„-——==—.———= Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Otkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe ein es geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk. Pf. 3— 5—— „ 5„ 9„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und e Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zer ſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das W eiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— — Kaiſer Zoſeph der Zweite und ſein Bof. 222* Von L. Mühlbach. ——y—·————— ber. 1 — n— — Erſte Abtheilung: 8 Kaiſer Joſeph und Maria Thereſia. W Ser Erſter Band.—) — Zweite Auflage. Verlin, 1857. Verlag von Otto Janke. Kaiſer Joſeph. und Maria Thereſia. Von L. Mühlbach. ſ 1 G — SS Erſter Band.) Zweite Auflage. Verlin, 1857. 1 Verg von Otto Janke. 3 A8&&& B S 2 S8= Inhalt des erſten Bandes. Seite Der Conferenzrath. 1 Der Brief... 16 Die Keuſchheits⸗Eommiſſion. 25 Die Toilette der Kaiſerin......... 30 Ein kaiſerliches Chepaar.............. 35 Der Erzherzog Joſeph..............256 Graf Wenzel von Kaunic............. 62 Die Toilette des Grafen Kaunitz........ 69 Die rothen Strümpfe........... 75 Das neue Oeſterreich.............30 Der junge Soldat................. 63 4 Die Kaiſerin und ihr Sobn........... 105 Eine italiäniſche Rachkt............ 118 Ilabell von Parme................ 124 Die Boten der Kaiſerin. Erstes Buch. Maria Thereſia. —ixq: There ſamm Sitz hocht dieſe den dai ſtan mett Fre tige ihre Ver J. Der Conſerenzrath. Die ſechs Herren, welche den Conferenzrath der Kaiſerin Maria Thereſia bildeten, waren ſchon im Arbeitszimmer der hohen Frau ver⸗ ſammelt, und harrten nur noch der Ankunft Ihrer Majeſtät, um die Sitzung beginnen zu können. In dieſer Sitzung ſollte heute über eine hochwichtige politiſche Frage entſchieden werden, und der Wiederſchein dieſer Frage warf ſeine dunklen Streiflichter auf die Herren, welche den geheimen Conferenzrath Maria Thereſia's bildeten, und hier und da in einzelnen Gruppen in dem weiten, halbdunklen Zimmer umher⸗ ſtanden, deſſen ernſtes alterthümliches Ameublement und dunkle Sam⸗ mettapete ſehr gut dem Ernſt ihrer Mienen entſprach. Da war der Freiherk von Bartenſtein und der Graf von Uhlefeld, die beiden mäch⸗ tigen Miniſter der Kaiſerin, welche Maria Thereſia ſeit dem Beginn ihrer Regierung, ſeit dreizehn Jahren alſo, mit ihrer Gunſt und ihrem Vertrauen beehrte, und deren Einfluß ſo unerſchütterlich und feſt ſchien, daß Niemand nur den vermeſſenen Gedanken hätte wagen können, ſie in ihrer hohen, für den ganzen Kaiſerſtaat ſo bedeutſamen Wichtigkeit nicht anerkennen zu wollen. Sie ſtanden, ihrer großen, unerſchütter⸗ lichen Bedeutſamkeit ſelber ſich ganz und gar bewußt, ſtolzen und hoch⸗ gehobenen Hauptes in der Mitte des Saales, und flüſterten leiſe mit⸗ einander von den Dingen, die da kommen mußten, oder vielmehr kommen ſollten, ſo wie ſie Beide, die Herren von Bartenſtein und Whe eelld es beſtimmen würden. Auf dem breiten muskulöſen Geſicht ſiege ins ſtand ein Ausdruck hochmüthigen wilden Triumphes, den gewiſſe Miniſter ſich gar nicht die Mühe gab zu verbergen Joſeph. 1. Abth. I. 1 — 2 ·nn n— und die ſchmalen Lippen des feinen gewandten Hoſmannes Grafen Uhle⸗ feld mochten ſich heute ein ſichtbares triumphirendes Lächeln nicht ver⸗ ſagen. Ich bin meiner Sache ganz gewiß, flüſterte Herr von Bartenſtein, die Kaiſerin iſt durchaus gewillt, die abgelaufenen Verträge zu neu ern, und feſt entſchloſſen die Politik, die wir Beide bisher mit ſo glän zendem Erfolg für Oeſterreich befolgt haben, fortzuführen. Die Kaiſerin thut ſehr wohl daran, ſagte Graf Uhlefeld leichthin, ſie kann daher auch auf unſere ganze Unterſtützung rechnen. Wir wer den ihr unſern Rath und unſere Hülfe niemals entziehen. Und während er ſo ſprach, ſchoß ein ſo leuchtender Strahl ſtolzen Selbſtbewußtſeins aus ſeinen Augen, daß die beiden Herren, welche da drüben in der Fenſterniſche ſtanden, und ganz und gar damit beſchäf tigt waren, die beiden mächtigen Lieblinge der Kaiſerin zu beobachten, davon wie geblendet ſchienen. Sehen Sie nur, Herr Graf, murmelte der Eine von ihnen raſch und leiſe, ſehen Sie nur, wie ſelig Graf Uhlefeld heute lächelt. Es iſt keine Frage, er kennt ſchon im Voraus die En ſerin, und ſie folgt bei denſelben ganz und gar ſeinen Wünſchen.— Es wird daher gut ſein, Herr Graf Harrach, erwiederte Graf Colleredo bedächtig, ſehr gut ſein, unbedingt dem beizuſtimmen, was der Obriſthofkanzler Graf von Uhlefeld der Majeſtät als ſeine unmaß gebliche Meinung vortragen wird. Ich meinestheils werde es um ſo lieber thun, als ich, wie Sie wiſſen, mir in dieſen politiſchen Dingen tſchließungen der Kai gar kein eigenes Urtheil anmaße, und wie ich Ihnen nur geſtehen will, mich auch ein wenig im Unklaren darüber befinde, welche Geſchäfts⸗ punkte heute in der Conferenz zum Vortrag kommen werden. Ich war gerade ſehr beſchäftigt, als die verhängnißvolle Mappe bei mir anlangte, und hatte wirklich nicht Zeit zu leſen, um was es ſich heute handelt. Ich werde daher am klügſten thun, mit Uhlefeld zu ſtimmen, das heißt, wenn der Herr Reichshofraths⸗Präſident Graf Harrach nicht einer ent⸗ gegengeſetzten Meinung ſind, in welchem Falle ich mich ſonſt der Ihri⸗ gen unbedenklich anſchließe. Ich werde mich wohl beqnemen müſſen, dies Mal, wie immer der Anſicht Bartenſteins beizuſtimmen, ſeufzte Graf Harrach achſelzuckend. 3 2 3 Seine Stimmie iſt in dieſen Conferenzen ja alle Mal die entſcheidende, und findet immer einen Wiederhall in dem Ohr der Kaiſerin. Seien wir alſo das Echo dieſer Stimme, und begnügen wir uns mit der Freude die ſtolzen Hoffnungen dieſes kleinen anmaßenden, hochfahren⸗ den Herrn da drüben zertrümmern zu helfen. Er deutete mit einem leiſen Augenwink hinüber nach dem großen, mit Akten und Papieren bedeckten Arbeitstiſch, um den ringsherum die hohen mit Schnitzwerk gezierten, mit ſchwarzem Leder beſchlagenen Lehn⸗ ſeſſel der Herren Conferenzräthe ſtanden, in ihrer Mitte der etwas er⸗ höhte Lehnſeſſel der Kaiſerin. Graf Colleredo folgte dem Blick des Freundes, der ſich mit einem eigenthümlich lauernden Ausdruck Demjenigen zugewandt hatte, der da am Ende des Tiſches den letzten der Stühle eingenommen hatte, und 1 ganz vertieft ſchien in Durchſicht der Papiere, die da vor ihm lagen. Es 1 war dies ein Herr von kleiner, zierlicher Geſtalt mit einem noch ziem⸗ 3 lich jugendlichen Angeſicht, deſſen ungewöhnliche Zartheit und Weiße 4 ſeltſam contraſtirte zu den gebräunten, männlichen, verwitterten und von den Runzeln und Furchen des Alters durchzogenen Geſichtern der übrigen Herren. Keine einzige Falte zeigte ſich in dieſem zarten weißen Angeſicht und verdunkelte die Roſen, die auf ſeinen Wangen blühten, nicht der leiſeſte Hauch einer Runzel unterbrach die Glätte dieſer Stirn, und ſelbſt der lleine purpurrothe Mund war noch ganz frei von den Lineamenten und Schriftzügen, mit welchem das Alter und das Leben die Züge der Menſchen zu zeichnen pflegt. Aber dieſem ſo zarten, jugendlichen Angeſicht fehlte dennoch der Ausdruck der Jugend, es fehlte ihm überhaupt jeder Ausdruck. Dieſe weichen Züge ſchienen ganz be⸗ wegungslos und verſteinert trotz ihrer Weiche, nicht das leiſeſte Lächeln, bdes der leiſeſte Zug von Anmuth zeigte ſich auf dieſen unbewegten Lippen; kein Gedanke und kein Schatten flatterte über dieſe hohe glatte Stirn dahin, und der Blick dieſer klaren blauen Augen war ſo ruhig, ſo kalt und empfindunglos, wie der Blick einer Statue. Diefer Mann mit dem ſeltſam jugendlichen, verſteinerten Angeſicht war der— Wernzel von Kaunitz, der jüngſte der Conferenzräthe, den M r jüngſt von ſeinem Geſandſchaftspoſten in Paris nach Wien in ihre Staatskanzlei berufen hatte. 4 Auf ihn hatten ſich jetzt die Blicke der Grafen Harrach und Colleredo gerichtet; er ſchien es indeß gar nicht zu bemerken, und arbeitete ruhig und ungeſtört weiter. Sie glauben alſo, Herr Graf, flüſterte Graf Colleredo gedanken⸗ voll, Sie glauben, daß Graf Kaunitz immer noch die fabelhafte Idee einer Allianz mit Frankreich zu nähren wagt? Ich bin deſſen ganz gewiß. Ich weiß ſogar, daß er erſt vor einigen Tagen durch den franzöſiſchen Geſandten ein zärtliches Billetdoux von der Marquiſe Pompadour erhielt, das er geſtern mit einem noch zärt⸗ licheren erwiederte. Es iſt einmal ſeine fixe Idee, für Oeſterreich eine neue Weltordnung herbeizuführen und Frankreich und Oeſterreich zu Bundesgenoſſen zu machen. Von ſeinen fixen Ideen wird man am beſten im Irrenhauſe ge⸗ heilt, ſagte Graf Harrach mit einem leichtfertigen Lachen, und dahin ſollte man den kleinen Kaunitz bringen, damit er— Er verſtummte plötzlich, denn Graf Kaunitz hatte eben ſein Auge langſam von den Akten erhoben, und ſein Blick ruhte mit einem ſo ſelt ſamen ſtarren, eiſeskalten Ausdruck auf dem lachenden Antlitz des Grafen Harrach, daß dieſer ein leiſes Fröſteln über ſein Herz dahin ziehen fühlte. Wenn er meine Worte verſtanden hätte, murmelte er leiſe, wenn er— Aber es blieb dem Grafen keine Zeit zum weitern Nachdenken, denn ſo eben wurden die zu den innern Gemächern der Kaiſerin füh⸗ renden Flügelthüren haſtig geöffnet, und der eintretende Oberhofmeiſter der Kaiſerin, Graf Khevenhüller, der zugleich als geheimer Reichshof⸗ rath Sitz und Stimme im Conferenzrath hatte, verkündete das An⸗ nähern der Kaiſerin. Die Herren Conferenzräthe traten ſogleich Jeder hinter die ihnen zuſtehenden, ranggemäßen Stühle, welche den Conferenztiſch umgaben, und erwarteten in ehrfurchtsvollem Schweigen die kaiſerliche Präſidentin ihres Geheimrathes. Jetzt hörte man im Nebenzimmer raſche Schritte, und das Rau⸗ ſchen ſeidener Gewänder, dann das leiſe Hüſteln der Oberhofmeiſterin Gräfin Fuchs, welche der Etiquette gemäß, die Kaiſerin jedes Mal bis an die Schwelle des Conferenzzimmers begleiten mußte, und dann hinter ihr die Thür zu ſchließen hatte. ward durch das reizende, gutmüthige Lächeln ihres roſit 5 Die Schritte und das Hüſteln kamen näher und ſebt erſchien in der Thür die hohe und majeſtätiſche Geſtalt der Kaiſerin. Die Herren Couferenzräthe legten die Hände an die zierlichen Cavalierdegen, die an goldener Quaſte an ihrer Seite niederhingen, und verneigten ſich tief und ehrfurchtvoll vor der hohen Frau, die mit leichten elaſtiſchen Schritten weiter vortrat, während die Aja Gräfin Fuchs leiſe die Thür zuzog. Die Kaiſerin nickte ihren lächelnden Gegengruß, den indeſſen keiner der Herrn gewahren konnte, denn ihre Häupter waren, dem ſteifen ſpa⸗ niſchen Ceremoniell, das am Kaiſerhofe herrſchte, gemäß, noch immer geſenkt und mußten ſo bleiben, bis die Monarchin an ihnen vorüber⸗ geſchritten war, und ihren Platz auf dem Thronſeſſel eingenommen hatte.— Einer indeſſen hatte es gewagt der ſpaniſchen Etiquette zu trotzen. Einer hielt ſein Haupt nicht geſenkt, ſondern wagte es, nach ehrerbietigem Gruß ſein Baͤdi wieder zu erheben, und den Blick auf die Kaiſerin zu heften. Dieſer Eine war der Graf Wenzel von Kaunitz, der jüngſte der Conferenzräthe. Er ſchaute mit feſtem Auge auf die daher ſchreitende Kaiſerin hin; zum erſten Male bewegten ſich ſeine Züge ein wenig, und der leiſe Schimmer eines Lächelns fuhr einen Moment über ſeine Lippen hin. Ohne Zweifel war es das Anſchauen der Kaiſerin, welches die ſtarre Gleichgültigkeit ſeines Geſichtes bewegte, und in der That, Maria The⸗ reſia war noch immer eine ſchöne Frau, und wohl im Stande die Her⸗ zen höher ſchlagen und Lippen, welche nie gelacht, lächeln zu machen vor freudigem Stolz über ihre ſchöne Kaiſerin. Denn Maria Thereſia war noch immer ſchön trotz ihrer ſechsunddreißig Jahre, trotz der drei⸗ zehn Kinder, welche ſie ſchon ihrem Gemahl geboren. Ihre hohe ge⸗ dankenvolle reine Stirn war umſchattet von einer Fülle reichgelockten dunkelblonden leicht gepuderten Haars, das hinien im Nacken in einem goldenen mit weißen Federn umſäumten Netz, zuſammen gehalten ward. Ihre großen feurigen Augen waren von dieſem ſeltſamen Grau, das ſo wunderbar wechſelnd iſt, und je nach den Empfindungen der Seele ſich bald in ein ſchmachtendes Blau, bald in ein dunkles feuriges Braun zu verwandeln ſcheint. Die ſchlanke kühn gebogene Naſe verlieh ihrem Antlitz etwas Stolzes, Hochfahrendes, das indeſſen wieder gemild —— —-— 6 der in ſeiner Friſche und Fülle dennoch keine Spur jener Aufgeworfen⸗ heit zeigte, welche man bei der Familie der Habsburger als die„öſter⸗ reichiſche Lippe“ zu bezeichnen pflegt. Ihre, etwas über die gewöhn⸗ liche Frauengröße erhabene Geſtalt, war von einem bewunderungswürdi⸗ gen Ebenmaß; und ihre wundervolle, zugleich üppig volle, und edel keuſche Büſte hätte einem Praxiteles zu einer ſeiner Juno⸗Statuen zum Vorbild dienen können. Indem man die Kaiſerin anſchaute, begriff man ſehr wohl, wie ihre, damals noch jugendlichere und ſchönere Er ſcheinung die edlen Ungarn vor dreizehn Jahren, als ſie hülfeflehend in ihrer Mitte in der Reichsverſammlung erſchien, zu ſo feurigem Enthuſiasmus und zu ſo todeskühner Begeiſterung hinreißen konnte, daß ſie jubelnd in den einmüthigen Ruf ausbrachen:„unſer Gut und Blut und Leben für unſern König Maria Thereſia!“— Ihren Kö nig Maria Thereſia nannten die Ungarn noch immer die Kaiſerin, und ſie hatten wohl Recht damit. Maria Thereſia war nur ein Weib in den Armen ihres Gemahls, in der Mitte ihrer Familie, im Innern ihrer Gemächer, ſie war ein ſtarker, willenskräftiger, ſelbſtbewußter Mann im Staatsrath, bei den Regierungsgeſchäften, und in Allem, was ihr Land, ihr Volk, ihre Krone und ihr Herrſcherthum anbetraf. Sie war im Stande, kühne Pläne zu faſſen, und zu verfolgen, und mit männlichem Geiſte ihre eigenen Vorurtheile und Neigungen zu be zwingen, wenn ſie dem Staatswohl und ihrer beſſern Ueberzeugung entgegen ſtanden. Und dieſe männliche Energie, dieſe kühne Entſchloſſenheit leuch⸗ tete in dem Moment, als die Kaiſerin heute in den Staatsrath ein⸗ trat, mit ſo hellem Glanz von ihrer Stirn, daß ſelbſt Kaunitz, wie ge ſagt, einen Moment davon bewegt ward, und die eiſerne Starrheit ſeiner Züge ſich zu einem leiſen Lächeln erhellte. Niemand ſah dieſes Lächeln, Niemand, außer der Kaiſerin, und gleichſam als Antwort auf dieſes Lächeln, nickte ſie leiſe mit dem ſtolzen junoniſchen Haupte, als ſie an Kannitz vorüberging. Dann nahm ſie mit gelaſſener königlicher Würde ihren Lehnſeſſel ein, und forderte mit ihrer ſonoren, klangvollen Stimme die Herren Conferenzräthe zum Niederſitzen auf. Mit ihrer raſchen, energiſchen Weiſe griff die Kaiſerin ſodann nach dem Papier, welches vor ihren Platz lag, und auf welchem der Staatsreferendarius Barten⸗ 3 7 ſtein ihr jedes Mal die in der Sitzung zum Vortrag kommenden Ge⸗ genſtände verzeichnen mußte. Die Kaiſerin überflog das Papier mit haſtigen Blicken. Meine Herren Conferenzräthe, ſagte ſie dann, es iſt, wie mich dünkt, heute eine ſehr wichtige Frage, die wir uns und dem Kaiſerſtaat heute beant⸗ worten wollen, und bei der ich mir Ihren Rath erbitten will. Es handelt ſich um die Zukunft Oeſterreichs, und um die Freunde, oder Feinde, die wir fortan uns erwerben wollen. Die alten Verträge ſind 2ꝛ abgelaufen, die alten Freundſchaften, wie die alten Feindſchaften ſind viel⸗ 4 leicht erkaltet, und es fragt ſich ob es beſſer iſt, die erkalteten Freundſchaften mit neuen Verträgen neu aufzuwärmen, oder die erkalteten Feindſchaften im Feuer neuer Freundſchaft zu ertödten. England, Holland und Sar⸗ dinien ſind ſeit ſiebenzig Jahren unſere Bundesgenoſſen, Frankreich iſt ſeit dreihundert Jahren unſer Gegner und Feind geweſen. Soll dieſe Feindſchaft fortbeſtehen, ſollen die abgelaufenen Verträge mit Holland, England und Sardinien erneuert werden? Darüber, meine Herren Räthe, laſſet mich jetzt Eure Meinungen und Anſichten vernehmen! 4 Und nachdem ſie ſo geſprochen, winkte die Kaiſerin leicht mit einem V 3 Finger ihrer von Brillantringen funkelnden rechten Hand nach dem Obriſthofkanzler Grafen Uhlefeld hinüber. Ich, meinestheils, ſagte der Graf ſich mit langſamer feierlicher V Würde von ſeinem Sitz erhebend, ich ſtimme für die Erneuerung un⸗ 3 ſeres Bündniſſes mit den Seemächten. Sie haben ſich uns ſeit ſiebenzig Jahren treu und wohlgemeint bewieſen. In den Tagen unſerer höchſten Gefahr, als Ludwig der Vierzehnte vor ſiebenzig Jahren uns Straßburg und den Elſaß nahm, als ſeine Bundesgenoſſen, die Türken Wien be⸗— lagerten, und dieſe zwei mächtigen Feinde die ganze öſterreichiſche Mo⸗ narchie bedrohten, da war es das Bündniß mit den Seemächten und A mit Savoyen, welches Oeſterreich, nächſt dem muthvollen Polenkönig b Johann Sobieski errettete. Sobieski entſetzte die Hauptſtadt; Savoyen hielt für uns die aufrühreriſche Lombardei im Zaum, und Holland und England bewachten und erhielten uns die Niederlande, in denen der Geiſt der Empörung ſeit Philipps von Spanien Zeiten noch immer nicht erloſchen war. Wir haben alſo dem Bündni die Niederlande, dem Bündniß mit Savoyen die L. — —— während Frankreich an uns einen Raub begangen hat, den wir ihm niemals verzeihen und vergeſſen dürfen, während Frankreich uns Straß⸗ burg genommen hat. Und in dieſer Zeit, als Frankreich nahm, haben unſere Bundesgenoſſen nicht bloß uns geſchützt, ſondern auch gegeben; die Subſidien Englands und Hollands haben unſere Kaſſen gefüllt, den Wohl⸗ ſtand unſeres Landes erhöht, und uns befähigt die Kriege, welche wir gegen Frankreich und ſpäter auch gegen Preußen führten, energiſch, kraftvoll und zur Ehre Oeſterreichs zu Ende zu führen. Ich ſtimme alſo für die Er⸗ neuerung des Bündniſſes mit den Seemächten und Sardinien; ſeit ſieben zig Jahren haben wir uns wohl gefühlt dabei, und es iſt wohl gut, daß die Fürſten der Welt ein Beiſpiel geben von der Treue ihrer Geſinnungen, denn die Treue der Fürſten beſtimmt auch die Treue der Völker. Nachdem der Graf ſo geſprochen, nahm er ſeinen Sitz wieder ein, und der Staatsreferendarius Bartenſtein, der gefürchtete, machtvolle Liebling der Kaiſerin erhob ſich, um in feuriger, leidenſchaftlicher Rede, gleich dem Grafen Uhlefeld, die Vortheile des erneuerten Bündniſſes mit den Seemächten anzupreiſen. Und nach ihm ſprachen die Grafen Colleredo und Harrach und der Oberhofmeiſter der Kaiſerin, der Graf Khevenhüller, und Alle waren ſie einig und einträchtig in ihren Ueberzeugungen und nimmer würde es einer dieſer reichen, vornehmen und ſtolzen Cavaliere gewagt haben einer andern Anſicht zu ſein wie die beiden hochmächtigen und unumſchränkten gebietenden Herren, welche zuerſt geſprochen. Uhlefeld und Bartenſtein hatten die Parole ausgegeben. Sie hieß: erneuertes Bündniß mit den Seemächten, welche ſo große Subſidien zahlten, die ſeither immer den Herren von der Hofkammer zu Gute gekommen. Denn damals hielt man noch an dem Grundſatz feſt, daß es der kaiſerlichen Würde nicht anſtändig ſei, die Rechnungen in der Hofkammer einzuſehen, und die Herren der Hofkammer hatten daher nur Gott und ihrem Ge⸗ wiſſen über die Verwaltung der Subſidiengelder Rechnung abzulegen. Für Erneuerung der alten Bündniſſe ſprachen alſo die Herren Conferenzräthe, und während ſie ſprachen, ſaß der jüngſte von ihnen, der Graf Wenzel von Kaunitz, ruhig und anſcheinend ganz gleichgültig da; ohne auch nur im Geringſten auf die weiſen und gelehrten Deduc⸗ tionen der Herren u achten, beſchäftigte er ſich damit, die vor ihm 9 liegenden Papiere zu ordnen, ſeine Feder mit neuen Spitzen zu verſehen, die Krauſen ſeiner Manſchetten zu ordnen, und ſorgſam jedes Stäubchen und jedes Flöckchen mit zuſammengepreßten Fingern von ſeinem Kleide wegzuſchnellen. Einmal, während Bartenſtein grade ſeine lange und ausführliche Rede hielt, ging Graf Kaunitz in ſeiner gedankenloſen Un⸗ bekümmerheit ſogar ſoweit, ſeine große, mit Brillanten beſetzte Uhr, auf welcher ſich ein Portrait der Marquiſe Pompadour befand, hervorzu⸗ ziehen, und ſie repetiren zu laſſen. Die hellen kleinen Glockentöne be⸗ gleiteten wie ein zierliches Elfenorcheſter die donnernden Worte Barten⸗“ ſteins, die indeſſen Kaunitz gar nicht zu hören ſchien, weil er ganz und gar damit beſchäftigt war, die Schläge ſeiner Uhr leiſe zu zählen.“*)— Die Kaiſerin, welche ſonſt dieſe gleichgültige Unachtſamkeit des Grafen immer mit kaum verhehlter Ungeduld bemerkt, und ſie oft ſogar mit einem zornigen Aufblitzen ihrer Augen, einem haſtig unwilligen Wort gerügt hatte, die Kaiſerin blieb heute vollkommen ruhig, vollkommen geduldig, ja bei dem ſeltſamen Anſchlagen der Uhr flog ſogar ein un⸗ merkliches Lächeln durch ihre ſchönen, edlen Züge hin, und als jetzt der letzte der fünf Herren ſchwieg, als an Kaunitz die Reihe kam, zu ſprechen, da wandte das feurige Auge der Kaiſerin ſich mit einem Blick geſpannter Erwartung zu ihm hin. Aber wie war auch jetzt dieſes vorher ſo ruhige, ſo unbewegte Antlitz des Grafen verwandelt, wie glühte ſein Auge und welche Ener⸗ gie ſtrahlte von ſeiner Stirn! Wie durchleuchtet von großen und welt⸗ beherrſchenden Gedanken war ſein Blick, der ſich jetzt mit einem wun⸗ derbaren, halb fragenden, halb bittenden Blick auf die Kaiſerin heftete. Ich ſtimme nicht für die Erneuerung der alten Bündniſſe mit den Seemächten, ſagte er mit lauter feſter Stimme, und ſofort zeigte ſich auf den Geſichtern ſeiner Herren Collegen ein Ausdruck des Staumens und des Schreckens.— Nur Bartenſtein begnügte ſich, leicht mit der Achſel zu zucken, und mit einem halb mitleidigen, halb verächtlichen Lächeln ſeinen jungen machtloſen Gegner anzuſchauen. S Kaunitz ſah es, und begegnete den hochmüthi en iten Barten *) v. Hormayr. Oeſterreichiſcher Plutarch. 10 ſteins mit ruhigem, feſtem Auge, indem er gelaſſen und kälter jetzt wie zuvor ſeine Worte wiederholte. Dann nach einer kleinen Pauſe, gleich⸗ ſam als habe er ſeinen Zuhörern Muße gönnen wollen, dieſe ganz neuen, noch niemals in dieſen Räumen vernommenen Worte in ſich aufzunehmen, fuhr er fort: Das Bündniß mit den ſtolzen und hoch⸗ müthigen Seemächten iſt für Oeſterreich ſeit lange ſchon eine Demü⸗ thigung und eine Feſſel geweſen, und wenn ſie uns zu Anfang dieſer Allianz ihren Schutz verliehen, ſo haben ſie uns das nachher ſchwer und bitter fühlen laſſen, und wir haben uns dieſe Allianz allezeit mit großen Opfern und ſchweren Beſchränkungen unſerer Freiheit erkaufen müſſen. Nicht einen Moment haben der König von England, und die Hochmögenden Herrn von Holland es vergeſſen, daß ſie ſich mit uns verbündeten, als nicht ſie, ſondern wir dieſes Bündniſſes bedürftig wa ren, und ſie haben uns dafür gedemüthigt und geknebelt, und es uns hundertfach fühlen laſſen, daß wir ihre bezahlten Bundesgenoſſen wa⸗ ren, abhängig von ihnen durch Dankbarkeit, und durch Geld. Eifer ſüchtig auf die wachſende Macht, das unaufhaltſame Gedeihen des ju gendſtarken Oeſterreichs, dem die Zukunft gehört, während ſie nur mit der — Vergangenheit prunken können, eiferſüchtig auf die Qnellen unſeres ſtets wachſenden Reichthums, haben ſie ſich wenigſtens bemüht diejenigen Quellen, welche ihren hochmüthigen Händen erreichbar waren, uns zu verſtopfen. Ihre Handelstyrannei hat uns, die Verbündeten eben ſo gut getroffen, wie ihre Feinde, denn die Schelde⸗ und die Rheinſperre, der Barrierentract und Alles was die engliſche Pfiffigkeit und die hol ländiſche Habgier ſonſt noch Tyranniſches erſinnen konnte, war für uns eben ſo ſehr gültig, wie für jeden Andern. Uneingedenk unſeres Bünd⸗ niſſes haben ſie unſern Schiffen und unſerer Flagge ihre Häfen ge⸗ ſperrt, und während ſie für uns die Niederlande zu bewahren ſchienen, wachten ſie zugleich mit eiferſüchtigem Auge, daß wir die eingeſchloſſe⸗ nen Greuzzen unſerer Niederlande nicht überſchreiten durften und ihnen allein der Handel, die Macht und die Schifffahrt in der Nord- und der Oſtſee verbliebe. Vraiment, dieſe Freundſchaft der Seemächte laſtet auf uns mit ſchwerer Hand und es iſt noch nicht ſo gar lange her, daß ich, als Geſandter meiner Kaiſerin in Aachen, den hochfahrenden und vielfordernden Geſandten Englands daran mahnen mußte,„das 1 44 zarte Geſchlecht der Kaiſerin Königin, durch ſein ſtolzes anmaßendes Weſen nicht ſo unritterlich verletzen zu wollen.“ Es iſt nicht ſo gar lange her, daß meine erhabene Kaiſerin ſelber dem engliſchen Geſandten, ¹ der in ſeinem Uebermuth ſich das Anſehen gab, als ſei der Beſitz der Niederlande nur eine von England und Holland uns bewilligte Gnade, es iſt nicht ſo gar lange her, daß meine erhabene Kaiſerin dieſem ſtolzen engliſchen Herren entgegen rief:„Bin ich nicht Herrin in den Nieder⸗ landen ſo gut als in Wien? Sind ſie etwa ein Geſchenk, ein bloßes Pfand Ihres Königs und der Hochmögenden?“*) Ja, rief Maria Thereſia mit flammenden Augen, und lebhaftem Nicken ihres Hauptes, ja das habe ich geſagt, denn der Uebermuth dieſer Handelsleute hatte mich zornig gemacht, und ich wollte mein gu⸗ tes Recht von ihnen nicht als eine Gnade hinnehmen. Es iſt mir ein Greuel und eine Plag, geknechtet zu werden im Namen der Freund⸗ ſchaft und der Allianzen und das wollte ich die ſtolzen Herren ein we⸗ nig fühlen laſſen! Es war wunderbar zu ſehen, welche Wirkung dieſe ſchnellen leiden⸗ ſchaftlichen Worte der Kaiſerin auf ihre Zuhörer ausübten. Es flog wie ein Zittern durch die ehrenfeſten Mienen der Herren Conferenzräthe hin. Uhlefeld und Bartenſtein wechſelten einen Blick fragenden Erſtau⸗ nens, während die andern drei Grafen, als gewandte Hofherren ihre Blicke mit unverkennbarer Bewunderung auf Kannitz geheftet hielten, den ihre vielgeprüften Hofangen ſchnell als das aufgehende Geſtirn eines neuen Tages erkannt haben mochten. — — Graf Kaunitz hatte ſich bei der unerwarteten Unterbrechung ſeiner Rede lächelnd vor der Kaiſerin verneigt, dann, als die Kaiſerin ſchwieg, fuhr er nach einer Pauſe mit derſelben ruhigen und unveränderten Stimme fort: Ihro Majeſtät ſelber hat die Gnade gehabt den Druck und die Tyrannei unſerer zwei Alliirten des Nordens anzuerkennen, es iſt alſo nicht nöthig noch weitere Beiſpiele davon zu geben, und es bleibt nur noch übrig von unſeren Alliirten des Südens zu ſprechen, von Sardinien, welches uns die Lombardei bewacht und behütet. Aber 5) Gore: History of the house of Austria. Vol. V. S. 51. 1 3. 6“ 3 2 3 4— ich entſinne mich, daß Victor Amadeus von Sardinien, als er das A2 E r0 p heht Bündniß mit Oeſterreich ſchloß, laut genug, daß wir es in Wien hören konnten, zu ſeinem Vertrauten ſagte:„die Lombardei iſt Mein. Ich ſan will ſie aber nur Stück für Stück wie eine Artiſchocke aufſpeiſen.“*) der Und mich dünkt, er hat ſich als ein guter Eſſer bewährt, und mehr iſ als eine der ſchönſten Landſchaften als wohlſchmeckendes Blatt der Arti⸗ ſa ſchocke Lombardei, zu deren Gärtner Oeſterreich ihn erkoren, aufgeſpeiſt. in Freilich hat dieſer große Gourmand ſeitdem ſeine Krone niedergelegt, 6 und ſein Sohn herrſcht jetzt an ſeiner Statt, ſein Sohn Victor Ema⸗ bn nuel, von dem der weiſe Lord Cheſterfield jüngſt in ſeiner Begeiſterung un geſagt hat:„der edle Victor Emanuel von Sardinien hat niemals ein ſa Unrecht begangen, begeht niemals eins, und wird niemals eins begehen.“ de Nun, ich meines geſtrengen Ortes bin durchaus einverſtanden, daß der der König von Sardinien alle erdenklichen Eigenſchaften habe, und, wäre ll nur die abominable Geographie und die italieniſche Liebhaberei für die ſch Artiſchocken nicht, ſo wäre Victor Emanuel ſogar und überdies noch ui ein ehrlicher Mann.**) Aber die Artiſchockenliebhaberei des edlen Kö⸗ un nigs von Sardinien iſt für uns eben ſo bedrückend und beängſtigend i wie der freundſchaftliche Händedruck der alliirten Seemächte, welche 4 8 uns mit dieſem Händedruck nicht blos ihre Häfen und Flüſſe ſperren, re ſondern uns auch auf unſere Kniee niederdrücken möchten, damit wir 9. fein demüthig ſie doch um die Fortdauer ihrer Freundſchaft erſuchen 1' möchten, einer Freundſchaft, die in nichts reel iſt, als in den Subſidien, gi die ſie uns zahlt, welche Subſidien in der ſtolzen und hochmüthigen bc Art, in welcher ſie gezahlt werden, eine neue Beleidigung ſind, und ſt mehr den Anſchein eines großmüthigen Geſchenks von einem reichen iſ Gönner gewinnen, als einer ſtipulirten Leiſtung, die wir mit andern L 9, Leiſtungen erwiedern. Oeſterreich aber iſt reich genug, um aller und w jeder Subſidien entbehren zu können, Oeſterreich iſt reich, iſt mächtig, al groß und herrlich genug, um nur Denen ſeine Freundſchaft und Allianz re bieten zu dürfen, welche ſolche Freundſchaft und Allianz als eine Ehre di erkennen und fordern und in ſolcher nicht bloß glauben die Gebenden, d — *) Coxe. Vol. V. S. 80.. 3**) Hormayr. Des Grafen Kaunitz eigene Worte. Hormayr Oeſterrei⸗ t chiſcher Plutarch. Elftes Bändchen. 2 ſondern auch die Empfangenden zu ſein. Oeſterreich darf alſo in ſtol⸗ zem und wohlbegründetem Selbſtgefühl ſich der drückenden, hochmüthigen Es iſt ein kühner, lebens⸗ Freundſchaft der Seemächte entſchlagen. ſtarker, freier Jüngling, wohl berechtigt die alten Bahnen zu verlaſſen und neue Wege einzuſchlagen, wenn dieſe Wege zum Heil und zur Größe führen. Und es giebt noch eine moraliſche und ideelle Größe, von deren Exiſtenz die handelnden und rechnenden Mächte England und Holland keine Ahnung haben, eine Größe, welche aber von dem hochgebildeten ſtolzen Frankreich deſto ſchöner gewürdigt wird. Frank⸗ reich bietet Oeſterreich ſeine Freundſchaft, es will der dreihunderijähri⸗ gen Feindſchaft vergeſſen und dem großen kühnen Jüngling Oeſterreich als große kühne Geliebte zur Seite ſtehen. Mit Frankreich verbündet ſchütteln wir die mächtigen Feſſeln der alten Bundesgenoſſen ab, ſind wir im Stande den Feindſchaften von ganz Europa zu trotzen und unſer Schwert als entſcheidenden Moment in die Wagſchale aller euro⸗ päiſchen Streitigkeiten zu legen, und je nach unſerem vereinten Willen Europa den Krieg oder den Frieden zu geben. Frankreich und Oeſter⸗ reich verbündet werden ganz Europa Geſetze vorſchreiben, und eine neue Politik, eine neue Ordnung der Dinge bewerkſtelligen. Und es ſcheint mir dies ein von der Weltklugheit ſowohl, als von der Religion be⸗ günſtigtes Bündniß. Frankreich iſt Oeſterreichs Nachbar; wenn Nach⸗ barn einander die befreundeten Hände reichen, ſo ſind ſie Beide doppelt ſtark und zweiſchneidige Schwerdter beſchützen ihre Grenzen; Frankreich iſt Oeſterreichs Glaubensgenoſſe; der heilige Vater zu Rom, welcher Oeſterreichs Waffen ſegnet, und uns den Schutz ſeiner Gebete verleiht, würde fortan nicht mehr nöthig haben trauernden Blickes ſein Haupt abzuwenden, um nicht dieſe Bundesgenoſſen des apoſtoliſchen Oeſter⸗ reichs zu ſehen, dieſe ketzeriſchen Bundesgenoſſen, welche er als Ungläu⸗ bige und Gottverdammte verfluchen und verwünſchen würde, wenn ſie nicht eben die Bundesgenoſſen ſeines geliebten Oeſterreichs wären. Aber wenn das lalllce Fee Frankreich poſtoliſchen Oeſtexrzichs Bundesgenoſſe iſt, dann ſegnet die K ſoda ρÆ fedle Bündniß, und n der Politik gebo⸗ tene Vereinigung r ann eine vom heiligen Vater zu Rom geweihete. Aus Klugheit ſowohl⸗ wie aus Jrömmigkeit ſti e ich 3 für das Und ich ſtimme laut und freudig der Meinung des Grafen Kau⸗ nitz bei, rief Maria Thereſia, ſich mit einer raſchen Bewegung von ihrem Seſſel erhebend, und mit hoheitsvollen Blicken die Verſammlung anſchauend. Der Graf hat geſprochen, wie es meinem kaiſerlichen Herzen wohl thut, er hat geſprochen aus reiner und begeiſterter Liebe zum Vaterland, ſonder Menſchenfurcht und Menſchenrückſicht; ich ſage dem Grafen dafür meinen ſchönſten Dank, und werde mir ſeine Worte wohl überlegen und zu Herzen nehmen! Und die Kaiſerin, hingeriſſen von ihrer eigenen Begeiſterung, reichte dem Grafen Kaunitz über den Tiſch hinüber ihre Hand dar, welche dieſer mit ungewohnter Lebhaftigkeit an ſeine Lippen drückte. Graf Uhlefeld ſah mit einem Ausdrucke ſchaudernden Entſetzens auf dieſe ungewöhnliche Scene hin, Bartenſtein war bleich geworden und preßte ſeine Lippen feſt aufeinander, als wolle er einen Ausruf des Zorns zurückdrängen, die Grafen Harrach, Colleredo und Kheven⸗ hüller ſtanden da mit geſenkten Häuptern, in ihrem Innern ſchon über⸗ legend, auf welche Weiſe es ihnen am beſten gelingen möchte, der Freund⸗ 1 ſchaft des neuen Machtgebers ſich zu vergewiſſern. Die Kaiſerin achtete gar nicht auf die verſtörten Mienen der Herren Conferenzräthe; große und kühne Gedanken bewegten ihre Seele, ihr Antlitz flammte und leuchtete in der Begeiſterung für ihr geliebtes Vaterland. Alles für Oeſterreich, ſagte ſie mit einem ſchwärmeriſch gluthvollen Blick gen Himmel. Alles für Oeſterreich, mein Herz, meine Seele, meine Gedanken und meine Wünſche gehören dem Wohl meines Landes. Ich werde Gott bitten, meine Seele zu erleuchten, damit ſie das Rechte wähle, und Oeſterreich die rechten Freunde, und die rechten Feinde aus⸗ erwähle. Ich habe jetzt von Ihnen Allen Ihren Rath vernommen, und werde mich entſcheiden, ſobald meine Entſchlüſſe gereift ſind, und die rechte Erkenntniß über mich gekommen iſt! —— Sie machte mit der Hand eine grüßende Bewegung, und neigte leiſe ihr Haupt zum Abſchiedsgruß. Dann ſchob ſie den Lehnſtuhl 4 haſtig zurück, und verließ unter Vortritt des Oberhofmeiſters ſtolz und hochaufgerichtet den Saal. Die Herren Conferenzräthe ſtanden in tiefer Verneigung da, bis ne die Thür ſich hinter der Kaiſerin geſchloſſen, dann richteten ſie ihre Häupter wieder empor, und warfen einander fragende, verwunderte Blicke zu. Nur Kaunitz ſchien ganz unbefangen, ganz unbewegt. Mit der gleichmüthigen Ruhe, die ihn nie verließ, nahm er ſeine Papie zuſammen, ſchoh ſie in die grüne Maroquinmappe, welche er unteäte ſeinen Arm ſchob und ſich dann leicht vor ſeinen Herren Co neigend, mit leiſen, langſamen Schritten das Gemach dur hwandelte und hinaus ging. Das war ein Verſtoß gegen die Etiquette, welche die Herren Con⸗ ferenzräthe und Grafen mit neuem Entſetzen erfüllte! Es war ein öffent⸗ liches Auflehnen gegen Alles, was bisher am Kaiſerhof gültig und zu Recht beſtehend geweſen. Noch niemals hatte einer der Herren des kaiſerlichen Hofgerichts es gewagt vor dem O den Saal zu verlaſſen, und jetzt unter den Conferenzräthe ſolcher kühnen Verletzzng der Etigu e!— Es war ein Fa von ſo unerhörter, unglaublicher Art, daß Graf Uhlefeld da⸗ von wie zerſchmettert war, und Herr von Bartenſtein ſogar ſeine ſtolze boczmkthihe Haltung verloren hatte. Ohne ein Wort zu ſagen, nahm Bartenſtein daher den Arm des Grafen an, und geſenkten Hauptes, und niedergeſchlagenen Blickes verließen die beiden Freunde den Saal des Oberhofgerichtes, den ſie mit ſo ſiegesgewiſſer Ruhe betreten hatten. Die Grafen Harrach und Colleredo folgten ihnen ſchweigend nach in den Vorſaal, und verneigten ſich tief und ehrfurchtsvoll vor den beiden gewaltigen Herren, welche ſo eben den Vorſaal verließen. Kaum aber hatte die Thür ſich hinter ihnen geſchloſſen, als die beiden Herren mit einem ſchadenfrohen Lächeln ſich einander anblickten. Gefallene Größen, flüſterte Graf Harrach, ausgebrannte Sterne, die geſtern wie Sonnen blitzten, und heute nur noch erkaltete Kohlen ſind, die man zu Aſche zermürbeln wird. es iſt heute Soirée bei Bartenſtein. Ich werde nicht hingehen! Es wird das erſte Mal ſeit eilf Jahren ſein, daß ich bei denſelben fehle. 