Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ofkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet — — wird. b 145 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eeträgt:. 5 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— ar Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. 5 3 7, 3„.„ 1 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zuruckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bucher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Wertes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ͤ 2 ℳ⸗ℳ--- ——— — Erzherzog Johann und ſeine Zeit. L. Mühlbach. Erzherzog Jahann u. der Berzog von Keichstadt. Dritter Band. Das Recht der Ueberſetzung in fremde Sprachen hat die Verfaſſerin ſich geſetzlich vorbehalten Berlin, 1862. Druck und Verlag von Otto Janke. : ſ Erzherzog Johann und der SKerzog von Reichſtadt. L. Mühlbach. Se= Dritte Abtheilung. Dritter Band. Berlin, 1862. Druck und Verlag von Otto Janke. D) übp ————·— Viertes Buch. Die Bonapartiſten. Mühlbach, Erzherzog Johann. III. 1 —— Das Feſt auf dem Brandhof. Der Morgen dämmerte empor, ein ſchöner ſonni⸗ ger Auguſtmorgen des Jahres 1828. Ueber die Spitzen der grünbewaldeten Höhen zogen die Strahlen der Sonne ihren erſten Roſenſchimmer und färbten die weißen Nebel der Bergthäler mit violettem Schein und machten das goldene Kreuz auf dem hohen Kirch⸗ thurm von Maria Zell höher erglänzen. Aber weiter unten im lieblichen Bergthal war noch Alles in Nacht und Dunkelheit begraben, und in den Ortſchaften von Seewieſen und Wegſcheid herrſchte noch das Schweigen und die Ruhe der Nacht. Weiter oben jedoch, da wo die Poſtſtraße mühſam den Berg hinaufklimmt, da ſchimmerte ne ſchon goldig und hell auf den Fenſtern des ſchönen ſtattlichen Ge⸗ 4 bäudes, das da friedlich und ſtill an der Poſtſtraße ſich hindehnte. In Maria Zell, in Seewieſen und Wegſcheid, da ſchläft noch Alles, aber hier in dieſem Hauſe herrſcht ſchon frohe Bewegung und emſiges Arbeitsgetriebe. Die Fenſter dieſes Hauſes ſind weit geöffnet, und drinnen hört man ſchon fröhliches Geräuſch, obwohl die Uhr, die ſich auf dem Glockenthurm in der Mitte des Gebäudes befindet, erſt die dritte Stunde nach Mit ternacht zeigt. Auch in den weiten ſchönen Wirth ſchaftsgebäuden und Ställen, die zur Seite des Haupt gebäudes liegen, herrſcht ſchon frohes Leben und Treiben. In der offenen Scheune beginnen rüſtige Burſche Korn zu dreſchen, aus den Kuhſtällen hört man das tiefſinnige ernſte Gebrüll der Kühe, das oft übertönt wird von dem luſtigen Jodeln der Mägde, welche eben beſchäftigt ſind, die Kühe zu melken, bevor ſie hinausgetrieben werden auf die blumige Wieſe. Drüben aus dem Backhaus wirbeln ſchon bläuliche Rauchſäulen zum glänzenden Himmel empor, und aus dem Innern deſſelben vernahm man vielfaches ſtarkes Geräuſch. Jetzt offnete Neemit haſtigem Griff die Thür dieſes Backhauſes und die Geſtalt einer Frau erſchien 2— yn——ͤͤͤͤͤͤͤſſſſſſſſſſſſ —r auf derſelben. Sie trug in ihren beiden Händen eine mächtig große Schüſſel, auf welcher ein brauner Kuchen prangte, und ſchritt mit dieſer Laſt eifrig und eilig über den weiten Hof nach dem Wohnhauſe hin. Aber jetzt ſtürzten aus dem Backhaus zwei junge Mädchen in der lieblichen Tracht der Steyermärke rinnen ihr nach und holen ſie ein, wie ſie gerade die Mitte des Hofes erreicht hat. Aber, Frau, wie können's nur mit der ſchweren Schüſſel dahin laufen, ſchreit die Eine. Geben's her, Ew. Gnaden, geben's her, ruft eifrig die Andere, laſſen's doch mich den Kuchen in's Haus tragen. Und Beide ſind eifrig bemüht, der jungen Frau⸗ die Schüſſel aus der Hand zu nehmen. Sie aber hält ſie nur feſter und wehrt mit ihren Ellenbogen die beiden hübſchen Mädchen fort. Laßt mich halt nur machen, ſagt ſie lächelnd. Es iſt nit ſchwer und ich thu's ſo gern. Hab' ich den Kuchen doch ſelbſt angerührt und ſelbſt gebacken für meinen Liebſten und meinen Herrn, ſo will ich ihn denn nun auch ſelber hineintragen in ſein Zimmer, und kein Anderer ſoll ihn mir berühren. Geht nur, Ihr Beide, wieder hinein in's Backhaus und bewacht 6 mir das Backwerk. Du, Lieſerl, gieb wohl Acht, daß 4 ihre F die Kuchen nit zu braun werden, und Du, Tonerl, laß das Brod recht hübſch ausbacken. Ihr wißt ja, die Gr Ihr Mädels, daß heut gar viele Gäſt' zu uns hinauf u kommen, und es wär' halt eine grauſame Verlegenheit für mich, wenn Ihr's nothwendigſte liebe Gottes Gut, das Brod, verderben ließt. Werden uns ſchon in Acht nehmen, lieb Fraule, ſagt die Lieſerl. Werden nit den Feſttag verſchampfiren, Ew. Gna den, ruft die Tonerl. Die junge Frau, welche ſchon im Begriff war, mit ihrer dampfenden Bürde weiter zu ſchreiten, bleibt ſtehen und wendet ſich den enteilenden Mägden zu. Hör', Tonerle, ſagt ſie, man merkt Dir's an, daß Du drin in Wien ein paar Jahr' geweſen biſt. Haſt Dir recht vornehme Stadtmanieren angewöhnt, wirfft mit'm Ew. Gnaden und gnädige Frau um Dich, als wären's Gerſtenkörn', nach denen die Gänſ' ſchnappen thäten. Ich bin aber keine Gans und verlang nit Deine vornehmen Gerſtenkörner. Hier droben in den 1 ſürei Bergen, da kannſt Dein vornehmes Weſen halt in die Truhen packen. Ehrbarlich und beſcheiden ſollſt zu Vin mir reden, wie's einem guten Mädel geziemt gegen ſind — —1 ihre Hausfrau, von der ſie Lohn und Koſt empfängt, aber Ew. Gnaden ſollſt mich nit nennen. Gott hat die Gnade und der regierende Herr Kaiſer in Wien— Unſerer herzlieben Fraule gnädigſter Herr Schwa⸗ ger, unterbricht ſie das Tonerle mit einem tiefen Knix. Red' nit ſolchen Unſinn, ruft die junge Frau er— glühend. Der liebe Herrgott ſoll mich bewahren vor der Schwagerſchaft mit dem regierenden Herrn Kaiſer. Ich verbitt' mir ſolche dumme Reden, Tonerl, und wenn Du noch lang' willſt hier droben auf dem Brand hof bleiben, ſo menagir’' Deine Zung' und red' halt nit von Dingen, die Dich gar nix angehen! Und das beſchämte Tonerl zum Abſchied noch mit einem leichten Kopfnicken grüßend, wendet die junge Frau ſich um und wandert rüſtig dem Wohnhauſe zu. Mit eiligem Fuß ſchreitet ſie die breiten Stufen hinauf, die durch das Portal hineinführen in das In⸗ nere des Gebäudes, und tritt durch die weitgeöffneten Thüren hinein in den weiten großen Saal; ſie durch⸗ ſchreitet ihn raſch und ſchaut nicht einmal empor zu den Statuen und Gemälden, die ringsum an den Wänden prangen. Ihre lichtbraunen glänzenden Augen ſind nur auf den Kuchen gerichtet, den ſie in ihren J 3 V Ha g j 6 ihre 3 f Garrn Händen trägt, ihm allein gehört jetzt ihre ganze Auf Herr * 1 merkſamkeit. zimm 1 Die Statuen der Habsburgiſchen Kaiſer, die im und Saal aufgeſtellt ſind, ſchauen mit ernſter Gravität überfl unter den zierlich geſchnitzten Spitzhäuschen hernieder ſchma auf das liebliche junge Weib, das ihre erhabenen Naſen warnn mit dem Wohlgeruch des dampfenden Kuchens zu be dämpf unruhigen wagt. Die Heiligen und die Engelein in ſchön den gemalten Fenſterſcheiben aber lächeln ihr zu und hat d werfen bunte Lichtreflexe auf die ſchlanke leicht vor 1 Jirbe übergleitende Geſtalt, die jetzt aus dem großen Saal drr in die kleinen Nebengemächer eintritt. a Es ſind gar zierliche hübſche Zimmer; die Wände V bekleidet mit kunſtvoll eingelegtem Getäfel aus der a einheimiſchen Zirbelnußkiefer, die Räume ausgeſchmückt. ſtuh mit allerlei zierlichen Meubles, mit Marmortiſchen,' duh die aus den nahen Steinbrüchen geholt ſind, der Fuß 8 boden belegt mit Teppichen aus den einheimiſchen bie Fabriken, an den Wänden ſchöne Gemälde von öſter deſen reichiſchen Malern, Stoffe aus der Geſchichte Steyer ſenen marks behandelnd. ſle ſ Die junge Frau achtet auf das Alles nicht, ſie d ſchreitet rüſtig weiter, bis ſie das letzte der Gemächer, 3 nelge das kleine Wohnzimmer ihres„Liebſten und ihres ed ſi gedeih 1 „ w. 7 — 8——.= Herrn“ erreicht hat. Wie traulich iſt's in dieſem Zimmer, wie heimelt's Einen an mit ſüßem Frieden und glücklicher Stille. Nichts iſt da von Prunk und überflüſſigem Luxus, Alles athmet Behaglichkeit, Ge— ſchmack und Zierlichkeit. Den Fußboden deckt ein warmer weicher Teppich, der jeden lauten Schritt dämpft, an den Wänden ſtehen Bücherſchränke mit ſchön gebundenen Büchern, in der einen Fenſterniſche hat der weite große Schreibtiſch von ſteyermärkiſchem Zirbelholz ſeinen Platz, er iſt ganz bedeckt mit Schrif ten und Papieren, mit Aktenſtücken und Briefſchaften, zwiſchen denen hier und da auch ein aufgeſchlagenes Buch liegt. Vor dem Tiſch ſteht ein einfacher bequemer Lehn ſtuhl, und wenn der„Herr und Liebſte“ auf demſel— ben ſitzt, ſo kann er durch das helle klare Fenſter ge— rade hinein ſehen in das liebliche kleine Gärtchen, in deſſen Mitte auf einer Erhöhung zwiſchen moosbewach ſenem Geſtein ein ſeltener und ungewöhnlicher Blumen⸗ flor ſich befindet. Es ſind keine Blumen, wie man ſie in niedrig belegenen Gärten, in künſtlichen Treibhäuſern findet, es ſind Pflanzen und Blüthen, die nur auf den Alpen gedeihen, die nur wachſen unter Schnee und Eis und ——— 10 in der erhabenen Stille der Alpenfirnen Keine Alpe giebt es in ganz Europa, welche nicht die Kinder ihrer eiſigen Flora hierher geliefert hat in dieſes Alpen gärtchen, ſelbſt von den Gipfeln des Himalaya zeigt es die ſeltenen, in Europa noch nie geſehenen tiefblauen Alpenveilchen auf.“*) Im Hintergrunde des Gartens aber, gerade den Fenſtern des kleinen Arbeitszimmers gegenüber, erhebt ſich unter einem gothiſchen Kapellen bogen die Statue Rudolfs von Habsburg. Ernſt und mild ſchaut der große Kaiſer über das Alpengärtchen hin, ein ſanftes Lächeln ſteht auf dem ſchönen edlen Angeſicht und ſcheint zu ſagen, daß die Stille und der Frieden, der ihn umgiebt, dem edlen Grafen von Habsburg gar wohl behagt. Stille und Frieden athmet das Alpengärtchen und das hübſche trauliche Arbeitszimmer, vor deſſen Fen⸗ ſtern es liegt. Wenn man von den Fenſtern ſich jetzt abwendet, ſo ſieht man im Hintergrunde an der brei ten Hauptwand des Zimmers über dem lederbezogenen Divan den Hauptſchmuck dieſes Zimmers, ſchöne blinkende Waffen der alten und der neuen Zeit in geſchmackvoller kunſtvoller Zuſammenſtellung und Grup ) Das Leben des Erzherzogs Johann von Oeſterreich. Von Franz Joſeph Schneidawind. S. 257. 4 rung einfach Zimm 11 rung. Oben über allen dieſen Waffen hängt eine einfache Büchſe, aber ſie iſt doch dem Herrn dieſes Zimmers der koſtbarſte Schatz ſeiner Sammlung, und wenn er zu ihr hinaufſchaut, denkt er an ferne Zeiten und an vergangenes ſchweres Leid. Es iſt die Büchſe des Sandwirths Andreas Hofer und ſein Name ſteht mit großen goldenen Lettern an dem breiten ſchwarzen Band, das die Büchſe trägt. Tiefer unten an der Wand über dem Divan zwiſchen 2 den blitzenden Waffen erblickt man zwei Oelgemälde. Das eine ſtellt einen Mann dar in ritterlicher Tracht, mit ernſtem, hoheitvollem Angeſicht, Eine kleine Tafel, die oberhalb in dem Rahmen des Bildes befeſtigt iſt, trägt die einfache Inſchrift: Der edelſte Schütz. Neben ihm das zweite Bild zeigt einen Mann in einfacher Tyroler Tracht mit gutmüthigen und doch energiſchen Mienen, mit einem treuherzigen Lächeln und großen träumeriſchen Augen. Die kleine Tafel im Rahmen dieſes Bildes trägt die Inſchrift: Der getreueſte Schütz. Zur Seite des Divans auf den kleinen Marmor tiſch, der dort ſteht, ſetzt die junge Frau jetzt ihre Schüſſel mit dem Kuchen nieder, dann ſchaut ſie mit ———ÿ—ͦÿ̃—— 12 einem ſtillen frohen Lächeln in dem traulichen Gemach umher. Es iſt Alles recht ſchön und gut, ſagt ſie leiſe, aber ich wollt' halt, er käm' jetzt. Mein Herz bangt nach ihm und kann's gar nit begreifen, daß er immer noch ausbleibt. Sie ſenkte ihr Haupt auf ihre Bruſt und das Lächeln und die Heiterkeit ſchwand von ihrem lieblichen Angeſicht. Aber plötzlich hob ſie das Haupt wieder empor und ſchüttelte es, als wolle ſie die häßlichen Inſecten der Sorgen verjagen, die eben erſt ihr lieb liches Köpfchen umſchwirrt hatten. Dummheit iſt's, ſagte ſie zürnend, wie kann ein vernünftiges Weib nur ſo albern ſein! Was könnt' ihm denn paſſiren? Iſt ein Heldenmann, iſt friſch und geſund, und der liebe Gott droben wacht über ihm. Wird ſchon kommen, du ungeduldig Herze du, wird ſchon kommen! Jetzt ſpring' ich noch in den Garten und hol' ihm ein Sträußle von ſeinen lieben Blümli und leg's auf den Kuchen hier, und dann nachher,— ſie blickte mit ſtrahlendem Auge zu den beiden Bildern empor und nickte ihnen zu— ja, ja, Ihr lieben beiden Schützen droben, dann nachher, dann 3 kommt die Hauptſach'! Und leicht und luſtig wie eine Gemſe ſprang ſie aus dem Zimmer und durch die Thür im kleinen Vor zimmer hinein in das Gärtchen zu den ſchönen Alpen blumen hin.„ Ah ſchau, rief ſie, freudig in die Hände ſchlagend, das Edelweiß von der Wildenſeealp hat ſeine Augen aufgethan und alle ſeine kleinen Knospen geöffnet. Ah, du lieb herzig Blümli, weißt noch, wie's damals war, als du blühteſt droben auf der Alp? Weißt noch, wie ich oft neben dir ſaß und weint und ſeufzt, und wie er eines Abends ganz ſpät im Mondenſcheitk. kam? Auf derſelben Stell' biſt gewachſen, wo wir da zuſammen ſaßen im Mondenlicht, und drum hat er dich hierher geholt zum ewigen Andenken an den Tag. Oh, du lieb Edelweiß, muß dich küſſen, mein liebes Blümli! Sie knieet nieder zu den Blumen und küßt die kleinen weißen Blüthen und ſchaut ſie an mit träume riſch lächelnden Blicken. Dann auf einmal, als blüh ten die Erinnerungen vergangener Jahre wieder in ihr auf, beginnt ſie mit jauchzender Stimme einen Schnaderhüpferl zu ſingen: Horch, mein Bübli, horch, ich ſag' dir was: Sei nit traurig halt und ſei nit blaß 14 Denkſt, i hab' ein Herz von Schnee und Eis? 4 M Doch die Lieb' blüht drunter wie das Edelweiß! Johi, Joha trali, trala, tralalahi! Tralalalihi— tönt's nach mit männlich ſtarkem Tone. Jeſus Gott, er iſt's! Mein Schatzli kommt! jauchzt ſie laut auf und fliegt durch den Garten, hin Ka nach dem Pförtchen hinter dem Standbild des Kaiſers, r S nach dem Pförtchen, das auf die blumige Wieſe hin⸗ Bank aus führt. Sie ſtößt es auf, und da ſteht er wirklich, ſühann der liebe Jägersmann, und ſchaut unter dem grünen— Hut hervor ſie an mit glänzenden Augen und frohem 19 Lächeln. trer Sie fliegt ihm um den Hals, ſie bedeckt ſeinen 4 1 Mund mit glühenden Küſſen. Oh, Hannes, lieb Han 4 nes, was biſt ſo lang' geblieben. Wolltſt heim kom⸗ 1 d men geſtern Abend und ich ſchaut' nach Dir aus bis 5 h Mitternacht. 1 Biſt doch kein Närrle geweſen, mein Annerle? f. 14 fragt er, den Arm um ſie ſchlingend und ſie zäértlich Baar anſchauend. Haſt Dich doch nicht geängſtigt? 3 Wäld Geängſtigt nit, aber gebangt hab' ich mich nach nch mi Dir. Ah, Hannes, was iſt die Welt ſo einſam und 8 ſo groß, wenn Du nit da biſt! 4 wme glän 15 Was iſt die Welt ſo ſchön und ſo ſonnig, wenn ich mein liebes Weib im Arm halte, ruft er, ſie zärt⸗ lich an ſich drückend. Komm, mein Annerle, laß mich einen Augenblick hier ausruhen auf der Bank, denn ich bin müd', bin ſeit zwei Stunden geſtiegen. Komm, ſetz' Dich zu mir. Kann Dich nit wohl anſchauen, wenn ich an Dei⸗ ner Seite ſitz', ſagt ſie und drückt ihn nieder auf die Bank und kauert ſich vor ihm nieder, um ihn anzu— ſchauen mit freudig ſtrahlenden Augen. Was hältſt denn da in Deiner Hand, mein An nerle? fragt er, auf die Blumen deutend, die ſie in ihren gefaltenen Händen hält. Das Edelweiß von der Wildenſeealp iſt aufgeblüht in der Nacht und ich hab' Dir ein Sträußle davon gepflückt, ich geb' Dir ihn nachher. Das iſt mein Edelweiß von der Wildenſeealp, ſagt er, zärtlich mit ſeiner Rechten ihr ſchönes braunes Haar ſtreichelnd. Geſegnet ſei Gott, Du geliebtes Weib, daß Du liebe Alpenblume mir erblüht biſt, daß ich mit Dir meine Bruſt ſchmücken darf. Haſt's nimmer bereut, lieb Hannes, daß Du das arme dumme Annerle genommen haſt? fragte ſie mit glänzenden Augen, ihre beiden Arme liebevoll auf 16 ſeine Kniee aufgeſtützt, das Haupt in ihre Hände gelehnt. Biſt eine böſe Sünderin, daß Du ſo fragſt, Anna, d. ſagt er faſt zürnen Seit ich Dich beſitze, kenne ich das Glück, ſeit Du mein biſt, bin ich ein reicher und ſtolzer Mann. Alle Wunden meines Herzens ſind ſeitdem vernarbt, alle harten Erfahrungen ſind ver geſſen, ich bin wieder jung, wieder hoffnungsreich, wieder zukunftsgewiß und heiter, und Alles dies durch Di—+‿—₰ Dich, durch Dich allein! Geſegnet ſeiſt Du für Deine Liebe, und für mein Glück, meine liebe Anna! Er neigt ſich zu ihr nieder und drückt einen Kuß auf ihr braunes, glänzendes Haar, ſie nimmt ſeine Hand und preßt ſie an ihre Lippen, und ſchaut dann zu ihm auf mit Augen, die in Thränen glänzen, aber es ſind Thränen des Glückes und der Freude! Ja, fährt er tiefbewegt fort, ja, mein herzliebes Weib, Du biſt meines Lebens ſchönſte und höchſte Freude, und recht deſſ' zum Zeugniß gebe ich heute dies Feſt, das Einweihungsfeſt unſers Hauſes. Der Brandhof, an dem ich neun Jahre gebaut und ge beſſert habe, iſt jetzt fertig; ich habe mir mein eigen ſelbſtſtändig Haus gegründet, und lade meine Freunde zu mir ein, um ihnen das höchſte Kleinod meines —— Alpenl Ein F zur E ſoll es ein re Alpen Kaiſer Dich! das G hat en Welt mein e meiſt thurm die S Du m eine K die höe töchter meiſt 17 Alpenhauſes zu zeigen, mein Edelweiß, mein Weib. Ein Feſt gebe ich, dem Brandhof und meiner Anna zur Ehrenfeier. Ganz Steyermark, ganz Oeſterreich ſoll es erfahren, daß der arme Erzherzog Johann ein reicher Mann geworden iſt, daß er droben in den Alpen das Glück gefunden hat, welches ihm die große Kaiſerſtadt nicht bieten konnte. Mit Stolz will ich Dich meinen Freunden zeigen, denn gelobt ſei Gott, das Geheimniß iſt von uns genommen, der Kaiſer hat endlich eingewilligt, daß ich öffentlich vor aller Welt Dich darſtelle als meine liebe Hausfrau, als mein ehrliches Weib, und deshalb gebe ich heute zu— 1 meiſt dies Feſt, und das erſte Läuten vom Glocken— . thurme unſers Hauſes ſoll es weit hinaus rufen in die Steyermärk'ſchen Berge, daß ich Dich liebe, daß 3 Du mein biſt, daß der Hannes ein Weib gefreit hat, 4 eeine Königstochter der Natur, denn die Natur iſt doch die höchſte Königin, und ich ſag' Dir, Kind, die Königs töchter drinnen in den ſtolzen Schlöſſern, das ſind zu meiſt nur ungeliebte, bei Seit' geſtoßene Stieftöchter der heiligen Königin Natur! Und ich beneid' ſie nit um ihre Erdenherrlichkeit, ſagte Anna lächelnd. Was geht's mich an, daß Du 4 da drunten in den Städten und bei den klugen Men Mühlbach, Erzherzog Johann. III. 2 18 ſchen der Erzherzog Johann biſt? Hier droben da bin abe biſt halt nur mein Hannes, und nimmer möcht' ich ganzen anders heißen, als Frau Hannes! Oh, zieh' mir nit ſt, ſo die Stirn in Falten, und ſchau nit finſter drein! Ich geht m ſag' Dir's, mein Liebſter und mein Herr, ich will V dem H halt keinen andern Titel haben, und brauchſt gar nit un murren und Dich grämen, daß mir der Kaiſer nit Annerl V damals im vorigen Jahr, als er in Gratz war, die kennt u Ehre gönnt' und ſich die Frau Anna Johann vor⸗ nes wi ſtellen ließ, wie er mich dazumal genannt hat, brauchſt aller A nit murren, daß er nit dazumal mir einen Titel und die T 4 einen vornehmen Namen geſchenkt hat. Ich hätt' S ihn halt nit angenommen, ſeinen vornehmen TDitel, di hätt' ihm halt geſagt: ich bin meines Hannes ehr⸗ V liches Weib, und das iſt mir halt mein ſchönſtes n dar Glück. Zur Erzherzogin könnt Ihr mich halt nit 8 d machen, Herr Kaiſer, denn ich bin nit aus dem Holz— nunnt geſchnitzt, aus welchem man Erzherzoginnen macht; 5 3 wenn Ihr mich aber zu'was Anderm macht, zu einer ie d Gräfin oder Baronin, ſo heißt das, mir meine ehr— ülh liche Reputation nehmen, und mich zu einer unehr— düſſ lichen Perſon machen, die nit den Namen ihres 2 Mannes führt, ſondern der man einen Namen eigens bütter für ſie aus dem Mond heruntergelangt hat. Ich die d auch ⁸ 19 bin aber ein gut Eheweib, und da mein Mann beim ganzen lieben Steyermärk'ſchen Volk der Herr Hannes iſt, ſo bin ich die Frau Hannes, und alles Andere geht mich halt gar nix an.“ Siehſt, das hätt' ich dem Herrn Kaiſer geſagt! Und hätteſt doch nicht ganz Recht gehabt, mein Annerle. Hier droben in den Bergen, da freilich kennt und ehrt Dich Jedermann, und die Frau Han⸗ nes wird verehrt und geliebt, als die Wohlthäterin aller Armen, der hülfreiche Engel aller Leidenden, die Tröſterin aller Unglücklichen. Oh, Hannes, lieb' Hannes, mach' mich nit ſcham⸗ roth, ſagt ſie erglühend, lob' mich nit, ich verdien's ja gar nit. Hab' ja nichts aus mir ſelber, bin Alles nur durch Dich, und wenn was Gut's an mir iſt, ſo kommt'’s von Dir. Ja, mein Herr und mein Liebſter, von Dir hab' ich gelernt! Denkſt wohl, ich weiß es nit, daß alle Armen, alle Unglücklichen und Sorgen— vollen ſich an Dich wenden, und daß ſie von Dir Hülfe und Troſt erhalten? Meinſt wohl, ich hab's nit gehört, wie oft Du ſelber hinein gehſt in die Hütten und zuſchaueſt, wie's d'rin ausſieht, und ob die Leut' auch nit Noth leiden, und ob die Kranken auch Pflege und Arznei haben? Meinſt auch wohl — 20 zum Beiſpiel, der Wendelwirth drunten in Seewieſen der ſei juſt eben ſo verſchwiegen und ſtumm, wie Du ſelber, und hätt' mir nit erzählt, daß der Herr Han nes ihn von Bankerott und Selbſtmord gerettet hat? Oh, die ganze Geſchicht' hat er mir erzählt, die liebe rührende Geſchicht,, wie er hinauf ging droben auf die Alp, und wollt' in ſeines Herzens Verzweiflung ſich's Leben nehmen, weil er die Pacht nit zahlen konnt;, da er Mißwachs gehabt hat, und heuer ſo wenig Fremden kommen ſind. So ladet er den Stutzen und kniet nieder, und betet laut zum lieben Herr Gott, er mög' ſein Seel' gnädig aufnehmen in den Himmel, und eben wie er's Gewehr an den Mund ſetzt, da tritt um eine Felſeneck' ein Jägers mann, aber er meint', es iſt ein Engel Gottes, ſo glänzend und wie von Sonnenſtrahlen leuchtend, ſtand er vor ihm, und ſo göttlich mild und edel ernſt war ſein Angeſicht, das ſchöne Angeſicht des guten Geiſtes unſerer Berge, des Herrn Hannes. Aber Annerle, jetzt willſt Du mich ſchamroth machen. Schweig doch davon, mein' Lieb'. Ich will aber nit ſchweigen, ruft ſie eifrig, will meine Geſchicht' zu End' erzählen. Und mit ſeinen großen milden Sternaugen ſieht der Herr Hannes einen Und d in ſein Hanne Leid, weil e Aber Grab Grab blieben einem buch Thrä 21 den Wendelwirth an, und ſagt zu ihm: Ihr ſeid ein Chriſt, Ihr glaubt an Gott? Und wollt doch dem lieben Gott in's Handwerk pfuſchen? Wollt einen Menſchen morden, den Gott geſchaffen hat?— Und der Wendelwirth läßt das Gewehr ſinken, und in ſeiner Herzenszerknirſchung ſchüttet er dem Herrn 3 Hannes ſein ganzes Herz aus und klagt ihm all ſein Leid, und daß er ſich das Leben hat nehmen wollen, weil er die Unehr' und Schand' nit ertragen wollt'. Aber die Unehr' und Schand' wär' doch auf euer Grab kommen, ſagt da der Hannes, und auf dem Grab des todten Mannes wär' ſie ewig ſitzen ge blieben, aber der lebendige Mann, der kann ſie mit einem ſtarken Herzen und einem braven Willen noch von der Schwelle ſeines Hauſes fortjagen. Steht auf, Kasper, und laßt uns hinabgehen in euer Haus und zuſammen eure Zukunft bedenken. Und er ſchreitet rüſtig vorwärts, und der Kaspar, der Wendelwirth, ſchleicht ſtill und demüthig hinter ihm her, wie der Hund hinter ſeinem Herrn. Und Herr Hannes geht in des Kaspar's Gaſthaus und gerad' hinein in's Hinterſtübchen zu dem Schreibtiſch, wo's große Conto— buch liegt, vor dem der Kaspar ſo viele Nächt' in Thränen und Verzweiflung geſeſſen hat. Und theil 22 nehmend und aufmerkſam, als wär's ein Bruder, ſieht Mi der Herr Hannes mit dem Wendelwirth all ſeine ich mö Rechnungen durch, und zeigt ihm, wie er's hier falſch ſchichte gemacht, und wie er dort hätt' ſparen können, und die All nachdem er Alles durchgeſehen und überlegt hat, da thäter ſagt er:„ich ſeh', Kaspar, ihr ſeid mehr unglücklich der U als leichtſinnig und ſchuldig, ihr habt mit Mißgeſchick frieden zu kämpfen gehabt, das ihr nicht verſchuldet. Darum V erzähle will ich euch helfen und beiſtehen. Ich leihe euch Buuen auf drei Jahre ſechstauſend Gulden ohne Zinſen, hört lu damit könnt ihr eure Schulden bezahlen und euch Hochzem einrichten.“ Und er nimmt ein Stück Papier und ſo lan ſchreibt ein Paar Zeilen auf, und reicht's dem Kas ſt, u par hin.„Da habt ihr eine Anweiſung auf meinen 6 krank 8„ 4 Banquier in Gratz. Geht hin, und holt euch das VA Jater Geld, und ſeid fleißig und brav, damit der liebe 3 Nochhzo Gott euch eure Sünde vergebe.“ Der Wendelwirth 1. kann nichts ſagen, und nichts denken, kann blos auf d 8 ſeine Kniee niederfallen, und weinen und ſchluchzen, 5 5 und wie er endlich ſeine Rührung überwindet, und” ſprechen und danken will, da iſt Herr Hannes nit mehr i da, iſt ganz ſtill hinaus gegangen, wollt' keinen Dank. manne Biſt jetzt fertig mit Deiner alten, längſt abge. 2 thaenen Geſchichte? fragt Herr Hannes lächelnd.. ſo fa 4 N —— 1 4¹ —— 2 Mit der wär' ich jetzt fertig, ſagt ſie ernſt, aber ich möcht' halt noch ein halb Dutzend anderer Ge ſchichten erzählen, die all das Nämliche beſtätigen, die Alle beſcheinigen, daß der Herr Hannes der Wohl— thäter und Retter der Armen, der Tröſter und Helfer der Unglücklichen, der Freund der Glücklichen und Zu friedenen iſt. Soll ich Dir zum Beiſpiel die Geſchicht' erzählen, wie der Herr Hannes neulich vor dem Bauernhaus drunten in Wegſcheid vorbeigeht, und hört luſtige Tanzmuſik, erfährt, daß die Anna Marei Hochzeit macht mit ihrem Liebſten, dem der Vater ſie ſo lange Jahre nit hat geben wollen, weil er arm iſt, und ſie reich. Aber weil die Anna Marei ſo krank und elend worden vor Gram, da mußt' der Vater ſchon nachgeben, und es war halt fröhliche Hochzeit. Als Herr Hannes das hört, geht er hinein in's Haus und in den Hochzeitsſaal, und tanzt mit der Braut und— Annerle, wenn Du nicht aufhörſt mit Deinen Ge ſchichten, ſo geh' ich wieder fort, unterbricht ſie Herr Hannes faſt ärgerlich. Wenn Du halt wieder anfängſt, mich zu loben, ſo fang' ich wieder an, meine Geſchichten zu erzählen. 24 Aber jetzt, Du böſer, lieber Mann, jetzt ſag' einmal, wo warſt denn eigentlich dieſe Nacht? Drunten in Seewieſen beim Wendelwirth, mein' Lieb'. Hatte den ganzen Tag gejagt und einer Gemſe nachgeſtellt. Erſt als die Sonne unterging, kam ſie mir zum Schuß, und ich hatte ſchwer an ihr zu tragen bis hinunter nach Seewieſen. Ich war müde und erſchöpft und habe d'rum erſt einige Stunden drunten geſchlafen. Herr Hannes, Herr Hannes, ruft ſie ihm lächelnd mit dem Finger drohend, Ihr ſagt mir halt nit die Wahrheit. Nit aus Müdigkeit ſeid Ihr drunten ge blieben in Seewieſen, ſondern blos um dem Wendel wirth ſein' Reputation zu heben, damit die vornehmen Gäſt' bei ihm einkehren. Herr, mein Gott, bei Gäſten fällt mir ein, daß ja auch bald unſere Gäſt' kommen werden! Vergeſſ' ich doch halt Alles, wenn ich meinen herzlieben Herrn und Schatz wiederhab'! Ich muß hinein in's Haus und zuſchauen, ob Alles in Ord— nung iſt. Sie ſteht auf und will von dannen eilen, aber der Hannes hält ſie zurück und zieht ſie ſanft auf ſeinen Schooß. Bleib' noch, mein' Lieb'. Es iſt noch früh, kaum fünf Uhr, und unſere Gäſte kommen erſt vor S um zehn aus Gra die werd ſorgen. heute de drückt ſe und mein lieben C erſt alle und ſo Ach, we Liebſter, ein vor Bruder Erzherz und zie ihm na⸗ feſt, da 67 nicht den vi 25 um zehn Uhr. Auch ſind ja die Köche da, die wir aus Gratz zum großen Feſttag haben kommen laſſen, die werden ſchon für die Wirthſchaft und die Tafel ſorgen. Der Morgen iſt ſo ſchön, und ich werde heute den ganzen Tag keine ſtille Stunde mit meiner Anna haben können, ſo gönne ſie mir jetzt. Sie ſchlägt ihren Arm um ſeinen Nacken, und drückt ſein Haupt an ihren Buſen. Oh, mein Herr und mein Schatz, wie lieb biſt Du! Ich wollt', die lieben Gäſt' wären erſt wieder fort, und wir wären erſt allein wieder mitſammen. Kein Feſt iſt ſo ſchön und ſo herzerquickend, als das Alleinſein mit Dir! Ach, was iſt's doch für ein traurig Ding, daß mein Liebſter, mein ſchöner ſchmucker Jägersmann, zugleich ein vornehmer Erzherzog iſt, und einen Kaiſer zum Bruder hat! Wie lang' wird's dauern, und der böſe Erzherzog entführt mir wieder meinen Jägersmann, und zieht ihm prächtige Uniform an, und reiſt mit ihm nach Wien, und hält ihn dort den ganzen Winter feſt, daß das arme Annerle hier droben ſich abhärmt vor Sehnſucht und vor Liebesweh und Einſamkeit! Sollſt nicht mehr einſam ſein, mein' Lieb', ſollſt nicht mehr hier droben auf dem Brandhof bleiben in den vier böſen Wintermonaten, die ich, dem Befehl 26 des Kaiſers und meiner Pflicht getreu, in Wien ver leben muß. Siehſt Du, mein Annerle, dies Feſt heute, das iſt nur die Einleitung von dem, was ich bezwecke. Heute weihe ich mein Haus ein, und laſſe meine Gäſte an meiner Seite mein geliebtes Weib ſehen. Habe auch aus Wien mir einige vornehme und bei Hofe angeſehene Herren geladen, damit ſie bei Hofe und in der Stadt erzählen können, daß ſie die Ehefrau und Herrin des Erzherzogs Johann ken nen, daß ſie Zeuge geweſen von der Liebe und Ehr furcht, die ganz Steyermark der holden Frau ent gegenträgt. Wenn ich dann, wie alljährlich im November, nach Wien gehe, um dort die Winter monate zuzubringen, ſo begleitet mich dies Mal mein geliebtes Weib, und ich zeige ſie dem Kaiſerhofe und der Kaiſerſtadt, wie ich ſie heute dem lieben Steyer mark darſtelle, und dort wie hier fordere ich für ſie Anerkennung und Ehrfurcht. Und wenn ſie Dir das nit bewilligen für Dein Weib? fragt ſie eifrig. Was willſt dann machen? Kannſt doch den Kaiſer nit zwingen, daß er mich an erkennt als ſeine Frau Schwägerin, und daß er mich mit Dir wohnen läßt in der Kaiſerburg? Kannſt auch die Herren Erzherzöge und Erzherzoginnen nit zwingen, herabſcha meinſt et Seckirun, das Her was ich vorſtellen ehrſam Hab' nix Aber Monate der Kaiſe einmal aber nie und me Befehl daß ich alſo dur liebe get dem Br daß die Hausfr 27 zwingen, daß ſie nit mit Naſerumpfen und Verachtung herabſchauen auf die erbärmliche Schwägerin. Und meinſt etwa, daß ich gewillt bin, ſolche Schand' und Seckirung auf mich zu nehmen, und daß es mir nit das Herz abdrücken würd', wenn ich vorſtellen ſollt, was ich nit bin, eine Erzherzogin, oder wenn ich nit vorſtellen ſollt', was ich doch bin, Dein richtig und ehrſam' Eheweib? Nein, ich geh' nit mit nach Wien! Hab' nix da zu ſchaffen! Aber ich hab' da zu ſchaffen, muß alljährlich einige Monate meinen Pflichten als Militair genügen, damit der Kaiſer mich nicht beſchuldigen kann, wie er's ſchon einmal gethan, daß ich meinen Gehalt nur einnehme, aber nicht verdiene. Muß bei meinem Regiment ſein und meinen Dienſtgeſchäften obliegen, muß auch dem Befehl des Kaiſers gehorſamen, der von mir fordert, daß ich den Hoffeſten im Winter beiwohne. Da ich alſo durchaus nach Wien gehen muß, ſo wird meine liebe getreue Ehefrau mich dahin begleiten. So, und was ſoll denn während der Zeit aus dem Brandhof werden? fragt ſie eifrig. Meinſt etwa, daß die Wirthſchaft ſo von ſelber fortgeht, wenn kein' Hausfrau da iſt, die zum Guten und Rechten ſieht? 28 Nein, Herr Hannes, es kann nit ſein, es iſt ganz unmöglich. Ich geh' nit mit nach Wien. Und wenn ich's Dir befehle, lieb' Annerle? Dann werd' ich obſtinat, und verklage Dich! Bei wem verklagſt Du mich? fragte er lachend. Bei wem? Nun, beim Kaiſer Rudolph, Deinem Ahnherrn dort, ruft ſie und ſpringt von ſeinem Schooß und fliegt zur Statue des Kaiſers hin, legt die ſchö— nen vollen Arme um die Füße des Kaiſers und ſchaut ernſt und andächtig zu ihm empor. Hör' mich, lieber großer Kaiſer, rief ſie, ich komm', vor Dir Deinen Urenkel anzuklagen, den Herrn Hannes. Er will ſein Weib zwingen, die vornehme Dame zu ſpielen, er will dem kleinen Alpenblümli befehlen, eine prächtige Tuberroſ' zu werden, und ſie kann ſich ja doch nimmermehr verzaubern. Er will noch Schlim meres thun. Er will dem Brandhof ſeine Hausfrau nehmen juſt zum Winter, wenn am meiſten zu ſchaffen iſt. Denk' doch nur, Du großer Kaiſer, was ſoll dann aus den armen kleinen Küchlein werden, wenn die aus dem Ei kriechen, und Niemand da iſt, ſie zu pflegen? Und wer wird Acht haben, daß die Mägde fleißig ſind und ſpinnen, damit die Truhen voller Leinwand kommen, und wer wird das Obſt backen und Sorge haben, Kaiſer, ſe nach Wie Darf er ſpielen,! Herr Ka ſelber ſe plaudert, vom liel ſtehen u ich mein iſt, und geſchriel den lan wenn 9 Machtw daß er Kaiſer mich he ſtolzes Sohn, bleibt O. 29 haben, daß Jedem ſein Recht geſchieht? Großer Kaiſer, ſag' ſelbſt, iſt's nit genug, wenn Herr Hannes nach Wien geht, um da den Erzherzog zu ſpielen? Darf er auch die Frau Hannes verleiten wollen, daß ſie den Brandhof verläßt, um die vornehme Dam' zu ſpielen, und ſich auslachen zu laſſen? Und denk' nur, Herr Kaiſer, wie langweilig und einſam das für Dich ſelber ſein wird. Haſt dann Niemand, der mit Dir plaudert, der Dir Blumen bringt, und Dir erzählt vom lieben Urenkel Johann. Wir zwei Beid' ver— ſtehen uns ſo gut, und Du biſt ja der Einzige, dem ich meine Sehnſucht klag', wenn der Hannes nit hier iſt, und dem ich erzähl von meiner Freud', wenn er geſchrieben hat. Was ſollſt denn hier im Alpengärtle den langen Winter anfangen vor lauter Langeweile, wenn Niemand drin iſt im Haus? Drum ſprich ein Machtwort, lieber großer Kaiſer, befiehl dem Hannes, daß er mich daheim läßt bei Dir, denn Du, herzlieber Kaiſer und Ahnherr, Du kennſt mich, und Du wirſt mich halt nie verleugnen. Nun ſchüttle Dein liebes ſtolzes Haupt und ſag': mit nichten, Johann, mein Sohn, die Anna geht nicht nach Wien. Die Anna bleibt bei mir hier droben auf dem Brandhof! Die Anna bleibt bei mir hier droben auf dem Brand 30 hof! tönt's mit mächtig lauter Stimme von der Statue zurück. Frau Anna ſtößt einen Schrei aus und ſpringt zurück. Sie hat nicht beachtet, daß Herr Hannes, während ſie zum Kaiſer ſprach, in einem weiten Um weg an der Mauer des Gartens entlang geſchlichen und hinter die Statue des Kaiſers getreten iſt, um im Namen Kaiſer Rudolphs ihr Antwort zu geben. Jetzt bei ihrem entſetzten Aufſchrei ſpringt er lachend hervor, und ſie lacht auch, und fällt ihm um den Hals und küßt ihn innig, und ruft unter ihren Küſſen: Der Kaiſer hat eine Antwort geben, und ich dank' ihm ſchön! Der Kaiſer hat geſagt, ich ſoll nit nach Wien gehen, ſoll hier droben bleiben auf dem Brandhof. Oh Dank, lieber Hannes, Dank! Aber jetzt, Du böſer Munn, jetzt komm' hinein in's Haus! Hab' über all dem Schwätzeln vergeſſen, daß Du noch nit gefrühſtückt haſt, und daß— na komm nur hin ein in's Stüble, da giebt es was für Dich! Sie zieht ihn eifrig vorwärts, umſchlingt mit ihrem Arm ſeine ſchlanke Geſtalt und führt ihn ſo hinein in das Studirzimmer. Jetzt, mein Hannes, da haſt Du Deinen Morgen gruß, ſagt ſie, indem ſie die Schüſſel mit dem Kuchen nimmt und ihm entgegenträgt. Es iſt heut' Feſttag auf dem kuchen geb aus der d hab' ich rührt, de ihm komm gefällt, ihr ich gerad' Gerad' he geweſen, der Feſtku Vaters, Haus des Ich d gerührt, d fir die ſe Cdelweiß ſuchen, au und oflanze u nein Herzens ſegne Di 31 auf dem Brandhofe, da muß es auch den Feſt⸗ kuchen geben. Für Deine Gäſte backen ihn die Köche aus der Stadt, aber für meinen Herrn und Liebſten hab' ich ſelber den Feſtkuchen gebacken und ange⸗ rührt, denn wie alles Gute und Schöne mir von ihm kommt, ſo möcht' ich, daß Alles, was ihm wohl gefällt, ihm von mir käme! Und noch um Eins hab' ich gerad' heut' zum Feſttag Dir den Kuchen gebacken. Gerad' heut', wo Du mich feiern willſt, da ſollſt er— kennen, daß die Annerle nit taugt zur vornehmen Dam', daß ſie nichts iſt und ſein will, als was ſie geweſen, da ſie Dich zum erſten Mal ſah, und daß der Feſtkuchen, den ſie gebacken im Haus des lieben Vaters, ihr auch noch der beſte Feſtkuchen däucht im Haus des lieben Hannes, ihres Herrn und Liebſten. Ich dank Dir, mein Annerle, ſagte Hannes froh gerührt, dank' für den ſchönen Kuchen, und mehr noch für die ſchönen und ſinnigen Worte. Du biſt mein Edelweiß und ſollſt es bleiben, und nie will ich's ver ſuchen, aus Deiner Heimatherde Dich zu verpflanzen, und meine ſchöne reine Alpenblume in eine Treibhaus— pflanze umzuwandeln. So wie Du biſt, ſo, Du meines Herzens Freude, ſo bleib', mein holdes Lieb', und Gott ſegne Dich! —— 1 — 32 Er küßt ihre Stirn, und wie er das holde Weib an ſeine Bruſt drückt, ſchaut er empor zu den beiden Bildern, die zwiſchen den Waffen über dem Divan hängen, und grüßt ſie mit frohem, lächelnden Blick. Ihr meine beiden Schützen, Ihr verſteht mich, ruft er empor. Du, mein Ahnherr, Du gönnſt dem Urenkel ſein ſtilles Glück, denn Dein poetiſch Herz kannte auch der Minne Luſt und Leid. Und Du, mein Andres, Du würdeſt aufjauchzen vor Freud' und Luſt, wenn Du heut' bei mir wärſt und ſähſt mich glücklich und zufrieden nach ſo viel Kämpfen und ſo viel tiefem Weh. Oh, Ihr meine beiden Schützen, Du edelſter und Du getreueſter, wacht Ihr beide über unſerem Hauſe, laßt Euren Geiſt drin walten, und ſegnet uns mit Eurem Geiſt und Herzen! Und während er zu den Bildern aufſchauend ſo zu ihnen geſprochen, hat Frau Anna leiſe die Zitter geholt, die ſie an der Fenſterniſche verborgen gehalten und jetzt mit friſcher heller Stimme, mit jubelndem Ton beginnt ſie zu ſingen: In Brandhof, im Stübchen des Prinzen Johann von Oeſterreich, Da hängen zwei ſchöne Bilder, Sind wackern Männern gleich. Mühld ach Der Eine, mit ernſter Stirne, Im Aug' der Hoheit Blitz, Darunter ſteht zu leſen Gar kurz:„der edelſte Schütz.“ Der Andre, mit großem Barte, Im Aug' der Frommheit Sitz, Darunter ſteht zu leſen Gar kurz:„der getreu'ſte Schütz.“ Von dieſen beiden Schützen, Wer war der edle wohl? Das war Herr Max, der Kaiſer, Der Schütz im Land' Tyrol. Er trug eine Kron' auf dem Haupte, Ein Heldenſchwert in der Hand, Er trug aber auch im Herzen Sein liebes Volk und Land. Von dieſen beiden Schützen, Wer war der getreue wohl? Das war der Andreas Hofer, Der Sandwirth aus Tyrol. Er trug einen Bauernkittel, Er trug eine Büchſ' in der Hand, Er ſchrieb den fremden Gäſten Die Zeche mit Blut an die Wand. Das ſind die beiden Schützen Zu Brandhof dort im Bild, Darunter ſteht ein Dritter Mit Augen ernſt, doch mild. Mühlbach, Erzherzog Johann. III 8 Der trägt einen Rock von Leder, Der trägt einen Jägerhut; Ein Fürſtenhut und Mantel Steht ihm nicht minder gut. & — ₰ — Doch iſt auch der edle Schütze Getreu ſeinem Gott dabei, Getreu ſeinem Kaiſer und Lande, Seinen lieben Alpen getreu. Wer iſt wohl der edelſte Schütze, Der auch der getreu'ſte zugleich? Es iſt der Prinz im Brandhof, Johann von Oeſterreich!*) Es iſt mein Hannes, mein geliebter Hannes! ruft Anna, die Zitter auf den Tiſch legend, und mit aus gebreiteten Armen zu ihm hineilend, zu ihm der mit Thränen ſeliger Rührung ſie anſchaut, und dann wieder empor blickt zu den beiden Schützen. —₰‿) Da auf Einmal wird's lebendig draußen, man hört das Raſſeln heranrollender Wagen und frohes Jauchzen und Schreien! *) Lied von einem ungenannten Verfaſſer. Siehe: Schneida⸗ wind: Johann von Oeſterreich. S. 258. 35 Nur noch Einen Kuß, mein holdes Weib! Jetzt iſt's für heute zu Ende mit unſerem ſüßen Stillleben und unſerer ſchönen Einſamkeit. Die Gäſte kommen und wir müſſen eilen uns umzukleiden, ſie zu begrüßen und die Honneurs unſeres Hauſes zu machen. Geh, Annerle, ſüß Annerle, geh an den Putztiſch! Es iſt ja heut Dein Ehrentag, und Du mußt Dich alſo Deinen Gäſten im ſchönſten Schmuck zeigen. Ja, das werd' ich auch, ſagt ſie ſtolz, werd' mich den Gäſten im ſchönſten Schmuck zeigen, wie's mir geziemt, als meines lieben Hannes Frau! Was wirſt denn anziehen, Frau Hannes? Sag' mir's, mein Lieb'! Eins von den ſchweren Seiden⸗ kleidern, nit wahr, die Dir die Herzogin von Parma, die Marie Louiſe, zum Hochzeitsgeſchenk gemacht? Es waren gar herrliche Stoffe, mit Silber und Gold ge— ſtickt, die Dir meine liebe Nichte damals zum Präſent geſchickt, und es wär' wohl Zeit, daß Du endlich ein mal eins von den ſchönen Kleidern anlegteſt. Nicht wahr, heut läßt Du Dich ſehen in Deiner ganzen Pracht? Ja wohl, ſagt ſie lachend. Aber die prächtigen Kleider von der Erzherzogin Marie Louiſe, die hab' ich nit mehr, die hab' ich den Mutter Gottesbildern 3* ———— 36 in Seewieſen und Maria Zell geſchenkt; für die vürd Jungfrau Maria, die Himmelskönigin, da paſſen’s zeen beſſer, als für mich. Ich hab' viel ein ſchöner Kleid! geſh Mein Brautkleid zieh ich an, das weiße Mullkleid, nit das ich angehabt damals, als ich mit meinem Hannes zum Traualtar gegangen bin. Hab's ſeitdem nimmer, wieder angezogen, hab's aufgeſpart zu einem hohen Feſttag. Heute aber, da unſer Brandhof und die Ka lhn pelle vom Erzbiſchof die Weih' und den Segen erhält, 3 heute, da Du zum erſten Mal mich öffentlich als de Dein Weib und Deine Ehefrau darſtellen willſt, heut eunge zieh ich's an, mein ſchönes, liebes Brautkleid! lh Aber, mein Lieb', ein bischen feierlicher und ge ihrer putzter mußt Du Dich heute doch darſtellen, als da 4. mals. Bedenk' nur, daß Dir heute der ſchönſte für Schmuck von damals vor fünf Jahren fehlt, Dein Vo Myrthenkranz. Dafür mußt Du heute andern Schmuck tige anlegen. Habe Dich noch niemals in dem ſchönen Perlenſchmuck geſehen, den Dir der Kaiſer zum Hoch heit zeitsgeſchenk überſandt hat. Den legſt Du heute an, Abe nicht wahr? Das ſchöne Diadem von Perlen und Sol Rubinen in's Haar, und das Halsband um den ſchönen lege weißen Hals? hor Es geht nit, Hannes, es geht nit. Die Leute mu Di würden halt meinen, ich wollt' nur groß thun, und zu ſchauen geben, was mir der Herr Kaiſer Prächtiges geſchenkt hat. Und übrigens kann ich den Schmuck nit tragen, denn er gehört nit mehr mein, ich hab' ihn halt verſchenkt. Den koſtbaren Schmuck? Ei, Du liebe Ver ſchwenderin, an wen haſt Du ihn denn verſchenkt? An meine Söhnerin, Herr Hannes. Gleich wie der Herr Kaiſer ihn mir geſchickt hat, hab' ich ihn eingepackt in ein weiß Papier, hab's zugeſiegelt und oben drauf geſchrieben:„Für meine Söhnerin, an ihrem Hochzeitstage anzulegen.