— 2 — — 35 ei pbibli t Lei iothe deutſcher, engliſcher und frans ſcher Literatur Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256 Leih- und Leſebedingungen 1. Offensein der Bibliothek. Die Biblio zur Em Ffanaunyme und Rückgabe der Bücher jeden Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreig. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 1 jedem Tag 5 Pf. bezahlt. e Zeit eines Tages iſt zu 24 1 g* den angenommen. ſ 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme 1 eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und ſ beträgt: 3 für wöchentlich 2 2 Büo eher: 4 Bücher: 6 Bü— 5———, 4 auf 1 Monat: 1 M.—— Pr. 1 N r. 50 Pf. 2 N 1 4 2 1 5. Auswärtige Khorbonten haben für Hin⸗ und Zurückſendur ig der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Der Geburtstag Orpheus und Euridice Auf Wiederſehen nach drei Jaßren Che faro senza Euridice Heirathspläne. Heirathspläne. Joſepha von Baiern. Der Hochzeitsabend Eine unglückliche Ehe Herzensangelegenheiten eines Siacksmannes Fürſt Kaunitz und Ritter Gluck Das geſtörte Feſt. Inhalt des zweiten 49 118 129 142 153 164 176 — Erſtes Buch. Jſabella van Parma. Die von den Hef, die herzogs, Es ware Ezſenn Alänzendſt ¹ MNrkn I — atrangiren Vadingen und Dire Sunman her ſonde und Alles daher bei ie tſen ——— ———— .——— —-— — J. Der Traum des G(blückes. Die Hochzeitsfeierlichkeiten waren zu Ende, und Wien ruhte aus von den genoſſenen Freuden dieſer glänzenden Feſte, mit denen der Hof, die Stadt und das ganze Kaiſerreich die Vermählung des Erz⸗ herzogs Joſeph mit der Prinzeſſin Jſabella von Parma gefeiert hatten. Es waren in der That glänzende Feſte, die man zur Ehre der jungeh Erzherzogin gegeben, und bei denen der Hof der Stadt Wien mit dem glänzendſten Beiſpiel v ſchwendungsvoller Pracht vorangegangen war. Maria Thereſia verſtand es, wie wenige Fürſten, glänzende Feſte zu arrangiren und ihrem Volk einen glücklichen Tag zu bereiten. Die erſte Bedingung, welche ſie bei ſolchen Veranſtaltungen ihren Hofmarſchällen und Directoren der Hoffeſte ſtellte, war die: kein Geld zu ſparen, die Summen, welche zu den Arrangements nothwendig ſeien, gar nicht vor⸗ her, ſondern erſt wenn die Feſtlichkeiten beendet ſeien, zu berechnen, und Alles ſo koſtbar und herrlich wie möglich einzurichten. Es waren daher bei dieſer Vermählungsfeier des Erzherzogs acht Tage hindurch die kaiſerlichen Schlöſeer den Wienern ohne Unterſchied des Standes und Ranges geöffnet geweſen, um einzutreten bedurfte es keiner Ein⸗ trittskarte und keiner Erlaubniß vom Hofmarſchallamt, ſondern nur eines anſtändigen, wenn nicht prunkvollen, ſo doch ſaubern Anzuges, und der geſunden Gliedmaßen, um ſich Bahn zu brechen durch dieſe Schaaren von Menſchen, welche ſich durch die Säle vorwärts ſchoben, um in den Ballſaal zu gelangen, in dem ſchon hunderte von Paaren nach dem Schall eines Orcheſters von funfzig Muſikern im Tanze ſich drehten. In der Burg, im großen Saal des Oberhofgerichts, ſe wie Kaiſer Joſeph. 1. Abth. II..— 2 im Luſtſchloß Schönbrunn fanden ſolche Bälle ſtatt, und wenn die glück⸗ hat ſeligen Wiener des Tanzes müde waren, erwarteten ſie die Speiſeſäle, mil wo für dreitauſend Gäſte ſervirt war, wo die herrlichſten Speiſen, die eil glühendſten Weine in ſo großen Maſſen vorhanden waren, daß ſelbſt all der glänzende Appetit der eßluſtigen Wiener ſie nicht zu vertilgen Ii vermochte. 8 Aber die Wiener verſtanden es auch für ſolche kaiſerliche Frei⸗ Vi gebigkeit dankbar zu ſein. Sie hatten die Prinzeſſin bei ihrem Ein⸗ in zug in Wien am Kärnthnerthor, am Stock im Eiſen und am Michaeler⸗ ti platz mit rieſengroßen, in herrlichſter Architectur aufgeführten Triumph des bogen empfangen, ſie hatten aus tauſend und aber enſend Kehlen dertae und jungen Paar ſeine Glückwünſche entgegen gejubelt, als dieſes durch die iüent Straßen dahin zog um ſich zur Trauung bei den Augnſtinern zu be⸗ fanti geben. Sie hatten die Straßen am Tage mit Blumen beſtreut, und 3 am Abend und die Nacht hindurch mit Girandolen und bunten Lampen durch erleuchtet, ſie hatten in allen öffentlichen Localen, und in tanſenden von reige Privathäuſern Feſte arrangirt, ſie hatten ſich ſchaarenweiſe zu der Feſt⸗ ſch darſtellung gedrängt, welche die kaiſerliche Oper im großen Redouten⸗ ſ ſanft ſaal gab, uud zu welcher der Ritter Gluck ein eigenes Singſpiel, die 3 „Tetide“ componirt hatte. Und als zum Beginn der Vorſtellung die ſaß Kaiſerin inmitten des neuvermählten Paares in der Hofloge erſchienen über war, da hatte ein ſo unermeßlicher nicht endenwollender, ſich ſtets aber 3 wieder erneuernder Jubel den Kaiſerhof begrüßt, daß Meiſter Gluck bonr 4 mit aufgehobenem Taktſtock wohl eine Viertelſtunde warten mußte, Jßs bevor er die Ouvertüre beginnen konnte. blic Aber jetzt waren die Feſte beendet, die Jubeltöne verhallt, die Nried Wiener ruhten aus von ihrem Enthuſiasmus, und die kaiſerliche Rech⸗ digen nungskammer zählte die Summen zuſammen, welche die Vermählungs⸗ und feierlichkeiten gekoſtet, und fand mit Entſetzen, daß die Koſten ſich auf— Gart . mehr als eine Million Gulden beliefen. 1 dem Der Kaiſerhof hatte ſich nach Schönbrunn begeben, um dort in das ſtiller Zurückgezogenheit die letzten ſchönen Herbſttage zu genießen, und Stral dem neuvermählten Paar die erſten ſchönen Tage ihrer Liebe in unge⸗ 4 4 jange ſtörter Einſamkeit zu gönnen. 4 ein C Maria Thereſia, die allzeit freigebige und großmüthige Kaiſerin⸗ anſta anſtaunte. Wie lieblich und edel war nicht das O 3 hatte den einen Flügel des Schloſſes von Schönbrunn den Neuver⸗ mählten zur Wohnung überlaſſen, und die Zimmer mit wahrhaft kai⸗ ſerlicher Pracht ausgeſtattet. Die glänzendſten vergoldeten Meubles, alles was der Comfort und Luxus zu erfinden vermocht, ſchmückte die Zimmer der jungen Erzherzogin, köſtliche türkiſche Fußteppiche bedeck⸗ ten den Boden, herrliche Gemälde italiäniſcher Meiſter prangten an den Wänden, und da man wußte, daß die Infantin ſich ſelber mit den Künſten beſchäftigte, war auf beſondern Befehl der Kaiſerin ein reizen⸗ des kleines Maler-Atelier, geſchmückt mit Statuen und Marmorbüſten und ein Muſikſaal eingerichtet, in dem ſich die verſchiedenſten Inſtru⸗ mente befanden, denn da man nicht wußte, welches Inſtrument die In⸗ fantin ſpiele, wollte man ihr die Wahl deſſelben frei ſtellen. Von dem Muſikſaal führte eine Glasthür auf den Balcon, der durch die herrlichſten ſüßduftenden Pflanzen und Blumen in eine große, reizende Laube verwandelt war, und von dem man eine köſtliche Aus⸗ ſicht über den Park, und in weiter Ferne über die von blauem Nebelduft ſanft umſchleierte Stadt genoß. Auf dieſem Balcon befand ſich ſo eben das junge Paar. Jſabella ſaß auf einem der beiden Lehnſtühle, die unter den großen von Blüthen überſäeten Myrthenbäumen ſtanden. Joſeph hatte neben ihr geſeſſen, aber auf einmal war er leiſe von dem Lehnſtuhl auf das kleine Ta⸗ bouret, das vor Iſabellen ſtand, niederg eglitten, und ſchaute jetzt, zu ihren T geg 1 jetzt, 3 Füßen ſitzend, lächelnd zu ihr empor. Es war ein wundervoller An⸗ blick, dieſe Zwei zu ſehen, die da unter dem Myrtengebüſche im ſtillen Frieden der Schöpfung den erſten Offenbarungen ihrer jungen, unſchul⸗ digen Herzen zu lauſchen, und der ganzen Welt vergeſſend, nur mit ſich und ihrem jungen Glück beſchäftigt ſchienen. Durch die Bäume des Gartens zog der Abendwind leiſe flüſternd dahin, als ſollten die Bäume dem jungen Paar den Liebesgruß der Natur entgegen murmeln, durch das Myrtengebüſch des Balcons drängte ſich ein neugieriger goldiger Strahl der verblaſſenden Abendſonne, und beleuchtete das Antlitz der jungen Erzherzogin wie mit der Glorie eines Engels. Und ſchön wie ein Engel ſchien ſie dem Erzherzog, der zu ihren Füßen ſaß und ſie val ihres Angeſichtes, anfte Lächeln dieſer purpurrothen Lippe, 1 wie ſchön und reizend das ſ — — 4 wie edel und ſtolz dieſe hohe gedankenvolle Stirn, wie ſchön dieſe ſchwarzen glänzenden Locken ihres Haars, die an beiden Seiten ihrer blaſſen, nur von einem zarten Roth angehauchten Wangen niederringelten, wie wun⸗ dervoll und bezaubernd der Blick dieſer großen ſchwarzen Augen, die bald ſo feurig blitzten, bald wie in Thränen der Wehmuth zu ſchwim⸗ men ſchienen. Selbſt das dunkle bräunliche Colorit ihres Teints ge⸗ währte ihr einen neuen Reiz, es gab ihr etwas Fremdartiges, Ungewöhn⸗ liches, und contraſtirte ſo wunderſeltſam gegen den weißen durchſichtigen Teint der übrigen Erzherzoginnen. Ihre Geſtalt hatte etwas elfenhaft Zartes und Schlankes, und war doch edel und vollendet in ihren Formen; ein weißes, durchſichtiges Gewand umhüllte bis zum Halſe hinauf dieſe Geſtalt, und fiel in reichen Falten nieder auf die kleinen Füße mit den goldgeſtickten Schuhen. Ein volles Bouquet glühender Roſen, welches der Erzherzog ſelber ſeiner Gemahlin gebracht, war der einzige Schmuck dieſer zugleich ſo einfachen und reizenden Toilette. Iſabella hatte das Haupt ſanft zurückgelehnt an den Stamm des Myrtenbaums, ihre Augen waren mit ernſtem, ſinnendem Ausdruck gen Himmel gerichtet, und das Lächeln verblich allmälig auf ihren Lippen. — Wie ſeltſam contraſtirte der Ernſt dieſes Antlitzes mit den ſtrahlen⸗ den glühenden Blicken des jungen Erzherzogs. Wie verwandelt und umgeſtaltet war Joſeph, ſeit ſeiner Vermählung; ein Ausdruck ſeligſten, friedlichſten Glückes ſtrahlte mit faſt rührender Beredſamkeit von ſeinem Antlitz, ſein ganzes Weſen hatte etwas Liebevolles, Weiches, das ihm ſonſt nimmer eigen geweſen. Er ſaß zu ihren Füßen und ſchaute mit einem ſeligen Lächeln zu ihr empor; in der Ueberfülle ſeines Glückes ſah er gar nicht die leiſen Wolken, die ihre Stirn beſchatteten. Eine tiefe Stille umgab ſie Beide; friedlich und goldig überglänzt von der Abendſonne lag der Park zu ihren Füßen, in der Ferne vernahm man von den Kirchen und Capellen der umliegenden Dörfer das Läuten der Vesperglocken. Kein anderer Laut unterbrach dieſes heilige Schweigen der Natur. Wie ſchön die Welt iſt! ſagte Joſeph nach einer langen Pauſe, und bei dem erſten Ton ſeiner Stimme flog ein leiſes Beben durch Jſabellens Geſtalt hin, und ihre zum Himmel gewandten Blicke richteten ſich langſam niederwärts. Wie ſchön die Welt iſt, Iſabella. Mir ſch Fül ang und küß wen uns und das ich We pſſc eber wied ob derſ Wi tefe wär thei die lan dan und wel leuc rich gelo ſent 5 ſcheint, ſie hat niemals früher ein ſo glänzendes Lächeln, eine ſolche Fülle der Blüthen und der Düfte gehabt, ſie hat mich niemals ſo warm angeblickt, wie jetzt, wie ſeit dem Tage, daß ich glücklich bin. Iſabella lächelte, ſie legte ſanft ihre Hand auf Joſeph's Haupt und ſah ihn lange und innig an. Sind Sie denn glücklich? fragte ſie endlich leiſe. Joſeph zog ihre Hand von ſeinem Haupt an ſeine Lippen und küßte ſie. Eine Bitte, meine Geliebte, ſagte er. Wenn wir allein ſind, wenn Niemand neben uns iſt, als der Genius unſerer Liebe, Niemand uns hört außer Gott, dann laß uns der ſpaniſchen Etiquette vergeſſen, und der Ehren und Würden der Welt, dann laß mir von Deinen Lippen das herzige und trauliche Du ertönen, dann möge die Frau Erzherzogin ſich herablaſſen, nichts weiter als ein Weib, ein angebetetes, geliebtes Weib zu ſein, welche es ſich ſchon gefallen laſſen muß, von ihrem täp⸗ piſchen, verliebten Mann mit Du angeredet zu werden, und die ihm ebenſo erwidert. Willſt Du's, Holde? Ich will es, ſagte ſie mit einem lieblichen Erröthen. Und ſo wiederhole ich meine Frage: biſt Du denn glücklich? Ich will Dir ſagen, wie ich mich fühle, dann ſollſt Du mir ſagen, ob das Glück iſt. Es iſt in mir ein ewiges Singen und Klingen wun⸗ derſamer, zauberhafter Melodieen, zuweilen muß ich wider meinen Willen laut aufjubeln vor Luſt, zuweilen überkommt es mich wie ein tiefes Erſchrecken, und ich habe dann ein Gefühl, als ob ich verzaubert wäre, und nur im Traum dieſes Paradies gewahrte, dieſer Wonne theilhaftig würde, daß ich aber im Begriff ſei zu erwachen, und wieder die graue öde Welt vor mir zu ſehen, die ich kenne, und die mich ſo lange gemartert hat. Dann laß ich angſtvoll meine Blicke umherſchweifen, dann prüfe ich jeden Schlag meines Herzens, und jeden meiner Gedanken, und wenn ich mir dann klar und bewußt werde, daß dieſe Wonne, welche mein Herz erfüllt, und dieſes Licht, welches in meiner Seele auf⸗ leuchtet, daß dieſes Alles Wahrheit und Wirklichkeit iſt, dann kaun ich nicht anders, als den Blick zum Himmel emporzuwenden, und ihm zu geloben, daß ich dieſer himmliſchen Wonne, die er in mein Herz ge⸗ ſenkt, mich würdig zeigen will, ſo lang ich lebe., Zuweilen, wenn ich unter den Menſchen, welche uns, ſo oft wir uns zeigen, umringen, und 3 4— —— 6 deren Jubel, mit dem ſie Dich begrüßen, nur das Echo des Jubels iſt, bet der fort und fort in meinem Herzen wiederklingt, wenn ich unter d dieſen hin Menſchen ein bleiches, vergrämtes Geſicht ſehe, ſo fühle ich ein tiefes eine heiliges Mitleid, wie ich es nie gekannt, ein glühendes Verlangen dieſe her⸗ Menſchen Alle heiter und froh zu machen, auf jeder Lippe ein Lächeln, auf jeder Wange die Röthe der Geſundheit zu ſehen, und ich ſchwöre Ket mir dann, daß, wenn ich einſt Kaiſer werde, ich keine Unglücklichen und keine Weinenden in meinem Reiche haben will, weil ich Allen ein Vater g und Freund, ein Retter und Helfer ſein werde. Und dann kommen na große und erhabene Gedanken über mich, und ich träume von einer me Zeit, wo ich meinem Volk die Liebe zurückgeben kann durch Thaten, und wo der Segen, den ſie jetzt über uns ſprechen, ſich ihnen zum 4 Segen verwandeln ſoll. Nun ſage, Geliebte, iſt dieſes Alles, dies de Empfinden und Träumen, dieſes Entzücken und dieſe Befürchtungen, iſt d dieſes das Glück? 7 Ich antworte nicht auf dieſe Frage, ſagte ſie lächelnd. Denn das 4 1 Glück iſt wie ein Nachtwandler auf dem Dach, wenn man es bei 9 Lamen ruft, fällt es von ſeiner ſchwindelnden Höhe hernieder in den A Abgrund und ſtirbt. Man muß es mit ſtillem und andächtigem Herzen b betrachten, und mit keinem lauten Wort, keinem Geräuſch es erwecken, i dann darf man hoffen, daß es bei uns bleibt. 1 So lange Du bei mir biſt, iſt das Glück an meiner Seite, rief 4 Joſeph, die beiden Hände ſeiner Geliebten faſſend und an ſeine Lippen F drückend. Dann ſchaute er wieder zu ihr empor und betrachtete ſie J lange und mit einem ſtrahlenden Ausdruck. 3 Ich muß Dir ein Bekenntniß machen, Theuerſte, ſagte er. Du ſollſt mir Abſolution ertheilen für ein ſchweres Verbrechen, deſſen ich mich ſchuldig gemacht. Höre nur: als mir die Kaiſerin Dein Portrait gegeben, willigte ich ein, mich Dir zu vermählen, aber mein Herz blieb kalt und ungerührt, ja zuweilen, wenn ich daran dachte, daß der Graf Batthiany ausgezogen ſei mir ein Weib zu holen, ſo wünſchte ich, der Himmel möchte die Wege mit unduncdringlichem Schnee bedecken, und die Lavinen von den Alpen herunter wälzen auf meine vorüberziehende Braut, die ich nicht kannte, und doch von ganzer Seele haßte. Als man mir die Nachricht brachte, daß Du den öſterreichiſchen Boden — — —— — ——— 4 7 betreten, da hatte ich ein Gefühl, als müßte ich entfliehen, weit, weit hin, wo mich Niemand kannte, wo Niemand mich zwingen konnte, einer Unbekannten meine Hand zu reichen. Sag', war ich nicht ein 4 herzloſer Barbar, ein todeswürdiger Verbrecher? Du warſt ein armes Fürſtenkind, und fühlteſt die Laſt Deiner Ketten, weiter nichts! 1„ Nein, nein, ich war ein Verbrecher, aber ich habe mein Verbrechen gebüßt, denn ſtatt der Ruhe und Stille, die ſonſt in meinem Herzen war, ſind jetzt Feuerflammen darin, und dieſe Flammen haben ſchon meine ganze Vergangenheit, mein ganzes früheres Sein und Denken aufgezehrt, und einen neuen Menſchen, ein neues glückſeliges Geſchöpf 1 aus mir gemacht. Und Du, Du biſt es, welche dieſe Flamme entzün⸗ det hat! Dir gehört mein ganzes Leben, mein ganzes Sein, und ohne Dich giebt es für mich hinfort kein Leben, kein Glück und keine Selig⸗ 4 keit. Ich liebe Dich, mein Gott, ich liebe Dich ſo grenzenlos, mit einer ſolchen Kraft, daß ich, wärſt Du ein Marmorbild, gleich dem 4 Pygmalion die Kraft der Liebe haben würde, Dein ſteinern Herz zu 4 beleben, und dem Marmor Empfindung einzuflößen. Oh es ſchmerzte mich wahrhaft, daß ich nur Ein Herz habe, um es Dir zu Eigen zu geben!*) Schlügen hundert Herzen in meiner Bruſt, ſie wären 6 alle Dein! 144141 Jſabella ſchaute mit einem milden Lächeln zu ihm nieder. Schwär⸗ mer, ſagte ſie mit dieſer weichen zitternden Stimme, welche wie Muſik in Joſeph's Ohren tönte. Schwärmer! Wer hundert Herzen zu ver⸗— 4 geben hat, hat gar kein Herz! In Einem Herzen, von Liebe erfüllt, 1 glüht die Kraft der Gottheit, denn die Liebe iſt die ſchönſte Offen⸗* barung Gottes! 4 Oh meine ſüße Prieſterin der Liebe! Wie ſchön weißt Du die 1 Myſterien unſerer Gottheit zu deuten. Denn nicht wahr, es iſt un⸗ 1 1 ſere Gottheit, Iſabella, nicht bloß die meine? Ich habe Dir jetzt ge⸗ 7 beichtet, nun ſchau mich an und beichte auch Du mir! Haſt Du mich* auch verwünſcht und gehaßt? War's Dir auch ein Greul, Dich einem fremden, unbekannten Menſchen zu vermählen? Dein Daſein zu ketten 794 —η̈————— *) Joſeph's eigene Worte. Caraccioli. La vie de Joseph II. S. 11. 8 1 an einen Mann, den Dein Herz nicht begehrte, den Du nicht kann⸗ teſt, den nur die Politik und die Staatsklugheit Dir aufgedrungen. Sag's frei heraus, haſt Du mich recht verabſcheut? Er ſchaute mit einem ſo glücklichen Lachen, einem ſo ſtrahlenden Ausdruck der Liebe und Zuverſicht zu ihr empor, daß Jſabellen's Antlitz davon gleichſam wie mit einem roſigen Wiederſchein angeleuchtet ward. Nein, ſagte ſie, in ſein Lachen einſtimmend, nein, ich habe Dich nicht verabſcheut und nicht gehaßt, denn Du warſt mir lange ſchon nicht fremd. Man hatte mir ſchon oft erzählt von dem jungen Erz⸗ herzog Joſeph, man hatte mir ſein edles, glühendes, leidenſchaftliches Weſen geſchildert, und als ich erfuhr, daß Er es ſei, dem man mich beſtimmte, da beklagte ich ihn, nicht mich! Und warum Ihn? Weil er ſich wider ſeinen Willen einer armen unbekannten Prin⸗ zeſſin vermählen mußte, die nicht im Stande ſein wird, ſeinen hoch fliegenden Plänen, ſeinen glühenden Wünſchen, ſeinen gerechten An⸗ ſprüchen zu genügen. Oh, die arme Iſabella von Parma iſt nicht dazu gemacht eine Kaiſerin zu ſein! Und hätte ich ihr den erſten und glänzendſten Thron der Welt zu bieten, ſie würde immer die herrlichſte Zierde dieſes Thrones ſein. Iſabella iſt dazu gemacht, die Kaiſerin der ganzen Welt, die Beherr⸗ ſcherin der ganzen Menſchheit zu ſein. Alles was es an Poeſie, an Schönheit, Güte, Weisheit und Milde giebt, ſtrahlt aus ihren Augen! Oh ſchaut mich an, Ihr meine ſüßen, ſchönen Sterne, glänzt Frieden, Glück und Wonne, in mein Herz hinein. Ihr wißt nicht, wie kalt und trübe es einſt in meinem Herzen war, Ihr habt nicht geſehen, wie ich gelitten habe in der Einſamkeit meiner Seele, wie dumpf und öde meine Tage dahin ſchlichen, wie ich meine Thränen hinunter würgte, und unter einem Lächeln die Zornesworte begrub, die auf meinen Lip⸗ pen zitterten, wenn ich ſah, wie die Heuchler und Schmeichler ſtets über mich den Sieg errangen, und mich verketzerten, verleumdeten und bei Seite drängten. Oh Jſabella, ſchwöre mir, daß Du mich niemals verlaſſen, daß Du immer bei mir bleiben willſt, denn ohne Dich würde ich das Leben nicht mehr ertragen können! Und wie von ahnungsvoller Angſt durchſchauert, ſchlang Joſeph ſeine preßte G willſt! . Dr, Jſabe 1 Liebe, Locke drückt nende 0 „ 5* ſeine beiden Arme feſt und innig um die zarte Geſtalt Iſabell en s uud preßte ſie mit einer fieberhaften Gluth an ſich. 8 Schwöre mir, Geliebte, ſchwöre mir, daß Du mich nie verlafen willſt! Ich ſchwöre Dir, ſagte ſie mit ernſtem, feierlichen Ton, ich ſchwöre Dir, daß ich bei Dir bleiben will, ſo lange bis Gott mich ruft! Oh möge das ſein, wenn ich nicht mehr bin! Die Liebe iſt grauſam, Iſabella, ich wünſche, daß Du mir einſt die Augen zudrücken mögeſt! Gott wird dieſen Wunſch nicht erhören, Joſeph, denn Gott iſt die Liebe, und Du ſagſt es: die Liebe iſt grauſam! Sie neigte ſich ſanft auf ſeine Schulter, ihre langen ſchwarzen Locken legten ſich wie ein Trauerſchleier über ihr Antlitz hin. Joſeph drückte ſie feſt und feſter an ſich, und als er ſie küßte, fiel eine bren⸗ nende Thräne aus ſeinen Augen auf ihre Wange nieder. Ich weiß nicht, murmelte er leiſe, mir iſt als ob ein ſchweres Gewitter über meinem Haupte hinge und mir den Athem verſetzte! Doch iſt der Himmel klar und wolkenlos, die Sonne iſt hinunterge⸗ „ gangen und ſieh nur, dort ſteigt ſchon der Mond ganz blaß und geiſter— haft am Horizont empor. Oh Iſabella, wie ſchön iſt die Welt, wenn ich Dich in meinen Armen halte, wie heilig iſt ſie, wenn Du mich liebſt. 1 Oh liebe mich, Holde, liebe mich! Und wenn Du's nicht vermagſt, ſo gieb Dir wenigſtens den Anſchein es zu thun, denn ohne Deine Liebe wäre ich fortan ein verlorner, unglückſeliger Menſch, dem Unheil und — der Verzweiflung verfallen! Oh, ſag mir, Iſabella, ich beſchwöre Dich bei Allem was Dir heilig iſt, ſag' mir die Wahrheit,— liebſt Du mich? Sie hob langſam ihr Haupt von ſeiner Schulter empor und ſah ihn an mit einem ſeltſamen, traurigen Blick, der ſein Herz erbeben machte in unerklärbarem Bangen. Dann hob ſie das Auge empor zum Himmel, und ſtarrte lange, lange empor, und ihre Lippen bewegten ſich wie in leiſem Gebet. Sag' mir die Wahrheit, wiederholte Joſeph ganz feierlich und ernſt, liebſt Du mich? Auf einmal flog es wie ein roſiger Schimmer über Jſabellen's Antlitz hin, und mit einem reizenden Lächeln machte ſie ſh aus s Soſeos Ich will Dir Deine Frage beantworten, ſagte ſie, und wenn Dein Herz die Sprache der Liebe verſteht, ſo wirſt Du meine Antwort ver⸗ ſtehen. Auf ſolche Frage darf man nicht mit menſchlichen Lippen und irdiſchen Worten Antwort geben, denn die Liebe hat ihre eigene Sprache! Komm, und höre meine Antwort! Und leicht und anmuthig wie eine Elfe flatterte ſie ihm voraus durch die geöffneten Thüren in den Muſikſaal. Joſeph folgte und ſeine Blicke hingen mit einem glückſeligen Ausdruck an dieſer reizenden, lieb lichen Erſcheinung, die ihm wie ein verkörpertes Gedicht erſchien. Iſabella warf einen raſchen prüfenden Blick auf die verſchiedenen Inſtrumente, die im Salon umherſtanden, ſie näherte ſich dem aufrecht⸗ ſtehenden Pianoforte und ſchlug einige raſche Akkorde an. Nein, ſagte ſie, es iſt zu viel Irdiſches in dieſen Inſtrumenten. Die Finger vermögen es nicht, allemal die Geiſter in den Taſten zu erwecken. Ich will gleich mit meinem Lieblingsinſtrument zu Dir ſprechen. Sie trat zu dem Tiſch und öffnete einen der Kaſten die da ſtanden. Mein eigenes Inſtrument, das ich mir mitgebracht, ſagte ſie, indem ſie die Violine aus ihrem Kaſten hervornahm. Joſeph ſchaute ihr mit einem Antlitz, glühend vor Freude, zu. Wie, Iſabella, Du ſpielſt mein Lieblingsinſtrument? fragte er ſtaunend und freudenvoll. Die Violine iſt die Seele der muſikaliſchen Inſtrumente, ſagte ſie, und in ihr allein findet Seele und Herz des Menſchen ſeine Sprache wieder.*) Sie hob das Inſtrument empor und legte es mit einer unnach⸗ ahmlichen Grazie auf ihre Schulter, dann nahm ſie den Bogen und begann zu ſpielen. Erſt in leiſen einzelnen Akkorden, die wie das ſanfte Klingen und Rauſchen einer Aeolsharfe ertönten, dann im vollen dahin⸗ brauſenden Strom der Töne und Melodieen. Joſeph ſtand ihr gegenüber athemlos, hochklopfenden Herzens, ſelig und andächtig zugleich in ihrem Anſchauen. Wie einer dieſer Engel auf den Bildern der alten Italiäner erſchien ſie ihm, ſo wie ſie daſtand *) Die Infantin ſpielte mehrere Inſtrumente, beſonders aber die Violine meiſterhaft gut. Wraxall II. S. 390. in dem Antlitz Engel ein Liel ihm, je geliebte E doch ſe mach ſchmär halb g jauchze zu ihr 1 wie e aus d in kle Schm in R wiede Thra bei d keit fiebe ſein ſtrah empt und ſein 11 in dem weißen Gewande mit der Violine an der Schulter, das bleiche 3 Antlitz umrahmt von den ſchwarzen Locken, ſo hatte einſt Fieſole den Engel gemalt, der den Sterbenden tröſtet. Dieſes Bild war immer ein Lieblingsſtück Joſeph's geweſen, und jetzt ſtand es verkörpert vor ihm, jetzt war dieſer Engel, den er im Bilde geliebt, ſein Eigen, ſein geliebtes, angebetetes Weib. Er ſah nur ſie, er hörte kaum auf ihre wundervolle Muſik, und doch ſah er dieſe Muſik in ihren Zügen, in dieſem Antlitz, das allge⸗ mach ſich zu röthen begann, in dieſen Augen, die mit wunderſamem, ſchmärmeriſchem Leuchten in das Leere ſtarrten, auf dieſe Lippen, die halb geöffnet waren als flüſterten ſie mit den Geiſtern, die klagend und jauchzend, weinend und lächelnd, betrübt und freudvoll aus der Violine zu ihr ſprachen. Und immer machtvoller und gewaltiger ſchwollen die Töne an, wie eine Welt von Bildern und Geſichten rauſchten und zitterten ſie 1 aus den Saiten, bald aufjauchzend in göttlicher Luſt, bald hinſterbend in klagenden Seufzern und Schmerzen. Und dieſe Luſt und dieſe Schmerzen, dieſer Jammer und dieſes Entzücken malte ſich wechſelnd 3 in Jſabellen's Angeſicht, das in göttlicher Begeiſterung leuchtete, ſtrahlte wieder von Joſeph's Zügen, die in Liebe und Schönheit erglänzten. Thränen floſſen, ihm ſelber unbewußt, über ſeine Wangen nieder, und bei dieſen ſchluchzenden, klagenden Tönen fühlte er inmitten ſeiner Selig⸗ keit eine unausſprechliche Traurigkeit ſein Herz beſchleichen. In der fieberhaften Erregung ſeines ganzen Weſens überſchlich ein leiſes Grauen 1 ſein Herz, war es ihm, als ob dieſe weiße zarte Geſtalt da mit dem ſtrahlenden, verklärten Angeſicht ſich langſam und lächelnd vom Boden 1 emporhob und vor ſeinen Blicken entſchwinde. Er ſah ſie nicht mehr 45 und wußte doch nicht, daß es nur ſeine eigenen Thränen waren, welche ſeine Augen umdüſterten und ihm die Geſtalt der Geliebten umhüllten. Ein lautes, krampfhaftes Schluchzen drang aus ſeiner Bruſt hervor, 1 und das Antlitz in ſeinen Händen verbergend, ſank er auf einen Seſ⸗ ſel nieder. Ein leiſes Zitlern überflog Iſabella's Geſtalt; thr Auge, welches 4 ſo lange hineingeſchaut hatte in andere Welten, richtete ſich niederwärts, ¹ der Klageſeufzer ihres Gemahls ſchien ſie aus ſchmerzvoll ſeligen Träu⸗ men und Geſichten zu erwecken, und ſie wieder der Wirklichkeit, dem Leben zuzuführen. Mit einem Ausdruck ſchmerzvollen, zärtlichen Mit⸗ leids ſchaute ſie hinüber zu Joſeph, und das Lächeln, welches jetzt ihre Lippen umſpielte, hatte etwas Engelhaftes, Mildes, Erbarmungsvolles. Sie ſpielte weiter, aber die ſchwermüthigen, klagenden Töne miſchten ſich allgemach mit heiteren, leichteren Akkorden, die Diſſonanzen löſten ſich auf in reinere, hellere Harmonisen, die Wolken verſchwanden, die Sonne ſtieg empor, und auf einmal(mit jubelnder Freude rauſchte ein voller Strom der Freude von den Saiten nieder, klang es wie heller Jubel und jauchzende Freude. Und bei dieſer reizenden Melodie ſanken die Hände von Joſeph's Antlitz nieder, und es ſtrahlte jetzt wieder in Schönheit und Luſt; ſeine glühenden Blicke begegneten den Augen Iſabellens, die mit einem in⸗ nigen, fragenden Ausdruck auf ihn gerichtet waren. Tetide! Unſere Hochzeitsmuſik! jubelte der Erzherzog, und außer ſich vor Entzücken und Luſt, ſtürzte er zu Iſabellen hin, umfing er ſie, des Inſtruments nicht achtend und der angefangenen Melodie, mit ſei nen beiden Armen und hob ſie empor an ſeine Bruſt. Ich danke Dir, Iſabella, ich danke Dir, ſagte er mit vor Rührung und Freude zitternder Stimme. Du haſt Recht, die Liebe hat ihre eigene Sprache, und Du haſt mir geantwortet in der Sprache der Liebe, ſie klingt noch in meinen Ohren in unſerm Hochzeitslied, in der Feſtmuſik, die Ritter Gluck für uns gedichtet. In dieſer Melodie ha⸗ ben ſich alle Schmerzen und alle Thränen aufgelöſt und geſänftigt zu ſeliger Harmonie, die Diſſonanzen meiner Vergangenheit haben ſich verklärt zu freudigen Melodieen, und mit dem Lied der Liebe haſt Du mir Antwort gegeben auf meine Frage. Oh ich danke Dir, ich danke, und nimmer werde ich dieſer Stunde vergeſſen! Er bedeckte ihren Mund, ihre Augen mit ſeinen glühenden Küſ⸗ ſen, und Jſabella ließ es geſchehen; ſie ruhte ſtill und lächelnd in ſei⸗ nen Armen, in ihrer herabhängenden Hand noch das Inſtrument hal⸗ tend, auf dem ſie gefpielt. Ja, ich habe Dich verſtanden, flüſterte Joſeph unter Küſſen, Du haſt mir geſagt, daß Du mich liebſt, und jetzt fühle ich mich unver⸗ letzlich, ſtark und machtvoll, wie einen Gott. —— D D gebomn der Ta bella, U nen laf Schloſ heute zu ſein zu ma 3 Schön Deiner doch und n wir h und ſie u Salo Etig unce würd Orde ſpan Veer cere nahn nähe wie die Doch ſah ich, daß der Gott weinte, ſagte ſie. Armer, ſterblich geborner Freund, die Götter kennen keine Thränen, das Weinen iſt der Taufſchein unſeres Menſchenthums. ⁸ Oh, auch die Götter können weinen vor ſeliger Luſt, und ſo, Iſa⸗ bella, weinte ich! Und möge Dich der Himmel niemals mehr andere Thränen wei⸗ nen laſſen, ſagte ſie innig. Aber horch, mein Gemahl, da ſchlägt die Schloßuhr die achte Stunde, und wir haben der Kaiſerin verſprochen, heute nicht wie geſtern den Abendzirkel zu verſäumen, ſondern pünktlich zu ſein. Sie wird uns ſchon erwarten. Laß uns alſo eilen, Toilette zu machen. Wozu willſt Du Toilette machen? Biſt Du nicht immer die Schönſte und Geſchmückteſte? Komm, gieb mir den Arm, Du wirſt mit Deinem weißen Engelskleide und Deinem duftenden Bouquet von Roſen doch alle meine Schweſtern überſtrahlen! Komm! Er wollte ihren Arm nehmen, aber ſie wehrte ihn ſanft zurück, und machte ihm eine tiefe ceremoniöſe Verbeugung. Mein Herr Erzherzog und Gemahl!, ſagte ſie mit lächelndem Ernſt, wir haben vorher die geſtrenge Madame Etiquette von unſerm Balcon und aus dem Zimmer hier verbannt, aber Sie wiſſen es wohl, daß ſie uns vor der Thür erwartet, um uns mit feierlicher Würde zu dem Salon der regierenden Frau Kaiſerin zu begleiten. Die geſtrenge Dame Etiquette würde es mir aber nie verzeihen, wenn ich in ſolchem höchſt unceremoniellen Negligé mich ihr zu nahen wagte, und ihre Augen würden ſich mit Entſetzen von Ihrem Gewande ohne Stern und ohne Orden abwenden. Mein Herr Erzherzog, eilen Sie alſo, ein würdiges ſpaniſches Kleid anzulegen. Ich werde die Ehre haben, Sie in einer Viertelſtunde hier in voller Parure zu erwarten. Sie wiederholte mit einem reizenden, ſchelmiſchen Lächeln 2 tiefe ceremoniöſe Verbeugung. Der Erzherzog, auf ihren Scherz eingehend, nahm eine feierliche, ernſte Miene an, und ſich ihr auf den Fußſpitzen nähernd, hob er mit einer höchſt zierlichen anſtandsvollen Armbewegung, wie die Tänzer im Ballet, ihre Hand an ſeine Lippen und küßte ſie. Madame und gnädigſte Frau Erzherzogin, ſagte er dann, ich werde die Ehre haben, Ihren Befehlen zu genügen, und mich mit Orden nud —— 14 Sternen ſchmücken, um meiner erhabenen Frau Mutter und der ge⸗ Kraf 4- ſtrengen Madame Etiquette zu genügen. Leben Sie wohl, und haben 1 geloh Sie die Gnade hier Ihren allerunterthänigſten Knecht zu erwarten!— es u Und dem vorſchriftsmäßigen ſpaniſchen Gruß getreu, beugte er ihn a halb ein Knie vor ihr, und küßte den Saum ihres Gewandes. Dann ſoll g zog er ſich rückwärts gehend bis an die Thür dadrüben, welche in ſeine ihm d Gemächer führte, zurück. Hier blieb er ſtehen, um ſich noch einmal tief zu verneigen. Auf einmal aber, aller Etiquette und alles Cere⸗ moniells vergeſſend, ſprang er vorwärts, wieder zu Iſabellen hin, um ſie leidenſchaftlich zu umfaſſen, und ihr Antlitz mit Küſſen zu bedecken. Lebe wohl, lebe wohl, ſagte er lachend, ich nehme Abſchied von Dir für drei lange, lange Stunden, denn da drüben bei der Frau Kaiſerin, da ſehe ich nicht Dich, ſondern nur die Frau Erzherzogin. Lebe wohl! ö 3 Er küßte ſie noch einmal, und ſprang dann in luſtigen Sätzen und durch das Zimmer zu der Thür hin. ten 1 Iſabella ſchaute ihm lächelnd nach, aber als die Thür ſich hinter 1 von ih 4 ihm ſchloß, verſchwand das Lächeln von ihren Lippen, und ihre Züge dan nahmen ſofort einen ernſten, melancholiſchen Ausdruck an. mi ki Armer, armer Joſeph, flüſterte ſie leiſe. Er liebt mich wahrhaft, Zun und er glaubt an mich und meine Liebe! An meine Liebe, an dies vnre Herz, welches eingeſargt und begraben iſt! din Sie ſchauderte in ſich zuſammen, eine tiefe Bläſſe bedeckte ihre u d Wangen, und vor ſich hinſtarrend ließ ſie, der Gegenwart entrückt, die tn 2 traurigen und entſetzensvollen Bilder der Vergangenheit an ihrer Seele 4 a 1* vorüberziehen. uiT Oh, das iſt Unrecht, das iſt Unrecht, murmelte ſie dann, in ſich bn t zuſammenſchreckend, ich darf dies nicht mehr denken, und nicht mehr Um an ſehen!*ℳ habe das Leben angenommen, und ich will es tapfer, ehr⸗ k un lich und treu zu Ende führen. Drei Jahre der Prüfung und der 3 n Schmerzen noch, dann, dann bin ich frei, dann darf mein erlöſter Geiſt lchts dieſe Feſſeln des Körpers ſprengen, dann, dann bin ich wieder bei Dir, ai din bei Dir!— Aber für dieſe drei Jahre, welche ich noch zu leben habe, 1” iha für dieſe drei Jahre gieb mir Kraft, mein Gott. Stärke meinen Geiſt, en N. daß er ſtandhaft ſei, tröſte mein Herz, daß es ertrage! Ja, gieb mir Kraft, mein Gott, daß ich erfüllen kann, was ich vor Gottes Altar gelobt, daß ich meinen Gemahl glücklich machen kann. Er liebt mich, es wäre grauſam dieſes edle, argloſe Herz zu hintergehen, grauſam ihn aufzuwecken aus ſeinem ſchönen Traum! Nein, nein, Er mindeſtens ſoll glücklich ſein! Gieb mir Kraft, mein Gott, daß ich lis an's Ende ihm dieſen Traum erhalte, dieſen ſchönen Traum des Glücks! II. Ritter Gluck. Die Sonne war längſt aufgegangen, und hatte die Erde mit Licht und Glanz und Tageshelle übergoſſen, der helle Tag mit ſeinen Pflich⸗ ten und Arbeiten hatte ſchon für die Menſchen begonnen, ſie hatten ſich von ihren Lagern erhoben, und ihren Beſchäftigungen ſich zugewandt, denn der Tag war da, mit ſeinem Licht.— Nur in dieſem großen, mit koſtbaren Meubles, mit hohen Schränken voller Bücher angefüllten Zimmer hatte die Sonne noch nicht ihre Herrſchaft angetreten, nur da waren die dunkelroth ſeidenen Vorhänge noch nicht geöffnet, und auf dieſem großen, mit Papieren und Büchern angehäuften Tiſch, der da in der Mitte dieſes weitläuftigen, glänzenden Gemachs ſtand, flamm— ten auf zwei hohen ſilbernen Armleuchtern acht Stück heruntergebrannte, dicke Wachskerzen. Vor dieſem Tiſch ſaß ein Mann, und ſchaute ernſt und tiefſinnend auf das mit Noten beſchriebene Papier hin, das vor ihm auf dem Tiſche lag. Er hatte offenbar ſo die ganze Nacht geſeſ⸗ ſen und geſchrieben, denn viele mit Noten beſchriebene Blätter, deren Dinte faſt noch feucht war, lagen um ihn her, aber ſein Antlitz zeigte nichts von der Erſchlafftheit und Uebermüdung, welche ſonſt das Ergeb⸗ niß einer ſchlafloſen Nacht zu ſein pflegen. Seine großen blaugrauen Augen blitzten und flammten, wenn er, wie das oft geſchah, ſie von dem Notenblatt ſinnend zur Decke des Zimmers emporhob, ſein von Pockennarben ſtark zerfetztes Antlitz zeigte einen erhabenen, begeiſterten Ausdruck, um ſeine ſtarken vollen Lippen ſchwebte ein ſeliges Lächeln, welches ſein ſonſt nicht ſchönes Antlitz mit einem wunderbaren Zauber verklärte, und von dieſer hohen gedankenvollen Stirn, an deren beiden Seiten dickes braunes Haay niederringelte, leuchtete der Genius, der dieſes Haupt geſegnet hatte mit dem Kuß der Weihe. Die Geſtalt dieſes Mannes war imponirend und ehrfurchtgebietend, wie ſein Haupt. Sein breiter, ſtolzer Rücken war trotz der Laſt ſeiner funfzig Jahre noch ungebeugt, ſeine vollen, kräftigen Schultern trugen noch leicht und jugendhaft ſein gedankenſchweres ſtolzes Haupt, ſeine ganze Haltung hatte etwas Stolzes, Ehrfurchtgebietendes, Selbſtbewußtes, wie es ſich für einen Fürſten oder für einen Genius geziemt. Und Beides war dieſer Mann, ein gebietender Fürſt im Reiche der Geiſter, ein Genius, der dazu beſtimmt war, mit ſeinen Werken die Welt zu beherrſchen, und der Kunſt ein neues Leben einzuhauchen. Denn dieſer Mann war der Ritter Chriſtoph von Gluck, der Theater⸗ Kapellmeiſter der kaiſerlichen Oper zu Wien, der Sohn des Leibjägers des Prinzen Eugen von Savoyen, geboren im Jahre 1714 im Dorfe Weidenwang bei Neumarkt.*) Jetzt war dieſer Sohn des armen Jä gers Alexander und ſeiner Ehefrau Walburga Gluck, Dank ſeinem Genie, ein Mann, deſſen Ruhm ſchon halb Europa erfüllte, und den der Papſt zu Rom zum Cavaliere dello Sperone d'oro, zum Ritter des goldenen Spornes ernannt hatte. Zwanzig Opern und eine große Zahl von Symphonieen, Arien und andern einzelnen Tonſtücken hatten den Ruhm des deutſchen Meiſters durch ganz Italien getragen, in Mailand und Florenz, in Rom und Neapel ſangen die Sänger auf der Bühne und das Volk auf den Gaſſen die lieblichen Arien und Melodieen der Fedra, der Antigona, der Semiramide, des Telemaco, kannte, ehrte und pries Jeder den großen Componiſten Chriſtoph Gluck, während man in Deutſchland noch wenig von ihm wußte, während Wien die einzige deutſche Stadt war, in der man ſeine Opern auf führte, in der man mit Verehrung von dem Talent des Ritters Chri⸗ ſtoph Gluck zu ſprechen liebte. Der Ritter Gluck alſo war es, der da heiliger Begeiſterung voll, Chriſtoph Wilibald Ritter von Gluck. Deſſen Leben und tonkünſtle⸗ riſches Wirken. Von Anton Schmid. S. 11. 17 an ſeinem Schreibtiſch ſaß und arbeitete. Um ihn her lagen Bücher, Papiere und beſchriebene Notenblätter, dicht neben ihm an einem Stuhl, auf welchem eine Violine und eine Flöte lag, lehnte ein Cello, an der Wand da drüben ſtand eins dieſer ſchönen aufrechtſtehenden Pianoforte's, wie ſie um dieſe Zeit die geſchickten Inſtrumentenmacher Wien's zu bauen begonnen. Gluck ſaß noch immer mit der Feder in der Hand vor dem No⸗ tenblatt; zuweilen hielt er im Schreiben inne und ſang halbleife einen Anfang einer Melodie, zuweilen ließ er, halb declamirend, halb ſingend einen Recitative'ſchen Satz erklingen, und ſchrieb dann wieder eifrig weiter. Die Lichter waren jetzt ganz und gar niedergebrannt, hier und da begann eins und das andere zu erlöſchen, und das aufgelöſte heiße Wachs floß in einzelnen ſchweren Tropfen von der Manſchette des Leuchters nieder auf die Papiere, welche auf dem Tiſch lagen. Gluck gewahrte das nicht, er ſah auch nicht, wie durch die Spalten der Vor⸗ hänge hier und da die Tageshelle mit bläulichem glänzenden Schein hereinſchaute, und ſo ganz und gar war er in ſeine Arbeit vertieft, daß er gar nicht auf das leiſe Klopfen achtete, das ſchon mehrmals und in langen Zwiſchenräumen von der Thür, der einzigen, welche in das Sanetuarium des Künſtlers führte, erklungen war. Aber jetzt ward dies Klopfen an der Thür ſo laut und heftig, daß es wohl im Stande war den ſchaffenden Componiſten aus ſeiner Be⸗ geiſterung zu wecken und ihn an die Wirklichkeit zu mahnen. Mit ei⸗ nem unwilligen Stirnrunzeln ſprang er empor, und ging mit dröhnenden, raſchen Schritten, die hohe Figur umwallt von dem dunkelblau ſeidenen, mit braunem Pelz verbrämten Schlafrock, zu der Thür hin, um den Riegel zurückzuſchieben. Sofort ward dieſe Thür geöffnet und eine hochgewachſene Dame im eleganten Morgenanzug trat ein. Ihre edlen regelmäßigen Züge waren unruhig und bewegt, ihre Wangen waren bleich, und ihre großen blauen Augen waren entweder vom Nachtwachen, oder vom Weinen geröthet. Sie war, wie geſagt, haſtig und mit angſtvollen Mienen einge⸗ treten, jetzt, als ſie Gluck ſo feſt und kräftig, ſo ruhig und imponirend wie immer ſich gegenüber ſtehen ſah, lächelte ſie. Kaiſer Joſeph. 1. Abth. II. 2 Gelobt ſei Gott, ſagte ſie tiefaufathmend, Du lebſt, Du biſt ge⸗ Sein ſund, und ich habe einmal wieder umſonſt Stundenlang mich gequält ihre Hand und geängſtigt. wem ſtrah * Und weshalb geängſtigt, Mariane? fragte Gluck, deſſen Stirn ſich Schau un beim Anblick ſeiner zärtlich geliebten Gattin ſchnell entwölkt hatte. Wes⸗ / lch ſonnigen halb geängſtigt, Mariane? nehr den 6 Sie ſah ihm faſt erſtaunt in das fragende ruhige Angeſicht, und genheit! * brach dann in ein heiteres Lachen aus. Oh über den Barbaren, ſagte b xeich i 8 ſie, der in ſeiner Verſtocktheit gar nicht einmal das Bewußtſein ſeiner b Haupt 1 „ Sünden hat! Schau einmal um Dich, Chriſtoph, ſchau Dir die nieder⸗ aus n 1 gebrannten Kerzen an, und die Sonne, die da neugierig und erſtaunt und wen durch die Vorhänge beiel⸗ Dieſe dicken Altarkerzen, die mein Herr erſbant, Gemahl zu brennen liebt, pflegen grade zwölf Stunden zu brennen, de Si und ſie ſind im Erlöſchen. Es war geſtern Abend um zehn Uhr, als 1 9 ich ſelbſt ſie für dieſen ſchwärmenden Künſtler, der mir indeß gelobte, Ritte 4 nur einige Stunden noch zu arbeiten, angezündet habe, und jetzt ſind 1G. ſie im Erlöſchen! Begreift der Herr Ritter Chriſtophorus jetzt, was de nit de daraus folgt, und welches Verbrechens ich ihn anklage? andem, Wahrhaftig, das ſieht aus, als ob ich ſtatt zwei Stunden hier dillechte zwölf Stunden gearbeitet hätte, ſagte Gluck mit naivem Erſtaunen.— Sc n Aber ich verſichere Dich, Mariane, es war meine ehrliche Abſicht, nur meinen N zwei Stunden zu arbeiten, und dann in mein Schlafkabinet zu gehen. eüliſend Kann ich denn dafür, wenn der Schlaf nicht gekommen iſt, mich an 1 liſte wi mein Verſprechen zu mahnen? Iſt's denn meine Schuld, wenn die ſo vilR F Stuunden mit ſo beflügelter Eile an mir vorübergeflattert ſind, daß ich eſintten, * ſie nicht zu zählen vermochte? Zwölf Stunden! Demzufolge muß die Nacht i wohl ja ſchon längſt vorüber ſein, und die Sonne die Wachskerzen ablöſen! Schwell 3 Er trat zu einem der Fenſter hin und ſchlug die Vorhänge auseinander. düet in Tagl rief er verwundert, wahrhaftig es iſt Tag, und die Sonne ſcheint! hurcend, Er ſchaute ſtaunend und lächelnd zu dem hellen Tag und dem heligen blauen Himmel hin, dann plötzlich nahmen ſeine leichtbeweglichen Züge meinem einen andern Ausdruck an; ſie waren jetzt tiefernſt und feierlich und weſſung 8 ein leichter Schatten umwölkte ſeine hohe gedankenreiche Stirn. und mein Tag, ſagte er leiſe, oh möchte auch mir der Tag erglänzen und 8 ein Te die Sonne ſtrahlen! Välken Sie Seine Gattin war ihm gefolgt, und legte jetzt leiſe und lächelnd ihre Hand auf ſeine Schulter. Und wem glänzt wohl der Tag, und wem ſtrahlt wohl die Sonne, wenn nicht Dir? fragte ſie vorwurfsvoll. Schau um Dich, Freund, und ſag' mir, ob's hier und da draußen im ſonnigen liederreichen Italien einen Künſtler giebt, der mehr geehrt und mehr bewundert iſt, wie Du? Schau hinter Dich, in Deine Vergan⸗ genheit! Da ſtehen Deine zwanzig Opern mit heiter ſtrahlendem An⸗ geſicht, und jede trägt einen Lorbeerkranz auf ihrem triumphirenden Haupt, und jede hat die Tuba in der Hand, und ſingt und ruft es aus in alle Welt: Es lebe der ruhmgekrönte Künſtler Chriſtoph Gluck! Und wenn Du die zwanzig triumphirenden Jungfrauen da hinter Dir erſchaut, dann richte den Blick vorwärts in Deine Zukunft, da ſtehen die Schweſtern der Zwanzig, noch ſind ihre Lippen nicht geöffnet, und ihre Häupter nicht bekränzt, aber ein Tag wird kommen, da wird der Ritter Gluck ihnen Sprache und Leben geben, da werden die Völker ſie mit dem Lorbeer ſchmücken, da werden dieſe neuen Opern, wie die andern, Deinen Ruhm verkünden, und ſtatt der zwanzig werden einſt vielleicht es funfzig Opern Dir entgegen rufen: Es lebe Chriſtoph Gluck! — Ich meinestheils ich glaube an dieſe Opern der Zukunft, ich kenne meinen Meiſter mit dem nie alternden Jünglingsherzen und der nie erblaſſenden Phantaſie, ich weiß, daß er noch Großes und Herrliches leiſten wird, und wenn ich das nicht wüßte, würde ich alsdann wohl ſo viel Nachſicht haben mit ſeinen Künſtlerlaunen? Würde ich alsdann geſtatten, daß er die Nächte hindurch hier arbeitet und ſchwärmt, würde ich wohl ſeit drei Stunden da wie ein verliebtes Mädchen auf der Schwelle ſeiner Thür ſitzen, das Ohr lauſchend an das Schlüſſelloch gelegt, in athemloſer Angſt auf jedes Geräuſch, auf jeden Ton da drinnen horchend, und doch nicht wagend anzuklopfen, und zu rufen, um die heiligen Muſen nicht zu verjagen, bis endlich die Todesangſt, es möchte meinem Meiſter ein Unfall zugeſtoßen ſein, mir den Muth der Ver⸗ zweiflung gab, daß ich anklopfte und Einlaß begehrte? Oh mein Meiſter und mein Herr, ich glaube an Dich, wie die ganze Welt an Dich glaubt. Dein Tag iſt da, und Deine Sonne ſcheint. Was ſollen alſo die Wolken auf Deiner Stirn? Sie hatte, ganz Begeiſterung und Gluth, ſo zu ihm geſprochen, 2* 20 und lehnte jetzt, ihre beiden Arme um Glucks Hals ſchlingend, ihr Haupt an ſeine Bruſt. Er neigte ſich nieder und küßte ihre Stirn. Du glaubſt an mich, ſagte er dann, das heißt, glaubſt Du an mich, an meinen Genius, oder glaubſt Du an die Werke, die ich ſchon geſchaffen? Mariane hob ihr Haupt langſam von ſeiner Bruſt empor, und ſchaute ihm lange und feſt in's Angeſicht. Ich glaube an Dich und Deinen Genius, ſagte ſie dann feſt und entſchieden. Jetzt flog es wie ein heller Sonnenglanz über Glucks Antlitz hin, und ein glückliches Lächeln umſpielte ſeine Lippen. Nun, ſagte er, wenn Du an mich glaubſt und an meinen Genius, ſo wirſt Du auch Muth haben, zu hören, was ich Dir jetzt ſagen will: Mariane, zerreiße die Lorbeerkränze meiner Vergangenheit, nimm meine Opern, und wirf ſie in den Kamin, laß ſie zu Aſche und Staub verbrennen, denn es iſt zu Ende mit ihnen, ſie ſind Staub und müſſen zum Staub zurückkehren. Citel iſt ihr Weſen, und ohne Wahrheit ihr ganzes Sein. Ihr Weinen und Lachen, ihr Jauchzen und Klagen, Lüge iſt's. Ihre Liebesſchwüre und ihre Seufzer, ihre Gebete und ihre Entzückungen, Lügen ſind's. Es glüht nicht in ihnen das ewige Feuer der Wahrheit, es flammt nicht in ihnen das heilige Leben der reinen, keuſchen, unſchuldigen Na⸗ tur, ſie ſind die Kinder ihrer verderbten, gezierten, manirirten und affee tirten Zeit, nicht die Kinder des ewigen Lebens, nicht die Kinder der Unſterblichkeit. Darum alſo, weg mit ihnen Allen, verbrenne alle meine Opern, und die Lorbeerkränze meiner Vergangenheit mit ihnen! Das Alles iſt hinter mir hinab geſunken in ewige Nacht, und ein neuer Tag ſoll für mich beginnen, und eine neue Sonne mir leuchten, oder ich will mein Haupt verhüllen, und ſtumm in die Einſamkeit flüchten, um die Menſchen zu verachten, welche der gleißneriſchen, gaukelnden Lüge Lorbeerkränze winden, und von der heiligen leuchtenden Wahrheit ſich fröſtelnd und befremdet abwenden. Deine ſchönen ruhmgekrönten Opern nennſt Du gleißneriſche, gau⸗ kelnde Lügen? fragte Mariane faſt zürnend. Ich nenne ſie ſo und ſie ſind es! rief Gluck feierlich. Sie ſind nicht geſchriehen aus der innerſten, edelſten Ueberzeugung der Wahrheit, es glüht ne ſind gemach ſchlauer A kiiten der kums, das blenden lä lingt und Kunſt, un drei Octar mate aush muß ander Wahrheit Renug für ſchrieben, Muſik wie laſſen, und Muſit der des Herzen Denn das ſt die erh Dajein no 86 aufbehe ihrem 8 ſein, und lintergan Ach daupt mich, nlus, 21 es glüht nicht in ihnen das heilige Veſtafeuer der Kunſt, ſondern ſie ſind gemacht, überlegt, zuſammengekittet aus kluger Berechnung und ſchlauer Abſichtlichkeit, ſie ſind berechnet auf die Stimmen und Fähig⸗ keiten der Sänger, auf das kleinliche und kindiſche Weſen des Publi⸗ kums, das ſich von Läufen und Trillern, von Rouladen und Fermaten blenden läßt, und vermeint, wenn's recht auf⸗ und niederrollt, recht klingt und ſpringt, und trillert und ſich ziert, ſo ſei das die wahre Kunſt, und wenn die Sänger wie die abgerichteten Marionetten durch drei Octaven ihre Läufer rollen und zuletzt auf dem hohen B ihr Fer⸗ mate aushalten, ſo ſei das der Gipfelpunkt himmliſcher Muſik. Das muß anders werden. Es iſt genug der Lüge und der Heuchelei, die Wahrheit muß geſprochen werden, und ich will ſie ſprechen! Habe lange genug für Sänger und Sängerinnen, für Flittertand und Mode ge⸗ ſchrieben, jetzt will ich ſchreiben für die heilige Kunſt ſelber, und eine Muſik will ich ſchaffen, wie ſie die heiligen Engel im Himmel ertönen laſſen, und wie ſie auf Erden noch nimmer gehört worden iſt, das iſt die Muſik der Wahrheit, die verklärte harmoniſche Sprache der Seele und des Herzens, die Malerei des innerſten, unausſprechlichſten Gefühls. Denn das ſoll die Muſik ſein, und das iſt ihre heilige Aufgabe. Sie iſt die erhabenſte Sprache der Natur, aber die Menſchen haben ihr Daſein noch nicht geahnt, ihre Worte noch nicht verſtanden! Mir iſt es aufbehalten, ſie ihnen zu enthüllen, mich hat die heilige Muſik zu ihrem Sprachmeiſter ernannt, ich ſoll der Dollmetſcher ihrer Worte ſein, und die Menſchen, welche bis jetzt mit einem eklen, gemeinen Idiom hintergangen worden, die reine und ächte Sprache der Muſik lehren! Ach, Chriſtophorus, ich fürchte, Du wirſt ſchlechte Schüler finden, und ſie werden dem edlen Lehrmeiſter aus der Schule laufen, ſeufzte Mariane. Sie werden Dich verſpotten, ſtatt Dich zu ſegnen, Dich höhnend verlaſſen, ſtatt ſich um Dich zu ſchaaren! Siehſt Du, rief Gluck mit ſchnell aufflammendem Zorn, da kommt die feige Weibesnatur mit ihrer Zaghaftigkeit ſchon hervor, und Du ſchreckſt angſtvoll zurück, weil ich's ſatt habe, im alten, geebneten Ge⸗ leis der Gewohnheit dahin zu traben, und neue Bahnen wandeln will. Oh, ich that alſo Recht, zu ſchweigen, Dir meinen Plan nicht zu ver⸗ rathen, bis das Werk nicht vollendet war, bis Deine angſtvollen Blicke, 22 Deine Seufzer und Thränen nicht mehr im Stande ſein konnten, mich irre zu machen an meiner eigenen Ueberzeugung und mich zu beängſtigen mit den möglichen Folgen! Aber jetzt iſt die Arbeit vollendet, und ſie muß und ſoll an's Licht treten und der Welt ſich darſtellen. Und nun, Marianc, beſchwöre ich Dich, ſei mein ſtarkes, muthvolles Weib, zage nicht, und fürchte nicht, ſondern ſtehe vertrauend und ermunternd mir zur Seite, glaube an meinen Genius und an die ſiegreiche Kraft der Wahrheit! Sei nicht bloß das Weib meines Herzens, ſondern auch der Freund meiner Seele, der treu, ſtandhaft und ohne Furcht Hand in Hand mit mir den Stürmen der ganzen Welt entgegen tritt, und nicht zweifelt und nicht irre wird, wenn auch die ganze Menſchheit mich verhöhnte und verſpottete! Er reichte ſeiner Gattin ſeine Hand dar, und ſie legte mit einem ſanften Lächeln ihre beiden zarten Hände hinein. Chriſtoph, ſagte ſie innig, haſt Du an mir gezweifelt? Bin ich denn wirklich eine ſo feige Weibsnatur, die zaghaft zurückbebt vor dem Schweren und Bedroh⸗ lichen? Schau einmal zurück in die Vergangenheit, mein Herzgeliebter! Haſt Du mich jemals kleinmüthig und verzagt gefunden? Weißt Du noch wie's war, als wir uns kennen und lieben lernten, und als mein ſtolzer Herr Vater Dich nicht zum Tochtermann annehmien wollte, weil er meinte, ein Muſikant ſei keine anſtändige Partie für die Tochter des reichen Großhändlers Pergin, der mit Holland ſo großartige Ge⸗ ſchäfte machte. Wer war denn verzagt und kleinmüthig, wer verlor den Muth und wollte der Welt entfliehen, weil er meinte ihr bischen Jam⸗ mer ſei zu ſchwer für ihn? Das war ich, freilich, das war ich! ſagte Gluck halb beſchämt. Ja, ich hätte wahrlich ſterben mögen vor Gram und Schmerz, und war ganz und gar verzagt, wie's eben Verliebte ſind und auch ſein müſſen, wenn ſie den Gegenſtand ihrer Zärtlichkeit ſich entriſſen ſehen. Ich war vielleicht nicht verliebt, ſagte Marianne nitt leiſem Spott, aber ich liebte Dich, und darum hatte ich auch das ſchönſte und freu⸗ digſte Vertrauen auf unſer Schickſal, und darum vertröſtete ich Dich auf die Zukunft, und ſchwur Dir, zu warten, und nimmer einem andern Mann mich zu vermählen, ſondern in Lieb' und Treue auszuharren bis an's Ende! Nun, und das Schickſal wollte meine Geduld nicht auf eine ſchwere Probe ſtellen. Der Tod meines Vaters machte mich frei! — Golt verzei weinen kon dachte, und gute Mutte Dein Weib habe ich ſt geglaubt, a und meine Gott, wel andere Lie konnte und und mein dies heut er weil Du mi ichs denn und an S ſchmückte? und Deine ſchen jebt derſelben 1 Nein ſein derz ſagte, daß ſchwiegen des Geni verden, davon ſpr zu Tſche! zuweilen helige A Wart m ſeinl da und grut zuerſt, m und mei mich ſtigen !d ſie nun, ge Gott verzeih mir's, daß ich nicht ſo viel und traurig um meinen Vater weinen konnte, als es die Tochterpflicht erforderte, weil ich an Dich dachte, und an das Glück, das uns Beide nun erwartete, denn meine zute Mutter willigte ein, daß ich Dein Weib werden durfte, und ich ward Dein Weib! Seitdem ſind zwölf Jahre vergangen, und treulich und freudig habe ich ſtets zu Dir gehalten, hab' nichts geliebt, als Dich, an nichts geglaubt, als an Dich! Du biſt mein Stolz, meine Ehre, mein Ruhm und meine Freude geweſen immerdar, und darum hat auch der gute Gott, welcher wußte, daß in meinem Herzen nicht Platz ſei für eine andere Liebe, mir keine Kinder gegeben, weil ich nur allein Dich lieben konnte und ſollte, weil Du mein Freund, mein Geliebter, mein Herr und mein Kind zugleich ſein ſollteſt.