Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ofkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leiß- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Nückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. „„ 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Nr. pf. „ 5— M ——— 2 1 1— r— 1 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung ¹ der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Fur beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bucher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 77. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 1 e—— “. — Erzherzog Johann und ſeine Zeit. Von L. Mühlbach. Vierte Abtheilung: Erzherzag Johann als Reichsnermeser. Dritter Band. Das Recht der Ueberſetzung in fremde Sprachen hat die Verfaſſerin ſich geſetzlich vorbehalten Berlin, 1863. Druck und Verlag von Otto Janke. Erzherzog Johann Reichsverweſer. Von L. Mühlbach. Sdn. Vierte Abtheilung. Dritter Band. ———— Berlin, 1863. Druck und Verlag von Otto Janke. Inhalts-Verzeichniß. Der zwölfte März(Erſte Scene) Der zwölfte März(Zweite Scene). Den zwölften März(Dritte Scene) Der dreizehnte März(Erſte Scene). Der dreizehnte März(Beim Fürſten Metternich) Der dreizehnte März(In der Hofburg) Die neue Zeit. Die Flucht des Fürſten Metternich. Die Entſagung— Johann's Einzug in die Hofburg Der Reichsverweſer Das Liebesopfer. Der Ring. Fürſt Felix Lichnowsky. Die Todeshetze Schluß. Seite 1 22 40 Drittes Buch. freiheit und Reaction. J. Der zwölfte März. Erſte Scene. Sechs Tage waren vergangen ſeit jenem kaiſer⸗ lichen Familienrath, in welchem Erzherzog Johann zum letzten Male den Verſuch gemacht hatte die Schreckniſſe der Revolution von Oeſterreich fern zu halten, indem er Metternich zu gewinnen ſuchte für die nothwendigen Conceſſionen, die allein noch im Stande geweſen, das drohende Unheil abzuwenden. Sechs Tage erſt waren vergangen, ſeit der Gewerbe⸗ verein dem Erzherzog Franz Carl jene Adreſſe über⸗ reicht hatte, welche zum erſten Male von den Rechten und Wünſchen des Volkes der Regierung gegenüber ſprach, und wenn auch noch verhüllt und nicht in kla⸗ ren Worten die Abdankung Metternich's begehrte. L. Mühlbach, Erzberzog Johann. 4. Abth. III. 1 .QO—— 2 Aber dieſe ſechs Tage vom ſechsten bis zum zwoͤlf⸗ ten März waren für Oeſterreich inhaltsſchwerer und ereignißreicher geweſen, als ſonſt Jahre, dieſe ſechs Tage hatten das Kaiſerreich in ſeinen Grundveſten er⸗ ſchüttert, und hatten es aus den ſtarren und engen Gren⸗ zen der abſoluten Monarchie mit Sturmesſchnelle hinaus getrieben auf das freie Feld der Discuſſion, der öffentlichen Debatte; man parlamentirte noch, aber nicht mehr, um ſich zu ſchützen vor dem Zorn der abſoluten Monarchie, ſondern nur noch um Oeſterreich zu retten vor der Revolution, und zu verſuchen, ohne Barricaden und Blutvergießen zu erlangen, was man entſchloſſen war im ſchlimmſten Fall durch die Repo⸗ lution ſich zu erkämpfen: die Freiheit des Volkes. Man parlamentirte und debattirte all überall. Alle Vereine, alle Clubbs, alle Stände hatten ihre Zuſam⸗ menkünfte, ihre Redner, ihre Agitatoren, und Nacht und Tag hatte man in den letzten ſechs Tagen mit einander conferirt, berathſchlagt und Pläne gemacht. Jetzt endlich hatte man ſich geeinigt, jetzt endlich war es zu einer Verſtändigung gekommen zwiſchen der Hofpartei, an deren Spitze ſich der Erzherzog Johann und die Erzherzogin Sophie befanden, zwiſchen den Ständemitgliedern, deren Sitzungen am dreizehnten — —— — 3 März eröffnet werden ſollten, und zwiſchen den Pro⸗ feſſoren und Studenten der Univerſität, die plötzlich von der allgemeinen Bewegung mit fortgeriſſen, in ihren Hörſälen ſtatt der gelehrten Discuſſionen den Ruf nach Freiheit und Volksvertretung erſchallen ließen. Eine Sturmpetition, welche die Univerſität an die Häupter der Stände und zugleich an den Thron ſelber richten ſollte, war das Reſultat der Einigung; ſie ſollte die Rakete ſein, welche allen Völkern Oeſter⸗ reichs das Beginnen des Kampfes um die höchſten Güter der Menſchheit verkündete. Seit der Frühe des Morgens berathſchlagten die Studenten in der Aula der Univerſität mit ihren Profeſſoren über Form und Inhalt dieſer Adreſſe, welche die beiden Profeſſoren von der Hye und End⸗ licher in das Ständehaus und ſodann in die Burg ſelber tragen ſollten. Seit der Frühe des Morgens berathſchlagte man im kaiſerlichen Conferenzrath über die energiſchen Maßregeln, welche man ergreifen müßte, um dem wachſenden Tumult und Unfug zu ſteuern. Seit der Frühe des Morgens ſammelten ſich auf den Plätzen und Straßen Wiens Gruppen von Men⸗ ſchen, die untereinander die Fragen des Tages debat⸗ 1* 4 tirten, und unter denen bald einzelne Redner ſich er⸗ hoben, um die ſtets anwachſende Menge aufzureizen, und zu enthuſiasmiren, indem ſie ihr in ſchwunghafter dem, was in Berlin und München Rede erzählten von vom Volke geſchehen. Vor allen Dingen ward jene energiſche und kühne Rede vorgeleſen, welche Koſſuth am dritten März in Preßburg gehalten, und in wel⸗ cher er offen und frei mit der Revolution drohte, wenn nicht jetzt in der letzten Stunde noch die Regierung ihr Syſtem ändere, und den Völkern endlich ihre Rechte und Freiheiten bewillige, und diejenigen Män⸗ ner entferne, welche zum Verderben des Volkes und der Krone ſo lange an der Spitze der Regierung ge⸗ Und aufgereizt, entflammt, begeiſtert von ſtanden. Worten des ungariſchen Agitators rot⸗ den glühenden tete das Volk ſich in immer größern Schaaren zu⸗ ſammen, beſchloß es auch ſeinerſeits durch Sturm⸗ petitionen an die Stände und die Regierung das große Werk mit fördern zu helfen und die Stände wie die Univerſität zu unterſtützen in dem Kampf 5 gegen die Regierung. Bald bildeten ſich hier und dort einzelne Rotten, an deren Spitze ſich die Mit⸗ der geheimen Comite's und Clubb's ſtellten glieder en verabredeten und wohldurchdachten Plä⸗ und nach d 5 nen eine beſtimmte Organiſation und Disciplin in die Maſſen brachten. Und endlich war die von den Studenten beſchloſſene Adreſſe vollendet, und die Profeſſoren Hye und End⸗ licher begaben ſich mit ihr nach der kaiſerlichen Hof⸗ burg, um den Verſuch zu wagen, ſie dem Kaiſer ſel— ber zu übergeben. Ganze Schaaren jauchzenden, ſchreienden, wüthenden Volkes begleiteten die beiden Profeſſoren, und wie der erſte Hahnenſchrei der neu auf⸗ gehenden Zeit, tönte es hier und dort aus den Maſſen hervor:„Preßfreiheit! Conſtitution! Volksbewaffnung!“ Und dann vereinigten ſich alle dieſe vereinzelten Stim⸗ men in dem brüllenden Ruf: nieder mit Metternich! Nieder in dem verhaßten Miniſter! Di ◻Æ s Geſchrei donnerte empor zu dem Saal, in welchem die Mitglieder der kaiſerlichen Familie nebſt den drei Herren vom Conferenzrath ſeit langen und bangen Stunden conferirten. Auch der Kaiſer Ferdinand war heute, auf beſon⸗ deren Wunſch ſeines Oheims, des Erzherzogs Ludwig, erſchienen, um an der Berathung Theil zu nehmeng Er ſaß mit ernſtem, tiefſinnigem Antlitz auf ſeinem Fauteuil, und blickte abwechſelnd jedem der Sprechenden aufmerkſam in das Angeſicht und nickte mit lebhafter 6 Zuſtimmung als eben der Erzherzog Johann mit glühenden Worten die Nothwendigkeit auseinander⸗ ſetzte, die gerechten Forderungen des Volkes zu bewilligen, und als Geſchenk jetzt noch zu gewähren, was man ſonſt bald von der Revolution ſich werde abzwingen laſſen: Conſtitution! eßfreiheit! Volksbewaffnung! Hören's, Oncle Johann, rief der Kaiſer ihm zu⸗ nickend mit einem fröhlichen Lachen, hören's Oncle Johann, das ſind ja drei ſchöne Worte, und ich mein', ſie haben eine ganz hübſche Melodie! Die Fürſten müßten gut darnach tanzen können, glaub' ich, und ich begreif' halt gar nit, warum der hochſelige Kaiſer dieſe drei hübſchen Worte ſo ſehr gehaßt hat. Ich will Ew. Majeſtät ſagen, warum er das ge⸗ than hat, ſagte Erzherzog Ludwig. Der Kaiſer, Ihr hochſeliger Herr Vater, war der feſten Ueberzeugung, daß dieſe drei Worte genügten, um jede Monarchie zu ſtürzen und jeden Thron zu zerſchmettern. Er er⸗ achtete es aber für ſeine heilige Pflicht, den Thron, den er von ſeinen Vätern ererbt, für ſeine Nachfolger nd Erben zu erhalten und zu bewahren, damit er nicht dereinſt vor dem Throne Gottes zur Rechenſchaft gezogen werde als ein ſchlechter Verwalter, der das Gut, welches ihm anvertraut, verſchleudert habe. Meinen's wirklich, daß der liebe Herrgott mich zur Verantwortung ziehen würde, wenn ich die drei Wort' ausſpräch? fragte der Kaiſer angſtvoll und mit zuckenden Mienen. Ja, ich bin davon überzeugt, erwiderte Erzherzog Ludwig. Ich weiß, daß der Kaiſer Franz im Grabe keine Ruhe hätte, wenn ſein Sohn den frevlen Muth beſäße, dieſe gehaßten und gefährlichen Worte auszu⸗ ſprechen und ſie dem aufgereizten Pöbel als Geſchenk zu gewähren. Ich ſage Ew. Majeſtät, wenn es ge⸗ ſchähe, würde der Kaiſer aus ſeinem Grabe wieder auferſtehen, und würde hierher kommen in die Kaiſer⸗ burg, um ſeinem Sohn und Erben zu fluchen, und uns Alle zu verwünſchen. Jeſus Maria, rief der Kaiſer aufſpringend, als wolle er vor der entſetzlichen Erſcheinung ſich flüchten, Jeſus Maria, ich ſterb' vor Schrecken, wenn der Herr Vater kommt. Nein, nein, ich will die drei Wort' ja nimmer ſagen. Der Herr Vater kann ruhig bei den Kapuzinern bleiben, ich will gar nix ändern, ich will Alles ſo laſſen, wie's geweſen iſt! Wenn Ew. Majeſtät das thun wollen, ſo iſt Oeſterreich, ſo ſind wir alle verloren, rief die Erz⸗ herzogin Sophie ſtürmiſch. Nur dieſe drei Worte ſind 8 jetzt noch im Stande uns zu erretten, dieſe drei Worte, welche das Volk auf allen Gaſſen, die Studenten und Profeſſoren in der Univerſität, welche die Stände in dem Ständehauſe, welche die Clubbs in jedem ihrer Säle laut und ſtürmiſch wiederholen. Fragen Sie doch unſern theuren Oheim, den Erzherzog Johann, was er geſehen und gehört hat auf ſeinen Wanderungen durch die Stadt, laſſen Sie ſich von ihm erzählen, was aus den ſonſt ſo fröhlichen und guten Wienern geworden iſt, und wohin ſie dieſes verhaßte Syſtem geführt hat, von dem man verlangt, daß Ew. Maje⸗ ſtät es aufrecht erhalte. Ich bitt', Oncle Johann, erzählen's, rief Ferdinand, indem er ſich wieder in ſeinen Fauteuil niedergleiten ließ. Ich hör' Ihnen halt gar ſo gern zu und ſchau' Ihnen dabei in's liebe, braune Angeſicht und denk' dabei an die ſchönen Berg', auf denen Sie herum⸗ klettern, und der Gemſ' nachſpüren, und ſuch' auf Ihrem Geſicht die liebe warme Sonne von der Hoch⸗ alp, die Sie ſo braun gemacht, und ſehn' mich dann recht herzlich aus der Burg hinaus auf die Alp. Ach, es muß gar ſo prächtig und herrlich ſein, ſo frei und fröhlich auf den Bergen umher zu klettern, um dem Gemsbock aufzulauern, und den Hirſch zu treffen, — 9 wenn er nix ahnt und— Wiſſen's was, lieber Herr Oncle Johann, ich hab' da einen Gedanken, einen prächtigen Gedanken. Wir ſollten einmal ein Biſſel die Rollen tauſchen, Sie ſollten Einmal der Kaiſer ſein, und hier in der Burg wohnen, und all' die Con⸗ ferenzen anhören, und all' die Namensunterſchriften beſorgen, und ich geh' ſpazieren auf die Berg' und ruh' mich ein Biſſel aus von dem unausſtehlichen Re⸗ gieren! Ach ja, ſo ſoll es ſein! Ich mag nit länger Kaiſer ſein, ich geb' dem Oncle Johann meine Kron' und meinen Scepter. Aber ich, Majeſtät, ich nehme Beides nicht an, ſagte Johann lachend. Spür' gar keine Neigung in mir zum Kaiſerſpielen, die Hochalp iſt mein Thron und der Stutzen mein Scepter. Ew. Majeſtät wollten ſich von dem Herrn Erz⸗ herzog erzählen laſſen, was er heute Alles geſehen und gehört hat, ſagte die Erzherzog Sophie raſch. Ich bitte Ew. Liebden, ſtatten Sie doch unſerm theuren Kaiſer Bericht ab über die Scenen, deren Zeuge Sie waren. Ach ja, Herr Oncle, erzählen's, erzählen's, rief der Kaiſer, ſich in ſeinen Stuhl zurücklehnend. Ew. Majeſtät, es giebt indeß Dinge, die ſich 10 ſchwer erzählen laſſen, und die man geſehen haben muß, um an ſie glauben zu können, ſagte Johann ernſt. Wer vermag es, das Meer in ſeinem Aufruhr, den Himmel in ſeiner Wolkenſchwere, den Wald im Sturm zu ſchildern? Wenn aber das Volk in Be⸗ wegung kommt, ſo iſt es Meeresaufruhr und Ge⸗ witterdonner und Waldesſturm, Alles zu gleicher Zeit, und man erkennt die Wahrheit des Wortes, welches ſagt, daß die Stimme des Volkes die Stimme Gottes ſei. Vox populi, vox dei, murmelte der Kaiſer. Ja, ja, wir wiſſen auch Latein. Majeſtät, der ganze heutige Tag war nichts als eine Illuſtration dieſes weiſen Wortes, das ſchon die alten Römer als eine Wahrheit anerkannt. Die Stimme Gottes hörte ich auf allen Gaſſen, auf allen Plätzen Wiens, die Stimme Gottes vernahm ich in der Aula und im Ständehauſe, denn überall vernahm ich die Stimme des Volkes, und überall tönte ſie in derſelben Weiſe, überall rauſchte und donnerte und brauſte ſie dieſe drei Worte: Conſtitution! Preß⸗ freiheit! Volksbewaffnung! Jeſus Maria, Sie haben das Alles ſelbſt gehört? fragte der Kaiſer erſtaunt. Sie ſind überall ſelbſt geweſen, Herr Oncle? 11 . Ja, ich bin überall ſelbſt geweſen, erwiderte Jo⸗ hann, denn um die Wahrheit erkennen zu können, muß man ſie ſelbſt aufgeſucht haben, und um die jetzige Bewegung richtig zu beurtheilen, muß man mit eigenen Augen geſehen, mit eigenen Ohren gehört haben. Ich habe mich daher in einer angemeſſenen Verkleidung ſeit der Frühe des Morgens in der Stadt umhergetrieben, und— Was hatten's für eine Verkleidung? fragte der Kaiſer neugierig. Die ſchönſte und ehrwürdigſte, Majeſtät. Ich war als ein einfacher Bürger gekleidet, und ich ver⸗ verſichere Ew. Majeſtät, daß dies jetzt das herrlichſte Hofkleid in Wien iſt, und daß es mehr geehrt und anerkannt iſt als die glänzendſten Uniformen. Als einfacher Bürgersmann fand ich heute Morgen alle Pforten geöffnet, und überall durfte ich eintreten, und überall grüßte man den unſcheinbaren, unbekannten Bürger als einen Willkommenen, und ſprach zu ihm frei und ohne Rückhalt. Und was für Reden waren es, die ich überall vernommen! Reden voll glühender Begeiſterung für die Freiheit, voll feſter Zuverſicht, daß jetzt endlich die Zeit gekommen, in welcher man ſie erringen, oder ſterben müſſe, Reden voll Er⸗ 12 rüc 1 bitterung und glühenden Haſſes gegen Diejenigen, 8 welche die Zeit der Freiheit und der Volksehre ſo lange 9 von Oeſterreich fern gehalten, und das geliebte Vater⸗ 1 land in Nacht und Dunkelheit gehüllt hätten. Und 1 das Volk horchte all' ſolchen Reden mit flammender. Begeiſterung, mit glühendem Enthuſiasmus, und li überall ſchwur es mit heiligen Eiden, daß es nicht n eher ruhen und raſten wolle, bis es erlangt habe, was N ihm gebühre, und daß es ſeine höchſten Güter ſich er⸗ du kämpfen wolle mit ſeinem Blut und ſeinem Leben. L „Nicht eher wollen wir wieder ſchlafen, als bis wir ſie g erkämpft haben, die heilige Drei, ſchrie ein Redner d aus dem Volk auf dem Kohlmarkt, die heilige Drei:— b die Conſtitution, die Preßfreiheit und die Volksbe⸗ 1 waffnung!“ Und man reichte ſich die Hände wie A zum heiligen Schwur, man ſchaute ſich an mit ſtrah⸗ 4 lendem Angeſicht, und doch mit Thränen im Auge, ſ man grüßte einander, wie ſich treue Waffengenoſſen grüßen im Momente der beginnenden Todesſchlacht. Es gab kein Schwanken und Zaudern, kein Bedenken 1 und kein Zurückweichen mehr. Jeder iſt entſchloſſen zu kämpfen und zu ſterben für die heilige und gerechte Sache, und er würde Denjenigen als ſeinen Feind und Beleidiger anſehen, der ihm jetzt noch von Zu⸗ rückhaltung, von Gehorſam und Fügſamkeit für das Beſtehende ſprechen wollte. Glauben es mir Ew. Majeſtät nur, die Morgenröthe der neuen Zeit, die wir Alle haben herauf dämmern ſehen, und die man hier in Oeſterreich immer noch verfinſtern, und zu um— hüllen trachtete, dieſe Morgenröthe leuchtet jetzt auch mit ſtrahlendem Glanze über Oeſterreich, und es wird nicht mehr gelingen, die aufſteigende Sonne erlöſchen zu machen und die Nacht zu erhalten, unter deren Schatten man ſo lange ungeſtraft das Unrecht be⸗ gehen und die Rechte des Volkes verbergen konnte. Die drei Worte:„Conſtitution, Preßfreiheit und Volks⸗ bewaffnung“ die ſind zur Standarte geworden, um welche das Volk in edler Begeiſterung ſich ſchaart. Aber überall fügt es jetzt ſchon dieſer heiligen Drei ein viertes Wort hinzu, und dieſes vierte Wort rollt, ſo oft es geſprochen wird, wie der Donner des Zorns durch die Luft dahin, und— 5 1 In dieſem Moment tönte von der Straße herauf unermeßliches Geſchrei, das die Fenſter erklirren und den Kaiſer erbleichen machte. Erzherzog Johann verſtummte und wandte ſein von edlem Muthe ſtrahlendes Angeſicht den Fenſtern zu. Die Erzherzogin Sophie hatte ſich erhoben, und 14 trat haſtigen Schrittes bis dicht an das Fenſter, ihren Gemahl, den Erzherzog Franz Carl, mit ſich ziehend. Fürſt Metternich, der während der ganzen Dauer des Familienrathes ſich ſtill und ſchweigſam verhalten hatte, wie es niemals ſonſt ſeine Art geweſen, Fürſt Metternich ſaß geſenkten Hauptes, wie in tiefen Ge⸗ danken verloren da, während der Graf Kollowrat den prüfenden Blick auf Erzherzog Ludwig heftete, deſſen Stirn ſich in tiefe Falten gelegt, deſſen Antlitz düſter und drohend zugleich war. Eine bange, athemloſe Pauſe trat ein, Jeder horchte in lautloſem Schweigen hinunter auf die Straße, von welcher es wie wildes donnerndes Meeresgebrauſe herauftönte. Auf Einmal hob ſich aus dieſem Gebrauſe ein gellender lauter Ruf empor, anfangs wirr durchein⸗ ander, hier und dort wiederholt in ſchrillen Lauten, dann aber ſich einigend wie zu Einer unermeßlichen Rieſenſtimme ſchallte es empor: Fort mit Metternich! Fort mit dem Fürſten Mitternacht! Jeſus Maria, rief der Kaiſer entſetzt, ſeine Hände wie zum Gebet in einanderfaltend, Jeſus Maria, was ſchreien's denn da? Majeſtät, erwiderte Johann feierlich, ſie rufen da 15 unten das vierte Wort, von welchem ich Ihnen vorhin ſagte, das vierte Schlachtenwort dieſes Tages. Fort mit dem Fürſten Mitternacht! donnerte es noch lauter, noch drohender herauf. Von wem reden's denn? murmelte der Kaiſer. Wer iſt denn der Fürſt Mitternacht? Majeſtät, derjenige, welcher den frevlen Muth hatte, das aufgehende Licht des neuen Tages von Oeſterreich fern halten zu wollen. Aber ich ſagte es Eurer Majeſtät ſchon vorher: der Tag iſt da! Die Sonne bricht hervor, und vor ihren Strahlen muß die Nacht, alſo auch der Fürſt der Mitternacht weichen! Aber der Tag wird uns alle zerſchmettern, wenn Ew. Majeſtät uns nicht erretten wollen, rief die Erz⸗ herzogin Sophie haſtig. Das Volk ſtürmt in unge⸗ heuren Maſſen heran, es wird wie eine Sturmfluth zu uns ſich herein wälzen, es wird uns ermorden oder verjagen, wenn Ew. Majeſtät uns nicht erretten wollen. Jeſus Maria, ich bin ein armer, kranker Mann, ſtöhnte der Kaiſer, deſſen Lippen ſich entfärbten, deſſen Glieder zu zucken begannen. Ich kann nix thun, um uns zu retten. Der Herr Fürſt von Metternich, das iſt der eigentliche Kaiſer, der hat die Regierung bis 16 hierher geführt, der muß ſie auch ferner führen. Ich mag nix damit zu thun haben. Es iſt ein gar ge⸗ fährlich Ding, die Maſchin' jetzt anzurühren. Man muß dazu eben ſo geſchickt ſein, wie es der Herr Fürſt iſt! Nun, ſagen's alſo, Herr Fürſt, was ſollen wir thun, um die ſchreienden Menſchen da unten zu beruhigen, und ſie wieder gut zu machen? Majeſtät, begann Metternich mit leiſer Stimme, — aber bevor er noch Zeit gehabt, ein Wort hinzuzu⸗ fügen, öffnete ſich die Thür und, der dienſtthuende Kammerherr trat ein. Mit haſtigen Schritten näherte er ſich dem Für⸗ ſten Metternich und flüſterte ihm einige Worte in's Ohr. Majeſtät, ſagte der Fürſt laut, es ſind draußen im Vorſaal zwei Profeſſoren der Univerſität, ſie kün⸗ digen ſich an als eine Deputation der Studenten und verlangen eine Audienz bei Eurer Majeſtät. Jeſus Maria, ich will aber nix mit ihnen zu thun haben, rief der Kaiſer, indem er aufſprang. Ich weiß halt nixr zu ſprechen mit den gelehrten Herren; am End' reden's mich noch Lateiniſch an, und das Latein iſt mir ein rechtes Greuel. Majeſtät, ſagte Johann lächelnd, ich glaube ver⸗ 17 ſichern zu können, daß die Profeſſoren die Abſicht haben, Deutſch mit ihrem Kaiſer zu ſprechen. Aber ich will's nit hören, rief der Kaiſer, die Hände abwehrend vor ſich ausſtreckend. Sie haben mich niemals allein regieren laſſen, warum ſollt' ich's alſo heut'? Nein, nein, der Herr Erzherzog Ludwig iſt mein Stellvertreter, und alſo kann er die Pro⸗ feſſoren empfangen. Ew. Majeſtät ſollten indeß die Gnade haben zu bedenken, daß das Volk erzürnt ſein wird, wenn die Profeſſoren von Ew. Majeſtät abgewieſen würden, rief die Erzherzogin Sophie. Man wird das gar übel auslegen, man wird glauben, daß Ew. Majeſtät die Stimme des Volkes nicht hören wollen, oder— Ich will ſie auch nit hören, unterbrach ſie der Kaiſer. Man wird die Wahrheit glauben, Frau Schwägerin, ich will ſie nit hören, die Stimme des Volkes. Ich kenne das Volk, und mir graut vor ihm. Mein Herr Vater hat mir immer geſagt, es gäbe gar kein Volk, ſondern nur Unterthanen. Warum ſoll ich alſo jetzt die neue Bekanntſchaft machen, die mir ſicherlich nit gefallen wird? Nein, nein, es bleibt dabei, ich will's nit. Herr Erzherzog Ludwig, gehen's nebenan in Mühlbach, Erzherzog Johann. 4. Abth. IIl. 2 18 den kleinen Empfangsſaal und empfangen's da in meinem Namen die Herren Profeſſoren! Nun wohl, rief die Erzherzogin Sophie heftig, Ew. Majeſtät haben alſo den Untergang des Thrones beſchloſſen. Ew. Majeſtät ſind es müde zu regieren, und Sie wollen den Pöbel an Ihrer Statt zum Herr⸗ ſcher über Wien machen, Sie wollen Ihre Familie entthronen, und uns das Schickſal der franzöſiſchen Königsfamilie bereiten! Mögen Ew. Majeſtät thun, was Ihnen für Ihre Perſon das Beſte ſcheint. Ich aber muß und werde dahin ſtreben, das Unheil abzu⸗ wenden und zu retten, was noch zu retten iſt. Kom⸗ men Sie, mein Gemahl. Die Berathung iſt zu Ende! Man hat uns hier nicht hören wollen, ſo müſſen wir denn verſuchen, uns anderswo Gehör zu verſchaffen. Da der Kaiſer mich nicht hören will, muß ich meine 4 Stimme erheben und es bis zum Throne Gottes hinauf rufen: Errette Du uns, Gott, und ſtehe uns bei, denn das Kaiſerreich iſt verloren, weil Diejenigen, welche es zu ſchützen hatten, blind waren mit ſehen⸗ den Augen. Gott ſei Dank, daß ſie fort iſt, murmelte der Kaiſer hochaufathmend, als die Herzogin mit ihrem Gemahl das Zimmer verlaſſen hatte. Jetzt, Herr Erz⸗ 19 herzog Ludwig, jetzt gehen's und empfangen's die Herren Profeſſoren! Ich will mich auch zurückziehen und ich hab' an Sie eine rechte große Bitte, mein lieber Oncle Johann. Ew. Majeſtät haben indeſſen nicht zu bitten, ſon⸗ dern nur zu befehlen, ſagte S hann ſich tief und cere⸗ moniell verneigend. Wollen Ew. Majeſtät mich alſo Ihre Befehle wiſſen laſſen. Ach, ſeufzte der Kaiſer traurig, ich ſehe es wohl, der Herr Oncle ſind unzufrieden mit mir, denn Sie machen gar ſo ein ernſtes und finſteres Geſicht. Aber bedenken's doch lieber Herr Oncle, daß ich gar ſo kränklich und furchtſam bin, und daß ich das Re⸗ gieren nicht gelernt hab'. Sie haben's immer für mich gethan, die Herren vom Conferenzrath, und ſo mag's denn nun auch dabei bleiben. Ich bitt' Sie, lieber Oncle Johann, kommen's mit mir! Beglei⸗ ten's mich in mein Kabinet, und ſchauen's ſich die neuen Sammlungen von Käfern und Schmetterlingen an, und geben's mir Ihren Rath über eine neue Maſchin' zum Weben, die ich nit verſteh', und die mir heut' ſchon recht viel Kopfbrechens ge⸗ macht hat. Ueber des Erzherzogs Antlitz flog ein leiſes 2 2 20 Lächeln, und er näherte ſich jetzt mit freudiger Be⸗ reitwilligkeit dem Kaiſer, um ihm ſeinen Arm zu reichen. Sie ſollen ſehen, daß die Wünſche Eurer Maje⸗ ſtät mir allzeit Befehle ſind, ſagte er freundlich. Ich bin mit Freuden bereit, Ew. Majeſtät alles An⸗ dere, was ich mir für den heutigen Tag vorgeſetzt hatte, aufzugeben, und ſo lange in der Nähe Eurer Majeſtät zu bleiben, als mein gütiger Kaiſer und Neffe mich neben ſich dulden wollen. Ach, daß iſt einmal ſchön von Ihnen, rief der Kaiſer vergnügt. Sehen Sie, jetzt freut's mich doch halt wieder, daß ich Kaiſer bin, denn als ich noch Erzherzog war, durft' ich meinen lieben Erzherzog Johann gar nit ſo lange bei mir behalten, als ich's gemocht hätte, und der Herr Vater hätt's am Liebſten geſehen, wenn ich den lieben Oncle Johann gar nimmer geſehen und geſprochen hätt'. Aber jetzt, da ich der Kaiſer bin, darf's mir Niemand ver⸗ wehren, meinen lieben Oncle bei mir zu haben, und da Sie heut' ſo lange bei mir bleiben wollen, bis ich Sie gehen heiß', ſo machen Sie ſich nur gefaßt darauf, daß Sie den ganzen Tag bei mir bleiben! Und jetzt kommen's, lieber Oncle, kommen's, und 21 Sie, Herr Erzherzog Ludwig, empfangen's die Herren Profeſſoren! Er lehnte ſich lachend und vergnügt auf den Arm Johann's, und zog ſich von ihm geſtützt in ſein Ca⸗ binet zurück. Wenn mein Bruder, der Kaiſer Franz, noch lebte, würde er dieſes Zuſammenſein des Erzherzogs Johann mit ſeinem Oheim nicht geduldet haben, ſagte Erz⸗ herzog Ludwig achſelzuckend. Aber ich kann's leider nicht hindern, obwohl ich weiß, daß der Erzherzog Johann gefährliche Saat ſäen wird in dem Herzen des Kaiſers. Nun, wir müſſen Alles, was da kommt, mit Ruhe und Faſſung erwarten. Ich will jetzt gehen, die Profeſſoren zu empfangen! Bleiben Sie hier, meine Herren, und erwarten Sie meine Rückkehr. Sich von den beiden Herren mit einem leich⸗ ten Kopfnicken verabſchiedend, durchſchritt Erzherzog Ludwig mit ungewohnter Eilfertigkeit das Gemach, und begab ſich in den anſtoßenden Saal, in welchem die beiden Profeſſoren Endlicher und Hye ſeit eine halben Stunde warteten. II. es verlaſſen wollen, als bis wir die Adreſſe, deren Ueber⸗ gei Der zwölfte März. nit Zweite Scene. 14 Der Erzherzog erwiderte die tiefen, ehrfurchtsvol⸗ dür len Verneigungen der beiden Profeſſoren mit einem kaum merklichen Kopfnicken. nu Nun, ſagte er barſch, was führt Sie zu mir und was haben Sie mir vorzutragen? ſch Ew. kaiſerliche Hoheit mögen gnädigſt verzeihen, b 8 erwiderte der Profeſſor Hye, wir ſind in die kaiſer⸗ liche Burg gekommen, um Se. Majeſtät den Kaiſer te ſelber um eine Audienz zu bitten. zu Und, fügte Profeſſor Endlicher hinzu, und wir de haben denen, welche uns geſandt haben, unſer Wort darauf gegeben, daß wir nicht eher die kaiſerliche Burg d — 23 bringer wir ſind, in die Hände des Kaiſers ſelber niedergelegt haben. Wer ſind Diejenigen, welche Sie hierher geſandt mabene i fragte Erzherzog Ludwig barſch. s ſind die ſämmtlichen Studenten der vier Fa⸗ . dear erwiderte Profeſſor Endlicher, das will ſagen, es ſind mehr als tauſend junge Männer, die mit be⸗ geiſterter Liebe an ihrem Vaterlande hängen und be⸗ reit ſind, ihr Blut und Leben für daſſelbe hinzu⸗ geben. Soll das eine Drohung ſein? rief der Erzherzog zürnend.. Nein, kaiſerliche Hoheit, es ſoll kaum eine War⸗ nung fein, ſondern nur eine Bemerkung. Alſo die Herren Studenten ſind es, die Sie ſchicken? Aber ſeit wann iſt es denn erlaubt, daß di Schüler ihre Lehrer zu ihren Boten benutzen dürfen? e Wir haben dieſe Botſchaft übernommen, weil es kein anderes Mittel gab, die aufgeregten Gemüther zu beſchwichtigen, ſagte Profeſſor von der Hye mit leiſer, bittender Stimme. Und weil, ſetzte Profeſſor Endlicher mit einem düſtern Blick auf ſeinen Begleiter hinzu, und weil das, was die Studenten in der von ihnen abgefaßten 24 Adreſſe ausgeſprochen haben, mit unſerer eigenen Ge⸗ ſinnung vollkommen übereinſtimmt. Und was enthält denn dieſe Adreſſe? Geben Sie ſie mir! rief der Erzherzog gebieteriſch, indem er die Hand nach der Papierrolle ausſtreckte, die Profeſſor Endlicher in ſeiner Hand hielt. Kaiſerliche Durchlaucht, wir haben verſprochen, die Adreſſe in die Hände des Kaiſers ſelber niederzulegen, und wir erlauben uns daher, an Ew. kaiſerliche Ho⸗ heit die unterthänige Bitte zu richten, daß Sie die Gnade haben wollen, uns zu Sr. Majeſtät zu führen.. Der Kaiſer hat ſich entſchieden geweigert, die bei⸗ den Herren Profeſſoren zu empfangen, ſagte Erzherzog Ludwig achſelzuckend. Es iſt auf ſeinen ausdrücklichen Befehl, daß ich hierher gekommen bin, um Sie zu empfangen, und ich geſtehe Ihnen ganz offen, daß ohne dieſen Befehl, ich 2 7 Sie ſicherlich würde abgewie⸗ ſen haben, da es mir durchaus ungehörig und re⸗ ſpectwidrig erſcheint, daß eine Schaar von unartigen Schülern ſich erlaubt, mit ihren unreifen Wünſchen und Meinungen ſich bis an den Thron ihres Kaiſers ſelber zu drängen. Aber Se. Majeſtät hat es mir befohlen, Sie zu empfangen und Sie ſehen mich alſo 25 bereit, Ihre Botſchaft entgegenzunehmen, im Namen und Auftrag des Kaiſers. Ew. Hoheit werden die Gnade haben, dem Kaiſer die Adreſſe zu übergeben, ſie in ſeine eigenen Hände niederzulegen? Ich habe die beſtimmten Befehle des Kaiſers und ich werde ſie erfüllen. Geben Sie mir alſo die Adreſſe und ſeien Sie verſichert, daß der Kaiſer ſie erhalten ſoll, vorausgeſetzt, daß ihr Inhalt nicht der Art iſt, daß der Kaiſer dadurch verletzt, oder gereizt wird, denn Sie, Herr Profeſſor Endlicher wiſſen ſehr wohl, daß die ſchwache Geſundheit Sr. Majeſtät der⸗ gleichen geiſtige Anſtrengungen nicht zu ertragen ver⸗ mag. Sagen Sie mir alſo den Inhalt Ihrer Adreſſe. Kaiſerliche Hoheit, ich faſſe ihren Inhalt in dieſen kurzen Worten zuſammen: die Studenten beſchwören Sr. Majeſtät, Denjenigen zu verabſchieden, auf den ganz Oeſterreich mit Haß und Zorn hinblickt, als auf den Träger eines Syſtems, das ſich überlebt hat, und das nicht mehr den Anforderungen und der Bildung der Völker entſpricht. Und wer iſt es, den die Studenten als den Trä⸗ ger dieſes Syſtems betrachten? 26 Kaiſerliche Hoheit, es iſt der Fürſt Metternich, um deſſen Entlaſſung die Univerſität Se. Majeſtät an⸗ fleht. Die Univerſität? Ich meinte, Sie kamen als Bote der Studenten. Kaiſerliche Hoheit, ich würde als Mann keine Botſchaft übernehmen, die ich nicht gut heißen könnte, und ich würde als Profeſſor der Univerſität nichts unternehmen und thun, von dem ich nicht wüßte, daß ich für daſſelbe der Billigung meiner Collegen ſicher wäre. Ich darf aber auch hinzuſetzen, daß ich als Unterthan und Diener meines Kaiſers niemals bei einer Sache mich betheiligen würde, von der ich nicht glaubte, daß ſie zum Wohl, ja zur Rettung des Throns und der Dynaſtie unumgänglich nothwendig wäre. Ich bin aber der feſten Ueberzeugung, daß die Ent⸗ laſſung Metternichs eine Nothwendigkeit iſt, weil der Fürſt im ganzen öſterreichiſchen Staat verhaßt iſt, und eine allgemeine Empörung herrſcht über die Art und Weiſe, in welcher er bisher im Staate ſchalten und walten durfte.*) *) Siehe Nordſtern: Geſchichte der Wiener Revolution, Er⸗ ſtes Buch S. 41. 27 Eine Adreſſe ſolchen Inhalts werde ich dem Kai⸗ ſer nicht übergeben, rief der Erzherzog aufgeregt. Dann bitten wir Ew. kaiſerliche Hoheit um die Gnade, uns eine Audienz bei Sr. Majeſtät zu ver⸗ ſchaffen, damit wir ihm Selber die Wünſche, die fle⸗ hentlichen Bitten des Volkes mittheilen. Eine Anzahl unartiger und ungeſitteter Schüler iſt nicht das Volk, ſagte Ludwig zürnend, und Sie werden von mir nicht begehren, daß ich ſie als ſol⸗ ches betrachte. Ich kann Ihnen daher auch nicht ver⸗ ſprechen, Ihnen eine Audienz beim Kaiſer zu ver⸗ ſchaffen, denn es hieße die kaiſerliche Würde verletzen, wenn man ihm in unehrerbietiger Weiſe nahen dürfte, um ihm ungeforderte und unberechtigte Rathſchläge zu ertheilen. Gehen Sie und bringen Sie Denen, welche Sie geſandt haben, dieſen Beſcheid. Er winkte heftig nach der Thüre hin, und als Profeſſor Endlicher den Mund öffnete, um noch ein⸗ mal das Wort zu ergreifen, rief Ludwig heftig: Wir haben einander nichts mehr zu ſagen! Gehen Sie! Er wandte ſich ab und in eine Fenſterniſche tre⸗ tend, ſchaute er unbeweglich und mit düſterem Ange⸗ ſicht hinunter auf den mit Menſchen angefüllten Platz. Er ſah es, wie die Leute ſeiner anſichtig wurden, wie 28 ſie ſich einander aufmerkſam machten auf ſein Erſchei⸗ nen an dem Fenſter, er ſah es, wie die Kunde davon raſch, wie ein Lauffeuer ſich überall hin verbreitete, wie Aller Blicke ſich zu dem Fenſter emporhoben. Er ſah aber auch wie dieſe Blicke ſich verdüſterten, wie die Stirnen ſich in Falten legten, wie die Hände, die zu ſeinem Fenſter emporzeigten, ſich unwillkürlich zur Fauſt ballten, und er hörte dieſes unheimliche Gemur⸗ mel, das drohend wie ein aufſteigendes Gewitter im⸗ mer ärger anſchwoll, und endlich mit lautem Donner zu ihm emporſchrie: nieder mit Metternich! Fort mit dem Fürſten der Mitternacht! Ein ſeltſames Gefühl von Angſt und Schrecken überkam den Erzherzog, er trat vom Fenſter zurück, und zum erſten Mal empfand er eine Ahnung von der Gefahr, welche ihn und das Kaiſerhaus bedrohte. Ohne zu wiſſen, was er that, ſich ſelber nicht Rechen⸗ ſchaft gebend über den Zweck ſeines Thuns durchſchritt Erzherzog Ludwig haſtig den Saal und öffnete die Thür, durch welche die beiden Profeſſoren hinausge⸗ ſchritten waren. Er ſah, wie ſie eben im Begriff waren, den Vorſaal zu verlaſſen, und er rief ſie zurück. Mit jugendlicher Eilfertigkeit ſchritt er ihnen entgegen bis in die Mitte des Vorſaals, und reichte den beiden 29 Männern, welche mit ernſten, düſtern Mienen, bleich und ſtumm ihm gegenüber ſtanden, ſeine beiden Hände dar. Ich habe Sie vorher nicht freundlich begrüßen können, ſagte er, Sie kamen als Abgeſandte zu mir, und nur dieſe durfte ich in Ihnen ſehen. Jetzt aber, da Sie Ihren officiellen Empfang gehabt haben, reiche ich Ihnen, als alten Bekannten, gern meine Hand dar und grüße in Ihnen die beiden hochgeachteten und berühmten Profeſſoren der Univerſität! Und die⸗ ſer Gruß ſei zugleich mein Lebewohl!*) Ebenſo haſtig, wie er gekommen, wandte er ſich wieder ab und kehrte in den Saal zurück. Aber er trat nicht wieder in die Fenſterniſche, um hinunter zu ſchauen; er hörte das laute donnernde Geſchrei, wel⸗ ches von unten herauf tönte, und dies Toſen und Brüllen gab dem ſtolzen Erzherzog ſeine Ruhe und ſeine Haltung wieder. Ich werde nicht nachgeben, rief er trotzig, und un⸗ heimlich laut hallten dieſe Worte wieder in dem lee⸗ ren, ſchweigſamen Saal. Mit feſter, ſtolzer Haltung ſchritt aber der Erzherzog vorwärts und trat wieder in den Conferenzſaal ein. *) Nordſtern: Geſchichte der Wiener Revolution. S. 41. 30 Fürſt Metternich und Graf Kollowrat waren in demſelben, wie es der Erzherzog befohlen, noch gegen⸗ wärtig, aber neben ihnen befand ſich der Landesmar⸗ ſchall Graf Montecucoli. Er hatte eben, wie es ſchien, lebhaft und dringend geſprochen, denn ſein Antlitz war bewegt, ſeine„Augen leuchteten; aber als der Erzherzog eintrat, verſtummte er mitten in ſeiner an⸗ gefangenen Rede, und nur das letzte Wort derſelben erreichte das Ohr des Erzherzogs. Dieſes Wort war: Revolution. Ach, ſagte der Erzherzog düſter, muß dieſes ver⸗ haßte Wort ſogar hier im Conferenzſaal ertönen! Woher kommt Ihnen der Muth es hierher zur Audienz zu führen, Herr Landesmarſchall Graf von Montecucoli? Aus der Gefahr, welche das Kaiſerhaus bedroht, kaiſerliche Durchlaucht, erwiderte der Graf ruhig und feſt. Ich führe, wie Ew. Durchlaucht ſagen, das Wort Revolution hier zur Audienz, um dadurch, wenn möglich, zu vermeiden, daß ſie nicht in Perſon ſich hier einführe. Ich kam hierher, um Se. Durchlaucht den Fürſten Metternich zu warnen, und eine kurze Unterredung von ihm zu erbitten. Und ich erlaubte mir, den Herrn Landesmarſchall hier eintreten zu laſſen, ſagte Metternich, ſich tief ver⸗ 31 neigend. Ew. kaiſerliche Hoheit ertheilten Audienz und wir konnten die Unterbrechung der Conferenz benutzen um von dem Herrn Landesmarſchall uns ein wenig belehren zu laſſen über die Stimmung der Stände und über das, was morgen bei der Eröffnung derſelben geſchehen kann. Der Herr Graf war ſo gü⸗ tig uns umfaſſende Auskunft zu geben, und mich über Vieles zu belehren, was ich nicht wußte und was mir bisher fremd geblieben. Alles, was er Ihnen ſagen konnte, faßt ſich am Ende doch zuſammen in dem einen Wort Revolution, das ich ihn bei meinem Eintritt ausſprechen hörte, rief der Erzherzog heftig. Ja, es iſt die Revolution, welche im Begriff iſt, ihr Haupt zu erheben; ſie heult drunten auf dem Platz vor der Kaiſerburg ihre Sturm⸗ lieder, ſie iſt mit dem Ständemarſchall hier eingetre⸗ ten in den Conferenzſaal, ſie hat ſich mit den beiden Profeſſoren der Univerſität zu mir herangedrängt und es gewagt an mich, an den Kaiſer, den ich vertrete, * ihre unverſchämten Forderungen zu ſtellen. Leugnen Sie es nicht, Graf, wenn morgen in dem Stände⸗ hauſe die Landſtände ihre Sitzungen eröffnen, ſo wird es die Revolution ſein, welche den Präſidentenſtuhl N einnimmt, welche den Vorſitz führt bei Ihren Be⸗ 32 rathungen, welche aus Ihrem Munde ſpricht, wie Sie heute zu mir geſprochen hat aus dem Munde der Profeſſoren. Aber ich werde ihr morgen ſo wenig Gehör geben, wie ich es heute gethan, deſſen ſeien Sie verſichert, und deſſen verſichern Sie die Stände. Fort mit Metternich! fort mit Metternich! brüllte, heulte, donnerte das Volkda unten zu den Fenſtern herauf. Fürſt Metternich erbleichte, aber das Lächeln wich dennoch nicht von ſeinen Lippen. Haben Ew. kaiſerliche Hoheit vernommen? fragte er. Fort mit Metternich! das ſcheint die Parole des Pöbels. Die Parole der Revolution, rief Ludwig, denn was der Pöbel da unten brüllt, haben ſoeben die Profeſſoren der Univerſität gewagt mir ins Angeſicht zu ſagen. Aber ſorgen Sie nicht, Durchlaucht. Wir werden dieſem Rufe nicht nachgeben. Der Kaiſer wird ſich von einer Adreſſe und dem Brüllen des Pöbels nicht bewegen laſſen, einen Mann zu entfer⸗ nen, der ſo viele Verdienſte um ſeine Dynaſtie hat, und ſo lange Zeit ſeinem Hauſe mit Eifer diente. Ueberdies halte ich dieſe Agitation gegen Sie, Herr Staatskanzler, nur für gemacht, und die Regierung darf keine Notiz davon nehmen, denn grade jetzt be⸗ 33 darf ſie mehr denn je der Dienſte erprobter Männer und treuer Vertheidiger ihrer Rechte. Kaiſerliche Hoheit, ich bin bereit, in dieſem Kampfe mein Leben zu laſſen, rief Metternich glühend; aber ich bin auch bereit, den Kampf aufzugeben, wenn es dem Wohl des Kaiſerhauſes förderlich iſt. Sollte es der Wunſch, oder die Abſicht des Kaiſers ſein, mich meiner Stellung zu entheben, ſo werde ich augenblick— lich zurücktreten. Ich bin zu alt, um noch ehrgeizig zu ſein, zu lange an meinem Platz, um ihn nicht hö⸗ herer Rückſichten wegen bereitwillig verlaſſen zu kön⸗ nen. Ich habe niemals nach Popularität geſtrebt, aber ich werde eben ſo wenig jetzt wie bei frühern Anläſſen aus einer möglichen Unbeliebtheit meiner Perſon das Motiv ableiten können, von einem Poſten zurückzutreten, welchen der Kaiſer mir anvertraut hat, und den ich nur mit der mir gebührenden Würde verlaſſen kann.*) Sie ſollen und Sie dürfen ihn nicht verlaſſen, am allerwenigſten jetzt, ſagte Erzherzog Ludwig entſchie⸗ den. Der Kaiſer, wie geſagt, kann Ihrer Dienſte *) Des Fürſten eigene Worte. Siehe: Schmidt⸗Weißen⸗ fels: Fürſt Metternich. Geſchichte ſeines Lebens und ſeiner Zeit. Band II. S. 248. Mühlbach, Erzh. 02 erzog Johann. 4. Atbth. III 34 nicht entbehren, und es wäre eine Schmach für die Regierung, wenn ſie ſich zu ihren Handlungen durch das Gebrüll des Pöbels und die Unverſchämtheit un⸗ reifer Knaben wollte beſtimmen laſſen. Zuweilen indeſſen iſt es weiſer, dem Sturm nach⸗ zugeben, als ihn mit Maßregeln beſchwichtigen zu wollen, ſagte Graf Montecucoli ernſt. Der Fürſt Metternich hat in edler Opfertreue für das Vaterland ſich bereit erkläͤrt, von ſeinem Poſten zurückzutreten. Ich beſchwöre Ew. kaiſerliche Hoheit, nehmen Sie es an, beugen Sie ſich unter die harte Nothwendigkeit der gefahrvollen Stunde. Betrachten Sie das Volk als einen Fieberkranken, der im Dilirium Dinge begehrt, und Wünſche hegt, die man ihm befriedigen muß, nur um ihn zu beruhigen, und zu vermeiden, daß er in ſeinem Fieberwahnſinn nicht noch größere, noch ſchwe⸗ rere Opfer begehrt. Wenn das Volk, wie Sie ſagen, im Fieberwahn⸗ ſinn tobt, ſo muß man es heilen, indem man ihm ſein hitziges Blut abzapft, rief der Erzherzog ſtürmiſch aus. Einem Wahnſinnigen nachgeben, heißt nur ihn aufſtacheln zu neuen Thaten des Wahnſinns, und ſei⸗ ner Tollwuth neue Nahrung geben. Gegen ſolche Tollwuth aber hilft nur feſtes und entſchiedenes Ent⸗ 35 gegentreten, muthiger und energiſcher Widerſtand. Und zu ſolchem Widerſtand iſt die Regierung ent⸗ ſchloſſen. Wir werden uns nicht einſchüchtern laſſen, wir werden nicht nachgeben, in der feſten Ueber⸗ zeugung uns auf dem rechten, von dem hochſe⸗ ligen Kaiſer Franz uns vorgezeichneten Wege zu be⸗ finden, werden wir uns nicht zu Irrwegen ableiten laſſen. Feſtes Beharren! Das iſt die Parole mit der wir dem brüllenden Pöbel gegenübertreten wollen. Kein Nachgeben, keine ſogenannten Reformen! Der Kampf der Principien und des Syſtems muß endlich jetzt zum Austrag kommen, und wir haben, denke ich, doch unſere Schwerter und unſere Kanonen zu dieſem Kampfe bereit. Kaiſerliche Hoheit, ſagte Metternich ſeufzend, ich bitte um Gnade, wenn ich zu widerſprechen wage, und wenn ich anſcheinend jetzt in Widerſpruch trete mit meiner ganzen Vergangenheit. Aber die Situation iſt auch in Widerſpruch getreten mit Allem, was ich als wahr und zu Recht beſtehend glaubte. Nach Allem, was mir der Landesmarſchall Graf Monte⸗ cucoli berichtet hat, ſcheint es nothwendig, doch Eini⸗ ges zu thun, um den Sturm zu beſchwichtigen, dem ungeſtümen Drängen der aufgeregten Bevölkerung 3* 36 Rechnung zu tragen. Gewähren wir ihnen heute Etwas, damit ſie nicht morgen Alles fordern! Wie? rief der Erzherzog zürnend, Sie ſind jetzt der Meinung, daß wir dem Pöbel nachgeben ſollten? Kaiſerliche Hoheit, was heute nur der Pöbel fordert, das werden morgen die Stände wiederholen, das wird übermorgen das ganze Land zu ſeiner Lieb⸗ lingsmelodie machen!„Reformen! Vereinigte Land⸗ ſtände!“— Nun gewähren wir Reformen, berufen wir die Landſtände aus allen Provinzen zu vereinten Sitzungen, beſchwichtigen wir die wilde Meute, indem wir ihr einen Knochen hinwerfen, an dem ſie ſich feſt— beißen kann! Auch ich wage es, Ew. kaiſerliche Hoheit zu beſchwören um Nachgiebigkeit, um Reformen, rief Graf Kollowrat dringend. Noch ſteht es vielleicht in unſerer Macht, das ſchwankende Schiff des Staates aus dem Sturm zu erretten, indem wir Einiges als Ballaſt über Bord werfen, was veraltet und wurm⸗ ſtichzig geworden, und uns hemmt in unſerm Lauf. Wenn wir es heute nicht thun, werden wir morgen von dem Sturm in ſeine wirbelnden Kreiſe hin⸗ eingezogen werden, und nichts wird uns mehr erret⸗ ten können. .37 Auch ich erkühne mich, meine Stimme zu erheben, ſagte der Graf Montecucoli innig, auch ich rufe und flehe: Geben Sie Reformen! Aendern Sie das Sy⸗ ſtem der Regierung, da es noch Zeit iſt! Es iſt un⸗ möglich, das Beſtehende noch aufrecht zu halten, nur die Bewegung, nur das Vorwärtsſchreiten kann die Revolution noch verhüten. Der Erzherzog war wie zerbrochen von allen die— ſen auf ihn eindringenden Mahnungen, wie betäubt von dieſen lauten Rufen einer neuen Zeit, die aus dem Munde ſeiner alten Genoſſen und Mitarbeiter an ſein Ohr drangen, auf einen Stuhl niedergeſunken. Der Athem ging ſchwer und keuchend aus ſeiner Bruſt hervor, ſein Antlitz war todesbleich geworden, die Schweißtropfen ſtanden auf ſeiner blaſſen Stirn, und mit düſter zuſammengezogenen Augenbraunen ſtarrte er vor ſich hin. Eine bange, athemloſe Pauſe trat ein, mit ge⸗ ſpannter Erwartung ſchauten die drei Herren auf den Erzherzog hin, in deſſen Händen jetzt noch, wie es ſchien, die Entſcheidung über das Schickſal Oeſter⸗ reichs lag. Und jetzt richtete Ludwig ſein Haupt empor, und ſeine Mienen nahmen einen ſtrengen, entſchloſſenen Ausdruckan. 38 Wohlan, ſagte er, geben wir, wenn es denn ſo ſein muß, der wilden Meute einer Knochen, in welchen ſie ſich verbeißen kann. Herr Fürſt von Metternich, laſſen Sie ſchnell die nöthigen Schreiben ausarbeiten, um im Namen des Kaiſers Ausſchüſſe aus allen Pro⸗ vinzialſtänden hierher nach Wien zur gemeinſamen Berathung zuſammen zu berufen. Aber nur zur Be⸗ rathung über ihre eigenen ſtändiſchen Intereſſen und ihre alten Verfaſſungsurkunden, die indeſſen unverän⸗ dert und unangetaſtet erhalten bleiben ſollen. Ein Mehreres darf und kann ich nicht bewilligen, ein Meh⸗ reres erlauben Sie ſich nicht von mir zu fordern, denn ich würde es nicht gewähren können, es wäre gegen meinen Eid, meine Pflicht und meine Ueberzeu⸗ gung! Leben Sie wohl und eilen Sie ſich, d die nöthi⸗ gen Erlaſſe zu entwerfen. Er grüßte die Herren mit einem leichten Kopf⸗ nicken und zog ſich dann eilig, als fürchte er noch weiteres Drängen und Fordern, aus dem Conferenz⸗ ſaal zurück. Sie haben gehört, Herr Landesmarſchall, ſeufzte Metternich. Es liegt nicht an uns, wenn nicht Mehr und nicht Beſſeres gewährt wird. All unſer Wollen zerſchellt an der Starrheit des Erzherzogs. 3 zherzos 39 Ich fürchte, auch die Regierung und die Dynaſtie D der Habsburger wird daran zerſchellen, ſagte Monte⸗ cucoli traurig. Die kleinen Zugeſtändniſſe genügen nicht mehr, und man wird dann ſtatt zu beſchwichti⸗ gen nur aufreizen. Mir graut vor dem morgenden Tage, und ich fürchte von ihm das Schlimmſte. Nun, vielleicht täuſchen Sie ſich doch, Herr Lan— deshauptmann, entgegnete Metternich mit ſeinem ge⸗ wohnten leichten und leichtfertigen Ton, vielleicht ſehen Sie die Dinge ſchlimmer an, als ſie in der That ſind. Wir haben heute dem Pöbel und den naſewei⸗ ſen Studentenknaben wohl zu viel Nachſicht bewieſen, aber morgen, wo ſich Männer verſammeln, werden wir es an dem nöthigen Ernſt nicht fehlen laſſen, und das Volk, welches heute ungehindert toben und brüllen durfte, wird am Ende morgen doch verſtum⸗ men, wenn es Kanonen und Soldaten ſieht! III. Den zwölften März. Dritte Secene. Während man ſo im Conferenzrath berieth und während Metternich im Namen des Kaiſers die Er⸗ laſſe zur Einberufung der Ausſchüſſe aller Provinzial⸗ ſtände aufſetzte, war der Kaiſer, nichts ahnend von dem, was in ſeinem Namen geſchah, noch immer da⸗ mit beſchäftigt, dem Erzherzog Johann ſeine neuen Sammlungen zu zeigen, und mit der Neugierde und Gelehrigkeit eines Schülers Fragen an den Erzherzog zu richten, und Belehrung und Aufklärung von ihm zu begehren. Erzherzog Johann ging mit freundlicher Milde auf die Stimmung des Kaiſers ein und war ſtunden⸗ lang unermüdlich in der Beantwortung der oft tief⸗ ſinnigen, oft kindiſchen Fragen ſeines kaiſerlichen Nef⸗ h 41 fen. Aber zuweilen flog doch eine Wolke über ſein Angeſicht hin und ſeine ſonſt ſo hellen und freund⸗ lichen Augen trübten ſich zuweilen. Der Kaiſer fühlte das mit dem feinen Inſtinct ſeines Herzens, und ſchob auf Einmal den Kaſten mit den Schmetterlingen, die er ſoeben noch mit lauten Aeußerungen des Entzückens betrachtet hatte, zurück. Ihnen fehlt Etwas, lieber Onkel Johann, ſagte er zärtlich und theilnahmsvoll. Sie haben eben wie⸗ der geſeufzt, und wenn Sie auch gar gut und freund⸗ lich gegen mich ſind, ſo merk' ich doch, daß Sie eigent⸗ lich etwas im Herzen gegen mich haben. Und woran wollen Ew. Majeſtät das gemerkt haben? fragte Johann mit einem ſanften Lächeln. Grad' daran, daß Sie mich heut immer Ew. Ma⸗ jeſtät, und nimmer mein lieber Ferdinand nennen, wie Sie's ſonſt doch thun, wenn wir allein ſind. Ich I bitt' Sie, lieber Oncle, ſagen's mir, was ich gethan hab', daß Sie böſ' mit mir ſind. Sehen Sie, jetzt „können's mir Alles ſagen, denn wir ſind allein, der . geſtrenge Herr Oheim Ludwig und der Kaiſer Met⸗ ternich hören uns nicht, und ich verſprech Ihnen, nix wieder zu ſagen. Alſo reden's lieber Oncle, was iſt's, was habe ich Ihnen Leid's gethan? — 42 Mir haben Sie nichts gethan, aber ich fürchte, Ew. Majeſtät haben ſich ſelber Leids gethan, erwi⸗ derte Johann ſeufzend. Wie ſo denn? fragte der Kaiſer erſtaunt. Ich hab' mir kein Leids gethan und mir thut halt nix weh. Aber es wird Ihnen doch weh thun, wenn Sie Ihre ſchöne Wohnung und Ihre ſchönen Sammlun⸗ gen verlaſſen müſſen, wenn man Sie verjagt aus dem ſchönen, luſtigen Wien? Ja freilich wird mir's weh thun. Aber wer ſollt das wagen? Wer ſollt' ſich das unterſtehn? Das Volk wird das wagen Majeſtät, das Volk, welches ſich von ſeinem Kaiſer verleugnet und miß⸗ achtet ſieht, das Volk, an deſſen Exiſtenz der Sohn meines Bruders nicht glauben will. Mein Herr Vater hat mir halt immer befohlen zu glauben, daß es kein Volk, ſondern nur Untertha⸗ nen giebt. Aber wenn der Kaiſer in dieſen Tagen auferſtände von den Todten, ſo würde er wohl inne werden müſ⸗ ſen, daß dieſe ſeine Unterthanen ſich jetzt in ein Volk verwandelt haben, welches muthig und ſiegesgewiß be⸗ reit iſt, die Feſſeln der Knechtſchaft von ſich abzuſtrei⸗ 43 fen, hinauszutreten in die Freiheit, die Mannheit und Selbſtſtändigkeit. Ach die glücklichen Leut', ſeufzte Ferdinand, ich wollt', ich könnt' das auch thun. Und wer hindert Sie daran, mein theurer Kaiſer, mein vielgeliebter Neffe? Haben Sie nur den Muth des feſten Wollens, raffen Sie ſich auf aus Ihrer Bedrücktheit und faſſen Sie den Entſchluß ſelbſt zu regieren, ſelbſt.