“ Aber, Du lieb Närrle, verwahrſt ſchon den Schmuck für die Frau Deines Sohnes zum Hochzeitsgeſchenk! Wo iſt denn aber der Sohn, für den Du die zukünf— tige Frau ſchon ſo reich beſchenkt haſt? Oh, ſagt ſie lächelnd und mit holder Verſchämt— heit; der Sohn iſt noch droben beim lieben Herrgott. Aber eines Tages wird er ihn mir ſchon ſchicken, den Sohn, damit ich ihn meinem lieben Hannes an's Herz legen kann, als ſein ſchönſtes und beſtes Glück. Doch horch, da fährt ſchon wieder ein Wagen vor! Jetzt muß ich fort. Leb' wohl, mein Hannes, leb' wohl! Die Gäſte kommen! 38 Und ein ſchönes und erhebendes Feſt war's, das man heute dort auf dem Brandhof feierte. Hohe und niedere Gäſte von nah und fern ſtrömten herbei, es zu feiern. Da waren Fürſten und Grafen, Generäle und hohe Staatsbeamte, da waren Künſtler und Dichter, da waren aber auch die ſchlichten Bewohner der Steyermärkiſchen Alpen, die Gemsjäger, die Winzer, die Bergleute und Bauern. Ein Volksfeſt war's, das der Mann des Volkes droben auf dem Brandhof gab, dem Volk aus allen Schichten der Geſellſchaft, und im echten und ſchönen Volkesſinn und Geiſt ſollte es daher zuerſt auch be gonnen werden mit Gebet und frommer Weihe. Der Patriarch, Erzbiſchof von Erlau, Herr Ladislaus Pyrker, des Erzherzogs treuer, vielbewährter Freund, eröffnete das Feſt, indem er die Kapelle weihete, und ſie zum Gottesdienſte ſegnete, und wie dann die von ihm ge ſegnete Glocke zum erſten Male mit hellem Geläute ertönte, da füllte vielſtimmiger Jubel die Luft, und weit hinaus trug das Echo die frohe Kunde vom ſchönen Weihefeſt dort droben auf dem Brandhof. Drinnen in der Kapelle ſtand der Erzherzog neben dem Erzbiſchof Pyrker; er war heute nicht im ein fachen Jägerkoſtüm, ſondern in ſeiner großen Staats — Glänze ſchönen das ih⸗ Glorie d Gäſte neten wit al und n Johan tungs beweg „„ 39 Uniform, die Bruſt geſchmückt mit blitzenden Orden. Es war der Fürſt, der Kaiſerſohn, der heute die Gäſte willkommen hieß, aber an ſeiner Seite, hold und lieblich, einfach und ſchlicht wie immer, ſtand ſeine Anna, die Tochter aus dem Volke, durch die der Kaiſerſohn ſich mit dem Volke, das er liebte, zu ewi gem Bunde vermählt hatte. Das einfache Brautkleid von weißem Mull umhüllte ihre ſchöne zierliche Ge ſtalt, das ſchöne braune Haar war geſchmückt mit einem Kranz aus Edelweiß und Alpenroſen, und ein eben ſolcher Strauß prangte an ihrem Buſen. Nichts Glänzendes war an ihr, nichts Glänzendes als ihre ſchönen braunen Augen und das Lächeln des Glückes, das ihr Antlitz, ihre ganze Erſcheinung wie mit einer Glorie überſtrahlte. Drinnen in der Kapelle, im Beiſein aller ſeiner Gäſte ſollte jetzt vor dem Altar in der dafür geöff⸗ neten Vertiefung der Blechkaſten eingeſenkt werden mit allerlei Erinnerungszeichen an den Tag der Weihe und mit der Stiftungs⸗Urkunde, von dem Erzherzog Johann ſelber geſchrieben und verfaßt. Dieſe Stif— tungs⸗-Urkunde, welche der Erzherzog jetzt mit tiefer, bewegter Stimme vorlas, begann alſo: Im vierzigſten Jahr meines Lebens, nach ge 7/ —— 40 machten reichlichen Erfahrungen in einer vielbewegten ſänge, Zeit, beſchloß ich, Johann, Erzherzog von Oeſterreich, durchhe in den ſchirmenden Alpen mir ein Haus der Ruhe, hofes, der thätigen, dem Frommen meines kaiſerlichen Herrn blumige und Bruders und ſeiner unerſchütterlichen Bergvölker rinnen, gewidmeten Zurückgezogenheit, ſo noch auch als Beleg wie aus de ſehr jederzeit mein Gemüth ehrgeizigem Streben fremd heitern war— einfach und ſchmucklos zu erbauen.“ mahl d Jetzt war's vollendet, dies Haus, das Johann auf den „einfach und prunklos“ ſich erbaut, den Segen Gottes, hatte, den Segen der Liebe hatte es empfangen, die Stif gefolgt tungs-Urkunde ward zu den andern Dingen in die aus d blecherne Büchſe gelegt, und dieſe hineingeſenkt in die das li Vertiefung. Die Glocken läuteten es fröhlich hinaus 4 Gäſter in die Berge: der Brandhof hat den Segen Gottes A empfangen, und drinnen waltet ein ſchönes und glück veryin liches Paar, der Erzherzog Johann und ſeine Haus⸗ 3 he 1 frau, die er jetzt laut bekennen und darſtellen darf, 3 Ber denn der Kaiſer hat endlich jetzt das Geheimniß von un ihnen genommen, er hat erlaubt, daß der Erzherzog I ſich zu ſeiner Liebe und zu ſeinem Glück vor aller 8 Welt bekennen darf. 4 her Und als die kirchliche Feier vollendet war, begann dn die weltliche. Fröhliches Jauchzen und luſtige Ge⸗ 3 Prinz ſänge, heiteres Lachen und ungezwungene Scherze durchhallten die heiteren, ſchönen Räume des Brand hofes, und klangen wieder vor dem Hauſe auf dem blumigen Raſenplatz, wo die Winzer und die Winze— rinnen, die Beraleuteße Jäger, Bauern und Fiſcher aus der ganzen Umgegend zu Spiel und Tanz und heiterm Feſtmahl vereinigt waren. Nachdem dies Feſt⸗ mahl vollendet war, und man die langen Tafeln, die auf dem Raſen aufgeſtellt geweſen, wieder fortgeräumt hatte, trat Herr Hannes mit ſeiner Anna am Arm, gefolgt von allen ſeinen hohen und vornehmen Gäſten, aus dem Brandhof, und grüßte freundlich und mild das liebe Volk da draußen, und wollte mit ſeinen Gäſten ſich hinein miſchen in das frohe Getümmel. Aber das liebe luſtige Völkchen war auf Einmal verſtummt, es trat zurück, es ordnete ſich geſchäftig hier und dort, die Winzer und die Winzerinnen, die Bergleute, die Fiſcher und Fiſcherinnen, die Bauern und Bäuerinnen, ſie ſtellten ſich in vier einzelnen Gruppen auf, und jetzt, auf ein gegebenes Zeichen des Oberknappen, begann ein Geſang, von dem jede ein⸗ zelne der Gruppen einen Vers ſang, während bei der Mittelſtrophe:„das iſt ein deutſcher Mann, iſt unſer Prinz Johann“ alle mitſammen in jubelndem Chor 42 mit jauchzender Luſt einſtimmten, und dann zuletzt den —₰ fünften Vers im lautſtürmenden Uniſono ſangen. Das Lied aber lautete: „Wer klimmt hinan den Wolkenſteg Verwegen auf dem Gemſenweg? Das iſt ein deutſcher Mann, Iſt unſer Prinz Johann. Den Stutzen links, auf grünem Hute Den Gemsbart und die Feder ſchön, So ziehet er in frohem Muthe Hinauf zu unſern Felſenhöh'n. 9 Wer geht im Thale drunten ein Zum Bretterhäuschen ſchlicht und klein? Das iſt ein deutſcher Mann, Iſt unſer Prinz Johann. Ihn führet chriſtliches Erbarmen In des geringen Bruders Noth, Er ſpendet hülfreich ſeinen Armen Und ſchafft in ihren Hütten Brod. Wer pfleget hier die reiche Au? Wer lehret dort der Schachten Bau? Das iſt ein deutſcher Mann, Iſt unſer Prinz Johann. Sein Wiſſen ſegnet unſre Fluren Und ſchließet auf der Berge Schooß, Er zeiget uns des Erzes Spuren Und giebt es unſerm Fleiße bloß. Wer ſchauet dort bei Sternenglanz Auf Mattengrün der Steyrer Tanz? 43 1 Das iſt ein deutſcher Mann, Iſt unſer Prinz Johann. Auf unſern Almen, unſern Weiden, Verehren wir den hohen Herrn. Er mildert Leiden, und in Freuden Sieht er die luſt'gen Kinder gern. Wer lauſchet dort am Felſenhang Dem ſilberreinen Alpenſang? Das iſt ein deutſcher Mann, Iſt unſer Prinz Johann. Er liebt mit uns auch unſer Singen, Und dankbar ſoll's nach Tag und Jahr Durch Berg' und Thäler wiederklingen, Was uns Johann von Oeſt'reich war.“*) *) Lied von einem unbekannten Verfaſſer. Siehe: Schneida wind. S. 265. 1 Menſchenſ II. der Del — ruhig weite Die Verſchwornen. 3 3 ihm vorüb Die Nacht war hereingebrochen und die Bewohner dai nicht von Lugano, der Hauptſtadt des Kantons Teſſin, hatten ihn der ſich längſt ſchon zur Ruhe begeben. Nichts regte ſich ſeinem fro in den breiten düſtern Straßen, ſelbſt der Wächter, ² fügelten dem die Pflicht oblag, beim Ablauf jeder neuen Stunde brecher u in ſein Horn zu ſtoßen und einen frommen Spruch hatte der zu ſingen, ſelbſt der Wächter hielt es in einer ſo ſtür ligen. R miſchen kalten Winternacht für gänzlich unnöthig, über Veges da der Ruhe der Stadt zu wachen und hatte ſich, tief in Der ſeinen Schafpelz gehüllt, die Kapuze dicht über die Geſtalt d Ohren gedrückt, in das tiefe Portal der Hauptkirche. über, a auf dem Marktplatz zurückgezogen, und träumte ſich, rade vor trotz der Kälte behaglich ſchlummernd, daheim in ſei der Kire nem Bett.„ Pferte 45 Der Sturmwind allein heulte pfeifend durch die Straßen und trieb ganze Wolken von Schnee wie flatternde Geiſterſchaaren daher. Aber mitten durch dies Geheul, durch das Pfeifen des Sturms, durch das Säuſeln des flatternden Schnees vernahm man jetzt den gleichmäßigen ruhigen Takt eines nahenden Menſchenſchrittes. Der Wächter im Kirchenportal indeſſen ſchlief ruhig weiter, er ſah nicht die ſchwarze Geſtalt, die an ihm vorüberging. Und hätte er ſie geſehen, er würde doch nicht Acht auf ſie gegeben haben. Was kümmerte ihn der einſame Wanderer, der vielleicht bei irgend einem frohen Gelage ſich verſpätet hatte und jetzt be flügelten Schrittes heimwärts eilte. Nur die Ein— brecher und Diebe, die Verbrecher und Entſprungenen hatte der Wächter der öffentlichen Ruhe zu beaufſich tigen. Nicht die harmloſen Wanderer, die ruhig ihres Weges dahin gingen. Der Wächter alſo ſchlief ruhig weiter, die dunkle Geſtalt des nächtlichen Wanderers ſchritt an ihm vor— über, aber in einiger Entfernung blieb ſie ſtehen, ge rade vor der kleinen Seitenpforte, die in das Innere der Kirche führte. Nur der Sakriſtan beſaß zu dieſer Pforte den Schlüſſel, nur Er ſchloß ſie auf, und 46 jedesmal nur zu ernſten und traurigen Zwecken, nur, wenn in irgend einer der Familien, die in der Kapelle der unterirdiſchen Kirche ihre Begräbnißſtätten hatten, ein Mitglied geſtorben war und beſtattet werden ſollte zur ewigen Ruhe. War das vielleicht auch heute der Fall? War es der Sakriſtan, der dort an der dunklen Pforte ſtand, um vielleicht einer Leiche die Thore zu öffnen zu der Stätte der ewigen Ruhe? Oder war's vielleicht der Anverwandte eines kürz— lich Begrabenen und er kam, um zu beten an dem Sarge eines heimgegangenen Verwandten? Jedenfalls beſaß er einen Schlüſſel, der die ver ſchloſſene Pforte öffnete und durch die er eintrat in den kleinen düſtern Raum, der hier eine Art Vorhof der Kirche bildete. Zwei Thüren befanden ſich in dieſem Raum, eine hohe kunſtvoll geſchnitzte Holzthür, die in das Innere der obern Kirche führte, eine dunkle durchbrochene, einem Gitter ähnliche Eiſenthür, durch die man zu der kleinen Treppe gelangte, die hinab führte zu der untern Kirche, oder zu dem großen ge wölbten Souterrain, an deſſen Seiten ſich die Kapellen mit den Särgen befanden. Innerhalb auf der andern Seite der durchgitterten † Eiſenthü⸗ ſchimmer nächtlich habe. C in gleich dieſer chen —.— 47 Eiſenthür bemerkte man jetzt einen ſchwachen Licht ſchimmer, und Dank dieſem Schimmer konnte der nächtliche Wanderer erkennen, wohin er ſich zu wenden habe. Er trat zu dem Eiſengitter und klopfte dreimal in gleichmäßigen Zwiſchenräumen an die Eiſenpforte. Wer da fragte eine tiefe ernſte Stimme jenſeits des Gitters. Ein Eingeweiheter, erwiederte der Wanderer mit feierlicher Stimme. Die Parole? fragte die Stimme weiter. Revolution! Die Loſung? Napoleon der Zweite! Die Riegel klirrten, die Angeln der Eiſenpforte knarrten und die Thür ward aufgethan. Der Wan⸗ derer ſchlüpfte hindurch, und jetzt bei dem Schein der Blendlaterne, welche der Pförtner in der Hand hielt, konnte man erkennen, daß die Geſtalt des Eingetrete⸗ nen ganz eingehüllt war in einen langen ſchwarzen Mantel, deſſen Kapuze tief über den Kopf gezogen war und ganz und gar auch das Geſicht verhüllte. Nur drei Oeffnungen befanden ſich an der Vorderſeite dieſer Kapuze, die um den Hals mit einem Schnür⸗ chen zuſammen gebunden war, eine Oeffnung für den 48 Mund, zwei Oeffnungen weiter oben für die Augen, und durch dieſe beiden Oeffnungen ſah man jetzt zwei große Augenſterne, die gleich zwei blitzenden Dolch ſpitzen die Finſterniß ſchienen durchbrechen zu wollen. Der dunkle Wanderer blieb ſtehen, und mit einem gebieteriſchen Wink ſeiner Hand bedeutete er den Fremden, ihm vorzuleuchten. Aber dieſer ſchüttelte verneinend das Haupt und ſagte gebieteriſch: Weiter gehen! Wohin? fragte der Andere. Drei Schritte vorwärts, war die Antwort, dann faßt das Eiſengeländer der Treppe und ſteigt ſieben Stufen hinab. Während der Andere ſich entfernte, brummte der Pförtner: Ein Neuling alſo! Iſt zum erſten Mal bei der Jahresverſammlung. Der funfzigſte Neuling heute. Die Macht wächſt, die Wogen ſchwellen, bald werden ſie das Schiff der Revolution in ihren Hafen tragen. Der Andere war, der erhaltenen Weiſung gemäß, drei Schritte vorwärts gegangen, ſeine ſuchende Hand hatte das Eiſengeländer gefunden, und an ihm ſich anhaltend, war er ſieben Stufen hinab geſtiegen. Jetzt befand er ſich abermals in einem engen ge ſchloſſene einer Ble Der Schwell neben d ſchloß. Raum, mehr d hing, 49 ſchloſſenen Raum und abermals ſtand eine Geſtalt mit einer Blendlaterne in der Hand vor ihm. Die Parole? fragte dieſe Geſtalt mit dumpfer Stimme. Revolution! Die Loſung? Carbonaro! Der Pförtner nickte, den Arm ausſtreckend öffnete er die große ſchwarze Thür, neben welcher er ſtand, und ſagte feierlich: Tretet ein! Der Wanderer gehorchte und überſchritt nun die Schwelle, aber dann wie geblendet blieb er ſtehen neben der Thür, die eben hinter ihm ſich wieder ſchloß. Er befand ſich jetzt in einem weiten niedrigen Raum, der von dem großen Kronleuchter, welcher mit mehr denn funfzig Lichtern von der Decke hernieder hing, und von zwanzig kleineren Kronleuchtern, die um den größeren ſich ſchaarten, bis zur Tageshelle erleuchtet war. Den Raum erfüllten drei lange Reihen von Kir⸗ chenbänken mit geſchnitzten Seitenwänden und einem kleinen Betpult an der Vorderſeite. Auf jeder dieſer Bänke ſaßen ſchweigend und unbeweglich ſechs dunkle Geſtalten, alle verhüllt wie der zuletzt Angekommene, Mühlbach, Erzherzog Johann. III 4 50 ſchwarze Nachtſchatten, die man für Erſcheinungen der Grabeswelt hätte halten mögen, wenn nicht aus den Oeffnungen der ſchwarzen Kapuzen die flackernden und blitzenden Augenſterne das Leben bekundet hätten. Wäre die Parole nicht geweſen und die doppelte Loſung, ſo hätte man glauben können, eine der from men Brüderſchaften, an denen Italien ſo reich iſt, hielte hier einen nächtlichen Gottesdienſt, die Brüder der Miſericordia ſeien von Rom hierher gewandert, um hier ihre Todten zu begraben, die ſie mit chriſt licher Sorgfalt auf der Campagna oder auf den un ſichern Straßen von Traſtevera aufgafunden. Tiefe Stille, grabesähnliches Schweigen herrſchte noch immer in dem weiten Raum. Leiſe war der zuletzt angekommene Wanderer zu der nächſten Bank geſchlichen und hatte dort als d S S ſeinen Platz eingenommen. eine blitzenden Augen hefteten ſich auf ſeinen Nachbar, aber ſie begegneten da zwei Augenſternen, die neugierig auf ihn ſich ge— richtet hatten, und die ſich nun ſchnell, wie die ſeinen, wieder abwandten. Tiefe Stille herrſchte noch immer, nur unterbrochen von dem leiſen Rauſchen der ſich öffnenden Thür, von dem Eintreten einer neuen Nachtgeſtalt, die über den er ſechste in der Reihe kniſtern den no Au dumpfe brochen verkün Antwo hoher lehnt ) — 5¹ kniſternden Sand des Fußbodens nach einem Platz in den noch leeren Bänken hinſchlich. Auf einmal jetzt ward dieſe Stille durch das dumpfe Geräuſch einer anſchlagenden Glocke unter— brochen, welche die erſte Stunde nach Mitternacht verkündete. Sofort gab eine helle ſilberne Glocke Antwort, und hinter dem hohen Chor da drüben trat eine hohe ſchwarze Geſtalt hervor und rief mit voller tönender Stimme: Der erwählte Präſident des ver⸗ gangenen Jahres grüßt die Brüder zur neuen Jahres— verſammlung. . Sofort erhsben ſich alle dieſe dunklen Geſtalten von ihren Sitzen und riefen in feierlichem, vollſtim— migem Chor: Die Brüder grüßen ihren Präſidenten! Er neigte ſein Haupt und ſchaute dann lange die düſtern Reihen der Bänke hinunter. Ich bitte die beiden Brüder, welche heute den Pförtnerdienſt gehabt, mir zu ſagen, wie viele der Brüder heute hier an weſend ſind. Zweihundert und dreißig, ſagte die Stimme jener hohen dunkeln Geſtalt, welche dort neben der Thür lehnte. Und bei der vorigen Jahresverſammlung? Einhundert und ſechszig! 4* 52 Alſo es haben ſich in dieſem Jahr ſiebenzig thätige und wandernde Brüder mehr zu uns gefunden, ſagte der Präſident, leiſe ſein Haupt wiegend. Das iſt ein gutes und erfreuliches Zeichen, denn es beweiſt, daß wir thätig waren und daß die Vereinsbrüder Propa ganda gemacht haben. Ich bitte die Apoſtel, daß ſie Bericht erſtatten. Es erhebe ſich der Apoſtel, deſſen Miſſion ihn nach Portugal führte, und er ſage uns, was er dort gewirkt. Eine hohe Geſtalt erhob ſich in den vorderſten Bänken und grüßte den Präſidenten mit ehrerbietiger Neigung des Hauptes. Schaut hinm auf Portugal, meine Brüder, und Ihr werdet ſehen, was ich und die übrigen Entſendeten, die Unterapoſtel, gewirkt haben. Das Volk iſt in Aufſtand und Gährung. Es hatte ſich in Portugal zitternd gebeugt unter die blu tige Hand des Don Miguel. Wir richteten die Zit ternden empor, wir ſprachen ihnen Muth ein, wir tröſteten die Unglücklichen und erfüllten ſie mit Ge danken des Zorns und der Wuth. Wir gaben den Kampfluſtigen Waffen, wir verſorgten ſie mit Pulver und Blei, wir gründeten geheime Vereine, in denen die Gleichgeſinnten zuſammen traten und Pläne ent warfen, Entſchlüſſe faßten. Wir waren es, welche die Conſtit ſtreichen zu tret mit M und lel Ab fünfund ſtattfan Er Oeſter unterſt ſchem zerſchr fort, auf’s Wir l tugal, Nößer wahrſ J G welch ternie Conſtitutionnellen ermuthigten, endlich den Gewalt— ſtreichen Don Miguels mit bewaffnetem Arm entgegen zu treten und ſich gegen das Blutregiment aufzulehnen mit Manneskraft. Wir baueten die erſten Barrikaden und lehrten die Conſtitutionnellen, ſie zu vertheidigen. Aber der Aufſtand der Conſtitutionnellen, der am fünfundzwanzigſten Juli des abgelaufenen Jahres 1828 ſtattfand, ward doch niedergeſchlagen, ſagte der Präſi dent mit ernſter Stimme. Er ward niedergeſchlagen, weil Spanien, von Oeſterreich dazu angefeuert, die Schreckensherrſchaft unterſtützte. Mit ſpaniſchen Soldaten und öſterreichi ſchem Gelde ward der Aufſtand der Conſtitutionnellen zerſchmettert. Aber das Feuer glüht unter der Aſche fort, denn wir bewachen es und fachen es immer auf's Neue an, wenn es hinſterben will in Entſetzen. Wir haben zwei gute getreue Bundesgenoſſen in Por— tugal, zwei Bundesgenoſſen, welche die Gährung ver größern, eine allgemeine Erhebung des Volkes immer wahrſcheinlicher machen. Wer ſind dieſe Bundesgenoſſen? Es ſind Don Miguel und der Fürſt Metternich, welcher die Seele des Don Miguel iſt. Fürſt Met— ternich war es, der die Königin und ihren Sohn Don 54 Miguel im Jahre 1822 ſchon anfeuerte zu offenem Widerſtand gegen die von dem König Don Pedro verliehene Conſtitution. Dank den Zuflüſterungen Metternich's verweigerten dieſe Beiden den Eid auf die Verfaſſung, Dank der Unterſtützung und den Rath ſchlägen Metternich's ſtellten ſich dieſe an die Spitze der Contre⸗Revolution und überſchwemmten ſeitdem das Land mit Blut, damit aus dieſem Blute die Blume der Freiheit emporwachſe und gedeihe, und füllten die Kerker mit den Kämpfern der Conſtitution, damit in den Gefangenen die einſtigen Anführer und Helden der Revolution ſich erſtählten. Portugal ächzt jetzt unter dem blutigen Racheſchwert Don Miguels; mehr als zwanzigtauſend Verdächtige befinden ſich jetzt in den Kerkern Portugals in Haft, es ſind die Sol daten der zukünftigen Revolution. Mehr als zwanzig tauſend Getreue ſind nach Afrika transportirt, ſie werden dort Propaganda machen für die Freiheit und die Conſtitution. Das Volk bereitet ſich vor zur bal digen Revolution, denn Dank den Zuflüſterungen und Ermuthigungen Metternich's zeigt ſich ſein Zögling Don Miguel mit jedem Tage grauſamer und wilder, und meint mit ſeiner unnachſichtigen Strenge den Liberalismus zu ertödten, und ſeinem Abſolutismus die Herr glüht a Volkes, das heil Stadt in der bru ralen be⸗ und übe ordnete, und das bereiten heranna Portuge doch un Und 55 die Herrſchaft zu erhalten. Aber der Liberalismus glüht als heilige Oriflamme in dem Herzen des Volkes, und wir nähren ſeine Flamme und ſchützen das heilige Feuer vor dem Erlöſchen. Schon iſt keine Stadt in Portugal, in der nicht, trotz den Spähern der brutalen Gewalt, ein geheimer Verein der Libe ralen beſtände, und dieſe Vereine alle werden geleitet und überwacht von uns und unſern Brüdern. Abge ordnete, die wir ausſenden, durchziehen das Gebirge und das flache Land, und belehren das Landvolk und bereiten es vor zu der großen Zeit. Sie wird bald herannahen, der Kampf wird bald wieder beginnen in Portugal, und Metternich's Söldlinge werden endlich doch unterliegen. Und in Spanien? Was ſagt der Apoſtel, den wir nach Spanien entſendet? fragte der Präſident. Sofort erhob ſich ein Anderer der Verhüllten. Es bereiten ſich auch in Spanien große Dinge vor, ſagte er, und ich und die Unſern ſind thätig geweſen, das Volk aufzuſtacheln, damit es ſich erhebe aus dem Staube, und die Ketten abſchüttele, welche die abſo luten Mächte ihm auferlegt. Schon iſt ein großer Schritt vorwärts geſchehen. Das Volk, von uns be— lehrt, daß es vor der Hand der brutalen Gewalt nur 56 paſſiven Widerſtand entgegen ſetzen könne, hat ſich ſo gehorſam, ſtill und fügſam gezeigt, daß es die Macht haber täuſchte, und daß dieſe für Ruhe nahmen, was doch nur verhaltener Groll iſt. Das Occupationsheer der Franzoſen iſt abgezogen, und ſeit ſie Cadix ge⸗ räumt, iſt Spanien wieder frei von den fremden Söldlingen des Abſolutismus. Einige von den Unſern befinden ſich in der unmittelbaren Nähe des Königs Ferdinand, ſie haben Einfluß auf ihn gewonnen, und in dieſen Tagen ſchon wird man die Früchte davon ſehen. Der König hat ſich mit der ſchönen Marie Chriſtine von Neapel vermählt, und das Hochzeits geſchenk, das er ihr darbringt, iſt die Aufhebung des —+¼ ſaliſchen Geſetzes. Der Haß gegen ſeinen Bruder Don Carlos hat ihn zu dieſem Schritt getrieben. Wenn Marie Chriſtine ihm eine Tochter giebt, ſo wird ſie zur Thronfolgerin erklärt werden. Daß der abſolutiſtiſche und jeſuitiſche Bruder des Königs, der bigotte Don Carlos, der vom Fürſten Metternich ſeine Rathſchläge und Unterſtützungen empfängt, vom Throne zurückgedrängt worden, das iſt gewiß das Werk der Unſern. Sie ſind jetzt ſchon mächtig in der Umgebung der jungen Königin, und ſie werden ihren Einfluß dazu verwenden, der Conſtitution und dem Libe wenn es mit den tugal ſ alſo hi heit ur drückte ₰ 4 Drani 57 dem Liberalismus zum Siege zu verhelfen, ſiewerden, wenn es zum Kampfe kommt, gegen die Carliſten mit den Waffen in der Hand an der Spitze Derer ſtehen, welche kämpfen für die Conſtitution und die Freiheit. Die Nachrichten aus Spanien ſind gut und be friedigend, ſagte der Präſident nach einer Pauſe. Ich frage die Brüder, ob ſie zufrieden ſind mit dem Werk der Apoſtel, die wir entſandt, ob ſie auch für das kommende Jahr den beiden erſten Apoſteln, die Beide ſo eben ihren Bericht erſtattet, Vollmacht ertheilen, und ſie erneuern wollen in ihrer Würde und in ihrem Amt als die Abgeordneten der großen Propaganda der Freiheit und der Revolution? Wenn die Brüder dieſer Meinung ſind, ſo mögen ſie ſich erheben! Wenn ſie anderer Meinung ſind, ſo mögen ſie ſprechen! Alle Anweſenden erhoben ſich; kein Einziger nahm das Wort. Die beiden Hauptapoſtel für Spanien und Por tugal ſind angenommen, ſagte der Präſident. Gehet alſo hin, meine Brüder, gehet und kämpfet mit Klug— heit und Liſt, mit Waffen und Worten für die unter— drückte Sache der Freiheit und des Rechts gegen die Tyrannei und die abſolute Gewalt der Unterdrücker. 0————— 58 Es bleibt nur noch übrig, daß Ihr Euer Antlitz ent hüllt und Eure Namen nennt, damit diejenigen Eurer Brüder, welche werkthätig Euch folgen wollen, Euch erkennen mögen und Euch zu nennen wiſſen. Enthüllt Euch und ſprecht! Die beiden Verhüllten zogen die Kapuzen von ihren Häuptern fort, und man ſah da zwei bleiche energiſche Männerangeſichter mit flammenden Augen, und kühnen, ausdrucksvollen Zügen. Ich heiße Villaflor, und bin aus Portugal emi grirt, ſagte der Erſtere. Mein Vater und drei mei ner Brüder ſind nach Afrika deportirt, weil ſie ſich weigerten dem Befehl Don Miguels zu folgen, und gleich ihm den Eid zu brechen, den ſie der Verfaſſung geleiſtet, weil ſie mit den Waffen in der Hand kämpften für die Conſtitution und für Donna Maria da Gloria. Ich emigrirte, um mich der heiligen Sache der Freiheit und der Rache zu erhalten. Aber ich kehre zurück nach dem Vaterlande als Ab geordneter der großen Propaganda, und wenn der Tag gekommen iſt, werde ich kämpfen für das Vaterland W und ſeine Freiheit.*) o ſind die Freunde, die ſich um mich ſchaaren? *) Villaflor gehörte bald darauf zu den Kämpfern der portu⸗ leiſtung zu ſidenten u Wir l ſident fei welche un dem Tode gpoſtel in Abtrünni Leben u tödten la ſagt Ihr Mein Enthüllt, lande zu Vaterla komme — gieſiſchen Schaar 59 Hier! riefen viele Stimmen, und mehr denn funfzig der dunklen Geſtalten erhoben ſich, traten aus den Bänken hervor, und ſchritten zu Villaflor hin, der Jedem von ihnen die Hände reichte, und von ihnen den Eid der Treue und des Gehorſams empfing. Die ganze Verſammlung hörte ſtehend dieſer Eides leiſtung zu, dann auf ein gegebenes Zeichen des Prä ſidenten nahmen Alle ihre Sitze wieder ein. Wir haben Euren Eid vernommen, ſagte der Prã ſident feierlich. Wehe Denen, welche ihn brechen, welche untreu werden der heiligen Sache! Sie ſind dem Tode verfallen! Der Oberapoſtel, dem alle Unter apoſtel ihren Namen zu nennen haben, wird die Abtrünnigen, kraft der ihm verliehenen Gewalt über Leben und Tod, von einem andern der Getreuen tödten laſſen, wo und wie es ihm nöthig ſcheint. Jetzt ſagt Ihr Euren Namen, Oberapoſtel für Spanien. Mein Name iſt Torrijos, ſagte der Zweite der Enthüllten. Ich bin emigrirt, um mich dem Vater lande zu erhalten, ich werde zurückkehren, um für das Vaterland zu kämpfen. Wer mir folgen will, der komme her zu mir. gieſiſchen Liberalen, und errang an der Spitze einer tapferen Schaar einen glänzenden Sieg über Don Miguels Söldlinge. 60 Und wieder erhoben ſich viele der Verhüllten und gingen zu Terrijos hin, der ſie begrüßte und ihnen den Eid abnahm.*) Jetzt mögen ſich die Oberapoſtel erheben, die wir nach Italien entſandt haben, ſagte der Präſident ernſt. Vier Männer erhoben ſich zu gleicher Zeit, und dann verkündeten ſie mit lauter, freudiger Stimme, daß ſie die Saat ausgeſtreut allüberall in Italien, in Rom und Neapel, in Toscana, Sardinien und der Lombardei, und daß ſie ſchon zu reifen beginne dieſe Saat der Revolution. Alle Gemüther ſind in Gährung, rief der letzte der Sprecher, ganz Italien iſt bereit zum Aufſtand gegen ſeine Tyrannen und Unterdrücker, und nicht lange mehr wird es den öſterreichiſchen Regimentern gelingen, den Krater zu verſchütten, der ſchon unter ihren Füßen zu grollen beginnt. Das Feuer wird hervorbrechen, die Lava der Volksbegeiſterung wird hervorſtürzen, und ſie wird alle öſterreichiſchen Regi— 7 menter, und alle die kleinen und großen Tyrannen *) Der Oberſt Torrijos, einer der Hauptanführer der conſti tutionnellen Partei und lange aus Portugal emigrirt, fiel bei einem Landungsverſuche, den er mit einer Schaar Gleichgeſinnter bei Cadix unternahm. verſchlinge das Loſun bewaffnete Man muf im Name dern, Rechte de Ich habe in Namen zur Empü geblich ſe fort, ind und ſein folgen, n breiten⸗ Wir 61 verſchlingen. Die Revolution wartet nur noch auf das Loſungswort, ſie wartet nur noch, daß auch die bewaffnete Macht der Fürſten ſich zu ihr bekenne. Man muß die Soldaten dazu auffordern, man muß im Namen des gemeinſamen Vaterlandes ſie auffor dern, die Tyrannen zu verlaſſen, und die heiligen Rechte der Freiheit und des Volkes zu vertheidigen. Ich habe daher Proclamationen drucken laſſen, welche im Namen Italiens die Heere der italieniſchen Fürſten zur Empörung aufreizen, welche das Volk ermahnen, die Waffen zu ergreifen, und die Tyrannen zu ver jagen. Ich habe dieſe Proclamationen mit meinem Namen unterzeichnet, denn mein Name iſt ſeit dem Jahre 1821 die Drommete des Aufſtandes geweſen, und ich hoffe, ihr Ruf wird auch dies Mal nicht ver geblich ſein. Ich bin der Obriſt Allemandi, fuhr er fort, indem er die Kapuze von ſeinem Haupte riß, und ſein kühnes ſtolzes Antlitz zeigte. Wer will mir folgen, wer will meine Proclamationen in Italien ver breiten? Wir! Wir! riefen hundert jubelnde Stimmen, und eine Schaar Verhüllter ſtürzte zu Allemandi hin. Und nachdem ſie den Eid geleiſtet, nahmen Alle wieder ihre Plätze ein. 62 So gehet denn, Ihr Alle, Ihr, die neuen Mit⸗ glieder des großen Carbonaribundes, rief der Präſi— dent, gehet und fördert die Revolution und die Frei⸗ heit mit aller Eurer Kraft. Italien liegt da zuckend in Todesſchmerzen, es blutet aus tauſend Wunden von der Hand ſeiner Tyrannen geſchlagen. Gehet hin, und macht Italien geſund, heilt ſeine Wunden mit dem Blute der Tyrannen! Gehet! Und jetzt, Ihr Apoſtel aus Frankreich, jetzt iſt an Euch die Reihe! Sprecht und kündet uns, was Ihr gethan habt. SS der Erſt Kaiſerr ſeinem III. Uapoleone Camerata. Sechs der Verhüllten erhoben ſich von ihren Bän ken, und näherten ſich dem Präſidenten. Ich habe Propaganda gemacht in der Armee, ſagte der Erſte von ihnen. Ich habe die alten Krieger des Kaiſerreichs gemahnt an den Sohn, den der Kaiſer ſeinem Lande hinterlaſſen, an den jungen Kaiſer Na— poleon den Zweiten, der in der Verbannung ſchmachtet, der von den Feinden ſeines Vaters, von dem Erzvater der Reaktion, von Metternich, erzogen wird, den man zwingen will, ſeinen Vater zu haſſen, ſeiner glorreichen Erbſchaft zu entſagen, und Verzicht zu leiſten auf Ruhm und Ehre, auf den Kaiſerthron, der ihm ge— bührt. Die alte Liebe zu dem Kaiſer und zu ſeinem Sohn iſt wieder erwacht in den Herzen der Krieger. 64 Sie ſind bereit, den Sohn des Kaiſers, ſobald er zu ihnen zurückkehrt, auszurufen zu ihrem Kaiſer und ihrem Herrn. Möge er daher zu ihnen kommen, möge er der Armee die alten geliebten Adler des Kaiſerreichs entgegen halten, und die Armee, getreu ihren großen Erinnerungen und ihrem Kaiſer, wird ſich um ihn ſchaaren. Die Revolution ſteht vor der Thür der Tuilerieen, möge der Sohn des Kaiſers gegen die Tuilerieen heranſchreiten. Die alte Garde iſt bereit, ihm zu folgen, und ich, der Marſchall Se baſtiani, und alle Generäle der Kaiſerzeit, wir ſind bereit, uns Napoleon dem Zweiten anzuſchließen! Ich habe Propaganda gemacht in der Deputirten kammer, ſagte der Zweite. Ich habe alle Parteien der Oppoſition, die Liberalen, die Bonapartiſten, wie die Republikaner zu einigen geſucht, ich habe ihnen gezeigt, daß ihre Beſtrebungen, ihre Wünſche, vor“ der Hand nur zu Einem Zweck zuſammenfließen müſ ſen, zu dem Zweck, Frankreich zu erlöſen von der Herrſchaft der Reaktion und der Bourbonen, und ihm eine Regierung zu geben, welche die Sympathieen des Volks und die Erinnerungen des Ruhms für ſich hat. Eine ſolche Regierung kann nur der Sohn des Kai⸗ ſers, nur Napoleon der Zweite uns geben, nur Er kann dem Glück wier tiſten und Sympathie langen Na Mannes, ein freies an ihrer S nach Fran der Thür eine entſch und ſie u verjagen, aufrichten. ich, der Oppoſttio Kaiſers a Frankreich Ich b Noßen P Herzenj Tage de rufen. der Ern Mühlbach 65 kann dem unglücklichen Frankreich ſeine Ruhe, ſein Glück wiedergeben. Die Liberalen, die Bonapar⸗ tiſten und die Republikaner haben ſich geeinigt, ihre Sympathieen ſind miteinander verſchmolzen, ſie ver— langen Napoleon den Zweiten, den Sohn des großen Mannes, daß er ſich an ihre Spitze ſtelle, ſie wollen ein freies republikaniſches Frankreich mit einem Kaiſer an ihrer Spitze. Möge der Sohn des großen Kaiſers nach Frankreich eilen, denn die Revolution ſteht vor der Thür der Deputirtenkammer, ſie wartet nur auf eine entſchloſſene Hand, welche ihr dieſe Thür öffnet, und ſie wird, ſobald dieſe bereit iſt, die Bourbonen verjagen, und einen neuen Kaiſerthron ſich wieder d aufrichten. Möge Napoleon der Zweite kommen, und ich, der General Lafayette, und alle Mitglieder der Oppoſition der Kammern, wir werden den Sohn des Kaiſers ausrufen und anerkennen als den Kaiſer von Frankreich! Ich habe Propaganda gemacht bei der Maſſe des großen Publikums, ſagte der Dritte, ich habe in dem Herzen jedes Franzoſen die Erinnerung an die großen Tage des Ruhms und der Kaiſerzeit wieder wach ge— rufen. Ich habe die jetzige Zeit der Schmach und der Erniedrigung jener Zeit der Nationalgröße und Mühlbach, Erzherzog Johann. III. 5 66 des Nationalruhms gegenübergeſtellt, und in aufreizen den Epigrammen habe ich die jetzige Regierung ver⸗ höhnt, in begeiſterten Gedichten habe ich die große Vergangenheit wieder aufflammen laſſen in den Herzen der Franzoſen. Ich habe das Volk gemahnt, daß es in der Verbannung einen Sohn des großen Kaiſers habe, und daß dieſem Sohn der Thron von Frank⸗ reich gebühre. Ich wollte aber auch den Sohn des großen Mannes daran mahnen, daß er der Erbe ſein ſoll des Ruhmes und des Heldenſinnes ſeines Vaters und ich ging nach Wien, um dem Sohn des Kaiſers das große Gedicht zu überreichen, mit dem ich den Feldzug Napoleon's in Aegypten gefeiert habe. Aber die Wächter und Kerkermeiſter des armen Jünglings, des Königs von Rom, den ſie in Wien den Herzog von Reichſtadt nennen, ſie weiſen mich von ſeiner Thüre fort. Sie bewachten ihn ſo genau und ſcharf,“ daß es mir nicht gelang, zu ihm zu kommen, daß ich Wien verlaſſen mußte, ohne ihn nur ein einziges Mal geſprochen zu haben. Nur Einmal habe ich die ſchmerzliche Freude gehabt, den Herzog in der Ferne wenigſtens zu ſehen, und in jener Stunde ſchwur ich mir, daß ich an dem Kerkermeiſter des unglücklichen Königs von Rom wollte Rache nehmen für ihn und für mich. vollendet. habe die und ich w Hier iſt Möge es Propagan es gewidr alle Bone Drommet aufwecken Ketten z er den T fängniß von Ro⸗ wird der reich da⸗ die man erfahren vergebli gen. S überall Namen mein 67 für mich. Ich hab's gethan, ich habe mein Werk vollendet. Hier iſt es, ich, Auguſte Barthelemy, ich habe die Fahne erhoben für den Sohn des Kaiſers, und ich will ſie aufrecht halten bis zu meinem Tode. Hier iſt mein Gedicht:„der Sohn des Mannes.