1 T ¹ 1 ————, Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezaylt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Sunime hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich ũ. 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: k. Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3„ 2„=—„ 3„—„ 4„—„ Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung r Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Es war am Morgen des zweiten März 1848. Ein ſchöner Morgen, ſo ſonnig und warm, daß es ſchien, als habe der Frühling ſeine Sehnſucht nach der Mutter Erde nicht länger bezwingen können, und ſei einen ganzen Monat zu früh gekommen, um die ſchlafende Erde aus ihrer Erſtarrung zu wecken, und ſie ſo heiß und warm zu küſſen, daß ſie aufblühen müſſe in Wonne und Luſt. Ja, es war Frühling im Februar, und die Erde war erwacht unter den Küſſen des Frühlings. Es war aber auch Frühling in den Herzen der Menſchen, und die Völker begannen ſich aufzurichten aus dem langen Winterſchlaf ſtillen Dul⸗ dens und ſclaviſcher Unterwürfigkeit, und begannen zu erwachen von den Küſſen der Freiheit, welche ſie be⸗ grüßte als ihre Kinder und ſie aufrief zum Handeln und zur That. 1* 4 Den erſten Frühlingskuß hatte die Freiheit ſchon in den letzten Januartagen dieſes Jahres den Sici⸗ lianern gegeben, und trunken nach dieſem Kuß hatte das Volk von Palermo die Schergen des verhaßten Königs Ferdinand von Neapel verjagt und die Fahne von Italien auf der Citadelle der Stadt aufgepflanzt.“*) Dann war die Freiheit mit ſtrahlender Siegesmiene über die dunkelblauen Fluthen des Mittelländiſchen Meeres hinübergeſchwebt nach Neapel und hatte auch dort mit ihrem Kuß das erſtarrte zu Boden getretene Volk geweckt, daß es aufſtand und ein Mann ward und ſeinen König zwang, ſich vor ihm zu demüthigen und ſeinem Willen ſich unterwerfend, ihm die begehrte Conſtitution zu gewähren.**) Und nachdem ſie die Völker Italiens alſo geweckt, hatte die Freiheit ſich emporgeſchwungen in die Lüfte und aus den ſonnigen Fluren Neapels war ſie hin⸗ übergeflattert nach Frankreich, nach dem glänzenden, eleganten, dem düſtern und ſchmutzigen, dem groß⸗ artigen und kleinlichen Paris, das eben ſeine Reform⸗ Bankette gedeckt, und das Volk zur Tafel geladen *) Am neun und zwanzigſten Januar 1848. **) In den erſten Tagen des Februar 1848. — hatte. Und von dieſen Reform-Banketten hatte die Freiheit das Volk hinausgerufen auf die Straße, den Weg dahin nach den Tuilerien, aus denen im Jahre 1830 der Herzog Louis Philippe von Orleans ſeinen Oheim Carl X. vertrieben hatte, um ſich auf ſeinen Thron zu ſetzen, und aus denen jetzt der König Louis Philippe von ſeinem Volke vertrieben ward, das mindeſtens auf eine kurze Zeit zſich ſelber auf den Thron der Könige ſetzen, und ſein eigener Souverain ſein wollte. In dreien Tagen war's vollbracht, in dreien Tagen hatte die Revolution mit ihren heulenden Meeresfluthen den Königsthron und die Königsgewalt hinweg ge⸗ ſchwemmt und das Königreich Frankreich in die Re⸗ publik verwandelt. Paris hallte ſchon wieder von dem Freiheitsjubel der Republikaner, bevor die ſtaunenden Provinzen noch von ihrer Verwandlung Kunde erhalten, oder ihre Zu⸗ ſtimmung zu derſelben gegeben hatten, und die Sturm⸗ glocken der Revolution heulten noch in den Städten und Dörfern der Provinzen, als Paris ſich ſchon ge⸗ ſchmückt hatte mit dem Feſtesjubel der Republik. Ueberall in den Städten und Dörfern erhob ſich das Volk, um die königlichen Beamten zu verjagen, 6 um dem entflohenen König Louis Philippe ſeine Ver⸗ wünſchungen, ſeine Flüche nachzuſenden! Aber wohin war er entflohen? Was war aus dem König Louis Philippe geworden, ſeitdem er, verlaſſen von ſeinen Dienern, ſeinen Miniſtern, ja, ſelbſt von ſeiner Fa⸗ milie, aus den Tuilerien geflohen war? Niemand wußte das zu ſagen, Niemand hatte ihn geſehen, oder von ihm Kunde erhalten. Er war ver⸗ ſchwunden, ſpurlos verſchwunden! Das Volk aber begann ihn zu ſuchen mit der Erbitterung des Haſſes, mit dem Argwohn, er könne unvermuthet wiederkehren, mit der Furcht, er könne die Macht und den Willen haben, ſich zu rächen. Das Volk begann ihn zu ſuchen in jeder S 4 tadt, in jedem Fiſcherdorf der Meeresküſte, es ſchaute arg— wöhniſch jedem Fremden in's Angeſicht und ließ Nie⸗ mand ein Schiff oder auch nur das kleinſte Fiſcher⸗ boot beſteigen, der ſich nicht durch ſeinen Paß und ſeine Papiere von dem Verdacht gereinigt hatte, viel— leicht der fliehende König von Frankreich zu ſein. Die Sturmglocke der Revolution, wie geſagt, hallte noch in allen Städten und Dörfern von Frankreich wieder, als man ſchon in Paris die Auferſtehung der Republik feierte, und in der Hauptſtadt herrſchte ( ſchon wieder Ruhe und Friede, als jede Stadt und jeder Flecken in den Provinzen noch ſeine kleine Privat-Revolution machte, um das Königthum zu verjagen. Ueberall, all überall Aufruhr und Bewegung, über⸗ all Kanonendonner, Rachegeſchrei, Glockengeläute, über⸗ all, all überall das furchtbare Geheul des Volkes, das Wehegeſchrei der Verfolgten, die bisher die Herren geweſen. Wohl Denen, die aus dem brauſenden Aufruhr der Städte ſich hinaus retten konnten in die Stille und den Gottesfrieden der Schöpfung, wohl Denen, welche irgendwo eine Zuflucht gefunden, wo man nichts vernahm von dem Donner der Kanonen, dem Geheul des Volkes, dem Wimmern der Sturmglocken. Hier, hier an der normanniſchen Küſte, hier unweit von dem kleinen Ort Trouville, hier giebt es ſolch eine Zuflucht, ſolch eine heilige Stätte der Einſamkeit und Stille, hier am Ufer des Meeres, hier herrſcht Gottesfrieden und behagliche Ruhe. Einſam und ab⸗ geſchieden ſteht da ein kleines Fiſcherhaus unfern vom Strande, und nahe dem Steg, der einige Schritte hineingebaut iſt in das Meer, wiegt ſich auf den heranſtürzenden Wogen, die ſchäumend an das Ufer 8 prallen, ein kleiner Nachen, deſſen eiſerne Kette an dem eiſernen Hacken des großen Pfahls, den man da am Ufer eingerammt hat, befeſtigt iſt. In dem einſamen Häuschen wohnt der Fährmann, welcher die Paſſagiere befördert, die dann und wann von Trouville daher kommen und mit dem von Havre kommenden Dampfboot, das nach England geht, die Fahrt zu machen wünſchen. Das Dampſſchiff hält dann einen Moment an und wartet, und wenn der Fährmann auf dem Pfahl am Ufer die weiße Fahne aufhißt, ſo iſt das ein Zeichen, daß er Paſſagiere hin über zu bringen hat nach dem Schiff, welches dieſes Signal reſpectirend ſeine ſtolzen Schritte ſo lange hemmt, bis das kleine Boot ſeine Ladung ihm zuge⸗ führt hat. Aber es giebt Tage, wo das Dampfboot auch ohne den Landungsplatz von Trouville und ohne das Sig⸗ nal des Fährmanns zu beachten, vorüber brauſt und ſich nicht hemmt in ſeinem Lauf. Wenn ungünſtige Winde wehen, wenn ein naher Sturm im Anzug iſt, wenn die See hoch geht, dann dürfen die Paſſagiere von Trouville nicht hoffen auf dem„Expreß“ Aufnahme zu finden, oder ſie müſſen alsdann nach Havre gehen, um dort das Dampfſchiff zu beſteigen und von dieſem 9 Hauptſtationsort die Fahrt mit hinüber zu machen nach Dover. Auch heute iſt es möglich, daß der Expreß nicht anhalten wird, um Paſſagiere aufzunehmen, denn es iſt plötzlich eine Aenderung eingetreten am Himmel und auf dem Meer. Der Himmel, auf deſſen Bläue man vor einer Stunde kaum noch einige weiße Wölk⸗ chen, Schwänen gleich, dahin flattern ſah, der Himmel iſt jetzt bedeckt mit ſchweren, grollenden Maſſen, die drohender und immer drohender am Horizonte ſich aufthürmen. Das Meer, das vor einer Stunde noch lächelnd, glatt und ſtrahlend wie ein Spiegel da lag und ſich ſonnte, das Meer beginnt jetzt zu heulen und zu don⸗ nern, und in jeder Secunde zeigt es eine wildere, dunk⸗ lere Phyſionomie, bäumen ſeine ſchwarzen Wogen mit den weißen Schaumblaſen ſich höher empor und ſtür⸗ zen mit zornigem Gebrüll dem Ufer zu. Die gewöhnliche Stunde, in welcher das Dampf⸗ boot von Havre daher brauſt, iſt indeß gekommen. Die Thür des kleinen Hauſes öffnet ſich, und der Fährmann tritt heraus um auszuſchauen nach dem Schiff und ſich zu vergewiſſern, daß keine Paſſagiere daher kommen, um die Ueberfahrt zu begehren. 10 Es wird eine ſtürmiſche Fahrt heut geben, brummte er leiſe vor ſich hin, denn ein gräßlich Ungewitter iſt im Anzug. Vielleicht hat's der Capitain ſchon ge⸗ wittert, und der Erpreß iſt heute gar nicht ausgelaufen von Havre. Das wäre auch das Klügſte und Ver ſtändigſte, was er thun könnte, denn in zwei Stunden wird die See brüllen und Häuſer bauen in der Luft mit ihren Wellen, und Abgründe aufthun in dem Waſſer, um ihre Luftſchlöſſer drin zu begraben. Ja, ja, in einer Stunde wird's luſtig hergehen, und jeder Chriſtenmenſch kann ſich freuen, der nicht nöthig hat, ſich hinaus zu wagen auf die heulende Tigerkatze! Er wandte das Haupt jetzt rückwärts vom Meer ab auf den Weg hin, der vom Strande dahin führt nach Trouville. Nichts war zu ſehen auf dieſem Wege, kein einziger Wagen kam daher gefahren und die bei⸗ den ſchwarzen Punkte, die ganz hinten jetzt auf dem Wege ſich zeigten, die beachtete er nicht, das waren natürlich keine Paſſagiere, die mit dem Expreß, dem theuren engliſchen Dampfer fahren wollten, das waren Fiſcher, die vielleicht am Strande zu thun hatten, oder neugierige Fremde, die vielleicht einmal das Meer im Aufruhr und Sturm ſehen wollten. Was gingen die alſo ihn an, den Bootführer der Paſſagiere. Froh 11 war er, daß kein Wagen daher gerollt kam, keine Paſſagiere ſich nahten. Und was hätte es ihnen übrigens auch geholfen, da der Expreß heute gar nicht kommt, nein, ſicherlich nicht kommt! Wie er das dachte, wandte der Bootsmann ſein Antlitz wieder dem Meer zu. Aber wie, was war das? Kam da nicht der Dampfer mit vollen Segeln und ungeheurer Geſchwindigkeit daher gebrauſt? Sah man nicht ganz deutlich ſeine zugleich zierlichen und majeſtätiſchen Formen ſich abzeichnen von dem tief⸗ grauen Horizonte? Ja, ja, es war der Expreß, der ſeine regelmäßige Ueberfahrt machte. Nun meinetwegen, murmelte der Fährmann achſel⸗ zuckend. So'n Engländer ſcheut's Waſſer ſo wenig wieen Fiſch, und wenn's ſo recht ſtürmt und heult, dann iſt ihm am Wohlſten. Meinetwegen! Mich geht's nichts an, denn es kommen zum Glück keine Paſſagiere, und wenn ſie kämen, würde ich ſie doch nicht hinüber fahren. Er ſtarrte wieder hinüber nach dem Schiff und ein Ausdruck ſtaunender Befremdung flog über ſein braunes, wettergebräuntes Angeſicht hin. Na, was bedeutet denn das? rief er ganz laut, als ſollten die brauſenden Wogen und der heulende 12 Sturm ihm Antwort geben. Was bedeutet denn das? ſchrie er noch lauter, noch verwunderter. Das Schiff hält an, als wartet's auf meine Paſſagiere? Hab' ich denn etwa die Signalflagge aufgezogen, ſtehe ich denn im Boot und will meine Paſſagiere hinüber bringen? Ich denke nicht daran! Keine Flagge und kein Paſ⸗ ſagier und das Schiff hält an! Ja, das Schiff hält an, und der Capitain ſteht an dem Steueruder und ſchaut unverwandt nach dem Ufer hin. Keine Flagge und keine Paſſagiere, ſagt der Steuer⸗ mann, als wär' er das Echo des Fährmann's am Ufer. Keine Flagge und keine Paſſagiere, Herr Ca⸗ pitain? Kann's vorwärts gehen? Nein, Andrew, wir warten. Es werden ſicherlich noch Paſſagiere kommen, und es wäre grauſam, wenn wir ſie in dem tollen Wetter vergeblich wollten warten laſſen! Der Steuermann ſieht ſeinen Capitain verwundert an und denkt, daß es eigentlich noch grauſamer iſt, das ganze Schiff und alle ſeine Paſſagiere aufzuhalten, um anderer Paſſagiere willen, die gar nicht einmal da ſind, und denkt, daß der Capitain ſonſt gar nicht ſo weichmüthig und erbarmungsvoll zu ſein pflegt, daß er ſchon oftmals, wenn ein Sturm im Anzug war, trotz der am Ufer harrenden Paſſagiere, und trotz der Signalflagge des Fährmanns dem Steuer⸗ mann und dem Maſchinenführer geboten hat, weiter zu fahren und nicht zu„ſtoppen“ ein paar elender Paſſagiere willen. Und der Fährmann am Ufer denkt daſſelbe und ſtarrt immer noch hinüber zu dem Schiff, das auf den brüllenden Wogen ſich bäumt und wieder hinab fährt in die Tiefe und doch nicht von ſeiner Stelle wankt und weicht, und juſt wie der Steuermann auf dem Schiff kopfſchüttelnd in ſeinen Bart murmelt:„das muß was Seltſames zu bedeuten haben,“ juſt in dem— ſelben Moment, als wär' er das Echo des Steuer⸗ manns auf dem Expreß, ſagt auch der Bootsmann am Ufer:„das muß was Seltſames zu bedeuten „haben,“ und ſtarrt unverwandt noch immer nach dem Schiff hin und blickt gar nicht rückwärts auf den Weg nach Trouville und ſieht nichts als den Dampfer auf dem Meer und hört nichts als die brüllenden Wogen, die ſich am Ufer brechen. Auf einmal zuckt er zuſammen und wendet haſtig ſich um und ſchaut entſetzt in das Antlitz des Mannes, der da hinter ihm ſteht, und der ihm die Hand auf die 14 Schulter gelegt hat, und blickt von ihm auf die Frau hin, die zur Seite des Mannes ſteht, und deren bleiches Geſicht gar ſo etwas Schmerzliches und Aengſtliches hat. Die beiden dunklen Punkte, die er vorhin auf der Landſtraße von Trouville geſehen und doch nicht der Beachtung werth gehalten, die beiden Punkte ſind, während der Bootsmann nach dem Schiff hinblickte, immer näher und näher herangekommen, ſie haben ſich in menſchliche Geſtalten verwandelt, ſie ſind jetzt zu Paſſagieren geworden, die von dem Fährmann die Ueberfahrt nach dem Schiff begehren. Der Fährmann antwortete nicht einmal auf die haſtig ausgeſtoßene Forderung des Fremden, ſondern betrachtet ſie nur mit neugieriger Verwunderung, die beiden wunderlichen Geſtalten, die da auf Einmal, als wären ſie aus der Erde hervorgeſtiegen, neben ihm ſtehen. Ja, wunderlich ſind ſie anzuſchauen, dieſe Ge ſtalten. Er, der Mann, ſo lang und dick, das Ge ſicht ſo vergraben in ſeinen hohen, weißen Halskragen, in die ſteife, ſchwarze Cravatte, den weißen, runden Hut ſo tief über die Stirn gedrückt, die Augen be⸗ waffnet mit einer Brille, deren große, runde, blaue Brillengläſer ſeine Augen beſchatten wie die Deckhaut + 15 die Augen der Eule. Dazu der lange, graugelbe Rock, der dicht zugeknöpft hoch zum Halſe hinaufgeht und ſeine ganze Geſtalt umwickelt und umhült, der große baumwollene rothe Regenſchirm, den er in der rechten Hand hält, während er mit der linken Hand einen klei⸗ nen Reiſeſack gefaßt hält, der wie es ſcheint das ganze Gepäck der Reiſenden enthält. Gewiß eine ſeltſame Figur, und nur ein Engländer kann ſo ſich darſtellen und auf ſolche Art eine Reiſe unternehmen. Das denkt der Bootsmann, während er langſam ſeine Augen auf die Frau hinwendet. Sie iſt klein und ſchmächtig; die gebeugte Geſtalt ganz eingehüllt in einen ſchwarzen Mantel, das bleiche, kummervolle Antlitz umgeben von grauen Locken, die ihr ſchmales Geſicht wie mit einem Rahmen einfaſſen, das Haupt bedeckt mit einer ſchwarzen Reiſekappe, an der ein ſchwarzer Schleier befeſtigt iſt, welchen der Sturm eben hoch über ihrem Haupte wie eine Trauerflagge emporwirbelt. Ihre großen, ſchwarzen Augen ſind geröthet, als hätten ſie viel geweint, oder vielleicht iſt's der Sturmwind geweſen, der ſie ſo roth und verſchwollen gemacht hat. Aber ihre Blicke ſind ſo trübe und angſtvoll, und richten ſich mit einem Aus⸗ druck ſo innigen Flehens jetzt von dem Schiff auf den 16 Bootsmann hin, den der Mann an ihrer Seite eben zum zweiten Male gebeten hat, ſie Beide hinüber zu rudern nach dem Dampfboot. Er hat das in haſtiger, ungeduldiger Weiſe ge⸗ than, in fließendem Franzöſiſch freilich, aber doch mit dem eigenthümlichen Accent, der den Engländern eigen zu ſein pflegt; und daß er ein Engländer ſei, das hat der Bootsmann gewußt ſchon ehe der Mann geſprochen, das liegt in ſeiner ganzen Erſcheinung, in ſeinem ganzen Weſen ausgedrückt. Und um einen Engliſchmann ſollte der Bootsmann ſein Leben wagen, für einen Engliſchmann hinaus ſteuern auf das brüllende, heulende, ziſchende Meer! Er denkt gar nicht daran! Sein Leben iſt ihm lieber als die paar Francs, welche der Engländer ihm tarif⸗ mäßig zu zahlen hat, denn die Engländer kennen jetzt ſchon alle den Tarif, und ſie geben niemals mehr als der ihnen vorſchreibt. Ich fahr' heute nicht, Monſieur, ſagt daher der Bootsmann mit entſchloſſener Miene. Die See geht zu hoch, der Wind iſt contrair, würd' mit meiner Yolle gar nicht vom Ufer fortkommen. Ihr mlüßt fahren, denn ich muß durchaus hinüber, mich rufen gar wichtige Geſchäfte nach England, ruft — — 147 der Herr mit ſeinem engliſchen Accent. Es iſt durch⸗ aus Eure Pflicht, uns hinüber zu ſchaffen, und Ihr ſeht wohl, der Expreß erwartet uns und hat ange⸗ halten. Aber nicht um Euretwillen, Monſieur, ſagt der Fährmann achſelzuckend. Hatte ſchon angehalten, be⸗ vor Ihr da waret und konnte gar nicht wiſſen, daß der Herr hinüber wollte, denn ich habe kein Signal aufgezogen. Muß vielleicht dem Expreß etwas in der Maſchine in Unordnung gerathen ſein, daß er anhält, aber er thut's nicht um Ihretwillen, Monſieur, nicht um Ihretwillen. So zieht die Signalflagge auf, damit er weiß, daß Paſſagiere hier ſind, welche hinüber wollen. Es geht nicht, hab's ſchon einmal geſagt, es geht nicht. Der Wind iſt contrair und die See geht zu hoch. Wer ſich jetzt in der Yolle hinaus wagt auf's Meer, der riskirt das Leben. Ich hab' eine Frau und vier Kinder zu ernähren und muß mich für ſie er⸗ halten. Bleiben Sie alſo bis morgen, kehren Sie nach Trouville zurück, und wenn morgen der Sturm ſich gelegt hat, kommen Sie wieder und ich fahr' Sie hinüber nach dem Aigle, der morgen die Ueberfahrt macht. Mühlbach. Erzherzog Johann. 4. Abth. II. 10 18 Mein Freund, wenn wir warten könnten bis mor⸗ gen, glaubt Ihr dann, daß wir heute bei dem Sturm zu Fuß hierher gekommen wären, um die Ueberfahrt zu machen? Ja, warum ſind Sie zu Fuß gekommen, Mon⸗ ſieur? Es iſt ein weiter Weg von Trouville bis hierher, und alle Herrſchaften, die's bezahlen können, kommen zu Wagen hierher an den Strand. Wir kommen auch nicht von Trouville, ſondern aus dem kleinen Fiſcherdorf da ſeitwärts, und in dem Dorf gab's keinen Wagen, der uns hätte herfahren können, ſelbſt wenn wir's bezahlen wollten. iſcher⸗ Warum hielten ſich der Herr auch in einem F iſt frei⸗ dorf auf, rief der Bootsmann verächtlich. Es lich da billiger, wie in Trouville, und— Mein Freund, unterbrach ihn der Fremde unge⸗ duldig, ſeht Ihr denn nicht, daß der Expreß noch im⸗ mer daliegt und wartet? Zieht Eure Signalflagge auf und dann ſagt mir Euren Preis, denn— Der Sturm heulte eben ſo laut und heftig auf, das Meer rauſchte mit ſeiner Donnerſtimme ſo wild und majeſtätiſch drein, daß unter all dieſen erhabenen Stimmen der Natur die Stimme des Menſchen wie in einem Geflüſter erſtarb. M ondern in dem erfahren unge⸗ och im⸗ alflagge tig auf, ſo wild habenen hen wie 19 Der Bootsmann gab ſich daher auch nicht die Mühe, mit Worten zu antworten. Er ſtreckte die Hand nach den brüllenden, ſchäumenden Wogen aus, dann zu dem ſchwarzen Himmel empor, an welchem mit unheimlicher Schnelle ſchwere, düſtere Wolken ſich jagten, und ſchüttelte dann langſam und feierlich ſein Haupt. Die bleiche Frau ſchmiegte angſtvoll ſich an den Arm ihres Begleiters und blickte mit thränenumdüſter⸗ ten Augen zu ihm empor. Mein Freund, ſagte ſie ſeufzend, Du ſiehſt, es iſt umſonſt. Gott will nicht, daß wir gerettet werden. Aber ich will es, rief der Mann ſtolz und gebie⸗ teriſch. Ja, ich will und muß hinüber nach dem Schiff, und es iſt Eure Pflicht und Schuldigkeit, Bootsmann, mich hinüber zu befördern. Ihr ſeid im Amte, der König Ludwig Philipp hat Euch hier an— geſtellt, und ihm habt Ihr den Eid der Treue ge⸗ ſchworen. Ein ſeltſamer, forſchender Blick flog, während er das ſagte, über die großen blauen Brillengläſer hin auf den Bootsmann und bohrte ſich prüfend und neu⸗ gierig in deſſen Angeſicht ein. Der Bootsmann lachte hell auf. Der König Lud⸗ 2* 20 wig Philipp, rief er verächtlich. Es giebt keinen König in Frankreich mehr. Wir haben die einige untheilbare Republik und das Königthum iſt abgeſ chafft. Die Frau ſeufzte ſo laut auf, daß es faſt wie ein Schluchzen klang, und lehnte wie erſchöpft ihr Haupt an die Schulter des Mannes, der zärtlich ſeinen Arm um ihren Nacken ſchlang. Ihr habt Recht, ſagte er, das Königthum iſt ab⸗ geſchafft in Frankreich und es giebt keinen König Lud⸗ wig Philipp mehr. Er iſt entflohen. Es iſt ihm, wie man ſagt, gelungen, ſich nach England einzu⸗ ſchiffen. Schade, wenn's ihm gelungen iſt, rief der Fähr⸗ mann, er hätte hier bleiben, die Behörden hätten ein aufmerkſameres Auge haben und die Küſten beſſer be⸗ wachen müſſen. Er hätte hier bleiben müſſen, der cidevant König Louis Philippe. Und warum, mein Freund, hätte er hier bleiben müſſen? Damit die neue Republik Frankreich das Beiſpiel der alten Republik Frankreich nachahmen könnte, Mon⸗ ſieur, damit ſie einen König zum Hinrichten gehabt hätte. Republiken müſſen mit Königsblut getauft werden, wenn ſie nicht bald wieder ſterben ſollen. 21 Mein Freund, laß uns gehen, ſagte die Frau leiſe und angſtvoll. Du ſiehſt wohl, es iſt vergeblich, wir werden nicht hinüber kommen. Wir werden, wir müſſen hinüber kommen, rief der Mann energiſch. Mein Freund, Ihr ſeht, der Sturm hat ſich ein wenig gelegt, und die See geht minder hoch. Ja, der Sturm macht eine kleine Pauſe, um Athem zu ſchöpfen und nachher mit verdoppelter Gewalt wie⸗ der loszubrüllen, ſagte der Fährmann. Ich kenne das aus Erfahrung. Eine kleine Viertelſtunde ruht der Sturm ſich jetzt aus, aber nachher heult er wie ein wüthender Löwe. Aber die Viertelſtunde genügt faſt, um uns hin⸗ über zu fahren, mein Freund. Ja, ſie genügt vielleicht zur Hinfahrt, aber wie ſoll ich zurückkommen, Monſieur? Nein, nein, es bleibt dabei, ich kann mein Leben nicht für ein paar elende Franes wagen, denn ich habe eine Frau und vier Kin⸗ der, die ich ernähren muß. Hört, mein Freund, ſagte der Mann haſtig, auch ich habe eine Frau und Kinder, welche ich liebe. Meine älteſte Tochter liegt todtkrank in London. Man hat es uns geſchrieben, und die Aerzte meinen, daß die 22 einzige Hoffnung, ihr das Leben zu erhalten, darin⸗ beſteht, daß ihre Mutter zu ihr kommt, nach welcher ſie Tag und Nacht in ihren Schmerzen ruft. Seht, mein Freund, deshalb will dieſe zärtliche Mutter hier trotz des Sturmwindes und der Gefahr hinüber nach England, und deshalb begreift Ihr, daß wir bis mor⸗ gen nicht warten können. Aber ich begreife auch, daß Ihr Euer Leben, welches Eurer Familie gehört, für ein paar elende Francs nicht wagen könnt. Ich mache Euch alſo einen Vorſchlag: Ich gebe Euch, ſobald wir mit Eurem Boot bis zum Expreß gekommen ſind, zweihundert Francs. Wollt Ihr uns dafür hinüber zweih führen? Zweihundert Francs? murmelte der Fährmann vor ſich hin. Das wäre eine kleine Ausſteuer für meine Tochter Amelie, die gern den Fiſcher André heirathen möchte, aber— Mein Freund, rief die Frau mit flehendem Ton, ich bitte Euch, fahrt uns hinüber, denn Ihr hört es ja, es gilt das Leben meiner Tochter. Mein Mann hat Euch zweihundert Francs geboten, ich biete Euch außerdem noch einhundert Francs, wenn Ihr uns fahrt. Still, Amelie, nicht mehr, flüſterte der Mann, er könnte ſonſt Verdacht ſchöpfen. ( laut, gleic freut Exp) dreit wir aufzi hera 23 Es gilt das Leben meiner Tochter, ſagte die Frau laut, für ſie iſt mir nichts zu theuer, und ob es gleich meine letzten hundert Francs ſind, ich gebe ſie freudig hin, wenn uns dieſer gute Mann nach dem Expreß hinüber ſchafft. Ich ſchaffe Euch hinüber, rief der Fährmann. Für dreihundert Francs wage ich mein Leben. Steigt ein, wir fahren! Doch halt, erſt muß ich die Signalflagge aufziehen, ſonſt könnte der Expreß abſegeln, ehe wir herankommen. Er löſte die aufgerollte Flagge los, welche mit Schnüren an der hintern vertieften Seite des Pfahls befeſtigt war, ſteckte ſie oben auf denſelben und ent⸗ faltete ſie. Eine weiße Flagge? fragte der Mann erſtaunt. Warum habt Ihr eine weiße Flagge und nicht die Tricolore? Die Tricolore iſt mit dem Königthum begraben, ſagte der Fährmann lachend, und da ich nicht weiß, was für Farben die neue Republik annehmen wird, ſo habe ich ſo lange eine ganz farbloſe Flagge genom⸗ men, um keinen Verſtoß zu machen. Ich hatte dieſe weiße Flagge noch vorräthig. Sie ſtammt noch aus den Zeiten König Karls des Zehnten her. Aber jetzt, 24 meine Herrſchaften, in's Boot, in's Boot, damit wir⸗ vom Land abkommen, bevor der Sturm wieder los⸗ bricht. Er ſprang hinunter nach der Yolle hin, um ſie von ihrer Kette abzulöſen und in Bereitſchaft zu ſetzen. Der Herr gab ſeiner Dame den Arm und führte ſie über den feuchten Sand, in welchem ſie bei jedem Schritt tief einſanken, mühſam hinab. Beide ſprachen ſie kein Wort, vielleicht weil ſie zu bewegt waren, um der Worte fähig zu ſein. Der Mann ſchaute nur nach dem Schiff hinüber, als ſei das die Zukunft, auf welche er allein ſein Augenmerk zu richten habe, die Frau ſeufzte und betete leiſe. Jetzt ſtanden ſie neben der Yolle und der Fähr⸗ mann reichte ihnen die Hand, um ihnen beim Einſtei⸗ gen behülflich zu ſein. Aber auf einmal, von dem⸗ ſelben Gedanken, demſelben Impuls getrieben, ſanken die beiden Reiſenden, der brauſenden Wellen, des naſſen Bodens nicht achtend, auf ihre Kniee nieder, und ihre gefaltenen Hände zum düſtern, wolkenzerfetz⸗ ten Himmel erhebend, beteten ſie Beide ein leiſes, in⸗ brünſtiges Gebet; man ſah das an den zuckenden Mienen des Mannes, an den Thränen, die aus den aufw men neigt und 25 aufwärts gerichteten Augen der Frau in hellen Strö⸗ men hervorſtürzten. Dann, nachdem ſie Beide gebetet, neigten ſie ſich nieder und küßten die feuchte Erde, und wie ein Jammerſchrei tönte es von den Lippen der Frau: Lebe wohl, Frankreich. Lebe wohl, auf Nimmerwiederſehen! Eilen Sie ſich, meine Herrſchaften, eilen Sie ſich, rief der Fährmann. Der Sturm heult ſchon wieder heftiger und— Da ſind wir, mein Freund, da ſind wir, ſagte der Mann, indem er ſeine Frau in ſeine Arme emporhob, ſie ſanft in das Boot niedergleiten ließ und dann ſich ſelbſt hinein ſchwang. Nun vorwärts, vorwärts, damit wir den Expreß nicht länger warten laſſen.— Der Expreß hatte allerdings ſchon lange gewartet und die Paſſagiere auf demſelben begannen ſchon un⸗ geduldig zu werden und den Capitain zu beſtürmen, er möge endlich das Zeichen zur Abfahrt geben, damit man weiter vom Ufer ab auf die hohe See komme, wo die Stoßwellen nicht ſo heftig wären und das Schiff trotz des Sturms doch eine gleichmäßigere Be⸗ wegung haben würde. Aber der Capitain ließ dieſe Anforderungen der 26 Paſſagiere ganz unbeachtet und blickte immerfort durch. das Fernrohr nach dem Ufer hin. Ah, rief er jetzt freudig, indem er das Fernrohr abſetzte und es ſeinem neben ihm ſtehenden Sohn darreichte, ah, ſieh nur, jetzt wird das Signal aufge⸗ zogen. Es ſind alſo Paſſagiere da, und ſie kommen. Ja, ſagte der Sohn, der flüchtig einen Moment hingeſchaut hatte, ja, ich ſehe das Signal und ſehe auch zwei Paſſagiere. Aber ich begreife nicht, mein Vater, daß Sie um zweier Paſſagiere willen in dem Unwetter ſo lange warten. Ich will Dir ſagen, wie das zugeht, mein Sohn, ſagte der Capitain, denn da Du mein Subſtitut biſt, haſt Du wohl Anſprüche, von mir deshalb eine Recht⸗ fertigung zu begehren. Höre alſo: haſt Du den Ma⸗ troſen bemerkt, der, ehe wir von Havre abſegelten, zu mir kam? Ja, mein Vater, und ich wunderte mich, daß Sie ihn mit ſo viel Aufmerkſamkeit behandelten und ihn in die Staatskajüte nöthigten. Nun, wundere Dich nicht, mein Sohn, ſagte der Capitain lächelnd, dieſer Matroſe reichte mir, als er kam, ein kleines Briefchen dar, nicht wahr? Das — Briefchen enthielt einige Zeilen von unſerm Geſandten 27 in Paris. Er ſchrieb mir, daß der Matroſe der erſte Attaché der Geſandtſchaft, Lord Hindhurſt, ſei, und daß er ihn zu mir ſende mit einem wichtigen Befehl von Ihrer Majeſtät unſerer gnädigen Königin. Die⸗ ſen Befehl aber ſolle mir der Lord mündlich aus⸗ richten. Und was war das für ein Befehl? fragte der junge Mann neugierig. Der Befehl beſtand einfach darin, daß ich hier bei Trouville ſtoppen und zwei Paſſagiere erwarten ſollte, welchen Ihro Majeſtät die Königin freie Ueberfahrt auf dem Expreß zugeſichert habe. Woher aber können Sie wiſſen, mein Vater, ob dies nun die Paſſagiere ſind, welche Sie erwarten ſollen? Wir werden das erfahren, ſo wie die Yolle an⸗ langt. Der Paſſagier, der mit ſeiner Frau hierher kommen und den ich erwarten ſoll, heißt Mr. Smidt. Ich werde alſo nur nach dem Namen des Paſſagiers zu fragen haben. Und Sie werden das bald thun können, denn ſehen Sie nur, mein Vater, die Yolle fliegt auf den Wellen wie ein Pfeil heran. Der Wind hat zum Glück für ſie umgeſetzt und treibt ſie jetzt eben ſo 28 ſchnell heran, als er ſie vorher abgetrieben haben würde. Ihr Mr. Smidt wird in einigen Minuten an Bord ſein können. Gott gebe, daß es Mr. Snidt iſt, ſeufzte der Capitain, und daß wir nicht länger nöthig haben zu warten. Und er wandte ſeine Blicke wieder der Yolle zu, die mit wunderbarer Schnelligkeit über die Wogen daher tanzte. Auch die Paſſagiere hatten trotz des Sturms ſich auf das Verdeck begeben, voll Neugierde, zu erfahren, weshalb der Expreß ſo lange zögere, ſeine Reiſe fortzuſetzen. In dichten Gruppen ſtanden ſie zuſammen und ſchauten gleich dem Capitain auf das Boot hin, das pfeilgeſchwind wie eine Schwalbe über die Spitzen der Wogen dahin ſchoß, und fragten neu⸗ gierig einander: wer mögen dieſe Paſſagiere ſein, um deretwillen wir mitten im Sturm ſo lange warten müſſen? Was können das für zwei wichtige Perſonen ſein, die man erwartet, während der Capitain ſonſt oft um ſechs Perſonen nicht anhalten läßt, wenn das Wetter nicht günſtig iſt? Sicher ſind es ſehr vor⸗ nehme, angeſehene Leute, denen man ſo große Rück⸗ ſichten ſchuldig iſt und die— Eben hielt die Yolle unter dem Spiegel des Schif⸗ 29 fes an und der Capitain rief durch das Sprachrohr mit donnernder Stimme hinunter: Wie iſt der Name der Paſſagiere? Maſter und Miſtreß Smidt aus London, tönte die Antwort herauf. Gott ſei Dank, ſie ſind es, murmelte der Capitain hochaufathmend, indem er das Sprachrohr bei Seite legte und befahl, die Treppe hinunter zu laſſen. Maſter und Miſtreß Schmidt aus London, wieder⸗ holten die Paſſagiere achſelzuckend und mit verächt⸗ lichem Lächeln untereinander. Es verlohnte ſich wohl der Mühe um einen ſimplen Maſter Smidt ſolche Umſtände zu machen, um einen Mann, der höchſtens ein reicher Kaufmann aus der City iſt, weiter nichts. Aber trotz der Nichtachtung für den„ſimplen Maſter Smidt“ blieben die Paſſagiere doch auf Deck und ſchauten Alle neugierig nach der Gallerie hin, welche man jetzt geöffnet, um die Treppe herunter zu laſſen. Jetzt ward der wunderlich verhüllte Kopf des Maſter Smidt, jetzt ſeine ganze Geſtalt ſichtbar. Nun hatte er das Schiff betreten und reichte ſeine beiden Hände hinunter, um ſeiner Frau, welche mühſam die ſteile Treppe hinaufklimmte, hülfreich zu ſein. Die Paſſagiere drängten ſich näher heran, um 4 30 die Dame beſſer ſehen zu können, der Capitain ſtand zur Seite der geöffneten Galleriethür, um den neuan⸗ gelangten Paſſagieren die Honneurs ſeines Schiffes zu machen. Aber die Neugierde der Paſſagiere ſollte keine Be⸗ friedigung haben. Die Dame, welche jetzt das Schiff betrat, war ganz eingehüllt in ihren ſchwarzen Mantel, und ſie hatte den dichten ſchwarzen Schleier ſo feſt über ihr Geſicht gezogen, daß man nichts von ihrem Antlitz gewahren konnte. Sie klammerte ſich angſtvoll oder erſchöpft an den Arm ihres Gatten an, und als fürchte ſie, daß man trotz ihres dichten Schleiers ihr Geſicht ſehen könnte, neigte ſie ihr Haupt dicht an die Seite ihres Mannes. Ich heiße den Maſter Smidt und ſeine Gemahlin auf meinem Schiff willkommen, ſagte der Capitain jetzt, indem er ſich verneigte. Der Fremde erwiederte dieſen ehrerbietigen Gruß nur mit einem leichten Kopfnicken. Danke Ihnen, Herr Capitain, daß Sie uns einfache Paſſagiere ſo lange erwarteten, ſagte er, und indem er ſich mit einer leichten Verneigung den Gruppen der Paſſagiere zuwandte, die ſich dicht an ihn herangedrängt hatten, fuhr er fort: ich bitte um Entſchuldigung, daß wir 31 Schuld waren an der langen Verzögerung der Fahrt, aber— In dieſem Augenblick fuhr mit lautem Donnerge⸗ brauſe ein mächtiger Windſtoß über das Deck hin und wirbelte Alles in die Luft empor, was nicht ſorgſam befeſtigt war, wirbelte jetzt einen ſchwarzen Gegenſtand über dem Deck auf, daß er wie ein Rabe über dem Schiff flatterte. Es war der Hut der Miſtreß Smidt, den der Sturmwind erfaßt und von ihrem Haupte fortgeriſſen hatte. Unverhüllt ſtand ſie jetzt, ihre grauen Locken flat⸗ terten im Winde, ihr bleiches, ſchmerzzuckendes Antlitz war Jedermann ſichtbar. Ein Schrei, ein lauter durchdringender Schrei ertönte jetzt und aus der letzten Gruppe der Paſſagiere ſtürzte eine Dame her— vor, machte mit leidenſchaftlicher Haſt ſich Bahn durch die Menſchen, die ihr im Wege ſtanden, und ſank vor der bleichen Miſtreß Smidt auf ihre Kniee nieder. Meine Königin, oh, meine theure, geliebte Königin, rief ſie und neigte ſich, um mit glühender Innigkeit das Gewand, die Füße der Dame zu küſſen, und ſchluchzte und weinte ſo heftig, daß ihre ganze Geſtalt zuckte und bebte vor tiefer innerer Bewegung. Oh, 32 meine Königin, meine angebetete Herrin, daß ich Sie ſo wiederfinden muß! Die bleiche Frau neigte ſich mit einem milden Lächeln zu ihr nieder. Stehen Sie auf, liebe Dubois, ſagte ſie ſanft. Beklagen Sie mich nicht, denn das Schickſal hat mich nicht getrennt von meinem Gemahl, und Sie ſehen wohl, daß es mir noch ein wenig günſtig iſt, denn es läßt mich meine treue, geliebte Dubois, meine gute Kammerfrau wiederfinden, von der ich kaum hoffen durfte, daß ich ihr jemals wieder begegnen würde. Ich wollte mich nach England begeben, weil ich mir dachte, daß Ew. Majeſtät dahin gehen würden, und weil ich ſein muß, wo meine angebetete Herrin iſt. Ich danke Ihnen, Dubois, ich danke Ihnen, ſagte e Königin leiſe. Aber ſtehen Sie auf, meine Liebe, ſtehen Sie auf. Es ziemt Ihnen nicht, vor mir zu knieen. Sie ſehen es wohl, wir ſind nichts als arme Flüchtlinge, die ſeit ein paar Tagen nicht einmal mehr wußten, wohin ſie ihr Haupt legen, wohin ſie ſich bergen ſollten vor ihren Verfolgern. Aber jetzt, Gott ſei Dank, wiſſen wir es, ſagte ihr Gemahl mit lauter und feierlicher Stimme. Wir ſind hier auf engliſchem Grund und Boden, und England hat Äyl dieſe Die unſel es n folge nicht digte von ich! ſtol feine rühi Men befar au e ſr 1d 33 hat den Ruhm, daß es dem Unglück ſtets gaſtfrei ein Aſyl geboten hat. Herr Capitain, wollen Sie mir dieſe ruhmwürdige engliſche Gaſtfreiheit gewähren? Die Liebe dieſer treuen, uns innig ergebenen Frau hat unſer Geheimniß verrathen, und weshalb ſollten wir es noch länger feſtzuhalten ſuchen, da wir keine Ver⸗ folger und Feinde mehr zu fürchten haben? Ich bin nicht der Maſter Smidt, als welchen ich mich ankün⸗ digte, ſondern ich bin ein, nicht von ſeinem Volk, aber von Aufrührern und Verſchwörern vertriebener König, ich bin Louis Philippe. Und indem der König ſo ſprach, hob er ſein Haupt ſtolz empor, nahm langſam die entſtellende Brille von ſeinen Augen fort und ließ ſeine Blicke mit einem ruhigen, ernſten Ausdruck über die Gruppen von Menſchen dahin gleiten, welche ſich auf dem Verdeck befanden. Ueberall ſenkten ſich vor dieſem Blick die Häupter zu ehrfurchtsvollem Gruße nieder, überall begegnete der König nur antheilsvollen Mienen, nur dem Aus⸗ druck tiefen, innigen Mitgefühls. Sire, ſagte der Capitain, ſich tiefer noch vernei⸗ gend, ich wußte, welch ein erhabenes Unglück ich in der Perſon des Maſter Smidt zu begrüßen hatte, und Mühlbach, Erzherzog Johann. 4. Abth. II. 3 34 ich neige mich vor demſelben in Demuth und Unter⸗ thänigkeit. Ah, Sie ſind ein guter Mann, ſagte der König leiſe und mit zitternder Stimme. Sie wollen dem armen Flüchtling noch einen Schimmer ſeiner frühern Herrlichkeit gönnen, deshalb ſprechen Sie von Unter⸗ thänigkeit. Ich danke Ihnen, aber ich bedarf deſſen nicht, denn ich weiß es längſt, daß wir Menſchen alle unterthänig ſind dem mächtig allwaltenden Schickſal, und daß wir Alle ſollen in Demuth uns ihm fügen. Ich thue es und bin dem Schickſal recht dankbar, daß es mir wenigſtens geſtattet, als Mr. Smidt den gaſt⸗ freien Boden Englands zu betreten. Der Capitain wollte antworten, aber es mußte ihm etwas in die Kehle gekommen ſein, das ihn am Sprechen hinderte, denn nur einige unverſtändliche Laute kamen über ſeine Lippen und er ſenkte wie be⸗ ſchämt den Kopf auf ſeine Bruſt. Aber dann nach einer kleinen Pauſe hob er ihn wieder empor, und ſich nach dem Backbord umwendend, rief er mit lauter, mächtiger Stimme: Die große Staatsflagge aufge⸗ zogen. Wir haben einen König und eine Königin an Bord! Hurrah, es lebe der König Louis Philippe und die Königin Amalie! G Amal Chor Auge 5 4 2 ſchaut Der Seite um ſ welche 35 Es lebe der König Louis Philippe und die Königin Amalie, riefen die Paſſagiere in lautem, einſtimmigem Chor und alle Häupter ſenkten ſich tiefer, und in allen Augen glänzten Thränen. Die Königin Amalie hatte ihre Hände gefaltet und ſchaute mit thränenvollen Blicken zum Himmel empor. Der König dankte mit lächelnder Ruhe nach allen Seiten hin und gab dann ſeiner Gemahlin den Arm, um ſie hinunter zu geleiten in die Staatskajüte, nach welcher der Capitain ihnen als Wegweiſer voranſchritt. Einige Stunden ſpäter indeß kam der König, von ſeltſamer Unruhe getrieben, wieder auf das Verdeck hinauf. Der Sturm hatte ſich gelegt, denn der Wind war plötzlich umgeſprungen, das brauſende Meer be⸗ gann ſich zu beruhigen, die düſtern Wolken am Hori⸗ zont zogen langſamer und hier und da blinkte ſchon etwas von dem blauen Himmel hervor, ſo glänzend und hell, als ſei es das Auge eines Engels, der er⸗ barmungsvoll hinabblicke auf die armen bemitleidens⸗ werthen Menſchenkinder. Der König lehnte ſeine Arme auf die Seitengal⸗ lerie, welche ringsum das ganze Schiff einſchloß, er ſtarrte gedankenvoll hinaus auf das Meer, hinüber nach den fernen, längſt nicht mehr ſichtbaren Küſten 3* 36 von Frankreich, und ſchwere Seufzer rangen ſich aus ſeiner Bruſt hervor. Eine Hand legte ſich auf ſeinen Arm und zwei glänzende Augen ſchauten mit zärtlichem Flehen in ſein zuckendes Angeſicht. Verzeihung, daß ich Dich ſtöre, mein geliebter Freund, ſagte die Königin innig. Aber da Du mich verlaſſen hatteſt, ließ es mir keine Ruhe da unten, mein Herz zog mich Dir nach. Ich bin die Gefährtin Deines Glückes geweſen, ſo beanſpruche ich nun auch das heilige Recht, die Gefährtin Deines Ungl lücks und Deiner Schmerzen zu ſein. Du ſollſt nicht einſam leiden, und wenn Du weinſt, ſo will ich mit Dir weinen. Der König faßte die Hand ſeiner Gemahlin und drückte ſie zärtlich an ſeine Lippen. Wahrlich, ſagte er, ich bin nicht zu beklagen. Ich habe eine Krone verloren, aber ein Engel iſt an meiner Seite geblie⸗ ben, um mich zu tröſten. Ich bedarf freilich des Troſtes, denn mein Herz iſt ſchwer und ſorgenvoll. Aber ich will Alles muthig ertragen, und Du ſiehſt es wohl, ich weine nicht. Nur ſtarrteſt Du hinüber nach Frankreich und ge⸗ dachteſt der ſtrahlenden Vergangenheit. 5 1 ſinne ſagen lin! innis gele 37 Der König ſchwieg einen Augenblick und ſchaute ſinnend hinab in die rollenden Wogen. Soll ich Dir ſagen, was ich dachte? fragte er dann, ſeiner Gemah⸗ lin mit einem vollen Blick in's Antlitz ſchauend. Ja, mein theurer Freund, ſage es mir, bat ſie innig. Ich dachte, Amalie, ich dachte, daß Gott gerecht iſt. Gerecht? Und das dachteſt Du gerade jetzt, wo Dir ſo ſchweres Leid widerfahren iſt? Gerade jetzt, Amalie. Die weiße Signalflagge des Fährmannes hat mir dieſen Gedanken und dieſe Ueberzeugung gegeben. Und war's nicht ein ſeltſamer Zufall, daß das Zeichen meiner Flucht und meiner Rettung durch die weiße Flagge Karls des Zehnten gegeben werden mußte? Ich habe ihn geſtürzt und ich bin geſtürzt worden! Gott iſt gerecht! Unter dem Banner des durch mich geſtürzten Königthums der Lilien habe ich den Boden Frankreichs als Flücht⸗ ling verlaſſen, und ich fühle es, ich werde niemals dahin zurückkehren. Du glaubſt alſo, daß die Bourbonen, daß die Fa⸗ milie Karls des Zehnten jetzt wieder zur Herrſchaft gelangen wird? Der König ſchüttelte mit einem trüben Lächeln 8 1 ————— 38 ſein Haupt. Nicht ſie und nicht ich, ſagte er, Frank⸗ reich iſt uns Allen verloren. Eine neue Zeit beginnt, uͤnd ſie wird ſich zu Dem, was ſie zu vollbringen hat, nicht abgenutzter Werkzeuge bedienen, ſondern ſich neue Hände und neue Werkzeuge wählen, die ſie aber auch bei Seite wirft, wenn ſie ihr genug gedient haben, denn wir Alle, was ſind wir denn Alle anders, als willenloſe Werkzeuge in den Händen der Zeit und des Schickſals? Mich hat das Schickſal dazu gebraucht, die Bourbonen, die verfaulenden, welken Früchte des alten morſchen Stammes abzuſtoßen, und jetzt, da ich ihm genug genützt habe, werde ich auch abgeſtoßen, um neuen Keimen und jüngern Kräften Platz zu machen. Ich ſage Dir, Amalie, wir ſtehen am Anfang einer neuen Zeit, das Alte bricht in Trümmer überall, nicht blos in Frankreich, ſondern in ganz Europa, und aus dem kreiſenden Schooße der Revolution werden neue Menſchen und neue Geſchlechter emporſteigen,— ich ſage nicht beſſere,— aber neue! Merke, was ich Dir ſage, meine Freundin, der geſtürzte Thron von Frankreich iſt das Signal für ganz Europa, das lange ſchon gährte und brauſte und nur des Momentes wartete, um den Krater der Revolution zu öffnen. Jetzt iſt er geöffnet und die glühenden Lavafluthen 39 werden über ganz Europa hinfluthen und alle Throne erſchüttern. Der König von Frankreich hat der Re⸗ publik weichen müſſen und flieht nach England. Aber er wird nicht der Einzige ſein, welcher flieht. Ich betrete den Boden Englands nur als der Sturmvogel der Revolution, welcher Europa's Fürſten das nahende Unheil verkündet. II. Heimkehrende Auswanderer. Ohne weitere Fährlichkeiten hatte der Expreß ſeine Fahrt nach Dover vollendet und war dort in den Hafen eingelaufen, um ſeine Paſſagiere und ſeine Waaren auszuſchiffen. Aber bevor ſie in den Hafen eingelaufen, hatte der Capitain auf den Wunſch Louis Philippes die Staatsflagge von dem Maſtbaum her⸗ unter nehmen laſſen, und das an dem Ufer verſam⸗ melte Publikum ahnte daher nicht, daß ſich unter den Paſſagieren des Expreß ein König und eine Königin befänden, denen das engliſche Volk noch vor kurzer Zeit bei ihrem officiellen Beſuche in England ſo enthu⸗ ſiaſtiſch gehuldigt hatte. Unbemerkt und unerkannt war Maſter Smidt nebſt ſeiner Miſtreß an's Land geſtiegen, und nur einigen müßi unſch und Man da c der Nur der ab v dieg erfu ſtoß nach 41 müßigen Zuſchauern war es aufgefallen, daß dieſer unſcheinbare Paſſagier mit dem rothen Regenſchirm und die faſt ärmlich gekleidete Frau in dem ſchwarzen Mantel die königliche Equipage beſtiegen hatten, welche da am Ufer wartete und zu welcher ein Kammerherr der Königin Victoria das ſeltſame Paar hingeleitete. Nur Wenigen, wie geſagt, war das aufgefallen und der König und die Königin befanden ſich längſt weit ab vom Strande auf dem Weg nach Claremont, als die Zuſchauer am Ufer von den Paſſagieren des Expreß erfuhren, daß das von der Republik Frankreich ver⸗ ſtoßene Julikönigthum flüchtend herübergekommen ſei nach Englands gaſtfreien Küſten.*) Der Expreß verweilte alsdann nur noch kurze Zeit im Hafen von Dover, nur ſo lange, um die Paſſagiere aufzunehmen, die ſeine weitere Fahrt von Dover nach Helgoland mitmachen wollten. Und es waren heute in der That viele Paſſagiere da, welche ſich zu dieſer Fahrt herandrängten und die nach dem Expreß hin⸗ ſteuerten. In einem dieſer kleinen Boote, welche eben an der Treppe des Expreß anlangten, befanden ſich drei Perſonen, eine Dame in tiefer Trauer, ein Herr *) Der König Louis Philipp ſtarb in Claremont im Jahr 1850. 