— Ach Oncle Johann, ich möcht's wohl, aber ſie lei⸗ den's halt nit, unterbrach ihn Ferdinand. Sie ſagen, ich verſteh's nit allein zu regieren, und ſie haben lei⸗ der auch Recht. Denn ſehen's nur, wenn ich die Krämpf' nit hätt', da möcht's gehen, und wenn die wie jetzt ein paar Tag' ausgeblieben ſind, ſo ſpür' ich, daß ich manchmal recht viele Gedanken in meinem Kopf hab', und daß es ganz hell und fröhlich in mir wird. Aber es dauert immer nicht lange, dann kom⸗ men die böſen Krämpf' elend und ſchwach, und nehmen alle Gedanken, alle guten Entſchlüſſe wieder fort! Aber heute ſind Sie geſund und ſtark, und heute wieder, und machen mich hätten Sie ſich daher nicht die Gelegenheit entgehen laſſen ſollen, einmal ſelbſt der Kaiſer und der Herr zu ſein. —— 44 War denn die Gelegenheit da, daß ich's thun konnt'? fragte der Kaiſer ganz erſtaunt. Sicher war ſie da, aber Ew. Majeſtät ſtießen ſie zurück, und ich fürchte Ew. Majeſtät werden das zu bereuen haben. Der beſte und edelſte Theil Ihres Volkes, die Jugend, die Männer der Zukunft wollten durch zwei von ihnen erwählte Vertreter zu Ihnen ſprechen, und Ew. Majeſtät verweigerten ihnen die Audienz. Es war in Ihren Willen gegeben aus dem Munde zweier ehrenwerther und hochgeachteter Män⸗ ner die Wünſche und Anforderungen des Volkes, die Stimme der Wahrheit zu vernehmen und Ew. Ma⸗ jeſtät verweigerten es! Ew. Majeſtät ſtießen die Wahr⸗ heit zurück, als ſie kam, um Ew. Majeſtät zu warnen, aber ich fürchte, dieſe Wahrheit wird ſich mit Gewalt zu Ihnen drängen, nur wird ſie dann nicht mehr als Warnerin, ſondern als Rächerin kommen. Jeſus Maria, das wär' ſchrecklich, ſeufzte der Kai⸗ ſer. Machen's mir nit ſo angſt, herzlieber Onele, ſagen's mir lieber, was ich thun ſoll, um meinen Feh⸗ ler wieder gut zu machen? Empfangen Sie die beiden Profeſſoren, welche die Studentenſchaft an Sie abgeſchickt hatte. Ich wollt's gern thun, weil Sie es wün⸗ 45 ſh aber ſie werden halt nit mehr in der Burg ſein S- So muß man gehen, ſie zurückzurufen! Glauben Sie mir, mein lieber Ferdinand, Sie wenden vielleicht ne drohende Gefahr von Ihrem Haupte ab, wenn Sie dem Volke,— denn hinter der Studentenſchaft ſteht jetzt ſchon das Volk— wenn Sie dem Volke dieſen Beweis geben, daß Sie gern bereit ſind ſeine Wünſche zu vernehmen und ſich mit ihm zu verſtändigen. Ach, rief der Kaiſer vergnügt, Sie haben mich wieder wie ſonſt, mein lieber Ferdinandl geheißen, jetzt will ich Ihnen dafür gern den Willen thun, und will die Abgeſandten der Univerſität empfangen. Sie verſprechen es mir, mein lieber Ferdinand? Sie geben mir Ihr Wort, daß Sie nicht wankend werden wollen in Ihrem Entſchluß? Ich gebe Ihnen mein Wort darauf! Nun denn, ſo werde ich ſelber gehen, die Profeſ⸗ ſoren zurück zu rufen. Ich erſuche Ew. Majeſtät demgemäß uns hier zu erwarten; in einer Stunde werde ich mit ihnen hier ſein. Aber ich füge noch zwei Bitten hinzu. Nun ſagen’s Ihre zwei Bitten, Herr Oncle. Ich bitte erſtens meinen lieben Ferdinand, daß er 46 weder dem Erzherzog Ludwig, noch dem Fürſten Met⸗ ternich von der beabſichtigten Audienz etwas verrathen will, und ich bitte zweitens, daß Ew. Maj. mir er⸗ lauben wollen, den Schlüſſel dort von der geheimen Thür mit mir zu nehmen, und mit den Profeſſoren über die kleine Treppe und durch jene Thür hierher zu kommen. Alle zwei Bitten ſind gewährt, ſagte Ferdinand lächelnd, und damit bis zu Ihrer Wiederkehr Niemand bei mir eintreten kann, werde ich die Hauptthür da drüben, durch welche die Herrn Conferenzräth' immer zu mir eintreten, von innen verſchließen. Dann können's nit rein kommen, und ich bin ſicher, unſer Geheimniß an Niemand zu verrathen. Jetzt gehen's raſch, lieber Herr Onele, und kommen's recht bald mit den Pro⸗ feſſoren zurück. Ich fang' ſchon an, recht neugierig zu werden auf das, was ſie mir zu ſagen haben. Gehen's alſo, Herr Oncle, gehen's. Ich werd' wäh⸗ rend der Zeit meine Sammlungen in Ordnung brin⸗ gen. Und der Kaiſer wandte ſich wieder dem Kaſten mit den bunten Schmetterlingen zu, und vergaß über denſelben bald alle Sorgen und Beängſtigungen des heutigen Tages. Aber eine Stunde war kaum ver⸗ 47 gangen, da ſchreckte ihn ein Klopfen an der kleinen geheimen Thür aus ſeiner angenehmen Beſchäftigung auf und erinnerte den Schmetterlingsſammler daran, daß er der Kaiſer ſei. Zugleich vernahm er von der Straße herauf wie⸗ der lautes Rufen und Schreien, aber dies Mal klang es nicht wie drohendes Ungewitter, wie grollender Donner, ſondern es klang wie vieltauſendſtimmiges Jubelgeſchrei, wie frohes Jauchzen und Grüßen. Es lebe Erzherzog Johann, der Freund des Vol⸗ kes! jubelte es jetzt zu den Fenſtern des Kaiſers em⸗ por. Es lebe unſer guter Kaiſer Ferdinand! Der Kaiſer ſtieß einen Freudenſchrei aus. Sie laſſen mich leben, rief er, ſie ſchreien, es lebe der gute Kaiſer Ferdinand! Und er war eben im Begriff, nach dem Fenſter zu eilen, als die geheime Thür ſich öffnete, und Erz⸗ herzog Johann, gefolgt von den beiden Profeſſoren Hye und Endlicher herein trat. Haben's gehört, lieber Oncle Johann? rief ihm der Kaiſer entgegen. Sie haben mich leben laſſen, ſie haben mich ihren guten Kaiſer genannt. Wer ſind denn die, welche das rufen? Das können doch halt ſicherlich keine Empörer und Aufrührer ſein, die mei⸗ 4 48 nem lieben Oncle Johann ein Vivat bringen, und mich ihren guten Kaiſer nennen. Nein Majeſtät, es ſind keine Empörer und Auf⸗ rührer, ſondern es iſt ein Theil Ihres Volkes, das da ſo ruft und jauchzt. Man hat erfahren, daß Ew. Ma⸗ jeſtät aus eignem freien Willen jetzt die Deputation der Studenten empfangen wollen, deshalb jubelt das Volk und deshalb iſt es uns in ganzen Schaaren hierher gefolgt. Und jetzt wollen mir Ew. Majeſtät erlauben, hier die beiden Herrn Abgeſandten der Stu⸗ denten, die Herren Profeſſor Endlicher und Hye vor⸗ zuſtellen. Kenn ſie alle Beid' recht gut, rief der Kaiſer ihnen freundlich zunickend. Freu' mich, Sie zu ſehen. Nun ſagen's, was wollen Sie von mir? Majeſtät, wir kommen als Abgeordnete der Uni⸗ verſität und ſind beauftragt, Ew. Majeſtät in ehr⸗ furchtsvoller Unterthänigkeit eine Adreſſe zu überrei⸗ chen, in welcher die Studentenſchaft alle ihre Wünſche ausgeſprochen hat. Geben's her, lieber Endlicher, ſagte Ferdinand, die dargereichte Papierrolle entgegennehmend. Freut mich herzlich, Ihnen auch einmal eine Gefälligkeit erzeigen zu können, haben mir ja ſo oft einen Gefallen er⸗ 49 zeigt und mir gar ſchöne Blumen für mein Herbarium geliefert.“ Majeſtät, erwiderte Endlicher lächelnd, ich habe Ihnen da eben wieder eine Blume gebracht, eine Blume aus dem Garten des Volkes, das iſt die Adreſſe, welche ich die Ehre gehabt Ew. Majeſtät zu überrei⸗ chen, und ich bin gewiß, daß Ew. Majeſtät ſie mit eben der Liebe und Aufmerkſamkeit prüfen werden, mit welcher Sie die Blumen des lieben Herrgottes betrachten. Das Volk iſt die Stimme Gottes auf Erden, und unſer gnädiger und gütiger Kaiſer wird ſie aus dieſer Adreſſe vernehmen. Na, ſagen's, was ſteht denn darin? fragte der Kaiſer neugierig. Majeſtät, es ſteht daſſelbe darin, was heute in allen Herzen ſteht, und von allen Lippen tönt! Daſ⸗ ſelbe, was das Volk auf der Straße und jeder Ein⸗ zelne in ſeinem Herzen ruft und ſchreit: Fort mit Metternich! Fort mit Metternich, rief der Kaiſer, indem er entſetzt einen Schritt zurücktrat. Aber das iſt ja nit möglich, das kann ja Niemand wollen. Sie haben mir ja halt immer Alle geſagt, daß der Metternich ſo ſehr beliebt iſt beim Volk, und daß meine lieben Mühlbach, Erzherzog Johann. 4. Abth. III. 4 50 Oeſterreicher gar ſo glücklich und zufrieden ſind mit ſeinem Regiment. Ew. Majeſtät werden jetzt verſtehen, warum ich Sie bat, die Herren hier zu empfangen, ſagte Erz⸗ herzog Johann. Man hat Ew. Majeſtät getäuſcht, man hat Sie hintergangen, wenn man Ihnen ſagte, daß der Fürſt Metternich beim Volk beliebt, daß man zufrieden ſei mit ſeinem Regierungsſyſtem. Verneh⸗ men Sie jetzt die Stimme der Wahrheit, mein Herr Kaiſer, vernehmen Sie dieſelbe jetzt aus dem Munde dieſer Ehrenmänner, aus denen die Stimmen von dreitauſend Jünglingen zu Ihnen reden. Majeſtät, im Namen dieſer drei tauſend Jünglinge, im Namen der ganzen gebildeten Jugend Oeſterreichs, im Namen der Männer der Wiſſenſchaft beſchwören wir Ew. Majeſtät, befreien Sie Ihr herrliches Reich von dem Druck, der auf ihm laſtet, laſſen Sie die Nacht und die Finſterniß endlich aufhören, ſprechen Sie, wie am erſten großen Schöpfungstage es Gott gethan, ſprechen Sie: es werde Licht! Und ganz Oe⸗ ſterreich wird in liebeſeliger Dankbarkeit Ew. Maje⸗ ſtät zu Füßen ſinken und wird Ihnen den Schwur der Liebe und Treue aus dankerfülltem Herzen er⸗ neuern, den Schwur, der jetzt durch die Tyrannei 51 und den Zwang faſt in den Herzen Ihrer Unter⸗ thanen erſtickt worden iſt. „Mafjeſtät, hören Sie auf unſer Flehen, fügte Pro⸗ feſſor Hye hinzu, retten Sie den Thron, retten Sie das Volk von einer blutigen Revolution, welche un⸗ vermeidlich iſt, wenn Ew. Majeſtät den gerechten Wünſchen des Volkes nicht nachgeben. Das ganze Volk, wie es ſich einigt in der Liebe zu ſeinem Kai⸗ ſer, einigt es ſich in dem Haß gegen den Fürſten Metternich. Ihn betrachtet man als den Urheber alles Uebels, aller Leiden und Nothſtände, und wenn Ew. Majeſtät ihn, welchen das Volk den Fürſten der Mitternacht nennt, nicht aus eigener Entſchließung entfernt und unwirkſam macht, ſo wird das Volk mit Gewalt erzwingen, was es jetzt noch von der Liebe ſeines Kaiſers als Gnadengeſchenk dankbar an⸗ nehmen würde: die Entlaſſung, den Rücktritt des Fürſten Metternich! Aber hören's, rief der Kaiſer entſetzt, das iſt ja nit möglich, das kann ja nit ſein. Es wär' ja halt ſchlecht und undankbar von mir, wenn ich den Met⸗ ternich entlaſſen wollt’. Er hat dem Kaiſerhaus und dem Staat ſeit dreißig Jahren gedient. Er begann ſeinen Dienſt als ein armer verſchul⸗ deter Graf, rief Endlicher, und er iſt jetzt einer der reichſten Fürſten Deutſchlands; während das Volk in Oeſterreich mit jedem Jahre mehr verarmte, haben ſich Metternichs Reichthümer mit jedem Jahre ver⸗ größert. Am Rhein, in Böhmen, in Mähren, in Nieder⸗Oeſterreich, in Ungarn hat der Fürſt Metter⸗ nich Schlöſſer, Güter und Herrſchaften, und dieſes Alles ſchuldet er der Dankbarkeit ſeiner Herrſcher, in deren Dienſt er ſich ſeit dreißig Jahren bereichert hat. Er wird alſo nicht über Undankbarkeit zu klagen ha⸗ ben, wenn er, welcher den Staatskaſſen niemals über die ihnen entnommenen Gelder brauchte Rechnung ab⸗ zulegen, jetzt gezwungen wird, den Verhältniſſen Rech⸗ nung zu tragen, und ſich mit ſeinen Gütern und Schätzen in das Privatleben zurückzuziehen. Aber mein Herr Vater, der Kaiſer Franz, hat mir in ſeinem Teſtament ſtreng befohlen, daß ich den Für⸗ ſten Metternich immer bei mir behalten, daß ich ihn als meinen treueſten Freund und Rathgeber betrachten ſoll. Sie ſehen wohl, es iſt halt unmöglich, daß ich ihn fortſchick', denn ich kann doch nicht ſündigen ge⸗ gen den letzten Willen meines Herrn Vaters. Und dann ſchaun's, die beiden andern Herren von der Staatsconferenz werden's auch nit leiden. Ja, wenn 53 ich auch gern bereit wär', meine Unterſchrift zu geben, ſie werden ſich wohl hüten, mir das Entlaſſungs⸗ decret vorzulegen, und alſo werd' ich's gar nit unter⸗ zeichnen können. Aber Ew. Majeſtät haben ja nur nöthig zu be— fehlen, zu wollen, rief Endlicher dringend. Mein Lieber, ſeufzte der Kaiſer, indem er ſich mit dem Taſchentuch den Schweiß abtrocknete, der in großen Tropfen auf ſeiner Stirn ſtand, mein Lieber, es iſt doch nit genug, zu befehlen und zu wollen, ſon⸗ dern es müſſen auch welche da ſein, welche den Be⸗ fehlen und dem Wollen gehorchen und ſich fügen und ich möchte mal ſehen, wo Sie ſolche im Conferenzrath finden könnten. Ew. Majfeſtät ſchlagen es uns alſo ab? fragte Endlicher ſchmerzlich. Wir ſollen unverrichteter Sache zu den Studenten zurückkehren? Wir ſollen ihnen ſagen, daß Ew. Majeſtät die Wünſche des Volkes nicht berückſichtigen, daß Sie den ihm verhaßten Für⸗ ſten Metternich nicht entlaſſen wollen, daß Ew. Ma⸗ jeſtät lieber eine Revolution als den Rücktritt des Fürſten Metternich wollen? Nein, das will ich nit, rief der Kaiſer ängſtlich und mit zuckenden Lippen, nein, ich will keine Revo⸗ 54 lution, aber ich kann auch nit ſogleich mich entſchließen, den Staatskanzler fortzujagen. Kommen's morgen wieder! Ich werd's mir bis dahin überlegen. Majeſtät, ſagte Erzherzog Johann, der bis jetzt ſchweigend und tiefernſt den Verhandlungen zugehört hatte, Majeſtät, ich fürchte, morgen wird es zu ſpät ſein, und morgen werden Ew. Majeſtät nicht mehr im Stande ſein, den Verhältniſſen zu gebieten, oder Ihrem Willen Ausdruck zu geben. Jeſus Maria, was wird denn morgen geſchehen? fragte der Kaiſer zitternd. Majeſtät, wir werden morgen in den Straßen Wien's die Revolution und den Barrikadenkampf haben! Der Kaiſer ſtieß einen gellenden Schrei aus und ſank halb bewußtlos auf ſeinen Fauteuil nieder. IV. Der dreizehnte März. Erſte Secene. Hell und ſonnig war der dreizehnte März ange⸗ brochen, in ſeltener Frühlingsbläue leuchtete der Him— mel und ungewohnt mild und warm für die Jahres⸗ zeit war die Luft. Aber Niemand in Wien achtete heute darauf, Niemand hatte Sinn für den ſchönen Frühlingstag, Niemand hatte Muße und Ruhe, ſich deſſel lben zu freuen, und die balſamiſche Luft mit Ge⸗ nuß einzuathmen. Eine ungeheure ſtürmiſche Bewe⸗ gung durchfluthete ganz Wien, und von Einem Ge⸗ danken, von Einer Frage waren alle Gemüther erfüllt: was wird der heutige Tag bringen? Und Jeder gab ſich auf dieſe Frage ſelber die Antwort: Die Revolution! Den Barrikadenkampf, 56 wenn Metternich nicht zurücktritt, wenn der Kaiſer ihn nicht entläßt! Aber wird er zurücktreten? Wird der Kaiſer die Macht haben, den gefürchteten mächtigen Mann zu entlaſſen? Das war die Frage, welche man aller Orten, auf der Straße, in den Clubbs, in den Kaffeehäuſern, in der Aula, in dem Ständehauſe, auf den Plätzen, in den Privatgemächern der Kaiſerfamilie, der Ariſtokraten und der Bürger, wie in den Dachkammern der ärm⸗ ſten Arbeiter wiederholte,— die Frage, welche alle Gemüther in Spannung, in Aufregung erhielt, alle Köpfe entflammte. 3 Metternich muß zurücktreten, der Kaiſer muß ihn entlaſſen! Das war das Thema aller der Reden, die von der Frühe des Morgens an auf den Straßen und Plätzen Wiens gehalten wurden und welche die Auf⸗ regung, die Exaltation zu immer höhern Springfluthen anſchwellten. Das Revolutions⸗Comite hatte ſeine Vorkehrun⸗ gen gut getroffen, es hatte dafür geſorgt, daß auf allen Plätzen, und beſonders in der Nähe der Burg, des Ständehauſes und der Univerſität, welche beide Ah 5 54 heute eine wichtige Rolle zu ſpielen hatten, gewandte und feurige Redner dem verſammelten Volke die Be⸗ deutung des heutigen Tages und die Wichtigkeit des energiſchen, entſchloſſenen Handelns ausein⸗ anderſetzten, daß ſie mit begeiſterten Worten zu⸗ gleich die Herzen packten und die Köpfe exaltirten. Hier auf dem Kohlmarkt, wo die Menge in dich⸗ ten Schaaren ſich drängte, ſtand auf einer von Bänken improviſirten Tribüne ein junger Mann mit trotzigem, kühnem Angeſicht, und in ſchwungvoller Rede, mit hinreißendem Feuer ſprach er zu dem Volke von deſ⸗ ſen heiligen Rechten, die man ſo lange ihm frevent⸗ lich vorenthalten, von deſſen erhabener Macht und Größe, die man ſo lange in den Staub getreten, von den höchſten Gütern der Menſchheit, der Freiheit der Rede und der Schrift, die man ſo lange gewagt dem Volke zu entziehen, als ob es aus unreifen Kindern, und nicht aus mündigen Männern beſtehe. Und als⸗ dann forderte er von dem Volke, daß es heute der Regierung ſeine Mündigkeit und Mannheit beweiſe, indem es muthig und freudig den Kampf wage um dieſe höchſten Güter der Menſchheit. Bisher war Metternich der Herr und Kaiſer von Wien, rief er mit weitſchallender Stimme, mit flam⸗ 2 58 menden Augen, aber heute ſoll das Volk es werden. Heute ſoll das freie, ſouveraine Volk den Thron ſei— ner Herrlichkeit beſteigen, den die Tyrannei ihm vor⸗ enthalten hat. Heute ſoll das Volk in ſeiner Herr⸗ lichkeit und Heiligkeit ſich zeigen als der kühne Löwe, welcher mit dem Schütteln ſeiner Mähne die giftigen Inſecten verjagt, die ſein edles Haupt umkreiſten. Und das Volk, begeiſtert von dieſen Worten, die ſo ſtolz und ſo ſchmeichleriſch in ſein Ohr drangen, das Volk jauchzte ihm Beifall zu und ſchaute auf ihn mit glühenden Augen und ſtolzem Liebesgeſicht. Er meint es ehrlich mit uns, ſagte man unter⸗ einander, er liebt uns und will unſer Beſtes! Warum ſollte er ſonſt ſo ſprechen? Warum ſollte er zu uns halten und ſich zu unſerm Anführer machen? Er, der doch ein ſo vornehmer, hochgeborner Herr iſt? Er, den man mit Freuden in der Kaiſerburg empfangen würde, wenn er es mit ihnen halten wollte. Wer iſt er? Wie heißt er? fragten Andere, und mit ſtolzem Selbſtgefühl ſchrieen wieder Andere die Antwort auf dieſe Frage: Es iſt der Prinz Marximi⸗ lian von Sulkowski, ein reicher und vornehmer Herr, der ſich doch nicht zu ſtolz hält, mit den armen Leu— ten zu verkehren, der lieber mit dem Arbeiter Hand iin Hand geht, als mit den vornehmen Leuten vom Hofe. Und begeiſtert von dieſen Worten, geſchmeichelt von dem vornehmen Namen des Volksfreundes brach die Menge in den lauten, oftmals wiederholten Ju⸗ belruf aus: Es lebe der Prinz Sulkowski! Es lebe der hochherzige Freund der Armen und des Volks! Prinz Maximilian grüßte und winkte mit einem glücklichen Lächeln nach allen Seiten hin, und neigte ſich dann zu dem hübſchen Jüngling mit dem unbär⸗ tigen friſchen Geſichte hin, welcher an ſeiner Seite ſtand, und welcher der erſte geweſen, der das Lebehoch für den Prinzen ausgebracht hatte. Wenn das Volk heute ſiegt, meine ſchöne Flora, ſagte er, ſo werde ich morgen Miniſter und du wirſt die Göttin der Vernunft ſein. Und als Miniſter werde ich dir dann eine Penſion von hunderttauſend Gulden jährlich bewilligen.. Und als Göttin der Vernunft, flüſterte Flora lachend, werde ich dem Volke gebieten, Dich zu ſeinem Herrn und Herrſcher zu erheben. Es lebe der Prinz Sulkowski, brüllte und jauchzte das Volk auf's Neue, als es den Prinzen ſo freund⸗ lich und liebevoll mit dem Jüngling in der einfachen 60 Arbeiterjacke ſprechen ſah, und der Prinz dankte wie⸗ t der nach allen Seiten und begann eine neue Rede di voll flammender Freiheitsbegeiſterung.— 8 Und wie auf dem Kohlmarkt, ſo war auch auf de dem Ballplatz, auf dem Rennweg, auf dem Joſephs⸗ n platz eine zahlloſe Menſchenmenge verſammelt, und auf 1 improviſirten Tribünen, auf Brunnenröhren, Bänken 3 ſtanden auch hier Männer und Jünglinge, die mit D flammender Rede das Volk aufregten und enthuſias⸗ mirten, und es zu Thaten, zum Kampf anſpornten. Aber am dichteſten drängte und ſchob ſich die h Menge in der Herrengaſſe vor dem Ständehauſe. n Hier bedurfte es keines Redners, der dem Volk die Bedeutung des Tages auseinanderſetzte, denn hier war I es nicht das Volk, welches ſich verſammelt hatte, ſon⸗ ſ dern die gebildeten Leute, die Politiker, die Journa⸗ d liſten, die ſehr gut begriffen hatten, daß hier in dem u „Ständehaus die Kataſtrophe eintreten müſſe, daß die ganze Bedeutung des Tages davon abhänge, ob die niederöſterreichiſchen Stände die Sache des Volkes zu der ihrigen machen, oder ob ſie gegen das Volk Par⸗ tei nehmen würden. Welch ein Tag ariſtokratiſcher Herrlichkeit war die Eröffnung der Sitzungen ſonſt für die Landſtände ge⸗ 61 weſen, mit welchen glänzenden Equipagen, in welchen reichgeſtickten Uniformen hatten ſie ſonſt an dieſem Tage ihre Auffahrt gehalten vor dem großen Porta des Ständehauſes, welche reichgalonirten Lakaien hat⸗ ten ihren ſtolzen Herrn den Wagenſchlag geöffnet und mit welchem ehrfurchtsvollen Staunen hatte das Volk von Weitem geſtanden und die Equipagen und Dienerſchaft und die vornehmen Herren angegafft. Aber heute hatten es die vornehmen Herren vor⸗ gezogen, ſo unſcheinbar als möglich aufzutreten, heute hatten ſie ihre Equipagen, ihre Lakaien und Unifor⸗ men zu Hauſe gelaſſen, und zu Fuß, in beſcheidener bürgerlicher Kleidung kamen die vornehmen Herrn einzeln und unbemerkt durch die Herrengaſſe, machten ſich beſcheiden und höflich eine Bahn durch das Ge⸗ dränge und ſchlüpften durch die kleine Seitenpforte in das Ständehaus hinein. Jetzt aber nahete ſich ein feierlicher Zug dem Ständehauſe, begleitet von den Vivatrufen der Menge, gefolgt von ihren Segenswünſchen, ihren Liebesgrüßen kam er daher, ſchweigend, prunklos und einfach und doch von impoſanter Größe und Feierlichkeit. Dreitauſend junge Männer, die ganze blühende Studentenſchaft, die Jugend, die Zukunft Oeſterreichs 62 war es, welche dahergewallt kam, waffenlos, mit leeren Händen aber mit vollen Herzen, mit glühender Seele, feſt entſchloſſen an dem heutigen Tage dem Volke ſeine Ehre, ſeine Freiheit, ſeine Mannheit zu erkäm⸗ pfen, feſt entſchloſſen, die Landſtände zu zwingen, daß auch ſie ſich dem Volke verbünden, auch ſie für daſ⸗ ſelbe kämpfen und ſtreiten ſollten. Und vor dieſen dreitauſend Jünglingen neigten ſich heute in Ehrfurcht die Häupter der Männer und Greiſe, ihnen winkten die ſchönen Frauen von den Fenſtern ihre Grüße entgegen, vor ihnen wichen die Maſſen auf den Straßen demüthig zur Seite, und ihnen öffnete ſich das große Thor des Landhauſes, durch welches die Stände heute nicht ihren Einzug gehalten. Auf dem innern Hofraum machte die junge, impoſante Schaar Front, und alle dieſe von Muth und Entſchloſſenheit ſtrahlenden Geſichter wandten ſich den Fenſtern des Ständeſaals zu, und alle dieſe leuchtenden blitzenden Augen blickten hin auf den Landesmarſchall, den Grafen Montecucoli, der eben oben an einem der geöffneten Fenſter des Ständeſaals erſchien, und ſich tief verneigte vor dieſen jungen Männern, die er geſtern vielleicht noch keines Grußes, keines Blickes werth gehalten. 63 Iſt es den verſammelten Herren genehm, fragte er mit lauter Stimme hinab, daß man Zwölfe von Ihnen unſern Berathungen zur Garantie dafür bei⸗ geſelle, daß die Stände gewiß die Wünſche des Vol⸗ kes befürworten werden? Die Studenten antworteten mit einem lauten, einſtimmigen Ja, und ſofort traten aus jeder der ge— ſchloſſenen, hintereinander aufgeſtellten Reihen zwei Studenten hervor und ſchritten durch das große Por⸗ tal hinein in das Haus. Während ſie da drinnen berathen und erwägen, rief jetzt eine Stimme aus der Menge hervor, wäh⸗ rend wir hier unten ihrer Beſchlüſſe harren, laſſet uns die Zeit benutzen, um uns die Rede vorzuleſen, welche Koſſuth in der Verſammlung der Stände in Peſth gehalten. Ich habe ſie hier und ich werde ſie Euch vorleſen. Ja, lies, lies uns die Rede Koſſuth's, riefen hun— dert und aber hundert Stimmen, und hundert Arme waren bereit, den jungen Sprecher empor zu heben auf das Dach des Brunnens, der ſich im Innern des Hofes befand. Und mit klarer, weithin ſchallender Stimme be⸗ gann nun der junge Mann die Rede Koſſuths vor⸗ zuleſen, dieſe Rede, welche mit d klängen einer neuen Zeit die Schlacht mit dem Syſtem der alten Zeit einleitete, in der jedes Wort und jeder 3 wie das Krachen und Donnern von Gewehren Sa und Kanonen ertönte. Athemlos, in geſpannter Aufmerkſamkeit lauſchte die Menge dem Schlachtendonner dieſer Wortez kein Laut, kein Zeichen unterbrach anfangs das tiefe Schweigen, mit welchem man zuhörte. „Auch unnatürliche politiſche Syſteme, tönten jetzt 14 die Worte des Vorleſers, auch unnatürliche politiſche Syſteme können ſich lange erhalten, denn zwiſchen der Geduld der Völker und der Verzweiflung liegt ein langer Weg; es giebt aber politiſche Syſteme, die da⸗ durch, daß ſie lange gedauert haben, nicht an Kraft gewonnen, ſondern verloren haben, und zuletzt kommt der Moment, wo es gefährlich wird, ſie erhalten zu wollen, denn ihr langes Leben macht ſie reif zum Tode.“ Ein ungeheurer Sturm des Beifalls unterbrach hier den Vorleſer, und ſchallte wie der Sieges⸗ jubel der neuen Zeit empor zu den Fenſtern des Saals, in welchem die Stände ihre Berathungen hiel⸗ ten, und in welchem die zwölf Deputirten der Stu⸗ — 65 ſchaft ihre Plätze neben den Deputirten der Stände eingenommen hatten. Graf Montecucoli unterbrach ſich mitten in einer angefangenen Rede, in welcher er den Studenten ver⸗ ſicherte, daß die Stände immer nur das Wohl des Volkes im Auge gehabt, und daß ſie„ſeit Jahren da⸗ mit beſchäftigt geweſen, des Volkes zeitgemäße Refor⸗ men zu berathen.“ Aber wenn das Volk uns ſtört, rief er zürnend, ſo ſtört es den geſetzlichen Fortgang ſeiner eigenen Sache. Warum ſchreit man denn da unten ſo ge⸗ waltig, und was will denn das Volk? Es will Thaten und keine Worte, rief Einer von den Zwölfen. Was das Volk will? rief ein Zweiter, der eben hinabgeſchaut hatte in den Hofraum. Ew. Excellenz verlangen zu wiſſen, was das Volk, was die Studen⸗ tenſchaft, was alle guten und ehrlich geſinnten Oeſter⸗ reicher begehren? Nun wohlan, meine Herren, ich will es Ihnen ſagen: Für's Erſte verlangen wir Alle Redefreiheit und Preßfreiheit. Nicht zur Schmähung, nicht zum Schimpfen ſoll ſie dienen! Nein, nur zur Offenbarung gerechter Wünſche, zu gerechtem Tadel, zur freien, ungefeſ ſelten Entwickelung des Geiſtes. Mühlbach. Erzherzog Johann. 4. Abth. III. 5 ——· — — 66 Für's Zweite wird Lernfreiheit und Lehrfreiheit ver⸗ langt. Das Maaß des Erlernenden ſei Niemandem mehr zugemeſſen, die Weiſe, wie er es, und wo und wann er es zu erlernen habe, nicht mehr beſchränkt; möge Jeder nach Maßgabe ſeiner Fähigkeiten unge⸗ hindert jene entwickeln, dieſe verwenden können. Für's Dritte iſt Vertretung des Volkes beim deutſchen Bunde ein allgemein ausgeſprochner Wunſch, und dieſer Punkt iſt ein hochwichtiger! Deutſchlands Einheit iſt die mächtige Schutzwehr, die das bis jetzt zer⸗ ſtückelte deutſche Volk dem drohenden Feinde entgegen⸗ zuſtellen im Stande iſt. Preß⸗ und Redefreiheit, Lehr⸗ und Lernfreiheit, Vertretung beim deutſchen Bunde, das alſo iſt es, was das Volk begehrt. Eine tiefe Stille war eingetreten nach dieſen küh⸗ nen Worten des Sprechers, ſtaunend, rathlos blickten die Ständeherren einander an, ſchweigend, eine Ant⸗ wort vielleicht überlegend, ſtand Graf Möontecucoli vor ſeinem Fauteuil. Da inmitten dieſer athemloſen Stille tönte durch das geöffnete Fenſter der Klang einer tiefen, macht⸗ vollen Stimme herauf, welche rief: Nieder mit Met⸗ ternich! Nieder mit den Jeſuiten! Zu Ende ſei es mit der Bevormundung des Volkes. Wir wollen eine Conſtitution! Es lebe unſer conſtitutioneller Kaiſer! Wir wollen eine Conſtitution! Es lebe unſer conſtitutioneller Kaiſer, donnerte es wie ungeheures Meeresgebrauſe in den Ständeſaal herauf. Sie hören es, meine Herren Stände, jubelte einer von den Zwölfen, das Volk, das ſouveraine Volk iſt da, und ſtellt ſeine Forderungen! Gewähren Sie die⸗ ſelbe, oder die Monarchie ſteht auf dem Spiel! Es liegt nicht an uns zu gewähren, ſondern es liegt in den Händen des Kaiſers, erwiderte Graf Montecucoli feierlich. Abermals erſchallte lautes Rufen und Schreien von unten herauf, das mit jedem Moment höher an⸗ ſchwoll, immer zorniger und wilder herauf donnerte. Kommen Sie, meine Herren, ſagte Montecucoli zu den Studenten, zeigen Sie ſich mit mir Ihren Freun⸗ den da unten! Er ſtieß die Thüre des großen Balcons auf und ſchritt gefolgt von den Zwölfen auf denſelben hinaus. Sofort trat da unten ein tiefes Schweigen ein, und inmitten deſſelben ſprach der Graf: Ihre Wünſche ſind den Ständen nicht neu, wir hegen mit Ihnen Allen dieſelben Wünſche. Wir wünſchen die Erfül⸗ F X* 5 68 lung derſelben auf das Herzlichſte, und werden nicht verfehlen, ſie Sr. Majeſtät dem Kaiſer vorzutragen! Heute noch! Heute noch, ſchrie die Menge. Wir waren lange genug ruhig! Wir wollen nicht mehr warten! Zum Kaiſer! Wir bleiben hier, bis man uns willfahrt! Bis man zum Kaiſer geht! Graf Montecucoli, überwältigt, entſetzt von der wilden Zorneswuth der Menge, trat bleich und ſchwankend von dem Balcon in den Saal zurück, ohne ein Wort der Gewährung an die Menge zu richten. Die zwölf Studenten waren dem Grafen in den Saal gefolgt, als ſie auf einmal von den Ständemit⸗ gliedern, die ihre Sitze verlaſſen hatten, und ſich zu Montecucoli herandrängten, auseinander geſchoben, ge⸗ trennt, und hier und dorthin gedrängt wurden. Der erſte Sprecher von ihnen, ein hoher, ſchlanker Jüngling, ſchaute ſuchend umher nach ſeinen Commi⸗ litonen, aber ſein forſchender Blick konnte nur die Hälfte von ihnen entdecken, und nur ſechſe gaben Ant⸗ wort auf ſeinen lauten Ruf. Von Schrecken, von düſterer Sorge ergriffen, ſtürzte der junge Mann auf den Balkon zurück. 69 Kommt herauf, Ihr Alle, ſchrie er hinab. Man hat uns getrennt, man hat uns verrathen! Die Menge antwortete mit einem einzigen Schrei des Zornes, der wilden Wuth. Dann ſtürzte Alles vorwärts, hinein in das Haus, die Treppe hinauf. Der Thürſteher, der ihnen den Eingang wehren wollte, ward wie ein Federball bei Seite geſchwungen, die großen Flügelthüren des Vorſaals, die man von innen verſchloſſen hatte, wurden mit Gewalt erbrochen, aus ihren Fugen gehoben und hinunter geſchleudert auf die Straße. Und von dieſer erſten That der Gewalt, von dem, wenn auch geringen Widerſtande in äußerſte Wuth verſetzt, begann die tobende Maſſe jetzt ihren Zorn, ihren Grimm an den Meubles und Geräth⸗ ſchaften des Vorſaales auszulaſſen; die Fenſter wur⸗ den zerſchlagen, zertrümmerte Stühle und Tiſche, und Mobilien aller Art flogen hinab in den Hof zu der dort immer größer anſchwellenden Volksmaſſe, die den Vorgang da oben nicht begreifend und verſtehend, angſtvoll zu rufen begann:„man ermordet da oben unſere Brüder! Militair iſt von der Hinterſeite in das Gebäude eingedrungen, und wird herab kommen gegen uns zu kämpfen.“ Um dies Herabkommen des Militairs zu vermei⸗ 70 den, ſtürmten die Volksmaſſen ihnen entgegen, hinein in das Haus, fluchend, donnernd, heulend und ſtür⸗ mend die Treppen hinauf, durch die Vorſäle hin zu den Thüren des großen Sitzungsſaales. Hundert und aber hundert Fäuſte donnerten gegen dieſelben, hun⸗ dert und aber hundert Stimmen riefen: Oeffnet! Oeffnet! Gebt uns unſere Brüder heraus! Oder wir ermorden Euch Alle! Auf Einmal, mit einem einzigen ſchnellen Ruck wurden dieſe Thüren aufgeſtoßen, und ihre beiden Flügelthüren ſchoben mit unwiderſtehlicher Gewalt die Stürmenden zurück. Man konnte jetzt unbehindert hineinblicken in den Saal, und man ſah dicht vor der Thür den Landes⸗ marſchall Grafen von Montecucoli, neben ihm den Präſidenten Grafen Colloredo, ihnen zu beiden Seiten die zwölf Studenten, und hinter ihnen zu Drei und Dreien in langer Reihe die Ständemitglieder, deren jeder, gleich Montecucoli und Colloredo ein zuſam⸗ mengerolltes Packet Schriften unter dem Arme trug. Meine Herren, rief Montecucoli ernſt und feier⸗ lich, meine Herren, wir gehen zum Kaiſer, um ihm die vielen bei uns eingegangenen Petitionen zu über⸗ reichen, und ihm die Wünſche des Volkes vorzutragen. Die Sitzung der Stände iſt aufgehoben. Dann wandte er ſich an die neben ihm ſtehenden Studenten. Schreiten Sie uns voran, meine Herren, ſorgen Sie dafür, daß das Volk in uns ſeine Vertreter ehre, und uns mit Ruhe und Würde nach der Kaiſerburg ziehen laſſe! Die zwölf Studenten traten vor und zu Zwei und Zwei ihre Arme in einander ſchlingend ſchritten ſie hinaus in den Vorſaal unter die plötzl ich verſtummte Menge. Wir grüßen das ſouveraine Volk, riefen ſie, wir grüßen es, und vertrauen uns ſeinem Schutz an. Wir wiſſen, daß dis edle ſouveraine Volk die Größe und Bedeutung dieſes Momentes ehren und ihn nicht entweihen wird nn irgend eine Gewaltthätigkeit! Vorwärts, meine Herren, wir gehen mit den theuren Ständen zum Kaiſer, um ihm die Wünſche des Vol⸗ kes vorzutragen! Und die vorhin ſo zornige und wilde Menge wich ſcheu und ehrfürchtig zurück, öffnete eine breite Gaſſe, durch welche die Studenten und hinter ihnen die Ständemitglieder dahin ſchritten, hinab über die ebreite Treppe, hinunter in den Hofraum. — — —— 22 Unermeßlicher Jubel empfing ſie hier bei ihrem Erſcheinen, alle Augen ſtrahlten, alle Geſichter leuch⸗ teten vor Begeiſterung und wie ein heiliger Frühlings⸗ gruß flog es von Mund zu Mund: ſie gehen zum Kaiſer, um ihm die Wünſche des Volkes vorzutragen. Gott ſegne ſie! Gott ſegne ſie! Und dieſer Ruf und dieſer Segenswunſch folgte ihnen auf ihrem ganzen Wege nach der Burg. Ueberall auf dieſem Wege begleitete ſie eine unge⸗ heure, immer höher anſchwellende Menſchenfluth, überall öffneten ſich die Fenſter, und die Frauen und Mädchen, die Kinder und Greiſe grüßten ſie mit wehenden Tüchern, mit winkenden Händen, mit ſtrahlenden Augen, während die Männer und Jünglinge hinunter gegangen waren auf die Straße, um den feierlichen Zug dicht an ſich vorbei wallen zu laſſen, und Zeuge zu ſein des großen Momentes, in welchem die neue Zeit ihre erſten Morgenſtrahlen über Oeſterreich auf⸗ flammen ließ. V. Der dreizehnte März. Beim Fürſten Metternich. Fürſt Metternich hatte ſich nach einer unruhig durchwachten Nacht erhoben, und war im Morgen⸗ negligée in ſein Kabinet eingetreten, um zu arbeiten und ſich vorzubereiten zu der Staatsconferenz, die in . einer Stunde ſchon ihren Anfang nehmen ſollte. Fürſt Metternich war allein, und er durfte es ſich alſo erlauben ſeine Stirn in düſtere Falten zu legen, und das freundliche Lächeln von ſeinen feſt zuſammen gepreßten Lippen weichen zu laſſen. Ein Gefühl un⸗ endlichen Mißbehagens, tiefer Beſchämung erfüllte ſeine ganze Seele, denn er durfte es ſich nicht mehr ver⸗ bergen: er hatte ſein Syſtem verleugnet, er hatte Conceſſionen gemacht! Der erſte Stein war abge⸗ 74 brochen von dem Zwing Uri, den der Kaiſer Franz mit ſeinem Staatskanzler für das öſterreichiſche Volk aufgerichtet, und ſeit dreißig Jahren ſo ſtreng bewacht b hatte. Der erſte Stein war abgebrochen, der Mörtel war gelöſt, und nun konnte es kommen, daß das ganze Gebäude zuſammenbrach und in Trümmer zerfiel. Ja, das Syſtem war erſchüttert, Conceſſionen waren gemacht worden. Wie gering ſie auch ſein mochten, wie wenig dieſe verheißene Berufung der Ausſchüſſe aller Stände auch dem Volke genügen mochte, es war doch immer eine Conceſſion, ein Ab⸗ weichen von dem befolgten Syſtem, ein abgedrungenes V Zugeſtändniß geweſen! b Und Metternich ſchämte ſich derſelben, und fühlte V doch zugleich, daß er nicht anders habe handeln können, daß er durch die drohenden Verhältniſſe zum Nach⸗ geben war gezwungen worden. Gezwungen! Er, der Mächtige, der Herrſchende, Er, der langjährige Gebieter des Kaiſerſtaates, er, ge⸗ zwungen zu thun, was wider ſeine Ueberzeugung war! Ich werde dieſen Fehler wieder gut machen, mur⸗ melte er vor ſich hin, ich werde heute unerbittlich ſein, ich werde nicht mehr nachgeben, von keinem Drängen und Stürmen mir weitere Zugeſtändniſſe abnöthigen 75 laſſen! Aber, unterbrach er ſich ſelber, was iſt denn das für ein Lärm da drunten? Wer ſchreit denn da ſo wüthend? Er trat an das Fenſter und blickte hinunter auf den Platz, auf dem eine toſende Volksmenge ſich zu ſammeln begann, und mit hendi Wuthgaeſchrei, 9 mit erhobenen Fäuſten auf den Palaſt des Fürſten hinzeigte. Ach, ſagte der Fürſt achſelzuckend, wie unverſchämt dieſer Pöbel heute iſt. Ein Krawall unter meinen Fenſtern, unter den Fenſtern des Staatskanzlers! Nun, man wird den Pöbel bald durch Soldaten vertreiben laſſen! Ach, da kommen ſie ſchon, die guten Solda⸗ ten! Jetzt werden wir ſehen, mit welcher Geſchwin⸗ digkeit der heulende Pöbel auseinander ſtäuben wird! Aber der Fürſt hatte ſich geirrt, das Volk floh nicht zurück vor dem Detachement Soldaten, das mit geſchultertem Gewehr, in ernſter, und düſterer Hal⸗ tung auf dem Platz aufmarſchirte. Das Volk zog ſich nur noch mehr nach der andern Seite des Platzes zurück und bildete jetzt vor dem Palais des Fürſten eine dichte, undurchdringliche Mauer. Verhaltet Euch ruhig, meine Freunde, rief jetzt ein junger Menſch, aus den Reihen des Volkes her⸗ 76 vortretend, und ſich emporſchwingend auf einen der ſteinernen Pfeiler, die zu beiden Seiten des Metter⸗ nich'ſchen Palaſtes ſtanden. Verhaltet Euch ruhig, meine Freunde! Imponirt durch Eure friedliche Hal⸗ tung den Schergen der Gewalt, gebt ihnen keinen Vorwand Euch anzugreifen. Und Ihr da drüben, fuhr er fort, Ihr Soldaten erinnert Euch, daß auch Ihr zum Volke gehört, daß Ihr aus demſelben hervor⸗ gegangen ſeid, und zu demſelben zurückkehrt. Laßt Euch nicht verleiten auf Eure Brüder, Eure Freunde zu ſchießen, verſündiget Euch nicht an Eurem eigenen Fleiſch und Blut. Die Soldaten ſchienen dieſe Worte gar nicht ver⸗ nommen zu haben, unbeweglich mit geſchultertem Ge⸗ wehr ſtanden ſie da und blickten düſter hin auf die Volksmaſſen, die ſich ihnen gegenüber befanden. Der junge Redner mit dem bleichen Angeſicht, den blitzenden Augen, und dem großen, ſchwarzen Bart H wandte ſich wieder dem Volk zu und mit begeiſterten, ſchwungvollen Worten, in flammender Zornesrede ſprach er zu ihnen von dem„Fürſten von Mitter⸗ nacht“, von dem Staatskanzler, dem verhaßten Met⸗ ternich und deſſen fluchwürdigem Syſtem, das Oeſter⸗ ſtereich jetzt an den Rand des Abgrunds getrieben, 9 das Volk mit Schmach und Demüthigung beladen habe. Fürſt Metternich hörte mit vollkommener ruhiger Miene dem Redner zu, und auch jetzt, als das Volk, hingeriſſen von der Gluth des Redners, ihn unter⸗ brach mit dem lauten Schrei: nieder mit Metternich, auch jetzt trat er nicht vom Fenſter zurück, ſondern ſchob nur ein wenig den Kopf zur Seite hinter die verhüllenden Fenſtervorhänge. Aber Du duldeſt das? rief hinter ihm eine zür⸗ nende Stimme. Du läßt den Pöbel ungeſtraft unter Deinen Fenſtern ſchreien? Metternich wandte ſich langſam um, und ſchaute mit einem ſeltſamen Lächeln auf ſeine Gemahlin, die Fürſtin Melanie Metternich hin, welche mit glühenden Wangen, mit hochwogendem Buſen, mit blitzenden Augen in der Mitte des Gemaches ſtand. Hörſt Du nicht, Metternich, rief ſie, da ihr Gemahl ſchwieg, noch lauter, noch ſtürmiſcher, hörſt Du denn nicht, daß ſie es wagen Dir zu drohen? Daß ſie „Nieder mit Metternich“ ſchreien? Ich höre es, meine Liebe, ſagte der Fürſt ruhig. Aber was geht mich das an? Ihr Rufen und Schreien bringt mich doch nicht nieder. 78 Aber wie dürfen ſie es wagen? Wer giebt dem wahnwitzigen Pöbel das Recht Dir zu drohen? Wie darf dieſe Rotte ſich unterfangen gegen ihren Herrn und Gebieter ſich aufzulehnen? Meine liebe Fürſtin, ſagte Metternich achſelzuckend, das ſind gar ſtolze Fragen, auf die man leider am Tage des Krawalls nicht eine ebenſo ſtolze Antwort geben kann. Aber warum treibt man den Pöbelhaufen nicht auseinander? Warum ſchickſt Du nicht Jemand hin⸗ unter zu den Soldaten, und läßt ihnen gebieten Feuer zu geben auf das Volk? Ach, ich werde mich wohl hüten, das zu thun, denn das hieße aus einem Krawall eine Revolution machen! Da ſchreien ſie ſchon wieder: Fort mit Metter⸗ 1 nich! Nieder mit dem Fürſten Mitternacht! rief die Fürſtin außer ſich, mit Thränen des Zornes in den Augen. Gönne ihnen doch das Vergnügen, meine Liebe, ſagte Metternich. Laſſen wir ſie heute ſchreien, wir werden morgen unſere Revanche dafür nehmen. In dieſem Augenblick öffnete ſich die Thür und der Kammerdiener der Fürſtin trat ein. ☛ 79 Durchlaucht, ſagte er, es iſt da ein Frauenzimmer, welches dringend Ew. Durchlaucht zu ſprechen be⸗ gehrt. Abgewieſen! herrſchte die Fürſtin. Ich bin für Niemand zu ſprechen! Aber der Kammerdiener zog ſich nicht zurück, ſ dern blieb unſchlüſſig und verlegen an der hnt ſtehen. Nun, warum gehen Sie nicht? rief die Fürſtin erſtaunt. Durchlaucht halten zu Gnaden, das Frauenzimmer iſt begleitet von ſechs fürchterlichen Kerl's, welche, ſo wie ſie eingetreten waren, ſchwuren, ſie würden nicht eher fortgehen, als bis das Mädchen ihren Wunſch erreicht, und die Frau Fürſtin geſprochen hätte. So mögen ſie eine Woche da ſtehen und warten, denn ich werde dieſes Frauenzimmer nicht ſprechen, rief die Fürſtin. Aber wer ließ dieſes Volk ein? fragte Metternich. Durchlaucht, ſie drangen in das Thor ein, in dem⸗ ſelben Augenblick als der Portier die Thorflügel ſchließen wollte. Es war unmöglich, ſie zurück zu halten. Und wie ſieht das Fauenzimmer aus? Iſt ſie an⸗ ſtändig gekleidet? 80 Anſtändig und ſauber, und ſie iſt ſehr ſchön, aber ſieht bleich und traurig aus. Sie bat mich mit Thrä⸗ nen in den Augen, ſie nur einen Moment zur Frau Fürſtin zu führen, ſie wolle Ihrer Durchlaucht nur etwas zeigen, nur eine einzige Frage an dieſelbe richten. Nehmen Sie die Perſon an, Fürſtin, laſſen Sie dieſelbe hier eintreten, empfangen Sie ſie in meiner Gegenwart, rief Metternich mit einem gebieteriſchen Ton, wie ihn ſeine Gemahlin noch niemals von ihm vernommen hatte, und ehe die Fürſtin noch Zeit ge⸗ habt, zu widerſprechen, wandte er ſich an den Kam⸗ merdiener und befahl ihm, das Frauenzimmer hierher in ſein Cabinet zu führen. Ich werde nicht mir ihr ſprechen, ſagte die Fürſtin mit vor Zorn zitternden Lippen, ich werde mich nicht ſo weit erniedrigen, dieſem brüllenden Pöbel nachzu⸗ geben! Oh, es iſt ſchmachvoll, es iſt unerhört! Dem Pöbel nachgeben und ihm ſeinen Willen thun zu müſſen!— Durchlaucht, rief der Kammerdiener, die Thür öffnend, hier iſt das Frauenzimmer. Ein bleiches junges Weib in zierlicher, einfacher Kleidung erſchien ſchüchtern und befangen auf der ir 43 41 81 Schwelle, aber hinter ihr ſah man ſechs Männer in der gewöhnlichen Tracht der Arbeiter, mit dunklen bärtigen Geſichtern, mit trotzigen Mienen, die feſten, unehrerbietigen Blicke in das Gemach hinein werfend und mit prüfendem Ausdruck ſie jetzt auf die hohe ſtolze Geſtalt der Fürſtin heftend. Ja, ſagte einer von ihnen, ja, mein liebes Mädel, das iſt die Fürſtin Metternich. Ich kenn' ſie ganz gut, hab' oft genug ſie in ihrer glänzenden Equipag' an mir vorüberſauſen ſehen. Das iſt die Frau Fürſtin. Jetzt ſagt Ihr halt, was Ihr ihr zu ſagen habt. Wir warten hier vor der Thür, bis Ihr wieder kommt. Aber wenn man Euch nur im Geringſten grob begeg⸗ net, oder Euch ein Leids anthun will, dann ruft nur, und wir kommen herein. Die Fürſtin, bleich vor Zorn, warf einen fragenden Blick auf ihren Gemahl, aber dieſer hütete ſich wohl, demſelben zu begegnen, ſondern befahl nur mit ge⸗ dämpfter Stimme dem Kammerdiener hinauszugehen, und die Thür zu ſchließen; dann, als derſelbe dieſem Befehl nachgekommen war, wandte ſich Metternich an das Weib, das noch immer ſchweigend und ſtill neben der Thür ſtand. L. Mühlbach, Erzherzog Johann. 4. Abth. III. 6 —. 82 Wie heißen Sie, mein Kind, und was wollen Sie von der Frau Fürſtin? fragte er. Sie hob langſam ihr geſenktes Haupt empor und blickte mit ſtolzer ruhiger Würde dem Fragenden in's Angeſicht. Ich bin die Generalin Gräfin Marie von Sant⸗ jago, ſagte ſie langſam, indem ſie die Augen auf die Fürſtin richtete, als wolle ſie in ihren Mienen den Eindruck leſen, den dieſer Name auf ſie machen würde. Und allerdings, dieſer Name machte Eindruck auf ſie ſowohl, wie auf den Fürſten, nur war das nicht der Eindruck, den Marie erwartet hatte. Metternich blickte ſie erſtaunt an, und ſeine Gemahlin brach in ein ſpöttiſches, nervöſes Lachen aus. Es iſt alſo eine Wahnſinnige, welcher Ew. Durch⸗ laucht bei mir Audienz verſchafft haben? fragte ſie mit einem ſtolzen Blick auf ihren Gemahl. Ein Frauen⸗ zimmer, das mit einem Pöbelhaufen hier eindringt, nennt ſich eine Gräfin und Generalin! Laſſen Sie die Perſon in ein Irrenhaus führen, Durchlaucht, denn dahin gehört ſie. Liebe, gnädige Fürſtin, ſagte Marie mit ſanfter, flehender Stimme, ich bin nicht wahnſinnig und es geſchieht wahrlich nicht aus Stolz und Uebermuth, 00 00 daß ich mir einen ſo vornehmen Namen beilege. Dieſer Name iſt ja gerade mein Unglück, und ich bin von Helgoland hierher gekommen, um zuerſt in aller Demuth Eure Durchlaucht zu fragen, ob Sie den General Grafen von Santjago kennen, und ob er, wie er mir geſagt, Ihr Couſin iſt? Er hat Ihnen geſagt, daß er mein Couſin iſt? fragte die Fürſtin, die in ihrem Erſtaunen es vergaß, daß ſie gelobt, kein Wort an das fremde Frauenzim⸗ mer zu richten. Ja, er hat es mir geſagt, Fürſtin Melanie Met⸗ ternich, erwiederte Marie ruhig, und darum komme ich, Sie zu fragen, ob Sie wirklich einen Couſin die⸗ ſes Namens haben? Die Fürſtin hatte ſchon die Lippen zu einer Ver⸗ neinung geöffnet, aber ſie beſann ſich und warf einen langen, prüfenden Blick auf das junge Weib. Und was berechtigt Sie zu dieſer Frage? Woher neh⸗ men Sie den Muth, dieſelbe an mich zu richten? fragte ſie. Ich nehme den Muth aus meiner Verzweiflung und aus meinem Unglück, erwiederte Marie ſanft, ich bin berechtigt zu dieſer Frage, weil ich die rechtmäßige Frau des Generals Grafen von Santjago bin. Und 6 84 alſo beſchwöre ich Ew. Durchlaucht bei der Liebe, die Sie zu Ihrem Gemahl hegen, bei Allem, was Ihnen heilig und theuer iſt, ſagen Sie mir die Wahrheit, haben Sie Mitleid mit einem armen Weibe, das allein, ſchutzlos hinaus gegangen iſt in die Welt, um ihrem Kinde den Vater, ſich ſelbſt den Gatten zu ſuchen. Denn er hat uns verlaſſen, oh, er hat uns grauſam, mitleidlos verlaſſen. Er hat uns dem Hohn, dem Geſpött von ganz Helgoland ausgeſetzt, er hat das ehrwürdige Haupt meines guten alten Vaters be⸗ ſchimpft, er hat mich der Schande, dem Gelächter Preis gegeben. Oh, gnädige Fürſtin, haben Sie Er⸗ barmen mit mir! Sagen Sie mir, ob Sie einen Verwandten haben, welcher dieſen Namen führt. Sie hatte ſich der Fürſtin genähert, ſie war vor ihr auf die Kniee niedergeſunken, und ihre gefaltenen Hände erhebend, blickte ſie zu ihr empor mit bleichem, von Thränen überfluthetem Angeſicht. Selbſt die ſtolze Fürſtin Melanie Metternich fühlte ſich bewegt von der rührenden Schönheit des armen jungen Weibes und ſie ſchauete mit milderen Augen zu ihr nieder. Nein, ſagte ſie ernſt und feſt, nein, ich habe keinen Verwandten, welcher ſich General Graf von Sant⸗ jago nennt, ich kenne überhaupt keinen Mann dieſes Namens. Ich dachte es, oh, ich dachte es mir wohl, ſeufzte Marie, indem ſie wie zerbrochen in ſich zuſammen ſank. Armes Weib, murmelte Metternich, es ſcheint, man hat Sie hintergangen. Ja, man hat mich hintergangen, rief ſie, ſich em⸗ porrichtend. Mich und meinen Vater, und den Prie— ſter, der uns getraut hat, und die Zeugen, die bei der Trauung zugegen waren. Aber ich werde ihn dennoch entdecken, ich werde ihn dennoch finden, und Sie, Frau Fürſtin, werden Erbarmen mit mir haben. Sie werden mir ſeinen wahren, ſeinen wirklichen Namen nennen. Ich? rief die Fürſtin. Aber wie ſollte ich dazu kommen, ihn zu wiſſen? Marie riß mit bebenden Händen die goldene Kette von ihrem Halſe und hielt das an der Kette befeſtigte, von Brillanten blitzende Medaillon der Fürſtin ent⸗ gegen. Sehen Sie dieſes Portrait an, rief ſie mit flehen⸗ der Stimme, und dann ſagen Sie mir, ob Sie den dem es gleicht. Mann kennen, 86 Di — — e Fürſtin heftete ihre Augen auf das Bild, dann zuckte ſie zuſammen und ſtieß einen Schrei aus. Mit einer wilden Haſt riß ſie das Medaillon an ſich und betrachtete es mit ſtaunender Aufmerkſamkeit. Mit einem Wink ihrer Augen rief ſie darauf den Fürſten zu ſich, und auch dieſer konnte ein leiſes Ah! der Ueberraſchung nicht unterdrücken, als er des Bildes anſichtig ward. Sie kennen ihn, nicht wahr, Sie kennen ihn? fragte Marie in athemloſer Spannung. Die Fürſtin warf ihre Blicke von dem Bilde hin⸗ über auf das junge Weib. Das iſt das Portrait Deſſen, den Sie den General von Santjago nennen? fragte ſie. Ja, es iſt ſein Portrait. Er gab es mir an un⸗ ſerm Hochzeitstage. Und er hat ſich wirklich und in Wahrheit mit Ihnen trauen laſſen? Wirklich und in Wahrheit. Derſelbe Prediger, welcher mich getauft und confirmirt hat, derſelbe Prie⸗ ſter hat unſere Trauung vollzogen. Und wo war das? Wie heißen Sie? Wer iſt Ihr Vater? Ich Es war in meiner Heimath, in Helgoland. heiße Marie Jackſon und mein Vater iſt der Fiſcher⸗ meiſter und Lootſe Jackſon auf Helgoland. Aber jetzt, liebe, gnädige Fürſtin, jetzt haben Sie Erbarmen mit: mir. Jetzt ſagen Sie mir, ob Sie ihn kennen, ob Sie ſeinen Namen wiſſen? Die Fürſtin blickte unſchlüſſig, tief bewegt auf die Flehende hin. In dieſem Moment hallte abermals von der Straße herauf wüthendes Toben und Schreien und die Fenſter klirrten von dem vieltauſendſtimmigen, donnernden Ruf:„Nieder mit Metternich. Fort mit dem verhaßten Miniſter!“ Der Pöbel, rief die Fürſtin, wie eine zürnende Löwin ſich hoch aufrichtend, der Pöbel iſt noch immer da! Freilich, er wartet auf dieſe Perſon, deren ſechs Schildwachen hier vor unſerer Thür ſtehen! Oh, gnädige Fürſtin, rief Marie, ich bitte Sie, antworten Sie mir. Kennen Sie das Bild? Iſt es das Portrait Ihres Couſins? Wiſſen Sie ſeinen Namen? Nein, ſagte die Fürſtin mit einem Ausdruck flam⸗ mender Verachtung, nein, ich kenne das Bild nicht! Ich habe niemals einen Mann geſehen, der ihm gleicht, und niemals würde ein Verwandter von mir es wagen, ſich mit einer gemeinen Fiſcherstochter zu verheirathen. 88 Gehen Sie, Sie wiſſen jetzt, was Sie wiſſen wollten, gehen Sie. Marie ächzte tief auf und ſchlug ihre Hände vor ihr todesbleiches Angeſicht. Sie kennt ihn nicht, mur⸗ melte ſie ſchluchzend, meine letzte Hoffnung iſt zerſtört. Gehen Sie, herrſchte die Fürſtin. Befreien Sie uns von Ihrer Gegenwart. Ja, ich gehe, ſagte Marie, langſam ſich umwendend, ich gehe weiter, um ihn zu ſuchen, und Gott wird barmherzig ſein, er wird mich ihn finden laſſen, und wär's auch erſt in meiner Todesſtunde. Sie öffnete leiſe die Thür und ſchritt geräuſchlos und ſtill wie ein Schatten über die Schwelle. Armes Weib, ſagte der Fürſt mitleidsvoll. Es ſcheint, Dein liebenswürdiger Herr Couſin hat da eine recht romantiſche Aventure durchgelebt. Aber warum wollteſt Du ihr ſeinen Namen nicht ſagen, Melanie, da Du ihn doch haſſeſt? Ich haſſe ihn, weil er es verdient, weil er mich beleidigt hat, ſagte die Fürſtin. Doch das iſt meine Privatſache und ich werde ihn ſchon zu ſtrafen wiſſen. Aber ich werde mich nicht mit dem Pöbel verbinden, do d D um meine Rache zu nehmen. em Pöbel gegenüber 8 ¹ 8* ¹ müſſen wir Ariſtokraten alle feſt zuſammen halten, 96 89 und Keiner von uns darf den Andern verrathen. Wie hätte ich wohl dieſer Perſon, deren Freunde eben da unten Ihnen ein Pereat brachten, wie hätte ich der wohl den Namen eines Verwandten nen⸗ nen, einen Ariſtokraten als einen Betrüger bezeichnen können! Meine ſtolze und kluge Melanie hat immer Recht, lächelte der Fürſt, und ſo hätten wir alſo denn für das Geſchrei des Pöbels ſchon unſere Revanche be⸗ kommen. Aber da ſchlägt es zwölf Uhr! Es iſt die höchſte Zeit, um mich in die Staatsconferenz zu be⸗ geben. Ich hoffe, Du wirſt ener rgiſch ſein und ſtrenge Maß⸗ regeln ergreifen, rief die Fürſtin. Ich werde ſie mindeſtens vorſchlagen, ſagte der Fürſt, aber Gott weiß, ob 15 mit meinen Vorſchlägen durchdringen werde. Wenn der Erzherzog Johann und die Erzherzogin Suphe ſich wieder in unſere Berathungen eindrängen, ſo fürchte ich, daß man den Kaiſer zur Nachgiebigkeit zwingt. Aber ich werde jedenfalls feſt bleiben in meiner Weigerung. Allzuviel Milde iſt Schwäche und die Schwäche führt immer in's Verderben. Entſchuldige mich, meine Liebe, wenn 90 ich Dich jetzt bitten muß, mich zu verlaſſen. Ich muß Toilette machen. Er grüßte die Fürſtin mit einem freundlichen Lächeln und klingelte dann ſeinem Kammerdiener, um ſich ſofort anzukleiden und ſich in die Hofburg zu begeben. VI. Der dreizehnte März. — In der Hofburg. Mit anſcheinend heiterer und ſorgloſer Miene war Fürſt Metternich durch eine kleine Seitenpforte in die Hofburg eingetreten, aber bei jedem Schritte, den er jetzt vorwärts that, verfinſterte ſich ſein Angeſicht mehr und mehr, und ſeine Stirn, die ſeit ſo vielen Jahren mit heiterer Ruhe den größten Stürmen Trotz geboten, legte ſich heute in düſtere Furchen. Der Fürſt ſah Etwas, was er noch nie geſehen, und dieſes Etwas, dieſes ſchreckensvolle, düſtere Etwas, dem er keinen Namen zu geben wußte, ſchritt wie ein Geſpenſt jede Stufe der Treppe mit ihm empor und hauchte ihn an mit eiſigem Grabeshauch und flüſterte zum erſten Mal ihm unheilvolle Ahnungen von ſei⸗ nem nahen Sturz, ſeinem unvermeidlichen Fall in ſein Ohr. Niemals war der Fürſt die Treppe der Hofburg hinaufgeſchritten, umgeben von ſolchem Gefolge, nie— man gewagt, die feierliche Stille der Kaiſerburg mit ſolch lautem Toben, mit ſo wüthendem Geſchrei zu mals in den langen Jahren ſeiner Regierung hatte unterbrechen. Sonſt hatte man drunten in der wei⸗ ten Vorhalle nur den langſamen Schritt der auf und ab gehenden Schildwachen vernommen, heute war dieſe Halle gedrängt voll Menſchen jeden Standes, und Alles ſchrie und rief durcheinander, und dennoch einig⸗ ten wieder alle dieſe Stimmen ſich zu dem gemein⸗ ſamen Ruf: Wir wollen den Kaiſer ſelber ſprechen! Wir wollen ihn bitten, daß er Metternich entläßt! Begleitet von dieſen Rufen, umwogt und gefolgt von dieſer Menge, die aus Deputationen aller Art, aus Deputationen der Bürger, der verſchiedenen Clubbs und Vereine, der Gelehrten, ſo wie der Arbeiter be⸗ ſtand, ſchritt Fürſt Metternich die Treppe hinauf und trat jetzt in den großen Vorſaal ein, der zu den Gemächern des Kaiſers führte.. 