“ Möge es in den Herzen aller fühlenden Menſchen Propaganda machen für den Sohn des Mannes, dem es gewidmet iſt. Möge es wie eine Siegesdrommete alle Bonapartiſten zu den Fahnen rufen, möge dieſe Drommete vor allen Dingen den Sohn des Mannes aufwecken aus ſeiner Unthätigkeit, auf daß er die Ketten zerreiße, mit denen man ihn binden will, daß er den Muth habe, ſich frei zu machen, und ſein Ge⸗ fängniß zu verlaſſen. Frankreich erwartet den König von Rom, um ihn auszurufen zu ſeinem Kaiſer, aber wird der König von Rom auch kommen, ſich Frank reich darzubringen, wird er die Rolle auch annehmen, die man ihm entgegenträgt? Wird er überhaupt auch erfahren, daß Frankreich ihn ruft? Ich ſelber habe vergeblich verſucht, noch einmal nach Wien zu gelan gen. Man hat mich an den Grenzen Oeſterreichs überall zurückgewieſen, ob ich auch unter erborgtem Namen kam, man beſitzt überall in den Grenzorten mein Signalement und hat ſtrenge Ordre mich zurück— 5* 5 5 68 zuweiſen. Hier ſind zwanzig Exemplare meines Ge⸗ wenn me dichtes, wer will es verſuchen, Eins davon bis zu dem König von Rom gelangen zu laſſen? will ich Ich! riefen mehr denn zwanzig der Verhüllten, den Kai indem ſie von den Bänken ſich erhoben, und zu Bar— daß ſie thelemy, dem Dichter des Epos Napoleon en Egypte, ——ᷣ—ÿ—ÿ’ODA9 wiederge hineilten. walt zu Ich! riefen auch drei von den Apoſteln der Pro⸗ ſchaffen paganda, die neben Barthelemy ſtanden. Gebt ſieben⸗ Velllich zehn Exemplare Eures Gedichtes„der Sohn des Man— zu dem 4. C 2. nes“ an die Brüder hier, befahl der Präſident, die Fouche andern drei an die Apoſtel, die ſich bereit erklärt die Botſchaft zu übernehmen, und die uns jetzt ſagen wer⸗ Er den, was ſie gethan und gewirkt haben für die Sache enr der Revolution. düſteres Ich habe im Ausland Propaganda gemacht für die er den Bonapartismus, ſagte der Erſte von ihnen. Ich—. habe mich an alle Regierungen gewendet, und ſie 8 auszuſöhnen geſucht mit dem Gedanken an eine Er— deif neuerung der Bonapartiſtiſchen Dynaſtie. Ich habe g ihnen die Leiden Frankreichs unter der reaktionnairen Lünm Herrſchaft der Bourbonen geſchildert, ich habe be— ze greiflich zu machen geſucht, daß Frankreich um jeden 6 1 Preis dieſer Herrſchaft ſich entreißen will, und daß, nid . Jo ₰ 69 wenn man ihm nicht den Sohn des Kaiſers geben will, es ſich zu einer Republik geſtalten werde. Jetzt will ich nach Wien gehen, und verſuchen, entweder den Kaiſer und den Fürſten Metternich zu bewegen, daß ſie Frankreich beiſtehen, und ihm ſeinen Kaiſer wiedergeben, oder auch den König von Rom mit Ge— walt zu befreien. Mein Name wird mir Einlaß ver ſchaffen beim Fürſten Metternich und beim Kaiſer. Vielleicht gelingt es mir auch durch meinen Namen zu dem König von Rom zu gelangen. Ich heiße Fouché, und bin der Sohn des Miniſters Fouché, den die Bourbonen in die Verbannung geſchickt. Er ließ die Kapuze von ſeinem Haupte nieder— gleiten, und zeigte der Verſammlung ſein trotziges, düſteres Angeſicht mit den feurigen, liſtigen Augen, die er von ſeinem Vater geerbt hatte. Ich will es verſuchen, dem König von Rom das Gedicht zu überreichen, fuhr er fort, ich will zu dem Kaiſer und zu Metternich ſprechen. Aber die einzelne Stimme könnten ſie überhören, könnten zweifeln an meiner Miſſion. Ich darf nicht allein kommen, ich muß Gefährten haben, Gefährten von Namen und Gewicht. Wer wird mit mir gehen? Ich! rief der Fünfte von den Apoſteln für Frank— 70 5 Beſ cher reich. Ich werde Euch begleiten. Ich habe Propa⸗ tliche 4 ausdrückli ganda gemacht in der Schweiz für den Sohn Napo⸗ .: 27„4*5 Es wird leon's, ich habe mich dem öſterreichiſchen Geſandten bei der ſchweizeriſchen Eidgenoſſenſchaft genähert, und Nedern habe von ihm Päſſe und Empfehlungsſchreiben für Ich Wien erhalten. Ich ſtehe in naher Beziehung zu helangen den Schweizerregierungen, und von Allen habe ich ternich, die Zuſicherung werkthätiger Unterſtützung erhalten. heller S In dem ſchlimmſten Fall, in dem Fall, daß wir und ſehen, u unſere heilige Sache unterliegen ſollten, wird die wählten, Schweiz uns Gaſtfreiheit gewähren, und uns natura⸗ lgen E liſiren, um uns ſichern Schutz zu bieten. Ich eile aufleben jetzt nach Wien, um zu verſuchen, was auch Herr ſein Vat Fouché verſuchen will, den Kaiſer und den Fürſten ches ihn Metternich für unſere Pläne zu gewinnen, ihnen die men he innere Zerrüttung Frankreichs zu ſchildern, und ihnen Wien z begreiflich zu machen, daß nur der Sohn Napoleons, 4 V ſcheint, der Sohn des Auserwählten, berufen iſt, den Thron poleone würdig einzunehmen, den die Bourbonen nicht länger Sie zu behaupten fähig ſind. Ich bin der General Mo— ihrem rand, und vielleicht wird mein Name mir Einlaß bei jetzt d dem Kaiſer verſchaffen. Aber ſchwieriger noch wird. Dame es ſein, zu dem Herzog von Reichſtadt zu gelangen, Wange denn er wird ſtreng bewacht, und kein Fremder, kein Y ſictige V 1 1 71 Beſucher überhaupt, wird zu ihm gelaſſen, ohne die 0 ausdrückliche Einwilligung des Fürſten Metternich. en Es wird ſchwierig, faſt unmöglich ſein, vom Fürſten ind Metternich dieſe Einwilligung zu erhalten. Ich werde es verſuchen, zum König von Rom zu gelangen auch ohne die Einwilligung des Fürſten Met⸗— ternich, ſagte der Sechſte der Apoſtel mit klarer ſilber⸗ heller Stimme. Ich gehe nach Wien, um ihn zu ſehen, und zu ſprechen, ihn, den Sohn des Auser⸗ wählten, um ſein Herz zu erwecken, daß es die hei— ligen Erinnerungen ſeiner Kindheit wieder in ſich aufleben laſſe, und eingedenk zu ſein, daß Frankreich ſein Vaterland iſt, Frankreich, welches ihn ruft, wel ches ihm die Arme entgegenbreitet, und ihn willkom⸗ men heißen wird als ſeinen Kaiſer. Ich gehe nach Wien zum König von Rom, und was Allen unmöglich ſcheint, das werde ich erreichen, ich, die Gräfin Na⸗ poleone Camerata. Sie riß mit glühendem Ungeſtüm die Kapuze von ihrem Haupte fort und unter derſelben enthüllte ſich jetzt das ſchöne, flammende Angeſicht einer jungen Dame von kaum mehr als zwanzig Jahren. Ihre Wangen waren bleich, aber von jener edlen durch— ſichtigen Alabaſterfarbe, welche nur den Italienerinnen eigen iſt, ihre ſchön geſchwungenen vollen Lippen, friſch und glühend, wie zwei Kirſchen, waren von einem kühnen, unnachahmlichen Lächeln umſpielt, ihre großen dunkelgrauen Augen glühten von einem leidenſchaft— lichen Feuer, und ſchauten ſcharf und flammend unter den ſchwarzen leicht geſchwungenen Augenbrauen her⸗ vor. Ihre breite edle Stirn, die an die königliche Stirn der Juno Ludoviſi erinnerte, war eingefaßt von dem glänzend ſchwarzen Haar, das in lockigem und loſem Wellenſcheitel, wie bei den Köpfen der an⸗ tiken Statuen, niederlief über die Ohren und am Hinterkopf zuſammengefaßt war zu einem dicken grie⸗ chiſchen Knoten, der von einem goldenen Kamm be⸗ feſtigt ward. Ein Weib, rief der Präſident. Ein Weib, mur⸗ melten die Verſammelten, und alle dieſe neugierigen flammenden Augen, die aus den Höhlen der Kapuze“ hervorſchauten, waren auf ſie gerichtet. Wer hat Ihnen das Geheimniß unſeres Bundes mitgetheilt? fragte der Präſident ſtrenge. Wer hat das Geheimniß der Männer verrathen an ein Weib? Sie ſchaute mit ſtolzen herausfordernden Blicken zu ihm empor. Einer, der das Recht und die Pflicht dazu hatte, ſagte ſie, und ein leiſes ſpöttiſches Lächeln umſpielte mein Ge Und Bo⸗ Schwiege der Fürf zogin vo Theil zu partiſten großen hatte ſich erbeten, ſagte er großen ſammlun mit den die Par daß der es ihm wolltet ſehen, ich bin und me das ſch 73 umſpielte ihre Lippen. Einer, dem Gott und die Kirche befiehlt, kein Geheimniß vor mir zu haben,— mein Gemahl, der Graf Camerata. Eure Werber und Boten ſind gekommen, ihn aufzuſuchen, den Schwiegerſohn der Schweſter des großen Kaiſers, der Fürſtin Eliſe Bacciochi, der einſtigen Großher zogin von Toscana. Sie haben ihn aufgefordert, Theil zu nehmen an dem großen Bunde der Bona partiſten und Carbonari, und hieher zu kommen zur großen Jahres-Verſammlung. Der Graf Camerata hatte ſich von Euren Werbern drei Tage Bedenkzeit erbeten, und als dieſe drei Tage verfloſſen waren, ſagte er ihnen, daß er bereit ſei einzutreten in den großen Bund, daß er nach Lugano zur Jahres⸗Ver⸗ ſammlung kommen werde. Man machte ihn bekannt mit den Bundeszeichen, und gab ihm die Loſung und die Parole für die Verſammlung. Aber wißt nun, daß der Graf Camerata ſo geſprochen, nur weil ich es ihm befohlen hatte, weil ich es wollte. Ihr wolltet den Grafen Camerata hier in Eurer Mitte ſehen, nun wohl, ich bin der Graf Camerata, denn ich bin der Mann, der feſte Wille in unſerer Ehe, und mein Mann, der eigentliche Graf Camerata, iſt das ſchwache, zagende, muthloſe Weib. Er iſt es, der gehorcht, ich bin es, die befiehlt, die herrſcht, ich bin der wirkliche Graf Camerata. Aber ich bin noch etwas Anderes, etwas Höheres! Ich bin die Tochter meiner Mutter, die Nichte des Kaiſers Napoleon. Er hat mir ſeinen Namen gegeben und Pathenſtelle bei mir vertreten. Im Namen meiner Abſtammung, im Namen des Blutes, das in meinen Adern fließt, for⸗ dere ich, Napoleone Camerata, daß man mich auf⸗ nimmt in den heiligen Bund der Revolution, daß man mir Sitz und Stimme gönnt in dieſer Verſamm⸗ lung. Denn ich ſage es Euch, ich bin nur dem Ge⸗ ſchlechte nach ein Weib, ich bin an Geiſt und Willens⸗ kraft ein Mann. Ein Mann, der ſich fortan nur dem Einen Dienſte weiht, dem Dienſte Napoleons des Zweiten. Mein Leben hat keinen andern Zweck, keinen andern Inhalt mehr. Ich habe mich los⸗ geſagt von meinem Gemahl für immerdar, und da! er doch in unſerer kurzen Ehe immer das ſchwache frömmelnde Weib geweſen, ſo habe ich auf ihn meine Mutterpflichten vererbt, und habe ihm mein einziges Kind, den kleinen Sohn, gelaſſen, damit er ihn warte und pflege, damit er ſeine Mutter ſei, während ich, ſein Vater, hingehe zu kämpfen und zu ſtreiten für den Sohn des Auserwählten, für den Kaiſer Napoleon den Zweite die Nichte ein Mitglie mich hin! Ich f wollen gel des Kaiſer die Apoſte welche daſ 1 Die Sitzen. die Wang Augen g. den Blich hinflamm Gräf feierlich, hat Euch für die eiſtet j formel! „Ich, der heil un Him — — den Zweiten. Im Namen meiner heiligen Rechte als die Nichte Napoleons fordere ich Euch auf, laßt mich ein Mitglied ſein Eures Bundes und ſendet als ſolches mich hin nach Wien zu dem Sohn des Mannes. Ich frage die Brüder, ob ſie dieſe Ausnahme wollen gelten laſſen? rief der Präſident, ob die Nichte des Kaiſers Napoleon aufgenommen werden ſoll unter die Apoſtel des Bundes der Revolution. Diejenigen, velche dafür ſind, mögen ſich erheben. Die ganze Verſammlung erhob ſich von ihren Sitzen. Ein glühendes Roth überflog einen Moment die Wangen der Gräfin Camerata und ihre ſchwarzen Augen grüßten die Verſammlung mit einem leuchten— den Blick, der wie ein Blitz über den ganzen Saal hinflammte. Gräfin Napoleone Camerata, ſagte der Präſident feierlich, die Brüderſchaft des Bundes der Revolution hat Euch einſtimmig aufgenommen unter die Apoſtel für die Sache Frankreichs und der Napoleoniden. Leiſtet jetzt den Eid der Treue. Sprecht die Eides— formel nach, welche ich Euch vorſagen werde. Sprecht: „Ich, Napoleone Camerata, ſchwöre bei Gott und der heiligen Jungfrau, bei Allem, was mir heilig iſt im Himmel und auf Erden, daß ich ein treues, ver— ſchwiegenes und thätiges Mitglied des großen Bundes ſiuſtbe b der Revolution ſein will, daß ich den Zweck des Ba 1 ien Nan des, welcher dahin zielt, überall die Tyrannen V de Strafe verjagen und die Freiheit zu fördern, mit Treue und Napole Eifer verfolgen will. Ich ſchwöre, daß ich dem Prä mit einem ſidenten des Bundes unbedingten Gehorſam ſchuldie bin und verſchwiegen und treu das ausführen will villkommer ſier das; mit dem währt ſie Ueberzeugung und meine Wünſche iſt. Ich ſchwörg .*: odor M. daß ich treu dem Bunde bereit ſein werde, den Dol Jeder Br ſelbſt in meines Bruders, meines Freundes Herz erkennen ſtoßen, wenn derſelbe an unſerm Bunde zum Vor⸗ Wahrzeiche räther geworden, oder wenn ſein Tod den Bundes⸗ Killen fo zwecken nothwendig erſcheint. Ich weiß, daß mein V woran ſie eigenes Lebenin der Hand des Präſidenten liegt und jedem Or daß er mich mit dem Tode ſtrafen wird, wenn ich zur nman die Verrätherin werde an dem Bunde, daß ſein Rächer⸗ arm mich überall finden würde, wohin ich mich auch flüchten und verbergen möchte. Ich ſchwöre aber bei Gott dem Allmächtigen Treue, Verſchwiegenheit, Ge— horſam und Thätigkeit.“ Napoleone Camerata hatte laut und mit tönender. Stimme jedes Wort der Eidesformel nachgeſprochen, und nicht einen Moment hatte der glühende leiden— flüchtigen raſchen un augenblickt allgemeine einen der Wür do ſeht Tag derkleidet 77 ſchaftliche Glanz ihrer Augen ſich umdüſtert, nicht einen Moment hatte ſie gezögert, die drohenden Worte der Strafe und Rache zu wiederholen. Napoleone Camerata, ſagte der Präſident jetzt, ſie mit einem Neigen des Hauptes grüßend, ich heiße Euch willkommen als den Apoſtel für Frankreich. Nehmt hier das Zeichen Eures Amtes, die bronzene Medaille mit dem Bilde des großen Kaiſers, nehmt und be⸗ wahrt ſie wohl, tragt ſie Tag und Nacht bei Euch. Jeder Bruder, dem Ihr ſie vorzeigt und Euch zu erkennen gebt, jeder Bruder wird Euch bei dieſem Wahrzeichen unbedingten Gehorſam leiſten und Eurem Willen folgen. Das allgemeine Begrüßungszeichen, woran ſich die Mitglieder des Bundes überall, an jedem Ort, in jeder Geſellſchaft erkennen, iſt, daß man die drei erſten Finger der linken Hand einen flüchtigen Moment an das rechte Auge legt. In raſchen und nothwendigen Fällen, wo Ihr dem Bunde augenblicklich Nachricht zu geben und vielleicht ſeine allgemeine Mitwirkung zu fordern habt, ſendet Ihr einen der dienenden Brüder nach Paris. Vor der Thür von Notre⸗Dame und am Thurm St. Jacques ſteht Tag und Nacht einer von den Unſern als Bettler verkleidet. Ihm ſagt Eure Botſchaft und er wird ſie —— 78 8 ſofort dem Präſidenten überbringen. Gehet, Napo— Mtteernich leone Camerata, macht Propaganda für die große und allgemeine heilige Sache, der Ihr Euch geweiht habt. Geht nehmen, i nach Wien, ſprecht zu dem Sohn des Kaiſers, ſagt nur auf ihm, daß Frankreich ihn ruft, daß es ihn erwartet. reißen vo Wendet alle Mittel der Beredtſamkeit an, um ihn zu unabhäng überzeugen, daß es ſeine Pflicht iſt, nach Frankreich zu gehen und den Thron ſeines Vaters, der auf ihn wartet, einzunehmen. Und jetzt mögen die Apoſtel für Polen, für Deutſchland und Holland vortreten, um Der endlich be nommen waren. Bericht zu erſtatten. Jetzt Eine neue Schaar erhob ſich auf den Bänken und üaben näherte ſich dem Präſidenten. Und aus Polen, aus Jlice ri Deutſchland und aus Holland brachten die Apoſtel Nei dieſelbe Kunde: die Zeit der Erhebung nahe heran, Sinane die Revolution ſtehe vor der Thür. Polen ſei bereit Ziel.. zum Kampf für ſeine Freiheit, ſeine Selbſtſtändigkeit;⸗ Fürſten in Deutſchland warte die Jugend, warteten die Libe Lölte ralen nur auf den günſtigen Moment, auf den Anſtoß, pſeten um ſich zu erheben, um die Tyrannei ihrer Fürſten G . Die Vö zu brechen und dem Despotismus der Regierenden fre 8. 25 4— rei, ind den Hemmſchuh der Volksrepräſentation gegenüber zu nic .... S aicht vo ſtellen; in Braunſchweig habe die Tyrannei des Her. b ——. 8 hin, di zogs, des Zöglings von Oeſterreich und dem Fürſten 4 gl aufreche 1 3 I ——.——— 7 779 Metternich, die Frucht gereift, und dort werde die allgemeine Revolution der Deutſchen ihren Anfang nehmen, in Holland warteten die belgiſchen Provinzen nur auf das Zeichen, um ſich zu erheben, ſich loszu⸗ reißen von Holland und als ſelbſtſtändige Nation, als unabhängiges Reich ſich hinzuſtellen. Der Morgen dämmerte bereits, als die Sitzung endlich beendigt war, die Berichte aller Apoſtel ver nommen und die neuen Brüder und Apoſtel vereidigt waren. Jetzt auf ein gegebenes Zeichen des Präſidenten erhoben ſich alle Brüder von ihren Sitzen und Aller Blicke richteten ſich zu ihm hin. Meine Brüder, rief er mit lauter und freudiger Stimme, die Zeit iſt gekommen, bald ſtehen wir am Ziel. Die Revolution ſteht vor den Thüren aller Fürſten, die Freiheit blüht auf in den Herzen aller Völker. Wir waren die Gärtner, welche dieſe Blüthe pflegten, welche die Revolution groß gezogen haben. Die Völker werden es uns dereinſt danken, indem ſie frei, indem ſie glücklich ſind. Aber noch iſt das Werk nicht vollendet, noch bleibt uns Vieles zu thun. Gehet hin, die Zaghaften zu ermuthigen, die Schwankenden aufrecht zu halten, die Zweifelnden zu überzeugen, die 80 Gleichgültigen für uns zu gewinnen. Gehet hin in 3 alle Welt und lehret alle Völker, daß die Freiheit die Mutter aller Tugenden, die Sclaverei die Mutter aller Laſter iſt. Saget ihnen, daß Ihr ſie unterſtützen werdet, wenn ſie kämpfen wollen für ihr gutes Recht, 3 wenn ſie ihre Tyrannen verjagen wollen, um ſich freie Inſtitutionen und eine vernünftige Volksregierung auf⸗ zurichten. Gebt ihnen Waffen, gebt ihnen Muth und Vertrauen. Denn ich ſage es Euch und wiederhole es Euch: die Zeit iſt gekommen und die Revolution ſteht an den Thüren aller Fürſten. Oeffnet ihr dieſe Thüren, damit ſie ihren feierlichen Einzug halten kann. Es iſt heute der funfzehnte November. Wenn wir im nächſten Jahr, im Jahr 1830, uns hier wieder zuſam⸗ men finden, ſo wird das heilige Werk vollbracht ſein, ſo hat die Revolution ihren Einzug gehalten in alle Länder und das heilige Machtwort der Freiheit ge ſprochen. Gehet, meine Brüder, gehet, und mögen wir uns im nächſten Jahr zahlreich wieder zuſammen finden, mögen die Kämpfe wenig Opfer von uns for⸗ dern! Lebet wohl! Er wandte ſich um, ſchritt die Stufen herunter und verſchwand durch die kleine Thür zur Seite des Altars. ———— Schwei Gänge der Keiner ſpr dern zu k aus dem bevor das unterirdiſc neugierige Auch beeilt, wi Oberwelt. die Kaput tiefen At achtend,d Antlit f Locken ſa Ich T werde der reich, ich Frankreik mich daf Flügel, um das können! Mühlbac 81 Schweigend ſchritten die Brüder durch die langen Gänge der Halle dahin den Ausgangsthüren zu.— Keiner ſprach zu dem Andern, Keiner ſchien den An dern zu kennen, Jeder eilte nur, hinaus zu kommen aus dem dumpfen ſchwülen Raum, ſich zu entfernen, bevor das Licht des Tages das Geheimniß dieſes unterirdiſchen Saales verrathen möchte an die laute, neugierige Welt. Auch die Gräfin Napoleone Camerata hatte ſich beeilt, wieder hinauf zu kommen an die Luft, an die Oberwelt. Wie ſie hinaustrat aus der Kirche, riß ſie die Kapuze von ihrem Haupte fort, athmete ſie mit tiefen Athemzügen die Nachtluft ein, es gar nicht achtend, daß der Schnee in großen Flocken ihr in das Antlitz fuhr, daß der Sturm durch ihre ſchwarzen Locken ſauſete. Ich werde ihn ſehen, ſagte ſie zu ſich ſelber, ich werde den Sohn des Kaiſers heimführen nach Frank reich, ich werde ihm ſeinen Thron wiedergeben und Frankreich wird mich dafür ſegnen, und Er, Er wird mich dafür lieben! Oh, warum habe ich nicht Flügel, Flügel, um gleich jetzt, um heute noch bei ihm zu ſein, um das heilige Werk ſeiner Befreiung beginnen zu können! Ich— Mühlbach, Erzherzog Johann. III. 6 82 Eine Hand legte ſich auf ihre Schulter und eine Stimme flüſterte in ihr Ohr: Napoleone Camerata, b ich grüße Dich, Dich die Freundin, die Blutsverwandte. Wir haben uns lange nicht geſehen, aber als Kinder haben wir mit einander geſpielt, als Kinder haben wir uns geliebt. Napo Sie maß mit einem langen prüfenden Blick die Ja / Geſtalt des Verhüllten, der neben ihr ſtand. Ich Neffen d erkenne Deine Stimme nicht, ſagte ſie ſtolz, und ich ſage mir glaube nicht an Blutsverwandtſchaft unter uns. Mein 4 Häre 1 Antlitz iſt unverhüllt, aber Du verbirgſt mir das Deine ih die 2 unter einer Kapuze. Du haſt Furcht und alſo fließt nur für 1 das Blut des großen Kaiſers nicht in Deinen Adern. ſchlecht? Komm dort zu jener Laterne, ſagte der Verhüllte,. du den 4 bei ihrem hellen Schein will ich Dir mein Antlitz dch — zeigen und Du ſollſt mich dann erkennen. Komm, ſt d Napoleone! 2 Und Er ſchritt ihr voran, ſie folgte ihm ſchweigend.* Jetzt hatten ſie die Laterne erreicht und ſtanden ſtill. nen 1 Napoleone Camerata, ſagte der Verhüllte, wenn ſeend Du mich erkannt haſt als Deinen Blutsverwandten, Vbe willſt Du mir dann ehrlich und der Wahrheit gemäß nads eine Frage beantworten? 4r. lſ Ich will es, ich ſchwöre es Dir, ſagte ſie ruhig. 3 üt 3 ich w. G 83 Er ließ langſam die Kapuze von ſeinem Antlitz gleiten und die Laterne beleuchtete jetzt mit hellem de. Schein ſein jugendlich bleiches Angeſicht mit den dunk— der len Augen und der hohen, von braunen Locken um vi wallten Stirn. Napoleone, fragte er lächelnd, erkennſt Du mich? die Ja, ſagte ſie, die Nichte des Kaiſers grüßt den sch Neffen des Kaiſers, den Erben ſeines Namens. Jetzt ich ſage mir Deine Frage. Höre ſie, und beim Andenken an den Kaiſer fordere ich die Wahrheit. Napoleone Camerata, kämpfeſt Du nur für den Sohn des Mannes, oder für ſein Ge⸗ ſchlecht? Dienſt Du dem König von Rom, oder dienſt . Du den Napoleoniden? Ich diene zunächſt dem König von Rom, denn er iſt der Sohn des Kaiſers. Und wenn ein unglückliches Geſchick wollte, daß er — ſtürbe, daß er den Thron ſeines Vaters nicht einneh men könnte, würdeſt Du dann Deine Thätigkeit für beendet halten, würdeſt Du Dich zurückziehen von der Brüderſchaft der Revolution, deren Apoſtel Du nun mehr biſt? Nein, ſagte ſie, ich würde mich nicht zurückziehen, „ ich würde meine Thätigkeit nicht für beendet halten. 6* 84 Der Sohn Napoleons kann ſterben, aber die Dynaſtie die Ecke ſtirbt nicht, die Napoleoniden leben weiter, und ich Kaiſers würde weiter kämpfen für die Erben des Königs von er leiſe Rom. Reichſtad 1 Napoleone Camerata, wer iſt der Erbe des Königs umwande 3 von Rom, wenn er ſtirbt, ohne Nachkommen zu hin Metterni 1 terlaſſen? Kaiſers Sie legte langſam ihre Hand auf ſeine Schulter. der Neff Du biſt es, rief ſie feierlich. in im! Ein glühendes Roth überflog einen Moment das bleiche Geſicht des jungen Mannes und ſeine Augen blitzten höher auf. 1 3 4 11 1 Ich danke Dir, ſagte er leiſe und innig. Wenn der Sohn des Kaiſers Dich nicht hören will, nicht hören kann, dann komm zu mir, Napoleone, der Neffe des Kaiſers wird Dich hören und er wird Dich verſtehen. 4 Gott wird geben, daß ich nicht zu Dir komme, ſondern daß der Sohn des Kaiſers niich verſteht und mich hört, daß er mit mir heimkehrt nach Frankreich, um den Thron ſeines Vaters wieder einzunehmen. Lebe wohl! Sie wandte ſich um und ging eilig von dannen. Der junge Mann ſchauete ihr nach, bis ſie um 3 — ÿ—yÿ— 85 die Ecke der Straße verſchwand. Der Sohn des Kaiſers wird nicht heimkehren nach Frankreich, ſagte er leiſe vor ſich hin. Der öſterreichiſche Herzog von Reichſtadt wird ſich nicht in den Kaiſer der Franzoſen umwandeln, Metternich hält ihn mit ſtarker Hand, Metternich läßt ihn nicht gehen! Der Sohn des Kaiſers wird nicht heimkehren nach Frankreich, aber der Neffe wird heimkehren. Die Dynaſtie lebt weiter in ihm! IV. Der Herzog von Keichſtadt. Der Herzog von Reichſtadt war allein in ſeinem Zimmer; er ſaß an ſeinem Schreibtiſch und war eifrig mit Schreiben beſchäftigt. Zuweilen hob er das Auge von dem Papier empor und heftete es auf das Buch das neben ihm lag, dann ſchien er ernſt nachzuſinnen über das, was er geleſen, und wieder begann er eifrig zu ſchreiben. Aber mitten im Schreiben hielt er plötzlich inne, und die Feder heftig bei Seite werfend drückte er ſeine beiden Hände feſt an ſeine Bruſt. Mein Gott, mein Gott, murmelte er angſtvoll, ſchon wieder dieſer entſetzliche Schmerz. Es geht wie ein Schwert durch meine Bruſt und ich fühle, wie das Blut heiß und glühend emporſteigt, als ſpränge es hervor aus einer tiefen Wunde. Ah bah, man muß ſich: über gehe⸗ Er ne weiter ſch einem ele tönte von nach der ihr ausge Niemand ſie nicht mit ſein umzuſin — Oh, ausget die? 87 muß ſich nur nicht daran kehren. Es wird ſchon vor⸗ über gehen. Er nahm die Feder wieder zur Hand und wollte weiter ſchreiben, aber jetzt durchzuckte es ihn wie mit einem elektriſchen Schlage und ein Schmerzensſchrei tönte von ſeinen Lippen. Er ſprang auf und ſtürzte nach der Klingel. Doch wie er ſchon die Hand nach ihr ausgeſtreckt hatte, ließ er ſie wieder ſinken. Nein, ſagte er leiſe, nein, ich will Niemand rufen. Niemand ſoll ſehen, was ich leide. Wer weiß, ob es ſie nicht freuen würde und ob— Ein heftiger Huſten unterbrach ihn und durchſchüt telte ſeine Geſtalt ſo heftig, daß er ſich auf den Tiſch mit ſeinen beiden Händen aufſtützen mußte, um nicht umzuſinken. Oh, wie weh das thut, wie weh, ächzte er matt, und er ſchleppte ſich mühſam nach dem Divan hin, um ſich auf demſelben niederzulaſſen. Als der Krampf des Huſtens nachgelaſſen, ließ er das Haupt zurück ſinken an die Seitenlehne des Divans und ſtreckte ſich erſchöpft auf demſelben aus. Der Schmerz hatte jetzt ausgetobt und ließ ihn zur Ruhe kommen, er ſchloß die Augen und ſchien zu entſchlummern. Stille war es rings um ihn her, einſam wie er 88 geweſen ſeine ganze Kindheit hindurch, einſam war er wunderbar auch jetzt in ſeinen Schmerzen, kein liebendes Auge Stirn war ruhte auf ihm, keine zärtliche Hand trocknete den Er we kalten Schweiß ihm von der Stirn, keine freundliche heit, wie Stimme ſprach ihm Muth zu. ſcheinung Wie bleich er war und wie ihn die letzten Jahre Herzensgt verändert hatten! Aus dem kleinen ſchmächtigen Kna⸗ ſchön me⸗ ben war jetzt ein ſchlanker hochgewachſener Jüngling blauen A geworden, ſo hochgewachſen, daß die Aerzte des Kaiſers ſchmächtie Franz ihn kopfſchüttelnd betrachteten, daß der Kaiſer ziehendes ihn lächelnd mahnte, mit ſeinem Haupte nicht hinein Den) 1 zu wachſen in den Himmel. Theater Und immer noch ſchien dieſes gefährliche Wachs⸗ Gelegent thum nicht erſchöpft zu ſein; obwohl der Herzog jetzt Publikun ſchon über achtzehn Jahre alt war, dehnte ſeine arme von Re ſchlanke Geſtalt ſich immer höher noch empor. Blicked 5 d Vielleicht war es die Schuld dieſes raſchen Wachs⸗— thums, daß ſeine Wangen ſo bleich und eingefallen waren, daß der Athem ſo ſchwer aus ſeiner Bruſt und Mit und ehr denn m hervorging. Er klagte niemals, er ſchien immer zu⸗ dten U frieden, immer heiter, ſeine Lippen, deren Purpurröthe N e 5 3 2 3 Wangen ſeltſam contraſtirte zu der Bleiche ſeiner Wangen, 8 Ho waren immer umſpielt von einem milden Lächeln, ſeine los —. 2... S au großen tiefblauen Augen glänzten immer in einem 3 dna aren *½ ——— 89 wunderbaren tiefen Feuer und ſeine breite mächtige Stirn war niemals beſchattet von Wolken. Er war nicht mehr von dieſer bezaubernden Schön heit, wie er als Kind geweſen, aber ſeine ganze Er ſcheinung hatte den Ausdruck edler Ritterlichkeit, tiefer Herzensgüte und ſanfter Freundlichkeit. Er war nicht ſchön mehr, aber ſeine bleichen Wangen, ſeine tief— blauen Augen, ſeine gedankenvolle Stirn und ſeine ſchmächtige hohe Geſtalt hatten zugleich etwas An ziehendes und Rührendes, dem Niemand widerſtand. Wenn der Kaiſerhof öffentlich erſchien, ſei es im Theater oder in der Kirche, oder ſonſt bei öffentlichen Gelegenheiten, immer war die Aufmerkſamkeit des Publikums vorzugsweiſe dem bleichen jungen Herzog von Reichſtadt zugewandt, immer wandten ſich die Blicke der Frauen wie der Männer mit Theilnahme und Mitgefühl auf ihn hin und man grüßte ihn tiefer und ehrfurchtsvoller, als alle die andern Erzherzoge, denn man empfand Ehrfurcht vor ſeinem unverſchul deten Unglück, Mitleid zugleich mit ſeinen bleichen Wangen und ſeiner ſchmächtigen Geſtalt. Der Herzog lag noch immer ſtill und bewegungs⸗ los auf dem Divan; aber er ſchlief nicht; ſeine Augen waren weit geöffnet und blickten ſtarr empor zu dem . 90 Bilde, das drüben an der Wand über ſeinem Schreib⸗ tiſch hing. Dieſes Bild, in einen runden Rahmen von reichem Schnitzwerk eingefaßt, war ein Bruſtbild ſeines Vaters. Es ſtellte den Kaiſer dar mit jenem bleichen düſtern Antlitz voll Ahnungsgrauen, wie es oft in den letzten Jahren ſeiner Regierung geweſen; tiefe Wolken beſchatteten dieſe breite gedankenſchwere Stirn, aus den großen tiefblauen Augen leuchtete eine Welt von Gedanken und Entſchlüſſen, und um den feſtgeſchloſſenen feinen Mund zuckte ein trotziges ver achtendes Lächeln. Zu dieſem Bilde ſeines Vaters waren die Augen des jungen Herzogs hingerichtet, ihm erzählten ſeine 30 hiet, ih zah 1 Blicke alle die trüben geängſteten bangen Gefühle, denen er ſonſt niemals Worte gab, die tief in ſeinem Herzen verborgen lagen wie die Perle auf dem Grunde des Meeres. Ein leiſes ſchüchternes Klopfen an der Thür weckte den Herzog aus ſeiner gedankenvollen Ruhe. Er rich tete ſich raſch empor, zwang ſeine Mienen zu einem heiteren freundlichen Ausdruck und gebot mit lauter Stimme einzutreten. Die Thür öffnete ſich und der Kammerdiener er ſchien auf der Schwelle. Ew. Durchlaucht verzeihen, ſagte er e Kleidermach behauptet, um dieſe S Gnaden ſe Schimmer fohlen. E Wilhelm. Der Vorzimme Treten S geſtattet Sofo mit eine ſtehen,) that, ma⸗ den Kam in Zeie Der len und ſebhaft 91 ſagte er ehrerbietig. Soeben bringt ein Bote des Kleidermachers die neue Hauptmanns Uniform. Er behauptet, Ew. Durchlaucht hätten befohlen, daß er um dieſe Stunde käme und ſie Eurer durchlauchtigſten Gnaden ſelber übergebe. Es iſt wahr, rief der Herzog, und ein freudiger Schimmer flog über ſeine Züge hin, ich habe das be fohlen. Es iſt meine erſte Uniform als Hauptmann, und ich muß ſie ſelber prüfen. Laß ihn eintreten, Wilhelm. Der Kammerdiener verbeugte ſich, und in das 2 Vorzimmer zurücktretend, öffnete er weit die Thür. Treten Sie ein, mein Herr, ſagte er, Se. Durchlaucht geſtattet es Ihnen. Sofort erſchien auf der Schwelle ein junger Mann mit einem Packet im Arm. Er blieb in der Thür ſtehen, um ſich tief zu verneigen, aber indem er das that, machte er mit der Hand dem hinter ihm ſtehen den Kammerdiener ein Zeichen und flüſterte: bewachen Sie die Thür, und wenn Jemand kommt, geben Sie ein Zeichen. Der Herzog hatte nichts gehört von dieſem ſchnel len und leiſen Geflüſter. Er ging dem Eintretenden lebhaft entgegen und ſtreckte die Hand nach dem Packet do aus. Jetzt laſſen Sie ſehen, mein Herr, ſagte er faſt Aus P ungeduldig. Paris! Uu Der junge Mann ſchlug das ſchwarze Seidentuch unſere deu auseinander und entfaltete den weißen Uniformrock, Herzog läc den er dem Herzog präſentirte. Dieſer betrachtete warne Sie ihn mit ſorgſam prüfenden Blicken und unterwarf eine wachſ jeden Knopf, jede Litze, jedes Blatt der goldenen Sie an de Stickerei am Kragen und den Aufſchlägen der Aermel einer genauen Beſichtigung. von den§ laſſen, ſo Aber mein Gott, rief er auf einmal ungeſtüm und Grenze fü — heftig, mein Gott, was für ein Verſehen haben Sie Ich b da gemacht. Hier an der Aermelnath fehlt die dop— Majeſ pelte Litze. Wie war es Ihnen nur möglich, dies zu gebrauchen vergeſſen? üin nur Ich bitte Ew. Durchlaucht um Verzeihung wegen Aber dieſes Verſehens, erwiederte der junge Mann in dem blitzenden veinſten fließenden Franzöſiſch, das den Herzog ſtutzen“ den Blic 52 machte und ſofort den Ausdruck des Unwillens aus dann auf ſeinen Zügen verſchwinden ließ. 3 von Ehrf Ich ſagte er Sie ſind aus Frankreich, wie es ſcheint? fragte er freundlich. Der Andere verbeugte ſich. Zu Befehl, Majeſtät, zu den ſagte er ehrfurchtsvoll. Ich bin aus Frankreich, aus Napoleo der Kai G2 93 Aus Paris, rief der Herzog lebhaft. Ah, aus Paris! Und Sie ſind nach Wien gekommen, um hier unſere deutſchen Uniformen zu verpfuſchen, fuhr der Herzog lächelnd fort. Ah, mein lieber Meiſter, ich warne Sie, ſeien Sie auf Ihrer Huth! Wir haben eine wachſame Polizei, und wenn dieſe erfährt, daß Sie an der Uniform eines öſterreichiſchen Hauptmanns von den Kaiſer-Jägern eine Aermellitze haben fehlen laſſen, ſo wird man Sie als Aufrührer über die Grenze führen. Ich bitte Ew. Majeſtät um Verzeihung, ich— Majeſtät, unterbrach ihn der Herzog lebhaft, Sie gebrauchen da eine falſche Titulatur, Monſieur. Ich bin nur eine kleine Herzogliche Durchlaucht! Aber der Andere ſchüttelte heftig das Haupt, ſeine blitzenden Augen ſchweiften mit einem raſchen lauern den Blick durch das Zimmer hin und hefteten ſich dann auf den Herzog mit einem ſeltſamen Ausdruck von Ehrfurcht, Liebe und Mitleid zu gleicher Zeit. Ich kenne die Titulatur Ew. Majeſtät ſehr wohl, ſagte er feierlich. Mein Vater hatte die hohe Ehre, zu den erſten und angeſehenſten Dienern des Kaiſers Napoleon zu gehören, und er war gegenwärtig, als der Kaiſer ſeinem Sohn den Titel eines Königs von 94 Rom verlieh. Ew. Majeſtät, damals war das Antlitz des Kaiſers nicht ſo bleich und trübe, wie dies Por⸗ trait hier, vielmehr hat mir mein Vater oft erzählt, daß es leuchtete, als gehöre es der bronzenen Statue eines römiſchen Cäſaren an, auf welcher die Sonne alle ihre Strahlen vereinte. Der Herzog hatte ihm zugehört mit Erſtaunen und Schrecken anfangs, dann mit Theilnahme und Rührung. Ihr Vater kannte den Kaiſer, ſagte er leiſe, gehörte zu ſeinen erſten und angeſehenſten Beamten, ſagen Sie? Wie war ſein Name, mein Herr? Der Angeredete warf abermals einen forſchenden Blick durch das Zimmer hin und ließ ihn lange ver weilen auf der verſchloſſenen Thür dort auf der ande⸗ ren Seite. Der Herzog verſtand dieſen Blick. Sprechen Sie, ſagte er haſtig. Jene Thür führt in mein Schlaf⸗ zimmer, das keinen andern Ausgang hat. Niemand befindet ſich in demſelben. Sprechen Sie! Sagen Sie mir jetzt den Namen Ihres Vaters! Majeſtät, mein Vater h hieß Fouché! Fouché, wiederholte der Herzog erbleichend. Doch nicht Fouché, der Polizeiminiſter? „ Ja, mein Vate den treueſt hörte. Mein voll, mein wdim gen wi wiſſen, w kommt, d eines Kle Sire, ren Nan mich dah wenn ich Majeſtä Sie wirkliche Herzog Nei draurig mir al Ro Do˖ G G 95 Ja, Majeſtät, der Polizeiminiſter Fouché war mein Vater, und ich wage zu behaupten, daß er zu den treueſten und eifrigſten Dienern des Kaiſers ge⸗ hörte. Mein Herr, ſagte der Herzog ernſt und würde— voll, mein Herr, ich will nichts mehr ſagen über den Polizeiminiſter Fouché, denn er iſt Ihr Vater. Schwei⸗ gen wir alſo von dem Vater, und laſſen Sie mich wiſſen, was den Sohn zu mir führt, und wie es kommt, daß ich Sie hier unter der ſeltſamen Maske eines Kleidermachers bei mir ſehe? Sire, es war mir unmöglich, unter meinem wah ren Namen zu Ihnen zu gelangen, und ich mußte mich daher wohl entſchließen, eine Maske vorzunehmen, wenn ich des Glückes theilhaftig werden wollte, Ew. Majeſtät zu ſehen. Sie haben es alſo verſucht, erſt unter Ihrem wirklichen Namen zu mir zu kommen? fragte der Herzog lebhaft. Nein, Sire, ich habe es nicht verſucht, denn das traurige Schickſal meines Freundes Barthelemy diente mir als Warnung. Barthelemy? Des Dichters, welcher die Helden —— 96 thaten meines Vaters beſungen hat? Was für ein trauriges Schickſal hat ihn denn betroffen? Ew. Majeſtät werden begreifen, daß ich es ein trauriges Schickſal nenne, Ew. Majeſtät nicht ſehen zu dürfen, wenn man aus dem innigſten Drang der Liebe eigens von Paris nach Wien kommt, um Ew. Majeſtät ſeine Huldigung darzubringen. Barthelemy hatte das gethan, er wollte den Sohn des Heros ſehen, er wollte ihm das Gedicht überreichen, in welchem er den Eroberer von Aegypten verherrlicht hatte. Wie? rief der Herzog lebhaft. Barthelemy war hier in Wien? Fouché blickte ihn erſtaunt an. Mein Gott, Ew. Majeſtät wiſſen das nicht? Nichts weiß ich, nichts, rief der Herzog. Erzählen Sie. Wann war er hier? Weshalb kam er? Wer hat ihm den Zutritt zu mir verweigert? Mein Gott, iſt es denn möglich, daß Ew. Ma jeſtät dies Alles wirklich nicht wiſſen? ſeufzte Fouché ſchmerzlich. Barthelemy war im vergangenen Jahr hier, er ward von der Ariſtokratie mit der größten Auszeichnung empfangen, und in ihre Salons aufge nommen. Aber all ſein Bemühen, zu Ew. Majeſtät ) zu gelange! an den Gre Aber dieſe davon Mel ternich's d Herr! unt Sire, Kaiſer ſel und ließ Wünſchen Metternie Grafen ſuch um zu mache ſung, in Graf S paß, de der Gre Er m ſchmerz mals Mühlba 97 zu gelangen, war vergeblich. Er wandte ſich zuerſt an den Grafen Dietrichſtein und bat um eine Audienz. Aber dieſer erklärte, daß er, bevor er Ew. Majeſtät davon Meldung machen dürfe, zuerſt die Befehle Met⸗ ternich's darüber einholen müſſe! Die Befehle des Kaiſers wollen Sie ſagen, mein Herr! unterbrach ihn der Herzog ſtolz. Sire, Barthelemy verſuchte es vergeblich bis zum Kaiſer ſelber zu gelangen. Der Kaiſer wies ihn ab, und ließ ihm ſagen, er möge ſich mit allen ſeinen Wünſchen und Begehren lediglich an den Fürſten Metternich wenden. Und Metternich? Sire, der Fürſt Metternich unterſagte es dem Grafen Dietrichſtein nicht nur, von Barthelemy's Ge ſuch um eine Audienz bei Eurer Majeſtät Meldung zu machen, ſondern er ſchickte dem Dichter die Wei ſung, in vierundzwanzig Stunden Wien zu verlaſſen. Graf Sedlnitzki ſandte ihm außerdem einen Zwangs chon jenſeits paß, der ihn nöthigte, in vier Tagen ſ der Grenzen des öſterreichiſchen Kaiſerſtaates zu ſein. Er mußte ſich alſo entfernen, und er nahm das ſchmerzliche Bedauern mit ſich, Ew. Majeſtät nie mals geſprochen, nur ein Mal im Theater Sie in Mühlbach, Erzherzog Johann. III. 7 98 der We der Ferne geſehen zu haben. Ganz Wien ſprach da⸗ mals von dieſer Begebenheit, Jedermann fand die gfehen Weigerung des Fürſten Metternich ſehr grauſam und ſondern Ew. Majeſtät wußten nichts davon? V Sein( Ein flüchtiges Roth flog über die Wangen des hat in Herzogs hin. Mein Herr, ſagte er ernſt, faſt ver⸗ Herzen weiſend, es iſt ſehr natürlich, daß ich von dergleichen wachge Salongeſchichten nichts erfahre, denn da ich noch nicht reich b meine Großjährigkeit erreicht habe, erſcheine ich noch wunder nicht in der Geſellſchaft, und lebe nur in der Um⸗ Wo gebung meiner Freunde und meiner Erzieher, und mit thelem dieſen habe ich ſo viele und ſo ernſte Dinge zu be⸗ En ſprechen, daß uns für die kleinen Tagesbegebenheiten ſetzt. keine Zeit mehr übrig bleibt. Ich erfahre daher halten nichts, was ſich in der Geſellſchaft und im öffent⸗ ſeinen lichen Leben begiebt. Erzählen Sie mir alſo weiter. Y Herr Barthelemy iſt nach Paris zurückgekehrt, und haltun nicht wahr, er zürnt mir? Er erzählt ſeinen Freun A den von der Gleichgültigkeit, welche ich gegen den Stoff Bewunderer meines Vaters, gegen den Dichter des rief Napoleon en Egypte, gezeigt? Er beſchuldigt mich, des däß ich ihn nicht hätte empfangen wollen? leid Ah, Sire, Ew. Majeſtät wiſſen wohl, daß dem in la nicht ſo iſt. Barthelemy hat wohl den Muth gehabt, dicht 99 der Welt zu ſagen, daß wenn er Ew. Majeſtät nicht geſehen, dies nicht der Wille Eurer Majeſtät war, ſondern die Grauſamkeit des Fürſten Metternich. Sein Gedicht hat das vor ganz Europa bekundet, es hat in den Herzen aller fühlenden Menſchen, in den Herzen aller Nationen auf's Neue die Sympathie wachgerufen für den Sohn des Mannes, den Frank reich betrauert, den es niemals aufgehört hat zu be⸗ wundern und zu lieben! Was iſt das für ein Gedicht, welches Herr Bar⸗ thelemy jetzt geſchrieben hat? Ew. Majeſtät fragen mich das? rief Fouché ent ſetzt. Ew. Majeſtät haben nicht einmal Kunde er⸗ halten von dem Gedicht, durch welches Barthelemy ſeinen Aufenthalt in Wien verewigt hat? Mein Herr, ich ſagte Ihnen ſchon, daß die Unter⸗ haltungen der Salons mir völlig fern ſtehen. Aber dies Gedicht Barthelemy's iſt nicht blos ein Stoff der Unterhaltung für die Salons geblieben, rief Fouché, der in der Abſicht, genau die Stellung des Herzogs am Kaiſerhofe zu erforſchen, kein Mit— leid mit ihm hatte. Die Zeitungen aller Länder haben in langen und ausführlichen Artikeln über dieſes Ge dicht geſprochen, das ſogar Gegenſtand diplomatiſcher 7*½ 100 Verhandlungen zwiſchen Frankreich und Oeſterreich Deſterre geweſen iſt. e d Der Herzog wandte ſich ab, vielleicht um nicht ſe hat das ſchmerzliche Zucken ſeines Mundes, die tiefe Röthe füf R. ¹ der Scham ſehen zu laſſen, welche über ſeine Wangen ltin 1 hinflog. d Ich leſe gar keine Zeitungen, ſagte er raſch und ſiaan heftig, ich bin zu ſehr mit meinen Studien beſchäftigt,— 3 um dafür Muße haben zu können. Erſt mit meiner diſßtnan Volljährigkeit werde ich Zeit finden, auch die politiſchen V iün Blätter mit Aufmerkſamkeit zu leſen. Sagen Sie mir Vaden alſo, wie heißt das Gedicht, und in wiefern hat es ſenes Stoff zu diplomatiſchen Unterhandlungen gegeben? bohl, Sire, das Gedicht Barthelemy's heißt: Le fils de der A- Phomme, und Oeſterreich fand ſich dadurch veranlaßt, min g von der franzöſiſchen Regierung zu fordern, daß ſie Stach den Verfaſſer dieſes Gedichts, welches man ein belei— Si digendes Pamphlet nannte, ſtrenge beſtrafen ſolle. aus di Und was hat die franzöſiſche Regierung darauf und geantwortet? ruft S Sire, ſie hat geantwortet, wie die Regierung eines ihm Königs antworten mußte, der nicht durch die Liebe drücke des Volkes, ſondern durch den Willen der Mächte,“ Jami die ihm ſeinen Thron gegeben, durch den Willen Fran 101 Oeſterreichs zumeiſt, die Krone Frankreichs trägt. Sie hat Barthelemy als Hochverräther angeklagt, und ſie hat ihn verurtheilt zu einer Gefängnißſtrafe von fünf Monaten, außerdem noch zu einer Geldbuße von zehntauſend Francs. Der Herzog ſeufzte tief auf, und eine tödtliche Bläſſe ſtieg auf ſeine Wangen. Demnach bin ich Schuld daran, daß man einen Franzoſen verurtheilt und beſtraft? fragte er ſchmerzlich. Demnach laſtet es auf mir und meinem Namen, daß man einen Dichter ſeiner Freiheit und ſeines Geldes beraubt? Ach, mein Herr, Sie ſehen wohl, daß es gut für mich iſt, wenn ich nichts von der Außenwelt erfahre, wenn keine Nachrichten zu mir gelangen, denn dieſe Nachrichten bohren ihre Stacheln tief in mein Herz ein. Sire, ſagte Fouché leiſe und ſchnell, machen Sie aus dieſen Stacheln Schwerter, mit denen Sie Sich und Ihre Freunde vertheidigen. Sire, Frankreich ruft Sie, Frankreich erſehnt Sie als den Erlöſer, der ihm die Freiheit, die Erlöſung bringen ſoll von drückender Tyrannei, von der Schmach und dem Jammer der bourboniſchen Herrſchaft. Im Namen Frankreichs, im Namen aller der Getreuen, welche mit heißer Liebe an Ew. Majeſtät hängen, im Namen 102 Ihres Vaters beſchwöre ich Sie, Ihr Ohr nicht dem Sehnſuchtsruf Frankreichs zu verſchließen, kommen Sie zurück zu Ihren Unterthanen, die Sie erwarten, die bereit ſind mit ihrem Blut, ihrem Leben Ihnen den Weg zu Ihrem Thron, zu dem rechtmäßigen Erbe Ihres Vaters zu erkämpfen! Das heißt, Sie ſchlagen mir vor, einen Einbruch in Frankreich zu verſuchen? fragte der Herzog heftig. Sie wollen, daß ich mich zum Abenteurer erniedrige, der einen Raubzug unternimmt und durch böswilligen Ueberfall ſich erbeuten will, was Andere in friedlichem und ungeſtörtem Beſitz haben? Sire, ſagte Fouché lebhaft, der Kaiſer kehrte auch mit dem Schwerte in der Hand von Elba zurück, er betrat den Boden Frankreichs auch als Eroberer Denen gegenüber, welche den Thron Frankreichs be⸗ ſaßen, und ein dynaſtiſches Recht auf ihn hatten. Man fing damals auch an, ihn einen Abenteurer, einen Raubritter zu nennen, aber man hörte damit auf, daß man vor ihm entfloh, und in ſo eiliger Flucht, daß man die Thüren der Tuilerieen offen ließ, damit der Kaiſer unter Zujauchzen der Nation gleich ſeinen Einzug in dieſelben halten konnte. Sire, Sie ſind der Erbe des Kaiſers in den Herzen der Abenteure bezeigen, Kaiſer! ſeiner B. aufeinand der aus Schritten und jede vorüberk fragende er ihn! auf Ein gekomme ruhigen nicht me war zu gefaßt. CEr ſein A Kopf Franzoſen! Kommen Sie nach Frankreich! Laſſen Sie immerhin Ihre Feinde ſagen, daß Sie als Abenteurer kommen, Frankreich wird dieſen Feinden bezeigen, daß es Sie willkommen heißt als ſeinen Kaiſer! Der Herzog ſchrak zuſammen, ein Zittern durch flog ſeine Geſtalt, der Athem ging keuchend aus ſeiner Bruſt hervor, und er preßte die Lippen feſt aufeinander, als wolle er den Schrei zurückhalten, der aus ſeinem Herzen emporſtieg. Mit haſtigen Schritten ging er lebhaft einige Male auf und ab, und jedes Mal, wenn er an dem Bilde Napoleons vorüberkam, hob er das Auge mit einem ſeltſam fragenden angſtvollen Blick zu ihm empor, als wolle er ihn um Rath fragen, was er zu thun habe. Dann auf Einmal aber ſchien er zu einem feſten Entſchluß gekommen zu ſein, ſeine Züge nahmen ihren ernſten ruhigen Ausdruck wieder an, ſeine Bruſt hob ſich nicht mehr in ſo ſtürmiſchen Athemzügen. Der Kampf war zu Ende, der Herzog hatte ſeinen Entſchluß gefaßt. Er blieb an ſeinem Schreibtiſch ſtehen, und wandte ſein Antlitz Fouché zu. Wie er ſo daſtand, war ſein Kopf in gleicher Höhe mit dem Bilde ſeines Vaters, 104 dicht neben ihm, und ein wunderbarer Contraſt, und zugleich eine wunderbare Aehnlichkeit war es, welche dieſe beiden Köpfe darboten. Dieſelbe Bläſſe, welche auf dem Antlitz des Cäſaren lag, zeigte auch das Antlitz ſeines Sohnes, derſelbe ſchmerzliche Schatten lag auf der Stirn des Vaters, wie des Sohnes, derſelbe tiefe Blick voll Feuer und Energie in den großen, von langen Wimpern verſchleierten Augen. Und doch, welche Verſchiedenheit in dieſen beiden Köpfen! Dort auf dem Antlitz des Kaiſers durch— furchte Züge, weltverachtender Ernſt, und jene Ruhe, welche das Meer zeigt, wenn es ausruht nach langen, weltzertrümmernden Stürmen; hier auf dem Antlitz ſeines Sohnes der ſchmerzliche Ausdruck der Reſigna⸗ tion, die erzwungene Ruhe niedergehaltener Stürme, die kranke Bläſſe des Leidens, nicht der Sorgen! Der Herzog, als ſei er ſich bewußt, daß die Augen Fouché's ſolche Vergleiche anſtellten, und der Aehn— lichkeit zwiſchen dem Sohn und dem Vater nach— ſpürten, der Herzog wandte ſich noch einmal um nach dem Bilde des Kaiſers, und ſchien aus ſeinen Zügen ſich Troſt, Ruhe und Entſchloſſenheit zu gewinnen, denn als Angeſicht vollkommen ruhig und ſanft. er ſich Fouché wieder zukehrte, war ſein allen Ihre behaupten Sagen S teurer nae mich berr zu gelang ſagen dar Ruhmenn Sire, welchen bonen ze Revoluti wird, a LSie erg Frankrei tropfen haſtig 5 D D 8; Diedesfre 105 Mein Herr, ſagte er ernſt und feierlich, hören Sie jetzt meine Antwort, und wiederholen Sie ſie allen Ihren Freunden, allen Denen, von welchen Sie behaupten, daß ſie mich in Frankreich erwarten. Sagen Sie ihnen dieſes:„Ich kann nicht als Aben— teurer nach Frankreich zurückkehren! Möge die Nation mich berufen. Ich werde dann Mittel finden dahin zu gelangen. Dies iſt Alles, was ich ſagen kann, ſagen darf, wenn ich nicht meiner Ehre, und dem Ruhme meines Namens untreu werden ſoll.