— —,— Leihbiblio he deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Okftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Teſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ledem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun den angenommen.. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mr. Mt. 3 „ 3 — 50 Pf. 2 3 1 4 4 5. Auswärtige Abonnenten haben fuͤr Hin⸗ und Zurückſendung der Buücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Irſtes Buch. 5 Das UVorſpiel zum Drama von 1848. I. Die Wiener Conferenzen. Na, Metternich, ſind die Herren Geſandten abge⸗ reiſt? fragte Kaiſer Franz. Sind die Conferenzen beendet? „Majeſtät, erwiderte der Fürſt Staatskanzler mit einem leiſen Lächeln, die Conferenzen ſind beendet. Ich darf ſagen, ſie haben den Schlußſtein auf das Gebäude geſetzt, an welchem Ew. Majeſtät ſeit zwanzig Jahren mit ſo unermüdlicher Sorgfalt und ſo be⸗ wunderungswürdiger Geſchicklichkeit gebaut haben, und bei welchem es mir vergönnt war, dem erhabenen Baumeiſter als Handlanger und Gehülfe zur Seite zu ſtehen. So, Sie meinen alſo, das Gebäude ſei endlich jetzt fertig und vollendet? fragte der Kaiſer, indem er 1* 4 ſeine tiefliegenden, hohlen Augen mit einem ſeltſam ernſten und düſtern Blick auf das lächelnde Antlit ſeines Staatskanzlers heftete. Zuerſt ſagen's mir doch einmal, wie nennen's denn das Gebäude, von dem Sie ſagen, daß wir's jetzt fertig haben, welches iſt halt ſein Zweck? Majeſtät, das Gebäude heißt: Volksunten thänigkeit, und ſein Zweck iſt: die Gewalt, das Anſehen und die Macht der Fürſten als das einzige belebende Princip, als die ſchaffende und geſtaltende Sonne über den Ländern und Völkern feſtzuſtellen und aufzurichten. Und auf ſolch Gebäude meinen’s, daß wir jetzt mit den Conferenzen hier den Schlußſtein gelegt haben? Ja, Majeſtät, oder wenn Sie wollen, haben wir den künſtlichen und ſtolzen Thurm durch die Con ferenzen geſchmückt mit dem goldenen Wetterhahn, zu dem ganz Deutſchland von nun an emporſchauen muß, um zu ſehen, woher ihm der nöthige Wind bläſt.— Nit übel das, ſagte der Kaiſer gedankenvoll, aber es iſt halt nur ſchlimm, daß ſo'n Wetterhahn, der den Andern den Wind anzeigt, ſich ſelber doch auch halt drehen muß nach dem Wind. —— —— ———ʒ— 5 Er dreht ſich nur den Andern zur Belehrung, und bleibt dabei doch immer feſt und unerſchütterlich auf ſeiner Baſis, Allen ſichtbar, und doch Allen ein Geheimniß, weil Niemand ihn auch nur von heute zu morgen berechnen kann. Das klingt halt gerad' wie ein delphiſch Orakel, ſagte der Kaiſer achſelzuckend, es läßt ſich halt Alles herausdeuteln, was[man will. Aber hören's, Fürſt, Sie ſollen mir jetzt einmal ein Schlußprotocoll von Ihren Conferenzen geben, damit ich doch halt genau weiß, was Ihr ſchlauer Kopf da wiederum zu Stand' gebracht hat. Wiſſen wohl, ich bekümmere mich halt wenig um die äußern Angelegenheiten. Das iſt das Departement, in welchem ich Sie walten laß', und nur ein für alle Mal Ihnen als Norm feſtgeſtellt hab', daß Sie es verwalten ſollen in meinemsSinn und Geiſt, das heißt im Geiſt der Ordnung, der Stabilität, des Beſtehenden, und der unangreifbaren Fürſten⸗Autorität. Haben ſich halt immer bewährt in dieſem Sinn und Geiſt, und ſo durft' ich Sie Ihrer Wege gehen laſſen, und Ihnen das Departe⸗ ment des Auswärtigen zur Verfügung geben, während ich gearbeitet hab' im Departement des Inwendigen und des Innern, als hätt' ich drei Hofräth' mit Haut und Haaren verſchluckt, und müßt' nun für alle drei arbeiten, nebenher aber noch als Kaiſer meine Pflicht thun.— Es iſt wahr, ſeufzte Metternich ſchwermüthig, Ew. Majeſtät ſtrengen ſich zu ſehr an, Ew. Majeſtät ſollten bedenken, daß das Wohl des Staates, der Na⸗ tionen, welche den Kaiſer Franz anbeten als ihren Herrn und Kaiſer, daß das Wohl ganz Europa's b dingt iſt von Ew. Majeſtät Wohlbefinden und langen Leben. Ja, ich wage es noch Einmal zu behaupten, Ew. Majeſtät ſtrengen ſich zu ſehr an, Sie arbeiten zu viel, zu ununterbrochen und zu ruhelos. Sie ſo ten ſich mehr Ruhe gönnen, und die drei Hofräthe in Gnaden aus Sich Selber entlaſſen, um ſie als wirk⸗ liche Perſonen neben ſich arbeiten zu laſſen, als Kaiſer in letzter Inſtanz zu entſcheiden. Es geht nicht, nein, es geht halt nicht, murmelte der Kaiſer gedankenvoll vor ſich hin, darf mir keine Ruhe und keine Erholung gönnen, denn die ganze Maſchin' würd' halt ſtocken und in Unordnung gerathen, wenn ich die Hand von ihr abzöge, und ſie nit ſelber, und ganz allein regieren wollte. Kenn' ihre Eigenthümlich⸗ keiten und ihren Bau allein, weiß, wie man ſie anzu⸗ faſſen hat, damit ſie in ihrem richtigen Gange gehe. Und doch will's mich halt zuweilen bedünken, als ob— Aber, unterbrach ſich der Kaiſer auf einmal ſelber, aber Sie ſollten mir ja ein Schlußprotocoll über Ihre Conferenzen vortragen, wollt' von Ihnen ſelber er⸗ fahren, was Sie ausgerichtet, und wozu dieſe Con— ferenzen eigentlich genützt haben, von denen's in den Zeitungen ſo viel Geſchrei machen, und über die meine Herren Brüder, wie ich hör', gar grim⸗ mig und erboſ't ſein ſollen. Nun, nun, Sie wiſſen ſchon, Metternich, daß das halt für mich kein Grund iſt auch erboſ't zu ſein, ſondern, daß mir zu⸗ weilen grad' recht ſehr gefällt, was meine allzeit klugen und gelehrten Herren Brüder verdammen. Laſſen's alſo hören, Herr Staatskanzler und Miniſter des Aus⸗ wärtigen, was iſt's mit dieſen Conferenzen? Wozu hatten Sie dieſelben zuſammen berufen, und was haben's damit erreicht? Mafeſtät, ich veranſtaltete dieſe Conferenzen, um mich mit allen deutſchen Fürſten und Regierungen zu verſtändigen und zu einigen, und um endlich ein für alle Mal die Stürme zu beſchwichtigen und zur Ruhe zu bringen, die uns Alle bedrohten. Man hatte in der letzten Zeit hier und da ſich hinreißen loſſen zu allzugroßer Nachgiebigkeit, man war der irrigen 8 Meinung geweſen, die revolutionären Elemente ließen ſich am beßten dadurch beſchwichtigen, daß man ihnen keine Gewalt entgegenſetze, ſie nicht aufreize und durch Widerſtand entflamme, ſondern ſie einfach ignorire, und ihr Daſein gar nicht zu ahnen ſcheine. Aber dies hat die Kühnheit jener revolutionairen Partei bis zum hüchſten Uebermuth geſteigert. Jede Autorität an feindend, weil ſie ſich ſelbſt zur Herrſchaft berufen wähnte, unterhielt ſie mitten im allgemeinen politi ſchen Frieden einen innern Krieg, vergiftete den Geiſt und das Gemüth des Volkes, verführte die Jugend, bethörte ſelbſt das reifere Alter, trübte und verſtimmte alle öffentlichen und Privatverhältniſſe, ſtachelte mit voller Ueberlegung die Völker zu ſyſtematiſchem Miß⸗ trauen gegen ihre rechtmäßigen Herrſcher auf und predigte Zerſtörung und Vernichtung gegen Alles, was beſtand. Dieſe Partei hatte ſich allgemach der For⸗ men der in Deutſchland eingeführten Verfaſſungen zu bemächtigen gewußt. Planmäßig vorſchreitend be⸗ gnügte ſie ſich anfangs damit in den ſtändiſchen Kam⸗ mern den Regierungen gegenüber eine Poſition zu ge⸗ winnen. Dann allmälig ging ihr Streben weiter; die gewonnene Stellung ſollte thunlichſt verſtärkt werden. Dann galt es, die Regierungsgewalt in möglichſt enge Schranken einzuſchließen; zuletzt endlich ſollte die wahre Herrſchaft nicht länger in dem Staatsoberhaupt concentrirt bleiben, ſondern die Staatsgewalt in die Omnipotenz der ſtändiſchen Kammern verpflanzt werden.*) Ja, rief der Kaiſer mit grimmigem Antlitz, ja, das iſt's, was dieſes gottverfluchte Geſindel begehrt und bezweckt. Wollen Recht, Ordnung und Geſetz zu Schanden machen, wollen ſich die Herrſchaft anmaßen, anſtatt zu gehorſamen, herrſchen. Aber ich will ſie unter meine Füße treten, die Teufelsbrut, ich will ſie zermalmen und in Staub zermürbeln, dieſe aus dem Höllenpfuhl hervorgeſtiegene Rotte, die ihr ehrloſes Haupt gegen ihre angeſtammten Herrſcher von Gottes Gnaden zu erheben wagt. Ach, ich wollt', ich könnt' ſie Alle auf einmal faſſen in dieſen meinen Händen, und könnt' ihnen mit einem einzigen Hieb all' ihre Häupter vom Rumpfe abhauen, ich thät's und wären's ihrer tauſend Köpfe auf Einmal, und ich würd' mich halt nit für einen grauſamen Mörder halten, ſondern für den Retter der Geſellſchaft und der Ordnung, und würd' Gott danken, daß er mir ſo ein heiliges Werk *) Metternich's eigene Worte auf den Wiener Conferenzen. Siehe: Welker's Urkunden, S. 372. 10 auferlegt. Ich dank Ihnen, Metternich, Sie haben ein klares und bündiges Bild der verruchten Partei entworfen, und ich ſeh', Sie ſtehen mit mir auf dem ſelben Standpunkt und denken nit milder über das Geſindel, als wie ich ſelber es thu'. Ein leiſes Lächeln der Zufriedenheit flog über Metternich's immer noch ſchönes Angeſicht, als der Kaiſer in höchſter Erregung und mit zuckendem An geſicht ſo ſprach. Man darf und kann leider keinen mildern Stand punkt dieſen Leuten gegenüber einnehmen, ſagte er mit ſeiner weichſten und einſchmeichelndſten Stimme, man muß bedacht darauf ſein, dieſem gährenden und über fluthenden Strome der Revolution einen hemmenden und rettenden Damm entgegen zu ſtellen, wenn er nicht in Kurzem die letzten Reſte der Regierungs gewalt und Fürſtenhoheit hinwegſchwemmen ſoll Und Sie meinen, daß Sie mit ihren Conferenzen und Vereinbarungen hier dieſen Damm aufgebauet haben? fragte der Kaiſer, indem er in ſeinem heftigen Auf⸗ und Niedergehen inne hielt und vor dem kleinen mit allerlei Holzſtücken und angefangenen Schnitz⸗ arbeiten beladenen Tiſche ſtehen blieb, der neben ſei⸗ nem Arbeitsbureau ſtand. 4 11 Ja, Majeſtät, ich meine, daß wir einen ſolchen Damm aufgerichtet haben. So laſſen's hören, was das Reſultat Ihrer Con⸗ ferenzen iſt, rief der Kaiſer. Aber warten's noch einen Augenblick! Der Menſch muß halt niemals müßig ſein, und wenn der Kopf denkt und der Geiſt arbeitet, können auch die Finger immer noch nebenher ihre kleine beſondere Arbeit verrichten. Hab' da ein Käſt⸗ chen für die Frau Kaiſerin angefangen zu ſchnitzen, und hab' ihr verſprochen, daß ſie's heut' noch be⸗ kommen ſoll. Will alſo ein Bischen ſchnitzen, während Sie ſprechen. Bewunderungswürdig in der That, bewunderungs⸗ würdig, murmelte der Fürſt, gleichſam ſeiner Extaſe Worte verleihend. Niemals gönnt Ew. Majeſtät ſich Ruhe, niemals Erholung, immer findet man Sie raſt⸗ los thätig, nur der Arbeit Ihr ganzes Daſein hin⸗ gebend. Aber mir wird bange dabei in meinem inner⸗ ſten Herzen, denn ich komme immer wieder darauf zurück, Ew. Majeſtät ſpannen Ihre Kräfte allzuſehr an, Sie arbeiten zu viel, und ich möchte meinen an⸗ gebeteten Kaiſer inſtändigſt bitten und beſchwören, Sich endlich Ruhe zu gönnen, einige Hülfsarbeiter neben ſich zu dulden. 12 * Reden's mir nit mehr davon, rief der Kaiſer un⸗ geduldig, will keine Hülfsregierer haben, will allein, 4 ganz allein der Kaiſer und der Herr ſein. Und was b das Schnitzen anbetrifft, ſo iſt das meine beſtegund liebſte Erholung, die mir ſchon manche frohe Sännde bereitet hat. Gönnen's mir alſo mein Plaiſir, und— laſſen's mich halt ſchnitzen, während Sie mir Ihre V Politik entwickeln. So, ich will mit meinen Meſſern hier die kleine Roſett' ausarbeiten, und das wird mich I nicht hindern, genau auf Alles zu merken, was Sie mir ſagen werden. Jetzt legen's mal los, Herr Fürſt, und erzählen's von den Conferenzen. Wozu Sie die⸗ —— ſelben brauchen, das haben's mir recht klar und deut lich auseinandergeſetzt, jetzt laſſen's mal hören, was Sie erreicht haben Großes und Wichtiges, Majeſtät, denn ich darf ſagen, daß dieſe Wiener Conferenzen den Schluß⸗ ſtein geſetzt haben auf jene Carlsbader Beſchlüſſe, mit denen wir damals im Jahre 1819 nach den großen Völkerſtürmen die Grundlage zur geregel⸗ ten Herrſchaft der Fürſten und Regierungen gelegt haben. Na hören's, rief der Kaiſer lachend, wenn Ihre Conferenzen mit den Carlsbader Beſchlüſſen zuſam⸗ 13 menhängen, dann wird's wieder halt ein ſchrecklich Lamento geben im lieben deutſchen Reich. Ein ſchrecklich Lamento bei den Wühlern und der Umſturzpartei, ja wohl, Majeſtät, aber ein Hoſiannah bei Denen, welchen es um die Dauer des Beſtehenden, um Recht, Ordnung und Geſetzlichkeit zu thun iſt. Das Schlußprotocoll unſerer Conferenzen iſt jetzt von den Vertretern aller deutſchen Regierungen unter⸗ zeichnet worden, und damit iſt eine neue Geſetzgebung für ganz Deutſchland eingeführt. Und ſpielt der Bundestag dabei eine wichtige Rolle? fragte der Kaiſer. Maßt er ſich immer noch an, ſo'ne Art deutſcher Kaiſer zu ſein und das Scepter in Händen zu halten, das ich im Jahre 1806 als letzter deutſcher Kaiſer zerbrochen und bei Seite gelegt habe? Nein, Majeſtät, wir haben dem Bundestag jetzt ſein Bischen Herrlichkeit auf das äußerſte Minimum beſchränkt, und er wird hinfort nichts weiter ſein, als das Organ, durch welches wir den Völkern und Unter⸗ thanen unſern Willen kund thun und ihnen anzeigen, was wir beſchloſſen haben, inſofern es für die Oeffent⸗ lichkeit beſtimmt iſt. Der Bundestag wird hinfort nur eine Art deutſcher allgemeiner Polizei ſein, und ſeine 14 einzige Aufgabe wird darin beſtehen, genau darauf zu ſehen, daß überall die Geſetze und Beſchlüſſe inne ge halten werden, welche wir hier in den Conferenzen als maßgebend aufgeſtellt haben. Als eine ausübende Gewalt bedürfen wir ſeiner jetzt nicht mehr, denn die ſechszig Artikel unſerer Conferenzen ſtellen klar und b unzweifelhaft Alles feſt, was geſchehen ſoll, und wie V die Einzelregierungen ſich zu verhalten haben. Es wird hinfort nicht mehr von Ständegewalt und Ständeherrſchaft die Rede ſein, denn in dieſen ſechszig V Artikeln haben wir dieſe Gewalt vollkommen gebrochen und annullirt. Die Uebermacht der republikaniſchen Kammern exiſtirt nicht mehr, denn wir haben feſt geſetzt, daß im Fall von Conflicten zwiſchen den Re gierungen und Ständen, nicht die Regierungen ſich mehr der Majorität der Kammern zu fügen haben, ſondern daß der Bundestag das Schiedsgericht ſein 1 ſoll, welches zwiſchen den Regierungen und Ständen die unwiderrufliche Entſcheidung ausſpricht. Wir haben ferner den Ständen ein für alle Mal das Recht entzogen, Steuern zu verweigern oder an die Bewilligung derſelben Bedingungen zu knüpfen, ſelbſt nicht einmal unter der Benennung von Vorausſetzungen oder unter irgend einer andern Form. Denn dadurch 15 allein konnten wir dem Staatshaushalt die mögliche Sicherung gegen die feindſeligen Beſtrebungen der anarchiſchen Fraction geben.“) Alsdann und vor allen Dingen haben wir es für nöthig erachtet, das Univerſitäts⸗, das Unterrichts⸗ und das Erziehungs⸗ weſen zu reguliren, und auch hierin den Ständen allen Einfluß zu entziehen. Die Lehrfreiheit iſt ein Unding, welches aller Ordnung und Geſetzlichkeit Hohn ſpricht, das die Jugend ſchon durch ſeinen äußeren Klang und den Begriff ſeines Wortes revolutionirt und zu extremen Wünſchen aufreizt. Wenn den mit dem Liberalismus ſo gern coquettirenden Herren Ge⸗ lehrten geſtattet ſein dürfte, auf dem Katheder Alles zu ſagen, was ihnen durch ihren gelehrten Kopf brauſt, und Grundſätze zu lehren und zu proclamiren, die mit den beſtehenden Verhältniſſen und Geſetzen doch immer im ſchreiendſten Widerſpruch ſind, ſo würden wir bald die Revolution von dem Katheder und aus den Auditorien heraus ganz Deutſchland mit ihren Aufruhr⸗ und Blutwellen überſchwemmen ſehen. Das geſprochene, wie das gedruckte Wort muß ſich den Schranken fügen, welche das Geſetz ihm auferlegt, *) Metternich's eigene Worte. Siehe: Schlußprotocoll der Wiener Conferenzen. 16 und ebenſowenig wie eine Lehrfreiheit darf es eine Preßfreiheit geben, ſondern man muß ihnen Beiden ſo ſtraffe Zügel anlegen, daß man ſie lenken kann nach beſter Einſicht und Kraft. Ja, es iſt nicht genug, daß man dem gedruckten und geſprochenen Worte ſolche Zügel anlege, ſondern durch ſie muß man dahin gelangen, die Gedanken ſelbſt zu beherr⸗ ſchen, und in die geſetzlichen Grenzen einzuordnen Metternich, rief der Kaiſer ganz begeiſtert, Metten nich, wenn Sie ſo ſprechen, ſo ſind's recht der Mann nach meinem Herzen, und ich freu' mich Ihrer. Sie haben da ein großes und weiſes Wort geſprochen Ja, das iſt halt die Hauptſach', daß man Macht und Gewalt hat über die Gedanken der Menſchen, und daß die Unterthanen ſich ſo ergeben in Gehorſam und Demuth fühlen, daß ſie nit einmal zu denken wagen, was der Landesherr nit billigen und die Geſetze nit gut heißen könnten. Wenn Sie das durch Ihre Con⸗ ferenzen anbahnen und bewerkſtelligen können, ſo haben's eine ſegensreiche That gethan, und die kommenden Geſchlechter noch werden's Ihnen danken Ich hoffe, daß wir dieſe That vollbracht haben ſagte Metternich, leiſe und lächelnd ſein Haupt neigend Ich hoffe, daß wir mindeſtens einen Weg gefunden 17 und eröffnet haben, der, wenn er mit treuem und be⸗ harrlichem Feſthalten an dem einmal als Recht Er⸗ kannten verfolgt wird, ohne feindliche Gegenwirkungen 4 hervorzurufen uns nicht bloß aus dem Labyrinthe der im Momente drohenden Gefahren führen ſoll, ſondern auch für alle Zukunft auf einen beſſeren Pfad der Ordnung, der echten Freiheit und des Rechts zu leiten geeignet iſt.*) 3 Ich mein' halt, Sie haben Recht, beſtätigte der 1 Kaiſer, und Sie haben durch dieſe neuen Geſetze Deutſchland auf lange Zeit hinaus vor allen Gäh— — 1 rungen und revolutionären Bewegungen geſichert. Und jetzt will ich Ihnen auch ſagen, warum ich heut' ſo 4 genaue Auskunft begehrt hab' über dieſe Conferenzen. · Hab' heut' morgen mit der Ordinarienpoſt ein anony⸗ 1 mes Schreiben erhalten, in welchem ich gar inbrünſtig beſchworen werd', doch nit dieſer neuen, geſetzloſen Politik des Fürſten Metternich meine Zuſtimmung zu geben, und nit zu dulden, daß die Beſchlüſſe dieſer Conferenzen zur Ausführung gelangen. Hören's ein⸗ 1 mal wie pathetiſch das Schreiben an manchen Stellen lautet. 3.. „*) Metternich's eigene Worte. Siehe: Welker’s Urkunden, Schlußrede des Fürſten Metternich. 1 L. Mühlbach, Erzherzog Johann. 4. Abth. I. 2 ——— 18 Der Kaiſer legte ſeine Schnitzarbeit bei Seite und nahm aus ſeinem Bureau einen aufgeſchlagenen Brief, den er jetzt mit raſchem, prüfenden Blick überflog. Hier zum Beiſpiel, dieſe Stelle, rief er, hören's einmal:„Was noch im deutſchen Volke von Heilig haltung des monarchiſchen Princips, von Reſpect und Ergebenheit vorhanden geweſen, das erhält jetzt durch Metternich, dieſen unſeligen Anwalt der Fürſten und ihrer Prinzipien den Todesſtoß, und wird vor dem zornigen Sturmhauch der öffentlichen Meinung in Aſche zerfallen.“ Nit wahr, das klingt ganz grauslich und haarſträubend? Und hier wieder weiterhin, da kommt's halt noch fürchterlicher. Hören's nur!„Die Fürſten ſollten, ſtatt ſich zu freuen, ſich grämen über dieſe neueſten Wiener Conferenzen; ſie bringen ein großes Opfer damit— die alte Anhänglichkeit, Zu⸗ traulichkeit und Liebe der Völker. Die hat Metternich jetzt den Fürſten genommen. Erhalten ſie je wieder Sympathien, ſo nur durch ihre eigenen Verdienſte; aber es iſt zu nicht ermeſſen, wie die Kluft ausgefüllt wer⸗ den ſoll, die zwiſchen den Thronen und Bürgerhütten, 1. 4 4) zwiſchen Fürſt und Volk aufgeriſſen iſ Na, was *) Adolph Schmidt: Zeitgenöſſiſche Geſchichte, Seite 43. 19 ſagen's dazu? Nit wahr, das ſind gar ſchlimme Prophezeihungen, und es läuft Einem dabei eine Gänſehaut über'n Leib, wenn man halt eben das Un⸗ glück hat, eine Gans zu ſein. Aber ich fürcht' mich halt nit, und ich mein', der Herr Anonymus hätt' ſich die Müh' ſparen können, mir ſeine Weisheit aus⸗ zukramen. Denk' auch, ich weiß, wer der Herr Ano⸗ nymus iſt, der ſo gar ſehr beſorgt iſt um das Staats⸗ wohl Oeſterreich's, und gar ſo gern ſeine ſuperkluge Naſ' in Alles ſtecken möchte. Kommen's mal her, Metternich, ſehen’'s Sich das Geſchreibſel einmal or⸗ dentlich genau an. Sehen's halt die J's, und da die O's, und hier die allerliebſten geſchwenkten H's, und da die A's, und die N's, wahrhaftig, ich kenn' dieſe niedlichen, gedrechſelten Buchſtaben, und wenn ich ſie jetzt ſo zuſammen buchſtabir', ſo geben's mir zuſam⸗ men das Wort„Johann“, und es erinnert mich gar angenehm an meinen weiſen und klugen Bruder, den Herrn Erzherzog Johann. Iſt halt recht lang nit in Wien geweſen, mein lieber Herr Bruder Johann, ſchießt immer noch Böcke in Steyermark und ſtudirt Volksſouverainetät bei ſeiner Frau Anna Plochl, der Freiherrin vom Brandhof. Und dieſer Brief hier iſt wohl auch nichts weiter als ein Bock, den mein Herr 2* 20 Beuder in Steyermark geſchoſſen, und er ſendet ihn wher als ein Zeichen ſeiner Bruderliebe. Ja, ja, ſe haben mich halt ſehr lieb, meine Herren Brüder, und ich vergelt's ihnen aus Herzensgrund, und werd's ihnen vergelten, ſo lang ich lebe. Es iſt wahr, ſeufzte Metternich, die Herren Erz⸗ herzöge haben zu meinem tiefſten Schmerz mir immer gemißtraut, und niemals an meinen aufrichtigen Eifer für das Wohl des Staats glauben wollen. Nament⸗ lich der Herr Erzherzog Johann betrachtet mich ein für alle Mal als den böſen Dämon, der in Oeſter⸗ reich allen liberalen Inſtitutionen und allem Fortſchritt hindernd im Wege ſteht, und— Und zeund daß er Sie ſo betrachtet, unterbrach ihn der Kaiſer, grad' das giebt Ihnen in meinen Augen ein neues Verdienſt, und beweiſt mir, daß Sie meines Vertrauen und meiner Billigung voll⸗ kommen würdig ſind. Alſo kümmern'’s Sich nicht weiter darum. Muß Ihnen ſagen, daß ich mit Ihren Conferenzen und Ihren ſechszig neuen Geſetzen ſehr zufrieden bin, und Ihnen von Herzen dafür danke. Wünſchte wohl, ich könnte Ihnen einen Beweis meiner Dankbarkeit geben. Denken's einmal nach, haben's gar keinen Wunſch, den ich Ihnen erfüllen könnt'? r 21 Doch, Majeſtät, ſagte Metternich leiſe und faſt zögernd, doch, ich hätte wohl einen Wunſch, den ich mir erlauben möchte, Ew. Majeſtät vorzutragen, wenn Sie es mir gnädigſt geſtatten wollten. Ich geſtatte es Ihnen, rief der Kaiſer heiter, und ich denk, ich kann ſchon im Voraus meine Gewährung zuſagen, denn was der Fürſt Metternich bittet, iſt ſicherlich der Gewährung würdig. Mindeſtens hoffe ich, daß meine Bitte bei Eurer Majeſtät keiner Mißdeutung unterworfen ſein wird. Ich habe Ew. Majeſtät eben jetzt durch dieſe neuen Conferenzen und deren Reſultate den Beweis gegeben, daß mein ganzes Denken, Sein und Leben nur darauf gerichtet iſt, den Souverainetätsrechten, dem Geſetze und der Regierung ihre ganze unbedingte Macht und Gewalt wieder zu erobern. Ich bin mir dabei ſehr wohl bewußt geweſen, daß ich mir den Haß und Zorn der ſogenannten Liberalen und aller Derer, welche ſich als freie Geiſter und ſtarke Köpfe zu betrachten lieben, auf's Neue zugezogen habe, und daß ſie wieder alle Mittel der Verleumdung, der ſchwärzeſten Ver⸗ dächtigungen, der gehäſſigſten Anklagen verſuchen wer⸗ den, um mir in der öffentlichen Meinung zu ſchaden. Aber ſolche Angriffe ſchrecken mich weder, noch ſind 22 ſie im Stande, mich auch nur einen Moment ſtille ſtehen zu machen auf dem Wege, den ich mir vorge⸗ zeichnet, und den ich dahin gehe mit dem muthigen Vertrauen eines Mannes, der unbeirrt nur ſeiner Ueberzeugung und der beſchworenen Treue gegen ſei⸗ nen Herrn und Kaiſer folgt. Ich wage Ew Maje⸗ ſtät an die fünf und zwanzig Jahre treuer Pflicht⸗ erfüllung zu erinnern, die ich im Dienſte Ew. Maje⸗ ſtät verlebt habe, und im Hinblick auf dieſe Jaͤhre erflehe ich mir ſchon im Voraus Vergebung für die Bitte, die ich mir erlauben will, meinem Herrn und Kaiſer vorzutragen! Das heißt, ſagte der Kaiſer mit düſterer Stirn und einem raſchen Aufleuchten ſeiner Augen, das heißt, Sie wollen wieder einmal verſuchen, für irgend einen politiſchen Verbrecher meine Gnade zu erflehen? Ja, Majeſtät, ja, Gnade will ich erflehen, nicht für Einen Verbrecher allein, obwohl mir dieſer die nächſte Veranlaſſung dazu giebt, ſondern Gnade für Viele. Gnade für Diejenigen, welche ſeit zehn Jahren vielleicht die Fehler und Irrthümer ihrer Jugend abgebüßt haben und zur Reue und zum zer— knirſchten Bewußtſein ihrer Schuld gekommen ſind. Gnade, Majeſtät, für die unglücklichen Gefangenen 23 auf dem Spielberg und in den Bleikammern von Venedig! Das heißt, rief der Kaiſer aufſpringend und den Fürſten mit einem zornigen Blick anſtarrend, während er ſich mit der geballfen Fauſt auf den Schreibtiſch ſtützte, das heißt, Gnade für Hochverräther, für Auf⸗ rührer, für Meuchelmörder und Revolutionairs. Wer ſind Diejenigen, welche auf dem Spielberg und in den Bleikammern in Venedig eingeſchloſſen ſind? Es ſind die Anſtifter und Theilnehmer der großen Ver⸗ ſchwörung, welche ſeit zwanzig Jahren die Lombardei und Venetien unterwühlt und meine Provinzen in einen Vulkan verwandelt hat, welcher jeden Moment bereit iſt, ſeinen Krater zu öffnen und ſeine feuer⸗ ſprühende Lava über meine Länder und Völker aus⸗ zuſtrömen. Es ſind die Carbonari, mein Herr Fürſt, für welche Sie meine Gnade erflehen wollen. Die Carbonari, das heißt, die gottesläſterlichen, ruchloſen Aufwiegler, welche es wagen, zu behaupten, die Lom⸗ bardei und Venetien gehöre nicht rechtskräftig dem Kaiſer von Oeſterreich, ſei nicht mein unverlierbares Krongut, ſondern es ſeien zwei ſelbſtſtändige eigene Reiche und Länder, welche das Recht und die Pflicht hätten, ſich loszureißen aus meinem Staatenbunde und ſich frei zu machen von meiner Oberherrſchaft und Gewalt. Wiſſen Sie, Herr Neichskanzler, daß dies die Grundſätze und Ideen der Carbonari ſind, und daß dieſen Grundſätzen folgend, ſie immer neue Ver⸗ ſchwörungen und Revolten in meinen italieniſchen Provinzen angezettelt haben? Ich weiß, Majeſtät, aber ich weiß auch, daß jetzt ſeit mehreren Jahren kein neuer ähnlicher Verſuch des Aufruhrs in der Lombardei und in Venedig vorge kommen iſt, daß die beiden Provinzen Eurer Majeſtät ſich jetzt vollkommener Ruhe und eines ungeſtörten Friedens erfreuen. Das macht, wir halten ſie darnieder mit einer Hand von Eiſen, ſagte der Kaiſer ingrimmig. Wir ſtopfen ihnen die gottesläſterlichen Mäuler mit unſern Knebeln, wir bändigen ihre Hände mit unſern Daumſchrauben, wir bauen vor ihren Augen ſoviel Galgen und Schaffotte auf, daß ſie dieſelben nicht zu erheben wagen, ſondern es vorziehen, ſchweigend mit geſenkten Blicken dahin zu gehen. Wir brauchen nit bloß eine Armee von Soldaten, ſondern auch eine Armee von Poliziſten, um die Ruhe und den Frieden bei unſern vielgeliebten italieniſchen Unterthanen auf⸗ recht zu erhalten, wie müſſen wöchentlich Millionen baarer Zwanziger nach unſern italieniſchen Provinzen ſchicken und ein Heer von Beamten, von Spionen, von Sol⸗ daten bezahlen, um die Aufwiegler wenigſtens in Furcht und Schweigen zu erhalten. Aber nehmen's das Geld mal fort, reißen's die Galgen und Schaf⸗ fotte nieder, entfernen's die Armee, verbinden's der Polizei die Augen, gebieten's den Denuncianten zu ſchweigen, bezahlen’s nit mehr die tauſend und aber⸗ tauſend Spione, welche die Familien und die einzelnen Individuen überwachen, und Sie werden ſehen, daß in ein paar Tagen die ganze Lombardei in Flammen ſteht, und die Wogen des Aufruhrs von den Lagunen Venedigs über das adriatiſche Meer dahin brauſen nach dem jenſeitigen Ufer, und auch meine illyriſchen Provinzen überfluthen. Nein, nein, mein Herr Staats⸗ kanzler, ich mache mir halt keine Illuſſionen, und ich weiß gar wohl, was ich von der Liebe meiner Ita⸗ liener zu halten habe. Ich überlaſſe Ihnen das De⸗ partement des Auswärtigen, aber meine oberitalieniſchen Provinzen gehören doch, in gewiſſem Betracht, auch zu meinem Departement des Innern, und ich richt' da mit meiner wachſamen Polizei und meinen Spionen mehr aus, glaub' ich, als Sie mit Ihren diplomati⸗ ſchen Arzeneien und Ihren Begütigungsverſuchen. Die 26 Italiener ſind kein Volk, das man mit Güte und Langmuth zur Raiſon bringen kann. Man muß ſie unter die Füße treten, wenn ſie Einem nicht über den Kopf wachſen ſollen, und ſchauen's, ehe ich ſie mir über den Kopf wachſen laß', da hau' ich ihnen lieber all' ihre aufrühreriſchen Köpf' ab. Und jetzt, da ich Ihnen meine Meinung ausführlich kund gethan, jetzt laſſen's einmal hören, was iſt's mit den Gefan⸗ genen auf dem Spielberg und in den Bleikammern? Majeſtät, ſie büßen dort ſeit zehn Jahren in har⸗ ten Leiden und bitterer Qual die Verirrungen ihres exaltirten Patriotismus ab, und vielleicht wäre es nicht bloß ein Act der Milde, ſondern auch der Klugheit, wenn Ew. Majeſtät die Gefangenen begnadigten und es nicht abwarteten, daß ſie durch das geſetzliche Ende ihrer Strafzeit befreit werden. Ach, Sie meinen, das Beiſpiel des Herrn Silvio Pellico ſollte mich zu dieſem Act der Klugheit be⸗ wegen? fragte der Kaiſer mit einem ingrimmigen Lächeln. Es iſt wahr, Majeſtät, ich meinte das. Wenn Ew. Majeſtät jetzt durch einen Gnadenact die italieni⸗ ſchen Gefangenen der Welt und ihren Familien wieder geben, ſo wäre das die allerberedteſte Widerlegung ..— 21 der Anſchuldigungen Silvio Pellico's und das glän⸗ zendſte Zeugniß von der gnadenvollen Güte und väter⸗ lichen Milde Eurer Majeſtät Nein, rief der Kaiſer heftig, es wäre nur ein de⸗ müthigendes und erbärmliches Zeugniß meiner Schwäche und Feigheit. Es würd'’ beweiſen, daß das alberne und langweilige Buch des Herrn Pellico mich in's Bockshorn gejagt hätte, und daß ich zerknirſcht ein pater peccavi betete, um nur nit eine zweite Auf⸗ lage der„Prigioni“ zu erleben. Aber ich will's der Welt, ich will's vor allen Dingen den aufrühreriſchen Italienern beweiſen und zeigen, daß ſolch' jammervoll Geſchreibſel auf mich halt gar keinen Einfluß hat, und daß ich mich nit rühren laß' von dergleichen wei⸗ biſchen Klageliedern und Lamenti. Wer geſündigt hat, muß ſeine Straf! erleiden, ganz und unnachſichtlich, und ich bin nit der Mann, welcher den Verbrechern ihre Strafzeit verkürzen und Gnade für Recht er⸗ gehen laſſen möcht'. Laſſen's Sich das ein für alle Male geſagt ſein, Metternich, ich ſchenk' den Ge⸗ fangenen auf dem Spielberg und in den Bleikammern auch nit einen einzigen Tag ihrer Strafzeit, und wüßt' ich, daß ich durch dieſen einzigen Tag mir ihre Treue, ihre Anhänglichkeit und Dankbarkeit auf immer er⸗ 28 werben könnt', ich thät's halt doch nit. Bin nun einmal kein Mann des Vergebens und der Gnade, und muß es halt zugeſtehen, daß der Herr Fürſt Metternich darin ein weit beſſerer Chriſt iſt, als ich bin.“*) Alſo reden's mir nit mehr von Begnadigung der italieniſchen Hochverräther im Allgemeinen. Wenn Sie aber für einen einzelnen Gefangenen was zu bitten haben, ſo laſſen's hören, und wenn ich kann, will ich Ihnen Ihre Bitt' erfüllen. Ich danke Ew. Majeſtät für Ihre gnädige Er⸗ laubniß und ich mache Gebrauch von derſelben. Ich wage es die Gnade des gütigen Kaiſers anzuflehen für den alten Munari, der ſeit dem Jahre 1820 auf dem Spielberg als Gefangener verweilt. Er gehört freilich nicht zu Denen, welche bloß verdächtig waren, zu dem Bunde der Carbonari zu gehören, oder min⸗ deſtens von demſelben gewußt zu haben. Verdächtig iſt eben ſo gut wie überführt, und muß eben ſo gut beſtraft werden, ſagte der Kaiſer haſtig. Bei der heiligen Jungfrau, wenn man mit der Gefangennehmung und Beſtrafung der Verdäch⸗ tigen immer warten wollte, bis ſie vor dem Richter *) Des Kaiſers eigene Worte. Siehe:„Kaiſer Franz und Metternich. Ein Fragment.“ 1 29 geſtanden und von ihrer Schuld überführt worden, dann würden freilich die Gefängniſſe leer ſein, aber wir würden in jeder Stunde des Ausbruchs einer Re— volution gewärtig ſein müſſen. Aber Mehrere der Gefangenen wurden indeſſen auf bloßen Verdacht hin zum Tode verurtheilt, bemerkte Metternich ſchüchtern. Doch ich begnadigte die zum Tode Verurtheilten zu zehn- und zwanzigjährigem ſchweren Kerker, rief Franz mit einem kurzen, harten Lachen. Ich mein' alſo, die Verbrecher hatten ſich nicht zu beklagen über Härte und Strenge, denn hätte ich nicht Gnade geübt, ſo wären ſie ſchon ſeit zwölf Jahren von der Erde verſchwunden. Majfeſtät, das ſind ſie auch jetzt, ſie ſind von der Erde verſchwunden, denn ich glaube kaum, daß die dunklen unterirdiſchen Gefängniſſe auf dem Spielberg und die ſonnenlichten Bleikammern im Dogenpalaſte den Gefangenen etwas Anderes dünken als ein Grab. Aber leider öffnen ſich dieſe Gräber eines Tages und die Eingeſargten gehen wieder als Lebendige und ſehr ſchwatzhafte Menſchen aus denſelben hervor, ſagte der Kaiſer achſelzuckend. Der Herr Pellico giebt da⸗ von ein ſchlagendes Beiſpiel. Hätte ich ihn nicht be⸗ gnadigt, ſondern dem Geſetz freien Lauf gelaſſen, ſo 30 wäre ſein albernes Buch nicht erſchienen, und er hätte ſich und ſeine Complicen nicht darſtellen können als die Märtyrer des Rechts und der Gerechtigkeit.*) Aber was iſt's mit dem Herrn Munari? Von dem kön⸗ nen's wenigſtens nit behaupten, daß er allf bloßen Verdacht hin verurtheilt worden. Er war überführt und geſtändig dem Carbonaribunde angehört zu haben, und er leugnete es nicht, ſondern er rühmte ſich ſogar, einem ſeiner Complicen, der gefänglich eingezogen war, zu ſeiner Flucht behülflich geweſen zu ſein. Das Re⸗ volutions⸗Tribunal in Mailand verurtheilte ihn des⸗ halb zum Strange, und ich meine, es war eine über⸗ triebene Milde von mir, daß ich ſogar dieſen über⸗ führten Verbrecher nicht aufhängen ließ, ſondern ihn zu zwanzig Jahren ſchwerem Kerker begnadigte. Gewiß, es war eine große Gnade von Ew. Maje⸗ ſtät, ſagte Metternich, leiſe ſein Haupt wiegend. *) Silvio Pellico wurde bekanntlich auf den Verdacht hin, zum Carbonaribunde zu gehören, zum Tode verurtheilt und vom Kaiſer Franz zu funfzehnjährigem Kerker begnadigt. Er ſaß an⸗ fangs in den Bleikammern von Venedig und ward dann nach dem Spielberg gebracht, wo er bis zum Ende ſeiner Straßzeit verblieb. Im Jahre 1830 erlangte er endlich ſeine Freiheit wie⸗ „der und begab ſich nach Turin. Dort ſchrieb er ſein berühmtes Buch:„Le mie prigioni,“ das 1833 in Paris Italieniſch und zugleich in Leipzig in deutſcher Ueberſetzung erſchien. 31 Aber das undankbare, revolutionaire Gefindel wollte das natürlich nicht anerkennen, lachte der Kaiſer, behaupteten, meine Begnadigung ſei nur eine erhöhete Grauſamkeit, denn Murani, der gerade ſechszig Jahre alt war, als er ſeine Strafzeit antrat, würde das Ende derſelben ſicherlich nicht erleben, ſondern die Folterqualen des Carcere Duro würden ſchon in den erſten Jahren ſeinem Greiſenalter ein Ende machen. Da ſehen's nun, wie das Volk ewig übertreibt und verläſtert! Der Munari hat nun ſchon die Hälfte ſeiner Strafzeit abgeſeſſen und der Carcere Duro hat dem alten ſiebenzigjährigen Kerl wie's ſcheint nichts an⸗ haben können. Ja, ja, der Magen gewöhnt ſich an Alles, und man ſtirbt nicht davon, wenn man auch nicht alle Tage warme Suppe und niemals Fleiſch zu eſſen bekommt. Es ſcheint, ſagte Metternich lächelnd, der Magen gewöhnt ſich leichter an Entbehrungen als der Kopf. Der alte Munari, der ſich niemals über die Ent— behrungen beklagt hat, die man ſeinem Magen auf⸗ erlegt, kann ſich durchaus nicht daran gewöhnen, daß man auch ſeinen Kopf zu Entbehrungen zwingen und ihm ſeine Gewohnheiten entziehen will. Man hat den Gefangenen auf dem Spielberg zur Strafe für Pellico's Bücher und der Feder entzogen, das iſt wahr! Aber Prigioni, den Gebrauch der mein Gott, ich konnte den Scribler nicht an ſeiner eigenen Perſon dafür ſtrafen, denn er hat ſich durch die Flucht nach Sardinien meiner Gewalt entzogen, und alſo mußten für ihn ſeine Complicen und frühe⸗ ren Mitgefangenen büßen. Ich habe übrigens Sorge getragen, daß dieſe Art der Beſtrafung dem Herrn Silvio Pellico durch meinen Geſandten in Turin offi⸗ ciell gemeldet worden iſt. Und was meinen's, was der Kerl gethan hat, als ihm mein Geſandter die Anzeige machte? Ich vermuthe, er hat für ſeine Freunde um Gnade gebeten? Er hat Ew. Majeſtät vielleicht in einem Gedicht angefleht, nicht ſeine Schuld an Denen zu rächen, welche nicht Theilhaber derſelben geweſen? Wollt's dem Kerl nit rathen, mich mit einem Gedicht zu behelligen, rief der Kaiſer ingrimmig. Liebe das Anſingen überhaupt nit, ſchon aus dem Grunde nit, weil das hochmüthige Poetenvolk ſich immer unter⸗ ſteht, nit bloß Gott den Herrn, ſondern ſogar uns Kaiſer und Könige auf ganz vertrauliche Weiſe mit „Du“ anzureden, als ob wir die Spießgeſellen und Kameraden dieſer Lumpenkerls wären. Nein, mich in 33 Verſen anzugehen, das hat ſich der Pellico halt doch nit unterſtanden, und um Gnade hat er auch nit bitten laſſen. Kaum hatte ihm mein Geſandter vermeldet, daß ſeine Complicen für ſein Verbrechen büßen müß⸗ ten, ſo ſtürzten dem Pellico die Thränen aus den Augen, er fiel auf ſeine Kniee nieder und begann mit lauter, jammernder Stimme und dabei in wohlgeſetzten Verſen zu beten, und über das Schickſal Italiens und ſeiner„Märtyrer“ zu wehklagen. Na, meine Strafe hat alſo doch gewirkt, Pellico weint und wehklagt, und Munari klagt über die Entbehrungen, welche man ſeinem Kopf auferlegt? Ich bitte Ew. Majeſtät um Verzeihung, wenn ich mich unklar ausgedrückt und daher zu einem Miß⸗ verſtändniß Veranlaſſung gegeben habe. Der alte Munari klagt nicht darüber, daß man ihm die Bücher und Schreibmaterialien entzogen hat, ſondern nur darüber, daß man ſeinen äußern Hirnſchädel un⸗ gewohnten Entbehrungen ausſetze. Er bittet und be⸗ ſchwört Ew. Majeſtät nur um die Gnade, ihm eine neue Perrücke zu gewähren. Der Kaiſer brach in ein lautes Lachen aus. Eine neue Perrücke, rief er, das iſt Alles, um das es ſich L. Mühlbach, Erzherzog Johann. 4. Abth. I. 3 21 *ℳ handelt, und darum kommt mein Herr Staatskanzler mit ſo ernſter und wichtiger Miene daher? Majeſtät, man hat mir ein Schreiben des alten Munari für Ew. Majeſtät durch gar hohe und ver⸗ ehrungswürdige Hände zugehen laſſen. Der Herr Palatin von Ungarn ſelber befürwortet das Bittge⸗ ſuch Munari's, und macht es mir in einem eigen⸗ händigen Schreiben zur Chriſtenpflicht, daſſelbe Ew. Majeſtät zu übergeben. Es ſcheint, der alte Munari hat ſchon vor längerer Zeit daſſelbe Geſuch an den Com⸗ mandanten des Spielbergs geſtellt, iſt aber von dieſem immer damit abgewieſen worden, daß er dieſen Fall an Sr. Majeſtät nach Wien berichtet, aber noch keine Antwort erhalten habe. Es iſt wahr, ſagte der Kaiſer gleichgültig, ich ent⸗ ſinne mich jetzt, daß der Herr Manzotti, der Com⸗ mandant vom Spielberg, mir einmal meldete, daß Munari durchaus eine neue Perrücke begehre. Aber das iſt ſchon eine geraume Zeit her. Majeſtät, der alte Munari ſchreibt an mich, daß er ſchon ein ganzes Jahr vergeblich um dieſes Klei⸗ dungsſtück petitionire. Ja, es iſt möglich, daß es ſo lange her iſt. Aber, mein Gott, was geht mich die Perrücke eines Hoch⸗ 3⁵ verräthers an. Ich hielt die Anfrage des Comman⸗ danten keiner weitern Antwort werth, denn wozu iſt es nöthig, daß ſo'n Kerl überhaupt eine Perrücke trägt? Hätte ich ihn vor zwölf Jahren hinrichten laſſen, ſo wäre er ſicher, keiner Perrücke mehr zu bedürfen. Aber Ew. Majeſtät haben ihn eben begnadigt, und da Ew. Majeſtät ihm einmal das Leben geſchenkt haben, ſo werden Sie in Ihrer Gnade dem alten ſiebenzigjährigen Manne auch jetzt das weitere Ge⸗ ſchenk einer neuen Perrücke huldvoll gewähren. Es ſcheint, daß Munari ſo ſehr an ſeine Perrücke ge⸗ wöhnt iſt, daß ſein alter kahler Schädel derſelben gar nicht entbehren kann. Ich bitte alſo um die Gnade, daß Ew. Majeſtät ihm dieſe erſehnte Perrücke ge⸗ währen wollen. Na, er ſoll ſie haben, rief der Kaiſer, um Ihret⸗ willen und weil Sie gar ſo ein empfindſamer Mann ſind, will ich dem Hochverräther ſeinen Wunſch gewähren, und er ſoll eine neue Perrücke haben. Erlauben mir Ew. Majeſtät, daß ich es in Ihrem kaiſerlichen Namen dem Commandanten vom Spiel⸗ berg melde, und ihn beauftrage für Munari ſofort eine neue Perrücke zu beſchaffen? 3* 36 Nit nöthig, werde es ſelbſt beſorgen, dank' für Ihre Gütigkeit. Es gehört in meine Abtheilung des Innern, und der Herr Miniſter des Aeußern hat nichts damit zu ſchaffen. Majeſtät, ich wage nur daran zu erinnern, daß der Gefangene ſchon ſeit einem Jahre auf die Er— füllung ſeiner Bitte hofft. Ach, Sie meinen, es könnt' halt vielleicht noch ein Jahr vergehen, ehe er ſie erhielte? Nein, fürchten s nichts, Herr Staatskanzler. Es trifft ſich ſo, daß ich grade heute eine Depeſche an den Commandanten vom Spielberg abzuſenden hab', und da werde ich ihm gleich wegen der Perrücke des Signor Munari meine Ordre ertheilen. Ich ſage Ew. Majfeſtät meinen unterthänigſten Dank, aber— Ich bitt' Sie, nur jetzt keine Aber mehr, unter⸗ brach ihn der Kaiſer ungeduldig. Sehen's nur, wie weit mein Käſtchen noch zurück iſt, und ich hab' es der Frau Kaiſerin doch heute zum Angebinde ver⸗ ſprochen. Nun wiſſen's, ein Kaiſer muß immer Wort halten, beſonders wenn er ſeiner Gemahlin etwas ver⸗ ſprochen hat. Alſo laſſen's mich doch noch ein Biſſel ſchnitzeln! — 37 Majeſtät, ich ziehe mich zurück, ſagte Metternich, ſich tief verneigend. Ich werde es nicht wagen, die koſtbare Zeit meines Herrn und Kaiſers länger in Anſpruch zu nehmen. Und mit einem ſtrahlenden Lächeln, mit dem ruhig⸗ ſten, heiterſten Geſichtsausdruck ſich tief vor Franz verneigend, verließ Metternich rückwärtsgehend das Cabinet des Kaiſers, der, ganz ſchon wieder in ſeine Schnitzarbeit vertieft, dem Fürſten, ohne aufzuſehen, ſeinen Abſchiedsgruß zunickte. Draußen aber, im Vorſaal, wo, dem ſtrengen kaiſerlichen Befehl gemäß, Niemand ſich aufhalten durfte, damit der Kaiſer ſicher ſei von Niemand be⸗ horcht zu werden, draußen im Vorſaal ſchwand der heitere Ausdruck aus dem immer noch ſchönen Angeſicht des Fürſten und es ward trübe und ſorgenvoll. Es wird eine ſchlimme Scene geben, flüſterte er leiſe in ſich hinein, ſie wird es mir nicht glauben wollen, daß ich gethan, was in meinen Kräften ſtand. Sie meint eben, wie Alle, daß ich es bin, welcher den Kaiſer beherrſcht! Als ob dieſer eigenwillige und herrſchſüchtige Mann von irgend etwas Anderem be⸗ herrſcht werden könnte, als von dem Gefühl ſeiner 38 eigenen Unfehlbarkeit. Nun, wir müſſen eben ver⸗ ſuchen, die Signora zu beſänftigen, und— mein Gott, es iſt mir ſchon ſo Manches gelungen, alſo wird auch dies wohl gelingen können. Er blieb einen Moment vor dem Spiegel ſtehen, an dem er eben vorüberging, und betrachtete mit prüfender Kennermiene ſeine eigene Erſcheinung, die kleine zierliche Geſtalt, die ſchon etwas zuſammen zu ſinken und ſich zu neigen begann, das feine rofige Angeſicht, auf dem der Glanz der Jugend jetzt er⸗ loſchen war, die hohe Stirn, auf welche die Zeit mit hartem Griffel ihre Linien gezogen und das volle, einſt ſo viel bewunderte Haar, über welches der Winter des Lebens leiſe ſchon ſeine Schneeflocken auszuſtreuen begann. Ich werde alt, ſagte der ſechszigjährige Fürſt mit leiſem Seufzer, es iſt nicht mehr zu leugnen, ich werde alt, und wenn ich jetzt irgend ein Frauenzimmer be⸗ ſchwichtigen oder verſöhnen will, ſo muß ich mich dabei mehr auf meine Zunge, als auf mein Angeſicht ver⸗ laſſen. Ach, ich ſehe es wohl ein, ich habe einen Bundesgenoſſen verloren, der mir bis hieher die größ⸗ ten und wichtigſten Dienſte geleiſtet, und dem ich den größten Theil meiner Erfolge verdanke, ich habe meine 39 Schönheit verloren. Nun, fuhr er dann nach kurzer Pauſe fort, während welcher er ſich unverwandt im Spiegel angeſchaut hatte, nun, einige beaux restes ſind doch noch geblieben, und wenn man haushälteriſch damit umzugehen verſteht, kann man doch noch einigen Nutzen daraus ziehen. Er nickte ſich ſelber zu und ein Lächeln trat in ſein Geſicht, das wie der letzte Abendglanz früherer Tage ſeine Züge durchleuchtete und verſchönte. Mit dieſem Lächeln, das er ſorgfältig auf ſeinem Antlitz feſthielt, ſchritt er vorwärts und trat jetzt in den zweiten Vorſaal ein, in welchem die Kammer⸗ Huſaren und Kammerdiener in ſchweigender Ruhe leiſt auf den Zehen auf und nieder gingen, oder hier und da in einer Fenſterniſche verſtohlen mit einander flüſterten. Der Fürſt nickte freundlich grüßend nach beiden Seiten hin, während er mit raſchem Schritt durch den Saal dahin eilte, und trat jetzt hinaus auf den Corridor. Niemand befand ſich in demſelben als die Schildwache, die mit ernſtem, gleichmäßigem Tact mit geſchultertem Gewehr langſam auf und ab marſchirte, und ehrerbietig vor dem vorübereilenden Fürſten ſa⸗ lutirte. 