2 * Aber auch hier, welch ein wüſtes, ungewohntes Geräuſch, welch ein Durcheinander von Stimmen, — — 4 welch ein Gewoge von Menſchen, und mit welchen düſtern, drohenden Blicken ſich alle dieſe Geſichter dem Fürſten zuwandten, welch ein unheilvolles Gemurmel ihn bei jedem Schritte begleitete und wie eine rauſchende Springfluth mit ihm weiter wogte. Endlich jetzt erblickte der Fürſt unter allen dieſen fremden, drohenden Phyſiognomieen wenigſtens Ein bekanntes Geſicht, ſah er den Landesmarſchall öunen von Montecucoli, der gefolgt von einer Schaar junger Männer haſtig vorwärts ſchritt und jetzt dicht vor der Thür ſtand, welche in die innern Gemächer führte, als der Fürſt Metternich ihn erreicht hatte. Wohin wollen Sie, Herr Graf? fragte Metternich, indem er den Grafen unmerklich ein ärii bei Seite drängte und die Hand auf den Griff der Thür legte, als wolle er damit bezeichnen, daß nur Seine Hand dieſelbe zu öffnen vermöge. Ich will zum Kaiſer, erwiederte der Graf lakoniſch. Fürſt Metternich zuckte lächelnd die Achſeln. Be⸗ daure, ſagte er. Der Weg zum Käiſer geht durch mich, und ich beklage es, daß ich Ihnen für die näch⸗ ſten Stunden keine Audienz bewilligen kann. Der Kaiſer iſt beſchäftigt, er muß der Staatsconferenz bei⸗ wohnen, die ſogleich beginnen wird 94 Ew. Durchlaucht werden die Güte haben, die Staatsconferenz etwas ſpäter beginnen zu laſſen, ſagte Montecucoli barſch. Es iſt dringend nothwendig, daß ich den Kaiſer ſpreche, denn ich habe ihm Dinge von j der äußerſten Wichtigkeit zu melden, Dinge, welche keinen Aufſchub leiden. Metternich blickte dem Grafen mit unverholenem Erſtaunen in das trotzige Angeſicht. Sie haben mich alſo nicht verſtanden, Herr Graf? fragte er. Ich hatte die Ehre, Ihnen zu ſagen, daß Sie den Kaiſer nicht ſprechen werden. Und ich erwiedere Ihnen darauf, daß ich den Kai⸗ ſer ſprechen will und daß ich ihn ſprechen muß, ſagte der Graf ſtolz. Ich bin nicht hierher gekommen als ein einfaches Individuum, ſondern als der Vertreter und Sprecher der Stände und der Univerſität zu gleicher Zeit, und Niemand darf heute von ſich ſagen, daß der Weg zum Kaiſer durch ihn führt. Se. Durchlaucht haben ſich ohne Zweifel nur falſch ausgedrückt, rief jetzt mit ſpöttiſchem Lachen einer der Studenten, die neben dem Grafen ſtanden. Se. Durch⸗ laucht ſagten: der Weg zum Kaiſer führt durch mich, aber Se. Durchlaucht meinten gewiß: der Weg zum Kaiſer führt über mich! 95 die. de Dieſe ſo lauten und ſpöttiſchen Worte wurden von 2 4. den übrigen Studenten mit einem beifälligen Lachen aß begrüßt, das bald durch den ganzen Saal ſich ver⸗ oen breitete und die Wangen des Fürſten ein wenig er⸗ bleichen machte. 1 Oeffnen Sie entweder die Thür, Durchlaucht, rief emn der Graf ungeduldig, oder erlauben Sie, daß ich es thue. f Ich werde ſie öffnen und ich erlaube ihnen, mir aß zu folgen, ſagte der Fürſt mit einem hoheitsvollen Zlick auf den Grafen, und mit hochgehobenem Haupt, ii⸗ mit ſtolzer Haltung ſchritt er hinein in den zweiten gte Vorſaal. Nicht ein einziges Mal ſchauete er zurück ls nach dem Grafen, ſondern ruhig und würdevoll ging ter er weiter durch die hohen Flügelthüren hinein in den zu Conferenzſaal. en, Graf Kollowrat, der Erzherzog Ludwig und der Erzherzog Franz Carl waren in demſelben ſchon an⸗ zherz 3 weſend, aber ſie ſchienen das Eintreten des Fürſten gar nicht bemerkt zu haben, ſondern ſie fuhren unge⸗ ſtört in ihrem angefangenen Geſpräch fort und ſchienen —— ——,— lebhaft zu debattiren über irgend eine wichtige Staats⸗ angelegenheit. Ich bitte um Entſchuldigung, wenn ich mich ver⸗ 96 ſpätet habe, ſagte Metternich mit vollkommen ruhiger Stimme, indem er dicht zu dem Erzherzog Ludwig herantrat und ſich tief vor ihm verneigte. Es ſcheint, Ew. kaiſerliche Hoheit haben die Staatsconferenz ſchon begonnen? Die Staatsconferenz oder die Familienconferenz, oder was Sie ſonſt wollen, erwiederte der Erzherzog achſelzuckend. Sie ſehen wohl, mein lieber Fürſt, daß es uns heute zu einer Staatsrathsſitzung an der nöthi⸗ gen Ruhe fehlt. Ich ſehe allerdings, daß die Thüren zum Andienz⸗ zimmer geöffnet ſind, ſagte Metternich lächelnd. Ja, und die Thüren, die vom Audienzzimmer in das Cabinet des Kaiſers führen, ſind auch geöffnet, ſeufzte Ludwig, und drinnen beim Kaiſer befinden ſich die Erzherzogin Sophie und der Erzherzog Johann, und draußen im Vorſaal warten Deputationen aller Art auf Audienz und beſtürdmen uns mit unſinnigen Forderungen. — Und darf man fragen, welcher 2 ſind? fragte Metternich ruhig. rt die Forderungen Sie wiſſen das nicht? fragte Erzherzog Ludwig zögernd.. Nein, erwiederte der Fürſt, nein, ich weiß das 97 wirklich nicht, und ich bitte Ew. kaiſerliche Durchlaucht deshalb, es mir ſagen zu wollen. Nun, Ew. Durchlaucht werden das wahrſcheinlich noch zeitig genug erfahren, ſeufzte Ludwig. Ach, da ſehe ich ſchon Jemand kommen, der es Ihnen ohne Zweifel bereitwillig ſagen wird. Und Erzherzog Ludwig trat einige Schritte zurück, und machte dem Erzherzog Johann Platz, der eben mit eiligen Schritten aus dem Audienzzimmer in den Conferenzſaal trat und grade auf den Fürſten Met⸗ ternich hinſchritt. Sie ſehen, Herr Fürſt Metternich, ſagte Johann ernſt und faſt feierlich, Sie ſehen, daß ich Ihnen die Wahrheit prophezeit habe. Die Rache für jenen März 1812 iſt gekommen, und noch ehe Sie des Märzen Idus erreicht haben, vor dem ich Sie neulich warnte. Aber Sie haben nicht auf meine Warnung hören wollen. Sie machten es wie Julius Cäſar, Sie woll⸗ ten die Macht um jeden Preis bewahren, und auf keine Prophezeihung hören. Und Ew. kaiſerliche Durchlaucht meinen, daß es mir dafür jetzt auch wie dem Julius Cäſar ergehen werde? fragte Metternich. Sollten Ew. Durchlaucht ſelber für mich das ſein, was für den Cäſar die Mühlbach, Erzherzog Johann. 4. Abth. III 7 98 Säule des Pompejus war, neben welcher er durch⸗ bohrt zuſammenbrach? Ach, Durchlaucht, ich glaube nicht, daß Ihr Ende ſo tragiſch und ſo erhaben ſein wird, ſagte Johann achſelzuckend. Man wird ſich nicht die Mühe geben, Sie zu ermorden, man wird Sie nur fort⸗ jagen. A Fortjagen? Mich, den Staatskanzler? Wer ſollte das wagen können? Wer hat die Macht dazu? Diejenigen, welche drunten auf der Straße ſchreien und rufen, welche alle Treppen und Aufgänge der Hofburg belagert haben, welche tobend und gebietend die beiden Vorſäle anfüllen, dieſe Alle werden es wa⸗ gen, Hand an Sie zu legen. Und Sie fragen noch, wer die Macht dazu hat, Sie, den gebietenden Staats⸗ kanzler zu verjagen? Die Revolution hat die Macht dazu, und glauben Sie mir nur, ſie iſt jetzt ſchon als Siegerin in die Hofburg eingezogen. Nehmen Sie alſo jetzt in der letzten Stunde noch einen Rath von mir an, Durchlaucht. Ziehen Sie ſich zurück vor der Sie⸗ gerin, gönnen Sie ihr nicht die Freude, daß ſie den Fürſten Metternich als ihren Gefangenen unter dem Joch vor ihrem Siegeswagen einherſchreiten laſſe, ſondern treten Sie freiwillig, da es noch Zeit iſt, bei 99 irch⸗ Seite. Weichen Sie der Begegnung mit ihr aus, thun Sie es um Ihrer eigenen Würde zu ſchonen, Ende um der Regierung eine empfindliche und demüthigende ann Niiederlage zu erſparen. Nühe Es wäre, wie mir ſcheint, eine empfindliche und fort. demüthigende Niederlage für die Regierung, wenn ſie ſich zu ihren Handlungen durch das Geſchrei des Pö⸗ ollte bels beſtimmen ließe, erwiderte der Fürſt. Es hieße meine eigene Würde aufgeben, wenn ich wie ein Feig⸗ reien ling fliehen wollte vor einer Rotte bezahlter Schreier, der wenn ichtvon dieſem elenden Geſindel mich beſtimmen tend laſſen wollte, Etwas zu thun, das wider meine Ue⸗ wa⸗ berzeugung iſt. Ich habe in die Hände des hochſeli⸗ noch, gen Kaiſers Franz geſchworen, daß ich bis zu meinem nats⸗ Lebensende als ſein treuer Diener und Unterthan dem kacht Dienſte ſeines Sohnes und des Staates mit allem rals Eifer, aller Kraft und Energie mich hingeben, und alſo nimmer ermatten, nimmer zurückweichen wolle, daß mir ich leben und ſterben wolle treu meinen beſchworenen Ueberzeugungen, treu den Principien, die auch die Sie⸗ Ä Principien des Kaiſers, meines Herrn, waren. Ich dem muß alſo meinen Schwur halten, ich darf nicht als ein feiger und ungetreuer Arbeiter von dannen gehen und das begonnene Werk aufgeben in der Stunde laſſe, „bei 4 der Gefahr. Nein ich bleibe. Ich werde im Dienſte meines Kaiſers durch alle Mittel der Energie und Entſchloſſenheit verſuchen, die Revolte zu bezwingen, welche von böswilligen und bezahlten Menſchen hier angeſtiftet worden. Sie bleiben, ſagte Johann achſelzuckend. Das heißt, Sie wollen bleiben! Aber ich ſage es Ihnen zuvor, es wird Ihnen nicht gelingen, und Sie wer⸗ den zu ſpät einſehen und begreifen, daß derjenige, den Sie für Ihren Feind halten, und der allerdings der Feind Ihres Syſtems iſt, Ihnen dennoch heute den beſten und freundſchaftlichſten Rath gegeben. Ich habe Sie zum letzten Male gewarnt, ich habe der Pflicht meines Gewiſſens genügt. Jetzt mögen die Dinge ihren Gang gehen, wir werden uns ihnen fü⸗ 100 gen müſſen, Sie ſowohl wie wir Alle! In dieſem Augenblick, als Johann eben von dem Fürſten zurücktrat, ſah man den Kaiſer, gefolgt von der Erzherzogin Sophie und dem Grafen Montecucoli raſch durch das Audienzzimmer heraufſchreiten und in den Conferenzſaal eintreten. Kommen's, mein lieber Graf, rief der Kaiſer leb⸗ haft, kommen's und wiederholen's in Gegenwart die⸗ ſer Herren, was Sie mir da drinnen geſagt haben! 101 Reden's, lieber Graf, reden's. Weshalb hat man Sie zu mir geſandt? Wer hat's gethan, und was ſollen Sie mir ſagen? Majeſtät, es ſind die niederöſterreichiſchen Stände und die Abgeordneten der Studenten, die mich nicht allein zu ihrem Sprecher ernannt, ſondern auch mich in feierlichem Zuge hierher begleitet haben. In ihrem Namen, im Namen der Landſtände, im Namen der Univerſität, im Namen endlich der Tauſende, welche die Straßen Wiens erfüllen, und welche Alle daſſelbe Wort uf der Lippe, denſelben Wunſch im Herzen tragen, im Namen endlich der ganzen Monarchie muß ich an das Herz Ew. Majeſtät die Bitte richten: entlaſſen Sie den Fürſten Metternich, den Träger eines alten Syſtems, welches ſich überlebt hat, wel⸗ ches nicht mehr für die Gegenwart taugt! Entlaſſen Sie den Fürſten Metternich, den Repräſentanten der abſoluten Monarchie, retten Sie den Thron und das Kaiſerhaus, indem Ew. Majeſtät dem Volke beweiſen, daß Sie unwiderruflich und für immer mit der Ver⸗ gangenheit brechen, daß das Syſtem des Abſolutis⸗ mus und der Bevormundung mit dem Fürſten Met⸗ ternich die Staatskanzlei und die Hofburg verlaſſen habe. 102 Nun? fragte der Kaiſer, indem er ſich dem Für⸗ ſten Metternich zuwandte. Nun, Herr Fürſt, was ſagen's zu der Unverſchämtheit? Ich erwarte die Befehle und die Entſcheidung Ew. Majeſtät, ſagte Metternich ruhig. Nein, rief Ferdinand ängſtlich, nein, erwarten’s nichts dergleichen. Ich hab' nix zu befehlen und nix zu entſcheiden, denn ich bin's ja nicht, der regiert, ſondern die Staats-Conferenz iſt es. Na, das wär' noch ſchöner, wenn ich jetzt auf eintnal regieren müßt'. Als Alles noch zufrieden und ruhig und fein ſättherlich in meinem lieben Oeſterreich herging, da hab' ich nit re⸗ gieren und nit meinen eigenen Willen haben dürfen, und jetzt, da das Gewitter hereingebrochen iſt und der Sturmwind heult und donnert, jetzt ſoll ich auf Ein⸗ mal anfangen zu regieren und zu entſcheiden? Nein, Herr Staatskanzler, das geht halt nit an. Die Staats⸗ conferenz regiert und ich hab' nit das Recht und die Gewalt, den Herrn Staatskanzler zu verabſchieden. Aber der Herr Staatskanzler wird von ſeinem Recht und ſeiner Gewalt Gebrauch machen und ſich ſelber verabſchieden, rief die Erzherzogin Sophie, in⸗ ich dem Fürſten nä⸗ dem ſie mit glühenden Wangen ſ herte. Ew. Durchlaucht ſagen, daß Sie dem Dienſte 103 des Kaiſers und des Staates Ihr ganzes Leben ge⸗ weiht haben. Nun wohl, Herr Fürſt, Sie können heute dem Kaiſer und dem Staate den wichtigſten und erhabenſten Beweis Ihrer Hingebung und Treue darbringen. Danken Sie ab! Treten Sie zurück von Ihrer Stelle. Beſeitigen Sie die Gefahren, welche uns Alle, welche die Monarchie bedrohen, indem Sie ſich aus dem Staatsleben zurückziehen, und ſeine Neu⸗ geſtaltung anderen, geeigneteren Händen überlaſſen. Ich beſchwöre Sie im Namen der ganzen Kaiſer⸗ familie,nretten Sie uns 2 Alle, retten Sie den Thron, indem Sie zurücktreten. Und endl lich, und vor allen Dingen, fuhr ſie fort, indem ſie ſich dem Kaiſer zu— wandte, vor allen Dingen beſchwöre ich Ew. Maje⸗ ſtät, faſſen auch Sie jetzt einen kühnen und energi⸗ ſchen Entſchluß, ſeien Sie der Kaiſer, der Gebieter! Die Abdankung des Fürſten Metternich, das iſt es doch zunächſt, was alle dieſe Deputationen, welche d Vorfäle erfüllen, von Ew. Majeſtät begehren, was das Volk auf der Straße mit lautem Geſchrei ver⸗ langt. Die Abdankung Metternichs iſt die Parole des Tages. Sie nicht annehmen heißt das Schickſal ganzen Dynaſtie auf's Spiel ſetzen, und es wäre freventlich, wenn man dies thun wollte um eines ein⸗ felhe auch immer ſtehen möge. Ich beſchwöre alſo Ew. Majeſtät, ret⸗ E ten Sie ſich, retten Sie meinem Sohn den Thron, 5 indem Sie dem Fürſten Metternich ſeine Entlaſſung d geben! Na, und was ſagen die Herren Erzherzöge dazu, D fragte der Kaiſer. Was ſagen die übrigen Herren h vom Conferenzrath? So reden's doch, ſo ſagen's doch jetzt Ihre Meinung, wie Sie's ſonſt immer im Con⸗ ferenzrath thun? Aber Niemand folgte dieſer Aufforderung des Kai⸗ ſers, Alles blieb ſtumm, Niemand mochte in Gegen⸗ A wart des Fürſten gegen ihn das Wort ergreifen, Niemand aber auch hatte den Muth, es für ihn zu ergreifen. Als er das gewahrte, überzog eine leichte Röthe die bleichen Wangen des Fürſten, und ſeine Augen hefteten ſich mit einem Ausdruck ſchmerzlichen Er⸗— ſtaunens auf den Erzherzog Ludwig hin. Auf dieſen hatte er gehofft, auf ſeine Zuſtimmung hatte er ge⸗ rechnet, und jetzt ſchwieg auch er, jetzt hatte auch er nicht den Muth für ihn zu ſprechen 3 Ew. Majeſtät, ſagte jetzt Erzherzog Johann in ſeiner ruhigen ſanften Weiſe, Ew. Majeſtät wiſſen 105 wohl, daß ich der Erzherzogin Sophie aus voller Seele beiſtimme, und daß ich die Entlaſſung des Fürſten Metternich als eine unabweisbare Nothwen⸗ digkeit betrachte. Ja, ich weiß, ſagte Ferdinand, liebten n auch halt, daß ich es nit thun kann, und nit thun darf. Denn ſeinem ge Oheim freundlich zunickend. Aber Sie wiſſer der Kaiſer, mein Herr Vater, hat mir in ſeinem Te⸗ ſtament befohlen, den Fürſten von Metternich als meinen treueſten Freund und Rathgeber immer an meiner Seite zu behalten, und ich muß dieſem letzten Willen und Befehl meines Herrn Vaters gehorchen. denn ich bleib' dabei: wenn man ein guter Kaiſer 9 ſein will, ſo muß man zuerſt ein guter Sohn ſein. Alſo der Fürſt Metternich bleibt auf ſeinem Poſten als mein Staatskanzler, und jetzt bitt' ich die Herren von der Staatsconferenz, dem Herrn Grafen von Montecucoli eine Antwort zu ertheilen. Ich ſelber fühl mich ein biſſel angegriffen und matt. Herr Oncle Johann, ich bitt' geben's mir Ihren Arm und be⸗ gleiten's mich in mein Kabinet. Erzherzog Johann folgte ſchweigend dieſem Befehl, und führte den Kaiſer hinweg; die Erzherzogin So⸗ phie, nicht mehr im Stande, die Thränen, die in ihren n 106 Augen ſtanden, zurückzuhalten, wandte ſich haſtig ab, und folgte dem Kaiſer geſenkten Hauptes und tief aufſeufzend in ſchmerzlicher Qual. Sie hatten kaum die Schwelle des Audienzzim⸗ mers, unmittelbar neben dem Conferenzſaal erreicht, als Erzherzog Ludwig ſich mit ſtolzer und düſterer Miene dem Grafen Montecucoli zuwandte. Sie haben die Entſcheidung des Kaiſers vernom⸗ men, mein Herr Landesmarſchall, ſagte er. Gehen Sie und wiederholen Sie dieſelbe den Ständen, welche Sie hierher geſandt. Sagen Sie ihnen im Uebrigen, daß die Staatsconferenz alle ſonſtigen Forderungen und Petitionen prüfen, und der Kaiſer das Dienliche beſchließen werde! Gehen Sie! Graf Montecucoli verbeugte ſich, und verließ, ohne ein Wort der Erwiderung, mit bleichem und traurigem Geſicht den Conferenzſaal. Niemand als die beiden Erzherzöge Ludwig und Franz Carl, der Fürſt Metternich und der Graf Collowrat waren jetzt noch in demſelben anweſend. Es war alſo die Staats⸗ conferenz, welche da vereinigt war, um, wie ſie es ſeit dreizehn Jahren gethan, in unumſchränkter Machtvoll⸗ kommenheit ihre Geſetze zu geben und ihre Beſchlüſſe zu faſſen. 107 Nur war heute neben der Staatsconferenz in un⸗ mittelbarer Nähe noch eine andere Gewalt auferſtan⸗ den, nur war es eine Volksconferenz, welche da in dem großen Vorſaal, auf dem Vorplatz, auf den Corridoren und Treppen der Hofburg ihre perma⸗ nente, ſtürmiſche Sitzung hielt, und ſo laut und ſtür⸗ miſch ihre Beſchlüſſe ausrief und verkündete, daß die⸗ ſelben mit gebieteriſcher Stimme durch die Spalten der hohen Flügelthüren in den Conferenzſaal eindran⸗ gen und wider ihren Willen das Ohr der Herren Con⸗ ferenzräthe erreichten. Wir wollen die Preßfreiheit! Wir fordern eeine Conſtitution, eine Nationalgarde! Wir wollen die Ab⸗ dankung Metternichs! Das waren die Rufe, die von dem Vorſaal aus in den Conferenzſaal eindrangen, und die ruhigen und höflichen Debatten der Herren Diplomaten übertönten. Dazwiſchen riefen andere, zornige Stimmen: Wir wollen zum Kaiſer! Man hat uns hier lange genug warten laſſen! Man ſoll, man muß uns Gehör geben! Und jetzt öffnete ſich vorſichtig und behutſam die Hälfte der großen Flügelthüren, und Graf Hartig trat herein. 108 Ew. kaiſerliche Hoheiten bitte ich um Verzeihung, wenn ich ſtöre, ſagte er. Aber es iſt nicht länger möglich, die Ungeduld aller dieſer Leute, die da im Vorſaal verſammelt ſind, zu zügeln. Es ſind mehr als zwanzig Deputationen da, welche Alle den Kaiſer zu ſprechen begehren, und jetzt eben iſt eine Nachricht angelangt, welche alle dieſe Menſchen in die höchſte Aufregung und Wuth verſetzt hat. Was iſt das für eine Nachricht? fragte Erzherzog Ludwig. Eine ſehr traurige, beklagenswerthe Nachricht, kaiſerliche Hoheit. Es iſt zu Exceſſen gekommen, das Volk iſt auf das Zeughaus angeſtürmt, und hat Waf⸗ fen begehrt. Die dort aufgeſtellten Grenadiere haben Feuer gegeben und haben mehrere Menſchen getödtet. Daſſelbe iſt am Schottenthor geſchehen, wo das Volk Barrikaden erbaut hatte, die von den Cüraſſieren mit Gewalt genommen wurden, welche ſodann ſcharf in die Menge einhieben. Blut! Man hat das Blut unſerer Brüder ver⸗ goſſen! ſchrie und heulte es draußen im Vorſaal. Wir wollen zum Kaiſer, wir müſſen ihn ſprechen. Er muß unſere Forderungen bewilligen, oder ganz Wien 1 109 ſteht heute noch in Flammen, und der blutige Bürger⸗ krieg iſt unvermeidlich! Ich werde einige dieſer Deputationen empfangen, ſagte Erzherzog Ludwig gelaſſen. Sie ſollen ſehen, daß wir ſie nicht fürchten, und daß wir keinen Reſpect haben vor ihrem Gebrüll! Herr Graf Hartig, laſſen Sie eine der Deputationen eintreten und bleiben Sie bei mir! Er begab ſich in das Audienzzimmer, deſſen nach dem Conferenzſaal führende Thüren der Erzherzog ſchloß, während Graf Hartig ſich beeilte, durch die gegenüberliegenden Thüren in den Vorſaal zu gehen zund die dort Harrenden mit der Verſicherung zu be⸗ ſchwichtigen, daß der Erzherzog Ludwig im Namen des Kaiſers allen Deputationen nach und nach Audienz ertheilen würde, und daß diejenige Deputation, welche zuerſt gekommen, jetzt alſo zuerſt zur Audienz in den anſtoßenden Saal kommen ſolle. Dieſe erſte Deputation beſtand aus vier Herren von den Wiener Bürgeroffizieren und Graf Hartig führte ſie alſo in den Audienzſaal, wo Erzherzog Lud⸗ wig ihr mit düſterm Geſicht entgegenſchritt, und nach dem Zweck ihres Beſuches fragte. Kaiſerliche Hoheit, wir kommen, um Sie zu be⸗ 110 ſchwören: entlaſſen Sie den Fürſten Metternich! Thun Sie es um das Aergſte, das Entſetzlichſte zu verhüten. Die Revolution iſt unvermeidlich, wenn dem Volke nicht Genüge geſchieht, wenn man Denjenigen nicht entfernt, deſſen Perſon Allen als das Hinderniß einer beſſern und würdigern Zeit erſcheint. Sie ſind ſehr vermeſſen, meine Herren, rief der Erzherzog unwillig. Sie erlauben ſich mir Rath zu geben, den ich nicht gefordert habe, Sie— Ein hefti⸗ ges tumultuariſches Geräuſch unterbrach ihn, die Flü⸗ gelthüren, welche in den großen Vorſaal führten, wurden mit donnerndem Ungeſtüm geöffnet, und laute tobende Stimmen riefen wild durcheinander: Wir wollen nicht länger warten! Der Erzherzog Ludwig ſoll uns hören! Uns Alle! Alle! Jeder iſt gleichberech⸗ tigt, zu hören, und gehört zu werden! Jeder hat ein Recht zu erfahren, was beſchloſſen wird! Der Erzherzog, in der Mitte des Audienzzimmers ſtehend, warf einen düſtern drohenden Blick durch dieſe, ohne ſeine gnädige Erlaubniß geöffneten Fügelthüren in den großen Vorſaal, und eine unheimliche Ahnung beſchlich ihn, daß es trotz ſeines Widerſtrebens den⸗ noch zu Ende gehe mit dem Beſtehenden, daß die alte Zeit eben ihre letzten Todeszuckungen erleide. Alle 9 111 dieſe Geſtalten, welche ſich in dichtgedrängten Grup⸗ pen in dem Vorſaal befanden, gehörten einer neuen Zeit an, alle dieſe Geſichter glichen ſo wenig den lä⸗ chelnden, höfl ichen, devoten Phyſiognomien, welche der Erzherzog ſonſt gewohnt war, in ſeinem V orſaal zu ſehen, ſie waren drohend, trotzig und finſter. Sonſt hatte man in dieſem Vorſaal nur leiſe, flüſternde, ehrfurchtsvolle Stimmen vernommen, aber heute war es ein ungeheures Durcheinander von wilden, herri⸗ ſchen, gebieteriſchen Stimmen; Jedermann, ſo ſchien es, glaubte berechtigt zu ſein, ſo laut als möglich ſeine Stimme zu erheben, ſo ungeſtüm als ihm beliebte, ſein Begehren zu äußern. Sonſt auch hatte man in dieſem Vorſaal nur glänzende Gallakleider, nur Uni⸗ formen und gold dgeſtickte Hofkleider geſehen, heute ſah man da nur dunkle Gewänder ohne Schmuck und ohne Zier, ja, mit einem unausſprechlichen Entſetzen gewahrte Erzherzog Ludwig, daß alle dieſe Menſchen nicht einmal im Frack erſchienen waren, nicht einmal geſellſchaftsmäßige Toilette gemacht hatten, daß ſich ſogar gemeine Leute in der 2 Arbeiterjacke unter ihnen befanden! Und Niemand ſchien daran Anſtoß zu neh⸗ men, Niemand ſchien ſich unbehagl lich oder genirt zu fühlen, trotz ſeiner unpaſſenden Kleidung, Niemand 112 ſchien von reſpectvollem Schauder ergriffen, obwohl er ſich in einem kaiſerlichen Saal befand, und der un⸗ verdienten Gnade theilhaftig ward, einem kaiſerlichen Erzherzog, dem Repräſentanten des Kaiſers ins An⸗ geſicht zu ſchauen! Erzherzog Ludwig fühlte ſich empört von dieſem Blick, den er in den Vorſaal gethan, empört von den Zurufen, die von allen Seiten ihm entgegentönten, empört von dieſem lauten Geſchrei, dieſen übermüthi⸗ gen Geſichtern, und er war ſchon im Begriff, ihnen zu beweiſen, daß ſie der Gnade ſeiner Gegenwart nicht würdig ſeien, er hatte ſchon einen Schritt rück⸗ wärts gethan, um ſich in den Conferenzſaal zurück⸗ zubegeben, als ein lautes Geſchrei, ein neuer heftiger Tumult in dem Vorſaal ihn zögern und dorthin blicken ließ. Eine neue Menſchenmenge war ſoeben in den Vor⸗ ſaal hineingefluthet, und wälzte ſich jetzt mit wildem Ungeſtüm den Thüren des Audienzzimmers zu. Eine Deputation der Univerſität! ſchrieen hundert Stimmen auf Einmal, als wären alle dieſe Menſchen berechtigt, bei dem kaiſerlichen Erzherzog Kammerherrndienſte zu übernehmen, und ihm diejenigen anzumelden, welche eine Audienz zu erbitten kämen. 113 Aber freilich, Niemand dachte daran, heute zu bitten, Jeder fühlte ſich ſelbſtſtändig genug um zu fordern, und die angekündigte Deputation der Univer⸗ ſität war ſchon, von dem Menſchenſtrome getragen, durch den Saal vorwärts gerollt, hatte ſchon die Schwelle des Audienzzimmers überſchritten, bevor noch der Erzherzog Zeit gehabt, ihr den Empfang zu weigern. An der Spitze dieſer Deputation befand ſich indeſſen dies Mal doch eine Geſtalt, deren Anblick dem Her⸗ zen des Erzherzogs Ludwig wohl that, eine Geſtalt in einer Art Hoftracht, die Bruſt geſchmückt mit einer ſchweren goldenen Kette. Es war der greiſe Rector magnificus der Univer⸗ ſität, welcher im Gefolge mehrerer Profeſſoren und vieler Studenten ſich dem Erzherzog Ludwig nahte. Ohne eine Erlaubniß zu erbitten, ohne eine Auffor⸗ derung abzuwarten, wagte es der Rector zu dem kai⸗ ſerlichen Prinzen, dem Stellvertreter des Kaiſers zu ſprechen, ihn zu beſchwören, daß er die Bewaffnung der Studenten bewilligen, und ſofort Befehl ertheilen möge, daß ihnen aus dem kaiſerlichen Zeughauſe die nöthigen Waffen geliefert würden. Der Erzherzog ſtarrte faſt entſetzt dem greiſen Mühlbach, Erzherzog Johann. 4 Abth. III 8 114 Sprecher in das erregte Angeſicht. Wie, rief er zor⸗ nig, die Bewaffnung der Studenten wagen Sie von mir zu fordern? Sind es nicht die Studenten ge⸗ weſen, welche geſtern all das Unheil angerichtet haben? Waren es nicht Studenten, welche geſtern Tumulte und Aufläufe anzettelten? Meine kaiſerliche Hoheit, die Studenten haben ge⸗ ſtern wie heute die Macht nur an ſich geriſſen, um das Aergſte zu verhindern, um Exceſſe zu verhüten, und den Pöbel im Zaun zu halten. Aber ſie wer⸗ den es nicht mehr lange vermögen, die auf's Aeußerſte gebrachte Bevölkerung, die tobenden Rotten zu be⸗ ſchwichtigen, wenn man ihnen nicht Waffen giebt, welche die Maſſen zurückſchrecken und ihnen imponi⸗ ren. Ach, kaiſerliche Hoheit! bewaffnen Sie die Stu⸗ denten und Sie gewinnen dem Kaiſerhauſe zweitau⸗ ſend Streiter, in denen ſich Muth, Intelligenz und der reinſte Patriotismus vereinigen! Keine ſicherern Waffen hat je die Reſidenz, hat je der Monarch gehabt. Glauben Sie mir, kaiſerliche Hoheit, zeigen Sie die⸗ ſen jungen Leuten ein ſie ehrendes Vertrauen, und Jeder von ihnen wird künftig freudig ſein Blut für die geliebte Dynaſtie, ſowie für die Ruhe und Sicher⸗ heit der Reſidenz hingeben. Erfolgt aber die Be⸗ 115 waffnung nicht, erfolgt ſie nicht bis neun Uhr Abends, ſo wird dieſe Nacht der Aufruhr ſein furchtbares Haupt erheben, ſo wird der Pöbel ungefährdet und unbe— hindert ſein Schreckenswerk beginnen, und Mord und Brand wird die Stadt mit Jammer und Entſetzen erfüllen. Ich beſchwöre alſo Ew. kaiſerliche Hoheit, haben Sie Mitleid mit uns Allen, bewaffnen Sie die Studenten, damit dieſe das wüthende Volk in Ban⸗ den halten. Bewaffnen Sie die Studenten, ſchrieen, brüllten, nicht flehend, ſondern mit gebieteriſcher Stimme alle dieſe im Vorſaal verſammelten Menſchen, bewaffnen Sie die Studenten, oder— Ein furchtbarer Aufſchrei übertönte in dieſem Augenblicke faſt alle andern Stimmen. Der wogende Menſchenſtrom fluthete auf Einmal, wie von Entſetzen ergriffen zurück, und durch die ſich öffnende Gaſſe ſtürzten drei Bürgerofficiere mit bleichen Geſichtern, mit zornblitzenden Augen nach dem Audienzſaal hin. Kaiſerliche Hoheit! Geben Sie uns Waffen, da⸗ mit wir uns vertheidigen können, ſchrieen ſie. Waffen für das Volk, für die Studenten, damit wir nicht wehrlos hingeſchlachtet werden von den Soldaten und Polizeiſchergen! Waffen, damit wir unſer Haus, un⸗ 8* 116 ſern Heerd und unſere Familie gegen die Soldaten ſowohl als gegen den Pöbel vertheidigen können. Aus dem Polizeidirectionshauſe iſt abermals gefeuert wor⸗ den, und mehrere Menſchen ſind getödtet, Viele ver⸗ wundet worden. Ein einziger Schrei des Entſetzens durchhallte den kaiſerlichen Vorſaal und fand ſelbſt in dem Audienzzimmer ſeinen Widerhall. Bewaffnen Sie die Bürger und die Studenten, ſchrie Alles wild durcheinander. Entlaſſen Sie Met⸗ ternich! Fort mit dem Fürſten von Mitternacht! Der Erzherzog entſetzt, außer ſich gebracht von dieſem Geſchrei, dieſen ſtürmiſchen Forderungen, der Erzherzog wich bleich und ſprachlos zurück; mit einem ſtummen Wink ſeiner Hand verabſchiedete er die De⸗ putationen, und da er ſah, daß ſie dennoch das Audienzzimmer nicht verließen, zog er ſelber ſich vor ihnen zurück und kehrte in den Conferenzſaal zurück. Fürſt Metternich, ſagte er bleich und erſchöpft auf einen Stuhl niederſinkend, ich gebe es auf, mit dieſen Leuten zu verhandeln. Sie ſind der Staats⸗ kanzler, an Ihnen iſt es, Vorkehrungen zur Ruhe und Sicherheit, zur Wiederherſtellung des geſetzlichen Frie⸗ dens zu treffen. Thun Sie alſo, was Ihres Amtes 117 iſt! Unterhandeln Sie mit den Leuten, machen Sie ihnen die nöthigen Zugeſtändniſſe. Ich acceptire Alles! Ich bin bereit, die Befehle Ew. Kaiſerlichen Hoheit zu erfüllen, erwiderte Metternich mit vollkommen ruhiger Haltung. Ich werde die Deputationen em⸗ pfangen, und ich bitte die Herren Grafen Kollowrat und Harting mir in das Audienzzimmer folgen zu wollen. In unerſchütterlicher Haltung, ſtolzen Hauptes be⸗ gab ſich Fürſt Metternich nach dem Audienzzimmer und trat mit lächelnder Ruhe in dieſelbe ein. Seine tiefblauen glänzenden Augen überflogen mit einem einzigen raſchen Blick alle dieſe verſchiedenen bewegten Gruppen, die im Audienzzimmer wie im Vorſaale ſich drängten, und hafteten dann auf einigen Bürgeroffi⸗ cieren, die ihm zunächſt im Audienzzimmer ſich befanden. Mit einem freundlichen Neigen ſeines Hanptes winkte er ſie zu ſich. Sind Sie auch als Deputation hier erſchienen? fragte er.. Ja, Durchlaucht, wir kommen im Namen der Wiener Bürger. Wir fordern Bewaffnung für uns und für die Studenten. Bewaffnung, rief Metternich. Mein Gott, Sie ſind ja bewaffnet! Wozu bedarf es denn der Be⸗ 118 waffnung der Studenten! Die Bürger Wiens haben ſich bei jeder Gelegenheit ausgezeichnet, und es wäre eine Schande für ſie, wenn ſie nicht im Verein mit dem Militair im Stande wären, einen Straßenkra⸗ wall zu beſiegen. Durchlaucht, entgegnete der Bürgerofficier ſeuf⸗ zend, es handelt ſich heute nicht um einen Straßen⸗ krawall, ſondern um eine Revolution, an der alle Stände Theil nehmen.. Das iſt nicht wahr, rief der Fürſt heftig, es ſind Ita⸗ liener, Polen und Schweizer, welche das Volk aufwiegeln. Durchlaucht, die Petitionen, welche den Ständen übergeben worden, enthalten Tauſende von Unter⸗ ſchriften aus allen Klaſſen der Geſellſchaft, vom hohen Staatsbeamten bis zum letzten Handwerker, und wür⸗ den Ew. Durchlaucht einen Blick in die Straßen werfen, ſo müßten Sie ſich von der Wahrheit meiner Ausſage überzeugen. Wir allein ſind nicht im Stande die Ruhe und Ordnung aufrecht zu erhalten, und mit dem Militair können wir uns nicht verbünden, denn ſeit daſſelbe auf das Volk geſchoſſen hat, iſt Jeder⸗ mann erfüllt von dem bitterſten Haß gegen daſſelbe. Wir wollen Volksbewaffnung, ſchrie die Menge. Volksbewaffnung! Preffreiheit! ———— 119 Meine Herren, erwiderte der Fürſt ruhig, wir werden alle Ihre Wünſche in Berathung nehmen, und was irgend thunlich iſt, ſoll geſchehen. Gönnen Sie uns nur ſo viel Ruhe, um berathen, erwägen zu kön⸗ nen! Ich bitte alle die Herren Deputirten, ſich in den Vorſaal zurückzuziehen, und uns Zeit zu gönnen, um unſere Beſchlüſſe zu faſſen! Es lag eine ſo hoheitsvolle Ruhe, eine ſo impo— nirende Würde in dem Weſen des Fürſten, daß es ihm in der That„del na⸗ ſeinem Willen Achtung zu verſchaffen. Die Bürgerofficiere, die Profeſſoren und Studenten, die Kaufl eute, Gelehrten und Schriftſteller, welche nach und nach bis in das kaiſerliche Audienz⸗ zimmer vorgedrungen waren, zogen ſich ſchweigend in den Vorſaal zurück, und hinter ihnen ſchloſſen die kai⸗ ſerlichen Lakayen die Thüren. ² In demſelben Moment traten aus dem kaiſerlichen Kabinet die Erzherzöge Franz Carl und Maximilian herein, und auch Erzherzog Ludwig ſchritt aus dem Conferenzzimmer hervor und geſellte ſich ihnen zu. Nur der Erzherzog Johann und die Erzherzogin fehl⸗ ten bei dem Familienrath, welcher jetzt begann, nur ſie waren bei dem Kaiſer zurück geblieben! Es war eine ſtürmiſche Sitzung, welche der kaiſer⸗ 120 liche Familienrath jetzt in dem Audienzzimmer hielt, ſtürmiſch von innen und außen. Jedes von den Mit⸗ gliedern des Familienrathes wollte ſeiner Anſicht Gel⸗ tung verſchaffen, Jeder meinte das einzige Mittel zu wiſſen, um in der dringenden Gefahr Hülfe und Ab⸗ wehr zu ſchaffen. Und während man ſtürmiſch, heftig und doch un⸗ entſchloſſen alſo im Audienzzimmer berieth, während im Kabinet des Kaiſers die Erzherzogin Sophie und Erzherzog Johann alle Kraft der Beredtſamkeit auf⸗ boten, um den Kaiſer für ihre Wünſche zu gewinnen, vernahm man von der Straße her das wilde Heulen und Schreien des Volkes, hörte man aus dem Vorſaal die lauten gebieteriſchen Rufe nach Volksbewaffnung, Preßfreiheit, Conſtitution! *Fürſt Metternich, betäubt, verwirrt, mußte endlich zu der Ueberzeugung gelangen, daß dies mehr als ein Straßenkrawall, daß es die Revolution ſei, welche da zu den Fenſtern der Kaiſerburg hinaufklirrte, welche ihre Raketen durch die Thüren des Vorſaals mitten hinein ſchleuderte in den kaiſerlichen Familienrath! Aber dieſe Ueberzeugung brach ſeinen ſtarren Muth, und Er, welcher ſo lange Jahre der öffentlichen Mei⸗ nung, der Stimme der Völker getrotzt, er wich zurück 3 1 ———— 1 121 in dem erſten Moment, da die Revolution in all ihrer grauenvollen Majeſtät ihm entgegentrat. Es hilft nichts mehr, dieſe wüthenden Spring⸗ fluthen aufhalten zu wollen, ſagte er ſeufzend. Wir müſſen nachgeben, wir müſſen dem Volke ſeinen Willen thun! Es iſt das einzige Mittel die Revolu⸗ tion zu dämpfen, den Aufruhr zu beſchwichtigen. Preßfreiheit! Volksbewaffnung! Conſtitution! krachte es abermals gegen die Fenſterſcheiben, und gegen die Thürflügel. Wir müſſen ihnen dieſe drei Dinge gewähren, ſeufzte der Fürſt. Ich bitte den Herrn Grafen Kol⸗ lowrat die einzelnen Deputationen hier zu empfangen und ihnen dieſen Beſcheid mitzutheilen. Ich werde in den Conferenzſaal zurückkehren, um ſofort im Na— men des Kaiſers die nöthigen Erlaſſe aufzuſetzen, und ſie dem Kaiſer zur Unterſchrift vorzulegen. Sie ſind in der That der Meinung, daß wir nachgeben müſſen? fragte Erzherzog Ludwig ſchmerzlich. Kaiſerliche Hoheit, erwiderte der Fürſt achſel— zuckend, wie ſollen wir das Staatsſchiff durch den Sturm und die Brandung geleiten, wenn wir nicht mit dem Winde ſegeln wollen? Wir ſind dazu genöthigt, wenn es nicht an den Klippen zerſchellen ſoll. Wir müſſen wohl dem Beiſpiel Preußens folgen und Ich gehe alſo, die nöthigen Erlaſſe aufzuſetzen! Zugeſtändniſſe machen! Zum guten Glück habe ich da drin im Conferenzſaal das Schreiben des Königs von Preußen, mit welchem er ſeinem Volke ſchon am achten März die Preßfreiheit gewährt hat. Ich werde es benutzen, um darnach meinen Erlaß zu formu⸗ liren.*) Er wandte ſich haſtig um und begab ſich hochge⸗ hobenen Hauptes, aber geſenkten Blickes in den Con⸗ ferenzſaal. Mit einem lauten Aechzen ſank er hier nieder auf den Stuhl vor ſeinem Arbeitstiſch, von dem aus er ſeit dreißig Jahren Oeſterreich Geſetze gegeben, und an dem er jetzt ſeine ganze Vergangenheit ver⸗ leugnen, Alles was er gethan und aufgebaut vernichten und ſelber in Trümmer ſchlagen mußte. Aber wie wehe es ihm auch that, wie er ſich auch dadurch gedemüthigt fühlte, ſo war er dennoch ent⸗ ſchloſſen es zu thun. Es iſt der Preis, mit welchem ich mir meinen Platz und meine Stellung erkaufe, ſagte er zu ſich ſelber, ich zahle dem Volke mit Preß⸗ *) Hiſtoriſch. Siehe: Adolph Schmidt, Zeitgenöſſiſche Ge⸗ ſchichte. S. 703. 123 etzen! freiheit, Conſtitution und Bürgerwehr mein Miniſter⸗ und Portefeuille und meine Macht! Es iſt immer noch eich beſſer, als wie Louis Philippe verjagt zu werden, und unter dem Spott und Hohn der Sieger entfliehen zu n am müſſen! erd Und er begann nach dem preußiſchen Cabinets⸗ ſchreiben des Königs einen Erlaß aufzuſetzen, in rmu⸗ welchem auch für Oeſterreich die Cenſur aufgehoben, cge⸗ die Preßfreiheit gewährt wurde. Gon⸗ Indeſſen hatte die Bewegung in den andern hier Sälen ſich immer noch geſteigert, immer neue Depu⸗ dem tationen waren in den Vorſaal hereingeſtürmt, waren ben, vorgedrungen in das Audienzzimmer und forderten mit 9 ver⸗ lautem Uugeſtüm den Kaiſer zu ſprechen, ihm ſelber icten ihre Wünſche vorzutragen. Es ſollen alle Wünſche gewährt werden, ſagte— auch Erzherzog Ludwig den Studenten, den Bürgeroffi⸗ cieren. Der Kaiſer wird Ihnen Preßfreiheit, Volks⸗ 4 bewaffnung gewähren, und auch eine Conſtituirung des Vaterlandes ſoll erfolgen. Das Alles genügt uns nicht, rief eine mächtige Stimme, das Alles iſt unwirkſam, wenn der Kaiſer nicht zuerſt und vor allen Dingen die Abdankung Metternich's bewilligt! 1 3 124 Es war zum erſten Male, daß dieſe Stimme in dem Salon der kaiſerlichen Hofburg wiederhallte, in welchem ſie indeß bald ein volles und weittönendes Echo finden ſollte, denn dieſe Stimme, welche laut und gebieteriſch eben die Abdankung des Fürſten Met⸗ ternich verlangte, gehörte dem Volkstribunen Alexan⸗ der Bach, dem Miniſter der Zukunft! Abdankung Metternich's! riefen ihm hundert und hundert Stimmen nach. Nieder mit Metternich! Ich werde dem Kaiſer Ihre Wünſche melden, ſagte Erzherzog Ludwig laut, und ſchon morgen ſoll die Entſcheidung erfolgen. Morgen iſt es zu ſpät, rief Alexander Bach, ſchon in einer Stunde iſt es zu ſpät! Ganze Schaaren von Arbeitern ſind aus den Vorſtädten in die Stadt herein gekommen, es herrſcht überall die wildeſte Auf⸗ regung, und wenn nicht jetzt, nicht in fünf Minuten alle Forderungen des Volkes bewilligt werden, ſo bricht der wüthende Pöbel los, und wir haben nicht mehr die Kraft ihn zurückzuhalten. Führen Sie uns alſo zum Kaiſer, oder entſcheiden Sie im Namen des Kaiſers. Entſcheiden Sie ſich ſchnell, kaiſerliche Hoheit! Fünf Minuten, nur noch fünf Minuten, und ich ſtehe für nichts! 125 So warten Sie alſo noch fünf Minuten, mein lieber Bach, und Sie werden hoffentlich zufrieden ſein, ſagte eine ſanfte Stimme neben ihm, und eine Hand legte ſich auf ſeine Schulter. Herr Erzherzog Johann, rief Bach freudig. Ge⸗ lobt ſei Gott, daß Ew. kaiſerliche Hoheit hier ſind, denn von Ihnen weiß ganz Oeſterreich, daß Sie das Volk lieben, daß Sie ſein Wohl, ſein Beſtes wollen. Uebernehmen Sie es, kaiſerliche Hoheit, dem Kaiſer unſere gemeinſamen Wünſche vorzutragen! Ich habe es ſchon übernommen, ſagte Johann, und ein Ausdruck milder, inniger Freude überſtrahlte ſein Angeſicht. Ich habe es übernommen, mein lieber Bach, dem Kaiſer die Wünſche ſeines Volkes vorzu— tragen, und Sie werden bald erfahren, ob der Kaiſer dieſelben erfüllen wird! Warten Sie hier alſo! War⸗ ten Sie noch fünf Minuten, und ich kehre zurück. Er nickte Alexander Bach freundlich zu, und ſchritt durch das Audienzzimmer nach dem Conferenzſaal hin. Alexander Bach war verſtummt, aber deſto lauter und ſtürmiſcher wiederholten die Andern, welche in dem Getümmel den Erzherzog Johann weder geſehen, noch ſeine Worte vernommen hatten, dieſe Worte, welche die ganze Bevölkerung heute zu ihrer Parole gemacht: — 126 Preßfreiheit! Volksbewaffnung! Conſtitution, und vor allen Dingen: Abdankung Metternich's! Gerade wie dieſer letzte Ruf einer donnernden Lawine gleich durch die Gemächer ſich fortwälzte, öffnete Erzherzog Johann die Thür und trat in den Conferenzſaal ein. Niemand befand ſich in demſelben, als der Fürſt Metternich. Er ſaß vor dem grünen Tiſch und ſchrieb eifrig an dem Preßfreiheitserlaß nach dem preußiſchen Vorbild, und jetzt erſt, als Erzherzog Johann vor ihm ſtand, erhob er langſam das Haupt, um zu ſehen, wer ihn in ſeiner Arbeit zu unterbrechen wage. Die Blicke der beiden Männer begegneten ſich und wurzelten einen Moment feſt in einander. Seit mehr denn dreißig Jahren waren ſie Feinde geweſen, ſtarke, unverſöhnliche Feinde, und hatten als ſolche uner⸗ müdlich gegen einander gekämpft— nur daß der Staatskanzler Fürſt Metternich in dieſen Kämpfen immer der Sieger geweſen zur Verherrlichung des Abſolutismus— nur daß Erzherzog Johann in dieſen Kämpfen für das Wohl, die Freiheit und Selbſtſtändigkeit des Volkes immer hatte unterliegen müſſen! Aber heute leuchtete es wie ein göttlicher Strahl der Freude in ſeinen Augen, und ein glückliches Lächeln umſpielte ſeine Lippen. Fürſt Metternich verſtand vielleicht dieſes Lächeln, und dieſen leuchtenden Blick, er legte die Feder nieder und ſtand auf. Ew. kaiſerliche Hoheit haben mir, wie ich ſehe, einen Triumph zu melden, ſagte Metternich mit einem mühſamen Lächeln. Keinen Triumph ſü mich, Metternich, erwiderte Johann feierlich, nur Vergeltung für Ihre Vergan⸗ genheit. Ich denke an alle Diejenigen, welche Sie Ihrem Syſtem geopfert haben. Ich denke an An— dreas Hofer, den Märtyrer und Helden, den Sie mor⸗ den ließen, an Marie Louiſe, welche Sie verkauften, an den Herzog von Reichſtadt, den Sie ſterben ließen, ich denke an Roſchmann, den Sie zu meinem Anklä⸗ ger beim Kaiſer machten, ich denke daran, wie viele meiner Freunde Ihrem Syſtem zum Opfer fallen muß⸗ ten, und im Namen dieſer Aller vergebe ich Ihnen jetzt, Fürſt Metternich, denn die Stunde des Gerichts iſt für Sie gekommen. Hören Sie alſo jetzt die Bot⸗ ſchaft, die ich Ihnen zu bringen habe! Der Kaiſer, mein hoher Herr, ſendet mich zu Ihnen. Er läßt Sie durch Mich bitten, um der allgemeinen Be⸗ 128 ruhigung wegen, und um die ſichtlichen Gefahren, welche die Dynaſtie bedrohen, zu beſchwichtigen, von Ihrem Poſten zurückzutreten, und Ihre Stelle nieder⸗ zulegen. Nieder mit Metternich! hallte es eben aus dem Audienzzimmer herein, nieder mit Metternich! Preß⸗ freiheit, Conſtitution, Volksbewaffnung! Man hat ſie gut eingeübt, und ſie pfeifen ihre Melodie wie der beſte abgerichtete Staarmatz, ſagte Metternich mit einem ironiſchen Lächeln und einem verächtlichen Achſelzucken. Ich werde, wenn es Ew. kaiſerliche Hoheit erlauben, dem lieben Geſindel den Schlußſatz bringen zu ihrer Melodie. Ohne eine Antwort des Erzherzogs abzuwarten, ſchritt Metternich durch den Conferenzſaal nach dem Audienzzimmer hin und öffnete in eben dem Moment die Thür, als eine neue Deputation von Bürgern in denſelben eingetreten war, und durch ihren Sprecher von dem Erzherzog Ludwig begehrte, daß er ſie zum Kaiſer führe, damit ſie von ihm die Abdankung Metternich's als eine unaufſchiebbare Nothwendigkeit fordern könnten. Fürſt Metternich trat dieſer Deputation raſch einige Schritte entgegen. Meine Herren, ſagte er mit mit 129 lauter, feſter Stimme, wenn Sie glauben, daß ich dem Staate durch meinen Rücktritt einen nützlichen Dienſt erweiſe, ſo bin ich mit Freunden dazu erbötig. Durchlaucht, erwiderte ihm der Sprecher der De⸗ pution, wir haben Nichts gegen Ihre Perſon, aber Alles gegen Ihr Syſtem, und darum müſſen wir Ihren Rücktritt mit Freuden begrüßen. Ich gönne Ihnen das, ſagte Metternich mit einem bittern Lächeln, aber ich gönne auch mir das Bewußt⸗ ſein die Aufgabe meines Lebens treu erfüllt zu haben. Dieſe meine Aufgabe war, für das Heil der Monarchie auf meinem Standpunct zu wirken; glaubt man, daß mein Verbleiben auf demſelben dies Heil gefährdet, ſo kann es für mich kein Opfer ſein, denſelben zu ver⸗ laſſen; ich lege meine Stelle in die Hände des Kaiſers nieder. Ich wünſche Ihnen Glück zur neuen Re⸗ gierung. Ich wünſche Oeſterreich Glück!*) *) Fürſt Metternich's eigene Worte. Siehe Mailath: Ge⸗ ſchichte Oeſterreics. Band V. 406. Vergleiche überhaupt für alle Einzelheiten in dieſer Darſtellung des zwölften und drei⸗ zehnten März, welche treu hiſtoriſch wieder gegeben ſind, fol⸗ gende Werke: Geſchichte der Wiener Revolution. Von Nordſtein. S. 38— 62.— Schmidt⸗Weißenfels: Fürſt Metternich. Ge ſchichte ſeines Lebens und ſeiner Zeit. Band II. S. 245— 262.— Adolf Schmidt: Zeitgenöſſiſche Geſchichten. S. 695— 704.— Ge⸗ .( L. Mühlbach, Erzherzog Johann. 4. Abth. III 9 Die Menge, welche den Worten Metternichs mit athemloſem Schweigen zugehört hatte, brach jetzt in lautes Triumphgeſchrei aus. Von Mund zu Munde ging es mit freudigem Gruß: Fürſt Metternich hat abgedankt! Fürſt Metternich iſt entlaſſen! Hurrah! Es lebe unſer guter Kaiſer Ferdinand! Es lebe der Kaiſer, der uns von Metternich befreit hat! Fürſt Metternich ließ ſeine Blicke langſam und prüfend über die ſchreiende Menge hingleiten, und ein leiſes, ſpöttiſches Lächeln umſpielte ſeine ſchmalen, feinen Lippen. Ich ſehe voraus, ſagte er laut und mit weithin ſchallender Stimme, ich ſehe voraus, daß ſich die falſche Behauptung verbreiten wird, ich hätte die Monarchie mit mir davon getragen. Dagegen aber lege ich feierlich Proteſt ein. Weder ich noch irgend Jemand hat Schultern, die breit genug ſind, um einen Staat da⸗ von zu tragen. Verſchwinden Reiche, ſo geſchieht dies nur, wenn ſie ſich ſelbſt aufgeben!*) neſis der Revolution in Oeſterreich. S. 161— 175.— Füſter: Wiener Revolution. Bd. I. S. 96— 122.— Anton Peternader: Tyrols Landes⸗Vertheidigung. Anfang des dritten Bandes: Bio⸗ graphie des Erzherzogs Johann. *) Metternichs eigene Worte. Geneſis der öſterreichiſchen Re⸗ olution. S. 177. Er neigte leicht ſein Haupt zu einem letzten Ab⸗ ſchiedsgruß, und ſich dann langſam umwendend durch⸗ ſchritt er den Saal unter dem lautloſen Schweigen aller Anweſenden und verſchwand in dem Hintergrunde deſſelben. Mein lieber Bach, ſagte Erzherzog Johann jetzt mit einem freundlichen Lächeln, ich glaube die von Ihnen bewilligten fünf Minuten ſind vorüber. Eilen Sie die Bevölkerung zu beruhigen, verkündigen Sie es überall: Fürſt Metternich iſt entlaſſen! Der Kaiſer giebt ſeinen Völkern Preßfreiheit, Volksbewaffnung und eine Conſtitution! Die neue Zeit iſt ange⸗ brochen, möge Oeſterreich ihrer würdig ſein! VII. Die neue Zeit. Es war am Morgen des vierzehnten März. Fürſt 6 Metternich erhob ſich nach einer durchwachten Nacht früher als ſonſt von ſeinem Lager, auf dem er keine 1 Ruhe hatte finden können. Vielleicht fand er die V Ruhe an ſeinem Schreibtiſch, bei ſeinen Arbeiten wie⸗ der, vielleicht gingen die Stunden raſcher hin, wenn er ſich in die Geſchäfte verſenkte. Mit dieſem Gedanken trat der Fürſt in ſein Ar⸗ beitscabinet ein und begab ſich an ſeinen Schreibtiſch. Aber plötzlich zuckte er leiſe zuſammen und ein Seufzer. entrang ſich ſeiner Bruſt. Er hatte vergeſſen! Vergeſſen, daß er nicht mehr der Staatskanzler, der regierende Miniſter ſei! Es gab alſo für ihn keine Arbeit, keine Geſchäfte mehr! 133 Er war ja zurückgetreten vom Schauplatz! Er konnte die Hände in den Schooß legen und ausruhen! Aber nein, flüſterte die Stimme der Hoffnung in ſeinem Herzen, nein, es konnte doch Alles noch anders kommen. Er hatte freilich laut erklärt, daß er ſeine Stelle niederlege, und ohne Zweifel hatte Erzherzog Johann dem Kaiſer dieſe Antwort überbracht, aber der Kaiſer hatte doch ſeine Entlaſſung noch nicht an⸗ genommen, er hatte das Decret doch noch nicht unter⸗ zeichnet, denn ſonſt würden ſeine Feinde, würde Erz⸗ herzog Johann ſich wohl beeilt haben, es dem Fürſten zuzufertigen, ihm die Gewißheit zu geben, daß es wirklich zu Ende ſei mit ſeiner Macht. Nein! Er war noch nicht entlaſſen, und bis dahin konnte es immer noch ſein, daß die Verhältniſſe ſich änderten, daß er auf ſeiner Stelle bleibe. Mein Gott, er kannte ja den ſchwachen, kränklichen Kaiſer, deſſen Entſchlüſſe ganz und gar von ſeinem Wohlbefinden abhängig waren. Wenn er geſtern Abend vielleicht in Folge der vielen Aufregungen einen Anfall ſeines Uebels gehabt, ſo konnte er natürlich das Entlaſſungs⸗ decret nicht unterzeichnen, und demzufolge war Met⸗ ternich immer noch Miniſter, und— man konnte nicht wiſſen, ob der Kaiſer überhaupt heute noch geſonnen 134 ſei, es zu unterzeichnen, ob ihn der abgedrungene Entſchluß nicht gereue, ob er nicht Gewiſſensbiſſe dar⸗ über empfände, dem Teſtament des Kaiſers Franz zu⸗ wider zu handeln und den Mann zu entlaſſen, welchen als ſeinen treuen Freund und Rathgeber an ſeiner Seite zu behalten ſein Vater ihm ſo dringend be— fohlen. Er war immer ein ſo guter und gehorſamer Sohn geweſen, der gute Kaiſer Ferdinand. Warum ſollte er es nicht auch diesmal ſein! Nein, es war durchaus noch nicht entſchieden, daß er entlaſſen ſei, er durfte ſich immer noch als den fungirenden, mächtigen Miniſter betrachten, ſo lange immer noch, als bis er die officielle Beſtätigung er⸗ halten, daß der Kaiſer ſeine Entlaſſung angenommen. Das Geſicht des Fürſten erheiterte ſich ein wenig, als er das dachte, und er ließ ſich behaglich auf den Divan niedergleiten, um die Eventualitäten des heu⸗ tigen Tages zu überdenken und ſich ſeinen Calcul darnach zu machen. Ach, wie viel anders, wie viel beſſer konnte der heutige Tag als der geſtrige ſein! Geſtern war das Volk wie vom Wahnſinn befallen geweſen, oder vielmehr man hatte es durch künſtliche Mittel in einen Rauſch der Wuth verſetzt, und da hatte es freilich ſehr viel Tollheiten und Thorheiten 135 begangen, aber heute mußte es entnüchtert ſein von ſeinem Rauſch und Niemand würde ſich vielleicht heute mehr über den geſtrigen Tag wundern, als die guten Wiener ſelber.“) Heute war die Ruhe gewiß überall wieder hergeſtellt und Jedermann mochte ſich ſchämen über die Exceſſe des geſtrigen Tages! Aber wie? Was war das? Klang das nicht da von der Straße her wie wüſtes Geſchrei? War's nicht, als hörte man wie geſtern das Heulen des Volkes? War's nicht, als käme eine donnernde Woge herangewälzt? Der Fürſt ſtand auf und näherte ſich haſtig dem Fenſter. Ja, er hatte recht gehört. Es war das Volk, welches heulte und ſchrie. Es war das Volk, welches ſich gegen ſein Palais heranwälzte in dicht gedrängten Maſſen, mit wüthenden Geberden. Mein Gott, der Rauſch von geſtern war alſo noch nicht verſchlafen, das Delirium dauerte noch fort, und man mußte ſich am Ende noch auf neue Exceſſe ge⸗ faßt machen! Eben, wie Metternich das dachte, öffnete ſich die Thür und die Fürſtin Melanie trat ein. Sie war ſo *) Fürſt Metternichs eigene Worte. Siehe: Fürſt Metternich Von Schmidt⸗Weißenfels. II. 267. 136 bleich und niedergeſchlagen, wie der Fürſt ſie noch nie geſehen, die Hand, die ſie ihm zum Morgengruß dar⸗ reichte, war eiſeskalt und bebte wie im Fieberfroſt, die Stimme, mit welcher ſie ihn begrüßte, zitterte, und ihre ſonſt ſo ſtolzen und glänzenden Augen ſchienen von vergoſſenen Thränen verdüſtert zu ſein. Du bringſt mir ohne Zweifel ſchlimme Nachrichten, meine theure Melanie? fragte Metternich ruhig. Clemens, ſchlimme Nachrichten, wiederholte ſie ſeufzend. Der raſende Pöbel hat in dieſer Nacht unſere Villa auf der Landſtraße ausgeraubt, geplün⸗ dert und die Thüren und Fenſter eingeſchlagen, Alles zerſtört, auch meine Treibhäuſer, meine ſeltenen Pflan⸗ zen und— Ihre Stimme erloſch, Thränen entſtürzten ihren Augen, Thränen nicht blos des Schmerzes, ſondern auch des Zornes, denn obwohl weinend ballte ſie die Fäuſte und murmelte zwiſchen den zuſammengepreßten Zähnen hervor: Ach, es wird ein Tag der Vergeltung kommen für dies Geſindel. Sie haben meinen Blu⸗ men, meinen ſchönen unſchuldigen Blumen die Köpfe abgeſchlagen, aber ſpäter wird man ihnen die ſcheuß⸗ lichen, ſchuldigen Köpfe abſchlagen. Arme Melanie, ſagte der Fürſt theilnahmsvoll⸗ 137 Es iſt allerdings barbariſch, ſich ſo durch rohe Willkür einer Lebensfreude beraubt zu ſehen, und ich bedaure nicht blos Deine ſchönen Treibhäuſer, ſondern unſere ganze Villa. Sie war mir ſehr lieb, wir haben an⸗ genehme und genußreiche Tage dort verlebt, und ſie enthielt manches ſeltene und ſchöne Kunſtwerk, das man wahrſcheinlich nun auch nicht geſchont hat. Alles iſt zerſtört, Alles zerſchlagen, geplündert und ausgeraubt. Nun, ſagte der Fürſt achſelzuckend, dergleichen Exceſſe ſind, unter Umſtänden wie die geſtrigen, un⸗ ausbleiblich, und ſie haben auch ihr Gutes, denn ſie befördern die allgemeine Abkühlung. Nennſt Du das Abkühlung? fragte die Fürſtin, als eben ein donnerndes Gebrüll des Volkes die Fen⸗ ſter klirren machte. Nein, mein Freund, täuſchen wir uns nicht, die Aufregung iſt heute noch geſteigert. Weshalb meinſt Du das? Woher haſt Du über⸗ haupt Deine Nachrichten? fragte Metternich. Leonhard, der Gärtner aus unſerer Villa, hat ſie mir gebracht. Er hat ſich, während der Pöbel die Villa ſtürmte und meine ſchönen Treibhäuſer vernich⸗ gete, in einem unbeachteten Schuppen verſteckt gehalten, und als das abſcheuliche Geſindel endlich jetzt vor un⸗ 138 gefähr einer Stunde die Villa verließ, hatzger ſich beeilt, hierher zu kommen, um mir die ſchlimmen Nach⸗ richten zu bringen. Er iſt überall auf den Straßen wüthenden Pöbelhaufen begegnet, er hat geſehen, wie man Barricaden baut, wie man gegen die kaiſerlichen Stallungen einen Anlauf machte, wie das Militair ruhig und friedlich auf dem Glacis lagert, während man am Zeughaus an die Studenten unter dem enthu⸗ ſiaſtiſchen Gebrüll des Pöbels Waffen austheilt. Ganz Wien gleicht heute einem Schlachtfeld, ſchon liegen hier und da Leichen auf den Straßen und helle Blut⸗ lachen ſtehen auf den Gaſſen. Oh, mein Freund, ich fange an mich zu fürchten, und daß ich mich fürchte, vor dem erbärmlichen Pöbel mich fürchte, das macht mich weinen vor Zorn! Und Niemand kommt, uns Nachricht zu geben, murmelte der Fürſt. Alle unſere Freunde und Diener bleiben aus; aber nein, vielleicht ſind ſie da und war⸗ ten nur auf unſern Ruf. Er nahm die Handklingel und ſchellte heftig. Aber es dauerte doch ziemlich lange, ehe die Thür der An⸗ tichambre ſich öffnete und der Kammerdiener hereintrat. Haben Sie nicht gehört, daß ich klingelte? fragte der Fürſt lebhaft. 