4 Ich hatte den Grafen Uhlefeld auf morgen zu einem Feſt geladen, das ich eigentlich ihm zu Ehren, geben wollte, ſagte Graf Colleredo lachend, jetzt werde ich eine plötzliche Erkrankung vorſchützen, und das eſt abſagen. llegen ver⸗ briſtkanzler von Uhlefeld. fing ſich der jüngſte der beiſitzen⸗ ———,— — ——— 5 . löſchen der Sonnen Uhlefeld und Bartenſtein? Deshalb hören Sie meinen Rath! er hat zwei Schwächen: Beſitz von zweierlei Dingen, w Grafen Kaunitz erregt haben. und der Araber, welchen ſie 1 Das heißt einen Eclat machen! Sie glauben alſo feſt an das Er⸗ Ich bin davon überzeugt! Und Sie meinen, die aufgehende Wird nicht heißen, lieber Freund, nein, heißt ſchon Kaunitz! Graf Kaunitz iſt unbeſtechlich, aber die Weiber und die Reitpferde! Sie ſind im elche, wie ich weiß, ſchon den Neid des Die Sängerin Forlina iſt Ihre Geliebte, geſtern im Spiel dem Fürſten Eſterhazy Meinung das auserleſenſte Thier, alſo Kaunitz Ihre Geliebte und ſein Günſtling werden! Sonne wird Kaunitz heißen? abgewannen, iſt nach Kaunitzens das man ſehen kann. Schenken Sie Ihr ſchönes Pferd und Sie werden * A*³ 0dd 08 II. Der Brief. als ſie den Conferenzrath verlaſſen, in das Nachdem ſie die frühen Mor— erledigungen hingebracht, durfte ſie ſich jetzt wohl Maria Thereſia war, Innere ihrer Gemächer zurückgekehrt. genſtunden ſchon mit Arbeiten und Geſchäfts und ſodann dem Staatsrath präſidirt hatte, eine kurze Stunde nicht Staatsmann, ſondern Weib zu ſein, lauder über die„On dit“ des Tages ein wenig Es war überdies die Stunde, e einzige Stunde erlauben, und im behaglichen Gep der Sorgen ihrer Regierung zu vergeſſen. welche die Kaiſerin ihrer Toilette zu weihen pflegte, di im ganzen Tage, in welcher Maria Thereſia ſich erlaubte, ganz und gar und mit allen ihren Gedanken Frau zu ſein. Ihre Kammerfrauen angſtvollem Herzen an jedem Abend dieſer ver⸗ zu gedenken, und Gott ge, und die Kammer⸗ pflegten immer nur mit hängnißvollen Stunde des kommenden Tages zu hitten, daß dieſelbe glücklich vorüber gehen mö *½ „ frau und Vorleſerin der Kaiſerin, Charlotte von Hieronymus,*) hatte oftmals erklärt, daß ſie es vorziehe der ſtolzen Gebieterin Abends drei Stunden die lateiniſchen Depeſchen aus Ungarn vorzuleſen, als Mor⸗ gens auch nur eine halbe Stunde bei dem Haarputz ihrer Gebieterin beſchäftigt zu ſein. Aber wie die Kaiſerin heute in ihr Putzzimmer eintrat, ſtrahlte ihr Antlitz von einem glücklichen, ſanften Lächeln, daß die kleine Vor⸗ leſerin ſich daran ganz ermuthigt fühlte, und ſich mit einem glücklichen Ausdruck hinter dem vor dem hohen Venetianiſchen Spiegel placirten Stuhl aufſtellte, ganz bereit die gefürchtete Toilette der Kaiſerin zu beginnen. Maria Thereſia ließ ſich mit einem lauten Aufathmen in den Seſſel niedergleiten und löſte mit eigener geſchäftiger Hand das goldene Netz, welches die Fülle ihres ſchönen langen Haares verbarg. Heut gieb Dir Mühe, mich recht ſchön zu machen, Charlotte, ſagte ſie, indem ihr lächelnder Blick ſich dem Spiegel zuwandte, und dort mit Wohlgefallen ihr eigenes Bild zu betrachten ſchien.. Euere Majeſtät bedürfen meines geringen Beiſtandes nicht, um — ſchön zu ſein, ſagte die Kammerfrau mit ihrer ſanften leiſen Stimme. Als Ihre Majeſtät damals in die Reichsverſammlung der Ungarn ein⸗ traten, hatte keines Friſeurs Hand Ihr Haar geordnet, in ungekünſtelten b Locken umwallte es Ihr Haupt, und alle Welt ſagt noch heute, daß keine Friſur ſo ſchön iſt, als die damaligen Locken der Kaiſerin. Aber das ſind dreizehn Jahre her, ſagte Maria Thereſia. Drei⸗ zehn Jahre, und manche Sorge und mancher Schmerz haben ſeitdem mein Haupt belaſtet. Der König von Preußen, der böſe Mann, der mir mein liebes Schleſien genommen hat, der iſt Schuld daran, wenn mein Haar vor der Zeit ergraut und ſich ſchon Runzeln auf meiner Stirn zeigen. Wenn er keine andere Schuld auf ſeinem Gewiſſen hat, ſo mag er ruhig ſchlafen, ſagte Charlotte lächelnd. Euerer Majeſtät Haar iſt noch immer ſo ſchön, als es war, und die Stirn iſt noch nicht von der kleinſten Linie des Alters gezeichnet. . Um der Kaiſerin Lippen ſpielte ein köſtliches Lächeln, und raſch — 1*) Die Mutter der Schriftſtellerin Caroline Pichler. 4 Kaiſer Joſeph. 1. Abth. I. — ihr Haupt zurückwerfend und ihre kleine Vorleſerin und Friſeurin mit einem vollen glänzenden Blick anſchauend, ſagte ſie: Meinſt alſo, Char⸗ lotte, daß ich dem Franzel noch immer gefallen kann, und er keine Schand' einlegt mit ſeiner Frau? Nun, ſo putze mich denn heute recht ſchön, auf daß ich dem Kaiſer recht gut in die Augen falle; ich habe ihm heute was Wichtiges zu ſagen, und es wird gut ſein, wenn ich erſt ſeine Augen gewinne, denn dann iſts leichter ſeinen ganzen Kopf nachher zu gewinnen. Raſch alſo an's Werk, Kind und— Die Kaiſerin verſtummte, denn die Seitenthür dicht neben ihr ward eben haſtig geöffnet, und die Oberhofmeiſterin Gräfin Fuchs trat mit ungewohnter Eilfertigkeit herein. Ei, ſchau Einer, rief die Kaiſerin verwundert, da kommt die Füchſin, um meiner Toilette zu afſiſtiren. Aber die Oberhofmeiſterin bezeigte keine Luſt auf die frohe Laune der Kaiſerin einzugehen. Sie verneigte ſich mit tiefer, echt ſpaniſcher Grandezza vor ihrer Gebieterin. Kaiſerliche Majeſtät halten zu Gnaden, wenn ich ſtöre, ſagte ſie leiſe. Allein ich habe Euerer Majeſtät eine Sache von höchſter Wich⸗ tigkeit mitzutheilen, welche keinen Aufſchub leidet, und die ich Ew. Ma⸗ jeſtät ſofort und allein mitzutheilen wünſchte! Ach Füchſin, Sie ſieht gar ſo ernſthaft aus, ſagte Maria Thereſia zaghaft, es iſt alſo etwas recht Schlimmes, was Sie mir bringt. Nun ſag Sie's nur grade heraus! Die Charlotte da kennt ſchon manches Staatsgeheimniß und wird alſo auch dies wohl zu bewahren wiſſen. Kaiſerliche Majeſtät halten zu Gnaden, es iſt kein Staatsgeheimniß, welches ich Ew. Majeſtät, und nur Ihrem kaiſerlichen Ohr vernehm⸗ bar, vorzutragen wünſchte. Die Kaiſerin erbebte, und ihre großen Augen öffneten ſich noch größer. Kein Staatsgeheimniß, ſagte ſie, es iſt alſo Etwas, was mich perſönlich betrifft, Etwas— Geh hinaus, Charlotte, geh in's Cabinet da, und wart, bis ich Dich rufen werde. Die Kammerfrau entfernte ſich mit haſtigen Schritten. Maria Thereſia ſchaute ihr nach, bis die Thür ſich hinter ihr ſchloß. Dann wandte ſie ſich lebhaft ihrer Oberhofmeiſterin zu. Jetzt ſind wir allein, ſagte ſie haſtig, jetzt ſprich. Aber raſch, und —— — 19 ohne alle Umſchweife, Füchſin, laß alle Titulatur weg, und ſag ſchnell, was Du zu ſagen haſt. Es iſt Etwas, was mein Herz ſeckirt, das fühl' ich ſchon. Sag's ſchnell heraus! Majeſtät haben mir befohlen, überall ein wachſames Auge zu haben, ſagte die Oberhofmeiſterin mit ihrer ruhigen, ſanften Stimme, auch die Dienerſchaft der kaiſerlichen Majeſtäten, ſo viel ich vermag, beobachten und überwachen zu laſſen, und von allem Auffälligen, was ich erfahre, ſofort Anzeige zu machen. Nun war mir ſchon ſeit lange ein gewiſſes geheimnißvolles Weſen des erſten Kammerdieners Sr. Majeſtät des Kaiſers aufgefallen, und ich ließ ihn daher genau beobachten. Ach, Sie ließ ihn beobachten, murmelte die Kaiſerin, indem ſie in fieberhafter Aufregung ihre Hände ineinanderrieb. Ja, Majeſtät, ich that es, und vor einer Stunde brachte nun mein Spion die Nachricht, daß der Kammerdiener des Kaiſers ſo eben aus dem Kabinet Sr. Majeſtät gekommen ſei, und ein verſiegeltes Briefchen in der Hand gehalten, mit dem er ſich eiligſt aus dem Schloß entfernt habe. Ach, warte einen Augenblick, ſagte die Kaiſerin, mein Herz klopft zum Erſticken! Luft! Luft! Sie riß mit einer wilden Bewegung ihr ſammtnes Mieder auf, und lockerte das darunter angebrachte Corſet. So, ſagte ſie aufathmend, jetzt iſt mir wohler! Jetzt ſprich weiter! Ich ließ alſo meinen Aufpaſſer an der Pforte, durch welche der Kammerdiener fortgegangen war, warten bis er zurückkehrte, und hatte mir dann erlaubt, Herrn Gaspardi im Namien Euerer kaiſerlichen Ma⸗ jeſtät zu mir zu beſcheiden. Und jetzt? fragte die Kaiſerin athemlos. Jetzt iſt er zurückgekommen, und dem an ihn ergangenen Befehl ge⸗ mäß hat er ſich ſofort, bevor er noch zu dem Kaiſer ging, zu mir begeben. So daß, wenn er dem Kaiſer einen Brief als Antwort bringt, er ihn noch bei ſich trägt? fragte Maria Thereſia. Die Oberhofmeiſterin verneigte ſich bejahend. Wo iſt der Kammerdiener? fragte die Kaiſerin, deren Athem ſchwer und fieberhaft aus ihrem wogenden Buſen hervorquoll. Dort im Vorzimmer, Majeſtät! 2* 20 Du haſt ihn allein gelaſſen? rief Maria Thereſia zürnend. Der ſchlaue Italiener wird die Zeit benutzen, um entweder das Billet dem Kaiſer zu bringen oder es zu verſtecken. 1 Halten zu Gnaden, Majeſtät, ich habe ihn nicht allein gelaſſen. 4 Der Beichtvater Euerer Majeſtät iſt bei ihm, und Ew. Majeſtät wiſſen wohl, daß die klugen Augen Pater Porhammers nicht zu täuſchen ſind. 4 i Maria Thereſia antwortete nicht ſogleich. Sie ging haſtig einige Male auf und ab und ſchien nach Athem und nach Ruhe zu ringen. Dann blieb ſie mit finſtern Blicken und zuſammengezogenen Augenbrauen ſtehen. ti Rufen Sie den Gaspardi herein, ſagte ſie, ich will ihn ſprechen. vd Die Oberhofmeiſterin wandte ſich eilig der Thür zu, und indem ſie. dieſe öffnete, winkte ſie hinaus, und gebot im Namen der Kaiſerin einzutreten. Er Sofort erſchien in der Thür die kleine ehrfurchtsvoll gebeugte Ge do ſtalt des Herrn Gaspardi, des erſten Kammerdieners Sr. Majeſtät des de Kaiſers Franz von Lothringen. bor Maria Thereſia ging ihm ungeſtüm entgegen, und blickte mit flam menſprühenden Augen auf den, ſchon ſeit lange ihr verhaßten Vertrau⸗ J ten ihres Gemahls hin. Aber der ſchlaue Italiener hütete ſich wohl* hill den zornigen Blitzen der kaiſerlichen Majeſtät zu begegnen. Er ſtand tief geſenkten Hauptes, in ehrfurchtsvoller Demuth da, und harrte unbe⸗ dn weglich der Befehle der Kaiſerin. Er 8 Sehe Er mich an, Herr Gaspardi, rief Maria Thereſia mit einer daß Stimme, die ſchon wie ein fernes Gewitterdonnern grollte. Sehe Er mich an und antworte Er auf meine Frage. die Herr Gaspardi hob ſein Haupt langſam empor, und ſeine kleinen ſchwarzen Augen richteten ſich mit einem Ausdruck vollkommener Unbe⸗ wen fangenheit auf das bewegte Antlitz der Kaiſerin. 5 RNo An wen war der Brief gerichtet, den Er vor einer Stunde vom Kaiſer erhielt? fragte die Kaiſerin. Vii Majeſtät ich habe mich nicht unterſtanden die Adreſſe zu leſen, Zor ſagte Gaspardi ruhig. Se. Majeſtät geruhten mir das Haus zu be⸗ mer zeichnen, wohin ich den Brief tragen ſollte, das genügte. wid Und was war das für ein Haus? der Majeſtät, ich habe die Nummer deſſelben vergeſſen. . Aber in welcher Straße lag das Haus? 21 Majeſtät halten zu Gnaden, dieſe harten deutſchen Worte werden meinem armen Kopfe ſo ſchwer, daß ich ſie nur mit Mühe ſo lange behalte, als nöthig iſt, und ſie dann wieder vergeſſe! Er will mir alſo nicht ſagen, wohin Er den Brief des Kaiſers getragen hat? Majeſtät, es iſt mir ganz unmöglich, denn ich habe es vergeſſen! Die Kaiſerin trat heftig einige Schritte auf ihn zu, und ihre flam— menden Augen ſchienen dieſen kühnen Menſchen, der es wagte, ihr zu widerſtehen, zerſchmettern zu wollen. Nun, ſagte ſie mit lauter gebieteriſcher Stimme, ich ſehe wohl, Er iſt ein ſchlauer und verſchmitzter Menſch, aber dies Mal ſoll Er mir doch nicht entgehen! So befehle ich Ihm denn als Seine Kaiſerin und Herrin, mir den Brief herauszugeben, den Er in Seinem Wamms ver⸗ borgen hat! Ich ſelber will ihn dem Kaiſer übergeben! Signor Gaspardi ſtutzte, und unwillkührlich die Hand auf ſeine Bruſt drückend, als wolle er den Schatz behüten, den er da verborgen hielt, ſagte er zaudernd: Majeſtät halten zu Gnaden, ich habe keinen Brief! Da hat Er ihn, da in ſeiner Bruſttaſche, rief die Kaiſerin mit donnernder Stimme. Wage Er es nicht, es zu beſtreiten, ſondern gebe Er ihn gutwillig heraus, wenn Er nicht will, daß ich die Lakayen rufe, daß ſie Ihm mit Gewalt den Brief entreißen. Ew. Majeſtät wollen alſo, daß ich ein treuloſer und verrätheriſcher Diener meines Herrn werde? fragte Gaspardi ſeufzend. Er dient Seinem Herrn beſſer, wenn er mir den Brief giebt, als wenn Er dem Kaiſer denſelben zuträgt, ſagte Maria Thereſia haſtig. Noch einmal, ich befehle Ihm, mir den Brief zu geben! Signor Gaspardi ſeufzte tief auf und wagte es mit flehenden Blicken in das Antlitz der Kaiſerin zu ſchauen. Aber als er die von Zorn gerötheten Wangen der Kaiſerin, ihre zitternden Lippen, ihre flam⸗ menden Augen gewahrte, fand er nicht den Muth ihr noch länger zu widerſtehen. Mit einem tiefen Seufzer zog er aus ſeinem Buſen den verhängnißvollen Brief hervor, und überreichte ihn der Kaiſerin. Maria Thereſia ſtieß einen Schrei der Wuth aus, und ſtürzte ſich mit dem wilden Zorn einer Löwin auf dieſes Papier, das ſie in ihrer zitternden Hand zerquetſchte. 22 Majeſtät, Majeſtät, flüſterte die hinter ihr ſtehende Oberhofmei⸗ ne 4. ſterin, wollen Hochdieſelben nicht die Gnade haben, vor allen Dingen B den Kammerdiener zu entlaſſen, damit er Ihren Zorn nicht ſieht, und bf aller Welt davon erzählen kann? 8 ül Wehe Ihm, wenn Er es wagt, einer menſchlichen Seele davon zu er⸗ or zählen, rief die Kaiſerin, den drohenden Arm, in deſſen zuſammengeballter an Hand ſie den Brief hielt, gegen den Italiener erhebend. Wehe Ihm auch, fla wenn Er dem Kaiſer ſagt was hier vorgefallen iſt! Der Himmel behüte mich, daß ich die Geheimniſſe meiner Kaiſerin me verrathen ſollte, betheuerte Gaspardi. Aber welche Antwort ſoll ich lej dem Kaiſer bringen! Er wird dem Kaiſer ſagen, daß Er ihm keine Antwort zu bringen B hat, und dies wird nicht die erſte Lüge ſein, mit der Er Seinen Herrn betrügt, ſagte Maria Thereſia verächtlich, indem ſie dem Italiener E 1 winkte hinaus zu gehen. Dann, als dieſer ihrem Befehle genügt hatte, 3 wandte ſie ſich mit einer Geberde verzweiflungsvollen Schmerzes an n ihre Oberhofmeiſterin. d Ach, Margaretha, rief ſie tief bewegt, welch' ein unglückliches be⸗ o klagenswerthes Weib ich bin! Ich habe keinen anderen Mann geliebt, u als nur meinen Gemahl! Mein ganzes Herz, meine ganze Seele gehört — Ihm, und Ihm allein, und er verläßt ſein treues Weib, die Mutter üi ſeiner Kinder, um andern Weibern ſeine Liebe darzubringen, die Mir w gehören ſollte! 1 fn * Aber vielleicht iſt er nur verführt, ſagte die Gräfin, welche vor neugierigem Verlangen glühte, zu wiſſen, von wem der Brief an den E Kaiſer herrühre. Vielleicht iſt es nur irgend eine dieſer leichtſinnigen 4 ehrgeizigen Coquetten, welche von Verlangen glühen, den ſchönen Kaiſer 8 . in ihre Netze zu ziehen, und ſich ihm daher überall in den Weg drängen! 6 Die Kaiſerin hörte kaum auf ihre Worte. Sie hatte die Hand 3¹ geöffnet, und betrachtete mit finſtern Blicken das zerknitterte Papier. Oh, murmelte ſie leiſe, es iſt mir, als ob tauſend Dolchſpitzen 1 3 aus dem Papier hervorſpringen, um ſich tief in meine Seele einzu⸗ u bohren. Und wer iſt das Weib, die den kühnen Muth hat mir den„ j Mann meiner Liebe und Treue entreißen zu wollen?— Ach, wehe ihr, wenn ich ihren Namen erfahre, rief ſie dann mit lauter don⸗ nernder Stimme. Und ich werde ihn erfahren! Ich ſelbſt werde den Brief meinem Gemahl übergeben, er ſoll ihn in meiner Gegenwart öffnen, und mir die Unterſchrift zeigen! Ach, ich werde Gerechtigkeit „üben, ſtrenge Gerechtigkeit! Der Ehebruch iſt ein fluchwürdiges Ver⸗ brechen, und Keiner ſoll in meinen Landen ungeſtraft ſolche Sünde ausüben! Ach, wenn ich nur den Namen wüßte, den Namen dieſer fluchwürdigen Coquette, welche mir meinen Gemahl verführt hat! Aber dieſer Name iſt ja leicht zu erfahren, ſagte die Oberhof⸗ meiſterin, Ew. Majeſtät haben nur nöthig den Brief zu öffnen, und zu leſen, um Alles zu erfahren, was Sie wiſſen wollten. Die Kaiſerin ſah ſie faſt betroffen an. Du meinſt, ich ſollte dieſen Brief, welcher nicht an mich gerichtet iſt, öffnen? Die Oberhofmeiſterin deutete lächelnd auf das Papier hin. Sehen Ew. Majeſtät nur, das Siegel iſt ſchon erbrochen. Sie haben es in Ihrer Hand zerdrückt. Es iſt alſo nur nöthig das Papier auseinander zu ſchlagen, um zu ſehen, von wem der Brief iſt. Ich wette, er iſt von der ſchönen Tänzerin Riccardo, welche der Kaiſer geſtern im Ballet ſo ſehr bewunderte, und von der er zu ſeinen Cavalieren zu äußern ge⸗ ruht hat, daß er niemals ein ſo ſchönes Weib geſehen. Die Kaiſerin ächzte ſchmerzvoll, und zwei große Thränen rannen über ihre Wangen nieder. Aber ſie ſchüttelte ſie mit einer wilden Be⸗ wegung fort, und dieſe ſichtbaren Zeugen ihrer Rührung ſchienen ſie faſt zu beſchämen. Es iſt elend und ſchwach, um den Treuloſen zu weinen, ſagte ſie. Es ziemt mir zu richten, und zu ſtrafen, und das will ich auch! Als Kaiſerin und oberſte Richterin ſteht es mir wohl an, die Namen der Schuldigen zu erſorſchen, und das im Dunkeln dahinſchleichende Ver⸗ brechen an das Licht zu ziehen. Ich will alſo den Namen der Perſon kennen, welche es wagt mit dem Gemahl der regierenden Kaiſerin einen geheimen und daher ſtrafwürdigen Briefwechſel zu unterhalten. Und da ich um dieſen Namen erfahren zu können, dieſen Brief öffnen muß, nun ſo werde ich ihn öffnen! Aber indem ich es thue, ſchwöre ich, daß ich nichts weiter leſen will, als nur die Unterſchrift, nur den Namen! Denn nur um dieſen zu wiſſen, und nicht aus ſtrafwürdiger Neugier öffne ich den Brief. 2 24 Und nachdem Maria Thereſia ſo ihre eigenen Scrupel über ihre Berechtigung zu der Handlung, die ſie eben begehen wollte, glaubte beſchwichtigt zu haben, öffnete ſie mit raſcher Hand das Siegel, und ſchlug den Brief auseinander. Aber getreu ihrem ſich ſelber geleiſteten, Schwur, las ſie auch nicht eine Zeile dieſes Papiers, ſondern ſchaute nur nach des Namens Unterſchrift. 1 Riccardo, ſagte ſie mit vor Zorn zitternder Stimme. Sie hat's errathen, Füchſin, er hat ein Amour mit der Riecardo! An ſie hat der Kaiſer geſchrieben, von ihr kommt dieſe Antwort! Sie faltete den Brief mit anſcheinender Ruhe wieder zuſammen, und legte ihn auf den Tiſch. Nur zitterte ihre Hand, als ſie das that, und eine tiefe Bläſſe überflog ihre Wangen. Die Oberhofmeiſterin ließ ſich nicht täuſchen von dieſer anſchei nenden Ruhe. Sie kannte dieſelbe ſehr wohl, und wußte, daß dieſe Ruhe nur der Windſtille gleiche, welche dem ausbrechenden Gewitter ſturm vorhergeht. Sie näherte ſich daher mit leiſen Schritten der Thür, und winkte dem im Vorſaal harrenden Pater, einzutreten. Die Kaiſerin achtete nicht darauf. Sie ſtand noch immer vor dem Tiſch und ſtarrte den Brief an, aber allmälig war die Bläſſe von ihren Wangen verſchwunden, und hatte einer tiefen Röthe Platz gemacht; ihre Augen, welche vorher wie von Thränen umdüſtert waren, flammten jetzt und ſchoſſen Blitze des Zorns, und ihre weit geöffneten Naſenlöcher, ihre zitternden Lippen, ihr wogender Buſen verriethen den Sturm, der ihr Inneres durchtobte. Oh, ich werde dieſes Weib unter meinen Füßen zertreten, mur⸗ melte ſie zwiſchen ihren zuſammengepreßten Zähnen hervor, indem ſie ihre Hand drohend, wie zu einem tödtlichen Schlage erhob. Ich werde der ganzen Stadt, dem ganzen Lande, der ganzen Welt ein Beiſpiel geben, wie Maria Thereſia die Sünde haßt, und das Verbrechen ſtraft, ohne Anſehn der Perſon. Beide Schuldige, Beide ſoll mein Zorn tref⸗ fen, ob auch das Herz der Frau darüber brechen mag, die Kaiſerin muß das Verbrechen ſtrafen! Und das will ich, bei der heiligen Jung⸗ frau ſei's geſchworen, das will ich! Man ſoll nicht ſagen, daß es an meinem Hofe hergeht, wie an dieſen ſchamloſen Höfen von Verſailles nd Petersburg! Ich will nicht, daß der böſe Mann, der mir mein un 8. 1 Schleſien genommen hat, auch über mich und meinen Hof ſolche ſanglante Witze machen darf, wie er es über Eliſabeth von Rußland und die Marquiſe von Pompadour gethan. Ich will nicht, daß die treuloſen Männer ſich vor ihren unglücklichen und weinenden Weibern damit entſchuldigen dürfen, daß der Kaiſer ſelber ihnen das böſe Beiſpiel gebe, und daß die Kaiſerin dulden und ertragen müſſe, gleich jedem andern Weibe. Nein, nein, nein! Es ſoll Ordnung, Sitte und Ge⸗ rechtigkeit herrſchen! Mein Zorn ſoll die Schuldigen treffen, wer ſie auch ſeien. Mein Zorn ſoll dieſes Weib wie mit einem göttlichen Blitz⸗ ſtrahl zerſchmettern, und dann will ich meinen Gemahl rufen, und ihm zeigen, was er gethan, und welch ein Verbrechen er auf ſich geladen hat! Ew. Kaiſerliche Majeſtät werden den Vater Ihrer Kinder nicht öffentlich beſchimpfen wollen, ſagte eine ſanfte Stimme hinter ihr. Die Kaiſerin wandte ſich haſtig um, und gewahrte jetzt erſt ihren Beicht⸗ vater, den Pater Porhammer, der neben der Oberhofmeiſterin ſtand, und mit ruhiger, faſt neugieriger Aufmerkſamkeit die glühende Zornes⸗ rede der Kaiſerin mit angehört hatte. Aber jetzt, wie die Kaiſerin ihn anſah, trug ſein Antlitz den Ausdruck tiefen Mitgefühls, ſchmerzlicher Trauer, und die großen dunkeln Augen langſam gen Himmel erhebend, ſchien er den Segen Gottes herabzuflehen auf die tiefgekränkte, unglück⸗ liche Kaiſerin. 2 III. 1 Die Keuſchheits-Commiſſion. Maria Thereſia näherte ſich ihrem Beichtvater haſtigen Schrittes. Wie? fragte ſie glühend, Ihr wagt es, für den Kaiſer zu ſprechen? Ihr wollt meinem gerechten Zorn Einhalt gebieten. 2 Das will ich, das muß ich! ſagte der Jeſuit mit ſanfter Stimme. Die Ehre des Kaiſers iſt die Ehre der Kaiſerin, die Ehre der Prinzen und der Prinzeſſinnen, des kaiſerlichen Hauſes. Ew. Majeſtät werden 26 den Schleier Ihrer Liebe über das Vergehen Ihres Gemahls ausbrei⸗ 1 ten, damit die Welt nichts davon erfahre! 4 3 Nein! rief Maria Thereſia ungeſtüm. Ich ſollte den Treuloſen di 4 nicht einmal ſtrafen? Ich ſollte dieſe tiefe Beleidigung ſchweigend f hinnehmen? 4 Der fromme Pater lächelte. Möge die beleidigte Gemahlin ſprechen, 9 möge die ſchöne Frau den Treuloſen ſtrafen, nur die ſchöne Kaiſerin er 1 möge ſchweigen und verzeihen. Und auch Ihr ſoll ich verzeihen? rief die Kaiſerin ingrimmig, auch 4 dieſer Frau, welche das fluchwürdigſte aller Verbrechen begangen, welche, 3 ſelber vermählt, mit einem vermählten Manne gebuhlt hat. Nein, mein 3 Vater, ich muß dieſe Verbrecherin ſtrafen und ich will es! 7 Und ſolches iſt die Pflicht Eurer Majeſtät, ſagte der Pater ruhig. 3 Nur darf dieſe Frau nicht ahnen, weshalb Ihr ſie ſtraft. Straft ſie 3 alſo um ihrer allgemeinen, nicht um ihrer einzelnen Schuld willen. 3 Sieei iſt ein leichtſinniges, üppiges und verführeriſches Weib, welches die 1 8 Männer mit ihren Blicken verlockt, und ſündige Gedanken in ihren 4 Herzen erweckt, eine leichtfertige Schönheit, welche mit einem Lächeln d — ihres Mundes den Weibern ihre Gateen, den jungen Mädchen ihre Verlobten, entführt. Möge die Verführerin alſo verſchwinden, damit 4 auch die Sünde verſchwinde. Möge Ew. Majfeſtät dieſe Signora Riccardo, welche in den wenigen Tagen ihres Hierſeins ſchon ſo viel J 7 Unheil angerichtet hat, aus Wien verbannen, um der allgemeinen Sitt⸗ Mr lichkeit genug zu thun, und möge ſie dieſe Buhlerei im Uebrigen mit— 4 ³ ſchweigender Verachtung ſtrafen. d 4 Ja, ſo ſoll es ſein, rief Maria Thereſia, deren Zorn ſich ſchon 1 zu lindern begann. In dieſer Stunde noch ſoll ſie Wien verlaſſen, . und nie wieder hierher zurückkehren. Ihr habt Recht, ehrwürdiger Vater, dieſes Weib muß ſogleich entfernt werden! * Und ganz hingeriſſen von der Leidenſchaft ihres eiferſüchtigen Her⸗ zens eilte die Kaiſerin zu ihrem Schreibtiſch, und warf mit haſtiger Hand einige Zeilen auf das Papier, das ſie dann mit ihrer Unterſchrift dem Pater Porhammer darreichte. Es iſt ein Befehl an Bartenſtein, ſagte die Kaiſerin, dieſe Frau, wenn ſie nicht gutwillig in zwei Stunden abreiſt, mit Polizeibedeckung aus Wien zu entfernen. Wir werden alſo von dieſem Dämon befrei werden, und wieder Ruhe in uns ſelber finden! Aber wie lange wird dieſe Ruhe dauern, fuhr ſie nach einer Pauſe mit ſchmerzlichem Seufzen fort. Wie lange, und eine andere Schönheit wird kommen, den Män⸗ nern die Köpfe zu verrücken, und die Frauen weinen zu machen. Ach, mein Vater, wenn wir die Tugend nicht in den Herzen der Männer erwecken können, wird die Sünde immer darin wach bleiben! So müſſen wir vor allen Dingen verſuchen, die Sünde zu ertödten, ſagte der Pater feierlich. Denn die ſterbende Sünde iſt die gebärende Mutter der Tugend! Eurer Majeſtät geziemt es, über die Herzen Ihres Volkes zu wachen, die Sünde zu verfolgen, die Tugend zu erwecken. Wenn die gewöhnlichen Mittel nicht dazu ausreichen, ſo muß man ſich der ungewöhnlichen bedienen, und da die Menſchen ſind wie die Kinder, ſo ſoll man ſie behandeln als Kinder, ſo ſoll man ihnen Vormünder und Wächter ſetzen, welche den offenen Brunnen zudecken, bevor das Kind hineinfallen kann, welche jeden Stein des Anſtoßes aus dem Wege der Wandelnden entfernen, damit ihr Fuß nicht daran ſtraucheln möge. Ernennt alſo Eurem Volk eine Anzahl Wächter, welche die Tugend überwachen, und die Sittlichkeit behüten, welche Eurer Majeſtät, der Mutter Ihres Volkes, ſogleich Anzeige machen, von jedem Vergehen, welches begangen werden ſoll, von jeder Gefahr, welche Einem aus Ihrem Volke droht. Euere Majeſtät haben eine Polizei eingeſetzt, welche wachen ſoll über das Eigenthum der Menſchen, ſetzen Sie nun auch eine Polizei ein, welche wache über das höhere Eigenthum der Menſchen, über ihre Sittlichkeit und Keuſchheit! Ja, rief die Kaiſerin glühend, ja das will ich thun! Gott hat Euren Geiſt erleuchtet, ehrwürdiger Vater, und von Ihm kommen die Worte, welche Ihr ſo eben geſprochen. Ja, ich will eine Polizei er⸗ nennen, welche die Tugend meines Volkes überwacht, und mir Kunde geben ſoll von jeder Gefahr, welche die Sittlichkeit bedroht. Ich will, daß mein Volk keuſch ſei und rein, damit die heilige Jungfrau unſere Schutzpatronin ſein und bleiben könne, und nicht zu ervöthen habe, wenn ſie auf uns ſchaut. Die Tugend und die Keuſchheit, welche die regie⸗ rende Kaiſerin von Rußland aus ihrem Reiche verjagt hat, ſie ſoll in dem Reiche der regierenden Kaiſerin von Oeſterreich ein Gegenſtand der Verehrung und der Anbetung ſein, und alle Welt ſoll es wiſſen, daß Maria Thereſia die Leichtfertigen und die Laſterhaften verabſcheut und mit ihrer Strafe verfolgt. Die Unkeuſchen werden Zeter ſchreien, ſagte der Pater, aber die Keuſchen und Tugendhaften werden Euch ſegnen, Euch, die erhabene Beſchützerin der Tugend, die züchtige, keuſche Kaiſerin! Und alsdann wird meine Kaiſerin nicht mehr nöthig haben zu weinen, und die Flatterhaftigkeit des Kaiſers zu fürchten, ſagte die Oberhofmeiſterin. Es werden überall Wächter ſein, welche die Blicke, die Worte, die Gedanken, welche noch nicht zu Handlungen gereift ſind, die Wünſche, die ſich in einem Lächeln, einem Händedruck verrathen, überwachen, und Ew. Majeſtät warnen, damit ſie die Gefahr entferne, und die Verführung ſtrafe, noch ehe ſie ihr Werk gethan hat! Die kluge Gräfin war ſich wohl bewußt, daß ſie mit ihren Worten die innerſten Gedanken der Kaiſerin ausgedrückt, und die eiferſüchtige Frau in ihren vielleicht noch wankenden Entſchlüſſen durch die ſchmeich⸗ leriſchen Hoffnungen, die ſie ihr erregte, beſtärkt habe. Ach, flüſterte Maria Thereſia, und zum erſten Mal flog jetzt wie der ein Lächeln durch ihre Züge hin, ich werde meinen theuren Gemahl vor dem Verbrechen der Untreue bewahren, ich werde ſeine Seele und ſein Herz rein erhalten können von ſündigen Gedanken und laſterhaften Wünſchen. Er wird wieder Mein ſein, Mein, und ganz allein nur Mein!— Aber jetzt, meine Freunde, fuhr ſie dann lauter fort, jetzt laßt uns eilen, unſer heiliges Werk zu vollführen. Von Ench, ehr⸗ würdiger Vater, iſt es ausgegangen, Euch geziemt es, ihn in's Leben zu rufen. Ihr ſollt den Plan ausarbeiten zu unſerer Polizei der Tu⸗ gend und Keuſchheit, und ihn mir vorlegen. Euch ernenne ich hiermit vorläufig zum Commiſſarius in dieſer Sache, und es iſt an Euch, mir Eure Vorſchläge zu machen, denen ich meine Genehmigung gewiß nicht verſagen werde! So werde ich den Herrn bitten, daß er mein Herz erleuchte, auf daß ich Eurer Majeſtät die richtigen Börichläge mache, rief der Pater mit frommem Augenaufſchlagen. Alle Mittel ſind recht und gut, welche die Tugend befördern, und meinem Volk die Keuſchheit wiedergeben können, ſagte die Kaiſerin. 29 Aber über Ihren edlen und herrlichen Plänen für die Zukunft, vergeſſen Euere Majeſtät die Gegenwart, flüſterte die Oberhofmeiſterin. Noch verweilt die Signora Riccardo in unſern Mauern, und der Kaiſer könnte leicht zu ihr gehen, um, da er keine ſchriftliche Antwort erhalten, ſich eine mündliche zu holen! Maria Thereſia erbebte, und deutete haſtig auf das Papier hin, das der Pater noch immer in ſeiner Hand hielt. Jetzt, ehrwürdiger Vorſteher meiner zukünftigen Keuſchheits⸗Commiſſion, ſagte ſie, jetzt mögt Ihr Enre erſte Amtsverrichtung antreten, und Alles anwenden dieſe Signora Riccardo ſo ſchnell als möglich, und wenn es ſein kann, ohne Aufſehen aus Wien zu entfernen. Ich ſelber werde meinem Gemahl ihre Abreiſe anzeigen! Verlaßt mich alſo, meine Freunde, und nehmt Beide meinen Dank mit für den Eifer und die Treue, die Ihr mir heute auf's Neue bewährt habt! Eilen Sie jetzt, ehrwürdiger Vater, und ſchaffen Sie dies gefährliche Weib aus Wien fort, und Sie, Frau Ober⸗ hofmeiſterin, haben die Güte mir die kleine Charlotte her zu beſcheiden, und die andern Kammerfrauen anzuweiſen, daß ſie ſich im Garderoben⸗ zimmer bereit halten. Ich will heute große Toilette machen, und alle meine Kinder ſollen um mich verſammelt ſein, wenn ich meinen Gemahl empfange! Sie winkte einen gnädigen Abſchiedsgruß, und die Oberhofmeiſterin und der Jeſuit verließen langſam und leiſe, geſenkten Blickes, das Ge⸗ mach der Kaiſerin. Draußen, im Vorſaal angelangt, hob der Pater indeß ſein Haupt empor, und nachdem er ſich mit einem raſchen Blick überzeugt hatte, daß Niemand außer ihnen Beiden im Vorſaal ſei, heftete er ſeine düſter⸗ flammenden Augen auf die Oberhofmeiſterin, welche ihn mit einem feinen Lächeln anſchaute. Wenn wir dieſen Plan durchführen, werden wir allmächtig ſein, flüſterte er, und ganz Wien wird vor uns zittern, und gnadeflehend uns zu Füßen liegen. Wir werden ihn durchführen, ſagte die Oberhofmeiſterin, die Kai⸗ ſerin iſt eiferſüchtig und ehrgeizig. Sie will die Liebe ihres Gemahls mit keiner Andern theilen, und ſie will, daß die Welt ſie preiſe als die Beſchützerin der Tugend und Keuſchheit. Sie wird alſo dieſe Po⸗ lizei der Keuſchheit in's Werk ſetzen! 30 Und ich werde ihr erſter Commiſſarius ſein, ſagte Porhammer freudig, und Sie werden mir als treue Gefährtin zur Seite ſtehen! Wir Beide werden fortan die Kaiſerin und den Kaiſer nicht allein, ſon⸗ dern auch ganz Wien, und das Gewiſſen jedes Einzelnen beherrſchen, denn wir werden alle Geheimniſſe wiſſen, und von uns wird es ab⸗ hängen, ob wir ſie in Nacht begraben oder in die Oeffentlichkeit des Gerichtſaals ziehen wollen. Und Alles dieſes werden wir thun zur Ehre Gottes und der Kirche, ſagte die Oberhofmeiſterin begeiſtert. Ad majorem Dei gloriam! murmelte der Prieſter mit frommem Händefalten, indem er ſich mit einem tiefen Kopfneigen von der Gräfin beurlaubte, welche in das anſtoßende Gemach eilte, um die kleine Vor leſerin und Friſeurin, Charlotte von Hieronymus, zur Kaiſerin zu berufen. NV. 4 Die Toilette der Kaiſerin. 1 Maria Therefta empfing ihre Kammerfrau mit einem finſteren Ge ſicht, welches das Herz der armen Charlotte erbeben machte. Mit einem verſtohlenen Seufzer ſchwang ſie ſich auf dem Fußſchemel empor, den ſie hinter den Stuhl der Kaiſerin geſtellt, und begann das Haar der Kaiſerin aufzulöſen, und mit langſamen vorſichtigen Strichen zu durch⸗ kämmen. Maria Thereſia ſchaute ihr in dem großen Venetianiſchen Spiegel, vor welchem ſie ſaß, mit ſinſtern Blicken zu. Sie bemerkte ſehr wohl, daß die Hand Charlottens zitterte vor Angſt, und das er⸗ zürnte ſie noch mehr. Aber Maria Thereſia war nicht mehr in dieſen glücklichen Jahren der Jugend, in denen auch der Zorn nur die Schön⸗ heit höher aufleuchten macht, und ihr einen neuen Reiz verleiht. Sie bemerkte das, wie ſie ſich eben ſelber im Spiegel betrachtete. Der Zorn brannte nicht in einzelnen Purpurroſen auf ihren Wangen, ſon⸗ dern er übergoß mit ſeiner Gluth ihr ganzes Angeſicht, er gab ihrem Munde einen unangenehmen Zug, und rief auf ihrer Stirn Falten her⸗ 8 vo⸗ 31 vor, welche man ſehr leicht mit den Runzeln des Alters hätte ver⸗ wechſeln können. Maria Thereſia ſah das, und ein tiefer Seufzer ent⸗ rang ſich ihrer Bruſt. Ach mein Gott, murmelte ſie leiſe in ſich hinein, um ihm noch gefallen zu können, müßte ich nur lächelnd vor ihm erſcheinen, denn das Lächeln iſt der letzte Sonnenglanz der Schönheit. Aber wie ſoll ich lächeln, wenn mein Herz ſo voll Kummer iſt! Ich werde häßlich werden, und Franz wird ſich von mir wenden! Er hat geſagt, Riccardo ſei die ſchönſte Frau der Welt, und ach, ich weiß noch die Tage, in denen er ſelig zu meinen Füßen lag und dieſelben Worte zu mir ſprach. Iſt das denn vorbei und zu Ende? Bin ich denn nur noch eine alte vergeſſene Frau? Sie beugte ſich ſo haſtig vornüber, um ihr Antlitz noch näher im Spiegel zu betrachten, daß ihre Kammerfrau, welche eben das ſchwere und kunſtvolle Toupée von Puffen und Flechten aufſtellte, faſt das Gleichgewicht verlor und mit der Haarnadel, die eben das Haar be⸗ feſtigen ſollte, ein wenig das Haupt der Kaiſerin verletzte. Maria Thereſia fuhr empor. Es hatte nur eines kleinen Anlaſſes bedurft, um ihren Zorn zum Ausbruch kommen zu laſſen, und ſie fühlte ſich faſt erleichtert, jetzt einen ſolchen Anlaß gefunden zu haben. Eine Fluth von Scheltworten und Anklagen ergoß ſich jetzt über das Haupt der armen, kleinen Kammerfrau, welche demuthsvoll und ſchwei⸗ gend ihren Dienſt weiter fortſetzte, und jetzt das Bouquet von weißen Roſen mit Goldblättern nahm, das ſie auf der Spitze des Toupées befeſtigen wollte. Aber die Kaiſerin, welche gewahrte, daß dieſe weißen Roſen ganz dazu geeignet waren, die Röthe ihres Geſichtes noch mehr hervorzuheben, riß die Blumen fort und warf ſie mit einer ungeſtümen Bewegung zur Erde nieder. Ihr ſeid Alle wider mich, Alle meine heimlichen Feinde, ſagte ſie zornig. Es iſt Euch eine Luſt, mich recht zu verunſtalten und mich recht garſtig herauszuputzen. Aber ich durchſchaue Euch Alle, und mein gerechter Zorn wird Euch Alle treffen und zerſchmettern. Hat man jemals ſolche Geſchmackloſigkeit geſehen, als dieſen Aufban da, der mich zwingt den Kopf ſteif zu halten, wie ein hölzern Bild, und mir das Anſehen eines wandelnden Thurms aus dem Schachſpiel giebt. 30 32 Schnell eine andere, vernünftige Friſur, und ich rathe Ihr, daß ſie beſſer und kleidſamer ſei. Die Kammerfrau wagte nicht, die Kaiſerin daran zu erinnern, daß ſie ſelber heute Morgen aus den neuen Modeblättern, welche der fran⸗ zöſiſche Geſandte ihr geſchickt, ſich dieſe Friſur ausgewählt, ſondern löſte ſchweigend die Bänder und Kiſſen los, welche das Toupée hielten und begann eine neue Friſur. Aber auch dieſe fand nicht die Gnade der Kaiſerin, und die Vorwürfe und Scheltworte rollten auf's Neue wie dunkle Korallenperlen von den Lippen der Kaiſerin, während Charlotte bleich, angſtvoll und bebend kaum noch im Stande war, die Thränen zurückzudrängen, welche ihre Augen umdüſterten. Endlich war das ſchwierige Werk vollendet, und nachdem die Kai ſerin mit einem letzten Blick auf den Spiegel ſich überzeugt hatte, daß ihr Kopfputz wohl geordnet und kleidſam ſei, rief ſie mit lauter und gebieteriſcher Stimme nach ihren Kleidern! Sofort öffnete ſich die Sei⸗ tenthür, und die Kammerfrauen kamen in feierlicher Prozeſſion mit dem großen Reifrock und den goldgeſtickten Hackenſchuhen, dem ſchweren ſil⸗ berbrokatenen Schlepprock und dem gleichartigen Mieder, an deſſen Vorderſeite eine Reihe köſtlicher Brillantknöpfe flimmerte und blitzte. Die Kaiſerin, welche ſonſt während ihrer Toilette es liebte mit ihren Frauen zu plandern, und ſich von ihnen die kleinen Begebenheiten des Pallaſtes vorſchwatzen zu laſſen, blieb heute indeſſen vollkommen unnahbar und ſtill. Sie ließ es ſchweigend geſchehen, daß ihre Frauen vor ihr knieend ihr die hohen Schuhe anlegten, und vertauſchte ſtumm ihren „Hanſerl“, den kleinen Reifrock der Morgentoilette, mit dem großen Korbreifrock der Mittagstoilette. Sie hatte ſelbſt für das prachtvolle ſilbergeſtickte Gewand keinen einzigen Blick, und ſchaute nur, während ſie ſich ankleiden ließ, zuweilen hinüber nach Charlotte von Hieronymus, welche da drüben in der Fenſterniſche ſtand und mit traurigem Geſicht und verweinten Augen des Moments harrte, wo die übrigen Kammer⸗ frauen die Toilette der Kaiſerin beendigt hatten, wo ihr dann, bevor ſie ſich zurückziehen durfte, die Pflicht oblag, noch eine letzte ordnende Hand an den Kopfputz der Kaiſerin zu legen. . Maria Thereſia, wie geſagt, war heute durchaus ſchweigſam und ſtill, und ſelbſt das Gemurmel der Bewunderung und des Entzücke mit welchem ihre Frauen jetzt ihre vollendete prachtvolle Toilette an⸗ ſtarrten, konnte der Kaiſerin nicht das leiſeſte Lächeln abgewinnen. Sie verabſchiedete die Kammerfrauen mit einem kurzen ſtummen Wink mit der Hand und begab ſich dann, während dieſe hinausgingen, zu dem großen Spiegel, welcher ihr in voller Herrlichkeit ihre ganze Geſtalt zurückſtrahlte. Mit prüfenden, faſt neugierigen Blicken ſchaute ſie ſich an, und allmälig kam es wie ein freudiges Leuchten in ihre großen blauen Augen, und ein ſonniges Lächeln umflatterte ihre Lippen. Nein, ſagte ſie ganz laut, es iſt nicht wahr, ich bin noch nicht alt und nicht häßlich. Es ſchimmert noch ſo Etwas vom letzten Sonnen⸗ ſtrahl der Jugend auf meiner Stirn, und ich denke, mein ſchönſter und liebſter Franzel ſieht das auch noch zuweilen, und wenn er an meiner Seite ſteht, vergißt er doch noch zuweilen alle andern Frauen der Welt und denkt daran, daß ich die Liebſte ſeiner Kindheit und ſeiner Ingend bin, und daß wir treulichſt und tapfer durch böſe und ſchlimme Tage mit ſchöner und unveränderlicher Liebe im Herzen dahin gewandelt ſind. Ach ich glaub's nun und nimmermehr, daß der Kaiſer die Signora Rie⸗ cardo die ſchönſte Frau der Welt genannt hat, und wenn er es gethan, ſo hat er es vielleicht nur aus Verdrießlichkeit, aus Langerweile geſagt. Er langweilt ſich zuweilen, mein armer liebſter Kaiſer, und aus bloßer Langerweile ſucht er ſich durch irgend eine kleine Amour zu zerſtreuen, aus bloßer Langerweile wird er mir ungetreu; aber er kehrt doch immer wie⸗ der zu mir zurück, denn er weiß wohl, daß er mir das Herz brechen würde, un daß alle Größe und alle Herrlichkeit mir werthlos iſt ohne ſeine Liebe. gre Die Kammerfrau und Vorleſerin, welche mit dem Kamm in der end hinter Maria Thereſia ſtand, hatte in peinlichſter Verlegenheit Mol Angſt dieſem Selbſtgeſpräch zugehört, und der rührende klagende , mit welchem dieſe von Glanz und Pracht umgebene, im Schmuck Brillanten ſtrahlende Kaiſerin geſprochen, hatte all ihren Unmuth, Mißſtimmung über die eben erſt erduldeten Demüthigungen und nkungen ſchwinden gemacht. Aber eine tödtliche Augſt peinigte jetzt zitterndes Herz. Die Kaiſerin hatte ohne Zweifel gar keine Ahnung ihrer Anweſenheit, ſie hatte vergeſſen, daß die Kammerfrau pflicht⸗ ig da war, dicht hinter der Kaiſerin, alſo jedes dieſer Worte, ſes Maria Thereſia geſprochen, vernehmen mußte. Sie ſtand hin⸗ welch giſer Joſeph. 