40 Metternich ging weiter. Anfangs, ſo lange die Schildwache ihn ſehen konnte, langſam und gemeſſen, dann, als er von dem Hauptcorridor jetzt in einen Seitenflügel deſſelben eingetreten war, mit raſchem, beflügeltem Schritt. Jetzt am Ende des Ganges blieb er vor einer kleinen Thüre ſtehen, zog aus ſeiner Buſentaſche einen Schlüſſel hervor, öffnete damit die Thür und trat durch dieſelbe in einen kleinen Raum ein, der nichts weiter zu ſein ſchien, als der Vorplatz zu der engen kleinen Wendeltreppe, die ſich in der Mitte deſſelben befand. Metternich zog mit bedächtiger Ruhe den Schlüſſel aus der Thür, drückte dieſelbe hinter ſich zu und ſtieg dann langſam, als prüfe und überlege er jeden Schritt, die Wendeltreppe hinauf. Oberhalb derſelben befand er ſich wieder auf einem kleinen Vorplatz, an deſſen der Treppe gegenüber befindlichen Seite, ſich eine Thür befand. Derſelbe Schlüſſel, welcher die untere Thür geöffnet, that auch hier ſeine Dienſte, und der Fürſt gelangte abermals hinaus auf einen kleinen Corridor, zu deſſen beiden Seiten ſich geſchloſſene Thüren be⸗ fanden. Das Zeichen, murmelte er leiſe vor ſich hin, ich höre das Zeichen nicht! Aber gerade in dieſem Moment wurde die Stillen —— 41 unterbrochen durch das dreimalige Anſchlagen eines Accordes auf einem Clavier, und nun begann in ſtürmiſchem Tempo, in rauſchendem Fortiſſimo ein glänzendes Muſikſtück. Immer noch daſſelbe leidenſchaftliche, glühende Herz, murmelte der Fürſt achſelzuckend, indem er leiſe die Hand auf den elfenbeinernen Griff der Thür legte. Sie gab ſeinem Druck nach und öffnete ſich ohne Ge⸗ räuſch. Der Fürſt ſchritt durch ſie hin in das große, glänzende, reichgeſchmückte Gemach, das ſich vor ihm aufthat. —— II. Signora Cibbini. Das Eintreten Metternich's unterbrach die Dame, welche da drüben an dem Flügel ſaß, nicht in ihrem Spiel. Sie hatte vielleicht über den rauſchenden Me⸗ lodien, welche ihre kunſtgeübten Finger den Taſten entlockten, das Oeffnen der Thür gar nicht gehört, oder ſie war zu innerlich vertieft in das Muſifſtück, das ſie ohne Noten, entweder aus dem Gedächtniß, oder nach eigener Phantaſie ausführte, und achtete daher nicht auf das, was außer ihr geſchah. Sie konnte überdies den Eintretenden nicht ſehen, denn vor dem Flügel ſitzend, der in der Mitte des Saals ſtand, hatte ſie der Thür den Rücken zugewandt. Metternich aber ſah ſie; einen Moment blieb er an der Thür ſtehen und betrachtete dieſe hohe Frauen⸗ 2 43 geſtalt, die da auf dem Tabouret vor dem Flügel ſaß, dieſen ſtolzen Nacken, über welchen in ſchwerer Fülle die ſchwarzen Locken niederfielen, dieſe vollen üppigen Schultern, welche von keiner Hülle bedeckt, die ganze Schönheit ihrer Formen zeigten. Bei dieſem Anſchauen belebten ſich die Züge des Fürſten, und ſeine ſchönen dunkelblauen Augen nahmen einen er⸗ höhteren Glanz an. Er ſchritt haſtig vorwärts; die Clavierſpielerin ſchien ſeine Nähe noch immer nicht zu ahnen, und der dicke türkiſche Teppich, der den Fuß⸗ boden bedeckte, machte ſeine Schritte unhörbar. Jetzt ſtand der Fürſt dicht hinter ihr, und legte leiſe ſeine kleine von Brillanten funkelnde Hand auf die Schulter der Signora. Katharina, flüſterte er leiſe und mit einem ſanften zärtlichen Ton. Sie ſpielte weiter, aber wandte langſam ihr Haupt zur Seite nach dem Fürſten hin. Ihre großen ſchwar⸗ zen Augen begrüßten ihn mit einem blitzartigen Auf⸗ leuchten, ihr edles, bleiches Geſicht färbte ſich mit einem ſanften Schimmer von Röthe und die ſchmalen feſtgeſchloſſenen Lippen umſpielte einen Moment ein freundliches Lächeln. Aber nur Einen Moment, dann verſchwand dieſes Lächeln wieder, dann erblaßte das ſanfte Erröthen 44 und ihre ſchwarzen Augen nahmen einen düſteren, faſt zornigen Ausdruck an. Aber ſie ſpielte weiter, rau⸗ ſchender, feuriger als zuvor, immer das ſchöne, bleiche, ſtrenge Angeſicht dem Fürſten zugewandt. Katharina, flüſterte er zum zweiten Mal, Ka⸗ tharina, wollen Sie mich nicht begrüßen? Mit welchem Namen ſoll ich Sie nennen? fragte ſie, während ihre Finger über die Taſten flogen. Wie heißen Sie?. Ich heiße Clemens, ſagte er leiſe, indem er ſich neigte und einen Kuß auf ihre marmorweiße Schulter hauchte. Sie zuckte zuſammen bei dieſer Berührung ſeiner Lippen und ihre Finger fuhren heftig über die Taſten, daß die Saiten aufrauſchten wie in jammernden Klagetönen. Dann hob ſie ſich langſam von ihrem Sitz empor, und richtete ihre ſtolze Geſtalt hoch auf, daß ſie um eines Kopfeslänge faſt den Fürſten über⸗ ragte. Clemens heißen Sie? fragte ſie langſam, die gro⸗ ßen, glühenden Augen feſt auf ihn gerichtet. Ich kannte einſt einen Clemens, und— ich liebte ihn, aber Sie ſind es nicht! Nein, Sie ſind nicht der Clemens, den Katharina Cibbini einſt ſo heiß, ſo lei⸗ 45 denſchaftlich geliebt hat, daß ſie um ſeinetwillen ihr Vaterland, ihre Familie verlaſſen und ſich dem Feinde Italiens verbinden und dienſtbar machen konnte. Nein, Sie ſind nicht jener Clemens, der— ſprechen wir nicht mehr von ihm. Er iſt mir geſtorben, und ich habe ihn in meinem Herzen eingefargt, alſo— ſprechen wir nicht mehr von ihm! Doch, meine theure Katharina, ſagte der Fürſt mit ſanfter, einſchmeichelnder Stimme, ſprechen wir von ihm! Laſſen Sie uns hier niederſitzen auf den Divan und ſprechen wir von dem armen Clemens. Sie ſagen, er ſei todt und Sie hätten ihn in Ihrem Herzen begraben. Aber wer weiß, vielleicht lebt er dennoch, und ich kann es Ihnen beweiſen, daß er noch lebt. Setzen wir uns alſo und plaudern wir, wie einſt in ſchönen und glücklichen Tagen! Er nahm ſanft ihre Hand und führte ſie zu dem Divan. Katharina Cibbini ſträubte ſich nicht, ſie folgte ihm ganz mechaniſch, ganz willenlos, ſie hatte ihr Haupt in den Nacken zurückgeworfen, und ihre großen, weit geöffneten Augen ſtarrten empor, als ſchaute ſie da in dem leeren Raume gar ſeltſame Bilder und Geſichter. Metternich zog ſie jetzt leiſe auf den Divan nieder 46 und ſetzte ſich neben ſie. Und nun, Katharina, ſagte er, ihre Hand noch immer in der ſeinigen haltend und ſie zärtlich ſtreichelnd, nun ſagen Sie mir, warum Sie glauben, daß jener Clemens, den ſie einſt geliebt haben, geſtorben ſei? Ich ſage nur, daß er mir geſtorben iſt, und ich ihn in meinem Herzen eingeſargt habe, rief ſie leidenſchaftlich. Seit zwei Jahren, zwei langen, furcht⸗ baren Jahren ruht ſeine Leiche da au dem Grunde meines Herzens, und alle Tage habe ich ſie getränkt mit meinen Thränen, und geſchmückt mit den Blumen meiner Erinnerungen, alle Tage ſchwur ich, mein Herz zu überwinden, und Rache zu nehmen für meine Schmach und meine Demüthigung, Rache für die Vergangenheit. Und Ihr großmüthiges Herz vergaß zum guten Glücke immer wieder die grauſamen Schwüre Ihres Stolzes. Aber was that er denn, der arme Clemens, daß Sie ihm ſo glühende Rache ſchwuren? Ich will es Ihnen ſagen, was er mir that, rief ſie in athemloſer Aufregung. Er ſchwur mir ewige Liebe, und er verrieth mich. Er ſchwur mir ewige Treue, und er verließ mich. Er ſchwur mir, daß ich ſein Weib, ſeine rechtmäßige Gemahlin werden ſolle, 47 und er vermählte ſich einer Andern. Und ich liebte ihn dennoch, und als er heimlich, im tiefſten Incognito, in ſtarrer Winterkälte von Wien nach Turin kam, nur um mich zu ſehen, um von mir Verzeihung zu erflehen, als er mit Thränen zu meinen Füßen lag, und mir ſagte, daß er mich noch immer liebe, daß nur die Politik, die Staatsrückſichten ihn zu dieſer Vermählung gedrängt, als er mit tauſend zärtlichen Liebesbetheuerungen mich anflehte, ihm zu verzeihen, da brach mein Stolz, da zog ich ihn empor in meine Arme und ſagte ihm, daß ich ihm nicht allein ver⸗ zeihen, ſondern daß ich ihn ewig lieben wolle. Er forderte einen Beweis meiner Liebe. Er wußte, daß ich die Vertraute, die Favoritin der Prinzeſſin Anna von Sardinien war, und daß dieſe eine glühende Liebe zu einem jungen, ſchönen aber machtloſen Prinzen ihres Hauſes hege. Clemens forderte von mir, daß ich die Prinzeſſin bewegen ſolle, ihrer Liebe zu entſagen, um als Belohnung dafür die Hand des Thronfolgers von Oeſterreich, die Hand des einſtigen Kaiſers Ferdinand anzunehmen. Ich verſprach es ihm, und ich hielt mein Wort. Prinzeſſin Anna von Sar⸗ dinien gab meinen Vorſtellungen, meinen dringenden Bitten, meinen kalten Vernunftgründen Gehör, ſie 48 entſagte ihrer Liebe und ward die Gemahlin des un⸗ glücklichen Erzherzogs Ferdinand von Oeſterreich. Sie hatte mir nur die einzige Bedingung geſtellt, daß ich ſie nach Wien begleiten, daß ich ihr ſchwören ſolle, ſie niemals zu verlaſſen, ſondern in Wien zu bleiben, was ich in Turin geweſen, ihre erſte Kammerfrau, ihre Vertraute, zu der ſie ſprechen könne von dem verlorenen Glücke früherer Tage. Ich leiſtete ihr dieſen Schwur, ich folgte ihr nach Wien. Und was fand ich, als ich hier anlangte? Wo war der Clemens, der mir doch jüngſt mit Thränen geſchworen, daß er mich und nur mich liebe, daß er ſeine Gemahlin nur aus Politik gewählt habe, um ſich durch ſie eine mächtige Partei in Ungarn zu ſchaffen, daß er ſie nicht liebe, ſie niemals lieben werde? Er kam zu meiner Prin⸗ zeſſin, um ſie feierlich in Wien zu begrüßen, und trotz ſeiner Weltgewandtheit und ſeiner Verſtellungskunſt erbleichte er, als er mich bei ihr erblickte, und ſein ewig lächelnder Mund fand keine Worte der Begrü⸗ ßung für mich. Er war nicht darauf vorbereitet ge⸗ weſen, mich zu ſehen, denn ich hatte die Prinzeſſin unter irgend einem annehmbaren Vorwande gebeten, meine Ernennung geheim zu halten und nur in der Stunde ihrer Abreiſe mich an der Stelle einer andern ——ee 49 Kammerfrau eintreten zu laſſen. Ich wollte an ſeiner Ueberraſchung erkennen, ob er mich noch liebte, und ich ſah an ſeinem Erbleichen, daß er mich betrogen hatte. Und dann, dann ſah ich ſeine Gemahlin, die ſchöne Melanie Zichy, ſah wie Clemens als demüthiger Sclave auf jeden ihrer Winke lauſchte, von jedem Lächeln ihrer ſtolzen Lippen ſich beglückt fühlte, ſah, daß er mich abermals betrogen hatte, und dennoch— Gott, o Gott, Du kennſt mein armes ſchwaches Herz — dennoch liebte ich ihn, dennoch willigte ich ein, als er um eine Zuſammenkunft bat. Hier, hier in dieſem Zimmer empfing ich ihn zum erſten Mal, und hier, fuhr ſie leiſer und faſt verſchämt fort, und hier habe ich ihn ſeitdem gar oftmals in ſtiller Abenſtunde em⸗ pfangen, bis— Bis der arme Clemens eines Abends, unterbrach ſie der Fürſt, eines Abends, als er ſehnſuchtsvoll zu ſeiner Freundin eilte, die Thüre von innen verriegelt fand, ſo daß er ſie mit ſeinem Schlüſſel nicht zu öffnen vermochte. Vergebens bat er ſchriftlich um eine Er⸗ klärung, vergebens beſchwor er ſeine theure Freundin, ihm den Grund ihrer plötzlichen Entfremdung zu ſagen, ihn wiſſen zu laſſen, was er verbrochen habe, ihn— L. Mühlbach, Erzherzog Johann. 4. Abth. I 4 50 Er wußte es, rief ſie heftig, er wußte ganz genau, was er verbrochen hatte, und— Theuerſte Freundin, unterbrach ſie der Fürſt lächelnd, ich habe Sie vorher ſprechen laſſen, ohne Sie nur mit einer Sylbe zu unterbrechen. Ich habe alle Ihre Beſchuldigungen, Ihre Vorwürfe ſchweigend angehört, weil ich hoffte, daß, wenn Sie geendet, auch für mich die Zeit des Redens und der Entſchuldigungen ge kommen ſein würde. Darf ich annehmen, daß dieſe Zeit jetzt für mich da iſt? Reden Sie, reden Sie, rief ſie, ihn mit einem zürnenden Flammenblick anſchauend. f Ich danke meiner ſchönen Freundin für dieſe Er⸗ laubniß, und ich werde es jetzt verſuchen, den armen Clemens bei ihr zu entſchuldigen. Zuvörderſt, meine holde und ſchöne Katharina, zuvörderſt muß ich Ihnen 1 aber danken, danken aus tiefſtem Herzensgrunde, denn Sie ſind es geweſen, welche dem armen Clemens die letzten ſeligen Stunden, die letzten Entzückungen der Liebe geſchenkt haben, Sie ließen über ſeine er⸗ kaltenden Herbſttage die letzten Sonnenſtrahlen des Glückes und der Jugend ausſtrahlen und gönnten ihm die unendliche Wonne, an der Schwelle des Greiſen⸗. alters ſich noch einmal als liebender, geliebter 51 und beſeligter Mann zu fühlen. Mein Gott, ich kam nach Turin als ein ernſter, ſtrenger Geſchäfts⸗ mann, der gar nichts Anderes im Sinne hatte, als mit dem König von Sardinien perſönlich in wichtigen politiſchen Angelegenheiten zu verhandeln, der für ſich ſelber, ſeit dem Tode ſeiner zweiten Gemahlin, alle Blüthen des Glückes abgeſtorben wähnte und ſich re⸗ ſignirt hatte, hinfort ein kalter, einſamer Wittwer zu ſein, welcher keine Anſprüche mehr zu machen habe auf perſönliches Glück und am allerwenigſten auf Frauenliebe. Ich war damals, als ich nach Turin kam, ſieben und funfzig Jahre alt, und wenn mir auch die Natur vielleicht in ihrer Güte erlaubte, einige Jahre meines Lebens zu verſchweigen und mich darzuſtellen als ein Mann in den beſten Jahren, ſo fühlte ich doch, daß mein Herz nicht mehr paßte zu dieſen beſten Jahren. Mein Herz war ein Greis, ein uralter Greis, und ich trug es in meiner Bruſt wie das ſteinerne Monument meiner begrabenen Leidenſchaften, ein Mo⸗ nument, auf welchem ſo viel Namen verzeichnet waren, daß einer durch den anderen unleſerlich gemacht war. Denn ich geſtehe es Ihnen, theuerſte Katharina, ich habe das Leben früh angefangen, und wenn ich der⸗ einſt vor dem Richterſtuhle Gottes erſcheine, ſo hoffe 4* 5² ich, daß er von mir ſagen wird, was Chriſtus von der Magdalena ſagte:„ſie hat viel geliebt, darum wird ihr viel vergeben werden.“ In der That, ich habe viel geliebt, und ich bin viel geliebt worden. Königinnen und Herzoginnen, Fürſtinnen und Grä⸗ finnen, alle Frauen bis herunter zu den allerliebſten Soubretten und Zofen, Alle ſchienen ſie eine Zeit lang von derſelben Idee behaftet, den jungen Clemens Met⸗ ternich liebenswerth zu finden. Es war eine Manie, der ich ſehr viele ſchöne Stunden, aber auch recht viele Unannehmlichkeiten verdanke. Denn in Einem Punkte ſind ſich alle Frauen gleich und unterſcheidet ſich die Königin in nichts von der Soubrette, ſie ſind Alle eiferſüchtig, ſie wollen Alle die Einzige ſein, welche man liebt. Weil ſie ſelber ſich hingeben mit ganzer Seele und mit ganzem Herzen, rief Katharina heftig, weil ſie nur Einen Gott und nur Einen Geliebten anbeten, weil ihre Liebe zugleich ihre Ehre, ihre Tugend, ihre Treue, ihr Glück und ihre Seligkeit iſt. Ich leugne es nicht, die Frauen faſſen die Liebe in einem höheren und edleren Styl auf, ſagte Metter⸗ nich mit einem ſanften Lächeln, ſie haben darin wie in allen Dingen etwas Engelhaftes, Gottverwandtes, 53 und es iſt mir zuweilen geſchehen, daß ich bloß aus tiefer Beſchämung und in dem zerſchmetternden Be⸗ wußtſein dem Ideal nicht zu gleichen, welches man ſich von mir gemacht, die theure Frau, welche ich gerade liebte, verließ und aufgab, weil ſie aus mir einen Gott machen wollte, während ich mich ſelber doch nur als armer, ſündiger Menſch fühlte. Wollen Sie auch mich in die Reihe Derjenigen ſtellen, welche aus Ihnen einen Gott machen wollten? fragte Katharina mit einem bittern Lachen. Nein, meine theuerſte Freundin, ich wage es gar nicht, Sie mit irgend einer anderen Frau vergleichen zu wollen. Ich ſprach nur von den Frauen, welche ſich in mein blondes Haar, in meine blauen Augen, oder in meine Geſtalt, oder in mein Weſen überhaupt verliebt hatten. Aber mit Ihnen war es ganz etwas Anderes, meine theuere Katharina. Als ich Sie ken⸗ nen lernte, waren alle dieſe vergänglichen Vorzüge meiner Erſcheinung längſt verblaßt, und ich war, wie geſagt, nichts mehr als ein ernſter, ſtrenger Geſchäfts⸗ mann, der ſich nur noch um Politik und Regierungs⸗ angelegenheiten bekümmerte, und ſich reſignirt hatte, den Frauen nur noch un homme sans consequence zu ſein. Ich wagte daher auch nicht meine Augen zu 54 der ſchönen Favoritin der Prinzeſſin Anna von Sar⸗ dinien, zu der bezaubernden Katharina Cibbini zu er⸗ heben, ſondern ging ſtill und beſcheiden, wie es meinem Alter geziemte, an ihr vorüber. Aber unendlich war mein Entzücken, meine begeiſterte Dankbarkeit, als die ſchöne, die viel umworbene, die von Allen angebetete Katharina, einen Strahl der Huldlaus ihren Flammen⸗ augen auf mich fallen ließ, als ſie ſich herabließ dem ſchüchternen, nichts mehr hoffenden, ganz reſignirten Clemens Metternich gnadenvoll einen Schritt entgegen zu kommen, und ihm die Hand ungefordert darzu— reichen, um ihm den Muth zu geben, ſeine Wünſche bis zu ihr emporzutragen, und ſein Herz mit kühnem Todesmuth zu entflammen an den Strahlen ihrer Augen. Wollen Sie damit ſagen, daß ich zuerſt mich Ihnen genähert, daß ich Ihnen meine Liebe aufge⸗ drungen habe? Aufgedrungen. Welches harte und unpaſſende Wort, meine Theuerſte. Nein, Sie hatten nur die unend⸗ liche Gnade mich zu ermuthigen, mich ahnen zu laſſen, daß Sie mich nicht zurückſtoßen würden, daß ich es wagen dürfe, um Ihre Gunſt zu werben. Und ich folgte dem bezaubernden Winken Ihrer Augen, Ihres ——O—OO·— 4 55 Lächelns, ich nahm mit dankbarem Entzücken dieſes himmliſche Glück an, das Sie mir an Ihrem Herzen, in Ihren Armen boten! Aber, ſchöne, angebetete Katharina, indem ich es that, indem ich mich noch einmal der Liebe, der holdeſten Wonne des Daſeins überließ, blieb ich doch innerlich ein beſcheidener, re⸗ ſignirter Mann, der ſich ſelber nicht ſchmeichelte, ſon⸗ dern ſchonungslos ſich bekannte: es iſt nicht möglich, daß die ſchöne, die glänzende Favoritin der Prinzeſſin von Sardinien, daß die viel umworbene junge Witwe Katharina Cibbini, ſie, welche jung, ſchön, reich und angeſehen iſt, umgeben von jungen, ſchönen, reichen und angeſehenen Freiern, daß Sie ihre Strahlenaugen auf den alten grämlichen Mann von ſieben und funf⸗ zig Jahren, auf den langweiligen verdorrten Diplo⸗ maten heften ſollte, weil ſie ihn ihrer Liebe, ihrer Gunſt / für würdig erachtet. Nein, nein, rief ich mir ſelber zu, laß dich nicht bethören. Wenn Katharina Cibbini dir ihre Gunſt zuwendet, dich auszeichnet, ſo iſt es nicht die Liebe, welche ſie dazu bewogen hat, ſo ge⸗ ſchieht es nicht aus freiem Drange des Herzens, ſon⸗ rden ſie legt damit ihrem Herzen einen Zwang auf, ſie thut es aus irgend einer anderen Urſache, nur nicht aus Liebe, nein, nicht aus Liebe! Aber ich ge⸗ 56 ſtehe Ihnen, Katharina, indem ich mir dieſes demüthi⸗ gende Geſtändniß machte, empfand ich doch in meiner Bruſt einen tiefen Schmerz und meine Augen füllten ſich mit Thränen. Armer, empfindſamer Clemens, rief Frau Ka⸗ tharina Cibbini ſpöttiſch. Und gelang es Ihrem Nachdenken, Ihrer beſcheidenen Demuth, zu ent⸗ decken, welches dieſe Urſache ſei, um deretwillen ich meinem Herzen Zwang auferlegt, wie Sie es nennen? Ja, es gelang mir! Ich forſchte mit dem Auge der Liebe und des Mißtrauens auf dem Grunde Ihres Frauenherzens und ich entdeckte die Urſache. Katharina Cibbini zuckte leiſe zuſammen, und ein Blick voll Zorn und Mißtrauen zugleich blitzte über das lächelnde Angeſicht Metternich's hin. Welches war die Urſache? fragte ſie kurz. Es gab deren zwei Urſachen, meine Theuerſte. Katharina Cibbini war eine leidenſchaftliche Patriotin, und ſie war außerdem ehrgeizig. Warum zuckt Ihre Hand in der meinen, geliebte Freundin, warum wollen Ihre köſtlichen Flammenaugen mich zerſchmettern? Zürnen Sie mir, weil ich den Muth gehabt, die Wahrheit zu erkennen? 57 Wer ſagt Ihnen, daß es die Wahrheit iſt? fragte ſie heftig. Meine Menſchenkenntniß, und, was noch viel mehr ſagen will, meine durch ſo viele ſchöne und beglückende Erfahrungen erworbene Kenntniß des Frauenherzens. Ja, Katharina Cibbini war eine leidenſchaftliche Patriotin und eine ſtolze ehrgeizige Seele, und deshalb ließ ſie ſich herab den alten, unſchönen, langweiligen Fürſten Clemens Metternich zu lieben, und ihm ihre Gunſt zuzuwenden. Katharina Cibbini gehörte zu einer weit verzweigten angeſehenen italieniſchen Familie, deren männliche Mit⸗ glieder faſt alle dem großen Bunde der Carbonari angehörten, deſſen ſchlimme und revolutionaire Pläne und gefährliche Verſchwörungen gerade damals ent⸗ deckt worden waren. Viele von den nächſten und ge⸗ liebteſten Anverwandten Katharina's waren damals in der Lombardei verhaftet und auf öſterreichiſche Fe⸗ ſtungen abgeführt worden. Man klagte ſie des Ver⸗ brechens der Hochverrätherei und Volksaufwiegelung an, und man war überzeugt, daß die Angeklagten ihr Verbrechen mit dem Leben würden büßen müſſen. Katharina's Herz blutete für ihr Vaterland, für ihre Verwandten und Freunde, und ſie wollte ſogar ihrer Rettung ſich ſelber zum Opfer bringen. Sie hielt, 58 gleich ſo vielen Andern, den Staatskanzler Clemens Metternich für viel mächtiger und einflußreicher als er iſt, ſie glaubte, derſelbe beherrſche ganz und gar den Willen und den Kopf des Kaiſers Franz, und des⸗ halb wollte ſie dem Fürſten ihre Liebe ſchenken, um Einfluß auf ihn zu gewinnen, und durch dieſen Ein⸗ fluß alsdann ihre angeklagten Freunde zu befreien Aber außerdem, ich ſagte es Ihnen ſchon, außerdem war die ſchöne und ſtolze Katharina Cibbini auch ehrgeizig, es genügte ihr daher nicht, bloß einige Ge⸗ fangene zu befreien, einige Angeklagte vom Tode zu erretten, ſondern ſie wollte einen berühmten Namen, ſie wollte Macht und Anſehen vor der Welt, ſie wollte herrſchen und regieren, und der Fürſt Metter⸗ nich ſollte das Werkzeug ſein, durch welches ſie herrſchte und regierte. Deshalb trug ſie ihm gnadenvoll ihre Gunſt entgegen, deshalb gab ſie dem alternden Mann den Vorzug vor den jüngſten und ſchönſten Cavalieren, deshalb wollte ſie ſogar die Gemahlin des Fürſten V Metternich werden Und ſcheint Ihnen dies ein unerreichbarer hoch⸗ müthiger Wunſch? fragte Katharina, das Haupt ſtolz in den Nacken werfend. Wollen Sie mit Ihrem „ſogar“ ſagen, daß die erſte Kammerfrau der Prin⸗ 59 zeſſin von Sardinien nicht der Ehre würdig geweſen, die Gemahlin des gefürſteten Grafen Metternich zu werden? Meine Familie gehört indeſſen zu den ſtol⸗ zeſten und höchſten Adelsfamilien Italiens, und Für⸗ ſten und Grafen nennen ſich meine Vettern. Auch weiß ich ja, daß der Fürſt Clemens Metternich die Ahnen und den Stammbaum nicht für die noth⸗ wendigſte Mitgift einer ſchönen Frau hält. Er ver⸗ mählte ſich mit der ſchönen und liebenswürdigen An⸗ tonie von Leykam, ganz unbekümmert darum, daß der Großvater väterlicher Seit's ein ehrſamer Mieths⸗ kutſcher, und ihre eigene Mutter nichts als eine Sängerin und Tänzerin geweſen. Ah, rief Metternich mit dem Ausdruck wahren Gefühls, Antonie von Leykam bedurfte keiner Ahnen und keines Stammbaums, denn man wußte, wenn man ſie anſchaute, ſogleich woher ſie ſtammte. Und woher ſtammte ſie denn? Sie ſtammte vom Himmel, und die Engel da droben waren ihre Geſchwiſter, zu denen ſie leider zu früh zurückgekehrt iſt, ſagte Metternich traurig. Ach, hätte ich ſie mir dadurch erhalten können, ſo würde ich dafür die Hälfte meines Lebens, mein ganzes Ver⸗ mögen, meinen Rang, meine Stellung mit Freuden 60 hingegeben haben, denn ſie, ſie allein habe ich wahr⸗ haft geliebt. Aber ſprechen wir nicht mehr von ihr, was hat der abgeſchiedene Engel mit den Wünſchen und den Intriguen der Menſchen zu ſchaffen. Ich nannte ihren Namen nur, weil er mir als Ent⸗ ſchuldigung dienen ſollte dafür, daß ich Ihnen glaubte, als Sie in einer ſchönen und großen Stunde mir ſagten, daß Sie mich glühend liebten und daß Sie glücklich ſein würden, mich Ihre Gemahlin nennen zu können. Meine Theure, es war allerdings eine ſchöne und große Stunde, denn es war die Stunde der gegen⸗ ſeitigen Liebeserklärungen, der leidenſchaftlichen Auf⸗ regung und Entzückung. Ich verſprach, falls Kaiſer Franz mir ſeine Einwilligung geben werde, Sie zu meiner Gemahlin zu machen. Sie forderten außer⸗ dem als Preis Ihrer unſchätzbaren Gunſt, daß ich Ihnen feierlich gelobte, es ſollte an keinem der Ihnen verwandten Carbonari, die in öſterreichiſcher Gefangen⸗ ſchaft ſchmachteten, das Todesurtheil, wenn es ſelbſt ausgeſprochen, erecutirt werden. Nun, ich kann zu meiner Freude und Genugthuung ſagen, daß ich mein Wort gehalten, daß keiner von den Angeklagten, ſo ſchwer er auch compromittirt ſein mochte, hingerichtet worden iſt. 61 Ja, Sie haben Ihr Wort gehalten, rief Katha⸗ rina Cibbini mit blitzenden Augen und verächtlichem Lächeln, Sie haben Ihr Wort gehalten. Die Ange⸗ klagten ſind freilich nicht hingerichtet worden, aber ſie ſind zu lebenslänglicher Gefangenſchaft verurtheilt worden, ſie ſchmachten in den Kerkern von Munkacz und dem Spielberg, und ihre Familien hat man als Geißel hierher nach Wien geführt, um ſie mit beſtän⸗ diger Spionage zu umgeben, um ſie zu martern mit der nie endenden Furcht, es könnte irgend ein unbe⸗ dachtes, unüberlegtes Wort ihren eingekerkerten Ange⸗ hörigen Schaden bringen. Ah, Sie nennen das Ihr Wort halten, wenn die Angeklagten beſtraft werden in einer Weiſe, die viel härter, viel grauſamer iſt, als der Tod. Aber ſie haben mindeſtens doch das Leben, und— qui vivra verra! Es war unmöglich mehr vom Kaiſer zu erlangen, denn er iſt kein Mann, der zum Vergeben und Begnadigen geneigt iſt, und nur mit Aufbietung meines ganzen Einfluſſes habe ich es dahin bringen können, daß die Hinrichtungen wenigſtens unterblieben, und die Todesſtrafen in Gefangenſchaft umgewandelt wurden. Machen Sie mir keinen Vorwurf daraus, meine Freundin, denn ich verdiene ihn nicht. 62 Und auch daraus dürfen Sie mir keinen Vorwurf machen, daß ich nicht des Glückes theilhaftig geworden, Sie meine Gemahlin nennen zu dürfen. Sie haben es ſelbſt geſagt, daß ich in ſtarrer Winterkälte incog⸗ nito nach Turin kam, nur um mir Ihre Vergebung zu erflehen für die Heirath, zu welcher die Politik mich gedrängt. Und meine großmüthige theure Ka⸗ tharina vergab mir nicht allein, ſondern ſie geſtand mir, daß ſie mich trotz meines anſcheinenden Treue⸗ bruchs dennoch liebe.— Und ſie gab Ihnen einen Beweis ihrer Liebe. Sie vermochte die Prinzeſſin Anna von Sardinien ihren Herzenswünſchen zu entſagen und die Gemahlin des Erzherzogs Ferdinand zu werden. Katharina Cibbini war, wie ich ſchon geſagt habe, ehrgeizig, und ſie dachte daran, daß der Erzherzog Ferdinand dereinſt der Kaiſer Ferdinand ſein würde, und daß die Favoritin und die erſte Kammerfrau der Kaiſerin alsdann eine gar mächtige und einflußreiche Dame ſein würde. Deshalb beredete ſie die Prin⸗ zeſſin zu der Verbindung, deshalb kam ſie mit ihr hierher nach Wien, ihrem Freunde Clemens Metternich allerdings zur unerwarteten, aber höchſt willkommenen Ueberraſchung. Und die Liebe verſöhnte noch einmal 65 das ſtolze Herz meiner Katharina, ſie vergab mir meine Vermählung, und ſchöne, beſeligende Abende feierten wir hier in dieſem ſelben Gemach, das jetzt nur das troſtloſe, kalte Echo unſerer Vergangenheit hört, und nichts mehr zu ſein ſcheint als der Kirchhof unſeres begrabenen Glückes. Ja, zwei Jahre durfte ich hierher kommen um in ſüßer Vertraulichkeit meiner Freundin zur Seite zu ſein. Und mit Schlangengewandtheit ſie auszuforſchen und auszuſpioniren, unterbrach ihn Katharina, um als ein kalter, geſchickter Diplomat die Unterhaltung ſo zu drehen und zu wenden, daß er nicht blos ihre inner⸗ ſten Gedanken erfuhr, ſondern auch die Pläne und Abſichten ihrer Gebieterin, ihre Neigungen und An⸗ ſichten erforſchte. Mein Gott, rief Metternich mit dem Ausdruck unſchuldigen Erſtaunens, thaten wir das nicht gegen⸗ ſeitig? Haben Sie mich nicht eben ſo gut ausge⸗ forſcht, wie ich Sie? Haben wir uns nicht gegenſeitig als das Mittel benutzt, um auf unſere Parteien zu wirken, und dieſelben wo möglich zu verſöhnen? Denn leider muß ich es zugeſtehen, wir gehörten verſchiede⸗ nen Parteien an, und meine theure Freundin Katha⸗ rina Cibbini ſtand auf der Seite meiner Feinde und 64 Gegner. Aber ich glaubte immer noch an ihre per⸗ ſönliche Neigung, ich vertraute immer noch ihrem Herzen. Da ſah ich mich eines Tages von hier ver⸗ bannt, ausgetrieben und verſtoßen, ohne Anklage, ohne Rechtfertigung, und meine Freundin hatte ſich mir plötzlich in eine glühende Feindin verwandelt, die heim⸗ lich und öffentlich gegen mich intriguirte. Weil ich es ſatt und überdrüßig war, Sie die Rolle eines zärtlichen Freundes ſpielen zu ſehen, während ich doch wußte, daß Sie nur als Ihr eige⸗ ner Spion zu mir kamen. Ah, meine Theure, rief Metternich lachend, was das anbetrifft, ſo haben wir uns Beide keinen Vor⸗ wurf zu machen. Sie ſpielten eben ſo gut wie ich eine Rolle, und man muß ſagen, es war ein aller⸗ liebſtes Comödien- und Intriguenſpiel, das wir zwei Jahre lang mit ebenſo viel Gewandtheit als Feinheit durchgeführt haben. Jeder von uns wollteé den An⸗ dern benutzen. Das war das Geheimniß unſerer Liebe, und als meine theure Katharina Cibbini mich aufgab und verſtieß, da geſchah es, weil ſie glaubte, meiner nicht mehr zu bedürfen, ſondern genug Ein⸗ fluß zu haben, um ihn ſogar gegen mich wenden zu können. Ah, meine Freundin, Sie haben mich die Stunden unſeres einſtigen Glückes in dieſen zwei Jahren unſerer Feindſchaft mit vielen Stunden der Unruhe und Sorge bezahlen laſſen, und ich habe mich oft gefragt, ob Sie mir jemals eine ſo zärtliche Freun⸗ din geweſen, als Sie jetzt eine grauſame und gefähr⸗ liche Feindin waren. Sie haben es dahin gebracht, daß hier am kaiſerlichen Hofe die Frauen und die Prieſter Alle gegen mich ſind, und daß ich ſicherlich ihnen hätte weichen müſſen, wenn nicht der Kaiſer mir ſeine Neigung und ſein Vertrauen trotz aller An⸗ feindungen bewahrt hätte. Und nicht wahr, meine Theure, Sie ſind jetzt zu der Einſicht gekommen, daß ich feſt ſtehe auf meiner Stelle, daß der Staatskanzler Metternich weder durch die Frauen noch durch die Prieſter von der Seite des Kaiſers verdrängt werden kann, und dieſer Einſicht verdanke ich es, daß Sie ſich mir wieder genähert haben, daß Sie den armen Clemens wieder begnadigen und Ihrer Freundſchaft für würdig halten wollen? Sie haben ja meinen Brief erhalten, ſagte ſie kurz, Sie wiſſen alſo, welches der Grund war, daß ich mich Ihnen näherte. Liebe Freundin, dieſer Brief war ſo lakoniſch und ſo kurz, daß er mir nur das Errathen übrig ließ. L. Mühlbach, Erzberzog Johann. 41. Abth. I. 5 66 Was enthält denn dieſer Brief? Nichts als die Worte: „Wenn Sie mir einen Beweis geben wollen, daß ich Ihrem Herzen noch werth bin, ſo verwenden Sie all' Ihren Einfluß darauf, die Gefangenen des Spielberg zu befreien. Sie ſollen dafür bei mir die Freund⸗ ſchaft, die Liebe früherer Tage wieder finden. Fordern Sie heute noch vom Kaiſer die Begnadigung der Ge⸗ fangenen, und dann kommen Sie auf dem geheimen Wege wie früher zu mir. Sie beſitzen ja noch immer den Schlüſſel zu der geheimen Treppe. Kommen Sie, ich erwarte Sie.“ Das war der ganze Inhalt Ihres Schreibens. Nur haben Sie vergeſſen zu ſagen, daß dies mein Schreiben eigentlich eine Antwort war auf einen Brief, den ich vor einigen Tagen von Ihnen erhielt. Da Sie die Güte hatten mir den Inhalt meines Briefes zu wiederholen, ſo will ich Ihnen beweiſen, daß die Worte Ihres Briefes meinem Herzen nicht minder eingeprägt ſind. Er lautete ſo:„Meine theure Freun⸗ din! Bei dem Andenken an frühere glückliche Tage frage ich Sie, wollen wir dieſes Andenken ganz und gar in unſeren Herzen erblaſſen laſſen? Wollen wir nicht mindeſtens Waffenſtillſtand machen und verſuchen uns zu verſtändigen? Sollen die Hände, die früher 67 in einander ruhten, jetzt ſich mit Dolchen bewaffnen, mit denen wir uns nach dem Leben trachten? Sie machen es mir zum Vorwurf, daß ich nicht fromm bin, daß ich keine Religion habe. Aber ich habe we⸗ nigſtens die Religion der Erinnerungen und zu dieſer bete ich täglich in meinem Herzen. Katharina, wollen wir nicht nach Jahren der Feindſchaft einmal wieder gemeinſchaftlich einen Kirchgang halten zu dieſer Re⸗ ligion, und beten gehen in den heiligen Tempel der Erinnerungen?“ Sie machen mich ſtolz und glücklich, rief der Fürſt, als ſie jetzt ſchwieg. Kein Wort meines Briefes haben Sie vergeſſen, und ich darf daraus ſchließen, daß meine Worte ein Echo gefunden haben in Ihrem Herzen. Genug jetzt, genug, rief ſie ungeduldig. Kommen wir endlich zum Ziel!“ Sie ſind hier, ich habe Ihnen meine Thür wieder geöffnet, das beweist Ihnen am Beſten, daß ich die Tage, welche geweſen, nicht ver⸗ geſſen habe, daß mein Herz immer noch zu ihren Gunſten ſpricht. Und jetzt ſagen Sie mir, ob Sie mir freudige Botſchaft bringen. Haben Sie mit dem Kaiſer geſprochen? Haben Sie ihn vermocht, endlich Gnade zu üben, endlich ſein Herz dem Erbarmen, dem Mitleid zu öffnen? 68 Ich habe es verſucht, Katharina, ich habe gerade heute, wo ich in andern Dingen ſeiner Zufriedenheit, ja ſeiner Dankbarkeit gewiß ſein durfte, einen Angriff auf ſein Herz gemacht. Aber was wollen Sie, meine Theure, der Kaiſer hat kein Herz. Er fragte mich voll Freude über die guten Nachrichten, die ich ihm brachte, ob es nicht irgend einen Wunſch gäbe, den er mir befriedigen könnte. Ich bejahete es, und begann von den unglücklichen Gefangenen in Munkacz und auf dem Spielberg zu reden, aber der ſchnell auf⸗ ſteigende Zorn des Kaiſers belehrte mich, daß hier gar nichts zu erlangen und zu hoffen ſei, und ſo mußte ich mich mit dem Kleinſten, dem Unbedeutendſten be⸗ gnügen, mußte zufrieden ſein mit dem lächerlichen Sieg, wenigſtens für den Baron Munari eine neue Perrücke erkämpft zu haben. O, rief Katharina, die Arme gen Himmel er⸗ hebend, mein armer, unglücklicher Oheim! Warum kommt nicht wenigſtens der Tod, Dich von dieſem Jammer und dieſer Schmach zu befreien? Wie? fragte der Fürſt theilnahmsvoll. Der alte Munari iſt Ihr Oheim? Ja, ſagte ſie, mit dem Rücken ihrer rechten Hand — die Thränen aus ihren Augen wegwiſchend, ja, Mu⸗ 69 nari iſt mein Oheim, der Bruder meiner Mutter und Confalconi iſt mein Schwager, der Mann meiner Schweſter, die hier in Wien mit ihren Kindern ihr troſtloſes Leben dahin ſchmachtet, und Caſtiglione, der dritte Gefangene des Spielbergs, iſt mein Bruder, mein Lieblingsbruder, der mich haßt, der mich ver⸗ abſcheut, weil ich, wie er ſagt, den Tyrannen diene, die ſein Vaterland zertreten haben, weil ich, wie er meint, die Schuld daran trage, daß ſein Sohn, ſein einziger Sohn, ſeinem Vaterlande entführt iſt und hier von der Gnade und den Wohlthaten des Kaiſer lebt, ihm ſeine Erziehung, ſein Ausbildung zu ver⸗ danken hat. In der That, meine arme, theure Freundin, ſagte Metternich, indem er Katharina's Hand nahm und ſie ſanft an ſeine Lippen drückte, ich beklage Sie aus tiefftem Herzensgrunde, ich fühle mit Ihnen all das Leid, das Sie erdulden, und ich bin troſtlos Ihnen nicht ſofort Hülfe und Beiſtand bringen zu können. Aber ſeien Sie gewiß, daß ich ſtets darnach trachten werde und daß die Erlöſung der gefangenen Carbonari das unverrückbare Ziel ſein wird, das ich ſtets vor Augen habe. Schließen wir alſo einen Bund mit einander, einen Bund der Freundſchaft und des Vertrauens Wir wandeln Beide auf ſchwierigen und ſchlüpfrigen Pfaden, die leicht für uns Gefahr bringen könnten. Behüten wir einander, wo wir es vermögen, warnen wir uns, wenn wir für einander Gefahr ſehen, reichen wir einander ſtützend die Hand, wenn wir ausgleiten ſollten, ſeien wir wieder wie ſonſt treue Bundesge⸗ noſſen und Freunde. Ich kann Ihnen nicht verſprechen, daß ich Ihre Verwandten vor Ablauf ihrer Strafzeit aus ihren Kerkern befreien werde, aber ich kann we⸗ nigſtens ihr Loos erleichtern, kann ſie vor härterer Behandlung bewahren, ihnen beiſtehen und ſie be⸗ ſchützen, und ich ſchwöre Ihnen, daß ich das willl. Ich nehme Ihren Schwur an, ſagte Katharina Cibbini feierlich, indem ſie ihre Hand in die kleine, von Brillanten funkelnde Hand Metternich's legte. Ja, ich nehme Ihren Schwur an, und ich gelobe Ihnen, daß ich Ihre treue, wenn auch heimliche Bun⸗ desgenoſſin ſein werde. Niemand darf erfahren, daß ich mich mit Ihnen verſöhnt habe. Ich werde den Menſchen gegenüber immer Ihre Feindin bleiben, ich werde anſcheinend immer noch ein thätiges Mitglied der großen und mächtigen Partei bleiben, die an Ihrem Sturz arbeitet, aber ich werde Ihnen Nachricht geben von allen Intriguen, welche man gegen Sie 71 einleitet, von Allem, was man verſuchen wird, um Sie zu ſtürzen. Und ich, meine Katharina, ich werde daſſelbe thun. Denn Sie wiſſen es wohl, meine Theure, auch Sie haben Feinde hier, Feinde, welche dem Kaiſer beweiſen möchten, daß Katharina Cibbini, die Verwandte ſo vieler Carbonari und Hochverräther, ſelber eine Hoch⸗ verrätherin ſei, und daß Sie böſen Einfluß übe auf den Erzherzog Ferdinand, dem ſie ſich unentbehrlich gemacht habe. Man geht ſo weit, dem Kaiſer zu ſagen, daß der Thronfolger durch Katharina Cibbini den aufrühriſchen und liberalen Ideen ſelber zuge⸗ wandt werde, und daß er oft ganz laut ſeinen Miß⸗ muth über das Regierungsſyſtem ſeines kaiſerlichen Vaters äußere. Man hat mir geſagt, der Fürſt Metternich ſei es vor allen Dingen, welcher dem Kaiſer ſolche ſchlimme Gedanken über die Katharina Cibbini einflößte, ſagte ſie lächelnd. Man will behaupten, daß der Fürſt Metternich darnach ſtrebe, die erſte Kammerfrau der künftigen Kaiſerin, die arme Katharina vom Hofe zu entfernen, weil ſie ſo viel Einfluß auf den Gemahl ihrer Gebieterin habe, und weil ſie den Erzherzog in Staatskanzler beſtärke. ſeiner Abneigung gegen den 72 O, das hat man gewagt, Sie glauben zu machen, rief Metternich. Dieſen Verleumdungen verdanke ich eigentlich das Glück, daß meine theure Katharina ſich mir verſöhnen und die Feindſchaft gegen mich auf⸗ geben will? Sie meinen, ich ſei Ihrem Beiſpiele gefolgt? fragte ſie mit einem verächtlichen Aufblitzen ihrer Augen. Sie näherten ſich mir, weil ſie den Einfluß fürchteten, den ich in der That auf die Erzherzogin und den Erzherzog Ferdinand habe, weil Sie wiſſen, daß Ihnen von mir Gefahr droht, denn die Geſundheit des Kai⸗ ſers iſt ſchwankend und es könnte bald der Fall ein— treten, daß der Erzherzog Ferdinand ſich in den Kai⸗ ſer Ferdinand verwandelte. Wer weiß denn, ob der Kaiſer mit dem Erbe des Thrones ſeines Vaters auch die Erbſchaft ſeiner Miniſter übernehmen möchte? Nicht wahr, mein theurer Freund, das haben Sie be⸗ dacht, und deshalb überwanden Sie Ihr Herz und beteten zu der Religion Ihrer Erinnerungen, und ſchrieben dann an mich jenes zärtliche Briefchen, um eine Verſöhnung und Einigung zwiſchen uns anzu⸗ bahnen? Liebe Freundin, ſagte Metternich lächelnd, laſſen wir einmal auf einen kurzen Moment die Masken von unſerm Antlitz fallen, und benutzen wir nicht, wie mein Freund Talleyrand zu ſagen pflegte, die Sprache um unſere Gedanken zu verhüllen. Nein, be— nutzen wir ſie einmal um unſeren Gedanken Ausdruck zu geben. Machen Sie den Anfang, lieber Fürſt, laſſen Sie zuerſt die Maske fallen, und reden Sie die Sprache der Wahrheit. Nun denn, ich thue es!— Wir bedürfen ein⸗ ander, das iſt der Grund, weshalb wir die alte Liebe und Freundſchaft wieder in unſeren Herzen ge— weckt haben. Ja, wir bedürfen einander, wiederholte Katharina Cibbini achſelzuckend. Sie können zu meinem Sturz, ich zu dem Ihren beitragen, deshalb iſt es weiſer und klüger, daß wir uns verſöhnen, und ſtatt uns zu ſtürzen, lieber einander gegenſeitig uns ſtützen und uns halten. Der Thronfolger haßt Sie, und ich geſtehe Ihnen, ich habe in der letzten Zeit redlich das Mei⸗ nige dazu gethan, dieſen Haß zu nähren und zu be⸗ feuern. Auch ſeine Gemahlin haßte Sie, aber das verdanken Sie nicht allein mir, ſondern mehr noch den frommen Prieſtern, welche das Ohr meiner Ge⸗ bieterin gewonnen haben, welche Sie der frommen Frau als einen Feind der Kirche und der Religion ſchildern, und es Ihrem Einfluß zuſchreiben, daß die Jeſuiten noch immer nicht wieder ihre Stätte gefunden in Oeſter⸗ reich. Ich habe bis heute dieſen Haß genährt, der Erz⸗ herzogin immer neue Beweiſe Ihres Unglaubens und Ihrer Religionsſpötterei hinterbracht, den Erzherzog be⸗ ſtätigtin ſeinem feſten Vorſatz, daß es, ſobald er zur Re⸗ gierung gelangt, ſeine erſte That ſein ſoll, dem Herrn Staatskanzler Fürſten Metternich zu danken für ſeine dem Staate geleiſteten Dienſte, und ihn in Gnaden aus ſeinem Amte zu entlaſſen. Ich verſpreche Ihnen jetzt, daß ich langſam und allmälig den armen, kranken Erzherzog milder und nachgiebiger gegen Sie ſtimmen, daß ich ihn bei ſeiner Thronbeſteigung veranlaſſen werde, Sie zu bitten, hören Sie wohl, mein theurer Freund, was ich ſage, Sie zu bitten, daß Sie als ſein Rathgeber und Freund an ſeiner Seite bleiben und die Aemter, welche Sie bisher bekleidet, weiter führen wollen. Aber werden Sie das auch in der That vermögen, Katharina? Ueberſchätzen Sie nicht Ihre Kräfte und wird Ihr Einfluß auf den Erzherzog ſo groß ſein, um ſeinen Haß und ſeine Antipathieen beſiegen zu können? Der Erzherzog Ferdinand iſt wie man Gt ſagt, ſehr eigenſinnig, und läßt nicht gern von ſeinen vorgefaßten Meinungen. Er iſt eigenſinnig, wenn er geſund iſt, aber wenn er krank iſt und leidend, dann iſt er weich wie ein Kind und wie biegſames Wachs in meinen Händen, denn ich bin es allein, welche bei ſeinen fürchterlichen An⸗ fällen die Kraft und das Geſchick hat, ihm hülfreich zu ſein und ſeine Schmerzen zu lindern, und ſeine armen verrenkten Glieder wieder in ihre richtige Lage zu bringen. Nach einem ſolchen Krampfanfall gewährt mir der Erzherzog voll Dankbarkeit Alles, was ich von ihm erbitten möchte. Aber wenn nun unglücklicher Weiſe der Erzherzog in den Tagen, wo ſein kaiſerlicher Vater das Zeitliche ſegnet, und er zum Kaiſerthron gelangt, wenn er dann unglücklicher Weiſe keinen ſolchen Krampfanfall hätte, ſondern wenn er geſund und unangefochten bliebe? Dann würde er ſicherlich nicht ſeiner alten Abneigung gegen mich entſagen, und in der Eiferſucht ſeiner Selbſtherrſchaft wird er mich entlaſſen! Lieber Freund, ſagte Katharina mit einem ſelt⸗ ſamen Lächeln, beunruhigen Sie ſich nicht, der Erz⸗ herzog wird ſicherlich an dem Tage, wo er den Thron beſteigt und die Kaiſerwürde erlangt, von ſeinen Krämpfen befallen werden. Jede heftige Aufregung, jede geiſtige Anſtrengung macht, daß dieſes ſchreckliche Leiden ihn heimſucht. Mein Gott, es giebt ſo viele und ſo ſchwer zu vermeidende Veranlaſſungen zu die⸗ ſen unſeligen Krämpfen. Wenn er aufgeregt iſt, und ſicher wird er es an dem Tage ſein, wo er ſeinen kaiſerlichen Vater verliert, wenn er aufgeregt iſt, ge⸗ nügt oft der kleinſte Schreck, das Umſtürzen eines Stuhls, das laute Zuſchlagen einer Thür ihm die hef⸗ tigſten Anfälle zuzuziehen. Sie haben Recht, bemerkte der Fürſt leiſe lächelnd, ich fürchte jetzt faſt auch, daß der junge Kaiſer am Tage ſeiner Thronbeſteigung ſeine ſchlimmen Zufälle haben wird. Er wird ſie haben, ſeien Sie davon überzeugt, und er wird Ihnen nachher das gnädige Handbillet ſchreiben, in welchem er Sie in Ihren Würden und Aemtern beſtätigt. Er wird Ihnen das ſchreiben, voraus⸗ geſetzt, daß Sie mir dafür Ihre Gegendienſte ver⸗ ſprechen und leiſten. Sie ſehen, ich laſſe die Maske von meinem Angeſicht fallen, und benutze die Sprache, um meine Gedanken auszudrücken. Alſo, mein Freund, was verſprechen Sie mir für Gegendienſte? Ich verſpreche Ihnen, meine Theure, daß ich von 77 heute an dem Kaiſer eine andere Anſicht von Ihnen einflößen werde, daß ich meinen ganzen Einfluß darauf verwenden will, Sie in Ihrer Stellung zu halten und zu beſtätigen. Ich verſpreche Ihnen, daß ich niemals mehr gegen Sie, ſondern immer nur für Sie zu Sr. Majeſtät reden werde, und daß ich Alles dazu thun werde, Sie gegen den Argwohn des Kaiſers und die Beaufſichtigung und Ueberwachung ſeiner Spione zu ſchützen. Ich verſpreche Ihnen ferner, daß die erſte Unterſchrift, welche ich von dem Kaiſer Ferdinand be⸗ gehren werde, die Unterſchrift unter die Acte ſein wird, welche die gefangenen Carbonari aus den Gefängniſſen des Spielbergs und der Feſtung Munkacz befreit. Wollen Sie mir das ſchwören, Fürſt? Ich ſchwöre es ihnen bei Allem was mir heilig iſt! Ah, das iſt ein zweideutiger Schwur, denn Ihnen iſt nichts heilig, Fürſt. Schwören Sie mir bei Ihrer Hoffnung auf die Seligkeit, ſo lange Sie leben, der allmächtige Staatskanzler zu bleiben, ſchwören Sie mir bei dieſer Hoffnung und bei dem Andenken an die einzige Frau, welche Sie wahrhaft geliebt haben, beim Andenken an Ihre verſtorbene Gemahlin Clemen⸗ tine, daß Sie Ihr Wort erfüllen wollen, daß Sie es die erſte Regierungshandlung des jungen Kaiſers 78 wollen ſein laſſen, die gefangenen Carbonari zu be⸗ freien. Ich ſchwöre es Ihnen bei dem Andenken an meinen heimgegangenen Engel Clementine, daß die erſte Unterſchrift, welche Kaiſer Ferdinand giebt, die Unter⸗ fertigung des Gnadendiploms ſein ſoll, welches die ge⸗ fangenen Carbonari befreit. Und nun, mein Freund, legen wir unſere Hände in einander zum Zeichen unſeres Bundes und ſchwö⸗ ren wir uns, treue, muthige und liebevolle Bundesge⸗ noſſen zu ſein. Ja, ſchwören wir das, Katharina, und beſiegeln wir dieſen Schwur durch einen Kuß. Sie reichte ihm lächelnd ihre Lippen dar, und der Fürſt drückte auf dieſelben einen langen und feuri⸗ gen Kuß. Ah, welch eine Zauberin Sie ſind, ſagte er dann ſeufzend, Sie geben meinem erkalteten Herzen wieder Gluth und Flammen. Wenn ich Ihre Lippen berühre, ſcheint es mir, daß die Jahre von mir abfallen, wie ein alter Mantel, den man ſich nur zum Schutz gegen die Stürme und Ungewitter des Lebens umgehangen, und daß ich wieder zum lebensvollen, glühenden, liebe— ſeligen Jüngling erſtarke. Laſſen Sie mich noch ein⸗ 79 mal Lebenskraft von Ihren Lippen trinken, verjüngen Sie mich, meine Zauberin, verjüngen Sie mich! Katharina Cibbini lachte, aber ſie duldete es, daß der Fürſt ſeine Arme um ihre ſtolze Geſtalt legte und ihren Mund mit Küſſen bedeckte. Und Sie erlauben mir, daß ich wie ſonſt wieder zu Ihnen kommen darf, fragte er dann, daß ich wie⸗ der wie ſonſt über die geheime Wendeltreppe mich zu Ihnen ſchleichen darf? ie haben ja den Schlüſſel, antwortete Sie lächelnd, Niemand kann Sie alſo hindern, ihn zu be⸗ nutzen. Jetzt aber, mein Freund, muß ich Sie bitten, ſich zu entfernen. Die Stunde naht, in welcher der Erzherzog zu mir kommt, um nach den Arbeiten, mit welchen ihn der Kaiſer ſeit einiger Zeit belaſtet, ſich hier zu erholen, indem er mit mir muſicirt, oder ſich von mir vorſpielen läßt. — — Leben Sie wohl, meine theure, meine wiederge⸗ fundene Freundin, und Gott ſei geprieſen, daß ich ſagen darf: auf baldiges Wiederſehen! Auf baldiges Wiederſehen, wiederholte Katharina, indem Sie dem Fürſten zu der Thür das Geleit gab. Vor der Thür blieb Metternich ſtehen, um ſeiner Freundin zum letzten Abſchied die Hand zu küſſen. ) 8˙ Dann ſchaute er zu ihr auf mit einem langen, zärt lichen Blick. Katharina, ſagte er mit ſeiner weichen, ein ſchmeichelnden Stimme, Katharina, wir haben uns vorher gegenſeitig verleumdet. Nein, es iſt nicht der elende, berzloſe Eigennutz, welcher uns wieder zu ein⸗ ander geführt, nein, wir haben uns einander nicht wieder deshalb genähert, weil wir einander bedürfen, ſondern die Liebe iſt es geweſen, welche wieder in unſern Herzen erwacht iſt, die Liebe hat mit ihren Sonnenſtrahlen das Eis unſerer Feindſchaft aufgethaut und geſchmolzen, der allmächtige Zug der Herzen hat uns unwiderſtehlich zur Verſöhnung, zur Erneuerung unſeres Bundes gedrängt. Nein, Katharina, ich komme nicht zu Ihnen, weil ich Ihrer bedarf, ſondern weil 8 Boe ich Sie liebe, und wen ſollte das verwundern! Be⸗ trachten Sie nur im Spiegel Ihr eigenes wunder holdes Bild, und dann werden Sie begreifen, daß nicht der Eigennutz, ſondern die Liebe mich zu Ihnen U † zurückführt III. Lin Sterbebett. Die Sonne ſcheint hell und klar in das weite ſtille Gemach, die Sonne zieht einen langen Strahl durch den langen öden Raum und verklärt die zittern⸗ den Staubatome, daß ſie in einem goldigen langen Streifen wie lebendige Weſen auf und nieder flattern, die Sonne wirft einen glänzenden Blick auf dieſes große, von dunklen Gardinen umfangene Bett, das da am äußerſten Ende des Gemaches ſteht, und ſchaut neugierig zwiſchen den Vorhängen hindurch auf das bleiche, zuckende Frauenangeſicht, das auf den weißen Kiſſen ruht, auf das junge Mädchen und das Kind, die vor dem Bette knieen, auf den jungen Mann, der mit düſterem Angeſicht neben den Beiden ſteht, und deſſen Hände auf ſeiner Bruſt ruhen, man Mühlbach, Erzherzog Jobann. 