139 Ja, ich habe es gehört, und ich bin d deshalb gekom⸗ men, ſagte der Kammerdiener mit einem Ton, der gar nichts mehr von der Devotion und der tiefen Unterwürfigkeit ſeines ſonſtigen Weſens an ſich trug. Metternich ſchaute ihn überraſcht an und ſein Auge, vor dem ſich ſonſt alle Blicke zu ſenken pflegten, begegnete jetzt dem Auge ſeines Kammerdieners, das mit herausforderndem, ſpöttiſchem Ausdruck ihn an⸗ ſtarrte. Der Fürſt runzelte die Stirn, denn dieſe kleine Nüance in dem Benehmen ſeines Dieners ſprach deutlicher zu ihm, als Alles, was die Fürſtin Melanie geſagt, es verkündete ihm, daß die Ratten im Begriff ſeien, das Schiff zu verlaſſen, deſſen nahen Untergang ſie witterten. Viel Leute im Vorzimmer? fragte der Fürſt faſt verlegen. Nicht ein einziger Menſch, erwiederte der Kammer⸗ diener mit einem kaum unterdrückten Lächeln. Das Vorzimmer iſt vollkommen leer. Nun, rief der Fürſt ungeduldig, wenn keine Men⸗ ſchen gekommen ſind, was ich bei dem Tumult und der Unſicherheit auf den Straßen ganz natürlich finde, ſo werden doch die Zeitungen nicht ausgeblieben ſein. Iſt die Wiener Zeitung noch nicht da? 140 Zu Befehl, Durchlaucht, ſie iſt da. Warum bringen Sie mir dieſelbe nicht? Ich wußte nicht, ob ich es wagen durfte. Aber indem der Kammerdiener das ſagte, zog er das Zeitungsblatt doch aus ſeinem Buſen hervor und reichte es dem Fürſten dar. Legen Sie das Papier dort auf den Tiſch und gehen Sie hinaus, befahl Metternich, dem es zum erſten Male geſchah, daß ſein Kammerdiener es wagte ihm nicht auf dem goldenen Präſentirbrett, ſondern mit der bloßen Hand etwas zu überreichen. Der Kammerdiener entfernte ſich zögernd, und dann erſt, als die Thür ſich hinter ihm geſchloſſen, nahm Metternich das Zeitungsblatt und heftete ſeine Augen auf daſſelbe. Eine glühende Röthe flog einen Moment über ſein Angeſicht hin und ein leiſes Zucken durchfuhr ſeine ganze Geſtalt, aber das dauerte eben nur einen Mo— ment, dann nahmen ſeine Züge wieder ihre gewohnte freundliche Undurchdringlichkeit an, und der Schimmer eines Lächelns kehrte auf ſeine Lippen zurück. Meine liebe Freundin, ſagte er, ſich an ſeine Ge⸗ mahlin wendend, dieſes Zeitungsblatt enthält die Be⸗ ſtätigung deſſen, was ich Dir geſtern Abend mittheilte. 141 Ich bin nicht mehr im Dienſte. Der Kaiſer hat meine Entlaſſung angenommen. Die Wiener Zeitung hier enthält die amtliche Beſtätigung. Und man iſt ſo rückſichtslos, dies in der Zeitung zu publiciren, noch bevor man Dir davon die officielle Anzeige gemacht? fragte Melanie heftig. Keine Liebe, erwiederte der Fürſt ſanft, ich glaube, man wird eine ſolche officielle Anzeige gar nicht für nothwendig erachten, ſondern ſich damit begnügen mich die Annahme der von mir geforderten Entlaſſung durch dies officielle Zeitungsorgan wiſſen zu laſſen. Ueberhaupt werden wir uns darauf gefaßt machen müſſen, daß man uns in der nächſten Zeit nicht alle die Rückſichten gewähren wird, die man uns bisher mit ſo viel Bereitwilligkeit und Devotion darbrachte. Wir ſind eben gefallene Größen, und die dadurch ſich erhebenden Kleinen werden ein Ver rgnügen dabei fin⸗ den, uns unſern Sturz empfinden zu laſſen. Gegen ſolche Erbärmlichkeiten muß man ſich nun waffnen mit Ruhe und Stolz, und nicht zu ſehen und zu empfinden ſcheinen, was Einem indeſſen innerlich klar und empfindlich genug ſein mag. Es iſt abſcheulich, oh, es iſt abſcheulich, ſeufzte die 142 Fürſtin, deren ſtolze Augen überfloſſen von Thränen. Ich fühle, daß Ein ungeheures Gebrüll, das von der, Straße her zu den Fenſtern herauf klang, unterbrach die Fürſtin, zugleich vernahm man dazwiſchen noch ein anderes Geräuſch,— das Geräuſch von dumpfen, dröhnenden Schlägen, welche die Wände erzittern und die Meubles in dem Cabinet des Fürſten erbeben machten. Ich glaube, man wirft Steine gegen die Mauern, ſagte Metternich gelaſſen, indem er aufſtand und nach dem Fenſter hinſchritt. Mein Gott, Clemens, rief die Fürſtin, ihn zurück⸗ haltend, Du wirſt doch jetzt nicht an's Fenſter treten, Dich dem Pöbel zeigen wollen? Wenn ſie Dich ſehen, werden ſie Dich verhöhnen, werden ſie vielleicht ſogar nach Dir ihre elenden Wurfgeſchoſſe richten. In den Stunden der Gefahr muß man den Muth haben, jedem Schreckniß in die Augen zu ſchauen, ſagte Metternich ruhig. Wenn mich der Pöbel ver⸗ höhnt, ſo werde ich mir das alle Mal zur Ehre an⸗ rechnen, und wenn ſie nach mir mit Steinen werfen, ſo ſollen ſie ſehen, daß ich ſolche Angriffe nicht fürchte. Er machte ſich ſanft von Melanie's Händen los und trat an eins der Fenſter. Aber der Anblick, der ſich ich en. 143 ſich ihm darbot, überraſchte Metternich dennoch, und trotz aller der erkünſtelten Ruhe, zu der er ſich ge— zwungen, nahmen ſeine Mienen dennoch auf einen Moment den Ausdruck des Erſchreckens und Stau⸗ nens an. Der ganze Platz vor ſeinem Hotel war von unge⸗ heuren Menſchenmaſſen angefüllt, immer noch ſtrömten aus den angrenzenden Straßen neue Haufen herbei, und dieſe Alle hatten ihre wüthenden B icke, ihre zor⸗ nigen Geſichter ſeinem Palais zugewandt. Hier und dort in den dichten Gruppen ſah man auf den Schul⸗ tern zweier Männer einen Dritten ſich erheben, der in flammenden Zornesworten dem Volke erzählte von der Schmach des Vaterlandes, welche Metternich ver⸗ ſchuldet, von der heiligen Rache, welche das Volk ſich ſelber ſchulde und die es in dieſer Stunde an dem verhaßten Manne üben müſſe. Und jede ſolcher Phraſen ward von der Menge mit einer donnernden Beifallsſalve begrüßt, und nach jeder derſelben bückte ſich das Volk, um aus dem auf⸗ geriſſenen Pflaſter die Steine hervorzuheben und ſie mit wüthender Gewalt gegen die Mauern des Palais zu ſchleudern. Jetzt auf einmal hoben ſich mehrere Arme empor und wüthende Stimmen brüllten: Da *½ 144 iſt Er! Seht, ſeht, da iſt Er! Ein Pereat, ein Pereat dem Fürſten von Metternich! Ein Pereat dem Fürſten von Metternich, brüllte, heulte, pfiff und lachte die wüthende Menge, und ein Hagel von Steinen flog gegen die Mauern. Um Gotteswillen, Metternich, zurück, zurück, rief die Fürſtin, man wird Dich tödten, Dich— Ein heftiges Klirren ertönte, dicht über dem Haupte des Fürſten flog ein Stein in die Fenſter⸗ ſcheibe und fiel mit donnerndem Gepolter gerade auf den in der Mitte des Zimmers ſtehenden Schreibtiſch Metternichs nieder. Der Fürſt trat vom Fenſter zurück und ſich dem Schreibtiſch nähernd, betrachtete er mit einer Art ſtaunender Neugierde den Stein, welcher gleichſam der Herold des Volkes war, durch den daſſelbe ihm mit Donnerſtimme ſein Nahen verkündete. In dieſem Moment und während die Fürſtin zu ihrem Gemahl hingeeilt war, um ſich zu vergewiſſern, daß er nicht getroffen, nicht verwundet ſei, in dieſem Moment öffnete ſich haſtig die Thür, und zwei Män⸗ ner in groben, beſchmutzten Gewändern, Jeder ein Paket auf dem Arm tragend, traten perein. Die Fürſtin ſtieß einen Schrei aus und klammerte rief ſich feſter an den Arm ihres Gemahls. Sie werden ſtch uns ermorden, murmelte ſie mit bleichen Lippen, ſie werden uns ermorden. Ah, biſt Du denn ſo kurzſichtig geworden, meine Liebe, daß Du unſere Freunde nicht mehr erkennſt? 1 fragte der Fürſt lächelnd, indem er den Männern ſeine beiden Hände entgegen ſtreckte. Schau Dir doch dieſe Wüthriche ein wenig näher an und dann begrüße ſie, wie man treue Freunde in der Noth begrüßen muß, mit dankbarem Herzen. Karl und Friedrich von Hügel, rief Melanie mit einem fröhlichen Lachen, ja, jetzt erkenne ich Sie Beide iße die Freunde willkommen. Aber weshalb er denn da? und he dieſe V „Wir haben die Verkleidung angelegt, um ſicher und ungefährdet hierher zu gelangen, ſagte Baron Karl von Hügel, und in den Paketen, die wir hier bringen, befinden ſich zwei Anzüge für den Fürſten und die Frau Fürſtin, Anzüge eines Tagarbeiters und einer Wäſcherin, die Sie anlegen müſſen, um unbe⸗ merkt aus dem Palais entkommen zu können. Sie glauben alſo, daß die Gefahr ſo dringend iſt? fragte der Fürſt, gedankenvoll den Stein in ſeiner Mühlbach, Erzherzog Johann. 4. Abth. III. 10 eiße kleidung und was bringen Sie uns d 146 Hand wiegend, welchen das Volk ihm hereingeſchleu⸗ 1 dert hatte. 3 Ja, Durchlaucht, die Gefahr iſt dringend und ſie 8 wächſt mit jeder Minute. Ganz Wien ſcheint heute dn von Raſerei befallen und Ew. Durchlaucht haben den Paroxismus dieſes Deliriums zu fürchten. Keine 3 Macht iſt heute ſtark genug, den wüthenden Maſſen R zu trotzen; ſie fühlen ſich ſiegreich, ſeit man ihnen di das Tragen von Waffen bewilligt hat, und ſie richten dö dieſe Waffen zuerſt gegen Ew. Durchlaucht, um ſich ür zu rächen dafür, daß man ihnen dieſelben ſo lange V w verweigert hat. Ew. Durchlaucht müſſen entfliehen, müſſen ſich bergen gegen die Wuth des wahnſinnigen Pöbels, der ſich vorgeſetzt, dies Palais mit Sturm zu and nehmen. Ja, laß uns fliehen, rief die Fürſtin todesbleich. be Setze uns nicht der Gefahr und der Schmach aus, daß der wüthende Pöbel Hand an uns legt, daß ſie 1 uns beſchimpfen und erniedrigen, wie ſie es den Mi⸗ m niſtern Carls des Zehnten, den Miniſtern Louis Phi⸗ lippe's gethan. 1 Fliehen Sie, Durchlaucht, fliehen Sie, flehten die beiden Herren von Hügel. Hören Sie das Geheul 5 des Volkes, es wälzt ſich immer mächtiger, immer b 147 lauter heran. Mit jedem Moment vergrößert ſich die Zahl der Angreifer, denn aus allen Vorſtädten ziehen Schaaren von Arbeitern in die Stadt, und Alle rich⸗ ten ſie ihre Schritte hierher zu Ihrem Palais. Ja, ja, ich ſehe es wohl, ſagte Metternich ruhig. Ich bin heute das béte de souffrance des Aufruhrs. Meine Feinde haben ganz geſchickt operirt, ſie haben die Dinge ſo zu lenken gewußt, daß die Wuth des Pöbels mich allein zu ihrer Zielſcheibe macht und alle ihre Wurfgeſchoſſe gegen mich richtet. Dadurch bleiben dann freilich alle Andern ungefährdet und mich allein bedroht der Zorn der Maſſen. Aber Ew. Durchlaucht dürfen ſich ihr nicht länger ausſetzen, rief Karl von Hügel. Sie müſſen fliehen, Sie müſſen Wien verlaſſen, beſtätigte ſein Bruder. Zweifle, zaudere nicht länger, rief die Fürſtin. Du hörſt es, unſere treueſten, unſere beſten Freunde rathen uns zur Flucht. Unſere beſten Freunde, ſagte Metternich gedanken⸗ voll, ſage lieber unſere einzigen.— Nein, Fürſt, ſagen Sie das nicht, rief Karl von Hügel. Sie haben noch Freunde außer uns und mit dieſen haben wir Alles zu Ihrer Flucht mit der Für⸗ 10 148 ſtin vorbereitet. Wir führen Sie verkleidet von hier aus zu Fuß über die Baſtei in den Palaſt des Fürſten von Liechtenſtein, der Sie Beide erwartet. Dort blei⸗ ben Sie bis zum Einbruch der Dunkelheit und dann werden wir verſuchen, Sie aus der innern Stadt hin⸗ aus nach der Jägerzeile zu bringen, wo bei einer Ihnen ganz ergebenen Perſon für Sie Beide ein ſicheres Verſteck bereit ſteht. Ich ſoll alſo wie ein Verbrecher, wie ein Dieb verkleidet entweichen? ſagte Metternich kopfſchüttelnd. Nein, Sie ſollen es machen, wie der große Napo⸗ leon, der auch bei ſeiner großen Niederlage nach ſo vielen Siegen als Poſtillon verkleidet durch Frankreich reiſen und ſich verhüllen und verſtecken mußte. Ich danke Ihnen, mein Freund, für dieſe groß⸗ müthige Erinnerung, ſagte der Fürſt mit einem freund⸗ lichen Neigen ſeines Hauptes, und ich will Ihnen meine Dankbarkeit für Ihre Güte dadurch beweiſen, daß ich Ihren Vorſchlägen mich füge, vorausgeſetzt, daß Du mit mir auch einverſtanden biſt, meine liebe Melanie.. Ich bin mit Allem einverſtanden, was zu Deiner Sicherheit nothwendig iſt, und bereit Dir überall hin 2 zu folgen. Dieb und. lapo⸗ h ſo kreich groß⸗ und⸗ hnen eiſen, 149 So wollen wir alſo fliehen, wollen uns auf unſere Güter in Böhmen zurückziehen, ſagte Metter⸗ nich ruhig. Auf Ihre Güter in Böhmen? fragten beide Her⸗ ren von Hügel zu gleicher Zeit und wie aus Einem Munde. Nun ja. Sind Sie nicht damit einverſtanden? Finden Sie nicht, daß dieſe Retraite weit genug ent⸗ fernt iſt von der revoltirenden Hauptſtadt? Aber Durchlaucht wollen nur bedenken, ſagte Fried⸗ rich von Hügel verlegen, daß die Revolution ſich nicht auf Wien beſchränkt, ſondern daß ſie zu gleicher Zeit in allen übrigen Kronländern ausgebrochen iſt. und, fügte Karl von Hügel bedeutungsvoll hinzu, Ew. Durchlaucht wollen ferner bedenken, daß die Re⸗ volution außerdem in ganz Deutſchland ihr Haupt erhoben, daß ſie überall ſiegreich geweſen und daß ſie, durch ihre Siege übermüthig geworden, überall in ganz Deutſchland mit erbitterter Wuth Diejenigen verfolgt, welche ihr mißliebig ſind und die ſie als ihre Feinde betrachtet. Ich verſtehe, was Sie mir begreiflich machen wollen, ſagte Metternich gedankenvoll. Sie meinen, es ſei überhaupt meines Bleibens nicht in Deutſchland. 150 Laß uns nach England gehen, Metternich, rief die Fürſtin dringend, ich bitte Dich, ich beſchwöre Dich, mein Freund, laß uns nach England gehen. Das iſt die einzig würdige und angemeſſene Zuflucht für uns. Es ſei, ich willige ein, ſagte Metternich. Gehen wir nach England. Nur bedarf es zu einer ſo großen Reiſe bedeutender Geldmittel, und ich geſtehe, daß ich darauf nicht vorbereitet bin. Du wirſt alſo, wie Du das immer zu thun pflegſt, eine Anweiſung nach der Staatskaſſe ſenden und man wird Dir wie immer das Geld ſchicken. Es iſt wahr, das iſt die ſicherſte und bequemſte Art, ſich ſofort die nöthigen Reiſemittel zu verſchaffen, erwiederte Metternich, indem er an ſeinen Schreib⸗ tiſch trat. Aber es iſt von der äußerſten Wichtigkeit, daß Alles raſch und ohne Zögerung geſchieht, drängte Karl von Hügel, der einen Moment an das Fenſter getre⸗ ten war und hinab geſchaut hatte auf den Platz. Die Menge da unten iſt zu immer gewaltigeren Maſſen angeſchwollen, die wüthenden Phraſen der einzelnen Redner haben die Köpfe immer mehr erhitzt, Alles ſchreit wild und tobend durcheinander, Alles drängt mit Steinen, mit Aexrten oder Gewehren bewaffnet —, 151 gegen das Palais, und man wird ſicher einen Sturm⸗ angriff gegen daſſelbe machen. Die höchſte Eile iſt daher nothwendig, wenn wir es wagen ſollen, den Gang über die Baſtei zu machen. Meine Anweiſung iſt fertig geſchrieben, ſagte Met⸗ ternich. Es bleibt nur noch übrig, das Geld auf der Staatskaſſe zu erheben. Aber wen werde ich dahin ſchicken? Wen haben Ew. Durchlaucht ſonſt dazu verwandt? Ganz einfach meinen Kammerdiener. Dann wird es am beſten ſein, es auch diesmal ſo zu thun. Wollen mir Ew. Durchlaucht die Anweiſung anvertrauen, ſo trage ich ſie in's Vorzimmer zu dem Kammerdiener. Mein Bruder Friedrich begleitet mich, und während wir dort der Rückkehr des Dieners har⸗ ren, haben die Herrſchaften die Gnade, ihre Toilette zu machen und die von uns mitgebrachten Kleider anzulegen. Ich werde ſogleich meine Kammerfrau ſchicken, daß ſie die Kleider in mein Toilettenzimmer hole, ſagte die Fürſtin, indem ſie nach der Thür hineilte. Aber Karl von Hügel hielt ſie zurück, und ihre Hand faſſend drückte er dieſelbe mit einem tiefen und vielſagenden Blick an ſeine Lippen. 152 Verzeihung, Durchlaucht, bat er demüthig. Aber ich beſchwöre Sie, machen Sie Ihre Toilette hier im Cabinet des Fürſten und ohne irgend eine Beihülfe. Ziehen Sie Niemand von Ihrer Dienerſchaft in's Vertrauen, denn man weiß in dieſen ſchlimmen Stun⸗ den nicht, auf wen man ſich verlaſſen kann. Nun, ſeufzte die Fürſtin, ſo will ich zum erſten Mal in meinem Leben verſuchen, mich allein anzuklei⸗ den. Gehen Sie alſo hinaus, meine Herren. Sobald wir unſere Verkleidung vollendet haben, werden wir Sie rufen. Die beiden Herren zogen ſich zurück und über⸗ gaben dem im Vorzimmer bereit ſtehenden Kammer⸗ diener die Anweiſung des Fürſten. Eilen Sie ſo raſch als möglich, bedeutete ihn Karl von Hügel, ich gebe Ihnen vier Ducaten, wenn Sie in einer halben Stunde mit dem Gelde wieder zu⸗ rück ſind. Der Kammerdiener ſtürzte unter Verſicherungen des höchſten Dienſteifers fort und die beiden Herren von Hügel blieben allein im Vorzimmer zurück.— Schweigend, in fieberhafter Ungeduld gingen ſie neben einander auf und ab, nichts unterbrach die tiefe Stille, nur von außen her tönte das laute Brüllen und To⸗ ben des Volks, und immer raſcher und donnernder flogen die Steine gegen das Haus. Die halbe Stunde, welche Baron Hügel dem Kam⸗ merdiener beſtimmt, war noch nicht verfloſſen, als Fürſtin Melanie die Thür öffnete und die beiden Her⸗ ren bat, wieder einzutreten. Sie haben mir da einen allerliebſten Anzug be⸗ ſorgt, ſagte die Fürſtin, ſich mit einem freundlichen Lächeln an Karl von Hügel wendend, ich will mir einbilden, wir wären in der Faſtnach szeit und im Begriff, uns auf eine Maskerade zu begeben. Nur daß die Confetti, mit denen man nach uns wirft, doch etwas ſehr ernſthafter und gefährlicher Natur ſind, ſagte Metternich, als jetzt eben wieder eine volle Salve von Steinen gegen die Mauern prallte. Und Sie glauben wirklich, daß wir unbe⸗ merkt und unerkannt uns unter das brüllende Geſindel wagen können?. Durchlaucht, Niemand wird in dem einfachen, ſchlichten Arbeitsmann mit der grauen Jacke und den plumpen Lederſchuhen den allmächtigen Herrn Staats⸗ kanzler vermuthen, Niemand wird es wagen, in dieſer ſchönen Wäſcherin die erhabene und ſtolze Fürſtin Metternich zu vermuthen. Wir werden ganz unge⸗ —— 3 4 4 — — — — ——p, 154 fährdet unter dem Volk dahin gehen und es wird uns überall willig ziehen laſſen, denn gegen Seinesgleichen iſt dies Geſindel immer freundlich, gefällig und dienſt⸗ bereit. Ich wünſchte nur, wir könnten jetzt fortgehen und der Kammerdiener— ah, da kommt er ſchon. In der That, die Thür des Vorzimmers öffnete ſich eben und der Kammerdiener des Fürſten trat ein. Zählen Sie das Geld dort auf den Tiſch auf, ſagte Metternich, dem es ein unbehaglicher Gedanke war, daß der Kammerdiener vielleicht wieder wie vor⸗ her ohne alle Ceremonie ihm das Gebrachte in der bloßen Hand darreichen möchte. Ich habe fünftauſend Gulden kommen laſſen, zählen Sie ſie auf. Durchlaucht, erwiederte der Kammerdiener mit einem ſpöttiſchen Blick auf die Verkleidung des Fürſten, Durchlaucht, ich habe gar kein Geld. Wie denn? Sie haben kein Geld? Haben Sie denn meine Anweiſung nicht wie immer auf dem Bü⸗ reau der Staatskaſſe abgegeben? Ew. Durchlaucht, ich habe ſie wie immer dort ab⸗ gegeben, aber man hat mir nicht wie immer das Geld, das Ew. Durchlaucht angewieſen, dafür ausgezahlt. Und aus welchem Grunde hat man Ihnen die Zahlung verweigert? fragte der Fürſt, über deſſen g Wangen einen Moment eine flammende Röthe da— hin flog. Aus dem allereinfachſten Grunde, erwiederte der Kammerdiener achſelzuckend. Die Leute lachten mir in's Geſicht und fragten mich, wie der Exſtaatskanzler dazu käme, noch Geld aus den kaiſerlichen Staats⸗ kaſſen entnehmen zu wollen? Der Unfug habe lange genug gedauert, und es ſei ein Glück, daß er endlich aufhöre,*) und daß— Genug, unterbrach ihn Fürſt Metternich, ſchwei⸗ gen Sie. Ew. Durchlaucht fragten und ich antwortete nur, ſagte der Kammerdiener trotzig. Uebrigens bitte ich, mich ſofort aus Ihren Dienſten zu entlaſſen, meine Chre verträgt es jetzt nicht länger, bei Ihnen zu bleiben. Sie werden ſchweigen, rief Herr von Hügel, oder— Sie wollen doch nicht wagen, Hand an mich zu legen? fragte der Kammerdiener, indem er ſich los⸗ zumachen ſuchte von der Hand, die Friedrich von Hü⸗ *) Hiſtoriſch. Siehe: Schmidt⸗Weißenfels, Leben des Fürſten Metternich. II. 267. — — — 4 3 156 gel wie eine eiſerne Klammer um ſeinen Arm gelegt hatte. Wenn Sie mich nicht los laſſen, rufe ich um Hülfe, und die guten Leute da unten werden ſehr be⸗ reit ſein, mir beizuſtehen. Rufen Sie immerhin, ſagte Herr von Hügel, man wird Sie vor dem Gebrüll da unten nicht hören. Oh, ich werde mir ſchon Gehör zu verſchaffen wiſſen, ich werde— Sie werden nichts thun, als eine Stunde hier bei mir bleiben, ſagte Herr von Hügel, den Arm des Menſchen noch feſter packend. Ich bitte Ew. Durch⸗ laucht und die Frau Fürſtin, daß Sie jetzt in Be⸗ gleitung meines Bruders ſich entfernen und an den verabredeten Ort gehen. Ich bleibe hier zurück, um dieſen Schurken hier feſtzuhalten und zu verhindern, daß er Sie dem Pöbel da unten nicht verräth. Nun, ſagte der Kammerdiener laut auflachend, wenn der Fürſt Metternich auf die Straße kommt, wird er hören, daß man nicht mich da unten einen Schurken nennt, ſondern— Laſſen Sie uns gehen, rief die Fürſtin bleich und mit Thränen in den Augen. Ja, kommen Sie, mein lieber Baron, ſagte Met⸗ ternich ruhig. Ich denke nicht, daß uns da unten an T 157 auf der Straße Schlimmeres begegnen kann, als uns eben geſchehen. Gieb mir Deinen Arm, liebe Melanie, und wagen wir uns getroſt hinaus auf die Straße. VIII. Durch eine kleine Seitenpforte des Palaſtes trat ri der Fürſt und die Fürſtin Metternich, denen der Ba⸗ m Platz. Niemand beachtete ſie, als ſie aus der Thür zugewandt, der eben auf der Mitte des Ballplatzes, auf den Schultern zweier rieſengroßer Männer ſtehend, tung des heutigen Tages ſchilderte, und ihnen die nen mannhaften Willen, und ſeine kühne Haltung er⸗ Wir ſind keine Sclaven mehr, keine gemaßregelten Unterthanen und Diener, rief er jetzt, nein, wir ſind Die Ilucht des Fürſten etternich. ül ron Karl von Hügel voran ſchritt, hinaus auf den af hervorſchlüpften, denn Aller Augen waren dem Redner dem Volke mit begeiſterten Worten die hohe Bedeu⸗ Wohlthaten aufzählte, welche das Volk ſich durch ſei⸗ 9 kämpft hätte. d freie Männer, und wir haben uns die höchſten und heiligſten Güter der Menſchheit erkämpft. Wir haben Volksbewaffnung, wir haben die Zuſicherung der Con⸗ ſtitution und Preßfreiheit, und was mehr als alles Andere iſt, wir haben uns befreit von der Schmach und Tyrannei des Metternich'ſchen Syſtems, das ſchwer und unheilvoll auf uns Allen laſtete, und jedes Mannesgemüth zugleich mit Scham und Zorn er⸗ füllte. Wir ſind den Fürſten der Willkür, der Ge⸗ walt, des Polizeiſtaates und des Abſolutismus los, wir haben ihn verjagt den Fürſten von Mitternacht und die Sonne eines neuen Tages iſt über uns Allen aufgegangen. Ich prophezeihe, daß ſie nicht lange ſcheinen wird, dieſe Sonne des neuen Tages, ſagte Metternich lächelnd zu ſeiner Gemahlin, indem ſie mühſam ſich Bahn machten durch das Gedränge und vorſichtig immer hinein ſchlüpften in die Oeffnung, welche der vor ihnen herſchreitende Baron von Hügel mit ſeinen kräftigen Ellenbogen ihnen bereitete. Um Gotteswillen keine Bemerkungen jetzt, flüſterte die Fürſtin, laß uns eilen vorwärts zu kommen. Aber in dieſem Augenblick wälzte ſich eine un⸗ geheure Menſchenmaſſe ihnen entgegen und drängte 160 ſie weit abwärts mitten hinein in das Ge⸗ wühl. Hurrah, hurrah! Es lebe der Kaiſer Ferdinand, ſchrieen und jauchzten tauſend Stimmen auf Einmal. Wir haben Preßfreiheit! Der Erlaß iſt aus der Hofburg gekommen. Wir haben Preßfreiheit! Was flattert denn dort oben in der Luft? fragte Metternich. Es ſind zwei Fahnen, erwiderte Herr von Hügel, auf der einen Fahne ſteht geſchrieben: Ordnung und Sicherheit! Auf der zweiten Fahne ſteht mit noch größern Lettern: Preßfreiheit! Als ob das Eine ſich mit dem Andern vertrüge, ſagte Metternich achſelzuckend, als ob ſie ſich nicht wie die Pferde im Macbeth einander verzehren und zerfleiſchen müßten, und— Eben flatterte es wie eine Schaar weißer Tauben über ihren Häuptern dahin es waren Papierblätter, die von Männern, die auf den Schultern anderer Männer ritten, über der Menge ausgeſtreut wurden. Eins dieſer weißen Blätter ſank gerade nieder auf Metternichs Schulter, der es erfaßte und mit lächeln⸗ der Ruhe betrachtete. Was iſt es? fragte ein großer, herculiſcher Menſch, b 161 der eben durch die Menſchenmenge herangefluthet war. Was ſteht auf dem Blatt geſchrieben? Hier, mein Freund, ſagte Metternich, nehmt das Papier und leſft. Leſen's uns vor, was drauf geſchrieben ſteht, rief der Kerl gebieteriſch. Laßt einmal halt Eure Stimme erheben, kleiner Mann, und leſft. Ja, ja, leſ't halt einmal vor, was auf dem Papier gedruckt ſteht, riefen zwanzig Stimmen ringsum. Lies, oh, um Gotteswillen, lies, flehte die Fürſtin leiſe, ſich an die Seite ihres Gemahls ſchmiegend. Aber in demſelben Augenblick entriß Herr von Hügel ihm mit anſcheinender Heftigkeit das Blatt. Nein, ſchrie er, der kleine Mann kann uns großen Männern halt nichts vorleſen, die Buchſtaben ſind ihm zu groß. Ich werd's uns vorleſen, von mir ſollt Ihr erfahren, was für ein neues Glück uns aufgegangen. Und mit lauter, donnernder Stimme las er: „Seine kaiſerliche, königliche, apoſtoliſche Majeſtät haben die Aufhebung der Cenſur und die alsbaldige Ver⸗ öffentlichung eines Preßgeſetzes allergnädigſt zu be⸗ ſchließen geruht. Erzherzog Ludwig.“ Hurrah! Es lebe die Preßfreiheit! ſchrie und jauchzte es über den weiten Platz hin, und wie im Mühlbach, Erzherzog Johann. 4 Abth. III. 11 162 Wirbelwind der Freude kräuſelten ſich die Menſchen⸗ maſſen zuſammen, ſchoben ſich wild durcheinander, drängten herüber und hinüber, daß Niemand mehr ſeinen Weg zu beſtimmen vermochte, Jeder wider⸗ ſtandslos mit der rollenden Woge ſich weiter drängen mußte. Auch Metternich und ſeine Begleitung hatten end⸗ lich den Widerſtand gegen die fluthenden Maſſen auf⸗ gegeben, und waren willenlos mit dem Strom dahin gerollt, nur bemüht in dem Gedränge beiſammen zu bleiben und nicht von einander getrennt zu werden. Es ſcheint, man will nach der Hofburg hin, mur⸗ melte Metternich, wahrſcheinlich ſoll dem Kaiſer ein Vivat gebracht werden für die Preßfreiheit. Und er hatte ſich nicht getäuſcht. Nach der Hof⸗ burg wogten alle dieſe Menſchenmaſſen hin, aber jetzt drängten ſich ihnen neue Maſſen entgegen, und im unentwirrbaren Knäuel rollte Alles vorwärts, ſchreiend, jauchzend und jubelnd. Auf einmal trat eine tiefe Stille ein, und die Maſſen ſtanden. Was iſt das? Was bedeutet das? flüſterte die Fürſtin, welche ſich bleich, halb ohnmächtig auf den Arm Metternichs lehnte. Wo ſind wir denn jetzt? 163 en⸗ Auf dem Joſephsplatz, erwiderte Metternich leiſe. der, Gerade vor uns ſteht ja das Standbild des Kaiſers. tehr Ja, gerade vor dem Fürſten Metternich, den das der⸗ Volk heute den Fürſten von Mitternacht nannte, ge⸗ gen rade vor ihm ſtand das Monument des Kaiſers, der von ſeinem Volke die Mitternacht und das Dunkel n⸗ hatte verſcheuchen, der ihnen das Licht und die Wahr⸗ uf⸗ heit hatte bringen, die Sonne der Geiſtesfreiheit über hin Oeſterreich hatte wollen aufgehen laſſen, und der an zu dieſem vergeblichen Bemühen geſtorben war vor Gram 1 und Schmerz. ur⸗ Dort oben auf ſeinem ehernen Roſſe da hielt der ein Kaiſer Joſeph, die ſegnende Rechte ausgebreitet über dieſe Menſchenmenge, die dicht, Kopf an Kopf gedrängt 8 of⸗ en ganzen Platz einnahm. Zu ihm empor ſchauten ett alle dieſe Tauſende, ihm zugewandt waren nicht bloß in Aller Blicke, ſondern auch Aller Herzen, und das Ant⸗ nd, litz des Kaiſers ſchien aufzuleuchten in Lebenswonne unter dem Sonnenſtrahl, der eben aus den Wolken die hervorbrach und ſeine ganze Geſtalt wie mit goldner Morgenröthe übergoß, und Manchem wollte es ſchei⸗ d nen, als ob ein Lächeln dieſe Lippen umſpielte, die im 8 Leben oft ſo ſchmerzlich gezuckt und ſo wenig gelächelt hatten. 1 11* 164 Und auf Einmal von Begeiſterung ergriffen, brach die Menge in einen lauten Jubelruf aus, und aus tauſend und tauſend Kehlen rief es, donnerte es zu der Statue empor: Vivat Kaiſer Joſeph! Er muß die Fahnen haben! Die Fahnenl! ſchrie eine mächtige Stimme aus der Maſſe hervor, und hundert andere nahmen ſogleich den Ruf auf und wiederholten jauchzend: Der Kaiſer Joſeph muß die Fahnen haben! Die Fahnen! Auf einmal ſah man jetzt einen Knaben an der Reiterſtatue des Kaiſers emporklettern, einen friſchen Burſchen mit grüner Schürze, mit rothen Wangen, mit goldenen Locken und blitzenden ſchwarzen Augen. Die Volksmenge grüßte ihn mit lautem Jauchzen, und folgte dann in athemloſem Schweigen ſeinem Bemühen, bis zur Geſtalt des Kaiſers empor zu klimmen. Jetzt hatte er ſie erreicht, jetzt ſtand er droben auf dem Rücken des Pferdes und lehnte ſeinen Arm auf die Schulter des Kaiſers. Nun jauchzte das Volk auf in unausſprechlicher Wonne und Begeiſterung, und alle Arme erhoben ſich, und von Hand zu Hand reichte man ſich die beiden Fahnen dar, deren oberſte Spitzen mit blühenden Kränzen geſchmückt waren. 165 Der Knabe dort oben auf der Kaiſerſtatue faßte jetzt mit ſeinen Händen dieſe oberſten Spitzen der beiden Fahnen und zog ſie zu ſich empor. Den ſchönſten der beiden Kränze auswählend ſchwang der kühne Knabe ſich höher empor, drückte dieſen Kranz dem Kaiſer auf die Stirn, und ſchob ſodann die beiden Fahnen dem Kaiſer in die erhobene Hand. Das Volk, das vorher verſtummt war vor Er⸗ wartung und ſtaunendem Schauen brach jetzt wieder, da der Knabe ſein Werk vollendet hatte, in unermeß⸗ lichen Jubel aus, es rief und jauchzte ſein Entzücken zu der bekränzten Statue des Kaiſers empor, und als wolle die Natur ſelber ihren Antheil haben an der Feier dieſes Momentes kam jetzt ein Windſtoß daher und bauſchte die hängenden Fahnen in der Hand des Kaiſers auf, und ließ ſie flattern und aufleuchten die Worte, die auf den Fahnen geſchrieben ſtanden: „Preßfreiheit! Ordnung und Sicherheit!“ Das Volk verſtummte einen Moment in ſeinem Jubel und ſchaute andächtig und fromm zu dem Kai⸗ ſer empor, zu dem Kaiſer Joſeph, der ſo viel gelitten, ſo viel Großes gewollt, mit ſo viel Großem ge⸗ ſcheitert war. Inmitten dieſer Stille ertönte auf Einmal eine 166 weiche, rührende Frauenſtimme, und voll Innigkeit und tiefem Gefühl begann ſie zu ſingen:„Ich denk' ſo manchmal hin und her, wenn doch noch Kaiſer Joſeph wär'.“ Und auf Einmal, wie heiliges Orgelgebrauſe rauſchte das Lied über den weiten Platz hin und tönte es aus all dieſen tauſend Lippen wie aus Einem Munde:„Ich denk' ſo manchmal hin und her, wenn doch noch Kaiſer Joſeph wär'. Wenn Einem Der in's Auge ſah, das war mein Seel' ein' Gloria!“ Das war mein Seel' ein Gloria! wiederholte die Menge noch einmal und die von Thränen der Rüh⸗ rung umdüſterten Augen hoben ſich zu der Statue empor, und der jauchzenden Begeiſterung folgte jetzt ein Moment tiefen heiligen Schweigens, ein Moment des ſtillen Gebetes, der innerlichen Feier zum Ange⸗ denken des edlen Kaiſers, der geſtorben war an ge⸗ brochenem Herzen, weil er das Ziel ſeines Lebens nicht erreichen, weil er ſein Volk nicht glücklich und frei machen konnte. Selbſt Metternich fühlte ſich ergriffen und gerührt, Etwas wie eine Thräne drängte ſich in ſeine Augen, und er vergaß auf einen Moment ſogar die Gefahr ſeiner eigenen Lage. 167 Aber Baron von Hügel beeilte ſich ihn an dieſelbe gkeit eent zu erinnern. Jetzt iſt der günſtigſte Moment gekom— riſer men, flüſterte er. Die Menge fängt an ſich abzu⸗ kühlen und zu theilen. Jetzt müſſen wir verſuchen zuſe vorwärts zukommen, und die Baſtei zu erreichen!— und Nach einer Stunde war die gefährliche Wanderung nenn beendet, hatte man das Palais des Fürſten Liechten⸗ enn ſtein erreicht. Der Fürſt und die Fürſtin Metternich der konnten hier nach ſo vielen Aufregungen, Beäng⸗ ſtigungen und Gefahren doch einige Stunden aus⸗ die ruhen und ſich erholen. üh⸗ Aber nur einige Stunden! Dann kam der Baron tud von Hügel, um Metternich eine Summe Geldes jst zu bringen, welche einige Ergebene zuſammen gelegt, det um ſie dem Fürſten zu ſeiner Reiſe zu leihen, und . ihm zugleich zu melden, daß es ihm gelungen, für eine A bedeutende Summe Geldes einen Fiacre zu gewinnen, in der es übernommen, das fürſtliche Paar aus der in⸗ K nern Stadt hinaus nach der Jägerzeile in eine dort li bereitete Wohnung zu bringen. Als der Abend zu dunkeln begann, ſchlüpften der 3 Fürſt und die Fürſtin aus dem Palais hinaus zu dem 4 bereit ſtehenden Wagen. Baron von Hügel, der treue 8 Freund, reichte ihnen die Hand und nachdem er ihnen —— 168 beim Einſteigen behülflich geweſen, wollte er ſich ſel⸗ ber auf den Kutſchbock empor ſchwinden Aber der Kutſcher wehrte ihn zurück. Nein, Ew. Gnaden, ſagte er, das geht halt nicht! 'S würd' Aufſehen machen, und die Leute ärgern, denn heut' leiden's nit, daß Einer vornehm thut, und einen Bedienten auf dem Kutſchbock hat. Heut' giebt's keine Bedienten, Jeder iſt heute der Herr, und Einer iſt ſo viel werth als der Andere. Verlaſſen's ſich aber auf mich! Ich hab's übernommen, und ich bring' den Fürſten hinaus! Und er hielt ſein Wort! Er brachte den Fürſten hinaus. Freilich war es eine langſame und ängſti⸗ gende Fahrt, denn nur ſchrittweiſe konnte man in dem Menſchengewoge vorwärts gelangen, und zuweilen mußte man es ſich gefallen laſſen, einige Minuten lang zu warten, bis die Maſſen ſich theilten, und die Paſſage frei ließen. Und welche Reden, welche Ausrufe, welche Verwünſchungen ſeiner Perſon tönten in ſolchen Pau⸗ ſen des Haltens an das Ohr des Fürſten, wie viel Haß und Zorn, wie viel Hohn und Spott mußte er vernehmen. Er, geſtern noch der allmächtige Mi⸗ niſter, heute ein machtloſer, flüchtiger, von Allen ver⸗ laſſener und gemiedener Mann! Au demiß thor, derah 169 jel⸗ Auf Einmal jetzt ſtellte ſich ein unerwartetes Hin der derniß ihnen entgegen. Das ſogenannte enthelſennn⸗ thor, das ſie paſſiren mußten, war geſperrt, die Wei⸗ t! terfahrt unmöglich. tn, Wir ſind verloren, oh, mein Gott, wir ſind ver⸗ nd loren, ſeufzte die Fürſtin ſich an ihren Gemahl an⸗ ts klammernd. Aber eben wandte der Kutſ ſcher ſich zu ver ihnen um, und nickte ihnen freundlich und wohl⸗ ich wollend zu. ich Rühren's ſich nit, ich bring' Sie hinaus, flüſterte er. Und dann begann er mit lauter Stimme zu en ſchelten und zu murren, daß man das Thor geſperrt, ti⸗ und verlangte ſchreiend und polternd, daß man es öffne. in Vier andere Fiacrekutſcher, die mit ihren Wagen in en gleicher Verlegenheit neben ihm hielten, ſtimmten ihm zu bei, polterten, ſchrieen und zankten wie er über das ge unzeitige Schließen des Thores und bezwungen von he dieſem Zorn der Männer aus dem Volk, öffneten die l⸗ bewaffneten Studenten, welche dort die Wache hielten, el das Thor; der Fiacre des Fürſten fuhr mit Blitzes⸗ er ſchnelle hindurch, und vorwärts, vorwärts nach der Jägerzeile hin, dem erſehnten Aſyle zu! Zwei Tage der Ruhe durften die Flüchtlinge in dieſem Aſyle ſich bergen. Dann aber mußte man ſich 170 entſchließen die Flucht weiter fortzuſetzen, aus dem Verſteck ſich hervor zu wagen, und ſich wieder unter das Menſchengewühl zu miſchen, um den Gefahren zu entweichen, von denen der Staatskanzler auf allen Seiten bedroht war. Der einfachſte Reiſewagen des Fürſten nahm die Fliehenden auf, und dies Mal ließ Karl von Hügel*s ſich nicht nehmen, das fürſt⸗ liche Paar zu begleiten, ihre Gefahren mit ihnen zu theilen. Auf Umwegen gelangte man bis zur Eiſenbahn hinter Olmütz. Jetzt ſind wir gerettet, ſagte Karl von Hügel aufathmend. Alles kommt jetzt nur darauf an, daß Niemand ahnt, daß der Wagen nicht leer ſei. Ich muß daher nur bitten, daß Ihre Durchlauchten ſich ruhig verhalten, und die kurze Strecke von Olmütz bis Prag geduldig und ſtill in dem verſchloſſenen Wagen ausharren. Wir werden ausharren, verlaſſen Sie ſich darauf, ſagte Metternich leiſe lüſtet uns nicht von di zu werden. ſein Haupt wiegend. Es ge⸗ eſer blutgierigen Meute zerriſſen Wir werden ausharren, und wär's auch nur um dem treuen Freunde zu danken für die Gefahren, deren er ſich unſertwillen ausſetzt, rief die Fürſtin, ſtin, 171 und Beide reichten ſie dann zum Abſchied dieſem treuen Freunde die Hand dar. Dann ſchloſſen ſich die Stores des Wagens, die Pferde wurden abgeſpannt, nachdem ſie ihn bis dicht zum Bahngebäude hingebracht, und Baron von Hügel rief die Packträger und Bahnbeamten herbei, um den„Reiſewagen ſeiner Herrſchaft als Frachtgut auf die Schienen zu befördern.“ Und ſo geſchah es. Der rings verſchloſſene Wagen ward in der That als Frachtgut befördert, und trat die Reiſe nach Prag an, ohne daß irgend Jemand Verdacht gehegt hätte. Baron von Hügel, als der Begleiter des leeren Wagens, nahm ſeinen Platz in einem der Waggons dritter Klaſſe, voll freudiger Zu⸗ verſicht, daß man nun bald alle Gefahren überwunden, alle Hemmniſſe der Reiſe beſiegt habe. In ſechs Stunden mußte man in Prag ſein, dort kannte Ba⸗ ron Hügel ein kleines Gaſthaus, deſſen Wirth ihm treu ergeben war, und in deſſen Hauſe er ſicher ſein durfte, die Flüchtlinge zu bergen, bis man die Reiſe nach Dresden fortſetzen könnte. Nur noch ſechs Stunden und man war geborgen. Aber ach! Die ſechs Stunden waren vergangen, und man hatte noch nicht das Viertel des Weges zu⸗ 172 zückgelegt! Baron Hügel, der vorſorglich an Alles gedacht, Baron Hügel hatte nur vergeſſen, daß der Güterzug, mit welchem der Reiſewagen als Frachtgut fahren mußte, nicht mit der Schnelligkeit der Courier⸗ züge fahren konnte, daß der Güterzug mehr als das Vierfache der Zeit gebrauchte, um das Ziel der Reiſe zu erreichen. Und weil man das nicht bedacht, hatte man auch verſäumt dem fürſtlichen Paar irgend eine Erquickung, eine Nahrung in den Wagen mitzugeben. Sechs Stunden ließ es ſich wohl ertragen, ſo in einem ver⸗ ſchloſſenen Kaſten eingeſperrt zu ſein, nichts zu ſehen und nichts zu hören von der Außenwelt, als das Ge⸗ pfeife der Locomotive, und auf den Halteſtationen das Hin- und Wiederlaufen, das Plaudern und Schwatzen der Paſſagiere. Sechs Stunden ertrugen es Beide ohne Klage; uur zuweilen ließ der Fürſt ſeine Uhr repetiren, und berechnete ſeiner Gemahlin, wie viel Stunden ſie ſchon gefahren, nnd wie wenig Stunden ſie daher noch auszuharren hätten. Aber dieſe ſechs Stunden waren nun längſt ver⸗ gangen, und noch immer öffnete Niemand die Thür ihres beweglichen Kerkers, noch immer, wenn man eine Station erreicht hatte, warteten die beiden Flüchtlinge 173 vergeblich auf das Erſcheinen des Freundes, der ſie er⸗ löſen ſollte. Um Mitternacht hatte man die Eiſen⸗ bahnfahrt angetreten, jetzt war längſt der Morgen an⸗ gebrochen, jetzt war der Tag längſt da, man hatte faſt ſchon zwölf Stunden ohne Luft, ohne Licht, ohne Nahrung in dieſem verſchloſſenen Kaſten geſeſſen, und noch immer kein Ende. Noch immer keine Freundes⸗ hand, welche ſich der Eingeſperrten erbarmte, welche den Schlag öffnete! Die Fürſtin lehnte bleich, todesmatt in der Ecke des Wagens, und die lange zurückgehaltenen Thränen rollten jetzt in hellen Strömen über die Wangen nie⸗ der. Etwas Seltſames, etwas Unerhörtes war der ſtolzen Frau geſchehen— die Fürſtin hungerte! Zum Erſten Mal in ihrem ganzen L Leben empfand ſie dieſe Qualen, von deren Exiſ ſtenz ſie in ihren vergol⸗ deten Salons, an ihren reichbeſetzten Tafeln nur eine ſo vague, unbeſtimmte Ahnung gehabt hatte, wie der Blinde von der Farbe, zum Erſten Male mußte ſie jetzt lernen an die Exiſtenz dieſes Leidens zu glauben, das ſie ſonſt immer mit unausſprechlicherà Verachtung als die Krankheit und den Feind des Pöbels beachſel⸗ zuckt hatte. Aber heute wagte dieſer Feind der Ar⸗ men, dieſer demokratiſche Feind, der Hunger, ſich Herr Conducteur. 174 auch an die erhabene ſtolze Fürſtin heran und bohrte und nagte an ihrer Geſtalt, ganz unbekümmert um ihre vornehme Geburt, ihre bevorzugte Stellung. In ihren Eingeweiden mußte die hohe Ariſtokratin es ſchmerzlich empfinden, daß die Zeit eine andere ge⸗ worden, daß die Revolution den Unterſchied aller Stände aufgehoben, die Höchſten den Niedrigſten gleich gemacht hatte! Oh, wie mich hungert, murmelte ſie leiſe, wie weh das thut! Oh, hätte ich nur ein Stückchen Brot, um meinen Hunger zu ſtillen! Und ich, hätte ich nur ein Glas Waſſer, um mei⸗ nen Durſt zu löſchen, ſeufzte der Fürſt. Dieſer Durſt brennt mir wie eine verzehrende Flamme in meiner Bruſt, und ich habe ein Gefühl, als müßte ich den Verſtand verlieren, wenn das noch lange ſo fortgeht! Er ließ ſeine Uhr repetiren, und zählte mit ſeinen vertrockneten, eingeſprungen Lippen die Schläge. Zwei Uhr, ſagte er ächzend, wir ſind nun ſchon vierzehn Stunden eingekerkert. Mein Gott, wie lange wird das noch dauern? Herr Conducteur, rief draußen eine laute Stimme, Horch, das iſt unſer Freund, das ſt Baron von Hügel, ſagte Metternich leiſe. Sicherlich will er uns eine Nachricht zukommen laſſen. Horchen wir alſo auf dieſelbe! Herr Conducteur, rief die Stimme des Barons noch einmal. Ich bitte um Entſchuldigung, wenn ich Sie be⸗ müht habe. Ich wünſchte nur zu wiſſen, wie lange es noch dauern wird, bis wir endlich in Prag an⸗ langen? Ungefähr noch ſieben Stunden, mein Herr. Sieben Stunden, ächzte Metternich in die Kiſſen zurück ſinkend. Sieben Stunden, das heißt mich zum Wahnſinn, oder zum Tode verurtheilen. Sieben Stunden, klagte die Fürſtin. Aber es iſt unmöglich, dieſe Schmerzen noch ſieben Stunden zu erdulden! Und Beide vergruben ihr Haupt in die Kiſſen der Wagenecken, uud Beide ſchwiegen in dumpfer Qual. Der Zug rollte weiter, langſam, ſchwer, im gleich— mäßigen unbeirrten Tempo eines Güterzuges. Und abermals waren drei Stunden vergangen, und aber⸗ mals hielt der Zug, aber jetzt konnten ſie nicht mehr 176 hoffen, daß ſie am Ende ihrer Leiden angelangt ſeien, jetzt wußten ſie, daß dieſe Qualen noch vier Stunden, das heißt noch eine Ewigkeit dauern ſollten! Die Fürſtin klagte und jammerte nicht mehr. Sie lag bleich und bewegungslos in den Kiſſen mit düſtern Mienen, mit gerunzelter Stirn, die Lippen feſt auf⸗ einandergepreßt, trotzig entſchloſſen ſich durch keine Klage mehr zu entwürdigen, den gemeinen verächt⸗ lichen Jammer wenigſtens hoheitsvoll zu erdulden, und ihm zu unterliegen als eine Heldin. Der Fürſt hatte ſich aufgerichtet, keuchend und ächzend, große Schweißtropfen auf der kalten, gelben Stirn, vergeblich bemüht die eingeſprungenen Lippen mit ſeiner vertrockneten Zunge zu netzen und zu kühlen. Draußen vernahm er wieder die Stimme des Freundes. Herr Conducteur, ſagte dieſe Stimme, alſo jetzt nur noch vier Stunden und wir ſind in Prag? Ja, in vier Stunden ſind wir dort. Vier Stunden, ſagte der Fürſt verzweiflungsvoll, vier Stunden kann ich dieſe Qualen nicht mehr er⸗ dulden. Ob ich nun verdurſte, oder auf andere ſeien, Weiſe ſterbe, das iſt ganz Einerlei. Ich muß jetzt vier trinken!*) wern Ohne zu zaudern und ſich zu beſinnen ließ der Fürſt auf Einmal die Stores niedergleiten, öffnete das Sie Wagenfenſter und rief mit lauter Stimme: Ich bitte ſtern irgend Jemand um ein Glas Waſſer! Ich verdurſte! auf⸗ Der Conducteur, der im Geſpräch mit Herrn von keine Hügel gerade vor dem Wagen geſtanden, ſtieß einen acht⸗ Schrei aus. Es ſind Menſchen in dem Wagen, rief Iden, er laut. Es ſind Menſchen in dem Wagen, wiederholten und die Schaffner und Eiſenbahnwärter, und von Mund elben zu Munde flog der Ruf: Es ſind Menſchen in dem vpen Wagen, der doch als leeres Frachtgut aufgegeben wor⸗ S zu den iſt. Die Paſſagiere, die, weil der Zug auf einer langen des Halteſtation ſich befand, die Waggons verlaſſen hatten nme, und auf dem Perron auf und ab gingen, vernahmen d in mit ſtaunender Neugierde die Nachricht von der Ent⸗ deckung, die man eben gemacht, und Alle eilten und ſtürzten nach dem Ende des Trains hin, wo die voll Packwagen ſich befanden, um das Wunder anzuſchauen, el⸗*) Des Fürſten eigene Worte. Siehe Mailath: Geſchichte ndere von Oeſterreich. Band V. S. 409. L. Mühlbach, Erzherzog Johann. 4. Abth. Ill. 12 178 die Paſſagiere zu betrachten, die plötzlich in dem Fracht⸗ gutwagen lebendig geworden. Die Paſſagiere indeſſen ſchienen ganz gleichgültig gegen das Erſtaunen, welches ſie erregten. Der Herr trank in langen, langſamen Zügen aus dem Glaſe Waſſer, das er in der Hand hielt, die Dame war ganz vertieft in den Genuß einer Taſſe Bouillon, welche ſie mit ſichtlichem Behagen ſchlürfte, und zu der ſie dann und wann einen Biſſen von dem Weißbrod und dem Braten aß, welches Alles Herr von Hügel ihr eilfertig herbeigeſchafft hatte. Herr von Hügel aber ſtand unfern von den räthſel⸗ haften Reiſenden im leiſen eilfertigen Geſpräch mit dem Conducteur des Zuges. Es iſt unmöglich, mein Herr, ich kann das nicht verſchweigen, erwiederte der Conducteur eben auf die dringende Bitte des Barons. Es iſt meine Pflicht, den höhern Aufſichtsbeamten davon Anzeige zu machen, daß hier ein Unterſchleif gemacht worden. Man hat nur für einen Wagen als Frachtgut das Fahrgeld be⸗ zahlt, und jetzt ergiebt ſich, daß in dieſem Wagen ſich zwei Perſonen befinden, ohne daß dieſelben für ihre Plätze das Fahrgeld gezahlt haben. Das iſt eine Ver⸗ heimlichung, die— aſe 179 Die ſicher nicht in betrügeriſcher Weiſe geſchehen iſt, unterbrach ihn Baron von Hügel. Die beiden Reiſenden werden gern bereit ſein, den vierfachen Betrag für ihre Plätze zu bezahlen, wenn Sie ihnen nur geſtatten wollen, die Reiſe unbehindert fortzuſetzen. Mein Gott, wer ſind denn dieſe Reiſenden? fragte der Conducteur erſtaunt. Und als wollte die Stimme der öffentlichen Mei⸗ nung ihm Antwort geben auf dieſe Frage, traten jetzt einige der Paſſagiere zu ihm heran und riefen mit aufgeregten, drohenden Mienen: Herr Conducteur, das ſind verdächtige Perſonen! Sie haben ſich da in dem Wagen verſteckt gehalten, weil ſie fürchten, er⸗ kannt zu werden. Man muß ſie verhaften! Sie müſſen ſagen, wer ſie ſind, ehe man ihnen erlaubt weiter zu fahren. Es ſind verdächtige Perſonen! Man muß ſie verhaften! ſo tönte es fort und fort den Perron ent⸗ lang durch alle die Gruppen der Paſſagiere und die auf dem Eiſenbahnhof beſchäftigten Arbeiter, und das neugierig und müßig auf dem Bahnhof umherſtehende gaffende Geſindel. Alles drängte und lief nach dem Reiſewagen hin, um die„Verdächtigen“ anzuſchauen 12* 180 und ſich zu beſtärken in dem Verdacht, den man gegen ſie hegte. Herr Conducteur, bat Herr von Hügel in dieſem Moment leiſe und dringend, Herr Conducteur, ver⸗ hüten Sie einen öffentlichen Scandal, erretten Sie die beiden Reiſenden vor einem Unglück, das ſicher über ſie hereinbricht, wenn Sie ſich ihrer nicht anneh⸗ men. Sehen Sie dieſe Menſchen an, die den Wagen umſtehen, die ſich immer mehr erhitzen und in Wuth und Zorn hinein ſprechen. Wenn ſie erfahren, wer die Reiſenden ſind, ſo werden ſie in der tollen Raſerei, welche jetzt überall graſſirt, die beiden ſchutzloſen Rei⸗ ſenden aus dem Wagen herauszerren, um ſie zu miß⸗ handeln, ja um ſie vielleicht zu ermorden. Sie allein ſind im Stande, dieſelben zu ſchützen, Sie allein haben die Macht, ihnen jede Schmach zu erſparen, ja ihnen das Leben zu erhalten. Thun Sie es alſo, geben Sie das Zeichen zur Abfahrt. Ich wage nicht Ihnen zu ſagen, daß Sie dafür glänzend und fürſtlich belohnt werden ſollen, daß man Ihnen zum Dank gern tauſend Du⸗ caten geben wird, ich wende mich an Ihr Herz, und ich beſchwöre Sie, Mitleid zu haben mit einer gefal⸗ lenen Größe, Mitleid mit einem Manne, der vor acht Tagen noch allmächtig war, vor dem alle Menſchen 181 ſich tief in den Staub beugten und der jetzt, Gott möge entſcheiden, ob mit Recht oder mit Unrecht, die Zielſcheibe der Volkswuth geworden, den man jetzt eben ſo ſehr verhöhnt, als man ihm früher geſchmei⸗ chelt hat. Jeſus Maria, murmelte der Conducteur erbleichend, es iſt doch nicht der Fürſt von Met— Ja, er iſt es, aber ſprechen Sie ſeinen Namen nicht aus, unterbrach ihn der Baron. Erkennen Sie jetzt, welch eine ungeheure Verantwortlichkeit das Schickſal in Ihre Hände gelegt hat, und entſcheiden Sie, ob Sie zwei Menſchenleben retten oder dem Verderben Preis geben wollen. Mein Herr, ſagte der Conducteur leiſe, aber mit feſter, entſchiedener Stimme, ich habe darauf nur dies zu antworten: Mein Vater war Inſpector auf einem der Güter des Fürſten, meine Mutter erhält von ihm eine Penſion, ich verdanke ihm, obwohl er mich nie geſehen, meine Stelle. Ich will ihm beweiſen, daß ich dankbar bin. Möge das Volk mich verwünſchen, und wenn es will, mich meinetwegen zerreißen, ich muß meine Pflicht thun! Steigen Sie ein, mein Herr! Er eilte, ohne eine Antwort des Barons abzu⸗ warten, vorwärts nach der Locomotive hin und ſchwang 182 ſich auf ſeinen Sitz empor. Die Paſſagiere ſtanden noch immer in aufgeregten Gruppen⸗ umher und de⸗ battirten lebhaft darüber, wer die verdächtigen Per⸗ ſonen ſein möchten, und ob es nicht beſſer und ver⸗ nünftiger ſei, nicht zu warfen, bis die Eiſenbahnpolizei ihre Schuldigkeit thue, ſondern ſie ohne Weiteres aus dem Wagen herauszuholen und ſie den Behörden der nahegelegenen Stadt zu übergeben,— auf einmal er⸗ tönte die Glocke, ließ die Locomotive ein langes Krei⸗ ſchen vernehmen und der Ruf: Einſteigen! Einſteigen! tönte die Reihe der Waggons hinunter. Der ruhigere und beſonnenere Theil der Paſſagiere folgte dieſem Ruf und eilte, ſeine Plätze einzunehmen, aber Andere mochten ihre Debatten nicht unterbrechen und waren noch immer lebhaft mit der Frage beſchäf⸗ tigt, ob ſie nicht ſelber die beiden Reiſenden verhaften ſollten, als der Zug auf einmal ſich in Bewegung ſetzte und mit brauſender Schnelle, nicht achtend der Zurückbleibenden, welche ſchreiend und mit wüthendem Halt! Halt! ihm nachrannten, von dem Bahnhof hin⸗ ausfuhr auf den Schienenweg.