1. Abth. I 3 34 ter ihrer Gebieterin, aber die ſtolze hohe Geſtalt der Kaiſerin und der große Reifrock, den ſie angelegt, verdeckte ganz und gar die kleine zier⸗ liche Geſtalt des Kammerfräuleins, und Maria Thereſia, welche im Spiegel ihre eigene Geſtalt muſterte, konnte gar nichts gewahren von der kleinen Vorleſerin, welche ſich hinter ihr barg. Charlotte von Hieronymus fürchtete alſo, daß der Zorn der Kaiſerin auf's Neue er⸗ glühen würde, wenn ſie gewahr ward, daß ſie eine unfreiwillige Zu⸗ hörerin ihres Selbſtgeſpräches geweſen, und dennoch wagte ſie durch keinen Laut, kein Aufathmen ihre Anweſenheit zu verrathen. Aber plötzlich wandte die Kaiſerin ſich zu ihr um, und mit einer haſtigen Bewegung ihren Arm um den Hals Charlottens legend, und ſie näher zu ſich heranziehend, rief ſie mit ſchmerzvoll zitternder Stimme: laß Dich warnen, Charlotte, und heirathe niemals einen Mann, der nichts zu thun hat!*) Oh Mazjeſtät, ich will niemals heirathen, rief das junge Mädchen, ganz hingeriſſen von der Vertranlichkeit der Kaiſerin. Ich will, wenn Ew. Majeſtät es gnädig geſtatten, bleiben was ich bin. So, und willſt zuweilen auch meinen Zorn geduldig hinnehmen? fragte die Kaiſerin, ſie leicht auf die Stirn küſſend. Weißt es jetzt wa⸗ rum ich zornig war, und warum mein Herz inwendiglich ſo ſehr blutete, daß es ſich nach außen Luft machen mußte, im Aufſchreien und Zür⸗ nen, um nicht zu erſticen. Hab Dich mein innerlichſtes Herz ſehen laſſen, denn meine kleine Vorleſerin, welche ſo manches große Staats⸗ geheimniß mit mir theilt, darf auch wohl das Privat⸗Geheimniß ihnr Herrin wiſſen. Und zudem, fuhr die Kaiſerin leiſer, und wieder in ſi ſelbſt verſinkend, fort, zudem iſt mein trauriges Geheimniß der Wiͤd wohl ſehr bekannt, und wäre ich nicht eine Kaiſerin, ſo möchte mm mich wohl beklagen! Aber mit einer Kaiſerin hat Niemand Mitleid und kein Menſch glaubt, daß unter dem Purpurmantel und dem gold nen Mieder ein armes, blutendes Frauenherz ſchlagen kann. Und es ſoll's auch Niemand ahnen und wiſſen, und kein Menſch ſoll ſich unter fangen mich beklagen zu wollen. Der Welt gegenüber will ich nur di *) Maria Thereſias eigene Worte: Siehe Caroline Pichler: Denkwürſ keiten aus meinem Leben. Thl. I. S. 30. 14 —— ben in, rufen begel mir Lieb Kan mac daß Nech bloß — 35 Kaiſerin ſein, und wenn Maria Thereſia zuweilen klagt und ſeußzt, ſo darf das nur Gott hören, und vielleicht ein Herz, das ſie liebt! Geh jetzt, Charlotte und hör'’,— vergiß Alles, was ich geſagt habe, das Böſe vorher, und das Traurige jetzt, denk nur, daß ich immer und zu allen Zeiten Deine gnädige Kaiſerin bin. Und nun, Charlotte, geh und ſage der Aja des kleinen Prinzen Ferdinand, daß ſie mir den Bu⸗ ben hierher bringen ſoll, ſogleich. Sodann ſag dem Kammerhuſaren im Vorzimmer, daß er alle meine Prinzen und Prinzeſſinnen zu mir rufen, und ſobald ſie bei mir eingetreten ſind, alsdann zum Kaiſer ſich begeben, und ihn mit einem ſch Enſten Empfehl von mir erſuchen ſoll, mir ſofort die Ehre ſeines Beſuches zu gönnen. Ich will's verſuchen ſein Her zu rühren, und ihn mit meiner Liebe zu mir zurückzurufen, ſagte die Kaiſerin leiſe vor ſich hin, als die Kammerfrau das Zimmer verlaſſen hatte. Ich will ihm keine Vorwürfe machen, will nicht ſchelten und zanken, will ihn auch nicht fühlen laſſen, daß ich die regierende Kaiſerin bin, und daß ich alſo wohl doppelt das Recht habe von ihm Liebe und Treue zu fordern, denn er iſt nicht bloß mein Gemahl, ſondern auch mein erſter Vaſall. Aber ich will nicht zu ſeiner Pflicht ſprechen, ſondern nur zu ſeinem Herzen, und ich denke, das wird ihn rühren, und er wird's bereuen, daß er ſeiner armen Thereſe ſo viel Kummer macht, denke daß— Ihre zitternde Stimme verſagte ihr den Dienſt, eine wehmuths⸗ volle Rührung bemächtigte ſich ihres ganzen Weſens, und ihre Augen füllten ſich mit Thränen.— Die Kaiſerin trocknete ſie mit der Fläche ihrer von Brillantringen funkelnden Hand fort, und ging haſtig der Aja entgegen, welche ihr eben den kleinſten ihrer Prinzen, den erſt wenige Monate alten Ferdinand brachte. V. Ein kaiſerliches Ehepaar. Eine halbe Stunde ſpäter waren die Prinzen und Prinzeſſinnen, welche Maria Thereſia hatte zu ſich beſcheiden laſſen, im Kabinet*. 9 9 1 36 kaiſerlichen Mutter verſammelt. Es war eine reizend ſchöne Gruppe, welche dieſe hohe ſchöne Frau da inmitten der anmuthig jugendlichen Geſtalten ihrer Kinder darbot, und die Kaiſerin hatte dieſe Gruppe nicht ohne Coquetterie und Eitelkeit arrangirt. Sie ſtand hoch aufgerichtet mit dem kleinen Prinzen im Arm in der Mitte des Zimmers, ihr zur Seite die beiden zehn- und ſechsjährigen Prinzeſſinnen Eliſabeth und Amalie, während die noch jüngern kleinen drei Prinzen und Prinzeſſinnen vor ihrer Mutter, kaum bis über ihre Kniee hinaufragend, aufgeſtellt waren. Neben dieſer Gruppe an dem geöffneten Klavier aber ſaß die älteſte der Prinzeſſinnen, die funfzehnjährige Eliſabeth, das roſige Ant⸗ litz halb rückwärts gewandt zu der Kaiſerin, während ihre Finger leiſe über die Taſten dahin glitten, und zuweilen hier und da einen Accord, einen einzelnen Ton flüchtig angaben!— So, inmitten ihrer Kinder, erwartete die Kaiſerin ihren Gemahl, den ſie, nicht durch ſeine Pflicht, ſondern durch ſein Herz zurückführen, und dem ſie ſich daher im Glanz ihrer Schönheit und zugleich in der Hoheit ihrer Mutterwürde zeigen wollte Eben öffnete der Kammerhuſar die Thür und meldete, daß der Kaiſer ſoeben ſeine Zimmer verlaſſen habe, und durch die lange Gallerie hierher komme. Die Kaiſerin winkte ihm hinaus zu gehen, und ſich dann an die Prinzeſſin Eliſabeth wendend, ſagte ſie: nun merk wohl auf! Sobald der Kaiſer hier in der Thür erſcheint, ſchlägſt Du auf die Taſten, und ſchlägſt einen mächtigen Tuſch, und Ihr, meine Kinder, hebt Alle Eure Händchen empor, und ruft! Vivat hoch! Es lebe unſer Vater, unſer Kaiſer, und unſer Herr! Still jetzt, ich höre ſchon ſeinen Schritt im Vorzimmer! Mach Dich fertig, Eliſabeth! Das Ohr der Kaiſerin hatte ſich nicht getäuſcht, die Thür öffnete ſich und auf der Schwelle erſchien die hohe, ſchlanke Geſtalt des Kaiſers Franz. Wie er die unerwartete, ſchöne Gruppe vor ſich gewahrte, blieb er überraſcht ſtehen, und ein heiteres köſtliches Lächeln flog durch ſeine männlich ſchönen kräftigen Züge hin. In dieſem Moment ließ Prinzeſſin Eliſabeth den„mächtigen Tuſch“ ertönen, und die kleinen kreiſchenden Kinderſtimmen riefen mit lanten Jauchzen: Vivat hoch, es lebe unſer Vater, unſer Kaiſer, und 1 4 r daber die ſonore, volle Stimme der Kaiſerin tön nte dazwiſchen: 33 8 lend 37 lebe mein Kaiſer und mein Gemahl! Und als habe dieſer zwei Mal wiederholte Ruf alle Saiten in dem Herzen der Kaiſerin erklingen ge⸗ „macht, und als müßten ſie jetzt austönen in einem begeiſterten Liede, öffnete Maria Thereſia ihre purpurnen Lippen, und ſang mit voller, mächtig ſchöner Stimme die erſte Strophe eines dieſer zärtlichen glühenden und ſehnſuchtsvollen Lieder, wie ſie Metaſtaſio gedichtet, und zu denen Haſſe die Muſik geſchrieben.— Prinzeſſin Eliſabeth begleitete mit leiſen Accorden den volltönenden Geſang der Kaiſerin, die mit glühenden Wangen, ſtrah⸗ lend vor Begeiſterung, ihren kleinen Knaben im Arm in der Mitte ihrer lauſchenden Kinder da ſtand und mit flammenden Blicken hinüber ſchaute nach dem Gemahl, der halb verlegen, halb gerührt die überraſchende Gruppe betrachtete. Als die Kaiſerin jetzt ſchwieg, trat ihr Gemahl zu ihr hin und neigte ſich nieder, um den vollen ſchönen Arm zu küſſen, auf welchem der kleine Prinz ſaß, und dabei ſeiner Gemahlin halb leiſe einige Worte der Bewunderung und des Entzückens über ihre Schönheit zuzuflüſtern. Aber werden Sie mir gnädigſt ſagen, Majeſtät, fragte er dann laut, wodurch ich heute einen ſo himmliſchen Empfang und eine ſo bezauberte Ueberraſchung verdient habe? Die Kaiſerin warf ihm einen faſt zürnenden Blick zu und neigte ſich zu der kleinen zweijährigen Prinzeſſin Joſepha nieder. Sag Du einmal dem Kaiſer, was für ein Feſttag heute iſt? be⸗ fahl ſie, und das Kind rief mit ſchmetternder Stimme! es iſt heute kaiſerlicher Mama's Hochzeitstag. Der Kaiſer ſchrak zuſammen und trat einen Schritt zurück. Un⸗ ſer Hochzeitstag, murmelte er, und ich konnte das vergeſſen! Seht doch, mein Gemahl, ſagte die Kaiſerin mit einem Lächeln, das ſie ihrem Herzen abrang, ich bin gewiß, daß Sie dieſen Tag nicht vergeſſen haben. Die Erinnerung daran ſchlummerte nur in Ihrem Herzen, die langen ſechszehn Jahre unſerer Ehe hatten dieſe ſchöne und heilige Erinnerung eingeſchläfert, und darum habe ich alle meine Kin⸗ der um mich verſammelt, damit ihre hellen ſchmetternden Stimmen die Schlafende wach rufen ſollten, auf daß ſie ihre Augen aufſchlüge und rückwärts ſchaue in die ſchöne Vergangenheit. Der Kaiſer ließ ſeine verlegenen Blicke über die Gruppe ſeiner 38 Kinder hinſchweifen und froh, einen Vorwand gefunden zu haben, um dem Geſpräch eine andere Wendung zu geben, fragterer: Und weshalb, wenn Sie alle Ihre Kinder riefen, iſt nicht auch der Joſeph gekommen? Er iſt wieder ſtörriſch und eigenſinnig geweſen, und da es mitten in der Lection war, hat der Lehrer es ihm als Strafe zudictirt, daß er nicht hierher kommen durfte, ſagte die Kaiſerin achſelzuckend. Der Kaiſer wandte ſich haſtig der Thür zu. Ich will gehen, und ihn frei bitten, ſagte er. An einem ſolchen Feſttag will ich alle meine lieben Kinder um mich ſehen, und der Joſeph, unſer zukünftiger Kaiſer, darf nicht fehlen! Nicht doch, bleiben Sie, mein Gemahl, rief die Kaiſerin, welche ſehr wohl die Abſicht des Kaiſers begriff, ſich dieſer peinigenden Si⸗ tuation zu entziehen. Laſſen Sie den Joſeph bei ſeinem Lehrer; nach beendeter Lection wird er hierher kommen. Sie müſſen es ſich ſchon gefallen laſſen bei uns zu bleiben, auch ohne den zukünftigen Kai⸗ ſer, deſſen Regierungsantritt, wie ich hoffe, noch um einige Jahre ſich hinausſchieben wird. Oder wollte mein Gemahl mit dieſer glücklichen Wendung mich heute, an meinem Hochzeitstag, daran erinnern, daß ich alt genug ſei, um an meinen Todestag denken zu müſſen? Der Kaiſer ſah ſie erſchrocken und fragend an. Dieſer in ihrem Antlitz aufflammende Zorn ſchien ihn, obwohl er hinlänglich vertraut mit der reizbaren Gemüthsart ſeiner Gemahlin war, dennoch zu über⸗ raſchen, und er fragte ſich vergeblich nach der Urſache deſſelben.— Aber Maria Thereſia, eingedenk ihres Entſchluſſes, nicht zu zürnen, ſondern den Gemahl durch Liebe zu ſich zurück zu rufen, ſchaute ihn jetzt wieder mit einem ſtrahlenden Lächeln an. Der Kaiſer ſchüttelte gedankenvoll ſein Haupt, und ſah ihr tief in die Augen: es iſt nicht Alles in Ordnung, ſagte er halblaut, Du lächelſt nicht wie ein Weib, ſondern wie eine Löwin! Nun denn, ſagte ſie aufflammend, und auf ihre Kinder deutend, die Löwin wollte Ihnen ihre Jungen zeigen! Sie werden eines Ta⸗ ges Löwen und Löwinnen ſein, und dann, ſo Gott will, jedes Unrecht, das man ihrer Mutter gethan, zu rächen ſuchen. 4 Und die Kaiſerin, welche fühlte, daß die lang zurückgehaltene Eifer⸗ ſucht wieder mit mächtigen Flammen in ihr aufzuckte, und ihr Opfer athm As ihr, unſer Hern gang gen ran, feier glan zen, daß erſt kome für dürf Eii lich eine mah Zer enif 39 verlangte, die Kaiſerin befahl ihren Kindern das Gemach zu verlaſſen, und reichte den kleinen Prinzen der herbeigerufenen Aja dar und hieß ſie ſich Alle entfernen. Es iſt ein Wetter im Anzug, ſagte der Kaiſer leiſe zu ſich ſelber, und mit ängſtlicher Scheu blickte er nach ſeiner Gemahlin, welche hoch⸗ athmend den Kindern nachſchaute, die durch die Thür hinaus ſchritten. Als dieſe Thür ſich endlich geſchloſſen, wandte Maria Thereſia raſch ihr Haupt zu ihrem Gemahl um. Und Sie hatten alſo wirklich gar nicht daran gedacht, daß heute unſer Hochzeitstag iſt? fragte ſie. Nicht der leiſeſte Schlag Ihres Herzens mahnte Sie daran, nicht die leiſeſte Erinnerung an die Ver⸗ gangenheit tauchte in Ihnen auf? Der Kaiſer zuckte leicht die Achſeln. Meine Erinnerungen hän⸗ gen nicht am Datum, und nicht an Tagen, ſagte er. Was liegt da⸗ ran, das heute zufällig das Datum unſers Hochzeitstages iſt? Ich feiere die Erinnerung an jene Stunde, wo die ſchöne, die ſtolze und glanzvolle Kaiſerstochter ſich mir, dem armen kleinen Lothring'ſchen Prin⸗ zen, vermählte, mit jedem neuen Tage neu, und ich weiß gar nicht, daß das ſchon ſechszehn Jahre her iſt, denn es iſt mir, als wäre es erſt geſtern geweſen. So komm denn, meine ſchöne und holde Thereſia, komm und laß Dich umarmen, und mit meinen Küſſen Dir danken für all das Glück, das ich Dir ſchulde. Sieh, wir ſind allein, und dürfen daher wohl ein wenig unſere Majeſtät und die häßliche läſtige Etikette ablegen, und als Mann und Weib zueinander reden in herz⸗ lichſter Eintracht und Liebe. Er wollte ſie in ſeine Arme ziehen, aber die Kaiſerin trat ſtolz einen Schritt zurück. Dieſe unbefangene, ſorgloſe Zärtlichkeit ihres Ge⸗ mahls empörte ſie; daß der Treuloſe, und Schuldige ſo ganz ohne Zerkninſchung und Reue in dieſer Stunde ihr gegenüber ſtehen konnte, entflammte ihren Unmuth zu heißen Zornesgluthen. Wahrlich, mein Gemahl, es ſteht Ihnen wohl an, von Liebe und Eintracht zu reden, ſagte ſie glühend, Ihnen, welcher der Liebe zu ſeiner Gemahlin längſt vergeſſen, und nur Aug' und Sinn für andere Weiber hat. Ach, alſo wieder eiferſüchtig, ſeufzte der Kaiſer mißntuthig. Mein 40 Gott, wollen Sie uns denn immer wieder durch ſolche unbegründeten Befürchtungen den Himmel unſeres Glückes trüben? Und Sie nennen das unbegründete Befürchtungen, rief die Kaiſerin, indem ſie den zerknitterten Brief aus ihrem Buſen hervorzog und ihn ihrem Gemahl zeigte. Sehen Sie da den Beweis meines gerechten Argwohns! Dieſem Beweiſe gegenüber werden Sie nicht mehr ſagen dürfen, daß ich einer unbegründeten Eiferſucht mich hingebe, dieſem Beweiſe gegenüber werden Sie geſtehen müſſen, daß die Angſt, mit der mein Herz ſich marterte, leider nur zu ſehr gerechtfertigt war. Und was iſt das für ein Beweis, wenn es erlaubt iſt, Ew. Majeſtät zu fragen? Es iſt ein Brief, eine Antwort auf einen Brief, den Ew. Majeſtät vor einigen Stunden an eine Frau geſandt, von der Sie geſtern erſt geſagt, daß ſie die ſchönſte Frau der Welt ſei. Ich entſinne mich durchaus nicht, das von irgend einer Dame geſagt zu haben, und wundere mich nur, daß Ew. Majeſtät ſolchem müßigen Geklätſch Ihr Ohr leihen, ſagte der Kaiſer nicht ohne Bitterkeit. Wahrlich, wäre ich, wie Sie, das regierende Haupt eines großen Kaiſer⸗ ſtaates, ich würde nicht Zeit finden, ſolchen albernen Pallaſtklätſchereien zuzuhören. Ew. Majeſtät werden ſehr wohl thun, ſich durchaus nicht um die Verwendung meiner Zeit zu kümmern, und ſich nicht in das Regie⸗ rungsweſen zu miſchen, das Sie nichts angeht, rief die Kaiſerin außer ſich vor Zorn. Ich allein bin die regierende Kaiſerin, und ob ich meine Zeit gut anwende, darüber möge mein Volk entſcheiden, nicht aber der Kaiſer, der ſehr wenig weiß, wie man ſeine Zeit anzuwenden habe, und der müßige Liebesbriefe ſchreibt, während ich mit meinen Miniſtern im Staatsrath arbeite. „Ich habe einen Liebesbrief geſchrieben! ſagte der Kaiſer gelaſſen. Maria Thereſia ſtampfte heftig mit dem Fuß auf den Boden. Und er wagt es noch zu leugnen, rief ſie ingrimmig. Sie haben es alſo ganz und gar vergeſſen, daß Sie heute Morgen Ihren Vertrauten Signor Gaspardi mit einem Briefe ausgeſandt? Nein, ich habe das durchaus nicht vergeſſen! ſagte der Kaiſer ver⸗ legen, und den glühenden Blicken der Kaiſerin Iusweichend.— 41 Sie bemerkte es, und ihre Augen ſchoſſen jetzt Blitze des Zornes. Sie geſtehen alſo ein, daß Sie einen Brief geſchrieben, mit dem Gas⸗ pardi heimlich ſich aus dem Schloß davon ſchlich, und auf den Sie ſehnſuchtsvoll die Antwort erwarteten? Er hat mir indeſſen gar keine Antwort gebracht, ſagte der Kaiſer verlegen. Hier iſt die Antwort, rief die Kaiſerin, ihm das? Zapier darreichend. Ich befahl Gaspardi, den Brief, den er für Ew. Majeſtät zurückbrachte, in meine Hände zu legen, denn ich ſelber wollte ihn Ew. Majeſtät übergeben. Und Sie haben dieſen Brief, welcher an mich gerichtet war, geleſen? fragte der Kaiſer mit faſt ſtrengem Ton. Die Kaiſerin erröthete und blickte verwirrt zur Erde nieder. Nein, ſagte ſie, ich habe ihn nicht geleſen. Der Brief iſt indeſſen geöffnet? ſagte der Kaiſer, das zerknitterte Papier aus der Hand der Kaiſerin nehmend. Wer hat es gewagt, einen Brief, der meine Adreſſe trägt, zu öffnen, und dieſes Siegel zu brechen? Und der Kaiſer, welcher ſonſt immer ſo freundlich und milde, ſo nachgebend und verſöhnlich ſeiner Gemahlin gegenüber erſchien, ſtand jetzt hoch aufgerichtet mit zürnendem Antlitz und blitzenden Augen vor ihr. Maria Thereſia blickte faſt erſtaunt in ſein Angeſicht, und ſie ge⸗ ſtand ſich, daß ſie es niemals edler und ſchöner geſehen, es erfüllte ſie mit einer heimlichen Freude, daß ſie faſt ein Gefühl der Angſt und des Zitterns vor ihm empfand, und daß er den Muth hatte, ihr zu zürnen. Ich habe es gewagt, dieſes Siegel zu brechen, ſagte ſie, aber ich ſchwöre es Ihnen, ich habe keine Sylbe dieſes Briefes geleſen, ich wollte nur die Unterſchrift deſſelben ſehen, und dieſe Unterſchrift genügt mir, um zu wiſſen, daß ich, obwohl eine Kaiſerin, doch eine verrathene und verlaſſene Frau bin, vergeſſen von dem Gemahl, der mir Liebe und Treue geſchworen, und mich ſo weit erniedrigt, mir eine Tän⸗ zerin zur Rivalin zu geben, und mit einer Theaterprinzeſſin zu kor⸗ reſpondiren! Und um das beſtimmt zu wiſſen, genügte ihnen die Unterſchrift dieſes Briefes? fragte der Kaiſer. 42 Sie genügte mir! Und Sie haben nichts weiter geleſen, als die Unterſchrift? Nein! Nun denn, Madame, ſo bitte ich Sie jetzt, den ganzen Brief zu leſen, ſagte der Kaiſer ernſt, indem er das Papier auseinanderſchlug, und es der Kaiſerin darhielt. Da Sie einmal, allen VBölkerrechten zum Trotz, das Siegel meines Geheimniſſes gebrochen haben, ſo fordere ich, daß Sie den ganzen Brief leſen, und Sich nicht an der Unterſchrift ge⸗ nügen laſſen. Die Kaiſerin ſah ihn faſt entſetzt an. Sie wollen, daß ich einen an Sie gerichteten Liebesbrief leſe? Ich bitte, daß Sie dieſen, von Ihnen erbrochenen, und meinem Kammerdiener mit Gewalt entriſſenen Brief leſen, und zwar bitte ich ihn laut zu leſen, damit ich wenigſtens den Inhalt erfahre! Nun, denn, ſagte die Kaiſerin mit einem zerſchmetternden Zornes⸗ blick auf ihren Gemahl, ich werde Ihnen den Brief vorleſen, und ich . werde kein Wort, keine noch ſo zärtliche Phraſe zurückhalten! ceſſen Sie! ſagte der Kaiſer. - Maria Thereſia nahm das Papier haſtig aus ſeiner Hand und mmit lauter drohender Stimme begann ſie zu leſen. „Allergnädigſter Kaiſer! Ew. Majeſtät haben die Gnade um meinen Rath zu fragen, und meine Hülfe zu begehren. Ich verſichere aber Ew. Majeſtät, daß Sie ſelber dem heiligen Geheimniß viel näher auf der Spur ſind, als ich. Ew. Majeſtät ſind der Meiſter, ich nur ein demüthiger unwiſſender Schüler, und nur den Wiſſenden iſt es gegeben, zu ſchauen, und in die Urgeheimniſſe der Weltenſchöpfung einzudringen. Der erhabene Meiſter, dem ich einſt diente, hat mich Unwürdigen frei⸗ 44— lich eingeführt in die Vorhallen des heiligen Tempels der Wiſſenſchaft, 4 4 unnd was ich da erſchaute, bin ich frendig bereit, zu Ew. Majeſtät Kenntniß zu bringen, mit Ew. Majeſtät zu arbeiten, um das zu finden, was wir Alle ſuchen. Ich werde mich alſo heute Abend zu der be⸗ zeichneten Stunde bei Ew. Majeſtät vorſtellen, und wir werden dann ſehen, ob die erhabene Idee, die Ew. Majeſtät beſchäftigt, ſich verwir lichen läßt, und ob der Brennſpiegel einen Solitaire zu bilden verm Ew. Majeſtät ganz unterthänigſt Riccardo.“ 1 63 AN 8 1 43 Davon verſtehe ich kein Wort, ſagte die Kaiſerin verwirrt, nach⸗ dem ſie zu Ende geleſen. 4 IZch aber verſtehe jedes Wort, erwiderte ihr Gemahl mit einem feinen Lächeln, und da Ew. Majeſtät einmal auf eine ſo— ungeſtüme Weiſe in die Vorhallen meines Geheimniſſes eingedrungen ſind, ſo will ich Sie nun auch in den Tempel und zu dem Allerheiligſten deſſelben führen. Zuvörderſt alſo bekenne ich Ew. Majeſtät, daß ich wirklich eine Leidenſchaft nähre, eine Leidenſchaft, welche mir ſchon viel ſchlafloſe Nächte gemacht, und die mich ſogar beſchäftigt und zerſtreut hat, wenn ich an Ihrer Seite bin! Und Sie wagen es mir das in's Geſicht zu ſagen? rief die Kai⸗ ſerin empört. Ich wage es, denn dieſem Briefe gegenüber wäre das Leugnen unnütz. Aber ich ſehe gar nichts von Leidenſchaft oder Liebe in dieſem Briefe, murmelte Maria Thereſia, wieder mit haſtigen Blicken die Zeilen überfliegend. Und doch iſt in jedem Wort davon die Rede, und ich geſtehe Ew. Majeſtät, daß ich, um meiner Leidenſchaft genug zu thun, ſchon mehr als dreimalhunderttauſend Gulden und mindeſtens für hundert tauſend Gulden Brillanten weggeworfen habe! Die Schöne Ihres Herzens iſt alſo entweder eine ſehr ſpröde oder eine ſehr eigennützige Perſon, ſagte Maria Thereſia, ihre Hände inein⸗ ander ringend, und kaum im Stande ihre Thränen zurückzuhalten. Ja, ſie iſt ſehr ſpröde, ſagte der Kaiſer, und alle meine Goldgul⸗ den und Brillanten ſind nutzlos verſchwendet worden, ſie will mir ihr Geheimniß nicht verrathen! Und doch hat ſie es einigen Begnadigten, Auserwählten anvertraut, dem Grafen Saint Germain zum Beiſpiel! Dem Grafen Saint Germain? fragte die Kaiſerin erſtaunt. So ſagte ich, Majeſtät. Er iſt einer der wenigen Glücklichen, welchen die ſpröde Schöne ihr heiligſtes Weltenſchöpfungs⸗Geheimniß anvertraut hat, und ich würde ihm daſſelbe freudig mit Millionen ab⸗ kaufen. Aber er iſt unerbittlich, und nachdem er mir zwei Mal hier ſeine Epiphanie gemacht, hat er mich verlaſſen, ohne mich aufzunehmen in das heilige Geheimniß. Nun erfuhr ich zu meinem Entzücken geſtern, 4 44 daß ſich hier in Wien jetzt ein Mann befinde, der noch bis vor kurzer Zeit der vertrauteſte Genoſſe und Freund des Grafen Saint Germain geweſen, und es war daher natürlich ihn aufzuſuchen, und zu mir zu beſcheiden. Ich ſchrieb alſo an Signor Riccardo— Signor Riccardo? fragte die Kaiſerin. Dieſer Brief alſo war an einen Mann gerichtet? An den Mann der ſchönen Tänzerin Riccardo. Dieſe Perſon iſt verheirathet? Verheirathet, und wie man ſagt, ſoll ſie ſogar ihren Mann leiden⸗ ſchaftlich lieben, und eine durchaus ehrbare Frau ſein. Demzufolge war jener Brief nicht an die Signora gerichtet, ſon⸗ dern an ihren Mann? So iſt es! Und die Leidenſchaft von welcher ſie ſprachen, und die Ihnen ſchon ſo viele Tauſende koſtet, iſt die Goldmacherkunſt? Die Goldmacherkunſt, die aufzugeben ich Ew. Majeſtät allerdings feierlich verſprochen hatte. Aber die Leidenſchaft wollte nicht von mir weichen, und ich mußte mich ihr wieder gefangen geben, denn ſie war ſtärker als ich. Aber um Ew. Majeſtät nicht zu kränken, hielt ich ſie geheim vor Ihnen, und wollte Ihnen nicht bekennen, daß ich wieder in meinem Laboratorium arbeite. Es beſchäftigt mich jetzt eine neue, eine glückliche Idee! Ich will es verſuchen, mit einem Brennſpiegel kleine Diamanten aufzulöſen und zu einem großen zuſammenzuſchmelzen, und dazu will ich Riccardo's Hülfe in Anſpruch nehmen, deshalb habe ich an ihn geſchrieben. Die Kaiſerin antwortete ihrem Gemahl mit einem heitern, fröhli⸗ chen Lachen, und dicht zu ihm herantretend ſtreckte ſie ihm ihre beiden Hände entgegen. Franzel, ſagte ſie freundlich, ich bin eine arme Thörin, und es war einmal wieder recht unnützes Zeng, was da in meinem Herzen wirbelte, und meinen Kopf verdreht machte. Seh's ja ein, Franzel, daß die Krone durchaus eine Kaiſerin nicht davor behütet, daß ſie zu⸗ weilen doch ein recht albern Weib iſt. Sei wieder gut, Herzenslieber. und verzeihe mir die Eiſerſucht um der Liebe willen. Sie hielt ihm immer noch ihre beiden Hände entgegen 3ℳ☛ ** 8 — 45 ihn mit zärtlichen Blicken an. Aber der Kaiſer nahm ihre Hände nicht, und erwiederte ihr Anſchauen mit ernſten ſtrafenden Blicken. Madame,, ſagte er, die Eiferſucht würde ich Ihnen verzeihen, ſchon um deswillen, weil ſie ein Unglück iſt für jeden, der von ihr heimge⸗ ſucht wird. Aber Sie ſind mit Ihrer Eiferſucht meiner perſönlichen Würde, meiner Mannesehre zu nahe getreten, und das darf und das kann ich Ihnen nicht verzeihen. Sie ſehen, daß ich Sie in allen Ihren Anſprüchen und Vorzügen ehre, daß ich es freudig ertrage, an dieſem Hofe die zweite Stelle einzunehmen, und mich damit begnüge nicht der Kaiſer, ſondern der Gemahl der Kaiſerin zu ſein. Ich will nicht ſagen, daß ich es ohne Opfer und ohne Entſagung gethan habe, denn es regen ſich in meinem Herzen auch allerlei ehrgeizige Wünſche und Träume, und zuweilen gelüſtete es mich, da Sie mich doch zu Ihrem Mitregenten gemacht haben, nun auch mit zu regieren! Aber ich ſah immer wieder, daß meine Mitregentſchaft Ihnen unbequem und läſtig ſei, und ich fügte mich Ihrem Willen, weil ich Sie nicht bloß liebe, ſondern auch verehre und Ihre Ueberlegenheit anerkenne. Ich habe alſo allen ehrgeizigen Wünſchen entſagt, und bin zufrieden überall als die zweite Figur, als der Gemahl der Kaiſerin betrachtet zu werden, nur nicht im Innern meines Hauſes und meiner Gemächer! Da bin ich der Kaiſer und der Herr, da bin ich der ſelbſtherrſchende allein⸗ regierende Kaiſer, und ich werde es nimmer dulden, daß man auch bis dahin mir meine Souveränetät ſtreitig machen will. Mag man die Würde des mitregierenden Kaiſers bekritteln und beſchneiden, die Würde des Mannes ſoll man mir nicht ſchmälern dürfen! Und behüte der Himmel, daß irgend Jemand das wagen ſollte, rief Maria Thereſia, welche mit wahrem Entzücken in das ſtolze erregte Antlitz ihres Gemahls ſchaute, und fand, daß er niemals ſchöner ge⸗ weſen als in dieſer edlen Aufwallung ſeiner gekränkten Mannesehre. Sie haben das gethan, Majeſtät, ſagte der Kaiſer ernſt. Sie haben es ſich nicht genügen laſſen, mich zu beargwöhnen, mit Spähern zu umgeben, ſich durch boshafte Horcher und Verleumder jedes meiner Worte, die, welche ich geſprochen, und die, welche man erfunden, vor⸗ ſchwatzen zu laſſen, ſondern Sie ſind auch ſo weit gegangen, mich meinen eigenen Dienern gegenüber zu compromittiren, und ihwer geſchloſſen, 46 Preis zu geben, indem Sie Sich ihnen gegenüber als die Herrin ihres Herrn darſtellten, und ſie nöthigten Ihre Befehle auszuführen, welche gut, den meinigen gegenüber ſtanden. Ich befahl Gaspardi, Niemand als Ra mir ſelber den Brief Riccardo's zu übergeben, Niemand zu ſagen, wohin nomm er gehe, und Sie haben einen bis dahin treuen Diener gezwungen, den ungehorſam zu ſein, und ſeinen Herrn zu verrathen. Es iſt wahr, ſagte die Kaiſerin, ich habe Unrecht gethan, und ſehe delji mein Unrecht ein und werde vergüten. In Gegenwart Gaspardit's der werde ich Dich um Verzeihung bitten, und ihm dann gern und freudig das Zeugniß geben, daß er ein treuer Diener iſt, welcher ſeinen Herrn Das nicht verrathen hat, und nur der Gewalt gewichen iſt. Verſpreche auch rechti 4 mich zu beſſern, und nimmermehr zu zweifeln an dem Herzen meines falle edelſten und ſchönſten Kaiſers, deſſen Liebe das ſchönſte und ſtrahlendſte Ung Juwel meiner Krone iſt, und ohne den es für mich auf Erden kein hig. Glück und keine Freude, vielleicht ſogar im Himmel leine Seligkeit giebt. verze Biſt nun wieder gut, Herzensfranzerl, und willſt Deiner Thereſia wie⸗ b mach ddeer freundlich ſein? nur Sdiie hatte ihr Haupt dicht zu ihm geneigt, und ſchaute ihn an gewa mit ſo liebeſeligen, herzigen Blicken, daß der Kaiſer nur mit Mühe widerſtand und ſeine Augen abwandte von ihrem reizenden Angeſicht. und Sei wieder gut, Herr Kaiſer, fuhr ſie ſchäkernd fort, denke halt, Frie Du haſt mich genug abgeſtraft, und haſt mir genug Herzensängſte ge⸗ macht, und mich zappeln laſſen mit Deinen hochtönenden Phraſen vor⸗ hin von der großen Leidenſchaft, die Dein Herz gefangen hielt. Dachte Deſt chier, das meine müßte mir zerſpringen vor Kummer und Wehe. mi 7 3 g) it Willſt alſo jetzt gut ſein laſſen, Franzel, und mir verzeihen? die Und Du? Willſt mir meine Diener nicht mehr verführen? Meine Briefe als nicht mehr erbrechen, und keine Späher und Verleumder mehr anhören? iſt Ich will immer nur Dich anhören, Franzel, und keinem andern wied glauben, als Dir allein. Sei wieder gut, Franzel, dann erzähl' ich Dir das auch eine ganz friſche Neuigkeit, mit der wir nächſtens die Welt über⸗ derg raſchen wollen, und die, ſo Gott will, eine ganz neue Ordnung der 4 deſ Dinge herbeiführen ſoll.. zun 2 Nun, laß hören, ſagte der Kaiſer lächelnd, wenn die Neuigkeit 5 feli wieder gut ſein! Sie hſelt auch ieder gut ſei . ainE 41 47 Sie iſt gut, gut, denn eine neue Zukunft bringt ſie uns, Rache an unſern Feinden. Rache an dieſem böſen freigeiſtigen Mann, der mir mein Schleſien ge⸗ meine Neuigkeit, rief die Kaiſerin erglühend, ſie nommen hat, und ſich brüſtet damit, daß er die Aufklärung, das heißt, den Unglauben in die Welt gebracht hat! Du haſt es alſo dem armen König von Preußen immer noch nicht verziehen, daß er Dir ein Stück von Schleſien genommen hat? fragte der Kaiſer, lächelnd ſein Haupt wiegend. Hab's ihm nicht verziehen, und werd's ihm nimmer verzeihen! Das beſte Stück von Schleſien hat er mir genommen, wider alle Ge⸗ rechtigkeit und allen Brauch. Mit gewaltthätiger Hand iſt er einge⸗ fallen in meine Lande, daß ich wie eine Bettlerin flüchten und zu den Ungarn jammern mußte um Erbarmen und Hülfe. Kann dieſe Demü⸗ thigung nimmer vergeſſen und verſchmerzen, und nimmer dem Mann verzeihen, der mir das angethan hat, und noch dabei ſchöne Worte macht, und der Welt beweiſen will, daß er in ſeinem Recht iſt, und nur genommen hat, was ihm gehört, und was ſeinen Vorfahren nur gewaltthäti zogen worden. Und doch iſt dieſer Frledrich ein großer Mann, rief der Kaiſer, und zum Heile Deutſchlands hoffe ich, daß wir eines Tages uns in Frieden und Freundſchaft mit ihm einigen werden, denn nur alsdann nich Europa Frieden haben!—111 Aber nimmer kann das geſchehen, rief Maria Thereſia, nimmer kann Oeſterreich der Freund ſein dieſes Preußens, das ſich unterfangen will, mit ihm um den erſten Platz in Deutſchland kämpfen zu wollen, und die ganze Vergangenheit verleugnend, ſich den Anſchein geben möchte, als ſei er berechtigt ſich unſers Gleichen zu nennen. Nein, nein, es iſt eine Urfehde zwiſchen Oeſterreich und Preußen, und nicht eher wird wieder der Friede über die Welt dahin leuchten, als bis das eine Land das gndere unter ſeinen Füßen zertreten, es in ſeiner mächtigen Hand zerquetſcht und zerrieben hat! Da aber ſei Gott vor, daß es dereinſt Oeſterreich ſei, welches dem Uſurpator Preußen weichen müſſe. Dies zu vermeiden müſſen wir wachſam ſein, und die Vergangenheit erwägend, mit feſtem Aug' in die Zukunft ſchauen. Die Vergangenheit aber hat mich gelehrt, daß alle die Bündniſſe und Verträge, welche wir geſchloſſen, 48 uns in der Stunde der Gefahr zu Nichts nütze geweſen, daß unſere bisherigen Bundesgenoſſen nicht mächtig oder nicht willig waren, uns unſe beizuſtehen gegen das übermüthige Preußen. Trotz Englands Freund⸗ Gch ſchaft, Hollands Subſidien und Rußlands Bundesgenoſſenſchaft hat mir Got der König von Preußen ein Erbſtück meines Landes fortgenommen, und zur müßiges Bedauern, und elende Vertröſtungen auf die Zukunft ſind die gei einzigen Hülfstruppen meiner Bundesgenoſſen geweſen. Deshalb will ich mich jetzt nach andern Bundesgenoſſen umſehen, welche geeigneter und und bereitwilliger ſind mir beizuſtehen in der Stunde der Gefahr, und Mil das iſt die große Neuigkeit, welche ich Ihnen mittheilen wollte, daß ich hoffe neue Bundesgenoſſen zu finden, welche mir beiſtehen werden wider Preußens Uebermuth, und mit uns vereint kämpfen werden gegen dieſen ketzeriſchen und ungläubigen König, der es wagt die heilige Kirche ſogar 2 und den Papſt zu verſpotten, und dem in ſeines Herzens Härtigkeit. 2 nichts heilig iſt außer ſeinem Ehrgeiz und ſeiner Ruhmbegierde. Unſere 8 5. 6 Verträge mit England und Holland ſind abgelaufen, und ich gedenke, end E ſie nicht zu erneuern. Die zwei Jahre, welche Kaunitz als unſer Ge⸗ 6 — ſandter in Frankreich verlebte, haben gute Früchte getragen, und Frank⸗ dil 5/ reich iſt bereit und willig, uns ſeine Hand zu bieten zu dauerndem 4 . Freundſchaftsbündniß. Reg Ein Bündniß mit Frankreich wäre eben ſo unnatürlich als un⸗ und 4 praktiſch, und wird daher auch niemals zu Stande kommen!*) rief der eon Kaiſer lebhaft. 5 1 3 Ein ſolches Bündniß wird zu Stande kommen, ſagte die Ihſern di mit freudigem Stolz. Schon ſind alle Vorbereitungen getroffef, alle ſer Hinderniſſe aus dem Wege geräumt, und nicht blos Ludwig der Fünf⸗ zehnte, ſondern was mehr ſagen will, auch die Marquiſe von Pompa-⸗ † her dour ſind ganz bereit auf unſere Pläne einzugehen. Das heißt, die leichtfertige Marquiſe hat die Schmeicheleien unſe⸗ un res Abgeſandten Grafen Kaunitz lächelnd augehört, und ihm mit glei⸗ . cher Münze gezahlt! Aber Worte ſind keine Bündniſſe, und die münd⸗ NR lichen Verſprechungen der Marquiſe genügen nicht. 8e m 3 di b Austria. Vol. V. S. 67. 49 Wir haben auch nicht blos mündliche Verſprechungen, und ſind unſerm Ziel weit näher, als Sie glauben, mein Gemahl. Ganz im Geheimen, und ohne ſelbſt meinem Beichtvater etwas davon mitzutheilen, Gott möge mir in Gnaden dieſe Unterlaſſungsſünde verzeihen!— ganz im Geheimen haben Kaunitz und ich den Plan verfolgt, und nur wir Beide, der König von Frankreich und die Marquiſe wiſſen bis jetzt darum. Und wie iſt es Ihnen gelungen, Sich die Freundſchaft der ſtolzen und übermüthigen Maitreſſe von Frankreich zu gewinnen? Wie viel Millionen hat das gekoſtet? Gar keine Millionen, mein Gemahl, ſondern nur einige Briefe. Briefe, von wem? Briefe von mir an die Marquiſe Pompadour! Wie, Sie haben dieſer Madame d'Etioles, vulgo Marquiſe vom Pompadour geſchrieben, eigenhändig geſchrieben? fragte der Kaiſer lachend. Ich habe ihr eigenhändig geſchrieben, und zwar mehr als einmal, erwiederte Maria Thereſia lächelnd, und hören Sie nur, mein Gemahl, welch einen Ausweg ich ergriffen habe, um ſie nicht zu beleidigen, und meiner eigenen Würde nichts zu vergeben. Ich habe mir den Anſchein gegeben, als ob ich glaubte, ſie ſei mit dem König Ludwig vermählt, und habe ſie daher in meinen Briefen als„Madame, ma soeur et cousine“ angeredet. Der Kaiſer lachte laut. Ach, dies iſt wundervoll, die Kaiſerin Königin von Oeſterreich und Ungarn hat eigenhändig an ihre Schwe⸗ ſter und Couſine Pompadour geſchrieben! Und weißt Du, wie die gute Marquiſe mich dafür genannt hat? ſagte die Kaiſerin, von der Lachluſt ihres Gemahls angeſteckt, gleichfalls herzlich lachend. Geſtern erhielt ich durch Kaunitz einen Brief von ihr, und darin nennt ſie mich heiter ſcherzend immer nur:„ma ehdère reine!“ Der Kaiſer brach in ein unmäßiges, lautes Lachen aus, das ſeine ganze Geſtalt erſchütterte, und ſein Antlitz dunkelroth färbte. In dem Ueb maß ſeines Entzückens ließ er ſich ſo heftig auf einen Stuhl niederfalley dieſer krachend faſt unter ihm zerbrach, und Maria Thereſia ihm † kommen mußte, um den Gemahl vor dem Fallen zu bewahren*.2 *) Hiſtoriſch. Kaiſer Joſeph. 1. Abth. I. Oh, oh, ſtöhnte der Kaiſer, immerfort lachend, dieſe Geſchichte wird mich tödten vor Vergnügen. Maria Thereſia im Briefwechſel mit der Marquiſe von Pompadour! Nun, ſagte die Kaiſerin halb lachend halb ſchmollend. Was iſt denn da zu lachen? Habe ich nicht auch an Farinelli geſchrieben, als es darauf ankam, uns Spanien zu gewinnen? Und iſt der Sopraniſt Farinelli mehr werth als die Marquiſe Pompadour?