— Ich muß Dich wohl an Alles dies heut erinnern, weil Du mir ſagſt, daß Du kein Vertrauen zu mir haſt, weil Du mir etwas verſchwiegen und ein Geheimniß vor mir gehabt haſt. Bin ich's denn nur werth geweſen, Deine Triumphe mit Dir zu theilen, und an Deiner Seite zu ſtehen, wenn man Dich mit Lorbeerkränzen ſchmückte? Hältſt Du mich nicht hoch genug, daß ich auch Deine Kämpfe und Deine Stürme mit Dir theilen, und wenn die undankbaren Men⸗ ſchen jetzt ſtatt der Lorbeern Dir Dornenkränze hinwerfen ſollten, einige derſelben auffangen und von Deiner Stirn abwehren darf? Nein, Mariane, ſagte Gluck tiefbewegt, indem er die Gattin an ſein Herz zog, nein, ich verläumdete mich ſelbſt, und Dich, wenn ich ſagte, daß ich aus Furcht vor Deinen Thränen und Deiner Angſt ge⸗ ſchwiegen, und Dir ein Geheimniß verborgen gehabt. Aber die Thaten des Genius müſſen in heiliger Stille, in andächtigem Schweigen geübt werden, wie das Heben eines zauberbehüteten Schatzes; ſobald man davon ſpricht, verſchwindet der Schatz, und die Goldklumpen zerfallen zu Aſche! Solch einen unſichtbaren Zauberſchatz enthüllt der Genius zuweilen vor den entzückten Augen des ſchaffenden Künſtlers, und in heiliger Andacht, ohne zu ſprechen, ohne ihn zu entweihen durch irdiſches Wort, muß er ihn heben, ſonſt verſinkt er in die Tiefe, und wird nimmer ſein! Das war's, Mariane, weshalb ich ſchwieg, ſo lange ich arbeitete und grub. Jetzt iſt der Schatz gehoben, jetzt iſt er Mein, und Du zuerſt, mein treues, herrliches Weib, Du die Gefährtin meiner Freuden und meines Glücks, Du ſollſt von ihm erfahren, und ſollſt vielleicht 24 jetzt auch der Ehre theilhaftig werden, die Gefährtin meiner Leiden und meiner Demüthigung zu werden! Nun wahrlich, das müßte ein großer Mann ſein, der die Kraft beſäße, dieſes Gigantenhaupt zu demüthigen, rief Mariane, mit heitern Blicken den ſtolzen, hochgewachſenen Künſtler anſchauend. Gluck lachte. Du nennſt mich grade zur rechten Zeit ein Giganten haupt, ſagte er, und rufſt damit zur guten Stunde mir die Erinnerungen wach, daß auch die Giganten fallen können. Der Fall meiner Giganten war's, der mir zuerſt die Augen öffnete, und mich den Abgrund ſehen ließ, an dem ich mit allen andern Muſikern der Vergangenheit dahin⸗ taumelte. Ach, Du ſprichſt von Deiner Oper, fragte Mariane, von Deiner Caduta de Giganti, die Du einſt im undankbaren England aufführen ließeſt? Still, ſchilt mir nicht die Engländer, es ſind edle brave Leute, können nichts dafür, wenn ſie ſich beſſer auf Zahlen, als auf Noten verſtehen, und wenn der Klang des Geldes ihnen eine beſſere Muſik däucht, als ſo mancher andere Klingklang, den man ihnen vordudelt, und ſagt, das ſei die edlere und ſchönere Muſik! Ich habe ihnen auch zu meiner Zeit was vorgedudelt, und wollte ihnen auch vorreden, meine Oper Caduta de' Giganti ſei echte und wahre Muſik. Sie aber glaubten es mir nicht, und wandten meiner ſchönen, kunſtvollen Oper den Rücken, die klugen, ſtolzen Englishmen. Oh, oh, jetzt ſetzt der Maeſtro ſich ſelbſt herab, und preiſt ein Volk, das es in dieſem Punkte nicht verdient! Ich kenne ſehr wohl die Geſchichte der Caduta de' Giganti, wenn auch Herr Chriſtophorus ſie mir niemals erzählt hat. Ich weiß, daß ſie den Engländern nicht gefiel, und daß ſie in ihrer Unduldſamkeit weder die Jugend, noch die Genialität des fremden Componiſten berückſichtigten, und die Oper ver⸗ dammten, weil ſie nicht war, wie alle die hundert andern itakiäniſchen Opern, die man ihnen vorträllerte. Ich weiß auch, daß der beſcheidene junge Maeſtro da ganz traurig und gebeugt zum großen ſtolzen Meiſter Haendel ging, und ihm ſeine Partitur zur Durchſicht gab, um von ihm zu erfahren, wie er's beſſer machen ſollte. Weiß auch, was Meiſter Saendel darauf geantwortet hat. 1 * Nun, Er gegeben, Engländen das Tron hat der F Er ſetzte zu ſchmettert Englände Ma⸗ Du, der Englände Ich eiſt die Nichtige und dort res, Erh⸗ erzählen, was die beit gebe E tete ſie ' Anton Schmid: Chriſtophorus Ritter Gluck. S. 29. — 25 Nun, was hat er denn geantwortet, Du liebe Schwätzerin? Er hat geſagt: Ihr habt Euch mit der Oper zu viele Mühe gegeben, das iſt aber hier in London nicht wohl angebracht, für die Engländer müßt Ihr auf irgend etwas Schlagendes und ſo recht auf das Trommelfell Wirkendes ſinnen.— Nun, geſtehe, Chriſtophorus, hat der Haendel das nicht geſagt? Er hat's geſagt, Mariane, und ich befolgte ſeinen Rath. Ich ſetzte zu den Chören der Oper Poſaunen hinzu, und wie es ſo recht ſchmetterte, gefiel die Oper bei der nächſten Aufführung den Herren Engländern gar wohl.*) Mariane lachte laut auf. Und jetzt willſt Du mir ſagen, daß Du, der Ritter Gluck, der gefeierte Componiſt Italiens, daß Du den Engländern zu Dank verpflichtet ſeiſt? Ich bin es, Mariane, glaube mir's. In England ſind mir zu⸗ erſt die Augen geöffnet, dort habe ich zuerſt das Eitle, Gedankenloſe, Nichtige und Flitterhafte unſerer bisherigen Muſik erkennen gelernt, und dort habe ich zuerſt den Entſchluß gefaßt, dereinſt etwas Größe⸗ res, Erhabeneres und Schöneres zu ſchreiben. Ich will Dir das jetzt erzählen, Mariane, denn dann weißt Du zugleich, was ich will und was die Oper der Zukunft, deren Schöpfer ich ſein will, der Menſch⸗ heit geben und bedeuten ſoll. Er ſchlang ſeinen Arm um den Nacken ſeines Weibes und gelei⸗ tete ſie ſanft zu dem Divan hin, auf welchem er neben ihr ſich niederliß. 1 III. 5 Die neue Hper. Höre alſo, Mariane, die geheime Geſchichte meines Genius, die ich heut zum erſten Male verſuchen will, Dir in Worte zu faſſen, ſagte Gluck. Sie beginnt in England. Denn von den Kämpfen und — — Leiden, von den Entbehrungen meiner erſten Zünglingsjahre will ich Dir nichts erzählen, das Hungern und Entbehren und die ganze Plage mit des Lebens Nothdurft hat nichts zu ſchaffen mit dem Leben und Sein des Genius, es iſt nur der Zins, den der Menſch dem Schick⸗ ſal abzahlen muß für das große Capital, welches der Genins ihm in ſein Haupt gelegt, und das er verwalten muß mit ſeiner beſten Geiſtes⸗ und Herzenskraft. Ich hungerte aber nicht blos nach Brod und Fleiſch, ich hungerte mehr noch nach Anerkennung und nach Ruhm, und ſetzte mein Leben ein, ihn zu erlangen. Dacht' auch, ich wär' ſchon was Rechts, als ich nach England kam, hatte ſchon in Italien mein Glück gemacht und acht Opern geſchrieben, welche die guten Italiäner alle stelle hoben. Aber die Caduta de' Giganti mißfiel doch, und meiner „Artamene“ ging's nicht beſſer.— Dies doppelte Fiasko machte mich raſend vor Zorn und Schmerz, ich konnt's nicht ertragen, ſo gedemü⸗ thigt, und wie ich ſtolz vermeinte, ſo mißkannt zu werden! Ich wollte den Engländern mit Einem großen Schlag beweiſen, daß ich doch, rer Künſtler ſei, wollte ſie zu ihnen zum Trotz, ein wirklicher und wah meinen Füßen demüthigen, wie der Zeus die gefallenen Titanen. Ich ließ mir alſo von einem Reimſchmieder, wie es deren aller Orten giebt, ein Paſticcio ſchreiben, ein Sammelſurium, das ſie lyriſch⸗drama⸗ tiſches Gedicht nennen, und was nichts weiter iſt, als ein dicker auf⸗ gewichſter Poetenfaden, an dem man je nach Wahl und Gutdünken aus ſeinen Opern die beſten und beliebteſten Tonſtücke aneinanderreiht und ſie wie einem Kaleidoſcop flimmern und glänzen läßt. Ich ſetzte alſo ein ſolches Paſticcio zuſammen und nannte es Pyramus und Thisbe. Opern, die ſchönſten Muſikſtücke, mit Die beſten Arien aller meiner denen ich ſonſt in Italien ſtets das ungeheuerſte Furore gemacht, nahm a ich in meine muſicaliſche Paſtete und tiſchte ſie dem hungrigen England auf. Aber auch das Paſticcio gefiel nicht, das Publikum blieb kalt, und,— was noch ſchlimmer war, mein eigen Hexrz blieb kalt. Ich ſtand dem Paſticcio wie ein Fremder gegenüber, und die Arien, die mich ſonſt entzückt, die mir Thränen in die Augen, Wonne in's Herz gebracht, ſie ließen mich jetzt kalt und ungerührt.— Ich ſann dieſer unerwarteten Wirkung nach, ich überlegte, wie es zuging, daß dieſe Muſikſtücke, welche in den Opern, für die ich ſie geſchrieben, ſo emi⸗ P 41 nent gew eine ande ich, daß i Arien aus als der, kraft und Muſikſtüct ſprechende Melodie Wahrhei müſſe. Dichtung ihrer Geſ empfunde weichlice Mutter, kann die und ſterb beinen ge e9 im Zimn poet und tegte geſ 4 hinausläuft, ſchreiben könnte, ſondern ein Gedich 27 nent gewirkt, nun, da ſie aus ihrem Rahmen herausgehoben und an eine andere Stelle geſetzt, ſo wirkungslos blieben? Und endlich fand ich, daß in der Frage ſchon die Antwort lag, daß grade, weil ich die Arien aus ihrem Rahmen gehoben und auf einen andern Boden geſetzt als der, auf welchem ſie erwachſen, daß grade deshalb ihnen die Lebens⸗ kraft und das Licht fehlte. Ich ward inne, daß jedes wohlgelungene Muſikſtück einen den Umſtänden, aus denen es hervorgegangen, ent⸗ ſprechenden Character haben müſſe, daß es nicht bloß genüge an der Melodie und den kunſtvollen Verzierungen, ſondern daß es auch die Wahrheit der Situation, die richtige Zeichnung des Moments geben müſſe. Ich erkannte, daß die Muſik außerdem ſich einer ſchönen edlen Dichtung verbinden müſſe, daß ſie ohne dieſe nicht zu ihrem Ausdruck, zu& ihrer Geſtaltung kommen könne, ſondern daß die erhabenſte, ſchönſte, tief⸗ empfundenſte Muſik zu Grunde gehen könne in einem gemeinen, poeſieloſen, weichlichen Text. Das Libretto iſt der Vater der Oper, die Muſik ſeine Mutter, wenn der Vater nicht lebensfriſch, geſund und naturkräftig iſt, kann die Mutter kein ſchönes geſundes Kind gebären, es wird hinſiechen und ſterben wie ſchon ſo manche meiner Opern geſtorben ſind, weil ſie keinen geſunden, edlen Vater, keinen wahrhaften Dichter gehabt. Still, ſtill, Du waghalſiger Menſch, ſagte Mariane, faſt ängſt im Zimmer umherſchauend. Vergißt Du denn, daß es der große poet und Dichter Abbate Metaſtaſio iſt, der Dir faſt alle Deine texte geſchrieben? Ich weiß nur zu gut, daß er das gethan, denn mang Opern hat er juſt durch ſeinen weichlichen, empfindſan und characterloſen Text die Lebenskraft gebrochen, und Glück gemacht, ſo kam es daher, daß ich, um die Opeß angenehm zu machen, trotz ihres langweiligen Textes allem Firlefanz der Coloraturen und Fiorituren ausgeſ durch die Nachtigallkehlen der Sänger wenigſtens E Aber oft hat mein Herz geblutet, während ich dieſe und ich bat Gott immer, als um den ſchönſten Segz um einen Dichter, der meine Intentionen verſtehen mir nicht ein empfindſames Libretto, bei dem alles 28 ſcher Wahrheit, in dem ſich die Charactere entwickeln, in dem eine fort⸗ laufende, ſich ſteigernde dramatiſche Handlung bis zu ihrem Gipfelpunkt aufſteige, und ſchon an und für ſich das Intereſſe des Publikums zu feſſeln vermöge. Und haſt Du einen ſolchen Dichter endlich gefunden? fragte Mariane mit einem ſchlauen Lächeln. Habe endlich einen ſolchen gefunden, es iſt— Raniero von Calzabigi, unterbrach ihn Mariane, der Herr Rath bei der niederländiſchen Rechnenkammer! Wie, Du weißt das? fragte Gluck erſtaunt. Der Calzabigi iſt alſo auch ein Schwätzer, der kein Geheimniß bewahren kann. Hat alſo doch die Sache verrathen, und wir hatten einander geſchworen, ſie geheim zu halten bis zum entſcheidenden Tage, und nun hat er doch geplaudert! Nein, er hat nicht gep Geheimniß verrathen, ich hab's lange gekannt. Wie, und haſt niemals mit einem Wort darauf hingedeutet, daß laudert, Freund, und Niemand hat Ener nur errathen, und habe es jetzt ſchon u es kannteſt? Mein Freund, ich wartete auf die Stunde Deines Vertrauens, ich begriff ſehr wohl, weshalb Ihr Beide Euer Werk in tiefes en einhüllen wolltet, bis es gewappnet und vollendet wie Mi⸗ dem Haupt meines Zeus hervorſchreiten könnte, um all ſei⸗ in, Neidern und Feinden Trotz zu bieten. Weil ich das be⸗ ch und betete nur leiſe zu Gott und dem Genius meines rus, daß er ſeinem Werk das Gelingen und den d Dein Gebet erhören, mein edles, geliebtes Weib, ſſeres Ich, rief Gluck, ſein Weib innig in ſeine Arme wie bin ich froh, daß ich jetzt zu Dir reden kann von gonaten mein Herz bewegt, wie ſelig, Dir endlich von en und Befürchtungen, meinem Ringen und Streben Wie ſchön wird es ſein, Dir meine Oper vorzu⸗ Arie auf Deinem lieben Antlitz Dein Mißfallen, Ceinen Beifall zu leſen, der mir höher gilt, als der Beif mein Lie Er Piano h bevor w des Lebe zimmer gegeben, Geſtalt Nu M. Lippen einem be Wi heißt? R. ſagte ſie Geheimn ſchweiger du im Deinen oft haſt wenn iu den ha verzwei E ſtrahlen M du haß Deinen Augen Nußt Anbro ſeßg der dẽ 29 der Beifall der ganzen Welt. Komm, Mariane, ich will Dir ſogleich mein Lieblingsſtück zu hören geben. Er ſprang mit jugendlicher Lebendigkeit Aupor und wollte zu dem Piano hineilen, aber Mariane hielt ihn⸗ zurück. Maeſtro, ſagte ſie, bevor wir der Poeſie der Götter uns zuwenden, muß erſt die Proſa des Lebens ihr Recht haben. Die Proſa erwartet Dich im Speiſe⸗ zimmer in Geſtalt eines Frühſtücks, und erſt wenn Du ihr Audienz gegeben, ſoll uns hier im Tempel der Kunſt die Poeſie erwarten in Geſtalt Deiner Oper, deren Namen ich noch nicht einmal kenne. Nun, jetzt darfſt Du ihren Namen 44 Mariane. Sie heißt— Mariane legte ihre Arme um ſeinen Hals und verſchloß ihm die Lippen mit einem Kuß. Still, ſtill, mein Orpheus, ſagte ſie mit einem bedeutungsvollen Lächeln. Wie, Mariane, Du weißt auch das? Du weißt, wie meine Oper heißt? Mariane drohte ihm lächelnd mit dem Finger. Wiſſe, mein Freund, ſagte ſie, daß Gott Hymen es nimmer duldet, daß die Männer ein Geheimniß vor ihren Frauen haben. Was Ihr im Wachen uns ver⸗ ſchweigen wollt, das verrathet Ihr uns im Schlaf! Oh, wie oft haſt Du im Schlaf nach Deiner Euridice gerufen, wie oft hat Euridice von Deinen Lippen ihre Klagerufe nach ihrem Orpheus erlönen laſſen, wie oft haſt Du die unterirdiſchen Mächte angerufen, daß ich erſchauerte, wenn ich Dich anſah mit den geſchloſſenen Augen, der zuckenden Stirn, den halbgeöffneten Lippen, welche dieſe wilden Schmerzeusklagen, die verzweiflungsvollen Gebete ſangen. Es hat alſo Deine Seele ergriffen und gepackt? rief Gluck mit ſtrahlendem Angeſicht. Du haſt— Mein Freund, die Proſa, die Proſa erwartet uns im Speiſezimmer, Du haſt die ganze Nacht hindurch gearbeitet, es iſt daher wohl Zeit, Deinem Körper ein wenig Stärkung zu gönnen! Ja, ja, rolle nur Deine Augen und lege Deine Zeusſtirn in düſtere Falten, es hilft Dir nichts! Mußt doch mir folgen und Erdenſpeiſe genießen, bevor Du mich mit Ambroſia und Nektar fütterſt. Komm, Herzlieber, und weil Du gar ſo⸗ fleißig warſt, ſollſt heute auch ein Glas von Lacrimae Christi haben, den der Herzog von Bologna Dir jüngſt geſandt. Komm, Chriſtaphorr drückte ihn mit ſanftem Ungeſtüm wieder au Sie zog ihn mit ſich fort, und Gluck folgte ihr halb lächelnd und halb unwillig in's Speiſezimmer. Und jetzt kein Wort von Kunſt und Poeſie, ſagte Mariane, nachdem der Diener auf ihren Wink das Frühſtück aufgetragen. Ich, der ver⸗ antwortliche Leib⸗ und Seelenarzt des Ritter Chriſtoph von Gluck, ver⸗ urtheile ihn zu einer Viertelſtunde Schweigens und Genießens! Erſt beim Weine darf er wieder reden! Von meiner Oper, Cariſſima? Behüte der Himmel, von Wind und Wetter, weiter nichts! Schweig jetzt und trinke die Chocolade! Und gehorſam den Befehlen ſeiner Gattin folgend, trank Gluck ſchweigend ſeine Chocolade, aß er ſchweigend die kleinen Paſtetchen und den Rebhuhnflügel, die der Chocolade folgten. Auf einmal ward dieſe Stille durch das laute und mächtige Schallen der Hausglocke unterbrochen, und der eintretende Diener meldete den Herrn Rath von Calzabigi. Gluck ſprang auf und wollte der Thür zueilen, aber Mariane f den Seſſel nieder. Trink erſt dieſes Glas Lacrimae, ſagte ſie, Du weißt, daß Du vorher nicht ſprechen darfſt. Calzabigi wird wohl die Güte haben, im Salon einen Moment uns zu erwarten. Gluck nahm das Glas, und indem er ſeiner Gattin mit den Augen zunickte, leerte er es auf einen Zug. Mariane, ſagte er dann aufſpringend, jetzt bin ich artig und folgfam geweſen, wie ein großes Kind, nun aber iſt's genug der Proſa, nun muß ich wieder frei fein, zu thun und zu laſſen was ich will! Ja, Maeſtro, nun biſt Du frei, ſagte ſie, ihren Arm in den ſeinen legend. Jetzt iſt der Leib geſtärkt und Deine ſtarke Seele, welche nie⸗ mals erlahmt, niemals ſchwach wird, möge jetzt wieder ungehindert ihre Schwingen entfalten, der Körper kann's ertragen. Komm zu Calzabigi! —Q—— poniſten Wie dem eintr Ma⸗ verneigte Sa heiter.( genes W Und es nicht und Sar mir alſo it geſche auf Dein hat, in f ſeleſen u ihn noch auf den Sie Gatin des Scj das die Gra d Er ihn verh dß er von dem erlläten halte di ien ihn un die Abſ VI. Naniero von Calzabigi. Wie ſich die Thür des Salons öffnete, eilte Raniero von Calzabigi dem eintretenden Gluck haſtig entgegen. Maeſtro, begann er, aber Mariane erblickend, verſtummte er und verneigte ſich tief. Sag's frei heraus, Freund, was Du mir zu ſagen haſt, rief Gluck heiter. Sie weiß Alles, und denke nur, was für ein liebes, verſchwie⸗ genes Weib ſie iſt, wußte ſchon lange Alles und hat ſich nie verrathen. Und das überraſcht Dich? fragte Calzabigi lächelnd. Haben wir es nicht Alle ſchon lange gewußt, daß die Signora ein Engel an Güte und Sanftmuth, an Weisheit und Klugheit iſt? Die Signora erlaubt mir alſo frei heraus zu ſprechen? Nun denn, Maeſtro, der große Wurf i*ſt geſchehen! Ich komme ſo eben vom Grafen Durazzo, dem ich geſtern auf Deinen Wunſch und Willen unſere Oper übergab. Der edle Herr hat, in freudiger Ungeduld Dein Werk kennen zu lernen, die ganze Nacht geleſen und ſtudirt, und als ich heute Morgen zu ihm kam, fand ich ihn noch in ſeiner Toilette des geſtrigen Abends und vor dem Tiſch, auf dem die Partitur lag. Siehſt Du, Mariane, rief Gluck ſein triumphirendes Antlitz ſeiner Gattin zuwendend, es iſt nicht der Componiſt allein, der bei dieſer Oper des Schlafes vergißt! Es iſt wohl etwas vom ewigen Leben in ihr, das die Seele wach erhält.— Nun, Freund Raniero, was ſagte der Graf Durazzo, unſer hoher Theater⸗Intendant. Er ſagte, daß keine Cabalen, keine Intriguen und Feindſchaften ihn verhindern ſollten, dieſes erhabene Tonwerk aufzuführen. Er ſagte, daß er ſie auf die Bühne bringen wollte und wenn ſelbſt die Kaiſerin, von dem boshaften Geflüſter ihrer Hofſchranzen beſtochen, ſich dagegen erklären würde. Er ſagte, daß er es für einen Stolz und einen Ruhm halte, dieſes neueſte und erhabenſte Werk des großen Meiſters Gluck in Wien zuerſt zur Aufführung zu bringen, und daß nichts in der Welt ihn hindern ſollte, dies ſogleich zu thun. Demgemäß hat er bereits die Abſchreiber rufen laſſen, die Stimmen vertheilt und bittet den Com⸗ poniſten, die Rollen der Sänger zu beſtimmen. Aber Alles muß ſchnell geſchehen, denn die Oper ſoll ſchon im Oktober, am Geburtstag der jungen Erzherzogin Iſabella von Parma, aufgeführt werden. Das iſt unmöglich, rief Gluck heftig, wir ſind im Juli. In drei Monaten kann eine ſolche Oper nicht einſtudirt werden! Habe nur den Willen, Chriſtophorus, und es wird ſchon gehen, ſagte Mariane bittend. Laß Deinen Feinden und Widerſachern gar nicht die Zeit Intriguen zu ſpinnen, Conterminen anzulegen, erringe den Sieg, bevor ſie noch Zeit finden Dich bekämpfen zu wollen. Du weißt nicht, was Du forderſt, rief Gluck ſtürmiſch. Du weißtnicht, wie es bei meiner Muſik auf jede Note, auf jeden Tact, auf jeder Fermate und jeden Vorhalt ankommt, wie ein verfehlter Strich, eine abweichende Linie mir mein Götter⸗Antlitz in eine Fratze verwandeln kann. Jetzt läſtert er ſich wieder einmal ſelber! ſagte Mariane lächelnd. Als ob es ſo leicht wäre, Glucks Meiſterwerke zu verunſtalten und das Erhabene zu erniedrigen. Es iſt leicht, grade weil es ein Meiſterwerk iſt, das ich da ge⸗ ſchaffen, rief Gluck eifrig, grade, weil's erhaben iſt, kann man es auch leicht verunſtalten, denn je mehr man nach Vollkommenheit und Wahr⸗ heit ſtrebt, deſto nothwendiger werden die Eigenſchaften der Richtigkeit und Genauigkeit. Die Züge, welche Raphael von den übrigen Malern unterſcheiden, ſind in manchen Fällen kaum bemerkbar. Leichte Ab⸗ weichungen in den Umriſſen ſtören die Aehnlichkeit eines Caricaturkopfes nicht, aber ſie verunſtalten das Antlitz einer ſchönen Geſtalt gänzlich. Ich will nur des Orpheus Arie: Che faro senza Euridice anführen. Nähme man damit nur die geringſte Veränderung in der Bewegung oder in der Art des Ausdrucks vor, ſo würde ſie eine Arie für das Marionetten⸗Theater werden. In einem Stück dieſer Gattung kann eine mehr oder weniger gehaltene Note, eine Verſtärkung des Tons, eine Vernachläſſigung des Zeitmaßes, ein Triller, eine Paſſage den Effect einer Scene gänzlich zerſtören. Es muß alſo Alles unter meiner ſtrengſten Leitung und Aufſicht eingeübt werden, denn der Componiſt iſt die Seele und das Leben ſeiner Schöpfungen, und ſeine Gegenwart iſt ihnen ebenſo uöthig als die Sonne der Schöpfung.*) *) Glucks eigene Worte. S. Anton Schmid: Leben Glucks. S. 152. Ao Stentorſ We aufführen rückgeleg von Me Zu auffzufüh Meine! noch ei Wirkun leuchtens eins die ſchauſtü innerer lange ge ſügenden Begleitu muſikaliſ vor eine der Pri mit den G ſeiner K werden Sr Diump. 33 Aber Du biſt ja da und kannſt zum guten Glück mit Deiner Stentorſtimme Dich Jedem verſtändlich machen! rief Mariane.. Wenn Du nicht einwilligſt, Deine Oper an dem bezeichneten Tage aufführen zu laſſen, ſagte Calzabigi, ſo muß ſie bis auf Weiteres zu⸗ rückgelegt werden und man wird zu dem Geburtsfeſt eine neue Oper von Metaſtaſio und Haſſe einſtudiren. Zurücklegen! Den Orpheus zurücklegen, um eine Oper Haſſe's aufzuführen, ſchrie Gluck gering. Nie und nimmer ſoll das geſchehen! Meine Oper iſt fertig, ich habe dieſe Nacht die letzte Arie der Enridice noch einmal überarbeitet, ſie iſt jetzt von der höchſten dramatiſchen Wirkung und Kraft, das ganze Werk ſteht in erhabener Götterſchönheit leuchtend da und man will es bei Seite legen, um eine Oper von Haſſe, eins dieſer klingenden, dudelnden, fiſtulirenden, harmonirenden Jammer⸗ ſchauſtücke, aufzuführen, bei denen die Augen überfließen, nicht aber von innerer heiliger Rührung, ſondern weil die Sänger das Publikum ſo lange gezwiebelt haben mit ihren Ach's un Oh's, ihren die Luft durh⸗ ſägenden Armen, ihren Mollſätzen mit gedämpfter Cello⸗ und Baß⸗ Begleitung, bis den Leuten zuletzt die Augen übergehen müſſen, ſolcher muſikaliſchen Zwiebel gegenüber! Nein, nein, mein Orpheus ſoll nicht vor einer Haſſe'ſchen Jeremiade zurückweichen! Er ſoll am Geburtstag der Prinzeſſin zur Aufführung kommen und müßte ich Tag und Nacht mit den Sängern und der Capelle ſtudiren! Gott ſei Dank, rief Mariane, jetzt iſt der Gluck wieder Er ſelber, ſeiner Kraft ſich bewußt und vor keinem Hinderniß zurückweichend. Wir werden alſo Deine Götteroper haben, und neue Lorbeeren und neue Triumphe erwarten meinen Chriſtophorns! Nun, deſſen ſei nicht ſo ganz gewiß, Mariane, ſagte Gluck lächelnd. Wer den Menſchen neue Bahnen zeigt, ihren kurzſichtigen Blicken neue Aus⸗ ſichten eröffnet, der hat zunächſt vielmehr auf ihren Undank und auf ihre Verläſterung, denn auf ihr Lob und ihre Anerkennung zu rechnen. Das Neue, das Ungewohnte reizt den Widerſpruch der gedankenloſen Menge, und da das Tadeln und Verdammen allemal viel leichter und bequemer iſt, als das Anerkennen und Erkennen, nun ſo tadeln und verdammen ſie! Und bei dieſer Oper haben ſie doppelte Gelegenheit dazu, denn Kaiſer Joſeph. 1. Abth. II. 3 4 34 Calzabigi's Dichtung iſt ebenſo neu und originell, als meine Muſik. Beide haben wir nach demſelben Ziel geſtrebt, nach Einfachheit, nach Natur und Wahrheit, nach edler, ungeſuchter dramatiſcher Wirkung, Beide haben wir den äußern Effect, den Kling⸗Klang vermieden, Beide haben wir es verſchmäht durch die hohle Pracht und den leeren Bom⸗ baſt an Wort und Ton zu wirken, ſondern nur uns bemüht durch die Kraft des wahren Gefühls, durch das Frappante der Situation, die hochherzige und edle Entfaltung der Charactere zu wirken. Oh, Cal zabigi, mein edler Freund, welch ein Glück, daß ich Dich gefunden, denn nimmer hätte ich der Gluck ſein können, als den mich die Welt und Nachwelt einſt preiſen wird, wenn ich nicht meinem Dichter Ra niero von Calzabigi begegnet wäre! Und nimmer, rief Calzabigi, die dargereichte Hand de Meiſters zärtlich in der ſeinen drückend, nimmer würde der Na unbekannten Raniero Calzabigi auf die Nachwelt kommen, wenn nicht Gluck ihn mit dem ſeinen Ampor trüge zu ewigem Ruhm. Dir werde ich es zu verdanken haben, Maeſtro, wenn man mich dereinſt einen Dichter nennt, denn Deine erhabene Mufik iſt es, die meinem Gedicht Erhaben⸗ heit, Größe und Schönheit verleiht. Aber mir wirſt Du es auch zu verdanken haben, Freund, wenn Dein erſtes dramatiſches Gedicht Fiasco macht, rief Gluck lachend. Und bei Gott ich glaube eher daran, als an einen Triumph. Die Halbge⸗ lehrten, die Kunſtrichter und Tonangeber, dieſe Klaſſe von Menſchen, die unglücklicher Weiſe ſehr zahlreich iſt und zu allen Zeiten dem Fort⸗ ſchritte der Künſte tauſend Mal nachtheiliger war, als die Unwiſſenden, die werden gegen unſer Werk wüthen. Dieſe Herren Kunſtrichter, deren Seele ihren Sitz nur in ihren Ohren hat, werden manche nieiner Arien zu rauh, manche Paſſage zu hart, oder zu wenig vorbereitet finden, weil ſie nicht bedenken und erkennen, daß in Beziehung auf die Situation eine Arie oder Paſſage gerade dieſen erhabenen Ausdruck verlangte. Die Pedanten in der Harmonie werden auch hier und da eine geniale Nachläſſigkeit oder einen falſchen Eindruck bemerken wollen und ſich für berufen halten, das Eine wie das Andere als unverzeihliche Sünden gegen die Geheimniſſe der Harmonie zu erklären, worauf ſich bald eine me des armen — riane faſ gewinnen ſich heral und ſchm aus für mächtige Verſuche den eitle ſei dem Wüdiges reit ſein dann 1 ſeig auf Merſch den Si einen 2 ihren( 25 35 Menge vereinigen wird, dieſe Muſik als barbariſch wild und überſpannt zu verdammen.*) Man muß alſo dieſen unüberlegten Urtheilen zuvorkommen, ſagte Ma⸗ riane faſt ſchüchtern, man muß dieſe ſogenannten Herren Kunſtrichter zu gewinnen ſuchen, man muß um des edlen und großen Zweckes willen ſogar ſich herablaſſen, um ihre Gunſt zu werben, und ihnen unter freundlichen und ſchm eihlerifchen Worten das richtige Verſtändniß einzuflößen ſuchen! Die Signora hat Recht, rief Calzabigi eifrig, es handelt ſich hier nicht um uns, ſondern um die Kunſt ſelber, und darum müſſen wir dieſe Leute, welche die öffentliche Meinung vertreten, zu gewinnen fuchen, damit ſie günſtig auf das Publikum einwirken und es ſchon im Vor⸗ aus für die Oper ſtimmen. Wir haben vor allen Dingen eine große mächtige Partei zu bekämpfen, die Partei Haſſe's und Metaſtaſio's. Verſuchen wir's, ſie zu verſöhnen. Ich werde zu Metaſtaſio gehen, und den eitlen Abbate mit Schmeicheleien zu gewinnen ſuchen. Du, Maeſtro, ſei dem Capellmeiſter Haſſe ein wenig freundlich, ſag' ihm nur ein gnädiges, anerkennendes Wort über ſeine letzte Oper, und er wird be⸗ reit ſein, die Deine in den Himmel zu erheben. Und dann Maeſtro, dann laß Dich herab, Dein ſtolzes Haupt ein wenig zu beugen, dann ſteig auf eine kurze Stunde hernieder von Deinem Thron und ſei ein Menſch mit Menſchen. Mache, wie das alle Componiſten thun, mache den Sängern und Sängerinnen, die in Deiner Oper ſingen ſollen, einen Beſuch, ſag' ihnen mit ein paar guten Worten, daß Du auf ihren Eifer und ihre Unterſtützung rechneſt, daß Du ſie bitteſt, dies Mal all ihren Fleiß, ihre Kraft anzuwenden, daß— Soll ich den Frauenzimmern nicht auch noch zu Füßen fallen und ihnen Liebeserklärungen machen? brüllt Gluck mit einer wahren Don⸗ nerſtimme, indem er mit zorngeröthetem Angeſicht und flammenden Augen auf den entſetzt zurückweichenden Calzabigi zuſchritt. Soll ich nicht den Sängern goldene Doſen in die Hand drücken und ihnen Gaſt⸗ mähler geben, bei denen der Champagner fließt und Brillanten in den indianiſchen Vogelneſtern ſitzen? Soll ich nicht heucheln und ſchmeicheln *) Gluck's eigene Worte, zu finden in der dem Herzog von Braganza ge⸗ widmeten Zueignung ſeiner Oper: Paride ed Elena. 36 und fuchsſchwänzeln von der erſten Sängerin an bis zum Lampenputzer hernieder? Soll ich nicht im Gallakleid mit dem Degen an der Seite beim Herrn Soprano antichambriren und dem Kammerkätzchen der Prima Donna einen Ducaten in die Hand drücken, damit ſie mich um Gotteswillen eine Viertelſtunde in das Boudoir ihrer Herrin einführt, und ich einen Brillantſchmuck mit einem Liebesgedicht auf ihren Nachttiſch hinſetzen kann?— Pfui über Euch erbärmliche feige Seelen, die Ihr dem Genius eine Narrenjacke anziehen wollt, damit er durch Grimaſſen, Katzenſprünge und Buhlereien ſich die Gunſt der Mittelmäßigkeit er⸗ ſchl leiche? Pfui über Euch erbärmliche Weltkinder, die Ihr den Pegaſus in's Joch ſpannen und ihn zum Kunſtklepper der Gewöhnlichkeit ernie⸗ drigen wollt. Lieber will ich mir meine Zunge abbeißen und ſie Euch in's Anlitz ſpeien, ehe ich dieſen abgerichteten, caſtrirten Nachtigallen, dieſen hochmüthigen Primadonnen auch nur Ein Wort der Bitte, der Anerkennung ſage. Ich bin ihr Feldherr und ſie ſind meine Soldaten, die mir willenlos wie die Maſchinen folgen müſſen auf mein Com⸗ mando, oder ich caſſire ſie und jage ſie mit Schimpf und Schande fort. Lieber will ich meine neue Oper und alle Opern, die ich ſchon geſchrieben, in's Feuer werfen, als daß ich dieſer aufgeblaſenen Mittelmäßigkeit, dieſer dudelnden Spieluhr, dieſem geiſt- und herzloſen Muſicus, dem Capell⸗ meiſter Haſſe, über ſeine jämmerliche Machwerke ſchmeichleriſch e Worte ſage, und ſein Flickwerk von gleißneriſchen Arien O der benenne. Was, Ihr wollt mich bereden, jetzt, da ich ſchon der Meiſter Gluck bin, zu thun, was ich verſchmähte, als ich noch der unberühmte arme Anfänger Gluck war? Hab' in Neapel, als ſie meine Oper: la Clemenza di Tito ga⸗ ben, nicht einmal den großen Caffarelli, den alle Welt feierte und an⸗ betete, beſucht, obwohl ich wußte, daß er in meiner Oper ſingen würde, und obwohl mir alle Welt ſagte, daß ich dem großen Sänger dieſe Huldigung ſchul big ſei, und daß er ſie erwartete? Wollt' aber ſchon damals meiner Würde nichts vergeben, und der Caffarelli wartete und wartete, und als ich gar nicht kam, ihn um ſeine Protektion zu bitten, da kam er und bat mich um die Meine, denn er hat's gefühlt und gemerkt, daß er von mir lernen könne. Und ich, der den Caffarelli nicht beſuchte, als ich ein Bürſchlein war, ich ſoll jetzt den Guadagni beſuchen, da ich ein Mann und Meiſter bin? Soll jetzt ſchön thun und. —— liebäugen Fdderfuch Maul un haſſen, her, da verſchwo ſtürzen der Car ſehen, ſ öffentlic ſchützer allein d gen alle jetzt wa ſoll ich ſtehen, über E ſchaft ni und ver „ uw dlaube, ſtürmte N mit ein heit, ſo der W nem He Haupt ſnen 8 nachher dann ſich a wit de — 4 3) 37 liebäugeln und händedrücken mit Deinen hochmüthigen, aufgeblaſenen Federfuchſern, die ſich Kunſtkritiker dünken, weil ſie große Phraſen im Maul und erhabenen Bombaſt in der Dinte haben, und weil ſie mich haſſen, da ſie wiſſen, daß ich ſie verachte? Es ſind jetzt acht Jahre her, da hatten dieſe Herrn Kunſtkritiker ſich in Rom auch gegen mich verſchworen, hatten eine großmächtige Kabale geſchmiedet, um mich zu ſtürzen und meine Oper II Trionfo di Camillo zu Fall zu bringen; der Cardinal Albani kam zu mir und erbot ſich, mich mit meinem An⸗ ſehen, ſeiner ganzen Macht und Bedeutung zu beſchützen, und mir einen öffentlichen Triumph zu bereiten. Ich lehnt' es ab, wollt' keinen Be⸗ ſchützer und keine Protection, wollt' über die Bosheit und den Neid allein durch meinen Genius triumphiren und mir durch meine Schöpfun⸗ gen allein den Beifall der wahrhaften Kunſtkenner erwerben.*) Und jetzt wagt Ihr's, mir ſolche erniedrigende Vorſchläge zu machen. Jetzt ſoll ich, wie die Bänkelſänger demüthig jammernd an den Thüren ſtehen, und um ein Broſamen von Gunſt und Beifall flehen? Wehe über Euch, die Ihr mir das rathen konntet, Ihr ſeid meiner Gemein⸗ ſchaft nicht werth, und ich will nichts gemein haben mit Ench feigen und verzagten Seelen! Und mit machtvollen Schritten den Raum durchſchreitend, daß der blaube Schlafrock wie eine dunkle Gewitterwolke hinter ihm her bauſchte, ſtürmte Meiſter Gluck aus dem Gemach. Mariane reichte dem entſetzt ihm nachſtarrenden Rath Calzabigi mit einem ſanften Lächeln ihre Hand dar. Verzeihen Sie ſeiner Wild⸗ heit, ſagte ſie. Er iſt noch immer der aufbrauſende Jüngling, den je⸗ der Widerſpruch gleich in Flammen bringt. Das Feuer, das in ſei⸗ nem Herzen glüht, lodert bei jedem leiſen Windhauch gleich bis zu ſeinem Haupt empor, und erzeugt da Gewitter, die ſich mit Blitzen aus ſeinen Augen und Donnern von ſeinen Lippen entladen müſſen. Aber nachher ſcheint die Sonne um ſo viel ſchöner und heller, und es iſt dann eine Luſt und eine Wonne, in ihrem reinen und geläuterten Licht ſich zu baden! Warten wir nur noch eine Viertelſtunde, dann wird er mit dem ſanfteſten Lächeln wieder da in der Thür erſcheinen, dann 1 38 wird er uns die Hände reichen und bitten wie ein liebes verzogenes Kind, das wir wieder gut ſein und ihm vergeben ſollen. Werden Sie dann noch den Muth haben, ihm zu zürnen und ihm gram zu ſein? Zürnt man denn, wenn Gott donnert und blitzt, und die ganze Natur in Aufruhr bringt? fragte Calzabigi lächelnd. Haben Sie nicht geſagt, daß in des Maeſtro Haupt zuweilen Gewitter aufbrauſen, die ſich entladen müſſen? Nun, es hat heute tüchtig gedonnert und geblitzt, aber es hat zum guten Glück keinen von uns Beiden zerſchmettert, und ſeine heftigſten Zornesblitze ſind alle machtlos neben uns in die Erde gefahren, und haben uns gar nicht getroffen. Wir haben doch Recht, die Welt iſt ſo kleinlich und erbärmlich, daß man gar nicht darauf rechnen darf, daß das wahrhaft Gute und Edle auch in ihr durch ſeine eigene Erhabenheit und Größe anerkannt und gefeiert werde, ſondern daß man ſich ſelbſt zu kleinen und erbärmlichen Mitteln erniedrigen muß, um dem Erhabenen den Sieg zu verſchaffen. Wenn der Maeſtro in ſeinem edlen und gerechten Stolz, das nicht einſehen und begreifen will, ſo haben wir's doch für ihn eingeſehen und müſſen für ihn han⸗ deln. Ich mindeſtens werde thun, was Gluck nicht thun will. Ich werde den Abbate Metaſtaſio beſuchen, und den Sängern und Sänge⸗ rinnen ein Feſtmahl geben. V. Der Geburtstag. Der Geburtstag der Erzherzogin Iſabella war endlich hereinge⸗ brochen, und ganz Wien ſchickte ſich an, ihn mit herzlichem Jubel zu begehen. Man kannte die leidenſchaftliche Liebe, welche der Erzherzog Joſeph für ſeine junge Gemahlin hegte, und welche in dieſen zwei Jahren ſeiner Ehe ſich noch geſteigert zu haben ſchien. Jedermann wollte daher der jungen Erzherzogin ſeine Huldigung darbringen, um dadu ſch ihrem Gemahl, dem einſtigen Thronfolger und Kaiſer, eine Freud bekränzte wo die g umgeben Hofes en ſaale wa ſtellt, w dorgebra der Lieb Geſchwi ſame Ke eine hal welche: wahrte, Sohnes nügt, ff Schmug kellind, der jun, aus Br regte in ermeſſer die jun koſtbare dargeb tochter 1 dieſe ke Jabel Portrau Chriſi 39 bekränzten Straßen die Equipagen des hohen Adels der Hofburg zu, wo die großen Staatsſäle geöffnet waren, in derem größten Fſabella, umgeben von der ganzen kaiſerlichen Familie, die Glückwünſche des Hofes entgegen nahm. Ju dem kleinen Cabinet neben dem Empfangs⸗ ſaale waren auf einem der großen Marmortiſche die Geſchenke ausge⸗ ſtellt, welche die Kaiſerfamilie der von Allen angebeteten Erzherzogin dargebracht, und die in ihrer Pracht und Fülle ein neuer Beweis von der Liebe waren, mit welcher der Kaiſer und die Kaiſerin, ſo wie alle Geſchwiſter Joſeph's an ſeiner Gemahlin hingen. Der ſonſt ſo ſpar⸗ ſame Kaiſer Franz hatte ſeiner Schwiegertochter einen Brillantſchmuck, eine halbe Million an Werth, geſchenkt, und die überglückliche Kaiſerin, welche mit wahrem Entzücken das junge Eheglück ihres Sohnes ge⸗ wahrte, hatte mit verſchwenderiſcher Fülle der angebeteten Gattin ihres Sohnes die Geſchenke ihrer Liebe dargebracht. Es hatte ihr nicht ge⸗ nügt, fur Iſabella die koſtbarſten Stoffe und Gewänder, die ſeltenſten Schmuckſachen aus Paris kommen zu laſſen, auch für ihr junges En⸗ kelkind, für Iſabellens kleine kaum einjährige Tochter, hatte die Kaiſerin der jungen Mutter ſchon den Brautſchmuck verehrt, und dieſer Schmuck, aus Brillanten, Saphiren und großen Zahlperlen zuſammengeſetzt, er⸗ regte in ſeiner ſeltenen Schönheit und bei ſeinem ungeheuren, kaum zu ermeſſenden Werth die ſtaunende Bewunderung des ganzen Hofes. Auch die jungen Erzherzoginnen und Erzherzoge hatten in mehr oder minder koſtbaren Geſchenken ihrer Schwägerin die Huldigungen ihrer Liebe dargebracht; nur die ſchöne junge Erzherzogin Chriſtina, die Lieblings⸗ tochter der Kaiſerin und die vertraute Freundin Iſabellen's, hatte für dieſe kein Geſchenk; aber ſtatt deſſen hatte ſie auf den Geburtstagstiſch Iſabellen's für deren Gemahl ein Geſchenk hingeſtellt. Das war ein Portrait Jſabellen's, welches die talentvolle und kunſtfertige Erzherzogin Chriſtina ſelber gemalt, und zu dem Iſabella ihrer Freundin bereit⸗ willig und freudig geſeſſen.*) Es war ein Portrait von der höchſten Schönheit und Aehnlichkeit, und Joſeph empfing es mit einem Ausruf freudigen Entzückens aus den Händen ſeiner Schweſter. Seine großen glänzenden blauen Augen richteten ſich mit ſeligem Entzücken von dem 9 *) Wraxall II. S. 389. Bilde immer wieder auf das Original, und mit glühenden Worten gab er dem Portrait ſeine Zuſtimmung zu erkennen. Und doch, ſagte er dann, die Augen unverwandt auf das Bild gerichtet, doch iſt etwas in dieſem Antlitz, das ich niemals auf Deinem Geſicht geſehen, Iſabella. Deine Augen, welche für mich immer wie der tief geöffnete Himmel ſind, ſo dunkel und ſo unerforſchlich, ſchauen mich hier ſo ſeltſam trübe und entſetzensvoll an. Es iſt, als ob ein tiefes, trauriges Geheimniß auf ihrem Grunde läge, als ob ſie mir eine Trauerbotſchaft zuflüſtern wollten! Joſeph ſah nicht den Blick des Einverſtändniſſes, den die beiden Erzherzoginnen bei ſeinen Worten mit einander wechſelten, er ſah immer noch auf das Bild, und ſein Antlitz, welches vorher ſo freudig und heiter geweſen, war jetzt ernſt und gedankenvoll. Auf einmal legte er das Bild bei Seite, und die beiden Hände auf Iſabellens Schultern legend, betrachtete er lange und ſchweigend ihr edles, bleiches Geſicht. Sieh mich an, meine Geliebte, ſagte er mit leiſem, zärtlichem Ge⸗ flüſter, laß mich Dein ſchönes bezauberndes Lächeln ſehen, damit es die Schwermuth jenes Bildes Lügen ſtrafe. Oh auf jenem Bilde biſt Du nicht Du ſelbſt! Es iſt Dein ſchönes, geliebtes Angeſicht, aber nicht meine glückliche, geliebte, angebetete Iſabella, ſondern eine traurige Märtyrerin, ein Engel voll Kummer und verſchwiegenen Herzeleids. Nicht wahr, das biſt Du nicht? Nicht wahr, Du haſt nie ſo traurig geblickt, nie ſo thränenreich gelächelt, daß man darüber aufſchreien möchte vor un⸗ nennbarem Weh? Nicht wahr, Iſabella, Du biſt glücklich und zufrieden? Ja, mein Gemahl, flüſterte ſie leiſe, ja, ich bin glücklich und zufrieden, denn ich ſehe, daß Du es biſt. Aber horch nur, Joſeph, die Kaiſerin ruft nach Dir. Es ſcheint, ſie will Dir jene Herren da vorſtellen! e Erzherzog folgte dem Ruf der Kaiſerin, und Iſabella blieb mit der Erzherzogin Chriſtina einen Moment allein an dem Tiſch mit den koſtbaren Geburtstagsgeſchenken. 4 Armer Bruder, ſeufzte Chriſtina leiſe, er liebt Dich ſo innig und zärtlich. Und Du, Iſabella, kannſt Du Dein Herz immer noch nicht zwingen, ihm zu vergelten? Was fragſt Du nach meinem Herzen, Chriſtina, ſagte ſie traurig. Habe ich Dir nicht gebeichtet? Dir, meiner einzigen Freundin, der he I oungener zigen urdi mein Herz ich nicht T zu verleihe Glück erhe ſeph, ſein ahnt, wie iim ſeinen unnütz gen wenn ich Chri damit Nie Augen ent Finger ih Geſchmeid der kleinen Sieh, gerade auf leuchtet De die Noßmit dumſten W der Kaiſer er hier be Deine Th Niin Chriſiin. ſümeide h ſein und nur 9 t, Jſabe meine undo Oh d Meine dr 2 Wie⸗ Schueſter 41 zigen irdiſchen Vertrauten meines Kummers? Weißt Du nicht, daß mein Herz geſtorben iſt, und nimmer erwachen kann zum Leben? Ringe ich nicht Tag um Tag mit meiner Qual und flehe zu Gott, mir Kraft zu verleihen, damit ich mindeſtens meinem Gemahl dieſen Schimmer von Glück erhalten kann, den er für das Sonnenlicht ſelber hält. Armer Jo⸗ ſeph, ſein reiches edles Herz iſt ſo voll Liebe und Glück, daß er gar nicht ahnt, wie leer und troſtlos das Meine iſt. Möge Gott gnädig ſein und ihm ſeinen Traum von Glück erhalten, dann, Chriſtina, iſt mein Leben nicht unnütz geweſen, dann habe ich meine Aufgabe treulich erfüllt, und darf, wenn ich ſterbe, freudig ſagen: mein Tagewerk iſt vollbracht! Chriſtina neigte ſich tiefer über die koſtbaren, flimmernden Geſchenke, damit Niemand die Thränen ſehen ſollte, die wider ihren Willen ihren Augen entſtrömten. Aber Jfabella ſah ſie doch. Sie deutete mit einem Finger ihrer ſchmalen weißen Hand auf dieſes leuchtende, funkelnde Geſchmeide, welches Maria Thereſia zum Brautſchmuck ihrer Enkelin, der kleinen Thereſia, beſtimmt hatte. Sieh, Chriſtina, ſagte ſie, eine Thräne iſt aus Deinen Augen gerade auf den Solitair da gefallen, und ſchöner noch, wie der Brillant, leuchtet Deine Thräne! Du ſiehſt, Freundin, welch eine reiche Ausſteuer die großmüthige Mutter Natur den Frauen mitgegeben; ſie gab dem ärmſten Weibe den Brillantſchmuck ihrer Thränen! Unſer Herr Vater, der Kaiſer, verſucht es vergeblich, Brillanten flüſſig zu machen. Wenn er hier bei uns ſtände, könnte er jetzt einen flüſſigen Brillanten ſehen, Deine Thräne, Chriſtina! Nein, um Gotteswillen, Niemand darf dieſe Thräne ſehen, ſagte 9 7 8 Chriſtina, indem ſie leicht mit dem ſilbergeſtickten Tuch über das Ge⸗ ſchmeide hinfuhr. Wenn die Kaiſerin das erführe, würde ſie ſehr b ſein und es für eine ſchlimme Vorbedeutung halten. Denn, bedenke nur, Iſabella, es iſt der Brautſchmuck Deiner Tochter, auf welchen meine unvorſichtige Thräne niedergefallen iſt! Oh deshalb ſei unbeſorgt, meine Schweſter, ſagte Iſabella ernſt. Meine Tochter wird niemals eines Brautſchmuckes bedürfen! Wie? Du glaubſt alſo, Iſabella, daß ſie, gleich meinen beiden Schweſtern, eine alte Jungfer werden ſoll? fragte Chriſtina mit er⸗ zwungener Heiterkeit. 42 Jſabella legte leiſe ihre Hand auf Chriſtinens Schulter. Ich glaube, ſagte ſie langſam und feierlich, ich glaube, oder vielmehr ich weiß, daß meine Tochter ſich weder vermählen, noch eine alte Jungfer, ſondern daß ſie bald ein ſeliger Engel werden wird. Oh Jſabella, ſagte Chriſtina faſt unwillig, Du nennſt mich Deine Freundin, und doch biſt Du ſo grauſam gegen mich. Iſt's nicht genug, daß Du mich marterſt mit der traurigen Prophezeihung Deines eigenen Todes, willſt Du nun auch den Tod Deines Kindes prophezeihen? Iſabella ſah ſie faſt erſtaunt an. Wie? Du glaubſt alſo, ich würde Euch mein Kind laſſen? fragte ſie. Nein, Chriſtina, ſie wird mir bald nachſolgen, ich werde ſie mir bald nachholen, da ich glaube, eine Mutter kaun ſelbſt im Himmel nicht ſelig ſein ohne ihr Kind. Aber ſtill, Schweſter, ſtill! Sieh, die Kaiſerin kommt hierher! Laß uns heiter ſein und lächeln! Und mit einem ſüßen, bezaubernden Lächeln trat Iſabella der Kaiſerin entgegen. Nun, herzliebe Frau Tochter, ſagte Maria Thereſia zärtlich, mein 3 Herz zieht mich ſchon wieder zu Dir her, und ſehne mich nach dem ſtillen Beiſammenſein in unſern Gemächern, wann all die vornehmen, beſternten Lente da fort ſind, und wir ein wenig entre nous ſein können. Wollen einmal heut en famille ſpeiſen, denke ich, es müßte denn ſein, daß meine Tochter Iſabella es anders wünſchte. Denn Du biſt heute die Kaiſerin des Feſtes und ſollſt uns Deine Wünſche als Befehle ſagen! Dann, Majeſtät, wünſche ich nur Eins! ſagte Iſabella, die Hand der Kaiſerin an ihre Lippen drückend. Und was denn, meine Tochter? Daß Sie mich freundlich anſchauen, Majeſtät, und mich ein wenig lieben! Nun, das iſt ein Befehl, dem mein Herz gar nicht ausweichen kann, rief Maria Thereſia zärtlich, denn mit jedem Tage liebe ich Dich mehr, und wenn ich Dich und den Joſeph anſchaue, klingt's in mir wieder wie ein ſchönes Lied aus meiner verklungenen Jugend. Oh, Majeſtät, Ihre Jugend iſt noch nicht verklungen, ſie ſtrahlt noch hell und ſchön von Ihrem Angeſicht, und leuchtet wundervoll aus Ihren Angen.. 1, Nein das Hez hört Dir meine, wer denn die he Cben haſtigen S Thl hür des kanzler Ke Kabinet Ver) Joſeph ſie marſchall Er. Maj Nun faſt ängſt ein Courie Oh, mals erlau ſeit ſechs⸗ 3 rier Rtom erführe. ſich dabei ſol. De dem dof Und Ja, 8 Oper von Sofort erhellte ſich Joſeph's Antlitz, und er bezwang ſeinen Unmuth. 2 43 Nein, Kind, ſagte die Kaiſerin lächelnd, das Fratzerl wird alt, aber das Herz iſt freilich noch jung geblieben, und ein gut Stück davon ge⸗ hört Dir an. Machſt mir den Erzherzog ſo glücklich und froh, daß ich meine, wer ihn jetzt anſchaut, dem muß ſich's Herz bewegen vor Freude, denn die helle Liebe ſchlägt ihm aus den blauen Augen heraus, und— Eben trat der Erzherzog in das Kabinet ein und näherte ſich mit haſtigen Schritten der Kaiſerin, während im Saal, neben der geöffneten Thür des Kabinets, der Kaiſer Franz und der Graf und Obriſthof⸗ kanzler Kaunitz erſchienen und mit geſpannter Aufmerkſamkeit in das Kabinet hinein blickten. Verzeihen Ew. Majeſtät, wenn ich Sie zu ſtören wage, ſagte Joſeph ſich verneigend. Aber ich vernahm da eben von dem Oberhof⸗ marſchall eine ſo überraſchende Neuigkeit, daß ich mir erlauben wollte, Ew. Majeſtät um die Beſtätigung derſelben zu fragen? Nun, und was für eine Neuigkeit, mein Sohn? fragte die Kaiſerin faſt ängſtlich. Sind etwa Nachrichten von der Armee gekommen, iſt ein Conrier von London da? Oh, ſagte Joſeph leichthin, Ew. Majeſtät wiſſen wohl, daß ich mir nie⸗ mals erlaube, meine Augen auf dieſen Krieg hinzuwenden, den Sie nun ſchon ſeit ſechs Jahren ſo ruhmvoll gegen unſern Feind führen. Wäre ein Cou⸗ rier gekommen, ſo würde ich auch ohne Zweifel der Letzte ſein, der davon erführe. Nein, nicht den Krieg betrifft meine Frage, ſondern es handelt ſich dabei nur um ein Vergnügen, das, wie ich höre, uns entzogen werden ſoll. Der Oberhofmarſchall ſagt mir, daß Ew. Majeſtät heute nicht mit dem Hof der Opernvorſtellung beizuwohnen geruhen werden. B Und das iſt es, was Dich ſo in Erſtaunen ſetzt? Ja, Majeſtät, das iſt es! Denn man wird heute Abend eine neute Oper von Ritter Gluck aufführen, und ſie iſt, ſo viel ich weiß, vom Grafen Durazzo ausdrücklich zur Verherrlichung dieſes Tages beſtimmt worden! Auch wollen wir die Aufführung nicht verhindern, ſondern nur derſelben nicht beiwohnen, ſagte die Kaiſerin ernſt. Das Antlitz des Erzherzogs verfinſterte ſich, und er war ſchon im Begriff, eine heftige Antwort zu ertheilen, als ſeine Gemahlin leife ihre Hand auf ſeinen Arm legte und ihn mit einem flehenden Blick anfah. 44 Ew. Majeſtät verzeihen, wenn ich zu opponiren wage, ſagte er freundlich. Dieſe neue Oper Glucks ſoll reich an Schönheiten ſein, und wäre es daher wohl werth, von den Ohren kaiſerlicher Majeſtät vernommen zu werden.. Im Gegentheil, man hat mir geſagt, daß dieſe Oper ſehr ſchlecht und langweilig ſei, rief die Kaiſerin lebhaft. Der Text ſoll ſchwerfällig, ſchleppend und ohne alle Poeſie, die Muſik ganz ohne alles Feuer und Leben ſein. Es iſt daher zu fürchten, daß dieſe Oper heut Abend voll ſtändiges Fiasco macht, und es wäre uns nicht wohlanſtändig, wenn wir einem ſolchen Ereigniß, zumal ann heutigen Feſttage, beiwohnen wollten. Aber Diejenigen, welche Eurer Majeſtät dieſe Nachrichten gebracht, waren vielleicht im Irrthum, Majeſtät, und weil ſie das Alte lieben, waren ſie dem Neuen feindlich geſinnt. Erlauben Sie mir, meine Mutter, Ihnen im Namen des großen Meiſters, den das Nichterſcheinen Eurer Majeſtät ſchmerzlich demüthigen würde, erlauben Sie mir auch, Ihnen im Namen des Ober⸗-Intendanten Grafen Durazzo die Bitte vorzutragen, es möchten Eure Majeſtät noch einmal Ihren Entſchluß erwägen, ob er vielleicht ſich noch gnädigſt umgeſtalten ließe. Möge mir meine Gemahlin erlauben, mich den Bitten Joſeph's anzuſchließen, ſagte der Kaiſer, in das Kabinet eintretend. Ganz Wien erwartet die heutige Aufführung als ein Kunſtereigniß, und nur durch die Auweſenheit Eurer Majeſtät kann daſſelbe ſeine Weihe empfangen. Fängt der Herr Kaiſer auch an, zu opponiren? rief die Kaiſerin. Schließt er ſich auch den modernen, neuen Ideen an, welche das Alter vornehm in den Hintergrund drängen und ſich das Anſehen geben wollen, als wenn ſie was Edleres und Beſſeres zu ſchaffen vermögen. Bin nicht des Willens, dieſe neuen Ideen zu unterſtützen und den Geiſtern den Zügel ſchießen zu laſſen, denn wenn man's thut, ſo ver⸗ lieren ſie ganz und gar den Halt und das Gleichgewicht, und werden ſo wild, daß man ſie nicht mehr zu bändigen vermag. Haſſe ſolches Opponiren gegen das Beſtehende, und ſolches Schönthun mit neuen Richtungen, durch die am Ende nichts gebeſſert und geändert wird. Es iſt ein vornehmes Ueberheben über ſeine Zeit, weiter nichts, ein bequemes Abwehren der Autorität, und ſolch aufrühriſch Weſen ſoll nimmer bei mir ſeine Unterſtützung finden. War nicht unſere Oper glänzend den Miſi dieſer Her uns eine nichts als bis dahin dichte und Retragen! herrlichen Niemand it? Ha denke vie unſer Ho und, wen nicht in mir ſo d 3 ſo ſehr g nich ung ſchinen, davor mu Dii raſchende Graf Ach Ungewoh das Kab 9 4 6 45 glänzend und ſchön? Sind wir nicht allezeit zufrieden geweſen mit den Muſiken, welche unſer Capellmeiſter geſchaffen? Was thut denn dieſer Herr Gluck jetzt auf einmal ſo ſtolz und meint, jetzt wolle er uns eine neue Muſik lehren, und was uns bis dahin wohlgefallen, ſei nichts als veralteter Plunder, und weder Haſſe, noch er ſelber hätten's bis dahin verſtanden, was Muſik ſei! Hat uns nicht Metaſtaſio Ge⸗ dichte und Opern geſchrieben, welche ſeinen Ruhm durch ganz Europa getragen? Warum verſchmäht der Herr Gluck nun auf einmal ſeine herrlichen Gedichte, und componirt ein Drama von einem Mann, den Niemand kennt, und von dem noch Niemand weiß, daß er ein Dichter iſt? Hab' nicht die Abſicht, dem Metaſtaſio eine Kränkung zuzufügen, denke vielmehr, daß ich dem greiſen Dichter, der ſeit dreißig Jahren unſer Hofpoet iſt, wohl eine freundliche Berückſichtigung ſchuldig bin, und, wenn Ihr's wiſſen wollt, das iſt ein Hauptgrund, weshalb ich nicht in die Oper gehe, ich will den Metaſtaſio nicht kränken. Er hat mir ſo viele ſchöne Gedichte geſchrieben, hab' in meinen jungen Jahren ſo ſehr geſchwärmt für ſeine Liebespoemen, möcht' ihm alſo auch jetzt nicht ungetreu werden, ſondern ehrlich zu ihm halten, ſonſt würd's mir ſcheinen, als würd' ich meiner eigenen Vergangenheit ungetreu, und davor muß ſich der Menſch am Allermeiſten hüten!— Dieſes Gedicht Calzabigi's ſoll indeſſen wirklich neue und über— raſchende Schönheiten enthalten, ſagte der Kaiſer, der Obriſthofkanzler Graf Kaunitz erzählte mir ſoeben davon. Ach, der Graf Kaugitz nimmt alſo auch Partei für das Neue und Ungewohnte? fragte Maria Thereſia, indem ſie dem Grafen winkte, in das Kabinet einzutreten. Ja, Majeſtät, ich bin für das Neue und Ungewohnte, ſagte Kaunitz ſich leicht verneigend. Ich habe das von meiner Herrin und Gebieterin gelernt, von der Kaiſerin Maria Thereſia, welche das ganze alte Oeſterreich neu geſtaltet hat, und dem ganzen Europa den ungewohnten Anblick einer ebenſo tugendhaften als edlen, ebenſo liberalen und groß⸗ müthigen, als frommen und ſtrengen Kaiſerin gegeben hat. Die Kaiſerin nahm dieſe Schmeichelei Kaunitzens, deſſen Lip⸗ pen ſich ſelten zu ſolchen Flattereien öffneten, mit einem huldvollen Lächeln auf. 46 Und Er meint auch, daß der Gluck in dieſer Oper etwas Neues und Schönes geſchaffen hat? Ich meine, Majeſtät, daß er der alten Muſik den Zopf abgeſchnitten und ſie ganz neu friſirt hat, ſo daß es ſcheint, als ob ſie auf einmal ein jugendlich ſchönes Götterweib geworde mit Gluth im Herzen und Feuer in den Adern. Ich meine ferner, daß Ew. Majeſtät den guten Abbate Metaſtaſio wohl mit ſeiner Penſion von ſechstauſend Gulden für ſeine ſiebenzig Jahre entſchädigt und ihm einen glänzenden Beweis Ihrer Huld und Gnade gegeben haben. Das Alter hat gelebt, die Jugend will leben, Metaſtaſio gehört dem alten Oeſterreich an, und Beide ſind von Ew. Majeſtät penſionirt; der Calzabigi und Gluck gehören dem jungen Oeſterreich an, das Ew. Majeſtät geſchaffen haben, und Beide dürfen daher von Ew. Majeſtät erwarten, daß Sie ſie beſchützen und ihnen Ihre Gnade gewähren. Aber man hat mir geſagt, daß es heute Abend im Theater zu einem wahren Kampf der Parteien kommen werde, ſagte die Kaiſerin. Nun, ich dächte, Ew. Majeſtät hätten es ſeit langer Zeit bewie⸗ ſen, daß Sie den Kampf nicht ſcheuen! Aber das Unterliegen, Graf. Man ſagt, dieſe Oper werde eine Niederlage erleiden. Ew. Majeſtät haben dem ſtaunenden Europa ſchon einmal das heldenmüthige und hochherzige Beiſpiel gegeben, wie Sie auch in dem Beſiegten das Genie und den Geiſt zu ehren wiſſen, und ihn die äußere Niederlage nicht entgelten laſſen. Ew. Majeſtät waren nie größer, als in der Stunde, wo Sie dem von einer verlorenen Schlacht heimkehren⸗ den Feldmarſchall Daun entgegen fuhren.