42 von eleganter, ſtolzer Haltung und ein Livréediener, der neben den Koffern und Kiſten ſtand, welche das Gepäck der Reiſenden enthielten. Die eine dieſer Kiſten war von beſonderer, auffallender Länge, und auf ihr ruhten, während ſie die Ueberfahrt auf dem Boot machten, nicht blos die Augen des Dieners, ſondern auch die großen ſchwarzen Augen der Dame. Jetzt, als die Paſſagiere das Dampfboot faſt er⸗ reicht hatten, wandte die Dame ihre Blicke langſam von der Kiſte ab und auf den Herrn hin, deſſen Augen ſchon lange mit einem Ausdruck zärtlicher Theilnahme auf ihr geruht hatten. Sie glauben alſo wirklich, Sir, daß man mein Gepäck nicht weiter unterſuchen wird? fragte die Dame in engliſcher Sprache, aber mit auffallend fremdländi⸗ ſchem Accent. Ich bin davon überzeugt, erwiederte der Herr in derſelben Sprache, aber auch ſeinem Aecent hörte man etwas Fremdes, Gezwungenes an. Haben Sie keine Furcht, Miß, ich werde Alles beſorgen und Sie ſollen nicht die Unannehmlichkeit haben, Ihr Gepäck durch⸗ wühlen zu laſſen. Die Dame reichte ihm mit einem freundli then Lächeln die kleine, mit einem ſchwarzen Handſchuh 43 umhüllte Hand hin. Ich danke Ihnen, ſagte ſie, und wenn ich auch nicht weiß, wie ich Ihnen alle die Güte und Freundlichkeit, welche ſie auf dieſer ganzen be⸗ ſchwerlichen Reiſe von New⸗Orleans bis hierher für mich gehabt haben, jemals werde vergelten können, ſo nehme ich doch auch gern auf's Neue Ihre Güte und Gefälligkeit an und ſtelle mich auf's Neue, wie ich es ſeit drei Wochen immer gethan, unter Ihren Schutz, denn— 8 Ohi haho, tönte der Matroſenruf vom Deck des Expreß. Raſch ausgeſchifft. Es ſind noch viel Boote 5 hinter Ihnen, die an Bord wollen. Raſch alſo, Paſ⸗ ſagiere herauf, Gepäck heraufgeworfen, raſch! Der Herr reichte der Dame ſeine Hand und war ſorgſam bemüht, ihr beim Erſteigen der ſchmalen Schiffstreppe behülflich zu ſein. Dann ſprang er 1 ſelbſt mit raſchem Schwung die Treppe hinauf und ſtellte ſich neben der Thür auf, um das Hinaufſchaffen der Sachen auf das Deck zu überwachen. Die kleinern Kiſten und Koffer waren leicht und ſchnell an dem eiſernen Haken des von dem Matroſen herabgelaſſenen Seils befeſtigt und heraufgezogen wor⸗ den, aber dieſe große unförmlich lange Kiſte, welche jetzt noch in dem Kahn ſich befand, bot einige Schwie⸗ 44 rigkeiten dar. Der eine Haken genügte nicht, man mußte ein zweites mit einem Haken verſehenes Seil hinablaſſen; die beiden Haken wurden alsdann am untern und obern Ende durch die Stricke, welche die Kiſte umgaben, hindurch gezogen, und den vereinten Anſtrengungen der vier kräftigen Matroſen gelang es endlich, die ſeltſame Kiſte empor zu ziehen. Die ſchwarze Dame hatte mit geſpannter Aufmerk⸗ ſamkeit dem Aufwinden der Kiſte zugeſchaut, ihre bleichen Wangen waren noch bleicher geworden, ihre ſchmerzlich zuckenden Lippen hatten leiſe ein Gebet gemurmelt. Jetzt, da die Kiſte neben ihrem übrigen Gepäck auf dem Deck niedergeſetzt wurde, kniete ſie, dem erſten unwillkürlichen Drange ihres Herzens viel⸗ leicht folgend, neben der Kiſte nieder und drückte einen langen Kuß auf den Deckel derſelben. Um Gotteswillen, Mademoiſelle, verrathen Sie ſich nicht, flüſterte ihr Begleiter, indem er ſich raſch zu ihr niederbeugte und ſie emporhob. Sehen Sie nur, der Capitain kommt auf uns zu und— Steuerpflichtige Gegenſtände in Ihrem Gepäck, meine Herrſchaften? fragte der Capitain, ſich leicht verneigend. Nein, Herr Capitain, ſagte der Herr ruhig, nur 45 was zum perſönlichen Bedarf auf der Reiſe gehört, denn wir haben eine lange Reiſe gemacht. Wir kom⸗ men von New⸗Orleans her und ſind ſchon vier Wochen unterwegs. Und wollen nach Helgoland gehen, um dort zu bleiben? Nein, wir werden in Helgoland nur einige Tage bleiben und dann unſere Reiſe fortſetzen. Und das Ziel Ihrer Reiſe? Verzeihen Sie die Fragen. Es iſt nur um zu wiſſen, ob ich nöthig habe, Ihr Gepäck unterſuchen zu laſſen. Das Ziel unſerer Reiſe iſt die deutſche Kaiſerſtadt Wien. Haben Sie nöthig, in Helgoland Ihre Kiſten alle zu öffnen? Nein, Herr Capitain, nur dieſe beiden kleinern Koffer, welche die nothwendigſten Gegenſtände ent⸗ halten.. Sehr gut, dann werden wir dieſe andern Koffer mit der Plombe verſehen laſſen und ſie werden Ihnen auf dem Zollamte in Helgoland ſo lange aufbewahrt, bis Sie Ihre Reiſe fortſetzen. Sind Sie damit ein⸗ verſtanden? Vollkommen einverſtanden. 46 4 Dann erlauben Sie jetzt den Steuerbeamten, die großen Kiſten zu plombiren und die kleinern Koffer zu unterſuchen. Die Unterſuchung der Kiſten war beendet, man hatte auf die große Kiſte die gewichtigen Plomben angelegt und ſie dann hinunter geſchafft in den untern Schiffsraum. Auch alle übrigen Paſſagiere waren eingeſchifft und hatten die vorgeſchriebenen Förmlich⸗ keiten der Unterſuchung überſtanden. Alsdann war der Expreß wieder in See gegangen und die größte Zahl der Paſſagiere hatte ſich hinunter begeben in die Kajüten, um ſich die Plätze für die Nacht zu belegen. Nur die bleiche Dame und ihr Begleiter waren auf dem Deck zurückgeblieben und ſchienen keine Luſt zu haben, dem Beiſpiel der andern Paſſagiere zu ſolgen⸗ Sie ſtanden neben einander auf dem Vorderdeck des Schiffes, die Arme aufgeſtützt auf die Gallerie, und ſchauten hinab in die rauſchenden, ſchäumenden Wogen, welche die Maſchine mit raſtloſer Schnelligkeit durchſchnitt. Nach einer langen Pauſe hob die Dame langſam ihre Blicke von den Wellen empor und richtete ſie auf den Herrn, der in tiefe Gedanken verloren neben ihr ſtand. d inden dara gelau mehr glück ohne wiſſ zuvt 47 Sie ſcheinen traurig, fragte ſie leiſe. Ich ſcheine nicht ſo, ſondern ich bin es, ſagte er, indem er raſch ſein Haupt empor richtete. Ich dachte daran, daß wir nun bald am Ziel unſerer Reiſe an⸗ gelangt ſein und daß Sie dann vielleicht mir nicht mehr geſtatten würden, wie ich es jetzt in dieſen drei glücklichen Wochen der Ueberfahrt thun durfte, den ganzen Tag an Ihrer Seite zu ſein. Sie haben ſich von dem Tage unſerer Reiſe an, ohne mich zu kennen, ohne irgend etwas von mir zu — wiſſen, der Einſamen, Verlaſſenen freundlich und zuvorkommend angenommen, Sie ſind zu mir wie ein Freund, wie ein Bruder geweſen, und das giebt Ihnen ein Recht auf meine nie endende Dankbarkeit. Ich werde mich daher freuen, Sie auch in Wien zu em⸗ pfangen, ſo lange ich dort bin. Sie werden alſo nicht dort verweilen? fragte er lebhaft. Nein, ſagte ſie nach kurzem Schweigen, nein, ich hoffe, daß ich dort nicht lange verweilen werde, ſon⸗ dern daß ich bald in mein geliebtes Vaterland zurück⸗ kehren kann. Ich bin eine I Und ich ein Pole, ſagte der Herr lächelnd. Selt⸗ ſam genug, daß wir erſt jetzt gewiſſermaßen unſere Italienerin. 48 es mir zur ſtrengſten Pflicht gemacht, nur von Ihnen ſelber über Sie ſelber zu erfahren, und ich habe daher nicht einmal in dem Paſſagierbuch oder bei dem Ca⸗ pitain nach Ihrem Namen geforſcht. Und wenn Sie denſelben geleſen oder der Capitain Ihnen denſelben geſagt hätte, ſo würden Sie doch nicht meinen wahren Namen erfahren haben. Wäh⸗ Viſitenkarten miteinander austauſchen. Aber ich hatte rend meines dreizehnjährigen Exils in Amerika habe ich unter einem angenommenen Namen gelebt. Seltſam, wie unſere Schickſale ſich gleichen, auch ich habe während meines funfzehnjährigen Exils in Amerika unter einem angenommenen Namen gelebt, und Niemand dort ahnt, daß der Maſter Louis aus Havannah eigentlich ein— Er ſchwieg plötzlich und blickte wieder gedankenvoll hinunter in die rauſchenden Wogen. Gleichviel wie Ihr Name iſt, ſagte die Dame ſanft, der Maſter Louis aus Havannah iſt jedenfalls ein Mann von Ehre, von feiner Bildung, ein theil⸗ nehmender Freund und ein liebenswürdiger Geſell⸗ ſchafter. Als ſolcher hat er ſich mir bewährt und mich zu Dank verpflichtet. Ich habe zu Ihnen das innigſte Vertrauen und ich will Ihnen einen Beweis davo wesh Ich er le Sie, 49 davon geben, indem ich Ihnen ſage, wer ich bin und weshalb ich aus dem Exil heimkehre nach Europa. Ich— Ich beſchwöre Sie, unterbrach ſie der Herr, indem er leiſe ſeine Hand auf ihren Arm legte, ich beſchwöre Sie, laſſen Sie mich zuerſt ſprechen. Geſtatten Sie mir, zu Ihnen zu reden, Ihnen mein Herz zu ent⸗ hüllen, bevor ich irgend etwas von Ihrem Leben, von Ihrer Stellung in der Welt erfahren habe. Ich kenne Sie, das iſt mir genug, und ich begehre nichts Ande⸗ res zu wiſſen. Name, Rang, Titel und Reichthümer, das Alles ſind eitle und vergängliche Dinge. Ich kenne Sie, und— ich liebe Sie! Ja, fuhr er leb⸗ hafter, inniger fort, ja, ich liebe Sie, liebe Sie mit der ganzen Kraft und Innigkeit meines Herzens, und im Vollgefühl dieſer Liebe frage ich Sie— Fragen Sie mich nichts, unterbrach ſie ihn haſtig. Hören Sie erſt, was ich Ihnen ſagen will, jetzt Ihnen ſagen muß. Ich kehre einſam und allein nach langem Exil aus Amerika zurück, aber ich finde in meinem Vaterland eine Schweſter, eine Familie, ich finde da meinen Bräutigam wieder. Ihren Bräutigam? Mein Gott, Sie ſind alſo nicht mehr frei? Sie haben ſich einem Andern verlobt? Mühlbach, Erzherzog Johann. 4. Abth. II. 4 2 50 1 8 Ja, ſagte ſie feierlich, an dem Sterbebette meiner Mutter haben wir Beide uns ewige Liebe geſchworen, und ihre ſterbenden Lippen haben unſern Bund ge⸗ ſegnet. Ich habe dieſe Liebe als einen Talisman mit mir genommen in das Exil nach Amerika, ſie iſt meine Hoffnung, meine Begeiſterung während langer, öder, ſchweigſamer Jahre geweſen, ſie hat mich getröſtet, als ich einſam und verlaſſen in New-Orleans an dem Sterbebette meines einzigen Verwandten, meines theu⸗ ren Vaters ſtand, und ſie läßt mich jetzt frohen und ſtarken Muthes in die Zukunft ſchauen. Denn wiſſen Sie es, mein theurer Freund, ich bin nach Europa zurückgekehrt, um endlich nach dreizehn Jahren der Trennung mich meinem Geliebten zu vermählen. Eine tiefe Bläſſe zog über das Antlitz ihres Freundes hin, und ſchwere Seufzer rangen ſich aus ſeiner Bruſt hervor. Er wandte ſich einen Moment ab, vielleicht um ſie die Thränen nicht ſehen zu laſſen, die in ſeinen Augen ſtanden, und die er jetzt mit einer raſchen Bewegung ſeiner Hand von ſeinen feuchten Wimpern fortwiſchte. Als er ihr dann ſein Antlitz wieder zuwandte, hatten ſeine Mienen wieder ihren ruhigen, ernſten Ausdruck angenommen, und ſeine Augen waren wieder hell und klar. G◻2 ◻7 2 51 Er nahm die Hand der Dame und drückte ſie innig an ſeine Lippen. Sie haben mich vorher Ihren Freund genannt, ſagte er mit feſter Stimme, gönnen Sie mir auch für die Zukunft dieſen Ehrentitel, laſſen Sie mich wenigſtens als treuer, ergebener Freund an Ihrer Seite ſtehen, da das Schickſal und Ihr Herz mir ein anderes ſchöneres Glück verſagen. Ja, laſſen Sie mich Ihren Freund ſein, und nehmen Sie den Luun an, den ich Ihnen hier im Angeſicht Gottes leiſte, den Schwur: Ihnen ſtets ein treuer, uneigen⸗ nütziger Se Freund zu ſein. F danke unr Eund ich nehme Ihren Schwur an, meinsMeun ihm mit einem holden Lächeln 8 Sand mrrei. Ich ſchwöre Ihnen . Seeine Mle Freundin, wenn S llen e liebende Schweſter finden ſollen. †— fzend 1 und auid ein 4 Eine Schweſter, ſagte ere trüben Lächeln. Nun n Hlin es zufrieden, ich begnüge mich mit Ihrer Khweſterliebe, und ſie ſoll mir fortan Erſatz ſein für Alles, was ich verlor. Und nun will ich Ihnen ſagen, wie ich heiße, rief ſie, Sie müſſen doch wiſſen, wie Sie Ihre Schweſter zu nennen haben, mein Freund. Ich heiße Felicia. 4* —2 —— 5 Felicia, ein ſchöner Name! Möge er Ihnen das Glück bringen, das er Ihnen verheißt, meine Schweſter. Das Glück, ſeufzte ſie ſchmerzlich. Bis jetzt kenne ich es nur dem Namen nach, wie die Bergleute, die in den Schachten unter der Erde arbeiten, die Sonne und das Licht auch nur dem Namen nach kennen. Ich habe viel gelitten, viel geweint, denn ich ſagte es Ihnen ſchon, ich bin eine Italienerin, und das Unglück des Vaterlandes iſt das Unglück aller ſeiner treuen Söhne und Töchter geweſen. Mein Vater, der Graf Vater⸗ von Confalconi, war ein treuer Sohn ſeißt landes, und es verſteht ſich von ſelbſt, daß Oe Lrreich ihn dafür belohnte, wie es die treuen Söhne ihres italieniſchen Vaterlandes immer Zu df pflegte. Er ward zum Tode verurtheilt, zu zwanzig Jahren ſchweren Kerkers begnadigt, und erſt der Tod des Kgiſers Franz gab ihm ſeine Freiheit wieder, aber unter der Bedingung d er nach Amerika auswan⸗ dere und dort unter e angenommenen Namen lebe. Meine Mutter war Während der traurigen Ge⸗ fangenſchaft meines Vaters geſtorben. An mir war es alſo, dem theuren Vater eine Tröſterin, eine Pfle⸗ gerin zu ſein und ihn in das Exil zu begleiten. Wir haben dreizehn Jahre faſt da drüben in dem kalten ₰ ⁸ ——— X ₰. Lande der Zahlen und der Induſtrie gelebt, aber es waren doch Jahre des Friedens, der ſtillen Genügſam⸗ keit, der wehmuthsvollen, beglückenden Ruhe. Es ge⸗ lang mir doch zuweilen, den Schimmer eines Lächelns auf dem bleichen Angeſicht meines Vaters hervorzu⸗ rufen, einen Strahl der Hoffnung in ſeiner Seele aufleuchten und ihn ſtark zu machen in dem Glauben, daß eines Tages die Sehnſucht ſeines Herzens ſich erfüllen, daß er ſein geliebtes Vaterland wiederſehen würde. Gott hat nicht gewollt, daß es alſo ſei, er hat den Märtyrer Italia's zu ſich emporgerufen in das Land der ewigen Freiheit, der ewigen Glückſeligkeit. Sein Wille ſei gelobt. Und Sie ſeien gelobt, edle, opferfreudige Tochter, welche gleich der Antigone ihren Vater begleitete in das Eril. Ich that nur meine Pflicht, und ſie ward mir ſchwer, denn ich liebte meinen Vater. Jo habe auch jetzt noch eine Pflicht gegen ihn zu erfüllen, eiine heilige Pflicht. In ſeine ſchon erkaltende Hand mußte ich geloben, daß ich ſeinen Körper nicht begraben wolle in fremder Erde, daß ich ihn heimführen wolle nach Italien, daß ſein Herz mindeſtens ruhen ſolle in dem Lande, für welches es immer ſo treu, ſo ſtark und 54 muthig geſchlagen. Ich ließ die geliebte Leiche von geſchickten Aerzten einbalſamiren, und ich bin jetzt mit ihr auf der Pilgerfahrt nach der Heimath. Jene große Kiſte enthält die Leiche Ihres edlen Vaters, nicht wahr? fragte Maſter Louis. Sie ſehen wohl, meine Schweſter, daß ich Sie liebe, denn ich errieth Ihr Geheimniß, ohne daß Sie nöthig hatten, es mir mitzutheilen. Ich las aus ihren Blicken, daß jene Kiſte für Sie eine theure Relique war. Ja, eine theure Relique, die ich indeß ſorgſam verborgen halten muß, denn wenn die Schiffsmann⸗ ſchaft wüßte, was in jener Kiſte enthalten iſt, ſo würde ſie iie in's Meer verſenken. Denn Sie wiſſen wohl, exiſtirt unter den Seeleuten der Aber⸗ glaube, daß das i tführen einer Leiche dem Schiffe Schaden und Unglück bringe, und des Shalb habe ich nicht gewagt, mich dem Capitain zu entdecken, hahe ich den Muth haben müſſen, zur Liſt und zur L meine Zuflucht zu nehmen. Ich habe es geſchwo⸗ ren, und ich werde mein Wort halten: die Leiche mei⸗ nes Vaters ſoll in der geweihten Erde unſers Vater⸗ landes ruhen. Maſter Louis ſchaute mit einem Ausdruck enthu⸗ ſiaſtiſcher Bewunderung in das ſchöne erglühte Ange⸗ ſicht Felicia's. Sie ſind eine Heldin, ſagte er. Wenn Ihr Vaterland viele ſolcher Töchter hätte, würde es ſich bald die Freiheit erkämpfen. Aber ſagen Sie mir, meine Schweſter, wie kommt es, daß Sie allein ſind? Wer iſt der glückliche Mann, den Sie lieben? Wes— halb hat er Sie nicht nach Amerika begleitet? Wes⸗ halb iſt er nicht mindeſtens jetzt nach New⸗Orleans gekommen, um Sie von dort abzuholen? Er hat mich und meinen Vater nicht nach Amerika begleitet, weil er es nicht durfte, weil der Wille des Kaiſers Ferdinand ihn zurückhielt, ihn, wie meine jün⸗ gere, geliebte Schweſter. Oh, mein Freund, es war eine große Gunſt, daß ich meinem Vater in die Ver— bannung folgen durfte, und ich verdankte dieſelbe nur der Fürſprache meiner einflußreichen und mächtigen Verwandtin, die am öſterreichiſchen Hofe lebt. Die Kinder eines zum Tode Verurtheilten gehören nicht mehr ihrer Familie, ſondern dem Staat, dem Kaiſer. Er ſtellt ſich die Aufgabe, die Kinder der ſogenannten Hochverräther zu treuen, loyalen Unterthanen zu er⸗ ziehen, welche die Thaten und die Geſinnungen ihrer verurtheilten Väter oder Brüder verdammen und ſie Verbrecher und Hochverräther ſchelten. Mein Ver⸗ lobter, der zugleich mein naher Verwandter und der 56 Sohn eines Verurtheilten iſt, wurde auf Koſten des Staats erzogen, nachdem derſelbe ſeinen Vater ſeines Vermögens und ſeiner Güter beraubt. Der Kaiſer Franz ließ den Sohn des Grafen Caſtiglioni zum öſterreichiſchen Soldaten ausbilden und er mußte Dienſte nehmen in den Reihen der Unterdrücker ſeines Vaterlandes. Er mußte? wiederholte Maſter Louis. Er mußte? Wie hätte man ihn dazu zwingen können, wenn er nicht wollte? Es giebt keine Mittel, welche einen Mann zwingen können zu thun, was vider ſeine Ueberzeugung iſt! Oh, mein Freund, in Oeſterreich giebt es ſolche Mittel, rief Felicia ſeufzend. Man beſtraft den Wider⸗ ſpruch und das Auflehnen gegen den Willen des Kai⸗ ſers nicht an Dem, welcher ſich auflehnt, ſondern an ſeinen Angehörigen. Der Vater meines Verlobten war Gefangener auf dem Spielberg, als man ihn zum Unterlieutenant im kaiſerlichen Kriegsheer machen wollte. Als er ſich weigerte den Fahneneid zu leiſten, ſagte man ihm, daß er allerdings dazu nicht gezwungen werden könne, das man aber, falls er in ſeiner Wei⸗ gerung beharre, ſeinen Vater ſtrafen würde für die ſchlechten Grundſätze, die er ſeinem Sohn eingeflößt, — und daß dieſer alsdann mit drei Monaten des här⸗ teſten Kerkers die Weigerung ſeines Sohnes büßen werde. Sie begreifen wohl, daß mein Verlobter ſo⸗ fort jeden Widerſtand aufgab und in derſelben Stunde noch den Fahneneid leiſtete und in das kaiſerliche Heer eintrat. Ja, ich begreife das, und ich begreife auch, daß die Herren in Wien ſich ſelber den Abgrund unter den Füßen gegraben haben, in welchen ſie vielleicht bald zerſchmettert hinunter ſtürzen werden. Ich be⸗ greife, daß Ihr Verlobter damals den Fahneneid lei— ſtete. Aber nicht wahr, ſeitdem iſt ſein Vater be⸗ gnadigt worden? Iſt er dennoch öſterreichiſcher Sol⸗ dat geblieben? Er iſt es geblieben! Und wiſſen Sie weßhalb? Man hat ſeinen Vater, den Grafen Caſtiglioni be⸗ gnadigt, man iſt ſogar gütiger gegen ihn geweſen als gegen meinen Vater, denn der Graf Caſtiglioni ward nicht in's Exil geſchickt, ſondern man geſtattete ihm in ſein Vaterland auf ſeine Güter zurück zu kehren. Ohne alle Bedingungen? Ah, mein Freund, ich ſehe an Ihrer Frage, daß Sie die öſterreichiſche, oder vielmehr die Metternich'ſche Regierung kennen. Nein, wan entließ den Grafen Caſtiglioni nicht in ſein Vaterland und in ſeine Hei⸗ math ohne ihm Bedingungen zu ſtellen, und ihm Verpflichtungen aufzuerlegen. Man machte ihm die Bedingung, daß er niemals von ſeinen Gütern ſich entfernen, niemals irgend eine Reiſe unternehmen dürfe, und er mußte ſich außerdem verpflichten, ſich fern von aller Politik und allen politiſchen Verbin⸗ daß er dungen zu halten. Um aber ſicher zu ſein, dieſe Verpflichtungen erfülle, ſagte man ihm, daß man nicht ihn, ſondern ſeinen Sohn ſtrafen würde für jedes Abweichen von der vorgeſchriebenen Linie, daß man, ſobald der Vater ſündige und die eingegangenen Verpflichtungen breche, den Sohn verhaften und als verdächtig zur Unterſuchung ziehen würde. Um aber auch des Sohnes ſicher zu ſein, ſagte man dieſem, daß, ſobald er ſich in irgend eine politiſche Verbindung einlaſſe, oder irgend mit den Aufrührern und Em⸗ pörern verkehre, man ſeinen Vater wieder ſeiner Frei⸗ heit berauben und nach dem Spielberg zur Verbüßung ſeiner lebenslänglichen Haft zurückführen werde. Wahrlich ein infernaliſches Mittel, um des Vaters wie des Sohnes ſicher zu ſein! rief Maſter Louis em⸗ pört. Durch Haß und Grauſamkeit läßt ſich Liebe, Gehorſam und Anhänglichkeit nicht erwerben, und die — r 59 Gemüther erbittern iſt kein Mittel, ſie zu beruhigen. Wer Wind geſäet hat, wird Sturm erndten, und mich dünkt ich höre ſchon das Grollen dieſes Sturms, der ganz Europa erſchüttern wird. Der in Dover ge— landete flüchtige König von Frankreich war das Signal des ausbrechenden Sturmes, wir werden bald auch in Deutſchland ſein wüthendes Heulen vernehmen. Aber ſprechen wir jetzt nicht davon, meine Freundin, ſprechen wir von Ihnen, von Ihren Hoffnungen, Ihren Aus⸗ ſichten. Sprechen wir von Ihrem Verlobten, obwohl es meinem Herzen ſchwer wird, ſeiner zu gedenken. Sie haben ihn lange nicht geſehen? Ich habe ihn ſeit dreizehn Jahren nicht geſehen, all dieſe öden, furchtbaren Jahre des Exils ſind wir getrennt geweſen. Aber Sie ſind wenigſtens in beſtändigem, geiſtigem Verkehr geweſen? Sie haben einander viel und oft geſchrieben? Nein, wir haben uns ſehr ſelten geſchrieben, und dann immer nur vorſichtig und oberflächlich, denn wir wußten wohl, daß alle unſere Briefe geöffnet und geleſen wurden, daß die geringſte unvorſichtige Aeuße⸗ rung uns gefährlich werden könnte. Wir haben daher niemals auch nur die leiſeſte Andeutung politiſcher 60 Art gewagt, und unſere gegenſeitigen, kurzen, lakoni⸗ ſchen Briefe waren nichts weiter als ein Gruß, der uns mindeſtens vergewiſſerte, daß wir noch lebten, noch einander gedächten. Indeß dieſe Art der Briefe iſt peinigend und ſchmerzvoll, und wenn man ein⸗ ander ſicher und gewiß iſt, thut man beſſer ſie ganz und gar zu vermeiden. Wir haben uns daher, wie geſagt, nur ſehr ſelten geſchrieben, und ſeit einem hal⸗ ben Jahre haben wir gar keine Nachrichten von ein⸗ ander. Während der langen und ſchmerzvollen Krank⸗ heit meines Vaters wollte ich nicht ſchreiben, um ſie nicht zu ängſtigen mit meiner Sorge und Furcht, und nach ſeinem Tode habe ich es vorgezogen, lieber zu ſchweigen und ihnen perſönlich die traurige Nachricht zu überbringen. Meine arme Schweſter ahnt daher nicht, daß ſie ſchon ſeit Wochen eine Waiſe iſt, daß ſie den Vater verloren hat, deſſen letzter und einzigſter Wunſch es noch war, ſie zu ſehen und ſeine Hand ſegnend auf ihr geliebtes Haupt zu legen. Demzufolge ahnen Ihre Verwandten, ahnt Ihr Verlobter nicht einmal, daß Sie kommen, daß Sie bald bei ihnen ſein werden? Nein, mein Freund, ſagte ſie lächelnd, nein, Nie⸗ mand von ihnen hat eine Ahnung davon. Ich will 61 ſie überraſchen, ich will an ihrer Freude, ihrem Jubel ſehen, daß ſie mich noch lieben, daß ſie mir ſo treu geweſen ſind, wie ich ihnen. Mein Gott, Sie wagen das? Sie fürchten alſo gar nicht, daß es anders ſein könnte? fragte Maſter Louis erſtaunt. Nach dreizehn Jahren der Trennung zweifeln Sie gar nicht? Warum ſollte ich zweifeln? Bin ich ſelber nicht treu und unverändert geblieben? Wär's nicht Ueber⸗ hebung zu glauben, daß ich tieferer Liebe, heiligerer Treue fähig geweſen, als mein Geliebter? Nein, ich zweifle nicht, ich weiß, daß ſie mich lieben, daß ſie mir treu ſind! Dreizehn Jahre der Trennung! Man muß ein Engel ſein, wie Sie, um eine ſolche Ewigkeit zu über⸗ dauern, ohne die Treue zu brechen. Dreizehn Jahre, Sie müſſen faſt noch ein Kind geweſen ſein, als Sie nach Amerika gingen. Ich war fünfzehn Jahre alt, mein Verlobter zwanzig Jahre. Sie ſehen, ich verhehle Ihnen nichts, ich ſage Ihnen ſogar das, was die Frauen gewöhn⸗ lich als ein unberührbares Geheimniß zu bewahren pflegen: mein Alter. Sie wiſſen jetzt, daß ich ein Mädchen von acht und zwanzig Jahren bin, alſo, — ——— ——— — um die Wahrheit zu geſtehen, eine alte Jungfer! Aber mein Herz iſt jung geblieben, es hat in der Einſamkeit und Abgeſchiedenheit dieſer dreizehn Jahre ſich ſeine Illuſionen, ſeine Begeiſterung, ſeine ur— ſprüngliche Leidenſchaftlichkeit bewahrt, es liebt noch eben ſo glühend, ſo ſchwärmeriſch wie es vor dreizehn Jahren gethan. Mein Herz iſt jung geblieben, aber freilich— es kann ſein, daß— Sie ſchwieg und blickte mit einem verlegenen, ſchmerzlichen Ausdruck vor ſich nieder. Dann nach einer Pauſe hob ſie lang⸗ ſam ihre großen, ſchwarzen Augen zu Maſter Louis empor und reichte ihm mit einem ſanften Lächeln die Hand dar. Sie haben mir geſchworen, daß Sie mein Freund ſein, daß Sie mich als Ihre Schweſter betrachten wollen, ſagte ſie. Ich fordere jetzt einen Beweis Ihrer Freundſchaft! Wollen Sie mir ihn geben? Wollen Sie mir ſchwören, daß Sie eine Frage, die ich an Sie richten will, der Wahrheit, der ſtrengen Wahrheit gemäß, beantworten wollen? Ich ſchwöre es Ihnen, meine Freundin, meine Schweſter Felicia! Nun denn, mein Freund, mein Bruder, ſchauen Sie mich einmal mit recht prüfenden Augen an, und dann, dann beantworten Sie mir dieſe Frage: habe ich wohl das Ausſehen einer alten Jungfer? Sind mir meine acht und zwanzig Jahre ſchon mit un— verkennbaren Schriftzügen auf die Stirn geſchrieben? Bin ich alt und häßlich? Sie hatte ſich, während ſie das fragte, hoch und ſtolz aufgerichtet und ſtand jetzt ſteif und unbeweglich da, als wolle ſie durch keine Bewegung, durch kein Zucken ihrer Augeullider die Muſterung ihrer Perſon ſtören. Maſter Louis ſchaute ſie an mit einem traurigen Lächeln, mit Blicken zärtlichſter Bewunderung. Er ließ ſeine Augen haften auf dieſer hohen, ſchön ge⸗ bauten Geſtalt, die in ihren herrlichen Formen, in ihrer hehren, keuſchen Schönheit ihn gemahnte an die erhabenen Statuen der Juno wie ſie das Alterthum dargeſtellt; er hob ſeine Blicke dann empor zu ihrem Angeſicht und betrachtete es lange und mit einem Gemiſch von Schmerz und Freude, ſchaute lange in dieſe großen ſchwarzen Augen, die jetzt ſo ernſt und kalt erſchienen, aber die bei dem geringſten Anlaß, bei der kleinſten Erregung aufflammten von dem Feuer ihrer Seele, das da in ihrem Innern erglühte wie das Feuer auf dem Altar der Veſta. Er betrachtete dieſen kleinen, ſchön geſchnittenen Mund mit den vol⸗ 64 len purpurrothen Lippen, zwiſchen denen, wenn ſie lächelten, zwei Reihen blendend weißer Zähne hervor⸗ leuchteten, das liebliche, edle Oval ihrer zartgerötheten Wangen, die edle feingebogene Naſe, die hohe gedan⸗ kenvolle Stirn, die von einer Fülle ſchwarzer Locken umrahmt war, das ganze Enſemble dieſes ſchönen wunderbar kleinen Kopfes, der auf dem ſchlanken, kräftigen Halſe ruhte: und dann auf Einmal zuckte ein ſchmerzliches Lächeln um ſeine Lippen, und er wandte haſtig ſein Haupt von ihr ab. Sie ſind ſchön, ſagte er mit leiſer gedrückter Stimme. Ja, Sie ſind ſchön an Körper und an Seele. Die ewige Jugend ſtrahlt von Ihrer gedanken⸗ vollen Stirg, die ewige Unſchuld flammt aus Ihren begeiſterten Augen, Sie ſind ein junges Mädchen und zugleich ein ſtarkes ſelbſtbewußtes Weib. Der Zauber ächter Weiblichkeit, der Reiz der Schönheit verklärt Ihr ganzes Weſen, und wenn man Sie nicht lieben darf als Weib, ſo wird man Sie anbeten müſſen als Heilige. Oh, rief ſie mit aufflammender Freude, er ſoll mich lieben als Weib, denn ſein Weib zu werden iſt für mich die ſtrahlende Hoffnung dieſer traurigen dreizehn Jahre geweſen! 2 — 1 F 4. 4 „ 0 5* 65 Sie ſind grauſam, murmelte er mit zuckenden Lippen, mit von Thränen verdüſterten Blicken. Haben Sie Mitleid mit mir, Felicia, Erbarmen mit meinen Leiden! Aber nein, nein, vergeben Sie mir dieſen Aufſchrei meines kranken Herzens! Nicht an mich ſollen Sie denken und nicht um meinetwillen ſollen Sie mir auch nur die kleinſte Regung Ihres edlen und ſchönen Herzens verbergen. Nein, meine Schwe⸗ ſter, laſſen Sie mich hinabſchauen bis auf den Grund dieſes tapferen und treuen Herzens, und glauben Sie nur, daß mich dieſes Schauen erhebt und begeiſtert, mir das Gefühl giebt, als nahe ich mich dem Tempel einer hehren Gottheit, deren Daſein ich bis dahin kaum geahnt, und ſtets bezweifelt habe. Felicia, theure Freundin, geliebte Schweſter, die Treue iſt für mich die unbekannte Gottheit, welcher die Götzendiener einen Altar errichteten, um auch die Götter, welche ihnen unbekannt geblieben, und von deren Daſein ſie keine Kunde hatten, nicht zu beleidigen. Eine ſolche unbekannte Gottheit wahrlich iſt die Treue der Menſchen in un⸗ ſerer verderbten, berechnenden, egoiſtiſchen Zeit gewor⸗ den, und wenn man ſie nennt, dieſe erhabene ſüß⸗ lächelnde Göttin mit dem Gazellenauge und dem ernſt ſtrahlenden Blick, ſo geſchieht es, um ſie achſelzuckend Mühlbach, Erzherzog Johann. 4. Abth. II. 5 66 zu belächeln und einzugeſtehen, daß es unmöglich iſt, ihr einen Cultus darzubringen und an ſie zu glauben. Und ſo werden die überklugen, zweifelnden Kinder dieſer Welt auch Sie belächeln, Sie, welche die heilige Prieſterin der mißkannten Göttin ſind, Sie, deren Herz der letzte Tempel dieſer Göttin geblieben iſt, wohin ſie ſich geflüchtet hat, als ſie ausgeſtoßen ward aus dieſer kalten, egoiſtiſchen Welt. Ich aber, Felicia, edle Prieſterin der Treue, ich bewundere Sie, ich bete zu Ihnen, ich verehre Sie um Ihres Glaubens willen, ſelbſt wenn ich— Nun? fragte ſie mit einem ſanften Lächeln, nun, warum ſtocken Sie auf einmal? Vollenden Sie im⸗ merhin Ihren Satz. Ich will es, ſagte er entſchloſſen. Ich verehre Sie um Ihres Glaubens willen, ſelbſt wenn ich ihn nicht theilen kann. Sie glauben nicht an die Treue? fragte ſie. Auch Sie halten ſie für eine unbekannte Gottheit? Ich habe durch Sie und durch meine Liebe zu Ihnen die erſten Offenbarungen dieſer Gottheit em⸗ pfangen, ich glaube an ſie für meine eigene Perſon, aber ich fürchte, es giebt nur Wenige, welche außer uns Beiden ihr huldigen. Theure Freundin, holde — T de 14 67 anbetungswürdige Prieſterin der Treue, zürnen Sie mir nicht, wenn ich für Sie zage, für Sie ängſtlich bin. Aber, mein Gott, ich kenne die Welt, ich habe von den Menſchen ſo viele Wunden empfangen, daß es mir wohl erlaubt ſein darf, zu zweifeln an ihrer Tugend und Größe. Sie aber, Felicia, Sie kennen die Welt nicht, denn Sie waren eine kaum er⸗ blühende Jungfrau als Sie Europa verließen, und Ihr frommes Exil haben ſie ſich nicht hinein gewagt die rauhen, höhnenden Stimmen der Welt. Zürnen Sie mir, dem armen Krieger der Wel der ſo viele Narben aufzuweiſen hat, zürnen Sie mir alſo nicht, wenn ich Ihre ſchöne Zuver⸗ ſicht nicht theile, wenn ich zweifle, wo Sie ver⸗ trauen! Dreizehn Jahre der Trennung, das ſind dreizehn Jahre der Entfremdung, und kein Mannes⸗ herz iſt vielleicht ſo ſtark, um ſie überdauern zu kön⸗ nen, ohne ſich zugleich geheilt zu fühlen von ſeinen Schmerzen und ſeiner Sehnſucht nach der fernen, ja, laſſen Sie es mich ſagen, nach der entfremdeten Geliebten. Oh, wie weh Sie mir thun, flüſterte Felicia, ihre beiden Hände auf ihr Herz drückend, als habe er ihr eine Wunde geſchlagen. Jetzt ſage ch zu Ihnen, wie 5* 68 Sie vorher zu mir: haben Sie Mitleid mit mir, haben Sie Erbarmen mit meinen Leiden! Warum wollen Sie mir meine Hoffnungen vernichten, mir die Freudigkeit des Wiederſehens trüben? Mein Gott, ich habe auf Erden noch ſo wenig Freude, ſo wenig Glück erfahren, warum wollen Sie mir nicht meinen Glauben an das Glück meiner Zukunft laſſen? Sie haben Recht, Felicia, ich that Unrecht, ſeufzte Louis, indem er tief bewegt in das zuckende, todes⸗ bleiche Antlitz Felicia's ſchaute. Ich hielt es für meine Pflicht, Sie vorzubereiten auf die Enttäuſchung, der Sie vielleicht entgegen gehen. Aber wozu nützt frei⸗ lich ſolche Vorbereitung? Das Unglück kommt immer unerwartet, und wenn man auch glaubt, ſein Herz gegen daſſelbe geſtählt zu haben, ſo findet es immer doch noch eine weiche, unbeachtete Stelle, in welche es ſeine ſchmerzenden Giftpfeile hinein ſchleudern kann. Vergeben Sie mir alſo, Felicia, vergeben Sie der vor⸗ ſorgenden Liebe Ihres Freundes, der aus der Tiefe ſeiner Seele wünſcht, daß er ſich geirrt haben möge mit ſeinen Sorgen. Nur, meine theure Freundin, nur verſprechen Sie mir, daß, wenn Sie eines Freun⸗ des, eines Beiſtandes, ja auch nur einer mitfühlenden Seele bedürfen ſollten, Sie mir dann den Vorzug —— 69 vor allen Ihren andern Freunden geben, daß Sie mich an Ihre Seite rufen wollen, ſei's auch nur, um mit Ihnen zu trauern über die Kleinlichkeit und Unzuver⸗ läßlichkeit aller Dinge dieſer Welt. Ich verſpreche Ihnen das, mein Freund. Bedarf ich einer Zuflucht, einer Tröſtung, eines ſtarken Ar⸗ mes, der mich aufrecht hält, und er fehlt an meiner Seite, ſo werden meine Lippen Ihren Namen rufen, werden meine Hände ſich Ihnen flehend entgegen⸗ ſtrecken. Maſter Louis drückte einen langen, innigen 8½ auf ihre Hände, die ſie mit einem ſanften Läch ihm darreichte. Und jetzt, ſagte er ſich wieder hochaufrichtend und ſein Haupt erhebend, als wolle er die Wolken des Kummers, die daſſelbe niedergedrückt, mit heftigem Gegendruck verſcheuchen, jetzt vergeben Sie mir, daß ich mit meinen trüben Worten Ihnen die Sonne Ihrer Zukunft umſchleiert habe. Möge ſie fortan ſo hellen Glanz ausſtrömen, daß ſie ihr ganzes Leben überſtrahlt und alle Schatten aus demſelben ver⸗ ſchwinden macht. Ich werde ohne Neid mich deſſelben freuen, wenn ich auch nicht die Kraft haben werde, ein Zuſchauer Ihres Glückes zu ſein. Dieſe Stunde 70 hat über meine Zukunft entſchieden: ich kehre nach Amerika zurück, ſobald die unglücklichen Verhältniſſe, die mich nach Europa gerufen, einigermaßen geſchlichtet und ausgeglichen ſind. Unglückliche Verhältniſſe, wiederholte Felicia traurig, alſo auch Sie kennen das Unglück, und es iſt nicht das Glück, nicht die Liebe, welche Sie nach Europa zurückführte? Nein, es iſt nicht das Glück und nicht die Liebe, ſondern das Unglück und der Haß, welcher mich nach Pen zurückgeführt, ſagte er düſter. Gott möge geben, daß ich wenigſtens noch zur rechten Zeit komme, um ein Verbrechen zu verhindern, um Schmach und Schande von meiner Familie abzuwenden. Sie ſehen, Felicia, ich habe ein heiliges Vertrauen zu Ihnen, ich ſage Ihnen, was ich keinem Menſchen auf der Welt, was ich kaum Gott zu ſagen wagte. Ja, ich bin nach Europa gekommen, um ein Verbrechen, eine ſchwere und grauſige Blutſchuld abzuwenden. Ich darf, ich kann Ihnen nichts weiter ſagen, und Ihre reine und keuſche Seele ſoll nicht einmal entweiht werden von dem Hauch dieſes Verbrechens, das zu nennen ſich meine Lippen ſträuben. Beten Sie für mich, reine und keuſche Prieſterin der Tugend und der Treue, 71 beten Sie für mich und für Diejenigen, welche zu mir gehören. Vielleicht, daß Ihr Gebet zu dem Throne Gottes dringt, und daß er erbarmungsvoll das Unheil verhütet, das mich wie ein Sturmwind des Entſetzens von Amerika herüber geſchleudert hat. 1 Ich will beten, oh, ich will beten mit aller Kraft, aller Inbrunſt meiner Seele, ſagte Felicia ihre Hände fromm in einander faltend. Gott wird Erbarmen haben mit Ihnen, der Sie gut, der Sie großmüthig und edel ſind. Er hat Ihnen eine ſtarke Seele, ein großes Herz und einen energiſchen Willen gegeben, mit dieſen drei Gewalten werden Sie das Unheil, S Ihnen entgegenſtellen will, bezwingen, und das Ver⸗ brechen wird ſcheu vor Ihnen entfliehen, wie der Teufel flieht, wenn man ihm das heilige Kreuz entgegen hält. Möge es ſo ſein, ſeufzte Maſter Louis, möge ich mindeſtens nicht zu ſpät kommen, um das Entſetzlichſte abzuwenden! Oh, meine Freundin, welch ein Segen iſt es doch für mich, Sie gefunden zu haben, Sie lieben, Ihnen mein Herz mit allen ſeinen Sorgen und Qualen öffnen zu dürfen. Iſt es mir doch ſchon jetzt, als habe das Ausſprechen meines Kummers einen Theil der Laſt von meinem Herzen fortgewälzt, als athme ich freier, ſeit ein Engel des Lichtes und der Liebe an meiner Seite ſteht. Stoßen Sie mich nicht V von ſich, Felicia, gönnen Sie mir das Glück, wenig⸗ ſtens bis wir Wien erreicht haben, an Ihrer Seite zu bleiben, nicht um Sie zu ſchützen, ſondern um mich unter den Schutz Ihrer Unſchuld, Ihrer Tugend, Ihrer Reinheit zu ſtellen, und meine Seele davon durch⸗ leuchten zu laſſen mit Gottvertrauen und frommer Hoffnung. Geſtatten Sie mir, Sie in Wien bis vor die Thür Ihres Hauſes zu bringen; ich werde es nicht wagen, die Schwelle derſelben zu überſchreiten, ich werde vor derſelben Ihnen Lebewohl ſagen und be⸗ ſcheiden zurücktreten in meine Nacht und meine Dun⸗ kelheit, in welcher Sie indeß immerdar leuchten wer⸗ den als der Stern der Hoffnung und der Liebe, zu welchem ſich meine Blicke durch alle Schreckniſſe und alles Unheil erheben werden, um Muth und Troſt aus ihm zu ſchöpfen. Nein, Felicia, antworten Sie mir noch nicht, ſagen Sie nicht in der Großmuth Ihres Herzens, daß Sie mir meine Bitte erfüllen wollen, ſondern hören Sie erſt, was ich Ihnen noch . ſonſt ſagen muß. Ich habe unter einem angenomme⸗ nen Namen die Reiſe von Amerika hierher gemacht, V gleich Ihnen, und auch in Amerika kennt man mich 73 nur unter dieſem falſchen Namen. Sie haben in Ihrer edlen Güte mich des Vertrauens gewürdigt, mir Ihren wahren Namen zu ſagen, und Sie durften das, denn es iſt ein edler, großer Name, es iſt eine edle, große Familie, der Sie angehören, und kein Flecken haftet an derſelben und kein Verbrechen, keine Schand⸗ that hat das Unglück Ihre Familie umdüſtert. Ich aber, Felicia, ich bin nach Amerika gegangen, um die Schmach meines Hauſes zu verbergen, um einen gro⸗ ßen und ſtolzen Namen der Vergeſſenheit zu über⸗ geben und das Unheil, welches nicht durch mich ver⸗ ſchuldet worden, dadurch zu ſühnen, daß ich freiwillig der Größe, dem Glanz und dem Ehrgeiz, der Träger eines ſtolzen Namens zu ſein, entſagte. Gott, fürchte ich, hat mein Opfer nicht angenommen, und wie er mich jetzt aus der Dunkelheit und dem Schweigen wieder zurückruft in die Welt, ſo wird er meine Fa⸗ milie wieder aus dem Schatten der Zurückgezogenheit hervorziehen, und wir werden eine traurige Berühmt⸗ heit erhalten, eine Berühmtheit, vor der alle Guten und Reinen ſchaudernd ihr Haupt verhüllen werden, vor der noch der Räuber und Dieb ſich bekreuzigt und ſich einen Tugendhaften nennt. Wolle Gott geben, daß ich noch zur rechten Zeit gekommen bin, um das Wenn es ſo iſt, dann, Fe⸗ ◻ licia, werde ich zu Ihnen kommen und Ihnen meinen Aeußerſte abzuwenden. wahren Namen ſagen, bis dahin aber will ich ihn verſchweigen, und wenn meine traurigen Ahnungen ſich erfüllen, wenn Schmach und Schande über mich kommt, dann werden Sie niemals erfahren, wie der Maſter Louis aus Havannah ſich eigentlich genannt, und vor der Schwelle Ihrer Thür, zu der ich Sie bei unſerer An⸗ kunft in Wien hinführe, werden Sie mich zum letzten Male geſehen haben. Und nun, Felicia, da ich Ihnen Alles geſagt habe, da Sie die traurigen Befürch⸗ tungen, die mich nach Europa zurückgeführt, kennen, da Sie wiſſen, daß ich Ihnen nicht einmal meinen wirklichen Namen ſagen darf, nun frage ich Sie: 1 haben Sie ſoviel Vertrauen in meine Redlichkeit, daß Sie mir ferner geſtatten wollen Ihr Reiſebegleiter zu bleiben, wollen Sie mich nicht aus Ihrer Nähe ver⸗ bannen, ſondern dem Maſter Louis aus Havannah geſtatten, an Ihrer Seite zu bleiben bis wir in Wien angelangt ſind? Felicia heftete ihre großen, ſchwarzen Augen mit 6 einem langen, ernſten Blick auf ſein bleiches, bewegtes Angeſicht. Dann reichte ſie ihm langſam und mit einem feierlichen Ausdruck ihre Hand dar. Hier meine Hand, mein Freund, ſagte ſie mit klarer, feſter Stimme. Ich ſtelle mich bis Wien unter den Schutz des Maſter Louis aus Havannah, ich bitte den Maſter Louis mich nicht zu verlaſſen, ſondern an meiner Seite zu bleiben; aber ich fordere von ihm einen Beweis ſeiner Freundſchaft und ſeines Ver⸗ trauens zu mir. Wenn wirklich das gefürchtete Unheil über ihn hereinbrechen ſollte, wenn er nicht im Stande geweſen, Schmach und Unheil von ſeinem Na⸗ men, von ſeiner Familie abzuwenden, dann, dann ſoll Maſter Louis zu mir kommen unter ſeinem wahren Namen, dann ſoll er der Freundin gönnen ſich zu ihm zu bekennen, ſich an ſeiner Seite zu zeigen, dadurch ein Zeugniß zu geben, daß ſie ihn für unſchuldig, für edel und gut erkennt, und daß ſie nicht an ihm zweifelt. Felicia, Felicia, rief Louis tief bewegt, meine Freundin, meine— Mehr vermochte er nicht zu ſagen, das Wort erſtarb auf ſeinen Lippen. Er neigte ſich über ihre dargereichte Hand, und wie er ſie an ſeine Lippen drückte, fielen ſeine heißen Thränen auf die⸗ ſelben nieder. III. Kriadne auf Helgoland. Der Expreß war an der Felſenküſte von Helgo⸗ land vor Anker gegangen, die Paſſagiere hatten ſich ausgeſchifft, um einen Tag der Ruhe zu genießen, denn erſt in der Frühe des nächſten Morgens wollte das Schiff, welches die Fahrt nach Hamburg zu machen hatte, abſegeln. Der Expreß war hier in Helgoland, dem letzten engliſchen Grund und Boden auf dieſer Seite der Nordſee, am Ziel ſeiner Reiſe angelangt, und deshalb war alles Gepäck der Paſſagiere zu Land geſchafft worden. Indeſſen war die Ausſchiffung der großen Kiſte Felica's erfolgt, und nachdem ſie die⸗ ſelbe zur Aufbewahrung den geeigneten Behörden übergeben und ſich überzeugt hatte, daß ſie durch die Plombe vor allem Oeffnen und Durchſuchen geſichert 77 worden, war ſie, ſorgſam geleitet von Maſter Louis und gefolgt von ihrem Diener, die hohe Treppe hinauf⸗ gegangen, über welche man zu dem obern Theil der Felſeninſel gelangt, um dort ſich in dem großen Fremdenhotel ein paſſendes Logis auszuwählen. Aber alle Zimmer des Hotels fanden ſich bereits beſetzt, und ſo mußte ſich Felicia entſchließen, begleitet von einem Kellner des Hotels, die lange Straße hinab zu gehen, um in einem der Fiſcherhäuſer ſich eine Wohnung zu ſuchen. Sie hatten ſchon den größeren Theil der Straße zurückgelegt, ohne irgend an den kleinen Häuſern einen dieſer Zettel gefunden zu haben, der den Suchenden verkündete, daß da ein„elegantes Quartier“ zu ver⸗ miethen ſei, als das ſcharfe Auge des Maſter Louis an dem letzten dieſer Häuſer, das unfern von dem Felſenrand der Plattform ſtand, den erſehnten weißen Ankündigungszettel erſchaute. Da haben wir, was wir für Sie ſuchen, ſagte er, eine Stätte, um der Ruhe zu genießen. Gott ſei Dank, ich begann ſchon mich für Sie zu ſorgen und zu fürchten, Sie müßten ſich am Ende mit der elenden kleinen Dachkammer begnügen, welche man für mich in dem Hotel reſervirt hat. 78 Und glauben Sie, daß ich zugegeben hätte, daß Sie ſich dieſer Zufluchtsſtätte beraubten? fragte Felicia. Wo ſollten Sie dann ruhen und ſchlafen, wenn ich Ihr Zimmer occupirte? Auf der Schwelle Ihrer Thür, oder, wenn Sie mir dieſe Gunſt verſagt hätten, hier auf dem Felſen unter dem Baldachin des Himmels und bei dem rau⸗ ſchenden Wiegenlied des Meeres. Aber ſehen Sie nur Felicia, ſehen Sie nur das junge Weib mit dem Kind im Arm, welches da am Rande des Felſens ſitzt und hinausſtarrt in das Meer. Sehen Sie nur, wie ſcharf ſich ihr edles claſſiſches Profil gegen den tief⸗ dunklen Himmel abzeichnet, und dieſe vornübergeneigte Geſtalt, die Hand, die ſie eben an die Stirn legt, als Schirm gegen die Sonne, um beſſer hinausſchauen zu können nach dem fernen Horizont. Oh, das iſt ein wundervolles Bild liebender, ſehnender Erwartung, und ich wollte, ich wäre ein Maler, um es für Sie portraitiren zu können. Laſſen Sie uns wenigſtens noch einen Moment ſtehen bleiben, um das ſchöne Bild in unſerer Seele feſtzuhalten, flüſterte Felicia, gehen wir nicht näher, damit wir die Sinnende und Schauende nicht ſtören. Sie haben Recht, es iſt ein wundervolles Bild der 79 Erwartung. Wie unbeweglich ſie da ſitzt, immer noch die Hand über die Stirn gelegt, hinausſtarrend auf das Merr und ganz dieſes liebliche, prächtige Kind vergeſſend, das da lachend in ihrem Schoße ruht und wie das Chriſtkind auf den Madonnenbildern nur mit einem kurzen, weißen Hemdchen bekleidet iſt. Aber ſie hat nicht das Ausſehen einer Madonna, ſagte Louis lächelnd, ſondern ſie erinnert mich mehr an Dido, die dem treuloſen Aeneas nachſchaut, oder an Ariadne auf Naxos, nachdem Theſeus ſie ver⸗ laſſen hatte. Ich ſtimme weder für die Ariadne, flüſterte Felicia, noch für Dido. Denn warum wollen Sie annehmen, daß dieſes ſchöne Weib eine Verlaſſene ſei? Liegt es nicht näher, und iſt es nicht natürlicher zu denken, daß ſie das junge, liebende Weib eines Fiſchers iſt, der mit ſeinem Nachen hinausgeſteuert iſt auf die See, um Fiſche zu fangen, deſſen Heimkehr das junge Weib erwartet und ihren Bambino bereit hält, damit er den glücklichen Vater ſogleich begrüße? Nein, nein, mein Herr, gehen Sie mir mit Ihrer Dido und Ariadne. Hier auf der Felſeninſel herrſcht noch Wahr⸗ heit, und die Treue iſt kein leerer Wahn. Wir haben da ein glückliches Weib, das ihren Gatten erwartet, 80 und keine Ariadne, die dem entflohenen Theſeus nach⸗ weint. Ich wage es, Ihnen zu widerſprechen, ſagte Louis lächelnd. Es iſt gar etwas Schmerzliches, Gramvolles in der Haltung, in den Mienen des jungen Weibes; ſie ſitzt ſo unbeweglich und ruhig da, daß man wohl ſieht, ſie weiß, daß Derjenige, welchen ſie erwartet, nicht kommt, und ſie ſchauet nur mit ihren leiblichen Augen nach ihm aus, weil ihr krankes Herz immer nach ihm ausſchauet. Wär's ihr Gatte, deſſen baldige Heimkehr ſie erwartet, ſo würde die junge, glückliche Mutter ihren reizenden Knaben im Arm haben, damit der Heimkehrende ſchon in der Ferne Mutter und Kind gewahren könne, als den lieblichen Leuchtthurm, der ihm den Weg zeige zur Heimath. Aber ſie achtet nicht ihres Kindes, ſie weiß kaum, daß es in ihrem Schooße ruht und in ihrer athemloſen, geſpannten Erwartung iſt es ihr ganz gleichgültig, daß das Kind, welches ſie nicht behütet, von ihrem Schooße herunter fallen und über die Felſenkante hinab rollen kann in das Meer. Nein, vergeben Sie, ich bleibe bei meiner Behauptung: es iſt eine Ariadne, welche wir da vor uns haben. Sie ſind in der That ein ſehr ſcharfer und feiner 1 81 Beobachter, erwiderte Felicia, und ich bekenne, daß Sie anfangen mich zu überzeugen. Ja, es iſt etwas von der Ariadne in der Haltung, dem Weſen des ſchönen Weibes. Aber ich mag's und will's nicht glauben, daß ſelbſt hier, mitten im großen, erhabenen Weltmeer, unter dem großen, weitoffenen Auge Gottes, der Menſch ſo klein und ſo vermeſſen ſein könnte, die ge⸗ lobte Treue zu brechen. Fragen wir einmal den Kellner, ob er etwas von dem jungen Weibe weiß, ſagte Louis und er winkte den Kellner, der ſich bisher in beſcheidener Entfer⸗ nung gehalten, um das leiſe Geſpräch der Beiden nicht zu belauſchen, näher zu ſich heran. Mein Freund, fragte er, kennen Sie das junge, ſchöne Weib, das da unfern vom Hauſe auf der Fel⸗ ſenkante ſitzt? Natürlich kenne ich Sie, erwiderte der Kellner achſelzuckend. Wie ſollte ich ſie nicht kennen, da ſie ein Helgolander Kind iſt? Wie heißt ſie und wer iſt ſie? Sie heißt Frau Generalin von Santjago und iſt des Lootſen und Fiſchermeiſters Jackſon einzigſtes Kind. Hoͤren Sie nur, Felicia, eines Lootſen und Fiſcher⸗ Mühlbach, Erzherzog Johann. 