichter Schleier über ihre hohe, mäjeſtätiſche Geſtalt niederfloß. Mein Wittwenſchleier! ſagte ſie, ſich ſelbſt darin einhüllend. Ja, ſein Leichentuch iſt mein ewiger Wittwenſchleier. Will ihn erſt wärmen an meinem Leibe, damit er warm und lind meines Franzen kalte Bruſt 6 umhüllt!— Geht jetzt alle zur Ruhe und betet für den Kaiſer und ſein armes Weib! Oh ſein Sie gnädig, Majeſtät, bat die Gräfin Thun, geſtatten Sie uns hier zu bleiben, bis Ew. Majeſtät Sich zur Ruhe begeben. Erlauben Sie uns, den Pflichten unſeres Dienſtes nachzukommen, und an Ihrem Bett zu wachen! 2 Nein, ſagte die Kaiſerin ernſt, ich dispenſire Euch Alle heut von Eurem Dienſt, nur Charlotte von Hieronymus ſoll bei mir bleiben! Und indem ſie ihrer vertrauten und geliebten Kammerfrau winkte, fuhr ſie fort: ſollſt mir heut noch einen Dienſt erweiſen, Charlotte, und mir helfen mich friſiren, wie's einer Wittwe ziemt! Gute Nacht, meine Damen, gute Nacht! Sie nickte leicht mit dem Kopf und ſchaute mit feſtem, ſtolzem Blick den Frauen nach, welche, ſich tief und ehrfurchtsvoll verneigend, das Gemach verließen. Als hinter der Letzten von ihnen ſich die Thür geſchloſſen, wandte die Kaiſerin ſich raſch zu ihrer Kammerfrau um. Jetzt, Charlotte, ſagte ſie, jetzt ſollſt Du mich begleiten auf meinem letzten Gang zum Kaiſer. Nimm eine Scheer und komm! Eine Scheere, Majeſtät? fragte die Kammerfrau erſchrocken. Maria Thereſia deutete ſtatt aller Anwort auf die große ſilberne Scheere, mit welcher ſie zuvor das Leinen zugeſchnitten. Nimm! ſagte ſie, indem ſie ſelber einen der ſilbernen Leuchter er⸗ griff, die auf dem Tiſche ſtanden, nimm und komm. Und ſich feſter in das weiße Leinentuch, wie in einen Mantel ein⸗ hüllend, ſchritt die Kaiſerin vorwärts, gefolgt von ihrer kleinen Kammer⸗ frau, die mit angſtvollen Blicken bald auf die Scheere, die ſie in der Hand hielt, bald auf die Kaiſerin ſchaute, welche mit haſtigen, elaſtiſchen Schritten vor ihr herging. So ging es vorwärts, durch hallende Säle und verödete Prunk⸗ gemächer; wie ein abgeſchiedener Geiſt rauſchte die lange, weiße Geſtalt der Kaiſerin, eingehüllt in das Leichentuch, durch die ſchweigenden Räume; das Licht, das ſie in der Hand hielt, beleuchtete mit grellem Schein ihr bleiches Antlitz und ihre Augen, welche mit einem ſtarren, ſeltſamen Ausdruck in das Leere ſchauten; hier und da blitzte aus der Dunkelheit irgend eine von dem Lichtſchein getroffene Vergoldung der Säle hervor, oder gab ein Spiegel, an dem ſie vorüberſchritten, wie eine Viſion das raſch vorübergleitende Bild der beiden Wandelnden zurück, bis die Schwärze der Nacht hinter ihnen wieder Alles bedeckte und verhüllte. Jetzt ſtanden ſie vor einer Thür, die nur angelehnt war, und durch deren Fugen det Schimmer von Licht ihnen entgegen leuchtete. Wir ſind zur Stelle, ſagte die Kaiſerin, ſtill ſtehend, und ſich einen Moment ganz erſchöpft an die Thür lehnend. Jetzt tritt leiſe auf, Charlotte, halt Deinen Athem an, und hüte Dich wohl ein Ge⸗ räuſch zu machen, denn drinnen ſchläft der Kaiſer. Sie öffnete mit einem raſchen Griff die Thür und trat ein, aber dann, gleichſam überwältigt von dem furchtbaren, ſchauerlichen Anblick, der ſich ihr darbot, that ſie einen Schritt rückwärts, und ein Zittern durchbebte ihre ganze Geſtalt. Dort drüben auf dem Feldbett dieſe lange, weiße Geſtalt, dieſes bewegungsloſe, ſtarre Etwas mit der gelben, wächſernen Menſchenmaske, das war ihr Gemahl geweſen, der Mann, den allein auf Erden ſie ge⸗ liebt! Und dieſe ſchwarze, offene, ſchauerliche Truhe, die da, inmitten der hohen Wachskerzen, auf dem ſchwarzen Sammetteppich ſtand, das war das letzte Ruhebett des Kaiſers, vor dem geſtern noch ſich Tauſende gebeugt, und vor dem man heute ſo wenig Ehrfurcht nöthig hatte, daß die Wächter furchtlos neben ſeiner Leiche eingeſchlafen waren. Aber Maria Thereſia's ſtarke Seele überwand bald den Schauder, der ſie überſchlichen hatte. Mit feſten Schritten ging ſie durch das Gemach, gerade zu den ſchlafenden Kammerdienern hin. Wie ſie leicht mit ihrer Hand die Schulter des Einen berührte, ſchrak er empor und ſtarrte entſetzt in das Antlitz der vor ihm ſtehen⸗ den Kaiſerin. Wecke Deinen Kameraden, und geht hinaus, ſagte die Kaiſerin gebieteriſch. Bleibt im Vorzimmer, bis ich Euch rufen werde! Schweigend gehorchten die Beiden dem Befehl der Kaiſerin und ſchli⸗ chen hinaus, die Thür leiſe hinter ſich in das Schloß drückend. Neben die⸗ ſer Thür lag Charlotte von Hieronymus auf ihren Knieen und betete.— Die Kaiſerin ſtand einen Moment noch in ſich erſchauernd und erzit⸗ ternd in der Mitte des Gemaches, dann eilte ſie raſcher vorwärts zu dem Lager hin, auf welchem der todte Kaiſer ruhte. Wie ſie ihn an⸗ ſchaute, ihn, der für ſie immer nur ein Lächeln, ein Wort der Liebe gehabt, und jetzt ſo ehern kalt, ſo marmorernſt mit ſeinen glanzloſen weitgeöffneten Augen, die man vergeblich ſich bemüht hatte zu ſchließen, ſie anſtarrte, da drang ein wilder qualvoller Schrei des Entſetzens aus ihrer Bruſt hervor und ſie ſchlug die Hände vor ihr Antlitz, welches bleich geworden war, wie das des Todten. r Aber bald ließ ſie die Hände wieder niedergleiten, und legte ſie ſanft auf die geöffneten Augen der Leiche, über welche ſie ſich nieder⸗ beugte, und ſie lange und mit zärtlichen Liebesblicken anſchaute. Schließ Dente Augen, mein Franzel, flüſterte ſie leiſe, ſchließ Deine Augen, die mich doch nimmermehr anſchauen wollen und die ſo kalt und ſtarr ſind, wie ich ſie niemals geſehen. Haſt ſie jetzt aufgethan da droben in einer ſchönern und beſſern Welt, wo Du die Herrlichkeit Gottes und der Welten ſchaueſt. Aber blick' auch zu mir hernieder, mein Kaiſer und mein Geliebter, und ſieh' wie Dein armes Weib Dich liebt und ſo gern, ach ſo gern bei Dir ſein möcht'. Vergiß mich nit da droben im Himmel, mein geliebter Franzel, ſondern bleib allezeit bei mix, wie mein Herz allezeit bei Dir bleiben wird. Habe Dich geliebt a ſgind, als Mädchen und als Frau, werde Dich noch lieben als Matrone und als Greiſin. Sollſt immerdar wohnen in meinem Her⸗ zen, und von keinem andern Bild und von keiner andern Liebe ver⸗ drängt werden. Hab' bis hierher gelebt mit meiner erſten und einzigen Liebe, will auch ferner mit ihr leben, und mit ihr ſterben! Kein An⸗ derer ſoll den Platz in meinem Herzen einnehmen, den Du eingenom⸗ men haſt, kein anderer Mann ſoll jemals die Worte der Liebe von mir vernehmen, die meine Lippen nur für Dich geſprochen haben! Das ſchwöre ich Dir, mein Franzel! War Dir treu als Braut und als Gattin, will Dir auch treu bleiben als Wittwe!— Und jetzt lebewohl, mein Geliebter, Lebewohl! Ich hab mich Dir gelobt für alle Ewigkeit, und jetzt geb' ich Dir den letzten Brautkuß unſerer Liebe. Sie neigte ſich tiefer und küßte die ſtarren Lippen des Kaiſers, und legte einen Moment ihr Haupt auf ſeine eherne, ſeufzerloſe Bruſt. Dann richtete ſie ſich wieder empor und zog ſanft ihre Hand von den Angen des Todten fort. Nun flog es wie ein ſtolzes, glückliches Lächeln — durch ihre Züge hin, denn die Augen der Leiche waren geſchloſſen! Die warme, geduldige Hand der Gattin hatte vermocht, was keine an⸗ dere zu Stande gebracht! Die Augen der Leiche waren geſchloſſen. Treu und gehorſam ſelbſt noch im Tode hatte der todte Kaiſer die Bitte der Kaiſerin erfüllt und ſeine Augen der Erde geſchloſſen. Oh ſchau hierher, Charlotte, rief die Kaiſerin freudenvoll, ſchau, wie mein Kaiſer mich liebt! Nein, er iſt mir nimmer geſtorben, ſeine Ohren hören mich noch, und ſeine Augen ſehen mich, und was ich ihn bitte, das thut er! Nur daß er ſo weit, weit von mir fern iſt, nur daß ich ihn nit mehr ſehen kann! Aber ich will nicht mehr klagen und jammern, will mich vertröſten auf den Tag, da ich wieder bei ihm ſein werde, da er mich in ſeine Arme nimmt, und ſeine Seligkeit mit mir theilt, wie er auf Erden manch' Unſeliges mit mir getheilt hat! auf Wiederſehen, mein Franzel, auf frohes Wiederſehen! Sie grüßte ihn noch einmal mit frohem Nicken ihres Haupies und mit leuchtenden Augen, dann wandte ſie ſich um und nahm das Leichentuch von ihren Schultern, und breitete es ſanft über den Sarg aus und ſtrich ſorgſam jede Falte weg, daß das Leinen gleichmäßig und faſt wie auf einem Ruhelager dalag. Jetzt ruf mir die beiden Diener, befahl die Kaiſerin, und als ſie auf den leiſen Ruf Charlottens eintraten, winkte die Kaiſerin ſie näher zu ſich heran. Helft mir den Kaiſer in ſein Ruhebett da tragen, befahl ſie. Ihr nehmt die Füße und den Leib, ich nehme ſein Haupt! Und mit ihren ſtarken, nervigten Armen den Leib des Kaiſers umſchlingend, hob ſie ihn ſorgſam und zärtlich, wie eine Mutter ihr ſchlummerndes Kind aufrichtet, empor, und trug die Leiche mit Hülfe der beiden Diener in den Sarg. Dann winkte ſie ihnen wieder hinaus zu gehen, und hüllte mit geſchäftiger Sorgfalt die erſtarrte Geſtalt in das weite Leichentuch ein, als wolle ſie ſie ſchützen gegen jede rauhe Berührung der Luft und der Kälte. Und nun, Charlotte, ſagte ſie dann, nun komm hierher mit Deiner Scheere! Und was befehlen Ew. Majeſtät, das ich thun fall⸗ fragte die — Kammerfrau, leiſe auf ihren Zehen zu dem Sarge herantretend, neben welchem die Kaiſerin ſtand. Mein Haar ſollſt Du mir abſchneiden, befahl die Kaiſerin, indem ſie die ſchwarze Krepphaube abnahm und die Nadeln aus ihrem Haar löſte, daß es jetzt in langen dicken Flechten über ihren Nacken niederfiel. Nein, Majeſtät, nein, rief Charlotte, in Thränen ausbrechend. Nimmer kann ich dieſen grauſamen Befehl ausführen. Es iſt unmög lich, daß Ew. Majeſtät im Ernſt daran denken wollen, Sich Ihres wun dervollen Haares zu berauben Gutes Kind, ſagte die Kaiſerin, haſt manche böſe Stund' gehabt um mein„wundervolles Haar“, hab' oft in der Eitelkeit und dem Leicht⸗ ſinn meines Herzens mit Dir gezankt und gegrollt, wenn Du mein Haar nicht prunkvoll genug arrangirt hatteſt, und jetzt bitteſt Du noch für dieſe Flechten, die Dir ſo manche Thrän' gekoſtet haben! Sollſt nicht mehr um ſie weinen, Kind! Nimm Deine Scheer' und ſchneide ſie ab! Bedenken Ew. Majeſtät aber, wie die Erzherzoginnen und die Erzherzoge jammern werden um die ſchönen Haarflechten der Kaiſerin, die ſie Alle ſo ſehr geliebt, flehte Charlotte. Sie würden ſie doch nimmer wieder ſchauen, ſagte Maria Thereſia, denn die ſchwarze Haube wird keinem anderen Kopfputz Platz zu machen haben. Nimm alſo Deine Scheere! Aber Charlotte zögerte noch immer. Ich ſoll dieſe Flechten ab⸗ ſchneiden, klagte ſie. Haben Ew. Majeſtät denn vergeſſen, wie ſehr der Kaiſer ſie geliebt hat? Juſt, weil ich es nit vergeſſen, ſollſt Du das Haar abſchneiden, rief die Kaiſerin. Es iſt das letzte Opfer, das meine Liebe ihm brin⸗ gen kann. Hab' nicht das Recht, wie die indiſchen Frauen, zu ſterben mit dem Manne meiner Liebe. Die Religion verbietet es mir! Aber habe wohl das Recht, meinem Gatten ein Opfer meiner Liebe in den Sarg zu legen. Er hat ſich eft gefreut an meinem Haar, hat oft die langen blonden Flechten und Locken durch ſeine Hände gleiten laſſen. Jetzt, da er ſie nicht mehr ſchauen kann, ſoll auch kein Anderer ſie mehr erblicken. Es iſt die letzte Liebesgab', die ich dem Kaiſer dar⸗ bringen kann, das letzte Andenken an mein ſchönes Liebesglück, das ich dem Scheidenden mitgeben kann in ſein dunkles Ruhelager! Red' alſo 11 jetzt nit weiter, Charlotte, und ſträube Dich nicht mehr! Nimm Deine Scheer' und ſchneide! Die Kaiſerin neigte ihr Haupt tiefer herab, und ſtand in demü⸗ thiger, gebeugter Haltung da, den Streich erwartend, der ihr Haupt ſeines ſchönſten natürlichen Schmuckes berauben ſollte.— Charlotte von Hieronymus nahm ſeufzend die Scheere, und mit zitternder Hand ſchnitt ſie von dem Haupt der Kaiſerin die langen ſchönen Haarflechten, welche Maria Thereſia ihrem Gemahl als letzte Liebesgabe in den Sarg legen wollte.*) —— II. Bie Kaiſerin als Aebtiſſin. Die Todtenglocken waren verhallt. In der unterirdiſchen Gruft bei den Kapuzinern war die Leiche des todten Kaiſers beigeſetzt unter dem herrlichen Monument, das bald nach dem Beginn ihrer Regierung die Kaiſerin für ſich und ihren Gemahl hatte errichten laſſen, und welches das Kaiſerpaar darſtellte, neben einander ruhend, nicht in der Starrheit des Todes, ſondern in der ewigen Lebenskraft der Liebe, welche den Tod überwindet. 3 Damals in der erſten glücklichen Schwärmerei ihrer Liebe hatte Maria Thereſia aller Welt die Ewigkeit und Unauflösbarkeit ihres Ehe⸗ bundes verkünden wollen, und in der Fülle der Jugend und Schönheit hatte ſie daher ſich und dem Gemahl ſchon das Monument errichtet, welches zugleich das Monument ihrer Treue und Liebe ſein ſollte. Denn der jungen und ſchönen Kaiſerin war nicht einmal der Gedanke gekom⸗ men, daß der Tod dieſe Ehe löſen, und das Leben dann mit neuer Liebe und mit neuen Hoffnungen an ſie herantreten könne, daß nach dieſer erſten S eehe Theilen, wenn der Eine von ess krer e 1 vielleicht eine zweite Ehe möglich ſei. Ihrer Liebe, ihrem treuen He —» Karoline Pichler: Denkwürdigkeiten Th. I. S. 2. 4 12 zen war eine ſolche zweite Ehe als eine Unmöglichkeit erſchienen, und weil ſie fühlte und wußte, daß nimmer ein Anderer neben ihr die Stelle ihres geliebten Franz einnehmen würde, hatte ſie für ihn und ſich ſchon das Lager des Todes gebettet. Aber auch im Tode wollte ſie ihren„großen Kaiſer“ nicht als eine lebloſe, ſtarr hingeſtreckte Ge⸗ ſtalt ſich denken, und wie er ewig in ihrem Herzen leben würde, ſollte er auch im Tode an ihrer Seite leben. Nicht zwei Leichen, ſondern zwei Liebende ſind es, die da neben einander auf dem erzernen Lager in der Kapuzinerkirche zu Wien ruhen. Rings um ſie her in ihren Grüften ſchlafen die Kaiſer und die Kaiſerinnen mit ihren Kindern und veniand en ui Alle hat der Tod überwunden und ihnen die Augen geſchloſſen, ſtarr und kalt wie ihre Gebeine in den Särgen ruht ihre Geſtalt in Stein oder Erz über denſelben; das ewige Schweigen, die ewige Nacht des Todes liegt über den erſtarrten Zügen, den lebloſen Augen. Nur Maria Thereſia und ihr Kaiſer ſchlafen nicht, nur ſie Beide haben die Augen geöffnet, nur ſie Beide, er halb aufgerichtet von ſeinem Lager, ſie, das Antlitz ihm zugewandt, ſchauen ſich an mit zärtlichen Blicken, mit glücklichem Lächeln, und der Genius des Todes, welcher hinter ihnen ſteht mit dem Cypreſſenkranz, verwandelt ſich für ſie in den Genius der ewigen Liebe, der ihnen den unverwelklichen Myrtenkranz darreicht. Unter dieſem Monument, das ſchon ſeit zwanzig Jahren des Kai⸗ ſerpaares in der Kapuzinerkirche zu Wien harrte, ruhte jetzt der Kaiſer Franz. Die Leichenfeierlichkeiten waren beendet, die Todtenglocken waren verhallt, der lange Zug der freiwilligen und officiellen Leidtragenden hatte ſich zerſtreut; nur die Kaiſerin Maria Thereſia war noch in der Gruft zurückgeblieben, und neben dem ehernen Todeslager ihres Ge⸗ mahls knieend, betete und weinte ſie viele Stunden lang. Aber endlich waren ihre Thränen verſiegt, und mit ihrer gewohnten ſtolzen Haltung trat die Kaiſerin aus der Gruft hervor; mit feſtem Schritt, mit hoch⸗ gehobenem Haupte ging ſie durch die hallenden Gänge der Kirche da⸗ hin, di eehüllt in die ſchwarzen Schleier, die i anze Geſtalt umfloſſen und wie eine dunkle Wolke hinter ihr her flatterten. Sie ſah nicht, daß die Mönche des Kloſters ſich zu beiden Sciten ihres Weges aufgeſtellt hatten, ſie erwiederte nicht ihre demüthigen Begrüßungen, „ und —r die 1 und wollte Ge⸗ ſollte ndern ager hren und ugen ihre die loſen r ſie chtet mit des, für chen di⸗ iſer tren den 13 ſtarr war ihr Auge in das Leere gerichtet; wie eine Nachtwandelnde ſchritt ſie hinaus aus der Kirche, beſtieg ſie den Wagen, der ſie wieder zurückführte in die Kaiſerburg.— Aber nicht in die früher vor ihr bewohnten Gemächer kehrte die Kaiſerin zurück, nicht zu dieſen von Glanz und Pracht, von Luxus und Feſtesſchimmer ſtrahlenden Räumen, welche Maria Thereſia bis jetzt an der Seite ihres Gemahls bewohnt, wandte die von der Gruft des Ge⸗ mahls heimkehrende Kaiſerin ſich hin. Mit einem tiefen bangen Seuf⸗ zer ſchritt ſie vorüber an den Thüren ihres Glückes, die jetzt für immer geſchloſſen waren, und ſtieg langſam die ſchwarz behangene Treppe hinauf in das zweite Stockwerk des Pallaſtes, welches ſie jetzt bewoh⸗ nen wollte. Welch ein furchtbarer, thränenreicher Contraſt zwiſchen die— ſer neuen Wohnung der Kaiſerin und der, welche ſie früher inne ge⸗ habt. Dort funkelte Alles von Gold und Cryſtall, von Sammet und Seide, dort bedeckten köſtliche Gobelins, golddurchwirkte Sammettapeten die Wände, blühten auf den türkiſchen Teppichen die farbenreichſten, köſtlichſten Blumen des Orients, ſtanden vergoldete Meubles, mit Edel⸗ ſteinen ausgelegte Marmortiſche umher. Hier in den neuen Wittwen⸗ zimmern der Kaiſerin war Alles glanzlos und trübe; mit ſchwarzem Sammet waren die Wände beſchlagen und die Meubles bedeckt, nir⸗ gends Gold und Schmuck, Blumen und Farbenglanz, Alles trübe und öde, glanzlos und traurig, wie das Herz der Kaiſerin, welche jetzt ſo bleich und kalt, ſo reſignirt und ſchweigend durch dieſe Räume dahin ſchritt, um ſich in ihr Schlafgemach zu begeben. Trauriger noch abs all' die übrigen Räume war dieſes neue, einſame Schlafgemach der Kaiſerwittwe. Als ob das Schwarz noch zu viel Farbe und Glanz enthalte, hatte Maria Thereſia für dies Gemach das öde, nichtsſagende, todeskalte Grau gewählt. Mit grauer Seide waren die Wände be⸗ deckt, graue Borhänge verhüllten ihr einſames Wittwenlager, ein grauer Teppich mit weißen Lilien durchwebt bedeckte den Fußboden, mit grauem Sammet waren die Meubles überzogen.*) Als die Kaiſerin in dieſes farbloſe, öde Zimmer eintrat, flog ein rührendes, trauriges Lächeln über ihr bleiches Antlitz hin, und gleich— *) Karoline Pichler: Denkwürdigkeiten I. 20. 14 ſam als begrüße ſie eine neue Welt, in die ſie jetzt eintrete, neigte ſie ihr Haupt nach beiden Seiten hin. Dann wandte ſie ſich langſam rückwärts nach ihren Frauen, die leiſe und geräuſchlos durch die ſchwar⸗ zen Trauerzimmer ihr nachgeſchritten waren, und jetzt an der Thür des Schlafgemaches ihrer Befehle harrten. Bringt alle meine Kleider, meine Schleppen und bunten Shawls, und all' meinen Putz und meine Geſchmeide in den erſten Saal, ſagte die Kaiſerin, dort ſollt Ihr mich Alle erwarten. Ich werde bald zu Euch kommen.— Man ſoll ſogleich zum Fürſten Kaunitz gehen, ich laſſe ihn bitten, zu mir zu kommen! Die Hofdamen und Kammerfrauen eilten geräuſchloſen Schrittes von dannen, die Kaiſerin trat zurück in ihr Schlafzimmer, deſſen Thür ſie hinter ſich ſchloß. Während Maria Thereſia in ihrer Einſamkeit vielleicht weinte und betete, waren ihre Damen damit beſchäftigt, die koſtbare Garderobe der Kaiſerin, ihre Putzſachen und ihr Geſchmeide in dem von der Kaiſerin bezeichneten Saal zuſammen zu tragen und zu ordnen. Auf eine kurze Stunde funkelte der Trauerſaal nun wieder von Sammet und Seide, von Gold⸗ und Silberſtickerei, auf den ſchwarzen Sammetmeubles lagen jetzt Ballkleider von den leuchtendſten Farben, lange Schleppgewänder mit Gold durchwirkt, oder geſchmückt mit ſchönen, künſtlichen Blumen; der ſchwarze Marmor der Tiſche diente jetzt den phantaſtiſchen Kopf⸗ putzen, den funkelnden Geſchmeiden zur Unterlage, Federn und Blumen, gemalte Fächer und goldene, mit Edelſteinen bedeckte Riechfläſchchen la⸗ gen dazwiſchen umher. In einen glänzenden Bazar des Luxus und der Mode hatte der Trauerſaal ſich jetzt verwandelt, und mit begehr⸗ lichen, lüſternen Blicken gingen die Damen der Kaiſerin zwiſchen dieſen Wundern der Pracht und der Eleganz umher, nicht wagend, den Hoff⸗ nungen und Wünſchen, die ſie in ihrem Herzen hegten, Worte zu geben. Auf einmal aber blieben ſie Alle ehrfurchtsvoll ſtehen und ſenkten ihre begehrlichen Blicke zur Erde nieder, denn ſie ſahen die Kaiſerin, welche langſam und ſtolz in ihren ſchwarzen Trauergewändern durch die Säle daher geſchritten kam, und jetzt zu ihnen eintrat. Welch' ein trauriger Contraſt zwiſchen dieſer Frau in der ſchwarzen Trauerhaube und den ſchwarzen Gewändern, welch' ein trauriger Contraſt mit dieſem Prunk 1 17 Geräuſch und der Eitelkeit der Welt, es heißt, daß meine Hände hin⸗ fort nicht mehr das Scepter halten können, weil ſie ſich falten müſſen zum Gebet, zum Gebet für meinen Kaiſer und Gemahl, der dahin ge⸗ gangen iſt in die Gruft, ohne die heiligen Sacramente und die Ver⸗ gebung ſeiner Sünden empfangen zu haben. Mein Leben und meine Kraft iſt gebrochen, die Krone drückt auf meinem Haupt, mag nicht mehr Kaiſerin ſein! Sind Sie es denn geworden, weil Sie es ſein mochten? fragte Kaunitz mit ſeiner unerſchütterlichen Ruhe. Lag es in dem Willen Ew. Majeſtät, eine Kaiſerin zu werden, oder eine Erzherzogin zu blei⸗ ben? Was ſagten Ew. Majeſtät damals, als der tollkühne Churfürſt von Baiern für ſich die deutſche Kaiſerkrone beanſpruchte, und ſich als Kaiſer Carl VII. krönen ließ? Damals ſagten Ew. Majeſtät:„ich habe die Krone von Gott und durch heiliges Erbrecht empfangen, und ich muß nehmen und behalten was Mein iſt! Oh, es iſt viel edles Blut vergoſſen worden, um dieſe von Gott erhaltene Krone auf dem Haupt Maria Thereſia's zu befeſtigen, und jetzt meinen Ew. Majeſtät, daß die Thränen der trauernden Gattin genügend ſind, um den Glanz Ihrer Kaiſerkrone zu verlöſchen, und die Pflichten aufzulöſen, welche die Kai⸗ ſerin an ihr Volk binden? Jetzt meine ich, daß ich müde bin vom Leben und der Welt, daß ich mich zurückziehen will in die Einſamkeit und Stille des Kloſters. Still, ſage Er kein Wort mehr! Mein Entſchluß iſt gefaßt, und er iſt unwiderruflich! In ein Kloſter will ich mich zurückziehen, und das Kai⸗ ſerſchloß zu Insbruck ſoll dieſes Kloſter ſein! Dort an der Stätte, wo Er geſtorben iſt, ſoll man den Hochaltar errichten, dort, wo ich einſt als Kaiſerin an Seiner Seite geſtanden, will ich jetzt als Aebtiſſin auf meinen Knieen liegen und beten, beten, daß Gott Seine Seele aus dem Fegefener erlöſen und ihr die ewige Ruhe geben möge! Meine Lauf⸗ bahn als Kaiſerin iſt vollendet, und in die Hände meines Sohnes will ich jetzt das Scepter und die Krone niederlegen!*) Das heißt, Ew. Majeſtät wollen mit eigenen Händen das Werk *) Coxe history of the house of Austriu. Vol. V. 188. Kaiſer Joſepb. 1. Abth. III. 2 18 wieder zerſtören, das Sie aufgebaut haben, Ew. Majeſtät wollen Sich muthlos zurückziehen von der Arbeit, und Sich Selbſt und Ihren Pflichten ungetreu werden. Ich will thun, was mein großer Ahnherr Carl der Fünfte gethan hat, rief die Kaiſerin lebhaft. Ich will meine irdiſche Hoheit ablegen und in Demuth meinem Gotte leben! 4 Und es wird alsdann Ew. Majeſtät ergehen, wie es dem armen bekla⸗ genswerthen Kaiſer Carl erging! Ew. Majeſtät werden die Schwärmerei eines melancholiſchen, phantaſtiſchen Tages mit langer Reue bezahlen müſ⸗ ſen! Oder meinen Sie etwa, der arme Mönch habe es jemals vergeſſen können, daß er einſt der große Kaiſer geweſen, in deſſen Landen die Sonne niemals unterging? Meinen Sie, daß das Beten und Faſten, das Kaſteien und Horaſingen jemals in dem Herzen des Kaiſers die Erinnerungen an ſeine große Vergangenheit ertödten konnte? Daß jemals der ſtolze aiſer ſich in einen demüthigen Mönch verwandelt hätte? Wer einmal gekoſtet hat von dieſem berauſchenden Trank, der da heißt Macht und Ruhm, wer ſo hoch geſtanden, daß er dem Himmel näher geweſen als der Erde, und keine andere Inſtanz und keinen andern Richter über ſich gehabt hat, als Gott allein, der ſteigt nicht ungeſtraft hernieder von ſeiner Höhe. Oben mag ihm geſchwindelt haben, aber unten angelangt im Thal, wird er mit beſtaubten Füßen und blutender Bruſt zuſammen ſinken unter den Menſchen, die ihm fremd ſind mit ihrem Empfinden, ihren Sorgen und ihren Neigungen, und die für ſeine Leiden und ſeine Enttäuſchungen kein Mitgefühl und kein Erbarmen, ſondern nur Hohn und Verachtung haben werden! Oh der Bettler, der auf der Straße dem Vorübergehenden ſeine vom Hunger abgezehrte Hand entgegen ſtreckt und um ein Almoſen fleht, iſt minder beklagenswerth als ein Fürſt, der in dem Ueberdruß einer gelangweilten oder geängſteten Stunde freiwillig herniederſteigt von ſeinem Thron, die Krone von ſeinem Haupte nimmt, um es unter den Staub des Lebens zu beugen, und unter den gewöhnlichen Menſchen ſelber ein gewöhnlicher Menſch zu ſein. Den hungernden Bettler wird Jedermann bedauern, den vom Thron hernie⸗ dergeſtiegenen Fürſten wird Jedermann verſpotten, und er ſelber wird verzehrt werden von unfruchtbarer Reue; ſeine Erinnerungen werden wider ihn aufſtehen, und den Enmeniden gleich, werden—* ihn hinaus⸗ 7 ten 19 treiben aus dem Haine des Friedens und der Ruhe, in dem zu wohnen er keine Berechtigung hat! Doch lebte Kaiſer Carl noch zwanzig Jahre in ſeinem Kloſter, rief die Kaiſerin. 3 Aber welch' ein Leben, Majeſtät! Ein Leben der Reue, des un⸗ thätigen Grams, der ſchweigenden Verzweiflung. Wiſſen Ew. Majeſtät nicht mehr, was Carl der Fünfte zu dem Biſchof von Toledo ſagte, als dieſer, gleich den andern Großen Spaniens, kam, dem Kaiſer zu dem erſten Jahrestag ſeiner Thronentſagung Glück zu wünſchen?„Ja,“ ſagte der Kaiſer,„Ihr habt Recht, es iſt heute ein Jahr, daß ich dieſes Leben der Reue und der verzweiflungsvollen Selbſtvorwürfe begann!“ — Oh wahrlich, der Kaiſer hatte Recht! Es iſt beſſer, wie Cäſar von zwanzig Dolchſtößen durchbohrt auf den Stufen ſeines Thrones nieder⸗ zuſinken, als freiwillig von dem Thron herniederzuſteigen, um in einer Kloſterzelle ſeine Reue und Verzweiflung zu begraben! Beſſer für Den, welcher nicht, wie ich, abgeſchloſſen hat mit der Welt und der ECitelkeit! rief die Kaiſerin, ihre großen glänzenden Augen zum Himmel emporhebend. Mag mein Ahnherr Kaiſer Carl bereut haben, was er that, und wozu ihn freilich nur die Ueberſättigung und die Langweile ſeiner Herrlichkeit und Größe getrieben hat. Mich aber treibt mein Herz und meine Liebe, mich zieht nicht die Ueberſättigung, ſondern der Gram hernieder von meinem Throne, und weil ich unge⸗ ſtört und unbelauſcht weinen und beten will, darum flüchte ich in eine Zelle, wo Niemand bei mir ſein wird, als Gott und meine Erinnerungen! Ja, ſagte Kaunitz energiſch, wo doch noch etwas Anderes bei Ih⸗ nen ſein wird: die Verwünſchungen und der Zorn Ihres Volkes näm⸗ lich! Oder meint Ew. Majeſtät etwa, daß die Völker, welche nicht Ihr Wille und Ihr Behagen, ſondern welche der Wille Gottes unter Ihren Scepter geſtellt, daß dieſe Völker es Ihnen danken werden, wenn Ew. Majeſtät ihnen die Treue brechen wollen, zu welcher ein Fürſt ebenſo⸗ ſehr gegen ſein Volk verpflichtet iſt, als dieſes gegen ihn? Oh, die Verwünſchungen, die Drohungen, welche man gegen die treuloſe Kai⸗ ſerin ausſtoßen wird, ſie werden wohl den Weg in Ihre Zelle finden, in dieſe Zelle, über welche Sie, wie die Verdammten der Hölle, die Worte des Dante ſetzen müſſen: Lasciate ogni speranza! 2* 20 Und warum ſollte man mich verwünſchen und mir drohen? fragte die Kaiſerin. Ich laſſe ja meinen Völkern einen Nachfolger zurück, dem es früher oder ſpäter doch Unterthanenliebe, Gehorſam und Treue ſchuldig iſt!. Aber welcher zerſtören kann und wird, was Ew. Majeſtät begon⸗ nen haben, welcher mit jugendlicher Haſt den Bau überſtürzen wird, den Ew. Majeſtät nach wohlüberlegtem Plan, beſonnen und langſam aufzuführen begonnen! Wenn man aber dem neuen Hauſe zu früh die Stützen fortzieht, und es unter ſeinen zuſämmenſtürzenden Mauern die Menſchen begräbt, welche, dem Baumeiſter vertrauend, ſich ſchon darin niedergelaſſen, wer iſt es, den die Lippen der Sterbenden dann verwünſchen werden, den ſie ihren Mörder nennen werden? Den Baumeiſter! Nun denn, Ew. Majeſtät iſt der Baumeiſter, welcher ein neues Oeſterreich bauen wollte! Sie forderten dazu meinen Beiſtand und meine Hülfe, ich habe in die Hand Eurer Majeſtät geſchworen, treu auszuharren im Dienſte Oeſterreichs und Eurer Majeſtät, und jetzt wollen Ew. Majeſtät unſer Werk vollendet erklären, obwohl das Ge⸗ bäude noch ſchwankt und auf ſeinen Stützen knarrt und zuſammen fallen wird, wenn wir ihm den Rücken wenden! Nein, Majeſtät! Indem Sie meeinen Schwur der Treue annahmen, haben Sie mir auch den Ihren gegeben, und ich, der Obriſthofkanzler und Miniſter Ihres Reiches, ich entlaſſe Sie nicht aus Ihren Pflichten und Ihrer Treue! Ich fordere von Ihnen im Namen Ihres ganzes Volkes, daß der Kaiſer Maria Thereſia ausharre auf der Stelle, auf welche das Schickſal ihn geſtellt hat, daß Ew. Majeſtät thue, was Ihres Amtes und Ihrer Pflicht iſt, und lebe, arbeite, und dem Willen Gottes gehorche, indem Sie die Krone, welche Gott Ihnen gegeben, ſo lange auf Ihrem Haupte feſthalten, bis die Hand Gottes ſelber ſie von Ihrer Stirn nimmt! Die Kaiſerin war, während Kaunitz in heftiger Erregung ſo ſprach von ihrem Stuhl aufgeſtanden und ging langſam und mit gerunzelter Stirn auf und ab. Als Kaunitz jetzt ſchwieg, blieb ſie vor ihm ſtehen und ſchaute ihm lange und tief in das Angeſicht, das heute von unge⸗ wohnter Aufregung zuckte und bebte. 1. 2. Er iſt ein kühner und beherzter Anwalt meines Volkes, ſagte ſie, indem ſie ihn mit einem Nicken des Hauptes grüßte, ein tapferer Vet: 21 theidiger meiner Oeſterreicher, und ich freue mich deß, und werd's Ihm nimmer im Zorn gedenken, was Er da Wildes und Reſpectwidriges zu mir geſprochen hat! Aber überzeugt hat Er mich nicht, und überwun⸗ den hat Er meinen Gram auch nicht! Er hat mich eben Seinen Kaiſer Maria Thereſia genannt! Merks wohl, warum Er das ge⸗ than hat! Er wollt mich mahnen, daß es Mannesarbeit iſt, die ich übernommen habe, als ich den Thron meiner Väter beſtieg, und daß ich ſie zu Ende führen muß mit Mannesſtärke. Hab' auch bis hieher allzeit meinen Ruhm und meinen Stolz darin geſucht, zu handeln, zu denken, zu regieren und zu ſchaffen wie ein Mann, und nichts an mir zu dulden, welches die Menſchen berechtigte zu ſagen: ſie iſt doch nur eine Frau und hat die Schwächen ihres Geſchlechts! Ach, aber Gott, welcher mir vielleicht den Kopf eines Mannes gegeben, hat mir doch das Herz einer Frau gelaſſen, und für den Uebermuth und Stolz, mit dem ich ſtrebte nach Mannesruhm, hat er mich geſtraft, indem er das Weib in mir niederſchmetterte und zermalmte. Es iſt das Herz der Frau, das da in meiner Bruſt ſo ſchmerzlich zuckt und weint, und das Herz iſt jetzt mächtiger als der Kopf, und alle klugen Ermahnungen und alle Vernunftgründe bringen's doch nicht zur Raiſon und zum Schweigen! Die Frau in mir will ihr Recht haben; ſie iſt ſo lange zurück gedrängt worden, jetzt verlangt ſie ihr Recht, das Recht der Thränen, der Verzweiflung und der Klage!— Aber ich will Ihm doch zeigen, daß ich nicht eigenſinnig bin, und daß ich Seinen Rath und Seine Vernunft hoch halte! Will Ihm einen Beweis geben, daß ich mein Ohr nicht Seinen Worten verſchloſſen habe, und nicht in der Tollkühnheit der Verzweiflung den Entſchluß gefaßt habe, die Krone mit dem Nonnenſchleier zu vertauſchen. War, bis Er kam, feſt ent⸗ ſchloſſen, noch heute meinem Thron und meinen Würden zu entſagen, den Joſeph zu meinem Nachfolger, zum alleinherrſchenden Kaiſer Oeſter⸗ reichs zu erklären und nach Insbruck abzureiſen, um da im Schloß mein Kloſter einzurichten. Jetzt, um Seinen Bitten zu genügen, will ich die Ausführung meines, Plans noch auf vier Wochen verſchieben, und will's bis dahin Niemanden außer Ihm ſagen, was ich zu thun feſt entſchloſ⸗ ſen bin und bleibe! Ich will alſo den Joſeph vorläufig nicht zu meinem Nachfolger, ſondern zu meinem Mitregenten ernennen, und ihm unter 5 — 2 dieſem Titel die Regierungsgeſchäfte übertragen. Aber wenn die vier Wochen der Prüfung, welcher ich mich freiwillig unterworfen habe, vorüber ſind, wenn Er mich dann noch ebenſo feſt in meinem Gram und meiner Weltverachtung findet, noch ebenſo ſehnſuchtsvoll nach Ein⸗ ſamkeit und Stille, wird Er mich dann ohne Murren und Stirnrun⸗ zeln gewähren und mich meine Pläne ausführen laſſen? Wird der Obriſthofkanzler und Miniſter Oeſterreichs dann die Kaiſerin aus ihrer Pflicht entlaſſen und ihr geſtatten, die Krone niederzulegen und Aeb⸗ tiſſin zu werden? Wenn Ew. Majeſtät in vier Wo ſagte Kaunitz mit einem kaum merklichen Lächeln, wenn Sie nach vier Wochen der unbeſchränkten Mitherrſchaft des Kaiſers Joſeph noch des Willens ſind, Sich in ein Kloſter zurückzuziehen, dann werde ich es nicht mehr wagen, Ew. Majeſtät mit meinen Vorſtellungen und Bitten zu beläſtigen, denn ich werde alsdann wiſſen, daß ſie nutzlos ſind! Nun alſo! Ich trete mein Noviziat von vier Wochen an! In vier Wochen werde ich Aebtiſſin ſein! Jetzt wollen wir den Hof und die Vertreter der fremden Mächte zuſammen rufen laſſen, damit ſie im großen Thronſaal gegenwärtig ſind, wenn ich meinen Sohn Joſeph zu meinem Mitregenten erkläre!* chen noch ſo denken, wie heute, III. Der Mitregent. Maria Thereſia hatte ihr Wort erfüllt. Sie hatte Joſeph, den Nachfolger ſeines Vaters in der deutſchen Kaiſerwürde, zu ihrem Mit⸗ regenten ernannt, und dem jungen Kaiſer alsdann Vollmacht gebend, in ihrem Namen zu regieren, Geſetze und Verordnungen zu geben, zu ſtrafen, zu belohnen und zu richten, hatte ſie ſich in ihre Gemächer zu⸗ rückgezogen. Dort verweilte fie ſeitdem in tiefſter Stille und Zurück⸗ gezogenheit, ſelbſt den Verkehr mit ihren Kindern ſtreng von ſich ab⸗ wehrend, und nur ihrem Beichtvater, ihrer Oberhofmeiſterin und eini⸗ 4 1 34 2 1 7, 1 4 B ¹ 23 gen ihrer vertrauteſten Freunde den Zutritt in ihre Trauergemächer, aber immer nur auf kurze Zeit geſtattend. Joſeph, der junge Kaiſer von vier und zwanzig Jahren, war alſo jetzt der alleinige, der unumſchränkte Herrſcher über Oeſterreich, über Ungarn, die Lombardei und die Niederlande! Er hatte das hohe, das köſtliche Ziel erreicht, er konnte jetzt daran denken, ſein Volk glücklich zu machen, die Mißbräuche und Uebelſtände abzuſtellen, die er lange und mit traurigem Herzen überall gewahrt, und ſchweigend hatte dulden müſſen; er hatte nicht mehr nöthig, dieſes Regiment der Prieſter, der alten Frauen, der Scheinheiligen und Heuchler zu dulden, welche es verſtanden, das Herz und das Ohr der Kaiſerin für ſich zu gewinnen. Er durfte ſie Alle aus dem Palaſt verweiſen, die ehrgeizigen und egoiſti⸗ ſchen Rathgeber früherer Tage, welche den Schleier der Bigotterie, des Aberglaubens und der Heuchelei über Oeſterreich ausgebreitet, damit es Nacht bleibe in den Herzen und den Köpfen des Volkes. Jetzt ſollte es Tag werden, ein heller, ſchöner, glänzender Tag für Oeſterreich. Joſeph hatte die Zügel der Regierung in die Hand genommen, und er wollte ſeinen Völkern die Sonne und das Licht bringen! Sie ſollten mit unverhülltem Auge um ſich ſchauen, ſie ſollten die Wahrheit ſehen und erkennen dürfen, nicht mehr geleitet werden am Gängelband der Prieſterherrſchaft, nicht mehr durch Beten und Kaſteien allein zu Beförderung, zu Ehre und Anſehen gelangen, ſondern nur durch Recht und Verdienſt, durch Tugend und Talent. Seit dieſem berauſchenden, ſinnverwirrenden, ſeligen Moment, wo Maria Thereſia ihren Sohn hatte zu ſich rufen laſſen, wo ſie im Bei⸗ ſein des Hofes ihn zu ihrem Mitregenten ernannt, und ihm ihre eigene Macht und ihr Anſehen übertragen, fühlte ſich Joſeph wie in eine wundervolle, ſtrahlende Welt entrückt. Anfangs hatte er es wohl ver⸗ ſucht, die Kaiſerin zu bitten, von ihrem Entſchluß abzuſtehen, und allein und unbeſchränkt weiter zu regieren, aber indem er das gethan, hatte ſein Herz gezittert vor Angſt und Entſetzen, hatte er ein Gefühl gehabt, als werde er todt niederſtürzen, wenn Maria Thereſia ſeine Bitte er⸗ fülle. Aber die Kaiſerin hatte einmal ihren Entſchluß gefaßt, und die Bitte ihres Sohnes hatte daher keinen Einfluß auf ſie geübt. Sie hatte ſich in die Einſamkeit ihrer Gemächer zurückgezogen, und 24 Joſeph war jetzt der Kaiſer und der Herr! Er hatte nicht mehr nöthig zu ſchweigen und ſich zu verhüllen, er durfte frei und unverholen ſein Antlitz zeigen, ſeine Gedanken äußern und zur That werden laſſen. Er durfte Er ſelbſt ſein! 4 4 Eine Nacht und ein Tag war vergangen, ſeit Maria Thereſia ihren Sohn zum Mitregenten ernannt hatte. Der Kaiſer hatte ſie in fieberiſcher Aufregung durchlebt, tauſend glühende, leidenſchaftliche Ge⸗ danken und Pläne hatten ſein Herz beſtürmt, und hielten ihn wach in⸗ mitten der Nacht. Wie hätte er ſchlafen können, Er, welcher jetzt wachen durfte über Millionen Menſchen, die von ihm ihr Glück und ihren Frieden forderten, Er, welcher ſich bereit fühlte, ſein Herzblut tropfenweiſe hinzugeben, wenn es das Wohl ſeines Landes und ſeines Volkes erforderte. 4 Den ganzen erſten Tag hatte Joſeph eingeſchloſſen mit den Mi⸗ niſtern und erſten Räthen der Krone in der Hofkanzlei hingebracht. Dort auch war das Teſtament des verſtorbenen Kaiſers eröffnet wor⸗ den, und Joſeph hatte aus demſelben erfahren, daß er jetzt nicht bloß die Macht, ſondern auch Reichthum beſitze, um ſeiner Macht den Glanz zu verleihen. Kaiſer Franz hatte ſeinen Sohn zum Univerſalerben ſeines Privatvermögens eingeſetzt, er hatte ihm ſeine Güter in Ungarn und Galizien, ſeine Kleinodien und Juwelen, er hatte ihm all' die Millionen Geldes hinterlaſſen, welche der induſtriöſe Kaiſer mit ſeinen Handelsgeſchäften und Fabrikunternehmungen erworben hatte. Er hatte ſeinem Sohn endlich auch zwei und zwanzig Millionen Coupons*) hin⸗ terlaſſen, für welche der ökonomiſche Kaiſer Franz dem Staat Oeſter⸗ reich ſein ſchön geprägtes Gold geliehen hatte. Joſeph alſo konnte ſich jetzt den mächtigſten und reichſten deutſchen Fürſten nennen, ſein Vater hatte ihm ein Erbe im Geſammtwerth von einhundert und neun und funfzig Millionen Gulden hinterlaſſen,**) ſeine Mutter hatte ihr Scepter und ihre Herrſchergewalt in ſeine Hände niedergelegt. Aber Er, wel⸗ chen die Verkündigung ſeiner Mitregentſchaft in einen wahren Rauſch *) Dieſe ſogenannten Coupons waren das erſte Papiergeld, das in Oeſter⸗ reich ausgegeben ward, und zwar in dem Jahre nach dem ſiebenjährigen Kriege. **) Hübner, Lebensgeſchichte Joſeph II. Bd. I., S. 28. 1 9 ge we 25 des Entzückens verſetzt hatte, nahm die Nachricht von ſeiner ungeheu⸗ ren Exbſchaft mit vollkommener Gleichgültigkeit auf. Sein Auge, wel⸗ ches vorher ſo ſtrahlend und hell geweſen, ſchaute jetzt mit einem trü⸗ ben Ausdruck auf die unglückſeligen Papiere hin, welche da vor ihm lagen. Ich wünſchte, der Kaiſer, mein Vater, hätte alle Coupons an ſich gekauft, und ſie wären jetzt alle Mein, ſagte er ſeufzend. Aber Ew. Majeſtät würden keine guten Geſchäfte dabei machen, wagte der Oberfinanzrath von Kinsky zu bemerken. Dieſe Coupons tragen wenig Zinſen, und außerdem iſt Papiergeld immer nicht ſo ſicher als Metall, es kann ſeinen Werth verlieren. Es kann auch verbrennen, ſagte der Kaiſer lächelnd, man kann dieſe zwei und zwanzig Millionen in wenigen Minuten in ein Häuf⸗ chen werthloſe Aſche verwandeln! Oh, es iſt eine ſchlechte Erfindung, dieſes Papiergeld, ein trügeriſcher Schein von Etwas, das nichts iſt, und doch viel bedeuten ſoll. Möchte wohl wiſſen, wenn alle Inhaber dieſer Coupons morgen ihre Auszahlung und Umwechslung von der Regierungsbank fordern wollten, ob ſie ihr baares Geld dafür erlangen könnten? Der Oberfinanzrath zuckte die Achſeln. Wenn ſie alle auf Ein⸗ mal kämen, nein, Majeſtät! Aber ſie wären in ihrem guten Recht, wenn ſie's thäten, rief der Kaiſer heftig; ſie haben im Vertrauen auf die Regierung das werthloſe Papier als baare Münze angenommen, und ich werd's nimmer dulden, daß das Vertrauen meines Volkes jemals getäuſcht werde. Tragen Sie Sorge, daß dieſe zwei und zwanzig Millionen Coupons da ſorg⸗ fältig in Bündel gepackt und in meine Privatgemächer gebracht werden. Ich will bald weiter darüber beſtimmen. Mit Arbeiten und Conferenzen war der erſte Tag der Mitregent⸗ ſchaft Joſeph's vergangen, und überſtürzt von dieſer Fluth neuer Ge⸗ ſchäfte, neuer Lebensbeziehungen, hatte der Kaiſer noch nicht Zeit gefun⸗ den, ſich ſeiner Familie, ſich ſeinem Volk in ſeiner neuen Würde zu zeigen. Heute, am zweiten Tage ſeiner Mitregentſchaft, ſollte das geſchehen, heute ſollte Wien ſeinen neuen Kaiſer, den Mitregenten Maria The⸗ reſia's, ſehen. Es war eine ſehr feierliche und freudige Veranlaſſung —— 26 dazu, denn Wien feierte heute ein ſchönes Erinnerungsfeſt. Es feierte das alljährliche Dankfeſt zur Erinnerung an die durch König Sobieski und ſeine Polenſchaaren erfolgte Befreiung Wien's von den Türken.—*) Die tiefe Trauer um den Gemahl und den Vater verhinderte die Kai⸗ ſerin und ihre Töchter bei dieſem Feſte, wie ſie es ſonſt in jedem Jahre gethan, ſich dem Volke zu zeigen, aber der Kaiſer wollte dabei ſein, er wollte ſich der heiligen Pflicht nicht entziehen, dankbar zu ſein, und in⸗ mitten ſeines Volkes den Manen des großen Polenkönigs ſein Dank⸗ opfer darzubringen.— Ganz Wien war daher in freudiger Bewegung, Jedermann wußte, daß Kaiſer Joſeph in der Stephanskirche der So⸗ bieskimeſſe beiwohnen werde, Jedermann war begierig, den jungen Kai⸗ ſer zu ſehen, auf ſeinem Antlitz endlich ſeine lang verhüllten Gedanken leſen zu können, Vornehm und Gering eilte daher mit neugieriger Haſt dem Stephansdome zu, und die Feier des Dankes hatte ſich ſchnell in ein Feſt der Neugierde, der Erwartung verwandelt. Aber während die neugierigen Wiener dem Dome zuſtrömten, ver⸗ weilte der junge Kaiſer noch immer in ſeinen Gemächern. Die Vor⸗ zimmer waren dicht angefüllt mit Männern jeder Art und jedes Stan⸗ des, welche Alle in athemloſer Erwartung dem Erſcheinen des jungen Kaiſers entgegen ſahen. Jeder hatte ihm eine Bitte, einen Wunſch vorzutragen, Jeder wollte für ſich einen Strahl der neuen aufgehenden Sonne auffangen. Man hatte ſich mit Empfehlungen und Bittſchriften verſehen, man hatte mit Geld und Schmeicheleien die Lakaien und Kam⸗ merdiener des Kaiſers gewonnen, damit ſie die Bittſchriften und Em⸗ pfehlungen zur Weiterbeförderung an den Kaiſer annehmen ſollten, da⸗ mit ſie den Bittenden in den Vorzimmern einen Platz anweiſen ſollten, auf welchem der Kaiſer ſie bemerken mußte. So war es geweſen ſeit langen Zeiten her, ſo hatte man durch Schleichwege und Beſtechungen, durch Hinterthüren und Heucheleien unter Maria Thereſia ſich zu Ehren und Würden empor geſchwungen, ſo hoffte man es auch ferner zu thun unter der Mitregierung ihres Sohnes.