*) Wenn Gluck heut Abend verliert, iſt er der Feldmarſchall Daun der Oper, und Ew. Majeſtät werden ihn alsdann ſchon außzurichten wiſſen! Die Kaiſerin ſchüttelte lächelnd ihr Haupt. Weiß Er wohl, daß es gefährlich iſt, mit Ihm zu ſtreiten? ſagte ſie. Er ſchlägt uns immer mit unſern eigenen Waffen. Und Sie mein Gemahl, ſind alſo auch der Meinung des Grafen, und wollen, daß wir dem Metaſtaſio und Haſſe dies Dementi geben, obwohl es Beide ſo fromme und gottesfürchtige *) Nach der verlorenen Schlacht bei Torgau. —— Leute ſind ſchon, un knieen ſeh net, und d Aber das meine und der g ſind Beid waren un nicht oft und unbe alle Anwe der finſte demſelben Hand erg Mafeſtit. dortragen de Effüll Gew 47 Leute ſind? Fehlen Beide keinen Tag in den Meſſen, hab' oft ſelber ſchon, und geſtern noch, den Haſſe im inbrünſtigen Gebet am Altar knieen ſehn, aber niemals nock hin ich dem Gluck in der Kirche begeg⸗ net, und das eben iſt's was wie jeckirt. Der Gluck iſt kein guter Chriſt! Aber er iſt ein großer emponiſt, rief der Erzherzog lebhaft, und das meine ich, iſt auch ein Gott wohlgefälliger Menſch, der Metaſtaſio und der Haſſe können freilich mehr in die Kirche gehen als Gluck, ſie ſind Beide alt und können nichts Beſſeres mnehr thun. Als ſie jung waren und noch zu ſchaffen vermochten, werden Ew. Majeſtät ſie auch nicht oft in der Kirche getroffen haben. Das Antlitz der Kaiſerin erglühte vor Zorn bei dieſen haſtigen und unbeſonnenen Worten des Erzherzogs, und mit Entſetzen ſahen alle Anweſende dem Ausbruch des Gewitters entgegen, das ſich da auf der finſtern Stirn der Kaiſerin zuſammenzog. Aber Iſabella wußte demſelben zuvorzukommen. Sie neigte ſich vor der Kaiſerin, und ihre Hand ergreifend und an ihre Lippen drückend, ſagte ſie: Ew. kaiſerliche Majeſtät haben mir vorher gnädigſt erlaubt, Ihnen heute einen Wunſch vortragen zu dürfen. Wollen Sie mir geſtatten, jetzt für zwei Wünſche die Erfüllung zu erflehen? Gewiß will ich das, ſagte die Kaiſerin, deren Antlitz ſich bei dem Anblick ihrer halb vor ihr knieenden und zärtlich zu ihr aufſchauenden Schwiegertochter ſchon wieder zu erheitern begann. Sag' mir Deine Wünſche, meine Tochter, und da ich weiß, daß Du nichts Ungebührli⸗ ches bitten wirſt, ſo verſpreche ich Dir ſchon im Voraus Gewährung. Nun denn, ſagte Iſabella lächelnd, ſo bitte ich denn zuerſt, daß Ew. Majeſtät meinem Gemahl und mir erlauben wollen, an der ſtillen Meſſe, die Ew. Majeſtät in der Mittagsſtunde in ihren Zimmern feiern laſſen, Theil nehmen zu dürfen, damit unſere Gebete vereint zu Gott empor ſteigen, und ihn für uns Alle um Glück und Frieden, um Liebe und Eintracht bitten können. Wollen mir Ew. Majeſtät dieſen Wunſch gnädig gewähren? 7 Die Kaiſerin legte in ihrer raſchen, lebhaften Weiſe ihren Arm um dden Nacken Iſabella's und drückte ſie zärtlich an ihr Herz. Du biſt 3 ſein Engel, Iſabella, ſagte ſie, einen Kuß auf die reine, klare Stirn ſder Prinzeſſin drückend. Verſtehſt es, die Stürme zu beſchwichtigen und 48 den Unmuth zu verſöhnen. Ja, Kind, ſollſt mit dem Joſeph in mei⸗ nem Zimmer die Meſſe hören, und vereint wollen wir Drei zu Gott beten um Liebe, Eintracht und Glück. Brauchſt mir aber jetzt Deinen zweiten Wunſch nicht zu ſagen, denn ich denke, ich errath' ihn ſchon! Wollteſt erſt die Kaiſerin beſchwichtigen und der Mutter ſchön thun. Meinteſt, dann würde ſie ſchon weich werden und zugeſtehen, was Dein Gemahl gewünſcht und grad' nicht auf eine feine Weiſ' erbeten hat? Nun, habe ich's halt nit exrathen? Sie nickte Iſabellen lächelnd zu, und dieſe neigte leiſe bejahend ihr Haupt. Dann wandte ſich die Kaiſerin ihrem Gemahl zu. Herr Gemahl und Kaiſer, ſagte ſie, da Ew. Majeſtät meinen, „das große Kunſtereigniß“ heut Abend in der Oper könne ohne uns nicht gedeihen, nun ſo wollen wir Ihrer höhern Einſicht uns unter werfen und mit dem ganzen Hofe in die Oper gehen. Und wär's auch nur, fuhr ſie fort, ſich mit einem huldvollen Ausdruck ihres edlen An⸗ geſichtes an Graf Kaunitz wendend, wär's auch nur, um„das ſchöne Götterweib“ zu ſehen, welches unſern Obriſthofkanzler ſo in Flammen geſetzt, daß er, der ſonſt immer friert, ſelbſt ganz warm geworden war. — Nun, Herr Sohn, hab ich's nun recht gemacht? fragte ſie dann, haſtig nach Joſeph umblickend, der ſich leiſe an Iſabellens Seite ge⸗ ſtellt hatte. Biſt Du nun zufrieden, da ich Euch meine Meinungen und Vorurtheile opfere, und Euch den Willen thue? Willſt ein ander Mal daran gedenken, wenn Du mir auch eine Meinung und ein Vor⸗ urtheil opfern ſollſt? Ich werde mit tiefer Beſchämung immer daran gedenken, wie gnädig und gütig meine Kaiſerin mir heute meine Unart verziehen hat, ſagte der CErzherzog, die dargereichte Hand der Kaiſerin an ſeine Lippen drückend. Nun, wir wollen's für dies Mal vergeſſen, rief Maria Thereſia, es iſt heute Feſttag, über den keine Wolke dahin ziehen ſoll. Wir wollen jetzt in unſere Gemächer gehen und mitſammen die Meſſe hören, mein Sohn, denn ich denke immer, es möcht doch nicht gut ſein, mit dem Gebet zu Gott ſo lange zu warten, bis man alt geworden u nichts mehr thun kann. An den faulen thatenloſen Gebeten, mein' hat der Herr auch kein ſonderlich Wohlgefallen und keine Freude; ab wenn wir unſere Thaten mit Gott beginnen und vor der Arbeit in brünſiigich Gedeihen. inbrünſtig Thaten un behalten. Sohn, ſon Gnade bed Gan die hahen Krämer m um deretw Lager get In dem G poel, der Lorbeem! daß er es verwelkt Kurjem b faſt einem den die 3 und der ſo derſelen rbeiten e ſatte nicht 8 er Caro Mal eom thun. u dmit 2. Kaiſer 3 49 brünſtiglich zu ihm beten, dann giebt er auch ſeinen Segen und ſein Gedeihen. Haſt alſo wohl Grund, mein Sohn, recht oft und recht inbrünſtig zu Gott zu beten, denn die Welt erwartet von Dir große Thaten und eine große und ſchwere Arbeit hat Dir das Schickſal vor⸗ behalten. Warte alſo mit Deinem Gebet nicht, bis Du alt biſt, mein Sohn, ſondern bete weil Du noch jung biſt und gar ſehr der göttlichen Gnade bedarfſt! VI. Hrpheus und Euridice. Ganz Wien drängte heute dem Theater nächſt der Hofburg zu, die hohen Herren und Damen vom Adel ſowohl, wie die Bürger und Krämer mit ihren Frauen wollten dieſe neue wunderbare Mnſik hören, um deretwillen Wien ſeit einigen Wochen gleichſam in zwei feindliche Lager getheilt war, die mit der heftigſten Fehde einander bekämpften. In dem Einen Lager ſtand der Abbate Metaſtaſio, der ergraute Hof⸗ poet, der ſchon unter dem Vater der jetzigen Kaiſerin ſein Haupt mit Lorbeern umkränzen durfte und dieſe Lorbeern für ſo unſterblich hielt, daß er es für einen Frevel erachtete, wenn man dieſe Lorbeern für verwelkt und zermürbelt erklärte; ihm zur Seite ſtand der erſt vo Kurzem von Dresden nach Wien berufene Hof⸗Capellmeiſter Haſſe, ſeit faſt einem halben Jahrhundert der unumſchränkte Beherrſcher der Bühne, den die Italiäner ſeit vierzig Jahren ſchon il caro Sassone nannten, und der ſo viele Opern geſchrieben, daß er ſelber ſagte, er würde viele derſelben, wenn er ſie unerwartet hören ſollte, gar nicht mehr als ſeine Arbeiten erkennen. Selbſt der fleißige und ſchnell ſchreibende Metaſtaſio hatte nicht ſo viele Texte als Haſſe Opern zu ſchreiben vermocht, und der caro Sassone hatte daher manche von Metaſtaſio's Opern zwei Mal componirt, um ſeinem nie raſtenden Compoſitionsdrang genug zu 4 aun Um Haſſe und Metaſtaſio hatten ſich die Italiäner geſchaart, und mit ſtolzer, hohnlächelnder Sicherheit verkindigte dieſe ſeit langen Kaiſer Joſeph. 1. Abth. II. 4 4 50 Jahren in Wien ſo mächtige und einflußreiche Partei der neuen Oper mit ihrem kalten, langweiligen Text und ihrer barbariſchen, an Melo⸗ dieen ſo armen Muſik den unvermeidlichen Fall.— In dem andern Lager ſtand Chriſtoph Gluck mit ſeinem Freund Raniero von Calza⸗ bigi, umgeben nur von einer kleinen Schaar von Freunden und An⸗ hängern, welche indeſſen mit dem ganzen Feuer und der ganzen Energie der Begeiſterung für die neue Oper Partei nahmen und die neue Muſik auf Koſten der alten, welche ſie die veraltete nannten, in den Himmel erhoben. Gluck ſelber indeſſen ſchien ganz gleichgültig und unbeirrt dieſen Parteikämpfen zuzuſchauen. Nicht Einmal war, ſeit er die Proben ſeiner Oper begonnen hatte, der Ausdruck feſter, ruhiger Energie und unerſchütterlicher Entſchloſſenheit aus ſeinem Antlitz ge wichen, allen Kabalen und Intriguen ſeiner Feinde hatte er dieſelbe gleichmüthige Ruhe, dieſelbe Standhaftigkeit entgegengeſtellt. Entſchloſ⸗ ſen zu ſiegen, oder ſein Werk mindeſtens zu Ende zu führen, ſchreckte er jetzt vor keinem Hinderniß zurück, bot er ſeine breite gebieteriſche Stirn mit kühnem Muthe allen Stürmen und allen Ungewittern dar, über⸗ zeugt, ſie endlich doch alle durch ſeine Kraft und Beharrlichkeit beſiegen zu können.— Vergebens hatte daher die erſte Sängerin, die berühmte Gabrieli, eine heftige Heiſerkeit vorſchützend, erklärt, den Proben nicht beiwohnen zu können. Gluck hatte ihr erwidert, er werde ſich die Ne⸗ benbuhlerin der Gabrieli, die Signora Tibaldi, aus Mailand kommen laſſen und ihr die Rolle der Euridice einüben. Dieſe Drohung hatte be⸗ wirkt, was keine Arzenei des Arztes vermochte,— die Signora Gabrieli er von ihrer Heiſerkeit geneſen und hatte ſich feierlich verpflichtet, alle Proben mit durchzumachen. Vergeblich hatte der Sänger Guadagni verſucht, durch einige Fiorituren und Cadenzen, einige Ferma und Vor⸗ halte, dieſen ihm ſo barbariſch dünkenden, melodieloſen Arien des Orpheus ein wenig von dem Duft italiäniſcher Muſik zu verleihen. Bei jeder ſolcher Verzierungen hatte Gluck mit unwilligem Stirnrun⸗ zeln mit dem Taktſtock auf das Pult geſchlagen und mit gebieteriſcher Stimme gefordert, der Sänger ſolle keinen Ton und keine Note an⸗ ders ſingen, wie ſie in ſeinem Notenheft ihm vorgezeichnet ſei, denn alle ſeine Fiorituren ſeien keine Verzierungen, ſondern nur Verunſtaltungen ſeiner Muſik. Vergeblich hatten die Cheriſten, bisher nur gewohnt als 3 7 7 1 — faſt ſtunm Theater z ten, dieſe im Dram⸗ athme aus einzeln ſei Yicloncell Präciſion keit unera Orpheus Aufführun Als ganteſten an der S ſchimmern ſie kam i und reich Scha habe hente den ich ſei heute ſo mit Dir i vermählte dem Gott 51 8 faſt ſtumme Figuren, facſſen mit einigen monotonen Phraſen auf dem Theater zu erſcheinen, erklärt, es gehe über ihre Kräfte und Fähigkei⸗ ten, dieſe neuen ſchwierigen Chöre zu ſingen, welche wie ein Drama im Drama ſelber erſchienen, ſo viel Leben, Gluth und Empfindung athme aus ihnen; Gluck hatte mit unermüdlichem Eifer jedem Choriſten einzeln ſeine Stimme eingeübt, er hatte, bald die Violine, bald das Violoncell ſpielend, das Orcheſter bis zur höchſten Vollendung, zur höchſten Präciſion geführt, und ſo war endlich, allem Widerſtand, aller Feindſelig⸗ keit unerachtet, das große Werk gelungen, und die Oper Euridice und Orpheus konnte wirklich zum Geburtsfeſt der Erzherzogin Iſabella zur Aufführung gelangen. Als die Stunde der Aufführung herannahte, trat Gluck im ele— ganteſten Hof⸗Coſtüm, im goldgeſtickten Sammetgewande, den Degen an der Seite, den Federhut unterm Arm, die Bruſt geziert mit dem ſchimmernden päpſtlichen Orden, in das Kabinet ſeiner Gemahlin ein, ſie kam ihm in glänzender Toilette, ſtrahlend von Brillanten, entgegen und reichte ihm mit einem glücklichen Lächeln die Hand dar. Schau mich einmal an, Held Chriſtophorus, ſagte ſie. Sieh, ich habe heute alle meine Brillanten angelegt, meinen ganzen Brautſchmuck, den ich ſeit meinem Hochzeitstag nicht wieder getragen. Es iſt mir heute ſo feierlich und glücklich zu Muthe, gerade wie damals, als ich mit Dir in das Gotteshaus zur Trauung fuhr. Damals, Chriſtophorus, vermählten ſich unſere Herzen, heute vermählen ſich unſere Seelen in dem Gotteshaus der Kunſt, denn mir ſcheint, dieſe Kämpfe und Stürm haben unſere Seelen erſt recht zu einander geführt, und es ſoll heut ihr Hochzeitsfeſt ſein!. Recht ſo, Mariane, rief Gluck, ſie innig umarmend, hab' nimmer ſo ſehr erkannt und gewußt, welch ein Segen und ein Glück ein treues und edles Weib iſt, als in dieſen Monaten der Sorgen und der An⸗ feindungen. Oft, wenn ich all den finſtern, gehäſſigen Blicken da auf der Bühne und im Orcheſter gegenüber ſtand, hab' ich an Deine treuen, glänzenden Augen gedacht, und ſie haben mir Muth in's Herz geflüſtert, und mir Kraft gegeben auszuharren in meinem Trotz und meiner Strenge. Allzeit, wenn ich verdrießlich und aufgeregt heim kam, hat's ſich wie kühlender Balſam auf mein Herz gelegt, Deinen frohen Willkommens⸗ 4* 52 83 gruß zu hören und das gute, ſeiſche Lächeln zu ſehen, mit dem Du dem mürriſchen herabgeſtimmten Gatten entgegen kamſt. Wäre oft verzagt und muthlos geworden und hätte zuletzt geglaubt, was ſie Alle ſchrieen und jammerten, ſei wahr, hätte geglaubt meine Muſik tauge wirklich nichts und die Muſiker hätten Recht mit ihrem Getadel, wärſt Du nicht dageweſen mit Deiner Begeiſterung und Deinem Entzücken, hätte ich Dich nicht erblaſſen geſehen bei dem No! der Furien, hätte ich nicht die Thränen geſehen, die in glänzenden Brillanttropfen aus Deinen Augen rollten bei der Schmerzensarie des Orpheus und bei der Sterbeſcene der Euridice, welche die Andern kalt und gefühllos zu nennen beliebten. Dein Beifall, Mariane, hat mich gehalten und getragen, und ohne Dich wär' ich ermattet und verzagt! Wärſt nicht ermattet und verzagt, Maeſtro, ſagte ſie lächelnd, nicht ich, ſondern Dein Genius iſt es, der Dir Muth und Kraft verliehen. Weil Du der Größe und Erhabenheit Deines Werkes Dir bewußt warſt, verzagteſt Du nicht, ſondern warſt Du Deines Sieges und Dei⸗ nes Triumphes gewiß. Das wahrhaft Große und Erhabene kann doch nimmer unterliegen, es muß doch zuletzt den Sieg über das Gemeine und Mittelmäßige in der Welt erringen. Ach, die Welt iſt nicht ſo gerecht und ſchön, wie Du ſagſt, Mariane! Wenn's ſo wäre, würde Sokrates nicht den Giftbecher getrunken haben und Chriſtus nicht gekreuzigt ſein. Das Gemeine hat das allgemeine Verſtändniß für ſich und ſiegt durch die Sympathieen, die es in der 8 e der Menſchen findet. Das Mittelmäßige herrſcht in der Welt, nn es iſt Allen bequem, weil es Niemand verletzt, Niemanden im⸗ ponirt, weil es Niemand demüthigt durch ſeine Größe, Niemand zum beſchämenden Bewußtſein ſeiner eigenen Kleinheit bringt. Ich weiß, Mariane, daß meine Oper nichts Mittelmäßiges iſt, ſondern etwas Erhabenes und Großes, ein echtes, wahres und reines Kunſtwerk, und darum weiß ich auch, daß es möglich iſt, daß ſie im Kampf mit der Gemeinheit und der Mittelmäßigkeit unterliegen kann. Arme Mariane, haſt Dich ſo herrlich geſchmückt wie zu einem Hochzeitsfeſt, und doch kann's ſein, daß es das Begräbnißfeſt meiner Oper iſt! Nun, wenn es das wäre, ſo bin ich immer doch nicht umſonſt geſchmückt, rief Mariane mit ſtrahlenden Augen, ſo bin ich geſchmückt, 4 8 wie es di dem Gatte und ſich; tages ſchn ſie Dich ſ für mich! nichts erl aller Kra ſiegſt ode es nimm ſterblichte Mö Unſterbli es wiſſen ſingen u nennen, nichts, d Jenſeits wir alſo ſchauen, eben dor Deinem Bühne 53 wie es die Frauen der Indier ſind, welche in edler Gattentreue mit dem Gatten, den ſie geliebt, auf dem Scheiterhaufen verbrennen wollen und ſich zu dieſem Feuertod auch mit dem Brautanzug ihres Hochzeits⸗ tages ſchmücken. Will mit Dir leben und ſterben, mein Maeſtro; ob ſie Dich ſteinigen oder zum Himmel erheben, für mich bleibt das gleich, für mich kann Deine erhabene Bedeutung durch nichts geſchmälert, durch nichts erhöht werden. Ich glaube an Dich und an Deinen Genius mit aller Kraft und aller Ueberzeugung meiner Seele, und ob Du nun ſiegſt oder fällſſt, Dein Werk war es werth zu ſiegen, und ſie können es nimmer und nimmer ertödten, denn es trägt den Glanz der Un⸗ ſterblichkeit auf ſeiner Stirn! Möcht' es wiſſen, ob man dereinſt da droben etwas von ſeiner Unſterblichkeit auf der Erdenwelt weiß, ſagte Gluck ſinnend. Möcht' es wiſſen, ob die Menſchen heut über hundert Jahre noch meine Opern ſingen und werth halten, oder ob ſie ſie dann auch veralteten Plunder nennen, wie ich jetzt die Opern der vor mir Geweſenen! Aber es nützt nichts, darüber zu denken und zu grübeln, die Wolken liegen über dem Jenſeits und keines Menſchen Auge vermag ſie zu durchdringen. Wollen wir alſo nur feſt und freudig die Augen auf das Dieſſeits heften und ſchauen, was es uns bringt! Komm, Mariane, der Wagen rollt ſo eben vor die Thür, es iſt die höchſte Zeit! Aber willſt Du denn in Deinem prächtigen Putz in meine kleine vergitterte Loge neben der Bühne kriechen?— 9 „Nein, Chriſtophorus, an ſolch einem Feſt⸗ und Ehrentag iſt— Deine kleine Gitterloge nicht gut genug. Habe mir ganz allein fttt mich eine Loge gemiethet, wo ich das ganze Haus ſehen und eine enk⸗ Kickte Zeugin des allgemeinen Enthuſiasmus ſein kann. Welch ein unerſchütterliches Göttervertrauen dies Weib hat! rief Gluck mit einem frohen Lachen, indem er ſeiner Frau den Arm gab und ſie zum Wagen geleitete. Verharrt dabei, daß ſie einen Triumph erleben wird, obwohl ſie all' die Cabalen kennt, die der divino Metaſtaſio earo Sassone gegen mich geſchmiedet haben. Aber Weib, wie wird Dir denn in Deiner Loge, wo Du Jedermann ſehen kannſt, alſo auch von Jedermann geſehen wirſt, wie wird Dir denn da zu Muthe ſein, wenn meine enthuſiaſtiſchen Feinde die Oper auspfeifen? Würdeſt 54 dann doch ſehr wünſchen, Dich in der kleinen Gitterloge verkriechen pheeihten. zu können. Guadagni, Nein, ich würde das nicht wünſchen, Maeſtro, denn nicht Deiner, habe ſingen ſondern des Publikums allein hätte ich mich dann zu ſchämen, und ich hänger der würd’ es grad' und feſt anſchauen, und meine flammenden Blicke ſollten geſagt hab ſie ſchon fühlen laſſen, wie ſehr ich ſie verachte. Sie würden vor mir nich ſie zu die Augen ſchon niederſchlagen, nicht aber ich vor ihnen!— Die F Nun, wir werden ſehen, ſagte Gluck heiter, Mariane in den Wa⸗ welliges( gen hebend und mit jugendlicher Lebendigkeit ihr nachfolgend. Vor daß wem wärts jetzt!— At der d Im Theater war heut ein ſeltſames, auffälliges Leben. Es ſchien, es bedürf als ob wirklich eine ungewöhnliche Aufregung dieſe Menge bewegte, werde ſic welche da im Parterre wie ein ſchwarzes Meer auf⸗ und nrdenshte Gefprache Man erblickte da finſtere Angeſichter, flammende Augen und zuſammen⸗ mächtige gepreßte Lippen, man hörte hier und dort grollende Worte, haſtige Man ſah Zänkereien, die freilich ſchnell von den Umſtehenden gedämpft und be⸗ dorgeſte ſchwichtigt wurden, aber bald an einer andern Stelle ſich wieder er man härt neuerten. Wer mit dem Wiener Leben und ſeinen hervorragenden Per SLoßr ſönlichkeiten näher vertraut war, der erkannte in dieſem aufgeregten bezachnet Parterre ſehr leicht die beiden feindlichen Elemente, aus denen es zu⸗ deren 2 ſammengeſetzt war; der ſah da die feurigen Italiäner, die ernſten, fromm de 1 blickenden Männer des alten Oeſterreichs, die alten penſionirten Hof⸗ Gräis 4 diener, welche Alle aus Vorunheil oder Gewohnheit zu den Anbetern den di ſtaſio's gehörten. Der ſah aber auch da die jungen kecken Ge⸗ Sei r der Wiener Studenten, der jungen Muſici, der jungen Deutſchen erhaupt, welche mit frendiger Ueberzeugung ihren Stolz darin ſuchton, den übermüthigen Italiänern, die da vermeinten nur die italiäni cß Muſik ſei die wahre und berechtigte, den edlen deutſchen Meiſter ges genüber zu ſtellen und ſeinen neuen Tonweiſen, ſeinem„muſikaliſchen Drama“ den Sieg zu verſchaffen über italiäniſches Tongeklingel. Aber auch in den Sperrſitzen und in den Logen, in denen das vornehmere Publikum ſich befand, war derſelbe unruhige Geiſt, dieſelbe Aufgeregtheit zu bemerken. Man ſprach lauter und lebhafter wie ſonſt, man ereiferte ſich ſchon im Voraus gegeneinander, indem die Einen der neuen Oper) einen glänzenden Sieg, die Andern eine unvermeidliche Niederlage pro A phezeihten. Die Anhänger Gluckeechctzählten jubelnd, daß der Sänger Guadagni, welcher anfangs dieſe neue, ungewohnte Muſik gar nicht habe ſingen wollen, zuletzt aus einem Widerſacher ein begeiſterter An⸗ hänger derſelben geworden und mit Thränen in den Augen zu Gluck geſagt habe:„Jetzt erſt weiß ich, was wahre Muſik iſt. Lehren Sie mich ſie zu ſingen, Sie ſollen an mir einen gehorſamen Schüler finden.“ — Die Feinde Gluck' erwiderten, daß es nichts deſtoweniger ein lang⸗ weiliges Genre, arm an Melodieen, arm an Gefühl und Reiz ſei, und daß wenn Haſſe und Metaſtaſio ſich nicht öffentlich gegen dieſe neue Art der Oper erklärt hätten, dies nur daher komme, weil ſie meinten, es bedürfe ihres verdammenden Urtheils gar nicht, ſondern die Oper werde ſich ſelbſt ihr Urtheil ſprechen.*)— Auf einmal wurden alle dieſe Geſpräche, dieſe Streitigkeiten im Parquet und in den Logen durch ein mächtiges unruhiges Wogen im Parterre zum Schweigen gebracht. Man ſah aus der dunkeln Maſſe Arme ſich emporſtrecken, Hände mit vorgeſtrecktem Zeigefinger alle nach einer beſtimmten Stelle hindeuten, man hörte anfangs leiſe, dann immer deutlicher murmeln: ſie kommen! — Sofort richteten ſich Aller Blicke zu der von den Armen und Händen bezeichneten Stelle hin. Dies war eine kleine Loge im erſten Rang, deren Ausgangsthür man ſeit einigen Minuten geöffnet hatte und in der ſo eben zwei Männer erſchienen. Der eine von ihnen war ein Greis mit ſilberweißem Haar, das in einzelnen zierlichen Locken zu bei⸗ den Seiten ſeines bleichen zarten Angeſichtes niederfloß. Um ſeine ſchmalen Lippen ſpielte ein eigenes, gedankenloſes, höfiſches Lächt ſeine kleinen dunklen Augen hatten, wie ſein ganzes Antlitz, einen milz wöhlwollenden, faſt herablaſſenden Ausdruck. Seine kurze gedrungelle Geſtalt war in die ſchwarzen Gewänder eines Abbé gehüllt, aber dieſe unſcheinbare geiſtliche Kleidung ward gehoben durch den Thereſien⸗Orden, der an dem breiten Seidenband um den Hals gebunden auf dem feinen weiſſen Spitzenjabot ruhte.— Der Andere war eine hohe, hagere Geſtalt im geſtickten Hofkleid, wie die kaiſerlichen Capellmeiſter es zu tragen pflegten. Sein knochiges dürres Antlitz war ſtolz und ernſt, um ſeinen großen, aufgeworfenen Mund zuckte ein höhniſcher verächtlicher *) Anton Schmid: Ritter von Gluck. S. 92. 56 Ausdruck, ſeine großen lichtblauen in gen hatten etwas Strenges, Ge⸗ bieteriſches, das ſehr wohl zu der graden, hochaufgerichteten Geſtalt paßte. Arm in Arm gingen dieſe beiden Männer durch die Loge und traten an die Brüſtung derſelben. Sofort erhob ſich vom Parterre her ein lautes Jubeln und Applaudiren, und mit begeiſtertem Zuruf tönte es von allen Seiten: Es lebe Metaſtaſio! Es lebe Haſſe! Die beiden Männer verneigten ſich und nahmen unter dem erneuerten Jubeln und Applaudiren des Publikums auf ihren Lehnſeſſeln Platz. — Unfern von ihnen war ſo eben die Gemahlin Gluck's in ihre Loge getreten. Sie hatte dieſen öffentlichen Triumph der Gegner ihres Gatten mit einem ruhigen, ſanften Lächeln aufgenommen, ſie bewahrte dieſes Lächeln noch, als der Jubel ſchon lange verſtummt war, und die Enthuſiaſten des Parterre's ſchwiegen. Denn Mariane war ſich ſehr wohl bewußt, wie viele Blicke ſich jetzt von dem triumphirenden Künſtlerpaar auf ſie gewandt hatten, mit welch' boshaftem Behagen man bemüht war, in ihrem Antlitz einen Ausdruck der Furcht oder des. Zorns zu entdecken; ihr gleichmüthiges, ruhiges Weſen, ihr freundliches Lächeln ſollte alſo den höhniſchen Gegnern beweiſen, daß ſie gar keine Unruhe, keine Sorge empfinde.— Auch ſein Moment wird kommen, ſagte ſie zuverſichtlich zu ſich ſelber, auch er wird ſeinen Empfang haben! Und ſie hatte ſich nicht getäuſcht! Eben erſchien Gluck auf ſeinem erhöheten Dirigenten⸗Platz, eben wandte er ſich den Muſikern zu, da brach der Sturm des Jubels los, da hoben ſich im Parterre, in den rſitzen, in den Logen die Hände, um mit lautem Schallen freudi ander zu ſchlagen, da rief es, ſchrie es, brüllte es aus tauſ een: Es lebe der Ritter Gluck! Es lebe der große Meiſter! Gluck verneigte ſich hier und dorthin und grüßte und winkt den Händen, Mariane lehnte ſich in ihren Fauteuil zurück und entfalfete mit einer nachläſſigen, ſtolzen Ruhe ihren großen mit Juwelen beſetzte Fächer, Metaſtaſio neigte ſich lächelnd zu Haſſe hinüber und flü ihm einige Worte zu, die dieſer mit einem ſtummen Neigen des erwiderte, und ſich dann gedankenvoll mit der breiten, knochigen durch ſein volles buſchiges graues Haar fuhr. Auf einmal rief eine mächtige, gebieteriſche Stimme: Ihre Majeſtät./ die Kaiſerin und der kaiſerliche Hof! Alle dem Par⸗ großen m eben der um die I Loge wun Kaiſerin, Perſönlic noch ſchü zaubernd ſeine Ge begriffen ehrfurcht Paar er ſieben b jährige heute, un heute ein ihrem Ve Die mit freun blikum,) zogenen Alles Geräuſch, alles Sprechen verſtummte, in den Logen und dem Parquet erhoben ſich die Sitzenden und wandten ihre Blicke der großen mit dem zweiköpfigen Adler verzierten Mittelloge zu, in der ſo eben der Oberhofmarſchall mit dem goldenen Stabe erſchienen war, um die Ankunft der Majeſtäten zu verkünden. Die breiten Thüren der Loge wurden jetzt geöffnet, und am Arm des Gemahls erſchien die Kaiſerin, ſtrahlend von Brillanten, ſtrahlender noch durch ihre impoſante Perſönlichkeit, ihre hohe, wahrhaft königliche Geſtalt, ihr edles, immer noch ſchönes Angeſicht, über das ein Ausdruck ſtolzer Würde und be⸗ zaubernden Liebreizes ergoſſen war. Ihr folgte der Erzherzog Joſeph, ſeine Gemahlin am Arm führend, und im eifrigen Geſpräch mit ihr begriffen, gar nicht auf das Publikum achtend, das ſich da überall ſo ehrfurchtsvoll und tief verneigte. Und hinter dem jungen erzherzoglichen Paar erſchienen ſodann die Prinzen und Prinzeſſinnen des Kaiſerhauſes, ſieben blühende Töchter und drei Söhne; ſelbſt die kleine, kaum acht⸗ jährige Marie Antoinette, und der ſechsjährige Maximilian durften heute, und Beide zum erſten Mal, dem Theater beiwohnen. Es war heute ein Familienfeſt, und Maria Thereſia wollte ſich an dieſem Tage ihrem Volke als glückliche Familienmutter zeigen. Die Kaiſerin trat mit ihrem Gemahl an den Rand der Loge und grüßte mit freundlichem Neigen ihres Kopfes das ehrfurchtsvoll ſchweigende Pu⸗ blikum, dann ließ ſie ſich langſam auf dem großen mit Goldbrokat über⸗ zogenen Lehnſeſſel nieder, und winkte den Prinzen und Prinzeſſinnen, auf den Tabourets zu beiden Seiten und hinter ihr Platz zu nehm Das war das Signal, daß die Oper ihren Anfang nehmen k Tas Publikum nahm wieder ſeine Sitze ein, Gluck erhob den Dirt tenſtab und winkte den Muſikern. Die Ouverture begann. Schweigend, in athemloſer Spannung lauſchte das Publikum dieſer kurzen, ernſten Ouverture, die mit ihren Obven, Hörnern und Trommeln nur wie der Herold erſchien, der das Nahen eines Königs oder eines Helden verkündet. Dann flog der Bärhang empor, und in ernſter Trauerhalle hörte man Orpheus klagen un ſein hingeſchwundenes Weib, welches für ihn in den Tod gegangen war. In das rührende Klagelied miſchte ſich mit ernſten wehmuths⸗ vollen Klängen der Chor der Trauernden, bis Orpheus auch dieſe mit 58 ihm Trauernden läßt, und in tiefer, einſamer Schmerzensklage ſich ergeht um die edle Euridice, welche für ihn den Opfertod gelitten. Aber dem Trauernden erſcheint endlich der Gott der Liebe, um ihm Muth und Troſt zuzuſprechen, um ihn zu ermuthigen, ſelber hinab zu ſteigen in die Unterwelt, und vom allmächtigen Gotte des Orkus ſich das geliebte Weib zurück zu erbitten. Orpheus, von dieſem Rath Amors zu neuen und himmliſchen Hoffnungen entflammt, beſchließt, den gefährlichen Gang zu wagen, und ruft die Freunde, um ihnen ſeinen Entſchluß mitzutheilen. Unter dem lautloſen Schweigen des Publikums fiel der Vorhang nach dieſem erſten Act. Man ſah die Anhänger Haſſe's und Meta ſtaſio's mit höhniſchem Lächeln und mitleidiger Verachtung die Achſeln zucken, und ſelbſt die vorher ſo thatendurſtigen, begeiſterten Anhänger Glucks fühlten ſich ein wenig herabgeſtimmt von dieſer ernſten, feierlichen, reizloſen Muſik, welche in ſtrenger dramatiſcher Durchführung alle Coquetterie der Geſangskunſt, allen überflüſſigen Schmuck der Töne ſtreng vermied. Freut mich, daß der Metaſtaſio hier iſt, ſagte die Kaiſerin zu ihrem Gemahl, der Herr von Calzabigi giebt ihm den Beweis, daß Metaſtaſio noch nicht alt geworden, und noch keinen Nachfolger und Erſatzmann gefunden. Nun, und was ſagt meine Tochter Iſabella zu dieſer merk⸗ würdigen Muſik? fragte Maria Thereſia, ſich an die Infantin wendend; aber als ſie ſie anſchaute, zuckte ſie zuſammen in tiefem Erſchrecken, und ein ahnungsvolles, unbeſtimmtes Bangen bemächtigte ſich ihrer Seele. Iſabella's Antlitz war farblos und todesbleich, es zeigte den uck tiefer, unermeßlicher Trauer. Ihre großen dunklen Aug. ſtarr der Bühne zugewandt, als lauſche ſie immer noch auf Mebesklage des Orpheus und die Trauergeſänge ſeiner Freunde. Joſept ſah das nicht; er hatte ſich von ſeinem Sitz erhoben und plaud harmlos und froh mit den jungen Geſchwiſtern. Hilf Gott, murmelte die Kaiſerin, ſie ſieht in Wahrheit aus eine Sterbende. Oh, wenn ſie nun Recht hätte mit ihren unheimli Prophezeihungen, wenn ſie wirklich bald in den Tod ginge! Oh Gott, ich liebe ſie zu ſehr, um ſie nicht zu verlieren. Sie wird Opfer ſein, welches der Himmel von mir fordert!*) *) Der Haiſerin eigene Worte. Siehe: Caraccioli Vie de Joseph II. S. 87. Jſal zu erwach begannen gepreßten Nlehens Ver, zaubert ganz und Die Oh das iſt Nu ſo will; nem Ge nüchſt d Joſeph ihren G heute wi Iſa elleben, um Kön RN die ſchal d putirt h wickelun, ethabene der Unt Rühe er ſing, das eiſe machten habenen — 59 Iſabella zuckte zuſammen, und ſchien wie aus einer Erſtarrung zu erwachen. Ihr Auge gewann wieder Feuer und Leben, ihre Wangen begannen wieder ſich zu röthen, und auf ihre vorher ſo feſt zuſammen⸗ gepreßten Lippen kehrte das Lächeln zurück. Einen Blick voll zärtlichen Flehens auf die Kaiſerin heftend, neigte ſie ſich nieder und küßte ihre Hand. Verzeihung, Majeſtät, ſagte ſie leiſe, die Muſik hatte mich ver⸗ zaubert und mir ſelbſt entrückt. Ich war wie in einer andern Welt, ganz und gar der Gegenwart entrückt. Dieſe Mufik gefällt Dir alſo? fragte die Kaiſerin. Oh, Majeſtät, rief Iſabella, das iſt keine Muſik, welche gefallen kann, das iſt die höchſte, erhabenſte Sprache der Wahrheit und des Lebens! Nun, ſagte die Kaiſerin zärtlich, da Dir dieſe Oper ſo wohlgefällt, ſo will ich Dir einen Beweis geben, daß ich Dich liebe, indem ich Dei⸗ nem Geſchmack den meinen unterordne. Der nächſte Feſttag, den wir nächſt dieſem zu feiern haben, wird, ſo hoffe ich, der Krönungstag unſeres Joſeph ſein. An dem Tage alſo, wo meine Tochter Iſabella durch ihren Gemahl zur Königin von Rom erhöht wird, ſoll dieſe Oper von heute wiederum als Feſtoper gegeben werden. Iſabella ſchüttelte langſam ihr Haupt. Ich werde dieſen Tag nicht erleben, Majeſtät, ſagte ſie traurig. Ich werde nicht lange genug leben, um Königin von Rom zu werden.*) Maria Thereſia erblaßte und war im Begriff etwas zu erwiedern, als die ſchallende Klingel der Bühne den Beginn des zweiten Actes verkündete. Das Publikum, welches vorher’laut und heftig geſtritten und dis⸗ putirt hatte, horchte jetzt wieder in ſchweigender Erwartung der 29 wickelung der Oper. Aber bald riß die wunderbare, ſo originelle, ſo erhabene Scene zwiſchen Orpheus und den Furien, welche die Pforte der Unterwelt bewachen, die lauſchende Menge aus ihrer erwartenden Ruhe empor. Die ſüß tönenden, lieblichen und doch kraftvollen Ge⸗ ſänge, mit denen Orpheus die Furien beſchwor und denen entgegen das eiſerne, harte, unerbittliche No! der Furien immer wieder ertönte, machten das Publikum erſchauern und erbeben vor Rührung und er⸗ habenem Schreck. Selbſt Haſſe, überwältigt von der Größe und Ge⸗ *) Iſabellas eigene Worte. Siehe: Wraxall II. S. 394. ₰ 60 walt dieſer Oper, neigte mit ſtolzem Zuſtimmen ſein Haupt, und Me⸗ taſtaſio, den Worten mehr als der Muſik lauſchend, und ganz ergriffen von dieſen ſo machtvollen, wilden, immer von Orfeo's ſüßen Flehens⸗ worten unterbrochenen Geſängen der Furien, murmelte halblaut vor ſich hin: ah, che poesia divina!— Ein Gemurmel des Beifalls erhob ſich im ganzen Hauſe, es ſteigerte ſich jetzt von Scene zu Scene, es ward zum lauten Bravorufen; es ſchien, als ob das erſtaunte Publikum ſich jetzt erſt mehr und mehr von ſeiner Ueberraſchung, ſeinem Unbe⸗ hagen über das Neue, Niegehörte erhob, als ob es mehr und mehr der Erhabenheit und Größe dieſer ſo einfachen, dramatiſchen und edel fortſchreitenden Muſik ſich bewußt werde, als ob allgemach das Ver⸗ ſtändniß für deren Schönheit ihm aufgehe. Als wieder der Vorhang ſich ſenkte, rauſchte ein Sturm des Beifalls durch das ganze Haus, und mit jubelnden Triumphatormienen ſchauten die Gluckiſten auf dieſe tiefbeggegte Menge umher, die in lauten Ausrufungen, in lebhaftem Geſpräch ihrer Bewegung Luft machte und ihre Anſchauungen aus⸗ tauſchte.— Mariane lehnte mit einem Ausdruck ſeligen Entzückens in ihrem Lehnſeſſel und horchte mit innigſtem Genuß dieſen Lobſprüchen, die von allen Lippen, wie Blumenbouquets und Lorbeerkränze, auf das Haupt ihres Geliebten niederträufelten. Die Anhänger Metaſtaſio's und Haſſe's aber waren kleinlaut verſtummt, und wagten nicht mehr der allgemeinen Zufriedenheit des Publikums zu opponiren. Unter ſo reudiger Aufregung der Zuhörer begann der dritte Act. In immer öheter Freude und Rührung lauſchte das Publikum; hier und da man bei Euridice's rührend ſchöner Arie, bei ihrem Zurückſinken den Orkus, leiſes Schluchzen und Weinen, und leiſes, vielleicht von Rührung gedämpftes Gemurmel des Beifalls begleitete dieſe ganze Scene. Als aber dann Orpheus im Feuerſchmierz leidenſchaftlicher Liebe um die Gattin klagte, als er dieſe ſo wunderbar innige und feurige Arie„che faro senza Euridice“ ſang, da konnte die Menge, überwäl⸗ tigt von Rührung und Freude, ſeinen Jubel, ſein Entzücken nicht ehr zurückhalten. Ganz hingeriſſen, ganz begeiſtert, mit hochklopfendem Her⸗ zen, mit Thränen in den Augen, rief und jubelte man da capol und als Guadagni dieſem allgemeinen Ruf genügt und die Arie wiederholt 4 hatte, erhob ſich auf einmal das begeiſterte Publikum, um mit lautem Jubelruf Meiſter C Publikum errötheten ungeheure ſich imm Der Cap ſeines C Metaſtaſ zer Gro ſchen ine geſpann zu berge Siegesh es! Das von trag Aue Kaiſer F applaudi grauen( telte wit es kling heddiſt immer 61 Jubelruf nach Gluck zu rufen, ſo lange zu rufen und zu jubeln, bis Meiſter Gluck endlich ſich entſchließen mußte, ſich umzuwenden, und dem Publikum das Anſchauen ſeines edlen, von Aufregung und Freude errötheten Angeſichts zu gönnen; wie er das that, rauſchte ein neuer, ungeheurer Sturm des Beifallklatſchens, der Vivats durch das Haus, ſich immer wieder erneuernd, und immer wieder emporſteigend.— Der Capellmeiſter Haſſe hatte nicht länger Luſt gehabt, dem Triumph ſeines Gegners zuzuſchauen, und war leiſe von dannen geſchlichen, Metaſtaſio, gutmüthiger und feiner, war geblieben, und hatte in ſtol⸗ zer Großmuth ſelber ſeine zarten weißen Hände zum Beifallklat⸗ ſchen ineinander geſchlagen. Mariane hatte ihren großen Fächer aus⸗ geſpannt, um dahinter ihr von ſeligen Thränen überfluthetes Angeſicht zu bergen, und wie der Beifall ſo großartig und machtvoll gleich einer Siegeshymne daher rauſchte, flüſterte ſie: ich wußt' es, ja, ich wußt' es! Das wahrhaft Große und Schöne muß doch zuletzt den Sieg da⸗ von tragen! Auch in der kaiſerlichen Loge hatte die allgemeine Begeiſterung gezündet. Kaiſer Franz hatte mehr als einmal ſein Bravo gerufen und laut ſchallend applaudirt, und Maria Thereſia ſelbſt hatte es einen Moment wie einen grauen Schleier über ihre Augen dahinziehen gefühlt. Aber ſie ſchüt⸗ telte mit ſtolzer Würde dieſen Schleier fort und ſagte faſt unwillig: es klingt wohl Alles recht ſchön und wundervoll. Aber es iſt doch eine heidniſche und unchriſtliche Oper, in der niemals von Gott, ſondern immer nur von den Göttern die Rede iſt!* Jſabella ſagte nichts. Sie hatte das große Bouquet von duftenden Roſen, das ihr Joſeph heute, der rauhen Winterszeit zum Trotz, ge⸗ bracht hatte, von ihrem Buſen genommen, und drückte es an ihr An⸗ geſicht, um die Blumen ihre Thränen trinken zu laſſen. Ihr Gemahl ſah die hellen Tropfen, die im Schimmer der Kerzen wie Diamanten auf den Blättern der Roſen funkelten. Er nahm ſanft das Bouquet aus den Händen Jſabellens und küßte die Thränen von den Blumen fort, dann neigte er ſich zu Iſabellen hin. Weine nicht, meine Iſabella, flüſterte er leiſe und zärtlich, jede Deiner Thränen fällt wie eine ſchwere Laſt auf mein Herz und macht mich beklommen und angſtooll. Trockne Deine Augen, meine Geliebte, Du Kaiſerin meines Herzens. Dereinſt 4 “ 62 ſollſt Du auch vor der Welt eine Kaiſerin ſein, und dann werden Deine Völker zu Dir aufjauchzen, wie ich es thue, und dann wirſt Du die Macht haben alle Thränen zu trocknen und alles Leid verſchwinden zu machen, und alle Menſchen werden Dich ſegnen und preiſen, wie ich es thue, und— Ein lautes Donnern des Beifalls übertönte die Stimme Joſephs. Die Oper war zu Ende, und das entzückte Publikum rief mit jauchzendem Beifallsgruß den Ritter Gluck, den Schöpfer des muſicaliſchen Drama's. VII. Auf Wiederſehen nach drei Jahren. Der Krieg war zu Ende. Ganz Wien jauchzte vor Wonne und Genugthuung. Der Krieg, welcher ſeit ſieben Jahren ſo viel Blut, ſo viel Menſchen und ſo viel Geld gekoſtet, er war zu Ende, und Oeſter⸗ reich hatte Frieden gemacht mit Preußen.. Keiner von Beiden hatte bei dieſem jahrelangen Krieg etwas An⸗ deres gewonnen, als ruhmwürdige Siege, ehrenvolle Narben und das Bewußtſein der Stärke und des Muthes ſeines Gegners. Beide hatten ſie viel materielle Verluſte zu beklagen, welche viele Jahre lang noch ſchmerzvolle und koſtbare Rückerinnerung ſie belaſten mußten. In erreich hatte man, um die Kriegskoſten zu decken, das Papiergeld erfunden und das Land mit Millionen von„Coupons“ überſchwemmt. In Preußen hatte man zu gleichem Zweck Millionen ſchlechten Geldes geprägt, und den Beamten ſtatt des Gehaltes ſogenannte„Beamten⸗ ſcheine“ gegeben, welche man nach Beendigung des Krieges in dem ſchlechten Gelde, das bald darauf außer Cours geſetzt ward, zahlte. Aber Preußen hatte das gewonnen, daß Oeſterreich es in ſeinen Rechten überhaupt und ſeinem Beſitz von Schleſien insbeſondere aner⸗ kannte, und Oeſterreich dagegen hatte von dem König von Preußen die Zuſicherung erhalten, daß er dem Erzherzog Joſeph ſeine Kurſtimme zur römiſchen Königswahl geben werde, und ſich anheiſchig machte die b Anwartſch fördern u Gan langten d mit frohe Ueberall Sorgen Friedens Abe die Son gegangen über die die ſonſt Es tag der zu feiern Begierde Plänen 3 bello ſel Lächeln u ernſter u war, de Frohſinn Ddu ſchmerzde nahen T d. 00 Anwartſchaft des Hauſes Oeſterreich auf das Herzogthum Modena zu fördern und zu unterſtützen. Ganz Wien, wie geſagt, jubelte vor Wonne über den endlich er⸗ langten Frieden und zog den heimkehrenden narbenbedeckten Kriegern mit frohen Liedern, mit Eichenzweigen und Lorbeerkränzen entgegen. Ueberall athmete man auf, entwarf man Pläne, um nach ſo bangen Sorgen und Aengſten nun auch in vollen Zügen die Segnungen des Friedens genießen zu können.. Aber während das öſterreichiſche Volk lachte und jubelte, während die Sonne des Glücks ſtrahlend und hell wieder über Oeſterreich auf⸗ gegangen zu ſein ſchien, begann eine düſtere, unheilsvolle Wolke ſich über die Kaiſerburg hernieder zu ſenken und ihre trüben Schatten über die ſonſt ſo heitern und glücklichen Geſichter zu werfen. Es fehlten nur noch wenige Monate, daß man den dritten Jahres⸗ tag der Vermählung des Erzherzogs Joſeph mit der Infantin Iſabella zu feiern hatte, und ſchon begannen die jungen Erzherzoginnen, mit Begierde jede Gelegenheit zu heitern Feſten ergreifend, von den vielerlei Plänen zu ſprechen, die ſie für dieſen Tag erſonnen hatten. Aber Iſa⸗ bella ſelbſt hatte für dieſe lachenden Zukunftsträume nur ein trauriges Lächeln und ein zweifelndes Kopfſchütteln. Ihr Antlitz ward immer ernſter und kummervoller und nur, wenn ihr Gemahl an ihrer Seite war, vermochte ſie noch dieſen äußern Anſchein von Heiterkeit und Frohſinn zu bewahren, nur dann gewann ſie es über ſich zu lachen und zu ſcherzen, und dann erklangen die Saiten ihrer Violine, ließ ſie ihre ſchlanken Finger mit Kunſtgewandtheit über die Taſten fahren. Aber allein mit ihren Damen, oder in Geſellſchaft mit den Erzherzo⸗ ginnen und der Kaiſerin war ſie ernſt und trübe, bemühte ſie ſich, Alle vorzubereiten auf ihren Tod, der nun, wie ſie ſagte, in einigen Wochen erfolgen werde. Du glaubſt es alſo wirklich, meine Tochter? fragte die Kaiſerin ſchmerzvoll, als Iſabella ihr einſt mit feierlichem Ernſt wieder ihren nahen Tod prophezeiht hatte. Du willſt uns alſo wirklich verlaſſen? Ich will nicht, ſagte ſie leiſe, aber ich muß. Es iſt Gott, welcher mich abruft und mich zu ſich nimmt. Und woher weißt Du, daß er Dich rufen wird? 4 4 64 i Iſabella ſchwieg einen Moment, dann hob ſie ihre geſenkten Blicke mit einem unausſprechlichen Ausdruck zu dem Antlitz der Kaiſerin empor. Ein Traum hat es mir verkündet, ſagte ſie, ein Traum, den ich nimmer und nimmer vergeſſen kann und an den ich glaube mit der ganzen 9 Kraft meiner Seele! 4* Ein Traum? ſagte die fromme Kaiſerin leiſe vor ſich hin. Es iſt wahr, Gott ſpricht oft zu den Menſchen in ihren Träumen und was er ihre wachenden irdiſchen Augen nicht ſehen laſſen kann, das zeigt er ihnen im Traum. Und was ſah'ſt Du denn in Deinem Traum, Iſabella? Die Infantin zögerte wieder und blickte ſinnend vor ſich hin. Was ich ſah? flüſterte ſie dann. Es giebt Geſichte, für die es keine Worte unnd keinen Ausdruck giebt, die nach Außen nimmer zum Bilde ſich ge⸗ ſtalten laſſen, aber innen in unſern Herzen mit unverlöſchlichen Farben ſich eingebrannt haben. Was ich ſah? Ich ſah ein brechendes, geliebtes Auge, ich ſah eine kaum noch zuckende, noch athmende Leiche, ich lag aufgelöſt in Schmerz und Pein neben der ſterbenden Geſtalt meiner — meiner Mutter. Ich flehete zu ihr, mich nicht zu verlaſſen, mich mit ſich zu nehmen in den Tod. Oh Madame, die Gebete der Ver⸗ zweiflung haben ſelbſt über den Tod noch Gewalt und vermögen die entflatternde Seele feſt zu halten. Ich ſchrie, ich weinte, ich jammerte ſo lange, bis die ſterbende Geſtalt wieder Leben gewann, bis die ge⸗ brochenen Augen ſich wieder mit hellem Liebesblick mir öffneten, bis die ſan erkalteten Lippen ſich wieder bewegten, bis die Leiche ſich auf⸗ chtete und mich anſah, mich, die ich in Jammer und Pein neben ihr kniete!. Entſetzlich! rief die Kaiſerin. Und Du erwachteſt nicht vor Grauen 153 und Angſt bei dieſem furchtbaren Traum? 83 1 Nein, ich erwachte nicht, und es war mir, als ob dieſes Alles Wahrheit und Wirklichkeit ſei. Ich erwachte nicht, ich ſah die Leiche * ſich erheben, mich anſchauen, ich hörte die Worte, die ſie mit hohler, in Geufhern ſich verlierender Grabesſtimme zu mir ſprach. Dieſe Worte: 5 auf Wiederſehen in drei— angſtvoll, invem ſie ſich bekreuzte. Du ſprichſt mit ſo überzeugende Sprich nicht weiter, nicht weiter, murmelte die Kaiſerin bleich und — Wahrhe verwechſe In Die der Infa mächer z Ich den Aug Si Stephan Ahnen Vo achtele; in demſ des To Oktober Allen al Kaiſerin blickte in Antltz d —— „—* 8—* 65 Wahrheit, daß ſelbſt ich einen Moment den Traum mit der Wirklichkeit verwechſelte. An welchem Tage hatteſt Du dieſen Traum? In der Herbſttagen des Jahres 1760, Majeſtät. Die Kaiſerin erwiderte nichts, ſie drückte einen Kuß auf die Stirn der Infantin, und verließ dann haſtig das Zimmer, um in ihre Ge⸗ mächer zurückzukehren. Ich will beten, beten! murmelte ſie angſtvoll und mit Thränen in den Augen. Vielleicht, daß Gott gnädig iſt und Erbarmen hat! Sie befahl die Wagen vorfahren zu laſſen, und fuhr nach der Stephanskirche, um dort unten in der Kapelle an den Gräbern ihrer Ahnen auf ihre Kniee niederzuſinken zu ſtundenlangem Gebet. Von dieſem Tage an war Maria Thereſia traurig und ſtill, beob⸗ achtete ſie mit ſorgenden Blicken das Antlitz Jſabellens, als ſuche ſie in demſelben mit angſtvoller Pein die Lineamente, welche das Nahen des Todes verkündeten.— Aber Wochen vergingen, ſchon war der Oktober herangekommen, und Jſabellens Prophezeihung begann jetzt Allen als eine belächelnswerthe Phantaſterei zu erſcheinen. Nur die Kaiſerin ſtimmte nicht ein in die Hoffnungen der Uebrigen. Nur ſie blickte immer noch mit angſtvoller Sorge auf das ernſte, melancholiſche Antlitz der Infantin hin. Du haſt aus der Kaiſerin eine Proſelytin gemacht, ſagte die Erz⸗ herzogin Chriſtina lächelnd zu Jſabellen, als ſie eines Tages ſich allein mit ihr in ihrem Kabinet befand. Sie glaubt wirklich an Deine Pro⸗ phezeihung, obwohl Du niemals blühender und geſunder ausſchauteſt, als eben jetzt! Und Du glaubſt mir immer noch nicht, Chriſtina? fragte Jſabella, zärtlich ihren Arm um Chriſtinens Nacken legend. Du, meine Freundin, meine Vertraute, Du haſt den grauſamen Muth zu zweifeln, und mir zu wünſchen, daß ich die Laſt dieſes Geheimniſſes, dieſer Schmerzen, dieſer Verſtellung noch länger durch meinen verödeten, düſtern Lebenspfad dahinſchleppen ſoll? Ich habe den frommen Muth, an die Güte Gottes, und, Iſabella, an die Güte Deines eigenen Herzens zu glauben! Dieſe drei Jahre werden vorübergehen, und wenn Du erkannt haſt, daß dieſe ſogenannte 1 Prophezeihung wirklich nichts weiter war als ein Traumgeſicht Deiner Ver⸗ Kaiſer Joſeph. 1. Abth. II. 5 66 zweiflung, dann wird Dein Herz ſich dem Vertrauen, dem Glück öffnen, dann wird ein nenes Leben, eine neue Zukunft ſich Dir erſchließen, dann wirſt Du endlich die Liebe meines armen beklagenswerthen Bru⸗ ders erwidern, und nicht aus großmüthiger Selbſtüberwindung, ſon⸗ dern aus wahrer Neigung wirſt Du dann Dich bemühen, ihn glücklich zu machen. Ich wollte, Du ſprächſt die Wahrheit, ſagte Iſabella traurig. Wäre mein Herz der Liebe fähig, ſo würde ich Ihn geliebt haben, Ihn, deſſen edle, vertrauensvolle Liebe mein Stolz und meine Qual zugleich geweſen iſt. Glaube mir Chriſtina, ich habe viel gelitten in dieſen kurzen Jahren meiner Ehe, ich habe in Verzweiflung gerungen mit meiner Pein, ich wollte meine Vergangenheit überwinden, ich wollte wieder leben, leben und des Glückes genießen, aber es war umſonſt. Mein Herz war geſtorben, ich konnte es nicht wieder erwecken, ich konnte nur ſchweigen, nur dulden und warten. Mein Gott, rief Chriſtina, wider ihren Willen von der zuverſicht⸗ lichen Todesahnung Iſabellens mit fortgeriſſen, iſt denn nichts im Stande, Dich an dieſe Erde zu feſſeln? Wenn Deines Gemahls Liebe Dich nicht rührt, denkſt Du denn zum mindeſten nicht an Dein Kind? Kannſt Du denn wirklich ſo gleichgültig und ſo kalt ſein, Dein Kind verlaſſen zu wollen? Du glaubſt wirklich, daß ich Euch mein Kind laſſen werde? fragte Iſabella faſt erſtaunt. Oh nein, nein, Ihr werdet ſie höchſtens ſechs bis ſieben Jahre haben, dann wird ſie zu mir kommen.*) Oh Iſabella, Iſabella, ich kann's nicht faſſen, daß Du uns entriſſen werden ſollſt, rief Chriſtina mit hervorſtürzenden Thränen, und die In⸗ fantin feſt in ihre Arme ſchließend, als wolle ſie ſie an ihrer lebensvollen Bruſt ſchützen gegen die Berührung des Todes. Bleibe bei uns, Iſabella, verlaß mich nicht. Mein Gott, ich liebe Dich ja ſo grenzenlos! Schluchzen erſtickte ihre Stimme, keines Wortes mehr mächtig, *) Der Infantin eigene Worte. Dieſe ganze Unterredung Iſabellens mit Chriſtinen iſt hiſtoriſch, und das Wunderbarſte dabei iſt, daß dieſe Prophezei⸗ hung Iſabellens über den Tod ihres Kindes ſich erfüllte. Die kleine Erzhe⸗ zogin, ihre Tochter, ſtarb im noch nicht vollendeten ſiebenten Jahre. Wr Th. II. S. 395. neigte ſi Infantin der Liebe für die w ihres Fr Und lehnte m Bei mit tral nen, beit Beide d in Gran Ein bewegten dieſes fe großen! bebte un nach der Ei ſchon der ſei inu ſich nich nerung geſtande — 3 67 neigte ſie ihr Haupt auf Iſabellens Schulter und weinte laut. Die Infantin beugte ſich über ſie und küßte ſie, und flüſterte ihr Worte der Liebe zu, und bat ſie mit inniger Zärtlichkeit, nicht zu weinen, ihr für die wenigen letzten Lebenstage noch den Sonnenſchein ihres Lächelns, ihres Frohſinns zu gönnen. Und Chriſtina unterdrückte ſchnell ihr Schluchzen und Weinen, und lehnte nun ſtill und matt ihr Haupt noch an Iſabellens Schulter. Beide ſchwiegen ſie; eng umſchlungen ſich haltend, ſtanden ſie da, mit trauervollem Herzen, mit bleichen Angeſichtern, zwei Erzherzogin⸗ nen, beide in der Fülle der Schönheit, des Glückes, der Jugend, und Beide doch ſo voll Kummer und Schmerzen, Beide doch ſo gebeugt in Gram und Sorge! Eine tiefe, heilige Stille umgab ſie, ihre Lippen, welche ſich leiſe bewegten, flüſterten vielleicht Gebete zu Gott empor. Auf einmal ward dieſes feierliche Schweigen durch das tiefe, volltönende Schlagen der großen Uhr, welche auf dem Kamin ſtand, unterbrochen. Jſabella er⸗ bebte und hob ihr bleiches Antlitz empor, um mit entſetzten Blicken nach der Uhr hinzuſtarren. Seit vielen Monaten hatte die Uhr nicht geſchlagen, man hatte ſchon den Uhrmacher kommen laſſen, und er hatte erklärt, das Werk ſei in Unordnung und bedürfe einer Reſtauration. Aber Jſabella hatte ſich nicht entſchließen können, die Uhr fortzugeben; es war eine Erin⸗ nerung an ihre Heimath, an ihre Mutter, in deren Cabinet ſie immer geſtanden; ſie hatte daher es vorgezogen, die Uhr auf ihrem Kamin zu behalten, wenn auch ihr Klang verſtummt war, wenn ſie Jſabellen auch nicht mehr die Stunden verkündete. Seit vielen Monaten hatte dieſe Uhr nicht geſchlagen, jetzt ſchlug ſie. Raſtlos, immerfort, gleichmäßig und volltönend brummte ſie mit ihrer ſchnarrenden Metallſtimme durch die Stille, raſtlos, athemlos klang ihr Geläute durch das Schweigen. Iſabella riß ſich bleich und zitternd aus Chriſtinens Armen empor, und die Hand nach der Uhr ausſtreckend, rief ſie entſetzt: Chriſtina, das iſt das Signal, das mich von hinnen ruft!*) *) Hiſtoriſch. Der Erzherzogin eigene Worte. Wraxall. S. 397. * 68 Und außer ſich, in ſich erſchauernd vor bangem Grauſen, that ſie einige Schritte rückwärts, als wolle ſie verſuchen, zu entfliehen. Die Uhr ſchlug immerfort, gleichmäßig, ruhig.— Komm, komm, laß uns hinausgehen, flüſterte Chriſtina mit bleichen, bebenden Lippen. Ja, komm, hauchte Iſabella dann! Sie ſtreckte den Fuß aus, um zu gehen, aber ſie vermochte es nicht! Es ſchwindelte vor ihren Blicken, ihre zitternden Füße trugen ſie nicht länger, ſie brachen zuſammen und Jſabella ſank auf ihre Kniee nieder. Chriſtina ſtieß einen Schrei aus und wollte nach Hülfe eilen. Aber Iſabella hielt ſie zurück. Es geht zu Ende, hauchte ſie leiſe. Ich fühle meine Sinne ſchwinden. Höre, höre meine letzten Worte. Wenn ich geſtorben bin, wird Dir meine Oberhofmeiſterin einen Brief geben, den ich heute für Dich geſchrieben. Schwöre mir zu thun, was ich in dieſem Briefe von Dir fordere. Ich ſchwöre es, bei Allem, was mir heilig iſt! ſagte Chriſtina feierlich. Es iſt gut, hauchte ſie leiſe. Jetzt rufe die Aerzte!—— Furchtbare Tage und Stunden waren es, welche jetzt folgten, Tage ſolcher Qual und ſolchen Jammers, wie das menſchliche Herz ſie wohl zu erdulden, die menſchliche Sprache ſie nicht zu ſchildern vermag. Auf den Ruf der jungen Erzherzogin eilten die Dienerinnen her⸗ bei. Man trug die beſinnungsloſe, fieberglühende Infantin auf ihr Lager, man rief die kaiſerlichen Leibärzte. Die Kaiſerin ſelber führte den berühmten Arzt van Swieten an das Lager Iſabellens, an wel⸗ chem Joſeph bleich und bewegungslos ſaß, feſt die ſtarren, thränenloſen Blicke auf die Geliebte gerichtet, die jetzt zum erſten Mal ihm nicht zulächelte, den Druck ſeiner Hand nicht erwiderte, und ſtumm blieb bei ſeinen flehenden, klagenden Worten. Van Swieten beugte ſich über die Kranke, die mit weit geöffneten Augen, mit glühenden Wangen, mit hochathmender Bruſt da lag. Er unterſuchte ihren Puls, er legte die Hand auf ihre feuchte Stirn, auf ihr bald ſtockendes, bald heftig hämmerndes Herz. In athemloſem Schweigen ſtanden Alle um ihn her. Die Kaiſerin hatte die Hände gefaltet und betete. Der Erzherzog hatte das Ange von ſeinem Weibe zu dem Arzt emporgehoben, ſeine ganze Seele lag in dem Blick, welchem er ihn anſchaute. 