4 Abth. II 6 82 meiſters Tochter und heißt Generalin von Santjago. Die Ariadne tritt immer deutlicher und unverkenn⸗ barer in Wirklichkeit, nicht wahr? Wie kommt es aber, mein Freund, daß eine ſo vornehme Dame, eine Ge⸗ neralin mit einem ganz ſpaniſchen Namen, doch die Tracht der Helgolanderinnen beibehalten hat und ſich nicht als vornehme Dame kleidet? Das kommt daher, weil ihr Vater Jackſon das ſo will, und es nicht leidet, daß ſie andere Kleider trägt. Aber ihr Gatte, der General, was ſagt der dazu? Der ſagt gar nichts, grinſete der Kellner, ſagt gar nichts, denn er iſt nicht auf der Inſel. Oh, und darum ſitzt die Frau Generalin und ſchaut nach ihm aus. Sie erwartet wohl in dieſen Tagen die Rückkehr des Herrn Generals? Erwartet ſeine Rückkehr ſchon ſeit einem Jahr, erwiderte der Kellner verächtlich. Sitzt jeden Tag da am Felſenrand und ſtarrt hinaus in das Meer, aber er kommt immer nicht, ſchreibt auch nicht und läßt nichts von ſich hören. Ariadne, Sie ſehen, eine Ariadne auf Helgoland. Armes Weib, ſo jung, ſo ſchön und ſo unglücklich, ſeufzte Felicia. Aber laſſen Sie uns zu ihr gehen 83 und ſie anreden, um ſie aus ihrem ſchmerzlichen Sinnen zu erwecken. Und Felicia näherte ſich mit haſtigen Schritten der jungen Frau, welche indeſſen ihre Annäherung gar nicht bemerkte, ſondern immer noch unbeweglich hin⸗ ausſtarrte auf das Meer. Frau Generalin, ſagte Felicia leiſe und ſchüchtern, Frau Generalin, ſind Sie es, welcher dieſes Haus ge⸗ hört, an dem der Zettel hängt? Das junge Weib wandte langſam ihr Haupt vom Meer ab und heftete ihre großen tiefblauen Augen mit einem finſtern, zürnenden Blick auf Felicia hin. Weshalb fragen Sie mich ſo? fragte ſie. Wer hat Ihnen meinen Namen und meinen ſtolzen Titel geſagt? Wollen Sie mich etwa auch verhöhnen, wie's alle Leute thun, und nennen Sie mich zum Spott ſo? Es ſteht einer vornehmen, ſchönen Dame, wie Sie es ſind, ſchlecht an, eine arme Frau zu verſpotten, die doch kein Unrecht gethan und keine Schande zu be⸗ reuen hat. Bin freilich die Generalin Santjago, aber ſo lange Er nicht hier iſt, leide ich's nicht, daß man mich ſo nennt. Ich heiße Marie Jackſon, daß Ihr's wißt. Und ich bitte Sie, meine liebe Marie Jackſon, 6* 84 nicht ſo ſchlecht von mir zu denken, daß ich es wagen könnte, eine ſo ſchöne, junge Mutter, ein Weib, meine Schweſter alſo, zu verſpotten, ſagte Felicia ſanft. Ich ahnte ja nicht, daß Sie nicht mit Ihrem vornehmen Titel genannt ſein wollten, denn der Kellner war es, der uns denſelben als Ihren Namen ſagte. Oh, der boshafte Stephens hat's Ihnen geſagt, rief Marie Jackſon, indem ſie ihre flammenden Blicke ſuchend umher ſchweifen ließ.— Aber der Kellner hatte ſich, vielleicht den Zorn des jungen Weibes fürchtend, leiſe entfernt, und man ſah ihn, wie er haſtigen Schrittes die lange Straße hinabeilte nach dem großen Hotel hin. Ein Glück für ihn, daß er ſich aus dem Staube gemacht hat, murmelte Marie, hätt's ihm ſonſt einmal ſagen wollen, was für ein hämiſcher, neidiſcher Burſch er iſt, und wie ſchändlich es von ihm iſt, mich zu verſpotten. Sie nahm ihr Kind in den Arm, und indem ſie ſich von ihrem Felſenſitz leicht und anmuthig erhob, wollte ſie mit einem flüchtigen Gruß an den Fremden vorüber dem Hauſe zueilen. Aber Felicia legte ſanft die Hand auf ihren Arm und hielt ſie zurück. Ich bitte Sie, liebe Marie 85 Jackſon, ſagte ſie, wollen Sie mir ſagen, ob ich in Ihrem Hauſe wohl eine Wohnung miethen kann? Nein, rief ſie heftig, es iſt keine Wohnung in dem Hauſe da zu vermiethen, und es iſt ſehr grauſam und hartherzig von meinem Vater, daß er den Zettel da über der Thür ausgehängt hat. Hab' ihn mit Thrä⸗ nen und Händeringen gebeten, es nicht zu thun, mir und meinem Kind nicht die Schand' anzuthun, daß er die Zimmer vermiethet, welche meinem Mann ge— hören. Hab' ihm geſagt, daß es ſo ausfieht, als ob mein Mann gar nicht wiederkäme, wenn man die Zimmer vermiethet, die er bewohnt hat. Mein Gott, und ich erwarte ihn doch alle Tage und er kann mit dem nächſten Schiffe ankommen. Was würde er nur ſagen, wie böſe würde er ſein, wenn er ſeine liebe, hübſche Wohnung, in der wir Beide ſo glücklich ge⸗ weſen, jetzt vermiethet fände. Er würde ohne Zweifel ſehr traurig darüber ſein, er würde fürchten, daß Sie an ihm gezweifelt, oder, was noch ſchlimmer iſt, ihn vergeſſen hätten. Nicht wahr? rief ſie lebhaft. Er müßte das glau⸗ ben. Mein Gott, und ich liebe ihn doch ſo ſehr, daß ich ihn nicht einen Augenblick vergeſſen kann. Oh, ich danke Ihnen, meine liebe, ſchöne Dame, und ich wollte 86 nur, mein Vater hätte Ihre Worte gehört, denn es iſt daſſelbe, was ich ihm immer ſage. Aber er will's nitht glauben und ſchilt mich und nennt mich eine Thörin, blos weil ich nicht will, daß er die Wohnung meines Mannes vermiethen ſoll. Sie haben ganz recht, daß Sie das nicht wollen, meine liebe Marie Jackſon, ſagte Felicia ſanft, aber nicht wahr, heute können Sie Ihren Mann nun doch nicht mehr erwarten, da er nicht mit dem Schiff von Dover angekommen iſt? Morgen aber würde ich Ihrem Manne nicht mehr im Wege ſein, denn ich gedenke ſchon morgen früh mit dem Schiffe, das nach Hamburg geht, weiter zu reiſen. Ah, wenn Sie morgen früh ſchon weiter reiſen wollen, ſo iſt das etwas Anderes, rief Marie, bis morgen können Sie recht wohl die Zimmer bekommen, denn es kommt heute kein Paſſagierſchiff mehr an, es müßte denn ſein, daß er mit dem Dampfer käme, der blos zwiſchen hier und Curhaven geht. Ich verſpreche Ihnen, daß, wenn er mit demſelben kommen ſollte, ich ſogleich Ihre Zimmer räumen werde. Sie ſind ſehr gut, oh, ſehr gut, ſagte Marie, deren große Augen ſich mit Thränen füllten. Kommen Sie, 87 ich will Ihnen die Zimmer zeigen, Sie ſollen auf jeden Fall bis morgen darin wohnen, wenn er auch heute noch ankäme. Aber, fuhr ſie ſtockend fort, aber der Herr da iſt ohne Zweifel Ihr Mann und er wird verlangen, daß er mit Ihnen die Zimmer bewohnt? Nein, Marie, ſagte Felicia, tief erröthend, ich bin unverheirathet, und— Und ich habe ſchon für mich ein Zimmer in dem Hotel da gefunden, unterbrach ſie Louis. Marie nickte mehrmals lebhaft mit dem Kopf. Das iſt mir lieb, ſehr lieb, ſagte ſie, denn ſehen Sie, ich habe Ihm feierlich geſchworen, daß niemals ein anderer Mann nach ihm in den Zimmern wohnen ſollte, und ich will ihm Wort halten, ſo lange ich lebe. Sie ſehen es wohl, flüſterte Felicia, ſich zu Louis hinneigend, Sie ſehen es wohl, die Treue lebt. Sie wohnt nicht blos als letzte Zuflucht in meinem Herzen. Ja, die Treue lebt, murmelte Louis ſeufzend, und wehe Denen, welche ſie in ihrem Herzen ertödteten. Gott wird ſie ſtrafen, wenn es überhaupt einen rächen⸗ den und ſtrafenden Gott giebt. Es giebt jedenfalls einen gütigen und verzeihenden Gott, und an den wollen wir Alle glauben, rief Fe⸗ 88 licia, ihre ſchönen, ſtrahlenden Augen zum Himmel erhebend. Ich glaube nicht, daß es einen Gott giebt, ſagte Marie leiſe vor ſich hin, indem ſie den ſcheuen Blick von dem Himmel auf das Kind niederſenkte, das an ihrem Buſen ruhte. Nein, ich glaube nicht, daß es einen Gott giebt, denn er müßte ſonſt Mitleid gehabt haben mit mir und mit meinem Kinde. Aber kom⸗ men Sie, meine ſchöne Dame, fuhr ſie dann leb⸗ haft fort, kommen Sie, ich will Ihnen die Wohnung zeigen. Erlauben Sie, daß ich Sie begleite und ſehe, ob die Zimmer geeignet für Sie ſind, bat Maſter Louis, indem er Felicia den Arm reichte. Nein, Herr, bitte, nein, bat Marie ängſtlich. Laſſen Sie uns Beide allein in's Haus gehen. Hab' ihm ja geſchworen, daß kein ſanderer Mann außer ihm die Zimmer auch nur betreten ſoll, daß ich ihm treu ſein will nicht blos in meinem Thun und Handeln, ſon⸗ dern auch in meinen Gedanken, und rein und züchtig wie eine Wittwe leben wollte, bis er wiederkommt. Und in die Zimmer einer Wittwe darf kein Mann eintreten. Nun wolhl, ich bleibe zurück, ſagte Louis, wollen 89 Sie alſo der Dame die Zimmer zeigen, ich erwarte hier Ihre Rückkehr. Marie nickte ihm zu mit einem dankbaren Blick und ſchritt dann raſcher, gefolgt von Felicia, dem Hauſe zu. Vor der Thür deſſelben angelangt, blieb ſie ſtehen und reichte Felicia raſch ihre Hand dar. Ich will Sie etwas bitten, liebe, ſchöne Dame, flüſterte ſie. Sagen Sie meinem Vater nichts von Allem, was wir hier geſprochen haben. Er hat es mir verboten, davon zu reden, und wenn Sie mich nicht Frau Generalin angeredet hätten, ſo würde ich niemals— Aber ſtill, ſtill, da kommt mein Vater. Und mit lauter, fröhlicher Stimme rief ſie dem alten Fiſcher, der eben in der Thür ſeines kleinen Hauſes erſchien, entgegen: Vater Jackſon, da iſt eine Dame, welche die Zimmer ſehen und miethen möchte. Eine halbe Stunde ſpäter war Felicia als wohl⸗ berechtigte Herrin in den beiden kleinen Zimmern des obern Stockwerks eingezogen. Marie Jackſon war mit eifriger Sorge bemüht, ihr beim Ordnen ihrer Sachen und Effecten behülflich zu ſein. Sie geben ſich zu viel Mühe um mich, meine gute Marie Jackſon, ſagte Felicia freundlich. Wenn auch meine Effecten den Raum ein wenig beengen, was 90 thut es. Ich gehe ja morgen ſchon wieder fort. 6 Laſſen Sie alſo nur Alles ſo, wie es gerade hinge⸗ ſtellt iſt. So ſagen Sie mir, womit ich Ihnen ſonſt dienen 1i und nützen kann, rief Marie innig. Ach, ich möchte Ihnen ſo gern meine Dankbarkeit beweiſen, denn Sie 1 ſind die Erſte, welche mich nicht verlacht und verſpottet hat, wenn ich ſage, daß ich meinen Mann erwarte und daß er gewiß wiederkehrt, und dafür liebe ich Sie, und dafür möchte ich Alles, was ich vermag, zu 1 Ihrer Bequemlichkeit thun. Ach, wenn ich ſo in Ihr ſanftes, ſchönes Angeſicht ſchaue, ſo wird mir's Herz ſo warm und ſo weich, und ich möcht' weinen und möcht' Ihnen alle meine Schmerzen beichten und Ihnen mein ganzes Herz enthüllen. Thun Sie das, meine liebe Marie, ſagte Felicia ſanft. Haben Sie Vertrauen zu mir, und wenn's Ihr Herz erleichtert und Ihnen einen Troſt gewähren kann, ſo laſſen Sie mich Ihre Schmerzen und Ihren Kummer kennen und ſeien Sie gewiß, daß ich die innigſte Theilnahme für Sie hege. Auch ich habe viel geweint, und— ich will Ihnen vertrauen, daß auch ich liebe mit aller Kraft meines Herzens einen theuren Mann, dem meine ganze Seele vertraut. 91 Sprechen Sie alſo, liebes Kind, erleichtern Sie Ihr armes Herz. Sie haben Mitleid mir mir, Sie beklagen mich, rief Marie mit zitternden Lippen. Ja, ich will vor Ihnen beichten, Sie werden mir rathen, Sie wer⸗ den mir helfen und beiſtehen, daß ich ihn wiederfinde. Denn hören Sie, flüſterte ſie, einen angſtvoll ſpähen⸗ den Blick durch das Zimmer werfend, Ihnen will ich ſagen, was ich ſonſt dem lieben Gott kaum ſage: ich glaube zuweilen, daß er nicht wiederkehrt, daß er mich verlaſſen hat. Aber ich fürchte mich, das zu denken, denn ſo oft ich's thue, möchte ich laut aufſchreien, und es iſt als ob mein Herz und mein Kopf in hellen Flammen anfingen zu brennen, und wilde Gedanken voll Haß und Zorn ſind dann in mir, und mir ſcheint dann, ich müßte hingehen und ihn ſuchen, nicht um ihn zu bitten, daß er mich und ſein Kind bei ſich behält, ſondern um ihn zu ſtrafen für ſeinen ſchänd⸗ lichen Verrath, um Rache zu nehmen für— Aber nein, nein, ich will das nicht denken. Und doch, ja, ich fürchte, er hat mich betrogen, und wenn ich es auch dem Vater nicht zugebe, und wenn ich mich auch muthig und tapfer ſtelle vor den Leuten, ſo bohrt's doch da drin in meinem Herzen immerfort und immer⸗ fort und ſchreit und winſelt Nacht und Tag in mei⸗ nem Herzen: er kommt nicht wieder, ach, er kommt nicht wieder!— Sagen Sie mir, liebe, ſchöne Dame, iſt's möglich, daß ein Mann ſeine Frau vergißt, der er doch geſchworen hat, daß er ſie lieben will, der er vor Gott und Menſchen das geſchworen hat? Iſt's möglich, daß er ſie dem Spott und Hohn der Welt Preis giebt, ſie und das Kind, das ſie ihm geboren hat? Iſt das möglich, oh, ſagen Sie mir's, glauben Sie, daß irgend ein Mann ſo grauſam und ſo hart⸗ herzig ſein kann? Ich mag's nicht glauben, Marie, ſeufzte Felicta, und Gott in ſeiner Barmherzigkeit wird geben, daß wir Beide Recht haben, wenn wir lieber an die Treue, als an den Verrath glauben. Verrathen, er kann mich nicht verrathen, rief ſie leidenſchaftlich, indem ſie ihre beiden Arme ausbreitete, als wollte ſie ihn umfangen, und wie in einer Extaſe mit rückwärts geworfenem Haupt zum Himmel auf⸗ ſchauete. Nein, er kann mich nicht verrathen, denn ich habe ihn ſo zärtlich und ſo treu geliebt. Kein anderer Mann hat jemals mir von Liebe ſprechen dürfen, keiner hat's gewagt, nur jemals meine Hand zu berühren. Ich war ein wildes und ſcheues Mäd⸗ 93 chen, aber er hat's verſtanden, mich zu zähmen und ſanft zu machen. Oh, wie gut hat er das verſtanden, fuhr ſie fort, indem ſie ihre Arme an ihren Buſen drückte und ein Strahl des Glückes über ihr Antlitz hinleuchtete, wie hat er mich ſanft und demüthig ge⸗ macht! Wie war ich glückſelig, ihm dienen, ihm unter⸗ thänig ſein zu dürfen. Wenn ich zu ſeinen Füßen lag, er mit ſeinen großen dunkeln Augen zu mir nie— derſchauete, mit ſeiner weißen, weichen Hand in mei⸗ mem Haar ſpielte, mir die langen blonden Zöpfe, die er ſo ſehr liebte, auflöſte und ſie dann lachend über mich und ſich hinwarf, und ſagte, es ſei ein goldener Schleier, unter dem er mich küſſen wollte, damit es Gott nicht ſehe und ihn nicht um ſeinen Engel benei⸗ dete, wie ſchön war's. Wenn er mich in ſeine Arme drückte und meinen Kopf an ſeine Bruſt lehnte und mir in's Ohr flüſterte, daß er mich liebe, daß nichts auf der Welt uns Beide trennen könne, daß wir glück— ſelige Jahre der nie endenden Wonne mit einander leben wollten, wie ſchön war's! Wenn mein Herz zitterte vor Entzücken in ſeinen Armen und ich zu ihm aufblickte, zu ihm, der über mir leuchtete, wie eine Sonne, daß ich dachte, ich müßte ſterben und verbrennen an den Strahlen, die aus ſeinen Augen 94 ſchoſſen, wie ſchön war's! Ich war ihm immer aus⸗ gewichen, wollt' nimmer mit ihm reden, verſteckte mich, wenn er kam, ging ihm immer weit aus dem Wege, denn ich fühlte es, oh, ich fühlte es, daß ich ihn lieben müßte, ſobald er nur einmal meine Hand berührt, mir nur einmal tief in die Augen geſchaut. Und er wußte das, glauben Sie mir, er wußte das, und da⸗ rum ſuchte er immer mir zu begegnen, ſchlich mir nach, überall, wohin ich ging, ſtand oft des Morgens früh ſchon auf und kam hinunter, weil er wußte, daß ich früh aufſtand und das Haus beſorgte, während der Vater noch ſchlief, und half mir lachend und ſchä⸗ kernd bei der Arbeit, er mit ſeinen weißen Händen, an denen ſo prächtige Brillanten funkelten, und war ſo fröhlich und heiter, daß es mein Herz entzückte und ich immer wieder lachen mußte, wenn ich mir auch feſt vorgenommen hatte, ernſthaft zu ſein und gar nicht mehr zu ſcherzen und zu lachen. Und eines Tages, wie wir Beide ganz allein waren drunten in der Küche, da faßte er meine Hand und ich fühlte, wie ein Strom von Feuer aus ſeiner Hand durch meinen ganzen Körper zuckte, und wie Blitzſtrahlen ſchoß es an meinen Augen vorüber. Er ſagte:„ich liebe Dich, Marie, ich liebe Dich, wie noch kein Mann 48 95 ein Weib auf Erden geliebt hat, und wenn Du mich nicht wieder lieben willſt, ſo muß ich und ſo will ich ſterben!“ Sterben, ſchrie ich und umklammerte ihn mit meinen beiden Armen, als müßte ich ihn ſchützen vor dem Tode. Da fühlt' ich, daß er mich noch feſter in ſeine Arme drückte, und dicht vor meinen Augen glühten ſeine Augen und der Athem verging mir, denn ſeine Lippen preßten ſich ſo feſt, ſo feſt auf die meinen. Ach, es war der erſte Kuß, den mir jemals ein Mann gegeben! Und plötzlich überkam mich eine zornige Scham, ich ſtieß ihn von mir und entfloh in meine Kammer, und ſchloß ſie hinter mir zu und blieb da drin den ganzen Tag und weinte, weinte,— ach, und war doch ſo glückſelig! Der Vater kam an meine Thür und befahl mir zu öffnen. Aber ich ſagte ihm, ich ſei unwohl und müßt' im Bett bleiben den ganzen Tag. Ach, ich wollte nur da ſtill liegen, um an ihn zu denken, um zu träumen von dem Kuß, den er mir gegeben, und von den großen ſchwarzen Augen, die in mein Herz hinein geblitzt. Nachts, da klopft's an meine Kammerthür, und es war ſeine Stimme, die mich bat und flehte zu öffnen; er ängſtige ſich um mich, fürchte, daß ich krank würde, nur Einen Augen⸗ blick wollte er mich ſehen, ach, nur einen Augenblick! 96 Ich ſtürzt' auf meine Kniee nieder und bat den lieben Gott, er möchte mich taub machen, damit ich ſeine Stimme nicht mehr hörte. Aber ich hörte ſie doch, hörte ſie, obwohl ich laut betete und ſchluchzte, hörte, wie er mich anflehte, nur durch die Spalte der Thür ihm die Hand zu reichen, nur ihm zu ſagen, daß ich ihm gut ſei, daß ich ihm nicht zürne wegen des Kuſ⸗ ſes, den er mir gegeben. AbLer ich betete nur lauter und inbrünſtiger und hatte nicht bedacht, daß mein Vater gerade unter mir in der Kammer ſchlief, und daß bei ſeinem leiſen Schlaf er gewiß erwacht ſei und jedes Wort hören könnte. Ach, ich dachte nicht an meinen Vater, dachte nur an Ihn, an Ihn, der ſo zärtlich bat und flehte, nur um Einen Augenblick, nur um Einen Händedruck! Die Hand, die wollte ich ihm doch wenigſtens geben, und— ſehen wollte ich ihn auch einen Augenblick; die Sonne war im Aufgehen, es begann Tag zu werden, ich konnte ihn alſo ſchon ſehen, wenn ich die Thür öffnete. Und Sie thaten es, unglückliches Kind, Sie öffneten ☛△ — ◻ Thür? fragte Felicia angſtvoll. Ja, rief ſie jubelnd und noch in der Rückerinne⸗ rung ſtrahlend vor Freude und Liebe, ja, ich that es! Ich öffnete die Thür und ſtreckte ihm meine Hand 97 entgegen, und— da, ich weiß nicht, wie es kam, da war er auf einmal drin in meiner Kammer, und da lag ich in ſeinen Armen und er drückte mich an ſein Herz, daß mir der Athem verging, und— Und ich hoffe, da kam Ihr Vater und rettete Sie? Ja, da kam mein Vater und rettete mich! Auf einmal ſtand er da in der Kammerthür, und ſein Ge— ſicht war ſo blaß, wie ich's nur geſehen an dem Tage, als meine Mutter begraben ward, und ſeine Worte waren ſo zornig, wie ich ihn noch niemals hatte ſprechen hören. Und ihn, meinen ſchönen, ſtolzen, vornehmen Geliebten, ihn nannte er einen Verführer und Räuber, und ſchalt ihn gar grimmig aus, und ſchwur, er würde ihn nimmer und nimmer von der Inſel herunter laſſen, als bis er mich geheirathet hätte. Und ſagt ihm, was ich ſelber auch nicht ge⸗ wußt hatte, ſagt ihm, daß es auf der Inſel ein Ge⸗ ſetz giebt, nach welchem kein Mann, welcher ein Helgolander Mädchen verführt und bei ihr betroffen worden, die Inſel eher wieder verlaſſen dürfe, als bis er ihre Ehre wieder hergeſtellt und ſich mit ihr ver⸗ heirathet habe. Mit feierlichem Eid ſchwur mein Vater, er würd's nicht dulden, daß mein Geliebter von Helgoland abreiſ'te, ohne daß ich ſeine Frau ge⸗ Mühlbach, Erzherzog Johann. 4 Abth. II. 7 98 worden, daß er am Morgen alle Männer von Helgo⸗ land zuſammenberufen würde zum Urtheilsſpruch, und ihnen erzählen würde, wie der Fremde, den er ver⸗ trauensvoll in ſein Haus aufgenommen, wie der ihn betrogen und hintergangen und ſeine einzige Tochter verführt habe. Es half nichts, daß ich dem Vater betheuerte, es ſei das erſte Mal, daß er bei mir in der Kammer geweſen, und daß nichts vorgefallen ſei, um deſſentwillen ich die Augen vor Gott und den Menſchen niederſchlagen müſſe. Mein Vater glaubte mir nicht, glaubte nicht meinen Thränen, meinen Schwüren und Verſicherungen. Und er? Der Mann, der durch ſeinen Leichtſinn, oder wenn Sie wollen, durch ſeine ſtürmiſche Leiden⸗ ſchaft Ihnen dieſe traurige und beſchämende Scene be⸗ reitet hatte, was that er? Was ſagte er zu den Vor⸗ würfen Ihres Vaters? Vertheidigte er Sie nicht? Ließ er Sie unter dem entwürdigenden Verdachte Ihres Vaters? Er hatte anfangs Alles ſchweigend und lächelnd angehört, und während mein Vater grollte und ſchalt, und während ich weinte oder mich vertheidigte, waren ſeine Augen immerfort auf mich gerichtet. Oh, ich fühlte es, obwohl ich ihn nicht anſah; ich wußte 99 daß ſeine großen, ſchwarzen, funkelnden Augen ſich in mein Geſicht einbohrten, daß ſie wie zwei glühende Flammen in mein Herz ſich hineinbrannten, daß ſie mich übergoſſen wie mit Sonnenſtrahlen und mein ganzes Weſen verklärten und durchleuchteten, und mir den Muth gaben ſo zu meinem Vater zu ſprechen, wie ich es that. Dann, als ich ſchwieg, als mein Vater mit zorniger Stimme ſchrie, er glaube kein Wort von Allem, was ich ihm geſagt, dann auf ein⸗ mal trat er dicht zu ihm heran und legte dem zor— nigen Alten die Hand auf die Schulter und ſchaute ihn ſo ſtolz und gebieteriſch an, wie ein König ſeinen widerſpenſtigen Unterthan.„Genug jetzt der Worte,“ ſagte er, wie Einer, der nur zu befehlen hat, damit die Andern ihm gehorchen,„genug jetzt der Worte, Ihr ſollt die Marie nicht mehr ſchelten, ich will es nicht, denn ſie iſt meine Braut, und morgen ſoll ſie meine Frau werden. Beſtellt den Prieſter und die Zeugen, richtet Alles her, was nöthig iſt, und morgen Vormittag um zehn Uhr da führe ich die Marie zum Altar und heirathe ſie. Nicht wegen Eurer Drohungen und Eurer Schimpfereien, Alter, ſondern weil ich die Marie liebe, und weil ich ſie deshalb zu meinem Weibe haben will.“ Und dann wandte er ſein ſchönes 1 * 100 Angeſicht zu mir hin, und es war nichts mehr von Stolz und Strenge in ſeinen Zügen, ſondern nur noch Liebe, zärtliche Liebe.„Willſt mich doch zum Mann annehmen, Marie?“ fragte er.„Willſt doch gern und freudig mein Weib werden?“— Ich konnt' ihm nicht antworten vor Thränen und vor Glück, konnt' nur zu ihm hinſtürzen, konnt' ihn nur um⸗ ſchlingen mit meinen beiden Armen, mich an ſein Herz preſſen und weinen, oh Thränen des Entzückens, der unausſprechlichen Wonne weinen, wie noch kein Menſch auf Erden ſie geweint hat. Mein Vater war ſchweigend und beſchämt von dannen geſchlichen, als ich das merkte, überlief mich ein Schauder, und ich fühlte mich einer Ohnmacht nahe in ſeinen Armen, und ich bat ihn, er möchte Erbarmen haben mit meiner Schwäche, und möcht' hinausgehen aus meiner Kammer und mich allein laſſen mit Gott und mei⸗ nem Glück. Und er that es? Er that es! Er küßte mich zum Abſchied auf die Stirn und ſagte:„Morgen um zehn Uhr da wirſt Du meine Frau. Da verwandelt ſich die kleine Helgolander Fiſcherstochter in die Frau Generalin von Santjago; Nichts auf der Welt kann mich dann 101 noch von ihr trennen.“ Dann verließ er mich, und ich, ich ſank nieder auf meine Kniee und dankte dem lieben Herrgott im Himmel für das große Glück, welches er mir bereitet und ſchwur ihm, daß ich es meinem Geliebten danken wollte, ſo lange ich lebte, und daß er an mir ſtets eine gehorſame, treue und ergebene Dienerin oder Magd finden ſolle. Am an⸗ dern Morgen aber geſchah Alles ſo wie mein Geliebter es feſtgeſetzt hatte. Um zehn Uhr fand unſere Trau⸗ ung ſtatt, und der General von Santjago führte mich als ſein Eheweib hier ein in dieſe Zimmer. Ach, ſie haben niemals ein glückſeligeres Weib geſehen, als wie ich es damals war! Seltſam, in der That, höchſt ſeltſam, murmelte Felicia vor ſich hin. Es war alſo eine rechtskräftige Trauung, vollzogen durch einen Prieſter, den Ihr kanntet? Vollzogen durch den Prieſter, der mich getauft und confirmirt hatte, und welcher ſeit mehr als zwanzig Jahren auf der Inſel wohnt. Und Alles ging dabei geſetzlich und den Vor⸗ ſchrifften gemäß zu? Der General hatte ſeine Pa⸗ piere alle in guter Ordnung und übergab ſie dem Prieſter? — 102 Nein, er hatte keine weitern Papiere, und es be⸗ durfte deren auch nicht. Er zeigte dem Prediger und meinem Vater ſeinen Paß. Es war ein rechtsgültiger Paß, ausgeſtellt von der Königin von Spanien für den General Grafen von Santjago. Das genügte, und darauf hin wurden wir getraut. Ach, Madame, was für glückſelige, ſchöne Monate folgten nun! Ich kann ſie Ihnen nicht beſchreiben und nicht ſchildern, aber ich denke mir, daß die Engel im Himmel ſo glücklich, ſo zufrieden und ſo wünſchelos ſind, wie ich es damals war! Aber das Glück iſt niemals von langer Dauer, und wenn das Unglück nach Jahren zählt, ſo zählt das Glück nach Minuten und Secunden. Drei Monate hatten wir hier in Luſt und Wonne in dieſen Zimmern gewohnt, ganz allein, ganz einſam und doch ſo fröhlich, ach ſo fröhlich! Der General hielt ſich ganz fern von aller Geſellſchaft, war am liebſten zu Hauſe, allein mit mir. Selbſt ſeinen Kammerdiener, den er ſonſt ſehr liebte, hatte er ent⸗ laſſen, und der war nach Spanien zurückgekehrt. Der Herbſt war ſchon herangekommen, alle Badegäſte hatten ſchon die Inſel verlaſſen, und es war einſam und ſtill geworden. Da kam eines Tages mit dem Dampfſchiff ein großer, ſchwarzgeſiegelter Brief für 103 den General an. Er war aus Madrid und meldete ihm von Gerichtswegen den Tod ſeines Vaters und forderte ihn auf, ſchleunigſt zurückzukehren und die Erbſchaft ſeines Vaters in Beſitz zu nehmen, bevor ſie von den Gläubigern mit Beſchlag belegt würde. Der General zeigte den Brief meinem Vater und fragte ihn um ſeinen Rath, was er thun ſolle. Ob er bleiben und die Erbſchaft aufgeben, ob er nach Madrid eilen und die Güter ſeines Vaters, die, ob⸗ wohl ſehr verſchuldet, doch ein bedeutendes Beſitzthum wären, übernehmen und ſich in ihrem Beſitz beſtätigen laſſen ſolle? Mein Vater rieth ihm dies zu thun, denn mein Vater iſt ein praktiſcher Mann, und der Grafenſtand und der Generalstitel ſchien ihm nicht ſo viel werth, als die Güter und das Vermögen, welches für meinen Mann in Spanien bereit lag. Fragte Ihr Mann nicht auch Sie, arme Marie, was er thun ſolle? Schlug er Ihnen nicht vor, ihn zu begleiten? Ja, er ſchlug es mir vor, aber er ſagte mir zu— gleich, welche Schwierigkeiten es für mich haben würde in der rauhen Jahreszeit eine ſo weite Seereiſe zu unternehmen, und wie unheimlich es mir ſein würde in einem Lande, deſſen Sprache ich nicht verſtände, 104 und deſſen Sitten und Gebräuche mir ganz fremd ſeien. Ich ſah ein, daß er Recht hatte; obwohl mein Herz faſt zerſprang vor Schmerz und Weh, willigte ich doch darein, daß er ohne mich abreiſen ſolle, und daß ich hier bei meinem Vater ſeine Wiederkehr er⸗ warten wolle. Ach, wie dankbar war er, als ich ihm das ſagte, wie weinte er vor Rührung und Kummer über unſere lange Trennung. Wie zärtlich beſchwor er mich, Acht zu haben auf meine Geſundheit, an die Zukunft zu denken, an die ſchöne, goldige Zukunft, die mich zu der Mutter ſeines Kindes machen ſolle, das er jetzt ſchon liebe um meinetwillen, und um deſſentwillen er mich doppelt liebe. Ich lag in ſeinen Armen und ließ mich berauſchen von ſeinen zärtlichen Worten und über dem Entzücken, ſo heiß und leiden⸗ ſchaftlich von ihm geliebt zu werden, vergaß ich ſelbſt mein Abſchiedsweh, verſiegten meine Thränen. Er aber, er weinte und fiel vor mir nieder auf ſeine Kniee und ſchwur mir ewige Liebe und Treue und gab mir zum Angedenken ſein Portrait, ein wunder⸗ ſchönes Miniaturbild, in Brillanten gefaßt, das ich immer mit der goldenen Kette, an welcher es hing, an meinem Halſe tragen, dem ich jeden Morgen und jeden Abend einen Kuß geben ſolle, bis er ſelber 105 wiederkonnme den Kuß der Liebe und Treue von meinen Lippen zu nehmen. Hier iſt das Bild, hier, rief ſie ſchmerzvoll, indem ſie aus ihrem Buſen ein von Brillanten funkelndes Medaillon hervorzog, und es Felicia darreichte. Hier, ſchauen Sie ihn, wie ſchön er iſt, und wie ſtolz und muthig ſein Angeſicht iſt, und dann ſagen Sie mir, ob es möglich war, ihn nicht zu lieben, möglich ihm zu mißtrauen und an ihm zu zweifeln? Es iſt wahr, ſagte Felicia, das iſt das Bild eines ſehr ſchönen, verführeriſchen Mannes, und ich begreife es vollkommen, arme Marie, daß Sie ihn lieben mußten, wenn er von Ihnen geliebt ſein wollte. Und das Bild iſt ähnlich?— Es gleicht ihm, als hätt's der Maler von feinem Geſicht abgedrückt, es iſt ſein ſprechend Ebenbild, und oft, wenn ich es lange angeſchaut, iſt es mir, als verd größere es ſich vor meinen von Thränen umdüſterten Augen, als träte es aus dem engen, funkelnden Rahmen hervor und nehme Leben und Geſtalt an; und ich höre ihn dann, wie er mir ſchwört, mir treu zu ſein, mich niemals zu verlaſſen, und ich ſtürze zu der Wiege meines Kindes hin, und lege das Bild ſeines Vaters auf ſeine Stirn und ſage ihm, daß es 106 nicht in Schande und Unehre geboren iſt, ſondern daß es heilige Rechte hat auf den Namen ſeines Vaters, und daß mein Sohn mir nimmer Vorwürfe zu machen hat, denn ich bin das rechtmäßige Weib des Grafen von Santjago, und er darf mich und ſeinen Sohn niemals verleugnen. Vor Gott und ſeinem heiligen Prieſter hat er mich zu ſeiner Gemahlin an⸗ genommen, hat er mir ewige Treue gelobt. Und Fluch und Schande über ihn, wenn er ſeinen Schwur jemals brechen, wenn er Sie jemals ver⸗ leugnen könnte, rief Felicia leidenſchaftlich. Er hat ſeinen Schwur gebrochen, ſagte Marie flüſternd, ja, ich bin in meinem Herzen überzeugt da⸗ von, obwohl ich es Niemand ſage, obwohl ich es Jedem beſtreite. Aber Ihnen geſtehe ich es, ich bin von ſeiner Untreue überzeugt. Er hat mich ver⸗ rathen, er hat mich und mein Kind verlaſſen, und er wird niemals zu mir zurückkehren! Arme Marie! Und was gedenken Sie zu thun? Wollen Sie gelaſſen und ruhig ſich fügen in Ihr Unglück? Wollen Sie den Elenden vergeſſen, der Sie ſo ſchmachvoll betrog? Nein, rief ſie glühend, nein, das will ich nicht. Nein, ich will mich nicht fügen in mein Unglück, ich T A will meine Schmach nicht willig hinnehmen, und mich ihr unterordnen. wohl, ſo gehe ich ſo iſt es an mir, an ſeine Pflicht, Durch die ganze Sie glauben alſo, daß er ſich hier unter einem falſchen Namen aufgehalten habe, unter einem falſchen Namen ſich Ihnen habe antrauen laſſen? Ja, flüſterte ſie, ja, ich glaube es, ich bin davon überzeugt. Hören Sie! Ich will Ihnen ſagen, was Niemand weiß. Wenn Er nicht zu mir kommt, nun zu Ihm, wenn er mich verlaſſen hat, ihn aufzuſuchen und ihn zu mahnen ihn zu ſtrafen für ſeinen Verrath. Welt will ich gehen, ihn zu ſuchen, durch die ganze Welt will ich ſeinen Namen ſchreien, ſo laut, ſo dringend, daß er mich hören muß, und läge er träumend auf ſeidenen Polſtern in einem Pa⸗ laſte oder ruhte glückſelig in den Armen einer andern Frau. Auf allen Straßen und Plätzen in jeder Stadt will ich ſein Bild zeigen, und unter allen Menſchen wird ſich zuletzt doch Einer finden, der ihn geſehen hat, der mir ſagen kann, wo er wohnt, und welches ſein eigentlicher, wirklicher Name iſt. Vor acht Tagen iſt ein Schiff hier eingelaufen, auf dem ſich ein Jugendfreund von mir befand, der vor neun Monaten mit einem anderen Schiff von hier abſegelte. Er ſagte den Leuten, er 108 ſei in Süd⸗Amerika geweſen, und ſie glauben ihm. Es iſt aber nicht ſo. Er war in Spanien, und ich war es, die ihn dahin geſchickt. Alles, was ich beſaß, Alles, was mir mein Mann an Geld und Schmuck, außer dieſem Medaillon geſchenkt, habe ich dem Ni— cols gegeben, daß er dafür die Reiſe nach Spanien mache, daß er in Madrid frage und forſche nach dem General Grafen Santjago und nach den Gütern, die er in Spanien beſitzt. Und der Nicols liebt mich und hat immer gehofft, mein Mann zu werden, und thut Alles, was ich fordere oder verlange. Er iſt nach Spanien gegangen, weil ich es wollte, und über⸗ all in Madrid, bei allen Behörden, bei allen Ge⸗ richten, bei allen Kirchen und Prieſtern hat er ge⸗ fragt und geforſcht nach dem Grafen Santjago. Aber Niemand hat ihm können Auskunft geben, Niemand hat einen ſolchen Grafen gekannt, und Keiner des Namens iſt im vorigen Jahr in Madrid geſtorben. Das ſind die Nachrichten, die mir der Nicols heim⸗ gebracht, die er aber Niemandem geſagt hat, außer mir und meinem Vater. Alſo Ihr Vater weiß doch davon? Ja, ſeit drei Tagen, ſeit der Nicols heim iſt. Da hab' ich mein Herz überwunden und hab' dem 109 Vater Alles geſtanden, was ich fühlte, und hab' ihm geſagt, daß ich nicht gewillt bin, ruhig und ſchweigend mein Schickſal hinzunehmen, daß ich nicht als eine Verlaſſene und Verſtoßene hier leben will, ihm und mir zur Schande, ſondern daß ich hinausgehen will, den Treuloſen zu ſuchen, ihn entweder heimzuführen an die Wiege ſeines Kindes, oder mich zu rächen an dem Verräther. Mein Vater hat mir ſeine Ein⸗ willigung gegeben, er will mein Kind, während ich fort von hier bin, unter ſeine Obhut und ſeinen Schutz nehmen, er hat mir geſchworen, es zu lieben und zu bewachen, als wär's ſein Eigenes, und ich weiß, daß er Wort hält. Aber mein Vater will nicht, daß ich allein hinausgehe in die Welt, und Niemand hier ſoll's wiſſen, daß ich fortgehe, meinen Mann zu ſuchen. Es muß ſo ausſehen, als habe er Jemand hieher geſchickt, mich zu holen, als rufe er mich zu ſich, und ich müſſe zu ihm reiſen. Und nun, liebe, ſchöne Dame, nun bitte und beſchwöre ich Sie, nehmen Sie ſich meiner an, erbarmen Sie ſich einer Frau, die ihren Gatten, einer Mutter, die für ihr Kind den Vater ſucht. Sagen Sie mir, was ich für Sie thun kann, — 110 und es ſoll mit Freuden geſchehen, ſagte Felicia, ihr freundlich die Hand darreichend. Marie nahm dieſe Hand und bedeckte ſie mit ihren Küſſen und ihren Thränen. Nehmen Sie mich mit ſich, rief ſie mit flehender Stimme, erlauben Sie mir in Ihrer Begleitung von hier fortzugehen und den neugierigen Freunden und Feinden zu ſagen, daß Sie gekommen ſind im Auf⸗ trage des Generals von Santjago, daß Sie ſeine Schweſter ſind, und es übernommen haben, mich zu ihm zu führen. Oh liebe, ſchöne, gütige Dame, ge⸗ ſtatten Sie mir dies, und ſo lang ich lebe, werde ich Ihnen dankbar ſein, und nie werde ich Ihrer ge⸗ denken, ohne Sie zu ſegnen, und zum lieben Gott zu beten, daß er Ihnen vergelten möge, was Sie an mir gethan. Und denken Sie auch nicht, daß ich Ihnen zur Laſt fallen oder Ihnen in irgend einer Weiſe beſchwerlich werden könnte. Ich werde nichts ſein, als Ihre Dienerin, Ihre Magd, die von dem Winke Ihrer Augen lebt, die jeden Ihrer Wünſche aus Ihren Mienen errathen möchte, die keinen Willen hat, als nur den Ihren. Ich werde Ihnen dienen, Ihnen gehorchen aus Liebe, aus Dankbarkeit, ich will Ihre Sclavin ſein, Ihre demüthige Magd, will hinter 111 Ihnen hergehen, wie der treue Hund hinter ſeiner geliebten Herrin. Mein Vater iſt reich, und er giebt mir Geld genug mit, daß ich reichlich für mich ſelber ſorgen kann. Sie ſehen alſo, meine liebe, ſchöne Dame, daß es nicht das Intereſſe iſt, welches mich ſo zu Ihnen ſprechen läßt, daß ich nicht für Geld Ihnen dienen will, ſondern aus Dankhbarkeit, aus Liebe, wenn Sie mir Ihren Schutz, Ihren Beiſtand gewähren. Oh, ſeien Sie barmherzig, auf meinen Knieen flehe ich zu Ihnen, ſeien Sie barmherzig, nehmen Sie ſich meiner an, erlöſen Sie mich von der Qual, die ich hier ſeit einem Jahr erdulde, be⸗ freien Sie mich von dem Hohn, dem Spott, dem Mitleid und der Verachtung aller Derer, die mich kennen. Retten Sie mich, liebe, ſchöne Dame, retten Sie mich! Und die gefaltenen Hände flehend zu ihr erhebend, das Antlitz überfluthet von Thränen, warf ſich Marie zu Felicia's Füßen. Sie neigte ſich zu ihr nieder und zog ſie mit ſanfter Gewalt empor in ihre Arme. Weinen Sie nicht, Marie, ſagte ſie theilnahmsvoll. Faſſen Sie das Leben muthig an, mein theures, un⸗ glückliches Kind, und verzagen Sie nicht an Ihrem Schickſal, und an Dem, welchen Sie lieben, und der 112 ſich vor dem Altare Gottes zu Ihrem Gatten gelobt hatte. Wer weiß, welche unvorhergeſehene Hinderniſſe ihn von Ihnen fern halten, wer weiß, ob er nicht jetzt ſchon unterwegs iſt, um zu Ihnen zurückzukehren, ob nicht an demſelben Tage, an welchem Sie die Inſel verlaſſen, ein anderes Schiff ihn hierher bringt, und— Nein, unterbrach Marie ſie heftig, nein, ich weiß, daß das nicht ſein wird, ich weiß, daß er mich ver⸗ rathen und verlaſſen hat, denn ich weiß, daß er mich hintergangen, daß er ſich unter einem falſchen Namen hier auf der Inſel aufgehalten, unter einem falſchen Namen ſich mir hat antrauen laſſen. Unglückliches Kind, und woher wiſſen Sie das? Ich belauſchte neulich das Geſpräch zweier Bade⸗ gäſte. Sie ſprachen von mir, als von einer Merk⸗ würdigkeit der Inſel, ſie nannten meinen Namen und lachten und ſpotteten meiner, und ſagten, es geſchähe mir und meinem hochmüthigen Vater ganz Recht, daß ich ſo bethört worden. Wie hätte die Fiſchers⸗ tochter ſich auch unterfangen können, im Ernſt von einem ſo vornehmen und angeſehenen Herrn geheirathet ſein zu wollen. Und ganz natürlich ſei es von ihm, daß er, um von uns loszukommen, ſich eines falſchen 113 Namens bedient und ſo eine Theaterehe mit mir ge⸗ ſchloſſen habe, die ihn in Nichts binde, da ja der falſche Name, den er ſich gegeben, ihn vor jeder Ver⸗ antwortlichkeit ſichere. Und warum eilten Sie nicht zu den Sprechenden hin, warum fragten Sie dieſelben nicht um ſeinen wahren Namen? Ich wollte es thun, aber ich vermochte es nicht. Die Scham machte mich ſtumm. Ich fürchtete die neugierigen Blicke, die ſpöttiſchen Geſichter, das ſtolze Hohnlachen, darum ſchwieg ich und entfloh. Aber ich muß hinaus in die Welt, ihn zu ſuchen, und Gott wird mir beiſtehen, daß ich ihn finde, wenn nur Sie mich nicht verlaſſen, wenn nur Sie ſich meiner anneh⸗ men wollen. Wiſſen Sie denn, Marie, wohin ich gehe und ob Sie dort irgend ſeine Spur verfolgen können? Mir gilt es gleich, wohin ich zuerſt komme, nur fort, fort von hier, rief ſie leidenſchaftlich. Ich werde ihn ſuchen durch die ganze Welt, gleichviel alſo, wo ich beginne. Sagen Sie mir, wohin Sie gehen, ich werde Ihnen folgen und werde dort zuerſt meine Nach⸗ forſchungen beginnen. Mübhlbach. Erzherzog Johann. 4. Abth. 11. 