— Aber plötzlich verbreitete ſich ein paniſcher Schrecken unter all' dieſen in den Vorzimmern ver⸗ ſammelten Herren, plötzlich ſah man da Geſichter, welche vorher ſo *) Dies geſchab 1683 den 12. September. ———„„ ce— 27 übermüthig und keck drein geſchaut, erbleichen, plötzlich verwandelten ſich fromme, gottergebene Mienen in finſtere, zornerfüllte, denn in der Mitte all dieſer vornehmen und hochmögenden Herren, welche dem Kaiſer ihre Huldigungen darbringen und ſich ſeiner Gunſt empfehlen wollten, erſchienen jetzt die Kammerdiener und Lakaien des Kaiſers mit verlege⸗ nen, beſtürzten Geſichtern, die ihnen übergebenen Bittſchriften noch in Händen haltend. Sodann öffnete ſich die in das Kabinet des Kaiſers führende Thür und der Oberkammerherr, Baron Roſenberg, trat mit einem Papier in der Hand in die Mitte des erſten Vorſaals.— Die Kammerhuſaren hatten nicht nöthig, Ruhe zu gebieten, denn alle dieſe vorher ſo beweglichen, ſo hoffnungsreichen Leute blickten jetzt mit athemloſer Erwartung, mit ſtarrem Staunen auf den Oberkammerherrn hin, und inmitten dieſer allgemeinen Stille, dieſes tiefen Schweigens, las dieſer die kaiſerliche Verordnung vor, den erſten Gruß des Kai⸗ ſers an ſein Volk!— Aber es war dies ein Gruß ganz eigenthüm⸗ licher Art, ein Gruß an die Guten, welcher zugleich ein Verdammungs⸗ urtheil für die Böſen enthielt! Es war dies eine in ſcharfen und ſtrengen Worten abgefaßte Verordnung, in welcher der Kaiſer„alle Schleichwege zu Ehrenſtellen“ verbot, und ein für alle Mal erklärte, daß er weder Bittſchriften noch Empfehlungen aus den Händen ſeiner Hofbedienten annehmen, ſondern„bei Beförderungen bloß auf Verdienſte und gute Zeugniſſe der Vorgeſetzten Rückſicht nehmen werde.“*) Und nachdem der Graf Roſenberg dieſe Verordnung geleſen, legten *) Hübner: Lebensgeſchichte Kaiſer Joſeph II. Bd. I. S. 29. Hübner ſagt an dieſer Stelle: Dieſes Verbot des Kaiſers war in der That ein wahres Staatsbedürfniß. In den hohen Collegien des Landes waren von oben bis unten die allerelendſten Ritter angeſtellt, Männer, die oft kaum ihren Namen ſchreiben konnten und ſich noch dazu ſehr elende Schreiber hielten, die ihre Mutterſprache erbärmlich radebrechten; Leute, die von der unterſten Extraction durch Damenfriſuren und durch den glücklichen Speditionshandel mit mitleidi⸗ gen Frauenzimmern zum Beſten ihrer gnädigen Herrn, eine Stufe und Ehre nach der andern erſchlichen hatten, und der Regierung Schande machten. Die Schleichwege zu Ehrenſtellen waren unendlich. Der meiſte Betrieb geſchah durch männliche und weibliche lange Röcke, und das Verdienſt hatte ſelten die Ehre, ein Wörichen mitzuſprechen. 28 die Lakaien die empfangenen Bittſchriften auf den inmitten jedes Vorſaals befindlichen Tiſchen nieder, damit Jeder dort ſich ſein Eigenthum aus⸗ wähle und dann von hinnen gehe. Ew. Majeſtät haben Sich heute viele Feinde gemacht, ſagte der Oberkammerherr, in das Kabinet des Kaiſers zurückkehrend. Ich ſah da viel finſtere und drohende Geſichter in den Vorzimmern, und Man⸗ cher, der zu dem Tiſch trat, um ſeine Bittſchrift zu ſuchen, konnte kaum die Verwünſchung zurück halten, die auf ſeinen Lippen zitterte, und ſehr deutlich auf ſeiner Stirn zu leſen war. Den Schleichern und Kriechern ein Schrecken zu ſein, wird mir allzeit eine ebenſo große Freude gewähren, als den ehrlichen und ver⸗ dienſtvollen Leuten ein Freund und Gönner zu ſein, ſagte der Kaiſer mit frohem Lachen. Wenn meine Verordnung mir Feinde gemacht hat, ſo denke ich, wird ſie mir auch viel Freunde erwerben, und um der Freundſchaft der Guten willen, darf man die Feindſchaft der Böſen nicht ſcheuen. Oh Freund, die Guten ſollen mit mir zufrieden ſein, denn ich hab' in dieſen langen und traurigen Jahren des Schweigens und Beobachtens viel geſehen, viel gelernt und mir Tag um Tag mit heiligen Schwüren gelobt, den Böſen zu vergelten, was ich ſie Uebles thun ſah, den Guten zu ihrem Recht zu verhelfen, ſobald nur mein Tag gekommen ſei. Und jetzt iſt er da, jetzt iſt Mein das Belohnen und das Beſtrafen, das Schaffen und Begründen. Die Nacht ſoll zu Ende ſein für mich und mein Volk, der Tag und das Licht ſoll uns Allen jetzt leuchten.. Der Himmel gebe, daß dieſer ſchöne und geſegnete Tag nicht bald durch Wolken verdüſtert werde, ſeufzte Graf Roſenberg. Der Kaiſer lachte. Was fürchteſt Du, Freund? Haſt ſo lange mit mir die Laſt des Schweigens und der Verſtellung getragen, daß es Dich jetzt faſt erſchreckt, die Feſſeln auf einmal von Dir genommen zu ſehen. Kannſt Dich noch nicht gewöhnen an die friſche Luft, die uns plötzlich umweht, ſeit wir die Maske von den Geſichtern genommen? Geduld, Freund, es ſoll Alles Anders werden. Unſere ſchönſten und kühnſten Träume ſollen ſich jetzt erfüllen, und was wirgin mancher ſtillen und verſchwiegenen Nacht heimlich und mit leiſem ängſtlichem Flüſtern beſprachen, das ſoll jetzt zur Ausführung gelangen. Reform! Reform dals aus⸗ der ſah Lan⸗ rdum 29 Das iſt das große, göttlich ſchöne Wort, das ich jetzt meinem Oeſter⸗ reich entgegen jauchzen will, mit dem ich es emportragen will aus geiſtiger Erniedrigung und Knechtſchaft. Mein Volk hat lange genug gebetet, jetzt ſoll es denken lernen, es iſt lange genug als unmündiges Kind von ſeinen geiſtlichen Lehrern in die Schule genommen, jetzt ſoll es ſeine Confirmation erhalten, und eintreten in die Reihe der Selbſt⸗ ſtändigen und Erwachſenen. Wo ich Mißbräuche ſehe, da werde ich ſie beſeitigen ſonder Anſehn der Perſon, wo ich dem Verbrechen begegne, da werde ich es ſtrafen, aber wo ich das Gute ahne, da will ich es an das Licht ziehen, und der Tugend will ich lohnen mit freudiger Herzensluſt. Virtute et exemplo, das ſoll fortan mein Wahlſpruch ſein, durch Tugend und Beiſpiel will ich meinem Volke voran gehen, den Böſen ein Schrecken, den Guten eine Luſt. Nur daß die Böſen viel mächtiger ſind als die Guten, ſagte Graf Roſenberg ſeufzend, nur daß man auf die Freunde ſelten, auf ſeine Feinde immer zählen kann. Die Freunde vertheidigen ſelten, die Feinde greifen immer an, die Guten ſind gewöhnlich feige, vertrauensvoll und ſanft, die Böſen faſt immer muthig, heimtückiſch und den rechten Mo⸗ ment erlauernd. Du ſprichſt da in Sentenzen, Freund, die ich nicht verſtehe, rief der Kaiſer lachend. Ich werde jedenfalls die Böſen ſo einzwängen und in Banden ſchlagen, daß ihnen nichts mehr zu erlauern bleibt. Ew. Majeſtät werden das thun, wenn Ihnen Zeit dazu gelaſſen wird, ſagte der Graf, Ew. Majeſtät werden es thun, wenn Ihr Tag hell und klar bleibt, wenn— Nun, was zauderſt Du? Sprich weiter! rief der Kaiſer ungeduldig, als der Graf ſchwieg. Was fürchteſt Du? Ich fürchte, das Ihr Tag ſich bald mit Hülfe der Schwarzröcke und Betſchweſtern wieder verfinſtern wird, flüſterte der Graf. Ich fürchte, daß die Kaiſerin Maria Thereſia Ew. Majeſtät nicht lange Zeit gönnen wird, dieſe Reformen, mit welchen Ew. Majeſtät Ihre Völker beglücken wollen, zur Ausführung zu bringen. Ich fürchte, es wird Ihren Feinden gelingen, die Thränen der Kaiſerin zu trocknen und in die Hände, welche ſich jetzt zum Gebet falten, wieder das Scepter zu legen. Ich habe die finſtern, zornigen Mienen des Pater Porhammer, —— 30 und das verdrüßliche Geſicht der Gräfin Fuchs geſehen, ich habe ſchon geſtern manch drohendes Wort, und manche leiſe Verwünſchung gegen Ew. Majeſtät erlauſcht. Und ſtatt Ihre Feinde zu ſchonen, wollen Sie ihnen in's Geſicht ſchlagen, ſtatt ſie mit Freundlichkeit und Milde zu entwaffnen, wollen Sie ſie mit Strenge und Unverſöhnlichkeit noch mehr reizen. Weil es ſo mein Recht und meine Pflicht iſt, rief Joſeph, weil ich mich ſtark genug fühle aller Bosheit und aller Chikane zum Trotz meinen Weg zu gehen, denn er iſt der Weg der Wahrheit, des Rechts, der Ehre und der Tugend. Ich will keine Heuchler und Kriecher, keine Zwiſchenträger und Denuncianten zwiſchen mir und meinem Volk, frei wollen wir uns einander gegenüber ſtehen, frei und ſonder Furcht ein⸗ ander in's Angeſicht ſchauen! Wir ſind lange genug mit ſpaniſcher Grandezza und italiäniſcher Komödianterie einhergeſchritten! Jetzt wollen wir einmal den Muth haben, auf ehrliche deutſche Weiſe es zu verſuchen, deutſch zu ſprechen, deutſch zu denken, deutſch zu empfinden. Das iſt mein ſchönſter Plan, meine ſeligſte Hoffnung! Oeſterreich ſoll deutſch fühlen, damit es dereinſt Deutſchland werde, damit in ihm aufgehen können alle die verſchiedenen Völkerſtämme, die Baiern und die Sachſen, die Heſſen und die Würtemberger, und wie ſie alle heißen mögen dieſe kleinen Zweige des Einen ſchönen großen Baumes, genannt Deutſchland. Warum ſollen die Zweige andere Namen führen, als der Baum, dem ſie entſproſſen, warum wollen die Aeſte in hochmüthigem Particularis⸗ mus ſich einbilden, ein eigenes, freies Leben zu führen, da ſie doch nimmer ſich ablöſen können von dem deutſchen Stamm, da ſie doch von dieſem allein Lebenskraft und Nahrung empfangen? Deutſchland heißt der Baum und Deutſchland ſollen dereinſt alle ſeine Aeſte und Zweige⸗ heißen! Hoch oben auf dieſen machtvollen majeſtätiſchen Baum, der mit ſeinem ſtolzen Gezweig hierhin die Grenzen Frankreichs, dorthin die Wrenzen Polens beſchattet, oben auf dieſen Baum will ich das Banner Deutſch⸗ lands und die Krone Deutſchlands legen, und vor ihm beugen ſoll ſich alsdann ganz Europa, und vor dieſem einigen großen machtvollen Deutſch⸗ land, das alsdann nur aus Einem Volk und aus Einem Herrn beſteht, ſollen die andern Völker Europa's in ſcheuer Ehrfurcht zurückweichen, buhlend um ſeine Gunſt, angſtvoll ſeine Feindſchaft vermeidend! Sieh, zen, 31 mein Freund, das iſt mein Traum von Glück, mein Traum der Zukunft! Und wenn man Ew. Majeſtät anſchaut, wenn man in Ihr begeiſtertes Angeſicht, in Ihre flammenden muthvollen Augen ſieht, dann möchte man glauben, dieſer göttlich ſchöne Traum könnte noch eines Tages Wahrheit und Wirklichkeit werden! rief Graf Roſenberg freudig. Er wird es werden, ſagte der Kaiſer mit einem wundervollen Lächeln. Weshalb ſollte Deutſchland weniger zur Einheit und zur Selbſtſtändigkeit berufen ſein, als alle übrigen Länder Europa's? War nicht Spanien einſt getheilt in mehrere Königreiche und Fürſtenthümer, hat nicht Frankreich ſich groß gemacht, indem es Navarra und Burgund und all die andern kleinen Souveraine ſtürzte und der einigen Krone einverleibte, iſt nicht England dadurch ſo groß und mächtig geworden, daß es ſich Schottlands und Irlands Kronen auf ſein einzig Haupt ſammelte? Hat nicht Schweden ſich Eins gemacht mit Norwegen, und haben nicht die ruſſiſchen Czaren unter ihrem einigen Scepter die ver⸗ ſchiedenſten Völkerſtämme geſammelt und werden deren noch mehrere ſammeln?— Die Einheit iſt Größe, und alſo muß und ſoll auch Deutſch⸗ land groß werden durch ſeine Einheit! ſeine Zerſtückelung iſt ſein Unglück und ſeine Schwäche. Ich will es ſammeln zur Einheit und Größe! von den Zinnen des Kaiſerſchloſſes zu Wien ſoll dereinſt die dreifarbige deutſche Fahne wehen, und der Kaiſer von Oeſterreich, der jetzt nur den Titel eines deutſchen Kaiſers trägt, ſoll einſt in Wahrheit auch der Kaiſer von Deutſchland ſein! Graf Roſenberg ſchüttelte mit tiefem Seufzen ſein Haupt. Ach, ſagte er, Ew. Majeſtät ſind noch ſo jung, daß Sie noch an die Ver⸗ wirklichung von Idealen glauben, und Götterträume für Wahrheit halten. An die Verwirklichung von Idealen glauben heißt ſie ſchon halb in's Leben treten laſſen, rief der Kaiſer freudig. Seien wir zuerſt und vor allen Dingen ſelber deutſch, dann wollen wir ſehen, ob es uns nicht gelingen wird, Deutſchland deutſch zu machen! Hinweg alſo mit dem ſpaniſchen Gepränge und der italiäniſchen Prieſterwirthſchaft, deutſch ſoll mein Hof ſein, deutſch in ſeinen Sitten und Gewohnheiten. Sorge dafür, Herr Oberkammerherr, daf mir die fremdländiſchen Diener ſo viel als möglich entferne, ndere als Deutſche wieder 8 ſchen Kammerdiener, die gehorſamen Freunde des Pater Porhammer, ſind von dieſer Stunde an aus meinen Dienſten entlaſſen, ich will nur deutſche Kammerdiener haben, und deutſch ſoll prache meines Hofes ſein! Sorge dafür! Dort auf in Schreiben von mir an den Grafen Durazzo. „Direèteur des wähle. Meine zwei italiänif von heute an die S dem Tiſch findeſt Du e Er wird von heute an die Güte haben nicht mehr der spectacles;“ ſondern der Director des Theaters zu ſein, und mein erſter Befehl an ihn iſt die italiäniſche Schauſpielertruppe, ebenſo wie die franzöſiſche zu entlaſſen.*) Aber Sorge ſoll er tragen, daß unſer deutſches Theater gedeihe, und der deutſchen Hauptſtadt Ehre mache. Oh, das iſt ein Befehl, welchen die ganze männliche Jugend Wiens mit Entzücken willkommen heißen wird, rief der Graf freudig. Wie werden die Herren von der deutſchen Geſellſchaft jauchzen, wie glück⸗ lich wird Sonnenfels ſein, wenn er von dieſem Schreiben Eurer Ma⸗ jeſtät erfährt! Du kennſt alſo den Sonnenfels? fragte der Kaiſer. Ich kenne ihn, Majeſtät. Nie gab es einen tapferern und ent⸗ ſchloſſeneren Deutſchen, nie einen glühenderen Prieſterfeind. Sein Leben ſetzt der Sonnenfels ein für Wahrheit und für Recht, und was er will, das will er mit ſeiner ganzen Manneskraft und ſeiner ganzen Geiſtes⸗ ſchärfe. Hat er nicht, allen Machinationen und allem Prieſtergeſchrei zum Trotz, es durchgeſetzt, daß ihm ein Lehrſtuhl an der Univerſität hier eröffnet iſt? Lieſt er nicht zum Entſetzen der ſtaunenden Jeſuiten ein Collegium über Staatswiſſenſchaft, und wagt es in dieſen ſeinen Vorleſungen von dem Unheil der Prieſterwirthſchaft zu ſprechen? Ich will den Sonnenfels kennen lernen, und auch die ſogenannte deutſche Geſellſchaft, die er gründete, ſagte der Kaiſer fröhlich. Ich liebe ſolche tapfere deutſche Männer, die ſich nicht ſchrecken laſſen von Prieſterröcken und Keuſchheits⸗Commiſſionen, und werde ſie daher auch allezeit beſchützen und befördern! Noch Eins, Freund Roſenberg! Da iſt noch ein Billet an den Fürſten Kaunitz, das heute noch zu beſorgen iſt, und das, ſo denke ich, den ſchönen Frauen un nern Wiens willkommen ſein wird. “) Groß⸗Hoffinger. Geſchichte Joſeß h II. Th. I., S. 91. d den jungen Män⸗ Dann hebt Ew. Majeſtät gewiß dieſe verhaßte und entſittlichende Keuſchheits⸗Commiſſion auf? Ich mag's meiner Frau Mutter nicht ſogleich zu Leide thun, ſie aufzuheben, aber ich ſuspendire ſie, ſagte Joſeph lächelnd, das Weitere wird ſich dann finden. Fortan können die ſchönen Frauen wenigſtens ruhig ſchlafen; haben nicht mehr zu fürchten, zur Nachtzeit von den neugierigen und unverſchämten Herren Kenſchheits⸗Commiſſarien geſtört zu werden, die allzeit Böſes ſinnend und argwöhnend, der Unſchuld oft genug die zornige Schamröthe auf die Wangen getrieben; fortan können die hübſchen Mädchen auch immerhin allein und ungeſtört über die Gaſſe gehen, haben nicht mehr nöthig, immerhin die Augen nieder⸗ zuſchlagen, und die Perlen des Roſenkranzes durch die Finger zu ſchieben, wie ſie's bis jetzt gemußt. Kein Keuſchheits⸗Commiſſarius ſoll ſie mehr fragen dürfen, woher ſie kommen, und wohin ſie gehen, und ſie zur Lüge und Heuchelei verleiten! Reformen, Reformen überall, mein Freund! Die Sonne ſoll aufgehen, und über glücklichen und freien Menſchen ſoll ſie leuchten! Aber horch, da beginnen die Glocken zu läuten! Es iſt Zeit zur Kirche zu gehen, Zeit meinem Volk meine erſten Liebesgrüße darzubringen! Laß uns gehen, Freund, es iſt Zeit! Aber Ew. Majeſtät haben noch nicht Toilette gemacht! rief der Oberkammerherr. Die Kammerdiener und Friſeure warten ſchon ſeit einigen Stunden im Toilettenzimmer, die köſtlichſten reichſten ſpaniſchen Gallakleider liegen bereit, dazu der goldgeſtickte Mantel und der Federhut. Ich ſchenke Dir den ganzen Plunder, ſagte der Kaiſer lachend, und meine Kammerdiener mögen ſich theilen in meine ſchon getragenen ſpaniſchen Kleider. Die Zeit der ſpaniſchen Maskerade iſt vorbei, und nie wird der deutſche Kaiſer wieder ſpaniſche Kleider tragen. Die Uniform meines Regiments, das iſt mein Staatsgewand, kein anderes will ich jemals wieder tragen. Du ſiehſt alſo, daß ich bereit bin, laß uns gehen! So erlauben Ew. Majeſtät, daß ich den Oberſtallmeiſter benach⸗ richtige, damit der große Gallawagen vorfahre! Benachrichtige den Oberſtallmeiſter, daß er den großen Gallawagen in der Remiſe laſſe, ſagte der Kaiſer lächelnd. Es iſt vorbei mit aller Galla, und aller Laſt der Etiquette. Bin ein Menſch, wie alle andern Kaiſer Joſeph. 1. Abth. III. 3 Menſchen, und ſtehe ſo feſt und ſicher auf meinen zwei Füßen, wie Ihr Uebrigen Alle. Mögen die Greiſe und die Gichtſchwachen fahren, meine Beine ſind jung und geſund, und ich werde ſie daher gebrauchen. Aber Majeſtät, ſagte der Graf ſchüchtern, was wird das Volk ſagen, wenn es ſeinen Kaiſer ſo ohne den gewohnten und geliebten Prunk und Schimmer daher kommen ſieht! Es wird vermeinen, Ew. Majeſtät achteten es zu gering, um ſich ihm in ſeinem Glanz und ſeiner Würde zu zeigen. Nein, das Volk wird fühlen, daß ich ihm entgegen komme als Menſch den Menſchen, daß ich ihm nicht meine Krone und meine kalte Fürſtenpracht, ſondern mein Herz entgegentragen will, und ſtatt mich anzuſtaunen und zu begaffen wie ein ausländiſches ſeltenes Monſtrum, wird es mich vielleicht lieben, und mir ſolgen aus Liebe, nicht aus dumpfer Pflicht! Das Volk hat immer ſeinen Sinn und zartes Ver⸗ ſtändniß für alles, was menſchlich und gefühlvoll iſt, und Du ſollſt ſehen, es wird mich freudiger begrüßen, wenn ich in ſchlichter Uniform als Menſch zu ihnen komme, denn wenn ich im vollen Prunk als Kaiſer vor ihnen aufgehe!— Kaiſer Joſeph hatte wahr geſprochen. Das Volk, welches in dichtem Gedränge alle Straßen, durch welche der Kaiſerzug ſich dahin bewegen ſollte, belagert hatte, das Volk begrüßte den jungen Kaiſer, der zu Fuß, nur von wenigen Generalen und Hofherren begleitet, in ihrer Mitte erſchien, mit einem Jubel, der, je weiter Joſeph kam, ſich immer nur zu ſteigern ſchien. Anfangs hatte das Staunen über dieſe neue ungewohnte Erſcheinung eines Kaiſers, der ohne Prunk, ohne Wachen und Gefolge einfach und frei inmitten ſeines Volkes erſchien, die lauten Ausbrüche der Freude noch zurück gedrängt, aber nachdem dieſes Staunen einmal überwunden, ward der Jubel um ſo leidenſchaft⸗ licher und machtvoller, drängten dieſe jauchzenden, frohlockenden, Hüte und Tücher ſchwenkenden Menſchen ſich immer dichter heran, um den Kaiſer zu ſehen, der grüßend und lachend kaum ſeinen Weg fortzuſetzen vermochte durch das wogende Gedränge. Seht da das Wunder, rief jetzt eine tönende Stimme aus der Mitte eines dichten Menſchenknäuels, der ſich eben zur Seite des Kai⸗ ſers dahin wälzte, ſeht da den deutſchen Kaiſer, welcher es nicht ver⸗ 35 ſchmäht, ein deutſcher Mann zu ſein! Schaut nur, unſer Kaiſer hat die ſpaniſche Tracht abgelegt, ſchaut nur, er trägt die deutſche weiß und rothe Uniform ſeines deutſchen Infanterieregiments. Hurrah, der deutſche Kaiſer trägt deutſche Soldatentracht! Es lebe Deutſchland und der deutſche Kaiſer! Es lebe Deutſchland und der deutſche Kaiſer! brüllte, jauchzte und jubelte das Volk, und ſo von den Wogen des Volks faſt getragen, die Ohren betäubt von dem brüllenden Jubelgeſchrei, den enthuſiaſtiſchen Grüßen gelangte der junge Kaiſer endlich zum Dom von St. Stephan.— Jetzt ſchmetterten die Trompeten, ließ die Orgel ihre heiligen Ton⸗ wellen erklingen, jetzt begann der vor dem Hochaltar ſtehende, von Dom⸗ herren und Prieſtern umgebene Cardinal von Migazzi mit voller Stimme das Salvum fac imperatorem nostrum zu ſingen, und von den offenen Kirchthüren her erſcholl das jubelnde Rufen des Volkes: es lebe unſer deutſcher Kaiſer! Joſeph, ganz überwältigt, ganz ergriffen von dieſem erhabenen, feierlichen Moment, ſank vor den Stufen des Hochaltars auf ſeine Knie nieder, Thränen der Freude, der Rührung und des Entzückens entſtürzten ſeinen Augen, und die Hände feſt und inbrünſtig in einan⸗ der faltend, ſagte er mit innigem flehendem Ton: oh, mein Gott, gieb mir Kraft, meine Pflicht zu erfüllen, und mein Volk glücklich zu machen! Nachdem das Salvum fac imperatorem beendet war, begann die Todtenmeſſe und das Dankopfer für den Heldenkönig Sobieski und ſeine zwölftauſend Polen, und inmitten ſeines Volkes auf ſeinen Knieen liegend, dankte der Kaiſer Gott und den Manen der Polen für die Hülfe aus drohender Todesgefahr, für die Hülfe, welche die Polen dem bedrängten Wien dargebracht, indem ſie die bedrohte Stadt von dem barbariſchen Feind, den ungläubigen Türken befreite. Dieſes Dankopfer für die heldenmüthigen Befreier Wiens, dies Dankopfer für die Polen, das war der erſte öffentliche Act, welchem Kaiſer Joſeph als Mitregent beiwohnte!*) Aber das Volk, welches dem Kaiſer nachſtrömte, als er nach der *) Paganel: Histoire d'Autriche. Vol. II., p. 259. 1 „ 36 Meſſe die Kirche verließ, das Volk ſollte heute noch einem zweiten öffentlichen Act beiwohnen. Während Joſeph freundlich grüßend und winkend den Weg nach der Kaiſerburg wieder einſchlug, ſah man von der andern Seite der Straße einen ſeltſamen, räthſelhaften Zug ſich daher bewegen. Vorauf gingen Soldaten mit gezogenem Säbel und geſchultertem Gewehr, ihnen folgte, von Pferden aus dem kaiſerlichen Marſtall gezogen, ein offener Wagen, auf welchem mehrere Beamte der Hofkanzlei in ihren Uniformen ſich befanden, große zuſammengerollte Bündel Papiere in ihren Händen haltend. Dem Wagen folgte wiederum ein Detaſchement Soldaten mit geſchultertem Gewehr, den Blick unver⸗ wandt auf den Wagen gerichtet. Was bedeutet dieſer Zug? fragte ſich das Volk untereinander. Was ſollen dieſe Papiere, welche die Herren Hofcanzeliſten da in Händen halten? Und um Antwort auf dieſe Fragen zu erhalten, ſtrömte das Volk dem Zuge nach, der ſich langſam und feierlich durch die Gaſſen da⸗ hin bewegte. Endlich auf dem Kohlmarkt augelangt, hielt der Wagen ſtill, und die Beamten mit ihren Papieren ſtiegen herunter. Aber wohin lenken ſie ihre Schritte? Was iſt das, was ſich da inmitten des Platzes er⸗ hebt? Es iſt ein Scheiterhaufen, und neben demſelben ſtehen finſter blickende Männer mit brennenden Fackeln. Das Volk weicht mit ſcheuem Entſetzen zurück. Eine Hinrichtung! Wer iſt es, den man verbrennen will? unter dem allgemeinen Entſetzen, dem dumpfen Murmeln der blei⸗ chen verſtörten Menge beſtiegen die beiden kaiſerlichen Beamten die kleine hinter dem Scheiterhaufen angebrachte Tribüne, die Bündel Papiere noch immer in ihren Händen haltend. Jetzt legen ſie dieſe Papiere auf den Scheiterhaufen nieder, ſorgfältig ſie übereinander aufſchichtend zu einer lockern Pyramide, und nun hebt der eine der Beamten den Arm empor, und winkt der Menge, welche jetzt ſchon in lautem Geſpräch und Hin⸗ und Widerreden ſich ihre Vermuthungen mitzutheilen begon⸗ nen, Schweigen zu. Sofort tritt eine tiefe feierliche Stille ein, und weithin über den Platz und die athemlos lauſchende Menge tönt die volle mächtige Stimme des Beamten.— 37 Der Kaiſer Joſeph, der Mitregent der Kaiſerin Maria Thereſia, n ſendet ſeinem geliebten Volk ſeinen Gruß! ruft er mit dröhnendem Ton. d Heut, an dem erſten Tage ſeiner Mitregentſchaft, bei dem Dankfeſt für die edelmüthigen Polen, möchte der Kaiſer⸗Mitregent ſeinem Volk gern 1 ein Zeichen ſeiner Geſinnung geben, und ihm beweiſen, wie ſehr er es d liebt. Der Kaiſer hat von ſeinem Vater zweiundzwanzig Millionen 3 Coupons ererbtv; er ſchenkt ſie ſeinem Volk, weil er nicht will, daß es 3 nach den traurigen und ſchmerzvollen Jahren des blutigen Krieges noch d kranken und darben ſoll an Schuldenlaſt und materieller Noth. Dieſe n* Papiere hier, es ſind wohlgezählt die zweiundzwanzig Millionen Cou— 1⸗ pons, das Erbtheil des Kaiſers! Ihr Männer mit den Fackeln, im Namen des Kaiſers, thut Eure Pflicht, legt Feuer an dieſe Papiere, 5 laßt ſie in Flammen auflodern, damit das Volk von Oeſterreich, welches 2 in dieſer Stunde um zweiundzwanzig Millionen reicher wird, es inne -k werde, wie ſehr der Kaiſer ſein Volk liebt! 2 Die Fackeln berührten die aufgeſchichteten Papiere, hoch empor züngelten und ziſchten die Flammen aus dem leichten, trockenen Holz d. des luftigen Scheiterhaufens, und färbten mit flammender Gluth den en blauen, glänzenden Himmel da droben, und die Geſichter der tauſende r⸗ von Menſchen, die in wirrem Gedränge auf dem Platze wogten. er Jetzt verſchwand in dem hoch aufpraſſelnden, brauſenden Feuermeer die weiße Pyramide von Papier, höher ſchlugen die zuckenden Flammen g zum Himmel empor. Das Volk, welches bis jetzt ſtumm geweſen vor Bewunderung und Rührung, brach jetzt aus in einen unermeßlichen i⸗ Jubel; von allen Kirchthürmen der Stadt hallten die Glocken, die ehernen ne Dankesſtimmen Oeſterreichs an die Polen, höher und immer höher re wirbelte die Feuerſäule empor, und in ihren Gluthen verſanken zwei⸗ re undzwanzig Millionen, das erſte Liebesopfer, welches Kaiſer Joſeph II. nd ſeinem Volke dargebracht!*) 3 *) Hormayr: Oeſterreichiſcher Plutarch. Elftes Bändchen. S. 129. — 38 — IV. S Harun al Raſchid. Kaiſer Joſeph war allein in ſeinem Toilettenzimmer. Er ſtand vor dem Spiegel und war damit beſchäftigt, über ſein volles üppiges Haar eine große Perrücke zu ziehen, die in laugen phantaſtiſchen Locken über ſeine Schultern niederfiel, und der letzte Schmuck der ſeltſamen und ungewöhnlichen Toilette war, welche der Kaiſer heute angelegt hatte. Der Kaiſer betrachtete dieſe Toilette ſelbſt mit ſichtlichem Vergnü⸗ gen und mit fröhlichem Lachen ſagte er zu ſich ſelber: Ich denke, Nie⸗ mand wird in dieſem jungen verwogenen Menſchen mit den wallenden Lockenbüſchen, den dunkel gefärbten Augenbrauen, Niemand wird in dem jungen bürgerlichen Stutzer mit dem feinen modiſchen Anzug, den Kai⸗ ſer wiedererkennen. Ich darf es alſo wohl wagen, in dieſer Verklei⸗ dung ein wenig umherzugehen und meine Nachforſchungen anzuſtellen. Will und muß Alles ſelbſt ſehen, ſelbſt prüfen und kennen lernen, denn nimmer kann es mir ſonſt gelingen, Gutes zu ſchaffen, Neues zu wir⸗ ken, die Mißbräuche zu beſeitigen, den Uebelſtänden abzuhelfen. Es ſtehet geſchrieben: Prüfet Alles und das Beſte behaltet! Alſo will ich Alles prüfen, aber ich fürchte, ich werde nur Weniges behalten können. Er trat von dem Spiegel zurück, warf den kleinen pelzverbränten Mantel über die Schultern, ſetzte den dreieckigen kleinen Hut mit der wallenden weißen Feder auf ſeine ſtolze Lockenperrücke, nahm das kleine aus Weinreben geſchnitzte und mit goldenem Knopfe geſchmückte Spazier⸗ ſtöckchen in die Hand und trat wieder zum Spiegel hin, um noch ein⸗ mal mit prüfenden Blicken ſeine ganze Geſtalt zu beſchauen. Ein vollkommenes Herrchen nach der neueſten Mode, das heißt, ein vollkommener Narr iſt es, der mir da aus dem Spiegel entgegen ſchaut, ſagte der Kaiſer lachend zu ſich ſelber. Es wäre in der That eine unverzeihliche Beleidigung, wenn man es wagen wollte, hinter die⸗ ſem jungen Stutzer den deutſchen Kaiſer zu vermuthen! Jetzt auf den Weg, und möge mein Vorgänger, Harun al Raſchid, weniger Abenteuer erlebt haben, als ich ſie auf meinen Wanderungen zu eerleben hoffe. Er hüllte ſich feſter in ſeinen Mantel ein, und trat durch 39 kleine Seitenthür ſeines Toilettenzimmers hinaus auf den Corridor, welcher von den Gemächern des Kaiſers zu denen ſeiner Gemahlin führte. Es war ſehr ſelten, daß der Kaiſer dieſen Corridor betrat, und es befanden ſich daher in demſelben weder Wachen noch Dienerſchaft. Still und unbeachtet lebte die junge Kaiſerin Joſepha in dem Innern ihrer Gemächer, und nie mehr ſeit dem erſten Tage ihrer Vermählung war ihr Gemahl wieder durch jene Tapetenthür, welche in ihr Schlaf⸗ zimmer führte, zu ihr eingetreten. Dieſe Thür war daher verſchloſſen, und der Corridor war öde und leer. Unbemerkt konnte Joſeph über ihn hinſchlüpfen, unbemerkt gelangte er zu der kleinen Treppe, die in das untere Stockwerk führte, und dann ſchritt er mit hochgehobenem Kopf, keck um ſich ſchauend, über die Vorhalle dahin. Die Wachen ſalutirten nicht, und ganz unerkannt und unbeachtet gelangte Joſeph hinaus auf die Straße. Jetzt alſo, ſagte der Kaiſer mit frohem Behagen zu ſich ſelber, jetzt bin ich zum erſten Mal ein Menſch wie andere Menſchen auch. Es wird zu dieſer Stunde Niemanden einfallen, die ewige und unver⸗ äußerliche Majeſtät auf meiner Stirn zu entdecken, und Niemand wird vermeinen, daß das Kaiſerblau meiner Augen von einem ganz anderen, erhabeneren Glanz ſei, als das aller übrigen blauen Augen! Aufgepaßt! ſchrie in dieſem Moment eine drohende Stimme dem achtlos und gedankenvoll dahin ſchreitenden Kaiſer entgegen. Aufge⸗ paßt, und aus dem Wege gegangen! Oder meint der feine Herr etwa, daß ich ihm ausweichen ſoll? Nein, wahrhaftig Ew. Gnaden, das mein' ich nicht, ſagte Joſeph lachend, indem er mit einem gewandten Seitenſprung dem gewaltigen coloſſalen Mann auswich, der in Hemdsärmeln, ſchweißtriefend den ſchwerbelaſteten Karren mit Mauerſteinen hinter ſich herzog. Der Karrenſchieber hielt an, und dem jungen lachenden Stutzer den Weg vertretend, fragte er mit donnernder Stimme: Was unterſteht der Herr ſich, mich Ew. Gnaden zu nennen? Denkt der Herr mich elwa zu verſpotten? Meint der Herr etwa, daß er was Beſſeres iſt, weil er das Geld ſeiner Aeltern verpraßt, und ſich herausgeputzt hat wie'ne Kränzeljungfer auf der Kirmeß? Behüte der Himmel, daß ich Euch zu foppen wagen wollte, ſagte 40 Joſeph, verſichere Euch vielmehr, daß mir Eure ungeheuren Fäuſte und Eure Rieſengeſtalt ungeheuren Reſpect einflößen, und daß ich um Alles in der Welt willen Euch nicht beleidigen möchte. So geht Eurer Wege, Ihr luſtiges Herrlein, ſagte der Karren⸗ ſchieber murrend, und Joſeph eilte an ihm vorüber, frohen Herzens, dies Mal noch, ohne Aufſehen zu erregen, davon gekommen zu ſein. Es wäre doch auch in der That ein wundervolles Ereigniß für die Bücher der Weltgeſchichte geweſen, ſagte Joſeph lachend zu ſich ſelber, wenn man den deutſchen Kaiſer hier im Kampf mit einem Kar⸗ renſchieber entdeckt hätte. Ach, ach, wie würde meine Majeſtät von Gottes Gnaden zuſammengebläuet worden ſein von den herkuliſchen Fäuſten dieſes Herrn von Volkes Gnaden, und blos weil ich mich unter⸗ ſtanden hatte höflich zu ſein. Ich glaube, es iſt gar nicht ſo ganz leicht als gewöhnlicher Menſch mit den Menſchen umzugehen, und ich müßte erſt mit manchem bittern Verweis von ihnen ihre gute Lebensart lernen. Aber was iſt das? Warum weint wohl dieſes arme Kind, das da vor mir geht? Und der Kaiſer beſchleunigte ſeinen Schritt, und näherte ſich dem Mädchen, das gebeugten Hauptes, weinend und ſchluchzend die Straße entlang ging. Es war ein junges Mädchen von kaum ſechszehn Jah⸗ ren; ihre zarte, ſchmächtige Geſtalt war trotz des kühlen Herbſttages nur leicht bekleidet mit einem oft geflickten, aber ſaubern Gewande von dunklem Wollenzeug, ein verwittertes und verwaſchenes Seidentuch be⸗ deckte ihre Schultern; ihr bleiches, liebliches Antlitz war von Thränen überfluthet, und ihre Lippen flüſterten leiſe Klagen, die indeſſen Niemand beachtete. Unter ihrem rechten Arm trug ſie ein in ein ſchwarzes Tuch eingeſchlagenes Bündel, auf das ſie zuweilen ihre von Thränen um⸗ düſterten Blicke niederſenkte, als wolle ſie ſich überzeugen, daß dieſer koſtbare Schatz noch nicht verloren gegangen. So ſchritt das Mädchen, gebeugt und weinend, die Straße dahin durch das fröhliche Wogen und Treiben der Menſchen, die in ihrem geſchäftigen Egoismus keinen Blick, keine Beachtung für ihre Thränen und ihren Jammer hatten, und in deren Mitte das Unglück immer allein und einſam dahin ſchleicht. einem Trödler, um das zu verkaufen, was ich da in meinem Bündel trage. 41 Auf einmal fragte eine milde ſaufte Stimme neben ihr: was weinſt Du, mein Kind? Das Mädchen ſchrak zuſammen und blickte ſcheu empor zu dem Antlitz des jungen Mannes, der ſie mit ſeinen großen blauen Augen ſo freundlich und mitleidsvoll anſchauete. Ich weine, weil ich unglücklich bin, und Grund zum Weinen habe, ſagte ſie ſtill vor ſich hin, indem ſie raſcher vorwärts ging. Aber der Kaiſer blieb an ihrer Seite. Was eilſt Du ſo? fragte er. Fürchteſt Du Dich vor mir? Ich fürchte die Herren Comiſſionnaire der Tugend, ſagte ſie er⸗ röthend. Wenn ſie mich ſehen, werden ſie mich wieder anhalten, und mich wieder beſchimpfen mit ihren beleidigenden Vermuthungen und Verdächtigungen. Haben ſie Dich ſchon einmal verdächtigt, armes Kind? Ja, Herr! Ich ging denſelben traurigen Weg wie heute, und doch ſagten ſie, ich ſei auf ſchlechten Wegen, und ich weinte blos deshalb, um die Aufmerkſamkeit der Vorübergehenden auf mich zu ziehen. Ach, und es waren doch ſehr ernſthafte Thränen, die ich weinte, ſo ernſthaft, daß ich ſchier vermeinte, das Herz würde mir brechen. Geht, Herr, geht. Da ſeh' ich einen Mann daher kommen, der grad' ausſchaut, wie ein Keuſchheits⸗Commiſſionair. Bringt miich nicht in's Unglück. Ich habe überdies ſchon meinen Roſenkranz vergeſſen, und das macht mich verdächtig! Kümmert Ench nicht um mich! Ich weine blos für mich, nicht um Aufſehen zu machen! Laßt mich alſo! Nein, mein Kind, ich will wiſſen,⸗weshalb Du weinſt? fragte der Kaiſer ſanft. Fürchte nichts, der Kaiſer hat, ſo ſagt man, die Keuſch⸗ heits⸗Commiſſionen aufgehoben. Hat er das? fragte das Mädchen aufathmend. Gott ſei Dank, ſo darf ein braves Mädchen doch, ohne an Böſes zu denken, wieder über die Straße gehen, und darf nicht fürchten, gleich für ſchlecht zu gelten, wenn ſie nicht betet. Und wohin gehſt Du, mein Kind? fragte der Kaiſer. ch gehe, ſagte ſie mit ſchnell wieder hervorſtürzenden Thränen, geh', wohin ich nimmer gedacht habe gehen zu müſſen. Ich gehe zu 42 Und was iſt das? Es ſind die letzten Mädchen feierlich. Ihr ſeid alſo ſehr arm? fragte der Kaiſer. Sehr arm! Wir haben oft ſchon gehungert, und ſind mit unſern Thränen allein geſpeiſt worden. Dieſe Kleider meiner Mutter ſind das letzte Gut, was wir beſitzen, unſer letztes Eigenthum verkaufen, damit ich uns Brod kaufen kann. Und wenn dieſes Geld aufgezehrt iſt, mein armes Kind, was dann? Dann werden wir, wenn Gott nicht ein Wunder für uns thut, Hungers ſterben! ſagte das Mädchen weinend. Dann werden wir zu meinem Vater ins Grab gehen, und zu ihm ſagen: Du haſt Dein Blut vergoſſen für Dein Vaterland und Deine Kaiſerin, und biſt geſtorben an Deinen Wunden, und zum Dank für Deine Tapferkeit und Deine Treue hat man Dein Weib und Dein einzig Kind Hungers ſterben laſſen. Dein Vater war Soldat? fragte der Kaiſer faſt erſchrocken. Er war ein Officier, der die ganzen ſieben traurigen Jahre des letzten Krieges mitgemacht hat. Ach, als er ſein Blut vergoß für ſeine Kaiſerin, hat er wohl nimmer gemeint, daß einſt ſeine Wittwe und ſein Kind zum Hungertod verdammt ſein würden. Er hatte mit Auszeichnung gedient, und hat doch immer vergeblich gehofft auf die Belohnung, die er berechtigt war, zu erwarten. Warum wandtet Ihr Euch nicht an die Kaiſerin? Warum machtet Ihr Cure Rechte an ihre Großmuth nicht geltend? Jedermann weiß, wie gern und freudig die Kaiſerin giebt, und wie ihr Kammerbentel für Alle geöffnet iſt, die ſich ihr hülfeflehend nahen! Der Kammerbeutel iſt für alle Diejenigen geöffnet, welche Protec⸗ tionen haben, oder ſich einzuſchmeicheln verſtehen, ſagte das Mädchen mit einem bittern Lachen. Wir aber haben keine Protectionen, denn wir ſind arm und von bürgerlicher Herkunft, wir verſtehen uns auch nicht einzuſchmeicheln durch äußerliche Frömmigkeit und ſcheinheiliges Weſen, denn meine Mutter ſagt, es hieße den Namen Gottes mißbrauchen, wenn man beten und zur Meß' gehen wolle, blos um irdiſche Vortheil zu erlangen. Deine Mutter iſt eine brave und fromme Frau, ſagte der K guten Kleider meiner Mutter, Herr, ſagte das „ und ich muß es . das lebhaft, und es iſt ſchön von ihr, daß ſie nicht heucheln mag, wie's jetzt ſo Viele thun! Aber der junge Kaiſer, ſagt man, verachtet auch die Heuchelei und die fromme Scheinheiligkeit. Ihr hättet Euch an ihn wenden ſollen mit Euren Klagen und Euren Bitten. Um eine abſchlägige Antwort zu erhalten? fragte das M Nädchen achſelzuckend. Um unſere Bittſchrift zurück gewieſen zu ſehen, wie er's neulich mit allen Bittſchriften, ſelbſt der vornehmſten und angeſehenſten Herren gethan? Oh, der neue Kaiſer, ſagt man, iſt ein ſehr ſtolzer und übermüthiger Herr, deſſen größtes Vergnügen es iſt, die Menſchen zu demüthigen, und ſie ſeine Macht fühlen zu laſſen. Hat er nicht neulich mit Schimpf und Schanden die vornehmen Herren, Generale, Fürſten, Grafen und Prieſter aus ſeinen Vorzimmern verwieſen, und ihnen ihre Bittſchriften uneröffnet zurückgegeben? Hat er nicht verkünden und vor⸗ leſen laſſen, daß er gar keine Bittſchriften mehr annehmen will, und daß keine Protectionen und keine Fürſprache bei ihm etwas helfen ſollen? Er hat das gethan, ſagte Joſeph milde, weil er eben will, daß nur Recht und Gerechtigkeit in ſeinen Landen herrſchen ſoll, daß nicht Die⸗ jenigen, welche hohe Verwandte und mächtige Fürſprache haben, zu Ehr' und Würden gelangen können, ſondern Diejenigen allein, welche das Verdienſt und die Fähigkeit für ſich haben. Er hat die vornehmen Herren aus ſeinen Vorzimmern verweiſen laſſen, und verboten, daß man ihm durch ſeine Hofbedienten und Beamten Bitſſchriften zuſtelle, aber er hat geſagt, daß er alle Tage eine Stunde öffentliche Audienzen erthei⸗ len will, und daß da Jedermann kommen kann, den Kaiſer ſelbſt zu ſprechen, und ihm ſelbſt ſeine Bittſchriften zu überreichen. Ja freilich, das hat er geſagt, aber es glaubt es ihm doch kein Menſch, ſagte das Mädchen ſinſter. Die Wachen vor dem Schloß werden doch nach wie vor Jedermann zurückweiſen, der nicht in prächtigen Kleidern und in ſchöner Equipage daher kommt, und dann wird's heißen, der Kaiſer iſt bereit, Audienzen zu geben, aber es kommt Niemand, der ihn zu ſprechen begehrt. Hat man denn ſo ſchlechtes Zutrauen zu dem Kaiſer? fragte Joſeph milde. Glaubt man denn nicht, daß es ſein ernſter Wille iſt, das Volk glücklich zu machen, daß ſein Herz— Sein Herz! unterbrach ihn das Mädchen. Der Kaiſer, ſagt nian, 44 hat gar kein Herz, und liebt nichts als ſich ſelber. Er iſt oftmals hart und ungehorſam geweſen gegen ſeine Frau Mutter, er hat ſeine erſte junge und ſchöne Gemahlin ſo ſchlecht und lieblos behandelt, daß ſie vor Gram geſtorben iſt, und ſeiner jetzigen Gemahlin wird's nicht beſſer gehen. Sie ſoll ſanft und milde ſein wie ein Engel, und er behandelt ſie wie ein grauſamer, herzloſer Tyrann, es macht ihm Frende, ſie wei⸗ nen zu ſehen, und er hat kein Mitleid mit ihrem Jammer. Wie wird er alſo mit dem Jammer und der Noth armer Leute Mitleid haben? Nein, nein, man ſagt ſchon, daß er alle Penſionen und Gnadengehalte, welche die großmüthige Kaiſerin aus ihrer Privatchatoulle giebt, ab⸗ ſchaffen und einziehen will. Weil er nicht will, daß unwürdige und unberechtigte Leute Gnaden⸗ gehalte beziehen, weil er den Guten und Tugendhaften die Peuſionen zuwenden wlll, die jetzt vielleicht die Laſterhaften erhalten. Das ſagt er zum Vorwand, aber er zieht das Geld ein, weil er geizig iſt! Er geizig? rief Joſeph. Hat er nicht vor einigen Tagen erſt zwei und zwanzig Millionen Coupons verbrennen laſſen? Die Herren, welche die Papiere in's Feuer warfen, haben geſagt, daß es Coupons wären, die ſie da verbrennten, aber Niemand ſonſt hat die Papiere geſehen, und die Leute flüſtern ſich zu, es ſeien keine Coupons, ſondern nur alte Acten aus der Hofkanzlei geweſen, welche der Kaiſer da verbrennen ließ. Der Kaiſer ſtand, wie von Entſetzen gefeſſelt, ſtill, und ſeine großen Augen richteten ſich mit einem Ausdruck wahren Schreckens auf das Mädchen hin. Wie? fragte er, man erwartet alſo von dem Kaiſer ſo wenig, daß man ihm ſolche unwürdige Betrügereien zutraut? Man weiß, daß der Kaiſer geizig und durchaus nicht großmüthig iſt, ſagte das Mädchen achſelzuckend. Der Kaiſer ſchreckte zuſammen, und ein Blitz des Zorns leuchtete in ſeinen Augen auf, aber er unterdrückte ſchnell wieder ſeine Erregung, und zwang ſich zu einem Lächeln. Mein Kind, ſagte er milde, ich ſehe, man hat Dich ſehr über den Kaiſer getäuſcht, und Dir viel ſchlimme Dinge über ihn geſagt. Man art rſte ſie ſſer delt vei⸗ ird n? dan 45 thut aber dem Kaiſer Unrecht, und wenn Du ihn kennteſt, würdeſt Du wiſſen, daß er die Gerechtigkeit liebt, und gern Jedermann hülf⸗ reich iſt ohne Anſehen der Perſon. Geh zu Hauſe, mein Kind, ſchreibe das, was Du von dem Kaiſer zu erbitten haſt, auf ein Blatt Papier, und komm damit heut in der Mittagsſtunde in die Kaiſerburg. Du wirſt ſehen, daß die Wachen Dich nicht zurückweiſen werden, obwohl Du dürftig gekleidet biſt. Ein Lakay wird Dich am Schloßthor er— warten, und Dich zu mir führen. Ich werde Deine Bittſchrift ſelbſt dem Kaiſer übergeben, und ich bin gewiß, daß er der Wittwe und der Tochter eines braven Officiers eine Penſion nicht verweigern wird.