5 1 ——— —— Van fort E zu entlle hob, ſah erſchütter Do daß ſie retten S habe un Vo des Lac Ihre 1 da in ei ungewol ſeinen! der Glu betrach unterſu T ſehen, chen, w D dinde Screi 69 Van Swieten ſchwieg noch immer, er ſetzte ſeine Unterſuchung fort. Er bedeutete die leiſe weinenden Dienerinnen, die Füße Jſabellens zu entkleiden, und neigte ſich dicht über ſie. Als er ſich wieder empor⸗ hob, ſah Joſeph, welcher ihn immerfort anſtarrte, daß das ernſte, un⸗ erſchütterliche Antlitz van Swietens bleich geworden war. Doctor, ſagte er mit flehender Stimme, Doctor, ſagen Sie nicht, daß ſie ſterben muß. Sie haben ſchon ſo Vielen das Leben gerettet, retten Sie mir mein Weib, und nehmen Sie dafür Alles, was ich habe und bin. Retten Sie mir mein Weib. Van Swieten antwortete nicht, er trat wieder an das obere Ende des Lagers und betrachtete wieder aufmerkſam das Geſicht Iſabellens. Ihre Wangen waren jetzt noch tiefer geröthet, und brannten hier und da in einzelnen dunklen Flecken. Van Swieten ſah es, und faßte mit ungewohnter Haſt nach Iſabellens Händen, die Joſeph feſt mit den ſeinen umklammert hielt. Laſſen Sie mir ihre Hände, murmelte Joſeph, und ehe er ſie los ließ, neigte er ſich nieder und küßte ſie. Der Doctor ſchaute mit ernſt forſchenden Blicken auf dieſe ſchmalen Hände hin, die ſonſt ſo durchſichtig weiß geweſen, und jetzt auch von der Gluth des Fiebers geröthet waren. Er wandte die Hand um und betrachtete die innere Handfläche, er ſchob die Finger auseinander und unterſuchte mit prüfendem Auge die Zwiſchenräume. Doctor, aus Erbarmen ſprechen Siel flehte der Erzherzog. Mein Gott, ſehen Sie denn nicht, daß ich ſterben muß vor Angſt, wenn Sie nicht ſpre⸗ chen, wenn Sie mir nicht ſagen, daß Sie meine Iſabella vetten wollen! Die Kaiſerin betete nicht mehr. Als ſie geſehen, wie der Arzt die Hände der Kranken nahm, um ſie zu unterſuchen, hatte ſie einen dumpfen Schrei des Entſetzens ausgeſtoßen, und ihr Antlitz mit ihren Händen ver⸗ hüllend, weinte ſie leiſe vor ſich hin. Um das Bett knieten die Diene⸗ rinnen Iſabella's, die thränenumdüſterten Blicke auf den Arzt geheftet, von deſſen Lippen ſie jetzt den Ausſpruch über Leben und Tod erwarteten. Van Swieten legte jetzt ſanft die Hände Iſabellens wieder auf die Kiſſen nieder. Dann ſchob er leiſe die Spitzenumhüllung ihres Gewandes auf ihrer Bruſt auseinander, aber, als habe er genug ge⸗ ſehen, verhüllte er ſie raſch wieder und richtete ſich empor. 70 Seine Augen, welche bis jetzt die Blicke Joſeph's vermieden hatten, begegneten ihnen jetzt mit dem Ausdruck tiefen, ſchmerzlichen Mitgefühls. Sprechen Sie, murmelte Joſeph mit zuckenden, farbloſen Lippen, ſprechen Sie, ich habe Muth zu hören. Es iſt meine Pflicht zu ſprechen, ſagte van Swieten feierlich, meine Pflicht, zu fordern, daß ſowohl ihre Majeſtät die Kaiſerin, als auch der Erzherzog ſofort dies Gemach verlaſſen. Die Frau Erzherzogin hat die Pocken! 2. Maria Thereſia ſtieß einen Schrei aus, und ſank beſinnungslos zu⸗ ſammen. Aus dem anſtoßenden Zimmer ſtürzte der Kaiſer herein, und hob, unterſtützt von dem Arzt, die ohnmächtige Gemahlin in einen Fauteuil empor, und winkte den Dienerinnen, ihm zu helfen, daß man ſie hinaus trüge. Joſeph achtete auf das Alles nicht. Er war bei den Worten des Arztes wie vom Blitz zerſchmettert zuſammengebrochen, und ruhte mit dem Oberkörper auf dem Lager Jſabellens. Erzherzog Joſeph, rief van Swieten feierlich, im Namen Ihrer heiligen Pflichten, im Namen Ihrer Mutter und Ihrer Geſchwiſter, im Namen der Völker, deren Kaiſer Sie dereinſt ſein werden, beſchwöre ich Sie, verlaſſen Sie dieſes Gemach, welches jetzt ſchon von der furcht⸗ barſten aller Krankheiten verpeſtet iſt! Joſeph richtete ſich mit einer raſchen Bewegung empor, ein widdes, freudiges Lachen zuckte durch ſein blaſſes Geſicht. Oh, ſagte er mit ſchwerer, lallender Zunge, ich bin ein glücklicher beneidenswerther Mann! Ich habe die Pocken ſchon gehabt, ich bin geſichert gegen die Anſteckung. Iſt das nicht beneidenswerth, ſagen zu können, ich habe die Pocken ſchon gehabt? Ich werde wenigſtens das Recht haben, an ihrem Lager zu bleiben, ſie zu pflegen, ſie zu bewachen, bis ſie entweder geneſen, oder geſtorben iſt! . Aber, wagte der Arzt mit leiſer Stimme zu ſagen, Sie werden die Anſteckung von dieſem Zimmer zu der Kaiſerin und den Erz⸗ herzoginnen tragen. Ich werde dieſes Zimmer nicht verlaſſen, Doctor, ſagte Joſeph entſchieden. Es wird alſo durch mich Niemand angeſteckt werden. Sagen Sie nichts mehr, denn es iſt umſonſt. Ich werde Ihalels pflegen, ich werde immer an ihrer Seite ſein, bis— e * . M ſeine H zwiſchen auf das Va zu leiſte ermüder J immer ſie rich glühend nomme Gemahl ihn wi Leleg Zuweil Geſtalt verzwei geben, ſetzen eniſtell eine Wiede W ſcheim Sinn Stimn Jeobel ſo ſch ſundh muthi ſchwa dieſe und 71 Mehr ſagte er nicht, ſeine Stimme erſtickte in Thränen, er legte ſeine Hände vor ſein Angeſicht, um ſie zu verbergen, aber ſie quollen zwiſchen den Fingern hervor, und fielen in hellen brillantenen Tropfen auf das Lager Jſabellens nieder. Van Swieten hatte nicht den Muth ihm noch länger Widerſtand zu leiſten, und der Erzherzog blieb. Er blieb, um ſein Weib mit nie ermüdender Geduld, mit rührender Zärtlichkeit zu pflegen. Iſabella wußte es nicht, ihre ſtarren, weitgeöffneten Augen waren immer auf ihn gerichtet, aber ſie erkannte ihn nicht; ſie ſprach zu ihm, ſie richtete an ihn Worte voller Zärtlichkeit und Liebe, Worte einer glühenden, ſeligen Leidenſchaft, wie Joſeph ſie nimmer von ihr ver⸗ nommen, Worte voll Gluth und Entzücken, aber indem ſie ſo zu ihrem Gemahl ſprach, gab ſie ihm einen andern fremden Namen, nannte ſie ihn nicht Joſeph, ſondern Ricardo, und indem ſie ihm ihre glühende Liebe geſtand, warnte ſie ihn vor der Rache und dem Zorn ihres Vaters. Zuweilen auch in ihren Fieberphantaſieen meinte ſie vor ſich eine blutige Geſtalt zu ſehen, bei deren Anblick ſie in herzzerreißenden Jammer, in verzweiflungsvolle Klagen ausbrach, zu der ſie flehte ihr den Tod zu geben, ſie mit ſich zu nehmen in das Grab. Dann ſchien ſie mit Ent⸗ ſetzen der Stimme eines Andern zu horchen, und rief, ihre blutendeu, entſtellten Hände in einander ringend: oh mein Gott, mein Gott, welch eine furchtbare Marter! Drei Jahre! Drei Jahre der Qual! Erſt auf Wiederſehen in drei Jahren! Ihr Gemahl achtete wenig auf dieſe wilden, phantaſtiſchen Er⸗ ſcheinungen und Träume ihrer Fieberphantaſieen, er hörte nicht auf den Sinn ihrer Worte, ſondern nur auf die Muſik ihrer Stimme. Dieſe Stimme war das Einzige, an dem er ſeine geliebte, ſeine angebetete Jſabella noch wieder zu erkennen vermochte, dieſe Stimme war noch ſo ſchmelzend und weich wie in den Tagen ihrer Schönheit und Ge⸗ ſundheit, alles Andere war verſchwunden, das ſchöne, liebreizende, an⸗ muthige Weib hatte ſich in eine elende, geſchwollene, mit Blut und ſchwärenden Wunden bedeckte grauenhafte Geſtalt verwandelt. Aber auf einmal, an dem ſechſten Tage ihrer Krankheit richtete dieſe Geſtalt, welche ſo lange unbeweglich im Delirium der Schmerzen und des Fiebers dagelegen, ſich empor, auf einmal ſchlug Sfa 4 ——. —.— — 4 72 Augen auf, und wandte ſie mit dem Strahl des Verſtändniſſes⸗ auf Joſeph hin. 1 Lebewohl, Joſeph, hauchte ſie leiſe, lebewohl. Es iſt vollbracht, ich ſterbe! Nein, nein, Du ſtirbſt nicht, rief er in Thränen ausbrechend, und ſich über ſie neigend. Du kannſt nicht ſo grauſam ſein, mich zu ver⸗ laſſen. Oh Jſabella, meine Geliebte, mein Weib, geh nicht von mir! Weine nicht, ſagte ſie traurig, klage nicht um mich, ſondern vergiß mich, und verzeihe mir!— Und als Joſeph, von Schmerz überwältigt, ſchwieg, wiederholte ſie dringender: verzeihe mir Joſeph, ſag', daß Du mir verzeihſt, damit ich ruhig ſterben kann. Ich Dir verzeihen! rief er ſchluchzend. Ich, der Dir nur zu danken hat, der durch Dich das Leben, die Liebe und das Glück erſt kennen gelernt hat, ich, dem Du die letzten drei Jahre des Lebens zu einem goldenen Sonnentraum verklärt haſt! Du warſt alſo glücklich, fragte ſie, glücklich durch mich? Ich war glücklich, ich bin es, wenn Du bei mir bleibſt! Nun denn, hauchte ſie leiſe, ſo darf ich ruhig ſterben! Er war glücklich, ich habe meine Pflicht erfüllt, ich habe geſühnt! * Sie ſank tief ſeufzend auf ihr Lager zurück.— Eine lange, ſchauer⸗ liche Stille trat ein.— Auf einmal hörten die im Nebenzimmer Ver⸗ f 3 ſammelten einen furchtbaren, gellenden Schrei. Als ſie in das Kranken⸗ ummer eintraten, war Iſabella geſtorben, und Joſeph lag beſinnungslos ſeinen Knieen vor ihrem Lager!*) 3 8) Dieſe myſteriöſe und wunderbare Geſchichte der Infantin Iſabella von Parma iſt keine müßige und willkürliche Roman⸗Erfindung, ſondern ſie beruht auf Thatſachen, die von allen in jener Periode lebenden Geſchichts⸗- und Me⸗ moirenſchreibern erwähnt werden. Karoline Pichler, deren Mutter in der Zeit von Iſabellens Tode noch Kammerfrau der Kaiſerin war, erzählt auch die Geſchichte von der wunderbaren Prophezeihung, nach welcher die Prinzeſſin anfangs in drei Stunden, dann in drei Tagen, drei Wochen, drei Monaten, zuletzt in drei Jahren ihren Tod erwartete, und fügt hinzu, daß ſie in der That noch vor Ablauf der drei Jahre geſtorben ſei,„in den Armen ihres ver⸗ zweifelnden Gemahls.“(Karoline Pichler Denkwürdigkeiten, Th. I. S. 140.) — Am ausführlichſten ſind die Nachrichten, welche Wraxall, ein engliſcher mrriſt. welcher in den ſiebenziger Jahren des vorigen Jahrhunderts Wien 8ſ— beſuchte, u Empfehlung tiſchen Kreiſ Schickſal gi ſchreiber Co zu benutzen S. 395.) angeſehenſte die Erzherz baren Geſch „Nach eine Kaiſers erſt zun noch d der Glaubr menſchliche Beweiſe f Zeugniſſe der Hälfte zu vermut 7 ſo hütten t dem Abergl die Irjani d melanchalſ Phantaſſe lurzer Zei ihre Prop geſſen hab Jſabella bo von Span nen und Benlhung J, ſaat Glück am Herzen liege. 7 3 43 beſuchte, und durch ſeine vornehme Geburt und ſeine Verbindungen und Empfehlungen Gelegenheit hatte bei Hofe und in den angeſehenſten ariſtocra⸗ tiſchen Kreiſen zu verkehren, über Iſabella von Parma und ihr myſteriöſes Schickſal giebt. Selbſt der ſonſt ſo ſtrenge und ernſte engliſche Geſchichts⸗ ſchreiber Coxe hat es nicht verſchmäht, dieſe von Wraxall gegebenen Nachrichten zu benutzen und ſich auf ſie zu berufen.(Coxe: History of Austria Vol. V S. 395.) Wraxall aber vernahm Alles, was er erzählt, aus dem Munde der angeſehenſten und glaubwürdigſten Herren und Damen des Hofes, und ſelbſt die Erzherzoginnen beſtätigten ihm die Wahrheit dieſer traurigen und wunder⸗ baren Geſchichten, die er in ſeinen Memoiren mittheilt. Er fügt alsdann hinzu: „Nach einer ſo genauen Erzählung der Umſtände, welche dem Tode von des Kaiſers erſter Gemahlin voran gingen und ihn begleiteten, fühle ich meinerſeits mun noch die Verpflichtung meine Anſicht darüber hinzuzufügen, über den Grad der Glaubwürdigkeit, die man denſelben zugeſtehen darf. In der That, wenn menſchliche Zeugniſſe eine Thatſache beweiſen können, ſo ſind die ſtrengſten Beweiſe für die Prophezeihung der Infantin vorhanden, namentlich die Zeugniſſe der Kaiſerin Königin ſelbſt, der Erzherzoginnen und mehr als der Hälfte der Damen des Hofes. Es ſcheint ſchwer irgend einen Grund zu vermuthen, oder anzugeben, weshalb dieſe Alle ſich oder Andere ſo hätten täuſchen ſollen. Aber man muß freilich der Leichtgläubigkeit und dem Aberglauben Einiges beimeſſen. Auch muß man in Betracht ziehen, daß die Infantin von Parma, gleich viel aus welcher Urſache, ſehr nervöſer und melancholiſcher Gemüthsart war, und immer den Tod vor ihrer gereizten Phantaſie erblickte. Unter dem Einfluß dieſer Melancholie ſagte ſie, daß ſie in kurzer Zeit ſterben, und daß ihre Tochter ihr bald nachfolgen werde. Wären ihre Prophezeihungen nicht eingetroffen, ſo würde man ſie verlacht und ver⸗ geſſen haben. Aber ihr zufälliges Eintreffen gaben ihnen Berühmtheit.— Iſabella hatte das melancholiſche Temperament ihres Großvaters Philipp V. von Spanien geerbt, und ihre Schwermuth abſorbirte zuletzt alle andern ſchö⸗ nen und edlen Eigenſchaften ihres Characters. Keine Vergnügungen, keine Bemühungen Derjenigen, welche ſie umgaben, konnten dieſen Trübſinn, der ſich, ſtatt ſich mit der Zeit zu verringern, immer mehr zu ſteigern ſchien, ſänftigen. In ihrer ganzen Geſchichte iſt etwas Näthſelhaftes, Myſteriüſes, das nicht zu ergründen und ganz geeignet iſt Neugierde zu erregen und Theilnahme zu erwecken. Der Erzherzog liebte ſie leidenſchaſtlich, und gab ihr täglich Be⸗ weiſe davon. Wenn ſie im Theater oder ſonſt wo im Publikum erſchien, ermangelte er nie ſie zu begleiten, trug gewöhnlich ihren Mantel über ſeinen Arm geſchlagen, und bewies durch alle ſeine Handlungen, wie ſehr ihm ihr Die Infantin hingegen benahrn ſich gegen ihn mit. 74 großer Aufmerkſamkeit, obwohl anzunehmen iſt, daß ihr Herz ungerührt und unempfindlich bei allen dieſen Beweiſen ſeiner Leidenſchaft blieb. Wenn ſie in 4 kei iie n Geſellſchaft, oder im Publikum erſchien, bemühte ſie ſich heiter und ſroh zu † Nanen 4 erſcheinen, aber ſobald ſie in ihre Gemächer zurückgekehrt war, verſank ſie wieder 4 Zäi in Trauer und Melancholie.“(Wraxall. Memoirs of the Courts of Vienna herus. etc. Th. II. S. 387— 398.) Dieſen Nachrichten über die Infantin fügt Höhlen u Wraxall noch hinzu, daß ihr Vater Don Philipp von Parma, wie man all⸗ Lippen zuc gemein erzählte, im Jahre 1766 auf einer Jagd, auf der er ſich verirrte, von ohne ihn ſeinen eigenen Hunden getödtet und halb aufgefreſſen ſei.— und ſchwe duftenden Dort bro Sterbege VIII. der Alle .„ ſeine Ho Che faro senza Euridice. Al der N Die Sterbeglocken waren verhallt, die Leichenfeierlichkeiten waren miune beendet. Iſabella von Parma ruhte zu St. Stephan in der Kaiſergruft; feine Aen der Stein war wieder über die Gruft geſchoben, und die kaiſerliche 54 de de Familie war wieder in die Burg zurückgekehrt. e düh Joſeph hatte den Trauerfeierlichkeiten nicht beigewohnt, er hatte, Kaſein, ſeit man ihn damals bewußtlos von dem Sterbelager ſeiner Gemahlin Trauerge fortgetragen, ſeine Zimmer nicht wieder verlaſſen. Während er in ſei⸗ dn dene nem Cabinet eingeſchloſſen, hatten ſeine Diener, welche angſtvoll im de Kai Vorzimmer auf jedes Geräuſch, jeden Ton aus dem Zimmer ihres Hefes, Herrn lauſchten, ihn auf und niedergehen hören, immerfort mit dem⸗ auf das ſelben raſchen gleichmäßigen Schritt; mitten in der Nacht war dies Ge⸗ Saal du räuſch auf einige Stunden verſtummt, aber am nächſten Morgen hatte eintrat. es wieder angefangen, hatte man wieder Stunde um Stunde den raſchen nmer n gleichmäßigen unaufhaltſamen Schritt des auf und nieder Wandelnden heben, gehört. Vergeblich war die Kaiſerin ſelber an ſeine Thür gekommen, 4 leſt Wo und hatte mit zärtlichen Worten gebeten, ihr zu öffnen, er hatte ihr Augend keine Antwort gegeben, er war ruhig weiter gewandelt, immerfort auf und M ab. So war ein zweiter Tag und eine zweite Nacht vergangen, und a und küf Morgen des dritten Tages klopfte der Kaiſer an die Thür ſeines So und ſei Kuäryer 75 reit ſei, und daß man nur noch auf ihn warte, um die Ceremonie be⸗ ginnen zu können. Bei dieſem Zuruf öffnete ſich die Thür und der Erzherzog trat heraus. Sein Antlitz war geiſterbleich, ſeine Augen lagen tief in ihren Höhlen und waren glanzlos und trübe, ſeine feſt zuſammengepreßten Lippen zuckten wie im verhaltenen Weinen. Ohne ein Wort zu ſprechen, ohne ihn nur zu begrüßen, lehnte Joſeph ſich auf den Arm des Kaiſers und ſchwankte, auf ihn geſtützt, durch die lange Reihe der Weihrauch duftenden, ſchwarz ausgeſchlagenen Gemächer zu dem Todtenzimmer hin. Dort brannten hohe Wachskerzen, dort murmelten knieende Prieſter die Sterbegebete, dort ſtand der Sarg, dieſer ſchwarze, fürchterliche Sarg, der Alles enthielt, was Joſeph geliebt, der ſein Glück, ſeine Jugend, ſeine Hoffnungen unter ſeinem ſchwarzen Deckel eingeſchloſſen hatte. Als der Erzherzog dieſen Sarg erblickte, ſtieg ein leiſes ſchmerzvolles Wimmern aus ſeiner Bruſt empor. Er ſtürzte zu ihm hin, er breitete ſeine Arme über ihn aus und lehnte ſein bleiches Haupt auf den Sarg⸗ deckel, der ihm ſein Liebſtes verhüllte.— In dieſem Augenblick wurden die Flügelthüren geöffnet, und in dem angrenzenden Saal ſah man die Kaiſerin, umgeben von den Erzherzoginnen, Alle in langen ſchwarzen Trauergewändern, Alle die Häupter bedeckt mit ſchwarzen Schleiern, aus denen ihre bleichen, verweinten Geſichter hervorſchauten. Und hinter der Kaiſerin und ihren Kindern ſtanden die Herren und Damen des Hofes, ſchwarzverhüllt und traurig, wie dieſe.— Der Erzherzog achtete auf das Alles nicht, er ſah nicht wie die Kaiſerin jetzt, langſam den Saal durchwandelnd, die Schwelle überſchritt, und in das Sterbezimmer eintrat. Er hielt immer noch den Sarg umfangeu, ſein Antlitz ruhte immer noch auf dem Sargdeckel, er ſah nicht wie die Prieſter ſich er⸗ hoben, er hörte nicht, daß ihre Gebete beendigt waren, er murmelte leiſe Worte, die Niemand verſtand, und die dennoch Thränen in die Augen des Kaiſers und der Kaiſerin trieben. Maria Thereſia näherte ſich ihrem Sohn, ſie neigte ſich über ihn, und küßte ſein Haar, und berührte mit ihrer Hand ſanft ſeine Schulter. Mein Sohn, ſagte ſie mit zitternder Stimme, richte Dich empor und ſei ein Mann! Komm, laß uns ihr irdiſch Theil begraben. Der Körper gehört der Gruft unſerer Ahnen. Die Seele iſt bei Gott und 2 76 bei uns! Komm, mein Sohn, wir wollen dem Körper die letzte Ehre erzeigen, und ihn begleiten zur letzten Ruh! Und während die Kaiſerin ſprach, begannen draußen die Glocken aller Thürme zu läuten, hörte man von der Straße her das dumpfe Wirbeln der Trommeln, und die laute dröhnende Stimme der Kanonen auf den Wällen, welche dem trauernden Wien verkündeten, daß der Leichenzug ſich jetzt in Bewegung ſetze. Komm, mein Sohn, ſagte die Kaiſerin noch einmal. Die Stunde der Feier iſt gekommen! Joſeph richtete mit einem lauten Aechzen ſich empor, er ließ ſeine traurigen, entſetzten Blicke in dem Gemach umherſchweifen, er ſah die Prieſter und die Knaben mit den Rauchfäſſern, er ſah die im Hinter grunde des Zimmers zuſammengedrängten, weinenden Dienerinnen Iſabellens, er ſah das mit ſchwarzen Trauergeſtalten angefüllte Neben⸗ gemach, er ſah ſeine Aeltern, welche bleich und traurig neben ihm ſtanden, er hörte das Läuten der Glocken und das Wirbeln der Trommeln, und jetzt erſt, jetzt in dieſem fürchterlichen Moment ſchien er die Wahrheit und Wirklichkeit ſeines Unglücks, an das ſein Herz immer noch nicht hatte glauben können, begriffen zu haben. Ströme von Thränen ent⸗ ſtürzten ſeinen Augen, ein krampfhaftes Zittern durchbebte ſeine ganze Geſtalt, und von dem Sarge rückwärts ſchwankend, ſank er halb ohn⸗ mächtig in die Arme des Kaiſers. Eine tiefe, nur von Schluchzen und Seufzen unterbrochene Stille grat ein. Draußen klangen die Glocken, wirbelten die Trommeln, don⸗ nerten die Kanonen immerforte und riefen den Sarg, der ſeiner Stätte in der Kaiſergruft harrte. Auf einmal richtete der Erzherzog ſich wieder empor. Mit feſtem Schritt trat er wieder zu dem Sarge hin, und indem er ſich über ihn neigte und ihn küßte, nahm er eine der Roſen, die über denſelben geſtreut waren. Lebewohl, Iſabella, meine Geliebte, lebewohl, ſagte er leiſe, und wieder küßte er den Sarg, dann richtete er ſich empor, und ſeine großen Augen auf die Kaiſerin heftend, ſagte er mit zitternder Stimme: ich Sen danke Ihnen, meine Mutter, daß Sie den Muth haben, dieſen fürch⸗ terlichen Gang zu gehen, und Iſabellen zu begleiten. Grüßen Sie die und ſchöne heute brin Du Nein, aber verla Wihrend Er n anzuſchaue nach ſeine Laſſe ſterben, Die welche d Pferden Joſ vieder h glechmäß der teef Hümmern nenen S deſtens e Auf und Sie hat ihren ſi Liebe un derſchlſ Thür zu Es brechen heftige Haß. und ich mir, Fr heraubb nd nie 77 und ſchönere Geſtalt unter ſie getreten, als dieſe Frau, welche Sie ihnen heute bringen. Du willſt uns nicht begleiten? fragte die Kaiſerin erſtaunt. Nein, ſagte er faſt unwillig. Begrabt Ihr, was zu begraben iſt, aber verlangt nicht, daß ich ſehe, wo Ihr meine Jſabella gebettet habt. Während Ihr die Todte begrabt, laßt mich zu der Lebenden ſprechen! Er wandte ſich ab, ohne die Kaiſerin, ohne den Sarg noch einmal anzuſchauen und wandelte langſam wieder durch die Reihe der Zimmer nach ſeinen Gemächern hin. Laſſen Sie ihn gehen, flüſterte der Kaiſer, ich glaube er würde ſterben, wenn er dieſer Ceremonie beiwohnen ſollte! Die Kaiſerin ſeufzte tief auf, und winkte die Kammerherren herbei, welche den Sarg hinunter zu tragen hatten bis zu dem, von zwölf Pferden gezogenen Catafalk. Der Zug ſetzte ſich in Bewegung. Joſeph, wie geſagt, war in ſeine Gemächer zurückgekehrt, und wieder hörte man in ſeinem Kabinet ſeinen raſtloſen, unaufhaltſamen, gleichmäßigen Schritt. Es war grauſig und ſchauerlich anzuhören in der tiefen Stille ringsumher, es klang wie das laute Klopfen und Hämmern des Todtenwurms, der vielleicht ſchon im Begriff war, einen neuen Sarg zu hämmern für die Kaiſerfamilie. Maria Thereſia min⸗ deſtens empfand es ſo, und dieſes fürchterliche, unnterbrochene ruheloſe Auf⸗ und Niederwandeln ihres Sohnes ängſtigte und marterte ihr Herz. Sie hatte, von der Leichenfeier heimkehrend, mit ihrem Gemahl und ihren Kindern ſich zu Joſeph begeben wollen, um ihn zu tröſten mit ihrer Liebe und ihrer Theilnahme. Aber ſie hatten ſeine Thür ſchon wieder verſchloſſen gefunden, und wieder waren die Bitten der Kaiſerin, dieſe Thür zu öffnen, unerwiedert geblieben. Es muß Etwas geſchehen, um den Starrſinn ſeines Kummers zu brechen, ſagte die Kaiſerin angſtvoll. Ich kenn' den Joſeph, es iſt eine heftige, unbändige Natur, heftig und tren in ſeiner Liebe und in ſeinem Haß. Hat ſein Herz und ſein Leben hingegeben an dieſe Frau, ach, und ich fürcht' jetzt, ſie wird ihn nachziehn zu ſich in die Gruft. Sag' mir, Franz, was ſoll ich thun, um ihn zu tröſten? Wie wollen wir ihn herausbringen aus dieſem dumpfen öden Zimmer, in welchem er auf⸗ und niedergeht, wie der Löwe in ſeinem Käfig? * 78 Gehen Sie noch einmal hin, und befehlen Sie ihm, die Thür zu öffnen, er wird nicht den Muth haben, Ihrem Befehl zu trotzen, ſagte der Kaiſer, welcher es ſo ſehr gewohnt war, ſeiner Gemahlin zu gehorchen. Maria Thereſia näherte ſich wieder der Thür, und mit ihrer Hand anpochend, rief ſie: mein Sohn Joſeph, ich befehle Dir als Deine Kaiſerin und Deine Mutter, die Thür zu öffnen! Keine Antwort erfolgte, man hörte nichts als denſelben ununter⸗ brochenen gleichmäßigen Schritt. Die Kaiſerin ſtand horchend da, ihre Stirn verfinſterte ſich, und heftig und unwillig trat ihr Fuß auf den Boden. Es iſt umſonſt, ſagte ſie dann, von der Thür zurücktretend, wir haben keine Gewalt mehr über ihn. Sein Kummer iſt der einzige Gebieter, den er noch anerkennt, und der hat ihn ſtörriſch gemacht ſelbſt gegen ſeine Mutter. Aber dies iſt zu viel, rief der Kaiſer empört. Es iſt unmännlich und ſchwach, ſo zu klagen und zu jammern, und alle Welt ſeine Thränen und ſeinen Kummer ſehen zu laſſen. So, meinen Sie das? fragte die Kaiſerin, ſehr bereit, an dem Kaiſer einen Blitzableiter ihres Unwillens gegen Joſeph zu haben. Sie nennen es alſo unmännlich, wenn ein Mann um ſein Weib jammert und klagt? In Ihrer ſtolzen Manneswürde finden Sie es ſchwach, daß der Joſeph alle Welt ſeine Thränen ſehen läßt, die er doch nur ver⸗ gießt um ein Weib? Glaub's wohl, daß der Herr Kaiſer nicht ſo handeln würde, wie ſein Sohn, bin's ganz überzeugt, daß er im ähn⸗ lichen Falle weit mehr Energie und Gemüthsſtärke beweiſen, und ſich weit mehr als ein Mann zeigen würde! Aber bedenke der Herr Ge⸗ mahl, daß der Joſeph noch nicht die Reife und die Lebensweisheit ſeines Vaters hat, daß er noch ein armer, unverdorbener Jüngling iſt, der ſchwach genug war, ſein Weib grenzenlos zu lieben und ihr treu zu ſein. Das ſind Fehler ſeiner Jugend, mit denen der Herr⸗Kaiſer Nach⸗ ſicht haben muß! 4* Oh Marjeſtät, ſagte der Kaiſer mit einem ſanften Lächeln, ich wünſche nur, daß er dieſe Fehler niemals ablegen, und daß die Er⸗ fahrung und das Leben niemals ſein Herz verhärten möge. Ich war auch nur unwillig, weil ich büne, daß i Finn Maria Thereſt nicht über Jugend au und geſänf Die Liebesblick Franzel? Deines Vo von Dir? weiß es d werden un des Ander wie der, armen Se erſtarrtes in Liebe⸗ Wen herzogin mächte Wich Undr Ich Ich hobe ihrem To ich weiß, So auf ihn verſuchen d pflegte 2,ſ ſöna daßß 79 4 nicht über meinen Sohn dieſelbe Gewalt übte, wie ſie ſie ſeit meiner Jugend an über mich geübt, wie ſie meine Leidenſchaften beſchwichtigt und geſänftigt, und mir Friede, Glück und Ruhe gegeben hat! Die ſchnell verſöhnte Kaiſerin reichte ihm mit einem zärtlichen Liebesblick die Hand dar. Würd'ſt halt auch ſo um mich trauern, Franzel? fragte ſie weich. Würd'ſt auch nit hören auf die Stimme Deines Vaters und Deiner Mutter, wenn ſie mich fortgetragen hätten von Dir? Brauchſt nicht zu ſchwören und zu ſagen, daß es ſo iſt, ich weiß es doch! Wir haben uns geliebt, als wir noch Kinder waren, wir werden uns noch lieben, wenn wir Greiſe ſind, und wenn Eins von des Andern Herzen geriſſen wird, ſo werden wir klagen und weinen, wie der Joſeph drinn. Darum wollen wir Nachſicht haben mit dem armen Sohn! Wollen ihn nicht ſchelten, ſondern ſehn, wie wir ſein erſtarrtes Herz weich machen können, daß es aufthaut in Thränen und in Liebe! Wenn Ew. Majeſtät mir erlauben wollen, ſagte die junge Erz⸗ herzogin Chriſtina, aus dem Kreiſe ihrer Geſchwiſter vortretend, ſo möchte ich es verſuchen, ſeinen Schmerz zu lindern. Und wiewillſt Du das angeben? fragte die Kaiſerin ihre Lieblingstochter. Ich habe ihm eine Mittheilung zu machen, ſagte Chriſtina ernſt. Ich habe Iſabellen ſchwören müſſen, das, was ich ihrem Gemahl nach ihrem Tode ſagen ſollte, Niemanden als ihm allein zu offenbaren. Aber ich weiß, es wird ſeinen Kummer lindern, und Iſabella wußte es auch! So verſuche es, meine Tochter, ob Deine Stimme mehr Einfluß auf ihn übt, als die meine, ſagte die Kaiſerin. Ich aber will auch verſuchen, durch ein Mittel, das ſchon als Knabe auf ihn zu wirken pflegte, ſeinen ſtarren Schmerz zu brechen. Wir wollen ihn eine Muſik hören laſſen, welche Iſabella liebte. Sie ließ einen der Kammerherrn rufen, und gab ihm halbleiſe einige raſche, eilige Befehle. Man ſoll einen Hofwagen nehmen, ſagte ſie zum Schluß. In einer Viertelſtunde muß er hier ſein! Der Kammerherr flog hinaus, und die kaiſerliche Familie war jetzt wieder allein. Jetzt, meine Tochter, ſagte die Kaiſerin, jetzt verſuche, ob er Dich hören will! * 80 Die junge Erzherzogin näherte ſich der Thür und klopfte. Mein Bruder Joſeph, ſagte ſie, ich bitte Dich, mir zu öffnen. Ich komme als die Abgeſandte einer Todten, es iſt Iſabella, welche mich zu Dir ſchickt. Sofort ward drinnen der Riegel zurückgeſchoben, und in der geöff⸗ neten Thür ſah man einen Moment Joſeph's bleiches, vergrämtes Angeſicht. Tritt ein, ſagteger mit einer einladenden Handbewegung zu Chri⸗ ſtinen. Sie folgte ſeinem Wink und trat in dies kleine Gemach, in welchem in den letzten Tagen ſo viele Thränen vergoſſen, ſo viele Seufzer ausgeſtoßen worden. Jetzt rede, ſagte Joſeph, ſie athemlos vor Erwartung anſtarrend. Was hat Dir Jſabella geſagt? Mit was für einem Auftrag ſendet ſie Dich zu mir? Seine Schweſter ſchaute mit einem tiefen Schmerzgefühl in ſein bleiches, kummervolles Geſicht, auf ſeine eingefallenen Wangen, auf ſeine großen hohlen Augen, die vom Weinen trübe und glanzlos ge⸗ woorden! Armer, armer Joſeph, klagte ſie leiſe, ich ſehe es wohl, Du haſt ſie grenzeulos geliebt! Er machte eine ungeduldige Bewegung. Beklage mich nicht, ſagte er faſt rauh. Es giebt Schmerzen, die zu groß und zu heilig ſind, als 4 daß man ſie durch Mitleid und Klagen entweihen darf. Beklage mich aicht, ſondern ſage mir, was Iſabella Dir aufgetragen, mir zu ſagen! Chriſtina zögerte noch immer. Sie hatte ein unbeſtimmtes Ge⸗ fühl, als wäre ſie jetzt im Begriff, den Todesſtreich nach ſeinem Herzen zu führen, als wäre der Troſt, den ſie ihm zu bringen habe noch bit⸗ terer als der Kummer ſelbſt, der an ſeinem Herzen nagte. Rede, rede! rief Joſeph ungeduldig. Wenn Du den Namen Iſa⸗ bella's nur als Vorwand genommen haſt, um zu mir zu kommen, ſo iſt das ein grauſames Spiel, was ich Dir nie verzeihen werde. Warum haſt Du mich geſtört in meinem Zuſammenſein mit ihr? Denn ſie war bei mir, fuhr er mit einem leiſen Lächeln fort, und ſtarrte zu dem 5 Divan hinüber, auf welchem ſie einſt in glücklichen und ſchönen Stun⸗ den ſo oft neben ihm geſeſſen. Sie ſaß da in ihrem weißen Gewande, than, und das Haupt an ihr Knie gelehnt, blickte ich zu ihr auf mit dem Roſenbouquet am Buſen, ſie ſchaute mich an mit ihren zärt⸗ 8 1 lichen ſtrahlenden Augen. Ich lag zu ihren Füßen, wie ich ſonſt ge 4 — lauſcht ſtrömte 5 Joſeph wachen und nu 5 noch ei E daß ſi durfte und a⸗ wußt i ach, un Chriſti E du da C ſeine von T 81 lauſchte auf die Worte, die wie himmliſche Muſik von ihren Lippen ſtrömten. 2 Hat ſie Dir je geſagt, daß ſie Dich liebe? fragte Chriſtina laut. Joſeph zuckte zuſammen, und ſchien wie aus einer Verzückung zu er⸗ wachen. Er hatte ganz vergeſſen gehabt, daß er nicht allein mehr ſei, und nur mit ſich ſelber hatte er zu ſprechen geglaubt. Hat ſie Dir jemals geſagt, daß ſie Dich liebe? fragte Chriſtina noch einmal. Er ſtarrte ſie an und ſchien nachzudenken. Ich entſinne mich nicht, daß ſie es jemals mit Worten gethan, ſagte er dann. Aber es be⸗ durfte der Worte nicht. Ihre Liebe ſprach zu mir aus jedem Blick und aus jedem Lächeln, ich erkannte ſie und war mir ſelig ihrer be⸗ wußt in Allem, was ſie that und dachte. Ihr ganzes Leben war Liebe, ach, und ich habe ſie verloren. Du haſt ſie nicht verloren, denn Du haſt ſie niemals beſeſſen, ſagte Chriſtina raſch. Er ſchrak zuſammen, und ſeine Stirn verfinſterte ſich. Was ſagſt Du da? fragte er rauh. Chriſtina trat dicht zu ihm heran, und ihre beiden Hände auf ſeine Schultern legend, ſchaute ſie ihm in's Angeſicht, bis ihre Augen von Thränen umdüſtert waren. Ich ſage, flüſterte ſie mit bebender Stimme, ich ſage, traure nicht länger, mein Bruder. Wirf Deinen Kummir zu der Todten in die Gruft. Denn die, um welche Du trauerſt, die, welche Du die Deine nannteſt, war dennoch niemals Dein! Iſabella hat Dich nieſtals gelieht! Das iſt nicht wahr! rief Joſeph entſetzt, das iſt nicht möglich! Du lügſt, Chriſtina, Du lügſt. Es iſt eine jämmerliche, grauſame Lüge, welche Ihr Euch erſonnen habt, um mich zu tröſten. Es iſt die Wahrheit, ſagte Chriſtina feierlich, die Wahrheit, welche ich Iſabellen geſchworen habe, Dir zu ſagen. Joſeph ſtieß einen dumpfen Schrei aus und ſank halb bewußtlos auf den Divan nieder, vor welchem ſie ſtanden. Chriſtina ſetzte ſich neben ihm, und ihren Arm um ſeinen Nacken lehnend, ſagte ſie: mein Bruder, mein geliebter Bruder! Wende Dein Herz ab von der Todten, welche in der Kaiſergruft ſchläft, wende es uns wieder zu, uns, Dei⸗ Kaiſer Joſeph. 1. Abth. II. 6 82 nen Aeltern, Deinen Geſchwiſtern, denn wir Alle lieben Dich, und ſage A Jſabella hat Dich nie geliebt! Sie hat Deine Liebe nur geduldet! d 4 Sie hat meine Liebe nur geduldet, murmelte er leiſe vor ſich hin, in ne und ſein Haupt ſank kraftlos auf ſeine Bruſt nieder. Auf einmal rich⸗ file ſie tete er es haſtig wieder empor, und heftete ſeine Blicke mit einem fle⸗ 3 henden Ausdruck auf das ſchöne Antlitz ſeiner Schweſter. lgt, u Chriſtina, ſagte er, bedenke wohl, was Du thuſt! Bedenke, daß deſtun ich Iſabella geliebt mit der ganzen Kraft und Gluth meines Herzens, ächzend bedenke, daß ſie für mich der Inbegriff alles Schönen, alles Guten 9 4 und Tugendhaften iſt. Suche nicht, mich zu tröſten, indem Du mir zwihn den Glauben an das einzige Weib nimmſt, welches ich geliebt habe, Du un würdeſt mir damit den Glauben an alle Frauen, an alle Menſchen lend 3 überhaupt nehmen. An wen ſoll ich noch glauben, wenn nicht an ſie? 8 Weſſen Liebe ſoll ich noch vertrauen, wenn ihre Liebe eine Lüge gewe⸗ ergriſ ſen! Oh Chriſtina, Chriſtina, es iſt nicht wahr, aus Erbarmen, ſage, daß Du mich betrügen wollteſt, um mich zu tröſten! dauſcht Nein, ich habe Dir die Wahrheit geſagt, um Dich zu heilen, ſagte 3 nur Chriſtina. Iſabella hat Dich niemals geliebt; wenn Du mir nicht Jabel glauben willſt, ſo glaube ihren eigenen Worten! und ei Sie zog ein Papier aus ihrem Buſen und reichte es Joſeph dar.’ ſch in Es iſt ein Brief, ſagte ſie, den ihre Oberhofmeiſterin mir nach ihrem ſchen Tode übergeben hat, und den ich Iſabellen in der letzten Stunde ihres Eüinn Bewußtſeins geſchworen habe, treu und pünktlich zu beſorgen. Lies ihm. nun, was in dem Brief ſteht. 4 Fehört Joſeph nahm das Papier und entfaltete es. Es iſt ihre Hand⸗ ihrem ſchrift, murmelte er leiſe, und er verſuchte zu leſen, aber ſeine Hände aus d zitterten ſo ſehr, und ſeine Augen waren umſchleiert von Thränen. ihm g Lies Du, ſagte er, Chriſtinen das Blatt wieder darreichend, ich— d ha vermag es nicht!— tt je Chriſtina las: Meine Chriſtina! Vertraute meiner Leiden, meines worte Kummers und meiner Selbſtvorwürfe, höre meine letzte Bitte, die Bitte Spra einer Geſtorbenen. Dir übertrage ich es, Joſeph zu tröſten und auf⸗ Ohe zurichten. Die Lüge ſoll nicht über das Grab hinausgehen, und ſeine ſgte edlen Thränen ſollen nicht auf das Grab einer Unwürdigen fallen! es ne Wenn er um mich weint, ſo gehe zu ihm, und ſage ihm die Wahrheit, 83 ſage Alles, was Du von mir weißt, zeige ihm meine Briefe, ſage ihm, daß er nicht um mich trauern ſoll, weil ich es nicht verdiene, weil ich ihn nie geliebt habe. Das iſt meine letzte Bitte! Gehe hin und er⸗ fülle ſie! Iſabella. Joſeph hatte, während ſie las, ſeine Hände über ſein Antlitz ge⸗ legt, und leiſe ächzend ihr zugehört. So blieb er ſitzen, auch als ſie verſtummt war, unbeweglich, das Hanpt in ſeinen Händen begrabend, ächzend und wimmernd. Auf einmal drangen aus dem Nebenzimmer ſanfte melodiſche Töne zu ihnen herüber, erzitterte die Luft von weichen, klagenden Melodien; anfangs leiſe und flüſternd, dann immer lauter und mächtiger anſchwel⸗ lend durchrauſchten ſie das Gemach in ihren vollen harmoniſchen Weiſen, ergriffen ſie das Herz ihrer Hörer mit ihren wunderbaren Klängen. Joſeph ließ ſeine Hände von ſeinem Antlitz niedergleiten und lauſchte. Er hatte dieſe Muſik ſchon früher vernommen. Er kannte ſie nur zu wohl! Er erinnerte ſich jenes Abends im Opernhauſe, wo Iſabella ihre Thränen in dem Roſenbouquet hatte verbergen wollen und er ſie von den Blumen fortgeküßt hatte. Er ſah ſie wieder vor ſich in ihrer Schönheit und Lieblichkeit, mit dieſen tiefen, unergründ⸗ lichen Augen, die er ſo ſehr geliebt hatte. Die Muſik zauberte alle Erinnerungen, alles Glück und alle Liebe wieder zum Leben wach in ihm. Wie oft hatte er die rührenden, ſchmelzenden Töne dieſer Violine gehört, wie oft hatte Iſabella in der Dämmerung des Abends, in ihrem weißen Gewande wie eine Engelserſcheinung vor ihm ſchwebend, aus dieſen zitternden, jauchzenden, weinenden und klagenden Saiten zu ihm geſprochen. Und eines Tages, als er ſie gefragt, ob ſie ihn liebe, da hatte ſie nicht mit Worten zu ihm geſprochen! Er erinnerte ſich jetzt jener ſchönen Stunde auf dem Balcon. Sie hatte ihm nicht geant⸗ wortet mit Worten, ſie hatte zu ihm geſagt:„Die Liebe hat ihre eigene Sprache, das iſt die Muſik. Komm und höre, ob Du ſie verſtehſt!“— Oh er erinnerte ſich deſſen jetzt, jetzt in dieſer Stunde, wo man ihm ſagte, daß ſie ihn nie geliebt habe. Und in dieſer Stunde konnte er es noch nicht glauben, wollte er es nicht! de Unter dem Rauſchen der Muſik nahm er den Brief Jſabellens ch einmal in die Hand, und ſeine Blicke auf Chriſtina gerichtet, küßte . 64 84 er das Papier. Ich glaube Dir nicht, ſagte er. Mein Vertrauen zu ihr iſt ewig wie meine Liebe und mein Schmerz! Dieſer unerſchütterliche Widerſtand machte Chriſtina hart und grauſam. Ich werde Dir Beweiſe geben, ſagte ſie, Du ſollſt ihre Briefe an mich leſen und daraus erſehen, daß ſie nicht Dich, ſondern einen An⸗ dern geliebt hat. Einen Andern! rief er mit drohendem Tone. Einen Andern! Wenn er lebt, ſo werde ich ihn tödten! Er lebt nicht mehr, er war ſchon todt, bevor ſie Dich geſehen! rief Chriſtina, erſchreckt von ſeiner Heftigkeit. Ein ſtolzes, glückliches Lächeln erhellte ſein Geſicht. Er war ſchon todt, ſagte er. Sie hat ihn vergeſſen an meinem Herzen!— Er nahm den Brief und las ihn noch einmal. Oh, ſagte er dann mit einem triumphirenden Ausdruck der Freude, auf das Papier deutend, ſieh und erkenne, wie edel und großmüthig ſie war. Damit meine Thränen verſiegen ſollten, damit ich nicht um ſie klage und trauere, darum ſchrieb ſie dieſe Zeilen, darum erſann ſie dieſe großmüthige Lüge. Oh, Jſa⸗ bella, mein Herz durchſchaut Dich und verſteht Dich auch im Tode noch! Er nahm das Papier und drückte es an ſeine Lippen. Chriſtina ſchwieg, aber zu ſich ſelber ſagte ſie mit der Hartnäckigkeit eines echten Weibes: Ich werde ihn enttäuſchen! Ich werde ihm alle ihre Briefe an mich geben, und dann wird er ſehen, daß ſie ihn betrog, daß ſie ihn nie geliebt hat.*) Aus dem Nebenzimmer tönte und rauſchte die Muſik weiter. Jetzt verſtummte die Violine, jetzt gab man auf dem Clavier einige Akkorde an, und nun hob ſich über den Akkorden eine volle, mächtige Frauen⸗ ſtimme. Mit klagendem, ſeelenerſchütterndem Jammer rief dieſe S Stimme den Schmerzensſchrei des Orpheus: che faro senza Euridice! Joſeph erbebte, und eine tiefe Röthe überdeckte ſeine Wangen. Es war Jſabellens Lieblingsarie geweſen. Und wieder erinnerte er ſich, und wieder ſah er ſie an jenem Abend, wie ſie ihre Thränen in dem Roſenbouquet verbarg und dann zu ihm aufſchaute mit dieſen un⸗ ergründlichen Augen. *) Karoline Pichler. Denkwürdigkeiten Th. I. S. 149. 9 gerufen ſam dae that, öf In Hände: Erzherz Stimm Joſeph' auf der ſtreckten N faſt un verzwei ihr mit mal an über ſe Klänge '. N eiſchall u ſerin b ſeinem an ſie Senza T und kü trat 1 ſeng glitten Harm Himm Muſit herze 8⁵ Ja, er erinnerte ſich, und unter dem Zauber dieſer Erinnerungen, gerufen gleichſam von den Tönen dieſer Muſik, durchſchritt Joſeph lang⸗ ſam das Gemach und näherte ſich der Thür. Kaum wiſſend, was er that, öffnete er ſie. Er folgte nur den Tönen, die ihn riefen. Im Nebenzimmer am Clavier ſaß Meiſter Gluck und ließ ſeine Hände über die Taſten gleiten und ſpielte. Neben ihm ſtand die junge Erzherzogin Eliſabeth und ſang mit ihrer himmliſch klaren, ſchmelzenden Stimme. Und da war der Kaiſer und die Kaiſerin, und alle Geſchwiſter Joſeph's, und Alle ſchauten ſie zu ihm hinüber, zu ihm, der da bleich auf der Schwelle ſtand, das Antlitz. von Thränen überfluthet, und Alle ſtreckten ſie ihm ihre Hände entgegen mit flehenden Liebesblicken. Nur Meiſter Gluck ſchien Joſeph's Nähe nicht zu ahnen, er ſchlug faſt unwillig auf die Taſten und unterbrach mit ſeltſam kreiſchenden, verzweifelnden Akkorden den Geſang der jungen Erzherzogin, und rief ihr mit rauher Stimme zu, ſie habe falſch geſungen, ſie ſolle noch ein— mal anfangen. Aber während er das ſprach, rannen zwei große Thränen über ſeine Wangen und fielen nieder auf ſeine Hände, die wunderbare Klänge aus den Saiten hervorriefen. Die Erzherzogin begann die Arie auf's Neue, der Schmerzensruf erſchallte wieder: Che fard senza Euridice! Und wieder richteten ſich alle Blicke auf Ioſeph hin, und die Kai⸗ ſerin breitete ihre Arme nach ihm aus, und Joſeph, überwältigt von ſeinem eigenen Herzen, ſtürzte ſich in die mütterlichen Arme, und ſich an ſie anklammernd, wiederholte er mit ſchmerzvoller Klage: Che faro senza Euridice! Die Kaiſerin drückte das Antlitz ihres Sohnes feſt an ihren Buſen und küßte ſein Haupt, auf welches ihre Thränen niederfielen, der Kaiſer trat zu ihnen und umſchlang ſie Beide mit ſeinen Armen. Eliſabeth ſang nicht mehr. Aber Meiſter Gluck hörte es nicht. Seine Hände glitten über die Taſten hin und entlockten ihnen wunderbare, nie gehörte Harmonieen. Sein Haupt war aufwärts gerichtet, als lauſche er zum Himmel empor, ſein Antlitz ſtrahlte vor Begeiſterung, denn er hörte ſeine Muſik der Zukunft, er hörte ſeine Alceſte, und der Liebesklage des Erz⸗ herzogs Joſeph's gab er Worte und Muſik, und aus den Taſten ſchwoll 86 es zum erſten Mal empor, das wunderbare Klagelied aus Alceſte: no „ erudel, non posso vivere, tu lo sai, senza di te!— Und weiter rauſchten die erhabenen Melodieen des Meiſters, und das Kaiſerpaar hielt den Sohn umfangen, und an dem Herzen ſeiner Mutter weinte Joſeph ſeine letzten Jünglingsthränen. Die Blüthenträume ſeiner Jugend waren jetzt verwelkt. Der Schmerz hatte ihn zum Manne geſchmiedet! Sweites Buch. Der Künig von Rom. Die auf und a Zimmers demüthig ihre flamn den, die⸗ Jangen, ri llienden ihm wiede und des ſ hammer und ſeine Und langen P thum, kei ſo ſehr ſe ſpielainn in ſeinen Heirathspläne. Die Kaiſerin ging mit heftigen Schritten in ihrem Arbeits⸗Kabinet auf und ab. An dem mit Papieren überdeckten Tiſch in der Mitte des Zimmers ſtand der Pater Porhammer, das Haupt geneigt, fromm und demüthig wie immer. Wenn Maria Thereſia, an ihm vorüberſchreitend, ihre flammenden Augen auf ihn heftete, ſtand er da mit gefalteten Hän⸗ den, die Blicke zur Erde geſenkt. Aber wenn ſie an ihm vorüberge⸗ gangen, richtete er ſeinen Blick wieder empor und ſchaute ihr nach mit blitzenden Augen und triumphirendem Lächeln. So wie ſie jedoch ſich ihm wieder zuwandte, war dieſer Ausdruck der ſchlauen Beobachtung und des ſtolzen Triumphes ſchnell genug wieder verſchwunden, und Por⸗ hammer war dann weiter nichts als der fromme ehrerbietige Diener Gottes und ſeiner Kaiſerin, der tugendhafte und gläubige Prieſter der Kirche. Und Ihr wißt dies ganz gewiß? fragte die Kaiſerin nach einer langen Pauſe, in der ſie mit ihrem Zorn gerungen. Es iſt kein Irr⸗ thum, keine Verwechſelung möglich? Der Obriſthofkanzler ſollte wirklich ſo ſehr ſeiner Würde und ſeiner Ehre vergeſſen können, um mit Schau⸗ ſpielerinnen und Sängerinnen ein unwürdig Liebesſpiel zu treiben? Um in ſeinem Hauſe ihnen üppige Gaſtgelage zu geben und Saturnalien mit ihnen zu halten? Es iſt ſo, wie ich Ew. Majeſtät berichtete, ſagte Porhammer mit ſeiner ſanften, flüſternden Stimme. Zwei der fähigſten und vorzüglichſten Beamten der Keuſchheits⸗Comiſſion beobachten ihn ſeit Monaten, ohne daß Einer von dem Andern etwas weiß. Jeden Tag habe mer Beide Bericht abzuſtatten, und dieſe Berichte ſtimmen immer ganz genau mit 90 einander überein. Dieſe Berichte beſtätigen es, daß der Graf von Kaunitz, Werj welchen Ew. Majeſtät mit Ehren und Würden überhäuften, welchem Es ſin Sie die erſte Stelle in der Regierung einräumten— Dingen die Die erſte Stelle? unterbrach ihn die Kaiſerin mit einem flammenden und die Ho Zornesblick. Die erſte Stelle in der Regierung nehme ich ſelber ein, Herr Und u — Pater, und ich denke nicht, daß irgend Jemand es gewagt hat, oder welche nicht jemals es wagen wird, mich, ſo lang' ich lebe, von dieſer zu verdrängen. Der) 8 Habe meine Gewalt und meine Macht von Gott erhalten, und muß ſehnlicher, 4 ihm dereinſt Rechenſchaft ablegen von meinem Thun, darf deshalb den Grafen 4. C.. 3—.. 5 Keinem erlauben für mich zu denken, und ſtatt Meiner zu regieren, muß zu woller ſchon ſehen, es allein zu machen. Hört Ihr wohl, Herr Pater, ich allein nehme die erſte Stelle in der Regierung ein, und werde ſie behaupten. Der Pater verneigte ſich ehrfurchtsvoll. Ew. Majeſtät unterbrachen mich, ehe ich mit meinem Satz zu Ende war, ſagte er. Ich wollte ſa⸗ gen, daß Ew. Majeſtät dem Grafen Kaunitz die erſte Stelle nach Eurer Majeſtät ſelber in der Regierung einräumten. Aber der Graf iſt nicht dankbar für ſo viel empfangene Wohlthaten. Die Berichte meiner Agenten ſtimmen in allen Punkten überein, der Graf, welcher die heilige Verpflich⸗ tung hätte, ſeinen Untergebenen, ſo wie dem Adel ein Beiſpiel der Tu⸗ gerin Folia igen Auge neben ihm (iſen läßt. Er h Er iſt alſe Jhr ihn: Kirhe! Es Dor —. 4 Der gend, der Sittenreinheit, des frommen und gottſeligen Wandels zu geben, Gewaltd r..„ 7.... d der Graf iſt ein Wüſtling und ein Libertin, der mit beißendem Spott Werte de .— r.„.—.— der Allem Hohn ſpricht, was Tugend und Ehrbarkeit heißt. Die hohe Schule, u ſeiner welche er in Paris durchgemacht, und in welcher die Marquiſe Pompa⸗ dour und der üppige Hof von Verſailles— 4 Ich bitte den Herrn Pater zu bedenken, daß Frankreich unſer Bun⸗ 4 dund desgeuoſſe iſt, unterbrach ihn die Kaiſerin mit ſtrengem Ton. 7 Ew. Der Pater verneigte ſich. Die hohe Schule der Galanterie, welche keies E der Graf in Paris durchgemacht, hat hier ihre Früchte getragen, fuhr 8 8 1 er fort. Er ſpottet alles Heiligen, aller Keuſchheit, aller Reinheit, und aiga 1 ſcheint dieſes Hohnſprechen aller Tugend ganz abſichtlich vor aller Welt gte 3 3 zur Schau zu tragen. Sängerinnen und Schauſpielerinnen ſind ſein ſß. 1 täglicher Umgang. Statt ſeinem Hauſe eine legitime Herrin zu geben, n 1 umgiebt er ſich mit einem Kreis coquetter Schönen, denen Allen er die Min Hoffnung giebt, ſich zu vermählen, und die er in einem beſtändigen ſm, Hum an ein der ine G velha bä 7 e wora 1 Kampf um ein Lächeln, eine Gunſtbezeugung erhält. aunit, elchem endel Herr oder ngen. nuß zhalb muß allein flich⸗ 1 Ach, Majeſtät, ich glaube, der 91 W 1 diofe ,9..— 5 ſind dieſe Damen? fragte die Kaiſerin. Es ſind die Gräfi Lus daf. D 4 dir Geiſinn Luzan und Kinsky, und endlich vor allen Dingen die Grä Tlar 5....„— gen die Gräfin C ary, welche ſogar bei ihm in ſeinem Hauſe wohnt und die Honneurs deſſelben macht. Und warum heirat c die Claru nicht? f; welche Nechts heirathet er die Clary nicht? fragte die Kaiſerin, * des mehr liebte, als Heirathen zu vermitteln. Der Pater zuckte die Achſ D'. ſehnlicher de 1 die⸗dir Achſeln. Die Gräfin Clary wünſcht niche T 6 t 2 e. 2 7 her, als geheirathet zu werden, denn ich glaube ſogar, ſie liebt den Grafen wahrhaft. Aber Kaunitz ſcheint ihre Wünſhe nicht 4 1 2 Wun nicht erhören zu wollen, oder vielleicht auch nicht zu dürfen, denn die ſaſöne Sä Soeſcen haſt.7. 46 7 an die höne Sän⸗ gerin Foliazzi hält ihn in ihren Banden und bewacht— eiferſüch⸗ tigen Augen. Sie läßt den Grafen faſt ennee In Aſie iſt ſoga .— S dlle ze 1 3 neben ihm, wenn er Sonntags in ſei— llein, ſie iſ ſogar leſen läßt.— 5 Hauscapelle ſich die Meſſe Er hört alfo doch die Ah, alr e Er iſt alſo nicht ganz ver Weſſe? unterbrach ihn die Kaiſerin ſcharf. Ihr ihn mir ſchil 8 aoberſtockte, ſpottende Weltmann, als welchen. Kirche! Es freut wich bfer verſpottet nicht die heiligen Gebräuche der 7 nich † 3 3 1en Der fron ane 5 das von Euch zu hören, Herr Pater! Gewalt, daß er„ err hatte ſein Antlitz doch nicht ſo ſehr in ſeiner Worte der Kaiſ ſanz und gar den Unmuth verbergen konnte, den die in ſeiner frll eic in ihm erregten. Er fühlte, daß er zu weit gegangen der es me ullummen Eifer gegen den ſtolzen und übermüthigen Grafen, en Igte, ſein Nebenbuhler in der Gunſt der Kaiſerin zu ſein, und von 5 und„ a AAtgt H. ſ(b ſt8 d ls ſjote E m jetzt faſt fürchtete, daß er höher in derſelben ſtände, als Ew. 4.S. 8. 4 Er, der Beichtvater der Kaiſerin. Er mußte deshalb noch einen Be⸗ lleine g Verſuch machen, er mußte den Grafen einer perſönlichen adigung der Kaiſerin zeihen. zagt Ja, ſagte er, der Graf läßt ſ m. Son 3 f 28 die Meſſe leſen, aber er hat ein ausdrückliches Uebereinkommen mit Jdem Pater Joſua getroffen, daß die Meſſe nie länger als fünfzehn Minuten dauern darf, und wenn die heiligen Worte kaum verklungen 4 ſind, eilt er in den Eßſaal, wo ihn ſeine Schönen erwarten, wo Sig⸗ auf ich am Sonntag in ſeinem Hotel nora Foliazzi ihm den Becher credenzt, wo— 8 Man muß dieſe Perſon aus Wien entfernen, rief die Kaiſerin haſtig. Graf wäre im Stande ihr nachzu⸗ — 92 zurück; in Kaunitz. Wangen, ſe rückenform, reiſen, und nimmer nach Wien zurückzukehren. Er kann, wie es ſcheint, ohne die Signora nicht leben, er iſt unzertrennlich von ihr. Selbſt wenn er zu Hof fährt, wenn er hierher kommt, um mit Eurer Majeſtät zu conferiren, muß die Foliazzi ihn begleiten, und in ſeinem Wagen der Rückkehr des Grafen von ſeiner erhabenen Kaiſerin harren! Das iſt nicht wahr, rief die Kaiſerin mit zornglühenden Wangen, ſo weit kann ſich der Graf nicht vergeſſen, ſo weit kann er den Anſtand es war noch hatte ſich in wie aus M 4 und die gute Sitte nicht verletzen, daß er hier, vor der Pforte meines Faihe dd 4 Palaſtes, ſich von ſeinen Buhlerinnen ſollte erwarten laſſen, daß die Den 1 ernſten und gewichtigen Conferenzen mit mir nichts weiter ſein ſollten nüjene ſich als eine Unterbrechung in ſeinem Liebesſpiel mit einer Sängerin. Das 4 ſeiner iſt nicht wahr, Herr Pater, Ihr ſeid zu weit gegangen in Eurem Eifer, rnie Ihr behauptet Dinge, welche nicht möglich ſein können!. Ew. 11 Welche aber nichtsdeſtowenigee wahr ſind, Majeſtät, ſagte Porhammer ſder Stun G feierlich, welche ich mich anheiſchig mache, Ew. Majeſtät zu beweiſen! ſagte er, ſ Beweiſet es mir, rief Maria Thereſen, beweiſet es mir, und ich tefihrige werde dann dieſem Grafen Kaunitz den Be zeis führen, daß Maria lladem f Thereſia noch immer die ſelbſtherrſchende, nuabhe zige Kaiſerin iſt, welche becgenhei ſich ſtützt auf ihre eigene Kraft, und nur den Raih und Beiſtand Derer digung mei annimmt, welche ſie hoch genug achtet, um ſie ihres Pertrauens würdig Dieſe z zu halten! Inpeniren — Die Augen des Paters leuchteten in boshafter Freude, er ſchlug welch in 3 ſie nieder, um die Kaiſerin dieſen Ausdruck nicht ſehen zu taſſen. ungen Au Ich werde beweiſen, was ich behauptet habe, ſagte er, Ew. A fjeſtät nn lhr ſollen erkennen, wie weit die Inſolenz und Sorgloſigkeit des Bu Uchen und Kannitz geht, und wie wenig—. Co. Ein leiſes, ſchüchternes Klopfen an der Thür unterbrach ihn, und Je eines Eo eintretende Kammerhuſar meldete den Obriſthofkanzler Grafen von Kau auf den q 1 Jetzt iſt er verloren, dachte der Pater mit innerem Frohlot. La die Kaiſerin iſt ganz in der Stimmung ihn ihren Zorn fühlen zu laſſen, agte die Ich werde über dieſen gefährlichen Feind den Sieg erringen! ſchäfte ſin 1. Der Herr Graf mag eintreten, befahl die Kaiſerin dem Kammer⸗ an A huſarmn, und ſich dann an den Pater wendend, ſagte ſie: Ihr bleibt Kopfbewe 8 9 hier, Herr Pater! riſchem 8 Der Pater verneigte ſich, und zog ſich leiſe in eine Fenſterniſche ein Canf hlug teſtät und S ein Conſeil mit mir halten! 