*) Der Kaiſer ſah ſie mit einem ſo drolligen, fragenden Blick an, daß Maria Thereſia ihm nicht zu widerſtehen vermochte, ſondern wider ihren Willen einſtimmen mußte in ſein fröhliches Lachen. In dieſem Augenblick ließ ſich ein lautes Klopfen an der Thür vernehmen, und auf den gebieteriſchen Ruf der Kaiſerin erſchien der Kammerhuſar und meldete, daß der Erzherzog Joſeph mit ſeinem Lehrer Pater Franz ſich im Vorzimmer befänden, und um die Erlaubniß bäten, eintreten zu dürfen. Die Kaiſerin befahl ſie einzuführen, lebhaftem Schritt ſich der Thür näherte, murmelte ihr Gemahl: ar⸗ mer Bube! Ich fürchte, ſie werden wieder mit großen Anklagen wider ihn kommen, und er wird ihnen nicht genug gethan haben an Beten und Kaſteien. und während ſie ſelbſt mit VI. Zer Erzherzog Joſeph. Der Kaiſer hatte ſich nicht geirrt, es war allerdings eine Anklage, mit welcher der Pater Franz zu dem Kaiſerpaar kam. Während er it eben ſo ſalbungsvollen, als gereizten Worten der Kaiſerin ausein⸗ rſetzte, weshalb er es gewagt, ihrem Befehl zu widerſtehen, und Gherzog nicht aus der Lection, mit der er ihn geſtraft, zu ent⸗ nd der Angeklagte ruhig neben ihm, und ließ ſeine Blicke mit eigene Worte. Siehe: Coxe Bd. V. S. 69. zo. 1 en nicht gleich berge herze ſpru⸗ t 51 vollkommner Gleichgültigkeit im Zimmer umherſchweifen. Und doch, wer ihn näher beobachtet hätte, würde das leiſe Zucken ſeines Mun⸗ des, die bangen Seufzer, die er vergeblich bemüht war, zurückzudrän⸗ gen, gewahrt, er würde geſehen haben, wie ſein armes Herz unruhig pochend die Spitzenkrauſe ſeines ſpaniſchen Kleides erzittern machte, und wie der Knabe zwei Mal die Augen feſt zudrückte, um die Thränen zu zerdrücken, welche ſeine Blicke verdunkeln wollten. Aber der kaum zwölfjährige Knabe hatte ſchon den Stolz, Niemand ſeine Thränen ſe⸗ hen zu laſſen, er kannte die Menſchen ſchon genug, um ihres Mitleids nicht begehren zu wollen, und hatte es früh gelernt unter einer kalten gleichgültigen Außenſeite die dlihe nden Stürme ſeines Innern zu ver⸗ bergen. Er war niemals ein glückliches Kind geweſen, der kleine Erz— herzog Joſeph, von ſeiner früheſten Ki undheit her hatte er ſich im Wider⸗ ſpruch mit ſeiner ganzen Umgebung befunden, und dem früh beobach tenden Knaben war Manches als Irrthum und Täuſchung erſchienen, was er gefeiert, verherrlicht und geprieſen ſah. Zudem hatte er von früheſter Jugend auf in ſeinem armen Kinderherzen einen Kummer zu verbergen gehabt, den Kummer, zu ſehen, daß man ihm ſeinen jüngern Bruder Karl vorzog, daß dieſer der bevorzugte ,geprieſene Lieblins ſei⸗ ner Aeltern, und daher das ſtets unſchmeichelte, verherrlichte, belobte Spielzeug des ganzen Hofes ſei. Für ſeinen Bruder Karl hatte das kaiſerliche Elternpaar immer ein zärtliches Wort, ein liebevolles Lächeln, eine freundliche, lobende Beachtung, während der ältere Bruder Joſeph immer unbemerkt, ſchweigend und ſcheu im Schatten ſtand, und ſich der elterliche Blick und das elterliche Wort nur an ihn richtete, um ihn zu ſtrafen für die ewigen Klagen, mit denen die Lehrer und Auf⸗ ſeher Joſephs das Kaiſerpaar beſtürmten. Es iſt wahr, es fehlte dem armen Knaben die heitere Unbefangenheit, die graciöſe Gewandtheit, die kindliche Naivetät, die für Jedermann bereite Zärtlichkeit ſeines jüngern Bruders; Joſeph war ernſt und ſinnend, ſeine Bewegungen waren linkiſch, ſein Antlitz weniger ſchön, und gleichſam umſchleiert von einem trüben Zug, den man ihm als angeborne Verdrießlichkeit ausdeutete, und der doch nichts weiter war, als der Wiederſchein des gehein Kummers, der ſein Herz bewegte, des Kummers, ſich nicht gelieht z ſeben, allein, verlaſſen, von Niemand verſtanden, von Niemand geſucht 4* 4 52 und hervorgezogen, inmitten dieſes glänzenden, prunkvollen, ſtrahlenden und frommen Kaiſerhofes dazuſtehen, immer im Schatten ſeines Bru⸗ ders, immer vernachläſſigt und vergeſſen, oder nur aus dem Dunkel hervorgezogen, um einen Verweis zu erhalten, oder ſich ſeinen jüngern Bruder als nacheiferungswürdiges Beiſpiel gegenüber geſtellt zu ſehen.*) Dieſer Kummer hatte ſich wie ein Mehlthau auf all die Knospen und Blüthen ſeines Weſens gelegt und hatte ihr Wachſen und ihre Erhal⸗ tung zurückgedrängt, und machte ihn äußerlich kalt, theilnahmlos, ſpöt⸗ tiſch, während ſein Inneres glühte in Liebe, Zärtlichkeit und mißkann⸗ ter Innigkeit, die er Niemand zu zeigen wagte, und die Niemand von ihm begehrte! Auch heute wieder, wie immer, war der junge Erzherzog Joſeph nur zu ſeinen Eltern gebracht, um vor ihnen angeklagt und von ihnen ermahnt und geſcholten zu werden. Auch heute wieder mußte er ſtumm und ohne ſich rechtfertigen zu dürfen, es anhören, wie Pater Franz der Kaiſerin erzählte, der Knabe habe heute, während er ihm die Geſchichte der heiligen Märtyrerin Cyrilla erläuterte, mehrmals gegähnt, und habe ſich geweigert, mit ihm länger als eine Stundo täglich in den Erbauungs⸗ büchern zu leſen Die Kaiſerin war tief entſetzt über dieſe geringe Frömmigkeit ihres Sohnes, und blickte mit ſchmerzlichem Zürnen auf den Knaben hin, der mit finſtern Mienen und doch anſcheinend ganz gleichgültig das große Gemälde, welches ihm gegenüber an der Wand hing, anſtarrte. Und iſt dies wirklich wahr, iſt dies möglich, rief Maria Thereſia zürnend, Du verſchließeſt Dein Herz dem göttlichen Wort, mein Sohn, und weigerſt Dich in den heiligen Büchern zu leſen?„ Der Knabe warf einen trotzigen ſchnellen Blick auf ſeine Mutter, welche ihm mit ſo kaltem Zürnen gegenüber ſtand. Ich weiß nicht, ſagte er kalt, ob das heilige Bücher ſind, aus de⸗ nen der Pater mit mir lieſt, ich weiß nur, daß ſie fürchterlich langweilig ſind und daß ich nichts daraus lernen kann! Herr mein Gott, welch ein ſtörriſcher verſtockter Knabe iſt Sas Maria Thereſia wahrhaft erſchrocken. *) L. Hübner. Lebensgeſchichte Joſeph II. S. 14. Pate läch imn blich auf Aug hinn gutn Kna ein ſich kan ſcho ¹ 53 Ach Herr, gehe nicht in's Gericht mit dem Sünder, murmelte der Pater, ſich fromm bekreuzigend. Nur der Kaiſer ſchwieg, und blickte lächelnd faſt hinüber zu dem Knaben, der gleichgültig, ſtill und kalt wie immer da ſtand. Aber vielleicht fühlte Joſeph dieſes freundliche An⸗ blicken des Vaterauges, vielleicht legte es ſich erwärmend und tröſtend auf ſein kaltes Angeſicht. Er hob mit einem ſchnellen Aufſchlag das Auge empor, und aus dem Blick, den er raſch und ſcheu auf den Kaiſer hinwarf, ſprühte ein ſolcher Blitz der Liebe und des Flehens, daß der gutmüthige Kaiſer ſich zum tiefſten Mitleid bewegt fühlte und dem armen Knaben zu Hülfe zu kommen beſchloß. Aber vielleicht trägt auch das Buch, aus welchem er leſen ſollte, ein wenig die Schuld an Zoſeph's Unachtſamkeit, ſagte der Kaiſer daher, ſich mit faſt bittender Stimme an ſeine Gemahlin wendend. Kein Buch, in welchem von Gott und den Heiligen die Rede iſt, kann eine Unachtſamkeit entſchuldigen! rief die Kaiſerin ſtrenge. Und wir laſen in einem ſehr großen, ſehr berühmten Werke, das ſchon ſeit einem halben Jahrhundert den Gläubigen zur Andacht und zur Erbauung gereicht, wir laſen in des frommen Kapuziners Kochen ſchönem Werke„Die Blumen der Heiligen.“*) Und wir haben ſchon fünf Bände von dem Buch geleſen, Herr Vater, ſagte Joſeph, welcher ſehr wohl begriffen hatte, daß er in ſei⸗ nem Vater jetzt eben einen Fürſprecher und Vertheidiger gefunden. Glauben mir Ew. Majeſtät nur, es ſind in dem Buch ſehr viel dumme und häßliche Mährchen und Fabeln, die ich nun und nimmermehr glauben kann, und die auch nicht wahr und nicht möglich ſind! Jeſus Maria, die heiligen Legenden nennt er Fabeln und Mährchen! rief die Kaiſerin entſetzt. Oh, er geht noch weiter, ſagte Pater Franz mit frommer Indig⸗ nation. Als ich ihm geſtern die erhabene Verſuchungsgeſchichte des heiligen Antonius erzählte, wagte er es zu lachen. Zu lachen! wiederholte die Kaiſerin, und warum lachte er? Ja, warum lachteſt Du, mein Sohn? fragte der Kaiſer, ſich an Joſeph wendend, um ihm dadurch Gelegenheit zu geben, für ſich ſelber —— Loxe History of the house of Austria. Vol. V. S. 283. 54 zu ſprechen, ſtatt nur angeklagt zu werden. Der Knabe verſtand dieſe Abſicht ſeines Vaters ſehr wohl, und dankte ihm dafür mit einem zärt⸗ lichen Blick ſeiner großen lichtblauen Augen. Ich lachte, Majeſtät, weil es mir gar zu drollig vorkam, daß der heilige Antonius vor den zudringlichen, alten Weibern, die ihn durchaus von der Bibel fort, und zum Tanz ziehen wollten, ſich nicht anders zu retten wußte, als daß er niederknieete, und laut zu Gott betete ihm beizuſtehen, und ſich ſeiner Noth zu erbarmen. Es kam mir gar ſo lächerlich vor, daß ein großer ſtarker Mann gegen alte zudringliche Weiber keine andere Hülfe wußte, als das müßige Gebet zu Gott. Und was würdeſt Du gethan haben an der Stelle des heiligen Antonius? fragte der Kaiſer. Ich? Nun, ich würde erſt den häßlichen Weibern geſagt haben, daß mich ihre Geſellſchaft langweile, daß ich allein ſein wolle, und daß es mir durchaus unpaſſend erſcheine, mir ihre Geſellſchaft aufzudrängen, und daß ſie daher das Zimmer verlaſſen möchten. Und wenn ſie auf dieſe höfliche Aufforderung nicht gegangen wären, ſo würde ich ſie mit Gewalt hinausgeworfen haben. Aber es waren ihrer Viele gegen Einen, ſagte der Kaiſer mit mühſam unterdrücktem Lachen. Aber der Eine war ein Mann, und die Vielen waren Weiber, rief der Knabe erglühend. Ein einziger Mann iſt doch kräftiger und ſtärker als zwanzig alte Weiber, denke ich, und wenn es ihm Ernſt iſt, und er den rechten Willen hat, kann er ſich wohl gegen funfzig Weiber wehren, und ſie ſich vom Leibe halten! Der Kaiſer brach in ein fröhliches Lachen aus, aber ſeiner Ge⸗ mahlin ſtrahlender und zürnender Blick machte ihn bald wieder ver⸗ ſtummen; er mußte ſich damit begnügen Joſeph lächelnd und verſtohlen mit den Augen zuzuwinken, während die Kaiſerin mit einer heftigen und drohenden Strafrede ihrem Sohn das Empörende und Sündige ſeines Betragens darzulegen ſich bemühte. Aber nicht Ein Zug ſeines Antlitzes veränderte ſich, während ſeine Mutter zu ihm ſprach, trotzig und kalt blieb ſein Antlitz und gleichgültig ſchaute er immer wieder zu dem Gemälde hin, welche Ordenshelehnung einiger heimkehrenden Kreuzritter durch Kaiſer von den in ie noch Mu mit mit varl ſiehſ müd trach dem Rec Rech Oü den S 55 von Habsburg darſtellte.— Dieſe Gleichgültigkeit des Knaben reizte den Zorn der Kaiſerin nur immer höher an, machte ſie immer heftiger in ihren Vorwürfen und Drohungen, und endlich, als Joſeph immer noch das Bild anſtarrte, und gar nicht zu hören ſchien, was ſeine Mutter ſprach, ſtampfte die Kaiſerin, auf das Aeußerſte gebracht, heftig mit dem Fuß auf den Boden und mit drohend gehobener Hand und mit flammenden Blicken näher auf den Knaben zuſchreitend, fragte ſie: warum ſchaueſt Du immerfort zu dem Bilde hin? Hörſt nichts und ſiehſt nichts und ſtarrſt gedankenlos in das Leere! Nein, Majeſtät, ſagte Joſeph, ſeine Augen mit einem unendlich müden Blick auf die zürnende Kaiſerin richtend, nein, Majeſtät, ich be⸗ trachtete das Bild, und ich dachte auch etwas! Nun, etwas dachteſt Du? fragte die Kaiſerin, faſt verwirrt von dem ruhigen Ernſt des Knaben. Ich dachte mir, ſagte der kleine Erzherzog, mit ſeiner erhobenen Rechten auf das Gemälde hindeutend, ich dachte mir, daß es gar nicht Recht ſei, daß der Kaiſer Rudolph da den heimkehrenden Kreuzrittern Orden umhängt, weil dieſe Herren doch viel eher Caſſation als Gna⸗ denbezengungen verdient hätten. Und warum das? fragte die Kaiſerin verwundert, während der Kaiſer, als ahne er, daß ſein Sohn bald eines Beiſtandes nöthig haben werde, leiſe einige Schritte ſich näherte. Und warum dachteſt Du das? wiederholte die Kaiſerin ihre Frage; der junge Erzherzog wandte ſeinen Blick von dem Gemälde zu ſeiner Mutter hin, und ſein Antlitz zeigte dieſen altbärtigen, ernſten Aus⸗ druck, den denkende und lebhafte Kinder zuweilen anzunehmen pflegen, wenn ihre kindliche Seele von den Blitzen des denkenden Geiſtes ge⸗ troffen wird. Ich dachte das, ſagte er langſam, weil dieſe Männer doch klüger gethan hätten zu Hauſe zu bleiben und ihr Vaterland vor Räubern zu ſchützen, als unſchuldige Völker aus Schwärmerei aufzureiben!*) Die Kaiſerin zuckte zuſammen, und trat entſetzt einen Schritt zurück; ein unheimliches Fröſteln glitt über ihr Herz hin, und mit banger Des jungen Erzherzogs eigene Worte. — ——— 56 Ahnung dachte ſie daran, daß dieſer ungläubige und zweifelnde Knabe einſt ihr Nachfolger auf dem Thron Oeſterreichs ſein würde. Der Kaiſer ſah an dem Erbleichen der Kaiſerin ihre tiefe innere Erregtheit, und ihre Gedanken errathend, wagte er nicht ein Wort zur Entſchuldigung des Knaben zu ſprechen. Pater Franz aber rief triumphirend: Das iſt eine ſeiner gewöhn⸗ lichen ſuperklugen, antichriſtlichen Antworten, mit denen er alle ſeine Lehrer martert und kränkt. Oh, Ew. Mafjeſtät ſehen alſo, daß ich Ihnen nicht zu viel geſagt. Der Antichriſt wohnt ſchon in dem Gemüth des jungen Erzherzogs und vergiftet ſeine Seele und ſein Herz. Es iſt kein Glauben in ihm und alſo auch kein Schauen, keine Hingabe an die Religion und an die Kirche, und alſo muß er verloren gehen in alle Ewigkeit. Das iſt es, was alle ſeine Lehrer mit Trauer und Kummer erfüllt, und weshalb wir uns heute zu einer gemeinſchaftlichen Berathung und Beſprechung einigen wollten. Schon werden die Herren im Conferenzzimmer vereinigt ſein, und wenn kaiſerliche Majeſtät er⸗ lauben, möchte auch ich mich jetzt zu ihnen begeben. Die Kaiſerin fuhr aus tiefem Sinnen empor. Nein, ſagte ſie, bleiben Sie! Ich will die Herren hierher berufen, ich will von ihnen Allen das Urtheil über meinen Sohn vernehmen, und ich bitte Sie, mein Gemahl, mit mir anzuhören, was die Herren von unſerm, von ſchlimmer geiſtiger Krankheit heimgeſuchten Knaben uns ſagen werden. Der Kaiſer verneigte ſich, und dem ſtummen Augenwinken ſeiner Gemahlin folgend, trat er von dem Erzherzog zurück, und ſtellte ſich an die Seite der Kaiſerin, welche ſich auf dem Divan niederließ, und mit der goldenen Handſchelle, die vor ihr auf dem Tiſch ſtand, den Kammerhuſaren herbeirief, und ihm befahl, die im Conferenzzimmer verſammelten Lehrer des Erzherzogs Joſeph zu der Kaiſerin zu rufen. Eine tiefe Stille herrſchte jetzt in dem kaiſerlichen Gemach. Maria Thereſia, in dem Divan lehnend, ſchaute mit ernſten hoheitsvollen Blicken auf die Thür hin, durch welche die Herren eintreten mußten, neben ihr, den Arm aufgeſtützt auf die hohe vergoldete Lehne des Divans, ſtand der Kaiſer, deſſen edles und ſchönes Angeſicht Wohlwollen und Güte ſeinem Sohn zugewandt war, dieſem armen Knaben, der und traurig neben dem Pater Franz in der Mitte des Gema — —py—2——— —,n e 57 und all ſeine Kraft, ſeine Energie und ſeinen Muth zuſammenraffte, um ſich aufrecht zu halten, nicht zu weinen, nicht zu zittern. Ich will nicht weinen, ſagte er zu ſich ſelber, ſeine Thränen hin⸗ unterwürgend, denn wenn ſie's ſehen, meine Herren Lehrer, ſo werden ſie triumphiren. Nein, ich will nicht weinen, denn das iſt die einzige Art, wie ich mich rächen kann für all die Quälereien und Plagen, mit denen ſie mich den ganzen Tag umherhetzen. Ich will ihnen nicht die Freude machen, daß ſie ſehen ſollen, wie ſehr es ihnen gelingt mich zu quälen. Niemand ſoll ſehen, was ich leide, und lieber würde ich mir die Zunge abbeißen, als daß ich einen Schrei des Schmerzes ausſtieße! Und mit übermäßiger Anſtrengung zwang der Knabe ſich zu einem ruhigen, heitern Ausſehen, zu einer unbewegten Haltung. So vollkommen gleichmüthig und theilnahmlos ſchien er zu ſein, daß er nicht einmal das Haupt umwandte, als die Thür ſich jetzt öffnete und die Lehrer in feierlicher, ernſter Reihenfolge hereintraten. Da waren ſie Alle, die Herren Pädagogen des Prinzen, die er in der Stille ſeines Herzens ſeine Quäler und Seelenpeiniger nannte. Da war der Jeſuit Porhammer, der ihn in der Logik und Phyſik unter⸗ richtete, der Ingenieur Bréquin, der ihn in den mathematiſchen Wiſſen⸗ ſchaften, der Herr von Leporini, der ihn in der Geſchichte, der hoch— mögende Herr von Bartenſtein, der ihn in der Politik und Geſchichte ſeines Hauſes unterrichtete, der Baron von Beck, der ihm die deutſche Reichsgeſchichte lehrte, und endlich war da der Gouverneur des Prinzen, der ungariſche Graf Batthiany, der einzige von allen den Herrn, welcher es verſtanden, die Zuneigung des Knaben zu gewinnen, und dem zu⸗ weilen ſein Herz in kindlichem Vertrauen ſich öffnete. Die Kaiſerin begrüßte die Herren mit gnädigem Kopfneigen und forderte in ihrer raſchen, lebhaft energiſchen Weiſe ſie auf, ihr unum⸗ wunden und ſonder Rückhalt, treu ihrer Pflicht und ihrer Ueberzeugung, zu ſagen, wie es um den jungen Erzherzog ſtehe, ob er Fortſchritte mache, ob ſein Gemüth und ſein Geiſt ſich entfalte, und zu Hoffnungen für die Zukunft anrege. Zuerſt ſodann ſprach der Graf Batthiany. Mit einem ſanften Lächeln hinüberſchauend zu dem jungen Erzherzog ſagte er: es iſt wahr, der junge Erzherzog iſt kein ſanfter, fügſamer Zögling, er liebt es nicht, 58 blind zu gehorchen, ſondern will immer erſt erkennen, daß das, was er thun ſoll, das Rechte ſei, und wenn er's erkannt hat, will er es thun, nicht, weil man es ihm geboten hat, ſondern weil es ſeinem eige⸗ nen Willen gemäß iſt. Er will nichts ſehen mit fremden Augen, ſon⸗ dern Alles mit ſeinen eigenen! Das mag bei dem Knaben jetzt ein Fehler ſein, bei dem Mann wird es dereinſt ein Vorzug ſein. Auch hat der Prinz, wie ich glaube, den guten Willen, ſeine Fehler abzulegen, und ihrer Herr zu werden. Als Bürgſchaft dafür erlaube ich mir, Ew. Majeſtät ein Wort zu wiederholen, das mir der Prinz geſtern ge⸗ ſagt. Ich las mit ihm aus Bellegarde's Werk über Selbſt- und Menſchenkenntniß, und dieſe ſchönen, erhabenen und tiefſinnigen Worte und Gedanken erregten in dem Prinzen eine ſo edle, glühende Begeiſte⸗ rung, daß er meine Hand ergriff und mit zitternder Stimme rief! oh leſen Sie mir dieſes Kapitel noch einmal! Ich muß es mir einprägen, denn ich werde, wenn ich einſt zur Regierung kommen werde, Selbſt⸗ kenntniß und Kenntniß der Menſchen ſehr nöthig haben.*) Das war brav und gut geſprochen! rief der Kaiſer, ſeinem Sohn lebhaft zunickend. Ich kann dieſem Lobe indeß nicht beiſtimmen, mein Gemahl, ſagte die Kaiſerin gereizt. Ich finde es durchaus nicht angemeſſen, daß der Knabe jetzt ſchon der Tage gedenkt, wo ſeine Mutter ihm den Platz wird geräumt haben, und Er die Regierung führt. Es wäre dem Charakter eines beſcheidenen Kindes, eines liebenden Sohnes wohl an⸗ gemeſſener, wenn der Joſeph ſich vorläufig gar nicht mit der Zukunft, ſondern immer nur mit der Gegenwart beſchäftigte, und ſich beſtrebte vor allen Dingen ein guter und tüchtiger Menſch zu werden, ehe er daran denkt, daß er vielleicht einſt Kaiſer werden wird. 3 Eine tiefe athemloſe Stille folgte dieſen harten, eraſchen Worten der Kaiſerin. Die Herren Profeſſoren und Lehrer blickten ernſt und finſter vor ſich hin. Der Kaiſer hatte ſich leiſe, und gleichſam beſchämt, hinter die Gruppe der Lehrer zurückgezogen und lehnte unfern von ſei— nem Sohn an dem geöffneten Inſtrument. Joſeph ſtand immer noch ſtarr und unbeweglich, nur während der Graf Batthiang geſprochen, 4 1 *) Hiſtoriſch. Siehe: Cornova: Geſchichte Joſeph I1I. S 89. —— ,— 59 und als dieſer ſeine eigenen Worte wiederholte, flog einen Moment ein glühendes Roth über ſeine Wangen hin, und er ſenkte ſchamvoll das* Auge nieder. Aber bei den harten Scheltworten der Kaiſerin richtete er das Haupt wieder empor, und ſah mit feſten ernſten Blicken zu ihr hinüber. Und eben ſo feſt und unverwandt heftete er dann ſeine Blicke auf die Lehrer, als ſie jetzt, der Aufforderung der Kaiſerin folgend, ihrerſeits ihre Urtheile ausgeſprochen über den jungen Erzherzog. Dieſe Urtheile glichen ſehr wenig dem des Grafen Batthiany. Sie hatten Alle über ihn zu klagen, die Herrn Pedanten, ſie hatten ſich Alle über ihn zu beſchweren. Zuerſt, und am bitterſten ſprach Herr von Barten⸗ ſtein. Er klagte Joſeph der Unachtſamkeit und Gedankenloſigkeit an, der Theilnahmloſigkeit ſogar für die Geſchichte ſeiner eigenen Vorfahren. Mit zorniger Stimme erzählte er der Kaiſerin, daß Joſeph durchaus weder politiſche Einſicht noch hiſtoriſche Ueberblicke beſitze, und daß ſo⸗ gar das große Geſchichtswerk, das er, der Herr von Bartenſtein, ſelbſt und eigenhändig in funfzehn großen Folianten für ihn verfaßt, und aus den Archiven des kaiſerlichen Hauſes eigens für den Kronprinzen zu⸗ ſammengeſtellt habe, denſelben gar nicht zu intereſſiren ſcheine.*) Und nach ihm ſprachen die andern Lehrer, und der Eine klagte über Joſephs Trotz und ſeine Unaufmerkſamkeit, der Andere machte ihm aus ſeiner Lebhaftigkeit ein Verbrechen, der Dritte rügte ſeinen Unge⸗ horſam, und der Vierte klagte mit prophetiſchem Jammerton, es werde nie und nimmermehr aus dem Kronprinzen etwas Rechtes und Tüch⸗ tiges werden, denn er habe keine Religion und keinen inbrünſtigen Glau⸗ ben, er glaube nicht an die Heiligen, und bete nicht recht zu ihnen, ſondern wolle ſich mit ſeinem Gebet immer unmittelbar zu Gott wen⸗ den, und in ſeinem hochmüthigen Stolz gar nicht die Vermittelung der Heiligen anflehen. Alle ſtimmten ſie darin überein, daß der junge Erz⸗ herzog ſtörriſch und verſtockt, ungehorſam und kaltherzig ſei. *) Hormayr ſagt von dieſem Werke, das Bartenſtein für den Unterricht Joſephs geſchrieben,„es ſei ſehr ſchwerfällig geweſen, überladen mit Details, ſchleppender Darſtellung und höchſt übel gewähltem panegyriſchem Ton, mit gänzlicher Entfernung von jedem ſynchroniſtiſchen Ueberblick, von jeder univer⸗ lalhiſtoriſchen Anſicht.“ Hormayr. Oeſterr. Plutarch. Elftes Bändchen. S. 127. 60 Der Knabe, wie geſagt, hatte ihnen Allen mit ſtolzem Blick und unveränderten Mienen zugehört. Langſam und ruhig hatte er das Auge von einem Redner auf den andern hingleiten laſſen, nur war ſein Ant⸗ litz immer bleicher und erſtarrter geworden, und erſchien zuletzt ganz unbeweglich, eiſigkalt und marmorſteif.— Und während er ſeinen Anklägern ſo zuhörte, und während ihre Worte ſein armes zitterndes, mißkanntes Herz wie mit tauſend Dolchſtößen traf, wiederholte der Knabe ſich immer wieder: ich will nicht weinen! Ich will meinen Quälern nicht die Freude gönnen, daß ſie ſehen, wie weh ſie mir thun! Ich will nicht weinen! Maria Thereſia hörte in ihrem Mutterherzen nichts von dieſem geheimen Jammergeflüſter des Knaben, ſie ſah nur ſein kaltes und trotziges Geſicht, deſſen Anſchauen ſie zugleich mit Zorn und Kummer erfüllte. Oh, ich ſehe nur zu wohl, daß die Herrn Präceptoren Recht haben! rief ſie, mit erhobener Hand auf den Knaben hindeutend. Es ſteht auf ſeinem Antlitz geſchrieben, daß er trotzig iſt und ſtörriſch, daß er ein kaltes Herz hat! In dieſem Moment, und gleichſam als eine verſöhnende Antwort auf die rauhen Worte der Kaiſerin, durchzitterten das Gemach leiſe melodiſche Töne, und dieſe ſüße, liebreizende Melodie, mit welcher die Kaiſerin zuvor ihren Gemahl empfangen, durchhallte den Raum. Es war der Kaiſer, welcher an dem Inſtrument ſtehend, ganz gedankenlos und zerſtreut, wie es ſchien, ſeine Hände über die Taſten gleiten ließ, und ganz unwillkürlich, und ohne es ſelbſt zu wiſſen, dieſe rührend ſchöne Melodie ſpielte. Aber ſo wie die erſten Töne deſſelben erſchallten, durchflog ein leiſes Zittern die ganze Geſtalt des Knaben, ſeine Züge fingen an zu arbeiten, zu zucken, ſeine Augen, welche zuvor ſo trotzige und finſtere Blicke gehabt, leuchteten auf in einer ſchwärmeriſchen Gluth, ſeine Lip⸗ pen, welche vorher feſt auf einander gepreßt geweſen, umflatterte jetzt ein ſanftes, rührendes Lächeln, und mit einem ſeligen Entzücken ſchien er dieſen Tönen zu lauſchen, die beſſer und reiner, verſöhnender und beweglicher zu ſeinem Herzen ſprachen, als alle die Anklagen ſeiner Lehrer und die Vorwürfe ſeiner Mutter. Dieſe Töne ſchienen m ſanften Schmeichelworten ihn zu ruſen, mit zärtlichem Geflüſter ſei 8* 1 6 61 Antlitz zu küſſen, und das arme trotzige kleine Kinderherz zu erweichen in Wehmuth und Rührung. Die lang zurückgehaltenen und bekämpften Thränen ſtürzten jetzt mächtig aus ſeinen Augen hervor, ganz überwäl⸗ tigt von ſeiner eigenen Rührung wandte der Knabe ſich um, und mit einer leidenſchaftlichen Innigkeit ſeine Arme um die Geſtalt ſeines Vaters legend, rief er: oh mein Kaiſer, und mein Vater, erbarme Dich mein! Der Kaiſer zog den zitternden Knaben feſt an ſeine Bruſt, er neigte ſich nieder und küßte ſeine langen dunkelblonden Locken, und flüſterte dabei leiſe: wußt' es wohl, mein armer Bube, daß es nicht ſo gar ſchlimm um Dich ſteht. Wollte Dein arm verſchüchtert Herz zu mir rufen, und Du haſt den Ruf Deines Vaters verſtanden! Die Herren Präceptoren ſchauten mit ernſten ſtrengen Mienen dieſer Scene zu, welche ſie im Innerſten ihrer Seele höchſt unziemlich fanden. Die Kaiſerin hatte ſich von dem Divan erhoben und blickte mit einem ſeltſamen Gemiſch von Unwillen und Rührung hinüber zu dem Kaiſer und ſeinem Sohn, die ſich noch immer feſt umſchlungen hielten. Sie wollte es ſich ſelber nicht geſtehen, daß der Schleier, welcher auf einmal ihren Blick umdüſterte, von den Thränen gewebt ſei, die aus ihrem gerührten Mutterherzen emporſtiegen. Sie wollte den Herren Präceptoren gegenüber nicht bloß die Mutter, ſondern auch zugleich die Kaiſerin ſein. Die Etiquette erforderte es ſo, und die Eti⸗ quette war die ernſte, ſtrenge Meiſterin, vor der Maria Thereſia ſich immer in ſtrengem Gehorſam beugte. Sie zwang daher die Thränen in ihr Herz zurück, und gab ihrem leuchtenden, zärtlichen Blick jetzt einen ernſten ſtrengen Ausdruck. Herr Gouverneur, Graf von Batthiany, ſagte ſie, ſich dem Grafen zuwendend, ich finde, daß wir auf dem Lehrplan des Erzherzogs Joſeph etwas vergeſſen haben. Sorgen Sie heute noch dafür, daß ein tüch⸗ tiger Lehrer gewählt werde, der meinen Sohn in der Muſik unterrichte. Lehren wir Joſeph die Kunſt lieben, damit er milder werde, denn er iſt ſtörriſch. Aber die Muſik verſteht es, wie ich ſehe, ſeinen Starrſinn zu brechen.*) *) Der Kaiſerin eigene Worte. Siehe: Coxe History of the house of Austria. Vol. V. S. 392. n u eeneee—— — VII. Graf Wenzel von Kaunitz. Drei Wochen waren vergangen ſeit der letzten Conferenzſitzung, in welcher Maria Thereſia auf ſo auffallende und ungewöhnliche Weiſe ſich gegen ihre bisherigen allmächtigen Miniſter erklärt, und dem Grafen Kaunitz ihre Zuſtimmung zu ſeinen Plänen verliehen hatte! Aber in dem ſie an jenem Morgen die Sitzung aufhob, hatte die Kaiſerin ge ſagt, daß ſie ſich ihre fernere Entſchließung vorbehalte, daß ſie ihren Miniſtern und Conferenzräthen ihre letzte Entſcheidung mittheilen werde, nachdem ſie ſich mit Gott und ihrem Gewiſſen berathen, und das Rechte demgemäß gefunden und gewählt habe. Drei Wochen, wie geſagt, waren ſeitdem vergangen, und noch immer war keine entſcheidende Botſchaft von der Kaiſerin eingetroffen, und noch immer hoffte Graf Kaunitz vergeblich auf den Ruf der Kai⸗ ſerin, und noch immer waren Bartenſtein und ÜUhlefeld die mächtigen Miniſter!— Mit heftigen Schritten ging Kaunitz in ſeinem Arbeits⸗ kabinet auf und ab, ſeine Züge, welche ſonſt immer ſo unbeweglich und marmorn waren, zuckten und zitterten jetzt, und ſeine Augen ſchoſſen feurige Blitze. Der Herr, welcher da vor dem großen, mit Papieren beladenen Tiſche ſaß, hatte längſt ſchon aufgehört, in den vor ihm auf⸗ geſchlagenen Akten zu leſen, und ſchaute mit immer ſteigender Verwun⸗ derung dem ſtürmiſchen Auf⸗ und Niederwandeln des Grafen zu, und beobachtete mit zuſammengezogenen Augenbrauen und lebhaftem Kopf⸗ ſchütteln die heftige Erregung in dem Antlitz des Grafen. Kaunitz, deſſen Auge eben ganz zufällig an ſeinem Freund und Vertrauten vorüber ſtreifte, ſah endlich ſeinen finſtern Blick und ſein unwilliges Kopfſchütteln; und haſtig zu ihm hinſchreitend, blieb er vor ihm ſtehen, und nachdem er ihn eine Zeitlang ſtarr angeſchaut, brach er auf einmal in ein lautes Lachen aus. Aber dieſes Lachen des Grafen Kaunitz hatte nichts von den hellen friſchen Tönen des Frohſinns und der Heiterkeit, es war darin nichts von dem Lerchengeſang des Herzens, ſondern es war ein trauriges, düſteres Lachen voll Ironie und bittern Spottes, welches das Antlitz deſſen, der es hörte, erbleichen machte. er 63 Warum erblaſſen Sie, Baron? fragte Kaunitz lebhaft. Und was zucken Sie zuſammen, als habe ein electriſcher Schlag Sie getroffen? Ihr Lachen, Graf, hat mich als electriſcher Schlag getroffen, und ich bin erblaßt davon, ſagte der Baron von Binder ernſt. Wiſſen Sie, Excellenz, daß dies in den Jahren, die ich die Ehre habe täglich und ſtündlich an Ihrer Seite zu ſein, das erſte Mal iſt, daß ich Sie lachen ſehe. Ich habe immer geglaubt, daß Ihren Geſichtsmuskeln dieſe Bewegung unmöglich ſei. Und vielleicht haben Sie Recht, Baron, denn ich verſichere Sie, daß dies Lachen eben noch wie ein Schmerz in meinem Herzen nach⸗ zuckt, ſagte Graf Kaunitz traurig. Wiſſen Sie, weshalb ich aber lachte? Ich lachte, weil Sie mich mit gar ſo drolligen, mißbilligenden Mienen anſahen und weil Ihr Kopfſchütteln wie ein alter verdrießlicher Moraliſt zu brummen ſchien. Es iſt mir auch verdrießlich, Sie, den ſonſt ſo beſonnenen Diplo⸗ maten und Staatsmann, auf einmal ſo faſſungslos und tief erſchüttert zu ſehen, brummte Baron Binder. Staatsmann! wiederholte der Graf mit einem lauten Seufzer. Wer weiß, Freund, ob meine Rolle als Staatsmann nicht ſchon zu Ende geſpielt iſt. Er ging wieder ſinnend und gedankenvoll auf und ab, und blieb dann plötzlich wieder vor dem Baron ſtehen. Binder, ſagte er, nicht wahr, Sie kennen mich? Sie ſind ſeit zehn Jahren mein Vertrauter, und mein— ja ich darf wohl ſagen, mein einziger Freund. Sie be⸗ gleiteten mich als mein erſter Attaché auf meinen Geſandtſchaftsreiſen nach London, Aachen und Paris, mit Ihnen habe ich ſeit zehn Jahren gelebt, gearbeitet und gedacht. Nun ſagen Sie mir, haben Sie in die⸗ ſen zehn Jahren jemals bemerkt, daß ich feige oder furchtſam geweſen. Niemals, rief der Baron innig. Ich habe Sie dem Zorn der Fürſten, der Bosheit ihrer Feinde, der Treuloſigkeit ihrer Freunde und Geliebten, ich habe Sie endlich beim Duell dem Schwert und der Piſtole Ihrer Nebenbuhler gegenüber geſehen, und ich habe Sie immer gleich tapfer und gelaſſen, gleich muthvoll und entſchloſſen geſehen. Graf Kaunitz nickte langſam mit dem Haupt. Nun denn, ſagte er, urtheilen Sie alſo, in welcher entſetzlichen Lage ich mich befinden 1 1 64 muß, denn, um Ihnen die Wahrheit zu ſagen, heute zum erſten Male fürchte ich mich! Heute ſchrecke ich feige zurück vor einer Gefahr. Und was fürchten Sie? fragte ſein Freund theilnahmsvoll. Ich fürchte, daß Maria Thereſia mehr Weib als Kaiſerin iſt, rief Kaunitz heftig. Ich fürchte, daß die Widerſprüche des ſchönen Franz von Lothringen mehr Eindruck auf das Gemüth ſeiner zärtlichen Ge⸗ mahlin machen, als Alles, was ihre eigene Einſicht und Vernunft ihr ſagt, als Alles, was ſie mir in der Stunde edlen Wollens zugeſichert hat. Oh es wäre entſetzlich, wenn die Küſſe ihres Gemahls, die heuch⸗ leriſchen Drohungen und Bitten ihres Beichtvaters, der leichtſinnige Wankelmuth der Frau, das Auge und den hellen Blick der Kaiſerin trübten und ſie nicht mehr zu ſehen vermöchte, was zum Wohl ihres Landes, ihres Volkes und ihrer ſelbſt nothwendig und unerläßlich iſt. Oh Freund, welch ein wundervolles, glänzendes Rieſengebäude, das ich in meinem Herzen ſchon aufgerichtet hatte, würde um mich her in Trüm⸗ mern zuſammenfallen, wenn die Kaiſerin mich verläßt, und ſich in eine ganz gewöhnliche Frau verwandelt! Ich habe an dieſem Gebäude gearbeitet ſeit langen Jahren, ich habe ihm meine Gedanken, meine Lebenskraft, meine Wünſche, meine Hoffnungen und meine Träume ſogar geopfert. Ich habe alle Empfindungen und Phantaſtereien, ich habe endlich mein gan⸗ zes Herz auf dem Altar der einzigen Gottheit, die mich nun noch be⸗ herrſcht, niedergelegt, dieſe Gottheit iſt die Politik, eine vernünftige, große, weitſchauende, berechnende und doch kühne Politik, welche Oeſter⸗ reich groß machen, es an die Spitze Dentſchlands, ja an die Spitze Europas ſtellen ſoll. Und mit dieſem aus dem Wuſt der Barbarei und Knechtſchaft emporſteigenden Reiche mit emporzuſteigen, als ord⸗ nender Steuermann dazuſtehen auf dem großen Völkerſchiff, auf dem Deck deſſelben ſie Alle zu ſammeln zu Einer Nation, zu Einem Volk, welches ſeinem Steuermann willenlos, ohne zu zweifeln, und ohne zu fragen, gehorcht, das Schiff mit feſter Hand und ſichrem Auge hindurch zu leiten durch alle Klippen und alle Untiefen, um endlich eines Ta⸗ ges einzulaufen in den ſichern Hafen der großen, allmächtigen ſelbſtbe⸗ wußten Ruhe, einzulaufen unter dem freudigen Zujauchzen von Millionen beglückter Menſchen, die entweder bei dem Namen des ſiegreichen Steuer⸗ manns ſich vor Furcht zitternd auf die Erde beugen, oder ihn jauch⸗ 65 1 zend zum Himmel erheben, welch ein großer, ein göttlich ſchöner Traum iſt dies, der einzige, um deſſentwillen es ſich noch der Mühe verlohnt zu leben, und zu ringen mit dem Leben! Denn ich will's Ihnen nur geſtehen, Freund, dieſes Menſchendaſein hat für mich ſonſt allen Reiz, allen Zauber verloren, es iſt eine volle Blume, die ganz abgeblüht hat, ganz duftlos iſt, und deren Verweſungsgrau mich anwidert. Ich übertünche ſie mir noch zuweilen mit der grellen Schminke raffinirter Genüſſe, und will ſie neu aufblühen laſſen an der tropiſchen Gluth der erhitzten Sinne, aber ich glaube doch nimmermehr an ihre Blüthe, und inmitten des Genuſſes habe ich nur noch den Ueberdruß und den Widerwillen. Ich habe alle ⸗Illuſionen verloren, ich glaube nicht mehr an die Liebe, denn ich habe mein ganzes Leben hindurch geſehen, daß ſie käuflich iſt, ich glaube nicht mehr an die Thränen der Menſchen, und nicht an ihr Lachen, denn ich weiß, daß ſie Schauſpieler ſind Alle, Alle, und jedes Gefühl zu heucheln wiſſen, ich glaube nicht mehr an das Glück und an das Unglück, denn dieſes Alles iſt relativ, und ich habe den Einen ſich die Haare ausraufen ſehen über das, was den Andern mit Entzücken erfüllte. Die ganze geſellſchaftliche Welt iſt für mich nur noch ein großes Irrenhaus, in dem ich mich bemühe, nicht vernünftiger zu erſcheinen als alle Uebrigen, ſondern meine Wahnſinns⸗ wolle ſo gut zu ſpielen als alle Andern, mir gar nicht merken zu laſ⸗ ſen, daß ich eigentlich an fond vernünftig bin, weil ſonſt die Narren jubelnd ſchrein:„ſeht da den Wahnſinnigen!“ Da wiſſen Sie alſo, Freund, weshalb ich Ihnen außerhalb dieſes Zimmers hier ſo oft als ein Narr erſcheine,— ich heule mit den Wölfen, und da ich nicht im Chor mit ihnen heulen, ſondern wenigſtens in einer Soloſtimme mich „◻% hören laſſen will, ſo erſcheine ich als der größte Narr und Sonderling, und gebe mir nicht im mindeſten Mühe, irgend eine meiner Launen, eine der ſchillernden Seifenblaſen meines Gehirns zu unterdrücken, mö⸗ gen ſie frei emporflattern, die Narren jauchzen dazu, und das Farben⸗ ſpiel ergötzt ſie!— Ich glaube alſo nicht mehr an die Welt, aber ich glaube noch an den Ehrgeiz, es iſt die einzige große Leidenſchaft, die mein Herz noch gefangen hält, die einzige, die mir eines Mannes wür⸗ dig erſcheint! Meinen Namen groß zu machen, nicht bloß der Enkel meiner Ahnen, und der Ahnherr meiner Enkel zu ſein, ſondern ein Kaiſer Joſeph. 