*) *) Fürſt Metternich gelangte, nachdem dieſe ſchlimme Cata⸗ ſtrophe glücklich überwunden war, ungefährdet nach Prag, aber dort ward er von neuen Gefahren bedroht. In dem Gaſthof, nt 183 Fürſt Metternich lehnte ſich, behaglich aufathmend, in die Kiſſen zurück. Meine liebe Freundin, fragte in welchem ſie abgeſtiegen waren und wo man ſie für Engländer ausgegeben, fiel es den Dienſtboten auf, daß dieſe„reiſenden Engländer“ immer franzöſiſch ſprachen, auch erregten die in der . Wäſche eingeſtickten Fürſtenkronen mit dem ſignificanten M. Ver⸗ dacht, und es verbreitete ſich das Gerücht, die Reiſenden ſeien nicht das, wofüy ſie ſich ausgäben, ſondern vielleicht gar der Fürrſt und die Fürſtin Metternich. Sofort rotteten ſich Haufen von Menſchen vor dem Gaſthaus zuſammen, und nur auf Um wegen und unter allerlei Fäbrlichkeiten gelangte das fürſtliche Paar auf die Eiſenbahn und ſetzte die Reiſe fort, zunächſt nach Dresden, wo endlich nach ſo vielen Aufregungen, Strapatzen und Gefahren ein Ruhepunkt gemacht werden konnte. Hier in Dres— den erhielt der Fürſt die Nachricht von den Berliner Ereigniſſen, von der Revolntion des achtzehnten März, und jetzt zum erſten Male bekannte der Fürſt, daß er die Bedeutung dieſer Volksbe⸗ wegungen unterſchätzt habe und daß es doch in der That eine weitgreifende und allgemeine Revolution ſei, welcher Deutſchland Preis gegeben. Nach einigen Tagen der Ruhe ſetzte der Fürſt ſeine Reiſe fort und gelangte glücklich bis Frankfurt am Main. Auch dort herrſchte wie überall die Revolution, auch dort gab es Aufläufe, Zuſammenrottungen und Putſche. Metternich hatte ſich aber ſchon an dieſe Scenen gewöhnt und fürchtete ſie nicht mehr. Er wagte es ſogar, bei hellem lichten Tage auszugehen, um dem öſterreichiſchen Obriſten von Nobili einen Beſuch zu machen. Aber er ward erkannt, Haufen Volkes rotteten ſich vor dem Hauſe zuſammen, in welchem er ſich befand, und mit lauten Drohungen und Verhöhnungen rief man nach ihm. Als die Maſſen immer gewaltiger und drohender wurden, ſah ſich Met ternich endlich genöthigt, durch eine Hinterpforte in den Garten 184 er, haſt Du das angenehme Luſtſpiel von Scribe ge⸗ ſehen, das den Titel führt: Ein Glas Waſſer? Ja wohl habe ich es geſehen, erwiederte die Fürſtin lächelnd. Nun, ſagte Metternich, mir ſcheint, wir hätten heute beinahe ein Trauerſpiel unter dieſem Titel auf⸗ geführt, deſſen Helden wir Beide hätten ſein müſſen. Danken wir Gott, daß die Cataſtrophe vorübergegan⸗ gen iſt und daß das Glas Waſſer auch für uns ein Luſtſpiel geblieben. Ich denke, wir werden uns deſſel⸗ ben noch mit Vergnügen erinnern, wenn wir längſt wieder nach Wien zurückgekehrt ſind. Du glaubſt alſo, lieber Clemens, daß wir wirklich noch eines Tages nach unſerm geliebten Wien zurück⸗ kehren können? Ich glaube das nicht, ich weiß das, ſagte Metter⸗ nich ernſt. Die Revolutionen, welche die Völker machen, ſind nur wie die Eruption eines Vulkans. und von dort in das anſtoßende Hotel des Barons Rothſchild zu fliehen, wo er geſichert war. Am andern Tage ſetzte er ſeine Reiſe nach England ungefährdet fort. Aber nach zwei Jahren ſchon konnte er wieder nach Wien zurückkehren, und der Kaiſer Franz Joſeph war der Erſte, welcher dem greiſen Staatsmanne dort ſeinen Beſuch abſtattete. ge⸗ child ſeine ahren iſer anne 185 Anfangs gewinnt es den Anſtrich, als wolle der feuer⸗ lles, was bis ſpeiende Krater Alles zerſtören und? dahin beſtand, in ſeinen Feuergluthen verzehren. Aber nach und nach ſinken dieſe Feuergluthen in ſich ſelber zuſammen, erlöſchen allmälig und eines Tages ſieht man mit Erſtaunen, daß im Grunde eigentlich Alles geblieben, wie es vor der Eruption war, nur daß hier und da etwas glühende Lava ausgefloſſen iſt und einige Zerſtörung angerichtet hat. Aber wenn dieſe Lava ſich verhärtet hat, bricht man ſie aus und macht daraus angenehme Schmuckſachen für reiche und vor⸗ nehme Leute. Meine Liebe, ich hoffe, wir werden noch eines Tages uns putzen mit dem Schmuck, der für uns bereitet wird aus derſelben Lava, welche uns jetzt mit ihren Gluthſtrömen gern vernichtet hätte, der wir aber ausgewichen ſind, wie es kluge und verſtändige Leute auch thun, wenn ſie einem wüthenden Stier oder einem angeſchoſſenen Eber begegnen. Eine Zeit lang tobt ſolch eine Beſtie, dann aber findet ſich im— mer ein geſchickter Jäger, der ſie erlegt, und dann— verſpeiſen wir klugen Vernünftigen ſie als einen Braten, der uns recht wohl bekommen wird. Ich ſage Dir, meine liebe Melanie, wir werden eines Ta⸗ ges von dieſem Braten unſern Freunden in Wien 186 vorſetzen, wir werden ihnen damit ein Gaſtmahl geben, 8 und das Volk wird, wie es ſonſt zu thun pflegte, vor unſerm Palais ſtehen und neugierig gaffend die vor⸗ nehmen Güſte anfahren ſehen. IX. Die Intſagung. Das Ziel war erreicht, die Revolution hatte Oeſter⸗ reich, hatte Italien, hatte Ungarn frei gemacht. Die Nationen fühlten ſich erlöſt von dem Druck, der auf ihnen gelaſtet, erlöſt von den Feſſeln der Knechtſchaft, und ſeit Metternich hatte aus Wien entfliehen müſſen, ſeit mit ihm auch ſein Syſtem geſtürzt worden, herrſchte in Wien nichts als Jubel und Luſt, feierte man dort täglich neue Siege für den Fortſchritt, für die Freiheit und das Recht. Wenigſtens träumten und dachten das die Stu⸗ denten, welche in ihrer jugendmuthigen Begeiſterung ſich jetzt als die eigentlichen Beherrſcher Oeſterreichs betrachteten und in frommem Freiheitseifer vermeinten, daß man mit den Waffen, die man ihnen gegeben, —.——.—— 188 auch das Schwert der Gerechtigkeit in ihre Hand ge⸗ legt, damit ſie es führen ſollten im Namen der Frei⸗ heit und der deutſchen Nation. Denn das einige Deutſchland, dieſer ſchöne und rührende Traum der deutſchen Jugend, das einige Deutſchland tauchte auch jetzt wieder in der Phantaſie der jungen Männer auf als das letzte und erhabenſte Ziel, nach welchem man ringen und welches zu erſtreben man alle ſeine Kräfte aufbieten müſſe. Kaum ſah man ſich daher befreit von dem Metternich'ſchen Syſtem, kaum hatte man von dem Kaiſer, dem armen, geängſteten, kranken Mann, die Preßfreiheit und die Zuſicherung einer Conſtitution erhalten, als hell und glänzend wieder die ſchöne Fata Morgana der deutſchen Einheit vor den Augen der Jugend emportauchte und ihnen ſo ſehr Herz und Kopf verwirrte, daß ſie das Unmög⸗ liche für das Wahrſcheinliche hielten und ſich den Kaiſer von Oeſterreich als den Kaiſer von Deutſchland träumten. Und der Kaiſer Ferdinand mußte ſich jetzt für den Moment wenigſtens den Träumen der mäch⸗ tigſten bewaffneten Macht ſeines Staates, den Träu⸗ men der⸗Studenten fügen, er mußte unter dem Zu⸗ jauchzen des Volkes aus einem Fenſter ſeiner Burg die ſchwarz⸗roth⸗goldene Fahne ſchwingen, und ſeine euern bon d Aheoh taucht Nänner eelchem ſeine daher hatt ranken einer wieden it vor 189 neuernannten Miniſter beeilten ſich anzuordnen, daß von der Hofburg ſowohl, wie von dem Thurm der Stephanskirche die ſchwarz⸗roth⸗goldene Fahne wehen ſollte. Es war ein neuer Sieg, den die Studenten der Regierung abgerungen, und übermüthig gemacht von jedem neuen Siege, verlangte man immer neue Con⸗ ceſſionen und bereitete der, von ſo vielen Niederlagen geängſteten und entnervten Regierung immer neue Niederlagen. Und Niederlagen erlitt die öſterreichiſche Regierung überall, nicht blos in Oeſterreich, ſondern in allen Kronländern. Ungarn, Italien auch machte ſich frei, warf die lange verhaßten Feſſeln ab, erklärte ſich unabhängig und ſelbſtſtändig und forderte ſeine Söhne auf, zurückzukehren in das Vaterland und ihm ihre Arme zu weihen zur Vertheidigung ſeiner heili⸗ gen Rechte. Solche Proclamationen der Italiener wurden überall unter dem Volk wie unter der öſterreichiſchen Armee vertheilt und ganze Schaaren von italieniſchen Sol⸗ daten deſertirten, um dem Rufe des Vaterlandes zu folgen und mit ihren Armen und ihren Waffen Ita⸗ lien beizuſtehen. Auch in die ſtille Villa in Hitzing, wo Tante Giu⸗ 190 ſeppa mit den beiden Töchtern ihrer Schweſter wohnte, war ein ſolcher Aufruf Italiens an ſeine entfernten Kinder gelangt. Katharina Cibbini hatte ihn jubelnd dort vorgeleſen und triumphirend verkündet, daß ſie nun bald Alle heimkehren würden in das geliebte Vaterland. Ja, wir werden heimkehren, ſobald ich meinen Ab⸗ ſchied erhalten habe, ſagte Guido düſter. Ich habe, wenn auch moraliſch gezwungen, dem Kaiſer den Fah⸗ neneid geleiſtet, und es iſt wider die Ehre, zu deſer⸗ tiren. Ich bin um meine Entlaſſung eingekommen, und ich zweifle nicht, daß man mir dieſelbe bewilligen wird. Man mißtraut mir ohnedies, man weiß, daß ich in den Tagen der Revolution meiner Compagnie befohlen habe, nicht zu ſchießen, und man würde mich gern deshalb zur Verantwortung ziehen, wenn man nicht wüßte, daß ich mit den hervorragendſten Führern der Studentenſchaft befreundet bin und daß dieſe über meine Sicherheit wachen. Man wird mir alſo meinen Abſchied geben und dann ſteht meiner Abreiſe nichts mehr entgegen. Auch ich bin um meine Entlaſſung aus dem Dienſt der Kaiſerin eingekommen, ſagte Katharina lächelnd, und auch mir wird man ſie bewilligen, denn auch mir ſheuren les uhmmer V mte Nume mela, ohnte ernten belnd iß ſie liebte rAb⸗ habe, Fah⸗ eſer⸗ men, ligen daß anie mich man rern über inen ichts 191 mißtrauet man jetzt. Wir werden alſo dem Miß⸗ trauen unſere Freiheit verdanken, und dieſes Mißtrauen gereicht uns zur Ehre und zum Glück. Bereitet nun Alles vor für die nahe Heimkehr nach Italien, Ihr theuren Mädchen, und Du beſonders, Felicia, bereite Alles zu dem ſchönen Feſte, mit dem wir Abſchied nehmen wollen von Wien. Welch ein Feſt meinſt Du, Tante Katharina? fragte Felicia, und ihr Blick ſchien ganz zufällig einen Moment hinüber zu ſchweifen zu ihrer Schweſter Car⸗ mela, welche drüben in der Fenſterniſche ſtand. Nun, ich meine das Feſt Deiner Verheirathung, ſagte Katharina lächelnd und ſie gewahrte es nicht, daß Carmela erbebte und daß ihre Wangen plötzlich erbleichten. Felicia aber ſah es und ſie ſah auch den traurigen und leidenſchaftlichen Blick, den Guido auf ſie heftete, ſie meinte den Seufzer zu hören, der ſich ſeiner Bruſt entwand. Aber ſie zwang ſich zu einem Lächeln, ſie be⸗ herrſchte ihre Stimme, daß ſie nicht zitterte. Tante Katharina, ſagte ſie vollkommen ruhig, ich habe an dem Sarge meines Vaters das Gelübde gethan, daß ich nicht eher mein perſönliches Glück ſuchen will, als 192 bis das Vaterland glücklich iſt, daß ich nicht eher mich vermählen will, als bis Italia ſich der Freiheit ver⸗ mählt hat. Ich hoffe, daß Guido mein Gelübde ehren wird und daß er es mir überläßt, den Tag unſerer Vermählung zu beſtimmen. Ich füge mich in Allem dem Willen und den An⸗ ordnungen meiner theuren Felicia, ſagte Guido mit einer leidenſchaftlichen Haſt, indem er zu ihr hineilte und ihre Hand nahm, um ſie an ſeine Lippen zu drücken. Sie ſah ihn an mit einem langen und innigen Blick. Nicht wahr, Guido, Du liebſt mich und Du willſt mein Glück? Ja, Felicia, ich liebe Dich und ich will Dein Glück. Nun, mein geliebter Freund, ſo laß uns erwarten, daß Italien frei und glücklich iſt, bis dahin gehört uns die Hoffnung, gehört uns der Traum von Glück. Sie nickte ihm lächeld zu und verließ mit anſchei⸗ nender Heiterkeit das Gemach. Aber draußen im Vor⸗ ſaal, wo Niemand ſie ſah, draußen verblaßte das Lächeln auf ihrem Antlitz, ſprach eine tiefe Traurigkeit aus ihren Zügen, und wie ſie endlich ihr einſames, ſtilles Zimmer erreicht hatte, da ſank ſie nieder auf mich ver⸗ ehren ſſerer mit neilte n zu nigen — Du 193 ihre Kniee und weinte bitterlich. Doch dies dauerte nicht lange, ihre ſtarke, leidensfeſte Seele überwand bald dieſen Krampf des Schmerzes und mit feſter, ruhiger Entſchloſſenheit erhob ſie ſich nun von ihren Knieen. Ich will, ich muß endlich eine Entſcheidung haben, ſagte ſie zu ſich ſelber. Ich muß wiſſen, ob es nur eine eiferſüchtige Furcht iſt, die mich beherrſcht, oder ob Maſter Louis wirklich Recht hat, zu ſagen, daß es auf Erden keine Treue mehr giebt. Wenn er Recht hat, dann will ich hingehen und ſterben, denn ich, oh mein Gott, ich liebe und mein Herz iſt treu. Ich will Ge⸗ wißheit haben! Heute, jetzt gleich! Dies iſt die Stunde, in welcher Guido mit Carmela im Garten ſeine Schießübungen zu halten pflegt. Aber ſie haben in den letzten Tagen wenig geübt und viel geplaudert; oh, ich habe Alles geſehen, Alles beobachtet. Heute aber will ich auch hören. Sie verließ haſtig ihr Gemach, eilte flüchtigen Fußes die Stiegen hinab und ſchlüpfte durch eine Seitenpforte hinein in den Garten. Niemand ſah es, wie ſie jetzt mit beflügeltem Fuß durch die Alleen dahin eilte, Niemand ſah es, wie ſie jetzt eintrat in den kleinen Pavillon, welcher ſich am Ende des Parks L. Mühlbach, Erzherzog Johann. 4. Abth. III 13 194 befand. Sie wußte es wohl, daß dieſer Pavillon jetzt noch leer ſei, aber ſie wußte auch, daß Carmela und Guido bald in denſelben eintreten würden, wenn ſie die Schießübungen nach der dem Pavillon gegenüber befindlichen Scheibe beginnen würden. Auf Felicia's eigenen Wunſch war es geſchehen, daß Carmela ſich ſolchen Uebungen unterzog und von Guido lernte, Piſtolen zu gebrauchen und mit ihnen nach der Scheibe. zu ſchießen. Ich habe in Amerika täglich mit unſerm Vater ſolche Uebungen getrieben, ſagte Felicia, denn der theure Vater war der Meinung, daß in unſern Tagen auch die Frauen verſtehen müßten, die Waffen zu ge⸗ brauchen, weil auch ſie vielleicht berufen ſein könnten, für das Vaterland zu kämpfen. Da nun unſer theurer und geliebter Vater nicht mehr bei uns iſt und ſeine Carmela nicht einüben kann im Waffendienſt, ſo muß es Guido thun, Er, der uns Vater, Bruder und Freund iſt. Er muß meine Carmela zu einer tapfern Waffenträgerin machen. Und ſeitdem war Guido jeden Tag gekommen, mit Carmela nach der Scheibe zu ſchießen, aber— wie Felicia es ſelber geſagt— ſie hatten in der letzten Zeit wenig ſolcher Uebungen gehalten, ſie waren zu jetzt und 195 ſehr mit ſich ſelber beſchäftigt geweſen, um an andere Dinge denken zu können. Sie werden auch heute keine Uebungen vornehmen, ſagte Felicia, indem ſie in den Pavillon eintrat, ſie werden wie geſtern hier im Pavillon bleiben, und ich — ich werde dort ſein und ſie belauſchen. Möge Gott und mein Vater im Himmel mir dieſe Unwür⸗ digkeit verzeihen, mögen ſie aber auch wiſſen, daß ich nicht in unedler Abſicht ſo handele. Ich— ſie kom⸗ men, unterbrach ſie ſich ſelber, ja, ſie kommen hierher. Nun ſei muthig und ſtandhaft, mein Herz, und was Du auch hören magſt, verrathe Dich durch keinen Schmerzenslaut. Sie flog haſtig durch den kleinen Salon des Pa villons hin und verſchwand hinter der Portière, welch dort drüben dicht neben dem Divan ſich befand und welche den Eingang in ein zweites kleineres Gemach verhüllte. Hier in der offenen Thür dieſes zweiten Gemaches hinter der Portisre ſitzend, hier konnte Fe⸗ licia Alles hören, was in dem Salon geſprochen ward, durch die Spalte der Portieère konnte ſie Alles ſehen, was in demſelben geſchah. Mit bleichem Antlitz, mit hochklopfendem Herzen ließ ſie ſich nieder auf dem Seſſel, den ſie ſich nahe an die Portieére geſchoben, 13* 196 und ihre zitternden Lippen murmelten leiſe ein Gebet, ein Gebet um Standhaftigkeit, um Geduld und Kraft. Aber mitten in dieſem Gebete verſtummte ſie jetzt, denn ſie hörte Schritte ſich nahen, und durch die Spalte der Portière ſah ſie Carmela, gefolgt von Guido, in den Salon eintreten. Wie bleich ſie iſt, murmelte Felicia, und wie trau⸗ rig er ausſieht. Wenn ich ſie Beide anſchaue, füllt ein unermeßlicher Jammer mein Herz, und dennoch— Nun, Guido, rief Carmela eben, nun raſch die Piſtolen her, wir wollen ſchießen, wir wollen über⸗ haupt luſtig ſein. Mir ſcheint, wir ſind das in der letzten Zeit gar nicht geweſen. Aber das kommt von Eurer unausſtehlichen Revolution her, die Einem gar nicht mehr erlaubt, harmlos und glücklich zu ſein, die Euch Alle in ſo ernſthafte, tiefſinnige Grübler ver⸗ wandelt, wie mein theurer Herr Guido es ſeit einiger Zeiſt iſt. Und wie Carmela es nicht minder ſeit einiger Zeit iſt, ſagte Guido mit einem traurigen Blick. Ich? rief ſie mit dem Ausdruck des Erſtaunens, ich wäre ernſthaft und tiefſinnig? Nein, mein Herr Revolutionair, ich bin ganz heiter, ganz glücklich. ich 197 Gebet Kraft. Und wie könnte es anders ſein und was fehlt mir e jetzt denn, um mich glücklich zu fühlen? rch die Das Glück fehlt Dir, Carmela, ſagte er traurig. t von Sie zuckte zuſammen und wandte ihr Antlitz zur Seite; aber nur einen Moment, dann ſchauete ſie e trau⸗ wieder lächelnd auf und faßte nach der Piſtole, die fü auf dem Tiſch lag. üllt 3 Komm, mein Freund, komm, laß uns ſchießen, noch— ſch die ſagte ſie mit dem Anſchein des Frohſinns. Oh, ich über⸗ werde mir heute Mühe geben, gut zu treffen, denn in der alsdann wirſt Du mit mir zufrieden ſein und wirſt nt von mich wieder einmal freundlich anſehen. enr g Findeſt Du denn, daß ich Dich ſonſt nicht freund⸗ in d lich anſehe? fragte er mit leiſer, zitternder Stimme. er ver Nein, rief ſie heftig, Du ſiehſt mich nicht blos einiger nicht freundlich an, ſondern Du ſiehſt mich gar nicht an, und das kränkt mich, das macht mich unglücklich. er Zeit Ich habe mir vorgenommen, Dir das heute zu ſagen. 1— Ich will wiſſen, was ich Dir gethan, daß Du mich unens nicht mehr liebſt? d ſ Ich Dich nicht mehr lieben, Carmela? fragte er lchit tonlos. Du glaubſt das? Du kannſt das wirklich glauben? Ja, ich glaube das, ſagte ſie heftig. Und ich frage 198 Dich, Guido, was habe ich gethan, daß Du jetzt ſo kalt und gleichgültig geworden biſt? Nichts, oh, nichts haſt Du mir gethan, rief er, und Du irrſt, wenn Du mich für kalt und gleich⸗ gültig hältſt. Nein, Guido, nein. Ich habe es gefühlt von dem Tage an, da Felicia zu uns zurückgekehrt iſt. Seit dem Tage biſt Du gleichgültig, kalt und fremd gegen mich geworden, ſeit dem Tage bin ich für Dich nicht mehr die Schweſter, die Freundin, nicht mehr Deine Schülerin und Deine Vertraute, ſondern nur noch die Schweſter Deiner geliebten Braut, die Schweſter, der Du ausweichſt, ſo viel Du kannſt, und die Dir eigent⸗ lich immer im Wege iſt, weil ſie Dich hindert, immer und ewig allein zu ſein mit Deiner Braut. Du thuſt mir Unrecht, oh gewiß, Du thuſt mir Unrecht! Ich wollte, ich thäte es, rief ſie ſchmerzlich, ich würde dann weniger weinen und mich betrüben. Aber ich habe in der Stille ſo viel geweint, und oft, wenn Ihr dachtet, ich lachte, habe ich nur zur Luſtigkeit meine Zuflucht genommen, um Euch meine Traurig⸗ keit zu verbergen. Aber dieſe Nacht habe ich einen letzten Entſchluß gefaßt, dieſe Nacht habe ich mir ge⸗ 199 ſagt: ich will die Wahrheit wiſſen. Ich will ihn fra— gen, warum er mich nicht mehr liebt, und was ich denn gethan, um ſeiner Liebe nicht mehr würdig zu ſein? Was Du gethan? Oh, mein Gott, Du biſt im— mer geblieben, was Du warſt, ein Engel an Unſchuld, an Liebe und Güte, ein Kind an Heiterkeit und Ver⸗ trauen, ein holdes, ſüßes Frauenherz voll Edelmuth, Innigkeit und Heldenſtärke. Worte, Worte, rief ſie ungeduldig. Du ſprichſt ſchmeichleriſche Worte, von denen Dein Herz nichts weiß. Oh, ich weiß das, denn ich habe Dich beob⸗ achtet alle dieſe Zeit her. Ich habe geſehen, wie Du langſam, mit jedem Tage mehr erkaltet biſt, wie Du immer mehr von mir zurückgewichen biſt, um Dich immer mehr Felicia zu nähern, wie Du nur ſie noch hören, nur ſie noch ſehen magſt, und das hat zuweilen mein Herz mit Zorn, zuweilen ſogar mit Eiferſucht erfüllt. Ja, Gott und die heilige Jungfrau mögen es mir vergeben, aber zuweilen habe ich ein Gefühl ge⸗ habt, als liebte ich meine Schweſter nicht mehr, als zürnte ich ihr, weil ſie die Schuld daran trägt, daß ſich Dein Herz ganz und gar von mir gewendet hat. Und dann wieder mache ich mir Vorwürfe über dies 200 Gefühl und bitte es ihr im Geiſte mit tauſend Thrä⸗ nen ab und möchte für ſie in den Tod gehen, um ihr zu beweiſen, wie grenzenlos ich ſie liebe. Arme Carmela, murmelte Felicia, arme Carmela! Sie kennt ihr eigenes Herz nicht, ſie weiß nicht, daß ſie ihn liebt. Aber Er? Was wird er ihr antwor⸗ ten? Werde ich mein Todesurtheil von ſeinen Lippen vernehmen müſſen? Aber Guido antwortete nicht. Er ſtand mit ab⸗ gewandtem Geſicht, ſtand hochathmend, keuchend vor innerer Bewegung— aber er blieb ſtumm. Guido, rief Carmela ſchmerzlich, Du ſchweigſt? Dein Herz bleibt ſtumm bei meinem Schmerzensſchrei? Nun wohl, dieſes Schweigen iſt beredt genug! Es ſagt mir, daß alle meine traurigen Vermuthungen be⸗ gründet ſind. Du liebſt mich nicht mehr! In Dei⸗ nem Herzen iſt nicht Raum für eine zwiefache Liebe, Du kannſt es nicht zugleich einer Braut und einer Schweſter weihen. Nur der Einen gehört Deine ganze Liebe, und jedes andere Empfinden muß ihr weichen. Ich klage Dich nicht an, ich beſchuldige Dich nicht, daß es ſo iſt, ich danke vielmehr Gott, daß Dein Herz meiner theuren Schweſter in ſo voller, ausſchließ⸗ licher Liebe gehört, ich gönne ihr dies reiche, ſchöne nela! daß wor⸗ Yppen tab⸗ vor 201 Glück. Aber ich habe nicht den Muth, es anzuſchauen ohne Neid und ohne das grenzenloſe Gefühl der Ver⸗ einſamung, und darum iſt es beſſer, ich trenne mich von Euch. Ich habe ſchon mit Tante Giuſeppa dar⸗ über geſprochen, und ſie iſt bereit, mir meinen Wunſch zu erfüllen. Was für einen Wunſch? fragte er tonlos. Was willſt Du thun? Ich will nicht mit Euch heimkehren nach Italien, ſagte ſie feſt, ich will mit Tante Guiſeppa hier in Wien zurückbleiben, und zwar für immer. Hier iſt meine Heimath, hier bin ich auferwachſen und erzogen, hier will ich bleiben bis ich ſterbe, und ich glaube, das wird recht bald geſchehen. Aber im Sterben werde ich Dich und Felicia ſegnen, und— Du wirſt jetzt doch wiſſen, daß, wenn ich Euch nicht nach Italien begleite, das von mir kein Mangel an Liebe, keine innere Kälte iſt, ſondern im Gegentheil, daß ge⸗ rade die innere Wärme meines Herzens, die ſich nicht Eurer kühlen Atmosphäre bequemen will, mich ſo handeln läßt. Du wenigſtens, Guido, ſollſt mich nicht verkennen, und wenn mir auch Felicia Deine Liebe, Deine Freundſchaft entzogen hat, ſo ſollſt Du doch wiſſen, daß Du für mich immer bleibſt, was Du —— 202 mir warſt, mein Geliebter, mein Freund, mein Vater und mein Bruder, mein Lehrer und mein Spielkamerad! Und ſo will ich an Dich denken allezeit, und will Dich lieben, und für Dich vom Himmel Glück und Segen erflehen! Und jetzt, Guido, jetzt geh' zu Felicia, und laß mich hier ein d Ziertelſtündchen allein. Ich muß mich erſt wieder ſammeln und faſſen, dann aber werde ich heiter und zufrieden zu Euch zurückkehren. Du aber, nicht wahr, Guido, Du wirſt Felicia nichts ver⸗ rathen von dem, was ich Dir anvertraut, und wenn ſie mir zürnt und mich kalt nennt, ſobald ſie erfährt, daß ich nicht mit nach Italien gehen, ſondern hier zurückbleiben will, ſo wirſt Du mich ein klein wenig vertheidigen, und wirſt Gutes von mir reden, nicht wahr? Er antwortete auch jetzt nicht, er ſtand noch im⸗ mer mit abgewandtem Geſicht, aber ſeine ganze Ge⸗ ſtalt erzitterte, und wie krampfhaftes Schluchzen drang es aus ſeiner Bruſt hervor. Guido, fragte Carmela entſetzt, Guido, Du weinſt? Ja, rief er ſtürmiſch, ja, ich weine, und ich wünſchte, daß ich mein Leben hinſtrömen könnte mit dieſen Thränen. Und jetzt wandte er ſich zu ihr um, und ſie 203 ſchauete in ſein bleiches, von Thränen überfluthetes Angeſicht, in ſeine ſchmerzzuckenden Züge, in ſeine Augen, die trotz der Thränen auf ihr ruhten mit lei⸗ denſchaftlicher Gluth. Und wie geblendet von dieſem Anblick, außer ſich, ſank Carmela auf den Divan nieder und ihre Lippen murmelten: mein Gott, was bedeutet dies? bedeutet, daß ich Dich liebe, rief er, indem er vor ihr niederſank und ſein Haupt auf ihre Kniee legte. Ja, Carmela, das bedeutet, daß ich Dich liebe, grenzenlos, unausſprechlich, mit Le und Wonne, mit Entzücken und Qual. Ach, wohl mir, daß dies Wort endlich geſprochen iſt, daß dies A neuch wie die volle Granatblüthe in dem Moment der Reife aus ihrer umhüllenden Kapſel hervorbricht, in voller Son⸗ nenblüthe aus meinem Herzen auf die Lippen ſtürzt, und müßte ich auch daran ſterben und zu Grunde gehen. Ja, ich liebe Dich, laß es mich wiederholen, Ewigkeiten lang, ich liebe Dich! Sie ſchüttelte traurig ihr Haupt. Wie gut Du biſt, ſagte ſie ſanft, willſt mich tröſten in meiner Vereinſamung, willſt mir Dein Erkalten ableugnen, damit ich Deiner Felicia nicht zürne, weil ſie mir meinen Antheil an Deiner Liebe genommen 204 Ach Du, Du unſchuldsvolles, theures Kind, Du haſt alſo nicht geahnt, was in mir vorging? fragte er, ihre Hände an ſeine Lippen, an ſeine Augen drückend. Du haſt alſo nicht geſehen, welche Qualen ich erduldete? Du haſt den Aufſchrei meines Herzens nicht vernommen, die Verzweiflungsklagen meiner Seele nicht geahnt? Gott iſt mein Zeuge, ich habe redlich gekämpft, ich wollte nicht unterliegen, ich wollte ſtandhaft ſein, und treu. Aber nun, da das Siegel von meinen Lippen geſprungen iſt, jetzt ſollſt Du Alles erfahren, Carmela, jetzt ſollſt Du in mein Herz ſchauen, und wenn Du Dich auch nachher von mir wenden, und mich verachten ſollteſt. Carmela ſchaute ſinnend und träumend zu Guido nieder, und fuhr mit der Hand über ſein glänzend ſchwarzes Haar hin. Was könnteſt Du mir ſagen, Guido, um das ich Dich verachten könnte? fragte ſie. Daß ich ein Treuloſer, ein Verräther bin, ſchrie er außer ſich, daß ich Deine unſchuldsvolle, reine, göttliche Liebe nicht verdiene, weil ich nicht rein, nicht wünſchelos, nicht unſchuldig bin wie Du. Carmela, höre mich, und glaube an dieſe Thränen, die ich weine aus Scham, aus Verzweiflung, aus Selbſtverachtung: ich liebe Felicia nicht! Ich liebe Dich! 205 Ein Schrei tönte von Carmela's Lippen, ein Schrei, ſo laut und durchdringend, daß er ein Echo 1 zu finden ſchien hinter der Portiere. Guido, rief ſie von dem Divan emporſchnellend, die Hände vor ſich hinſtreckend, als wollte ſie ihn von ſich wehren, Guido, ich darf Dich nicht hören! Du ſollſt Dich nicht an Dir ſelber verſündigen, nicht Dich anklagen, um mich zu tröſten. Laß mich gehen, ich will Dich nicht hören! — Du ſollſt mich hören, ſagte er faſt gebieteriſch, 1 indem er ſie wieder auf den Divan niederdrückte, Du ſollſt mich hören, und ſollſt verſtehen, was ich ge— litten habe. Ja, gelitten, Carmela, gelitten ſeit lan⸗ gen Jahren. Denn, Du holde, unſchuldsvolle Träu⸗ — merin, ſeit langen Jahren liebe ich Dich! Und ſage, — war's denn meine Schuld, daß ich Dich lieben mußte, konnte ich denn Deine Anmuth, Deine Schönheit, 4 Deine Herzensreinheit und Deinen Geiſt ſo ohne Hülle und ohne Falſch mir gegenüber ſehen, ohne Dich zu lieben, ohne entzückt, begeiſtert und erfüllt davon zu t ſein? Sieh, ich war faſt noch ein Knabe, als wir damals an dem Sterbebette Deiner Mutter ſtan⸗ 1 6 den, als ſie meine und Felicia's Hände in einander legte, und unſere Liebe ſegnete. Ich ſchwur der Ster⸗ 206 benden, Felicia ewig zu lieben, und es war ein ehr⸗ licher Schwur, denn ich glaubte an die Ewigkeit mei⸗ ner Liebe! Das macht, ich kannte die Liebe nicht und das Menſchenherz, ich kannte mich ſelber nicht, denn ich war ja auch noch ein Knabe. Und dennoch würde Alles geblieben ſein wie es war, und ich hätte durch das Leben gehen können ohne Kampf, in der Ueber⸗ zeugung glücklich und befriedigt zu ſein, wenn das Schickſal nicht gewollt hätte, daß Felicia ſich von uns trennte, daß ſie lange, ach und welche wichtige Jahre, von uns entfernt blieb. Ich war ehrlich in meinem Ge— müth, Carmela, ich meinte es treu mit meiner Liebe, und ich ſchloß mich mit ganzer Seele an Dich, an das Kind an, weil ich in Deinen Augen Felicia's Blicke, in Deiner Stimme ihren Ton wieder fand. Weil ich Felicia treu war, mied ich die Welt und alle ihre Zerſtreuungen, Genüſſe und Freuden, und blieb bei Dir, machte mich mit Dir zum Kinde, und fand in unſern Kinderſpielen ſeliges Genüge, denn ich wußte, daß Felicia lächeln würde vor Glück, wenn ſie mich ſo mit Dir hätte ſehen können. Aber Felicia ſah uns nicht, ſie war von uns getrennt durch unermeßliche Ferne, und kaum Ein Mal im Jahr kam ein Gruß, ein Wort des Erinnerns von ihr zu uns. Die Liebe 207 aber bedarf der Nahrung, bedarf der Pflege, wenn ſie nicht verwelken ſoll, ſie bedarf des Sonnenſcheins und auch der Thränen, um zu blühen in holdem Glück und ſüßem Weh. Das Schweigen, die klangloſe Ent— fernung, die Kälte verträgt die Liebe nicht, ſie ſtirbt daran. Aber ich wollte nicht, daß meine Liebe ſter⸗ ben ſollte, ich wollte ihr ewiges Leben einhauchen, darum flüchtete ich mich zu Dir, Du warſt der Born, aus welchem ich für meine Liebe ſtets neue Nahrung ſchöpfte. Doch eines Tages, Carmela, da ward mir ſelber ein wunderbares, entſetzliches und doch entzückendes Geheimniß klar. Eines Tages fand ich auf Deinem Angeſicht nicht mehr Felicia's Züge, ſon⸗ dern nur Dich ſelbſt, in meinem Herzen nicht mehr die Liebe zu Felicia, ſondern zu Dir, die unausſprech⸗ liche große Liebe. Ich hatte meiner erſten Liebe treu ſein wollen in Dir, und nun fand ich, daß Du meine erſte Liebe warſt, und daß ich Felicia liebte aber nur in Dir, in Dir allein! Und ich? fragte Carmela auf Einmal, wie von Entſetzen ergriffen. Mein Gott, was geht in mir vor? Mir iſt es, als fielen Schleier von meinen Augen nieder, und ich ſehe zum erſten Male klar in mein Herz hinein. 208 1 Du ſiehſt, daß Du mich liebſt wie ich Dich liebe, V ſagte er feierlich. Ein Schauer fuhr durch ihre Geſtalt hin, und un⸗ willkürlich hoben ſich ihre Arme und legten ſich um den Nacken Guido's, der vor ihr kniete; und wie als ob ſie ihn jetzt erkannte, jetzt zum erſten Mal ihn ſähe, ſchaute ſie ihn erſt an mit träumeriſchen, forſchenden Blicken, wie man ein ſchönes, unbekanntes Etwas an⸗ an ſchaut, das man ergründen, ſich zu Eigen machen möchte. Verſtehſt Du nun, Carmela, weshalb ich Dich 3 mied, weshalb ich kalt erſchien? fragte er. Begreifſt Du, was ich litt, wenn Du in unſchuldsvoller Unwiſſen⸗ heit Deiner Selbſt mir zürnteſt, weil ich Deine reine Zärtlichkeit von mir zurückwehrte, weil ich mein Le⸗ ben darum gegeben hätte, ſie theilen zu können, Dir hart begegnete, weil ich ſo weich mich fühlte, daß je⸗ der Händedruck von Dir eine unauslöſchliche Spur in 1 meinem Herzen zurückließ? Begreifſt Du, Carmela, daß ich Felicia ſuchte, mich in ihre Nähe drängte, weil ich Dich nicht finden durfte, weil Deine Nähe ſüßes Gift für mich geworden? Ich begreife, murmelte ſie mit einem ſüßen Lächeln, oh, ich begreife nur das Eine, daß wir uns lieben, Guido! 209 Und ich, flüſterte Felicia, ihr ſchwankendes Haupt an den Pfeiler der Thür lehnend, ich begreife nur das Eine: daß ich ſterben muß! Still war es jetzt da drinnen, wo zwei Liebende in ſchmerzlich ſüßem Glück ſich gefunden, ſtill war es um ſie her, wie in ihnen ſelber, und ſtill war das Herz der Dulderin, die eine große Liebe ſo groß in ſich empfand, daß ſie den Schmerz ſogar überragte, und die Qual des Nichtgeliebtſeins ſelbſt hinzunehmen die Stärke in ſich fühlte. Still war es drinnen bei den Liebenden! Und was hätten ihre Lippen ſagen können, da ihre Blicke ſprachen? Er lag noch immer vor ihr auf den Knieen, und ihre Hände ſpielten in ſeinem Haar, und ſie ſchauten ſich an mit einem ſeligen, traumgleichen Kinderlächeln. Zuweilen flüſterten ſie leiſe ein zärt⸗ lich Wort, und wußten's vielleicht ſelber nicht, es quoll nur mit dem Lebensathem aus ihrer Bruſt her⸗ vor; zuweilen neigten ſich ihre Lippen zu einander, und berührten ſich, wie Biene und Blume ſich einan⸗ der berühren, Süßigkeiten empfangend, Süßigkeiten nehmend. Still war es drinnen bei den Liebenden und draußen auch im Garten. Zuweilen ging ein leiſes L. Mühlbach, Erzberzog Johann. 4. Abtb. II 14 210 Rauſchen durch die Bäume und das Gebüſch, als wolle die Natur ſie grüßen mit einem Athem ihrer Liebe; ſie aber hörten's nicht und grüßten nur ſich ſelber. Allgemach war die Sonne niederwärts ge⸗ gangen, und ihre goldenen Abendſtrahlen fielen ſchräg hinein in das Gemach, vergoldeten die Staubatome, die in dem Raume zitterten, und webten eine Glorie von Luft und Glanz um beide Liebenden; ſie aber ſahen's nicht, ſahen nur die Sonne in ihren eigenen Herzen, und den Glanz in ihren eigenen Augen. Ein⸗ mal kam ein Vogel daher geflattert, ſetzte ſich im Sonnenſtrahle nieder auf die Schwelle des Pavillons und ſchaute mit klugen Augen und nickendem Köpf⸗ chen hin zu dem Liebespaar. Sie ſahen's nicht, und merktens nicht, wie dann das Vöglein ſeine Flügel breitete und aufwärts flog und fröhlich ſang, als wollt's den Brüdern in der Luft erzählen von dem ſeligen Mährchen, das es auf Erden ange⸗ ſchaut. Doch jetzt auf Einmal flog ein Zittern durch Car⸗ mela's Geſtalt, und aus dem Traum von Glück er⸗ weckte ſie das Bewußtſein ihrer Pflicht. Guido, ſagte ſie mit entſchloſſener Stimme, Guido, wir müſſen ſcheiden. als 211 Scheiden, Carmela? fragte er auffahrend. Doch ja— Du haſt Recht, wir müſſen ſcheiden. Scheiden, und dennoch beiſammen bleiben, fuhr ſie fort, ſtarr vor ſich hinblickend wie eine Seherin, welche die Zukunft ſchaut. Wir müſſen für jetzt noch bei— ſammen bleiben, und ſchweigend tragen, was getragen werden muß. Mag die Liebe in uns bleiben, und ſich im ſtillſten Winkel unſeres Herzens bergen, aber nach außen darf ſie ſich niemals wieder verrathen. Felicia darf nicht ahnen, was dieſe Stunde uns geoffenbaret hat, denn wenn ſie's ahnte, würde ſie ſich ſelber opfern, um uns zu beglücken. Wir aber, Guido, wir denken beſſer von uns ſelbſt, um unſer Glück auf Anderer Schmerzen aufzubauen. Du haſt ihr Deine Liebe nicht bewahren können, aber Du ſchuldeſt ihr das Opfer Deiner Treue. Und ich werde es ihr bringen, ſagte er feſt und ernſt. Ich werde nicht mehr warten, bis meine Ent⸗ laſſung kommt, ſondern ich werde Felicia bitten, daß unſere Vermählung ſchon jetzt ſtattfinde, und daß wir alsdann ſofort abreiſen nach Italien. Und ich werde bei Eurer Trauung gegenwärtig ſein, und ich werde nicht weinen, Guido. Werde auch nicht weinen, wenn ich von Euch Abſchied nehme, 14* 212 denn Felicia möchte meine Thränen deuten, und ſie würde dann nicht glücklich ſein. Und ich, Carmela, ich werde beim Abſchied Dich küſſen n, denn Felicia würde ſonſt vielleicht an meiner äußern Kälte meine innern Gluthen ahnen. Doch ſage ich Dir, daß dieſer Kuß vielleicht das ſchwerſte Opfer ſein wird, das ich ihr bringen kann. Jetzt laß uns ſcheiden, Guido. Ja, laß uns ſcheiden, Carmela! Wir werden uns niemals wieder allein begegnen. Nein, niemals wieder. Und doch dürfen wir uns niemals zu fliehen ſchei⸗ nen, denn Felicia's Augen ſind durch die Liebe ge⸗ ſchärft, und in ihrem Herzen wohnt ein zartes Ver⸗ ſtändniß. Wir werden freundlich und herzlich wie ſonſt uns begegnen, und Guido, wir werden wie ſonſt mit einander ſcherzen und lachen, denn unſer Ernſt möchte Felicia beunruhigen. Sei es ſo, Carmela. Und nun, Du Holde, Theure, gieb mir einen letzten Kuß zum ewigen Abſchied. Komm an mein Herz, mein Guido, komm und nimm den letzten Kuß und gieb ihn mir! Sie breiteten einander ihre Arme entgegen, ſie flogen einander Herz an Herz. Und drinnen hinter ſie ſintet der Portière lag auf ihren Knieen ein armes, bleiches Weib, und hob die Hände zu Gott empor, und fühlte nicht die Thränen, die langſam über ihre Wangen niederrollten, und⸗ flüſterte leiſe: Gott, der Du zu uns herniederſchauſft und ſiehſt, daß ſie für mich ſich opfern wollen, Gott, der Du in mein Herz ſchauſt, gieb mir die Kraft, das Opfer darzubringen! Ich bin allein, die leidet, ſie ſind zu Zweien, und ihre Schmerzen würden zwiefach ſein. Gieb ſie mir, oh Gott, und laß ſie mich ertragen! Sie haben Herz an Herz geruht, ihre Lippen ſind ſich begegnet in einem letzten glühenden Kuß. Jetzt löſen ſich die verſchlungenen Arme, jetzt geben ihre Hände ſich den letzten Liebesdruck. Lebe wohl, mein Guido! Lebe wohl, meine Carmela. Du bleibſt doch dieſen Abend? Ja wohl, ich bleibe, und ich werde verſuchen heiter zu ſein wie ſonſt. Und ich werde lachen, oh ich werde lachen!— Und ſie verſucht's und lacht, aber es war ein ſchnei⸗ dend Weh in dieſem Lachen; es machte Guido er⸗ bleichen und Felicia's Herz erbeben. Nun komm, Guido, laß uns in's Haus zurück⸗ 214 kehren! Es könnte Felicia auffallen, daß wir ſo lange im Garten bleiben. Komm, laß uns in's Haus gehen, und nicht wahr, gleich heute Abend bitteſt Du Felicia, daß Ihr Euch bald verheirathet? Oh, in vierzehn Tagen ſchon verheirathet, nicht wahr? Gleich heute Abend bitte ich ſie, und ſpäteſtens in vierzehn Tagen ſoll unſere Hochzeit ſein. Dann reiſen wir nach Italien. Und ich bleibe hier bei Tante Guiſeppa. Nun komm, mein Guido! Sie ſchritt raſch aus dem Pavillon hinunter in den Garten, und er folgte ihr raſch. Mit kräftigen Schritten, die ſchönen ſchlanken Geſtalten ſtolz ge⸗ hoben, ſo gingen ſie nebeneinander dahin, die breite Allee hinauf und verſchwanden hinter den Bäumen. Und ſtolz und hoch aufgerichtet wie ſie, trat jetzt Felicia hinter der Portière hervor. Ich habe einer heiligen Feier der Treue beigewohnt, ſagte ſie laut und begeiſterungsvoll, und ich werde mich ihrer würdig zeigen. Du wirſt mich bitten, Guido, daß ich mich Dir bald vermähle? Ach, Gott wird mir die Kraft geben, daß ich Deine Bitte mit Lachen zurückweiſe. Du armes, ſüßes Kind, Du . Tochter meines Herzens, Du willſt bei meinen Trauung Zeuge ſein, und willſt — ange ehen, licia, zehn s in eiſen Nun Obh, wohl mir, ich werde ihm ſagen können: nicht weinen? Ich werde Dir dieſen heiligen Willen lohnen mit dem Opfer meines ganzen Lebens! Ja, Du ſollſt meiner Trauung beiwohnen, und Du ſollſt nicht weinen, denn Du ſollſt glücklich ſein! Nun, Fe⸗ licia, faſſe Deine ganze Liebeskraft zuſammen und ſei ſtark. Gott ſelbſt hat mir den Weg gezeigt, den ich zu gehen habe, und ich will ihn gehen! Noch heute ſchreibe ich an Maſter Louis und rufe ihn zu mir. ie Treue d Die lebt, wenn auch die Liebe geſtorben iſt! Die Treue lebt und iſt zu jedem Opfer freudig bereit! 5 Johann's Sinzug in die Hofburg. Die Revolution hatte geſiegt, ſo vollſtändig ge⸗ ſiegt, daß die Erzherzogin Sophie und die mächtige Camarilla es für nöthig erachtet hatten, den Kaiſer den ſchlimmen Einwirkungen derſelben zu entziehen, um ſein ſchwaches Kindergemüth nicht noch mehr von dieſer Begeiſterung erfüllen zu laſſen, von welcher Ferdinand ergriffen worden, ſeit er den Studenten in der Aula einen feierlichen Beſuch gemacht, und von ihnen mit ſo glühendem Enthuſiasmus empfangen worden war. Unter dem Vorwand einer Spazierfahrt hatte man daher den Kaiſer eines Tages ſeinen Wagen be⸗ ſteigen laſſen, hatte er an der Seite der Kaiſerin ſich aus Wien hinaus begeben. Nur war dieſe Spazier⸗ fahrt zum eigenen höchſten Erſtaunen des Kaiſers ſehr — =eͤ—— ge ttige aiſer ;hen, von ſcher n in von ggen zatte weit ausgedehnt worden; ſie hatte ſo lange gedauert, daß der Kaiſer von der Luft und dem raſchen Fahren betäubt, endlich eingeſchlafen war. Als er aber nach einigen Stunden erwachte, ſagte man ihm, daß die Aerzte es für ihn nothwendig erachtet hätten, daß Se. Majeſtät einige Wochen ſich von den vielen Re⸗ gierungsſtrapatzen ausruhten, und die freie Luft der 8₰ Tyroler Berge einathme, daß man daher auf de Reiſe nach Insbruck ſich befinde, und hoffe, daß der Kaiſer mit dieſer Luft⸗ und Ortsveränderung einver⸗ ſtanden ſein würde. Ich weiß nit, ſagte Ferdinand ſeufzend, mir iſt halt die Luft in Wien gar nit ſchlecht vorgekommen, und ich wär' recht gern dort geblieben, denn es war halt gar ein luſtiges Leben, das wir in der letzten Zeit führten, und es klang gar ſo gut, wenn mir die Studenten und das liebe gute Volk immer ſo viel Vivat's brachten. Ich hör' das gar ſo gern, und's Herz hat mir immer gehüpft vor Freud', wenn's Vivatrufen los ging. Ew. Majeſtät werden dieſe Jubelrufe Ihres Volkes überall⸗vernehmen, wohin Sie kommen, ſagte die Kaiſerin, am meiſten aber in dem lieben und getreuen Ty⸗ rol, wo das gute Volk Ew. Majeſtäſt ſo enthuſiaſtiſch liebt. —— 218 Nun ja, ſagte der Kaiſer mit wichtiger Miene, es iſt wahr, mein Volk liebt mich aller Orten ſehr, beſonders ſeit ich ein conſtitutioneller Kaiſer bin, und mich ſo ſehr' freiſinnig und liberal gezeigt habe. Ja, ja, ich hab' halt in letzter Zeit ſehr liberal regiert, und darum haben's mich auch Alle ſo ſehr lieb ge⸗ habt.“ War das ein Jubel, als ich die Preßfreiheit und die. Conſtitution gab, und die Volksbewaffnung befahl! Na, ein Glück war's, daß der Fürſt Metter⸗ nich nit mehr bei mir war, der würd's nimmer mehr gelitten haben, daß ich ſolche neue Sachen macht', die er niemals leiden und zugeben wollte. Er würd's auch nit erlaubt haben, daß ich einen allgemeinen Reichstag einberiefe, und die Deputirten von allen Kronſtaaten nach Wien kommen ließe. Aber ich hab's gethan, und mein Volk hat ſich ſo ſehr darüber ge⸗ freut.“Werden das Feſte geben, wenn der Reichstag eröffnet wird! Aber hören's, Frau Kaiſerin, zur Er⸗ öffnung des Reichstages müſſen wir wieder nach Wien gehen, ich hab's verſprochen, daß ich den Reichstag in allerhöchſt eigener Perſon eröffnen will, und ein con⸗ ſtitutioneller Kaiſer muß ſein Wort halten. Nit wahr, Frau Kaiſerin, wir gehen zu der Zeit wieder nach Wien? tiene, ſehr, und Ja, giert, ge⸗ eiheit nehr acht, irds einen 219 Wenn die Geſundheit Eurer Majeſtät es erlaubt, kehren wir natürlich zu der Zeit nach Wien zurück, ſagte die Kaiſerin, und Ew. Majeſtät eröffnen, wie Sie es verſprochen, den Reichsrath. Bis dahin aber wollen wir in Insbruck ein recht ſtilles und behag⸗ liches Leben führen im einfachen Genuß der Natur und im frommen Dienſte Gottes und der heiligen Kirche. Ja gewiß, das wollen wir, ſagte der Kaiſer etwas kleinlaut, mir thun nur halt zuweilen vom vielen Beten die Kniee ſo weh, und ich glaub' halt nit, daß der liebe Herrgott das verlangt, daß man ſo ſehr viel betet. Ich glaub', er nimmt's nit übel, wenn man auch Muſik macht, und das wird wohl die einzige Freud' ſein, die ich in Insbruck haben werd', das Muſikmachen. Die Katharina Cibbini, Ihre liebe Kammerfrau und meine gute, treue Freundin macht doch unſere Spazierfahrt nach Insbruck mit? Nein, Majeſtät, erwiderte die Kaiſerin mit düſte— rer und zürnender Miene, Katharina Cibbini geht nicht mit uns nach Insbruck. Nicht? fragte der Kaiſer erſchrocken. Warum denn nicht? Sie war immer gar gut gegen mich und ſpielt gar ſo gut Clavier und konnt' mir ſo ſchöne 220 Sachen erzählen. Warum nehmen wir ſie denn nicht mit uns, da ſie uns doch ſo treu ergeben iſt? Wir nehmen ſie nicht mit, weil ich fürchte, daß ſie eine Verrätherin iſt, ſagte die Kaiſerin mit unge⸗ wohnter Erregung. Ew. Majeſtät ſehen, daß man in dieſen ſchlimmen und gefährlichen Zeiten Nieman⸗ dem vert rauen, und auf die Treue keines Menſchen rechnen darf. Katharina Cibbini, der wir ſo viel Gutes erzeigt, an die wir ſo viel Wohlthaten ver⸗ ſchwendet haben, Katharina Cibbini war dennoch un⸗ dankbar genug, ſich mit unſern Feinden zu verbünden, und zu conſpiriren mit Ihren Gegnern. Aber ſagen's mir, wer ſind denn meine Feinde? fragte der Kaiſer, und wen nennen's meine Gegner? Diejenigen, welche Alles verhöhnen und verſpotten, was bisher Geſetz und Recht war, das ſind Ihre Feinde. Diejenigen, welche Sie gezwungen haben, ihren unheilvollen Forderungen nachzugeben, und die Krone ihrer heiligſten und unantaſtbarſten Vorrechte zu berauben, das ſind Ihre Gegner. Diejenigen, welche darauf drangen, daß Sie Preßfreiheit und Volksbe⸗ waffnung bewilligten, die es dahin trieben, daß Ew. Majeſtät das fluchwürdige und entſetzliche Wort Con⸗ nicht daß unge⸗ man man⸗ ſchen viel ver⸗ hun⸗ nden, neine neine otten, Ihre aben, d die 221 ſtitution ausſprechen mußten, das ſind ihre ſchlimmſten und gefährlichſten Feinde! Im Gegentheil, das ſind meine beſten Freunde, ſagte der Kaiſer lebhaft, das ſind Diejenigen, die mir zum Guten gerathen haben. Denn ſehen's, ſeit ich das Alles gethan hab', iſt mein Volk glücklich und zufrieden, und vorher war's unglücklich; ſeit ich den Metternich und die ganze Sippſchaft entlaſſen hab', liebt mich mein Volk wieder und ruft mir Vivats, während's vorher gar nix von mir wiſſen wollt'. Aber Ew. Majeſtät ſehen in Ihrer Güte nur den Anfang dieſer Dinge, und das ſieht freilich recht luſtig und glänzend aus. Doch ich fürchte, ja, ich fürchte in tiefſter Seele, daß das Ende deſto düſterer und un⸗ heilsvoller ſein wird, und daß es Ew. Majeſtät bald ſchmerzlich werden zu beklagen haben, daß Sie dem Pöbel und ſeinen Anführern zu viel Macht gegeben. Das wär' halt recht ſchlimm und traurig, ſagte der Kaiſer ſeufzßend, wenn das End' ſo wenig dem Anfang glich! Aber vielleicht kommt's halt nit ſo ſchlimm, und ich glaub's wirklich nit, ich hoff, daß wir noch lange ſo glücklich und zufrieden bleiben, wie wir's jetzt ſein können. Sollt's aber dennoch ſein, na, dann weiß ich ſchon, was ich thun will. Dann ruf' ———Q⏑—— ich mir den Oncle Johann, der mir beiſtehen und mir rathen ſoll, denn der verſteht's, und den hat das ganze Volk lieb, und dem vertrauen's Alle!— Und er hatte Recht, der gute Kaiſer Ferdinand, den Erzherzog Johann, den hatte das ganze Oeſter⸗ reichiſche Volk lieb, und dem vertrauten ſie Alle! Welch' ein Jubel daher in Wien, in ganz Oeſter⸗ reich, als der Kaiſer am ſechszehnten Juni aus Insbruck ein Manifeſt an ſeine Völker erließ, in welchem er ihnen mittheilte, daß er wegen ſeiner fortdauernden Kränk⸗ lichkeit nicht perſönlich zur Eröffnung des Reichstages nach Wien kommen könne, daß er aber ſtatt ſeiner den Erzherzog Johann, ſeinen vielgeliebten Oheim ſenden werde, daß er überhaupt den Erzherzog Johann zu ſeinem Stellvertreter ernannt habe, und daß er ihn bevollmächtige in ſeinem Namen alle Regierungsge⸗ ſchäfte zu leiten. Erzherzog Johann der Stellvertreter des Kaiſers! Das war für ganz Oeſterreich eine ſichere Bürgſchaft, daß es der Regierung Ernſt ſei mit der Erfüllung ihrer Verſprechungen, daß das liberale conſtitutionelle Syſtem in Oeſterreich nun wirklich zur Wahrheit und Wirklichkeit werden ſolle. Welche Vorbereitungen traf man daher in Wien d mir t das nand, eſter⸗ 1 eſter⸗ bruck ihnen rünk⸗ taged einer heim hann J ihn goge⸗ ſersl haft lung nelle und Wien 1 00 zum Empfang des geliebten kaiſerlichen Stellvertreters, mit welchem Eifer bereitete man ſich zu den Feſtlich⸗ keiten vor, mit denen man den Erzherzog Johann em⸗ pfangen wollte! Aber Johann lehnte alle dieſe Feſtlichkeiten, dieſe Empfangsherrlichkeiten ab, und machte es ſich zur ausdrücklichen Bedingung, daß er nach Wien kommen dürfe, ohne den Tag ſeines Kommens irgend Jemand wiſſen zu laſſen. Das Volk war entzückt von dieſem neuen Beweis der einfachen und ſchlichten Güte des Erzherzogs, und erwartete nur deſto ſehnlicher ſein Kommen, um ihm in nicht officiellen und vorbereiteten Feſten, ſondern aus der Fülle ſeiner Liebe heraus ſeine Anhänglichkeit zu beweiſen. Aber Johann hatte das geahnt, und ohne alle Be⸗ gleitung und Dienerſchaft, nur in Geſellſchaft ſeiner Anna, langte er am Abend des vier und zwanzigſten Juni in Wien an. Niemand in der Burg war von ſeiner Ankunft benachrichtigt worden. Die Wachen, die träge und müßig vor dem Portal auf und ab gingen, traten nicht unter's Gewehr, als der einfache Reiſe⸗ wagen, ohne Schmuck und ohne Wappen, ohne Vor⸗ 224 reiter und ohne Livréebedienten auf dem Bock, in den innern Hof einfuhr. Keine Lakayen ſtürzten herbei, um den Schlag zu öffnen, als der Wagen jetzt vor dem Seiten⸗ portal anhielt; nur der Portier kam mit mürriſcher, ſtolzer Miene daher, um zu ſehen wie ein ſo beſchei⸗ denes Fuhrwerk es wagen könne ohne Weiteres in die Hofburg einzufahren, und vor dem Portal anzuhalten, in welchem ſich der Aufgang für die kaiſerlichen Erz⸗ herzöge befand. Der Herr Erzherzog Johann, rief er ganz er⸗ ſchrocken von dem Wagen zurücktretend, Se. kaiſer⸗ liche Hoheit der Herr Erzherzog Johann! Und er öffnete ſchon den Mund, um der Wache zuzuſchreien, daß ſie unter's Gewehr treten ſolle, und die Hoflakayen herbei zu rufen, als Johann aus dem Wagen ſpringend, ihm ſanft die Hand auf die Schulter legte. 1 Laſſen Sie's gut ſein, lieber Martins, ſagte er freundlich. Sie ſehen, ich bin abſichtlich incognito gekommen, und ganz incognito möchte ich nun auch mit meiner Frau in die Burg eintreten. Rufen Sie alſo Niemand, nur tragen Sie Sorge, daß man die von mir bewohnten Zimmer öffne und erleuchte. Sagen Sie Jedermann, daß wir heute ganz ſtill und in den um den Seiten⸗ riſcher, beſchei⸗ in die uhalten, en Erz⸗ unz er⸗ kaiſer⸗ Wache le, und agte er cognito n auch en Sie nn die leuchte. ill und ungeſtört bleiben wollen, morgen kommen die Pack— wagen und die Dienerſchaft, bis dahin aber wollen wir incognito bleiben. Der Portier eilte von dannen, um die Befehle des Erzherzogs auszurichten. Johann aber reichte ſeiner Anna die Hand und war ihr ſorgſam und zärt⸗ lich beim Ausſteigen behülflich. Schau' Dich um, mein Annerle, ſagte er, ihren Arm unter den ſeinen ſchiebend, Du ſtehſt auf der Stelle, wo meine Frau Großmutter, die Maria The⸗ reſia, oft geſtanden hat, wenn ſie, aus dem Wagen geſtiegen, freundlich die Bittſchriften entgegen nahm, welche man ihr von allen Seiten darreichte. Du würdeſt es auch ſo machen, mein Weible, denn Du haſt ein gut und großmüthig Herz, wie die Maria Thereſia, und erbarmſt Dich gern der Unglücklichen. Weil ich glücklich bin, mein Herr Hannes, ſagte ſie zärtlich, und weil ich gern Gott und der Welt meine Dankbarkeit beweiſen möchte. Aber wie kannſt nur die arme Anna Plochl mit der großen Maria Thereſia vergleichen wollen. Verſündigſt Dich, Herr Hannes, und machſt dadurch Deine arme Annerle ganz verſchüchtert und ängſtlich. Nun komm' nur in's Haus, mein Weible, rief Mühlbach, Erzherzog Johann. 4. Abth. III 15 —— 226 der Erzherzog lächelnd. Ich allein will Dich ein⸗ führen in die Burg meiner Väter, und einfach, herz⸗ lich und zärtlich wie wir Zwei immer mitſammen ge⸗ lebt, ſo wollen wir auch in das Kaiſerſchloß ein⸗ ziehen, Du herzliebe Kaiſerin meines Herzens. Ich fürcht' mich, oh ich fürcht' mich, flüſterte Anna, wie ſie jetzt am Arm des Erzherzogs die breite Treppe hinaufgeſchritten war und in den Vorſaal eintrat. Mein' immer, Deine Ahnen werden mit ihren Geiſterhänden mich faſſen, und mich voll Zorn hinausſtoßen aus dem kaiſerlichen Schloß, mein' im⸗ mer zu ſehen, wie der Kaiſer Franzl mit ſeinem böſen, verächtlichen Blick mich anſchaut hinter jeder Säule hervor. Ach, lieb Hannes, laß mich umkehren, laß mich wie ſonſt immer, im Gaſthof logiren. Da haben's mich Alle gern, da ruft mir Alles ein freund⸗ liches Willkommen zu, und es iſt nit ſo öd' und ein⸗ ſam und vornehm wie hier. Laß uns dahin gehen, Hannes, denn hier fürcht' ich mich. Nein, nein, Annerle, ſagte Johann lächelnd, wirſt Dich ſchon gewöhnen an das bischen Pracht und Flitterſtaat, und wirſt's ſchon lernen, darüber hinweg zu ſchauen und es nicht zu fürchten. Und glaub' mir nur, wenn meine Ahnen uns wirkich zuſchauen und lüſterte breite vorſaal n mit Zorn u im⸗ ſeinem jeder kehren, inweg mir und 227 uns hier wandeln ſehen, ſo werden ſie ſegnend ihre Hände über Dich ausbreiten und werden ſagen:„nun, da ſchauen wir doch Einmal etwas gar Köſtliches und Seltenes. Ein Kaiſerſohn, der glücklich und zufrieden iſt, wie irgend ein anderes gewöhnliches Menſchenkind. Sei geſegnet, Du fromm und lieblich Weib, das ſich nit gefürchtet, einen armen Erzherzog zu heirathen, um Seinetwillen gar manche Demüthigung und manchen Spott ertragen hat, und doch ſtandhaft und freudig geblieben iſt in Liebe und Treue!“ Und der Kaiſer Franz, mein Herr Bruder, der ſollt' Dich immer noch anſchauen mit ſeinem böſen und verächtlichen Blick? Nein, meine Geliebte, wenn es ihnen gegeben iſt, zu ſchauen, was auf Erden geſchieht, und wenn die ſeligen Geiſter Reue und Bedauern empfinden können, ſo wird er Beides empfinden, wenn er Dich, und wenn er ganz Oeſterreich anſchauet. Er war es, der böſe Saat geſäet hat, und ſeine Nachfolger müſſen ſie jetzt erndten. In unſern Herzen aber iſt ſie nicht aufgegangen, die böſe Saat, und wir wollen nicht ge— denken, was er mir Leids gethan, denn die böſen Tage ſind vorübergegangen, aber die guten ſind geblieben, und für alle Schmerzen meiner Jugend habe ich bei Dir 50 5 f 1 treus D Heilung und Balſam gefunden, Du treues und Du 15* 228 ſtarkes Herz. Und ſo, indem ich Dich jetzt zum erſten Mal einführe in die Burg meiner Väter, rufe ich dem Geiſte meines Bruders Franz aus ganzer Seele zu:„ich vergebe Dir, ich liebe Dich, denn Du biſt der Sohn meines Vaters! Dein Haß iſt mit Dir geſtorben, meine Liebe iſt aber lebendig geblieben, und die grüßt Dich über das Grab hinaus, Bruder Franz.