4. Abth. l. 6 * 2*½ 82 weiß nicht, ob zum Gebet gefaltet, oder zur Fauſt zuſammengeballt. Weiß es die Sonne? Ihre Strahlen ſind ſo gar luſtig und hell, ſie ſchaut gar ſo heiter und vergnüg⸗ lich durch die ſtaubigen trüben Fenſter in das Gemach herein, als wollte ſie die Menſchen da drinnen locken, zu ihr heraus zu kommen und ſich ihres Glanzes und ihrer Lebenskraft zu freuen. Weiß es die Sonne, daß es eine Sterbende iſt, deren Antlitz ſie küßt mit einem Strahl ihrer Herrlichkeit, daß es ihre weinenden Töchter, ihr trauernder Neffe ſind, welche ſie ſo glän⸗ zend umleuchtet? Sie fragt nichts darnach, die ſtrah⸗ lende Sonne, was kümmert es ſie, das Leid der Men⸗ ſchen! Sie ſieht in jeder Secunde ſo viel Qual und ſo viel Glück, ſo viel Schmerz und ſo viel Entzücken, ſie ſieht in derſelben Secunde ſo viel Augen, welche brechen, und ſo viel Augen, welche ſich dem Leben öffnen, ſo viel Herzen, welche ſtill ſtehen, und ſo viel Herzen, welche anfangen zu ſchlagen! In ſchauender Klarheit geht ſie groß und ſtrahlend ihre Himmels⸗ bahnen und leuchtet Denen, welche kommen, und Denen, welche gehen, und verklärt den Staub, und sverklärt die Thräne und ſcheint eben ſo vergnügt in den Feſtſaal als auf das Grab, und küßt ebenſo gern — die Stirne der myrthengeſchmückten Braut als der 83 dornenumkränzten Dulderin. Hier in dieſem feierlichen öden Gemach küßt ſie eben die Stirne der Dulderin, und über das erkal⸗ tende Angeſicht haucht ſie einen letzten roſigen Schim⸗ mer des Lebens. Still iſt es und feierlich in dem großen Gemach, nur zuweilen dringt aus der Bruſt des knieenden jungen Mädchens ein Seufzen hervor, das ſie nicht zu unterdrücken vermocht, zuweilen faßt das knieende Kind in krampfhafter Angſt nach der bleichen Hand, die zuckend über die rothſeidene Bettdecke hinfährt, und küßt dieſe Hand und flüſtert leiſe in der ſüßen klangvollen italieniſchen Sprache: Mutter, ſprich zu mir! Sieh nicht ſo ernſt und ſo bleich aus. Schlage die Augen wieder auf zu Deinen Wache auf, liebe Mutter! Und jedesmal, wenn die Kleine ſo fleht, drückt Kindern! der junge Mann, der neben ihr ſteht, ſeine Hände feſter an ſeine Bruſt und die Schmerzens⸗ oder die Zornesfalte, die zwiſchen ſeinen ſchwarzen Augenbrauen ſteht und ſeine jugendliche Stirn umdüſtert, wird Aber wie das Kind jetzt zum 1 vierten Male in lauteren angſtvolleren Tönen ruft: tiefer und ſchattiger. 2 Wache auf, liebe * 84 Wache auf, liebe Mutter, wache auf! wie ſie mit un⸗ geſtümer Heftigkeit ihre brennenden Lippen auf die erkaltende Hand drückt, auf welche zugleich ihre heißen Thränen niederfallen, da ſchlägt die Kranke ihre Augen auf, da iſt die Mutter wieder erwacht zum Leben. Ihre großen Augen, in denen ſchon etwas wie der Glanz des Jenſeits leuchtet, heften ſich mit einem unausſprechlichen Ausdruck von Liebe und Zärtlichkeit auf die beiden Knieenden und heben ſich dann lang⸗ ſam empor zu dem jungen Mann, über deſſen Wan⸗ gen eben ein paar Thränen niederrollen. Weine nicht, Guido, ſagt ſie mit heller ſanfter Stimme, und Ihr, meine geliebten Töchter, faſſet Muth. Gott hat vielleicht Eure Gebete erhört und er will in der Fülle ſeiner Gnade mich Euch noch erhalten. Ich fühle mich jetzt wohler und gekräftigter, es iſt, als ob alles Leiden von mir abgefallen, als ob ich erwacht wäre zu einem neuen Leben. Ja, meine Geliebten, ich fühle es, ich werde bei Euch bleiben, ich werde wieder erſtarken zum Leben. Oh, meine Mutter, meine theure geliebte Mutter, welch ein Glück Du uns verkündeſt, ruft das junge Mädchen, indem ſie von ihren Knieen emporfliegt, 7 8⁵ und beide Arme über das Bett ausbreitend, ihr Haupt an den Buſen ihrer Mutter lehnt, während die Kleine immer noch knieend ihre Wange auf die Hand der Kranken neigt. Der Jüngling ſchaut immer noch mit trübem Blick auf die Gruppe der Frauen nieder und die troſtreichen Worte der Kranken haben ſein Herz nicht getröſtet, ſondern es noch mit bittererm Weh erfüllt. Er weiß es wohl, daß dieſes Erſtarken zu einem neuen Leben, welches die Kranke empfindet, nur die Vorahnung iſt jenes neuen Lebens, zu welchem ſie eingehen ſoll durch die dunkle Pforte des Todes, er weiß, daß der Glanz, welcher aus ihren Augen ſtrahlt, ſchon ein Wieder⸗ ſchein iſt jenes Glanzes, der ihr von Jenſeits herüber⸗ ſtrahlt. Ja, ruft die Kranke freudig noch einmal, ja, ich werde wieder erſtarken zum Leben. Die Schwere, welche meinen Buſen ſo viele Jahre bedrückte, iſt von mir gewichen, ich fühle mich frei, ich fühle mich leicht und glücklich. Meine Seele regt ihre Schwingen und in dieſem göttlichen Moment der beginnenden Ge⸗ neſung ſcheint es mir, als zerriſſen die Vorhänge, welche die Vergangenheit und die Zukunft von der Gegenwart trennten, und in einem großen leuchtenden 86 Bilde ſchaue ich, was geweſen, was iſt und was kom⸗ men wird. Oh, meine Kinder, ich faſſe und begreife jetzt den Zuſammenhang der Dinge, ich weiß, warum die Vergangenheit ſo trübe und entſetzlich ſein mußte, warum auch über der Gegenwart noch die düſteren Schleier des Unglücks ruhen, ich weiß es, denn ich ſchaue die Zukunft! b Und mit ſtrahlenden Augen blickte die Kranke aufwärts und breitete die Arme aus, als wolle ſie einen geliebten Gegenſtand, der ſich ihr nahte, mit freudigem Willkommen umfaſſen.— Wie ſchön, wie ſtrahlend iſt dieſe Zukunft, rief ſie mit voller mächtiger Stimme. Geſegnet ſei Gott, daß er mir Geneſung ſendet, damit auch ich ſie noch erleben ſoll als Gegenwart, dieſe wonneſtrahlende Zukunft. Mutter, meine theure Mutter, bat das junge Mädchen leiſe, rege Dich nicht ſo auf, ſprich nicht ſo laut und ſo heftig, der Arzt hat die größte Ruhe be⸗ fohlen, und dann, meine geliebte Mutter, fuhr ſie leiſer fort, dann bedenke auch, daß wir umgeben ſind von Spionen, daß jedes Wort, welches wir ſprechen, unſern Feinden hinterbracht wird. Die Krankenwär⸗ terin iſt im Nebenzimmer und auch Deine Kammer⸗ 87 jungfer. Ich traue Beiden nicht, ich halte ſie Beide für Spione.. Die Kranke ſchüttelte ſanft ihr Haupt und ein verächtliches Lächeln umſpielte einen Moment ihre bleichen ſchmalen Lippen. Laß ſie horchen und ſpioniren, ſagte ſie heiter, laß ſie jedes Wort, welches wir ſprechen, unſern Feinden wiederholen, laß ſie uns peinigen und martern, ſie können doch den Tag des Lichtes, welcher herannaht, nicht mehr aufhalten, ſie können doch die Nacht der Schmach nicht mehr verlängern. Meine Kinder, der Tag bricht an, ich ſehe ihn heraufſtrahlen in göttlicher Klarheit, und von dieſem himmliſchen Glanze kommt mir die Geneſung. Aber indem die Kranke mit mächtiger Stimme ſo ſprach, ſank ſie doch, erſchöpft vielleicht vom Sprechen, erſchöpft von ihrer leidenſchaftlichen Erregung in die Kiſſen zurück und ein ſchmerzliches Aechzen drang aus ihrer Bruſt hervor. Meine Mutter, meine liebe Mutter, rief das Kind, welches immer noch am Bett kniete, warum ſprichſt Du nicht mehr? Warum ächzeſt Du wieder wie Du vorhin gethan, als wir fürchteten, Du würdeſt ſter⸗ ben? Warum biſt Du ſo blaß, da Du doch ſelber — 88 ſagſt, daß Du jetzt wieder geſund wirſt, daß die Ge⸗ neſung beginnt? Die Mutter antwortete nicht, ihre großen Augen ſtarrten wieder hinein in das Leere und der Athem drang ſchwer und mit fieberhafter Schnelle aus ihrer keuchenden Bruſt hervor. Der junge Mann beugte ſich zu dem Kinde nieder und legte ſanft ſeine Hand auf ihr lockiges Haupt. Carmela, ſagte er leiſe, Carmela, ſtöre die Mutter nicht, ſie will ſchlafen. Aber ſo leiſe dieſe Worte auch geſprochen waren, die Kranke hatte ſie doch gehört, und ſie hatten ge⸗ nügt, ſie aus ihren wachen Zukunftsträumen wieder hineinzurufen in die Wirklichkeit. Nein, ſagte ſie, ſich mit der letzten Kraft ihres Willens aus ihrer Todesermattung wieder aufraffend, nein, ich will nicht ſchlafen, ich will leben, will ein neues ſchönes Daſein beginnen. Leben, oh mein Gott, ich werde leben! Seht Ihr es denn nicht, ſteht es nicht auf meiner Stirn geſchrieben, daß das Leiden von mir gewichen iſt? Ich fühle doch, daß meine Seele Schwingen bekommen hat, und dieſe Schwin⸗ gen, ſie tragen mich empor, ſie führen mich durch die leuchtende Gottesluft zurück zu Dir, mein geliebtes — ꝑ 89 Vaterland, zu Dir, Du Heimath der Schmerzen und der Thränen. Auf Eure Kniee, meine Kinder, auf Eure Kniee, es iſt Italia, welche uns grüßt, es iſt das Vaterland, zu welchem ich entſchwebe. Auf Eure Kniee, meine Kinder, und laßt uns unſere Seelen erheben zu dem Gebet, welches Euch Euer Vater ge⸗ lehrt, und welches er in jeder Nacht mit uns gebetet hat, als wir noch vereint waren im ſchmerzgebeugten Vaterland. Betet mit mir, meine Kinder, knieet nie⸗ der und betet das Gebet, welches Euer Vater Euch gelehrt hat. Der junge Mann und das junge Mädchen ſanken zu beiden Seiten des Bettes, vor welchem das Kind noch immer knieete, nieder, und indem ſie die Hände falteten zum Gebet, ſchauten ſie einander an mit Blicken voll Begeiſterung und Zärtlichkeit. Dann, einem unwillkürlichen Gefühl folgend, reichte der Jüng⸗ ling über das Bett hin dem jungen Mädchen ſeine Hand dar, und ſie legte, ohne zu zögern, mit einem langen, innigen Blick ihre Hand in die ſeine. Das Kind hatte ſein Haupt aufgerichtet und ſchlang jetzt mit zärtlichem Ungeſtüm ihren Arm um den Nacken der Schweſter. Betet, betet, drängte die Kranke, deren Augen ſich 90 immer mehr öffneten, deren Wangen ſich wie vor dem 9 letzten verglimmenden Strahl des Abendrothes zu färben begannen. Felicia, ſprich das Gebet. Und Felicia, gehorſam dem mütterlichen Befehl, begann mit leiſer, bebender Stimme: Vater dort d oben, der du groß und allmächtig biſt im Himmel und auf Erden, habe Erbarmen. Wende dein Auge l nicht länger ab von der gebeugten Königin, von der b trauernden Italia. Siehe, ſie hat keinen andern b Schmuck als ihre Thränen und ihre Ketten, keine andere Krone als die Krone des Märtyrerthums. Erbarme dich, Gott, erbarme dich über die unglückliche, t ſchmerzgebeugte Königin Italia. Und mit lauter Stimme wiederholte die Sterbende: erbarme dich, Gott, erbarme dich über die unglückliche, ſchmerzgebeugte Königin Italia. Der Jüngling und das Kind ſprachen die Worte ſo leiſe und murmelnd, daß ſie faſt nur wie das Echo von den hallenden Worten der Mutter nachklangen. Felicia fuhr fort: Heilige Mutter Gottes, du, welche zu den Füßen des Kreuzes geſtanden und der das Schwert der Schmerzen im Buſen gewühlt hat um den angebeteten eingeborenen Sohn, heilige Mutter Gottes, habe Erbarmen mit der trauernden, ſchmerz⸗ 3 1 Lo 91 gebeugten Mutter Italia. Auch ihre Söhne ſind ge⸗ kreuzigt worden, auch ſie weint in troſtloſem Jammer zu den Füßen des Kreuzes, an welches man ihre Kinder, ihr ganzes eingebornes Volk mit bluttriefen⸗ den Peinigerhänden angeſchlagen hat. Erbarme dich, heilige Mutter Gottes, erbarme dich über die unglück⸗ liche Mutter Italia, welche zu den Füßen des Kreuzes blutige Thränen weint um ihre gekreuzigten Söhne, um ihr zertretenes Volk. Und im vollen, mächtigen Dreiklang wiederholten jetzt die Andern: Erbarme dich, heilige Mutter Got⸗ tes, erbarme dich über die unglückliche Mutter Italia, welche zu den Füßen des Kreuzes blutige Thränen weint um ihre gekreuzigten Söhne, um ihr zertrete⸗ nes Volk! Und lauter und begeiſterter begann jetzt Felicia auf's Neue: Heiland und Mittler, Sohn Gottes und der Jungfrau Maria, Jeſus Chriſtus, du, welcher zur Erde hernieder gekommen iſt, um der Welt den Frie⸗ den, die Liebe und die Verſöhnung zu bringen, Hei⸗ land und Mittler, ſteige hernieder zu der unglücklichen Königin Italia, gieb ihr den Frieden, gieb ihr die Liebe, welche überwindet, verſöhne ſie mit ihrem Schickſal, indem du ihr die Freiheit giebſt, die Frei⸗ 92 heit, nach welcher ſie ſeufzet durch Jahrhunderte der Thränen und der Ketten. Die Freiheit, nach welcher ſie ſeufzet durch Jahr⸗ hunderte der Thränen und der Ketten, flehten die andern Drei. Du aber, rief Felicia jetzt, indem ſie die beiden Arme flehend zum Himmel erhob, du aber, du heiliger Geiſt, welcher iſt die Ausſtrömung Gottes, der heiligen Jungfrau und des Erlöſers Jeſu Chriſti, du aber, heiliger Geiſt, laſſe dich hernieder, überſchatte mit deiner Kraft und deiner Gluth die Söhne Italia's, ſenke auf ihre Häupter das heilige Pfingſtfeſt der Be⸗ geiſterung, welche den Tod nicht ſcheut, ſondern das Leben überwindet, welche jubelt in der Gefahr und freudig ringt nach den höchſten Gütern der Menſch⸗ heit. Oh heiliger Geiſt, ſenke dich nieder, entflamme die Söhne der geknechteten Mutter mit Haß und Zorn, mit Rachedurſt und heiliger Wuth, laſſe die Lämmer ſich verwandeln in Löwen, die duldenden Kinder in wuthentbrannte Männer, laſſe die Geknech⸗ teten ſich erheben, gieb ihnen den Muth der That, die Energie des Haſſes. Oh heiliger Geiſt, ſenke dich nieder auf die Söhne Italia's, durchflamme ſie mit göttlichem Zorn, gieb ihnen das heilige Pfingſtfeſt der — ̃ —— 93 vergeltenden Rache, welche die Schergen tödtet, die uns die Freiheit in Ketten gelegt. Gieb ihnen das heilige Pfingſtfeſt der vergeltenden Rache, welche die Schergen tödtet, die uns die Freiheit in Ketten gelegt, wiederholte der Jüngling mit lauter Stimme und mit drohend geballter Fauſt. Eine Hand legte ſich auf ſeinen Arm und zog ihn ſanft nieder. Bete nicht das Gebet der Rache, Guido, ſagte eine ernſte, gebieteriſche Stimme hinter ihm, bete nicht das Gebet der Rache, Guido, es ziemt ſich nicht für meinen Neffen, es ziemt ſich nicht für den Mündel des Kaiſers. Katharina, meine Schweſter Katharina, rief die Kranke in ſich erſchauernd. Kommſt Du, um uns zu ſtören in dem heiligen Gebet, das Dein Bruder, Dein Schwager und Dein Oheim doch täglich in dem Düſter ihres Kerkers beten, und das ihre Hoffnung, ihr Glaube und ihr Lebensmuth iſt? Ja, ſagte Katharina Cibbini ernſt, ich komme um Euch zu ſtören in dem gefährlichen Gebet, welches ſeine Lauſcher hat, ſeine Lauſcher, die da draußen ſtehen an der Spalte Eurer Thür und deren Ohren ſo befangen waren von Dem, was ſie hier drinnen vernahmen, daß ſie mein Eintreten in den Vorſaal 94 nicht einmal bemerkten und mich unbeachtet ließen, bis ich ganz dicht neben ihnen ſtand. Und kamſt nicht auch Du, um zu lauſchen, um uns zu beobachten, Katharina? fragte die Kranke mit ſchmerzlichem Seufzen. Oh, meine Schweſter, ich war eben voll ſo göttlicher Freude, und ein unausſprech⸗ liches Wonnegefühl durchglühte mich. Die ganze Selig⸗ keit der Geneſung erfaßte mein Herz. Warum kommſt Du mich zu ſtören in meinem Glück? Warum gönnſt Du uns nicht die wenigen Minuten des Vergeſſens und willſt ſogar das Gebet der Schmerzen und der Hoffnungen auf unſern Lippen verſtummen machen, Du abgefallene Tochter Deines Vaterlandes? Oh, daß ich Dich ſo nennen muß, meine Schweſter, das iſt der einzige Schmerz, der mich aufhält an den Pforten des neuen wiedergewonnenen Lebens, der einzige Schmerz, der mir die Wonnen der Geneſung trübt. Katharina heftete einen langen prüfenden Blick auf die Kranke, dann hob ſie ihn von ihr langſam mit einem fragenden Ausdruck zu Guido empor. Er antwortete mit einem Seufzer und einem leiſen Schüt⸗ teln ſeines Hauptes, indem er die Augen ſchmerzvoll zum Himmel erhob.. 95 Katharina hatte die ſtumme Antwort verſtanden, ihre Augen füllten ſich mit Thränen, ſie neigte ſich nieder über die Kranke und drückte einen Kuß auf ihre bleiche, kalte Stirn. Du ſollſt ſie Dir ungetrübt bewahren, die Wonne der Geneſung, ſagte ſie zärtlich, Du ſollſt an den Pforten des neuen Lebens nicht aufgehalten werden von dem düſtern Schatten Deiner Schweſter Katha⸗ rina. Tretet zurück, meine Kinder. Guido, führe Du die jungen Mädchen in jene Fenſterniſche dort drüben, ich habe mit ihrer Mutter zu reden, und nur Gott darf hören, was ich ihr zu ſagen habe. Guido reichte dem jungen Mädchen und dem Kinde ſeine beiden Hände dar und führte ſie zu der entfern⸗ teſten Fenſterniſche in dem großen, tiefen Gemach. Dicht aneinander gedrängt zogen ſie ſich tief in dieſe Niſche der dicken Mauern zurück und ließen hinter ſich die großen dunklen Vorhänge niederfallen, welche von oben herab den breiten Eingang der Fenſterniſche decorirten. Kaum hatte dieſe dunkle bewegliche Scheidewand ſich niedergelaſſen und den Dreien den Einblick in das Gemach verſperrt, als Katharina neben dem Bette ihrer Schweſter auf ihre Kniee niederſank und mit 96 leidenſchaftlicher Innigkeit ihre beiden Hände um den Arm ihrer Schweſter legte. Leonore, meine theure Schweſter, ſagte ſie, ich will Dir beichten. Du ſollſt das Geheimniß meiner Seele mit hineinnehmen in das neue Leben, an deſſen Pfor⸗ ten Du jetzt ſtehſt. Ich will Dir bekennen, was ich ſelbſt dem Prieſter im Beichtſtuhl verſchweige, denn durch mich ſollen Dir die Wonnen der Geneſung, deren Nahen Du empfindeſt, nicht getrübt werden. Neige Dein Ohr zu mir, meine Schweſter, und em⸗ pfange meine Ohrenbeichte. Die Kranke neigte langſam ihr Haupt mehr noch zur Seite ihrer Schweſter hin, Katharina ſtrich ihr das Haar, das in einzelnen ſchwarzen Locken nieder hing, von der Schläfe fort, und ihre Lippen dicht dem Ohr ihrer Schweſter nähernd, begann ſie ſchnell und voll glühenden Eifers ihre geheimnißvolle Ohren⸗ beichte. Es war wunderbar anzuſchauen, wie allmälig, während Katharina leiſe und eifrig immerfort flüſterte, das Geſicht der Kranken, der Sterbenden ſich mehr und mehr verklärte, wie ihre Augen, welche anfangs ſo trübe auf die Schweſter hingeblickt, jetzt aufflamm⸗ ten in Liebe und Zärtlichkeit, wie zuletzt den ſchmerz⸗ ——.„..,—— 97 0⁴ lich zuckenden Mund ein leiſes, ſeliges Lächeln um⸗ ſpielte und die todtesbleichen Wangen ſich wieder mit einem zarten Schimmer zu röthen begannen. Als Katharina jetzt endlich ſchwieg, als ſie ihr von Thränen überfluthetes Angeſicht tiefer neigte und es ſanft an den Buſen ihrer Schweſter lehnte, hob dieſe mit einer letzten Kraftanſtrengung ihre Rechte empor und legte ſie auf das Haupt Ka⸗ tharina's. Meine Schweſter, ſagte ſie langſam und feierlich, ich gebe Dir zu dem großen und heiligen Werke, welches Du vorhaſt, den Segen meiner Liebe. Ich bitte Dich aus tiefſtem reuigen Herzen um Vergebung, daß ich Dir gemißtrauet, daß ich an Dir gezweifelt habe. Gehe hin, Du tapfere, Du treue Tochter Dei⸗ nes Vaterlandes, gehe hin, Du Schweſter des Brutus, Du Erbin ſeiner Klugheit und ſelbſtverleugnenden Tapferkeit, gehe hin und vollende das heilige Werk, das Du begonnen, führe zu Ende, was Du ſo muthig angefangen. Italia, die heilige Mutter unſerer Aller, ſie ruft alle ihre Söhne und Töchter, ſie will, daß wir Alle thätig ſind an dem heiligen Werk ihrer Be⸗ freiung.„Geſegnet und geprieſen ſei Gott, daß ich Deine Beichte vernommen, daß Du mich haſt hinein⸗ Mühlbach, Erzherzog Johann. 4. Ablh. 1. 7 98 ſchauen laſſen in die Tiefe Deines Herzens und mich das edle Geheimniß Deines Märtyrerthums haſt ver⸗ ſtehen gelehrt. Oh, Katharina, warum kann ich es nicht meinem Gemahl und Deinem Bruder mittheilen, warum kann ich ihnen nicht ſagen und ſchreiben, daß Diejenige, welche ſie verwünſchen, welche ſie eine Ab⸗ trünnige nennen, daß Katharina Cibbini— Niemals darfſt Du es wagen, dies zu ſagen oder zu ſchreiben, unterbrach ſie Katharina lebhaft. Ich werde ihren Haß und ihre Verachtung mit muthigem und ſtolzem Herzen ertragen, und wenn ſie mich ver⸗ wünſchen, ſo werde ich dem Vaterlande Glück wün⸗ ſchen, daß es ſo treue und ſtolze Söhne hat, deren Energie weder das Unglück noch die Qual des Ge⸗ fängniſſes hat unterjochen können. Aber, bat die Kranke mit leiſer, faſt ſchon ver⸗ ſagender Stimme, aber meinen Töchtern und unſerm Neffen laß mich wenigſtens ſagen, daß ich Dich liebe, daß— mein Gott, warum wird es auf einmal ſo finſter vor meinen Augen und welche furchtbaren Blitze zucken durch die düſtere Nacht, die mich plötzlich um⸗ giebt— Schweſter, Schweſter, rufe mir meine Kinder, daß ich ſie ſegne, daß— Katharina ſprang empor und eilte mit ſchnellen Schritten durch das Zimmer nach der Fenſterniſche hin deren Vorhänge ſie heftig öffnete. Kommt, kommt, flüſterte ſie, kommt, ſie ſtirbt. Beherrſcht Euren Schmerz, weint nicht, ſie hofft auf das Leben, laßt ſie nicht ahnen, daß es der Tod iſt, der ihr naht. Die beiden Töchter eilten Hand in Hand zu dem Bett ihrer Mutter hin und knieten neben demſelben nieder. Katharina und ihr Neffe Guido traten an die 99 andere Seite des Bettes. Eine Pauſe trat ein. laute Aechzen bleiche Stirn niederrollte. liebende Herz der der der Aber noch einmal kehrte löſchenden Augen Oh, meine Töchter, meine geliebten Töchter, ſagte ſie mit lauter, ſtarker Stimme, die Geneſung iſt da, freuet Euch mit mir, denn der Schmerz iſt überwun⸗ den. Ich gehe ein zum neuen, ſeligen Leben! Weinet nicht um mich, ſondern gönnt mir dieſe Seligkeit! Ich laſſe Euch nicht einſam und verlaſſen zurück, denn Todesſchweiß noch einmal Mutter die das Licht zurück in dieſe ſchon er— und ſie richteten ſich mit einem vollen ſtrahlenden Liebesblick auf ihre Kinder hin. Man hörte nichts als das Sterbenden, über deren marmor⸗ 7 in ſchweren Tropfen überwand das ſtarke Schauer des Todes, . 100 meine Schweſter Katharina bleibt bei Euch und ſie wird Euch eine zweite Mutter ſein. Folget in allen Dingen ihrem Rath und ihrem Willen, ſelbſt wenn Ihr denſelben nicht begreift und nicht verſteht. Seid immer eingedenk Deſſen, was ich Euch ſage: ich liebe, ich ehre, ich bewundere meine Schweſter Katharina, und ich will, daß Ihr es auch thut. Sagt das Eurem Vater, wenn Ihr ſo glücklich ſein ſolltet, ihn einſt wiederzuſehen, meine Töchter. Sage auch Du es der⸗ einſt Deinem Vater, Guido, ſagt, daß ich meine Schweſter Katharina Euch allen Dreien zur Vormün⸗ derin eingeſetzt habe und daß ich Euch gebiete, ihrem Willen zu gehorchen. Schwört mir, meine Töchter, und auch Du, Guido, ſchwört mir, daß Ihr das wollt! Wir ſchwören, daß wir unſere Tante Katharina zu unſerer Vormünderin annehmen wollen, ſagten die beiden Mädchen und der Jüngling mit leiſer, düſterer Stimme. Wir ſchwören, daß wir ihrem Willen ge⸗ horchen wollen, wie Du es uns befohlen haſt, theure Mutter. Es iſt gut, ich glaube Eurem Schwur, ſagte die Sterbende mit leiſer keuchender Stimme. Wo ſeid Ihr, meine Töchter, wo ſeid Ihr? Warum verlaßt 101 Ihr mich, warum bleibt Ihr denn nicht neben Euerer Mutter? Wir ſind hier, Mutter, wir ſind hier, riefen Beide mit ſchmerzzitternder Stimme, indem ſie Beide ihre Rechte in die ſchon erſtarrende Hand der Mutter legten. Mein Gott, ich ſehe Euch nicht, murmelte ſie, es iſt Nacht um mich. Ich ſehe meine Kinder nicht mehr! Nacht, oh Gott, furchtbare Nacht! Aber durch die Nacht werde ich eingehen zum Licht! Schon um⸗ leuchtet es mich mit ſeinen hellen Strahlen, ſchon wird es Tag, ſeliger, wonniger Tag! Und die Strahlen dieſes neuen Tages begannen ſchon über ihr Angeſicht mit wunderbarem Glanz auf⸗ zuleuchten und es zu verklären in himmliſcher Ver⸗ zückung. Ja, fuhr ſie mit immer mehr verlöſchender Stimme fort, der Tag bricht an, die Schleier der Nacht und der Trübſal, welche mich ſo lange umfangen hielten, zerreißen, und in ſeligem Schauen flattert der Geiſt empor, empor zum leuchtenden Tage. Ich ſehe Dich, mein Geliebter, mein Gemahl, ich ſehe Dich im dun⸗ keln, einſamen Gefängniß, und dennoch iſt meine Seele froh und voll unausſprechlichen Glückes, denn ich weiß, 102 und ich ſehe, daß die Freiheit ſchon Deiner Kerkerthür naht, um Dich zu erlöſen und Dich wieder hinaus zu führen in die lichte, ſchöne Gotteswelt. Ich ſehe auch Dich, Italia, ich ſehe Dich in Thränen und in Ketten, und dennoch iſt auch über Dich meine Seele froh und voll unausſprechlichen Glückes, denn ich weiß und ich ſehe, daß die Freiheit, wenn auch mit langſamen und zögernden Schritten, zu Dir heranſchreitet, um Deine Thränen zu trocknen, Deine Ketten zu zerbrechen und Dich zu erlöſen aus den Banden der Knechtſchaft.— Oh, ich ſehe, ich ſehe ein glückliches, einiges Italien, ſehe es in Stolz und Glanz, ſehe es bewundert und verherrlicht von allen Völkern Europa's, ſehe— Es wird wieder Nacht vor meinen Augen, ich ſehe nichts mehr! Es brauſt vor meinen Ohren, es— Felicia, Carmela, her zu mir, meine Töchter, umarmt mich — Guido, reiche mir Deine Hand,— auch Deine Hand, Felicia. Ihr liebt Euch, meine Kinder, nicht wahr, Ihr liebt Euch! Ja, ſagten Beide, Hand in Hand, unter Thränen lächelnd ſich anſchauend, ja, wir lieben uns. Guido, ich verlobe Dir meine Tochter Felicia, ich lege ihr Glück und ihr Schickſal in Deine Hand. Willſt Du ſie annehmen zu Deiner Gemahlin, willſt 103 Du ſie ehren und lieben Dein Leben lang und ihr treu bleiben bis zum Tod? Ich ſchwöre, daß Felicia's Glück der einzige Zweck meines Lebens ſein ſoll, ich ſchwöre, daß es mein höchſtes und heiligſtes Ziel ſein ſoll, mich der Ehre und des Glückes würdig zu machen, dereinſt der Ge⸗ mahl Felicia's zu werden, ich ſchwöre, daß ich ihr treu ſein will bis zum Tode. Es iſt gut, ich nehme Deinen Schwur an, flüſterte die Sterbende mit ſchwerer Zunge. Von Dir, Felicia, fordere ich keinen Schwur. Ich weiß, daß Du Guido liebſt und daß Du ihm daher immer treu ſein wirſt. Denn die Treue iſt für die Frau das natürliche Geſetz ihres Herzens, und nur die Verlorene und Entartete entſagt dieſem Geſetz. Die Treue iſt die Religion aller liebenden Herzen, und für dieſe Religion zu kämpfen und zu ſterben iſt Glückſeligkeit. Seid treu, oh, ſeid treu, dann werdet Ihr das Unglück der Ge⸗ genwart überwinden, dann— Ihr Haupt ſank zurück auf die Kiſſen, das Wort verſtummte auf ihren geöffneten Lippen, die Augen thaten ſich weit auf und ſtarrten mit einem letzten aufleuchtenden Glanz empor, aber die Lider ſenkten ſich nicht wieder niederwärts, die Lippen ſchloſſen ſich 104 nicht mehr und über ſie hin zitterte ein letzter ächzen⸗ der Seufzer, der wie ein unſichtbarer Geiſtergruß durch das ſtille Gemach entſchwebte. Mutter, meine liebe, liebe Mutter, ächzte das Kind mit jammerndem Klageton. Sie ſtirbt, oh, ſie ſtirbt, wehklagte Felicia, indem ſie ſich angſtvoll und faſt zuſammenbrechend mit ihren beiden Armen an die Geſtalt Guido's anklammerte. Ja, ſie ſtirbt, ſagte der Jüngling tiefbewegt, aber ſie läßt uns den Segen ihrer Liebe zurück und ſie nimmt den Schwur unſerer Treue mit ſich empor zum Himmel. Felicia, meine Geliebte, möge mir Gott Kraft geben, daß ich Dir dereinſt Vater und Mutter erſetzen kann, und daß das Glück, welches ich Dir gebe, der Liebe gleicht, welche ich für Dich empfinde. Meine Mutter, meine Mutter, wimmerte die kleine Carmela, ſeht ſie nur an, wie bleich ſie iſt und wie ſtarr. Mutter, liebe Mutter, lieg doch nicht ſo unbe⸗ weglich da, ſchaue doch hernieder zu Deiner armen, kleinen Carmela, antworte mir doch, ſprich doch! Still, mein Kind, ſtill, ſagte Katharina ernſt und feierlich. Deine Mutter hört Dich nicht mehr, denn ſie hört die Muſik der Sphären, welche die heimkeh⸗ rende Seele der Dulderin dort oben begrüßen, Deine —„— 292—— /—— 105 Mutter ſieht Dich nicht mehr, denn ihr Auge ſchauet Gott und die Herrlichkeit des geöffneten Himmels. Schließt Euch denn, Ihr Augen, ſchließt Euch der Welt. Ihr habt viel geweint, Ihr armen Augen, jetzt ſind alle Eure Thränen getrocknet. Schließt Euch alſo, ſchließt Euch dem Jammer und der Erbärmlichkeit der Welt. Sie legte ſanft ihre Hand über die ſtarren Augen der Todten und ließ ſie auf denſelben ruhen. Das Kind hielt immer noch leiſe wimmernd die erkaltende Hand der Mutter in der ihren und lehnte auf dieſelbe ihre von Thränen überfluthete Wange. Der Jüngling und das junge Mädchen waren Hand in Hand auf ihre Kniee niedergeſunken und beteten. IV. Die Gefangenen auf dem Spielberg. Mit finſterm Geſicht und zornigen Mienen gin 2 5 d g 1 der Commandant des Spielbergs in ſeinem Arbeits⸗ 8 Cabinet auf und ab, zuweilen ſeine drohenden Blicke auf den jungen Mann heftend, der da drüben an der 8 Eingangsthür ſtand, in der Mitte zweier Soldaten mit geſchultertem Gewehr. Aber der junge Mann ſchien dieſe Blicke gar nicht zu beachten und die An⸗ weſenheit des Herrn Commandanten ganz und gar nicht ſeiner Aufmerkſamkeit werth zu halten. Er ſchaute mit heiterem, lachendem Blick gerade vor ſich hin und beluſtigte ſich damit, die Ketten, mit welchen. ſeine Hände gefeſſelt waren, in einem gewiſſen Rhyt⸗ mus und Takt aneinander ſchlagen zu laſſen, als wären dieſe Ketten ein Inſtrument, auf welchem er muſicire. 107 Was iſt das für ein unerträglicher Lärm? ſchrie der Commandant Manzotti, indem er jetzt mit hoch— rothem Geſicht vor dem jungen Manne ſtehen blieb. Wie können Sie ſich unterſtehen, hier in meinem Zim⸗ mer ſolchen Scandal zu machen? Der Gefangene ſchien ſeine Worte gar nicht gehört zu haben, er blickte immer noch unverwandt und halb lächelnd vor ſich hin und fuhr ganz gelaſſen fort in ſeiner ſeltſamen und unheimlichen Muſik. Hören Sie denn nicht, daß ich es Ihnen verbiete, ſolchen Lärm zu machen? ſchrie Manzotti, mit dem Fuße ſtampfend. Der Gefangene fuhr, ohne ſich unterbrechen zu laſſen, in ſeiner Melodie der Ketten fort. Manzotti hob drohend ſeine geballte Fauſt gegen ihn empor und öffnete die Lippen zu einer wüthenden Zornesrede, dann auf einmal verſtummte er, und ein unheimliches wildes Lächeln fuhr durch ſeine harten Züge hin. Oh, ich begreife, ſagte er mit höhniſchem Ton, be⸗ greife vollkommen. Es iſt eine neue Liſt, welche der Graf Bartoni ſich erſonnen hat. Sie wollen den Tauben ſpielen, Sie wollen ſich den Anſchein geben, nichts zu hören und zu verſtehen, weil Sie alsdann 108 auch nicht gezwungen ſein können, Zeugniß abzulegen wider die Gefangenen, mit denen ich Sie ſeit acht Tagen zuſammengeſperrt hatte, damit ſie reden ſollten, und die ich jetzt zu ſtrafen und anzuklagen habe, weil ſie geredet haben, obwohl ſie zum Schweigen verur⸗ theilt waren. Nun hören Sie aber, mein lieber Graf Bartoni, wenn Sie nicht Ihr Kettengeraſſel gugenblick⸗ lich verſtummen laſſen, wenn Sie nicht auf meine Fragen antworten und ſofort aufhören, die Rolle eines Tauben zu ſpielen, ſo werde ich den alten Mu⸗ nari dafür auf acht Tage in den Carcere duriſſimo ſtecken und dem Grafen Confalconi die Baſtonnade geben laſſen, wie er das ſchon längſt durch ſein ſtör⸗ riſches und übermüthiges Betragen verdient hat. Ent⸗ ſchließen Sie ſich alſo, wollen Sie reden oder wollen Sie Munari und Confalconi zu den ſchlimmen Stra⸗ fen verurtheilen? Ah, fuhr der Commandant mit einem lauten Lachen fort, ich ſehe, Sie haben die Güte, mich zu verſtehen, denn das Kettengeraſſel iſt verſtummt und der ſtolze Herr Graf Bartoni hat die Güte, von meiner Anweſenheit Notiz zu nehmen und mich ſeines Blickes zu würdigen. Ja, ja, ſchauen Sie mich nur recht an, Herr Graf, wir ſind Compatrioti, wie ich glaube. Sind Sie nicht aus Mailand gehürtig? 152 —— 109 Ja, ſagte der junge Mann mit feſter, ruhiger Stimme, ja, ich bin aus Mailand gebürtig. Ich hatte alſo Recht, zu ſagen, daß wir Compa⸗ trioti ſind, rief Manzotti lachend. Sie wußten das wohl nicht, mein lieber Graf Bartoni? Doch, ich wußte es, mein Herr Commandant Manzotti. Wirklich, Sie wußten es? Sie ließen ſich herab davon Notiz zu nehmen und ſich um meine Lebens⸗ geſchichte zu bekümmern? Ich kenne Ihre Lebensgeſchichte ganz genau. Ich weiß, was Sie ſind und was Sie thaten. Nun, ich wäre neugierig, das aus Ihrem Munde zu hören, rief Manzotti. Erzählen Sie mir doch, Herr Graf, wer bin ich und was that ich? Sie ſind der Sohn eines treuen und edlen Pa⸗ trioten, ſagte der Graf feierlich, der Sohn des Arztes Manzotti, den ganz Mailand kannte und liebte, und der, weil er ein treuer und zärtlicher Sohn ſeines Vaterlandes war, natürlich auch zu dem geheimen Bunde der Carbonari gehörte, welche die Befreiung des Vaterlandes zum Zweck und Ziel ihres Lebens gemacht. Ah,. Sie erzählen mir da von den Verbrechen, die 110 mein Vater begangen hat, aber Sie vergeſſen, daß Sie von mir ſprechen wollten und daß Sie mir ſagen wollten, was ich bin und was ich that. Ich ſprach von dem Vater, um zu zeigen, was der Sohn iſt, ſagte der Graf ruhig. Der Vater war ein Patriot und er hielt auch ſeinen Sohn dafür. Er führte ihn ein in die Geſellſchaft der Patrioten, er nahm ihn auf in die Gemeinſchaft der Carbonari und ließ ihn Theil nehmen an allen den Plänen und Ge⸗ heimniſſen derſelben. Auf dieſe Weiſe erfuhr der Sohn, daß man eine große Schilderhebung be⸗ abſichtigte, daß Tauſende und aber Tauſende der edelſten Söhne Italiens ſich bewaffnet hatten und der Tyrannei Oeſterreichs blutigen Krieg erklären wollten. Er verſchaffte ſich eine Liſte der Häupter der Carbo⸗ nari, zu denen auch ſein eigener Vater gehörte, und mit dieſer Liſte begab er ſich zum öſterreichiſchen Gouverneur von Mailand, um ihm für Geld und Ehrenſtellen das Geheimniß ſeines Vaterlandes und ſeines Vaters zu verrathen. Ja, ich that meine Schuldigkeit, ſagte Manzotti ruhig, ich hatte von einer nichtswürdigen Verſchwörung Kunde erhalten, welche man gegen die väterliche Re⸗ gierung des gütigen Kaiſers und Königs Franz beab⸗ 111 ſichtigte, und als getreuer Unterthan meines Kaiſers machte ich Anzeige davon. Ja, Sie machten Anzeige davon, Sie denuncir⸗ ten und verriethen Ihre Landsleute, Ihren eigenen Vater. Sie waren die Urſache, daß achttauſend Pa⸗ trioten ohne Verhör und Urtheilsſpruch in's Gefängniß geführt, daß mehr als zwanzig der edelſten Männer hingerichtet, mehr als hundert zu ewigem Gefängniß verurtheilt wurden.*) Unter den letzteren befand ſich Ihr eigner Vater, der indeſſen ſchon nach wenigen Monaten ſtarb aus Gram um den Sohn, der ihn verrathen hatte. Es war eine harte Pflicht, die ich zu erfüllen hatte, ſagte Manzotti achſelzuckend. Aber ich durfte den eigenen Vater nicht ſchonen, wo es das Wohl des Staates, die Treue gegen den Kaiſer galt. Man hat dieſe meine Treue auch anerkannt, der gütige, edle Kaiſer hat mich perſönlich belobt wegen meines Eifers und meiner Treue. Zum Dank für dieſelbe ward ich zum Commandanten des Spielberges ernannt, und dadurch genieße ich jetzt die große Freude, mit einigen meiner lieben Landsleute und früheren Bundesgenoſſen ⁴) Varenne: Les Austrichiens en Italie. p. 167. 112 wieder vereinigt zu ſein. Es gereicht mir dies in der That zu einem außerordentlichen Vergnügen, und es iſt allemal für mich ein Freudentag, wenn ein neues Mitglied der lieben Carbonari hier auf den Spielberg gebracht und meiner liebenden Fürſorge übergeben wird. Sie waren der Letzte, welcher hier ankam, und ich hoffe daher auch, mein lieber Graf, daß Sie der Letzte ſein werden, welcher geht, wenn Sie überhaupt ſo grauſam ſein wollen, mich jemals wieder zu verlaſſen. Wiſſen Sie, wie lange ich ſchon hier auf dem Spielberg bin? fragte der Graf. Ich denke, es werden ungefähr drei Monate ſein oder etwas darüber. Es ſind zwei Monate darüber, denn fünf Monate befinde ich mich bereits hier, fünf Monate dulde ich hier die ſtrengſte Kerkerhaft, ohne daß ich durch irgend eine Verurtheilung, einen Richterſpruch dazu geſetzmäßig verdammt worden wäre. Ah, mein lieber Graf, wie ſehr Sie da im Irr⸗ thum ſind. Sie ſind durchaus geſetzmäßig behandelt worden, denn das Geſetz erlaubt nicht allein, ſondern es gebietet ſogar, Jeden zu verhaften, der irgend einer feindlichen Geſinnung gegen die Regierung und den Kaiſer verdächtig iſt, und ihn ſo lange feſt zu halten, 113 bis er irgend einer Schuld überführt iſt, um ihn dann verurtheilen zu können. Sie nehmen alſo gar nicht den Fall an, daß man auch Unſchuldige verhaften und ſich von ihrer Unſchuld überführen könnte? Ich nehme den Fall an, aber er iſt ſehr ſelten. Mir wenigſtens iſt es noch nicht geſchehen, daß man mir einen Verdächtigen hierher abgeliefert hätte, den ich wegen ſeiner Unſchuld an den Verbrechen, deren man ihn angeklagt, hätte entlaſſen müſſen. Wenn ich meine wegen Verdachtes eingegangenen Gefangenen höchſtens ein Jahr unter meiner ſpeciellen Aufſicht und Behandlung gehabt habe, konnte ich ſie zuletzt jedesmal ihrer Schuld überführen, und das von mir gefällte richterliche Urtheil dem Kaiſer zur Beſtätigung überſenden. Ich werde alſo wahrſcheinlich der Erſte ſein, bei welchem Ihnen das nicht gelingt, ſagte Graf Bartoni mit einem bittern Lächeln. Seit zwei Jahren wan⸗ dere ich von Gefängniß zu Gefängniß und werde immer auf's Neue vor Ihre Unterſuchungstribunale geſtellt, ohne daß man mich einer Schuld überführen kann. Ich ſoll dem Bunde der Carbonari angehört haben, das iſt das Verbrechen, deſſen man mich anklagt. Mühlbach, Erzherzog Johann. 4. Abth. I. 8 114 Aber ich habe notoriſch bewieſen, daß es der Name meines verſtorbenen Bruders und nicht der meine war, welcher ſich auf den Liſten fand, ich habe notoriſch bewieſen, daß ich niemals im Verkehr geſtanden mit den Carbonari, ſo ſehr ich auch ihren Muth, ihre Vaterlandsliebe und ihre Geſinnung bewundere. Aber ich begriff doch, daß ſie ihre Ziele nicht erreichen könnten, und daß ihr Streben ebenſo vergeblich ſei, als wollte man ſich eine Leiter bauen, um auf dieſelbe hinaufzuklettern und die Sonne vom Himmel zur Erde niederzuziehen. Man hat mir alſo nichts be⸗ weiſen können, und dennoch bin ich ſeit zwei Jahren Gefangener. Und mit vollem Recht, mein lieber Gkf, denn daß man Ihnen nichts beweiſen, Sie keiner Schuld überführen kann, obwohl man von Ihrer Schuld überzeugt iſt, das ſchon iſt ein Verbrechen, weſches Strafe verdient hat. Bedenken Sie doch gefälligſt, wie viele ehrenwerthe Männer Sie ſchon getäuſcht haben, wie viel vergebliche Sitzungen man um Ihret⸗ willen angeſtellt hat. Man hat Ihnen zweimal hinter einander in Mailand einen Prozeß gemacht, und es war vergeblich, Sie haben alle Bemühungen des Tribunals zu Schanden gemacht, man. konnte Sie — 115 wegen mangelnder Beweiſe nicht verurtheilen. Darauf hat man Sie nach Venedig geführt, damit der dortige große und berühmte Unterſuchungsrichter, der kluge und vielgewandte Salvotti Sie endlich Ihrer Schuld überführe und Ihnen den Prozeß mache. Aber ich muß Ihnen ſagen, daß ich Sie bewundere, Herr Graf, Ihnen iſt gelungen, deſſen noch Niemand ſich rühmen kann, Salvotti hat Sie ein Jahr in Venedig in Un⸗ terſuchungshaft gehalten und er hat endlich bekennen müſſen, daß ſeine Kunſt vergeblich geweſen, daß er von Ihrer Schuld überzeugt ſei, aber Ihnen dieſelbe nicht beweiſen könne. Darauf hat man Sie hierher zu mir geſandt, damit ich die letzte Hand anlege, da⸗ mit ich zu erreichen ſuche, was den größten Unter⸗ ſuchungsrichtern nicht gelungen iſt. Urtheilen Sie alſo, welch ein Triumph es für mich wäre, wenn ich Ihnen eine Schuld beweiſen könnte, wenn ich Sie überführte. Wahrlich, ich gebe Ihnen mein Ehren— wort, wenn Sie endlich dieſes hartnäckige Leugnen aufgeben, wenn Sie bekennen wollen, ſo werde ich Ihnen dankbar ſein. Und worin, mein Herr, würde Ihre Dankbarkeit beſtehen? fragte Bartoni lächelnd. Darin, Herr Graf, daß ich Sie ſo milde wie 8* 116 möglich behandelte, daß ich Sie ſo ſelten als möglich mit den ſchweren Ketten belaſtete, obwohl Sie natür⸗ lich zum ſchweren Kerker verurtheilt würden, daß ich Sie ferner nur einmal in der Woche faſten ließe, und wenn ich es vermeiden könnte und Sie ſelber mich nicht dazu zwingen, Sie niemals ſchlagen ließe. Schlagen, ſchrie der Graf entſetzt. Man erlaubt ſich alſo hier, die politiſchen Gefangenen zu mißhan⸗ deln, zu ſchlagen? Za, mein lieber Compatriot, man erlaubt ſich das und man iſt berechtigt dazu. Alle Mittel find gut, durch welche wir zum Ziel gelangen können, und ich verſichere Sie, daß einige richtig angebrachte Ohrfeigen, einige kräftige Baſtonnaden ſchon manchen Gefangenen zum Geſtändniß gebracht haben, welcher der ſchwerſten Kerkerſtrafe und ſogar dreitägigem Faſten muthig widerſtanden hatte. Das ſind in der That vortreff⸗ liche Hülfsmittel für die Juſtiz, und es iſt daher ſchon von der höchſten Gerichtsſtelle ein Circulair an alle Präſidenten der Diſtricte ergangen, ſich darüber aus⸗ zuſprechen, ob es nicht in vielen, namentlich in politi⸗ ſchen Fällen das Zweckmäßigſte wäre, ſtatt ſahrelanger Kerkerhaft lieber kurzes Gefängniß mit häufigen Ba⸗ ſtonnaden einzuführen, was natürlich dem Staat jähr⸗ 117 lich eine bedeutende Summe erſparen würde.“*) Sie zum Beiſpiel, mein lieber Graf, würden ſtatt funfzehn⸗ jährigem ſchweren Kerker alsdann vielleicht nur funf⸗ zehn Monate Gefangenſchaft bekommen, und würden ſtatt der übrigen Jahre vielleicht wöchentlich zweimal die uteud erhalten. Freilich dieſe raſch auf ein⸗ ander folgenden Baſtonnaden möchten Ihnen vielleicht für den Gebrauch Ihrer Füße ein wenig ſchädlich ſ ſein, aber ich denke, es iſt immer beſſer als ein Lahmer und als ein Krüppel frei zu ſein, denn ſein ganzes Leben im ſchweren Kerker zu vertrauern. Somit wäre das kurze Gefängniß mit der Baſtonnade nicht bloß eine Erſparniß für den Staat, ſonder immerhin auch eine Wohlthat für die Gefangenen. Mein Gott, warum ſollte man nicht auch Wohlthaten üben an Verbrechern, wenn man dadurch die Gerechtigkeit nicht beein⸗ trächtigt? Ach, ich ſehe, der Ruf hat nicht zu viel von Ihnen geſagt, rief der Graf Bartoni, Sie ſind in der That ein bewunderungswürdiger Mann! Sie haben ſogar ein großmüthiges Herz für die Verbrecher, und Sie würden aus reinem menſchlichen Erbarmen und zu⸗ *) Charles de la Varenne: Les Autrichiens en Italie. pag. 54. 118 gleich aus weiſer Sparſamkeit Ihre Landsleute, die ſo unglücklich ſind, des Carbonarismus verdächtig zu ſein, lieber durch Ohrfeigen entehren, durch Baſton⸗ naden verkrüppeln, als Sie langer Kerkerhaft ausſetzen. Sollte ich jemals das Glück haben, aus der Unter⸗ ſuchungshaft als ein freier Mann hervorzugehen, ſo werde ich es mir eine heilige Pflicht ſein laſſen, in einer eigenen Schrift die ganze Welt bekannt zu machen mit dem ausgezeichneten Commandanten des Spielberg, dem großmüthigen Herrn Manzotti! — Das wäre für mich wirklich ein ſehr ſchmeichel⸗ haftes Glück, mein lieber Graf. Doch ich fürchte, es 3 kommt nicht dazu und Sie werden den Spielberg nicht ſobald wieder verlaſſen, oder vielleicht nicht in einem Zuſtande, um ſchreiben zu können. Aber freilich, dies hängt ganz und gar von Ihnen ab. Ich habe Sie bisher mit Nachſicht und Milde behandelt, Sie haben nicht Einmal die Baſtonnade erhalten, Sie tragen nur leichte Ketten, Sie ſind noch nicht zu der unausſteh⸗ lichen Plage der Einſamkeit verurtheilt, ſondern ich habe Sie, ſo lange Sie hier ſind, immer mit einigen Gleichgeſinnten den Kerker theilen laſſen, und ich gebe Ihnen mein Wort, ich werde das auch ferner thun, vorausgeſetzt, daß Sie mir ein wenig erzählen 119 von Dem, was Ihre Nitgefangenen Ihnen mit⸗ theilen. Das heißt, Sie wollen mich zu Ihrem Spion und Aufpaſſer erwählen? fragte der Graf, indem eine glühende Röthe der Scham ſich über ſein Antlitz er— goß. Ich ſoll zum Verräther werden an meinen Lei⸗ densgenoſſen, ſoll zum Judas werden an meinen Länds⸗ leuten? Denken Sie beſſer von mir, mein Herr! J Ich bin kein Carbonaro, aber niemals werde ich diejenigen verrathen, welche es ſind, und welche mich mit ihrem Vertrauen beehrt haben. 4 Sie wollen mir alſo nicht ſagen, was die Num— mero Eins Ihnen geſtern Alles in's Ohr geflüſtert hat, als Sie mit ihm ſich in die Ecke des Kerkers zurückgezogen hatten, während Nummero Drei und Vier ſich damit beluſtigten zwei Mäuſe abzurichten, die ſich in den Kerker vexirrt hatten? Ich verſtehe Sie nicht, mein Herr, ich weiß nicht was Sie mit Ihren Nummern bezeichnen. Ich war mit den Grafen Confalconi und Caſtiglione und dem alten Baron von Munari zuſammen, und ich weiß nicht was Sie mit Ihren Nummern meinen. Für mich ſind die Gefangenen nur Nummern, mein lieber Graf Bartoni, und ich verſichere Sie, daß 120 ich dieſelbe Zärtlichkeit für Sie hege, wenn ich Sie Nr. 5 nenne, als wenn ich Ihnen die Titel gebe, die Sie früher in der Welt geführt. Aber kommen wir nicht von meiner Hauptſache ab, und kehren wir zu meiner Frage zurück. Sie wollen mir alſo nicht ſagen, was Nummero Eins oder wenn Sie lieber wollen, der Graf Confalconi geſtern Ihnen mit heimlichem Ge⸗ flüſter mitgetheilt hat? Bevor Sie antworten, bitte ich Sie, zu überlegen. Wenn Sie meine Frage verneinen, werde ich Nummero Eins die Baſtonnade geben laſſen und ihn auf einen Monat zum ſchwerſten Kerker ver⸗ urtheilen, zum Carcere duriſſimo, wie unſere lieben Landsleute ſagen. Wiſſen Sie, was der Carcere du⸗ riſſimo auf dem Spielberg iſt? Ich werde es wiſſen, wenn Sie es mir geſagt haben, Herr Commandant vom Spielberg! Ich mache mir ein Vergnügen daraus, Sie zu be⸗ lehren, lieber Graf. Hören Sie alſo, was das Straf⸗ geſetzbuch in ſeinem vierzehnten Paragraphen über den Carcere duriſſiimo ſagt:„Der Verurtheilte wird in einen Kerker eingeſchloſſen, der ganz ohne alle Com⸗ munication iſt, der kein Licht und nur ſoviel Raum hat, als unumgänglich nothwendig iſt um zu leben. Er wird fortgeſetzt mit ſchweren Ketten an Händen 121 und Füßen belaſtet, und ausgenommen die Arbeits⸗ ſtunden, beſtändig durch eine Kette gehalten, die an einen eiſernen Ring, welcher ſeinen Leib umgiebt, befeſtigt iſt. Seine einzige Nahrung beſteht aus Waſſer und Brot, außerdem alle zwei Tage eine warme Suppe, aber niemals erhält er Fleiſch. Sein Bett iſt eine hölzerne Pritſche, und es iſt ihm verboten, irgend Je⸗ mand zu ſehen, oder mit irgend Jemanden, wer es auch ſei, jemals ein Wort zu ſprechen.“) Nun, nachdem ich Ihnen dieſen vierzehnten Paragraphen wortgetreu mitgetheilt habe, frage ich Sie zum dritten Male: wollen Sie mir ſagen, was Nummero Eins mit Ihnen geſtern geflüſtert und zwar ſo leiſe geflüſtert hat, daß der Kerkermeiſter, welcher an der Thür horchte, nicht ein Wort verſtanden hat, und nur von ſeinem Obſer⸗ vationsloch aus ſehen konnte, daß Sie mit einander ſprachen. Mein Herr Commandant, ich verſichere Sie, daß nur von Familienangelegenheiten die Rede war, daß der Graf von Confalconi mir keine andern Mitthei⸗ lungen gemacht hat, als die eben ganz ſpeciell nur die Intereſſen ſeines Herzens betrafen. * Varenne: pag. 55. 