*) Das junge Mädchen blickte mit freudigem Staunen zu ihrem gü⸗ tevollen unbekannten Begleiter empor, und jetzt waren es Thränen der Freude, welche ihren Augen entſtürzten, indem ſie es verſuchte ihren Dank, ihr Entzücken in Worte zu faſſen. Der Kaiſer, welcher vorher ihr Zürnen und ihre Anklagen gegen ihn gelaſſen zu Ende gehört hatte, unterbrach indeſſen ihre Dankes⸗ äußerungen. Deine Mutter iſt krank, und bedarf der Pflege, ſagte er. Kehre ſchnell zu ihr zurück. Auch darfſt Du ihre Kleider nicht verkaufen, denn was ſollte ſie nachher anziehen, wenn ſie zum Kaiſer gehen will, um ſich für die Penſion zu bedanken? Wie viel glaubteſt Du denn für dieſe Kleider von dem Juden zu erhalten? Ich hoffe auf ſechs Ducaten, denn es iſt das ſchöne ſtoffene Braut⸗ kleid meiner Mutter, welches ich hier im Bündel habe. So erlaube mir, mein Kind, Dir vorläufig dieſe zwölf Ducaten zu geben, ſagte der Kaiſer, indem er ſeine Börſe hervorzog und dem Mädchen zwölf Goldſtücke in die Hand zählte. Ich hoffe, Du wirſt damit auskommen, bis der Kaiſer für Euch geſorgt hat. Das Mädchen, ganz überwältigt, ganz glückſelig und freudevoll, neigte ſich die Hand des Kaiſers zu küſſen, und eine heiße Thräne fiel aus ihren Augen auf Joſephs ſchlanke Finger nieder. Oh, mein Herr, flüſterte ſie leiſe, Sie retten mich und meine arme *.) Des Kaiſers eigene Worte. Siehe: Coxe: history of the house of Anstria. Vol. V., p. 286. Mutter aus Verzweiflung und Noth, und wir Armen haben nichts Ihnen zu danken, nichts als unſer Gebet. Betet für den Kaiſer, ſagte Joſeph ſanft, betet zu Gott, daß es ihm gelingen möge, die Liebe ſeines Volkes zu gewinnen. Lebewohl, mein Kind, heute Mittag erwarte ich Dich in der Burg! Er neigte grüßend und mit einem freundlichen Lächeln ſein Haupt, und eilte raſchen Schrittes die Straße hinunter, daß das Mädchen ihm nicht zu folgen vermochte Mein zweites Abenteucr, ſagte der Kaiſer zu ſich ſelber, indem er raſtlos weiter ſchritt. Man muß geſtehen, daß es gar nicht ganz be⸗ quem iſt, als gewöhnlicher Menſch über die Straße zu gehen, und den Stimmen aus dem Volk zuzuhören. In nächſter Nähe belauſcht klingen ſie ganz anders, als wenn ſie aus anſtändiger Entfernung von den Stufen unſers Throns zu uns emporrauſchen. Wie oft wohl mögen ſchon die Fürſten ſich das Geſchrei und das Rufen des Volkes anders gedeutet haben, wie oft mögen ihre gefälligen Höflinge ihnen das Ge⸗ murre der Unzufriedenheit in Gemurmel des Entzückens überſetzt haben, wie oft mögen ſie ſchon den Aufſchrei der Wuth für das Aufjauchzen des Entzückens, das Lachen des Hohns für den Jubelgeſang der Freude genommen haben. Es iſt ſo bequem und ſo ſchmeichelhaft, unbedingt an die Liebe und die Ergebenheit ſeines Volks zu glauben, und keinen Blitz des Zweifels durch den Nimbus hereinſchlagen zu laſſen, mit dem die Fürſten ſich ſo gern umgeben. Ich aber, fuhr der Kaiſer fort, und ſeine Augen blitzten höher auf, ich will dieſe Bequemlichkeit nicht üben und mein Herz nicht verweichlichen laſſen mit trügeriſchen Schmeiche leien. Ich will Alles ſelbſt hören, ſelbſt ſehen, und die Liebe wie den Haß des Volkes will ich immer aus ſeinenn eigenen Munde hören, um danach mein Wollen, mein Thun und Laſſen einzurichten. Freilich, das ſehe ich wohl, dieſe meine Harun al Raſchid⸗Wanderungen werden meine Füße oft genug mit ſpitzen Dornen verwunden, und wenig Roſen werde ich auf dieſen Wegen finden. Aber das Schickſal hat mich auch nicht zu meiner Stellung berufen, um glücklich zu ſein, ſondern um glücklich zu machen, und darum will ich hören, was das Volk denkt, und worüber es zu klagen hat, damit ich zu helfen vermag.— Die Kleine hat mir ziemlich dentlich und genau dagr⸗ wie das Volk über mich ſchm wißd mich zuſch zu ke und und die ⸗ wich eege zul hts 47 mich denkt, und man muß geſtehen, daß dieſe Gedanken eben nicht ſchmeichelhafter Art ſind. Es iſt mein Loos, wie es ſcheint, immer mißdeutet, immer verkannt zu werden. Meine Feinde ſind immer eifrig mich zu verdächtigen, meinen beſten Abſichten unredliche Motive unter⸗ zuſchieben, und die Waffen, die ich für das Volk erhebe, gegen daſſelbe zu kehren. Ich will die Hinterthüren und Schleichwege der Protectionen und Bittſchriften abſchaffen, und man redet dem Volk ein, ich ſei ſtolz und übermüthig, und wolle überhaupt keine Gnade mehr üben, ich will die Penſionen der Heuchler und Schleicher einziehen, und man verſchreit mich dem Volk als hartherzig, grauſam und geizig und ruft ſogar den Schatten Iſabellens aus ihrer Gruft hervor, um wider mich zu zeugen. Oh, die Verläumdung thut ſehr weh, und ſchlägt dem Herzen tiefe Wunden, das fühle ich wohl! Mögen dieſe Wunden aber niemils mein Herz verhärten und es unempfindlich machen! Und vielleicht gelingt es mir doch noch dereinſt, die Verleumdung zu entkräften und das Volk an die Wahrheit und Redlichkeit meiner Liebe glauben zu machen! Vielleicht vermag ich es, meine Feinde zum Schweigen zu bringen, und uͤber ihre Bosheit zu triumphiren! Ich kenne ſie wenigſtens Alle, und weiß, wo ich ſie zu ſuchen habe! Ich werde ſie finden in den Kirchen und vor den Altären, in den Hofkanzleien und den Betſtühlen, unter dem hochmüthigen, unwiſſenden, ſtolzen Adel, und den noch hochmüthi⸗ geren und ſtolzeren Prieſtern, und ich werde ſie Alle demüthigen und bezwingen!— Aber um ſie bezwingen zu können, muß ich zuvor ihren Schleichwegen nachſpüren, und ihre Hinterliſt belauern und zu Tage legen. Um meinen klugen machtvollen Feinden wirkſam entgegen treten zu können, muß ich vor allen Dingen auch kluge machtvolle Freunde um mich verſammeln und mich ſtärken mit den Guten gegen die Stärke der Böſen!— Aber halt, unterbrach ſich der Kaiſer, indem er vor einem großen, palaſtähnlichen Gebäude ſtehen blieb, ich bin am Ziel meines Weges, grade am Eingange des Fuchsbanes, in welchem meine ſchwarzröckigen Feinde wohnen! Da iſt das Univerſitätsgebäude, und die Herren Jeſuiten werden ſchon wieder bei ihrer geiſtabſchneideriſchen Arbeit, die ſie Bücher⸗Cenſur nennen, beſchäftigt ſein. Es gelüſtet mich ſehr, ſie ein wenig bei dieſen Hinrichtungen zu belauern! Ich will alſo dieſen Herren meinen ängekündigten Beſuch abſtatten. 48 Und der Kaiſer ſchritt entſchloſſen die Stiegen hinauf, welche ihn zu dem Sitz des gefürchteten und mächtigen Cenſur⸗Collegiums führten. V Das Cenſur-Collegium. Ernſtes, finſteres Schweigen herrſchte in dieſem großen Saal, in welchem das Cenſur-Collegium ſeine Sitzungen hielt. Rings an den Wänden umher ſtanden in gleichmäßigen Entfernungen große, mit Pa⸗ pieren und Büchern angehäufte Tiſche, und über jedem derſelben war an der Wand eine Tafel aufgehängt, welche in großen Rieſenbuchſtaben irgend einen Zweig der Wiſſenſchaften bezeichnete. Hier, zum Beiſpiel, über dieſem mit großen Folianten angehäuften Tiſch hing eine Tafel mit dem Wort:„Theologia“, dort drüben über jenem nicht minder bepackten Tiſch las man das Wort:„Poesia“, unweit davon hing eine Tafel mit dem Wort:„Medicina“; jeder Zweig der Wiſſenſchaften, wie geſagt, fand hier an den aufgehängten Tabellen und auf den unter denſelben befindlichen Tiſchen ſeine Vertretung, und vor jedem dieſer Tiſche ſaß einer von dieſen mächtigen, weitſchauenden, frommen und gelehrten Herren, denen damals allein und unbedingt noch die Cenſur der Bücher übertragen war, die allein zu entſcheiden hatten, welche Bücher man der Neugierde und dem Wiſſensdrang des öſterreichiſchen Volkes erlauben, oder ſie ihnen entziehen wollte,— vor jedem dieſer Tiſche ſaß ein Jeſuit. er. HSuno. Mit ſinſter zuſammengezogenen Augenbrauen, mit düſtern Mienen nahmen ſie eins nach dem andern dieſer Bücher, die da vor ihnen auf⸗ geſtapelt waren, dieſe armen Geiſtesdelinquenten, die von ihnen entweder ihre Begnadigung, oder ihr Todesurtheil zu empfangen hatten! Aber die Herren Jeſuiten in ihrem ſtrengen Rigorismus waren ſelten zu Begnadigungen geneigt, und wenige dieſer Bücherdelinquenten pflegten ihrem Zorn zu entgehen. Die mörderiſche Scheere, dieſe Guillo⸗ tine des Gedankens, war immerfort thätig Gedanken zu köpfen, und — e ihn hrten. l, in nden 1 Pa⸗ war taben ſpiel, Tafel inder eine wie unter dieſer und eenſur velche iſchen dieſer dienen mauf⸗ weder var en enten uille⸗ und 49 freien Reden den Mund zu ſtopfen, indem ſie ſie zum Tode verur⸗ theilte und den rothen Blutſtreifen des Cenſurgriffels folgte, den die Untercenſoren ſchon darüber hingezogen. Denn die Bücherdelinquenten, welche in dieſen Saal des großen Cenſur⸗Collegiums kamen, hatten ſchon die erſten wichtigen Verhöre und Ausforſchungen der Unterbeam⸗ ten ausgehalten, und die Cenſoren zweiter Klaſſe hatten ſchon ihr gan⸗ zes Weſen, ihr Sein und Denken mit Inquiſitor⸗Strenge unterſucht, um ihre Schuld und ihr Verbrechen ans Licht zu fördern. Wo ſie Feinen ſchuldigen Gedanken, ein freies, wider die katholiſche Kirche und die frommen Kirchenväter ſtreitendes Wort fanden, da hatten ſie es angeſtrichen mit ihrem Rothſtift, und dem Herrn Obercenſor ein Zei⸗ chen eingelegt, und dieſer hatte alsdann nur zu entſcheiden, ob er den ſchuldigen Gedanken, das verbrecheriſche Wort, begnadigen, oder zum Tode verurtheilen wollte. Aber für die Begnadigung ſowohl als für das Todesurtheil gab es da noch Unterabtheilungen und Abarten, und es war nicht allemal nöthig, daß man das ganze Buch verdammte, wenn man einige Gedanken deſſelben verurtheilte, daß man das ganze Buch begnadigte, wenn man es im Allgemeinen für unſchuldig erkannte. Waren es nur einzelne Stellen und Seiten, welche den Buchdelinquen⸗ ten zum Verbrechen ſtempelten, ſo konnte man das Buch entſündigen, indem man dieſe Seiten aus demſelben entfernte, und dem ſo geläu⸗ terten Buch alsdann das entſündigte Leben ſchenkte. War aber das ganze Buch ſtrafwürdig, ſo ward es zum Tode verurtheilt, aber auch alsdann b es noch verſchiedene Arten der Hinrichtung für das un⸗ glücklich’ ich. Man verurtheilte es entweder zum Tode durch das Feuer, durch die Scheere, welche nur einzelne Glieder weghackte, und autſtellten, verſtümmelten Rumpf bei Seite warf; waren die? elinquenten aus dem Auslande gekommen, ſo begnügte man ſich erſte Mal ſie über die Grenze zurückzuſchicken und für immer aus terreich zu verbannen, kehrten ſie aber dennoch auf Schleich⸗ wegen dorthin zurück, ſo waren ſie dies Mal nnrettbar dem Feuer⸗ tode fallen.*) 2*) Nicolai: Reiſebeſchreibung durch Deutſchland ꝛc. Bd. IV. Seite 852. n Kaiſer Joſeph. 1. Abth. III. 4 —VVV—L—L—L——— 50, Ueber ſolche alſo, von den Untercenſoren ſchon angeklagte Bücher ſaßen die Herren vom Cenſur⸗Collegium in dieſem Saal zu Gericht, und hierher mußte ſich Jeder verfügen, der irgend ein Buch geſchrieben und es durch den Druck vervielfältigen wollte, Jeder, der ſich vom Aus⸗ land her Bücher für ſeinen Privatbeſitz verſchrieben hatte, Jeder end⸗ lich, der als Reiſender die Grenzen Oeſterreichs überſchritt und in deſſen Koffern die Grenzofficianten Bücher vorgefunden. Dieſe Bücher wur⸗ den an das Cenſur⸗Collegium in Wien geſandt, und von dieſem allein hatte der Beſitzer ſie wiederzuholen, oder ihr Verbannungsurtheil zu empfangen. Drei Vormittagsſtunden jedes Tages hatte das Cenſur⸗Collegium daher täglich dem Empfang des Publikums beſtimmt, und in dieſen drei Stunden war Jedermann berechtigt auf der„Büchermauth“ zu erſchei⸗ nen, und dort ſeine inhaftirten Bücher entweder zurückzufordern, oder wenigſtens den Todtenſchein derſelben abzuholen.— Die übrige Zeit des Tages waren die Herren Jeſuiten vom Cenſur⸗Collegium damit beſchäftigt, die angeklagten Bücher zu prüfen, und ihren Unterbeamten ihr Urtheil über dieſelben mitzutheilen, welches dieſe alsdann in Aus⸗ führung zu bringen hatten. Dieſe Unterbeamten der Cenſoren ſaßen, des Winkes ihrer Herren gewärtig, in den einzelnen kleinen Gemächern, welche die eine Seite des Saales begränzten, und deren nach dem Saal ausmündende Thüren geöffnet waren. In dieſen Gemächern, den ei⸗ gentlichen Tortur⸗ und Todeskammern der Bücher, waren ſie damit beſchäftigt, die von ihren Obern ausgeſprochenen Urtheile zu vollſtrecken, die Bücherdelinquenten entweder mit der Scheere zu verſtümmeln, oder ſie in dem Ofen, der immer mit ſeinen glühenden Kohlen bereit war, ſein Opfer zu empfangen, dem Feuertode zu überliefern. Auch war es dieſen Untercenſoren vorbehalten, den Bücherbeſitzern, welcheg in den Geſchäftsſtunden kamen, ſich ihr Eigenthum einzufordern, das über ihre Bücher verhängte Urtheil mitzutheilen, und erſt, wenn der Beſitzer ſich über das ergangene Erkenntniß beklagen wollte, hatte er das Re. lch an denjenigen der Herren Cenſoren zu wenden, von welchem das r⸗ bot ausgegangen war.— Aber die Jeſuiten, welche es zu allen Zeuen verſtanden, der öffentlichen Meinung ihre Zugeſtändniſſe zu machen, d die Stimmung des Volkes dadurch zu lenken, daß ſie anſcheine m. Zeit umit nten Aus⸗ nßen, hern, Saal ei anit ꝛcken, oder war, r es den ihre dch ſich r⸗ e en 1 d 1 le⸗ ud ihr unterordneten, und ſich von ihr lenken ließen, die Jeſuiten hatten in letzter Zeit der öffentlichen Meinung ein Zugeſtändniß gemacht, und um nicht den Vorwurf auf ſich zu laden, daß es nur Geiſtliche, nur Söhne der Kirche ſeien, welchen das Richteramt über die Bücher zu⸗ ſtehe, hatten ſie freiwillig für die nicht theologiſchen Schriften ſich Un⸗ tercenſoren gewählt, die nicht dem heiligen Orden und dem geiſtlichen Stande überhaupt, ſondern dem Gelehrtenſtande angehörten, und daher eine freie und unparteiiſche Mittelſtufe zwiſchen dem Publikum und dem Ober ⸗Cenſur⸗Collegium der Jeſuiten zu bilden ſchienen. Dieſen„welt⸗ lichen“ Cenſoren war indeſſen ein Wegweiſer für ihren gefährlichen und dornenvollen Pfad mitgegeben, der Catalogus librorum prohibitorum, den die weiſen und gelehrten Herren Obercenſoren ausgearbeitet hatten, und der wenigſtens den weltlichen Cenſoren diejenigen Bücher der Ver⸗ gangenheit bezeichnete, welche ein für alle Mal das Prohibetur oder das Toleratur erhalten hatten, und nun entweder zu ewigen Verbrechern ge⸗ ſtempelt, oder als unſchädlich geduldet wurden. Kraft dieſes Catalogus librorum prohibisorum waren faſt alle, nicht in Oeſterreich erſchienenen Bücher, alle Schtiften der neuen franzöſiſchen Philoſophen und Ency⸗ clopädiſten, vor allen Dingen aber alle in Preußen erſchienenen Bücher norddeutſcher Dichter und Gelehrten in Oeſterreich verboten, und mit ſtrengem Verdict belegt.— Und doch, trotz dieſes ſtrengen Verbotes, wagten es tollkühne und nicht zu beſſernde Leute immer wieder, ſolche aus den Kaiſerlanden verbannte Bücher in das ſchöne, heitere und un⸗ ſchuldige Wien einführen zu wollen! Da ſtand Pater Aloys, der Obercenſor der Theologie, und blickte mit einem wahren Entſetzen auf dieſen Koffer mit Büchern hin, die er eben ſeiner Prüfung unterworfen hatte. Verbotene Bücher, lauter verbotene! murmelte er grimmig vor ſich hin.— Wer hat es gewagt, dieſen Bücherkoffer hier abzugeben, und ihn unſerer Prüfung zu unterwerfen? fragte er dann mit barſchem Ton den jungen Mann, welcher neben ihm ſtand, und mit ſchüchternen Blicken die verfehmten Bücher betrachtete. Ein junger Mann, der von einer Reiſe durch Deutſchland nach Wien zurückkehrt, und dieſe Bücher für ſeinen Privatgebrauch zu haben wünſcht, ſagte der Untercenſor mit faſt bittendem Ton. 4* 52 Das iſt alſo ohne Zweifel ein gefährliches und wohl zu beachten⸗ des Individuum, murrte der fromme Pater, eins dieſer Subjecte, welche immer die Worte Aufklärung, Licht und Wiſſenſchaft im Munde führen, und damit doch nur dem Gott der Finſterniß und der Hölle dienen. Wie iſt ſein Name? Er hat ſeinen Namen nicht angegeben, erwiderte der Untercenſor, er ſagte, er würde heute wiederkommen, um ſich ſeine Bücher wieder⸗ zuholen. Indeſſen meine ich— Nun, was meinen Sie? fragte Pater Aloys, als der Cenſor zögernd ſchwieg. Ich meine, daß es nicht möglich war, dieſe Bücher in drei Tagen genau durchzuſehen und zu prüfen, ſondern, daß ich dazu wohl noch weiterer acht Tage bedürfen möchte. Wir werden alſo dieſen Herren auf die nächſte Woche verweiſen müſſen! Wir werden ihm ſogleich Beſcheid geben, mein Herr Weinlich, ſagte der Pater ſtrenge. Dieſe Bücher bedürfen durchaus nicht Ihrer weiteren Prüfung, es ſind lauter gottesleugneriſche, atheiſtiſche, verbrecheriſche Schriften, wie es ſchon die Namen ihrer Verfaſſer beweiſen! Voltaire, Rouſſeau, und da ſchon ſogar der preußiſche Leſſing und Nicolai,. Und da, unterbrach ihn der Untercenſor, als die in den Vorſaal führende Thür ſich eben öffnete, da kommt der junge Mann, dem alle dieſe Verbrecher angehören.* Pater Aloys wandte ſein Haupt dem Eintretenden zu, und muſterte ihn mit ſtrengen forſchenden Blicken. Herr Weinlich, der Untercenſor, neigte ſich tiefer über den Koffer, und ſchien nur damit beſchäftigt, die aus demſelben genommenen Bücher wieder einzupacken. Es geſchah ganz zufällig, daß der Cenſor dabei eins dieſer Bücher über den Rand des Koffers hinausgleiten ließ, es war gewiß nur in einem Anfall ge⸗ lehrter Zerſtreutheit, daß er alsdann, ſtatt das Buch in den Koffer zu legen, es haſtig mit einem raſchen Griff in ſeine Bruſttaſche ſchob. Pater Aloys gewahrte es nicht. Er ſchaute immer noch dieſen jungen Mann an, der mit ſo unerhört kecken, ſtolzen Blicken es wagte in dieſem Saal umher zu ſchauen, und deſſen offenes und freies Ge⸗ ſicht nicht den mindeſten Reſpect vor dem heiligen und gefürchteten Ort ausdrückte, an welchem er ſich befand. 53 Pater Aloys kam dieſes Geſicht ſeltſam bekannt vor, es war ihm, als müſſe er daſſelbe durchaus ſchon irgend wo geſehen haben, aber er vermochte ſich doch keine Rechenſchaft darüber zu geben. Dieſe jungen freigeiſtigen Leute haben Alle Etwas von dem Anti⸗ chriſt in ihren Mienen und in ihren Blicken, und darum gleichen ſie ſich alle, brummte Pater Aloys leiſe vor ſich hin. Werd' wohl ſchon manchen ſeiner Brüder in Diabolo geſehen haben, und verwechſele ihn daher! Der junge Mann ſtand jetzt dicht neben dem Pater und grüßte Se. Hochwürden mit einem leichten, ſtolzen Neigen des Hauptes. Ich ſehe, mein Herr, daß Sie ſehr pünktlich ſind, ſagte er leichthin. Ich ſagte Ihrem Gehülfen da, daß ich meinen Koffer in drei Tagen zurückfordern würde, und Sie haben die Friſt genau inne gehalten, denn da ſind meine lieben Bücher. Pater Aloys erblaßte vor Zorn, und preßte die Lippen feſt auf— einander. Er fand, daß der junge Mann eine ſehr vermeſſene und kecke Sprache anzunehmen wagte, und daß es durchaus nothwendig ſei ihn in ſeine Schranken zurückzuweiſen. Niemand hat hier das Recht, Friſten zu beſtimmen, und Verord⸗ nungen zu erlaſſen, Niemand als das Ober⸗Cenſur⸗Collegium, mein Herr, ſagte der Pater daher in ſcharfem Ton. Wer hierher kommt in dieſen Saal, der hat zu ſchweigen, und zu hören, was wir ihm zu ſagen haben, nicht aber darf er es wagen ſich auf eine freie und un⸗ ziemliche Weiſe zu äußern, oder gar uns Vorſchriften machen zu wollen. Sagen Sie alſo kurz und beſcheiden, wer Sie ſind, was Sie hier wollen, und man wird Ihnen alsdann Antwort ertheilen! Alſo kurz und beſcheiden, wie Sie Selber, Hochwürden, ſagte der junge Mann lachend. Ich bin aus Wien gebürtig, der Sohn eines Kaufmannes, der ſeiner Zeit gute Geſchäfte gemacht hat, und heiße Joſeph. Ich bin hierher gekommen, um mir meinen Koffer mit Büchern wiederzuholen, den ich, der Vorſchrift gemäß, auf die Büchermauth ab⸗ liefern mußte, um für dieſelben das Admittitur zu erhalten. Das Admittitur für ſolche Höllenbücher! ſchrie der Pater. Das Admittitur für ſolche Ausgeburten einer vergifteten und verpeſteten Whantaſie, welche ihr Licht nur von der Flammen der Hölle und ihre — —. 54 Begeiſterung nur von dem Rauſch der Verbrechen und der Lüſte empfangen hat? Nein, mein Herr Joſeph, Sie werden weder das Admittitur noch das Toleratur für dieſe Bücher erhalten, und nicht eine Stunde länger ſollen dieſe Schandflecke des Geiſtes dieſe Luft hier verpeſten! In's Feuer, in's Feuer mit ihnen Allen!— Und indem der Pater ſich an den Cenſor wandte, rief er: eilen Sie, das Feuer in Ihrem Ofen an⸗ zuzünden. Der Herr ſoll Zeuge ſein, was aus ſeinen Büchern wird. In Sünden und ſtolzem Uebermuth iſt er hierher gekommen, gedemü⸗ thigt möge er von hinnen gehen! Und der Pater deutete mit einem gebieteriſchen Blick auf den Kof⸗ fer hin; der Cenſor, ſeinem Wink gehorſam, war im Begriff ihn auf⸗ zuheben und zu dem Ofen hinzutragen, aber der junge Mann, welcher ſich ſelbſt Herr Joſeph genannt, hielt ihn zurück und legte ſeine beiden Hände auf den Koffer. Warten Sie noch einen Augenblick, Herr Nachrichter, ſagte er mit ernſtem Ton. Jeder Verurtheilte hat das Recht auf ſeinem letzten Gange zur Hinrichtung noch einmal ſeine Stimme zu erheben, und zu verſuchen, ob es ihm gelinge, ſeine Richter zu rühren, und ſich Gnade zu erwirken. Ew. Hochwürden haben meine Bücher verurtheilt, ich nehme alſo für jedes derſelben das Recht in Anſpruch, daß ſie noch einmal zu Ihnen reden, und um Gnade flehen dürfen! Ohne eine Antwort des Paters abzuwarten, nahm Herr Joſeph eines der Bücher aus ſeinem Koffer hervor. Rouſſeau, ſagte er, es iſt Rouſſeau's Emile. Gnade, Herr Pater, Gnade für den edlen, hochher⸗ zigen Weiſen, den uneigennützigen Menſchenfreund, der die Menſchen lehren will, ihre Kinder zu glücklichen, freien und edlen Kindern Got⸗ tes zu erziehen. Wagen Sie es nicht, in dieſem Saal von dieſem Liebling des Teufels, von dieſem abtrünnigen Sohn der heiligen Kirche zu reden, ſchrie der Pater, von dieſem verderblichen, fluchwürdigen Geiſt der Hölle, der mit ſeinen ſcheinheiligen, ſüßen Reden die Menſchen zum Unglau⸗ ben, zur Freigeiſterei, zur Zügelloſigkeit verführen möchte. Wehe dem, der den Muth hat dieſen ſchlechten Menſchen vertheidigen zu wollen, er macht ſich ſelber verdächtig und ſchuldigt ſich ſelber an! 55 Gut, ſagte Joſeph lächelnd, ich opfere Ihnen alſo Rouſſeau! Verbrennen Sie ihn, wie es die frommen Patres von der Sorbonne in Paris ja auch gethan haben!— Er wird nichtsdeſtoweniger fortle⸗ ben in dem Gedächtniß der Menſchen, und alle Holzſtöße und alle Verbannungsurtheile überdauern. Aber warum wollen Sie mit dem Ronſſean mir auch den Voltaire verbrennen, der doch bekanntlich der wüthende und gehäſſige Feind Rouſſeau's geweſen? Auch die Teufel ſind Feinde untereinander, denn die Zwietracht iſt ihre Loſung und ihres Lebens Ziel, ſagte der Pater. Wenn der Religionsſpötter Voltaire den Religionsſpötter Rouſſeau haßt, ſo iſt das kein Grund, daß wir ihn lieben ſollten. Apage Satanas! ſagen wir zu dem Einem wie zu dem andern. Der Voltaire wird ſo gut verbrannt wie der Rouſſeau! Wohl, verbrennen Sie ihn, rief Herr Joſeph. Aber ſehen Sie da: Iſelin's Träume eines Menſchenfreundes! Sie werden mir doch meinen Menſchenfreund nicht verbrennen wollen? Ein Republikaner kann nimmermehr ein Menſchenfreund ſein, rief der Pater wüthend. Wie die ganze Welt Einen Gott, die Kirche Einen Papſt hat, ſo muß auch das Volk Ein Oberhaupt haben. Wer anders denkt, iſt alſo ein Feind der göttlichen Ordnung, und ſtreitet wider Vernunft und Recht! Wehe den armen Griechen und Römern, ſie werden nimmermehr in das Himmelreich kommen, ſeufzte Herr Joſeph; verbrennen Sie alſo meinen Iſelin, aber laſſen Sie mir„Süßmilchs göttliche Ordnung!“ Es iſt das Werk eines Proteſtanten, und der Proteſtantismus ſtreitet wider die heilige Mutterkirche. Man muß ihn ausrotten mit Feuer und Schwert! Ew. Heiligkeit wollen es alſo mit meinem armen Süßmilch nicht machen, wie es der gelehrte und würdige Doktor der Sorbonne, Herr Claude Morel, jüngſt mit einem nicht katholiſchen Buche gemacht hat? Ich weiß nicht, was er gemacht hat, ſagte der Pater verdrießlich. Nun ſo erlaube ich mir, es Ihnen zu erzählen. Herrn Claude Morel, dem Doktor der Sorbonne, ward jüngſt eine franzöſiſche Ueber⸗ ſetzung des Alkorans vorgelegt, damit er prüfe, ob dieſelbe zum Druck zu verſtatten ſei. Herr Claude Morel gab ſein Imprimatur und fügte „ 56 — hinzu:„Daß er in dem Buche nichts wider den katholiſchen Glauben po und die guten Sitten gefunden hätte.“*) V un Der Pater warf einen Blick finſtern Zornes auf den jungen Mann, G der es wagte ihm mit ſo kühnem Spott entgegen zu treten. u Sie mißbrauchen meine Langmuth und Geduld, ſagte er feierlich. w Ich ſpreche mit Ihnen, weil es unſere heilige Pflicht iſt, die ver⸗ 1 irrten Seelen wo möglich auf den rechten Weg zurückzuführen, ich höre die 1 Sie an, weil ich Mitleid habe mit Ihrer Jugend und Ihrer Verirrung. Aber ich ſage Ihnen, junger Mann, kehren Sie um, damit Sie nicht 3. der ewigen Verdammniß verfallen, wie Ihre Bücher der irdiſchen Ver⸗ dammniß, damit es nicht einſt von Ihnen heiße, wie jetzt von Ihren Büchern: keine Gnade, kein Erbarmen! Auf den Holzſtoß mit ihm, denn: 2 er iſt verdammt! 1 Sprechen wir vorläufig nicht von mir, ſondern von meinen Büchern, ſagte Herr Joſeph. Sehen Sie da das neueſte und ſchönſte meiner 1 Bücher,„Winckelmanns Geſchichte der Kunſt und des Alterthums.“ p Nun, das iſt doch in der That ein ungefährliches Buch, und nichts iſt darin zu finden, was wider die heilige Kirche und die katholiſche Reli⸗ gion ſtreitet. Es iſt ein ſchändliches und verderbliches Buch, rief der Pater, denn es iſt darin nicht die Rede von Gott, ſondern von den Göttern, nicht von der heiligen Kirche, ſondern von den Tempeln der Heiden, und dieſen allein wird da Lob und Beifall geſpendet. Ich werde es nicht machen, wie Ihr Doktor der Sorbonne, welcher den Koran er⸗ laubte, weil er darin nichts fand wider den katholiſchen Glauben. Ich verbiete Ihr Buch, denn es iſt eine fortgeſetzte Verhöhnung Gottes und der heiligen Kirche, eine Verherrlichung der Sünde und des Flei⸗ ſches, welches ſich Gott dünkt, und als Gottheit geprieſen wird. Fort mit dem Buch, in's Feuer mit ihm! Laſſen Sie mir meinen Winckelmann, rief Herr Zoſeph faſt flehend. Ich will Ihnen einen Revers ausſtellen, wie es die Dichter in Italien vor ihren Werken thun müſſen! Ich will Ihnen, gleich dieſen, die Er⸗ klärung geben: daß ich die mythologiſchen Perſonen und Gottheiten für ——— O——— — *) Nicolai Reiſen ꝛc. Bd. VI. S. 851. 57 poetiſche Fictionen, nicht aber für Götter halte, und mich in Allem dem unterwerfen will, was die heilige Mutter⸗Kirche zu glauben befiehlt!“*) Geben Sie mir einen Erlaubnißzettel für dieſes Buch, Herr Pater, und ich verſpreche Ihnen, daß ich mich der Kirche dafür dankbar be⸗ weiſen werde! Kein Erlaubnißſchein für dies heidniſche Buch! rief der Pater. In die Flammen mit ihm! So begnadigen Sie mir dafür dieſen Macchiavelli hier! ſagte Herr Joſeph. Das iſt das Buch der Bücher, aus welchem die Fürſten Weis⸗ heit lernen können! Wehe Ihnen, daß Sie die Stirn haben, ein ſolches ſchändliches Buch in die Hand zu nehmen, ſchrie der Pater. Es iſt ein ſchlimmes und fürchterliches Gift, welches Jeden tödtet, der es einathmet! Hin⸗ weg mit dem Buch! Hinweg mit all dieſen Ausgeburten der Hölle und der Finſterniß! Verbrennt ſie, ſage ich, auf den Holzſtoß mit ihnen, und wehe Ihnen, mein Herr, wenn Sie es noch ferner wagen wollen, ein Wort zu ihren Gunſten zu ſagen! Und doch wage ich es, mein Herr, rief der junge Mann lachend, denn ſehen Sie nur, da liegt auf dem Grunde meines Koffers ein Horaz, und ich habe ihm als Schutzherrn und Retter ein Exemplar der herrlichen Gedichte des frommen Pater Jakob Balde beigefügt. Ew. Ehrwürden werden mir doch den Horaz nicht verbrennen wollen, den Jakob Balde ſo himmliſch beſungen hat, den er in Schutz nimmt gegen alle Anfeindungen der magern und ſchlanken Leute? Oh, ich ſehe es an dem edlen Geſicht von Euer Hochwürden, daß Sie dieſe ſchönen und edlen Poeſien des hochwürdigen Pater Jakob Balde nicht kennen, und doch ſind ſie reich an ſchönen und erhabenen Stellen. Hören Sie nur! Joſeph ſchlug das Buch auf, und mit ernſter, feierlicher Miene las er: Vom Lob und Wohlſtand der dürr oder magern Pocten. Wann Einer will bedenken die Poeten und Wahrſager, Mit Gott erfüllt: ſo ſeind ſie nie Feiſt, ſondern allzeit mager. *) Ebendaſelbſt. *) Deutſche Heren Poefs S. 142. 58 Dieß eben kann der ſüße Schwan Von Mantua bezeugen, Virgilius, Propertius, Die konnten zierlich geigen. Seid meine Zeug' ihr Wälder, Hoch Berg und tiefe Thal, Ihr Brunnen und ihr Felder, Echo der Wiederhall,“ Daß die beſten Poeten Allzeit dürr geweſen ſeind. Es läßt ſich um ein Kürbisbauch Kein Lorbeerkränzlein flechten. Kann denn Horatius nicht auch, Sprichſt Du, ſein Lob verfechten? Ja, der allein! Er und der Wein Waren zween gute Brüder, Der übrige Reſt, ſo feiſte g'weſt, Macht liederliche Lieder. So wenig gute Geiſter Macht das erſte Plempelbier, So wenig kann ein Feiſter Auch bei dem Malvaſier Zierlich die Harpfen ſchlagen, Nimm aus Horatium.*) Hören Ew. Hochwürden wohl, was der hoch erhabene Poet Ihres Ordens ſpricht, unterbrach ſich Herr Joſeph lachend in ſeiner Lectüre. „Nimm aus Horatium!“ Nun alſo, mein vielgeſtrenger Herr Pater Ober⸗Cenſor:„nimm aus Horatium,“ denn obwohl er das Unglück hatte, fett zu ſein, war er doch ein großer Poet, und obwohl er das Unglück hatte, ein Heide zu ſein, und die Götter anzurufen, um deret⸗ willen Sie mir den Winckelmann verbrennen wollen, hat er doch vor den Augen des frommen Jeſuiten⸗Pater Gnade gefunden. auch Sie ihn, Hochwürden, und zum Dank dafür will ich Ihnen auch noch ein Gedicht des erhabenen und poeſiereichen Pater Thomas König mittheilen. Hören Sie nur, in welchen erhabenen, chriſtlichen und poeſie⸗ 4 7 vollen Worten der Pater Jeſu ſich auch zum Lob der magern Leute vernehmen läßt: 1 Von Ripp' und Bein ſing ich allein,*— Weg mit den feiſten Wampen. ,f Hoch's Gemüth! Dein Weib, den fetten Leib, 5) Verjag bis in Schlampampen, Dieweil Du haſt— Genug, genug, unterbrach ihn Pater Aloys, ich will nichts weiter hören. Ich laſſe Ihnen den Horaz und die Gedichte des Pater Balde, in's Feuer mit allem Andern. Herr Weinlich, ſtehen Sie nicht länger ſo träumeriſch und zweifelnd da! Prohibetur, Prohibetur für alle dieſe ketzeriſchen Bücher! In's Feuer mit ihnen, in's Feuer! Es iſt alſo Ihr wirklicher und geſtrenger Ernſt, rief Joſeph feier⸗ lich, Sie wollen mir alle dieſe ſchönen, werthvollen Bücher, aus denen ganz Europa ſich jetzt Belehrung, Aufklärung, Geiſtesfreiheit und Ge⸗ dankenklarheit ſchöpft, Sie wollen ſie mir verbrennen? Sie ſind in den Kaiſerſtaaten verboten, das genügt, rief der Pater ſtreng. Aber wer iſt es, der ſie verboten hat? fragte Joſeph heftig. iw Wir, die frommen Väter vom Orden Jeſu, wir, die wir von Gott und der heiligen Kirche, der Kaiſerin und unſerm General den Befehl erhalten haben, über die Bildung des öſterreichiſchen Volkes zu wachen, und den Geiſt der Zucht, der Sitte und Ehrbarkeit, den edeln, unverfälſchten Glauben rein und treu zu erhalten. Gleich wie einſt bei den feierlichen Mahlzeiten und Feſtgelagen jeder Trunk mußte kre⸗ denzt und mit frommen Sprüchen geſegnet werden, alſo ſoll die Cenſur der Truchſeß ſein, der dem Volke den Trank des Geiſtes und des ewigen Lebens kredenzt, und ihm nur vorſetzt, was zu trinken ihm gut und nützlich iſt, fein Geiſtesleben fördert, und was er mit ſeinem Her⸗ zen verdauen kann. Und Ew. Hochwürden glauben wirklich, daß es möglich iſt den Gedanken und den Geiſt in Banden zu erhalten, und ihn ewig zu einem Gefangenen der Cenſur zu machen? fragte Joſeph ernſt. Es iſt die heilige Beſtimmung der Cenſur, die Verhreitung irriger, ärgerlicher und gefährlicher Meinungen zu verhindern, ſagte der Pater 60 feierlich. Nichts iſt in Anſehung der Sitten, der Religion und der po⸗ litiſchen Meinungen der Bürger fähiger den Laſtern zu wehren, als wenn die Freiheit, Alles, was der Religion, dem Staate, den Sitten und einer guten Denkungsart entgegen iſt, zu ſchreiben, und. Schriften dieſer Art zu leſen, begrenzt wird!*) 5 Und man muß geſtehen, daß Sie dieſe Begrenzung auf ſehr ener⸗ giſche Art auszuführen wiſſen, ſagte Joſeph. Mit Feuer, Rothſtift und Scheere halten Sie Wache an den Grenzen Oeſterreichs, und jedes ſchöne, freie Wort, jeder friſche, lebensvolle neue Gedanke, der aus den aufgeklärteren Landen zu uns herüber will, den betrachtet Ihr als einen Vagabunden und Verbrecher, und wenn er keinen Paß von den heiligen Vätern Jeſu aufzuweiſen hat, ſo werft Ihr ihn in's Gefäng⸗ niß Eurer Cenſurmauth, und martert und quält ihn ſo lange mit Euren Ver⸗ hören und Verdächtigungen, bis nichts mehr von ihm übrig bleibt, als eine leere inhaltloſe Schale; die werft Ihr alsdann dem Volk hin, damit es an den Hülſen ſich ſättige, aus denen Ihr die Früchte ge⸗ nommen. Aber das Volk wird nicht mehr ſatt davon, es ſchreit ſchon laut nach Nahrung für ſeinen Geiſt, es will ſich nicht mehr genügen laſſen an den Hülſen, die Ihr ihm auftiſcht, und eines Tages wird es kommen, ſich mit Gewalt ſeinen rechtmäßigen Antheil zu ertrotzen von den edlen und ſchönen Früchten des Geiſtes, die für Alle gewach⸗ ſen ſind, und die, wie die Sonne, leuchten und ſtrahlen müſſen für die Guten ſowohl, wie für die Böſen. Der Geiſt läßt ſich nicht für alle Ewigkeit in ſpaniſche Stiefel einſchnüren, eines Tages wird er die Feſ⸗ ſeln ſprengen, und als freier Mann wird er Euch zur Rechenſchaft ziehen für die Martern und Qualen, die Ihr ihm auferlegt. Dann werden wir ihn verbrennen, wie wir Ihre Bücher da ver⸗ brennen, rief Pater Aloys, mit höhniſchem Lachen nach dem kleinen Nebengemache deutend, aus deſſen geöffnetem Ofen eben ein helles Feuer emporloderte. Dann wird man Euch verjagen und das Hohngelächter, mit wel⸗ chem Ihr jetzt meinen ſchönen und edlen Büchern das Todtenlied ſingt, es wird auf Euch zurückfallen, und Euch verfolgen in die Verbannung *) Nicolai herſen. Bd. IV. S. 853. rpo⸗ , als jitten riften ener⸗ und jedes aus rals t den 61 und das unbemitleidete Exil! rief Joſeph mit glühenden Wangen und flammenden Zornesblicken. Wer ſeid Ihr, der es wagt, in ſolchem Ton, und mit ſolchen Dro⸗ hungen zu mir zu reden? ſchrie Pater Aloys bebend vor Zorn. Eines Tages ſollt Ihr erfahren, wer ich bin, ſagte Joſeph ſtreng, ich gebe Euch mein heiliges Verſprechen, daß ich dieſer Stunde einge⸗ denk bleiben, und Euch zur rechten Zeit, und zur rechten Stunde an dieſelbe erinnern will. Bis dahin verbrennt die Bücher, oder beſchneidet ſie, oder weiſt ſie an den Grenzen Oeſterreichs zurück, je mehr Ihr Eure Schuld vermehrt, deſto ſchwerer wird dereinſt Eure Strafe ſein! Ich frage noch einmal: Wer ſeid Ihr? ſchrie der Pater noch wü⸗ thender. Ich laſſe Euch nicht eher von hinnen gehen, Ihr ſollt mir ſagen, wer Ihr ſeid? Er legte mit einer heftigen Bewegung ſeine Hand um den Arm des jungen Mannes, als wolle er ihn mit Gewalt ſelbſt zurückhalten. Aber dieſer ſchleuderte mit einem Ausdruck des Widerwillens die Hand des Paters von ſeinem Arm fort, und ſich groß und ſtolz vor ihn hin⸗ ſtellend, heftete er ſeine zornſprühenden Augen auf den Pater. Wer ich bin, wollt Ihr wiſſen? fragte er mit der Stimme des ſtolzen Gebieters. Habe ich Euch nicht geſagt, daß mein Name Joſeph iſt? Joſeph! murmelte der Pater zurückweichend, und ſeine entſetzten Augen auf den Kaiſer heftend. Dieſer würdigte ihn keines Blickes, keiner Beachtung mehr. Mit einem verächtlichen Lächeln wandte er ſich ab, und verließ hochaufgerichtet, ſtolzen, hallenden Schrittes den Saal. Joſeph! Es war der Kaiſer! murmelte Pater Aloys mit zitternden Lippen und erbleichten Wangen. Der Kaiſer ſelber war es, und er kam hierher um uns zu prüfen und zu ſehen, wie weit wir in unſerer Strenge gehen möchten. Welche drohende, unglückverheißende Worte er gegen unſern heiligen Orden ſchleuderte! Oh, ich ſehe eine ſchlimme, unglückſchwere Zukunft vor uns, denn der Kaiſer iſt der Feind der Jeſuiten, und er wird uns verfolgen, und in's Unglück jagen! Und der Pater, ganz überwältigt und erſchüttert von dieſen trau⸗ rigen und unheilsvollen Zukunftsträumen, ſtarrte mit trüben, glanzloſen Augen nach der Thür hin, durch welche Joſeph verſchwunden war. —— —— —— 62 Aber allmälig kehrte Leben und Bewegung in ſein bleiches Antlitz zurück, allmälig leuchtete ſein Auge auf in einem wilden, boshaften Feuer. Nun denn, ſagte er mit einem gehäſſigen Lächeln, wenn der Kaiſer der Feind unſers Ordens iſt, ſo folgt daraus, daß der Orden auch der Feind des Kaiſers iſt, und beim ewigen Gott, es iſt weniger gefährlich einen Kaiſer zum Feinde, als unſern Orden zum Feinde zu haben. Sehen wir zu, wie weit der kleine Kaiſer mit ſeiner Feindſchaft gegen unſern großen Orden kommen wird! Noch gehört das Feld uns, und der Cardinal Migazzi und der Pater Porhammer werden es wohl zu machen wiſſen, daß die Kaiſerin Maria Thereſia ihre Hände nicht im⸗ mer zum Gebete faltet, und ihren Sohn regieren läßt, ſondern ſelber die Zügel der Regierung wieder in ihre Hände nimmt. Oh, wir wer⸗ den noch viele Jahre vor uns haben, bevor der Herr Joſeph zur Macht gelangt, wir werden dieſe Jahre benutzen um uns ein ſtattliches Kriegs⸗ heer zu ſammeln und wohlverſchanzte Feſtungen zu bauen. Mag er alsdann am Tage ſeiner Gewalt uns angreifen, wir haben Jahre ge⸗ habt, uns zu rüſten, und er ſoll uns bereit und ſtark finden! Wir werden gegen ihn in's Feld rücken, unſere Kanonen werden gegen ihn donnern, und mweſſen unſere Kugeln nicht ſein Haupt, ſo mag es vielleicht— r.„N. Der Pater Lerſtunintt, als wage er es nicht, ſeinen weitern Ge⸗ danken Worte zu Fehen Um ſeine bleichen ſchmalen Lippen zuckte ein wildes, grauſames Lächeln. VI. Reformen! Als der Kaiſer den Saal des Cenſur⸗Collegiums verlaſſen hatte, und haſtigen Schrittes durch das Vorzimmer dahin eilte, ſchlüpfte plötz⸗ lich hinter einem großen Schrank, an dem er vorüber kam, eine zuſam⸗ mengebückte Geſtalt hervor, und flüſterte leiſe: Herr Joſeph! Herr Joſeph! Wer ruft mich? fragte der Kaiſer ſtehen bleibend und den jungen urück, r. daiſer h der hrlich aben. gegen und l zu im⸗ ſelber wer⸗ Nacht iegs⸗ g er ge⸗ Wir dgen g es Ge⸗ ein 63 Menſchen, der zitternd und angſtvoll vor ihm ſtand, mit finſtern Augen anſchauend. Ich bin es, mein Herr, erkennen Sie niich nicht mehr? Ich bin ja der arme Cenſor Weinlich, den Sie vorher den Nachrichter zu nen⸗ nen beliebten! Ah, Sie ſind es, der meine Bücher verbrannt hat! Und nun kom⸗ men Sie ohne Zweifel, um Sich von mir noch ein Douceur für Ihre Henker⸗Arbeit zu fordern? Nein, mein Herr, flüſterte der Cenſor, ſich ſcheu und ängſtlich um⸗ ſehend, ich möchte Sie igern auf einen Moment ſprechen, denn ich habe Ihnen Wichtiges zu ſagen. Seit zehn Minuten ſchon ſtehe ich hier hinter meinem Schlupfwinkel und erwarte Sie. Nun alſo ſprechen Sie! Was haben Sie mir zu ſagen? Nicht hier, nicht hier! flüſterte Weinlich ängſtlich. Gehen Sie hinunter auf die Straße, mein Herr Joſeph, und wenn es Ihnen be⸗ liebt, erwarten Sie mich an der zweiten Straßenecke, ich werde ſogleich bei Ihnen ſein! Kein Wort weiter hier! Eilen Sie! Er nickte Joſeph leicht mit dem Kopf zu und öffnete dann haſtig eine kleine Seitenthür, durch welche er verſchwand. Ein neues Abenteuer alſo, ſagte der Kaiſer, indem er die breite Treppe hinunter ſchritt auf die Straße. Es verlohnt ſich wahrlich der Mühe, den Harun al Raſchid zu ſpielen, und ich finde, daß dieſer große Sultan in ſeiner Weisheit ſich ſehr wohl auf den Genuß und die Zer⸗ ſtreuung des Lebens verſtand. Man erlebt doch allerlei merkwürdige und überraſchende Dinge in ſeinem Incognito, und hat jedenfalls das neue und pikante Vergnügen ſich als ganz gewöhnlichen Menſchen, ganz ohne Schmeichelei und Vorurtheil behandelt zu ſehen! Nun, ich bin doch in der That neugierig, was ich von dem Herrn Nachrichter dieſer Geiſtesrichter erfahren ſoll. Hier iſt die Ecke, an der ich ihn erwarten ſoll!* Hier bin ich ſchon, mein Herr Joſeph, ſagte Herr Weinlich, indem er um die Ecke der andern Straße Joſeph entgegentrat. Ich habe durch die Hinterthür des Collegiums einen kürzern Weg hierher gehabt, und warte ſchon einige Minuten auf Sie. Ga, ja, die Hinterthüren, das iſt der deus er machina, durch den Ihr Herren jenes Collegiums dort das Unglaublichſte zu Stande bringt, 64 ſagte Joſeph lächelnd. Ueberall in den Häuſern und Paläſten findet Ihr Hinterthüren, durch die Ihr hineinſchlüpfen könnt, und ſollten ein⸗ mal doch keine da ſein, ſo brecht Ihr Euch ein Loch in die Mauer und kriecht hindurch, Ihr ſchlauen, weiſen Herrn Patres. Ich, mein Herr Joſeph, gehöre nicht zu den Herren Patres, ſagte Herr Weinlich lebhaft. Das heißt, Ihr tragt nicht das Ordenskleid, ſagte Joſeph achſel⸗ zuckend, Eure Tonſur ſitzt Euch blos im Herzen, nicht auf dem Kopf. Sie werden Sich hoffentlich ſogleich überzeugen, daß Sie mir Un⸗ recht thun, ſagte Weinlich ſeufzend. Ihr Verdacht thut mir weh, denn ich muß Ihnen ſagen, daß ich für Sie, ſeit ich Sie zum erſten Male ſah, die lebhafteſte, innigſte Sympathie fühle, und ſofort den Vorſatz faßte, Ihnen, ſo viel es in meinen Kräften ſtände, nützlich zu ſein. Und welchem glücklichen Umſtande verdanke ich Ihre Sympathieen? fragte Joſeph lächelnd. Wodurch iſt es mir gelungen Ihr Intereſſe zu erwecken? Durch Ihre Bücher, mein Herr, durch dieſe herrliche, unvergleich⸗ liche Sammlung der beſten Werke der neuern Literatur, die ich noch niemals in ſolcher Reichhaltigkeit und Vielſeitigkeit von mir geſehen. Oh, mein Herr, Sie müſſen ein ſehr tiefes Wiſſen, einen umfaſ⸗ ſenden Geiſt beſitzen, um alle dieſe Bücher begreifen, verſtehen und lieben zu können. Wie, mein Herr! rief Joſeph, den jungen Mann, welcher hochath⸗ mend, in ſichtlicher tiefer Bewegung neben ihm ging, mit erſtaunten Blicken anſehend, wie, mein Herr, Sie haben den Muth mit ſolcher Begeiſterung von dieſen meinen armen Büchern zu ſprechen, welche Sie ſo eben verbrannt haben? Der Cenſor lächelte geheimnißvoll. Hören Sie, was ich Ihnen zu ſagen habe, ſagte er. Ihre Bücher, dieſe herrlichen Schätze der Gelehrſamkeit, hatten mir Intereſſe eingeflößt, und ich beſchloß, Ihnen beizuſtehen. Ich konnte es nicht über mich gewinnen, Sie einer Samm⸗ lung von Büchern zu berauben, die zu beſitzen ich ein Jahr meines Lebens freudig opfern würde. Meine ganze Seele empörte ſich bei dem Gedanken, daß ich dieſe edlen Monumente des Geiſtes und Genies durch die Scheere verſtümmeln, oder durch das Feuer vernichten ſollte. poi beff ger ſie glü ger ver 3 vor ſich mi een? reſſe eich noch ehen. mfaſ⸗ und hath⸗ mten lcher 65 Und dennoch haben Sie meine Bücher verbrannt! Nein, ich habe ſie nur angebrannt, ſagte der Cenſor mit trium⸗ phirender Miene. Was heißt das, angebrannt? fragte Joſeph erſtaunt. Das heißt, ich habe allerdings die Bücher, wie mir Pater Aloys befohlen, in's Feuer geworfen, aber ich habe ſie, ſobald ſie in Brand gerathen waren, mit meiner Zange durch den breiten Roſt, auf welchem ſie lagen, hindurch geſtoßen, und ſie liegen jetzt wohlbehalten und ver⸗ glühend in dem eiſernen Kaſten, den ich unter dem Ofen habe anbrin⸗ gen laſſen. Oh, mein Herr, ich habe mir aus ſolchen zum Feuertode verurtheilten Büchern ſchon eine hübſche und bedeutungsvolle Bibliothek geſammelt. Zwar ſind alle meine Bücher ein wenig angebrannt und vom Rauch geſchwärzt, aber das hindert doch nicht, ſie zu leſen, und ſich ihrer Herrlichkeit zu freuen, wie man ſich eines Helden freut, der mit Wunden und Narben bedeckt in ſeiner Schönheit und Majeſtät vor uns daſteht. Und warum wollten Sie meine Bücher denn nicht in Ihre ſeltſame und merkwürdige Bibliothek aufnehmen? fragte Joſeph. Weil mich die edle und freimüthige Weiſe, mit welcher Sie dem Pater Aloys, dem mächtigſten und einflußreichſten Pater im Ober⸗Cenſur⸗ Collegium, gegenüber traten, entzückt hat, weil ich kaum mein Entzücken zurückhalten konnte über Ihre kühne und ſtolze Widerſetzlichkeit gegen ſeine verruchte Strenge, und endlich, weil ich in Ihnen den Gelehrten, den Mann der Viſſeenſchaften ehre, welcher den Muth gehabt, eine ſolche verpönte Bücherſammlung nicht allein offen einzuführen, ſondern ſogar ſie einem Obercenſor gegenüber zu vertheidigen! Um dieſe Kühnheit zu beſitzen, muß man ſeine Bücher ſehr lieben, und ſie erkannt haben in ihrem Werth und ihrer Bedeutſamkeit. Deshalb, mein Herr Joſeph, weil ich fühlte, daß wir Geiſtesverwandte ſind, daß wir Beide im Stande ſind der Wiſſenſchaft unſere Ruhe und unſern Frieden zum Opfer dar⸗ zubringen, deshalb ſollen Sie Ihre Bücher wiederhaben. Sie kommen zu Ihnen, wie der Sieger aus der Schlacht, ſie tragen ihre Wunden, aber ſie leben noch, und ihre Wunden ſind Alle auf ihrer Stirn.