“*) Sire, werden Sie den Donner der Kanonen, mit welchen die franzöſiſche Nation den Thron der Bour bonen zerſchmettert, werden Sie die Sturmglocke der Revolution, welche bald ganz Frankreich durchhallen wird, als den Ruf anerkennen, den die Nation an Sie ergehen läßt? Werden Sie kommen, wenn Frankreich zum zweiten Mal die Lilien aus ſeinem Wappen ſtößt, und die Tricolore erhebt? Der Herzog athmete hoch auf, große Schweiß— tropfen ſtanden auf ſeiner Stirn, er trocknete ſie haſtig fort mit dem weißen Batiſttaſchentuch und *) Die eigenen Worte des Herzogs von Reichſtadt. Siehe: Tiedesfreund, Napoleon III. S. 43. 106 drückte dies einen Moment an ſeine Augen, vor denen es flimmerte und leuchtete wie Feuerflammen. Mein Herr, ſagte er dann ruhig, ich wiederhole es Ihnen: Ich kann nicht als Abenteurer nach Frank reich gehen. Möge die Nation mich berufen, und ich werde kommen! Sire, ich werde Ihre Worte allen Denen wieder: holen, welche Ihre Gegenwart erſehnen, und das iſt die franzöſiſche Nation. Sie wollen mich doch nicht zur Standarte einer Revolution machen? rief der Herzog mit düſterm Blick. Sie wollen doch nicht meine Worte ſo wenden, als forderte ich die franzöſiſche Nation heraus, eine Re⸗ volution zu machen? Ich ſchwöre Ihnen, wenn dies geſchieht, wenn meine Worte zu einer Herausforde rung benutzt werden, wenn man ſie ſo laut wieder holt, daß ſie hier in Wien ihren Wiederhall finden, ſo werde ich nicht nach Frankreich kommen, ſo werden die Bande, welche mich hier einengen, nur noch feſter gezogen werden. Majeſtät, fürchten Sie nichts! Ich werde Ihre Worte nur den Eingeweihten wiederholen, nur unter dem Siegel des Geheimniſſes, das wir Alle geſchworen haben zu bewahren bis zu unſerm letzten Athemzug. Nur die Mi Majeſtät W bewahren in ſie werden Sie ſpre haſtig. Sie exiſtire unt Vaters wir ſondern ſie immer eng ſeßt. Si eine große ſetzen kann Anweſenhe Beweis. und Aufſe Schwelle Jeſuchern Vonapart hier, und wachen meiner T richt das 107 Nur die Mitglieder unſers Bundes werden von Eurer Majeſtät Worten Kunde erhalten, und ſie werden ſie bewahren in der tiefſten Tiefe ihres Herzens, aber ſie werden die Richtſchnur ihrer Handlungen ſein. Sie ſprechen von einem Bunde? fragte der Herzog haſtig. Sie wollen mich alſo glauben machen, es exiſtire unter den Freunden und Anhängern meines Vaters wirklich noch eine Gemeinſchaft? Sire, eine ſolche Gemeinſchaft exiſtirt nicht blos, ſondern ſie iſt eine Macht, welche ſchon enge und immer engere Kreiſe um den Thron der Bourbonen zieht. Sire, unſer Bund hielt vor wenigen Wochen eine große Sitzung, und daß er mächtig iſt, und durch ſetzen kann, was unmöglich ſcheint, davon giebt meine Anweſenheit hier in dieſem Gemach den deutlichſten Beweis. Man umgiebt Ew. Majeſtät mit Spähern, und Aufſehern, man läßt gar keine Beſucher dieſe Schwelle überſchreiten, damit man nicht unter dieſen Beſuchern vielleicht einmal einen Franzoſen, einen Bonapartiſten einlaſſen könnte, und dennoch bin ich hier, und zwanzig andere Brüder unſers Bundes be wachen in dieſem Augenblick die Burg. Sie harren meiner Wiederkehr, und wenn ich ihnen ſagte, daß ich nicht das Glück gehabt, Eure Majeſtät zu ſehen, ſo 108 würden ſie alle Mittel der Liſt, der Intrigue, der Beſtechung verſuchen, um das zu erreichen, was mir mißglückte, um bis zu Eurer Majeſtät zu gelangen, um den Schwur zu erfüllen, den wir neulich in der großen Bundes-Verſammlung geleiſtet. Mein Gott, was ſagen Sie da? fragte der Herzog angſtvoll. Zwanzig Andere wiſſen darum, daß Sie eben bei mir ſind und Sie glauben, daß dieſe Alle verſchwiegen ſein werden? Daß ſie es nicht den Spionen des Grafen Sedlunitzki verrathen werden? Zwanzig Ihrer Freunde bewachen in dieſem Augen— blick die Burg und harren Ihrer Rückkehr? Und Sie glauben, daß dieſe Zwanzig den hundert Wächtern der Polizei entgehen ſollten, welche Tag und Nacht die Burg umlagern, und dieſe Fenſter hier beobachten? Sire, die Augen der Polizei ſind nicht ſo ſcharf— ſichtig, um uns zu erkennen, obwohl wir Alle, die wir dem großen Bunde angehören, uns erkennen, wenn wir uns bis dahin auch niemals geſehen hätten. Oh, das klingt wie ein Zaubermährchen, ſagte der Herzog achſelzuckend. Sie behaupten Dinge, welche Sie nicht nöthig haben zu beweiſen. Ich bitte, Ew. Majeſtäteinen Beweis davon geben zu dürfen, daß die Brüder dieſes Fenſter be⸗ wachen, und ſie erkennen Wie we weiſen? fra Ew. M dem Fenſter Damit unten ſteher Ihrer Seit Nein, an der Se den Getrer innere, daſ haftig gew von dem grüßte.) dieſen ſeid ſelben ver ich an das Der ſter hin, bergend, wenig bei breit genn 10ʃ wachen, und daß ich mich mit ihnen verſtändigen und ſie erkennen kann. Wie wollen Sie es anfangen, mir das zu be weiſen? fragte der Herzog lebhaft. Ew. Majeſtät, indem ich Sie bitte, ſich mit mir dem Fenſter zu nähern. Damit Diejenigen, welche, wie Sie ſagen, dort unten ſtehen, und meine Fenſter bewachen, mich an Ihrer Seite ſehen? Nein, Sire, ich habe nicht den Hochmuth, mich an der Seite des zukünftigen Kaiſers von Frankreich den Getreuen zeigen zu wollen, obwohl ich mich er innere, daß mein Vater oftmals der hohen Ehre theil haftig geweſen, hinter dem Kaiſer zu ſtehen, wenn er von dem Balcon der Tuilerieen aus ſein Volk be— grüßte. Nein, ich bitte Ew. Majeſtät, nur hier hinter dieſen ſeidenen Vorhang zu treten, und hinter dem ſelben verborgen die Straße zu beobachten, während ich an das Fenſter trete. Der Herzog trat mit raſchen Schritten zu dem Fen ſter hin, und hinter dem dunkelrothen Vorhang ſich bergend, ſchob er ihn an der Seite des Fenſters ein wenig bei Seite, ſo daß eine ſchmale Spalte entſtand, nur breit genug, um mit dem einen Auge hindurch zu ſchauen. V Le fils de l'homme. Können Ew. Majeſtät die Straße überſchauen? fragte Fouché, welcher indeſſen bis dicht an das Fen⸗ ſter vorgetreten war. Ja, ich überſchaue den ganzen Platz, und blicke hinein in die zwei einmündenden Straßen dort drüben. Nun wohl! Sehen Ew. Majeſtät jene beiden Bettler, welche dort drüben mit einander ſchwatzen und lachen? 4 Ich ſehe ſie. Sie ſcheinen durchaus ihre Aufmerkſamkeit nur dem Geſpräch miteinander und den Vorübergehenden zuzuwenden, welchen ſie bettelnd ihre Hände entgegen— ſtrecken, und doch verſichere ich Ew. Majeſtät, daß ſie bereits mich geſehen haben, und auf ein Zeichen von mir warten. Mein§ doch nicht zu Ihrem Alten ſeit beſtändig haben gew die Polizei Ja, e nungen, w nen, nur Kleidern hinlänglich geſchafft den Unſe eine der jetzt ein ſollen. Der hin. Er Hand an Fingern richtete beiden2 Sie Mein Herr, ſagte der Herzog lächelnd, Sie wollen doch nicht behaupten, daß dieſe beiden alten Bettler zu Ihrem Bunde gehören? Ich kenne dieſe beiden Alten ſeit meiner Kindheit, ſie ſind ſeit zwölf Jahren beſtändig hier auf derſelben Stelle zu finden, und haben gewiſſermaßen hier ihren Standort, den ihnen die Polizei nicht mehr ſtreitig macht. Ja, es ſind dieſelben Kleider, dieſelben Erſchei— nungen, wie Ew. Majeſtät ſie ſeit zwölf Jahren ken⸗ nen, nur ſind es nicht dieſelben Menſchen, die in den Kleidern ſtecken. Die beiden Alten ſind mit einer hinlänglichen Penſion von hier fort und nach Paris geſchafft und in den Kleidern ſtecken jetzt zwei von den Unſern. Sehen Ew. Majeſtät, jetzt wendet der eine der Bettler ſein Haupt hierher. Ich werde ihm jetzt ein Zeichen machen, daß ſie ſich Beide entfernen ſollen. Der Herzog wandte den Blick raſch zu Fouché h in. Er ſah wie dieſer die drei Finger der linken Hand an das rechte Auge legte, und dann mit dieſen Fingern eine abwehrende Bewegung machte. Nun richtete er das Auge wieder auf die Straße hin, den beiden Bettlern zu. Sie ſtanden noch immer nebeneinander im Ge⸗ —— 112 ſpräch, Beide den Fenſtern des Schloſſes den Rücken zukehrend. Ah, mein Herr, rief der Herzog triumphirend, es ſcheint, meine beiden alten Bettler haben Ihre Zeichen nicht verſtanden, denn ſie gehen nicht. Haben Ew. Majeſtät nur die Gnade zu warten. Die beiden klugen Männer wiſſen wohl, daß ihr ſchnelles Fortgehen vielleicht die Aufmerkſamkeit der Polizei auf ſich lenken möchte, ſie werden daher eine Gelegenheit abwarten. Ah, da kommt eine Gelegen⸗ heit. Sehen Ew. Majeſtät, wie eifrig die beiden Bettler jetzt ſich dem Herrn zuwenden, der dort über den Platz kommt? Sie ſtrecken ihm die Hände ent⸗ gegen, ſie bitten um eine Gabe. Der Herr beachtet ſie nicht, er geht weiter, aber meine Bettler ſind hartnäckig, ſie werden nicht von ihm ablaſſen, ſie werden ihm folgen. Ja, in der That, Sie haben Recht, die Bettler folgen ihm, rief der Herzog eifrig, das Auge dicht an die Spalte des Vorhangs gelehnt. Sie gehen hinter ihm her, ſie verlaſſen mit ihm den Platz. Mein Herr, ich ſehe wohl, in dieſem Fall haben Sie Recht, jene Bettler ſcheinen wirklich im Einverſtändniß mit Ihnen zu ſein. Ich bi dies nicht lächelnd. wie es ſch den lange ſeines ſch Ja, ein Frem ſich nach das erlau Anſtoß d finden, d wenig au ſeine Bl ſtmmen, Mög og läche betrachte hat ein Zutrane Sir er die dielleich Mühlbac ihr 113 Ich bitte Ew. Majeſtät beweiſen zu dürfen, daß dies nicht die beiden Einzigen ſind, ſagte Fouché lächelnd. Sehen Sie dort jenen Herrn, der eben, wie es ſcheint, in tiefen Gedanken daher kommt? Sie meinen jenen Herrn in dem Zobelpelz, mit den langen weißen Haaren, die zu beiden Seiten ſeines ſchönen Greiſenkopfes niederfallen? Ja, eben den meine ich, Sire. Es iſt offenbar ein Fremder, denn ſehen Sie nur, wie neugierig er ſich nach allen Seiten umſchaut. Den Fremden iſt das erlaubt, und die Herren Poliziſten werden keinen Anſtoß daran nehmen, ſie werden es ganz natürlich finden, daß ein Fremder ſich auch die Kaiſerburg ein wenig aufmerkſam betrachtet. Jetzt wendet der Fremde ſeine Blicke hierher. Ew. Majeſtät, ich bitte zu be⸗ ſtimmen, ob der Fremde gehen oder bleiben ſoll. Möge er noch ein wenig bleiben, ſagte der Her zog lächelnd, ich will mir ſein Geſicht noch ein wenig betrachten, damit ich es im Gedächtniß behalte. Er hat ein ſehr edles, würdiges Ausſehen; man könnte Zutrauen faſſen zu dieſem ſchönen, ſtolzen Geſicht. Sire, er würde Freudenthränen vergießen, wenn er die Worte Eurer Majeſtät hören könnte, er würde vielleicht ſagen, daß der Sohn ihm die Gnade habe Mühlbach, Erzherzog Johann. IIlI. 8 — 114 zu wiederholen, was ihm der Vater, der Kaiſer, ſo oft geſagt. Wie, er hat meinen Vater gekannt? Sire, er hat nicht allein den Kaiſer gekannt, ſon— dern er hat in mancher harten Schlacht an ſeiner Seite geſtanden, und nach der Schlacht von Auſterlitz hat ihn der Kaiſer vor der Fronte der Armee um⸗ armt, ihn belobt wegen ſeiner Tapferkeit und zum General ernannt. Das alſo iſt einer von den Tapferen meines Va— ters, murmelte der Herzog bewegt, einer von den Generalen der großen Armee? Einer von den Generalen, welche ihrem Kaiſer treu geblieben bis über das Grab hinaus, Einer von Denen, welche des heiligen Glaubens ſind, daß das Schickſal eines Tages den Sohn des Auserwählten nach Frankreich und auf den Thron ſeines Vaters zurückführen wird. Einer von den Vielen, welche be— reit ſind, dem Schickſal ihren Arm zu leihen, und ihm zu helfen, dieſes große heilige Ziel zu erreichen. Sire, an dem Tage, an welchem der Kaiſer damals in Rochefort ſich einſchiffte, an dem Tage legte dieſer Tapfere, Getreue ſeine Uniform weinend ab, und ſchwur, ſie nicht eher wieder anzulegen, bis er ſie wieder im von Rom gekommen um im G. zurückzukel nungen de reichs nich Soll i wiederhole dem Gene Anhänger kommen, bitee, erl Fouch General ſmngewan und blieb 115 wieder im Dienſte ſeines Kaiſers oder des Königs von Rom tragen dürfe. Jetzt hofft er, daß dieſe Zeit gekommen iſt, daß er endlich ſein Exil verlaſſen darf, um im Gefolge ſeines jungen Kaiſers nach Frankreich zurückzukehren. Sire, wollen Ew. Majeſtät die Hoff— nungen des treuen Generals, die Hoffnungen Frank— reichs nicht erfüllen? Soll ich Ihnen meine Worte zum dritten Male wiederholen? fragte der Herzog ernſt. Sagen Sie dem General, was Sie allen andern Freunden und Anhängern meines Vaters ſagen ſollen: ich würde kommen, wenn die Nation mich beriefe. Aber ich bitte, erlöſen Sie den General von der Marter des Stillſtehens, geben Sie ihm das Zeichen weiter zu gehen. Fouché gab das Zeichen wie vorher, aber der General blieb ſtehen, und die Blicke nach dem Fenſter hingewandt, legte er die drei Finger an das Auge, und blieb ſo ſtehen. Ah, ich glaube zu errathen, was er meint, ſagte Fouché lebhaft. Er möchte, bevor er ſich entfernt, das Glück haben, ſeinen jungen Kaiſer zu ſehen. Sire, ſeien Sie großmüthig, zeigen Sie Sich einen 8* 116 Moment, laſſen Sie einen Moment den General Mo rand Ihr Antlitz ſehen! General Morand, es iſt der General Morand, der dort ſteht? Ja, es iſt der General Morand, einer von den Getreuen, welche den Kaiſer nach Elba geleiteten. Sire, belohnen Sie ihn heute für die Treue und Liebe, welche er dem Kaiſer bewieſen, laſſen Sie ihn Ihr Antlitz ſehen! Nehmen Sie meine Stelle hier ein. Der Herzog ließ den Vorhang fallen, und war ſchon im Begriff, die Bitte Fouché's zu erfüllen und in die Mitte des Fenſters zu treten, dann auf einmal warf er ſich zurück, und ein ſeltſamer argwöhniſcher Blick ſeiner großen Augen traf das Antlitz Fouché's. Dieſer Blick ſchien zu fragen: biſt Du vielleicht ein Verräther, der mich in Verſuchung führen ſoll? Hat man Dich vielleicht hierher geſandt, um mich zu prüfen, um zu erfahren, ob ich mich in dergleichen Intriguen einlaſſen möchte? Nein, ſagte er dann laut, nein, ich darf mich nicht zeigen. Man könnte das für ein Zeichen meiner Uebereinſtimmung halten, und niemals kann ich über einſtimmen mit Denen, welche heimlich und unter einer Maske zu mir kommen, ſtatt am hellen Lichte des Tages ſprechen. erkenne al einige Ihn placirt ha dieſe Wen zöſiſchen; Ew. Fouché ſe Ich erlaubt e rungen m fort, ich in Fran des Kaf ſind Si⸗ welche de welche möchten ihre Kr ihre Pl Id ſagte wie es 117 des Tages offen und laut im Namen der Nation zu ſprechen. Laſſen Sie es genug ſein, mein Herr. Ich erkenne an, daß Sie da unten vor meinen Fenſtern einige Ihrer Freunde und Vertrauten recht geſchickt placirt haben, aber Sie werden mir zugeben, daß dieſe Wenigen mir nicht als Repräſentanten der fran⸗ zöſiſchen Nation erſcheinen können. Ew. Majeſtät weiſen mich alſo zurück? fragte Fouché ſchmerzvoll. Ich weiſe Sie nicht zurück, aber meine Stellung erlaubt es mir nicht, an Intriguen und Verſchwö⸗ rungen mich zu betheiligen. Und dann, fuhr er zögernd fort, ich habe von Ihnen erfahren, daß es wirklich in Frankreich noch Männer giebt, welche den Sohn des Kaiſers nicht vergeſſen haben. Aber vielleicht ſind Sie und Ihre Freunde dort unten die Einzigen, welche den kühnen Entſchluß gefaßt, hierher zu kommen, welche einen phantaſtiſchen Gedanken verwirklichen möchten, und hoffen, daß ſie ſpäter, wenn ſie mich in ihre Kreiſe gezogen, auch wohl weitere Anhänger für ihre Pläne finden würden. Ich ſehe wohl, Ew. Majeſtät mißtrauen mir, ſagte Fouché traurig. Der Sohn macht es mit mir, wie es der Kaiſer mit meinem Vater gemacht hat, er —— 118 glaubt nicht an meinen Eifer, an meine Treue, er will mir nicht vertrauen. Nun wohl denn, ich ziehe mich traurigen Herzens und tief gedemüthigt zurück. Aber ich will Ew. Majeſtät wenigſtens ein Mittel anvertrauen, durch welches Sie erkennen ſollen, daß nicht, wie Ew. Majeſtät glauben, ich und meine drei Freunde dort unten die Einzigen ſind, welche den Plan gefaßt haben, den Sohn des Kaiſers zurückzu führen nach Frankreich auf den Thron ſeines Vaters, ſondern daß wir viele und angeſehene Bundesgenoſſen haben. Sire, ich will Ihnen das Zeichen mittheilen, an welchem alle Mitglieder des Bundes ſich unter einander erkennen. Sie legen die drei erſten Finger der linken Hand einen Moment an das rechte Auge, das iſt das Bundeszeichen der Bonapartiſten. Ich werde heute noch allen in Wien anweſenden Bona partiſten ſagen, daß Jeder von ihnen überall, wo er das Glück hat Ew. Majeſtät zu begegnen und zu ſehen, Sie grüßen ſoll mit dem Bundeszeichen. Ew. Majeſtät werden von heute an viele ſolcher Grüße empfangen, und Sie werden wenigſtens daran erkennen müſſen, daß nicht ich und meine Freunde die Einzigen ſind, welche es zur heiligen Aufgabe ihres Lebens ge macht haben, den Sohn des Auserwählten wieder zurückzufül Jetzt, da Ihnen irg haben, jetz Der 4 er, ich b ſondern freuen, w legenheit Sprechen was kann Sire, haben zu nommen, ein Exen Phomme dem das jeſtit zu haben, Er vor und Ich freundl thelemt 119 zurückzuführen in ſein Vaterland und auf ſeinen Thron. Jetzt, da ich Ew. Majeſtät verlaſſen muß, ohne von Ihnen irgend einen Troſt, eine Hoffnung erhalten zu haben, jetzt bitte ich nur noch um Eine Gnade. Der Herzog lächelte traurig. Mein Herr, ſagte er, ich bin es nicht gewohnt, Gnaden auszutheilen, ſondern nur ſie zu empfangen. Es ſoll mich daher freuen, wenn ich durch Sie zum erſten Mal eine Ge legenheit haben ſollte, irgend eine Bitte zu erfüllen. Sprechen Sie alſo, was wünſchen Sie von mir und was kann ich für Sie thun? Sire, in der letzten Verſammlung unſers Bundes haben zwanzig von den Brüdern den Auftrag über⸗ nommen, ſich nach Wien zu begeben und Ew. Majeſtät ein Exemplar von Barthelemy's Gedicht: Le fils de Phomme, zu übergeben. Ich bin der Erſte geweſen, dem das Glück zu Theil geworden, bis zu Ew. Ma jeſtät zu gelangen. Wollen Ew. Majeſtät die Gnade haben, von mir dies Gedicht entgegen zu nehmen? Er zog aus ſeinem Buſen eine Rolle Papier her vor und reichte ſie dem Herzog dar. Ich nehme das Gedicht an, ſagte der Herzog freundlich, und ich werde es leſen, wie ich auch Bar— thelemy's Gedicht: Napoleon in Aegypten, geleſen 120 habe. Sagten Sie nicht, Barthelemy ſei zu fünf Monaten Gefängniß und zu zehntauſend Francs Buße verurtheilt worden? Ja, Sire, und im Fall er nicht zahlen kann, wird er noch fünf weitere Monate im Gefängniß bleiben müſſen. Armer Dichter! Und hat er ſeine Strafe ſchon angetreten? Noch nicht, Sire, denn er hat gegen das Urtheil beim höchſten Gerichtshof appellirt und auf Caſſation angetragen. Bis der Gerichtshof das letzte Urtheil geſprochen, bleibt Barthelemy noch frei und konnte deshalb vor vierzehn Tagen noch einer Verſanmlung unſers Bundes beiwohnen. Jetzt iſt er nach Frank reich zurückgekehrt und in den nächſten Tagen wird das letzte Urtheil geſprochen. Ich möchte dies Urtheil wohl kennen, ſagte der Herzog ſinnend. Ich möchte wiſſen, ob man ihn be⸗ gnadigt, oder ob er wirklich um meinetwillen ſo ſchwere Strafe erdulden muß. Wollen Ew. Majeſtät erlauben, Ihnen darüber Nachricht zu ertheilen? Wie wollen Sie das anfangen? Meine Haupt— manns⸗Uni legenheit m Doch, daß an der geſſen ſind kunftsmitte zu können. ſich niede ernſten 2 Mein wieder a mein Wi hindern ſo geſch mich da zum Th darf ich 121 manns⸗Uniform iſt fertig und bietet Ihnen keine Ge legenheit mehr dar, zu mir zu kommen. Doch, Majeſtät. Haben Sie nicht ſelber geſagt, daß an der einen Aermelnaht die doppelten Litzen ver⸗ geſſen ſind. Wir mußten uns wohl ein ſolches Aus⸗ kunftsmittel offen halten, um zu Ew. Majeſtät gelangen zu können. Sie haben alſo abſichtlich jenes Verſehen machen laſſen? Zu Befehl, Majeſtät. Ich habe jetzt Gelegenheit, den Uniformrock kraft meines Amtes wieder mitzu⸗ nehmen und ihn nach einigen Tagen wieder hierher zu bringen. Der Herzog ſchwieg und blickte gedankenvoll vor ſich nieder. Dann hob er das Auge mit einem vollen ernſten Blick zu Fouché empor. Mein Herr, ſagte er würdevoll, ich darf Sie nicht wieder annehmen. Sie ſind hierher gekommen ohne mein Wiſſen und Zuthun, ich habe es alſo nicht ver⸗ hindern können. Wenn Sie zum zweiten Male kämen, ſo geſchähe es mit meiner Einwilligung und ich machte mich dadurch nicht allein zum Mitwiſſer, ſondern auch zum Theilhaber Ihrer Pläne und Entwürfe, und das darf ich nicht. 22 Nun wohl denn, ſeufzte Fouché, ich werde alſo dem Glück entſagen, Ew. Majeſtät noch einmal wieder hier zu ſprechen. Aber ich erlaube mir zu bitten, daß ich Eurer Majeſtät die Nachricht über Barthelemy bringen darf, auch ohne Sie zu ſprechen, oder Ihnen zu ſchreiben. Auf welche Weiſe alsdann? Sire, ich werde heute über acht Tage genau um dieſelbe Stunde auf dem Platz hier dieſem Fenſter gegenüber erſcheinen, und ich bitte Ew. Majeſtät, daß Sie die Güte haben wollen, alsdann an dieſes Fenſter hier zu treten. Ich werde, wie heute, als Kleider macher mit einem Packet unter dem Arm erſcheinen; iſt dies Packet in ein weißes Tuch eingeſchlagen, ſo hat der höchſte Gerichtshof das Urtheil caſſirt, iſt es in einem ſchwarzen Tuch, ſo hat er es beſtätigt und Barthelemy muß dann ſeine Gefängnißſtrafe antreten. Bleibe ich bei den beiden Bettlern ſtehen und reiche ihnen eine Gabe dar, ſo muß Barthelemy außerdem noch die Geldbuße von zehntauſend Franes entrichten, gehe ich an ihnen vorüber und mache eine abweiſende Bewegung, ſo hat ihn der Gerichtshof von dieſem Theil der Strafe entbunden. Ich danke Ihnen, ſagte der Herzog freundlich. Ich werde Freitag, g. ſtehen und Laſſen Sie tragen und Und nun thelemy m tauſend F er, ſtatt z bleiben mm theil beſta Sire, hat außer Schweſter hat ſich Nlied Ba thelemy ein ſolche Ret, irge Er hat Strafe des Pub für den tonen a Ich werde heute über acht Tage, alſo am nächſten Freitag, genau um dieſelbe Stunde hier am Fenſter ſtehen und ich werde Ihre Botſchaft empfangen.— Laſſen Sie mich hoffen, daß Sie ein weißes Packet tragen und daß Sie den Bettlern kein Almoſen geben. Und nun erlauben Sie mir noch eine Frage: iſt Bar thelemy mindeſtens vermögend genug, um die zehn tauſend Francs Buße zahlen zu können? Oder wird er, ſtatt zu zahlen, noch weitere fünf Monate gefangen bleiben müſſen, wenn der obere Gerichtshof das Ur theil beſtätigt? Sire, Barthelemy iſt ganz ohne Vermögen und er hat außerdem noch eine ganz blinde Mutter und eine Schweſter zu ernähren. Aber unſer Bundesverein hat ſich erboten, die Strafgelder für das Bundesmit glied Barthelemy zuſammen zu bringen und ſie Bar thelemy zu übergeben. Er hat es aber abgelehnt, ein ſolches Almoſen zu empfangen und hat ſich gewei gert, irgend eine derartige Unterſtützung zu empfangen. Er hat geſagt: ich will allein meinen Lohn und meine Strafe empfangen. Wenn mein Gedicht den Beifall des Publikums empfängt, das Mitleid und die Liebe für den Sohn des Mannes in den Herzen der Na tionen anregt, ſo iſt das mein ſchönſter Lohn, und 124 dafür will ich dann auch die Strafe hinnehmen, welche Denen zur Schande gereicht, die ſie über mich ver— hängen. Kann ich nicht der Held des Bonapartismus ſein, ſo will ich wenigſtens den Muth haben, ſein Märtyrer zu ſein. Und ſeine blinde Mutter, ſeine arme Schweſter? Wer wird für dieſe Armen ſorgen, während ihr Er— nährer im Gefängniß ſchmachtet? Der Bund wollte dieſe Sorge übernehmen, aber Barthelemy's Schweſter iſt eben ſo ſtolz, wie ihr Bruder, ſie hat erklärt, keine Almoſen annehmen zu wollen, es ſei von wem es ſei. Gleich ihrem Bruder wolle ſie dulden für ihren Kaiſer, für Napoleon den Zweiten, und nur von ihm oder von Gott dürfe ſie Unterſtützung annehmen. Wenn aber dieſe Beiden ihr nicht helfen wollten, ſo würde ſie ihre Mutter und ſich ſelber von ihrer Hände Arbeit ernähren. Eure Majeſtät ſehen wohl, es ſind nicht blos die Männer, welche dem Cultus ihres Kaiſers treu geblieben, auch die Frauen begeiſtern ſich für denſelben. 1 Ich ſehe aber auch, daß man den Cultus in der Stille übt, und daß bis jetzt nur Eine Frau ſolche Begeiſterung bewieſen, ſonſt würden Sie mir noch andere Beiſpiele anführen. Warten wir alſo! Wenn die Nation laſſe ich u Fractionen mein Her Zufall, d allein ſpr verſuchen, Gehen S Nachrichte Er g ſeines He ſchritt ne heitspaß hieherſen ſie mir E ſeiner H Aber n geſchloſ mer zu Fouche 125 die Nation mich ruft, ſo komme ich, aber niemals laſſe ich mich ein auf die verwegenen Pläne einzelner Fractionen. Dies iſt mein letztes Wort! Und nun, mein Herr, leben Sie wohl. Es iſt ein ſeltſamer Zufall, daß ich Sie ſo lange, und ſo ungeſtört habe allein ſprechen können. Ich möchte nicht das Glück verſuchen, indem ich Sie noch länger hier zurückhalte. Gehen Sie, und laſſen Sie mich in acht Tagen gute Nachrichten empfangen! Er grüßte Fouché mit einem freundlichen Nicken ſeines Hauptes, und dieſer, ſich ehrerbietig verneigend, ſchritt nach der Thür hin. Mein Herr, ſagte der Herzog lächelnd, ich bitte, nehmen Sie die Uniform mit, denn ſie iſt Ihr Sicher heitspaß. Laſſen Sie mir dieſelbe morgen wieder hieherſenden, aber es iſt nicht nöthig, daß Ihr Bote ſie mir ſelber übergiebt. Er grüßte Fouché noch einmal mit einem Winken ſeiner Hand, und trat dann in die Fenſterniſche zurück. Aber nicht ſobald hatte ſich die Thür hinter Fouché geſchloſſen, als der Herzog haſtig wieder in das Zim mer zurücktrat und nach der Rolle Papier griff, welche Fouché ihm gegeben. Mit zitternder Hand riß er das 126 Papier auseinander, und auf die großen Lettern des Titels richteten ſich ſeine Blicke hin. Le fils de l'homme, ſagte er mit bebenden Lip⸗ pen, ja wohl, ich bin nichts als der Sohn des Man— nes, und das iſt das große Leid, an welchem ich ſterben werde. Ach, mein Vater, ich wollte, Du hätteſt mich mit Dir genommen in Deine kalte Gruft, ich wollte, ich läge neben Dir unter den fünf Trauer⸗ weiden und das Murmeln der Quelle lullte alle un ſere Schmerzen in Schlaf. Sie werden es mir hier doch niemals vergeben, daß ich dein Sohn bin, und ich will und kann es doch niemals vergeſſen, daß dur mein Vater biſt. Es iſt mein Stolz und meine Größe, aber ich fürchte, es wird mir niemals gelingen, noch etwas Anderes zu ſein, als nur dein Sohn, mein Vater! Sie werden ſchon Sorge tragen, daß dies der einzige Ruhm meines thatenloſen Lebens iſt! Er ließ ſeine Augen von dem Bilde ſeines Vaters wieder niedergleiten auf die Schrift, die er in ſeinen Händen hielt, und in derſelben hin und her blätternd, las er hier und dort mit halblauter Stimme einige Verſe. Auf einmal erbebte er und indem er mit weitaufgeriſſenen Augen, mit keuchendem Athem las, überzog eine tödtliche Bläſſe ſeine Wangen. Oh, T indem er n es wahr iſ ſo erbarme dein Grab. dicht zu de von Reichſ ( ontemt Ou dira Voyez uel ge A sitot Assailli Je mos Le noin LSt un Iuvisib) Une er Gest Les re Faut; Ecout, 127 Oh, Vater, mein geliebter Vater, murmelte er, indem er wieder zu dem Bilde emporſchauete, wenn es wahr iſt, daß ſie deinen Sohn hier morden wollen, ſo erbarme dich mein, und nimm mich bald zu dir in dein Grab. Höre, mein Vater, höre. Und ſich dicht neben das Bild ſtellend, das Haupt dicht zu dem Rahmen hingeneigt, begann der Herzog von Reichſtadt mit halblauter und zitternder Stimme zu leſen: . Je ne puis sans douleur Contempler ce visage éclatant de paleur; On dirait que la vie à la mort s'y melange: Voyez vous comme moi cette couleur étrange? Quel germe destructeur, sous l'écorce agissant A sitot defleuré ce fruit adolescent? Assailli malgré moi, d'un effroi salutaire Je n'ose pour moi-méème éclaircir ce mystère; Le noir conseil des cours au peuple defendu 4 Est un profond abime où nul n'est descendu; 4 Invisible depôt, il est dans chaque empire Une enigme, un secrèt qui jamais ne transpire: C'est ce secrèt d' Etat que, par le Crucifix Les rois, en expirant, révèelent à leurs fils. Faut il vous repèter un effroyable doute? Ecoutez; ou plutôt que personne n écoute: 128 S'il est vrai, qu' à la cour, malheureux nourisson La moderne Locuste ait transmis sa leçon; Gette horrible paleur, sinistre caractère Annonce de son sang le mal héréditaire. Et peut-être aujourd'hui, méthodique assassin, Le cancer politique est déja dans son sein. dem Herzog tag war w Herzog all heute noch und ſicher, hätte ſehen Müt Müblb. bach, VI. Treundesrath. Acht Tage waren verfloſſen, ſeitdem Fouché ſich dem Herzog von Reichſtadt genähert hatte. Der Frei tag war wieder da, und wieder wie damals war der Herzog allein in ſeinem Zimmer. Aber er erſchien heute noch bleicher, noch erregter, als an jenem Tage, und ſicher, wenn Barthelemy ihn in dieſem Moment hätte ſehen können, würde er zum zweiten Male ge ſagt haben: Je ne puis sans douleur contempler ce visage éclatant de paleur. Der Herzog ſelber ſah das, wie er im Auf⸗ und Abſchreiten eben an dem großen Wandſpiegel vorüber kam, und indem er vor demſelben ſtehen blieb, und die düſtern flammenden Blicke auf ſein eigenes Spiegel bild heftete, murmelte er mit einem traurigen Lächeln: Mühlbach, Erzherzog Johann. III. 9 130 Et peut-étre aujourd'hui, méthodique assassin, le cancer politique est déjà dans son sein. Ja, fuhr er leiſe fort, immer noch ſein Spiegel— bild betrachtend, ja, der Tod ſitzt ſchon da in meiner Bruſt und er lauert nur auf einen günſtigen Moment, um mich niederzuſchmettern. Oh, die Politik wird ihm ſchon zu rechter Zeit einen ſolchen Moment zeigen, ſie wird ſchon Sorge tragen, daß der Sohn des Mannes— Er ſchwieg und horchte nach der Thür des Vor⸗ zimmers hin. Es war ihm geweſen, als ob er da Schritte gehört hätte, welche ſich der Thür genähert hätten. Sein ſtets aufmerkendes, ſtets lauſchendes Ohr hatte ihn nicht getäuſcht, eine Hand legte ſich H auf den Griff der Thür, und eine Stimme fragte: Darf ich eintreten? Oncle Johann, rief der Herzog freudig, und er ſprang nach der Thür hin, um ſie aufzureißen, und dem Erzherzog ein freudiges und zärtliches Will⸗ kommen entgegenzurufen, um ihm ſeine beiden Hände darzureichen und ihn mit liebevollem Ungeſtüm hin— einzuziehen in das Gemach. Sie ſind allein, Oncle? fragte er dann haſtig und leiſe, eine werfend. Ja, I chelnd.( der Burg eigenen Vortheil, Burg gei ſich dahe So weiß jeſtät de gefahren daß er und eben heit an Freund ſein, un Einſam Um heißt gegang n, 131 leiſe, einen mißtrauiſchen Blick nach der Thür hin⸗ werfend. Ja, mein Freund, ich bin allein, ſagte Johann lä⸗ chelnd. Es hat auch ſein Gutes, daß ich jetzt hier in der Burg wohne, und als ein ſchlichter Bauer keinen eigenen Palaſt mehr beſitze. Ich habe dadurch den Vortheil, beſſer über Alles, was hier innerhalb der Burg geſchieht, orientirt zu ſein, und zu wiſſen, wer ſich daheim, und wer außerhalb derſelben ſich befindet. So weiß ich zum Beiſpiel ganz genau, daß Se. Ma⸗ jeſtät der Kaiſer mit ſeiner Gemahlin nach Laxenburg gefahren iſt, um dort die Treibhäuſer zu beſichtigen, und daß er erſt in einigen Stunden zurückgekehrt ſein wird, und eben ſo genau, daß Graf Dietrichſtein wegen Krank⸗ heit an ſein Zimmer gefeſſelt iſt. Mein junger Freund mußte daher, wie ich berechnen konnte, allein ſein, und ich komme nun, um auf eine Stunde ſeine Einſamkeit zu theilen. Um auf eine Stunde ihn glücklich zu machen, wollen Sie ſagen, rief der Herzog lebhaft. Ah, Oncle, wie lange habe ich Sie nicht geſehen, das heißt nicht allein geſehen. Jahre ſind darüber hin— gegangen, mein Herz ſehnte ſich immer nach Ihnen, 9* 32 und rief Sie immer vergebens. Sie waren zu glück lich, um an mich denken zu können. Ja, ſagte der Erzherzog innig, ja, ich war glücklich, und ich bin es noch, Gott und meiner Anna ſei der Dank dafür. Ich war ſo glücklich, daß ich zuweilen vergaß, daß ich der Bruder des Kaiſers, der Erz— herzog Johann, ſei, und mich nur noch erinnerte, daß ich ein ſchlichter Landmann, ein einfacher Gutsbeſitzer ſei, der alle ſeine Kräfte anſtrengen müſſe, um ſein Gut zu cultiviren, und ſein Vermögen zu erhöhen. So hätte es geſchehen können, daß ich dieſen Winter gar nicht nach Wien gekommen, ſondern daheim ge blieben wäre in meinen Bergen und bei meiner lieben Hausfrau, wenn nicht die Liebe und Freundſchaft, die ich einem meiner Neffen geweiht, mich hierhergezogen. D hätte. Soll ich ir ſagen, wie dieſer Neffe heißt? Oncle, ich wage es nicht, darauf zu antworten, ſagte der Herzog lächelnd, es könnte wie eine An maßung erſcheinen. 4 Nun, ſo will ich Dir antworten, mein Sohn. Dieſer Neffe, um deſſentwillen ich hierher gekommen bin, um deſſentwillen ich den ganzen Winter über hier bleiben will, er heißt: Herzog von Reichſtadt, oder vielmehr— er heißt Napoleon! 133 Dank, oh tauſend Dank, mein edler, mein gütiger Oheim, rief der Herzog, indem er Johann innig um— armte. Ihr ahnendes Herz hat ohne Zweifel gewußt, daß ich gerade jetzt Ihrer Liebe, Ihres Rathes mehr als jemals bedurfte, daß Sie— Wie denn? unterbrach ihn der Erzherzog, ich nenne Dich Napoleon und Du nennſt mich Sie? Sind wir denn nicht allein? Kann Jemand uns belauſchen? Nein, Oncle, wir ſind allein, und ich hoffe, Niemand kann uns belauſchen, denn ich habe durch einen glücklichen Zufall das Geheimniß meines Kamins entdeckt und ich habe ihn unter dem Vorwand, als gefiele er mir nicht, mit Draperieen verhängen laſſen. Alſo, wenn mein gütiger Oheim es erlaubt, nenne ich ihn wieder wie in frühern Tagen und ſage: ſei willkommen, mein Oheim, ſei will⸗ kommen. Gott ſelber, oder vielleicht der Geiſt meines Vaters iſt es, der Dich zu mir ſendet. Ach, Oncle Johann, wie Vieles hat ſich geändert, ſeit wir uns zuletzt allein und unbeobachtet ſehen durften. Acht Jahre ſind darüber hingegangen, acht Jahre lang hat man mich bewacht, umlauert und umſpürt, acht Jahre hat man mich Tag und Nacht beobachtet, jedes meiner Worte beaufſichtigt, jeden meiner Schritte gelenkt, meine Thür verſchloſſen vor jedem fremden Beſucher, 134 mein Ohr verſchloſſen vor jedem mißliebigen Wort. Jetzt ſagen ſie, meine Erziehung ſei vollendet, jetzt ſollen die Erzieher entlaſſen werden, aber nun ſieh mich an, Oncle, nun ſieh, was dieſe acht Jahre aus mir gemacht haben! Nun, wie mir ſcheint, einen ſehr ſchönen, ſchlanken, hochgewachſenen jungen Prinzen, ſagte der Erzherzog freundlich, wie ich von Deinen Erziehern und Lehrern vernommen habe, einen hochgebildeten, unterrichteten, wiſſenſchaftlichen jungen Mann, wie mir die Rangliſte ſagt, einen Hauptmann, der Ausſicht hat, bald Ritt meiſter zu werden. Es iſt wahr, wir haben uns acht Jahre lang nicht allein und ohne Zeugen geſprochen, aber man hat es doch nicht verhindern können, daß ich Dich geſehen, daß ich Dich beobachtet habe, daß ich mit Freuden Deiner Entwickelung gefolgt bin, daß ich mich oft bei Deinen Lehrern und Erziehern nach Deinen Fähigkeiten und Fortſchritten erkundigt und mich innigſt gefreut habe, von ihnen Allen immer nur lobende Zufriedenheit zu hören. Nur bei Einem Dei ner Lehrer habe ich mich niemals nach Dir erkundigt und ihn habe ich niemals gefragt, ob er mit Dir zu frieden ſei, denn ich fürchtete, eine bejahende Antwort zu hören. — Ah, rigen L nich, ni All Geſchich ich ſpr wir ſir Fürſt ich nic 7 N wehmi — Ah, ich errathe, rief der Herzog mit einem trau rigen Lächeln, Sie meinen den Herrn Fürſten Metter⸗ nich, nicht wahr? Allerdings, Deinen Lehrer in der Philoſophie der Geſchichte, ſagte Johann ironiſch. Du weißt wohl, ich ſpreche nicht viel mit dem Herrn Fürſten, und wir ſind niemals zärtliche Freunde geweſen. Ob der Fürſt alſo mit Deinen Studien zufrieden war, weiß ich nicht. Ich denke wohl, daß er es war, ſagte der Herzog wehmüthig. Er hatte vom Kaiſer den Auftrag erhal— ten, mir die Geſchichte und die Politik meines Vaters vorzutragen und ſie mir zu erläutern. Er hat das gethan ſo unparteiiſch, als er es vermochte, er hat mir die Größe meines Vaters aus ſeinen Fehlern ent— wickelt. Er hat mich gelehrt, daß der brennende Ehr⸗ geiz des Kaiſers es geweſen, der ihn die Welt erobern ließ und daß er dieſe Welt und alle ſeine eroberten Throne doch wieder verlor, weil ihm die Mäßigung fehlte.*) Oh, Oncle, und ich habe während aller dieſer Vorträge des weiſen, des klugen Fürſten doch immer nur gefühlt, daß mein Vater ein großer Mann *) Montbel: Le duc de Reichstadt. pag. 112. 136 war und daß ich ihn grenzenlos liebe. Und ich habe das Niemanden ſagen dürfen, ich habe alle meine Bewunderung, all mein Entzücken, all meine Verzweif⸗ lung und meinen Jammer tief in meiner Bruſt ver ſchließen müſſen. Ich habe gewaltſam die Thränen zurückgedrängt, wenn Metternich mir erzählte von den Niederlagen, von dem Unglück meines Vaters, ich habe es über mich vermocht, den Namen Pozzo di Borgo's ruhig auszuſprechen und es ihm zu vergeben, daß er ſich triumphirend verrühmte:„Er ſei es ge weſen, der die erſte Schaufel Erde aus dem zukünf— tigen Grabe Napoleons geholt, ihm habe man es zu verdanken, daß Napoleon nach St. Helena geſandt worden, um dort als Lebendigtodter hinzuſiechen.“ Ich habe ſchweigend und ſtill alle Qualen und De müthigungen in mein Herz eingeſchloſſen, denn ich war allein, immer allein! Aber jetzt, Oncle, jetzt biſt Du da, jetzt hat Gott Dich zu mir geſandt, damit ich endlich einen Freund neben mir habe, der mir rathen, der mir beiſtehen könne, der Mitleid empfinde mit meiner Einſamkeit und der mir beiſtehe mit ſeinem Rath. Oh, lieber Oncle, Gott ſegne Dich, daß Du gekommen biſt! Und zitternd vor gewaltiger Aufregung, bleich, mit ———ÿ—y—— überſtr weinte 4. 1 Jo ſeine Armes Du g Tage Stürn meinel 137 abe überſtrömenden Augen umarmte er den Erzherzog und eine weinte laut. eif Johann drückte ihn innig an ſein Herz und legte er ſeine Hand wie ſegnend auf des Jünglings Haupt. nen Armes Kind, ſagte er leiſe, ich ahnte es wohl, daß den Du gerade jetzt eines Freundes bedürfteſt, daß dieſe ich Tage der Aufregung, der Umwälzungen Dich mit ihren di Stürmen erfaſſen würden. Weil ich Dich liebe, wie en meinen Sohn, darum bin ich zu Dir gekommen, um Dich zu warnen, um Dich zu behüten, wenn ich es ff vermag! Ich weiß es, in Frankreich bereiten ſich große Dinge vor, und wenn die Revolution, welche der Hochmuth und die Tücke der Bourbonen verſchul⸗ det hat, endlich zum Ausbruch gelangt, ſo wird ſie ihre Augen hierher richten auf Dich, mein armes Kind, und ſie wird es verſuchen, Dich in ihre Kreiſe hinein 8 zu ziehen. Sie hat es ſchon verſucht, ſie verſucht es täglich, V rief der Herzog leidenſchaftlich. Täglich erhalte ich geheime Zuſchriften, die auf meinem Schreibtiſch liegen, ohne daß ich weiß, woher ſie kommen. In dieſen V Zuſchriften mahnt man mich an meinen Vater, fordert man in ſeinem Namen mich auf, nach Paris zu kom⸗ men, meinen Thron wieder einzunehmen, mir ihn zu 138 erkämpfen kraft meines guten Rechts. Täglich, ſo oft ich auf die Straße hinaustrete, ſehe ich Geſtalten zu mir heranſchleichen, die mich anſchauen mit wunder— baren flehenden Augen, die leiſe den Namen meines Vaters flüſtern. Wenn ich mich von meinen Zimmern hinunter begebe in die Wohnung des Kaiſers, ſo höre ich zuweilen hinter mir flüſternde Stimmen, welche mich anflehen, meiner großen Beſtimmung eingedenk zu ſein, den Ruhm meines Vaters wieder zu erneuern, und ich wage dann nicht, mich umzuſchauen, aus Furcht, Diejenigen zu erkennen, welche ſo zu mir ſprechen und deren Mitſchuldiger ich würde, ſobald ich ſie erkannt hätte und nicht auf ihre Beſtrafung antrüge. Wenn ich den dunkeln Corridor durchſchreite, ſo huſchen, falls ich allein bin, dunkle Geſtalten zu mir heran und ſinken vor mir auf die Kniee nieder, ſie küſſen meine Kleider und nennen mich ihren Auserwählten, ihren Kaiſer, und rauſchen daun wie dunkle Nachtvögel von dannen. Selbſt meinen Schlaf unterbrechen ſie zu— weilen mit ſeltſamen Zuflüſterungen, die aus den Wänden zu mir dringen und mit ſchmeichleriſchen Worten mich rufen wollen nach Frankreich und mich grüßen als den Kaiſer der Zukunft. Oh, Du ſiehſt ), mich erſtaunt und angſtvoll an, mein Oheim, Du glaubſt, nur mei ſpiegelt. auch ich ſelber fü Phantaſ ſie ſind dieſer S Hörſt Uhr, u Frantre jenes S 139 glaubſt, ich rede zu Dir im Fieberwahnſinn, es ſei nur meine eigene Phantaſie, die mir das Alles vor⸗ ſpiegelt. Oh, auch ich habe das zuweilen geglaubt, auch ich habe zuweilen in troſtloſem Entſetzen mich ſelber für einen Wahnſinnigen gehalten, den die erhitzte Phantaſie mit allerlei Phantomen umgaukele. Aber ſie ſind dennoch Wahrheit, Wirklichkeit, und jetzt in dieſer Stunde wieder ſoll ich den Beweis davon haben. örſt Du? Die Glocke ſchlägt ſoeben, es iſt drei Uhr, um dieſe Stunde werde ich Nachrichten aus Frankreich erhalten. Komm, Oncle, tritt mit mir an jenes Fenſter dort und Du wirſt ſehen. Was werde ich ſehen, mein armes Kind? fragte der Erzherzog, den bleichen zitternden jungen Mann mit traurigen Blicken betrachtend. Du wirſt ſehen, daß ich nicht wahnſinnig bin, ſagte der Herzog mit einem wehmüthigen Lächeln. Ich bitte Dich, mein einziger Freund, mein einziger Ver⸗ trauter, tritt hier an die Seite des Fenſters, und durch dieſe Ritze des Vorhanges ſchaue hinab auf die Straße, während ich hier in der Mitte des Fenſters meinen Platz nehme. Der Erzherzog erfüllte die Bitte ſeines jungen 140 Freundes, und nahm dieſelbe Stelle ein, welche dieſer Ge vor acht Tagen eingenommen hatte. 