122 Ich möchte dieſe Intereſſen wohl kennen, ich bitte Sie eingedenk zu ſein, daß Nummero Eins auf einen ganzen Monat in den Carcere duriſſimo wandert, wenn Sie mir die Antwort verweigern. Nun, wohl denn, mein Herr, er erzählte mir von ſeinen beiden Töchtern, nach denen ſein Vaterherz ſich ewig ſehnt, und die wieder zu ſehen ſeine einzige Hoffnung iſt, er ſprach zu mir von ſeiner Gemahlin, welcher ſeine ganze Liebe, ſeine ganze Seele gehört, und er theilte mir ſeine Befürchtungen, ſeine traurigen Ahnungen mit in Bezug auf dieſe edle Frau, welche nun ſchon ſeit zehn Jahren die Leiden der Trennung, das Martyrium des Witwenthums trägt, während ihr Gatte doch lebt, und nicht durch den Willen Gottes, ſondern durch die Härte der Menſchen ihr entriſſen iſt. Die Gräfin Confalconi iſt ſeit Jahren kränklich, die wenigen Briefe, welche er durch Sie von ihr erhalten hat, ſprechen immer von ihrem zunehmen⸗ den Leiden, und da er ſeit acht Monaten gar keine Nachrichten mehr von ihr erhalten hat, fürchtet er das Schlimmſte. Nun, wegen des Schweigens dieſer Dame brauchte der liebe, zärtliche Ehegemahl noch nicht anzunehmen, daß ſie geſtorben ſei, rief Manzotti mit einem rauhen 123 Lachen. Es ſind allerdings vor einigen Monaten zwei Mal Briefe von der Gräfin Confalconi aus Wien hierhergelangt, die für Nummero Eins beſtimmt waren. Aber was wollen Sie! Ich habe die Pflicht, alle Briefe, welche die Gefangenen erhalten, erſt ganz genau zu leſen und ſorgſam zu prüfen, ob ſie auch nichts Ver— fängliches enthalten, ob auch nicht ſich aus ihnen ir⸗ gend ein Einverſtändniß, eine geheime Verabredung heraus deuten läßt. Sie begreifen alſo, daß es für mich eine wahre Tortur iſt, wenn meine Gefangenen viele Briefe erhalten, um ſo mehr, wenn dieſe Briefe in einem larmoyanten und zärtlichen Ton abgefaßt ſind, wie die der Gräfin Confalconi. Ich habe alſo die letzten beiden Briefe der Dame gar nicht mehr ge⸗ leſen, ſondern ſie an die oberſte Behörde in Wien als unbeſtellbar zurückgeſchickt, indem ich mich darauf be— zogen habe, daß im vierzehnten Paragraphen des Strafgeſetzbuches ausdrücklich verboten wird, daß der Gefangene des Carcere duriſſimo mit irgend Je⸗ mand ſprechen und ſich unterhalten dürfe. Wenn ich ihm aber einen Brief, der an ihn gerichtet iſt, mittheile, ſo heißt doch das nichts Anderes, als ich erlaube ihm, . ſich durch die Vermittelung von Dinte, Feder und Papier, mit Jemandem zu unterhalten, und Jemanden 124 zu ſich ſprechen zu laſſen. Ich darf deshalb getreu meiner Pflicht, durchaus keine Briefe an meine Ge⸗ fangenen der Carcere duriſſimi gelangen laſſen. Aber die Grafen Confalconi und Caſtiglioni ſind, gleich dem alten Munari, nicht Gefangene des Carcere duriſſimo, mein Herr Commandant. Beweis davon iſt, daß ſie ſeit drei Wochen in demſelben Kerker ver⸗ einigt ſind, und daß ich dieſen Kerker mit ihnen theile. Sie waren indeſſen noch im Carcere duriſſimo als jene Briefe anlangten. Seitdem freilich iſt die Sonne der kaiſerlichen Gnade über ihnen aufgeleuchtet und ich erhielt von Wien durch den Herrn Staats⸗ kanzler Fürſten Metternich den Befehl, die Gefangen⸗ ſchaft der Nummern Eins und Drei zu mildern, ſie auf einige Monate aus dem Carcere duriſſimo zu ent⸗ laſſen und die Anwendung der Baſtonnaden zu ver⸗ meiden. Ich habe es gethan, aber dieſe vorgezeichneten „einigen Monate“ ſind jetzt abgelaufen, und es kommt nun lediglich auf das Betragen meiner Gefangenen, auf ihre Gehorſamkeit, ihre Fügſamkeit und Will⸗ fährigkeit an, ob ſie noch ferner mit den härtern Strafen verſchont bleiben können. Es hängt vor allen Dingen zum Theil von Ihrem Betragen ab, 125 mein lieber Compatriot. Wenn es Ihnen belieben ſollte, mir jemals eine Antwort, eine Auskunft zu ver⸗ weigern, oder ſich nicht gutwillig in meine Anordnungen zu fügen, ſo werde ich, wie ich Ihnen ſchon vorhin bemerkte, dafür nicht Sie ſtrafen, ſondern einen der Herren Carbonari, und irgend einer von ihnen wird Ihre Widerſetzlichkeiten entweder mit dem Carcere duriſſimo, mit dreitägigem Faſten, oder mit Baſton⸗ nade büßen müſſen. Aber das iſt ein grauſames und ungerechtes Ver⸗ fahren, mein Herr, rief Bartoni. Mit welchem An⸗ ſchein von Geſetzlichkeit wollen Sie eine ſolche Willkür nur einigermaßen entſchuldigen? Es fällt mir gar nicht ein, mir dafür einen An⸗ ſchein von Geſetzlichkeit zur Entſchuldigung zu ſuchen, ſagte Manzotti lachelnd. Ein ſolches Verfahren wird mir durch die Nothwendigkeit geboten, und damit iſt es ſchon gerechtfertigt. Uebrigens werde ich von Niemandem wegen deſſelben zur Rechenſchaft ge⸗ zogen, und bin nur meinem eigenen Gewiſſen, wenn Sie annehmen wollen, daß der Menſch durchaus im Beſitz eines Gewiſſens iſt,— dafür verantwortlich. Und nun, mein lieber Graf, noch eine letzte Frage! Sie beharren alſo dabei, ſich für unſchuldig zu er⸗ 126 klären? Sie wollen durchaus behaupten ganz unbe⸗ theiligt geweſen zu ſein bei der Verſchwörung der carbonariſchen Umtriebe in un mern lieben gemein⸗ ſchaftlichen Vaterland, der bella Italia? Wenn ich ſchuldig wäre, dlnuben Sie wohl, daß der berühmte Inquiſitor Salvotti in Venedig nicht meine Schuld aus mir herausgepreßt haben würde? Nun, vielleicht hat er doch nicht kräftig genug ge⸗ preßt, mein lieber Graf, vielleicht hat er nicht alle Hülfsmittel angewandt, die ihm zu Gebote ſtanden. Hat er Ihnen zum Beiſpiel, wenn Sie eine unge⸗ nügende Antwort gaben, Ohrfeigen ertheilen laſſen? Mein Herr, rief der Graf mit aufwallender Zornesröthe auf den Wangen, wenn er das jemals gethan hätte, ſo— So hätten Sie es dulden müſſen, ſo gut wie Sie es von mir werden dulden müſſen, wenn ich es für nöthig erachten ſollte, Sie ohrfeigen zu laſſen. Herr Commandant, ich rathe Ihnen indeſſen Sich vor ſolcher Schandthat zu hüten, denn von jenem Moment an würde ich mein entehrtes Leben für nichts achten, und ich würde nur noch ſo lange leben wollen, bis ich Sie ermordet hätte! Ach, ach, das ſind die großen Phraſen, mit denen meine lieben, ſtolzen Gefangenen Alle ſo lang ſich und mich beluſtigt haben, bis es mir gelungen, ihren Stolz zu demüthigen. Die Grafen Confalconi und Caſtiglione und der alte Baron Munari ſind in Ihren Augen doch höchſt achtungsvolle Männer nicht wahr? Ich bekenne, daß ich ſie verehre und liebe, obwohl ich nicht zu dem Bunde der Carbonari gehört habe, deſſen Mitglieder ſie waren. Nun, dieſe drei Herren haben mehr als einmal auf meinen Befehl beim Verhör Ohrfeigen erhalten,“*) und wie Sie ſehen, leben ſie dennoch und denken gar nicht daran mich ermorden zu wollen. Aber ich wie⸗ derhole Ihnen, ich wende ſolche Mittel nur an während der Unterſuchungshaft und um den Angeklagten zum Geſtändniß zu bringen. Hat er einmal geſtanden, ſich als ſchuldig bekannt und iſt zu ſeiner geſetzlichen Strafe verurtheilt, ſo hören ſolche außergewöhnliche *) Wenn einer der unglücklichen Angeklagten nicht antworten wollte oder in der That nichts zu antworten wußte, wenn Drohun⸗ gen ſich als fruchtlos erwieſen, ließ der kaiſerliche Commiſſarius einen der Polizeiſoldaten vortreten und befahl ihm, dem Ange⸗ klagten eine Ohrfeige zu geben, um ihm die Zunge zu löſen. Der Gefangene, deſſen Hände durch Ketten zuſammen gehalten waren, konnte ſich natürlich nicht wehren, und den Schlag nicht vermeiden. Wenn ihm die Indignation gerechte Worte der Ver⸗ achtung auspreßte, erhielt er auf's Neue Ohrfeigen und Schläge. Charles de la Varenne. pag. 156. *☛ 128 Strafmittel auf, oder werden doch nur in den aller⸗ dringendſten Fällen angewendet. Wenn Sie alſo einen gar zu großen Abſcheu vor den Ohrfeigen haben, mein lieber Graf, ſo machen Sie endlich Ihrem hart⸗ näckigen Leugnen ein Ende, bekennen Sie Sich für ſchuldig, geſtehen Sie es ein, daß Sie ein thätiges Mitglied des Carbonaribundes waren. Ich ſende dann ſofort einen Courier mit der erfreulichen Nachricht unmittelbar an Se. Majeſtät den Kaiſer nach Wien, und wenn Sie Glück haben, woran ich nicht zweifle, können Sie ſchon in einigen Wochen aus der quälen⸗ den Ungewißheit befreit ſein, und Ihre Verurtheilung vom Kaiſer beſtätigt erhalten haben. Ein außerordentliches Glück in der That; Sie werden es vielleicht kaum begreifen, daß ich auf das⸗ ſelbe verzichte und durchaus dabei beharre, nicht ſchul⸗ dig zu ſein. Ich habe mich früher niemals mit Po⸗ litik beſchäftigt, ich zog es vor, während mein verſtor⸗ bener Bruder ſein ganzes Leben der Politik widmete, in ſtiller Zurückgezogenheit auf unſern Gütern zu blei⸗ ben und mich ganz und gar der Bewirthſchaftung der⸗ ſelben hinzugeben. Ich bin ein guter und tüchtiger Landmann, weiter nichts, und es wird Ihnen niemals gelingen, mich in einen politiſchen Character umzuwan⸗ 129 deln. Alles was ich von der Politik weiß, habe ich erſt während dieſer zwei Jahre meiner Unterſuchungs⸗ haft gelernt; bis dahin wußte ich nicht einmal etwas von dem Beſtehen des Carbonaribundes, denn mein Bruder, der meinen politiſchen Indifferentismus kannte, hielt es nicht für zweckmäßig, mich in ſeine Geheim⸗ niſſe einzuweihen, und mich Theil nehmen zu laſſen an ſeinen Unternehmungen. Aber, ſetzen wir einmal den Fall, mein lieber Graf, daß Ihr Bruder Ihnen ſeine Geheimniſſe mitgetheilt, und Sie aufgefordert hätte, an ſeinen Unternehmun⸗ gen Theil zu haben, würden Sie ihn dann bei den kaiſerlichen Behörden denuncirt haben? Ich würde in dieſem Fall ohne Zweifel das ge⸗ than haben, was Sie ſelbſt an meiner Stelle gethan haben würden, erwiderte der Graf lebhaft. Der Commandant neigte wie zuſtimmend ſein Haupt. Sehr weiſe und ſehr vorſichtig geantwortet, in der That, ſagte er. Nun denn, ich nehme an, daß Sie Sich bis jetzt durchaus nicht an den Verſchwö⸗ rungen unſerer lieben Landsleute betheiligt haben, weil Sie dieſelben für unſinnig hielten. Aber laſſen Sie uns nun einmal eine Hypotheſe aufſtellen. Wenn L. Mühlbach, Erzherzog Johann. 4. Abth. I. 9 130 Italien, anſtatt von ſo vielen kleinen abſoluten Re⸗ gierungen abhängig zu ſein, unter einer einzigen ver⸗ eint würde, und wenn dieſe Regierung frei, unab⸗ hängig und repräſentativ wäre, würden Sie das den jetzigen Regierungen vorziehen?. Herr Commandant, ſagte der Graf lächelnd, ich glaube nicht verpflichtet zu ſein, auf hypothetiſche Fragen zu antworten. Und warum wollten Sie das nicht, mein Lieber? Wenn Ihre Antwort Ihnen ſchaden könnte, würde ich Sie nicht drängen, aber Ihre Lage wird dadurch ja nicht im Mindeſten verändert. Wir ſprechen ja nur von Hypotheſen. Alſo ſagen Sie mir doch, würden Sie ein einiges, freies, repräſentatives Italien den jetzigen abſoluten Kleinſtaaten vorziehen? Mein Herr Commandaut, Sie ſind ſelber Italiener, und Sie fragen mich ſo? Für einen Ehrenmann giebt es auf dieſe Frage nur Eine Antwort, und ich überlaſſe Ihnen zu beurtheilen, welches die meine ſein müßte. Ich verſtehe und begreife Sie vollkommen, ſagte Manzotti lebhaft, denn die Kleinſtaaterei iſt die Todes⸗ krankheit Italiens. Aber wenn nun Italien eines Tages den Verſuch machte, ſich zu einer einheitlichen 131 Nation zu erheben, würden Sie alsdann die Waffen für Italien tragen? Gewiß würde ich das, rief der Graf voll edeler Begeiſterung, das Geſetz der höchſten Sittlichkeit würde es mir gebieten dies zu thun. Sie würden die Waffen ergreifen für das nach Freiheit und Unabhängigkeit ringende Vaterland? fragte Manzotti lebhaft. Nicht wahr, das wäre es, was das Geſetz der höchſten Sittlichkeit Ihnen, wie Sie ſagen, geböte? Ja, mein Herr Commandant, das wäre es. Manzotti brach in ein lautes Gelächter aus und ſeine kleinen blinzelnden Augen hefteten ſich mit einem Ausdruck hämiſcher Schadenfreude auf das Angeſicht des Grafen. Ich danke Ihnen, mein lieber Landsmann, Graf Bartoni, ſagte er, ich danke Ihnen von ganzem Herzen. Sie verſchaffen mir den Ruhm, das zu Stande ge⸗ bracht zu haben, was dem berühmten Salvotti nicht hat gelingen wollen. Er konnte Sie keiner Schuld überführen, mir aber iſt es gelungen. Die letzten beiden Antworten, die Sie ſo gütig waren mir auf meine Fragen zu geben, ſind mehr als genügend, um Sie als einen Hochverräther und Aufwiegler zu ver⸗ 9* 13² urtheilen. Ach, Sie gehörten nicht zu den Carbonari, Sie wieſen jede Gemeinſchaft mit Ihnen ab, Sie ſind durchaus kein politiſcher Character, und werden ſich niemals dazu ſtempeln laſſen. Aber Sie bekennen mit kindlicher Unbefangenheit, daß Ihnen ein einheitliches repräſentatives Italien lieber wäre, als dieſe vielen alſoluten italieniſchen Kleinſtaaten, und daß Sie, falls Italien ſich erheben ſollte, um für ſeine Freiheit zu kämpfen, Sie treu dem Geſetze der höchſten Sittlich⸗ keit, für das aufſtändiſche Italien die Waffen ergreifen würden. Das iſt ein Geſtändniß, das Ihnen wenig⸗ ſtens zwanzig Jahre Carcere duro einbringt, wenn es Ihnen nicht zu der Wohlthat verhilft, ohne Weiteres gehangen zu werden.*) Ich würde das Letztere allerdings vorziehen, ſagte Graf Bartoni ruhig, denn ein ſchneller Tod wäre ohne Zweifel beſſer als zwanzig Jahre Kerkerhaft unter Ihrer Oberhoheit. Sie werden gehangen, mein Lieber, Sie werden gehangen, wiederholte Manzotti triumphirend. Glauben Sie es mir, nach dem, was Sie heute geſprochen, *) Varenne: pag. 53. Wörtlich aus den Verhören, welche die italieniſchen Gefangenen des Spielberg zu erdulden hatten. wird der Kaiſer Sie nicht mit zwanzig Jahren Car⸗ cere duro begnadigen. Sie weder aufgehangen, ſicher⸗ lich und ohne Zweifel aufgehangen. Nun denn, es ſei, ſagte der Graf ruhig. Da Sie es ſagen, glaube ich Ihnen, denn Sie natürlich werden mein Ankläger und mein Richter ſein. Aber auch Ihr Vertheidiger, Herr Graf. Ich wünſchte dennoch mir einen anderen Ver⸗ theidiger wählen zu können, und ich fordere Sie auf mir dies zu geſtatten! Unmöglich, mein lieber Graf. Unſere Geſetze er⸗ lauben das nicht. Nach unſerm öſterreichiſchen Straf⸗ geſetzbuch iſt der Ankläger und Richter zugleich der Vertheidiger des Angeklagten. Es heißt darüber aus⸗ drücklich im Strafgeſetzbuch, Paragraph 337:„Da die Vertheidigung der Unſchuld eine der heiligſten Berufspflichten des Criminalrichters iſt, ſo kann der Angeklagte weder fordern, daß man ihm außerdem noch einen Advocaten oder Vertheidiger bewillige, noch daß man ihm die Indicien, die zu ſeiner Bela⸗ ſtung geführt, mittheile.“*) Sie ſehen, wie ungeheuer *) Varenne: pag. 53. Wörtlich aus den Verhören, welche die italieniſchen Gefangenen des Spielberg zu erdulden hatten. 134 großmüthig und milde ich mit Ihnen verfahre, ich habe Ihnen die Indicien mitgetheilt. Das iſt aber auch Alles, was ich für Sie thun kann, ohne ſelber par⸗ teiiſch zu erſcheinen. Jetzt, mein Herr Graf, ſind wir fertig. In acht Tagen tritt der Gerichtshof zu⸗ ſammen, um über Sie das Urtheil zu fällen; ich werde, wie es meine Pflicht iſt, Sie als Hochver⸗ räther anklagen, ich werde auf meinen Amtseid be⸗ ſchwören, daß Sie jene hochverrätheriſchen Abſichten gegen mich geäußert, ich werde darauf antragen Sie mit dem Tode zu beſtrafen, aber alsdann werde ich auch meiner heiligen Pflicht genügen, und werde Sie vertheidigen. Kein Wort mehr, mein Herr, kein Wort mehr! Wir haben mit einander abgeſchloſſen und Alles was geſagt werden mußte, iſt geſagt worden. Er winkte mit einer gebieteriſchen Handbewegung nach der Thür hin, und wandte dann ſein ſtolzes finſteres Angeſicht den beiden Soldaten zu. Führt den Gefangenen fort, herrſchte er ihnen zu, nach dem Gefängniß Nummero zehn zurück. Fort! Graf Bartoni machte nicht den geringſten Ver⸗ ſuch des Widerſtandes. Ein einziger langer Blick 135 voll flammender Verachtung traf das Antlitz des hohnlächelnden Commandanten, dann wandte er ſich langſam um, und verließ in der Mitte der beiden Soldaten das Gemach. ₰ VI. Die Gefangenen. Manzotti blickte dem Grafen Bartoni, hinter dem ſich eben die Thür ſchloß, mit einem Ausdruck triumphi⸗ renden Hohnes nach. Wieder ein Sproſſer, der in's Netz gegangen iſt, ſagte er lachend. Iſt heute noch ſtolz und dünkt ſich eeinen Märtyrer der Freiheit, wird aber ſchon noch ge⸗ bändigt werden und dahin kommen, ſein Märtyrer⸗ thum von ganzem Herzen zu verwünſchen. Habe wieder ein gutes Geſchäft gemacht, wie mir ſcheint. Erſtens, weil mir gelungen iſt, was Salvotti vergeb⸗ lich verſucht hat, weil ich dieſen widerſpänſtigen Bar⸗ toni endlich zu einem Schuldigen gemacht habe und auf Todesſtrafe für ihn antragen kann. Das wird mir bei Sr. Majeſtät dem Kaiſer zum Lobe gereichen und er wird ſicherlich meinen Eifer durch einen Orden oder eine Rangerhöhung anerkennen. Denn er liebt es ſehr, der liebe gute Kaiſer, wenn man ihm recht viele Hochverräther einbringt und ihm das liebe gehetzte, Menſchenwild zum Schuſſe ſtellt. Er ſchießt nicht aber es macht ihm Freude, erſt recht lange zu zielen und die Todesangſt der lebendigen Zielſcheibe zu be⸗ obachten. Iſt ein gar ſo gutmüthiger Herr, der Kaiſer Franz, ja, ja, gar ſo gutmüthig. Kenn' ihn ganz ge⸗ nau, hab' ihn beobachtet, wenn ich ihm Todesurtheile zur Unterſchrift brachte, ſah, wie ſein Auge aufblitzte und wie raſch die Hand war, wenn er unterzeichnete, ſah, wie finſter ſich ſeine Stirn bewölkte, wenn er ſeinen Räthen nachgeben und begnadigen mußte. Begnadigen! wiederholte Manzotti mit einem lauten Lachen, indem er, die Hände auf dem Rücken gefaltet, langſam auf und ab ging. Begnadigen! Eine ſchöne Begnadigung das! Zwanzig Jahre ſtren⸗ ger Einkerkerung ſtatt des Todes! Das iſt die Art, wie der Kaiſer Franz begnadigt. Nun, ich bin zu⸗ frieden damit, denn wenn das noch eine Zeit lang ſo fort geht, werde ich dabei zum reichen Manne. Will doch einmal ſehen, wie viel ich zum Beiſpiel an dieſem Grafen Bartoni verdiene, wenn er zu zwanzig Jahren ————— 138 harten Kerkers verurtheilt wird. Habe ja nur nöthig, meine geheimen Rechnungen nachzuſehen. Er trat zu ſeinem Schreibtiſch, zog haſtig eine der Chatoullen heraus und drückte dann in dem leeren Raum an einer ſeitwärts angebrachten Feder. Sofort öffnete ſich die Seitenwand und ein tiefer dunkler Raum ward ſichtbar. Manzotti ſenkte die Hand in denſelben und holte ein kleines Bündel Papiere daraus hervor. Da, ich habe gleich die richtigen Papiere gegriffen, ſagte er vergnügt. Die Rechnungen des Grafen Con⸗ falconi. Dieſelbe Kategorie wie Graf Bartoni. Seine Güter werden natürlich auch eingezogen und fallen dem Staate zu. Dafür zahlt der Staat mir täglich für ſeinen Unterhalt, für Kleidung, Koſt und alles Uebrige drei Gulden, wohl gemerkt, für diejenigen Gefangenen, die nur im Allgemeinen zum harten Kerker verurtheilt ſind, demgemäß zweimal in jeder Woche Fleiſch und täglich warme Speiſen erhalten. Im Allgemeinen wird aber jeder Verurtheilte nur zum Kerker zweiten Grades verurtheilt, und es bleibt dann dem Gutachten des Feſtungs⸗Commandanten überlaſſen, von Zeit zu Zeit, je nach ſeinem Dafürhalten, die Strafe zu verſchärfen und den Kerker dritten Grades 139 anzuwenden. Dieſer liebe Carcere duriſſimo iſt mein Freund, denn er verringert die Ausgaben bedeutend, da der Gefangene weder Fleiſch noch täglich warme Speiſen erhält und doch die Einnahmen dieſelben blei⸗ ben. Nach meinem Dafürhalten haben die Gefange⸗ nen alſo ſammt und ſonders ſehr häufig den Carcere duriſſimo verdient und müſſen wenigſtens einmal im Jahre auf einige Wochen dazu verurtheilt werden, denn jede Woche bringt mir einen Gewinn von unge⸗ fähr funfzehn Gulden. Der liebe Graf Confalconi, den ich jetzt funfzehn Jahre in meiner Obhut halte, hat mir auf dieſe Weiſe einen ſchönen Gewinn ge⸗ bracht. Wollen doch einmal ſehen, wie viel. Iſt leicht zu ſehen, da ich erſt kürzlich General⸗Abſchluß meiner geheimen Bücher gemacht habe. Hier, hier ſteht's. Jährliche Durchſchnittsſumme des Gewinnes an Num⸗ mero Eins: ſiebenhundertundfunfzig Gulden, beträgt in funfzehn Jahren im Ganzen elftauſendzweihundert⸗ und funfzig Gulden. Daſſelbe habe ich an Caſtiglioni und Munari verdient und daſſelbe werde ich an Bar⸗ toni verdienen. Ah, ich werde zuletzt mein Ziel er⸗ langen, ich werde ein reicher Mann werden, und wenn ich es bin, dann will ich auch ein unabhängiger Mann werden. Wenn ich reich bin, dann will ich dieſe Maske 140 der Unterthänigkeit abwerfen, die ich jetzt noch den Mächtigen und Großen gegenüber vor mein Antlitz legen muß, dann ſoll Jedermann mein wahres Geſicht ſehen können, und der ganzen Menſchheit will ich es entgegenſchreien: ich verachte Euch, ich haſſe Euch! Ihr ſeid eine erbärmliche Race von Raubthieren, von denen Einer den Andern verfolgt und zu Tode hetzt, und der, je nachdem er ſtärker oder ſchwächer iſt, von ihm zu Tode gehetzt wird. Euere Tugend, Euere Moral, Euere Religion und Euer Geſetz, das Alles ſind nur Popanze, mit denen Ihr die Dummen und die Feigen ſchreckt. Mich aber ſchreckt Ihr nicht, mich nicht! Ich habe hinter alle Eure Masken geſehen und überall nur den Eigennutz und die grauſamſte Selbſtſucht ge⸗ funden. Ja, ja, das will ich ihnen Allen entgegen⸗ ſchreien, den erbärmlichen heuchleriſchen Menſchen, und dann will ich mich zurückziehen nach dem glücklichen freien Amerika, und da will ich mir Land kaufen und Sklaven, oh, recht viele Sklaven, die ich züchtigen, die ich ſtrafen kann nach meinem Belieben, die mein freies Eigenthum ſind, mit dem ich ſchalten und walten kann, wie's mir gefällt. Ha, was giebt's? Was bringſt Du, Ferenz? Der Diener, deſſen mehrmaliges Klopfen Manzotti, 141 ganz vertieft in ſeine Zukunftsträume, überhört, und der es daher gewagt hatte, ungerufen einzutreten, näherte ſich dem Commandanten und reichte ihm auf ſilbernem Teller ein verſiegeltes Papier dar. Ew. Gnaden, ein Courier aus Wien iſt ſoeben angelangt, Depeſchen aus dem kaiſerlichen Cabinet. Manzotti nahm mit einer ehrfurchtsvollen Ver⸗ neigung, als begrüße er in der Depeſche aus dem kaiſerlichen Cabinet das Haupt und die Gegenwart ſeines Kaiſers ſelber, den großformatigen Brief von dem Teller; aber bevor er das Siegel deſſelben erbrach, zog er zum Zeichen tiefſter Unterthänigkeit erſt die goldgeſtickte Sammetmütze ab, mit welcher er ſeinen nur von wenigen grauen Haaren umgebenen kahlen Scheitel bedeckt hatte. Dann ſchlug er haſtig das Papier auseinander und begann deſſen Inhalt zu leſen. Seine Züge, welche anfangs ernſt und faſt ängſtlich geweſen waren, als fürchte er für ſich ſelber irgend eine ſchlimme und beunruhigende Nachricht, ſeine Züge nahmen allgemach einen heitern, ſorgloſen Ausdruck an und verklärten ſich zuletzt mit einem ſchadenfrohen Lächeln. Allerliebſt, ſagte er leiſe vor ſich hin, indem er das Papier wieder zuſammenfaltete und es auf ſeinen 142 Schreibtiſch legte, allerliebſt! Se. Majeſtät ertheilt mir da einen Auftrag, den ich mit der größten Freude ausführen werde, denn es iſt nichts ergötzlicher, als dieſen ſtolzen Gefangenen, die ſich gern die Märtyrer der Freiheit nennen, zuweilen einen neuen Dorn in ihr aufrühreriſches Fleiſch zu bohren und zuzuſchauen, wie ſie ſich bemühen, den Schmerz mit ihrer ſogenann⸗ ten Würde zu überwinden. Aber bevor ich mir dieſes Vergnügen heute bereite, muß ich erſt meinen Bericht an Seine Majeſtät ſchreiben. Ferenz, was für ein Menſch iſt der Courier, welcher die Depeſche über⸗ bracht hat? Ein gewöhnlicher Feldjäger, Ew. Gnaden. Man ſoll ihn indeſſen behandeln, als wäre er ein kaiſerlicher Officier. Führe ihn in das Gaſtzimmer, Ferenz, befiehl dem Koch, ihm ein reichliches und feines Dejeuner zu bereiten und bediene Du ihn, als wäre er ein Mann von hohem Rang und Anſehen. Sage ihm, ich ließe ihn bitten, es ſich wohl ſein zu laſſen, und ſobald ich meinen Bericht an Se. Majeſtät den Kaiſer vollendet hätte, würde ich ſelber kommen, ihm denſelben zu überbringen. Ferenz eilte von dannen, die Befehle ſeines Herrn zu vollführen, und der Commandant ließ ſich vor 143 ſeinem Schreibtiſch nieder, um ſofort ſeinen Bericht an den Kaiſer zu beginnen und ihm zu melden, daß er den Grafen Bartoni endlich des Verbrechens des Hochverraths überführt habe. Der Graf Bartoni war indeſſen, wie es der Com⸗ mandant befohlen, von den Soldaten wieder nach dem Gefängniß Numero zehn zurückgeführt worden. Dieſes Gefängniß bildete gewiſſermaßen den Vor⸗ ſaal zu den inneren Gemächern, das Verſammlungs⸗ zimmer Derer, welche dieſes Haus der Qual, des Jammers und der Leiden bewohnten, aber denen ihr Geſchick wenigſtens erlaubte, zuweilen eine kurze Stunde an jedem Tage die grauenvolle Einſamkeit ihres düſtern Kerkers zu verlaſſen und hier einem Freund, einem Genoſſen des Leidens zu begegnen. 3 Jetzt indeſſen, als Graf Bartoni eintrat oder viel⸗ mehr von dem Schließer mit dem raſſelnden Schlüſſel⸗ bund hereingeführt ward, war das Gefängniß noch einſam und leer. Die drei eiſernen Thüren, welche der Eingangsthür gegenüber ſich in der ſchwarzen, düſtern Mauer befanden, waren noch verſchloſſen, und ödes Schweigen herrſchte in dem kahlen, melancholiſchen Raum. Graf Bartoni ſeufzte tief auf und blickte mit einem 144 ſchmerzlichen Erſtaunen auf die drei leeren Holzſchemel, welche ſich in der Mitte des Raumes befanden, dann wandte er ſeine Augen auf den Schließer hin, der eben damit beſchäftigt war, die Thür, durch welche ſie eingetreten waren, zu verſchließen. Werden die Herren heute nicht hierher geführt? fragte er lebhaft. Der Schließer ſchien ſeine Frage nicht gehört zu haben und gab nicht mit dem kleinſten Zeichen Antwort auf die angſtvollen Worte. Aber glücklicher Weiſe lag in ſeinem Thun ſelbſt dieſe Antwort für den Grafen. Ah, ſagte er leiſe zu ſich ſelber, er will eben hin⸗ gehen, ſie zu holen, und ſie werden wohl bald hier vintreten. Und bei dieſem Gedanken flog ein glückliches Lächeln über Bartoni's bleiches Angeſicht, und ſeine großen ſchwarzen Augen leuchteten höher auf. Er ließ ſich langſam auf einen der Holzſchemel niedergleiten, und während der Schließer zu den Thüren hinging, um ſie mit ſeinen raſſelnden Schlüſ⸗ ſeln eine nach der andern zu öffnen, ſchweiften ſeine Blicke mit einem eigenthümlichen, forſchenden und neu⸗ gierigen Ausdruck an den kahlen düſtern Wänden hin. 145 Hier alſo, ſagte er leiſe zu ſich ſelber, hier wird ſich fortan mein Leben abſpinnen, dieſer finſtere Raum wird meine Welt ſein, eine Welt ohne Zukunft, ohne Hoffnung, ohne Sonnenſchein und Licht. Dieſer finſtere Raum, das iſt meine Hölle, über welcher jene furcht⸗ baren Worte unſers großen Dichters geſchrieben ſtehen: voi che entrate lasciate ogni speranza! Er ſenkte ſein Haupt tiefer auf ſeine Bruſt und gab ſich den trüben, unheilvollen Gedanken hin, welche wie ſchwarze Trauerſchleier ſich ſchwer und immer ſchwerer über ſeine Stirn niederſenkten. Der Schließer, welcher indeß die drei Thüren auf⸗ geſchloſſen hatte, riß jetzt die erſte derſelben weit auf und trat in den finſtern Corridor ein, der ſich hinter der Thür befand und der nur von dem trüben Schim⸗ mer des Lichtes erhellt ward, das aus dem größeren Raum da hinein glitt. Numero Eins, ſchrie der Schließer, während er langſam in der Dunkelheit verſchwand, Numero Eins, ich komme! Wacht Ihr? Und aus weiter Ferne antwortete eine dumpfe Stimme, die aus der Tiefe der Erde hervorzukommen ſchien: Ich wache! Der Ton dieſer Stimme erweckte Bartoni aus Muüblbach, Erzherzog Johann. 4. Abth. I. 10 146 ſeinem traurigen Hingrübeln. Ein leiſes Zittern durch⸗ fuhr ſeine ganze Geſtalt und er hob das geſenkte Haupt wieder empor. Er horchte mit geſpannter Aufmerkſamkeit auf die ſich entfernenden Schritte des Schließers und ſchien dieſelben zu zählen, um danach die Entfernung zu bemeſſen. Zwanzig Schritte, murmelte er dann, auch ich werde jetzt in eine dieſer unterirdiſchen Höhlen ver⸗ bannt werden, auch ich werde wie ein wildes Thier an der Kette liegen und warten, bis der Schließer mich auf eine halbe Stunde aus der Nacht und der einſamen Hölle erlöſen wird, um mich in dieſem Pa⸗ radieſe aufathmen zu laſſen. Seine Blicke ſchweiften mit einem traurigen Aus⸗ druck wieder an den kahlen Wänden hin, auf denen die zitternden Hände der Gefangenen ſeit vielen Jah⸗ ren ihre Leiden und ihren Jammer aufgezeichnet hatten. Freilich beſtanden dieſe Aufzeichnungen nur in einzelnen kurzen Sentenzen und Ausrufungen, die man mit Kreide auf die Wand gemalt, aber ſie enthielten doch eine ganze thränenreiche Geſchichte des Leidens, eine Geſchichte, die über mehr denn funfzig Jahre hinaus reichte, und die jedesmal das Herz derjenigen, welche ſie von den Wänden ablaſen, mit ahnungsvollem 147 Grauen und bleicher Angſt vor ihrer eigenen Zukunft erfüllten. Herr Manzotti wußte das, er begriff, daß dieſe trüben verzweiflungsvollen Inſchriften ihrer Vor⸗ gänger jedesmal eine unheilvolle, herzerſchütternde Wir⸗ kung auf deren Nachfolger der Gefängnißqual ausüben mußten, und deshalb hatte er ſtrengen Befehl gegeben, den Gefangenen dieſe Erleichterung zu geſtatten, ihren Herzensjammer auf den Wänden ausſprechen zu kön⸗ nen, und deshalb ließ er dieſe Aufzeichnungen niemals von den Wänden entfernen, ſondern geſtattete den Gefangenen, in dieſem Album des Jammers zu leſen und aus den Schmerzensſchreien der Vergangenheit ſich die Qual ihrer eigenen Zukunft zu prophezeien. Und das that in dieſem Augenblick der Graf Bar⸗ toni. Er las mit trüben Blicken die düſtern Annalen der Leiden, er verfolgte an der Wand da drüben die Aufzeichnungen eines früheren Gefangenen, deſſen Handſchrift er unter der Maſſe der andern Hand⸗ ſchriften an ihrer Eigenthümlichkeit herausfinden konnte. Wie ſtark und feſt war dieſe Handſchrift bei den erſten Aufzeichnungen, wie viel Hoffnung, Muth und Ver⸗ trauen ſprach aus den Worten, welche jene kräftige, männliche Hand zuerſt geſchrieben, und denen ſie das Datum und die Jahreszahl hinzugefügt. Aber ach, 10* 148 da waren am Ende jener Wand Worte von derſelben Handſchrift, doch wie zitternd, wie kraftlos und zer⸗ brochen zeigte ſich jetzt dieſe Hand, welche trübe und muthloſe Worte hatte ſie geſchrieben, mit welcher ſchrecklichen Beredſamkeit ſprach nicht das hinzugefügte Datum, das zwiſchen der erſten und dieſer letzten In⸗ ſchrift den langen Zeitraum von funfzehn Jahren be⸗ zeichnete. Und das wird auch mein Loos ſein, ſeufzte Bar⸗ toni, indem er ſeine trüben Blicke an dieſen beiden Inſchriften herüber und hinüber ſchweifen ließ. Funf⸗ zehn Jahre der Qual, der Demüthigung und Erniedri⸗ gung werden auch mich in einen ſchwachen, zitternden Greis verwandeln, werden meinem Herzen die Hoff⸗ nung, meinem Geiſt die Energie rauben und als ein gebrochenes, charakterloſes Geſchöpf werde ich dereinſt aus dieſen düſtern Mauern wieder hervorgehen, wenn überhaupt ich ſie lebend wieder verlaſſe. Aber ſtill, ſtill! Ich höre Schritte ſich nähern. Es iſt der Graf Confalconi, welcher kommt. Er ſoll auf meinem Antlitz nicht die Qual meiner Seele leſen müſſen. Der Graf zwang ſich zu einer heitern und lächeln⸗ den Miene und erhob ſich von dem hölzernen Schemel, um dem Gefangenen entgegen zu gehen, der eben von 149 dem Schließer geleitet aus der Dunkelheit des Corri⸗ dors hervortrat. Bartoni begrüßte ihn mit einer tiefen ehrfurchts⸗ vollen Verneigung, aber Graf Confalconi erwiederte dieſelbe nicht. Seine von der undurchdringlichen Nacht des unterirdiſchen Kerkers geblendeten Augen vermoch⸗ ten noch nicht die Helle, in welche ſie jetzt plötzlich eintraten, zu ertragen, obwohl dieſe Helle nur durch ein an dem oberſten Ende der Wand angebrachtes vergittertes Fenſter zweifelhaft und trübe genug in das Gemach ſich niederſenkte. Iſt Jemand hier? fragte der Gefangene, indem er ſeine mit Ketten belaſteten Hände mühſam bis zu ſeinem Haupt erhob und über ſeine ſchmerzenden Augen deckte. Ja, ich bin hier und ich begrüße Sie mit Ehr⸗ furcht und Liebe, Graf Confalconi, ſagte der Graf mit innigem, zärtlichem Ton. Ah, Bartoni, willkommen, mein theurer, junger Freund, erwiederte der Gefangene, oder vielmehr, fügte er mit einem tiefen Seufzer hinzu, ich ſollte ſagen, wehe Ihnen, daß ich Sie hier noch willkommen heißen muß. Oh, mein armer Freund, mit jedem Tage hoffe ich, daß es der letzte Ihrer Qual iſt, daß Sie uns 150 endlich verlaſſen werden, um in das Leben, in die Welt zurückzukehren, und obwohl es ein Schmerz ſein wird, Sie entbehren zu müſſen, ſo wäre es doch ein ſüßer Troſt, Sie endlich wieder im Beſitz der Freiheit, des Lebens zu wiſſen. Bartoni erwiederte nichts auf dieſe herzlichen, in⸗ nigen Worte des Grafen, er unterdrückte nur mühſam den Seufzer, der ſich aus ſeiner Bruſt hervordrängte, und ſeine Augen ſchweiften wieder hinüber zu den Inſchriften an der Wand. Der Schließer hatte indeſſen die beiden anderen Thüren aufgeſtoßen, und nachdem er mit ſeiner harten, rauhen Stimme denſelben Ruf in den weiten düſtern Corridor hatte ertönen laſſen, trat er in denſelben hinein, um den zweiten Gefangenen aus ſeinem Kerker hervorzuholen.. Graf Confalconi ließ jetzt ſeine Hände wieder von ſeinem Antlitz gleiten und ſeine Augen wandten ſich auf Bartoni, der immer noch die Inſchriften zu leſen ſchien. Freund, ſagte er, jetzt ſehe ich Sie. Meine Augen, welche ſich an das Licht gewöhnt haben, begrüßen Sie mit Freuden. Sie antworten mir nicht, Bartoni? Wir ſind allein, und dennoch bleiben Sie ſtumm? 151 Ich rede nicht, weil mein Herz zu viel zu ſagen hat, erwiederte Bartoni ſanft. Warten Sie, Freund, gönnen Sie mir nur ein wenig Geduld und Nachſicht. Laſſen Sie mich ſtumm bleiben, bis unſere beiden andern Märtyrer hier ſind, alsdann wird mein Herz zu Euch Allen reden und Gott wird mich hören. Sie glauben alſo, daß Gott vernimmt, was hier in der Tiefe der Hölle geſprochen wird? fragte Con⸗ falconi achſelzuckend. Oh, welch ein grauſamer, mit⸗ leidloſer Gott müßte das ſein, der ſolchen Jammer vernehmen könnte, ohne ihn zu lindern, ohne Mitleid mit ihm zu haben! Freilich, in den erſten Jahren meiner Gefangenſchaft dachte ich wie Sie, und meine Gebete richteten ſich empor zu Gott, von dem ich glaubte, daß er, allgegenwärtig, auch in die Tiefe dieſer Höhlen hinabſteigen könne. Aber ſeitdem iſt dieſer Glaube von mir gewichen, ich bete nicht mehr. Und Du thuſt Unrecht daran, ſagte der Greis, welcher eben aus dem zweiten Corridor in das Ge⸗ fängniß eingetreten war und die letzten Worte des Grafen Confalconi vernommen hatte. Ich wiederhole es Dir, Confalconi, Du thuſt Unrecht daran, nicht mehr zu beten und an Gott zu verzweifeln. Munari, der edle Märtyrer Munari, rief Bartoni, ———˖r— 5—;— 152 indem er ſich ehrfurchtsvoll verneigte. Geſegnet ſei Ihr Eintreten und Ihr troſtreiches Wort. Ich danke Ihnen, Bartoni, ich danke Ihnen, ſagte der Greis mit einem freundlichen Neigen ſeines Hauptes. Kommen Sie her zu mir, Freund, reichen Sie mir Ihren Arm und führen Sie mich zu einem der Schemel. Meine Füße ſind des Gehens unge⸗ wohnt, und dieſer lange Weg, dieſe zwanzig Schritte von meinem Kerker bis hierher ſind eine Anſtrengung, welche meine Kräfte überſteigt. Bartoni eilte zu ihm hin und reichte dem Greiſe ſeinen Arm, daß er ſich auf denſelben lehne und ſich von ihm ſorgſam zu dem hölzernen Schemel in der Mitte des Gemaches führen laſſe. Der Greis nahm tiefaufathmend auf demſelben Platz und wandte dann ſeine Augen auf Confalconi hin, der düſter und trotzig auf die Wand hinſtarrte. Und Du ſagſt mir nichts, mein Neffe? fragte er ſanft, kein Wort der Begrüßung für Deinen alten Oheim? Wenn ich Dich anſehe erſtickt der Zorn mir das Wort auf der Lippe, murmelte der Graf mit dumpfer zitternder Stimme. Wenn ich Deine liebe baarhäup⸗ tige Geſtalt ſehe, möchte ich aufſchreien vor Wuth, und 153 Flüche und Verwünſchungen drängen ſich aus meinem Herzen hervor. Oh, mein Oheim, Dein kahler Schädel iſt mir jeden Tag eine neue, eine furchtbare Anklage gegen Diejenigen, welche Dich martern und quälen, und an denen ich Dich nicht einmal zu rächen vermag. Still, mein Sohn, ſtill, ſagte der Greis ſanft. Laß uns in Geduld tragen, was ertragen werden muß. Denke auch nicht, daß ich leide. Es iſt wahr, mein alter Schädel will ſich durchaus nicht an die kalte, naſſe Luft meines Kerkers gewöhnen, und es ſcheint mir zuweilen, daß meine Gedanken, ſeitdem meine alte Kopfbedeckung von demſelben abgefallen iſt, in meinem Gehirn einfrieren und zu Eis erſtarren, aber die Sonne der göttlichen Gnade thaut ſie immer wieder auf und erwärmt immer auf's Neue mein Ge⸗ hirn mit dem Strahl der Hoffnung. Doch ſeht, da kommt unſer Leidensgenoſſe. Ich grüße Dich, Ca⸗ ſtiglioni, und meine alten Hände würden ſich Dir entgegenſtrecken, wenn die Ketten ſie nicht bänden. Der Gefangene, der ſoeben aus dem dritten Cor⸗ ridor in das Gemach eintrat, neigte mit einem ſanften Lächeln ſein Haupt und grüßte Munari mit einem langen innigen Liebesblick. Ich erwiedere Deinen Gruß, Munari, ſagte er mit 154 lauter Stimme, meine Seele und mein Herz neigt ſich vor Dir, edelſter und größter der Dulder. Eine Stunde zum Auf⸗- und Niedergehen und zur gemeinſchaftlichen Unterhaltung, ſchrie der Schließer, indem er das Gefängniß durchſchritt und ſich der Ausgangsthür näherte. In einer Stunde komme ich herein, um die Gefangenen wieder an die Ketten zu legen. Und während dieſer Stunde werdet Ihr an der Kette liegen, ſagte Caſtiglioni lachend. Während dieſer Stunde wird Euer Ohr an das Schlüſſelloch dieſes Gefängniſſes angeheftet ſein und Ihr werdet jedes laute Wort aufſchnappen, wie der Kettenhund nach dem Knochen ſchnappt, den man ihm hinwirft. Der Schließer, welcher eben die Außenthür geöffnet hatte, blickte noch einmal zurück, und ſein düſterer giftiger Blick traf das Antlitz des kühnen Sprechers: Wenn es der Numero Drei nach dem Carcere duriſſimo gelüſtet, ſo werde ich es dem Herrn Com⸗ mandanten vermelden und er wird ſein Gelüſte er⸗ füllen, ſagte er mit einem hämiſchen Lächeln; dann trat er hinaus und ließ mit donnerndem Geräuſch die Thür hinter ſich in's Schloß fallen. Warum reizeſt Du den böſen Geſellen, Caſtiglioni? 155 fragte der Greis. Er wird es Dich entgelten laſſen, denn er hat die Macht dazu. Aber ich laſſe ihn dafür auch meinen Aerger ent⸗ gelten, ſagte Caſtiglioni lächelnd. Er ſoll nicht von uns ſprechen, wie von wilden Thieren, die man an die Kette legt. Warum ſoll er nicht das ausſprechen, was er doch thut? ſagte der Greis achſelzuckend. Er legt uns an die Kette und wir ſind in ſeinen Augen nichts beſſeres als wilde Raubthiere, die er möglichſt viel peinigen muß, um ſie zahm zu machen. Aber genug davon. Wir ſind jetzt allein, meine Freunde, allein mit Gott und unſern Erinnerungen. Laßt uns alſo zuerſt den Gruß des Bundes einander zurufen: gegrüßt ſeieſt du, Land der zukünftigen Freiheit, geſegnet ſeieſt du, Italia! Gegrüßt ſeieſt du, Land der zukünftigen Freiheit, geſegnet ſeieſt du, Italia, wiederholten die Andern, in⸗ dem ſie ihre Blicke mit frommem, begeiſtertem Aus⸗ druck zum Himmel erhoben. Selig Diejenigen, welche für das Vaterland kämpfen können, fuhr Munari fort, ſelig auch Diejenigen, welche für daſſelbe leiden müſſen. Wir Drei ſind verurtheilt zu leiden, hoffen wir, daß der vierte von uns, daß Bartoni erlöſt wird, um zu kämpfen. —— 156 Hoffet, meine Freunde, daß Bartoni von Euch lernen wird, gleich Euch Dreien ein Märtyrer für das Vaterland zu ſein, ſagte der Graf mit ernſter, feier⸗ licher Stimme. Dann ſchritt er zu dem Tiſch hin, nahm von dem⸗ ſelben das Stück ſchwarzer Kohle, welches dort lag, und trat an die dem Fenſter gegenüberliegende Wand, zu der er mühſam ſeine beiden mit den Ketten belaſte⸗ ten Hände erhob. Was wollt Ihr thun, Bartoni? fragte der alte Munari erſtaunt. Ich will mein Urtheil aufzeichnen, erwiederte der Graf ruhig. Leſet, meine Freunde, leſet! Und die mit Ketten beſchwerte Hand zeichnete langſam große ſchwarze Buchſtaben wie auf einem Grabſtein an die Wand. Die Blicke der drei Gefangenen waren auf die Hand Bartoni's gerichtet und folgten jedem Buch⸗ ſtaben, den er ſchrieb, mit geſpannter Aufmerkſamkeit. Jetzt, als er geendet, tönte ein Schrei der Ueber⸗ raſchung und des Schmerzes zugleich von den Lippen der Grafen Caſtiglioni und Confalconi. Meine alten Augen ſind trübe und vermögen die Schrift nicht mehr zu leſen, ſagte der Greis traurig. 157 Was hat Graf Bartoni geſchrieben? Lies es mir vor, Confalconi. Dieſer las mit lauter Stimme: Ceſare Bartoni, zum Strange verurtheilt, zu zwanzig Jahren harten Kerkers begnadigt, weil er ſein Vaterland liebte und für deſſen Freiheit kämpfen wollte. Geſchrieben im Februar des Jahres 1835. Was bedeuten dieſe Worte, Graf Bartoni? fragte Munari traurig. Bartoni ſchritt zu ihm hin und beugte ehrfurchts⸗ voll vor dem Greiſe ſeine Kniee. Edler Greis, ſagte er tiefbewegt, legen Sie Ihre Hand auf mein Haupt und ertheilen Sie mir Ihren Segen. Die Glorie des Märtyrerthums leuchtet von Ihrer Stirn und um⸗ giebt ſie wie mit einem Heiligenſchein. Segnen Sie mich, mein Vater, ſegnen Sie mich, denn auch mich erwartet das Martyrium. Die Zeit des Leugnens, des Sträubens iſt vorüber, und ich danke Gott dafür, und ich nehme freudig und willig mein Geſchick an: der Genoſſe Eurer Leiden zu ſein. Die geheimen und großen Häupter des Carbonaribundes hatten mir be⸗ fohlen, ſo lange es die Ehre erlaubte, meine Theil⸗ nahme an dem Bunde abzuleugnen, um in mir viel⸗ leicht dem Bunde einen tapfern und unverzagten 158 Streiter zu erhalten, um den Brüdern, welche man verfolgte, bei mir eine Zuflucht offen zu erhalten. Ich habe gethan, was ich vermochte, um den Willen unſerer Obern zu erfüllen, ich habe alle Qualen und Torturen der grauſamen Inquiſitoren muthig und freudig ertragen und bin ſtandhaft geweſen im Leug⸗ nen und Lügen. Aber heute verbot es mir die Ehre zu leugnen. Manzotti legte mir eine Frage vor, die ich nach meiner Ehre und meinem Gewiſſen der Wahrheit gemäß beantworten mußte, wenn ich nicht mich ſelber verachten wollte. Denn nicht wahr, mein edler Märtyrer der Freiheit, nicht wahr, man darf die Mutter, welche uns geboren, man darf ſie niemals verleugnen?— Nein, man darf ſie niemals verleugnen, ſagte Munari feierlich. Ich habe alſo nur gehandelt, wie es einem ge⸗ treuen Sohne geziemt, ich habe unſere große, unſere ſchmerzensreiche Mutter Italia nicht verleugnet, ſon⸗ dern ich habe mich zu ihr bekannt mit meiner Liebe und der Kraft meines Armes. Manzotti hat mir triumphirend geſagt, daß ich jetzt ein überführter Hoch⸗ verräther ſei, daß ich zum Galgen verurtheilt und wahrſcheinlich zu zwanzig Jahren Feſtung begnadigt 159 werden würde. Gebt mir alſo Euren Segen, heiliger Märtyrer, heißt mich willkommen, meine edlen Brüder des Leidens. Der edle Munari legte mit einer langſamen feier⸗ lichen Bewegung ſeine beiden Hände auf das Haupt des Knieenden. Im Namen des Vaterlandes, im Namen der Frei⸗ heit und Unabhängigkeit Italia's ſegne ich Dich, ihren ſtandhaften und getreuen Sohn. Hebe Dein Haupt empor zu Gott und danke ihm, daß er Dich der Ehre würdig hält, für das in Ketten geſchmiedete Vaterland die Ketten zu tragen, und zu leiden, was das Vater— land leidet. Ich danke Gott, daß er mich begnadigt, für das Vaterland zu leiden, rief Graf Bartoni begeiſtert. Für das Vaterland ſein Blut zu vergießen, iſt köſt⸗ licher Ruhm, für das Vaterland Gefangenſchaft und Schmach erdulden, heißt ſich die Krone des Lebens verdienen. Ich ſehe ſie von Eurer Stirne leuchten, Ihr heiligen Märtyrer, helft mir, daß auch ich mich ihrer würdig mache. Der Greis neigte ſich zu ihm nieder und küßte ſeine Stirn. Mit dieſem Kuſſe ſegne ich Dich im Namen des Vaterlandes, ſagte er. Erhebe Dich jetzt 160 von Deinen Knieen, mein Sohn, und begrüße Deine Brüder. Graf Bartoni ſtand auf. Die beiden Grafen ſchritten zu ihm hin und drückten ihn an ihr Herz und preßten Jeder einen langen innigen Kuß auf ſeine Lippen. Sei willkommen, Bruder, ſagten ſie, willkommen im Kerker und der Gefängnißqual. Das Schickſal hat uns dazu auserſehen, für das Vaterland zu leiden und zu dulden. Tragen wir unſer Leiden mit Stand⸗ haftigkeit, ſeien wir freudig im Dulden, denn im freu⸗ digen Dulden bewährt ſich der Mann. Ja, rief der alte Munari begeiſtert, ſeien wir freudig im Dulden, hoffen wir auf die Zukunft. Aus dem Blute unſerer Märtyrer, welche für das Vater⸗ land geſtorben ſind, wird die köſtliche Blüthe der Freiheit emporwachſen, die Thränen, die wir vergießen, die Seufzer, die aus unſern Kerkern emporſteigen, ſie werden dieſer Blüthe der Thau ſein, der ſie tränkt, der Wind, der ſie erfriſcht. Freuet Euch, Ihr Söhne Italiens, die Stunde der Erlöſung wird kommen für Euch, wie für das Vaterland. Der Tag der Freiheit, er wird aufleuchten über Italien, und die Tyrannei der Despoten wird es ſein, welche ſein Aufſtrahlen 161 beſchleunigt. Fluchet alſo nicht Denen, welche Italien knechten, welche uns in Ketten und Banden halten, denn ſie ſind nur blinde Werkzeuge in den Händen des Schickſals, und wenn der Tag gekommen iſt, werden dieſe Werkzeuge bei Seite geworfen und von den Söh⸗ nen des freien Italiens unter die Füße getreten wer⸗ den. Dieſer Tag aber wird kommen, darauf hoffen wir, deſſen freuen wir uns. Dieſer Tag wird kommen, darauf hoffen wir, deſſen freuen wir uns, riefen die drei Andern be⸗ geiſtert, indem ſie ihre Hände, an denen die Ketten klirrten, in einander legten. Selig Diejenigen, welche ihn ſchauen werden. Selig— Ein ungewöhnliches Geräuſch an der Außenthür unterbrach die Gefangenen in ihren begeiſterten Wor⸗ ten und ließ ſie verſtummen, um zu lauſchen. Man hörte deutlich ſich nähernde Schritte, hörte Stimmen, welche zu einander ſprachen, hörte endlich eine gebie⸗ teriſche Stimme, welche befahl, die Gefängnißthür zu öffnen. Es iſt der Commandant Manzotti, murmelten alle Vier wie aus Einem Munde. Was kann er hier wollen zu ſo ungewohnter Zeit? Muth, meine Kinder, Muth, ſagte der Greis, Mühlbach, Erzherzog Johann. 4. Abth. l. 11 — — 1— d.—— ——— 162 laßt uns unſerm Peiniger ein heiteres Angeſicht zeigen. Gönnen wir ihm nicht die Freude, über irgend etwas Klage zu führen. Keiner verſchwende an ihn noch ein Wort über meinen alten kahlen Schädel. Und nun ſtill! VI. Die Rache. Die Thür that ſich auf und der Commandant trat herein, die Gefangenen mit ſeinem ſtereotypen kalten und boshaften Lächeln begrüßend. Hinter ihm in der Thür des Gefängniſſes ſah man den Schließer, deſſen dunkelrothes, wüſtes Geſicht ſich zu einem ſelt⸗ ſamen Grinſen verzogen hatte, und der in ſeinen Händen neben dem ſtereotypen Schlüſſelbunde eine Schachtel von blauer Pappe hielt. Nun, ſagte Manzotti, indem er mitten in das Gemach vorſchritt und ſich auf dem Schemel nieder⸗ ließ, der ſich dicht neben dem alten Munari befand, nun, Signori, ich mache mir die Freude, Ihnen mei⸗ nen Beſuch zu machen, und meine lieben Landsleute zu begrüßen. 