93 zurück; in der geöffneten Thür erſchien der Obriſthofkanzler Graf von Kaunitz. Es war noch daſſelbe zarte, weiße Angeſicht mit den roſigen Wangen, ſein Haupt war noch bedeckt mit derſelben phantaſtiſchen Per⸗ rückenform, deren Zickzacklocken ihm die Furchen der Stirn verdeckten, es war noch dieſelbe zarte ſchlanke, grade Geſtalt früherer Jahre. Nichts hatte ſich in dieſen zehn Jahren, ſeit er Miniſter war, an ihm geändert; wie aus Marmor gemeißelt, ſo ſteinern und unwandelbar war ſein An⸗ geſicht, das nimmer altern und verfallen zu können ſchien. Der Graf wartete die Begrüßung der Kaiſerin gar nicht ab, er näherte ſich ihr mit der ſorgloſen, unceremoniöſen Art, nicht als ob er zu ſeiner Herrin und Kaiſerin, ſondern nur als ob er zu einer Dame komme. Ew. Majeſtät ſehen, daß ich von Ihrer gnädigen Erlaubniß, zu jeder Stunde des Tages zu Ihnen kommen zu dürfen, Gebrauch mache, ſagte er, ſich tief verneigend. Da ich überdies nicht in der eitlen und hoffährtigen Abſicht komme, Ew. Majeſtät koſtbare Zeit durch müßiges Plaudern zu vergeuden, ſondern von ernſten und wichtigen Staatsan⸗ gelegenheiten zu reden habe, ſo bedarf es wohl keiner weitern Entſchul⸗ digung meines Kommens. Dieſe ruhige, ungezwungene Haltung des Grafen hatte etwas ſo Imponirendes, daß ſelbſt die Kaiſerin ſich davon ergriffen fühlte. Sie, welche in ihrer leichtbeweglichen, leichtgereizten Natur ſonſt jeder ge⸗ ringen Aufwallung ſich hinzugeben pflegte, unterdrückte in dieſem Mo⸗ ment ihren Mißmuth, und gewann es über ſich, den Grafen mit freund⸗ lichen und gnädigen Worten willkommen zu heißen. Ew. Majeſtät willigt alſo darein, mit Ihrem Obriſthofkanzler ein kleines Eonſeil zu halten? fragte Kaunitz, mit einem ſcharfen Seitenblick auf den Pater, der ſeine ſchwarzen liſtigen Augen auf ihn gerichtet hielt. Wenn der Obriſthofkanzler zu ſo ungewohnter Stunde kommt, ſagte die Kaiſerin, ſo muß ich annehmen, daß es außergewöhnliche Ge⸗ ſchäfte ſind, die ihn zu mir führen. Bin alſo bereit den Conſeil zu halten! Kaunitz verneigte ſich, und dann ſich mit einer ſtolzen, vornehmen Kopfbewegung an den Pater wendend, ſagte er mit ſtrengem, gebiete⸗ riſchem Ton: Sie haben es gehört, Herr Pater, Ihro Majeſtät will 94 Ich habe es gehört, ſagte der Pater, indem er unbeweglich auf ſeiner Stelle blieb. Demgemäß alſo, da wir hier nicht von religiöſen, ſondern von politiſchen Angelegenheiten zu ſprechen haben, werden der Herr Pater die Güte haben, hinaus zu gehen! Ihro Majeſtät haben mir befohlen zu bleiben. Ich werde alſo bleiben! ſagte der Pater mit ſtol zer Ruhe. Graf Kaunitz wandte ſich wieder der Kaiſerin zu, welche mit finſterer Stirn dem Streit der Beiden zugehört hatte. Wenn dem ſo iſt, wie der Herr da behauptet, ſagte er ſich tief verneigend, ſo erlau⸗ ben mir Ew. Majeſtät mich zu entfernen. Ich werde warten, bis Ew. Majeſtät Ihre Geſchäfte mit dieſem Herrn beendet haben, und Ihr Ohr für mich wieder frei iſt. Man ſoll die Geſchäfte Gottes und des Staates nicht durcheinander miſchen, da aber ohne Zweifel den Erſtern der Vorrang gebührt, ſo trete ich zurück und gebe Gott die Ehre! Er verbeugte ſich noch einmal, und wollte das Zimmer verlaſſen. Der Ruf der Kaiſerin hielt ihn zurück. Bleibe Er, Herr Graf, ſagte ſie, und Ihr, Herr Pater, verlaßt uns! Porhammer erblaßte, und ein Blick des Haſſes ſchoß aus ſeinen Augen auf Kaunitz hin, der mit ſeiner unbeweglichen, ſteinernen Ruhe ihn anſtarrte. Dann neigte er ſein Haupt und verließ ſchweigend das Gemach. Graf Kaunitz, jetzt ſpreche Er, ſagte die Kaiſerin. Aber laſſe. es wichtige Nachrichten ſein, die Er mir bringt, und die es entſchulvi⸗ gen, daß Er meinen Beichtvater auf ſo unfreundliche Weiſe aus dem Zimmer jagt. Wichtig, Majeſtät, denke ich, iſt jede Nachricht, welche Oeſterreich und Oeſterreichs Herrſcherfamilie betrifft, ſagte Kaunitz mit ſeinem un⸗ veränderlichen Gleichmuth. Meine heutigen Nachrichten betreffen nur mittelbar den Staat, aber unmittelbar die Herrſcherfamilie. So eben bringt mein Courier die Nachricht von der erfolgten Wahl des Erzher⸗ zogs Joſephs zum König von Rom. Nun, ſagte die Kaiſerin achſelzuckend, dieſe N achricht iſt gerade ſo ehr wichtig nicht, denn wir haben es vorausgeſehen. Seit Preußen uns ſeine Churſtimme zugeſagt, war die Wahl des Erzherzogs geſichert. ſein Deſ Das iſt de Ktieg gebro Miin, Große und dem noch g geſtärkt, er für unſere meßliche Mi r Kalſer reich den verſchie narchie bild digkeit, der ſerrn habe! richer und habend: de ſerin. Die macſt, für wenn ſie Verge und Glieder und ſerhählen, d Majsſtit, een Churſt Uug uen un ſenen Blut Ketauft wo Aber laſſen nüſſ ente fäh ſche lagen ſe wie ich de gegenüber anſchauen geneſen; 1 d a uf n von Pater alſo uns! einen Nuhe ggend rreich n un⸗ n nur eben rzher⸗ de ſo eußen chert 95 Das iſt der einzige Vortheil, den uns dieſer furchtbare, langjährige Krieg gebracht, daß Preußen die Wahl meines Sohnes nicht hinderte. Nein, Majeſtät, es iſt nicht der einzige, ſagte Kaunitz lebhaft. Große und unermeßliche Vortheile hat dieſer Krieg uns auch außer⸗ dem noch gebracht. Er hat die Wehrkraft des Landes gehoben und geſtärkt, er hat ganz Europa mit Achtung und Bewunderung erfüllt für unſere Feldherrn und unſere Armee, er hat gezeigt, welch' uner⸗ meßliche Mittel und nie zu erſchöpfende Hülfsquellen dem öſterreichiſchen Kaiſerreich zu Gebote ſtehn, und endlich und vor allen Dingen hat er den verſchiedenen Nationalitäten, die zuſammen die öſterreichiſche Mo⸗ narchie bilden, zum erſten Male das Bewußtſein der Zuſammengehö⸗ rigkeit, der Einheit gegeben. Unter Einer Fahne, unter Einem Feld⸗ herrn haben Ungarn und Slavonier, Italiäner und Böhmen, Oeſter⸗ reicher und Lombarden Jahre lang gekämpft, nur Ein Ziel vor Augen habend: den Sieg zu erkämpfen für Maria Thereſia, ihre große Kai⸗ ſerin. Dieſes gemeinſame Ziel hat ſie zu Freunden, zu Brüdern ge⸗ macht, für dieſes gemeinſame Ziel haben ſie ihr Blut vergoſſen, und wenn ſie jetzt, mit Narben und Wunden bedeckt, heimkehren in ihre Berge und Thäler, ſo werden ſie mit Selbſtgefühl ihre zerſchoſſenen Glieder und ihre Narben ihren Freunden zeigen, und mit Stolz ihnen erzählen, daß ſie gekämpft und geſiegt haben für das Vatertand! Nein, Majeſtät, dieſer Krieg hat nicht nur den kleinen Vortheil der zugeſag⸗ ten Churſtimme Preußens gebracht. Auf den Schlachtfeldern ſind die Ungarn und Slavonier, die Böhmen und Italiäner mit ihrem vergoſ⸗ ſenen Blut und dem Blut ihres gemeinſamen Feindes zu Oeſterreichern getauft worden! Aber wir haben doch dem böſen Mann mein ſchönes Schleſien be⸗ laſſen müſſen, ſeufzte die Kaiſerin. Glaub' Er mir, Kaunitz, ſo oft ich daran denke, fühl' ich's wie einen Stich in meinem Herzen, und die Augen ſchlagen ſich mir nieder ganz von ſelbſt, und frag' mich ganz ſchaamvoll, wie ich dereinſt meinem Ahnherrn, dem großen Kaiſer Karl dem Fünften gegenüber treten ſoll, mein' ſchon ſeine großen Augen mich zornvoll anſchauen zu ſehn, wenn ich ihm ſag', daß meine Hand doch zu ſchwach geweſen iſt, um ſein Erbe feſtzuhalten, und daß unter meiner Regierung ſein Oeſterreich wieder kleiner geworden iſt! 21 96 Ew. Majeſtät ſollen, ſo Gott will, ſolche Botſchaft nicht ihrem großen Ahnherrn zu melden haben, rief der Graf mit ungewohnter Lebhaftigkeit. Laſſen wir dem kleinen König von Preußen das Stückchen Schleſien, es wird ihm vorläufig mehr Sorge als Freude machen, und ſtatt etwas einzubringen, ihm viele Millionen koſten. Viel gute Worte, viel Schmeicheleien und ſehr viel Geld wird es ihn koſten, ehe er Ihre widerrechtlich Ihnen entriſſenen Unterthanen, ehe er die Oeſterreicher in Schleſien in gute und gehorſame Preußen umwandeln kann. Wäh⸗ rend er damit beſchäftigt iſt, werden wir nicht müßig ſein, und wenn wir auch Schleſien verloren haben, werden wir uns durch andere Länder und neue Beſitzthümer den Verluſt zu erſetzen trachten! Nein, nein, rief die Kaiſerin. Es iſt genug des Krieges und des vergoſſenen Blutes. Was nicht Unſer wird durch das Recht, ſoll auch nicht Unſer werden durch das Schwert! Aber Erbſchaften und Verträge geben Rechte, ſagte Kaunitz. Wir müſſen alſo ſuchen, Erbſchaften zu machen und Heirathsverträge abzu⸗ ſchließen, welche dem Kaiſerſtaat neuen Länderbeſitz zuführen. Ew. Majeſtät haben heirathsfähige Töchter und Söhne, es wird daher Zeit ſein, an paſſende und ehrenvolle Vermählungen zu denken. Die Augen der Kaiſerin leuchteten höher auf, und ihr Antlitz ſtrahlte in einem ſtolzen und glücklichen Lächeln. Seit dem wiederher⸗ geſtellten Frieden war die Vermählung ihrer Kinder der Gegenſtand ihres heimlichen Nachdenkens und ihrer heimlichen Sorge, und wenn der Graf Kaunitz jetzt dieſes Thema berührte, kam er damit nur ihren innerſten Wünſchen entgegen. Der Unwille und Zorn gegen den Obriſthofkanzler war jetzt ganz und gar verflogen, ihre Gedanken waren nur noch mit den Heirathsplänen für ihre Kinder beſchäftigt. Es wird ſchwer halten, meinen Töchtern würdige Gemahle zu finden, ſagte ſie. So viel ich mich umſchaue in den Familien der re⸗ gierenden Häuſer, überall ſind die Herrſcher vermählt, und ihre Söhne zu jung für meine Töchter Eliſabeth und Amalie! ich kann die erwachſenen Mädels nicht an Knaben verheirathen; und es thut nicht gut, viel appanagirte Prinzen in die Familie zu bringen. Der Kaiſer, mein Gemahl, welcher in dieſen Familienangelegenheiten wohl eine entſchei⸗ dende Stimme hat, wird ſich nimmer entſchließen, die Töchter an kleine Prinzen, vermählen das Land Hauſe kei empfangen finden kar Wen vorbehalte nitz, denn erben. S Mö⸗ Thronen Abe ſagte Ka beſchäftig bei mir Der Kön rümiſchen daß deng lhum To jungen C Tochter meint, d gift gebe Es nit dem find alle. a i des Kän⸗ mit den die Toc iiſer Gerder züpfelu flamn ihrem ohnter eicher Wäh wenn inder 97 Prinzen, denen er den Haushalt und die Appanage geben muß, zu vermählen. Auch mein' ich ſelber, daß es den Kaiſertöchtern nicht ziemt, das Land zu beſchweren mit den Familien kleiner Prinzen, die dem Hauſe keinen neuen Glanz verleihen, ſondern von ihm nur Glanz empfangen können. Wenn ich meinen Töchtern keine würdigen Partieen finden kann, ſo mögen ſie unvermählt bleiben, oder ſich Gott vermählen. Wenn Ew. Majeſtät Ihren älteſten Töchtern dieſe heilige Beſtimmung vorbehalten haben, ſo hat die Politik nichts dagegen einzuwenden, ſagte Kau⸗ nitz, denn es iſt wahr, die Regentenhäuſer haben jetzt meiſt junge Thron⸗ erben. Sie warten auf das Heranwachſen der jungen Erzherzoginnen. Mögen ſie warten, rief die Kaiſerin heiter, wir wollen ihren Thronen würdige Fürſtinnen erziehen. Aber der Erzherzog Leopold hat nicht mehr nöthig zu warten, ſagte Kaunitz, und mit ſeiner Vermählung werden wir uns zuerſt zu beſchäftigen haben. Der ſpaniſche Geſandte Graf Ripperda war ſoeben bei mir mit einer geheimen Botſchaft ſeines Herrn des Königs Carl IV. Der König weiß ſehr wohl, daß die Wahl des Erzherzogs Joſeph zum römiſchen König und damit zum dereinſtigen Kaiſer geſichert iſt, und daß demgemäß Kaiſer Franz dem Erzherzog Leopold das Großherzog⸗ thum Toscana vererben wird. König Carl von Spanien möchte dem jungen Großherzog von Toscana eine Großherzogin geben. Seine Tochter Marie Luiſe zählt jetzt achtzehn Jahre, und der Graf Ripperda meint, daß der König von Spanien ſeiner Tochter eine glänzende Mit⸗ gift geben würde. Es iſt eine gute und paſſende Partie, ſagte die Kaiferin, lebhaft mit dem Kopfe nickend. Die Frauen aus dem Hauſe der Bourbonen ſind allezeit liebenswürdig, edel und großſinnig geweſen. Wir haben das an der heimgegangenen Erzherzogin Iſabella geſehen. Dieſe Enkelin des Königs iſt geſtorben, jetzt wollen wir die zerriſſenen Familienbande mit den Bourbonen auf's Neue knüpfen, und wie die Enkelin ſo auch die Tochter des Königs dem Hauſe Habsburg einverleiben. Möge Gott dieſer zweiten Ehe ſeinen Segen geben und ihr längere Dauer verleihen, Gonder meines armen Joſeph's. zupfetAuch der Erzherzog Joſeph wird bald wieder an eine Vermählung flamnf müſſen, ſagte Kaunitz. ſer Joſepb. 1. Abth. II. 7 98 Armer Joſeph, ſeufzte die Kaiſerin. Sein Herz iſt noch ſo voll Trauer und Schmerz, und während er noch weint um die Geſtorbene, denken wir ſchon daran, ihre Stelle zu erſetzen. Aber Er hat Recht, Herr Graf, der Joſeph muß ſich wieder vermählen, darf ſein Herz nicht hören, ſondern nur ſeine Pflicht, und die will und fordert, daß er dem Thron einen Erben gebe. Nur wollen wir ihm noch ein wenig Zeit gönnen, ſeinen Schmerz auszuweinen.— Seine Thränen werden verſiegen, wenn er in Frankfurt zum König von Rom geſalbt wird, ſagte Kaunitz. Die Befriedigung des Ehrgeizes iſt der ſicherſte Balſam für die Entbehrungen des Herzens, und eine Königskrone, welche man empfängt, iſt wohl ein Erſatz für ein Weib, welches man verliert! Meint der Herr Obriſthofkanzler das? fragte Maria Thereſia ge⸗ reizt. Scheint es Ihm ſo leicht, ein geliebtes Weib zu vergeſſen? Dünkt's Ihn ein ſo ſtolzes Glück, eine Krone auf dem Haupt zu haben? Er kennt freilich das Eine und das Andere nicht, aber ich kann Ihm aus Erfahrung ſagen, daß man halt ſehr unglücklich ſein kann mit einer Krone, und ſehr glücklich ohne dieſe. Hätt oftmals ſchier verzagen und vergehen mögen vor Kummer und vor Weh, trotz der Kaiſer⸗ und der Königskron' auf meinem Haupt; ſie deuchten mich zuweilen ſo ſcharf und ſpitz wie Dornenkronen, und hätt der Franzel nicht immer ein biſſel von dem Myrtenkranz unſerer Liebe als Unterlag' drunter geſchoben, ſo würden ſie mein Haupt blutig geritzt und verwundet haben mit ihren Stacheln. Hätt' auch nimmer den Muth gehabt ſo zu kämpfen für die Kronen, wenn ich mich nit geſteifet und geſtützt hätte auf mein gutes Recht, und den Arm meines Kaiſers, der mir allzeit Troſt zugeflüſtert und mich aufgerichtet hat, wenn ich ſchier verzagen mocht'. Aber freilich, was die Liebe anbetrifft, das verſteht der Herr Graf nicht. Sein Herz iſt wie ein großer Markt, wo die Weibsleute ſpazieren gehen, und Er Sich ſchöne Sclavinnen ſucht für Seinen Harem, aber kein edles Weib findet für Sein Haus! Hab' mir wunderliche Dinge erzählen laſſen über Sein Haus, Herr Obriſthofkanzler, hab' ſeltſame Mährchen gehört von— Ein leiſes, mehrmaliges Kratzen an der Thür unterbrach die ut hafte Rede der Kaiſerin, und auf ihr gebieteriſches Herein offneſttſchei⸗ dieſe Thür und Pater Porhammer trat ein. klleine Mit Kaſſerin, Kai dann mi haben m Majeſtät Beweis Nu Die findet ſie Die Gluth b ſcch auf Aneſict gehört T gab der Gifahru an dieſe fühlte i wie ſehr Staatsr raſchen, und Ing auf und Gt und ſein die auf hingen. Gbdp zupfen, flamnre flammenden Augen feſt in's Antlitz ſtarrte. 99 II. Deirathspläne. Mit langſamen, feierlichen Schritten näherte ſich Porhammer der Kaiſerin, welche ihm mit erſtaunten, fragenden Blicken entgegen ſah. Kaiſerliche Majeſtät halten zu Gnaden, wenn ich ſtöre, ſagte er dann mit ſeiner ſanften, ſchmeichleriſchen Stimme. Aber Ew. Majeſtät haben mir einen Befehl gegeben, welcher keinen Aufſchub duldete. Ew. Majeſtät befahlen mir, Ihr für ein von mir behauptetes Factum den Beweis zu liefern. Nun, und dieſer Beweis? fragte die Kaiſerin lebhaft. Dieſer Beweis, Majeſtät, ſteht vor der Thür Ihres Palaſtes, er be⸗ findet ſich in der Kutſche des Herrn Obriſthofkanzlers Grafen von Kaunitz. Die Kaiſerin ſtieß einen Schrei des Unwillens aus, eine dunkle Gluth bedeckte ihre Wangen. Ihre flammenden Zornesblicke wandten ſich auf Kaunitz hin, der mit vollkommen ruhigem und theilnahmloſem Angeſicht die Kaiſerin anſchaute und die Worte des Paters gar nicht gehört zu haben ſchien.— Dieſe unerſchütterliche Ruhe des Grafen gab der Kaiſerin ein wenig Beſonnenheit wieder. Sie wußte ſchon aus Erfahrung, daß die Pfeile ihres Zorns machtlos abzuprallen pflegten an dieſer eiskalten, felſenharten Geſtalt, die da vor ihr ſtand, und ſie fühlte in dieſem Moment mehr wie jemals, daß ſie den Obriſthofkanzler, wie ſehr ihn auch die Keuſchheitscommiſſion anklagen möge, doch in ihrem Staatsrath und ihrer Hofkanzlei nicht entbehren könne.— Mit einer raſchen, gebieteriſchen Handbewegung hieß ſie den Pater hinaus gehen, und ging mit heftigen Schritten, nach Athem und nach Faſſung ringend, auf und ab. Graf Kaunitz blieb ruhig und unbefangen neben dem Tiſch ſtehen, und ſeine kalten, gleichgültigen Blicke richteten ſich bald auf die Papiere, die auf dem Tiſch lagen, bald auf die Gemälde, die an den Wänden hingen. Er war eben damit beſchäftigt, ſich die Manſchetten von Alengonner Goldſpitzen, welche ſeine feinen weißen Hände umgaben, zurecht zu zupfen, als die Kaiſerin vor ihm ſtehen blieb und ihm mit ihren großen 100 Herr Obriſthofkanzler Graf Kaunitz, ſagte ſie dann in ihrer raſchen, gebieteriſchen Weiſe, ſage Er mir, wer ſitzt da unten in Seiner Kutſche, die vor der Thür meines Hauſes ſteht und Seiner Wiederkehr harrt? Wer in meiner Kutſche ſitzt? fragte Kaunitz. Ich wüßte nicht, daß ich irgend Jemand mitgebracht hätte, der durch mich Ew. Majeſtät vorgeſtellt werden könnte, und deſſen Namen ich alſo Eurer Majeſtät zu melden hätte. Glaub's wohl, daß Er mir den Namen der Perſon nicht nennen will, die da unten in Seiner Kutſche ſitzt, rief die Kaiſerin; glaub's wohl, daß Er mir ein Geheimniß machen möchte aus ihrer Gegen⸗ wart. Muß aber dem Herrn Grafen ſagen, daß mir Sein Betragen ſehr wenig gefällt, daß es mich ſeckirt, ſolche unehrbare und üppige Dinge von dem Herrn Obriſthofkanzler zu vernehmen. Haben Ew. Majeſtät mich irgend eines Vergehens gegen meine Pflichten als Ihr Miniſter und als Präſident Ihrer Hofkanzlei zu zeihen? fragte Kaunitz mit faſt rauhem Ton. Hab' ich mein Gelübde nicht erfüllt, welches ich vor zehn Jahren in die Hand Ew. Majeſtät niederlegte. Bin ich läſſig geweſen im Dienſt meiner Kaiſerin, im Dienſt Oeſterreichs? Hab' ich ihm nicht, wie ich es gelobt, all' meine Kraft, all' mein Geiſtesvermögen gewidmet? Hab' ich das Schiff, welches mir Ew. Majeſtät anvertrauten in ſchwerer Zeit, hab' ich es nicht ſicher und ungefährdet durch die Klippen und Brandungen hinge⸗ führt, bin ich ein ſchlechter Verwalter geweſen, der ſeine Zeit vergeudet hat in Jubel und Luſt, ſtatt ſie dem Dienſt ſeines Herrn zu weihen? Wenn es ſo iſt, wenn Ew. Majeſtät mich einer Pflichtvergeſſenheit, eines Vergehens in meinem Amt zeihen können, dann bin ich bereit, mein Amt und meinen Kopf zu den Füßen Eurer Majeſtät niederzulegen, und Ew. Majeſtät mögen dann zu Gericht ſitzen über dem Verbrecher. Wollen Ew. Majeſtät alſo die Gnade haben zu ſprechen: was für ein Vergehen iſt es, deſſen die Kaiſerin ihren Miniſter anzuklagen hat? Sprech' eben nicht von dem Miniſter, ſagte die Kaiſerin ein wenig verwirrt. Denk auch nicht, daß ich den Miniſter eines Vergehens an⸗ zuklagen habe. Meine vielmehr, daß er ſein Verſprechen treulich er⸗ füllt, und mir und meinem Oeſterreich ein treueifriger, gewiſſenhafter und kluger Verwalter und Diener geweſen und auch ferner ſein wird. * Aber es, e giebt a als Menſe Jüt meine Pfl Kaunitz ra anbetriff, nit Gott; mit Curer um von aber von zu einer ton fort. Vermähl indeß doc un, ſoha und Präl Vermühlu herg vor don Rom dern nur derz übe einen Na Wer eine wür önnten, Kau Ew. Maj nerkung zu ſehr; wenig s an⸗ h e⸗ hafter wird. 101 Aber es genügt nicht, ſeine Pflichten treu zu erfüllen als Staatsdiener, es giebt auch Pflichten der Tugend, der Sitte und Ehrbarkeit, die man als Menſch zu erfüllen hat. Für Ew. Majeſtät und für mich ſelber iſt es genügend, wenn ich meine Pflichten als Staatsdiener treu und gewiſſenhaft erfülle, ſagte Kaunitz raſch. Was meine Pflichten als Individuum und als Menſch anbetrifft, ſo gehört das nicht hierher, und ich muß ſehen, mich darüber mit Gott zu einigen. Jedenfalls wäre es ungeziemend von mir, darüber mit Eurer Majeſtät ſprechen zu wollen. Ich bin hierher gekommen, um von den Angelegenheiten Oeſterreichs und Eurer Majeſtät, nicht aber von den meinen zu ſprechen.*)— Und ohne der Kaiſerin Zeit zu einer Erwiderung zu laſſen, fuhr er in ſeinem ruhigen Geſchäfts⸗ ton fort: Wenn Ew. Majeſtät der Meinung ſind, daß mit der zweiten Vermählung des Erzherzogs Joſeph noch zu warten ſei, ſo werden wir indeß doch immer die nöthigen, vorbereitenden Schritte thun müſſen, um, ſobald die Zeit des Abwartens vorüber, durch Weitläuftigkeiten und Präliminarien die dem Lande ſo nöthige und wünſchenswerthe Vermählung nicht noch länger hinauszuſchieben. Wir können dem Erz⸗ herzog von Oeſterreich wohl noch eine Friſt gewähren, aber der König von Rom darf nicht mehr die Stimme ſeines trauernden Herzens, ſon⸗ dern nur noch die Stimme der Pflicht hören. Er muß ſein eigen Herz überwinden, und Oeſterreichs Dynaſtie und dem deutſchen Kaiſer einen Nachfolger ſichern. Wenn wir ihm mindeſtens eine ſchöne und anmuthige Gemahlin, eine würdige Nachfolgerin ſeines heimgegangenen Engels vorſchlagen könnten, ſagte die Kaiſerin ſinnend. Kaunitzens ſteinernes Antlitz verzog ſich faſt zu einem Lächeln. Ew. Majeſtät mögen mir verzeihen, ſagte er, wenn ich mir die Be⸗ merkung erlaube, daß Ew. Majeſtät dieſe Vermählung des Erzherzogs zu ſehr als eine Sache des Gefühls und der Sentimentalität, und zu wenig als eine Sache der Politik und der Nothwendigkeit betrachte“ Die Hauptſache iſt wohl, für den Erzherzog eine Gemahlin zu finnen, .. 1 1 ſtrom *) Kaunitzens eigene Worte. Siehe: Swinburne: Letters from the Cf of Europe of the Close of the last century. 102 welche durch ihre Familie die Intereſſen des Kaiſerhauſes fördert, und im Stande iſt, dem Staate Erben zu gebären. Und hat der Graf ſchon eine ſolche Gemahlin für meinen armen Sohn gefunden? fragte die Kaiſerin. Weiß Er mir ſchon eine Prin⸗ zeſſin vorzuſchlagen, welche der Politik genehm, und dem Herzen und den Augen nicht gar ſo unwillkommen ſein wird? Es muß eine deutſche Prinzeſſin ſein, ſagte Kaunitz. Und warum muß? Weil jetzt Alles darauf ankommt, dem Hauſe Habsburg die Macht und die Bedeutung Deutſchlands wieder zu gewinnen, die es durch dieſen langen Krieg und durch die Meinungszerſplitterung der Deut⸗ ſchen faſt im Begriff iſt einzubüßen. Preußen, durch dieſen Krieg mo⸗ raliſch groß geworden, iſt im Begriff, ein gefährlicher Rival Oeſter⸗ reichs zu werden, und möchte ſich bald eine entſcheidende Stimme in den Angelegenheiten Deutſchlands anmaßen. Das nördliche Deutſchland hat ſich ſchon mit ſeinen Intereſſen und Meinungen ihm zugewandt, und wenn wir Preußen gewähren laſſen, wird es durch ſeinen Einfluß endlich Deutſchland in zwei Hälften theilen; davon wird das nördliche, und ich muß leider hinzufügen, das intelligente Deutſchland moraliſch Preußen gehören, das ſüdliche, das bigotte, durch Pfaffen und Jeſuiten verfinſterte Deutſchland ſich vielleicht an Oeſterreich anſchließen. Wir werden alſo alsdann die revolutionnairen, leicht ſelbſt gegen ihre eige⸗ nen Herrſcher gereizten Südländer für uns haben, das heißt, wenn wir ihnen viele Zugeſtändniſſe machen; Preußen wird den ganzen Nor⸗ den, das heißt nicht blos Deutſchland, ſondern Schweden, England, Holland, Dänemark, ja ſogar Rußland zu ſeinen Bundesgenoſſen machen, es wird durch ſeine Geiſtesfreiheit und Aufklärung ſogar Propaganda machen in den öſterreichiſchen Staaten, es wird ſich mit den Geiſtern verbünden, und durch ſolches Bündniß ſtark, wird es vorwärts ſchreiten. Jeder Schritt aber, den Preußen vorwärts thut in Deutſchland, treibt heſterreich einen Schritt zurück, und eines Tages kann es kommen, ver Preußen, das proteſtantiſche Preußen, als Rival Oeſterreichs da⸗ zukla bei der Kaiſerswahl, und für den Markgrafen von Brandenburg füllt„rone des deutſchen Kaiſers begehrt! nics und Das darf nun und nimmermehr geſchehen, rief Maria⸗ mit ſlam ſinden, w Geſchlecht durch dieſ Haus der ſelbſt aus Nümberg, die Rvval gutes Rec darf dieſe auch nur nimmer d die einan des Fuchſ — Aber daß die( dänd nic und thäti aher der d mag ſogar ſtir lich, all angehürt Hohns, darfss mi der Spitz von Preu den Ungl über dert Kirche nd ½ ch 103 mit flammenden Augen. Würd' in meinem Grabe ſelbſt keine Ruhe finden, wenn der Tag käme, an welchem das alte, machtvolle und große Geſchlecht der Habsburger ſolche Schmach und Demüthigung erführe durch dieſes kleine, nur durch ſeine Prätenſionen große funkelnagelneue Haus der Hohenzollern! Würd' nicht mein Ahn, der Kaiſer Rudolf, ſelbſt aus ſeinem Grab aufſteigen, wenn dieſe kleinen Burggrafen von Nürnberg, ſeine Lehnsmänner und Vaſallen, jetzt ſich vermeſſen wollten, die Rivalen ſeines Hauſes zu ſein, und mit ihm zu ſtreiten um ſein gutes Recht auf Deutſchlands höchſte Ehrenſtelle?— Nein, nein, nimmer darf dieſer Tag kommen, wo Oeſterreich ſich Preußen unterordnet, oder auch nur ſich ihm an die Seite ſtellt! Es ſind natürliche Feinde, die nimmer dieſe Feindſchaft ihres Blutes in Freundſchaft verkehren können, die einander haſſen und befeinden müſſen, wie der Löwe ewig der Feind des Fuchſes iſt, und der Adler nimmer den Geier ſeinen Bruder nennt! — Aber ich ſeh's doch ein, daß Er Recht hat, Graf Kaunitz, ſeh's ein, daß die Gefahr da iſt, von welcher Er ſpricht, und daß wir unſere Händ' nicht in den Schooß legen und ruhen können, ſondern wachſam und thätig ſein müſſen allezeit. Der Krieg der Schwerter iſt zu Ende, aber der Krieg der Geiſter wird jetzt um ſo mächtiger beginnen, und da mag dieſer böſe Mann, der mir mein Schleſien genommen hat, ſogar ſtärker ſein als wir, denn alles, was ſchlimm iſt und gottesläſter⸗ lich, alles, was dieſer böſen Schule der Freigeiſter und Philoſophen angehört, das ſteht zu ihm und kämpft für ihn mit den Waffen des Hohns, der Aufgeklärtheit, der Gottesläſterung und der Ironie. Ich darf's nicht dulden und nicht zugeben, daß dieſer böſe Mann, der an der Spitze dieſer Freigeiſter und Gottesläugner ſteht, daß der König von Preußen ſeine Macht über Deutſchland noch weiter ausdehne, und den Unglauben, den ſie Proteſtantismus nennen, noch mehr ausbreite über deutſche Lande. Nicht blos Oeſterreich, ſondern auch die heilige Kirche iſt dabei gefährdet, und als die Kaiſerin Oeſterreichs und die Bundesgenoſſin und Dienerin des heiligen Vaters zu Rom darf ich das nimmer und nimmer zugeben! Wir müſſen alſo auf Mittel ſinnen, ſolchen Machtgelüſten Preußens entgegen zu treten. Es giebt dazu zwei Mittel, ſagte Kaunitz, den glühenden Redeſtrom der Kaiſerin mit ſeiner gewohnten Gelaſſenheit unterbrechend. 104 Laß Er hören, welches ſind dieſe Mittel? Das Erſte iſt, daß Oeſterreich ſeine Verbindungen mit Deutſchland immer feſter knüpfe, daß es bei den deutſchen Höfen und Herrſcherfamilien ſich Einfluß verſchaffe, ſei's durch Subſidien, die es ihnen zahlt, ſei's durch Vortheile und Ehren, die es ihnen gewährt, oder endlich, ſeis durch Familienbande, die es mit ihnen anknüpft. Und deshalb grade meine ich, daß der zukünftige König von Rom ſich eine Gemahlin aus einem deutſchen Hauſe wählen muß. Durch Ew. Majeſtät andere Kinder müſſen wir uns mit dem übrigen Europa verbünden. Auf allen ſüd⸗ lichen Thronen herrſchen Bourbonen, und dieſe Alle müſſen eines Tages mit dem Hauſe Habsburg nur eine Familie bilden. Durch die mögliche Vermählung des Erzherzogs Leopold mit der Enkelin des Königs von Spanien würden wir ſchon einen mächtigen ſüdlichen Bundesgenoſſen gewonnen haben, und der Erzherzog ſelber wird als Großherzog von Toscana das Haus Oeſterreich in Italien vertreten. Wenn dann eines Tages vielleicht der jetzige Erbprinz von Parma und der junge König von Neapel ſich Erzherzoginnen von Oeſterreich zu Gemahlinnen erwählen, ſo wird ganz Italien mit Oeſterreich verwandt ſein, und es mag und muß dahin kommen, daß der Name Italien nur noch eine geographiſche Bezeichnung, das Land ſelbſt aber eine Provinz Oeſterreichs iſt! Wir werden auf dieſe Weiſe den Süden erobert haben; bleibt uns nur noch übrig, den Weſten Europa's, das heißt Frankreich, noch enger mit uns zu verbünden. Der Sohn des Dauphins, der Enkel König Ludwigs, iſt noch ein Knabe; er zählt kaum elf Jahre, das heißt drei Jahre mehr als die junge Erzherzogin Marie Antoinette. Wahrlich, Kaunitz, er hat große und mächtige Pläne, rief die Kai⸗ ſerin mit freudeſtrahlenden Blicken, und einem glücklichen Lächeln. Der Kaiſer mein Gemahl, pflegt mich oft ſcherzweiſe die Heirathsſtifterin zu nennen; Er treibt es doch weit mehr im Großen, wie ich; und während ich mich nur ein wenig mit der Gegenwart beſchäftige, macht Er ſchon Pläne für ein Jahrzehnt hinaus. Muß aber ſagen, daß mir Seine Pläne gar wohl behagen, und daß ich Alles dazu thun werde, ſie zu verwirklichen. Es ſind Pläne der Zukunft, und wir haben, wie Ew. Majeſtät ſelber ſagen, ein Jahrzehnt vor uns, um ſie in’s Werk zu ſetzen. Vor allen Dingen aber müſſen wir uns mit der Gegenwart beſchäftigen. Gw. Mie welcheichge Och ſtgte( land zu ver der andern großen Fan llen beweiſ lherragende Deshalb v aus einem ds Könige deutſchen H Preußen a fürſtenthün Und Sch wünſch vihlen mö die Unglü Aber ich g von Sachſe Vielle ſagte Kauu Sie die Tache freitig ge ſetzt will Whronjalg Nd für geſcher . Aber die Kaife vergeſſen ich Kaiſe nem Thr ſiand ger 105 Ew. Majeſtät forderten von mir, Ihnen die beiden Mittel zu nennen, welche ich geeignet hielt, Preußens Machteinfluß in Deutſchland zu ſchwächen. Ich ſagte Ew. Majeſtät, das Erſte ſei: Oeſterreich enger mit Deutſch⸗ land zu verbünden. Ich zeigte Ew. Majeſtät, wie wir durch Heirathen der andern Erzherzoge und he zagiden das Haus Habsburg mit der großen Familie der Bourbonen verſchwiſtern müßten, und wollte damit eben beweiſen, daß grade durch den König von Rom Oeſterreich ſeine überragende Sfellüna⸗ über ganz Deutſchland ſich wieder gewinnen müſſe. Deshalb vor allen Dingen muß der Erzherzog Joſeph eine Prinzeſſin aus einem deutſchen Herrſcherhauſe wählen, damit die Erwählung des des Königs von Rom, und ſeine Macht über Deutſchland noch andern deutſchen Herrſchern zu einem wichtigen Familienintereſſe werde. Nächſt Preußen aber ſind die beiden größten deutſchen Fürſtenhäuſer die Chur⸗ fürſtenthümer Baiern und Sachſen. Und ſie haben Beide unvermählte Prinzeſſinnen, rief die Kaiſerin. Ich wünſchte wohl, daß wir die Tochter des Churfürſten von Sachſen wählen möchten, denn wir ſind dem Hauſe Sachſen, das für uns ſo viel Unglück und Demüthigung erlitten, wohl eine Genugthuung ſchuldig. Aber ich glaube, man hat mir erzählt, die Prinzeſſin Maria Kunigunde von Sachſen beſitze wenig Liebreiz und Anmuth! Vielleicht iſt die Prinzeſſin Maria Joſepha von Baiern ſchöner, ſagte Kaunitz raſch. Sie iſt indeſſen die Tochter Carls des Siebenten, rief die Kaiſerin, die Tochter des Mannes, der mir einſt meine Krone und mein Land ſtreitig gemacht. Hab' viel gelitten und geweint um dieſen Mann, und jetzt will Er, daß ſeine Tochter die Gemahlin meines Sohnes und Thronfolgers werde? In der Politik darf es keine Feindſchaften und kein Gedächtniß für geſchehene Unbill geben! ſagte Kaunitz bedächtig. Aber ein Gedächtniß für empfangene Hülfe und Freundſchaft! rief die Kaiſerin mit ihrem ſchönſten Lächeln. Werd's den Ungarn niemals vergeſſen, daß ſie mir damals, als dieſer Churfürſt von Baiern, der ſich Kaiſer von Deutſchland nannte, und mich verjagen wollt' von mei⸗ nem Thron und meinen Landen, daß ſie mir damals Hülfe und Bei⸗ ſtand gewährten in meiner größten Noth. Habe damals geſiegt und — 106 bin Kaiſerin geworden nur durch die Hülfe Gottes und das Schwert des heiligen Stephan, das meine braven Ungarn für mich in den Kampf getra⸗ gen! Mit den Ungarn hab' ich damals den Kaiſer Carl den Siebenten ent⸗ thront, und die Kaiſerkrone auf mein Haupt geſetzt, und jetzt ſoll dieſes Mannes Tochter vielleicht dereinſt die Kaiſerin von Deutſchland und die Königin von Ungarn werden! Lieber alſo wär's mir, wenn der Joſeph die ſächſiſche Prinzeſſin wählen möchk, doch will ich's auch nicht hindern, wenn er die Baierin wählt.— Nun dieſe deutſche Heirath des Königs von Rom war Sein erſtes Mittel, Oeſterreichs Macht in Deutſchland zu ſtärken. Nenn' Er mir jetzt Sein zweites Mittel, Herr Obriſthofkanzler. Das zweite Mittel, ſagte Kaunitz zögernd, und ſeine großen blauen Augen feſt auf die Kaiſerin heftend, das zweite Mittel iſt noch größer und bedeutender. Es heißt: Aufklärung, Geiſtesfreiheit! Die Kaiſerin trat einen Schritt zurück und ihre Züge verfinſterten ſich. Das heißt, rief ſie heftig, das heißt, ich ſoll dieſen Neuerungsgeiſt, der Alles verhöhnt, Alles beſſer weiß, als unſere Väter, ich ſoll dem Unglauben auch bei uns Thor und Thür öffnen? Nein, Ew. Majeſtät, daß heißt, wir wollen unſere Thüren und Fenſter etwas öffnen, und ein wenig von dem Licht des Wiſſens, der Wahrheit und Erkenntniß, ſtatt der bisherigen Finſterniß, bei uns auf⸗ dämmern laſſen! Wir wollen Denutſchland nicht das Recht gönnen, über Oeſterreichs Geiſtesverfinſterung und Bigotterie zu ſpötteln, wir wollen nicht blos in der Politik, ſondern auch in den Wiſſenſchaften und den Künſten die Stelle einnehmen, die uns gebührt, das heißt, die erſte Stelle! Wir wollen den König von Preußen, der ſeinem Volk die Augen und den Geiſt verblendet mit allzu vielem Licht und Freigeiſterei, nicht den Triumph gönnen, daß er Oeſterreich das Land der Finſterniß und der Dunkelheit nenne. Ew. Majeſtät ſind ſtark genug durch Sich Selber, durch die Liebe Ihres Volkes, durch die Achtung der ganzen Welt, Sie bedürfen zu Ihrer Sicherheit und Kraft nicht dieſer unnatürlichen Mauer, mit welcher eine herrſchſüchtige und ruhmbegierige Partei das Geiſtes⸗ leben Ihres Volkes von aller Freiheit des Gedankens, von aller Er⸗ kenntniß und Wahrheit abſchließen will. Wen meint der Herr Obriſthofkanzler mit dieſer Partei? fragte die Kaiſerin lebhaft. Mäj welche ſic und die G Oeſterreich nach Inne ſuiten, wel bens nur abwerfen, Es i nicht mehr ftommen? Verleumd. Treue, mi Glauben geſſegt ha Ja, giſegt! S ſüßlen in die Gewiſ lentt habe Werheuge den Gejt daß die, Herren de und groß di geheir vieſter, Und die Käiſe befunden haben m meinem di ſagte ge liegt, 66 rt des getra⸗ ent⸗ ieſes die hdie venn Rom rken. auen ößer erten 107 Majeſtät, ſagte Kaunitz mit feſtem Ton, ich meine die Partei, welche ſich allein das Recht vorbehalten möchte, die Herzen, die Geiſter und die Gewiſſen der Jugend zu bilden, ich meine die Jeſuiten! Wenn Oeſterreich ſtark und mächtig werden und bleiben will nach Außen, wie nach Innen, muß es ſich vor allen Dingen frei machen von den Je⸗ ſuiten, welche die Geiſter und die Gewiſſen knechten, und ſtatt des Glau⸗ bens nur den Aberglauben predigen und lehren; muß es die Bande abwerfen, welche dieſe frommen Väter— Es iſt genug, unterbrach ihn die Kaiſerin heftig. Schelt Er mir nicht mehr die Jeſuiten, ſag' Er nichts Schlimmes mehr gegen dieſe frommen Väter, welche durch Jahrhunderte ſchon aller Feindſchaft, aller Verleumdung und aller Verläſterung zum Trotz, mit unerſchütterlicher Treue, mit nie ermattender Energie, mit ſtandhafter Freudigkeit für den Glauben und die Kirche geſtritten, gearbeitet, gekämpft, gelitten und geſiegt haben! Ja, rief Kaunitz mit ungewohnter Lebhaftigkeit, ſie haben überall geſiegt! Sie haben ſich überall, wo man ſie duldete, aus den Beicht⸗ ſtühlen in die Kabinette der Fürſten geſchlichen, und unter dem Vorwand, die Gewiſſen der Fürſten lenken zu müſſen, haben ſie ihre Politik ge⸗ lenkt, haben ſie die Länder, die Völker und ihre Herrſcher zu willenloſen Werkzeugen der Kirche gemacht, haben ſie es dahin gebracht, daß über den Geſetzen des Landes noch die Geſetze der Kirche ſchwebten, und daß die Jeſuiten nicht blos die Miniſter der Miniſter, ſondern auch die Herren der Fürſten waren! Wenn Ew. Majeſtät Ihr Oeſterreich mächtig und groß machen wollen in Deutſchland, müſſen Sie vor allen Dingen die geheimen Hauptlenker der früheren Politik, müſſen Sie die ſpaniſchen Prieſter, die Söhne Loyola's entfernen! Und ich ſag' ihm, daß ich's nit thue, und nimmer thun will, rief die Kaiſerin glühend. Hab' die frommen Väter allzeit redlich und treu befunden, haben zu mir geſtanden in aller Gefahr und aller Noth, haben mich nimmer verrathen, ſondern treu zu mir gehalten und zu meinem Hauſe. Die Jeſuiten meinen es mit Niemand treu, außer mit ſich ſelber, ſagte Kaunitz, ſie bewahren kein Geheimniß, wenn es in ihrem Vortheil liegt, es zu verrathen! 108 „ Vergeß der Graf nicht, daß mein Beichtvater ein Jeſuit iſt, un⸗ terbrach ihn die Kaiſerin. Die Jeſuiten, fuhr Kaunitz ruhig fort, ehren ſelbſt das Geheim⸗ niß des Beichtſtuhls nicht, und was ihnen unter dem heiligen Siegel der verſchwiegenen Ohrenbeichte anvertraut worden, verrathen ſie frem⸗ den Ohren, wenn es alſo ihr Vortheil erheiſcht! Das iſt nicht wahr! rief die Kaiſerin glühend. Halten zu Gnaden, Majeſtät, es iſt wahr! Dieſe ruhige Kühnheit des Grafen überraſchte die Kaiſerin, und machte ſie ſtutzig. Kann Er mir ein Beiſpiel für Seine Behauptung vorlegen, fragte ſie. Ich kann es jetzt nicht, aber eines Tages werde ich Ew. Majeſtät Beiſpiele vorlegen! Aber bis dahin kein Wort mehr gegen die Jeſuiten, ſie ſind die Vormauer aller Autoritäten!*) rief die Kaiſerin heftig. Bis dahin kein Wort mehr von ihnen, wiederholte Kaunitz ſich leicht verneigend. Die Jeſuiten ſind auch nicht die einzigen Feinde, welche Ew. Majeſtät im Innern Ihres Landes zu bekämpfen haben. Wir können daher mit der Bekämpfung der andern Feinde beginnen, und jetzt, wo wir Frieden nach Außen haben, iſt es wohl Zeit uns auch Frieden im Lande ſelbſt zu ſchaffen! Wie heißen unſere anderen Feinde, fragte die Kaiſerin faſt ungeduldig. Es ſind die reichen und unabhängigen Ariſtocraten, es iſt vor al⸗ len Dingen der ſtolze, reiche und übermüthige Adel Ungarns, Majeſtät. Dieſe Herren Magnaten ſind Alle gewiſſermaßen kleine nnabhängige Souveraine, die gar nichts beitragen zu den Staatseinkünften, als frei⸗ willige Geſchenke, mit denen ſie prunken, und welche die Hälfte von dem ganzen Ertrag des Königreichs Ungarn für ſich allein ziehen. In Ungarn giebt es keine Nation, ſondern nur den Adel und Leibeigene und Pächter des Adels. Der Adel iſt dort mächtiger, unabhängiger und mehr gefürchtet, als die Landesregierung, der Adel iſt die eigent⸗ liche Landesregierung Ungarns! Das iſt wahr, ſagte die Kaiſerin, hab's oft ſchon gefühlt, daß der *) Der Kaiſerin eigene Worte. Siehe: Coxe History etc. Th. V. Uebernuth iſt, daß er Herrſchers Ew.) darf es wa Er es will aüſchlagen, mehr alſo Aber Meine ſei Gehorſam Ungarns, und Mild⸗ Es Llutgerüſt Nutvergie de Gemüt ner zu ma keln ſchreit Erx n nüthigen Ich aus ihrer entwürfe die Hand an den H Würden 9 Reithün den, Schu Hüter uu Här ſprechen un⸗ 109 Uebermuth des ungariſchen Adels ein gefährlich und ſchlimmes Ding iſt, daß er ſein Haupt höher erhebt, als es Vaſallen in der Nähe des Herrſchers geziemt. Ew. Majeſtät großer Ahnherr Kaiſer Carl V. hat geſagt:„nichts darf es wagen in der Nähe eines Herrſchers höher emporzuſteigen, als Er es will! Selbſt den Bäumen in ſeinem Park muß er die Häupter abſchlagen, wenn ſie zu hoch in den Himmel emporwachſen, wie viel mehr alſo den Menſchen!“ Aber dieſe Politik, ſo groß ſie immer ſein mag, ſoll doch nicht die Meine ſein, rief die Kaiſerin. Nicht durch Blutgerüſte will ich mir Gehorſam verſchaffen. Hab's ihm ſchon zuvor geſagt, bin dem Adel Ungarns Dank ſchuldig, will ihm denſelben abtragen durch Nachſicht und Milde. Es giebt auch noch ein anderes Mittel ſie zu bezwingen, als das Blutgerüſt, und nur dies wollte ich Ew. Majeſtät vorſchlagen! Das Blutvergießen und die grauſame Gerechtigkeit würde nur dazu dienen, die Gemüther aufzubringen, und den Adel noch wilder und entſchloſſe⸗ ner zu machen. Man muß überhaupt nie eher zu den äußerſten Mit⸗ teln ſchreiten, als bis man die andern erſchöpft hat. Er meint alſo, daß es ein Mittel giebt, dieſen ſtolzen und über⸗ müthigen Adel zu zähmen? Ich glaube es, Majeſtät! Die ſtolzen Herrn Magnaten müſſen aus ihren Burgen und Raubſchlöſſern, wo ſie immer neue Freiheits⸗ entwürfe brüten, und ſich ärgern, daß ſie dennoch über ſich zuweilen die Hand des Geſetzes fühlen, hervorgelockt und hierher nach Wien und an den Hof gezogen werden. Man muß ihnen Ehrenſtellen, Titel und Würden geben. Man muß dieſem Adel Gelegenheit bieten, mit ſeinen Reichthümern zu glänzen, ſein Geld auf prachtvolle Weiſe los zu wer⸗ den, Schulden zu machen, und ſich endlich bei der Sequeſtration ſeiner Güter auf Gnade oder Ungnade zu ergeben.*) Hör' Er, rief die Kaiſerin erſchrocken, wenn ich in Seinem Sinne ſprechen wollte, ſo würde ich das eine recht Jeſuitiſche Politik nennen. Es iſt auch getreu nach dem Grundſatz der Jeſuiten:„der Zweck *) Briefe eines reiſenden Franzoſen in Deutſchlaud. Th. I. S. 447. 110 heiligt die Mittel,“ und da der Zweck iſt, Eurer Majeſtät gehorſame und unterwürfige Vaſallen aus dem übermüthigen ungariſchen Adel zu bilden, ſo iſt das Mittel, das ich vorſchlage, wohl erlaubt. Wir wol⸗ len den Ungar nicht bezwingen durch die Strenge und das Blutgerüſt, wir wollen ihn bezwingen durch das Vergnügen, durch die Schulden, und endlich durch Heirathen. Die ungariſchen Grafen und Barone müſſen ihre Gemahlinnen aus Wien holen, und die Verwandtſchaft mit den großen und einflußreichen Familien Oeſterreichs wird ihnen Feſ⸗ ſeln auferlegen. Ihre Gemahlinnen werden in den ungariſchen Schlöſ⸗ ſern den guten Ton und die feine Lebensart der Hauptſtadt einführen, ſie werden ihren Herculeſſen den Weiberrock anziehen, ſie werden ſie die ſogenannten ſchönen Sitten und das verfeinerte Vergnügen kennen lehren, ſie werden ihnen helfen ihre Reichthümer zu verſchwenden und Schulden zu machen, und damit wird der übermüthige Adel das Ge⸗ fühl ſeiner Unabhängigkeit und Freiheit verlieren. Wer ſich dem Ver⸗ gnügen ergiebt, hat keinen Sinn mehr für den Aufruhr, und wer Schul⸗ den hat iſt nicht mehr frei. Den verſchuldeten ungariſchen Grafen aber werden Ew. Majeſtät alsdann Ehrenſtellen und Hofämter geben, das wird ſie ehrgeizig machen; die Ehrgeizigen ſind immer abhängig von den Fürſten, welche Ehren zu verleihen haben, und dem Verſchul⸗ deten hat auch die Höhe der Beſoldung einen großen, begehrenswerthen Reiz.— Wenn es uns alſo gelingt den übermüthigen Adel an den Hof zu ziehen, ſo iſt damit die Hauptſache gethan; das Vergnügen, die Prahlerei, die Verſchwendungsſucht, und endlich die Heirathen werden das Uebrige thun! 3 Die Kaiſerin war, während Kaunitz in ſeiner unveränderten, ruhigen Weiſe ihr ſo die geheimſten Fäden dieſes Netzes zeigte, mit welchem man Ungarn von dieſer Zeit an umſpinnen wollte, mit raſchen Schrit⸗ ten und in ſichtbarer Aufregung im Gemach auf⸗ und abgegangen. Als der Graf jetzt ſchwieg, blieb ſie vor ihm ſtehen und ihre großen feurigen Augen ruhten lange und forſchend auf ſeinem unveränderlichen Angeſicht. Was Er mir da geſagt hat, Herr Obriſthofkanzler, ſagte ſie, das iſt ein traurig Stück aus den Geheimbüchern der Politik und der Regentenweisheit, und wenn man's lieſt, gehen Einem die Augen über und's Herz thut Einem weh, obwohl man ſagen muß, daß es ver⸗ nünft ſtreit da ich meine trübt. aus d an El wirs die S ſagte reichen Ungar C trauri ſchmer habe, ſtehe. fangen Unabt und um ſ Gitte der 2 ſeine 111 nünftig und recht ſo iſt, und auch zum Ziel führen kann. Mein Herz ſtreitet wider Seine Maximen, aber mein Kopf giebt Ihm Recht, und da ich als Kaiſerin und Herrſcherin nicht meinem Herzen, ſondern nur meinem Kopf folgen muß, ſo muß ich ſchon thun, was mein Herz be⸗ trübt. Mögen die ſchönen Damen meines Hofes und der Stadt Wien aus den freien Ungarn gehorſame und unterwürfige Ehemänner machen, an Ehrenkreuzen, Würden, Vergnügungen und Zerſtreuungen wollen wir's nit fehlen laſſen, und dann werden ſich auch die Schulden und die Sequeſtrationen von ſelber finden! Und die ſequeſtrirten Güter geben wir an deutſche Adelsfamilien, ſagte Kaunitz, damit die deutſchen Häuſer alsdann zu der Klaſſe der reichen ungariſchen Edelleute gehören und den Einfluß des Hofes in Ungarn noch verſtärken! Thun wir's, aber reden wir nicht mehr davon, ſagte die Kaiſerin traurig. Das Herz thut mir weh von dieſen Plänen, und meine Ohren ſchmerzt es, ſie gehört zu haben. Es iſt daſſelbe Gefühl, als wie ich's habe, wenn ich in Schönbrunn dem Käfig des großen Löwen gegenüber ſtehe. Es iſt ein wildes, majeſtätiſches Thier, hat ſelbſt in der Ge⸗ fangenſchaft noch nicht die Erinnerung an ſeine einſtige Freiheit und Unabhängigkeit verloren, möcht' immer noch die Eiſengitter zerbrechen und den Käfig zerſprengen, kann's nit begreifen, daß die Fliege, die um ſeine Mähnen ſchwirrt und dann wieder hinaus fliegt durch das Gitter, daß die frei und unabhängig ſein darf, während er, der König. der Thiere, in Banden liegt. Aber weil er einmal eingefangen iſt und ſeine Freiheit verloren hat, iſt ſein Beſtrehen und ſein Drang nach Freiheit ein Verbrechen, hat er ſein Recht an die Freiheit verloren. Wenn er alsdann vor Zorn in ſeinem Käfig brüllt und an den Eiſen⸗ ſtangen rüttelt, da tritt der Wärter zu ihm und ſchlägt ihn mit der eiſernen Ruthe ſo lange, bis die Wuth des Löwen bezwungen iſt und er ſich ſanft und ſtill wie ein Lamm an die Füße ſeines Herrn ſchmiegt. Hab's oft mit angeſchaut, hab' bei jedem Hieb, den der Löwe bekam, ein Wehegefühl in meiner Bruſt gehabt, und hab' doch bei jedem Hieb gefühlt, daß ihm Recht geſchah, und daß er all' die Schläge verdient hat, die er bekam. Denn wer ſeine Freiheit verloren hat, der hat auch kein Recht mehr auf dieſelbe, und wer einmal einen Herrn angenommen 1 1 4 112 hat, der muß ihm dann auch gehorchen und ihm dienſtbar ſein.— Werd' Alles wohl in meinem Gedächtniß behalten, was wir jetzt geſprochen haben, werd' auch darnach thun und handeln, weil's ſein muß! Wollen dem Löwen Zuckerbrot geben und ihn verführen mit Süßigkeiten, da⸗ mit er in den Käfig kriecht. Aber— reden wir nit mehr davon! Reden wir von den andern Plänen, von all' den ſchönen Heirathspro⸗ jecten! Es macht mich froh zu denken, daß die meiſten meiner Kinder Kronen auf ihren Häuptern tragen werden! Die erſte Krone werden wir jetzt auf das Haupt des Königs von Rom ſetzen, ſagte Kaunitz. Möge es dann nur der Beredſamkeit Eurer Majeſtät gelingen, den jungen König zu vermögen, daß er ſich eine der Prinzeſſinnen zu ſeiner Gemahlin wähle. Die ſächſiſche oder die baieriſche Prinzeſſin, rief die Kaiſerin; ich denk', er wird's thun, denn er wird einſehen, daß es nothwendig iſt, und daß er ſeinem Stande dies Opfer bringen muß. Wann wird die Krönung in Frankfurt ſein? In vierzehn Tagen, Majeſtät. Dann hat der Joſeph alſo noch vierzehn Tage Zeit für ſeinen Schmerz. Wenn er heimkehrt aus Frankfurt, werd' ich den König von Rom an ſeine Pflichten mahnen. Aber horch, da ſchlägt die Glocke die zwölfte Stunde! Es iſt Zeit zur Meſſe! Wenn der Herr Obriſthof⸗ kanzler mir nichts mehr zu vermelden hat— Halten zu Gnaden, Ew. Majeſtät, noch eine Kleinigkeit wünſcht, ich vorzutragen. Sie betrifft meine eigene Perſon. Nun, das iſt mir eine Freude, rief die Kaiſerin, daß er endlich einmal auch für Sich Etwas vortragen will, und auch einmal ein An⸗ liegen hat. Red' Er alſo, was iſt's, womit kann ichghm dienen. Es iſt nur um des Decorums willen, Majeſtick, ſagte Kaunitz. Ew. Majeſtät ſagen, daß ich Verdienſte habe, daß ich dem Vaterlande und der Kaiſerin nützlich bin, ich ſelber fühle, daß es ſo iſt, und den kleinen Seelen die Beſcheidenheit überlaſſend, hab' ich den Muth, mich ſelber anzuerkennen und frei zu geſtehen: daß Oeſterreich mir Dank ſchuldig iſt, daß Gott mich dazu auserkoren und befähigt hat, ihm große Dienſte zu leiſten. Einen ſo Auserkorenen ſoll man aber auch aus⸗ zeichnen; wäre ich nicht Ich ſelber, ſondern ſtände der Kaunitz neben 4 Thü mir jeſt noch ſo w in g Stan zu d dem der g die d Graf lächel gelaſſ ds ſo Ich Kaun Pater lünnt licher nicht geord entla ſoga Sch wan Werb' ochen ollen „da⸗ won! pro⸗ inder von Eurer 113 mir, und ich ſchaute an, was er gethan und geleiſtet, wie er Ew. Ma⸗ jeſtät geholfen, Oeſterreich groß zu machen, wenn ich bedächt', was er noch in der Zukunft Großes und Bedeutſames thun kann und wird, ſo würde ich ſofort zu Ew. Majeſtät eilen und zu ihr ſagen:„Majeſtät, in Ihrer Macht liegt es, dem Verdienſte, wenn man auch nicht im Stande iſt, es zu belohnen, doch eine Auszeichnung und einen Glanz zu verleihen, der es hervorhebt aus der Maſſe. Ew. Majeſtät haben dem Grafen Kaunitz die Ehre gegönnt, Ihre rechte Hand zu ſein, wenn der Kopf eine Kaiſerin iſt, ſo dünkt mich, iſt es für die rechte Hand, die dem Kopfe doch ſo nahe iſt, nicht genügend, ſie nur mit einem Grafentitel zu benennen.“. Geben wir ihr alſo einen Fürſtentitel? unterbrach ihn die Kaiſerin lächelnd. Das iſt es, was ich Ew. Majeſtät vorſchlagen wollte, ſagte Kaunitz gelaſſen, indem er ſich indeſſen doch ein wenig tiefer verneigte, als er es ſonſt zu thun pflegte.. Und ich nehme Seinen Vorſchlag an, rief die Kaiſerin heiter. Ich ernenne meinen Obriſthofkanzler Grafen Kaunitz zum Fürſten Kaunitz, und werd' heut noch dem Ober⸗Ceremonien⸗Amt befehlen, das Patent auszufertigen. Sie reichte Kaunitz ihre Hand dar, die er dies Mal mit unge⸗ wohnter Lebhaftigkeit an ſeine Lippen drückte. Ich nehme die mir ſo gnädig angebotene Rangerhöhung dankbar an, ſagte er ruhig, nicht als ob ſie mir und meinem Namen neuen Glanz verleihen ſollte oder könnte, ſondern weil es allen Ihren Beamten und Dienern ein erfreu⸗ licher Beweis ſein wird, daß Ew. Majeſtät dem Verdienſte ſeine Kronen nicht vorenthalten wollen. Und jetzt, da wir auch dieſe Kleinigkeit geordnet haben, bitte ich Ew. Majeſtät in Gnaden mich zu entlaſſen. Das heißt, ſagte die Kaiſerin mit ihrem gütigſten Lächeln, ich entlaſſe ihn in Gnaden, aber nur bis morgen früh! Sie winkte ihm mit der Hand den Abſchiedsgruß und ließ ſich ſogar herab, als Kaunitz ſich der Thür zuwandte, ihm noch einige Schritte zu folgen.— Kaunitz hatte ſchon die in den Vorſaal führende Thür geöffnet, aber die Schritte der Kaiſerin hinter ſich vernehmend, wandte er ſich noch einmal um und verneigte ſich tief. Kaiſer Joſeph. 1. Abth. II. 8 114 Auf Wiederſehen, mein lieber Fürſt, ſagte die Kaiſerin laut genug, daß der Pater Porhammer, welcher im Vorſaal ſtand und die Kaiſerin erwartete, um ſie in die Meſſe zu begleiten, es deutlich hören konnte. Eine tiefe Bläſſe überdeckte ſeine Wangen, und dies Mal konnte er es ſeinem inneren Zorn nicht verwehren, ſich wenigſtens in den Wolken auf ſeiner Stirn und in den Blitzen ſeiner Augen Luft zu machen. Kaunitz, der eben an ihm vorüberſchritt, ſah es, und eine Art von Lächeln flog über ſeine ſtarren Züge hin. Er grüßte den Pater mit einem ſtolzen, kaum bemerkbaren Neigen des Kopfes, und ſchritt dann langſam aus dem Gemach. Er hat geſiegt, murmelte der Pater mit zitternden Lippen, aber dann zwang er ſeinen Mund zu einem Lächeln, denn da drüben hatte ſich wieder die Thür geöffnet, und die Kaiſerin erſchien auf der Schwelle. Der Pater eilte mit ſeinem leichten, unhörbaren Schritt zu ihr hin. Majeſtät, ſagte er, habe ich nun nicht Recht gehabt? Habe ich Eurer Majeſtät nicht den Beweis meiner Behauptung geliefert? Den Beweis welcher Behauptung? fragte die Kaiſerin zerſtreut. Pater Porhammer ſtarrte ſie erſtaunt an, keines Wortes mächtig.— Oh, jetzt entſinne ich mich, fuhr die Kaiſerin dann nach einer Pauſe fort. Ihr wolltet mir den Beweis geben, daß der Obriſthofkanzler unten in ſeinem Wagen von einem Frauenzimmer erwartet werde! Hört aber, was ich Euch ſagen will! Es iſt beſſer, Ihr ſchaut nimmer hinein in die Kutſche des Obriſthofkanzlers, und geht an ſeiner ganzen Perſon mit geſchloſſenen Augen vorüber. Kann den Mann nicht ent⸗ behren, ſondern bedarf ſeiner Dienſte gar ſehr. Er iſt untadelhaft in ſeinem Dienſt und verrichtet meine Geſchäfte gut, das hör' und ſeh' ich gar wohl. Will alſo lieber nicht ſehen, was er in ſeinen Neben— ſtunden thut, und welche Vergnügungen er ſich erwählt, um ſich zu zerſtreuen und zu erholen von ſeinen beſchwerlichen und vielfachen Amts⸗ geſchäften. Sprecht mir alſo nichts wieder gegen den Obriſthofkanzler Fürſten Kaunitz; und wenn er in ſeinem Privatleben weniger Tugend zeigt, wie wir es wünſchen müſſen, ſo wollen wir uns daran halten, daß er doch wenigſtens ein treuer, gewiſſenhafter und geſchickter Staats⸗ mann iſt, und das, denke ich, iſt auch eine Tugend! eini ſie de 5 hürd und die — Fapel ihr H ganz Verne Kaiſer rüchzo ior d linter vertro nes H Treue Enrer in ſe⸗ Er al denkli gegen weni und men frage 115 Pater Porhammer neigte demuthsvoll ſein Haupt, und murmelte einige leiſe, unverſtändliche Worte. Es iſt die höchſte Zeit zur Meſſ' zu gehen, ſagte die Kaiſerin, indem ſie den an der Thür harrenden Kammerhuſaren einen Wink gab, die Thüren des zweiten Vorſaals zu öffnen, um die dienſtthuenden Herrn und Damen vom Hofe eintreten zu laſſen, damit ſie der Kaiſerin in die Kapelle folgten.— Maria Thereſia kehrte indeſſen heut ungewöhnlich früh aus der Kapelle heim. Sie hatte keine Andacht und Erbauung finden können, ihr Herz war heut zu ſehr mit irdiſchen Dingen beſchäftigt, um ſich ganz ohne Nebengedanken den himmliſchen zuwenden zu können.