114 Nun wohl denn, ich gehe nach Hamburg und von dort ſogleich nach Wien. Er kennt Wien, er iſt in Wien geweſen, und oft hat er mir erzählt von dem heitern und prächtigen Leben in Wien. Er hat Verwandte dort. Warten Sie, ich erinnere mich, die Frau eines ſehr reichen und mächtigen Miniſters iſt ſeine Couſine. Wie heißt der Miniſter? Das wäre ein An⸗ knüpfungspunkt, eine Spur, die Sie verfolgen könnten. Beſinnen Sie ſich alſo, mein Kind, wie heißt der Miniſter? Ich weiß es nicht, oh mein Gott, ich weiß es nicht. Er hat mir niemals, glaube ich, den Namen genannt. Er hat mir nur geſagt, daß der Miniſter ein Fürſt und daß ſeine Couſine die dritte Frau deſ⸗ ſelben iſt. Metternich, Fürſt Metternich, rief Felicia, er iſt zum dritten Male vermählt. Kein Zweifel, es iſt die Fürſtin Melanie Metternich, welche die Couſine Ihres ſogenannten Generals von Santjago iſt. Ja, ſie heißt Melanie, ſagte Marie lebhaft, wenn er von ihr ſprach und mir erzählte von ihrem ſtolzen übermüthigen Weſen, von ihrer Verſchwendung, ihren Liebſchaften und ihrem Hochmuth, ſo nannte er ſie — 115 immer nur: meine ſchöne ungariſche Couſine Me⸗ lanie. Die Fürſtin Melanie Metternich iſt eine geborne Gräfin Zichy, ein abgefallenes Kind ihres ungariſchen Vaterlandes, ſagte Felicia ernſt. Jetzt, mein Kind, haben Sie eine Spur, die Sie verfolgen dürfen, jetzt können Sie hinausgehen in die Welt, um den Gemahl zu ſuchen, denn Sie haben ſchon einige Wahrſchein⸗ lichkeit für ſich, ihn finden zu können. Sie haben ſein Bild und er iſt der Verwandte der Fürſtin Melanie Metternich. Gott hat ohne Zweifel gewollt, daß ich das Werkzeug ſei, welches Ihnen die Wege bahne, auf denen Sie wandeln ſollen. Er ſandte mich hierher, damit ich Ihnen die Hand reichen, Ihnen behülflich ſein ſoll zu Ihrem heiligen Ziel zu gelangen und Ihrem Kinde ſeinen Vater wiederzugeben. Wohlan, Sie armes, betrogenes, vielgeprüftes Kind, ich nehme die Miſſion des Schickſals an, ich ſtoße die Hand nicht zurück, welche Sie flehend nach mir ausſtrecken. Ich gehe nach Wien und Sie werden mich dahin be⸗ gleiten. Sagen Sie alſo immerhin Ihren Freunden und Bekannten, daß die Schweſter des Generals von Santjago hierher gekommen ſei, um im Auftrage ihres Bruders Sie von hier fortzuführen. Ich werde Ihre 8* 116 Ausſage beſtätigen, und nur Ihr Vater ſoll von uns die Wahrheit erfahren. Marie warf ſich mit einem Aufſchrei der Freude in Felicia's Arme und weinte an Ihrem Halſe Thrä⸗ nen des Schmerzes, der Freude und Dankbarkeit zugleich. Schnell wie ein Lauffeuer hatte ſich die Nachricht von der Ankunft der Schweſter des Generals Santjago unter den Bewohnern von Helgoland verbreitet, und alle ihre ſogenannten Freunde waren gekommen, um von Marie und ihrem Vater die Beſtätigung dieſer Nachricht zu erfragen und dann mit geſchäftiger Miene weiter zu eilen, um ſie andern Bekannten mitzu⸗ theilen. Als daher am andern Tage der nach Hamburg beſtimmte Dampfer ſich zur Abfahrt bereit machte, drängten alle Bewohner der Inſel ſich zum Ufer hin, um zu ſehen, ob es wirklich wahr ſei, daß Marie mit ihrer ſchönen vornehmen Schwägerin Helgoland ver⸗ laſſe, um ſich zu ihrem Gemahl zu begeben. Und jetzt ſahen ihre ſtaunenden Blicke Marie, die Tochter des Fiſchers, daher kommen am Arm einer wun⸗ derſchönen vornehmen Dame, die mit zärtlichem Lächeln ſich zu ihr neigte und gar freundlich und hold mit 117 ihr ſich unterhielt. Auf Mariens anderer Seite ging ihr Vater, der ihren kleinen Knaben auf dem Arm trug, und gar ſtolz und muthig ſchaute der alte Fiſcher heute drein, und ſeine großen leuchtenden Augen wand⸗ ten ſich zuweilen mit herausfordernden, ſpöttiſchen Blicken auf die gaffenden Freunde und Bekannten hin, und jeden Einzelnen ſchien er zu fragen: Seht Ihr nun, daß meine Tochter eine vornehme Dame iſt? Wollt Ihr ſie nun noch verhöhnen, die Generalin von Santjago? Aber Niemand dachte daran, Jeder ſchaute mit neugieriger, ſchweigender Verwunderung auf die Gruppe hin, die durch die Reihen der Neugierigen ſich mühſam nur einen Weg zum Ufer bahnte, auf die beiden Frauen, die Arm in Arm dahin wandelten, auf den alten Fiſcher mit dem Kinde zur Seite Mariens, auf den ſtolzen, vornehm drein ſchauenden Herrn, der neben der fremden Dame dahin ſchritt, und deſſen bleiches, ernſtes Antlitz mit den langen braunen Haa⸗ ren und dem dunklen Schnurrbart den jungen Helgo⸗ länderinnen gar ſchön und intereſſant erſchien. Jetzt hatten ſie das Ufer erreicht, und Marie umarmte zum letzten Mal ihren Vater und drückte zum letzten Mal unter ſtrömenden Thränen ihr Kind 118 an ihre Bruſt. Dann reichte ſie es ihrem Vater dar, und winkte ihm, ſie zu verlaſſen, und wandte das Haupt ab, um das Kind nicht mehr zu ſehen. Der fremde blaſſe Herr war in das am Steg ſchaukelnde Boot hinabgeſtiegen und half zuerſt der fremden ſchö⸗ nen Dame beim Einſteigen und reichte dann Marie ſeine Hand dar. Langſam, zögernd faſt trat ſie von dem Steg in das Boot, die Ruderer ſetzten das Boot in Bewegung und es tanzte dahin über die rauſchenden Wogen dem Dampfboot zu. Eine halbe Stunde ſpäter hatte der Dampfer ſich in Bewegung geſetzt und durchſchnitt ſtolz das Meer auf der unſichtbaren Fahrſtraße gen Hamburg hin. Marie ſtand auf dem Backbord und ſchaute mit Thränen umdüſterten Blicken hinaus in die Ferne, zurück nach der Inſel, deren rothe Felſenmaſſen wie ein ungeheures Hünengrab ſich am Ende des Hori⸗ zontes von der glatten Fläche des Meeres abhoben. Neben ihr ſtand Felicia und ſchaute gleich ihr ſinnend hinaus in die Ferne und Weite. Maſter Louis, der ihr zur Seite ſtand, ſchaute nur ſie, dachte nur ſie, hatte ſeine Augen und ſein Herz nur ihr allein zuge⸗ wandt. Felicia, geliebte Schweſter, ſagte er nach einer 119 langen Pauſe leiſe, werden Sie eingedenk bleiben Ihres Schwurs? Werden Sie mich rufen, wenn Sie meiner bedürfen, wenn Ihre Ideale in Trümmer zerfallen und Ihnen von denſelben nichts bleibt als Staub und Aſche? Sie wandte ihre großen ſchwarzen Augen zu ihm hin und ſchaute ihn an mit einem rührenden Kinder⸗ lächeln. Ideale werden niemals zu Staub und Aſche, ſagte ſie, ſie ſind unſterblich wie die Seele, und wenn ſie hienieden keine Heimath finden und keinen Tempel, in dem man würdig und heilig zu ihnen betet, ſo retten ſie ſich in das Herz des Menſchen, und dort finden ſie immer noch ihre Altäre und ihren Prieſterdienſt. Nein, Ideale fallen nicht in Trümmer, ſie kommen vom Himmel und ſind die Brücke, auf welcher die Menſchenſeelen zu ihm emporſteigen. Theures, edles Kind, ſeufzte Louis, Sie glauben alſo immer noch an Ihre Ideale, und das Beiſpiel unſerer Ariadne von Helgoland macht Sie nicht wan— kend in Ihrer edlen Zuverſicht? Sie glauben immer noch an die Treue? Ich glaube an die Treue, weil ich an Gott glaube, ſagte ſie feierlich. Das Beiſpiel der armen Marie 120 kann mich daher nicht wankend machen und meinen Glauben nicht erſchüttern. Die Treue lebt, und wenn ſie auch in dem Herzen eines Einzelnen durch die Schlechtigkeit und Perfidie der Welt getödtet worden, ſo iſt ein ſolches Herz ein Grab, über dem die Engel weinen, und von dem die Menſchen nur mit frommem Schauder ſich abwenden dürfen. Die Treue lebt, denn ſie iſt die Seele der Liebe und die Liebe iſt unſterblich wie Gott. Nein, mein Freund, ſchütteln Sie nicht Ihr Haupt, wollen Sie auch nicht verſuchen, meinen Glauben wankend zu machen. Ich ſage Ihnen, Sie werden ſich zu ihm bekehren müſſen, denn Sie werden mich nach Wien begleiten und Sie werden meinen Verlobten ſehen. Felicia, ſeufzte Louis, ich liebe Sie innig und treu genug, um zu wünſchen, daß Ihr Glaube Sie nicht täuſchen möge, ſondern daß Sie den Verlobten, den Sie ſeit dreizehn Jahren nicht geſehen, unverändert in ſeinem Innern wiederfinden mögen. Aber ich wieder⸗ hole es Ihnen: wenn dem nicht ſo iſt, wenn Ihre edle Zuverſicht Sie täuſchte, dann gedenken Sie meiner, Felicia, dann rufen Sie mich zu ſich, dann gönnen Sie es dem Freunde, an Ihrer Seite zu ſein, dem Bruder, Sie zu tröſten über die herbe Enttäuſchung 121 Ihrer Liebe. Ich werde es nicht wagen, in Ihre Nähe zu kommen, ſo lange Sie glücklich ſind, denn die menſchliche Natur iſt ſchwach, und das Anſchauen Ihres Glückes würde mich vielleicht tödten, deshalb bleibe ich Ihnen fern, aber ich werde jeden Morgen in Wien auf der Poſt anfragen, ob ein Brief poste restante für mich da iſt, denn Sie haben es mir ver⸗ ſprochen, auf dieſe Weiſe mich zu ſich zu rufen, wenn Sie des Freundes bedürfen, und wenn Sie ihn rufen, wird er kommen. Aber Sie, Maſter Louis, wenn Sie der Freundin, der Tröſterin bedürfen, werden Sie mich dann nicht rufen? Werden Sie Ihrer Schweſter Felicia nicht das Vorrecht gönnen, in den Stunden der Enttäu⸗ ſchung und der Trauer an Ihrer Seite zu ſein? Nein, ſagte er düſter und traurig, nein, Felicia. Wenn die furchtbaren Ahnungen, die mich aus meinem Aſyl in Amerika nach Europa, nach Deutſchland zu⸗ rückgetrieben, wenn ſie ſich beſtätigen und zur Wahr⸗ heit werden, dann iſt mein Unglück ſo ungeheuer, mein Leid ſo namenlos, daß ich ihm keine Worte geben kann und darf, daß ich aus der Welt nur zu⸗ rückfliehen kann in die tiefſte Einſamkeit, um dort meinen Jammer auszuſtöhnen und zu verbergen vor 122 den Menſchen, damit ſie nicht ſchaudernd vor mir entfliehen. Fragen Sie nicht weiter, Felicia, denn ich dürfte und könnte Ihnen nicht weiter Antwort geben. Ach, meine Freundin, das Leben der Menſchen iſt ge⸗ meinhin nichts weiter, als eine große ſchmerzende Wunde. Wir bedecken ſie wohl mit Blumen und Kränzen, wir betäuben ihre Schmerzen mit lauter Luſt und eingebildetem Glück, aber in der Stille unſerer Seele empfinden wir doch immer das Brennen der Qual, und wiſſen, daß wir nicht eigentlich genießen, ſondern uns nur betäuben. Nein, rief Felicia faſt zürnend, nein, Sie ſchmähen Gott ſelber, wenn Sie ſo ſprechen. Das Leben iſt ſchön, heilig und voll unermeßlicher Freuden, wenn nur die Menſchen verſtehen wollen, es in heiliger Reinheit zu genießen und es ſich zu geſtalten zu einem Tempel des Friedens, der Liebe und der Wahrheit, und wenn ſie nur Alle in dieſem Tempel den frommen Prieſterdienſt übernehmen möchten. Sie, Felicia, Sie wenigſtens ſind die reine erhabene Prieſterin in dieſem Tempel. Und dennoch, haben Sie es mir nicht ſelber geſagt, daß Sie hienieden viel Leid, aber noch wenig Glück genoſſen haben? War nicht Ihre ganze Jugend überſchattet von den Trauerſchleiern — 123 Ihres geknechteten, zertretenen Vaterlandes? Iſt nicht Ihre Mutter geſtorben vor Gram um den geliebten Gemahl, der fünfzehn Jahr die Qualen des Kerkers erduldete? Iſt nicht Ihr Vater geſtorben im Exil, fern von dem Vaterland, das er ſo treu geliebt, um das er ſo viele Wunden in ſeinem Herzen und auf ſeiner Stirn empfangen? Und Sie, geliebteſte Freun⸗ din, Sie, welche dreizehn Jahre im Exil geſchmachtet, was bringen Sie heim aus demſelben? Nichts als die Leiche eines geliebten Vaters, den Sie verloren. Sie haben mit treuer Pflichterfüllung die ſchönſten Jahre Ihrer Jugend begraben in der Einſamkeit, und welches iſt Ihr Lohn geweſen für ſo viel Aufopferung, ſo viel Treue? Das Bewußtſein, meine Pflicht gethan zu haben, die Hoffnung auf die Zukunft, die mich als leuchten— der Stern nach Europa begleitet, und die auch über dem Sterbebette meines Vaters geglänzt und ihm das Scheiden leicht gemacht hat. Selig ſind die, die da nicht wiſſen und doch glau— ben, rief Louis tiefbewegt, ſelig ſind Sie, Felicia. Möge Gott in ſeiner Gnade Ihre Seligkeit nicht trüben. Beten Sie für uns, Felicia, beten Sie für uns, denn wahrlich, wir alle Drei bedürfen Ihres 124 Gebetes. Drei arme Pilger ſind wir, welche nach Deutſchland ausziehen, um dort das Glück, oder we⸗ nigſtens die Ruhe und den Frieden zu ſuchen. Wer⸗ den wir finden, was wir ſuchen? Sehen Sie das ſchöne Weib neben Ihnen. Sie iſt noch ſo jung, aber der Schmerz und die Enttäuſchung hat ſie alt gemacht vor der Zeit, und ſtatt der Liebe, für welche Gott ſie geſchaffen, ſucht ſie jetzt nur noch die Rache und die Strafe für den, welcher ihre Liebe verrathen hat. Sehen Sie den Mann, der an Ihrer Seite ſteht, und deſſen Haare ſchon zu ergrauen beginnen, über deſſen Stirn ſchon düſtere Furchen gehen. Nicht das Alter hat das gethan, ſondern der Gram, und gebeugten Hauptes, niedergeſchlagenen Auges pilgert er jetzt nach Deutſchland unter fremdem, erborgtem Namen, um zu ſehen, ob die Schmach ſeines Hauſes, welche ſeine Ver⸗ gangenheit zertrat, auch ſeine Zukunft zerſchmettern wird. Sehen Sie ſich ſelber, edel und ſchön wie Sie ſind, und doch einer ungewiſſen, verhüllten Zukunft entgegen gehend, keines Glückes gewiß, nur hoffnungs⸗ ſtark, nur glaubensmuthig, nur— Nur liebesgewiß, unterbrach ſie ihn, die ſtrahlenden Augen fromm zum Himmel emporhebend. Gott, du ſchaueſt hinein in unſere Herzen, du weißt, daß die 125 Liebe, die ewige, unvergängliche Liebe in uns wohnt, treibe ſie nicht aus von uns, laſſe ſie nicht zu Schan⸗ den werden, ſondern gieb, daß ſie in uns und durch uns verklärt werde in all ihrer Erhabenheit und Reine. Gieb uns Allen den Frieden, gieb uns Allen die Liebe wieder, und mit dieſem Gebet laß uns hinziehen nach Deutſchland, um dort in Demuth und muthvoller Ge— duld zu empfangen, was du uns giebſt. IV. Die Warnung. Fürſt Metternich befand ſich allein in ſeinem Ar⸗ beitscabinet, und da er allein war, zeigte ſein Ange⸗ ſicht nicht jenes ſchöne feine Lächeln, das es den Men⸗ ſchen gegenüber immer zur Schau trug, da er allein war, hatte ſeine hohe Stirn nicht jene heitere ſorgen⸗ loſe Glätte, die ſonſt gleich einem Sonnenſtrahl ewiger Jugend auf derſelben thronte. Da er allein war, erſchien ſein Angeſicht trübe und umdüſtert und ſchwere Wolken lagerten auf ſeiner Stirn. Und in der That, der öſterreichiſche Staatskanzler Fürſt Metternich hatte wohl ein Recht, trübe und düſter drein zu ſchauen, denn trübe und düſter war der politiſche Horizont, der ihn umgab, trübe und düſter waren die Nachrich⸗ ten, welche von allen Seiten der Monarchie, aus allen 127 Städten, aus allen Provinzen zu ihm gelangten. Ueberall zeigte ſich der Geiſt der Unzufriedenheit, des Widerſtandes und der Empörung, überall murrte die Bevölkerung und wollte ſich nicht mehr gehorſam und gutwillig dem väterlichen Regierungsſyſtem der Be⸗ vormundung fügen. Ueberall ſprach man laut von der Nothwendigkeit der Reformen, der Unzulänglichkeit des jetzigen Syſtems, und die ſonſt ſo thätige und wach⸗ ſame geheime Polizei, die mehr als dreißigtauſend Agenten in ihrem Solde hatte, war doch nicht mehr im Stande, alle die Placate und Libelle zu unter⸗ drücken, die Nachts, wie von unſichtbaren Händen an die Mauern der Häuſer angeklebt waren und in ener⸗ giſcher Sprache das Volk zur Empörung, zum Wider⸗ ſtande gegen das„fluchwürdige Metternich'ſche Syſtem“ aufriefen. Ja, der öſterreichiſche Staatskanzler Fürſt Metter⸗ nich hatte wohl Grund, trübe und düſter drein zu ſchauen, denn er konnte dem furchtbaren Lichte, das gewaltſam auf ihn eindrang, ſeine Augen nicht mehr verſchließen, er mußte es ſehen, daß das Gebäude ſeiner Staatskunſt, welches er in dreißig Jahren mit ſeinen zarten, kunſtgewandten Händen aufgebaut, mehr als einen Riß bekommen habe, und daß durch die 128 Riſſe die flammenden Sonnenſtrahlen eines neuen Tages, einer neuen Zeit hinein leuchteten. Ungarn, Italien, Böhmen murrten laut und begehrten ihre alten Freiheiten, ihre unterdrückten Conſtitutionen zu⸗ rück, und was ſchlimmer war, als alles Dieſes, ſelbſt die deutſchen Provinzen begannen unruhig zu werden und verlangten ihren Antheil an der Freiheit und dem öffentlichen Recht. Gleich einer ungeheuren Bombe war ſoeben die Nachricht von der Flucht Louis Phi⸗ lippe's in den öſterreichiſchen Kaiſerſtaat hineingefallen, ſie lag noch ſtill zu den Füßen der öſterreichiſchen Regierung, und das Volk ſtaunte ſie noch neugierig an. Aber wie lange noch, und dieſe Bombe mußte platzen und mußte Alles zertrümmern, was Metternich ſo mühſam geſchaffen, mußte Alles in Schutt und Aſche legen, das bisher für unzerſtörbar gegolten. Und ſie wird platzen, dieſe Bombe, ſagte Metter⸗ nich leiſe zu ſich ſelber. Alle unſere Mühe, ſie un⸗ ſchädlich zu machen, wird umſonſt ſein, unſere Armee von Soldaten, unſere Armee von Spionen und gehei⸗ men Poliziſten wird das Platzen der Bombe nicht hindern können, und wir werden ſchon froh ſein müſ⸗ ſen, wenn ſie uns ſelber nicht den Kopf fortreißt. Ein leiſes Klopfen an der kleinen Tapetenthür, die e 129 auf den geheimen Corridor und zu der geheimen Treppe hinführte, weckte den Fürſten aus ſeinem trü⸗ ben Nachſinnen. Sein Haupt, das einen Moment auf ſeine Bruſt geſunken war, richtete ſich wieder empor, ſeine Mienen nahmen wieder ihren freundlichen, heitern Ausdruck an, die Wolken verſchwanden von ſeiner Stirn, die auf einmal wieder ganz klar und ſorglos erſchien. Er richtete den fragenden aufmerken⸗ den Blick nach der Thür hin und horchte mit geſpann⸗ ter Erwartung auf eine Wiederholung des Klopfens. Es hat nur mit zwei Schlägen geklopft, flüſterte er. Wenn es dabei bleibt, ſo iſt es Graf Sedlnitzki, und ſicher bringt der wichtige Botſchaft, aber— Es klopfte zum zweiten Mal, und diesmal mit drei raſch aufeinanderfolgenden Schlägen. Es iſt Katharina Cibbini, flüſterte Metternich leiſe. Die freilich muß ich ſprechen, vor Der darf ich mich nicht verleugnen. Er eilte zu der Thür hin, ſchob den Riegel zurück und öffnete raſch. Der Fürſt hatte ſich nicht getäuſcht, es war in der That Katharina Cibbini, welche jetzt in das Cabinet des Fürſten eintrat. Mit einer haſtigen Bewegung warf ſie den weiten ſchwarzen Mantel, der ihre ganze Geſtalt verhüllt hatte, auf einen Stuhl L. Mühlbach, Erzherzog Johann. 4. Abth. II. 9 130 neben der Thür hin und legte dann ſchnell und flüchtig ihre Hand in die dargereichte Hand des Fürſten, deſſen ſcharfer, glänzender Blick unverwandt auf das bleiche, ſtolze Angeſicht der kaiſerlichen Kammerfrau gerich⸗ tet war. Katharina, ſagte er lächelnd, Katharina, Sie haben das Anſehen einer Göttin der Rache, welche eben einen ihrer hölliſchen Triumphe feiert. Vielleicht bin ich auch eine ſolche Göttin der Rache, ſagte ſie mit einem ſeltſamen Lächeln, vielleicht komme ich zu meinem lieben ſchönen Fürſten Clemens, um bei ihm einen Triumph zu feiern. Aber nein, fuhr ſie ernſt fort, nein, Sie ſollen ſich in mir getäuſcht haben, Clemens, Sie ſollen erkennen müſſen, daß Ka⸗ tharina Cibbini Sie mehr geliebt hat, als Sie glau⸗ ben wollten, mehr als ſie von Ihnen geliebt ward. Fürſt Metternich, ich erinnere Sie in dieſer Stunde an das Bündniß, das wir vor dreizehn Jahren mit einander geſchloſſen. Gedenken Sie noch deſſelben? Mein Gott, wie könnte ich es jemals vergeſſen haben, ſagte der Fürſt lächelnd, indem er die Hand Katharina's wieder ergriff und ſie an ſeine Lippen preßte. Ich verdanke jenem Bündniß nicht allein vielen materiellen Vortheil, ſondern ich verdanke ihm — das Glück, Sie, meine angebetete Freundin, oft und viel geſehen, mich an Ihrem erhabenen Geiſt, Ihrem großen, edlen Herzen erfreut zu haben. Ihre großen ſchwarzen Augen ſchleuderten auf ihn einen Blitz ſtolzer Verachtung. Fürſt Clemens, ſagte ſie, wiſſen Sie, wie alt ich bin? Nein, lächelte er, ich weiß es nicht und es küm⸗ mert mich auch nicht, denn das Alter der Frau iſt nicht von ihrem Taufſchein abhängig, ſondern von ihrem Herzen, und Ihr Herz iſt immer noch⸗ jung, Katharina, folglich ſind Sie jung. Ich bin mehr als fünfzig Jahre alt, ſagte ſie kalt. Und Sie? Soll ich Ihnen ſagen, wie alt Sie ſind, Fürſt Clemens Metternich? Oder wiſſen Sie das auch nicht? Bei Ihnen und wenn ich in Ihr ſtolzes ſchönes Angeſicht ſchaue, ſo weiß ich es wirklich nicht, wie alt ich bin. Ich fühle mich jung in Liebe, wenn ich Sie anſchaue. Sie ſind indeſſen mehr als ſiebenzig Jahr alt, rief ſie faſt zornig. Wirklich, ſagte er achſelzuckend. Aber weshalb er⸗ wähnen Sie unſers Alters, theure Katharina? Um Sie daran zu erinnern, daß wir Beioe kein 9* 132 Herz mehr haben, ſagte ſie kalt, daß wir alſo nicht mehr nöthig haben, uns mit Liebesverſicherungen und zärtlichen Schmeicheleien einander zu täuſchen. Laſſen Sie alſo dieſe Lügen und Heucheleien früherer Jahre. Wir lieben uns nicht mehr, oder vielleicht auch haben wir uns niemals geliebt. Wozu alſo noch Masken vor unſer Antlitz legen, da wir nicht mehr im fröh⸗ lichen Carneval der Jugend, ſondern in gar ernſten und ſchweren Zeiten leben. Und dennoch, Fürſt Cle⸗ mens, dennoch iſt es eine Rückerinnerung meiner Ju⸗ gend, welche mich heute zu Ihnen führt. Ich komme, um Sie zu warnen. Mich zu warnen? fragte er mit einem feinen Lächeln. Vor wem denn, meine theure Freundin? Etwa vor Ihren Freunden in Italien, oder vor Ihren Freunden in Wien? Wer iſt es denn, von welchem mir Gefahr droht? Sind es die Italiener, welche mich bedrohen, oder ſind es die Jeſuiten? Wollen Ihre Verwandten in Italien mich ſtürzen, oder Ihre Freundinnen in Wien? Sie ſind bedroht von allen Seiten, Metternich, ſagte ſie ernſt. Sie ſind in wirklicher Gefahr, und darum verzeihe ich Ihnen den leichtfertigen Ton und die heimlichen Vorwürfe Ihrer Worte. Ich bin zu 1 ‿ ☛ 133 Ihnen gekommen, Fürſt, weil die Erinnerungen der Vergangenheit in mir auferſtanden ſind und mich ge⸗ mahnt haben an die Tage, da wir uns liebten. Met⸗ ternich, achten Sie wohl auf meine Worte. Sie ſind in Gefahr, und wenn Sie weiter gehen auf dem Wege, den Sie jetzt wandeln, ſo werden Sie in den Abgrund hinabſtürzen, und Sie werden den Kaiſerſtaat mit in dieſen Abgrund nach ſich ziehen. Kehren Sie alſo um, Fürſt, kehren Sie um, da es noch Zeit iſt. Ret— ten Sie ſich, indem Sie Ihren Feinden die Möglichkeit entziehen, Sie zu ſtürzen. Eine ungeheure Bewegung wogt durch ganz Oeſterreich, wie durch die ganze Welt. Stellen Sie ſich an die Spitze dieſer Bewegung, ſeien Sie der Reformator, deſſen der Kaiſerſtaat bedarf, um nicht in Trümmer zu zerfallen, machen Sie eine Revolu⸗ tion von oben herab, damit das Volk nicht eine Revolu⸗ tion von unten herauf macht. Metternich, das Leben und das Blut vieler Tauſender liegt in Ihren Händen, bedenken Sie das wohl und handeln Sie darnach. Hören Sie auf den Ruf, der aus allen Theilen der öſterreichiſchen Monarchie erſchallt. Geben Sie den Völkern ihre Freiheiten, ihre Privilegien, ihre Conſti⸗ tutionen wieder. Ungarn, Italien ſind bereit zum Aufſtand, und Sie, Sie allein können ihn verhindern. 134 Geben Sie den Ungarn ihre Magna Charta, den Lombarden ihre Freiheit wieder, verſöhnen Sie die Gemüther, ſtatt ſie durch Widerſtand aufzureizen. Stellen Sie ſich an die Spitze der Revolution, damit die Revolution Sie ehre als ihren Chef, ſtatt Sie zu zertreten als ihren Feind. Das heißt, theure Katharina, Sie fordern von mir, daß ich meine ganze Vergangenheit verleugne ſagte Metternich achſelzuckend. Sie wollen, daß ich durch meine Thaten bekenne, ich ſei dreißig Jahre in Irrthum und Unwiſſenheit dahin gegangen und habe einem Princip mein Leben und meine Kraft geweiht, das ſich jetzt als unhaltbar gezeigt. Nein, Katharina, ich werde dieſe Schmach nicht auf mich nehmen, ich werde mit meinem Princip leben oder ſterben. Ich habe es zu oft allen Fürſten und allen Völkern ge⸗ ſagt, daß die Erſtern regieren, die Letztern gehorchen müſſen, als daß ich jetzt der ſogenannten Selbſtregie⸗ rung des Volkes und den verhaßten und dummen Conſtitutionen das Wort reden oder gar ſelber ſie in's Leben rufen ſollte. Ueberdies giebt es nichts Un⸗ klugeres und Gefährlicheres, als den wilden Maſſen gegenüber ſich nachgiebig zu zeigen und ihren unſin⸗ nigen Forderungen zu willfahren. Wenn man einem 135 tollen Stier begegnet, ſo iſt es ſehr gefährlich, vor ihm Reißaus zu nehmen, denn dem Fliehenden folgt er und wird ihn ſicherlich erreichen und durchbohren, aber wenn man ihm Stand hält und ihm feſt in's Auge ſchaut, ſo ſchüchtert ihn das ein und macht ihn ſtutzen. Das iſt dann der richtige Moment, um ihn zu packen und ihm die Glieder zuſammen zu ſchnüren. Das Volk iſt ganz ſo ein wilder Stier, und ich bin nicht geſonnen, vor ihm zu entfliehen. Ich ſehe ihn kommen und halte Armeen bereit, um ihn zu packen und zu binden. Ah, meine Freundin, erlauben auch Sie mir, Sie zu warnen. Sie ſpielen ein gefährlich Spiel, nehmen Sie ſich wohl in Acht, daß Sie es nicht verlieren! Auch ich will Ihnen jetzt einen Be— weis geben, daß ich die Erinnerungen meines Herzens heilig halte. Ich hätte Sie ſeit drei Jahren ſchon als Hochverrätherin verhaften und einkerkern laſſen können, wenn nicht eben mein Herz für Sie geſprochen hätte. Und Ihre Zaghaftigkeit, Ihre Feigheit Sie davor nicht hätte zurückſchrecken laſſen, rief ſie mit einem ſpöttiſchen Lachen. Aber ſagen Sie mir doch, mein Freund, was ich gethan habe, um deſſentwillen Sie mich des Hochverrathes anklagen könnten? 136 Was Sie gethan haben? Nun wohl denn, ich will es Ihnen ſagen, meine Freundin. Sie haben conſpirirt! Sie haben mit den Häuptern der Um— ſturzpartei in Italien in geheimer Verbindung geſtan⸗ den. Sie haben von denſelben Boten empfangen und ihr Boten geſandt, Sie haben denſelben mitgetheilt, was wir hier thun und beginnen wollten, Sie haben ihnen die Maßregeln der Regierung vorher verkündet, damit man ihnen dort zuvorkomme oder ſich vor ihnen ſchütze. Sie haben ſich heimlich hier mit allen Par⸗ teien verbündet, Sie haben mit den höchſten Damen des Kaiſerhofes intriguirt für die Jeſuiten und die Prieſter, welche an meinem Sturze arbeiteten, um ſich an meine Stelle zu ſetzen. Aber Sie haben das nicht gethan, weil das Ihrer Meinung und Geſinnung ent⸗ ſprach, ſondern nur, weil Sie die Abſichten und Pläne aller dieſer verſchiedenen Parteien kennen wollten, um ſie alle der geheimen Umſturzpartei, die hier in Wien, wie in Mailand und Venedig, in Peſth und Ofen ihre Comités und ihre Dirigenten hat, zu verrathen, auf daß dieſe nach denſelben ihre Maßregeln und Vor⸗ kehrungen träfen. Ah, meine theure Katharina, wenn ich nicht ein ſo frommer Prieſter der Religion der Erinnerungen wäre, ſo würde ich ſchon vor Jahren 137 dem Kaiſer Ferdinand gerathen haben, die Kammer⸗ frau ſeiner Gemahlin in irgend einer Oubliette ver⸗ ſchwinden zu laſſen, weil ſie eine gar ränkeſüchtige und gefährliche Dame ſei und man ſich zu ihr der ſchlimmſten Dinge gewärtigen könne. Sie haben das aber nicht gethan, weil Ihnen die Beweiſe für Ihre Beſchuldigungen fehlten, und weil Sie wohl wußten, daß Sie ohne ſolche Beweiſe keinen Glauben finden würden. Ah, Sie hätten es doch verſuchen ſollen, dem Kaiſer das zu ſagen. Man würde Ihnen erwiedert haben, daß Sie mich anklag⸗ ten, weil Sie wohl wüßten, daß ich zu Ihren Feinden und Widerſachern gehöre, daß Sie mich unſchädlich machen wollten, weil Sie mich für einflußreich genug hielten, um Ihnen ſchaden zu können. Man würde Ihnen daher nicht geglaubt haben, und das Beſtreben, mich zu ſtürzen, würde vielleicht Ihren eigenen Sturz bewirkt haben. Das wußten Sie und deshalb hüteten Sie ſich wohl, mich anzugreifen. Aber Sie leugnen nicht, daß Sie das Alles thaten, deſſen ich Sie beſchuldige? Ich leugne es nicht, denn wir ſind allein. Ja, ich intriguire gegen Euch Alle, denn ich liebe Italien, mein theures, mein unglückliches Vaterland, und ich 138 will es befreien, ich will meinen Freunden, meinen Verwandten helfen, die Ketten der Knechtſchaft zu brechen und Rache zu nehmen an unſern Peinigern. Ich ſage Ihnen, Clemens, die Stunde der Vergeltung naht heran. Seien Sie auf Ihrer Huth! Retten Sie ſich, da es noch Zeit iſt. Machen Sie eine Re⸗ volution ohne Blutvergießen, denn wenn Sie es nicht thun, werden Ströme von Blut vergoſſen werden und Sie werden in dieſen Strömen ertrinken. Es iſt indeſſen nicht für mich, daß Sie zittern, ſagte Metternich lächelnd, ſondern nur für Ihre lieben Landsleute, für Ihre Freunde und Verwandte in der Lombardei. Sie wiſſen, daß wir im Begriff ſind, neue Regimenter nach Italien zu entſenden, daß ein neues Armeecorps dorthin abgehen ſoll, und Sie fürchten, daß in den Wäldern von Bajonetten, welche wir dort aufrichten, die gehoffte Liberta d'Italia ver⸗ derben und erſticken möchte. Ja, ja, Bajonette ſind immerhin den Freiheitsſchwärmern eine läſtige Erſchei⸗ nung, die ſie unangenehm mahnt an die Sterblichkeit auch der erhabenſten Freiheitshelden. Sie wollen Ihren lieben Landsleuten daher gern eeine ſolche gefährliche Mahnung erſparen und möchten dem Blutvergießen vorbeugen, indem Sie mich veranlaſſen, ſchon vor 139 demſelben mich für beſiegt zu erklären und pater peccavi zu ſagen. Aber Sie haben ſich da leider in mir geirrt, meine theure Freundin. Alles bin ich be⸗ reit, Ihnen zu opfern, nur nicht meine politiſchen Ueberzeugungen, Alles kann ich freudig für Sie hin⸗ geben, nur nicht meine Ehre als Miniſter und als Staatsmann. Ich muß es Ihnen daher ſagen, meine Theure: niemals werde ich mich an die Spitze der Revolution ſtellen, niemals werde ich die ſogenannte Völkerfreiheit bewilligen und Conſtitutionen geben, ſo lange ich es mit Bajonetten verhindern kann. Iſt das Ihr letztes Wort? fragte Katharina mit flammenden Zornesblicken. Es iſt mein letztes Wort, erwiederte er mit dem— ſelben ruhigen, freundlichen Lächeln, mit dem er ihr ſonſt geſagt, daß er ſie liebe. Nun wohlan denn, ſo mögen Sie untergehen, rief ſie heftig, ſo möge das Verderben Sie ereilen, vor dem ich Sie bewahren wollte. Sie können Ihr Princip nicht aufgeben, ſagen Sie. Ich aber ſage Ihnen, Ihr Princip wird Sie aufgeben und es wird Sie nicht ſchützen vor dem Untergang. Metternich, Sie werden von Ihrem Princip geopfert werden, und wenn Ihnen nicht das Glück wird, ermordet zu werden, ſo müſſen 140 Sie verachtet, verhöhnt und geſchmäht als verſpotteter Paria durch die Welt fliehen, und alle Guten und alle Edlen werden vor Ihnen zurückweichen und wer⸗ den Sie anklagen als den, der Oeſterreich in's Ver⸗ derben geſtürzt hat und um deſſentwillen Ströme des edelſten Menſchenblutes auf's Neue gefloſſen ſind. Und dies, Clemens, ſei mein Scheidegruß. Ich habe Sie gewarnt, aber Sie achten nicht auf meine War⸗ nung. Sie wollen Ihren Untergang, haben Sie ihn alſo! Leben Sie wohl! Wir haben uns heute zum letzten Male als Freunde gegenüber geſtanden, von heute an werden wir wieder, wie vor Jahren, Feinde ſein, glühende, unverſöhnliche Feinde. Leben Sie wohl, und als letzten Scheidegruß wünſche ich Ihnen, daß wir uns niemals wieder begegnen. Sie ſtürzte zu der kleinen Thür hin, raffte heftig ihren Mantel von dem Stuhl auf und war hinter der Tapetenthür verſchwunden, bevor der Fürſt nur Zeit gefunden, ihren Abſchiedsgruß zu erwiedern. Er ſah ihr nach mit einem ſpöttiſchen Lächeln, einem faſt verächtlichen Achſelzucken. Wie unausſtehlich ſind doch dieſe Frauenzimmer mit ihrer Leidenſchaftlichkeit, wenn ſie alt ſind und nicht mehr die Jugend und das Feuer der Leidenſchaft 141 zu ihrer Entſchuldigung haben, ſagte er. Als ſie noch jung und ſchön war, die liebe Cibbini, da ſtand ihr dieſe Furia zuweilen zum Entzücken ſchön. Freilich gebrauchte ſie dieſelbe damals für ganz andere Dinge, als für die Politik, und da verzieh man ihr gern, aber ein altes Weib, das noch die Furia der Jugend hat und ſich der Politik in die Arme wirft, weil nichts Anderes ſich ihr in die Arme werfen will, ein ſolches altes Weib iſt ein wahres Schreckbild, und mich überläuft ein Fröſteln, wenn ich nur an ſie denke. Ah bah, ſuchen wir alſo ſie zu vergeſſen und beſchäftigen wir uns mit den Staatsangelegenheiten. Da ſind die De— peſchen aus Rußland, die ich eben öffnen wollte, als die liebreizende Katharina mich ſtörte. Nehmen wir ſie jetzt zur Hand. Sehen wir zu, was der ruſſiſche Courier uns gebracht hat. VI. Die ruſſiſchen Millionen. Die Depeſchen aus Rußland, welche der Fürſt Staatskanzler jetzt zur Hand nahm, waren allerdings wohl dazu geeignet, den Fürſten ſeine Freundin Ka⸗ tharina Cibbini vergeſſen zu machen, und den unan⸗ genehmen und peinlichen Eindruck zu verwiſchen, den ſie in ſeinem Gemüth zurück gelaſſen. Das erſte Couvert, welches der Fürſt aus dem großen Packet hervorzog, welches der Courier ihm gebracht, das erſte Couvert war von einer ſo bedeutenden Schwere und Dicke, daß es ſofort die Aufmerkſamkeit des Fürſten auf ſich zog, und ihn einen Moment die Durchſicht der übrigen in dem Packet befindlichen Papiere ver⸗ geſſen ließ. Ein Brief an mich, adreſſirt von des Kaiſers eigener Hand? fragte Metternich erſtaunt. Und dieſer 143 Brief ſcheint Banknoten zu enthalten. Wie? Sollte der Kaiſer die Liebenswürdigkeit haben meinem Ge⸗ ſuch einer Anleihe ſogleich mit einer Geldſendung zu begegnen? Ich habe ihm freilich unſere Geldnoth dringend genug geſchildert, und dieſer edle Kaiſer Nicolaus iſt gegen mich immer von der angenehmſten Zuvorkommenheit geweſen, aber— Er hatte, während er das leiſe vor ſich hin murmelte, das Couvert geöffnet und den Inhalt des⸗ ſelben hervorgezogen. Seine Muthmaßung war aller⸗ dings eine richtige geweſen, das Couvert enthielt aller⸗ dings eine große Menge von Werthpapieren und Banknoten, außerdem aber ein kleines goldgerändertes, duftendes Briefchen von des Czaaren eigener Hand. Fürſt Metternich legte die Banknoten unbeachtet bei Seite und heftete ſeine Augen auf das kaiſerliche Handſchreiben, das er zuerſt mit raſchen, neugierigen Blicken überflog. Ah, ſagte er dann mit einem ſtrahlenden Lächeln, man kann in der That nicht verbindlicher ſein, als dieſer liebe Nicolaus es iſt. Wahrlich, man kann von dieſem ruſſiſchen Barbaren lernen was Höflichkeit und Delicateſſe iſt! Bis jetzt hat er mir meine Penſion für die Briefe, welche ich mit ihm wech⸗ 144 ſele, immer in vierteljährlichen Raten zahlen laſſen, dies Mal, da ich ihm die Geldnoth des Staates ge⸗ klagt, ſendet er eigenhändig mir die ganze Jahres⸗ penſion auf Einmal, und zwar pränumerando, und noch dazu in welchen ſchmeichelhaften und verbind⸗ lichen Ausdrücken! Und der Fürſt, gleichſam um ſich ſelber das Ver⸗ gnügen der Zuhörerſchaft zu gönnen, las mit halb⸗ lauter Stimme:: „Mein lieber Fürſt. Da eben ein Courier mit Depeſchen an Sie abgehen ſoll, erinnere ich mich, daß wir in dem dritten Monat des erſten Quartals dieſes Jahres ſtehen, und daß ich Ihr Schuldner bin. Er⸗ lauben Sie mir, unſere kleine Privatangelegenheit zu ordnen, und mich meiner Schuld gegen Sie zu ent⸗ ledigen, das heißt der materiellen Schuld. Ihr gei⸗ ſtiger Schuldner werde ich außerdem immer bleiben müſſen, denn ich empfange zu viel Freude und Be⸗ lehrung aus Ihren Briefen, um nur jemals annehmen zu können, daß man dieſelben mit Geld aufwiegen, oder gar belohnen könnte. Ich bitte Sie dies Mal um eine Vergünſtigung. Die Zeiten ſind trübe und ungewiß, und man kann nicht wiſſen, ob es nicht in den nächſten Monaten ein Unmöglichkeit ſein wird 145 Couriere mit Sicherheit von Rußland nach Deutſch⸗ land zu ſenden. Ich ziehe das Gewiſſe dem Unge⸗ wiſſen vor, und erlaube mir dies Mal, gleich den gan⸗ zen Jahresbetrag des Gehalts zu ſenden, das Sie die Güte haben freundlich von mir anzunehmen zur Deckung der Unkoſten und Verſäumniſſe, welche Ihnen durch Ihre Correſpondenz mit mir entſtehen. Sie empfangen demgemäß hierbei in Papieren den Werth von fünf und ſiebzig tauſend Ducaten. 6 Nicolaus.*) Wirklich, außerordentlich verbindlich, ſagte der Fürſt lächelnd, nachdem er zu Ende geleſen. Das ganze Jahrgehalt auf Einmal, und noch dazu bevor ich Gegendienſte geleiſtet. Ah, wenn nun die Revo⸗ lution, wie die liebe Katharina prophezeit, mich in einen Abgrund hinabſchleudert, ſo werde ich nicht im *) Schon mit dem Kaiſer Alexander correſpondirte Fürſt Metternich und empfing dafür von dieſem ein Jahrgehalt von 50,000 Ducaten. Kaiſer Nicolaus bat gleich nach ſeinem Re gierungsantritt den Fürſten. Metternich um die Forſetzung dieſer Cor tauſend Ducaten. Siehe darüber: Wiener Abendzeitung vom 3. Juli 1848, wo dieſe ſeltſame Angelegenheit ausfüh lich er örtert wird. Uebrigens wußte Kaiſer Franz um die Correſpondenz und billigte ſie. Mühlbach, Erzherzog Johann. 4 Atbth. II 10 reſpondenz und erhöhte das Jahrgeld auf fünf und ſiebenzig 146 Stande ſein, meine Correſpondenz mit dem Czaaren fortzuſetzen, und er wird ſeine dreimalhunderttanſend Thaler umſonſt bezahlt haben. Eh bien, wir müſſen uns alſo Mühe geben die Revolution zu unterdrücken, und ſei es auch nur, um als ehrlicher Mann unſeren Ver⸗ pflichtungen gegen den ruſſiſchen Czaaren genügen zu können. Dieſe kleine Privat⸗Angelegenheit wäre alſo geordnet, und wir können uns jetzt wieder mit den Staats⸗Angelegenheiten beſchäftigen. Sehen wir alſo zunächſt zu, was dieſes Packet weiter enthält. Und die kleine weiße Hand des Fürſten ſenkte ſich wieder in den Umſchlag des Packets hinein, und zog abermals ein Brief⸗Couvert aus demſelben hervor. Pardieu, rief er erſtaunt, ein zweites Handſchrei⸗ ben des Kaiſers Nicolaus, abermals an mich adreſſirt! Das wird die Antwort ſein auf mein Geſuch wegen der Anleihe, und der Kaiſer hat die Delicateſſe, unſere Privat-Verhältniſſe ganz von den Staats⸗Angelegen⸗ heiten zu ſondern, was ſeinem Tact alle Ehre macht. Ja, rief er freudig, indem er das Papier ausein⸗ ander ſchlug, ja, es iſt die Antwort auf mein Anleihe⸗ geſuch. Ah, und welch eine Antwort! Nun, meine liebe Katharina Cibbini, dieſer Brief des Kaiſers Ni⸗ colaus wird Ihre Caſſandra⸗Prophezeiungen Lügen 147 ſtrafen, er wird uns die Mittel geben, unſere Armee in der Lombardei nicht bloß zu ernähren, ſondern ſie ſogar noch zu verſtärken. Ich muß ſogleich zum Kaiſer! Er ſoll die verlangte Quittung ſchreiben, denn die Sache iſt dringend und leidet keinen Auf⸗ ſchub! Er nahm die Handklingel, ſchellte heftig und be⸗ fahl dem eintretenden Kammerdiener den Wagen vor⸗ fahren zu laſſen. Dann ſchob er das kaiſerliche Hand⸗ billet in ſeine Bruſttaſche und ſchickte ſich an, das Ca⸗ binet zu verlaſſen, als ein Lakay eintrat, und auf einem goldenen Teller dem Fürſten zwei Briefe dar⸗ reichte. Antwort verlangt? fragte Metternich. Zu Befehl, Durchlaucht. Der kaiſerliche Laufer ſteht im Vorzimmer und auch der Secretair der Frau Fürſtin ſagt, daß er Befehl hat, auf Beſcheid zu warten. Der Fürſt erbrach zuerſt das mit einem großen officiellen Siegel verſehene Schreiben, und überflog es raſch. 1b Meine ergebenſte Empfehlung an Se. Kaiſerliche Hoheit, ſagte er dann, und ich würde mich pünktlich zur feſtgeſetzten Stunde einfinden! Das iſt die Ant— 10* 148 wort für den kaiſerlichen Laufer. Dem Secretair der Frau Fürſtin ſage, daß er herein kommen ſolle, wenn ich klingele! Der Lakay eilte hinaus, und der Fürſt öffnete jetzt lächelnd das kleine duftende Briefchen ſeiner Gemahlin, der Frau Fürſtin Melanie Metternich. Dachte ich es mir doch, ſagte er lachend. Sie be⸗ darf wieder der Capitalien, iſt wieder in Geldver⸗ legenheit, darum ſchreibt ſie, ſtatt ſelbſt zu kommen. Ach, meine ſtolze, ſchöne Melanie gemahnt mich immer an die Danaiden mit den bodenloſen Fäſſern. Sie hat auch ein ſolches Faß und alles Geld, was ſie hinein ſchöpft, verſchwindet ſogleich wieder ſpurlos. Ihre Villa, ihre Gewächshäuſer, das iſt das Faß meiner Danaide. Nun, meinetwegen, ſie ſoll ihre dreißigtauſend Gulden haben. Aber ich werde mich wohl hüten, ſie ihr von meinem ruſſiſchen Gelde zu zahlen. Das gehört zu dem eiſernen Fond für meine Erben, und die liebenswürdige Verſchwendungsſucht meiner Gemahlin darf denſelben nicht angreifen. Ich werde am Beſten thun, mich ſogleich gegen dergleichen Eventualitäten zu ſichern! Er ſchellte abermals und befahl dem Lakayen, ſo⸗ gleich ſeinen Geheimſecretair zu ihm zu ſenden. 149 Dem ſchnell herbei geeilten Secretair übergab er ſodann die von dem Czaaren geſandten Geldpapiere. Begeben Sie ſich ſofort damit zum Banquier Eskeles, ſagte er, und nehmen Sie für dieſes Geld eng— liſche Bankpapiere. Der Eskeles ſoll mir die Papiere aufbewahren, oder beſſer noch, er ſchickt ſie nach London an unſern dortigen Agenten, bei dem ſie deponirt bleiben ſollen. Ich weiß in der That ſelber nicht, wie ich dazu komme, dieſe Summe in London deponiren zu laſſen, ſagte er dann lächelnd zu ſich ſelber, als er ſich wie⸗ der allein befand. War's mir doch als flüſterte eine Stimme mir zu:„Nach London! Schicke das Geld nach London!“ Nun, das ſind vielleicht noch die Nachwirkungen meiner Unterredung mit meiner Caſ⸗ ſandra, und ich dachte an London, weil der König Louis Philippe dort auch ein Aſyl gefunden hat. Aber jetzt raſch die Anweiſung für Melanie! Er trat zu ſeinem Schreibtiſch, nahm ein einfaches Blatt Papier und ſchrieb auf daſſelbe:„Aus der kai⸗ ſerlichen Staatskaſſe dreißigtauſend Gulden erhalten. Metternich.“ Dann klingelte er und ließ den Secretair der Fürſtin eintreten. Hier, ſagte er, ihm das kleine gewichtige Blatt Papier darreichend, tragen Sie das auf die kaiſerliche Staatskaſſe, und bringen Sie den Erlös deſſelben Ihrer Durchlaucht, der Frau Fürſtin. Und jetzt zum Kaiſer, rief der Fürſt ſich dann ſel⸗ ber zu, als der Secretair ihn verlaſſen hatte. Ach, der Himmel gebe nur, daß der liebe Ferdinand keine Schwierigkeiten macht, ſondern ſogleich ſeine Unter⸗ ſchrift giebt, denn in einer Stunde muß ich zum Fa⸗ milienrath, welchen der Erzherzog Ludwig höchſt über⸗ raſchender Weiſe plötzlich zuſammen gerufen hat!— Der Kaiſer Ferdinand war gerade damit beſchäftigt den Theaterzettel des heutigen Abends zu leſen, als Fürſt Metternich unangemeldet, wie es ſein Vorrecht war, in das Wohnzimmer des Kaiſers eintrat. Dieſer ließ ſich indeſſen durch den Beſuch ſeines Staatskanz lers durchaus nicht in ſeiner Lectüre ſtören, ſondern fuhr fort mit der größten Aufmerkſamkeit den Theater⸗ zettel zu ſtudiren. Auf einmal ſtieß er einen Freudenſchrei aus und ſchwenkte den Theaterzettel wie eine Siegesfahne hoch empor. 8 Der Fritz Beckmann ſpielt heute Abend, rief er fröhlich. Iſt alſo halt wieder geſund, der Fritz Beck⸗ 151 mann und wird heute Abend wieder auftreten. Giebt den Mengler in:„Endlich hat er's doch gut gemacht.“ Iſt das ein' Ueberraſchung und ein“ Freud' für mich! Hab' ſo lang' nicht gelacht und ſehn' mich ſo recht von Herzensgrund darnach, einmal recht herzlich zu lachen. Niemand verſteht's aber ſo gut, mich lachen zu machen, als der Fritz Beckmann, und ſchon wenn ich an ihn denk, wird's mir fröhlich um's Herz. Werden's nit auch heut' Abend in's Theater gehen, Metternich, um den Fritz Beckmann wieder auftreten zu ſehen? Ich fürchte, Ew. Majeſtät, daß die Regierungs— geſchäfte mir dieſe Freude nicht erlauben werden, er⸗ widerte der Staatskanzler lächelnd und achſelzuckend. Wir leben in einer unruhigen und bewegten Zeit, in welcher jeder Moment nns Ueberraſchungen und Ge⸗ fahren bringen kann, und in der man immer die Hand an der Staatsmaſchine bereit halten muß, um ſie nicht in's Stocken gerathen zu laſſen. Die Gewitter⸗ wolken thürmen ſich rings um uns in immer drohen⸗ deren Maſſen auf, und man iſt keine Stunde mehr ſicher, daß nicht der Sturm und das Ungewitter auf uns hernieder donnert. Ach Gott, das iſt recht ſchlecht und unbequem, ſeufzte der Kaiſer ängſtlich, und recht leid thut es mir, daß Sie nicht in's Theater gehen können. Aber ich? fragte er faſt ſchüchtern. Nit wahr, ich werd' doch heut' Abend hingehen können, und Sie brauchen mich heut' Abend nit zum Unterſchreiben? Ew. Majeſtät werden hoffentlich die Güte haben, mir vorher einige nothwendige Unterſchriften zu geben. Alſo doch wieder Unterſchriften, wieder Arbeiten, ſeufzte Ferdinand. Möcht' wohl wiſſen, was ich da⸗ von hab', Kaiſer zu ſein, wenn ich halt' ſo viel ar— beiten und mich anſtrengen muß und nimmer thun kann, was ich will. Es geht jetzt gar hart her mit den vielen Geheimraths-Sitzungen und den Unter⸗ ſchriften. Haben in dieſer Woche ſchon drei Mal Sitzungen gehabt, und geſtern allein habe ich vierzehn Mal meinen Namen unterſchreiben müſſen. Sie glauben aber halt gar nit, wie ſehr mich das Zuhören und das Schreiben anſtrengt. Wenn ich eine halbe Stunde zugehört hab', ſo ſchwirrt's mir im Kopfe, und wenn ich meinen Namen ſechs Mal geſchrieben, ſo fängt mir alle Mal die Hand an zu zittern. Ein rechtes Malheur iſt's, daß juſt ich einen ſo langen Namen haben muß. Der Herr Vater hat's darin viel beſſer gehabt, und ich möcht' wohl wiſſen, warum's mich nit auch Franz geheißen haben. Würd' dadurch 153 viel Zeit und Arbeit geſpart werden, denn ich hab's mir ausgerechnet, es ſind beinah noch einmal ſo viel Buchſtaben in meinem Namen, als in dem meines Herrn Vaters, des hochſeligen Kaiſers, und ich hätt' alſo nur halb ſo viel Zeit zur Arbeit gebraucht, wenn ich nit das Unglück hätt', Ferdinandl zu heißen. Aber ſagen's, Metternich, es iſt doch hoffentlich gewiß, daß Sie mich heut Abend nit brauchen, und daß ich in's Burgtheater gehen kann, um ein Biſſel wieder fröhlich zu lachen über den Fritz Beckmann? Ich wiederhole Eurer Majeſtät, daß das ganz von dem Willen Eurer Majeſtät abhängt. Wenn Sie die Gnade haben wollen, jetzt einen kleinen Vortrag von mir anzuhören, und wenn Sie dann huldvoll mir eine Unterſchrift gewähren wollen, ſo glaube ich, daß Ew. Majeſtät alsdann keine weitern Hinderniſſe mehr zu befürchten haben, ſondern ſich ungeſtört dem er⸗ heiternden Theaterbeſuch hingeben können. Aber vorher muß alſo doch gearbeitet werden, ſeufzte der Kaiſer. Nun denn, machen's nur raſch, Herr Fürſt. Halten's mir Ihren Vortrag, und dann will ich ſehen, ob ich Ihnen die Unterſchrift geben kann. Denn Sie wiſſen wohl, ein gewiſſenhafter Kaiſer kann nit unterzeichnen, ohne daß er weiß, um 154 was es ſich handelt, und wenn er ſeinen Namen ſchreibt, ſo muß er bedenken, daß er damit zugleich ſeinen Unterthanen Geſetze ſchreibt. Gelt, ich hab mir das gemerkt, was Sie mir damals für Rath gegeben haben? Sie wiſſen doch noch, damals? Ich weiß in der That nicht, was Ew. Majeſtät mit dieſem Damals bezeichnen wollen, und wann ich mir erlaubt haben könnte, Ew. Majeſtät einen Rath ertheilen zu wollen. Ach, thun's halt nicht ſo beſcheiden, rief der Kaiſer lachend, Sie geben mir recht oft Rath, und ich kann ihn auch halt immer gebrauchen. Mit dem Damals meint' ich aber die Geſchicht', als ich den zwei Cou⸗ ſinen meines Kammerdieners das Erſcheinen bei Hofe und die Apartementsfähigkeit mit Nachlaſſung der Ahnen ertheilt hatte, und einem anderen Herrn, für den er ſein Fürwort einlegte, den Kämmererſchlüſſel gegeben hatte, obwohl er die Ahnenprobe nicht ab⸗ legen konnte.“*) Wiſſen's noch, Metternich? War das ein Aufſehen damals und ein Staunen, als die Pa⸗ tente bei den Hofämtern eingereicht wurden, und Nie⸗ mand etwas davon wußte, und die Sache gar 5 Schmidt, Zeitgenöſſiſche Geſchichten. S. 498. 155 nit vorher durch die competenten Behörden gegangen war. Aber es war recht ſchlecht von meinem Kammerdiener, daß er mich dazu gebracht hatte, ihm die Unterſchriften zu geben, und es geſchah ihm ganz recht, daß er ſogleich aus ſeinem Dienſt entlaſſen und aus Wien verwieſen ward. Erſchlichen hatte er die Unterſchriften von mir, das iſt ganz gewiß, denn ich entſinn' mich noch heut nit, daß er mir damals geſagt, was das für Papiere waren, die er mich unterzeichnen ließ, und daß ich durch meine Unterſchrift ganz ſimple und gemeine Menſchen plötzlich in Kämmerer und Apartements⸗ fähige Damen verwandelte. S war wirklich eine ab⸗ ſcheuliche Geſchicht', und damals verſprach ich Ihnen, daß ich nimmer wieder meine Unterſchrift geben wollte, ohne mir vorher einen Vortrag halten zu laſſen, und ohne ganz genau zu wiſſen, um was es ſich handle. Hab' Ihnen auch Wort gehalten und niemals etwas unterzeichnet, von dem ich nit wußte, was es ſei, und worüber Sie mir nit Auskunft gegeben. Es iſt ſehr gnädig von Eurer Majeſtät, daß Sie ſich jenes Verſprechens immer noch erinnern, und ich muß bekennen, daß Sie meinen Vorträgen immer mit freundlicher Aufmerkſamkeit gefolgt ſind, ſagte Metter⸗ nich, den die gutmüthige Schwatzhaftigkeit des Kai⸗ 156 ſers zu beunruhigen begann, und der es für noth⸗ wendig erachtete, gerade auf ſein Ziel loszuſteuern. Ich hoffe, daß Ew. Majeſtät mir auch heute ein gnä⸗ diges Gehör ſchenken und mir alsdann Ihre Unter⸗ ſchrift nicht verſagen werden. Nun, wir wollen ſehen, was ſich machen läßt, ſagte Ferdinand, indem er ſich bemühte, ſeinem armen kränklichen Geſicht den Ausdruck der Würde und der Wichtigkeit zu geben. Ja, wir werden ſehen, was ſich machen läßt, und ob ich Ihnen mit gutem Gewiſſen meine Unterſchrift geben kann. Nur, fuhr er raſcher fort, ganz und gar aus ſeiner erhabenen Rolle eines würdevollen Kaiſers wieder heraus tretend, nur thun's mir den einzigſten Gefallen, und machen's ein Biſſel raſch, und laſſen's den Vortrag nicht zu lang dauern. Denn ſehen's nur, es iſt halt ſchon halb ſechs Uhr, und ich möcht' nicht gern von dem Fritz Beckmann ſeiner Hauptroll' auch nur ein einziges Wort verlieren. Legen's alſo los, lieber Fürſt, halten's mir Vortrag! Er deutete mit der Hand auf den Stuhl, der ihm gegenüber ſtand, und lehnte ſich dann in ſeinen Fauteuil zurück, die trüben Augen dem Fürſten zu⸗ wendend, der ſich jetzt dem Kaiſer gegenüber mit ruhiger Würde niedergelaſſen hatte. 