11* 164 Keiner von den vier Herren hatte für Manzotti ein Wort der Erwiderung, Keiner von ihnen ſchien ſeine Anrede gehört zu haben, oder die Gegenwart des Commandanten überhaupt zu bemerken. Nur erhob ſich der alte Baron Munari von ſeinem Schemel und ſchritt zu den anderen drei Gefangenen hin, welche ſich an das äußerſte Ende des Gemachs zurückgezogen hatten. Ah, Sie wollen ſich ein wenig Bewegung machen, mein lieber Baron Munari, ſagte Manzotti lächelnd. Sie thun ſehr wohl daran, um ſo mehr, da Ihre Lehnſeſſel hier wirklich von ſehr hartem Polſter ſind. Sie hatten alleſammt weichere Polſter, als Sie ſich noch in Ihren ſchönen Schlöſſern in der Lombardei befanden. Wir ruhen auch hier auf weichen Kiſſen, ſagte Munari ernſt, denn, wie ein altes ehrwürdiges Sprich⸗ wort ſagt: ein gutes Gewiſſen iſt das beſte Ruhe⸗ kiſſen. Und Sie erfreuen ſich des guten Gewiſſens? fragte Manzotti mit komiſchem Erſtaunen. Sie legen alſo wirklich Ihr altes kahles Haupt noch immer auf dieſes beſte Ruhekiſſen, obwohl Sie ſeit zwölf Jahren als Verbrecher Ihre Strafe erleiden, obwohl Sie nur 165 durch die Gnade des barmherzigen Kaiſers vom Galgen, vom ſchmachvollen Verbrechertode befreit worden ſind? Ah, Ihr Carbonari ſeid doch in der That ein ganz unverbeſſerliches Gelichter, und es iſt gar ein ſchwie— riges und wenig lohnendes Bemühen Euch zur Reue und zur Buße zu bringen. Gebt alſo Euer Bemühen auf, Herr Commandant Manzotti, ſagte der alte Munari ſanft. Nehmt an, daß wir unverbeſſerlich ſind, und überlaßt uns ebenſo geduldig dem himmliſchen Gerichte, wie wir Euch demſelben überlaſſen. Möge der allmächtige Gott richten über uns und über Euch! Ah, das wäre in der That recht bequem für Sie, lachte Manzotti. Sie würden alsdann Ihre Tage in Ruhe hier hinleben, und ich dürfte mir dann niemals mehr erlauben an Ihrer Beſſerung zu arbeiten, und durch dann und wann angewandte ſtrenge Maßregeln Ihren Starrſinn zu brechen, und Ihr Gemüth für die Reue und Zerknirſchung zu erweichen. Aber ich ſage Euch, daß ich das will! Ich ſage Euch, daß ich unabläſſig darnach trachten werde, Euch, meine theu⸗ ren Landsleute, mit allen mir zu Gebote ſtehenden Mitteln zur Beſſerung zu führen, Euch zu einer Ge⸗ ſinnung zu bekehren, die mir und Euch zur Ehre ge⸗ 166 reicht. Ah, Dank dem Carcere duriſſimo, dem Faſten, den Baſtonnaden und Ohrfeigen werdet Ihr doch eines Tages reumüthig bekennen, daß Ihr E Euch ſchwer verſündigt habt, das Ihr verabſcheuungswürdige Hoch⸗ verräther ſeid, die nur durch gänzliche Umkehr und durch grenzenloſe Hingabe an den edlen großmüthigen Kaiſer ihm danken können für die unverdiente Gnade, welche er ihnen erwieſen, indem er ſie dem Galgen entzog und ihnen das Leben ſchenkte. Ja, Se. Ma⸗ jeſtät der Kaiſer iſt in der That von einer rührenden Großmuth und Milde, und auch jetzt wieder läßt er die Sonne ſeiner Huld über Euch leuchten und ſendet zweien von Euch durch mich eine beſondere Botſchaft. Zuerſt Euch, Numero Zwei, oder wie Ihr Euch gern nennen hört, Baron Munari, und dann Euch, Numero Eins, vormals Graf Confalconi! He, Schließer, gebt mir die Schachtel, die Ihr da in der Hand habt, und dann tretet hinaus und ſchließt die Thür! Der Schließer überreichte dem Commandanten die Schachtel, zog ſich dann mit verdrießlichem Geſicht, offenbar mißmuthig darüber, nicht länger Zeuge der Unterredung ſein zu dürfen, in den äußeren Corridor zurück, und ſchloß langſam und mit einem letzten neu⸗ gierigen Blick auf die Gefangenen die Thür. 167 Jetzt, Numero Zwei, ſagte der Commandant, indem er den Deckel der Schachtel öffnete, jetzt ſollen Sie einen neuen Beweis von der unendlichen Gnade und Milde des Kaiſers haben, zugleich aber auch einen Beweis davon, wie gern ich bereit bin, Ihren mög⸗ lichen und erreichbaren Wünſchen Folge zu geben, und Ihre Bitten mit meinem Fürwort vor dem kaiſerlichen Thron zu unterſtützen. Sie haben mich oftmals mit der Bitte angegangen, Ihnen für Ihre alte unbrauch⸗ bare Perrücke eine neue brauchbare zukommen zu laſſen. Ich durfte das natürlich nicht thun, ohne ſpecielle kai⸗ ſerliche Erlaubniß, aber ich hatte Mitleid mit Eurem alten nackten und kahlen Schädel; ich ließ daher Eure Bitte nach Wien gelangen und unterſtützte ſie mit meinem Fürwort. Es iſt indeſſen ein halbes Jahr vergangen, ſeit ich Euch zum letzten Male mit dieſer Bitte behelligte, ſagte Munari ruhig. Freilich, es ſind einige Monate vergangen, aber mein Gott, die Zeit fliegt hier auf unſerm geliebten Spiel⸗ berg ſo raſch von hinnen, und ſechs Monate ſind um, bevor man es merkt. Nun alſo, nach dieſer kurzen Spanne Zeit von ſechs Monaten iſt Ihnen Ihre Bitte von Sr. Majeſtät dem Kaiſer gewährt worden, und 168 ich habe den angenehmen Auftrag, Ihnen die ge⸗ wünſchte Perrücke zu überbringen. Hier, Numero Zwei, nehmen Sie das huldvoll gewährte Gnadenge⸗ ſchenk entgegen, und danken Sie Gott in zerknirſchter Reue für die unverdiente Huld unſeres gnädigen Kaiſers. Er reichte Munari die offene Schachtel. Der Greis nahm ſie und blickte neugierig forſchend auf den In⸗ halt derſelben. Nun? fragte Manzotti. Habe ich Ihnen nicht die Wahrheit geſagt? Enthält die Schachtel nicht eine Perrücke? Ja, ſagte Munari, ja, ſie enthält eine Perrücke, aber wie mir ſcheint, iſt es kein Haar von einem menſchlichen Haupte, welches man dazu verwandt hat. Der Commandant brach in ein lautes, fröhliches Gelächter aus. Wie gut Ihre alten fünf und ſieben⸗ zigjährigen Augen noch zu ſehen und zu unterſcheiden vermögen, rief er immerfort lachend, denn Sie haben vollkommen Recht, dieſe Perrücke iſt nicht von Men⸗ ſchenhaaren gemacht. Mein Gott, das Haar vom menſchlichen Haupte iſt ſo fragile und ſo vergänglich, und will ſich durchaus nicht an die feuchte Luft der unterirdiſchen Kerker gewöhnen. Ich bin alſo darauf 169 bedacht geweſen, Ihnen eine feſtere und dauerhaftere Perrücke zu beſorgen. Aber ich verſichere Sie, es war eine ſchwierige Arbeit, ſie hat dem Friſeur ſehr viel Mühe gemacht und dem Staat mehr Geld gekoſtet, als wenn wir Ihnen eine gemeine Perrücke von Men⸗ ſchenhaaren gemacht hätten. Aber Sie haben dafür auch etwas Auserleſenes, Seltenes und Dauerhaftes. Sehen Sie nur, Herr Baron von Munari, ſehen Sie nur, welch eine köſtliche Perrücke das iſt, und von welchem angenehmen, rothbraunen Ton die Haare ſind! Er nahm die Perrücke aus der Schachtel hervor und hielt ſie auf ſeiner erhobenen Hand hoch empor. Nicht wahr, das iſt ein Meiſterwerk der Friſeurkunſt? fragte er lachend. Eine Perrücke von Hundehaaren!*) Ein Schrei der Entrüſtung, der Wuth tönte von den Lippen der drei jüngern Gefangenen, und ſie drängten ſich dichter an den alten Munari heran, als wollten ſie ihn ſchützen gegen die entehrende Zu⸗ muthung, dieſe Perrücke von Hundehaaren auf ſein Haupt zu ſetzen. Der Greis indeſſen hatte ſein ruhig lächelndes Geſicht dem Commandanten zugewandt und betrachtete mit mildem freundlichem Ausdruck dieſe *) Charles de la Varenne. S. 153. 170 Perrücke von ſtruppigem, rothbraunem, kurzem Haar, welche derſelbe triumphirend auf ſeiner Hand ſchwenkte. Erlauben Sie mir, Numero Zwei, daß ich Ihr Haupt ſelber mit dieſem wohlverdienten Schmucke kröne, rief Manzotti dann, indem er ſich dem Greiſe näherte, und eine Bewegung machte, als wolle er ihm die Perrücke aufſetzen. Aber ſofort erhoben ſich drei von Ketten klirrende Arme gegen ihn, legten ſich drei Hände auf ſeine Hand, welche die Perrücke hielt. Sie werden es nicht wagen, dieſen ehrwürdigen Greis noch ferner zu verhöhnen, rief Graf Confalconi mit drohendem Ton. Laſſen Sie Ihre verruchten Hände von dem Haupte des edlen Märtyrers, ſagte Graf Bartoni mit einem herausfordernden Blick auf den Commandanten. Wagen Sie es, die Stirn dieſes Edlen auch nur mit der Spitze Ihrer Finger zu berühren, und ich er⸗ würge Sie, ſchrie Graf Caſtiglioni zitternd vor Wuth, ſeine geballte Fauſt dem Commandanten ganz nahe vor das Geſicht haltend. Manzotti ſchaute jedem der Sprechenden mit einem ruhigen, lächelnden Blick in das erregte Angeſicht, dann, als ſie ſchwiegen, ließ er ſeine kleinen, ſchwarzen 171 Augen noch Einmal langſam, aber diesmal mit drohen⸗ dem, tückiſchem Ausdruck über die drei Männer hin⸗ gleiten, und eine boshafte Schadenfreude blitzte aus ſeinen Zügen auf. Er erhob langſam die Hand und deutete, während er dann ſprach, mit dem Zeigefinger auf jeden Einzelnen, zu dem er ſprach, hin, als wäre ſein langer, dürrer Finger ein Dolch, den er im Begriff war ihnen in die Augen zu bohren. Numero Eins, ſagte er langſam, Numero Eins erhält einen Monat Carcere duriſſimo. Numero Drei desgleichen, und außerdem, weil es ihm beliebt hat, mir zu drohen, daß er mich erwürgen wolle, wird er zwei Mal während dieſes Monats die Baſtonnade erhalten. Numero Vier aber wird heute noch von dem erſten Gefängnißwärter den Willkommen erhalten, das heißt, ich werde denſelben beauftragen, ihm in meiner Gegenwart zwei tüchtige Ohrfeigen zu geben, und ihm dann zwanzig Hiebe auf den Rücken zu zählen. Ich gehe, ſogleich die nöthigen Befehle zu er⸗ theilen! Er nickte den Gefangenen lächelnd zu, und wandte ſich dann nach der Thür um, aber Munari hielt ihn auf, indem er ſeine Hand auf den Arm des Comman⸗ danten legte. — —— —— —-— 172 Ich beſchwöre Sie, mein Herr, rief er mit flehender, zitternder Stimme, gehen Sie nicht im Zorn von hier fort, laſſen Sie ſich zur Milde, zur Ergebung ſtimmen. Seien Sie barmherzig, belaſten Sie mein armes, gebeugtes Haupt nicht mit dem furchtbaren Vorwurf, daß die drei edlen und groß⸗ müthigen Männer zu ſo furchtbaren und entehrenden Strafen verurtheilt werden, und bloß um meinetwillen! Wollen Sie nicht, daß ich während eines ganzen qual⸗ vollen Monats den Jammer ertragen ſoll, dieſe Män⸗ ner um meinetwillen leiden und Martern erdulden zu wiſſen. Sehen Sie, ich erlaube mir ja keinen Widerſtand, ich unterwerfe mich. Ich bin bereit, dieſe Perrücke auf meine Haupt zu ſetzen, und ſie zu tragen, ohne mich jemals zu beklagen. Geben Sie her, ich will ſie ſogleich aufſetzen! Und er ſtreckte die Hand nach der Perrücke aus, welche Manzotti noch immer in ſeiner Rechten hielt. Aber ſofort legte ſich die Hand des Grafen Con⸗ falconi auf den Arm Munari's und zog ihn zurück. Du wirſt mit dieſem ſcheußlichen Machwerk Dein edles Haupt nicht entehren, mein Oheim, ſagte er ſtrenge. Im Namen unſerer Familie, im Namen der heiligen Sache, welche wir Alle vertreten, verbiete ich 173 es Dir. Wir drei ſind freudig bereit zu leiden, und die Strafen zu erdulden, welche die Willkür dieſes 3 Menſchen uns auferlegt, aber wir werden es nimmer dulden, daß Du Dich ſelber entehrſt! Ah, ſeht da, rief Manzotti mit einem lauten, höhni⸗ ſchen Lachen, ſeht da, die liebe Numero Eins, die ſelbſt in meiner Gegenwart einen Gefangenen. zum Widerſtand aufreizen will! Nun, Sie ſollen Ihren Lohn dafür empfangen, mein Lieber! Bis jetzt waren Sie nur von mir auf einen Monat zum Carcere du⸗ riſſimo verurtheilt worden. Ich ſehe, daß ich zu milde war, und Sie werden alſo, gleich Numero Drei, zwei Mal in dieſer Zeit die Baſtonnade erhalten. Und wieder wandte der Gouverneur ſich der Thür zu, um hinaus zu gehen. Aber auf Einmal kehrte er zurück, und ſtellte ſich dicht vor Confalconi hin. ſ Mein Gott, ich hätte bald vergeſſen Ihnen die kaiſerliche Botſchaft auszurichten, ſagte er, ihm feſt in's Antlitz ſtarrend. Numero Zwei, Se. Maj eſtät der Kaiſer hat die Gnade, Ihnen durch meinen Mund melden zu laſſen, daß Ihre Frau vor acht Tagen in Wien geſtorben iſt.*) *) Hiſtoriſch. Die eigenen Worte des Commandanten. Siehe: S. 157. Charles de la Varenne. 174 Ein lauter Schrei tönte von den Lippen des Grafen, todtenbleich taumelte er zurück und bedeckte laut ächzend ſein zuckendes, verſtörtes Angeſicht mit ſeinen beiden Händen. Ah, hat das gewirkt auf den ſtolzen Herrn Grafen, höhnte Manzotti lachend. Giebt es alſo doch noch eine Stelle, wo der große Achilles verwundbar iſt? Hat der gehörnte Siegfried alſo doch noch eine weiche Stelle, wo man ihn faſſen und treffen kann? Ja, ja, ſie iſt todt, die Frau Gräfin Confalconi, geſtorben vor Gram über das Verbrechen, mit welchem ihr eigener Gemahl ſich wie ihre und ſeine Familie ent⸗ ehrt hat, und ihre Kinder gebrandmarkt hat mit dem Brandmal der Schande! Graf Confalconi ließ ſeine Hände von ſeinem Antlitz niedergleiten, und ein ſo zorniger, flammender Blitz ſeiner brennenden Augen traf das Antlitz des Commandanten, daß dieſer erbebte, und faſt erſchrocken vor dieſem drohenden, wilden Angeſicht zurückwich. Nun, ich gehe, um die nöthigen Befehle zu er⸗ theilen, und Sie Ihre Strafen erdulden zu laſſen, ſagte er, ſich zum dritten Mal umwendend nach der Thür hin. Aber vor derſelben ſtanden Caſtiglioni und Bartoni, 097 175 die Arme drohend gegen Manzotti ausſtreckend, die bleichen, zornigen Geſichter ihm zugewandt, ihn an⸗ ſchauend mit dem Ausdruch entſchloſſenen, zornigen Haſſes. Was bedeutet das? fragte Manzotti. Was ſollen dieſe albernen Pantomimen ſagen? Sie ſollen Euch ſagen, daß Eure letzte Stunde gekommen iſt, ſagte Bartoni feierlich. Sie ſollen Euch ſagen, daß Ihr nicht lebend dieſe Schwelle überſchreiten werdet, rief Caſtiglioni. Manzotti lachte laut auf. Ah, Ihr wollt mir Furcht einjagen? fragte er. Oder vielleicht ſeid Ihr des Lebens ganz und gar überdrüſſig und wollt mich ſo ſehr aufreizen, daß ich Euch ſo lange prügeln laſſe, bis Ihr Euren Geiſt aufgebt? Nein, hofft das nicht! Ich werde Euch prügeln laſſen, ganz gewiß, aber nicht ſo viel, daß Ihr daran ſterben könntet. Jetzt fort da von der Thür! Und wenn wir Euch nicht Platz machen wollen? fragte Caſtiglioni ruhig. Wenn wir, bevor wir ſter⸗ ben, oder die Qualen erdulden müſſen, welche Ihr uns auferlegt, uns erſt rächen wollten? Wenn wir, da wir Dich einmal in unſern Händen haben, entſchloſſen ſind, Dich mit unſern Händen zu erwürgen, trotz der Ketten, mit denen ſie belaſtet ſind? 176 Wenn wir alle Diejenigen, welche Du der Ver⸗ zweiflung, dem Tode überliefert haſt, endlich an Dir rächen wollen? fragte Bartoni. Ja, Manzotti, grau⸗ ſamer Henkersknecht der Despotie, die Stunde der Vergeltung, der Rache iſt gekommen. Wir erwürgen Dich, Du wirſt die Schwelle dieſes Kerkers nicht lebend überſchreiten. Eine ſchwere Hand legte ſich auf Manzotti's Schulter, und als er ſich umwandte, ſah er in das bleiche zornige Antlitz des Grafen Confalconi, der hinter ihm ſtand und ihn mit flammenden Blicken anſchaute. Ich ſage, wie meine Freunde ſagen, Du wirſt die Schwelle dieſes Kerkers nicht lebend überſchreiten, ſagte er mit ruhigem, entſchloſſenem Ton. Du haſt genug geſündigt, genug der Verbrechen auf Deine Seele gehäuft, genug Alles verhöhnt, Alles begeifert, was edel, was groß und gut iſt. Du mußt ſterben, Manzotti, Du mußt ſterben! Manzotti zuckte verächtlich die Achſeln. Ich hätte nur nöthig die Stimme zu erheben und zu rufen, ſagte er, und der Schließer und die beiden Schild⸗ wachen würden ſofort erſcheinen und Euch überwälti⸗ gen und mich von dieſen giftigen Inſecten befreien. 177 Aber ich thue es nicht, denn Euer Drohen ſchreckt mich nicht und ich möchte dieſe beluſtigende Scene erſt ganz zu Ende ſpielen laſſen. Jetzt iſt die Reihe an Euch, Munari, jetzt müßt Ihr ſprechen. Mein Gott, habt Ihr Eure Rollen ſo ſchlecht memorirt, daß Ihr ſtumm bleibt? Oder iſt Euer Stichwort noch nicht gekommen? Der alte Mann ſchritt langſam heran, aber er ſchaute nicht zu Manzotti hin, ſondern ſeine Blicke richteten ſich prüfend auf die drei Männer, deren bleiche, drohende Mienen ihn mit tiefem Entſetzen erfüllten. Laßt es genug ſein, meine Kinder, ſagte er ſanft. Wozu die Drohungen, die Vorwürfe? Ueberlaßt dieſen Menſchen der Gerechtigkeit Gottes und den Vorwürfen ſeines eigenen Gewiſſens. Nein, mein Oheim, ſagte Confalconi, nein! Gott ſchweigt zuweilen allzulange mit ſeiner Gerechtigkeit, und es giebt Menſchen, welche taub ſind für die Vor⸗ würfe ihres Gewiſſens. Laß uns daher an dieſem Verbrecher Gerechtigkeit üben. Er iſt des Todes ſchuldig! Er ſoll ſterben! Lache nicht, Manzotti, lache nicht, denn die Stunde Deines Todes iſt gekom⸗ men. Du haſt das Vaterland, Du haſt Deine Brü⸗ Mühlbach, Erzherzog Johann. 4. Avth. I. 12 178 der, Deinen eigenen edlen Vater verrathen, Du mußt ſterben. Du mußt ſterben, wiederholten die beiden Andern, indem ſie ſich dicht an Manzotti herandrängten und ſeinen Leib wie mit einer lebendigen Mauer umgaben. Manzöotti erbleichte, er las in den blitzenden Augen ſeiner drei Feinde, daß es ihnen Ernſt ſei mit ihren Drohungen, daß ſie feſt entſchloſſen waren, ihn zu tödten. Er wollte rufen, er öffnete ſchon den Mund, aber Confalconi's ſchwere Hand verſchloß ihm die Lippen, er fühlte an ſeinem Halſe die Hände der bei⸗ den Andern, welche ſich wie eiſerne Klammern um ſeine Gurgel legten; von Entſetzen ergriffen, ſchloß er die Augen. Die eiſernen Klammern legten ſich feſter um ſeinen Hals, Blitze ſchoſſen an ſeinen Augen vor⸗ über, ein wunderbares Klingen und Brauſen erfüllte ihm die Ohren, und doch durch dieſes Gebrauſe hin⸗ durch vernahm er die Stimmen der drei Grafen, welche ihn verurtheilten. Er ſoll ſterben, der Verräther am Vaterlande! Er ſoll ſterben, der Verbrecher, der uns Alle ver⸗ kauft hat! Er ſoll ſterben, der ehrloſe, nichtswürdige Sohn, der ſeinen eigenen Vater verrathen hat! 179 Nein, er ſoll leben, rief jetzt der alte Baron Mu⸗ nari mit lauter gebieteriſcher Stimme, er ſoll leben, ſich ſelbſt zur Strafe, allen Verräthern zum warnen⸗ den Beiſpiel. Laſſet Eure Hände ab von ihm. Seht Ihr denn nicht auf ſeiner Stirn ſchon jetzt das Brand⸗ mal der Schande? Trieft nicht das Blut ſeiner Brü⸗ der ſchon von derſelben hernieder, iſt ſie nicht gezeichnet mit dem Kainszeichen des Brudermordes? Der Tod wäre für ihn eine Rettung, das Leben allein kann ihn beſtrafen. Laßt ihn alſo leben, ſage ich, laßt ihn leben, damit er alles Das zu Schanden werden ſehe, für welches er ſich verkauft hat, für welches er zum Verräther und Brudermörder geworden. Laßt ihn leben, damit er einſt Zeuge werde der heiligen Revo⸗ lution, welche die Götter in Trümmern ſchlagen wird, für die er ſich verkauft hat. Laßt ihn leben, damit er die Morgenröthe aufgehen und den Tag kommen ſehe, damit er Zeuge iſt, wie eine neue Welt ſich er⸗ hebt aus den Trümmern der alten. Dieſe neue Welt wird kommen und er ſoll ſie ſehen. Er ſoll ſehen, wie der Deſpot in Wien von ſeinem Thron geſtürzt wird, er ſoll ſehen, wie er mit ſeinen Creaturen flieht vor dem Wuthgeſchrei ſeiner Unterthanen, die endlich ihrer Freiheit, ihres Rechtes begehren und nicht mehr 12 180 Sclaven, nicht mehr unterwürfige Diener, ſondern freie Männer ſein wollen. Er ſoll ſehen, wie die Despoten ſtürzen und mit ihnen ihre Creaturen, mit ihnen er ſelber und alle ſeines Gelichters. Er ſoll verachtet, verhöhnt und verſpottet von den freien Männern, vergebens nach einem Zufluchtsort ſuchen, ſeine Schande zu verbergen und ſich zu retten vor der Verachtung der Guten und Edlen. Er ſoll leben, ſage ich Euch. Laßt Eure Hände von ihm, ich gebiete es Euch kraft meines Amtes als der Meiſter und Vorſitzende des großen, heiligen Bundes, dem wir angehören und für den wir leiden und dulden. Die drei Grafen hatten, während Munari mit lauter begeiſterter Stimme, mit verklärtem Angeſicht ſeine beſchwörenden Worte an ſie richtete, immer noch ihre Hände feſt um den Hals des Commandanten geſchlungen, immer noch ſeinen Mund feſt zugehalten, um ihn am Schreien zu hindern. Jetzt bei den letzten Worten Munari's zogen ſie alle Drei wie auf Commandowort ihre Hände fort und traten mit düſtern Blicken von dem Commandan⸗ ten zurück. Manzotti ſchüttelte ſich und athmete ſchwer auf, dann nahmen ſeine Züge wieder ihren gewohnten, 181 lächelnden, hämiſchen Ausdruck an. Seid verſichert, ſagte er, daß ich Euch dieſe Scene nicht vergeſſen werde und daß Ihr mir für dieſelbe büßen ſollt. In dieſem Augenblick wurde von außen laut und heftig an die Thür geklopft und eine Stimme rief dringend und ängſtlich faſt ſeinen Namen. Was giebt es, Ferenz, was willſt Du? fragte Manzotti, der die Stimme ſeines Kammerdieners er⸗ kannt hatte. Ew. Gnaden mögen verzeihen, daß ich Sie ſtöre, rief die Stimme, aber ich ſtehe hier ſchon eine halbe Stunde und warte, daß Ew. Gnaden herauskommen ſollen. Es iſt ſoeben ein zweiter Courier gekommen mit dringenden Depeſchen aus der Staatskanzlei. Ich komme, Ferenz, ich komme, rief Manzotti. Die Thür auf, raſch! Und indem er ſich zu den Gefangenen wandte und ſie mit einem freundlichen Neigen des Kopfes grüßte, ſagte er: Der Kaiſer ruft mich und der Dienſt. Wenn ich aber meine Depeſchen geleſen habe, dann werde ich an Euch denken, und ſeid verſichert, ich werde Euch noch heute belohnen für die reizende Scene, welche Ihr mir aufgeführt. Der Schließer hatte dem Befehl gemäß die Thür 182 jetzt geöffnet. Manzotti eilte hinaus und hinter ihm fiel die Thür wieder ſchwer in das Schloß. Man hörte, wie der Schlüſſel in das Schloß geſteckt ward und wie er knarrend und pfeifend ſich in demſelben drehte. In dieſem Moment legte der alte Munari ſeine Hand auf Confalconi's Arm. Tretet heran, dicht zu mir heran, flüſterte er. Es geht uns eine Botſchaft zu, glaube ich. Als der Commandant die Perrücke auf ſeiner Hand ſchüttelte, fiel ein kleiner Zettel dar⸗ aus hervor und gerade vor mir nieder. Ich ſetzte meinen Fuß darauf, und während Ihr dann mit dem Commandanten ranget, hob ich ihn auf. Hier iſt das Papier, Confalconi. Lies uns vor, was darauf ge⸗ ſchrieben ſteht. Confalconi nahm das Stückchen Papier und näherte ſich damit dem hellern Raum. Die Augen der Ge⸗ fangenen waren feſt auf ihn gerichtet und mit ange⸗ haltenem Athem warteten ſie auf ſeine Worte. Indeſſen Confalconi, welcher das Stückchen Papier ſorgſam von allen Seiten betrachtet hatte, zuckte die Achſeln. Es iſt ein Irrthum, meine Freunde, ſagte er dann traurig. Es ſteht nichts auf dem Papier, es iſt vollkommen leer. 183 Und er reichte den Zettel ſeufzend an Bartoni, der eben zu dem Grafen herangetreten war. Ja, ſagte dieſer, das Papier iſt anſcheinend leer, aber wer weiß. Wer uns eine Botſchaft zukommen laſſen will, muß vorſichtig ſein. Vielleicht hat man ſich ſtatt der gewöhnlichen Dinte einer ſympathetiſchen bedient. Es giebt eine ſolche, die nur ſichtbar wird, wenn man das Papier erwärmt. Machen wir alſo einmal die Probe. Er nahm das Papier, und es dicht an ſeinen Mund haltend, hauchte er es fortwährend mit ſeinem Athem an. Dann nach einer Pauſe betrachtete er es mit aufmerkſamen Blicken. Ich irrte mich nicht, ſagte er. Schon treten ein⸗ zelne bräunliche Buchſtaben hervor. Nur noch ein wenig Geduld und wir werden ſie entziffern können. Wieder ſuchte er das Papier mit ſeinem Hauch zu erwärmen. Die Gefangenen ſchauten ihm zu in fie⸗ berhafter Spannung, mit hochklopfendem Herzen. Als Bartoni dann wieder ſeine Augen auf das Papier heftete, flog ein freudiger Ausdruck durch ſeine Züge. Er winkte den Freunden, ſich ihm zu nähern, und als dieſe haſtig zu ihm herantraten, las er mit leiſer gedämpfter Stimme:„Das Leben des Kaiſers 184 nähert ſich ſeinem Ende. Habt alſo Muth und harrt in Geduld. Sein Tod bringt Euch die Freiheit.“ Die Gefangenen ſahen einander an mit leuchtenden Augen, mit ſtrahlenden Geſichtern, dann, von Einem und demſelben Gefühl ergriffen, ſanken ſie alle Vier auf ihre Kniee nieder und beteten inbrünſtig. Der Commandant war indeſſen haſtigen Schrittes in ſein Wohnzimmer zurückgekehrt, um da die De⸗ peſchen in Empfang zu nehmen, welche für ihn ange— langt waren und die Ferenz auf dem Schreibtiſch ſeines Herrn ſchon deponirt hatte. Eine finſtere Wuth tobte in dem Buſen Man⸗ zotti's, er preßte die Lippen aufeinander, als wollte er die Flüche zurückdrängen, die ſeine Bruſt erfüllten, er hob drohend die geballte Fauſt empor, als ſähe er da vor ſich den verhaßten Feind, dem er ſie in's Antlitz ſchleudern wollte. Ihr ſollt an dieſen Tag denken, murmelte er zähne⸗ knirſchend. Ich will ihn für Euch Alle zu einem memento mori machen, Ihr ſollt ihn in Euren Glie⸗ dern aufgezeichnet bekommen für Euer ganzes arm⸗ ſeliges, Berkrüppeltes Daſein. Ah, ich will ſie züchti⸗ gen, ich will ſie martern laſſen, ſie ſollen ſchreien vor Jammer, ſie ſollen um Gnade flehen. Und ich werde 185 ihnen keine Gnade gewähren. Nein, nein, nein, keine Gnade! Er ſtand jetzt vor ſeinem Schreibtiſch und ſein Auge fiel auf die verſiegelte Depeſche, welche Ferenz dorthin gelegt. Wie aus einem Traum erwachend blickte Manzotti ſie an und fuhr ſich mit der Hand langſam über ſeine Stirn hin, auf welcher noch große Schweißtropfen ſtanden. Ah, es iſt wahr, ich vergaß, ſagte er aufathmend. Depeſchen aus Wien. Ich ging hierher, um ſie zu leſen. Er nahm den Brief, erbrach haſtig das Siegel und ſchlug das Papier auseinander. Aber indem er das that, ſiel aus demſelben ein kleineres eng zuſam⸗ mengefaltetes Briefchen hervor. Seltſam, ſagte Manzotti, indem er es vom Boden aufhob und es ſorgfältig betrachtete. Seltſam in der That! Das duftet, als käm's direct aus dem Bou⸗ doir einer ſchönen Dame, und hat ganz das Ausſehen, als wär's ein Liebesbriefchen. Und keine Aufſchrift? Und auf dem Siegel nur eine empfindſame Deviſe, kein Wappen? Mein Gott, was bedeutet das? Und wie kommt ein ſolcher Brief in eine kaiſerliche De⸗ 186 peſche? Aber leſen wir erſt die Depeſche, vielleicht wird darin das Räthſel gelöſt. Indeß dieſe kaiſerliche Depeſche war keineswegs dazu geeignet, das Räthſel zu löſen. Sie enthielt in kurzen gebieteriſchen Worten den Befehl, die drei Gefangenen, die beiden Grafen Confalconi und Caſtiglioni, ſo wie den Baron Munari fortan unter keinen Umſtänden mehr zur härteſten Kerkerſtrafe zu verurtheilenber⸗ haupt ihnen keine außerordentlichen Strafen zuzudic⸗ tiren, ohne vorher an das kaiſerliche Cabinet berichtet und die ſpecielle Erlaubniß und Genehmigung einge⸗ holt zu haben. Ferner ward dem Commandanten be⸗ fohlen, den Gefangenen jetzt täglich warme Speiſen zu verabreichen und ihnen für ihre nächtlichen Lager⸗ ſtätten wärmere Decken zu geben. Manzotti las dieſe Depeſche mit immer wachſen⸗ dem Erſtaunen, das ſich noch erhöhete, als er jetzt die Unterſchrift betrachtete. Zum erſten Male, ſeit Manzotti Commandant des Spielberges war, zum erſten Male ſeit vierzehn Jah⸗ ren erhielt er aus dem unmittelbaren Cabinet des Kaiſers Franz eine Depeſche, welche nicht mit dem ſelbſtgeſchriebenen Namenszug des Kaiſers unterzeich⸗ net war. 187 Es ſtand unter dieſer Depeſche ein neuer über⸗ raſchender Name, denn es ſtand da:„Vollzogen und unterſchrieben im Namen und Auftrag des Kaiſers. Ferdinand.“ Es geht etwas vor in Wien, ſagte Manzotti er⸗ ſchrocken. Der Kaiſer iſt ſchon ſeit lange kränklich, und wie es ſcheint, hat ſich ſeine Kränklichkeit geſtei⸗ gert, denn wahrhaftig, er muß ſehr krank und weich⸗ müthig geworden ſein, wenn er auf einmal zu ſolchen außerordentlichen Erleichterungen für die Gefangenen ſich geſtimmt fühlt, und wenn er ſeinem Nachfolger geſtattet, in ſeinem Cabinet zu arbeiten und ſtatt ſeiner zu contraſigniren. Oh, es wäre ein Unglück, ein ſchweres Unglück für mich, wenn der Kaiſer ſtürbe, denn ich fürchte, ich fürchte, daß mit ihm auch ſein ganzes Syſtem geſtürzt wird, und dann wird man die getreuen Diener des Kaiſers beſtrafen, weil ſie dem Willen und den Befehlen ihres kaiſerlichen Herrn ge⸗ horſam geweſen, dann— Aber ſehen wir doch, was dieſes geheimnißvolle Briefchen enthält. Er öffnete den kleinen duftigen Brief, und halb⸗ laut, als genüge es nicht, die Worte zu leſen, ſondern als müſſe er ſie auch hören, um ſie ganz zu begreifen, las er:„Der Kaiſer hat nur noch wenige Wochen zu 188 leben. Ferdinand, der Gütige, Weichherzige, iſt ſein Nachfolger. Ferdinand wird die Verhafteten des Spielberg befreien, und wehe Ihnen, wenn dieſe Sie noch ferner der Tyrannei und der Grauſamkeit anzu⸗ klagen haben. Von heute an werden Sie überwacht, und jedes harte Wort, das Sie den Gefangenen ſagen, jede willkürliche Beſtrafung, die Sie ſich erlauben, jede unnöthige Verſchärfung ihrer Kerkerſtrafe wird, ſobald Kaiſer Franz die Augen geſchloſſen, an Ihnen, Herr Commandant des Spielbergs, beſtraft werden. Man wird ſtrenges Gericht halten über den grauſamen Hen⸗ kersknecht, der die Gefangenen quälte und marterte, ſtatt ſich mitleidsvoll ihres Unglücks zu erbarmen. Seien Sie deſſen verſichert und behandeln Sie deshalb Ihre Gefangenen von Stunde an mit Schonung und Milde.“ Unterzeichnet war dieſer Brief mit einem einfachen lakoniſchen C. Wer kann das ſein? fragte Manzotti, den ver⸗ hängnißvollen Buchſtaben anſtarrend. Wer iſt in dem Cabinet des Kaiſers, deſſen Name mit einem C. be⸗ ginnt? Doch es iſt offenbar eine Damenhand, die das geſchrieben. Aber wie iſt alsdann das Briefchen in die Depeſche gekommen? Wer hat den Erzherzog 189 Ferdinand bewogen, es in die Depeſche zu legen, und— Plötzlich verſtummte Manzotti, eine tiefe Bläſſe überflog ſeine Wangen, und wie von einem plötzlichen Schwindel ergriffen ſank er auf den Stuhl vor dem Schreibtiſch nieder. Mein Gott, murmelte er, jetzt begreife ich, jetzt wird mir Alles klar. Dieſes C. bedeutet Cibbini. Die Kammerfrau der zukünftigen Kaiſerin, die Favorite des zukünftigen Kaiſers, Katharina Cibbini, ſie iſt es, die mir dieſen Drohbrief geſchrieben, und ſie iſt die nahe Verwandte meiner Gefangenen. Ich kenne ſie, ich kenne Katharina Cibbini. Sie iſt eben ſo klug als ſchön, eben ſo rachſüchtig und intriguant als liſtig und berechnend. Sie hätte es nicht gewagt zu ſchrei⸗ ben, wenn ſie nicht wüßte, daß ſie bald im Beſitz der Macht und Gewalt ſein würde, ſie hätte nicht gedroht, wenn ſie nicht im Stande wäre, ihre Drohungen zu erfüllen. Ich bin ein ruinirter, ein verlorner Mann, wenn ſie es will. Alles, was ich ſeit funfzehn Jahren erlangt, was ich ſo mühſam Stein für Stein aufge⸗ baut, Alles wird mir in Trümmer ſtürzen, wenn es mir nicht gelingt, Katharina Cibbini, die Favoritin des zukünftigen Kaiſers zu beſänftigen. 190 Er ſtarrte wieder in den Brief hinein und wie⸗ derholte mit lauter Stimme die Worte:„Von heute an werden Sie überwacht, und jedes harte Wort, das Sie den Gefangenen ſagen, jede willkürliche Beſtrafung, die Sie ſich erlauben, jede unnöthige Verſchärfung ihrer Kerkerſtrafe wird, ſobald Kaiſer Franz die Augen geſchloſſen, an Ihnen, Herr Commandant des Spiel⸗ bergs, geſtraft werden. Jeſus Maria, rief er dann laut und erſchrocken, Jeſus Maria, und ich habe dem Gefängniß⸗Inſpector befohlen, ihnen Jedem zwanzig Hiebe zu geben, ihnen ſchwere Ketten anzule gen und ſie in die Kerker ſchwer⸗ ſten Grades abzuführen. Er ſtürzte nach der Handklingel und ſchellte ſo heftig, daß Ferenz angſtvoll herein ſtürzte und mit erſchrockenem Geſicht nach ſeinen Befehlen fragte. Der Gefängniß⸗Inſpector ſoll kommen, ſchrie Man⸗ zotti, gleich, auf der Stelle ſoll er hierher kommen! Ferenz ſtürzte von dannen und nach wenigen Mi⸗ nuten trat der Geforderte in das Gemach des Com⸗ mandanten ein. Wo ſind die Gefangenen Numero Eins bis Vier? fragte Manzotti athemlos. Sie ſind noch im Gefängniß Numero Zehn, war — die Antwort. Ich habe erſt alle Vorbereitungen ge⸗ troffen, jetzt aber iſt Alles bereit und die Execution ſoll ſogleich vor ſich gehen. Nein, um Gotteswillen nicht, rief Manzotti. Nein, ich nehme mein Wort zurück. Keine Prügel, keine ſchweren Ketten, keine Ausnahmeſtrafen! Wir wollen es einmal mit der Milde, mit der Nachſicht verſuchen, Herr Inſpector. Unſere Härte hat die ſtörriſchen Ge⸗ fangenen nicht gebeſſert und ſie nicht von ihren hoch⸗ verrätheriſchen Ideen curirt. Verſuchen wir es alſo mit der Güte und Milde. Vielleicht werden ſie ge⸗ rührt und bekehren ſich zu beſſern Geſinnungen, wenn man ihnen Wohlthaten gewährt und ihnen ſagt, daß das geſchieht im Namen des Kaiſers. Ja, ja, wir wollen das thun. Führen Sie die Gefangenen in die Gefängniſſe der obern Etage, geben Sie ihnen für die jetzigen kalten Nächte warme Decken, und— ja, und wir wollen ihnen auch, ſo lange es ſo kalt iſt, täglich eine warme Suppe und zweimal in der Woche etwas gebratenes Fleiſch zukommen laſſen. Nun, was ſtehen Sie und ſtarren mich an, Herr Inſpector Brand? Haben Sie mich etwa nicht verſtanden? Ja, Ew. Gnaden, aber ich weiß nicht, mir ſcheint, ich habe Ew. Gnaden mißverſtanden, oder ich habe 192 vielleicht Einiges falſch gehört. Erlauben Ew. Gna⸗ den, daß ich die mir eben ertheilte Inſtruction ſo wiederhole, wie ich ſie verſtanden habe. Ich ſoll die Gefangenen in die obere Etage placiren, ich ſoll ihnen Decken für ihre Pritſchen und warme Speiſen geben laſſen? Habe ich das richtig verſtanden? Ja doch, ja, Brand, das iſt richtig. Und— be⸗ gegnen Sie den Gefangenen mit Höflichkeit, weiſen Sie auch die Schließer dazu an. Kein hartes Wort, kein Hohn und Spott, keine Gewaltthat. Starren Sie mich nicht ſo an, gehen Sie und thun Sie, wie ich Ihnen geſagt habe. Er winkte ſchnell und gebieteriſch nach der Thür hin, er ſchlug faſt beſchämt vor den ſtaunenden, ent⸗ ſetzten Blicken des Inſpectors die Augen nieder, er fühlte, wie ihm das Blut in die Wangen ſtieg und ſein Geſicht dunkelroth färbte, und wie ein ſeltſames brennendes Naß ſeine Augen füllte. Heftiger winkte er nach der Thür hin, und dann, als der Inſpector dieſem Gebot folgend hinausgegan⸗ gen und Manzotti jetzt allein war, dann ſank er auf einen Stuhl hin, und die lange zurückgehaltenen Thrä⸗ nen der Wuth, der Scham, der Angſt ſtürzten in hellen Bächen aus ſeinen Augen hervor. 193 Sie haben mich heute beſchimpft und gemißhandelt, ſchrie er, wüthend die Hände ballend, und ich kann nicht einmal Rache nehmen, kann ſie nicht einmal ſtrafen dafür. Nein, ich muß ihnen ſchmeicheln und. ſie hätſcheln. Muß es thun, denn wenn der Kaiſer ſtirbt, bin ich ein ruinirter Mann! Mühlbach, Erzherzog Johann. 4. Abth. 1. VII. 4 Frauen und Mrieſter. In einem unſcheinbaren, von düſtern Vorhängen beſchatteten Gemach ſaßen zwei Frauen auf dem Divan neben einander; ihre Hände ineinander gelegt, ſchwei⸗ gend, die erwartungsvollen Blicke nach der kleinen Tapetenthür gerichtet, welche ſich in der Wand gegen⸗ über dem Divan befand. Es waren zwei junge Frauen von ſtolzem, ariſtokratiſchem Ausſehen, von ernſtem, gebieteriſchem Weſen, das wenig zu der ein⸗ fachen Umgebung dieſes Gemaches paßte. Die Eine von ihnen war ſchlank und hochgewachſen, weit über die gewöhnliche Größe der Frauen hinaus, und auf der edlen wundervoll geformten Büſte trug ſie auf ſchlankem Halſe ein Haupt von überraſchender ſeltener Schönheit. Nie ſah man zwei flammendere, 195 dunklere Augen, nie eine ſtolzere, höhere Stirn, nie einen Mund, deſſen ſchwellende purpurrothe Lippen mehr dazu geeignet geweſen wären, ſüß und zäértlich zu lächeln, oder glühende Worte der Liebe, holde Worte der Güte zu ſprechen. Aber dennoch lag etwas in dem Enſemble dieſes Angeſichts, das dem Allen wider⸗ ſprach, das einen Mißton in die holde üppige Frauen⸗ ſchönheit dieſes Kopfes brachte. Dieſe ſo flammen⸗ den großen Augen waren ernſt und ſchienen nur Blitze des Zorns, nur das Aufflammen des Geiſtes zu kennen; dieſe hohe Stirn war umſchattet von düſtern Gedanken und auf den ſchwellenden Purpur⸗ lippen ſpielte auch nicht der leiſeſte Schimmer eines Lächelns. Die Dame neben ihr, nur um zwei Jahre älter als ihre Gefährtin, zeigte dennoch in ihrer ganzen Erſcheinung wenig von der Anmuth und Heiterkeit der Jugend, und die Schönheit der andern Dame neben ihr machte ihr eigenes Angeſicht noch unbedeu⸗ tender und reizloſer erſcheinen. Auch ſie hatte große dunkle Augen, aber der Geiſt blitzte nicht in ihnen, auch ſie hatte eine hohe Stirn, aber ſie war klar und wolkenlos, ohne daß doch die ſchöne Heiterkeit der Jugend auf ihr thronte; auch ihre Lippen waren 13 196 ſchwellend und purpurroth, aber man ſuchte auf den⸗ ſelben kein Lächeln und keine zärtlichen Worte, denn man ſah es dieſen bleichen gelblichen Wangen, dem ganzen Charakter dieſes Angeſichtes wohl an, daß es der Spiegel einer Seele war, die wenig von den Sonnenſtrahlen des Glückes durchleuchtet worden, und die vielleicht die Schmerzen des Unglücks mit dem Muthe weiblicher Reſignation zum Schweigen gebracht hatte. Sie glauben alſo, meine liebe Anna, ſagte die ſchönere der beiden Damen mit einem ſeltſamen Lächeln, Sie glauben, daß Ihr Gemahl, mein vielgeliebter Schwager, wirklich die Abſicht hegt, den Fürſten Met⸗ ternich zu entfernen, ſobald er die Macht dazu hat? Ja, meine theure Sophie, ich bin davon überzeugt, erwiederte die zweite Dame. Ich ſelber bin bemüht geweſen, ſeine Abneigung gegen den Fürſten zu ver⸗ ſtärken, und ich bin darin von meiner Kammerfrau Katharina Cibbini auf das Wirkſamſte unterſtützt worden. Und Sie ſind überzeugt, meine Freundin, daß Sie dieſer Perſon vertrauen dürfen? Ja, ich bin davon überzeugt. Ich kenne ſie von früheſter Jugend an, ſie iſt mit mir auferzogen wor⸗ 197 den und ihre Familie iſt unſerm Hauſe Dank ſchuldig. Als ihr Vater in frühern Zeiten wegen Hochverraths vom Kaiſer Leopold zum Tode war verurtheilt wor⸗ den, gelang es ihm aus dem Gefängniß zu entkom⸗ men und ſich nach Sardinien zu flüchten, wo er am Hofe meines Vaters eine huldvolle Aufnahme fand und durch deſſen Vermittelung begnadigt ward. Sie ſehen wohl, liebe Sophie, daß Katharina Cibbini meinem Hauſe Dank ſchuldig iſt und daß ich daher auf ihre Treue rechuen kann. Oh, meine Theure, rief die ſchöne Dame mit einem ſpöttiſchen Lächeln, ich ſehe nur, daß Sie ein edles Herz haben und daß Sie die Welt und die Menſchen ſehr wenig kennen. Dankbarkeit! Mein Gott, wie jung Sie ſind, noch an Dankbarkeit zu glauben bei Denen, welche uns verpflichtet ſind. Und Treue! So⸗ gar auf Treue rechnen Sie! Ah, ich ſage es noch einmal, wie jung Sie ſind, theuerſte Anna. Ich bin indeſſen um zwei Jahre älter als Sie, liebe Sophie, erwiederte die Andere lächelnd. Aber Sie kennen das Leben und die Welt nicht, meine Freundin. Sie haben immer in ſtiller Zurück⸗ gezogenheit gelebt, und Ihr Daſein iſt in ſanfter, un— 198 geſtörter Ruhe ohne Erfahrungen und ohne Schmerzen dahingegangen. Anna ſchüttelte leiſe ihr Haupt und ein Seufzer hob ihren Buſen. Sie irren, liebe Sophie, ſagte ſie traurig. Ich habe auch meine Schmerzen und meine Kämpfe gehabt, und es hat lange genug gedauert, bis ich mein Herz getödtet und ſeine Wünſche zum Schwei⸗ gen gebracht habe. Oh, rief Sophie, ſie mit erſtaunten Blicken an⸗ ſchauend, als entdecke ſie eben an ihr eine üperraſchende Merkwürdigkeit, oh, Sie haben alſo wohl unglücklich geliebt? Ja, ſagte Anna leiſe und ſchüchtern, ja, ich habe geliebt und ich mußte meiner Liebe entſagen, um die Gemahlin des künftigen Kaiſers von Oeſterreich zu werden. Sie nannten das eine glänzende Partie, und ſie wußten nicht, daß mein Herz ſtarb in demſelben Augenblick, als ich vor den Altar trat, um einem Andern vermählt zu werden, einem Andern als dem, welchen ich liebte. Ach, Anna, wie ſehr ſind Sie zu beneiden, rief Sophie hochaufathmend. Jetzt war es Anna, welche die Freundin mit er⸗ ſtaunten Blicken betrachtete. Zu beneiden? fragte ſie. 199 Ich ſage Ihnen, daß ich gelitten habe, daß ich unglück⸗ lich geweſen bin und— Sie ſagten mir aber auch, daß Sie geliebt haben, unterbrach ſie die Andere, und um Ihrer Liebe willen beneide ich Sie. Mein Gott, es iſt immer doch beſſer, unglücklich geliebt, als gar nicht geliebt zu haben. Es iſt wahr, Sie haben Ihrer Liebe entſagen, Sie haben ſich einem ungeliebten Manne vermählen müſſen. Aber es ſind Ihnen Ihre Erinnerungen geblieben, an denen Sie ſich tröſten, an denen Sie Ihr Herz er⸗ quicken können; es kann Ihnen Niemand verwehren, in der Tiefe Ihres Herzens Deſſen zu gedenken, den Sie geliebt haben, und der natürlich noch viel mehr Sie geliebt hat. Gott wolle verhüten, daß ich mich jemals einer ſolchen Sünde überlaſſe und ſolchen verbrecheriſchen Gedanken nachzuhängen wage, rief Anna, ſich fromm bekreuzigend. Die heilige Jungfrau, zu der ich täglich inbrünſtiglich bete, die heilige Jungfrau weiß, daß ich mein Herz mit allen ſeinen Wünſchen auf den Altar meiner Pflicht niedergelegt habe. Meine Freundin, das iſt indeſſen ein ſehr düſterer Altar, auf dem keine Kerzen des Glückes leuchten. Ich ſtehe ja auch vor ſolch einem Altar, nur daß er 200 mir niemals von einer ſchönen Erinnerung beleuchtet und erhellt wird. Denn ich, ſehen Sie, ich habe gar keine Erinnerungen, und das Glück einer unglücklichen Liebe iſt mir nicht einmal zu Theil geworden. Ich habe niemals geliebt. Das iſt ein troſtloſes Wort, und noch troſtloſer iſt es, hinzufügen zu müſſen: ich weiß nicht, ob ich jemals geliebt worden bin. Mein Loos iſt das gewöhnliche Loos der Prinzeſſinnen ge⸗ weſen. Man hat mich, ohne beſonders um meine Einwilligung zu fragen, vermählt, man hat es mir überlaſſen, zu verſuchen, ob ich nachträglich als Frau den Mann zu lieben vermöchte, dem man mich als Prinzeſſin vermählt hatte. Nun, ich habe es verſucht; ich hatte wirklich die Schwärmerei, mir das erwerben zu wollen, was jede Privatperſon als ihr heiliges Recht beanſprucht, ich wollte mir ein häusliches Glück aufbauen, ich wollte meinen Gemahl lieben und von ihm geliebt werden. Und Sie haben Ihr ſchönes Ziel erreicht, Sie ſind eine glückliche, geliebte Gattin. Ach, meine Liebe, ſtreiten wir nicht darüber. Mein Gemahl hat mich eben ſo wenig aus Liebe gewählt, wie ich ihn. Er hat ſich der Nothwendigkeit gefügt, wie ich es that, und da ich, wie man mir ſagte, leid⸗ 201 lich hübſch war, ſo fing er damit an, ſich in meine Perſon zu verlieben, das war Alles. Mein Herz und meine Seele hat er ſo wenig verſtanden, wie ich ihn. Wir paſſen eigentlich nicht zu einander, er müßte meine Frau ſein und ich ſein Mann, dann würde es beſſer gehen und mehr Harmonie in unſerer Ehe ſein. Nun, meine Freundin, ſo ſind Sie wenigſtens eine glückliche Mutter. Ja, es iſt wahr, eine glückliche Mutter, ſagte Sophie innig. Ich liebe meine Söhne auf das Zärt⸗ lichſte, ich habe Alles, was ich von der Zukunft hoffe und erwarte, auf ihre Häupter gelegt, ſie ſollen mich entſchädigen für meine Vergangenheit, durch ſie will ich mir Ruhm, Macht und Anſehen erwerben, und mein Ehrgeiz— Aber da kommt nun endlich meine Schweſter. Sie erhob ſich lebhaft von dem Divan und eilte, gleich ihrer Freundin, der Dame entgegen, welche eben durch die Tapetenthür in das Gemach eintrat. Sie war eine hochgewachſene ſchöne Frau von wenig mehr als vierzig Jahren, von ſtolzer fürſtlicher Haltung und dabei doch umſtrahlt von ſanftem Liebreiz und hol⸗ deſter Weiblichkeit. Ihr Antlitz zeigte eine auffallende Aehnlichkeit mit dem ihrer Schweſter Sophie, nur 202 hatten die Jahre ſchon hier und da leiſe Linien und Furchen durch daſſelbe gezogen und die roſige Friſche ihrer Wangen gebleicht. Gegrüßt ſei Ew. Majeſtät, ſagte Anna ſich tief verneigend. Ew. Majeſtät, wiederholte die Dame lächelnd. Sie wiſſen ja, theuerſte Anna, ſobald wir die Schwelle dieſes Gemaches überſchritten haben, hört jede Titula⸗ tur und jede Etiquette auf. Das war eins der Geſetze, die wir geſchworen haben, zu befolgen, als wir uns zu dieſen Zuſammenkünften vereinigten. Oh, es war eine herrliche Idee von Dir, meine liebe Sophie, daß wir uns wöchentlich einmal zu einer ge⸗ heimen Beſprechung zuſammenfinden wollten, und ich geſtehe, daß ich mich immer die ganze Woche ſchon freue auf den Sonnabend und die ſtille Stunde, die ich hier mit Euch, meinen Freundinnen, in ungezwun⸗ genem Beieinanderſein hinbringen kann. Das iſt eine glückliche Stunde, die wir armen Fürſtinnen unſerm vielgebundenen eintönigen Leben abgewinnen. Hören Sie nur, Anna, rief Sophie lächelnd, auch meine Schweſter rechnet ſich zu den armen Fürſtinnen und ſie iſt doch eine Kaiſerin. Ich bleibe dabei, Sie ſind die Glücklichſte von uns Dreien und ganz gewiß 203 auch die Reichſte, denn Sie haben doch Ihre Erin⸗ nerungen. Und was ſind das für Erinnerungen? fragte die Kaiſerin, indem ſie ſich in der Mitte des Divans niederſetzte und den Damen winkte, zu beiden Seiten neben ihr Platz zu nehmen. Stelle Dir vor, liebe Karoline, ſagte Sophie, daß unſere Freundin Anna— Sophie, ich beſchwöre Sie, bat Anna ſchüchtern, ſchweigen Sie, fahren Sie nicht fort. Doch, doch, meine Theure, fagte Sophie lebhaft. Wie, vergeſſen Sie unſere vier Geſetze? Wir haben einander Viererlei geſchworen, als wir uns zu dieſen geheimen Zuſammenkünften vereinigten. Erſtens: ſo⸗ bald wir die Schwelle dieſes Gemachs überſchreiten, hört alle Etiquette auf und wir ſind nur drei Freun⸗ dinnen, die ohne Ceremoniell miteinander plaudern. Zweitens: Wir haben kein Geheimniß vor einander, und Alles, was wir erlebt, gedacht oder beobachtet haben, das theilen wir uns mit, ſobald wir in dieſem Gemach beieinander ſind. Drittens: Dieſe Zuſammen⸗ künfte ſind unſer gemeinſchaftliches Geheimniß, das keine von uns Dreien ohne Bewilligung der andern Zwei irgend Jemand mittheilen kann und das wir 204 bis jetzt Niemandem mitgetheilt haben, außer unſern Beichtvätern. Viertens: Dieſe Zuſammenkünfte haben zum Zweck, uns auszuſprechen über alles das, was unſererſeits geſchehen muß, um das Intereſſe des Staates, der Kirche und unſeres Hauſes zu fördern und zu ſtützen. Nun, nieine Freundinnen, ſeid Ihr dieſer vier Geſetze eingedenk geblieben? Ja, wir ſind derſelben eingedenk geblieben, ſagten die beiden Frauen feierlich. Demzufolge, meine liebe Anna, fuhr Sophie fort, demzufolge dürfen Sie nichts dagegen haben, wenn ich meiner Schweſter Karoline Ihr ſchönes Herzens⸗ geheimniß mittheile. Denke Dir, Karoline, dieſe glück⸗ liche Frau Anna! Sie hat eine Vergangenheit, ſie hat Erinnerungen. Eine unglückliche Liebe, denke Dir, welch ein Glück, Karoline. Sie iſt geliebt worden und ſie hat geliebt. Und das nennſt Du ein Glück? fragte ihre kaiſer⸗ liche Schweſter ſanft. Ein Glück, alle dieſe Qualen der Entſagung, des leidenſchaftlichen Wünſchens, der geheimen Thränen, der ſchweigenden Verzweiflung durchzukämpfen und— Wie, meine Schweſter, unterbrach ſie Sophie er⸗ ſtaunt, ſollteſt Du auch Deine Erfahrungen haben? 