— Die Vermühlungsprojekte für ihre Kinder beſchäftigten das Gemüth der Kaiſerin und der Mutter, und indem ſie jetzt in ihr Cabinet ſich zu⸗ rückzog, gab ſie ihrem Oberhofmarſchall Grafen Dietrichſtein einen Wink, ihr dahin zu folgen. Hör’ Er, ſagte Maria Thereſia, als die Thür ihres Cabinets ſich hinter dem Grafen geſchloſſen hatte, ich will Ihm einmal eine ganz vertrauliche Frage vorlegen. Er iſt ein alter, langjähriger Diener mei⸗ nes Hauſes, und ich denk wohl, daß ich auf Seine Verſchwiegenheit und Treue zählen darf. Ew. Majeſtät wiſſen wohl, daß ich eher ſterben, als ein Geheimniß Eurer Majeſtät verrathen würde, rief der gute dicke Graf Dietrichſtein in ſeiner gutmüthig enthuſiaſtiſchen Weiſe. Die Kaiſerin ſchaute lächelnd in ſein rothes, gutes Geſicht. Würd' Er auch lieber ſterben, ehe denn Er mir eine Unwahrheit ſagt? fragte ſie. Das, ſagte Dietrichſtein lächelnd, das, Majeſtät, iſt ſchon eine be⸗ denklichere Frage, denn es giebt Umſtände, wo ſelbſt Eurer Majeſtät gegenüber eine Nothlüge— Wenn ich Ihm aber befehle, mir durchaus und in dieſer Stunde wenigſtens genau die Wahrheit zu ſagen, die Wahrheit ohne Rückhalt und Reſerven? Dann würde ich dieſem kaiſerlichen Befehl unterthänigſt nachkom⸗ men und die Wahrheit antworten, was immer auch Euere Majeſtät zu fragen geruhen mögen! Nun denn, höre Er. Er iſt ſo eben von einer Reiſe durch Deutſch⸗ 8* 116 land heimgekehrt, Er hat Aufträge gehabt an die Höfe von Baiern und Sachſen. Er kennt alſo, denke ich, die beiden heirathsfähigen Prinzeſſin⸗ nen von Dresden und München. Ich kenne ſie! ſagte Graf Dietrichſtein ſeufzend. Nun, alſo, ſag' Er mir, wie ſchaut die Prinzeſſin Maria Kunigunde von Sachſen aus? Sie iſt ſchlank, ſagte der Graf achſelzuckend, ſehr ſchlank ſogar! Wenn mir Ew. Majeſtät den ſchlimmen Ausdruck um der Wahrheit willen verzeihen wollen, ſo muß ich ſagen, ſie iſt klapperdürr, und wer ſich an ihr ſtößt, der bekommt blaue Flecke. Geh' Er, Graf, Er iſt ein Verläumder, ſagte die Kaiſerin lächelnd. Die Prinzeſſin von Sachſen iſt alſo, will Er ſagen, ein ſehr zartge⸗ bautes, junges Mädchen? Zu Befehl, Majeſtät, nur daß man zuweilen verſucht ſein könnte, wenn man das Geſicht der Prinzeſſin anſchaut, ſie trotz ihres zarten Baues für einen Mann zu halten! Jeſus Maria, was will Er damit ſagen? fragte die Kaiſerin erſchrocken. Ich will damit ſagen, erwiderte Graf Dietrichſtein mit komiſchem Ernſt, daß die zarte, ſchlanke Prinzeſſin einen ſchwarzen Bart hat, um den ſie mincher Fahnenjunker beneiden dürfte. Er iſt ein Narr, Dietrichſtein, Er wird die Prinzeſſin im Abend⸗ dunkel geſehen, und irgend einen zufälligen Schatten für einen Bart gehalten haben! Verzeihung, Majeſtät, aber Sie Selber haben befohlen, daß ich in dieſer Stunde die Wahrheit ſagen ſoll! Ich ſah die Prinzeſſin Maria Kunigunde von Sachſen bei Abend ſowohl, als beim Sonnenlicht. Bei jeder Art von Beleuchtung war derſelbe ſchwarze Schatten um ihren — nicht kleinen Mund, und ich habe daher Grund, zu vermuthen, daß dieſer Schatten doch ein Bart iſt. Aber die Prinzeſſin Joſepha von Baiern? Er hat ſie auch geſehen? Iſt die ſchöner? Schöner! ſeufzte der Graf, die Achſeln zuckend. Man ſagt, ſie ſei liebenswürdig und gut, wenn dem ſo iſt, ſo iſt ihr Inneres ſchö⸗ ner als ihr Aeußeres. Sie kann für eine Rivalin der Prinzeſſin von Sachſen gelten! timen ſonde Velch lnaſſe ch lunde beſtin wenn retter Prin legen jeſſin 117 n und Er iſt ein ſcharfer Kritiker, merk' ich wohl, ſagte die Kaiſerin zeſſin⸗ ſeufzend. Aber denk' Er Sich jetzt einmal den Fall, Er Selber ſollt' Eine von den beiden Prinzeſſinnen heirathen. Welche von Beiden würde Er wählen? gunde Majeſtät, dieſen Fall kann ich mir gar nicht denken, rief der Graf mit wahrem Erſchrecken. Nimmermehr würd'’s mir zuſtehen, zwei legi⸗ ogar! timen Prinzeſſinnen gegenüber ſolche verwegene Heirathsgedanken zu haben. hrheit Denk' Er Sich alſo, die beiden Damen wären keine Prinzeſſinnen, wer ſondern Ihm ebenbürtig, und Er ſollt' Eine von ihnen heirathen. Welche von ihnen Beiden würd' Er wählen? helnd. Der Graf ſchwieg und blickte nachdenklich zur Erde nieder. Die artge⸗ Wahrheit, rief die Kaiſerin, die Wahrheit! Sag' Er frei und aufrich⸗ tig, was Er denkt. Geb' Ihm mein kaiſerlich Wort darauf, daß ich nnte, Ihm nit zürnen will, was Er auch ſagen mag, und daß ich Seine farten Worte ganz verſchwiegen bei mir ſelber bewahren will. Sprech' Er alſo, welche von den beiden Damen würd' Er wählen. ocken. Nun denn, ſeufzte der Graf mit einer ſchwermuthsvollen Gri⸗ ſchem maſſe, Ew. Majeſtät befehlen es, ich werde alſo die Wahrheit ſagen! um Ich geſtehe Ihnen alſo, Majeſtät, daß, wenn ich meinen freien, unbe⸗ hinderten Willen hätte und Herr meiner Handlungen wäre, ich ganz bend⸗ beſtimmt weder die Eine, noch die Andere heirathen würde. Aber, Bart wenn man mir das Meſſer an die Gurgel ſetzte, und ich mich nur retten könnte, indem ich eine von Beiden heirathete, ſo würde ich die Prinzeſſin Joſepha von Baiern wählen, weil ſie— ich in h Nun, ſprech' Er frei heraus, rief die Kaiſerin, als der Graf ver⸗ Bei legen ſtockte. Was wollte Er ſagen? Er würd' alſo die baieriſche Prin⸗ übren zeſſin wählen, weil ſie— daß Nun denn, rief der Graf tief aufſeufzend, weil ſie zum Mindeſten , Etwas Buſen hat! dzen Maria Thereſia brach in ein herzliches Lachen aus. Er hat Recht, 1h ſagte ſie, Sein Grund, weshalb Er die baieriſche Prinzeſſin vorziehen ſe würde, iſt ein ganz vortrefflicher und hat ſeine guten und triftigen Ur⸗ wai ſachen! Dank Ihm, daß Er mir die Wahrheit geſagt hat! Werd’ Seine uun Worte wohl beherzigen! Aber Ew. Majeſtät geruhten mir zu verſprechen, daß Sie die — 118 Gnade haben wollten, meine Worte gegen Jedermann zu verſchweigen, bat der Graf mit gefalteten Händen und kläglicher Miene. Werd' mein Verſprechen auch erfüllen, ſagte Maria Thereſia, ihm gnädig die Hand darreichend. Doch will ich hoffen, daß Er mir dies Mal nicht die Wahrheit geſagt hat, und daß es mit den Prinzeſſinnen nicht gar ſo ſchlimm iſt, als Er ſagt.*) III. Joſepha von Baiern. Jubel und Fröhlichkeit herrſchte in der Kaiſerburg und in der guten Stadt Wien. Ueberall begegnete man nur frohen Geſichtern, überall ſah man, trotz der rauhen Jahreszeit, Kränze und Guirlanden über die Straße dahin tragen, alle Häuſer begannen ſich zu ſchmücken, und in ihrem Innern war überall ein geſchäftiges Leben. Jedermann dachte an Bälle, Toiletten, Feſtlichkeiten und Illuminationen, Jedermann war begierig die Herrlichkeiten zu ſchauen, die ſich heut in Wien begeben mußten, denn es war der zweiundzwanzigſte Januar des Jahres 1765, der Tag, an welchem die Braut des Königs von Rom, die Prinzeſſin Joſepha von Baiern, ihren Einzug in Wien halten und dem jungen König angetraut werden ſollte. Die Pläne der Kaiſerin und ihres Obriſthofkanzlers begannen alſo ſich zu erfüllen. Der Erzherzog Joſeph war in Frankfurt zum König von Rom gekrönt worden, und dem nach Wien heimkehrenden jungen König hatte die Kaiſerin die Pflicht an's Herz gelegt, ſich zu vermählen. Joſeph hatte wohl anfangs heftig ſich geweigert, aber endlich hatte er doch den Vernunftgründen der Kaiſerin, den Bitten des Kaiſers nach⸗ *) Dieſe ganze Unterredung zwiſchen der Kaiſerin und dem Grafen iſt hiſtoriſch, und Graf Dietrichſtein bediente ſich in ſeiner Kritik über die Prin⸗ zeſſin Joſepba von Baiern genau der oben angeführten Worte. Siehe: Wraxall: Memoirs ete. Th. II. S. 406. gegeben, und hatte ſich bereit erklärt, die Gemahlin anzunehmen, welche die Politik ihm beſtimmen würde. Man hatte ihm die Wahl gelaſſen zwiſchen Kunigunde von Sachſen und Joſepha von Baiern, und der 4 König von Rom war ſelbſt auf die Brautſchau ausgezogen. Unfern en von Töplitz war er, wie von ungeſähr, der Prinzeſſin Kunigunde von Sachſen und ihrem Gefolge auf einer Jagdpartie begegnet. Die Prin⸗ zeſſin ſaß zu Pferde, aber des Reitens wenig gewohnt, war ihre Hal⸗ tung ängſtlich und befangen, noch befangener dadurch, daß ſie ſehr wohl den Zweck dieſes„zufälligen Zuſammentreffens“ kannte, und ſich bewußt war, daß es ſich in dieſer Stunde um das Glück und die Größe ihrer Zukunft handele. Sie gab dem König von Rom auf ſeine kurzen, wenig ermuthigenden Begrüßungsworte eine kaum verſtändliche Antwort, ſie erblaßte und zitterte, als ſie fühlte, wie ſeine großen, tiefblauen Augen mit prüfenden, kalten Blicken ihre ganze Geſtalt muſterten. Die⸗ ten ſes Erblaſſen machte ſie nicht ſchöner, dieſes Schweigen und Zittern all machte ſie nicht intereſſanter. Joſeph fühlte ſich gelangweilt von ihrem er Schweigen, degoutirt von ihrer Häßlichkeit. Nach einer kurzen, ober⸗ nd flächlichen Unterhaltung verneigte er ſich, Abſchied nehmend von der te Prinzeſſin, und ſprengte mit ſeinen Begleitern von dannen. Die Prin⸗ ar zeſſin ſchaute ſeufzend ſeiner verſchwindenden Geſtalt nach, und kehrte en trübe und gedemüthigt mit ihrem Gefolge heim. Sie war es ſich be⸗ 5, wußt, daß ſie verſchmäht worden, daß der König von Rom ſie nimmer ſin zu ſeiner Gemahlin erwählen würde.*) en Und ſie hatte Recht; der König von Rom wählte die Prinzeſſin Joſepha von Baiern, die ihm auch auf einer Jagdpartie„durch Zufall“ ſio begegnete, und die ihm gleich dem Grafen Dietrichſtein, minder häßlich dg erſchien, wie die Prinzeſſin Kunigunde„mit dem ſchwarzen Schatten Ve um den nicht kleinen Mund.“ er Heute alſo ſollte die Prinzeſſin ihren Einzug in Wien halten, heute ſollte ſie ſich dem König von Rom vermählen! Ganz Wien wie geſagt, jauchzte dieſem Feſt entgegen, und Freude und Luſt war in der Stadt *) Der Wiener Hof, um die Prinzeſſin Kunigunde von Sachſen für die fſ ihr in Ausſicht geſtellte Königskrone zu entſchädigen, verſchaffte ihr ſpäter die Stelle als Coadjutrice der Abtey von Eſſen und Thorn. Eine ſehr beſchei⸗ dene Entſchädigung allerdings für die Hoffnung auf eine Krone. 120 wie in der Kaiſerburg. Aus den Zimmern der Erzherzoginnen ver⸗ nahm man ſchon in der Frühe des Morgens ein merkwürdiges Durch⸗ einander von Stinmen, welche ſangen, und von einer rauhen ſcheltenden Baßſtimme, welche den Geſang immer wieder unterbrach, und gar oft ihn überdonnerte. Es war die Stimme Meiſter Glucks, welcher mit den Erzherzoginnen Eliſabeth, Amalie, Joſepha und Carolina das Sing⸗ ſpiel einſtudirte, das der Abbate Metaſtaſio für dieſen Tag gedichtet und Meiſter Gluck componirt hatte. Das Singſpiel hieß:„il Parnasso con- fuso“ und die Erzherzoginnen Amalie, Joſepha und Carolina ſollten darin die Grazien, Eliſabeth aber den Gott Apollo darſtellen.*) Sie hatten ihre Rollen tapfer geübt, und traten in der an dieſem Morgen ſtattfindenden Generalprobe dem geſtrengen Capellmeiſter mit der ſtolzen Ruhe erlangter Meiſterſchaft entgegen. Aber Meiſter Gluck hatte ſich dennoch nicht zufrieden erklärt, und ließ den Apollo immer von Neuem ſeine Arien, die Grazien immer von Neuem ihre Terzette probiren, bis die Hofdamen der Erzherzoginnen angſtvoll erklärten, es ſei die höchſte Zeit zur Toilette, denn ſchon ſei ein Courier eingetroffen mit der Nach⸗ richt, daß die Prinzeſſin Joſepha das Weichbild der Stadt überſchritten habe und in wenigen Stunden ſchon in Wien eintreffen werde. Während ſo Alles ſich ſchmückte und vorbereitete zu den Feſtlich ³. keiten und Freuden des Tages, weilte der, welchem zur Hälfte alle dieſe Feſtlichkeiten galten, weilte der König von Rom einſam und gedanken⸗ voll in ſeinem Kabinet. Es war daſſelbe Kabinet, in welchem er ſich damals, gleich nach dem Tode Iſabellens, eingeſchloſſen hatte, daſſelbe Kabinet, in welchem er Tage lang geweint und geklagt um ſein verlo⸗ renes Glück, bis ſeine Schweſter Chriſtina ihn durch ihre grauſamen Tröſtungen ſeiner Einſamkeit und ſeinem Kummer entriſſen hatte. Aber dieſe Tröſtungen hatten deunoch ihren Zweck erreicht; Joſeph's Thränen um die Geliebte ſeines Herzens waren verſiegt, und ſeit er die Briefe geleſen, welche Iſabella an die Erzherzogin Chriſtina geſchrieben und in denen ſie ihrer jungen Schwägerin ihr ganzes kummervolles *) Die Partitur dieſes Singſpiels iſt verloren gegangen, und nur in den Werken Metaſtaſio's findet ſich das Libretto, mit Angabe der fürſtlichen Dar⸗ ſtellerinnen und des Componiſten. Siehe Anton Schmid: Ritter von Gluck. S. 115. Herz habe, ſeinen Feſtzen welcher relten. geſtorb Lücheln Anmus dittere Stirn ächel alles getrau zärlli bei de ich au ſe, di der L Pauſe ic v Leben ich ni ſchen. riſche 121 Herz enthüllte, ſeit Joſeph wußte, daß Iſabella ihn niemals geliebt habe, hatten ſeine Thränen aufgehört zu fließen, waren die Klagen auf ſeinen Lippen verſtummt. Er dachte aber an dieſe Zeit, als er jetzt einſam, im glänzenden Feſtgewande, in dieſem Kabinet auf⸗ und abging, des Zeichens harrend, welches ihm ſagen ſollte, daß es Zeit ſei der neuen Braut entgegenzu⸗ reiten. Er dachte, indem er ſeine zweite Gemahlin erwartete, an die geſtorbene, und indem er ſich ihre reizende Geſtalt, ihr bezauberndes Lächeln, ihre großen wunderbaren Augen, ihre ganze Erſcheinung voll Anmuth, Lieblichkeit, Grazie und Jugend vergegenwärtigte, flog ein bitteres, ſpöttiſches Lächeln über ſein Antlitz hin, und ſeine hohe, klare Stirn legte ſich in finſtere Falten. Und ſie hat mich doch getäuſcht, ſagte er leiſe vor ſich hin, ihr Lächeln, ihr Anblicken, ihre Innigkeit, ihre Liebe, es war alles Lüge, alles Heuchelei. Iudem ſie mich anlächelte, hat ſie um einen Andern getrauert, indem ſie in meinen Armen ruhte, und den Worten meiner Zärtlichkeit zu lauſchen ſchien, waren ihre Gedanken fern ab von mir bei dem Grabe ihres gemordeten Geliebten! Oh mein Gott, wem ſoll ich auf Erden denn glauben können, wenn ſelbſt ſie mich getäuſcht hat, ſie, die ich geliebt habe, wie den Engel der Schönheit, des Glücks und der Liebe!— Keinem ſoll ich glauben, fuhr er dann nach einer kurzen Pauſe fort, und ſeine Stimme war jetzt rauh und hart, Keinem ſoll ich vertrauen; zweifeln und mißtrauen ſoll ich überall, mein ganzes Leben hat mir die Beweiſe gegeben, daß ich das ſoll und muß, wenn ich nicht ein verachteter Spielball ſein will in den Händen der Men⸗ ſchen. So lang' ich lebe, hab' ich geſehen, wie dieſe falſchen, heuchle⸗ riſchen Menſchen meine Mutter betrügen und belügen, hab' ich geſehen, daß ihre Gebete und ihr Händefalten, ihr Weinen und Seufzen, ihr Lachen und ihre Scherze, ihre Liebesbetheuerungen und ihre Ergebenheit, ihr Stolz und ihre Unterwürfigkeit, daß das Alles nur Schein, nur eine Maske iſt, unter der ſie ihren Egoismus, ihre Geldgier, ihren Neid, ihre Verleumdungsſucht, ihren Ehrgeiz verbergen, um zu ihren Zwecken zu gelangen. Von Kindesbeinen an ſah ich die Kaiſerin und uns Alle umgeben von Lügnern und Heuchlern, und ich mußte doch ſchweigen und meinen Zorn und meine Verachtung hinunterwürgen und ich muß — —— 122 auch jetzt noch ſchweigen! Bin immer noch ein armer abhängiger Knabe, der keinen eigenen Willen und keine eigene Hand hat, der am Gängel⸗ band der Politik geleitet wird, und dem ſie allerhand Spielzeug von Titeln und Würden umhängen, den ſie einen König nennen, auf daß er vergeſſe, daß er ein Sclave iſt, ein Sclave der Kaiſerin und ihres allmächtigen Miniſters, ein Sclave der Prieſter und der Hofſchranzen, ein Sclave der Politik, welche mir jetzt ein fremdes, verhaßtes Weib an die Seite ſchmiedet, und mir befehlen will, ſie zu lieben, und ſie zur Mutter meiner Kinder zu machen. Oh, wann wird denn ein Tag kommen, wo dieſe Feſſeln von mir abfallen, wann werde ich frei ſein! Frei, um die Heuchler und Lügner zu beſtrafen, frei, um von mir und meinem Lande die Knechtſchaft und die Finſterniß abzuſchütteln, frei, um den Böſen ein Schreckniß, den Guten eine Zuflucht zu ſein! In der Ferne vernahm man jetzt den dumpfen Laut eines Schuſſes. Joſeph zuckte zuſammen und ſchien wie aus einer Verzückung zu erwachen. Noch iſt dieſe Zeit nicht gekommen, ſagte er mit einem bittern Lachen, noch bin ich nicht frei! Es iſt Zeit meiner Braut entgegen zu gehen, und das ekle Faſtnachtsſpiel einer zweiten Ehe zu beginnen! Wahrlich, wäre mir dieſe Joſepha nicht ſo unendlich gleichgültig, ſo könnte ich faſte Mitleid mit ihr haben. Sie wird keinen ſehr gefügigen und zärtlichen Ehegemahl an mir finden, und die Königin von Rom wird keine be⸗ neidenswerthe Frau ſein! Er warf den ſpaniſchen kurzen, mit Hermelin verbrämten Sammet⸗ mantel über und trat in den Vorſaal hinaus, wo ſeine Cavaliere und ſein Hofſtaat ihn erwarteten, den jungen König zu begleiten, der jetzt ſeiner Braut entgegeneilen mußte, um ſie durch Wien zu geleiten, und an ihrer Seite hinauszureiten nach Schönbrunn, wo die Kaiſerin mit ihrem Gemahl und ihren Töchtern ſie erwartete, und wo in der Schloß⸗ kapelle die Vermählung tattfinden ſollte.— Auf den Straßen drängte das Volk von Wien ſich mit luſtigem Freudengeſchrei auf und ab, die Fenſter der Häuſer, durch welche der Zug kommen mußte, waren geſchmückt mit geputzten Frauen, die lachend und heiter mit glänzenden Augen und roſigen Wangen dem Brautpaar entgegenſchauten. Für Jedermann war dieſer Tag ein Freudentag; nur die Zwei, denen allein dieſe Vorbereitungen galten, nur dieſe Zwei ware mein Wied und( ſohr tete. entgen There heit, gelan noch ihre erſel Kaiſ dung nde tich Und zum jetzt telb ihre St 123 waren trübe und angſtvoll, nur ſie ſtimmten nicht mit ein in die allge⸗ meine Fröhlichkeit, und die Luſt, welche ſie umrauſchte, fand keinen Wiederhall in ihrem Herzen.— Joſeph's Herz war voll Mißmuth und Groll gegen dieſe ihm aufgedrungene Gemahlin, der Prinzeſſin Jo⸗ ſepha's Herz voll Angſt und Zagen über den Empfang, der ihrer war⸗ tete. Sie zitterte, wenn ſie daran dachte, daß ſie jetzt ihrem Gemahl entgegen gehe, daß ſie bald vor der ſchönen, ſtolzen Kaiſerin Maria Thereſia und ihren Prinzeſſinnen erſcheinen ſolle. Der Ruf ihrer Schön⸗ heit, ihrer Anmuth, ihrer Bildung war bis an den Hof von München gelangt, und Prinzeſſin Joſepha wußte, daß ſie ſelber weder ſchön, noch hochgebildet, weder anmuthig, noch talentvoll ſei. Man hatte ihre Erziehung, ihren Geiſt vernachläſſigt, und wenn ſie jetzt dazu aus⸗ erſehen worden, die Gemahlin des Königs von Rom, des dereinſtigen Kaiſers zu werden, ſo verdankte ſie das nicht ihrer Schönheit und Bil— dung, ſondern der Politik, und den Ausſichten, welche ihr Bruder, der kinderloſe Churfürſt von Baiern, dem Hauſe Oeſterreich auf eine baie⸗ riſche Erbſchaft gewährte. Joſepha wußte das, und das machte ſie traurig und befangen. Und doch wider ihren Willen, und allen ihren ſchlimmen Ahnungen zum Trotz, hatte ſie ein Gefühl der Freude und des Glückes, als ſie jetzt dieſen glänzenden Zug von Reitern gewahrte, der ihr da, unmit⸗ telbar vor Wien, entgegen kam, und dieſen ſtolzen ſchönen Reiter an ihrer Spitze, deſſen große blaue Augen ihr entgegen leuchteten wie zwei Sterne. Das war Er, Joſeph, ihr Gemahl, der Herr ihres Glückes und ihrer Zukunft! Sie hatte ihn nur Einmal geſehen, und dennoch liebte ſie ihn, ſie wußte, daß er ihr nicht aus Wahl und aus Liebe, ſondern nur auf Befehl der Kaiſerin und der Politik vermählt werde, und dennoch pries ſie ſich ſelig, die Gemahlin des ſchönen jungen Mannes zu werden, der zugleich ein König war, und mit dem Myrten⸗ kranz zugleich eine Krone auf ihr Haupt ſetzte. Jetzt waren die beiden Züge dicht an einander gekommen, der Wagen der Prinzeſſin Joſepha hielt an, der König von Rom ſprengte an ihre Seite, und begrüßte ſie mit einer tiefen Verbeugung; hinter ihnen Beiden ſtand der glänzende Zug der Cavaliere, deren Ordensſterne und goldene Epaulette's in der Sonne funkelten. Sie ſprangen nun von ihren reichgezäumten Pfer⸗ 124 den, um die Prinzeſſin zu begrüßen, welche jetzt ihren Wagen verlaſſen mußte, um das mit Purpurdecken und Goldgeſchirr gezierte Pferd zu beſteigen, das der Obermarſtallmeiſter des Kaiſerhofes ihr eben vorführte. Der König von Rom trat an den Wagen der Prinzeſſin, um ihr beim Ausſteigen behülflich zu ſein. Er reichte ihr ſeine Hand, und Joſepha legte erröthend und erblaſſend ihre Hand in die ſeine. Sie ſchaute mit einem innigen, zärtlichen Blick zu ihm auf, ſie hatte ein Gefühl, als müßte ſie ihre Arme um ihn ſchlingen, und ihn anflehen, ein wenig Liebe, ein wenig Duldung für ſie zu haben, ihr Freund, ihr Beſchützer zu ſein an dieſem Hofe, dem ſie als eine Fremde, Unbekannte jetzt entgegenging. Aber ihre ſchüchternen Lippen wagten es nicht, die Gedanken, die ihr Herz bewegten, auszuſprechen, nur ihre Hand drückte leiſe und zärtlich die ſeine. Joſeph erwiderte dieſen Druck nicht, er blickte die Prinzeſſin über⸗ raſcht, und faſt verächtlich an, und trat zurück, den Oberſtallmeiſtern und Kammerherren die Sorge überlaſſend, der Prinzeſſin beim Beſtei⸗ gen des Pferdes behülflich zu ſein. Sie ſchwang ſich leicht und mit jugendlicher Elaſticität empor. Mit raſcher Hand faßte ſie die Zügel und zog ſie ſo ſtraff an, daß das edle Thier hoch aufbäumte, und dann von ihrer Hand bezwungen, in zierlichen Courbetten tänzelte, und ſchäu⸗ mend in die Halfter biß.— Sie iſt wenigſtens eine gute Reiterin, ſagte Joſeph zu ſich ſelber, inden er ſein Pferd beſtieg und an ihre Seite ritt. Und jetzt begannen die Glocken von allen Thürmen zu läuten und die Kanonen auf den Wällen verkündeten den Wienern, daß das junge Fürſtenpaar eben ſeinen Einzug halte in die Stadt. Schweigend ritten ſie durch die blumengeſchmückten Straßen; überall lachende Geſichter, fröhliches Gewoge jubelnder Menſchen, und durch die geputzten, jubelnden Maſſen bewegte der glänzende Zug ſich feierlich weiter, voran das junge Fürſtenpaar, hierhin und dorthin grüßend mit lächelndem Munde, und doch ſo überdrüßig dieſer Freu⸗ denbezeugungen, doch ſo voll Verlangen nach ein wenig Stille, ein wenig Einſamkeit. Beide ſprachen ſie kein Wort; was hätten ſie ein⸗ ander auch zu ſagen gehabt, ſie, welche nur die Politik, nicht die Liebe an einander feſſelte. Kaiſe Joſen fen. aber ſterin liſſen was derbe mit es w peſſe wege hat, 1 125 Am Ende der Stadt vor dem Thor hielt die Galla⸗Equipage der Kaiſerin die Prinzeſſin erwartend. Schweigend und gleichgültig reichte Joſeph der Prinzeſſin wieder die Hand, um ihr in den Wagen zu hel⸗ fen. Dies Mal wagte es Joſepha nicht mehr ſeine Hand zu drücken, aber als die Thür des Wagens ſich hinter ihr und ihrer Oberhofmei⸗ ſterin ſchloß, da lehnte ſie ihr Haupt zurück in die weißen Sammet— kiſſen und weinte bitterlich. Um Gotteswillen, Prinzeſſin, rief die Oberhofmeiſterin angſtvoll, was ſollen dieſe Thränen? Ew. Hoheit werden ſich den Kopfputz ver⸗ derben, und Ihre Augen werden geröthet werden vom Weinen. Die Prinzeſſin richtete ſich wieder empor. Es iſt wahr, ſagte ſie mit einem traurigen Lächeln, ich habe nicht das Recht zu weinen, wie es wohl andere Frauen in ſolcher Stunde dürfen. Ich bin eine Prin⸗ zeſſin, das heißt, eine aufgeputzte willenloſe Puppe, welche ſich nur be— wegen darf nach dem Räderwerk der Etiquette, und nicht das Recht hat, zu weinen, wenn die Etiquette befiehlt, daß ſie lachen ſoll. Ew. Hoheit ſind aufgeregt, und ſehen deshalb die Dinge in einem ſo trüben Licht, ſagte die Oberhofmeiſterin theilnahmsvoll. Doch ge⸗ hen Sie einem Schickſal entgegen, um das alle Frauen der Welt Sie beneiden müſſen. Sie ſind im Begriff die Gemahlin des ſchönen, geiſt⸗ vollen und liebenswürdigen Königs von Rom, des dereinſtigen Kaiſers, die Schwiegertochter der großen Maria Thereſia zu werden, deren Ruhm die ganze Welt erfüllt, die Schweſter der Erzherzoginnen, deren Schönheit und Herzensgüte Jedermann preiſt. Und nun ſieh mich an, rief die Prinzeſſin leidenſchaftlich, ſieh mich an, und ſage, ob ich nicht weinen muß? Oh, nur jetzt keine Schmeiche⸗ leien und keine Hintekhalte, Lucie. Du kennſt mich ſeit früher Jugend⸗ zeit, Du biſt mir Mutter, Schweſter und Freundin geweſen Ich be⸗ ſchwöre Dich, ſei in dieſer Stunde wahr gegen mich, verhehle mir nichts. Sieh mich an und ſage mir, ob ich nicht weinen muß, wenn ich daran denke, daß ich jetzt der großen Kaiſerin, den ſchönen Prinzeſſinnen ge⸗ genübertreten, daß ich die Gemahlin dieſes ſchönen jungen Königs wer⸗ den ſoll, der mit einem Blick ſeiner Augen alle Herzen höher ſchlagen macht, mit einem Lächeln ſich die ganze Welt erobern muß. Sag' mir, ob ein ſo armes, häßliches, geiſtig und körperlich vernachläſſigtes Mäd⸗ 126 chen, eine ſo kleine unbedeutende Prinzeſſin es wagen darf, die Hand nach ſo hohen Ehren, nach ſo unermeßlichem Glück zu erheben. Sag' mir, ob ich nicht mein Haupt verhüllen und fliehen müßte, fliehen, um nicht verzehrt zu werden von den Flammen eines Glückes, das ich nicht verdiene, deſſen ich nicht würdig bin. Sie ſind des höchſten Glückes und der höchſten Ehren würdig, ſagte die Oberhofmeiſterin feierlich. Niemand, der Ihnen näher tritt, dem Sie vergönnen, Ihre edle keuſche Seele, Ihr reines, glühendes Herz zu kennen, wird ſagen dürfen, daß Sie des glänzenden Schickſals nicht werth ſind, welches der Himmel Ihnen aufbehalten hat. Oh, es wird ſich Niemand hier um meine Seele und mein Herz kümmern, rief die Prinzeſſin ungeſtim, Niemand wird Zeit und Luſt haben, in mein Inneres zu ſchauen und auf meine Gedanken und meine Gefühle zu achten. Das Aeußere iſt es, und das geſprochene Wort, auf das es ankommt. Und ich Unglückliche vermag nicht auszuſprechen, was ich empfinde, vermag es wenigſtens nur dann, wenn man mir freundliches Entgegenkommen gewährt. Ein kalter Blick ſchnürt mir das Herz zu, und macht das Wort auf meinen Lippen erſtarren. Ich fühle dann mit grenzenloſer Betrübniß, wie unbeholfen und linkiſch ich bin, wie wenig geeignet, Liebe, oder auch nur Theilnahme zu erwecken, und dies Gefühl macht mich noch befangener, noch häßlicher. Jetzt, ſagte die Gräfin ungeduldig, jetzt werden Sie ungerecht ge⸗ gen Sich Selber, Hoheit. Niemand wird es wagen, Sie häßlich zu nen⸗ nen. Es liegt nur in Ihrem Willen, ſchön zu ſein, wie Sie liebens⸗ werth ſind. Sein Sie glücklich, Prinzeſſin, ſein Sie glücklich, und Sie werden ſchön ſein! Glücklich! ſeufzte die Prinzeſſin, und ihre Augen flogen durch das Glasfenſter zu dem ſchönen jungen Erzherzog hin, der da in der Mitte ſeines glänzenden Gefolges neben ihrem Wagen ritt, ſtumm und freud⸗ los, wie zu einer Trauerfeierlichkeit, nicht Ein Mal zu ihr herüber⸗ ſchauend, ganz theinahmlos und kalt für ſie! Joſepha ſchaute lange und mit einem ſeltſamen halb zärtlichen, halb traurigen Ausdruck zu ihm hinüber. Es fuhr über ihr Antlitz hin, wie ein Sonnenſtrahl des Glückes, es glänzte in ihren ſonſt ſo ſanften Augen wie das himmliſche Feuer der Liebe, aber bald erbleichte dieſer lagerte 1 jungen haben 0 3 ſchmer endlich 127 dieſer Sonnenſtrahl, erloſch dieſes Feuer wieder, und trübe Wolken lagerten ſich auf ihrem bleichen Angeſicht. Mit einem tiefen Seufzer wandte ſie den Blick ab von dieſem jungen, ſchönen, ritterlichen Fürſten, der ihrer Nähe ganz vergeſſen zu haben ſchien, und achtlos mit ſeinen Cavalieren plauderte. Ihr Auge begegnete den Blicken der Oberhofmeiſterin, die mit ſchmerzvoller Theilnahme auf ſie gerichtet waren, und mit einem un⸗ endlich trüben, ſchmerzvollen Lächeln nickte ſie ihr zu. Ich will Dir Etwas ſagen, Lucie, ſagte ſie dann leiſe, ihre Hand auf die Schulter ihrer Freundin legend, etwas Trauriges, Demüthigen⸗ des und Entſetzliches, will ich Dir jetzt noch ſagen in dieſer Stunde unſers letzten, traulichen Beiſammenſeins. Höre wohl auf meine Worte, und beklage mich: Ich werde meinen Gemahl grenzenlos lieben, aber Er wird meine Liebe niemals erwidern! Ich werde ihn anbeten, und Er wird mich haſſen und verachten! In ſich erſchauernd, und ſchaamvoll erglühend vor ihren eigenen Worten ſenkte Joſepha ihr Haupt und verhüllte ihr Antlitz in ihren Händen.— Und jetzt hielt der Wagen an, jetzt waren ſie zur Stelle, jetzt mußte die arme zitternde Prinzeſſin den Wagen verlaſſen, um dem Kaiſer entgegen zu gehen, der ſie an der großen Treppe erwartete, um ihr Knie zu beugen vor der Kaiſerin, welche da oben in der Halle ihr entgegen ſchritt, und hinter der die Erzherzoginnen ſich befanden und das große, glänzende Gefolge von Damen und Cavalieren. Und Al⸗ ler Augen waren mit kalten, neugierigen, forſchenden Blicken auf die Prinzeſſin gerichtet, die jetzt mit niedergeſchlagenen Blicken an der Hand des Kaiſers daher ſchwankte und halb gebrochen zu der Kaiſerin Füßen niederſank. Gnade, Majeſtät, Gnade! flüſterte ſie leiſe, und aller Etiquette und allem Ceremoniell zuwider, nahm ſie die dargereichte Hand der Kaiſerin und bedeckte ſie mit ihren Küſſen und mit ihren Thränen. Ueber die Geſichter der Hofleute flog ein Ausdruck kalten Spottes, mitleidsloſer Verwunderung, die jungen Erzherzoginnen ſchauten einan⸗ der an mit ſpöttiſchem Lächeln, Maria Thexeſia aber, deren großes, echtes Frauenherz die tiefe Bewegung dieſes armen Mädchens, das da weinend 128 und bebend vor ihr kniete, wohl begriff, Maria Thereſia neigte ſich zu ihr nieder; ſie hob die Knieende mit ſanfter Gewalt empor und küßte ſie auf die Stirn. Sei willkommen, meine Tochter, ſagte ſie mit ihrer vollen, ſonoren Stimme. Möge das Gliück bei Dir einziehen und bei Dir bleiben! Kommt, meine Kinder, laßt uns zur Kapelle gehn! Sie winkte ihrem Gemahl und reichte ihrem Sohn die Hand. Der Kaiſer nahm den Arm der Prinzeſſin Joſepha und trat hinter ſeine Gemahlin, welche jetzt mit feierlichem, ernſtem Schritt vorwärts ging. Vorwärts durch die Säle mit ihrer ſchimmernden Pracht bewegte ſich der glänzende Kaiſerzug dahin nach der Schloßcapelle, in welcher der Cardinal Migazzi, umgeben von Prieſtern in gelbgeſtickten Meß⸗ gewändern, das Brautpaar erwartete. Denn das Ceremoniell erforderte, daß die Prinzeſſin, welche dem König von Rom nicht durch Procuration Angetraut worden, zu allererſt durch den Segen der Kirche und die Weihe der Prieſter ihren neuen Rang und ihre neue Würde empfange, um dann ſogleich mit den Ehren und Auszeichnungen, welche der Kö⸗ nigin gebührten, in ihre Gemächer geführt und von ihrem Hofſtaat be⸗ grüßt zu werden. Man durfte daher der Prinzeſſin nicht einmal Zeit laſſen, ihre Toilette zu ordnen, und von der ermüdenden Reiſe ſich aus zuruhen. So wie ſie war, im Reiteranzug, mußte die Prinzeſſin ſich in die Capelle zur Trauungs⸗Ceremonie begeben. Am Eingang der Capelle ſtand die neue Oberhofmeiſterin der jungen Königin von Rom. Sie löſte das Federbarett von dem Haupt der Prinzeſſin, und die Kai⸗ ſerin ſelbſt ſchmückte ſie dann mit dem Myrtenkranz, den die Oberhof⸗ meiſterin ihr darreichte. Dann nahm Maria Thereſia die Hand Jo⸗ ſepha's und legte ſie in die ihres Sohnes. Als das junge Paar jetzt zu dem Altar ſchritt, um für ihre Ehe den Segen Gottes und der Kirche zu empfangen, neigte der König von Rom ſich näher zu ſeiner Braut, und überwältigt von der Schwere und dem Ernſt dieſes Moments, ſagte er mitleidsvoll: arme Joſepha, ich beklage Sie! 129 IV. Der Hochzeitsabend. Die Feſtlichkeiten des heutigen Tages waren befndet. Die Kaiſerin ſelber hatte die junge Königin von Rom in ihre Gemächer geführt, ſie war ihr zur Seite geblieben, bis die Kammerfrauen die ſchweren Gold ſtoffgewänder, welche die Prinzeſſin nach der Trauung angelegt, von ihr genommen, und ſie mit dem zarten, luftigen, aus Spitzen zuſammenge⸗ ſetzten Negligée bekleidet hatten. Dann hatte Maria Thereſia ſelber den Myrtenkranz und das Diadem von Diamanten aus den langen braunen Haaren der Prinzeſſin losgelöſt, und ihr Haupt ſchmückend mit dem zierlichen, coqnetten Nachthäubchen, hatte die Kaiſerin lächelnd die Stirn ihrer jungen Schwiegertochter geküßt, und dieſe junge Ehe der Gnade Gottes empfohlen. 4 Jetzt war die Prinzeſſin allein in dieſem großen Gemach, an deſſen einer Wand ſich unter einem Baldachin von goldgeſticktem blauem Sammet das große, mit Stickereien und Spitzen verzierte Bett der Königin be⸗ fand. Dicht neben demſelben ſah man die goldene Toilette, mit den hunderterlei Etuis und Neceſſaires von Gold und Edelſteinen, welches Alles ein Geſchenk der Kaiſerin für die junge Königin von Rom war. An den mit blauem Damaſt bezogenen Wänden ſtanden große venetianiſche Spiegel, und ſchienen das Gemach mit dem prunkenden Thronhimmel⸗ bett zu vervielfältigen. Auf dem großen runden Tiſch von Marmor brannten auf ungeheuren ſilbernen Armleuchtern dreißig Wachskerzen, Ta geshelle verbreitend. Die ſchweren Sammetvorhänge der Fenſter waren geſchloſſen, aber ſie gaben doch keinen Schatten, ſondern waren gleichſam durchzogen von Licht und Glanz; denn die Kaiſerin hatte das Schloß und den Vorhof deſſelben zur Feier des Tages mit zweimal hundert tauſend Lampen erleuchten laſſen, und weit in die Fernen hin leuchtete Schönbrunn an dieſem Abend wie in einem Meer von Feuer und Glanz.*): Prinzeſſin Joſepha war allein; ihre Kammerfrauen hatten ſie ver⸗ aſſen, ſie erwartete ihren Gemahl, welcher durch jene kleine Seiten⸗ fforte neben dem Paradebett aus ſeinen Gemächern zu ihr eintreten ſollte. 3—— 7*) Hormayr: Wien, ſeine Geſchichte und ſeine Denkwürdigkeiten Band V. S. 31. Kaiſer Joſeph. 1. Abth. II. 9 . Mit hochklopfendem Herzen, in fieberhafter Spannung, zitternd in in ſcheuer Angſt ging Joſepha auf und ab. Schwere, beklommene Seufzer hoben ihren Buſen, Thränen ſtanden in ihren Augen. Er wird jetzt kommen, flüſterte ſie, in verzweiflungsvoller Bangig⸗ keit die Hände ineinanderringend, er wird mich anſchauen mit dieſen wun⸗ derbaren Augen, die wie der Himmel ſind ſo unermeßlich und ſo tief, und ich, ich werde wie eine Verbrecherin meine Augen vor ihm niederſchla⸗ gen, und nicht den Muth haben, ihm vertrauensvoll zu nahen. Oh mein Gott, mein Gott, ſie haben mir Alle geſagt, daß dieſes Leiden nur ein vorübergehendes iſt, ſie haben mich beſchworen, es wie ein tiefes Geheimniß zu hüten und ganz geheim und ſtill die Mittel zu gebrau⸗ chen, welche die Hofärzte meines Bruders mir gegeben haben. Sie haben mir mit heiligen Schwüren betheuert, daß dieſes Leiden ganz g unefätrli ſei, ungefährlich für mich und Andere, und dennoch ſcheint es mir, ich begehe ein Unrecht, es zu verbergen, dennoch ſcheint es mir, ich hätte es nicht wagen dürfen, die Gemahlin des Königs zu werden, bevor ich nicht geneſen von dieſem Uebel! Aber es wird ja vorüber⸗ gehen, tröſtete ſie ſich ſelber, und es iſt ungefährlich! Es iſt alſo beſſer, zu ſchweigen und in der Stille zu dulden! Er würde ſich vielleicht von mir wenden, er würde mich verabſcheuen, und ich könnt's nicht ertragen, ſeine ſchönen Augen mit Zorn und Spott auf mir ruhen zu ſehen. Schweigen wir alſo, ſie haben Recht! Es wird vorübergehen! Und meine Liebe, meine Zärtlichkeit, mein demüthiger Gehorſam ſoll ihm Abbitte thun für dies Geheimniß, mit welchem ich eintrete in meine Ehe! Oh mein Gott, gieb Deinen Segen, gieb, daß es mir gelingt, ihn glücklich zu meiner Ehe D machen! Lehre mein Herz das ſeine verſtehen und begreifen, lehre mich um ihn mir zu gewinnen! Je was ich thun muß, um ihm zu gefallen, bin ein armes, vernachläſſigtes Mädchen, ich habe nichts, um dieſen ſtolzen, ſchönen Kaiſerſohn gefallen zu können, Liebe, die ich ihm entgegen trage; wie meine Seele und mein Herz. Verzeihung zu erwerben für den Mangel Liebenswürdigkeit? Mein Gott, mein Gott, warum gabſt Du mir nur die Liebe, warum nicht auch ein wenig Schönheit, damit ich Ihm gefallen kann, Ihm, den ich liebe, Ihm, den— ich habe nichts als meine ſie iſt jungfräulich rein und keuſch Wird das genügen, um mir ſeine an Grazie, an Schönheit und ———— 131 in Sie ſchauderte in ſich zuſammen und ſtarrte verſtummend nach nene der kleinen Thür dort drüben hin. Sie hatte da ein Geräuſch ver⸗ nommen,— das Geräuſch nahender Schritte. Jetzt ward der Schlüſſel gig⸗ im Schloſſe gedreht, jetzt öffnete ſich die Thür und der junge König un⸗ trat ein. Er war noch in dem reichen goldgeſtickten ſpaniſchen Ge⸗ und wande, das er bei der heutigen Feſtlichkeit getragen. Der Orden des hla⸗ goldenen Vließes ruhte noch auf ſeiner Bruſt, und daneben die brillan⸗ Oh tenen Ordenskreuze der kaiſerlichen Hausorden.— Dieſem feierlichen, iden ſteifen Hofcoſtüm gegenüber erröthete Joſepha und blickte ſchamvoll nieder efes auf das reizende Negligée, mit dem ſie bekleidet war, und wagte es rau⸗ nicht, das Auge zu ihrem Gemahl zu erheben, der ohne ein Wort, einen Sie Gruß das Gemach durchſchritten und ſich ihr genähert hatte! ganz Schweigend ſtanden ſie ſich eine Zeitlang gegenüber, Joſepha mit heint niedergeſchlagenen Augen, Joſeph ſeine Blicke feſt und prüfend auf ihr nir, Antlitz geheftet. Dann nach einer langen Paufe legte der König ſanft eden, ſeine Haud auf ihren Arm. über⸗ Warum zittern Sie ſo ſehr? fragte er milde. Heben Sie Ihr eſſet, Haupt empor und ſchauen Sie mich an. n mir Sie ſchlug langſam das Auge zu ihm auf, und ſah ihn an mit ſeine einem Blick unbeſchreiblichen, bangen Flehens. n wir Nun? fragte er mit einem trüben Lächeln. Scheint Ihnen mein meine Antlitz noch ſo furchtbar, glauben Sie noch Grund zu haben, vor mir dees zittern zu müſſen? gil Ich zittere auch nicht vor Ihnen, Sire, flüſterte ſie leiſe, wenigſtens ch„ nicht vor Furcht. uic Ach, Sie haben alſo kein Vertrauen zu mir, ſagte er rauh, Sie 1 13 wollen mir Ihre Empfindungen verhehlen. Und doch, Madame, iſt rieet das Vertrauen uns Beiden ſo nothwendig, und nur das Vertrauen in wird uns über dieſe Stunde und über das Leben mit einander glücklich neſs hinweg helfen. Kommen Sie, Joſepha, ich will Ihnen mit einem guten kni Beiſpiel vorangehen! Ich will Ihnen vertrauen! Reichen Sie mir Ihre r pn⸗ Hand! Erlauben Sie, daß ich Sie zu jenem Divan dort hinführe und iit un mich an Ihre Seite ſetzen darf! ir un e Sie legte zitternd ihre Fingerſpitzen in ſeine Hand und ließ ſich gfale J von ihm zum Divan geleiten. Ein Gefühl unendlichen, ſüßen Glückes 9* 132 bemächtigte ſich ihrer Seele, als ſie jetzt inmitten der Stille um ſie her an ſeiner Seite ſaß, allein mit dieſem Manne, den ſie geliebt hatte, ſeit ſie ihn zum erſten Mal geſehen, den ſie, das fühlte und wußte ſie in dieſer Stunde, lieben würde bis zum letzten Hauch ihres Lebens. Zuerſt, Madame, ſagte Joſeph, zuerſt muß ich Sie um Verzeihung bitten, daß ich mich Ihnen zu Ihrem Gemahl aufgedrungen habe, daß ich dieſe Hand, welche Sie mir nicht freiwillig und freudig, ſondern nur gezwungen, nur dem Befehl Ihres Bruders gehorchend, gegeben haben, daß ich ſie angenommen. Sie haben mir damit ein ſchweres, ein unermeßliches Opfer gebracht, Sie haben, um Ihrem Bruder zu gehorchen, vielleicht andere Wünſche, andere Neigungen, eine glückliche erwiederte Liebe erſticken müſſen. Nein, ſagte ſie heftig, nein. Ich habe in meiner Heimath nichts zu⸗ rückgelaſſen, welches ich bedauere, ich habe Ihnen nichts geopfert, nichts— Nichts als Ihre Freiheit, unterbrach ſie Joſeph, aber die Freiheit i*ſt das höchſte, das köſtlichſte Beſitzthum der Menſchen, und dieſes haben Sie mir geopfert, um an meiner Seite angeſchmiedet zu werden, die arme Galeerenſclavin der Politik und der Fürſtenehre. Arme Joſepha, ich beklage Sie! Beklagen Sie mich nicht, flüſterte ſie unter Thränen, beklagen Sie vielmehr Sich Selber, denn Sie haben mir Ihre Freiheit geopfert, Sie haben einer ungeliebten Frau Ihre Hand gegeben, einer Frau, welche glücklich ſein würde, wenn— Wenn ſie uns Beide von den Feſſeln befreien könnte, mit denen man uns in Bande geſchlagen hat! rief Joſeph. Ich glaube Ihnen das, Madame, denn ich leſe aus Ihrem Antlitz, daß Sie ein gutes und edles Herz beſitzen, welches gern bereit wäre, die Qualen und Leiden der Menſchen zu verſöhnen. Aber wir Beide müſſen die Beſtimmung unſeres Schickſals tragen; damit die Kronen nicht von den Häuptern der Menſchen fallen können, müſſen ſie mit Dornen befeſtigt werden. Unſere Häupter tragen Kronen, wir müſſen alſo auch die Dornen hin⸗ nehmen. Aber wir wollen es verſuchen, die Schmerzen unſerer Dor⸗ nenkronen uns gegenſeitig zu erleichtern. Sie ſind meine Gemahlin geworden, ohne Liebe, ich habe mich Ihnen zum Gemahl gelobt,— ohne Liebe! 133 her Joſepha neigte ihr Haupt tiefer auf ihre Bruſt, und ſeufzte ſchwer, üte, ihre Lippen bewegten ſich und murmelten einige leiſe Worte, die indeß ſie Joſeph nicht verſtand. Er fuhr fort: Aber da wir einmal wider unſern Willen an einander ung gefeſſelt ſind, wollen wir mindeſtens verſuchen, uns die Feſſeln leicht zu daſ machen, damit wir nicht von ihnen erdrückt werden. Ich komme zu ern Ihnen, Madame, nicht mit den eitlen und geckenhaften Prätenſionen ben eines Mannes, der glaubt, daß ein edles Weib ihn lieben kann und res, wird, bloß weil der Prieſter ihre Hand in die ſeine gelegt und geſagt zm hat:„Und er ſoll Dein Herr ſein!“ Ich komme vielmehr, um Sie zu ſihe beruhigen, um Ihnen zu ſagen! was auch die Politik über uns verhängt, und die Prieſter geſprochen haben, ich werde die Vortheile und Rechte, ar welche Beide mir gewährt, nicht mißbrauchen. In der Stille und Ein⸗ ſamkeit unſerer Gemächer wollen wir uns des Zwanges entledigen, den her wir vor der Welt und den Menſchen mit einander zu dulden haben. Her Hier wenigſtens wollen wir das Recht haben, nicht zu heucheln und zu de betrügen, ſondern es uns frei und ehrlich zu bekennen, daß wir einander nicht lieben. Aber ſtatt uns zu lieben, wollen wir uns vertrauen. Ich pha komme zu Ihnen mit einem ehrlichen Herzen, ich komme, um Ihnen zu ſagen; Nehmen Sie mich an zu Ihrem Bruder und zu Ihrem Freund. agen Vielleicht gelingt es mir dereinſt, mir Ihre Liebe zu erwerben, vielleicht fert iſt es Ihrer Liebenswürdigkeit, Ihrer Unſchuld und Güte aufbehalten, hran, mein armes Herz, welches unter bittern Schmerzen und gramvollen Täuſchungen erſtarrt iſt, wieder zum Leben zu erwecken, vielleicht werden denen wir uns eines Tages lieben können! Warten wir auf dieſen Tag, hnen ſuchen wir ihn herbeizuführen durch freundliches Entgegenkommen, durch und herzliches Vertrauen, und wenn er da iſt, öffnen wir einander die Arme, eiden und beſtätigen wir mit unſern Lippen und unſern Herzen den Sogen, mung welchen heute die Kirche über uns geſprochen. Aber bis dieſer Tag ptern gekommen, welcher mir ein geliebtes Weib, Ihnen einen zärtlichen erden. Gemahl bringt, wollen wir wenigſtens zu einander halten in Vertrauen hin⸗ und Redlichkeit. Nehmen Sie mich alſo bis dahin an als Ihren Bruder, Dor⸗ Ihren Freund, ſeien Sie bis dahin meine Schweſter und meine Freundin. ahlin e Wollen Sie das, Joſepha? t,— Er reichte ihr ſeine Hand hin und ſah ſie mit offener, unverſtellter 2 4. 4 AC* 4 2 1 4 1 8 — 134 Freundlichkeit an. Sie legte mit einem ſchmerzlichen Lächeln ihre Hand in die ſeine, aber vor ſeinen großen blauen Augen ſenkten ſich ihre Blicke gleichſam erſchreckt zu Boden. Alſo willkommen, meine Freundin, meine Schweſter, ſagte Joſeph faſt heiter. Sie haben mir den Handſchlag gegeben, jetzt ſind Sie Mein! Und nun offenes, rückhaltloſes Vertrauen zu einander. Wollen Sie mir auch das verſprechen, meine Schweſter? Ja, ich verſpreche es Ihnen, hauchte ſie leiſe. Wollen Sie Ihr Herz immer vor mir darlegen, wie ein Buch, in dem ich leſen darf? Ich will es! Ich will niemals ein Geheimniß vor Ihnen haben! Und ich nicht vor Ihnen. Sehen wir zu, ob aus dieſer ver⸗ trauensvollen Freundſchaft nicht zuletzt die Blume der Liebe hervorblühen kann! Offenes, gegenſeitiges Vertrauen alſo! Wir werden deſſen Beide bedürfen, um uns auf dieſem glatten, glänzenden Hofparquet, auf dem man allerlei unſichtbaren Fußangeln und blumenüberdeckten Abgründen begegnet, zurecht zu finden. Ich bin dieſes Ausweichens vor heimlichen Gefahren, dieſer ſteten mißtrauiſchen Vorſicht gewohnt, Sie aber ſind fremd an dieſem Hofe, Sie ahnen nichts von den Fährlichkeiten, die Sie umgeben, Sie bedürfen eines Lootſen, der Ihnen den Weg durch die Klippen und Untiefen zeigt. Ich will Ihr Lootſe ſein, Madame, und Dank den traurigen Erfahrungen, die ich an jedem Tage meines Lebens gemacht, kann ich Sie lehren, die Gefahren zu vermeiden und ihnen auszuweichen. Vor allen Dingen alſo. Madame, wagen Sie niemals, irgend etwas zu ſagen, oder zu wünſchen, was den Neigungen und Anſichten der Kaiſerin widerſtrebt. Laſſen Sie es Sich niemals beikommen, zu glauben, daß Sie eine freis Menſchenſeele, ein berech tigtes Individuum ſind, welches ſeine eigenen Gedanken und Anſchauun⸗ gen haben darf. Wir ſind eine in Gehorſam, Demuth, Unterwürfigkeit und Frömmigkeit erzogene Familie, wir ſehen Alles nur mit den Augen der Kaiſerin, hören Alles nur mit ihren Ohren, und wagen niemals, es uns merken zu laſſen, daß wir auch eigene Augen und Ohren haben. Das iſt alſo das Erſte, was Noth thut, verbinden Sie Sich Ihre ei⸗ genen Angen und Ohren, hören und ſehen Sie nur durch die Kaiſerin. Aber ganz heimlich und in der Stille wird es mir doch erlaubt 1 * 8 * 135 and ſein, durch die Augen und Ohren des Königs von Rom zu ſehen und ihre zu hören? fragte Joſepha lächelnd. Denn um von Ihnen lernen zu können, muß ich doch meine Sinne gebrauchen dürfen. eph Laſſen Sie aber Niemand ahnen, daß Sie von mir lernen. Das Sie Leben ſpinnt ſich anſcheinend bei uns ſo gemüthlich und zärtlich ab, len wir wandeln auf duftenden Blumen, und wo ſich irgend eine Blume verſchoben hat, oder verdorrt iſt, da legen wir einen Roſenkranz oder ein Gebetbuch darauf, und wenn wir uns die Füße wund geriſſen an ich, den Dornen der Blumen, ſo beten wir ein Pater noster, und Alles muß wieder gut ſein. Wenn es aber doch nicht wieder gut iſt? fragte Joſepha. Wenn een! zer⸗ das Gebet doch nicht die Kraft hat, unſere Wunden zu heilen und un⸗ hen ſere Schmerzen verſiegen zu machen? dide Allmächtiger Himmel, was muß ich hören? rief Joſeph faſt dem heiter. Welche profane Zweifel wagen Sie da auszuſprechen? Sie den ſind alſo, wie es ſcheint, nicht frommen und gläubigen Herzens, denn hen Sie wagen es an der Kraft des Gebetes zu zweifeln. Arme Joſepha, id hüten Sie Sich wohl, ſolche Zweifel irgend Jemand, außer mir, hören de zu laſſen! Man würde Ihnen alles Andere leichter verzeihen, als eben urch dieſes. Beten Sie! beten Sie! Das iſt die Hauptſache an unſerem nne, Hofe, beten Sie mit den Lippen; ob Sie mit dem Herzen beten, darnach nts wird Niemand Sie fragen. Wennes aber Jemand thun ſollte, ſo hüten u Sie Sich wohl eine aufrichtige Antwort zu geben. Hüten Sie Sich eie überhaupt aufrichtig zu ſein; trauen Sie Niemand, haben Sie Argwohn gegen Jedermann. ue Ausgenommen gegen den edelmüthigen und großſinnigen Freund, nals den das gütige Schickſal mir an die Seite geſtellt hat, ausgenommen ech gegen Sie! rief Joſepha mit innigem Ton. Ihnen werde ich Alles nund mittheilen dürfen, Sie haben mich ermuthigt dazu, und wenn Sie's gkeit nicht gethan hätten, ſo thut es doch mein eigenes Herz, welches ſchon ugen zu Ihnen das freudigſte Vertrauen, die innigſte Zuverſicht gewinnt! nals, Es freut mich, daß es ſo iſt, ſagte Joſeph leicht mit dem Kopfe ben. 1 nickend, wir werden uns dann das Beiſammenſein möglichſt leicht und 6d. bequem machen können, wenn wir offen zu einander ſind. Fangen Sie ¼ alſo gleich damit an, Madame. Sagen Sie mir offen, giebt es nicht aul 4 An 136 irgend einen Wunſch, den ich Ihnen erfüllen könnte? Haben Sie da in Ihrem Herzen gar nichts, was Sie mir als ein Geheimniß zuzuflüſtern hätten, und wär's auch nur um mir einen Beweis Ihres Vertrauens zu geben? Joſepha zuckte zuſammen, und ihre Wangen erbleichten. Dieſe Frage Joſephs weckte ſie aus der heiteren, glückſeligen Stimmung, der ſie ſich arglos überlaſſen hatte, dieſe Frage erinnerte ſie, daß es aller⸗ dings auf dem Grunde ihres Herzens ein Geheimniß gäbe, welches ſie faſt verpflichtet ſei, ihrem Gemahl mitzutheilen. Furchtſam und zagend blickte ſie ihn an. Vielleicht wußte er ſchon etwas von dieſem Geheimniß, vielleicht wollte er ihr Gelegenheit geben, offen zu ihm zu ſprechen? Aber nein, ſein Antlitz trug ſo ſehr den Ausdruck der Offenheit und Unbefangenheit, es lag nichts Lauerndes, Ausforſchendes und Be⸗ obachtendes in ſeinen großen, tiefblauen Augen. Er wußte und ahnte nichts, und wozu alſo ihm ein Geheimniß anvertrauen, das ihn von ihr zurückſcheuchen konnte, das im Stande war einen Schatten über dieſe Stunde voll Sonnenglanz und Freude zu werfen? Nun? fragte Joſeph freundlich. Sind Sie zu Ende mit Ihrem Nachdenken? Finden Sie nichts, was Ihr Herz bedrückt, und was Sie Ihrem neuen Freund anzuvertrauen hätten? Nein, ſagte Joſepha feſt, nein, ich finde nichts. Mein Leben iſt arm und einfach hingeſchlichen, ich habe nichts erlebt, kaum gelebt, kaum Etwas gedacht, außer, daß die Welt im Grunde recht langweilig und eintönig ſei, und daß es ſich kaum der Mühe verlohnt, ſich ſo durch die langſam hinkriechenden Tage hin zu träumen. Ich werde jetzt erſt anfangen zu leben, die Sonne, welche ich ſo lange erſehnte, wird jetzt über mir aufgehen, ich ſtehe ſchon in ihrer Morgenröthe! Still! ſagte Joſeph leiſe. Hörten Sie nichts? Mir war es, als hätt' ich ein leiſes Klopfen an der Thür vernommen. Jetzt wieder! Es ſcheint wahrhaftig, als ob Jemand zu dieſer Stunde noch Einlaß begehrt. Und der König erhob ſich haſtig und eilte nach der geheimen Thür hin. Iſt Jemand da? fragte er mit lautem, drohendem Ton. a in ſtern nens nniß ande eude rem 137 Ich bin es, Sire, flüſterte eine zitternde, demuthsvolle Stimme, und ich bitte Ew. Majeſtät dringend mir zu öffnen! Es iſt mein Kämmerer Anſelm, ſagte Joſeph zu der Prinzeſſin gewandt, während er den Riegel zurückſchob.— Er hatte ſich nicht ge⸗ täuſcht, es war Anſelm, welcher auf der Schwelle der Thür erſchien, und ſeinem Herrn mit geheimnißvollen Mienen mit den Augen zuwinkte. Wollen Ew. Majeſtät einen Moment die Gnade haben, mich an zuhören, ſagte er, und hier auf den Corridor hinauszutreten, damit ich meine Botſchaft ausrichten kann? Iſt ſie denn ſo eilig, Anſelm? fragte der König befremdet. Kann ſie nicht warten bis morgen? Nicht eine Minute kann ſie warten, Sire, denn man hat mir ge Wohlergehen und Geſundheit davon abhinge, ſagt, daß Ew. Majeſtät daß ich meine Botſchaft ausrichte. Wer hat Dir das geſagt? fragte Joſeph, auf den Corridor hin Wer hat Dich hergeſchickt? austretend und die Thür hinter ſich zudrückend. ſterte Anſelm. Es Sire, ich weiß es nicht, ich ahne es nur, flüſ war eine Frauengeſtalt, ganz eingehüllt in einen großen, ſchwarzen Mantel, mit einer Kaputze über den Kopf, welche das ganze Geſicht verhüllte. Sie kam über die kleine Gallerie, welche zu den Zimmern der Erzherzoginnen führt, und trat ohne Weiteres in das Kabinet Eurer. Majeſtät ein, welches ich aufgelaſſen hatte, während ich Ew. Majeſtät hierher leuchtete. Und was that ſie, was ſagte ſie? fragte Joſeph ungeduldig. Sie fragte, ob Ew. Majeſtät ſchon zu der Frau Erzherzogin ge gangen ſei, und als ich es bejahete, ſteckte ſie ihre Hand mit einem Brief aus ihrer Kapuze hervov, und reichte ihn mir hin. Eile, ſagte ſie, wenn Dir das Glück Deines Herrn etwas werth iſt. Bringe dem König von Rom ſogleich dieſen Brief. Sein Wohlergehen und ſeine Ge⸗ ſundheit hängt davon ab, daß er ſogleich ſeinen Inhalt lieſt⸗ Eile alſo! Sie winkte mit der Hand hierher und verließ eilends das Gemach. Hier iſt der Brief, Majeſtät, haben Sie alſo die Gnade ihn zu leſen. Der König nahm das dargereichte Papier, das ihm die heit des Corridors indeſſen nicht zu leſen geſtattete. Und wer meinſt Du, war dieſe räthſelhafte Botin? Dunkel⸗ Sire,— ich weiß es nicht! Vielleicht werden Sie es an der Handſchrift erkennen. Ich will wiſſen, Anſelm, wen Du unter dem Mantel vermutheſt? Nun denn, Sire, ſagte Anſelm kaum hörbar, ich glaube es war die Erzherzogin Chriſtine! Ich dacht es, murmelte Joſeph vor ſich hin. Es wird eine In⸗ trigue gegen die Prinzeſſin Joſepha ſein, welche ſie haßt, weil ich ſie gewählt habe ſtatt der Schweſter ihres vielgeliebten ſchönen Prinzen von Sachſen. Anſelm hatte vielleicht das leiſe Selbſtgeſpräch des Königs ver⸗ ſtanden, denn gleichſam als Antwort auf daſſelbe ſagte er jetzt: Es iſt vor einer Stunde ein Courier aus Sachſen angekommen, und ich habe von meiner Schweſter, der Kammerfrau der Erzherzogin Chriſtine, er⸗ fahren, daß er auch für die Erzherzogin viele Briefe mitgebracht hat.*) Es iſt gut, ſagte Joſeph, geh jetzt zur Ruh, Anſelm. Wenn Dich morgen Jemand fragt, ob Du mir das Papier übergeben, ſo bejahſt Du es, und ſagſt, ich hätte es zerriſſen, ohne es zu leſen. Hörſt Du, Anſelm, ohne es zu leſen! Er winkte ſeinem vertrauten Diener mit der Hand und kehrte dann wieder in das Zimmer der Prinzeſſin zurück. Verzeihen Sie, daß ich Sie verließ, ſagte Joſeph, und erlauben Sie mir jetzt, in Ihrer Gegenwart einen Brief zu leſen, den ich eben auf ſehr ſeltſame Art erhalten habe. Sie ſehen, daß ich Ihnen ver⸗ traue, denn ich laſſe Sie meine Geheimniſſe ſehen! Er verneigte ſich freundlich und heftete dann den Blick auf das verſiegelte Papier in ſeiner Hand. Was war es, was Joſepha er⸗ *) Die Prinzeſſin Chriſtine liebte den jungen und ſchönen Herzog Albert von Sachſen⸗Teſchen, der Kaiſer Franz wollte aber ſeine Einwilligung zu dieſer Vermählung ſeiner Tochter mit einem apanagirten Prinzen nicht geben. Chriſtine wandte deshalb all' ihren Einfluß auf, um eine Vermählung zwiſchen Joſeph und der Prinzeſſin Kunigunde zu Stande zu bringen, weil ſie hoffte, alsdann leichter zu einer Vermählung mit einem Bruder der Königin von Rom die Einwilligung ihres Vaters zu erhalten. Da ihr dies nicht gelang, ward ſie die unverſöhnliche Feindin der armen Frau, welcher Joſeph den Vorzug g geben. Wraxall Vol. II. S. 411. 