157 Ich erlaubte mir vorher ſchon, Eure Majeſtät zu erinnern, daß wir in trüben, bewegten Zeiten leben, ſagte Metternich mit lauter Stimme, langſam ſprechend und jedes Wort betonend, um ſich den ſchweren Ver⸗ ſtandsbegriffen des Kaiſers anzubequemen. Ganz Europa iſt auf Einmal wie es ſcheint von einem hitzi⸗ gen Fieber ergriffen und liegt im Delirium des Frei⸗ heitsſchwindels. Es iſt dies eine anſteckende Krank⸗ heit, die ſich wie die Peſt durch die Luft weiter verpflanzt, und ſchon iſt ſie von Neapel, wo ſie zuerſt ausbrach, hinüber gegangen nach Frankreich, wo ſie den Thron des Königs Louis Philippe geſtürzt und ihn aus Frankreich vertrieben hat. Ich weiß, ich weiß, rief der Kaiſer, ſehr begierig zu zeigen, wie genau er von den Angelegenheiten der Politik unterrichtet ſei. Ja, in Frankreich haben's ihren ſogenannten Bürgerkönig fortgejagt; bei Nacht und Nebel iſt er entflohen, und nichts hat er mit ſich genommen als einen rothen Regenſchirm. S iſt ihm aber halt ganz recht geſchehen, und das iſt die Straf' dafür, daß er den rechtmäßigen König Karl den Zehnten früher auch von ſeinem Thron gejagt hat, um ſich darauf zu ſetzen. Der liebe Gott hat ihn ge⸗ ſtraft dafür, und darum freue ich mich halt über die 158 Geſchicht', und gönn's dem Louis Philippe, daß er geſtürzt worden iſt. Indeſſen aber kann dieſer Sturz des Königs der Franzoſen für uns ſelber ſehr ſchlimme Folgen haben, und er bedroht uns ſchon jetzt mit mancherlei Ge⸗ fahren. Die Revolution ſieht ſich ſowohl in Neapel wie in Frankreich ſiegreich, ſie wird alſo nur um ſo kühner ihr Haupt erheben, und wird mit um ſo größerer Unverſchämtheit vorwärts ſchreiten. Sie wird ſuchen ihre Schreckniſſe und Greuel auch über die Grenzen des öſterreichiſchen Kaiſerſtaates hinüber zu tragen, und Ew. Majeſtät zu bedrohen. Nein, hören's, das glaub' ich halt nit, rief der Kaiſer eifrig. Mir werden's halt nir thun, und hier in Oeſterreich wird die Revolution nit vorwärts kommen. Sie wiſſen's ja ſelber, und haben's mir halt ſelber zu meiner Freud' oft genug verſichert und betheuert, daß meine lieben Oeſterreicher ſehr glück⸗ lich und zufrieden, daß ſie ganz und gar mit unſerer Regierungsweiſe einverſtanden ſind, und daß man den öſterreichiſchen Kaiſerſtaat den geſicherteſten und wohl⸗ geordneteſten nennen kann. Ah, ich habe mir das Alles wohlgemerkt, denn es hat mir immer wohl ge⸗ than, wenn Sie mir ſagten, daß meine lieben Unter⸗ 159 thanen ſo ſehr glücklich und zufrieden ſind, und daß ſie mich ſo von Herzen lieben. Und ſie lieben mich wirklich, ſie ſchreien mir immer Hurrah, wenn, ich aus⸗ fahr', und wenn ich in meine Log' eintret', ſo ſtehen's Alle auf und grüßen mich, und das macht mir halt alle Mal große Freud'. Aber beim Theater fällt mir ein, daß— Ich bitt' Sie, Durchlaucht, können's mir Ihren Vortrag nit morgen früh halten, es iſt Zeit zum Theater. Ich muß den Fritz Beckmann als Mengler ſehen. Majeſtät, was ich Ihnen zu ſagen habe, duldet leider keinen Aufſchub bis morgen, und ich muß Ew. Majeſtät dringend erſuchen mich noch heute anzuhören und noch heute dieſe dringende Regierungsangelegen⸗ heit zu ordnen. Ach, es iſt doch halt ein hartes Geſchäft Kaiſer zu ſein, murmelte Ferdinand, ſich auf ſeinem Fauteuil zuſammen kauernd, und einen troſtloſen Blick auf den Theaterzettel werfend. Metternich fing dieſen Stoßſeufzer des Kaiſers als ein geſchickter Jongleur auf. Ja, ſagte er ſeuf⸗ zend, Ew. Majeſtät haben Recht, es iſt ein hartes Geſchäft Kaiſer zu ſein, überhaupt zu regieren, denn man hat gar ſo viel zu leiden von der Unwiſſenheit, 160 der Albernheit, dem Undank und der Erbärmlichkeit der Menſchen. Ich habe in der letzten Zeit leider tauſende ſolcher ſchlimmen Erfahrungen machen, habe ſehen müſſen, wie das Uebelwollen einiger Weniger genügt hat, um die ganze Bevölkerung aufzuregen, wie das Beiſpiel einiger Schlechten die Maſſen verführt hat. Vor einigen Monaten waren Ew. Majeſtät noch, wie ich es Ihnen, der Wahrheit gemäß, ſo oft verſichern durfte, der geliebte, angebetete Kaiſer eines glücklichen, zufriedenen Volkes, während es heute ſchon Tauſende Verführter und Irregeleiteter giebt, welche die kaiſer⸗ liche Autorität mißachten, und ihre frevelnden Hände ausſtrecken möchten nach dem geheiligten Kaiſerthrone, um ihn zu ſtürzen. Die Völker aber ſind Kinder, welche leicht zu bethören und irre zu leiten ſind, wenn ſich da einige liſtige, gewandte Leute finden, die zu reden verſtehen, und ihnen dann einige ſolcher wohl⸗ feilen Phraſen als Seifenblaſen hinwerfen, mit denen die lieben Kinder ſpielen, und die ſie in der Luft wei⸗ ter blaſen können. Anfangs ergötzen ſie felber ſich nur an dem bunten Schillern dieſer Seifenblaſen, von denen ſie glauben, daß ſie in jedem Moment zerplatzen werden. Aber es ſteigen immer neue Seifenblaſen vor ihnen auf, und ſtatt zu zerplatzen verhärten ſie ſich 161 und nehmen andere Formen und Geſtalten an, und werden zu Dolchen und Mordmaffen, die in ihre Hände hinein ſchlüpfen, ohne daß die armen bethörten Kinder ſelber wiſſen, wie das zugegangen. So wer⸗ den Revolutionen gemacht, Majeſtät. Zwanzig ſchlechte, ehrgeizige, habſüchtige Menſchen, welche mit dem Ta⸗ lent der Rede begabt ſind, und eben als geſchickte Jongleure zur rechten Zeit die ſchönen Seifenblaſen der Freiheits⸗ und Gleichheits⸗Phraſen aufſteigen zu laſſen verſtehen, zwanzig ſolcher Menſchen genügen, um ein ganzes Volk in das Delirium zu verſetzen, und ihnen das hitzige Fieber der Revolutionskrankheit, welches ſchlimmer iſt als die Peſt, einzuimpfen. Dann muß man alſo bedacht ſein, dieſer zwanzig Menſchen habhaft zu werden und ſie unſchädlich zu machen, rief der Kaiſer. Wenn man das könnte, Mafeſtät, wenn ſie es nicht ſo geſchickt verſtänden, ſich immer verborgen zu halten, nur unter den Volksmaſſen in dem geeigneten Moment aufzutauchen, und dann, wenn ſie ihr in⸗ fernaliſches Werk ausgeführt, wieder in den Maſſen zu verſchwinden. Aber wozu haben wir denn unſere geheime Polizei, Herr Fürſt, wenn ſie nit einmal zwanzig ſolcher Mühlbach, Erzherzog Johann. 4. Abth. II 11 162 Uebelthäter ausfindig machen kann? fragte der Kaiſer. Ich verlang's, daß mir die Polizei dieſe zwanzig ſchlechten Menſchen entdeckt und gefangen nimmt, ich will mein liebes Volk nit durch zwanzig ſchlechte Menſchen in's Unglück ſtürzen laſſen. Man ſoll mir die zwanzig Jongleurs verhaften laſſen, man ſoll's nit leiden, daß ſie Seifenblaſen ſteigen laſſen, die ſich nachher in Dolche und Mordwaffen verwandeln. Je⸗ ſus Maria, das iſt ja halt eine ſchreckliche Geſchicht', und die Kerls, welche ſo etwas thun, treiben ja Zau⸗ berei. Metternich, ſchaffen's mir dieſe zwanzig Men⸗ ſchen fort, die meine lieben Unterthanen verführen, und machen Sie, daß wieder Ruhe, Friede und Glück in meinem lieben Oeſterreich herrſche. Schaffen's mir dieſe zwanzig ſchlechten Kerls alſo fort, und ſagen's mir nit, daß man nit weiß, wo ſie ſind, und wie man ſie faſſen ſoll! Majeſtät, ich weiß es wohl, wo dieſe Uebel⸗ thäter ſind, welche Ihr Volk verführen und die Revolution mit allen ihren Schreckniſſen über Oeſter⸗ reich ausbreiten wollen. Majeſtät, die Uebelthäter ſind in der Lombardei. Ah, wenn ſie dort ſind, dann werden wir ihrer ſchon habhaft werden, rief der Kaiſer frohlockend. Wir 163 haben ja in der Lombardei nit bloß eine ſtarke Armee, ſondern auch viel tauſend Polizeimänner, Spione und Spitzerl. Der zwanzigſte Menſch in der Lombardei iſt ja ein Spion, alle unſere Beamten dort ſind Spitzerl, welche jedes Wort belauſchen, was die Lom⸗ barden ſagen, und es anzeigen, und— Oh, Majeſtät, unterbrach ihn Metternich, wenn Ihre armen Beamten dieſe Bezeichnung hörten, welche Ew. Majeſtät ihnen zum Dank für ihren Dienſteifer und ihre Wachſamkeit geben, ſo würden ſie ſehr un— glücklich ſein. Nun, es war ja halt nit ſchlimm gemeint, ſagte Ferdinand verlegen, ich wollt' ja nur ſagen, daß ich gewiß glaub', wir werden die zwanzig ſchlimmen Kerls in der Lombardei ſchon ausfindig machen, und greifen können. Wir haben ja da eine ſo große Armee. Aber Ew. Majeſtät wollen gnädig bedenken, daß die Unruhſtifter und Revolutionairs bereits ihr Werk begonnen, ja, ich möchte ſagen, vollendet haben, daß es ihnen bereits gelungen iſt, das anſteckende Gift ihrer Geſinnung der ganzen Bevölkerung mitzutheilen, und daß jetzt nicht mehr von den zwanzig Uebelthätern die Rede ſein kann, welche das Unheil begonnen haben, ſondern von Hunderttauſenden, die von ihnen ange⸗ 11* 164 ſteckt ſind. Deshalb, Majeſtät, müſſen wir eine ſo große Armee in Italien aufſtellen, deshalb ſind wir übereingekommen, noch einige neue Regimenter dorthin zu legen, denn ich muß es leider geſtehen, wir können die Revolution in Italien nur noch durch Bajonette niederhalten, und wenn wir unſere Armee aus der Lombardei fortziehen, ſo wird die Rebellion ſofort ausbrechen und wird von dort ſich weiter pflanzen in das Innere des Kaiſerſtaates hinein. Wir werden uns alſo wohl hüten, unſere Armee aus der Lombardei fortzunehmen, rief der Kaiſer lebhaft. Majeſtät, wir werden aber dazu genöthigt ſein, wenn wir nicht mehr die Mittel haben, dieſe Armee zu bezahlen, ſeufzte Metternich. Majeſtät, wir bedür⸗ fen zum Unterhalt unſerer Armee in der Lombardei in jeder Woche eine Million Zwanziger, und am Ende jeder Woche haben wir ſeit dem Anfang des vorigen Monats allwöchentlich eine ſolche Million nach der Lombardei geſchickt. Warum thun wir das? Warum ſchicken wir nicht Papiergeld nach der Lombardei und behalten die Zwan⸗ ziger hier? Ich habe die ſilbernen Zwanziger viel lieber, als die Papiergulden, ſchon darum, weil die eine ſo d. wir dorthin können jonette Armee rnicht Zwan⸗ 5 viel 165 Zwanziger mein Portrait haben, und ich ſeh' mich halt gar ſo gern mit dem Lorbeerkranz und der hüb⸗ ſchen langen Schleif' im Nacken. Iſt doch gar hübſch daß die Kaiſer von Oeſterreich immer einen Lorbeer⸗ kranz tragen können, ohne daß ſie erſt nöthig haben 4 1 7 7.) 9 1 wie die Helden und die Dichter ſich denſelben zu ver⸗ dienen. Aber es geht mit den kaiſerlichen Lorbeer⸗ kränzen wie mit der Kaiſerkron' ſelber. Wir haben die Lorbeerkränz' auch von Gottes Gnaden, und kein 3 7 Menſch darf ſie anrühren. Mir thut's wohl, wenn ich ſoin Zwanziger in der Hand halt', wo mein Kopf drauf prangt mit dem Lorbeerkranz, und ich muß Ihnen leider ſagen, daß ich in der letzten Zeit recht wenig Zwanziger geſehen hab' und daß Sie mir halt immer nur Papiergulden gegeben haben. Warum be⸗ halten's alſo nit lieber die Zwanziger hier und ſchicken das Papiergeld nach der Lombardei? Es ließ ſich doch viel beſſer transportiren, und da die Lombarden jetzt ſo böſe und ſchlechte Menſchen ſind, ſo ſehe ich halt gar nit ein, warum wir ihnen das Beſte geben ſollen, was wir haben, unſere guten ſilbernen Zwanziger. Zum Unglück, Majeſtät, wollen ſie unſer Papier⸗ geld in der Lombardei nicht annehmen. Um unſere Armee aber zu erhalten, iſt es unerläßlich, daß wir 166 den nothwendigen Lebensbedarf von der Bevölkerung kaufen, dazu bedarf es des Geldes, und da die Lom⸗ barden kein Papiergeld annehmen wollen, ſo können wir auch den Soldaten ihren Sold nicht in Papiergeld auszahlen. Sie wollen kein Papiergeld annehmen, wieder⸗ holte der Kaiſer nachdenklich. Ja, wenn die Lombar⸗ den ſchon ſo weit ſind, daß ſie nit thun müſſen, was ſie halt nit wollen, dann fürchte ich, daß unſere Armee auch nicht viel mehr gegen ſie ausrichten wird. Sie unterdrückt die Revolution, Majeſtät, ſie iſt der letzte Hort, der uns geblieben. Wenn es zum offenen Ausbruch kommt, ſo iſt unſere Armee ſo ſtark und mächtig, daß ſie die Revolution bewältigen und die Ruhe wieder herſtellen wird. Es iſt daher ganz unmöglich, die Armee aus der Lombardei fortzuziehen, unſer einziges und dringendes Augenmerk muß viel⸗ mehr darauf gerichtet ſein, ſie dort zu erhalten und die Mittel zu ihrer Erhaltung immer in Bereitſchaft zu haben. Aber dies iſt gerade die höchſte Gefahr, in der wir ſchweben. Es fehlen uns die Mittel, um die Armee in der Lombardei zu erhalten. Wir haben, wie geſagt, ſeit einem Monat in jeder Woche eine Million Zwanziger nach der Lombardei geſchickt. Die 167 Folge davon iſt, daß wir keine Fonds mehr haben, daß die Staatskaſſen leer ſind und wir keine Ducaten, keine Zwanziger, keine Gold⸗ und Silberbarren mehr in denſelben aufzuweiſen haben. Aber das iſt ja halt ein furchtbares Unglück, rief der Kaiſer weinerlich und mit zitternden Lippen. Majeſtät, es wäre ein furchtbares Unglück, wenn nicht zu unſerm Heil ein großmüthiger Gönner und Freund zu unſerer Hülfe bereit wäre. Ich habe mich an Se. Majeſtät den Kaiſer von Rußland gewendet, ich habe ihm vertrauensvoll unſere Finanznoth mitge⸗ theilt, ich habe ihm geſagt, daß es ſich nicht darum handele, ob wir in Geldverlegenheiten ſeien, ſondern darum, daß dieſe Geldverlegenheit unſer ganzes Re⸗ gierungsſyſtem ſtürzen, das monarchiſche Princip in ſeinen Grundveſten erſchüttern und alles Beſtehende und Sanctionirte auflöſen und vernichten müßte, wenn derſelben nicht ſofort abgeholfen wird. Und was hat Ihnen der Kaiſer von Rußland ge⸗ antwortet? Majeſtät, er hat mir geantwortet in dem Sinne, wie ich es von dem Vertreter und Aufrechterhalter des monarchiſchen Princips vorausſetzen und erwarten durfte, er hat erkannt, daß der Fall Oeſterreichs der 168 Fall unſers Regierungsſyſtems, den Untergang aller Monarchieen herbeiführen würde, und er iſt alſo be— reit, dieſen Fall abzuwenden. Der Kaiſer von Ruß⸗ land beeilt ſich daher, meinen Wunſch zu erfüllen, und er wird uns eine Anleihe von dreißig Millionen Ru⸗ beln gewähren, was ungefähr der Summe von Ein⸗ hundertundzwanzig Millionen Zwanzigern gleichkommt. Hier, Majeſtät, iſt das eigenhändige Schreiben des Kaiſers Nicolaus, in welchem er mir dieſen ſeinen hochherzigen Entſchluß mittheilt. Ich bitte Ew. Ma— jeſtät um die Gnade, daſſelbe zu leſen. Der Kaiſer nahm das ihm dargereichte Papier und heftete ſeine Blicke lange und mit der größten Aufmerkſamkeit auf daſſelbe. Hören's, ſagte er dann mit ernſter, wichtiger Miene, ich finde halt nit, daß das ein ſchöner Brief iſt. Ich hätt' gemeint, der Kaiſer Nicolaus würd' beſſer ſchreiben. Wie denn, Majeſtät? fragte Metternich erſtaunt. Mir ſcheint, der Brief iſt in den freundlichſten und verbindlichſten Ausdrücken abgefaßt, und ich kann wirk⸗ lich nicht begreifen, weshalb Ew. Majeſtät nicht mit demſelben zufrieden ſind. Na, ſehen's doch halt blos das s an, und ſeine 169 A'n und O'n ſind auch halt gar nit zu unterſcheiden. Iſt Alles nur ſo flüchtig hingeſchmiert, gar nit ein biſſel Müh' hat der Herr Kaiſer ſich bei der Schrift gegeben, und das gefällt mir nit. Ew. Majeſtät reden von der Kalligraphie, ſagte Metternich mit einem mühſam unterdrückten Lächeln. Aber Sie werden hoffentlich den Inhalt des Briefes nur billigen können. Ew. Majeſtät haben ihn doch geleſen? Geleſen? Nein, geleſen hab' ich ihn nit, hab' mir bloß die Buchſtaben angeſchaut. Wozu ſollt' ich ihn leſen, da Ew. Durchlaucht mir ſchon geſagt haben, was darin ſteht, und daß der Kaiſer von Rußland uns— wie viel Zwanziger will er uns doch leihen? Einhundertundzwanzig Millionen Zwanziger will er uns leihen, und er verlangt dafür gar keine weitere Sicherheit und Bürgſchaft. Auf die bloße Unterſchrift Eurer Majeſtät will der Kaiſer Nicolaus uns dieſe enorme Summe leihen. Und dies iſt es alſo, wes⸗ halb ich Ew. Majeſtät heute zu bitten habe: Ew. Majeſtät müſſen die Gnade haben, mir Ihre Unter⸗ ſchrift zu geben für das Schuldpapier, das wir ſofort hier an den ruſſiſchen Bevollmächtigten abzugeben haben. Gegen dies von Ew. Majeſtät unterzeichnete 170 Papier werden wir dann in einzelnen, ſchnell aufein⸗ ander folgenden Raten die Einhundertundzwanzig Millionen beziehen können, das heißt, die Mittel, um die Revolution in der Lombardei niederzuſchlagen. Wollen mir Ew. Majeſtät nun in Gnaden erlauben, Ihnen ein kleines Concept zu machen von dem, was Sie alsdann nur abzuſchreiben haben, um die Millio⸗ nen flüſſig zu machen? Ja, ſagte der Kaiſer zögernd, ich weiß nit, mir kommt die Sach' eigentlich nit ganz richtig vor, und mir iſt nit gut zu Muthe dabei. Der Kaiſer von Rußland leiht uns die Summe. Aber ſagen's mal, Metternich, wovon wollen wir ſie denn wieder be⸗ zahlen, da wir kein Geld haben und vorausſichtlich ſo bald auch nix haben werden? Majeſtät, bei dergleichen Staatsanleihen denkt man gar nicht an's Wiederbezahlen und an die Ablöſung der Schuld, ſondern es kommt nur darauf an, daß man alljährlich regelmäßig ſeine Zinſen bezahlt. Aber ich glaub', wir haben ſchon recht viele ſolche Zinſen zu bezahlen, und wenn's ſo fortgeht, werden wir zuletzt nit einmal mehr die Zinſen von all unſern Anleihen bezahlen können. Und was geſchieht dann? Dann macht man einen Staatsbanquerot, ſagte laufein⸗ dzwanzig ittel, um or, und en's mal, enkt man Ablöſung an, daß 171 Metternich vollkommen gelaſſen. Das Ding iſt gar nicht ſo ſchlimm, wie es ausſieht; wir haben unter dem Hochſeligen Kaiſer Franz ſogar zwei Mal einen ſolchen Staatsbanquerot erlebt und— auch überſtan⸗ den. Ein Staat, welcher ſo reich iſt und ſo viele Hülfsquellen hat, wie der öſterreichiſche Staat, erholt ſich immer ſchnell von dergleichen kleinen Unglücks⸗ fällen und florirt nachher nur um deſto mehr. Ein Beweis von der großen Sicherheit Oeſterreichs iſt es ja gerade, daß der Kaiſer von Rußland ſogleich bereit iſt, uns ſeine Millionen zu leihen. Ja, ich weiß nit, ich möcht' ſie aber lieber doch nit annehmen, ſagte Ferdinand ängſtlich. Weiß nit, wovon ich die Millionen bezahlen ſoll, und möcht' doch halt dem Kaiſer von Rußland nix ſchuldig blei⸗ ben. Ich möcht's lieber nit unterzeichnen Metternich. Wir werden auch ſchon ohne die ruſſiſchen Millionen mit den zwanzig Aufrührern in der Lombardei fertig werden. Bedenken's doch, es ſind ja nur zwanzig Rädelsführer, die werden wir ſchon bezwingen können. Glauben's mir, es iſt wirklich beſſer, wir nehmen das ruſſiſche Geld nicht, und— kurz und gut, ich gebe meine Unterſchrift nicht. Fürſt Metternich, welcher ſehr wohl den krankhaften 172 Eigenſinn des Kaiſers kannte und wußte, daß es ſchwer, faſt unmöglich ſei, Ferdinand, wenn er einmal einen Entſchluß gefaßt oder eine Meinung ſich ange⸗ eignet hatte, von derſelben abzulenken, Fürſt Metter⸗ nich erbleichte und ſeine ſonſt ſo klare und heitere Stirn befeuchtete ſich mit einem kalten Schweiß. Wenn der Kaiſer nicht unterzeichnete, ſo war in der That die Monarchie gefährdet, denn man war dann nicht länger im Stande, die Armee in der Lombardei zu beſolden, und ohne Sold würden die Soldaten vielleicht ſogar ſich opponiren, jedenfalls aber nicht freudig und tapfer den undankbaren Kampf gegen die Revolution fortſetzen mögen. Ein kleiner Umſtand indeſſen kam der Angſt und der Noth des Fürſten diesmal zu Hülfe. Die große Pendule auf dem Kamine begann mit langſamen und gewichtigen Tönen die ſiebente Stunde zu ſchlagen. Ferdinand zuckte zuſammen und ſein armes bleiches Geſicht umdüſterte ſich. Schon ſieben Uhr, murmelte er, das erſte Stück wird bald zu End' ſein. Ueber das Antlitz Metternichs flog ein Ausdruck triumphirender Freude und die Röthe kehrte auf ſeine Wangen zurück. Majeſtät, ſagte er mit dem Ausdruck ſchmerzlicher heitere Schweiß. dann mbardei Soldaten zer nicht egen die bleiches zurmelte lusdruck uf ſeine rlicher 173 habe, Eurer Majeſtät die politiſche Situation ſo klar und deutlich zu machen, als es nöthig war, um Ihnen zu beweiſen, daß die Anleihe dieſer ruſſiſchen Millionen für uns eine Frage der Exiſtenz iſt. Ich muß daher meinen Fehler wieder gut machen, und bitte Ew. Ma— jeſtät nun gnädigſt um Gehör für einen ausführlichern und detaillirteren Vortrag, den ich mir erlauben muß, Ew. Majeſtät ſogleich zu halten. Noch einen Vortrag, rief der Kaiſer, in ſeinem Lehnſtuhl auffahrend, als habe eine Natter ihn ver⸗ wundet. Noch einen Vortrag, aber wozu das? Ich habe Alles wohl verſtanden und begriffen, was Sie geſagt haben. Aber ich habe ohne Zweifel nicht das Richtige ge⸗ ſagt, oder was ich geſagt habe, war nicht überzeugend genug, ſagte Metternich traurig. Ew. Majeſtät haben aus meinem Vortrag nicht erſehen können, daß Oeſter⸗ reich verloren iſt ohne die Hülfe d dieſer ruſſiſchen Mil⸗ lionen, daß— Wehmuth, ich ſehe wohl, daß ich es nicht verſtanden Ja, ja, unterbrach ihn der Kaiſer ungeduldig, ja, ich habe das ſehr wohl verſtanden, und Sie haben Recht, es iſt ein ſehr großes Glück für uns, daß Ruß⸗ land uns das Geld leihen will. Und was das Wie— 174 derbezahlen anbetrifft, ſo geht mich das im Grunde ja gar nichts an, denn es iſt ja halt jetzt nur vom Leihen und nit vom Wiederbezahlen die Rede. Alſo ſtreiten wir uns nit mehr darüber. Schreiben's auf, was nöthig iſt, und ich werd's abſchreiben, aber machen’'s ſo wenig Worte als möglich. Majeſtät, es iſt nur nöthig zu ſchreiben:„Dreißig Millionen Rubel von Sr. Majeſtät dem Kaiſer Ni⸗ colaus erhalten. Ferdinand.“ Ah, das iſt nit ſchwer, rief der Kaiſer fröhlich, dazu haben's nit nöthig erſt ein Concept aufzuſetzen, denn das können's mir halt ſo in die Feder dictiren. Es ſind ja nit viel Worte, und es wird nit ſo gar lange dauern. So, kommen's her! Ich ſetz mich hier an meinen Schreibtiſch. Da! Hier iſt Feder und Pa⸗ pier, und nun dictiren's. Ich bin bereit. Metternich beeilte ſich, der Aufforderung zu ge⸗ nügen, und während er langſam und bedächtig jedes einzelne Wort ausſprach, ſchrieb der Kaiſer eben ſo langſam und bedächtig jedes einzelne Wort nieder. Metternich, rief er dann, nachdem er geendet und ſeine Unterſchrift gemacht hatte, Metternich, kommen s mal her und ſehen's das an, und dann ſagen's mir, n Grunde nur vom ede. Alſo ben's auf, rmachen's Oreißig Kaiſer Ni⸗ er fröhlich, aufzuſetzen, r dictiren. nit ſo gar mich hier und Pa⸗ ng zu R— bedächtig der Kaiſer lne Wort endet und tommen ngen? mir 175 ob der Kaiſer von Oeſterreich nit halt beſſer zu ſchrei⸗ ben verſteht als der Kaiſer von Rußland? Und mit einem Blicke ſtolzen Triumphes reichte er Metternich das Papier dar. Majeſtät, ſagte Metternich freudig, Sie haben wundervoll geſchrieben. Jedes Ihrer Worte iſt mehr als eine Million werth! Ich danke Ihnen im Namen des öſterreichiſchen Kaiſerſtaates für dieſe wundervolle Schrift. Na, ſchon gut, ſchon gut, erwiederte Ferdinand, indem er mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit ſich aus ſeinem Fauteuil erhob. Wir ſind jetzt fertig, nit wahr? Sie brauchen mich heute weiter nit? Ew. Majeſtät haben heute ſchon ſo viel gearbeitet, daß eine Erholung und Zerſtreuung Ihnen dringend nothwendig iſt. Ja, ich muß mich erholen und zerſtreuen, Sie haben Recht, denn wir haben wirklich heute ſehr viel gearbeitet. Aber jetzt iſt's ja fertig und ich darf mich erholen. Ich hab' unterzeichnet, und wie Sie die Millionen nun bekommen werden, das iſt Ihre Sach', Metternich. Er nickte ihm freundlich den Abſchiedsgruß zu und ſchellte dann heftig. 176 Den Wagen vorfahren, rief er dem eintretenden Kammerdiener entgegen. Die Herren meiner Beglei⸗ tung benachrichtigen. Sie ſollen ſich beeilen, es iſt die höchſte Zeit zum Theater. Und während Fürſt Metternich mit der gewichtigen kaiſerlichen Unterſchrift des Kaiſers eben die Thür, welche in den Vorſaal führte, hinter ſich zudrückte, murmelte Ferdinand: ich hoff', das Stück hat noch nit angefangen und der Fritz Beckmann hat noch nit als Mengler den Fiſch aus der Taſch' gezogen. ntretenden her Beglei⸗ len, es iſt gewichtigen die Thür, zudrückte, VII. Irzherzog Johann. Zu derſelben Zeit, in welcher Kaiſer Ferdinand frohen und glücklichen Herzens ſich in das Burg— theater begab, um ſeinen Liebling, den ausgezeichneten Schauſpieler Fritz Beckmann in einer ſeiner beſten Rollen zu bewundern, ſchlug Fürſt Metternich den Weg ein zu dem Saal, in welchem die Staatscon⸗ ferenzen ſtatt zu haben pflegten, und in welchem heute Abend zu ſo ungewohnter Stunde ein Familien⸗ rath abgehalten werden ſollte. Metternich fühlte ſich indeſſen von der Ankündi⸗ gung dieſes Familienrathes durchaus nicht beunruhigt, vielmehr freute er ſich ſchon jetzt der günſtigen Ge⸗ legenheit, alle Beängſtigungen der Conferenzmitglieder niederzuſchlagen mit den Worten:„wir haben Geld! Mühlbach, Erzherzog Johann. 4. Abth. Il. 12 178 Das heißt, wir werden unſere Armee beſolden kön⸗ nen, und ſie wird die Revolution unterdrücken.“ Metternich trat daher mit einem ſtolzen, zuver⸗ ſichtlichen Lächeln in den Saal der Staatsconferenzen ein, und er begrüßte den ſchon dort anweſenden Erz⸗ V herzog Ludwig und den Grafen Kollowrat, die beiden permanenten Mitglieder der Staatsconferenzen, mit einem ruhigen, lächelnden Blick. Ich bitte Ew. kaiſerliche Durchlaucht um Ver⸗ zeihung, wenn ich mich ein wenig verſpätet habe, ſagte Metternich ſich verneigend. Aber ich hatte mit Sr. Majeſtät noch einige Geſchäfte zu beenden, und Se. Majeſtät hatten die Gnade, mich bis jetzt bei Sich zu behalten. Wenn es dem Herrn Erzherzog und dem Herrn Grafen Kollowrat aber jetzt genehm iſt, ſo möge die Conferenz beginnen. Verzeihung, Durchlaucht, erwiderte Erzherzog Lud⸗ wig ſeufzend, ich ließ Sie zum Familienrath einladen, und Sie ſehen wohl, daß die kaiſerliche Familie bis jetzt nur durch mich vertreten iſt. Ah, der Herr Erzherzog Franz Carl wird alſo heute auch kommen? fragte Metternich, oder— Eben öffnete ſich eine Seitenthür und in derſelben erſchien die hohe, ſtolze Geſtalt der Erzherzogin So⸗ do⸗ den kön⸗ en. 1, zuver⸗ nferenzen den Erz⸗ beiden n, mit 179 phie. Sie blieb einen Moment auf der Schwelle ſtehen, und ihre großen, flammenden Augen richteten ſich mit einem Blick ſtolzer Verachtung auf Metter⸗ nich hin, der eben vor der kaiſerlichen Prinzeſſin ſeine tiefe Verneigung machte. Sophie erwiderte dieſelbe nur mit einem kaum merklichen Kopfnicken und trat dann raſch vorwärts in den Saal hinein. Auf der Schwelle der Thür aber erſchien jetzt eine neue Geſtalt, eine Geſtalt, deren Erſcheinen den Für⸗ ſten Metternich ein wenig ſtutzen machte, und eine leichte Wolke auf ſeiner Stirn hervorrief. Es war ein ſchlanker, nicht großer, aber kräftiger und wohl⸗ gebauter Mann, welcher ſich da auf der Schwelle der Thür zeigte. Das Antlitz hatte nicht mehr ſeine jugendliche Friſche früherer Tage, die Jahre waren nicht ſpurlos an ihm vorübergegangen, ſondern ſie hatten auf der hohen gedankenvollen Stirn manche Linien und Furchen gezogen, ſie hatten das Haar ſei⸗ nes Hauptes gebleicht und ſeinen Rücken ein wenig gebeugt, aber in ſeinen großen, blauen Augen leuchtete und ſtrahlte das Feuer ſeiner innerlichen Jugend und ſein Mund hatte noch immer ſein heiteres, ſanftes Lächeln bewahrt. Er war nicht mehr jung, aber er war ein jugendlicher Greis, der Erzherzog Johann, 12* 180 der jetzt in den Conferenzſaal eintrat, und mit einem Ausdruck von Bonhomie und Freundlichkeit ſeinen Bruder, den Erzherzog Ludwig und den Grafen Kol⸗ lowrat begrüßte, während er für Metternich gar kei⸗ nen Blick, auch nicht das leiſeſte Kopfneigen hatte. Die Anweſenheit des Erzherzogs Johann, die völ⸗ lige Nichtachtung ſeiner Perſon von Seiten des Erz⸗ herzogs und der Erzherzogin Sophie belehrten den Fürſten ſofort von einer Gefahr, die ihn bedrohte, und gegen die er ſich zu wappnen und auf ſeiner Huth zu ſein habe. Sie wollen mich ſtürzen, dachte Metternich. Die Erzherzogin hat ſich zu dieſem Zwecke meinen ärgſten Widerſacher zu ihrem Beiſtand herbeigerufen, und daß er gekommen iſt, beweiſt, daß er vermeint, der rechte Zeitpunkt ſei jetzt herbeigekommen, und er werde jetzt über mich triumphiren können. Nun, wir werden ja ſehen! Und der Fürſt bewaffnete ſein Angeſicht mit dem heiterſten Lächeln und dem Ausdruck vollkommener Unbefangenheit, während er ruhig und gelaſſen zu ſeinem Sitz nach dem großen, grünen Tiſch hinſchritt, um welchen auf einen Wink der Herzogin Sophie die Anweſenden jetzt ihre Plätze einnahmen. nit einem it ſeinen afen Kol⸗ gar kei⸗ hatte. die völ⸗ drohte, 181 Wird der Erzherzog Franz Carl nicht Theil neh⸗ men an unſerm Familienrath? fragte Erzherzog Lud⸗ wig die Erzherzogin. Er wird ſpäter kommen, denke ich, erwiderte So⸗ phie, für den Augenblick iſt er verhindert, denn er wohnt einer Sitzung des Gewerbevereins bei, zu welcher er von den Vorſtehern deſſelben eine Einladung erhalten hatte. Und indem ſie das ſagte, heftete der flammende Blick der Erzherzogin ſich wieder einen Moment mit herausforderndem Ausdruck auf das Angeſicht des Fürſten. Allerdings, daß der kaiſerliche Erzherzog Franz Carl einer Sitzung des Gewerbevereins bei⸗ wohnte, war eine Begebenheit von ſo ungewöhnlicher Art, daß es verzeihlich geweſen wäre, wenn Metter⸗ nich ſein Erſtaunen und ſeine Verwunderung über dieſe, der ſonſtigen, ſtrengen Etiquette ſo ſehr wider⸗ ſprechende Thatſache nicht zurückgehalten hätte. Aber das feine, roſige Antlitz des Fürſten zeigte nichts von Erſtaunen oder Verwunderung, und das ruhige, faſt wohlwollende Lächeln verſchwand nicht einen Moment von ſeinen feinen, roſigen Lippen. Ich habe meinen Gemahl ſelber bewogen, de Sitzung beizuwohnen, fuhr die Erzherzogin fort, denn 182 es iſt nothwendig, daß die kaiſerlichen Erzherzöge ſich beliebt zu machen, und ein wenig von der Popularität wieder zu gewinnen ſuchen, die ihnen durch viele un⸗ geeignete und gehäſſige Maßregeln leider ſeit langer Zeit ſyſtematiſch entzogen worden iſt. Es erſcheint mir daher auch als ein ſehr glücklicher Umſtand, daß unſer verehrter Oheim, der Herr Erzherzog Johann, gerade jetzt hierher gekommen iſt nach Wien. Er iſt der populairſte und beliebteſte von allen Erzherzögen, und daher am Meiſten geeignet, eine Verſtändigung zwiſchen dem Volk und uns herbei zu führen. Ah, Ew. kaiſerliche Hoheit wollen mir ſchmeicheln, V rief Johann mit ſeiner immer noch friſchen und ju⸗ gendlichen Stimme. Ew. kaiſerliche Hoheit ſind allzu gnädig gegen einen armen, unwiſſenden Bauersmann, der in ſeinen Bergen leider ganz und gar die hof⸗ männiſchen Formen und die feine Sprache der Sa— lons verlernt hat. Ich weiß wohl wie die Finken ſchlagen, und verſtehe es als Waidmann, dem ſehn— ſüchtigen Ruf des Hirſchen betrügeriſch genug zu ant⸗ worten, aber ich bin unfähig, auf ſo ſchmeichleriſche Worte von ſchönen Frauenlippen eine angemeſſene Er⸗ widerung zu geben. Meine ſchöne und hochherzige Frau Nichte möge mich deshalb entſchuldigen. Was zöge ſich pularität iele un⸗ t langer erſcheint nd, daß — Fohann, * 183 aber meine Hieherkunft nach Wien betrifft, ſo kann ich betheuern, daß es nicht in der eitlen Abſicht ge⸗ ſchah, hier nach Popularität zu haſchen, und mir einige Ovationen zu verſchaffen, die man freilich als Demon⸗ ſtrationen gern bereit wäre mir darzubringen. Nein, ich bin längſt hinaus über dergleichen eitle Gelüſte, und habe, Gott ſei Dank, längſt in der Einſamkeit meiner Berge und Wälder gelernt, daß alle Dinge und alle Ehren dieſer Welt nur vergänglich ſind, und nach kurzer Blüthe bald wie welke Blätter abfallen und vom Winde zerſtreut werden. Nein, ich bin nach Wien gekommen, nicht um für mich Ehre zu ſuchen, ſondern um meinem Kaiſer und meinem Vaterlande zu dienen und zu fragen: ob man hier jetzt vielleicht ein treues öſterreichiſches Herz, einen kalten Kopf und einen tapfern Arm gebrauchen könne? Dieſe Frage allein führt mich hieher, und ich ſtelle ſie jetzt an die Mitglieder dieſes Familienrathes mit ernſter, ehrlicher Seele. Und ich erwidere Ihnen in meinem Namen, im Namen meines Gemahls und meines Sohnes, rief Erzherzogin Sophie, ich erwidere Ihnen, mein theurer Oheim, daß wir Sie freudig willkommen heißen, und daß Sie zu keiner gelegeneren Zeit kommen konnten. * 184 Sie wiſſen es wohl, wir ſind ringsum von Gefahren bedroht, die Revolution mit all ihren Schreckniſſen iſt bereit, über uns hereinzubrechen, und ſie wird den Kaiſerthron, ſie wird uns alle verſchlingen, wenn wir nicht jetzt, in der letzten Stunde, energiſche Mittel er⸗ greifen, um ſie abzuwenden. Es iſt wahr, ſagte Johann ernſt und faſt traurig, ſchwere Gewitterwolken haben ſich um den Kaiſer⸗ thron aufgethürmt, und auf meiner Reiſe hieher habe ich überall nur finſtere Geſichter geſehen, nur das drohende Murmeln einer unzufriedenen Bevölkerung gehört. Und jetzt, Herr Staatskanzler, Fürſt Metter⸗ nich, jetzt wende ich mich an Sie, jetzt frage ich Sie: was wollen Sie thun, um die Stürme abzulenken, welche den Kaiſerſtaat bedrohen, welche Mittel wollen Sie anwenden, um die Ruhe wieder herzuſtellen? Diejenigen, welche der hochſelige Kaiſer Franz ganz gewiß angewendet haben würde, wenn er die ſeltſam verwirrten und confuſen Zeiten erlebt hätte, erwiderte Metternich mit lächelnder Ruhe, indem er ſich an den Erzherzog Ludwig wandte, als ſei dieſer es, welcher ihn gefragt, und dem allein er Antwort zu geben habe. Ew. kaiſerliche Hoheit werden mit mir eingedenk ſein der feierlichen Stunde, in welcher wir Beide in die Gefahren niiſſen iſt vird den venn wir Nittel er⸗ traurig, Kaiſer⸗ her habe nur das völkerung tMetter⸗ ich Sie: erwiderte San den welcher en habe. denk ſein d in die 185 erkaltende Hand des Kaiſers Franz geſchworen haben, ſeinem Sohn als die Stützen ſeines Thrones zur Seite zu ſtehen, ſeine Rathgeber zu ſein, und ihm zu helfen, daß er regiere in dem Geiſt und Sinne ſeines kaiſer⸗ lichen Vaters, das heißt, daß er das Syſtem ſeines kaiſerlichen Vaters niemals verlaſſe, ſondern feſt halte an den Inſtitutionen und Formen der ſtrengen, abſo⸗ luten Monarchie, in welcher der Kaiſer Franz allein das Heil der Fürſten und der Völker erkannte. Ja, ich bin dieſer Stunde eingedenk geweſen im⸗ merdar, ſagte der Erzherzog Ludwig feierlich, und ich darf ſagen, ſie hat all mein Denken und Handeln be⸗ ſtimmt. Ich darf daſſelbe von mir ſagen, bemerkte der Fürſt mit faſt ſtolzer Würde. Ich habe fortgefahren die Staatsmaſchine zu regieren im Namen des hoch⸗ ſeligen Kaiſers, meines Herrn, dem ich Treue gelobt habe, und die ich ihm halten werde bis zu meinem Tode. Das heißt, rief Johann lächelnd, der Herr Fürſt verſteht ſich ganz außerordentlich auf die Kunſt der Diplomatie, und er will ſich jetzt diplomatiſch hinter dem Bilde des hochſeligen Kaiſers verſchanzen gegen die Angriffe, die wir etwa gegen ihn machen könnten. 186 Ich bin weder ein Feigling, noch ein Verbrecher, daß ich nöthig hätte, mich in eine Kirche zu flüchten, oder hinter einem Heiligenbilde mich zu verbergen, ſagte Metternich gelaſſen. Mein ganzes Leben iſt ein fortgeſetzter Kampf geweſen, ein Kampf einerſeits gegen die unſinnigen Anforderungen des Liberalismus, an⸗ dererſeits gegen die ebenſo übertriebenen und unüber⸗ legten Anforderungen der äußerſten Abſolutiſten. Ich habe beiden Parteien immer die Stirn geboten, und ich werde fortfahren dies zu thun mit ruhigem Ge⸗ wiſſen und in der vollen Ueberzeugung meiner Pflicht⸗ erfüllung. Aber Ew. Durchlaucht ſehen alſo nicht, was Sie indeſſen aus Oeſterreich gemacht haben? fragte Johann ſtrenge, Sie hören nicht, wie dies einſt ſo heitere, glückliche Volk jetzt verwandelt iſt, und ſtatt der Scherzworte nur noch Worte der Verwünſchung und des Zorns hat? Sie begreifen alſo nicht, daß wir auf einem Krater ſtehen, und daß Sie es ſind, welcher denſelben unter unſern Füßen geöffnet hat? Ich bin mir dieſes Verbrechens durchaus nicht be⸗ wußt, ſagte Metternich ruhig, und ich geſtehe, daß ich nicht wohl einſehe, mit welchem Rechte man mich verantwortlich machen will für dieſes Delirium der erbrecher, flüchten, verbergen, en iſt ein its gegen 5, an⸗ unüber⸗ ten. Ich ten, und gem Ge⸗ er Pflicht⸗ da ß wir welcher be⸗ nicht D he, daß nan mich ium der 187 Völker, das durch einige liberale Schreier und Quack⸗ ſalber angefacht und genährt ſich wohl einen Mo— ment als eine wichtige und folgenreiche Erſcheinung darſtellt, aber ſchnell genug in ſich ſelber erlöſchen wird, wenn man ernſt und energiſch dieſe Epidemie mit wirkſamen Arzneien heilt. Sie wiſſen nicht, weshalb man Sie verantwortlich machen will für die Gefahren, die uns, die ganz Deutſchland bedrohen? fragte Johann zürnend. Ich will es Ihnen ſagen, Herr Fürſt, ich will Ihnen ſa⸗ gen, was Sie gethan haben, und welcher Sünde, ja, welches Verbrechens Sie ſich ſchuldig gemacht. Sie haben das öſterreichiſche Volk verdummen, Sie haben ihm die geiſtige Nahrung entziehen, Sie haben es gewalt⸗ ſam hemmen und zurückhalten wollen auf dem Wege des Fortſchritts und der Erkenntniß, den das öſter⸗ reichiſche Volk ebenſo gut berechtigt war zu wandeln, wie alle andern Völker. Aber während ſeit Jahren von allen Lippen und aus allen Herzen das große, das erhabene Wort:„Fortſchritt“ ertönte, ſprach Ihr Mund allein das Wort:„Rückſchritt“, und zum Unglück Oeſterreichs hatten Sie die Macht in Händen, Ihr Wort in Oeſterreich zum Geſetz zu er⸗ heben. Es lag in Ihrer Hand, die verſchiedenen 188 Völkerſtämme Oeſterreichs zu einigen zu Einem Volke, zu Einem Stamme, durch die gemeinſame Liebe zu ihrem Herrſcher, durch das gemeinſame Glück, das ſie unter dem Schatten ſeines Thrones finden konnten. Sie hätten dazu nur nöthig gehabt, Jedem der ein⸗ zelnen Stämme ſein Recht widerfahren zu laſſen, ihnen nicht ihre politiſchen Inſtitutionen, die ihnen von ihren Herrſchern feierlich verbrieft und verſiegelt waren, zu entziehen, ihre materiellen Intereſſen zu fördern und zu ſchützen, ihnen das ſtolze Gefühl der Kraft, des geiſtigen Gedeihens zu geben. Sie aber haben von allem Dieſen gerade das Gegentheil gethan. Ihre Regierungskunſt beſtand darin, daß Sie die ein⸗ zelnen Provinzen Oeſterreichs in Schach gegen ein⸗ ander zu halten ſuchten, daß Sie die Eiferſucht der einzelnen Stämme gegen einander immer wach er⸗ hielten, daß Sie die Einheit des Staats durch alle Ihnen zu Gebote ſtehenden Mittel verhinderten, weil Sie glaubten, dieſes Theilen und Spalten der Völker ſichere der Regierung die Gewalt und mache dieſe ſtark, indem es die Völker ſchwäche. Sie wollten eine Race immer durch die andere zügeln, und darum mußten Sie Alle zurückhalten, mußten Sie nicht bloß ihnen ihre politiſchen Rechte vorenthalten, ſondern tem Volke, Liebe zu ck, das ſie m konnten. 189 auch ſie in materieller Hinſicht verkümmern laſſen. Statt Sich zu bemühen, die öſterreichiſchen Provinzen zu ſammeln unter dem Scepter des deutſchen Herr⸗ ſchers, und ſie zu gewöhnen an den Gedanken, daß ſie zu Deutſchland gehörten, ſtatt deſſen haben Sie ihnen Haß und Widerwillen eingeflößt gegen dieſes Deutſchland, das, in ſich zerfallen und politiſch ge⸗ knechtet, dennoch es wagt, fremde Nationalitäten un⸗ terdrücken und in den Staub treten zu wollen. Sie ſind es, welcher dadurch die Nationalitätsbeſtrebungen der einzelnen Stämme förderte, welcher die Spal⸗ tungen derſelben begünſtigte, welcher Unfrieden ſäete, ohne zu bedenken, daß er dafür einſt Sturm erndten werde. Sie wollten nur Ruhe und Frieden um jeden Preis, Sie hielten deshalb mit Gewalt jede Bewegung, auch jede geiſtige, nieder, und Sie bedachten nicht, daß die Bewegung der Lebensnerv der Völker iſt und daß ſie ſterben und in ſich zerfallen, wenn man ihnen denſelben verkümmert. Eine Politik des faulen Friedens und der furchtſamen Schwäche muß ent⸗ weder die Völker zerrütten, oder ſie zum Widerſtand, zum edlen Zorn aufreizen. Um nicht unwürdige Sclaven zu ſein, müſſen ſie Rebellen werden, müſſen mit Gewalt die Ketten zerreißen, mit denen man 190 ihnen nicht bloß die Hände, ſondern auch den Geiſt einſchnüren wollte. Und zu dieſen geiſtigen Leiden des Volkes kam in Oeſterreich in den letzten Jahren auch noch das materielle Leiden hinzu. Oeſterreich, das einſt ſo blühende, reiche Oeſterreich, iſt verarmt. Immer erneuerte Staatsanleihen haben unſeren Credit untergraben, das baare Geld verſchwindet immer mehr, und dagegen haben wir als Erſatz Millionen und abermals Millionen, deren Zahlen auf dem Papier ge⸗ druckt ſind, aber deren nomineller Werth ſich ſchwer⸗ lich in den kaiſerlichen Staatskaſſen auftreiben ließe. Dem Volke iſt aber mit dem Verſchwinden des baa⸗ ren Geldes eine neue Krankheit eingeimpft worden, die Krankheit des Actienſchwindels, des Börſen⸗ ſpiels, die ſchlimmſte und gefährlichſte Krankheit, weil ſie die Völker demoraliſirt, ihnen das Ringen nach abenteuerlichem Gewinn und durch Zufall, Glück und Speculation erworbenem Reichthum als die nächſte Aufgabe ihres Lebens erſcheinen, und ſie die mühſame Arbeit und den redlichen Fleiß verachten und ver⸗ ſpotten läßt. Die troſtloſen Scenen, der moraliſche Scandal, den wir vor zehn Jahren mit den Wien⸗ Raaber Actien erlebten, iſt ein trauriges Beiſpiel da⸗ von. Man ſah damals in wahnſinniger Haſt gerade 191 8 4 den Geiſt die Bürger und Handwerker, den Kern des Volkes, en Leiden ihr Geld nach dem Schwarzbergiſchen Palais zum en Jahren Banquier Sina tragen, um in dieſem Actienſchwindel deſterreich, ihr Glück zu verſuchen, und mit einigen tauſend Gul⸗ verarmt. den ſich vielleicht zu Millionairen zu machen. Sie n Credit kennen Alle die traurigen Ergebniſſe jener Tage des ner mehr, wahnſinnigen Actienſpiels, wie imaginaire Millionen und heute Reichthum gewährten, der aber morgen mit den ge⸗ Millionen in Seifenblaſen zerplatzte. Die allgemeine Verarmung des Bürgers und Handwerkers war die h ſchwer n ließe Folge jener unſeligen Actienſchwindeleien, von denen des baa⸗ nur die großen Capitaliſten und Börſenmänner Vor⸗ vorden, theil zogen. Und neben dieſem Actienſchwindel wurde garſen⸗ Anleihe auf Anleihe auf's Neue contrahirt, was die boll Finanznoth natürlich nur immer mehr ſteigerte, un⸗ nach ſern Credit erſchöpfte, ſo daß jetzt, wie wir Alle ück und wiſſen, gar keine Anleihe mehr zu Stande kommen rächſte konnte, weil Niemand mehr Vertrauen zu unſerer ehane Finanzwirthſchaft haben wollte und ſehr gut wußte, 8 her daß jede neue Anleihe, ſtatt gemeinſamen Zwecken zu nelliche dienen, und auf ſichere Weiſe angelegt zu werden, nur n Wim⸗ dazu beſtimmt war, die Armeen zu beſolden, welche nicht bloß im Kaiſerſtaate ſelbſt, ſondern auch aus⸗ wärts die Freiheit und Selbſtſtändigkeit der Völker [da⸗ ſt g erade 192 unterdrücken und unmöglich machen ſollten. Unſere Staatsſchulden haben ſich auf das Ungeheuerſte ge⸗ ſteigert, und um nur die Zinſen derſelben zu decken, hat die Steuerkraft des Landes auf eine unnatürliche und gerade die unteren Claſſen der Bevölkerung am ſchwerſten bedrückende Weiſe ausgebeutet werden müſſen. Dennoch aber beträgt das Deficit des vorigen Jahres über funfzig Millionen Gulden und wird ſich folgerichtig in dieſem Jahr noch um ein Be⸗ deutendes ſteigern. Das, Herr Fürſt, iſt das Re⸗ ſultat Ihrer Regierung geweſen, ich faſſe es zuſam⸗ men in den Worten: Verarmung, Verdummung des Volkes, gerechte Empörung aller Gebildeten und Ein⸗ ſichtigen, Empörung, die zur Revolution führen muß, wenn nicht jetzt in der letzten Stunde noch wirkſame Mittel zur Abwendung derſelben angewendet werden. Das iſt es, Herr Fürſt von Metternich, was ich Ihnen zu ſagen hatte, und um deſſentwillen ich den Frieden und die Stille meiner Berge verlaſſen habe, und hieher gekommen bin nach Wien. Ew. kaiſerliche Hoheit kamen alſo hieher, um mich anzuklagen, ſagte Metternich gelaſſen, und ich muß geſtehen, daß die Anklage ſehr energiſcher und ent⸗ ſchiedener Art geweſen iſt. Ich könnte vielleicht darauf ten. Unſere beuerſte ge⸗ n zu decken, unnatürliche lkerung am tet werden des vorigen und wird nein Be⸗ ſt das Re⸗ es zuſam⸗ mmung des und Ein⸗ ibren muß, h wirkſame det werden. was ich en ich den ſſen habe, „um mich Hich muß ent⸗ un unb icht darauf 193 erwidern, daß es nicht ganz gerechtfertigt erſcheint, meine Perſon allein verantwortlich machen zu wollen für Alles, was ſeit dem Tode des Kaiſers Franz von Seiten der Regierung in Oeſterreich geſchehen iſt. Ich könnte ſagen, daß ich es nicht allein geweſen, welcher dem Kaiſer Ferdinand zur Seite geſtanden, ſondern daß die Staatsmaſchine gelenkt ward durch die Staatsconferenzen, an denen als gleichberechtigt der Herr Erzherzog Ludwig und der Herr Graf Kolowrat Theil nahmen, ich könnte anführen, daß ich es war, der vor einem Jahr in der Staatsconferenz Vorſchläge machte zur Erweiterung der conſtitutio⸗ nellen Rechte der Provinzen, daß dieſe aber abgelehnt worden.*) Aber ich begebe mich des Rechtes mich zu entſchuldigen oder vor der Anklage, die gegen mich allein gerichtet iſt, mich hinter die ⸗Staatsconferenzen zurückzuziehen. Man hat micheinmal als den Träger und Leiter des jetzigen Syſtems anſehen wollen, und ich nehme dies als eine Ehre hin, die vielleicht nicht ganz verdient, aber voll Dankbaxkeit von mir acceptirt wird. Indeß müſſen Ew. mdin Durchlaucht mich entſchuldigen, wenn ich auf alle Ihre Anklagen nicht *) Siehe: Schmidt, Zeitgenöſſiſche Geſchichten. S. 740. L. Mühlbach, Erzherzog Johann. 4. Abth. II. 13 194 genau und präciſirt antworten kann. Ew. Durchlaucht haben eben den Vortheil vor mir voraus, daß Sie Ihren vortrefflichen und glänzenden Vortrag vorbe— reiten und überlegen, die Waffen, mit denen Sie mich angreifen wollten, ſchärfen und ihnen eine zweiſchnei⸗ dige Spitze geben konnten, während ich unvorbereitet bin und keine andern Waffen der Vertheidigung habe, als mein Gewiſſen und die Ueberzeugung, das Rechte und Zweckdienliche erſtrebt und gewollt zu haben. Ew. kaiſerliche Durchlaucht haben mir zu viele ver⸗ ſchiedenartige Vorwürfe gemacht, als daß ich im De⸗ tail auf jeden derſelben eingehen könnte, ich muß mich daher begnügen, nur auf das zu erwidern, was mir beſonders hervorragend davon im Gedächtniß geblieben. Ew. Durchlaucht haben mich beſchuldigt, daß ich Oeſterreich nicht ſeine richtige Stellung zu Deutſch⸗ land gegeben habe, daß ich es verſäumt, die auslän⸗ diſchen Provinzen mit an Deutſchland heranzuziehen, und ſie zu germaniſiren. Ich glaube, daß dies ein ſt kein eigentlich deutſcher Staat, ſondern ein vorherrſchend erfolgloſer Verſuch geweſen wäre. Oeſterreich magyariſch-ſlaviſcher Staat, deſſen deutſche Beſtand⸗ theile wieder durch die italieniſchen faſt ganz im Schach gehalten worden. Dieſer ſlaviſch⸗ungariſch⸗italieniſche Durchlaucht 8, daß Sie trag vorbe⸗ n Sie mich zweiſchnei⸗ nvorbereitet gung habe, das Rechte zu haben. tviele ver⸗ ich im De⸗ hmuß mich , was mir geblieben. daß ich Deutſch⸗ die auslän⸗ unzuziehen, 195 Staatencomplex, wo jede der ihm incorporirten Na— tionalitäten die Berückſichtigung ihrer Sonderintereſſen fordert, iſt durch keine Sympathie der Sprache, Reli⸗ gion oder Sitte mit Deutſchland verbunden, ja ſelbſt die deutſch redenden Völker Oeſterreichs haben keine Verbindung mit dem übrigen Deutſchland und be⸗ trachten ſich nicht als demſelben zugehörig, ſondern ſprechen von dieſem übrigen Deutſchland als von dem Ausland, und es wäre daher thörigt geweſen, ſie mit Gewalt zum Deutſchthum zwingen zu wollen. Kaiſer Joſeph der Zweite verfolgte den Plan, Deutſchland mit Oeſterreich auf immer zu verbinden, aber er ſchei⸗ terte, ja er bewirkte ſogar das Gegentheil Deſſen, was er anſtrebte, nämlich er weckte das Nationalge⸗ fühl der verſchiedenen Nationalitäten aus ſeiner hun⸗ dertjährigen Betäubung.