1. Abth. I. 5 — nn—— 1 66 Mann, ein Gedanke, eine That an ſich ſelber, ein Stern, deſſen Glanz Jahrhunderte überragt, und der ſeine ganze Zeit mit ſeinem Glanz durchleuchtet: das iſt mein letzter Traum von Glück, dem wollte ich mein Leben und meinen Geiſt weihen! Aber er wird zuſammenfallen wie ein Kartenhaus, und an der Kleinheit Maria Thereſiens wird die Größe Kaunitzens ſcheitern! Das wird nicht geſchehen, rief Baron Binder lebhaft. Sie wer⸗ den Ihr Ziel erreichen, Sie werden Oeſterreich groß, mächtig und ſtark machen, Sie werden ihm eine neue Zeit aufgehen laſſen, und dieſe dun keln Nebel zerſtreuen, die jetzt noch über den Geiſtern ſchweben! Wenn ich zur Macht gelange, ſagte Kaunitz, ſo ſoll dies, das ſchwöre ich Ihnen, mein erſtes Beſtreben ſein. Der Geiſt ſoll frei werden von den Weihrauchsnebeldünſten, die ihn jetzt noch umdüſtern, und ſtatt der Prieſter und der Beichtväter ſoll nur Kaunitz und der Geiſt über Oeſterreich herrſchen! Aber werde ich zur Macht gelangen? Wird Maria Thereſia's Hand ſtark genug ſein, um die Feſſeln zu zer⸗ reißen, welche die Prieſter und der Gemahl um ſie her ausgebreitet haben? Wird ſie den Muth haben, allen Vorurtheilen zu trotzen und das alte Oeſterreich wie ein abgetragenes, zerfallenes Gewand von ſich zu werfen? Wird— Die Thür öffnete ſich, und der Kammerdiener trat ein mit einer Karte, die er Herrn von Binder darreichte. Der Staatsreferendar von Bartenſtein wünſcht Ihnen ſeinen Beſuch zu machen, ſagte der Baron freudig. Wollen Sie ihn hier empfangen? Ich werde ihn gar nicht empfangen, ſagte Kaunitz. Sage dem Herrn Baron, ich ſei beſchäftigt und bedaure! Sie weiſen ihn ab? fragte Binder, als der Diener ſich entfernt hatte. Sie thun das ohne alle Umſchweife, ohne den kleinſten Vorwand? Begreifen Sie denn nicht, daß die Sonne meines Glücks aufgeht, daß Bartenſtein die erſte Lerche meines Sonnengangs iſt? rief Graf Kaunitz mit ſtrahlenden Augen. Oh, dieſer Beſuch meines ſonſt all⸗ mächtigen Feindes beweiſt mir, daß ſeine Allmacht zu Ende geht, un' daß er ihr Abſterben ahnt,— mein Abweis ſoll ihm dieſes Abſterbe zur Gewißheit machen. Niemand wird nun noch zweifeln, daß Barte ſteins Fall und meine Erhebung gewiß iſt, denn Bartenſtein von feinen 67 Thür weiſen, heißt dem ganzen alten Oeſterreich einen Fußtritt geben. Ich werde alſo meinen Triumph ſchon jetzt in den Mäulern aller po⸗ litiſchen Klatſchweiber von Wien feiern, bevor ich ſelber noch davon ge⸗ koſtet habe! Jetzt, Freund, wollen wir fröhlich ſein und guter Dinge, die Sündfluth der Sorgen iſt vorüber, Bartenſteins Karte da iſt das Oelblatt, das mir das nahe Land verkündet! Hinweg alſo mit den Sorgen und Beängſtigungen! Jetzt wollen wir fröhlich ſein und uns das Haupt umwirbeln laſſen von den Nebeldünſten olympiſcher Tollheit. Fort mit den Acten und dem gelehrten Kram! Die Bücherwürmer wollen ſich in ſeelige Narren verpuppen und mit ihren Schellen läuten, damit auch die andern Narren kommen! Er nahm die Handklingel und ſchellte heftig. Alles ſoll bereit ſein im Toilettenzimmer, ich werde ſogleich dahin kommen! Dem Koch ſoll man ſagen, daß wir ein Diner von zwanzig Couverts haben werden, das feinſte, pikanteſte, leckerſte und wunderbarſte, was es giebt. Der Haushofmeiſter ſoll die feurigſten Weine aus dem Keller holen, und Sorge tragen, daß der Champagner nicht zu warm, der Johannisberger nicht zu kalt, der Sillery nicht zu trocken, der Lacrimä⸗Chriſti nicht zu ſäuerlich ſei. Zwei Wagen angeſpannt. Den Einen zur Sängerin Ferlina, den Andern zur Tänzerin Sacco, ſie ſollen zum Diner kom⸗ men! Zwei Läufer abgeſchickt, den einen zum Grafen Harrach, den an⸗ dern zum Grafen Colloredo! Einladung zum Diner. Hier iſt die Liſte der übrigen Herren, die geladen werden. Geh hinunter zu meiner Schweſter, der Gräfin Queſtenberg. Laſſe ihr meinen Reſpect vermelden, möchte heute die Gnade haben in ihrem Zimmer zu ſpeiſen, und ſich nicht bemühen, die Honneurs an meiner Tafel zu machen. Excellenz halten zu Gnaden, ſagte der Kammerdiener ſchüchtern, aber die Frau Gräfin— Nun, was zauderſt Du? Was iſt's mit meiner Schweſter? Die Frau Gräfin ſind ja ſchon vor acht Tagen abgereiſ't! Wie? Ohne von mir Abſchied zu nehmen? Wohin iſt denn die Frau Gräfin abgereiſt? Der Diener hob den Arm langſam empor und zeigte gen Himmel. Dahin, Excellenz! Der Graf zuckte leicht zuſammen und blickte fragend hinüber nach 5* 68 dem Baron Binder. Dieſer zuckte die Achſeln. Die gute Gräfin war ſchon lange leidend, ſagte er, aber ſie wollte Sie nicht mit ihren Klagen betrüben und ſchwieg darüber. Sie werden indeß wohl dies traurige Schickſal geahnt haben, da die Gräfin ſeit drei Wochen nicht an der Mittagstafel präſidirte. Vraiment nein, ich habe nichts geahnt, denn ich hatte in dieſen drei Wochen nicht Zeit, an dergleichen zu denken. 2 Jann iſt die Cere⸗ monie geweſen? Vorgeſtern, Herr Graf. Ich habe alle Anordnungen getroffen und Alles überwacht! Und ich habe Ihnen meinen innigſten Dank zu ſagen, theuerſter Freund, für die Vortrefflichkeit Ihrer Anordnungen, denn ich habe nichts davon gemerkt, und bin nicht einen Moment davon beunruhigt worden. Genug davon, Sie wiſſen, daß ich dieſe Geſpräche haſſe, brechen wir ab! Da die Ceremonie ſchon vorgeſtern geweſen iſt, ſo hindert das nichts an unſerm heutigen Tage. Geh, Philipp! Raſch alle Aufträge beſorgt! Blumen in den Corridors und auf den Treppen, im Speiſe⸗ ſaal Orangen und Roſen, zum Kaffee Vanillenſtengel ſtatt der Thee⸗ löffel. Fort! Noch einmal Dank, Freund Binder, ſagte der Graf, als der Kam⸗ merdiener ſich entfernt hatte, Dank, daß Sie die Abreiſe meiner Schweſter mit ſo viel Discretion geleitet, und mir dieſe unangenehmen Aufregungen erſpart haben. Nun, die Damen hier werden froh ſein, daß meine ceremonielle, malttöſe und ernſte Schweſter, die ſehr tugendſtreng war, weil ihr Alt r nicht mehr erlaubte zu ſündigen, daß die Gräfin abgereiſ't iſt. Aber wen werde ich nun ſtatt ihrer in is nehmen, die Honneurs zu machen? Nun, wir wollen uns ein anderes Mal mit dieſer Frage beſchäftigen! Jetzt zur Toilette! Adieu, Freund, beim Diner ſehen wir uns wieder! Er winkte ſeinem Vertrauten flüchtig zu, und ging dann mit leich⸗ tem Schritte in das anſtoßende Toilettenzimmer. gal 69 VIII. Die Toilette des Grafen Kaunitz. Als Graf Kaunitz in das Toilettenzimmer eintrat, war ſein Ge⸗ ſicht wieder ſo ernſthaft und unbeweglich wie immer, nicht die leiſeſte Spur von Aufregung zeigte ſich in demſelben. Er ſchien die Diener gar nicht zu gewahren, die zu beiden Seiten des Zimmers ſtanden, und in ehrfurchtsvollem Schweigen ſeiner Befehle harrten. Zu dem großen venetianiſchen Spiegel tretend, betrachtete er mit prüfenden Blicken ſein Angeſicht, und heftete ſeine Augen lange und unverwandt auf dieſe kleinen feinen Linien, die ſich da auf ſeiner weißen zarten Stirn zeigten, und die erſten Gedankenſtriche waren, welche das Alter auf die Stirn des dreiundvierzigjährigen Mannes gezeichnet hatte. Dieſe Gedankenſtriche ſchienen dem Grafen viel Stoff zum Denken zu geben, denn er betrachtete ſie lange mit tiefernſten, ſeltſam funkelnden Augen. Dann wandte er ſich zu dem Friſeur, der als der nächſt Be⸗ rechtigte hinter ihm ſtand. Die Perrücke fertig? fragte er. Fertig, Excellenz, und genau nach des Herrn Grafen eigener An⸗ gabe. Vorn an der Stirn mit reichen Locken, hinten mit Haarbeutel. Aufſetzen! Der Friſeur flatterte zu dem großen Haubenkopf, der da drüben auf dem Tiſch ſtand, und nahm von demſelben die ſeltſam phantaſtiſche blonde Perrücke, die„nach des Herrn Grafen eigener Angabe“ gebaut war, und in ihrer wunderbaren Vermiſchung von frei wallenden Locken und ſteifem Haarbeutel zugleich, ohne daß Graf Kaunitz es ahlte, als die ſchlagendſte Characteriſtik ſeines eigenen Weſens erſchien.— Graf Kaunitz hatte aber bei der Erfindung dieſer Perrücke einen ganz andern Zweck im Auge gehabt. Dieſe wallenden Locken ſollten auf eine prä⸗ ciöſe und anmuthige Weiſe die ſchwatzhaften Stirnfalten, die von ſeinen zunehmenden Jahren plaudern wollten, ein für alle Mal zum Schweigen bringen, und ſein Geburtsjahr für immer von ſeiner Stirn fortringeln. Graf Kaunitz neigte ein wenig ſein ſtolzes Haupt und ließ ſich von dem franzöſiſchen Haarkünſtler die Perrücke aufſetzen, dann betrachtete 2 70 1* e er mit tiefem Ernſt den wunderbaren Bau im Spiegel, hier die Locken tiefer über ſeine Stirn niederziehend, ſie auseinanderſchiebend, ſo daß zieh I zwiſchen dem blonden Geringel ſeine feine weiße Stirn ſichtbar ward, übe dann wieder eine Locke über die kleine Falte da über dem Naſenbein des 1 oder dort an der Schläfe ordnend, bis die Locken in einem wunderſanien S 1 Zickzack an ſeiner Stirn auf und nieder ringelten. lich 1 Graf Kaunitz deutete mit einem Finger ſeiner weißen durchſichtig 4 zarten Hand auf dieſes Lockenzickzack hin. Merken Sie wohl auf, 1 met Hippolyt, dies die Art wie ich täglich und immerdar meine Perrücke 4 arrangirt ſehen will!*) Sm Der Friſeur machte eine ſtumme und ehrfurchtsvolle Verbeugung lan und trat dann zurück, um den beiden Kammerdienern Platz zu machen, fäͤlt welche die Kleider des Grafen, das goldgeſtickte ſpaniſche Gewand, den ſeh kleinen goldgeſtickten Mantel, die kurzen Sammetpantalons, die dunkel⸗ diſ rothen Strümpfe und die Schuhe mit Brillantſchnallen brachten. die Ein einfacheres Gewand, ſpaniſch, aber ohne Goldſtickerei, befahl 1 der Graf. Keine rothen Strümpfe, ſondern weiße! ſbe Die beiden Kammerdiener erhoben ihre ehrfurchtsvoll geſenkten Häup⸗ Ge A ter und ſchauten ihren Gebieter zweifelnd und forſchend an! Weiße V bei 1 Strümpfe, ſtatt der rothen, zu dem ſpaniſchen Anzug ganz unerläßlichen, d das war eine Neuerung, ein ſo kühnes Auflehnen gegen die Etiquette, et daß es den beiden Kammerdienern faſt wie ein thätlicher Hochverrath 3ſch gegen den Kaiſerhof erſchien. dit 4 Der Graf errieth vielleicht ihre Gedanken, denn er zuckte verächt⸗ de lich die Achſeln, und wiederholte in noch ſtrengerem, gebieteriſchem Ton: ſer weiße Strümpfe! Ein für alle Mal weiße Strümpfe, niemals wieder„. rothe. Raſch jetzt anziehen, und mich im Puderkabinet erwarten. Der a 6 Friſeur zog ſich mit ſeinen zwei Unterbeamten und zwei Kammerdienern en rückwärts gehend durch die Thür da drüben zurück, und der Graf blieb V mit ſeinem erſten Kammerdiener allein. 3 — 6 *) Graf Kaunitz trug von dieſer Zeit an bis zu ſeinem Tode immer dieſe er ſeltſame Perrückee mit den Zickzacklocken. Die Wiener Elegants beeiſerten ſich L ſie nachzuahmen, und bald trug man allgemein dieſe Perrücken, welche man. nach ihrem Erfinder die„Kaunitz⸗Perrücken“ nannte. d — — — ₰ 9* — 71 Raſch, und ohne dabei ein Wort zu ſprechen, eine Miene zu ver⸗ ziehen, ließ der Graf ſich ankleiden, dann trat er zum Spiegel, und überſchaute mit ſorgſamen Blicken ſeine ganze Geſtalt, hier eine Puffe des Gewandes, dort eine Falte der breiten Halskrauſe von Alengonner Spitzen ordnend, und die breiten Spitzenmanſchetten, welche ſeine zier— lichen weißen Hände umgaben, weiter hervor ziehend. Dann wandte er ſein Haupt ein wenig rückwärts zu dem Kam⸗ merdiener.— Pudermantel! befahl er kurz. Sofort entfaltete dieſer das weiße Packet, das er ſchon in der Hand hielt, und legte dem Grafen mit ehrerbietigſter Verbeugung den langen weißen Mantel über die Schultern. Der Graf zog ihn ſorg⸗ fältig bis über die Halskrauſe herauf, und hüllte, vor dem Spiegel ſtehend, ſeine ganze Geſtalt darin ein, dann winkte er mit einer olym⸗ piſchen Bewegung ſeines Hauptes nach der Thür, und der Kammer⸗ diener flog hin, ſie zu öffnen. Kaunitz, eng in ſeinen Mantel gehüllt, näherte ſich mit gravitäti⸗ ſchen Schritten der Thür. So wie er auf der Schwelle des nächſten Gemaches erſchien, hoben die Friſeure und Kammerdiener, welche zu beiden Seiten der„Puderkammer“ aufgeſtellt waren, ihre großen Pu⸗ derwedel, und ſchwenkten ſie hin und her. Eine Wolke von weißem Staub füllte ſofort den ganzen Raum, und durch dieſe Wolke hindurch ſchritt Graf Kaunitz in ſeinem weißen Mantel mit langſamen, gra⸗ vitätiſchen Schritten, mit marmorernſten unbeweglichen Zügen, bis an die andere Seite des Gemaches dahin. Hier blieb er einen Moment ſtehen, um mit vorſichtigem Finger den Puder aus ſeinen Augen fort⸗ zuwiſchen. Dann wandte er ſich um, und ſein Haupt langſam links und rechts wendend auf ſeine harrenden Diener, commandirte er, wie ein Feldherr ſeinen Kanoniren: meine Ladung! Und die Diener hoben wieder die Puderwedel und eine weiße Puderwolke ſchwebte wieder empor, und gravitätiſch langſam ſchritt Graf Kaunitz wieder durch die Wolke dahin.— Viermal wiederholte er in unveränderlicher Gravität dieſen Spaziergang, dann, ohne ein Wort, einen Blick ſchritt er hinaus und kehrte in ſein Toilettenzimmer zurück, in welches ihm der Oberfriſeur Hippolyt folgte. Der an der Thür harrende erſte Kammerdiener nahm vorſichtig wieder den Puder⸗ —— 7² mantel von den Schultern ſeines Herrn, und der Graf ſchritt wieder zu dem Spiegel hin und betrachtete ſeinen Lockenbau. Dann wandte er ſich mit triumphirendem Ausdruck an den Friſeur. Geſtehen Sie, Hippolyt, ſagte er, daß es nichts Herrlicheres und Schöneres geben kann, als dieſe Art der Puderung! Sehen Sie nur, wie gleichmäßig, zart hingehaucht, leicht und friſch der Puder überall vertheilt iſt, wie luftig und duftig er die Locken umſpielt, nirgends mehr, nirgends weniger. Vraiment, ich glaube, ich darf ſtolz ſein auf meine Erfindung! Oh es war ein ſublimer Gedanke von Ew. Excellenz, betheuerte Hippolyt, eine wahrhaft erhabene Erfindung, die ſelbſt dem göttlichen Kopf Euerer Excellenz Ehre macht, und die in den Annalen der Friſeur⸗ kunſt eine ganz neue Epoche bezeichnet! Ich verbiete aber ſtreng, meine Erfindung in Ihre Annalen aufzu⸗ nehmen, rief Kaunitz. Ich verbiete, irgend Jemandem von der Art, wie ich meine Haare pudere, zu erzählen. Es iſt meine Erfindung und ich will ſie für mich behalten. Höre ich jemals, daß die Welt das Geheimniß meiner Puderkammer erfährt, ſo jage ich Sie mit der ganzen Sippſchaft meiner Diener auf der Stelle fort. Der Oberfriſeur und der Kammerdiener murmelten, ſich tief ver⸗ neigend, einige unverſtändliche Worte, die der Graf indeſſen nicht be⸗ achtete. Er nahm das neben dem Spiegel ſchon bereit liegende weiße Batiſttuch, und fuhr ſich leiſe und vorſichtig mehrmals über das Geſicht hin. Dann betrachtete er ſein Antlitz wieder im Spiegel, und nachdem er ſich überzeugt, daß keine Spur des weißen Puderſtaubs mehr in demſelben zu ſehn war, durchſchritt er das Gemach, und näherte ſich jener, der Puderkammer gegenüber beſindlichen Thür. So wie der Kammerdiener dieſe öffnete, erhob ſich neben der Thür die große gelbe Dogge, welche da in Erwartung ihres Herrn gelagert hatte, und der neben dem Hunde ſtehende zweite Kammerdiener reichte dem Grafen die goldene, mit Brillanten beſetzte Tabatière und das geſtickte Taſchen⸗ uch dar. Dies war der letzte Akt in dem großen, täglich genau und auf dieſelbe Weiſe ſich wiederholenden⸗Garderobenſpiel des Grafen Kaunitz. Wenn er die Tabatière und das Taſchentuch in die Taſche ſeines ſpa⸗ 73 niſchen Gewandes ſenkte, ſo way die Toilette beendet, die Diener durften ſich zurückziehen, und nur die Dogge, die treue und ſtete Begleiterin des Grafen, durfte dann noch an ſeiner Seite verweilen. Als Kaunitz jetzt allein, und wieder in ſeinem Arbeitskabinet war, näherte er ſich mit haſtigen Schritten dem Tiſch, auf welchem die während ſeiner Toilettenſtunde, bei welcher nichts ihn ſtören durfte, eingegangenen Briefe und Depeſchen hingelegt wurden. Immer noch keine Botſchaft von der Kaiſerin, murmelte er, die Briefe muſternd. Wenn ich mich nun doch geirrt hätte, wenn Bartenſtein nicht kam, weil er mich fürchtet, ſondern weil er einen Triumph über mich feiern will, wenn— Die Thür ward vorſichtig geöffnet, und der Baron von Binder trat ein. Excellenz, ſagte er lächelnd, zu dem Grafen hinſchreitend, ich über⸗ nahm es zu thun, was keiner der Kammerdiener wagen wollte. Ich übernahm es Ihnen einen Beſuch zu melden, obwohl es vor der Tafel, nach der Audienzſtunde, und die Zeit iſt, in welcher Sie in's Billard⸗ zimmer zu gehen pflegen. Aber was wollen Sie, ich habe ein weiches Herz, und der Herr, der da draußen im Vorſaal ſteht, bat den Kam⸗ merdiener mit ſo lauter und dringender Stimme, ihm eine Audienz bei dem Grafen Kaunitz zu verſchaffen, daß ich es im Billardzimmer hörte, und hinaus trat, um meine Vermittelung anzubieten. Nicht wahr, Ew. Excellenz werden mich in meiner Vermittlerrolle nicht zu Schanden werden laſſen, Sie werden dem atmen Herrn da draußen eine Audienz bewilligen? Wer iſt denn der Herr, für den Sie Sich ſo lebhaft intereſſiren? Excellenz, es iſt der Herr geheime Staatsreferendar Baron von Bartenſtein. Wie? Er iſt ſchon wieder da? fragte Kaunitz, deſſen ernſte Züge ſich wider ſeinen Willen erhellten. Ja, Excellenz, er iſt zum zweiten Male da! Alnd er bat, hören Sie Baron, er bat meinen Kammerdiener, ihm eine Audienz bei mir zu verſchaffen? Er bat nicht nur, er flehte, und zwar ſo laut, ſo dringend * 4 3 2 74 Kaunitz nickte mehrmals lebhaft mit dem Haupt. Ich habe mich alſo nicht verrechnet, ſagte er, und er erlaubte ſeinen ſchmalen Lippen ſich mit dem Schimmer eines Lächelns zu ſchmücken. Wenn Bartenſtein bittet, ſo iſt es am Ende mit ſeiner Macht, und die Kaiſerin hat ihn das ſchon fühlen laſſen. Bartenſtein heute zum zweiten Mal in meinem Vorzimmer iſt ſo gut, als wäre die Botſchaft Maria Thereſiens ſchon da! Und nicht wahr, Sie werden großmüthig ſein? Sie werden den Staatsreferendar empfangen? Weshalb ſollte ich das? Wenn er Geſchäfte zu beſprechen hat, ſo gehört das in den Conferenzſaal, und wenn er mir nur einen Beſuch machen will, ſo iſt das eine läſtige inhaltloſe Formel, und vor inhalt⸗ loſen Dingen muß man immer auf ſeiner Huth ſein. Aber wenn ich Sie bitte, Graf? Wahrhaftig, ich ſchwöre Ihnen, der arme Mann dauert mich! Es giebt nichts Tragiſcheres als eine gefallene Größe, man muß Mitleid und Erbarmen mit ihr haben. Graf Kannitz legte ſeine Hand auf die breite kräftige Schulter ſeines Freundes, und obwohl ſeine Mienen ganz unverändert blieben, leuchtete doch ein Strahl von Liebe in ſeinen Augen auf. Welch ein großes Kind Sie ſind, ſagte er, und wie weich Ihr Herz noch immer iſt, als ob die Welt es immer nur mit Roſenfingern berührt hätte! Wahrlich, ſolche Güte muß belohnt werden! Sie haben für den Herrn geheimen Staatsreferendar da draußen gebeten, dafür will ich Ihnen, ſobald ich bin, was ich zu ſein berufen bin, ſeine Stelle geben. Sie ſollen Staatsreferendarius werden! Und jetzt, Sie großes Kind, kommen Sie, laſſen Sie uns erſt eine Partie Billard ſpielen, bevor wir zu meinen Gäſten in den Eßſaal gehen! Er nahm des Barons Arm, und wollte ihn nach der zum Billard⸗ zimmer führenden Thür geleiten. Aber erſt, Excellenz, muß ich, ſo unangenehm und beſchämend es auch für mich iſt, doch in den Vorſaal zurückkehren, und Herrn von Bartenſtein ſagen, daß meine Fürſprache vergebens geweſen. Nicht doch, Baron, ſagte Kaunitz ihn fortziehend, wir werden den Billarddiener hinausſchicken, und dem Herrn Staatsreferendar Beſcheid jagen laſſen! 4 75 — Und ſo lange ſoll der arme Mann noch im Vorſaal warten? Hm, der arme Mann, ſagen Sie? Ich entſinne mich, daß er mich drei Mal eine halbe Stunde in ſeinem Vorzimmer hat warten laſſen. Nun, Sie wiſſen, und die ganze Welt weiß, daß ich ein pünktlicher Mann bin, der es nicht liebt, Schulden zu haben! Die eine halbe Stunde, die ich ihm ſchuldete, zahle ich ihm eben zurück. Bleiben nur noch zwei andere halbe Stunden, die werde ich ihm ein ander Mal bezahlen! Kommen Sie, mein lieber geheimer Staatsreferendarius der Zukunft! IX Die rothen Strümpfe. An der Mittagstafel des Grafen Kaunitz herrſchte heute, wie im⸗ mer, die heiterſte, ungebundenſte Fröhlichkeit, die zwangloſeſte Ausge⸗ laſſenheit. Kein noch ſo gewagter Scherz, kein noch ſo zweideutiges Witzwort durften die glühenden Lippen ſich ſcheuen auszuſprechen, und wenn dabei zuweilen ſich auf den ſchönen flammenden Geſichtern der Damen dieſer heitern und ausgeleſenen Tafelrunde der Schimmer eines ſchamvollen Erröthens zeigte, ſo jubelten die Ritter hoch auf vor Ent⸗ zücken und prieſen die keuſchen Veſtalinnen in den begeiſterten Dithy⸗ ramben des Entzückens. Alle Geſichter glühten, alle Augen flammten, die feurigen Weine, die auserleſenen ſtark gewürzten Speiſen, hatten das Blut erhitzt, die henfüber und hinüber flatternden Worte des Scher⸗ zes, der Ironie, der Reidenſchaft und der Ueppigkeit hatten die Herzen entzündet und die Schleier der Etiquette hinweggeriſſen. Die ſchöne Ferlina, welche da neben dem Grafen Kannitz ſaß, hätte mit der be⸗ rühmten Lais des alten Griechenlands um die Krone der Schönheit und der Ueppigkeit ſtreiten dürfen, und die liebreizende Tänzerin Sacco, die da zwiſchen ihren beiden Liebhabern, den Grafen Harrach und Colloredo ſaß, gleich einer Phryne an Leibreiz und Schamloſigkeit. Die gewagteſten Scherzworte, die pikanteſten Bonmots flatterten gleich Amo⸗ 76 retten von ihren Lippen, um all die Herzen dieſer aufgeregten entflammten Tiſchgeſellſchaft zu verwunden, und der Duft der Blumen, die von den Speiſen aufſteigenden Wohlgerüche, die wollüſtig gaukelnde Muſik, welche in der Ferne ertönte, und in das Lachen, das Jauchzen, in die leiden⸗ ſchaftlichen Liebesbetheuerungen und die zärtlichen Reden ihre fehnſuchts⸗ vollen Seufzer und Beſchwörungen miſchte, das Alles machte die Herzen noch höher flammen, erhitzte die Phantaſie noch mehr. Es war eine jener Orgien, wie nur Graf Kaunitz, dieſer auf der hohen Schule des Pariſer Lebens und in den duftenden Boudoirs der petites maisons gebildete Weltmann, ſie zu arrangiren vermochte, und denen beiwohnen zu dürfen, der höchſte Stolz und Ruhm der jungen Fürſten, Grafen und Barone Oeſterreichs war, weil Graf Kaunitz ihnen dadurch ge wiſſermaßen ein Zeugniß ihrer Reife und ihrer vollendeten Weltbildung ertheilte. Alle Geſichter, wie geſagt, glühten, und üppige Scherze und ge wagte Witzworte tönten von Aller Lippen; Graf Kaunitz allein hatte ſich ſein ernſtes, unverändertes Ausſehen bewahrt, er allein ſchien voll⸗ kommen kalt, vollkommen beſonnen in den zuckenden Flammen dieſer ihn umjauchzenden Leidenſchaften dazuſtehen, und doch war Er es ge⸗ weſen, der mit ſeinen heitern Scherzen die Scherze auf den Lippen der Uebrigen geweckt, doch war Er es noch jetzt, der die Stimmung ſeiner Gäſte immer noch zu erhöhen und neu zu befeuern wußte. Mit der kalten Ruhe eines Steuermanns lenkte er das gaukelnde blumenbekränzte Schiff der Freude durch die Brandungen und an den Klippen dahin, und ließ immer neue verlockende Bilder, immer neue Zauber auftauchen. Als jetzt das Mahl beendet war, als nichts mehr übrig ſchien die all⸗ gemeine Luſt noch höher zu ſteigern, als Kaunitehmit einem langen Blick die glühenden Wangen, die blitzenden Augen, die zitternden Lippen ſeiner Gäſte gemuſtert hatte und ſich geſtehen mußte, daß alle Reize, alle Leidenſchaften und Genüſſe für heute erſchöpft ſchienen, ſagte er mit einer diaboliſchen Ruhe zu ſich ſelber: jetzt haben wir nur noch Eins, um unſerer Unterhaltung einen neuen Reiz, einen ſchärferen Genuß zu geben! Alle Genüſſe ſind erſchöpft, es bleibt uns noch einer, das Spiel! Wenn das Herz ausgebrannt iſt von allen Leidenſchaften, flammt es doch noch auf beim Anblick des Goldes! 77 Zum Spiel, meine Freunde, zum Spiel!— Die Augen ſeiner Gäſte flammten höher auf, eine neue Gluth trat in ihre Augen, wie ſie dem Grafen jetzt zu dem grünen Tiſch am andern Ende des Speiſe⸗ ſaals folgen. Graf Kaunitz häuft aus der herbeigebrachten Caſſette einen Berg von Goldſtücken vor ſich auf, und die ſchöne Ferlina be⸗ trachtet ſie mit lüſternen Blicken, und einem ſo ſehnſuchtsvollen Seufzer, wie ihn Kaunitz nie von ihr gehört, die Grafen Harrach und Colloredo laſſen aus ihren Börſen einen Regen von Gold auf den grünen Tiſch nieder⸗ träufeln, und nie hat ihnen Beiden die ſchöne Tänzerin Sacco ſo lieb⸗ lich und feurig zugelächelt. Kaunitz ſieht es, und während er die Würfel in den goldenen Becher wirft, murmelt er: Elendes erbärmliches Men⸗ ſchengewürm, dünken ſich Götter, und ſind doch nur das verhöhnte Spielzeug des kleinen Teufels, der da Gold heißt! Wie er aber den Becher hob, um die Wiürfel zu ſchütteln, öffnete ſich die Thür und der erſte Kammerdiener erſchien auf der Schwelle. Verzeihung, Excellenz, daß ich zu ſtören wage! Aber es iſt eine Botſchaft der Kaiſerin! Ihro Majeſtät läßt den Herrn Grafen Excellenz bitten, ſofort zu ihr zu kommen. Kaunitz ſetzte den Becher mit vollkommenſter Gelaſſenheit wieder auf den Tiſch. Anſpannen! befahl er dem Kammerdiener, und ſich dann mit einem leichten Kopfneigen an ſeine Gäſte wendend, ſagte er: bleiben Sie! Erwarten Sie meine Rückkehr! Graf Harrach mag die Güte haben, für mich Bank zu legen. Da iſt meine Caſſette, zehn⸗ tauſend Gulden ſind darin! Ich ſpiele moitié mit Signora Ferlina. Die Signora flog mit einem lauten Freudenſchrei empor, und ihre Arme heftig um des Grafen Nacken ſchlingend, preßte ſie einen laut⸗ ſchallenden Kuß auf ſeine Lippen. 4 Kaunitz machte ſich gelaſſen von ihr los. Wie ungeſchickt Sie ſind, ſagte er, meine ganze Halskrauſe iſt zerdrückt! Will denn das Alter Ihr italieniſches Blut nicht ein wenig abkühlen? Leben Sie wohl, meine Herren! Ich muß fort! Herrendienſt! Er grüßte noch einmal flüchtig mit dem Haupt, und ſchritt dann hinaus.— Die Kammerdiener und Friſeure erwarteten den Grafen ſchon im Toilettenzimmer, das Gallahofkleid, die rothen Strümpfe und der Staatsdegen lagen ſchon bereit, aber Kaunitz wehrte mit einer ſtolzen —2ſͤſͤſͤſſſ——.— — 78 Bewegung ſeiner Hand den ganzen Apparat des Kammerdieners von ic ab, und deutete nur dem Friſeur mit einem gebietriſchen Fingerzeig n, daß er einige verſchobene Locken ſeiner Perrücke wieder in Ordnung zu bringen habe. Der Kammerdiener, anfangs ſtarr vor ſtannendem Entſetzen, trat jetzt mit entſchloſſener muthvoller Miene mit dem Staatskleid in der Hand auf ſeinen Herrn zu. Verzeihung, Excellenz, aber der Herr Graf gehen, denke ich, zur Kaiſerin Majeſtät? Ich gehe zur Kaiſerin Majeſtät. Nun, dann werden doch Ew. Excellenz, der Etiquette gemäß, das große ſpaniſche Hofcoſtüm anlegen müſſen? Müſſen? wiederholte Graf Kaunitz verächtlich. Narr! Dem Grafen Kaunitz gegenüber ſpricht man nicht von„Müſſen.“ Merke Dir das. Jetzt gieb mir meinen Muff. Den Muff? fragte der Kammerdiener entſetzt. Ja, Narr, den Muff, denn es iſt kalt und mich friert. Der Kammerdiener warf einen jammervollen Blick zu dem Fenſter hin, auf welchem die helle Juniſonne brannte, und reichte dann mit einem Seufzer dem Grafen den großen Muff dar. Kaunitz ſteckte ſeine beiden Hände tief hinein, und durchſchritt dann langſam die Gemächer, um ſich hinunter zum Wagen zu begeben, der in der großen Treppenhalle ſeiner wartete. Hinter ihm her ſchritt die große Dogge und dieſer folgten die beiden Kammerdiener und die Fri⸗ ſeure, welche jedes Mal den Grafen bis zum Wagen zu geleiten hatten, um ſogleich bereit zu ſein, wenn noch irgend Etwas an der Toilette ſich verſchieben möchte. Der Graf, den großen Muff ängſtlich vor den Mund drückend, um nicht von der friſchen Luft, die durch die Halle fächelte, getroffen zu werden, ſtieg eilig in die Kutſche ein, als aber der Hund ihm folgen wollte, wehrte er ihn ſanft zurück. Nein, Phädra, heut nicht! Zur Kaiſerin darf ich Dich nicht führen! Der Wagen rollte von dannen, die Diener blickten ihm ſtumm eine Zeitlang nach, dann wandte ſich der erſte Kammerdiener mit einem ſcha⸗ denfrohen Lächeln zu ſeinem Genoſſen hin. — 79 Ich bleibe dabei, flüſterte er leiſe, er iſt doch verrückt! Nur ein Wahnſinniger kann denken, daß er ohne Degen und ohne rothe Strümpfe bis zur Kaiſerin gelangt. Hippolyt ſchüttelte mit einem ſtolzen Lächeln das Haupt. Er iſt nicht verrückt, ſagte er, aber ein Sonderling, und ein genialer, der die Welt kennt, und ſich den Spaß macht, ihr ein Schnippchen zu ſchlagen! Freu' mich aber doch auf den Moment, wo der ſtolze Narr wieder heimgefahren kommt, um die rothen Stkümpfe und den Galladegen anzu⸗ legen, denn die Kaiſerin wird ihn natürlich in dem Aufzug nicht annehmen! Faſt hätte der Kammerdiener mit ſeiner ſchadenfrohen Prophezei⸗ 7 hung Recht gehabt. Die weißen Strümpfe, das einfache Kleid und der Mangel des Galladegens erregten in den Vorzimmern der Kaiſe⸗ rin ein tiefes unausſprechliches Entſetzen. Der Kammerhuſar wagte es nicht, den Grafen in dieſem Coſtüm ¹ der Kaiſerin zu melden, und ſtürzte in den zweiten Vorſaal, um den Hofmarſchall herbeizurufen. Dieſer eilte herbei und näherte ſich mit ſeinem ſüßeſten Lächeln dem unwillig drein ſchauenden Grafen. ¹ Haben Sie die Güte, Herr Hofmarſchall, ſagte Kaunitz ſtreng, die Kaiſerin nicht länger warten zu laſſen. Ihro Majeſtät haben mich rufen laſſen, ſagen Sie Ihro Majeſtät, daß ich da bin. Aber, Excellenz, rief der Hofmarſchall entſetzt, es kann nicht Ihr Ernſt ſein, in dieſem Coſtüm zu Ihro Majeſtät eintreten zu wollen. Wollen Sie die Gnade haben, erſt wieder gut zu machen, was Sie ohne Zweifel in einem Anfall von Zerſtreutheit vergeſſen haben! Ich bin gern bereit, Ihnen gefällig zu ſein, und wenn Ew. Excellenz mich alſo in mein Toilettenzimmer begleiten wollen, ſo werden wir da ſchon einen Degen und rothe Strümpfe finden. Graf Kaunitz zuckte nur verächtlich die Achſeln. Ihro Majeſtät haben nach mir und nicht nach dem Galanteriedegen und den rothen Strümpfen geſchickt. Melden Sie mich alſo der Kaiſerin! Der Hofmarſchall trat entſetzt einen Schritt zurück. Nimmermehr werde ich das wagen! Ein ſolches Vergehen gegen die der Majeſtät ſchuldige Ehrfurcht iſt ganz unmöglich! Nun, ſagte Graf Kaunitz gelaſſen, ſo werde ich die Ehre haben, mich ſelber der Kaiſerin anzumelden. 85. Er ſchritt an dem Hofmarſchall und dem ſchreckensbleichen Kam⸗ merherrn vorüber und ging gerade auf die Thür zu, welche in die in⸗ nerſten Gemächer der Kaiſerin führte. Halt, halt, ächzte der Hofmarſchall, das wäre ein zu furchtbarer Verſtoß gegen die Etiquette. Die Majeſtät hat den Herrn Grafen befoh⸗ len, und erwartet Sie! Ich werde alſo Ew. Excellenz meiner Pflicht gemäß anmelden. Mögen Sie dann es übernehmen, Sich zu entſchul⸗ digen, wenn Sie es vermögen! Er verneigte ſich vor Graf Kaunitz, und ſchritt ihm voran in das nächſte Gemach, dann eilte er in das Kabinet der Kaiſerin, und kehrte ſofort mit der Botſchaft zurück, daß die Kaiſerin den Grafen erwarte. X. Das neue Heſterreich. Die Kaiſerin empfing den Grafen Kaunitz mit einem gnädigen Kopfnicken. Ihr kommt ſehr ſpät, Herr Graf von Kaunitz, ſagte ſie, ihm die Hand zum Kuſſe darreichend. Und faſt wäre ich gar nicht bis zu Euerer Majeſtät gelangt, denn die gelehrten Herren im Vorzimmer wollten mich nicht einlaſſen, weil ich keine rothen Strümpfe und keinen Degen habe. Die Kaiſerin bemerkte jetzt erſt dieſen Mangel der gräflichen Toilette und ihre Stirn verfinſterte ſich ein wenig. Und warum hat Er keine rothen Strümpfe? fragte ſie.— Weil ich ſie häßlich finde, Majeſtät, und weil ich nicht einſehe, weshalb ich mir in meiner Toilette Zwang auferlegen und tragen ſollte, was ich häßlich finde. Maria Thereſia blickte ihn erſtaunt an, ſie fand das⸗Argument des Grafen ſo neu und überraſchend, daß ſie nichts darauf zu erwidern wußte. Graf Kaunitz fuhr fort: Und was den Galanteriedegen anbetrifft, ſo ſehe ich nicht ein, wozu ich tragen ſollte, was nicht zu meiner Stel⸗ 8 — 81 lung paßt. Ich bin kein Kriegsmann, ich führe nicht den Degen, ſon⸗ dern die Feder. Und Er weiß noch außerdem Seine Zunge ſehr gut zu führen, ſagte die Kaiſerin, indem ſie ſich wieder auf dem großen Lehnſtuhl nieder⸗ ſetzte. Laſſen wir jetzt alſo die rothen Strümpfe und den Degen, und reden wir von Ihrer Feder und von Ihrer Zunge, welche Beide ich jetzt brauchen will. Habe mir in dieſer Zeit Alles wohl überlegt und wohl erwogen, bin viel mit mir und meinem Gewiſſen zu Rathe ge⸗ gangen, denn ich war's mir wohl bewußt, daß es ein großer Schritt war, den ich thun wollte, und den ich mit Gott und meinem Gewiſſen erſt vielfach beſprechen mußte. Darum hat's auch ſo lange gedauert, bis ich Ihn rufen ließ. Jetzt aber habe ich meine beſtimmte Entſcheidung getroffen. Graf Kaunitz, ſo ſehr er auch ſonſt Herr ſeiner Empfindungen war, und ſich zu beherrſchen wußte, konnte doch ein leiſes Erbeben ſeiner Ge⸗ ſtalt, ein flüchtiges Erbleichen ſeiner Wangen nicht unterdrücken. Die Kaiſerin fuhr fort: Ich bin Eins mit mir Selber, und habe meinen Entſchluß unwiderruflich gefaßt. Es ſoll dabei bleiben, was ich Ihm geſagt habe! Eine neue Zeit ſoll für Oeſterreich heraufblühen, und ſo Gott will, eine glückliche! Wir wollen die alten Bundesgenoſſen fahren laſſen, und das Bündniß mit Frankreich ſuchen und knüpfen. Das iſt Seine Aufgabe! Ich ernenne Ihn zum Oberhofkanzler an Graf Uhle⸗ feld's Stelle. Er kann mir immer ein Wenig danken, denn ich ver⸗ ſichere Ihm, daß es viel Schwierigkeiten gekoſtet hat, bis ich meinen Entſchluß gegen meine Umgebung durchſetzen konnte. Ich danke Ihro Majeſtät, daß Sie das Bündniß mit Frankreich durchſetzen wollen, ſagte Kaunitz ernſt, ich danke dies Ihro Majeſtät, weil ich die feſte und heilige Ueberzeugung hege, daß ein Bündniß mit Frankreich allein zum Wohle Oeſterreichs gereichen kann. Und dankt Er mir nicht, daß ich Ihn zum Miniſter ernannt habe? Oder wie, iſt Ihm die Ernennung nicht willkommen, und Er will ſie nicht annehmen? Wenn ich ſie annehmen kann, werde ich der glücklichſte und be⸗ friedigtſte der Sterblichen ſein, ob ich ſie annehmen kann, darüber haben Ew. Majeſtät allein zu entſcheiden. Kaiſer Joſeph. 1. Abth. I. 6 82 Die Kaiſerin erröthete vor Unwillen, und ſchleuderte einen ihrer ſchnellen, zernizen Blicke auf den Grafen, der kalt und gelaſſen vor ihr ſtand. Ach, Er will Sich wohl erſt bitten laſſen, die erſte Stelle in meinen Landen anzunehmen, rief ſie heftig. Denkt wohl, daß Er mir eine ab⸗ ſonderliche Gnade erzeigt, wenn Er Sich herabläßt, mein Oberhof⸗ kanzler zu ſein? Ihro Majeſtät, ſagte der Graf mit ſeiner ſanften gleichmüthigen Stimme, ich denke gar nicht an mich, ſondern an Oeſterreich, das ich liebe, an Ew. Majeſtät, die ich als meine erhabene Kaiſerin anbete und verehre, und der ich bereit bin nit meinem Leben und meiner Seele zu dienen. Aber ich muß auch wiſſen, ob mir Gel egenheit geboten wird, meiner Kaiſerin und meinem Vaterland zu dienen in der Weiſe, wie ich es kann und will! Und was iſt das für eine Weiſe? fragte die Kaiſerin haſtig. Explicire der Graf Sich näher! Wenn ich wirken und ſchaffen ſoll, muß ich vor allen Dingen freie Hand haben, muß nirgends eingeengt und behindert ſein, muß an meiner Stelle keine Collegen haben, welche mit ſcheelem Auge meine Pläne über⸗ wachen, und ſie zu hindern ſuchen, wo ſie es vermögen. Ah, ich verſtehe, rief die Kaiſerin lächelnd, Er meint den Barten⸗ ſtein und die Grafen Harrach und Colloredo. Ich weiß ſehr wohl, daß das Ihre Rivalen ſind. Oh, Majeſtät, nicht meine Rivalen hoffe ich, rief der Graf ſtolz. Nun denn, Ihre Feinde alſo, ſagte die Kaiſerin. Ich werde nicht fordern, daß Sie mit Ihren Feinden zuſammengekettet ſind an Einem Tiſch. Wir werden Stellen finden, dieſe Herren zu entſchädigen, und Sie mögen mir andere Männer für die erledigten Miniſterpoſten nennen. Wenn ich Ew. Majeſtät wahrhaft nützen ſoll, ſo nenne ich Ihnen keine, ſo bin ich Ihr erſter Miniſter und Ihr einziger, ſo faſſen wir dies Oeſterreich, welches bis jetzt zerfällt in viele kleine verſchiedene Lande, zuſammen in Einer Hand und in Einem Willen, und geben Deſterkeich welches bis jetzt ſo viele Köpfe hat, nur einen einzigen Kopf! Den Seinen, Graf? fragte die Kaiſerin erglühend.