1 205 Du ſchilderſt das ſo lebhaft, daß man glauben ſollte, Du hätteſt das Alles ſelbſt erlebt. Hätteſt Du viel⸗ leicht auch eine unglückliche Liebe gehabt? Ja, ſagte die Kaiſerin ſeufzend, ja, ich habe ſie gehabt. Eine unglückliche Liebe, um ſo unglücklicher, da dieſe Liebe nicht erwiedert ward. Ich liebte meinen erſten Gemahl, den jetzigen König von Würtemberg, ich hatte ihm mein ganzes Herz, meine ganze Seele gegeben. Ich war ganz Sein, aber Er, ach, Er war nicht Mein, und glaubt nur, meine Freundinnen, das iſt für ein Frauenherz der furchtbarſte Kummer. Ich reſignirte mich, ich war glücklich, ihm wenigſtens nahe ſein, mich ſeine Freundin nennen zu dürfen. Aber ſelbſt dieſen traurigen Troſt gönnte mir das Schickſal nicht. Mein Gemahl forderte von mir das Opfer einer Scheidung, und ich brachte es ihm. Fragt mich nicht, wie viel es mich gekoſtet, wie viele Nächte ich auf meinen Knieen gelegen und meine Hände in ver⸗ zweiflungsvollem Schmerz zu Gott emporgerungen habe, bis ich mein widerſpänſtig Herz bezwang und bereit war, das Opfer darzubringen. Aber ich brachte es, ich kehrte zurück zu meiner Familie, ein armes, verſtoßenes, ungeliebtes und dennoch ewig liebendes Weib. 206 Nun, rief Sophie lebhaft, das Schickſal gönnte Dir aber einen köſtlichen Erſatz. Die geſchiedene Kronprinzeſſin von Würtemberg ſollte ſich verklären in eine Kaiſerin von Oeſterreich, und wie mir ſcheint, war das eine herrliche Vergütigung für alle Deine Schmerzen. Frage doch Deine Schwägerin Anna, ob ſie glaubt, daß eine Kaiſerkrone ein Erſatz iſt für ein gebroche⸗ nes Herz? Nun, Anna, Sie glauben das nicht? fragte Sophie erſtaunt. Nein, ich glaube es nicht, ſagte Anna ſanft, indem ſie mit einem zärtlichen Blick der Kaiſerin die Hand darreichte. Wie ſeltſam, rief Sophie lebhaft. Da iſt eine Kaiſerin der Gegenwart und eine Kaiſerin der Zu⸗ kunft, und Beide halten ihre Krone nicht ſo viel werth, daß ſie ihnen Erſatz geben könnte für ihre Liebe. Ich meinestheils wäre bereit, jede Liebe hinzugeben für eine Kaiſerkrone, und kein Glück des Herzens könnte mir Erſatz geben für eine Kaiſerkrone. Du ſprichſt ſo, weil Du niemals wahrhaft geliebt haſt, Sophie. Doch, ich liebe, rief Sophie mit einem ſtolzen m ſo — 207 Lächeln. Ich liebe den Ruhm, ich liebe die Macht, ich liebe den Glanz. Das Schickſal hat mir einen Erſatz dafür gegeben, daß es mir die Liebe entzog— es hat mir den Ehrgeiz gegeben. Meine Freundinnen, wir haben jetzt genug von der Liebe und von unſern Gefühlen geplaudert. Laſſet uns jetzt zu dem Zweck unſerer Zuſammenkünfte übergehen. Sprechen wir von der Politik und von dem, was wir zu thun haben. Zuerſt, meine Schweſter, wie ſteht es mit dem Kaiſer? Was für Hoffnungen haſt Du, was ſagen die Aerzte? Der Huſten des Kaiſers wird mit jedem Tage ſchlimmer, ſagte die Kaiſerin ſeufzend. Die Aerzte machen bedenkliche Geſichter, aber Niemand von ihnen wagt es, dem Kaiſer ſeine Bedenken mitzutheilen, und der Kaiſer hat keine Ahnung davon, daß er an einem gefährlichen Uebel leidet. Und er hat noch immer nicht ſein Teſtament ge⸗ macht? Nein, er hat es noch immer nicht gemacht. Wer ſollte den Muth haben, ihn dazu aufzufordern? Du mußt es thun, meine Schweſter. Das iſt Deine heilige Aufgabe, und Du mußt ſie erfüllen. Es iſt unmöglich, ich kann es nicht, ſeufzte die Kaiſerin. Ich kann nicht ſo grauſam ſein, meinen 208 Gemahl aus ſeiner ruhigen Sorgloſigkeit empor zu ſchrecken, ihm, welcher das Leben ſo ſehr liebt, plötzlich das finſtere Schreckbild des Todes zu zeigen. Der irdiſche Menſch ſoll ſein Fleiſch kreuzigen und den Tod herbeiſehnen als den wahren Erlöſer, mur⸗ melte Anna, indem ſie fromm die Hände faltete und die frommen Blicke zum Himmel erhob. Das irdiſche Leben hienieden ſoll nichts ſein, als das Suchen nach dem himmliſchen, und wie kann man den Weg dahin finden, wenn man dem freundlichen Wegweiſer, dem Tode, ausweichen möchte. Der Kaiſer muß ſein Teſtament machen, rief So⸗ phie ungeſtüm, und er muß darin ſeinem Sohne die Politik vorzeichnen, welche derſelbe zu befolgen hat. Er muß ihm ſagen, daß es ſeinem Nachfolger obliege, wieder gut zu machen, was ſein unglücklicher Vorfahr, was der Kaiſer Joſeph verſchuldet hat. Er muß der Kirche geben, was der Kirche iſt, und Gottes, was Gottes iſt. Ich habe gethan, was ich vermochte, um meinen vielgeliebten Herrn und Kaiſer auf den einzigen Weg des Heils und der Erlöſung zurück zu führen, und um ihn denen geneigt zu machen, welche ſo viel un⸗ verdiente Verfolgung und ſo bittern Haß zu erdulden 209 gehabt. Die frommen Väter Jeſu müſſen wieder zurückkehren dürfen nach Oeſterreich, das iſt meine tiefſte und heiligſte Ueberzeugung, und ich habe es nicht bloß in die Hand meines Beichtvaters, ſondern ich habe es auch in die Hand Gottes gelobt, daß die Wiedereinführung der Väter Jeſu die Aufgabe meines ganzen Daſeins, das Ziel meines eifrigſten Strebens ſein ſoll. Und Sie werden an mir ſtets eine treue Ge⸗ fährtin in dieſem Streben finden, ſagte Anna mit un⸗ gewohnter Lebhaftigkeit. Auch ich habe in die Hand meines Beichtvaters gelobt, mit allen mir zu Gebote ſtehenden Mitteln nach der Wiedereinführung der from⸗ men Väter Jeſu zu trachten. Auch ich habe das meinem Beichtvater, dem lieben und getreuen Pater Bex gelobt, rief Sophie. Die Wiedereinführung der Jeſuiten, das iſt alſo für uns Drei das Loſungswort, das iſt das Ziel unſeres ge⸗ meinſamen Strebens, darauf müſſen alle unſere Ge⸗ danken, unſere Kräfte, unſere Wünſche gerichtet ſein. Die Völker ſind in Unglauben und Irrthümer ver⸗ fallen, ſeit man die frommen Väter aus den öſterreichi⸗ ſchen Kaiſerſtaaten verbannt hat, und die Früchte die⸗ ſes Unglaubens und dieſer Irrthümer ſind die Re⸗ L. Mühlbach, Erzherzog Johann. 4. Abth. I. 14. 210 volutionen, das Auflehen gegen den Willen des ange⸗ ſtammten Herrſchers geweſen. Der Unglaube macht die Völker revolutionair, denn weil ſie nicht mehr an Gott glauben und an die heilige katholiſche Kirche, deshalb wagen ſie es auch ſich aufzulehnen gegen ihre Herrſcher von Gottes Gnaden, und ihnen den unbe⸗ dingten ſchweigenden Gehorſam zu verſagen. Wenn den Völkern das wahre Heil kommen ſoll, ſo kann es ihnen nur von den frommen Vätern Jeſu gebracht werden. Sie müſſen den Unterricht der Jugend wie⸗ der in die Hand bekommen, denn ſie ſind die Hülfs⸗ ſchaaren des heiligen Geiſtes, ſie ſind es, welche es allein verſtehen den biegſamen Stoff der heranwach⸗ ſenden Generationen zu formen, die Geiſter in die Schranken des Gehorſams zu bannen und der Welt und den Fürſten ihre Sicherheit und ihre Autorität wieder zu geben. Das iſt mein heiliger Glaube, meine heilige Ueberzeugung, und da es kommen kann, daß ich dereinſt die Frau oder die Mutter eines Kaiſers ſein werde, ſo muß ich, was an mir iſt, dazu thun, auf daß mein kaiſerlicher Mann oder Sohn dereinſt ein gutes, gehorſames und frommes Volk zu be⸗ herrſchen hat. Es iſt auch meine Ueberzeugung, daß das Heil der 211 Fürſten und der Völker nur durch die frommen Väter Jeſu wieder zurückgeführt werden kann, ſagte Anna feierlich. So haben es mich in Turin meine Lehrer und Erzieher erkennen gelehrt, daran habe ich geglaubt von meiner früheſten Jugend an, und dieſer Glaube, dieſe Ueberzeugung wird mit mir leben und ſterben. Auch mit mir wird dieſer Glaube leben und ſterben, ſagte die Kaiſerin feierlich. Die Wiedereinführung des Ordens der Geſellſchaft Jeſu iſt mich für ein Glaubens⸗ artikel, denn dieſe Wiedereinführung heißt zugleich die Wiederaufrichtung der katholiſchen allerheiligſten Kirche, die, ſeit man die Väter Jeſu verfolgt und verbannt hat, in Trauerſchleiern und Thränen ihrem Grabe zu⸗ wankt. Aber bis jetzt iſt mein Bemühen vergeblich geweſen. Denn Ihr wißt es wohl, meine Freundinnen, wir haben hier am Hofe einen mächtigen und gefähr⸗ lichen Feind des heiligen Ordens nicht allein, ſondern auch der allerheiligſten Kirche zu bekämpfen. Dieſer Feind heißt Metternich, rief Sophie mit glühender Energie. Ja, er iſt der Feind der Kirche, der frommen Väter Jeſu, der heiligen Religion über⸗ haupt. Ihr wißt, daß er es geweſen iſt, der ſich ſeit Jahren der Wiedereinführung des Ordens entgegen geſtellt hat, der dem regierendem Kaiſer immer ab⸗ 14 ¾ 212 gerathen hat, dieſen großen Schritt der Gerechtigkeit zu thun, unbekümmert darum, ob die Blödſinnigen und Gottloſen auch darüber ſchreien möchten. Nur mit der größten Vorſicht und Klugheit iſt es uns ge⸗ lungen dem frommen Orden unter einem erborgten Namen wieder Zutritt an einigen Orten Oeſterreichs zu verſchaffen, und hier in Wien mindeſtens doch ein Kloſter der Redemptoriſten, das heißt der frommen Väter Jeſu, wieder eröffnet zu ſehen. Aber Metter⸗ nich ſtellt ſich immer auf's Neue in feindlicher Oppo⸗ ſition uns gegenüber, Metternich iſt daher der Feind, den wir zu beſiegen haben, wenn wir der Kirche und der Geſellſchaft Jeſu wieder zu ihrem Recht verhelfen wollen. Ihr wißt es, ich haſſe ihn, dieſen leichtfer⸗ tigen, Alles beſpöttelnden, Alles verhöhnenden Lebe⸗ mann, ich bin ſtets ſeine offene unverhüllte Feindin geweſen, ich habe mich ſtets bemüht ihm zu ſchaden, und immer hat er es verſtanden meinen Einfluß zu contrebalanciren und meine Beſtrebungen zu nichte zu machen. Auch ich habe mich ſtets zu ſeinen Feinden be⸗ kannt, ſagte die Kaiſerin, denn auch ich erachte ihn als den gefährlichſten Gegner der Kirche und der Ge⸗ ſellſchaft Jeſu. Aber auch meine Beſtrebungen ihn 213 zu ſtürzen ſind ſtets geſcheitert. Der Kaiſer hat in politiſcher Beziehung vollkommenes Vertrauen zu dem Staatskanzler, und Se. Majeſtät iſt leider in religiöſen Dingen immer noch einer gewiſſen Gleichgültigkeit hin⸗ gegeben. Noch geſtern ſagte der Kaiſer zu mir, er könne die Jeſuiten deshalb nicht leiden, weil ſie ſtets ſich in die Politik gemiſcht, und überall hätten re⸗ gieren wollen. Ihm aber ſeien diejenigen Prieſter die liebſten, die ſich gar nicht um Politik bekümmerten, und ſich in gar keine weltlichen Dinge miſchten.*) Das iſt der Geiſt Metternich's, der aus ihm ſpricht, rief Sophie erglühend. Metternich heißt der böſe Dämon, welcher dem Heil und Segen wider⸗ ſtrebt, welcher die frommen Väter Jeſu bekämpft. Wir müſſen Metternich ſtürzen, damit wir die Kirche wieder aufrichten und die Jeſuiten wieder herſtellen. Gebt mir Eure Hände, Schweſtern, legen wir ſie in einander zu dem feierlichen Gelübde: wir wollen Metternich ſtürzen zur Ehre der Kirche und der from⸗ men Väter Jeſu! Die drei fürſtlichen Frauen legten ihre Hände in *) Die eigenen Worte des Kaiſers Franz. Siehe: Mailath, Geſchichte des öſterreichiſchen Kaiſerſtaates. Band V, S. 391. 214 einander, und riefen laut und feierlich: wir wollen Metternich ſtürzen zur Ehre der Kirche und der from⸗ men Väter Jeſu! Aber wie wollen wir dieſes Ziel erreichen, da ſich bis jetzt alle unſere Schritte als unwirkſam erwieſen? fragte die Kaiſerin. Ja, was wollen wir thun, um zu dieſem Ziele zu gelangen? fragte Anna. Sprechen Sie, Sophie, Sie beſitzen von uns Dreien die größte Energie, die größte Einſicht und Entſchloſſenheit. Sagen Sie uns, was wir thun ſollen, um unſer Ziel zu erreichen. Ich will es Euch ſagen, meine Schweſtern, denn ich habe viel darüber nachgedacht, und ich habe mit meinem ehrwürdigen und weiſen Beichtvater Ber ſeit Monaten nur dieſe Pläne beſprochen und erwogen.*) Wir dürfen nicht darauf rechnen, Metternich bei Leb⸗ zeiten des jetzigen Kaiſers ſeiner Macht zu berauben, ſondern wir müſſen warten und geduldig ſein, und uns damit begnügen, die Zukunft vorzubereiten. Da⸗ bei aber habt Ihr meine Schweſtern die wichtigſte *) Dieſer damalige Beichtvater der Erzherzogin Sophie, der Pater Bex(früher Kaplau des durch ihn zum Katholicismus bekehrten Herzogs von Köthen) iſt jetzt der General der Jeſuiten in Rom. 215 Rolle zu ſpielen. Du, meine liebe Caroline, mußt all den Einfluß, den Du auf das Herz und das Gemüth des Kaiſers beſitzeſt, dazu verwenden, um ihn zu bewegen, daß er ein Teſtament mache, und daß er in demſelben beſtimmte Befehle ertheile über die von ihm einzu⸗ ſchlagende Politik. Er muß als letzte Regierungshand⸗ lung ſeinem Sohne gebieten, daß er breche mit dem Syſteme, welches man bisher befolgt hat, und welches er ſelber, der Kaiſer Franz, aus innigſter Ueberzeugung würde verlaſſen und aufgegeben haben, wenn er ſich nicht in letzter Zeit zu alt und ſchwächlich gefühlt, um ſo große und wichtige Neuerungen zu machen, und ſo augenſcheinlich mit ſeiner Vergangenheit und ſeinen Miniſtern zu brechen. Der Kaiſer Franz muß es aber ſeinem Sohne und Erben als eine heilige Pflicht dar⸗ ſtellen, ſofort beim Antritt ſeiner Regierung zu be⸗ weiſen, daß es ſein ernſter und feſter Wille iſt, die Vergangenheit wieder gut zu machen, die heilige Re⸗ ligion wieder in ihre Rechte einzuſetzen, die Jeſuiten wieder zu reſtauriren, und ihnen zum Heil des Volkes und des Staates die Leitung der Schulen und die Erziehung des Volkes zu übertragen. Das iſt es, meine Schweſter, wozu Du Deinen Gemahl zu be⸗ ſtimmen ſuchen mußt. —xV 216 Ich werde alle meine Ueberredungsgabe, alle Mittel, welche mir zu Gebote ſtehen, dieſem Zwecke widmen, ſagte die Kaiſerin ſeufzend, aber ich fürchte, ich werde zufrie⸗ den ſein müſſen, wenn ich auch nur einen kleinen Theil von dem erreiche, was Du forderſt, meine Schweſter. Habe nur den feſten Willen ſiegen zu wollen, rief Sophie mit flammenden Augen. Die Männer ſind niemals weicher und nachgiebiger, als wenn ſie krank ſind, und die Frauen niemals ſtärker und unwider⸗ ſtehlicher, als wenn ſich es ihren Männern darſtellen im heiligen Dienſt frommer Krankenpflegerinnen. Und jetzt zu Ihnen, meine theure Schwägerin Anna. Auch Sie haben eine wichtige Aufgabe zu erfüllen. Sie müſſen auf das Gemüth Ihres Gemahls ſo zu wirken ſuchen, daß er, wenn er zur Regierung gelangt, von Herzen bereit iſt, ein neues Syſtem einzuſchlagen, mit der Vergangenheit zu brechen und pünktlich den Befehlen zu folgen, welche der Kaiſer ihm in ſeinem Teſtament geben wird, oder, wenn der Kaiſer Franz nicht zu ſolchen Conceſſionen veranlaßt werden kann, aus freiem Antrieb und aus eigener Machtvollkommen⸗ heit einen Regierungswechſel vorzunehmen. Er muß von dieſer ſeiner Geſinnung ſofort beim Antritt ſeiner Regierung einen ſchlagenden Beweis geben, er muß 217 den Fürſten Metternich ſeiner Dienſte entlaſſen und ihn in den Ruheſtand ſetzen. Ihn zu dieſem Entſchluſſe zu bringen, das iſt Ihre Aufgabe, theuerſte Anna, und iſt von der höchſten Wichtigkeit, daß Sie dieſelbe er⸗ füllen. Ich glaube, daß ſie nicht allzuſchwierig iſt, und daß ich ſie erfüllen kann, ſagte Anna mit einem matten Lächeln. Mein Gemahl iſt dem Fürſten Metternich niemals gewogen geweſen, und in letzter Zeit hat ſich ſeine Abneigung bis zum höchſten Grade geſteigert. Aber ich muß der Wahrheit die Ehre geben und be⸗ kennen, daß dies nicht mein Verdienſt, und daß nicht Ich ſo außerordentlich auf das Gemüth des Erzherzogs Ferdinand habe zu wirken verſtanden. Meine Kam⸗ merfrau Katharina Cibbini iſt es, welche dem Erz⸗ herzog dieſe glühende Abneigung eingeflößt hat, und wie ich glaube immer noch bemüht iſt, ſie zu ſteigern. Es ſcheint, ſie haßt den Fürſten, vielleicht weil ſie ihn einſt, wie ich vermuthe, geliebt hat, und von ihm hintergangen worden iſt, und da ſie eine ſehr ener⸗ giſche Perſon iſt, ſo wäre ſie wohl gern bereit, ihren Haß in Thaten zu verwandeln. Wenn Sie erlauben, theure Freundin, dieſe meine Kammerfrau ſo viel wie nöthig iſt in unſere Pläne einzuweihen, und ihr zu 218 ſagen, was ſie zu thun hat, ſo glaube ich wohl, daß wir unſer Ziel erreichen, und daß mein Gemahl ſicher⸗ lich dazu bewogen werden kann, ein neues Regierungs⸗ ſyſtem einzuführen und den Fürſten Metternich zu entlaſſen. Thun Sie das, meine Freundin, beauftragen Sie Ihre Kammerfrau, uns in unſeren heiligen Beſtre⸗ bungen zu unterſtützen. Wir brauchen allerdings der Bundesgenoſſen aus allen Schichten der Geſellſchaft, und Jeder ſoll uns willkommen ſein, der mit regem Eifer unſern Abſichten zu dienen bereit iſt. Metternich muß geſtürzt werden, das iſt die heilige Aufgabe un⸗ ſerer nächſten Zukunft, und wir dürfen nichts verſäumen, was uns dieſem Ziele näher bringen kann. Aber wenn es uns wirklich gelingen ſollte, dieſen gefährlichen Mann zu entfernen, wen wollen wir als⸗ dann an ſeine Stelle ſetzen? fragte die Kaiſerin Ca⸗ roline. Haſt Du ſchon darüber nachgedacht, Schwe⸗ ſter Sophie? Haſt Du ſchon überlegt, wer der ge⸗ eigneteſte Mann ſein könnte, um mit feſter und ener⸗ giſcher Hand das Ruder zu ergreifen und das Staats⸗ ſchiff einzulenken in ein anderes Fahrwaſſer? Das Beßte wäre, wenn der Kaiſer gar keinen An⸗ dern an Metternich's Stelle ſetzte, ſagte Sophie, wenn ——-— 219 er allein das Scepter hielte, und in ſeiner Güte und Milde es ſeiner lieben Gemahlin Anna geſtattete, mit unſerer Beihülfe ſeine Hand zu lenken und zu regie⸗ ren. Aber ich fürchte, das wird nicht durchzuführen ſein, und da unſer tbeurer Schwager Ferdinand leider kränkelt— Er iſt leidender und kränker als jemals, unter⸗ brach ſie Anna leiſe und ſchüchtern. Es vergeht faſt kein Tag ohne daß er einen Anfall ſeiner ſchlimmen Krankheit hat, und nur Katharina Cibbini vermag es alsdann, den finſtern Dämon zu bannen, und meinem armen Gemahl Linderung ſeiner Schmerzen zu ver⸗ ſchaffen. Aber jeder Anfall übt doch einen ſchlimmen Einfluß auf ihn aus und lähmt auf einige Stunden ſein Gedächtniß und ſeine Geiſteskraft. Er iſt dann wie ein armes, krankes Kind, das keinen Willen hat, ſich angſtvoll an ſeine Umgebung anklammert und nach einem ſtarken Arme ſucht, um ſich zu ſtützen und aufrecht zu halten. Ich, fürchte mein Ge⸗ mahl iſt den täglichen geiſtigen Anſtrengungen, denen er ſich ſeit einiger Zeit nach dem Willen und Befehl des Kaiſers unterziehen muß, nicht gewachſen. Er arbeitet jeden Vormittag drei Stunden in dem Ca— binet des Kaiſers, und jedesmal kommt er erſchöpft — 220 und zitternd von dort zurück, und jedes Mal ſtellen ſich kurze Zeit nachher die unglücklichen Anfälle ein. Und ein ſolcher unglücklicher Kranker ſoll regieren, ſoll Kaiſer werden! rief Sophie. Es iſt unmöglich! Wir müſſen allerdings darauf bedacht ſein, ihm einen kräftigen und einſichtsvollen Mann, einen Mann un⸗ ſerer Wahl an die Seite zu ſtellen. Wer das ſein ſoll? Darüber wollen wir nachdenken, wenn wir erſt das Wichtigere und Nothwendigere vollbracht haben, wenn wir erſt den Feind der Kirche und der Religion, wenn wir Metternich beſeitigt haben. Das ſei unſer erſtes Ziel, darauf müſſen wir alle unſere Kraft ver⸗ wenden. Ihr kennt jetzt Eure Aufgaben. Erfüllt ſie, meine Schweſtern, ſtrebt mit Eifer und Umſicht dem hohen Ziel entgegen, das wir erreichen müſſen zur Ehre Gottes und der heiligen Kirche. Metternich muß geſtürzt werden! Das iſt unſere Parole für die nächſte Zeit! Bewahrt ſie als ein Geheimniß, das Niemand verrathen werden darf. Und nun, meine Freundinnen, laßt uns die Conferenz beendigen. Es iſt Zeit, daß wir aus unſerm geheimnißvollen Schlupf⸗ winkel wieder hervorgehen und die Laſt unſerer Stel⸗ lung wieder auf uns nehmen. Jede von uns hat einen Gemahl, einen Hofſtaat, hat daher Rückſicht zu 221 nehmen. Es kann auffallen, daß wir alle Drei im⸗ mer zur ſelben Zeit und Stunde unſichtbar werden, und wenn man entdeckte, daß wir Drei in einem ab⸗ gelegenen Zimmer der Burg geheime Zuſammenkünfte haben, ſo könnte das alle unſere Pläne gefährden, den klugen und liſtigen Herrn Metternich aufmerkſam und wachſam machen und ſelbſt den Argwohn des Kaiſers erregen. Auf alſo, meine Freundinnen, auf, laßt uns in unſere Gemächer zurückkehren!— Die drei fürſtlichen Frauen hatten kaum das Zimmer verlaſſen, als das lebensgroße Bild der Kaiſerin Maria Thereſia, welches an der Wand neben dem Divan hing, ſich leiſe bewegte, ſich an der einen Seite langſam von der Wand abhob, wie eine Thür, welche man vorſichtig öffnet, um einen Durchgang zu gewinnen. Und wirklich bot dieſe Thür einen Durch⸗ gang dar, und aus demſelben hervor trat Katharina Cibbini in das Gemach ein. Ah, ſagte ſie aufathmend, welch ein Glück, daß ich das Geheimniß dieſer Zuſammenkunft kannte, und daß ich durch einen Zufall dieſen köſtlichen Wandſchrank entdeckte. In ihm geborgen, konnte ich Alles hören, Alles verſtehen.„Metternich muß geſtürzt werden.“ Das alſo iſt die Parole der ehr⸗ 222 geizigen Erzherzogin Sophie. Metternich muß ge⸗ ſtürzt werden ad majorem dei gloriam. Metter⸗ nich muß geſtürzt werden, damit die Jeſuiten zur unbedingten Herrſchaft gelangen! Ah, die Jeſuiten werden mir meine Gefangenen nicht befreien und mein unglückliches Vaterland nicht erlöſen aus ſeinen Ketten der Knechtſchaft. Nur Metternich vermag das, wenn der Tod des Kaiſers ihm ſeinen freien Willen giebt, nur Metternich thut das, wenn ich ihm bei⸗ ſtehe und meinen Einfluß auf das Gemüth des kran⸗ ken Erzherzogs zu Gunſten Metternichs verwende. Ein Glück, daß er heute Abend zu mir kommt. Ich werde ihm mittheilen, was ich vernommen habe und mit ihm verabreden, was wir zu thun haben, um die Pläne der frommen Jeſuitenfreundinnen unwirkſam zu machen. Der Kaiſer muß ſein Teſtament machen, das iſt die Hauptſache! Er muß es machen, bevor er noch kräuker, und dadurch der Einfluß ſeiner Gemah⸗ lin bedeutender wird. Metternich muß ihn bewegen, dies Teſtament zu machen und in ſeinem Sinne zu machen! Ja, das iſt es, was geſchehen muß: der Kaiſer muß ſein Teſtament machen, und Metternich muß ihm dabei behülflich ſein! IIII. Der Kaiſer und der Kronprinz. Der Kaiſer Franz war in der That ſeit einiger Zeit leidend und kränklich. Wie ſorgſam er auch be⸗ müht war, dies vor aller Welt zu verbergen, wie ge⸗ fliſſentlich er ſich immer noch als den allein regieren⸗ den Kaiſer und Herrn darſtellen mochte, wie viele Anſtrengungen er machte, ſeine Umgebungen an ſeine völlige Geſundheit glauben zu laſſen, ſo wußte es doch Jedermann, daß der Lebenspfad des Kaiſers ſich ab⸗ wärts neige, daß bald der Tod an die Pforte der Kaiſerburg klopfen werde, um dem kaiſerlichen Leichen⸗ gewölbe in der Kapuzinerkirche einen neuen Bewohner zuzuführen. Anfangs war die Kränklichkeit des Kaiſers ein Geheimniß geweſen, das man ſich im Innern des 224 Palaſtes ängſtlich in das Ohr flüſterte, das Jedermann ſich fürchtete hinauszutragen in die weite Welt und auf die Straße, wo das Volk es vernehmen könnte. Aber der Kaiſer ſelber hatte das Geheimniß ſeiner Krankheit hinausgetragen auf die Straße. Er hatte, trotz ſeiner Kränklichkeit und Hinfälligkeit, trotz des abmahnenden Rathes ſeiner Aerzte, trotz der Bitten ſeiner Gemahlin dennoch ſich nicht abhalten laſſen, das Frohnleichnamsfeſt in ſeiner gewohnten frommen Weiſe zu begehen, dem feierlichen Hochamte im St. Stephansdom mit ſeinem ganzen Hofſtaate beizuwoh⸗ nen und dann mit der großen weißen Wachskerze in der Hand dem Hochwürdigſten und Heiligſten auf ſeinem Umzug durch die Straßen Wiens ſein kaiſer⸗ liches Geleite zu geben. Das Volk hatte ihn geſehen, dieſen magern, zuſammengebeugten, verſchrumpften Greis von achtundſechszig Jahren, der hinter dem Hochwürdigſten mühſam und ſchwankend dahinſchritt, es hatte in dieſes ernſte, ſtrenge, bleiche Angeſicht ge⸗ ſchaut, dieſe von ſpärlichem Silberhaar umrahmte runzelichte Stirn, dieſe gelben eingefallenen Wangen, dieſe glanzloſen, ſtrengen, blauen Augen, dieſe zuſam⸗ mengekniffenen blutloſen Lippen geſehen, die niemals zu einem Lächeln, zu einem milden Ausdruck ſich ſchie⸗ 225 aann nen öffnen zu können. Das Volk hatte ihn geſehen und als einen ſchwachen hinfälligen Greis und nicht mehr te als den hochgebietenden Kaiſer. Seit dieſem Frohn⸗ iner leichnamsfeſt war die Kunde von dem baldigen Ab⸗ atte, leben des Kaiſers aus den Straßen Wiens wie vom des Sturmwind getragen durch alle Gauen Oeſterreichs ttten dahingeflogen, hatte die Fama es mit ihrem Poſaunen⸗ ſſen, ſchall hinausgetönt durch ganz Europa, und der ſchmet⸗ ternde Schall war ſelbſt durch die eiſenvergitterten men 6 Fenſter der Gefängniſſe hindurch gedrungen und hatte oh⸗ das Düſter derſelben mit einem Strahl der Hoffnung e in durchleuchtet. auf Ja, der baldige Tod des Kaiſers Franz, er war jjer⸗ faſt für alle ſeine Unterthanen eine Hoffnung, für hen Niemand ein bevorſtehender Verluſt. fften Jedermann hoffte und erwartete von ſeinem Tode den eine Aenderung des Beſtehenden. Die Einen im guten, brit die Andern im ſchlechten Sinn, aber ſie hofften doch. abe Die fromme Camarilla, mit den drei frommen bute kaiſerlichen Prinzeſſinnen an ⸗ihrer Spitze und geleitet vom Erzbiſchof Hohenwart und den Beichtvätern Hof⸗ ngen, bauer und Bex, die fromme Camarilla hoffte, daß jun der Tod des Kaiſers endlich ihr Thor und Thür öffnen anni und ihr die Macht in die Hände geben würde. ſchie⸗ Mühlbach, Erzherzog Johann. 4. Abth. l. 15 at 4 1 226 Die politiſchen Gefangenen, die in den Kerkern von Munckacz, auf dem Spielberg, in den Bleikammern von Venedig und in den düſtern Kaſematten in Ve⸗ rona und Mantua ſchmachteten, dieſe Alle ſahen mit herzklopfender Erwartung dem Tode des Kaiſers ent⸗ gegen, weil ſie hofften, daß ſein Nachfolger das Wort der Gnade ſprechen werde, das niemals über die har⸗ ten, ſtrengen Lippen des Kaiſers Franz hatte kommen wollen. Die Liberalen und Aufgeklärten, diejenigen, welche erkannten, daß das Syſtem, nach welchem Oeſterreich regiert ward, ſich überlebt habe und in Trümmern zuſammenbrechen müſſe, die Partei, welche zugleich den Jeſuiten und dem Fürſten Metternich entgegenſtrebte, und an deren Spitze die Erzherzoge Karl und Johann ſtanden, dieſe Partei hoffte auch von dem Tode des Kaiſers eine Aenderung des Syſtems und bereitete ſich vor zu dem Vernichtungskampf gegen das alte, allen Neuerungen und ſomit auch allen Verbeſſerungen ſtreng verſchloſſene Regierungsweſen, das Schritt vor Schritt, aber unaufhaltſam, wie ſie vermeinten, die Monarchie dem Verderben zuführe. Das Volk endlich, das ſtets hoffende, ſtets ver⸗ N trauende kindliche Volk hoffte von dem Tode des Kai⸗ ho ſers eine Verminderung ſeiner materiellen Noth, es hoffte, daß der Kaiſer ſeinen Staatsſchatz, der von den Abgaben des Volkes gefüllt worden, ſeinem Volke ver⸗ machen und ſeine Unterthanen zu ſeinem Erben einſetzen werde. Man wußte, daß dieſer Schatz des Kaiſers, Dank dem von Metternich eingeführten Actienſchwindel, ſeit Jahren um viele Millionen bereichert worden. Denn Dank dieſem Syſtem des Actienhandels und der immer erneuerten Anleihen war Oeſterreich über⸗ ſchwemmt worden mit Papiergeld, und das baare Geld dafür war in den kaiſerlichen Staatsſchatz ge⸗ floſſen. Die Staatsanleihen hatten den Kaiſer reich, aber ſein Volk arm gemacht; dem Volke war nur das Papier, dem Kaiſer aber das Geld geblieben. Man erzählte ſich, daß der kaiſerliche Schatz die Baarſumme von vierhundert Millionen beſitze, aber daß die Schul⸗ den des Staates ſich auf mehr denn ſechshundert Millionen Gulden beliefen. Wer aber mußte die Zinſen dieſer ungeheuren Schuldenlaſt aufbringen? Wer anders als das Volk, als der Bauer, der für die im Schweiße ſeines Angeſichtes erworbene Frucht ſeiner Felder dem Staate mehr als die Hälfte ſeines eigenen Verdienſtes an directen Steuern zahlen mußte, 15* 228 während der reiche Banquier und Handelsmann nur die geringſte Abgabe zu zahlen hatte. Das Volk, welches ſeufzte unter der ungeheuren Laſt der Abgaben und Steuern, das Volk hoffte alſo auf den Tod des Kaiſers, weil es wähnte, der Kaiſer werde es in ſeinem Teſtament zu ſeinem Erben ein⸗ ſetzen, er werde mindeſtens einen Theil der vielen Millionen ſeines Schatzes dazu verwenden, um die Staatsſchuldſcheine ankaufen und verbrennen zu laſſen. Gab es doch hier und da noch alte Mütterchen und weißhaarige Greiſe, welche mit gerührter Stimme ihren Enkeln erzählten von dem herrlichen Tage, als der Kaiſer Joſeph, heiligen und großen Angedenkens, beim Antritt ſeiner Regierung zwanzig Millionen Staatsſchuldſcheine, die er von ſeinem Vater ererbt, öffentlich auf dem Kohlmarkt hatte verbrennen laſſen. Das war ein Geſchenk der Liebe geweſen, mit welchem der junge Kaiſer Joſeph ſeine Regierung damals be⸗ gonnen und ſein Volk begrüßt hatte. Diejenigen, welche es jetzt als Greiſe erzählten, waren damals noch Kinder geweſen, aber die Flammen jenes Scheiterhaufens, auf welchem der große Kaiſer die Schulden ſeines⸗Volkes verbrannte, hatten einen feurigen Wiederſchein in ihrer Erinnerung zurückge⸗ dann nur geheuren yftte alſo er Kaiſer ben ein⸗ r vielen um die u laſſen. hen und Stimme lammen 2 Kaiſet en einen 21 urücie⸗ laſſen und leuchteten als unvergängliche Morgenröthe in ihren Herzen weiter. Und warum ſollte es nicht ſein können, daß der Kaiſer Franz dem Beiſpiel ſeines großen Oheims folgte, daß er ſein Volk zum Erben ſeiner Millionen einſetzte und ihm mindeſtens einen Theil des Reich⸗ thums wiederſchenkte, den er vom Volke bekommen? Es war die Erwartung, die freudige Zuverſicht des Volkes, daß ſein,„gemüthlicher“ Kaiſer Franz dies thun werde, und darum hoffte das arme, hungernde, darbende, von Abgaben gequälte Volk auf den Tod des Kaiſers, wie die Camarilla und die Frommen, die Liberalen und die Gefangenen auf denſelben hofften. Daß der Tod des Kaiſers nahe bevorſtehend ſei, das war alſo ein Geheimniß, welches Jedermann kannte, und welches nur dem Einen verborgen blieb, den es zunächſt anging, nur dem Kaiſer Franz ſelber. Er allein wußte nicht oder wollte es nicht wiſſen, daß der Wurm des Todes in ſeiner Bruſt nagte und hämmerte, und bohrte und pochte, und daß er bald ſich würde an das Tageslicht hervorgearbeitet haben. Er allein wußte nicht, daß ganz Oeſterreich auf ſeinen Tod hoffte und ſchon an dem Horizont der dunkeln Gegenwart mit heimlicher Freude das ſchwache Auf⸗ 230 dämmern der Morgenröthe eines Tages zu gewahren glaubte, der mit dem Tode des Kaiſers über Oeſter⸗ reich aufleuchten ſollte. Freilich wußte Franz wohl, daß er leide, aber das war ſein Geheimniß, das er kaum ſeinem Leibarzt, dem Baron von Stifft, mitzutheilen wagte, das er ſogar dem lieben Gott ſelber hätte verbergen mögen, und ſelbſt deni Beichtvater nicht verrieth. Denn daß die Krankheit, daß die ganz gemeinen Körperſchmerzen es wagten, die Perſon des Kaiſers zu beläſtigen, daß ſie den Kaiſer daran zu mahnen wagten, er auch ſei nur ein armes gebrechliches Menſchenkind, das dünkte den ſtolzen Kaiſer Franz eine ſchwere Beleidigung ſeiner geheiligten Perſon, und er witterte darin auch in den Kräften der Natur etwas von dem revolutio⸗ nairen Geiſt, der als unheilvolles Schreckbild jetzt die ganze Welt in Aufruhr brachte. Ein Kaiſer von Gottes Gnaden durfte nicht krank ſein, durfte nicht ſterben! Niemand durfte es wagen, zu vermuthen, daß er bald von einem mächtigeren Herrſcher, als er ſelber es war, von dem Tode könnte gezwungen werden, ſeine Regierung niederzulegen. So lange ſeine ausgemergelten, zitternden Hände es noch vermochten, mußten ſie das Ruder des Staates feſt— wahren Oeſter⸗ ber das eibarzt, mögen, in daß merzen en, daß digung n auch olutio⸗ krank wagen, tigeren könnte n. So 6 noch halten, mußten ſie die Maſchine drehen und regieren, wie ſehr ſie auch auf ihren Angeln knarrte und krachte. Er konnte ſich nicht entſchließen, auch nur den kleinſten Theil ſeiner abſoluten Macht in andere Hände zu legen, denn er würde dadurch zugeſtanden haben, daß auch Andere das thun könnten, was ihm zu thun oblag, daß auch Er, der Kaiſer, könne erſetzt werden. Es war daher ſchon ein großes Zugeſtändniß geweſen, ſeit einiger Zeit Theil haben ließ an den Geſchäften, daß er neben ihm im Cabinet ſitzen und Acten durchleſen und ſeinem kaiſerlichen Vater darüber Bericht erſtatten durfte. Der Kaiſer hatte freilich Allen geſagt, daß er das Opfer nur bringe, um ſeinen Sohn in die Geſchäfte daß er ſeinen Sohn, den Kronprinzen Ferdinand einzuweihen und ihn zu ſeinem Kaiſerdienſt vorzube⸗ reiten, er hatte es Niemanden verrathen, daß er es eigentlich nur deshalb gethan, weil er nicht mehr im Stande war, die ſeit Jahren ſich aufhäufenden Arbeiten zu bewältigen, die Berge von Actenſtößen zu leſen, die in ſeinem Cabinet aufgethürmt waren, und denen nur die kaiſerliche Zuſtimmung fehlte, um als Geſetze hinauszugehen in die Welt. Aber es war ein⸗ mal das Princip des Kaiſers, Alles ſelbſt zu leſen, 232 ſelbſt zu prüfen, in keinem Verwaltungszweige etwas geſchehen zu laſſen, das er nicht geprüft, das er nicht genehmigt hatte. Die Acten liefen daher aus allen Reſſorts der Verwaltung bei ihm ein, aber es war eine phyſiſche Unmöglichkeit, ſie alle zu leſen, und doch durften ſie nicht ungeleſen unterzeichnet werden. Sie blieben alſo in dem kaiſerlichen Cabinet liegen. Viele dieſer Acten lagerten dort ſchon ſeit Jahren, und die wichtigſten Maßregeln einzelner Collegien, beſchloſſene, von den Staatskörpern berathene Geſetze konnten nicht zur Ausführung gelangen, weil es unmöglich war, für ſie die Unterſchrift des Kaiſers zu erlangen.*) Die Hand, welche dieſe Unterſchriften zeichnen mußte, ward aber immer ſchwerer und langſamer, die Augen, welche dieſe Acten leſen wollten, bevor ſie unterzeichneten, wurden immer müder und blieben oft Stunden lang gedankenvoll auf einer Seite ruhen, während die Berge von Acten ihn anſtarrten und auf Ablieferung harrten. Auch heute hatte der Kaiſer in ſeinem Cabinet gearbeitet, ſtundenlang gearbeitet, und neben ihm ſein Sohn, der Kronprinz Erzherzog Ferdinand. Welch *) Schmidt: Zeitgenöſſiſche Geſchichten. S. 463. 233 ein ſeltſames Bild, dieſe Beiden zu ſehen, welche da an dem großen grünen, mit Papieren belaſteten Tiſche ſaßen, ſie zu ſehen und ſich dabei zu erinnern, daß dieſe Beiden in ſich die Gegenwart und die Zukunft Oeſterreichs repräſentirten. Dieſer bleiche, düſtere Greis mit dem verſteinerten Angeſicht, mit der hagern, zuſammengefallenen Geſtalt, die ſo oft zitternd zuſammenſchreckte von dem harten, krampfhaft pfeifenden Huſten, der aus ſeiner Bruſt wie aus einem offenen Grabe hervortönte, dieſer Greis, der mit glanzloſen Augen da auf den Actenſtoß hin⸗ ſtarrte, deſſen Blätter er ſeit einer halben Stunde nicht umgeſchlagen, das war der regierende Kaiſer, das war die Gegenwart Oeſterreichs. Dieſe andere bleiche Geſtalt da ihm gegenüber, dieſes arme, zuſammengedrückte, kleine Weſen, von dem, wenn man ſein Antlitz anſchaute, man nicht zu ſagen wußte, ob es einem Kinde oder einem Greiſe angehöre, das aber jedenfalls nicht das Antlitz eines Mannes war, dieſe ſchwächliche, engbrüſtige Geſtalt mit dem bleichen nichtsſagenden Geſicht, mit dem kin⸗ diſchen, gutmüthigen Lächeln um die ſchmalen, blut⸗ loſen Lippen, mit dem großen waſſerköpfigen Haupte, mit der ſeltſam zuſammengedrückten und doch geſchwol⸗ — —— — 234 lenen Stirn, mit den kleinen waſſerblauen Augen, die herumirrlichterirten auf dem Actenſtoß, deſſen Blätter er, ohne ſie zu leſen, mit fieberhafter Eile umwendete, während ihm dabei von der Anſtrengung des Arbeitens große Schweißtropfen auf der gelbgrauen Stirne ſtan⸗ den, das war der Kronprinz, das war die Zukunft Oeſterreichs. Seit drei Stunden hatten ſie ſo neben einander geſeſſen, ſeit drei Stunden hatten ſie„gearbeitet“. Beiden war es daher eine willkommene Muſik, wie man an ihren ſich aufheiternden Geſichtern ſehen konnte, als jetzt die große Pendule, die auf dem Mar⸗ morkamine ſtand, die Stunde anſchlug. Zwölf Uhr, rief der Kaiſer aufathmend. Da müſſen wir halt aufhören zu arbeiten, denn um zwölf Uhr hab' ich die Deputation der Profeſſoren aus Laibach hieher beſtellt. Gehen's alſo, Herr Kronprinz, haben für heut' genug Beid' gearbeitet und können uns wohl Ruhe gönnen. Sind's fleißig geweſen, Herr Sohn? Der Kronprinz deutete mit einem Ausdruck kind⸗ licher Freude auf den Stuhl, der neben ſeinem Fau⸗ teuil ſtand und auf dem eine ziemliche Menge blauer Actenhefte aufgeſchichtet war. n die lätter ndete, eitens ſtan⸗ kunft ander itet“. wie ſehen 23⁵ Ich habe zehn dicke Actenſtücke durchgearbeitet, ſagte er mit ſeiner dünnen, kreiſchenden Kinderſtimme. Ich verſichere Ew. Majeſtät, daß es eine ſehr angrei⸗ fende Arbeit war, denn es gab ſo ſehr viele Blätter umzuſchlagen und ſo ſehr Vieles zu leſen, was ich nicht verſtand und doch ſo gern verſtehen wollte. Und der Kronprinz, als ob die Erinnerung an die überſtandene Arbeit ihn auf's Neue anſtrenge, der Kronprinz trocknete ſich mit ſeinem Taſchentuch den Schweiß, der in immer größeren Tropfen ſich mehrte, von ſeiner Stirn ab. Ja, ja, erwiederte der Kaiſer, langſam ſein müdes Haupt ſchüttelnd, glaub's wohl, daß Sie noch nicht Alles verſtehen, Herr Sohn. Es iſt halt gar ſo eine ſchwere Kunſt, das Regieren, und Mancher lernt's niemals. Aber ich will Ihnen etwas ſagen, Herr Sohn, und Sie mögen's ſich merken für Ihre ganze Zukunft: die Hauptſach' iſt, daß man Alles läßt, ſo wie es iſt, und daß man um Gotteswillen nur nit zu viel regiert. Wenn die Staatsmaſchin' erſt einmal im Gang' iſt, ſo muß man nur darauf achten, daß ſie im richtigen Gleis bleibt, aber man muß ſich wohl hüten, den Verſuch machen zu wollen, etwas an ihr zu ändern und zu beſſern, oder ſie gar neugeſtalten „das Alte ſich überlebt und abgenutzt hat? Ich ſag' 236 zu wollen. Glauben's mir, nur das Alte, Beſtehende iſt das Gute und Vernünftige, und wer mir davon reden will, daß etwas geändert werden muß, den haß' ich als meinen Feind, und von dem weiß ich, daß er das Verderben des Staates will. Aber, Ew. Majeſtät, ſagte der Kronprinz ſchüch⸗ tern, indem ſeine trüben Augen in einem Strahl gei⸗ ſtigen Lebens aufleuchteten, aber Ew. Majeſtät wollen mir gnädigſt die Bemerkung erlauben, daß das Alte, 1 Beſtehende doch nicht ewig dauern kann. Es nutzt ſich ab und überlebt ſich und muß dann doch durch etwas Neues, Friſches erſetzt werden. So? Meinen's das wirklich, Herr Sohn? fragte Franz mit einem ſcharfen, faſt feindſeligen Blick auf den Kronprinzen. Haben ſich alſo auch ſchon anſtecken laſſen von den Neuerungsgelüſten? Meinen auch, daß Ihnen aber, daß das gar arge verbrecheriſche Ideen ſind, die geradezu zum Aufruhr und zur Revolution führen. Aber, ſagte der Kronprinz, der es zuweilen wagte, mit dem Eigenſinn eines Kindes ſogar dem Kaiſer gegenüber auf ſeinen Anſichten und Ideen zu beharren, aber ich mein', daß vielleicht gerade das ängſtliche 237 Feſthalten des Alten und das eigenſinnige Beharren bei den alten und überlebten Ideen zur Revolution und zum Aufſtand führen muß. Die Welt ſteht ein⸗ mal doch nit ſtill, ſondern ſie ſchreitet vorwärts, und ſo wollen auch die Völker vorwärts ſchreiten und wollen nit mehr Kinder ſein, die man am Gängelband väterlicher Autorität erzieht, ſondern Männer, die— Er verſtummte mitten in dem begonnenen Satz, denn ſein Auge, das unſicher immer umherirrte, traf eben das Antlitz des Kaiſers und begegnete ſeinen Blicken, die mit zornigem Entſetzen ſich in das Antlitz ſeines Sohnes einbohrten. Dieſer Blick machte auf einmal die Energie des Kronprinzen aufhören. Ich weiß nicht, fuhr er nach einer kleinen Pauſe ſchüchtern und ſtotternd fort, ich weiß nicht, ob Ew. Majeſtät auch der Meinung ſind, aber Oncle Johann ſagt es, und Oncle Johann— Ah, unterbrach ihn der Kaiſer mit einem kurzen rauhen Lachen, es iſt alſo mein Herr Bruder Johann, der Dir dieſe Weisheit beigebracht hat? Es iſt mein Herr Bruder Johann, der ſich der Mühe unterziehen will, den künftigen Kaiſer in ſeinen revolutionnairen Ideen zu unterrichten. Das alſo war wohl die Ab— ſicht, weshalb der Herr Bruder ſeine ſteyermärkiſchen 238 Berge und meine vielgeliebte Schwägerin, die Poſt⸗ meiſterstochter Anna Plochl, verließ, und hierher kam nach Wien und hier ſeit vier Tagen ſich aufhält? Hat Ihnen alſo auch ſeinen Beſuch gemacht, der liebe Oncle Johann? Ja, ſagte der Kronprinz, indem er vergnügt wie ein Kind ſeine beiden Hände ineinander rieb, ja, hat mir ſeinen Beſuch gemacht, iſt jeden Tag bei mir ge⸗ weſen, der liebe Oncle Johann. Und ich verſichere Ew. Majeſtät, daß ich mich jedesmal ſehr gefreut hab', wenn er halt kommen iſt. Er iſt gar ſo ein lieber prächtiger Herr, und ſo klug, ach ſo klug! Hat Alles gelernt, Alles ſtudirt und iſt dabei gar nit ſtolz und hochmüthig, ſondern liebreich und freundlich gegen Jedermann. Wahrhaftig, rief der Kaiſer mit ſeinem rauhen, höhniſchen Lachen, er iſt am Ende ſo gut, ſich auch gegen Sie, den Kaiſer der Zukunft, recht liebreich und freundlich zu zeigen? Ach ja, ſagte der Kronprinz lächelnd und mit dem Ausdruck freudigen Stolzes, ach ja, er iſt ſehr liebreich und freundlich zu mir, der liebe Oncle Johann. Wol— len's wohl glauben, Ew. Majeſtät, daß er ganze Stunden bei mir bleibt? Und erzählt mir ſo viel 239 ſchöne Sachen und giebt mir ſo viel gute und weiſe Lehren, und freut ſich ſo an meinen Sammlungen und wird gar nit müd', ſie zu betrachten und zu ord⸗ nen. Iſt ein gar großer Kenner der landwirthſchaft⸗ lichen, ethnographiſchen und technologiſchen Sachen und hat ſelber Sammlungen, die viel größer und reichhal⸗ tiger ſind als die meinen. Aber er iſt halt ſo gut und gefällig gegen mich, daß er mir von einigen ſel⸗ tenen ethnographiſchen Stücken, wovon er Doubletten hat, mir dieſe zu ſchenken verſprochen hat. Er wird ſie mir ſchicken, ja, er wird ſie mir ſchicken, der liebe Oncle Johann, ſobald er nach Steyermark zurückkehrt. Na, dann werden Sie die Sachen recht bald er⸗ halten, denn er wird recht bald nach Steyermark zu⸗ rückkehren, ſagte der Kaiſer trocken. Ich denk' er wird vielleicht ſchon heute Wien verlaſſen. Oh, ſchon heute, rief der Kronprinz traurig. Ich hätt's halt ſo gern geſehen, daß er noch hier blieb und mich alle Tag' beſuchte, denn ich freu' mich jedes Mal ſo ſehr, wenn er kommt. Wiſſen's, Ew. Ma⸗ jeſtät ſollten die Gnad' haben, den Herrn Bruder zu bitten, daß er noch ein biſſel länger hier in Wien bleibt und mich täglich beſucht. Ich meinestheils thät's halt recht gern, ſagte der 240 Kaiſer achſelzuckend. Würd' mich ſicherlich ſehr freuen, wenn der Herr Erzherzog Johann noch länger hier in Wien blieb' und Sie alle Tage beſuchte, um Ihnen weiſe Lehren für die Zukunft zu geben und Sie in der neuen und modernen Staatskunſt zu unterweiſen. Aber ich fürcht' nur, der Fürſt Metternich wird's nit leiden und wird meinen, daß Ihnen der Unterricht des Herrn Erzherzogs Johann nit förderlich und zu⸗ träglich iſt. Wiſſen wohl, der Herr Fürſt Metternich iſt auch nit für die Neuerungen, iſt auch ein ſo alt⸗ modiſcher Kopf, wie ich es bin, meint auch, daß Neue⸗ rungen und Veränderungen im Regierungsſyſtem ſchädlich ſind und daß man damit der Revolution Thor und Thür öffnet. Wird's alſo nit gern haben, der liebe Fürſt Metternich, wenn mein Herr Bruder Johann Ihnen andere Grundſätze einflößt, ſondern wird wünſchen, daß der Herr Erzherzog Johann recht bald Wien verlaſſen möcht'. Und da der Metternich ſich halt ſo ſehr gut ſteht mit dem Grafen Sedlnitzki, dem mächtigen und klugen Polizeiminiſter, ſo fürcht' ich, daß Metternich durch den Sedlnitzki den Herrn Erzherzog wird erſuchen laſſen, Wien zu verlaſſen. Sollen ſehen, das geſchieht, ehe wir's verhindern und ein Wort zu Ihren Gunſten einlegen können, denn freuen, bier in Ihnen Sie in rweiſen. tterricht und zu⸗ etternich ſo alt⸗ ß Neue⸗ zeſyſtem polution haben, Bruder ſondern an recht etternich edlnißii fürcht 1 Herrn erlaſſen ern und 1, denn 241 der Metternich beſinnt ſich halt immer nit lang, und wenn er meint, daß eine Sach' nothwendig iſt und geſchehen muß, ſo ſorgt er dafür, daß ſie gleich ge⸗ ſchieht. Ja, ich glaub's, rief Ferdinand mit ungewohnter Lebhaftigkeit, glaub's, daß der Metternich Alles thun wird, um den Erzherzog Johann, meinen lieben Oncle zu entfernen. Er iſt ihm nit grün, das weiß ich halt. Der Herr Erzherzog Johann hat dem Metternich oft tüchtig die Wahrheit geſagt, wenn er dumme Streich gemacht hatt', und den Metternich ärgerts, daß der Erzherzog Johann vom ganzen öſterreichiſchen Volk mehr geliebt wird, als der Herr Staatskanzler. Oh, ich weiß das Alles recht gut, ich laß mir das Alles erzählen, denn ein Kronprinz muß wiſſen, wie das Volk denkt und wen es liebt und wen es haßt. Und darum hab' ich mir auch erzählen laſſen, daß das Volk den Fürſten Metternich gar nit liebt, daß es überall auf ihn erbittert iſt, daß es aber den Erzher⸗ zog Johann liebt, weil das ein gar ſo humaner, freund⸗ licher und kluger Herr iſt, der die Zeit verſteht und die Wünſche des Volkes nit überhört und ganz bei Seite ſetzt. Und wer hat Ihnen denn das Alles erzählt, mein L. Mühlbach, Erzherzog Johaun. 