“ Und ſieh, mein geliebtes Weib, da ſind wir gerade in meinem kleinen Empfangsſaal angelangt. Das war früher der Empfangsſaal meines Vaters, des Kaiſers Leopold, und das große Portrait da in der Mitte über dem Divan, das iſt das Portrait meines Vaters, ihm zur Seite rechts und links hängen die Bilder von Maria Thereſia und Kaiſer Joſeph, und da kommt das Portrait des Kaiſers Franz. Du ſiehſt, wir be⸗ finden uns inmitten meiner Ahnen, und ſo gieb mir denn Deine Hand, daß ich Dich ihnen präſentire. Ach Gott, lieb Hannes, flüſterte Anna ſchüchtern, indem ſie leiſe und verſchämt dem Erzherzog ihre Hand darreichte, ich werd's nimmer wagen, die Augen zu der Maria Thereſia zu erheben, und der Kaiſer Franz, der macht mir halt noch im Bild eine erſchreckliche Angſt. So ſchaue denn hin auf den lieben und großen Kaiſer Joſeph, Du verſchüchtert Weible, ſagte Johann Di freundlich, ſchaue auf zu ihm, Frau Annerle, und Du wirſt Ruhe und Kraft aus ſeinen großen blauen Au⸗ gen ſchöpfen. Sieh, mein theurer Oncle Joſeph, ſieh, da bringe ich Dir mein Weib, die Mutter meines Sohnes, die Gattin, die Mariandl*) meines Herzens. Glücklicher wie Du, mein großer Oheim, habe ich mein Mariandl in meinen Armen mir gerettet gegen die Feindſchaft der Welt und hab' in ihrem Herzen einen Hafen gefunden gegen alle Stürme und alles Ungemach des Lebens. Segne Du nun ihren Einzug in das Kaiſerhaus und heiße ſie willkommen, denn wenn ſie auch keine Fürſtentochter iſt, ſo iſt ſie doch ein liebliches Kind Gottes und ein königliches Frauen⸗ herz ſchlägt in ihrer Bruſt. Du weißt es aber, mein großer Ahnherr, daß ſolche königliche Herzen nicht des Purpurs bedürfen und des Stammbaums, und daß die Krone ihrer Liebe herrlicher ihr Antlitz überſtrahlt, als alle Erdenkronen. Und nun, ihr lieben und großen Ahnen alle, nun ſchaut ſie an, mein Annerle, und grüßt mir gnädig das liebe Weib, das mich ſo glück⸗ lich macht, und gebt mir Euren Segen, wie ſie mich geſegnet hat mit ihrer Liebe. )Siehe: Kaiſer Joſeph und ſein Hof. Von L. Mühlbach Erſte Abtheilung. Band IV. — 2 30 Und gebt ihm Euren Segen, weil er gar ein ſo herrlicher und prächtiger Mann iſt, rief Anna begei⸗ ſtert, indem ſie ihr von Thränen überfluthetes Ange⸗ ſicht und ihre gefaltenen Hände zu den Kaiſerbildern emporhob. Gebt dem theuren und geliebten Erzherzog Johann Euren Segen auch zu den ſchweren und kum⸗ mervollen Tagen, die ihm jetzt bevorſtehen, und zu dem großen Werk, das der Kaiſer in ſeine Hand ge⸗ legt. Ach, ich fürcht' mich ſo ſehr, daß ihm ein Leids geſchehen könnt' von dem wilden und aufgeregten Volk, und ich bitt' Euch, beſchützt mir den lieben Herrn Hannes, nit weil er mich ſo glücklich macht, ſondern weil er das Volk ſo ſehr liebt und den Ar⸗ men, Bedrängten und Unglücklichen immer ein Tröſter und Helfer iſt. Ein mächtiger Accord, von kräftigen, edlen Män⸗ nerſtimmen geſungen, tönte auf einmal von unten herauf zu den Fenſtern empor und machte Frau Anna verſtummen, zugleich erſchien in der Thür des Saals der Portier der Burg mit hochrothem Geſicht und demüthiger Miene. Ich bitt' Ew. kaiſerliche Hoheit um Verzeihung, flehte er, aber ich bin nicht ſchuldig an dem, was ge⸗ ſchieht. Es ſcheint, die Leute haben den ganzen Tag ein ſo begei⸗ Ange⸗ wildern herzog kum⸗ nd zu d g e⸗ Leids regten lieben nacht, 1 Ar⸗ röſter Män⸗ unten Anna Zaals und um die Hofburg herumgelauert auf die Ankunft Eurer kaiſerlichen Hoheit, und ſie haben's gleich gewittert, daß der Wagen, der vorhin in die Burg einfuhr, den Herrn Erzherzog gebracht hat. So ſind ſie denn ohne Weiteres wohl ihrer hundert Mann in den Hof ge⸗ rückt und ſagen, ſie wären ein Sängerbund und wollten Ew. kaiſerlichen Hoheit ein Willkommenlied ſingen. Ach, Hannes, rief Anna, froh in die Hände klat⸗ ſchend, ach, Hannes, hör' nur, ſie ſingen ja halt mein Lieblingslied. Johann winkte mit einem freundlichen Lächeln dem Portier zu, ſich zu entfernen, dann legte er mit in— niger Zärtlichkeit ſeinen Arm um Anna's Nacken, und ſeine Wange an ihr Haupt gelehnt, lauſchte er auf das Lied, das jetzt in vollen jubelnden Accorden zu ihm emporrauſchte, daſſelbe Lied, welches die lieben Steyermärker ihm damals geſungen, als er zu Ehren ſeines eben vollendeten Hauſes, das er ſich auferbaut „als ein Haus der Ruhe, der thätigen Zurückgezogen⸗ heit“*), dort oben auf dem Brandhof ein Feſt gegeben. Frau Anna lauſchte, die beiden Arme feſt um die *) Siehe: Erzherzog Johann und ſeine Zeit. Von L. Mühl bach. Dritte Abtheilung. S. 40. Geſtalt ihres„lieben Herrn“ geſchlungen, mit einem entzückten Lächeln auf jedes Wort dieſes Liedes, das in ſo vielſtimmigem, herrlichem Chor zu ihnen herauf⸗ tönte und mit ſeinen ſchlichten Worten und ſeiner einfachen Melodie gar ſeltſam contraſtirte zu dem glänzenden Saal, in dem es wiederhallte, und zu den ernſten, ſtolzen Kaiſerbildern, welche von den mächtigen Tonwellen, die zu ihnen heranrauſchten, in ihren gol⸗ denen Rahmen erzitterten. Und auf einmal, hinge⸗ riſſen von ihrer eigenen tiefen Bewegung, von Liebe und Freude, ſtimmte Frau Anna mit ein in das Lied der Sänger da drunten, und mit jubelnder Stimme begann ſie zu ſingen: Wer lauſchet dort am Felſenhang Dem ſilberreinen Alpenſang? Das iſt ein deutſcher Mann, Iſt unſer Prinz Johann. Er liebt mit uns auch unſer Singen, Und dankbar ſoll's nach Tag und Jahr Durch Berg und Thäler wiederklingen, Was uns Johann von Oeſt'reich war. Nun, meine luſtige Lerch', ſagte Johann lachend, als ſie geendet, nun biſt wieder Du ſelbſt geworden, und meine lieben Ahnen hier werden jetzt wiſſen, wie einem das erauf⸗ ſeiner dem u den htigen gol⸗ hinge⸗ Liebe Lied timme ſie mit Dir dran ſind und was es auf ſich hat mit Deiner Schüchternheit. Ach, lieb Hannes, rief Anna freudig, hör' nur, ſie bringen Dir ein Vivat, ſie rufen: es lebe der deutſche Mann! Es lebe der Prinz Johann! Ja, Ihr lieben, herrlichen Leut' da unten, Vivat hoch, es lebe der Prinz Johann! XI. Der Reichsverweſer. Vivat hoch, es lebe der Prinz Johann! Es lebe der deutſche Mann! ſchrie und jauchzte, brüllte und ſang am andern Tage ganz Wien, und aus allen Ständen der Bevölkerung kamen Deputationen nach der Hofburg, um in ernſten und feierlichen, in ge⸗ müthvollen und ſinnigen Reden den Erzherzog ihrer Liebe und Anhänglichkeit, ihrer Treue und Ergebenheit zu verſichern. Erzherzog Johann empfing ſie Alle mit der ihm eigenen Leutſeligkeit und Freundlichkeit, er verſicherte Allen, daß es der Regierung wahrhafter Ernſt ſei, die freiſinnigen Inſtitutionen, welche ſie zugeſagt, in's Leben treten zu laſſen, er beruhigte die Zweifelnden, indem er ihnen ſagte, daß eine Reaction, ein Abweichen nden, eichen von dem einmal eingeſchlagenen Wege„eine Unmög⸗ lichkeit“ ſei, und daß er nie zu derſelben die Hand bieten werde, er rief in einer Proclamation, die er an das ganze Volk richtete, ihm zu:„Ich will den innerſten und aufrichtigſten Willen des Kaiſers erfül⸗ len, der dahin gerichtet iſt, die den öſterreichiſchen Völkern gewährten Freiheiten und Rechte ſtreng und gewiſſenhaft zu wahren, und in allen Fällen, wo das kaiſerliche Wort entſcheiden ſoll, den Geiſt der Gerech⸗ tigkeit und Milde feſtzuhalten.“ Das Volk jauchzte dieſen Zuſicherungen mit lieben⸗ dem Vertrauen entgegen, es pries den Erzherzog als ſeinen Hort und ſeine Zuflucht, es machte ihn zu dem Kaiſer ſeines Herzens und erzeigte ihm aus freiwilli⸗ gem Liebesdrang überall kaiſerliche Ehren. Acht Tage waren ſo verfloſſen ſeit der Ankunft des kaiſerlichen Stellvertreters in Wien, acht Tage der Aufregungen, der Feſtlichkeiten und der Arbeiten, wel⸗ chen letzteren der Erzherzog mit tiefem Ernſt und regem Eifer ſich hingab. Es galt, ein neues Oeſter⸗ reich zu geſtalten, neue Inſtitutionen einzuführen, neue Geſetze zu erlaſſen und zur Durchführung derſelben ſich neue Miniſter zu erwählen. Denn mit der alten Zeit, welche man abgethan, hatte man auch die alten — — —= 1 236 Männer und Beamten, die ihr gedient, bei Seite ge⸗ ſchoben und abgethan, und man mußte nun für die neue Zeit auch neue Männer ſuchen, welche ſie verſtan⸗ den und zu ihrem Dienſt befähigt waren. Erzherzog Ludwig und Graf Kollowrat waren ſchon in den Märztagen von ihrer Wirkſamkeit zurückgetreten und hatten ihre Stellen in die Hände des Kaiſers nieder⸗ gelegt; aber das Miniſterium Pillersdorf, welches ihm folgte, fand nur wenig Vertrauen bei dem Volk, und ſeine halben Maßregeln, ſein Schwanken, bald zur Reaction, bald zur Demokratie war wenig geeignet, ihm daſſelbe zu gewinnen und den unruhigen aufge⸗ regten Maſſen Reſpect einzuflößen. Täglich gab es daher Ruheſtörungen, Aufläufe, Zuſammenrottungen, täglich hatte der Erzherzog zu beſchwichtigen, zu ver⸗ ſöhnen, Frieden zu ſtiften und Mißtrauen zu be⸗ kämpfen. Aber er that es mit freudigem Muth und heiligem Ernſt, er arbeitete mit jugendlichem Eifer ganze Nächte hindurch, er verſenkte ſich mit ganzer Seele in die neuen großen Pflichten, welche er übernommen und denen er ſeine ganze Liebe und Thatkraft hingab. Acht Tage, wie geſagt, waren vergangen, ſeit der Erzherzog in Wien eingetroffen war, er ſaß vor dem te ge⸗ ir die rſtan⸗ herzog den und ieder⸗ ihm „und zur ignet, ufge⸗ b es ngen, ver⸗ 1 be⸗ ligem Schreibtiſch in ſeinem Cabinet und war eifrig damit beſchäftigt, ganze Stöße von Actenſtücken durchzuſehen und zu unterzeichnen, als ſein Kammerdiener eintrat und dem Erzherzog ein großes verſiegeltes Schreiben überreichte. Woher kommt's und von wem? fragte Johann, noch halb beſchäftigt mit dem, was er eben geleſen. Kaiſerliche Hoheit, die Depeſche kommt vom Tele⸗ graphenamt, und der Beamte, der ſie gebracht, ſagt, es ſei eine ſehr wichtige Depeſche aus Frankfurt am Main, die ich nur in die Hände Eurer kaiſerlichen Hoheit ſelber niederlegen dürfte. Eine Depeſche aus Frankfurt am Main, ſagte der Erzherzog, als er wieder allein war, ſinnend zu ſich ſelbſt, indem er das Couvert betrachtete, das er noch immer uneröffnet in ſeiner Hand hielt. Aus Frank⸗ furt am Main, wo jetzt die deutſche Reichsverſamm⸗ lung tagt und wo ſie in dieſen Tagen ſich damit be⸗ ſchäftigen wollten, dem deutſchen Reiche, das ſie da conſtituiren wollen, vor allen Dingen ein Oberhaupt zu wählen. Herr Gott im Himmel, ſie werden doch nicht gar— Er ſagte nichts weiter, ſondern riß mit haſtigen, zitternden Händen das Couvert auf, ſchlug das Papier 238 auseinander und las. Ein Schrei ertönte von ſeinen Lippen, eine tiefe Bläſſe zog über ſeine Wangen hin, und die Hand, welche das Papier hielt, ſank wie er⸗ ſchlafft auf den Tiſch nieder. Aber dennoch waren die Augen des Erzherzogs wie bezaubert immerfort auf das Papier gerichtet und allgemach belebte ſich ſein Antlitz, nahmen ſeine Wan⸗ gen wieder ihre Friſche an und ein Ausdruck der Freude flog über ſeine Züge hin. Mit lauter, ſtarker Stimme, als ſollten die Wände und das Bild des Kaiſers Joſeph da drüben über dem Divan es hören, mit lauter Stimme las der Erzherzog jetzt:„Am neunundzwanzigſten Juni um zwei ein halb Uhr wurde Erzherzog Johann von Oeſterreich von der Reichsverſammlung in Frankfurt mit vierhundert und ſechsunddreißig Stimmen zum Reichsverweſer Deutſchlands erwählt.“ Mich haben ſie gewählt, ſagte Johann ſinnend, ich ſoll Reichsverweſer Deutſchlands werden! Ich ſoll nun doch am Ende eines langen entſagungsvollen Lebens eine Krone tragen und mir vor der Welt Ruhm und Ehre erwerben. Wie wunderlich doch die Geſchicke der Menſchen ſich wenden. Als ich noch jung und ehrgeizig war und Jahre meines Lebens ſeinen hin, ie er⸗ rzogs t und Wan⸗ reude dände über der um darum gegeben hätte, mir Ruhm und Wirkſamkeit zu erwerben, da mußte ich mich darauf beſchränken, ein Landwirth und Jäger zu ſein, den Acker zu bauen und Gemſen zu ſchießen; und jetzt, da ich alt bin und ruhen möchte, jetzt ruft mich die Welt und zieht mich hinein in ihre wirbelnden Kreiſe und will aus dem Landwirth und dem Jäger einen regierenden Herrn machen. Er ſtand auf und ging in tiefer Erregung haſtig auf und ab. Auf einmal flog ein Lächeln über ſein Angeſicht hin. Oh, mein Herr Bruder Franz, rief er laut, wenn Du das hätteſt erleben müſſen, wie gren⸗ zenlos würde Dein Zorn geweſen ſein. Haſt mich zweimal in ſchlimmem Verdacht gehabt, und zwei Kro⸗ nen von unbekannten Ländern ſetzten meine Verleum⸗ der mir auf mein Haupt, die Krone von Rhätien und die Krone des noriſchen Herzogthums. Nun und jetzt bietet man mir auch eine Krone, und es iſt auch ein unbekanntes Land, dem ſie gehört. Denn wo liegt das Deutſchland, deſſen Reichsverweſer ich ſein, und wo iſt der Thron, den ich beſteigen ſoll? Er liegt noch in der Paulskirche in Frankfurt, und die Krone, die ich tragen ſoll, gehört noch in's glanzvolle Reich Aber s iſt ein ſchöner Traum, wohl der Träume. Ꝙ — — 240 werth, daß man ſich ihm hingebe mit ganzer Seele, und daß man ſein Leben und ſeine Ruhe daran wage, ihn zur Wirklichkeit zu machen. Haſt ihn auch geträumt, fuhr er fort, indem er vor dem Bilde des Kaiſers Joſeph ſtehen blieb und ihm mit liebevollem Blicke zunickte, ja, haſt ihn auch geträumt, dieſen Traum vom großen einigen Deutſch⸗ land, an deſſen Spitze Du Dich ſtellen, das Du zu⸗ ſammenfaſſen wollteſt in der Hand des deutſchen Kai⸗ ſers.„Oeſterreich ſoll aufgehen in Deutſchland, und Deutſchland ſoll aufgehen in Oeſterreich,“ ſo haſt Du geſagt,„die deutſchen Fürſten müſſen wieder die gehor⸗ ſamen Vaſallen ſein ihres Kaiſers, damit das herr⸗ lichſte Land Europa's auch wieder das mächtigſte werde, beherrſcht von Einem Willen und ſtark daher und unüberwindlich durch ſeine concentrirte Kraft und Macht.“ Das war's, mein großer Oheim, wozu Du Deutſchland erheben wollteſt, und werde ich denn nun erreichen können, woran Du geſcheitert biſt? Werde ich die Kraft haben, das zerſtückelte deutſche Reich zu einigen und die deutſchen Fürſten zu demüthigen unter den Willen eines gemeinſamen Oberhauptes? Ach, meine Seele erbebt vor Schrecken über die Größe dieſer Frage, auf die ſie keine Antwort zu geben wagt, an wage, ndem er ieb und in auch Deutſch⸗ Du zu⸗ zen Kgi⸗ d, und gaſt Du e gehor⸗ s herr⸗ ächtigſte k daher gft und ozu Du enn nun 241 und dennoch erfüllt ſie mich mit Luſt und Wonne, und dennoch leuchtet mir das Ziel ſo göttlich ſchön und ruhmesſtrahlend entgegen, daß ich mein Auge nicht von ihm abwenden kann, daß es mich todes— muthig macht, Alles zu wagen, um Alles zu gewinnen! Aber wenn ich ſtatt deſſen nur Alles verlieren ſollte? Wenn ich mit meinem Wagniß ſcheitern und zu Grunde gehen ſollte? Oh, ſage Du mir, mein großer Oheim, ſage Du mir, was ich thun ſoll! Senke einen Strahl Deines Geiſtes in meine Seele und künde mir Deinen Willen. Er hatte die Hände gefaltet und ſchaute andachts⸗ voll und tiefbewegt zu dem Bilde Joſeph's empor. Tiefe Stille umgab ihn, kein Laut unterbrach das feierliche Schweigen, in welchem der Erzherzog mit kindlich frommem und andächtigem Herzen immer noch die Antwort ſeines großen Oheims, des Kaiſers Joſeph, erwartete. Plötzlich ward dieſe Stille durch einen donnernden Jubelruf unterbrochen und dann tönte es mit mäch— tigen Accorden, mit lautem Jubelſang von der Straße herauf: Was iſt des Deutſchen Vaterland? Iſt's Preußenland, iſt's Schwabenland? Mühlbach, Erzherzog Johann. 4. Abth. 16 242 Iſt's wo am Belt die Möve zieht? Iſt's wo am Rhein die Rebe glüht? Oh nein, oh nein, Sein Vaterland muß größer ſein! Der Erzherzog ſtand noch immer mit gefaltenen Händen und lauſchte auf das Lied und blickte mit von Thränen umdüſterten Augen zu dem Bilde des Kaiſers empor, und dann, begeiſtert von den Worten, die wie von unſichtbaren Geiſterſtimmen geſungen zu ihm empordrangen, begann er mitzuſingen, erſt leiſe und ſchüchtern, und dann aber, wie das Lied die Ant⸗ wort gab auf die große Frage nach dem deutſchen Land, dann hob ſich auch die Stimme des Erzherzogs zu volleren Klängen empor und laut und energiſch ſtimmte er ein in das Lied: Was iſt des Deutſchen Vaterland? So nenne endlich mir das Land! So weit die deutſche Zunge klingt Und Gott im Himmel Lieder ſind, Das ſoll es ſein! Das, wackrer Deutſcher, nenne Dein! Das iſt des Deutſchen Vaterland, Wo Eide ſchwört der Druck der Hand, Wo Treue hell vom Auge blitzt Und Liebe warm im Herzen ſitzt, Das ſoll es ſein! Das, wackrer Deutſcher, nenne Dein! altenen te mit de des Vorten, gen zu ſt leiſe te Ant⸗ utſchen eerzogs rergiſch 243 Das iſt des Deutſchen Vaterland, Wo Zorn vertilgt den welſchen Tand, Wo jeder Franzmann heißet Feind, Wo jeder Deutſche heißet Freund! Das ſoll es ſein! Das ganze Deutſchland ſoll es ſein! Das ganze Deutſchland ſoll es ſein! Oh Gott vom Himmel, ſieh darein! Und gieb uns rechten deutſchen Muth, Daß wir es lieben treu und gut. Das ſoll es ſein! Das ganze Deutſchland ſoll es ſein! Und gieb uns rechten deutſchen Muth, daß wir es lieben treu und gut! wiederholte Erzherzog Johann mit lauter inbrünſtiger Stimme, als die Sänger da unten jetzt verſtummten. Ich danke Dir, Joſeph, Du haſt mir Antwort gegeben auf meine Frage, Du haſt mir geſagt, was ich thun ſoll. Ja, ich will rechten deutſchen Muth haben, ich will Deutſchland lieben treu und gut, und wenn es mich brauchen kann zu dem heiligen Werk ſeiner Einigung— wohlan, ich bin bereit! Er hob ſeine Arme zu dem Bilde des Kaiſers empor und neigte in ſtillem Gebet ſein Haupt. Vivat hoch! Es lebe der deutſche Reichsverweſer 16* — 244 Erzherzog Johann! jubelte es von der Straße herauf aus tauſend und tauſend Kehlen. Johann hob ſein Antlitz empor und ein glückliches Lächeln überſtrahlte daſſelbe. Mit haſtigen Schritten durcheilte er das Gemach, ſtieß die großen Glasthüren auf und trat auf den Balcon. Ein unermeßlicher Jubel empfing ihn bei ſeinem Erſcheinen. Der ganze innere Hofraum war ange⸗ füllt von Studenten, die mit ihren deutſchen Fahnen und mit ihren verſchiedenen Abzeichen, Bannern und Coſtümen einen gar prächtigen Anblick darboten. Früher noch als der Erzherzog ſelber jene Depeſche empfangen, war eine Depeſche deſſelben Inhalts an die Univerſität und„die Aula“ in Wien gelangt; ſie war gerade in der Aula eingetroffen, als die ganze Studentenſchaft dort verſammelt geweſen zu einer ge⸗ meinſamen Berathung, und von demſelben Impuls getrieben, hatten Alle ſich erhoben, hatten Alle wie aus Einem Munde gerufen: zum Erzherzog Johann! Wir müſſen ihn bitten, daß er die Wahl annimmt! Wir wollen ihm das deutſche Lied ſingen und ihn mahnen, daß er ſich faßt als ein deutſcher Mann. Erzherzog Johann hatte dieſe Mahnung vernom⸗ men, und wie er jetzt auf dem Balcon erſchien, da 45 herauf fühlte und wußte Jeder, da las es Jeder auf ſeinem leuchtenden Angeſicht, in ſeinen ſtrahlenden Augen, daß ickiches er den Ruf des deutſchen Volkes angenommen, daß critten er bereit ſei, demſelben zu folgen. Ein einziger Freu⸗ Sthüren denſchrei ertönte, und jubelnd ſanken die Jünglinge einander in die Arme, umſchlangen ſich als deutſche ſeinem Brüder und weinten, Herz an Herz gedrückt, Thränen ange⸗ des reinſten Entzückens, der patriotiſchen Freude. Fahnen Und das deutſche Lied, welches an dieſem Tage in und die Studenten als erſten Gruß dem erwählten Reichs⸗ aoboten. verweſer geſungen, das deutſche Lied ſang und jubelte Hdepeſche am andern Tage die ganze Bevölkerung von Wien alts an dem blumenbekränzten Dampfboot entgegen, das von gt; ſie Linz daher kam und unter dem unermeßlichen Jauchzen g des dichtgedrängten Volkes an der Landungsbrücke in ner ge⸗ Nußdorf anlegte. Impuls Auf dieſem Dampfſchiff befand ſich die Deputation, lle wie welche das Frankfurter Parlament abgeſandt, um im ohann! Namen der deutſchen National⸗Verſammlung dem Erz⸗ nimmt! herzog Johann die auf ihn gefallene Wahl zu verkün⸗ nd ihn den und ihn aufzufordern, das Amt eines deutſchen na Reichsverweſers anzunehmen. 1 ernon⸗ Die Miniſter, der Magiſtrat von Wien, der Ge⸗ neralſtab der Nationalgarde, Mitglieder der Univerſi⸗ 246 tätslegionen empfingen die Deputirten am Landungs⸗ platz, und unter dem Donner der Geſchütze, unter dem Geläute aller Glocken der Thürme Wiens, unter dem unermeßlichen Zujauchzen der Bevölkerung, die ſich in unüberſehbaren Schaaren in allen Straßen drängte, fuhren die Deputirten in ſieben glänzenden Hofequi⸗ pagen nach der Burg hin, wo Erzherzog Johann ſie im großen Empfangsſaal, umgeben von den Geſand⸗ ten aller deutſchen Staaten, empfing und ihre feierliche Anwerbung entgegennahm. Ja, eine feierliche Anwerbung war es, welche Ger⸗ mania durch den Mund ihrer Vertreter dem edlen deutſchen Fürſten ſandte. Vermählen wollte ſie ſich ihm in Liebe und Vertrauen, ihre Zukunftsgeſchicke wollte ſie in ſeine Hand legen, ihren Ruhm, ihre Größe und Selbſtſtändigkeit wollte ſie empfangen von dem Herrn und Gebieter, dem ſie freiwillig ſich erge⸗ ben und unterordnen wollte in Liebe und Vertrauen. Germania, Du ewig junge, ewig ſchöne Germania, Du träumteſt einen ſchönen Traum, und von den Gluthen Deiner eigenen Begeiſterung umleuchtet ver⸗ wechſelteſt Du das Morgenroth Deiner eigenen Ju⸗ gend mit dem Abendroth des Alters, das die Stirn des Erzherzogs Johann umſtrahlte. Du ſchauteſt N 247 ngs⸗ liebeträumend auf ſeine Vergangenheit, und weil die dem ſchön und edel, tugendhaft und gut war, wollteſt Du dem von ihm Dir Deine Zukunft geſtalten laſſen. Und in bedachteſt nicht, daß es eines ſtarken Armes und einer gte rieſigen Jugendkraft bedürfte, um zu einigen und zu⸗ zui⸗ ſammen zu halten, was ewig in Sonderintereſſen ringt ſie und ſich ſpaltet. Bedachteſt nicht, daß zum kräftigen nd⸗ Handeln, zum energiſchen Wollen Du einen Ma nn iche Dir wählen müßteſt, einen Ritter, einen Helden, nicht einen ſiebenzigjährigen Greis, wie edel auch ſein Wol⸗ jer⸗ len, wie redlich ſeine Abſicht. dlen Es iſt der Fluch des Menſchengeiſtes, daß er ge— ich bannt iſt in eine Hülle, die altert und vergeht, daß dieſe ich Hülle im Stande iſt, die Schwingen des Geiſtes zu hre lähmen, mit jedem Jahr die Schwungfedern ihm her⸗ von auszuzupfen, damit er lahm und matt in dem Ge— fängniß ſeines Körpers miterlahme. Erzherzog Johann brachte mindeſtens Germaniens nin Brautwerbung einen reinen Willen und ein ehrliches der Vertrauen dar.„Ich bin bereit, dem gemeinſamen Vaterlande in meinem vorgerückten Alter meine letzten zu Kräfte zu weihen,“ ſagte er in ſeiner Erwiederungs⸗ . rede zu den Deputirten der deutſchen National⸗Ver⸗ 6ſ ſammlung.„Ich habe keinen andern Ehrgeiz, als dem 248 Vaterlande nützlich zu ſein. Möge mir Gott dazu die Kraft verleihen. Er hatte ihn alſo angenommen den Ruf Germa⸗ nia's, er nahm die Hand, die ſie ihm bot und ward der deutſche Reichsverweſer. Ganz Wien jauchzte auf vor Wonne und Entzücken, deutſche Fahnen flatterten überall, das Lied vom deutſchen Vaterlande rauſchte über alle Thürme und durch alle Straßen, und zum erſten Male war den Wienern, was hinter Oeſterreichs Grenzen lag, nicht mehr das„Deutſchland da draußen“, ſondern das gemeinſame Vaterland. Und das gemeinſame deutſche Vaterland, es jubelte dem Erzherzog Johann entgegen, als er am elften Juli ſeinen Einzug hielt in Frankfurt am Main, als der deutſche Reichsverweſer kam, um den Repräſen⸗ tanten ſeiner Braut in der Paulskirche ewige Treue zu ſchwören. Ganz Frankfurt glich bei dieſem Einzug von Ger⸗ mania's Bräutigam einem einzigen großen, feſtlich ge⸗ ſchmückten Hochzeitsſaale. Eine jubelnde Menge um⸗ ringte ſeinen ſechsſpännigen offenen Wagen, an allen Fenſtern und auf allen Balconen ſtanden reichgeſchmückte Frauen und Jungfrauen und grüßten den Erzherzog mit ſtrahlendem Lächeln und glänzenden Augen, und 249 ſtreueten Blumen und Kränze auf ſeinen Weg. Von allen Häuſern wehten deutſche Fahnen und auf das deutſche Reichsbanner legte der deutſche Reichsverweſer ſeine Hand, als er am andern Tage in der Pauls⸗ kirche den Vertretern Deutſchlands ſchwur:„Indem ich das Amt eines Reichsverweſers antrete, wiederhole ich die Erklärung, daß ich das Geſetz halten und es halten laſſen will zum Ruhme und zur Wohlfahrt des deutſchen Vaterlandes.“ Das geſchah am zwölften Juli des Jahres 1848, an demſelben Tage, an welchem vor zweiundvierzig Jahren ſechszehn deutſche Fürſten in Paris die Acte unterzeichneten, durch welche ſie ſich losſagten von Deutſchland und mit Napoleon, dem Kaiſer der Fran⸗ zoſen, den ſogenannten deutſchen Rheinbund ſtifteten, der des deutſchen Reiches Einheit auflöſte. Das geſchah am zwölften Juli des Jahres 1848, an demſelben Tage, an welchem der deutſche Bundes⸗ tag ſeine letzte Sitzung hielt, um feierlich ſeine eigene Auflöſung zu erklären und— wie man damals meinte — für immer auseinander zu gehen! XII. Das Liebesopfer. Ich habe Ihren Brief erhalten, und da bin ich, ſagte Maſter Louis, indem er in den Salon eintrat, in welchem Felicia ſeiner harrte. Sie reichte ihm ihre Hand dar und ſchaute mit einem tiefen forſchenden Blick in ſein Angeſicht. Wir haben uns lange nicht geſehen, mein Freund, ſagte ſie traurig, und ich leſe auf Ihrem Antlitz, daß Sie in dieſer Zeit viel gelitten haben. Und Sie? fragte er zurück. Auch Sie haben ge⸗ litten, meine theure Freundin, ich ſehe das an Ihren bleichen Wangen, an dem trüben Blick Ihrer ſonſt ſo glanzvollen Augen.. Oh nein, nein, rief ſie heftig. Ich habe nicht ge⸗ litten, ich will nicht leiden. Wenn meine Wangen d0 &◻☛ — bleich ſind, ſo werde ich Roth auflegen, wenn mein Blick trübe iſt, ſo werde ich mich von nun an zwin⸗ gen, ihn heiter ſein zu laſſen. Arme, geliebte Felicia, ſeufzte Louis, Sie wollen alſo die Menſchen Ihren Kummer nicht ſehen laſſen. Dann muß Ihr Leiden bitterer Art ſein, denn der geheiligte und berechtigte Schmerz darf ja das Auge der Welt nicht ſcheuen, er darf ſich ſtolz und frei unter Gottes Himmel ſtellen, denn von dort ward er ihm geſandt. Ich kenne dieſe Qualen des geheimen und verborgenen Kummers, den man Niemand ahnen läßt. Aber Sie, Felicia, warum mußten auch Sie ihn kennen lernen? Warum? fragte ſie. Weil ich vielleicht die Kraft der Liebe habe, um ihn zu überwinden, weil Gott mir ein ſtarkes Herz gegeben, damit ich es bewähre. Und Sie wollen mich Theil nehmen laſſen an Ihrem Kummer? fragte er ſanft. Wir waren überein gekommen, daß, wenn Sie mein bedürften, Sie mich zu ſich rufen wollten. An jedem Tage bin ich zur Poſt gegangen und habe gefragt nach Briefen für Maſter Louis. Heute zum erſten Male übergab man mir einen Brief für ihn, und Gott weiß es, ich habe mich deſſen nicht gefreut, er war mir nicht die Taube mit dem Oelblatt, ſondern der Unheil krächzende Rabe, und ich weinte, als ich ihn empfing. Sie ſollen nicht über mich weinen, mein Freund, ſagte ſie ſanft. Ich bin nicht unglücklich, und wenn der Kummer auch an mich herangetreten iſt, ſo darf ich ſagen, daß ich ihn faſt ſchon überwunden habe. Mein Freund, ich habe Sie gerufen, weil ich Ihrer bedarf, weil Sie mir helfen ſollen, ein großes Liebes⸗ werk zu vollführen. Aber damit ich weiß, ob Sie es können und wollen, müſſen Sie mir ſchwören, der ganzen Wahrheit gemäß eine Frage beantworten zu wollen, die ich an Sie richten will. Ich ſchwöre es bei Gott und meiner Ehre, daß ich die Frage, die Sie an mich richten werden, der ganzen und lautern Wahrheit gemäß beantworten will. Nun hören Sie meine Frage: lieben Sie mich noch immer? Arme Felicia! In dieſer Frage liegt das Geheim⸗ niß Ihres Kummers! Sie glauben nicht mehr an die Ewigkeit der Liebe. Ich aber, Felicia, ich will Sie lehren, daß es doch eine ewige, unſterbliche, un⸗ vergängliche Liebe giebt, denn ich empfinde ſie! Ja, Felicia, laſſen Sie mich Ihre Frage beantworten: ich liebe Sie! d0 ◻☛ Se Und wünſchen noch, daß ich Ihnen meine Hand gebe? Wünſchen es, obwohl Sie wiſſen, daß ich, ſo lang ich lebe und meines Empfindens mir bewußt 45 einen andern Mann geliebt habe? Wenn Felicia trotz dieſer andern Liebe, welche ſie ſo lange in ihrem reinen, unſchuldsvollen Herzen ge⸗ tragen, dennoch mir ihre Hand reichte, ſo würde ich wiſſen, daß ſie mit dieſer andern Liebe auf ewig ge⸗ brochen hat, daß es ihr ernſter Wille iſt, dieſelbe zu überwinden, und daß ſie deshalb zwiſchen ihr und ſich eine heilige, unüberſteigbare Schranke aufrichten will. So würde ich wiſſen, daß ſie in heldenmüthiger Kraft die Liebe ihrer Jugend überwinden und verſuchen will, darin ſich eigenes Glück zu ſchaffen, daß ſie Andere glücklich macht, daß ſie vertrauensvoll ſich einem Manne verbindet, von dem ſie weiß, daß es die heiligſte Auf— gabe ſeines Lebens ſein, daß er ſein höchſtes Glück darin finden würde, die Heißgeliebte an ſeiner Seite zu haben, mit ihr vereint zu leben, wenn ſie ihn auch nur liebt als einen Freund. Doch aber als einen Freund, dem ſie ſich vertrauensvoll auf ewig verbin⸗ den will. Sie reichte ihm mit einem unausſprechlichen Blicke ihre beiden Hände dar. Sie haben auf dem Grunde 254 meiner Seele geleſen und die geheimſten Schriftzeichen derſelben wohl entziffert. Nun denn, mein Freund, ich vertraue Ihnen, ich glaube an Sie, und da Sie mich noch lieben, ſo ſage ich Ihnen jetzt: ich bin be⸗ reit, mein Leben Ihnen zu weihen, mich Ihnen zu verbinden mit dem feſten Vorſatz, mich zu bemühen, daß die Freundſchaft, die ich bisher für Sie empfun⸗ den, ſich in Liebe verklären möge. Hier iſt meine Hand, wollen Sie dieſelbe annehmen? Er ſank auf ſeine Kniee nieder und drückte ihre dargereichte Hand an ſeine Lippen, und zwei heiße Thränen fielen aus ſeinen Augen auf dieſelbe nieder. Sie weinen? fragte ſie erſchrocken, Sie antworten mir auf meine Frage nur mit Ihren Thränen? Ja, nur mit Thränen, Felicia, denn Sie zeigen mir ein Glück, deſſen ich dennoch vielleicht niemals theilhaftig werden darf. Oh, ſeufzte ſie traurig, Sie ſchlagen alſo meine Hand aus? Nein, rief er leidenſchaftlich, ich wäre der glück⸗ lichſte Menſch, wenn Sie mir dieſelbe noch reichen wollten, nachdem auch ich Ihnen mein Herz enthüllt, nachdem ich Ihnen mein unglückſelig Schickſal gebeich⸗ tet habe. Hören Sie mich alſo, Felicia, und dann, wenn Scha frager annet alſo den f nich führe fol überr weil in wenn Sie es vermögen, wenn Ihr edles Herz den Schauder und das Entſetzen überwinden kann, dann fragen Sie mich noch einmal, ob ich die geliebte Hand annehmen will, die Sie mir bieten. Vernehmen Sie alſo jetzt meine Beichte. Sie kennen mich nur als den freien Bürger Amerika's, Sie wiſſen nur, daß ich mich dort Maſter Louis nenne. Hier aber in Europa führe ich einen andern Namen, einen Namen, der ſtolz und mächtig klingt, der von einer Herzogskrone überragt wird, und den ich dennoch verleugnen muß, weil er befleckt iſt von Blut und Schande. Ich habe vor Jahren flüchtig Europa verlaſſen, weil ich die Schande nicht tragen mochte, einen Herzogstitel und dennoch einen unehrlichen Namen zu führen, denn mein Vater ſtarb als Landesverräther im Gefängniß und ſein Erbtheil reichte nicht hin, um ſeine Schulden zu bezahlen. Ich überließ Alles, was Mein ſein ſollte, den Gläubigern und entfloh vor der Schande nach Amerika. Jetzt aber hat ein furchtbares Verbrechen, das ich verhüten wollte, mich von dort zurückgerufen. Ich hatte eine Mutter, einen jüngeren Bruder hier zurückgelaſſen. Die Mutter trug den Namen meines Vaters, der Bruder die Titel unſers Geſchlechtes. Sie lebten auf den Gütern meiner Mutter, die reich 4 ————n— 256 genug war, um ſich und den Sohn fürſtlich zu er⸗ halten. Dem Sohn aber— wenden Sie Ihr Antlitz ab, Felicia, und vergeben Sie es mir, daß ich Ihre reine Seele ſchaudern mache mit meiner furchtbaren Erzählung— dem Sohn aber genügte es nicht, daß ſeine Mutter, was ihr allein gehörte, mit ihm theilte, daß er auf ihren Gütern, an ihrer Seite und an ihrem Hofe mit ihr leben ſollte. Er wollte allein be⸗ ſitzen, was der Mutter angehörte, er wollte erben, dazu natürlich war es nothwendig, daß die Mutter ſtürbe. Oh, mein Gott, flüſterte Felicia ſchaudernd. Er konnte es wagen, das nur zu denken, nur zu wünſchen? Er wagte es, und ich erfuhr davon. Ein Warner kam zu mir, nach Amerika, er ſagte mir:„wollen Sie Ihre Mukter vom Tode retten, ſo eilen Sie zu ihr und nehmen Sie ſie mit ſich nach Amerika. Erretten Sie die Mutter vor ihrem Sohn.“ Am ſelben Tage ſchon reiſte ich ab, und Gott wollte, daß dieſe Reiſe, die ich in tiefſter Bedrängniß und Qual der Seele unternahm, mir dennoch die Quelle eines unvergäng⸗ lich ſchönen Glückes werden ſollte, denn ich lernte Sie auf dieſer Reiſe kennen. Ich kam hierher nach Wien, wo ſich, wie ich erfahren hatte, mein Bruder zu er⸗ Antlit Ihre zttbaren t, daß theilte md an — jetzt aufhielt. Oh, Felicia, ich ſage Ihnen nicht, mit welcher Todesangſt im Herzen ich mich zu ihm begab, wie ich, gleich einem Verbrecher, die Stiegen hinauf ſchlich, nicht wiſſend, ob ich nicht da oben das Furcht⸗ barſte erfahren ſollte. Ich wagte noch zu hoffen, daß es nicht geſchehen. Seine Abweſenheit von der Heimath ließ mich glauben, daß er die finſtern Pläne aufgege⸗ ben, daß er vielleicht ihnen hatte entfliehen wollen und ſich deshalb in die Zerſtreuungen der Hauptſtadt geſtürzt hätte. Und nicht wahr, Ihre Hoffnungen beſtätigten ſich? fragte Felicia athemlos. Ihr Bruder konnte Ihnen ſagen, daß es Ihrer Mutter wohl geht, daß— Ja, unterbrach er ſie tiefbewegt, es geht ihr wohl, Felicia, denn ſie iſt aller Erdennoth entrückt. Iſt todt? ſchrie Felicia entſetzt. Von einer mörderiſchen Kugel in's Herz getroffen, Felicia. Gott, erbarme Dich ihres Mörders, rief ſie, indem ſie auf ihre Kniee niederſank und die gefaltenen Hände zum Himmel emporhob. Beten Sie, Felicia, ſagte er kaum hörbar, ja beten Sie, daß Gott Erbarmen haben möge mit dem— Muttermörder. Mühlbach, Erzherzog Johann. 4. Abth. III. 17 —.— ——— 258 Er hat's gethan, er ſelbſt mit eigener Hand? fragte ſie flüſternd. Nein, nicht er ſelbſt. Er war nach Wien gegangen ſchon einige Wochen früher, als die That geſchah. Oh ja, er hat ſein Alibi, und dennoch glaubt Niemand, daß er ſchuldlos ſei, dennoch nennt Jeder ihn den Mörder, ihn, der meinen Namen trägt. Man hatte einen Andern beſchuldigt, einen frühern Diener unſers Hauſes. Er ſelber hatte ſich in der Trunkenheit der That gerühmt und hatte ausgeſagt, mein Bruder habe ihn dazu gedungen und ihm für die Ausführung der⸗ ſelben zweitauſend Thaler gegeben. Er ſei's geweſen, der den mörderiſchen Schuß abgefeuert. Man verhaf⸗ tete den Selbſtankläger, man ſtellte ihn vor Gericht. Aber nüchtern geworden, nahm er alle ſeine Ausſagen zurück, leugnete er Alles, und da das Gericht ihn nicht überführen konnte, ſprach es ihn frei und entließ ihn ſeiner Haft. Hoffen wir, daß er wirklich nicht ſchuldig war, daß nur die Trunkenheit ihm ſo furchtbare Phanta⸗ ſieen eingegeben, ſeufzte Felicia aufathmend. Neigen Sie Ihr Ohr dichter zu mir, Felicia, ſagte er, laſſen Sie mich in daſſelbe ein furchtbares Ge⸗ heimniß flüſtern. Ich war zugegen, als des Ange⸗ — fragte gegangen ah. Oh diemand, ihn den an hatte runſers ceit der der habe ung der⸗ geweſen, verhaf⸗ Gericht lusſagen icht ihn dentließ dig wal Phanta ia, ſagt G res s Ange 259 klagten Frau zu meinem Bruder kam und von ihm den ausbedungenen Lohn für die vollbrachte That begehrte. Entſetzlich, ſeufzte Felicia. Ja wohl, entſetzlich, und Sie begreifen jetzt meine Qual! Das Damoclesſchwert hängt über uns und unſerm Hauſe. In jedem Moment kann es nieder⸗ fallen und uns vernichten. In jedem Moment kann ein Ankläger wider ihn auferſtehen und vor dem Ge⸗ richt kann es bewieſen werden, daß der Prinz Maxi⸗ milian Sulkowski der Mörder ſeiner Mutter war. Ah, der Prinz Sulkowski, rief Felicia entſetzt. Ich kenne ihn, ich habe ihn hier in dieſer Villa ge⸗ ſehen, und mir hat geſchaudert vor ſeinem düſtern, unheimlichen Blick. Jetzt weiß ich auch warum! In ſeinen Augen liegt das Geſtändniß ſeines Verbrechens. Wehe ihm und auch mir, wenn es noch Andere darin leſen, wenn der Sohn meiner Mutter als Mör⸗ der angeklagt vor dem Gericht ſtehen muß. Mir wird dann nichts Anderes übrig bleiben als in den Tod zu gehen, um das Bewußtſein meiner Schande mit mir zu begraben. Nein, es wird⸗Ihnen übrig bleiben zu thun, was Sie ſchon vorher gethan, rief Felicia glühend, es wird 12* —— 260 Ihnen übrig bleiben zurückzukehren in die neue Welt und der alten Welt das Geheimniß Ihres Namens und Ihres Unglücks zu hinterlaſſen. In Europa waren Sie ein in Vorurtheil und Verbrechen einge⸗ zwängter Fürſt, in Amerika werden Sie ein freier Menſch ſein, der ſeinen Namen nicht ſeinen Ahnen, ſondern ſich ſelber verdankt und ihm Ehre, Liebe und Vertrauen erwerben wird. Dank Ihnen, Felicia, für dieſes ſchöne, himmels⸗ gute Wort. Ja, ich laſſe dem alten Europa meinen vermoderten Fürſtentitel und meine Ahnen, und gehe nach der neuen Welt, um mir einen neuen Namen zu ſchaffen und mein eigener Ahnherr zu werden. Felicia, nun frage ich Sie, wollen Sie mich begleiten? Wollen Sie dem Heimathloſen eine Heimath, dem Namenloſen einen Namen geben? Wollen Sie dem unbekannten Maſter Louis Ihre Hand reichen, obwohl Sie wiſſen, welch ein entſetzliches Verbrechen die Ehre ſeines Hau⸗ ſes befleckte? Hier meine Hand, Louis! Ich will Ihnen helfen, das Verbrechen zu ſühnen durch gute Thaten, das Werk des Haſſes auszulöſchen durch Werke der Liebe, den Himmel zu verſöhnen durch unſer zwiefach Be⸗ mühen, der Menſchheit dienſtbar zu ſein, die Unglück⸗ lcen Glüe nahn trau Ihre fann eieb Ihn dem zu an mei Arn dru wil und 8 Se ue Welt lichen zu tröſten, den Leidenden beizuſtehen und den Namens Glücklichen ihr Glück zu verſchönen durch unſere Theil⸗ Curopa nahme. Oh, mein Freund, ich fühle das innigſte Ver⸗ n einge⸗ trauen zu Ihnen, ich lege meine Zukunft willig in n freier Ihre Hand, und wenn ich auch nicht ſagen darf und Ahnen kann, daß ich Sie liebe mit jener heißen und tiefen iebe und Liebe, welche ich einem Anderngseweiht, ſo bekenne ich Ihnen doch, daß ich Niemanden höher achte, Nieman⸗ zimmels⸗ dem williger das Recht einräume, über meine Zukunft z meinen zu entſcheiden und mich durch das Leben zu geleiten und gehe an ſeiner treuen und ſichern Hand. amen zu So biſt Du alſo Mein, von dieſer Stunde an Feliei meine geliebte Braut, rief Louis, indem er ſanft ſeinen Wollen Arm um Felicia's Geſtalt legte und ſie innig an ſich menloſer drückte. Ich ſchwöre Dir, daß ich Dich heilig halten ekannter will als mein höchſtes Kleinod, daß ich Dich lieben e wifen und ehren will, wie den Engel, den Gott an meine nes Hal Seite geſtellt, damit er mich erlöſe aus der Hölle. 4 meiner Vergangenheit, und dem ich in unausſprech⸗ n helf licher Dankbarkeit Alles ſchulden werde, was die Zu⸗ en, d kunft mir an Glück und Liebe, an Friede und Freude „ Lil bringen wird. Lege Dich vertrauensvoll an mein Herz, weine Deinen Schmerz aus und fürchte nicht, 1 daß Deine Thränen mich verletzen. Zwinge Dich nicht, 262 Deine ſchmerzvolle Liebe gewaltſam zu tödten, laß ſie ſich ſtill verbluten, und gönne es dem Freunde, daß er dereinſt verſuchen darf, auf ihrem Grabe Dir neue Blüthen eines neuen Lebens zu pflanzen. Theure Fe⸗ licia, laß mich Theil haben an Deinen Schmerzen, ergieße Deinen Kummer in das Herz des Freundes. Er wird Dein Freund bleiben, bis Du eines Tages ihm ſelber ſagſt, daß Du verſuchen willſt, ihn zu lie⸗ ben mit einer andern Liebe. Mögen auch Jahre dar⸗ über hingehen, ich werde nicht aufhören, in freudiger Liebe zu werben um Dein Herz, und wenn es dann ſich mir endlich ergiebt, ſo wird es das ſchönſte und herrlichſte Geſchenk ſein, das ich aus den Händen Gottes empfange, und ihm wie Dir werde ich dafür danken. Und nun, Felicia, nun beſtimme Du unſere Zukunft, ſage, was geſchehen ſoll, ob ich Dich fordern darf von den Deinigen als meine Braut, ob Du Dich mir vermählen und ſofort mit mir abreiſen, oder ob Du bleiben willſt, um ſanft die Bande zu löſen, die Dich bis jetzt feſſelten? Dank, mein theurer Freund, für dieſes letzte Wort. Es zeigt mir, wie gut Du es verſtehſt, auf dem Grunde meiner Seele zu leſen. Ja, ich will bleiben, ich muß bleiben; ſanft nur dürfen dieſe Bande gelöſt ir neue ure Fe⸗ merzen eundes Taget zu lie⸗ re dar⸗ ſte un Handen dafüt unſere fordern du Dic 263 werden, die mich einem Andern vereinten, und die Schuld der Löſung und des Treubruchs darf nur auf mich allein zurückfallen. Ich will mich an Großmuth von Niemandem übertreffen laſſen, und wenn zwei an⸗ dere Herzen für mich verbluten, wenn ſie ihre Liebe tödten wollten, damit die Treue lebe, ſo fühlt mein Herz ſich ſtark genug, ſich ſelber hinzugeben und die Treue zu tödten, damit die Liebe lebe. Mögen ſie mich verdammen und beſchuldigen, was kümmert es mich, wenn ich nur ihnen das Glück geben kann, dem ſie um meinetwillen entſagen wollten!— Und nun, mein Freund, wirſt Du verſtehen, was ich will und meine! Niemand darf für's Erſte ahnen, was wir heute geſprochen und welche Verabredungen für die Zukunft wir getroffen. Allmälig, aus den Begeben⸗ heiten ſelbſt müſſen unſere Pläne ſich entwickeln und unſere Zukunft ſich geſtalten. Ich werde Dich gleich jetzt den Meinen vorſtellen als meinen lieben Reiſe⸗ gefährten und Freund. Du wirſt von nun an uns täglich beſuchen, wirſt, trotz des Verlobten, den Du an meiner Seite findeſt, dennoch mir Deine Huldi⸗ gungen darbringen und mich auszeichnen, und— alles Uebrige wollen wir der Zeit überlaſſen. Sie — ——— —— 264 iſt die Tröſterin für alle Schmerzen, die Pflegerin für alle Keime des Glückes, die ſtill verſchwiegen in dem Menſchenherzen erwachſen! Vertrauen wir alſo der Zeit, daß ſie uns heile und beglücke! fflegerin iegen in vir alſo XIII. Der Ring. Von dieſem Tage an kam Maſter Louis, denn nur unter dieſem Namen hatte Felicia ihn den Ihrigen vorgeſtellt, täglich in die Villa nach Hitzing, und täg⸗ lich mehr gewahrte man, welche tiefe und innige Zu⸗ neigung ihn dahin zog. Er machte kein Hehl aus derſelben, er zeigte es unverhüllt, wie ſehr er Felicia liebe, welche Zauberbande ihn in ihre Nähe feſſelten. Und ſie? Felicia? Sie war immer jetzt von ſanf⸗ ter Heiterkeit, ſie lachte und ſcherzte mehr als man es ſonſt von ihr gewohnt geweſen, ſie ſuchte Vergnügun⸗ gen und Zerſtreuungen, welche ſie ſonſt vermieden, ſie war Allen ſtets eine theilnehmende, lebensfrohe Ge⸗ fährtin, ihrer Schweſter Carmela die heiterſte Freundin und— nur gegen Einen zeigte ſie ſich⸗kalt und zu⸗ rückhaltend— nur gegen Guido. 266 Wenn er kam, flog ein Schatten über ihre Stirne hin, nur zögernd reichte ſie ihm ihre Hand dar, nur mit einem gezwungenen Lächeln begrüßte ſie ihn, ein⸗ ſylbig und zurückhaltend war die Unterhaltung mit ihm, und gern ſchien ſie es zu vermeiden, mit ihm allein zu ſein. Aber wenn dann Maſter Louis kam, wie ſtrahlte ihr Antlitz dann auf in einem glücklichen Lächeln, wie freudig hieß ſie ihn willkommen, mit welchem innigen Blick reichte ſie ihm ihre Hände dar, und wie lebhaft und anregend waren ihre Geſpräche mit ihm. Er durfte ſie begleiten auf ihren Spazier⸗ gängen, durfte Stunden lang ihr vorleſen, wenn ſie vor ihrer Staffelei ſaß und malte, er durfte mit ihr muſiciren, und ihm theilte ſie offen und rückhaltlos ihre Anſchauungen mit über die politiſchen Zuſtände, in denen ſie lebten. Ob Guido an dieſen Geſprächen Theil nahm, ob Carmela an ihrer Seite war, ſchien Felicia wenig zu kümmern, oder vielmehr, ſie ſchien wenig Werth auf ihre Nähe zu legen, ſondern abſicht⸗ lich zuweilen Vorwände zu erſinnen, um die Beiden zu entfernen, wenn Louis neben ihr war. Aber ſie blieben dennoch neben ihr, ſie nahmen die Gelegenheit nicht an, allein zu ſein, denn ſie wollten treu bleiben ihren Vorſätzen, ſie wollten die Grenzen nicht über⸗ ſchrei venn unig venn alfſ fabe ſockt Stirne ar, nur in, ein⸗ ng mit nit ihm is kam, icklichen n, mit de dar, eſpräche pazie⸗ enn ſie mit ihr kbaltlos uſtände, prächen „ſchien e ſchien abſicht⸗ Beiden ber f genhei 267 ſchreiten, die ſie ſich ſelber gezogen. Aber zuweilen, wenn ſie Felicia ſo heiter und glücklich, wenn ſie das innige Lächeln ſahen, mit welchem ſie zu Louis ſprach, wenn ſie wie im Eifer der Unterhaltung ihre Hand auf ſeinen Arm legte, er freudig ſeine Lippen auf die⸗ ſelbe preßte und ſie dann plötzlich in der Unterhaltung ſtockte und erbebend die Hand zurückzog, zuweilen flog dann Carmela's Blick hinüber zu Guido, ihre Augen begegneten ſich und ein glückliches Lächeln verklärte dann ihrer Beider Angeſicht. Sie wußten nicht, daß Felicia dieſes Lächeln ver⸗ ſtand, ſie ahnten nicht, welche Schmerzen es ihrer Seele bereitete. Wie hätten ſie auch ahnen können, daß die heitere Felicia, deren Schönheit täglich ſtolzer und roſiger erblühte, daß ſie Schmerzen empfinden, daß ſie leiden könne. 1 Sie ſahen ſie ja nicht, wenn ſie Abends allein war auf ihrem Zimmer, wenn ſie hochaufſeufzend die künſtlichen Roſen von ihren Wangen fortwiſchte, ſie ſahen ſie nicht, wenn ſie mit bleichen, ſchmerzzuckenden 6 Mienen auf ihren Knieen lag und mit gerungenen 6 Händen von ſich ſelber mehr Kraft und Stärke er⸗ flehte, ſie ſahen ſie nicht, wenn ſie ruhelos auf ihrem 2 Lager lag und das von Thränen überfluthete Ange⸗ 268 ſicht in den Kiſſen barg, um die Schweſter, die in dem anſtoßenden Gemache wohnte, nicht ihr Schluchzen, ihr ſchmerzliches Aechzen hören zu laſſen. Sie ſahen ſie nicht. Aber Gott ſah ihre Schmerzen, er zählte ihre Thränen und er kräftigte ihr ſtarkes Herz und machte es heldenkühn und freudig im Ent⸗ ſagen. Er gab ihr den Muth, ſich ſelber hinzugeben und das Opfer ihrer Liebe darzubringen; weil ſie einer großen, ſtarken Liebe fähig war, ſie groß und ſtark auch zu überwinden. Gott ſah ihre Thränen und wußte ihre Schmerzen, und er gab ihr Kraft, denn Gott iſt die Liebe, und die Liebe iſt Gott, und ein edles Frauenherz iſt ſein heiligſter und ſchönſter Tempel. Mag mein Herz ſich verbluten, ſagte Felicia ſich an jedem neuen Morgen, mag mein Herz ſich verblu⸗ ten, wenn ſie nur nicht ahnen, daß es blutet, mag ich ſterben vor Gram und Weh, wenn ſie nur nicht die Urſache meines Todes errathen, und wenn ich nur dann erſt ſterbe, wenn ſie glücklich und mit einander vereinigt ſind. Aber nein, ich will nicht ſterben, ich will den Schmerz überwinden, will ihn beſiegen und nicht an ihm zu Grunde gehen. Schwache Herzen mögen ſich von dem Schmerz tödten laſſen und ihn al ſoll, an d bitter Siu Säu in j Su de im die in uchzen, merzen, 269 als Denkmal auf ihr Grab ſetzen, für ſtarke Herzen ſoll er die Säule ſein, an der ſie ſich aufrichten und an der ſie ſich halten, um allen Stürmen Trotz zu bieten. Ja, ſo will ich mich auf Dich lehnen, Du Säule meiner Schmerzen, und will eingedenk ſein, daß Säulen die Kuppeln der heiligen Tempel tragen. Oh, in jeder Menſchenbruſt baut ſich allmälig wohl eine Säule der Schmerzen auf, und dieſe Säulen ſind es, die den Himmel tragen und an denen wir uns zu ihm emporſchwingen. Und ſie lehnte ſich auf dieſe Säule ihrer Schmer⸗ zen, und wie Antäus von der Erde, empfing ſie von ihrer Berührung Kraft und Stärke. Sie vermochte es über ſich, ihr eigenes Herz zu verleugnen, gleich⸗ gültig Dem zu ſcheinen, den ſie liebte, zärtlich Dem zu lächeln, für den ihr Herz doch immer nur noch Freundſchaft und ſanfte Schweſterneigung empfinden konnte. Eines Morgens, bevor ſie ihr Zimmer verließ, um ſich hinab zu begeben in den Salon, zog ſie den Ring von ihrem Finger, den einſt Guido auf denſelben ge⸗ ſchoben, als er ſich ihr verlobte zu ewigem Bunde. Sie hatte es wohl geſehen, wie oft ſich Guido's Blicke auf dieſen Ring geheftet, als ſolle er ihn mahnen an — ——-—— 270 ſeine Schwüre und an die gelobte Treue, und ſie wollte die Erinnerung in ſeinem treuen und tapfern Herzen erlöſchen machen. Sie küßte den Ring, als ſie ihn von ihrem Finger nahm, an dem er vierzehn Jahre lang geglänzt als ihres Lebens ſchönſter Stern, ſie küßte ihn, und eine Thräne fiel auf dieſen goldenen Reifen und funkelte an ihm als reiner köſtlicher Brillant. Mit dieſer Thräne nahm ſie von ihm Abſchied und legte ihn ſtill und ſanft in das Reliquienkäſtchen ihrer Erinnerungen, zu den Haarlocken ihres Vaters, zu dem Myrthen⸗ kranze ihrer Mutter, zu den verwelkten Blumen von den Gräbern ihrer beiden Eltern. Dann ging ſie hinab in den Salon und ein wun⸗ derbares Lächeln ſtrahlte von ihrem Angeſicht, als ſie Carmela begrüßte und Guido ihre Hand darreichte. Er drückte einen Kuß auf dieſe Hand, und ſeine Lippen, die ſonſt immer gewohnt geweſen, den Druck des Ringes zu empfinden, entdeckten früher noch als ſeine Augen, daß der Ring an Felicia's Hand fehlte. Was ſiehſt Du mich ſo betroffen und forſchend an? fragte Felicia mit einem unbefangenen Lächeln, von dem Guido nicht ahnte, wie weh es ihrem Her⸗ zen that. 1 und ſie tapfern Finger inzt als nd eine funkelte dieſer ihn ſtil crungen, kyrthen⸗ zen von in wun⸗ als ſie rreichte d ſeine 1 Druch noch all fehlte orſchen Lächeln Gop Her m 271 Oh, es iſt nichts, ſagte er zögernd. Ich vermißte nur den Verlobungsring an Deinem Finger. Es iſt wahr, ſagte ſie gleichgültig, ich habe ihn, wie ich glaube, geſtern auf unſerm Spaziergang ver⸗ loren. Du weißt, wir pflückten im Walde Blumen, und dabei wird er ſich von meinem Finger abgeſtreift haben. Nein, rief Carmela lebhaft, auf dem Spaziergang iſt er nicht verloren, ich ſah den Ring noch geſtern Abend an Deinem Finger, als Du Dich auf Dein Zimmer zurückzogſt. Ja wohl, ſie hatte ihn geſehen, dies treue tapfere Herz, ſie blickte immer auf ihn hin, um ſich von ihm mahnen zu laſſen an ihre Pflicht! Nun, wenn Du ihn damals noch geſehen haſt, ſagte Felicia, ſo habe ich ihn wohl ſpäter verloren; ich war noch ſpät im Garten, denn es war in meinem Zimmer ſo heiß und ſchwül. Wahrſcheinlich habe ich den Ring alſo im Garten verloren, denn heute Morgen vermißte ich ihn zuerſt. Du wirſt mir erlauben, theure Felicia, Dir ſo⸗ gleich heute einen andern Ring zu beſorgen, ſagte Guido ernſt. Nicht doch, rief ſie haſtig, wir wollen lieber ver⸗ —-——— —————— 272 ſuchen, ihn im Garten aufzufinden. Komm, Guido, gieb mir Deinen Arm und leihe mir Deine ſcharfen Augen, damit wir den Ring finden. Ich will Dich genau die Wege führen, die ich gegangen bin. Komm! Aber höre, Carmela, ſollte Maſter Louis kommen, ſo bitte ihn, daß er uns nachfolgt. Im kleinen Pa⸗ villon da unten wird er uns ſicher finden! Nun komm, mein Guido! Sie nahm lächelnd ſeinen dargereichten Arm und ließ ſich von Guido die breiten Stufen hinabgeleiten, die von der Terraſſe in den Garten führten. Carmela ſtand in den offenen Thüren des Sa⸗ lons und blickte ihnen nach. Mein Gott, flüſterte ſie, wär's wirklich möglich, daß ſie ihn nicht mehr liebte? Könnte Felicia wirklich treulos ſein? Ach, und wenn es wäre! Nie wird ſie es bekennen, nie— Schweig, mein Herz, oh ſchweig, denn du darfſt ja nicht hoffen! Wer könnte Guido vergeſſen, wenn er ihn einmal geliebt? Ich nicht, oh nein, ich nicht! Und wie ſollte alſo Felicia es können? Sie liebt ihn, ja, ſie liebt ihn und ſie wird ſeine Gattin werden. Schweig alſo, ſchweig, mein Herz! Mag der Ring verloren ſein, die Liebe und die Treue iſt nicht verloren und Guido wird ſie ihr Beide halten. „Guuide, ſcharfen vill Dich Komm! nmen, ſo mnen Pa⸗ 1! Nun Arm und des Sa⸗ flüͤſterte icht mehr n? Ach bekennen denn d vergeſſen nein, ich 5072 273 Ja, der Ring war wirklich verloren, wie es ſchien. Sie hatten ihn vergeblich in den Alleen geſucht, oder vielmehr, ſie hatten ihn nicht geſehen, als ſie Arm in Arm ſchweigend und raſch neben einander hin⸗ wandelten. Jetzt traten ſie in den Pavillon ein, nach welchem Felieia ihre Schritte gelenkt hatte. Guido ſeufzte, als er ihn betrat, denn ſeit jenem Tage, wo er dort von Carmela Abſchied genommen, hatte er ihn nicht wieder betreten, wie die Alten in frommer Scheu die Stätte mieden, wo der Blitz eingeſchlagen und einen Tempel zertrümmert hatte. Unwillkürlich flog, als ſie jetzt eintraten, Guido's Blick hinüber nach dem Divan, auf welchem Carmela damals geſeſſen, als er vor ihr knieete und ihr die lange verſchwiegene Liebe endlich bekannte. Unwillkür⸗ lich flog Felicia's Blick hin nach der Portisre, hinter der ſie damals auch auf ihren Knieen gelegen und zu Gott ihre Hände emporgerungen hatte. Die Erin⸗ nerung daran gab ihr jetzt Kraft und Muth, ſtählte ihren Entſchluß! Guido, ſagte ſie, ihre Hand ſanft auf ſeine Schul⸗ ter legend, ich habe Dich hierher geführt, weil ich ſicher Mühlbach. Erzherzog Johann. 