—— Nein, den Ihren, Majeſtät! Was Ew. Majeſtät auch denken Ss es herrſchen S Sie nicht allein in Oeſterreich, Sie Buuen Ihre k — — ——— 83 Kaiſer neben Sich, und weiß Gott, daß dies auch oft Ihre Gegenkaiſer ſind. Oder haben Ew. Majeſtät wirklich geglaubt, daß Sie allein regieren? War nicht Graf Uhlefeld ein kleiner Kaiſer neben Ew. Ma⸗ jeſtät, und meinte nicht Herr von Bartenſtein, daß in ſeinen Händen das Scepter Oeſterreichs ruhe? Iſt nicht die Regierung der Lombardei in des lombardiſchen Miniſters Händen, und dünkt ſich nicht der Ver⸗ walter der ungariſchen Lande ein eigener Herr und König und giebt Geſetze und Verordnungen, bei denen Ew. Majeſtät nichts zu thun hat, als ſie zu unterſchreiben? Es iſt wahr, ſagte die Kaiſerin, ich bin vielfach gehemmt und ge⸗ bunden. Aber es geht nicht anders. Es iſt doch unmöglich Alles ſelbſt zu ſchaffen, ſelbſt zu beſtimmen. Die Lombardei hat ihre eigene Ver⸗ faſſung, Ungarn auch, es müſſen daher beide Lande nach ihren eigenen Geſetzen regiert werden, und es muß alſo eine eigene Kanzlei und Re⸗ gierung für ſie da ſein! So lange das ſo iſt, werden weder die Lombardei noch Ungarn, noch die Niederlande zu Oeſterreich gehören, ſondern immer Lande für ſich ſein, die zufällig unter Oeſterreichs Scepter ſtehen. Das iſt nicht zu ändern, ſagte Maria Thereſia lebhaft. Habe auch ſchon oft genug darüber nachgedacht. Meine Arme ſind zu kurz, um überall ſelbſt hinzureichen, muß mich daher ſchon bequemen, auch andern ein bischen Herrſchaft zu überlaſſen. Es kann nicht eine Hand die ganze Maſchine allein regieren. Aber Ein Gedanke muß es, Ein herrſchender Kopf muß das Com⸗ mando ſübren, ſonſt wird die Maſchine, hierhin und dorthin gedreht, bald in Stocken gerathen. Die Regierung muß vereinfacht, die Will⸗ kühr der Beamten gehemmt werden, Oeſterreich muß nur Einen Kopf zum Denken, aber viele Arme und Hände haben, um die Gedanken auszuführen. Und will der Graf eine meiner Hände ſein? Ja, Ew. Majeſtät rechte Hand! Aber dieſe Hand will nicht, daß jeder ihrer Finger noch wieder einen Willen für ſich habe! Die Finger müſſen nur die Werkzeuge der Hand ſein, dann allein kann die rechte Hand Kaunitz ausführen, was der Kopf der gebietenden Kaiſerin ge⸗ dacht hat! 6* — ——— 84 Verſtehe ich Ihn recht, ſo meint der Graf, Er will allein Miniſter ſein, und keine anderen Miniſter neben Sich haben? Wenn ich Ew. Majeſtät wahrhaft nützen ſoll, dann muß es ſo ſein! Ein voller Strom der Herrſchergewalt muß das ganze Land durch⸗ rauſchen, und nicht in vielen Nebenkanälen zerſplittert und gebrochen werden. Ein Kopf und Eine Hand müſſen über Oeſterreich herrſchen, dann allein kann es groß, ſelbſtſtändig, frei und mächtig werden. Aber Mann, rief die Kaiſerin zweifelnd, Er wird Sich doch nicht die Kraft zutrauen, Alles allein zu thun, und die Arbeiten der Staats⸗ und Hofkanzlei ganz allein zu machen? Nein, Majeſtät, aber ich werde mich nur mit Gehülfen umgeben, die nicht ſelbſt denken, ſondern in meinen Gedanken handeln. Ich werde mir fleißige Arbeiter und ſtarke Herzen ſuchen, die an mich glauben, und mir folgen. Man muß nichts vervielfältigen und verwickeln. Den Kampf mit dem Geſchäft nehme ich auf mich, aber ich will keinen zweiten Kampf mit dem Geſchäftsmann. Der muß nicht mein Neben⸗ mann, ſondern mein Untergebener ſein, und nur durch mich denken, und für mich handeln. Wenn mir Ew. Majeſtät dieſe Gewalt geben, wenn Sie mich zum Premier in meinem Sinn, das heißt zu Eurer Majeſtät rechter Hand ernennen, dann allein ich kann Ew. Majeſtät und Oeſter⸗ reich nützlich ſein. Ich weiß wohl, daß es etwas Großes und Ge⸗ waltiges iſt, das ich fordere, aber Großes und Gewaltiges will auch Maria Thereſia für Oeſterreich, und weil ich weiß, was dieſer erhabene Kopf meiner Gebieterin Großes will, und Rieſenhaftes denkt, darum biete ich mich ihm an, als ſeine Hand, die das ausführen will, was er beſchließt, darum will ich die Hand ſein, welche die zerſtückelten, zerfallenden Theile des alten Oeſterreichs wieder zuſammenfaßt, zu Einem verſchmilzt, und es als Ein Eanzes zu den Füßen Eurer Majeſtät niederlegt. Von dem Innern Ihrer Staatskanzelei aus muß die Lom⸗ bardei, muß Ungarn regiert werden, von dorther muß das Finanzweſen, welches das Herzblut eines Staates, die Politik, welche ſeine Seele iſt, geleitet werden. Der öffentliche Credit muß wiederhergeſtellt wer⸗ den, die Finanzen müſſen wieder geſunden, die Politik nach Außen muß klar, muthig und beſtimmt wiſſen, was ſie will für Freund und Feind, der alte Actenſchlendrian der Kanzeleien muß aufhören, und ſtatt des 8⁵ Papiers muß das Wort, und ſtatt des alten, verbrauchten Herkommens muß der neue Gedanke herrſchen. Das alte Oeſterreich müſſen wir einſargen und begraben bei unſern Todten, die auf den Schlachtfeldern des verlornen Schleſiens ruhen! Aus ihrer Aſche ſoll ein neues Oeſter⸗ reich auferblühen, ein neues, ſtarkes, einiges Reich, in welchem die Lombardei und Ungarn aufgehen als Provinzen, von denen man nicht ſagt, ſie gehören Oeſterreich, ſondern ſie ſind Oeſterreich! Dann wird Oeſterreich mächtig ſein und ſtark, um ſeinen Feinden zu impo⸗ niren, und ſeinen Freunden Ehrfurcht abzunöthigen. Das junge Oeſter— reich, mit Frankreich im Bunde, wird alsdann der ganzen Welt Geſetze geben, und wenn wir, Dank unſerer Sparſamkeit und unſeren unga⸗ riſchen und lombardiſchen Provinzen, unſere Schulden bezahlt und unſere Finanzen wiederhergeſtellt haben, dann lachen wir der engliſchen Sub⸗ ſidien und des holländiſchen Krämervolkes, denn unſere Subſidien ruhen in unſerer eigenen Kraft und ſtrömen aus unſern eigenen Provinzen zu uns her; dann auch können wir den Blick wieder hinwenden auf Schleſien, und wenn Frankreich und Oeſterreich zugleich von dem König von Preu⸗ ßen das geraubte Schleſien zurückfordern, ſo meine ich, daß er ſich wohl entſchließen wird, es wieder herauszugeben!— Und dieſes Bündniß wird zu Stande kommen, ich zweifle nicht mehr daran. König Ludwig von Frankreich hat es, Dank der Marquiſe von Pompadour, ſchon als ſeine Pflicht erkannt, den Proteſtantismus, als deſſen Hauptſtütze König Friedrich auf dem Continent daſteht, zu unterdrücken. Die Miniſter ſind ſchon bereit, welche das jetzige Miniſterium erſetzen ſollen. Der Herzog von Richelieu iſt Oeſterreichs erbittertſter Feind, und noch iſt er Premier im Rathe König Ludwigs von Frankreich, aber der Abbe Bernis, und der Herzog von Choiſeul, die Günſtlinge der Marquiſe, werden Richelieu's Nachfolger ſein, und ſie werden auch wie Oeſterreich eine neue Zeit heraufbeſchwören, denn ſie werden die Freundſchaft Oeſterreichs ſuchen!— Das, Majeſtät, ſind meine Pläne und Träume, die ich in meinem Kopfe genährt, von Ew. Majeſtät hängt es ab, ob ſie Wirklichkeit werden ſollen! Die Kaiſerin hatte ihm mit immer ſteigendem Intereſſe zugehört; ſie war aufgeſtanden, und ging mit lebhaften Schritten auf und ab. Jettt, als Kaunitz ſchwieg, blieb ſie ſtehen, und ihre großen blitzenden Angen ruhten mit einem ſtolzen, freudigen Ausdruck auf ihm. — 86 Ich glaube Er iſt der Mann, der weiß und fühlt, was ich für Oeſterreich will! Glaube auch, daß wir Beide mitſammen wohl im Stande ſind, durchzuführen, was wir wollen, alſo gebe nur Gott, daß wir ſtets das Rechte wollen! Er hat da geleſen in meinem Herzen, Er hat's er⸗ ſchaut, was da mit Flammenſchrift ſteht, und ewig breunt und ſchmerzt, Er weiß, daß ich nimmer und nimmer verwinden kann, daß mir der König von Preußen Schleſien genommen hat. Er weiß, daß zwiſchen Mir und dem König von Preußen nimmermehr eine Einigung möglich iſt und daß keine irdiſchen Vortheile oder Vernunftgründe mich jemals bewegen könnten, ein Bündniß einzugehen, deſſen Theilnehmer Preußen iſt.*) Er hat alſo für mich neue Bundesgenoſſen geſucht, und gefunden. Ich werde die Hand, welche Frankreich mir bietet, annehmen, nicht ſo ſehr aus Liebe zu Frankreich, ſondern aus Raiſon, und ich will's Ihm ſagen, aus wohlbegründetem Zorn gegen Preußen. Wird Er darnach handeln, wird er auf meine Pläne eingehen, wenn ich Ihn zum unumſchränkten, einzigen Miniſter mache? Denn, ich ſage Ihm, Kaunitz, ich glühe nach einem neuen Kampf mit dem König von Preußen, und ich würde ihm lieber heute als morgen eine Schlacht liefern!**) Ich begreife dies Verlangen Ew. Majeſtät und theile es. Einmal das Bündniß mit Frankreich feſtgeſetzt, ſo heißt das, Front machen gegen Preußen, und glauben Ew. Majeſtät mir nur, Preußen wird ſchon bereit ſein, den erſten Schlag zu thun, denn es gelüſtet den König nach einigen neuen ſchleſiſchen Provinzen! Und mich gelüſtet es, ihm die geraubten Provinzen wieder abzu⸗ nehmen, rief die Kaiſerin mit blitzenden Augen. Ich will nicht, daß ich eines Tages heimgehen muß zu meinen Vätern, um zu ihnen zu ſagen; ich habe das Erbe, welches Ihr mir hinterlaſſen, nicht bewahren können. Oeſtereich iſt klein geworden in meinen Händen, denn es waren nur die Hände einer Frau, die es hielten, und ſie waren nicht ſtark genug. Ich will nicht, daß man mich entſchuldige mit den Schwächen meines Geſchlechts, denn ich fühle, daß da innen in meiner Bruſt eine mängliche Seele wohnt. Ich habe ein Gefühl für die Ehre und für *) Maria Thereſia's eigene Worte. **) Der Kaiſerin eigene Worte. Coxe Vol. V. S. 513. —, 87 die Größe meines Landes, und ich will daß man eines Tages auf mein Grab ſchreiben kann!„Sie hatte das Herz einer Frau, aber den Kopf eines Mannes. Sie wollte die Töchter ihres Landes glücklich und tugendhaft, die Männer ſtolz auf ihr Vaterland machen, und was ſie wollte, das wollte ſie nicht um ihres eigenen Ruhmes, ſondern um des Ruhmes Oeſterreichs willen!“— Oeſterreich groß und glücklich, geachtet, geflirchtet und bewundert von aller Welt zu machen, das iſt mein einziges Ziel, der einzige Ruhm, nach welchem ich dürſte! Dazu ſoll Er mir beiſtehen, und mir folgen, denn Er hat den Kopf und das Herz dazu, und ich fühle, daß er mich verſtanden und begriffen hat, und daß Seine Hand ſtark genug iſt, meinen Kopf zu unterſtützen. Will Er mir alſo Seine Hand ehrlich und treu geben zu dem Werk, das Gott in meine Hände gelegt? Das will ich, Majeſtät, ſo wahr mir Gott helfe! Will Er bei Allem, was Er thut und heginnt, immer nur das Wohl und die Größe Oeſterreichs im Auge haben, und darnach handeln? Das will ich, Majeſtät, ſo wahr mir Gott helfe! Will Er mir beiſtehen, mein Volk glücklich, aber auch tugendhaft zu machen? Und will Er dazu mit mir die richtigen Wege und Mittel überlegen, nicht beſtimmt von eigenem Vortheil, eigener Ruhmesſucht, und eigenſinnigem Wollen, ſondern lediglich nach reiflicher Erwägung, nach beſtem Wiſſen, nicht aus elender Menſchenfurcht, ſondern aus ſchönſter Gottesfurcht? Das will ich, Majeſtät, ſo wahr mir Gott helfe! Nun denn, ſagte die Kaiſerin nach einer Pauſe, ſo ernenne ich Ihn zum Obriſtkanzler und Miniſter, und gebe Ihm Vollmacht, Sich die Hofkanzlei ſo einzurichten, und Sich ſolche Gehülfen zu wählen, wie Er es für gut und zweckmäßig hält! Kaunitz, ein ſo gewandter und verſchloſſener Weltmann er war, konnte kaum eirken Ausruf des Entzückens zurückhalten, und ſein ſonſt ſo undurchdringliches Geſicht ſtrahlte vor Genugthuung und Freude. Majeſtät, ſagte er feierlich, ich nehme Ihre Ernennung an, und ſo wahr es einen Gott giebt, welcher uns ſtraft, und eine Weltgeſchichte, welche uns richtet, ich werde das erhabene Vertrauen Euerer Majeſtät niemals zu Schanden werden laſſen. Meine Tage und Nächte, mein 8 88 Denken, Wollen und Können, ſoll dem Ruhm, dem Glück und der Ruhe Oeſterreichs gewidmet ſein, und möge ich eines ſchmachvollen Todes ſterben, wenn ich jemals in Einer Stunde, Einer Minute mein perſönliches Wohl den Intereſſen Euerer Majeſtät und Ihres Landes vorangehen laſſe! Es iſt gut! Ich ſehe an Seinem Angeſicht, daß Er aus offnem wahrhaftigem Herzen ſpricht, und Gott hat Seine Worte gehört. Er iſt alſo jetzt mein Obriſthofkanzler, und mitſammen wollen wir ein neues Oeſterreich ſchaffen, aber hört Er wohl mitſammen. Denk Er nimmer, daß Er's alleine kann, und daß ſich die Maria Thereſia zu Gunſten ihres Herrn Miniſters will penſioniren und bei Seite ſchaf⸗ fen laſſen! Bleib' immer die regierende Herrin und Kaiſerin, und will Einer auch nur die Spitze ſeines Fingers auf meine Krone legen, ſo pack ich ſie mit der Hand, und ſetz' ſie ganz allein auf mein Haupt, und ſtrafe den verwegenen Hochverräther mit meinem kaiſerlichen Zorn. Meine Augen und Ohren werden immer offen ſein, und wo ich was Uebles ſehe oder höre, da werde ich es ſtrafen, und hätt's auch hun dert Mal der Herr Obriſthofkanzler und Miniſter gethan. So, und nun Er das weiß, ſo wollen wir uns einander die Hände reichen als Männer, die einander vor Gott ſchwören, ihre Pflicht zu thun, und das große Werk, das Gott in ihre Hände gelegt, heilig und treulich zu Ende zu führen. Sie reichte Kaunitz ihre Hand dar, und der Graf ſchloß ſie feſt und ernſt in die ſeine. Ich ſchwöre es, Ew Majeſtät, meine Pflicht zu thun, und nimmer, ſo lang' ich lebe, werde ich dieſer Stunde ver— geſſen! Ich ſchwöre meinem Kaiſer Maria Thereſia Treue bis in den Tod! Und jetzt möge mir meine Kaiſerin Maria Thereſia er⸗ lauben, mein Knie vor ihr zu beugen, und ihr zu huldigen, als der erhabenſten und größten Frau unſrer Zeit, deren Ruhm hinein ragen wird in die ſpäteſte Nachwelt. Die Kaiſerin duldete es mit einem gnädigen Lächeln, daß der Graf ein Knie vor ihr beugte, und ſeine Lippen feſt auf ihre Hand drückte. Gebe Gott, Graf, daß er die Wahrheit ſpricht, und daß meine Urenkel ſich Meiner nicht zu ſchämen haben. Alles für Oeſterreich, das ſei fortan mein und Sein Wahlſpruch, und der ſoll uns voranleuchten 89 auf allen unſern Wegen! Jetzt, Herr Obriſthofkanzler, gehe Er hin mit Gott, für Oeſterreich und Seine Kaiſerin, und ſo wollen wir machen, daß die Welt bald erfahre, wie wir das alte Oeſterreich begraben ha⸗ ben, um ein neues, einem Phönix gleich, aus der Aſche emporſteigen zu laſſen.*) 3 9 *) Graf Wenzel von Kaunitz, den Maria Thereſia 1753 an die Spitze der Staatsgeſchäfte ſtellte, und ihm eine Macht gab, wie ſie kein Miniſter vor ihm in Oeſterreich gehabt, war in der That von dieſer Zeit an der erſte und einzige Miniſter in Oeſterreich, und gab bald der ganzen Staatsverwaltung ein anderes Weſen und eine andere Einrichtung. Er entließ alle bisherigen Beam⸗ ten der Hofſtaatskanzlei, auch den bisherigen Staatsreferendarius, den allmäch⸗ tigen und gefürchteten Bartenſtein, an deſſen Stelle der Baron von Binder trat. Kaunitz vereinigte mit der Staatskanzlei auch die Hofkanzlei und über⸗ nahm alle niederländiſchen und lombardiſchen Geſchäfte aus den Händen ihrer zeitherigen adminiſtrativen Vorſtände, und machte die Staatskanzlei zum Cen⸗ tralpunkt des ganzen Oeſterreichs. Er übernahm das Finanzweſen, und ſtellte den öffentlichen Credit wieder her. Ein Paar Worte des Fürſten genügten dem Hofbanquier, um die wichtigſten Contracte abzuſchließen, ſo ſehr rechnete man auf die Sicherheit der ſtets zum Ziel treffenden Maßregeln, die der Fürſt in Allem, was er that, nahm. Der Fürſt ſagte in ſolchen Fällen nur zu dem Hofbanquier Baron Frieb:„Wir brauchen ſo und ſo viel Millionen, die in ſo und ſo viel Zeit wieder eingehen werden.“ Das genügte dem Banquier. Er ſchrieb an einige auswärtige Geſchäftsfreunde, die Anleihe kam zu Stande, und es fehlte nie, daß die Fonds auf den vön Kaunitz vorher beſtimmten Terminen zurückgezahlt wurden.(Dutens. Mémoires d'un Voyageur, qui se repose.) — 4 Sweites Buch. Joſeph und Jaabella. J. Der junge Soldat. Die Vorherſagungen des Grafen Kaunitz hatten ſich erfüllt. Kaum war der Plan eines Bündniſſes Oeſterreichs mit Frankreich ruchbar geworden, als auch Friedrich der Große eilte, ſich neue Bundesgenoſſen zu ſichern. Zur ſelben Zeit, als es dem König von Preußen im Jahre 1756 gelang ein Bündniß zu ſchließen mit England, dem alten Bun⸗ desgenoſſen Oeſterreichs, ſchloß die Kaiſerin Maria Thereſia ein Bündniß mit ſeinem dreihundertjährigen Feind, mit Frankreich, und dieſe gegen⸗ ſeitigen neuen Bündniſſe wurden das Signal zu einem neuen Kriege, zu dieſem an Siegen und Niederlagen, Heldenthaten und blutigen Schlachten ſo reichen Kriege, der ſieben Jahre hindurch ſeine bluttriefende Geißel über Deutſchland ſchwang, und an welchem die Völker von ganz Europa einen thätigen Antheil nahmen. Maria Thereſia hatte dieſen Krieg begonnen mit der Schärfe ihrer Zunge, und der König von Preußen hatte ihr geantwortet mit der Schärfe ſeines Schwertes. Als der König durch ſeinen Geſandten in Wien anfragen ließ, was die großartigen Kriegsrüſtungen der Kaiſerin zu bedeuten hätten, und gegen wen ſie gerichtet ſeien, hatte die Kaiſerin, in der Ungeduld ihres Herzens die alte Fehde wieder aufzunehmen, und„dem böſen Manne“ ihr Schleſien wieder zu entreißen, in ſtolzem und hochfahrendem Ton dem Geſandten Preußens erwidert:„ſie habe keine Kriegsrüſtungen gemacht, ſondern ziehe nur Truppen zuſammen zu ihrem eigenen und dem Schutz ihrer Alliirten, und es ſei jedem Souverain wohl erlaubt, in ſeinem Lande zu thun, was ihm beliebe, ohne irgend Jemand darüber Rechen⸗ ſchaft abzulegen.“*)— Kruig Friedrich ſah in dieſer„ſtolzen und verächt⸗ *) Helden⸗Geſchichte König Friedrich's II. Bd. III. „ * 94 lichen Antwort“ eine Kriegserklärung und ließ ſeine Armee in Sachſen ein⸗ Dru marſchiren. Damit war der Krieg begonnen, und ward auf beiden Seiten es er mit gleicher Erbitterung, gleicher Beharrlichkeit und Opferfreudigkeit fortge⸗ und führt. Ganz Europa war in zwei feindliche Lager getheilt, und nach und, jeder auf den Schlachtfeldern errungenen Schlacht jauchzte man auf der einen, wehklagte man auf der anderen Seite. Jubelnd hoben die „Thereſiani“ ihre Häupter nach den Schlachten von Collin, Hochkirch, und Kunersdorf, und die„Pruſſiani“ beantworteten dieſes Jubelgeſchrei nach den Schlachten von Roßbach, Leuthen und Zorndorf. Ein glühender Kriegsenthuſiasmus hatte ſich aller Gemüther bemächtigt, die Männer der verließen ihre Familien, ihren heimathlichen Heerd und eilten zu den und Fahnen, die Jünglinge, ja ſogar die unmündigen Knaben entzogen ſich und heimlich den Hörſälen, den Schulen, den Armen ihrer Eltern, um auf ich den Schlachtfeldern mit raſchen und blutigen Schwertſtreichen die hohe noch Schule des Lebens durchzuarbeiten, und entweder da Ruhm und Ehre gen oder den Tod zu finden, entweder den Lorbeer auf ihrem Haupt, oder iche die Cypreſſe auf ihrem Sarg.— da Dieſelbe Begeiſterung, derſelbe Kriegsmuth durchhallte Hütten und und Palläſte, und er war auch hineingedrungen in die Kaiſerburg zu Wien, G er hatte auch das Herz des jungen Erzherzog Joſeph erfaßt, und in ſeiner b 1 Seele mit mächtigen Flammen gezündet.— Und die Kaiſerin hatte ſich dieſer Begeiſterung ihres Sohnes nicht zu entziehen vermocht, ſie hatte endlich, obwohl widerſtrebend, ſeinen täglich ſich erneuernden Bitten, ſci ſeinem dringenden Flehen nachgegeben, und an dem Tage, an welchem ſol der Courier der Kaiſerin die Botſchaft von der bei Kunersdorf von den M. öſterreichiſchen Alliirten, den Ruſſen, über Friedrich gewonnenen Schlacht*) überbrachte, hatte die Kaiſerin eingewilligt, ihren erſtgebornen Sohn d zur Armee zu ſenden, damit er an der Seite Daun's und Laudon’'s r neue Lorbeern für Oeſterreich gewänne. dn Dieſe Erlaubniß, ſich zur Armee zu begeben, war der erſte Sonnen de ſtrahl geweſen, welcher das trübe, düſtere und einförmige Leben d 4 jungen jetzt achtzehnjährigen Erzherzogs erleuchtete. Sein Herz, welch w einſam und ſchweigend ſo lange dahin geſiecht war unter dem hart 5 *) Den 12. Auguſt 1759. Druckdes Gehorſams, der Convenienz, der ſchweigenden Unterwürfigkeit, es emfaltete jetzt ſeine Schwingen, und ward ſich ſelig ſeiner Exiſtenz und ſeiner Freiheit bewußt. Sein Antlitz, welches ſonſt immer trübe und verſchloſſen geweſen, war jetzt lächelnd und ſtrahlend hell, ſeine Augen, in denen ſonſt nur ein düſteres Feuer brannte, waren jetzt von einer flammenden Gluth, und von einem ſo wunderbaren, ſtrahlenden Blau, daß es ſchien, als ſei ein Stückchen des reinen, ſtrahlenden Himmels herniedergeſchwebt und habe ſich in dieſe Augen verſenkt. Sein ganzes Weſen war jetzt verwandelt, ſonſt zurückhaltend, kalt und vorſichtig, war Joſeph jetzt offen, mittheilend, zugänglich für Jedermann, und während er es ſonſt vermied irgend Jemanden ſeine Antipathien und Sympathien zu zeigen, begrüßte er jetzt ſeine Freunde mit einem frohen Lächeln, ſeine Feinde mit einem finſtern Stirnrunzeln. Was hatte er jetzt noch nöthig, ſeine Gedanken zu verhehlen, und den Widerwillen zu verber— gen, den ihm dieſe Heuchler und Schmeichler einflößten, welche ſeine Kaiſer⸗ liche Mutter umgaben, und ihr Vertrauen und ihre Großmuth mißbrauchten, was hatte er nöthig die Blicke wegzuwenden, damit ſie nicht den Verrath und den Betrug ſähen, der überall die gütige leichtgläubige Kaiſerin umlauerte, was hatte er jetzt noch nöthig zu ſchweigen und zu ſchonen, jetzt, da er im Begriff war, Wien zu verlaſſen, und in Begleitung des Grafen Batthiany zur Armee abzugehen! Die Vorbereitungen waren beendet, der Erzherzog hatte ſchon Ab⸗ ſchied genommen von der größern Hofgeſellſchaft, der heutige Abend ſollte im engern Familienkreis zugebracht und in der Frühe des nächſten Morgens ſollte die Reiſe angetreten werden. Der Erzherzog hatte ſeine letzten Vorkehrungen getroffen, ſeine letzten Abſchiedsbillets geſchrieben. Er war jetzt allein in ſeinem Zim— mer, und betrachtete mit einem glückſeligen Lächeln im Spiegel ſeine eigene Geſtalt. Er ſah nicht auf ſein Antlitz, was kümmerte es ihn, daß dieſes Antlitz durch das Entzücken ſeiner Seele von einer wunder⸗ baren Schönheit durchleuchtet ward, er ſah nur ſeine Geſtalt, nur dieſe weiße Uniform, die er jetzt zum erſten Mal mit dem ſteifen glänzenden ſpaniſchen Gewand vertauſcht hatte. Vor einer Stunde war er nichts weiter als der Sohn ſeiner Ahnen, der Urenkel Karls des Fünften, von deſſen großem Erbtheil Oeſterreich kaum noch etwas Anderes übrig 8 96 geblieben war als das ſpaniſche Coſtüm, bis vor ein war er nichts weiter als der Sohn ſeiner Mutter, verdammt zur Un⸗ thätigkeit, zum Gehorſam, zum Schweigen! Aber der freie, ſich ſelbſt beſtimmende Menſch, jetzt hatte er eine Zukunft, die er ſich ſelber ſchaffen und bereiten konnte, jetzt war es in ſeine Hand gegeben, ſich einen Namen zu ſchaffen, zu beweiſen, daß er Karls des Fünften echter Enkel ſei! Wie er, immer noch Freude und Glück, ſich im Spiegel beſchaute, öffnete ſich hinter ihm leiſe und vorſichtig die Thür, und ein junger Mann trat ein. Verzeihung, kaiſerliche Hoheit, ſagte er, ehrfurchtsvoll neben der Thür ſtehen bleibend, Verzeihung, daß ich es wage ohne Erlaubniß einzudringen. Ohne Zweifel haben Hoheit mein Klopfen überhört, und ich fand im Vorzimmer Ni unte. Nlemand, der mich melden ko Der Prinz wandte ſich lebhaft zu dem Sprechenden um, und reichte ihm ſeine Hand dar. Ja, ja, ſagte er mit einem glücklichen Lachen, die ehrbare und langweilige Dame Etiquette iſt von meiner Thür abgezogen, ich habe ſchon mein ganzes Haus entlaſſen, und wie Du mich hier ſiehſt, Freund, bin ich nicht mehr die unglückliche kaiſer⸗ liche Hoheit Erzherzog Joſeph, ſondern ein junger, freier, glückſeliger Soldat, welcher nichts beſitzt als ſein Schwert und ſeinen Muth, ein junger Rekrut, aus dem noch Etwas werden kann, und der, ſo Gott will, nie und nimmermehr wieder in die ſteife, abſcheuliche ſpaniſche Verpuppung zurückkehren wird, ſondern ſich auf den Schlachtfeldern das Recht erobern will, das Kleid des Soldaten ſein Leben lang zu tragen. Oh, Freund Dominik, ich ſage Dir, ſie ſollen meinen Händen nicht wieder das Schwert entreißen können, um ſie mir mit dem Roſenkranz zuſammenzubinden, und ſo viel Lorbeern will ich um mein Haupt legen, daß es ihnen unmöglich ſein ſoll, mir wieder eine Schlafmütze darüber zu ziehen, und wäre ſie immerhin vom heiligen Papſt zu Rom geweiht! Still, Hoheit, um Gotteswillen ſtill, flüſterte ſein junger Freund. Joſeph lachte. Herr Graf Dominicus von Kaunitz, ſagte er, Sie ſind der rechte Sohn Ihres Vaters, ein echtes Diplomatenkindlein, das ut, und ſelbſt den Wänden nach ſchöne immer lächelt, immer ſchön th 8 C 9 k„* O— Worte macht, eingeden deſſen, daß die Wände Ohr⸗ 8 . d ner Stund noch jetzt war er der Soldat, ganz trunken von F — — 5 — 97 fürchten Sie nichts, Sohn des allmächtigen Obriſthofkanzlers, dieſe Wände hier ſind taubſtumm, und Niemand iſt in der Nähe, der meine Soldatenfreude und Ihve diplomatiſchen Kratzfüße hört. Wir ſind allein, ich habe, wie geſagt, mein ganzes Haus ſchon entlaſſen, und demzufolge erlaube mir immerhin, Freund Dominik, meine Luſt auszujubeln, und ſtatt des Paternoſters, das ich lange genug mit den Patres habe mur⸗ meln müſſen, jetzt ein wunderſchönes Soldatenlied zu ſingen, daß ich neulich einem Soldaten, einem der Sieger von Hochkirch, der als In⸗ valide heimgekehrt iſt, auf den Gaſſen abgelauſcht habe. Und der Prinz begann mit machtvoller klingender 0 Baßſtimme zu ſingen: Die Jungfer Kanone iſt meine Liebſte Der Lorbeer iſt mein Myrthenkranz, Und auf dem blutgetränkten Schlachtfeld Da tanz' ich meinen Hochzeitstanz! Trara, trara! Kein Prieſter iſt da, Der ſegnet unſre Ehe ein, Das iſt kein heuchelndes Pfäffelein, Es iſt— Der junge Graf Kaunitz, aller Ehrfurcht und aller Etiquette ver⸗ geſſend, verſchloß mit ſeiner Hand dem Erzherzog den Mund, und wäh⸗ rend dieſer lachend ihn abzuwehren und weiter zu ſingen verſuchte, ſagte der Graf mit angſtvoller Haſt: um Gotteswillen, Hoheit, ſchwei⸗ gen Sie. Sie ſtürzen Sich muthwillig in Gefahr. Wenn die Spione der frommen Patres hier herumſchleichen, ſo müſſen Sie ja Ihre volle mächtige Stimme hören. Mögen ſie es hören, Dominik. Es iſt mein Abſchiedslied, wel⸗ ches ich ihnen ſinge, mein Hoſianna, und es iſt uauſan von Dir, daß Du ihnen den Schluß entziehen willſt. Nein, nein, haben ſie den Anfang gehört, ſo müſſen ſie auch das Ende hören, dieſe meiné Herrn Quälgeiſter! Und der Erzherzog öffnete ſchon den Mund, um weiter zu ſingen. Aber Graf Dominik faßte heftig ſeinen Arm. Sie wollen es alſo durchaus dahin bringen, daß Sie nicht zur Armee abgehen dürfen? fragte er leiſe und haſtig. Kaiſer Joſeph. 1. Abth. I. 7 98 Der Erzherzog lachte. Du biſt ein Hypochonder, Dominik, der Schmerz, Dich von mir trennen zu müſſen, hat Dich ſchwermüthig ge⸗ macht. Ich nicht zur Armee abgehen, nachdem die Kaiſerin ſchon ihre Erlaubniß ertheilt, nachdem alle Vorbereitungen ſchon getroffen ſind! Eine Erlaubniß läßt ſich zurücknehmen, Vorbereitungen verpflich⸗ ten nicht zur Ausführung! ſagte der Graf ernſt. Der Prinz ſah ihn betroffen an. Redeſt Du im Ernſt, Freund? fragte er. Du hältſt es wirklich für möglich, daß man mich jetzt, am Vorabend meiner Abreiſe, noch verhindern könnte, zur Armee zu gehen? Ich halte es für möglich, Hoheit! Der Erzherzog erblaßte, und wankte entſetzt einige Schritte zurück. Und worauf gründeſt Du Deine Vermuthung? fragte er tonlos. Oh Prinz, es ſind mehr als Vermuthungen, es iſt leider faſt eine Gewißheit, und verzeihen Sie, daß ich es ſagen muß, ich fürchte, Ew. kaiſerliche Hoheit ſelber tragen die Schuld daran, wenn die Ma⸗ jeſtät Sie nicht reiſen läßt. Mein Gott, was that ich denn, um eine ſo furchtbare Strafe zu verdienen? fragte der Prinz traurig. Was Sie thaten, Hoheit? Sie nahmen die Larve von Ihrem Angeſicht, und ließen die frommen Leute, welche die Corridore des Pal⸗ laſtes durchſchleichen, und an jeder Wand ihr geheimes Ohr haben, Sie ließen die Patres Ihr wahres Geſicht ſehen, und dieſe haben der Kaiſerin eingeredet, daß es das Geſicht eines Ungläubigen, eines Gottes⸗ läſterers, eines Alles verſpottenden Weltkindes ſei. Sie ſind ſeit acht Tagen nicht zur Meſſe gegangen, Sie haben Sich nicht ſo tief wie ſonſt vor den Herrn Patres Franz und Porhammer gebückt, und endlich haben Sie geſtern der Gräfin Fuchs, welche es wagte, Ihnen eine Strafpredigt über Ihre Gottloſigkeit zu halten, lachend die Hand auf die Schulter gelegt, und geſagt: liebe Gräfin Füchſin, ich hoffe der Welt auf dem Schlachtfeld zu beweiſen, daß ich auch fromm bin, wenn ich auch nicht täglich zur Meſſe gehe! Ich werde da auf dem Schlacht⸗ feld, auf dem Altar des Vaterlandes, ſo viel Feinde als möglich nie⸗ derſchmettern, und das iſt auch ein Gott wohlgefälliges Werk! Sind das nicht Ihre Worte, Hoheit? 3 2. 1— 8 Ja, ja, es ſind meine Worte! Mein Gott, mein Herz war ſo n — 99 voll Freude und Luſt, daß es mir unmöglich ſchien, mich noch länger zu verſtellen und zu heucheln und zu kriechen, vor dieſen trauri⸗ gen finſtern Leuten, welche meine edle, hochherzige Mutter umlagern. Und um eines ſolchen harmloſen Scherzes willen ſollte die Kaiſerin mich ſo furchtbar ſtrafen wollen? Oh, kaiſerliche Hoheit, dieſer Scherz iſt nicht das einzige Verbrechen, welches man Ihnen, außer Ihrem ganz veränderten jugendfriſchen We⸗ ſen, zur Laſt legt. Sie haben noch ez piel Schlimmeres begangen! Sie haben dem Pater Porhammer ged ht ſt es nicht ſo? Haben Sie nicht geſtern, als Sie im Vorſaal aiſerin dem Pater Por⸗ hammer begegneten, ver eben im Begri nit dem Hofrath Quin⸗ tian in das Kabinet der Kaiſerin zu gehethaben Sie ihn nicht da bei Seite genommen, Und zu dem Pater geſaß ich warne Sie, dieſem Mann bei der Kaiſerin das Wort zu red n Sie es thun, wenn Sie ihm die Gnadelder Kaiſerin wiedergen a, wenn er durch Sie wieder eine Stelle erhält, ſo iſt das ein Verbrechen, welches Gott an Ihnen ſelber rächen wind, das ich Ihnen nie verzeihen, und deſſen ich gedenken werde, wenn ich Winſt Kaiſer bin. Und hatte ich nicht Recht, ſo zu ſprechen? rief Joſeph erglühend. Dieſer Hofrath Quintian iſt ein ſchamloſer Verbrecher, ein Elender, der, wenn ich Kaiſer wäre, an dem Pranger ſtehen, und in Ketten geſchmiedet die Gaſſen kehren müßte, nicht trotz ſeiner vornehmen Herkunft, ſondern weil er eben von edler Herkunft iſt. Er war der Verwalter der Wittwen⸗ und Waiſenkaſſen, und dieſe geheiligtſten aller Gelder hat er ſchamlos und herzlos veruntreut. Während die armen, vaterloſen Waiſen, die armen, ſchutzloſen Wittwen, denen er ihr Hab' und Gut geſtohlen, in Kummer darbten, hat er geſchwelgt in Ueberfluß und Luſt, und als ſein Verbrechen entdeckt ward, fehlten in ſeiner Kaſſe über zweimalhunderttauſend Gulden. Und wie hat man ihn dafür geſtraft? Man hat ihn ſeines Amtes enthoben, das iſt Alles! Die Kaiſerin hat die fehlende Summe erſetzt, und befohlen, daß die Sache unterdrückt werde, denn der elende Menſch iſt der Vater einer ihrer Kammerjungfern, und er durfte deshalb nicht geſtraft werden. Und ſeitdem iſt der Herr Hofrath ein reuiger, zerknirſchter Sünder geworden, der jeden Morgen und jeden Abend in die Meſſe geht, und 7 — 100 den die Kaiſerin jedesmal am Altar findet, wenn ſie kommt, ihre An⸗ dacht zu verrichten. Oh er verſteht es, zu weinen, die Hände zu rin⸗ gen, die Augen zu verdrehen, zu ſeufzen und zu bereuen, und alſo hat die Kaiſerin ihm verziehen, und Porhammer führte den frommen Sün⸗ der zur Kaiſerin, damit er ſein Pater peccavi ſpreche und alsdann be⸗ gnadigt werde mit einer andern, wo möglich noch einträglicheren Stelle.*) Muß nicht das Herz jedes denkenden und fühlenden Menſchen empört ſein über ſolches Verhöhnen der erechtigkeit und der Geſetze? Schreien nicht ſolche Willkürthaten Himmel und fordern die Strafe und Rache Gottes herab?ꝛ Das Alles iſt wahrz ſagte der Graf achſelzuckend, aber Ew. kai⸗ ſerliche Hoheit thaten denöbch Unrecht dem Pater zu drohen, denn er gehört, wie Sie wiſſen zu den einflußreichſten Perſonen, und er iſt von jeher Ihr Feind eweſen. Auch hat er nicht verfehlt, der Kaiſe⸗ rin Ihre Worten tederholen, und die Majeſtät iſt über Ihre An⸗ ſpielung auf Ihre einſtige Kaiſerwürde in höchſten Zorn gerathen. Und woher weißt Du denn alles dies? fragte Joſeph erſtaunt. Woher ich es weiß, Hoheit? Neigen Sie Ihr Ohr dicht zu mir her, noch dichter, und nun hören Sie! Mein Herr Vater hat mir das Alles erzählt. Der Obriſthofkanzler ſelbſt? Ja ſelbſt, und Sie wiſſen, wenn mein Vater, der ſonſt in allen Staatsſachen wie ein verſchloſſenes Buch iſt, wenn der ſpricht, ſo muß er ſehr ernſte und wichtige Beweggründe dazu haben. Nun denn, er hat mir dies Alles geſagt, als er vor einer Stunde von der Kaiſerin kam, die ihm alle dieſe Dinge erzählt hat, und um Ihnen die ganze Wahrheit zu ſagen: Er hat mich beauftragt, zu Ew. kaiſerlichen Hoheit zu gehen, und Sie zu warnen, auf Ihrer Hut zu ſein, und Alles zu vermeiden, was den Unwillen der Kaiſerin erregen könnte, um Gottes⸗ willen aber Ihre alte gewohnte Maske wieder vorzunehmen, wenn Sie nicht wollen, daß Ihr Lieblingsplan ſcheitern ſoll. Aber ich habe ja keine Maske getragen, wie ſoll ich ſie alſo wie⸗ *) Nicolai, Beſchreibung einer Reiſe durch Deutſchland und die Schweiz im Jahr 1781. Band V. 101 der vorlegen können? rief Joſeph verzweiflungsvoll. Ich habe der Welt mein trauriges Geſicht gezeigt, als ich traurig war, ich zeige ihr jetzt mein heiteres Geſicht, weil mein Herz voll Freude iſt, und weil— Ein raſches, heftiges Klopfen an der Thür unterbrach ihn, und ehe der Erzherzog Zeit hatte zu einem Herein! ward die Thür geöffnet, und der Kaiſer Franz erſchien auf der Schwelle. Sein Antlitz war erregt und ſorgenvoll, und aus den Blicken, welche er auf ſeinen Sohn heftete, ſprach eine tiefe Angſt und Sorge. Mein Sohn, ſagte er haſtig, auf den Erzherzog zuſchreitend, ich kam hierher, weil ich Dich allein und ohne Zeugen zu ſprechen wünſchte, und weil das bekanntlich bei mir ganz unmöglich iſt. Graf Dominik verneigte ſich ehrfurchtsvoll und ſtumm vor dem Kaiſer und eilte der Thür zu. Aber der Kaiſer ſelbſt hielt ihn zurück. Nicht doch, ſagte er, bleiben Sie, junger Mann, denn vielleicht können Sie uns noch nützen! Ich weiß, Sie ſind des Erzherzogs treuer Freund, und Sie werden ihn, und— auch mich nicht verrathen. Aber es iſt nicht Zeit viele Worte zu machen! Alſo ſage mir raſch, Joſeph, haſt Du hier irgend eine geheime Thür, weißt Du in irgend einem Deiner Zimmer eine Oeffnung, ein Loch oder einen Kamin, der zu einem geheimen Corridor, einer geheimen Treppe führt, durch welche man aus dem Schloß kommen kann? Ich, Majeſtät, ich ſollte hier eine geheime Thür haben, geheime Wege um das Schloß zu verlaſſen? rief der Erzherzog empört. Iſt das wieder eine neue Erfindung der frommen Väter, mit der ſie mich bei Ihrer Majeſtät verläumdet haben? Stilll, ſtill, Joſeph! Hat der Bube nicht gerade das aufbrauſende Temperament ſeiner Frau Mutter. Es iſt hier aber gar nicht von den frommen Vätern die Rede, ſondern allein von Dir. Sag' alſo ohne Umſchweife, haſt Du einen geheimen Ausgang hier! Einen geheimen Ausgang, und wozu ſollte ich den benutzen? Der Kaiſer neigte ſich dicht an das Ohr ſeines Sohnes. Um zu entfliehen, flüſterte er, um in dieſer Stunde, dieſer Minute noch das Schloß zu verlaſſen, ein Roß zu beſteigen, und in ſchnellſtem Trabe aus Wien zu reiten! Ich entfliehen, mein Vater? rief Joſeph unwillig. Iſt es alſo dahin 102 gekommen, daß der Sohn entfliehen muß vor ſeiner eigenen Mutter? Bin ich ein Verbrecher, der ſich nicht einmal vertheidigen, der nicht einmal erfahren darf, welcher Schuld man ihn anklagt? Nein, mein Vater, und mögen mich hier Tod oder ewiges Gefängniß bedrohen, ich entfliehe nicht! Und in dem Falle würde ich es Dir auch nicht rathen, mein Bube, ſagte der Kaiſer ernſt. Aber es iſt hier nicht die Rede von einer Anklage, von Giftbechern und unterirdiſchen Burgverließen, ſondern ein⸗ fach davon, ob Du noch immer den Wunſch hegſt, zur Armee abzugehen, oder ob Du hier bleiben willſt? Oh mein Vater, Sie wiſſen es wohl, daß es mein glühendſter Wunſch iſt, zur Armee zu gehen, daß es für mich ein bitterer Schmerz wäre hier bleiben zu müſſen. Nun, wenn es ſo iſt, ſo höre! Es iſt ihnen gelungen, Dich bei der Kaiſerin zu verdächtigen, Dich ihr als einen wilden Barbaren und nach Blut und Schlachten dürſtenden Kriegsknecht darzuſtellen, der durch das Lagerleben ganz und gar verwildern und zu Grunde gehen würde. Die Kaiſerin, in der Zärtlichkeit ihrer Mutterliebe, will Dich vor einer ſo entſetzlichen Zukunft ſchützen, und ſie hat deshalb beſchloſſen, ihre Er⸗ laubniß zurück zu nehmen, und Dich nicht zur Armee gehen zu laſſen. Der Erzherzog Joſeph ſtieß einen dumpfen Seufzer aus, und ſeine Augen füllten ſich mit Thränen. Der Kaiſer ſah es, und legte ſeine Hand mitleidsvoll auf ſeines Sohnes Schulter. Verzage noch nicht, mein Sohn, ſagte er, noch iſt vielleicht nicht alle Hoffnung verloren, und vielleicht gelingt es mir, Dir zu helfen. Ich kann Deinen Schmerz begreifen, und ihn Dir nachfühlen, denn ich habe gelitten, was Du leideſt. Wäre auch gern hinausgezogen in's Feld, ſtatt hier müßig zu ſitzen, und nichts zu ſein als der Gemahl der Kaiſerin, möchte mich auch einmal an die Spitze einer Armee ſtellen, und befehlen, nachdem ich ſo lange gehorſamt habe, aber die Kaiſerin— doch was nützt es von mir zu ſprechen, ich bin ein abſterbender Baum, aber Du biſt noch ein junges grünes Reis, und ich will nicht, daß ſie Dir den Sonnen⸗ ſchein und die Freiheit entziehen ſollen! Höre alſo! Noch weißt Du ja nichts von der geänderten Geſinnung der Kaiſerin, noch hat ſie Dir keinen Befehl zugehen laſſen! Komm alſo dieſem Befehl zuvor, entferne Dich jetzt ſchon, warte nicht das Morgen ab, ſondern brich ſogleich auf! Schreibe raſch 103 einige Zeilen an die Kaiſerin, ſage ihr, daß Du Dich zu ſchwach fühlteſt, den d. Abſchied von ihr zu ertragen, daß Du es daher vorzögeſt, Dich heimlich von hier zu entfernen, und dem Trennungsweh zu entfliehen, daß Dut aber hoffteſt, ſie glücklich wieder zu ſehen, und einige erkämpfte Lorbeeren zu ihren Füßen niederlegen zu können. Der Erzherzog ſtürzte zu ſeinem Schreibtiſch hin, und in athem⸗ loſer Haſt begann er zu ſchreiben. Der Kaiſer aber winkte den jungen Grafen Kaunitz, der bis dahin ſchweigend und in ehrfurchtsvoller Ent⸗ fernung dageſtanden, näher zu ſich heran. Haben Sie einen guten Renner, den Sie meinem Sohn verkaufen können, und zwei treue Diener, die ihn ſo lange begleiten können, bis ſeine Equipage und ſein Militairgefolge ihm nachfolgen kann? Ich kam hieher, Majeſtät, um dem Erzherzog einen ähnlichen Vor⸗ ſchlag zu machen, wie Ew. Majeſtät. Das beſte Pferd aus meines Vaters Marſtall ſteht ſchon vor dem Kärnthner Thor bereit, und meine beiden treuen Diener halten mit guten Rennern daneben. Das beſte Pferd Ihres Herrn Vaters? Der Obriſthofkanzler weiß alſo auch von der Sache? Er weiß darum, und wünſchte dem Erzherzog behüflich zu ſein. Er hat für den äußerſten Nothfall mir aufgetragen, dies letzte Mittel einer Flucht vorzuſchlagen. Der Brief iſt fertig, ſagte der Erzherzog aufſtehend, und dem Kaiſer das beſchriebene Blatt darreichend. Ich ſelbſt werde es der Kaiſerin geben, ich werde ihr ſagen, daß ich es war, der Dir zu dieſer Flucht gerathen. Aber alsdann wird die Kaiſerin Ihnen zürnen, mein Vater. Mein Sohn, ſagte der Kaiſer mit einem eigenthümlichen Lächeln, ich bin ſchon unter ſo manchem Gewitterſchauer dahin gegangen, und ich denke ich werde auch dieſen kleinen Sturm noch aushalten können. Die Kaiſerin beſitzt das beſte, ſchönſte und edelſte Herz, und wenn die finſtern Wolken ihres Zornes ausgedonnert haben, ſo ſcheint die Sonne ihrer Liebe wieder hell und klar. Geh alſo, mein Sohn, ich will'’s verantworten, was wir thun. Die Kaiſerin hat mir ja nicht geſagt, daß es ihr Wille iſt, Dich zurückzuhalten. Sie betrachtet die Sache als ein Regierungsgeſchäft, und Du weißt wohl, mit den Regierungs⸗ — 4 geſchäften habe ich nichts zu thun. Der Zufall hat mir ihre Abſichten verrathen, und den Zufall zu benutzen iſt kein Unrecht vor Gott und Menſchen. Eile Dich alſo, mein Sohn. Ich nehme es auf mich, die Kaiſerin zu beruhigen und zu verſöhnen, und Sorge zu tragen, daß Dir Dein Gefolge nachgeſandt werde. Hier, ſtecke dieſe Börſe ein. Es ſind zweitauſend Louisd'or darin. Genug für einige Tage Incog⸗ nito! Nun wirf den Soldatenmantel über, und dann raſch vorwärts. Graf Dominik ſtand ſchon mit dem Mantel bereit und warf ihn über die Schulter des Erzherzogs, der ſich mit ſtrahlenden Augen und glühenden Wangen ſeinem Vater näherte. Oh mein Herr und mein Kaiſer, ſagte er mit vor Rührung zit ternder Stimme, mein ganzes Leben wird nicht genügen, Ihnen zu danken für dieſe Stunde! Bisher habe ich Sie vielleicht nur geliebt als meinen Vater! Von heute an aber werde ich Sie lieben als meinen Wohlthäter, als meinen beſten und großmüthigſten Freund! Meine ganze Seele und mein ganzes Herz gehört Ihnen von dieſer Stunde an, und nie ſollen Sie eine Falte darin finden! Der Kaiſer zog den Sohn in ſeine Arme und küßte ſeine reine hohe Stirn. Lebe wohl, mein Sohn, Du gehſt als ungenannter Soldat, kehre heim als gefeierter Kriegsheld. Möge es Dir vergönnt ſein auf den Schlachtfeldern in Wirklichkeit alle die Lorbeern zu finden, die ich nur in meinen Träumen ſehen durfte! Lebe wohl! Er drückte ihn noch einmal feſt in ſeine Arme, und drängte ihn dann ſanft zurück. Und jetzt gebe Gott, daß Du Niemand von den Schleichern in den Corridoren begegneſt, und glücklich bis zur kleinen Steintreppe gelangſt. Gehen Sie voran, Graf Kaunitz, und ſchauen Sie nach, ob keine Laurer und überflüſſige Leute da ſind! Der Graf flog hinaus, der Kaiſer folgte ihm Hand in Hand mit ſeinem Sohn. Ich werde Dich bis zur Treppe geleiten, flüſterte der Kaiſer, ich werde Dein Sauvegarde bilden, und— Eben ſtürzte Graf Dominik wieder von dem Corridor in den Vor⸗ ſaal herein. Es iſt zu ſpät! flüſterte er leiſe. Eine Botſchaft der Kaiſerin! gang ſeine er l 105 II. Die Kaiſerin und ihr Sohn. Graf Dominik hatte ſich nicht getäuſcht. Es war eine Botſchaft der Kaiſerin, welche den Corridor heraufgeſchritten kam, es war der Oberhofmeiſter, begleitet von vier kaiſerlichen Kammerherren, welche jetzt in den Vorſaal des Erzherzogs eintraten, um im Namen kaiſerlicher Majeſtät den Erzherzog Joſeph einzuladen, ſofort und unverzüglich zu der Kaiſerin ſich zu verfügen, weil dieſelbe ihm eine wichtige Mittheilung zu machen wünſche. Ueber Joſephs Wangen ergoß ſich eine tödtliche Bläſſe und ſeine ganze Geſtalt erzitterte. Der Kaiſer fühlte es, und drückte den Arm ſeines Sohnes feſter in dem ſeinen. Muth, mein Sohn, Muth! flüſterte er leiſe, und ſich dann an den Oberhofmeiſter wendend, ſagte er laut: melden Sie Ihrer Majeſtät der Kaiſerin, daß ich ſelbſt ihr den Erz herzog zuführen werde, und als der Oberhofmeiſter unſchlüſſig und verlegen ſich nicht von der Stelle bewegte, fuhr der Kaiſer lächelnd fort: nun ich ſehe ſchon! Majeſtät hat Ihnen befohlen, den Erzherzog ſogleich ſelbſt zu ihr zu führen. Kommen Sie alſo, mein Sohn, laſſen Sie uns dieſen Herren vorangehen zur Kaiſerin.