4. Abth. I 16 242 lieber Herr Sohn? fragte der Kaiſer, ſeinen Ingrimm mühſam unter einem Lächeln verbergend. Wer mir das Alles erzählt hat? wiederholte der Kronprinz, indem er zuſammenſchrak und einen ängſt⸗ lichen ſcheuen Blick auf den Kaiſer warf, denn die Frage ſeines Vaters hatte ihn aus ſeiner Begeiſterung und Argloſigkeit aufgeſchreckt und ihn daran erinnert, daß man ihm ſo oft geſagt, er müſſe vorſichtig ſein und niemals dem Kaiſer verrathen, was man ihm ſagen und mittheilen möchte. Ja, ſagte Franz mit erzwungener Freundlichkeit, ja, ich möcht's halt gern wiſſen, wer Ihnen ſolche Aufklärungen giebt über die Volksſtimmung und Sie ſo prächtig zu belehren ſucht? Ich hab's vergeſſen, Majeſtät, ſeufzte Ferdinand, deſſen Mienen wieder ihren ſtumpfen gleichgültigen Ausdruck angenommen hatten. Hab's ganz und gar vergeſſen, wer mir das Alles geſagt und erzählt hat. Ew. Majeſtät wiſſen wohl, ich hab' gar ſo ein ſchwa⸗ ches Gedächtniß und vergeß halt gar ſchnell Alles wieder. Aber wie mir ſcheint, behalten's auch Vieles recht lang', rief der Kaiſer lachend. Na, gehen's jetzt, Herr Kronprinz, die Deputation aus Laibach wird ſchon grimm 243 lang' auf die verſprochene Audienz warten, und Sie wiſſen wohl, wenn man die Leut' allzulang warten läßt, da werden's verdrießlich. Am End' ſind's auch verdrießlich, Herr Kronprinz, wenn ich Sie allzulang' warten laß? Worauf laſſen mich denn Ew Majeſtät warten? fragte der Kronprinz raſch und mit der unſchuldigen Neugierde eines Kindes. Sagen's, Herr Vater, wor⸗ auf laſſen mich denn Ew. Majeſtät warten? Der Kaiſer ſchaute einen Moment mit forſchendem Blick in das Geſicht ſeines Sohnes, dann als er den unbefangenen kindlichen Ausdruck deſſelben mit prüfen⸗ dem Auge erkannt hatte, zuckte er faſt verächtlich die Achſeln. Auf Ihre Entlaſſung hab' ich Sie warten laſſen, mein' ich, ſagte Franz dann mit einem mühſamen Lächeln. Aber gehen's jetzt, Herr Kronprinz, ich will Sie nit länger aufhalten. Sie haben für heute genug gearbeitet und müſſen ſich jetzt amüſiren. Vielleicht beſucht Sie der liebe Oncle Erzherzog Johann heute wieder, dann werden Sie ſich gewiß amüſiren. Wollen hoffen, daß er noch Zeit findet, ehe der Metternich zu ihm ſchickt. Er hat's mir verſprochen, daß er kommen wollt', 16* 244 rief Ferdinand freudig, indem er aufſtand und ſich zum Gehen anſchickte. Ja, verſprochen hat er mir, daß er kommen wollt', der liebe Oncle Johann, aber wer weiß jetzt, ob er Wort halten kann. Ew. Majeſtät ſagten es ja ſelbſt, der Metternich kann ihn halt nit leiden, und er wird am End' es zu machen wiſſen, daß der Herr Erzherzog Johann noch heute Wien verläßt und mich alſo halt nit mehr beſucht. Das würd' mich aber recht ärgern, und ich würd's dem Herrn Fürſten Metternich nimmer vergeben und ver⸗ geſſen. Bin ihm halt überdies nit recht grün, hab' ihn eigentlich gar nit gern, nein, ich muß es ſagen, ich hab' den Fürſten Metternich gar nit gern. Hab' * ihn nit gern. Er war aufgeſtanden, und indem er jetzt vor dem 3 Kaiſer ſeine unterthänige Referenz machte und dann rückwärts gehend der Thür zuſchritt, wiederholte er immer und immer wieder halblaut vor ſich hin: Hab' ihn nit gern, hab' ich halt gar nit gern, den Fürſten Metternich. ich zum daß er er wer dajeſtät alt nit wiſſen, Wien Das s dem nd ver⸗ „hab ürſten VIII. Das Teſtament. Der Kaiſer ſchaute ſeinem Sohn mit einem düſtern gehäſſigen Blicke nach. Er hat ihn halt gar nit gern, ſagte er mit einem ſpöttiſchen, wegwerfenden Ton, als ſich die Thür hinter dem Kronprinzen geſchloſſen hatte. Er hat den Metternich halt gar nit gern. Hat die Lection recht gut behalten, die ihm der Oncle Johann beigebracht hat. Iſt gar nit ſo dumm, als er ausſieht, der Herr Kronprinz, und vergißt nur das, was er vergeſſen will. Schauen's, ſchauen's, der Herr Kronprinz findet alſo, daß man mit der Zeit fort⸗ ſchreiten muß, daß man Neuerungen und Verbeſſerun⸗ gen einführen muß. Der Herr Johann hat es alſo ſchon verſtanden, ihm etwas einzuflößen von dem mo⸗ dernen Gift, das jetzt die Menſchheit wahnſinnig macht, 246 und das Gift iſt ſchon dem Kronprinzen in ſeinen ſchwachen Kopf geſtiegen. Es iſt gut und nützlich, das zu wiſſen, denn man muß ſeine Maßregeln dar⸗ nach nehmen. Ja, ja, man muß ſeine Maßregeln darnach nehmen. Ich werd' den Metternich rufen laſſen und mit ihm das Nöthige verabreden. Aber zuerſt will ich die Deputation annehmen. Er ergriff die ſilberne Handklingel und ließ ſie zweimal in kurzen Zwiſchenräumen ertönen. Sofort öffnete ſich die Thür der kaiſerlichen Kanzlei, welche ſich unmittelbar neben dem Cabinet des Kaiſers be⸗ fand, und der erſte Kanzleiſecretair trat in das Ge⸗ mach ein. Da nehmen's die Acten dort, die der Herr Kron⸗ prinz erledigt hat, ſagte der Kaiſer. Hab' geſehen, daß er öfter ein Wort ausgeſtrichen hat, alſo muß Alles noch einmal abgeſchrieben werden. Denn die Hauptſach' bei allen Acten und Depeſchen iſt, daß ſie recht ſauber, correct und orthographiſch ge chrieben find und daß kein Wort darin ausgeſtrichen iſt. Sag! Er das allen den Herren da drin in meinem Namen. Sie ſollen ſich mehr Mühe geben und mehr auf den Ausdruck und die Orthographie achten. Hab' heute wieder meine Zeit damit hinbringen müſſen, in einem ſeinen ütlich, Kron⸗ ehen, muß 147 Actenſtück hier die Stylfehler und die orthographiſchen Schnitzer zu corrigiren und bin dadurch ſo aufgehalten worden, daß ich nur ein einziges Actenſtück zu End' bekommen habe.*) Sollen ſich alſo mehr Mühe geben, die Herren Kanzleiräth'. Sauber und correct ſchrei⸗ ben, das iſt die Hauptſach' bei allen Acten. Dann, als der Secretair mit den Acten wieder in die Kanzlei zurückgetreten war, klingelte der Kaiſer wieder und befahl dem aus dem Vorſaal eintretenden Kammerhuſaren, die Deputation der Profeſſoren aus Laibach eintreten zu laſſen. Der Kaiſer empfing indeſſen die Herren Profeſſo⸗ ren mit ziemlich düſterm und unfreundlichem Geſicht. Sie waren gekommen, um den Kaiſer im Namen der Univerſität Laibach zu bitten, daß er die auf ihn ein⸗ ſtimmig gefallene Wahl eines Rector magnificus in Gnaden annehmen und dadurch der Univerſität einen Beweis geben wolle von ſeiner Huld und Gewogenheit. Der Rector der Univerſität befand ſich an der Spitze *) In den letzten Jahren ſeines Lebens beſchäftigte ſich der Kaiſer, als mit einer wichtigen Regierungs⸗Angelegenheit, ſtun⸗ deulang damit, aus den ihm zur Unterſchrift vorgelegten Acten⸗ ſtücken alle orthographiſchen oder auch Stylfehler heraus zu cor⸗ rigiren, wobei es oft geſchah, daß er noch größere Fehler hinein corrigirte. Siehe Schmidt, Zeitgenöſſiſche Geſchichten. 248 dieſer Deputation und trug in einer ſchöngeſetzten und wohleinſtudirten Rede dem Kaiſer die Wünſche der Univerſität vor. Aber das Antlitz des Kaiſers blieb finſter und mürriſch, er konnte die Worte des Kronprinzen noch immer nicht vergeſſen, er hörte immer noch, wie er mit ſeiner näſelnden Kinderſtimme ſagte: Das Alte, Beſtehende kann doch nit ewig dauern, es nutt ſich ab und überlebt ſich und muß durch etwas Neues, Friſches erſetzt werden. Dieſe Worte des Kronprinzen tönten noch immer vor den Ohren ſeines kaiſerlichen Vaters und erfüllt en ihn mit Schrecken und Zorn und ließen ihn wenig achten auf die ſchöne Rede des Rectors der Univerſität Laibach. Es kam ihm nur darauf an, der Herren ſobald als möglich los zu werden, um Metternich rufen zu laſſen um mit ihm die Zukunft zu berathen. Als daher der gelehrte Herr jetzt ſchwieg, beeilte ſich der Kaiſer, ihm in einigen kurzen freundlichen Worten zu danken für die ihm zugedachte Ehre, die er indeſſen erklärte, nicht annehmen zu können. Ew. Majeſtät lehnen unſere unterthänigſte Bitte ab? fragte der Rector verwirrt und ſtotternd. Ja, ſagte der Kaiſer, ich lehne ſie ab, es iſt zu nund 2 der und noch ie er Alte, t ſich teues, mmer illten venig rſität erren rufen Als h der en zu deſſen Bitte 249 viel unverdiente Ehre für mich, der Rector magnificus Eurer gelehrten Anſtalt zu ſein. Ew. Majeſtät ließen uns indeſſen hoffen, wagte der Rector zu bemerken, ließen uns hoffen, daß Aller⸗ höchſtdieſelben unſerer Bitte willfahren würden, und nur in dieſer Hoffnung erlaubten wir uns um die Gnade einer Audienz zu bitten. Es iſt wahr, ich wollt' erſt die mir erzeigte Ehre annehmen, ſagte Franz, und der Fürſt Metternich mag Ihnen das geſagt haben. Aber ich hab' mich halt jetzt anders beſonnen. Es iſt noch nimmer vorgekom⸗ men, daß ein Kaiſer von Oeſterreich Rector magnificus Eurer Univerſität geweſen iſt. Es wäre daher eine Neuerung, und ich, meine Herren, ich haſſe die Neue⸗ rungen und ich werde ſie niemals begünſtigen. Bleib' aber nichtsdeſtoweniger Ihnen und Ihrer Univerſität in Gnaden gewogen. Ihre Hochſchule hat immer einen guten Ruf gehabt, die Krainer Studenten hat man immer für gute Studenten gehalten, und ich bin überzeugt, Sie werden, als die angeſtellten Lehrer dieſer Studenten, darnach trachten, ihnen dieſen Ruf zu erhalten. Vor allen Dingen, meine Herren, halten Sie ſich immer an das Alte; denn dieſes iſt gut und unſere Vorfahren haben ſich dabei wohl befunden, 250 warum ſollten wir es nicht? Es ſind jetzt neue Ideen im Schwunge, die ich nicht billigen werde. Enthalten Sie ſich von dieſen und halten Sie ſich an das Po⸗ ſitive, denn ich brauche keine Gelehrte, ſondern nur rechtſchaffene Bürger. Die Jugend zu ſolchen zu bilden liegt Ihnen ob. Wer mir dient, muß lehren, was ich befehle, wer dies nicht thun kann oder mir mit neuen Ideen kommt, der kann gehen, oder ich werde ihn entfernen.*) Und mit einem kurzen Kopfnicken und einem ge⸗ bieteriſchen Wink nach der Thür hin entließ er die Profeſſoren, die ſich betäubt und verwirrt von den ſtrengen Worten ihres ungnädigen Gebieters ſtumm und eilig zurückzogen. Dummes Gelehrtenvolk, brummte der Kaiſer vor ſich hin. Solche Kerle bilden ſich Wunder was ein auf ihr bischen einſtudirtes Wiſſen und ihre ſogenannte Gelehrſamkeit. Meinen, es ſei was Rechts, daß ſie die Feder führen könnten. Würden's aber nit thun, wenn ſie ordentliche Kerls wären, wenn ſie nit das Kanonenfieber hätten, und darum aus Feigheit es nit *) Des Kaiſers eigene Worte, ganz unverändert und in ihrer Ausdrucksweiſe. Siehe: Vertraute Briefe aus Oeſterreich. Von einem Diplomaten, der ſich ausruht. Bd. I. 56. Ideen thalten daß ſie thun, it das eb nit in ihret b. Von 251 vermieden hätten, Soldaten zu werden. Wenn ſie ſchießen könnten und den Degen zu führen wüßten, die Herren Gelehrten, ſo thäten ſie nit ſchreiben und elende Bücher machen.*) Während der Kaiſer, langſam im Cabinet auf und ab gehend, ſeiner Verdrießlichkeit in dieſem Ausfall auf die ihm ſtets verhaßten Gelehrten Luft machte, ſtanden draußen im Vorſaal zwei Herren im leiſen eifrigen Geſpräch miteinander. Der Eine war der Herr Staatskanzler Fürſt Metternich, der Andere war der kaiſerliche Leibarzt Baron von Stifft. Sie waren ſich anſcheinend durch Zufall hier ſoeben im Vorſaal des Kaiſers begegnet, und da die Deputation der Pro⸗ feſſoren ſich noch im Cabinet des Kaiſers befunden, hatten ſie, deren Entlaſſung abwartend, ein Geſpräch miteinander begonnen. Sie glauben alſo wirklich, lieber Baron, fragte Metternich jetzt leiſe, Sie glauben, daß der verhäng⸗ nißvolle Zeitpunkt herannaht? Er iſt ganz nahe vor der Thür, Durchlaucht, er— wiederte der Baron feierlich. Der Kaiſer hat keine vierzehn Tage mehr zu leben. Ich habe ihn geſtern *) Des Kaiſers eigene Worte. Siehe: Hormayr, Aune monen. Bd. III. 252 unterſucht und alle meine ſchlimmen Vermuthungen beſtätigt gefunden. Die beiden Lungenflügel ſind gänzlich zerſtört, und nur am rechten Flügel iſt noch ein kleiner Lappen geblieben. Wenn der aufgezehrt iſt, hört das Leben auf. Der Kaiſer hält ſich nur noch aufrecht durch ſeinen eiſernen Willen, aber wenn das bischen Reſt von Lunge ausgehuſtet iſt, wird er ſich dennoch der höhern Macht des Todes unterwerfen müſſen. Treffen Sie alſo Ihre Vorkehrungen, Durch⸗ laucht, es iſt die höchſte Zeit. Ich habe mich vorbereitet und bin entſchloſſen, das Aeußerſte zu wagen, denn das Wohl der Monarchie ſteht auf dem Spiel, ſagte Metternich feierlich. Es kommt nur darauf an, theurer Freund, ob Sie mich unterſtützen wollen, ob Sie entſchloſſen ſind, das ent⸗ ſcheidende Wort zu lanciren? Sie meinen, dem Kaiſer zu ſagen, daß es noth⸗ wendig iſt, ſein Teſtament zu machen? Ja, ich bin entſchloſſen dazu, und es iſt meine Pflicht, dies zu thun. Ich gehe jetzt hinein, denn es iſt die gewöhn⸗ liche Stunde meines Beſuches, und die Deputation iſt entlaſſen. Wiſſen Sie, flüſterte Metternich, deſſen ſonſt ſo friſches roſiges Geſicht eben eine ungewöhnliche Bläſſe hungen e ſind ſt noch rt iſt, r noch an das er ſich werfen Durch⸗ en, das narchie h. E e mich s ent⸗ noth⸗ ich bin jes zu wöhn⸗ lon iſt nſt ſo Bläſſ 253 zeigte, wiſſen Sie, daß ich ein Gefühl wirklicher Angſt habe, daß mein Herz klopft, als ginge ich einem großen, entſcheidenden Moment entgegen? Ich geſtehe Ihnen, ſagte der Leibarzt lächelnd, ja, ich geſtehe Ihnen, daß mir ſelber auch etwas beklom⸗ men zu Muthe iſt, und daß ich es nicht ungern ſähe, wenn ich dem Kaiſer durch einen andern Mund meine unheilvolle Botſchaft mittheilen könnte. Ich hab's verſucht, war feig genug, die Kaiſerin zu bitten, daß ſie es übernehmen möchte, aber ſie hat es abgelehnt, es fehlt ihr auch der Muth dazu. Und es geſchieht mir auch ganz Recht damit. Mein Beruf legt mir die Pflicht auf, meinen Kranken die Wahrheit über ihren Zuſtand zu ſagen, und es muß dabei gleichviel ſein, ob der Kranke ein Bettler, oder ein Kaiſer iſt. Ich gehe alſo, meinen Beruf zu erfüllen und meinem Patienten die Wahrheit zu ſagen über ſeinen Zu⸗ ſtand. Gehen Sie, Herr Baron, ſagte Metternich, ihm die Hand darreichend, gehen Sie und ſeien Sie ver⸗ ſichert, daß ich von dieſer Stunde an Ihr dankbarer Schuldner bleiben werde. In dieſem Augenblick ertönte aus dem kaiſerlichen Cabinet, deſſen Thür der Leibarzt mit eilfertigen 254 Schritten ſich näherte, der Ruf der kaiſerlichen Hand⸗ klingel und der Kammerhuſar öffnete die Thür. Man hörte die Stimme des Kaiſers, welche rief: Ein Lakay zum Fürſten Metternich. Ich laſſe den Herrn Staatskanzler erſuchen, ſich ſogleich zu mir zu bemühen. Der Leibarzt, der ſich ſchon am Eingang des kai⸗ ſerlichen Cabinets befand, wandte ſein Haupt zurück nach dem Fürſten hin und wechſelte mit ihm einen lächelnden Blick des Einverſtändniſſes, dann ſchritt er vorwärts und verſchwand in dem kaiſerlichen Cabinet. Nun gebe Gott, daß er reüſſirt, flüſterte Metter⸗ nich in ſich hinein, die nächſte Stunde entſcheidet über meine Zukunft nicht allein, ſondern auch über die Zukunft Oeſterreichs. Der Leibarzt Baron von Stifft war indeſſen in das Cabinet des Kaiſers eingetreten, ohne daß es dazu der Anmeldung des Kammerhuſaren bedurft hätte. Dem Leibarzt und dem Fürſten Metternich war allein vom Kaiſer das Privilegium verliehen wor⸗ den, unangemeldet in das Gemach des Kaiſers eintre⸗ ten zu dürfen, wenn der Dienſt es erheiſchte, und der Baron von Stifft befand ſich eben im Dienſt, er n Hand⸗ r. che rief: iſſe den mir zu des kai⸗ t zurück m einen tſchrit ſerlichen Metter⸗ det über ber die eſſen in daß es bedurft etternich en wor⸗ eintre⸗ und der mſt, er 155 machte ſeinem kaiſerlichen Patienten ſeinen gewöhnlichen Morgenbeſuch. Majeſtät, ſagte er, ſich dem Kaiſer nähernd, Ma⸗ jeſtät, der Fürſt Metternich, den Ew. Majeſtät ſoeben befehlen, muß warten und mir den Vorrang einräu⸗ men. Seine Durchlaucht iſt einer von den getreuen Dienern, welche die Befehle des kaiſerlichen Herrn ſchon errathen, bevor ſie noch ausgeſprochen werden, und der Fürſt befand ſich daher ſchon im Vorzimmer, als Ew. Majeſtät befahlen, ihn rufen zu laſſen. Aber er hat mir auf meine Bitte den Vortritt gelaſſen. Erſt kommt der Arzt und dann der Staatsmann, Majeſtät. Und während der Baron mit anſcheinendem Gleich⸗ muth ſo ſprach, beobachtete ſein ſcharfes, kluges Auge das Antlitz des Kaiſers und gewahrte ſehr wohl den finſtern, düſtern Ausdruck deſſelben. Na, meinetwegen, ſagte Franz, dem Arzt, der in beſonderer Gunſt bei ihm ſtand, freundlich zunickend, meinetwegen mag es ſo ſein, und wenn der Metternich damit einverſtanden iſt, zu warten, ſo ſollen's den Vortritt vor ihm haben. Aber was nützt es mir, Doctor, wenn Sie kommen? Helfen können's mir halt doch nit. Der Huſten hat mich halt doch wieder 256 die ganze Nacht nit einmal eine Minute ſchlafen laſſen. Nun, warf Baron Sitifft leicht hin, den Huſten fürchte ich nicht. Er iſt allerdings quäleriſch und es iſt ſchlimm, daß er Ew. Majeſtät um Ihren Schlaf bringt, aber Ew. Majeſtät haben ihn ſchon ſeit vielen Jahren, ohne daß er Ihnen beſondern Schaden gethan hat. Ew. Majeſtät haben zum guten Glück eine ſehr ſtarke Conſtitution. Was reden Sie da? rief der Kaiſer heftig und mit gerunzelter Stirn. Hören's, Stifft, wir ſind alte Bekannte und ich hab' Sie auch recht gern, aber das Wort laſſen's mich halt nit wieder hören. Sagen's: eine dauerhafte Natur oder meinetwegen eine ſtarke Complexion; aber es giebt gar keine Conſtitution. Ich habe keine Conſtitution und werde auch niemals eine haben. Werd's auch zu verhindern ſuchen, daß Oeſterreich mit ſolchen revolutionnairen Neuerungen geplagt werde.*) Gebe der Himmel, daß Ew. Majeſtät das ver⸗ möchten, ſagte Baron Stifft ſeufzend. Aber dazu wäre nöthig, daß Ew. Majeſtät immerdar über Oeſter⸗ *) Des Kaiſers eigene Worte. Siehe: Hormayr, Oeſter⸗ reich iſcher Plutarch. 257 reich wachen und es immerdar beſchützen könnten. ſchla hui Die Conſtitutionen haben ſich nun einmal wie die Huſten Heuſchrecken über ganz Europa in der Luft geſammelt Inn es und fallen auf alle Felder nieder, wo keine Bajonette Schlaf und keine Soldaten bereit ſtehen, ſie zu vernichten. vilen So lange Ew. Majeſtät Ihrem Staate erhalten blei⸗ rabm ben, werden Sie natürlich dafür Sorge tragen, daß n für die Soldaten überall bereit ſind, und daß, ſo wie eine 14 conſtitutionelle Heuſchreckenwolke ſich in der Luft über Oeſterreich zeigt, unſere Kanonen ſie auseinanderplatzen in nnn macht und die Luft wieder reinigt. Aber unglücklicher nd a Weiſe werden Ew. Majeſtät nicht ewig über Oeſter⸗ ber 9 reich wachen können. Unglücklicher Weiſe iſt auch ein agan ⸗ Kaiſer nur ein ſterblicher Menſch. tinn Der Kaiſer wandte mit einer raſchen Kopfbewegung ttution. ſein Antlitz dem Leibarzt zu. niemals Warum ſagen's mir das? fragte er haſtig. Wol⸗ in, daß len's mich etwa vorbereiten? Meinen's, daß es zu erungen Ende geht? Majeſtät, ſagte Baron Stifft, ich weiß, daß Sie as ver immer vorbereitet ſind, den irdiſchen Thron zu ver⸗ r dazu laſſen, um vor dem Throne Gottes zu erſcheinen. Ich Oeſtet⸗ wiederhole Ihnen, daß Ew. Majeſtät eine ſtarke Com⸗ plexion haben, weshalb auch der quäleriſche Huſten Oeſter⸗ L. Mühlbach, Erzberzog Johann. 4. Abth. I. 17 258 mich gar nicht ſchreckt. Aber ſterblich ſind wir Alle, und darum iſt es gut und weiſe, ſich immerhin auf den Tod vorzubereiten und gerade in den Tagen der Geſundheit und Kraft ſeine irdiſchen Angelegenheiten zu ordnen und abzuſchließen. Der Kaiſer erwiederte nichts. Er hatte ſich von ſeinem Lehnſtuhl erhoben und ging langſam und ſchwan⸗ kend auf und ab. Auf einmal zuckte er zuſammen, ein Zittern durchbebte ſeine ganze Geſtalt und der Huſten brach mit ſo krampfhafter Heftigkeit aus ſeiner armen ausgemergelten, zerfallenen Bruſt hervor, daß der Kaiſer von der furchtbaren Erſchütterung zu Bo⸗ den gefallen wäre, wenn nicht der Leibarzt ihn in ſeinen Armen aufgefangen, und ihn in denſelben auf⸗ recht haltend, ſanft und mühevoll zu dem Divan geleitet hätte. Eine lange Zeit lehnte der Kaiſer keuchend, ächzend und huſtend ſein todesbleiches Haupt in die Kiſſen des Divans zurück. Der Schweiß ſtand in großen Tropfen auf ſeiner Stirn, ſeine kalte, feuchte Hand ruhte in der Hand des Doctors, der die Schläge des Pulſes zhlte und das häufige Ausſetzen deſſelben beob⸗ achtete. Endlich ging der Krampf des Huſtens vorüber, eir Alle, hin auf gen der enheiten ich von ſchwan⸗ ammen, nd der 18 ſeiner or, daß den auf⸗ geleitet aächzend ſſen des Tropfen ühte in Puölſe⸗ beob⸗ vorüber, 259 der Kaiſer öffnete ſeine Augen und ſein glanzloſer Blick richtete ſich zu dem Arzt empor. Doctor, ſagte er mit ſchwacher, athemloſer Stimme, Doctor, wie viel Zeit geben Sie mir noch zu leben? Majeſtät, erwiederte der Baron Stifft feierlich, Gott allein iſt es, der das Leben giebt und nimmt. Wir Menſchen ſind ſo kurzſichtig, daß unſer Blick oft nicht über acht Tage hinausſchauet, während die Gnade Gottes oft noch Wochen und Monate bewilligen kann. Ich verſtehe Sie, ſagte der Kaiſer langſam. Es kann in acht Tagen zu Ende gehen. Majeſtät, es kann aber noch Monate hinausgeſcho⸗ ben werden. Durch Ihre Medicamente? Nein, Majeſtät, durch die Gnade Gottes und die Kraft Ihrer Con— Complexion. Der Kaiſer zuckte die Achſeln. Schlechter Troſt, ſagte er. Monate lang unter der ſcharfen Sichel des Todes zu leben, iſt ſchlimmer, als gleich heute zu den Kapuzinern hinab zu ſteigen. Ich will lieber denken, daß ich in acht Tagen die große Reiſe antreten muß, und ich will meine Vorkehrungen darnach treffen. Aber hören's, Doctor, ich möcht' dieſe acht Tage nit als ein hinfälliger Kranker hinbringen, ſondern kräftig 12* 260 und ſtark, wie's einem Kaiſer von Gottes Gnaden zukommt. Können's mir nit ein Mittel geben, das die Krampfſchmerzen beim Huſten ſtillt und mir etwas Kräft' wiedergiebt? Majeſtät, ich habe Ihnen Pulver mitgebracht, die krampfſtillend und beruhigend wirken. Hier ſind ſie. Nehmen Sie von dieſen Pulvern und Sie werden einige Erleichterung davon haben. Er ſchüttete ein weißes Pulver in ein Glas Waſſer und hielt es an die heißen, trocknen Lippen des Kaiſers, der mit Begierde den Inhalt des Glaſes leerte. Haben Recht, ſagte Franz aufathmend, es hat mir gut gethan, fühl mich jetzt beſſer und kann wieder aufſtehen. So, nun hören's, Doctor. Sie geben mir Ihr Wort, daß Sie Niemandem ſagen, was Sie mir geſagt haben? Ich gebe Ew. Majeſtät mein Ehrenwort. Sie werden auch Niemandem erzählen von dem ſchlimmen Anfall, den ich gehabt? Ich gebe Ew. Majeſtät mein Ehrenwort, daß ich Niemandem davon erzählen werde. Glaub's Ihnen, denn ich habe Sie immer als einen Mann von Ehre kennen gelernt. Nun gehen's, Gnaden n, das r etwas iht, die ind ſie. werden Waſſer pen des Glaſes bat mit 1 wieder ben mit bie mir on dem 261 Stifft, und laſſen's den Metternich eintreten. Hab' wichtige Dinge mit ihm zu reden. Wenige Minuten ſpäter trat Fürſt Metternich mit ſeinem lächelnden, ruhigen Geſicht in das Cabinet des 3. Kaiſers ein, der ihn mit einem raſchen Kopfnicken be⸗ 1 grüßte und ſeine ſteifen, düſtern Mienen zu einem freundlichen Ausdruck zwang. Metternich, ſagte Franz, mit gewaltiger Kraftan⸗ ſtrengung ſeine Stimme zwingend, daß ſie nicht zit⸗ terte, Metternich, ich hab' Sie rufen laſſen, um mit Ihnen ein wichtiges Geſchäft zu beſprechen. Ich will mein Teſtament machen. Das ſchöne, ruhige Angeſicht des Fürſten nahm ſofort einen entſetzten und erſchrockenen Ausdruck an. Ihr Teſtament, Majeſtät? fragte er erſtaunt. Aber weshalb wollen Ew. Majeſtät das thun? Baron Stifft ſagte mir eben, daß es, dem Himmel ſei ge⸗ dankt, mit dem Befinden Ew. Majeſtät um Vieles beſſer gehe, und daß gar nichts zu fürchten ſei. Wa⸗ rum wollen Ew. Majeſtät Ihre Reconvalescenz alſo damit ſtören, daß Sie mit einer ſo ernſten und trau⸗ rigen Sache ſich beſchäftigen? Der Stifft hat Ihnen die Wahrheit erzählt, ſagte der Kaiſer langſam, ja, es geht mir viel beſſer und 262 es iſt nichts mehr zu fürchten. Aber grad' darum will ich mein Teſtament machen, denn es iſt immer gut, wenn man damit nit wartet, bis der Tod an die Thür klopft. Reden's nit dagegen, Metternich, es muß geſchehen. Majeſtät, ſagte Metternich mit unterwürfiger und ehrerbietiger Miene, Majeſtät, ich wage nichts mehr zu ſagen, ich beſcheide mich. Nun hören's, Metternich. Ich glaub', der Kron⸗ prinz wird nit im Stand' ſein, die Regierung zu führen. Er iſt ein gar ſchwächlicher, kränklicher Herr, der nit auf ſeinen eigenen Füßen zu ſtehen vermag. Man muß ihm alſo ſtarke Arme bereit halten, die ihn ſtützen und aufrecht halten, Majeſtät. Ja, ſtarke Arme, die ihn ſtützen, und feine Köpfe, die für ihn denken. Aber wird er im Stand' ſein, die ſelber für ſich auszufinden? Ich glaube, es wäre beſſer, wenn Ew. Majeſtät den Kronprinzen im Voraus mit Ihrem gnädigen Rath unterſtützten. Wen meinen Sie, daß ich dem Kronprinzen zu ſeinem Rathgeber vorſchlagen ſoll? fragte der Kaiſer, die tief eingeſunkenen, glanzloſen Augen ſtarr auf das Antlitz des Fürſten heftend. darum immer an die Köpfe, ſein, ajeſtät ädigen zen zu aiſet, uf dab 263 Majeſtät, erwiederte Metternich mit lächelnder Ge⸗ laſſenheit, Jeden, der Ew. Majeſtät beliebt, nur mich nicht. Und weshalb Sie nicht? Weil der Kronprinz mich nicht nur nicht liebt, ſondern weil er mir geradezu abgeneigt iſt. Und wiſſen Sie den Grund ſeiner Abneigung? Sagen Sie mir die Wahrheit, Metternich, ich muß und will ſie wiſſen.. Majeſtät, die Wahrheit iſt, daß ich dem Herrn Kronprinzen zu altmodiſch bin. Der Kronprinz iſt den liberalen Ideen der Neuzeit zugewandt, er findet, daß man Neuerungen, Verbeſſerungen einführen, daß man dem modernen Geiſt der Zeit Zugeſtändniſſe machen müſſe. Er weiß, daß ich der entgegengeſetzten Meinung bin, daß ich niemals die Hand dazu bieten würde, den ſogenannten liberalen Ideen in Oeſterreich Thor und Thür zu öffnen, weil ich die Ueberzeugung hege, daß dieſe liberalen Ideen immer nur die Vor⸗ läufer der Revolutionen ſind, daß der Liberalismus der Todtengräber der Monarchieen iſt. Das iſt ein wahres und gutes Wort, rief der Kaiſer lebhaft, bleiben's dabei, Metternich, und Sie werden Oeſterreich vor vielem Unheil bewahren. Hal⸗ 264 ten's Thor und Thür feſt verſchloſſen, und wenn der Zeitgeiſt anklopft, ſo weiſen Sie ihn beherzt und un⸗ erſchrocken ſeiner Wege. Majeſtät, ich werde nicht die Macht dazu haben, denn man wird mich bei Seite ſchieben. Ich glaube, der Kronprinz hat ſich ſchon die Männer ſeines Ver⸗ trauens, die Rathgeber ſeiner Zukunft ausgewählt. Und wen meinen Sie, daß er dazu auserſehen hat? Metternich ſchwieg und blickte mit anſcheinender Schüchternheit und Verlegenheit dem Kaiſer in's An⸗ geſicht. Nun reden's, rief Franz ungeduldig. „Ew. Mafeſtät wiſſen ohne Zweifel, daß der Herr Erzherzog Johann den Kronprinzen ſeit ſeinem Hier⸗ ſein täglich beſuchte? Ich weiß es, ja, ich weiß es. Und wiſſen Ew. Majeſtät auch, weshalb der Herr Erzherzog Johann nach Wien gekommen iſt? Nein, das hat mir der Sedlnitzki halt noch nit ausforſchen können. Ich weiß es, Majeſtät. Der Kronprinz hat ihn eingeladen, zu kommen. Der Kaiſer fuhr heftig von ſeinem Sitz empor und ein Schimmer von Röthe überflog ſeine eingefal⸗ enn der und un⸗ mhaben, glaube, es Ver⸗ ühlt. zen hat? einender „'s An⸗ er Herr 1 Hier⸗ der Herr noch nit hat ihn empor eingefa⸗ 265 lenen, bleichen Wangen. Der Kronprinz hat ihn ein⸗ geladen, ſagen Sie? fragte er ingrimmig. Ja, Majeſtät, er hat ihn eingeladen unter dem Vorwand, daß der Erzherzog ihm ſeine technologiſchen Sammlungen ordnen möchte. Er hat aber ſeitdem ſehr lange Unterredungen täglich mit ihm gehabt, in denen von ganz andern Dingen als von Sammlungen die Rede war. Sie haben Recht, ich weiß es, murmelte der Kaiſer in ſich hinein. Sire, wenn man den Kronprinzen nicht von an⸗ derer Seite drängt, ſo wird er, einer Neigung fol⸗ gend, den Erzherzog Johann zu ſeinem erſten Rath⸗ geber, zu ſeinem Mitregenten ernennen. Der Kaiſer antwortete nur mit einem kurzen, zor⸗ nigen Lachen und ſchaute dann eine Zeit lang düſter und nachdenklich vor ſich hin. Und wenn man ihn von anderer Seite drängt, fragte er nach einer Pauſe, wen glauben Sie, daß er alsdann ſich an die Seite ſtellen wird? Sire, die Frauen und die Jeſuiten. Die Jeſuiten, rief Franz heftig. Woher wiſſen Sie das? Worauf gründet ſich Ihre Anſicht? Auf unzweifelhafte Thatſachen, Majeſtät. Die ſ ſ 266 Gemahlin des Kronprinzen iſt bekanntlich eine ſehr fromme Dame, von Jeſuiten erzogen und ganz ihnen ergeben. Ihre erhabene Freundin, die Erzherzogin Sophie, iſt nicht blos fromm, ſondern auch ehrgeizig und ſehr geneigt zu herrſchen und zu regieren durch die frommen Väter Jeſu und mit ihnen. Die beiden Damen haben in ihrem frommen Eifer ſich das Ziel geſetzt, den Jeſuiten wieder ungehinderten Eintritt in Oeſterreich auszuwirken, ihnen wieder zu ihrer verlore⸗ nen Macht zu verhelfen. Es iſt wahr, es iſt wahr, ſeufzte der Kaiſer, der ſich eben entſann, mit welcher Lebhaftigkeit und In⸗ brunſt die Kaiſerin, ſeine Gemahlin, ſeit einiger Zeit ſich bei ihm für die Wiederherſtellung der Jeſuiten verwandt hatte, und der ſehr gut wußte, daß es ge⸗ wöhnlich die Erzherzogin Sophie war, die durch den Mund ihrer Schweſter zu ihm ſprach. Ja, ſie wollen den Jeſuitenorden wieder herſtellen, ſie wollen die in⸗ triguanten, ehrgeizigen Prieſter wieder in Oeſterreich zur Herrſchaft kommen laſſen. So daß alſo entweder dem Fortſchritt oder dem Rückſchritt die Zukunft Oeſterreichs gehört, ſagte Met⸗ ternich ſanft. Der Fortſchritt iſt der Erzherzog Jo⸗ hann, der Rückſchritt iſt der Orden Loyola's. ſehr ihnen zogin geizig durch eiden Ziel tt in llore⸗ 267 Ah, noch bin ich da und ich werd's nit leiden, daß das geſchieht, rief Franz lebhaft. Bin Gott ver⸗ antwortlich auch für die Zukunft Oeſterreichs, denn es iſt mein Sohn, welcher dieſe Zukunft zu geſtalten hat, und ich will's halt nit zugeben, daß mein Sohn, daß ein Erbe meines Hauſes Unheil und Verderben über Oeſterreich herbeiführe. Unheil und Verderben aber würde hereinbrechen durch den Fortſchritt ſowohl wie durch den Rückſchritt. Nein, mein Herr Bruder Jo⸗ hann ſoll nit die Zügel der Regierung in die Hand bekommen. Nein, nie und nimmermehr ſoll das ge⸗ ſchehen. Hab' gegen ihn gekämpft mein ganzes Leben lang, hab' immer gewußt, daß der Herr Bruder mein Feind und Widerſacher ſei, gegen den ich auf meiner Huth ſein müßt', hab' immer gefühlt, daß er ſich klüger und weiſer dünkt, als ich ſelber, daß er ſich unterſteht, mit vornehmer Geringſchätzung auf mich herabzuſehen. Hab' ihn deshalb auch niemals geliebt, ſondern ihn immer fern gehalten von mir. Und ſollt nun denken müſſen, daß er, ſobald ich die Augen ge⸗ ſchloſſen, die Hand dürft' ausſtrecken nach dem Scep⸗ ter, das noch nit in meiner Hand erkaltet iſt, um zu regieren nach ſeiner Fagon, um ſeine verwünſchten liberalen Ideen, von denen er ſo lange geträumt und 268 geſchwärmt in ſeinen Bergen, jetzt doch noch zur Aus⸗ führung zu bringen? Würd' nit Ruhe haben in mei⸗ nem Grab', wenn das geſchehen ſollt', würd' aus der Kapuzinergruft wieder heraufſteigen in die Kaiſerburg, um dem Erzherzog Johann das Scepter zu entreißen und es lieber hinabzuwerfen in die Donau, als es in ſeinen Händen zu laſſen. Und der Kaiſer, an allen Gliedern bebend, ganz erſchöpft und athemlos von der heftigen Erregung, ließ einen Moment ſein Haupt in die Polſter des Diyans zurückſinken.. Majeſtät, ſagte Metternich leiſe, es giebt ein Mit⸗ tel, es zu vermeiden, daß der Erzherzog Johann zur mittelbaren Herrſchaft gelange. Geben Sie den Wün⸗ ſchen der hohen Frauen Gehör, unterzeichnen Sie das Decret, welches die Wiedereinführung der Jeſuiten genehmigt, geben Sie der Geſellſchaft Jeſu die Herr⸗ ſchaft über die Kirche und den Schulunterricht wieder, geſtatten Sie ihnen, hier in der Burg freien Ein⸗ und Ausgang zu haben, und Ew. Majeſtät dürfen überzeugt ſein, daß der Erzherzog Johann nicht zur Macht gelangen wird. Das heißt ein Uebel durch ein anderes Uebel ver⸗ treiben wollen, ächzte der Kaiſer, ſich langſam aus dem rburg, reißen es in ganz egung, er des Mit⸗ n zur Wün⸗ e das ſuiten Herr⸗ vieder, Ein⸗ dürfen ot zur l ver⸗ z dem 269 Divan wieder emporrichtend. Ich will aber weder den Erzherzog Johann noch die Jeſuiten zu meinem Nachfolger haben. Sie, Metternich, Sie ſollen der Rathgeber meines Sohnes ſein, Sie ſollen ihn weiter geleiten auf der Bahn, die wir Beide ſeit dreißig Jah— ren gewandelt ſind und auf der wir Oeſterreich ruhig, glücklich und zufrieden gemacht haben. Ah, Majeſtät, rief Metternich ſeufzend, ich ſagte Ew. Majeſtät ſchon, der Kronprinz liebt mich nicht, er hat kein Vertrauen zu mir. Aber er liebt mich, er hat Vertrauen zu mir und er wird den Willen' ſeines Vaters ehren, wenn dieſer aus dem Grabe zu ihm ſpricht. Ich werde für meinen Sohn meinen letzten Willen aufſchreiben, ich werde ihm als Vater und als Kaiſer meine Befehle hinter⸗ laſſen und er wird dem Vater und dem Kaiſer gehor⸗ ſamen, wenn er auch nicht mehr mit dem lebendigen, ſondern nur noch mit dem geſchriebenen Wort zu ihm ſpricht. Ich will mein Teſtament machen, Herr Fürſt Metternich. Setzen Sie ſich da an meinen Schreib⸗ tiſch, ich will Ihnen meinen letzten Willen dictiren, alsdann werde ich das Concept durchſehen, es verbeſſern und ergänzen und mit meiner eigenen Hand unterzeich⸗ nen. Setzen Sie ſich, Metternich und ſchreiben Sie. 270 Am Abend dieſes Tages trat Fürſt Metternich mit ſtrahlendem Geſicht in das Gemach ein, in welchem ſeine Freundin Katharina Cibbini ihn erwartete. Mit ausgebreiteten Armen auf ſie zuſchreitend, drückte er ſie innig und zärtlich an ſein Herz. Meine theure, geliebte Freundin, flüſterte er unter Küſſen, Du biſt mein Schutzengel und der Schutzengel Oeſterreichs geweſen, und eine große Gefahr haſt Du von uns abgewandt. Mein Leben wird ein fortgeſetz⸗ tes Bemühen ſein, Dir zu danken, aber nur meiner Liebe wird es gelingen, dieſem Dank Ausdruck zu geben. Sie ſah ihn an mit leuchtenden Augen und einem glücklichen Lächeln. Wirſt mich niemals täuſchen, Clemens? Niemals, meine theure Katharina. Wir haben uns verbunden für das ganze Leben, wir werden uns treu bleiben bis zum Tode. Dir danke ich es, daß ich mit frohem Vertrauen der Zukunft entgegenſehen darf, Dir danke ich es, daß der Kaiſer ſein Teſtament gemacht hat. Du haſt großmüthig und edel Dein Verſprechen erfüllt, Du haſt für mich gewirkt und gehandelt. Und wirſt auch Du Dein Verſprechen erfüllen, mein theurer Freund? Wirſt unerſchütterlich feſthalten an dem Vertrag, den wir geſchloſſen? h mit elchem Mit kte er unter engel t Du geſet⸗ reiner heben. einem ſchen, unsé treu mit „Dir nacht echen mein 1 all 271 Zweifelſt Du an mir, Katharina? Sieh, meine Holde, ich liebe Dich mehr, als Du mich liebſt, denn ich zweifle nicht, ich vertraue Dir. In Deinen Hän⸗ den ruht jetzt die Entſcheidung über meine Zukunft, und darum ſage ich vertrauensvoll: die Zukunft gehört mir. Ich bleibe Miniſter, denn Katharina Cibbini wird dafür ſorgen, daß der Kronprinz dem Teſtament ſeines Vaters gehorſamt, daß er mich nicht verabſchiedet. Welches wird die erſte Regierungshandlung des jungen Kaiſers ſein, wenn er Dich zu ſeinem Miniſter ernannt hat? Seine erſte Regierungshandlung wird ſein, Katha⸗ rina, daß er die Gefangenen auf dem Spielberg begnadigt. Er wird Dich zu ſeinem Miniſter ernennen, er wird durch ein eigenes Handbillet den Fürſten Clemens Met⸗ ternich erſuchen, ſein Staatskanzler und Miniſter zu bleiben. Ich werde dem jungen Kaiſer dieſes Billet in die Feder dictiren. 1 1 YI. Das Handbillet. Baron Stifft, der Leibarzt des Kaiſers, hatte Recht gehabt mit ſeiner unheilvollen Prophezeihung. Der Kaiſer Franz hatte kaum noch acht Tage ſeit jener Unterredung mit ihm zu leben gehabt. Noch am ein⸗ undzwanzigſten Februar hatte der Kaiſer einer Vor⸗ ſtellung im Burgtheater beigewohnt, und hatte ſich drei Stunden lang von ſeiner Loge aus dem Publi⸗ cum gezeigt, wie ſchwer es ihm auch ward, ſich dieſe Stunden aufrecht zu halten, welche Schmerzen auch in ſeiner Bruſt hämmerten und pochten, und welche ungeheure Anſtrengung er auch anwenden mußte, um ſeinen krampfhaften Huſten zu unterdrücken. Franz wollte das Publicum glauben machen, daß er ſich vollkommen wohl und geſund fühle, daß er 3, hatte zzeihung. feit jener am ein⸗ er Vor⸗ atte ſich 1 Publi⸗ ſich dieſe zen auch welche ßte, um 273 noch immer der regierende Herr, der Kaiſer ſei, daß alle jenen Gerüchte, welche vielleicht von ſeiner Krank⸗ heit, von ſeinem nahen Tode ſich in der guten Stadt Wien mochten verbreitet haben, unbegründet ſeien. Aber das Publicum ließ ſich nicht täuſchen, es las auf dem zerfallenen bleichen Angeſicht, auf der düſtern Stirn des Kaiſers dennoch die Kunde von ſeinem baldigen Tode, und als es das Burgtheater verließ, verbreitete ſich ſchnell durch ganz Wien die Nachricht:„der Kaiſer wird ſterben. Er iſt in das Burgtheater gekommen, um zum letzten Male ſich ſeinen lieben Wienern zu zeigen.“ Der Kaiſer wird ſterben, rief man ſich auf der Straße, in den Kaffeehäuſern, in den Kirchen einander zu. Der Kaiſer wird ſterben, ſeufzte das gute ver⸗ trauensvolle Volk, als es ſchon am nächſten Tage durch die Straßen von Wien den Cardinal Erzbiſchof mit ſeinem glänzenden Gefolge nach der Burg hinwallen ſah, um dem Kaiſer die Sterbeſacramente zu wihen Der Kaiſer wird ſterben, murmelte das Volk, i dem es auf ſeine Kniee niederſank, aber inden e er ſtirbt, wird er uns glücklich machen. Franz liebt ſein gutes getreues Volk, und er wird uns daher zu ſeinen Erben einſetzen. Er wird uns Erleichterung unſerer Mühlbach, Erzberzog Johann. 4. Abth. I. 18 —— A 274 Laſten verſchaffen, er wird unſere Schulden bezahlen, und wir werden alsdann weniger Steuern zu be⸗ zahlen haben! Und während das Volk ſo träumte und hoffte, während es inbrünſtiglich betete für den guten Kaiſer Franz, deſſen Erbe es bald zu ſein hoffte, verſchlim⸗ merte ſich der Zuſtand des Kaiſers immer mehr und mehr. Schon am letzten Februar hatten die Aerzte den Kaiſer für hoffnungslos erklärt, und am erſten März ſah man in jedem Moment ſeiner Auflöſung entgegen. Aber obwohl ſchon die Schatten des Todes auf ſeiner feuchten Stirn lagen, obwohl ſein Antlitz ſchon jene furchtbaren hyppokratiſchen Züge trug, durch welche der Tod ſein baldiges Nahen verkündet, ſo hatte Franz doch nicht einen Moment ſein Bewußt⸗ ſein verloren, nicht einen Moment vergeſſen, daß er Kaiſer ſei, daß es ihm obliege zu regieren, ſo lange er noch die Hand bewegen könne, um ſeinen Namen zu unterzeichnen, ſo lange er noch die Zunge rühren könne, um zu ſprechen und ſeinen Willen zu ver⸗ künden. Er ließ ſeine Staatsbeamten an ſein Lager rufen, und gab ihnen ſeine Befehle und unterzeichnete die Decrete, welche ſie auf ſeinen Befehl abgefaßt hatten, 275 er berief den Fürſten Metternich, den Grafen Kollo⸗ wrat und den Erzherzog Ludwig, ſeinen Lieblings⸗ bruder, den einzigen ſeiner Brüder, welchem er ver⸗ traute, zu ſich in ſein Sterbezimmer, ließ alle Uebri⸗ gen hinaus gehen und hatte mit dieſen Dreien eine lange Unterredung. Dann, nachdem dieſe drei Herren ihn verlaſſen, mußte der Erzherzog Ferdinand, der Kronprinz, ſich an das Bett des Kaiſers ſetzen, und mit ſchwerer, lallender Zunge, mit keuchendem Athem, oft unterbrochen von dem furchtbaren Huſten, der ſeine ganze Geſtalt zuſammenkrampfte, ertheilte ihm Franz ſeine letzten Lehren, ſeine letzten politiſchen Er⸗ mahnungen. Mein Sohn, ſagte er, regiere wie ich regiert habe. Hüte Dich, ach, hüte Dich vor Neuerungen, laſſe Dich in keiner Weiſe auf Veränderungen ein, ſondern be⸗ trachte es als den erſten und leitenden Grundſatz Deiner Regierung, daß Alles beim Alten bleibe, daß man nach keiner Seite Zugeſtändniſſe mache, ſondern daß man die Staatsmaſchine genau in dem Gang er⸗ halten muß, in welchem ſie ſich befindet.*) *) Des Kaiſers eigene Worte. Siehe: Schmidt, Zeitge⸗ nöſſiſche Geſchichten. S. 465. 18* 276 Erzherzog Ferdinand hatte nicht die Kraft etwas zu erwidern, vielleicht hörte und verſtand er nicht ein⸗ mal, was der Kaiſer zu ihm ſagte; er fühlte und wußte nur, daß ſein Vater, ſein geliebter Vater, im Sterben lag, und dies traurige Wiſſen erſchütterte ſein ganzes Weſen und trieb immer neue Thränen in ſeine Augen, und machte ihn ſo laut ſchluchzen und weinen, daß der Kaiſer es nicht mehr zu ertragen ver⸗ mochte und eine abwehrende Bewegung nach der Thür hin machte. Man führte den weinenden, lautjammernden Kron⸗ prinzen, den Erben des Kaiſerthrons, hinaus, und der Kaiſer begehrte jetzt mit gebrochener Stimme eine Feder und ein Blatt Papier. Mit zitternder Hand, oft unterbrochen von dem Schwindel, der ſeinen Kopf ſchwanken machte, von den dunklen Wolken, die ſeine Augen überſchatteten, ſchrieb der Kaiſer einige Zeilen auf dies Papier und reichte es dann ſeiner Gemahlin dar, die weinend und betend an ſeinem Lager knieete. Es war die letzte Regierungshandlung des Kaiſers geweſen. In der erſten Morgenſtunde des zweiten März hauchte er ſeinen Geiſt aus. Vor drei und vierzig Jahren. aerade an demſelben 276⁷ Datum, am zweiten März hatte er die Regierung angetreten. Damals hatte man ihn kaum bewegen können die Krone auf ſein Haupt zu ſetzen, die Laſt der Größe, der Regierung auf ſeine Schultern zu nehmen, jetzt zwang ihn der Tod, dem zu entſagen, was er ſo gern noch weiter getragen hätte. Franz war todt. Der letzte deutſche Kaiſer war heimgegangen zu ſeinen Vätern, und das kaiſerliche Schlafgemach, welches eben noch wiederhallte von den Sterbegebeten des Prieſters, von dem Todesgeſtöhn des Kaiſers, von dem Weinen ſeiner Gemahlin und ſeiner Angehörigen, das kaiſerliche Schlafzimgier war jetzt auf einmal ſtill und öde. Jedermann hatte ſich zurückgezogen, um nach ſo vielen Anſtrengungen, nach ſo vielen Nachtwachen, Beängſtigungen und Thränen, der Ruhe zu genießen; nur der dienſtthuende Kammer⸗ herr und die Gebete murmelnden Prieſter befan⸗ den ſich neben der erkaltenden Leiche, alle Andern, die Gemahlin, die Kinder, die Verwandten, die Staats⸗ beamten und Diener, alle Andern waren gegangen, um zu ruhen, zu ſchlafen, oder zu weinen. Auch der Kronprinz Ferdinand hatte ſich in ſeine Gemächer begeben, hatte ſich in ſeinen Kleidern auf ſein Bett gelegt, um ein wenig zu ruhen nach den 278 furchtbaren Gemüthsbewegungen, die ſeine Seele er⸗ ſchüttert hatten. Aber der Schlaf wollte ſich nicht niederſenken auf ſeine vom Weinen gerötheten Augen, die Ruhe wollte nicht einkehren in das arme, betrübte Kindesherz. Er erhob ſich früh am Morgen von ſeinem Lager, und begab ſich in die Zimmer ſeiner Gemahlin. Jedoch Anna hatte ſich zurückgezogen in ihr Betzimmer, um mit ihrem Beichtvater zu beten und ſeine Tröſtungen zu empfangen. Statt ihrer fand er in dem Vor⸗ zimmer ſeiner Gemahlin deren Kammerfrau Katharina Cibbini, die ihm mit ehrerbietiger Freundlichkeit ent⸗ gegen eilte, und nach den Befehlen Sr. Majeſtät fragte. Ferdinand ſeufzte tief auf. Ich bitt' Sie, ſagte er, nennen's mich halt nit ſo, laſſen's mir dieſen Morgen noch Ruh damit. Es iſt gar ein traurig Ding, Kaiſer zu ſein, und ich wollte halt, ich wär's nimmer geworden. Wiſſen's was ich wohl möcht', Frau Cibbini? Eure Majeſtät dürfen es nur ſagen, was Sie möchten, und es wird geſchehen, erwiderte Katharina unterwürfig. Ich weiß nicht, ſagte Ferdinand verlegen, ich ☛ le er⸗ nicht lugen, trübte Lager, edoch , um ungen Vor⸗ arina ent⸗ jeſtät ſagte 179 weiß nicht, ob's auch angeht, und ob ich's thun darf? Ew. Majeſtät dürfen jetzt Alles was Sie wollen, denn Ew. Majeſtät ſind der Kaiſer und der Herr! Es iſt leider wahr, ſeufzte der neue Kaiſer. Nun, da ich alſo Alles ſagen und wollen kann, ſo bitte ich, Frau von Cibbini, ſo ſpielen's mir einen recht ſchönen, frommen Choral vor. Ich ſpielt' ihn gern ſelber, aber meine Händ' zittern zu ſehr, und die Noten würd' ich halt auch nit ſehen können, weil mir die Augen vom Weinen brennen und auswendig kann ich nit ſpielen, denn ich hab' gar ein ſo ſchlecht Ge— dächtniß. Sie wiſſen's wohl, gar ein ſo ſchlecht Ge⸗ dächtniß hab' ich. Wollen's mir alſo den Gefallen thun und mir etwas vorſpielen? Recht was From⸗ ines, wobei man beten und ſich ſatt weinen kann! Haben Ew. Majeſtät nur die Gnade zu bedenken, daß wir Ihre Majeſtät die Kaiſerin hier ſtören wür⸗ den, da ſich die Frau Kaiſerin hier dicht neben uns in dem Betzimmer befindet. Was? fragte Ferdinand mit dem Ausdruck höch⸗ ſten Staunens. Die Kaiſerin iſt hier? Wie kommt die Frau Kaiſerin zur Nachtzeit in die Zimmer meiner Gemahlin her? 280 Majeſtät, Ihre Frau Gemahlin, das iſt ja eben die Frau Kaiſerin. Ah, das iſt wahr, meine Frau Gemahlin iſt jetzt die Kaiſerin, wiederholte Ferdinand. Die Frau Kai⸗ ſerin betet alſo jetzt. Ich will auch beten, und darum ſollen's mir etwas vorſpielen. Kommen's in mein Muſikzimmer und ſpielen's da. Er ſchritt ihr voran durch die Reihe der Zimmer hindurch, die in der Dämmerung des Morgens ein ſeltſam feierliches und ernſtes Ausſehen hatten. In dem Vorzimmer, welches ſich zwiſchen den Gemächern des jetzigen Kaiſers und denen ſeiner Gemahlin be⸗ fand, ſaßen einige Lackayen, ſchlaftrunken auf den Stühlen ſich hin und her ſchaukelnd, und gar nicht gewahrend, daß es der Kaiſer war, der an ihnen vor⸗ überſchritt, leiſe auf den Zehen, als fürchte er ſich, die armen Schläfer zu ſtören. Jetzt trat der Kaiſer in ſeine eigenen Gemächer ein, immer gefolgt von Katharina Cibbini, deren große, ſchwarze Augen mit einem ſeltſamen, forſchenden Ausdruck auf die kleine gebückte Geſtalt gerichtet waren, die vor ihr her ſchwankte. In dem Vorſaal des Kaiſers befanden ſich die beiden dienſtthuenden Kammerherren Ferdinand's; aber 281 auch ſie hatten, nach den Nachtwachen der letzten Zeit, dem Bedürfniß des Schlafes nicht länger wider⸗ ſtehen können, auch ſie ſaßen auf den Lehnſtühlen neben der Thür des kaiſerlichen Wohnzimmers und hatten, feſt überzeugt, daß ihr Herr und Gebieter noch in feſtem Schlaf auf ſeinem Lager ruhte, ſich der Wohlthat eines erquickenden Schlummers überlaſſen. Ferdinand wandte ſich rückwärts nach Katharina hin, und deutete dann mit einem ſanften Lächeln auf die Schläfer. Seien's recht leiſe, flüſterte er. Wollen die armen Schläfer nit wecken! Haben gar ſo viel wachen müſſen, und es iſt gar ſo ſchön, ſchlafen zu können. Leiſe auf den Zehen trat alſo der Kaiſer in ſein Wohnzimmer ein, leiſe auf den Zehen folgte ihm Ka⸗ tharina Cibbini. Aber während Ferdinand das Zim⸗ mer raſch durchſchritt, um ſich in den anſtoßenden Muſikſaal zu begeben, winkte Katharina den ver⸗ trauten Kammerdiener Ferdinand's zu ſich, der eben damit beſchäftigt war, das Dejeuner des Kaiſers zu ſerviren. Halten Sie ſich bereit, ſagte ſie leiſe und eilig, ſorgen ſie, daß die krampfſtillenden Tropfen, daß der Thee und alles Nöthige zur Stelle ſei. Ich fürchte, 282 der junge Kaiſer wird bald einen Anfall haben. Er iſt ſehr aufgeregt, ſehr angegriffen, und Sie wiſſen wohl, wohin das allemal zu führen pflegt. Ja, ich weiß, ſeufzte der alte Kammerdiener, ich weiß das leider und werde daher alles Nöthige in Bereitſchaft halten. 