— Und waren denn alle meine Bücher zum Feuertode verurtheilt? fragte Joſeph. Es waren doch, meine ich, auch einige ſehr harmloſe, Kaiſer Joſeph. 1. Abth. III. 5 ———— — — ——— E — ————— 66 ſehr unverfängliche dabei, oder ſind die Fabeln von Lafontaine zum Beiſpiel auch bei Ihnen verboten? Nicht alle, mein Herr, nur diejenigen, welche einem fronimen Ge⸗ müth Anſtoß geben müſſen, weil ſie die Prieſter verſpotten. Das heißt alſo, gerade die ſchärfſten, beſten und witzigſten! Man hat dem armen Lafontaine die Zähne ausgeriſſen, daß er nicht beißen kann! Ich habe Ihnen aber mindeſtens dieſe Zähne aufgehoben, mein Herr. Ich habe, wie es meiner Pflicht gemäß war, die verpönten und dem Interdict verfallenen Seiten aus Ihren Büchern herausgeſchnitten, aber ſtätt ſie in's Feuer zu werfen, habe ich ſie aufgehoben. Haben Sie die Güte morgen in meine Wohnung zu kommen, ich werde Ihnen dort ſowohl Ihre angebrannten Bücher, als auch die aus einigen der⸗ ſelben ausgeſchnittenen Blätter wieder übergeben. Die verſchnittenen Bücher ſelbſt können Sie aus dem Ober⸗Cenſur⸗Collegium zurück⸗ erhalten!*) Und was kann ich thun, um Ihnen meine Dankbarkeit zu beweiſen? fragte Joſeph freundlich. „Sie werden mich hinlänglich belohnt haben, mein Herr, ſagte Wein⸗ lich, tief erröthend, indem er ein Buch aus ſeinem Buſen hervorzog, Sie werden mich zu Ihrem dankbaren Schuldner machen, wenn Sie mir dieſes Buch hier für meine Bibliothek ſchenken wollen. Moſes Mendelſohn's Ueberſetzung des Phädon! rief Joſeph, das Buch aufſchlagend, welches Herr Weinlich ihm dargereicht. Sie haben dies Buch gerettet, mein Herr? Es iſt, wie ich ſehe, weder angebrannt, noch beſchnitten! Ich habe es geſtohlen, Herr Joſeph, flüſterte Weinlich tief erglühend. Ja, ich habe dies Buch geſtohlen, als ich dem Pater Aloys Ihren Bücherkoffer zur Durchſicht brachte. Während er Sie begrüßte, ſchob *) Dieſe Art, ſeine Bücher von der Scheere und dem Scheiterhaufen des Ober⸗Cenſur⸗Collegiums zu erretten, war damals eine ſehr gewöhnliche, und noch jetzt findet man in manchen Privatbibliotheken zu Wien ſolche Bücher, welche angebrannt ſind, durchgeſchnittene oder wieder eingeklebte Blätter haben, und ſo die Invaliden der Jeſuitencenſur jener Zeit ſind. Siehe darüber: Nicolai Reiſen. Bd. IV., S. 885.. zum Ge⸗ ſten! nicht nein und tten, aben hnen der⸗ eenen rück⸗ ſen? gein⸗ Sie mir das aben annt, 67 ich das Buch in meinen Buſen, und errettete es ſo von der Verurthei⸗ lung. Oh, mein Herr, ſchenken Sie mir dies Buch, oder wenn dies zu viel gefordert iſt, ſo leihen Sie es mir ſo lange, bis ich mir eine Abſchrift deſſelben habe machen können. Nein, behalten Sie das Buch, ſagte Joſeph freundlich, behalten Sie auch alle diejenigen, welche Sie vom Feuertode und der Verſtüm⸗ melung errettet haben. Dafür aber erlauben Sie mir Eine Frage! Fragen Sie, mein Herr! rief Weinlich, deſſen Augen glühten vor Freude über das reiche Geſchenk Joſephs. Fragen Sie, ich werde Ihnen gewiß eine ehrliche und aufrichtige Antwort geben! Nun denn, mein Herr Weinlich, wie iſt es möglich, daß Sie mit Ihren Geſinnungen Cenſor ſind? Wie konnten Sie bei Ihrer glühen⸗ den Liebe zu den Wiſſenſchaften, bei Ihrer Begeiſterung für die Werke der Dichter und Künſtler, Sich dazu hergeben, dieſe Werke zu verſtüm⸗ meln und zu vernichten, wie konnten Sie Sich zu einem Henkersknecht des Geiſtes erniedrigen? Ich habe es gethan aus Liebe zu den Wiſſenſchaften, ſagte Wein⸗ lich feierlich, ich habe den Wiſſenſchaften das größte Opfer gebracht, welches ein Menſch zu bringen vermag, ich habe ihnen mein ſtolzes Selbſtgefühl, meine reine Selbſtachtung geopfert. Ich fühlte von frü⸗ heſter Jugend auf den Drang nach Wiſſen, nach Erkenntniß in mir. Ich habe gehungert und gedarbt, um mir für die wenigen Groſchen, die ich mir auf dieſe Weiſe erübrigen konnte, Bücher zu kaufen. Ich habe Jahrelang von Brod gelebt, und meine Bücher waren das Fleiſch, mit welchem ich meinen Geiſt nährte, während mein Körper darbte. Aber endlich fühlte ich, daß alle dieſe Entbehrungen, denen ich mich unterzog, doch nicht genügten, daß mein weniges Geld nicht hinreichte, um mir die Lehrer und Bücher, deren ich zu meinen Studien bedurfte, anzuſchaffen. Meine Studien der alten Sprachen und des Sanskrit hatten mich in Berührung mit einigen gelehrten und aufgeklärten Do⸗ minicanern gebracht, dieſe gaben mir Empfehlungen an das Jeſuiten⸗ Collegium. Wegen meiner Sprachkenntniſſe bot man mir die Stelle eines Untercenſors an. Ich nahm ſie an, ich ward Cenſor, nicht weil ich die Wiſſenſchaften haßte und verfolgte, ſondern weil ich ſie liebte. Mein Ablehnen hätte aber der Wiſſenſchaft nicht genutzt, die Herren 5* —— — ———— — 68 vom Cenſur⸗Collegium hätten leicht einen Andern gefunden, der mit. fanatiſchem Eifer thun mochte, was ich nur ſchonend und widerſtrebend that, der die Bücher von den Flammen verzehren ließ, ohne Erbarmen mit ihrer Erhabenheit und Schönheit, der ſie mit der Scheere verſtüm⸗ melte, ohne Hochachtung und Pietät für ihre abgeſchnittenen Theile. Ich ward Cenſor, um die Bücher, die zu kaufen ich nicht reich genug war, und die zu beſitzen mir das Ober⸗Cenſur⸗Collegium nicht geſtattet haben würde, um die verbotenen und verfehmten Bücher leſen und ſtu⸗ diren zu können. Und wenn ich dann durch das Studium dieſer Bücher, die ohnedies durch ihre Titel und die Namen ihrer Verfaſſer ſchon ver⸗ urtheilt und verpönt ſind, meinen Geiſt und meine Kenntniſſe bereichert habe, dann habe ich weiter nichts zu thun, als daß ich bei allen den Stellen, die nach den bekannten landesüblichen Vorurtheilen bedenklich und ge⸗ fährlich ſind, einen Kniff in's Buch mache, und einen kurzen Bericht gebe, den der Pater Aloys dann benutzt, indem er demgemäß in den Sitzungen des Collegiums referirt.*)— Jetzt, mein Herr, wiſſen Sie, warum ich Cenſor geworden bin! Und ich bedaure Sie, daß es für Sie keinen andern Ausweg gab, ſagte Joſeph theilnahmsvoll. Warum wandten Sie Sich nicht um Un⸗ terſtützung zu Ihren Studien an die Kaiſerin? Die Kaiſerin, mein Herr, liebt die Jeſuiten. Sie würde mich alſo höchſtens an das Univerſitäts⸗Collegium empfohlen haben, und wenn ich um Erlaubniß gebeten hätte, verbotene Bücher leſen und für mich anſchaffen zu dürfen, ſo würde ich keine Unterſtützung, ſondern nur Vorwürfe und Zorn gefunden haben. Sie mögen Recht haben, ſagte Joſeph ſinnend, aber warum wenden Sie Sich jetzt nicht an den Mitregenten, den ſich die Kaiſerin erwählt, und der jetzt ſtatt der trauernden Kaiſerwittwe über Oeſterreich herrſcht? An den jungen Kaiſer Joſeph, meinen Sie? fragte Weinlich achſelzuckend. Ja, mein Herr! Der Kaiſer liebt, wie man weiß, nicht die Herren Jeſuiten und Prieſter, welche das öſterreichiſche Volk ſo lange in Fin⸗ ſterniß und Unwiſſenheit erhalten haben. Der Kaiſer iſt feſt entſchloſſen, *) Nicolai Reiſen. Band IV. S. 904. Briefe eines reiſenden Franzoſen. Bd. J. S. 250. N mit ebend armen ſtüm⸗ heile. genug fattet ſtu icher, ver⸗ ichert fellen, dge⸗ ericht den Sie, gab, mUn⸗ nich und d für ndern nden väͤhlt, cht? ſinlich 69 dieſe Knechtſchaft der Geiſter, dieſen Zwang der Gewiſſen aufzuheben, und gleich wie er ſchon jetzt die Keuſchheits⸗Commiſſionen außer Thä⸗ tigkeit geſetzt hat, ſo wird er auch die Wirkſamkeit der Jeſuiten be⸗ ſchränken, und die Cenſur aufheben. Er wird das thun, wenn die Jeſuiten ihm Zeit dazu laſſen, er wird das thun, wenn er die Macht dazu behält! Ah Sie meinen wohl, daß es den Jeſuiten gelingen werde, auch über ihn die Gewalt zu erringen, die ſie über ſeine Vorgänger gehabt? Sie meinen, daß der junge Kaiſer auch bald nur ein Werkzeug in den Händen der Jeſuiten ſein werde? Und es iſt deshalb, daß Sie Sich nicht an ihn wenden wollen? Nein, ich meine, daß die frommen Väter dem jungen Kaiſer keine Zeit laſſen werden, viel zu reformiren und abzuändern. Da ſie ſehr wohl wiſſen, daß Joſeph niemals ſich ihnen fügen und ſie unterſtützen wird, ſo werden ſie ihn bei Seite drängen, und ihn unwirkſam machen; noch lebt die Kaiſerin, und iſt, wenn ſie will, die Alleinherrſcherin von Oeſterreich. Die frommen Väter werden es ſchon zu machen wiſſen, daß ſie will. Wenn ich alſo jetzt in dieſem Interregnum mich an den Kaiſer wendete, und dieſer mich frei machte von meiner Stelle, und mir Unterſtützung zuſagte, ſo würde er vielleicht ſehr bald nicht mehr im Stande ſein, ſie mir zu gewähren; ich hätte aber dann meine Stelle verloren, und mich für immer verdächtig gemacht. Es iſt wahr, ſagte Joſeph mit einem traurigen Lächeln, es iſt viel⸗ leicht nutzlos und gefährlich für Sie, Sich um die Gunſt des jungen Kaiſers zu bemühen, und Sie mögen wohl Recht haben, auf ſeine Freundſchaft keinen Werth zu legen, denn die Jeſuiten ſind gar mächtige Leute, und ihre Feindſchaft iſt ſchlimmer als die Feindſchaft aller Kai⸗ ſer und Könige. Bleiben Sie alſo immerhin Cenſor und machen Sie ihre Studien in den Büchern, die Sie nachher verbrennen und verſtüm⸗ meln. Sie haben ja ein ſehr ſinnreiches Mittel gefunden, die verbotc⸗ nen Bücher zu leſen und zu ſtudiren, ohne mit den Herren Patres in Streit und Zank zu gerathen, und Kenntniß von allen Schriften zu er⸗ langen, die allen andern Gelehrten ſonſt vorenthalten werden. Leben Sie wohl, mein Herr, und möge Ihnen die Lectüre meiner angebrannten Bücher recht viel Nutzen und Freude gewähren!— — — 70 man ihnen ſo lange entzogen hat! Möge es mir vorher gelingen, Aufklä⸗ V rung und Wiſſenſchaft in meinem Vaterlande zu verbreiten, und den Druck der heuchleriſchen Frömmelei, unter welchem meine Völker ſeufzen, von ihnen zu nehmen. Nun, ich will wenigſtens meine Zeit benutzen, wie kurz ſie mir auch zugemeſſen ſein mag! Dieſe Herrn Cenſoren ſollen wenigſtens von mir hören, und ihren lächerlichen und willkürlichen Edicten will ich Einhalt thun! Sie ſollen mir nicht mehr den Winckelmann und den Platon, und die Werke der Philoſophen und Dichter verbieten, und uns durch ſolches Verbot lächerlich und verächtlich machen vor ganz Europa! Ich werde dieſer Stunde auf der Büchermauth gedenken, wie ich es dem frommen Pater Aloys verſprochen habe! Der Kaiſer ſchritt haſtiger vorwärts, und hatte bald das Schloß 7 Und das, ſagte Joſeph in ſich hinein, indem er ſich von dem Cen⸗ err ſor entfernte, und in eine Seitenſtraße einbog, das iſt meine geträumte Ir Herrlichkeit und Macht! Dieſer arme Bücherwurm, der ſeufzend um⸗ herkriecht unter dem Wuſt und Staub der Gelehrſamkeit, und Cenſor d geworden iſt, um ſein Leben zu friſten, dieſer gelehrte Nachrichter der K Jeſuitenweisheit hält es doch nicht einmal der Mühe werth, ſich an lic 1 mich zu wenden, und meine Hülfe für ſich in Anſpruch zu nehmen. lie Oh welch ein jämmerliches, armſeliges Ding iſt es doch um die Größe ul 4 und Hoheit der Menſchen. Wir kriechen doch Alle im Staube umher, ſall ob wir nun König oder Bettler ſind! Nicht der iſt der Mächtigſte, al welcher der Größte iſt, ſondern Der, welcher der Schlaueſte iſt. Der Löwe, welcher ſich der König der Thiere dünkt, und majeſtätiſch durch ſte den Wald dahinſchreitet, ſinkt plötzlich mit einem Weheſchrei um und ei ſtirbt, weil eine kleine Natter, die ungeſehen und verachtet dahin kroch, F ihn in den Fuß geſtochen und vergiftet hat. Der Löwe hätte ihr nichts u anhaben können, ſelbſt wenn er ſie geſehen, denn ihr Gift ſchützt die Natter vor jeder Berührung, und ſelbſt der König der Thiere würde 8 ihr aus dem Wege gegangen ſein. Und ſo ergeht es auch den Königen der Menſchen, ſo wird es auch mir ergehen. Ich werde auch meine Natter finden, welche mich mitten auf meinem Wege zu Boden ſchleu⸗ b dert, und mir heimtückiſch ihr Gift beibringt! Nun mag es ſo ſein! Möge aber Gott vorher mir noch Zeit laſſen, der Menſchheit zu nützen, und meinem Volk die Freiheit und das Licht zu bringen, welches Beides —— Cen⸗ aumte um⸗ Lenſor r der h an men. röße nher igſte, Der durch und froch, ichts t die ürde nigen neine chleu⸗ ſein! ützen, eides ifllä druck von wie ſollen icten und und gand wie cloß 71 erreicht. Dies Mal ging er nicht zu einer Seitenpforte, ſondern trat grade durch das Hauptportal in die Vorhalle ein. Bin doch begierig, ob meine junge Anklägerin und Verläumderin, die kleine Officiertochter, mit ihrer Bittſchrift ſchon hier iſt, ſagte der Kaiſer, indem er den Corridor betrat, welcher zu dem Saal der öffent⸗ lichen Audienzen führte. Die Schildwachen, welche vor der Thür ſtanden, ließen ihn unbeachtet paſſiren; ſie mochten ihn auch für einen Bittſteller halten, der zur Stunde der öffentlichen Audienzen kam, um dem Kaiſer ſelbſt ſeine Bittſchrift zu überreichen. Ungehindert gelangte der Kaiſer alſo in den Saal. 1 Ja, ſeine kleine Anklägerin und Verläumderin war ſchon da. Sie ſtand zitternd und verſchämt in einem Winkel des Gemaches, und hielt ein Papier in ihren zitternden Händen. Als ſie ihren unbekannten Freund und Beſchützer erblickte, eilte ſie ihm tief erröthend entgegen, und reichte ihm verſchämt ihre Hand dar. Oh, mein Herr, Sie haben alſo Wort gehalten, ſagte ſie leiſe. Ich fürchtete ſo ſehr, Sie würden mich ſchon vergeſſen haben, und es ward mir ſo bange und ſchauerlich in dieſem öden, ſchweigenden Saal, daß ich ſchon im Begriff war, wieder fortzulaufen. Sie ſehen wohl, mein Herr, es hat Niemand Vertrauen zu dem Kaiſer. Es iſt, wie man mir da unten geſagt hat, die Stunde der öffentlichen Audienzen, und der Saal iſt leer. Es kommt Niemand, denn man weiß doch, daß der junge Kaiſer keine Bittſchriften annimmt, und keine Gnade ausübt! Ach, auch ich werde vergeblich gekommen ſein! Der Kaiſer wird nicht ſo mitleidig, großmüthig und erbarmungsvoll ſein, wie Sie es gegen ein armes, ſchutzloſes, verzweiflungsvolles Mädchen geweſen ſind. Auch meine Mutter iſt meiner Anſicht, und wenn ich doch eine Bittſchrift aufgeſetzt habe, und hierher gekommen bin, ſo habe ich das nur gethan aus Dankbarkeit gegen Sie, mein Herr, und weil ich Sie noch einmal ſehen, weil ich Ihnen den Dank meiner Mutter darbrin⸗ gen, weil ich Ihnen ſagen wollte, daß meine Mutter und ich an jedem Abend für den edlen großmüthigen Menſchenfreund beten werden, der ſich unſerer Noth und Verzweiflung erbarmte, und bei dem es keiner andern Fürſprache und Protection bedurſte als der Thränen des Un⸗ glücks. Oh mein Herr, wenn Sie zu Ihrem großmüthigen Geſchenk —— ——,— 72 noch ein zweites hinzufügen wollen, ſo ſagen Sie mir Ihren Namen, damit meine Mutter und ich ihn in unſern Gebeten Gott nennen kön⸗ nen, und dann laſſen Sie mich ſtill und zufrieden von hinnen gehen, ohne dem Kaiſer meine Bittſchrift gegeben zu haben, denn das iſt doch nutzlos und vergeblich! Nun, rief Joſeph lachend, wenn alle Gegner des Kaiſers ſo ſtarr⸗ köpfig ſind wie Du, mein Kind, dann wird es dem armen Kaiſer aller⸗ dings ſchwer werden, den Leuten Wohlthaten zu erzeigen, und ihre Vorurtheile auszurotten. Aber ich will Dir beweiſen, daß Du dem Kaiſer Unrecht thuſt! Gieb mir Deine Bittſchrift. Ich will ſie ſelbſt dem Kaiſer bringen. Warte hier auf meine Botſchaft; es wird bald ein Kammerlakei kommen, und Dich zum Kaiſer rufen. Folge ihm, und fürchte nichts, Du wirſt mich beim Kaiſer finden, und da werde ich Dir auch meinen Namen ſagen! Auf Wiederſehen alſo! Er nickte ihr zu, und verließ durch eine Seitenthür den Saal. Das Mädchen ſchaute ihm mit trüben Blicken nach, und drlckte ſich angſtvoll und ſchüchtern in eine Fenſterniſche. Allmälig füllte ſich der Saal mit dieſen ernſten, niedergeſchlagenen, traurigen und demüthigen Geſtalten, welche man in den Vorzimmern der Mächtigen und Gebie⸗ tenden zu finden pflegt, welche immer Kummer und Sorge im Herzen, Thränen in den Augen und eine Bittſchrift in der Hand haben, und welche gewöhnlich mit Hoffnung und Erwartung kommen, um nachher mit Troſtloſigkeit und Niedergeſchlagenheit von dannen zu gehen. Aber die Männer und Frauen, welche ſich in dieſem Audienzſaal des jungen Kaiſers verſammelten, ſchienen indeß doch minder traurig und hoffnungslos, als es arme Bittſteller ſonſt zu ſein pflegten. Sie theilten ſich einander froh und hoffnungsvoll ihre Erwartungen mit, ſie erzählten ſich, daß der junge Kaiſer von nun an immer ſelbſt die Bitt⸗ ſchriften entgegen nehmen wolle, daß er dazu ſelbſt in dieſen Saal kommen würde, und daß Jeder alsdann das Recht habe, dem Kaiſer mündlich ſeine Beſchwerden und ſeine Klagen vorzutragen, daß der Kaiſer Jedermann mit Geduld und Güte anhöre, und immer eine ſchnelle Abhülfe ihrer Beſchwerden erfolge.*) *) Hübner, Lebensgeſchichte Joſephs I. S. 80. ———— 73 Auf einmal öffnete ſich die Seitenthür, und ein Kammerlakai trat ein. Er ſchaute prüfend und ſuchend umher, und ſchritt dann grade auf das junge Mädchen zu, die tiefbewegt und hochklopfenden Herzens dem Geſpräch der Andern, und den Lobeserhebungen, welche man dem jungen Kaiſer ſpendete, zugehört hatte. Der Kaiſer wird ſogleich hierher kommen, ſagte der Kammerlakai, die auf ihn einſtürmenden Fragen der Leute beantwortend. Vorher aber ſoll ich dieſes junge Mädchen, die Tochter eines im Dienſt der Kaiſerin gefallenen Officiers, zu ihm führen. Er winkte dem jungen Mädchen, und ſie folgte ihm ſchweigend und beklommen. Durch eine Reihe glänzender Säle, deren Pracht und Herrlichkeit das Kind der Armuth und der Dürftigkeit mit Staunen und Bewunderung erfüllte, folgte das junge Mädchen dem Kammerla⸗ kaien. Endlich in dem letzten der vergoldeten, mit koſtbaren Gobelins und Tapeten verzierten Säle, ſtand der Lakai ſtill. Verweilen Sie hier einen Moment, ſagte er, dort drinnen iſt der Kaiſer. Ich werde Sie melden! Er verſchwand hinter der ſammetnen Portieère, welche jene Thür dort verhüllte. Das Mädchen blieb allein inmitten dieſer Herren, die in goldgeſtickten Uniformen, geziert mit funkelnden Ordensſternen und Brillantkreuzen, im Vorſaal des Kaiſers verweilten, und in leiſen, flü⸗ ſternden Geſprächen hier und dort in Gruppen umherſtanden. Aber jetzt ward die Portière wieder zurückgeſchlagen, und der Kammerlakai trat heraus, dem Mädchen ſchweigend zuwinkend, und ſie bedeutend, daß ſie jene Thür überſchreiten ſolle. Sie that es zitternden Herzens und bebenden Fußes. Die Thür ſchloß ſich hinter ihr, und ſie war jetzt in dem Kabinet des Kaiſers. Dort drüben, dieſe ſchlanke hohe Geſtalt in der weißen Uniform, die da am Fenſter ſtand, dem Zimmer den Rücken zugewandt, das war der Kaiſer! Das junge Mädchen fühlte, wie ihr Athem ſtockte, ihr Herz ſtill ſtand, denn dies war der entſcheidende Moment ihres Lebens! Der Kaiſer konnte mit Einem Wort ſie entweder zu ewiger Armuth und Noth verurtheilen, oder er konnte ſie zu einem ſonnerhellten, ruhigen, ſtillbefriedigten Daſein begnadigen, und die Thränen ihrer Mutter trocknen. — — ——õ— — —— — —— —,—— 74 Jetzt wandte der Kaiſer ſich um, und ſchaute mit einem ſanften Lächeln zu ihr hin. Komm hierher, mein Kind, ſagte er freundlich, Du wollteſt den Kaiſer ſprechen, ich bin es! Das Mädchen ſtieß einen Schrei des Entſetzens aus, und auf ihre Kniee niederſinkend, verhüllte ſie ihr todesbleiches Antlitz in ihren Händen. Sie hatte in dem Kaiſer ihren unbekannten Wohlthäter wie⸗ dererkannt, es waren dieſelben ſchönen, wunderbaren blauen Augen, es war dieſelbe ſanfte innige Stimme. Ja, dieſer edle wohlwollende Herr, der ihr ſeine Hülfe, ſeine Unterſtützung angeboten, es war der Kaiſer ſelber, und ſie hatte ihm in's Angeſicht ihn der Härte und Grauſam⸗ keit geziehen, ſie hatte ihn des Geizes und des Stolzes angeklagt. Sie dachte nicht daran, daß er ihr vielleicht zürnen, ſie vielleicht beſtrafen könne; ſie hatte nur ein unausſprechliches Wehegefühl, weil ſie ihn, der ſo ſanft, ſo erbarmend und menſchenfreundlich ſich ihr be⸗ wieſen, gekränkt und beleidigt habe! Das allein war es, was ihr Thrä⸗ nen entlockte, was ihr Herz mit bitterm Schmerz erfüllte! Der Kaiſer näherte ſich ihr, und ſchaute mit einem Ausdruck un⸗ endlichen Erbarmens zu dem armen zitternden Mädchen nieder, die noch immer auf ihren Knieen lag, und zwiſchen deren Fingern die Thränen in großen Tropfen hervorquollen. Ich habe Deine Bittſchrift geleſen und geprüft, ſagte er milde. Ich habe geſehen, daß Du in allen Dingen die Wahrheit geſagt haſt. Deine Mutter wird von heute an die frühere Gage Deines Vaters als Penſion erhalten, und wenn ſie ſtirbt, geht ſie auf Dich über. Ich bitte Dich und Deine Mutter, die Verſpätung dieſer Penſion, auf die Ihr ſo gerechte Anſprüche hattet, zu entſchuldigen, da weder die Kaiſe⸗ rin noch ich gewußt haben, daß Dein Vater, dieſer brave und treue Officier, eine Familie zurückgelaſſen. Ich bitte Dich alſo noch einmal, die Verſpätung meiner Pflichterfüllung zu entſchuldigen!*) Und jetzt, mein Kind, erhebe Dich von Deinen Knieen, denn man ſoll vor Nie⸗ mand als vor Gott knieen. Stehe alſo auf, trockne Deine Thränen, und eile zu Deiner Mutter, um ihr zu ſagen, daß Eure Noth und Sorge vorbei, und daß der Kaiſer am Ende doch nicht ſo herzlos und grauſam ſei, als man ihn Euch geſchildert hat. *) Des Kaiſers eigene Worte. Siehe Coxe. Vol. V. p. 286. anften „Du d auf ihren wie⸗ n, es Herr, caiſer ſam⸗ leicht weil r be⸗ Thrä⸗ un⸗ noch ränen milde. bit zaters 9ch f die daiſe⸗ treue nmal, jebt, Nie⸗ ränen/ und und Nein, rief ſie leidenſchaftlich, ihr von Thränen überfluthetes Antlitz zu dem Kaiſer emporhebend, nein, ich werde nicht eher von meinen Knieen aufſtehen, als bis Ew. Majeſtät mir vergeben, als bis Sie mir die böſen und heimtückiſchen Worte, mit denen ich Ew. Majeſtät ver⸗ läumdet habe, verziehen haben! Sie ſind Dir ſchon verziehen, denn was kannſt Du dafür, Du armes Kind, daß man Dir den Kaiſer, den Du nicht kannteſt, in ſo ſchlimmem Lichte gezeigt hatte? Aber jetzt kennſt Du ihn, und nicht wahr, wenn jetzt in Zukunft wieder Jemand Uebles von mir ſprechen will, ſo darf ich darauf hoffen, daß Du bei ihm mein Anwalt wirſt?*) Er reichte ihr die Hand hin, und das Mädchen preßte auf dieſelbe ihre glühend heißen Lippen und benetzte ſie mit ihren Thränen. Der Kaiſer zog das Mädchen faſt mit ſanfter Gewalt empor. Trockne Deine Thränen jetzt, ſagte er, denn ſonſt möchten Die im Vor⸗ zimmer meinen, ich habe Dich im Zorn entlaſſen, und habe Dich ſchlimm behandelt. Eile zu Deiner Mutter, mein Kind, und grüße ſie von mir. Sagteſt Du mir nicht da unten im Audienzſaal, Deine Mutter und Du, Ihr wünſchtet Beide den Namen Deines unbekannten Freun⸗ des zu wiſſen, um ihn in Euern Gebeten Gott nennen zu können? Nun wohl denn— ich heiße Joſeph! *) Des Kaiſers eigene Worte. Sweites Buch. Die regierende Kaiſerin. I Koſenkranz und Frepter. Die vier Wochen, welche Maria Thereſia ſich ſelbſt als Noviziat beſtimmt hatte, und nach deren Ablauf ſie ſich, wie ſie zu Kaunitz ge⸗ ſagt, nach Insbruck zurückziehen wollte, um dort ein Kloſter zu gründen, die vier Wochen waren faſt vergangen, und noch immer verweilte Maria Thereſia ſtill und zurückgezogen in ihren Gemächern, und noch immer war ihr Sohn, der Kaiſer Joſeph, der unbeſchränkte Alleinherrſcher des öſterreichiſchen Kaiſerſtaates, noch immer konnte er fortfahren in ſeinen Reformen und Neuerungen, welche die Beamten und Diener des alten Regime mit Entſetzen erfüllten, und ihnen, ſo wie den Pfaffen und Prieſtern, wie die Todtenglocken ihrer eigenen Macht und Herrlich⸗ keit erſchienen. Und ſie mußten dieſes Alles dulden, und über ſich ergehen laſſen, ohne nur das Recht zu haben, ſich zu beklagen, ohne nur mit ihren Aengſten und Befürchtungen das Ohr der Kaiſerin erreichen zu können. Denn an dem Tage, an welchem Maria Thereſia ſich in ihre Trauer⸗ gemächer zurückgezogen, hatte ſie den Perſonen, welchen ſie erlaubte, in ihre Nähe zu kommen, mit ſtrengem Ton und gebieteriſchem Weſen verboten, zu ihr auch nur mit Einem Wort, Einer Andeutung der Dinge und Ereigniſſe Erwähnung zu thun, welche ſich außerhalb ihrer Gemächer zutragen möchten. Sie wollte ein für alle Mal abſchließen mit der Welt, und kein Ton und kein Blatt aus derſelben ſollte noch die trauervolle Stille ihrer Wittwenzelle beunruhigen. Dennoch hatte es Pater Porhammer, der Beichtvater der Kaiſerin, einige Male gewagt, mit einer leiſen Andeutung, einem hingeworfenen Wort von den Ver⸗ 4 80 änderungen, welche der reformirende Kaiſer vorgenommen, zu ſprechen, aber die Kaiſerin hatte ihn mit ſtrengen Blicken angeſchaut, und mit ſtrafendem Ton ihn daran erinnert, daß ſie ihn berufen habe, um mit ihr zu beten und zu weinen, und daß es ſich für einen Diener der Kirche nicht wohl ſchicke, die Gebete zu unterbrechen, um von den tri⸗ vialen Dingen dieſer Erde zu ſprechen.— Auch die Oberhofmeiſterin, Gräfin Fuchs, hatte es einmal verſucht, der Kaiſerin von den Reformen und Neuerungen, welche der Kaiſer im Innern des Palaſtes ſowohl, als außerhalb deſſelben vornehme, zu erzählen; aber die Kaiſerin hatte ſie ſofort zur Ruhe verwieſen, und mit ſtolzer Kälte hatte ſie hinzuge⸗ fügt: ich ſehe es wohl, Fuchſin, daß die Stille und das Schweigen hier Ihrem weltlichen und zerſtreuungsluſtigen Sinn nicht zuſagt; ich will mir aber meinen Frieden und meinen Herzenskummer nicht durch Ihr welt⸗ liches und banales Geplauder ſtören laſſen. Bleibe Sie alſo aus dieſen Zimmern hier fern, und wage Sie es nicht eher wieder hierher zu kommen, als bis ich Sie ausdrücklich dazu auffordern laſſe! Dieſes ſchreckensvolle Beiſpiel von der Strenge der Kaiſerin hatte genügt, um Allen Denjenigen, welche die Zimmer Maria Thereſia's betreten durften, ein unverbrüchliches Schweigen aufzuerlegen, und jedes triviale Wort und jeden weltlichen Gedanken aus ihrer Nähe zu bannen. Maria Thereſia konnte jetzt ungeſtört weinen, in ihren Erbauungsbüchern leſen, und ihren Roſenkranz beten, ſie konnte ſicher ſein, von Nieman⸗ den in dieſen Beſchäftigungen geſtört zu werden. Selbſt ihre Kinder, die Erzherzoge und Erzherzoginnen, welche an jedem Morgen kamen, ihrer kaiſerlichen Mutter die Hand zu küſſen, ſelbſt dieſe wagten es nicht, der Kaiſerin von den Dingen, welche ſich im Schloſſe begaben, zu erzählen, und wenn ſie mit ihr gebetet, mit ihr in ihren Zimmern die Meſſe ge⸗ hört hatten, entfernten ſie ſich ſtill und ſchweigend wieder, wie ſie ge⸗ kommen waren. Seit einigen Tagen indeſſen waren nicht alle ihre Kinder beim Lever der Kaiſerin erſchienen, ſeit einigen Tagen war die ſchöne Erzherzogin Chriſtine, die Lieblingstochter der Kaiſerin, nicht mit ihren Geſchwiſtern gekommen, um ihrer Mutter die Hand zu küſſen, und ihr den Morgengruß darzubringen. Am erſten Tage ſchien die Kaiſerin dieſe Abweſenheit Chriſtinens gar nicht zu bemerken, aber am zweiten Tage, als ihre Kinder zu ihr eintraten, und die Erzherzogin echen, mit n mit er der n tri⸗ terin, rmen vohl, hatte zuge⸗ n hier mir welt⸗ dieſen men, hatte eſia's jedes innen. ichern eman⸗ inder, amten, nicht, ählen, ſe ge⸗ je ge⸗ ihre ar die t niit iſen, n die er am tzegin 81 immer noch fehlte, unterbrach ſich Maria Thereſia in dem angefangenen Gebet, ihre Blicke flogen mit einem ſeltſamen, fragenden Ausdruck an den Geſichtern ihrer Kinder vorüber, und ihre Lippen öffneten ſich ſchon zu einer Frage. Aber Maria Thereſia ſchien dieſe Frage mit Gewalt zurückzudrängen. Sie neigte ſich tiefer über ihren Roſenkranz, und betete mit ſeltſamer, athemloſer Haſt. Indeß es kam ein dritter Tag, und die Erzherzogin Chriſtine fehlte noch immer beim Lever ihrer Mutter. Dies Mal konnte die Kaiſerin ihre neugierige Ungeduld nicht mehr bezwingen, und als ihre Kinder ſich ihr an dieſem Morgen empfahlen, als die Erzherzogin Eliſabeth die Hand ihrer Mutter zum Abſchied küßte, fragte Maria Thereſia haſtig und beklommen: Wo iſt Chriſtine? Warum kommt ſie nicht zu mir? Ew. Majeſtät halten zu Gnaden, unſere arme Schweſter liegt krank auf ihrem Bett, und kann daher nicht zu Ew. Majeſtät kommen, ſagte die Erzherzogin, und gleichſam als fürchte ſie, ihrer Mutter noch länger läſtig zu werden, machte ſie eine ſchnelle Verbeugung und eilte ihren Geſchwiſtern nach. Am andern Morgen, als ihre Kinder zu der Kaiſerin eintraten, lag der Roſenkranz, welchen die Kaiſerin ſonſt immer in Händen gehalten, unberührt neben den Erbauungsbüchern auf dem Tiſch. Die Kaiſerin betete nicht und las auch nicht in den frommen Büchern, ſondern ging mit unruhigen Schritten auf und ab. Sie empfing ihre Kinder mit einem ſtummen Kopfnicken, und ſchaute mit geſpannter Erwartung nach der Thür hin, bis dieſe ſich hinter der kleinen Erzherzogin Marie An⸗ toinette ſchloß. Dann ſeufzte die Kaiſerin tief auf, und wandte ſich ab, vielleicht um ihre Kinder die Thränen nicht ſehen zu laſſen, welche in ihren Augen erglänzten. Aber beim Abſchied, als Marie Antoinette ſich der Kaiſerin nahte, nahm dieſe mit einer leidenſchaftlichen Heftigkeit das Kind empor in ihre Arme, und indem ſie ſie zärtlich an ſich drückte, flüſterte ſie ganz leiſe in ihr Ohr: wie geht es Deiner Schweſter Chriſtine? Meine Schweſter Chriſtine iſt ſehr krank, und weint den ganzen Tag, Kaiſermama, ſagte die kleine Erzherzogin traurig. Sie hat Dich aber ſehr lieb, Mama, ſie läßt Dich auch grüßen. Die Kaiſerin ließ mit einer fefſ unwilligen Bewegung das Kind Kaiſer Joſeph. 1. Abth. III. 6 82²2 — aus ihren Armen, und gleichſam als bereue ſie es, ſich durch ſolche neugierige, weltliche Frage in ihrer frommen Trauerandacht unterbrochen riün 1 zu haben, nahm ſie ihren Roſenkranz wieder zur Hand, und winkte ihren V dlau Kindern ſich zu entfernen!—— b n Eine Stunde ſpäter trat Pater Porhammer aus dem Cabinet der ziſ Kaiſerin; dies Mal war ſeine Miene nicht mehr ſo traurig und düſter, d79 wie ſie es in den letzten Wochen geweſen, dies Mal ging er nicht ge⸗ athe 1 ſenkten Hauptes mit niedergeſchlagenen Augen an den ehrerbietig ſich 3 verneigenden Kammerfrauen vorüber, die immer vergeblich im Vorſaal nn der Kaiſerin auf ihren Ruf harrten; dies Mal war das Haupt des b d Beichtvaters ſtolz aufgerichtet, ſein Schritt elaſtiſch und frei, ſein Auge ſen leuchtend und hell. Mit einem gnädigen und herablaſſenden Lächeln ihre A erwiderte er den Gruß der Kammerfrauen, und eilte in das nächſte 1 16 Gemach, in welchem ſich die Oberhofmeiſterin der Kaiſerin, und der V hr Ober⸗Ceremonienmeiſter Graf Bathiany befanden. Als ſie die heitere, triumphirende Miene des Paters gewahrten, V mn eilten ihm Beide haſtig entgegen, mit ſo neugierigen, geſpannten Blicken due ihn anſehend, als wollten ſie aus ſeinen Mienen die glückliche Nachricht und entziffern, welche dieſelben ihnen verkündeten. 6 Wir werden ſiegen, ſagte der Pater leiſe. Unſer Plan iſt gelungen, und wir wollten an das Mutterherz anklopfen, um es zu erwecken aus ſeinem n Schlaf, und es iſt erwacht. Die Kaiſerin iſt aus ihrer Lethargie auf⸗ 6 geſchreckt durch die Krankheit der Erzherzogin. Sie hatte bis hierher B ſich nur erinnert, daß ſie die Wittwe ihres geliebten Gemahls iſt, jetzt iid fühlt ſie, daß ſie auch noch die Mutter geliebter Kinder iſt, welche leben, 3 und ein Recht auf ihre Liebe haben! Sehen wir nun zu, daß es uns pri 4 gelinge in der Mutter auch die Kaiſerin zu erwecken, damit ſie Oeſter⸗ reich errette von dem Verderben und dem Unheil, mit welchem ihr gott⸗ 3 loſer und pflichtvergeſſener Sohn es bedroht! 8 Um Gotteswillen, ſprechen Sie leiſe! murmelte der Ober⸗Ceremonien⸗ K 4 meiſter. Wenn der Kaiſer Ihre fürchterlichen Worte erfährt, ſind wir verloren!— ’ Der Pater lächelte mitleidsvoll. Ich fürchte den Zorn des Kaiſers N nicht mehr, ſagte er ſtolz, mag er es wiſſen, daß ich ſein Feind bin, 5 wenn die Kaiſerin wieder das Scepter in die Hand nimmt, iſt es zu un Ende mit ſeiner Macht. 3 ſolche drochen ihren tet der düſter, ht ge⸗ g ſich orſaal t des Auge dächeln nächſte ld der hrten, Blicen lungen, ſeinem ie auf⸗ hierher ſe jebt leben, 8 uns Oeſter⸗ fr gett⸗ nonien⸗ lloten! Kaiſers bin, es 3ü 83 Und Ew. Hochwürden glauben, daß die Kaiſerin ſich wieder auf⸗ richten werde aus ihrer Betrübniß? flüſterte die Gräfin Fuchs. Sie glauben, daß ſie zum Beſten der heiligen Kirche und des bedrohten Vaterlandes das Scepter wieder in die Hand nehmen wird? Ich glaube, daß es in unſere Macht gegeben iſt, die Kaiſerin zu dieſem Entſchluß zu bringen, und daß die Pläne, die wir längſt be⸗ ſprochen und vorbereitet haben, jetzt zur Ausführung kommen werden! Eilen Sie alſo, Gräfin, und Sie, Herr Ober⸗Ceremonienmeiſter, berufen Sie alle unſere Freunde und Diener, denen wir ihre Rollen eingeübt haben, laſſen Sie jeden ſich an der ihm bezeichneten Stelle poſtiren, und ſeine Rolle ſpielen, denn ich denke, die Kaiſerin wird ſehr bald aus ihren Zimmern heraustreten, um zu ihrer Tochter, der Erzherzogin Chriſtine, zu gehen. Wie, es wäre möglich, daß dies geſchähe? fragte die Gräfin freudig. Ew. Hochwürden meinen wirklich, daß die Kaiſerin ſich zu dieſem Gang entſchließen würde? Ich bin davon überzeugt. Sie hat mich mit zitternder Stimme und mit tiefer Bewegung um das Befinden der Erzherzogin gefragt, und ich habe ihr ſo ausweichende und geſchraubte Antworten gegeben, daß dadurch die Sorge und Unruhe der Kaiſerin nur vermehrt worden iſt. Gehen Sie alſo immerhin zur Erzherzogin Chriſtine, und melden Sie ihr den Beſuch der Kaiſerin, ſagen Sie ihr, daß Gott ihre Hin⸗ gabe und aufopfernde Treue lohnen werde, und daß ſie das Ziel ihrer keuſchen und tugendhaften Liebe erreichen, daß ſie die Gemahlin des Prinzen Albrecht von Sachſen werden ſolle. Ich eile, Ihre Beſtellung auszurichten, ſagte die Gräfin, indem ſie ſich der Thür zuwandte. Wann meinen Ew. Hochwürden, daß die Kaiſerin den Gang zur Erzherzogin machen werde? Gewiß ſehr bald, in einigen Stunden ſchon wird ſich die trauernde Wittwe in eine zärtliche Mutter verwandeln, und der Schritt von der Mutter bis zur Kaiſerin iſt dann nicht mehr groß. Der düſtere Trauerſchleier beginnt ſchon das Haupt Maria Thereſias zu bedrücken, und der thatenkühne Geiſt ſehnt ſich nach Beſchäftigung. Ich glaube, daß die Kaiſerin im geheimſten Grunde ihres Herzens froh iſt, durch Chriſtinens Krankheit einen Vorwand zu haben, um ihre Trauerge⸗ 6* — ——— 84 mächer verlaſſen zu können, denn,— die Kaiſerin langweilt ſich, und es iſt zu Ende mit ihren Kloſterträumen. Eilen Sie, Gräfin, eilen Sie, die Erzherzogin Chriſtine vorzubereiten. Und Sie, Herr Graf Bathiany, fuhr der Pater fort, ſich an den Oberceremonienmeiſter wendend, Sie werden die Güte haben, die verabredeten Vorkehrungen zu treffen, damit die Kaiſerin auf dieſem Gange durch das Schloß Alles erfahre, was ihr zu wiſſen nöthig iſt. Sorgen Sie dafür, daß unſere Maſchinerie gut und ſicher ſpiele, und die Kaiſerin keinen Ton knarren hört, und keine Abſicht vermuthen kann. Den ganzen Tag müſſen Alle auf ihren Poſten ſtehen, die treuen Schildwachen der Kirche und der Religion, welche beide der freigeiſtige, ungeſtime und übermüthige Sohn der from⸗ men Kaiſerin bedroht, indem er— Ich eile, alle Vorkehrungen zu treffen, unterbrach ihn der Graf, angſtvoll bemüht, den weiteren Zornesergüſſen des Paters gegen den Kaiſer zuvorzukommen. Ich will ſogleich die Runde durch das Schloß machen, um die Parole auszutheilen, und Jedem ſeinen Poſten anzu⸗ weiſen. Möge Gott unſere Pläne beſchützen, und ihnen ſeinen Segen verleihen! Er wird es thun, ſagte der Pater, die Hände faltend, und die Augen zum Himmel emporrichtend. Gott wird ſeiner Kirche den Sieg verleihen und die Böſen nicht triumphiren laſſen!— Aber als der Graf hinausgegangen, und der Pater allein war, ließ er die fromme Maske wieder von ſeinem Antlitz fallen, und ein höhniſches triumphi⸗ rendes Lächeln umſpielte jetzt ſeine ſchmalen, blutloſen Lippen. Ich werde ſiegen, murmelte er, nur wenige Stunden noch, und ich werde wieder der Herrſcher und Gebieter ſein in dieſem Schloß, nur wenige Stunden noch, und die Kaiſerin wird den Roſenkranz wie⸗ der mit dem Scepter vertauſchen, und ich werde es wieder ſein, der ihr Herz und ihr Gewiſſen lenkt. ich, und Sie, die my, fuhr werden damit e, was ſchinerie t, und f ihren Keligion, er fron⸗ r Graf, gen den Schloß n anzu⸗ Segen und die en Sieg als der fromme riumphi⸗ c, und 8⁵ II. Der Gang durch die Kaiſerburg. Es war um die Mittagszeit. In der Kaiſerburg herrſchte jene Ruhe und Stille, welche bewies, daß man ſich eben mit der behag⸗ lichſten aller Arbeiten, dem Genuß des Eſſens, beſchäftige, daß man den Geſchäften des Tages für eine Stunde ſich abgewandt, um an der wohlbeſetzten Tafel der Sorgen und Mühen des Lebens bei den duf⸗ tenden Speiſen zu vergeſſen. Ueberall herrſchte Schweigen und Stille, und nur in den Corridoren und auf den Treppen, welche von der Küche nach den kaiſerlichen Speiſeſälen führten, ſah man die Lakaien mit leeren oder gefüllten Schüſſeln auf und niederrennen, und nur in der Küche und den Speiſeſälen herrſchte reges geſchäftiges Leben. Beide lagen weit ab von den Wittwenzimmern der Kaiſerin Maria Thereſia, und weder die Düfte der Einen noch das Geräuſch der Andern drang in dieſe düſtern Trauerzimmer empor. Aber Maria Thereſia wußte ſehr wohl, daß um dieſe Stunde die Vorzimmer und die Corri⸗ dore öde und leer, daß der Kaiſer mit ſeinen Hofherren an ſeiner Tafel ſitze, daß die Erzherzoginnen in ihren verſchiedenen Appartements mit ihren Hofdamen ſich zum Diner niedergeſetzt, daß alle die höheren Hof⸗ beamten an der Marſchallstafel im Vorſaal ſich niedergelaſſen, und alle nicht die Tafeln bedienenden Lakaien und Kammerhuſaren in den Ge⸗ ſindezimmern ihr Mahl verzehrten. Maria Thereſia wußte, daß ſie alſo um dieſe Stunde unbehindert und unbeobachtet durch die Säle und über die Corridore dahin gehen, daß ſie Niemand begegnen würde auf ihrem Gang durch das Schloß. Sie hatte ſo eben ihr einſames Mahl eingenommen, und die Die⸗ nerſchaft zu ihrer eigenen Mittagstafel entlaſſen. Jetzt verſuchte ſie ihre Gedanken an dieſes Gebetbuch zu bannen, welches ſie in ihrer Hand hielt, und auf das ſie ihre Blicke zwingen wollte, ſich zu richten. Aber ihre Gedanken ſchweiften doch immer wieder hinüber zu dem Lager ihrer kranken Lieblingstochter, und ihre Blicke richteten ſich immer wie⸗ der nach der Thür hin. Maria Thereſia fühlte, daß ihr zum Gebet die Sammlung, zum Leſen die Ruhe fehle. Sie ſchlug das Gebelbuch zu, und erhob ſich von ihrem Fauteuil. . — ——— 86 Es hilft nichts, ſagte ſie leiſe vor ſich hin, muß ſchon meinem rebelliſchen Herzen den Willen thun, und mich wieder einmal mit irdi⸗ ſcher Sorge und irdiſcher Liebe beſchäftigen. Kann's nicht ertragen, zu denken, daß die Chriſtine krank auf ihrem Lager liegt, und nach der Mutter ſeufzt und weint, und daß die Mutter nicht ihr die Thränen von den Wangen küßt und ſie pflegt und tröſtet in ihrem Leid! Nein, nein, ich muß zu ihr gehen, und ich meine, es iſt das nicht blos mein Recht, ſondern auch meine Pflicht. Muß den Kindern jetzt auch noch die Vaterlieb' erſetzen, und ſie doppelt lieben mit meinem Mutterherzen! Und es iſt auch kein Raub, den ich an meinem Franzen begehe, denn ich liebe ja in ſeinen Kindern auch ihn ſelber, und ich meine ihn ſelber zu küſſen, wenn ich ſeine Kinder an mein Herz drücke. Ja, ja, ich will zur Chriſtine gehen. Werd' ſchon unbemerkt über die kleine Treppe und die Seiten⸗Corridore zu ihr gelangen, werd' ſie überraſchen in ihrer Einſamkeit! Und mit einer Lebhaftigkeit und Schnelligkeit, wie ſie ſolche noch niemals in dieſen Trauergemächern gezeigt, eilte die Kaiſerin in ihr Toiletten⸗ und Schlafzimmer, um ſich die ſchwarze Mantille zu holen, und in dieſelbe eingehüllt, ihren Weg anzutreten. Es war zufällig, daß ihre Kammerfrau dieſe Mantille auf den Tiſch neben dem großen Toilettenſpiegel hingelegt hatte; Maria Thereſia achtete auch nicht dar⸗ auf, ſie nahm das Mäntelchen und hing es ſich über, und ganz von Ungefähr traf ihr Blick dabei den Spiegel, und in dem Spiegel ihr eigenes Bild. Es war das erſte Mal ſeit dem Tode des Kaiſers, daß Maria Thereſia ſich in einem Spiegel erblickte, zum erſten Male, daß ſie ſich in dieſer düſtern Wittwentracht erſchauete. Sie fand, daß dieſe ſchwarze Krepphaube, die ihr Antlitz umgab, und mit der großen ſchwarzen Schneppe ihre halbe Stirn verhüllte, ihrem bleichen Geſicht einen ſehr düſtern Ausdruck gebe, daß dieſes Tuch von Krepp und Spitzen, das ihren Hals umſchloß, ſie wie in eine Sargverzierung einhüllte, daß dieſes ſchwarze Wollengewand, das unverziert an ihrer Geſtalt nieder⸗ floß, einen gar düſtern, traurigen Eindruck mache. Schau wahrlich aus wie eine Todtenfrau, ſagte die Kaiſerin, mit einem trüben Lächeln ihr Spiegelbild betrachtend, ja wahrlich, wie eine Todtenfrau. Bin auch eine ſolche, hab' all' meine Lieb' und mein meinem it irdi⸗ gen, zu ach der hränen Nein, s mein h noch herzen! , denn ſelber ich will Treppe chen in ze noch in ihr holen, zufällig großen dt dar unz von eigenes Maria ſie ich hhwatze hwarzenn ꝛn ſeht das 87 Glück begraben! Aber ich fürcht', die Chriſtine wird einen Schrecken haben von meinem Anblick, und es wird ihre Krankheit verſchlimmern. Und ſich ſelber unbewußt die natürliche Eitelkeit der Frau mit ihrer vorſorglichen Mutterliebe bemäntelnd, ſchob Maria Thereſia die Schneppe ihrer Krepphaube etwas von ihrer Stirn zurück, und drückte das Tuch, welches ſteif bis zu ihrem Kinn emporragte, nieder, daß ein wenig von ihrem weißen Hals ſichtbar ward. Werd' allzeit meines Franzen betrübte Wittwe bleiben, ſagte die Kaiſerin, während ſie ihre Toilette ordnete, werd' auch immer meine Trauerkleider tragen, will aber nicht, daß meine Kinder ein Grauen und Entſetzen vor mir haben! So, nun iſt's gut, nun geh' ich zu mei⸗ ner Chriſtine! Und die Kaiſerin, welche raſch noch ein wenig von ihrem blonden Haar an der Seite ihrer Haube hervorgezupft hatte, warf die Mantille über und durchſchritt das Gemach, um ihren Weg anzutreten. Leiſe und vorſichtig öffnete ſie die Thür, welche in das erſte Vor⸗ zimmer führte. Die Kaiſerin hatte richtig berechnet, es war wirklich Niemand im Vorzimmer, ihre Kammerfrauen waren zum Mittagseſſen gegangen. Iſt mir lieb, Niemanden zu begegnen, ſagte die Kaiſerin, das erſte Vorzimmer durchſchreitend. Ich mag nicht dieſe erſtaunten, verwun⸗ derten Geſichter ſehen, mag von Niemanden als Kaiſerin begrüßt wer⸗ den, denn ich bin keine Kaiſerin mehr, ſondern nur eine arme demüthige Kloſterfrau, welche eine letzte Pflicht der irdiſchen Liebe erfüllt, und dann ſtill und demüthig heimkehrt in ihre Wittwenzelle. Maria Thereſia ſenkte ihr Haupt auf ihre Bruſt, und ging lang— ſam durch den öden hallenden Saal nach der Thür des zweiten Vor⸗ zimmers. Auch hier war Alles ſtill und öde, keine Kammerhuſaren, keine Lakaien waren da und keine Schildwachen an den Thüren.