— Maria Thereſia ging mit haſtigen, unruhigen Schritten im Gemach auf und ab. Ihre großen flammenden Augen richteten ſich immer wieder mit ängſtlichem Ausdruck der Thür zu, und ſo oft ſie draußen ein Geräuſch, oder das Nahen von Fußtritten zu vernehmen glaubte, ſtand ſie ſtill und athmete hoch auf, wie in innerer Angſt und Furcht. Ich weiß nicht, ſagte ſie, ſich plötzlich an den Pater Porhammer wendend, der mit der Gräfin Fuchs neben dem Canapsé ſtand, welches die Kaiſerin vorher in der Ungedaſd ihres Heerzens verlaſſen hatte, ich weiß nicht, ehrwürdiger Vater, Kelch eine ſellſame Beklemmung mich überfällt, wenn ich denke, daf der goſeph komunt. Ich habe ein Ge⸗ ₰..= bar..— fühl, als ob ich im Begrifft wäre ein Unrecht anse meinem Sohn zu be⸗ Ro Kicht möcht. ⸗ gehen, und um alle Welte 3 möchte ich das thu. u S jeſtät ſind egentheil; jebten S Ew. Majeſtät ſind fels heil im Begriff, n geliebten Sohn aus den Klauen des und der Weltluſt zu e bretnen ſagte der 8 — 1 8 106 4 Pater mit frommem Händefalten. Weil aber Ew. Majeſtät ein zärt⸗ liches Mutterherz haben, thut es Ihnen weh den geliebten Sohn zu betrüben. Aber es iſt zu ſeinem Beſten, und gleich wie Gott geboten hat:„wenn Dich Dein Auge ärgert, ſo reiß es aus und wirf es von Dir,“ ſo auch müſſen Ew. Majeſtät dem geliebten Sohn das, was Gott ein Aergerniß iſt, aus der Seele reißen, und wenn auch ein wenig von ſeinem Herzblute dabei vergoſſen würde. Die Wunden, welche man um Gottes und der Tugend willen ſchlägt, ſind bald geheilt, denn der Segen Gottes ruht auf ihnen! Er hatte ſich ſo ſehr darauf gefreut, Soldat zu werden, murmelte die Kaiſerin, indem ſie wieder haſtig auf und nieder ging, ſeine Augen blitzten ſo muthig und ſtolz wie ich ſie nie geſehen! Es iſt ein ſchöner Burſch und wenn ich ihn anſchaue, meine ich den Franzel ſeinen Vater zu ſehen, als wir noch junge Liebesleut waren! Glaub's wohl, der Lorbeerkranz würd' ihm prächtig ſtehen zu ſeinem friſchen Jünglings⸗ angeſicht, und zu den ſchönen blauen Augen, und ich denk, mein eigen Herz würd' höher und ſtolzer ſchlagen, wenn ich ihn heimkehren ſähe als Sieger mit einer ſchönen großen Narbe über die Wange. Aber nein, nein, es darf ja nicht ſein! Würde mir verwildern, und zu Schan⸗ den werden, der Joſeph! Hat überdies ſchon einen ſchlimmen Hang zum wilden Kriegerleben, verzeih mir's Gott, juſt wie unſers Ahnherrn Kaiſer Carl's des Fünften geliebter Sohn Don Juan von Oeſterreich. Der wollt' auch nichts wiſſen als Krieg und Kampf, und blieb auch auf dem Schlachtfeld! Nein, will ſolchen Kummer nicht erleben, ich will nicht meinen Erſtgebornen vor mir begraben wiſſen! Hab' ſchon vier Kinder abgegeben an die Kaiſergruft zu St. Stephan, und kann keins mehr miſſen! Nein, nein, der Joſeph darf nicht gehen! Nicht wahr, Füchſin, fuhr ſie fort, ſich lebhaft zu der Obriſthofmeiſterin hinwendend, der Erzherzog ſagte zu Ihr, er möcht nicht in die Meß gehen, wollt lieber recht viel Feinde niederſchmettern, vud das wäre Gott ein viel wohl⸗ gefälligeres Werk, als das Meßhören, as Beten und die ganze Litaney? So ſagte er, Majeſtät, und meine Seele ſchaudert noch, wenn ich daran denke! rief d'ie Oberhofmeiſterin, ſich bekreuzigend. Oh, wir woollen ihm dieſe böſen Gedinken austreiben, rief die Kaiſerin erglühennd, wollen ſeinen ſtarren Sin ſchon beugen, und ein nelte ugen öner Gater der 107 wenig mehr Sanftmuth und Liebe in ſein ſtarres Herz ergießen. Er ſoll es lernen Gott zu dienen, und— Sr. Majeſtät der Kaiſer, und Sr. kaiſerliche Hoheit der Erzherzog, meldete der eintretende Oberhofmeiſter, auf den Wink der Kaiſerin die Thüren öffnend.. Maria Thereſia ging den Eintretenden lebhaft entgegen, und be⸗ grüßte ihren Gemahl mit einem haſtigen Neigen ihres Hauptes. Ew. Majeſtät bereiten mir eine große Ueberraſchung, ſagte ſie be⸗ tonend, zu ſo ungewohnter Stunde zu mir zu kommen. Glaub's wohl, Majeſtät, ſagte der Kaiſer lächelnd, Sie haben mich nicht erwartet, aber es iſt heute ein ungewohnter Tag, und deshalb wird mir meine Gemahlin wohl die ungewohnte Stunde meines Be⸗ ſuches verzeihen. Ich war bei dem Erzherzog, als Ihre Botſchaft an— langte. Denn Ew. Majeſtät werden es natürlich finden, wenn ich den letzten Tag, den der Joſeph bei uns verlebt, ſo viel als möglich in ſeiner Geſellſchaft zubringen möchte, und da ohne Zweifel Ew. Majeſtät dem Sohn nichts zu ſagen haben, was der Vater nicht hören dürfte, ſo habe ich mir erlaubt den Joſeph zu Ew. Majeſtät zu begleiten. Und in welcher ſeltſamen und ungewohnten Tracht erlaubt ſich denn der junge Erzherzog da zu uns zu kommen? fragte Maria Thereſia, ihre glänzenden Blicke auf das Gewand ihres Sohnes heftend. Verzeihung, Majeſtät, ſagte Joſeph, ich hatte eben dies Gewand anprobirt, als der Befehl Ew. Majeſtät kam, und um ſogleich dieſem Befehl zu folgen, blieb mir keine Zeit übrig, das Kleid zu wechſeln. Auch ſieht er, wie mir ſcheint, ſtattlich und ſchön aus in dem Soldatenkleid, rief der Kaiſer, und ich denke, er wird einen ſtolzen und ſchmucken Soldaten abgeben! Die Kaiſerin war in ihrem Herzen ganz mahls, und daß ſie's war, verdroß ſie um ſo mehr. ihre Stirn in finſtere Falten und preßte die Lippen heftig auf einander, wie ſie's zu thun pflegte, wenn ihr Gemüth ſtark erregt war. Du hältſt es alſo wohl ſchon für eine ganz ausgemachte Sache, der Meinung ihres Ge⸗ Sie legte daher daß Du Soldat wirſt, und in's Feld rückſt, mein Sohn? fragte ſie mit fliegendem Athem. Joſeph richtete ſeine großen blauen Angen mit einem faſt flehen⸗ 108 den Ausdruck auf die Kaiſerin hin. Ew. Majeſtät haben es mir ver⸗ ſprochen, ſagte er ruhig und feſt, und ich weiß, daß Ew. Majeſtät noch niemals irgend einem Menſchen Ihr Wort gebrochen haben! Ei, ſieh da, rief Maria Thereſia mit einem kurzen ſpöttiſchen Lachen, das ſieht ja faſt aus wie eine Drohung! Der junge Herr will's wohl verſuchen, mich bei meinem point d'honneur zu faſſen, und mich zu zwingen, ihm mein Wort zu halten? Verzeihung, Majeſtät, ſagte Joſeph ruhig und feſt, ich habe mir gar nicht einen ſolchen beleidigenden Gedanken erlanbt, zu zweiſeln, daß Ew. Majeſtät mir Ihr Wort halten werden. So erlaube ich es Ihm jetzt, zu zweifeln, Herr Sohn, rief die Kaiſerin, welcher die Worte des Erzherzogs als ein verſteckter Tadel erſchienen. Ja, ich erlaube Ihm zu zweifeln, daß ich Ihm mein Wort halte, denn mit dem bloßen Worthalten iſt's auch nicht gethan, und meine kaiſerliche Ehre wird durchaus nicht tangirt, wenn ich ein Verſprechen zurücknehme, dos ich meinem Sohn in der Uebereilung, und ohne recht zu überlegen, gegeben habe. Wie, Majeſtät, rief der Kaiſer, Sie wollten wirklich Ihr Verſprechen zurücknehmen, Sie wollen das jetzt noch, nachdem alle Vorkehrungen getroffen ſind, nachdem alle Welt es weiß, daß der Joſeph zur Armee abgehen ſoll? Was kümmert mich das Gerede der Welt, ſagte die Kaiſerin ſtolz und ſtrenge, was habe ich nach ihr zu fragen. Nur die Stimme Got⸗ tes und meines Gewiſſens leitet mich in allem meinem Wollen und Vollbringen, und ich folge eben nur Gott und meinem Gewiſſen, wenn ich jetzt mein Verſprechen zurücknehme, und den Erzherzog nicht zur Armee abgehen laſſe. Joſeph ſtieß einen Schrei aus, und taumelte einen Schritt zurück. Das iſt nicht möglich, das kann nicht Ihr Ernſt ſein, Majeſtät, rief er ſchmerzvoll. Und warum iſt das nicht möglich? fragte die Kaiſerin glühend. Weil es grauſam und herzlos wäre, ſagte Joſeph ganz außer ſich, weil man dann mit meinen liebſten Wünſchen, meinen heiligſten und reinſten Hoffnungen ein übermüthiges und willkürliches Spiel getrieben, und weil ich nun und nimmermehr glauben kann, daß meine Frau Mutter ſo mein armes Herz verhöhuen wollte! deru und wir es d ſeine zu b ergel da z die daß wen Wil Gre ſo 109 Die Kaiſerin, in Zorn erglühend, hatte ſchon den Mund zu einer Erwi⸗ derung geöffnet, als ihr Gemahl ihr ſanft die Hand auf die Schulter legte und dadurch das heftige Wort, das auf ihren Lippen ſchwebte, zurückhielt. Ich bittte Sie, meine Gemahlin, ſagte er leiſe, bedenken Sie, daß wir nicht allein ſind. Der Joſeph iſt jetzt ein erwachſener Menſch und es darf wohl Niemand Zeuge ſeiner Demüthigung ſein, Niemand als ſeine Aeltern. Haben Sie daher die Gnade, den beiden Herrſchaften zu bedeuten, daß ſie uns allein laſſen! Und warum ſoll ich das thun, rief die Kaiſerin, meine treueſten und ergebenſten Diener dürfen immerhin hören, was ich dem Herrn Sohn da zu ſagen habe, und ich wünſche, daß ſie meine Worte hören, und auch die Antworten, welche mir der junge Kaiſer der Zukunft zu geben wagt! Aber Verzeihung, Majeſtät, ſagte der Kaiſer feſt, ich wünſche nicht, daß dies geſchieht, und wie mir ſcheint, habe ich wohl einiges Recht, wenigſtens in dem Innern unſerer Gemächer zu gebieten, und meinem Willen Gehör zu verſchaffen. Wenn Ew. Majeſtät daher der Frau Gräfin und dem Herrn Pater nicht befehlen wollen hinaus zu gehen, ſo werde ich es thun! Maria Thereſia blickte faſt entſetzt in das Antlitz ihres Gemahls, das ſie nie ſo ernſt und ſtrenge geſehen. Sie fand in ihrer Beſtür⸗ zung kein Wort der Erwiederung. Der Kaiſer wartete einen Moment, und als Maria Thereſia noch immer ſchwieg, wandie er ſich zu den Beiden um, die da noch immer neben dem Dipan ſtanden, und mit geſpannter Aufmerkſamkeit der Scene gefolgt waren. Ich erſuche die Frau Gräfin und den Herrn Pater uns zu ver— laſſen, befahl der Kaiſer. Familienangelegenheiten. Aber das fromme Paar blieb unbeweglich ſtehen, und ſchien die Worte des Kaiſers gar nicht gehört zu haben. Die Gräfin Fuchs blickte mit ihrem gewohnten kalten und ernſten Ausdruck auf die Kaiſerin hin, der Pater Porhammer hatte den Blick geſenkt, die Hände gefaltet und ſchien zu beten. Dieſes trotzige Nichtbeachten der Befehle die Kaiſerin, und ſie fühlte jetzt, daß es an ihr ſei, eine Genugthuung zu geben. 2 Frau Gräfin Fuchs, ſagte ſie, o ihres Gemahls verletzte ihrem Gemahl hne Zweifel hat der Kaiſer nicht laut 110 und gebieteriſch genug geſprochen, und Sie haben daher ſeinen Befehl nicht vernommen. Ich werde Ihr und dem Herrn Pater die Worte des Kaiſers wiederholen. Der Kaiſer hat geſagt:„ich erſuche die Frau Gräfin und den Herrn Pater, uns zu verlaſſen! Familienangelegenheiten.“ Die Oberhofmeiſterin machte eine tiefe ceremoniböſe Verbeugung, der Pater neigte ſein Haupt und machte mit ſeiner erhobenen Rechten den Gruß des Kreuzes nach der Kaiſerin hin, dann wandten Beide ſich um, und gingen leiſe mit unhörbaren Schritten der Thür zu. Maria Thereſia ſchaute ihnen nach, bis die Thür ſich hinter ihnen ſchloß, dann wandte ſie ihre glühenden Augen auf den Kaiſer hin, ihr Ge⸗ mahl dankte ihr mit einem zärtlichen Blick und einem ſanften Lächeln. Der Erzherzog hatte ſich während des Zwiegeſprächs des kaiſerlichen Paares in eine Fenſterniſche zurückgezogen, vielleicht um ſich zur Ruhe zu zwingen, vielleicht um ſeine Thränen nicht ſehen zu laſſen. Jetzt, ſagte Maria Thereſia mit ernſtem, ſtrengem Ton, jetzt ſind wir allein, und jetzt mag der Joſeph mir ſagen, was er zu ſagen hat, Niemand wird es hören, als ſeine Eltern. Möge er aber auch bedenken, daß außer ſeinen Eltern auch Gott ihn hört, und daß hinter der Mutter noch immer die regierende Kaiſerin ſteht, die jede Unbill ſtrafen wird, welche man der Mutter anzuthun wagt. Und eine Unbill nenn' ich's, wenn der Joſeph meint, ich wolle ſein Herz verhöhnen, und ein über⸗ müthiges und willkürliches Spiel mit ihm treiben, weil ich mein Wort zurücknehme, und es nicht dulden will, daß er uns verläßt, und zur Armee gehe. Ich habe dieſen Entſchluß gefaßt, nicht aus Härte und Strenge, ſondern in der zärtlichſten Beſorgniß und Fürſorge meines Mutterherzens, ich habe ihn aber nicht bloß gefaßt als Mutter, ſon⸗ dern als Kaiſerin, welche ihrem Volke in ihrem Sohn den dereinſtigen Kaiſer erziehen muß. Und in beiden Eigenſchaften, als Mutter und als Kaiſerin, ſage ich jetzt: ich nehme mein Wort zurück, mein Sohn. Du wirſt nicht zur Armee gehen, Du wirſt bei uns bleiben, damit Dein Herz nicht verwildere. Es iſt ohnehin ſchon ſtörriſch genug, und das Leben im Feldlager und auf dem Schlachtfeld wird Dich ganz und gar zu einem rauhen Soldaten machen, der gar keinen Geſchmack mehr finden wird an den ſanften Segnungen des Friedens, und ſeinen Völ⸗ kern nicht Ruhe und Glück, ſondern viel Angſt, Sorge, Kriegspein e Ungl mein ſo ſe beſti nicht uns mein aber 2———— 111 Unglück bringen würde. Deshalb bleibſt Du hier, mein Sohn, das iſt mein unwiderruflicher Wille! Wenn's Dich jetzt auch ſeckirt, mein Sohn, ſo ſei demüthig und denke, daß Deiner Mutter beſſere Einſicht es ſo beſtimmt hat, und daß ein gehorſamer Sohn darüber in ſeinem Herzen nicht murren darf. So, und jetzt wollen wir gut Freund ſein, und uns begrüßen, als kämſt Du heim von Deiner Reiſe. Da haſt Du meine Hand, Joſeph! Sei willkommen, mein Sohn! Sie reichte mit einem gütigen Lächeln ihrem Sohn ihre Rechte dar, aber er nahm ſie nicht, er ſtand zitternd, todesbleich ſeiner Mutter gegen⸗ über, und ſtarrte ihr mit einem faſt drohenden Ausdruck in's Angeſicht. Siehſt Du nicht, mein Sohn, daß Dir Deine Mutter die Hand darreicht? fragte der Kaiſer ſanft. Ich ſeh's, Vater, ich ſeh's, ſagte Joſeph heftig, aber ich kann dieſe Hand nicht nehmen. Ich kann meine Lippen nicht darauf preſſen, denn es ſind keine Worte der Liebe auf ihnen, ſondern Worte des Jammers. Nein, meine Mutter, ich kann dieſe Hand nicht küſſen, welche ſo eben meine ſchönſten Hoffnungen zertrümmert hat. Und Sie wollen den Despotismus ſo weit treiben, zu fordern, daß mein Herz nicht ein⸗ mal murren ſoll! Mein Herz murrt nicht, aber es ſchreit in Verzweiflung Oh, meine Mutter, haben Sie Erbarmen mit mir, und Jammer. Machen Sie nehmen Sie Ihr Wort zurück, laſſen Sie mich gehen. mich nicht zum Geſpött der Menſchen, dulden Sie es nicht, daß die Welt ſagen könne, ich ſei kein Menſch, kein Mann, kein eigenes fühlen⸗ des, ſich ſelbſt beſtimmendes Weſen, ſondern nur ein Spielwerk in den Händen kaiſerlicher Majeſtät! Dulden Sie es nicht, daß alle meine Feinde hier mit höhniſchen Blicken und ſpöttiſchem Lächeln mich anſehen, und ſich ihres Triumphes über mich freuen! Oh, laſſen Sie mich ge⸗ hen, und ſei's auch nur auf kurze Zeit, nur auf wenige Wochen! Ich will's bei meiner Ehre ſchwören, an dem Tage, den Sie mir beſtim⸗ men werden, zurückzukehren. Aber laſſen Sie mich gehen. Sehen Sie, Mutter, mein Herz war ſo voll Liebe und Dankbarkeit für Sie, ich warf mir vor, Sie bis dahin nicht genug geliebt zu haben, und fühlte, daß ich Sie fortan grenzenlos lieben und verehren würde. Machen Sie nicht, Mutter, daß alle dieſe Gefühle wieder in meinem Herzen einſchlummern. Seit acht Tagen war ich jung geworden, es 112 ſchien mir, als ob die ganze Welt mir enkgegen lachte, und in der Fülle meines Glücks vergab ich Allen Denen, welche meine Jugend ſo jammervoll elend und einſam gemacht hatten. Seit acht Tagen bin ich jung, oh Mutter, machen Sie nicht, daß ich wieder alt und ver⸗ grämt werde, wie ich geweſen bin, daß ich wieder zurückkrieche in die ſtumme Höhle eines freudloſen Daſeins, jetzt, da ich die Sonne und die Blumen kennen gelernt habe. Verdammen Sie mich nicht wieder zu dem alten Elend meiner Kindheit, laſſen Sie mich frei ſein! Nein, ſage ich, nein! rief die Kaiſerin mit zornerglühenden Wan⸗ gen. Jetzt erſt ſehe ich ein, wie Recht ich thue, Ihn nicht gehen zu laſſen, denn das hieße, Ihn in ſein Verderben ſchicken! Er iſt ein wil⸗ der und undankbarer Knabe, und hart und verſtockt iſt Sein Sinu. Spricht von den Leiden Seiner Jugend! Was hat Er denn gelitten? Was ich gelitten, rief Joſeph, deſſen Zähne aufeinanderſchlugen, wie im Fieberfroſt, und der in der flammenden Aufregung ſeines Her⸗ zens nicht mehr im Stande war, eine äußere Faſſung ſich zu bewah⸗ ren. Was ich gelitten habe, fragen Sie? Ich will's Ihnen ſagen. Frau Mutter! Ich habe gelitten, ſo lang ich lebe, denke und fühle. Als ich ein Kind war, habe ich geſehen, daß es neben mir einen an⸗ dern Knaben gab, den meine Mutter mehr liebte als mich! Wenn wir beiſammen ſtanden, wenn meine Blicke mit Sehnſucht den mütter⸗ lichen Blick ſuchten, ſo ſah ich, daß er auf den Andern gerichtet war. Wenn wir Beide eine Unart begangen hatten, ſo war Ich es, der die Vorwürfe, Er es, der die Verzeihung bekam. Neid und Eiferſucht fraßen in meinem Herzen, und Niemand ſah die Thränen, die in mei⸗ nen Augen ſtanden, und ich hatte Niemand, dem ich ſagen konnte, was ich litt. Ich war immer einſam, immer allein, und Sie wunderten Sich, daß ich ſchweigſam war, und meine Einſamkeit nannten Sie Ver⸗ ſtocktheit, und mir, der ſeine Nächte verweinte, und die Tage heimlich an ſeinem Kummer nagte, mir ſtellten Sie meinen lachenden Bruder, das verhätſchelte Kind des Glückes gegenüber, und zürnten mir, daß ich nicht war wie Er.*) Und da war dies Corps der Herren Päda⸗ *) Der Erzherzog Carl, der jüngere Bruder Joſeph's, war der bevor⸗ zugte Liebling des Kaiſerpaars. Von ſrüheſter Jugend an lebten die beiden 4 113 3 gogen, welche mich marterten mit ihrer ſtumpfſinnigen Pedanterie, welche 3 unter dem Vorwand, meinen Trotz brechen zu wollen, mir mein eigenes bin Denkvermögen, meinen eigenen Willen brechen wollten. Und da wa⸗ ber ren endlich die heuchleriſchen Patres, welche mit ihren Gebeten und de Litaneyen meine Seele und meinen Verſtand umnebeln wollten, damit und ich dereinſt ein Fürſt werde in ihrem Sinn, das heißt, ein verdummter, der bigotter Diener der Kirche. Mäßige Dich, mein Sohn, rief der Kaiſer entſetzt, bedenke, was an⸗ Du ſprichſt. du Laſſen Sie ihn, mein Gemahl, es iſt gut, daß ich einmal auf den i Grund ſeiner Seele ſehen kann! uu. Oh auf dem Grund meines Herzens iſt viel Jammer und Herze⸗ 1 leid, ſagte Joſeph mit einem bittern Lachen, und wenn vielleicht auch en, Perlen darin geweſen ſind, ſo haben es die Herren Pfaffen verſtanden, er ſie mit dem ätzenden Gift ihrer Heuchelei zu zerſtören. Oh Mutter, ah⸗ laſſen Sie mich gehen, und wär's auch nur, um dieſen frommen Her⸗ en. ren, die hier am Hofe herrſchen, freies Feld zu laſſen, und wär's auch ſe.— 4. Knaben in Uneinigkeit, und je älter ſie wurden, deſto mehr ſteigerten ſich ihre /6 an durch mancherlei Umſtände genährten Zwiſtigkeiten. Erzherzog Carl, verwöhnt A . von der Liebe ſeiner Aeltern, und den Schmeicheleien des ganzen Hofes, be⸗ 14 9 gegnete ſeinem Bruder oft mit Spott und Uebermuth, und rühmte ſich, daß 7. al. er die„Purpurgeburt“ voraus habe, nämlich geboren ſei, als ſein Vater ſchon 1 die zum Kaiſer erwählt worden, während Joſeph nur der Sohn des Herzogs cht von Toskana geweſen. Carl war von hervorragenden Fähigkeiten, aber von ei⸗ 6 heftigen Leidenſchaften, und ſtolzem dominirendem Charakter, und ließ Joſeph as bei allen Gelegenheiten auf das Bitterſte das Uebergewicht ſeiner bevorzugten 2 en Stellung fühlen, was von dieſem mit Heſtigkeit und Zorn zurückgewieſen ward. ar So war allmälig zwiſchen wen eine heftige Feindſchaft ausgebrochen, als Karl gefährlich erkrand ſeiner Todesſtunde fühlte er ſelber ſein Unrecht, i und er geſtand es m hmer. Als Märia Thereſia, in Thränen Ferfließend, er an dem Bette ihres ſterbenden Lieblings ſaß, nahm der Prinz ihre Hand und aß drückte ſie zärtlich an ſeine Lippen.„Madame, ſagte er, klagen Sie nicht über a⸗ meinen baldigen Tod; denn hätte ich gelebt, würde ich Ihnen noch weit mehr Veranlaſſung zu Thränen gegeben haben.“ Wenige Stunden darauf ſtarb er, kaum -- ſechszehn Jahre alt, im Februar 1761. Wraxall. Memoirs of the Courts of Ber- en lin, Vienna etc. Vol. II. S. 385. Kalſer Joſeph. 1. Ahth. I.„ 4 8— 8 „* ————-— 114 nur, damit ich nicht mehr ſehe, wie ſie das edele Herz meiner erhabe⸗ nen Mutter betrügen und hintergehen, und wär's auch nur, um Ihnen zu beweiſen, daß Ihr Sohn nicht ſo ſchlecht und ſo verderbt iſt, wie die frommen Herren es Sie glauben machen. Oh meine Mutter, ha⸗ ben Sie Erbarmen, auf meinen Knieen flehe ich Sie an, retten Sie mich und laſſen Sie mich gehen! Und der junge Erzherzog ſtürzte auf ſeine Kniee nieder, die Hände flehend zu der Kaiſerin erhebend. Die lang zurückgehaltenen Thränen brachen in wilden Fluthen aus ſeinen Augen hervor, der wilde Jugend⸗ zorn hatte ſich ausgetobt, und eine maßloſe Traurigkeit überkam ihn jetzt. Er ſchlug ſeine beiden Hände vor ſein Angeſicht und weinte bitterlich. Der Kaiſer, mühſam ſeine eigenen Thränen zurückhaltend, trat dicht zu ihm heran, und die Hand auf das Haupt ſeines knieenden Sohnes legend, ſchaute er flehend hinüber zu der Kaiſerin. Seien Sie milde und erbarmungsvoll, meine Gemahlin, ſagte er ſanft. Vergeben Sie ihm alle die harten und ungerechten Worte, welche er geſprochen in der Bitterniß ſeines erſten Schmerzes, und wenn es ſein kann, ſo haben Sie Erbarmen, ſo richten Sie ihn auf aus ſeiner Verzweiflung, und erfüllen ihm, was er ſo ſehr wünſcht! Ich wollte, daß ich es vermöchte, ſagte die Kaiſerin faſt traurig, aber er hat's mir unmöglich gemacht. Ich darf nicht ſeinem Trotz nachgeben, und das Mutterherz darf nicht bei der Kaiſerin ſprechen für den rebelliſchen Sohn, was er geſagt hat, vergebe ich ihm, und will's zu vergeſſen ſuchen. Weiß wohl, daß die Jugend in ihrem Zorn nicht weiß, was ſie thut und ſpricht. Bin auch jung geweſen und ſtürmiſch, und fühl' daß der Joſeph mein Sohn iſt! Es iſt das ſpaniſche Blut, das zuweilen in uns kocht und tobt. D verzeihe ich dem Joſeph und— werd's ſelbſt in der Beicht, nich en, was ich hier gehört habe, vielleicht erfährt's dann auch Gott nicht, Hergeben will ich, aber — ſeinen Willen kann ich ihm nun und nimmeimehr thun! Das hieße ihn beſtärken in ſeinem Trotz, das wär' nichts weiter, als einem eigen⸗ ſinnigen Kinde erlauben, mit dem Feuer zu ſpielen, weil es ſchreiend es begehrt! Stehe auf, mein Sohn Joſeph, ich will vergeben und ver⸗ geſſen, aber was ich geſagt habe, habe ich geſagt! Du bleibſt hier! Joſeph erhob ſich langſam von ſeinen Knieen. Seine Thränen .. 7 4 cta ⸗ 77f(. Tas. / 2 4 p r. war wier und Eu Pfl dieſ mei und ſich Au ihn 1 1 1 — 7 115 waren verſiegt, ſeine Lippen zitterten nicht mehr, der alte Trotz war wieder in ſein bleiches Antlitz zurückgekehrt, ſein Blick war wieder kalt und trübe. Er verneigte ſich tief vor ſeiner Mutter. Ich habe die Worte Eurer Majeſtät gehört, ſagte er mit hartem, rauhen Ton, es iſt meine Pflicht, zu gehorchen! Erlauben mir Ew. Majeſtät alſo, daß ich gehe, dieſen Soldatenrock, der ſich nicht mehr für mich ziemt, auszuziehen, und meine ſpaniſchen Gewänder wieder anzulegen. Ohne eine Antwort der Kaiſerin abzuwarten, wandte er ſich um, und haſtig das Gemach durchſchreitend, eilte er der Thür zu. Die Kaiſerin ſah ihm ſtumm und kalt nach. Aber als die Thür ſich hinter ihm ſchloß, nahmen ihre Züge einen angſtvollen, zärtlichen Ausdruck an, und ſich an ihren Gemahl wendend, ſagte ſie haſtig: geh ihm nach, Franzel. Suche ihn zu tröſten und zu beruhigen. Bleib' bei ihm, daß er ſich kein Leid's anthut. Es iſt ein ſo wildes Blut! In dieſem Augenblick hörte man vom Vorzimmer her einen Schrei, dem ein dumpfer Ton, wie das Fallen eines ſchweren Körpers folgte. Hilf Gott, das iſt Joſeph! rief die Kaiſerin entſetzt, und aller Rückſicht und aller Etiquette vergeſſend, eilte ſie vorwärts, riß, gefolgt von ihrem Gemahl, die Thür auf und ſtürzte in den Vorſaal. In der Mitte des Saales lag ihr Sohn bleich und leblos am Boden, der Schmerz hatte ihn übermannt, er war ohnmächtig geworden. Die Kaiſerin ſtieß alle die, welche um ihn beſchäftigt waren, zu⸗ (rück, ohne ein Wort zu ſagen, ohne eine Klage hören zu laſſen. Die Angſt der Mutterliebe gab ihr Rieſenkräfte, den ohnmächtigen Sohn mit ihren beiden Armen umſchlingend, hob ſie ihn leicht wie eine Feder empor, und ſein kaltes Antlitz mit ihren Küſſen bedeckend, trug ſie ihn mitten durch die Schaar der entſetzten ſtarren Hofleute dahin, in ihr Gemach, wo ſie ihn ſanft auf ihrem Divan bettete. Niemand hatte gewagt, ihr bis dahin zu folgen, nur der Kaiſer ſtand neben ihr und reichte ihr jetzt die Riechfläſchchen und Salze dar, die auf ihrem Tiſche geſtanden und auf die ſie mit ſtummer Hand hin⸗ 8 gedeutet hatte. Sie rieb dem Sohn die Schläfe mit den Eſſenzen, ſie hielt die flüchtigen Salze unter ſeine Naſe und als er ſich endlich zu negen begann, als der erſte Athem ſich aus ſeiner Bruſt emporrang, 8 116 da wandte ſich die Kaiſerin mit leuchtenden Augen zu ihrem Gemahl hin. Ich wollt' er würde krank, damit ich ihn pflegen könnt, ſagte ſie, damit ich Nacht und Tag an ſeinem Bette ſitzen könnt'. Sollt's ſchon un fühlen müſſen, wie eine Mutter liebt, und wie ſie nimmer läßt von ihrem Kind! fm Und vielleicht hatte Gott ihre Worte gehört und wollte ihre Bitte erfüllen, damit dieſe zwei edlen und glühenden Herzen ſich nicht gegen⸗ mit einander verhärten, ſondern einander wiederfinden möchten in Liebe und innigſtem Verſtehen. it Ein heftiges Fieber feſſelte den Erzherzog einige Tage lang an St ſein Lager. Die Kaiſerin wich nicht von ſeiner Seite, in ihrem eigenen gt Wohnzimmer hatte ſie den Sohn betten laſſen, und mit zärtlichſter de Sorgfalt pflegte ſie ſein. h. So oft Joſeph, aus ſeinen Fieberträumen erwachend, die Augen ni aufſchlug, ſah er da neben ſich an ſeinem Bett die Kaiſerin ſitzen, welche mit liebevollen Blicken ihn anſchante, mit ihrem zärtlichſten Lächeln ihn 1 begrüßte. So oft er in ſeinem Fieberdurſt zu trinken begehrte, war 1 es ſeine Mutter, welche den kühlenden Trank an ſeine brennenden Lippen führte, ſo oft ſeine Stirn wie in verzehrenden Feuergluthen brannte, war es die Kaiſerin, welche ihre kühlende Hand darauf legte, und ihr 8 3 Sohn ſchaute dann ſtumm, aber mit feuchten Blicken zu ihr empor, 3 11 und lag ſtill und wie ſelig entzückt unter ihrem zärtlichen Anblicken, als 1 3 habe die mütterliche Hand, welche auf ſeiner Stirn ruhte, alle Schmerzen 3 33 gebannt, und alle Stürme ſeiner Seele ſchweigen gemacht. Auch als das Fieber gewichen war, als Joſeph ſich wieder von ſeinem Lager erheben konnte, duldete die Kaiſerin es nicht, daß er in 1 ſeine Gemächer zurückkehrte. So lange er noch Reconvalescent war, b ſollte er bei ihr bleiben, unter ihrer Obhut, ihrer Liebe. In ihrem 3 Zimmer ſollte er ſeine Geſundheit, ſeinen Frohſinn wieder finden, da 1 mußten denn die luſtigen Geſchwiſter ſich um ihn ſammeln, um ihn 4 — 8 zu erheitern mit ihren Scherzen und ihrem lachenden Frohſinn, da⸗ 1 * hin mußten ſeine Cavaliere und ſein vertrauteſter Freund, der Graf 5 Dominik von Kaunitz, kommen, um den Erzherzog zu zerſtreuen mit ihrer Unterhaltung. 4. Eines Tages aber, als Niemand außer dem Kaiſer und dem Grafeen 3 28 8 *— 117 Batthiany bei Joſeph war, trat die Kaiſerin mit einem glücklichen Lächeln und leuchtenden Augen zu ihrem Sohne hin, in ihrer Hand ein Etui von rothem Maroquin haltend. Was denkſt halt, Joſeph, daß in dem Käſtchen hier verborgen iſt? fragte die Kaiſerin lächelnd. Weiß nicht, was es ſein mag, aber ſicher iſt's eine Liebesgabe, mit der meine großmüthige Mutter mich erfreuen will! Wahrhaftig, Du haſt juſt das rechte getroffen, rief die Kaiſerin mit heiterm Lachen, eine Liebesgabe iſt's, und will's Gott, der ſchönſte Schmuck Deines Lebens. Will Dir Erſatz geben, mein Sohn, für die getäuſchten Hoffnungen, und weil ich nicht dulden wollt,, daß Du mein Haus verließeſt, muß ich ſchon ſuchen, Dir das Haus angenehm zu machen. Will Dir auch zeigen, daß ich Dich nicht mehr für einen un⸗ mündigen Knaben halte, ſondern für einen Mann, der wohl im Stande iſt, ſich ſelber ſein Haus zu begründen, und einer eigenen Familie Herr zu ſein. Schau Dir einmal das Bild da an, und wenn es Dir wohlge⸗ fällt, ſo ſchenk ich Dir nicht bloß das Portrait, ſondern auch das Original. Sie reichte dem Erzherzog das geöffnete Etui dar, in welchem ſich das Miniaturbild einer jungen Dame mit lichtbraunen Locken, mit ju⸗ gendlichem ſchönem Angeſicht und zwei großen dunklen Augen befand, die den Prinzen mit ſchwermüthigen, bittenden Blicken anzuſehen ſchienen. Joſeph betrachtete es lange, und allmälig zog ſich eine ſanfte Röthe über ſein vorher ſo bleiches Antlitz hin. Nund fragte die Kaiſerin, gefällt Dir das Mädchen? Ob ſie mir gefällt? fragte Joſeph ſinnend, die Blicke unverwandt auf das Bild gerichtet. Sie ſchaut mich an mit Engels Zügen! Es liegt etwas in ihrem Blick, das mich anzuflehen ſcheint, das Lächeln dieſer Lippen iſt ſo traurig ſüß, daß ich vor ihr auf die Kniee fallen und weinen möchte, daß— Schaut nur, mein Gemahl, rief Maria Thereſia, ihren die Schulter des Kaiſers legend, der lächelnd neben ihr ſtand. Das iſt unſer echter und rechter Bub'! Die Lieb' fängt Feuer in ſeinem Herzen und mög's denn da brennen ſo heilig, himmliſch und treu, wie's in unſern Herzen gebrannt hat ſchon ſo manches Jahr! Willſt alſo das Mädchen haben, Joſeph? Arm auf 4* 118 Der Erzherzog hob ſeine Augen langſam zu ſeiner Mutter empor. Ob ich ſie haben will? fragte er mit einem traurigen Lächeln. Wird ſie mich haben wollen? Wird ſie nicht, gleich allen Andern, mich fliehen und verabſcheuen? Sie wird gleich allen Andern Dich lieben und hochachten, ſagte die Kaiſerin, indem ſie ſich niederbeugte und einen innigen Kuß auf die Stirn ihres Sohnes drückte. Es iſt alſo abgemacht, Du willigſt ein, das Original des hübſchen Portraits zu Deiner Gemahlin zu machen? Wirſt in acht Tagen neunzehn Jahre, da iſt's die höchſte Zeit Deinen Schweſtern voranzugehen mit gutem Beiſpiel, und Dich zu vermählen! Biſt's zufrieden? Ich bin zufrieden, die Braut anzunehmen, die Ew. Majeſtät für mich ausgewählt haben. Und fragſt nicht einmal nach ihrem Namen, und weß Landes Kind ſie iſt? Meine Mutter hat ſie gewählt, das iſt genug! Nun denn, rief die Kaiſerin vergnügt, Herr Graf Batthiany, Ihr ſeid ſo lange der Gouverneur des Erzherzogs geweſen, und habt gut gethan. Will Euch zur Belohnung einen ehrenvollen Auftrag geben. Ihr ſollt morgen als mein außerordentlicher Geſandter nach Parma gehen, und bei Don Philipp von Parma für meinen Sohn, den Erz⸗ herzog Joſeph kaiſerliche Hoheit, werben um die Hand ſeiner Tochter, der Prinzeſſin Iſabella von Parma. III. Eine italiäniſche Nacht. Der Mond hat ſich unter Wolken verborgen, die n großeu Maſſen am Himmel lagern. Seid willkommen, dunkle Wolken, Ihr ſeid die ſchützenden Schleier, welche die Geheimniſſe der Liebe den neugierigen Blicken verbergen. Sei willkommen, rauſchender Wind, der Du die Blätter der Pinien und Taxusbäume bewegſt, und die Formen dieſer —„o= —ꝰ——/—„—— Ihr gut hen. ma kr⸗ ter, die Wände doch Ohren, und die dürfen es nicht hören, was da am 119 künſtlich zu Figuren verſchnittenen Wachholder und Buchsbäume ein 4 wenig zu natürlicheren Geſtalten verwilderſt; plätſchert und rauſcht ruhig, weiter, Ihr murmelnden Cascaden, ſchleudert Eure ſilberſtrahlenden Waſſergarben unaufhaltſam auf und ab, Ihr Springbrunnen, ſchwimmt friedlich weiter auf den von weißem Marmor umſäumten Baſſins, Ihr ſtolzen, weißſchimmernden Schwäne, ſingt und flötet Eure Lieder der Sehnſucht und der Liebe weiter, Ihr Nachtigallen in den dunklen Oli⸗ venhainen und Myrtengebüſchen. Nichts ſtört Euch jetzt mehr, denn es iſt Nacht, tiefe, ſtille, einſame Nacht, und kein Menſchenſchritt durch⸗ hallt mehr die langen regelrechten, von hohen Taxuswänden eingeengten Alleen des Parks, und kein Fenſter des Pallaſtes da an der Grenze des Parks iſt erleuchtet. Der Herzog von Parma ſchläft, es ſchläft Alles im herzoglichen Schloſſe. Alles iſt dunkel und ſtill, kein Menſchenfußtritt unterbricht mehr die Stille der Alleen und der Haine. Singt alſo weiter, Ihr Nachti⸗ gallen in den Gebüſchen, bergt Euer ſtolzes Haupt unter dem weißen Gefieder Eures Flügels, Ihr Schwäne, und träumend laßt Euch ſchau⸗ keln von den murmelnden Silberwellen des Sees, an deſſen Ufern weiße Lilien duftend fragend zum Himmel aufſchauen nach ihrem Geliebten, 7 dem Mondſchein. 4 Der Mond hatte ſich unter Wolken verborgen, die Wolken ſind die ſchützenden Schleier der Liebe! Hüllt ihn dicht und feſt ein, Ihr 7 ſchützenden Wolken, laßt ihn nicht los, den ſchwatzhaften Mond, denn wenn auch die Fenſter des herzoglichen Pallaſtes dunkel ſind, ſo haben Balcon ſich flüſternd regt, und der Mond ſelbſt darf die beiden Ge⸗ 1 ſtalten nicht ſehen, welche da, die eine oben auf dem Balcon, die audere 8 1 unterhalb deſſelben im Park ſich befinden. Sie bedürfen nicht des Mondlichts, um einander zu ſehen, ſie ſchauen ſich an mit den innern K Augen ihrer Liebe; ſie bedürfen auch nicht des Beieinanderſeins und S des zärtlichen Umfangens, ihre Seelen haben ſich umſchlungen zu ewigem Bunde, ihre Herzen ſind Eins in unauflöslicher Liebe, ſie gehören Beide zu einander mit feſten unauflöslichen Banden. Nichts kann ſie trennen, nichts ihren Bund zerreißen, nichts als— der Tod! Wer ſind dieſe Beiden, und was flüſtern ſie? Eine zweite Julia 120 iſt es, die da über den Balcon ſich hinablehnt, ein zweiter Romeo iſt's, der da unten ſteht und ſeine Arme ſehnend emporſtreckt nach der Ge⸗ liebten hin. Worte der Liebe, der Sehnſucht, und Schwüre ewiger Treue ſteigen wie auf goldenen Schwingen hinauf und hinab, und küſſen dieſe Lippen, welche getrennt ſind, und dieſe Augen, welche einander nicht ſchauen. Morgen alſo, meine Geliebte, morgen wirſt Du Mein für alle Ewigkeit? Morgen, mein Geliebter! Dein bin ich ſchon für alle Ewigkeit, aber Dein will ich auch ſein hienieden vor aller Welt! Und Du wirſt's nimmer bereuen! Du fühlſt Dich muthig und ſtark genug, der ganzen Welt zu trotzen? Gehört denn Muth und Stärke dazu, die Hand auszuſtrecken nach ſeinem höchſten, ſchönſten Glück und es ſich zu Eigen machen? Oh, es iſt viel Eigennutz in meiner Liebe, und weil ich glücklich ſein will, ver⸗ geß ich die Gefahren, die Dich bedrohen, wenn Du mein Gemahl biſt! Dich zu verlieren, Dich nicht Mein zu nennen, iſt die einzige Ge⸗ fahr, die ich fürchte! Ich kenne keine andere! 