139 der blaſſen und zittern machte? Warum pochte ihr Herz jetzt ſo laut und ſtürmiſch, und ſchien dann wie in einer Erſtarrung ſtill zu ſtehen? zeſt? Warum hefteten ſich ihre Blicke mit ſo angſtvollem, entſetztem Ausdruck war auf Joſeph hin, warum ſtockte ihr Herz, als er jetzt das Papier ent⸗ faltete und las? In⸗ Aber auch Joſeph ſchien zu erſchrecken über das, was er las. ˖ſie Auch ſeine Züge nahmen einen entſetzten, verwirrten Ausdruck an, und zen wie er jetzt die Augen von dem Papier erhob und auf Joſepha heftete, war ſein Blick ſtrenge, faſt verachtungsvoll. ver⸗ Madame, ſagte er, und ſeine Stimme war jetzt hart und 4 iſt Madame, ich fragte Sie vorhin in redlicher und guter Abſicht, ob Si zabe mir kein Geheimniß mitzutheilen hätten? Ich hegte den erichigen Wunſch, Ihr Vertrauen zu erwerben. Sie erwiderten mir auf meine Frage, Sie hätten mir nichts zu ſagen, und nicht das kleinſte Geheim niß mir anzuvertrauen. Ich wiederhole jetzt meine Frage noch einmal: haben Sie mir irgend etwas anzuverkranen? Mir irgend ein Geheim⸗ niß mitzutheilen? Sprechen Sie, und ich gelobe Ihnen, Ihr Geheimniß zu bewahren, ſei's was es ſei. Je ſchwerer Ihr Geheimniß, deſto mehr werde ich ſehen, daß Sie Vertrauen zu mir haben! Sprechen Sie alſo! ann Joſepha erwiderte nichts, ihre Zähne ſchlugen ſo heftig aufeinan⸗ ben der, daß ſie nicht ſprechen konnte; ſie zitterte ſo ſehr, daß ſie ſich an ben der Lehne eines Stuhls halten mußte, um nicht umzuſinken. ver⸗ Joſeph ſah es, und ein rauhes, ſpöttiſches Lachen tönte von ſeinen Lippen. Sie fragte ihn nicht, weshalb er lachte, weshalb er ſie jetzt das anſchaute mit ſo ſpöttiſchen, verächtlichen Blicken. Sie ſank, wie von er einer unſichtbaren Macht niedergedrückt, auf ihre Kniee nieder, und hob ihre Arme flehend zu ihm empor. bert Gnade, ſtammelte ſie, Gnade! eſer Er lachte wieder, und hielt ihr das Papier vor die Augen. Leſen ſine Sie, Madame, leſen Sie, ſagte er rauh. ſeph Nein, ſagte ſie, ich kann nicht, und ich will auch nicht! Ich will ann nicht wiſſen, was man Ihnen über mich ſchreibt. Ich will Ihnen ſelbſt die bekennen, was ich muß. Ich will Ihnen mein Ge heimniß vertrauen. ſie Nicht doch, Madame, Sie haben mir gar nichts zu vertrauen! „ rief Joſeph hohnlachend. In einem guten und heiligen Moment bat 140 ich Sie um Ihre Freundſchaft und Ihr Vertrauen, jetzt weiſe ich Bei des zurück, denn ſie haben den verwegenen Muth gehabt, den Moment des Vertrauens vorübergehen zu laſſen. Jetzt iſt es zu ſpät, jetzt ſind Sie nicht mehr eine Freundin, welche man beſchuldigt, und die ich be⸗ ſchützen will, ſondern eine Lügnerin und Heuchlerin, die man anklagt, und die ſich zu rechtfertigen hat! Leſen Sie alſo, Madame, und ſagen Sie mir dann, ob dieſe Zeilen Wahrheit enthalten. Joſepha lag noch immer auf ihren Knieen, aber ſie hatte die Arme nicht mehr zu ihrem Gemahl erhoben, ſie wußte jetzt, daß ſie nichts mehr von ihm zu hoffen, daß ſie nur noch ſein Urtheil zu empfangen habe. Sie wollen nicht leſen, ſagte Joſeph, als ſie unbeweglich, mit herabhängenden Armen, mit geſenktem Haupt auf ihren Knieen blieb. Nun, denn, ſo will ich Ihnen ſagen, was in dieſem Briefe ſteht! Es ſteht darin, daß ich mich vor Ihrer Berührung hüten ſoll, daß es ge⸗ fährlich iſt, Ihnen zu nahen, daß— Ich will Ihnen ſagen, was ferner in dem Brief ſteht, rief Jo⸗ ſepha mit einer verzweiflungsvollen Energie, indem ſie ſich raſch von ihren Knieen erhob. Sie verweigern es mein Geheimniß anzuhören, ſo ſol⸗ len Sie es ſehen! Und mit einer wilden, ſtürmiſchen Bewegung riß ſie das Gewand, welches ihren Hals und ihre Schultern verhüllte, herab, und ließ es, achtlos, daß ſie jetzt im leichten Untergewande, mit entblößten Armen und Schultern da ſtand, zur Erde gleiten. Dann neigte ſie ihr Haupt und beugte ihren Nacken, wie eine Verurtheilte, welche ihr Haupt auf den Block legt, und den Todesſtoß erwartet. Sehen Sie jetzt meinen Nacken an, und dann wiſſen Sie mein Geheimniß, ſagte ſie, mit geſenktem Haupt und gefaltenen Händen vor Joſeph ſtehend bleibend. Und nun hören Sie noch dies, fuhr ſie hoch⸗ athmend fort. Bis vor drei Monaten hatte ich einen Bruder, welchen ich liebte, vielleicht deshalb liebte, weil er ſo ſehr unglücklich war. Er litt ſeit ſeiner Kindheit an einer grauenvollen, entſetzlichen Krankheit, welche die Aerzte den Ausſatz nannten. Die Leute fürchteten ſich davor, und zuletzt wollte Niemand mehr bei ihm ausharren, denn die Aerzte ſagten, die Krankheit ſei anſteckend. Ich liebte meinen Bruder, und ich ſah, was er litt, ich ſah ſeine Einſamkeit und Verlaſſenheit. Das Leben he ſein Kra bis er ſich nicht meinem Flecken, ſind ung Haut, Kranken und bal los fort Sie üt mich n B dnem met we ſelige mache und d derdan müſſer zälhen Zarn Erde den — 141 Leben hatte für mich keinen Reiz,— ich ging zu meinem Bruder in ſein Krankenzimmer, ich ließ mich mit ihm einſchließen, ich pflegte ihn, bis er ſtarb! Gott hat mich beſchützt, die furchtbare Krankheit hatte ſich nicht auf mich übertragen, ich war geſund geblieben. Nur auf meinem Halſe und auf meinem Nacken zeigten ſich leichte dunkelrothe Flecken, die nach und nach größer wurden, ſie ſchmerzen mich, aber ſie ſind ungefährlich. Die Aerzte ſagen, das ſei die Regeneration meiner Haut, meine geſunde Natur werfe den Krankheitsſtoff, den ich am Krankenbett meines armen Bruders eingeathmet, auf die Haut aus, und bald werde es verſchwunden ſein.— Jetzt, Sire, fuhr ſie athem los fort, jetzt wiſſen Sie mein ganzes Geheimniß, und jetzt,— richten Sie über mich! In Ihrer Macht liegt es, mich zu der Glückſeligſten der Sterblichen zu erheben, indem Sie mir verzeihen, aber ich werde mich nicht beklagen, wenn Sie mich verdammen und verurtheilen! Beklagen Sie Sich immerhin, es gilt mir gleich, rief Joſeph mit einem rauhen Lachen. Ich verdamme und verurtheile Sie, und nim⸗ mer werde ich Sie als meine Gemahlin anerkennen. Wenn dies un⸗ ſelige Band, welches mich an Sie kettet, nicht gelöſt werden kann, ſo mache ich Sie verantwortlich für jeden Tag des Abſcheus, des Unglücks und der Pein, den ich in Ihrer Nähe verleben muß! Wenn ich dazu verdammt ſein kann, vor der Welt mich Ihren Gemahl nennen zu müſſen, ſo ſage ich Ihnen, daß ich Ihnen dieſe Schmach nimmer ver zeihen und vergeſſen, daß ich Sie dafür ſtrafen werde mit meinem Zorn und meinem Haß! Sie war, gleichſam von ſeinen Worten zerſchmettert, wieder zur Erde geſunken, und hob mit einer unwillkürlichen Bewegung ihre bei⸗ den Arme über ihrem Haupt empor, als wolle ſie es ſchützen gegen den vernichtenden Blitzſtrahl, der auf ſie herabfuhr. Es lag etwas unendlich Rührendes, Mitleiderweckendes in ihrer Haltung, in ihrer demüthigen Unterwürfigkeit; das eng anſchließende Gewand ließ die edlen und ſchönen Formen ihrer Geſtalt deutlich er⸗ kennen, ihre Arme, welche ſie über ihrem Haupt gefaltet hatte, waren ſchön und voll, wie die Arme einer griechiſchen Statue; ſie ſelber, in dieſer hingegoſſenen, knieenden Stellung, mit dieſen edlen, ſchöngeform⸗ ten, üppigen Schultern, mit dem gramvoll geſenkten Haupt glich einer Statue, bildete die ſprechende, lebensvolle Gruppe einer vom Blitzſtrahl göttlichen Zorns zerſchmetterten Niobe.— Joſeph ſah das nicht, er hatte kein Mitleid mit ihr, keine Bewunderung für das edle hochher⸗ zige Opfer, welches ihr zärtliches Herz dem ſterbenden Bruder gebracht; er ſah nicht ihre Jugend, ihre anmuthsvolle Geſtalt, er ſah nur den großen, blutig rothen Flecken auf ihrem Nacken, und er ſchauderte, als jetzt ihre Arme ſich von ihrem Haupt löſten, und ſich ausſtreckten, ſeine Kniee zu umfangen. Berühren Sie mich nicht, ſagte er zurücktretend. Mir graut vor Ihrer Berührung. Wir ſind auf ewig geſchieden. Heute hat der Prieſter unſere Hände in einander geſchmiedet! Freiwillig wird die Meine nie wieder ſich in die Ihre legen! Leben Sie wohl! Und mit einer geringſchätzigen Bewegung den Brief, welcher ihm ihr Geheimniß verrathen, zu ihren Füßen niederſchleudernd, wandte er ſich ab und verließ das Gemach. V. Eine unglückliche Ehe. Es war am Morgen des Tages nach der Hochzeit. Maria Thereſia hatte ſo eben ihre Toilette beendet, und betrachtete mit einem ſtolzen, befriedigten Lächeln ihre eigene Erſcheinung in dem großen Spiegel ihres Toilettenzimmers. Sie ſah prachtvoll aus in dieſem mit Hermelin verbrämten, dunkelrothen Sammetgewande, das bis zum Halſe hinauf ihre ſtolze majeſtätiſche Geſtalt einhüllte, und in einer langen Schleppe hinter ihr niederfloß. Ihr wundervolles langes blondes Haar, das nur leicht mit Goldpuder angehaucht war, bildete heute, von dem Lieb⸗ ling der Kaiſerin, von Charlotte von Hieronymus, geordnet, den ſtolzeſten Bau von Puffen und Schleifen, und auf der Höhe dieſer Puffen ſchwebte ein kleines rothes Sammethütchen, von koſtbaren Brillantnadeln an dem Haar befeſtigt. Auf den Wangen der Kaiſerin blühte noch ein ſo friſches, glänzendes Incarnat, daß ſie es verſchmäht hatte, der neuen Modeg erhöhen, tenden, welche n verleihen ſchöne,! der ſechs Antlitz bewahrt das Fer den Ka delt, al irer W ſelben lebende de Fr lauteſt mäͤhlte 143 Mode gemäß, ihre natürliche Röthe durch die künſtliche Schminke zu erhöhen, und ihre großen grauen Augen blitzten noch in einem ſo leuch⸗ tenden, flammenden Glanz, daß ſie ſehr wohl dieſer Folie der Schminke, welche nicht blos den Wangen Röthe, ſondern auch den Augen Glanz verleihen ſoll, entbehren konnte.— Maria Thereſia war noch immer eine ſchöne, bewunderungswürdige Frau, trotz ihrer achtundvierzig Jahre, trotz der ſechszehn Kinder, welche ſie ihrem Gemahl geboren; und nicht blos ihr Antlitz und ihre Geſtalt hatten ſich die Schönheit und Friſche der Jugend bewahrt, auch ihr Herz war jung und friſch geblieben, und hatte ſich das Feuey und die Kraft der Jugend unverſehrt erhalten. Sie liebte den Kaiſer, ihren Gemahl, heute noch mit derſelben Gluth und Innig⸗ keit, als ſie ihn geliebt hatte vor achtundzwanzig Jahren an dem Tage ihrer Vermählung, ſie hing an jedem einzelnen ihrer Kinder mit der⸗ ſelben Gluth und Innigkeit, als hätte ſie nicht unter den zehn noch lebenden Kindern ihre Zärtlichkeit zu theilen, und die Schmerzen und die Freuden ihrer Kinder fanden in ihrem zärtlichen Herzen ſtets den lauteſten Wiederhall. Heute hatte ſie ſich ſo köſtlich geſchmückt zu Ehren des neuver⸗ mählten Paares, das jetzt in Wien ſeinen feierlichen Einzug halten, und im Stephansdom der Trauung von fünfundzwanzig glücklichen Brautpaaren beiwohnen ſollte, welche die Kaiſerin zur Fejer der Ver⸗ mählung des Königs von Rom ausgeſteuert und verſorgt hatte. Ich denk, es ſoll dem Joſeph Glück bringen, wenn dieſe funfzig verliebten und glücklichen Menſchenkinder für ihn ihre Gebete zu Gott empor ſenden, ſagte die Kaiſerin lächelnd zu ſich ſelber, als ſie jetzt vom Spiegel zurücktrat. Er kann ſolche Gebete wohl gebrauchen, und es thut wohl Noth, für ſein Glück zu beten, denn die Joſepha gleicht gar wenig ihrer Vorgängerin, und ich fürcht', ihr Gemahl wird an ihrer Seite nimmer die ſchöne Iſabella vergeſſen. Aber ſie ſchaut gut⸗ herzig aus, die Joſepha, und ich hab's in ihren Augen geleſen, daß ſie den Joſeph ſchon liebt. Da wird ſich die Sach' zuletzt ſchon machen, denn die Männer ſind gar eitel und gefallſüchtig, und wenn ſie's merken, daß ein gutes und braves Frauenherz ſich in ſie vergafft hat, da können uletzt halt nit widerſtehen, und lieben ſie erſt aus Mitleid und 4 elkeit, und nachher aus Gewohnheit! 144 Ein ungeſtümes Klopfen an der Thür ſtörte die Kaiſerin in ihrem Selbſtgeſpräch; dann ward die Thür, ohne eine Erlaubniß abzuwarten, geöffnet, und der König von Rom trat ein. Er ſah bleich und verſtört aus, und den freundlichen, heitern Willkommensgruß Maria Thereſia's erwiderte er nur mit einer ſtummen, kurzen Verbeugung. Die Kaiſerin gewahrte es, und eine unwillkürliche Angſt beſchlich ihr Herz. Nun wahrlich, mein Sohn, ſagte ſie, Du kommſt nicht mit einem Geſicht, wie es ſich zu dem heutigen Feſttag ſchickt, und Deine junge Gemahlin— Ich habe keine Gemahlin, unterbrach der König ſie haſtig. Ich komme, um Ew. Majeſtät zu bitten, dieſe Feſtlichkeiten einzuſtellen, oder mindeſtens nicht zu begehren, daß ich an der Seite der Prinzeſſin von Baiern derſelben beiwohnen ſoll. Sie iſt nicht meine Gemahlin und wird es niemals ſein! Was bedeutet das? fragte die Kaiſerin entſetzt. Das bedeutet, ſagte Joſeph mit feſtem und entſchiedenem Ton, daß dieſe Ehe null und nichtig iſt, daß ich nun und nimmermehr dazu ge⸗ zwungen werden kann, der Gemahl einer mit dem Ausſatz behafteten Frau zu ſein. Die Kaiſerin ſtieß einen Schrei aus und wich entſetzt zurück. Was ſprichſt Du da, mein Sohn? fragte ſie bebend. Was iſt das für eine unerhörte Beſchuldigung? Eine Beſchuldigung, welche indeſſen Wahrheit iſt, Majeſtät. Hat man uns nicht vor einiger Zeit erzählt, daß der natürliche Sohn des Churfürſten, der Graf Samſtein, in München im Churfürſtlichen Schloß am Ausſatz geſtorben ſei, den er von einer Reiſe in den Orient ſich mitgebracht? Nun denn, ſeine zärtliche und aufopferungsdurſtige Halb⸗ ſchweſter, die Prinzeſſin Joſepha, hat ſich zu ſeiner Pflegerin gemacht und iſt bis zu ſeinem Tode bei ihm geblieben. Ew. Majeſtät werden dies ohne Zweifel ſehr edel, ſehr erhaben und chriſtlich finden, ich mei⸗ nestheils würde es edel gefunden haben, wenn die Prinzeſſin uns von meiner Vermählung von dem Erbtheil ihres Bruders, das ſie auf ihrem Nacken trägt, Kunde gegeben hätte!. 2 Wehe ihr, wehe ihrem Bruder, rief die Kaiſerin mit zornglühender Augen, wehe dem Hauſe Baiern, wenn Du die Wahrheit ſprichſt! C Gnade zu ſend D. huſaren W chem d ſchritt ſchon i ſeinem der Ka G Liden anvert wieden Rom Gem Er a die ſtren 66 145 Ew. Majeſtät können ſich leicht davon überzeugen, wenn Sie die Gnade haben wollen, den Leibarzt van der Swieten zu der Prinzeſſin zu ſenden. Die Kaiſerin klingelte heftig und befahl dem eintretenden Kammer⸗ huſaren, ſofort den Leibarzt zur Kaiſerin zu beſcheiden. Wenige Minuten ſpäter trat van Swieten in das Gemach, in wel⸗ chem die Kaiſerin mit ihrem Sohn ſich befand.— Maria Thereſia ſchritt dem Arzt, der ſeiner hochherzigen, edlen Geſinnung, ſeiner damals ſchon in ganz Europa berühmten tiefen, ärztlichen Wiſſenſchaft, und ſeinem edlen, kühnen Freimuth die Stellung eines vertrauten Freundes der Kaiſerfamilie verdankte, lebhaft entgegen. Swieten, ſagte ſie, Er hat in Unſerm Dienſt Uns ſchon manch' Leiden tragen helfen, manch' tiefes Geheimniß Unſeres Hauſes iſt Ihm anvertraut, und Er hat's redlich und treu bewahrt. Heut' nehm ich wieder Seine Verſchwiegenheit und Treue in Anſpruch. Der König von Rom behauptet da gar ſeltſame und unerhörte Dinge von ſeiner jungen Gemahlin. Ich will's nicht glauben, ehe ich Ihn gehört habe. Gehe Er alſo ſofort zur Prinzeſſin, befehle Er ihr in meinem Namen Ihm die/ Krankheit zu ſagen, an welcher ſie leidet, und Ihn ihren Nacken er en zu laſſen! Aber Ew. Majeſtät, rief van Swieten überraſcht, wenn die Prin⸗ ſin meine Hülfe nicht begehrt hat— Ant So wird Er ihr dieſelbe aufdrängen, unterbrach ihn die Kaiſerin⸗ wiertig. Geh Er zu ihr. Die Prinzeſſin wird Ihn ſchon annehmen und hem Arzt gegenüber wird ſie ſchon Vertrauen gewinnen. Gehe Er ſogleich, und ſobald Er die Prinzeſſin verlaſſen hat, kehre Er hierher zurück. Van Swieten verneigte ſich und ging hinaus; die Kaiſerin und ihr Sohn waren wiederum allein. Beide ſprachen ſie lange kein Wort. „ Der König von Rom hatte ſich in eine Fenſterniſche zurückgezogen und 4 ſtarrte mit finſtern Blicken zum Himmel empor. Die Kaiſerin ging mit „ großen Schritten auf und ab und achtete es wenig, daß bei der raſchen Bewegung der goldene Puder wie glitzernde Sonnenſtäubchen um ſie her ſprühte. Chriſtina hat wohl Recht gehabt, mich zu warnen, rief die Kaiſerin nach langer Pauſe. Ich hätte nimmer meine Einwilligung geben ſollen Kaiſer Joſeph. 1. Abth. II. 10 —— 2—— 146 zu dieſer Verbindung mit den Feinden unſeres Hauſes. Es thut niemals gut, wenn man ſeine beſiegten und gedemüthigten Feinde zu ſeinen Freunden annimmt, ein Stachel iſt in ihrem Herzen zurückgeblieben, und eines Tages werden ſie die Gelegenheit ablauern, ihn uns in's Herz zu ſtoßen. Hab' viel gelitten durch den Vater dieſer Joſepha, hab' ihn aber endlich beſiegt; die Kaiſerkrone iſt von ſeinem Haupt gefallen; ich nahm ſie auf, und die Sterbeglocken ſeiner Größe läuteten zu meiner Herrlichkeit. Und jetzt kommt ſeine Tochter her, mir den Stachel in's Herz zu drücken und Rache zu nehmen für die verlorene Krone ihres Vaters, jetzt kommt ſie, um Unfrieden und Jammer in mein Haus zu bringen! Oh mein Sohn, warum biſt Du meinem Wunſch nicht ge⸗ folgt, warum haſt Du den Bitten Deiner Schweſter Chriſtina nicht nachgegeben, und haſt Dir die Prinzeſſin von Sachſen zu Deiner Ge⸗ mahlin erwählt! Aber es nützt nichts, darüber jetzt noch zu klagen und zu ſeufzen! Das Uebel iſt einmal geſchehen, und wir müſſen überlegen, wie wir es ertragen können. Nein, wir müſſen überlegen, wie wir es am ſchnellſten von uns werfen können, rief Joſeph. Ew. Majeſtät werden nicht fordern, daß ich die Schmach einer ſolchen Verbindung auch nur dem Schein mach noch länger ertrage. Ich habe Ihren Befehlen nachgegeben, ich Mae meinen Willen, meine Neigungen und Abneigungen der Politif eint Opfer dargebracht, ich habe meinen Widerwillen gegen irgendzeſ zweite Ehe überwunden und mich gebeugt unter das Joch, welch Hat Politik und der Wille meiner Kaiſerin mir auferlegte. Aber jetzt hef des wir an der Grenze, wo die Pflichten des Kaiſerſohnes aufhören, vß die Pflichten und die perſönliche Ehre des Mannes anfangen. ch werde mich niemals dazu verurtheilen laſſen, dieſe Frau, deren Kro h⸗ mich mit Abſcheu und Grauen erfüllt, an meiner Seite zu beh ſt Ueber den Anforderungen der Politik ſtehen die natürlichen Menf n rechte, und nachdem ich den erſtern genügt, muß ich jetzt die let für mich anrufen! Und Du thuſt das in einer ſehr ſtürmiſchen und herriſchen Weiſe. 1 ſagte die Kaiſerin, welche fand, daß der Ton, in welchem der Könit zu ihr ſprach, ſehr wenig von der gehorſamen Unterwürfigkeit und De muth enthalte, die ſie von ihrer Umgebung forderte. Du haſt da Wort und An üypen der böſe Gottesle muß dh gar nich dert und ſdinen ſt bleiben, wahren. Fürſten einem Nenſch A dürſten ſbengen das lel und ed ihr M der ſe es aue 147 und Anſchauungen, von denen ich wünſchte, daß ich ſie nicht von den Lippen meines Sohnes vernommen hätte, denn es ſpricht aus ihnen der böſe Geiſt der Neuerung, der Aufklärung und Oppoſition, den die Gottesleugner und Philoſophen jetzt in Mode gebracht haben. Ich muß Ihnen aber ſagen, Herr Sohn, daß ein rechter und echter Fürſt gar nicht ſeine Menſchenrechte und ſeine Fürſtenpflichten ſo ſubtil ſon⸗ dert und auseinanderklaubt, ſondern daß er beide miteinander zu ver⸗ einen ſtrebt, ſich bemüht, als Fürſt auch noch ein treuer Menſch zu bleiben, und als Menſch immer eine echte fürſtliche Geſinnung zu be⸗ wahren. Wenn aber die beiden Dinge, welche Sie Menſchenrechte und Fürſtenpflichten zu nennen belieben, in Colliſion gerathen, ſo ziemt es einem echten Fürſten wohl, ſeinen Pflichten die mindern Rechte ſeines Menſchenthums unterzuordnen. Aber niemals ſeine perſönliche Ehre! rief Joſeph heftig. Die Fürſtenpflichten ſtehen gar oft im Widerſtreit mit dem, was dem Men⸗ ſchengefühl und der Menſchenehre entſpricht, und wenn Ew. Majeſtät das leugnen wollen, ſo ſagen Sie damit, daß Macchiavelli ein weiſer und edler Rathgeber geweſen, denn Er iſt es, welcher den Fürſten räth, ihr Menſchengefühl ihrer Pflicht als Fürſten unterzuordnen, Er iſt es, der jedes Mittel erlaubt findet, welches die Fürſten fördert, wie ſehr es auch den Rechten der Menſchen widerſtreben mag. Die Kaiſerin war eben im Begriff, eine heftige und zürnende Antwort zu geben, als die Thür geöffnet ward und van Swieten wieday eintrat. vey Nun, Swieten, hat Er ſie geſehen? fragte Maria Thereſia ſtürmiſch. Ja, Majeſtät, ſagte van Swieten ernſt, ich habe die Königin von Rom geſehen! Der beſondere Nachdruck, welchen er auf dieſe Bezeichnung der Minzeſſin legte, machte Joſeph erbleichen und erregte die Aufmerkſam⸗ ke It der Kaiſerin. N Er will ſagen, daß die Prinzeſſin von Baiern die Gemahlin des Königs von Nom ſein und bleiben darf? fragte Maria Thereſia. Sie lePet alſo nicht an einer fürchterlichen Krankheit? enhr ganzes Leiden iſt eine Hautkrankheit, die in kurzer Zeit vor⸗ ae drhe wird, ſagte der Arzt. Manche Menſchen ſind ſo glücklich 10* 148 organiſirt, daß ſelbſt das Gift ihnen nichts anhaben kann, und daß ihre ſtarke und geſunde Natur es auswirft, wie das Waſſer die Leichen auswirft. Die geſunde Natur der Prinzeſſin hat das Gift, welches ſie eingeathmet, auf ihre Haut als unſchädliche Schärfe ausgeworfen, und ihr Organismus iſt davon nicht ergriffen worden. In einigen Wochen werden dieſe Merkmale der Gefahr, welche die Prinzeſſin ſo muthig und ſo todeskühn aus hingebender Liebe überſtanden hat, ganz ver⸗ ſchwunden ſein, und nichts wird davon zurückbleiben, als die Erinnerung an die ſchöne und edelmüthige That der Prinzeſſin. Denn glauben Ew. Majeſtät nur, es iſt leichter, in der Begeiſterung der Stunde dem Tod auf dem Schlachtfeld entgegen zu gehen, als ihm beſonnen und ruhig Tag für Tag und Stunde um Stunde in der düſtern, ver⸗ peſteten Krankenſtube das Haupt darzubieten. Und das hat die junge Königin von Rom mit muthiger Selbſtverleugnung gethan. Maria Thereſia wandte ihr Antlitz mit einem ſtrahlenden Lächeln ihrem Sohn zu. Du ſiehſt alſo, mein Sohn, ſagte ſie, daß Du Dei⸗ ner jungen Gemahlin ſchweres Leid zugefügt haſt. Gehe hin und bitte, daß ſie Deinem Ungeſtüm verzeiht und die bittern die Du ihr bereitet haſt! Nein, Majeſtät, ſagte eine ſanfte Stimme hinter ihnen iſt es, ihn um Verzeihung zu bitten! 3 Die Kaiſerin wandte ſich hefftig um und gewahrte mit Staunen die Prinzeſſin Joſepha, welche da im vollen Glanz der, Toilette, bleichen, kummervollen Antlitzes auf der Schwelle ſtand. 8 Joſepha! rief ſie. Wie kommen Sie hieher? vyf Ich bin dem Herrn da gefolgt, ſagte Joſepha, auf van Swienſcen deutend. Er ſagte mir, daß Ihre Majeſtät hier mit dem König vibon Rom zu Gericht ſitze über mich, und ich merkte an der Art, wie hter mich verließ, daß er zu meinen Gunſten ſprechen wollte. Deshalb bnn ich hinter ihm hergegangen, deshalb bin ich hier, und da ich die Wor 3 gehört habe, welche der großmüthige Arzt für mich geſprochen, möge mir Ew. Majeſtät erlauben, mich ſelber anzuklagen. Nein, mein Her r, es wird von meinen böſen Leiden noch eine andere Erinnerung zurü ſt ⸗ 1 ..—. 9 K bleiben; denn wenn man das Wenige, was ich für meinen armen B⸗e er Stunden vergißt, „ an mir aber ₰ gethan, und was doch nur der natürliche Inſtinkt der Liebe ort 3. — „ loben! willig den Ke Ew. N daß ich einen! und we werfe 3 deren der P Dir, Stund der F muth auch 149 loben wollte, ſo müßte man mich doch verdammen um das, was ich frei⸗ willig und wiſſentlich Unrecht gethan gegen Ew. Majeſtät und gegen den König von Rom. Denn es war ein ſchweres Unrecht, daß ich Ew. Majeſtät meine Leiden verheimlichte, ein unverzeihliches Vergehen, daß ich Ew. Majeſtät nicht davon in Kenntniß ſetzte, oder wenigſtens einen Aufſchub der Vermählung begehrte. Ich war dazu verpflichtet, und weil ich's unterließ, beuge ich mein Haupt in Demuth und unter⸗ werfe mich jeder Strafe, welche Ew. Majeſtät mir auferlegen wollen! Nun, dieſe Strafe ſoll nicht ſo gar groß ſein, ſagte die Kaiſerin, deren gutmüthiges, weiches Herz von den ſanften und einfachen Worten der Prinzeſſin ſchnell verſöhnt worden war. Ich meinestheils vergebe Dir, meine Tochter, denn ich denke, Du haſt Dein Vergehen in dieſen Stunden bitter genug gebüßt. Ich danke Ihnen, Majeſtät, ſagte Joſepha, die dargereichte Hand der Kaiſerin an ihre Lippen drückend. Ihnen wird es in der Groß⸗ muth und dem Edelſinn ihres Herzens leicht, zu verzeihen; aber wird auch mein Gemahl mir vergeben können? Sie wandte ihr bleiches Antlitz mit einem flehenden Ausdruck auf Jo⸗ ſeph hin. Er ſtand noch immer in der Fenſterniſche und ſchaute mit inein⸗ andergeſchlagenen Armen und mit finſtern Mienen auf die Prinzeſſin hin. Nein, ſagte ſie traurig, Er hat mir noch nicht verziehen; um ſein Herz zu rühren, muß ich ein offenes Bekenntniß ablegen. Sie näherte ſich geſenkten Hauptes, demüthig und unterwürfig ihrem Gemahl, und achtete nicht der unwillkürlichen, ſchaudernden Be⸗ wegung, mit der er ihr Nahen abzuwehren ſuchte. Um Ihre Ver⸗ zeihung zu erhalten, Sire, ſagte ſie leiſe, muß ich Ihnen bekennen, wa⸗ rum ich Ihnen mein Geheimniß verſchwieg. Es geſchah aus Furcht, ſie zu verlieren, es geſchah, weil ich lieber mein Gewiſſen belaſten, lieber meine ewige Seligkeit gefährden, als meine irdiſche Seligkeit verlieren wollte, dieſe Seligkeit, an Ihrer Seite zu ſein, als Ihre von der gan⸗ zen Welt beneidete glückſelige Gemahlin! Ich hatte den Muth Sie zu täuſchen, weil es mir an Muth gebrach, Sie zu verlieren. Denn mein Herr und mein Gemahl, ich liebe Sie, mein Herz gehört Ihnen mit jedem Athemzug und jedem Nerv, ich habe Sie geliebt, ſeit ich Sie zum erſten Mal geſehen, und dieſe Liebe, welcher Gott den Segen und das 150 Glück verliehen, daß ſie ſich ſtolz und ohne Erröthen jetzt ſelber bekennen Lö kann, dieſe Liebe hatte mich feig gemacht, daß ich nicht wagte, die Wahr⸗ ihrer E heit zu bekennen. Oh mein Gemahl, haben Sie Erbarmen mit mir, ver⸗ volle, zeihen Sie mir großmüthig, was die Liebe verbrach. Ich fühle mich am Bot ſchuldig, aber ich will wieder gut machen. Mein ganzes Leben ſoll nimmer 13 nichts ſein als das glühende, zärtliche, unterwürfige Beſtreben, Ihr Herz mocht i zu verſöhnen, und Sie durch meine Unterwürfigkeit, meinen Gehorſam diſes S und meine Liebe mein Unrecht vergeſſen zu machen. Verzeihen Sie nit die 3 mir alſo, mein Gemahl, verzeihen Sie um meiner Liebe willen! ſatt de Und ganz außer ſich, ganz überwältigt von ihrer eigenen Bewe⸗ Nrrtra⸗ gung ſank die Prinzeſſin vor ihrem Gemahl auf ihre Kniee nieder, und Beide ſtreckte ihre Hände flehend zu ihm empor. nich b Die Kaiſerin ſchaute in tiefer Bewegung und mit von Thränen lichen umdüſterten Augen auf dieſe ſeltſame und ungewöhnliche Scene hin; nimme ſie erwartete, daß Joſeph, gerührt und beſchämt von dieſer Demuth ver und Liebe ſeiner Gemahlin, ſie aufheben und an ſein Herz ziehen und du um Vergebung flehen würde für ſeine eigene Härte und Grauſamkeit. derge Sie war dergleichen Schlußakte ehelicher Zwiſtigkeiten in ihrer eigenen 1 Che ſehr gewohnt, nur daß bei denſelben immer der Kaiſer der Knieende doſer und um Verzeihung Flehende, und ſie die Aufrechtſtehende, und Ver⸗ enden zeihung Gewährende geweſen. der Aber der König von Rom entſprach diesmal nicht den Erwartungen enp ſeiner Mutter. Er hatte noch immer die Arme über der Bruſt inein⸗ ander geſchlagen, und ſchaute mit finſtern Blicken voll Haß und Zorn d auf die Knieende nieder. d Dieſer Anblick empörte in der Kaiſerin das ſtolze, niemals gedemüthigte n. Weib. Mit haſtigen Schritten trat ſie zu Joſepha hin, und ihr ihre beiden abt Haände entgegen ſtreckend, ſagte ſie: nun, wenn denn der Joſeph nicht Mit⸗ Fü leid und Erbarmen mit Dir haben will, ſo will ich es doch nicht dulden, als 8 daß die Gemahlin meines Sohnes, daß ein Weib ſo gedemüthigt werde. Stehe auf, meine Tochter! Ich ſtelle Dich unter meinen Schutz, und ich ſer werde es nimmer dulden, daß man Dir hart und grauſam begegne. 0 Sie wollte die Prinzeſſin aufheben, aber Joſepha wehrte ſie ſanft zurück. Nein Majeſtät, ſagte ſie, laſſen Sie mich hier, laſſen Sie mich vor ihm knieen, bis er Erbarmen hat, bis er mir vergeben will. 151 Laſſen Sie ſie auf ihren Knieen, Majeſtät, denn ſie iſt da auf ihrer Stelle! rief Joſeph mit harter Stimme. Wenn Sie aber knieen wollen, bis ich Ihnen vergeben habe, Madame, ſo werden Sie ewig da am Boden liegen können, denn nimmer werde ich Ihnen vergeben, und nimmer kann wieder gut zwiſchen uns werden, was Sie ſchlimm ge⸗ macht haben. Ich habe mich in dieſe Ehe gefügt, weil ich der Politik dieſes Opfer ſchuldig war, ich hatte den redlichen Willen, Ihnen und mir die Laſt unſeres Verhältniſſes leicht zu machen, ich trug Ihnen ſtatt der Liebe, die ich nicht in meinem Herzen hervorrufen konnte, mein Vertrauen und meine Freundſchaft entgegen. Sie wiſſen, wie Sie uns Beide getäuſcht haben, wie Sie in dem wichtigſten und größten Moment mich betrogen und hintergangen haben, mit welcher kleinlichen erbärm⸗ lichen Lüge Sie mein Vertrauen zurückgewieſen haben. Es kann alſo nimmermehr gut zwiſchen uns werden. Ich könnte es Ihnen vielleicht verzeihen, daß Sie mich an eine mit ſchlimmer Krankheit behaftete Frau gekettet haben, aber nie und nimmermehr werdy ich's vergeſſen und vergeben, daß dieſe Frau auch eine feige Lügnerin iſt! Es iſt genug! rief die Kaiſerin, empört ebenſo ſehr über die Härte Joſephs, als über die Demuth ſeiner Gemahlin. Dieſe Scene muß enden, und ſo Gott wlill, ſoll ſie ſich niemals erneuern! Der Segen der Kirche iſt über Euch geſprochen, Ihr habt das Sacrament der Ehe empfangen, und ſeid alſo aneinander gebunden für alle Ewigkeit. Ihr müßt alſo ſchon ſuchen miteinander auszukommen! Es hat Jeder ſein Theil an Unglück und Schmerzen zu tragen, und keine Augen giebt's, die nicht auch verſchwiegene Thränen geweint haben. Euer Schickſal iſt nicht mehr zu ändern, alſo tragt es mit Anſtand, klagt in der Stille, aber habt den Muth öffentlich der Welt gegenüber zu lächeln, wie es Fürſten geziemt, mein Sohn, Fürſten, die ihre Pflichten höher ſtellen, als ihre Menſchenrechte! Und mit jener impoſanten Hoheit und ſtolzen Würde, die der Kai⸗ ſerin in allen großen Momenten eigen war, fuhr ſie fort: erheben Sie Sich von ihren Knieen, Königin, und vergeſſen Sie nicht länger, was einer Frau und einer Königin geziemt. Und Sie, mein Sohn, reichen Sie Ihrer Gemahlin die Hand, und beleidigen Sie nicht länger Sich Selbſt, indem Sie der Prinzeſſin die Ehrfurcht/ und Achtung verſagen, 152 welche Sie Ihrer Gemahlin ſchuldig ſind! Die Glocken von Wien läuten zu uns herüber, und das Volk erwartet ſeine Fürſten, um ihnen Glück zu wünſchen! Es ziemt den Fürſten nicht, ihre Völker in ſolcher Stunde warten zu laſſen! Und ohne eine Antwort Joſephs abzuwarten, ohne nur zu beach⸗ ten, ob ihren Befehlen auch ſchon genügt worden, durchſchritt die Kai⸗ ſerin das Gemach, und riß die nach dem Vorſaal führenden Thüren auf. Man benachrichtige den Hof, daß wir zur Abfahrt bereit ſind, rief die Kaiſerin mit lauter gebieteriſcher Stimme. Die Wagen ſollen vor⸗ fahren, der Hof ſoll eintreten! Und die Kammerhuſaren riſſen die Thüren zu dem Saale da drüben auf, und der Kaiſer und die Prinzen und Prinzeſſinnen, und das glänzende Gefolge geputzter, von Brillanten und Ordensſternen leuchtender Herren und Damen trat in den Saal ein. Die Kaiſerin ſchritt ihrem Hof mit einem heitern Lächeln entgegen. Sie ſchaute nicht ein einziges Mal zurück, um zu ſehen, ob das junge unglückliche Paar ihren Befehlen genügt hatte, ſie wußte, daß ſie es gethan, daß die Etiquette ihre alte Macht der Gewohnheit über ſie ausübte, und daß das Lächeln des Ceremoniells ſich wie ein goldglän⸗ zender Schleier über ihr trauriges Antlitz gelegt habe.— Eine Stunde ſpäter hielt die Kaiſerfamilie ihren glänzenden Einzug in Wien. In dem von Gold und Spiegelfenſtern ſtrahlenden Galla⸗ wagen ſaß die ſchöne ſtolze Kaiſerin, ihr zur Seite die junge Königin von Rom, zu beiden Seiten des Wagens neben ihren Gemahlinnen ritten auf ſtolzen goldgezäumten Pferden der Kaiſer Franz von Lothrin⸗ gen, und der König von Rom; das auf den Straßen ſich drängende Volk, die an den Fenſtern und auf den Balconen dicht geſchaarten Damen und Herrn jauchzten und jubelten in froher Luſt dem Kaiſerpaar und dem jungen Königspaar ſeine Glückwünſche entgegen, und die Kaiſerin und die Königin dankten zu allen Seiten hin mit einem glücklichen huld⸗ vollen Lächeln, und nach allen Seiten hin grüßte der König von Rom, und dankte den entzückten Wienern, welche zu Ehren ſeiner wundervollen Augen eine neue Farbe, das„Kaiſerblau“,*) erfunden hatten, mit freund⸗ lichem Neigen des Hauptes. *) Groß ⸗Hoffinger. Joſeph II. Bd. I. S. 50.* † u Dom; den Ko horn d : 1 Staat den g laſſen nit liger der Wi dan ge ſch ha me 153 Und die Glocken läuteten, und die Kanonen donnerten, und im Dom zu St. Stephan erwarteten fünfundzwanzig glückliche Liebespaare den König von Rom und ſeine Gemahlin, deſſen junge Ehe das Füll⸗ horn der Liebe und des Glückes auch über ſie ergießen ſollte. VI. Herzensangelegenheiten eines Staatsmannes. Viel Leute im Vorzimmer? fragte Fürſt Kaunitz den Geheimen Staatsreferendar Baron von Binder, der eben zu ihm eintrat. Ja, Durchlaucht, ſagte Herr von Binder, es ſind ſehr viele von den Herren Diplomaten da, und erwarten ſehnlich, zur Audienz vorge⸗ laſſen zu werden. Langweiliges, geſpreiztes Volk, dieſe Herren Diplomaten, rief Kau⸗ nitz ärgerlich. Je kleiner das Land iſt, das ſie vertreten, deſto gewich⸗ tiger bläht ſich ſo ein kleiner Geſandter! Hab' heute keine Zeit, dieſe Herren zu empfangen, beſonders da ich ihnen gar nichts zu ſagen weiß. Wir haben jetzt Frieden mit der ganzen Welt, und beſchäftigen uns nur damit, Oeſterreich durch Heirathen und Verträge zu arrondiren! Nun, die erſte dieſer Heirathen iſt eben nicht allzu glücklich aus⸗ gefallen, ſagte Binder lächelnd. Man erzählt ſich allerlei ſeltſame Ge⸗ ſchichten von der unglücklichen Ehe des Königs von Rom; man be⸗ hauptet, daß er einen unüberwindlichen Widerwillen gegen ſeine Ge⸗ mahlin empfindet, und ſie ganz öffentlich vernachläſſigt! Bah, was liegt daran, ob ein Fürſt ein glücklicher Ehemann iſt, oder nicht, ſagte Kaunitz achſelzuckend. Die Fürſten heirathen, nicht um ihrem Herzen, ſondern um der Politik zu genügen, und wenn ein Fürſt noch die Prätenſion macht, als Mann eine glückliche Ehe mit ſeiner Frau zu führen, ſo iſt er entweder ein empfindſamer Egoiſt, oder ein ſinnloſer Dummkopf, der ſeine Stellung gar nicht begriffen hat. Wenn der König von Rom ſeine gute, laugweilige, gefühlvolle und häß⸗ liche Gemahlin nicht lieben kann, nun ſo ſoll er die Ausſichten lieben, 154 welche ſie ihm eröffnet. Er trägt an ſeinem Trauring ein gut Stück von Baiern an ſeiner Hand; wenn außerdem noch eine Frau daran hängt was liegt daran! Ach, Durchlaucht, ſagte Binder lachend, eine Frau iſt indeſſen oft ſchwerer zu überwinden, als eine Provinz, und ich bin überzeugt, der König von Rom würde ſich das Stück Baiern lieber mit dem Schwert, als durch die Frau erobern! Weil er ein Tollkopf iſt, der allerhand ſublime und philoſophiſche Ideen hegt, und ſeine Neuerungsſucht für gar abſonderliche Weisheit hält. Er wird ſich noch oft die Stirn blutig ſtoßen, der Herr König von Rom, der allemal Wände und Mauern einreißen will, um aufrecht und ſtolz in das Gebäude einzuziehen, in das wir durch ein Manſeloch hineinſchlüpfen, ohne uns den kleinen Finger zu verletzen. Mauern laſſen ſich nicht ſo leicht einſtürzen, aber Mauſelöcher giebt es überall, das wird der junge ungeſtüme Mann erſt einſehen lernen. Er hat überhaupt noch viel zu lernen und zu begreifen, und muß vor allen Dingen den phantaſtiſchen Gedanken aufgeben, Alles allein thun zu wollen. Man muß nie ſelbſt thun, was man durch Andere thun laſſen kann!*) Deshalb ſehe ich zum Beiſpiel gar nicht ein, warum Oeſterreich ſelbſt mit dem Schwert ſich dieſes Baiern erobern ſollte, was es viel bequemer durch Andere, nämlich durch die Erbſchaft der Königin von Rom erwerben wird.— Der Churfürſt von Baiern wird nicht mehr lange leben, und dann ſind wir ſeine natürlichen und friedlichen Erben. Oder vielmehr der Krieg wird nur in den innerſten Gemächern des Königs von Rom fortgeſpielt, ſagte Herr von Binder. Sie kommen immer wieder auf dieſe empfindſame Albernheit zurück, rief Kaunitz unwillig. Wenn dieſes Specialunglück des Kaiſerſohnes ſo ſehr Ihr Mitleid erweckt, ſo werden Sie bald wieder eine Veran⸗ laſſung zu ähnlichem Mitleid erhalten. Denn glauben Sie mir nur, die Tochter des ſpaniſchen Königs, welcher der Erzherzog Leopold ſich 7 vermählt, iſt nicht ſchöner, nicht liebenswürdiger, und auch nicht geiſt⸗ reicher, als die Prinzeſſin Joſepha von Baiern. Der König von Rom wird alſo wenigſtens ſeinen Bruder, den jungen Großherzog von Toscana, *) Des Fürſten Kaunitz Lieblingswort. nicht; die wi G entgeg - Prinze früher zu den ſodann Loiſa nahe Vorſa ſchied lange Unger welch Dieſe Sie Bart und bel lic 155 nicht zu beneiden haben um die Gemahlin, die wir ihm zuführen, und die wir in wenigen Tagen ſchon in Insbruck empfangen werden. Ew. Durchlaucht werden, wie man ſagt, der Infantin von Spanien entgegenreiſen, um ſie nach Insbruck zu geleiten? Nicht doch, das wäre in der That zu viel Ehre für dieſe kleine Prinzeſſin und zukünftige Großherzogin! Ich werde nur einen Tag früher als die Kaiſerfamilie nach Insbruck gehen, um die Anordnungen zu den Feſtlichkeiten mit prüfendem Kennerblick zu betrachten, und werde ſodann als der Repräſentant des Kaiſers der Infantin Donna Maria Loiſa bis an das Thor der Stadt entgegen gehen. Ah, und deshalb haben die Herren Diplomaten, welche von Ihrer nahe bevorſtehenden Abreiſe gehört, ſich heute ſo zahlreich in Ihrem Vorſaal verſammelt. Sie wollen von Ihrem Herrn und Meiſter Ab⸗ ſchied nehmen. Ich glaube, Durchlaucht, Sie haben dieſe Herren ſchon lange warten laſſen, und es wäre daher ſehr gnädig, wenn Sie ihre Ungeduld endlich befriedigen, und dieſen Herren Audienz geben wollten? Ich habe nichts mit ihnen zu verhandeln, weshalb kommen ſie alſo? Weshalb, Durchlaucht? Weil heute Dienſtag iſt, alſo der Tag, welchen Sie zu den Audienzen der fremden Geſandten feſtgeſetzt haben. Dieſe Herren ſind überdies ſchon unwillig und verdrießlich genug. Sie können's immer noch nicht vergeſſen, daß der Oberhofkanzler von Bartenſtein die Herren Diplomaten zwei Mal in der Woche empfing, und daß er ſie niemals warten ließ. Ich werde ſie alſo lehren müſſen, dies endlich doch zu vergeſſen, und ſich in meine Gewohnheiten zu fügen. Oeſterreich hat, Dank mei ner Fürſorge und Politik, jetzt eine ſolche weltbeherrſchende und gefürchtete Stellung, das es nicht nöthig hat, ſich um den Zorn irgend eines kleinen Geſandten zu beunruhigen, und große, denke ich, werden heute nicht im Vorzimmer ſein. Es ſind zum Beiſpiel die Geſandten von Holland und Sachſen da. Kleine Leute, ganz sans consequence für uns, und dabei ſehr aufgeblaſen und ſtolz! Ich werde dieſe Herren heute nicht empfangen! Aber, Durchlaucht, das hieße dieſe Herren Diplomaten allzuſehr beleidigen. Sie ſind ohnedies noch Alle in ſehr gereizter und empfind⸗ licher Stimmung, weil Ew. Durchlaucht bei Ihrem geſtrigen Diner 156 früher zu Tiſche gehen ließen, bevor noch der Geſandte des Churfürſten von Heſſen, den Sie auch zum Diner geladen, angelangt war. Glaubte man etwa, der Fürſt Kaunitz würde auf den kleinen Heſ⸗ ſen warten? Es war drei Minuten über die zum Diner feſtgeſetzte Zeit, ich mußte den Herren Diplomaten eine Lehre geben, pünktlich zu ſein, deshalb ließ ich ſerviren! Aber jetzt werden Durchlaucht die Geſandten empfangen? Jetzt werde ich die Herren bitten laſſen, nach Hauſe zu gehn, und ein anderes Mal wieder zu kommen! Der Fürſt klingelte und befahl dem eintretenden Pagen, in das Vorzimmer zu gehen, und die dort verſammelten Herren im Namen des Fürſten zu entlaſſen.*) Baron Binder ſchaute dem Pagen mit einem verdrießlichen Kopf⸗ ſchütteln nach. Ueber Kaunitzens Geſicht flog der Schimmer eines Lächelns. Es iſt genug für heute, genug der Geſchäfte und der Ar⸗ beit, ſagte er. Das Schiff Oeſterreich ruht ſtolz und ſicher im Hafen ſeiner Macht, und Ihr wollt's dem Steuermann verargen, wenn er auch einmal einige Stunden vom Dienſt ausruht, und nach ſeiner Laune lebt? Muß Morgen früh ſchon wieder an Oeſterreichs Steuerruder ſtehen und gen Insbruck fahren, und da wollt Ihr brummen, wenn ich heut vorher einmal ausruhe, und auf eine kurze Stunde das Leben genieße? Ich wußte nicht, daß Ew. Durchlaucht dies„das Leben genießen“ nennen, wenn Sie die Geſandten anderer Mächte beleidigen, rief Herr von Binder verdrießlich. Das nenne ich auch nicht ſo, närriſcher Pedant, der Sie ſind, ſondern— hören Sie da das Klopfen? Ja, ich höre es! Es kommt von der kleinen Thür dort, die auf den Corridor führt. Nun, und über dieſen Corridor gelangt man zu der geheimen Treppe, die zu einer Seitenpforte des Palaſtes führt, und wenn Sie jetzt vor dieſer Pforte vorübergehen würden, ſo könnten Sie da die Equipage der ſchönſten, ſprödeſten und gefeierteſten Künſtlerin von ganz *) Geſandſchaftsbericht des Baron von Fürſt an König Friedrich II. von Preußen. Wien „Klopfer S die 7 Binder hinaus hin w mann, Gecken ſich in aus g Woken Stirn dihtig Gemc und quette ein erwid Kopf wie Wien ſehen, die Equipage der ſchönen Foliazzi! Hören Sie nur, das 1 9 55 H 7 Klopfen wird ſtärker, meine Schöne ſcheint ungeduldig zu werden! Sie erlauben, Durchlaucht, daß ich mich entferne, und ebenſo wie die ‚Mplomaten der ſchönen Sängerin Platz mache, ſagte Herr von Binder, ſich verabſchiedend. Indem er ſich aber der Thür näherte und hinaus ſchritt, ſagte der geſtrenge Herr Staatsreferendar leiſe vor ſich hin: wahrhaftig, wäre der Kaunitz nicht ein ſo großer und kluger Staats⸗ mann, ſo wäre man verſucht ihn für einen lächerlichen, dummen alten Gecken zu halten! Fürſt Kaunitz wartete, obwohl das Klopfen an der geheimen Thür ſich immer ſtärker wiederholte, ganz gelaſſen, bis Herr von Binder hin⸗ aus gegangen war, dann trat er vor den großen Spiegel, ordnete einige Locken ſeiner Perrücke, die ſich aus dem kunſtvollen Zickzack auf ſeiner Stirn verſchoben hatten, legte ſein breites Spitzenjabot wieder in die richtigen Falten, und durchſchritt dann mit größter Gelaſſenheit das Gemach, um den Riegel der kleinen Thür zurückzuſchieben. Die ſchöne und gefeierte Sängerin Signora Foliazzi, in der reizendſten und co⸗ quetteſten Morgentoilette, ſtrahlend von Schönheit und Anmuth, trat ein und grüßte den Fürſten mit ihrem bezauberndſten Lächeln. Kaunitz indeſſen empfing die Signora mit mürriſchem Geſicht und erwiderte ihren freundlichen Gruß nur mit einem kaum merklichen Kopfneigen. Sie ſind von einer fatiguirenden Ungeduld, Olympia, ſagte er, wie ein Tambour⸗Major haben Sie an meiner Thür getrommelt. Die Signora lachte. Durchlaucht, ſagte ſie, es war die Ungeduld der Sehnſucht, Sie endlich wiederzuſehen. Wiſſen Sie, daß ein Jahr⸗ tauſend vergangen iſt, ſeit ſich dieſe Pforte des Paradieſes zum letzten Kal für mich öffnete? Oh, Sie ſind ſehr grauſam, ſehr kaltherzig, mein theurer, angebeteter Fürſt. Seit acht Tagen harre ich vergeblich auf irgend eine Botſchaft von Ihnen, ſeit acht Tagen habe ich ſtun⸗ denlang umſonſt am Fenſter geſtanden, und nach ihrer Equipage aus⸗ geſchaut, hat mein Herz ſtürmiſch und in froher Erwartung bei jedem Briefchen, das mir mein Diener brachte, geklopft, denn immer hoffte ich Ihre Handſchrift zu ſehen, vnd immer, ach immer vergebens! Sie wiſſen ſich ſehr glücklich und warm auszudrücken, ſagte Kaunitz ruhig. 9 158— Wenn man warm empfindet, findet ſich auch immer die rechte lebten warme Ausdrucksweiſe, rief die Signora mit einem Lächeln, welches, in Ihr zwiſchen ihren purpurrothen Lippen zwei Reihen perlengleicher Zähne Palfy ſehen ließ. Jetzt, mein angebeteter Sünder und Böſewicht, jetzt geſtehen das e Sie! Warum haben Sie Sich dieſe lange Ewigkeit von mir gewandt? auszut Welche meiner beiden gehaßten und gefürchteten Feindinnen hat Sie d von mir fern gehalten? War es die Politik oder die Gräfin Clary? Fürſen Waren Sie in dieſen acht Tagen blos der weiſe Staatsmann, der große 1 Ni eiskalte Miniſter, oder iſt es wahr, was meine grauſamen und bos⸗ Foliaßji haften Freundinnen mir ſagen, iſt es wahr, daß Sie Sich Ihrer ſchönen angebet Freundin, der Gräfin Clary vermählen ollen? Oh, rechtfertigen Sie riſchen Sich, grauſamer, geliebter Fürſt, beweiſen Sie mir, daß Sie mich nicht D vergeſſen haben, mein Herz ſehnt ſich ſo ſehr, Ihnen verzeihen zu können! Durch Sie lehnte mit einem ſchwachen, zärtlichen Ausdruck ihr ſchönes nicht ſe Haupt an des Fürſten Bruſt und ſchaute mit einem bezaubernden Lächeln nernden zu ihm empor. 3 Fürſt Kaunitz neigte ſich zu ihr nieder, und ſtrich mit ſeiner zarten, ollkom weißen Hand liebkoſend über ihren rabenſchwarzen, glänzenden Scheitel hin. neinCe Sie haben Sich alſo in dieſen Tagen wirklich herzlich nach mir D geſehnt? fragte er. auch vo Ich bin mir nie ſo klar bewußt geweſen, wie grenzenlos ich Sie Ahrem liebe, als in dieſen Tagen, wo ich Sie entbehren mußte, ſagte die lobten, Signora, immer noch das Haupt an ſeine Bruſt gelehnt. Lraut Sie lieben mich alſo wirklich, Olympia? Sagen Sie mir die brachte Wahrheit! Sie lieben mich wirklich? giſchier Grauſamer, und Du fragſt noch? rief die Signora, mit einer lei⸗ ſehr w denſchaftlichen Bewegung ihre beiden Arme um des Fürſten Nacken Symp ſchlingend. Du fragſt noch, ob ich Dich liebe! Fühlſt Du es nicht Fürſt an jedem Pulsſchlag meines Herzens, lieſt Du es nicht in jedem mei⸗ beten, ner Blicke, daß ich Dich liebe, und nur Dich allein? Daß kein anderer ſamkei Gedanke, keine andere Sehnſucht in meinem Herzen iſt, als nur Dir lannte zu gefallen, Dich mir zu gewinnen? danm Es iſt mir lieb, das zu hören, ſagte Kaunitz mit ſeiner klaſſiſchen lechtf Ruhe. Zum Dank für Ihr ſchönes und leidenſchaftliches Liebesgeſtänd⸗— niß will ich Ihnen aber jetzt auch ſagen, weshalb ich Sie in dieſen 4⸗ 159 letzten acht Tagen gar nicht an mich erinnert habe. Ich wollte Sie in Ihrem allerliebſten genialen Liebesroman mit dem Grafen von Palffy nicht ſtören, ſondern Ihnen vollkommene Ruhe und Zeit gönnen, das Netz erſt ganz und gar über den verliebten ungariſchen Grafen auszubreiten! Die Signora ſchaute mit erſchrockenen und unſicheren Blicken den Fürſten an. Aber mein Gott, Durchlaucht, Sie glauben— Nicht doch, ich glaube nicht, ich weiß, daß die ſchöne Signora Foliazzi, welche mich und nur mich allein liebt, ſeit zwei Tagen die angebetete und zärtliche Freundin des jungen, reichen und verſchwende⸗ riſchen Grafen Palffy iſt. Die Signora brach in ein lautes, fröhliches Lachen aus. Aber Durchlaucht, wenn Sie das wiſſen, weshalb haben Sie mich alsdann nicht ſchon bei meinen glühenden Liebesbetheuerungen mit einem don⸗ nernden:„Ich weiß Alles“ unterbrochen? Ich wollte ſehen, ob Sie, wie ich es hoffte und wünſchte, eine vollkommene Meiſterin in der Darſtellungskunſt ſeien. Ich mache Ihnen mein Compliment, Olympia, ſelbſt ich hätte das nichtbeſſer machen können. 5 Durchlaucht, ſagte die Signora ernſt, ich habe dieſe ganze Scene auch von Ihnen gelernt und bin in unſerm Verhältniß durchaus nur Ihrem Beiſpiel gefolgt. Sie haben mir oft geſchworen, daß Sie mich liebten, und zur ſelben Zeit war die äfin Clary ſchen Jrrte Braut, der Sie öffentlich„ Welt dieſelben Huldigungen dar⸗ brachten⸗ wie urd an der Einſamkeit dieſes Gemaches, oder in der Ab⸗ geſchiedenheit meines Boudoi s Oh mein Fürſt, ich habe in der Stille ſehr viel gelitten durch Ihre Treuloſigkeit, und dies Mal habe ich die Sympathieen der ganzen Welt für mich. Denn glauben Sie nicht, mein Fürſt, daß die Menſchen, welchs, es freilich ſo gewohnt ſind, Sie anzu⸗ beten, Ihnen auch dies Mal, f immer, Recht gaben, und Ihre Grau⸗ ſamkeit gegen mich gut gehei ßen haben. Nein, Durchlaucht, Jedermann kannte Ihr doppeltes Lie⸗ ſeverhältniß, Jedermann hat Sie deshalb ver⸗ vanuni und Ihnen dede wenig ſchmeichleriſchen Beinamen eines jungen leichtfertigen und trer Kleſen Libertins gegeben! Fürſten Kaunitz. 160 Wirklich, hat man das gethan, hat man mich einen jungen Libertin genannt? fragte Kaunitz, der auf einen Moment ſeiner ſteinernen Ruhe und Gleichgültigkeit vergaß, und deſſen Antlitz leuchtete vor freudiger Genugthuung. Die Signora ſchien das nicht zu bemerken, ſondern fuhr fort: Ja, Durchlaucht, man hat Ihnen in der ganzen Stadt dieſen Beinamen gegeben, und wenn man irgend einen Mann bezeichnen will, der treulos iſt, von den Frauen angebetet wird und ſie Alle grauſam hintergeht und verläßt, ſo ſagt man:„er iſt ein kleiner Kaunitz!“ Bei dieſen Worten der Signora that der Fürſt, was er vielleicht in vielen Jahren nicht gethan, er lachte laut auf und wiederholte mit ſtolzey, triumphirender Miene:„er iſt ein kleiner Kaunitz.“— Aber, fuhr er dann fort, und ſein Antlitz nahm wieder ſeinen gewohnten ernſten, und majeſtätiſchen Ausdruck an, aber merken Sie wohl, man nennt dieſe andern jungen Libertins doch immer nur die kleinen Kaunitze! Man wagt es doch nicht, ſie mir an die Seite zu ſtellen. Hoffe auch, daß ich nicht ſo leicht zu erreichen und nachzuahmen bin, und der ganzen Welt und allen kleinen Kaunitzen gegenüber allzeit der einzige große Kaunitz bleiben werde! Und dieſer einzige, dieſer große Kaunitz hat mich verlaſſen und betrogen, rief die Signora leidenſchaftlich. Während ich ihn anbetete, ſaß-zu den Füßen der Grf Clary und wiederholte ihr dieſelben Liebesbetheuerungen, mit denen er des ilt eine Stunde vorher erſt mein Ohr trunken gemacht vor Entzücken. Oh, üie ich dus eefube, erfüllte ein zorniger, wahnſinniger Schme meine ganze Seele Jch wollte meine verrathene Liebe mit einer nalen Liebe erſticken, ich wollte der Welt beweiſen, daß ich wenigſtens nicht ſterben wolle dor Schmerz, und daß, wenn der große Kaunitz mick betrogen, die kleinen Kaunitze ganz bereit ſeien, ſich von mir betrügen 4 laſſen. Aus Schmerz und . Rache lieh ich endlich den Liebesſchwüren d 1 Grafen Palffy ein williges Ohr, aber ach, indem ich es that, fühlte ichd ch mit bitterm Weh, daß ich mein Herz nimmer überwinden könnte,* ſe imnmiern noch an⸗ betete, trotz Ihrer Treuloſigkeit und Ihre t: Deshalth me ner beſſern Ueberzeugung und meinem Wil. auf Ihren Ruf ſogleich hierher. Mein He ihre U nicht ſ beteter geſſen alle kle nügen, S rickend ich beg renſeil Ihnen wit de und S Liebes Sie ſchon Nehm und — eferſt ſeuft ſo vie fallen zu be verſte äbertin Ruhe eudiger t: Ja, inamen treulos tergeht ielleicht lte mit Aber, ernſten, nt dieſe Man h, daß ganzen große en und nbetete, ieſelben ger erſt erfuhr . Ich wollte schmerz, daunitze erz und wiliges eh, daß 161 nicht widerſtehen, und ſo bin ich hier. Oh mein theurer, mein ange— beteter, großer Kaunitz, ſagen Sie mir jetzt, daß Sie mich nicht ver⸗ geſſen hatten, ſagen Sie mir, daß Sie mich noch lieben, und ich lege alle kleinen Kaunitze als elendes Spielzeug zu Ihren Füßen nieder. Und die Signora breitete mit ſtrahlenden Augen und einem bezau⸗ bernden Lächeln ihre ſchönen, vollen, weißen Arme dem Fürſten entgegen. Er beeilte ſich indeſſen nicht, ihrer zärtlichen Aufforderung zu ge⸗ nügen, ſondern wehrte mit einer leichten, gebieteriſchen Handbewegung ihre Umarmung ab. Sehr gut geſpielt, Olympia, ſagte er, gravitätiſch mit dem Kopfe nickend, Sie ſind ein ebenſo talentvolles als ſchönes Frauenzimmer, und ich begreife vollkommen, daß die kleinen Kaunitze von Ihnen ani Nar⸗ renſeil geleitet werden. Hören Sie aber jetzt, was der große Kaunitz Ihnen zu ſagen hat! Ich erlaube Ihnen nicht allein dieſe Amour mit dem Grafen Palffy, ſondern ich will, daß Sie dieſelbe fortſetzen, und Sich durchaus nicht geniren, von dem jungen Verſchwender ſo viel Liebesbeweiſe, das heißt, ſo viel Geſchenke als möglich anzunehmen. Laſſen Sie Sich ihn immerhin aus Liebe zu Ihnen ruiniren, wir werden ihm ſchon nachher mit einer reichen öſterreichiſchen Erbin wieder aufhelfen. Nehmen Sie Alles, was er Ihnen giebt, und thun Sie Ihrer Liebe und Ihrer Zärtlichkeit für ihn durchaus keinen Zwang an. Das heißt, Ew. Durchlaucht wollen mir ſagen, daß Sie gar nicht eiferſüchtig, daß Sie vielmehr Meiner vollkommen überdrüſſig ſind, ſeufzte die Signora. Nun dann, mein Fürſt, ich habe wenigſtens noch ſo viel Stolz und Selbſtbewußtſein, daß ich Ihnen nicht weiter läſtig fallen will. Leben Sie wohl, Durchlaucht, und möchten Sie es niemals zu bereuen haben, daß Sie die arme Olympia, welche Sie anbetete, verſtoßen haben.. Und mit einem zärtlichen, hinſterbenden Abſchiedsblick näherte ſich die Signora zögernd der geheimen Thür. Aber ſo bleiben Sie doch, ſagte Kaunitz verdrießlich. Vergeſſen Sie doch nicht immer wieder, daß Sie es mit dem großen Kaunitz zu thun haben, der nicht gewohnt iſt, irgend Etwas ſo zu ſagen und zu thun, wie die andern, gewöhnlichen Menſchen! Ich wiederhole Ihnen Kaiſer Joſeph. 