— Die Kaiſerin, welche die Abweſenheit ihrer Kammerfrauen ganz natür⸗ lich gefunden, begann doch dieſe tiefe Oede und Stille, welche ſie um⸗ gab, etwas ſeltſam und ungewöhnlich zu finden. Mit einer fröſtelnden Befremdung ward ſie einer gewiſſen, nie gekannten Verlaſſenheit und Einſamkeit ſich bewußt, und während ſie anfangs ſo ſehr gewünſcht hatte, von Niemanden bemerkt und geſehen zu werden, fand ſie jetzt 88 dieſe gänzliche Vernachläſſigung der Ehrfurcht, welche man ihrer Perſon ſchuldete, ein wenig zu weit getrieben. Hätt' ich zu dieſer Stund' das Malheur gehabt, krank zu werden, ſo würd' ich ganz vergeblich um Hülfe und Beiſtand haben rufen kön⸗ nen, murmelte ſie leiſe vor ſich hin. Niemand würde mein Rufen ge⸗ hört haben. Bin doch neugierig zu ſehen, ob auch draußen im Corri⸗ dor keine Schildwache ſteht! Nein, auch draußen im Corridor war Alles öde und leer, auch dort keine Dienerſchaft und keine Wachen. Zum erſten Male in ihrem Le⸗ ben ſah ſich die Kaiſerin ganz verloren und allein, ganz hülflos und unbeachtet, und ſie fühlte das wie einen Stich in ihrem Herzen. Es ſchauderte ihr vor dieſer ſchweigenden Einſamkeit, vor ihren eigenen Schritten, welche den lautloſen Corridor durchhallten. Sie trat leiſer auf, um ſich ſelber nicht zu hören, und ging raſcher, um bald an das Ende dieſes dunklen Ganges zu gelangen. Aber auf einmal ſtand die Kaiſerin ſtill. Es war ihr geweſen, als habe ſie hinter einer dieſer Thüren, welche auf den Corridor führten, klägliches Weinen und Schluch⸗ zen vernommen. Ja, ſie hatte ſich nicht getäuſcht, das Weinen kam aus dieſem Zimmer, vor welchem die Kaiſerin ſtand, und deſſen Thür nur angelehnt war! Ganz deutlich vernahm die Kaiſerin das Schluchzen und Seufzen, welches nur zuweilen von Ausrufungen und hingehauchten Klagen un⸗ terbrochen ward. Dann ſagte eine volle, männliche Stimme mit dem Ton ſanften Vorwurfs: alſo immer noch Thränen, Gräfin, immer noch Troſtloſigkeit? Faſſen Sie Sich, wappnen Sie Ihr Herz mit Stand⸗ haftigkeit und Geduld. Gott will Sie prüfen in Ihrer Treue und Ihrer Liebe, darum ſandte er Ihnen dieſes Herzeleid, darum hat er Ihnen die Gnade und Gunſt der Kaiſerin entzogen, aber er wird Ihnen das Herz der Kaiſerin wieder geneigt machen! Nein, nein, ich fühle es, daß dem nicht ſo iſt, jammerte die Gräfin. Die Kaiſerin hat mich aufgegeben, ſie glaubt nicht mehr an mich, und ich liebe ſie doch ſo grenzenlos. Ich kann dieſe Trennung von ihr nicht ertragen, ich werde ſterben, wenn ſie mich noch länger von ihrem An⸗ geſicht verbannt. Oh, Hochwürden, ſuchen Sie nicht mich zu tröſteu, denn mein Schmerz wird erſt mit meinem Leben ſchwinden. Sie wiſ⸗ di 9 e 6 d de ℳ hi 6 at 4t 7116 7 F)— 89— — 1 A Perſon ſen nicht, was das heißt, ſeine letzte Erdenliebe verlieren zu die Kaiſerin iſt meine letzte Erdenliebe. Ich habe meinen Gemahl be⸗ graben, ich habe meine Töchter verheirathet, und mein Herz, welches verden, n kön⸗ einſam zurückgeblieben, klammerte ſich nun mit einer leidenſchaftlichen fen ge⸗ Gluth an die Kaiſerin an. In ihrem Dienſt war ich glücklich, befrie⸗ Corri⸗ ¹digt und freudenvoll, nun da ſie mich verſtoßen hat, habe ich auf Er⸗ den nichts mehr zu ſchaffen, und bitte Gott nur, daß er mich von hdort hinnen nimmt. m Le⸗ 6 Vieles noch haben Sie auf Erden zu ſchaffen, ſagte der Pa⸗ 4 6 und.,—ter lebhaft. Denn ich kenne das Herz der Kaiſerin, welches eben ſo 2 . Es treu als edel iſt. Die Kaiſerin wird Sie wieder zu ſich rufen, ſie igenen 7(Gvird Ihnen ihr Ohr und ihr Herz wieder öffnen, und dann haben leſer Sie eine heilige Pflicht mit mir zu erfüllen, dann müſſen Sie gleich in das/ mir die Kaiſerin beſchwören, abzuſtehen von ihrem ſo ſchönen und nd die ſo rührenden Opfer, dann müſſen Sie mit mir ſie anflehen, um ih⸗ dieſer res Volkes und ihres Landes willen die ſchweren Pflichten, welche üluch⸗ Gott ihr auferlegt, zu erfüllen, das Scepter wieder in die Hand zu 4 1 tam nehmen, und um Gottes und der heiligen Kirche willen wieder die rThür regierende Kaiſerin zu werden! Wehe uns Allen, wehe ganz Oeſter⸗ reich, wenn die Kaiſerin dies nicht thut, wenn ſie ihren Herzens⸗ aßfen kummer höher ſchätz, als ihre Pflicht, wehe, wenn ihr Sohn, die⸗ „ ſes abtrünnige Kind der Kirche, noch länger Gewalt behält in dieſem 3 ur Lande, wenn er fortfahren darf mit dieſen fluchwürdigen Neuerungen, it d dieſen—* nuc Still, um Gotteswillen ſtill, unterbrach ihn die Gräfin. Es iſt io, wahr, der Kaiſer handelt in wildem Ungeſtüm ſeiner brauſenden Jugend, ie unn es iſt wahr, ſeine Neuerungen und Reformen müſſen jeden Gutgeſinn— hat en ten mit Trauer, jeden frommen Chriſten mit Entſetzen erfüllen, aber Jhuen immer iſt er doch der Sohn unſerer geliebten Kaiſerin, und um ihret⸗ 6 willen wollen wir verſuchen, ihn zu lieben, und auf ſeine Umkehr zu Gräfi⸗ hoffen! Aber kommen Sie, ehrwürdiger Vater, Ihr gütevoller Zuſpruch h, und hat mir Muth eingeflößt, ich will es noch einmal verſuchen, die Gnade 1 nici der Kaiſerin wieder zu gewinnen, ich will zu ihr gehen, ich— n Ar⸗ Die Kaiſerin hörte nicht weiter, mit leiſen geräuſchloſen Schritten triſtel eilte ſie vorwärts, den Corridor hinunter, zuweilen angſtvoll rückwärts jie wiſ⸗ ——⸗—⸗—ꝛ—ꝛ——— — 90 ſchauend, um ſich zu überzeugen, daß die Gräfin Fuchs und Pater Porhammer noch nicht herausgetreten aus dem Gemach, daß ſie nicht die enteilende Kaiſerin bemerkt hätten, und daher nicht ahnen konnten, daß Maria Thereſia ihr Geſpräch behorcht habe. Erſt als ſie um eine Ecke biegen konnte, ging die Kaiſerin lang⸗ ſamer, und indem ſie ſich in ihren Gedanken Alles wiederholte, was ſie eben, und wie ſie vermeinte, ſo unabſichtlich vernommen, ſagte ſie leiſe zu ſich ſelber: möchte doch wiſſen, was das für Neuerungen und Reformen ſind, welche der Joſeph vorgenommen. Fürchte faſt, daß es ſchlimme Dinge ſind, und daß er in ſeinem Jugendungeſtüm zerſtören wird, was ich aufgebaut, fürchte faſt, daß er ſich vermeſſen könnte, ſelbſt die heilige Kirche mit ungeweiheten Händen anzutaſten. Er hat ein ſtörriſches und wildes Herz, und es fehlt ihm der rechte Glaube: Oh, oh, ich ſehe ſchlimme Tage heraufziehen über mein armes Oeſterreich! Eben trat die Kaiſerin aus dem Gang auf den kleinen Vorplatz, über welchen man zu der Nebentreppe gelangte, die in das untere Stock— werk führte. Die Kaiſerin näherte ſich raſch dieſer Treppe, aber plötz⸗ lich ſtockte ihr Fuß, und faſt ängſtlich wich ſie zurück. Da, auf der oberſten Stufe ſaß, den Rücken ihr zugewandt, eine männliche Geſtalt. Den Kopf tief vornüber auf die Bruſt geneigt, ſchien der Mann zu ſchlafen, ſo unbeweglich ſaß er da, ſo langſam und ſchwer kamen die Athemzüge aus ſeiner Bruſt hervor. Aber indem die Kaiſerin eben langſam und vorſichtig von der Treppe zurückwich, hob der Mann lang⸗ ſam ſein Haupt empor, und wandte ſich um; dann, als er die Kai⸗ ſerin gewahrte, ſtand er langſam auf und verneigte ſich ſtumm und wenig ehrerbietig. Maria Thereſia blickte erſtaunt zu ihm hin, dieſer Mangel an Ehrerbietung hätte ſie bei Jedermann in Verwunderung geſetzt, er über⸗ raſchte ſie doppelt an dieſem Mann, welcher Niemand anders war, als Stockel, der Kammerheizer der Kaiſerin. Seit dreißig Jahren war er in ihrem Dienſt, ſeit dreißig Jahren war Maria Thereſia es gewohnt, ihren ſchweigſamen, ſtillen Tyroler in der Frühe des Morgens in ihr Zimmer treten zu ſehen, im Winter, um Feuer in den Kamin zu legen, im Sommer, um das Geld zu empfangen, welches er an die armen, ver⸗ ſchämten Nothleidenden, die er im Laufe des verfloſſenen Tages entdeckt 91 hatte, und über die er der Kaiſerin Bericht erſtatten mußte, austheilen ſollte. Seit dreißig Jahren hatte ſie mit ihrem alten ergebenen Kam⸗ merheizer in einer gewiſſen treuherzigen Vertraulichkeit gelebt, und oft⸗ mals hatte Stockel es übernommen, der Kaiſerin zu ſagen, was Niemand Anders zu ſagen unternehmen wollte, oftmals hatte das kühne Wort, die naive Bitte Stockels mehr genutzt bei der Kaiſerin, als lange Vor⸗ träge ihrer Miniſter und Conferenzräthe.*) Immer war Stockel der ergebenſte, ehrerbietigſte und treueſte Diener geweſen, immer hatte die Nähe der Kaiſerin genügt, um ſein altes, runzelichtes Antlitz aufleuchten zu machen vor Vergnügen. Wie kam es, daß er heute, da er doch die Kaiſerin ſeit Wochen nicht geſehen, ſo ernſt und gleichgültig erſchien? Er wird böſe ſein, daß ich ihn ſo lange nicht zu mir kommen ließ, dachte die Kaiſerin, ich will ihn verſöhnen!— Und mit einem ſanften, gütevollen Lächeln trat ſie dem alten Manne entgegen, der ſich kerzengrade, mit kalten, düſtern Mienen neben dem Treppenpfeiler auf⸗ geſtellt hatte. Nun, Stockel, ſagte Maria Thereſia, freut mich, Dich zu ſehen. Es iſt lange her, daß Du nicht in meinen Kammern geweſen biſt. Zeither hat das Herzeleid in meinen Kammern Wache gehalten, und ſo eine arme, trauernde Wittwe war ich, daß ich nur meinen eigenen verlorenen Reichthum bedauern konnte, und gar kein Herz hatte für die andern Armen! Stockel antwortete nichts, er wandte nur ſein Haupt ein wenig zur Seite und zuckte leicht mibeden Achſeln. Biſt böſe auf mich? fragte Maria Thereſia mit ihrer gutmüthigen Vertraulichkeit. Haſt wieder einmal Luſt zu zanken mit Deiner Kaiſerin? Kaiſerin? wiederholte Stockel langſam. Denk, Ihr ſeid eine an— gehende fromme Aebtiſſin, weiß ſehr wohl, und alle Welt weiß es, daß die Maria Thereſia keine Kaiſerin mehr iſt, daß ſie nichts mehr zu ſagen und zu befehlen hat in dieſen Landen. Die Kaiſerin zuckte zuſammen, und eine ſchnelle, dunkle Röthe über⸗ goß ihre Wangen; aber ſie kämpfte bald ihren Unmuth nieder und ein mattes trauriges Lächeln umſpielte wieder ihre Lippen. *) Thiébault Mémoires de vingt ans. Vol. III., p. 233. ———— ———.— ————— —— 92 Biſt alſo wirklich böſ' auf mich? fragte ſie. Es gefällt Dir nicht, daß ich die Kaiſerburg mit einem Kloſter vertauſchen will? Meinſt, es ſei nit recht, daß ich aufhören will zu regieren? Verſteh' nichts davon, ſagte Stockel düſter. So große und mäch⸗ tige Leut' laſſen ſich nicht beurtheilen auf die gewöhnliche Art, und was bei Andern Unrecht und feig' ſein möcht', das kann wohl bei ihnen groß und erhaben ſein! Verſteh' nichts davon! Aber's fällt mir jetzt zuweilen ein, was die Frau Kaiſerin, Maria Thereſia, einſtmals zu mir ſagte; damals war ſie freilich noch jung und lebensfriſch, und es ſtand wohl noch in ihrem Gedächtniß, daß ſie zu St. Stephan, als ihr der Erzbiſchof die heilige Kaiſerkrone aufgeſetzt, laut und feierlich den Eid geſchworen, ihrem Volk, ſo lang ſie lebe, eine treue und liebe⸗ volle Herrſcherin und Kaiſerin zu ſein, damals glaubte ſie vielleicht noch, daß man Eide nicht brechen dürfe. Nun, und was ſagte die Kaiſerin damals zu Dir? fragte Maria Thereſia mit gütigem und mildem Ton. Ich will's Euch erzählen: Mir war mein junges Weib geſtorben, und weil ich ſchier in Verzweiflung war und nichts mehr wiſſen wollt' von der Welt, dacht' ich dran heimzugehen in meine Berge und oben auf der Höh', wo's einſam iſt und ſtill, mir eine Einſiedlerhütt' anzu⸗ legen. Kam zur jungen Kaiſerin, und bat um meinen Abſchied, wollt' ihr die Treu' und Lieb' aufkündigen. Aber ſie nahm's nit an. Sah mich an mit ihren großen Feneraugen, in denen es verächtlich blitzte. „Wie? ſagte ſie. Biſt ein ſo feiger muthloſer Geſell, daß Du dem lieben Herrgott gleich aus der Schul' laufen willſt, wenn er Dich ein wenig züchtigt, und ein biſſel hart mit Dir iſt, um zu prüfen, ob Du auch ein tapfer Herz haſt, und ihn nit blos im Sonnenſchein, ſondern auch im Gewitter erkennen kannſt? Meinſt, Du hättſt das Recht gleich ein müßiger Betbruder zu werden, weil's Herz arm geworden iſt, und kummervoll? Sollſt aber dran gedenken, daß Du mir den Eid der Treue gelobt und geſchworen haſt, mir allzeit ein treuer gehorſamer Diener zu ſein, ſollſt auch dran gedenken, daß Gott uns Alle berufen hat zur Arbeit und zur Thätigkeit, und daß es ſchimpflich iſt, die Hände in den Schooß zu legen, und müßig zu ſitzen, ſo lang man noch Kraft zur Arbeit hat! Ich entlaß Dich nit aus Deinem Eid und Deiner Pflicht, 93 und alſo darfſt Du nicht gehen!'S wär grade als wollt' ich jetzt mei⸗ nem Volk fortlaufen, weil's ſchlimm für mich ausſieht auf der Welt, und der böſe König von Preußen mir meine Länder nehmen will. Muß auch ausharren und bleiben, und tapfer ſein, darf auch den Eid nicht brechen, den ich meinem Volk geleiſtet, darf auch nit feig mich verkrie⸗ chen in die Einſamkeit, ſondern muß allen Stürmen mein Haupt hin⸗ halten, denn Gott hat mich zur Kaiſerin berufen, und ſo muß ich’s bleiben bis an meinen Tod!“— So ſprach damals Maria Thereſia zu mir, aber es iſt freilich ſchon lange her, und amals war ſie noch Kaiſerin! Die Kaiſerin ſchaute zur Erde nieder, und erwiderte nichts, aber aus ihren Augen floſſen langſam zwei Thränen nieder, und wie ſie dann von ihrer Wange niederträufelten auf ihr ſchwarzes Buſentuch, leuchteten ſie auf dem dunklen Grunde wie zwei Brillanten. Es iſt wahr, flüſterte Maria Thereſia leiſe, damals war ich noch Kaiſerin! Wer hindert's, daß Ihr's nicht heut noch ſeid? fragte Stockel un⸗ wirſch. Hat Euer Volk Euch denn jetzt den Eid der Treue zurückge⸗ geben, hat der liebe Herrgott Euch abgeſetzt, und Euch aus der Treue gegen Euer Volk entlaſſen? Ueber das Antlitz der Kaiſerin flog eine finſtere Wolke, und ſie warf ihr Haupt ſo heftig und ſtolz empor, wie in frühern Tagen. Es iſt genug der Fragen, ſagte ſie, ſchweig jetzt, und laß mich meiner Wege gehen! Sie winkte ihm gebieteriſch mit der Hand, und begann die Treppe hinab zu gehen. Hab' noch eine Bitte, Majeſtät, ſagte Stockel hinter ihr. Und da es ohne Zweifel meine letzte Bitte an Ew. Majeſtät iſt, hoff' ich, daß Ihr ſie mir in Gnaden gewähren werdet. Die Kaiferin blieb ſtehen, und blickte fragend zu dem Kammerheizer empor, der oben an der Treppe ſtand. Sag' Deine Bitt', befahl ſie kurz. Wollt' alſo Ew. Majeſtät bitten, mich in Gnaden aus Ihrem Dienſt zu entlaſſen, ſagte Stockel mürriſch. Kann immer noch nit die Worte der jungen Kaiſerin Maria Thereſia vergeſſen, und daß ſie zu —— ———— —yyy— 94 mir geſagt, es ſei ſchimpflich, die Hände in den Schooß zu legen, und müßig zu ſitzen, ſo lange man noch Kraft zur Arbeit habe. Bin jetzt verurtheilt müßignzu ſitzen, denn es iſt Sommer, und's braucht kein Feuer in den Kaminen, und für den Armen und Nothleidenden hab' ich auch keinen Troſt und keine Hülfe mehr zu tragen. Muß alſo müßig gehen, und da kommen allerlei Grillen und Sorgen über mich; will ſie mit der Arbeit verſcheuchen. Bitt' alſo Ew. Majeſtät um gnä⸗ dige Entlaſſung aus Eurem Dienſt, denn ich gedenk, mich nach einer andern Stelle umzuſchauen und in andere Dienſte zu kommen. Und bei wem denn willſt Du in Dienſt treten? fragte Maria Thereſia. Bei Ihrer Majeſtät, der regierenden Kaiſerin, ſagte Stockel, indem er ſich ganz unwillkürlich verneigte. Maria Thereſia zuckte zuſammen, und ein ſeltſames Staunen ſprach aus ihren Zügen. Die regierende Kaiſerin? wiederholte ſie ſinnend. Wer iſt das? Nun, das iſt die Frau Gemahlin des regierenden Herrn Kaiſers! ſagte Stockel düſter. Die Kaiſerin erwiderte nichts, ſie zog die Mantille feſter um ihre Geſtalt zuſammen, und warf das Haupt ſtolz zurück. Es iſt gut, ſagte ſie. Komm morgen früh zu mir, dann ſollſt Du meinen Beſcheid haben! III. Die regierende Kaiſerin. Langſam ſchritt die Kaiſerin alsdann die Stufen der Treppe hin⸗ unter. Dieſe Treppe führte in das erſte Stockwerk zu dem linken Seitenflügel, auf welchem ſich die von den jungen Erzherzoginnen be⸗ wohnten Gemächer befanden. Jede derſelben hatte von früheſter Jugend an ihren eigenen Hofſtaat, ihre Aja, ihre Hofdamen und Gonverneu⸗ rinnen, ihre Kammerdiener und Lakaien erhalten, und lebte inmitten derſelben gleichſam an ihrem eigenen kleinen Hof. Nur bei großen Hoffeſtlichkeiten und an feierlichen Familientagen waren die jungen Erz⸗ 95 herzoginnen und Erzherzoge von der Kaiſerin zur Gallatafel eingeladen 1 worden, ſonſt aber hatte jedes ihrer Kinder in ihren eigenen Gemächern. bein mit ihrem Hofſtaat an eigener Tafel dinirt. 5 hab Es war jetzt, wie geſagt, die Stunde des Diners, und Maria alſ Thereſia hatte gerade dieſe gewählt, weil ſie alsdann ſicher ſein durfte, ich; Niemand von den hohen Hofbeamten zu begegnen, da alle an den ni- Kaiſerlichen und Erzherzoglichen Tafeln beſchäftigt waren. Aber die ner Kaiſerin hatte ſich diesmal in ihren Berechnungen getäuſcht. Wie ſie den Corridor hinunter ſchritt, an deſſen Ende gerade die Gemächer der ſia Erzherzogin Chriſtine lagen, fand ſie in den geöffneten Thüren der Vor⸗ del zimmer, welche zu den Gemächern der andern Prinzeſſinnen führten, die 6 Kammerherren und Hofdamen derſelben in müßigem Geplauder ſtehen. rac Sie ſchienen die Kaiſerin, welche raſch an den geöffneten Thüren vor⸗ überrrauſchte, gar nicht zu bemerken, und ſprachen ruhig weiter. Nur da unten aus dem Vorzimmer der kleinen Erzherzogin Marie Antoinette trat eben die Aja hervor, und die daher ſchreitende Kaiſerin gewahrend, ſank ſie mit einem leiſen Schrei der Freude auf ihre Kniee nieder. Maria Thereſia lächelte, ſie empfand eine Art ſtolzer Freude, ſich irt endlich doch, ihrer Würde und der alten ſpaniſchen Etiquette gemäß, ahi begrüßt zu ſehen. en. Stehe Sie auf, Gräfin, ſagte ſie gütevoll, mach' Sie keinen Lärm über mein Kommen, und ſag' Sie's auch der Antoinette nicht. Aber ſage Sie mir einmal, wie es zugeht, daß Ihr Alle um dieſe Stund' in den Vorzimmern ſteht, da es doch die Tafelzeit iſt? Eben deshalb, kaiſerliche Majeſtät, ſagte die Gräfin ſeufzend. Wir erwarten die Hoheiten, welche von der Tafel zurückkehren müſſen. Wie, iſt denn heut, ohn' daß ich's weiß, irgend ein Gallafeſt, daß die Prinzeſſinnen nicht mit ihrem eigenen Hof ſpeiſen? hin⸗ Majeſtät halten zu Gnaden, der regierende Kaiſer hat die Special⸗ nken tafeln abgeſchafft, und keines der kaiſerlichen erlauchten Kinder ſpeiſt be⸗ jetzt noch mit ſeinem eigenen Hof. Se. Majeſtät findet, daß das zu end theuer, daß es zweckmäßiger und wohlfeiler iſt, wenn für die ganze heu⸗ kaiſerliche Familie auf einmal ſervirt wird. tten Und wo ſpeiſen denn meine Kinder? fragte die Kaiſerin erregt. Sie ſpeiſen en famille mit Ihro Majeſtät der regierenden Kaiſerin! —— ————-2-— 96 Der regierenden Kaiſerin, murmelte Maria Thereſia, und ihre Stirn verdüſterte ſich. Aber, fragte ſie dann, wie kommt es, daß die Erzherzoginnen ohne die Aja und ohne die Hofdamen ihre Gemächer verlaſſen? Habt Ihr vergeſſen, daß ich Euch Allen die ſtrenge und pünktliche Befolgung der Etiquette zur unerläßlichen Pflicht gemacht habe? Kaiſerliche Majeſtät halten zu Gnaden, aber der Kaiſer liebt die Etiquette nicht, er hat dem ganzen Hofe erklärt, daß er ſich alle dieſe Dinge und Formen der Etiquette, welche Sr. Majeſtät„abgeſchmackte Lächerlichkeiten“ zu nennen geruhten, ganz und gar verböte, er hat ein für alle Male die Galla⸗ und Courtage abgeſchafft, und befohlen, daß hinfort nur der Neujahrstag noch ein Gallatag für den Hof ſein ſoll. Auch haben Sr. Majeſtät eine eigene hohe Verordnung erlaſſen, in welcher verboten wird, vor den Majeſtäten das Knie zu beugen, weil das eine Ehre ſei, welche nur Gott gebühre, und weil es außerdem eine ausländiſche ſpaniſche Sitte ſei, die man mit allem andern aus⸗ ländiſchen Weſen verbannen ſoll. Es ſind deshalb auch ſchon alle italieniſchen und franzöſiſchen Diener aus dem Schloß entlaſſen, und in ihre Heimath zurückgeſchickt, ebenſo gut wie die italieniſchen und franzöſiſchen Schauſpielertruppen. Es ſoll Alles deutſch bei uns werden, der Kaiſer will deutſche Tracht und deutſche Sprache überall an ſeinem Hofe einführen, ja ſogar die Meſſen in den Kirchen ſollen fortan deutſch celebrirt werden. Die Kaiſerin ſeufzte, und zog die Spitzenkapuze ihrer Mantille tiefer über ihr Angeſicht, als wolle ſie ihr Auge verhüllen vor dieſen Bildern der Zukunft, die da plötzlich vor ihrem Geiſt auftauchten. Ein Fröſteln, ein unbeſtimmtes Grauen durchzitterte ihre Seele, denn ſie fühlte, daß ihr Sohn und Erbe zugleich ihr Feind und Widerſacher ſei, daß ihr Nachfolger ein neues Oeſterreich begründen wolle, und daß er von dem Reich und dem Regiment ſeiner Mutter als von dem alten, abgethanen ſprechen werde. Aber ſie wollte ſich mit Gewalt dieſen traurigen und unheilsvollen Gedanken entheben, und nichts mehr an⸗ ſchauen von dieſen ſchreckensvollen Bildern der Zukunft. Sie richtete daher mit Abſicht ihre Gedanken wieder auf das Nächſtliegende, Gegenwärtige. Aber wenn Ihr Alle nicht mehr mit den Prinzeſſinnen in ihren ihre aß die nächer e und habe? bt die dieſe nackte at ein , daß n ſoll. en, in „weil eerdem auls⸗ alle und n und verden, ſeinem deutſch antille dieſen Ein un ſie rſacher d. daß alten, dieſen hr all⸗ richtete gende, ihren 97 Gemächern eſſet, warum dürft Ihr ſie nicht zur Tafel begleiten, und dort mit ihnen ſpeiſen? Weil der Kaiſer eben meint, daß das die Vertraulichkeit des Fa⸗ milienlebens ſtöre. Bei der Tafel ſollen die kaiſerlichen Geſchwiſter ganz ohne fremde Zeugen in zwangloſer Unterhaltung miteinander zu⸗ bringen. Für uns Damen der Erzherzoginnen wird während der Kaiſertafel ſchnell in einem der Vorſäle ſervirt, wir ſpeiſen da einfach und beſcheiden, und kehren dann in die Appartements der Erzherzoginnen zurück, um deren Rückkunft zu erwarten. Und die Cavaliere? fragte die Kaiſerin, dürfen dieſe denn nicht mit Euch ſpeiſen? Halten zu Gnaden, Majeſtät, die Cavaliere und Kammerherren ſpeiſen gar nicht. Sie haben Befehl erhalten, um ein Uhr das Schloß zu verlaſſen, und zu Hauſe, oder wo es ihnen ſonſt beliebt, zu ſpeiſen. Die Hofſpeiſung an der kaiſerlichen Marſchallstafel iſt gänzlich aufge⸗ hoben, und damit hat der Kaiſer eine andere, und gewiß ſehr bedeutende Erſparniß in der Hofhaltung eingeführt. Ueber das Angeſicht der Kaiſerin flog eine dunkle Zornesgluth, und ihre Lippen umſpielte ein Zug finſterer Verachtung. Die Spar⸗ ſamkeit war eine von den wenigen Tugenden, welche die großmüthige, freigiebige und prachtliebende Kaiſerin niemals kennen gelernt hatte, und von der ſie meinte, daß ſie einer Kaiſerin und Herrſcherin durchaus an ihrer Würde und Hoheit ſchade. Es iſt genug, Gräfin, ſagte ſie mit gepreßter Stimme, will zur Chriſtine gehen! Sag' Sie Niemanden, daß Sie mich geſehen hat, will Niemanden ſehen, außer meiner kranken Tochter! Leicht mit dem Haupte grüßend, ſchritt die Kaiſerin vorüber, und öffnete jetzt die Thür zu den Gemächern der Erzherzogin Chriſtine. Raſch und mit freudig klopfendem Herzen durchſchritt ſie das Vorgemach und trat in das Wohnzimmer ein. Da, dort drüben auf dem Divan dieſes bleiche Kind mit den verweinten Augen, dem traurig auf ihrem Arm aufgeſtützten Haupt, das war ſie, ihr Lieblingskind, ihre ſchöne Chriſtine! Die Kaiſerin blieb einen Moment auf der Schwelle ſtehen, und ſchaute mit feuchten, zärtlichen Blicken hinüber zu ihrer Tochter, deren Kaiſer Joſeph. 1. Abth. III. 7 — — 98 Anblick ſie ſeit vier Tagen hatte entbehren müſſen, und ein Gefühl un⸗ ausſprechlicher Freude und Wonne bemächtigte ſich ihres Mutterherzens. In dieſem Moment hob die Prinzeſſin langſam das niedergeſchlagene Auge empor; ihre Blicke begegneten denen ihrer Mutter, ſie ſtieß einen Schrei aus, und ſich raſch von dem Divan erhebend, flog ſie mit aus⸗ gebreiteten Armen der Kaiſerin entgegen. Aber mitten in ihrem Lauf ſtand ſie ſtill, ihre zarte Geſtalt ſchwankte, und überwältigt von ihrer Schwäche oder Rührung, ſank die Prinzeſſin halb ohnmächtig auf ihre Knie nieder. Die Kaiſerin ſchrie laut auf; wie eine Löwin mit funkelnden Augen, mit glühender Gewalt ſprang ſie vorwärts, hob ſie die Prinzeſfin in ihre Arme empor, trug ſie ſie auf den Divan, und ſie dort ſanft und ſorglich bettend, ſetzte ſie ſich dann neben ihr, und betrachtete mit keuchender Bruſt, mit zitternden Lippen das bleiche Antlitz, die geſchloſſenen Augen, den ſchmerzlich zuckenden Mund ihrer Tochter. Allmälig begann die Erzherzogin ſich zu erholen, langſam ſchlug ſie die Augen wieder auf. Mutter und Tochter begegneten ſich in ei⸗ nem zärtlichen, lächelnden Blick, und indem die Erzherzogin dann mit einem Ausdruck ſtürmiſcher Zärtlichkeit ihre Arme um den Hals der Kaiſerin ſchlang, flüſterte ſie leiſe: oh, nun iſt Alles wieder gut! Nun bin ich nicht mehr verlaſſen, nicht mehr einſam, denn meine gnädige Mutter i*ſt wieder da; ſie hat ihre Kinder noch nicht verlaſſen, ſie wird auch mich ſchützen gegen Unglück und Gewalt. Und angſtvoll und zitternd, wie eine geängſtete Taube barg Chriſtine ihr Antlitz an dem Buſen ihrer Mutter und weinte bitterlich. Die Kaiſerin drückte ſie feſt an ihr Herz. Ja, ſagte ſie gerührt, kannſt heut und alle Wege immer auf Deine Mutter bauen, werd' Euch nimmermehr verlaſſen, und kein Menſch auf Erden, wer es auch ſein möge, ſoll Unglück über Dich bringen, oder Dir Gewalt an⸗ thun können! Oh, Mutter, theure Mutter, flüſterte Chriſtine, es iſt doch Einer da, welcher jetzt mächtiger iſt, als Du, und der ſich Deinem Willen nicht mehr beugen wird. Du kannſt mich nicht erretten, wenn Der mich bedroht. Der Kaiſer iſt es, der mein Unglück will und Du haſt ihm die Gewalt gegeben, ſeinen Willen durchzuführen! hl un erzens. glagene einen t aus⸗ Lauf ihrer f ihre elnden nzeſſin ſanft te mit ſſſenen ſchlug in ei n mit der Nun Mutter hmich riſt ine rührt, werd er es 99 Ich habe ſie ihm gegeben, und ich kann ſie ihm auch wieder nehmen, rief die Kaiſerin mit lautem, drohendem Ton. Mein iſt die Macht und die Krone, und noch habe ich ſie nicht von meinem Haupte genommen. Jetzt ſprich, Chriſtine, was iſt's, das Dich ängſtigt? Was hat Dich krank gemacht, und warum ſind Deine Augen ſo roth vom Weinen? Weil ich das beklagenswertheſte und unglückſeligſte Geſchöpf der Erde bin, ſagte die Prinzeſſin, weil man mir das Recht entziehen will, welches jede Bettlerin und jede Bürgersfrau hat, das Recht, ſich dem Manne zu verſagen, welchen ſie verabſcheut, ſich den Mann zu er⸗ wählen, welchen ſie liebt. Oh, meine Mutter, meine Mutter, ſchütze mich vor dieſem verhaßten Herzog von Chablais, an den mein grau⸗ ſamer Bruder mich verhandeln will! Alſo der iſt es, der Dich ängſtigt? rief die Kaiſerin. Immer noch dieſe Idee, den Halbbruder des Königs von Sardinien zu meinem Eidam zu machen! Der Joſeph hat alſo die Abſicht, in die Fußtapfen ſeines Vaters zu treten, denkt dieſe Heirath durchſetzen zu können, welche ich meinem Gemahl ſchon abgeſchlagen hatte, iſt ein eben ſo großer Rechen⸗ meiſter wie der Kaiſer Franz, und will wie dieſer den Herzog von Chablais mit meiner Tochter vermählen, blos weil er große Reich⸗ thümer beſitzt. Aber Geduld, Geduld, mein Kind. Sollſt ſchon ſehen, daß ich noch nicht ſo machtlos bin, als Du vermeinſt, will Dir ſchon beweiſen, daß Keiner da iſt, welcher meinem Willen entgegentreten darf! Und indem die Kaiſerin ſo ſprach, glühten ihre Wangen, leuchtete in ihren Augen wieder jener Blitz ſtolzer Majeſtät und gebieteriſcher Würde, welcher ihr ſonſt eigen geweſen. Die trauernde Wittwe begann ſchon, ſich wieder in die regierende Kaiſerin zu verwandeln, und die Augen, welche ſo lange geweint um den verlornen Gemahl, flammten jetzt wieder im Glanz gebieteriſchen Stolzes. Oh, Mutter, meine großmüthige Mutter, flüſterte Chriſtine, befreie mich nicht allein von dem verhaßten Herzog von Chablais, begnadige mich mit dem ſchönſten Erdenglück, gieb mir den Mann, welchen ich liebe, zum Gemahl! Du weißt es wohl, daß ich den Herzog Albert von Sachſen liebe, Du weißt es, daß dieſe Liebe feſt iſt und muthig, daß wir Jahre lang ſchon mit unerſchütterlicher Treue und Liebe an⸗ einander hängen. Mutter, ich habe ihm geſchworen, niemals eines an⸗ 7* —— 100 dern Mannes Weib zu ſein, als nur die ſeine, ich werde meinen Schwur halten, oder zu ſterben wiſſen! Ich will nicht verkauft und verhandelt werden, wie eine Waare, will nicht als empfindungsleeres, willenloſes Etwas auf den Markt der Politik geworfen werden, um da von den diplomatiſchen Krämern an den Meiſtbietenden verſchachert zu werden. Ich will glücklich ſein mit dem Manne, welchen ich liebe, oder ſterben. Was helfen mir alle Kronen, alle Macht und alle Herrlichkeit der Welt, ich entſage ihnen freudigen Herzens, ich begehre keiner Kronen und keiner Macht, bin's zufrieven ein ſtilles beſcheidenes Leben zu führen, nur ſoll man mir erlauben, glücklich zu ſein in meiner Weiſe, nur ſoll man mir den Mann nicht entreißen, welchen ich liebe. Oh, Mutter, ich liebe ihn ſo glühend, ſo ſelig, ſo über alles in der Welt, daß ich lieber mit ihm in ein dunkles Grab flüchten, als ohne ihn ein glänzendes, von Macht und Reichthum umſtrahltes Leben führen will. Und ganz außer ſich, zitternd und bebend wie in Fieberſchauern ließ die Erzherzogin ihr Haupt in den Schooß ihrer Mutter fallen, und weinte laut. Die Kaiſerin hatte der Liebesklage ihrer Tochter ſinnend zugehört. Die D. Wanme und Gefühle ihrer eigenen Jugend waren an ihr vorübergerauſcht, während Chriſtine ſprach. So hatte auch ſie einſt gedacht, und gefühlt, ſo hatte auch ſie den jugendlich ſchönen Franz von Lothringen geliebt, ſo hatte auch ſie um ihn gekämpft und ihn ſich endlich von Kaiſer Carl dem Sechsten, ihrem Vater, erſtritten. Es war nicht blos die Mutterliebe, ſondern auch die Sympathie des verwandten Frauenherzens, welches ſie dem Flehen ihrer Tochter ge⸗ neigt machte. Sie neigte ſich mit einem ſanften Lächeln zu ihrer Tochter nieder, und ſtrich ſanft und koſend mit der Hand über ihr glänzend ſchönes braunes Haar hin. Weine nicht, meine Chriſtina, ſagte ſie zärtlich. Es ſind frei⸗ lich gar ſeltſame und unerhörte Worte, welche Du da geſprochen haſt, Worte, welche gar ſehr der Demuth und des gehorſamen Sinnes entbehren. Eine Prinzeſſin hat nicht das Recht, zu verlangen, daß ſie den Gemahl, welchen nicht ihr Herz, ſondern die Politik ihr wählt, auch lieben will. Eine Prinzeſſin muß ſich das bischen Herrlichkeit und Glanz, das ſie umgiebt, faſt immer mit einem gebrochenen Herzen und hwur ndelt loſes den 101 verſagten Wünſchen erkaufen. Mit mir hat das gnädige Schickſal eine Ausnahme gemacht, hat mir erlaubt den Mann meiner Wahl und Liebe, meinen großen und ſchönen Kaiſer zu beſitzen. Vielleicht kann's auch mit Dir eine Ausnahme machen. Habe ja noch vier junge und ſchöne Erzherzoginnen, welche wir, wie Du ſagſt, auf den Markt der Politik bringen und da durch die diplomatiſchen Krämer verkaufen laſſen können. Dafür mag's uns denn wohl erlaubt ſein, mit Einer meiuer Töchter eine Ausnahme zu machen, und ihr zu erlauben, nicht blos eine Prin⸗ zeſſin, fondern auch ein glückliches Weib zu ſein. Die Prinzeſſin ſtieß einen Schrei des Entzückens aus, und flog empor, um die Kaiſerin zu umarmen, um mit glühenden, begeiſterten Worten ihr zu danken für ihre Großmuth und Huld. Aber plötzlich nahm ihr Antlitz, welches eben in roſiger Friſche geleuchtet hatte, wieder einen trüben Ausdruck an, plötzlich erloſch das Feuer wieder in ihren vorher ſo glänzenden Augen. Ach, meine Mutter, meine Mutter, hauchte ſie, ganz zerbrochen und leiſe, wir ſchaffen uns Luftſchlöſſer, und vergeſſen, daß Du nicht mehr die Macht haſt, ſie zur Wahrheit werden zu laſſen, vergeſſen, daß die große Kaiſerin Maria Thereſia ihrer Macht entſagt hat, und vom Throne herabgeſtiegen iſt, um ein dunkles, düſteres, glanzloſes und thatenloſes Leben der Einſamkeit zu führen. Und während die einſt ſo große und ruhmvolle Maria Thereſia in ihrer Zelle ſitzt und betet und weint, wird der Kaiſer Joſeph mit lachendem Munde ihr großes, edles Werk zerſtören, wird er, um Alles neu zu geſtalten, alles Alte, ſo groß und herrlich es immer geweſen, zerbrechen, und in den Staub werfen, und wenigſtens den Ruhm haben, nicht der Erbauer, ſondern der Zerſtörer Oeſterreichs zu ſein! Wie Heroſtratus wird er, um ſich einen Namen zu machen, den Tempel verbrennen, den er nicht gebaut hat! Wir werden vielleicht noch zu rechter Zeit es vermögen, ſeinen frevelnden Händen die Fackel zu entreißen, mit welcher er den Tempel in Brand ſtecken will! rief Maria Thereſia mit drohendem Ton.— Die Erzherzogin ſchien ihre Worte nicht gehört zu haben. Sie umſchlang ihre Mutter, und ſich feſt und innig an ſie ſchmiegend, ſagte ſie: Verlaß Deine arme Tochter nicht, große liebe Kaiſerin! Dulde es nicht länger, daß dieſe häßliche, langweilige und widerliche Frau, welche 3 4 —— —õʒ;— 10² Ihr aus irgend einem beſtaubten Winkel des politiſchen Marktes für Joſeph aufgeſucht und zur Strafe ſeiner Sünden ihm zu ſeiner Ge⸗ mahlin gemacht habt, dulde es nicht, daß dieſe Joſepha von Baiern Deine Krone trage, und Deinen Titel führe, und die Ehren empfange, welche Dir allein gebühren. Oh Gott, oh Gott, noch lebt die große erhabene Maria Thereſia, und doch iſt Joſepha von Baiern die regie⸗ rende Kaiſerin von Oeſterreich! Die Kaiſerin zuckte zuſammen, und erbleichte. Es war das dritte Mal, daß ſie heute dieſes Wort vernahm, und jedes Mal war es ihr geweſen, als ob ein Dolchſtoß ihr Herz verwunde. Joſepha von Baiern die regierende Kaiſerin von Oeſterreich! wie⸗ derholte ſie mit einem wegwerfenden Achſelzucken. Nun, wir werden ja ſehen, wie lange ſie dieſen Titel trägt, und ob ſie wirklich den Muth hat meine Titel zu führen, und meine Krone zu tragen! Fühle mich jetzt ermattet und abgeſpannt, will heimkehren in meine ſtille Einſamkeit, und Alles wohl überlegen und bedenken, was ich zu thun habe. Fürchte aber nichts, meine Tochter! Ob ich Aebtiſſin oder Kaiſerin bin, immer werde ich Recht* über meine Kinder zu wachen, und die Gewalt ihr Schickſal zu lenken! Lebe alſo wohl und ſei guten Muthes, mein Kind; noch haben die Kloſterpforten ſich nicht hinter mir geſchloſſen, noch bin ich, wenn ich es will, wieder die regierende Kaiſerin! Sie drückte einen innigen Kuß auf die klare Stirn der Erzherzo⸗ gin, und verließ leichten und feſten Schrittes das Gemach. Die Aja der kleinen Erzherzogin hatte den Befehl der Kaiſerin pünktlich erfüllt, und Niemand verrathen, daß die Kaiſerin zur Erzher⸗ zogin Chriſtine gegangen ſei. Keine von den übrigen Prinzeſſinnen ahnte alſo die Nähe ihrer Mutter und ungehindert und unbeläſtigt konnte daher Maria Thereſia jetzt ihren Weg zurücklegen. Ueberall waren die Thüren der Vorzimmer geſchloſſen, die Hofdamen und Ca⸗ valiere verſchwunden; ungeſehen gelangte die Kaiſerin wieder zu der Treppe, auf welcher ihr vorher der Kammerheizer Stockel begegnet war. Aber auch hier war jetzt Niemand ſichtbar, wie ausgeſtorben er⸗ ſchien ihr dieſer Theil des Schloſſes, weder Wachen noch Dienerſchaft zeigte ſich irgendwo. Ungehindert alſo gelangte Maria Thereſia über Treppen und Corridore zu dem Eingang ihrer Gemächer, und war ritte ihr wie⸗ erden Nuth mich keit, chte mer walt mein ſſſen, 103 eben im Begriff die Thür des Vorzimmers zu öffnen, als aus dem Innern deſſelben das Geräuſch ſtreitender und zankender Stimmen ihr entgegen tönte. Aber ich ſage Ihnen, meine Herren, rief eine laute und zürnende Stimme, ich ſage Ihnen, und wiederhole Ihnen, daß Ihro Majeſtät die verwittwete Kaiſerin durchaus keine Audienzen mehr ertheilt, und keinen Kammerbeutel mehr hat. Die verwittwete Kaiſerin hat ſich von allen Geſchäften zurückgezogen, und will nichts mehr mit der Regierung zu thun haben. Aber ich muß die Kaiſerin ſprechen, rief eine flehende Stimme, die Kaiſerin muß mich hören, das iſt mein Recht, und ihre Pflicht, denn ſie iſt doch noch immer unſere Herrin, ſie darf ihr Oeſterreich nicht verlaſſen, und ihre Völker nicht von ihrem Herzen verſtoßen! Es handelt ſich um den Frieden und die Ruhe meines ganzen Lebens! Die Kaiſerin muß mich hören. Und auch ich muß Ihro Majeſtät ſprechen, rief eine andere Stimme. Ich habe ihr einen ſchweren Gewiſſenszweifel, eine marternde Seelen⸗ angſt vorzutragen, ich muß ihre Kniee umklammern und ſie um Gnade anflehen, nicht mit mir, ſondern mit ihren Unterthanen. Oh Freund, um der Ruhe Ihrer Seele willen, melden Sie uns der Kaiſerin, be⸗ ſchwören Sie ſie, uns gnadenvoll eine Audienz zu bewilligen! Ich ſage Euch aber, daß ich das nicht kann, rief der Kammer⸗ lakai. Es würde mir den Zorn der verwittweten und der regierenden Majeſtät zuziehen. Die verwittwete Kaiſerin will nichts mehr mit der Regierung zu thun haben, und der regierende Kaiſer würd’s auch nicht mehr leiden, daß ſie's thäte, denn Er iſt es jetzt allein noch, der die Gewalt in Händen hat. Wehe, wehe alsdann über Oeſterreich! rief der eine der beiden Männer mit lautem Jammerton. Was ſchreit Ihr Wehe! rief eine Stimme hinter den Männern, und wie ſie ſich umſchauten, ſahen ſie da die hohe Trauergeſtalt der Kaiſerin, welche unbemerkt von ihnen eingetreten war. Die Kaiſerin! Es iſt unſere gnädige Kaiſerin! riefen die beiden Herren, mit freudeſtrahlendem Antlitz auf ihre Kniee niederſinkend. Die Kaiſerin nickte ihnen freundlich zu. Stehet auf, ſagte ſie — ———— —jj.