1wa Nicht wahr, Du überſchaueſt den Platz ganz gut? ihre H fragte der Herzog. Un Ja, ich überſchaue ihn, ſagte der Erzherzog, durch iynen. die Spalte des Vorhangs hinunter ſchauend. Er Und Du ſiehſt auch die beiden Bettler da drüben ſein A am Portal der Burg? de Ich ſehe ſie, es ſind alte langjährige⸗Bekannte liefen; von mir, denen ich ſchon manchen Zwanziger gegeben. ſchwan Und wen ſiehſt Du dort über den Platz kommen? wandte fragte der Herzog zuſammenzuckend. des bl Einen jungen Mann, einen Schneider, wie es deſſen ſcheint, denn er trägt ein Packet unter dem Arm. ihn ar Ein ſchwarzes Packet! rief der Herzog mit einem P tiefen Seufzer. Schwarz, alſo doch ſchwarz! zucken Der Erzherzog blickte den jungen Mann mit dem Ehhe Ausdruck ſchmerzlichen Entſetzens an. Was kümmert 1 O es Dich, mein Sohn, ob ſein Packet ſchwarz oder V ich ſa weiß iſt? fragte er traurig. u m Viel, oh ſehr viel, ſeufzte der Herzog. Aber ſtill, Stun Oncle, ſtill. Wir müſſen dieſen Mann, dieſen Schnei ſt der, verfolgen. Wir dürfen ihn nicht aus den Augen den laſſen. Siehſt Du ihn, Oncle? diſe jeſer dem 141 Gewiß, ich ſehe ihn. Er ſchreitet auf die Burg zu, er nähert ſich den beiden Bettlern, ſie ſtrecken ihm ihre Hände entgegen, ſie bitten ihn um eine Gabe. Und Er, rief der Herzog ſchmerzlich, er giebt ſie ihnen. Oh Gott, er giebt ſie ihnen! Er trat vom Fenſter zurück, und ſeine Hände vor ſein Antlitz ſchlagend, weinte er bitterlich. Der Erzherzog betrachtete ihn mit dem Ausdruck tiefen Mitleids und Erſchreckens zugleich, und von der ſchwankenden ſchmerzzitternden Geſtalt des Sohnes wandte er alsdann den Blick hinüber zu dem Bilde des bleichen düſtern Kaiſers da drüben an der Wand, deſſen große unergründliche Augen ſich ihm zuzuwenden, ihn anzublicken ſchienen. Plötzlich ließ der Herzog die Hände von ſeinem zuckenden Antlitz niedergleiten und wandte ſich dem Erzherzog zu. Oncle, ſagte er mit weicher gepreßter Stimme, ich ſagte es Dir ſchon vorher, Gott iſt es, der Dich zu mir geſandt hat, Gott will, daß Du mir in dieſer Stunde Troſt und Hülfe gewährſt. Und weil es ſo iſt, und weil ich das fühle, will ich Dir jetzt auch grenzenlos vertrauen. Soll ich Dir ſagen, was in dieſen letzten acht Tagen mich gemartert, geängſtigt, 142 was mich mit Verzweiflung, mit Scham und Empö⸗ rung erfüllt hat? Meine Armuth, meine demüthigende entſetzliche Armuth. Oncle, ich habe nichts, was mein Eigen iſt, ich habe nichts zu geben, ſondern nur Alles zu empfangen, ich lebe von den Wohlthaten Anderer, nichts iſt mein, nichts gehört mir. Und ich ſchmachtete in dieſen grauenvollen acht Tagen nach Beſitz, nach Eigenthum, nicht um es zu behalten, ſondern um es fortzugeben, um es zu verkaufen, und mir dafür Geld, Geld und wieder Geld zu geben. In der Stille der Nacht, wenn Alles ſchlief, wenn ich hoffen durfte, daß ſelbſt die Augen meiner heimlichen Beaufſichtiger ſich geſchloſſen hatten, dann habe ich mich leiſe von mei⸗ nem Lager erhoben, habe alle meine Kiſten und Schränke durchwühlt, und habe geſucht nach einigen werthvollen Sachen, die ich verkaufen könnte, die mein ſind. Ach, ich habe nichts gefunden, als die beiden mit Brillanten geſchmückten Orden meines Vaters, und dieſe kann ich nicht fortgeben, denn ſie ſind das einzige Andenken an meinen Vater, das Ein— zige, welches ſeine Hände berührt haben, auf dem ich mit meinen Lippen den Druck ſeiner Finger, und ſeine Blicke küſſen kann. Ach, lieber Oncle, der Sohn des Kaiſers, der einſtige König von Rom, er iſt ein Bettler, ein ar licht fangen ſchaffe D regun und ſ er lau —, tler, 143 ein armer Hospitalit, der von Wohlthaten lebt, und nicht weiß, wie er, trotz ſeines Herzogthums, es an— fangen ſoll, um nur zehntauſend Francs ſich zu ver⸗ ſchaffen! Der Herzog, überwältigt von Schmerz und Auf⸗ regung, ſank neben Johann auf einen Seſſel nieder, und ſein Haupt auf den Arm Johanns lehnend, weinte er laut. Du übertreibſt, mein armes Kind, ſagte der Erz— herzog mitleidsvoll. Du weißt es wohl, Dein Groß⸗ —X vater liebt Dich, Du biſt das einzige Weſen, das vielleicht Einfluß auf ihn übt. Hätteſt Du ihm ge— ſagt, daß Du dieſer Summe benöthigt, ſo würde er ſie Dir ſicherlich gegeben haben. Oh ja, er hätte ſie mir gegeben, flüſterte der Herzog ächzend, er hätte ſie mir gegeben, aber ich hätte ihm alsdann doch ſagen müſſen, wozu ich dieſe Summe verwenden wollte, und das hüätte ich doch nimmer wagen können. Aber mir, mein geliebter Sohn, mir wirſt Du es ſagen, nicht wahr? fragte der Erzherzog zärtlich. Mich wirſt Du Theil nehmen laſſen an Deinem Geheimniß, und von mir das Geld annehmen, deſſen Du bedarfſt? Mehr als das, Oncle, ich werde eine doppelte 144 Wohlthat von Dir annehmen, ſagte der Herzog, ſich die Augen trocknend, und mit innigſter Dankbarkeit zu Johann emporblickend, ich werde Dich bitten, mir bei⸗ zuſtehen, damit dieſe Summe an ihre Beſtimmung gelangt. Und jetzt, Oncle, will ich Dir mein Ge heimniß ſagen. Du ſollſt jetzt erfahren, weshalb ich erbebte bei dem Anblick des ſchwarzen Packets, wes halb ich weinte, als jener Menſch dort den Bettlern eine Gabe darreichte. Das ſchwarze Packet ſagte mir, daß der höchſte Gerichtshof in Paris den Dichter Barthelemy zu fünfmonatlicher Gefängnißhaft verur theilt habe, die Gabe an die Bettler verkündete, daß das Urtheil beſtätigt iſt, nach welchem Barthelemy außer der Gefängnißſtrafe noch zehntauſend Francs Buße zahlen, oder, wenn er dies nicht vermag, noch weitere fünf Monate im Gefängniß bleiben muß. Und um meinetwillen, Oncle, um meinetwillen iſt es, daß der Sänger des Napoleon en Egypte ſo hart beſtraft wird. Weil er mein Leid und Elend beſungen hat, muß er lange Kerkerhaft dulden, weil er den armen, beklagenswerthen Sohn des Mannes beſungen hat, wird ſeine blinde Mutter darben, wird ſeine arme Schweſter von ihrer Hände Arbeit leben müſſen. Fühlſt Du jetzt meinen Jammer, Oncle, begreifſt Du es, d weil ſie l ho ungl 145 es, daß ich mich tief gedemüthigt und unglücklich fühle, weil ich nicht einmal zehntauſend Francs beſitze, um ſie hinzugeben für den armen Dichter des Fils de l'homme? Armes Kind, ich begreife wenigſtens, daß Du unglücklich biſt, wenn Du dies Gedicht kennſt. Ich kenne es, Oncle, ich habe dies ſchaurig ſchöne, entſetzliche Gedicht geleſen und immer wieder geleſen, und jedes Wort deſſelben hat ſich mit den Flammen der Hölle und des Himmels zugleich in meine Seele eingebrannt. Ich habe unendliche Qual und zugleich höchſte Begeiſterung dabei empfunden, und indem es mein Herz erhob in ſeligem Entzücken bis zum Him mel, wo mein Vater wohnt, hat es mich doch zer ſchmettert und niedergeworfen auf die Erde, wo ich liege, zuckend, wie Prometheus, in unendlicher Qual. Oncle —₰‿ , kennſt Du dies Gedicht, haſt Du es geleſen, und ſeinen furchtbaren Sinn erfaßt? Ich kenne es, ja, ich habe es geleſen, und meine Seele hat ſich mit Empörung und Jammer erfüllt, während ich es las. Aber ſage mir, wer iſt ſo mit leidslos geweſen, Dir dies Gedicht mitzutheilen, wer hat den grauſamen Muth gehabt, Dein armes Herz auf ſolcher Folterbank bluten zu laſſen? Mühlbach, Erzherzog Johann. III. 10 2 146 Oncle, der, welchen Du dort unten auf der Straße geſehen haſt, derjenige, welcher mir heute durch ſeine Zeichenſprache Nachrichten gab, Oh, Du weißt nicht, welches Feuer ſie in mir angefacht, und wie ſie es täglich neu anblaſen, daß es in hohen Flammen empor⸗ ſchießt, und ich fühle, wie meine Seele davon ver— brennt und meine Lebenskraft ſich aufzehrt. Ich habe Dir geſagt, wie ſie mich umſchleichen, wie ſie mich verlocken mit ſüßen, bezaubernden Worten. Ich wollte zweifeln, ich wollte jenem Manne, der mir das Ge⸗ dicht Barthelemy's brachte, es nicht glauben, daß es in der That noch viele getreue Anhänger meines Vaters, daß es in Wahrheit eine große, bedeutende Partei gäbe, welche in Frankreich für mich wirkt, welche mich zurückführen will auf den Thron meines Vaters. Da hat dieſer Mann mir das Zeichen ge— ſagt, mit welchem die Bonapartiſten, die Brüder des großen Bundes der Revolution, ſich begrüßen, und ſeitdem, wohin ich komme, ſei's auf der Straße, ſei's im Theater, auf Spaziergängen, oder auf dem Exer cierplatz, überall begegne ich Menſchen, nicht Einem, nicht Zehn, ſondern dreißig, funfzig Menſchen, welche mich begrüßen mit dem Zeichen ihres Bundes, und es ſind nicht etwa dieſelben Geſtalten und Phyſiogno⸗ 1 ulen imm 147 mien, welchen ich überall begegne. Nein, es ſind immer andere Geſichter, immer neue Erſcheinungen, es iſt als ob eine ganze Armee von Bonapartiſten mich umgebe, und ſie ſchauen mich an, als wollten ſie ſagen: wirſt Du nicht bald kommen, General, um Dich an unſere Spitze zu ſtellen? Oh, mein Gott, mein Gott, und wenn ich das ſehe, ſo durchrieſelt es meine Seele, wie mit electriſchen Schlägen,- daß der Ehrgeiz in hellen Funken aus ihr emporſprüht. Ich bin der Sohn meines Vaters, und die Fehler, die ihn groß, die ihn unſterblich gemacht, die machen mich unglücklich, und ſie werden mich tödten. Auch ich habe Ehrgeiz, brennenden Ehrgeiz, nur daß er mir keine Reiche erobern, ſondern daß er mit ſeinen Flam men mich verbrennen wird. Wenn ſie vor mir knieen, wenn ſie mich ihren Kaiſer nennen, wenn ſie mir ſchmeichleriſch den Titel Majeſtät geben, ſo fühle ich, wie eine himmliſche Wärme mein ganzes Weſen be⸗ lebt, ſo iſt es mir, als klänge vor meinen Ohren eine erhabene, himmliſche Melodie aus meiner Kindheit wieder, und ich lauſche ihr mit entzücktem Herzen, und meine Augen füllen ſich mit Thränen, aber es ſind Thränen, wie ich ſie nie zuvor geweint, Thränen der Freude, der ſtolzeſten Wonne. Und dann wieder, 10* 148 dann erbebe ich vor Entſetzen, und die fürchterlichen Worte jenes Gedichts fallen mir wieder ein, und ich ſage mir: ſie werden Dich dieſes Glück niemals er reichen laſſen, ſie werden es nicht dulden, daß Du den Thron Deines Vaters jemals beſteigſt. Die Po litik, die fürchterliche Politik, wird es nicht erlauben, die Politik wird mir eher den Tod geben, als mich eine Krone tragen laſſen. Oncle, rief er empor ſpringend, und ſeine beiden Hände auf die Schultern des Erzherzogs legend, Oncle, ich beſchwöre Dich bei Allem, was Dir heilig iſt, beim Andenken an Deine Anna, bei der Exinnerung an Deinen Vater, ſage mir die Wahrheit, die reine lautere Wahrheit. Glaubſt Du, daß Barthelemy Recht hat? Ruht auf meinem Haupte le secrèt d'état que par le crucifix les rois, en expirant, révèlent à leurs fils? Iſt es wahr, daß par un méthodique assassin le cancer Politique est, déjà dans mon sein? Das heißt, mein Kind, ſagte Johann feierlich, das heißt, Du willſt mich fragen, ob Dein Großvater ſeinen Enkel, den er auferzogen, den er liebt, ob der Kaiſer den Sohn ſeiner Tochter langſam vergiften und hinmorden läßt, wie es jenes abſcheuliche Gedicht vermuthen läßt? * Herzo nicht ſeinen 4 brach könnte einem wie weiß daß e ſeinen der( würd opfer einm, Lge — 149 Oh, nicht Er, nicht der Kaiſer, murmelte der Herzog, ſeine Stirn an die Schulter Johanns lehnend, nicht mein Großvater. Mit ſeiner Zuſtimmung und ſeinem Willen würde es niemals geſchehen. Aber— Der Fürſt von Metternich, willſt Du ſagen, unter⸗ brach ihn der Erzherzog raſch. Ihn, meinſt Du, könnte die Politik ſo verhärtet haben, daß er vor einem Mord nicht zurückbebte? Nein, mein Sohn, wie wenig ich auch der Freund Metternich's bin, ſo weiß ich doch, ſo habe ich die moraliſche Ueberzeugung, daß er niemals eines Verbrechens fähig iſt. Er kann ſeinen politiſchen Grundſätzen das Glück und die Ehre der Einzelnen wie der Nationen opfern, aber niemals würde ſeine Politik ſo blutgierig ſein, ein Menſchen⸗ opfer auf ihrem Altare zu begehren. Nein, und noch einmal nein! Jenes Gedicht enthält eine infernaliſche Lüge, und bei Allem, was mir heilig iſt, ſchwöre ich Dir: es iſt nicht wahr! Niemand wünſcht, Niemand begehrt Deinen Tod. Es iſt wahr, Du biſt Manchen eine Verlegenheit, eine politiſche Unbequemlichkeit, und Du Armer haſt dadurch manches Ungemach zu er⸗ dulden, aber Jedermann würde doch mit Abſchen zurückbeben vor dem Gedanken eines Mordes. Mit Nadelſtichen mögen ſie Dich oft genug verwunden, 150 aber niemals werden ſie mit einem Dolch nach Deinem Herzen zielen! Aber ich werde endlich doch ſterben an dieſen Nadelſtichen, murmelte der Herzog, nicht blos mein Körper, ſondern meine ganze Seele iſt ſchon wund davon, und ich fühle es, oh, ich fühle es Tag und Nacht, ich werde mich langſam verbluten an dieſen Nadelſtichen. Aber noch lebe ich, fuhr er lauter und energiſcher fort, und ſo lange ich lebe muß ich handeln, muß ich mich des Namens würdig zeigen, den ich trage. Und nun, Oncle, nun frage ich Dich mit dem Vertrauen eines Sohnes, mit der Ehrfurcht eines Schülers vor ſeinem Meiſter: Was ſoll ich thun? Soll ich den Rufen folgen, die von Frankreich zu mir herüber dringen? Soll ich die Hände ergreifen, welche ſich mir entgegenſtrecken? Soll ich die Rolle annehmen, welche die Getreuen meines Vaters mir anbieten, mich an ihre Spitze ſtellen, und als der berechtigte Prä tendent der Krone die Grenzen Frankreichs über ſchreiten? Oncle, antworte nicht ſogleich. Ich be⸗ ſchwöre Dich, ſteige mit Deinem Verſtand hinab in die Tiefen Deiner Seele und überlege! Bedenke, daß nicht blos mein eigenes perſönliches Schickſal, meine ganze ganzen Antwo umwä daß e der E ewigen ihn he ruhm N richt legen zu er ſtand Dir wenn unauf 151 ganze Zukunft, ſondern die Ruhe und der Frieden einer ganzen Nation, vielleicht ganz Europa's von Deiner Antwort abhängt, daß eine Revolution, eine Thron umwälzung auf Deinen Lippen ſchwebt. Bedenke auch, daß es der Sohn des Kaiſers iſt, der zu Dir ſpricht, der Sohn Napoleons, deſſen Namen die Welt mit ewigem Ruhm durchhallt, den ſelbſt diejenigen, die ihn haſſen, noch bewundern müſſen, und deſſen Nach ruhm ich heilig und rein erhalten will. Und nun, Oncle, Freund, Vater, nun entſcheide, nun ſprich! Mein Sohn, ſagte der Erzherzog feierlich, ich habe nicht erſt nöthig gehabt, in dieſem Moment zu über— legen und zu bedenken, was ich Dir auf Deine Frage zu erwiedern habe, denn als ich hieher kam zu Dir, ſtand meine Ueberzeugung ſchon feſt, und was ich Dir jetzt als Antwort ſagen werde, hätte ich Dir, wenn Du mich nicht gefragt hätteſt, als Freundesrath unaufgefordert geſagt. In dieſer Abſicht kam ich hie her, denn ich dachte es mir wohl, Du armes Kind, daß Deine Seele dieſe Marter der Zweifel, der Un ſicherheit über ſich ſelber zu erdulden habe. Auch zu mir ſind ſie gekommen, dieſe Verſucher, auch zu mir haben ſie geflüſtert von Revolution, und vom Kaiſer Napoleon dem Zweiten. Ein General, ein Schlacht 152 gefährte Deines Vaters iſt zu mir gekommen, und im Namen der Bonapartiſten, im Namen Frankreichs, hat er von mir gefordert, daß ich der Vermittler ſei zwiſchen ihnen und dem Kaiſer Franz, daß ich meinem kaiſerlichen Bruder den Antrag mache, er ſolle ſeinen Enkel, den Sohn Napoleon's, an Frankreich zurück— geben, er ſolle es geſtatten, daß Du zurückkehrteſt nach Frankreich, damit dort die Getreuen des Kaiſers Dir die Krone Deines Vaters auf Dein Haupt ſetzen, und Dich Deinem Volke zeigen könnten als den Kaiſer Napoleon den Zweiten! Und Du? Was haſt Du ihnen geantwortet? fragte der Herzog. Haſt Du ihre Bitte erhört, ihren Antrag angenommen? Nein, mein Sohn, ich habe ihn abgelehnt. Ich habe ihnen geſagt, daß der Kaiſer niemals ſeinen Enkel an die Spitze von Revolutionnairen ſtellen werde, daß ich niemals es unternehmen würde, den Vermittler zu machen zwiſchen ihnen und dem Kaiſer, oder auch zwiſchen ihnen und Dir, daß ich Dich zu innig liebte, um mein Gewiſſen zu belaſten mit dem Vorwurf, ich hätte in irgend einer Weiſe dazu beige⸗ tragen, Dich dem Unglück, der Niederlage, und der Schmach der Lächerlichkeit auszuſetzen. Ich habe den Genera von ſich leiten i wahrlich dern u durch heit D Regier 153 m General von mir gewieſen, wie man den Verſucher at d voon ſich weiſt, der uns zu einem Verbrechen ver— ei leiten will! m Du glaubſt alſo nicht an ein Gelingen? fragte en der Herzog mit einem bangen, ſchmerzlichen Seufzer. ck Du glaubſt nicht, daß der Bonapartismus noch eine eſt Macht iſt in Frankreich? rs Ich glaube, daß der Bonapartismus wohl noch , die Macht beſitzt, einen Thron zu ſtürzen, aber nicht er die Macht einen neuen Thron wieder aufhzurichten. Und dieſe Macht, einen Thron zu ſtürzen, hat er t⸗ wahrlich nicht durch ſeine eigene Stärke erhalten, ſon⸗ en dern nur durch die Schwäche ſeiner Gegner, nur durch die Characterloſigkeit, die Perfidie und Blind⸗ heit Derer, die jetzt noch in Frankreich die Zügel der ch en Regierung in ihren Händen halten. Wenn der Thron em der Bourbonen fällt, ſo iſt es Carl der Zehnte, ſo en ſind es ſeine Miniſter, welche ihn umſtürzen; ohne 2, ſie werden die Bonapartiſten es niemals vermögen. 1 Täuſche Dich darüber nicht, mein armes Kind, der an Bonapartismus iſt keine Macht mehr, ſondern nur 4 noch eine Fraction in dem großen politiſchen Staats⸗ körper, eine Handhabe der Oppoſition gegen die be⸗ ſtehende Regierung. Die Liberalen benutzen ihn als 154 Schreckbild für die Reaction, und ſie drohen dem König mit dem Bilde des Kaiſers, um ihn nachgiebig zu machen gegen ihre Forderungen. Aber bedenke, mein Sohn, daß dieſes Bild nur ein Schattenbild iſt, und daß man mit Phantomen nicht kämpfen kann gegen die Wirklichkeit. So lange der Kaiſer, wenn auch im fernſten Exil, noch lebte, hatte die Partei der Bonapartiſten doch einen Mittelpunct, um den ſie ſich ſchaarte, ſein Geiſt ſchwebte über ihnen und hielt ſie Alle zuſammen in Einem Willen, Einem Gedanken. Aber mit ſeinem Tode iſt dieſer Mittelpunct geſchwun den, iſt der Geiſt von ihnen gewichen, und nur die hohle Form iſt zurückgeblieben. Es wird ihnen nicht gelingen, dieſer Form wieder Inhalt zu geben, denn die Bonapartiſten ſind unter ſich ſelber zerfallen und uneins, ſie beſtehen aus zu vielen einander widerſtre benden Elementen, und dieſe werden ſich ſelber zer fleiſchen und aufreiben, weil Jeder von ihnen im Grunde der Feind und Widerſacher des Andern iſt. Nur der geringſte Theil Derer, die ſich Bonapartiſten nennen, denkt wirklich an die Wiederherſtellung des Kaiſerreichs mit dem Sohn Napoleons auf dem wie der aufgerichteten Thron. Der andere, der größere Theil beſteht aus Männern der verſchiedenartigſten Geſinnn kaner, nur die Unzufrie Bonapa ſie für wieder Partei Macht dem Zel dattiſten ſie es es wohl an ſein ihm der er es 155 Geſinnungen und Parteien. Die Einen ſind Republi kaner, welche hinter dem Schilde des Bonapartismus nur die Republik anſtreben, die Andern ſind aber nur Unzufriedene, nur Oppoſitionsmänner, welche den Bonapartismus zu der Standarte machen, mit welcher ſie für den Liberalismus kämpfen, und die Dritten wieder gehören zu einer ganz neuen Partei, zu der Partei der Orleans. Dieſe Partei iſt bereits eine Macht geworden, die, wie ich glaube, dem König Carl dem Zehnten gefährlicher werden wird, als alle Bona partiſten, wären dieſe auch noch einmal ſo ſtark, als ſie es in der That ſind. Ludwig der Achtzehnte wußte es wohl, welchen Feind er in dem Herzog von Orleans an ſeiner Seite hatte, und als der Herzog ihn bat, ihm den Titel königliche Hoheit zu verleihen, lehnte er es ab, indem er ſeinem Vetter Orleans ſagte: Sie ſtehen überdies dem Thron nur ſchon allzunahe. Aber Carl der Zehnte war weniger klug und weniger vorſichtig, er hat dem Herzog den gewünſchten Titel gegeben, und ihn damit noch um einen Schritt näher an den Thron geſtellt, ſo nahe, daß der Herzog wohl Recht hatte, wenn er zum Marſchall Mortier ſagte: „ich werde die Krone von Frankreich nicht von dem⸗ Haupte Deſſen, der ſie trägt, niederfallen machen; 156 aber wenn ſie fällt, ſo werde ich ſie aufraffen.“*) Und glaube mir, mein Sohn, der Herzog wird Wort halten. Sobald dieſe Krone Carls des Zehnten, von einer Revolution erſchüttert, fällt, wird Louis Philipp von Orleans ſeine Hand ausſtrecken, und ſie aufheben, und noch bevor die Bonapartiſten, die wahren, wirk⸗ lichen Bonapartiſten, Zeit gehabt, ſich von ihrem Staunen, ihrer Entrüſtung zu erheben, wird dieſe Krone ſchon auf dem Haupte des Herzogs von Or⸗ leans ſitzen, und alle Feinde der Bonapartiſten werden ſie aus Furcht, aus Feigheit auf demſelben feſthalten. Dies iſt meine Anſicht von der nächſten Zukunft Frank⸗ reichs, und ich beſchwöre Dich daher, mein Sohn, widerſtehe den Lockungen Derer, welche Dich nur als ein Werkzeug ihrer Zwecke benutzen wollen, laſſe Dich nicht von ihren Schmeicheleien und Verſprechungen, nicht von Deinem eigenen Ehrgeiz verführen, eine Rolle zu übernehmen in dieſem großen Revolutions— drama, das ſich in Frankreich vorbereitet. Aus Klug— heit, aus Ehrfurcht vor dem Ruhme des Kaiſers weiſe dieſe Rolle eines Abenteurers zurück, die ſie Dir an⸗ *) Histoire de France pendant la dernière année de la restauration. I. 178. zubieten in einer Und ſchaftlich poleons des Mit rung an ſchichte als daß lebte vor geholfen Nein lann au berichten Ende. auf den der Fel Deſterre auf Die wollt h eelangel ſeinem und die Vort von llipp virk⸗ prem dieſe 157 zubieten wagen, denn niemals wird der Abenteurer in einen Kaiſer ſich verwandeln können. Und niemals alſo, rief der Herzog voll leiden ſchaftlichen Schmerzes, niemals wird der Sohn Na poleons etwas Anderes werden, als ein Gegenſtand des Mitleids und des Erbarmens, als eine Erinne rung an vergangene Größe, niemals wird die Ge ſchichte etwas Anderes von ihm zu berichten haben, als daß er der Sohn ſeines Vaters war, und daß er lebte von den Wohlthaten ſeines Großvaters, der mit⸗ geholfen ſeinen Vater vom Thron zu ſtürzen! Nein, ſagte Johann ernſt, die Weltgeſchichte kann auch von Dir große und ruhmreiche Dinge zu berichten haben, denn die Zeit der Thaten iſt gekom men, die Zeit der Ruhe und des Friedens naht ihrem Ende. Oeſterreich wird wieder hinaustreten müſſen auf den Kampfplatz, Oeſterreich bedarf der Helden, der Feldherren. Vergiß es nie, mein Kind, daß Oeſterreich Dein zweites Vaterland iſt, und daß es auf Dich heilige Rechte hat. Gott, welcher nicht ge wollt hat, daß Du das irdiſche Erbe Deines Vaters erlangen ſollteſt, Gott hat Dich doch erben laſſen von ſeinem Geiſt und ſeinem Genie. Du haſt das Talent und die Fähigkeit zu einem Feldherrn, bereite Dich alſo vor zu dieſer glanzvollen Laufbahn, und Du wirſt Dein Haupt dereinſt, ſtatt mit einer vergänglichen Krone, mit unſterblichen Lorbeern ſchmücken können. Auch Eugen von Savoyen iſt unſterblich, ewiger Ruhm umſtrahlt ſeinen Namen, und er war auch nicht ein Kaiſer, ſondern nur der Feldherr Oeſterreichs. Strebe alſo danach, in ſeine Fußtapfen zu treten, werde Dei⸗ nem Adoptiv⸗Vaterlande Oeſterreich ein zweiter Eugen von Savoyen! Entſage Frankreich, rief der Herzog, die großen, thränenſchweren Augen zum Himmel erhebend, entſage Frankreich, entſage Deinem Vaterlande und Deinem Vater! Ach, und wenn ich es wollte, werde ich es auch vermögen? Wird man es mir erlauben, auf den Wegen des großen Eugen zu wandeln? Wird nicht der Neid, die Bosheit, das Mißtrauen mich ewig umgeben, ewig meine Hände binden, mich fern⸗ halten von jeder ruhmvollen Laufbahn? Oh, Onele, mir ſagt es mein armes, von Qualen zerriſſenes Herz, ich werde ewig dazu verurtheilt ſein, ein thatenloſes, beargwöhntes Leben zu führen, man wird es mir nie⸗ mals erlauben, etwas Anderes zu ſein, als der be— klagenswerthe Sohn meines Vaters, und die Geſchichte wird nichts weiter von mir zu berichten haben, als Herz Ntzog, daß ich Bettler Und beſſer iſ Deines brauchſt, teurer m Hier in die ich z Und über meinen finſtern Nnteme Wmir des! um. Dich dution ſo Juuthen 5 dor Dir dund, m vernomn . Dein O 3 ch 159 Du daß ich in der Wiege ein König war, um als ein ichen Bettler hinab zu ſteigen in mein Grab. men. Und wäre es ſo, ſagte der Erzherzog glühend, duhm beſſer iſt es immer noch, Du ſtirbſt als das Opfer t ein Deines Namens, denn daß Du dieſen Namen miß— trebe brauchſt, und aus dem Sohn des Kaiſers einen Aben Dei teurer machſt. Niemals ſoll und darf das geſchehen. zeugen Hier in dieſer Stunde ſchwöre ich Dir bei der Liebe, die ich zu Dir hege, daß meine Augen Dich behüten oßen, und überwachen ſollen, daß ich thun werde, was in tſage meinen Kräften ſteht, um Dich zu erlöſen aus den einem finſtern Kreiſen, mit welchen die Verſchwörer und ch es Ränkemacher Dich umgeben. Ja, ſelbſt wenn Du „auf mir deshalb Deine Liebe entziehen wollteſt, dennoch Vid werde ich nicht nachlaſſen in Wachſamkeit und Sorge nich um Dich, den Sohn meines Herzens! Die Revo fern lution ſoll Dich nicht hinein ziehen in ihre wirbelnden ncle, Fluthen, ich werde Dich halten, ich werde Dich ſchützen Herz, vor Dir ſelber und vor den Bonapartiſten. Oh, mein loſes Kind, mein Kind, Du haſt die Stimme der Syrenen 1 nie⸗ vernommen, ſei ſtark wie Odyſſeus, und verſtopfe r be Dein Ohr ihrem ehrgeizigen Lied! ticht Ich will es, Oncle, ja, ich will es! rief der als Herzog, ſich mit leidenſchaftlichem Ungeſtüm in die 160 geöffneten Arme Johanns werfend. Ich will mein Ohr verſchließen, ich will nicht mehr hören auf die ehrgeizigen Stimmen, die außer mir und in mir flüſtern von Ruhm und Größe. Aber ich werde ſterben vor Gram! Oh, ſie haben es nicht nöthig, mich zu ermorden, die Politi kann ſich die Mühe ſparen, mir den Giftbecher zu miſchen, denn der Gram um ein armes nutzloſes Leben tödtet mich auch ohne ſie! Und indem er ſein bleiches, von Thränen über fluthetes Antlitz zu dem Bilde ſeines Vaters hin⸗ wandte, rief er mit ſchmerzlichem Wehelaut: oh, mein Vater, warte nur! Ich werde bald wieder bei Dir ſein, und wenn wir Beide im Grabe liegen, dann wird der Herzog von Reichſtadt ſich wohl wieder ver wandeln dürfen in den König vom Rom! Fünftes Buch. Die Juli-Revolution. Mühlbach, Erzherzog Johann. III 11 . Rangen Die Hiobspoſt. Nun, Metternich, was bringen's mir? fragte der Kaiſer, von ſeiner Arbeit aufſehend, und den eintre tenden Staatskanzler mit einem freundlichen Nicken ſeines Hauptes begrüßend. Warten's nur, warten's. Sie ſind mir gerad' hineingeplauſcht in meine Bureau⸗ Arbeiten und die Schreiber oder vielmehr die Herren Hofräth' warten ſchon im andern Zimmer auf die Concept' zu den Antworten auf die Bittſchriften. Ich bin gleich fertig, nur noch drei Bittſchriften zu beant worten, dann ſteh' ich zu Dienſten. Setzen's ſich, Herr Staatskanzler, bin gleich fertig und bereit. Und Franz nahm wieder ſeine Feder zur Hand und fuhr ganz unbekümmert fort, die geſtern einge gangenen Bittſchriften zu leſen und ſeine etwaigen 14* 164 Bemerkungen und Antworten an den Rand des Papiers zu ſchreiben. Fürſt Metternich hatte ſich in die Fenſterniſche zu rückgezogen, und die Arme in einander geſchlagen, ſtern ungeduldigen Blicken hinüber ſchaute er mit dü zu dem Kaiſer, deſſen ſorgloſes heiteres Geſicht ſeltſam contraſtirte zu dem bewegten trüben Angeſicht des Staatskanzlers. Jetzt hatte der Kaiſer ſeine Arbeit vollendet; die Feder bei Seite legend griff er nach der Handklingel und ſchellte. Sofort öffnete ſich die Thür, die zu dem Büreauzimmer des Kaiſers führte, und der erſte Se cretair erſchien auf der Schwelle. Da nehmen's, ich bin fertig, rief der Kaiſer, auf den Berg geöffneter Briefe hindeutend, die vor ihm auf dem Tiſch lagen. Sagen's den Herren, ſie ſollten die Antworten recht höflich machen und vor allen Din gen recht deutlich ſchreiben und recht hübſche leichte Sätz' bauen. Alles kurz und⸗ bündig, das iſt die Hauptſach', und nit ſo große Siegel gemacht, damit halt nit ſo viel von meinem ſchönen Siegellack verloren geht. So, nehmen's die Brief' und ſeien's Alle recht fleißig und pünktlich. Und jetzt, Herr Staatskanzler, rief der Kaiſer, als ——— der Sec bin ich ſchauen haft. Ma feierlich mal ko Bourb Jahre⸗ aller 1 Ganz Haupt 165 der Secretair mit den Briefen ſich entfernt hatte, jetzt bin ich zu Ihren Dienſten.— Jeſus Maria, wie ſchauen's denn aus? Sind halt ganz blaß und ernſt haft. Was giebt's denn? Majeſtät, ein großes Unglück, ſagte Metternich feierlich. Eine Revolution! Eine Revolution? wiederholte der Kaiſer auffah rend. Wo denn? Was denn? Wo brennt's denn ſchon wieder? In Frankreich, Majeſtät. Nun, ſagte Franz aufathmend, da brennt's leicht einmal und das Feuer wird ebenſo leicht gelöſcht. Diesmal nicht, Majeſtät, ſeufzte Metternich. Dies mal kann es kommen, daß das Feuer den Thron der Bourbonen verzehrt und Alles, was wir in funfzehn Jahren mit Mühe und Anſtrengung, mit Aufbietung aller unſerer Kräfte aufgerichtet haben, wieder zerſtört. Ganz Paris iſt in Aufruhr, die Revolution hat ihr Haupt wieder erhoben, und diesmal iſt es die Regie— rung ſelber, welche das verſchuldet hat. Alle unſere Warnungen, unſere Ermahnungen ſind vergeblich ge weſen. Der König hat den Sturm ſelber herauf be ſchworen, er hat durch Ordonnanzen die Charte, die er beſchworen, zurückgenommen, die Preßfreiheit ver 166 nichtet, die Nationalgarde aufgelöſt und die abſolute Monarchie wieder eingeführt. Aber kaum waren dieſe Ordonnanzen im Moniteur erſchienen, als ein Schrei der Wuth ganz Paris durchhallte, als Alles aus den Häuſern auf die Straße ſtürzte, als der Ruf: zu den Waffen! in den entfernteſten Winkeln der Stadt wie dertönte. Die geheimen Geſellſchaften, die Verſchwö rer und Revolutionnairs hatten gar nicht mehr nöthig, das Volk aufzuregen, die Ordonnanzen hatten einen Feuerbrand in jedes Gemüth geworfen, das Volk, die —₰ Bürger rotteten ſich zuſammen, zu ihnen geſellte ſich die aufgelöſte Nationalgarde, und die Revolution hatte eine Armee, die in wüthender Kampfluſt nach den Tuilerieen ſtürzte. Das kommt davon, wenn man nit Wort hält, rief der Kaiſer heftig. Hatte der König Carl einmal die Charte beſchworen, ſo hätt' er ſie auch halten müſſen.*) Wann iſt denn das Alles geſchehen und was iſt nun weiter daraus geworden? Die Entſcheidung weiß ich noch nicht, Majeſtät. Am ſechsehdzwanzigſten Juli ſind die Ordonnanzen im Moniteur erſchienen und an demſelben Tag iſt der *) Des Kaiſers eigene Worte. Siehe: Schmidt, Zeitgenöſ ſiſche Geſchichten. 320. — Han Kamp Revo Geſa langt ja ei wiſſe einen rung und doch Käni öffne ſchre tonn 167 Kampf ausgebrochen. Er wüthete noch fort am Abend des ſiebenundzwanzigſten Juli, als unſer Geſandter den Courier abgehen ließ, den ich ſoeben erhalten. Was? rief der Kaiſer heftig. Erſt nachdem die Revolution zwei Tage im Gang iſt, giebt der Herr Geſandte uns Nachricht? Majeſtät, er war gleich den Geſandten der andern Mächte gar nicht in Paris anweſend und kehrte erſt am Abend des zweiten Tages, als die Nachricht von der in Paris ausgebrochenen Revolution zu ihm ge langte, nach Paris zurück. Mein Gott, Niemand hatte ja eine Ahnung von dieſen Ereigniſſen. Ew. Majeſtät wiſſen ja, daß der König noch vor einigen Tagen bei einem Hoffeſte allen Geſandten ſeine feierliche Zuſiche rung gegeben hatte, ſich innerhalb der Charte zu halten und von allen Staatsſtreichen zu abſtrahiren. Hatte doch am Tage zuvor der Moniteur gemeldet, daß der König die Kammern am dritten Auguſt in Perſon er öffnen werde, waren doch die officiellen Einladungs ſchreiben an alle Deputirte bereits ergangen. Niemand konnte daher ahnen, welche Entſchlüſſe gr König im tiefſten Geheimniß mit ſeinen Miniſtern gefaßt hatte. Der Graf von St. Etienne hatte die meiſten Vertreter des diplomatiſchen Corps auf ſein Landgut in der —————QOQO˖—n— 168 Nähe von Verſailles eingeladen. Unſer Geſandter befand ſich unter den Eingeladenen, und in ländlicher Stille verbrachten die Herren dort den Sonntag und Montag, nicht ahnend, was in Paris geſchah. Als ſie am Abend des zweiten Tages dorthin zurückkehrten, war die Revolution bereits in vollem wüthenden Aus bruch, hatten ſich den Kämpfenden ſchon ſogar einige Regimenter des Königs zugeſellt. Der König hatte ſich indeß doch vorgeſehen? Wenn man Staatsſtreich' machen will, muß man halt wenig ſtens gewaffnet ſein, dem Widerſtand kräftig begegnen zu können. Es ſcheint, als ob der König und ſeine Miniſter dieſe nothwendige Vorſicht ganz aus den Augen ge laſſen haben. Der König hatte nicht einmal den Mar ſchall Marmont, noch den Polizei⸗Präfecten Mangie benachrichtigt, und ſie erfuhren erſt von dem Staats ſtreich, als die Ordonnanzen im Moniteur zu leſen waren und Jedermann ſie gleich ihnen darin leſen konnte. Es war daher nichts geſchehen, nichts vorbe reitet, und als Marſchall Marmont ſeine Truppen zuſammengerufen hatte und ſie gegen die Revolution führte, hatte dieſe ſchon eine muthige begeiſterte Armee beiſammen, die ſie ihm entgegen ſtellte. Und Kaiſer! Auguſt ſiebenun wache f 8 Laoe Lage h daher ſ iit Ev (Nabad. Mpeſch 3 Das dem Ko 169 Und das iſt Alles, was Sie wiſſen? fragte der Kaiſer lebhaft. Wir ſchreiben heute ſchon den ſechſten Auguſt und Ihre Nachrichten gehen nur bis zum ſiebenundzwanzigſten Juli. Der Courier hat ſich verſpätet, Majeſtät. Das Volk hat ihn an der Barrière von Paris angehalten, es hat ihn zwei Tage und zwei Nächte in der Thor wache feſtgehalten und bewacht, und erſt am dritten Tage hat man ihm geſtattet, abzureiſen. Es kann daher ſein, daß ihm bald weitere Couriere folgen, und mit Ew. Majeſtät gnädiger Erlaubniß habe ich Ordre ertheilt, daß, ſobald ein Courier eintrifft, man mir die Depeſche hierher bringe. Das haben's Recht gemacht, ſagte der Kaiſer, mit dem Kopf nickend. Es iſt doch immer gut, wenn wir bald die Nachricht erhalten, daß der Aufſtand nieder geſchlagen iſt, denn man kann dann gleich in den hieſi gen Zeitungen melden, daß zwar in Frankreich eine Revolte ausgebrochen, daß ſie aber auch ſchon unter drückt ſei. Majeſtät, ich fürchte, es war mehr als eine Re volte, es war eine vollſtändige Revolution. Der Cou rier berichtet mir, daß er während dieſer zwei Tage, die man ihn in der Thorwache eingeſperrt gehalten, ———ᷣ—ÿ’xx3q 170 fortwährend Schießen, Sturmläuten und das wilde Geheul und Geſchrei des Volkes vernommen habe, und als man ihn am dritten Tage befreite, ſagten ihm die Nationalgardiſten, die ihn bis dahin bewachten: jetzt können Sie nach Wien abreiſen und Ihrem Kaiſer melden, daß wir den König, den er uns gegeben, wieder fortgeſchickt haben. Mehr aber konnte er nicht erfahren, denn ſechs Mann Nationalgardiſten zu Pferde geleiteten unſern Courier bis nach Verſailles, und er eilte unaufhaltſam von dort weiter. Aber irre ich nicht, ſo klopft es da leiſe an die Thür der Anti chambre, es wird mein Kammerdiener mit neuen De peſchen ſein. Erlauben Ew. Majeſtät, daß ich öffne? Thun Sie's, öffnen Sie, rief der Kaiſer lebhaft, und der Fürſt eilte nach der Thür hin, ſie zu öffnen und dem Kammerdiener, welcher ihm einige leiſe und haſtige Worte zuflüſterte, die dargereichten Depeſchen abzunehmen. Majeſtät, ſagte Metternich, hier ſind die Depeſchen. Auch dieſer zweite Courier iſt vom Volk zwei Tage zurückgehalten worden, ſeine Meldungen reichen daher nur bis zum dreißigſten Juli. Nun gut, da werden wir, wie ich halt über zeugt bin, ſogleich erfahren, daß die Revolution zu 171 End' iſt. Leſen's raſch, Herr Staatskanzler. Nun, nit wahr, fragte der Kaiſer dann nach einer Pauſe, während welcher der Fürſt mit haſtigem Blick den Inhalt der Papiere überſchaut hatte, nun, nit wahr, die Revolution iſt zu Ende? Ja, Majeſtät, erwiederte Metternich ernſt, es ſcheint wirklich, daß ſie zu Ende iſt. Schauen’'s, Herr Miniſter, ſchauen's, was ich für ein Prophet bin, rief der Kaiſer, ſich vergnügt die Hände reibend. Hab's Ihnen ja gleich geſagt, daß ſie bald niedergeſchlagen ſein wird. Das Volk iſt ja doch nichts weiter, als feigherziger, gemeiner Pöbel, und wenn er die Mündungen von Kanonen ſieht, ſo kriecht er zu Kreuz. Man muß daher nur nit weich herzig und nachgiebig ſein, ſondern gleich energiſch drein ſchießen, denn Blut kann der Pöbel nit riechen, dann fällt er gleich in Ohnmacht und ſchreit um Pardon. Verzeihung, Majeſtät, Sie haben meine Worte falſch gedeutet, ſeufzte Metternich, der die letzten De peſchen durchblickt hatte. Ich ſagte, daß es ſcheine, als ſei die Revolution zu Ende, aber ich habe damit nicht geſagt, daß ſie niedergeſchlagen iſt. Nun, was wollen's denn ſonſt damit geſagt haben? fragte der Kaiſer mürriſch. Ich will damit leider geſagt haben, daß die Revo⸗ lution geſiegt hat. Was heißt das, die Revolution hat geſiegt? D D er König hat ſeine Ordonnanzen zurückgenommen, er hat die Charte und Preßfreiheit wieder hergeſtellt? Nein, Majeſtät, es ſcheint, der König iſt ſammt ſeinen Miniſtern fortgejagt. Was, fortgejagt? ſchrie der Kaiſer wüthend. Von wem denn? Von dieſem infernaliſchen Revolutionsgeſindel, das ſich das franzöſiſche Volk nennt, ſagte Metternich in grimmig. Von dieſen unverbeſſerlichen Revolutionnairs, die noch dazu die Frechheit haben, ſich für Volksfreunde und für Weiſe zu halten. Die Generäle Lafayette und Gérard, die Deputirten Dupont de l'Eure, Jour dan, Guizot, Caſimir Périer und einige Andere ihres Gelichters haben ſich an die Spitze des Volks geſtellt, eine proviſoriſche Regierung ernannt, am neunund⸗ zwanzigſten Juli ſchon den König Carl den Zehnten ſeines Thrones für verluſtig erklärt und den Herzog Louis Philipp von Orleans zum Generallieutenant des Reichs erklärt. 