1. Abth. II. 11 162 alſo: überlaſſen Sie Sich Ihrer Liebe zu dem Grafen Palffy, ich habe nichts dagegen, vorausgeſetzt— Vorausgeſetzt? wiederholte die Signora erwartungsvoll, als Kau⸗ nitz einen Moment inne hiel Vorausgeſetzt, daß zwiſchen uns anſcheinend Alles ſo bleibt, wie es iſt. Oh mein geliebter, mein theurer Fürſt, Sie wollen mich alſo nicht verſtoßen? rief Olympia, zu ihm hinfliegend, und ihn trotz ſeines Wider⸗ ſtrebens mit ihren vollen, ſchönen Armen umſchlingend. Der Fürſt machte ſich unwillig von ihr los. Aber mein Gott, ſagte er, ſehen Sie denn nicht, daß Sie mich vollſtändig chiffonnirt haben. Ich werde wahrhaftig um Ihretwillen noch einmal Toilette machen müſſen! Sein Sie doch einmal vernünftig, und hören Sie mir mit Ruhe zu! Ich habe gehört, daß Sie mich nicht ver ſich zärtlich an ihn ſchmiegend, wie wollen Sie alſo, daß ich vernünftig ſei? Aber ich will es ſein, denn ich ſehe da auf Ihrer Jupitersſtirn die Schatten einer Wolke. Sprechen Sie alſo, ich höre! Sie ſagten, toßen wollen, flüſterte ſie, es ſolle unter uns Alles ſo bleiben, wie es iſt? Anſcheinend, ſagte ich. In der That aber ſind Sie die Ge⸗ liebte des Grafen Palffy. Ich wünſche aber, daß die Welt es nicht erfahre, daß ſie vielmehr glauben muß, ich habe den jungen Grafen beſiegt, und nur mir allein gehörten Sie an. Decken Sie alſo ge⸗ fälligſt einen undurchdringlichen Schleier des Geheimniſſes über Ihr romantiſches Verhältniß mit dem Grafen Palffy, und bleiben Sie der Welt gegenüber meine Geliebte. Demgemäß werden Sie einen Tag wie den andern um di eſe Stunde bei mir vorfahren, und Ihre Kutſche eine Stunde an der kleinen Pforte halten laſſen, während Sie in dem kleinen Boudoir, das ich Ihnen habe herſtellen laſſen, Sich damit amü⸗ ſiren, ein möglichſt köſtliches Dejeuner einzunehmen. An Ihrer Seite, nicht wahr, mein geliebter Fürſt? Allein! Ich habe nicht die Zeit, täglich eine Stunde müßiger Zer⸗ ſtreuung zu opfern! Ihr Wagen alſo hält jeden Vormittag eine Stunde vor meiner Thür, und Sie werden die Güte haben, Niemand zu ſagen, daß Sie in meinem Palaſt während dieſer Zeit dejeuniren. Regel⸗ —— 163 dabe mäßig jeden Abend werde ich bei Ihnen meinen Wagen vorfahren laſſen, und Sie werden Sorge tragen, immer, ſo lange mein Wagen vor Ihrer dar⸗ Thür hält, in Ihren Zimmern eingeſchloſſen zu bleiben und keinen Be ſuch anzunehmen. lih„ 4 Sondern Sie mit Sehnſucht und Entzücken zu erwarten! rief die Signora leidenſchaftlich. nit Vraiment, Sie ſind ſehr anmaßend, zu denken, daß ich Muße der habe, zu Ihnen zu kommen! ſagte Kaunitz faſt verächtlich. Es iſt ge nug, daß mein Wagen vor Ihrer Thür hält, und alle Welt glauben 9. 1 muß, ich ſei bei Ihnen. Sie werden dieſem Glauben niemals wider Dol⸗ ſprechen, ſondern es zugeſtehen, daß Sie meine Geliebte ſind. Das iſt wi Alles, was ich von Ihnen fordere. Ein Mann von Welt und feinen deii Manieren muß allerdings in Ruf ſtehen, eine Geliebte zu beſitzen, aber mmr ein Staatsmann darf ſeine edle und koſtbare Zeit, die er dem Staat 4 ſchuldig iſt, nicht mit den Frauenzimmern vergeuden! Sie werden alſo ſie vor der Welt meine Geliebte ſein, und dafür gebe ich Ihnen ein Jahr nftg gehalt von viertauſend Gulden. gtirn Oh Sie ſind ein Engel, ein Gott! rief Signora Foliazzi, und dies gten, Mal mit wahrer und aufrichtiger Freude. Sie verwandeln Sich, wie . der große Zeus es that, in einen Regen von Gold! Ge Nur wünſche ich nicht in die Arme meiner Danae zu fallen, ſagte nicht Kaunitz bedächtig. Hören Sie aber weiter! Sollte es Ihnen einfallen, rafen ffß irgend einem Menſchen auf der Welt unſere heutige Uebereinkunft zu ſo ge 4 verrathen, oder irgend Jemand ahnen zu laſſen, daß Sie nur zum Schein Ihr meine Geliebte ſind, ſo werde ich Sie ſchwer dafür ſtrafen. Sie wer k der den dann nicht allein ſofort Ihr Jahrgehalt verlieren, ſondern ich werde Tag auch der Keuſchheitscommiſſion erlauben, bei Ihnen Hausſuchung zu uüſche halten, und man wird Sie dann in irgend eine Heirath hineinzwängen. denl Die Signora ſchauderte und trat ganz entſetzt von dem Grafen ami zurück. Laſſen Sie mich ſogleich in mein Boudoir gehen, ſagte ſie. Iſt das Dejeuner meiner Einſamkeit ſchon bereit? Nein, von morgen an werden Sie es regelmäßig um dieſe Stunde Zer dort ſinden! Gehen Sie jetzt. Sie ſind lange genug hier, und ich tunde fürchte, der kleine Graf Palffy könnte eiferſüchtig werden. Gehen Sie ſagen, alſo und vergeſſen Sie nicht unſer Uebereinkommen. Regel 11* 164 Ich werde es nicht vergeſſen, Durchlaucht, ſagte die Signora mit einem köſtlichen Lächeln. Leben Sie wohl! Ich erwarte heute Abend rücke Ihre Kutſche, möchte ſie nicht immer leer für mich ſein! Noch einmal, war, leben Sie wohl! Ich erlaube Ihnen, mich zum Abſchied zu küſſen. Taſel Sie neigte den Kopf vorwärts und hielt ihm ihr roſiges Antlitz dar. Thörin, ſagte Fürſt Kaunitz, mit ſeinen weißen Fingern leicht auf von ki ihre vollen rothen Lippen ſchlagend, Thörin, glauben Sie denn, daß Geſich der große Kaunitz dieſe Lippen küſſen wird, welche nicht wie die keuſche vorten Senſitive vor jeder andern Berührung zurückzucken? Gehen Sie, Graf Palffy erwartet Sie, und er wird ſtolz ſein, auf Ihren Lippen nach mei⸗ meint nen Küſſen ſuchen zu können. Gehen Sie und enttäuſchen Sie ihn nicht! eie ſe Er reichte ihr ſeine Hand dar und nahm mit einem leiſen Neigen Durch des Hauptes von ihr Abſchied, dann blickte er der Sängerin nach, wie Dane ſie jetzt leichten, elaſtiſchen Ganges das Gemach durchſchritt und hinter der kleinen geheimen Thür verſchwand. ſahe Sie iſt wirklich ein außerordentlich ſchönes Weib, ſagte Kaunitz ni 3 leiſe vor ſich hin, ich denke, man wird mich um ſie beneiden, es aber doch ſehr natürlich finden, daß die ſchönſte Frau in Wien glücklich iſt, mütſ meine Geliebte zu ſein! Ah, da ſchlägt es zwei Uhr! Meine Tiſchgäſte 3 werden mich erwarten! Aber bevor wir zur Tafel gehen, will ich doch geri dieſer eitlen kleinen Clary noch einige Worte ſagen, die ſie freilich aus fande allen ihren Himmeln ſtürzen werden. Der Fürſt klingelte heftig, und einer ſeiner Pagen eilte herbei; fedc denn ſeit er den Fürſtentitel erworben, hatte Kaunitz ſeinen Hofſtaat um vier Pagen vermehrt, und hielt täglich offene Tafel für zwölf Perſonen. Zur Gräfin Clary, befahl Kaunitz, ich werde ſogleich kommen, um Sie ſie in den Speiſeſaal zu führen. Vorher ſoll man mich in der Puder⸗ kammer erwarten. lichf VII. 15 Fürſt Kaunitz und Ritter Gluck. gewe Fürſt Kaunitz hatte ſeinen Gang durch die Puderkammer vollendet, ds und nachdem er ſich vor dem großen Spiegel überzeugt, daß ſeine Per⸗ nnd det, er⸗ —— 165 rücke ganz gleichmäßig und ſchön mit einem Duft von Puder überhaucht war, begab er ſich in die Gemächer der Gräfin Clary, um ſie zur Tafel abzuholen.— Die junge Gräfin Clary, des Fürſten Nichte, eine junge Wittwe von kaum dreißig Jahren, eilte ihrem Oheim mit freudeſtrahlendem Geſicht entgegen, und empfing ihn mit den zärtlichſten Begrüßungs⸗ worten auf der Schwelle ihres Salons. Welch' eine große und unverhoffte Ehre erzeigen Sie mir heute, mein theurer Fürſt, ſagte die Gräfin mit ihrer ſanften, weichen Stimme. Sie ſelber kommen, um mich zur Tafel zu führen. Oh ich danke Ihnen, Durchlaucht, Sie bereiten mir da einen Triumph, um den mich alle Damen Wiens beneiden werden. Ich komme indeß nicht, um Ihnen einen Triumph zu bereiten, ſagte Kaunitz, ſondern weil ich, bevor wir zur Tafel gehen, einige Worte mit Ihnen zu reden habe! Ich bin ganz Ohr, Durchlaucht, ſagte die Gräfin mit einer an⸗ muthigen Verneigung und einem glücklichen Lächeln. Der Fürſt betrachtete ſeine junge und liebreizende Nichte mit un⸗ gewöhnlicher Aufmerkſamkeit; ſie erröthete unter ſeinen ſcharfen, prü⸗ fenden Blicken, und ſchlug halb beſchämt die Augen nieder.. Sie haben geweint, ſagte Kaunitz endlich. Weshalb haben Sie geweint? Nicht doch, ſagte ſie verwirrt, ich habe nicht geweint. Sie glauben alſo, mich täuſchen zu können? Ich wiederhole Ihnen: Sie haben geweint! Wollen Sie nun noch wagen, mir zu widerſprechen? Nein, mein theurer Oheim, ich habe geweint! Und weshalb? Keine Ausflüchte und Umſchweife! Ich will es wiſſen! Die junge Gräfin hob ihre ſanften, blauen Augen mit einem zärt⸗ lich flehenden Blick zu dem ſtolzen, gebieteriſchen Fürſten empor. Nun denn, ſagte ſie, ich werde Ihnen alſo die Wahrheit ſagen! Ich habe geweint, weil die Signora Foliazzi ſo lange bei Ihnen war. Eiferſüchtig alſo! rief der Fürſt achſelzuckend. Sagen Sie mir doch gefälligſt, wer oder was giebt Ihnen das Recht, eiferſüchtig zu ſein? Gräfin Clary ſtammelte einige unverſtändliche verwirrte Worte, und ihre Augen füllten ſich mit Thränen. 166 Erlauben Sie mir, dieſen Gegenſtand ſogleich mit Ihnen zu er⸗ örtern, ſagte Kaunitz, denn gerade um ſeinetwillen bin ich hergekommen. Unſer Verhältniß zu einander muß klar und beſtimmt ſein, damit es Dauer habe. Sie müſſen alſo die Güte haben, Sich den Anfang deſſelben in Ihr Gedächtniß zurückzurufen! Sie wandten Sich, nachdem Sie mit zwanzig Jahren Wittwe geworden, an mich, als Ihren nächſten Verwandten, und baten mich um meinen Rath und meine Unterſtützung. Denn Sie waren ſchutzlos und Ihr Mann hatte Ihnen außer ſeinem Namen nur ſeine Schulden zurückgelaſſen! Ich ſagte Ihnen meine Unter⸗ ſtützung zu, nicht ſo ſehr, weil Sie mir gefielen, ſondern weil Sie die Tochter meiner Schweſter ſind. Ich ſagte Ihnen:„konimen Sie zu mir! Erſetzen Sie meinem Hauſe und meiner Geſellſchaft die Stelle der Dame vom Hauſe, ſeien Sie die dame d'honneur meines Hauſes. Eni⸗ pfangen Sie meine Gäſte, geben Sie meinem Haushofmeiſter und den Köchen Ihre Befehle, übernehmen Sie die Oberaufſicht in den Salons, richten Sie Alles möglichſt elegant und glänzend, das heißt Meiner würdig ein, und ſorgen Sie dafür, daß die eleganteſte, ſchönſte, geiſtvollſte und vornehmſte Geſellſchaft immer in meinen Salons zu finden iſt! Ich werde Ihnen dafür aller Welt gegenüber die Ehrerbietung und das Anſehen erwirken, das man Ihnen als meiner Nichte und der dame qhonneur meines Hauſes überdies auch nirgends verſagen kann, und außerdem erlaube ich mir Ihnen für Ihre Mühwaltungen ein jährliches Gehalt von zweitauſend Gulden anzubieten.“— Waren das nicht meine Worte, Gräfin? Ja, Durchlaucht, es waren Ihre Worte! Sie erfüllten mich da⸗ mals mit einem nie geahnten ſtolzen Gefühl von Seligkeit und Glück, und nimmer, ſo lang' ich athme und lebe, werde ich ihrer vergeſſen! Es ſcheint indeſſen doch, als ob Sie dieſelben vergeſſen hätten, Gräfin, ſagte Kaunitz ſcharf. Wie käm' es ſonſt, daß Sie Sich erlauben könnten, zu weinen und traurig zu ſein, weil die Signora Foliazzi bei mir war? Was in aller Welt gehen Sie die Beſuche an, welche ich in dem Innern meiner Gemächer empfange? Woher kommt es, daß Sie Sich erlauben eiferſüchtig zu ſein? Habe ich Ihnen jemals dazu ein Recht gegeben? Sagen Sie doch, habe ich Ihnen jemals auch nur mit einem Wort, einem Blick Hoffnungen erregt, die in Ihnen den irrthümlichen Glaul neur 3 niema ſchütze ſolche ich er⸗ nnen. t es fang hdem hſten ung. inem nter⸗ e die lame und liches neine da⸗ Hlüc, 167 Glauben wecken konnten, ich beabſichtigte meine Nichte und dame d'hon- neur zu nieiner Gemahlin zu erheben? Niemals, nein, niemals haben Sie das gethan, rief die Gräfin, niemals haben Sie Sich mir anders denn als den großmüthigen Be⸗ ſchützer und wohlwollenden Freund und Verwandten gezeigt. Nun denn, fragte Kaunitz mit rauhem Ton, wie kommen Sie alſo zu dem übermüthigen und verwegenen Gedanken, daß ich mich Ihnen vermählen will? Mit welchem Recht nähren Sie ſo ſtolze und eitle Ge— danken? Man hat abſichtlich überall das Gerücht verbreitet, ich habe mich mit Ihnen verlobt, man hat die Albernheit ſogar ſchon ſo weit getrieben, Ihnen, als der zukünftigen Fürſtin, zu huldigen, und Sie ha⸗ ben ſolche Huldigungen mit einem zweideutigen Lächeln, und ohne vieles Sträuben angenommen. Ich wünſche, Madame, daß Sie von nun an ſolchen abgeſchmackten Gerüchten auf das Ernſteſte und Entſchiedenſte widerſprechen, denn wiſſen Sie, daß ich bis jetzt und wahrſcheinlich auch für alle Zukunft den entſchiedenen Willen hege, mich nicht wieder zu vermählen; ſollte dies aber einſt der Fall ſein, ſo könnte die Gemahlin des Fürſten Kaunitz doch nur in der Kaiſerfamilie oder in irgend einem andern legitimen Fürſtenhauſe zu finden ſein. Werden Sie die Güte haben, Sich dies zu merken, Gräfin? Ich werde kein Wort von dem, was Sie mir geſagt haben, ver⸗ geſſen, ſagte die Gräfin mit mühſam zurückgehaltenen Thränen. Aber ich verſichere Sie auch, mein theurer Fürſt, daß ich niemals ſo kühne und vermeſſene Gedanken gehegt, ja, daß ich niemals ſolche Wünſche zu nähren gewagt habe. Mein Gefühle für Sie waren bei allem En⸗ huſiasmus und aller Anbetung doch durchaus reiner und uneigennütziger Art, nie habe ich mich anders zu Ihnen gedacht, als in dem Verhält⸗ niß einer dankbaren und gehorſamen Tochter zu einem angebeteten und zugleich gefürchteten Vater. Nur kindliche Gefühle erfüllten meine Seele! Ich erſuche Sie aber, Sich mit dergleichen Gefühlen für mich durch⸗ aus nicht zu bemühen, ſagte Kaunitz verſtimmt. Ich bin durchaus nicht in der Lage und in der Nöthigung, die Nolle eines zärtlichen Vaters Ihnen gegenüber zu ſpielen, und daß Sie mir bis jetzt auch dieſe Rolle nicht zuertheilten, beweiſen Ihre Thränen, welche Sie vorher um den Beſuch der Foliazzi geweint. Aber laſſen wir das jetzt! Wir haben —— 168 uns verſtändigt, und ich hoffe, wir werden niemals nöthig haben, auf dies Geſpräch zurückzukommen! Geben Sie mir jetzt gefälligſt Ihren Arm, und erlauben Sie mir, Sie zu unſerer Geſellſchaft zu führen! Die junge Gräfin nahm, ganz verſchüchtert und demuthsvoll, den dargebotenen Arm des Fürſten, und folgte ihm ſchweigend und mit durchaus entnüchtertem Herzen in die Geſellſchaftsſäle. Sie hatte ſich bis zu dieſer Stunde wirklich mit der ſtolzen Hoffnung geſchmeichelt, dereinſt die Gemahlin des Fürſten Kaunitz zu werden, der Fürſt hatte ſie jetzt enttäuſcht, ſie fühlte die Schwingen ihrer Seele für im⸗ mer gelähmt, denn ſie wußte jetzt, daß ſie niemals die Gemahlin, ſondern immer nur die bezahlte dame d'honneur des Fürſten Kaunitz ſein werde!— Die Gäſte des Fürſten, welche er zu ſeiner heutigen Mittagstaſel geladen, waren lange ſchon in dem neben dem Eßſaal befindlichen Salon verſammelt, als Kaunitz mit der Gräfin am Arm zu ihnen eintrat. Es fiel indeß dem Fürſten gar nicht ein, ſich wegen ſeines ſpäten Er⸗ ſcheinens bei ſeinen Gäſten zu entſchuldigen, und doch waren da nur Herren und Damen des höchſten Adels, der ſtolzeſten Ariſtocratie, dazu einige Geſandte der mächtigſten und größten auswärtigen Höfe. Aber Kaunitz war dieſen hochmögenden, reichen und vornehmen Leuten ge⸗ genüber doch immer noch der gefürchtete und umſchmeichelte allmächtige Miniſter der Kaiſerin, und in ſeinen klugen und gewandten Händen ruhte für jetzt das Geſchick Oeſterreichs nicht allein, ſondern auch die Fäden der europäiſchen Staatenpolitik lenkten und ordneten ſeine ſchlanken von Brillanten blitzenden Finger.— Die Ariſtocraten verbargen daher ſorgfältig ihren Unmuth über die Anmaßung des ſtolzen gefürſteten Miniſters, die Geſandten gaben ſich den Anſchein, es nicht zu gewahren, daß Kaunitz gerade ſie oft gefliſſentlich vernachläſſigte, und durch die völlige Hintenanſetzung aller Rückſicht und Etiquette ihnen den Beweis geben wollte, wie wenig Oeſterreich nöthig habe, ſich um die Wohlge⸗ neigtheit und Freundſchaft der andern europäiſchen Höfe zu bewerben. Sie ertrugen es daher geduldig, daß Kaunitz ſie ſo arg demüthigte, ſie nach ſtundenlangem Warten auf eine Audienz durch ſeine Pagen zu entlaſſen, daß er nicht einmal, wenn er ſie zu Tiſche geladen, ihr Kommen erwartete. Erſt in den letzten Tagen hatten ſie dieſe Demüthigungen empfan und ſei als K ſchritt, vornehn welche den Li S ſandten deutſch Allen jeßt u vornel Kopfn derr und d geblie Anred ſeine willto Auss nach feſtzu ſehen rende meiſt Tafe 169 empfangen, und dennoch hatte keiner von ihnen den Muth, ſeinen Aerger und ſeinen Zorn zu zeigen, dennoch lächelte und verneigte ſich Jedermann,. als Kaunitz jetzt hoch und ſtolz durch die Reihe ſeiner Gäſte dahin ſchritt, die Fürſten und Grafen, die Geſandten und die ſchönen und vornehmen Damen nur mit einem leiſen Kopfnicken, und diejenigen, welche er beſonders ehren und bevorzugen wollte, mit einem wohlwollen— den Lächeln begrüßend.*) Fürſt Kaunitz ſchien es gar nicht zu beachten, daß heute die Ge⸗ ſandten der mächtigſten Höfe, und ſogar ein ſouverainer, regierender deutſcher Fürſt in ſeinem Salon ſich befanden. Er ſchritt raſch an ihnen Allen vorüber, und näherte ſich dieſem kleinen, zierlichen Herrn, der bis jetzt unbeachtet und allein in einer Fenſterniſche geſtanden, und den die vornehmen Herren und die ſtolzen Damen kaum mit einem herablaſſenden Kopfneigen, einem leiſen Lächeln begrüßt hatten. Dieſer kleine, zierliche Herr war der Balletmeiſter Noverre, der geniale Schöpfer des mimiſchen und darſtellenden Ballets, wie es ſeitdem bis auf unſere Zeiten Mode geblieben iſt. Fürſt Kaunitz, der bis dahin Niemand die Ehre einer Anrede erzeigt, reichte dem Balletmeiſter mit ſeinem ſchönſten Lächeln ſeine Hand dar, und hieß ihn mit herzlichen Worten in ſeinem Hauſe willkommen. Noverre erröthete vor Vergnügen über ſolche unerhörte Auszeichnung und warf einen ſcheuen und ängſtlichen Blick hinüber nach den vornehmen Herren, die kaum im Stande waren ihr Lächeln feſtzuhalten, und ihren Mißmuth über dieſe neue Demüthigung nicht ſehen zu laſſen. Jetzt öffneten die Lakayen die großen, nach dem Speiſeſaal füh⸗ renden Thüren, und auf der Schwelle derſelben erſchien der Haushof⸗ meiſter, um mit lauter und feierlicher Stimme zu verkünden: daß die Tafel des Herrn Fürſten ſervirt ſei!— In der Geſellſchaft entſtand eine Bewegung; die Damen hörten auf zu plaudern, die Herren näherten ſich ihnen, um ihnen den Arm zu bieten. Man erwartete nur noch, daß Kaunitz Allen das Signal gebe, und ſeine Dame erwähle, um mit ihr den Zug nach dem Speiſeſalon zu eröffnen. Die ſchöne und leicht⸗ fertige Gräfin Lauzun ſchien den Fürſten mit ihrem coquetteſten Lächeln *) Wraxall. Memoirs V. I. p. 380. — auffordern zu wollen, ſie zur Tafel zu führen, die Gräfin Kinsky ſchaute ſtolz und herausfordernd zu ihm herüber, und die Gräfin Clary wartete mit niedergeſchlagenen Augen und hochklopfendem Herzen, ob der Fürſt ihr, ſeiner dame Thonneur, nicht dieſen kleinen Triumph über ihre Ne⸗ benbuhlerinnen gewähren werde. Kannitz indeſſen ſchien das Alles gar nicht zu bemerken; er ſprach ruhig weiter mit dem Balletmeiſter Noverre, und erſt, als er ganz be dächtig und langſam ſeine Unterhaltung beendet hatte, ſchritt er zu den Damen hin. Aber plötzlich, und bevor er noch Einer von ihnen den Arm geboten, blieb der Fürſt ſtehen und ließ ſeine großen Augen mit einem eiſigkalten, forſchenden Blick an den Herren vorübergleiten. Mein Gott, ſagte er, welche Unhöflichkeit waren wir Alle im Be⸗ griff zu begehen! Ich habe den Ritter von Gluck zum Diner eingela⸗ den, und wir wären beinah zur Tafel gegangen, ohne ſeine Ankunft zu erwarten. Man ſoll aber nicht ſagen können, daß der Fürſt Kaunitz jemals einem Genie und einem Kinſtler gegenüber es an der ſchuldi⸗ gen Ehrfurcht und Höflichkeit fehlen laſſe! Ich bitte alſo meine ver⸗ ehrten Gäſte, die Ankunft des Herrn Gluck abzuwarten, bevor wir zur Tafel gehen!*) Er nickte leicht mit dem Kopf, und wandte ſich wieder an Noverre, um die Unterhaltung mit ihm auf's Neue zu beginnen. Die Gäſte des Fürſten aber ſtanden mit verſtörten Mienen und finſtern Geſichtern umher, Alle fühlten ſie ſich gleich ſehr verletzt durch die Worte des Fürſten. Die Ariſtokraten waren mit ſtolzem Unwillen erfüllt über dieſe Neuerung, welche Fürſt Kaunitz ſich ſeit einiger Zeit erlaubte, indem er Menſchen ohne Geburt und Rang und Titel, indem er Künſt⸗ ler und Gelehrte in ſeine Salons einführte, und ihnen die unverdiente Gunſt verſchaffte, mit Leuten vom reinſten Adel und alten hochtönen⸗ den Namen in Berührung zu kommen, die Geſandten fühlten es als eine abſichtliche Verhöhnung und Beleidigung, daß Kaunitz heut mit dem Diner auf einen Muſiker warten ließ, während er geſtern trotz des noch nicht erſchienenen Geſandten hatte ſerviren laſſen. Kaunitz ſchien von dem Mißmuth ſeiner Gäſte gar keine Ahnung *) Swinburne. zu hab tigkeit ſetzt nn Fürſter geringſ ſchleud nen S auf di ſchien. ler ſic ſich he golden 171 ſchaute dorhet zu haben, er unterhielt ſich fortwährend und mit ungewohnter Lebhaf⸗ Fürf tigkeit mit dem Balletmeiſter Noverre. Der arme Tänzer indeß gab jetzt nur noch kurze, verlegene Antworten. Dieſe übergroße Gunſt des 6 o, ue Fürſten begann ihn zu ängſtigen, er bemerkte ſehr wohl die finſtern ſpra geringſchätzigen Blicke, die einige der vornehmen Herren auf ihn herüber⸗ iibe ſchleuderten, er ſah, wir der hohe Herr da mit dem glänzenden golde⸗ 1 de nen Stern auf der Bruſt ſich ihm immer mehr genähert hatte, und den auf die Beendigung ſeiner Unterhaltung mit dem Fürſten zu warten e uit ſchien. In tiefſtem Reſpect wollte der verlegene und geängſtete Künſt⸗ ler ſich eben vor dem Herzog zurückziehen, als Kaunitz ihn näher zu n Be⸗ ſich heranwinkte, und den armen verlegenen Tänzer an einem der großen 3 goldenen Knöpfe ſeines Sammetrockes feſthielt. ngela⸗ Gehen Sie nicht, ſagte Fürſt Kannitz leiſe. Ich ſehe da, eben ſo uf du gut wie Sie, den Herzog; er lauert nur darauf mich frei zu ſehen, um aunih mit mir zu reden; aber er iſt ein Lügner und Aufſchneider; mir iſt huldi nicht wohl bei ihm, deshalb will ich ihn nicht ſprechen!*) Erzählen e der⸗ Sie mir ein wenig von dem neuen Ballet, das Sie jetzt den Erzher⸗ it zut zoginnen zur Namensfeier des Kaiſers einſtudiren ſollen, und zu wel⸗ chem, wie man mir geſagt hat, der große Meiſter Gluck die Muſik Perde geſchrieben hat. Aber ſtill, ich ſehe da den Maeſtro ſelber kommen! Gäſte Der Fürſt nickte dem Tänzer lächelnd zu und durchſchritt mit un⸗ ihtern gewohnter Eilfertigkeit den Saal, um Gluck, welcher wirklich eben ein⸗ te des getreten war, entgegen zu gehen. Mitten im Salon trafen ſie Beide über zuſammen und reichten ſich Beide mit einem ſtolzen Neigen des Kopfes mubt, und einem gnädigen, wohlwollenden Lächeln die Hand. Ringsumher Künſt ſtanden die vornehmen Herren und Damen, und ſchauten ſchweigend diente und mit finſtern Mienen auf dieſe beiden Männer hin, welche da in könen⸗ ihrer Mitte ſtanden, Beide ſo ſtolz und ſelbſtzufrieden, Beide ſo ſehr ·8 als ihrer eigenen Größe ſich bewußt, daß es ſchien, als bemerkten ſie kaum, t mit daß noch andere Menſchen neben ihnen exiſtirten.— Meiſter Gluck trot war im glänzenden, goldgeſtickten Hofcoſtüm mit dem Galanteriedegen an der Seite und dem großen Brillantorden des Papſtes auf der Bruſt; hnung 5—* *) Des Fürſten eigene Worte. Siehe: Dutens Mémoires d'un Voyageur qui se repose. Vol. I. p. 357. 172 er war ſtattlich und prächtig anzuſchauen, und vielleicht hätte es nicht des Ordenskreuzes des Papſtes bedurft, um dieſer ſtolzen und edlen Erſcheinung den Titel eines„Ritters“ zu bewilligen. Er nahm mit größter Unbefangenheit und mit ſtolzer heiterer Ruhe die Hand des Fürſten, und ließ ſich nicht einmal zu digung über ſein verſpätetes Kommen herab. Gott ſei Dank, daß Sie endlich doch kommen, ſagte Fürſt Kau⸗ nitz laut genug, um von Jedermann verſtanden zu werden. Ich fürch⸗ tete ſchon, die Götter, Engel und Dämonen, deren täglicher Tiſchgenoſſe der große Maeſtro Gluck iſt, würden uns arme Sterbliche um die Ehre bringen, heute einmal mit dem Liebling der Götter, der Muſen und der Grazien an einer Tafel zu ſpeiſen. Nun, die Götter, die Muſen und die Grazien ſind Alle ſehr be⸗ freundet mit dem Fürſten Kaunitz, ſagte Gluck lächelnd, und wenn man in ihrem Tempel iſt, hat man immer nicht weit bis zum Fürſten K zu gehen. Kaunitz, welcher ſonſt gewohnt war, die grö Schmeicheleien mit vollkommener Seelenruhe indeſſen mit einem freundlichen Neigen die Geſellſchaft wendend, ſagte er: laſſen Sie uns zur Tafel gehen! dargebotene der kleinſten Entſchul⸗ aunitz ßten und übertriebenſten zu genießen, dankte Gluck des Kopfes, und ſich dann an jetzt, meine Damen und Herren, Aber die Geſellſchaft ſtand noch immer unbeweglich und ſchweigend da, ſie erwartete noch immer, daß der Fürſt ihnen das Zeichen zum Aufbruch gebe, indem er einer der Damen ſeinen Arm reiche. Der Fürſt ließ ſeine großen Augen mit einem prüfenden Blick an der Reihe der Damen vorübergleiten, und heftete ſie dann auf Gluck, der noch immer neben ihm ſtand. Ich bitte den Herrn Ritter von Gluck, mir zu erlauben ihn heute als meine Dame betrachte, und ihm meinen der Fürſt, indem er mit ungewöhnlich tiefer Verneigung dem Compo⸗ niſten ſeinen Arm bot. Man hat ſonſt immer nur das Glück, bei Tafel zwiſchen zwei Damen zu ſitzen, wenn ich ab Seite habe, Herr Ritter von Gluck, ſo von neun Damen zu ſein. Deshalb, gnädig und reichen Sie mir Ihren ,daß ich Arm biete, ſagte er Sie an meiner bin ich gewiß, der Tiſchgenoſſe Liebling der Muſen, ſeien Sie Arm! Ich bin ein zu großer An⸗ beter un laſſen z G ſich ber zur Taf W Sie eig weit gr N weit la D Gravite Ale ho Geſicht Herren ſondern höhnun Kaunit A bruck Jogs 90. Infant A I die Ve kerade ſeinem teur o den feierli deren und a Wun die- ſelber nicht edlen n mit botene iſchul⸗ Kau⸗ fürch⸗ enoſſe Ehre und be⸗ man unitz ſten luck an ren, end zum ——— 173 beter und Verehrer Ihrer Damen, um Sie irgend einem Anderen über⸗ laſſen zu können. Gluck legte mit einem ſtolzen Lächeln, und vollkommen der Ehre ſich bewußt, welche er dem Fürſten erzeigte, indem er ſich von ihm zur Tafel führen ließ, ſeinen Arm in den des Fürſten. Wahrhaftig, wir bilden ein vortreffliches Paar, ſagte Kaunitz heiter. Sie eignen Sich ſehr gut zu meiner Dame, denn ſehen Sie nur, ich bin weit größer als Sie! Wahrhaftig, es iſt ſo, ſagte Gluck lächelnd, Ew. Durchlaucht ſind weit länger als ich! Das ſeltſame und ungewöhnliche Paar durchſchritt mit ſtolzer Gravität den Saal, und hinter ihnen her kamen die Gäſte des Fürſten. Alle hatten ſie jetzt, da der Fürſt ſie nicht ſehen konnte, mißvergnügte Geſichter und düſtere Stirnen, denn jetzt waren es nicht mehr blos die Herren Fürſten, Grafen und Geſandten, welche Kaunitz beleidigt hatte, ſondern auch die Damen fühlten ſich ſchwer verletzt durch dieſe Ver⸗ höhnung aller Etiquette und alles Ceremoniells, kraft deren der Fürſt Kaunitz ſtatt einer Dame den Ritter von Gluck zur Tafel führte.— Am Tage nach dieſem Diner begab ſich Fürſt Kaunitz nach Ins⸗ bruck, woſelbſt der Kaiſerhof die Vermählungsfeierlichkeiten des Erzher⸗ zogs Leopold, des nunmehrigen⸗Großherzogs von Toscana, mit der Infantin Donna Maria Loiſa von Spanien, begehen wollte. Die glänzendſten Feſte und eine wahrhaft kaiſerliche Pracht ſollten die Vermählung des zweiten Kaiſerſohnes feiern; Illuminationen, Mas⸗ keraden und Bälle waren vorbereitet; auch das kaiſerliche Ballet mit ſeinem Direktor Noverre war nach Insbruck beſchieden und der Direc⸗ teur des spectacles, Graf Durazzo, verweilte ſchon ſeit acht Tagen mit den Mitgliedern der kaiſerlichen Oper in Insbruck, wo am Tage des feierlichen Einzuges der Kaiſerbraut die Oper Orpheus und Euridice, deren Ruhm jetzt ſchon ganz Europa durchrauſchte, gegeben werden ſollte. Gluck, obwol er ſein Amt als Kapellmeiſter der Oper niedergelegt und an Florian Gaſſmann abgetreten hatte, war indeſſen auf beſonderen Wunſch und Willen des Kaiſerhofes ſelbſt nach Insbruck gegangen, um die Aufführung ſeiner Oper zu dirigiren und auch die Proben dazu ſelber zu leiten. — 174 Er hatte eben die Chorſänger zum letzten Male die ſchwierigen Chöre der Furien probiren laſſen und legte jetzt, von ſeinem Dirigen⸗ tenſitz ſich erhebend, ſeinen Commandoſtab nieder, indem er die Sänger und Sängerinnen mit einem ſtolzen Kopfnicken verabſchiedete, als Fürſt Kaunitz ſtolz und gravitätiſch wie immer durch das Orcheſter daher ge⸗ ſchritten kam und Gluck die Hand zum Gruße darreichte.— Die Sän⸗ ger und Sängerinnen auf der Bühne, welche ſich eben hatten entfernen wollen, blieben wie angewurzelt ſtehen, und ſchauten in ehrfurchtsvoller Bewunderung auf den allmächtigen Mann hin; das Chor der Furien hatte ſich in eine Ecke zurückgezogen, und war jetzt nur noch eine Schaar flüſternder, lächelnder, hübſcher junger Mädchen; die Muſiker im Or⸗ cheſter, welche eben dabei geweſen, ihre Bratſchen und Violinen, ihre Flöten und Violoncelle's in ihre Kaſten zu legen, und die großen Pauken der Unterwelt zu verhüllen, hielten jetzt inne in ihrer Arbeit und ſtaunten hinüber nach dem Fürſten, und fühlten ſich ſelber außerordent⸗ lich geſchmeichelt durch die huldvolle und gnädige Weiſe, mit welcher der große Miniſter ihrem„Capellmeiſter“ begegnete. Nun, Maeſtro? fragte Kaunitz, ſind Sie zufrieden mit Ihren Künſtlern? Werden wir morgen Abend einen ſchönen Kunſtgenuß haben? Gluck zuckte die Achſeln. Wir werden ihn mindeſtens ſo gut haben, wie es auf Erden möglich iſt, ſagte er. Es ſind freilich immer nur beſchränkte Menſchenſtimmen, die ſingen, nicht die reinen überirdiſchen Stimmen der Engel, denen ich meine Muſik abgelauſcht und für die ich ſie geſchrieben habe. Aber unſere Künſtler werden meine Oper wenigſtens ſo gut ſingen, als es Menſchen, die leider nicht von Aether⸗ duft und Sonnenſtaub, ſondern von Brod und Fleiſch leben, möglich iſt. Ich denke, die Donna Maria Loiſa wird dennoch vermeinen, die Muſik der Sphären zu vernehmen, und geſtehen müſſen, daß ſie nimmer etwas Aehnliches gehört! Nun, es iſt mir lieb, das zu hören, ſagte der Fürſt mit ſeiner ſtolzen Ruhe, und innerlich geärgert über die ſtolze, ſelbſtbewußte Sprache des Künſtlers. Da ich aber der Kaiſerin verſprochen, ſelber Alles zu prüfen, zu ſehen und zu hören, ſo muß ich mich auch von der Vor⸗ trefflichkeit Ihres Perſonals und Ihrer Oper ſelber überzeugen. Haben Sie alſo doch die Güte, die Oper ſogleich einmal aufführen zu laſſen! G Antlitz die ga d kalten, Bin duſch men meine nehm denke und Scht Ihr Kau erigen lrigen⸗ ünger Fürſt er ge⸗ Sän⸗ fernen voller purien chaar ¹Or⸗ ihre auken t und rdent⸗ elcher Ihren aben? haben, r nur diſchen ür die Oper lether⸗ üglich n, die mmer ſeiner prache les zu Vor⸗ Haben aſen 175 Gluck blickte erſtaunt und faſt erſchrocken in das unbewegliche Antlitz des Fürſten. Wie? rief er. Ew. Durchlaucht meinen, ich ſolle die ganze Oper jetzt gleich aufführen laſſen, ohne ein Auditorium? Fürſt Kaunitz hob ſein Haupt höher empor, und ſeine ſonſt ſo kalten, glüchgültigen Blicke hatten jetzt einen feurigen, zürnenden Ausdruck. Herr Ritter Gluck, ſagte er, wiſſen Sie, daß die Qualität mehr werth. iſt, als die Quantität! Ich bin allein ſchon ein Auditorium k*) Laſſen Sie alſo immerhin ſogleich Ihre Oper aufführen, das Auditorium iſt da! Gluck antwortete nicht ſogleich, ſondern blickte ſchweigend und mit etwas mürriſchem Geſicht vor ſich nieder. Auf einmal richtete er ſein Haupt wieder empor, und jetzt hatte ſein Antlitz wieder ſeinen energi— ſchen, ſtrahlenden Ausdruck angenommen. Ich will den Wunſch Eurer Durchlaucht befriedigen, ſagte er. Bin ſelbſt neugierig, die Oper einmal aufführen zu ſehen, und ihr als Zuſchauer beizuwohnen!— In die Couliſſen, meine Herren und Da⸗ men auf der Bühne, nehmen Sie Ihre Inſtrumente wieder zur Hand, meine Herren von der Kapelle, und Sie, Herr Kapellmeiſter Gaſſmann, nehmen Sie hier den Dirigentenſtab. Dirigiren Sie meine Oper, und denken Sie daran, daß ich Ihr Zuhörer bin. An's Werk, Ihr Alle, und ich rathe Euch, ſtrengt Eure Kräfte an, leiſtet das Höchſte und Schönſte, was Ihr leiſten könnt, denn Ihr habt ein Auditorium, wie Ihr niemals ein größeres und ruhmvolleres huben werdet. Der Fürſt Kaunitz und der Ritter Gluck werden Euch zuhören! Und ſich dann an den Fürſten wendend, reichte Gluck ihm mit freundlicher Herablaſſung den Arm. Herr Fürſt Kaunitz, ſagte er, ich bitte Sie, mir heute Ihren Arm zu geben und ſich von mir in die große Loge führen zu laſſen. Wir werden da einen Ohrenſchmaus haben, der wohl Ihre Entremets und Ihre indianiſchen Vogelneſter aufwiegt. Kommen Sie und ſeien Sie heute meine Dame, denn ob⸗ wohl Sie länger ſind als ich, darf ich hier in dieſem heiligen Tempel der Kunſt wohl behaupten, daß ich größer bin als Sie! *) Des Fürſten eigene Worte. Siehe: Swinburne I. p. 362. 176 VIII. Das geſtörte Feſt. Feſte folgten ſich auf Feſte, Jubel und Freude herrſchte auf allen Straßen und auf allen Plätzen der ſchönen, ehrwürdigen Hauptſtadt von Tyrol, in welcher die Kaiſerfamilie die Vermählung des Großher⸗ zogs von Toscana feierte. Die Infantin Donna Maria Loiſa hatte unter dem Geläute aller Glocken, unter dem Zujauchzen der Bevölke⸗ rung ihren Einzug in Insbruck gehalten, und in der alten Cathedrale hatte die feierliche Vermählung des jungen Fürſtenpaares ſtattgefunden. Es war jetzt am zweiten Tage nach dieſer Vermählung. Man hatte am erſten Abend die Aufführung von Orpheus und Euridice und eine glänzende Beleuchtung der ganzen Stadt gehabt, heute, am zweiten Feſttag, ward die Oper wiederholt, aber es fand außerdem in den feſtlich geſchmückten Sälen der Kaiſerburg ein Maskenfeſt ſtatt, zu wel⸗ chem mehr als zweitauſend Einladungen ergangen waren. Es war ein glänzendes und auserleſenes Feſt, Alles funkelte von Brillanten und Ordensſternen, überall ſah man Blumen und Spiegel, Lichterglanz, Gold und Geſchmeide, überall ſah man ein buntes, phantaſtiſches Ge⸗ miſch von prachtvollen und ſchönen Masken. Alle Nationen ſchienen ſich in ihren reichſten Coſtümen und geſchmackvollſten Trachten auf die⸗ ſem Ball ein Rendezvous gegeben zu haben; da waren Armenier und Griechen, Türken und Ruſſen, Römerinnen und Spanierinnen, da waren alle Götter und Göttinnen des Olymps, da waren Feen und Sylphi⸗ den und alle Geſtalten der Fabel⸗ und Mährchenwelt, und Alles ſtrahlte von Brillanten und Geſchmeiden, von Gold, Sammet und Seide. Es war ein wunderbarer, ſinnverwirrender, berauſchender Anblick, den dieſe von Lichterglanz, von Gold, Brillanten und Spiegeln funkelnden Säle darboten, es war hinreißend, dieſe tauſend phantaſtiſchen Geſtalten zu ſehen, die da im bunten Gewirr auf⸗ und niederwogten, und deren An⸗ geſichter mit den ſchwarzen kleinen Sammetmasken verhüllt waren, aus denen die Augen wie leuchtende Sterne hervorblitzten. Nur die kaiſerliche Familie war ohne Masken erſchienen, in dem vollen Glanz und Schmuck ihrer Hoftoilette. Maria Thereſia, ſtrahlend 3 5 von lauge geſchn freun geſtüt 177 von Juwelen, im dunkelblauen, goldgeſtickten Sammetgewande, das in langer Schleppe hinter ihr herrauſchte, die hohe, gedankenreiche Stirn geſchmückt mit einem Diadem von Brillanten und Saphiren, ſchritt freundlich grüßend und mit freudeſtrahlendem Angeſicht durch die Säle, geſtützt auf den Arm des Königs von Rom, der heiter lachend und plaudernd neben ihr ging. Ihnen zur Seite ſah man den Großherzog Leopold mit ſeiner jungen Gemahlin, welche einander zulächelten, und in den zwei Tagen ihres Beiſammenſeins ſchon Zeit gefunden zu haben ſchienen, ſich herzlich in einander zu verlieben. Hinter den beiden Paaren kamen die jungen ſchönen Erzherzoginnen, im freundlichen und ungezwungenen Geplauder untereinander oder mit den Cavalieren, die neben ihnen gingen. Und überall in den Sälen, welche die Kaiſerin in der Mitte ihrer ſchönen und zahlreichen Familie durchſchritt, blieben die Masken wie bezaubert ſtehen, und Alles neigte ſich ſchweigend und tief, indem die Kaiſerin mit ihrem glänzenden Zug ſich daherbewegte; aber wenn ſie vorüber war, folgte ihr das Gemurmel des Beifalls und der Bewunderung, und Maria Thereſia, welche dieſes Murmeln hörte und ſehr wohl verſtand, lächelte vor Vergnügen und ſchaute mit Stolz auf ihre Töchter, die immer noch die ſchönſten Mädchen Oeſterreichs geweſen ſein würden, ſelbſt wenn ſie keine Erzherzoginnen waren. Während die Kaiſerin im vollen Glanz ihrer Hoheit und ihres Famillienglückes durch die Säle dahin ſchritt, hatte ihr Gemahl, der Kaiſer Franz, ſich in das frohe Gewühl der Masken gemiſcht, und ſich damit ergötzt, hier und da mit den Masken eine ungezwungene Unter⸗ haltung zu führen, wie eben die Maskenfreiheit ſie geſtattete. Er ſelber führte eine tief verſchleierte, maskirte Dame am Arm, und überall, wo er mit ihr vorüberkam, flüſterten die Masken ſich höchſt geheimnißvoll in's Ohr: dieſe Maske, welche der Kaiſer geleitete, ſei Niemand anders, als die ſchöne, glanzvolle Frau, welcher der Kaiſer huldigte, Niemand anders, als die ſchöne Gräfin Auersperg. Einmal beim Vorüberſchreiten des Kaiſers mit ſeiner Dame ward dieſer Name ſo laut geſprochen, daß der Kaiſer ihn verſtehen mußte. Er wandte ſich mit einem ſanften Lächeln näher zu ſeiner Gefährtin hin. Meine Tochter, ſagte er, jetzt dürfen Sie ruhig ſein; Sie haben Kaiſer Joſepb. 1. Abth. II. 12 178 nicht zu befürchten, erkannt zu werden; denn wie ich eben hörte, ver⸗ muthet man ganz ein anderes Geſicht unter Ihrer ſchwarzen Larve. Laſſen Sie uns ohne Sorgen weiter ſchreiten; ich habe Ihnen mein Wort gegeben, daß Sie hier mit dem Joſeph zuſammentreffen ſollen, und ich werd's halten. Aber laſſen Sie uns ein wenig raſcher gehen, damit wir bald zum Ziel gelangen, denn ich wünſchte, dieſes Gewühl von Menſchen bald zu verlaſſen. Mir iſt ſeltſam beklommen und ängſtlich zu Muthe! Oh dann flehe ich Ew. Majeſtät an, ſogleich mit mir die Säle zu verlaſſen, ſagte die verſchleierte Dame haſtig. Ich fühle ohnedies das Gewagte und Schlimme meines Unternehmens, und obwohl ich mich hier befinde mit Erlaubniß der Kaiſerin und Eurer Majeſtät, ſo habe ich doch das Gefühl einer Verbrecherin, welche jeden Moment fürchtet, bei ihrem Verbrechen ertappt zu werden. Laſſen Sie uns alſo von hinnen gehen, Majeſtät. Nicht doch, ſagte der Kaiſer ſeufzend, laſſen Sie uns bleiben, bis wir der Verabredung gemäß dem Joſeph begegnet ſind. Was hülfe es mir auch, hier aus den Sälen herauszukommen. Mir wird doch erſt wieder wohl ſein, wenn ich dieſes ſchöne, fürchterliche Tyrol ver⸗ laſſen habe. Die Berge ſind es, die mein Haupt und meine Bruſt erdrücken! Aber laſſen Sie uns hier ein wenig niederſitzen, meine Tochter! Der Kaiſerzug wird gleich, wie ich ſehe, hier eintreten, und es amüſirt mich, die Menge zu belauſchen und zu hören, was man ſagt, wenn der Hof fort iſt. Aber ſo lange Ew. Majeſtät hier ſind, iſt ja auch der Hof imnter noch da, ſagte die Dame. Nicht doch, flüſterte der Kaiſer, die Kaiſerin und meine Kinder, die ſind der Hof, ich bin nur ein einfaches Individuum!*) Ah, da iſt der Hof! Sehen Sie nur, wie prächtig das ausſchaut, wie das funkelt von Brillanten! Wie erhaben und majeſtätiſch die Kaiſerin anzuſehen iſt, ſo erhaben, daß man’'s nimmer glauben ſollte, daß das junge, friſche, roſige Volk, das ſie umgiebt, die Ehre hat, von ihr geboren worden zu ſein, *) Des Kaiſers eigene Worte. Austria. Vol. V. p. 184. Siehe: Coxe: History of thie house of — — 179 ich der Vater dieſes Volks bin! Aber ſehen Sie nur, die Jetzt Muth gefaßt, meine Tochter, und vertheidigen Bleiben Sie hier, und warten Sie den richtigen und daß Kaiſerin winkt uns! Sie Ihre Sache gut. Moment ab! Er erhob ſich raſch und ei lte der Kaiſerin entgegen, die ihren Ge⸗ Lächeln willkommien hieß. Jetzt, Herr Sohn, ſagte Maria Thereſia, den Arm Joſephs los⸗ laſſend, jetzt geb' ich Dir die Freiheit wieder. Ich geſtatte Dir, Dich luſtig unter das ſchöne Maskenvolk zu miſchen, und allerhand kleine Aventuren zu ſuchen und zur finden! Wir haben dem Ceremoniell ge⸗ nug gethan und wollen uns jetzt auch ein wenig als fröhliche Menſchen⸗ kinder vergnügen. Wären wir noch ſo jung, Franzel, wie's unſere Herzen ſind, ſo würden wir's uns wohl nit nehmen laſſen, zu tanzen und uns im Kreiſe zu drehen, wie wir's ſonſt gethan. Aber jetzt müſſen wir es ſchon dem jungen Volk überlaſſen, und uns, wie es ernſthaften Leuten geziemt, zum Kartenſpiel niederſetzen, oder in die Oper gehen. Nun, wenn mir Ew. Majeſtät die Wahl laſſen, möcht' ich in die Oper gehen, ſagte der Kaiſer. Aber vocher bitt' ich um die Gnade, Sie in's Spielzimmer führen zu dürfen. Die Kaiſerin nahm ſeinen Arm, und die Gräſin Lerchenfeld, die Oberhofmeiſterin der jungen Erzherzo mahl mit einem zärtlichen In den Tanzſaal, Excellenz! keine Maske darf den Tanzſaal betreten. Sie mich, wie Sie's ſeit mehr denn vierz lich allzeit gethan! Adieu, Herr Joſeph, und hör', ein wenig von Deinen Aventuren! Ich fürchte, Majeſtät, ich werde nicht viel Joſeph lächelnd. Die Aventure iſt eine Frau, wohl, daß ich lein Glück bei den Frauen habe. Oder es nicht haben willſt, mein Sohn, ſag indem ſie am Arm ihres Gemahls von dannen ſchritt. Oder es nicht haben willſ neben ihm, und als Joſeph ſich umwandte, ſchleierte, maskirte Dame von hoher, jugendlicher Geſtalt neben ſich. Nun Maske, ſagte er lachend, obw ginnen, zu ſich winkend, ſagte ſie: Die Erzherzoginnen dürfen tanzen, aber Jetzt, mein Gemahl, führen ig Jahren ſo gut und freund⸗ erzähl mir doch morgen zu erzählen haben, ſagte und Gw. Majeſtät wiſſen te die Kaiſerin lächelnd, ſt wiederholte eine leiſe flüſternde Stimme ſah er da eine tief ver⸗ ohl Du die Eigenſchaften der 180 Echo haſt, und das letzte Stichwort wiederholſt, haſt Dn doch mindeſtens Dich nicht bis zur Unſichtbarkeit abgehärmt. Vielleicht doch, Sire, ſagte die Dame, vielleicht iſt mein Körper doch nichts weiter als der Sarg meines Herzens, vielleicht iſt mein Herz das arme Echo, welches ſich bis zur Unſichtbark Oder glauben Ew. Majeſtät nicht an die Sie freilich nie gekannt haben? Und warum glaubſt Du, daß ich ſie nie gekannt habe, Maske? fragte Joſeph. Weil Ew. Majeſtät auf der Höhe des Lebens glühend, weil Gott Sie geſegnet hat mit eine erhabenen Seele, eit abgehärmt hat. Kraft der Schmerzen, die ſtehen, ſagte ſie im edlen Herzen, mit einer weil er Sie dazu berufen und befähigt hat, die Men⸗ ſchen glücklich zu machen, weil Sie Sich dieſes Berufes bewußt ſind. Woran weißt Du das? fragte Joſeph. Ich ſehe es in Ihren Augen, Sire, flüſterte ſie, in dieſen Augenn in welche ein Stückchen vom Himmel ſich hernieder geſenkt hat, damit Je dem, der ſie anſchaut, andächtig und glücklich zu Sinne werde, als habe er in den Himmel ſelber geſchaut! Oh Sire, möchte nimmer eine Wolke Ihren Himmel umdüſtern! 3 Ich danke Dir für dieſen frommen Wunſch, Maske, ſagte Joſeph mit einem traurigen Lächeln, aber Du weißt wohl, daß der Himmel kaum zehn Tage im Jahr ganz ohne Wolken iſt! Sprechen wir nicht mehr davon! Hier ſieht ſich das Leben gar heiter an, und wenn Du willſt, geb' ich Dir meinen Arm, und wir ſchauen uns einmal das luſtige Leben an. Und wenn Ew. Majeſtät erlauben, ſagte ſie mit zitternder Stimme, erzähle ich Ihnen, während wir das luſtige Leben anſchauen, eine traurige Geſchichte. Und warum eine traurige? 3 Weil ich nur hierher gekommen bin, um Ihnen die Geſchichte zu erzählen, Sire. Weil ich Ew. Majeſtät Gnade und Erbarmen an⸗ flehen, Ihr Mitleid und Ihre Hülfe anrufen möchte durch meine Geſchichte. Es iſt alſo meinerſeits Hülfe möglich? fragte Joſeph raſch. Von Ihnen allein kann ſie kommen, Sire! — Nun denn, ſo erzählen anhören! Sire, meine traurige Geſch tern Gewühl dieſer Masken, zu dieſem Lichtergl Wenn Ew. Majeſtät die Gnade haben wollen m zu bewilligen, und mich anzuhören, der Logen auf der Gallerie dort zu folgen! belauſchen, und ich kann es wagen, dort Ew. liges Geheimniß anzuvertrauen, 181 Sie, ſagte Joſeph raſch. Ich will Sie ichte würde ſchlecht paſſen zu dem hei⸗ anz und dieſer Pracht. ir jetzt eine Audienz ſo erlauben Sie mir, Ihnen in eine Dort kann uns Niemand Majeſtät mein unglückſe⸗ und Ihre Hülfe anzuflehen! Oh, Sire, zögern Sie nicht, es handelt ſich um ein Nun denn, ich bin bereit, nach kurzem Beſinnen. Gehen Die Dame verneigte ſich, Gewühl der Masken dahin nach jener der kleinen Treppe gelangte, welche zu neugierig und geſpannt die r ſchwebte, Suchen wir ſie würdig ſolgte ihr und indemn er Geſtalt, welche elaſtiſchen Schrittes vor ihm he ſagte er: alſo eine Aventure in beſter Form! zu Ende zu führen! Sie waren jetzt zu der obern Gallerie gel Ballſaal vings umgab, und in einzel man einen wundervollen, bezaubernden Gewühl des Saals genoß. Die Dame trat in eine Von unten herauf hörte man Lachens und Plauderns der Tanzenden. Jetzt ſind wir allein, ſagte Joſeph, jetzt ſ mit kann ich Dir dienen? dies Aben Menſchenleben! teuer zu beſtehen, ſagte Joſeph Sie voran, ich folge Ihnen. und ſchritt raſch Seitenpforte, durch die m r Gallerie empor führte. Joſeph hohe ſchlanke betrachtete, dieſer Logen ein, das verworrene Ger w Indem Sie mich anhören, Sire! Deshalb bin ich ja hier Schwören Sie mir, mich auch wirklich Ende anzuhören, Sire! Schwören Sie mir geliebt haben, ſchwören Sie mir das bei der Iſabella! rief Joſeph zuſammenſchreckend. Madame, einen ſolchen Namen und ihn h ne Logen gerheilt war, Anblick auf das glänzende, ier zu ne und eilig durch das an zu angt, welche den großen aus denen bunte und Joſeph folgte ihr. äuſch der Muſik, des prich, ſchöne Maske, wo⸗ anzuhören, mich bis zu das bei der Frau, die Sie Erinnerung an Iſabella! Sie ſind ſehr kühn, unen! Aber ich will 182 Ihren Wunſch erfüllen! Ich will Ihnen bei dem Namen Iſabellens ſchwören, Sie anzuhören!— Sie nahm ſeine Hand und drückte ſie an ihre Lippen. Dann bat ſie Joſeph auf dem kleinen Divan ſich niederzulaſſen, und ſetzte ſich 1 ihm gegenüber. . — Sire, ſagte ſie, ich will Ihnen die Geſchichte einer Frau erzählen, „welche Gott zugleich geſegnet und verdammt hat, welche die glückſeligſte aller Menſchen ſein könnte, wenn ſie nicht die unglückſeligſte aller Frauen wäre. Sie ſprechen in Räthſeln, wie die Sphinx vor den Thoren von Theben. Wie kann man zu gleicher Zeit geſegnet und verdammt ſein? Sire, es iſt ein Segen Gottes, einer leidenſchaftlichen Liebe fähig zu ſein, es iſt eine Verdammniß zu lieben, und nicht geliebt zu werden! Und noch eine größere Verdammniß, Liebe zu heucheln, die man nicht empfindet, murmelte Joſeph. Ich weiß das, ich habe das erfahren, und nimmer werd' ich es verwinden. Sire, die Frau, von welcher ich ſpreche, würde indeß ein Jahr ihres Lebens freudig hingeben, wenn der Mann, welchen ſie liebt, auch nur einen Moment dazu ſich herabließe, ſie glauben zu machen, daß er ſie liebe, nur einen Moment ſie freundlich anzulächeln. Oh, denken Sie doch nur, wie unglücklich, wie gedemüthigt ſie ſein muß, wenn ſchon die Heuchelei der Liebe ihr genügen würde! Aber denken Sie nicht, daß dieſe ihre heiße, glühende Liebe ſich ſchaamvoll zu verhüllen habe! Es iſt eine legitime, vom Prieſter Gottes geſegnete Liebe, denn dieſe Frau, Sire, dieſe Frau, von der ich ſpreche, ſie liebt ihren Gemahl. Und weshalb erwiedert er ihre Liebe nicht? fragte Joſeph rauh. Weil ſie ſich gegen ihn verſündigt hat, ſagte die Dame leiſe und ſchüchtern. Weil ſie am Tage ihrer Vermählung, als er ihr mit offe⸗ nem Vertrauen entgegen trat, den feigen Muth hatte, ihn zu betrügen, weil ſie ihm einen Makel ihrer Geſtalt verhüllen wollte! Oh, Sire, ſtehen Sie nicht auf! Sie müſſen mich zu Ende hören, Sie haben es mir geſchworen bei dem Andenken an Iſabella! Nun denn, ſprechen Sie weiter, ſagte Joſeph, in den Divan zu⸗ rückſinkend. Es war ein ſchweres Vergehen, welches dieſe Frau auf ſich ge⸗ 9 183 laden, fuhr die Dame mit tiefbewegter Stimme fort, aber ſchwer hat ſie es gebüßt, denn Sire, ich ſagte es Ihnen ſchon,— ſie liebt ihren Gemahl! Er verſchmäht ſie, und dennoch gehört ihm ihr ganzes Herz, er verachtet ſie, und dennoch betet ſie ihn an! Der Makel ihrer Ge— ſtalt iſt längſt von ihr genommen, ſie iſt von ihrem äußern Leiden ge— neſen, und nur ihr Herz iſt es, welches jetzt krank iſt, ihr Herz, welches brechen wird, wenn er nicht Gnade übt, und ihr endlich verzeiht, was ſie gefündigt aus Liebe! Oh, wie hat ſie gerungen um ſeine Verge— bung, wie hat ſie bereut. Aber Er hat kein Erbarmen, kein Mitleid! Wenn ſie mit ſtummem Flehen die Hand ihm darreichen will, ſo wen⸗ det er ſich ab, wenn ſie die Worte, welche er von ihren Lippen nicht hören will, mit zitternder Hand aufſchreibt und ihm ſendet, ſo ſchickt er ihre Briefe unerbrochen zurück, wenn ſie zu ihm in ſein Gemach tritt, um auf der Schwelle deſſelben auf ihre Kniee niederzuſinken und um Vergebung zu flehen, ſo geht er hinaus. Oh, er iſt grauſam in ſeiner Strafe, grauſam, wie Gott es iſt. Aber ſie liebt ihn dennoch, ſie hofft immer noch eines Tages ihn zu rühren durch ihre Demuth 4 und ihre Treue, ſie hofft, daß er eines Tages Erbarmen haben werde V mit ihrer Liebe, daß er es ihr verzeihen wird, nicht mit Schönheit ge⸗ ſegnet zu ſein. Sie hat Wochen lang nur den Einen Wunſch, das Eine Gebet gehabt, es ihm ſagen zu dürfen, daß ſie ihr Vergehen be⸗ reut, daß ſie ſeine Strafe gerecht findet, daß ſie ihn jetzt aber bittet, Erbarmen zu haben, und Gnade zu üben! Aber Er iſt ihr immer ausgewichen, er hat ſie niemals anhören wollen, und zuletzt in der 1. Angſt ihres Herzeus verfiel ſie auf eine Liſt, um ihn wenigſtens zu zwingen, ſie auzuhören. Er unternahm eine Reiſe, auf der ſie ihn nicht 1 begleiten ſollte. Sie wandte ſich an ſeine Aeltern, und bat ſie um ihren Beiſtand, bat ſie, ihr die Mittel zu gewähren, ihn endlich ohne Zeugen zu ſehen, ihn zu zwingen, ſie wenigſtens anzuhören. Man gewährte ihr dieſen Beiſtand. Heimlich durfte ſie ihm folgen, und jetzt, mein Herr und mein König, jetzt liegt ſie auf ihren Knieen und fleht zu dem Mann, den ſie liebt, um Erbarmen und um Gnade! Oh, Sire, laſſen Sie es endlich genug ſein der Grauſamkeit! Sehen Sie mich hier gedemüthigt, zitternd vor Schmerz zu Ihren Füßen. Haben Sie Mitleid, reichen Sie mir Ihre Hand und geſtatten Sie mir ——28—— — 1 184 an Ihrer Seite zu ſtehen! Wenn Sie mich nicht lieben können, ſo dulden Sie mich wenigſtens, ſo erlauben Sie mir wenigſtens, Sie zu lieben, und es Ihnen ſagen zu dürfen! Sie war auf ihre Kniee niedergeſunken, und mit einer heftigen Bewegung die Maske abreißend, ließ ſie Joſeph das bleiche thränenbe⸗ thaute Antlitz ſeiner Gemahlin ſehen. Joſeph hatte ſich von ſeinem Sitz erhoben, und vor ihr ſtehend, blickte er mit kalten finſtern Augen zu ihr nieder. Madanee, ſagte er, ich habe Sie, Dank dem Verſprechen, das Sie mir abgeliſtet, bis zu Ende angehört. Jetzt erlauben Sie mir, Ihnen zu antworten! Ich bin Ihnen einſt mit offnem Vertrauen entgegen gekommen, Sie haben es damals verſtanden, meine Gleichgültigkeit in Widerwillen, meine Kälte in Haß umzuwandeln. Die Politik hat mir eine Gemahlin aufgedrungen, die Convenienz nöthigt mich, ſie dem Schein nach an meiner Seite zu dulden, obwohl ſie mir, und Sie wiſſen wohl weshalb, zuwider ſein mußte. Wie wollen Sie nun, daß Diejenige, welche nur die Politik und die Convenienz mir aufgezwungen, von mir geliebt werden könne? Sie ſagen, Sie lieben mich! Das iſt ein Unglück, Madame, um das ich Sie bedaure, und von dem der weiſe Herr van Swieten Sie eben ſo glücklich heilen möge, wie von Ihrer Hautkrankheit. Wiſſen Sie aber, Madame, daß die Liebe immer noch kein Recht auf Gegenliebe gewährt, und daß, wenn eine Frau die Kühnheit hat, ungebeten einem Manne ihre Liebe anzutragen, er ſie immer nur verachten und verſchmähen wird! Das iſt meine Antwort, Madame. Und jetzt, da ich doch ein⸗ mal das Unglück habe, für Ihren Gemahl zu gelten, füge ich noch dies hinzu: Sie ſind hierher gekommen, wider meinen Willen! Sie haben mit Ihren Thränen das Herz der Kaiſerin gerührt, und das Mitleid der Frau geweckt, und deshalb hat ſie Ihnen die Erlaubniß gegeben, heimlich hierher zu kommen. Da Sie aber für meine Gemahlin gelten, habe ich das Recht von Ihnen Gehorſam zu fordern, und kraft dieſes Rechts befehle ich Ihnen: kehren Sie ſogleich nach Wien zurück, und laſſen Sie dies die letzte Aventure ſein, die wir mit einander erduldet haben! Und ohne das ſchluchzende, gequälte Weib, das da aufgelöſt in Jammer zu ſeinen Füßen lag, eines Blickes weiter zu würdigen, ver⸗ ließ Joſeph die Loge, und kehrte in die Säle zurück. Aber welch ein 185 Weheſchrei war das, der eben aus dem Spielzimmer der Kaiſerin zu ihm herüberdrang, weshalb verſtummte die Muſik auf einmal, wes⸗ halb eilten all' dieſe geputzten ſchönen Menſchengeſtalten, wie von Ent⸗ ſetzen getrieben, aus den Sälen? Wie ſich der König von Rom das noch fragte, ſtürzte einer ſeiner Adjutanten bleich und angſtvoll ihm entgegen. Majeſtät, ich ſuchte Sie! Der Kaiſer— Nun, was iſt's mit dem Kaiſer? Um Gotteswillen, ſprechen Sie! Der Kaiſer iſt ſehr krank, ein Schlagfluß hat ihn getroffen, wie er eben das Theater verließ. Joſeph ſagte kein Wort. Er ſtürzte nur vorwärts fort durch die Corridore und Gänge, fort zu den Gemächern des Kaiſers, hinein in das Schlafgemach. Und da auf dem Bett, dieſe bleiche, regungsloſe Geſtalt, dieſes kalte, empfindungsloſe Etwas, dieſes marmorne Phantom ohne Athem und ohne Blick,— das war alles, was von dem Kaiſer Franz von Lothringen noch übrig geblieben! Der Kaiſer war todt. Ein Schlagfluß hatte ſeinem Leben ein Ende gemacht. Sein Wunſch war erfüllt! Er hatte„das ſchöne fürchterliche Tyrol“ verlaſſen, die Berge bedrückten nicht mehr ſein Haupt und ſeine Bruſt. Druck von A. Bahn& Comp. in Berlin, Schleuſe 4. 8 SOlour& Grey Sortrol Chart 2a ie Cyan Green vellow Hed Magenta — 3 f