*) Ew. kaiſerliche Durch⸗ laucht machen es mir ferner zum Vorwurf, daß ich die Sonderintereſſen der einzelnen Nationalitäten be⸗ günſtigt habe, um, wie Sie ſagen, jede Provinz im Schach zu halten gegen die andere. Dies war in⸗ *) Fürſt Metternich's eigene Worte. Siehe: Auszüge aus den geheimen Papieren des Fürſten Metternich, mitgetheilt von ſeinem Privatſecretair E... L...., herausgegeben von Dr. E. Meinhart. S. 4. 13* 196 deſſen niemals meine Abſicht, aber ich hatte keinen Grund den Nationalitäten Hemmniſſe ihrer Ent⸗ wickelung in den Weg zu legen, und das Germaniſiren derſelben ſchien mir gefährlich, weil der in Deutſch⸗ land immer mehr um ſich greifende Geiſt des Libe⸗ ralismus und der ſogenannten Freiheit durch die allzu nahe und vielfache Berührung mit den ausländiſchen Provinzen Oeſterreichs leicht eine Anſteckung zur Folge haben könnte. Deshalb auch mußte ich vor allen Dingen darauf bedacht ſein, die deutſche Preſſe einer ſtrengern Cenſur zu unterwerfen, als die der andern Kronländer. Eine literariſche Verbindung mit dem conſtitutionellen Deutſchland mußte verhindert werden, weil in einem abſolut monarchiſchen Staate der Glaube des Volkes an die Untrüglichkeit und Unverletzlichkeit der Regie⸗ rung die conditio sine qua non ihres Fortbeſtehens iſt. Die freie Preſſe gefährdet das Princip der abſo⸗ luten Souverainität nicht nur, ſondern ſie hebt ſie factiſch geradezu auf. Sie iſt das nimmer ſchlum⸗ mernde Argusauge des Volkes, und haftet mit eifer⸗ ſüchtiger Wachſamkeit an dem Throne, deſſen Stufen dann aufgehört haben, der Opferaltar jenes frommen Cultus der Loyalität zu ſein, auf den die Nationen einſt die Gaben eines einfältigen Gemüthes niederge⸗ tte keinen rer Ent⸗ maniſiren Deutſch⸗ des Libe⸗ die allzu ländiſchen zur Folge n Dingen ſtrengern ronländer tutionellen in einem 3 Volkes er Regie⸗ tbeſtehens der abſo⸗ hebt ſie r ſchlum⸗ mit eifer⸗ Stufen „ 1' frommen Nationen niederge⸗ legt haben.“) Das monarchiſche Princip iſt das Ein⸗ zige, welches den Fürſten wie den Völkern zum Heil und zum dauernden Glücke gereichen kann. Dies iſt die Ueberzeugung meines Lebens, wie es auch die des Kaiſers Franz war, und nach dieſer Ueberzeugung habe ich die Staatsmaſchine, inſoweit ſie meinen Händen anvertraut war, regiert und gelenkt.— Ew. kaiſerliche Durchlaucht haben ferner von unſern Finanzen ge⸗ ſprochen und auch an dieſe Ihre Beſchuldigungen gegen mich geheftet. Es iſt wahr, Oeſterreich's ver⸗ wundbarſte Stelle iſt ſeine Papiernoth. Aber dieſe iſt nicht durch mich, ſondern durch die Napoleoniſchen Kriege herbeigeführt, und ich darf ſagen, daß wir die⸗ ſelben zum Vortheil der Staatsangehörigen gewandt haben. Denn durch ein künſtliches Finanzſyſtem hat Oeſterreich die reichen Speculanten vieler Länder an ſich gezogen und von ſich abhängig gemacht. Alle dieſe Menſchen können jetzt unmöglich Oeſterreichs Fall wünſchen. Sie müſſen vielmehr ihres eigenen Intereſſes wegen Alles, was in ihren Kräften ſteht, dazu beitragen, Oeſterreichs Macht und Einfluß *) Metternich's eigene Worte. Siehe: Auszüge aus den ge⸗ heimen Papieren des Fürſten Metternich ꝛc. S. 8—10. 198 ſteigen zu machen. Und ſo muß ich denn nach mei⸗ ner vollen Ueberzeugung bekennen, daß ich der Zukunft vertrauensvoll entgegen ſehe. Freilich mag es den Wühlern und der ſehr geſchäftigen Umſturzpartei ge⸗ lingen, in den ausländiſchen Provinzen Oeſterreichs Unruhe und Aufſtände zu erregen, und die krankhaften Zuckungen der Revolution, welche in den Nachbar⸗ ſtaaten raſt, auch in ihre Glieder zu übertragen, aber wir werden dieſen Uebelſtänden abhelfen, und dieſe Krankheit zu heilen wiſſen. Wir haben die Mittel dazu in Händen, denn es ſteht zu unſerm Glück nicht ſo ſchlimm mit uns, wie Se. kaiſerliche Durchlaucht, der Herr Erzherzog Johann, anzunehmen geneigt iſt, und wenn der Herr Erzherzog meint, unſer Credit ſei ſo ſehr erſchöpft, daß wir keine Anleihe mehr zu Stande bringen könnten, ſo beweiſt das eben, daß der Herr Erzherzog der Regierung zu fern geſtanden hat, um einen klaren Ueberblick über dieſelbe zu haben. Ich kann Sr. kaiſerlichen Durchlaucht die freudige Nachricht mittheilen, daß es uns durchaus keine Schwierigkeiten gemacht hat, die Gelder, deren wir benöthigt ſind aufzutreiben, und daß der Kaiſer von Rußland mit uns ſo eben eine Anleihe von einhundert und zwanzig Millionen Zwanzigern abgeſchloſſen hat. nach mei⸗ er Zukunft partei ge⸗ deſterreichs rankhaften Hlück nicht urchlaucht, geſtanden zu haben. freudige us keine eren wir giſer von inhundert ſſon hat. 199 Mit dieſen Millionen unſeres ruſſiſchen Verbündeten wird es uns wohl gelingen, die Revolutionskrankheit in den auswärtigen Kronländern niederzuſchlagen, wenn ſie überhaupt zum Ausbruch kommen ſollte. Im Ganzen und Großen muß ich aber bekennen, daß ich für die kaiſerlichen Erbländer keine bedeutenden Stürme befürchte, weil eben die verſchiedenen Nationalitäten ſich einander in Schach halten. Die Staatsmaſchine ging bisher ihren einfachen, ſichern Gang fort, und dreißig Millionen Menſchen wurden bisher von der Wiener Staatskanzlei aus nach ihren verſchiedenen Verfaſſungen ſo ruhig regiert, daß nirgends Rei⸗ bungen und Stockungen vorkamen. Das Gute ge⸗ ſchah ſo prunklos, daß viele nützliche Einrichtungen dem Auslande vielleicht nicht einmal bekannt geworden ſind, und was die ſogenannte conſtitutionelle Wirth⸗ ſchaft anbetrifft, die in andern deutſchen Ländern ein⸗ geführt worden, ſo glaube ich nicht, daß die öſter⸗ reichiſchen Völker darnach Verlangen tragen, denn das Vertrauen unſerer Völker macht die Finanzbudgets und die öffentlichen Rathsverſammlungen entbehrlich.*) *) Fürſt Metternich's eigene Worte. Siehe: Auszüge aus den geheimen Papieren ꝛc. S. 70 200 Ew. Durchlaucht ſagen das aus Ueberzeugung? fragte Erzherzog Johann erſtaunt. Ich ſage das aus voller' innerer Ueberzeugung. Ich glaube nicht, daß wir irgend ernſte Conflicte zu befürchten haben. In Italien, in Ungarn vielleicht werden einige Aufſtände ausbrechen, wir werden ſie aber niederſchlagen, und die Energie und Kraft, mit der wir das thun, wird den andern Völkern imponi⸗ ren, und ihnen die Lehre geben, daß es beſſer für ſie ſei, ſich in Gehorſam und Unterwürfigkeit zu fügen, als ſich aufzulehnen gegen unſern mächtigen und ſtarken Arm. Ew. Durchlaucht ſehen alſo nicht, was um Sie her vorgeht? rief Johann. Sie wollen Ihr Ohr ab⸗ ſichtlich den dringenden Mahnungen verſchließen? Sie wollen es nicht hören, daß die Empörung mit drohen⸗ dem Wellenſchlag immer näher heranfluthet zu dem Thron des Kaiſers, daß die Revolution, von der Sie glauben, ſie habe nur in Italien und Ungarn einige Anhaltspunkte, in allen öſterreichiſchen Provinzen ge⸗ zündet, daß ſie hier in Wien ihren Hauptſitz hat, und bereit iſt, in jeder Minute in hellen Flammen aufzu⸗ ſchlagen, wenn nicht ſchnell und entſchloſſen die ge⸗ eigneten und zweckdienlichen Mittel angewendet wer⸗ den, um dieſen Ausbruch zu verhüten? rzeugung? erzeugung. unfliete zu vielleicht verden ſi raft, mit imponi⸗ er für ſie fügen, als arken Arm. um Sie Ohr ab⸗ zen? Sie t drohen⸗ zu dem der Sie ern einige inzen ge⸗ hat, und n aufzu⸗ die ge⸗ det wel⸗ 201 Und welches ſind die Mittel, welche Ew. kaiſerliche Durchlaucht für geeignet und zweckdienlich erachten? Reformen, Herr Fürſt, Reformen. Man muß den dringenden Mahnungen der Völker endlich nachgeben, und ihren gerechten Anforderungen ſich fügen. Man muß den Völkern die Freiheit und Selbſtſtän⸗ digkeit gewähren, welche ſie ſo dringend begehren, rief die Erzherzogin Sophie mit leidenſchaftlichem Ungeſtüm. Die Stützen, auf welchen der Kaiſerthron bis jetzt geruht, ſind morſch und ſchwankend geworden, und nicht mehr im Stande ihn aufrecht zu erhalten in den Stürmen, die heranbrauſen. Es muß eine Aenderung im Syſtem der Regierung eintreten. Die abſolute Monarchie muß ſich beugen unter das Scepter des Zeitgeiſtes und ihm bereitwillig und zuvorkommend ihre Conceſſionen machen, wenn ſie nicht von dem⸗ ſelben vernichtet und aller und jeder Exiſtenz beraubt werden ſoll. Heute liegt es noch vielleicht in unſerer Hand, der Monarchie einen Theil ihres Anſehens und ihrer Macht zu retten, und als ein Gnadengeſchenk zu gewähren, was man uns morgen als eine Noth— wendigkeit abringen möchte, indem man zugleich die Monarchie beſchimpft und ſie ihrer Würde und ihrer Macht für immer entkleidet. Als die Gemahlin des 202 präſumtiven Thronerben, als die Mutter des einſtigen Kaiſers habe ich wohl ein Recht, hier meine Stimme zu erheben, und ich thue es, indem ich Ihnen zurufe: geben Sie dem Volke, was es begehrt, geben Sie ihm eine Verfaſſung. Denn wenn Sie dieſelbe heute nicht geben, wird das Volk ſich morgen eine Conſti⸗ tution nehmen. Ich ſtimme der Anſicht der Frau Erzherzogin bei, rief Erzherzog Johann, indem er tief vor ihr ſein Haupt neigte. Auch ich thue das, ſagte Graf Kollowrat feierlich. Auch ich bin der Meinung, daß es nur dies Eine Mittel giebt, um die drohenden Gefahren von dem Kaiſerthron abzuwenden, nur dies Mittel: den Un⸗ willen und Zorn der Völker zu beſchwichtigen, indem man eine freiere Regierungsform einführt und das bisher beſtehende Syſtem der Regierung vollſtändig ändert. Aber ich wüßte nicht, daß die Völker nur irgend⸗ wie ſo weit ausgedehnte Conceſſionen gefordert hätten, ſagte Metternich mit einem harmloſen Lächeln. Es haben, ſo viel ich weiß, noch nirgends derartige De⸗ monſtrationen ſtattgefunden, oder wenigſtens ſind ſie auf keinem Wege, weder durch die Oeffentlichkeit, noch s einſtigen te Stimme en zurufe. geben Sie ſelbe heute ne Conſti⸗ zogin bei, rihr ſein at feierlich. dies Eine von dem den Un⸗ en, indem und das vollſtändig 203 durch die Preſſe, noch auch durch die Polizei zu meiner Kenntniß gelangt, und— In dieſem Moment ward die kleine Seitenthür, durch welche die Erzherzogin Sophie vorher eingetre⸗ ten war, geöffnet, und der Gemahl derſelben, der Erz⸗ herzog Franz Carl trat in den Conferenzſaal ein. Seine kleine ſchmächtige Geſtalt erſchien heute noch gebeugter, ſein Antlitz noch bleicher und düſterer als ſonſt, und ſeine Stirn, die ſonſt von wenig Gedanken und Sorgen beſchattet zu ſein pflegte, war heute düſter und ſorgenvoll. Nun, mein Gemahl!, rief ihm die Erzherzogin ent⸗ gegen, Sie kommen alſo endlich. Sie haben dieſer ominöſen Sitzung des Gewerbevereins beigewohnt und Sie bringen uns Nachrichten von derſelben? Ja, erwiderte der Erzherzog, indem er ſich ſeuf— zend auf dem Fauteuil neben der Erzherzogin Sophie niederließ, ja, ich habe der Sitzung des Gewerbe⸗ vereins beigewohnt und bringe Ihnen Nachrichten von derſelben. Und ſind dieſe Nachrichten erfreulicher Art? fragte Sophie haſtig. Der Erzherzog zuckte die Achſeln. Ueberzeugen Sie ſich ſelbſt, Frau Erzherzogin, ſagte er, indem er 204 ein großes zuſammengefaltetes Papier aus ſeinem Buſen hervorzog und es ſeiner Gemahlin darreichte. Es ward unter ziemlich ſtürmiſcher Betheiligung wäh⸗ rend meines Beiſeins eine Adreſſe an den Kaiſer von dem Gewerbeverein beſchloſſen. Man fand für gut, dieſelbe ſogleich aufzuſchreiben, und man ſtellte an mich die Forderung, dieſelbe dem Kaiſer zu übergeben, was ich im Drange der Umſtände auch nicht wohl abzu⸗ lehnen vermochte. Die Erzherzogin ſchlug das Papier auseinander, und ihre großen flammenden Augen überflogen es mit haſtiger Neugierde. Aber das iſt ja ein vollſtändiges Mißtrauensvotum, rief die Erzherzogin faſt mit einem Ausdruck von Freude. Man fordert in dieſer Adreſſe ganz rück⸗ ſichtslos und unumwunden, daß eine Aenderung der Regierung eintreten ſolle, daß man das bisherige Syſtem der Bevormundung aufgebe und freie Inſti⸗ tutionen einführe. Man begehrt mit einfachen dürren Worten, daß die Regierung ſich den Ständen und den Bürgern anſchließen und dem Volke geben ſolle, was dem Volke gebührt, ſeine Selbſtſtändigkeit und ſeine Verfaſſung.*) Ah, rief ſie, ſich an Metternich —*) Adolf Schmidt, Zeitgenöſſiſche Geſchichten S. 697. aus ſeinem darreichte. gung wäh⸗ Kaiſer von d für gut, lte an mich geben, was wohl abzu⸗ zuseinander, ogen es mit uensvotum, zdruck von ganz rück⸗ derung der bisherige freie Inſti⸗ hen dürren inden und jakeit und Metternich 205 wendend und ihm die Schrift darreichend, ſehen Sie da, Herr Fürſt. Sie meinten, das Volk begehre keine Verfaſſung, es habe noch nirgends derartige Demon⸗ ſtrationen gemacht. Da haben Sie, was Sie begehr⸗ ten, da haben Sie eine Demonſtration, und wahrlich, ſie wird an Ihr Ohr klingen, wie der erſte Hahnen⸗ ſchrei der Revolution, welche Sie verleugnen wollen, Herr Fürſt. Fürſt Metternich nahm das Papier und überflog deſſen Inhalt mit vollkommen gelaſſener und ruhiger Miene. Es iſt wahr, ſagte er dann lächelnd und achſel⸗ zuckend, es iſt wahr, man macht da ziemlich weit⸗ gehende Forderungen, und wenn das ganze Volk dieſe Adreſſe unterzeichnet hätte, ſo wäre dies allerdings eine Demonſtration, der man vielleicht Zugeſtändniſſe machen müßte,— ich ſage nur: vielleicht! Aber glücklicher Weiſe iſt der Gewerbeverein keineswegs der Ausſchuß des Volks und die anerkannte, geſetzlich feſt⸗ geſetzte Stimme der öffentlichen Meinung, ſondern nur eine Verſammlung von Bürgern und Induſtriel⸗ len, die vielleicht dadurch, daß der Zuſtand anderer revolutionairer Länder die Intereſſen der Induſtrie gefährdet, ſich zu dieſem Angſtſchrei ihres Eigennutzes 206 gedrungen fühlten. Auch glaube ich annehmen zu dürfen, daß man dieſe ſelbſtſüchtige Angſt der Indu⸗ ſtriellen von anderer Seite her auszubeuten verſtanden, und daß ſich viele Elemente in die Verſammlung ein⸗ geſchlichen hatten, welche die ehrlichen Bürger und Handwerker nur benutzen und aus ihnen Werkzeuge ihrer eigenen Zwecke machen wollten. Wühlereien werden jetzt nicht blos von unten auf, ſondern auch von oben herab getrieben, und Menſchen von den heterogenſten politiſchen Anſchauungen verbünden ſich jetzt zu demſelben Zweck: zum Sturz des Beſtehenden, um durch dieſen Sturz ſich ſelber zu erhöhen und ihre Zwecke zu erreichen. Jeder will regieren, und Niemand will regiert werden, das iſt eigentlich, um es kurz zu faſſen, die Pulsader aller dieſer ver⸗ ſchiedenen Bewegungen, und man kann dieſelbe nur dadurch zum Stillſtand bringen, daß man ſie mit ſtarker Hand unterbindet und ſie zur Ruhe zwingt. Ich habe vor einem Jahr hier in dem Conferenzrath, wie ich ſchon vorher bemerkte, den Vorſchlag gemacht, daß wir die ſtändiſchen Rechte des Volks erweitern wollten; damals war es meiner Meinung nach an der Zeit, dies zu thun, damals konnten wir ſolche Rechte gewähren als ein freies Geſchenk unſerer Zuneigung nehmen zu der Indu⸗ verſtanden, mlung ein⸗ ürger und Werkzeuge Lühlereien nern auch on den ünden ſich zeſtehenden, en und ihre en, und gentlich, t ſer ver⸗ rweitern ach an der Rechte zuneigung 207 und unſers Vertrauens, während Alles, was wir jetzt geben könnten, immer nur den Charakter eines Abge⸗ zwungenen, eines von der Nothwendigkeit Gebotenen haben würde. Ich muß daher nach meiner wohler⸗ wogenen und ernſten Meinung bekennen, daß ich jetzt nicht zu Conceſſionen irgend einer Art rathen kann, denn in jeder Conceſſion würde man nur einen Be⸗ weis unſerer Schwäche ſehen. Es handelt ſich aber hier nicht mehr um eine Frage des Stolzes und des Ehrgeizes, rief die Erz⸗ herzogin Sophie, es handelt ſich um unſere Exiſtenz. Es handelt ſich darum, das Aeußerſte zu vermeiden und meinem Sohn den Thron zu erhalten, der ihm gehört, und der ihm entriſſen werden wird, wenn nicht Die⸗ jenigen, durch deren Schuld er gefährdet iſt, endlich ihre jahrelangen Fehler wieder gut machen und ſolche Conceſſionen gewähren, wie ſie der Wunſch und Wille des Volkes begehrt, und die allein die Liebe zu dem Herrſcherhauſe wieder hervorzurufen oder zu befeſtigen im Stande ſind. Ich meinestheils beklage es, daß ich der Meinung der Frau Erzherzogin nicht beizuſtimmen vermag, ſagte Metternich achſelzuckend. Indeß werde ich mich be⸗ ſcheiden, wenn ich mit meiner Anſicht allein ſtehe und 208 von den Mitgliedern des Conferenzrathes überſtimmt werde. Der Herr Graf Kolowrat hat ſchon vorher ſich dahin ausgeſprochen, daß auch er die Nothwen⸗ digkeit eingeſtehe, jetzt den wüthenden Anforderungen der Menge, welche ſich das Volk zu nennen beliebt, nachzugeben und Conceſſionen zu machen an die libe⸗ ralen Schreier. Es bleibt nur noch übrig, daß der Herr Erzherzog Ludwig, das dritte, oder vielmehr das erſte Mitglied des permanenten Conferenzrathes, ſeine Meinung ausſpreche, und dieſe Meinung wird ent⸗ ſcheidend ſein, denn ſie wird dahin, wohin ſie ſich wendet, die Majorität geben und entweder den Grafen Kolowrat oder mich überſtimmen. Ich bitte alſo Ew. Kaiſerliche Durchlaucht, daß Sie gnädigſt Ihre Mei⸗ nung und Geſinnung uns kund thun wollen, und ich erkläre hiermit feierlich, daß ich derſelben mich unter⸗ werfen und ihr gehorſamen will. Ew. Kaiſerliche Hoheit ſind es, welche hier wie im Conferenzrath die Stelle des Kaiſers einnehmen und den erlauchten Herrn vertreten. Es heißt alſo dem Kaiſer ſelber gehorſamen, wenn wir Ihnen gehorſamen und Ihrem Willen uns unterwerfen. Ich zweifle gar nicht, daß der Herr Graf Kolowrat meine Anſicht theilt und mir beiſtimmen wird. überſtimmt hon vorher Nothwen⸗ forderungen nen beliebt, n die libe⸗ „daß der elmehr das athes, ſeine wird ent⸗ hin ſie ſich den Grafen te alſo Ew. Ihre Mei⸗ en, und ich mich unter⸗ Kaiſerlich enzrath die erlauchten iſer ſelber md Ihrem nicht, daß tt und mit 1 209 Graf Kolowrat blickte verlegen und ſchweigend vor ſich nieder. Er begriff ſehr wohl das feine Spiel des Diplomaten, der durch dieſe Wendung ſich ſelber aus der Gefahr ziehen und Alles in die Hände des Erz⸗ herzogs legen wollte, der aber zugleich ihn, den Gra⸗ fen Kolowrat nöthigen wollte, ſich der Entſcheidung des Erzherzogs unterzuordnen und ihr ſich demüthig zu fügen. Nicht wahr, Herr Graf, fragte Metternich, als der Graf immer noch ſchwieg, nicht wahr, auch Sie ſind der Anſicht, daß jeder von uns der Entſcheidung des Herrn Erzherzogs ſich unterordnen und ihr gehor⸗ ſamen muß? Antworten Sie nicht, Graf, rief die Erzherzogin ungeſtüm. Fürſt Metternich ſtellt Ihnen und uns da als geſchickter diplomatiſcher Vogelſteller eine Falle, in die wir uns indeſſen wohl hüten werden hinein zu gehen. Er möchte den Conferenzrath als die höchſte entſcheidende Inſtanz darſtellen und machen, daß es den Anſchein gewinne, als würde hier eben nur eine Sitzung des Conferenzrathes abgehalten, bei welcher wir, der Herr Erzherzog Johann, ſo wie mein Gemahl und ich nur ſtumme und geduldete Zuhörer wären. Der Herr Fürſt iſt aber da in einem ſchlimmen Irr⸗ Mühlbach, Erzherzog Johann. 4. Abth. II 14 210 thum befangen, und es iſt nöthig, ihn daran zu erin⸗ nern, daß es nicht der Conferenzrath iſt, der hier tagt, ſondern daß wir uns im Familienrath befinden, in welchem Jeder von uns gleichberechtigt iſt und eine gleich gewichtige Stimme hat. Nicht als Mitglied oder Vorſitzender des Conferenzrathes, ſondern als Mitglied der kaiſerlichen Familie wird der Herr Erz⸗ herzog Ludwig alſo uns ſeine Meinung über die ge⸗ genwärtige Lage der Dinge abzugeben haben. Und ſie wird dadurch keine Aenderung erfahren, ſagte Erzherzog Ludwig feierlich und ernſt. Ich werde als Mitglied des Familienrathes zu keiner andern An⸗ ſicht mich bekennen, wie als Mitglied des Conferenz⸗ rathes, denn in meinen Ueberzeugungen giebt es keine Wandelungen, und ſie werden dieſelben bleiben, ſo lange ich lebe. Meine Ueberzeugung aber iſt, daß nur die ſtrengſte Aufrechterhaltung des Beſtehenden, das conſequente Feſthalten an dem conſervativen monarchi⸗ ſchen Princip den Kaiſerſtaat von dem Untergange retten und dem Thron die Achtung und Würde er⸗ halten kann, deren er bedarf, um den Völkern zu im⸗ poniren und ſie zum Gehorſam und zur Unterwürfig⸗ keit zu zwingen. Ich weiß wohl, daß ich mit dieſen Anſichten Vielen als ein Ueberbleibſel der Vergangen⸗ — raan zu erin⸗ der hier tagt, befinden, in iſt und eine ls Mitglied ſondern als Herr Erz⸗ uüber die ge⸗ ben. ng erfahren, Ich werde andern An⸗ Conferenz⸗ jebt es keine or ſy bleiben, ſo iſt, daß nur e henden, da en monarchi⸗ Untergange Würde el⸗ kern zu in⸗ nterwürfig⸗ mit dieſen Vergangen⸗ 2 11 heit erſcheine, die ſich überlebt hat und von der jün⸗ geren Generation gering geachtet wird, aber ich werde deshalb nicht von ihnen abweichen, denn die Vergan⸗ genheit, welche ich repräſentire, das iſt die Zeit meines hochſeligen Bruders, des Kaiſers Franz, und Seine Anſichten ſind es, die ich hier vertrete. Ich habe meinem kaiſerlichen Bruder in ſeiner Todesſtunde mein feierliches Wort gegeben, daß ich niemals von ſeinen Grundſätzen abweichen, niemals dem modernen Zeit⸗ geiſt Conceſſionen machen, niemals in eine Abänderung des Beſtehenden willigen werde, und ich muß mein Wort halten, um ſo mehr, da ich aus innerſter Ueber⸗ zeugung den Anſichten des Kaiſers Franz zuſtimme und Zugeſtändniſſe an die Parteien, welchen es jetzt vielleicht gelungen, die Bevölkerung momentan aufzu⸗ regen und ihr allerlei krankhafte politiſche Gelüſte ein⸗ zuflößen, geradezu als ein Verderben, als das ſcham— loſe Bekenntniß erachten müßte, wir fühlten uns zu ſchwach, unſere und die Rechte des Thrones zu ver⸗ theidigen, und müßten uns deshalb zu einem Com⸗ promiß mit den revolutionairen Parteien verſtehen. Niemals aber werde ich dazu meine Einwilligung geben, niemals, ſo lange ich Mitglied des Conferenz⸗ rathes und Stellvertreter des regierenden Kaiſers bin, 14* 212 werde ich irgend einen Erlaß billigen und unterzeich⸗ nen, der dem Thron auch nur ein Titelchen ſeiner Rechte nimmt, dem Volk auch nur einen Schein von Conceſſionen gewährt. Ich danke Eurer Kaiſerlichen Hoheit für dieſes mannhafte und entſchiedene Wort, ſagte Metternich mit faſt zärtlichem Ton, ich danke Ihnen dafür im Namen des regierenden Kaiſers, im Namen der Ord⸗ nung, des Geſetzes und des Rechtes. Auch ich werde niemals abweichen von dieſen Grundſätzen, deren Be⸗ folgung ich in die Hand des Kaiſers Franz gelobt, und ſo lange der Kaiſer Ferdinand mich als ſeinen Staatskanzler und Miniſter neben ſich haben will, werde ich dieſe Grundſätze feſthalten und vertreten, unbeirrt von den Strömungen der Zeit und dem Sturmwind der öffentlichen Meinung. Dieſe Strö⸗ mungen werden ſich bald genug im Sande verlieren, dieſer Sturmwind wird eines Tages ſich ausgeheult haben, und dann wird man mit Erſtaunen und Freude ſehen, daß die Monarchie in unerſchütterlicher Ruhe daſteht wie ein Fels im Meer, ein Hort den Gut⸗ geſinnten, ein Schreckniß den Unruheſtiftern und Meuterern. Sie irren, Herr Fürſt, Sie irren, ſagte Erzherzog 213 d unterzeich⸗ Johann feierlich. Dieſe Strömungen der Zeit werden ſich nicht im Sande verlaufen, dieſer Sturmwind wird nicht in ſich ſelber erſterben, ſondern er wird Bäume entwurzeln, welche man noch für Jahrhun⸗ derte als feſtſtehend erachtete, er wird alles Be⸗ ſtehende umwälzen und Ihr ſo viel gerühmtes und telchen ſeiner Schein von t für dieſes e Metternich en dafür im.. geprieſenes Syſtem wird von ihm in Staub zermür⸗ belt werden. Und Sie werden es ſein, welcher das verſchuldet hat, Herr Fürſt von Metternich, rief die Erzherzogin Sophie, indem ſie mit einer zornigen Geberde ſich von ihrem Fauteuil erhob und drohend ihren Arm gegen den Fürſten ausſtreckte. Sie werden den Unter⸗ gang des Kaiſerthrones herbeiführen, und das wird it und den der Dank dafür ſein, daß Sie ſich auf die Stufen Dieſe Strö⸗ des Thrones ſtellen durften, um von aller Welt ge⸗ ſehen zu werden und als ein großer Mann zu erſchei⸗ h ausgebeult nen. Das wird der Dank dafür ſein, daß Sie Alles, n und Frande was Sie ſind, geworden durch die Gunſt und Gnade rlicher Ruhe der öſterreichiſchen Herrſcher, die Ihnen Rang, Ehre, t den Glt⸗ Reichthum, Titel und Orden gewährten. Sie werden en der Ord⸗ ich ich werde n, deren Be⸗ Franz gelobt, h als ſeinen haben wil, nd vertreten, de verlieren, ſtiftern und den Untergang der öſterreichiſchen Monarchie herbei⸗ führen, und wenn ich mit meinem Sohn flüchtig durch ate Etzherzog die Länder umherirren muß, wie einſt die Herzogin däha 214 von Berry mit ihrem Sohn, dem Herzog von Bor⸗ deaux, ſo werden Sie es ſein, den ich dafür verant⸗ wortlich mache, und von Ihnen werde ich dereinſt vor dem Throne Gottes das Erbe meines Sohnes zurück⸗ fordern, das Sie verſchleudert haben.*) Dies ſei mein letztes Wort hier; ich ſehe, daß jede Verſtändigung unmöglich iſt. Wir müſſen fortan unſere getrennten Wege verfolgen und zuſehen, wie wir damit zu unſerm Ziel gelangen. Kommen Sie, mein Gemahl, laſſen Sie uns zurückkehren in unſere Gemächer, um zu Gott zu beten, daß Er uns ſeinen Schutz und Beiſtand verleihe und Er uns nicht verlaſſen möge in unſerer großen Noth. Denn wahrlich, die Noth iſt groß, da diejenigen, welche dazu berufen ſind, den Kaiſerthron zu ſtützen, ihn mit Gewalt zertrümmern wollen. Kom⸗ men Sie, mein Gemahl, ziehen wir uns zurück. Heben wir den Familienrath auf und überlaſſen wir den Platz dem Conferenzrath. Sie faßte mit ungeſtümer Heftigkeit den Arm *) Der Erzherzogin Sophie eigene Worte. Siehe: Adolf Schmidt, Zeitgenöſſiſche Geſchichten. S. 693. Die ganze Dar⸗ ſtellung dieſes Familienrathes iſt überhaupt hiſtoriſch. Siehe darüber: Geſchichte der Aula. Von A. Silberſtein. S. 24 und folgende. g von Vor⸗ für verant⸗ dereinſt vor nnes zurück⸗ ies ſei mein rſtändigung getrennten zu unſerm nahl, laſſen um zu Gott nd Beiſtand ein unſerer ſt groß, da Kaiſerthron llen. Kom⸗ rück. Heben wir den Nlatz den Arm Ziehe: Adolf le ganze Dar⸗ vriſch. Siehe 5. und 215 ihres Gemahls und zog ihn, der es niemals wagte, dem Willen ſeiner Gemahlin zu widerſtehen oder eine ihr entgegengeſetzte Meinung zu haben, mit ſich fort nach der Thür der Antichambre. VIII. Des Märzen Odus. Eine augenblickliche peinliche Pauſe trat ein, nach⸗ dem die Erzherzogin mit ihrem Gemahl den Confe⸗ renzſaal verlaſſen hatte. Dann erhob ſich der Erz⸗ herzog Johann gleichfalls von ſeinem Fauteuil, und nachdem er ſeinen Bruder, den Erzherzog Ludwig, und den Grafen von Kolowrat mit freundlichem Kopf⸗ neigen begrüßt hatte, näherte er ſich mit feſtem Schritt dem Fürſten Metternich, der ſich von ſeinem Sitz erhob und mit lächelnder Ruhe dem Erzherzog ent⸗ gegenſchauete. Herr Fürſt von Metternich, ſagte er mit feierlichem Ernſt, Herr Fürſt von Metternich, erinnern Sie ſich noch jenes Tages, an welchem ich einſt vor vielen t ein, nach⸗ den Confe⸗ h der Etz⸗ uteuil, und eg Ludwig, ien Koi ſtem Schritt ſinem Sitz berzog ent⸗ tfeierlichem mn Sie ſich vor vielen 217 Jahren mich feierlich und für immer von Ihnen los— ſagte und Ihnen offen und ohne Rückſicht meine Feindſchaft ankündigte? Erinnern Sie ſich, wie ich an jenem Tage Ihnen ſagte, daß unſere Wege für immer geſchieden ſeien, und daß, wenn wir uns den⸗ noch zuweilen begegnen würden, es nur ſein könnte, um einander zu bekämpfen? Ich erinnere mich deſſen, erwiederte Metternich lächelnd. Es war im Jahr 1812, an demſelben Tage, an welchem Oeſterreich ſich mit Frankreich verbündete und ich den Tractat unterzeichnete, durch welchen Oeſterreich ſich verpflichtete, dem Kaiſer der Franzoſen ein Hülfsheer zu ſeinem Feldzug gegen Rußland zu ſtellen. Ew. Kaiſerliche Hoheit ſehen, daß ich ein ſehr gutes Gedächtniß habe für jeden Moment, den ich die Ehre hatte, mit Eurer kaiſerlichen Hoheit zuſam⸗ men zu ſein, denn obwohl ſechsunddreißig Jahre ſeit⸗ dem vergangen ſind, erinnere ich mich noch ganz genau jener Unterredung, welche Eure Kaiſerliche Hoheit mir damals die Gnade hatten zu ge⸗ währen, und in welcher Sie mir eine Million Gul⸗ den von England, in welcher Sie mir mehr als das, in welcher Sie mir Ihre Freundſchaft anbo⸗ ten, wenn ich Frankreich den Krieg erklären und 218 mich mit ſeinen Feinden gegen Napoleon verbünden wollte.*) Sie lehnten damals Beides ab, ſowohl die eng— liſche Million, als auch meine Freundſchaft. Weil ich nicht anders konnte, weil ich wußte, daß der günſtige Moment noch nicht gekommen ſei, weil Oeſterreich noch eine Zeit lang der Freund Napoleons ſcheinen mußte, um ſich nachher deſto wirkſamer als ſein Feind decouvriren zu können. Nein, Sie lehnten Beides ab, weil es Ihnen da⸗ mals wie immer an dem entſcheidenden Muth gebrach, weil Sie kein Held ſind, der mit Muth und Kühnheit den Gefahren trotzt und ihnen die Stirn bietet, ſon⸗ dern nur ein geſchickter Diplomat, der ihnen auf Schleichwegen auszuweichen ſucht und es vorzieht, langſam durch Liſt und Lüge das Ziel zu erreichen, das der Held ſchnell und ſicher in offener Schlacht ſich erkämpft, den Sieg für die Sache, welcher er dient, oder den Tod. Das ſagte ich Ihnen damals, als ich Sie vergeblich anflehte, zu handeln wie ein deutſcher Mann, ſich der Schmach und Noth Ihres .*) Siehe: L. Mühlbach, Erzherzog Johann und Metternich. Zweite Abtheilung. Bd. I. S. 197. erbünden die eng⸗ ßte, daß ei, weil apoleons mer als hnen da⸗ gebrach, Kühnheit tet, ſon⸗ nen auf vorzieht, erreichen, Schlacht elcher er damals, wie ein h Ihres Metteruich⸗ 219 Vaterlandes zu erbarmen und mit offenem Viſir dem franzöſiſchen Despoten entgegen zu treten. Und ich mußte Ihnen leider eine abſchlägige Ant⸗ wort geben. Ich mußte ſagen, daß mir die Staats⸗ klugheit geböte, noch eine Zeit lang zur Liſt und zur Lüge meine Zuflucht zu nehmen und zu ſcheinen, was ich nicht ſei, der Freund des Kaiſers Napoleon. Ew. kaiſerliche Hoheit wurden aber darauf ſehr zornig und ſprachen ein Anathem über mich, und ſagten ſich los von mir auf immerdar. Ah, es war eine ſehr trau⸗ rige Scene, und der Schmerz, den ich damals empfand, klingt noch heute in mir nach. Denn Ew. Kaiſerliche Hoheit wiſſen es wohl, wie ſehr ich Ihre großen und erhabenen Eigenſchaften ſtets erkannt und wie ich mich ſtets in Chrfurcht und Unterthänigkeit vor Ihren hohen Geiſtesgaben und Talenten gebeugt habe. Oh ja, ich weiß das, rief Johann mit einem bit⸗ tern Lachen. Ich und meine Freunde, wir wiſſen davon zu erzählen. Aber laſſen wir das. Ich beklage mich nicht über all das Böſe, was Sie mir gethan, ich vergebe Ihnen, daß Sie ſtets bemüht waren, die Feindſchaft zwiſchen mir und dem Kaiſer zu nähren und aufrecht zu halten, ich vergebe Ihnen, daß Sie mich immer in den Hintergrund drängten, daß Sie 220 mich gefliſſentlich und abſichtlich fern hielten von aller Betheiligung an den Staatsgeſchäften, daß Sie mich verdächtigten, meine Freunde des Hochverrathes an⸗ lagten. Ich vergebe es Ihnen auch, daß Sie es durchſetzten, daß das Weib, welches ich liebte, welches meine rechtmäßige Gemahlin war, daß ſie niemals anerkannt wurde, daß ihr Fuß niemals die Schwelle der Kaiſerburg überſchreiten durfte, ich vergebe Ihnen Alles— nur nicht, daß Sie Oeſterreich in's Verder⸗ ben geführt und daß Sie jetzt am Rande des Ab⸗ grundes noch mit ſtarrem Eigenſinn ſich feſthalten wollen an den morſchen Wurzeln des abgelebten Ab⸗ ſolutismus, der aber mit Ihnen in die Tiefe hinab⸗ ſtürzen wird. Es iſt leider wahr geworden, was ich Ihnen damals ſagte, als ich im tiefſten Schmerz mei⸗ ner Seele alle die Gefahren erkannte, welche Sie über Oeſterreich bringen würden. Sie konnten ſich wohl lange Zeit auf den krummen Wegen der Liſt und Lüge glücklich hindurch ſchleichen und winden, aber ein Tag mußte kommen, an welchem Sie mit all Ihrer Weis⸗ heit und Staatsklugheit zu Schanden werden, ein Tag, an welchem die Völker Ihnen die Wahrheit als dro— hendes Schreckgeſpenſt entgegen halten und an dem Sie Fiasco machen mußten mit all Ihrer Staats⸗ niemals Schwelle Ihnen feſthalten n Ab⸗ fe hinab⸗ vas ich nerz mei⸗ Sie über ſich wohl und Lüge weisheit. Dieſen Tag prophezeihete ich Ihnen damals, d jetzt iſt er gekommen, dieſer Tag der Vergeltung. Ich wiederhole Ihnen, was ich Ew. Kaiſerlichen Hoheit damals ſagte. Oh, ich bin mir jener Scene noch ſo genau bewußt, daß ich ſogar Ihnen die Worte anführen kann, die ich damals ſprach. Ich ſagte:„Der Kaiſer, mein hoher Herr, hat mich zu einem ſchwierigen und großen Amte berufen; ich werde daſſelbe ausfüllen nach beſter Ueberzeugung und mit aller Kraft meines Geiſtes; ich werde der treue Diener des Vaterlandes ſein, aber ich kann ihm nur dienen nach meiner Ueberzeugung und Erkenntniß.*) Oh, Sie ſollen ſehen, daß ich ein nicht minder gutes Gedächtniß habe, als Sie, Herr Fürſt, erwie⸗ derte Johann mit ernſter Ruhe. Auch ich erinnere mich Wort für Wort deſſen, was ich Ihnen damals zur Antwort gab, und ich wiederhole es Ihnen jetzt. Ich ſagte Ihnen, daß wir für immer von einander geſchieden wären und daß Ihre Wege niemals die meinen ſein könnten. Ich ſagte Ihnen, daß wir uns hinfort gegenüberſtehen würden in einem unverſöhn⸗ *) Erzherzog Johann und ſeine Zeit. Von L. Mühlbach. Zweite Abtheilung: Erzherzog Johann und Metternich. I. S. 213. 222 lichen Kampf, weil Sie auf der Seite der Peiniger und Unterdrücker ſtänden, ich auf der Seite der Lei⸗ denden und Unterdrückten. Ich verhehlte es nicht, daß Sie vielleicht lange mir ſiegreich gegenüber ſein würden, weil die Liſt zähe iſt und ſich überall hin⸗ durch windet, aber ich verkündete Ihnen auch, daß dennoch ein Tag kommen werde, an dem ich Sie be⸗ ſiegte, weil die Wahrheit unſterblich ſei, und alle Wolken, die ſie umlagerten, durchbreche. Sie kämpften für die ewige Liſt der Volksunterdrückung, ich für die ewige Wahrheit der Volksunabhängigkeit, und das gab mir die freudige Hoffnung auf einen endlichen Sieg. In der Freudigkeit dieſer Hoffnung rief ich Ihnen damals zu: Ich werde Alles verſuchen, Sie zu ſtürzen und einen Mann an Ihre Stelle zu bringen, dem die Ehre, die Freiheit und die Selbſtſtändigkeit Oeſter⸗ reichs höher ſteht als ſeine eigene Exiſtenz, und der den trotzigen und ſchönen Muth hat, Alles zu wagen, um Alles zu gewinnen. Sie ſind nicht dieſer Mann, und der heutige Tag, den die Geſchichte als einen Unglückstag in ihre Bücher einzeichnen wird, dieſer Tag ſcheidet uns für immer.*) *) Erzherzog Johann und ſeine Zeit. Von L. Mühlbach⸗ Zweite Abtheil.: Erzherzog Johann und Metternich. I. S. 214. Peiniger s nicht, ber ſein all hin⸗ h, daß für die das gab n Sieg. Ihnen ſtürzen und der wagen, Mann, einen dieſer 223 Ja, das waren in der That Ihre letzten Worte, die Sie mir damals zum Abſchiede zuriefen, ſagte Met⸗ ternich lächelnd, und ſeitdem haben Eure Kaiſerliche Hoheit mich niemals wieder der Ehre gewürdigt, mit mir von politiſchen Gegenſtänden zu ſprechen. Aber heute war ich gekommen, dies zu thun, heute war ich gekommen, Sie noch einmal zu warnen, und Sie zur Umkehr zu mahnen. Nicht um Ihretwillen, oder um Sie zu retten, denn was liegt mir an Ihnen. Ich habe keine perſönliche Schadenfreude, kein perſön⸗ liches Rachegefühl, und es gilt mir ganz gleich, ob Sie fallen oder untergehen, es handelt ſich für mich nur um Oeſterreich, um mein Vaterland, das Sie nicht länger entwürdigen, um den Kaiſerthron, den Sie nicht mit ſich hinabziehen ſollen in den Abgrund. Deshalb wollte ich Ihre Augen öffnen, damit Sie ſehen, deshalb wollte ich Sie die Stimme der Wahr⸗ heit, die Stimme des Volkes hören laſſen, damit Sie dem Volke gäben, was des Volkes iſt. Aber Sie ſind blind mit ſehenden Augen, Sie ſind taub mit hörenden Ohren. Nun wohl denn, ſei es ſo! Mögen Sie verderben und untergehen, Sie haben es verdient. Aber Oeſterreich ſoll nicht mit Ihnen verderben, der Kaiſerthron ſoll nicht mit Ihnen untergehen. Der 224 Tag, den ich Ihnen damals prophezeihete, der Tag der Vergeltung iſt gekommen, und jetzt werde ich es ſein, welcher den Sieg über Sie davon trägt, oder vielmehr, jetzt wird die Sache, welcher ich diene, und welcher ich mein Leben geweiht habe, die Sache der Volksfreiheit, des Liberalismus ihren endlichen Sieg feiern. Ich werde Alles, was in meinen Kräften ſteht, dazu thun, um dieſen endlichen Sieg herbeizuführen, um die Nacht, welche ſo lange über Oeſterreich ge⸗ lagert und es niedergedrückt hat, endlich zu zerſtreuen und die Sonne der Wahrheit, der Freiheit und Selbſt⸗ ſtändigkeit über Oeſterreich aufgehen zu laſſen. Sie werden mich daher überall auf der Seite Ihrer Geg⸗ ner und Feinde finden, ich werde Sie bekämpfen, wo und wie ich es vermag. Das heißt, Ew. kaiſerliche Hoheit werden ſich ſel⸗ ber getreu bleiben, ſagte Metternich mit leichtem Achſel⸗ zucken, Ew. kaiſerliche Hoheit werden wie immer Op⸗ pofition machen. Ja, ich werde Oppoſition machen gegen den Zwang und Druck, der mehr als ein Vierteljahrhundert über uns Allen geherrſcht hat, rief Johann mit dem edlen, begeiſterten Feuer ſeiner einſtigen Jugend. Ich werde Oppoſition machen gegen Sie und Alle, die zu Ihnen agt, oder eene, und Fache der den Sieg ten ſteht, uführen, reich ge⸗ erſtreuen dSel rer Geg⸗ pfen, wo ſich ſel⸗ n Achſel⸗ u⸗ mer Op⸗ 1Zwang 225 gehören, und diesmal wird Gott zum Wohl meines Vaterlandes geben, daß ich nicht von Ihnen beſiegt werde. Metternich, wiſſen Sie, der Sie ein ſo gutes Gedächtniß haben, wiſſen Sie vielleicht noch das Da⸗ tum jenes Tages, an welchem ich Ihnen damals meine Feindſchaft ankündigte, das Datum jenes Tages, von welchem ich Ihnen ſagte, daß die Geſchichte ihn als einen Unglückstag für Oeſterreich in ihre Bücher ein⸗ ſchreiben werde, weil Sie an jenem Tage die Schmach und Demüthigung Oeſterreichs unterzeichnen wollten? Sagen Sie, wiſſen Sie das Datum jenes Tages? Gewiß weiß ich es, Kaiſerliche Hoheit, lächelte Metternich. Wie könnte ich nur jenes wichtige hiſto⸗ riſche Datum vergeſſen! Der Tag, an welchem Oeſter⸗ reich ſich damals mit Frankreich gegen Rußland ver⸗ bündete, und an welchem der betreffende Tractat unterzeichnet ward, es war der zwölfte März des Jahres 1812. Ja, es war im März, ſagte Johann feierlich. Wir ſind jetzt wieder im März, und wir ſchreiben heute, wo der Gewerbeverein die erſte Rakete der Freiheit hat aufſteigen laſſen, den ſechsten März. Nehmen Sie ſich in Acht, Metternich. Wie der Wahrſager dem Julius Cäſar, ſo rufe ich Ihnen zu: Hüte Dich Mühlbach, Erzherzog Johann. 4. Abth. Il. 15 2 26 vor des Märzen Idus! Hüte Dich vor jedem kom⸗ menden Tage des Märzen! Und indem der Erzherzog ſo ſprach, grüßte er . Metternich mit einem leiſen Neigen ſeines Hauptes, b mit einem ſtolzen Wink ſeiner erhobenen Rechten und verließ dann raſchen und eiligen Schrittes den Saal. 1. Mit jugendlicher Schnelle eilte er durch die Vorſäle dahin, die breite Haupttreppe hinunter zu dem Portal, vor welchem ſein Wagen ihn erwartete. In's Hotel zurück, ſo raſch die Pferde laufen kön⸗ nen, befahl der Erzherzog dem Kutſcher, und der Wagen rollte von dannen. Aber ſo raſch die Pferde auch liefen, erkannten die Leute auf der Straße doch in dem einfachen ſchlichten Manne, der da in dem einfachen, ſchmuckloſen Wagen ſaß, den kaiſerlichen Prinzen, den geliebten Erzherzog Johann, und Jeder⸗ mann blieb ſtehen, ihn mit Ehrfurcht und Liebe zu grüßen und mit lautem Jubelruf willkommen zu heißen. 1 Und mit lautem Jubelruf ward er auch empfangen in dem Hotel, in welchem er, gleich einem gewöhnlichen Reiſenden, ſein Quartier genommen hatte. Es war Anna Plochl, oder vielmehr es war die Baronin von Brandhof, welche ihrem geliebten Hannes mit lautem jedem kom⸗ grüßte er 5 Hauptes, echten und Saal. &Ꝙ den ie Vorſäle em Portal, gaufen kön⸗ „ und der die Pferde traße doch a in dem kaiſerlichen und Jeder⸗ d Liebe zu ommen zu empfangen 1 öhnlichen Es war nin von nit lautem Jubelruf entgegeneilte und mit zärtlichem Ungeſtüm ihn in ihre Arme ſchloß. Biſt endlich wieder da, mein Hannes, mein ge⸗ liebter Herr, rief ſie, ſich zärtlich an ihn ſchmiegend. Hab' mich recht geängſtet um Dich, und mußt' immer zum Fenſter'naus ſchauen die Straße dahin, welche Du kommen mußteſt von der kaiſerlichen Hofburg her. Und dem Bübli iſt's grad' ſo ergangen, hatte auch keine Ruh und keine Raſt, weil er mich gar ſo un— ruhig und ängſtlich ſah, und ſo hab' ich ihn denn lieber mit dem Herrn vſauure ſpazieren geſchickt, damit er ſic halt ein biſſel zerſtreuen ſoll. Haſt Recht gethan, lieb' Annerle, ſagte Johann, ſeiner Gattin zärtlich die Wangen ſtreichelnd. Aber daran haſt nit recht gethan, daß Du Dich geänſtigt haſt, mein Weible. Wie? Haſt Du Dich auch ge⸗ ängſtigt, wenn ich daheim in unſern Bergen Tage lang auf der Gemsjagd war und in Schnee und Eis auf denſelben umher kletterte? Nein, lieb Hannes, da hab ich mich nimmer ge⸗ ängſtigt, denn ſchau, auf der Gemsjagd, da haſt es nur mit lieben, unſchuldigen Thierles zu thun gehabt, und auf der Alp im Schnee und Eis hat das Auge des lieben Herrgotts Dich behütet und beſchützt. 