8 Und doch ſei vorſichtig und beſonnen, ſei's um meinetwillen. Be⸗ denke, mein Geliebter, wir ſind auf ſpaniſchem Boden, obwohl wir in Italien ſind, und die ſpaniſchen Dolche ſind ſcharf und treffen ſicher. Sei vorſichtig, verrathe mit keinem Blick und keinem Lächeln das ſüße Glück, das uns vereint. Nur wenige Tage hüte Deine Zunge, Deine Augen und Dein Herz. Nur ſo lange, bis wir fort von hier ſind, fort gezogen in das ſtille Aſyl, das unſere Liebe uns zum Paradieſe machen wird, und wo keines Rächers Arm uns finden kann. Bis dahin, Ge⸗ liebter, ſei beſonnen! Und,— jetzt geh, ſieh nur, der Mond bricht hinter Wolken hervor, und wenn die Späher, die mich überall umlauern, Dich ſehen würden— geh, geh! Denk' an die ſpaniſchen Dolche, geh! Ich denk an morgen, Holde, und ſo kann ich gehen, denn morgen ſehe ich Dich wieder und Du wirſt auf immer Mein! Auf immer Dein! Nun geh! In der Kapelle erwarte ich Dich? Ich komme ganz gewiß! Und der Prieſter, meinſt Du, wird uns nicht verrathen? vich ed ne vrin her. ſüße eine fort chen Ge⸗ nter Hich gen uns Er war der Freund und Lehrer meiner Jugend! Er wird uns nicht verrathen! Nun denn auf morgen! Und Gott ſegne unſre Liebe! Horch, rauſcht es dort nicht im Gebüſch? Es iſt der Wind, der in den Pinien rauſcht. Der Wind! Er treibt die Wolken aus einander! Geh! Lebe wohl! Auf Morgen! Morgen! 8 Der Mond trat hinter den Wolken hervor, und eine ſilberne Helle lagert ſich über dem Park; deutlich ſieht man dieſe hohe männliche Geſtalt, die da vom Balcon zurücktritt, und mit raſchem Schritt die Allee hinabeilt; deutlich ſieht man dieſe ſchlanke weibliche Geſtalt, die da über den Balcon ſich lehnt, und in ihren Augen, welche mit ſtarrem Blick dem Geliebten nachſchauen, leuchtet der Mond. Jetzt ſieht ſie ihn nicht mehr, doch bleibt ſie ſtehen, und lauſcht mit angehaltenem Athem, lauſcht auf die ſüße, ſchweigende Nacht, auf das Plätſchern der Kaskaden, auf das Rauſchen der Pinien, auf das Flöten der Nachtigall. Aber horch, was iſt das? Ein Schrei, ein furchtbarer, entſetzlicher Schrei unterbricht auf einmal dieſe ſüße Stille. Von dorther kommt dieſer Schrei, wohin Er gegangen iſt, Er, dem ſie nachſchaute in athemloſer Angſt und Liebe. Noch ſteht ſie zitternd, zweifelnd an ihrem eigenen Gehör, da— noch einmal, noch entſetzlicher, ſchneidender wiederholt ſich dieſer Schrei! Sein Todesſchrei! ruft ſie mit herzzerreißendem Jammerton, und kaum wiſſend was ſie thut, der Gefahr nicht achtend, nichts hörend, als dieſen fürchterlichen Schrei, der ſie zu rufen ſcheint, ſchwingt ſie ſich über das Geländer des Balcons, wie von Mondſtrahlen getragen, ſchwebt ſie von der Balluſtrade hinunter auf die Erde. Der Fall hat ſie nicht beſchädigt, nicht betäubt, einen Moment nur ſchwankt ſie ſchwin⸗ delnd hin und her, dann ſtürzt ſie vorwärts, die Allee hinauf. Deut⸗ lich ſieht man jetzt im Mondenſchein dieſe zarte ſchlanke Geſtalt in dem fliegenden, weißen Gewande, wie ſchwarze Nachtvögel umflattern ihre vom Nachtwind bewegten Locken ihr Haupt, der Mond wirft ihre Ge⸗ ſtalt in einem langen ſchwarzen Schatten auf die Pinienhecke, und wie ein dunkles Geſpenſt fliegt dieſer Schatten neben der weißen Geſtalt 1 4 4 122 dahin.— Leuchte ihr, leuchte ihr, Mond, daß ſie Ihn findet, den ſie ſucht, leuchte ihr, daß ſie noch einmal ſich Aug' in Auge ſehen, noch einmal, eh' ſie ſcheiden auf ewig! Jetzt biegt ſie im raſenden Lauf um die Ecke der Allee, und nun tönt ein ſchrillender Entſetzensſchrei von ihren Lippen, und ſie ſtürzt zur Erde nieder neben dieſer Geſtalt, die da lang hingeſtreckt am Boden liegt. Ja, er iſt es, Er, den ſie liebt, Er, der die Seele ihrer Seele, das Leben ihres Lebens iſt! Und er liegt kalt, regungslos da, das ge⸗ brochene Auge blickt ſtarr empor zum Himmel, die bläulichen Lippen ſind halbgeöffnet, und Todesgeſtöhn zittert aus ihnen hervor. Noch lebt er alſo, und das Blut, das aus dieſen zwei Wunden hervorſtrömt, iſt noch warm. Sie neigt ſich über ihn, ſie küßt ſeine erkaltenden Lippen, ſie reißt das weiße Spitzentuch von ihren Schultern, und drückt es auf ſeine Wunden, um das ſtrömende Blut aufzuhalten. Das Tuch wird pur⸗ purroth von ſeinem Blute, aber ſeine Lippen werden bleicher, ſelbſt unter ihren Küſſen.— Sie fühlt's, ſie fühlt's, daß da neben ihr ein Anderer iſt, der dieſe Lippen küßt, und dieſer Andere iſt der Tod. Sie fühlt, wie ſeine Glieder erſtarren, wie das Todtenröcheln allmälig verhaucht. Oh nimm mich mit Dir! Nimm mich mitt ſchreit ſie in wahn⸗ ſinnigem Schmerz, ihn umklammernd mit ihren Armen, ſein Antlitz überſtrömend mit ihren Thränen, die Bächen gleich aus ihren Augen ſchießen. Nimm mich mit Dir! Habe Erbarmen mit meinem Jammer! Löſe meine Seele, die in Deiner Seele lebte, auf, daß ſie mit Dir entflattere! Oh Geliebter, nur Ein Wort, einen letzten Blick! Geh nicht von hinnen, ohne mir Lebewohl geſagt zu haben. Du ſchweigſt! Du antworteſt mir nicht? Sie ſtarrt ihn an in athemloſer Erwartung, und dann, wie er ſchweigend, regungslos da liegt, ſchleudert ſie ihre Arme gen Himmel empor, und ruft in wilden Jammertönen: mein Gott, mein Gott, nimm ſeine fliehende Seele nicht auf, bevor ſie mir nicht den Troſt gegeben hat, mir zu ſagen, wann ich ihr folgen werde! Nimm ſeine fliehende Seele nicht auf, halte ſie ſeſt auf ſeinen Lippen, daß ſie noch einmal zu mir ſprechen! Ihre Arme ſinken hernieder und legen ſich wieder um ſeine Ge⸗ ſtalt, ihr Haupt lehnt matt an ſeinem erkaltenden Geſicht, und ihre Lipp und nüich halt zuri gen, lett ſein dät ohn 123 Lippen flüſtern mit flehendem Liebeston: höre mich, mein Geleebter, und ſprich zu mir. Sag mir, daß ich Dir folgen werde, daß Du müch bald zu Dir rufen willſt, daß— Plötzlich verſtummt ſie, denn ihre Arme, welche ihn umſchlungen halten, fühlen das leiſe Erzittern ſeiner Geſtalt, fühlen, daß das Leben zurückkehrt. Erſchaudernd vor Entzücken neigt ſie ſich über ihn; ſeine Au⸗ gen, welche vorher gebrochen waren, ſind jetzt auf ſie gerichtet mit einem letzten, flammenden Strahl der Liebe, und ein ſanftes Lächeln umzittert ſeine Lippen. Und auf einmal hebt ſich das Haupt langſam in die Höhe, richtet der Oberkörper ſich, wie von galvaniſcher Kraft getrieben, ohne Stütze der Arme, ſteif und langſam empor. Sie ſchlingt ihre Arme um die ſitzende Geſtalt, die ſie anſtarrt aus großen, weit geöffneten Augen. Nun bewegen ſich ſeine Lippen, die Liebe hat den Tod von hinnen hinweggeküßt, die Liebe läßt ſie noch einmal ſprechen. Wie Geiſtergeflüſter, tönt's an ihrem Ohr: Auf Wiederſehn, Ge⸗ liebte, auf Wiederſehn in drei— Die Geſtalt ſinkt, wie vom Blitz getroffen, Todesſchrei tönt's noch einmal von den Lippen, l Drei!— Dann fällt die Geſtalt bewegungslos und kalt zurück, das Leben iſt entflohen; die Liebe hat die Seele auf einen Moment zurück⸗ zurufen vermocht, aber ſie konnte den Tod nicht bannen! Er hat ſein Opfer hinweg geführt! Sie weint nicht, ſie klagt nicht! Sie neigt ſich über ihn, und ſchließt mit ihren Lippen ſeine Augen, ſie küßt ſeinen Mund zum letz⸗ ten Lebewohl, und wie ſie das thut, trinken die Spitzen ihrer Locken von ſeinem Blut, das dann, als ſie ihr Haupt empor hebt, langſam auf ihre Schultern niedertröpfelt. Sie nimmt das Tuch, das ſie auf ſeine Wunden gelegt, und das jetzt ganz durchzogen iſt von ſeinem Blut. Mein Purpurmantel! ſagt ſie mit einem traurigen Lächeln, indem ſie das blutige Tuch an ihre Lippe drückt. Mein Purpurmantel! Ich will und werde niemals einen andern tragen, das ſchwöre ich Dir, mein Geliebter. Mit dieſem Purpurmantel ſollen ſie mich in den Sarg legen. In drei Tagen alſo bin ich bei Dir! Lebewohl! Auf Wie⸗ derſehen in drei Stunden, oder in drei Tagen! Lebewohl bis dahin! zurück, wie ein letzter aut und ſchallend: 124 Sie küßt ſeine Lippen zum letzten Mal, und richtet ſich empor. Die Thränen ſind in ihren Augen erloſchen, ruhig, faſt heiter iſt ihr Blick. Langſam wandelt ſie die Allee empor, die zu dem Schloſſe führt. Ihr Fuß berührt kaum den Boden, ihre Geſtalt ſcheint zu ſchweben im Mondenſchein. Ihr Haupt hat ſie zurück gelehnt, ihr Blick iſt gen Himmel gewandt, als ſuche ſie da die Seele ihres Ge⸗ liebten als Stern am Himmel wieder. Der Mond geht langſam in goldener Fülle mit ihr und beleuch⸗ tet ihren Pfad, und ſie ſchaut ihn an und flüſtert: drei! Gott gebe, daß er drei Stunden gemeint hat! Drei Tage wären eine Ewigkeit! So wandelt ſie langſam dem Schloſſe zu, und wie ſie ſich dem⸗ ſelben nähert, ſchlüpft eine Frauengeſtalt da drüben aus dem Gebüſch hervor, und eilt zu ihr hin. Um Gotteswillen, eilen Sie! Die Seitenpforte iſt offen! Noch ſchläft Alles im Pallaſt! In drei Stunden werde ich auch ſchlafen, ruft ſie mit lautem Jubelton, und ſinkt dann bewußtlos zuſammen.*) IV. Iſabella von Parma. Prinzeſſin Iſabella hatte heute Morgen ungewöhnlich lange ge⸗ ſchlafen, und ihre Kammerfrauen, welche ſonſt gewohnt waren, ſchon in der Frühe des Morgens von der Klingel ihrer Herrin gerufen zu werden, warteten heute Stundenlang vergeblich auf ihren Ruf. Die erſte Cameriera machte ein unruhiges und ſorgenvolles Geſicht und flüſterte ihren Gefährtinnen ihre Beſorgniß zu, die Prinzeſſin werde krank ſein, denn ſchon ſeit mehreren Tagen ſei ſie ungewöhnlich bleich und trübe geweſen, habe ihr ganzes Weſen ermattet und ſiech geſchienen. Ich werde ſie wecken, ſagte die Aja endlich nach dreiſtündigem *) Karoline Pichler. Denkwürdigkeiten ans meinem Leben. Thl. I. S. 139. 125 Warten, ja ich werde ſie wecken! Es iſt faſt ſchon die Stunde, in welcher die Prinzeſſin zum Herzog zu gehen pflegt, und Se. königliche Hoheit würden ſehr ungehalten darüber ſein, wenn die Prinzeſſin ſich eine Unregelmäßigkeit zu Schulden kommen ließe. Folgen Sie mir alſo, meine Damen. Es iſt Zeit, die Prinzeſſin anzukleiden! Sie öffnete leiſe die Thür zu dem Schlafzimmer der Prinzeſſin und trat, gefolgt von den vier Kammerdamen, in das Gemach ein. Sie ſchläft noch! flüſterte die Oberhofmeiſterin, die Vorhänge ſind noch geſchloſſen. Aber ich muß ſie wecken, es iſt meine Pflicht! Und ſie näherte ſich entſchloſſen dem von ſchweren roſenfarbenen Seidenvorhängen umgebenen Lager der Prinzeſſin. Vorſichtig ſchlug ſie die Vorhänge auseinander, indem ſie leiſe flüſterte: Hoheit verzeihen, daß ich— Plötzlich verſtummte ſie, denn zu ihrer größten Ueberraſchung fand ſie, daß die Prinzeſſin nicht ſchlief. Sie lag da in dem langen weißen Nachtgewand, das über dem Buſen und an den Händen mit röthlichen Schleifen geſchloſſen war. Ihre Hände ruhten gefaltet auf ihrer Bruſt, ihr Haupt lag ſanft zurückgelehnt auf den ſeidenen Kiſſen, deren roſige Farbe wunderbar kontraſtirte zu der Bläſſe ihrer Wangen, und zu den ſchwarzen Locken, die in vollen Garben ihr ovales, zartgeſchrüttenes Antlitz umringelten! Ihre Augen, dieſe großen glühenden ſpaniſchen Augen, waren weit geöffnet, und blickten mit einem ſtarren Ausdruck empor zu dem Bilde der heiligen Jungfrau, das am Plafond ihres Himmelbettes angebracht war. Langſam nur und widerſtrebend wandte die Prinzeſſin jetzt ihre Augen auf die Oberhofmeiſterin, die noch im⸗ mer mit erhobenem Arm den Vorhang geöffnet hielt, während die Kammerfrauen, weiter rückwärts ſtehend, mit neugierigen Blicken hinüber ſchauten zu dem roſigen Lager, auf dem die bleiche, ſtille Fürſtin ruhte. Hoheit mögen vergeben, daß ich zu ſtören wagte, erwiderte die Aja auf die Frage der Prinzeſſin, die ſie indeſſen nicht mit den Lippen, ſondern mit den Augen gethan. Es iſt ſchon ſpät am Morgen und— Wie viel Uhr iſt es? fragte die Prinzeſſin. Es iſt neun Uhr! 1 Die Prinzeſſin zuckte leicht zuſammen und ſagte mit lauter feier⸗ licher areume: alſo in drei Tagen erſt! Dann ſchaute ſie wieder empor —— ——— 126 zu dem Bilde der heiligen Jungfrau, und ihre Lippen flüſterten leiſe Gebete, die Niemand außer Gott verſtand. Als ſie ihr Gebet vollendet, richtete ſie ſich langſam von ihrem Lager empor und ſtrich mit ihrer ſchmalen weißen Hand die ſchwarzeu Locken von ihren Wangen zurück. Ich will mich ankleiden, ſagte ſie, und ſofort eilten die Camerieren herbei, um ihrer jungen Herrin behülflich zu ſein.— Dieſe Morgen⸗ toilettenſtunde der Prinzeſſin war ſonſt für ihre Dienerinnen die ſchönſte und lieblichſte des ganzen Tages geweſen. Da hatte Jſabella mit ihnen geſchwatzt und getändelt, gelacht und geſungen, da hatte ſie ſich erlaubt das junge, unbefangene Mädchen zu ſein, die mit ſtrahlenden Augen dem Tage entgegen ſchaut, mit einem Lächeln auf den roſigen Lippen jede Stunde begrüßt. Bei der Morgentoilette war aller Zwang und alles Ceremoniell, war die ſpaniſche Etiquette aus dieſem Zimmer ver⸗ bannt geweſen, und erſt, wenn Jſabella die Schwelle deſſelben über⸗ ſchritten, hatte ſie ſich wieder ihren Geſetzen untergeordnet und war wieder die Prinzeſſin geworden. Wie ſchön, wie köſtlich waren dieſe Stunden geweſen, wie liebrei⸗ zend war Iſabella ihren jugendlichen Freundinnen und Geſpielinnen er⸗ ſchienen, wenn ſie mit ihnen im leichten weißen Morgengewande, das ihre ſchöne zarte und doch üppige Geſtalt loſe umflatterte, die ſchönen Tänze ihres erſten Vaterlandes, des glühenden ſtolzen Spaniens, tanzte. In Spanien hatte ſie die erſten Tage ihrer Kindheit verlebt, denn da⸗ mals war ihr Vater noch nicht Herzog von Parma, ſondern nur In⸗ fant von Spanien, nur der Sohn ſeines Vaters, des Königs Philipp des Fünften von Spanien geweſen. Aber die Wechſelfälle des Glücks und der Schlachten, welche Neapel und Parma von Oeſterreich losgelöſt, hatten den beiden Söhnen Philipps Throne gegeben. Sein älterer Sohn, Don Carlos, war König von Neapel, ſein jüngerer Sohn, Don Philipp, war ſeit dem Aachener Frieden von 1748 Herzog von Parma und Piacenza geworden. Iſabella, damals ein Kind von ſieben Jahren, hatte mit ihren Eltern und dem Hofe Spanien, das Land des Sonnen⸗ ſcheins, der Lieder, der Tänze und der Schönheit verlaſſen müſſen, aber man hatte ihr erlaubt, ihre Spielgefährtinnen, die Töchter vornehmer, aber armer ſpaniſcher Grands, mitzunehmen nach Parma. Sieswaren leiſe grem rzeu eren gen⸗ nſte fnen nubt igen pen und ver⸗ 127 bei ihr geblieben, als ihre Geſpielinnen, ihre Freundinnen, als lebens⸗ voller Gruß des ſchönen, verſchwundenen Vaterlandes, und nur um der Form und der Etiquette zu genügen, hatte man ſie zu Hofdamen und Camerieren der Prinzeſſin ernannt. Mit dieſen Freundinnen allein war es ihr noch vergönnt geweſen, die ſtolze ſchöne Sprache der Hei⸗ math zu reden, mit ihnen allein durfte ſie ihre ſpaniſchen Lieder ſingen, ihre ſpaniſchen Tänze tanzen, die Verſe der großen ſpaniſchen Dichter recitiren. Mit ihren Freundinnen allein durfte ſie Spanierin ſein, wie ſie mit ihrem Bruder Ferdinand und ihrer erſten Hofdame allein Fran⸗ zöſin ſein durfte. Denn mit dem ſpaniſchen Blut in ihren Adern ver⸗ miſchte ſich das franzöſiſche Blut ihrer Mutter, der Prinzeſſin von Frankreich, der Tochter Ludwigs des Funfzehnten, und verlieh der dunklen glühenden Tochter des Südens die leichte Grazie, die feſſelnde Anmuth, das heitere Lächeln der Franzöſin. So lange ihre ſchöne und geiſtvolle Mutter noch lebte, hatte der Hof ihres Gemahls mehr ein franzöſiſches Colorit getragen, die ſteife Grandezza war aus den Salons der Her⸗ zogin verbannt geweſen, der franzöſiſche Esprit, der franzöſiſche Witz, die franzöſiſche Grazie hatten in denſelben geherrſcht, und nur an den großen Gallatagen hatte die Herzogin ſich der ſteifen und ernſten Eti⸗ quette Spaniens unterworfen. Aber ſeit einigen Jahren war Iſabella von Parma dieſer ihrer edelſten und geliebteſten Freundin beraubt, hatte ſie dem Tod ihr ſchönſtes und heiligſtes Erdengut, ihre Mutter, dahin geben müſſen, und ſeit Eliſabeth von Frankreich in die herzogliche Gruft hinab geſenkt worden, war auch das franzöſiſche Weſen und die fran⸗ zöſiſche Sprache am Hofe des Herzogs von Parma verſtummt. Der Herzog hätte ſeine Gemahlin ſo ſehr geliebt, flüſterten die Hofleute, daß jede Erinnerung an ſie ſeinen Schmerz um ſie erneuere, und des⸗ halb habe er das ſtrenge Verbot erlaſſen, daß im herzoglichen Pallaſt nie mehr die franzöſiſche Sprache geſprochen werden ſolle. Der Herzog hätte ſeine Gemahlin ſo wenig geliebt, flüſterten Diejenigen, welche dem Hofe ferner ſtanden, er habe ſie ſo oft gekränkt, ſo viel gemartert und gequält mit ſeiner italieniſchen Eiferſucht und ſeiner ſpaniſchen Grandezza, daß ſie endlich geſtorben ſei vor Gram, und deshalb ſei jede Erinnerung an ſie ihm wie ein bitterer Vorwurf, und deshalb ſei die franzöſiſche Sprache von ſeinem Hofe verbannt. Aber ihre Kinder — 128 hatten die Erinnerung an dieſe holde und ſchöne franzöſiſche Mutter treu und feſt in ihrem Herzen bewahrt, und wenn die Infantin Iſabella allein war mit ihrem Bruder Don Fernando, dann ſprachen ſie, dem Verbot ihres Vaters zum Trotz, in der Sprache ihrer Mutter, das war ihnen dann, als ob ſie ſelber wieder bei ihnen ſei, und ſie wieder⸗ holten ſich die reizenden Fabeln Lafontaine's, die ihre Mutter ſie gelehrt, und recitirten zuſammen die erhabenen Verſe Racine's und Corneille's, mit deren Werken ihre Mutter ſie vertraut gemacht. Aber wenn ſie mit ihrem Vater zuſammen den Hoffeſten präſidirten, da durften ſie weder Franzoſen noch Spanier ſein, da mußten ſie die Sprache des Volkes reden, deſſen Herrſcherfamilie ſie geworden, und die Infantin Iſabella, mit dem dunklen ſpaniſchen Teint und den tiefernſten, flam⸗ menden ſpaniſchen Augen, mit dem feingebildeten franzöſiſchen Geiſt und der leichten franzöſiſchen Grazie, durfte ſich dann nur als Italiänerin fühlen und zeigen, und mit ihrem Hof nur die Sprache ihres neuen Vaterlandes ſprechen, das ſie indeſſen liebte um ſeiner Muſik, ſeiner Gemälde und Statuen willen, von denen letztern der herzogliche Pallaſt, Dank dem Kunſtſinn der verſtorbenen Herzogin, ſo auserleſene Schätze beſaß, daß ſie noch in unſern Tagen im Muſeum zu Neapel als die „fiore della ducale galeria Parmese“ berühmt ſind. Und Jſabella ſelbſt war eine Künſtlerin, ſie hatte es in der Malerei und Muſik zu einer ſeltenen Meiſterſchaft gebracht,*) und wenn ſie mit bezaubernder Stimme, mit hinreißendem Feuer die Arien Pergoleſe's, Righini's oder Scarlati's ſang, wenn ſie mit überraſchender Treue, Wahrheit und Kraft die großen Werke Correggio's oder Veroneſe's copirte, dann war ſie Otaliänerin, und war ſtolz und glücklich es zu ſein. So war Jſabella von Parma noch bis geſtern geweſen, in ihren Gemächern die glühende, phantaſtiſche, leidenſchaftliche, und dann wie⸗ der neckiſche und naive Spanierin, in den Salons die geiſtvolle, gra⸗ ciöſe, feine Franzöſin, in den Hallen der Kunſt die tiefgebildete begei⸗ ſterte Italiänerin. Was war ſie heut? Ein bleiches, kaltes, ſtummes Frauenbild, mit einem Antlitz ſo kalt und ſteinern wie Marmor, mit Augen, in denen *) Wraxall. Memoirs of the Courts of Berlin, Vienna ete. II. S. 389. 4 wieder verlaſſen durfte, ſandte ſie zu ihrem Vater, und begehrte von ihm eine Unterredung. Man hatte ihr geſagt, daß er während ihrer Krankheit oft in ihr Zimmer gekommen und Stundenlang an ihrem Lager geſeſſen, aber nicht ein einziges Mal, ſeit ihr Bewußtſein zurück⸗ gekehrt, war er zu ihr gekommen, nicht ein einziges Mal hatte er ihr einen Gruß, ein Wort der Liebe geſandt. Jetzt forderte Iſabella von ihm eine Unterredung und er verwei⸗ gerte ſie ihr nicht. Er ließ ihr ſagen, daß er ſie ſogleich erwarte. Die Prinzeſſin ſchrak zuſammen, und eine tödtliche Bläſſe bedeckte ihre Wangen. Mein Gott, mein Gott, murmelte ſie, werde ich denn die Kraft haben, ihn wiederzuſehen, ihn, den— Sie verſtummte, in ſich erſchauernd, und ſchloß die Augen, um das furchtbare Bild nicht zu ſehen, das da plötzlich wieder in aller Ge⸗ walt der Wirklichkeit dch ihr darſtellte.— Aber ſie wehrte es von ſich, ſie mußte in dieſer Stunde beſonnen und ruhig ſein, denn es galt ihrem Vater gegenüber zu treten, und von ihm eine letzte Gnade zu erflehen. Sie raffte ſich empor, ſie zwang ſich ruhig zu ſein, und mit hoch⸗ gehobenem Haupt und ſtolzer ernſter Haltung ſchritt ſie durch die Ge⸗ mächer dahin, trat ſie in das Cabinet ihres Vaters ein. Herzog Philipp von Parma war ganz allein in ſeinem Cabinet, als die Prinzeſſin zu ihm eintrat. Er ſtand in der Mitte des Gemaches und ſchaute mit feſten düſtern Blicken hinüber zu ſeiner Tochter. Sein ſchmales dürres Antlitz ſchten ihr, feit ſie es nicht geſehen, noch bleicher und dürrer geworden, ſeine großen ſchwarzen Augen lagen noch tiefer in ihren Höhlen, ſeine Lippen waren noch farbloſer, ſeine ſchlanke hagere Geſtalt ſchien ihr noch größer geworden.— Wie ein Fremder, Ver⸗ wandelter erſchien ihr der Herzog, und ſie fand nicht den Muth ſich ihm zu nähern. Traurig und kraftlos lehnte ſie an der Thür, bewe⸗ gungslos ſtand der Herzog in der Mitte des Gemachs und erwartete ihr Kommen Endlich nach einer langen Pauſe, ſtreckte der Herzog ſeine Hand aus. Komm her zu mir, Jſabella, ſagte er gebieteriſch. Iſabella machte einige Schritte vorwärts, ſie näherte ſich, ſie war ſchon im Begriff die ausgeſtreckte Hand ihres Vaters zu ergreifen, — 136 dann aber ſchauderte ſie zurück, ihre Arme fielen kraftlos an ihrer Seite nieder, und ganz unbewußt vielleicht murmelte ſie: nein, nein, ich kann dieſe Hand nicht berühren! Ich kann es nicht! Der Herzog ließ ſeine Hand langſam niedergleiten, und eine fin⸗ ſtere Zorneswolke lagerte auf ſeiner Stirn. Was wollteſt Du von mir? fragte er mit hartem, rauhem Ton, weshalb ließeſt Du mich um eine Audienz bitten? Iſabella, welche bis jetzt mit geſenkten Augen ihrem Vater gegen⸗ über geſtanden, ſchaute empor, ihre Blicke begegneten denen ihres Vaters, und ruhten lange und feſt auf den ſeinen. Ich habe Ihnen eine Bitte vorzutragen, mein Vater, ſagte die Prinzeſſin endlich. Er neigte ſein Haupt mit gravitätiſchem Ernſt. Sag' Deine Bitte! Iſabella athmete hoch auf. Ich erſuche meinen Herrn Vater, mir zu erlauben, daß ich mich in ein Kloſter zurückziehen, und den Schleier nehmen darf, ſagte ſie. Und weshalb das! fragte der Herzog ruhig. Um die wenigen Tage, die ich noch auf Erden zuzubringen habe, dem Dienſt des Herrn und dem Gebet zu weihen. Mädchenthorheit! Verliebte Schwärmereien! rief der Herzog mit einem verächtlichen Lächeln, indem er langſam im Zimmer auf und ab⸗ zugehen begann. Iſabella ſtand ſchweigend da und erwartete gelaſſen ſeine Antwort. Auf einmal blieb der Herzog vor ihr ſtehen, und ſeine finſtern ſtechenden Blicke ruhten mit einem harten, gehäſſigen Ausdruck auf ihr. Ich kann Dir Deine Bitte nicht erfüllen, ſagte er. Ich habe andere Pläne mit Dir vor. Die Enkelin des Königs von Spanien darf nicht als Büßerin in einem Kloſter ſterben, Niemand darf ahnen und wiſſen, daß ſie etwas abzubüßen hat, und wenn ſie in ihrer Ver⸗ gangenheit einen dunklen Fleck findet, ſo muß ſie ihn mit dem Purpur, und nicht mit den Nonnenſchleier verhüllen wollen. Ich habe keinen Ehrgeiz, mein Vater, ſagte ſie ſauft. Ich wieder⸗ hole meine Bitte: erlauben Sie mir in ein Kloſter zu gehen, und den Schleier zu nehmen! Und ich wiederhole Dir meine Antwort: ich kann Dir Deine Bi 187 te nicht erfüllen, denn ich habe andere Pläne mit Dir vor. Ich habe in keinen Ehrgeiz für Deine Perſon, aber ich habe Ehrgeiz für mein Haus, der Tochter des Herzogs von Parma darf und will ich es nicht ge⸗ n⸗ ſtatten, als Nonne zu ſterben. Ein anderes Geſchick iſt ihr vorbehalten. Eine große europäiſche Macht hat bei mir angefragt, ob ich ihr für den n, Sohn und künftigen Thronerben die Hand meiner Tochter bewilligen wolle, und ich habe beſchloſſen dieſe Frage zu bejahen. ⸗ Aber das Schickſal wird dieſe Frage verneinen. Das Schickſal wird erbarmungsvoller ſeint, als Sie, mein Vater. Ich ſage Ihnen, ich habe nur noch kurze Zeit zu leben, in wenig mehr als einem Monat e werde ich ſterben. So ſtirb! rief er rauh, aber ſtirb unter dem Purpur und nicht im — Bußgewande. Ich verſage Dir meine Einwilligung! Du ſollſt nicht in ein Kloſter gehen! Niemand auf Erden hat das Recht, ein Herz, das ſich Gott ge⸗ lobt, ihm entreißen zu wollen, ſagte ſie erglühend. Wenn Ew. Hoheit mir Ihre Einwilligung verſagen, ſo werde ich zu Gott flüchten auch ohne Ihre Erlaubniß. Und ſo mächtig Ihre Hand auch iſt, Sie wer⸗. den doch nicht die Macht haben, die Braut des Herrn von dem Altar ₰ fortzureißen!/ Ah, Du wagſt es, mir zu drohen! rief der Herzog ingrimmig. Du gedenkſt Dich aufzulehnen gegen meine väterliche Autorität. Wiſſe aber, daß ich alsdann Dich ſtrafen würde, wie es Dein Verbrechen verdient, als Hochverrätherin, deren Haupt auf dem SchafoFotte fällt! Ich fürchte den Tod nicht, ſondern ich hoffe auf ihn! ſagte ſie mit einem traurigen Lächeln. Ah, es iſt wahr, Du haſt dieſe ſchwärmeriſche Mädchenphantaſie, 1 ſterben zu wollen. Aber höre, was ich Dir jetzt noch zu ſagen habe! Merke wohl auf! Ich will Dir eine Geſchichte erzählen, welche geſchehen iſt,— während Du krank warſt.— Der Sohn einer der älteſten und edelſten Familien dieſes Landes, der einzige Sohn ſeiner alten Eltern und die Stütze ſeiner noch unvermählten Schweſter, hatte ſich, ſeiner Pflicht, ſeiner Ehre und den Geſetzen zum Trotz, in ein— Complott eingelaſſen, er hatte ein Verbrechen begangen, das gleich iſt mit dem Vatermord,— er war ein Verräther an ſeinem Landesherrn geworden. — Ich erfuhr's, man verrieht ihn mir. Unleugbare Beweiſe ſeiner Schuld lagen mir vor, ich überzeugte mich mit meinen eigenen Ohren und Augen von ſeinem Verbrechen. Er war ein Hochverräther, er hatte den Tod verdient, ich hätte ihn ergreifen, vor Gericht ſtellen und zum Tode verurtheilen können, er würde als ein Verbrecher auf dem Schaffot gefallen ſein! Aber ich hatte Mitleid mit ſeinem Hauſe, ich wollte die Ehre ſeines Vaters und ſeiner Familie nicht beflecken. Statt ihn öffent⸗ lich zu verurtheilen, ſtrafte ich ihn in der Stille, denn in meine Hand hat Gott das Amt gelegt zu ſtrafen und zu richten. Ich war ſein von Gott beſtellter Richter, und aus Erbarmen verurtheilte ich ihn zu einem ſtillen geräuſchloſen Tode. Soll ich Dir jetzt den Namen dieſes Hoch verräthers nennen? Nein, nennen Sie ihn nicht, rief ſie todesbleich. Laſſen Sie dieſen Namen nicht über Ihre Lippen gehen, indem ſie ihn einen Hochver⸗ räther nennen! Höre weiter! Dieſer Hochverräther, den ich richtete, kraft des Ge⸗ ſetzes und meiner mir von Gott verliehenen Macht, dieſer Hochverräther hat eine Mitſchuldige. Gott hat ſie ſo geſtellt, daß ich ſie nicht ſtrafen kann und will in ihrer eigenen Perſon. Aber wenn ſie es wagt ſich mir zu widerſetzen, wenn ſie nicht ſtumm und gehorſam meinen Befehlen genügt, wenn ſie nicht ohne zu murren, lächelnd ſogar meinen Forde⸗ rungen entſpricht, und pünktlich meine Wünſche erfüllt, ſo werde ich ſie ſtrafen, nicht in ihrer eigenen Perſon, aber an der Familie ihrer Mitſchuldigen. Ich werde alsdann kein Mitleid mehr haben, ich werde das Verbrechen ihres ſchon begrabenen Mitſchuldigen aller Welt ver⸗ kündigen, ich werde die Güter des Hochverräthers, welche dem Geſetz verfallen ſind, einziehen, ich werde ſeinen Namen brandmarken mit dem Stempel der Schande und des Verbrechens, ich werde ſeine Eltern und ſeine Schweſter, die dann nichts mehr beſitzen werden als einen entehrten Namen, aus meinen Landen verbannen, und ſie mögen in der Fremde betteln gehen, ich— Halten Sie ein, mein Vater, rief die Prinzeſſin todesbleich, an allen Gliedern bebend, halten Sie ein. Ich bin bereit zu thun, was Sie befehlen, bereit mich zu vermählen, wenn Gott mich dazu verdammt, noch länger zu leben. Ich werde in allen Dingen Ihren Befehlen ge⸗ — huld und atte zum nfſot — 3 139 horchen, nur verſprechen Sie mir alsdann, der Familie des— Ver⸗ ſtorbenen Ihre Gnade zu erhalten, ſeinen Namen nicht zu beſchimpfen, den Eltern ihre Güter zu laſſen, die Tochter zu beſchützen und ihr ehrenvolle und glänzende Stellung an Ihrem Hofe ſprechen Sie mir dies, und ich bin bereit, Befehlen zu unterwerfen. Ich verſpreche Dir, ſeine Familie Verbrechen des Sohnes nicht an ihnen zu rächen, ſondern es zu vergeſſen. Dann, mein Vater, willige ich darein, mich nicht Gott, ſondern dem Manne zu verloben, welchen Ew. Königliche Hoheit mir beſtim⸗ men wollen. Nur wiederhole ich Ihnen, mein Leben wird nur von kurzer Dauer ſein, in wenigen Wochen ſchon wird Gott mich erlöſen! Warten wir es ab, ſagte der Herzog achſelzuckend und lächelnd. Ja, warten wir es ab, wiederholte Iſabella. Ew. Hoheit haben zu beſtimmen, wann ich mich zu verloben habe! Ich erwarte Ihre Befehle! Und ſomit danke ich Ihnen für die Gnade dieſer Audienz, und bitte um die Erlaubniß mich 5 Weiter alſo haſt D eine zu geben. Ver⸗ ſo lang' ich lebe, mich Ihren in Ehren zu halten, und das urückziehen zu dürfen. un mir nichts zu ſagen? fragte der Herzog faſt traurig. Nein, weiter habe ich dem Herrn Herzog nichts verneigte ſich ehrfurchtsvoll, und wandte ſich noch einmal anzuſchauen, der Thür zu. Der Herzog ſchaute ihr mit düſtern Bl verloren, murmelte er leiſe. zu ſagen!— Sie dann, ohne den Herzog icken nach. Ich habe ſie Mit ihm iſt mir auch meine Tochter geſtorben!— Ach, ach, mag es ſo ſein! Beſſer ein todtes Kind, als durch ſie eine Mesalliance in meinem Stammbaum! Und der Herzog ſchellte nach ſeinem Kammerdiener, und befahl ihm den Oberjägermei ſter zu rufen, damit dieſer von ihm die Ordre zu einer großen Treibjagd erhalte.— Prinzeſſin Jſabella hatte den Herzog verſprochen, das Leben zu ertragen, und ſie ertrug es. Nur hoffte ſie in der Stille, daß, wenn die ſein würden, ihr Geſchick angenommen. Sie hatte drei Monate verfloſſen der Tod ſie erlöſen würde von dieſem Daſein, das für ſie keinen Reiz und keinen Mittelpunkt mehr habe. Nur zählte ſie mit 5 3 ſehnſuchtsvoͤllem Bangen jeden Tag, fügte Woche zu Woche, und war⸗ tete mit bitterſüßem Schmerzge ühl auf ihre Erlöſung. ¹ zgefuh ““ 140 Und endlich kam der Tag, von welchem ſie dieſe Erlöſung hoffte, endlich war der dritte Monat verfloſſen, und heute konnte der Tod kommen, ſie heimzuführen zu dem„Wiederſehen in drei Monaten!“ Sie erwartete ihn mit ſchmerzlich ſüßem Zittern, ſie ließ ſich zu ſeinem Empfange ſchmücken, wie eine Brautz; ein weißes Atlasgewand, das dunkle Haar geſchmückt mit blühenden Orangezweigen, ein Bouquet von Orangen am Buſen, ſo erwartete ſie ihn! Sie war wunderbar lieblich und rührend zugleich anzuſchauen, und ihre Freundinnen fllſſter⸗ ten, indem ſie mit bewundernden Blicken ſie anſchauten, leiſe unterein⸗ ander, und warfen ſich verſtohlene Blicke des Einverſtändniſſes zu. Iſabella beachtete und verſtand ſie nicht: Sie, welche den Tod erwartete, kümmerte ſich,„Aar nicht um das, was vielleicht ſonſt im Innern des Pallaſtes ſich begab. Und doch hatte ſich Etwas begeben, welches wohl ihrer Beachtung werth geweſen. Es befanden ſich ſeit geſtern im Pallaſt Gäſte, welchen gekommen waren, dem Schickſal Iſabellens eine andere Wendung, ein neues Ziel zu geben. Die Gäſte waren die Abgeſandten der Kaiſerin Maria Thereſia, welche für den Erzherzog Joſeph die Hand der Infantin Jſabella von Parma erbitten ſollten. 4 Der Herzog hatte ſie ſchon empfangen, er hatte dem Grafen Batthiany, welcher im Namen der Kaiſerin ihm die Werbung vorge⸗ tragen, ſchon die Hand ſeiner Tochter zugeſagt, aber er hatte den Grafen erſucht, mit ſeiner perſönlichen Werbung bei der Prinzeſſin bis zum nächſten Tage zu warten. Mit einer grauſamen Verhöhnung der „mädchenhaften Schwärmerei“ Iſabellens, wollte er grade an dem Tage, an welchem ſie den Tod erwartete, ihr den irdiſchen Bräutig zuführen, ſollte der Nonnenſchleier ſich ihr in das Kaiſerliche Br diadem verwandeln. Der ganze Hof kannte bereits die neue Beſtimmung der Prin⸗ zeſſin, nur Iſabella ahnte nichts davon.— Sie hatte ſich zurückgezogen in ihr Arbeits⸗Cabinet, und dort, jeden Schlag ihres Herzens, jedes Leben und Zucken ihrer Pulſe beobachtend, erwartete ſie den Tod. Sie hoffte anf irgend ein unvermuthetes, ungeahntes Ereigniß, welches ihn ihr bringen ſollte. Die Decke ihres Zimmers konnte einſtürzen, und ſie 4 8 ₰ n 141 unter ihren Trümmern begraben. Ein Schlagfluß konnte ihr Herz er⸗ ſtarren machen, und ſie erlöſen. Sie hoffte auf ein Wunder Gottes, welches ihr das Grab öffnen ſollte. Sie hoffte, wartete und betete! Da ward ſie durch lautes Klopfen an der Thür aus ihrer träumeriſchen Todesruhe aufgeſchreckt und die Stimme ihres Vaters begehrte Einlaß. Die Prinzeſſin, eingedenk ihres Schwures, bis an's Ende ihres Lebens ihres Vaters Befehlen gehorſam zu ſein, öffnete die Thür, und der Herzog trat ein. Mit einem leiſen, ſpöttiſchen Lächeln überflog er ihre Geſtalt. haſt Dich als Braut geſchmückt, ſagte er mit eiſigkaltem Ton, und dieſe Toilette ziemt Dir gerade heute ſehr wohl, denn hrute wirſt Du eine Braut werden. Nicht eine Braut des Todes, wie Da in alberner Phantaſterei hoffteſt, ſondern die Braut des Erzherzogs Joſeph von Oeſterreich, welcher Dich einſt zu einer Kaiſerin machen wird. Die im großen Höre wohl, gefolgt von bis in die Du Geſandten der Kaiſerin erwarten uns mit unſerm Hof Empfangsſaal. Gieb mir Deine Hand und folge mir. was Du zu thun haſt. Sobald Du an meiner Hand, Deinen Damen, welche im nächſten Zimmer unſerer harren, biſt, werden die Geſandten ſich Anwerbung Dich bitten, ewilligen. Du wirſt Mitte des Thronſaales geſchritten nahen, wird der Graf Batthiany in feierlicher dem Erzherzog das Jawort Deiner Liebe zu b ihm ſodann Deine Einwilligung geben, und ich verlaſſe mich auf Deinen Takt und Deinen Geiſt, daß Du ihm ſchicklich, und wie es einer Prin⸗ zeſſin unſers Hauſes geziemt, antworten wirſt. Und werden Ew. Königliche Hoheit alsdann Ihres Verſprechens eingedenk ſein? fragte Iſabella ruhig. Werden Sie ſeine Eltern gim Beſitz ihrer Güter und ihres geehrten Namens laſſen, wer⸗ ungeſtörten 2 den Sie ſeiner Schweſter am Hofe eine ehrenvolle Stellung be⸗ Neigung vermählen? reiten, und ſie ſtandesgemäß und nach ihrer 2 Ich werde das Alles treulichſt erfüllen, ſobald auch Du Deinen Schwur erfullſt. Sie neigte leiſe ihr Haupt. gehen, Herr Herzog, wo die Geſandten uns erwarten! Der Herzog reichte ihr die Hand dar, ſie aber ſchien es nicht zu —. 3 So laſſen Sie uns in den Thronſaal 4 142 fehen, ſondern ſchritt ernſt und ſtolz, einſam und allein an ſeiner Seite dahin. Im andern Zimmer harrte ihrer die Oberhofmeiſterin miteden Damen und Capalieren, welche im feierlichen Zuge dem Fürſtenpaar ſich anſchloſſen. Ernſt uͤnd ſchweigend bewegte ſich der feierliche Zug durch die glänzenden Gemächer dahin, voran der Herzog anit den finſtern bleichen Zügen, ihm zur Seite die Prinzeſſin mit dem edlen, ruhigen, würde⸗ vollen und rührend ſchönen Angeſicht, nach dem Thronſaal hin. In der Mitte deſſelben angelangk blieh die Prinzeſſin ſtehen, wäh⸗ rend der Herzog langſam den— durchſchritt, und auf dem Thron ſeſſel ſich niederließ. Und jetztenahten ſich der Infantin die Geſandten der Kaiſerin, jetzt trug der Graf Batthiany in feierlicher und wohlgeſetzter Rede ſeine Bitte vor, und warb im Namen des Kaiſers und der Kaiſerin um die Hand Iſabellens für den Thronfolger, den Erzherzog Joſeph. Als der Graf ſchwieg, wandten ſich Aller Blicke auf die Infantin hin, und eine athemloſe Pauſe der Erwartung folgte. Iſabella hatte mit ſtolzer Ruhe der Rede des Grafen zugehört, ihre große dunklen Augen waren mit ernſter Aufmerkſamkeit immer auf das Antlitz des 4 eiſerlichen Abgeſandten gerichtet, und jedes Wort, welches er ſprach, ſcchien ſie erſt zu prüfen und zu erwägen. Jetzt, nach einer langen Pauſe, und während die Augenbrauen des Herzogs ſich ſchon finſter und zornig zuſammenzuziehen begannen, neigte ſie leiſe bejahend ihr Haupt, und ein mattes, trauriges Lächeln umzitterte ihre Lippen. Als ſie dann ſprach, hielt Jeder den Athem an, neigte Jeder ſich in geſpannter Erwartung vor, um kein Wort dieſer ſilterhellen klangvollen Stimme zu verlieren, welche jetzt, wie ein trau riges Abſchiedslied den Saal durchhallte. Ich fühle mich ſehr geſchmeichelt, ſagte ſie, ſehr geehrt durch den auszeichnenden Vorzug über die andern Prinzeſſinnen Europa's, den die kaiſerlichen Majeſtäten mir zu Theil werden laſſen, indem ſie mich zur Gemahlin ihres älteſten Sohnes ausgewählt haben; ich nehme dieſen 1 Voerzug an, obwohl eine ſolche Allianz weit mein Verdienſt und meine Erwartungen überragt. Nux habe ich zu bedauern, daß die Mühe, welche ſie ſich genlacht haben, durchaus wirkungslos iſt, da ich, wie ig, einer Seite n mit? den urſtenpaar er Kaiſerin, Rede ſeine rin um die j. . e Infantin pella hatte dunklen e Intlitz des er ſprach enb maun begun. cheln n Athen dioſe rt dieſer ell traut 3 urd en r?, den ſie mich 1. ne dieſen d meine — C — 10 Müht, „wie che — —— * 4*. 4 1 An olour& Grey Gortrof Chart as Srey 2 V V