6 Katharina eilte jetzt raſcher vorwärts in das Muſik⸗ zimmer hinein. Der Kaiſer hatte ſich in demſelben ſchon auf den Divan niedergelaſſen und entfaltete eben ein großes beſchriebenes Blatt Papier, während die Thränen in hellen Bächen aus ſeinen Augen hervor⸗ ſtürzten. Spielen's, Frau von Cibbini, ſagte er ſchluchzend, ſpielen's recht was Frommes; ich will dabei das Te⸗ ſtament meines Herrn Vaters leſen, das er mir ſter⸗ bend ſelbſt übergeben hat. Ich hab' ihm geſchworen, daß ich es heute Morgen gleich ſelbſt leſen, und jedes Wort deſſelben beherzigen, und Alles genau erfüllen wolle, was er in dieſem ſeinem letzten Willen mir be⸗ fehlen werde. Spielen's ein geiſtlich Lied, während ich das Teſtament leſ', dann wird's mir ſein als wär' ich in der Kirch', und es wär' das Wort Gottes ſelber, das mir durch die Worte meines Vaters ver⸗ kündet würd'. ſelben e eben nd die zervor⸗ woren, jedes rfüllen ir be⸗ ührend wät Gottes s ver⸗ 283 Katharina Cibbini trat an das Clavier und be⸗ gann mit vollendeter Meiſterſchaft zu ſpielen. Anfangs ſpielte ſie in langſamen, gehaltenen Accorden einen einfachen Choral, dann begann ſie dieſen künſtlich zu fugiren, nahm dann wieder den einfachen Choralſatz auf und ging von dieſem über in eine Trauerphan⸗ taſie, durch deren düſtere Klagetöne immer wieder ein⸗ zelne Accorde des Chorals, gleich Sonnenſtrahlen durch düſtere Gewitterſtürme hervorleuchteten. Während dem las Ferdinand weinend, zitternd vor Aufregung das politiſche Teſtament ſeines Vaters. Auf einmal ſtieß er einen Schrei aus und ſprang haſtig von ſeinem Sitz empor. Jeſus Maria, rief er entſetzt, das iſt nit möglich, das kann ich nit thun! Katharina ließ ihr Clavierſpiel verſtummen und eilte zu dem Kaiſer hin, der in ſeiner tiefen Erregung jede Zurückhaltung vergeſſend, ihr mit zitternder Hand das Papier entgegenſtreckte. Denken's nur, ſtammelte er, denken's nur das Unglück, der Kaiſer, mein Herr Vater, befiehlt mir, den Fürſten Metternich als meinen beſten Freund zu betrachten, bei allen Dingen ſeinen Rath einzuholen, nichts zu unternehmen ohne ſeinen Beiſtand, und ihm 1 2 84 in allen Regierungsangelegenheiten unbedingtes Ver⸗ trauen zu ſchenken. Das befiehlt mir mein Vater in ſeinem Teſtament, und Sie wiſſen doch, ich kann den Metternich gar nit leiden, und ich hab' ſo oft mit Ihnen davon geſprochen, daß ich ihn nit leiden kann, weil er nicht nur reactionair, ſondern auch grauſam und hartherzig iſt. Wiſſen ja, wie viel arme Leute er eingeſperrt hat, bloß weil ſie nit denken, wie er denkt, weil ſie liberale Ideen haben, und ein Biſſel Freiheit und Glück für ſich ſelber wollten! Ja, er iſt ein harter und grauſamer Mann, ſagte Katharina feierlich, die Schlachtopfer ſeiner grauſamen 1 Politik ſeufzen in den düſtern Kerkern von Munkacz und auf dem Spielberg. Und den Mann ſoll ich zu meinem Miniſter er⸗ nennen, rief Ferdinand in ungewöhnlicher Erregung, den Mann, den alle guten, freiſinnigen und klugen Leute verabſcheuen, den Mann, von dem mein Onkel Johann mir geſagt, das er Oeſterreich an den Rand des Abgrunds gebracht hat, den ſoll ich zu meinem Freund und Rathgeber ernennen. Ich kann ihn doch einmal nit leiden, den Metternich, ich— Plötzlich verſtummte der Kaiſer, und tiefe Leichen⸗ bläſſe zog über ſeine Wangen hin. 285 Ew. Majeſtät wird unwohl, ſagte Katharina ängſt⸗ lich, erlauben Sie mir Ihnen Ihre Arznei zu holen. Sie eilte nach der Thür des Wohnzimmers hin, aber auf ihrem eiligen Gange beachtete ſie vielleicht nicht den Stuhl, der ihr im Wege ſtand, ſie ſtieß ihn an, und der Stuhl fiel mit einem ziemlich ſtarken Ge⸗ räuſch zu Boden. Ferdinand ſtieß einen Schrei des Entſetzens aus, und fiel zuckend, mit verdrehten Augen in die Kiſſen des Divans zurück.— Ein ſeltſamer Ausdruck hohnlächelnden Triumphes flog über das bleiche Angeſicht der Cibbini hin, dann eilte ſie in das Wohnzimmer und rief den Kammer⸗ diener herbei, und kehrte mit ihm zu der armen, röchelnden, in Schmerzen ſich windenden, in Krämpfen zuckenden, ſich aufbäumenden, in ſich zuſammen⸗ kriechenden Geſtalt zurück, die da auf dem Divan ſich reckte und hob und ſich jammernd und kreiſchend plagte im Kampf des Leidens. Dieſe junge, heulende, ächzende Geſtalt— das war der junge Kaiſer von Oeſterreich, das war der Mann, der in ſeinen ſchwachen, zitternden Händen das Scepter der öſterreichiſchen Monarchie zu halten be⸗ rufen war! 286 Inndeſſen, dieſe Anfälle erſchreckten die nähere Um⸗ gebung Ferdinand's gar nicht mehr. Man war an dieſelben gewöhnt, man wußte, daß ſie vorübergingen, und daß Ferdinand ſich bald wieder erholte, wenn man ihm nur Ruhe gönnte und ſeinen armen, ge⸗ brochenen, zuckenden Gliedern Zeit und Muße gab, ſich zu erholen. Freilich war der Anfall dies Mal ungewöhnlich heftig geweſen, und auf Katharina's Be⸗ fehl hatte der Kammerdiener die Gemahlin Ferdinand's und den Leibarzt herbei rufen müſſen. Aber die Kai⸗ ſerin fühlte ſich ſelber ſo leidend und unwohl, daß ſie nur kurze Zeit bei ihrem Gemahl zu bleiben vermochte, und bald dem dringenden Rath des Leibarztes folgen, und ſich in ihre Gemächer begeben mußte. Zudem wußte ſie ja, daß Niemand in dieſen trau— rigen Kriſen dem armen Kranken beſſere Hülfsleiſtung zu gewähren verſtand, als ihre Kammerfrau Katharina Cibbini, und daß von Niemandem ihr Gemahl die⸗ ſelbe lieber annahm als gerade von dieſer, die ſo lange ſchon vertraut war mit ſeinen Leiden und Qualen.*) Katharina Cibbini war alſo bei dem Kranken ge⸗ blieben, als die Kaiſerin, der Arzt und die Diener⸗ *) Sibylliniſche Bücher aus Oeſterreich. Bd. I. T 287 Umn ſchaft ihn verlaſſen hatten. Ruhe, unbedingte Ruhe, an das war Alles, deſſen der hohe Patient jetzt bedurfte. gen, 6 Katharina ſaß daher ſtill, faſt unbeweglich neben dem ſen Dirvan, und bewachte den Schlummer des Leidenden ge⸗ V und harrte mit klopfendem Herzen dennoch ſeines Er⸗ gab, b wachens. Mal Endlich ſchlug Ferdinand langſam und matt die Be⸗ Augen auf, und ſein trüber Blick traf das Antlitz ns Katharina's, das mit allen Zeichen der Theilnahme Kai⸗ ihm zugewandt war. ſie Ach, ſeufzte er ſchmerzlich, was habe ich gelitten, cte, und wie meine armen Glieder ſchmerzen. gen, Ja, ja, Majeſtät haben ſchwer gelitten, ſagte Ka⸗ tharina theilnahmsvoll. Ruhe wäre Ihnen heute un⸗ nu⸗ bedingt nöthig, und dennoch werden Ew. Majeſtät ung ſie nicht haben können. rina Und warum werde ich ſie nicht haben können? die fragte Ferdinand erſchrocken. nune le Weil Sie der Kaiſer ſind, weil Sie die Regie⸗ 2 rungsgeſchäfte übernehmen müſſen. Weil Sie Ihren de Generälen den Eid der Treue abnehmen, Ihre Mi⸗ fer niſter entlaſſen und Andere an deren Stelle erwählen, weil Sie Ihren Hofſtaat empfangen müſſen. Aber ich kann's nit, es iſt mir ganz unmöglich, 288 rief Ferdinand mit weinerlicher Stimme. Ich kann nit vom Divan aufſtehen. Ew. Majeſtät riskiren freilich, daß Sie noch einen neuen Anfall bekommen, ſagte Katharina achſelzuckend. Aber Ew. Majeſtät ſind einmal jetzt der Kaiſer, und Sie haben den edlen, hochherzigen Entſchluß gefaßt ſelber regieren zu wollen, nicht den Fürſten Metternich regieren zu laſſen, wie das der verſtorbene Kaiſer Franz gethan hat. Es iſt wahr, murmelte Ferdinand gedankenvoll, mein Herr Vater hat den Metternich alle Regierungs⸗ geſchäfte beſorgen laſſen, und hat deshalb nit nöthig gehabt, Alles ſelbſt zu beſorgen. Aber Ew. Majeſtät wollen in Ihrer erhabenen Fürſorge für Ihr Volk jeder Erleichterung und Be⸗ quemlichkeit entſagen, und ſelber und ganz allein der Lenker und der Herr des Staates ſein. Ich möchte es wohl, ſeufzte Ferdinand mit Thrä⸗ nen in den Augen, aber ich fürchte, ich kann's nit. Bin gar ſo ein armes, ſchwaches Menſchenkind! Nein, Ew. Majeſtät ſind kein ſchwaches Menſchen⸗ kind, ſondern Sie ſind ein Kaiſer, und Sie wollen allein regieren. Auf alſo, mein erhabener Kaiſer, auf! Ew. Majeſtät müſſen Ihre Regierung antreten! kann einen ickend. , und gefaßt ternich Kaiſer envol, rungs⸗ nöthig 289 Ich kann nit, ich kann nit, ſtöhnte Ferdinand. Aber es iſt nothwendig, daß Ew. Majeſtät den Fürſten Metternich verabſchieden und ihm ſagen, daß er nicht mehr Staatskanzler und Miniſter iſt, ſonſt wird er in ſeinem Hochmuth denken, daß er noch immer unentbehrlich iſt, und daß er unbehindert ſo weiter regieren kann, wie er bisher regiert hat! Es wär' mir das Allerliebſte, wenn er das thät', rief Ferdinand haſtig, ja, das Allerliebſte, wenn er ſo weiter regierte, wie er regiert hat. Hätte dann gar keine Unbequemlichkeit, und es bliebe Alles hübſch or⸗ dentlich im Gange. Zudem hat mein Herr Vater mir ausdrücklich in ſeinem Teſtament befohlen, daß ich keine Neuerungen einführen, und daß ich den Fürſten Metternich als meinen beſten Freund betrachten und ihn in allen Dingen um Rath fragen ſolle.*) Es kommt nun darauf an, ob Ew. Majeſtät ein gehorſamer Sohn, oder ein ſelbſtändiger Kaiſer ſein wollen. Ich denk' halt, wenn ich ein guter Kaiſer ſein will, muß ich zuerſt ein gehorſamer Sohn ſein, ſagte Ferdinand gedankenvoll. Wie ſoll ich verlangen, daß *) Schmidt: Zeitgenöſſiſche Geſchichten. S. 465. L. Mühlbach, Erzherzog Johann. 4. Abth. I. 19 290 mein Volk mir als ſeinem Vater gehorcht, wenn ich ſelber meinem Vater nicht gehorſam geweſen bin? Der Kaiſer, mein Herr Vater, hat mir befohlen, daß ich den Fürſten Metternich als meinen erſten Rath⸗ geber und Freund betrachten, daß ich keine Neuerungen und Veränderungen einführen ſoll. Meine erſte Pflicht iſt, daß ich die Befehle meines Vaters erfülle. Vielleicht könnten Ew. Majeſtät dem Fürſten Metternich einige Bedingungen auferlegen, ſagte Ka⸗ tharina leiſe, könnten ihm gebieten, daß er in Ew. Majeſtät Namen einige Gnadenacte erließ, welche dem Volk beweiſen, daß der junge Kaiſer ein gütiger, liberaler und großſinniger Herrſcher iſt. Ja, das iſt wahr, das will ich thun, rief Ferdi⸗ nand die Hände freudig in einander ſchlagend. Ja, ich will ihm ſolche Bedingungen machen. Er ſoll mir nit umſonſt Staatskanzler und Miniſter blei⸗ ben, er ſoll mir auch dafür etwas thun und leiſten müſſen. Ew. Majeſtät könnten zum Beiſpiel etwas von ihm fordern, was dem grauſamen und unverſöhnlichen Mann gewiß ein recht großes Opfer ſein würde. Nun, was wär' das halt? ☛ 291 Die Begnadigung der politiſchen Gefangenen zum Beiſpiel. Ja, da haben's Recht, rief der Kaiſer fröhlich, ja, das wird dem Metternich ein großes Opfer ſein, aber er ſoll mir's bringen, ganz gewiß, er ſoll mir's bringen. Er ſoll mir die politiſchen Gefangenen frei geben! Ich bin ein armer, unglücklicher, kranker Mann und kann wohl wünſchen, daß bei meinem Regierungsantritt es doch ein paar Menſchen giebt, die durch mich glücklich werden, und die für ihren ar⸗ men, kranken Kaiſer beten. Nit wahr, die Gefange⸗ nen in Munkacz und auf dem Spielberg werden für mich beten, und ſie werden glücklich ſein, wenn ich ihnen die Freiheit gebe? Majeſtät, rief Katharina mit Thränen in den Augen und mit tiefbewegter Stimme, Majeſtät, ſie werden, ſo lange ſie leben, Ew. Majeſtät ſegnen und für Ihr Wohl beten! Der Metternich ſoll herkommen, rief der Kaiſer mit der lebhaften Ungeduld eines Kindes, der Metter⸗ nich ſoll ſogleich herkommen. Ich will ihm ſogleich ſagen, was er zu thun hat, er ſoll mir ſogleich die Gefangenen frei laſſen. Ew. Majeſtät haben alsdann nur nöthig, an den 19* 292 Fürſten zu ſchreiben, ihm zu ſagen, daß er hierher kommen ſolle, und daß Ew. Majeſtät ihm alle die Würden belaſſen, die er bisher bekleidet hat. Ja, das will ich thun, ich will das dem Metter⸗ nich ſchreiben. Er ſoll regieren, er ſoll Alles für mich machen. Denn ich kann's nit, ich muß Ruhe haben, ſonſt kommen die Krämpf' wieder, die ſchrecklichen Krämpf'. Geben's mir Ihren Arm, Frau von Cib⸗ bini, führen's mich an meinen Schreibtiſch. Ich will ſogleich an den Fürſten ſchreiben! Wenn Ew. Mafeſtät erlauben, bringe ich Ihnen hierher Papier und Feder, und Ew. Majeſtät ſchreiben hier, indem Sie auf dem Divan liegen. Ew. Maje⸗ ſtät bedürfen der Ruhe! Es iſt wahr, ich bedarf der Ruhe! Bringen's mir Papier und Feder, ich will hier ſchreiben. Ah, was für prächtige Einfälle Sie doch halt immer haben, Frau von Cibbini! Katharina holte aus dem anſtoßenden Zimmer die Schreibgeräthe herbei und gab dem Kaiſer eine be⸗ queme Stellung, um zu ſchreiben; dann zog ſie ſich in das anſtoßende Gemach zurück und bat Ferdinand ſie gnädigſt zu rufen, wenn er ſein Billet vollendet habe.— hierher alle die Metter⸗ ur mich haben, ecklichen n Glb⸗ ch will Ihnen ſchreiben Naje⸗ ns mir h, was haben, mer die eine be⸗ ſie ſih erdinand vollendet 293 Aber es war für Ferdinand eine ſchwere Arbeit mit ſeinen zitternden Händen, mit ſeinem ſchweren, betäubten Kopf einen Brief zu ſchreiben, und es ver⸗ ging eine lange Zeit, bis er dies ſchwierige Werk zu Stande gebracht. Mehr als eine Stunde mochte ver⸗ floſſen ſein, ehe er Katharina Cibbini wieder zu ſich berief. Da, rief er, ihr das Papier mit triumphirender Miene entgegenſtreckend, leſen's einmal das, und dann ſagens, ob ich mich nit halt gut auf das Regieren verſteh', und ob ich nit auch ein gehorſamer Sohn bin! Katharina Cibbini nahm das Papier aus der Hand des Kaiſers und begann es leiſe für ſich ſelber zu leſen. Nein, rief Ferdinand ungeduldig, leſen's laut. Möcht' ſelber gern hören, was ich geſchrieben hab' und ob's gut klingt. Leſen's alſo laut! Frau von Cibbini folgte dem Befehl und las mit lauter Stimme: „Lieber Fürſt von Metternich. In Folge des trau⸗ rigen Ereigniſſes, welches uns Alle in den tiefſten Schmerz geſtürzt hat, beſchränke ich mich für den Mo⸗ ment darauf, Ihnen meine volle Erkenntlichkeit für die Dienſte zu verſichern, welche Sie meinem erhabe⸗ 294 nen Vater, meinem Hauſe und dem Staat erwieſen haben. Ich bitte Sie in Ihren Dienſten fortzufahren und beauftrage Sie, alle Beamten des In⸗ und Aus⸗ landes, die zu Ihrem Departement gehören, in ihren Stellungen und Würden zu beſtätigen und ihnen zu erklären, daß ich voll Vertrauen auf ihre bisherige, wie zukünftige Liebe, ſie der Erneuerung ihres Schwu⸗ res entbinde.“ Ferdinand.*) Nun, nit wahr, fragte der Kaiſer ſtolz, das klingt ſehr ſchön? Majeſtät, es iſt ein wunderſchöner Brief. Ja, es iſt ein wunderſchöner Brief, aber er hat mir auch Mühe gekoſtet, grauſam viele Mühe! Jetzt rufen's mir mal den Cabinetsſecretair. Er ſoll den Brief ſiegeln und ſoll ihn gleich ſelbſt zu dem Fürſten hintragen. Und dann nachher, Frau von Cibbini, dann ſeien's ſo gut und ſpielen's mir ein Biſſel vor. Ich kann bei Ihrer Muſik ſo gut ſchlafen, und ich muß Ruhe haben, ganz gewiß, ich muß Ruhe haben, ſonſt bin ich Kin verlorner Mann! Eine Viertelſtunde ſpäter lag der Kaiſer in tiefem *) Eigenhändiges Handbillet des Kaiſers. Siehe: Fürſt Metternich. Von Schmidt⸗Weißenfels. II. 61. — hat Jetzt den rſten bini, vor. ich ben, 295 Schlaf auf dem Divan. Katharina Cibbini aber ſaß am Clavier und entlockte dem Inſtrument gar wunder⸗ bare und liebliche Melodien. Vielleicht dachte ſie der fernen Heimath, vielleicht ihrer armen Schweſter, der Gräfin Confalconi, die im Gram um den geliebten Gemahl geſtorben war, vielleicht ihres eigenen trauer⸗ vollen Daſeins, denn Thräne nach Thräne rollte über ihre Wangen nieder, und die ſonſt ſo ſtolze und ge⸗ faßte Frau ſchämte ſich der Thränen nicht. Aber während der Kaiſer jetzt ſchlief, war es im Kaiſerpalaſt und draußen auf der Straße lebendig ge⸗ worden. Die Kunde von dem in der Nacht erfolgten Tode des Kaiſers hatte ſich ſchnell durch ganz Wien verbreitet, und das Volk ſtrömte durch die Straßen neugierig und ungeduldig irgend einer officiellen Kunde von dem Ableben des Kaiſers harrend und von dem Teſtament, das er ſeinem Volke hinterlaſſen. Endlich ſah man hier und da die Beamten der Polizei ſich nahen, gefolgt von Leuten, die Töpfe mit Kleiſter und große Stöße bedruckter Papierbogen mit ſich ſchleppten. Das Volk, das ſich durch alle Straßen drängte, wie eine ungeheure Meereswoge, murmelnd und rau⸗ ſchend wie dieſe, das Volk verſtummte jetzt und blickte 296 athemlos, in geſpannter Erwartung nach dieſen Leuten hin, die da an den Ecken der Straßen die großen Zettel anklebten, welche mit ungeheuren Buchſtaben die Ueberſchrift trugen:„Der ſterbende Kaiſer Franz an ſein Volk!“ Jedermann reckte ſich empor, um zu leſen, was auf dieſen angeklebten Zetteln ſtand, und dadurch verhin⸗ derte Jeder den Andern zu leſen. Der Vorderſte ſoll leſen, was da auf dem Zettel ſteht, rief eine gewaltige Stimme aus der Menge hervor, und augenblicklich riefen hundert und aber hundert Stimmen ihr nach: der Vorderſte ſoll leſen, was auf den Zetteln ſteht! Wir wollen wiſſen, was der gute Kaiſer Franz uns vermacht hat! Ja, das wollen wir wiſſen, brüll⸗ ten Tauſende. Nun hob ſich gebieteriſch winkend ein Arm über der Menge empor. Ein rieſengroßer Kerl hatte einen Andern auf ſeine Schultern gehoben, und indem dieſer jetzt ſeinen Arm ausſtreckte, brüllte er der Menge zu, daß er ihnen die letzten Worten des Kaiſers vorleſen wolle. Sofort trat wieder tiefe Stille ein, und inmitten dieſer Stille begann der Mann, der auf den Schultern über einen dieſer e zu, leſen 297 — des Rieſen ſaß, mit lauter Stimme zu leſen: Ich vermache meinen Unterthanen— Ein furchtbarer, jauchzender Sturm des Beifalls, ein vieltauſendſtimmiges Jubelgeſchrei unterbrach den Leſer. Wir haben's ja gewußt, ſchrie und jauchzte es hier und dort, wir haben's ja gewußt, daß der Kaiſer ſein Volk zu ſeinem Erben einſetzen würde. Ja, der Kaiſer vermacht uns ſeine Millionen! Wir werden nit mehr ſo viel Abgaben zu zahlen haben! Wir werden nit in Armuth und Noth mehr uns placken müſſen! Wir werden nit mehr jeden Biſſen, den wir eſſen, hoch zu verſteuern brauchen. Der Kaiſer bezahlt unſere Schulden. Der Kaiſer vermacht uns ſeine Millionen. Still doch, Ihr Leute, ſtill doch, ſchrieen, baten und flehten andere Stimmen. Laßt uns doch hören, was der Kaiſer geſchrieben hat. Laßt uns doch er⸗ fahren, wie viel Millionen uns der Kaiſer ver⸗ macht hat! Eine augenblickliche, athemloſe Stille trat wieder ein, und abermals begann der Mann auf den Schul⸗ tern des Rieſen zu leſen, abermals las er mit lauter Stimme:„Ich vermache meinen Unterthanen—(dies 298 Mal unterbrach ihn das Volk nicht, es lauſchte mit an⸗ gehaltenem Athem auf ſeine Erbſchaft)—„Ich ver⸗ mache meinen Unterthanen meine Liebe; ich hoffe ich werde vor dem Throne Gottes für ſie beten können. Der Armee danke ich für ihre treuen Dienſte; ihre Tapferkeit erhielt die Monarchie.“*) Das Volk ſtand noch immer in athemloſem Schweigen und horchte, als die Lecture längſt beendet, der Mann längſt von den Schultern des Rieſen herab⸗ geklettert war. Das Volk ſtand immer noch und horchte und wartete. Dann, als Alles ſtumm blieb, ſchaute man ſich einander verwundert an, dann fragten Diejenigen, die hinterwärts geſtanden, und daher nicht deutlich gehört hatten, ihre Vordermänner:„Was hat er ge⸗ leſen? Was hat uns der Kaiſer vermacht? Und die Gefragten wandten ſich mürriſch um und erwiderten: ſeine Liebe hat uns der Kaiſer vermacht. Gut, ſehr gut, brüllte und fragte man weiter. Aber wie viel Millionen hat uns der Kaiſer vermacht? *) Die letzten handſchriftlichen Worte des Kaiſers Franz. Siehe:„Erinnerungsblätter aus den Papieren eines Diplomaten“. Seite 9. 1 t an⸗ ver⸗ fe ich nnen. ihre 299 Gar keine Millionen, nur ſeine Liebe hat er uns vermacht! Keine Millionen! Nur ſeine Liebe hat uns der Kaiſer vermacht! Wie ein einziger, ungeheurer Schmerzensſchrei, wie das Geheul der Windsbraut rauſchte dieſe Klage durch die Straßen Wien's dahin, dieſe jammernde Klage: Keine Millionen, nur ſeine Liebe hat uns der Kaiſer vermacht!“ Und mit trübſeligen Geſichtern, mit düſtern zürnenden Mienen verließ das arme Volk die Straßen, die es mit ſo viel freudigen Hoffnungen betreten, und kehrte zurück in ſeine düſtern, armſeligen Schlupfwinkel, die jetzt nicht mehr von einem Strahl der Hoffnung erhellt waren! Keine Millionen! Kein Erlaß der Steuern! Keine Gnadenacte! Nur die Liebe des verſtorbenen Kaiſers iſt die Erbſchaft des Volks! Freilich der neue Kaiſer hat eine andere Erbſchaft! Er hat einen Thron, er hat eine vierfache Krone, er iſt Kaiſer von Oeſterreich, König von Ungarn, von Böhmen und der Lombardei, er hat von dem Kaiſer einen Schatz von dreihundert Millionen Gulden in ſowohl, als in Gold und ſchönem, ausgeprägtem Gelde da liegt der Erbe ſo Silberbarren geerbt,— aber 300 vieler Kronen, ſo vieler Millionen, da liegt er ächzend, ſchlafend auf dem Divan, während die Kammerfrau ſeiner Gemahlin ihn wie ein krankes Kind mit Muſik in Schlaf einlullt. Ein Volk von vielen Millionen Menſchen hofft auf ihn, erwartet von ihm Glück, Wohlergehen, Freiheit, Liebe und Ehre, und er ſelber — er ſelber iſt nur ein armer, ſchwacher, kranker Menſch, der Gott nur bittet um ein wenig Schlaf, ein wenig Ruhe für ſeine matten, zuckenden Glieder! Der Kaiſer ſchläft, aber im Palaſte iſt es lebendig geworden; die Gemahlin Ferdinand's hat ſich von ihrem Lager erhoben und hat wieder ihren Beicht⸗ vater rufen laſſen. Sie liegt vor ihm auf den Knieen, und in zer⸗ knirſchter Frömmigkeit ſchwört ſie, daß ihr ganzes Le⸗ ben dem Dienſte Gottes, der Religion und der Kirche geweiht ſein ſoll, daß ſie keine heiligere Pflicht kennen will, als zu wirken für die Wiederherſtellung des Or⸗ dens der Geſellſchaft Jeſu. Und auch zwei andere Frauen beten um dieſe Stunde daſſelbe Gebet. Die Erzherzogin Sophie liegt auch auf ihren Knieen, und mit flammenden Augen, mit ſtrahlendem Angeſicht erhebt ſie die Hand zum Schwur und ſchwört ihrem Beichtvater Bex, daß ſie zend, rfrau Nuſik onen zlück, ſelber anker claf, eder! endig von eicht⸗ 301 all ihr Leben lang den heiligen Vätern dienen, daß ſie eine fromme Tochter und Schweſter der Ordens⸗ brüder ſein will, ſchwört, daß die Wiederherſtellung des Ordens ihr eine heilige Pflicht ſein ſoll, daß ſie nicht ruhen, nicht raſten will, bis dem Orden wieder gegeben iſt, was ihm gebührt, bis die Väter Jeſu wieder den Unterricht und die Erziehung des Volkes in ihren Händen haben! Auch die verwitwete Kaiſerin liegt auf ihren Knieen und betet daſſelbe Gebet wie ihre Schweſter, und ſchwört wie ihre Schweſter geſchworen hat: all ihren Einfluß darauf zu verwenden, daß der Orden der Je⸗ ſuiten wieder hergeſtellt werde, daß die Jeſuiten wieder das Volk unterrichten, wieder Einfluß gewinnen in Kirche und Staat! Und das iſt der Anfang der neuen Monarchie: der kranke Kaiſer ſchläft! Die frommen Frauen wachen, und mit ihnen wachen die Jeſuiten. Metter⸗ nich triumphirt und weiß, daß er bleibt, was er ge— weſen: der allmächtige Miniſter! Das Volk ſchweigt und ſeufzt und weiß auch, daß es bleibt, was es ge⸗ weſen: arm und ſchuldenbelaſtet! Das iſt der Anfang der neuen Monarchie! Das Vorſpiel des Drama's von 1848! X. Das Lebewohl. Einige Tage waren ſeit dem Tode des Kaiſers Franz vergangen. Man hatte ſeine Leiche mit dem gewohnten vorgeſchriebenen Ceremoniell nach der Ka⸗ puzinerkirche hingetragen. Das Volk, das wieder, wie an dem Sterbetage des Kaiſers, durch alle Stra⸗ ßen Wiens wogte, war aber diesmal ſchweigend und ſtill geweſen, mit düſtern Blicken hatte es auf den vorüberziehenden Leichenzug hingeſchaut, und die Liebe, welche der Kaiſer Franz ſeinem Volk vermacht, ſchien wenig Erwiderung zu finden in den Herzen ſeiner Unterthanen. Sie hatten mit dem Kaiſer ihre letzten Hoffnungen begraben, ſie hatten gehofft auf die Erb⸗ ſchaft des Kaiſers, auf die Entlaſſung Metternichs, auf ein neues liberaleres Regierungsſyſtem, und ſie waren in allen ihren Hoffnungen getäuſcht worden. —— aiſers t dem r Ka⸗ wieder, Stra⸗ d und ff den Liebe, ſchien ſeiner letzten Etb⸗ richs, nd ſie orden. 303 Der Kaiſer hatte ihnen nichts vermacht als ſeine Liebe, aber er hatte ihnen eine ſchlimme Erbſchaft hinterlaſſen: das Metternich'ſche Regierungsſyſtem und einen kran⸗ ken Kaiſer, ein Kind an Herzensgüte, aber auch ein Kind an Faſſungskraft und Verſtand. Aber während das Volk dem hingegangenen Kaiſer in düſterer Hoffnungsloſigkeit nachſchauete, gab es doch Eine, welche die neue Regierung mit dankbarer Liebe begrüßte, weil dieſelbe in ihr Herz einen Strahl des Glückes hatte fallen laſſen. Dieſe Eine war Katharina Cibbini, die Kammer⸗ frau der Kaiſerin Anna. Sie hatte während dieſes ganzen Tages der Leichenfeierlichkeit die Kraft gehabt, ein trauriges, ernſtes Antlitz zu bewahren, ſie hatte in feierlichem Schweigen die verſchiedenen Ceremonien⸗ toiletten der Kaiſerin geordnet und ein ſo betrübtes Geſicht gezeigt, als wäre ſie wirklich von dem ſchauer⸗ lichen Ernſt dieſer Tage ergriffen geweſen. Aber jetzt, am Abend dieſes Tages, war ſie frei, hatte ſie von der Kaiſerin einige Stunden Urlaub erhalten, jetzt durfte ſie die Maske ablegen, welche den ganzen Tag ihr Antlitz bedeckt hatte. Jetzt durfte ihr Auge ſtrah⸗ len, ihr Mund lächeln und die Freude und das Glück ihr Antlitz erhellen. 304 Mit ſolchem Antlitz voll Freude und Glück trat ſie am Abend dieſes Tages in das Gemach ein, in welchem ihre beiden Nichten Felicia und Carmela bei einander ſaßen. Es war daſſelbe Gemach, in welchem die Mutter der beiden verwaiſten Mädchen, in welchem die Gräfin Confalconi vor zwei Monaten geſtorben war, daſſelbe Gemach, in welchem damals Katharina Cibbini ihrer ſterbenden Schweſter die tiefſten Ge⸗ heimniſſe ihrer Seele gebeichtet, in welchem dieſe ihren Töchtern befohlen hatte, ihre Schweſter als ihre Vor⸗ münderin zu betrachten und ſie zu lieben und ihr zu gehorchen. Und als eine treue, liebevolle Vormünderin hatte ſich Katharina Cibbini den verwaiſten jungen Gräfin⸗ nen Confalconi bewährt. Sie waren arm, denn der Staat hatte ihre Güter eingezogen, aber Katharina ſorgte für alle ihre Bedürfniſſe mit der Liebe und Sorgfalt einer Mutter; ſie ließ die beiden holden Mädchen an nichts Mangel leiden, ſie verſorgte ſie mit allem Comfort des Lebens, gab ihnen angemeſſene Dienerſchaft, ließ die erſten Lehrer kommen, um Felicia in der Muſik, im Malen, in allen für eine Dame der höhern Stände nothwendigen Kenntniſſen zu vervoll⸗ kommnen, und hatte außerdem der kleinen Carmela k trat n, in la bei elchem elchem torben harina Ge⸗ ihren Vor⸗ ihr zu hatte räfin⸗ mn der hHarina e und holden gte ſie neſſene Felicin ne der ervol⸗ armela — 4 305 eine Gouvernante ausgewählt, die zugleich geeignet war, die mütterliche Freundin und Begleiterin der beiden jungen Gräfinnen zu ſein. Mit einem Antlitz voll Freude und Glück, wie ge⸗ ſagt, trat Katharina Cibbini am Abend des düſtern Feiertages in das Gemach ein, in welchem ihre beiden Nichten ihrer harrten, denn Katharina hatte ſie ſchon in der Frühe des Tages von ihrem Kommen benach⸗ richtigen und ſie wiſſen laſſen, daß auch ihr Neffe Guido von Caſtiglioni um dieſelbe Stunde zu ihnen kommen würde. Vielleicht hatte die Ungeduld des jungen Mannes die feſtgeſetzte Zeit nicht erwarten können, vielleicht war Katharina ſpäter gekommen, als ſie beabſichtigte, jedenfalls war Guido von Caſtiglioni früher angelangt, als ſeine Tante, und an den leuch⸗ tenden Augen des jungen Mannes, an dem verſchäm⸗ ten Erröthen Felicia's, an dem Zucken ihrer kleinen Hand, die ſich raſch aus den Händen Guido's zurück⸗ zog, hätte Katharina ermeſſen können, daß das junge Liebespaar die Zeit des Wartens benutzt hatte, um leiſe, damit die kleine Carmela ſie nicht höre, mit ein⸗ ander zu flüſtern von ihrer Liebe und ihren Hoffnun⸗ gen für die Zukunft. Aber Katharina Cibbini achtete nicht darauf, ihre Mühlbach, Erzherzog Johann. 4. Abth. l. 20 306 ganze Seele war nur erfüllt von Einem Gedanken, von Einem Bewußtſein. Sie ſind frei, ſie ſind frei, rief ſie jubelnd, indem ſie ein großes zuſammengefaltetes Papier in ihrer Rechten hoch empor ſchwang. Hier iſt ihr Gnaden⸗ brief. Carmela und Felicia, fallt auf Eure Kniee nieder und danket Gott, Euer Vater iſt nicht mehr verdammt, in düſterer Kerkernacht dahinzuſchmachten, er iſt der Freiheit, dem Leben wiedergegeben, wie auch Dein Vater, Guido Caſtiglioni. Der Kaiſer hat die Gefangenen des Spielberg begnadigt, der Kaiſer hat ihnen die Freiheit geſchenkt. Frei! Unſer Vater iſt frei! rief Felicia, indem ſie ihre Schweſter in ihre Arme ſchloß und mit ihr auf ihre Kniee niederſank. Meine Mutter, meine theure NRutter, hörſt Du es? Unſer Vater iſt frei! Gott hat ohne Zweifel Deine Gebete, Dein Flehen erhört, und Du biſt deshalb zu dem Throne Gottes empor⸗ geſtiegen, um für unſern Vater zu bitten, um ihm die Freiheit wieder zu geben. Ich danke Dir, meine Mut⸗ ter, ich danke Dir! Ja, ſagte Guido tief bewegt, laßt uns zuerſt Gott danken, Gott und unſern Müttern, die vor dem Throne Gottes ohne Zweifel gebetet haben für die 307 Geliebten, die ſie auf Erden zurückgelaſſen. Dann ken, aber laßt uns auch unſerer theuren Tante Katharina enn danken, denn ſie iſt es gewiß, welche für die Befreiung rer der Gefangenen gewirkt hat. gi⸗ Katharina ſah ihn mit einem ſtrahlenden Blick an. nie Du glaubſt alſo an mich, Guido? fragte ſie. Du 3 ehr mißtraueſt mir nicht mehr? Ich danke Dir für dieſes ten, Wort, es belohnt mich für Alles, was ich habe thun 3 uch können. Aber jetzt, meine Geliebten, erhebt Euch von di Euren Knieen, es iſt jetzt nicht die Zeit zum Beten 1 bat und zum Schwärmen. Wir müſſen handeln, wir müſſen wirken! Ja, ich darf es ſagen, die Befreiung der Gefangenen iſt ein wenig mein Werk, und ich habe„. auf es mir als beſondere Gunſt vom Fürſten Metternich 8 ur erbeten, daß durch mich oder durch diejenigen, welche 1 8 ich dazu erwählen würde, den Gefangenen ihre Begna⸗ o digung kund gethan würde. Hier iſt das officielle, üt, vom Kaiſer und vom Fürſten Metternich unterzeichnete ob⸗ Document, welches dem Commandanten des Spiel⸗ di 1 bergs befiehlt, den Gefangenen ihre Freiheit zu geben 1 k und ſie an ihren Beſtimmungsort geleiten zu laſſen. 1 Felicia, Dich habe ich dazu auserſehen, Deinem Vater jott und Deinen beiden Oheimen dieſe frohe Botſchaft zu V dem überbringen. Du ſollſt dem Commandanten dieſes 20* 308 Document übergeben und darüber wachen, daß er ſo⸗ gleich den Befehlen des Kaiſers genügt. In dieſer Stunde noch wirſt Du abreiſen. Der Reiſewagen ſteht ſchon unten auf der Straße, ich habe einen Cou⸗ rier vorausgeſandt, der auf allen Stationen die nöthi⸗ gen Extrapoſtpferde bereit hält, und auch eben ſchon der Gouvernante die Ordre gegeben, daß ſie die nöthi⸗ gen Effecten einpacken und Dich auf Deiner Reiſe begleiten ſoll. Außerdem wird ein Beamter der Hof⸗ kanzlei mit Euch fahren, und es wird Dir daher an Schutz und Sicherheit nicht fehlen. Ich werde meinen Vater wiederſehen, meinen ge⸗ liebten Vater, rief das junge Mädchen freudig, ich werde mit ihm in unſer geliebtes Vaterland zurück⸗ kehren. Und ich, Felicia, werde ich nicht mit Dir reiſen? fragte Carmela, ſich an ihre Schweſter ſchmiegend. Werde ich nicht auch zu unſerm lieben Vater gehen? Nein, ſagte Katharina haſtig, nein, Carmela, Du wirſt bei mir bleiben, mein Kind. Aber ich werde Felicia begleiten, rief Guido mit ſtolzer Entſchiedenheit. An mir iſt es, ſie zu beſchützen und zu behüten. Ich werde ſie begleiten und auch ich werde meinen Vater wiederſehen. rſo⸗ dieſer dagen Cou⸗ cöthi⸗ ſchon öthi⸗ Reiſe Hef⸗ er an n ge⸗ „ich rrück⸗ —— 309 Nein, Guido, nein, Du wirſt hier in Wien bleiben, befahl Katharina ſtolz und ernſt. Der junge Mann ſah ſie mit erſtaunten Blicken an. Wie? fragte er. Man will mir alſo verwehren, zu meinem Vater zu gehen? Der Graf Caſtiglioni iſt freii und ſein Sohn ſoll als Gefangener in Wien verbleiben müſſen, während ſein Vater nach Italien zurückkehrt? Dein Vater kehrt nicht nach Italien zurück, ſagte Katharina düſter, und auch Euer Vater nicht, meine Kinder. Es iſt den Gefangenen wohl die Freiheit geſchenkt, aber ſie dürfen nicht in ihr Vaterland zu⸗ rückkehren. Sie werden aus ihrem Gefängniß bis nach Trieſt geleitet und dort liegt ein Schiff bereit, das ſie nach Amerika führt. Du, Felicia, Du wirſt Deinen Vater dahin begleiten. Das iſt die Gnade, die ich mir heute morgen auf meinen Knieen von dem Kaiſer erfleht habe, und die er mir gewährt hat. Dein Vater iſt kränklich, der Tod Deiner Mutter hat ihn auf's Krankenlager geworfen, von dem er kaum erſtanden iſt. Er bedarf daher Deiner Pflege und Deiner Nähe. Aber ich werde meine Schweſter Carmela doch mit mir nehmen? fragte Felicia, indem ſie das Kind 310 mit einem Ausdruck angſtvoller Liebe näher zu ſich heranzog. Carmela wird bei mir bleiben, ich werde ihre Mut⸗ ter ſein, ſagte Katharina. Man hat den Gefangenen wohl die Freiheit geſchenkt, aber man hat Bedingungen daran geknüpft. Es giebt Staatsrückſichten, denen man ſich ſchweigend für den Augenblick mindeſtens unterwerfen muß, bis man vielleicht eines Tages die Macht gewinnt, ſich gegen dieſelben aufzulehnen. Der Staat befiehlt, daß die jüngſte Tochter des Grafen Confalconi hier zurückbleibe als eine Bürgſchaft für ihren Vater. Und ich? fragte Guido heftig. Soll auch ich etwa als Bürgſchaft und Geißel für meinen Vater hier zu⸗ rückbleiben? Ja, das ſollſt Du, Guido. Der Kaiſer Franz hat, wie Du weißt, Deine Erziehung und Ausbildung über⸗ nommen, er hat Dich gewiſſermaßen als das Kind des Staates adoptirt und der Staat fordert jetzt, daß Du ihm verbleibſt. Es iſt die Bedingung für die Befreiung Deines Vaters, daß ſein Sohn hier in Wien verbleibe, daß er in den Militairdienſt eintrete und dem Kaiſer den Eid unverbrüchlicher Treue ſchwöre. 311 Niemals, nein, niemals werde ich dieſen Eid ſchwö⸗ u ſich ren, rief Guido auffahrend. Mut⸗ Du wirſt ihn ſchwören, denn Du wirſt Deinem 17 genen Vater die Freiheit wiedergeben wollen. Bedenkt, meine 4 ungen Kinder, was Eure Väter gelitten haben, ſtählt mit 1 4 denen dieſen Erinnerungen Eure Herzen, daß auch ſie gepanzert 2 eſtens ſind zu leiden und zu dulden. Denkt, daß Eure Väter e de ſeit fünfzehn Jahren im Kerker ſchmachten. Einmal Det freilich vor ſechs Jahren gelang es Deinem Vater, 4 zafen Felicia, aus dem Gefängniß zu entfliehen. Deine i für Mutter hatte dieſe Flucht vorbereitet, hatte die Kerker⸗ meiſter beſtochen, die Wege geebnet zur Flucht. Dein du Vater entkam, und begleitet von Deiner Mutter lebte er als Bauer verkleidet in den Bergen Tyrols; aber 4 T zu nach ſechs Monaten ſchon hatten die Spione ihn ent⸗ deckt. Man verhaftete ihn, brachte ihn wieder zurück ht nach dem Spielberg und führte Deine Mutter und üler Dich hierher nach Wien. Hier gebar die Mutter 1 Kind Deine Schweſter Carmela, und ſie ſagen deshalb, die dah in Wien geborene Tochter des gefangenen Grafen 1 6 Confalconi ſei eine Oeſterreicherin, ſei das Kind des 1 ar in Staates, der die Hinterbliebenen der bürgerlich todten— nträ Gefangenen adoptire und ſie zu ſeinen Kindern mache. 312 Der Vater Staat will deshalb die Kinder, welche er adoptirt hat, nicht wieder herausgeben. Sie ſagte das anſcheinend mit vollkommener Ruhe, nur in ihren Augen leuchtete ein Blitz des Zornes auf und ihre Lippen zuckten einen Moment zu einem verächtlichen Lächeln. Der Staat will die Kinder, welche er adoptirt hat, nicht wieder herausgeben, wiederholte Guido, bebend und leichenbleich vor innerm Zorn. Der Staat will mich zwingen, ihm zu dienen, ihm den Eid der Treue zu ſchwören, der auf meinen Lippen zum Meineid wird, denn ich haſſe, ich verabſcheue dieſen Staat, der mein Vaterland unglücklich gemacht, der meine Lands⸗ leute zu Sclaven ſeiner Willkür gemacht hat. Haſſe ihn, verabſcheue ihn, ſagte Katharina, ihre Hand heftig auf den Arm des jungen Mannes legend, ja, haſſe ihn, verabſcheue ihn, aber verbirg Deinen Haß und Deinen Abſcheu, bis die Stunde der Rache, der Vergeltung gekommen iſt. Trage das Deine dazu bei, daß dieſe Stunde endlich kommt. Ertrage die Laſt und den Zwang der Gegenwart, um die Zukunft vorzubereiten, dann dienſt Du dem Vaterlande beſſer, als wenn Du jetzt mit Deinem Vater in's Exil gehſt — 313 und fern von dem Vaterlande in geſicherter Ruhe Dein Leben vertrauerſt. Aber man wird mich für einen Verräther halten, rief Guido. Man wird mit Fingern auf mich weiſen, wenn ich, der Sohn des Grafen Caſtiglioni, die Uni⸗ form eines öſterreichiſchen Soldaten anlege, dem Kaiſer von Oeſterreich den Fahneneid ſchwöre. Hält man nicht auch mich für eine Verrätherin? fragte Katharina. Zeigen unſere Landsleute nicht auch mit Fingern auf mich, weil ich dem Kaiſerhauſe diene? Nimm die Schmach auf Dich, wie ich es thue, mein Sohn, diene dem Vaterlande, indem Du Dein Haupt beugſt und für daſſelbe Verachtung, Spott und Hohn . erträgſt und in der Stille dennoch wirkſt und arbeiteſt an der Befreiung des geliebten Vaterlandes. Wir können und dürfen für daſſelbe nicht arbeiten und wirken wollen in der Helle des Tages; nur im Dun⸗ keln, in der Stille und dem Schweigen der Nacht dürfen wir arbeiten an unſerm heiligen Befreiungs⸗ werk, müſſen es dulden, daß wir in der Helle des Tages für Verräther gelten und uns tröſten, daß wir unſere düſteren Nächte dem heiligen Dienſte des Va⸗ terlandes weihen dürfen. 314 kann ich ihm hier dienen und nützlich ſein? 4 Du kannſt ihm Soldaten anwerben, ihm Straif ſammeln, ſagte Katharina geheimnißvoll, Du kannſt ihm heimlich Arme bewaffnen, die jetzt nur gegen Italien bewaffnet ſcheinen, Du kannſt Propaganda machen für die heilige Sache des Vaterlandes. Es iſt ein gefährlicher Dienſt, dem Du Dich unterziehſt, und wenn Du in demſelben unterliegſt, ſo wirſt Du nicht einmal den Troſt haben, daß Dein Vaterland Dich beweint, aber es iſt ein heiliger Tempeldienſt der Frei⸗ heit, und wir müſſen bereit ſein, auf ihrem Altar das Höchſte, was wir beſitzen, unſere Ehre, zum Opfer darzubringen. Im heiligen Dienſte Italiens bin ich hierher gekommen nach Wien an den Kaiſerhof, im 7 7 2 1 7 4 heiligen Dienſte Italiens ſollſt Du verbleiben im Dienſt des Kaiſerhofes, bis der Tag der Erlöſung kommt. Oh, ich fürchte, dieſer Tag wird niemals kommen, ſeufzte Guido. Ich werde ſterben mit dem Brandmal der Schande auf meiner Stirn, verachtet und ver⸗ wünſcht von meinen Landsleuten, die mich für einen Verräther halten werden. Der Tag der Erlöſung wird kommen und Du Aber was kann ich thun? fragte Guido. Wie 315 wirſt ihn erleben, wie ich ihn erleben werde, rief Ka⸗ tharina feierlich. Große Dinge bereiten ſich vor, und ℳ die Regierungen ſelber ſind es, die ſie vorbereiten, 4 kannſt ohne es zu ahnen. Der Geiſt der Zeit läßt ſich nicht gegen aufhalten und in Feſſeln ſchlagen, und gelingt das 4 ganda den Gewalthabern dennoch eine Weile, ſo nimmt er 4 es iſt blutige Rache und ruft den Aufruhr und die Revolu⸗ und tion zu ſeinem Dienſte herbei. Schaue um Dich, nicht Guido, und ſieh! Sieh wie das Alte, das Ueberlebte Dich überall nur mit dem Schein des Lebens noch prunkt, Zii⸗ f wie es aufrecht gehalten wird nur noch von Bajonet⸗ das en und Blutgerichten. Aber ich ſage Dir, die Ba⸗ das pfer„. jonette werden zuſammenbrechen, die Blutgerichte wer⸗ 1 ih den in Flammen auflodern und eine neue Zeit und ein neues Geſetz wird aus den Trümmern und den im s Flammen hervorgehen. Laß die von Leiden, Entbeh⸗ 1 rungen, Krankheit und Kummer erſchöpften Märtyrer ſung des öſterreichiſchen Blutgerichtes, der Freiheit Italiens nen, laß ſie nach Amerika gehen, um zu ruhen und zu ge⸗ dmal neſen. Wir aber, wir müſſen bleiben, um die Zukunft per vorzubereiten und um dereinſt, wenn der Tag gekom⸗ 7 1 men iſt, die Märtyrer zurückzurufen aus Amerika, damit ſie wieder Kämpfer werden für das Vater⸗ land. 316 Ach, aber wann wird dieſer Tag kommen? ſeufzte Guido. Er wird kommen, wenn die Frucht der Revolution gereift iſt an dem Baume der Zeit. Jahre mögen dar⸗ über hingehen, aber reifen wird dieſe Frucht, denn die Reaktion iſt der Gärtner, welcher ſie pflegt. Und nun genug der Worte. Bedenkt, meine Kinder, daß Eure Väter im Kerker ſchmachten und daß jede Mi⸗ nute, welche Felicia zögert abzureiſen, das Leiden der Gefangenen verlängert. Ich bin bereit, abzureiſen, ſagte Felicia, welche mit leuchtenden Augen den Worten ihrer Tante gelauſcht hatte, indem ſie mit ihren Armen ihre kleine Schweſter an ihre Bruſt gedrückt hielt. Ich bin bereit, abzu⸗ reiſen und meinem Vater ſeine Freiheit zu bringen. Felicia, rief Guido ſchmerzlich, und biſt Du auch bereit, mit ihm nach Amerika zu gehen und Dich von mir zu trennen? Sie ſchaute ihn mit ihren großen Augen lange und mit ſchmerzlicher Zärtlichkeit an. Ich muß meine Pflicht erfüllen, wie Du die Deine, ſagte ſie ſanft. Du mußt bleiben um des Vaterlandes willen, ich muß gehen um meines Vaters willen. Aber ich trenne mich doch nicht von Dir, ich bleibe bei Dir mit mei⸗ nem Geiſt und— 317 Ihre Stimme ſtockte, ein Schluchzen kam aus ihrer Bruſt hervor, ſie wandte das Haupt zur Seite, um ihre Thränen zu verbergen. Katharina hatte Mitleid mit dem Schmerz, dem Seelenkampf des jungen Mädchens, mit der Verzweif⸗ lung, die aus dem bleichen, zuckenden Angeſicht des jungen Mannes ſprach. Ich gehe, um die letzten Anordnungen zur Abreiſe mit Deiner Gouvernante zu beſprechen, ſagte ſie. Ich laſſe Euch fünf Minuten Zeit, um von einander Ab⸗ ſchied zu nehmen. Komm, meine Carmela, komm, be⸗ gleite mich. Die jungen Liebenden ſchauten ſchweigend, athem⸗ los der hohen Geſtalt Katharina's nach, wie ſie ſtolzen Schrittes, das Kind an der Hand führend, der Thür zueilte. Dann, als ſich die Thür hinter ihr geſchloſſen hatte und ſie allein waren mit Gott und ihrer Liebe, flogen ſie auf einander zu, um ſich zu umſchlingen, um in einer Minute des ſeligen Glückes ſich zu ent⸗ ſchädigen für die Trennung und den Schmerz langer kommender Jahre. Und wirſt Du mich nicht vergeſſen, Felicia? Wird 318 Deine Liebe die Trennung überdauern? Wirſt Du mein bleiben auch in der Ferne, auch wenn keine Kunde von mir zu Dir gelangt? Sie hob das Haupt von ſeiner Schulter empor und ſchaute ihn an mit einem Blick voll unausſprech⸗ licher Liebe. Ich bleibe Dein, ſo lang ich lebe, flüſterte ſie, die Sterne werden jeden Abend, wenn ich zu ihnen aufſchaue, mir Kunde geben von Dir, und jeden Abend werde ich durch ſie Dir meine Grüße ſenden. Schwöre mir, ſchwöre mir, daß Du niemals mich vergeſſen und aufgeben, niemals eines Andern Weib ſein willſt. Ich ſchwöre es, Guido, ſchwöre es Dir bei meiner Liebe und bei dem Andenken an meine Mutter. Und ich, Felicia, ich ſchwöre Dir, daß ich niemals ein anderes Weib lieben werde, als nur Dich, daß niemals meine Lippen einen andern Mund berühren werden, als nur den Deinen. Mit dieſem Kuß, meine Geliebte, verlobe ich mich Dir für alle Ewigkeit, und möge Gott in ſeinem Zorn mich ſtrafen, wenn ich jemals das Gelöbniß meiner Treue breche. Das junge Mädchen erbebte in ſeinen Armen und ſchaute faſt erſchrocken in ſein von Liebe und Begeiſte⸗ rung ſtrahlendes Angeſicht. Du dunde mpor rech⸗ ſterte hnen bend mich Weib einer 319 Oh, ſprich nicht ſo, Guido, ſagte ſie zärtlich. Schwöre nicht bei dem Zorn Gottes, denn wiſſe, daß ich Dir vergeben und Dich noch lieben würde, ſelbſt wenn Du mich vergeſſen und eine Andere lieben könnteſt. Der Segen meiner Liebe würde bei bleiben, auch wenn Du der Entfernten nicht mehr ge⸗ ächteſt, ſondern Erſatz für ſie gefunden hätteſt in 4 andern Liebe. „ Nie, nie wird das ſein, rief er leidenſchaftlich. biſt meine Braut, Dir habe ich mich verlobt an Sterbebett Deiner Mutter. Dir halte ich die eue bis zum Tode. Wir ſind Beide noch ſo jung, wir haben noch ſo lange Zeit zu warten auf das „Glück. Und müßte ich zwanzig Jahre harren auf 6. Deine Wiederkehr, mein Herz wird zwanzig Jahr und Treue Dich erwarten. Dir änger jung in Lieb' und . Zwanzig Jahre, ſagte ſie träumeriſch. Zwanzig 8 Jahre, Guido, Du würdeſt dann das alte heimkehrende Mädchen von fünfunddreißig Jahren nicht mehr lieben können. Die Liebe zählt nicht nach Jahren, Theure, ſie iſt Jugend und das Herz von ewiger, unvergänglicher gedenke altert nie. Gedenke daran, meine Geliebte, daran in den Jahren unſerer Trennung. Jung wollen 320 wir bleiben im Herzen, und unſere Lieb' und Treue ſoll der Jahre ſpotten und ſie überdauern. Wir wer⸗ den uns wiederſehen, das fühle ich und weiß ich. Darauf, meine Geliebte, laß uns hoffen und vertrauen, darin laß uns Muth finden, freudig zu ſein auch in der Trennung, des Wiederſehens gewiß. Ich werde ſtreben, ein Mann zu werden, der meiner Felician würdig iſt und es verdient, ſie heimzuführen. Und ich, mein Geliebter, ich werde dieſer heiligen Stunde gedenken und ſie wird mir Muth geben zul allem Guten, Muth, die Trennung zu ertragen. Aber wir werden uns ſchreiben. Nicht wahr, F⸗ 4½ licia, wir werden uns ſchreiben? Frage darnach die Tante Katharina. Sie wird es vermitteln, wenn es ſein kann. Aber mein Herz wird 8½ an Dich ſchreiben alle Tage, und die Sonne und die Wolken, und die Sterne und der Mond, ſie werden Dir immer meine Grüße bringen. Denn dieſelbe Sonne ſcheint dort drüben und dieſelben Sterne leuch⸗ ten Dir und mir. Das Denken an Dich, Felicia, das wird der Stern ſein, der in meinem Herzen leuchtet, die Liebe wird die Sonne ſein, die meinen einſamen Pfad überſtrahlt. Felicia, rief Katharina Cibbini, die Thür öffnend. 321 Alles iſt zur Abreiſe bereit. Komme, mein Kind, denke daran, daß Dein Vater im Kerker ſchmachtet und daß Du ihm die Erlöſung bringen ſollſt. Ich denke daran, ſagte Felicia, ich denke daran und ich bin bereit. Lebe wohl, Guido, Du Liebling meines Herzens, lebe wohl, meine Schweſter Carmela, ad Du, geliebte Schweſter meiner Mutter, ſei der auen, ich in werde iſe eine Mutter. Noch einen Kuß, Carmela! Ich ne und bringe ihn Deinem Vater, und wir Beide, zund ich, die armen Verbannten, wir nehmen ihn huns nach Amerika. Lebet wohl! Sie ſtürzte vorwärts, zur Thür hinaus. Guido d Carmela wollten ihr folgen, aber Katharina hielt zurück. Bleibt, ſagte ſie, vergrößert ihr nicht den Schmerz s Abſchiednehmens, ihr ſtarkes Herz hat ſich losge⸗ ſen und— Das laute Rollen eines abfahrenden Wagens, das chmettern eines Poſthorns unterbrach ſie. Sie iſt fort, oh mein Gott, ſie iſt fort, murmelte Guido, die Hände über ſein bleiches Antlitz legend, während Carmela in Thränen ausbrach. Auf Eure Kniee nieder, meine Kinder, rief Katha⸗ Mhülbach, Erzherzog Johann. 4. Abth. I. 21 t 5 3 4 — ———— 322 rina. Laßt uns beten das Gebet, welches Deine Mut⸗ ter in der Sterbeſtunde mit Euch gebetet hat. Sie zog das Kind mit ſich auf ihre Kniee nie⸗ der, neben ihnen ſank Guido demüthig und ergeben zu Boden, und mit lauter Stimme, mit begeiſtertem Antlitz beteten ſie: Heiliger Geiſt, laß dich hernieder, überſchatte mit Deiner Kraft und Deiner Gluth dißch Söhne Italia's, ſenke auf ihre Häupter das heilicſ Pfingſtfeſt der Begeiſterung, welche den Tod niſ ſcheut, ſondern das Leben überwindet, welche jubelt der Gefahr und freudig ringt nach den höchſten ₰ tern der Menſchheit. Oh heiliger Geiſt, entflang die Söhne der geknechteten Mutter mit Haß und Zoß mit Rachedurſt und heiliger Wuth, laſſe die Lämn ſich verwandeln in Löwen, die duldenden Kinder z wuthentbrannte Männer, laſſe die Geknechteten ſiß erheben, gieb ihnen den Muth der That, die Energ 4 des Haſſes! Amen! Ende des erſten Bandes. Inhalks-Verzeichniß. Die Wiener Conferenzen Signora Cibbini Ein Sterbebett........ Die Gefangenen auf dem Spielberg Die Gefangenen Die Rache Frauen und Prieſter. Der Kaiſer und der Kronprinz Das Teſtament Das Handbillet Das Lebewohl. Danes Pic Green Vellow Grey 3 32