15* 228 Und meinſt denn, Du wunderlich Weible, daß liebe Gott mich hier nicht finden könnte und daß Menſchen hier mir Schlimmeres thun könnten, als die wilden Gemsböcke, wenn die recht grimmig werden der di te in ihrer Todesangſt? Mein' das wirklich, Herr Hannes, ſagte Frau Anna mit ihrem lieblichen Mädchenlächeln, das noch nicht auf den Wangen der Baronin von Brandhof verblüht war. Ja, mein' das wirklich, und kann mir gar nit denken, daß der liebe Gott ſeine Augen von den grü⸗ nen Thälern und den weißen glänzenden Alpen ab⸗ wendet, um hier hinein zu ſchauen in den Schmutz und Wuſt der großen Kaiſerſtadt, oder gar in die kalte, ſteinerne, kaiſerliche Hofburg. Mein' auch, daß es halt viel leichter iſt, gegen die armen unſchuldigen Thierles zu kämpfen, als gegen Deine Feind' in der Hofburg, und beſonders gegen den klugen und ſchlauen Herrn Metternich, Deinen Erbfeind, mein lieber Herr. Das iſt gar ein kluger Fuchs, und Füchſe zu jagen iſt halt ſchwerer, als Gemſen zu jagen. Nun, magſt Recht haben, mein Weible, lächelte Johann. Aber ich muß Dir was ſagen, Frau Ba⸗ ronin von Brandhof, darfſt Dich von heute an nim⸗ e, daß der nd daß die inten, als nig werden Frau Anna nicht noch ( fverblüht ir gar nit den grü⸗ Alpen ab⸗ n Schmuß gar in die auch, daß nſchuldigen ind in der nd ſchlauen lieber Herr. e zu jagen e, lächelte Ba⸗ Frau te an nim⸗ 229 mer mehr um mich ängſtigen, ſondern mußt mein tapferes muthiges Weib ſein. Jeſus Maria, rief ſie mit bebenden Lippen, es giebt alſo Gefahren für Dich, und ich könnt' wohl Grund haben, mich zu ängſten? Nein, Annerle, könnteſt nimmer Grund haben, Dich zu ängſtigen, denn Gottes Auge ſchaut hier ſo freundlich auf uns nieder, wie droben auf der Alp, und wenn man das Rechte und Gute will, da hat man auch frohen Muth. Und ich hab' ihn, lieb Herz, weiß, daß Gott mit mir ſein wird und endlich der guten und gerechten Sache, der ich diene, den Sieg verleihen wird. Haſt vorhin ganz Recht gehabt mit Deinem Gleichniß. Ja, ich bin auf der Fuchsjagd, und ich werd' diesmal nicht eher ruhen und raſten, bis ich ihn herausgetrieben habe aus ſeinem Bau und ihn für immer verjagt habe. Sprichſt von Metternich, nit wahr? flüſterte ſie bebend. Ja, ich ſpreche von Metternich, rief er laut. Ich ſpreche von dem Manne, deſſen Hand ſeit dreißig Jahren die Geſchicke Oeſterreichs gelenkt und der mein geliebtes theures Vaterland an den Rand des Verderbens gebracht hat. Seine Stunde iſt gekom⸗ 230 men, er muß hinweg von der Stelle, auf der er zum Unglück Oeſterreichs ſo lange geſtanden. Gott weiß, daß ich nicht ſo ſpreche aus perſönlicher Feindſchaft gegen ihn, ſondern nur aus der innerſten Ueberzeu⸗ gung, daß ſein Sturz nothwendig iſt zum Wohl des Vaterlandes. Und weil ich dieſe Ueberzeugung hege, muß und werde ich auch Alles thun, ſie zu verwirk⸗ lichen. Metternich muß fallen und mit ihm ſein Syſtem! Das iſt die Parole, mit welcher ich und alle mir Gleichgeſinnten jetzt den Kampf gegen ihn eröffnen. Metternich muß fallen, und eine neue Zeit, eine Zeit der Freiheit, der Selbſtſtändigkeit und Würde muß über Oeſterreich aufgehen. Es kann ſein, daß die alte Zeit nicht ſtirbt ohne ſchwere Todeszuckungen, die uns Alle mit Gefahren bedrohen, aber ſterben muß ſie, ſterben wird ſie, gleichviel ob ſie ſich ver⸗ theidigt hinter Mauern von Soldaten und auf die gerechten Forderungen des Volkes nur Antwort giebt mit dem Donner ihrer Geſchütze. Sterben wird ſie dennoch und über Haufen von Leichen, und durch Bäche von Blut wird die neue Zeit dennoch mit ſtrah⸗ lendem Angeſicht daher ſchreiten und ihren triumphi⸗ renden Einzug halten in die Hauptſtadt des öſter⸗ reichiſchen Kaiſerreichs. Du aber, mein Annerle, ſollſt rer zum ott weiß, eindſchaft leberzeu⸗ Vohl des ig hege, verwirk⸗ m ſein ich und gen ihn auue Zeit, Würde n, daß kungen, ſterben ich ver⸗ auf die t giebt ird ſie durch ſtrah⸗ umphi⸗ öſter⸗ ſollſt 231 Dich nicht ängſtigen, ſondern ſollſt fröhlich ſein, wie ich ſelber es bin. Gott ſei Dank, daß die Zeit des Wartens und der thatenloſen Ruhe vorüber iſt, und daß wir jetzt endlich mit offenem Viſier und freiem Wort dem Feinde entgegentreten können. Nun giebts zu ſchaffen und zu wirken, mit den Freunden ſich zu verſtändigen, neue Freunde ſich zu erwerben und die Maſſen zu gewinnen, Reden zu halten und Reden zu hören, mit den Leitern der Clubbs ſich in Verbindung zu ſetzen und— Jeſus Maria, das giebt's jetzt Alles hier in der Kaiſerſtadt? rief Anna erſtaunt. Das iſt jetzt Alles möglich im lieben Wien, und der Metternich iſt doch noch da und hat's Regiment noch nit niedergelegt? Iſt noch da und hat's Regiment noch nit nieder⸗ gelegt. Aber die niederöſterreichiſchen Stände ſind auch da, und ſie werden am dreizehnten März ihre Verſammlung eröffnen, und ich kann Dir ſagen, mein Annerle, daß in der Verſammlung nicht eben viel Freunde vom Fürſten Metternich ſitzen. Aber was können's thun und beginnen gegen den einflußreichen Miniſter? fragte Anna traurig. Er hat die Macht und die Soldaten. Aber wir kämpfen gegen ihn mit einer unſicht⸗ 232 baren Macht und mit unſterblichen Soldaten, denn das freie Wort iſt mächtiger als alle Heere, und die Armee der Geiſter läßt ſich nicht überwinden durch V Soldaten und Bajonette. Glaube mir, Anna, die niederöſterreichiſchen Stände, die jetzt hier tagen, die werden zum Generalſtab dieſer Armee der Geiſter werden, und von ihnen wird der Feldzugsplan ent⸗ worfen und ausgeführt werden. Kannſt es mir nicht verargen, lieb Herz, daß ich nicht müßig zuſchauen und Gewehr am Fuß ſtehen, ſondern auch meinen Antheil haben will an der Entſcheidungsſchlacht. Bin immer ein Soldat der Freiheit geweſen und darf mich alſo jetzt nicht zurückziehen, wo es zur Schlacht geht. Für mich ſelber begehre ich ja nichts, verlange keine Siegestrophäen und keine Ehren, will nur dem Vater⸗ lande dienen, nur zum Glück und Wohlergehen des lieben guten Volkes beitragen, nur dem Kaiſerhauſe nützen und dem rechtmäßigen Erben des Thrones den⸗ ſelben zu erhalten ſuchen. Und glaub' mir, Annerle, es thut wohl Noth, daß Einer da iſt, der für dieſen Erben wacht und darauf Acht hat, daß man über den Rechten des Volkes nicht die Rechte des Thrones ver⸗ gißt. Wenn wir jetzt der Sache ihren Lauf laſſen, ſo könnt's leicht kommen, daß die aufgeregten und exal⸗ aten, denn e, und die nden durch Anna, die tagen, die r Geiſter plan ent⸗ mir nicht zuſchauen meinen acht. Bin darf mich acht geht. unge keine im Vater⸗ kones den⸗ Annerle, ür dieſen ones vel⸗ lgſſen, ſo und eull 233 tirten Gemüther zu weit gehen, und daß man nicht blos den Metternich, ſondern auch den Kaiſerthron ſtürzt und die abſolute Monarchie begräbt am Auf⸗ erſtehungstage der Republik. Das darf aber nicht ſein. Oeſterreich muß ſeinem Herrſcherhauſe erhalten bleiben, und ich bin dazu da, daß ich die Wache für daſſelbe übernehme. Werde alſo ſogleich mich in Ver⸗ bindung ſetzen mit allen Leitern der Bewegung. Der Präſident des niederöſterreichiſchen Landtags, der Dobbl⸗ hof, iſt zum Glück mein guter Freund, und bei ihm bin ich ſicher, Alle diejenigen zu finden, welche die Schnüre in Händen halten, an denen die ganze Ma⸗ ſchinerie ſich bewegt. Da ſind die Vorſteher des Leſe⸗ vereins, die Herren Sommaruga und Bach, da ſind die Vorſteher und Notabilitäten aller übrigen Vereine, die jetzt hier eine ſo große Rolle ſpielen. Oh, der ſchlaue Herr Metternich hat ſich doch überliſten laſſen, hat nicht geahnt, was für eine Macht er in's Leben treten ließ, als er all dieſen vielen Vereinen die Er⸗ laubniß der Exiſtenz gab. Sie ſahen freilich gar un⸗ ſchuldig und harmlos aus, und er konnt's den Leuten nicht wohl verwehren, ſich zu Gewerbevereinen und Liederkränzen, und Leſevereinen und Tanzgeſellſchaften zuſammen zu thun. Aber jetzt iſt aus den harmloſen 234 Vereinen und Kränzchen ein ungeheurer Geiſterbund geworden, und die Soldaten der Freiheit werden aus ihnen hervorgehen. Mit ihnen alſo muß man ſich jetzt verbünden, und ich weiß, daß auch die Erzher⸗ zogin Sophie das ſchon gethan hat, und daß ſie durch ihren Gemahl, meinen lieben Neffen Franz Carl, ſich ſchon in Einvernehmen geſetzt mit allen Häuptern der Oppoſition, mit dem Landesmarſchall, dem Grafen Montecucoli ſowohl, wie mit dem Freiherrn von Der⸗ ſcenyi, dem Hofrath bei der Domänenkammer und mit dem Profeſſor Endlicher, dem der Kaiſer gar wohl gewogen iſt und welcher das liberale Haupt der gan⸗ zen Univerſität iſt. Freilich, meine Frau Nichte ver⸗ bündet ſich nur mit der Oppoſition, um ihre Privat⸗ zwecke zu erreichen, das heißt um Metternich zu ſtür⸗ zen und für ſich ſelber Macht und Einfluß zu erobern. Aber gerade deshalb muß noch ein Anderer da ſein, dem es nicht zu thun iſt um perſönliche Intereſſen, der nur für das Volk und für den Thron wirken und kämpfen will. Und dieſer Andere,— ich glaube, das bin ich! Will's dem Volke jetzt durch Thaten danken, daß es mir ſeine Liebe und ſein Vertrauen geſchenkt und mich geſtärkt und getröſtet hat in ſchlimmen Ta⸗ gen, und— will's meinem Bruder Franz im Grabe eiſterbund erden aus man ſich e Erzher⸗ ſie durch Farl, ſich stern der Grafen von Der⸗ und mit gar wohl der gan⸗ ichte ver⸗ Privat⸗ zu ſtür⸗ erobern. da ſein, ntereſſen, erken und danken, geſchenkt men Ta⸗ m Grabe 235 noch beweiſen, daß ich ein treuer Sohn unſers Vaters, ein treuer Unterthan des Kaiſers bin und nimmer zum Verräther werden könnte an dem Kaiſerthron. Wenn's ihm gegeben iſt, hernieder zu ſchauen auf die Erde, ſo ſoll er ſehen, daß der Volksfreund Johann doch immer eingedenk bleiben wird ſeinen Pflichten gegen das Kai⸗ ſerhaus, und daß er niemals weder am Volk noch am Kaiſer zum Verräther werden will. Nur den Metter⸗ nich und alle ſeines Gelichters, nur die will ich helfen verſcheuchen, wie man die Eulen verſcheucht mit dem eindringenden Licht. Denn das Licht muß jetzt ein⸗ dringen in die Kaiſerburg und Tag muß es werden über Oeſterreich. IX. Die Heimkehr. An dem Fenſter einer anmuthigen Villa in Hitzing, unweit von Wien, ſtand ein junges Mädchen und ſchaute unverwandten Blickes hinaus auf die breite Allee, die nach Wien führte. Ihr ſchönes jugendliches Angeſicht trug einen Ausdruck geſpannter Erwartung, und ſo oft man am Ende der Allee den Kopf eines Pferdes, einen heranrollenden Wagen oder einen Fuß⸗ gänger erblickte, flog über ihre Wangen, die ſonſt die ſchöne, durchſichtige, reine Bläſſe der Venetianerinnen trugen, ein roſiger Schimmer hin, und in ihren ſchwarzen, großen Augen blitzte ein Freudenſtrahl auf. Aber der roſige Schimmer verſchwand immer wieder, das Freudenfeuer in ihren Augen erloſch, und wie die Statue der Erwartung und Sehnſucht ſtand dann die inen Fuß⸗ ſonſt die anerinnen in ihren trahl auf. er wieder, 237 ſchöne, herrliche Geſtalt in dem weißen Gewande im⸗ mer wieder da, und ſchauete in athemloſer Spannung dahin auf den Weg. Jetzt aber auf Einmal tönte ein Freudenſchrei von ihren Lippen, eine Purpurgluth flatterte über ihr An⸗ geſicht hin, und ihre Augen leuchteten auf wie zwei Sterne. Er kommt, oh, liebe Tante, er kommt, rief ſie jubelnd, indem ſie das Haupt rückwärts wandte in das Gemach hinein, und zu der älteren Dame hin, die dort auf dem Divan ſaß, und eifrig mit Schrei⸗ ben beſchäftigt war. Nun, wer kommt, Carmela? fragte die Dame verwundert. Wer kommt? Und was bedeutet dieſer Freudenſchrei? Er bedeutet eben, daß er kommt, Tante Guiſeppa, rief Carmela mit einem glückſeligen Lächeln. Wer denn, Er? fragte die Tante verdrießlich. Wahrhaftig, man ſollte glauben, das Mädchen wäre verliebt, und ſie erwarte ihren Geliebten. Und es iſt auch mein Geliebter, den ich erwarte, und der da kommt, rief ſie jubelnd. Ja, es iſt mein Geliebter, mein Freund, mein Bruder, mein Sohn, und mein Vater, denn es iſt Guido! ———— 238 Guido, das heißt Dein Couſin Guido, der Ver⸗ lobte Deiner Schweſter Felicia. Ja, der Verlobte meiner Schweſter Felicia, meiner theuren Schweſter, von der man leider ſeit Jahren nichts gehört, ſeit Jahren keine Nachricht erhalten. Ach, ich fürchte, ſie wird niemals zu uns zurückkehren, ſie hat uns entweder vergeſſen, oder ſie iſt von uns gegangen, wie meine theure Mutter, wie ſo viele un⸗ ſerer Verwandten von uns gegangen, ſie iſt ge⸗ ſtorben! Und das junge Mädchen ſenkte das Haupt auf ihre Bruſt und ihre Augen füllten ſich mit Thränen. Du wünſcheſt alſo von Herzen, daß Deine Schwe⸗ ſter Felicia zurückkehren möge? fragte die Tante mit einem ſcharfen, prüfenden Blick. Carmela hob das Haupt raſch empor, und blickte die Dame faſt erſtaunt an. Oh, Tante Guiſeppa, rief ſie faſt zürnend, wie kannſt Du nur ſo fragen? Von ganzem Herzen, von ganzer Seele wünſche ich natürlich, daß Felicia zurückkehren möge. Ich er⸗ warte ſie ſeit Jahren mit Sehnſucht, mit Liebe, ich bete jeden Morgen und jeden Abend zum lieben Herr⸗ gott um ihre Wiederkehr. Und Dein Vater, denkſt Du nicht auch an Dei⸗ der Ver⸗ icia, meiner ſeit Jahren t erhalten. rückkehren, t von uns viele un⸗ ie iſt ge⸗ Haupt auf t Thränen. ine Schwe⸗ Tante mit und blickte Guiſeppa, ſo fragen? ünſche ich Ich er⸗ Liebe, ich ben Herr⸗ han Dei⸗ 39 nen Vater, und beteſt Du auch um ſeine Wieder⸗ kehr?—. Ach, Tante, ſeufzte Carmela, ich fürchte, er kommt niemals wieder. Eine innere Stimme ſagt mir, daß er nicht zu uns heimkehrt, ſondern daß er heimgegangen iſt zu meiner Mutter. Felicia's Briefe ſprachen im⸗ mer von ſeiner Kränklichkeit, deuteten immer darauf hin, daß er an einem unheilbaren Uebel leide. Das wäre traurig und entſetzlich, murmelte die Tante ſchmerzlich. Wo bliebe die göttliche Gerechtig⸗ keit, wenn dieſer große Märtyrer der italieniſchen Freiheit hätte ſterben müſſen, bevor der Tag gekom⸗ men, an welchem er Italien glücklich und frei ge⸗ ſehen. Ach, Tante, wird dieſer Tag jemals kommen? fragte Carmela mit einem leiſen Kopfſchütteln. Frei⸗ lich, der Guido ſagt es, und die Tante Katharina, und meine liebe Guiſeppa hier ſagt es auch, aber ich glaub's nicht. Freilich, ich verſtehe nichts von Politik und das iſt Eure Schuld! Warum habt Ihr mich, als Felicia uns verließ, hier nach Hitzing gebracht, warum iſt Tante Guiſeppa expreß von Mailand hier⸗ her gekommen, um ihre Nichte Carmela zu einem ganz dummen, einfältigen Mädchen zu erziehen, das 240 nichts weiter verſteht, als ein Bischen muſiciren und ſingen und malen, ihre Blumen pflegen, ihre Vögel füttern und ſelber ein luſtiger Vogel ſein. Warum laßt Ihr mich niemals Theil nehmen an Euren poli⸗ tiſchen Zuſammenkünften, und habt Alle mit einander Eure politiſchen Geheimniſſe vor mir. Warum— ach, da iſt er! Da iſt er! Und das junge Mädchen, welches durch das Fenſter den Reiter erblickte, der eben vor der Villa anhielt, ſprang leicht und behende wie eine Gazelle, durch das Zimmer hin, ſtieß die Thür auf und ſtürzte hinaus. Sie liebt ihn, murmelte Tante Guiſeppa ſeufzend. Ja, gewiß, ſie liebt ihn! Armes Kind, möge der Himmel ihr gnädig ſein! Möge er geben, daß Fe⸗ licia entweder ſich vermählt hat, oder daß ſie geſtor⸗ ben iſt, damit dieſe Beiden mindeſtens glücklich ſein können. Aber das Glück ſcheint auf immerdar von unſerer Familie gewichen zu ſein, und— Draußen vor der Thür des Salons vernahm man laute, ſchäkernde Stimmen, die immer näher heran tönten. Sie kommen hieher, ſagte Guiſeppa, ich mag ſie jetzt nicht ſehen, denn mein Herz iſt traurig und ich bedarf des Alleinſeins. ſſieiren und ihre Vögel Warum Euren poli⸗ it einander Warum— das Fenſter a anhielt, daß Fe⸗ ſie geſtor⸗ ücklich ſein nerdar von nahm man iher heran ich mag ſie rig und ich 241 Und mit haſtiger Eilfertigkeit die Papiere und Briefe zuſammenraffend verließ Tante⸗ Guiſeppa den Salon. Die Thür hatte ſich kaum hinter ihr geſchloſſen als die Thür an der entgegengeſetzten Seite des Sa⸗ lons geöffnet ward, und Carmela, gefolgt von einem Officier in der weißen öſterreichiſchen Uniform herein trat.— Wie ſtrahlte das Antlitz des jungen Mädchens jetzt in Wonne und Glück, wie flammten ihre Augen, mit welchem Ausdruck innigen Entzückens blickte ſie zu dem jungen Mann empor und lächelte ihm zu, indem ſie ihren Arm durch den ſeinen ſchlang und ſich auf ihn lehnte voll Wonne und Glück! Und in der That, Guido von Caſtiglioni war es wohl werth von ſchönen Mädchenaugen ſo freundlich und hold angeſchaut zu werden. Seine edle kräftige Geſtalt nahm ſich gar ſtattlich aus in der weißen Uni⸗ form, ſein bleiches und doch kräftiges Colorit contra⸗ ſtirte gar maleriſch mit dem dunklen Bart und dem tiefſchwarzen Haar, das in natürlichen Wellenlinien zu beiden Seiten der hohen, breiten Stirn niederfiel, ſeine großen, ſchwarzen Augen mit dem tiefen me⸗ lancholiſchen und doch flammenden Blick der Italiener Mühlbach, Erzherzog Johann. 4 Abth. II 16 242 hatten gar ſo einen feurigen, leidenſchaftlichen Aus⸗ druck, und das Lächeln ſeines kleinen edelgeformten Mundes hatte gar ſo etwas Reizendes und Unwider⸗ ſtehliches. Das ſagten die Wiener Damen, und das dachte Carmela als ſie jetzt auf ſeinen Arm ſich lehnend mit flammenden Augen und glücklichem Lächeln zu ihm emporſchauete. Aber ſeltſam! Das Lächeln, das vorher ſo hell und glücklich auch auf ſeinem Antlitz geſtrahlt hatte, erblaßte allgemach, und er wandte mit einem leiſen Seufzer die Blicke ab von dem Antlitz des jungen Mädchens. Sie ſah es und lachte hell auf und ſchlang mit leidenſchaftlichem Ungeſtüm ihre beiden Arme um ſeinen Nacken und drückte einen langen Kuß auf ſeine Lippen. Schmollſt alſo noch immer, mein Guido? fragte ſie dann in den ſüßen melodiſchen Lauten der ita⸗ lieniſchen Sprache. Kannſt Du mir es immer noch nicht verzeihen, daß ich vorgeſtern Dir entgegen ge⸗ ritten bin bis dicht vor die Stadt? Es iſt eben nicht Sitte hier, daß junge Damen allein, ohne Cavalier und Gefolge, und noch dazu in vollem Gallop auf der Landſtraße dahin reiten, ſagte Guido mit ernſtem faſt verweiſendem Ton. lichen Aus⸗ elgeformten d Unwider⸗ das dachte ehnend mit In zu ihm te, erblaßte en Seufßer Mäͤdchens ſchlang mit m ſeinen ine Lippen do? fragte n der ita⸗ mmer noch ge Damen ch dazu in tten, ſagte 243 Nun ja, rief ſie, ja, ich weiß, es war unſchicklich. Aber es iſt Deine Schuld, Guido, Deine Schuld ganz allein! Meine Schuld? fragte er verwundert, indem er ſich leiſe von ihren Armen losmachte und einige Schritte von ihr zurück trat. Ja, Deine Schuld, rief ſie heftig. Warum kamſt Du nicht früher? Warum ließeſt Du mich ſo lange warten und hatteſt mir doch verſprochen, um vier Uhr zu kommen und den ganzen Abend bei mir zu blei⸗ ben? Und es war ſechs Uhr, hören Sie wohl, mein Herr Hauptmann, es war ſechs Uhr, als ich endlich in dem Zorn und der Ungeduld mein Pferd beſtieg und auf die Landſtraße mich wagte. Mein Gott, ich war überzeugt, es ſei Ihnen ein Unglück geſchehen, Sie ſeien mit dem Pferde geſtürzt, oder vielleicht gar verhaftet! Ich dachte:„wenn er krank iſt, will ich ihn pflegen, wenn er verhaftet iſt, will ich ihn befreien. Darum muß ich hin zu ihm.“ Aber freilich, ich hätte gar nicht nöthig gehabt mich um ihn zu ängſtigen, denn wie ich in Todesangſt und noch dazu heimlich ohne Wiſſen und Erlaubniß der geſtrengen Frau Tante Guiſeppa dahin galoppire, kommt er ganz ge⸗ mächlich und in voller Seelenruhe daher geritten, und 16* 244 macht noch dazu ein düſteres Geſicht, als er endlich die Gnade hat, mich zu bemerken. Und zürnt mir, und ſchilt mich, und iſt heute noch nicht wieder gut, obwohl ich ihn um Vergebung gebeten und heilig ge⸗ lobt habe, daß es nicht wieder geſchehen ſoll. Ach, die Brüder, was ſind doch die Brüder für ungalante und geſtrenge Herren! Aber indem ſie das ſagte, ſchaute ſie doch mit einem ſtrahlenden Lächeln zu Guido empor, und dies Mal fand er nicht die Kraft, ihren Blicken auszu⸗ weichen, dies Mal begegneten ſich ihre Augen, und wie von magnetiſcher Kraft angezogen, näherte ſich Guido wieder dem jungen Mädchen, ſchlang ſeinen Arm um ihren Nacken und drückte ſie feſt an ſeine Bruſt. Ja, Du haſt Recht, meine Schweſter, meine ge⸗ liebte Schweſter, ſagte er mit leiſer, gedämpfter Stimme, ich bin ein Barbar, ein Verbrecher. Ich habe Dich gekränkt, habe Deine ſchöne, Deine reine und himmliſche Liebe beleidigt, und ſtatt Dir auf den Knieen zu danken, und mich ſelig zu preiſen durch Deine himmliſche Güte, habe ich den grauſamen Muth gehabt, Dir zu zürnen. Vergieb mir, meine Carmela, meine theure, angebete Schweſter, vergieb mir! Auf meinen Knieen bitte ich Dich, vergieb mir! 245 er endlich t nl Er ſank auf ſeine Kniee nieder und hob ſeine zürnt mir, gefalteten Hände flehend zu ihr empor. Carmela neigte ſich zu ihm nieder mit einem glücklichen Lächeln jal a und drückte einen Kuß auf ſeine Stirn. de alzi Ich entſündige Dich, mein theurer Verbrecher unngalnte ſagte ſie. Stehe auf und ſündige hinfort nicht mehr. Und ſie reichte ihm ihre beiden zarten Hände dar, als bedürfe er dieſer holden Stützen, um ſich aufzurichten. Entſündigſt mich, und willſt mir darauf einen Kuß wieder gut, d heilig ge⸗ 1 ken auszu geben? fragte er raſch empor ſpringend. 4 5—:.. ugen, und Sie reichte ihm ihre Wangen dar und ſagte näͤherte ſich lächelnd: Nimm ihn Dir! ang ſeinen Er drückte ſie mit glühendem Ungeſtüm in ſeine Arme und preßte einen ſo leidenſchaftlichen Kuß auf meine ge⸗ ihre Lippen, daß das junge Mädchen erglühte und gedämpfter ſich athemlos aus ſeinen Armen loswand. er. Ich Ungeſtümer Menſch, flüſterte ſie mit ſüßer Ver⸗ Heine reine legenheit, wie kannſt Du nur ſo heftig ſein! Ziemt ir auf den ſich das für einen Bruder? iſen durch Ich bin nicht Dein Bruder, rief er faſt zürnend, rauſamen bin nicht Dein Bruder, kann es nicht ſein!„ ir, meine Ja doch, Du biſt mein Bruder, ſagte ſie eifrig, „ werlis biſt mehr als das außerdem, biſt mein Vormund, 1, ioh mit! mein Vater, mein Lehrer und mein Herr! 246 Aber nicht Dein Bruder, oh, nicht Dein Bruder, murmelte er, indem er Carmela wieder in ſeine Arme zog. Mein Bruder vor allen Dingen, ſagte ſie lächelnd, denn Du biſt ja der Verlobte meiner Schweſter, und alſo wirſt Du dereinſt mein Bruder ſein! Er zuckte zuſammen, und ſein Arme, die ſich eben um Carmela's Nacken legen wollten, ſanken nieder. Er wandte ſich ab und trat haſtigen Schrittes und mit verdüſterter Stirn an das Fenſter. Nun? fragte Carmela lächelnd. Warum wendeſt Du dich von mir? Schaueſt wohl hinaus, ob ſie noch nicht kommt, Deine Braut, meine theure Schweſter Felicia? Ich wollte, oh, mein Gott, ich wollte, daß ſie end⸗ lich käme, ſeufzte Guido ſchmerzlich. Ja, ich wollte es auch, ſagte Carmela, indem ſie zu ihm trat und leiſe ſich an ihn ſchmiegte. Ach, mein Geliebter, wie oft habe ich hier ſchon am Fen⸗ ſter geſtanden und hinausgeſchaut mit dem weh⸗ müthigen Wunſch, daß ich endlich da Felicia's holde ſchöne Geſtalt einherſchreiten ſähe, daß ſie endlich zu mir zurückkehren möge, die geliebte, theure Schweſter. Oh Guido, welche Wonne würde das ſein, ſie wieder 247 in Bruder, zu ſehen, wieder mit ihr vereint zu ſein, ihr Alles in ſeine ſagen zu dürfen, was mein Herz bewegt, zu ihr auf⸗ zuſchauen in liebendem, ehrfurchtsvollem Vertrauen! e lächelnd, Und dann, dann würdet Ihr Beide Euch vermählen, ſter, und würdet ein glückliches Paar werden, und in Eurem Hauſe da würde ich meine Heimath haben, wäre keine ſ 1 11 ohr 1 3 1- ſich eben arme, ſchutzloſe Waiſe mehr, hätte eine Schweſter und n nider einen Bruder, der mich nimmer verſtoßen dürfte, der es ſchon dulden müßte, daß die Schweſter ſeiner Frau in ſeinem Hauſe und unter ſeinem Schutze lebte! Dulden, rief er ungeſtüm, warum kränkſt Du mich, Carmela? Was habe ich verbrochen, um ſo harte cittes und n wendeſt — Worte zu verdienen? 4 Du verbrochen? fragte ſie lachend. Wenn es ein Verbrechen iſt, ein edler hochherziger Menſch, ein Pie enn tapferer Soldat, ein ausgezeichneter Cavalier, ein 2 treuer Freund, ein großmüthiger Bruder, ein liebe⸗ indem ſie voller Vormund und Vater, trotz Deiner jungen Jahre, gte Ac zu ſein, nun dann biſt Du ein Verbrecher, denn das am Fen- Alles biſt Du, als das Alles haſt Du dich mir bewährt! en weh⸗ Oh, Guido, mein theurer, geliebter Bruder, Dir danke rs hebd ich ja Alles, was ich bin, Alles was ich von Glück 4 ch zu mit und Lebensfreude kennen gelernt habe! Schweſter. 1 Sprich nicht ſo, Carmela, nein, ſprich nicht ſo, ,„ 1 ſe wieder 1 248 ſagte er weich. Ich bin es, der Dir zu danken hat, ich bin es, der von Dir Glück und Lebensfreude empfängt. Ach, wie ſchlau er iſt, rief ſie lachend, will meinen Dank von ſich ablehnen und wendet daher meine eigenen Worte gegen mich. Aber es iſt umſonſt, mein Herr! Sie wollen ein junges Mädchen bethören mit der Sprache der Schmeichelei, doch es iſt vergeblich, denn von meinen Lippen ertönt die Sprache der Wahrheit. Ja, der Wahrheit, fuhr ſie glühender fort, und niemals, oh, niemals werde ich ihr mein Ohr verſchließen. Immer werde ich eingedenk bleiben, daß ich Dir Alles verdanke, was ich bin, daß Du an mir gehandelt haſt, wie der großmüthigſte Freund, der edelſte Bruder. Oh, mein Freund, ich denke immer an Dich und immer ſteht dann die ganze Vergangenheit vor mir, immer ſehe ich dich da als meinen Freund, meinen Wohlthäter, meinen Beſchützer. Du brachteſt Sonnen⸗ ſchein in das arme, vereinſamte Leben des Kindes, das hier ſo ſtill und freudlos an der Seite der ernſten, ſchweigſamen Tante Guiſeppa vegetirte, das man fern hielt von allem Verkehr mit andern Kindern. Du machteſt Dich aus Erbarmen mit mir ſelber zum Kinde und ſpielteſt ganze Stunden lang mit mir, und wenn danken hat, ebensfreude vill meinen ther meine onſt, mein hören mit vergeblich, rrache der ender fort, mein Ohr eiben, daß zdu an mir der edelſte an Dich enheit vor d, meinen Sonnen⸗ 3 Kindes, rernſten, man fern ern. Du um Kinde und wenn 249 Du hier warſt, tönte die ſtille Villa wieder vom fröhlichen und übermüthigen Kinderjubel. Oh, Guido, wie viele Abende haſt Du dem Kinde geopfert, haſt mit ihr geſpielt, getanzt, geſungen, Dich ihren kindi⸗ ſchen Launen mit der Großmuth eines Löwen gefügt, haſt ihrer fieberhaften Reizbarkeit mit der Geduld eines Weiſen nachgegeben, haſt um meinetwillen oft den glänzendſten Geſellſchaften, den heiteren Feſten, dem Verkehr mit Deinen Freunden entſagt. Weil ich eben das Zuſammenſein mit Dir den glänzendſten Geſellſchaften vorzog, ſagte er mit zucken⸗ der Lippe und hochaufathmender Bruſt, weil die hei⸗ terſten Feſte mir keinen Erſatz bieten konnten für die fröhlichen Kinderſpiele mit Dir, weil ich keinen Freund beſaß, den ich nur halb ſo geliebt, als meine kleine Carmela, die halb Kind, halb Engel, mir die Träume meiner eigenen Jugend, die Gebete meiner begeiſterten Wünſche verwirklichte. Nein, nein, Du lügſt aus Großmuth, rief ſie eifrig, Du willſt Dir den Anſchein geben, als hätteſt Du aus eigenem Intereſſe ſo handeln können, als wäre ich im Stande geweſen, Dir auch Etwas zu ge⸗ währen, Dir Erſatz zu bieten für Das, was Du um meinetwillen aufgabſt. Aber ich weiß, daß dem nicht ———— —— 250 ſo iſt, ich weiß, daß Du Alles gethan, nur aus Güte, aus Erbarmen und endlich aus Liebe zu Deiner lieben Braut, zu meiner ſchönen Schweſter Felicia. Sie haſt Du in mir geliebt, um ihretwillen haſt Du mich er⸗ tragen, mich geduldet, mich gebildet, um ihretwillen haſt Du Dich zu meinem Freund, meinem Kameraden, meinem Lehrer, meinem Beſchützer gemacht. Nein, rief Guido heftig, nein. Gott gäbe, daß es ſo wäre, wie Du ſagſt, Gott gäbe, daß ich Dich wirklich nur geliebt um Deiner Schweſter willen, daß— Der ſchrille, vibrirende Ton der Hausklingel er⸗ ſchallte in dieſem Moment, und gleichſam als habe dieſer laute Ruf der Außenwelt ihn geweckt aus ſeiner Begeiſterung, aus ſeinem Selbſtvergeſſen, ſchrack Guido zuſammen und verſtummte einen Moment. Und dennoch ahnte er nicht, wie nahe dieſes Tö⸗ nen der Hausklingel ihn berührte, dennoch ſagte kein Beben ihres Herzens der jungen Carmela, weſſen Hand ſich eben auf den Drücker der Eingangspforte dieſes Hauſes gelehnt! Draußen vor der Thür dieſer Villa ſtanden drei Perſonen. Die bleiche, hohe Geſtalt mit dem ernſten, ſchönen Angeſicht, die war es, welche eben die Klingel rwaus Güte, einer lieben . Sie haſt du mich er⸗ ihretwillen tameraden, gäbe, daß g ich Dich ter willen, klingel er⸗ nals habe aus ſeiner rack Guido dieſes Tö⸗ ſagte kein ſſen Hand rte dieſes unden drei m ernſten, ie Klingel 251 gezogen. Während ſie wartete, daß man ihr öffne, wandte ſie ſich an das junge Weib, welches neben ihr ſtand. Sie wollen alſo nicht mit mir eintreten, liebe Marie? fragte ſie. Ich biete Ihnen nochmals an, daß Sie bei mir bleiben, bis Sie eine paſſende Wohnung gefunden, und es wird mich freuen, wenn Sie meinen Vorſchlag annehmen. Ich danke Ihnen, meine ſchöne, liebe Herrin, ſagte Marie mit zitternder Stimme. Aber ich darf Ihren Vorſchlag nicht annehmen, ich darf Ihnen nicht die Heimkehr trüben durch meine traurige und fremde Erſcheinung. Ich muß allein meine Straße wandeln, allein mir mein Glück oder Unglück ſuchen. Ich be— gleitete Sie nur hierher, um zu wiſſen, wo ich Sie zu ſuchen hätte, wenn ich des Troſtes bedürfte, oder wenn ich Ihnen Frohes zu melden hätte. Jetzt aber meine Wohlthäterin, meine Beſchützerin, jetzt ſage ich Ihnen Lebewohl. Möge Gott Sie belohnen für alles Gute, das Sie an mir gethan, und das ich Ihnen nie vergelten kann, für das ich Sie aber ewig lieben werde. Leben Sie wohl! Sie faßte Felicia's Hand, drückte einen glühenden Kuß auf dieſelbe und ging dann eilig von dannen. —ÿp„f„f 252 Und Sie, mein Freund, auch Sie wollen mich hier verlaſſen? fragte Felicia. Ja, ich will Sie verlaſſen, aber meine Seele bleibt bei Ihnen zurück, und meine Gedanken folgen Ihnen überall hin, erwiderte Louis tief bewegt. Möge Gott in ſeiner Gnade geben, daß ich Sie bald wiederſehen darf, und daß wir uns glücklich wiederſehen. Dies ſei mein Lebewohl, und damit will ich Sie verlaſſen, ſobald dieſe Thür ſich aufgethan. Es ſcheint, man hat mein Klingeln nicht ver⸗ nommen, ſagte Felicia, deren Stimme, ihr ſelber un⸗ bewußt, bebte und deren Hand zitterte, als ſie ſie jetzt nach der Klingel erhob. Ich weiß, die alte Tonia iſt ſchwerhörig, und wenn meine Schweſter Carmela oder Tante Guiſeppa nicht daheim ſind, ſo kann ich freilich noch lange ſtehen und warten, bis ich Einlaß erhalte. Ich werde alſo verſuchen, noch etwas lauter zu ſchellen. Und zum zweiten Male hallte die Klingel laut und ſchrillend in dem Salon wieder. Aber das junge Paar achtete nicht darauf. Was kümmerte es ſie, wer da draußen ſtand und Einlaß begehrte, was fragte Carmela darnach, ob die alte taube Tonia die Klingel vernommen habe, ob der Diener nicht da ſei, 253 üt hie den Wartenden die Thüre zu öffnen. Sie dachte an it ſir das Alles nicht, ſie hörte mit entzücktem Lächeln 6 auf die holden Worte, welche Guido zu ihr ſprach, Leble ihre ganze Seele athmete auf in freudiger Luſt, als er Shne ihr jetzt verſicherte, daß er ſie nicht bloß geliebt um 5 Got ihrer Schweſter willen, daß er nicht bloß der Ent— Sſ fernten gedenkend ſich des vereinſamten Kindes er⸗ barmt habe, ſondern weil er ſie geliebt habe um ihrer wnen, Selber willen, weil er ſich wahrhaft als ihren Bruder, ſie als ſeine theure Schweſter gefühlt habe. hi ver⸗ Er hatte das mit gedämpfter Stimme, mit be⸗ ber un drücktem Weſen geſagt, und mit ſeltſamer Bewegung ſie fe hatte er einen tiefen, inbrünſtigen Nachdruck gelegt Tonia auf die Worte:„Bruder“,„Schweſter“, die er mit ſarmela bebenden Lippen, mit niedergeſchlagenen Augen ge⸗ nn ich ſprochen. Einlaß Aber Carmela nahm ſie auf, mit dem heiteren lauter Muth ihrer Unſchuld und ihres Vertrauens. Und ſo iſt es geblieben von meinen Kinderjahren ut und her, und ſo wird es bleiben immerdar, rief ſie, ihre junge Hände in einander ſchlagend, und die von Liebe und es ſit, Unſchuld glänzenden Augen gen Himmel erhebend. was Du, mein theurer, geliebter Bruder, ich, Deine ge— nia die liebte Schweſter! Oh, warum kommt Felicia nicht, 1 da ſei, 254 damit ſie unſerer Geſchwiſterliebe endlich die Weihe der Unlösbarkeit gebe, damit ich Dich und ſie zum Altare führen und Eure Hände in einander legen, und Euch ſegnen, und meine Schwüre mit den Euren ver⸗ binden kann, damit unſere gemeinſamen Schwüre der Treue, der Liebe, zu Gott emporſteigen können. Oh, mein Gott, murmelte Guido leiſe, mein Gott, gieb mir Kraft. Und mit lauter Stimme, in leiden⸗ ſchaftlicher Errregung rief er dann auf Einmal: Ja, warum kommt Felicia nicht, daß ich ſie zum Altar führen, daß ich mich auf ewig mit ihr verbinden kann? Sie hat ſich mir am Sterbebette ihrer Mutter zum ewigen Bunde gelobt, warum kommt ſie nicht, meine Hand anzunehmen, die ſich ihr ſo ſehnſuchtsvoll ent⸗ gegenſtreckt? Felicia iſt da und ſie nimmt Deine geliebte Hand an, ſagte eine leiſe, zitternde Stimme hinter ihnen. Und wie ſie entſetzt, ſprachlos vor Erſtaunen ſich umwandten, ſahen ſie da, unweit von ihnen eine hohe, bleiche, ernſte Frauengeſtalt voll edler Würde, voll ſanfter Ruhe, die Augen mit dem Ausdruck unend⸗ licher Liebe ihnen zugewandt, die Arme ausgeſtreckt, als wolle ſie die Beiden zu ſich rufen an ihr Herz, in ihre Arme. de Weihe ſie zum egen, und uren ver⸗ würe der en. ein Gott, leiden⸗ nal: Ja, im Altar en kann? tter zum t, meine voll ent⸗ te Hand ihnen. nen ſich 255 Aber ſie verſtanden dieſen Ruf nicht. Sie ſtarr⸗ ten auf dieſe Frau hin, die ſo leiſe, ſo geräuſchlos eingetreten war, daß ſie es nicht gehört hatten, ſie ſtarrten auf dieſe fremde Geſtalt hin, und ſchauten ſich dann einander an mit Blicken, die verwundert zu fragen ſchienen:„wer iſt dieſe Fremde? Was will ſie von uns?“ Hatte Felicia die Sprache ihrer Blicke verſtanden? Ein Schmerzensſchrei tönte von ihren Lippen. Ihr erkennt mich nicht? rief ſie bebend. Ihr habt mich gerufen, und ich bin da, ich öffne Euch meine Arme! Carmela, Guido, Ihr erkennt Eure Felicia nicht mehr? Ein einziger Schrei tönte von den Lippen Guido's und Carmela's. Dann ſtürzten ſie zu ihr hin, dann warfen ſie ſich in Felicia's Arme, und nur entzückte Worte, nur Ausrufungen der Freude, der Liebe, des Dankes gegen Gott wurden gehört. Auf einmal, gleichſam überwältigt von Liebe, von Glück, ſank Felicia auf ihre Kniee nieder, und ihre Arme zum Himmel emporſtreckend, rief ſie mit lau⸗ ter, freudiger Stimme: Ich danke Dir Gott, ich danke Dir! Du haſt meinen Glauben nicht zu Schanden werden laſſen, Du haſt mein Vertrauen belohnt und 256 geſegnet! Die Treue lebt, und die Liebe iſt unſterb⸗ lich, wie Du ſelber! Und nun, mein Freund, mein Geliebter, fuhr ſie fort, indem ihr ſtrahlender Blick ſich vom Himmel niederſenkte auf Guido, nun danke ich auch Dir für das Glück dieſer Stunde. Du riefſt nach mir, als ich bebend, voll unausſprechlicher Be⸗ wegung hier eintrat, als ich es wagte, Euch zu be⸗ lauſchen, ja, Du riefſt nach mir, Dein Herz gab Antwort auf die Frage des Meinen. Aber ich wiederhole ſie Dir dennoch: Guido, liebſt Du mich? Willſt Du mich annehmen zu Deiner Frau? Soll die Heimathloſe endlich ein Aſyl finden, eine Heimath an Deinem Herzen? Er trat dicht zu ihr hin, er hob ſie ſanft von ihren Knieen empor und lehnte ihr Haupt an ſeine Bruſt. Ein wunderbarer Friede, eine feierliche Ruhe lag auf ſeinem männlich ſchönen Angeſicht, der trotzige, freudige Muth eines Helden, der im Begriff iſt in die Schlacht zu gehen, der leuchtete aus ſeinen großen Augen, von ſeiner hohen, energiſchen Stirn. An meinem Herzen, Felicia, da ſei fortan Deine Heimath, ſagte er, indem er ſeine Hand auf ihr Haupt legte, als wolle er ſie ſegnen. An meinem Herzen ſollſt Du ausruhen von allem Schmerz des Lebens, unſterb⸗ nd, mein der Blick un danke Du riefſt icher Be⸗ mzu be⸗ derz gab ber ich du mich? Soll die Heimath anft von an ſeine he Ruhe rtrotzige, iſt in die großen Deine r Haupt n Herzen Lebens, 257 und wie ich einſt am Sterbebette Deiner Mutter es gelobt, ſo ſchwöre ich auch jetzt: Ich will Dich lieben und ehren als meine Gemahlin. Ich will mein ganzes Leben Deinem Glücke weihen! Er neigte ſich nieder und küßte ihre Stirn, ſie ſchlang ihre Arme um ſeinen Nacken und weinte an ſeiner Bruſt die erſten Thränen ſeliger Wonne, un⸗ ausſprechlichen Glückes! Und Carmela? Sie ſchaute zu ihnen hin, mit bleichem, farbloſem Angeſicht, mit weitgeöffneten Augen, mit zuſammengepreßten Lippen, als wolle ſie den Schrei unterdrücken, der ſich aus ihrer Bruſt empor winden wollte. Denn ſie empfand da in ihrer Bruſt. ein dumpfes Wehegefühl, es war, als ob ein Krampf ihr Inneres zuſammen preßte, und mit einer zuckenden Bewegung drückte ſie ihre beiden Hände auf ihr Herz, das jetzt auf Einmal wieder furchtbar hämmerte und ſchlug. Ich will Tante Guiſeppa rufen, murmelte ſie wie in innerer Todesangſt, und ſie that ein paar Schritte nach der Thüre hin. Aber in dieſem Moment öffneten ſich die beiden Flügel des Haupteingangs, und in dem⸗ ſelben erſchien Frau Katharina Cibbini an der Seite ihrer Schweſter Guiſeppa. Hinter ihnen ſah man den L. Mühlbach, Erzherzog Johaun. 4. Abth. Il. 17 258 Diener und die Dienerin des Hauſes nebſt einigen andern Männern, auf deren Schultern eine ſchwarze, lange Kiſte ruhte. Langſam ſchritten die beiden Frauen vorwärts in den Salon hinein, langſam folgten ihnen die Diener mit ihrer geheimnißvollen Kiſte. In der Mitte des Raums angelangt, ließen ſie dieſelbe geräuſchlos von ihren Schultern niedergleiten auf die Erde, und ſchlichen dann auf einen Wink Katharina's leis auf den Zehen von dannen. Felicia ſchritt zu den beiden Schweſtern ihrer Mutter hin, und reichte ihnen Beiden ihre Hände dar, aber Keiner von ihnen fand jetzt ein lautes Wort der Begrüßung, Keiner mochte es wagen, den feier⸗ lichen Ernſt dieſes Moments zu ſtören. Du haſt meine Botſchaft empfangen, Tante Ka⸗ tharina? fragte Felicia leiſe. Ja, ſagte Katharina feierlich, ja, ich habe ſie em⸗ pfangen, und ich weiß, was in jener Kiſte ent⸗ halten iſt. Und ich ahne es, oh, ich ahne es, rief Carmela, zu ihrer Schweſter hineilend. Nicht wahr, Felicia, es iſt die Leiche unſers Vaters, welche Du heim bringſt aus dem Exil? 259 einigen Ja, ſagte Felicia feierlich. Ja, es iſt die Leiche hwarze, unſers Vaters, welche ich heimbringe aus dem Exil. Ich habe in ſeine ſterbende Hand gelobt, daß ich ihn ärts in nicht begraben wolle in fremder Erde, ſondern daß Diener er ruhen ſolle im geweiheten Boden unſers geliebten tte des Vaterlandes. Tante Katharina, werde ich meinen s von Schwur erfüllen können, oder werden die Grenzen des und theuren Vaterlandes dem todten, wie dem lebenden is auf Patrioten verſchloſſen ſein? Nein, Felicia, die Grenzen unſers Vaterlandes 1 ihrer werden jetzt den todten wie den lebenden Patrioten Hände geöffnet ſein und Du wirſt Deinen Schwur erfüllen „Wort können, Du getreue Tochter Deines Vaters und Dei⸗ t feier⸗ nes Vaterlandes. Aber zuvor laß ſie uns ſehen, die geliebte Leiche, laß uns einen Willkommenkuß drücken te Ka⸗ auf die Stirn des heimgekehrten Patrioten, denn er iſt nicht todt, er lebt fort in unſern Herzen und in Je eli unſerer Erinnerung. 7 eu⸗ Und ſo laßt ihn in uns fortleben immerdar, ſagte Felicia. Aber wollet nicht die ſchöne Erinnerung der mulch, Vergangenheit uns trüben durch das entſtellte Bild . 3 der Gegenwart. Ich führe zwar die einbalſamirte mieſ Leiche zurück, aber kein Balſam kann der Leiche das tn Anſehen des Lebens wieder geben, und als ich heute 17* —Z’P—. . 260 morgen den Deckel öffnete, um der theuren Leiche zu ſagen, daß wir jetzt zu ſeiner Tochter, zu ſeinen Ver⸗ wandten kämen, da ſchauderte ich vor der entſetzlichen Entſtellung. Nein, wollet nicht ſchauen, was vergäng⸗ lich iſt. Der Staub kehrt zum Staube zurück, aber der Geiſt, der einſt den Staub beſeelte, er lebt und iſt unter uns in dieſer Stunde. Ja, er lebt und iſt unter uns in dieſer Stunde, rief Katharina, und neben ihm iſt meine Schweſter, iſt Eure Mutter, die geſtorben iſt in Liebe und Sehn⸗ ſucht nach dem Gemahl. Jetzt ſind ſie wieder ver⸗ einigt im Himmel, wie wir es auf Erden ſind, und unſere Gebete ſteigen zu ihnen empor und werden ſie finden. Auf Eure Kniee nieder, meine Kinder, auf Eure Kniee. Sie ſchritt mit ihrer Schweſter Guiſeppa zu dem verſchloſſenen Sarge hin und kniete nieder zu Häupten deſſelben, während die beiden Schweſtern Hand in Hand an der einen Seite, Guido ihnen gegenüber auf ihre Kniee niederſanken. Hört uns, Ihr verklärten Geiſter, rief Katharina mit lauter feierlicher Stimme, hört uns und freut Euch im Himmel, und ſchaut zu uns hernieder mit heiterm und zufriedenem Blick. Das Gebet, welches 261 eiche zu wir einſt gebetet an dem Todeslager meiner Schweſter, in Ver⸗ das Gebet der geknechteten Italia, wir haben es ſo eßlichen lange, ſo treu und ſo inbrünſtig gebetet, bis es ſich ergäͤng— für uns verwandelt hat in einen Schlachtengeſang, in k, aber ein Auferſtehungslied. Ja, Italia wird auferſtehen, bt und es wird ſich erheben aus ſeiner Schmach und Er— niedrigung, Italia wird ſeine Ketten abwerfen und frei werden. Höre es, Graf Confalconi, der Du heim⸗ gekehrt biſt aus dem Exil, um zu ruhen in der Mut⸗ tererde, höre es und erſtehe aus Deinem Grabe, denn die Stunde der Rache, der Vergeltung iſt da! Höre es, meine Schweſter, die Du geſtorben biſt vor Gram um das Vaterland und den Gatten, höre es, und ſchaue ſegnend zu mir nieder, wie Du mich damals geſegnet haſt in der Stunde Deines Todes. Das Werk, deſſen Plan ich damals als tiefes Geheimniß h in Dein Ohr flüſterte, das Werk iſt vollbracht, ge⸗ and 4 rüſtet und gewappnet tritt Italien jetzt ſeinem Feinde 6 auf gegenüber und ſchwingt das Banner der Revolution 3 hoch empor über alle ſeine Städte und ſeine geknech⸗ — teten Provinzen. Hört es, Ihr Alle, die Ihr geſtor⸗ ühn ben ſeid als Märtyrer des Vaterlandes, die Stunde 5 f der Vergeltung iſt gekommen, die Stunde der Rache del 4 iſt da! Italien iſt aufgeſtanden wie Ein Mann, und welches 262 es wird ſich ſeine Freiheit, ſeine Unabhängigkeit er⸗ kämpfen von dem verhaßten Feinde. Und fürchtet nicht, Ihr, die Ihr geſtorben ſeid unter der ſchweren Hand Oeſterreichs, fürchtet nicht, daß dieſe Hand auch jetzt noch die junge aufblühende Revolution in ihrer Würgerhand erdrücken könne, wiſſet vielmehr, daß es die Revolution ſein wird, we lche Oeſterreich erdrückt und unter ihre Füße tritt. Denn wir haben dafür 19 geſorgt, daß die Revolution ſtark und ſchlagfertig ſei nicht blos in Italien, ſondern in allen den geknechte⸗ ten Provinzen und L Ländern, welche dem Scepter der Habsburger ſich beugen mußten. Sie ſtehet da mit dem Schwert in der Hand, in Ungarn wie in Gali⸗ zien, in Böhmen wie in Italien, und endlich ſtehet ſie da in Oeſterreich ſelber, ſtehet hier in Wien an den Pforten der Kaiſerburg die ſ ſchlagfertige, gerüſtete Revolution und wartet auf das Signal, daß ſie den Schlachtenruf ertönen, daß ſie das Schwert erheben ſoll zum Angriffe, zum Siege. Und dieſe Stunde iſt gekommen und das Signal wird gegeben werden. Aus allen Provinzen ſind die geheimen Abgeordneten der Revolution hier angelangt und haben es den Häuptern der großen Revolutionspartei, welche hier in Wien ihren Sitz hat, gemeldet, daß alle Vorbereitun⸗ 263 keit er⸗ gen beendet, alle Streitkräfte bereit ſind, daß man fürchtet nur harre auf das Signal. Der Sturmvogel der Re⸗ cweren volution iſt durch alle Lande geflogen und überall hat d auch man ſeinem Rufe ein andächtiges Gehör gegeben. n ihrer Graf Confalconi, ſchlafe nicht länger in Deinem Grabe, daß es Schweſter Margaretha, thue Deine Augen auf und rdrückt ſiehe Deine Töchter, ſiehe Deine Schweſtern, ſiehe den dafür Verlobten Deiner Brant hier an dem Sarge Deines tig ſei. Gemahls ſtehen, um ſich feierlich zu geloben, daß ſie nechte⸗ leben und ſterben wollen im heiligen Dienſte der Re⸗ ter der volution. Erhebt Euch von Euren Knieen und laßt da mit uns unſere Hände in einander legen hier auf dem Gali⸗ Sarge Eures Vaters, der ſeine Liebe zum Vaterlande ſtehet gebüßt hat mit fünfzehnjähriger Kerkerhaft, mit drei⸗ en an zehnjährigem Exil und der geſtorben iſt an gebroche⸗ rüſtete nem Herzen, weil er nicht mehr glaubte an die Be⸗ Ve den freiung des Vaterlandes. Stehet auf, Ihr Kinder des theben heimgegangenen Märtyrers, ſtehet auf und laſſet uns de it beten das Gebet der That, wie wir einſt gebetet haben erden das Gebet der Schmerzen. men Felicia und Carmela, Guido und Giuſeppa erhoben — ſich von ihren Knieen, auf dem Sarge des Vaters legten ſie ihre Hände in einander und Katharina faßte dieſe vereinten Hände in die ihren. 364 Vater im Himmel, ſagte ſie feierlich, du ſieheſt uns hier, die Söhne und die Töchter Italia's, ſieheſt uns hier an den Pforten eines neuen Tages, einer neuen Zeit. Gieb in Deiner Allmacht und Gunade, daß er aufſtrahle über uns Allen, daß er die Leuchte und die Sonne werde aller Völker und aller Nationen. Der neue Tag heißt die Revolution und die neue Zeit heißt die Volksfreiheit. Höre den Schwur, den wir leiſten, Vater im Himmel: wir wollen leben und ſter⸗ ben im Dienſte der heiligen Revolution, die jetzt be⸗ ginnt, und welche Italien die Freiheit wieder geben wird. Und Alle wie aus Einem Munde riefen es ihr nach: Wir wollen leben und ſterben im Dienſte der heiligen Revolution, die jetzt beginnt und welche Ita⸗ lien die Freiheit wieder geben wird. u ſieheſt s, ſieheſt 8, einer Gnade, Leuchte fationen. teue Zeit X. den wir nd ſter Fürſt Sulkowski. jetzt be⸗ r geben Maſter Louis war, nachdem er geſehen hatte, wie die Thür der Villa in Hitiing ſich endlich öffnete es ihr und Felicia eingetreten war, nach Wien zurückgekehrt. nſte der Aber er begab ſich nicht in das Hotel, in welchem er he Ita⸗ abgeſtiegen war, ſondern bedeutete den Fiacrekutſcher, ihn nach dem Graben zu fahren. An dem Anfang dieſer breiteſten und ſchönſten Straße von Wien ver⸗ ließ er den Fiacre und eilte mit raſchen, eiligen Schrit⸗ ten die Straße dahin. Jetzt trat er in eins dieſer glänzenden hohen Häuſer ein, welche die beiden Seiten des Grabens einfaſſen, und mit faſt ſchüchterner Stimme fragte er den Portier, der mit ſeinem brei⸗ ten Bandelier und dem großen vergoldeten Stab in der Vorhalle auf und ab ging, ob die Herrſchaft, 266 welche im zweiten Stockwerk wohne, vielleicht zu Hauſe ſei? Der dicke herculiſche Portier maß den beſcheidenen und unſcheinbaren Frager mit einem ſtolzen verächt⸗ lichen Blick. Zu Hauſe vielleicht, aber nicht für Jedermann zu ſprechen, ſagte er würdevoll, am wenigſten zu ſprechen für Menſchen, die nichts ſind, nichts haben und zu Fuß, ganz ohne alle Begleitung und Empfehlung hier in’s Haus treten. Es bedarf alſo einer beſondern Empfehlung, um zu dem Prinzen Maximilian von Sulkowski zu ge⸗ langen? fragte Maſter Louis. Denn zu der Herrſchaft, welche im zweiten Stockwerk wohnt, gehört doch der Prinz Max Sulkowski? Ja, der Prinz von Sulkowski wohnt im zweiten Stock, ſagte der Portier würdevoll. Und, fragte Maſter Louis zögernd und beklommen, und— iſt er allein hier? Oder— oder iſt ſeine Mutter, die Frau Herzogin auch hier? Nein, der Prinz iſt allein hier mit ſeinem Gefolge. d 2 Seltſam, dieſe ſo einfache und kurze Antwort des Portiers machte dennoch auf Maſter Louis einen un⸗ gewöhnlichen, überraſchenden Eindruck. Sein Geſicht, leicht zu cheidenen verächt⸗ 267 das vorher todesbleich geweſen, röthete ſich, ſeine Stirn, die vorher von düſtern Wolken beſchattet ge⸗ weſen, heiterte ſich auf und der Schimmer eines glück⸗ lichen Lächelns flog einen Moment über ſein ſchönes, edles Angeſicht hin. Die Frau Herzogin von Bielitz iſt alſo auf ihren Beſitzungen in Schleſien zurück geblieben? fragte er. Ich weiß nicht, hab' gar nichts von ihr gehört, erwiederte der Portier. Geht Eurer Wege und fragt nicht ſo viel. Der Prinz Sulkowski iſt für Euch nicht zu Hauſe, und damit Baſta. Mein Freund, ſagte Maſter Louis lächelnd, indem er dem Portier näher trat, Ihr ſagtet vorher, der Prinz ſei für Niemand zu ſprechen, der ohne Empfeh⸗ lung zu ihm komme. Thut mir den Gefallen und ſeht einmal zu, ob dies hier eine vollgültige Empfeh⸗ lung iſt und ob Ihr mir nun erlauben wollt in den zweiten Stock hinauf zu gehen? Der Portier betrachtete das, was Maſter Louis ihm mit dieſen Worten in die Hand gedrückt, und ſein breites, rothes Geſicht veränderte ſich ſofort und nahm den Ausdruck ehrerbietiger Unterwürfigkeit an. Gnädiger Herr, ſagte er, ſich tief verneigend, ich 268 bitte um Verzeihung wegen meines unverſchämten Betragens und meiner geringen Höflichkeit. Wollen der gnädige Herr nur die Güte haben, ſich die beiden Stiegen hinauf zu bemühen. Der Prinz Sulkowski iſt zu Hauſe und Sie werden ſeinen Jäger auf dem Vorplatz finden. Ah, welch eine beredte Sprache doch ein Dukaten zu führen verſteht, ſagte Maſter Louis zu ſich ſelber, indem er die Stiegen hinauf ſchritt. Das Geld und immer das Geld! Es iſt der Gott und der Teufel dieſer Erde, es macht Engel und Verbrecher, es macht Heilige aus Sündern, und Sünder aus Heiligen. Oh, möge es dem Schickſal gefallen, daß das Verbrechen, welches es erzeugt, nicht auf's Neue auch in unſere Familie eingedrungen iſt. Er war mit raſchem Schritte die Stiegen hinauf⸗ gegangen und ſtand jetzt vor der Gitterthür, welche den Vorplatz von der Treppe abtrennte; durch dieſes Gitter konnte er den Jäger in der reich gallonirten Livrée ſehen, der mit ineinander gefaltenen Armen langſam und mit verdrießlichem Geſicht auf dem Vor⸗ platz auf und ab ging. Ein fremdes Geſicht, murmelte Maſter Louis in ſich hinein. Er kennt mich nicht und wird mir viel⸗ dara werfe ( herve nebe erſchämten Wollen die beiden Sulkowski auf dem Dukaten ich ſelber, Geld und er Teufel es macht gen. Oh, erbrechen, in unſere n hinauf⸗ e, welche rch dieſes allonirten n Armen dem Vor⸗ Louis in mir vie⸗ 269 leicht auch Schwierigkeiten machen, wie der Portier. Es iſt daher beſſer, ihm gleich meine Empfehlung in die Hand zu drücken, weil es für mich von der höch⸗ ſten Wichtigkeit iſt, daß ich unbemerkt zu ihm eintre⸗ ten, daß ich ſeine Mienen beobachten kann, ehe er daran hat denken können, ihnen eine Maske überzu⸗ werfen. Er nahm aus ſeiner Börſe ein zweites Goldſtück hervor, und dann, ſtatt die Klingel zu ziehen, die ſich neben der Treppe befand, klopfte er leiſe mehrmals an das Gitter. Der Jäger, der ſich eben in der Nähe deſſelben befand, blieb ſtehen, und dann, als er die dunkle Ge— ſtalt da hinter dem Gitter gewahrte, trat er näher an daſſelbe heran und ſchaute neugierig durch die Fugen. Haben Sie geklopft, mein Herr? fragte er laut. Ja, ich habe geklopft, ſagte Louis leiſe, und ich bitte Sie, öffnen Sie die Thür, damit ich mit Ihnen ſprechen kann. Es genügt, wenn Sie mir durch das Gitter ſagen, was Sie wünſchen, bemerkte der Jäger mit lauter Stimme. Oh, ſprechen Sie leiſe, ich bitte Sie, ſprechen Sie 27 70 leiſe, ſagte Louis dringend. Oeffnen Sie, und ich ſage Ihnen, was ich wünſ ſche und gebe Ihnen das, was ich für Sie mitgebr racht. Für mich? Sie haben etwas für mich mitgebracht? fragte der Jäger, dicht an das Gitter herantretend. Woher kommen Sie denn? Ich komme aus Schleſien, ſagte Louis leiſe und zögernd. Aus Schleſien? Vom Schloß Slupna? fragte der Jäger raſch. Ja, vom Schloß Slupna, beſtätigte Louis. Ah, warum ſagten Sie das nicht gleich, rief der Jäger eifrig, indem er die Riegel zurückſchob und das Gitter öffnete. Se. Durchlaucht erwartet ſchon ſeit drei Tagen Nachricht von dorther, und ich habe Be⸗ fehl, Jeden, der von dort kommt, ſogleich ihm zu melden. Ich möchte aber unangemeldet zu ihm eintreten, mein Freund, ſagte Louis, ich möchte den Prinzen, der ein ſehr naher Verwandter von mir iſt, überraſchen, und möchte an ſeiner Ueberraſ ſchung ſehen können, ob er mich noch liebt und mich nicht vergeſſen hat. Laſſen Sie mich alſo zu ihm eintreten und nehmen Sie dies für Ihre Gefälligkeit. 