— —õmõ— ——— 9 — — 104 denn wie ich höre, hat mein Sohn, der Herr Kaiſer, das Kniebeugen abgeſchafft, und er hat wohl daran gethan, es iſt eine Ehre, welche der Menſch nur Gott ſchuldig iſt. Deshalb ſtehen Sie auf, Pater Aloys, die frommen Väter von der Geſellſchaft Jeſu müſſen vor keinem Menſchen ſich beugen! Und auch Er, Herr Hofrath Bündener, ſtehe Er auf, Seine Glieder ſind ſteif geworden in unſerm Dienſt, und Er hat Sich ein Recht erworben ſie zu ſchonen! Ihr aber, wandte ſie ſich an den Kammerhuſar, Ihr gehet hinaus vor die Thür, und pflegt beſſer Eures Amtes, als Ihr's heute gethan. War Niemand im Vor⸗ zimmer und vor der Thür, als ich hinaus ging. Kaiſerliche Majeſtät halten zu Gnaden, ſtotterte der Kammerhuſar, es war gerade die Mittagszeit, und ich konnt' nit denken, daß Ihro Majeſtät Ihre Zimmer verlaſſen würden. Sr. Majeſtät der Kaiſer hat die Zahl der Kammerlakaien und Thürhüter um die Hälfte ver⸗ ringert, wir ſind jetzt nur noch unſerer zwanzig, und können uns alſo nicht mehr abwechſeln im Dienſt. Es iſt gut, ich werd' ſchon wieder Ordnung in mein Haus brin⸗ gen, ſagte die Kaiſerin ſtolz. Gehet jetzt hinaus, und thut pünktlich Euren Dienſt. Und jetzt, Ihr Herren, ſagt mir ſchnell, was Ihr zu ſagen habt, ich will Euch anhören, und wenn es in meiner Macht ſteht, Euch helfen. Reden Sie, ehrwürdiger Pater Aloys, was führt Sie zu mir? Mein Gewiſſen, Majeſtät! rief Pater Aloys feierlich, mein Ge⸗ wiſſen, welches ſchwer bedrängt iſt von dieſen Unwettern, welche über uns hereinbrechen, und bald mit den Hagelſchlacken der Verderbniß und der Sünde die Saat der Tugend und Ehrbarkeit zerſchmettern werden! Mein Gewiſſen duldet es nicht, daß dieſe ſchändlichen und verwerflichen Bücher der Ketzer und Gottesläugner, der Philoſophen und Teufelsdichter ungehindert hier ſollen geleſen werden, um den Guten ein Schrecken und Greul, und den Böſen eine Luſt und ein Triumph zu ſein. Und warum duldet Ihr es denn, daß ſolche Bücher in's Land kommen? fragte die Kaiſerin ſtreng. Iſt ja die Pflicht des Ober⸗Cenſur⸗Collegiums, die ſchädlichen, ſittenloſen und ketzeriſchen Bücher zu verbannen und zu vernichten. Warum thut Ihr alſo nicht, was Eures Amtes iſt? ugen elche Pater mem ſtehe SEr ſich flegt Vor⸗ uſa t, Jhro daiſer ver⸗ alſo brin ktlich jr zll Nacht führt Ge⸗ über bniß ttern und pphen den d ein men? ums, èd zu 105 Weil wir nicht dürfen, kaiſerliche Majeſtät, weil Se. Majeſtät der Kaiſer an uns ein ſtrenges Verbot hat ergehen laſſen, die Bücher der franzöſiſchen Encyclopädiſten und Philoſophen, der ketzeriſchen preußiſchen Schriftſteller und der bekannten und genannten deutſchen Dichter über⸗ haupt zu verbieten. Oh, es iſt ein Jammer und ein Grauen! Die Teufelsſchriften eines Voltaire und Rouſſeau, die heidniſchen Lobhude⸗ leien der alten Götter eines Winckelmann, die ketzeriſchen Schriften eines Leſſing, die üppigen Gedichte eines Wieland ſollen wir jetzt paſſiren laſſen, ſollen den Leuten das ſcheußliche Seelengift nicht entreißen, ob⸗ wohl wir wiſſen, daß es ſie tödtet an ihrem Seelenheil. Aber wir müſſen's dulden und tragen, und unſere Hände in den Schooß legen zu müßigem Gebet, denn der Kaiſer hat das Ober⸗Cenſur⸗Collegium bis auf Weiteres ſuspendirt, das heißt, er hat es der That nach aufgehoben! Das hat mein Sohn gewagt? rief die Kaiſerin mit lauter, zür⸗ nender Stimme. So weit iſt er gegangen in ſeinem Uebermuth, daß er ſelbſt die heiligen und nothwendigen Grenzen, welche wir den ſündi— gen Gedanken und den gottesläſterlichen Worten, der Sprache üppiger Sinnlichkeit und räſonnirender Gottloſigkeit gezogen, niederreißen und mein Land und Volk überſchwemmen will mit der Sündfluth böſer Gedanken? Oh, es iſt gut, es iſt gut! Gehet in Frieden heim, ehr⸗ würdiger Vater, morgen ſollet Ihr von mir hören, denn ich werde Eure Worte wohl bedenken, und darnach handeln! Und jetzt, Herr Hofrath Bündener, wandte ſich die Kaiſerin an den zweiten Herrn, während der Pater mit tiefen Reverenzen rückwärts der Thür zuging, jetzt ſage Er, was Ihn hergeführt hat, und warum Er ſo angſtvoll mich zu ſprechen begehrte? Oh, Majeſtät, es iſt die Angſt um meine bedrohete Exiſtenz, welche an Ew. Majeſtät, als an den unerſchöpflichen Born der Huld und Gnade, mich wenden ließ! Es iſt die qualvolle Sorge um meine Kinder, welche verhungern müſſen, wenn Ew. Majeſtät Sich nicht meiner erbarmen! Wie? fragte die Kaiſerin, was ſprecht Ihr da! Verhungern! Wie iſt mir denn? Hab' ich Ihm nicht eine Penſion zugeſichert? Hab ich Seine guten und langjährigen Dienſte nicht mit einem Gnadengehalt aus meinem Kammmerbeutel belohnt? ——— —— —— 106 Wohl haben das Ew. Majeſtät in Ihrer Gnade gethan, und ich vermeinte ein ſorgenloſes und gottgeweihetes Alter im Kreiſe meiner Familie zubringen zu können. Aber es geht jetzt ein finſterer Geiſt durch alle Häuſer, und Schrecken und Entſetzen kehrt ein in allen den Familien, welche bisher nur gewohnt waren, mit Thränen des Dankes und mit Thränen des Entzückens den Namen Eurer Majeſtät zu nen⸗ nen. Denn der Kaiſer will die Penſionen, welche die Gnade Eurer Majeſtät ſo viel Tauſenden Ihrer bedrängten, zu Eurer Majeſtät fle⸗ henden Dienern und Unterthanen ausgeſetzt, einziehen und annulliren. Der Kaiſer hat von allen Regierungsbureaux und Kanzeleien ſich ein Verzeichniß der von Ew. Majeſtät gewährten Penſionen entwerfen laſ⸗ ſen, und mit drohender Miene hat er geſagt: er wolle dieſen Augias⸗ ſtall verſchwendeter Wohlthaten reinigen!*) Die Kaiſerin ſtieß einen Schrei aus, und eine dunkle Röthe fuhr über ihre Wangen hin. Sie öffnete den Mund zu einer zornigen Drohung, aber dann preßte ſie die Lippen feſt aufeinander, und ſuchte ihre glühende Erregung zu bekämpfen. Mit heftigen, ungleichen Schrit⸗ ten ging ſie einige Male auf und ab, ihre Augen blitzten, ihr Athem ging keuchend aus ihrer Bruſt hervor. Dann auf einmal blieb ſie ſte⸗ hen und wandte ihr Haupt ſtolz und langſam dem Hofrath zu, der mit niedergeſchlagenen Augen und gefaltenen Händen da geſtanden hatte. Gehe Er heim, und fürchte Er nichts! ſagte ſie langſam, immer noch mit ihrer innern Aufregung kämpfend. Glaube Er nur meinem Wort, Er wird Seine Penſion behalten, wie alle Diejenigen, welchen ich eine Penſion bewilligt habe. Fürſtenwort ſoll heilig gehalten wer⸗ den in dieſen Landen, und Ihr Alle habt mein Wort. Ich werde wohl die Macht haben dies Wort zu erfüllen, und wehe denen, welche mich daran verhindern wollen! Sie winkte ihm mit der Hand den Abſchiedsgruß zu, und begab ſich dann in das zweite Vorzimmer, in welchem jetzt ihre Kammerfrauen und Hofdamen verſammelt waren, und die Kaiſerin ehrfurchtsvoll mit der ſpaniſchen Kniebeugung begrüßten. In dieſem Moment hörte man von außen das Wirbeln der Trommeln, und den gellenden Ton des P. mi nd ich neiner Geiſt n den dankes fuhr nigen uchte chrit ltthem e ſte⸗ rmit tte. muner inem lchen wer⸗ wohl mich egab auen mit man des 107 Soldaten, der die Wachen in's Gewehr ruft. Die Kaiſerin ſtutzte, und wandte ihr Auge forſchend dem Fenſter zu. Sie kannte dies Signal, dies Trommelwirbeln und Rufen ſehr wohl, aber nur beim Fortfahren oder Kommen Einer Perſon durfte dies Geräuſch vernommen werden, und dieſe Eine Perſon war ſie, die Kaiſerin Maria Thereſia. Was bedeutet dieſer Läm da unten? fragte die Kaiſerin, als jetzt zum zweiten Mal das Wirbeln der Trommeln ertönte. Halten zu Gnaden, kaiſerliche Majeſtät, ſagte eine der Kammer— frauen, es iſt nur das Signal, daß Ihre Majeſtät die regierende Kai⸗ ſerin von ihrer Spazierfahrt heimkehrt. Die Kaiſerin erwiderte nichts, ſie ſchritt raſch durch die Reihe ihrer tief ſich verneigenden Frauen dahin zu der Thür, welche in ihr Arbeits⸗ kabinet führte. Mit haſtiger Hand öffnete ſie dieſe Thür und trat ein, aber dann wandte ſie das Haupt noch einmal zurück, und ein wunder⸗ barer energiſcher und kühner Ausdruck ſtrahlte aus ihren Zügen. Man ſende ſogleich zum Fürſten von Kaunitz, ſagte ſie. Ich laſſe Se. Durchlaucht bitten, zu mir zu kommen. Auch ſoll man die Ober⸗ hofmeiſterin Gräfin Fuchs zu mir rufen, und Se. Hochwürden den Pater Porhammer. Ich erwarte Beide in meinem Cabinet, ſobald der Fürſt mich verlaſſen hat. IV. Der entlaſſene Mitregent. Kaum eine Viertelſtunde nach dem von der Kaiſerin ertheilten Be⸗ fehl, ward die Thür ihres Cabinets geöffnet, und der Kammerhuſar meldete den Fürſten Kaunitz. Maria Thereſia hieß ihn eintreten, und ging dem Fürſten faſt bis zur Thür entgegen. Ihr ganzes Weſen war in einer fiebernden Erre⸗ gung, einer zuckenden Gereiztheit, welche ſeltſam contraſtirte zu der ſtei⸗ nernen Ruhe des Fürſten, der ihr mit ſeiner unveränderten ſtoiſchen Ruhe, ſeinem marmornen Phlegma gegenüber ſtand, und ſich ebenſo abgemeſſen ſteif und förmlich wie immer verneigte. 1 4 4 1 B b 11 1 — e ʒ—— —— 108 Nun, fragte die Kaiſerin nach einer Pauſe, es iſt doch nicht Alles an meinem Hof verändert, in dieſen vier Wochen, ſeit ich Ihn zum letzten Male ſah. Er iſt Sich gleich geblieben, und ich hoff' nicht blos von außen, ſondern auch von innen haben Ihn dieſe vier Wochen nicht verändert! Halten zu Gnaden, kaiſerliche Majeſtät, ſagte Kaunitz ruhig, es ſind noch nicht vier Wochen verfloſſen, ſeit ich die Ehre hatte, Ew. Majeſtät zum letzten Male zu ſehen. Was will Er damit ſagen? fragte die Kaiſerin raſch. Will mich gemahnen, nicht wahr, daß ich Ihm damals verſprochen, vier Wochen zu warten, bevor ich über meine Zukunft entſcheiden, und erſt nach meinem Noviziat von vier Wochen Ihn wieder rufen zu laſſen, um Ihm meine endliche Eutſcheidung mitzutheilen? Ew. Majeſtät haben Recht, ſagte Kaunitz. Ich bin ein wenig eitel, wie Ew. Majeſtät und die ganze Welt wiſſen, ich feierte daher eben einen kleinen Triumph, als ich in Ew. Majeſtät Antlitz ſchauete, ich ſah, daß ich damals richtig prophezeit hatte, und daß die edle, erhabene En⸗ kelin Karls des Fünften nicht einmal die Friſt von vier Wochen nöthig gehabt, um ihr Herz zu bezwingen, und ihrem Kopf wieder Macht über daſſelbe zu geben. Ew. Majeſtät haben nur drei Wochen bedurft, um wieder Sie Selber zu ſein! So! Er iſt alſo Seiner Sach' ſo ganz gewiß? fragte die Kaiſerin. Iſt überzeugt, daß ich mein Noviziat nicht mit einem Kloſtergelübde beenden will? Bin's überzeugt, Majeſtät, weil ich niemals der Stunde vergeſſen habe, wo Ew. Majeſtät geſchworen, Ihrem Volk eine treue und uner⸗ müdliche Herrſcherin zu ſein, bis an Ihres Lebens Ende, weil ich weiß, daß meine Kaiſerin wohl das Herz einer Frau, aber den Kopf eines Mannes hat, und daß Beide eine gute Ehe miteinander führen, das heißt, daß der Kopf der Herr im Hauſe iſt! Die Kaiſerin lächelte ein wenig, aber ſie erwiederte nichts. Die Arme über der Bruſt in einander legend, das Haupt vornüber geneigt, ging ſie langſam und gedankenvoll einige Male auf und ab.— Kaunitz folgte ihr mit ſeinen ruhigen, großen Augen, die indeß auf dem Grunde ihres Weſens leſen zu wollen ſchienen. Alles zum blos ochen Ew. mich ochen einem meine eitel, eben ſ ſah, En. nöthig über t, umn ſſerin. elübde geſſen uner weiß⸗ eines , das Die eneigt⸗ faunitz zrunde 109 Auf einmal blieb die Kaiſerin grade vor ihm ſtehen, und ſchaute ihm groß und feſt in'’s Angeſicht. Kaunitz, ſagte ſie, hab' Ihn allzeit nicht blos für einen großen Staatsmann und Diplomaten, ſondern, was mehr bedeuten will, für einen ehrlichen Mann gehalten. Verlange von Ihm, daß Er zu dieſer Stunde Sich mir als ein ehrlicher Mann bewähren wird. Will Er's mir verſprechen? Ein ehrlicher Mann, Majeſtät, hat kein Verſprechen nöthig für das, was ſich von ſelbſt verſteht. Es iſt wahr, aber Er könnt Sich erinnern, daß ich nit blos ein Kaiſer, ſondern auch eine Dame bin, und die Courtoiſie könnt' Ihn verleiten, doch nicht ſo ganz ehrlich zu ſagen, was Er denkt. Das aber grade iſt's, was ich von Ihm fordere! Will, daß Er mir ehrlich und unumwunden ſagt, was Er denkt, will Seine innerſte Herzens⸗ meinung erfahren! Gedenk' Er d'ran, wie Er mir eines Tages gelobt hat, dem Wohl des Vaterlands Sein ganzes Leben zu weihen, wie Er in meine Hand geſchworen, treu und redlich in Meinem, das heißt in Oeſterreichs Dienſt zu leben und zu ſterben! Alles für Oeſterreich, das war damals die Parol', und ich denk', fie iſt's geblieben bis auf dieſe Stund'. Alles für Oeſterreich! Im Namen dieſer Parol' fordere ich jetzt von Ihm, daß Er für eine Viertelſtunde die Courtoiſie und die Schmeichelei und die Hofmanieren bei Seite lege, und mir eine Frage nach ſeinem beſten Denken und Wiſſen ehrlich und treu beant worte. Will Er das thun? Ich will es thun, Majeſtät! Fragen Sie, ich werd' Ew. Majeſtät ehrlich und unumwunden antworten. Nun alſo, ſag' Er mir, wen hält Er zum Glück und Wohl Oeſter⸗ reichs für nothwendiger, Mich oder den Joſeph? Wer iſt beſſer befä⸗ higt, das Land zu regieren, und meinen Völkern ein guter Herrſcher zu ſein, Ich oder der Joſeph? Antworte Er mir nicht ſogleich! Ueber⸗ lege Er's Sich wohl, denn von dieſer Stunde hängt vielleicht eine große Entſcheidung ab. Trau' mir ſelber nit mehr ſo ganz allein, hab’ zu viel Kummer erlitten, zu viel geweint in dieſen letzten Wochen, und da kann’s ſein, daß mein Kopf noch nit ganz wieder ſeine Stärk' und Beſonnenheit hat, und daß ich nit die Kraft hab', das Richtige zu 4 — — — 110 wählen. Kann auch ſein, daß ich der menſchlichen Schwachheit einen Tribut zahlen muß, wie jeder Menſch es thut, daß ich ein biſſel eitel und ſtolz mit mir ſelber bin, und daher nit ſo ganz klar und unbe⸗ fangen um mich ſchau, wie man's muß, wenn man zwiſchen zwei We⸗ gen ſtehet, und ſich für den Einen entſcheiden will. Werd' Ihm daher auch nicht ſagen, was ich ſelber denk' und vermein', ſondern will hören, was Er denkt und vermeint. Schwöre Ihm aber bei meinem großen Ahn', dem Kaiſer Karl, daß ich, und wenn Er mir das Schlimmſte ſagt, es Ihm doch nimmer nachtragen und gedenken, ſondern nur mich erinnern will, daß Er geſprochen, wie's einem wahrhaftigen und ehr⸗ lichen Mann geziemt. Nun alſo, jetzt ſprech' Er. Wen hält Er zum Glück und Wohl Oeſterreichs für nothwendiger, Mich oder den Joſeph? Majeſtät, ſagte Kaunitz mit feierlichem Ernſt, ich habe darüber viel nachgedacht, und viel geſonnen. Von der Stunde an, wo Ew. Majeſtät den jungen Kaiſer zum Mitregenten erwählten, und mir ſagten, daß Sie entſchloſſen ſeien, der Krone zu entſagen, von jener Stunde an habe ich immerfort beobachtet, geprüft und Alles in Erwägung gezogen. In der Politik giebt es keitſe Herzensangelegenheiten und keine Courtoiſie, in der Politik entſcheidet allein die Nützlichkeit, die Möglichkeit und das In⸗ tereſſe; Ew. Majeſtät haben mich aber ſo oft einen guten Politiker ge⸗ nannt, daß ich am Ende glauben muß es zu ſein. Daraus folgt, daß, wenn ich mir dieſe Frage, deren Beantwortung Ew. Majeſtät eben fordert, vorlegte, ich durchaus nicht meine perſönlichen Neigungen und Sympathieen, ſondern lediglich das Intereſſe Oeſterreichs und des Kai⸗ ſerthrones im Auge hatte. Wäre dies nicht der Fall geweſen, ſo würde die Frage leicht entſchieden ſein, denn der Kaiſer Joſeph und ich, wir haben niemals miteinander ſympathiſirt, und werden es niemals thun. Er fürchtet mich, und Ich liebe ihn nicht.*) Wir ſind zu verſchieden von einander und werden uns daher nimmer verſtehen, denn die Sprache des Herzens läßt ſich nicht ſo durch Ordonnanzen commandiren, wie die Sprache des Hofes und der Geſelſſchaft. Der Herr Kaiſer hat ordon⸗ nirt, daß jetzt die deutſche Sprache bei Hof und in Geſellſchaft geſprochen werde. Es iſt möglich, daß er's erreicht; aber vielleicht wär's beſſer *) Kaunitzens eigene Worte. Siehe Wraxall Vol. II., p. 490. ge einen el eitel unbe⸗ ei We⸗ daher hören, rroßen mmſte rmich d ehr⸗ er zum oſeph er viel djeſtät , wi g thun. ſchieden Sptache wie die ordon hnaae beſſer 414 geweſen, erſt die Herzen deutſch zu machen, und dann an die Zungen zu denken. Aber wenn er ſo fortfährt, wie er angefangen, wird er grade das Gegentheil von Dem, was er beabſichtigt, erreichen, wird er die verſchiedenen Völkerſchaften, die unter dem Scepter des Hauſes Habsburg ſich vereinigen, zum ſchroffen Bewußtſein ihrer Nationalität zurückführen, und das Oeſterreich, welches wir uns bemühten, einig und durch ſeine Einigkeit groß zu machen, es wird unter Joſephs Händen wieder zerſtückeln und in lauter einzelnen Provinzen zerfallen, die, ſo oft ſie deutſch ſprechen müſſen, ſich mit grimmigem Zorn erinnern werden, daß ihre Mutterſprache eine andere iſt, und daß ſie Deutſche ſind nicht durch ihre Geburt, ſondern durch den Zwang! Wenn man Völker zwingen will, ihre Mutterſprache zu vergeſſen, und eine andere Sprache zu lernen, ſo kann das nur ſehr allmälig, ſehr langſam geſchehen, es wird eines ſehr geſchickten, beſonnenen Lehrmeiſters dazu bedürfen. Der junge Herr Kaiſer meint aber, daß ſein guter und edler Wille genügt, um die Völker an die Zweckmäßigkeit ſeiner Mittel, dieſen Willen zur That zu machen, glauben zu laſſen, er glaubt, daß, wenn man das Rechte und Nützliche bezweckt, man es gleich im Triumphzug durch die große Pforte muß einziehen laſſen in das Haus. Das aber iſt ein großer und ſchwerer Irrthum, bei deſſen Ausführung gar leicht das ganze Haus in Trümmer zerfallen und zuſammenſtürzen könnte. Gute und nützliche Reformen müſſen ſehr langſam und vorſichtig durch Hinter⸗ thüren und. auf Schleichwegen eingeführt werden, denn die Völker ſind wie die Kinder, das Neue, was ſie nicht kennen, erregt ihnen Grauſen und Entſetzen, und ſie ſchrecken davor zurück, wie vor einem unheimlichen Geſpenſt. Man muß es ihnen alſo verhüllen, und nur ganz allmälig die Schleier lüften. Aber der Kaiſer Joſeph iſt noch ſehr jung, daß er noch an die Weisheit und das Gerechtigkeitsgefühl der Völker glaubt. Er will daher ganz offen und ehrlich mit ihnen zu Werke gehen, und die kleinen unmündigen Kinder behandeln, als wenn ſie große erwachſene Männer wären, die man ſehr füglich in Freiheit und Ungebundenheit dahin gehen laſſen kann. Er will deshalb die Cenſur abſchaffen, weil er vermeint, daß kluge Männer das Recht haben, jedes Buch zu leſen, und jede Geiſtesrichtung zu prüfen. Das wäre ſchon recht, wenn die Völker wirklich Männer wären, aber ſie ſind Kinder. Und wie man —— — 112 den Kindern einen Gouverneur giebt, der ihr Geiſtesleben überwachen, und allmälig ihre Gedanken reifen und ihren Geiſt ſich entwickeln laſſe, ſo kann man auch die Völker nur allmälig aus der politiſchen Schule in die Freiheit des öffentlichen Lebens hinausführen, nur all⸗ mälig ihnen den Horizont des Geiſtes erweitern, und ihnen eine Umſchau geſtatten. Wenn man den Staarkranken operiren, und ihn dann ganz plötzlich in die Helle des Tages führen will, ſo wird er wieder erblin⸗ den und alsdann rettungslos verloren ſein. Daran hat der junge Kaiſer nicht gedacht, wenn er die Cenſur und auch die Keuſchheits⸗Commiſſionen, und die Penſionen ganz plötzlich und auf einmal abzuſchaffen gedenkt. — Cw. Majeſtät haben vielleicht in dieſen Dingen ein wenig zu viel gethan, der junge Kaiſer aber will ganz gewiß darin zu wenig thun. Mit dem Niederreißen des Alten allein iſt es nicht gethan, man muß auch Neues zu bauen verſtehen, und das ſehe ich hier noch nicht. Ich ſehe überall nur Verbote, aber Verbote ſind noch keine neue Geſetze, ſie bauen nicht auf, ſie reißen nur nieder!— Das, Majeſtät, ſind meine Gedanken über das junge Regiment des jungen Kaiſer Joſephs, und das Reſultat meines Nachdenkens. Der Kaiſer Joſeph würde, wenn er die Macht behält, niederreißen und immer niederreißen, bis ganz Oeſterreich ein einziger Schutthaufen iſt; er würde alle alten ſchadhaften Gebäude zertrümmern, aber dieſe Trümmer würden den Erdboden be⸗ decken, und es würde kein Platz da ſein, neue Gebäude von ſeiner Er⸗ findung aufzuführen, deshalb würden ihn die Völker nicht den Er⸗ bauer, ſondern den Zerſtörer nennen!— Bewahren Ew. Majeſtät vor dem Fluch eines ſolchen Namens Ihren erſtgebornen Sohn, be⸗ wahren Sie vor dem Unheil eines ſolchen Regimentes Ihre Länder und Völker. Gott hat Ihnen eine Krone gegeben, und Sie haben geſchworen, ſie treu auf Ihrem Haupte zu bewahren, Sie ſind es Ihren Völkern und auch Ihrem Sohne ſchuldig, daß Sie das alte Oeſterreich nicht zerſtören laſſen, bevor nicht das neue, an dem wir mit ſorgſamer Hand ſeit zehn Jahren bauen, vollendet ſei. Aber wir haben noch viel zu bauen, Majeſtät, und viel zu thun bis dahin. Wir müſſen erſt feſte, unzerreißbare Klammern in das neue Gebäude ſchieben, ſonſt wird der junge, unbeſonnene Kaiſer ſo heftig daran rütteln, daß es zuſammen⸗ fällt. Ew. Majeſtät müſſen alſo bleiben, was Sie ſind, die regie⸗ zachen, wickeln tiſchen ur all mſchau n ganz erblin Kaiſer ſionen, gedenkt. 1 viel g thun. in muß tt. Ich Geſelz meine 3, und „wenn is ganz adhaften den be ner Er⸗ en Er Majeſtit hn, be— der und hworen, Völkern ich nich ſer Hand viel gl erſt feſte wird der ſammen⸗ ie regle⸗ rende Kaiſerin von Oeſterreich, Sie dürfen Ihrem Sohne Ihre Stelle nicht einräumen, es iſt wider Ihre Pflicht und das gute Recht Ihrer Völker! Die Kaiſerin nickte mehrmals lebhaft mit dem Haupt. Hab' auch ſo gedacht, ſagte ſie, hab' nicht im Hochmuth, ſondern in der Demuth meines Herzens erkannt, daß ich nicht das Recht hab', dem lieben Gott aus der Schul' zu laufen, und zu ſagen:„die Laſt, die Du mir auf⸗ erlegſt, wird mir zu ſchwer, darum werfe ich ſie ab!“— Fühl' daß meine Schultern noch ſtark ſind, die Laſt zu tragen, die mir Gott auf erlegt, und ihm ferner eine gehorſame Dienerin und Magd zu ſein. Er allein hat mich zur Kaiſerin gemacht, ihm allein ſei die Ehr' und Gewalt, die Krone von meinem Haupt zu nehmen, und das noli me tangere, das wir Fürſten um unſere Kronen ſchreiben, es ſoll auch gelten für unſere eigenen Hände! Werd' alſo meine Hände nicht wieder freventlich erheben zu dieſer Krone, ſondern Gott anflehen, daß er mir Kraft gebe, ſie würdig und zum Glück meiner Völker zu tragen. Er aber, Herr Fürſt, muß mir treu zur Seite bleiben, darf mich nimmer verlaſſen, ſondern muß immer meine rechte Hand bleiben, wie Er's mir damals gelobt hat. Wir haben zuſammen den Bauplan entworfen zu unſerm neuen, ſchönen Oeſterreich, und ebenſo wenig wie ich, darf Er die Hand in den Schoß legen, und müßig gehen, bevor nicht unſer Bau vollendet iſt. Ich bleibe, und baue weiter mit Ew. Majeſtät, bis von dem Giebel des vollendeten Gebäudes die ſchwarzgelbe Fahne der Habsburger weht! Und wir wollen ſchon ſorgen, Majeſtät, daß auch dem Gebäude enicht die äußere Pracht und die zierlichen Ornamente fehlen ſollen. Haben wir doch ſo ſchöne, junge Erzherzoginnen, die ſo ganz dazu geeignet ſind, dem Hauſe Habsburg zum Glanz und zur Zierde zu ge⸗ reichen, und dieſen Glanz in die entfernteſten Königreiche hinzutragen. Von innen wollen wir unſerm Hauſe durch feſten Bau und ſolide Mauern Dauerhaftigkeit und Kraft geben, von außen ihm durch unſere Allianzen und Heirathen Glanz und Schimmer verleihen. Er hat gewiß wieder eine Heirath vorzuſchlagen? fragte die Kaiſerin mit freudeglänzenden Augen. Ja, Majeſtät, eine Heirath mit dem jungen König von Neapel. Kaiſer Joſeph. 1. Abth. III. 8 ——yͤ — —õõõM—— —— — — —————— —,— —— 114 Für welche von meinen Töchtern? fragte die Kaiſerin unruhig. Für diejenige, welche Ew. Majeſtät wählen wollen! So ſei es meine Tochter Johanna, ſagte die Kaiſerin raſch. Sie iſt jung und ſchön, und hat ein ſtolzes und kaltes Herz, das nit ſo ſehr fragt nach innerem Glück, als nach äußerem Glanz. Geb' alſo der Politik eine meiner Töchter dahin, dafür muß Er mir aber das Recht laſſen, eine andere Tochter ihrem Herzen folgen zu laſſen. Die Chriſtine hat ſich's einmal in den Kopf geſetzt, glücklich ſein zu wollen in ihrer Weiſe, und ich meine, wir wollen's ihr gönnen! Sind überdies dem Hauſe Sachſen wohl eine Entſchädigung ſchuldig für den Refus, den damals die arme Prinzeſſin Kunigunde hat von dem Joſeph erfahren müſſen; wollen alſo dem Churfürſtenhauſe, welches allzeit redlich und treu zu uns gehalten hat, beweiſen, daß wir deſſen gedenken in Liebe und Anhänglich⸗ keit. Der Prinz Albert von Sachſen iſt nun einmal meiner Chriſtine an's Herz gewachſen, und es würd' ſchier ſich verbluten, wenn wir ihn ihr entriſſen. Laſſen wir alſo die jungen Liebesleut' ſich einander vermählen, denk' wohl, daß wir reich genug ſind an Geld und an Töchtern, um auch eine Partie d'inclination in unſerer Familie zu haben. Wollen mir dafür Ew. Majeſtät die jüngſte der Erzherzoginnen Marie Antoinette für unſere politiſchen Zwecke aufbewahren, und dieſer keine Partie d'inclination geſtatten? Will ſie Ihm aufbewahren für die Politik und für den Thron von Frankreich. Nicht wahr, den meint Er doch? Ja, Majeſtät, den mein' ich. Der Sohn des Dauphin wächſt heran, und wie ſehr ſein Vater auch ein Feind des Hauſes Oeſterreich iſt, Choiſeul und die Marquiſe Pompadour ſind für uns, und Marie Antoinette wird dereinſt Königin von Frankreich werden! Das bleibe vorläufig indeſſen noch unſer Geheimniß, Majeſtät! Während Ew. Majeſtät die junge Erzherzogin zu einer Königin von Frankreich erziehen, wollen wir die andern Erzherzoginnen vermählen. Zuerſt alſo, wie Ew. Majeſtät befehlen, die Erzherzogin Chriſtine. Wir werden für ſie und ihren Gemahl ſchon ein paſſendes Arrangement finden, und Ew. Majeſtät werden ſchon für eine würdige und glänzende Ausſtattung Sorge tragen. Ich geb' ihr zum Hochzeitsgebind' das Herzogthum Teſchen, ſagte 1 115 die Kaiſerin raſch, werd' für mich und meine Nachfolger feierlich dem Beſitz von Teſchen entſagen, und es dem Brautpaar ſchenken. Und was ihr ſonſtiges Etabliſſement anbetrifft, ſo iſt es Seine Sorge, Herr Fürſt, dem jungen Gemahl meiner Tochter eine paſſende Stelle auszuwirken. Machen wir den Herzog von Teſchen zum General⸗Capitain und Statthalter von Ungarn, ſagte Kaunitz, das iſt zugleich ein wirkſames Mittel, die Ungarn Oeſterreichiſch zu machen, und der Erzherzogin und ihrem Gemahl eine würdige Stellung zu geben. Die Kaiſerin nickte lebhaft mit dem Haupte. Hör' Er, ſagte ſie, Er hat doch allzeit Seinen Kopf auf der rechten Stell, und man ſollt, manchmal wahrhaftig vermeinen, daß Er ſogar auch Sein Herz auf der rechten Stell' hätt', weil Er ſo gut verſteht, Anderer Herzen zu errathen! Er hat da einen guten und prächtigen Plan in aller Schnel⸗ ligkeit entworfen, und ich weiß ſchon, daß Er verſteht Seine Pläne auszuführen. Die Chriſtine wird alſo Statthalterin von Ungarn wer⸗ den, und ſie und ich wir werden's Ihm Beide danken, daß Er eine ſo gute Idee gehabt. Jetzt aber quält mich nur noch Eins, und geht mir bang im Kopf herum. Ich mein', der Joſeph wird ſich ſehr ſek⸗ kiren, wenn's wieder vorbei ſein ſoll mit ſeiner Alleinherrſchaft, und wenn die Mutter wieder die Zügel der Regierung aus ſeinen Händen nehmen will. Ich denk', Ew. Majeſtät haben ihn nicht zum Alleinherrſcher, ſondern nur zum Mitregenten ernannt? fragte Kaunitz mit ſeiner kau⸗ ſtiſchen Ruhe. Freilich habe ich das nur, ſagte Maria Thereſia, und es iſt mein Recht, auch wieder meine Arbeit aufzunehmen. Die Kaiſerin hat Recht, aber der Mutter thut's doch weh, und es will mir ſchier das Herz verſetzen, wenn ich denk', wie ſeine großen blauen Augen auf einmal ſo finſter und traurig ausſchauen werden. Hab', glaub' ich, nimmer den Muth, ihm zu ſagen, daß ich wieder die alleinregierende Kai⸗ ſerin ſein will. So werden Ew. Majeſtät ihn noch ferner Ihren Mitregenten ſein laſſen, nur werden Sie ſeine Macht beſchränken, und ihm vielleicht ein beſonderes Departement anweiſen, in dem er ſchalten und walten kann. Da iſt zum Beiſpiel das Departement des Krieges. 8* 8 — ———ͤͤſ —— —— — 116 Werd' ihm das ganze Militairweſen zu verwalten geben, rief die Kaiſerin freudig, das iſt gute Mannesarbeit, und darauf verſteht der Joſeph ſich beſſer, als ich. Werd' ihm nimmer drein reden in ſein Kriegsdepartement und ihn allzeit da ſeinen Willen haben laſſen.*) Dafür werd' ich aber auch meinen Willen haben können in den an⸗ dern Departements, und ich denk' doch, daß ich nicht zum zweiten Mal einen Gegenkaiſer haben werd'. Würde ihn aber auch zu beſiegen ſuchen, wie ich den Herrn Churfürſten von Baiern, den ſie Kaiſer Karl VII. nannten, beſiegt habe!— Ich denke es wird das Beſte ſein, den Kaiſer gleich davon zu benachrichtigen, daß ich wieder die Kaiſerin bin, und die Frau Joſepha mag' auch erfahren, daß die Maria Thereſia nicht mehr die verwittwete Kaiſerin iſt, ſondern wie⸗ der die regierende! Bleibe freilich in meinem Herzen immer noch die verwittwete Kaiſerin, und werd's nimmer und nimmer verwinden und vergeſſen, was ich verloren hab'! Die Trauer wird nie von meinem Herzen weichen, und ſoll's auch nicht von meiner Geſtalt.**) Aber über meiner Wittwenhaube will ich wieder meine Krone tragen, und weil Er's denn auch meint, daß es ſo beſſer iſt, ſo will ich dem lie⸗ ben Oeſterreich ſeine Kaiſerin Maria Thereſia wieder geben! V. Mutter und Sohn. Der Traum war zu Ende, der ſchöne beſeligende Traum von Menſchenbeglückung und Reformen, die Zügel der Regierung waren *) Hübner. I. S. 31. **.) Maria Thereſia legte in der That niemals die Trauerkleider und die ſchwarze Krepphaube wieder ab, und blieb auch äußerlich immer die trauernde Wittwe ihres„großen und geliebten Kaiſers.“ Am 18. jeden Monats, als dem Sterbetage ihres Gemahls, zog ſie ſich in ihre Gemächer zurück, um in Einſamkeit und Stille um ihn zu weinen. Jedes Jahr an ſeinem Todestag ließ ſie ſich in die Kaiſergruft hinab, um dort an des Kaiſers Sarge Stun⸗ den lang auf ibren Knieen für die Ruhe ſeiner Seele zu beten. Ihr Schlaf⸗ zimmer behielt immer ſeine Trauer⸗Decoration, ebenſo wie ihre Kutſchen, die Livre ihrer Dienerſchaft ꝛc. Karoline Pichler: Denkwürdigkeiten. Th. I. S. 28. ſeiner veru Tag Land und chen, Die der, das geln wag ſion arg. giur und ſeinen Händen wieder entriſſen, Tage wieder aufzunehmen. das Ohr der Kaiſerin, geln gegen wagten, wie ſie. ſion mit größerer argwöhnendes Tugendrichteramt wieder antrat, w und Kaiſer Joſeph ſollte wieder dazu verurtheilt werden, das müßige, thatenloſe, beobachtende Leben früherer Alle dieſe hochfliegenden Pläne für ſeines Landes Wohl und ſeiner Unterthanen Glück, ſie mußten wieder trauernd und mit gebrochenen Flügeln in ſein ſtilles, chen, ſie durften nicht mehr zur That und Die alte Geiſtesfinſterniß ſenkte ſich tiefer wie je über der, die Prieſter und die Frommen gewannen me und verleiteten ſie zu den ſtrengſten Maaßre⸗ alle diejenigen, welche anders zu denken und zu ſprechen Joſeph mußte es ſehen, wie die Keuſchheits⸗Commiſ⸗ Wuth und Strenge als je zuvor ihr ſpionirendes, ie das Cenſur⸗Colle⸗ wundes Herz zurückſchlei⸗ zur Wahrheit ſich geſtalten. Oeſterreich nie— hr wie je Macht über gium mit fanatiſchem Eifer Alles verpönte, was nicht dem finſtern und orthodoxen Verfolgungsgeiſt der Prieſter genehm war, ſehen, wie die Heuchler und Verläſterer ſich Penſionen erſchlichen, weil ſie es verſtanden durch Hinterthüren und zu ſchlüpfen, und ſich von der Kaiſerin täglich in tiefer dem Altar betreffen zu laſſen.— ſchweigen, er ſeinen Zorn Feinden nicht den er litte, wie bitter ſein Herz getroffen ſei. allmälig ſeine Geiſtesflügel erlahmten, wie eine tiefe M düſtern Schleier über ſeine Seele hinzubreiten begann. und Kraft ſeines Weſens raffte er ſich aus dieſer ganzen Energie ſchmerzvollen, dumpfen Betäubung empor. — er mußte und Würden Schleichwege Andacht vor Joſeph mußte das Alles ſehen, und mußte ſeinen Kummer unter einem heitern Angeſicht, unter einem Lächeln verbergen, um wenigſtens ſeinen Triumph zu gönnen, daß er ſie ahnen ließ, wie viel Aber er fühlte doch, wie elancholie ihre Indeß mit der Ich will nicht zu Grunde gehen, ſagte er zu ſich ſelber, ich will nicht hinſiechen an dieſen geh eimen Schmerzen, ich will nicht den Freunden ein Gegenſtand des Jammers, den Feinden ein Gegenſtand höhnenden Triumphes. ſein. Fort von mir, Ihr trüben Wolken des Kummers, Ihr ſollt mir das Licht und die Sonne nicht länger verhüllen dürfen. Ich will leben, und das Leben leicht nehmen. Für mich iſt es jetzt dunkel in Wien, aber anderswo ſcheint vielleicht die Sonne; ich will ausziehen mir einen Sonnenſtrahl zu ſuchen! Ich will reiſen! Hinaus — — —— ——— * ——C—— 118 in die weite Welt, in die ſchöne friſche Gottesluft. Hier bin ich der arme verſpottete Kaiſer ohne Land, da draußen werde ich ein freier glücklicher Menſch ſein, dem die ganze Welt gehört, ſo weit ſein Blick reichen, und ſein Pferd ihn tragen kann! Ja, ich will reiſen, ich will mir wieder Muth und Kraft ſammeln, um dann wieder mit energiſcher Geduld meine Siſyphus⸗Arbeit beginnen zu können. Mein Tag wird auch einſt kommen, und wenn er da iſt, ſoll er mich vorbereitet und ſtark finden! Der Kaiſer traf mit raſcher Energie alle Vorbereitungen zu einer größern Reiſe, und eilte, als dieſe beendet waren, zu ſeiner Mutter, um von ihr, der Etiquette gemäß, die Einwilligung zu ſeiner Reiſe zu erbitten. Maria Thereſia empfing den Sohn mit jener edlen, faſt treu⸗ herzigen Freundlichkeit, welche einen ſo ſeltenen und unwiderſtehlichen Zauber über ihr ganzes Weſen ausbreitete. Sie ſah ihn mit ſo zärt⸗ lichem Lächeln, ſo freundlichen Blicken an, daß Joſeph ſich davon wider ſeinen Willen ergriffen und erfreut fühlte, und einen zärtlichen Kuß auf die Hand ſeiner Mutter preßte, welche dieſe ihm lebhaft ent⸗ gegen geſtreckt hatte. Es war das erſte Mal ſeit dem Tage, an wel⸗ chem Maria Thereſia die Regierung wieder angetreten, daß Mutter und Sohn ſich wieder allein und ohne Zeugen gegenüber ſtanden, und Beide fühlten ſie die Gewalt und Bedeutung dieſes Momentes. Habe dieſer Stunde mit bangem Herzen und ſchmerzlicher Rührung mich entgegen geſehnt, mein Sohn, ſagte die Kaiſerin, indem ſie den Sohn näher zu ſich heranzog, hab' gefühlt, daß Du in Deinem Herzen Deiner Mutter grollteſt, und vermeinteſt, ſie habe beſſer gethan, ihre ſtillen Gemächer nimmermehr zu verlaſſen, und Dir das Scepter allein anzuvertrauen. Aber bedenk, mein Sohn, daß ich dieſes Scepter von Gott erhalten habe, und daß ich es führen muß nach beſtem Gewiſſen, bis es Ihm gefällt mich abzurufen. 1 Joſeph blickte mit wahrer und aufrichtiger Rührung in das bewegte Antlitz ſeiner Mutter. Er ſah die Thränen, welche in ihre Augen traten, er ſah, wie ihre Lippen zitterten vor innerer Bewegung, wie ihre ver⸗ ſchleierten Blicke mit flehendem, zärtlichem Ausdruck auf ihm ruhten. Und unter dieſen Blicken ſchmolz die Eisdecke, welche ſo lange ſein Herz umhüllt hatte, unter dieſen Blicken fühlte er den warmen Sonnen⸗ 119 ſtrahl der Liebe, welchen er in der kalten Einſamkeit ſeines Herzens ſo lang erſehnt hatte. Mit einer ungeſtümen Haſt warf er ſeine beiden Arme um den Hals der Kaiſerin, und preßte einen glühenden Kuß auf ihre Lippen. Mutter, meine theure Mutter! ſagte er mit leiſem zärtlichem Ton, und als habe er mit dieſem einen Ausruf Allem Ausdruck gegeben, was von Liebe und Zärtlichkeit in ſeinem Herzen glühte, ſchwieg er und lehnte ſein Haupt an ſeiner Mutter Bruſt. Sie ſchaute mit einem ſeligen Lächeln zu ihm nieder, und ſtreichelte mit ihrer Hand ſeine ſchöne, hohe Stirn. Biſt alſo noch einmal heimgekehrt an das Herz Deiner Mutter, mein Herzensbub'! flüſterte ſie. Haſt noch einmal wieder den Weg ge⸗ funden zu dem Neſt, aus dem Du ausgeflattert, Du wilder Vogel Du. Fühlſt einmal wieder, das es doch am heimlichſten und am ſtillſten ſich ruht an treuer Mutterbruſt, und daß da doch allzeit die unverlier⸗ bare und ewige Heimath iſt! Will's Dir nit verſagen, hinauszufliegen in die weite Welt, aber mußt mirr verſprechen, treulich und fröhlich heim⸗ zukehren, und all die wüſten Gedanken und die Verdrießlichkeit da drau⸗ ßen zu laſſen in der fremden Welt. Wirſt auch ſchon ſehen, mein Herzensbub', daß es anderswo auch nicht vollkommener und beſſer iſt, und daß es dorten eben ſo viel Uebelſtände und Hinderniſſe giebt, wie hier bei uns. Es ſind eben überall Mängel und Irrthümer, und weil wir keine Götter ſind, müſſen wir die menſchlichen Schwächen und Fehler auch an uns ſelber tragen. Bin mir in Demuth meiner eigenen Fehler und Schwächen bewußt, und wenn ich mit denſelben Dich jemals ge⸗ kränkt und beleidigt habe, mein Sohn, ſo bitt' ich Dich, es mir zu ver⸗ zeihen, denn es iſt nimmer und nimmer aus böſem Willen geſchehen! Nein, Mutter, ſagte Joſeph tiefbewegt, ich bin es, der um Ver⸗ zeihung zu bitten hat. Mein Herz iſt ſtörriſch und wild, ich weiß es, aber glaub' nur, daß es dennoch mit zärtlichſter und treueſter Sohnes⸗ liebe an ſeiner edlen und großen Kaiſerin hängt, glaub' nur, daß ich von allen Deinen Unterthanen von nun an ſtets der gehorſamſte und treueſte ſein bleiben und will. Hab' nur ein wenig Nachſicht und Ge⸗ duld mit mir, meine Mutter, denn Du haſt wohl Recht, mein Herz iſt armer wilder Vogel, dem ſie recht ſchlimm mitgeſpielt haben da 8— — 5 84₰ — —— 3 ₰⸗* 3 p 1 4 I 16 he E 81 120 draußen in der Welt. Aber ſprechen wir nicht mehr davon, meine Mutter, man kann vielleicht glücklich ſein auch ohne Glück, ich will's verſuchen! Nein, ſprechen wir davon, rief die Kaiſerin lebhaft, ſprechen wir von Deinem Unglück! enn ich mein, Du nenneſt die Joſepha von Baiern Dein Unglück, mein Sohn. Hab'’ freilich allerlei traurige und ſchlimme Dinge vernommen, und mein Herz hat dabei geblutet für Dich und auch für ſie! Auch für ſie! rief Joſeph faſt zürnend. Was thut ſie, meine Mutler, wodurch ſie Ihr Mitleid verdient? Die Kaiſerin legte ſanft ihre Hand auf die Schulter ihres Sohnes. ie liebt Dich, mein Sohn, ſagte ſie, und eine Frau hat immer Mit leid mit einer Unglücklichen, welche liebt, und nicht geliebt wird! Sie liebt mich, ſagte Joſeph mit höhniſchem Lachen. Ihre Liebe iſt mir ein. Abſcheu und eine Schmach, ihre zärtlichen Blicke empören mich, und erfüllen mich mit Entſetzen. Wenn ſie mich anſchaut mit dieſem bleichen, von allerlei Wundmalen und Flechten zerfetztem Ange ſicht, und mich ihren Gemahl nennt, ſo mein'’ ich zu ſehen, daß alle Hofleute mit ſpöttiſchem Hohnlachen auf mich ſchauen, und ich hab' ein Gefühl, als müßt' ich den Arm erheben, um Diejenige zu Boden zu ſchmettern, die mich mit einem ſo lächerlichen Unglück belaſtet hat; denn es iſt immerhin ein lächerliches Unglück, der Gemahl der häßlichſten und unangenehmſten Frau im ganzen Lande zu ſein, nur daß Einem die Augen dabei übergehen, weiß nicht, ob vor Lachen oder vor Aerger! Sie iſt häßlich, das iſt wahr, ſagte die Kaiſerin achſelzuckend, aber es hat ſchon viel häßliche Frauenzimmer gegeben, und ſie haben doch Liebhaber gefunden. Und dann, mein Sohn, ſollteſt Du immerhin be denken, daß Du Selber ſie gewählt, daß Du ſie geſehen haſt, bevor Du ſie wählteſt. Auch meine ich, hat ſie ein gutes und ſanftes Herz, wel ches Dich zärtlich liebt, und welches Du vielleicht wieder lieben wür deſt, wenn Du Dir die Mühe geben wollteſt, es zu erkennen und zu verſtehen. Und dann zuletzt noch, mein Sohn, ſollteſt Du daran ge⸗ denken, daß Du dereinſt der Kaiſer ſein wirſt, und Deinem Throne Erben geben mußt. Wenn Joſepha die Mutter Deiner Söhne ſein wird, ſo wirſt Du's nicht mehr ſehen, daß ſie häßlich iſt! d De 1¹ drne mich Ma Ihn woh. 121 Sie, die Mutter meiner Söhne! rief der Kaiſer mit einem Aus⸗ druck ſo wilden Haſſes, daß die Kaiſerin erbebte. Ew. Majeſtät halten mich einer ſolchen Schmach, einer ſolchen Erniedrigung für fähig! Ew. Majeſtät haben alſo den Herrn van Swieten nicht geſprochen, er hat Ihnen nichts geſagt von der neuen Krankheit dieſer Frau, welche man wohl meine Gemahlin, aber nimmer meine Frau nennen kann. Nein, der Swieten hat mir nichts geſagt. Nun denn, Majeſtät, ich will Ihnen ihre Krankheit nennen. Die ſogenannte Kaiſerin leidet jetzt am Scorbut! Ah, mein Sohn, mein armer Sohn! rief d um den Nacken ihres Sohnes ſchlingend, als wolle ſie ihn ſchützen vor der Gefahr, die ihn bedrohete. Das iſt eine ſchlimme Kraukheit, aber der Swieten iſt ein kluger Mann, er wird auch dieſes Leiden bezwin⸗ die Kaiſeriu, den Arm gen können. Aber er wird 3 und nimmer den Haß und den Widerwillen bezwingen können, den ich für dieſe Frau empfinde, er wird nimmer machen können, daß ich dürfai wie furchtbar man mich betrogen und Sie wollen, daß dieſe Frau die Mutter meiner daß ich Kinder von ihr habe! Le moyen d'en hintergangen hat. Söhne ſei! Sie wollen, avoir! Encore, si je pourrais mettre le bout du doigt sur la plus petite partie de son corps, qui n'Ctait pas couverte de boutons, je tacherais d'avoir des enfants!*) Maria Thereſia wandte ſich erröthend und ſeufzend ab. Sie fühlte, daß dieſem glühenden Haß, dieſem zornigen Widerwillen gegen⸗ über jeder Verſuch einer Verſöhnung nutzlos und vergeblich ſein würde. Möge Gott Ench Beide tröſten und verſöhnen, ſeufzte ſie traurig. ig uns von einander löſen! rief Joſeph faſt Majeſtät, der Tod allein kann uns Beiden Dann müßte er gnädi rauh. Glauben Sie mir nur, Berſöhnung bringen, und möge mir Gott verzeihen, wenn ich ihn bitte, uns dieſen Sühnengel bald zu ſenden! Sie, oder ich! Nur nicht länger dieſes Zuſammenleben, nur nicht länger dieſe lächerliche Demüthigung, dieſe Frau als meine Gemahlin und Kaiſerin geehrt zu ſehen! 