4. Abth. III 18 274 war, daß uns hier Niemand belauſchen könnte, und weil ich Dir ein Bekenntniß zu machen habe. Sprich Felicia, ſagte er beklommen, was iſt es? Was haſt Du mir zu ſagen? Guido, fuhr ſie fort, Guido, ich weiß, daß Du mich liebſt, und daß alſo, was ich Dir zu ſagen habe, Dich betrüben wird. Vergieb es mir und zürne mir nicht, weil ich Dir Schmerz bereite. Ich habe lange mit mir gerungen; ich wollte mein Herz bezwingen, aber es war vergeblich, die Liebe war ſtärker als mein Wille. Vergieb mir Guido. Was denn, was ſoll ich Dir vergeben, Felicia? Daß ich Dich nicht mehr liebe, rief fie heftig, in⸗ dem ſie, wie von ihrem eigenen Bekenntniß zerſchmet⸗ tet auf einen Seſſel niederſank, und ihre beiden Hände über ihr Antlitz ſchlug. War's um ihre zuckenden Mie⸗ nen zu verbergen, war's um den Strahl der Freude nicht zu ſehen, der über ſein Angeſicht hinleuchtete? Felicia, ſagte er leiſe, Felicia Du liebſt mich nicht? Sie ließ ihre Hände von ihrem Antlitz gleiten, und ſchaute ihn an mit einem langen Blick, und ihre Augen nahmen einen letzten, zärtlichen Abſchied von ihm. Er ſah es nicht, denn er hatte ſein Haupt ab⸗ gewendet, damit ſie nicht in ſeinen Zügen leſen ſolle. gen habe arne mit be lange zwingen als mein glicia? ftig, in⸗ erſchme⸗ n Händ en Mi⸗ gleiten nd iſ ied von uupt al n ſel Ich liebe Dich wohl, Guido, ſagte ſie, aber nicht mit jener Liebe, die Du für mich empfindeſt. Ach vergieb es mir, und klage mich nicht an, ſondern die langen Jahre, die wir fern von einander gelebt, und die unſere Herzen ſich entfremdet haben. Ich hatte wohl in dieſen langen Jahren meines Exils treu und feſt in liebender Seele mir Dein Bild bewahrt, ich liebte in Dir alle meine Erinnerungen, meine Jugend, meine Heimath und meine Familie, ich liebte in Dir meine ganze Vergangenheit verklärt in Liebe und Sehnſucht. So kehrte ich zurück im ehrlichen ſchwär⸗ meriſchen Glauben an die unveränderte Kraft und Gluth meiner Liebe, und wähnte, daß mein Herz Dir entgegenjauchze, ſo jung und voll und friſch, wie es ſich einſt Dir hingegeben. Aber ich vergaß die Jahre der Trennung, die zwiſchen uns lagen und ſchaudernd und entſetzt gewahrte ich, daß ſie zu einem Abgrund geworden, der unſere Herzen auf immer ſchied, weil er ſie einander entfremdet hatte. Dreizehn Jahre der Trennung, das iſt eine Kluft, die auch die treueſten Herzen nicht überwinden können! Dreizehn Jahre des Exils und der Einſamkeit. Sie hatten aus mir eine ernſte, ſchweigſame, kalte Frau gemacht, eine alte Jungfer, wenn Du willſt, die ihre pedantiſchen Ge⸗ 18* 276 wohnheiten und Eigenheiten angenommen, deren Herz erkaltet und entnüchtert war. Ich empfand mit Schrecken, daß ich mich alt und vernünftig fühlte Dir gegenüber, daß Du jung geblieben, während ich ge⸗ altert, und daß ich auf Deine jugendfriſche Liebe kei⸗ nen antwortenden Schlag in meinem Herzen fand. Vergieb es mir, mein theurer Freund! Klage mich nicht der Treuloſigkeit, des Wankelmuthes an, wenn ich nun noch ein anderes Bekenntniß Dir zu machen habe. Guido,— vielleicht hätte mein Herz ſich ſelbſt belogen, vielleicht hätte ich noch immer geglaubt, daß ich nur Dich liebe, wenn ich nicht vor unſerm end⸗ lichen Wiederſehen ein anderes Weſen kennen gelernt, ein anderes Herz gefunden, das ſich mir in reinſter zärtlichſter Liebe ergab, und mir die ernſten, reinen Gluthen ſeines Empfindens weihte. Guido, der mit abgewandtem Geſicht ihr zuge⸗ hört, blickte jetzt zu ihr um, und ſchaute ſie an mit einem langen und forſchenden Blick, als wolle er auf dem Grunde ihrer Seele leſen, weil er vielleicht das Geheimniß ahnte, das ſich in derſelben barg. Hatte er ſie wirklich verſtanden? Fühlte er, daß Alles, was ſie anſcheinend zu ihrer Entſchuldigung ſagte, doch von ihr nur geſagt ward zu ſeiner Entſchuldigung, en Herz wenn machen Hſelbſt 277 daß ſie mit ihren Worten nur ihn tröſten und mit ſich ſelber ausſöhnen wollte? Schaute er, weil er die Größe ihres Opfers begriff, ſie an mit dieſem langen tiefen Blick? Felicia hielt dieſen Blick aus und be⸗ begnete ihm mit einem Ausdruck ſanfter Bitte. Vergieb mir, ach vergieb mir, ſagte ſie leiſe. Ich habe ehrlich gekämpft und gerungen, ich wollte dieſe neue Liebe in mir ertödten, wollte Dir treu bleiben und nur Dich lieben. Vergebliches Bemühen. Ich wiederhole es, die langen Jahre der Trennung, die klage an, nicht mich! Nein, nicht mich nenne eine Treuloſe, weil mein Herz die Jahre nicht in ſeinem ſchönen Jugendtraume weiter ſchlafen konnte, weil es erwachte zu einer andern Liebe. Ich klage Dich nicht an, murmelte er leiſe und mit niedergeſchlagenen Augen, ich klage Dich nicht an und habe Dir nichts zu vergeben Felicia, denn— Denn Du biſt groß und gut, unterbrach ſie ihn raſch, Dein edler Sinn begreift und verſteht, was ich gelitten, bevor ich mir den Entſchluß abgerungen, Dir frei und ehrlich die Wahrheit zu bekennen. Aber wär's nicht ein Verbrechen, wenn ich Dein Herz be⸗ trügen, wenn ich Liebe heucheln wollte, die ich nicht empfinde? Würdeſt Du, wenn ich es dennoch ⸗gewagt 278 hätte Deine Hand anzunehmen, und Dein Weib zu werden, würdeſt Du nicht doch eines Tages auf dem Grunde meines Herzens geleſen, würdeſt mich eine Betrügerin geſcholten und die Bande verwünſcht ha⸗ ben, die Dich an mich feſſelten? Wenn ich Dir be⸗ kannte, daß ich Dich nicht liebe als meinen Geliebten, ſo glaube mir doch, daß ich für Dich eine heilige und große Liebe empfinde, daß ich weder die ſchönen Tage vergeſſen werde, welche ich Dir danke, noch aufhören könnte, an Dich mit der treueſten Anhänglichkeit, der innigſten Freundſchaft zu denken. Gott ſegne Dich, mein Freund, für Alles was Du mir geweſen. Die Erinnerung daran wird nie in mir verblaſſen, und nie werde ich aufhören für Den zu beten, den ich einſt ſo heiß geliebt. Vergieb mir, Guido, wenn ich Dich jetzt betrübte, vergieb mir, daß ich heute freiwillig Deinen Ring von meinem Finger gezogen. Ich darf ihn nicht mehr tragen, denn ich liebe einen Andern. Nimm auch jetzt meinen Ring von Deinem Finger, aber bewahre ihn wie ich den Deinen bewahren werde, als ein heiliges Erinnerungszeichen unſerer Jugend⸗ liebe, an die wir in unſern beſten Stunden mit freu⸗ diger Rührung gedenken wollen. Und nun ſage es mir, daß Du mich frei giebſt, und Du Dich ſelber 9 8 27 als frei betrachteſt, daß Du aber nicht aufhören wirſt mich zu lieben als Deine Freundin, Deine Schweſter, und daß Du Dich nicht von mir wenden willſt, wenn unſere Lebenswege auch fortan geſchieden ſind. Nun wohlan, ſie ſeien geſchieden, weil Du es willſt, Felicia, ſagte Guido ernſt und feierlich. Ich gebe Dir Dein Wort zurück, Du biſt frei, frei Dich an eine zweite Liebe hinzugeben, da Du ſagſt, daß die erſte in Deinem Herzen erloſchen ſei. Ich werde nie aufhören Dich zu lieben und an Dich zu denken mit andachtsvollem Herzen, und mit dem Vertrauen, das man nur Denen zollt, die man auf's Höchſte achtet. Und von dieſem Vertrauen, Felicia, will ich Dir jetzt den Beweis geben. Du haſt mir gebeichtet, ich will es Dir thun. Du ſollſt nicht meinen, daß ich Dir irgend etwas zu vergeben hätte, daß ich Dich anzuklagen vermöchte. Aber ich will Dir mein Herz enthüllen, und— Nein, mein theurer Freund, unterbrach ſie ihn, nein, wolle nicht in der Großmuth meines Herzens Dich ſelbſt beſchuldigen, damit ich— ſei. Oh, rief er heftig, Du ahnſt alſo, daß ich ſchuldig bin, und Du biſt es, welche großmüühig die Schuld auf ſich nehmen will? Nein, Felicia, das darf nicht 2 280 ſein! Ich will nicht der Eitelkeit fröhnen, an Deinen Worten zu zweifeln, zu glauben, daß Du mich den⸗ noch liebſt, ich will es nicht wagen, die edlen und er⸗ habenen Geheimniſſe Deines Herzens ergründen zu wollen, zu ſchauen, was Du nur dem Auge Gottes enthüllen willſt. Aber wiſſen mußt Du, Felicia, daß ich Dich und Deine hochherzige Seele kenne und ver⸗ ſtehe, daß die meine ſich vor Dir beugt in Andacht und Demuth, und daß, wenn ich fortan Dein ge⸗ denke, dieſes Gedenken ein Beten zu meinem Schutz⸗ geiſt, meiner Heiligen ſein wird. Und vor dieſer meiner Heiligen darf ich nicht daſtehen mit einer Lüge, ſie darf mich ihrer erhabenen Größe gegenüber nicht ſo ſehr in den Staub beugen wollen, daß ſie auf ſich die Schuld nimmt von Dem, was ich ver⸗ ſchuldete. Felicia, Du haſt es geſagt, und es iſt ſo, die langen Jahre der Trennung ſind zwiſchen uns ge⸗ treten, ſie ließen mich die Schweſter mit der Schwe⸗ ſter verwechſeln. Felicia, ich liebe Carmela! Du liebſt ſie? fragte ſie mit dem Ausdruck freu⸗ digen Erſtaunens. Oh wohl Dir und uns, denn nun kann ſich Alles zum Guten und Schönen löſen! Nein, rief er heftig, bringe mich nicht zur Ver⸗ zweiflung mit dem Uebermaß Deiner Großmuth. Du Deinen iich den⸗ und er⸗ nden zu Gottes Dein ge⸗ Schut⸗ r dieſer it einer egenüber daß ſie ich vel⸗ z iſt ſo uns ge⸗ Schwe⸗ ick frel⸗ nn nun 281 haſt dieſe Liebe gewußt, Du haſt ſie mindeſtens ge⸗ ahnt! Beſchuldige mich, klage mich an, ich verdiene es, denn ich war der Treuloſe! Still, ſagte ſie feierlich, beſchuldigſt Du nicht auch mich, wenn Du dich beſchuldigſt? Hat nicht auch mein Herz ſich einer andern Liebe ergeben? Und habe ich es nicht verſucht mich vor Dir zu rechtfertigen? Kein Wort alſo mehr, mein Freund! Gelobt ſei Gott, daß ich jetzt mit hellem Auge in die Zukunft ſchauen darf! Du liebſt das Kind meines Herzens, liebſt meine Schweſter Carmela. Oh liebe ſie innig und treu, mache ſie glücklich, und ich werde Dich ſegnen mit dem letzten Hauche meines Lebens. Und nun, mein Freund, nichts mehr hiervon. Unſere Herzen haben zu einander geſprochen, jetzt ſollen ſie verſtum⸗ men für immer, und wenn wir uns auch täglich ſehen, ſo ſind wir uns von heute an doch entfremdet. Lebewohl! Auf ewig wohl! Sie reichte ihm ihre beiden Hände dar, und dann ſich zu ihm neigend, drückte ſie einen Kuß auf ſeine Stirn. Traum meiner Jugend, lebe wohl, hauchte ſie leiſe. Nimm dieſen letzten Kuß als einen Segen für Deine Zukunft mit Dir und gedenke mein in Liebe! 282 Sie wandte ſich haſtig um, und Guido mit der Hand einen letzten Abſchiedsgruß zuwinkend, ſchritt ſie durch den Pavillon dahin, eilte hinunter in den Garten, Maſter Louis entgegen, deſſen hohe und ſtolze Geſtalt eben am Ende der breiten Allee ſicht— bar ward, die zu der Villa führte. Mit feſtem Schritt ging Felicia vorwärts, und Etwas wie ein ſeliger Friede, ein ſiegreiches Lächeln ſtrahlte von ihrem Antlitz, als ſie jetzt, mit Louis zu⸗ ſammentreffend ihm ihre Hand darreichte. Mein Freund, ſagte ſie, die alte, ſchöne Welt der Jugend iſt eben hinter mir zuſammengeſtürzt. Laß mich nun an Deiner Hand eintreten in eine neue Welt. Du haſt den entſcheidenden Schritt gethan, Felicia? fragte Louis. Haſt Dich von Guido losgeſagt? Ja, ich habe es gethan, habe ihm bekannt, daß ich aus Neigung zu Dir meiner erſten Liebe untreu geworden. Oh, Du großmüthiges, edles Herz, rief Louis tiefbewegt, laß mich Dir danken und verſuchen, Dir zu lohnen für dies heilige Opfer Deiner Selbſt. Still, oh ſtill, ſagte ſie matt, lobe mich nicht, es macht mich weich, und ich muß ſtark ſein in mir ſelber, mit der d, ſchrit unter in hohe und lee ſicht⸗ rts, und s Lächell Louis zu Welt der gt nnt, d ge untral ief Lou hen, T. bſt nicht, nir ſelle 283 mein Freund, ich darf nicht traurig ſein. Komm, be⸗ gleite mich in's Haus. Ich habe Carmela noch einige Worte zu ſagen, dann hoffe ich, iſt mein Werk vol⸗ lendet, und ſo Gott will, werden wir alle noch an dieſe Stunde mit ſtill befriedigtem Gemüthe denken. Sie gingen Arm in Arm, ſchweigend die Allee hinauf und traten in den Salon ein, in welchem Tante Guiſeppa und Carmela ſich be⸗ fanden. Tante Guiſeppa, ſagte Felicia, an der Hand des Maſter Louis zu ihr hinſchreitend, Du ſagteſt neulich, daß es Dir ſcheine, als würde Maſter Louis ſich beſſer für mich zum Gatten eignen, als Guido. Biſt Du noch der Meinung? Ja, rief Tante Guiſeppa freudig, ja, ich bin noch heute der Meinung. Nun, ſagte Felicia mit einem ſanften Lächeln, ich Naube auch, daß Du Recht haſt, und ich ſehe wohl, daß Du mich deßhalb nicht tadeln wirſt. Ueberlaſſen wir es der Zeit, dies Alles zu ſchlichten und zu ordnen. Earmela, mein holdes Kind, komm zu mir her, ich habe eine Bitte an Dich! Sie nahm die Hand der Schweſter, die ſich ihr — 284 ſchüchtern und mit niedergeſchlagenen Augen nahte, und führte ſie hinaus in den Garten. Meine geliebte Schweſter, ſagte ſie mit leiſer Stimme, ich muß Dir bekennen, was ich eben auch Guido bekannte. Ich habe den Ring, den mir Guido gegeben, freiwillig von meinem Finger gezogen, ich darf ihn nicht mehr tragen, denn ich liebe Guido nicht mehr. Nein, erſchrick nicht, mein Mädchen, und klage mich nicht an als eine Treuloſe. Ich weiß, daß Du Guido als eine Schweſter liebſt, und daß Du mir zürnen wirſt, weil ich ihn betrübte. Aber ich bitte Dich, vergieb mir, wie er mir vergeben hat, und klage mich und Maſter Louis nicht an um einer Liebe willen, die mit treuem Auge aufblicken kann zu Gott. Zwiſchen mir und Guido lag die Kluft der Trennung, ſie entfremdete ihm mein Herz, das entſchuldigt, ja, das rechtfertigt mich. Gehe zu ihm, meine Carmela, bitte für mich, ſei ihm freundlich, ſuche ihn zu er⸗ heitern, und höre meinen letzten Liebeswunſch: wenn Du's vermagſt ihn anders als bisher mit ſchweſter⸗ licher Neigung zu lieben, ſo thu's um meinetwillen, Carmela. Mache wieder gut, was ich gethan! Ent⸗ ſchädige ihn durch Liebe für das, was ich verbrach aus Liebe. er gezog iebe Gun dchen, weiß,d aß Du er ich! Trennl huldigl, ie Carn ihn zu nſch: W t ſchwel 285⁵ Carmela, nicht länger im Stande ihre Bewegung zu unterdrücken, die Thränen zurückzuhalten, die aus ihrem Herzen in ihre Augen empor ſtiegen, Car⸗ mela warf ſich mit leidenſchaftlichem Ungeſtüm in Fe⸗ licia's Arme und barg ihr erglühtes Geſicht an Fe⸗ licia's Buſen, vielleicht um ſie den Strahl des Ent⸗ zückens nicht ſehen zu laſſen, unter dem es erglüht war. Aber Felicia hatte ihn geſehen, und dieſer Freuden⸗ ſtrahl auf ihrer Schweſter Angeſicht, er war ihr Lohn für ein ſchmerzensreiches Liebesopfer. Sie legte ihre beiden Hände ſegnend auf das Haupt der Schweſter, das an ihrem Buſen ruhte, und hob die großen Augen zum Himmel auf. Leiſe flü⸗ ſterten ihre Lippen ein Gebet der Liebe und der Treue, des Segens und der Ergebung. Schritte, welche hinter ihnen ſich nahten, unter⸗ brachen das heilige Schweigen, und riefen Fe⸗ licia's Gedanken zurück in die Wirklichkeit und das Leben. Sie wandte ſich um und ſah, daß es Maria Jackſon war, welche an Maſter Louis' Seite ſich ihr nahte. Geh', mein Carmela, geh' zu Guido, flüſterte ſie, indem ſie die Schweſter ſanft aus ihren Armen fort⸗ ———— —— 286 drängte. Geh' zu ihm, theure Schweſter, geh' und tröſte ihn. Carmela eilte von dannen, leichten und heitern Schrittes, glückſeligen Herzens und ſtrahlenden An⸗ geſichtes. Auch auf Felicia's Antlitz leuchtete ein Strahl innerer Glückſeligkeit, als ſie jetzt ſich zu Louis und ſeiner Begleiterin umwandte. Sie begrüßte Marie Jackſon mit einem herzlichen Händedruck und hieß ſie willkommen nach ſo langer Abweſenheit. Ich wollte nicht eher wieder zu Ihnen kommen, als bis ich ihn gefunden, ſagte Marie düſter. Und jetzt ſind Sie gekommen? Sie haben ihn alſo gefunden? fragte Felicia und Louis wie aus Einem Munde. Ja, ich habe ihn gefunden, rief ſie, mit einem drohenden Ausdruck ihre zur Fauſt geballten Hände zum Himmel ausſtreckend. Ich habe ihn gefunden, und ich will zu ihm gehen, um ihn zur Rechenſchaft zu ziehen, ſei's vor dem Throne des Volkes oder vor dem Throne Gottes. Unglückliche, was wollen Sie thun? fragte Felicia 287 geh und entſetzt, indem ſie Mariens erhobenen Arm ſanft nieder⸗ zog und ihre Hand faßte. d heiter Was ich thun will? fragte ſie vor ſich hinſtarrend. enden An Ich weiß es nicht, aber ich werde es wiſſen, ſobald ich ihn wiedergeſehen, ſobald ich mit ihm geſprochen n Straf habe. Louis m Sie haben ihn alſo noch nicht geſehen, noch nicht geſprochen? herzlic Nein, ich weiß nur, wie er heißt, wo er iſt, und 3 wo ich ihn jetzt zu finden habe. Einer von Denen, die das Volk lieben, und zu ihm halten, der Prinz von Sulkowski hat mir ſeinen Namen geſagt. Ich me eu zeigte ihm das Medaillon und er lachte laut auf und haben it rief: das iſt ja mein ſchöner Vetter Felix! ue t Sein Vetter Felix, rief Louis. Das ſagte Ihnen der Prinz Sulkowski? nit ein Ja, das ſagte er mir, erwiderte ſie düſter, und en H noch viel Anderes hat er mir geſagt, viel Anderes, veund das er büßen ſoll, wenn ich finde, daß Prinz Sul⸗. wber kowski die Wahrheit geſprochen. Hat mir geſagt, daß eder Er eine Herzogin zur Geliebten hat, und daß er eben im Begriff iſt, mit deren Tochter ſich zu vermählen. Wehe ihm, wenn es wahr iſt. Ich werde dann kein Erbarmen mit ihm haben! 288 Marie, ich bitte Sie, rief Maſter Louis, laſſen Sie mich das Medaillon ſehen. Vielleicht erkenne ich auch das Portrait und kann Ihnen Auskunft geben, ob Prinz Sulkowski Ihnen die Wahrheit ge⸗ ſagt hat. Ich weiß, daß er es gethan hat, ſagte ſie. Als ich den Namen wußte, bin ich in mehr als Einen Bilderladen gegangen, und habe da ſeinen ſchönen, ſtolzen Namen genannt und geſagt, ich wollte ein Portrait von ihm kaufen, und dann haben ſie mir Bilder von ihm gezeigt. Oh, ich habe ſie Alle ſehr ähnlich gefunden, ich habe geſehen, daß Prinz Sul⸗ kowski mir den richtigen Namen genannt. Und wollen Sie uns nicht ſeinen Namen ſagen, liebe Marie? Nein, erwiderte ſie traurig, nein, Sie werden dann mich auch verlachen, wie der Prinz Sulkowski gelacht hat, und werden mich auch verſpotten, wie er es gethan hat. Es ſoll aber Niemand mehr über mich lachen, auch Er nicht! Oh, ich will ihn wohl zwingen, ernſthaft zu ſein, und das arme Weib nicht zu verſpotten, das ihm vertraute und ihm ihre Liebe ſchenkte, weil es ihn für einen ehrlichen Mann hielt. Er iſt aber kein ehrlicher Mann, und das ſoll er. büßen, wenn er auch vor) vort Voh wir wen laſſen erkenne Auskunft rheit ge⸗ ſie. Al s Einen ſchönen vollte enn 1 ſie mi Alle ſe inz Su en ſagen f Zulkowit wie el! ichache „ernftbe otten, d . well aber de er al. r 1 289 vornehmer Mann iſt. Gott ſei Dank, die Zeiten ſind vorüber, wo die vornehmen Herren ungeſtraft das Volk belügen und betrügen durften, und jetzt ziehen wir ſie zur Rechenſchaft, und halten Gericht über ſie, wenn ſie uns Böſes gethan. Ich will ihn auch zur Rechenſchaft ziehen, ich will auch das Volk zu Gericht ſitzen laſſen über den Herrn General von Santjago, und das Volk, das mich liebt und deſſen Tochter ich bin, das Volk ſoll ihn beſtrafen im Namen Gottes! Sie ſagen es ja jetzt aller Orten, daß das Volk die Stimme Gottes iſt, und darum will ich das Volk aufrufen, damit es ſeine Stimme erhebe, und ſage, welche Strafe es über ihn verhängen will. Nein, Marie, ſagte Felicia ſanft, indem ſie ſtau⸗ nend und erſchrocken in das erregte von Zorn und Haß glühende Angeſicht Mariens ſchaute, nein, meine liebe Marie, Sie werden Ihren tiefen Schmerz, Ihre große Demüthigung nicht hinaustragen wollen auf die laute Straße. Sie werden nicht das Volk, ſon⸗ dern nur Gott zum Richter machen zwiſchen ſich und ihm. Sie werden daran gedenken, daß Sie ihn einſt geliebt haben, und er der Vater Ihres Kin— des iſt. Ich werde daran gedenken, daß er mich betrogen, Mühlbach, Erzherzog Johann. 4. Abth. Ill. 19 290 und daß er ſein Kind und deſſen Mutter verlaſſen hat, ſagte ſie mit düſterer, drohender Stimme. Kein Erbarmen mit dem Verräther und Betrüger! Er ſoll nicht glücklich ſein, da er mich doch ſo elend und unglücklich gemacht hat. Nein, kein Erbarmen mit ihm, denn er hat kein Erbarmen gehabt. Leben Sie wohl! Ich gehe nach Frankfurt am Main, denn dort iſt er, und dort will ich ihn vor Gericht rufen! Ach, ich bin keine Gräfin, keine Generalin, ich bin eine Tochter des Volkes, und darum bin ich jetzt mächtig, und darum wird das Volk mir überall ſeinen Bei⸗ ſtand leihen, und mich ſchützen gegen den vornehmen Herrn, der mich betrogen hat. Ihr Entſchluß iſt alſo unwiderruflich? fragte Fe⸗ licia traurig. Ja, er iſt unwiderruflich, erwiderte ſie feſt. In einer Stunde ſchon reiſe ich ab. Ich bin nur hierher gekommen, um Ihnen, meine theure, geliebte Wohl⸗ thäterin, Lebewohl zu ſagen, um Sie zu bitten, daß Sie in Ihrer Engelsgüte zuweilen Meiner freundlich gedenken, daß Sie für mich beten wollen, denn ich gehe einen ſchweren Gang und mein Herz blutet aus tau⸗ ſend Wunden, indem ich ihn antrete. Leben Sie wohl, und Gott im Himmel ſegne Sie für das Gute, das — 0., verlaſſen me. Kein ger! Er elend u rmen mit Leben Sie denn dort fen! Ach, bin eine t mächtig, nen Bei⸗ ornehmen fragte Fe⸗ feſt. Il Ir hierher te Wohl⸗ tten, da freundlich nich gh aus fal- eben Sle Gute, dan 291 Sie mir gethan, für die Theilnahme, die Sie mir be⸗ wieſen. Sie waren die Einzige, die Mitleid mit mir hatte, und ich werde Sie dafür ſegnen noch in meiner Todesſtunde! Leben Sie wohl. Sie drückte, ehe Felicia es hindern konnte, einen Kuß auf ihre Hand, wandte ſich dann haſtig um und eilte, ohne noch einmal zurück zu blicken, von dannen. Felicia ſah mit einem traurigen Blick der ver⸗ ſchwindenden Geſtalt nach. Ich that vielleicht Un⸗ recht, ſie von Helgoland mitzunehmen, ſagte ſie auf⸗ ſeufzend. Eine finſtere Ahnung beſchleicht mein Ge⸗ müth, und ich fürchte, wir werden von dieſem armen, verrathenen Weibe noch Entſetzliches erfahren! Es ſprach eine finſtere, unerſchütterliche Entſchloſſenheit aus ihr, und ihr düſterer, zorniger Blick machte mich ſchaudern. Sie kennen den Mann, der ſie betrog, nicht wahr? Sie wiſſen den Namen deſſen, den Ihr unglücklicher Bruder ſeinen Vetter Felix nannte? Ich kenne ihn, und ich halte ihn der That für fähig, deren die arme Marie ihn anklagt. Dennoch aber werde ich an ihn ſchreiben, und ihn warnen. Er ſoll auf ſeiner Huth ſein, denn Sie haben Recht, 19* 292 theure Felicia, es ſprach eine furchtbare Entſchloſſen⸗ heit aus Mariens Angeſicht, es war das Arngeſicht einer Frau, die ſelbſt den Mord nicht ſcheuen wird, um ihre Ehre und ihr gekränkte Liebe zu rächen! zen. cloſſen⸗ ngeſich n wird, XIV. Jürſt Jelix Lichnowsky. Seit drei Tagen glich Frankfurt am Main einem offenen Feldlager, ſeit drei Tagen hörte man nichts als laute Verwünſchungen, ſah man nichts als Volks⸗ verſammlungen, als marſchirende Soldaten, als Ka⸗ nonen, die fauf zden Plätzen Frankfurts aufgefahren waren und mit ihren dunklen Läufen dieſen Maſſen des Volks zu drohen ſchienen, welche überall ſich zu⸗ ſammenrotteten und mit ihrem wüthenden Geſchrei die Luft erfüllten. — Seit drei Tagen erwartete man mit jedem Mo⸗ ment den Ausbruch einer Revolution, wußte man, daß es nur eines Anſtoßes bedürfe, um den Krater der⸗ ſelben zu öffnen und die blutigen Lavafluthen dieſes Kraters mit vernichtender Gewalt ausſtrömen zu machen. 294 Am fünften September hatte dieſe allgemeine Auf⸗ regung begonnen, am fünften September in der Stunde, in welcher der in der Paulskirche tagenden deutſchen National⸗Verſammlung von dem Miniſterium des Reichsverweſers die Anzeige gemacht ward, daß Preußen, ſtatt ſeine Siege gegen die Dänen weiter zu verfolgen, ſtatt Holſtein und Schleswig zu befreien und es für Deutſchland wieder zu erobern, daß Preu⸗ ßen plötzlich auf ſeinem Siegeslauf inne gehalten und nach einem gewonnenen Gefecht, ſtatt vorwärts zu dringen, zurückgewichen war, ſtatt mit verdoppelter Gewalt den Kampf fortzuſetzen, zu Malmoe mit Dänemark einen Waffenſtillſtand abgeſchloſſen und ſeine Truppen aus Holſtein zurückgezogen habe. Und dieſen Waffenſtillſtand hatte Preußen abge⸗ ſchloſſen, ohne ſich zu erinnern, daß die National⸗Ver⸗ ſammlung in der Paulskirche ein Geſetz erlaſſen, nach welchem die Entſcheidung über Krieg und Frieden für ganz Deutſchland lediglich in den Händen des deut⸗ ſchen Reichsverweſers ruhe, nach welchem kein deutſcher Fürſt ohne die Zuſtimmung der deutſchen Centralge⸗ walt mit einer andern Macht einen Krieg beginnen, oder, wenn derſelbe mit Genehmigung der Reichsver⸗ weſung begonnen, mit dem Feinde einen Frieden ab⸗ eine Auf⸗ in der tagenden niſterium befreien aß Preu⸗ lten und värts zl doppelter noe mit und ſeine en abge— 9 dor⸗ nal⸗Ver ſen, nadh eden fi deutſche entralg veainnen 295 ſchließen dürfe, ohne vorher dazu die Genehmigung des Reichsverweſers eingeholt zu haben. Und ferner, ſagte dieſes Geſetz, daß kein Friedensſchluß Gültigkeit haben ſolle, bevor derſelbe nicht von der deutſchen Reichsverweſerſchaft ratificirt worden ſei. Preußen aber hatte von dieſem Geſetz der deutſchen National⸗Verſammlung, wie von allen ihren andern Geſetzen gar wenig Notiz genommen, und die deutſche National⸗Verſammlung hatte erſt kurz zuvor den Be⸗ weis erhalten, wie wenig das ſtolze Preußen über⸗ haupt geneigt ſei, ſich ihren Befehlen zu fügen. Das deutſche Reichsminiſterium hatte verordnet, daß am ſechsten Auguſt in aller deutſchen Fürſten Ländern die Truppen ausrücken ſollten, um nach feierlicher Vor⸗ leſung der Proclamation des Reichsverweſers an das deutſche Volk dem deutſchen Reichsverweſer ein drei⸗ maliges Lebehoch auszubringen. Aber Preußen hatte von dieſer Verordnung keine Notiz genommen; die Truppen waren weder ausge⸗ rückt, um die Proclamation des Reichsverweſers vor⸗ leſen zu hören, noch auch, um demſelben das befohlene dreimalige Lebehoch auszubringen. Preußen hatte ſich darauf beſchränkt, durch einen Armeebefehl ſeinen Sol⸗ daten bekannt zu machen, daß der Reichsverweſer den ———— 296 Oberbefehl über die deutſchen Truppen übernommen habe. Und trotz dieſes Oberbefehls des Reichsverweſers hatte Preußen jetzt ganz ſelbſtſtändig den Krieg mit 7 Dänemark eingeſtellt und einen Wafefenſtillſtand abge⸗ ſchloſſen. Erſt nachdem alle Verhandlungen zum Abſchluß gekommen, hatte Preußen für gut befunden, dem deut⸗ ſchen Reichsminiſterium von dem Malmöer Waffen⸗ ſtillſtand Nachricht zu geben, und dies hatte alsdann am fünften September der deutſchen National⸗Ver⸗ ſammlung in der Paulskirche davon Anzeige gemacht. Die liberale Partei der Verſammlung hatte darauf mit einem einſtimmigen Schrei der Entrüſtung geant⸗ wortet und die Majorität hatte beſchloſſen, dieſen Waffenſtillſtand zu ſiſtiren. Das war für das Reichs⸗ miniſterium die Nöthigung geweſen, ſeine Entlaſſung zu nehmen, und der Reichsverweſer hatte alsdann Dahlmann beauftragt, ein neues Miniſterium zu Stande zu bringen. Aber es hatte demſelben nicht gelingen wollen, und man ſchwebte noch in der Unge⸗ wißheit über das neue Reichsminiſterium, als am vierzehnten September in der Paulskirche die Ver⸗ bernomme sverweſere Krieg mi tand abge Abſchluß dem deut⸗ r Waffen te alsdan onal⸗Ver⸗ e gemacht tte darauf ung geani en, dieſen a5 Reicht Fntlaſſun e alédan terium il lben rict als al die Ver⸗ 297 handlungen über den Malmöer Waffenſtillſtand wieder aufgenommen wurden. Bis dahin war die Aufregung der Gemüther noch innerhalb der Paulskirche eingeſchloſſen geweſen, von dieſem Tage an ſtürzte ſie wie eine Lawine hinaus auf die Straße und vergrößerte ſich mit jedem Schritt ihres Vorwärtsrollens. Am funfzehnten September erneuerte die Majori⸗ tät ihren Antrag auf Verwerfung des Malmöer Waf⸗ fenſtillſtandes, während die Minorität, nur um acht Stimmen ſchwächer als die Majorität, ſich für die Genehmigung des Vertrages erklärte. An dieſem ſelben Tage fanden überall auf den Plätzen, in den Straßen Zuſammenrottungen des Volkes ſtatt und die einzelnen Redner erhitzten die Menge durch ihre wüthenden Anſprachen, durch ihre lauten Rufe über Verrath, durch ihre Aufforderungen, die verrätheriſche Minorität der National⸗Verſammlung mit Gewalt aus der Paulskirche zu entfernen. Am ſechszehnten September ward in der Pauls⸗ kirche der Beſchluß der Majorität aufgehoben und durch eine andere Abſtimmung beſchloſſen, den Mal⸗ möer Waffenſtillſtand anzunehmen. An dieſem ſelben Tage ging ein einziger Schrei —— — 298 der Wuth und des Entſetzens durch die Volksmaſſen hin, die in ungeheuren Gruppen die Paulskirche um⸗ lazerien⸗ und laute Wehklagen, troſtloſes Jammern und Schelten ertönte überall. Man ſchrie über Ver⸗ rath, man prophezeihete den nahen Untergang der kaum begonnenen Einigung Deutſchlands; man ver⸗ kündete, daß Preußen Truppen nach Frankfurt ent⸗ ſenden werde, um die National⸗Verſammlung mit Ge⸗ walt auseinander zu ſprengen und den Reichsverweſer zu verjagen. Die Lawine, die aus der Paulskirche am vierzehn⸗ ten September auf die Straße hinausgerollt, ſie war jetzt ſchon zu einem ungeheuren Berg angeſchwollen, der jedem ruhigen Fortſchritt ein Hinderniß war. Und zum Unglück war der nächſtfolgende Tag, der ſiebenzehnte September, ein Sonntag, ein Ruhetag für die Arbeiter, eine erwünſchte Gelegenheit für Die⸗ jenigen, welche hofften, durch Aufruhr und Gewalt ihr Ziel zu erreichen, um die Unbeſchäftigten zu beſchäf⸗ tigen und die Köpfe zu erhitzen, da die Hände ruhen durften. Auf der Pfingſtwieſe bei Frankfurt fand an dieſem ſiebenzehnten September eine von den Führern der Volkspartei zuſammen berufene. Verſammlung ſtatt. ksmaſſen rche um⸗ Jammem ber Ver⸗ gang det nan ver⸗ furt ent⸗ mit Ge⸗ verweſer vierzehn⸗ ſie war chwollen war. 299 Mehr als zehntauſend Menſchen waren bei derſelben gegenwärtig und einzelne demokratiſche Mitglieder der National⸗Verſammlung ließen donnernde Reden er⸗ ſchallen, in denen ſie das Volk aufforderten Deutſch⸗ land zu vertheidigen gegen ſeine Feinde, des deutſchen Reiches Einheit zu wahren gegen die Umtriebe der Fürſten und ihrer Vertreter in der Paulskirche. Robert Blum hatte wohl Recht gehabt, als er am fünfzehnten September in der Paulskirche ausrief: „Ratificiren Sie den Wafefenſtillſtand, wenn Sie die Bewegung ſteigern wollen.“ Man hatte den Wafeenſtillſtand ratificirt, und die Bewegung hatte ſich ſeitdem mit jeder Stunde ge— ſteigert, ſie war ſo hoch geſtiegen, daß ſie mit jedem Moment die Dämme durchbrechen, und ganz Frank⸗ furt mit ſeinen zornigen Fluthen überſchwemmen konnte. Das erkannte der Senat der freien Stadt Frank⸗ furt, und er zeigte in einem feierlichen Anſchreiben dem Reichsminiſterium an, daß er ſich nicht mehr im Stande fühle, die Verantwortung für die Sicherheit der deutſchen National⸗Verſammlung zu übernehmen, indem er zugleich daſſelbe aufforderte, ſelber zur Sicherung der Verſammlung die nöthigen Maßregeln zu treffen. 300 Und das Reichsminiſterium traf demzufolge ſeine Maßregeln! Es ſandte in der Nacht vom ſieben⸗ zehnten auf den achtzehnten September nach Mainz und requirirte Truppen zur Sicherung der Berathungen der National⸗Verſammlung. Als am nächſten Morgen die Abgeordneten ſich nach der Paulskirche begaben, fanden ſie dieſe ſowohl, wie die angrenzenden Straßen und Plätze umſtellt von preußiſchem Militair, das in der Nacht ſchon von Mainz herüber gekommen war. Nun kannte die Wuth des Volkes keine Grenzen mehr, nun ſchrie es laut über Verrath, und ſchwur den Kampf auf Leben und Tod gegen die„verhaßte Soldateska.“ Wie durch Zauberſchlag bedeckten ſich ſchon in der Frühe des achtzehnten September alle Straßen mit Barricaden, hinter denen Bewaffnete ſtanden, und mit lauten Verwünſchungen dem Militair und der „reactionairen National⸗Verſammlung“ mit dem Tod drohten. Aber die Führer der demokratiſchen Partei hatten es gemacht wie der Frankfurter Senat und das Reichs⸗ miniſterium. Sie hatten auch Truppen regquirirt, Truppen ihrer Art, ſie hatten Boten entſendet nach dlen Gimn olge ſein n ſieben ch Main⸗ rathungen neten ſich ſe ſowohl umſtell ſchon von Grenzen d ſchwu perhaßt un in d aßen m et nach nd 301 allen umliegenden Ortſchaften, namentlich aber nach Ginnheim und Bockenheim, und die demokratiſche Ein⸗ wohnerſchaft, oder vielmehr deren Führer aufgefordert nach Frankfurt zu eilen, um den großen Kampf der Volkspartei gegen die reactionaire Paulskirche mit aus⸗ kämpfen zu helfen. Aber bevor noch dieſe Hülfstruppen aus den be⸗ nachbarten Ortſchaften in Frankfurt angelangt ſein konnten, hatte der Kampf ſchon bekommen. Die Volkmaſſen, welche von der Frühe des Morgens an die Paulskirche umlagerten, hatten das preußiſche Mi⸗ litair, das in dichten Colonnen heranzog, mit lautem Hohn und Spott empfangen, und war hier und dort ſogar zu Thätlichkeiten übergegangen. Das Militair war darauf im wüthenden Sturmſchritt mit gefälltem Bajonett gerade in die gedrängten Volksmaſſen vor⸗ gerückt; es war ihm dadurch allerdings gelungen, den Platz um die Paulskirche zu ſäubern, aber dies konnte nicht geſchehen, ohne daß Wehrloſe getödtet und ver⸗ wundet wurden, ohne daß das Blut des Volkes die⸗ ſen erſten Sieg des Militairs bezahlte. Nun kannte die Wuth des Volkes keine Gren⸗ zen mehr, nun durchheulte ſein Zorn alle Straßen Frankfurts wie die Sturmglocke, die zum Kampfe ruft, 302 nun eilten Alle, nicht bloß die Männer und Jüng— linge, ſondern auch die Greiſe, die Weiber und Kin⸗ . der ſich zu bewaffnen, ſei's mit Gewehren und Pi⸗ äl ſtolen, ſei's mit Steinen oder auch nur mit Knitteln und Stöcken, um gegen das eingerückte fremde Mi⸗ hat litair und gegen die„verrätheriſche Majorität“ in der fe Paulskirche auf Tod und Leben zu kämpfen. Geſtern den 1 auf der Pfingſtwieſe hatte man dieſe Majorität, welche d den Malmöer Waffeenſtillſtand gebilligt, feierlich und t unter ungeheurer Acclamation als„Volksverräther“ er⸗ klärt, es war alſo ſehr natürlich, daß das Volk jetzt,ſil nachdem es ſeinen Richterſpruch gethan, auch zur o Strafe der Verurtheilten ſchreiten wollte. Es ſchrie u und tobte durch alle Straßen:„Tod den Volksver⸗ ſ räthern! Wir wollen blutiges Gericht über ſie hal⸗ ten! Sie haben die Soldaten herbeigerufen! Sie 1 haben die Preußen hergeholt, und das ſollen ſie 1 büßen! Wir wollen keine Preußen! Sie ſollen fort, de ſie müſſen fort aus Frankfurt, wir wollen ſie verjagen, ſ und müßten wir mit unſern eigenen Leibern Barri⸗ u caden gegen ſie erbauen.“ h Die Preußen, die in dichten Colonnen in den ſ ihnen zugewieſenen Straßen ſtanden, hörten dieſe t Verwünſchungen des Volkes, das aus den nächſtge⸗ 4 nd Jüng⸗ und Kin⸗ und Li⸗ t Knitten emde Mi it“ in der . Geſtern tät, welcht erlich und räther“ er⸗ Volk jett auch zut Es ſchi Volksver⸗ er ſie hal 2„ E fen! G. ſollen V ollen for e verjagen Par ern B, — 303 legenen Straßen und Quergaſſen zu ihnen heran don⸗ nerte, ruhig und ſchweigend, in ernſter militairiſcher Haltung an. Die Abgeordneten der Nationalverſammlung aber hatten ſich aus der Paulskirche in ihre Pivatwohnun⸗ gen zurückgezogen, und ſchienen entſchloſſen, ſowohl dem Militair als dem Volk den paſſiven Widerſtand des Schweigens und der Unthätigkeit entgegenzu⸗ ſetzen. Die Majorität der Paulskirche, welche vom Volk geſtern als„Volkverräther“ gebrandmarkt worden, ſie mochte es heute doch für nothwendig erachten, ſich ruhig zu verhalten, um den„Malmöer Waffenſtill⸗ ſtand“ nicht mit ihrem eigenen Blute zu bezahlen. Zu dieſer Majorität, welche das Volk haßte und verwünſchte, gehörte auch der Fürſt Felix von Lich⸗ nowsky; er war ſogar einer der Führer der ſogenann⸗ ten reactionairen Partei in der Paulskirche; ſein Name, ſeine glänzende Beredſamkeit, ſein politiſches Geſchick, und endlich die Keckheit und Freimüthigkeit, mit wel⸗ cher er bei jeder Gelegenheit ſich gegen das Volk aus⸗ ſprach, hatten gemacht, daß ihm die Rolle eines Par⸗ teiführers zugefallen war, und man ihn an die Spitze Jener ſtellte, welche das Volk haßte und verwünſchte, — 304 und denen es heute Rache geſchworen. Der Name des Fürſten Felixr von Lichnowsky ging daher heute von Mund zu Munde, und wie Wenige aus den Haufen des Volkes, die ſich durch die Straßen wälz⸗ ten, den Fürſten auch perſönlich jemals geſehen, ſo kannten doch Alle ſeinen Namen, ſo wußten doch Alle, daß Felix Lichnowsky es ſei, der in der Paulskirche in höhnender, ſpöttiſcher Rede gegen Die⸗ jenigen ſich gewandt, welche den Malmöer Waffen⸗ ſtillſtand nicht anerkennen wollten, daß er durch ſeine glänzende Beredſamkeit am Meiſten dazu beigetragen, daß die Majorität ſich für die Annahme des Ver⸗ trags erklärte. Das war alſo das Verbrechen des Fürſten Felix von Lichnowsky, er trug die Hauptſchuld an der letz⸗ ten Entſcheidung in der Paulskirche und er haßte das Volk. Ja, er haßte das Volk, er war ſtets ein Verthei⸗ diger der Legitimität gegen die Demokratie geweſen, er hatte ſich ſtets als ein Feind des Volkes bewieſen, und das Volk hatte ihn deshalb überall verfolgt und gehaßt. Er hatte in Spanien gekämpft für den legi⸗ timen Don Carlos, in Portugal für den legitimen Don Miguel, er war dafür von dem ſpaniſchen, wie denn ſer Name her heute aus den ßen wäl⸗ geſehen ) wußten er in der egen Die⸗ Waffen⸗ urch ſeine eigetragen, ſten Felt n der let⸗ haßte dai Verthe⸗ „ geveſen hewieſen ffolgt und den legi legitime ſchen, w —— 305 dem portugieſiſchen Volk verfolgt und gehaßt worden, und war er in Barcellona bald ein Opfer der Volks⸗ wuth geworden, der er ſich nur unter den größten Gefahren, durch Verkleidung und Verſtecken entziehen konnte. Von dieſen abenteuerlichen Ritterfahrten war er nach Deutſchland zurückgekehrt, um auch hier bald ſich auszuzeichnen als der Vorkämpfer des Abſolutis⸗ mus und der Legitimität, als der Gegner des Libera⸗ lismus und der Demokratie. So hatte er ſich gezeigt auf dem preußiſchen Landtag von 1847, ſo hatte er ſich gezeigt in der Nationalverſammlung in der Pauls⸗ kirche. Die Demokratie haßte ihn daher als einen gefähr⸗ lichen Feind, und er vergalt es ihr, er haßte die De⸗ mokratie nicht minder glühend, wie ſie ihn. Das Volk verwünſchte ihn, und er dagegen, er verachtete das Volk! Er verachtete das Volk ſo ſehr, daß er auch heute, am achtzehnten September, von dem Wuthgeſchrei deſſelben ſich nicht im Mindeſten beunruhigt fühlte, und mit unendlichem Behagen die Verwünſchungen hörte, die von der Straße zu ihm in ſein elegantes, comfortables Wohnzimmer heraufdrangen, und in die ſich zuweilen ſein eigener Name miſchte. L. Mühlbach, Erzherzog Johann. 4. Abth. lII 20 306 Ich glaube wahrhaftig der liebe Pöbel erzeigt mir die Ehre, mich zu verwünſchen, ſagte der Fürſt, indem er ſich bequem auf dem ſeidenen Divan ſtreckte. Nun ſinge nur, Du prächtiges Geſindel, ſinge mich in Schlaf, denn ich bin müde; ich habe ein wenig ſtark dinirt im engliſchen Hof, und der Wein hat mich ſchläfrig gemacht. Singt mir alſo ein Wicgenlied, Ihr da unten! Er neigte ſein jugendlich ſchönes, von braunen Locken umwalltes Haupt in die Seitenlehne des Divans, und ſeine großen braunen Augen ſtarrten mit einem träumeriſchen, dämmerigten Blick zu der Decke empor. Das leiſe Oeffnen der Thür ſtörte ihn nicht in ſeiner Sieſta, er meinte vielleicht es ſei der Kammer⸗ diener, der Einiges im Zimmer zu ordnen habe, und er wandte daher nicht einmal den Kopf nach dem Geräuſch der nahenden Schritte hin. Aber jetzt auf Einmal ſah er eine Frauengeſtalt dicht vor dem Divan ſtehen, und eine ernſte, feier⸗ liche Stimme ſagte: Ja, er iſt es! Es iſt der Ger neral von Santjago!* Der Fürſt ſchrak zuſammen und ſprang auf, wie emporgeſchnellt aus ſeiner ruhenden Stellung. Marie, murmelte er erſchrocken, wahrhaftig ſie iſt es! tzeigt mir iſt, inden kte. Nun mich in enig ſtart hat mich diegenlied braunen Divand, nit einem ke empor⸗ nicht in Kammel⸗ dabe, und nach den rengeſtat te, fein⸗ der 6G anf, i ſie iſt es⸗ 307 Du erkennſt mich alſo, Fürſt Felix Lichnowsky? fragte ſie mit ruhigem Ton. Ich habe alſo nicht nöthig Dir die Generalin Santjago vorzuſtellen! Du weißt, wer ſie iſt? Gewiß weiß ich das, rief der Fürſt, der jetzt ſchon ſeine vornehme, überlegene Haltung wieder angenom⸗ men hatte, gewiß weiß ich das. Du biſt mein theures Helgolander Kind, biſt mein holdes Lieb, die Blume der Fiſcherinnen, die ſchöne Marie Jackſon! Er lächelte ihr freundlich entgegen, er wollte ſie in ſeine Arme ziehen, ſie aber ſtieß ihn von ſich, und ſchauete ihn an mit flammenden Zornesblicken. Hüte Dich, mich zu berühren, rief ſie glühend, denn meine Berührung könnte Dir den Tod geben. Ich bin gekommen, um Gericht zu halten, und ich ſage Dir, Fürſt Felix Lichnowsky, wenn Du nicht heute noch Buße thuſt, ſo mußt Du ſterben, ſo mußt Du Deine Verbrechen mit Deinem Tode be⸗ zahlen. Ach, mein holdes Kind, Du haſt Dich alſo in das Fach der höheren Tragödie geworfen, rief der Fürſt lachend. Du kommſt als rächende Göttin der Liebe mit Gift und Dolch, den Treuloſen zu ſtrafen? Nun denn, ſage mir, holde Göttin, was begehrſt Du, 1 20* 308 was muß ich thun, um Deine Verzeihung zu erhalten? Welches Sühnopfer forderſt Du? Ich fordere meine Ehre von Dir zurück, ſagte ſie feierlich. Der Fürſt lachte. Nein holdes Kind, ſagte er, ich bin kein Gott, ſondern nur ein Menſch, und ich kann daher Dir nicht die Ehre wiedergeben, welche Du Dir ſelber nicht gewahrt haſt. Du weißt, daß ich ſie gewahrt habe, ſagte ſie ruhig. Du weißt, daß ich ein ehrbares und tugend⸗ haftes Mädchen geweſen bin, daß kein Makel auf mir haftet. Nur meinem angetrauten Gatten gab ich mich hin in Liebe, nur als er mir vor Gottes Altar den Schwur ewiger Treue geleiſtet, ward ich ſein Weib. Ach, Du biſt alſo jetzt eine verheirathete Frau? fragte der Fürſt mit dem Anſchein von Ueberraſchung. Es freut mich das zu hören, und ich wünſches Dir von Herzen Glück dazu. Und wen haſt Du Dir ge⸗ wählt unter Deinen vielen Freiern? Wie heißt der Glückliche, der die Blume von Helgoland heimge⸗ führt hat? Irgend ein hübſcher, draller Fiſcher⸗ burſche, oder ein tüchtiger Lootſe, nicht wahr? Sage mir, mein holdes Kind, wer iſt Dein glücklicher Gatte? erhalten? ſagte ſi —, welche ſagte ſie rraſchung a/ nſche⸗ Di Dir R⸗ heißt de heimge⸗ Fiſchen 309 Es iſt der General von Sanectjago, ſſagte ſie ruhig. Der General von Sanctjago, lerwiderte er unbe⸗ fangen. Ach, ein ſchöner Name, und gewiß auch ein ſchöner Mann, nicht wahr? Betrachte Dich im Spiegel, und dann kennſt Du ihn, ſagte ſie noch immer anſcheinend ruhig, nur daß ihre Lippen ein wenig zuckten, und daß ihre Wangen noch bleicher geworden waren, als zuvor. Wie? fragte er erſtaunt. Ich ſoll mich im Spiegel betrachten, um zu wiſſen, ob Dein General Sanctjago ſchön iſt? Gleiche ich ihm denn ſo ſehr? Genug, rief ſie heftig, genug endlich der Verſtel⸗ lung, der Lüge! Du biſt es, welcher mein Gemahl iſt! Von Dir fordere ich meine Ehre, fordere ich die⸗ Ehre meines Kindes, von Dir fordere ich, daß Du Dein rechtmäßiges Eheweib, Deinen legitimen Sohn anerkennſt! Von mir? fragte er mit einem lauten Lachen. Bin ich denn etwa der General Sanctjago? Ja, Du biſt es, ſagte ſie ſtolz und hoheitsvoll, Du biſt der General von Sanctjago, Du biſt der elende, erbärmliche Betrüger, der ſich unter einem fal⸗ ſchen Namen mir angetraut hat. 310 Der Fürſt lachte wieder. Mein Kind, ſagte er dann plötzlich ernſt, Du haſt Dir da einen allerlieb⸗ ſten Roman ausgeſonnen, und ich zweifle nicht, daß er Dir in den Augen empfindſamer Damen und mo⸗ raliſirender Mütter ein ſehr intereſſantes Ausſeben giebt. Nur mußt Du von mir nicht fordern, daß ich, der Fürſt Felix von Lichnowsky, auf denſelben ein⸗ gehe, und das béte de souffrance Deines höchſt abenteuerlichen und fabethaften Generals von Sanct⸗ jago werde. Ich bin ſonſt in allen Dingen gern be⸗ reit Dir zu dienen, und Dir meine Erkenntlichkeit zu beweiſen, denn ich danke Dir ſchöne und genußreiche Stunden, ich danke Dir den letzten Traum von Liebe, meine theure, ſchöne Marie. Ja, ich werde es nie verleugnen, daß Du mich ſehr glücklich gemacht, daß ich durch Dich auf einige Wochen wieder zu einem jungen, verliebten Schwärmer geworden, dem es das höchſte Glück ſchien, die Geliebte zu beſitzen, und der ſich beſeligt fühlte durch ihre heiße Gegenliebe. Ich werde das nie verleugnen, wie geſagt, und ſo oft ich Deiner gedachte, mein holdes Kind, ſummte ich leiſe vor mich hin das allerliebſte Tyrolerliedchen:„daß Du mich lieb hatt'ſt, bedank' ich mich ſchön“. Aber Du weißt, meine kluge, vielerfahrene Helgolanderin, Du ſagte er allerliel⸗ icht, daß und mo⸗ Ausſeben daß ich ben ein⸗ s höchſt r Sanck⸗ gern be⸗ ichkeit zu nußreiche on Liebe, e es nie icht, daß zu 6einem weißt, daß das Glück und die Liebe nicht ewig dauern können, und daß die Saiſon ſie jedes Mal von Hel⸗ goland entführt, wie ſie auch mich Dir entführte. Wir haben damals mit tauſend Thränen von einan⸗ der Abſchied genommen, und ich ſchwur Dir ewige Dankbarkeit. Aber, theuerſte Marie Jackſon, ich kann die Dankbarkeit nicht ſo weit treiben, zu ſühnen, was ein Anderer verſchuldet hat. „ Ein Anderer, rief ſie. Du wagſt es zu leugnen, daß Du, Fürſt Felix Lichnowsky, daß Du der General von Sanctjago, mein angetrauter Gatte biſt? Er zuckte mit einem verächtlichen Lächeln die Achſeln. Mein Kind, ſagte er, das Mährchen iſt doch gar zu plumper Erfindung. Niemand, ſelbſt nicht der demokratiſche Pöbel, wird es Dir glauben. Jedermann wird es mir glauben, wenn ich dieſes Bild, Dein Portrait hier zeige, rief ſie, das Me⸗ daillon aus ihrem Buſen hervorziehend. Nun ja, erwiderte er lächelnd, das iſt allerdings mein Portrait; ich gab es Dir als Andenken an un⸗ ſer ſchönes Liebesglück, und es freut mich, daß Du es aufbewahrt haſt, trotz Deines Herrn Gemahls. Aber was hat das mit dem mir vollkommen unbekannten Herrn General von Sanctjago zu thun? 312 Du weißt es, oh Du weißt es! ſchrie ſie außer ſich, zitternd vor Aufregung, vor Zorn und Schmerz. Ich geſtehe, daß ich gar nichts weiß, ſagte er ge⸗ laſſen, und daß ich wirklich begierig wäre zu erfahren, welch ein Zuſammenhang zwiſchen meinem Portrait und jenem Herrn ſein kann, der, wie Du ſagſt, ſich Dir feierlich hat antrauen laſſen. Welch ein Zuſammenhang? fragte ſie keuchend, mit bleichen Lippen, mit zuckenden Mienen. Nun, wohlan, ich will es Dir ſagen: Du biſt der General von Sanctjago, Du und Er, Ihr ſeid Eins! Wie? fragte er verwundert. Sprichſt Du denn wirklich im Ernſt? Wär's möglich, daß es irgend einen Menſchen geben könnte, der mir ſo ähnlich ſieht, daß man mich mit ihm verwechſeln könnte? Du weißt es, ſchrie ſie mit Thränen der Wuth, Du weißt es, daß Du es ſelber biſt, Du mein Gatte, der Vater meines Kindes! Und in ihrer leidenſchaftlichen Erregung ſtürzte ſie zu ihm hin, wollte ſie ihn mit ihren ausgebreiteten Armen umſchlingen. Er aber wehrte ſie heftig zurück. Das geht zu weit, ſagte er zürnend und mit dü⸗ ſterer Miene. Für einen Scherz iſt die Sache zu 313 ſie außer ernſt, und um ſie ernſthaft zu nehmen, iſt ſie doch in Schmerz der That zu ſcherzhaft. Laß es jetzt genug ſein, meine gte er g ſchöne, liebe Marie, und ſage mir, ob ich etwas für erfahten Dich thun kann; ich bin zu allem Möglichen mit Portrai Freuden bereit, denn„daß Du mich lieb hatt'ſt, bedank'— ſagſt, ſit ich mich ſchön“. Du wagſt es zu leugnen, daß Du der General keuchend von Sanctjago biſt? ſchrie ſie wild. en. Nun Ich bin der Fürſt Felix von Lichnowsky, ſagte er er Genm ſtolz, bin es ebenſo gewiß, wie Du die ſchöne Marie — Jackſon von Helgoland biſt. Aber freilich, Du machſt Du den jetzt auf einen großen Namen und einen vornehmen es irgend Titel Anſpruch. Kannſt Du denn dieſe Anſprüche be— 1 nlich ſich weiſen? Ich trage die Beweiſe bei mir, ſagte ſie. Das von den Behörden ausgeſtellte und beglaubigte Zeug⸗ Wuth, M niß meiner Trauung. Nun, ſo gehe mit demſelben durch die Welt, Dir Deinen ungetreuen Gemahl zu ſuchen. Ich möchte Dir gern dabei behülflich ſein, meine ſchöne Dido, aber es wird leider unmöglich ſein, da ich Deinen Aeneas nicht kenne. 