0 mt Und der König? Wo iſt der König? t. Cloud nach Rambouillet geflüchtet, nachdem er die G Der König hat ſich am dreißigſten Juli von Nachricht erhalten, daß die ganze Garniſon von Paris zum Volk übergegangen und von ihm gänzlich abge fallen ſei. Weiter! Weiter! rief der Kaiſer ungeduldig, als Metternich ſchwieg. Majeſtät, weiter reichen die Nachrichten dieſes zweiten Couriers nicht. Aber da klopft es ja ſchon wieder! Und der Fürſt, ohne erſt um Erlaubniß zu fragen, eilte nach der Thür hin und öffnete ſie. Draußen ſtand ſein Kammerdiener und neben ihm ein junger Mann in beſtaubten, beſchmutzten Reiſekleidern, mit bleichem, ermattetem Angeſicht. Fürſt Metternich, nachdem er leiſe einige Worte mit ihm gewechſelt, wandte ſich zu dem Kaiſer um. Majeſtät, ſagte er, der dritte Courier hat nur münd liche Aufträge. Wollen Ew. Majeſtät mir erlauben, daß er eintrete? Fragen's nit, laſſen's eintreten, rief der Kaiſer, ungeduldig mit der Hand winkend, und ſofort trat der junge Mann in das Cabinet ein. 174 Kommen von Paris? rief ihm der Kaiſer zu. Wie haben ſi heißen's, was ſind's? Wann ſind's denn von Paris derſtand. abgereiſt? ufrecht Majeſtät, ich heiße von Ferber und bin Attaché Vrantrei bei Ew. Majeſtät Geſandtſchaft in Paris. Ich habe Und Paris am Abend des dritten Auguſt verlaſſen und bin auserſeh mit Courierpferden, ohne nur eine Stunde den Wagen Maj zu verlaſſen, unaufhaltſam hierher geeilt. Meine Ab⸗ dieſe Er reiſe war ſo plötzlich, daß der Herr Geſandte mir nur Keichsve mündliche Aufträge geben konnte. Phiop Nun, berichten's raſch. Was haben's zu melden? den Wo iſt der König Carl der Zehnte? rerächtlie Majeſtät, er hat in Rambouillet am zweiten Auguſt feierlich für ſich und den Dauphin der Regierung ent ſchehen ſagt zu Gunſten des Herzogs von Bordeaux, und da Naje die proviſoriſche Regierung ſich weigerte, den Herzog die Kar von Bordeaux als Heinrich den Fünften zum König und um von Frankreich auszurufen, iſt der König mit ſeiner n ſie ganzen Familie nach Cherbourg abgereiſt. diig a Und wie ſieht es in Paris aus? dabe Es wogt und gährt noch Alles wie in einem Chaos Nein durcheinander, das Volk und die aufgeregte Jugend baris begeiſtert ſich für die Herſtellung der Republik, aber dar d die Beſonneneren, namentlich die liberalen Deputirten, Geſondt⸗ 175 haben ſich vereinigt zum feſten unerſchütterlichen Wi⸗ derſtand. Sie wollen die Monarchie und den Thron aufrecht erhalten und einen König auf den Thron Frankreichs ſetzen. Und wen haben's dort zu dieſer ſchönen Rolle auserſehen? Majeſtät, denjenigen, der lange ſchon in der Stille dieſe Ereigniſſe vorbereitet hat, der vom König als Reichsverweſer anerkannt worden, den Herzog Louis Philipp von Orleans. Den Sohn von Philipp Egalité, rief der Kaiſer verächtlich, der Sohn des Verräthers ſoll König von Frankreich werden? Glauben's wirklich, daß das ge ſchehen wird? Majeſtät, ſeine Wahl ſcheint ſo gut wie geſichert. Die Kammern treten am ſechſten Auguſt zuſammen, und um die Republikaner unſchädlich zu machen, wer den ſie ſich beeilen, den Herzog von Orleans zum König auszurufen. Haben Sie noch weitere Nachrichten? Nein, Ew. Majeſtät, ich verließ am dritten Auguſt Paris, und die Abreiſe des Königs nach Cherbourg war die letzte Begebenheit des Tages. Der Herr Geſandte beauftragte mich nur noch, zu ſagen, daß eine Rückkehr des Königs nach Paris oder die Erhe— bung des Herzogs von Bordeaux auf den Thron gar nicht mehr denkbar und möglich ſei. Alle Parteien ſind darin einig, daß die ältere Linie der Bourbonen auf immer beſeitigt ſei, und Niemand wird den Muth oder auch nur den Willen haben, auf ihre Rückberu fung anzutragen. Es iſt gut, Herr von Ferber, ich danke Ihnen. Jetzt gehen's und erholen's ſich. Sie ſind halt ſehr raſch geritten, und bedürfen der Ruh'. Leben's wohl! Er nickte dem jungen Mann flüchtig zu, und ging, die Hände auf dem Rücken gefaltet, langſam im Ka binet auf und ab. Dann, als der Courier hinaus— gegangen war, und die Thür ſich hinter ihm geſchloſſen hatte, blieb der Kaiſer vor Metternich ſtehen, der in geduldigem Schweigen die Anrede des Kaiſers er wartet hatte. Metternich, ſagte Franz düſter, jetzt wird's los gehen, jetzt wird's bald aller Orten brennen. Ja, ſeufzte Metternich, es geht eine allgemeine Gährung durch ganz Europa, und die mühſame Arbeit von funfzehn Jahren iſt in drei Tagen zerſtört worden. Ich glaubte der Hydra Revolution für immer den Kopf 9 allein, ungeſtön genug 2 Funkens ſtecen. Und degnadie lnich of beſinde inden Und ihr nitlidi it dem Jähmen Krone deſtie g lit ein lbach Crhe i gar arteien bonen Muth kberu Ihnen. t ſehr wohl! ging, 's los neine Kopf abgeſchlagen zu haben, und jetzt ſehe ich nicht allein, daß ſie noch lebt, ſondern ich muß erwarten, daß ſie mächtiger als jemals ihr Haupt erheben wird. Die Revolution in Frankreich wird wie ein elektriſcher Strahl durch ganz Europa zucken, denn ich weiß es jetzt, und darf es nicht mehr verleugnen, daß ſelbſt in denjenigen Ländern, in denen ſeit Jahrhunderten ungeſtört Ruhe und Ordnung geherrſcht hat, doch genug Brennſtoff vorhanden iſt, und daß es nur eines Funkens bedürfen wird, um denſelben in Brand zu ſtecken. Und dabei haben Sie halt immer gewollt, daß ich begnadigen und verzeihen ſollte, rief der Kaiſer. Haben mich oft genug verleiten wollen, das revolutionnaire Geſindel, das in Munkacs, auf dem Spielberg und in den Bleikammern von Venedig ſitzt, zu begnadigen, und ihnen ihre Straf' zu erlaſſen. Waren gar ſo mitleidig und erbarmungsvoll, wollten durchaus, daß ich dem nichtswürdigen Geſindel, das in Ungarn, in Böhmen und in der Lombardei gewagt hat, meine Krone und mein heiliges Recht anzutaſten, eine Am⸗ neſtie geben ſollt'. Aber Gott ſei Dank, ich bin halt nit ein ſo weichmüthiger Chriſt, das Verſöhnen und Mühlbach, Erzherzog Johann. III. 12 — —— 11 178 Verzeihen kommt mir ſchwer an, und ich bin nit ſo milde, wie Sie es ſind.*) Jetzt in dieſem Moment würde ich Ew. Majeſtät auch nicht zur Milde rathen, und eine Amneſtie wäre in dieſem Augenblick ein politiſcher Fehler. Na, Gott ſei Dank, daß Sie auch der Meinung ſind, dann werden wir uns bald über die Mittel einigen, meine Unterthanen in dieſer ſchwierigen Kataſtroph' in Ruhe und Frieden zu erhalten. Die äußerſte Vorſicht, die äußerſte Strenge iſt jetzt nöthig, ſagte Metternich lebhaft. Mehr als je kommt es jetzt darauf an, das Syſtem aufrecht zu er halten, und keinen Schritt breit von ihm abzuweichen. Die Autorität des Beſtehenden muß das unverrückbare Prinzip aller unſerer Handlungen ſein, und Niemand darf es wagen wollen daſſelbe zu verletzen. Und wenn's Einer wagt, rief der Kaiſer mit grim miger Freude, wenn's Einer wagt, ſo ſoll er's büßen, ſoll den Andern ein lehrreich Beiſpiel ſein, daß wir uns nit einſchüchtern laſſen, ſondern daß wir die Auf rührer und Verbrecher beſtrafen, wie ſie's verdienen. Mag die ganze Welt um uns her ſich verändern, *) Des Kaiſers eigene Worte. Siehe: Kaiſer Franz und Metternich. Ein Fragment. S. 18. mögen und d meine beim runge es be auf C meine ol g zu op beſtea werde verrät Grun ein o dien gebro nit ſo ajeſtät wäre einung nigen, ſtroph' eichen. ich bare emand grim büßen, ß wir Auf dienen. mögen alle Staaten ſich, wie ſie's nennen, verjüngen und die neuen, modernen Prinzipien annehmen, in meinem Oeſterreich ſoll mir Alles hübſch unverrückt beim Alten bleiben, und was das tolle Volk Neue— rungen nennt, das nenne ich Verbrechen, und werde es beſtrafen. Nur keine Conceſſionen, das reimt ſich auf Conſtitutionen, und die ſind mir in tiefſter Seele verhaßt. Will nichts wiſſen von Repräſentanten des Volks, und von Volksſouverainetät. Ich allein bin in meinen Landen die Souverainetät, mein Wort allein ſoll gelten und entſcheiden, und wer es wagt, dagegen zu opponiren, der iſt ein Rebell, und wird als Rebell beſtraft. Das Beſtehende ſoll anerkannt und geachtet werden, und wer's angreifen will, der iſt ein Hoch— verräther. Darnach wollen wir handeln, das ſind die Grundſätze, von denen allein wir uns jetzt und immer⸗ dar beſtimmen laſſen müſſen. Ew. Majeſtät wiſſen es wohl, daß dies auch immer die meinigen geweſen ſind, ſagte Metternich ruhig. Ich habe dieſe Grundſätze niemals verleugnet und verborgen. Ich bin dem Liberalismus immer als ein offener und loyaler Feind gegenüber getreten, und niemals, nicht einen Moment habe ich den Krieg ab gebrochen oder Waffenſtillſtand geſchloſſen mit dieſem 12* 180 Liberalismus. Ich habe niemals der Göttin der Frei⸗ heit den Hof gemacht, oder in der Angſt meines Her⸗ zens den Demagogen geſpielt.*) Ich werde das auch jetzt nicht thun, ich werde nicht heucheln und ſchmei⸗ cheln, ſondern gerade aus vorwärts gehen. Wir müſſen zeigen, daß wir ſtark ſind und uns ſtark fühlen, und daß wir bereit ſind und gewaffnet jedem Angriff muthig entgegenzutreten. Wir ſind einig, vollkommen einig, rief der Kaiſer faſt vergnügt. Die beſtehenden Zuſtände in meinem Staat müſſen vor jeder Anfechtung geſchützt, und mit Nachdruck aufrecht gehalten werden. Mit allen Mit— teln der Gewalt muß jede revolutionnaire Regung niedergeſchlagen werden. Es ſoll Ruhe ſein und bleiben in meinem Oeſterreich, und wenn wir das im Innern mit aller Kraft durchführen, ſo wird's uns auch gelingen, nach Außen hin Ruhe und Frieden zu erhalten. Jetzt laſſen's uns nur recht energiſch ſein, und es nit ſcheuen, wenn die liberalen Schreier Zeter brüllen über die Mittel, die wir anwenden, uns vor allen revolutionnairen Umtrieben zu ſchützen. Auch wäre es ein Wahn, ſagte Metternich, wenn *) Schmidt: Zeitgenöſſiſche Geſchichten. S. 333. mau d wo me Ke Rebell ſein, delaue Zeitun 181 man vermeinen wollte, man könne die Parteien durch Zugeſtändniſſe befriedigen. Der beſte Beweis davon iſt, daß die thätigſten Umtriebe gerade da ſtattfinden, wo man gegen ihre vermeintlichen Wünſche die meiſte Nachgiebigkeit an den Tag gelegt hat. Keine Zugeſtändniſſe, rief der Kaiſer, das iſt halt immer der Anfang vom Ende. Strenge, das allein führt zum Ziel. Ich werde von jetzt an unnachſichtig ſein, und ſie ſollen mich kennen lernen, die Herren Rebellen. Vor allen Dingen laſſen's uns bedacht ſein, daß die liberalen Kerls, die ſchon unſere Grenzen belauern, nit herüber kommen können, und daß die Zeitungsſchreiber und die andern Kerls im Inland, die es ſich zum Geſchäft machen, zu ſchreiben, und wie ſie's hochmüthig nennen, durch ihre Schriftſtelle reien das Volk aufzuklären, daß alle dieſe Kerls, die aus Hunger oder Feigheit Schriftſteller geworden ſind, das Maul halten, und ſich nit unterſtehen mit ihrem dummen Geſchwätz mir die Leut' aufzuwiegeln. Wen von dieſen Kerls wir irgend über einem Unrecht er tappen können, den ſtecken wir ein, und halten ihn feſt, und die andern Kerls, die müſſen wir abrichten, daß ſie ſchreiben, was wir wollen, das geſchrieben werden ſoll. 182 Es wird nur zuweilen ſchwer halten, die Schrift⸗ ein Fi ſteller ſo abzurichten, ſagte Metternich lächelnd. Bis ihn zu wir ſie nicht geradezu eines Preßvergehens überführen ſtrenge können, wird es unmöglich ſein, ihnen das Schreiben ift ge zu verbieten, und einige von unſern Schriftſtellern um, ſuchen ihren Stolz darin, ſich eine unabhängige Ge⸗ nehme ſinnung zu bewahren. und S Ich bitt' Sie, reden's mir halt ſo Etwas nit, rief gemnein der Kaiſer achſelzuckend. Nehmen Sie aus den ge— denn heimen Fonds nur ſo viel, als Sie irgend brauchen tüten können. Um ein gut Stück Geld kriegen Sie zehn b Iulan ſolche Kerls an Einen Finger.*) Und dann muß mnein man außerdem Sorge tragen, daß die Cenſur ihre liſen Schuldigkeit thue, und unnachſichtig und aufmerkſam tr die 8 ſei. Kein mißliebig Wort ſoll laut werden dürfen, 1 gedru jeder Tadel gegen die Regierung ſoll unterdrückt wer— iberw den, und kein Menſch ſoll ſich's einfallen laſſen, von die, den Dingen zu ſchreiben und drucken zu laſſen, die dß ſich in Frankreich zutragen. Es iſt nit nöthig, daß Syſte meine Unterthanen viel davon erfahren, ſondern je geben weniger, deſto beſſer. Mag's meinetwegen überall Ideer brennen, nur nit in meinem Oeſterreich, und wo irgend 4 *) Des Kaiſers eigene Worte. Siehe: Anemonen aus dem brin Tagebuche eines alten Pilgers. III. der, 183 crift ein Funke aufſchlägt, da hat die Cenſur die Pflicht Bis ihn zu löſchen. Auch die Theatercenſur ſoll mir halt ühren ſtrenger geübt werden. Die Herren Dichter ſpringen reiben oft gar wild und rückſichtslos mit den Autoritäten ellern um, es kommt in ihren Stücken oft vor, daß vor⸗ Ge⸗ nehme Herren und hochgeſtellte Beamte als Verbrecher und Schufte behandelt, und abgeſtraft werden wie ganz „rief gemeines Geſindel. Das muß Alles geändert werden, nge⸗ denn jetzt gerad' kommt's darauf an, daß die Autori— uchen täten überall geſchützt werden. Nun, das gehört zum zehn Inland und geht Sie halt nichts an. Es ſchlägt in un mein Fach; ich werd' mir den Sedlnitzki gleich rufen ihre laſſen, und es ihm auf's Strengſte einſchärfen, daß tſam er die Cenſurſcheer' recht ſcharf hält, und wie jedes irfen, gedruckte Wort, ſo auch jedes geſchriebene Wort ſtreng fber⸗ überwache, und die Theater gut unter Aufſicht hält. dom Sie, Herr Miniſter des Auswärtigen, haben die Sorg', de daß Sie uns Alles fern halten, was gegen unſer daß Syſtem verſtößt, und zu nichts Ihre Zuſtimmung u geben, was wie ein Zugeſtändniß gegen die liberalen 9 Ideen ausſehen könnt'. gen Ich werde die Revolution bekämpfen treu meinen Prinzipien! rief Metternich feierlich. Oeſterreich iſt dem der Hort der monarchiſchen Autorität, und ſoll und —. 2—— 184 muß es bleiben. Mögen die Dinge in Frankreich ſich nur ſo geſtalten, daß wir den Krieg vermeiden können, und nicht nöthig haben die Ruhe und den Frieden zu brechen, das iſt die Hauptſache. In einem aus brechenden Kriege würden alle revolutionnairen Ele⸗ mente auch bei uns Nahrung gewinnen, und deshalb müſſen wir als geſchickte Steuerruderer ſo laviren, daß das Staatsſchiff glücklich an den Klippen vorbeikommt. Dies iſt meine Sorge und meine Aufgabe. Wir müſſen durchaus trachten, Europa den Frieden zu erhalten! Gr Dber⸗ Theate Kaiſer heiten ſeiner licher waren Wwei l Sgals und B. daufe über II. Bie Cenſur im Jahre 1830. Graf Sedlnitzki, der Chef der Polizei und der Ober⸗Cenſur ſowohl für die Preſſe als auch für da ☛ Theater hatte ſo eben ſeinen Polizei⸗Rapport an den Kaiſer abgefertigt und trat jetzt mit ernſter wichtiger Miene in den Saal ein, in welchem die Angelegen heiten der Preſſe und des Theaters vor das Forum ſeiner Scheere gezogen wurden. Es war ein ſehr feier licher düſterer Raum, und ſehr feierlich und düſter waren die Geſichter der Herren Cenſoren, die an den zwei langen ſchwarzen Tiſchen zu beiden Seiten des Saals ſaßen, und eifrig mit der Lectüre der Schriften und Bücher beſchäftigt waren, die vor ihnen in großen Haufen auf dem Tiſche lagen. Dieſen Tiſchen gegen über an der Wand ſah man ſchwarze Tafeln, auf 186 denen mit großen goldenen Lettern die Rubriken ver⸗ zeichnet waren, mit denen die Cenſoren beſchäftigt waren. Da las man auf der erſten Tafel:„Ge⸗ ſchichtswerke“, auf der zweiten:„Poeſie“, auf der dritten:„Journaliſtik“, auf der vierten:„Romane“, auf der fünften:„Theater“ und endlich auf der ſechs⸗ ten:„Allgemeine Bemerkungen und Brochüren.“ Graf Sedlunitzki begann jetzt mit tiefem feierlichen Ernſt ſeinen Rundgang durch den Saal. Er blieb zuerſt bei dem Cenſor der Journaliſtik ſtehen, und ſein häßliches verzwicktes Geſicht nahm einen düſtern zürnenden Ausdruck an. Ich muß Ihnen ſagen, Herr Doctor Binder, ich bin ſehr unzufrieden mit Ihnen, rief Sedlnitzki mit lauter, ſchreiender Stimme. Sie ſind durchaus nicht aufmerkſam, und es paſſirt Ihnen faſt täglich, daß Sie Dinge ſtehen laſſen, die durchaus geſtrichen wer⸗ den müſſen. Sie haben zum Beiſpiel dem geſtrigen „Neuigkeitsboten“ wieder unverzeihliche Freiheiten ge⸗ ſtattet. Mein Gott, Herr Graf, ſagte Doctor Binder ganz beſtürzt, ich bin ſehr unglücklich, von Ew. Gnaden einen ſo herben Tadel zu erhalten, da ich mir doch es angelegen ſein laſſe, die Befehle Eurer Gnaden getreulic Politik! habe ich ſo daß fam, un nehmen ſeine N Was Er von der mer, in ſitution 187 getreulich zu befolgen. Nicht das kleinſte Wort über Politik laſſe ich dem Neuigkeitsboten, und geſtern noch habe ich ihm drei und eine halbe Seite Text geſtrichen, ſo daß der Redacteur ganz in Verzweiflung zu mir kam, und nicht wußte, wo er in aller Eile Stoff her— nehmen ſollte, um das Fehlende zu ergänzen, und ſeine Nummer doch ausgeben zu können. Was war's denn, das Sie ihm geſtrichen hatten? Er hatte eine ſehr genaue Schilderung gemacht von der Sitzung in der franzöſiſchen Deputirtenkam⸗ mer, in welcher der König Ludwig Philipp die Con⸗ ſtitution beſchworen, und die Miniſter den Eid geleiſtet haben. Da Ew. Gnaden aber befohlen haben, daß von der Juli⸗Revolution in unſern Blättern gar nicht die Rede ſein ſoll, ſo habe ich dieſe ganze Rubrik aus dem Neuigkeitsboten geſtrichen. Daran haben Sie ſehr wohl gethan, ſagte der Chef der Cenſur feierlich. Es giebt für uns noch keinen König Louis Philipp, wir haben ihn noch nicht anerkannt, und der Oeſterreichiſche Beobachter hat noch nicht ein einziges Wort über die Juli-Revolution verlauten laſſen, folglich exiſtirt ſie noch nicht für die Wiener Zeitungen und Blätter. Aber Sie hätten nur ebenſo gewiſſenhaft ſein ſollen mit dem andern 188 Inhalt des Blattes. Wie konnten Sie erlauben, daß da die Geſchichte von der Tochter des jüdiſchen Ban— quiers erzählt wird, die ſich das Leben genommen hat, weil ſie einen Chriſten liebte, und ſich doch nicht ent ſchließen konnte, zur chriſtlichen Religion überzutreten? Aber dieſe Geſchichte iſt indeſſen wahr, Herr Graf, und deshalb glaubte ich— Gleichviel, ob ſie wahr iſt oder nicht, rief Graf Seolnitzki heftig, ſie hatte noch nicht in meinem Po lizei-Rapport an den Kaiſer geſtanden, und nun hat der Kaiſer, der den Neuigkeitsboten täglich lieſt, ſie zuerſt in dem Journal geleſen. Es iſt aber durchaus unſchicklich, daß der Kaiſer früher etwas durch die Journale als durch die Polizei erfahre. Die Polizei muß immer die erſte Quelle der Neuigkeiten für Se. Majeſtät ſein, folglich hätten Sie das ſtreichen müſſen, was noch nicht im Polizei-Rapport geſtanden. In dieſem Augenblick öffnete ſich die Thür, welche in das Vorzimmer führte, und ein junger Menſch mit einem Papier in der Hand trat ſchüchtern und ver⸗ legen ein. Mit leiſen unhörbaren Schritten ging er zu dem Tiſch hin, über welchem die Tafel mit der Inſchrift Allgemeine Bemerkungen und Brochüren“ ſtand, und / 8 8 7 ſich tief und blic . Jnquiſit Gnä bin ds gro hit, un dringen, a mach dunſt n dem ſcht ſbäft,( l ſchrei 189 ſich tief verneigend, flüſterte er: mein Herr, ich bitte einen Augenblick um gnädiges Gehör. Der Cenſor hob ſein ſorgenſchweres Haupt von dem Buch empor, in welchem er eben eifrig bemüht war die Seiten mit ſeinem Rothſtift zu durchſtreichen, und blickte den jungen Mann mit der Miene eines Inquiſitors an. Was wollen Sie? fragte er mit barſchem Ton. Gnädigſter Herr, ſagte der junge Mann ſchüchtern, ich bin der Carl Sempo, der in der Kärthnerſtraße das große Weſten⸗ und Cravatten-⸗Geſchäft etablirt hat, und um mein Geſchäft recht in Aufnahme zu bringen, und unſere jungen Herren darauf aufmerkſam zu machen, wie wichtig es ſei, ſeine Cravatte mit Kunſt und Geſchmack umzulegen, unterzog ich mich dem ſchwierigen, zeitraubenden und koſtſpieligen Ge⸗ ſchäft, eine eigene Brochüre über dieſen Gegenſtand zu ſchreiben und drucken zu laſſen. Die Cravatiana, rief der Cenſor mit ſchwerem, drohendem Ton. Ja, ſo heißt meine Brochüre, die Cravatiana, oder die Kunſt, ſich die Halsbinde umzulegen. Der Druck derſelben koſtet mich beinah hundert Gulden, aber ich glaube, daß ich meinen Gegenſtand richtig erfaßt und —— 2——— 190 geſchmackvoll dargeſtellt habe, ich zweifle auch nicht, daß meine Schrift Epoche machen wird in der Her⸗ renwelt, und daß Niemand mehr eine andere Cravatte tragen will, als die ihm von mir als Phyſionomiſt ausgewählt, und von mir verfertigt iſt. Urtheilen Ew. Gnaden nun über mein Entſetzen, als ich geſtern das erſte gedruckte Exemplar meiner Brochüre, welche ich der hohen Cenſur eingereicht habe, zurück erhalte mit dem fürchterlichen Wort: non admittitur! Meine Brochüre iſt alſo verboten, meine Cravatiana darf nicht ausgegeben werden. Nein, Ihre Cravatiana darf nicht ausgegeben wer⸗ den, wiederholte der Cenſor. Aber, hochverehrter Herr von Grieben, ich bin ein verlorner, ein ruinirter Mann, wenn das Schreckens— wort nicht zurückgenommen wird. Mein Gott, die Cravatiana iſt doch ein ganz unſchuldiges harmloſes Buch, und ich zerbreche mir vergeblich meinen Kopf, wodurch ſie Aergerniß erregt haben könnte? Vielleicht ließe ſich das noch abändern, vielleicht könnte man die beanſtandeten Stellen herausſchneiden, und die Bro chüre ohne dieſelben erſcheinen laſſen. Ich beſchwöre Sie daher, Herr von Grieben, ſagen Sie mir gnä— digſt, worin ich gefehlt habe, und wodurch meine Brochü det hat Nuu Cenſor verboten rühreriſ omiſt heilen eſtern velche chalte Neine darf wer⸗ n ein kens⸗ die loſes Kopf, leicht 1 die Bro wöre gnã neine 191 Brochüre Ihr hohes Verdammungsurtheil verſchul det hat? Nun wohl denn, ich will es Ihnen ſagen, rief der Cenſor mit feierlicher Würde. Ihre Cravatiana iſt verboten, weil ſie in einem hochverrätheriſchen, auf rühreriſchen Sinn geſchrieben iſt. Der junge Mann praͤllte entſetzt einen Schritt zurück, und erblaßte. Mein Gott, ſtammelte er, was ſagen Sie da? Meine Brochüre über die Kunſt ſich die Cravatte umzubinden, ſoll hochverrätheriſch ſein. Mein Herr, ich beſchwöre Sie, wie iſt das möglich? Ich will Ihnen ſagen, wie das möglich iſt, don nerte der Cenſor. Kommt nicht unter Ihren ver ſchiedenen Cravatten eine vor mit einem Knoten à la Riego? Nun, mein Herr, wie können Sie die Un verſchämtheit haben, zu glauben, daß wir ſolche revo lutionnaire Tendenzen dulden können. Riego war der Urheber der letzten ſpaniſchen Revolution, und einen Knoten à la Riego tragen, heißt daher ſich öffentlich als einen Revolutionnair bekennen. Und Sie wollen es wagen, öffentlich zu ſolchem Frevel aufzureizen, und Sie glauben, daß wir das dulden werden?*) *) Siehe: Mailath, Geſchichte des öſterreichiſchen Kaiſerſtaates. Band VI. 192 Mein Gott, das iſt wahr, ſtammelte der unglück liche Verfaſſer der Cravatiana, dieſe Bezeichnung iſt aufrühreriſch, und ich bitte tauſend Mal um Ver— zeihung. Aber wenn dies der einzige Anſtoß iſt, ſo ließe ſich derſelbe vielleicht beſeitigen. Die Schilde— rung des unglücklichen Knotens à la Riego füllt gerade ein ganzes Blatt aus, und ich könnte es aus— ſchneiden, denn zum Glück ſind die Seiten gar nicht numerirt. Thun Sie das, und bringen Sie mir dann Ihre Brochüre wieder her, entſchied der Cenſor, indem er dem Autor zunickte, und dann mit erhobenem Arm und königlicher Würde nach der Thür hindeutete. Der junge Mann verbeugte ſich ehrfurchtsvoll, murmelte einige Worte des Dankes und ſchritt rück— wärts gehend, als verabſchiede er ſich von einem Könige, der Thür zu. Sehr gut, ſagte Graf Sedlnitzki, als die Thür ſich hinter dem jungen Mann geſchloſſen hatte, ſehr gut, Herr von Grieben, ich bin ſehr mit Ihnen zufrieden, und ich werde bei Sr. Majeſtät darauf antragen, daß Ihnen eine monatliche Zulage gewährt werde zur Be⸗ lohnung Ihres Eifers und Ihrer Strenge. Man kann nicht ängſtlich und vorſichtig genug ſein, und unter e verräthe haupt wittern, denn— wieder? Ein Haaren dem Tiſ ſich erh ſeblichen dennſelb u komn „ Fhnen, derſtänd Sp. Enſor Iͤr rief ſ Nühlda ſt, ſo hilde⸗ füllt 193 unter einer Cravatte kann ſich ſehr wohl eine hoch verrätheriſche Tendenz verbergen. Man muß über haupt eine ſolche hochverrätheriſche Tendenz überall wittern, überall vermuthen, ihr überall nachſpüren und ſie bei den unſchuldigſten Dingen für möglich halten, denn— aber mein Gott, wer kommt denn da ſchon wieder? Ein ernſter, hochgewachſener Herr mit grauen Haaren trat jetzt in den Saal ein und näherte ſich dem Tiſch, über welchem die Inſchrift: Geſchichtswerke, ſich erhob. Mein Herr, ſagte er mit einer tiefen Verbeugung, ich bin der Profeſſor Murchar, der Verfaſſer des Werkes über das alte Novicium. Ich erhielt geſtern das Cenſurexemplar von Ihnen zurück, und die ent ſetzlichen Verſtümmelungen und Zuſätze, welche Sie in demſelben gemacht, veranlaſſen mich, ſelber zu Ihnen zu kommen, um zu verſuchen, ob ich mich nicht mit Ihnen, einem ebenſo gelehrten als gütigen Herrn, verſtändigen könnte. Sprechen Sie, mein Herr Profeſſor, ſagte der Cenſor, ſagen Sie mir, was Sie hergeführt. Ihre rothen Striche und Ihre Zuſätze, mein Herr, rief Profeſſor Murchar lebhaft. Wiſſen Sie denn, Mühlbach, Erzherzog Johann. III. 13 194 mein Herr, Sie haben etwas gethan, was mich in der Gelehrtenwelt ewiger Schande, ewigem Gelächter Preis geben würde. Sie haben meine Ueberſetzung des Dio Caſſius entſtellt, einzelne Sätze herausge⸗ ſtrichen, Andere ſogar umgeändert und Sätze hinzuge⸗ fügt. Aber das kann, das darf nicht ſein.— Sie können nicht ſo grauſam ſein, mich an den Pranger ſtellen zu wollen, an den Pranger der öffentlichen Meinung und der Gelehrtenwelt. Bei einem Autor, wie Dio Caſſius einer iſt, darf kein Wort weggelaſſen, keins geändert werden, und ich muß Sie dringend bitten, Ihre Striche zurückzunehmen, dagegen Ihre Zuſätze zu ſtreichen. Bedauere, Ihnen nicht dienen zu können, rief der Cenſor mit erhöheter Stimme, indem er vielleicht ein gedenk der Zulage, welche dem Cenſor der Cravatiana für ſeinen Eifer verſprochen war, einen verſtohlenen Blick zu dem Grafen Sedlnitzki hinüber ſchweifen ließ, bedauere, Ihnen nicht dienen zu können. Ihr Werk darf nur ſo und nicht anders gedruckt werden, wenn Sie nicht wollen, daß man ſie aufrühreriſcher und hochverrätheriſcher Tendenzen beſchuldige. Hochverrätheriſche Tendenzen in meinem Werk über das alte Novicum? ſchrie der Profeſſor. Auf⸗ 195 ſch in rühreriſche Tendenzen in einer Ueberſetzung des alten ichter Dio Caſſius? tzung Ja, mein Herr, aufrühreriſche Tendenzen in einer usge Ueberſetzung des Dio Caſſius. Sie ſprechen da von zuge der Wuth der Pannonier über die römiſchen Zöllner Sie und Steuereinnehmer. Dieſe Stelle muß durchaus anger wegbleiben, denn man könnte ſie ſehr leicht als bös ſichn willige Anſpielung auf die Gegenwart ausbeuten, da ütor, gerade jetzt in Ungarn das Militair wegen endloſer aſſen, Steuerrückſtände überall auf Execution umher liegt.*) gend Sie werden daher dieſe Stelle ſtreichen, oder das Buch döre wird nicht eher ausgegeben, als bis die Militairexecu tionen in Ungarn aufgehört haben. der Nun, ſo muß es ſo lange warten, ſeufzte der Ge— ein lehrte. Aber jetzt, mein Herr, bitte ich mir zu ſagen, fana warum Sie in meinem Werk über die öſterreichiſche ten Geſchichte mir in der Darſtellung der Regierungszeit ſeß Maximilians den Namen des Kaiſers drei Mal ge g ſtrichen haben? — Warum? fragte der Cenſor ſtrenge. Weil Sie 44 eben nicht den Namen des Kaiſers Maximilian ge he ſchrieben hatten. Es ſteht da vielmehr ſtatt deſſen Werk*) von Hormayr, Taſchenbuch für vaterländiſche Geſchichte luf Jahrgang 1845. 7 4 13* 28 196 „Kaiſer Max“, und dies iſt eine Vertraulichkeit der Abkürzung, die ganz und gar gegen die kaiſerliche Würde verſtößt. Ein loyaler Unterthan, und wenn er auch immerhin ein großer Gelehrter iſt, darf doch niemals die ſchuldige Ehrfurcht gegen ſeinen Landes herrn vergeſſen, und es geziemt ſich nicht, daß Sie den Kaiſer Maximilian als Kaiſer Max beézeichnen. Das riecht nach demagogiſcher Ungenirtheit, und ich darf und werde ſolche niemals dulden. Nun gut, ich bin es zufrieden, ſagte der Profeſſor, ich werde alſo dafür Kaiſer Maximilian ſetzen. Aber hier haben wir noch eine andere Stelle. Sehen Sie hier! Es iſt die Biographie Kaiſer Albrechts des Erſten, und Sie haben mir da gerade die intereſſan teſten und zur Charakteriſtik des Kaiſers nothwendigen Einzelnheiten und Schilderungen geſtrichen. Ich habe das mit gutem Vorbedacht gethan, mein Herr Profeſſor. Die Schilderungen, welche ich ge ſtrichen, enthielten Dinge, welche den Kaiſer als zu weilen in Irrthümern befangen darſtellten und es nicht undeutlich erkennen ließen, daß der Kaiſer Albrecht heftig und jähzornig geweſen und ſich ſogar zu Unge rechtigkeiten habe verleiten laſſen. Aber Alles, was ich geſagt habe, iſt ganz der 197 Wahrheit und der Geſchichte gemäß, rief der Pro feſſor empört. Das mag ſein, ſagte der Cenſor emphatiſch, aber es giebt Etwas, was noch höher ſteht als die Wahr— heit und die Geſchichte, das iſt die Ehrfurcht vor den gekrönten Häuptern, die Achtung vor der Autorität der Fürſten von Gottes Gnaden. Ich bitte Sie daher, laſſen Sie die von mir beanſtandeten Stellen fort, damit das Bild des Kaiſers Albrecht rein und fleckenlos erſcheine und jeder loyale Unterthan ſeine Freude an ihm haben kann. Das heißt, Sie wollen nicht, daß man Geſchichte ſchreibe, ſondern nur eine Lobhudelei der Fürſten, rief der Profeſſor empört. Aber ich werde mir das nicht gefallen laſſen, ich werde mich an den Fürſten Metter nich wenden, ich werde mich mit meinen Klagen an alle Gelehrte wenden, ich werde die kaiſerliche Akademie zu meinem Beiſtand aufrufen. Ich will doch ſehen, ob es wirklich ſchon dahin gekommen iſt, daß die Ge⸗ ſchichte nur noch verfälſcht und als ſchmeichelnde Sclavin der Fürſten erſcheinen darf. Leben Sie wohl, mein Herr Cenſor, ich werde ſuchen, mir Recht zu verſchaffen gegen das Henkerbeil Ihres Rothſtifts. Thun Sie das, Herr Profeſſor, ſagte der Cenſor 198 ironiſch, aber vergeſſen Sie nicht, daß, wo das Hen driſc kerbeil des Rothſtiftes aufhört, vielleicht das Henkerbeil ſind. des Hochverräthers anfängt. richth Und der Blick des Cenſors flog, während der Pro 1ls de feſſor von dannen ſtürmte, wieder hinüber nach dem rif Grafen Sedlnitzki, um in ſeinen Mienen zu erſpähen, unter ob er nicht auch ihm ein Lob ertheilen und Zulage 8 verſprechen würde. ſriel Aber der Graf hatte noch nicht Zeit gefunden, Sw. dieſes erſehnte Lob auszuſprechen, als die Thür aber don mals geöffnet ward und eine neue Erſcheinung in den denen Saal eintrat. 1 den Jeſus Maria, rief Graf Sedlnitzki vorwärts ſtür dß i zend, dem Eintretenden entgegen, Se. kaiſerliche Gna I den, der Herr Erzherzog Johann! meine Und ſofort flogen alle Cenſoren von ihren Plätzen. hett in die Höhe und riſſen die Schreibfedern hinter ihrem mord rechten Ohr fort und verneigten ſich tief und demüthig Vere vor dem Erzherzog. vag Johann begrüßte ſie mit einem heitern Lächeln und Vur winkte ihnen, ihre Plätze wieder einzunehmen. Keine rach Ceremonieen, meine Herren, rief er lächelnd. Im lön Saal der Parzen giebt es keine Fürſten, ſondern nur arme Menſchengeſchöpfe, denen Ihr die Gedanken ſter J age 199 verſchneidet, gleichviel, ob ſie Fürſten oder Bettler ſind. Alſo, ohne Umſtände, meine Herren, ich komme nicht hierher als Erzherzog, ſondern wie jeder Andere als demüthiger Sollicitant. Und Sie wiſſen wohl, Graf Sedlnitzki, es iſt nicht das erſte Mal, daß ich unter Ihrer grauſamen Scheere habe bluten müſſen. Ew. kaiſerliche Hoheit haben zuweilen anonym ge ſchrieben, ſagte der Graf mit kriechender Freundlichkeit, Ew. kaiſerliche Hoheit haben zuweilen durch Archivar von Hormayr Broſchüren zur Cenſur geſandt, von denen ich nicht ahnte, wer der Verfaſſer ſei, und die den allgemeinen Cenſurgeſetzen ſo wenig entſprachen, daß ich ſie zurückweiſen mußte. Ja, ja, es iſt ein ſchlimmes Ding um Eure allge— meinen Cenſurgeſetze, rief der Erzherzog lächelnd. Ihr hetzt uns arme Schriftſteller damit zu Tode und mordet unſere Gedanken. Sedlnitzki, wenn ich in Ihrer Stelle wäre, ich würde es niemals mehr wagen, Nachts allein in meinem Zimmer zu ſein, aus Furcht, daß die Geiſter der gemordeten Gedanken rachedürſtend zu mir heranſtürmen und mich erwürgen könnten. Ew. Hoheit, ich fürchte mich vor ſolchen Geſpen— ſtern nicht, rief der Graf lächelnd, ich halte ihnen ein 200 Kreuz entgegen, und dann machen ſie es wie der Gottſeibeiuns, und entfliehen. Eins von Ihren Ordenskreuzen, Graf? fragte Johann ironiſch. Die Geſpenſter der gemordeten Gedanken haben keinen Reſpekt vor ſolchen Kreuzen, und ſie laſſen ſich nicht damit verſcheuchen. Nehmen Sie Sich in Acht, Sedlnitzki, es wäre doch entſetzlich, wenn man Sie eines Tages fände, wie die Geſtalten in Dante's Hölle, mit rückwärts gedrehtem Kopf, das Geſicht im Nacken, entſetzt nach rückwärts ſchauend in die Vergangenheit. Ich habe gehört, daß es die Strafe iſt, welche die Cenſoren im Jenſeits erwartet, daß ſie nun die Gedanken denken müſſen, welche ſie im Dieſſeits ermordet haben, und wenn dem ſo iſt, welch ein gedankenvoller Geiſt würden Sie alsdann dort oben ſein, Herr Graf! Aber genug des Scherzes, Sedlnitzki, laſſen Sie uns von ernſthaften Dingen ſprechen. Ich ſtehe ganz zu Ew. Hoheit Befehl. Herr von Dietrichs, Cenſor der Poeſie, ſtreichen Sie einmal dem Herrn Grafen ſeine Poeſie, rief Jo— hann lächelnd. Sie ſtehen zu meinem Befehl! Welch eine poetiſche Lüge! Ich ſtehe vielmehr, gleich allen andern Menſchen unter Ihren Befehlen. Aber nun ters rißti ein Da vom — — — fragte ordeten reuzen, behmen ſetzlich, eſtalten Kopf, sdann zerzes, HDingen eichen 201 hören Sie, Graf. Ich komme hierher in zwiefacher Eigenſchaft, als Anwalt und als Kläger. Zuerſt alſo als Anwalt. Der Direktor des Kärnthner⸗Thor⸗Thea ters hat ſich an mich gewandt, und mich erſucht, ſein Fürſprecher bei dem geſtrengen Herrn Grafen Sedl nitzki zu ſein. Er behauptet, Sie hätten neuerdings ein ſtrenges Verbot ergehen laſſen, das die beiden Tragödien Emilia Galotti und Don Carlos gänzlich vom Repertoir entferne. Da dieſe beiden Tragödien aber gerade beim Publikum ſehr beliebt ſind, ſo iſt der arme Direktor in Verzweiflung über dies Verbot, und hat mich dringend erſucht, ſein Fürſprecher zu ſein. Ich habe es um ſo lieber übernommen, weil ich überzeugt bin, der arme Direktor iſt im Irrthum, und Sie haben gar nicht daran gedacht, die beiden Tragödien, die beiden Meiſterwerke der größten deut⸗ ſchen Dichter mit einem Verdict zu belegen. Ich bitte Ew. kaiſerliche Hoheit um Verzeihung, ſagte Sedlnitzki achſelzuckend, ich habe mich in der That gezwungen geſehen, die Emilia Galotti von Leſ— ſing ſowohl, als den Don Carlos von Schiller vom Repertoir zu entfernen. Und haben Sie für dieſes Verbrechen gegen die 202 Poeſie wenigſtens Gründe anzuführen, oder iſt Ihr einziger Grund nur: car tel est mon plaisir? Ich verſichere Ew. Gnaden, daß es mir durchaus nicht zum Vergnügen gereicht, die Werke erhabener und berühmter deutſcher Dichter feindlich angreifen und beſeitigen zu müſſen. Aber ſie zwingen mich dazu; ich habe zu wachen über die öffentliche Sitt lichkeit und Moral. Meiner Sorge iſt es anvertraut, den Geiſt des Publikums zu bilden und ihm nur ſolche Nahrung zuzuwenden, die ihm nicht nachtheilig und ſchädlich ſein kann. Und Sie finden in Emilia Galotti Etwas, das dem Geiſt des Publikums nachtheilig ſein könnte? Ich finde darin nicht Etwas, ſondern ſehr viel, D D bemerkte Graf Sedlnitzki mit Emphaſe. as ganze Stück iſt weiter nichts als eine demagogiſche Contro verſe gegen die Fürſten, eine Verhöhnung des Hof lebens und der Hofherren. Der Prinz, ein geborner, ein regierender Fürſt iſt es, der in dieſem Stück das unmoraliſche, das ſchlechte, das verwerfliche Prinzip vertritt. Er iſt die Perſonificirung des Laſters, um ihn reiht ſich Alles, was ſchlecht, was unſittlich und gemein iſt; der Hofherr Perin iſt eine brutale Per ſiflage der Hofcavaliere, er entwürdigt dieſen Stand ſt Ihr urchaus habener greifen n mich m nur 203 in den Augen des Publikums und bringt dieſem falſche Begriffe bei. Ich frage Ew. kaiſerliche Hoheit, wird nicht das Publikum, zumal in dieſen Zeiten der Em pörung und der Aufregung, ſich berechtigt halten, an ſeinen Fürſten zu mäkeln, und ſie der Laſter und Irrthümer fähig zu halten, wenn es ſieht, wie wir uns nicht ſcheuen hier in der kaiſerlichen Reſidenzſtadt Stücke zur Darſtellung zu bringen, welche einen un moraliſchen, laſterhaften Fürſten als Mittelpunkt haben? Wird das Publikum nicht dadurch zu dem Glauben verleitet, als gäbe es in Wirklichkeit ſolche unmora liſche Fürſten? Ja, Herr Graf, rief Johann vollkommen ernſt haft, ja, Sie haben Recht, das Publikum könnte wahr haftig dadurch zu dem Irrthum verleitet werden, zu glauben, wir ſeien ſchwache, fehlende Menſchen, und nicht erhabene Halbgötter und unnahbare Tugend helden. Ich begreife, daß Sie Emilia Galotti ver bieten mußten, weil ein armer Fürſt ſich darin unter ſteht, unmoraliſche Empfindungen zu hegen. Aber es iſt mir noch nicht klar, weshalb Sie den Don Carlos von Schiller mit demſelben Verdict belegt haben? Warum thaten Sie's denn? Warum, Ew. kaiſerliche Hoheit? Mein Gott, em 204 pört ſich nicht das ſittliche Gefühl dagegen, daß in dieſem Stück, abgeſehen von ſeinen andern revolution⸗ nairen Tendenzen, Don Carlos für ſeine Stiefmutter eine unmoraliſche Liebe hegt? Für ſeine Stiefmutter, kaiſerliche Hoheit! Das iſt ja ein Verbrechen gegen die Sittlichkeit und die Moral, und dennoch wird in dieſem Stück Don Carlos nicht als der Verbrecher, ſondern als der leidende Held dargeſtellt. Außerdem iſt Don Carlos ein naher Anverwandter unſers Kaiſer— hauſes, und es wäre daher eine Blasphemie gegen den kaiſerlichen Stammbaum, wenn ich auf der Bühne der kaiſerlichen Hauptſtadt dieſen Prinzen des Kaiſer⸗ hauſes mit der verbrecheriſchen Liebe zu ſeiner Stief— mutter zur Darſtellung kommen ließe. Und Sie ziehen die Blasphemie gegen den heiligen Geiſt der Blasphemie gegen den kaiſerlichen Stamm⸗ baum vor? fragte Johann. Kaiſerliche Hoheit, den heiligen Geiſt kenne ich nicht, aber den kaiſerlichen Stammbaum kenne ich. Es iſt wahr, den heiligen Geiſt kennen Sie nicht, rief Johann, und ich glaube nicht, daß es mir gelingen wird, Sie mit demſelben bekannt zu machen. Aber ich habe es einmal übernommen, im Namen der Kunſt, der Poeſie, des Publikums und des Theaters mich bei Fönen f ic muß llſo, H gben Galoti Kaiſ lung, ſärnen, ſcht, ds Ge deine ſät w deines det in nüt we deiht naſcte dlch daß in volution⸗ jefmutter efmutter, wird in rbrecher, ußerdem Kaiſer je gegen r Bühne Kaiſer⸗ r Stief heiligen Stamm⸗ nne ich ich. te nicht, gelingen „Aber Kunſt, nich bei 205 Ihnen für die beiden Tragödien zu verwenden, und ich muß mein Verſprechen erfüllen. Ich bitte Sie alſo, Herr Graf, laſſen Sie nach in Ihrer Strenge, geben Sie der Bühne und dem Publikum die Emilia Galotti und den Don Carlos wieder. Kaiſerliche Hoheit, ich bin wahrhaft in Verzweif lung, Ihren gnädigen Wünſchen nicht entſprechen zu können, rief Sedlnitzki. Aber ich kann, ich darf es nicht, es iſt gegen mein Gewiſſen, und auch gegen das Gebot des Kaiſers. Nun wohl, da Sie den Namen des Kaiſers hinein miſchen, darf ich kein Wort weiter darüber ſagen. Die Sache iſt abgemacht, und ich komme jetzt zu der zweiten Sache. Und dieſe geht mich ſchon ein bischen näher an, denn es handelt ſich ein wenig dabei um ſi meine Perſon. Ein hieſiges Journal hat bei Gelegen heit meines letzten Geburtstages eine Beſchreibung meines Brandhofes gebracht, und bei dieſer Gelegen heit in freundlicher Geſinnung das Feſt geſchildert, mit welchem ich vor zwei Jahren mein Haus einge weiht habe. Das liebe Volk von Steyermark über raſchte mich damals mit einem Liede, das, wenn es auch meine Verdienſte weit überſchätzte, doch als ein 206 Ausdruck ſchlichter Volkspoeſie für mich von großem he war. Dies Lied hat der Redakteur jenes 25 75 2 2 Journals, ich glaube es heißt:„die Biene“, ſeinem Publikum mittheilen wollen, aber der Herr Cenſor hat es geſtrichen. Der Redaktenr, ein Mann von Geiſt und Herz, und dabei von durchaus loyaler Ge ſinnung, kam nun zu mir, um mir ſein Leid zu klagen und von mir zu erfahren, aus welchen Gründen man dieſem harmloſen Gedicht den Abdruck verweigert. Ich geſtehe, daß ich durchaus keinen Grund dafür wußte; da die Sache aber mich ſelber betraf, verſprach ich, mir darüber Auskunft zu verſchaffen. Und ich bitte alſo, mir dieſe zu geben, Herr Graf. Weshalb iſt das Gedicht, mit dem meine lieben Steyermärker mich damals gefeiert haben, nicht abgedruckt worden? Aber warten Sie, vielleicht wiſſen Sie nicht, wovon die Rede iſt. Ich habe das Gedicht mit dem rothen Strich zu Ihrer Kenntnißnahme mitgebracht. Hier Erlauben Sie mir, daß ich Ihnen zu Ihrer — Orientirung den erſten Vers vorleſe: 8 „Wer klimmt hinan den Wolkenſteg erwegen auf dem Gemſenweg? 8 8 9 ⸗ Das iſt ein deutſcher Mann, J ſt unſer Prinz Johann. großem i jenes „ſeinem Cenſor ann von aler Ge u klagen den man weigert. id dafür verſprach Und ich Weshalb ermärker worden? wovon mrothen Hier 1 Ihrer 207 9 den Stutzen links, auf grünem Hute den Gemsbart und die Feder ſchön, o ziehet er in frohem Muthe Hinauf zu unſern Felſenhöh'n.“ 9 G Nun geſtehen Sie, daß das ſehr harmloſe Poeſie iſt, Herr Graf, und daß man ſchwer begreifen kann, weshalb man gegen dieſelbe ein Interdict erläßt? Haben Sie alſo die Güte, mir zu erklären, wie das zugegangen iſt? Gnädigſter Herr, ſagte der Graf ſchüchtern, ich befinde mich hier in der äußerſten Verlegenheit, und weiß kaum, was ich Ew. Gnaden erwiedern ſoll. Das Gedicht iſt ſchön, iſt ſinnig, es hat mich ſelber entzückt, und dennoch— Und dennoch? Fahren Sie doch fort. Dennoch durfte ich es nicht zum Druck zulaſſen. Wir haben wegen dieſes Gedichts lange Unterhand lungen gepflogen, ich habe mit allen meinen Herren Cenſoren darüber lange und ausführliche Conferenzen gehalten. Ich bitte Sie, weshalb? Was iſt in dieſem Ge dicht enthalten, was Anſtoß erregen könnte? Seien Sie offenherzig, Herr Graf, Sie wiſſen wohl, daß ich es liebe, die Wahrheit zu hören. 208 Nun denn, Ew. kaiſerliche Hoheit wollen es, daß ich die Wahrheit ſage, rief der Graf entſchloſſen, wohlan, ich ſage Ihnen die Wahrheit. Das Gedicht iſt von uns aus zweierlei Gründen beanſtandet wor⸗ den. Einmal, weil man darin einen kaiſerlichen Erz⸗ herzog doch mit allzu großer Licenz als einen Mann des Volks, ja, man möchte ſagen, als einen Dema gogen ſchildert, der mit dem Volk gemeinſchaftliche Sache macht, mit ihm tanzt, mit ihm ſingt, und ſo— gar ſeine glänzende Uniform ablegt, um die Tracht des Volkes anzulegen, und ſich als Ihres Gleiches darzuſtellen. Oh, Sie meinen, ein Erzherzog müſſe gleich den Theaterfürſten ſich immer nur im Purpurmantel und mit der Krone auf dem Haupte vor den Menſchen ſehen laſſen. Der kaiſerliche Stern dürfe ſelbſt auf ſeinem Schlafrock nicht fehlen? Nun, Ihren erſten Grund kenne ich alſo jetzt, und bitte jetzt um Ihren zweiten! Der zweite Grund, weshalb wir das Gedicht nicht zulaſſen durften, war faſt noch wichtiger. Es kommt darin in jedem Vers eine Zeile vor, die ich geradezu als demagogiſch und unpatriotiſch bezeichnen muß. Es wird jedes Mal auf die Fragen der erſten zwei Zei⸗ 3, daß loſſen, Hedicht t wor⸗ n Erz Mann Dema eftliche nd ſo Tracht lieiches ell und enſchen ſt auf erſten Ihren t nicht kommt eradezll Es P. n — 209 len jedes Verſes geantwortet:„das iſt ein deutſcher Mann, iſt unſer Prinz Johann.