271 und ich Er drückte ihm das Goldſtück in die Hand und nen das, fragte dann raſch: Welches iſt die Thür, die zu den Gemächern des Prinzen führt? gebracht? Jene Thür dort drüben führt in das Vorzimmer ntretend. und durch daſſelbe kommt man gerade in das Zimmer, in welchem Se. Durchlaucht ſich eben befindet. Ew. eife und Gnaden ſagten vorher, Sie ſeien ein naher Verwand⸗ ter meines Herrn, und ich hoffe daher, daß Seine agte der Durchlaucht es mir verzeihen wird, wenn ich Ew. Gnaden unangemeldet zu ihm eintreten laſſe. Seien Sie überzeugt davon; zudem werde ich Ihnen ſelber das Wort reden, ſagte Maſter Louis, 9 d indem er an dem Jäger vorüber ſchritt, leiſe die Thür zen ſet öffnete und ohne das mindeſte Geräuſch zu verurſachen be Be⸗ in daſſelbe eintrat. im zu Der Jäger, welcher dienſtgeſchäftig ihm nachgeeilt 4 war, zog die Thür wieder zu und Maſter Louis be⸗ traen fand ſich jetzt allein in dem Vorzimmer. Einen Mo⸗ e. d ment blieb er ſtehen und ſchien hochaufathmend nach 92 Kraft, nach Ruhe zu ringen. ihe Es ſcheint, ſie lebt noch, murmelte er leiſe vor ſich mn dh hin, denn wenn ſie todt wäre, würde der Portier es 4* ohne Zweifel gewußt haben. Mein Gott, vielleicht ie die bin ich noch nicht zu ſpät gekommen, vielleicht gelingt 272 es mir dennoch, das ärgſte Verbrechen zu verhüten, und— Lautſchallendes Gelächter, das aus dem Innern des nächſten Zimmers hervordrang, unterbrach Louis in ſeinem ſchmerzlichen Sinnen. Er iſt es, ich erkenne ſeine Stimme, ſagte er leiſe, oh, er könnte nicht lachen, wenn es ſchon geſchehen wäre. Und mit raſchem Schritt näherte er ſich der Thür und drückte leiſe die Klinke derſelben auf. Die Thür öffnete ſich ohne Geräuſch nach Außen hin und Maſter Louis trat ein. Das Lachen erſchallte noch immer fort und hatte das Oeffnen der Thür übertönt. Maſter Louis ſtand auf der Schwelle, aber die Beiden, welche in dem Zimmer ſich befanden, ahnten nichts von ſeiner Ge⸗ genwart, denn die Portièére, die an der innern Seite der Thür angebracht war, verhüllte ſeine Geſtalt. Sie ſaßen nebeneinander auf der Chaiſelongue, die ſich in der Mitte des eleganten Raumes befand und hatten Beide der Thür den Rücken gewandt. Der Arm des jungen Mannes war um den vollen entblößten Nacken der Dame geſchlungen, die neben ihm ſaß und deren ſchwarzgelockter Kopf auf ſeiner Schulter ruhte. J inden lachen unver laſſen einen 0 d 8 ſie d Ther ange üſte gan dar dir der verhüten, Innern ch Louis er leiſe, geſchehen er Thür ie Thür d Maſter nd hatte is ſtand in dem ner Ge⸗ n Seite alt. Eie hatten lem del Nacken d deren 9 t. 273 Alſo Du glaubſt mir nicht? fragte eben der Prinz, indem er abermals laut zu lachen begann. Nein, ich glaube Dir nicht, erwiederte ſie ebenfalls lachend. Was? Mich wollteſt Du hier in dem tollen, unvernünftigen Wien zur Göttin der Vernunft erheben laſſen und die Leute ſollten mich anbeten und mir einen Tempel weihen? Ich ſage Dir, ſie ſollen's, rief er lachend. Haben ſie damals in der großen franzöſiſchen Revolution die Theroigne de Mérincourt als Göttin der Vernunft angebetet, ſo können ſie jetzt daſſelbe in der großen öſterreichiſchen Revolution für Dich thun. Du biſt ganz und gar dazu gemacht, die Göttin der Vernunft darzuſtellen, und das Wiener Volk wird entzückt von Dir ſein. Oh, ich ſage Dir, es wird bald ein wun⸗ dervolles Spektakelſtück hier aufgeführt werden, und der liebe Kaiſer Ferdinand, der ſo gerne Poſſen ſieht, wird bald von ſeinen lieben Wienern eine großartige Poſſe aufgeführt ſehen, nur daß er und die Seinigen diejenigen ſein werden, welche dabei die in einer Poſſe unvermeidlichen Schläge bekommen. Du glaubſt alſo im Ernſt, daß der Spaß jetzt bald losgeht? fragte die Dame. Ich glaube es nicht, ich weiß es. Gehöre ja mit Mühlbach, Erzherzog Johann. 4. Abth. II. 18 274 zu dem Ausſchuß der Clubbs, bin Mitanführer und Leiter der Revolution. Heute Abend iſt letzte Sitzung der Ausſchußmitglieder des Revolutionsclubbs, und da werden die Parolen ausgetheilt und die letzten Ordres gegeben. Und wo findet die Sitzung ſtatt? Draußen in der Villa in Hitzing, Du weißt ja, bei der Italienerin. Ah, es wird heute ſtürmiſch her⸗ gehen, denn das ganze Revolutionscomité wird da zuſammen ſein und wir werden alſo da die tolle Farce der Gleichheit und Brüderlichkeit beginnen. Es wird da Lumpengeſindel aus allen Ständen zuſammen kommen. Und Du wirſt auch dabei ſein, lachte die Dame. Ja, ich werde auch dabei ſein, ſagte er, und ich verſichere Dich, das Lumpengeſindel iſt trotz ſeiner hochtrabenden Redensarten von Freiheit und Gleich⸗ heit und trotz ſeiner demokratiſchen Unverſchämtheit dennoch ſehr enchantirt davon, einen Prinzen in ſei⸗ nem Comité zu haben, und es ſchmeichelt ihrer Eitel⸗ keit ganz erſtaunlich, daß ein Ariſtokrat mit ihnen ge⸗ meinſchaftliche Sache macht.. Es iſt auch merkwürdig genug, daß Du's thuſt, ſagte ſie ſinnend, und ich ſelber begreife es kaum. hrer und eSitzung „und da n Ordres veißt ja, iſch her⸗ wird da die tolle nen. Es ſammen Dame. ſeiner Gleich⸗ ämtheit in ſei⸗ rEitel⸗ nen ge⸗ 8 thuſt kaum. Warum nicht lieber ſich zu dem Kaiſer halten und für ihn Partei nehmen? Der Kaiſer hat nicht blos Orden und Titel und Ducaten als Belohnungsmittel, ſondern er kann auch, wenn's Noth thut, Unterſuchun⸗ gen niederſchlagen und Gnaden gewähren. Mein Schatz, man ſieht, daß Du Dich wenig auf Politik verſtehſt, rief der Prinz lachend. Würdeſt ſonſt wiſſen, warum ich es mit dem Volke halte und nicht mit dem Kaiſer, würdeſt wiſſen, daß das Volk bald der gebietende Herr und Kaiſer ſein wird, und daß das Volk alsdann die Macht haben wird, Unter⸗ ſuchungen niederzuſchlagen und ſeine Lieblinge und Anführer ſtraflos zu erklären. Oh, Niemand wird es wagen, einen Anführer des Volkes eines Verbrechens anzuklagen, und— Auf einmal verſtummte der Prinz und ſtarrte in den Spiegel hinein, der ihm gegenüber an der Wand hing und in welchem er ſoeben die bleiche hohe Män⸗ nergeſtalt erblickte, welche hinter ihm in der Mitte der Portière ſtand. Nun, fragte die Dame, warum ſchweigſt Du auf einmal? Er ſtarrte immer noch in den Spiegel und deutete jetzt mit der erhobenen Hand auf denſelben hin. Mein 18* 276 Bruder, flüſterte er erblei end, ich ſehe da meinen 1 1 Bruder, den Herzog Ludwig. 3 Die Dame ſtieß einen Schrei aus und ſprang von dem Divan empor. Auch der Prinz erhob ſich und wandte ſich mit bleichem Geſicht mit düſterer Stirn nach der Thür um. Ja, es war keine Erſcheinung, keine Einbildung ſeiner erhitzten Phantaſie geweſen, da ſtand er wirk⸗ lich, ſein Bruder, da ſtand er und ſchaute ihn an mit ſtrengen prüfenden Blicken, und— ſeltſam, der Prinz Marimilian Sulkowski, das Comitémitglied der Re⸗ volutionspartei ſchlug die Augen nieder und das Wort der Begrüßung erſtarb auf ſeinen Lippen. Maſter Louis, oder, wie ihn Prinz Maximilian genannt hatte, der Herzog Ludwig ſchritt jetzt langſam vorwärts, er trat dicht zu ſeinem Bruder heran, ohne die Dame, die neben demſelben ſtand, zu begrüßen oder nur ſie eines Blickes werth zu halten. Prinz Maximilian Sulkowski, ſagte er mit ernſter feierlicher Stimme, ich, Dein älterer Bruder, ich, der Herzog von Bielitz, Fürſt von Sulkowski, ich bin aus Amerika hierher gekommen, um im Namen unſerer Familie eine Frage an Dich zu richten. Prinz Maxi⸗ Anigen milian Sulkowski, wie befindet ſich unſere Mutter, 11 die Frau Herzogin von Bielitz? d 4 Der Prinz ſchrak zuſammen, und ſein ſcheuer Blick, . den er einen Moment raſch und wild zu dem Frager Eiitn empor hob, ſenkte ſich ebenſo raſch wieder nieder. Die Dame aber brach in ein lautes Lachen aus nbildung. 1 3 3 48 und legte mit einer raſchen Bewegung ihre Hand auf er wirk„,; 1. die Schulter des Prinzen, als wolle ſie ihn empor an mit rütteln aus ſeiner dumpfen Betäubung. er Prinz Nun, Prinz Mafimilian, rief ſie lachend, ſei doch der Re nicht grauſam, antworte doch dem Herrn Herzog von 1s Wort Bielitz, Fürſten von Sulkowski auf die Frage, um deretwillen er von Amerika hierher gekommen iſt. Je rimilian raſcher Du antworteſt, deſto raſcher wird er wieder angſam abreiſen, denke ich. Sage doch, wie befindet ſich Deine n, ohne Frau Mutter, Ihro Durchlaucht die Frau Herzogin egrüßen von Bielitz? Bevor Du mir antworteſt, mein Bruder, heiße ernſten dieſe Perſon hinaus gehen, ſagte Louis gebieteriſch ich, der Ich bin gekommen, um mit dem Prinzen Sulkowski, in aus nicht aber um mit dem ſogenannten Baron Guſtav unſerer zu ſprechen. Mari Die Dame brach abermals in ein lautes Lachen aus. Ah, Sie halten mich für den ſogenannten Baron 278 Guſtav? fragte ſie. Wie? Trage ich etwa Beinklei⸗ der und ſehen Sie meine Schultern beſchwert von Männerkleidern? Nein, mein lieber Herr Herzog von Habenichts, Sie dürfen ſich beruhigen. Die Perſon, welche Sie hier ſehen, iſt nicht der Baron Guſtav, mit dem Sie nicht ſprechen wollen. Die Perſon iſt die ſchöne Flora Tſchaskalik, die Geliebte des Prinzen Max, die er aber recht bald zu ſeiner Gemahlin machen wird, mein lieber Herr Herzog und zukünftiger Schwa⸗ ger. Nun, mein theurer Max, nun antworte doch endlich Deinem Herrn Bruder, ſage ihm doch, wie ſich die Frau Herzogin Mutter befindet. Ja, antworte mir, mein Bruder, ſagte der Herzog gebieteriſch. Wie befindet ſich unſere Mutter? Nun, ich denke, ſie befindet ſich recht wohl, ſagte der Prinz, welcher jetzt ſeine Ruhe und ſeinen Gleich⸗ muth wiedergefunden zu haben ſchien. Ja, ſie befand ſich ſogar außerordentlich wohl, die liebe Frau Mutter, als ich ſie vor vierzehn Tagen verließ. Seit vierzehn Tagen haſt Du ſie nicht geſehen? Gewiß, ſeit vierzehn Tagen habe ich ſie nicht ge⸗ ſehen, denn ſeit dieſer Zeit befinde ich mich hier in Wien. Aber jetzt, mein Herr Bruder Ludwig, jetzt ſage mir, was es bedeuten ſoll, daß Du, wie Du deinklei⸗ rt von og von Perſon, Guſtav, rſon iſt machen Schwa⸗ te doch wie ſich Herzog 7 l, ſagte Gleich⸗ befand Mutter, ſehen? ncht ge⸗ bier in g, jett — ſagſt, aus Amerika hierher gekommen biſt, blos um Dich bei mir nach dem Befinden unſerer Mutter zu erkundigen? Woher kommt dieſe plötzliche Aengſtlich⸗ keit für unſere Mutter? Sie kommt daher, ſagte Herzog Ludwig feierlich, ſie kommt daher, daß ich Ricardo Meyer geſprochen habe. Der Prinz zuckte zuſammen und ſein Antlitz ent⸗ färbte ſich. Oh, Sie haben Ricardo Meyer geſprochen? fragte Flora mit einem verbindlichen Lächeln. Erlauben Sie mir, daß ich an Sie auch eine hochwichtige Frage ſtelle: Wie befindet ſich Ricardo Meyer, unſer Freund und Vertrauter? Hat er die Reiſe nach Amerika gut überſtanden? Der Herzog ſchien ihre Frage gar nicht gehört zu haben, ſondern hielt die Blicke unverwandt auf das Antlitz ſeines Bruders geheftet. Ich habe Ricardo Meyer geſprochen, Deinen Freund, Deinen Vertrauten, ſagte er, ich habe ihn geſprochen. Er hatte, kaum in New⸗York gelandet, einen Streit mit einem ſeiner frühern Freunde. Sie duellirten ſich und Ricardo Meyer ward tödtlich ver⸗ wundet. Als der Arzt ihm geſagt hatte, daß er un⸗ 280 rettbar verloren ſei, ſandte Ricardo nach mir und ließ mich an ſein Sterbelager rufen; ich ging zu ihm und empfing ſeine Beichte. Nun, und was beichtete er Dir, mein Bruder? fragte der Prinz. Alle Sünden und Verbrechen, die er ſelber began⸗ gen, und die er von Andern hatte begehen ſehen. Er erzählte mir von einem unnatürlichen Sohn, der den Tod ſeiner Mutter erſehne, um ihr Erbe zu ſein. Er erzählte mir, daß dieſer unnatürliche Sohn, gedrängt von ſeinen Gläubigern, gehetzt von den Genoſſinnen ſeiner Orgien, den verbrecheriſchen Gedanken gefaßt habe, das Leben ſeiner Mutter vor der Zeit zu enden. Er hat gelogen, er iſt ein nichtswürdiger, ſchänd⸗ licher Lügner, ſchrie Prinz Maximilian. Man lügt nicht, wenn man am Rande des Gra⸗ bes ſteht und von Reue gefoltert wird, ſagte Herzog Ludwig feierlich. Ricardo Meyer fand in den Qualen der Reue nicht einmal die Ruhe, um zu ſterben. Der Tod ſchwebte ſchon über ſeinem Haupte, aber die ſchwere Hand des Gewiſſens hielt ihn zurück, bis der Sterbende ſeine Beichte vollendet hatte. Sie ſtrömte vielleicht wider ſeinen Willen von ſeinen Lippen. Das Gewiſſen befahl ihm zu ſprechen und der irdiſche und ließ ihm und Bruder? er began⸗ hen. Er ſein. Er gedrängt noſſinnen n gefaßt zu enden. „ſchänd⸗ des Gra⸗ e Herzog Qualen en. Det aber die bis der ſtrömte en. Das irdiſche 281 Menſch hatte nicht mehr die Kraft, ſich zu widerſetzen, er mußte gehorchen, er ſprach. Er erzählte mir von einer entſetzlichen Scene des vorigen Herbſtes, einer Scene, in welcher der unnatürliche Sohn von ſeiner Mutter, deren Vermögen er zerrüttet, von deren Gnade er lebte, mit wüthendem Drängen Geld ge⸗ fordert und dieſe es ihm verweigert habe. Da, in der Raſerei des Zornes ſtürzte der unnatürliche Sohn auf die Mutter hin, packte ſie am Halſe und hätte ſie erwürgt, wenn nicht Ricardo ihn mit Gewalt von ihr fortgeriſſen hätte. Gelogen, gelogen, rief der Prinz. Es war nur ein Scherz. Ich ſtellte mich nur ſo zornig und un⸗ gebärdig, um die Mutter zu erſchrecken und Geld von ihr zu erpreſſen. Oh, ich hätte ihr nichts Böſes ge⸗ than, das wußte ſie wohl. Sie wußte es nicht, denn ſeit jener entſetzlichen Scene zitterte ſie vor ihrem Sohn, und beim Himmel, ſie hatte wohl Grund dazu! Denn dieſe fürchterliche Scene wiederholte ſich noch einmal, und ein drittes Mal wagte es der verbrecheriſche Sohn ſogar, ein Piſtol auf ſeine Mutter anzulegen und ihr zu drohen, daß er ſie erſchießen werde, wenn ſie nicht ſofort die von ihm auf⸗ geſetzte Abtretungsacte aller ihrer Güter unterzeichne. 82 Das Piſtol war nicht geladen, es war nur um die eigenſinnige alte Frau einzuſchüchtern, rief der Prinz. Das Piſtol war geladen, erwiderte der Herzog ſtreng. Ricardo Meyer war es, der dem Prinzen entgegenſtürzte und deſſen ſchon zum Schuß gehobenen Arm zur Seite ſchleuderte. Das Piſtol ging los, die Kugel, mit welcher daſſelbe geladen geweſen, drang tief in die Wand ein. Niemand kann es beweiſen, ſchrie der Prinz. Nein, Niemand kann es beweiſen, denn Niemand, außer Ricardo Meyer, war bei dieſer Scene zugegen, und deshalb mußte man dieſen gefährlichen Zeugen entfernen, damit er nicht, falls die Herzogin wider ihren verderbten Sohn den Schutz der Geſetze in An⸗ ſpruch nähme, und Klage gegen ihn erhöbe, von der Herzogin als Zeuge citirt werde. Der Prinz ſchlug daher ſeinem bisherigen Freund und Vertrauten vor, nach Amerika zurückzukehren, wohin er ihm bald nach⸗ folgen werde, und— Und Ricardo Meyer nahm dieſen Vorſchlag mit dem größten Entzücken auf, unterbrach ihn Flora Tſchaskalik, denn die Gläubiger des lieben Ricardo fingen an ſehr unangenehm zu werden, und drohten, ur um ef der Herzog vrinzen obenen s, die drang z. emand, ugegen, Zeugen widet in An⸗ — 283 den leichtſinnigen Schuldenmacher hinter Schloß und Riegel büßen zu laſſen. Ricardo Meyer, fuhr der Herzog, der die Unter⸗ brechung gar nicht bemerkt zu haben ſchien, ruhig fort, Ricardo Meyer nahm den Vorſchlag mit der größten Bereitwilligkeit auf, weil es ihn drängte fortzukommen aus dem Hauſe, das, wie er ahnte und fürchtete, bald der Schauplatz eines grauenvollen Verbrechens ſein werde. Der unnatürliche Sohn hatte ihm in dem Zorne über die fehlgeſchlagene— Drohung mit der Piſtole rückhaltslos ſein Inneres enthüllt. Er hatte ihm faſt drohend geſagt, daß der Tod der Herzogin eine be⸗ ſchloſſene Sache ſei, und daß Ricardo's Hand nicht immer bereit ſein werde, das Gewehr fortzuſchleudern, welches man auf die Herzogin anlegen würde. Dann, als Ricardo Meyer es verſucht hatte, den Sinn des hartherzigen Sohnes zu erweichen, als er ihn darauf aufmerkſam machte, in welche Todesgefahr er ſelber ſich durch ſolch frevelhaftes Verbrechen ſtürzen werde, dann hatte der Prinz ausgerufen:„ich w werde ſchon Sorge tragen, daß ich nicht anweſend bin, wenn es geſchieht.“ Und ſeine Geliebte, wie ich vermuthe, der ſogenannte Page Baron Guſtav, hatte ihm zugerufen: „Sei ohne Sorge, Max, ich verſchaffe Dir eine Perſon, 284 welche Dir die Alte auf die Seite ſchafft, wenn Du nach Wien gegangen biſt.“ Sie ſind im Irrthum, mein lieber Herr Herzog, ſagte Flora lachend, Ihre Phantaſie beſchäftigt ſich immer noch mit der früheren Geliebten des Prinzen, dem ſogenannten Baron Guſtav, und ich finde das begreiflich, denn Ricardo Meyer wird Ihnen viel von ihr erzählt haben, weil er verliebt war in die när⸗ riſche Perſon. Daher kam es auch, daß der kleine Baron Guſtav ganz troſtlos war, als der liebe Ri⸗ cardo abreiſte, denn er war immer ihr Beiſtand ge⸗ weſen, und oft genug, wenn der Prinz ihr eine wohl⸗ verdiente Züchtigung wollte zu Theil werden laſſen, hatte der empfindſame verliebte Ricardo ſie vor der ſchweren Hand und dem ſchwanken Rohr des Prinzen gerettet. Ja, ja, Ricardo Meyer's Abreiſe ſchmerzte daher Nie⸗ mand ſo ſehr, als den kleinen weiblichen Baron Gu⸗ ſtav, und ich wage zu behaupten, daß dieſe Abreiſe Schuld war an dem Tode des Barons Guſtav. Wie, der Baron Guſtav iſt todt? rief der Herzog. Ja, der Baron Guſtav, will ſagen die Marie Tſchinki, iſt todt, ſagte Flora achſelzuckend. Und wollen Sie wiſſen, woran ſie geſtorben iſt? An einer Por⸗ tion wohlverdienter Schläge mit der Hetpeitſche, die ſie enn Du Herzog, igt ſich jrinzen, nde das iel von ie när⸗ kleine ebe Ri⸗ and ge⸗ wohl⸗ n, hatte hweren gerettet. er Nie⸗ on Gu⸗ Abreiſe Herzog. Marie wollen er Por⸗ die ſie 285 von dem Prinzen Max empfangen, wegen ihres über⸗ müthigen Betragens gegen mich. Unglücklicher, Du haſt das Mädchen getödtet? fragte der Herzog entſetzt, indem er die Hand auf den Arm ſeines Bruders legte. Nein, ich habe ſie nicht getödtet, ſagte der Prinz mit niedergeſchlagenen Augen, ſie gab ſich ſelbſt den Tod. Sie gab ſich ſelbſt den Tod, und zwar aus Ehr⸗ gefühl, ergänzte Flora Tſchaskalik mit einem lauten Lachen. Sie hatte einen Abſchiedsbrief an den Prin⸗ zen zurückgelaſſen, in welchem ſie ſagte, daß ſie nicht länger leben könne, weil er ſie mit der Hetzpeitſche ge⸗ ſchlagen, und ſie ſich dadurch entehrt fühle. Den Brief hatte ſie ſelber noch auf das Zimmer des Prin⸗ zen getragen, und dann ging ſie hin und erſchoß ſich. Und Du, Marimilian, rief der Herzog ſchaudernd, Du biſt dennoch der Mörder des unglücklichen Mäd⸗ chens, wie Du der Mörder Deiner beklagenswerthen Gattin geweſen biſt. Die Verzweiflung hat ſie Beide in den Tod getrieben. Die Eine ſiechte hin in Gram und Kummer, und ſtarb an gebrochenem Herzen, die Andere flüchtete ſich in den Tod vor Deiner grau⸗ ſamen Behandlung. 286 Sie waren Närrinnen alle Beide, rief der Prinz ungeſtüm. Wer hieß ſie, die Dinge gleich ſo ſchwer nehmen, warum war die Eine ſo wüthend eiferſüchtig, und warum fiel es der Andern ein, plötzlich Ehrge⸗ fühl bei ſich zu entdecken, da ſie doch noch niemals gewußt, was Ehre ſei, und niemals welche beſeſſen hatte, und— Aber wir ſind durch dieſe Auseinanderſetzungen ganz und gar von der Hauptſache abgekommen, ſagte Flora, mit einer gebieteriſchen Bewegung ihrer Hand den Prinzen unterbrechend. Der Herr Herzog meinte, es ſei der kleine Baron Guſtav geweſen, der zu Dir geſagt habe:„ich verſchaffe Dir eine Perſon, welche Dir die Alte bei Seite ſchafft.“ Aber Sie irren, Herr Herzog, ich habe das zu dem lieben Prin⸗ zen geſagt. Aber ich hatte dabei keine Mordpläne im Auge, behüte der Himmel. Nein, ich wollte damit nur ſagen, daß ich eine Perſon zu gewinnen hoffte, welche die Frau Herzogin Mutter bereden ſollte, während der beſchloſſenen Reiſe nach Wien das Schloß Slupna zu verlaſſen, und ſich auf ein anderes, kleineres ihrer Güter zurückzuziehen. Denn Schloß Slupna iſt nun einmal der Lieblingsſitz des Prinzen, und er will ja weiter nichts, als daß die Herzogin 8 lo er Prinz o ſchwer erſüchtig, Ehrge⸗ niemals beſeſſen etungen n, ſagte g ihrer Herzog ſen, der Perſon, ſber Sie en Prin⸗ pläne im e damit en hoffte n ſollte, ien das anderes, Schloß Prinzen, Herzogin 287 ihm dies zu unbeſchränkter Benutzung einräumt. Die Perſon, die ich zu dieſem Zwecke für uns gewinnen wollte, war die Kammerfrau der Herzogin, ihre viel⸗ geliebte Roſalie Randel, denn dieſe übte auf die Her⸗ zogin den größten Einfluß aus. Das Mittel aber, durch welches wir die Kammerfrau gewinnen und auch die Fürſtin bewegen wollten, in eine Entfernung vom Schloß Slupna zu willigen, das Mittel war, daß wir die furchtſamen Frauenzimmer zu ängſtigen ſuchten, und machten, daß ſie ſich einbildeten, man trachte der Herzogin nach dem Leben. Deshalb machte der Prinz mehrmals, bloß zum Schein, einen Angriff auf die Herzogin, deshalb führten wir am Abend vor unſerer Abreiſe nach Wien die kleine Komödie auf, daß zwei vermummte Geſtalten die Herzogin in einem dunklen Corridor überfielen und einen Dolch auf ſie zückten. Die Herzogin ſchrie laut auf, und Roſalie Randel ſtürzte mit dem Licht herbei; die ver⸗ mummten Perſonen verſchwanden und Niemand ahnte, daß es der Prinz und ich geweſen, welche ſich dieſen Spaß bereitet. Ein anderes Mal ließen wir uns von einem befreundeten Apotheker hier aus Wien ein Fläſchchen mit Blauſäure kommen, und ich erzählte davon mit geheimnißvollem Geſicht der Kammerfrau, 288 die es natürlich ſofort der Herzogin berichtete, und denken Sie ſich nur, die Alte gerieth darauf in ſolche Angſt, daß ſie keine Speiſe zu berühren wagte, welche nicht Roſalie Randel oder ihr Haushofmeiſter vorher gekoſtet hatte. Arme, beklagenswerthe Frau, rief der Herzog. Man hat ſie tödten wollen durch fortwährende Todes⸗ angſt, durch fortwährende Furcht vor dem Mord, oder man ſagt das jetzt, um die mißlungenen Verſuche des beabſichtigten Verbrechens zu bemänteln. Aber ich will nicht darnach forſchen und darnach fragen, ſon⸗ dern aus der Tiefe meines Herzens will ich nur Gott danken, daß die Herzogin noch lebt, und daß ich, von Ricardo Meyer's Todesbeichte bewogen, die Reiſe hierher unternommen habe. Prinz Maximilian von Sulkowski, ich bin gekommen, um Dich vor einem Verbrechen, die Herzogin von Bielitz, unſere Mutter, vor einem unnatürlichen Tode zu erretten. Ich bin gekommen, um die Herzogin mit mir nach Amerika zu nehmen, und— Ein Schrei tönte von den Lippen des Prinzen, und er ſtürzte haſtig der Frau entgegen, die ſo eben auf der Schwelle der Thür, zwiſchen den Portièren, erſchien. ete, und in ſolche te, welche er vorher Herzog. ſe Todes⸗ o—rd, oder ſuche des Aber ich gen, ſon⸗ nur Gott ich, von die Reiſe ilian von or einem Mutter, Ich bin Amerika & — Prinzen, „ſo eben Portieren, —— 289 Was wollt Ihr hier? rief er ihr entgegen. Wie könnt Ihr es wagen, hier einzutreten? Nun, Ew. Durchlaucht wiſſen wohl, warum ich es wagen darf, zu Ihnen zu kommen, ſagte die Frau mit verächtlichem Achſelzucken. Ew. Durchlaucht haben ja dem Jäger draußen ſelber befohlen, jeden Boten, der von Slupna komme, ſogleich einzulaſſen, und ich komme vom Schloß Slupna, und mein Mann iſt es, der mich ſchickt. Dein Mann iſt es, der Dich ſchickt? fragte Flora mit einem Ausdruck triumphirender Freude. Es iſt alſo geſchehen, und— Der Prinz legte haſtig ſeine Hand auf ihren Arm. Still, Flora, ſagte er leiſe, vergißt Du denn, daß wir nicht allein ſind? Dann wandte er ſich wieder an die Frau, welche jetzt näher getreten war, und unaufgefordet ſich auf einen Stuhl niedergelaſſen hatte. Euer Mann iſt es alſo, der Euch zu mir ſchickt? fragte er ſtolz. Und was wollt Ihr im Namen Eures Mannes von mir erbitten? Ich will nichts von Eurer Durchlaucht erbitten, ſagte die Frau mit einem ſpöttiſchen Lächeln. Ihr habt meinem Mann ein Geſchäft aufgegeben, und habt Mühlbach, Erzherzog Johann. 4. Atbth. II. 19 4 290 ihm verſprochen, ihm, wenn er es ausführt, dafür zweitauſend Thaler zu zahlen. Nun, ich komme, das Geld für meinen Mann abzuholen, denn— das Ge⸗ ſchäft iſt beſorgt. Ein zwiefacher Schrei ertönte, ein Freudenſchrei von den Lippen Flora's, ein Entſetzensſchrei von den Lippen des Prinzen, deſſen Antlitz erdfahl geworden und der wie zerſchmettert auf einen Stuhl nieder⸗ geſunken war. Herzog Ludwig, bleich wie ſein Bruder, und an allen Gliedern bebend, ſchritt jetzt langſam auf die Frau zu, und ſeine großen Augen hefteten ſich mit einem gebieteriſchen Ausdruck auf ihr Angeſicht. Und was war das für ein Geſchäft, welches der Prinz Ihrem Manne aufgetragen? fragte er. Ich be⸗ fehle Ihnen mir die Wahrheit zu ſagen, und Sie müſſen mir gehorchen, denn Sie gehören ohne Zweifel zu den Unterthanen der Herzogin von Bielitz, und ich bin ihr älteſter Sohn, bin der Herzog Ludwig von Bielitz. Ach, der Herr Herzog, ſagte die Frau gleichgültig, der Herr Herzog, der damals heimlich nach Amerika entwich, als er die Erbſchaft ſeines Herrn Vaters an⸗ treten ſollte, und drei Mal mehr Schulden als Ein⸗ dafür ne, das as Ge⸗ enſchrei don den worden zweifel und ich a on ig gültig, merika 291 kommen fand. Hab' davon gehört, aber war damals noch ein kleines Kind, und daher erkannte ich den Herrn Herzog nicht. Aber jetzt, da Sie wiſſen, wer ich bin, jetzt werden Sie mir Antwort geben, jetzt werden Sie mir ſagen, was für ein Geſchäft Ihr Mann beſorgt hat, wofür ihm der Prinz zweitauſend Thaler verſprochen hat? Fragen Sie doch den Prinzen ſelber darnach, Herr Herzog, ſagte die Frau achſelzuckend. Ich weiß nichts davon! Mein Mann hat mir nur befohlen, hierher nach Wien zu reiſen, dem Prinzen zu ſagen, das Geſchäft, welches er ihm aufgetragen, ſei beſorgt, und er möchte ihm nun dafür die verſprochenen zwei⸗ tauſend Thaler durch mich überſenden. Ich wende mich alſo an Dich, mein Bruder, ſagte der Herzog. Ich verlange von Dir, daß Du mir ſagſt, was das für ein Geſchäft iſt, für deſſen Aus— führung Du eine ſo hohe Summe zahlſt? Mein Gott, das iſt ganz einfach, rief Flora Tſchaskalik, der Prinz hat dem Mann dieſer Frau den Auftrag gegeben, ihm einen Käufer anzuſchaffen für den Brillantſchmuck ſeiner Frau, und er hat ihm ver⸗ ſprochen, falls er einen Juden findet, der ihm für demſelben zehntauſend Thaler zahlt, ſo ſoll der ge⸗ 19* 292 ſchickte Unterhändler dafür zweitauſend Thaler erhalten. Nun, ſo ſprechen Sie doch, mein lieber Prinz Mar, ſagen Sie doch dem neugierigen Herrn Herzog, daß ich ihm die Wahrheit berichtet. Ja, ſie hat die Wahrheit berichtet, murmelte der Prinz, die Sache verhält ſich ſo, wie ſie ſagt. Aber mein Gott, rief er dann auf Einmal laut, wer ſchreit denn da draußen ſo laut, und— Die Thür öffnete ſich abermals und ein alter Mann mit bleichem, traurigem Angeſicht erſchien auf der Schwelle. Paſſy, der Haushofmeiſter unſerer Mutter, rief der Herzog, indem er dem alten Mann entgegenſchritt, während der Prinz, wie gelähmt vor Schreck auf ſei⸗ nem Stuhl zuſammengeſunken war, und ſelbſt Flora Tſchaskalik's Angeſicht erblaßt war. Nun, mein guter, alter Paſſy, fragte der Herzog, dem Greiſe die Hand darreichend, Ihr erkennt mich doch? Ja, Herr Herzog, erwiderte der alte Mann feier⸗ lich, ja, ich erkenne meinen lieben, gnädigen Herrn, und es iſt ohne Zweifel Gottes Wille, daß Ew. Durchlaucht gerade hier in dieſer Stunde gegen⸗ wärtig ſind, wo ich komme, dem Herrn Prinzen eine furchtbare Trauerbotſchaft zu bringen. erhalten. inz Mar, Zog, daß melte der ßt. Aber er ſchreit ein alter ſchien auf „rief der renſchritt fauf ſei⸗ öſt Flora rHerzog, nich doch! n feier⸗ n Herrn, daß Gw. e gegen⸗ nzen eine 3 29 Nun laßt hören, Paſſy, was bringt Ihr mir? fragte der Prinz, indem er ſich den Anſchein neugie⸗ riger Aufmerkſamkeit zu geben ſuchte. Der alte Mann ſchritt langſam bis dicht zu dem Prinzen heran, und ſeine trüben Augen hefteten ſich mit einem kummervollen Blick auf das bleiche Antlitz des Prinzen. Prinz Maximilian von Sulkowski, ſagte er laut und feierlich, ich bringe Ew. Durchlaucht die entſetz⸗ liche Nachricht, daß die Frau Herzogin von Bieelitz, Ihre Mutter, ermordet worden. Der Prinz zuckte zuſammen, und bedeckte ächzend ſein Geſicht mit ſeinen beiden Händen. Armer, unglücklicher Freund, ſchrie Flora, wie be⸗ klage ich Dich, daß Du ſolchen Jammer erleben mußt! Und ſie ſchlang ihre beiden Arme um den Nacken des Prinzen, und barg ihr Haupt an ſeiner Schulter, vielleicht um Niemand in ihrem Antlitz leſen zu laſſen. Herzog Ludwig heftete einen Moment ſeine ſchar⸗ fen, durchbohrenden Blicke auf die Beiden hin, dann wandte er ſich mit dem Ausdruck des Entſetzens von ihnen ab, und ließ ſie hinüber ſchweifen nach der Frau, 294 die mit ruhigem Gleichmuth ſich dort unweit der Thür niedergeſetzt hatte. Geht hinaus, ſagte er gebieteriſch, Ihr ſeht wohl, daß der Prinz jetzt nicht Zeit hat, an Geſchäfte zu denken. Geht alſo! Ich denke nicht daran, mich ſo abfertigen zu laſſen und mit leeren Händen vonghier fortzugehen, ſagte das Weib verächtlich. Der Herzog ſchritt auf ſie zu und ſchaute ſie an mit flammendem Zornesblick. Geht hinaus, gebot er, wartet draußen, bis der Prinz Euch rufen wird. Die Frau murmelte einige leiſe, unverſtändliche Worte, aber ſie wagte es nicht, dem energiſchen Willen des Herzogs ſich zu widerſetzen und ſchlich brummend und mit zornigem Angeſicht von dannen. Und jetzt, ſagte der Herzog, als die Thür ſich hinter ihr geſchloſſen, jetzt, mein lieber Paſſy, jetzt vollendet Eure Schreckensbotſchaft. Saget uns, wie die Herzogin ermordet worden, und wer es iſt, der die fluchwürdige That begangen? Herr Herzog, ſagte der alte Mann mit leiſer, be— bender Stimme, ich enthalte mich jedes Urtheils und jeder Vermuthung. Ich kann nur genauen Bericht erſtatten über die gräßliche Begebenheit, nur warnen — 295 der Thür und flehen. Den Mörder aber kenne ich nicht und will ihn auch nicht kennen. Ich erzähle, was ich weiß, eht wohl, nicht was ich vermuthe und fürchte! häfte zu Erzählt alſo, erzählt, ſeufzte der Herzog, indem er auf einen Stuhl niederſank, und den Greis bedeutete zu laſſen ſich zu ſetzen. Laßt mich und den Prinzen erfahren, n, ſagte wie die fürchterliche That geſchah, und wann ſie be⸗ gangen. e ſie an Es war vor drei Tagen, am dritten März, be⸗ gebot er, richtete der alte Mann. Ich war Abends um acht d. Uhr noch bei der Frau Herzogin geweſen, und hatte ſtändlihe ihr den Handelsmann Polizer gebracht, an den ſie n Willen einige Documente und Werthpapiere verkauft hatte, weil ſich die Frau Herzogin in einiger Geldverlegen⸗ ummend heit befand. Der Polizer hatte Ihrer Durchlaucht bür ſich I das Geld ansgezablt, und ſie alte uns darauf mit ip, tzt einemr gnüdigen„Gute Nacht“ Beide mklaſſen. Wir 16, we gingen hinaus und befanden uns eben im Vorzimmer, e. der als die Thür der Frau Herzogin wieder geöffnet ward, ¹ 8 und die Kammerfrau Roſalie Randel mich im Namen . der Frau Herzogin zurück rief. Ich hieß alſo den djr h 1 Polizer mich im Vorzimmer erwarten und kehrte in eis und das Wohnzimmer der Herzogin zurück. Ihre Durch⸗ Bericht laucht ſtand an dem Tiſch in der Mitte des Zimmers, warnen 2 296 auf welchem das eben von Polizer gezahlte Geld lag. Sie zählte von demſelben einige kleine Summen ab, befahl mir davon ſogleich am nächſten Morgen einige dringende Rechnungen zu bezahlen, und gab mir dann einige andere Aufträge. Während ſie ſprach, war die Kammerfrau damit beſchäftigt, im Zimmer einige Anordnungen zu treffen. Die Herzogin ünter⸗ brach ſich mitten in einem angefangenen Satz und be⸗ fahl der Kammerfrau die innern Fenſterläden zu ſchließen, weil es kalt ſei und ſie durch die Fenſter Zugwind verſpüre. Roſalie Randel näherte ſich alſo den Fenſtern, als plötzlich draußen am Fenſter ein Blitz aufleuchtete, dann ein Knall, ein Klirren wie von Glasſcheiben ertönte, und die Herzogin ſchrie:„ich bin getroffen!“ Ich ſtürzte zu ihr hin und fing die Schwankende in meinen Armen auf. Roſalie Randel eilte zu uns, und wir trugen die Herzogin zu ihrem Bette hin, während, durch den Schuß und den Wehe⸗ ſchrei herbei gelockt, der Polizer durch die Thür herein ſtürzte, gefolgt von einigen Dienern und Lakayen. Wir legten alſo die Herzogin auf ihr Bett; ich war der Meinung, daß irgend ein Böswilliger nur die Herzogin habe erſchrecken wollen, und daß es nur ein blinder Schuß geweſen, und daß die Herzogin nur eld lag. nen ab, einige ab mir ſprach, Himmer ünter⸗ Fenſter ich alſo ſter ein vie von e:„ich ing die Nandel mihrem Wehe⸗ herein akayen. t; ich nur die nur ein in nur 297 von Entſetzen betäubt und ihrer Sinne beraubt wor⸗ den. Aber plötzlich fühlte ich etwas Warmes, Feuchtes über meine Hand ſich ergießen, und in demſelben Augenblick ſchrie ſchon Roſalie Randel: die Herzogin iſt verwundet. Sie blutet! Sie riß mit zitternden Händen ihr die Kleider auf, und jetzt ſtürzte das Blut in einem großen Strahl uns aus ihrem Buſen ent⸗ gegen. Die Herzogin, welche bis dahin lautlos gelegen, röchelte tief auf,— es war das Röcheln einer Ster⸗ benden. Schon nach einer Stunde, noch bevor der Arzt, nach welchem ich einen reitenden Boten geſchickt hatte, gekommen war, hauchte ſie ihren Geiſt aus. Arme, unglückliche Mutter, ächzte der Herzog, ſo mußte Dein entſetzliches Geſchick ſich dennoch erfüllen und ich bin zu ſpät gekommen! Der Prinz ſagte kein Wort. Er hatte ſich von Flora's umſchlingenden Armen frei gemacht und ſtarrte mit weit aufgeriſſenen Augen, mit einem ſeltſamen Ausdruck von Furcht und Entſetzen zugleich auf den Erzähler hin, während Flora hinter ihm ſtand und faſt mit einem Lächeln zugehört hatte. Und was geſchah weiter? fragte der Herzog. Be⸗ nachrichtigte man nicht die Gerichte? Unterſuchte man 298 nicht die Umgebung des Schloſſes, forſchte man nicht nach dem Thäter? Man that das Alles, Durchlaucht. Aber freilich konnte man erſt am nächſten Tage genaue Nach⸗ forſchungen anſtellen, denn die Nacht war finſter und es war unmöglich, in der Dunkelheit irgend welche Unterſuchungen anzuſtellen. Am nächſten Tage aber kamen die Gerichtsbeamten und die Aerzte. Man öffnete die Leiche und fand, daß ihre Bruſt von zwei Spitzkugeln durchbohrt worden, welche die Lungenflügel zerriſſen und damit den Tod herbeigeführt hatten. Die beiden Kugeln fand man in der Wand dem Fen⸗ ſter gegenüber. In der Fenſterſcheibe befand ſich ein rundes Loch, es bekundete, daß der Schuß durch das Fenſter eingedrungen war. Die Frau Herzogin bewohnte alſo wohl die Par⸗ terrezimmer des Schloſſes, in denen ich ſonſt wohnte? fragte der Herzog. Ja, Durchlaucht, ſie bewohnte die Parterrezimmer, aber Ew. Durchlaucht wiſſen, daß dies Parterre ſo hoch iſt, daß es für den größten Menſchen nicht wohl möglich geweſen, durch daſſelbe in das Zimmer hinein zu ſchauen und den Schuß zu thun. Es mußte alſo Jemand ſich einen Stuhl oder ſonſt einen Unterſatz an nicht freilich Nach⸗ welche je aber Man n zwei enflügel hatten. m Fen⸗ ſich ein rcch das immer, rre ſo wohl hinein te alſo terſatz 299 mit Vorüberlegung an das Fenſter geſchoben, ſich auf denſelben geſtellt und dann beſonnen gezielt haben, um den mörderiſchen Schuß ſo ſicher zu thun. Aber man fand unter dem Fenſter nichts dergleichen, über⸗ haupt keine Spur der That oder des Thäters. Der Boden war hart gefroren und hatte keine Spur eines Fußes zurückgelaſſen, nirgends weder auf dem Hofe noch im Park fand man irgend eine verdächtige Per⸗ ſon, auch war nichts entwendet oder geraubt, es war alſo kein Raubmord, der verübt worden, ſondern nur auf die Perſon der Frau Herzogin war es abgeſehen, und nur ihren Tod hatte der Mörder bezweckt, ſo lautete der Ausſpruch der Gerichte. Aber von dem Mörder entdeckte man keine Spur? fragte der Herzog. Und Niemand iſt da, den man anſchuldigt, den man der Mordthat zeiht? Den Mörder hat man nicht entdeckt, aber es iſt doch Jemand da, den man anſchuldigt, ſagte Paſſy langſam, indem er die Blicke nach dem Prinzen hin wandte. Nun, was ſchaut Ihr mich ſo an? fragte dieſer heftig. Ich will nicht hoffen, daß man ſich unterſteht, mich anzuſchuldigen? Ew. Durchlaucht, ſagte der Haushofmeiſter feier⸗ 300 lich, verzeiht es den Lebenden, wenn ſie wiederholen, was der Mund einer Sterbenden geſprochen. Was wollt Ihr damit ſagen? fragte Maximilian entſetzt. Ich will damit ſagen, daß es die Frau Herzogin geweſen, welche Ew. Durchlaucht angeklagt. Sie hat es leider vor ſo vielen Zeugen gethan, daß es vergeb⸗ lich ſein würde, es abzuleugnen, unmöglich, es geheim zu halten. Ja, ſie war immer eine alte Schwätzerin und Ver⸗ leumderin, ſagte Flora achſelzuckend. Sie hat alſo auch im Tode noch anklagen und verdächtigen müſſen, das begreift ſich. Schweigen Sie, ſchrie der Herzog ihr zu, und Sie, Paſſy, erzählen Frau? Sie. Was ſagte die unglückliche Es war eine Viertelſtunde vor ihrem Tode, Durch⸗ laucht. Wir Alle, ihre Kammerfrau, ihre Pflegetochter, ihr Secretair, der Handelsmann Polizer, ich und zwei Lakayen umſtanden ihr Bett, als die Herzogin die Augen weit öffnete, uns Alle mit einem langen trau⸗ rigen Blick anſchauete und mit lauter deutlicher Stimme ſagte:„Das hat mir mein Sohn Max gethan!“— Ich faßte ihre Hand, von Angſt und Entſetzen ergriffen. erholen, imilian erzogin Sie hat vergeb⸗ geheim —— — 301 Frau Herzogin, rief ich, Ew. Durchlaucht werden doch den eigenen Sohn nicht beſchuldigen! Er kann es nicht gethan haben, denn er befindet ſich ja nicht hier, ſondern er iſt in Wien!— Sie aber rief mit lauter, zorniger Stimme:„mein Sohn Max hat es gethan! Er hat es mir gedroht!“— Dann ſank ſie röchelnd zurück, und eine Viertelſtunde ſpäter hatte ſie ihren letzten Seufzer ausgehaucht. Sie hat gelogen, ſchrie der Prinz, indem er auf⸗ ſprang und einige Schritte vorwärts that, als wolle er hinſtürzen zu Derjenigen, die ihn ſo furchtbar an⸗ geklagt. Sie hat ſchändlich gelogen, noch im Tode hat ſie mich ihren Haß wollen fühlen laſſen. Aber es kann ihr nicht gelingen, mich zu verdächtigen. Ich kann meine Unſchuld beweiſen. Ich habe Wien ſeit acht Tagen nicht verlaſſen, ich kann hundert Zeugen nennen, die mich hier geſehen und mit mir geſprochen haben! Und dennoch bin ich gekommen, Ew. Durchlaucht zu warnen, ſagte Paſſy traurig, dennoch möchte ich Ew. Durchlaucht beſchwören, zu entfliehen, denn die öffentliche Meinung klagt Ew. Durchlaucht an, die öffentliche Meinung beſchuldigt mit lauter Stimme den Prinzen Maximilian Sulkowski, die Mörderhand gedungen zu haben, welche ſeine Mutter tödtete. 302 Nun, Durchlaucht, wie lange ſoll ich noch warten? ſchrie die Frau, die eben wieder in der geöffneten Thür erſchien. Wollen Sie mir jetzt endlich die zwei⸗ tauſend Thaler zahlen, welche mein Mann von Ihnen bekommt? Gerechter Gott, es iſt die Frau Obſt, rief Paſſy entſetzt. Nun ja, ich bin die Frau Obſt, ſagte ſie lachend. Es wundert mich nicht, daß der Herr Haushofmeiſter mich erkennt. Wir haben uns ja oft genug auf Schloß Slupna geſprochen. Ja, ich bin Frau Obſt. Was ſoll's weiter? Der Haushofmeiſter wandte ſich mit bleichem Ge— ſicht und zitternden Lippen nach dem Herzog Ludwig hin. Durchlaucht, ſagte er feierlich, wenden Sie all Ihren Einfluß an, damit der Prinz ſofort entfliehe, und laſſen Sie uns ja Niemand verrathen, daß wir dieſe Frau hier getroffen, denn ihr Mann ward eine Stunde vor meiner Abreiſe verhaftet, weil er verdächtig war, daß Er es geweſen, welcher die Mordthat verübt. Ich ahnte es, oh, ich ahnte es, ſeufzte der Herzog. Das Gericht bricht über uns herein, und die Schande unſeres Hauſes wird offenbar werden vor aller Welt. Aber es ſoll nicht ſo ſein, und ſo lange ich lebe, will — — ich kämpfen gegen das furchtbare Geſchick. Ich war gekommen, um die Mutter zu erretten, aber es iſt zu ſpät. Jetzt bleibt mir nur noch übrig, den Namen unſerer Familie zu erretten und die öffentliche neue Schmach von uns abzuwenden. Marimilian, als Dein Bruder, als der Senior unſeres Hauſes gebiete und befehle ich Dir, mir zu folgen! Noch heute wirſt Du mit mir Wien verlaſſen. Auf den ſchnellſten Wegen, unter fremdem Namen wollen wir nach Bremen eilen und dort zu Schiffe gehen, um nach Amerika zurück⸗ zukehren. Ich entziehe dem Arm der irdiſchen Gerech⸗ tigkeit ein ihr verfallenes Opfer, aber ich übergebe es der Gerechtigkeit Gottes, und Er wird den Mörder zu finden und zu ſtrafen wiſſen. Komm, mein Bru⸗ der, komm, laß uns fliehen! Nein, ich fliehe nicht, ſagte der Prinz trotzig. Ich bin mir keines Verbrechens bewußt, und ich will nicht den Schein einer Schuld auf mich laden, die ich nicht begangen habe. Nein, ich bleibe, und weshalb ſollte ich fliehen, gerade jetzt fliehen, wo eine neue Zeit be— ginnt und eine neue ſchöne Welt ihre Auferſtehung feiert? Nein, mein Bruder, ich bleibe, und auch D wirſt bleiben und ſehen, wie das Volk ſeine Rache nimmt an denen, die es bisher unterdrückt und ge⸗ 304 knechtet haben, wie der Löwe aufſteht und ſeine Mähne ſchüttelt, und in edlem Zorn das elende Gewürm zer⸗ ſtampft, das ihm die Mähne zerzauſte. Welch ein Thor müßte ich ſein, wenn ich jetzt fliehen wollte, jetzt, wo das liebe, das gute und großmüthige Volk meines Armes und meines Namens bedarf, um ſich den Sieg zu erkämpfen. Mögen meine Verleumder mich anklagen und verdächtigen, mögen meine Feinde mich beſchuldigen. Ich werde laut vor aller Welt mich für unſchuldig erklären, und das Volk wird es nicht dulden, daß man ſeinen Anführer und Liebling verhaftet. Vor dem Arm der ſogenannten Gerechtig⸗ keit rette ich mich hinter die Barrikaden des Volkes, und da wird Niemand wagen, mich zu verhaften. Bleibe nur, mein Bruder, bleibe, um dieſe Barrikaden zu ſehen. Nur noch einige Tage, und ſie werden aus der Erde emporſteigen als die erſten Märzblüthen des neuen Völkerfrühlings. Nur noch einige Tage, und mich anzukla⸗ Niemand wird es mehr wagen dürfen, gen, denn das Volk wird denjenigen zerſchmettern, der einen ſeiner Lieblinge eines Verbrechens zeiht. Ende des zweiten Bandes. Mähne ürm zer⸗ rleumder ne Feinde ler Welt k wird es Liebling Gerechtig⸗ 5 Volkes, verhaften. Zarrikaden erden aus lüthen des dage, und c anzukla⸗ ettern, der ht. Inhalts-Verzeichniß. Die Flüchtlinge Heimkehrende Auswanderer Ariadne auf Helgoland Die Warnung Die ruſſiſchen Millionen Erzherzog Johann. Des Märzen Idus Die Heimkehr Fürſt Sulkowski 0lour& Grey GControl Chart se Cyan Green vellow