4) Des Kaiſers eigene Worte. Siehe: Wraxall: Memoirs of the Court of Vienna, Berlin ete. Th. II. S. 410 —— — ———— —— — —— 8 „ 122 Maria Thereſia legte gleichſam beſchwichtigend ihre Hand auf die Schulter ihres Sohnes. Reiſe, mein Sohn, reiſe, ſagte ſie. Schau Dich um in der Welt, genieße das Leben, und die glückliche Stunde. Wirſt auch ſehen, wie wenig Menſchen es überhaupt giebt, welche glück⸗ lich ſind, und das mag Dich verſöhnen mit Deinem eigenen Unglück. Der Kaiſer ſchüttelte traurig ſein Haupt. Nichts kann mich ver⸗ ſöhnen und tröſten, ſagte er düſter, nichts als der Tod. Wohin ich auch gehe, die Kette dieſer Ehe wird immer hinter mir herſchleppen und ich werde ſie immer klirren hören. Sprechen wir nicht mehr davon! Ich danke Ew. Majeſtät, daß Sie mir gnädigſt Urlaub ertheilt haben, ich danke Ihnen mehr noch für dieſe ſchöne und heilige Stunde, deren Erinnerung niemals aus meinem Herzen entſchwinden wird. Sie waren mir in dieſer Stunde eine zärtliche und theilnahmsvolle Mutter, und immerdar ſollen Sie an mir einen dankbaren und gehorſamen Sohn finden! Aber Du haſt mir noch nicht geſagt, wohin Du zu reiſen gedenkſt, fragte die Kaiſerin, und welches das Ziel Deiner Fahrt ſein ſoll? Ich denke mit Ew. Majeſtät gnädiger Erlaubniß durch Böhmen und Mähren zu reiſen, und ſodann den Höfen von München und Dresden einen Beſuch abzuſtatten. Beide Höfe haben durch ihre Ge⸗ ſandten mir ſehr dringende und ergebene Einladungen geſandt. Und es iſt Recht und der Höflichkeit gemäß, daß Du dieſe Ein⸗ ladungen annimmſt, ſagte die Kaiſerin lebhaft. Es iſt nützlich und wichtig für uns, mit allen deutſchen Fürſten in gutem Einvernehmen zu ſtehen, und ſie in Lieb' und Eintracht zu ſchaaren um unſern Thron. Weil Ew. Majeſtät ſo denken, werden Sie auch erlauben, daß ich noch einer dritten Einladung, die ich erhalten habe, nachkommen darf, ſagte Joſeph lebhaft. Der König Friedrich von Preußen hat mich zu 9 ſep) g einer Zuſammenkunft in Torgau eingeladen. Die Kaiſerin zuckte zuſammen, und ihre Stirn verfinſterte ſich. Der König Friedrich von Preußen? fragte ſie athemlos. Ja, Majeſtät, er hat mich eingeladen, und um die Wahrheit zu ſagen, er iſt mit dieſer Einladung meinen lebhafteſten Wünſchen ent⸗ gegengekommen. Ich ſehne mich, endlich dieſen Mann von Angeſicht zu Angeſicht zu ſchauen, den ich faſt wider meinen Willen ſchon bewun⸗ derte, als er noch unſer Feind war, und uns in blutigen Schlachten bekrie Freu⸗ oder Spö den? ſer p vertre Rech vicht burg uns Blu beige ſich Tor ten j die Schau unde. glück⸗ ück. ppen von! aben, deren varen und den! enkſt, zmen und Ge⸗ Ein und zmen gron. ich darf, h zu ſich it zu ent⸗ ſicht wunt chten 123 bekriegte. Ich ſehne mich, einen König zu ſehen, welchen ganz Europa, Freund und Feind,„Friedrich den Großen“ nennt, und der als Held oder als Weiſer dieſen Namen verdient. Das heißt, dem die Narren, die Gottesläugner, die Unklugen und die Spötter dieſen Namen gegeben haben, rief die Kaiſerin mit zornblitzen⸗ den Augen und glühenden Wangen. Hätt's nimmer geglaubt, daß die⸗ ſer Herr König es wagen würde, meinem Sohn und Erben ſich ſo vertraulich zu nahen. Der Markgraf von Brandenburg hat wohl das Recht, dem Kaiſer von Deutſchland das Waſchbecken zu halten, aber nicht, ihn zu einer Zuſammenkunft einzuladen! Ach, Majeſtät, rief Joſeph lächelnd, der Markgraf von Branden⸗ burg hat es uns leider wohl bewieſen, daß er ein König iſt; er hat uns in mancher Schlacht das Waſchbecken gehalten, aber unſer eigen Blut iſt hinein gefloſſen, denn er hat uns manch ſchmerzlichen Aderlaß beigebracht. Ich mein', der Markgraf Friedrich von Brandenburg hat ſich auf den Schlachtfeldern von Leuthen und Roßbach, von Liegnitz und Torgau wohl das Recht erkämpft, daß wir ihn als einen König aner⸗ kennen, wie's ja ſelbſt der Papſt zu Rom gethan hat. Maria Thereſia erbebte vor Zorn bei dieſen unbeſonnenen heftigen Worten ihres Sohnes. Es zeugt von wenig Chrgefühl, den Feind zu preiſen um der Schlachten willen, die wir an ihn verloren haben, rief ſie glühend vor Zorn. Es zeugt von Gerechtigkeit, Majeſtät, ſagte Joſeph ernſt, und Gerechtigkeit ſoll man auch ſeinen Feinden nicht verſagen. Der Kö⸗ nig von Preußen iſt ein großer Mann, ich wollt', ich könnte ſeines Gleichen ſein! Die Kaiſerin ſtieß einen Schrei des Zorns aus, ihre Augen ſchoſ⸗ ſen Blitze. So wagt es mein Sohn, von dieſem böſen Manne zu ſprechen, der ſeiner Mutter ſo viel Kummer und Thränen verurſacht, und ſeinem Hauſe Schleſien entriſſen hat! rief ſie mit drohender Stimmie. S'iſt ein wunder Fleck in meinem Herzen, und werd's nimmer über⸗ winden, das ſchöne Schleſien verloren zu haben; und mein Sohn will hingehn, dieſem König die Hand zu drücken, welche ſo viel unſchuldig Blut mieiner Unterthanen vergoſſen hat! Er will hingehn, um den Feind meines Hauſes zu bewundern als einen Helden, und ihm zu hul⸗ — ——— 124 digen als einem Weiſen! Aber ſo lang mein Wort noch Kraft hat, werd' ich's nimmer dulden, daß das geſchieht, daß ein Habsburger hin⸗ gehe, dem Hohenzollern in Freundſchaft die Hand zu reichen! Es iſt eine alte Erbfehd' zwiſchen uns und dieſem Hauſe, und ſie wird nim⸗ mer in Liebe ſich auflöſen! Ew. Majeſtät ſehen indeß, daß es nicht der König von Preußen iſt, welcher die Schuld daran trägt, denn Er iſt es, welcher zur Freund⸗ ſchaft die Hand bieten will. Ich denke, es wäre chriſtlicher und edler, den alten Groll zu vergeſſen, und dieſe Feindſchaft enden zu laſſen, und Ew. Majeſtät ſehen wohl, wie ſehr man den König von Preu⸗ ßen verläſtert, wenn man ihn einen ſchlechten Chriſten nennt. Er befolgt wenigſtens das chriſtliche Gebot, ſeinen Feinden zu vergeben, und die Feindſchaft und die Zwiſtigkeiten vergeſſend, ſeinen Gegnern die Hand zu bieten. Wir werden dieſe Hand nicht annehmen, rief die Kaiſerin heftig. Aber der König hat, wie ich Ew. Majeſtät zu ſagen die Chre hatte, der König hat mir eine herzliche und zuvorkommende Einladung geſandt, und Ew. Majeſtät ſagten es ja Selbſt, es iſt der Höflichkeit gemäß, ſolche Einladung anzunehmen. Nicht die Einladung dieſes Mannes! Ich gebe meine Einwilli⸗ gung nicht zu dieſer Reiſe! Auch nicht, wenn ich Ew. Majeſtät darum bitte? fragte Joſeph herzlich. Auch nicht, wenn ich Ihnen ſage, daß es mein glühender Wunſch iſt, den König von Preußen kennen zu lernen, daß ich mich darauf freue, wie auf ein großes und ſchönes Ereigniß? Oh Majeſtät, gedenken Sie der ſchönen Stunde, welche Ihre Liebe mir eben gewährt hat. Laſſen Sie die Mutter bei der Kaiſerin für mich bitten, daß dieſe mir den Wunſch gewähre, den ich der Mutter, nicht der Kaiſerin an⸗ vertraut habe. Laſſen Sie dieſe ſchöne, ſonnenhelle Stunde nicht mit einem Mißklang enden, nicht wieder ſich finſtere Wolken zwiſchen uns Beiden aufthürmen.— Oh, der Herr Sohn vermeint, uns zu drohen! rief die Kaiſerin ſich hoch und ſtolz aufrichtend. Meint uns zu ſchrecken, wenn er uns mit Seiner Ungnad' droht! Fürcht' noch nicht die⸗Wolken auf Seiner Stirn! Es wird an Ihm ſein, die Wolken zu verjagen, und Seiaer Frau Soh Prel biete wie vollte ſeine ßen den und hat, hiu Fs iſt nim eußen eund edler, gſſen, Preu E geben, gnern zeſtig. Ehre ddung ichkeit will⸗ oſeph hender müch ſeſtät, wähft V dieſe n an- tt mnit 1 uns iferin r uns Zeinen Selue 125 Frau Mutter ein ehrerbietig Angeſicht zu zeigen. Ich ſag; Ihm, Herr Sohn, Er wird nicht zu dieſer Zuſammenkunft mit dem König von Preußen gehen, denn ich bin Seine regierende Kaiſerin, und ich ver⸗ biete es Ihm! Iſt das Ew. Majeſtät letztes Wort? Es iſt mein letztes! Dann habe ich Ew. Majeſtät nichts weiter zu ſagen, als daß ich, wie es einem Unterthanen ziemt, gehorchen werde, ſagte Joſeph mit vollkommen ruhigem Ton, während ſein Geſicht todesbleich war, und ſeine Lippen bebten. Ich werde die Einladung des Königs von Preu⸗ ßen nicht annehmen. Und damit bitt' ich Ew. Majeſtät mich in Gna⸗ den zu entlaſſen! Ohne die Antwort der Kaiſerin abzuwarten, verneigte er ſich tief, und verließ haſtigen Schrittes das Gemach. Draußen auf dem Cor ridor, wo ihn Niemand ſehen konnte, blieb er ſtehen, und lehnte ſich einen Moment ganz betäubt und zerbrochen an die Mauer. Abgewieſen wie ein unmündiger Schulknabe! murmelte er leiſe vor ſich hin, während Thränen des Zorns ſeine Augen umdüſterten. Zwei Ketten an meinen Füßen! Die Kette dieſer furchtbaren Ehe, und die Kette meiner Sohnespflicht. Beide heminen mich bei jedem Schritt. Wenn ich vorwärts gehen möchte, ziehen ſie mich zurück und ſchneiden ſich blutend in mein Fleiſch ein. Immer Hemmniß, immer Zwang; mit gelähmten und gefeſſelten Füßen ſtehe ich da, dem Lande ein Spott, mir ſelber ein Gegenſtand der Schaam und des Jammers. Wie ein angekoppeltes junges Roß darf ich mich im Kreiſe drehen, ſo weit es die Ketten erlauben, die ſie mir an die Füße gelegt haben, nicht weiter! Und doch drängt Alles in mir nach Vorwärts, ach, und ich kann nicht, kann nicht, was ich will!— Aber es hilft nichts, darüber zu klagen und zu trauern, fuhr er nach kurzer Pauſe fort, ich muß das Unab⸗ weisbare, Unabänderliche zu tragen ſuchen, wie ein Mann! Ich darf und will kein Rebell ſein, alſo muß ich ſchweigend dulden, gehorchen und warten! Auch meine Zeit wird kommen! Er richtete ſich entſchloſſen empor, und ſchritt kräftigen und ent⸗ ſchloſſenen Ganges den Corridor hinauf nach ſeinen Zimmern hin. In ſeinem Cabinet angelangt, trat er haſtig zu ſeinem Schreibtiſch — ——— ———— — * —— — 126 hin. Da lag der Brief des Königs von Preußen, in welchem dieſer durch ſeinen Geſandten den Kaiſer zu einer Zuſammenkunft in Torgau einladen ließ. Der Kaiſer ſetzte ſich, und nahm mit einem tiefen Seufzer Feder und Papier, um dem Geſandten des großen Königs eine ablehnende Antwort zu ſchreiben.„Sagen Sie dem König, Ihrem Herrn,“ ſchrieb der Kaiſer,„daß ich immer noch nicht mein eigener Herr bin, und nach fremdem Willen leben muß; ich würde aber ſchon Mittel finden, die Grobheit, wozu mich jetzt meine Präceptoren nöthigen, ein ander Mal wieder gut zu machen.“*) VI. Der Tod als Befreier. Der alte grauſame Feind des Hauſes Habsburg war wieder ein⸗ gekehrt in die Kaiſerburg, aus welchem er ſchon ſo manchen Zweig des edlen Stammes abgeriſſen, und in die Gruft der Kaiſer hinabgeſchleu⸗ dert hatte. Dieſer unſichtbare, fürchterliche Feind, der von Geſchlecht zu Geſchlecht die Kaiſerfamilie verfolgt hatte, das waren die Pocken. Die Pocken, denen Kaiſer Franz und Kaiſer Leopold der Erſte, denen ſchon mehr als eine Kaiſerin zum Opfer gefallen, und die faſt alle Geſichter der Kinder Maria Thereſia's gezeichnet hatten. Die Pocken waren wieder eingezogen in das Kaiſerſchloß! Die Erzherzogin Johanna, die verlobte Braut des jungen Königs von Neapel, war das erſte Opfer, welches ſie forderten, und an dem Tage, an welchem man die ſchöne, kaum achtzehnjährige Prinzeſſin in die Gruft bei den Kapuzinern hinabſenkte, lief ein neuer Schreckensruf durch das Schloß, denn auch Joſepha, die unglückliche Gemahlin des Kaiſers, war davon befallen worden. Mit einer furchtbaren, verheerenden Gewalt hatte das entſetzliche Gift ſich durch den Körper der armen Joſepha ergoſſen, ihr Antlitz und ſie *) Hübner: Geſchichte Joſephs II. Th. I. S. 37.— Groß⸗Hoffinger, I. S. 116. ihre( ſetzten Kran übern wärte beſchie Kaiſer fieber entſte ſlüſter liches Blick hatte Geme Kbey Swi daß müſſ Then ſeinzi zuftt unbe dieſe lichſ nah abe ſep b d dieſer örgau Feder nende crieb und nden, ander rein⸗ g des ſchleu⸗ chlecht ocken. denen t alle Pocken zanna, erſte an die zinern 1 auch orden. eblich 6 und 127 ihre Geſtalt auf eine ſo grauenerregende Weiſe entſtellend, daß die ent⸗ ſetzten Dienerinnen todesbang und mit zitterndem Abſcheu aus dem Krankenzimmer entflohen, und Keine von ihnen die Pflege der Kranken übernehmen, oder in der verpeſteten Luft ihrer Nähe bleiben wollte. Und ſo lag ſie, gepflegt und behütet nur von gemietheten Kranken⸗ wärterinnen, die der edle Arzt van Swieten aus dem Hospital hierher beſchieden, auf ihrem Lager, die Gemahlin des Kaiſers, die regierende Kaiſerin Joſepha! Keine liebende Hand rückte das Kiſſen unter ihrem fieberbrennenden, hoch aufgeſchwollenen Haupt zurecht, oder reichte ihren entſtellten, blutenden Lippen den Labetrunk dar, keine freundliche Stimme flüſterte in ihr Ohr Worte des Troſtes, oder des Mitleids, kein freund⸗ liches Antlitz neigte ſich über ſie, und erquickte ihre Seele durch einen Blick des Erbarmens und der Theilnahme. Einſam und verlaſſen, wie ſie gelebt hatte, ſollte ſie ſterben! Wohl hatte Joſeph Tag und Nacht gewacht an dem Krankenbette ſeiner erſten Gemahlin, aber von dem Krankenbett Joſepha's hielt er ſich fern. Ver⸗ gebens war es geweſen, daß die kranke Kaiſerin täglich den Arzt van Swieten beſchwor, ihr den Gemahl zuzuführen; Kaiſer Joſeph erklärte, daß es ihm ſein Gewiſſen verbiete, zu ihr zu gehen, weil er fürchten müſſe, den Krankheitsſtoff weiter zu tragen, und ihn der Kaiſerin Maria Thereſia, welche bisher von den Pocken verſchont geblieben, oder ſeiner einzigen kleinen Tochter Thereſia, oder den jungen Erzherzoginnen zu⸗ zuführen. Und ſo lag ſie in ihren einſamen Schmerzen da, unbeklagt und unbemitleidet. Scheu und angſtvoll fliehen die Dienerinnen vorüber an dieſer Thür, hinter welcher der Tod in ſeiner abſchreckendſten und ſcheuß⸗ lichſten Geſtalt lauerte, und keine der Erzherzoginnen hatte ſo viel Theil⸗ nahme für die unglückliche, verlaſſene Schwägerin, um ihr Entſetzen überwinden und ſich in ihre Nähe wagen zu wollen. Aber ſie war dennoch nicht einſam, die arme, kranke Kaiſerin Jo⸗ ſepha, ſie war nicht verlaſſen, denn ihre Erinnerungen waren bei ihr, ſie umſtanden in grauen Spinnwebemänteln das Lager der Dulderin, je flüſterten ihr traurige und unheilsvolle Geſchichten in's Ohr, ſie alten ſie wach auf ihrem Lager mit den Erzählungen all der traurigen unheilsvollen Begegniſſe ihres Lebens. Da war nicht eine dieſer — —— 4A ——— 4☛‿— 1 „ 7 ———— 128 grauen Schattengeſtalten, welche ihr eine roſige Wange, ein heiteres Auge zeigte, farblos waren alle dieſe Angeſichter, von ſchmerzvollen Thrä⸗ nen umdüſtert alle dieſe Augen. Sie ſprachen zu ihr die Geiſter der Erinnerungen, ſie ſprachen zu ihr von den Tagen, welche geweſen, und mit ihnen gedachte ſie all der Schmerzen und des Jammers, all der Demüthigung und Schmach, welche ſie erduldet hatte. Ach, mit welchen Hoffnungen, welchen ſtolzen, ſeligen Zukunftsträumen war ſie eingezogen in dieſes Schloß, in welchem ſie jetzt, geflohen und gemieden von Jedermann, da lag. Mit welchem frendigen Entzücken war ihr Herz dem jungen, heißgeliebten Gemahl entgegen geflogen an jenem Hochzeitsabend, als er zu ihr eintrat in das ſchöne glänzende Gemach, und wie furchtbar, wie zerſchmetternd war die Täuſchung ge⸗ weſen! Sie gedachte deſſen. Sie gedachte auch, wie milde und erbarmend der Kaiſer Franz gegen ſie geweſen, wie er Mitleid gehabt mit ihren Leiden und ihrer Qual, wie er ſie heimlich auf jenen Maskenball in Insbruck geführt, damit ſie das Herz des Gemahls zu rühren ſuche durch ihre Liebe, und ihr Flehen. Aber Joſeph hatte ſie zurückgeſtoßen, und aus ihrer ſchmerzvollen Betäubung hatte man ſie aufgeſchreckt mit der Nachricht, daß der Kaiſer Franz plötzlich geſtorben ſei. Da war ſie laut jam— mernd niedergeſunken auf ihre Kniee, und hatte gerufen:„Unglückliche, die ich bin, ich habe meinen einzigen Beſchützer verloren!“*) Sie ge⸗ dachte deſſen. Sie gedachte auch, wie ſie einſam und verlaſſen ſeitdem in dem Kaiſerſchloß gelebt, immer den ſpöttelnden Bemerkungen der ſchönen Erzherzogin Chriſtine ausgeſetzt, welche es der armen Joſepha niemals hatte verzeihen können, daß ſie, und nicht die ſächſiſche Kunigunde, die Schweſter des geliebten Prinzen Albert, die Gemahlin Joſephs gewor⸗ den.**) Selbſt die ſonſt ſo erbarmungsvolle und gütige Kaiſerin Maria Thereſia hatte kein Erbarmen mit ihr gehabt, ſelbſt ſie war hart und rauh gegen ſie geweſen, und hatte es ihr nie verzeihen können, daß die *) Wraxall, Vol. II., p. 411. **) Ebendaſelbſt S. 413. iteres Thrä⸗ er der und Ul der umen rund züden en an nzende ng ge Franz ihrer eführt, Libbe, z ihrer chricht t jru icliche, jie ge in dem ſchönen iiemals de, die gewo⸗ Maria att und daß die 129 arme Joſepha, in grauſamer IJronie des Schickſals, den Titel einer regierenden Kaiſerin führe! Eines Tages, wie ſie zur Famillientafel hinabgegangen war in den Saal, hatte der Oberhofmeiſter die Thüren geöffnet, und bei ihrem Eintreten laut hineingerufen in den Saal: Ihro Majeſtät, die regierende Kaiſerin. Da waren die jungen Erz⸗ herzoginnen und Erzherzoge in ein lautes, ſpöttiſches Gelächter ausge⸗ brochen, und ſelbſt Maria Thereſia hatte ſpöttiſch gelacht.*) Sie ge⸗ dachte deſſen. Sie gedachte auch, wie ihr armes gemartertes Herz immer noch nicht die Hoffnung auf Liebe und Glück hatte aufgeben können, wie ſie es immer wieder verſucht hatte, durch ihre Ergebenheit und Demuth, ihre Unterwürfigkeit und Liebe, das Herz ihres Gemahls zu rühren, und ſich, wenn auch nicht Liebe, doch wenigſtens Duldung und Erbar⸗ men von ihm zu erflehen. Aber er hatte ſie immer vermieden, und jedes Zwiegeſpräch mit ihm unmöglich gemacht. Eines Tages hatte ſie es mit Gewalt erzwingen wollen! Sie hatte gewußt, daß der Kaiſer jeden Morgen auf den Balcon zu gehen pflegte, der ſich vor dem Salon befand, welcher die Gemächer der Kaiſerin von denen ihres Gemahls trennte. Zu der Stunde, in welcher er dort zu ſein pflegte, war auch Joſepha auf den Balcon gegangen, und ſie hatte dort den Kaiſer ge⸗ troffen. Aber als er ſie erblickte, hatte er, ihres Flehens, ihrer Thränen nicht achtend, taub gegen ihre Bitte, ihr eine Viertelſtunde Gehör zu geben, ſtumm und mit einem kalten und zornigen Blick den Balcon verlaſſen. Als ſie am andern Tage wieder auf den Balcon ging, fand ſie den Balcon durch eine hohe, ſpaniſche Wand getheilt, ſo daß die Hälfte deſſelben nicht von dieſer Thür aus zugänglich war. Der Kaiſer hatte ſich dies Separatum machen laſſen, um ſeiner Gemahlin nicht auf dem Balcon zu begegnen, und oft hatte ſie ſeitdem die Demüthigung erlitten, daß, wenn Joſepha auf ihrer, durch die Thür zugänglichen Seite des Balcons war, der Kaiſer ſich vor Aller Augen durch das Fenſter, vor welchem ſeine abgeſonderte Seite des Balcons lag, auf denſelben hinausſchwang.**) Sie gedachte deſſen. *) Hübner, Geſchichte Joſephs II., S. 27. **) Karoline Pichler: Denkwürdigkeiten. Th. I. S. 142. Kaiſer Joſeph. 1. Abth. III. 9 — 4 5 L — —— — B——— 130 Sie gedachte auch, wie ſie trotz aller ſeiner Härte, ſeiner Grau⸗ ſamkeit ihn dennoch geliebt, ja, wie ſie gefühlt habe, daß Joſeph wohl ein Recht habe, ſie zu haſſen und zu verabſcheuen, wie er ihr nimmer verzeihen könne, daß ſie an jenem Hochzeitsabend ſeinem edlen und offenen Vertrauen nicht offen entgegengekommen war, und nicht den Muth gehabt, ihm die Wahrheit zu ſagen. Aber jetzt hatte ſie dieſes Unrecht geſühnt, geſühnt mit zwei Jahren der Thränen, der Demüthigungen und der Schmerzen, jetzt, da ſie im Begriff war, zu ſterben, und ihn von ihrer verhaßten Gegenwart zu befreien, jetzt konnte er wohl Barmherzigkeit üben, jetzt durfte er ihr ver⸗ zeihen, daß ſie mit ihrer dunklen, traurigen Exiſtenz ſein Leben getrübt hatte! Oh nur Einmal noch ſehnte ſie ſich, ihn zu ſehen, nur Einmal noch dieſe wundervollen großen Augen zu ſchauen, die für ſie der ganze Himmel geweſen waren, nur Einmal noch dieſe Stimme zu hören, die ihr ſtets wie die ſchönſte und herrlichſte Muſik erklungen war! Aber er war unerbittlich bei all ihrem Flehen, ihrer Sehnſucht! Immer wieder war van Swieten mit traurigem Kopfſchütteln zu ihr zurückgekehrt, und hatte geſagt:„Der Kaiſer wagt es nicht zu kommen. Er fürchtet die Anſteckung für die Kaiſerin oder ſeine Geſchwiſter!“ In der Verzweiflung ihrer Sehnſucht hatte Joſepha es ſogar über ſich vermocht, ihre furchtbaren Qualen zu überwinden, ſich aufzurichten von ihrem Lager, mit ihren blutenden, zerfetzten Händen die Feder zu nehmen, ihre geſchwollenen, ſchwarz unterlaufenen Augenlider, ungeachtet der folterndſten Schmerzen, weit aufzuſchlagen und an ihren Gemahl einen flehenden Jammerbrief zu ſchreiben. Van Swieten ſelbſt hatte dieſen mit Thränen und Blut befeuchteten Brief zum Kaiſer getragen; als er aber nach kurzer Zeit mit demſelben traurigen Geſicht zurückkehrte, und die frühere Weigerung des Kaiſers wiederholte, da brach Joſepha in ſo laute, herzzerreißende Klagen, in ſo verzweiflungsvolles Wehegeſchrei aus, daß es weithin alle Gemächer und Säle des Schloſſes durchhallte. Van Swieten, von Grauen und Mitlled ergriffen, fühlte, daß er das Aeußerſte wagen müſſe, um dieſer armen gemarterten Seele Troſt zu bringen, daß es, da es für ihren Körper keine Rettung und keine Arzenei mehr gebe, jetzt ſeine Pflicht ſei, der Arzt ihrer Seele zu werden. rau⸗ wohl imer und den hren im t zu ver⸗ atte! mmal anze die icht! ihr men. „In ſich von men, der einen teten elben iſers 7, in ächer ß 8 Troſt keine rden 131 Mit dem von Joſepha geſchriebenen Briefchen, welches der Kaiſer ihm ſchaudernd zurückgegeben, eilte van Swieten zur Kaiſerin Maria Thereſia. In edler Aufregung, tief ergriffen von den Schmerzen, welche Joſepha an Körper und Seele zu dulden hatte, ſchilderte er der Kai⸗ ſerin das Leiden und die Qual der armen Joſepha, und beſchwor ſie, des Kaiſers Mitleid zu erbitten, ihn zu vermögen, daß er die letzte Sehnſucht dieſer armen Seele befriedigen, und ihr Verſöhnung und Ruhe bringen ſolle. Die Kaiſerin hatte dem edlen Arzt, dem langjährigen Vertrauten ihrer Familie, tiefbewegt zugehört. Thränen des Mitleids ſtanden in ihren Augen und glitten langſam über ihre erbleichten Wangen nieder. Und der Joſeph will nicht zu ihr gehen, weil er fürchtet die An⸗ ſteckung weiter zu tragen in der Familie? fragte Maria Thereſia, als der Arzt ſchwieg. Ja, Majeſtät, er fürchtet für Ew. Majeſtät und die Erzherzoginnen. Nun, für mich braucht er nicht fürchten, und von den Erzherzo⸗ ginnen kann er ſich fern halten, rief Maria Thereſia. Aber ich weiß wohl, was ſeines Herzens innerſte Meinung iſt, weiß, daß er die Jo⸗ ſepha haßt und daß es der Haß iſt, welcher aus ihm ſpricht. Er hat ein kaltes, ſtörriſches Herz, und er will's ihr ſelbſt im Tode nit ver⸗ zeihen, was ſie ihm Böſes gethan! Und ſie wird nicht ſterben können, bevor ſie ihn geſehen, ſagte der Arzt traurig. Es iſt, als klammere ſich ihre Seele mit Gewalt an ihren Körper an, der ſchon die Spuren des Todes und der Verweſung an ſich trägt, als zwinge ſie den Tod ihr fern zu bleiben, bis ſie das letzte Ziel ihres Daſeins erreicht habe. Oh, es iſt ein furchtbarer Anblick, dieſe zerfallende, verweſende Geſtalt zu ſehen, aus deren Augen die Seele noch mit ſo hellen Feuerblitzen der Verzweiflung herausglüht. Die Kaiſerin ſchauderte. Komme Er, Swieten, ſagte ſie, ich will den Joſeph wohl zwingen, zu ſeiner armen, ſterbenden Gemahlin zu gehen! Und mit heftigen, entſchloſſenen Schritten eilte ſie der Thür zu. Van Swieten wagte es, ſie zurückhalten zu wollen. Wohin wollen Ew. Majeſtät gehen? fragte er. Warum wollen Sie den Kaiſer nicht lieber hierher beſcheiden laſſen, und ihn bitten, zu ſeiner Gemahlin zu gehen? Oh, bleiben Ew. Majeſtät, überlaſſen Sie Sich nicht die⸗ 9* — — 1 — 4— — —— — ——y 6 1 13²2 ſer aufgeregten Stimmung. Erlauben Sie mir, den Kaiſer hierher zu rufen? Halte Er mich nicht auf, ſagte die Kaiſerin vorwärts ſchreitend. Ich will nicht zum Kaiſer gehen! Und was wollen Ew. Majeſtät denn ſonſt thun? fragte van Swieten entſetzt. Die Kaiſerin, welche ſchon das Vorzimmer durchſchritt, blieb ſtehen, und wandte ihr Antlitz, welches in edler Energie ſtrahlte, dem Arzte zu. Ich will thun, was meines Amtes und meiner Pflicht iſt, ſagte ſie mit voller, mächtiger Stimme. Ich will thun, was mir die chriſt⸗ liche Liebe und mein eigen Herz gebietet. Ich will zu Joſepha gehen! Nein, Majeſtät, rief van Swieten, indem er, aller Etiquette zum Trotz, mit ſeinen beiden Händen den Arm der Kaiſerin faßte, und ſie zurück hielt, nein, Sie werden das nicht thun! Sie dürfen Sich nicht dieſer furchtbaren Gefahr ausſetzen, die vielleicht an dem Sterbebette der Kaiſerin Ihrer wartet, Sie ſind es Ihrem Volke, Ihren Kindern ſchuldig, Sich vor jeder Anſteckung zu behüten und zu wahren! Die Kaiſerin lächelte faſt verächtlich. Doctor, ſagte ſie, woher hat meine Tochter Johanna, welche wir vor acht Tagen begraben haben, dieſe Krankheit bekomnen? Woher hat Iſabella, des Joſephs erſte Ge⸗ mahlin, ſie bekommen! Nicht durch Anſteckung! Denn Niemand hatte die Krankheit vor ihnen im Schloß gehabt. Gott war es, welcher ih⸗ nen dieſe Krankheit ſandte, und ſie zu ſich rief, Gott war es, welcher mich bisher vor dieſer Krankheit beſchützte. Wenn er will, daß auch ich ſie erleiden ſoll, ſo braucht es dazu nicht der⸗Anſteckung, ſo kann ich ſie bekommen, wie ſie Johanna und Iſabella bekommen haben, ohne Anſteckung. Gott wachet über uns Allen, laſſe Er uns gehen! Nein, Majeſtät, nein, rief van Swieten, immer noch bemüht, die Kaiſerin zurückzuhalten. Es iſt wahr, Ew. Majeſtät kann dieſe furcht⸗ bare Krankheit auch ohne Anſteckung bekommen, aber dann iſt es der Wille Gottes, nicht die Schuld der Menſchen, wie es jetzt meine Schuld ſein würde, wenn Ew. Majeſtät ſie an dem Sterbelager der Kaiſerin empfingen. 4 Ich ſpreche Ihn von dieſer Schuld frei, ſagte die Kaiſerin. Halte Er mich nicht auf, denn ich ſage Ihm, es iſt meine Pflicht, das arme her nd. 133 bejammernswerthe Weib aufzuſuchen in ihren Nöthen und in ihrer Todespein. Bin ihr das ſchuldig in meinem Gewiſſen, welches mich verklagt, daß ich oft hart und grauſam gegen ſie geweſen bin, und nicht das Erbarmen mit ihr gehabt hab', welches wir Alle eines Tages in unſerer Sterbeſtund' wünſchen werden, mit unſern Nächſten gehabt zu haben. Nein, nein, die Joſepha ſoll nicht einſam und unbeklagt ſterben, bin ihr keine gute und zärtliche Mutter im Leben geweſen, will's ihr alſo wenigſtens im Sterben ſein! Aber weshalb wollen Ew. Majeſtät gehen, da die Kranke gar nicht nach Ihnen verlangt hat! rief van Swieten. Warum— Auf einmal, wie er ſeine angſtvollen, flehenden Blicke auf das Antlitz der Kaiſerin heftete, zuckte er, wie von jähem Schreck ergriffen, zuſammen, und ein Schrei des Entſetzens entfuhr ſeinen Lippen. Er hatte da auf den Wangen und der Stirn Maria Thereſia's dieſe kleinen dunklen Flecke bemerkt, welche dem ſcharfen Auge des erfahrenen Arztes ſagten, daß die Krankheit, vor welcher er die Kaiſerin bewahren wollte, ſchon in ihr ſei, und bald ihre glühenden Purpurmale über ihre ganze Geſtalt ergießen werde. Maria Thereſia war ſelbſt viel zu erregt, um die plötzliche, ſchreckens⸗ volle Erregung van Swietens gewahren zu können. Wenn die Kranke nicht nach mir verlangt hat, ſagte ſie nun, ſo verlange ich nach ihr, und werde alſo zu ihr gehen. Halte Er mich nicht mehr auf, van Swieten, denn ich ſage Ihm, ich will zu ihr ge⸗ hen, und all Sein Flehen hält mich nicht zurück. Gehe Er aber zum Kaiſer, und ſage Er ihm, daß die Maria Thereſia ihn am Sterbebett ſeiner Gemahlin erwarte. Ich denk', daß er ſich nicht mehr weigern wird, mit Ihm zu gehen! Und jetzt, Doctor, gehe Er, und laſſe Er mich gehen! Wir müſſen Beide unſere Pflicht erfüllen! Van Swieten trat von der Thür zurück, deren Ausgang er bis jetzt der Kaiſerin verſperrt hatte. Ich halte Ew. Majeſtät nicht mehr zurück, ſagte er tonlos, ge⸗ hen Sie zu der kranken Kaiſerin. Ich werde den Kaiſer auch dahin führen!— Und mit haſtigen Schritten eilte er von dannen, indem er leiſe vor ſich hin murmelte: die eine Kaiſerin liegt im Sterben, und noch heute — Vagt — — ——— —, ᷣ-— — — — ⸗ 134 werden wir die andere Kaiſerin auf das Krankenlager betten müſſen! Oh mein Gott, werde ich wenigſtens Kraft haben, dieſe zu erretten? Während van Swieten den Kaiſer aufſuchte, ging Maria Thereſia mit feſtem, entſchloſſenem Schritt weiter durch die verödeten Säle und Gemächer, deren unheimliche Stille ſie mit Grauſen und Entſetzen er⸗ füllte. Aber jetzt ward dieſe Stille durch lautes Klagegeſchrei und Jammern unterbrochen, denn die Kaiſerin betrat jetzt das Vorzimmer der Kranken, deren Jammergeſtöhn das Herz Maria Thereſia's mit Ent⸗ ſetzen erfüllte. Einen Moment ſchien die Kaiſerin zu ſchwanken, und trat zögernd und unentſchloſſen von der Thür zurück, hinter welcher das grauenhafte Todesächzen ertönte. Aber dann ſchritt ſie muthvoll weiter, und öffnete mit entſchloſſener Hand die Thür des Krankenzimmers. Mit halb geſchloſſenen Augen, um nichts zu ſehen, und durch nichts, was ſie ſehen konnte, ſie zurückſchrecken zu laſſen, eilte die Kaiſerin vor⸗ wärts, gerade zu dem Lager hin, vor welchem zwei Urſulinerinnen, zwei dieſer muthigen und unverdroſſenen Krankenpflegerinnen, welche van Swieten hierher gebracht, auf ihren Knieen lagen, und leiſe Gebete murmelten. Sie ließen ſich durch das Nahen der Kaiſerin nicht unter⸗ brechen in ihrem frommen Dienſt; da ſie dem Körper keine Hülfe mehr zu bringen vermochten, wollten ſie der Seele den Troſt ihrer Gebete darbringen. Ob Joſepha dieſen Troſt empfand? Sie hatte vorher laut ge⸗ wimmert und geklagt, jetzt war ſie ſtill. Sie hatte die Thür ſich öffnen gehört, mit einer letzten, furchtbaren Anſtrengung hatte ſie verſucht ſich emporzurichten, aber ihre Seele hatte ihrem Körper nicht zu gebieten vermocht, und mit einem leiſen Todesächzen war ihr Haupt in die Kiſſen zurückgeſunken. Aber ihre Seele war noch nicht geſtorben, ſie ſtrahlte noch aus ihren Augen, die mit geſpannter, angſtooller Erwartung der Thür zugewandt waren. Jetzt gewahrte ſie die Kaiſerin, welche an ihr Lager trat, welche, mit dem Muth einer edlen Seele ihr Entſetzen und Grauen überwindend, ſich über ſie neigte, und ſie mit einem Lächeln begrüßte, ſo ſanft und gütevoll, wie Joſepha es niemals früher von ihr empfangen. Gott ſegne Dich, meine arme Tochter Joſepha! flüſterte die Kai⸗ ſerin tiefbewegt. Ich komme zu Dir, um Dir den Segen einer Mutter 135⁵5 Oh zu bringen, um mit Dir Gott zu bitten, daß er Deiner armen Seele den Frieden gebe. eſia Frieden! Frieden! murmelte die Kranke, deren ſchwarzbeflecktes, und blutendes, hochgeſchwollenes Antlitz einen grauenvollen Anblick darbot. er⸗ luf einmal ſtieß ſie einen gellenden Schrei aus, auf einmal richtete ſie und ſich auf und breitete ihre Arme empor. Er kommt! Er kommtl rief mer ſie, und über ihr entſtelltes Antlitz flog etwas wie ein Sonnenſtrahl int des Glückes hin. Ja, er war gekommen, er, den ſie ſo lange erſehnt und erwartet, das er war gekommen! Wie er von dem Arzt erfahren, daß Maria Thereſia iter, ſelber zu der Sterbenden gegangen, war er fortgeſtürzt in ſo raſender ters. Eile, daß der Arzt ihm kaum zu folgen vermochte. cts, Sich dem Krankenbett ſeiner Gemahlin nähernd, legte er ſanft den vol⸗ Arm um die Geſtalt ſeiner Mutter, und ſuchte ſie zurückzudrängen. zwei Meine Mutter, ſagte er flehend, überlaſſen Sie mir dieſe Stelle, ſie van gebührt mir. Sagen Sie meiner Gemahlin Lebewohl, und dann bete gehen Sie! 4 nter Oh, oh, ſtöhnte Joſepha, in ihre Kiſſen zurückſinkend, er kommt „ nicht um meinetwillen, ſondern um ſeiner Mutter willen! vch Nein Joſepha, nein, ſagte Joſeph traurig, ich k ch Ih⸗ 1 bbete Mein, epha, nein, ſag g, ich kam auch um Ih 1 retwillen, und ich bleibe um Ihretwillen. 3 Und auch ich bleibe, rief Maria Thereſia. Dieſe heilige und große 4 hue Stunde ſoll vereinen in Liebe, was ſo lange in Mißſtimmung und 8 ſih Irrthum getrennt war. Das Leben iſt ein fortwährendes Suchen und 8 Irren. Auch wir haben geirrt und gefehlt, und wir kommen jetzt, meine 4 eien Tochter, um von Dir unſere Verzeihung zu erflehen. Fühl's wohl, daß iſen ich oft hart geweſen bin und ohn' Erbarmen! Verzeih's mir, Joſepha, ahlte verzeih's mir um der Liebe Gottes willen, den Du bald ſchauen wirſt nde von Angeſicht zu Angeſicht! 4 1 5 8 Berzeihen Sie auch mir, Joſepha, ſagte Joſeph tiefbewegt. Laſſen Sie uns in Frieden ſcheiden! Verzeihen Sie mir meine Härte, meine cheln Grauſamkeit, wie ich Ihnen vergeben will, was Sie mir Uebles gethan. pen Wir waren zwei irrende Unglückliche, welche mitemander das Glück nicht zu finden vermochten! 9 Nein, flüſterte Joſepha leiſe, nein, ich war nicht unglücklich, denn du 2 136 ich,— ich liebte. Nein, ich bin nicht unglücklich, denn die Liebe ſteht an meinem Lager, und ſie ſchaut mich nicht mehr wie ſonſt mit zürnen⸗ den und verachtenden Augen an, ſondern mit ſanften mitleidsvollen Blicken. Oh, ich werde ſterben unter dieſen Blicken der verſöhnten Liebe! Auch der Tod iſt die Liebe, und er wird jetzt kommen, meine Lippen zu küſſen, dieſe Lippen, welche Niemand ſonſt küſſen mochte. Oh, der Tod wird mein erſter Geliebter ſein, und ich werde in ſeliger Umar⸗ mung mich an ihn ſchmiegen. Er wendet ſich nicht von mir, Er nicht, denn der Tod iſt die Liebe und das Erbarmen! Der Tod wird von meinem Antlitz dieſe häßliche, abſcheuliche Maske wegnehmen, welche das Leben mir aufgeheftet hat, der Tod wird meiner Seele ihre Schönheit wiedergeben, und dann wird Joſeph mich auch lieben, und dann wird er mein gedenken und ſich mir verſöhnen, denn der Tod iſt die Ver⸗ ſöhnung! Er kommt! Ich fühle ſchon ſeinen Kuß! Lebewohl, Joſeph! Der Tod iſt die Liebe und die Verſöhnung! Lebewohl! Lebewohl, Joſepha! flüſterten Joſeph und Maria Thereſia zugleich. Eine bange fürchterliche Pauſe trat ein, dann ein banges ſchmerz⸗ volles, zuckendes Aufathmen, und wieder war Alles ſtill! Sie iſt erlöſt! ſagte van Swieten, indem er an die andere Seite des Lagers trat. Möge ihre Seele in Frieden ſcheiden! Die Urſulinerinnen begannen die Todesgebete, Maria Thereſia, überfluthet von Thränen, faltete ihre Hände und wiederholte leiſe die heiligen Worte der frommen Schweſtern. Auf einmal ſtieß ſie einen Schrei aus, und ſank rückwärts taumelnd, in die Arme des Kaiſers. Meine Mutter, meine theure Mutter! rief Joſeph entſetzt. Van Swieten legte leiſe ſeine Hand auf des Kaiſers Schulter. Still, Majeſtät, ſtill, ſagte er feierlich. Stören wir nicht die Ruhe der beiden Kaiſerinnen. Jene dort hat ausgelitten, dieſe hier wird noch viel zu leiden haben. Möge Gott uns gnädig ſein, und meiner Wiſſen⸗ ſchaft Kraft geben, Maria Thereſia dem Tode zu entreißen! Dem Todes rief Joſeph entſetzt. Ja, dem Tode! ſagte van Swieten. Die Kaiſerin hat die Pocken!*) *) Die Kaiſerin Joſepha ſtarb am 28. Mai 1767, neun und zwanzig Jahre alt. Die Pocken, denen ſie erlag, waren in ihrem ſiechen Körper mit ernen⸗ vollen Liebe! en zu , der mar nicht, von he das önheit wird Ver⸗ vſeph! gleich. omer⸗ Seite ereſia, ſe die einen ſers. Hulter. he dei d noch Wiſſn einer ſo furchtbaren Heftigkeit ausgebrochen, daß, wie Wraxall erzählt,„einzelne Theile ihres Körpers ſchon vor ihrem Tode in Verweſung und Fäulniß über⸗ gingen.“ Auch erfolgte nach dem Tode die Auflöſung ſo ſchnell, daß es un⸗ möglich war, die Leiche, wie es ſonſt bei den Leichen der Kaiſerfamilie geſchah, einzubalſamiren, und vor dem Publikum zur Schau auszuſtellen. Man war genöthigt, die Leiche ſofort in Leinen einzunähen, und nur der geſchloſſene Sarg konnte öffentlich ausgeſtellt werden. Daher verbreitete ſich namentlich in Bai⸗ ern, wo man wußte, wie unglücklich Kaiſer Joſeph mit ſeiner Gemahlin lebte, die Sage, die Kaiſerin Joſepha ſei gar nicht geſtorben, ſondern heimlich in ein Kloſter gebracht, und nur zum Schein habe man ſie beerdigt. Viele Leute langen Jahren, daß ſie noch lebe, ja es gab Leute, welche glaubten noch nach aiern wollten erkannt die Kaiſerin Joſepha als Nonne in einem Kloſter in B haben. Karoline Pichler Denkwürdigkeiten. Th. I. S. 142. VII. Die Spiegel. Sechs bange Wochen waren vergangen, ſechs Wochen der Traurig⸗ keit, der Angſt und Sorge, nicht blos für das Kaiſerhaus, ſondern für ganz Wien, für ganz Oeſterreich! Wie ein verheerender Sturmwind war durch ganz Oeſterreich die Kunde dahin gebrauſt:„die Kaiſerin hat die Pocken! Die Kaiſerin iſt in Todesgefahr!“ Ueberall hatte man ſie mit Wehklagen und Thränen aufgenommen, überall harrte man mit banger Trauer auf Nachrichten aus dem Kaiſerſchloß, wo van Swieten und von Störk, die beiden Leibärzte der Kaiſerin, Tag und Nacht an dem Lager der Kranken weilten, alle Mittel ihrer Wiſſenſchaft aufwen⸗ dend, um das Leben Maria Thereſia's dem Tode abzuringen. Aus allen Provinzen ſandte man Deputationen nach der Hauptſtadt, um dem jungen Kaiſer das Beileid und die Sympathieen der Unterthanen zu verſichern, und Tauſende von Menſchen umlagerten zu allen Zeiten des Tages die Kaiſerburg, um die erſten zu ſein, welche die Bulletins empfingen, die van Swieten vier Mal des Tages über das Befinden der Kaiſerin ausgab. ——; —— —————— 138 Endlich war die Gefahr vorüber, endlich nach ſechs Wochen der Krankheit konnte van Swieten das Schloß wieder verlaſſen, und in ſeine eigene Wohnung zurückkehren, denn die Kaiſerin war geneſen, und keine Nachtwachen und keine Bulletins waren mehr nöthig! Ja, die Kaiſerin war geneſen! Auf den Arm des Kaiſers geſtützt, umjauchzt von ihren Kindern, welche Alle ſie anſchaueten mit freude⸗ ſtrahlenden Blicken und lächelnden Purpurlippen, verließ Maria Thereſia heute zum erſten Mal ihr graues, trauriges Wittwenzimmer, und durch⸗ ſchritt, ihre Kräfte prüfend, die Reihe der Gemächer, welche der Kaiſer zu ihrem Empfang ganz neu und mit wahrhafter Pracht hatte aus⸗ ſchmücken laſſen. Maria Thereſia dankte ihrem Sohn mit einem zärtlichen Lächeln für dieſe zarte Aufmerkſamkeit, die ſo wenig mit Joſephs ſparſamem und prunkloſem Sinn übereinſtimmte, und ihr ein um ſo ſchönerer und rüh⸗ renderer Beweis war, wie gern der Kaiſer bemüht geweſen, ſeiner Mutter in ihrem Sinn eine Ueberraſchung zu bereiten. Sie wollte ihm daher auch beweiſen, wie ſehr ſie ſich dieſes koſtbaren und herrlichen Arrangements freue, wie ganz alle dieſe ſchönen Dinge ihrem Geſchmack entſprächen. Sie bewunderte die koſtbaren türkiſchen Teppiche der Fuß⸗ böden, die herrlichen Gobelins der Wände, die Tiſche von duftenden Hölzern geſchnitzt, oder ausgelegt mit Edelſteinen und florentiniſcher Mo⸗ ſaik, die prachtvollen Meubles mit goldgeſticktem Sammet überzogen, die herrlichen Luſtres von Bergkryſtall und Gold, und all dieſe vielen zierlichen und koſtbaren Kleinigkeiten, welche hier und dort auf den Etageèren und Conſolen umherſtanden. 3 Wahrlich; mein Sohn, ſagte die Kaiſerin, als ſie ſich, im Begriff in ihr Wohnzimmer zurückzukehren, noch einmal nach der Reihe der ſchönen, von Gold und Edelſteinen, von Kryſtall, Sammet und Seide ſchimmernden Säle umſchauete, wahrlich, mein Sohn, Du haſt mir da mit dem Zartſinn und Geſchmack einer Frau meine Zimmer ausge⸗ ſchmückt, und es iſt ſchön und herzig, daß Du Alles ſelbſt beſtimmt und ſelbſt ausgewählt und angeordnet haſt, ſo ſinnig und prächtig, daß es ein Vergnügen und eine Freude iſt! Nur Eins hat der Herr Sohn vergeſſen, und daran zeigt er grad recht, daß er doch keine Frau iſt, ſondern ein rechter Mann. geſſen jeſtät dieſes zeihun ſollen fen? heit und ſien en der nd in neſen, ſtützt eude⸗ ereſia urch Laiſer Eins habe ich vergeſſen, Majeſtät? fragte Joſeph. Ja, mein Sohn, und zwar Eins, welches eine Frau nimmer ver geſſen haben würde, die Spiegel! Die Spiegel! rief Joſeph erſchrocken. Ja in der That, Ew. Ma jeſtät haben Recht, die Spiegel habe ich vergeſſen! Aber ich werde dieſes Verſehen, um welches ich Ew. Majeſtät tauſend Mal um Ver⸗ zeihung bitte, wieder gut machen. Die ſchönſten venetianiſchen Spiegel ſollen in einigen Wochen ſchon dieſe Gemächer hier zieren! Die Kaiſerin hatte, während Joſeph ſprach, ihn mit feſten, ſchar fen Blicken angeſchaut, und ſehr wohl ſeine Befangenheit und Verlegen⸗ heit bemerkt; jetzt wandte ſie langſam das Auge zu ihren Töchtern hin, und ſah wie plötzlich das Lächeln von ihren Lippen gewichen war, wie ſie mit niedergeſchlagenen Augen, ſichtbar befangen, ihr gegenüber ſtanden. In einigen Wochen erſt ſoll ich meine Spiegel haben! ſagte Maria Thereſia nach einer Pauſe. Es ſcheint, mein Sohn, Du hältſt mich für wenig eitel, daß Du vermeinſt, ich könnte Wochen lang der Spiegel entbehren, und der Freude, mein eigen Antlitz zu ſchauen. Denk doch, die böſen Pocken werden Reſpect gehabt haben vor dem Antlitz einer Kaiſerin, und ſie werden es nit gewagt haben, ihre böſen Schriftzeichen auch über meine Wangen zu ziehen! Nicht wahr, meine kleine Marie Antoinette, man ſieht nichts von den Pocken mehr in meinem Angeſicht? Die junge Erzherzogin ſchreckte zuſammen bei dieſer Frage, und hob langſam ihre großen Augen zu ihrer Mutter empor. Meine gnä dige Mama iſt immer noch ſo ſchön, als ſie war, ſagte das Kind mit bewegter zitternder Stimme. Und Ew. Majeſtät werden für uns auch dann noch ſchön ſein, wenn das Alter längſt ſchon ſeine Schriftzeichen und Runzeln durch Ihr Antlitz gezogen, ſagte Joſeph mit innigem Ton. In den Herzen Ihrer Kinder wird auch dann noch das ſchöne, ſtrahlende Bild unſerer Erinnerungen nicht verbleichen, welches uns unſere edle, erhabene Mutter im Glanz der Schönheit, der Jugend und Anmuth zeigt! Eine edle, angebetete Mutter bleibt für ihre Kinder immer jung und ſchön! Die Kaiſerin erwiderte nichts; ſie verabſchiedete mit einem freund⸗ lichen Kopfnicken ihre Kinder, und trat dann in ihr Wohnzimmer zurück. Mit haſtigen Schritten, verloren in tiefen Gedanken, ging Maria Thereſia ——-— ———— 140 einige Male auf und ab, dann näherte ſie ſich entſchloſſen der Wand, wo zwiſchen den beiden Fenſtern des Gemaches ſonſt der große vene⸗ tianiſche Spiegel ſich befand. Man hatte, einem alten Aberglauben zu⸗ folge, welcher verbietet, die Spiegel in der Nähe gefährlich Kranker un⸗ bedeckt zu laſſen, auch dieſen Spiegel hier verhüllt, und ein ſchwerer ſeidener Vorhang verbarg ihn jetzt. Die Kaiſerin ſchob mit entſchloſſener Hand den Vorhang bei Seite, aber hinter demſelben fand ſie nicht den erwarteten Spiegel, ſondern ein lebensgroßes, meiſterhaftes Portrait ihres ſo heiß geliebten, ſo tief betrauerten Gemahls, des Kaiſers Franz. Die Kaiſerin ſtieß einen Schrei der Ueberraſchung aus, und ſchaute lange und mit einem ſeligen Lächeln zu dem Bilde empor. Gott grüß Dich, mein Franzel, mein großer Kaiſer, flüſterte ſie. Schauſt mich ſo freundlich und ſo herzig an, wie Du's allzeit im Leben gethan. Haſt nimmer für mich ein anderes Geſicht und einen anderen Ausdruck ge⸗ habt, und wirſt Dich auch jetzt mir nicht ändern, wenn ich auch nim⸗ mer mehr Deine ſchöne und ſchmucke Maria Thereſia bin, ſondern ein häßliches, altes Weib, dem ſie die Spiegel fortnehmen müſſen, damit ſie nit erſchrickt vor ihrer eigenen Fratz! Schau mich an mit Deinen lieben glänzenden Augen, mein herziger Franzel, ſie ſind mir immer der beſte Spiegel geweſen, und in ihnen hab' ich mein beſtes und ſchönſtes Lebensglück erſchaut. Deine Augen ſind erloſchen, der Spiegel meines Glückes iſt erblindet, und mit ihr meine Jugend und meine Schönheit!'S hat keinen Werth für mich, denn ſeit Du nicht mehr an meiner Seite biſt, mein Franzel, iſt Deine Maria Thereſia keine Frau mehr, ſondern nur noch eine Kaiſerin, und die werd' ich ſchon bleiben können, wenn auch die Pocken mein Antlitz verunſtaltet haben! Aber ich will's wiſſen, wie ich ausſchau, ſagte ſie, von dem Bilde zurücktretend. Wills ihnen Allen zeigen, daß ich nicht ſo feig und ſo eitel bin, wie ſie vermeinen! Sie trat zum Tiſch und ſchellte mit der goldenen Handklingel. Sofort öffnete ſich die Thür des Nebengemaches, und Charlotte von Hieronymus trat ein. Die Kaiſerin begrüßte ſie mit einem freundlichen Kopfnicken. Es iſt Zeit zur Toilette, ſagte ſie unbefangen, will heut wieder einmal en famille mit dem Kaiſer und meinen übrigen Kindern ſpeiſen, und da wird's nöthig ſein, einmal wieder ein wenig Sorgfalt auf die mer gehe Die Die Kam Alles w frauen! lotte von und ſtell den die welchem M hierher hohen nutzt, ſchlagen Kaiſerin Je ſehen d riederl T und ſe die üb, und ern Theriſ igten d und de die h on U schen ellei iff and, vene⸗ zu⸗ un⸗ verer ſener den trait ranz. jaute giiß nich Haſt ge⸗ nim⸗ ein awit einen umer und iegel neine nehr keine ſchon ben! Bilde d ſo ngel⸗ von ichen heut dern gfalt 141 auf die Toilett' zu verwenden. Laß uns alſo in's Toilettenzim⸗ mer gehen. Die Kammerfrau verneigte ſich ſchweigend und öffnete die Thüren. Die Kaiſerin trat ein. Da lagen ſchon ihre Gewänder bereit, und Alles was zu ihrer Toilette gehörte, da ſtanden ſchon die Kammer⸗ frauen und Garderobenjungfern, ihres Dienſtes gewärtig, und Char⸗ lotte von Hieronymus griff mit geſchäftiger Eile nach den Kämmen, und ſtellte ſich auf ihren Fußſchemel hinter dem hochlehnigen Armſtuhl, den die Haiſerin ſonſt immer beim Friſiren eingenommen, und vor welchem ein großer ſtehender Toilettenſpiegel ſich befand. Man hatte, vielleicht nicht ahnend, daß die Kaiſerin heute ſchon hierher kommen werde, den Spiegel im gärzlichen Vergeſſen