“ Nun bedarf es wohl kaum der Bemerkung, daß ein öſterreichiſcher Prinz niemals ein deutſcher Mann genannt werden darf. Und weshalb nicht, wenn ich bitten darf? fragte der Erzherzog ernſt. Mein Gott, Ew. Kaiſerliche Hoheit fragen mich das, und wiſſen es doch beſſer, als wir Alle, rief Graf Sedlnitzki. Seit Se. Majeſtät freiwillig, im Jahre 1806 die deutſche Kaiſerwürde niedergelegt hat, giebt es in dem öſterreichiſchen Kaiſerſtaat nicht mehr deutſche Männer, ſondern nur noch Oeſterreicher, und die Prinzen des Kaiſerhauſes, die dem Volk in allen Dingen als Beiſpiel voranleuchten, ſind die öſterreichiſchen Männer und Helden, aber es wäre un patriotiſch, ſie deutſche Männer zu nennen. Dies, Ew. kaiſerliche Hoheit, war der zweite Grund, um deſſenwillen wir ein Gedicht nicht drucken laſſen durften, welches gefliſſentlich den Accent darauf legt, einen kaiſerlich öſterreichiſchen Erzherzog einen deutſchen Mann zu nennen. Der Erzherzog war ernſt geworden, und blickte trübe und gedankenvoll vor ſich nieder. Es iſt wahr, murmelte er leiſe vor ſich hin, einem öſterreichiſchen Mühlbach, Erzherzog Johann. III 14 210 Erzherzog ſcheint es wirklich nicht erlaubt, ein deut⸗ ſcher Mann zu ſein. Indeſſen— ich kann mich bei dieſer Entſcheidung der Herren Cenſoren nicht be⸗ ruhigen, ich werde mich an den Kaiſer ſelber wen— den und— Ich erlaube mir, Ew. Hoheit zu rathen, dies lieber zu unterlaſſen, flüſterte Graf Sedlnitzki geheimnißvoll. Se. Majeſtät haben bereits entſchieden, und haben das Cenſuredict vollkommen gebilligt. Nun, dann ſind Sie im Recht, ſagte Johann ruhig, und ich habe als Anwalt bei Ihnen vollkom⸗ menes Fiasco gemacht. Aber jetzt komme ich als Ankläger. Schauen Sie einmal dieſen Kupferſtich hier. Kennen Sie ihn? Sicher kenne ich ihn, erwiederte der Graf, den Kupferſtich betrachtend, den der Erzherzog aus ſeiner Bruſttaſche genommen, und entfaltet hatte. Ja, ſicher kenne ich dieſen Kupferſtich. Er gehört zu den Stichen des Ambraſer Stammbaums, und ſpeciell zur Geſchichte des Kaiſers Albrecht des Erſten. Er ſtellt den Moment vor, wie Johann Parricida den Dolch nach dem Kaiſer zuckt. Ganz recht, Herr Graf. Es ſtellt einen Kaiſer⸗ mord dar. Und das dulden Sie? Laſſen am Kohl⸗ 1 0ϑ 2 11 markt und in der Wollzeile an den Schaufenſtern ein Bild öffentlich aushängen, auf welchem Johann Par⸗ ricida den Dolch auf ſeinen Herrn und Kaiſer zuckt? Und Sie glauben, daß das keine Anreizung zum Ver⸗ brechen iſt? Den Don Carlos und die Emilia Ga—⸗ lotti verbieten Sie, aber den Kaiſermord predigen Sie öffentlich in allen Straßen Wiens. Mir aber iſt die Geſchichte doppelt unangenehm, weil ſeit der Zeit in unſerm ganzen Hauſe Niemand mehr Johann Vehe den hat. Ich muß daher glauben, daß Sie mich lber beleidigen wollen, Herr Graf. Ein Lobgedicht auf mich verbieten Sie, und ein Bild, worauf mein Vorgänger Johann einen Kaiſermord begeht, laſſen Sie öffentlich aushängen. Oh, Gott, rief der Graf beſtürzt, und mit er⸗ bleichenden Wangen, ja, es iſt wahr, ich habe da einen Fehler begangen, den ich mir ſelber niemals verzeihen kann, und für den ich Ew. Gnaden de⸗ müthigſt um Verzeihung bitte. Wie war es er auch nur möglich, daß ich das überſehen, daß i daran nicht denken konnte! Sie ſehen, Herr Graf, ſagte Johann ernſt, man kann ſehr leicht dazu kommen, der Cenſur gegenüber als ein Verbrecher zu erſcheinen, bei aller Vorſicht 14* 212 kann man doch Hochverrath predigen, und als Volks aufwiegler verdächtig werden, wenn man ganz arglos und unſchuldig iſt. Merken Sie ſich das, Herr Graf, und wenn Sie einmal wieder einen Hochverräther und Volksaufwiegler entdeckt haben, ſo ſeien Sie hübſch milde und nachſichtig, und bedenken Sie, daß Sie es vielleicht ſind, der ihn verführt hat, indem Sie ihm geſtatten, ſeine Phantaſie zu erhitzen durch den Anblick ſolchen Fürſtenmordes. Leben Sie wohl, Herr Graf, und vergeſſen Sie es nicht, ſeien Sie milde und nachſichtig, denn Sie ſehen an ſich ſelber, wie leicht man ſtraucheln kann! Er grüßte den beſtürzten Grafen Sedlnitzki mit einem leichten Kopfnicken, und ſeine Begleitung mit einem ſtolzen, abwehrenden Wink ſeiner Hand zurück weiſend, verließ er den„Saal der Parzen“, und be gab ſich raſch aus dem öden und düſteren Gebäude. Nun, ſagte er lächelnd vor ſich hin, ich hoffe, daß ich dem Sedlnitzki ein bischen Schrecken eingejagt, und den Schlaf ſeiner Nächte ein wenig beunruhigt habe. Man muß den Wehrwolf der Cenſur wenig ſtens mit Nadeln ſtechen, wenn man ihn leider nicht vernichten kann!—— Erzherzog. Johann hatte wohl Recht gehabt; er 213 hatte dem Grafen Sedlnitzki wirklich den Schlaf ſei— ner Nächte getrübt, und der Gedanke, wie er das begangene Verſehen wieder gut machen könne, beun⸗ ruhigte ihn mehrere Tage lang. Aber ſein erfinderiſcher Kopf hatte doch ein Aus— kunftsmittel gefunden, und eines Tages trat er mit freudeſtrahlendem Geſicht in den Salon des Erzher zogs Johann ein. Nun, Herr Graf, rief ihm Johann entgegen, was führt Sie zu mir? Hat man mich etwa wieder bei Ihnen angeklagt? Oder haben Sie mich einmal wieder bei dem Kaiſer verdächtigt, und kommen nun, mich Ihrer unwandelbaren Treue und Anhänglichkeit zu verſichern, damit ich in Ihnen nicht den Ankläger vermuthen ſoll? Kaiſerliche Hoheit, ſagte der Graf feierlich, ich komme, Ihnen zu beweiſen, daß ich mein Unrecht ein⸗ geſehen und es wieder gut gemacht habe. Wollen Ew. Hoheit die Gnade haben, jetzt dieſen Kupferſtich der Ambraſer Stammtafel zu betrachten, auf welcher der Kaiſer Albrecht und Johann Parricida den ge rechten Unwillen Eurer Hoheit erregt hatten. Und der Graf hielt mit triumphirender Miene dem Erzherzog das Blatt entgegen. 214 Ach, ſagte Johann lachend, Sie haben den Dolch fortſchleifen laſſen. Aber Sie haben in der That die Sache dadurch nur noch ſchlimmer gemacht. Der Dolch iſt fort. Aber jetzt hält der Johann dem Kaiſer die Fauſt unter die Naſe, und das ganz öffent lich und ganz ungeſtraft. Ein Mord geſchieht nicht alle Augenblicke, aber die Ehrfurcht vor den gekrönten Häuptern iſt ohnehin ſchon genug erſchüttert, und es iſt daher Ihrerſeits nicht ein Verſehen, ſondern ein Verbrechen, wenn Sie ſolche arge Verſtöße gegen die kaiſerliche Würde nicht allein erlauben, ſondern ſie ſogar verſchulden, denn Sie ſind es doch ohne Zweifel geweſen, der angeordnet hat, daß man dem Johann Parricida den Dolch fortnehme, und ihn dafür dem Kaiſer die Fauſt unter die Naſe halten laſſe?*) Ja, es iſt wahr, ich that das, ſagte Graf Sedl nitzki kleinlaut. Ich ſehe wohl, es wird mir nicht gelingen, den begangenen Fehler wieder gut zu machen. Statt zu beſſern, habe ich neues Unheil angerichtet. Sie ſehen abermals nun, wie leicht es iſt, überall Verrath und Böswilligkeit zu entdecken, ſagte der Erzherzog ernſt, Sie ſehen nun, daß man die loyal *) Des Erzherzogs eigene Worte. Siehe: Peternader, Tyrols Helden und Landesvertheidiger. Auhang 176. 215 ſten und treueſten Männer als Verbrecher verdächtigen und anklagen kann, wenn man darauf ausgeht, ſie für ſchuldig zu halten. Laſſen Sie ſich das geſagt ſein, Herr Graf, und ſtatt immer zu beargwöhnen, immer anzuklagen, ſeien Sie lieber nachſichtig, ſtatt zu ver dächtigen, ſuchen Sie lieber zu entſchuldigen, und zu verſöhnen! III. Eine Seele im Jegefeuer. Der Herzog von Reichſtadt kam ſoeben von der Parade zurück und trat mit düſterer verſtörter Miene in ſein Gemach ein. Den mit Federn geſchmückten Hut und die Handſchuhe haſtig bei Seite werfend, eilte er zu ſeinem Schreibtiſch und warf einen ſpähen⸗ den Blick über denſelben hin. Dann wie von einem plötzlichen Schrecken erfaßt, zuckte er zuſammen und ſtarrte nach den drei Briefen hin, die da auf dem Schreibtiſch lagen. Er kannte die Handſchrift dieſer Adreſſen, und dennoch wußte er nicht, wer ſie ge— ſchrieben. Seit drei Tagen fand er jedesmal bei der Rückkehr von der Parade hier auf derſelben Stelle einen Brief, immer deſſelben Inhalts, immer ihn mahnend an ſeine Pflichten gegen Frankreich, immer von der Miene mückten verfend, ſpähen meinem en und 217 ihn beſchwörend, einen feſten Entſchluß zu faſſen, die Erbſchaft anzunehmen, welche ihm ſein Vater hinter⸗ laſſen, und den Thron von Frankreich für ſich zu be⸗ anſpruchen kraft ſeines guten Rechts als der natürliche Erbe des Kaiſers Napoleon. Woher kamen dieſe Briefe? Wer hatte ſie ge⸗ ſchrieben? Wer hatte ſie ihm auf den Schreibtiſch gelegt? Das waren die Fragen, welche den Herzog ſeit drei Tagen marterten, welche ihn ängſtigten und be⸗ unruhigten. Den erſten Tag hatte er ſeinen Kammer⸗ diener gerufen und ihn gefragt, wer den Brief gebracht und ob er ihn auf den Tiſch gelegt? Aber der Kammerdiener hatte ihm keine Auskunft zu geben vermocht. Er hatte Niemand geſehen, Nie⸗ mand geſprochen, er begriff nicht, wie der Brief auf den Tiſch des Herzogs gekommen ſei, denn das Zim— mer war verſchloſſen geweſen und der Kammerdiener hatte den Schlüſſel nicht einen Moment aus der Hand gegeben. Wer war es alſo, der den Brief gebracht? Woher kam er? Hatte man ihm nur geſchrieben, um den Herzog zu prüfen? Kam er ihm von Denen, die ihn umlauerten und umſpäheten? Wollte man ihn nur 218 in Verſuchung führen, um zu ſehen, ob er derſelben widerſtände? Aber der Ton dieſes erſten Briefes war ſo voll Leidenſchaft und Schmerz, er mahnte den Herzog in ſo beredten Worten an ſeine Pflicht, es herrſchte ein ſolcher Ausdruck inbrünſtiger Ueberzeugung in dem⸗ ſelben, daß man kaum glauben konnte, es ſei nur ein Fallſtrick, nur eine Hinterliſt. Der zweite Brief war gekommen, wie der erſte, und noch dringender, noch glühender hatte er den Prinzen an ſeine Pflicht gemahnt. Wieder hatte der Kammerdiener ganz beſtürzt erklärt, er wiſſe nicht, wie der Brief dahin gekommen, und faſt mit Thränen hatte er den Herzog beſchworen, keinen Verdacht auf ihn zu werfen, ihn nicht unglücklich zu machen, indem er ihn verſtoße und aus ſeiner Nähe verbanne wegen einer Sache, die er nicht verſchuldet, und die er ſelber nicht begreifen könne. Der Herzog hatte ſeinen Verſicherungen, ſeinen Betheuerungen geglaubt, um ſo mehr geglaubt, da er bis dahin den Kammerdiener beargwöhnt hatte, daß er zu den Spähern und Spionen gehöre, mit welchen man ihn überall umgab. Er hatte dem Kammerdiener die ſtrengſte Verſchwiegenheit über dieſe ganze Ange erſelben ſo voll rzog in errſchte in dem aur ein tte der nicht, hränen cht auf indem. wegenn ſelber ſeinen da er daß er velchen rdiener Auge 219 legenheit empfohlen, und am dritten Tage hatte er ſelber die Thür ſeines Wohnzimmers verſchloſſen und den Schlüſſel mit ſich genommen. Und dennoch, als er jetzt von der Parade heim kehrte, lag da auf dem Tiſch wieder ein Brief, von derſelben Hand adreſſirt, wie an den beiden vorher gehenden Tagen, und noch zwei andere Couverts lagen daneben. Wie waren die Briefe hierher gekommen, da der Herzog ſelber das Zimmer verſchloſſen und die Thür bei ſeiner Wiederkehr noch verſchloſſen gefunden hatte. Heute indeß rief er ſeinen Kammerdiener nicht mehr, fragte er nicht mehr, woher die Briefe gekom men, denn er wußte doch, daß er keine Auskunft er halten werde, er unterwarf ſich dem geheimnißvollen Walten, das ihn umgab und das ſeinen unwiderſteh lichen Zauber auf ihn übte. Statt den Kammerdiener zu rufen, eilte er nach der Thür hin und verriegelte ſie. Er wollte allein ſein, Niemand ſollte ihn ſtören in der Lecture dieſer Briefe, nur Gott und die Augen ſeines Vaters durf ten ſie ſehen. Mit zitternder Hand nahm er den Brief mit der ihm ſchon bekannten Handſchrift, öffnete ihn und ſchlug 220 ihn auseinander. Zuerſt überflog ihn ſein finſter brennender Blick nur haſtig, dann auf einmal fuhr ein leiſer Ausruf der Freude, des Staunens von ſeinen Lippen. Diesmal war der Brief nicht anonym, wie an den beiden vorhergehenden Tagen, diesmal hatte er eine Unterſchrift. Mit feſten ſichern Zügen ſtand da ge⸗ ſchrieben: Napoleone Camerata! Napoleone Camerata! Er kannte den Namen, man hatte ihm oft erzählt von der ſchönen jungen Gräfin, die ſich ſeit einigen Monaten in Wien auf— halte, die durch ihre Schönheit, durch ihre Genialität, durch die Gewandtheit, mit welcher ſie täglich im Prater ihr Roß tummelte, die Aufmerkſamkeit von ganz Wien auf ſich gezogen hatte. Er wußte, daß ſie ſich beim Kaiſer, bei der Kaiſerin, beim Fürſten Met⸗ ternich um die Gunſt beworben, den Herzog von Reichſtadt beſuchen zu dürfen. Man hatte es ihr überall abgeſchlagen, man hatte die Thüren des Her⸗ zogs ſeitdem nur noch vorſichtiger bewacht, und alle Briefe, welche für den Herzog anlangten, ſei's, daß ſie mit der Poſt kamen, oder von Boten überbracht worden, mußten ſeitdem auf ausdrücklichen Befehl des Kaiſers erſt ihm ſelber, dem Kaiſer, übergeben werden. n finſter fuhr ein on ſeinen e an den er eine d da ge Namen, n jungen ien auf⸗ enialität, llch im keit von daß ſie ten Met⸗ vonl berbracht efehl des werden. 221 Und dennoch fand der Herzog jetzt auf ſeinem Tiſch einen Brief von Napoleone Camerata, von ſeiner Couſine, von der Tochter der geliebteſten Schweſter Napoleons! Wie er das dachte, zog er ganz unwillkürlich das Papier an ſeine Lippen und küßte es, dann hielt er es triumphirend empor zu dem Bilde ſeines Vaters. Oh, mein Vater, flüſterte er leiſe, ich danke Dir denn Du haſt ohne Zweifel Mitleid mit mir gehabt, Du haſt geſehen, wie einſam und verlaſſen ich war, und Du ſendeſt mir die Tochter Deiner Eliſe, damit ich weiß, daß ein verwandtes Herz in meiner Nähe ſchlägt. Dann ſenkte er den Blick wieder zu dem Briefe nieder, und halblaut, oft unterbrochen von ſeinen Seufzern und ſeiner leidenſchaftlichen Erregung, oft glühend erröthend, dann wieder tödtlich erbleichend, las er: „Prinz! Ich ſchreibe Ihnen zum dritten Male. Haben Sie meine Briefe erhalten, und wollen Sie als öſterreichiſcher Erzherzog oder als Prinz von Frankreich handeln? Im erſtern Falle liefern Sie meine Briefe aus; indem Sie mich verderben, wird man Sie hochpreiſen und dieſe Handlung der Unter 4 222 würfigkeit Ihnen zum Ruhm anrechnen. Wenn Sie aber meine Worte benutzen und als Mann handeln wollen, werden Sie bald erkennen, wie ſchnell die Hinderniſſe vor dem feſten und entſchloſſenen Willen brechen. Sie werden hundert Wege, um mich zu ſprechen, finden, die ich allein mir nicht öffnen kann. Alle Ihre Hoffnungen ruhen in Ihnen ſelber. Ver⸗ trauen Sie Niemanden. Wiſſen Sie, daß, wenn ich Sie auch vor hundert Zeugen zu ſprechen begehrte, meine Bitte dennoch keine Gewährung fände; wiſſen Sie, daß Sie todt ſind für Alles, was Franzoſe heißt und für Ihre ganze Familie? Im Namen der ſchreck⸗ lichen Qualen, zu denen die Könige Europa's Ihren Vater verdammt haben, halten Sie ſich das Bild ſeines Hinſterbens in der Verbannung vor die Augen, ſeiner Verbannung, zu der Diejenigen ihn verurtheilt haben, die er früher aus Großmuth nicht vernichtet hatte. Denken Sie daran, daß Sie ſein Sohn ſind, und daß ſeine ſterbenden Blicke auf Ihrem Bilde ge⸗ ruht haben. Laſſen Sie von Entſetzen darüber ſich durchdringen, und die einzige Strafe Jener ſei, Sie auf dem Thron von Frankreich zu ſehen. Benutzen Sie dieſen Moment, Prinz! Vielleicht habe ich zu viel geſagt. Mein Schickſal iſt in Ihren Händen. n Willen mich zu den kann. wenn ich begehrte, wiſſen ſe heißt ſchreck⸗ eAugen, rtheilt ernichtet hn ſind, ilde ge⸗ ber ſich ſei, Sie Benutzen „ich zu Händen. Das aber ſage ich Ihnen, wenn Sie mich verrathen, wird die Erinnerung an Ihre Feigheit mir ſchmerz licher ſein, als Alles, was man mich erdulden laſſen kann. Der Ueberbringer dieſer Zeilen wird Ihre Antwort empfangen können. Sie haben nur nöthig, ſie auf Ihren Schreibtiſch zu legen. Wenn Sie Ge fühl für Ehre haben, werden Sie mir eine Antwort nicht verweigern.“*) Napoleone Camerata. Wenn ich Gefühl für Ehre habe, werde ich ihr eine Antwort nicht verweigern? wiederholte der Herzog langſam und traurig. Sie weiß alſo nicht, was ich leide und wie ich gefeſſelt bin, ſie hat keinen Begriff von den Qualen, die ich erdulde und wie in der Bruſt des öſterreichiſchen Erzherzogs das Herz des franzöſi⸗ ſchen Prinzen bis zum Zerſpringen ſchlägt. Oh, Gott, Gott, wie furchtbar ſind dieſe Martern und wie kann ich ſie enden! Ich darf ja nicht, kann ja der Sehn ſucht meines Herzens nicht folgen. Alles hält mich hier zurück, Gewiſſen, Ehre, Dankbarkeit! Ich kann nicht wie ein Abenteurer nach Frankreich gehen, und dennoch zieht mich meine Sehnſucht, mein Ehrgeiz, mein Stolz nach Frankreich hin. *) Montbel: Le due de Reichstadt. pag. 146. — 224 Aber nein, nein, rief er ſtürmiſch. Fort mit dieſen Gedanken! Frankreich hat ſich einen König gewählt, es hat den Sohn Napoleons vergeſſen und den Her⸗ zog von Orleans auf den Thron meines Vaters er⸗ hoben. Ich habe nichts mehr zu ſchaffen mit Frank⸗ reich! Ich will es vergeſſen, ich will dieſen Brief nicht beantworten. Aber, fuhr er mit ſanfter weicher Stimme fort, verrathen werde ich Dich nicht, Napo leone, und wenn ich Dich auch nicht ſehen und nicht ſprechen darf, ſo ſollſt Du doch erkennen müſſen, daß ich das Herz eines Franzoſen habe und kein Ver⸗ räther bin. Er faltete den Brief zuſammen und verbarg ihn auf ſeinem Buſen. Dann nahm er hochathmend den zweiten Brief zur Hand. Das Couvert indeſſen ent⸗ hielt nichts Geſchriebenes, ſondern nur ein gedrucktes Blatt einer engliſchen Zeitung. Der Prinz durchflog die langen Spalten derſelben mit haſtigen Blicken. Hier, an der Seite der einen Spalte, hatte man einen rothen Strich gezogen. Ja, das war's, das war für ihn beſtimmt. Es war ein in franzöſiſcher Sprache geſchriebener Artikel, ein Brief von Joſeph Bonaparte an einen ungenannten General der kaiſerlichen Heere Frankreichs gerichtet. Der Bruder des Kaiſers pro it dieſen gewählt, en Her ters er t Frank en Brief weicher ſſen ent edrucktes durchflog Blicken. an einen war für Sprache onaparle en Heere ers pro 225 teſtirte in dieſem Briefe feierlich gegen jede Wahl eines andern Regenten Frankreichs, er erklärte, daß nur allein der Sohn des Kaiſers berechtigt ſei, den erledigten Thron von Frankreich für ſich zu bean ſpruchen, daß Napoleon der Zweite, zu deſſen Gunſten ſein Vater allein abdicirt habe, der rechtmäßige Herr⸗ ſcher von Frankreich ſei. Er forderte das franzöſiſche Volk auf, ſeine Stimme zu erheben und ſich ſeinen jungen Kaiſer aus der Verbannung zurückzurufen, er verſprach ihnen im Namen ſeines Neffen als ſein na— türlicher Vormund, daß er die Rechte des Volkes heilig halten und ihre Freiheiten nicht verletzen werde. „Denn, ſo ſchloß dieſer merkwürdige Brief, im Augen blicke ſeines Hinſcheidens ſchärfte mir Napoleon durch die Briefe des Generals Bertrand ein, daß ich ſeinen Sohn dahin verpflichten ſolle: ſich durch meinen Rath leiten zu laſſen und vor Allem niemals zu vergeſſen, daß er Franzoſe ſei, ferner Frankreich ebenſo viele Freiheit zu geben, als ſein Vater ihm Gleichheit gegeben habe, und endlich den Wahlſpruch anzunehmen: Alles für das franzöſiſche Volk.“*) Der Herzog las dieſes gedruckte Schreiben ſeines *) Schmidt, Zeitgenöſſiſche Geſchichten. 400 Mühlbach, Erzherzog Johann. IIi — Or 226 Oncles mit hochklopfendem Herzen, mit Thränen in den Augen und mit einer tiefen, wehmüthigen Freude. Auch Joſeph Bonaparte, auch der Bruder ſeines Va— ters alſo trat mahnend zu ihm heran, auch Er forderte von ihm, daß er zurückkehre nach Frankreich. Dieſe Einſamkeit und Verlaſſenheit, welche ihn bis jetzt um— geben, war plötzlich von ihm gewichen, er hatte Ver— wandte, er hatte eine Familie gefunden, die ihn liebte, die ſeine Größe, ſeine Erhebung erſtrebte. Hier in Wien war die Familie ſeiner Mutter immer nur be⸗ müht geweſen, ihn zu unterdrücken, ihn in den Schatten zurückzudrängen, ihn ſelbſt ſeine Erinnerungen ver⸗ geſſen zu machen. Aber die Verwandten ſeines Vaters die riefen ihn jetzt zu ſich, die mahnten ihn an ſeine Größe, die forderten für ihn von Frankreich das Erbe ſeines Vaters, den Kaiſerthron. Er fühlte, wie eine ſelige Freude ſein ganzes Weſen durchrieſelte, wie der Ehrgeiz, ſo lange zurück⸗ gehalten, ſo lange von ihm ſelber unterdrückt, plötzlich in tauſend Flammen in ſeiner Seele emporſchoß, ſeine Wangen brannten in der Gluth der Begeiſterung, ein ſeliges Lächeln umſpielte ſeine Lippen, und trunken von Stolz und Freude, ſeiner ſelber kaum bewußt, murmelte er leiſe: Wär's denn möglich? Kann es — en in reude. Va⸗ derte Dieſe zatten ver⸗ aaters ſeine Erbe anzes urück⸗ ötzlich ſeine g, ein runken ewußt, un es 227 wirklich geſchehen? Ich ein freier Fürſt! Ich ein Kaiſer! Aber auf einmal zuckte er zuſammen und fuhr mit ſeinen beiden Händen nach ſeiner Bruſt. Er empfand da einen Schmerz, als ob ein kaltes Eiſen mitten durch ſein Herz hindurchführe, es war ihm, als ob plötzlich der Tod ihn anwehe mit ſeinem Eiſeshauch, und die Augen ſchließend, die beiden Hände feſt an ſeine Bruſt drückend, murmelte er leiſe: ſchon wieder dieſer Schmerz! Dieſer fürchterliche Schmerz! Ach, er kommt, mich zu mahnen, daß es für mich keine Zukunft und keine Krone giebt, daß der Sohn des Kaiſers niemals das Erbe ſeines Vaters antreten wird, daß— Ein heftiger pfeifender Huſten unterbrach ihn und durchſchüttelte ſeine ganze Geſtalt wie im Fieberfroſt. Der Herzog faßte mit zitternden Händen nach ſeinem Taſchentuch und preßte es an ſeine Bruſt, damit ſeine Diener im Vorzimmer nichts hören ſollten von dieſem fürchterlichen Huſten. Hatte er doch zwei Monate lang wegen deſſelben das Zimmer hüten müſſen, war er doch von ſeiner einzigen Freude, von ſeinen militairiſchen Uebungen, wegen dieſes Huſtens zwei Monate lang verbannt ge— weſen. Erſt ſeit acht Tagen hatte der Arzt ihm er⸗ 15* 228 laubt, wieder auf dem Paradeplatz und bei den Exer citien der Soldaten thätig zu ſein, aber er hatte aus drücklich hinzugefügt, daß, ſobald der Huſten ſich wieder zeige, der Herzog dieſen militairiſchen Uebungen ſofort wieder entſagen müſſe. Deshalb drückte er ſein Tuch feſt an die Lippen, deshalb wollte er es vermeiden, daß irgend Jemand ihn huſten höre, und deshalb, nur deshalb erſchrak er, als er es jetzt wie glühendes Feuer aus ſeiner Bruſt emporſteigen fühlte, als das weiße Tuch ſich plötzlich purpurroth färbte von dem Blut, das aus ſeinem Munde hervorquoll. Aber gerade dieſes Ausſtrömen des Blutes ſchien dem Herzog Erleichterung zu ſchaffen. Er athmete hoch auf, der Schmerz in der Bruſt war verſchwunden, er fühlte ſich wieder leicht und frei. Irgend eine kleine Ader in meiner Bruſt wird ge ſprungen ſein, flüſterte er. Das kommt von der Auf regung her, von dieſer beſtändigen Aufregung meiner Seele. Ich muß fort von hier, ich muß mich retten vor den verlockenden Stimmen der Verſuchung, oder ſie werden mich zu ſich ziehen in ihre Zauberkreiſe. Ja, ich will fort, noch heute will ich den Kaiſer bitten, mich fortzuſchicken. u Exer tte aus ten ſich ebungen Lippen, r Bruſt plötzlich ſeinem ſchien athmete vunden, ird ge er Auf meiner retten 229 Er ſprang auf, feſt entſchloſſen, ſich ſogleich zum Kaiſer zu begeben,— da fiel ſein Blick auf das dritte Couvert, das da auf ſeinem Schreibtiſch lag und das er noch nicht erbrochen hatte. Haſtig ergriff er es und brach das Siegel. Das Papier enthielt nichts als die Worte:„man hat Sie zum Major im Regiment Salis gemacht, man hat Ihnen verſprochen, daß Sie ſchon jetzt zu dieſem Re— giment, das in Prag ſteht, abgehen werden. Aber man wird Ihnen nicht Wort halten, man wird Ihnen nicht erlauben, Wien zu verlaſſen. Der Sohn des Kaiſers Napoleon, der rechtmäßige Erbe des franzö⸗ ſiſchen Throns, iſt weiter nichts, als der Gefangene Oeſterreichs. Man wird ihm nicht erlauben, nach Prag zu gehen, aber wenn er den Muth hat zu wollen, ſo wird er nach Frankreich gehen und dort Kaiſer werden. Alle Diejenigen, welche ihn lieben, warten nur auf ein Zeichen, daß er will, und ſie werden ihm die Gelegenheit verſchaffen, ſeinen Willen auszuführen.“ Oh, ich will doch ſehen, ob dieſes Papier auch die Wahrheit enthält, rief der Prinz mit flammenden Blicken, als er zu Ende geleſen. Ich will doch ſehen, ob der Kaiſer mir wirklich verbieten kann, nach Prag 230 zu meinem Regiment zu gehen! Jetzt gleich will ich ihn fragen, und von ſeiner Entſcheidung ſoll meine Zukunft abhängen. Und mit heftigen Schritten ſprang er nach der Thür hin, ſchob den Riegel zurück und eilte ſchuellen Schrittes fort. IV. Die Entſcheidung. Der Kaiſer war eben in ſeinem Kabinet mit der Leſung wichtiger Depeſchen aus Frankreich beſchäftigt, als die Thür haſtig geöffnet ward, der Herzog von Reichſtadt hereintrat, und ohne um Erlaubniß zu fragen, zu dem Kaiſer hineilte. Schau nur Einer das Bübli an, rief der Kaiſer von ſeinen Papieren emporſehend, ſollt' man doch halt meinen, er ſei erſt acht Jahre alt, und käm' wie damals ganz ungenirt zu ſeinem Großpapa Kaiſer, um bei ihm zu ſpielen mit den bleiernen Soldaten in der Eck'. Nun, wir wollen's Dir verzeihen, daß Du halt ſo dahergeſtürmt kommſt. Sollſt immer noch Dein Privilegium behalten, unangemeldet zum Großvater Kaiſer kommen zu können. Und jetzt laß einmal 232 hören, was es giebt. Siehſt ja halt ſo roth und blühend aus, daß es eine Luſt iſt, Dich anzuſchauen. Das kommt vom Exerciren her, Ew. Majeſtät, ſagte der Herzog lächelnd. Niemals habe ich mich ſo wohl gefühlt, als ſeit dieſen acht Tagen, die ich wieder beim Militair thätig bin. Deshalb komme ich auch heute mit einer Bitte zu Eurer Majeſtät. Aha, ich dacht's mir halt ſchon, daß der junge Herr etwas zu bitten hätt', rief Franz lächelnd. Nun laſſen's mal hören, Herr Herzog. Was giebt's denn? Der Herzog faßte die Hand des Kaiſers, und ſie an ſeine Lippen drückend, bat er mit leiſer, ſchmeicheln⸗ der Stimme: Lieber Großpapa Kaiſer, ich bitte ſchön, erzeigen Sie mir die Gnade, und laſſen Sie mich nach Prag zu meinem Regiment gehen. Das Lächeln verſchwand von den Lippen des Kai⸗ ſers und ein düſterer forſchender Blick ſeiner kleinen Augen glitt über das Antlitz ſeines Enkels hin. Wozu das, Herr Herzog? fragte er hart. Sind's nit zufrieden hier? Haben's Sehnſucht von hier fort zu kommen?. Der Herzog antwortete nicht ſogleich, er ſchien zu ringen mit ſich ſelber, ſein Auge heftete ſich mit einem flehenden Ausdruck auf den Kaiſer. hauen. jeſtät, —mich cheln⸗ ſchön, mich Nun, antworten's doch, rief Franz ungeduldig. Haben’s Sehnſucht von hier fort zu kommen? Ja, ſagte der Herzog feſt und entſchieden, ja, Ew. Majeſtät, ich habe Sehnſucht darnach, ja, ich muß fort von hier. Ich muß endlich lernen, ſelbſtſtändig zu ſein und Ew. Majeſtät zu beweiſen, daß Sie mir vertrauen können, daß ich kein unmündiger Knabe mehr bin! Schauen's nur, rief der Kaiſer, das klingt ja faſt, als wollten Ew. Gnaden mir Vorwürf' machen, daß man Ihnen bisher nit vertraut und Sie als einen unmündigen Knaben behandelt hätt'! Oh, ich will keine Vorwürfe machen, ich will nur bitten, ſagte der Herzog ſanft. Ew. Majeſtät haben mich zum Major im Regiment Salis ernannt, und damit ich Ew. Majeſtät beweiſen kann, daß Sie mich zu einem tüchtigen und braven Militair erzogen haben, wünſche ich nach Prag zu meinem Regiment zu gehen, erbitte ich es mir von Ew. Majeſtät als Gnade, daß Sie mich gehen laſſen. Wieder überflog ein langer forſchender Blick des Kaiſers das Antlitz ſeines Enkels, und ſchien jede ſeiner Mienen zu prüfen und auszuſpähen. Biſt alſo ehrgeizig worden? fragte der Kaiſer dann 234 nach einer Pauſe, möchteſt auf eigenen Füßen ſtehen? Hüte Dich, mein Bürſchle, hüte Dich, biſt wohl lang gewachſen, aber lang ſein heißt noch nit groß ſein, und die ehrgeizigen Gedanken paſſen halt nit in jeden Kopf. Ich hege auch keine ehrgeizigen Gedanken, Ma jeſtät, ich— Ja, unterbrach ihn der Kaiſer barſch, ich ſeh's ſchon, ſie haben Dir allerlei Gedanken eingeblaſen, und der Herr Major möcht' nach Prag gehen, weil man da mehr Freiheit des Willens hat. Ich ſchwöre Ew. Majeſtät, ich möchte nach Prag gehen, um zu fliehen vor allen dieſen Verlockungen, die hier ſich zu mir herandrängen, die— Aber plötzlich ſich ſeiner Uebereilung, ſeiner Unbe⸗ dachtſamkeit bewußt werdend, verſtummte der Herzog, und eine Purpurröthe überflog ſein Geſicht. Das alſo iſt's, ſagte der Kaiſer langſam, die Herren Verſchwörer und Revolutionnairs, die ſich aus Frankreich eingeſchlichen haben, die möchten den Herrn König von Rom verlocken und verführen, daß er ihren niederträchtigen und ſchändlichen Umtrieben ſich zum Spielzeug hergeb', und auf ein paar Tag' vielleicht verſuch' den Kaiſer zu ſpielen. 1' ſtehen? hl lang ß ſein, n jeden . Ma h ſeh's blaſen, , weil Prag kungen, Unbe Herzog, 235 Nein, Ew. Majeſtät, rief der Herzog lebhaft, Niemand hat es gewagt, mir ſolche Anträge zu machen, Niemand iſt zu mir gekommen, um Herr Herzog, ſagte der Kaiſer barſch, ſchweigen's lieber ſtill, es iſt halt immer noch beſſer, als daß Sie die Unwahrheit ſagen, und das haben Sie ge than in dieſem Moment. Ich rath’ Ihnen aber als Ihr guter Freund, nehmen's Sich in Acht vor dieſem Geſindel, das jetzt hier herumſchleicht, laſſen's Sich nit verführen von den Verlockungen, wie Sie's nennen, denn— Eben öffnete ſich die Thür, und der Kammerdiener meldete: Se. Durchlaucht der Fürſt Metternich mit den beiden franzöſiſchen Herren! Ich bitte den Herrn Fürſten nebſt den beiden Herren halt noch fünf Minuten im Vorſaal zu warten, ſagte der Kaiſer. Werd' die Herren dann ſelber D L rufen. Sag's ihnen nit, Dietrich, daß der Herzog hier iſt. Geh'! Dann, als der Kammerdiener ſich entfernt hatte, wandte der Kaiſer ſich ernſt und würdevoll wieder ſeinem Enkel zu. Es iſt mir lieb, mein Sohn, ſagte er, daß der Zufall es gewollt hat, daß Du gerade jetzt hierher kamſt. Du ſollſt unſichtbarer Zeuge ſein 236 von den Verhandlungen, die hier geführt werden ſollen. Hab' den Herrn Fürſten herbeſtellt mit den beiden franzöſiſchen Emiſſairen, wollt' ſelber hören und er⸗ fahren, was für Vorſchläge die Herren Bonapartiſten uns zu machen haben, wollt' ihnen kurz und bündig meine Meinung ſagen, und hören, was der Staats⸗ kanzler ihnen zu ſagen hat. Jetzt kannſt' das Alles auch hören, aber ohne daß der Fürſt und die beiden Herren wiſſen, daß Du da biſt. Es iſt eine recht gute Lehr' für Dich, und wir haben dann halt nit nöthig, noch weiter darüber zu debattiren. Setz' Dich alſo auf den Stuhl hier hinter den großen Ofen— ſchirm, und hüt' Dich Geräuſch zu machen, damit ſie halt nit merken, daß Jemand da iſt. Sollſt ſehen, daß ich Dir aus all' dieſen Sachen kein Geheimniß machen will, ſollſt Alles hören und erfahren. Setz' Dich alſo da hinter den Schirm. Wollen Ew. Majeſtät, mir noch eine Frage er⸗ lauben? fragte der Herzog, indem er hinter den Schirm trat und über denſelben hinüber ſchaute. Nun, frage immerhin, ſagte der Kaiſer. Wiſſen Ew. Majeſtät die Namen der beiden Emiſſaire? Ja wohl weiß ich die. Es ſind der General Morand und der junge Fouché. Aber jetzt ducken's ſollen. beiden Sich, Herr Herzog, machen's Sich klein, damit man lid er Sie nit ſieht, und ſeien's hübſch ſtill hinter Ihrem ind er⸗ Schirm. Ich geh' jetzt und ruf' die Herren. artiſten Und der Kaiſer, nachdem er ſich überzeugt hatte, Gündit u daß der Herzog auf dem Fauteuil Platz genommen, Alles und alſo für Jedermann außerhalb des Schirms un beiden ſichtbar geworden war, der Kaiſer ging nach der Thür e reſt hin und öffnete ſie. dt I Ich bitt' den Herrn Staatskanzler und die beiden „SDih Herren einzutreten, rief der Kaiſer, und ſofort näherte 4, ſich aus dem Vorſaal der Staatskanzler mit den bei 8 den Herren dem Kabinet des Kaiſers. ni Oh Gott, Gott, was werde ich hören müſſen, ſihn ſagte der Herzog zu ſich ſelber. Werde ich die Kraft eiin haben, ohne einen Schmerzensſchrei einer Bewegung 2 zuzuhören, wie man meine Zukunft in Frage ſtellt und vielleicht vernichtet? Werde ich— 4 Die Stimme des Kaiſers lenkte die Aufmerkſam Schirm keit des Herzogs wieder auf das, was ſich hinter dem Schirm begab. Der Fürſt hatte ſo eben die beiden Herren dem beiden Kaiſer namhaft gemacht und ihm im Allgemeinen den — Zweck ihres Kommens mitgetheilt. eneral 238 Meine Herren, ſagte der Kaiſer jetzt, ich hab' Sie hierher kommen laſſen, weil ich Ihre Pläne und Ab⸗ ſichten kennen lernen und von Ihnen ſelber erfahren will, welche Hoffnungen Sie auf meinen Enkel, den Herzog Franz von Reichſtadt, ſetzen. Ich bitt' die Herren daher, daß Sie in meinem Beiſein dem Herrn Staatskanzler Ihre Mittheilungen machen. Ich ſelber werd' mich ganz paſſiv verhalten und gar keinen Theil nehmen an Ihren Debatten, bitt' deshalb die Herren, meine Gegenwart ganz unbeachtet zu laſſen und ſich gar nimmer an mich zu wenden. Will nur hören, und werd' Ihnen dann zum Schluß meine Entſchei dung ſagen. Setzen Sie Sich dorthin um den runden Tiſch, ich werde hier im Hintergrund als ſtummer Zeuge verweilen. Und mit einem leiſen Kopfnicken zog ſich der Kaiſer nach der andern Seite des Gemachs zurück und ließ ſich auf den Divan nieder, während die drei Herren um den runden Tiſch ſich niederließen. Die Verhandlungen begannen. General Morand ſprach zuerſt. Er verſicherte dem Fürſten im Namen Frankreichs, daß er das Juli⸗Königthum Louis Phi⸗ lippe's von Anfang an nur als einen Uebergang, als einen Nothbehelf betrachtet habe, da die Gewaltmaß⸗ 1— Norand Namen. 239 regeln der Regierung vor der Zeit zu der lange ſchon nothwendigen Revolution übereilig ſchnell getrieben, und man nur Louis Philippe auf den Thron erhoben habe, um den Thron überhaupt aufrecht zu erhalten, und ihn nicht von den Republikanern beſeitigen zu laſſen. Aber Frankreich iſt dennoch treu geblieben der heiligen Religion ſeiner Erinnerungen, rief der Gene ral begeiſtert, Frankreich denkt zurück an die Tage des Glanzes und des Ruhmes, die der Kaiſer ihm gegeben, es hofft, daß dieſe Tage ihm wiederkehren ſollen unter der Herrſchaft des Sohnes Napoleons, ſeines geliebten, ſeines rechtmäßigen Kaiſers. Frank reich liebt ihn, es erſehnt ihn, die Armee, das Volk, die Bürgerſchaft ſie bilden zuſammen die große, die rieſenſtarke Partei des Kaiſers, ſie werden ſeinen Thron mit ſtarken Armen halten und ſchützen, ſie werden mit ihrer Liebe, ihrer Kraft und ihrer Treue ſich jauchzend ſchaaren um ihren geliebten Kaiſer Napoleon den Zweiten! Der Herzog von Reichſtadt ſaß hinter ſeinem Schirm mit ſtrahlendem Angeſicht, mit leuchtenden Augen. Er hatte ein Gefühl, als müſſe er hervor ſtürzen, um den General, den edlen Kampfgenoſſen ſeines Vaters, zu umarmen, ihm zu danken für ſeine 240 Liebe, ihm zu ſagen, daß er bereit ſei, ihm zu folgen, bereit, allen Gefahren zu trotzen, um den Thron ſei— nes Vaters ſich zu erkämpfen. Sein ganzes Weſen war in Aufruhr und Bewegung, alle die tief verbor⸗ genen geheimen Gedanken und Wünſche ſeiner Seele wurden jetzt wach in ihm, hoben ihre Häupter empor gleich den Blumen, die nach langer Winterkälte an dem warmen Strahl der Frühlingsſonne erwachen zu neuer Lebenskraft, und Alles ſchrie und jauchzte in ihm: Frankreich ruft mich! Frankreich erwartet mich; mich, ſeinen Kaiſer Napoleon den Zweiten! Es ſchwindelte ihm, es brauſte vor ſeinen Ohren, es brannte wie Himmelsfeuer in ſeiner Bruſt. Er ſenkte ſich zurück in den Fauteuil, und das Haupt an die Lehne deſſelben legend, ſchloß er die Augen. Es war ihm, als müſſe er ſterben in dieſem Moment, als werde ſein Herz zuſammenbrechen unter der Ge— walt dieſer Freude.. Als er von ſeiner Betäubung, ſeinem Schwindel ſich erholte, und dem, was ſich außerhalb des Schir mes begab, wieder ſeine Aufmerkſamkeit zuwandte, erkannte er an dem Ton der Stimme den Redner, welcher jetzt ſprach. Es war Fouché, der jetzt in ſcharfer energiſcher nont 241 Rede dem Fürſten die Abſichten, die Zwecke und Ziele der Bonapartiſten auseinanderſetzte, der ihm die Hülfs⸗ mittel und Kräfte der großen und mächtigen Partei darlegte. Er ſagte dem Fürſten, daß dieſe Partei der Bonapartiſten Alles vorbereitet, Alles geordnet habe, daß ſie ſich nicht begnüge, Theorieen zu machen, ſon⸗ dern practiſch die Zukunft vorbereitend, ſchon einen Conſtitutions⸗Entwurf bereit habe, den die Häupter der Partei ausgearbeitet hätten, und den ſie dem jun⸗ gen Kaiſer Napoleon dem Zweiten als das Grund⸗ geſetz ſeines Reiches unterbreiten würden. Alsdann entwickelte er ſcharf und klar die Grund⸗ züge dieſer Conſtitution, die, ganz im Sinne des großen Kaiſers, dem Volke Rechte gewähren, aber doch ſeine Freiheiten möglichſt beſchränken ſolle. Im Namen Frankreichs, lautete der Schluß ſeiner Rede, im Namen Frankreichs erklären wir uns bereit, den europäiſchen Mächten alle nur wünſchbaren Bürg ſchaften der Freundſchaft und des Friedens zu ge währen, und der Regierungsgewalt eine ſolche Or ganiſation zu geben, daß fortan die Autorität nicht mehr ein eitles Wort bleibt, und die gebändigte Anar chie nie mehr es wagen kann, ihr ſcheußliches Haupt Mühlbach, Erzherzog Johann. III. 16 242 zu erheben, und die geſellſchaftliche Ordnung zu be— drohen.*) Eine Pauſe trat ein, als Fouché jetzt ſchwieg, dann war es Metternich, welcher ſprach, und deſſen klare ruhige Stimme die Seele des Herzogs von Reichſtadt erbeben machte. Und was verlangen Sie bei allen dieſen Plänen von uns? fragte Metternich. Daß Sie uns den Herzog von Reichſtadt an die Grenzen Frankreichs bringen laſſen, erwiederte Fouché raſch. Seine Gegenwart und der zauberiſche Name Napoleon werden mit Einem Schlage den gebrechlichen Bau niederwerfen, der ſchwankend auf unſerm Vater⸗ lande laſtet, und der Europa unaufhörlich mit ſeinen Trümmern bedroht. Und welche Bürgſchaft, fragte Metternich, welche Bürgſchaft wird der Herzog von Reichſtadt für ſeine Zukunft haben? Die Bürgſchaft unſerer Herzen und unſers Wil⸗ lens, rief General Morand. Die Liebe und der Muth der Franzoſen werden ihn umgeben und einen Wall um ihn bilden. *) Louis Blanc, Histoire des dis ans. Vol. II. 257. zu be⸗ hwieg, deſſen § vonl Zlänen an die ouché Name glichen Vater⸗ ſeinen welche 243 Nicht doch, ſagte Metternich achſelzuckend, nach ſechs Monaten ſchon würde er ſich umgeben ſehen von trotzigen Anforderungen des Ehrgeizes und der Zudringlichkeit, von Neid und Haß und Verſchwörun⸗ gen; er würde ſich dann am Rande eines Abgrundes befinden. Aber ich würde doch ſechs Monate gelebt haben, ſechs Monate glücklich geweſen ſein, murmelte der Herzog in ſich hinein. In dieſem Augenblick vernahm er drinnen im Ka binet raſche Schritte und ein Geräuſch, als ob man Stühle zurückrolle. Es war der Kaiſer, welcher ſich von dem Divan erhoben, und ſich dem runden Tiſch genähert hatte. Bei ſeiner Annäherung waren die Herren von ihren Sitzen aufgeſprungen. Meine Herren, ſagte der Kaiſer jetzt laut und feierlich, während ſeine Augen ganz unwillkürlich auf dem großen Kaminſchirm da drüben verweilten, meine Herren, ich bin Ihren Auseinanderſetzungen und Ent wickelungen mit Aufmerkſamkeit gefolgt, und ich werde Ihnen jetzt kurz und bündig meine Antwort ſagen, die Ihnen der Fürſt dann noch weiter erläutern wird. Sie wollen eine Revolution machen, und ich ſoll Ihnen dazu behülflich ſein, ſoll Ihnen meinen Enkel dazu 16* 244 ſelbſt entgegenführen. Ich lehne aber alle Theilnahme an Ihren Plänen ab. Als Souverain werde ich nie freiwillig gegen mein Princip handeln; als zweiter Vater des Herzogs liebe ich ihn zu ſehr, um ihn zu politiſchen Wageſtücken herzugeben.