1 Du bleibſt alſo dabei? fragte ſie. Du verleugneſt mich und Dein Kind? Gatte, N —— — 314 Ich werde niemals verleugnen Dich geliebt zu haben, und Dir ſchöne Tage zu verdanken. Aber ich kann mir nicht Dinge aufbürden laſſen, die mir fremd ſind. Ich habe gar keine Gemeinſchaft mit dem Ge⸗ neral von Sanctjago! Iſt dies Dein letztes Wort? Es iſt mein letztes! Auch dann, wenn ich Dir ſage, daß Du damit Dein Todesurtheil ausſprichſt? Der Fürſt antwortete mit einem lauten Lachen. Lache nicht, rief ſie drohend. Ich rede die Wahr⸗ heit, Du ſprichſt Dir ſelber das Gericht, wenn Du jetzt nicht Buße thun, nicht bereuen und wieder gut machen willſt. Ich habe nichts zu bereuen, nichts wieder gut zu machen, rief er heftig.. Ueberlege noch, ſagte ſie faſt flehend. Du biſt ſo jung, ſo ſchön, Du kannſt noch eine ſo lange, ſo glanzvolle Zukunft vor Dir haben. Ueberlege alſo, ſprich nicht Dein Todesurtheil, habe Erbarmen mit Dir ſelber, wenn Du es nicht mit mir haben willſt. Aber es ſcheint, Du ſprichſt wahrhaftig im Ernſt? rief er lachend? Du glaubſt an Deine Drohungen? Was iſt es denn, was ich zu fürchten habe? geliebt zu Äcer ic mir fremd dem Ge⸗ Du damit Lachen. die Wahr⸗ wenn Du vieder gui der gut zu du biſt ſ lange, rlege all urmen ni en wilſt Ernſ im rohungel: 315 Den Tod, Fürſt Felix Lichnowsky, ſagte ſie feierlich. Den Tod, rief er lachend. Den Tod! Und von wem? Wer ſpricht mein Todesurtheil? Ich ſpreche es, und das Volk wird es vollziehen, rief ſie feierlich. Hörſt Du es ſchreien da unten? Es iſt das Volk, das wüthende, das blutgierige Volk. Ich gehöre zu ihm, ich bin eine Tochter des Volkes, und wie ſie Dich verwünſchen, ſo lieben ſie mich. Ich bin mit allen Denen da unten bekannt, ich habe Theil genommen an ihren Berathungen und Verſammlungen, ſie kennen mich, und ich kenne ſie. Ich brauche jetzt nur hinunter zu gehen und ihnen zu erzählen, was Du mir gethan, und um Dein Leben iſt es geſchehen, und das Volk wird Rache nehmen für das, was der ſtolze Ariſtokrat einer Tochter des Volkes Böſes gethan. Oh, darum gehe in Dich, und bereue! Stoße mich nicht von Dir, wolle nicht, daß ich Deine Mörderin werde! Meine Mörderin, rief der Fürſt lachend. Mein Kind, Du nimmſt die Sache in der That viel zu tragiſch, und Du haſt auch einen viel zu großen Glau⸗ ben an die Macht des ſogenannten Volkes. Ich glaube wohl, daß der liebe Pöbel mich von Herzen 316 haßt, und daß, wenn Du ihm Dein romantiſches Mär⸗ chen erzählſt, ſie wuthſchnaubend mich nicht bloß für einen Volksverräther erklären werden, wie ſie das geſtern auf der Pfingſtwieſe gethan, ſondern auch für einen Frauenverräther, der das Verbrechen begeht, nicht einmal die Sünden und den Treubruch Anderer büßen zu wollen, der nicht für den fabelhaften General von Santjago gelten will, da er doch die Ehre hat, der Fürſt Felix von Lichnowsky zu ſein. Du biſt alſo entſchloſſen? fragte ſie kalt und feierlich. Du willſt alſo ſterben? Nein, ich kann nicht ſagen, daß ich ſchon jetzt dazu große Neigung verſpüre, rief er lachend. Aber ich glaube auch nicht, daß der Tod mir ſchon ſo nahe iſt, und jedenfalls fürchte ich nicht Deine Drohungen. Und nun, meine ſchöne Kleine, laß es genug ſein und verzeihe mir, wenn ich Dich bitte, mich zu verlaſſen. Ich habe Luſt, einen Spazierritt zu machen, alſo laß uns Abſchied von einander nehmen. Oh Gott, Gott, ſchrie ſie wild. Du willſt mich und Dein Kind verleugnen? Du willſt nicht wieder gut machen, was Du verſchuldet haſt? Ich habe nichts verſchuldet und alſo habe ich nichts wieder gut zu machen, rief' er achſelzuckend. Wir tiſches M ſicht bloß ſi wie ſie d ern auch ſi begeht, ni nerer büß General v hre hat, d je kalt und von jetzt a d. Aberj ſo nahe Drohunge” ung ſein u zu verliſt en, alſo w jwilſſt und richt wi 317 haben uns geliebt, das iſt wahr. Aber wenn man Dich anſieht, wird Jeder zugeſtehen, daß dies kein todeswürdiges Verbrechen, ſondern die natürliche Folge Deiner Schönheit iſt, denn Du biſt noch immer ſchön, meine liebe Marie, und ich bitte Dich, mich wenigſtens einen Abſchiedskuß auf Deine holden Lippen drücken zu laſſen. Er wollte ſich ihr wieder nähern, ſie aber ſtreckte drohend ihre beiden Hände gegen ihn aus. Wage es nicht, mich zu berühren, rief ſie gebieteriſch. Ich ſage mich los von Dir für immerdar. Ich übergebe Dich dem Gericht. Dort unten auf der Straße erwartet es Dich. Steige hinab zu ihm, wenn Du den Tod nicht ſcheueſt, verbirg Dich, wenn Du ein Feigling biſt. Dein Leben und Dein Sterben lag in Deiner Hand. Du haſt den Tod gewählt! Wohlan, Du ſollſt ihn haben! Sie wandte ſich von ihm und verließ langſamen Schrittes, ohne noch einmal zurückzuſchauen, das Ge⸗ 1 mach. Der Fürſt blickte ihr gedankenvoll nach, und ein ſeltſames Grauen beſchlich einen Moment ſein Herz. Sie ſprach ſo, als ob ſie wahrhaftig an ihre VWorte glaubte, ſagte er leiſe vor ſich hin, als ob ſie wirklich mein Todesurtheil in ihren Händen hielte. — 318 Ja, ja, wenn ſie ihre Geſchichte dem Volke da unten erzählt, ſo wird es wüthend werden, und in ſeiner tugendhaften Wuth wäre es wohl im Stande, die alberne Perſon an mir rächen zu wollen. Ich bin ja überdies dem lieben Pöbel ſchon lange ein Dorn im Auge, ſie hätten mich ſchon lange gern umgebracht, weil ich nicht die Trompete der modernen Volksbe⸗ geiſterung blaſe, ſondern lieber God save the King ſingen mag. Dünkt ſich jetzt der Souverain, das er⸗ bärmliche Geſindel, und möchte Jeden zu einem Ver⸗ brecher ſtempeln, der es nicht anerkennen will in ſeiner Erhabenheit, ſondern es ſo von Herzen verachtet, wie ich es thue. Ein lautes Gebrüll tönte eben von der Straße zu ihm herauf. Fluch über den Verräther! heulte es zu den Fenſtern empor. Tod dem Fürſten Felix von Lichnowsky! Er zuckte lächelnd die Achſeln und trat hinter den Fenſtervorhang, um durch die Spalte deſſelben hin⸗ unter zu ſchauen auf die Straße. Er ſah da drüben das bleiche Weib, die auf einem Prallſtein ſtehend, ge⸗ ſtützt von zwei Weibern, auf welche ſie ſich lehnte, mit lebhafter Geſticulation zu dem Volke ſprach, das in dichten Maſſen ſich um ſie drängte. a unten n ſeinen de, de bin j dorn in gebract Volksbe⸗ le King das er⸗ em Ver in ſeinen htet, wi Strai heulte d Felir vol inter de iben hin⸗ a drübel hend, Ne h lehn ach, d 319 Wahrhaftig, es iſt Marie, murmelte der Fürſt, und ſie erzählt dem Geſindel ihre Geſchichte. Hei, wie ſie immer wüthender werden, je weiter ſie ſpricht, wie ſie die Fäuſte ballen und Verwünſchungen gegen mich brüllen. Es iſt wahrhaftig beluſtigend, das zu ſehen und zu hören. Der Fürſt blieb hinter dem Vorhang ſtehen, und behaglich ſeine Cigarre rauchend, ſchauete er hin⸗ unter auf das Volk, das ſich um Marie drängte und bald in athemloſer Spannung auf ihre Worte lauſchte, bald wieder in tobendes Geſchrei, in wilde Flüche ausbrach. Auf einmal ward dies Geſchrei von andern Schreien, von anderem Gebrüll übertönt, das von dem entgegen⸗ geſetzten Ende der Straße herauf tönte und ſich immer näher heranwälzte. Die Preußen kommen, die Preußen kommen! hallte es jetzt durch die Menge, und ſchon ſah man dort links um die Ecke der Straße einige Cavalleriſten mit ihren blinkenden Helmen erſcheinen, ſah ſie vorwärts ſprengen in das dichte Menſchengewühl, ſah Reih' an Reihe gedrängt die andern Schaaren ihnen folgen. Das Volk brüllte laut auf vor Schmerz und Wuth, es ſtäubte entſetzt auseinander, es floh nach allen Sei⸗ 320 ten hin, die preußiſchen Cavalleriſten ſprengten vor⸗ wärts, die Straße zu ſäubern, und in wenigen Mi⸗ nuten war es gethan, war das Volk verſchwunden, hatten die Preußen die Straße beſetzt. Elendes Pack, rief der Fürſt verächtlich, indem er ſeine Cigarre bei Seite warf. Großmäulig, wenn es ſich ſicher glaubt, muthlos und feig, ſobald es ange⸗ griffen wird! Und vor dem Geſindel ſollte ich mich fürchten! Ich, der Chevalier sans peur et sans reproche, wie mich meine liebe Herzogin immer zu nennen pflegt. Ah, ich will es ihnen beweiſen, daß ich mich nicht fürchte und daß ihre Drohungen nicht den geringſten Eindruck auf mich machen. Der Pöbel hat mich vorhin, als ich aus der Paulskirche kam, vor der Thür mit lautem Ziſchen und Höhnen empfangen,“*) jetzt ſoll er ſehen, daß mir ſein Ziſchen und Höhnen ganz gleichgültig iſt und daß er meinetwegen damit von Neuem beginnen kann. Er nahm ſeinen Hut und wandte ſich der Thür zu, aber ſchon im Begriff, die Schwelle zu überſchrei⸗ ten, kehrte er noch einmal zurück. Ich will doch nicht *) Georg Pflüger, Enthüllungen des berühmten Proceſſes und ſeiner Geſchichte, die Tödtung des Generals von Auerswald und des Fürſten Lichnowsky betreffend. I. S. 9. en vor⸗ gen M⸗ wunden, ndem er wenn er es ange⸗ ich mich et Salls mmer zu ſen, da gen nich 1 Pöbe kam, vol angen) Höhnel en dant — 321 ganz unbewaffnet ſein, ſagte er vor ſich hin. Man muß ſich doch auf alle Fälle vorbereiten, und obwohl ich dem Geſindel nicht den Muth zutraue, mich anzu⸗ greifen, ſo will ich doch bereit ſein, mich vertheidigen zu können. Er nahm aus der Caſſette ein kleines Taſchenpiſtol, unterſuchte die Ladung der beiden Läufe und ſteckte es in ſeinen Buſen. Sodann griff er nach dem dicken ſpaniſchen Rohr, das neben ſeinem Hut gelegen, ſchrob den goldenen Knopf deſſelben ab und zog den in dem Stock befindlichen Stoßdegen hervor. Die Klinge iſt gut, ſagte er, einige Hiebe durch die Luft ſauſend, ſie wird mir im Nothfall vortreff⸗ liche Dienſte leiſten. Ueberdies habe ich meiner theu⸗ ren Herzogin, als ſie bei meiner Abreiſe nach Frank⸗ furt mir dieſen Stoßdegen übergab, feierlich ſchwören müſſen, niemals ohne denſelben mich unter das Volk zu wagen. Ich werde alſo meinen Schwur halten, ich werde den Stoßdegen mit mir nehmen. Nun trat er noch einmal zum Spiegel und ſchaute lächelnd hinein, ordnete hier einige ſeiner braunen, glänzenden Locken, die zu beiden Seiten der Stirn unter dem grauen Hut hervorquollen, ſtrich den ſchö⸗ nen ſchwarzen Schnurrbart, deſſen Spitzen in zwei 21 Mühlvach, Erzherzog Johann. 4 Abth. III 322 zierlichen Löckchen endeten, durch ſeine weißen, von Brillantringen funkelnden Finger, knöpfte den hell⸗ grauen Surtont bis zum Halſe hinauf zu und be⸗ trachtete dann mit ſichtbarem Wohlgefallen ſein ſchönes Geſicht und ſeine edle ſchlanke Geſtalt. Wahrhaftig, es wäre ſchade, wenn das elende Lum⸗ pengeſindel Hand an mich legen ſollte, rief er mit einem lauten, ſpöttiſchen Lachen. Ich bin in der That doch zu gut dazu, um dem ſtinkenden Pöbel als Beute zu fallen und von ihm hingeſchlachtet zu werden. Ah bah, was für Unſinn ſchwatze ich da aber auch! Ich glaube, die hochtönenden Worte meiner lieben Helgo⸗ länder Kaſſandra haben mir den Verſtand umnebelt und mich wider meinen Willen mit düſtern Ahnungen erfüllt. Fort mit ihnen! Fürſt Felix von Lichnowsky iſt nicht dazu gemacht, um ein ſo klägliches Ende zu nehmen und von dem Pöbel gemordet zu werden. Er hat noch viel Ehre, viel Ruhm und viel Liebe zu er⸗ werben, noch viel zu genießen, und er wird, ſo Gott will, einſt eines ehrenvollen Todes ſterben. Fort mit den Grillen! Hinaus in die Luft! Er durchſchritt das Zimmer und öffnete die Thür. Wie er die Schwelle überſchreiten wollte, ſtolperte er 55 ſiere 323 — einer ſeiner ſilbernen Sporen hatte ſich in die Por⸗ tiere verwickelt und hielt ihn zurück. Ein böſes Omen, ſagte der Fürſt lächelnd, indem er den Fuß befreiete, wäre meine liebe Herzogin hier, ſo würde ſie nicht erlauben, daß ich heute das Zim⸗ mer verließe. Aber ich, Gott ſei Dank, ich bin nicht abergläubiſch. XV. Die Todeshetze. Unangefochten war Fürſt Felix Lichnowsky die Zeil hinunter gegangen, denn dieſe Straße war jetzt ganz und gar von den Preußen beſetzt. Das Volk, welches von ihnen vertrieben worden, hatte ſich in die Neben⸗ ſtraßen zurückgezogen und bauete dort mit raſender Haſt große Barricaden, um die Eingänge der Straßen gegen das Vordringen der Preußen zu ſchützen. Man ſah alſo auf der langen und prachtvollen Zeil, deren ſonſt ſo glänzende Läden heute ſämmtlich geſchloſſen waren, nichts weiter als die zu beiden Seiten der Straße aufmarſchirten Reihen von Mili⸗ tair und dann und wann irgend einen Civiliſten, der im Vollgefühl ſeiner„guten Geſinnung“ es wagen durfte, ſich dem Militair zu zeigen. Einige dieſer Civiliſten waren dem Fürſten als der Paulskirche wohlbekannt, und er blieb ſtehen, um ſich mit ihnen zu unterhalten und mit ihnen zu ſcher⸗ zen über das tolle Geſindel, welches ſich vermeſſen wolle, eine Revolution zu machen und ſchon bei dem Abgeordnete aus Erſcheinen der Preußen in wilder Flucht davon ge⸗ raſt ſei. Aber in den angrenzenden Straßen haben ſie ſich wieder geſammelt, erzählte einer der Herren. Da bauen ſie Barricaden, da werden fanatiſche Reden ge⸗ halten, da brüllt das Volk, daß es heute Rache neh⸗ men will an allen Volksverräthern. Alſo vor allen Dingen an mir, ſagte der Fürſt lächelnd, denn ich bin doch dem lieben Pöbel der Volks⸗ verräther par excellence. Und ich möchte mir erlauben, Ew. Durchlaucht den Rath zu geben, daß Sie ſich heute lieber dem Volke nicht zeigen wollen, ſagte ein anderer der Herren. Ich darf Ihnen nicht verhehlen, Durchlaucht, daß das Volk allerdings von Ihnen vorzugsweiſe mit Erbitterung ſpricht, und daß es heute in ſeiner unſinnigen Auf regung Ihren Namen mit wilden Verwünſchungen begleitet. Ich weiß das, mein Freund, ſagte der Fürſt ruhig, 326 aber ich rechne mir dieſe Verwünſchungen des Pöbels zur Ehre an, und ich würde mich ſelbſt verachten, wenn ich vor ihnen mich feig verbergen wollte. Im Gegentheil, ich bin entſchloſſen, mich dem Pöbel heute recht viel zu zeigen, damit es inne werde, was ich von ſeinen Drohungen halte. Man hat mir vorher er⸗ zählt, daß eine Sturmpetition von Abgeordneten der Linken ſich zum Reichsverweſer begeben wolle, um ihn zu zwingen, den Beſchluß wegen der Annahme des Malmöer Waffenſtillſtandes zurück zu nehmen. Ich glaube, es wird gut ſein, den Reichsverweſer davon zu benachrichtigen und einige Vorkehrungen zu ſeiner Sicherheit zu treffen. Ich werde mich alſo hinaus be⸗ geben nach der Villa des Erzherzogs. Zu Fuß, Durchlaucht, ohne alle Begleitung? Ich werde mir von einem mir befreundeten öſter⸗ reichiſchen Officier ein Pferd borgen, und vielleicht finde ich noch Jemand, der ſich entſchließt, mich auf meinem Spazierritt zu begleiten. Er grüßte die Herren mit einem freundlichen Kopf⸗ nicken und ging raſch von dannen nach der nahe⸗ gelegenen Wohnung des öſterreichiſchen Obriſten von Meyern, den er um ſein Pferd zu einem Spazier⸗ ritt bat. 3 Pöbele S25 2 Sie wollen heute ſpazieren reiten, Durchlaucht? verachten fragte Herr von Meyern erſtaunt. ſte In. le. I Und warum nicht, mein Freund? bel heute N Dure euf 35 3 3 un, Durchlaucht, einfach deshalb nicht, weil man ͤich von heute eher riskirt, dem Tode, als einem hübſchen Mäd⸗ orher et chen zu begegnen. neten de Begegne ich ihm, ſo grüße ich ihn und reite raſch um ihn vorüber, ſagte der Fürſt lächelnd. Ich bitte Sie, hme des Freund, leihen Sie mir ein Pferd. Ich muß hinaus en. Ich zum Reichsverweſer, um ihn zu warnen. er dabon Sie wollen Andere warnen, Durchlaucht? Ich zu ſeiner beſchwöre Sie, laſſen Sie ſich lieber ſelber warnen. V naus be⸗ Reiten Sie heute nicht! Es droht Ihnen Gefahr! Sie haben Feinde, viele erbitterte Feinde, und dieſe g ſind heute befliſſen, das Volk gegen Sie aufzureizen. en öſter⸗ Sie laſſen dazu kein Mittel unverſucht, und ich ſelber, viellecht als ich auf der Straße war, um ein wenig zu recog⸗ mich af nosciren, ſah da einen ungeheuren Volksauflauf, in deſſen Mitte auf einer Barricade ein junges Weib en Kopf ſtand und mit leidenſchaftlicher Beredſamkeit die Wuth rnnhe des Volkes gegen Ew. Durchlaucht aufzuſtacheln ſuchte. ſten von Ich weiß es, ſagte der Fürſt freundlich. Ich kenne 1 Zpazier dieſe arme Perſon, ſie iſt in Folge einer unglücklichen Liebſchaft wahnſinnig geworden, und in ihrem Wahn⸗ 328 ſinn hält ſie mich für den Treuloſen, der ſie verlaſſen hat. Wollen Sie wohl glauben, daß dies arme Weib heute morgen bei mir war, um in vollem Ernſt von mir zu begehren, ich ſolle ſie als meine Gemahlin anerkennen? Ah, ſuperb! Und weil Ew. Durchlaucht ſich wei⸗ gerten, hetzt ſie jetzt das Volk gegen Sie auf? Man ſollte dieſe Wahnſinnige verhaften, Durchlaucht, um ſie unſchädlich zu machen. Wozu? fragte Lichnowsky achſelzuckend. Laſſen Sie die arme Perſon doch reden, es erleichtert ihr das ſchwere Herz, und was ſchadet es mir? Das Volk haßt mich, und da gilt es gleich, ob dieſem Haß noch ein wenig Gift hinzugefügt wird. Aber jetzt ſagen Sie mir, mein Freund, wollen Sie mir ein Pferd leihen? Durchlaucht, mein Diener hält es ſchon bereit, wenn Sie denn durchaus reiten wollen. Aber ich wiederhole meine Warnung, ſeien Sie auf Ihrer Huth, Fürſt, und bleiben Sie lieber heute daheim, denn es iſt gefährlich für Sie, ſich heute dem Volke zu zeigen. Aber dem Kühnen lacht das Glück, rief der Fürſt. Ich danke Ihnen für das Pferd und werde es Ihnen 329 werlcfen in einigen Stunden sauf et sain wieder zurück⸗ me Weib bringen. nſt von Er eilte von dannen, ſchwang ſich auf das vor zemahin der Hausthür für ihn bereitſtehende Pferd und ſprengte die nach dem Eſchenheimer Thor führende Wallſtraße ſich wei hinunter. 2 Man Aber ſchon nach wenigen Minuten hielt er ſein cht, um Pferd an. Er hatte da an der Seite der Straße einen Freund geſehen, den er vielleicht bewegen konnte gaſſen ihn auf ſeinem Spazierritt zu begleiten. Gott zum Gruß, mein theurer Herr von Leinin⸗ gen, rief er ihm entgegen. Mein guter Genius führt Sie mir entgegen. Wollen Sie mir nicht Ihre Be⸗ 1 ſagen gleitung ſchenken? Ich reite zu Ihrer Wohnung hin 1 Pfed und warte, bis Ihr Pferd geſattelt iſt. Und wohin wollen Sie, Fürſt? fragte Herr von bertt Leiningen. lle ü Hinaus zum Reichsverweſer, um ihn vor der Sturm⸗ er Huth petition zu warnen, die zu ihm will. Nicht wahr, Sie begleiten mich? Kole Sie reden im Ernſt, Fürſt? Sie wollen wirklich da hinausreiten? 4 Im vollen Ernſte, ja. Nun denn, wenn Sie etwa zwei Köpfe haben, ſo 330 thun Sie es. Aber wer nur einen Kopf zu verlieren hat, der bleibt heute daheim.*) Eh bien, nehmen wir alſo an, daß ich zwei Köpfe habe, denn ich bleibe nicht daheim, rief der Fürſt, in⸗ dem er Herrn von Leiningen freundlich zunickte und ſeinen Weg fortſetzte. Indeſſen ſchon nach einigen Minuten ſollte ſein Ritt abermals unterbrochen werden. Abermals kam ein Bekannter des Fürſten, ein Herr Becker, die Straße daher, winkte, da er den Fürſten erkannte, ihm lebhaft zu, anzuhalten, und eilte zu ihm hin in die Mitte der Straße. Was giebt es, lieber Becker, was haben Sie mir zu ſagen? fragte der Fürſt lächelnd. Durchlaucht, erwiederte der Angeredete ernſt, ich habe Ihnen zu ſagen, daß es von Ihnen eine Toll⸗ kühnheit iſt, ſich heute auf der Straße ſehen zu laſſen, und daß, wenn Ihnen Ihr Leben lieb iſt, Sie ſofort Ihr Pferd umwenden, ſich in Ihre Wohnung zurück begeben und dieſelbe den ganzen Tag nicht wieder verlaſſen. *) Herrn von Leiningens eigene Worte. Siehe: Pflüger, Enthüllungen über den Proceß Lichnowsky ꝛc. I. S. 19. verlieren vei Köpfe Fürſt, in⸗ ickte und u laſſen ie ſofol 1 d g zuru wieden Sie glauben alſo, mir drohe Gefahr? fragte der Fürſt gleichgültig. Ich glaube es nicht nur, ſondern ich bin davon überzeugt. Ich habe eben einen Gang durch die Stadt gemacht, durch alle die Straßen, welche das Volk inne hat. Ueberall bauet es Barricaden, überall ſchwört es Tod den Volksverräthern, überall nennt es den Fürſten Felix Lichnowsky als denjenigen, welchen die Rache des Volkes zuerſt treffen muß. Und Sie meinen, ſolche Radomontaden des Lum⸗ penpacks ſollten mich verhindern, mich öffentlich ſehen zu laſſen? Ich meine das, Durchlaucht, ich meine, Sie ſollten dem Volk heute ebenſo ſehr ausweichen, wie man dem wüthenden Stier ausweicht und den Weg vermeidet, auf welchem man ihm begegnen müßte. Ah, Sie irren, mein Freund, rief der Fürſt lächelnd. Ich weiche keinem wüthenden Stier aus, denn ich habe in Spanien von einem geſchickten To⸗ reador gelernt, wie man die Thiere, ſelbſt wenn ſie in der größten Wuth ſind, bändigen kann. Ein ge⸗ ſchickter Griff zwiſchen die Hörner, man ſchwingt ſich auf ihren Rücken und wird ihrer Herr. Nein, ich weiche keinem wüthenden Stier aus. — · Nun, Durchlaucht, ſo weichen Sie dem Volk, weichen Sie Ihren Feinden. Wer ſind dieſe Feinde? Durchlaucht, alle Diejenigen, welche ſich zum Volke rechnen, welche zu der Demokratie gehören. Mit Einem Worte: aller Pöbel, rief der Fürſt, ſtolz das Haupt zurückwerfend. Durchlaucht, es befinden ſich unter Ihren Feinden die ehrenwertheſten Männer, aber freilich auch viel verachtungswürdige, und dieſe Letzteren gerade haben Sie am meiſten zu fürchten, denn dieſe können Alles wagen, da ſie nichts zu verlieren haben. Glauben Sie mir, Durchlaucht, es iſt nicht klug von Ihnen, ſich heute öffentlich zu zeigen. Es mag nicht klug ſein, es zu thun, aber jeden⸗ falls wäre es feig, es nicht zu thun, ſagte der Fürſt achſelzuckend, und nach der Demokratie haſſe ich nichts ſo ſehr als die Feigheit. Ich reite alſo! Sie wollen mir nicht glauben, aber vielleicht glau⸗ ben Sie Herrn von Bethmann. Sehen Sie, dort kommt er eben, fragen Sie ihn doch, ob er Ew. Durch⸗ laucht rathen kann, ſich heute auf den Straßen ſehen zu laſſen. Nimmermehr könnte ich Ihnen das rathen, rief — — ſich zum ören. er Fürſt Feinden auch viel Glauben n Ihnen 12 Herr von Bethmann, welcher die letzten Worte des Herrn Becker gehört hatte, und jetzt raſch zu dem Fürſten herantrat. Wer Sie liebt, Durchlaucht, der muß Sie beſchwören, heute daheim zu bleiben, jedes Begegnen mit dem Volk zu meiden, denn jeder Schritt auf der Straße bedroht Sie mit Gefahren. Mit was für Gefahren und von wem kommen ſie? Auf das Alles kann ich Ihnen keine Auskunft geben, Durchlaucht. Ich weiß nicht beſtimmt zu ſagen, was für Gefahren Sie bedrohen, nicht wo, wann, wie, und durch weſſen Hand ſie Sie treffen können, aber ſie ſind vorhanden, und deshalb beſchwöre ich Sie, ihnen auszuweichen! Unmöglich, ich würde mich ſelbſt verachten, wenn ich es thäte, rief der Fürſt. Leben Sie wohl! Er drückte dem Pferde die Sporen in die Seiten, daß es mit raſchen Sätzen vorwärts ſprengte. Ihnen Allen zum Trotz will ich meinen Willen durchſetzen, ſagte der Fürſt zu ſich ſelber, indem er dann langſamer die Wallſtraße dahin ritt. Es ſoll nicht geſagt werden, daß ich, der ich ſo oft meine Verachtung gegen das ſogenannte Volk ausgeſprochen habe, ihm jetzt die Ehre anthue, mich vor ihm zu fürchten. Aber ich will verſuchen mir einen Begleiter 334 zu ſchaffen, und wahrhaftig, da habe ich ſchon, was ich brauche. Der General von Auerswald ſoll mich begleiten! Und er ſprengte dem Herrn entgegen, der ſoeben um die Ecke der Bleichſtraße daher kam. Mein lieber General von Auerswald, rief er fröh⸗ lich, nicht wahr, Sie ſind mein Partner? Sie reiten mit mir hinaus zum Reichsverweſer? Heute? Jetzt? fragte der General kopfſchüttelnd. Sie wiſſen alſo nicht, daß ganz Frankfurt in Aufruhr iſt? Daß man überall Barricaden baut, und daß namentlich draußen vor den Thoren ganze Schaaren tobenden, wüthenden Geſindels ſich zuſammen gehäuft haben, die von den benachbarten Ortſchaften herüber⸗ gekommen ſind, und voller Kampfes⸗ und Mordluſt nur des Rufes ihrer Führer warten, um in die Stadt einzuziehen? Ich weiß das Alles, rief der Fürſt ungeduldig. Aber ich geſtehe, daß ich von Ihnen dergleichen Fra⸗ gen nicht erwartete. Iſt es möglich, Sie General, Sie fürchten ſich vor einer Hand voll Lumpenbuben? Ich mich fürchten? fragte der General, über deſſen biederes Angeſicht ein Erröthen des Unwillens zuckte. Nein, ich fürchte mich nicht, und ich will es Ihnen — ———— on, was oll mich ſoeben er fröh⸗ e reiten üttelnd. Aufruhr nd daß chaaren gehäuft erüber⸗ 335 beweiſen! Schaffen Sie mir ein Pferd, und ich reite mit Ihnen! Bravo, mein General, bravo! Das Pferd werden Sie leicht erhalten! Sehen Sie, wir befinden uns hier gerade vor dem Hauſe unſres gemeinſchaftlichen Freundes, des Reichskriegsminiſters von Peucker. Gehen Sie hinein, mein lieber General, und fordern Sie, daß man Ihnen ein Pferd gebe. Man wird es Ihnen ſicher nicht weigern. Nein, Sie haben Recht, man wird es mir nicht weigern. Erwarten Sie mich hier, Fürſt, ich werde ſogleich wieder bei Ihnen ſein! Und der General begab ſich eilenden Schrittes in das Haus. Fürſt Lichnowsky blieb vor der Thüre halten und wartete; er blickte mit lächelnder Ruhe auf die Bar⸗ ricade hin, die unweit von ihm ſich in der Mitte der Straße befand, und an deren Bau eben noch ein Dutzend Männer und Knaben mit wüthender Eil⸗ fertigkeit beſchäftigt waren. Auf einmal kam mit lautem Trommelſchlag um die Ecke der nächſtgelegenen Straße ein Detachement Soldaten daher gezogen, und marſchirte gerade auf die Barricade los. 336 Hurrah, die Preußen kommen, rief der Fürſt, nun wird der Hexentanz losgehen! Ja, der Hexentanz ging los! Die Preußen gaben eine volle Salve auf die Barricadenkämpfer, welche unter furchtbarem Geſchrei mit ihrem Gewehrfeuer antworteten. Jeder ihrer wohlgezielten Schüſſe traf ſeinen Mann, ſtreckte einen Soldaten nieder und fachte damit die Kampfesluſt des Militairs zu neuer Wuth an. Eine abermalige Salve erfolgte. Fürſt Lichnowsky beobachtete mit neugieriger Spannung die Wirkung derſelben, und brach in ein lautes Bravo! Bravo! aus, als er die beiden Kämpfer, welche eben noch oben auf der Barricade geſtanden, zurücktau⸗ meln und verſchwinden ſah. Bravo, meine tapfern Preußen, ei er, ſchießt das Geſindel zuſammen, macht die Straße frei von den abſcheulichen Barricaden! Durchlaucht, ich bin bereit, ſagte in dieſem Augenblick der General von Auerswald hoch zu Roß neben ihm. Sie ſollen ſehen, daß ich mich durchaus nicht fürchte, obwohl es mir ziemlich waghalſig ſcheint, was wir unternehmen. Borwürtz alſo! Vorwärts, mon ami! Wir können nicht warten, bis die lieben Preußen die Varrianden genommen, und r, welch wehrfeue — —— 337 uns den Weg frei gemacht haben. Laſſen Sie uns alſo durch dieſe Nebengaſſen zum Eſchenheimer Thor hinreiten. Ich kenne den Weg ganz genau! Kom⸗ men Sie! Sie ritten in die Nebengaſſe hinein, aber nur langſam, nur ſchrittweiſe konnten ſie vorwärts kom⸗ men, denn überall waren ſie umwogt von Menſchen⸗ maſſen, die im wilden Durcheinander hierhin und dorthin ſtürmten, und an allen Ecken ſich ſammelten, um Barricaden zu bauen, und ſich hinter denſelben zu verſchanzen. Der Kampf, ſo ſchien es, war jetzt ſchon in der gan⸗ zen Stadt verbreitet. Von allen Seiten her vernahm man das Donnern der Geſchütze, das Läuten der Sturmglocken, das Heulen und Brüllen des Volkes. Die Beiden ritten ſchweigend weiter dem Eſchen⸗ heimer Thor zu. Der General mit düſterm, trotzigem Angeſicht, als grollte er noch immer darüber, daß Lichnowsky ihn der Furcht beſchuldigt habe, der Fürſt mit keckem Umherſchauen, als wolle er die Gefahr herausfordern, die er mit ſo viel Uebermuth bravirte. Und die Gefahr ſollte nur allzuſchnell ſeiner Herausforderung folgen! Da draußen vor dem Eſchen⸗ Mühlbach, Erzherzog Johann. 4. Abth. III. 22 338 heimer Thor, da wartete ſie der beiden Reiter! Da empfing ſie dieſelben mit lautem Gebrüll, mit wüthen⸗ den Verhöhnungen, mit heftigen Steinwürfen, da heulten wilde Volkshaufen ihnen entgegen und ſchnit⸗ ten ihnen den Weg ab, den ſie reiten wollten. Sie ſprengten ſeitwärts dahin auf einen Neben⸗ weg, und gelangten glücklich und unaufgehalten bis zu dem Friedberger Thor. Aber da wartete der bei⸗ den Reiter wieder die Gefahr, da ſtreckte ſie ihnen ſchon wieder ihr bleiches, höhnendes Meduſen⸗Ange⸗ ſicht entgegen. Aber Fürſt Felix Lichnowsky wollte dieſes Antlitz noch immer nicht ſehen, er wollte die Nähe der Ge— fahr noch immer nicht achten! Er ſprengte auf den Volkshaufen zu, der dort vor dem Friedberger Thor um das„Heſſendenkmal“ ſich geſammelt hatte, und da er ſah, daß dieſe Leute bewaffnet waren, forderte er ſie mit lauter, gebieteriſcher Stimme auf, ihre Waffen niederzulegen. Sie ſahen ihn erſtaunt, verwundert an, ſie lachten laut auf, und fragten ſich verwundert untereinander, wer dieſe beiden Reiter ſein möchten, die ſich erlau⸗ ben wollten ihnen zu befehlen, ihnen zu gebieten, daß ſie die Waffen niederlegen ſollten; da ſie doch eigens dſchnit⸗ Neben⸗ uf, jbre 339 von Bockenheim herüber gekommen, um ſie zu ge⸗ brauchen und die„Volksverräther“ zu bekämpfen? Und immer dichter umdrängten die Fragenden die beiden Reiter, immer drohender wurden die Geſichter, immer lauter ſchrieen ſie: wer ſeid Ihr? Wer giebt Euch das Recht uns zu befehlen? Auf Einmal ſtürzte aus dem dichteſten Volks⸗ haufen ein junges Weib hervor mit todesbleichen Wangen, mit blitzenden Augen. Ihr fragt, wer er iſt? ſchrie ſie, die erhobene Hand gegen den Fürſten aus⸗ ſtreckend. Ich will es Euch ſagen: Es iſt der Fürſt Felir von Lichnowsky! Marie, murmelte der Fürſt, und er drängte ſein Pferd von ihr zurück, näher zu dem General Auers⸗ wald heran. Die Menge empfing dieſen Namen mit einem lauten Wuthgeheul. Lichnowsky! brüllte ſie. Er iſt ein Spion! Ein Volksverräther! Er muß ſterben! Die Gefahr war da! Sie umringte die Reiter von allen Seiten, und jetzt konnte auch Fürſt Lich— nowsky ihre Nähe nicht mehr ableugnen, jetzt über⸗ ſchlich ein leiſes Grauen ſein Herz, und machte ih erbeben. 22* 340 General, ſagte er, ſich zu ſeinem Begleiter nei⸗ gend, wir müſſen uns durch einen coup de despe- ration von dem Geſindel befreien. Geben Sie wohl Acht auf mich. So wie ich gefeuert habe, ſprengen wir rechts von dannen! Er zog das Piſtol aus der Taſche und feuerte. Ein lauter Weheſchrei ertönte, den das Volk mit einem Wuthgeſchrei erwiderte. Aber der Fürſt hatte doch ſeinen Zweck erreicht, das Volk wich einen Augenblick zurück, und durch die ſich öffnende Gaſſe konnte er mit dem General dahin ſprengen, die Chauſſee entlang, den Weg nach dem Allerheiligenthor dahin. Ein Hagel von Steinen ward ihm nachgeſchleudert, Schüſſe wurden abgefeuert, aber weder die Steine, noch die Schüſſe trafen die beiden Reiter, die jetzt im vollen Gallopp dahin jagten. Aber die Gefahr jagte mit ihnen, ſie war an ihrer Seite, ſie empfing ſie mit höhnendem Meduſen⸗ Angeſicht, als ſie jetzt nach einem wilden, verwirrten Ritt wieder unfern des„Heſſendenkmals“ am Fried⸗ berger Ther anlangten. Die Gefahr hat ihnen ſchon die Sinne verwirrt, den Verſtand umnebelt, treibt ſie gerade wieder den Feinden entgegen, denen ſie ent⸗ fliehen wollten. reich, h die dahin 341 Da ſind ſie ſchon wieder! brüllt die Menge ihnen entgegen. Der iſt er, der Volksverräther! Der Spion! Der Lichnowsky! Ein Hagel von Steinen brauſſt ihnen entgegen. Sie wenden die Pferde, ſie reiten zurück den Weg, den ſie gekommen. Aber die Gefahr lauert hinter ihnen, und hat ihnen jetzt ſchon den Rückweg abge⸗ ſchnitten! Unglücklicher Fürſt, warum wollteſt Du ſie nicht erkennen, die Gefahr, als Deine Freunde Dich vor ihr warnten da drinnen in der Stadt? Jetzt iſt es zu ſpät, jetzt hat ſie dich gepackt mit ihren Lö⸗ wentatzen, und ſie wird Dich nicht eher frei geben, als bis ſie Dich zerriſſen, als bis ſie Dein Blut ge⸗ trunken hat.! Nein, ſie können nicht mehr zurück! Der Weg iſt ihnen abgeſchnitten. Bewaffnete Zuzügler von Bockenheim und Ginnheim haben den Weg beſetzt. Sie empfangen die flüchtig Dahinreitenden mit einem Steinhagel. Denn der Ruf: Lichnowsky! der Volks⸗ verräther! der Spion! iſt von Mund zu Mund, von Volkshaufen zu Volkshaufen zu ihnen geflogen. Si wiſſen es jetzt Alle, Alle, daß der Eine von den bei⸗ 342 den Reitern, die da heranſprengen, der Fürſt Lich⸗ nowsky iſt! Und ſie empfangen ihn mit lautem Wuthgebrüll, mit einem Hagel von Steinen.. Sie wenden wieder die Pferde! Aber die Gefahr, die Gefahr iſt immer bei ihnen, ſie verfolgt ſie überall! Sie reitet mit ihnen jetzt die Chauſſee hinauf, ſie brüllt es überall dem Volke zu, das in dichten Haufen überall ſich geſammelt hat: da iſt Lichnowsky, der Volks⸗ verräther! Unglücklicher Fürſt, warum wollteſt Du nicht er⸗ kennen die Gefahr, als Deine Freunde Dich vor ihr warnten, vor ihr da drinnen in der Stadt? Jetzt iſt es zu ſpät, jetzt iſt kein Entrinnen mehr vor ihr! Aber ſie wollen's doch noch verſuchen zu entrinnen, ſie wollen kämpfen um das Leben! Volksgeheul, Wuthgeſchrei umgiebt ſie, aus der Stadt vernimmt man heftiges Gewehrfeuer, die Gefahr iſt jetzt überall, überall, der Tod lauert drinnen in der Stadt ſeiner Opfer— vielleicht iſt's möglich, ihm hier draußen auszuweichen. Man muß es verſuchen! Verſuchen! Den Stoßdegen gezogen und ihn hoch in der Luft ſchwingend, ruft der Fürſt: Courage! Vorwärts! Courage! Vorwärts! Lich⸗ ebrül, ecfahr, gerall aufen olks⸗ 343 Und dahin ſprengt er, die Chauſſee entlang, ge⸗ folgt von Auerswald, dem edlen, biedern, unſchuldigen Auerswald! Die Gefahr ſprengt mit ihnen, iſt immer an ihrer Seite, reitet mit ihnen die Bornheimer Chauſſee hinauf. Da kommt ihnen ein neuer Zug von Be⸗ waffneten entgegen. Umgekehrt! einen andern Weg eingeſchlagen! Ver⸗ folgt von Denen, die ihnen entgegen kamen, verfolgt von Denen, die hinter ihnen herrennen, geht es ſeit— wärts jetzt hinein in eine Straße, die auf beiden Seiten von hohen Gartenzäunen eingefaßt iſt. Oh, dieſer enge Weg rettet ſie vielleicht. die Maſſen zurück, ſie können ſo ſchnell nicht folgen! Er hält Vorwärts, vorwärts alſo! Es iſt ſtill hinter ihnen geworden! Ihre Ver— folger haben ſie verlaſſen! Nur hinein in die offene Gartenthür hier, hinein in den Garten! Schnell herunter von den Pferden! Schnell ſie dem Gärtner übergeben, der erſtaunt den beiden Reitern entgegenſchaut. Guter Freund! Nehmt Euch unſerer Pferde an. Bewahrt ſie uns! Sie drücken dem Erſtaunten ein in die Hand, ſie eilen vorwärts, hinein in das Hau paar Goldſtücke 5, 344 das da mitten im Garten liegt, in das Haus des Kunſtgärtners Schmidt. Ach, hier iſt es ſtill und friedlich, hier ſind wir gerettet! Hier können wir uns verbergen! Unglücklicher Fürſt, die Gefahr iſt immer neben Dir geblieben, ſie iſt mit Dir eingetreten in das friedliche, ſtille Haus, ſie ſchwebt als finſterer Rabe über Dir, wie Du mit dem General jetzt eintrittſt in die ſtille Wohnſtube des Gärtners, und die dort wei⸗ lende Frau Schmidt fragſt: darf man hier eintreten? Wollen Sie uns eine Zuflucht gewähren? Sie iſt eine brave und tapfere Frau! Sie weiß nicht, wer die Herren ſind, aber ſie wird Diejenigen, welche ſich über ihre Schwelle geflüchtet, nicht zurück⸗ ſtoßen, nein, gewiß nicht. Auch ihr Mann, der eben ins Haus kommt, wird es nicht thun, obwohl er jetzt ſchon ahnt, wer die beiden Herren ſind. Denn die Verfolger ſind ſchon da, ſie ſind ſchon im Garten! Sie haben vorher die beiden Reiter nur verlaſſen, um auf einem Richtweg an die Hinterſeite des Gartens zu kommen, ſo daß die beiden Reiter ihnen gerade entgegen kommen mußten. Jetzt ſind ſie in den Garten eingedrungen, jetzt durchſuchen ſie mit lautem Gebrüll das Treibhaus. 345 s des Wir müſſen ihn haben, ihn fangen, den Volksver⸗ 44 räther! Er hat ſich hier verſteckt, der Spion, der d wt Lichnowsky! Um Gotteswillen, ruft die Frau Schmidt, iſt einer neben von Ihnen der Fürſt Lichnowsky? das Ja, einer von uns, ſagt General Auerswald mit Rabe einem traurigen Lächeln, aber Beide ſind wir bedroht. lſt in Wollen Sie uns nicht zu unſerer Rettung behülf⸗ wi lich ſein? eten? Wie können wir's? Was können wir thun? Verbergen Sie uns! rufen ängſtlich Beide zu weiß gleicher Zeit. nigen, Draußen brüllt das Volk: Wir müſſen ihn haben rick den Spion, den Volksverräther Lichnowsky! eben Und als habe dieſes Gebrüll ſie Beide verſcheucht, jgt verſchwinden die beiden Männer aus dem Zimmer, nde indeß der Gärtner Schmidt hinunterſtürzt, um die tten wüthende Menge zu beſchwören, ſein Haus zu ſchonen, un und zu verſichern, daß Niemand ſich in demſelben — 3 verborgen hat. ende Und während er das verſichert, ſchleicht der arme den alte General Auerswald die Bodentreppe hinauf und uem verſteckt ſich dort oben in einem Bett, zieht die Decke, welche über daſſelbe gebreitet iſt, hoch über ſeinen —— 346 Kopf und ahnt nicht, daß ſeine mit ſilbernen Sporen gezierten Stiefel unter der Decke hervorſehen. Indeß Schmidt dem wüthenden Pöbel verſichert, daß Niemand ſich in ſeinem Hauſe verſteckt hält, ſpringt der Fürſt Lichnowsky die Treppe hinunter, hin⸗ ein in den Keller, in den dunkeln Gang, an deſſen beiden Seiten ſich Lattenverſchläge befinden. In einer der Thüren, die ſich in den Lattenver⸗ ſchlägen befinden, ſteckt ein Schlüſſel— der Fürſt öffnet die Thür. Um Gotteswillen, was wollen Sie hier? fragt hinter ihm ängſtlich die Frau Schmidt, die ihm ge⸗ folgt iſt. Mich verſtecken, ruft der Fürſt. Ich bitte Sie, ziehen Sie den Schlüſſel ab und verrathen Sie mich nicht. Sie thut es, die brave Frau. Sie ſchließt die Thür und ſteckt den Schlüſſel in ihre Taſche, und eilt wieder hinauf in das Haus, in welches das wüthende Volk jetzt ſchon eingedrungen iſt und ihr entgegen brüllt: Wo iſt der Spion! Der Hund! Der Spitz⸗ bube! Der Lichnowsky! Still iſt es drunten im Keller, im Lattenverſchlag. Unter Haufen von Aepfeln, unter Brettern hat er ſich „ —— poren ſchert, hält, hin⸗ enver⸗ Fürſ fragt m ge⸗ mich t die deilt hende gegen Spi⸗ 347 geborgen, der Fürſt Lichnowsky, Niemand kann ihn ſehen, denn es iſt finſter da drunten, ganz finſter. Ein kleines Fenſter befindet ſich über ihm in der Mauer, aber es iſt mit Stroh verſtopft, kein Licht dringt hin⸗ ein, aber hören kann man durch dieſe Oeffnung, hören was drunten im Garten geſchieht. Still iſt es drinnen im Lattenverſchlag, aber die Gefahr iſt doch mit dem Fürſten eingezogen in den engen düſtern Raum. Sie umſchwebt ihn, ſie lauert auf ihn, ſie wird ihn nicht mehr verlaſſen, nein, nicht mehr! Welch ein Triumphgeſchrei jetzt durch die Stille zu ihm herantritt, wie das heult und jauchzt: Wir haben ihn! Den Spion! Den Volksverräther! Ein Schrei des Entſetzens tönt von den Lippen des Fürſten. Er erräth Alles. Sie haben ihn, den General Auerswald! Sie glauben ihn zu haben, den Fürſten Lichnowsky! Und er kann nicht zu ihm hin! Er iſt einge⸗ ſchloſſen! Jetzt wird's lebendig da im Garten, da dicht vor dem Fenſterlein, das in ſeinem Verſchlag ſich befindet. Du mußt ſterben! Du mußt ſterben! brüllen wüthende Stimmen. 348 Und eine keuchende, ſchmerzvolle Stimme fleht: Habt Erbarmen! Ich bin ja ganz ſchuldlos! Habt Erbarmen mit meinen armen Kindern! Sie haben erſt jetzt ihre Mutter verloren! Tödtet ihnen nicht auch den Vater!*) Wie gräßlich das klingt durch die Stille, welch ein furchtbarer Jammer die Bruſt des Verſteckten erfüllt! Wie ſich ſein Haar ſträubt, als er jetzt einen furcht⸗ baren Schlag fallen hört, als er das Todesächzen ver⸗ nimmt, das ihm folgt! Ich bin ſchuld, oh, ich bin ſchuld an ſeinem Tode! murmelt es durch die Stille da unten im Lattenver⸗ ſchlag. Gott ſei ihm gnädig, und er erbarme ſich meiner! Auch droben im Garten iſt es ſtill geworden. Sie haben ihn fortgeſchleppt, den armen General, hinaus aus dem Garten. Jetzt knallt ein Schuß! Gott ſei ſeiner armen Seele gnädig! ächzt es da unten im Lattenverſchlag. Auf einmal hallt durch die Stille der wüthende Ruf: Es war nicht der Rechte! Wir müſſen ihn *) Die eigenen Worte des Generals von Auerswald. Siehe: Pflüger, Enthüllungen über den Proceß des Fürſten von Lich⸗ nowsky ꝛc. I. S. 110. 349 haben! Wir müſſen ihn ſuchen! Er hat ſich hier verſteckt! Wir haben das Haus durchſucht! Nun hinunter in den Keller! Jetzt wird's lebendig in dem Keller! Jetzt ſtürzen Kerle mit wüthenden Geſichtern hinein in den Gang, jetzt zerren ſie die Frau Schmidt herein, ſie ſoll die Schlüſſel geben, die Schlüſſel zu den Verſchlägen. Aber was bedarf es der Schlüſſel! Unſere Fäuſte ſind ſtark! Hurrah! Die Thüren eingeſchlagen! Die Thüren krachen! Wüthendes Freudengeheul unterbricht jetzt die Stille in dem Lattenverſchlag! — Sie haben ihn gefunden!—— Sie zerren ihn hervor, ſie ſchreien einander laut jubelnd entgegen: Wir haben ihn! Hurrah, wir haben ihn! Er bittet, er fleht! Sein Muth iſt gebrochen! Er fleht um ſein Leben! Der ſtolze Ariſtokrat fleht zu dem verachteten Pöbel um ſein Leben! Er ver⸗ ſpricht, daß er ihnen die Republik ſchaffen will, die demokratiſche Republik, und in ſeiner Todesangſt bricht er aus in den Jubelruf: Hoch lebe die Republik!*) *) Aus den Proceßacten wörtlich angeführt. Siehe: Pflüger, Enthüllungen ꝛc. I. 164. — 350 Sie lachen zu ſeinem Flehen, zu ſeinen Verſprechun⸗ gen, ſie ſchleppen ihn fort, hinaus aus dem Keller! Hinaus aus dem Garten. Auf der Landſtraße ſoll er ſterben! Da, wo er auf uns geſchoſſen hat! So ſchleppen ſie ihn weiter, immer weiter! Haufen von Menſchen wälzen ſich ihnen entgegen, empfangen mit wüthendem Geheul den Gefangenen. Am Graben kommen ſie vorüber, am Graben, wo die Leiche des Generals Auerswald liegt. Ein wüthen⸗ der Kerl, den Hut hoch in der Luft ſchwingend, um⸗ tanzt die Leiche und ſchreit: Der Lichnowsky iſt todt! Jetzt iſt Deutſchland gerettet! Juchhe! Juchhe!*) Der Lichnowsky iſt noch nicht todt! brüllt und lacht die Menge. Aber er wird es bald ſein! Aber ehe er ſtirbt, will ich ein Angedenken von ihm haben, ſchreit ein wüthender Kerl und reißt ihm die Uhr aus der Taſche. Ich will auch ein Angedenken von ihm! ſchreit ein Anderer. Ich auch! brüllt ein Dritter. Und ſie zerren an ihm und ſie ſtoßen an ihm, ſie *) Pflüger, Enthüllungen ꝛc. I. 170. cun⸗ eller! oo er 351 ſchleudern ihn herüber, hinüber, reißen Stücke von ſeinen Kleidern, ſtoßen ihn, ſchlagen ihn. Erbarmen, oh, Erbarmen! Ein Weib ſchreit's, ein junges, bleiches Weib, das ſich gewaltſam durch die Menge zu ihm herandrängt ein Weib, dem jetzt, da er in Todesgefahr iſt, das, liebende Herz erwacht iſt. Erbarmen, tödtet ihn nicht! Er iſt mein Gatte! Laßt ihn mir! Sie ſtoßen ſie zurück, ſie faſſen ihr die Hände, ſie halten ihn mit Gewalt zurück. Er muß ſterben! Er ſoll ſterben! Sie haben ihn geſchlagen, geſtoßen, mit Steinen nach ihm geworfen, ſein Geſicht iſt von Blut über— ſtrömt, ſeine Arme ſind gebrochen. Nun fallen Schüſſe! Einer! Zwei! Noch ein Dritter! Herr Jeſus! Erbarme Dich! Er ſtürzt zuſammen,— das grauſenvolle Werk der Volksrache iſt vollbracht!— Der Fürſt Felix von Lichnowsky iſt ihr zum Opfer gefallen! Aber er iſt noch nicht todt! Er ächzt noch, er leidet noch! Oh, und wie furchtbar leidet er! Er fleht um ein wenig Waſſer. Ein Weib, ein bleiches Weib ſtürzt von dannen und kehrt zurück mit 352 einem Glaſe Waſſer, und kniet in Thränen, in Jam⸗ mer aufgelöſt neben dem armen, blutenden, zerſchmet⸗ terten Hiob nieder, den ſie heute morgen noch geſehen als den ſchönen, den glänzenden, den ſtolzen Fürſten Lichnowsky.— Aber ſie reißen ſie mit Gewalt von ihm fort. Zurück! Zurück! Der Verräther, der Spion ſoll keinen Labetrunk haben!*) Fort mit dem Weibe! Bringt ſie fort von hier! Laßt mich Abſchied von ihm nehmen! Oh, nur einen letzten Abſchied! Laßt mich ihn nur anflehen, daß er mir vergebe! Denn ich, oh, ich bin ſchuld an ſeinem Tode! Nein, er ſelbſt und er allein iſt ſchuld an ſeinem Tode! Fort mit der Frau! Er ſoll's nicht hören, daß Einer Mitleid mit ihm hat, denn er hat niemals Mitleid gehabt mit dem Volk! Vorher noch in der Stadt, als die Preußen unſere Brüder auf den Bar⸗ ricaden erſchoſſen, da hat er Bravo geſchrieen und in die Hände geklatſcht, der Volksverräther!**) Nun ſoll Niemand ihn bedauern, er verdient es nicht! 183. 22. *) Pflüger, Enthüllungen ꝛc. I. **) Pflüger, Enthüllungen ꝛc. I. G& G — Jam⸗ zmet⸗ ſehen irſten Sie führen das jammernde, verzweifelnde Weib von dannen. Sie ziehen ſich allmälig Alle zurück und laſſen ihn allein auf der Landſtraße liegen, allein mit ſeinen klaffenden Wunden, ſeinem brennenden Durſt, — allein mit ſeinem Gewiſſen! Leute, die von Frankfurt kommen, erbarmen ſich endlich ſeiner, holen Hülfe herbei, heben ihn auf eine aus dem Schmidt'ſchen Garten herbeigeholte Blumen⸗ bahre und ſchaffen ihn endlich auf den ausdrücklichen Wunſch des Fürſten in das Hospital zum heiligen Geiſt. Und dort, im Hospital, haucht der ſchöne, der vielgeliebte, der vielgehaßte Fürſt Lichnowsky endlich am ſpäten Abend des achtzehnten September ſeinen Geiſt aus. Aber zuvor hat er ſein Teſtament gemacht, hat er die Herzogin Dorothea von Sagan zu Sagan zu ſeiner Univerſalerbin eingeſetzt, und dann hat er mit ſterbender Lippe geflüſtert:„Ich verzeihe meinen Be⸗ leidigern und Mördern!“ Die Herzogin von Sagan hat groß und voll ſchmerzlicher Liebe die Erbſchaft angetreten, welche der ſterbende Freund ihr hinterlaſſen. Die Erbſchaft be⸗ ſtand in mehr als einer Million Thaler— Schulden, L. Mühlbach, Erzherzog Johann. 4. Abth. III. 23 354 ſie hat ſie bezahlt, ſie hat den Gemordeten gefeiert und ſein Andenken geehrt in jeder Weiſe. Die Liebe iſt ihm über das Grab hinaus gefolgt, der Haß iſt mit ihm geſtorben, und ſo möge das letzte Wort des ſterbenden Fürſten Anwendung finden: möge ſeinen Mördern verziehen werden! XVI. Schluß. Der Traum der Freiheit nahte ſich ſeinem Ende, Wien hatte ihn einen ganzen glücklichen, begeiſterungs⸗ vollen Sommer hindurch träumen dürfen, aber mit den fallenden Blättern welkten auch die Blätter am Baume der Freiheit und ein anderes Blatt wehte der Sturmwind der Contre⸗Revolution durch die Straßen Wiens. Dieſes Blatt kam von dem Feldmarſchall Fürſten zu Windiſchgrätz, der mit ſeiner Armee draußen vor den Thoren Wiens lagerte und in Hetzendorf ſchon ſein Hauptquartier hatte. In dieſem Blatte forderte der Feldmarſchall Win⸗ diſchgrätz, nachdem er ſchon einige Tage zuvor Wien und ſeine Umgebung in Belagerungszuſtand erklärt 23* 356 hatte, die Stadt Wien zur Unterwerfung auf. Die Nationalgarde, die Legionen ſollten die Waffen ab⸗ liefern, alle Corps ſollten ſich auflöſen, die Aula ſollte zwölf Studenten als Geißeln liefern, außerdem ſollten „mehrere noch zu beſtimmende Individuen“ ausgelie⸗ fert, alle Zeitungen ſuspendirt, alle Clubbs geſchloſſen werden. Achtundvierzig Stunden gab der Feldmarſchall Windiſchgrätz dem entſetzten, verzweifelnden Wien Be⸗ denkzeit, ob es ſeine Bedingungen annehmen wolle, oder ob er mit den Mündungen ſeiner hundert Ka⸗ nonen zu ihnen ſprechen und ihnen ſeine Geſetze ſchrei⸗ ben ſolle? Wien hatte den Muth zu einem letzten Verzweif⸗ lungskampfe, aber es hatte nicht die Kraft, denſelben ſiegreich zu beſtehen. Es mußte nach einem langen blutigen Kampfe ſich endlich unterwerfen und dem Sieger ſeine Thore öffnen. In dieſem Kampf der Oktobertage fiel auch der Fürſt Maximilian von Sulkowski, fiel, weil er ſter⸗ ben wollte, weil das Gewiſſen endlich in ihm er⸗ wacht war. Schon im Anfang des Oktobers hatte ſein Bruder, der Herzog Ludwig, ſich mit Felicia von Confalconi —— —— — 357 vermählt, an demſelben Tage, an welchem auch die Vermählung Guido's mit ſeiner geliebten Carmela ſtattfand. Beide Paare verließen noch an demſelben Tage Wien. Der Herzog, um mit Felicia nach Bre⸗ men zu gehen und von dort für immer nach Amerika zurückzukehren, Guido und ſeine geliebte Carmela, um in Begleitung von Katharina Cibbini nach der Hei⸗ math, nach dem freien, glücklichen Italien zurückzu⸗ kehren. Aber bevor der Herzog mit ſeiner Felicia Wien verließ, hatte er eine letzte, lange Unterredung mit ſeinem Bruder Maximilian. Er forderte ihn auf, mit ihm nach Amerika zu gehen, er ſagte ihm, daß auch Felicia ihn darum bitte, daß ſie ihm helfen wolle, ein neues Leben zu beginnen, ein Leben der Arbeit, der Sühne, der nützlichen Thätigkeit, ein Leben der kraft⸗ vollen Buße. Aber Prinz Maximilian von Sulkowski lehnte alle dieſe liebevollen Anerbietungen mit einem düſtern Lächeln ab. Nach einem Leben, wie ich es gelebt habe, giebt es keine Buße, die verſöhnen, keine Reue, die wieder gut machen kann, ſagte er. Nur der Tod kann da ſühnen und ausgleichen, und ich habe mich deshalb 398 ſelber zum Tode verurtheilt. Wir ſehen uns heute. zum letzten Male, mein Bruder, und deshalb will ich Dir die Wahrheit bekennen. Ich geſtehe es Dir alſo: ich bin es, der die Schuld trägt an dem Morde unſerer Mutter! Ich habe die Mörderhand gedungen. Aber glaube mir, die Gemordete iſt gerächt, denn ich habe ſeit jenem Tage keine Ruhe und keinen Lebens⸗ muth mehr. Was ich auch gethan, wie ich mich auch habe betäuben wollen, Alles iſt vergeblich geweſen. Das Bild der Gemordeten ſteht immer vor mir, und um ihm zu entfliehen, will ich mich jetzt in das Grab flüchten. Ich bin es auch, der meine Gattin in den Tod getrieben, der den armen Baron Guſtav gemordet hat.*) Mit ſolcher dreifachen Blutſchuld kann man nicht leben. Ich gehe alſo hin, um zu ſterben. Aber es ſoll nicht geſagt werden, daß ich mir ſelber den Tod gegeben. Mein ganzes Leben iſt ein Kampf ge⸗ weſen, und ſo will ich auch ſterben im Kampfe. Auf den Barricaden in Wien will ich den Tod ſuchen, und ſei gewiß, ich werde ihn finden! Und ſo geſchah es! Auf den Barricaden, welche *) Des Fürſten von Sulkowski eigene Worte. Siehe: Der neue Pitaval. Bd. XXVII. S. 23. bens⸗ auch veſen. 32 und Grab f ge⸗ Auf und 359 „Wien in den letzten Oktobertagen errichtete und die man drei lange furchtbare Tage lang mit ſo viel Hel⸗ denmuth und Todesverzweiflung vertheidigte, auf dieſen Barricaden fand auch der Fürſt Maximilian von Sul⸗ kowski ſeinen Tod. Flora Tſchaskalik ſuchte am Tage nach beendetem Kampf ſeine Leiche auf jener großen Barricade, welche er mit wenigen Gefährten acht Stunden mit wahrem Heldenmuth gegen das Militair vertheidigt hatte. Aber nur an der Kleidung, einem Ring am Finger und den Zeichen in der Leibwäſche konnte ſie den Fürſten erkennen. Der Kopf war von einer Kanonen⸗ kugel zerſchmettert worden. Auch die Freiheit, die Unabhängigkeit Wiens war von den Kanonenkugeln zerſchmettert worden, welche der Feldmarſchall Fürſt Windiſchgrätz in Wien hinein⸗ ſchleuderte. Wien mußte ſich unterwerfen, es mußte dem Sie⸗ ger ſeine Thore öffnen. Dieſer Kampf der letzten. Oktobertage war der Entſcheidungskampf zwiſchen der Reaction und der Volksfreiheit, und die Reaction feierte bei demſelben einen blutigen Sieg. Dieſer Kampf der Oktobertage löſchte mit einem blutrothen Strich alle ſogenannten„Errungenſchaften“ 360 wieder aus. Er öffnete der kaiſerlichen Familie wieder die Thore der Hauptſtadt, er führte in ſeinem Ge⸗ 7 folge endlich auch den greiſen Fürſten Metternich nach Wien zurück und— endlich auch den Erzherzog Johann. Ja, der Kampf in Frankfurt in den September⸗ tagen, der Kampf in Wien in den Oktobertagen, dieſe beiden großen Niederlagen nicht blos des Volks und der Democratie, ſondern auch der democratiſchen und liberalen Ideen, ſie führten in ihren Wirkungen und Folgen zu der im Jahr 1849 erfolgten Abdankung des Erzherzogs Johann. Er ſelbſt hatte ſeit lange ſchon den ſchönen Traum von der Einheit Deutſchlands, von der edlen ſelbſt⸗ bewußten Volksfreiheit aufgegeben. Er ſah auf beiden Seiten die wilde Leidenſchaft, den drängenden Ehr⸗ geiz, den Haß und Egoismus walten, er ſah, daß eine Verſöhnung unmöglich ſei, und mit tiefer Trauer im Herzen legte er ſein ſo ſchwieriges Amt nieder. „Ich thue am beſten, zurückzutreten, ſchrieb der Erzherzog an ſeinen Freund, den Profeſſor Emmenoſer, „zurückzutreten aus freiem Willen, bevor ich dazu ge⸗ zwungen bin, es zu thun; ich will meine Schritte ie wieder nem Ge⸗ detternich Erzherzog ptember⸗ gen, dieſe olks und chen und gen und dankung n Traum en ſelbſt⸗. f beiden een Ehr⸗ ah, daß t tiefer ges Amt 361 wieder dahin wenden, wo ich beinahe fünfzig Jahre meines Lebens zugebracht habe, wo meine Heimath geworden, wo mich das Volk als alten Mitbürger, Freund, Lebensgefährten und Vertreter kennt und verſteht, um dort die Jahre, die mir Gott giebt, zu⸗ zubringen, da kann ich noch für ſpecielle Fälle auf kurze Zeit Büchſe und Schwert ergreifen, mit gutem Rathe, mit Mund und Feder dienen. Wenn ich auch die Städte nicht meide, ſo ziehe ich doch dann vor, nach der Väter Weiſe zu dem Volk im Schatten einer alten Linde oder Zirme zu ſprechen, unter Gottes freiem Himmel, im Angeſichte der ewigen Zeugen, nämlich unſerer Berge. Es iſt beſſer, ich komme zu meinen alten Freunden, den Männern, die in jeder Gelegenheit ſich gleich geblieben, als daß ein Häuflein von ihnen zum Reichsverweſer wandere, wie ſie mir ſchrieben, daß ſie es thun wollten. In jener großen Natur erziehe ich dann meinen Sohn zu einem brauch⸗ baren Menſchen; es kann eine Zeit kommen, wo er wird das Seinige leiſten müſſen; dazu gehört Vor⸗ bereitung, Vorbildung;— nicht in den Städten, nicht in dem Weihrauch oder den Täuſchungen der großen Welt, nicht im Strudel der Zerſtreuungen, da iſt nicht die Schule der Einfalt in Sitten, nicht jene 362 der Tugenden, der Selbſtverleugnung, der Entbeh⸗ rung, der Theilnahme für ſeinen Nebenmenſchen. Das Herz muß in der großen Natur aufgehen, es muß groß gezogen werden, es muß die ganze Menſch⸗ heit umfaſſen, damit niemals der Egoismus unſer größter Feind— Wurzel darin faſſe.— Meine b Wünſche ſind ſehr beſchränkt, mein Ehrgeiz nur für das Gemeinſame, nichts für mich. Ich habe, Gott⸗ lob! wenig Bedürfniſſe, folglich will und ſuche ich nichts! Ich hege nur den Wunſch, meine geliebten Berge und vor allen Dingen meine Freunde wieder zu ſehen, und wenn ich ſterbe, doch in ihren Herzen weiter zu leben.“*) Zu ſeinen geliebten Bergen, zu ſeinen Freunden kehrte der Erzherzog Johann dann zurück, als er am zwanzigſten December 1849 das Amt des Neichs⸗ verweſers niedergelegt hatte.— An dem Buſen der b großen herrlichen Natur wollte er ausruhen von den Stürmen und Enttäuſchungen des Lebens, im Frie⸗ den der Steyermärkiſchen Berge wollte er geneſen 4 4 *) Peternader: Tirols Landesvertheidigung oder bisher noch unbekannte Biographieen u. ſ. w. Dritter Theil. S. 202 und folgende. 363 von manchem bitteren Weh, welches Undank und Verkennung ihm bereitet, und dort in ſeinen Bergen 8 3 ging er dann ein zur ewigen Ruhe, dort ſtarb der enſch⸗ l Erzherzog Johann im Jahr 1859. Aber es iſt ihm unſer geſchehen, was er gewünſcht hat: er lebt fort in den Neine Y Herzen ſeiner Freunde. Empfehlenswerthe Schriften aus dem Verlage von Otto Janke in Berlin: 7 Bölte, Amély, Juliane von Krüdener. Hiſtor. Roman Zwei Abth. von je 3 Bänden. Preis jeder Abth. 4 Thlr. Erſte Abtheilung: Frau von Krüdener und Kaiſer Alexander. 3 Bde. 4 Thlr. Zweite Abtheilung: Frau von Krüdenerals Heilige. 3 Bde. 4 Thlr. Heſekiel, George, Aus drei Kaiſerzeiten. Erſte Abthei⸗ lung: Bei Kaiſer Karl's Leben. 2 Bde. 3 Thlr. Zweite Abth: Unter Maria Thereſia. 2 Bde. 3 Thlr. Dritte Abth: Zu Kaiſer Joſeph's Tagen. 2 Bde. 3 Thlr. —— Ein Graf von Königsmarck. 3 Bde. 4 Thlr. —— Krummenſee. Hiſtoriſcher Roman aus der Zeit der Befreiungskriege in zwei Abtheilungen. Erſte Abth: Ueber den Rhein nach Paris. 3 Bde. 4 Thlr. 15 Sgr. Zweite Abth: Heimkehr und Wiederkunft. 3 Bde. 4 Thlr. 15 Sgr. Lewald, Fanny, Meine Leb ensgeſchichte. 3 Abth. 9 Thlr. Erſte Abth: Im Vaterhauſe. 2 Bde. 3 Thlr. Zweite Abth: Leidensjahre. 2 Bde. 3 Thlr. Dritte Abth: Befreiung und Wanderleben. 2 Bde. 3 Thlr. —,——— — 8* . Solour& Grey Control Chart as Cyan Green vellow Hed Magenta