ſeiner hohen Bedeutſamkeit und Würde als eine Art Garderobenhalter be⸗ nutzt, und Kleider und Shawls, Mantillen und Hauben darüber ge⸗ ſchlagen, ſo daß gar nichts von ſeinem Glaſe zu ſehen war. Die Kaiſerin ſah das und lächelte. Jetzt endlich werde ich alſo doch mich von Angeſicht zu Angeſicht ſehen können, ſagte ſie zu ſich ſelbſt, indem ſie ſich auf dem Lehnſeſſel niederließ. Die kleine Kammerfrau nahm den Kamm, und ließ ihn traurig und ſeufzend durch das kurze, verſchnittene Haar der Kaiſerin gleiten, die übrigen Kammerfrauen ſtanden in ehrfurchtsvollem Schweigen da, und erwarteten irgend ein Wort, eine Frage der Kaiſerin. Aber Maria Thereſia, welche es ſonſt liebte, während des Haarkämmens ſich von ihren Frauen ein wenig von der chronique scandaleuse des Schloſſes und der Stadt erzählen zu laſſen, Maria Thereſia blieb heute ſtumm. Sie blickte nur zu dem Spiegel hin, und begann langſam und wie on Ungefähr mit dem Fuß die darüber hingeworfenen Gewänder ein ischen bei Seite zu ſchieben, dann, ſich ihrer eigenen Zaghaftigkeit ielleicht ſchämend, ſtreckte ſie den Arm aus, und ſchob mit einem raſchen Friff die Gegenſtände von dem Spiegel fort. Aber,— kein Spiegel zeigte ihr ihre Geſtalt! Nichts als eine ere, weiße Holztafel war da zu ſehen! Die Kaiſerin ſtieß einen Ruf es Unwillens aus, und wandte ſich zürnend zu ihrer Friſeurin um. Charlotte von Hieronymus indeß ſtand nicht mehr hinter ihr, ſie ——————— ——— 2—— ——————— — 2— ————— — — — 1 — 142 lag vor ihr auf den Knieen, und ihr bleiches, angſtvolles Antlitz zu ihrer Herrin erhebend, flehte ſie: Gnade, Majeſtät, Gnade! Ich allein bin die Schuldige! Ich allein habe dieſes Unglück angerichtet! Was für ein Unglück denn? fragte die Kaiſerin. Ich habe den Spiegel zerſchlagen, Majeſtät! Im Finſtern bin ich dagegen gerannt, daß er umfiel, und das Glas in tauſend Stücken zer⸗ ſchlagen und zerſprungen war. Oh verzeihen mir Ew. Majeſtät dieſe große Ungeſchicklichkeit. Umgeworfen haſt Du den ſchweren Spiegel? fragte die Kaiſerin. Das muß ein großes Gepolter gegeben haben! Wundre mich nur, daß ich gar nichts vernommen hab'! Bin doch ſeit Wochen nicht aus dem Zimmer dicht hier nebenbei fortgekommen! Es war gerade in der Zeit, als Ew. Majeſtät ſo ſehr krank waren, und in ſchweren Fieberphantaſieen lagen. Da hörten und wußten Ew. Majeſtät nicht, was um Sie her vorging. So lang alſo iſt's ſchon her, Charlotte, daß Du den Spiegel zerſchlugſt, rief die Kaiſerin. Schon drei Wochen! Du hiätteſt, mein“ ich, da doch Zeit gehabt, den Spiegel wieder machen zu laſſen? Charlotte ſchlug vor den ſcharfen, forſchenden Blicken der Kaiſerin das Auge zu Boden. Halten zu Gnaden, kaiſerliche Majeſtät, flüſterte ſie, aber ich dacht', Ew. Majeſtät würd's gar nicht gewahr werden, daß der Spiegel fehlt. Ew. Majeſtät haben ſonſt niemals mehr nach Ihrer Toilette geſchaut, und immer war ſonſt ſo wie heute der Spie⸗ gel verhangen, ohne daß Ew. Majeſtät darauf geachtet haben! Es iſt genug des Spiels und der Verſtellung, ſagte Maria The⸗ reſia unwillig. Haſt Deine Rolle gut gelernt und gut geſpielt, Char⸗ lotte, aber Ihr ſollt nicht denken, daß ich's nicht merk’, daß Ihr mit mir Comödie ſpielt. Steh' auf, mein Kind, und ſetz mir hurtig die Krepphaube wieder auf, und dann geh' und hole mir einen Spiegel! Einen Spiegel, Majeſtät? fragte Charlotte verwundert. Nun ja doch, einen Spiegel! Aber wo ſoll ich den herbekommen, Majeſtät? Ich habe keinen Spiegel! Nun, ſo gehe Eine von Euch da, und hol' mir einen Spiegel, rief die Kaiſerin ungeduldig. Ich ſag' Euch, ich will einen Spiegel haben, und ie Geh' mir ſo aus de daß m ſchmiſſ trag! dann n du,( jetzt n koſtet 2 weint, hätte, nung Haar U wief d und? Haar, gebete wiligt ſorg Hand Küſſer und uam athe ihlte e ſo er g n ih rren, Ew. jegel nein ſerin ſterte rden, nach Spie The⸗ Lhr⸗ mit die 3 gel 143 und ich verbiete Euch Allen, mir noch weitere Einwände zu machen! Geh' Sie hinaus, Sophie, und ſag' Sie den Kammerhuſaren, ſie ſollen mir ſofort einen Spiegel in mein Wohnzimmer ſchaffen! Sollen einen aus der untern Etage, wo ich ſonſt gewohnt, herauftragen. Denk' doch, daß man dort die Spiegel nicht auch alle wird zerſchlagen und zer⸗ ſchmiſſen haben. Eil' Sie Sich, Sophie, und beſorg' Sie meinen Auf⸗ trag! In einer Viertelſtund' komm ich in das Zimmer da zurück, und dann muß der Spiegel dort ſein. Jetzt geh' Sie hinaus, Sophie, und Du, Charlotte, mach' ſchnell, daß ich fertig werd'!'s iſt, denk' ich, jetzt nicht ein ſo ſchwierig Ding mehr mit meiner Toilette, und es koſtet Dir jetzt keine Thränen mehr, mein Haar in Ordnung zu bringen! Ach, ich wollt', es koſtete mir noch die Thränen, die ich ſonſt ge⸗ weint, flüſterte Charlotte. Wollt', daß ich immer nur darüber zu weinen hätte, daß ich zu ungeſchickt ſei, Ew. Majeſtät ſchönes Haar in Ord⸗ nung zu bringen, und nicht darüber weinen müßt', daß dies ſchöne Haar nicht mehr zu ordnen iſt. Und es hat Dir doch manche böſe Stunde gemacht, armes Kind, rief die Kaiſerin. Auch ſollſt Du Dich freuen, daß das Haar fort iſt, und Deiner flinken und zierlichen Hände entbehren kann, denn das Haar, was Du mir abgeſchnitten, macht Dich jetzt frei! Haſt mich oft gebeten um Deinen Abſchied! Heut' geb' ich ihn Dir, und meine Ein⸗ willigung auch, den Hofrath von Greiner zu heirathen. Ich ſelbſt be⸗ ſorg' die Ausſteuer, und will Deine Brautführerin ſein! Das Fräulein von Hleronymus neigte ſich über die dargereichte Hand der Kaiſerin, und bedeckte ſie mit ihren Thränen und ihren Küſſen, und flüſterte Worte des innigſten Dankes für die große Gnade und Güte der Kaiſerin. Maria Thereſia nickte ihr lächelnd zu, und ließ dann mit voll⸗ mmener Ruhe und Gelaſſenheit ihre Toilette vollenden. Das Hei⸗ athenſtiften gehörte zu den großen Vergnügungen der Kaiſerin, und ſie ihlte ſich daher jetzt ganz erheitert und erfriſcht durch dieſe Ehe, welche te ſo eben geſtiftet hatte. In einer Viertelſtunde war die einfache, ſchmuckloſe Trauerkleidung ber Kaiſerin vollendet, und Maria Thereſia näherte ſich der Thür, um n ihr Wohnzimmer zurückzugehen. ——— —— —— 144 Wie ſie vor der Pſyche vorbeiging, wandte ſie ſich noch einmal lächelnd zu Charlotten hin. Den Spiegel da ſchenk' ich Dir auch zur Ausſteuer, ſagte ſie. Werd’ Dir ein ſchönes, helles Glas hinein ſetzen laſſen, und das ſoll Dich immer daran erinnern, wie meiſterlich ſchön Du heute geſpielt und Dich als Schauſpielerin bewährt haſt. Aber hör', mein Kind, mit Deinem Mann ſpiel' nimmer Komödie, ſondern ſei allzeit wahr mit ihm. Eine gute Ehe ſoll ſelber ſein wie ein Spie⸗ gelglas ſo rein und klar, kein Hauch einer Lüge ſoll darüber hinfliegen, ſonſt wird es trübe und dunkel. Daran gedenk, wenn Du den Spiegel anſiehſt. Die Wahrheit iſt allzeit ein groß' und herrlich' Ding, und man muß ihr in's Antlitz ſchauen können im Guten, wie im Böſen. So will denn auch ich jetzt hingehen, und die Wahrheit ſchauen! Sie öffnete haſtig die Thür, und trat in das anſtoßende Gemach ein. Man hatte den Befehlen der Kaiſerin Genüge geleiſtet. Da drüben an der Wand war ein Spiegel aufgeſtellt worden. Maria Thereſia näherte ſich ihm mit entſchloſſenen Schritten, aber ſie fühlte doch, wie ihr Herz hämmerte und klopfte, und ganz unwill⸗ kührlich ſchlug ſie das Auge zu Boden, je mehr ſie ſich dem Spiegel näherte. Jetzt ſtand ſie dicht vor demſelben, jetzt war der Moment der Entſcheidung gekommen! Langſam hob die Kaiſerin den Blick empor, und richtete ihn auf das Spiegelglas. Dann ſtieß ſie einen Schrei aus, und taumelte ent— ſetzt von dem Spiegel zurück. Sie hatte da ein ihr vollkommen fremdes, von Narben zerfetztes, bleiches, entſtelltes Antlitz geſehen, deſſen farb⸗ loſe, verzerrte Lippen, deſſen krampfhafte, harte Züge ihr Grauen und Entſetzen einflößten. Aber Maria Thereſia überwand mit der Kraft ihrer ſtolzen und energiſchen Seele dieſen erſten, zerſchmetternden Eindruck, und trat wieder zu dem Spiegel hin. Sie zwang ihre Augen, unverwandt hin⸗ zuſchanen auf dieſes fremde, fürchterliche Bild, das ſie da anſtarrte mit dem Ausdruck des Schreckens und Entſetzens, und ſich zu gewöhnen an dieſe fremden, nie geſehenen Züge. Muß doch Bekanntſchaft machen mit der häßlichen Fratz da, ſagte die Kaiſerin ganz laut zu ſich ſelber, muß es⸗ mir doch einprägen, daß ich es bin, der die häßliche Larv' da gehört, ſonſt könnt' ich's doch ——,——— eines einem alte T und d liche Blicker lächeln ſagte werde daß nicht nen Dir wenn ſo ſo dieſe grof ſie! daß Mar an! Kaiſt dner die 145 eines Tags vergeſſen, und wenn mich das fremde Geſicht da aus irgend einem Spiegel anſchaut, voll Grauen rufen:„ſchafft mir das häßliche, alte Weib da fort!“ Muß es alſo lernen, daß ich ſelber das Weib bin, und daß es Gott gefallen hat, mir für die ganze Lebenszeit die gräu⸗ liche Maske da vor mein Antlitz zu legen! Und indem die Kaiſerin ſo ſprach, ſchaute ſie mit prüfenden, ernſten Blicken in den Spiegel hinein. Dann nickte ſie ihrem Spiegelbild lächelnd zu. Nun Du Alte da drin, jetzt haben wir Bekanntſchaft gemacht, ſagte ſie. Von heut' an müſſen wir verſuchen, gute Freundinnen zu werden, und uns mit einander einzurichten im Leben. Verſprech Dir, daß ich mir Müh' geben will, Dein häßlich Geſicht zu verſchönern, nicht mit Schminken und Toilettenkünſten, ſondern mit edlen und ſchö⸗ nen Thaten. Wenn Du groß und ſchön handelſt, wird es die Welt Dir wohl verzeihen und vergeſſen, daß Du gar ſo häßlich biſt, und wenn ſie von Dir ſagen, daß Du ein garſtig, häßlich altes Weib biſt, ſo ſollen ſie doch geſtehen müſſen, daß Du eine gute, und— nun in dieſer Stunde dürfen wir Beid' uns wohl ein wenig loben,— eine große Kaiſerin biſt! Du aber, mein Franzel da oben, fuhr die Kaiſerin fort, indem ſie von dem Spiegel fort zu dem Bilde des Kaiſers trat, Du ſei froh, daß es Dir nit beſchieden iſt, noch der Gemahl Deiner alten entſtellten Maria Thereſia zu ſein. Jetzt bin ich's zufrieden, daß Du nicht mehr an meiner Seite biſt. Denn um Deinetwillen, mein ſchöner großer Kaiſer, um Deinetwillen würd' es mich grämen, daß Dein Weib zu einer ſo häßlichen Fratz' verzaubert iſt, und daß ich, obwohl ſie mich die mächtige Kaiſerin nennen, doch das alte, garſtige Weib nit' von Deiner Seite jagen könnt'! Um Deinetwillen würd's mich grämen, Franzel! Nun Du nicht da biſt, was iſt's da weiter! Die Hofleut' werden's mir doch nit ſagen, daß ich häßlich bin, und meine Kinder werden es der Mutter wohl vergeben, und mich auch ferner lieben! Schlaf alſo ruhig weiter, mein Franzel, ich ſchau zu Dir empor, und an meinen Augen wirſt Du mich doch erkennen. Die Augen ſind die⸗ ſelben blieben, und aus den Augen ſchaut die Seele! Schlaf, mein Franzel! Wenn wir da droben Beid’ erwachen, wird der Tod ſchon Kaiſer Joſeph. 1. Abth. III 10 —, — ——— 146 die häßliche Larv' von meinem Antlitz genommen haben, und es wird wieder die ewig junge Maria Thereſia da ſein, welche Du kennſt und liebſt! Bis dahin, Lebewohl, mein großer Kaiſer! Muß erſt mein Tage⸗ werk zu Ende führen, ehe ich bei Dir ausruhen kann! Und jetzt muß die Kaiſerin ein wenig verſuchen, die Frau zu tröſten! Und die Kaiſerin durchſchritt wieder das Zimmer, und öffnete die Thür, hinter welcher die Kammerfrauen in banger Erwartung des Rufes der Kaiſerin harrten. Sie waren erſtaunt, Maria Thereſia's Antlitz vollkommen ruhig und gelaſſen zu finden, nicht den kleinſten Zug von Mißmuth oder Zorn auf ihrer Stirn zu leſen. Man ſage dem Haushofmeiſter, daß er ſogleich in allen meinen Zimmern Spiegel aufſtelle, ſagte die Kaiſerin. Es können ſolche aus der erſten Etage genommen werden, bis die neuen Spiegel, welche der Herr Kaiſer beſtellt hat, angekommen ſind. Der Haushofmeiſter ſoll die größten und ſchönſten Spiegel auswählen, und ſie heute noch hier herauf beſorgen. Der Kammerhuſar Guſtap ſoll zum Kardinal Migazzi gehen, und Sr. Eminenz vermelden, daß ich morgen dem lieben Herr⸗ gott in der Stephanskirch' mein Dankgebet darbringen, und mich zu Fuß dahinbegeben werd', damit Jedermann mich anſchauen und ſehen kann, und ich in Demuth und Freuden inmitten meines Volkes mich befinde. Auch ſoll man zu Sr. Durchlaucht dem Fürſten Kaunitz gehen. Ich laß den Fürſten bitten, morgen nach der Meß' zu mir zu kommen! Und jetzt öffnet mir wieder die Thüren und Fenſter, und laſſet die friſche, reine Gottesluft zu mir einſtrömen! Bin wieder geſund und will mich wieder des Lebens freuen! VIII. Die geneſene Kaiſerin. Von der Frühe des nächſten Morgens an war auf den Straßen Wiens eine ungewöhnliche Bewegung, eine freudige Aufregung der ſich drängenden Menſchenmaſſen bemerkbar. Ganz Wien hatte getrauert um d neſun müth einen Unte gerad St. dieſe Stär legie der und und kom gepu ſer ſem neh lich 1 age⸗ ehen mich hen. eenn! die vill 147 um die Krankheit der Kaiſerin, ganz Wien wollte ſich jetzt ihrer Ge⸗ neſung freuen. Der Kirchgang, den Maria Thereſia in frommer de⸗ müthiger Dankbarkeit gegen Gott unternehmen wollte, ſollte für ſie zu einem glänzenden Triumph werden, den ihr die Liebe und Freude ihrer Unterthanen bereitete. Die Kaiſerin hatte dies vermeiden wollen, und gerade deshalb erſt am Tage zuvor ihre Abſicht, den Dom von St. Stephan zu beſuchen, kund gethan. Aber mit Windesſchnelle hatte dieſe Nachricht ſich durch ganz Wien verbreitet, und alle Behörden, alle Stände, alle Corporationen und Brüderſchaften, alle Schulen und Col⸗ legien hatten ohne Aufforderung und Ruf beſchloſſen, den Kirchgang der Kaiſerin als einen Feſttag zu begehen. Mit flatternden Fahnen und ſinnigen Emblemen zogen die Bürgerſchaften und Gewerke daher, und ſtellten ſich in den Straßen auf, durch welche die Kaiſerin daher kommen mußte, und neben den Bürgern ſtanden in langen Reihen die geputzten, jauchzenden Kinder der Erziehungsanſtalten und Waiſenhäu⸗ ſer, welche die Großmuth der Kaiſerin in's Leben gerufen. Hinter die⸗ ſem beweglichen Spalier ſtand ganz Wien in buntem Gemiſch. Vor⸗ nehm und Gering, Arm und Reich befand ſich da in größter Vertrau⸗ lichkeit nebeneinander, denn der Adel wollte an dieſem Tage beweiſen, daß auch er ſich zu dem Volk der Kaiſerin zähle und miſchte ſich froh und jauchzend unter das frohe Gedränge. Für eine kurze Stunde hatte aller Unterſchied der Stände, der Confeſſionen, der Geſinnungen auf— gehört, Jeder fühlte ſich nur als der Mitgenoſſe des Andern in ſeiner Freude und Luſt. Mit Blumen und Guirlanden geſchmückt waren alle Häuſer, Fahnen flatterten aus den Fenſtern, und auf den Straßen machten die wundervoll in vielfarbigen Seidenzeugen geputzten Narren der Innungen ihre Luftſprünge und Purzelbäume. Auf einmal be⸗ gannen die Glocken zu läuten, und tauſendſtimmiges Echo ſchallte von der Herrengaſſe her. Es ſagte dem freudetrunkenen jauchzenden Volk, welches die ganze Freiung, den Hof, die Bognergaſſe und den Graben anfüllte, daß jetzt die Kaiſerin das Schloß verlaſſen, daß ſie die Her⸗ rengaſſe heraufſchreite. Und jetzt kam ſie daher um die Ecke der Straße; gelehnt auf den Arm des Kaiſers Joſeph, gefolgt von ihren beiden an⸗ dern Söhnen und ſieben Erzherzoginnen, ſchritt ſie mit ſtolzem, feſtem Gang die Straße entlang. Es war ein wundervoller Anblick, dieſe 10* — 2— ———— — 4 ¹ 148 hohe, prachtvolle Geſtalt zu ſehen, umgeben von zehn blühenden Kin⸗ dern in der Fülle der Geſundheit, Schönheit und Jugend, welche mit leuchtenden, freudeſtrahlenden Augen auf ihre Mutter hinſchaueten, und dem Volk mit einem glücklichen Lächeln dankten für die Jubelrufe, mit welchen es jeden Schritt der kaiſerlichen Familie begleitete. Eine unnennbare Freude, eine ſelige Luſt füllte die Bruſt der Kai⸗ ſerin, und ſtrahlte in hellen Liebesflammen aus ihren Augen. Maria Thereſia hatte wohl Recht gehabt, ihre Augen waren doch dieſelben geblieben, und aus dieſen Augen ſtrahlte jetzt eine ſo ſchöne, erhabene, reine Seele, daß davon ihr ganzes Antlitz wie von einer Glorie der Schönheit übergoſſen ward. Zu dieſer Stunde war die Kaiſerin nicht „das häßliche alte Weib,“ wie ſie ſich geſtern ſelber genannt, ſondern die glückſelige, ſtolze, triumphirende Kaiſerin, welche die Huldigungen eines jauchzenden, freudetrunkenen Volkes empfing; zu dieſer Stunde war ſie auch nicht die trauernde Wittwe ihres Gemahls; vergeſſen waren alle Schmerzen, alle Thränen, vergeſſen aller Kummer der Ver⸗ gangenheit, und nur als eine glückliche, ihrem Volke, ihren Kindern und dem ſonnigen Leben wiedergegebene Geneſene fühlte ſich die Kaiſe⸗ rin. Mit ſolchem Gefühl ſank ſie inmitten ihres Volkes im Dom zu St. Stephan vor dem Altar auf ihre Kniee nieder, und dankte Gott für die Freude dieſer Stunde, und gelobte ſich ſelber, in treuer Pflicht⸗ erfüllung und nie ermüdendem Eifer für das Wohl des Volkes dieſem die Liebe und Anhänglichkeit, welche es ihr heute bewieſen, zu vergelten. Erſchöpft, todesmatt von ſo viel Aufregung und Rührung, glühend erhitzt von der Gluth der heißen Juliſonne, die während des ganzen Weges durch die Straßen auf ihren Scheitel gebrannt, kehrte Maria Thereſia endlich in ihre Gemächer zurück. Die Kammerfrauen eilten herbei, die Gebieterin ihrer ſchweren Gewänder zu entkleiden, und ihr das feuchte Haar zu trocknen. Aber Maria Thereſia wehrte ſie zurück. Laßt mich, ſagte ſie, will mich kühlen und trocknen auf meine Weiſe. Die Luft perſteht es beſſer, als Ihr Alle, und iſt weicher, als alle Eure Tücher. Oeffnet mir die Thüren und Fenſter des Zim⸗ mers, und ſetzet mir meinen Stuhl da in der Mitten hin, da will ich mich kühlen. Aber Majeſtät wollen gnädigſt bedenken, daß Sie krank geweſen, 2 Kin⸗ e mit „und , mit Kai Naria elben abene, te der nicht ndern ungen ſtunde geſſen Ver⸗ ndern. Kaiſe⸗ öm zll Gott flicht⸗ ieſem elten. ihend anzen Naria eilten d ihr urück. meine — als Zim⸗ l icj veſen/ 149 wagte eine der Damen zu bemerken. Dieſe Zugluft könnte Ew. Ma⸗ jeſtät ſchädlich ſein! Weiß nicht, was Ihr zimperlichen Dinger Zugluft zu nennen be⸗ liebt, ſagte die Kaiſerin, indem ſie ſich behaglich in den Lehnſtuhl nie⸗ derließ, und mit einem unendlichen Wonnegefühl den Wind ihr feuchtes aufgelöſtes Haar kräuſeln und durchflattern ließ. Der liebe Gott hat den Wind geſandt, daß er die Menſchen kühle und erfriſche, und wenn er mit ſeinem friſchen Hauch ſich an meine Wange lehnt, ſo mein' ich, es iſt Gott ſelber, der mich küßt. Hab' darum all mein Tag der lieben Gottesluft bei mir Thür und Fenſter geöffnet, und nimmer geduldet, daß man dem lieben Gott bei mir die Fenſter ſchließe. Dafür aber hat er mich auch geſund und ſtark gemacht, denn die Luft iſt der Odem Gottes und der macht ſtark! Schaut nur, ſchaut nur, wie der Wind ſich aufbauſcht in meinem Buſentuch, als wollt' er mich mahnen, es von mir zu werfen; nun haſt recht, Du lieber Gotteswind, will's mir bequemer machen, und die ganze Laſt von mir werfen! Sie warf ihr Tuch ab, und gab ihren Hals und ihre Schultern dem Zugwind preis, deſſen Pfeifen und Brauſen die Kammerfrauen mit Entſetzen, die Kaiſerin mit Vergnügen erfüllte. Jetzt ſoll man meinem verſchmachtenden Gaumen etwas zur Er⸗ quickung bringen! rief Maria Thereſia. Die Kammerfrauen ſtürzten der Thür zu, jede bemüht, die Erſte zu ſein, den willkommenen Befehl auszuführen, der ſie einen Moment aus dem luftigen Zimmer er⸗ retten konnte. Dann kamen die Lakaien mit den geforderten Erfriſchungen, und Maria Thereſia, inmitten des von heftigem Zugwind durchweheten Zim⸗ mers ſitzend, glühend noch immer von Hitze und Aufregung, trank in Eis gekühlte Limonade, und aß Erdbeeren dazu.*) *) Karoline Pichler, Denkwürdigkeiten Th. I. S. 18. 19.— Die Kaiſerin konnte die größte Kälte und Zugluft vertragen, und hatte Winter und Sommer die Fenſter geöffnet. Geheizt durfte bei ihr gar nicht werden, ſie wußte nicht, was Rheumatismus ſei, und ſelbſt im Winter ſtand neben ihrem Schreibtiſch ein Fenſter offen, ſo daß oft die Schneeflocken auf das Papier fielen, an dem ſie ſchrieb. Kaiſer Joſeph ging daher im Winter nie anders als in einen Pelz gehüllt zu ſeiner Mutter. 150 Mitten in dieſer behaglichen Ruhe ward die Kaiſerin durch den eintretenden Kammerhuſaren geſtört, welcher den Fürſten Kaunitz meldete. Maria Thereſia erhob ſich haſtig von ihrem luftigen Sitz. Der Fürſt kommt! rief ſie. Schließet eilig die Fenſter und Thüren, damit er keine Zugluft ſpüre!*) 12 Mit faſt ängſtlicher Aufmerkſamkeit ſchaute den Dienerinnen zu, und erſt, als ſie ſich überzeugt, daß alle Fenſter feſt geſchloſſen, und nirgends die Zugluft mehr Eingang finden könne, befahl ſie die Thür zu öffnen, und den Fürſten einzulaſſen. Fürſt Kaunitz näherte ſich der Kaiſerin mit ſeiner gewohnten gra⸗ vitätiſchen Ruhe und Gelaſſenheit, und indem er ſich tief vor ihr neigte, ſagte er mit ſeiner unveränderten gleichmäßigen Stimme: Ich bringe Ew. Majeſtät und mir ſelber, ich bringe vor allen Dingen Oeſterreich meinen Glückwunſch zu Enrer Majeſtät Geneſung dar! Ich, welcher noch niemals vor einem Feinde gezittert habe, ich zitterte vor dieſem Feind, der das Kaiſerhaus heimſuchte, und der ſchlimmer iſt als alle menſchlichen Feinde Eurer Majeſtät. Gegen dieſe haben wir unſere Schwerter, unſere Staatsklugheit und unſere Liſt, aber gegen jenen giebt es keine Waffen und alle Klugheit iſt da umſonſt. Aber der Swieten hat mich doch errettet, und ihm danke ich nächſt Gott mein Leben, ſagte die Kaiſerin lebhaft. Weiß wohl, daß Er we⸗ der von Aerzten, noch von Gott viel hält, kann Ihm aber ſagen, daß, wenn man auf dem Krankenbett liegt in Schmerzen und Nöthen, man Beide gar ſehr ſchätzen lernt. Will Ihm aber doch wünſchen, daß Er nimmer auf dieſe Weiſe den Aerzten vertrauen und Gott lieben lernt, denn allzeit bleibt es ein ſchlimm und traurig Ding um das Kranken⸗ bett; in meinen geplagten und ſchlafloſen Nächten hab' ich mich gar oft geſehnt nach Seinem ernſten Angeſicht, und es kam über mich wie eine tiefe Herzenstrauer, wenn ich mir dacht, daß ich wohl nimmer mit Ihm mehr in ernſten Conferenzen das Wohl meines lieben Oeſterreichs überlegen, und Seinen guten Rath empfangen würde. Ich aber wußte, daß Ew. Majeſtät geneſen würden, ſagte Kaunitz mit ungewohnter Wärme. Ich wußte, daß Sie geneſen mußten, weil *) Wraxall, Vol. II. p. 380. den dete. Der amit nnen und Thür gra⸗ eigte, ringe reich elcher teſem alle nſere giebt rüchſt we daß, man⸗ 6E fernt, nken gal wie mit 151 Oeſterreich Sie nicht entbehren kann, und weil Ew. Majeſtät ein großes und ſtarkes Herz haben, welches den Tod ſelbſt zu überwinden verſteht! Die Kaiſerin erröthete vor Vergnügen; es war ſo ſelten, daß Fürſt Kaunitz ſich zu einer Schmeichelei herabließ, daß ſie dadurch dop⸗ pelt an Werthugewann, und faſt zur Wahrheit ward. Er meint alfb immer noch, daß ich meinem Oeſterreich nöthig bin? fragte ſie. Ich meine es immer noch, Majeſtät. Aber wenn's nun Gott nicht vermeint hätte, wenn er mich zu ſich gerufen hätte, ſag; Er mir doch, was würde Er alsdann ge⸗ than haben? Ich würde weiter gearbeitet haben im Dienſt meines Vaterlandes und meiner Pflicht, ſagte Kaunitz, aber ich würde mit Gott gegrollt haben mein ganzes Leben lang, ich würde ihm vorgeworfen haben, daß er es nicht ehrlich meine mit Oeſterreich, daß er keine vernünftige Politik treibe, ſondern auch die Extreme und Neuerungen liebe! Er iſt ein arger Spötter, Herr Fürſt, rief die Kaiſerin lächelnd. Denk wohl, der Herrgott da droben muß Ihn in beſondere Affection genommen haben, daß er Ihm Seine ſchlimme Reden allzeit vergiebt, und nicht zu Gericht mit Ihm geht. Mein' auch, der Herrgott ſchaut auf den Grund der Herzen und weiß noch beſſer, wie ich, daß es nit ſo ſchlimm mit Ihm iſt, wie Er Sich den Anſchein giebt, und daß Er doch ein redlicher, guter und treuer Menſch iſt, wenn Er's Sich zuweilen auch herausnimmt, mit dem lieben Gott ein wenig unmanirlich und sans fagon umzugehen. Verzeiht Ihm das doch auch Seine Kaiſerin, wie ſollt's Ihm nicht der große, langmüthige Gott verzeihen! Und jetzt ſage Er mir, Kaunitz, wie ſchaut's aus in meinem Reich! Habe ſechs lange Wochen nicht gearbeitet, und keine Documente und Acten⸗ ſtücke geleſen! Ich, Majeſtät, habe deſto fleißiger gearbeitet, den Tag über für mich, die Nacht für Ew. Majeſtät, und ſo iſt nichts unerledigt und im Rückſtand geblieben, und ſo gehet der Bau ruhig und ungefährdet weiter nach unſerm Plan und Grundriß. Wir werden immer ſtärker im In⸗ nern, das macht uns auch ſtärker nach Außen, und bald werden wir ſein, was wir zu ſein berufen ſind, die gleichberechtigte, gleichmächtige, 152 vierte Großmacht von Europa, ſo ſtark und machtvoll, wie Oeſterreich ſelbſt damals nicht war, als die Sonne nie in ſeinen Grenzen unterging. Denn das Reich Carls des Fünften war groß, aber es fehlte ihm die Stärke und die Muskelkraft ſeiner Glieder. Oeſterreich iſt heute inner⸗ lich größer, als damals, wo es noch das Elſaß, pel und Sicilien beſaß, denn damals glich es einer umgeſtürzten Pyramide, welche auf ihrer Spitze ſteht, und durch das Gewicht ihrer obern Schwere hin⸗ und herſchwankt. Die Pyramide iſt jetzt etwas leichter geworden, aber ſie ſteht der Natur gemäß auf ihrer breiten Baſis und iſt alſo feſt und unerſchütterlich.*) Denn die Stärke eines Staates beruht nicht blos auf der Maſſe der innern Kräfte, ſondern auf der richtigen Anwendung derſelben. Und dieſe haben wir jetzt erſtrebt, und dadurch iſt Oeſterreich größer, als es je geweſen. Größer auch wie damals, als Schleſien noch unſer war? Hab's wohl gehört, daß Er vorher, wie Er von den verlorenen Ländern ſprach, mein Schleſien nicht erwähnte. Wir haben freilich das Elſaß und Neapel wohl verſchmerzen können, es waren abgelöſte Theile des großen Ganſen, und ſie haben uns oft mehr Laſt und Sorge und Hinderniß als Vortheil und Größe gebracht. Aber Schleſien gehörte zu uns, es war ein Theil vom einigen Ganzen, daſſelbe Blut pulſirte in ſeinen, wie in Oeſterreichs Adern, es hatte dieſelben Gewohnheiten, dieſelbe Sprache, daſſelbe Herz. Oh, ich werd's doch nimmer und nimmer ver⸗ winden, daß ich mein Schleſien verloren hab'.— Denke wohl, Majeſtät, daß wir uns eines Tages Erſatz dafür ſchaffen wollen, ſagte Kaunitz ruhig. Meint Er, daß wir's ihm eines Tages werden wieder abnehmen können? fragte die Kaiſerin mit freudiger Haſt. Dem König von Preußen? Nein, Majeſtät, der hält feſt, was er einmal erfaßt hat, und für den giebt es kein Rückwärts, ſondern immer nur ein Vorwärts, denn das Rückwärts würde ihn in das Nichts zu⸗ rückſchleudern, das Vorwärts allein macht ihn groß. Er weiß das ſehr wohl, und deshalb wird er wachſam ſein und immer das Schwert auf⸗ recht halten, um zuzuſchlagen, ſo wie er uns nur die leiſeſte Fingerbe⸗ *) Briefe eines reiſenden Franzoſen. Th. I., S. 421. 153 wegung nach dieſem Schleſien machen ſieht. Nein, Majeſtät, wir werden Schleſien nicht wieder bekommen, aber, ich wiederhole es, wir werden uns Erſatz dafür verſchaffen. Um das zu können, müſſen wir erſt im Beſitz unſerer vollen Kraft und Stärke ſein. Er will mir doch keinen Eroberungskrieg anzetteln? rief Maria Thereſia erſchrocken. Nein, Majeſtät, aber wenn wir irgendwo ſehen ſollten, daß ſich zwei Adler um ein unſchuldig Lamm ſtreiten, und daß das arme Thier nicht mehr zu retten iſt, ſo mein' ich, werden wir uns erinnern, daß dem öſterreichiſchen Doppeladler auch ein Antheil an der Beute gehört, und daß er den beanſpruchen muß. Ich ſehe große und ſchlimme Dinge ſich vorbereiten, und in einem Jahrzehent wird die ganze Welt ſich an— ders geſtaltet haben. Die Kaiſerin Katharina von Rußland iſt eine kühne und unternehmungsluſtige Frau, ſie wird nicht blos Männerherzen, ſondern auch Länder erobern wollen. Der König von Preußen weiß das ſo gut wie wir, und er ſucht ſchon jetzt die Freundſchaft Rußlands, damit er dereinſt an ſeinen Eroberungen nicht gefährdet wird. Da ſei Gott vor, daß ich es dem König von Preußen nachthun ſollte, rief die Kaiſerin. Mag und werd' nimmer die Freundſchaft dieſer Frau ſuchen, deren Thron mit Blut befleckt i*ſt, und die mit ſtol— zem Hohn Alles verſpottet, was Tugend, Ehrbarkeit und Sitte fordert. Ew. Majeſtät werden gewiß auch niemals mit der Frau, ſondern immer nur mit der Kaiſerin, mit der Beherrſcherin eines großen Nachbarſtaates zu verkehren haben! Rußland iſt nicht der Nachbarſtaat Oeſterreichs, rief Maria The⸗ reſia heftig. Hab' einmal an die Kaiſerin Eliſabeth geſchrieben:„werd’ immer Eure gute Freundin ſein, aber mit meinem Wiſſen und Willen niemals Eure Nachbarin.“*) Ich denk noch heute ſo, daß ich nimmer möcht' Rußland meinen Nachbar nennen. Noch liegt Polen zwiſchen Oeſterreich und Rußland! Ja, noch liegt Polen dazwiſchen, ſagte Kaunitz mit einem feinen Lächeln, aber wer weiß, wie lange noch! Mann, rief die Kaiſerin erſchrocken, Er will doch nicht damit an⸗ deuten, daß wir jemals es wagen könnten, uns an Polen zu vergreifen? *) Hiſtoriſch. 154 Nicht wir werden es thun, aber die Kaiſerin von Rußland! Das iſt unmöglich, das wird, das kann ſie nicht wagen! rief die Kaiſerin. Wagen! ſagte Kaunitz achſelzuckend. Vieles wird nicht gewagt, weil es ſchwer iſt, weit mehr iſt nur darum ſchwer, weil es nicht ge⸗ wagt wird.*) Die Kaiſerin von Rußland wird ſehr Vieles wagen, weil ſie es verſteht, die Sachen leicht zu nehmen, und an ihre Ausführ barkeit glaubt. Die Despoten haben überhaupt immer mehr ausge⸗ richtet und erlangt, als die gewiſſenhaften Herrſcher, und die Kaiſerin Katharina iſt eine große Despotin. Wir werden ſehr bald ernſtlich daran denken müſſen, uns um ihre Freundſchaft zu bewerben, um zur rechten Stunde mit ihr in gutem Einvernehmen zu ſein. Ich, die Maria Thereſia, ich ſollte ſo weit herabſteigen, um die Freundſchaft dieſer Kaiſerin zu ſuchen, welche unter dem Todesgeächze ihres Gemahls ſeinen Thron beſtieg, geführt von ihren Buhlern, deren Hände noch vom Blut des gemordeten Kaiſers trieften. Bedenk' Er, Herr Fürſt, bedenk Er, was Er da von mir fordert, und was ich Ihm nun und nimmermehr bewilligen kann! Ew. Majeſtät denken groß und kühn genug, um dem Wohle des Vaterlandes Ihre perſönlichen Antipathien opfern zu können, ſagte Kaunitz mit ſeiner gewohnten Gelaſſenheit. Ew. Majeſtät haben eines Tages an Farinelli geſchrieben, und dieſer Brief hat uns die Freund⸗ ſchaft des Königs von Spanien und ſeiner Kinder von Parma und Neapel eingetragen, dieſer Brief iſt die mittelbare Veranlaſſung, daß wir jetzt eine Erzherzogin von Oeſterreich zur Königin von Neapel machen werden! Machen wollten, Herr Fürſt, unterbrach ihn Maria Thereſia ſeufzend. Die Braut des Königs, meine liebe Tochter Johanna, iſt geſtorben. Aber die Erzherzogin Joſepha lebt, und ich wollte Ew. Majeſtät eben vorſchlagen, die Erzherzogin Joſepha dem König von Neapel, der um ſie werben läßt, zu vermählen. *) Des Fürſten Kaunitz eigene Worte. Siehe: Hormayr Plutarch. Zwölftes Bändchen. S. 271. 155 Das Haus Neapel beharrt alſo darauf, ſich mit uns zu verbinden? fragte die Kaiſerin. Es fordert für ſeinen König jetzt, da die andere Braut geſtorben, unſere Joſepha? Arme Joſepha, ich bedaure ſie, denn man hat mir geſagt, daß der junge König ein gar wilder, ungezähmter und kindiſcher Geſelle iſt, nicht beſſer als die L zzaroni, die ſeine liebſte Geſellſchaft ſind. Die Joſepha wird ein traurig und gefährlich Leben an ſeiner Seite führen. Ew. Majeſtät, die junge Erzherzogin heirathet nicht den jungen, wilden Geſellen, der allerdings nicht leſen und ſchreiben kann, und dem die Lazzaroni die liebſten Freunde ſind. Sie heirathet vielmehr den König von Neapel, und kein Mann iſt ſo ſchlimm, daß ſeine Fehler ſich nicht unter einer Krone und einem Purpurmantel verbergen ließen. Die Politik iſt der Brautbewerber des Königs von Neapel! Und wir werden ihm meine ſchöne Tochter Joſepha geben, aber wirklich als ein Opfer, das wir der Politik darbringen. Nun möge ſie nur ihre Pflicht gegen Gott und ihren Gemahl treu erfüllen, ſo müſſen wir zufrieden ſein, ſelbſt wenn Joſepha ſich unglücklich fühlen ſollte.*) Und dieſe Vermählung wird immer noch die Folge jenes Briefes ſein, den Ew. Majeſtät eines Tages an Farinelli ſchrieben, ſagte Kau nitz mit unerſchütterlicher Ruhe, die Abſicht ſeines Geſpräches verfol gend. Ew. Majeſtät haben auch eines Tages an die Marquiſe Pom padour geſchrieben; dieſer Brief hat uns nicht blos das Bündniß mit Frankreich verſchafft, ſondern er wird der Erzherzogin Marie Antoinette den Thron von Frankreich eintragen. Ew. Majeſtät mögen jetzt immer⸗ hin die Gnade haben, die Erzherzogin auf ihre hohe Beſtimmung vor⸗ zubereiten, und ſie zu einer Königin von Frankreich erziehen zu laſſen. Der König Ludwig von Frankreich iſt einverſtanden mit unſerm Plan, und wenn die Erzherzogin hinlänglich erwachſen iſt, wird Se. Majeſtät von Frankreich einen eigenen Geſandten an Ew. Majeſtät ſenden, zur feierlichen Anwerbung um die Hand der Erzherzogin für ſeinen Enkel, den Dauphin von Frankreich.— Ew. Majeſtät ſehen, welche große Dinge die Freundſchaftsbriefe, die meine erhabene Kaiſerin der tugend *) Der Kaiſerin eigene Worte. Siehe: Maria Thereſia als Mutter. Mitgetheilt von Fried. Firnhaber. — —— — 156 — —õ——ÿ—— —— haften Frau Maria Thereſia abgerungen, immer gehabt haben, und, wenn es daher die Politik erfordert, werden Ew. Majeſtät auch für die Kaiſerin von Rußland thun, was Sie für Farinelli und die Pom⸗ padour gethan. Die erſten beiden Briefe haben uns Königskronen für die Prinzeſſinnen erworben, der letzte Brief kann uns vielleicht eine Provinz erobern! Eine Provinz! rief die Kaiſerin, und indem ſie ganz dicht zu Kau⸗ nitz herantrat, legte ſie in der ungeſtümen Erregung ihres ganzen We⸗ uſſens ihre Hand auf ſeine Schulter. Sage Er mir, Kaunitz, rief ſie glühend, was ſind das für ſchlimme und furchtbare Pläne, die Er da in ſeinem klugen Kopf ausgebrütet hat! Es ſind Pläne, ſagte der Fürſt, die ich ſeit manchem Jahr— Auf einmal verſtummte er, und blickte ſtarr und mit einem Aus⸗ druck tiefen Schreckens in das Antlitz der Kaiſerin, deſſen furchtbare Veränderung ihm ſeine überaus große Kurzſichtigkeit bis jetzt verborgen hatte, und die er nun, da ihm die Kaiſerin ſo nahe getreten, erſt gewahrte. Nun? fragte die Kaiſerin, welche die Urſache von dem Erſchrecken des Fürſten nicht ahnte, nun, warum verſtummt Er auf einmal? Er hat doch wohl nicht den Muth, mir Seine Pläne mitzutheilen, und Er ſieht ein, daß ſie gefährlich und nicht ganz ehrlich ſind? Nun, mein Gott, ſo rede Er doch! Aber der Fürſt fühlte ſich keines Wortes mächtig, der Schreck war zu plötzlich, zu unerwartet gekommen, auf eine zu grauenvolle Weiſe hatte der Anblick dieſes verzerrten, von der grauſamen Hand des Todes zerkratzten Antlitzes die kalte, gewohnte Ruhe des Fürſten erſchüttert; er fühlte, daß er ſeine Faſſung verloren habe, daß in die⸗ ſem Moment der Menſch in ihm mächtiger ſei als der Staatsmann. Verzeihen Ew. Majeſtät, ſagte er, indem er ſchwankend und todes⸗ bleich zurückwich, aber ich fühle mich außer Stande weiter zu ſprechen. Ein plötzlicher Schwindel hat mich ergriffen, es verwirrt ſich Alles vor meinen Blicken. Ich muß Ew. Majeſtät um Erlaubniß bitten, mich entfernen zu dürfen! Er wartete die Erlaubuſß der Kaiſerin gar nicht ab, mit einer ſtummen, eiligen Verbeugung wandte er ſich ab, und eilte mit unge⸗ wohnter Haſt der Thür zu. Die Kaiſerin ſchaute ihm mit ſtaunenden, beſorgten Blicken nach. Was mag ihn nur ſo auf einmal betroffen haben? fragte ſie ſich ſel⸗ ber. Er ſah ſo entſetzt und angſtvoll aus, als habe er plötzlich ein furchtbares Geſicht geſehen! Nun, es wird wieder ein Mal eine ſeiner Launen geweſen ſein, weiter nichts! Und die Kaiſerin warf mit einem halb verächtlichen Lächeln das Haupt zurück; da traf ihr Blick ganz von Ungefähr den Spiegel, in deſſen Nähe ſie ſtand, und in dem Spiegel ihr eigenes Bild. Maria Thereſia ſchreckte zuſammen und ſtarrte ſich an. Dann auf einmal brach ſie in ein lautes Lachen aus. Ach, rief ſie heiter, ich wundere mich, daß der Fürſt auf einmal ſo entſetzt ausgeſehen, als habe er ein furchtbares Geſicht geſchaut! Mich ſelber hat er ge⸗ ſchaut, und ich bin die Meduſe geweſen, die ihn verſteinert hat. War ihm zuletzt ſo nahe getreten, daß er mich erkennen konnte. Armer Mann, hatte mich bis dahin in ſeiner Kurzſichtigkeit immer noch mit dem Geſicht gedacht, wie ich einſt geweſen. Armer, kurzſichtiger Mann! Meine Larve hat ihn erſchreckt, und er iſt davon gelaufen, wie vor einem Geſpenſt. Nun, wollen verſuchen ihn von dem Schrecken zu heilen! Bin ihm viel Dank ſchuldig. Muß dem armen, erſchrockenen Mann wohl ein Zeichen meiner Gnade geben! Will ihm einen recht ſchönen Orden geben, das wird ihn freuen, denn er iſt eitel! Während die Kaiſerin zu ihrem Schreibtiſch trat, um dem Orden, den ſie dem Fürſten ſchicken wollte, einen Geleitsbrief zu ſchreiben, war Fürſt Kaunitz, ſich angſtvoll mit ſeinem Taſchentuch den Mund verhüllend, um keine Luft einzuathmen, zu ſeinem Wagen geeilt, mit einem ſtummen wohlbekannten Wink der Hand den Diener bedeutend, daß er ſo raſch als möglich nach Hauſe fahren wolle. Nicht mit der gewohnten gravitätiſchen Ruhe, ſondern haſtig, wie vor einem Schreckniß flüchtend, eilte er die Stiegen ſeines Pallaſtes hinauf, und durch die lange Reihe der Gemächer, die heute zu einem Feſte zur Wiedergeneſung der Kaiſerin, das der Fürſt dem Adel Wiens gab, geöffnet waren. Ohne die junge Gräfin Clary, welche ihm ſchon in ſtrahlender Toilette entgegentrat, nur eines Blickes zu würdigen, rannte der Fürſt in ſein Arbeits⸗Kabinet; dort vor ſeinem Schreibtiſch auf dem Lehnſtuhl niederſinkend, bedeckte er mit ſeinen Händen ſein Geſicht, und 158 ein angſtvolles, qualvolles Stöhnen kam aus ſeiner Bruſt hervor. Es war ihm immer noch, als habe er ein Geſpenſt geſehen, als habe er das grauenvolle Antlitz des Todes ſelber erſchaut. Das war nicht ſeine Kaiſerin, nicht die ſchöne, majeſtätiſche, ſtrahlende Maria Thereſia geweſen; der Tod, den er ſo ſehr haßte, den er ſo ſehr fürchtete, deſſen Erwäh⸗ nung er mit ängſtlicher Scheu vermied, der Tod hatte ſich die Geſtalt der Kaiſerin erborgt, und hatte ihn geäfft mit ſeinem eigenen Angeſicht. Es war eine Viſion geweſen, keine Wirklichkeit. Denn war es wohl möglich, daß eine Krankheit ſo furchtbar ein Antlitz zu entſtellen vermochte, konnte es denn ſein, daß die reine, ſtrahlende Schönheit der Kaiſerin ſo plötzlich ſich in eine ſchreckenerregende, grauenvolle Häßlichkeit ver⸗ wandeln könnte? Dieſes bleiche, zerfetzte, verzerrte Antlitz, gehörte das derſelben Maria Thereſia, die er einſt mit ſtrahlender Purpurröthe, mit flammenden Augen, mit lächelnden Lippen, mit weithin wallenden Locken auf dem ſchäumenden Rappen den Schloßberg in Peſth hatte hinaufſprengen ſehen, das Schwert des heiligen Stephan, welches in der Sonne blitzte, hoch in ihrer Rechten ſchwingend?*) War es, konnte es ſein, daß ein holdes Götterantlitz ſich zu einer Fratze verzerrte? Der Fürſt empfand zugleich ein unheimliches Grauen und einen tiefen Schmerz, und was ihm ſeit manchem langen Jahr, was ihm ſeit dem Tode ſeiner Mutter nicht geſchehen, das geſchah ihm jetzt,— Fürſt Kaunitz weinte! Aber allmälig ward er dieſer unnatürlichen Aufregung Herr, all⸗ mälig trockneten die Thränen, und konnten den ungewohnten Weg zu ſeinen Augen nicht mehr finden, allmälig nahm das Antlitz des Fürſten wieder ſeine ſonſtige kalte Marmorruhe an, richtete er ſich wieder ſtolz und feſt empor. Unbeweglich, ſteif aufrecht ſaß er in ſeinem Lehnſtuhl da, mit ſeinen großen kalten blauen Augen in das Leere ſchauend. So ſaß er eine lange Zeit; dann hob dieſe Statue langſam den Arm, dann richtete dieſer kalte Blick mit ſeiner gewohnten Ruhe ſich auf den Schreib⸗ tiſch. Fürſt Kaunitz war wieder er ſelbſt geworden, der beſonnene, ruhige Staatsmann, der ſelbſt mit dem Tode zu diplomatiſiren gedachte! Er nahm eine Feder und ſchrieb eine„Inſtruction an ſeine Vor⸗ *) Groß Hoffinger. Th. I. S. 84. — 3 159 lefer.“ In dieſer Inſtruction befahl er ſeinen Vorleſern durchaus und ſorgfältig bedacht zu ſein, in ihren Vorträgen zwei Worte niemals aus⸗ zuſprechen, und zu erwähnen, die zwei Worte: der Tod und die Pocken. Sollte eins dieſer Worte in den Berichten und Actenſtücken, die ſie ihm vorzuleſen hatten, erwähnt werden, ſo ſollten ſie es zu umſchreiben ſich bemühen. Außerdem machte er es ihnen zur ſtrengſten Pflicht, Jedermann, dem der Fürſt Audienz ertheilen würde, vorher zu inſtruiren, damit er es nicht wage dieſer beiden fürchterlichen Worte Tod und Blattern im Geſpräch mit dem Fürſten zu erwähnen. Auch ſollten die Vorleſer mit dieſer Inſtruction zu der Gräfin Clary gehen, und ſie dieſelbe leſen laſſen, damit auch ſie darnach handele, und den Gäſten des Fürſten die nöthige Warnung ertheile.*) Als der Fürſt dieſe ſeltſame Inſtruction vollendet hatte, klingelte er, um das Papier ſogleich an ſeine Vorleſer zu ſenden. Der eintre— tende Kammerdiener überreichte ihm ein Packet und einen Brief von Ihro Majeſtät der Kaiſerin. Das Packet enthielt das Großkreuz des St. Stephan⸗Ordens, aber nicht in der Weiſe, wie er ſonſt getragen ward, ſondern blitzend von den ſchönſten und herrlichſten Brillanten. Der Brief war von Maria Thereſia ſelbſt geſchrieben, eine würdige und ſchöne Antwort auf die„Inſtruction“ des Fürſten Kaunitz. Die Kaiſerin ſchrieb:„Ich ſende Ihnen das Großkreuz des St. Stephan⸗Ordens, und um Ihnen eine beſondere Auszeichnung zu ge⸗ währen, ſollen Sie es in Brillanten tragen. Sie haben ſo viel dazu beigetragen es zu verherrlichen, daß ich mit Eifer dieſe meinem Herzen ſo theure Gelegenheit ergreife, um Ihnen einen Beweis der Dankbar⸗ keit zu geben, die ich Ihnen ſeit langer Zeit ſchulde, und die nur mit meinem Leben enden wird!“**) Maria Thereſia. 274.— Swinburne & *) Hormayr, Oeſterreichiſcher Plutarch. Bd. 12. Vol. I. 336. Wral! II. 179. in Berlin, Schleuſe 4. 2 8 8 2 5 2 8 8 3—-——— — ————— 0 oic our r&(aley Sornrol Shart Green Vellow Hed Magenta