*) Das iſt's, was ich Ihnen ſelber ſagen wollte, das Andere wird Fürſt Metternich hinzufügen. Er nickte leicht mit dem Kopfe und kehrte dann zu ſeinem Platz auf dem Divan zurück. Sie ſahen es, meine Herren, ſagte Fürſt Metter nich nach einer Kurzen Pauſe, der Kaiſer hält zu feſt an ſeinen Grundſätzen, an ſeinen Pflichten für ſein Volk, und ebenſoſehr an dem Wunſche für das Glück ſeines Enkels, um Ihren Vorſchlägen ſein Ohr leihen zu können. Sie täuſchen ſich übrigens völlig über den Ausgang Ihres Unternehmens, oder vielmehr über die Danuer der Reſultate Ihres Unternehmens. Ohne Bonaparte Bonapartismus machen, geht nicht an. Die Umſtände mußten Napoleon in wunderbarer Weiſe unterſtützen, damit er kraft ſeines Genies, das man nicht ſobald wieder finden wird, die franzöſiſche Revolution bezwingen konnte. Eine ununterbrochene *) Des Kaiſers eigene Worte. Montbel, pag. 134. dann Glück leihen ; über lmehr 245 Folge von Siegen mußte ihn der Liebe ſeiner Sol— daten verſichern und das Urtheil des Volkes durch eine Miſchung von Furcht und Enthuſiasmus gefangen nehmen. Geblendet von der Dauer ſeiner Triumphe hatte er ſelbſt die vollſte Zuverſicht zu ſich ſelber, und Alle bauten ſie ihre Zuverſicht auf ihn. Aber eine ſolche Gewalt konnte nur eine vorübergehende ſein, und war bedingt durch die Beſtändigkeit des Er folges. Sobald die Unfälle über Napoleon herein brachen, würde die öffentliche Meinung ihn verlaſſen haben, wenn der Thron nicht ſchon früher unter dem Gewicht dieſer Unfälle zuſammengebrochen wäre. Zudem, als Bonaparte plötzlich während Frankreichs politiſcher Stürme emporſtieg, fand er ein Gefolge von Unter⸗ göttern ganz bereit; Ruhm, gut oder ſchlecht erwor ben, aber unbeſtritten; Leute, zwar ohne Vergangen⸗ heit und nicht fähig, eine Zukunft zu ſchaffen, aber welche die Gegenwart zu machen verſtanden. Was würde aber in den gegenwärtigen Zuſtänden ſelbſt ein Napoleon ausrichten können? Iſt es doch, als ob ein böſer Geiſt es ſich zur Aufgabe gemacht habe, Frankreich unter das Niveau einer allgemeinen Nichtig keit hinabzuſchmettern! Alles zerſtört ſich und zerſetzt ſich dort, die Geſellſchaft löſt ſich in Staub auf. 246 Napoleon hat aus den Trümmern einer umgeſtürzten Geſellſchaft wiederum ein Gebäude aufgeführt. Sie aber machen es ſich zum Geſchäft, auch noch die Trümmer zu zertrümmern. Denn Sie wiſſen es wohl, daß der Sohn Napoleons unmöglich zu Stande bringen könnte, wozu jetzt ſelbſt die Rieſenkraft ſeines Vaters nicht ausreichen würde: Frankreich nämlich geordnete und dauernde Zuſtände zu geben. Größe geht ſelten vom Vater auf den Sohn über. Größe hat ohne Zweifel einen wichtigen Einfluß auf die Geſellſchaft, aber ſie iſt eine ſeltene Erſcheinung. Es giebt andere Grundlagen der Ordnung, der Dauer und der Wohlfahrt. Erfahrung und Verſtand lehren uns, daß nur die wahren Principien der Ordnung, der Autorität und der Geſetzlichkeit die Geſellſchaft erhalten und ſichern. Und der durch Erfahrungen aller Art belehrte und geſtählte König Louis Philipp bietet Oeſterreich und Europa mehr Bürgſchaften dar, daß er dieſen Principien folgen wird, als es der junge unerfahrene Sohn des Kaiſers Napoleon ver möchte. Europa bedarf des Friedens und der Ruhe, und Oeſterreich wünſcht den übrigen Staaten zu be weiſen, daß es bereit iſt mit aller Kraft, den Frieden zu fördern. Se. Majeſtät, mein Herr und Kaiſer eines mlich jröße zröße nung, ſchaft ungen hilip ver Ruhe, u be rieden 247 hat mich daher beauftragt, dem General Belliard, dem Abgeſandten des Königs Louis Philipp, anzu zeigen, daß Oeſterreich bereit iſt, ihn anzuerkennen, und mit dem neuen König von Frankreich die diplo— matiſchen Beziehungen anzuknüpfen. Ew. Durchlaucht wollen uns alſo jede Hoffnung für die Zukunft abſchneiden? rief General Morand ſchmerzlich. Ja, ſagte Metternich, indem er aufſtand, und da mit auch den andern beiden Herren das Zeichen zum Aufbruch gab. Sie haben es von Sr. Majeſtät ſel— ber vernommen: der Kaiſer will ſeinen geliebten Enkel nicht zu politiſchen Experimenten hergeben, oder wird es nicht dulden, daß man wider ſeinen Willen den Herzog zu ſolchen Experimenten verführt. Gehen Sie, meine Herren, und ſagen Sie das denen, die Sie geſandt haben! Schweigend, mit düſtern traurigen Geſichtern ver— abſchiedeten ſich die franzöſiſchen Herren. Metternich begleitete ſie bis zur Thür, dann, auf einen Wink des Kaiſers, ließ er ſie allein hinausgehen und kehrte zu dem Kaiſer zurück. Bin halt ſehr zufrieden mit Ihnen, ſagte der Kaiſer ihm freundlich zunickend. Aber es fragt ſich, 248 ob Ihr zweiter Zuhörer eben ſo zufrieden mit Ihnen war. Wir wollen ihn jetzt darum fragen. Kommen's doch, Herr Herzog, und ſagen's, ob Sie Alles ge⸗ hört haben? Der Herzog trat bleich, mit düſtern Mienen hin— ter dem Schirm hervor, und begrüßte Metternich mit einer ſtolzen ceremoniellen Verbeugung. Ew. Durchlaucht haben die ganzen Verhandlungen mit angehört? fragte Metternich faſt erſchrocken. Mein Gott, ich hatte keine Ahnung davon, und ich bedaure, wenn irgend Etwas in meinen Worten Ew. Durch— laucht verletzt hat. Die Wahrheit muß man halt hören können, auch wenn ſie verletzt, ſagte der Kaiſer raſch, und Sie haben die Wahrheit geſprochen, Metternich. Ich hoffe, mein lieber Enkel wird ſie beherzigen, und er wird niemals ſich verlocken laſſen von den Verführungen der franzöſiſchen Revolutionnairs. Verſprich mir das, mein Sohn, verſprich mir, daß Du uns und den Principien, die wir vertreten, treu bleiben willſt. Ich verſpreche es Ew. Majeſtät, ſagte der Herzog feierlich. Ich weiß es wohl, was ich Ihnen, was ich dem Namen meines Vaters ſchuldig bin. Frankreich hat mich nicht gerufen, ich werde nicht hingehen, mich 52 Ihnen mmen's es ge⸗ en hin⸗ ich mit lungen. 249 ihm aufzudrängen. Laſſen Sie vielmehr mich ganz in die Verborgenheit zurücktreten, laſſen Sie mich ganz und gar von dem Schauplatz der Begebenheiten ver— ſchwinden, damit man ſich gar nicht mit mir beſchäf— tigt, damit man mich vergißt. Ich wiederhole daher meine ehrfurchtsvolle Bitte, geſtatten mir Ew. Ma⸗ jeſtät, daß ich mich ſogleich nach Prag in meine Gar⸗ niſon begebe. Der Kaiſer wechſelte einen raſchen Blick mit Met— ternich und Beide ſchüttelten leiſe und unmerklich das Haupt. Frage den Herrn Fürſten, was er dazu meint, und ob er als Dein zweiter Erzieher es Dir geſtatten wird, ſagte der Kaiſer. Wenn Ew. Majeſtät mir erlauben wollen, meine aufrichtige Meinung zu ſagen, rief Metternich, dem Herzog die Demüthigung dieſer Frage erſparend, ſo glaube ich, daß es klüger und zweckmäßiger wäre, wenn der Herzog vielleicht erſt im künftigen Frühjahr nach Prag ginge und den Winter über hier noch ſeinen Studien und der Geſellſchaft lebte. Da haben's ganz genau meine eigene Meinung ausgeſprochen, ſagte der Kaiſer lebhaft. Du bleibſt halt den Winter über bei uns, lieber Franzel, und im 250 Frühling, da werden wir ja weiter ſehen, wie es dann geht. Der Herzog erbleichte und der Athem ging ſchwer aus ſeiner Bruſt hervor. Man ſah es an ſeinen erregten Mienen, an ſeinen blitzenden Augen, daß er nur mit Mühe den Sturm der Leidenſchaft zurückhielt, der in ihm zu toben begann. Ich bitte Ew. Majeſtät, nehmen Sie Ihr Wort zurück, ſagte er mit raſcher haſtiger Stimme. Ich erbitte mir als eine Gnade, daß ich nach Prag in meine Garniſon abgehen kann. Ich bin kein Knabe mehr, ich muß es lernen, ſelbſtſtändig zu ſein und auf meinen eigenen Füßen zu ſtehen. Ich bitte, ich beſchwöre Ew. Majeſtät, erfüllen Sie meine Bitte, laſſen Sie mich gehen. Machen Sie nicht, daß die⸗ jenigen Recht haben, welche ſagen, daß ich ein Gefan⸗ gener ſei, beweiſen Sie der Welt, daß Sie mich nicht blos lieben, ſondern daß Sie mir vertrauen. Oh, mein Kaiſer und mein Vater, laſſen Sie mich gehen und Sie werden mich zu dem glücklichſten und dank— barſten Menſchen machen! Es geht halt nit, ſagte der Kaiſer achſelzuckend. Jetzt, da ich Dich gehört habe, geht's halt erſt recht nit. Biſt noch zu jung, um ſelbſtſtändig zu ſein, und Dein och ſtehen Prag nöch iſt ſe bleib je es chwer ſeinen aß er khielt, 251 —‿ι Dein Gelüſt dazu gefällt mir halt nit. Denn es iſt noch viel zu früh für Dich, auf eigenen Beinen zu ſtehen, und ich fürcht', es würden ſich gerad' jetzt in Prag recht viel Leut' zu Dir drängen, die Dir zeigen möchten, wie Du Deine Beine gebrauchen mußt. Es iſt ſchon halt beſſer ſo, Du gehſt nicht nach Prag, Du bleibſt in Wien. Majeſtät, ich habe es mir erbeten als eine Gnade, rief der Herzog außer ſich. Und ich ſchlag's Dir ab, ſagte der Kaiſer achſel zuckend. Erbitt' Dir etwas Anderes, mein Bub', und ' ich's Dir. Ich danke, Ew. Majeſtät, erwiederte der Herzog wenn ich kann, gewähr plötzlich ganz kalt und ruhig. Ich bitte nur noch um die Gnade, mich zurückziehen zu dürfen. Ach, mein Kind, ich glaub' ſelber, die Ruh' wird Dir gut thun, ſagte der Kaiſer. Der Herzog verbeugte ſich und murmelte einige unverſtändliche Worte, aber er ſchien es nicht zu ſehen, daß ihm der Kaiſer die Hand entgegen ſtreckte, denn er nahm ſie nicht, ſondern verbeugte ſich nur noch tiefer. Dann richtete er ſich ſtolz empor, und den Fürſten Metternich mit einem kalten und zürnenden — ——y— Blick anſchauend, verließ er haſtigen Schrittes das Cabinet des Kaiſers. Athemlos, mit flammenden Augen, wie ein Ver⸗— folgter dahin eilend, ohne diejenigen zu grüßen, an denen er vorüber kam, ſich ſeiner ſelber kaum bewußt, ſtürzte der Herzog durch die Gänge und Corridore dahin, an ſeinem Kammerdiener vorüber, der im Vor⸗ ſaal ſeiner eigenen Wohnung ſich befand, trat in ſein Wohnzimmer ein und ſchob den Riegel vor die Thür. Jetzt erſt, da er allein war, da Niemand ihn mehr beobachten konnte, jetzt erſt brach die Gewalt ſeiner Leidenſchaft unverhüllt hervor, gab er ſich rückhaltlos ihr hin. Die Thränen, die bis dahin in ſeinem Her— zen gebrannt, ſtürzten in glühenden Strömen aus ſeinen Augen, die Worte des Zorns, der Anklage, des Haſſes ſprangen wie geharniſchte Krieger aus ſeiner Seele auf ſeine Lippen hervor. Der wilde Jähzorn ſeines Vaters war über ihn gekommen, und in dieſer Stunde, mit dieſem bleichen Angeſicht, mit dieſen flammenſprühenden Augen, mit dieſem zornigen Aus⸗ druck ſeiner Mienen, in dieſer Stunde war er das treue Abbild ſeines Vaters. Zu ihm, zu ſeinem Vater wandten ſich jetzt ſeine wilden irrenden Blicke hin, und zu dem Bilde hin⸗ ſlürzen wit lau ellöſe Nlerl g Schre⸗ dag de an der ſeone 253 ſtürzend, die beiden Arme zu ihm erhebend, rief er mit lauter Stimme: Vater, neige Dich zu mir und erlöſe mich. Ich bin ein Gefangener in Oeſterreichs Adlerklauen! Ich— Plötzlich verſtummte er und ſtarrte nach dem Schreibtiſch hin, der unter dem Bilde ſtand. Wieder lag da ein Brief, und er erkannte es an dem Papier, an der Adreſſe, es war wieder ein Brief von Napo leone Camerata. Er hob ihn empor, er riß ihn auseinander, und halblaut, mit bebenden Lippen, mit zitternder Stimme las er: Sind Sie der öſterreichiſche Erzherzog oder der franzöſiſche Prinz? Wollen Sie der Gefangene Oeſter reichs bleiben, oder ein freier Mann, ein Fürſt, ein Kaiſer werden? Im Namen Ihres Vaters, im Na men aller Napoleoniden richte ich dieſe Frage an Sie. Fühlen Sie denn nicht die Schmach, die auf Ihnen laſtet? Der Sohn Napoleons ißt das Gnadenbrod des Kaiſers von Oeſterreich! Oh Gott, Gott, kann denn der große Kaiſer in ſeinem Grabe Ruhe finden, ſo lange ſein Sohn als Kriegsbeute ſeines Feindes unter dem Joch dahin ſchreiten muß?— Haben Sie meine Briefe empfangen? Wollen Sie mir nicht ant 254 worten, oder können Sie es nicht? Wollen Sie mich nicht ſehen und ſprechen, oder fehlt Ihnen die Gele⸗ genheit dazu? Nun wohl, ich will Ihnen dieſe Ge⸗ legenheit bieten und wir werden ſehen, ob Sie ſie ergreifen wollen. Es iſt mir gelungen, Freunde, Helfer in der Noth zu finden, die mir die Wege zu Ihnen gebahnt haben. Wohlan, hören Sie alſo. Wenn Sie mich ſehen und ſprechen wollen, ſo erklären Sie ſich für unwohl und leidend, ſagen Sie, daß Sie ſich auf einige Tage nach Schönbrunn zurückziehen möchten. Nehmen Sie immerhin, um keinen Verdacht zu erregen, die Herren Ihres Gefolges mit dahin. Nur tragen Sie Sorge, daß Sie wie ſonſt in dem früheren Schlafzimmer Ihres Vaters ſchlafen, und daß Sie die Nacht über allein ſind. Damit Niemand Sie in der Nacht in Ihrem Schlafzimmer überraſchen kann, verriegeln Sie die beiden Thüren dieſes Zim⸗ mers, die nach außen führen. Dann, um Mitternacht, ſeien Sie bereit und warten Sie. Wenn Sie meinen Vorſchlag annehmen, ſo treten Sie, ſobald Sie dieſen Brief geleſen haben, an das Fenſter, öffnen Sie es und winken Sie drei Mal mit Ihrem Taſchentuch. Napoleone Camerata. 255 ie mich Ja, ich will, ich will, murmelte der Herzog, und Gele⸗ ohne zu überlegen, ohne zu bedenken, ſtürzte er zu ſe Ge⸗ dem Fenſter hin, riß es auf und wehte mit dem Sie ſie Taſchentuch, als wolle er damit das Zeichen geben zum Abfeuern der Kanonen, die eine neue Zeit don , nernd verkünden ſollten. jemand raſchen Zim⸗ rnacht, meinen dieſen Zie es zuch. a. V. In Schönbrunn. Der Herzog von Reichſtadt war genau dem Pro⸗ gramm gefolgt, das die Gräfin Camerata ihm in ihrem Briefe angegeben. Er hatte ſeinen Adjutanten Baron von Obenaus rufen laſſen und ihn zum Kaiſer geſandt mit der Meldung, daß er ſich unwohl fühle, mit der Bitte, ihm zu geſtatten, daß er ſich auf einige Tage nach Schönbrunn zurückziehe und ſogleich ſich dahin begebe. Der Kaiſer, der ſehr wohl begriff, daß der Herzog nach der heftigen Scene, nach den vielfachen Eindrücken, die er im Cabinet des Kaiſers empfangen, ſich ange⸗ griffen und der Einſamkeit bedürftig fühle, der Kaiſer hatte bereitwillig ſeine Erlaubniß ertheilt, und ſchon nach einer Stunde hatte der Herzog ſich mit ſeinen Gavalie⸗ lnch S ung; fidlic Jängai nit ſe und S h dahin Herzog drücken, h ange rKaiſen d ſchon t ſeinen — 25 Cavalieren und ſeiner Dienerſchaft hinaus begeben nach Schönbrunn. Von jeher waren die früher von ſeinem Vater bewohnten Zimmer auch ihm zur Wohnung angewieſen, und man nannte ſie jetzt in Schönbrunn nicht mehr nach dem Vater, ſondern nach dem Sohn. Die Woh nung des Herzogs von Reichſtadt ſtand in wanrrännn immer bereit, ihn zu empfangen, und oft genug, wenn der Kaiſer in den letzten Jahren ſeinen Enkel vom Hofe hatte entfernen wollen, um ihn nicht in Berüh— rung zu bringen mit irgend welchen, gerade dort be findlichen Gäſten, oder wenn der ſchwächliche kränkelnde Jüngling der Ruhe und Stille bedurfte, hatte er ſich mit ſeinen Erziehern ſelbſt mitten im Winter auf Tage und Wochen nach Schönbrunn zurückziehen müſſen. Niemanden fiel es daher auf, daß der Herzog auch jetzt trotz der ſtrengen Novemberkälte nach Schönbrunn kam, um dort einige Tage zu verweilen, und die Bläſſe ſeiner Wangen, die fieberhafte Erregtheit ſeines ganzen Weſens beſtätigte es ſeinen Cavalieren, daß der Herzog ſich in der That unwohl und leidend fühle, obwohl er mit Heftigkeit jeden ärztlichen Beiſtand zurückgewieſen hatte. Der Hauptmann von Foreſti und der Major von Obenaus waren, wie immer, während der Abend Mühlbach, Erzherzog Johann. III 17 258 ſtunden die Geſellſchafter des Prinzen geweſen, und erſt gegen elf Uhr hatte er ſie Beide entlaſſen und ſich in ſein Schlafzimmer zurückgezogen. Dieſes Schlafzimmer des Herzogs— es war das frühere Schlafzimmer Napoleons, und der Herzog ſchlief allein in demſelben. Welch eine Stunde der Erwartung, der fieber⸗ haften Ungeduld war es, die der Herzog jetzt in dieſem Zimmer verlebte. Mit welchen glühenden Blicken ſpäheten ſeine Augen in dem Zimmer umher, um irgend eine Spalte in den Wänden, am Fußboden irgend ein Zeichen zu entdecken, daß da eine geheime Thür verborgen ſei. Denn eine ſolche mußte ſich ohne Frage in dem Zimmer befinden. Wie konnte irgend eine Botſchaft von Napoleone Camerata ſonſt zu ihm gelangen, da er die beiden nach außen führen— den Thüren hatte verriegeln müſſen. Aber wo war dieſe Thür? Das fragten, darnach ſpäheten ſeine glühenden Blicke im Zimmer umher und vermochten das Geheimniß nicht zu enträthſeln, und bohrten ſich forſchend ein in jedes Bild, das an den Wänden hing, ſpäheten an jedem Meuble, an jeder Draperie des großen prachtvollen Himmelbettes ur das Herzog konnte ſonſt ühren 259 mit dem prunkvollen, von vergoldeten Engeln getrage⸗ nen Baldachin über demſelben. Wo konnte dieſe Thür ſich befinden? Da ſchlug die Schloßuhr mit lauten dröhnenden Schlägen die zwölfte Stunde. Der Herzog erbebte und ſprang von ſeinem Sitz empor, und ganz Aug', ganz Ohr, ſeine ganze Seele in höchſter Spannung der Erwartung, ſtand er da und lauſchte. Jetzt zuckte er zuſammen und hielt den Athem an, und ſtarrte hinüber nach der Thür, die in das Wohn⸗ zimmer führte. Deutlich hatte er an derſelben ein Geräuſch gehört, ein Geräuſch, als ob man leiſe einen Riegel zurückſchöbe. Er ſchlich auf den Zehen nach der Thür hin und kauerte ſich nieder, um das Schloß zu unterſuchen. Der Riegel war unverrückt, die Thür war noch verſchloſſen wie vorher. Aber jetzt abermals vernahm er dieſes Geräuſch, nur kam es nicht von der Thür ſelber her, ſondern von der Verkleidung dieſer Thür, die, innerhalb einer mehrere Fuß dicken Mauer angebracht, gleichſam eine Niſche bildete. Wieder unterbrach jetzt ein Geräuſch wie von einem Schlüſſel, den man im Schloß drehte, die Stille, dann 170* ———— 260 auf einmal ſchob ſich das Getäfel zur Seite der Thür in der Mauer zurück und ward ſelber zu einer Thür, durch die man bequem hindurch ſchreiten konnte. In der Mitte dieſer Thür erſchien jetzt eine ſchwarze, tief verhüllte Frauengeſtalt. Aber trotz des dichten Schleiers, der ihr Antlitz verhüllte, leuchteten 1 doch ihre Augen flammend und hell wie Sterne unter demſelben hervor. Der Herzog hatte ſeine Blicke unverwandt zu ihr hingerichtet, doch er wagte es nicht, ſich ihr zu nähern, wie gebannt, ſprachlos vor Staunen und Erwartung ſtand er da. Jetzt hob die Verhüllte langſam den Arm empor und ſchlug den Schleier zurück. Der Herzog ſtieß einen leiſen Schrei aus und taumelte entſetzt einige Schritte zurück. 8 Es iſt das Antlitz meines Vaters, murmelte er, mit großen weit geöffneten Augen zu ihr hinſtarrend. Ja, es iſt das Antlitz meines Vaters! Und im Namen Ihres Vaters fordere ich Sie auf, mir zu folgen, ſagte ſie mit faſt gebieteriſcher Stimme. Kommen Sie, Napoleon, kommen Sie! Sie wandte ſich um, trat zurück und verſchwand in der Mauer. 261 Der Herzog, ohne zu zaudern, ohne zu überlegen, ſprang vorwärts, hinein in die geheimnißvolle Pforte, vorwärts in den engen Gang. Haben Sie die Thür in der Mauer wieder ge ſchloſſen? fragte eine melodiſche Stimme vor ihm. Nein, ſagte er leiſe, aber ich werde es thun. Und er eilte zurück, ſchob das Getäfel wieder an ſeine Stelle und tappte in dem tiefen Grabesdunkel, das ihn umgab, vorwärts. Nachdem ſie fünf Minuten ſo gewandert waren, ſagte die Stimme vor ihm: Geben Sie Acht. Hier kommt eine Treppe. Sie haben fünfunddreißig Stufen hinab zu ſteigen. Am Ende dieſer Treppe traten ſie abermals in einen ſchmalen dunkeln Gang ein und ſchritten ſchwei gend eine lange Zeit vorwärts. Es kommt wieder eine Treppe, ſagte die Stimme vor ihm, aber ſie geht vorwärts, zehn Stufen ſind empor zu ſteigen. Als der Herzog die zehn Stuͤfen hinauf geſchritten war, fühlte er einen friſchen Lufthauch an der Wange, trotz der Dunkelheit, die ihn umgab, erkannte er daran doch, daß die unterirdiſche Wanderung jetzt beendet ſei, daß man wieder der Außenwelt ſich nähere. Wenige Schritte vor ſich vernahm er jetzt das Knarren einer ſich öffnenden Thür, der helle Strahl eines Lichtes drang zu ihm ein, und mit haſtigen Schritten eilte er vorwärts, überſprang die Schwelle der Thür und blieb mit einem Ausruf des Erſtaunens neben derſelben ſtehen. Er erkannte ſehr wohl den Raum, in welchem er ſich befand, es war der kleine Pavillon im Park von Schönbrunn, der Paovillon, in welchem er ſelber ſo oft in der Sommerzeit ſeine Tage zugebracht und dort ſeinen Studien und Be ſchäftigungen obgelegen hatte. Im Winter war dieſer Pavillon ſonſt unbewohnt und unbeachtet, der Gärtner verſchloß ihn beim Beginn des Herbſtes und öffnete ihn wieder, wenn die milden Lüfte des Frühlings den Aufenthalt in dem ungeheizten Raum wieder geſtatteten. Aber jetzt, beim Schein der Kerzen, die in der Mitte des Raums auf dem runden Tiſch brannten, hatte der Pavillon doch ein gar anmuthiges behagliches An ſehen, und die vor den Fenſtern herniedergelaſſenen Perſiennes verhüteten das Eindringen der Kälte und verdeckten den Schein des Lichtes. Hier ſind wir ganz ungeſtört und unbeachtet, ſagte die verhüllte Frau vor ihm, hier ſieht und hört uns gt das Strahl aſtigen hwelle ofs 263 Niemand. Nur Gott und der Geiſt des Kaiſers ſind allein bei uns. Und mit einer heftigen Bewegung riß ſie den Schleier von ihrem Haupt, ließ den verhüllenden Mantel niedergleiten, und zu dem Herzog hinſtürzend, faßte ſie ſeine Hand und drückte ſie an ihre Lippen, während ſie zugleich auf ihre Kniee niederſank. Was thun Sie, oh mein Gott, was thun Sie, rief der Herzog faſt entſetzt. Ich küſſe die Hand meines Kaiſers und Niemand ſoll mich daran hindern, rief ſie leidenſchaftlich.*) Stehen Sie auf, oh, ich bitte, ſtehen Sie auf, meine Couſine, bat der Herzog mit bebender Stimme. Seine Couſine, er nennt mich ſeine Couſine, rief ſie außer ſich, indem ſie empor ſprang. Er iſt kein öſterreichiſcher Erzherzog, er iſt ein Napoleoniſcher Prinz! Ich grüße Dich, mein theurer, geliebter Couſin, ich grüße Dich, angebeteter Sohn meines Kaiſers? Und ſie ſchlang in glühender Begeiſterung der Freude ihre beiden Arme um ſeine ſchlanke Geſtalt und lehnte ihr Haupt an ſeine Bruſt. *) Die eigenen Worte der Gräfin Camerata. S.: Montbel: Le duc de Reichstadt. pag. 147. — 264 Der Herzog, ganz überwältigt, ganz hingeriſſen von ihr, die vor ihm daſtand, wie das ſchöne, lächelnde Bild ſeiner Vergangenheit, ſeiner heiligſten Erinne⸗ rungen, der Herzog beugte ſich zu ihr nieder und drückte einen Kuß auf ihre Lippen. Sie erwiederte mit heißer Gluth dieſen Kuß und ſchaute ihm tief in die Augen, in die flammenden Augen ſeines Vaters. Mit dieſem Kuß war es geſchehen um ſeine Ruhe, ſeine Ueberlegung und Beſonnenheit. Mit dieſem Kuß war er gebannt in die Zauberkreiſe ſeiner Erinnerun⸗ gen, war er der Gegenwart entrückt und konnte nur rückwärts ſchauen in die Vergangenheit, vorwärts in die Zukunft. In der Vergangenheit leuchtete ihm das Bild ſeines Vaters und die glänzenden Tage der Kaiſer⸗ herrlichkeit, und aus den Nebeln der Zukunft hervor ſtrahlte ihm ein Thron, eine Kaiſerkrone für ſein eigenes Haupt hervor.— Alle die ſüß verlockenden Stimmen des Ehrgeizes, des Ruhms, der Freiheit und Macht wurden wieder wach in ihm und hoben ſich empor zum rauſchenden Jubellied, das ſeine Sinne betäubte, ſeine Vernunft gefangen nahm. Sei mir gegrüßt, Napoleone, ſagte er, einen zwei⸗ ten glühenden Kuß auf ihre Lippen drückend. Dieſer geriſſen ichelnde Erinne der und Ruhe, im Kuß merun te nur irts in Bild Kaiſer hervor r ſein reiheit hoben Sinne wei Dieſer Kuß ſei das Siegel unſeres Bundes, das Siegel unſerer Freundſchaft. Oh, Napoleone, Du ſchauſt mich an mit den Augen meines Vaters, alle Erinne⸗ rungen meiner Kindheit werden wach in mir, und ich meine ihn ſelber, den Kaiſer, zu ſehen, wenn ich Dein Antlitz betrachte. Vater, mein geliebter Vater, Du biſt es ohne Zweifel, der mir dieſen Engel hierher geſandt hat. Ja, ſagte ſie feierlich, der Kaiſer iſt es, der mich zu Dir ſendet. Seine ſterbenden Lippen flüſterten in das Ohr des Kammerdieners Marchand das Geheim niß dieſes verborgenen Ganges, den der Kaiſer wäh⸗ rend ſeines Aufenthalts in Schönbrunn entdeckt und von ſeinem Architecten hatte wieder herſtellen laſſen. Sterbend gehörten die letzten Gedanken des Kaiſers doch ſeinem Sohn, und er befahl Marchand nach Wien zu gehen, und ſeinem Sohn das Geheimniß dieſes Ganges mitzutheilen. Denn, ſagte der Kaiſer, mein Sohn iſt Gefangener, und vielleicht kann es ihm eines Tages von Nutzen ſein, zu wiſſen, wie er un⸗ bemerkt aus ſeinem Gefängniß entſchlüpfen kann.“ Vergebens aber hat ſich Marchand bis jetzt bemüht, die Befehle des Kaiſers zu erfüllen. Man hat ihn an der Grenze Oeſterreichs zurückgewieſen, und als 266 er nach Parma kam, um der Kaiſerin die letzten Grüße und Geſchenke des Kaiſers zu überbringen, iſt er auch dort nicht angenommen worden. Da kam der gute treue Diener zu mir, und ich übernahm es, das Geheimniß von Schönbrunn dem Sohn des Kai— ſers zu melden, ich übernahm es, das letzte, das hei— lige Geſchenk des Kaiſers zu überbringen.„Wenn ich geſtorben ſein werde, hatte der Kaiſer wenige Stunden vor ſeinem Tode zu ſeinen Getreuen geſagt, wenn ich geſtorben ſein werde, ſo ſoll man von mei nem Haar abſchneiden, und es als letzten Gruß mei— nem Sohn und meiner vielgeliebten Gemahlin Marie Louiſe bringen.“ Sie gehorchten den Befehlen des Kaiſers, und Antomarchi und Marchand übernahmen es, dem Sohn und der Gemahlin das Haar zu über bringen. Antomarchi iſt in Parma abgewieſen worden, aber ich bin hier, ich bringe dem Sohn des Kaiſers den letzten Gruß von dem einſamen Grabe auf St. Helena, ich bringe ihm die Haarlocke von dem Haupte Napoleons. Sie zog aus ihrem Buſen ein kleines Packet und reichte es mit leuchtenden Augen dem Herzog dar. Eine Haarlocke meines Vaters, rief der Herzog erſchauernd, und von Rührung, von heiliger Ehrfurcht raxriffen datgerei Aippen Nap fäſerch diichs, hebe erwähle Naantre du ſi ſinem letzten ringen, a kam kam wenige geſagt, über 267 * ergriffen, ſank er nieder auf ſeine Kniee, um die ihm dargereichte Locke zu empfangen, und ſie feſt an ſeine Lippen zu drücken. Napoleon, Sohn meines Kaiſers, ſagte Napoleone feierlich, Napoleon, ich grüße Dich im Namen Frank⸗ reichs, als ſeinen Kaiſer Napoleon den Zweiten. Er hebe Dich von Deinen Knieen, Du Sohn des Aus erwählten, erhebe Dich und ſei ein Mann, ein Held! Frankreich ruft Dich, Frankreich erſehnt Dich, und Du ſiehſt es wohl, der Kaiſer ruft durch mich aus ſeinem Grabe Dir zu:„gehe hin, und nimm das Erbe Deines Vaters, den Kaiſerthron von Frank reich!“— Der Kaiſer iſt es, der mich hieher ent ſendet, der Kaiſer ſchickt Dir die Locke ſeines Haares, und ruft Dich! Folge ſeinem Ruf, Napoleon, folge ihm, und komm! Sie ſchlang ihre ſchönen Arme um ſeinen Nacken, ſie zog ihn empor, und er, verwirrt, verzaubert, ſchaute immer nur, in dies ſchöne Angeſicht, das ihn grüßte mit den Zügen ſeines Vaters, das ſeine hei ligſten und ſeine ſüßeſten Erinnerungen zur Wirklich keit machte. Wohin? fragte er träumeriſch, wohin willſt Du mich führen? 268 Nach Frankreich, rief ſie energiſch, nach den Tuile— rieen, auf den Thron Deines Vaters! Ein Schauer durchrieſelte ſeine Geſtalt, ein dunkler Schatten überflog ſein Angeſicht. Nein, rief er ſchmerz⸗ lich, nein! Frankreich hat mich vergeſſen, Frankreich hat ſich einen König erwählt, es hat mich nicht ge⸗ rufen, es begehrt meiner nicht! Verſuche es, Napoleon, tritt zu ihm hin, rufe Dein Volk, und es wird Dir entgegenjauchzen, es wird ſich um Dich ſchaaren und Dich jubelnd erheben auf den Thron Deines Vaters! Sie haben Dir den Weg dahin ſchon geebnet, Deine Getreuen, und ſie riefen Dich, bevor ſie den Uſurpator, der Deinen Thron in Beſitz genommen, von demſelben entfernten. Aber Du ſtießeſt ſie von Dir, Du wollteſt ihren Ruf nicht hören. Was ſollte Frankreich thun, da ſein Kaiſer nicht zu ihm kommen wollte? Was konnte es thun! Es konnte nichts, als Dir beweiſen, daß es D. den Thron für Dich erledigte, als einen Stellver⸗ treter auf denſelben ſetzen, bis Du kameſt, ſelber Dein Erbe einzunehmen. So komm nun, mein Freund, mein Liebling, komm zu Deinem Volk, zu Deinen Ge— treuen. Oh, ſieh mich nicht ſo zweifelnd, ungläubig an, glaube, vertraue und wolle! Regt es ſich denn 9 Fonnilio Vannalle, d ſo iſ Fißen, diwaxi dem G en Tulle n dunkler ſchmerz Frankreich nicht ge und ſie Deinen ffernten. gren Ruf da ſein 269 nicht in Dir das Herz Deines Vaters? Empfindeſt Du ihn denn nicht den brennenden Durſt nach Ruhm, nach Macht und Ehre, der ſonſt das Erbtheil aller Napoleoniden iſt? Bleibt Dein Herz kalt für die Stimmen Deiner Erinnerungen, erbebt Deine Seele nicht vor Wonne bei dem Hinblick auf eine große, leuchtende Zukunft? Wenn es ſo wäre, dann biſt Du nicht der Sohn Deines Vaters, nicht der Aus erwählte Deines Volkes, nicht die Hoffnung Deiner Familie, nicht der Stolz der Napoleoniden! Wenn es ſo iſt, dann will ich hier fortgehen, um mit nackten Füßen, mit wunder Bruſt, als demüthige Bettlerin hinzupilgern nach St. Helena, um niederzuknieen an dem Grabe des Kaiſers ünd es den Trauerweiden und den Felſen und dem Kaiſer in der Gruft ent— gegenzuſchreien mit der Stimme der Verzweiflung: „Du haſt keinen Sohn mehr, großer Kaiſer! Du haſt keinen Erben Deines Namens, Deines Ruhms und Deiner Ehre! Dein Sohn hat Frankreich, hat Dich ſelber verlaſſen, Dein Sohn iſt ein Sclave ge worden, der die Ketten liebt, welche er trägt.“ Nein, Napoleone, rief der Herzog flammend vor heiligem Zorn, nein, Du ſollſt nicht hingehen zu dem Grabe meines Vaters, um mich zu verleumden, um 270 mich zu ſchmähen mit falſchen Beſchuldigungen. Nein, ich liebe nicht meine Ketten, ich verabſcheue ſie, und ſie haben mein Herz ſchon ſo wund gerieben, meine Seele ſo tief gebeugt, daß ich ſterben werde vor Gram und Demüthigung! Du ſollſt nicht ſterben, ſagte Napoleone glühend vor Erregung, ihn leidenſchaftlich umſchlingend. Du ſollſt leben, und glücklich ſein, Du ſollſt leben und Deine Stirn mit einer Kaiſerkrone ſchmücken. Komm, mein Kaiſer, komm, Frankreich ruft Dich, Frankreich erwartet Dich! Sie zog ihn mit unwiderſtehlicher Gewalt vorwärts durch das Gemach nach der Thür hin, ſie ſchaute ihn an mit den großen Augen ſeines Vaters, ſie lächelte ihm zu mit ſeinem Lächeln, das einſt in den Tagen ſeiner Kindheit über ihm geleuchtet hatte wie Sonnen⸗ glanz und deſſen Strahlen niemals in ſeinem Herzen erblaßt waren. Wohin führſt Du mich? fragte er ganz willenlos, ganz verloren in ihren Anblick. Nach Frankreich, flüſterte ſie ſchmeichelnd, nach Paris, auf den Thron, der Deiner wartet! Komm, mein Kaiſer, komm! Die Pferde ſtehen bereit außen an der Pforte des Gartens, Niemand ſieht uns, Nie⸗ mand k Nlucht, und ver gleiten. gelangt hat die der rei Nanter n. Nein, ſie, und n, meine 7 erde vor glühend Komm, rankreich vorwärts aute ihn lächelle u Tagen Sonnen Herzell illenlos, d, nach Kommn, t außen 13. Nie 271 mand kennt unſere Pläne, Niemand weiß um unſere Flucht, als Dein treuer Kammerdiener. Er iſt treu und verſchwiegen, er liebt Dich, und wird uns be— gleiten. Durch ihn ſind alle meine Briefe zu Dir gelangt, er hat mir geholfen, Alles vorzubereiten, er hat die Kleider beſorgt, in denen Du unerkannt wei ter reiſen ſollſt. Aber jetzt wirf nur erſt meinen Mantel hier über, Alles kommt darauf an, daß wir ſo ſchnell wie möglich von hier fortkommen. Unter— wegs wechſelſt Du die Kleider, wir werfen ſie in irgend ein Waſſer, und eilen weiter auf einſamen Wegen, auf denen überall Getreue uns erwarten, Pferde bereit halten, für uns wachen, uns begleiten mit ihrem Schutz. Komm nur, mein Kaiſer, komm! Denke nicht an die Gegenwart! Blicke hinein in die Zukunft, ſchau hin auf Deinen Thron, auf Deine Krone! Schau hin, und ſei ein Mann, ein Held! Sie zog ihn fort, ſie ſtieß die Thür auf und ge— leitete ihn hinaus. Er ließ es geſchehen; ſeinen Arm um ihren Nacken gelegt, von ihrem Arm umſchlungen, trat er hinaus in den Park. Tiefe Stille und Oede ruhte über dem weiten Raum, nicht das kleinſte Geräuſch unterbrach das Schweigen der Nacht, nur die trockenen Blätter, welche der Herbſt von den Bäumen geweht, rauſchten unter ihren Füßen, wie ſie mit leichtem, geflügelten Schritt durch die einſamen, dunklen Alleen dahin ſchwebten. Kein Stern erleuchtete den tiefdunklen Nachthimmel, an dem ſchwere Wolken hingen, nur zuweilen fuhr ein Windſtoß mit dumpfem Grollen durch die kahlen Bäume, und raſchelte in dem gelben Blätterwerk. Sonſt war Alles ſtill. Nichts hemmte ihren Weg, nichts hielt ſie auf. Plötzlich blieb der Herzog ſtehen, und als erwache er eben aus einem ſchweren, fürchterlichen Traum, ſtieß er einen Schrei aus, einen Schrei des Trium⸗ phes und der Freude.“ Ich bin frei, rief er, ich bin frei! Ich gehe, wohin ich will, ich thue, was ich will! Ich bin frei! Die Ketten ſind von mir abgefallen, ich bin kein Sclave mehr! Ich habe meinen Willen wieder und meine Freiheit! Oh, komm, Napoleone, komm, Du haſt mich gerufen mit dem Angeſicht meines Vaters! Ich folge Dir, ich gehe mit Dir wohin Du willſt. Nach Frankreich zu dem Kaiſerthron! rief ſie jubelnd, und raſcher eilten ſie vorwärts, wie ge— tragen und beflügelt von ihrer Begeiſterung. Da, jetzt haben ſie die kleine Pforte am Ende uſchten ügelten dahin dunklen rwache Traum, 272 273 des Parks erreicht, jetzt treten ſie hinaus. Die Roſſe ſtampfen und erwarten ihre Reiter. Zu Pferd, zu Pferd! jubelt der Herzog, und faßt den Zügel des Pferdes, welches die dunkle Männer⸗ geſtalt, welche die drei Pferde bewacht hat, ihm ent gegenführt. Zu Pferd! ruft Napoleone triumphirend, und ſie ſchwingt ſich in den Sattel. Aber eben wie der Herzog ihrem Beiſpiel folgen will, da legt ſich eine Hand ſchwer auf ſeinen Arm und hält ihn zurück. Napoleon, mein Sohn, ſagt eine ſanfte Stimme, haſt Du vergeſſen, was Du mir gelobt, willſt Du jetzt doch als Abenteurer nach Frankreich gehen? Johann, es iſt Oncle Johann, murmelte der Her⸗ zog ganz entſetzt. Ja, rief der Erzherzog laut, es iſt Oncle Johann, welcher geſchworen hat, Dich zu behüten und zu be⸗ ſchützen, und welcher ſeinen Schwur erfüllt! Nun, gwas giebt's? Warum beſteigen Sie nicht Ihr Pferd? rief Napoleone, die ſchon einige Schritte vorwärts geritten war und jetzt zurückkehrte. Warum kommen Sie nicht? Mühlbach, Erzherzog Johann. III 18 274 Weil er nicht als Abenteurer nach Frankreich zu⸗ rückkehren will, rief der Erzherzog laut. Mein Gott, das iſt nicht die Stimme Ihres Kammerdieners, rief die Gräfin entſetzt. Wer ſind Sie, mein Herr? Was wollen Sie? Ich bin der Erzherzog Johann, und ich will mei— nen Neffen erretten vor der Verführerin, die ihn um— garnen will, ich will den Sohn des Kaiſers retten vor der Schmach der Lächerlichkeit. Denn ganz Europa würde über ihn lachen, wenn er jetzt nach Frankreich käme, und einen Thron beanſpruchte, der durch den Willen des franzöſiſchen Volkes von einem andern Herrſcher eingenommen iſt. Gelobt ſei Gott, daß ich hier ſein konnte, um dieſe Schmach von meinem ge⸗ liebten Neffen abzuwenden, gelobt ſei Gott, daß Sie, Madame, den Kammerdiener des Herzogs zu Ihrem Vertrauten gemacht hatten. Er war zum guten Glück ſeiner Pflicht getreu und er folgte genau und pünktlich den Befehlen, die ich ihm gegeben. Er war es, der mir meldete, daß der Herzog heute Nacht mit Ihnen entfliehen ſollte, und ich habe jetzt ſtatt ſeiner dieſe Stelle hier eingenoemmen, um Sie zu erwarten, um Ihnen zu ſagen: hebe Dich fort, Verſucherin! Das Land, das Du dem Sohne des Kaiſers bieteſt, gehört en vor kuropa ntreich h den indern 275 nicht Dein, und Du haſt nicht die Macht es wegzu— geben. Frankreich hat ſich einen König erwählt, es hat den Sohn des Kaiſers nicht gerufen, und alſo darf er ſich ihm nicht aufdrängen wollen, denn Frank— reich würde ihn zurückweiſen, und der verſchmähete Prätendent würde nur mit dem Brandmal der Schande, aber nicht mit einer Krone ſeine Stirn zeichnen. Sie dulden das, Majeſtät? rief Napoleone leiden— ſchaftlich. Sie laſſen den öſterreichiſchen Erzherzog Hand anlegen an den Sohn des Kaiſers? Auf, mein Kaiſer, auf! Zu Pferd! Schwingen Sie Sich in den Sattel! Wir ſind Zwei gegen Einen, wir dürfen uns von ihm nicht zurückhalten laſſen! Kommen Sie, Couſin, kommen Sie! Nein, Napoleone, ich kann nicht, ich darf nicht, rief der Herzog ſchmerzlich laut, der Traum iſt zu Ende, ich bin erwacht. Napoleon, rief ſie bebend vor Zorn, Napoleon, Napoleon, Sie geben mich auf? Sie wollen nicht mit mir kommen? Nein, ſagte er traurig, nein, ich bleibe hier. Sie aber, Gräfin, eilen Sie von hier fortzukommen. Gehen Sie nach Paris, grüßen Sie Frankreich und ſagen 18* 276 Sie ihm, daß ich ſterben werde, weil ich es nicht um— armen kann! Das iſt Ihr letztes Wort? rief die Gräfin mit Thränen des Zorns. Es iſt mein letztes Wort, ſagte er matt. Leben Sie wohl, Gräfin. Und Sie, mein Oheim, kommen Sie! Laſſen Sie uns in den Park zurückgehen. Hören Sie mich, Napoleon, hören Sie mich, jam— merte die Gräfin, nur noch Ein Wort— Nein, unterbrach ſie der Erzherzog ſtreng, nein, kein Wort mehr, Frau Gräfin. Sie ſollen ihn nicht mehr martern und quälen, Sie ſollen ſeinem armen verwundeten Herzen Ruhe gönnen. Gott weiß es, daß ich ein Jahr meines Lebens darum geben wollte, wenn ich ihn nicht ſo unſanft hätte wecken müſſen aus den phantaſtiſchen Hoffnungen, mit denen Sie ſeine Vernunft umgaukelt haben. Frankreich iſt für ihn verloren, Sie wiſſen das ſo gut, wie ich, Frau Gräfin, aber Sie hatten kein Mitleid mit dem Herzog. Er ſollte Ihrem Ehrgeiz als Werkzeug dienen, denn wenn der Sohn Napoleons wieder die Kaiſerkrone trug, war die Tochter der Fürſtin Bacciochi wieder eine kaiſerliche Prinzeſſin. Das iſt das Geheimniß Ihres Eifers, ihn zu erheben. t um rkrone wieder eimniß 277 Kommen Sie, Oncle, es iſt kalt hier, murmelte der Herzog erſchauernd, und ſich matt und ſchwer auf den Arm des Erzherzogs lehnend. Leben Sie wohl, Napoleone, entfernen Sie Sich, wenn Sie nicht wollen, daß ich ſterben ſoll! Ich gehe, rief ſie außer ſich, ich gehe, um dem Kaiſer in ſeinem Grabe zu ſagen, daß er keinen Sohn mehr hat. Und laute Klagen und Verwünſchungen in die Nacht ausſchreiend ſprengte Napoleone Camerata in die Dunkelheit der Nacht dahin. Dietrich, mein Getreuer, rief der Erzherzog, komm hervor und führe die Pferde wieder in den Stall zurück. Hinter einem Pfeilervorſprung der Gartenmauer ſchlüpfte jetzt der Kammerdiener des Herzogs hervor, und führte die Pferde von dannen. Nun komm, mein Sohn, mein armer Sohn, ſagte der Erzherzog zärtlich. Laß uns in's Schloß gehen. Die kleine Seitenpforte iſt offen, und wir können un bemerkt in Deine Zimmer kommen. Nein, mein Oncle, ſagte der Herzog langſam und mit ſchwerer Zunge. Ich muß dahin zurückkehren auf dem Wege, auf welchem ich mein Schlafzimmer ver⸗ 278 laſſen habe, denn die Thüren ſind von innen verriegelt, und Niemand würde alſo begreifen, auf welchem Wege ich das Zimmer verlaſſen hätte. Laſſen Sie mich alſo gehen, lieber Oncle, ich ſchwöre Ihnen, daß ich ſogleich in das Schloß auf meinem Wege zurückkehre, denn Sie haben Recht, die phantaſtiſchen Hoffnungen ſind zu Ende. Von heute an hoffe ich nichts mehr vom Leben, und wenn ich jetzt in das Schloß von Schönbrunn zurückkehre, ſo weiß ich doch, daß ich es ſehr bald wieder verlaſſen werde, und dann wirſt Du mich nicht mehr zurückhalten können, denn der Tod wird es ſein, welcher mich befreit.. Du zürnſt mir, mein Sohn, mein Napoleon? fragte der Erzherzog traurig. Oh nennen Sie mich nicht mehr Napoleon, mur melte er erſchauernd. Von heute an heiße ich nur noch Franz, ich habe dem Namen meines Vaters ent ſagt. Leben Sie wohl, Onecle! , 1¼ ragte mur nur ent VI. Das Martyrium. Der Herzog von Reichſtadt hatte ſein Geſchick angenommen. Er hoffte nichts mehr vom Leben, er zwang ſeinen Ehrgeiz zu ſchweigen, ſeine Wünſche zu verſtummen, er unterwarf ſich ſeinem Schickſal, er klagte nicht einmal über daſſelbe, er ſchien nichts zu vermiſſen, nichts zu erſehnen. Nur wurden ſeine Wangen täglich bleicher, ſeine Augen größer und glänzender, ſeine Hände brannten in Fiebergluth, und zuweilen in der Stille der Nacht hörte manſtundenlang ein dumpfes, ſchauerliches Geräuſch aus dem Schlafzimmer des Herzogs, das Geräuſch eines furchtbaren Huſtens, den er indeſſen den Aerzten ſtandhaft verleugnete. Er wollte nicht krank ſein, er wollte nicht der 280 Wachſamkeit der Aerzte ſich unterwerfen. Es gab für ihn nur noch Einen Lebensreiz, nur noch Eine Zer⸗ ſtreuung, das waren die militairiſchen Uebungen, denen er mit glühendem Eifer oblag, in denen er vor allen andern Offizieren ſich auszeichnete. Da er nichts Anderes ſein konnte, ſein durfte, wollte er mindeſtens ein guter Soldat ſein, und zu⸗ weilen hoffte er vielleicht noch, daß er als Soldat ſich eines Tages den Ruhm erkämpfen könne, nach welchem ſeine Seele ſchmachtete, daß er mit dem Schwert in der Hand es der Welt beweiſen könne, daß er der echte Sohn des Feldherrn Napoleon ſei. Und eines Tages ſchien es, als ob das Schickſal ihm den Weg zeigen wolle, der ihm dieſe Hoffnung verwirklichen könne. In Parma, wie in allen übrigen italieniſchen Staaten brach im Jahre 1831 eine Re⸗ volution aus. Man bedrohete die regierende Herzogin, man wollte ſie ihres Thrones entſetzen, aber ihre Eil— boten gelangten glücklich nach Wien und begehrten Hülfe von dem kaiſerlichen Vater. Der Herzog von Reichſtadt wollte von ſeinem na— türlichen Recht als Sohn Gebrauch machen, er wollte ſeine Mutter beſchützen gegen ihre Feinde, er bat den Kaiſer, ihm zu erlauben, daß er an der Spitze der 281 Truppen nach Parma eile, um die Rechte ſeiner Mutter zu vertheidigen. Aber der Kaiſer verweigerte es ihm. Der Herzog bat immer dringender, er flehete in ſeiner leidenſchaft⸗ lichen Erregung mit gefaltenen Händen, auf ſeinen Knieen, unter Strömen von Thränen. Aber der Kaiſer war unerſchütterlich, denn der Sohn der Herzogin von Parma, der nicht der Erbe ſein ſollte, durfte nicht nach Parma gehen mit dem Schwert in der Hand, um gegen Rebellen zu fechten. Der Herzog, außer ſich, mit Thränen ſchmerzlichen Zorns, mußte dennoch ſeinem glühenden Wunſche entſagen. Oeſterreichiſche Truppen wurden der Herzogin zu Hülfe nach Parma geſchickt, aber ihr Sohn durfte ſie nicht begleiten, er mußte in Wien zurückbleiben. Er blieb, er unterwarf ſich, aber von nun an ward er noch zurückhaltender, noch ſchweigſamer gegen ſeine ganze Umgebung; Stunden lang ſaß er in ſtarrem Hinbrüten verloren, und aus ihm erwachend ſchaute er oft mit einem Blick ſchmerzlicher Sehnſucht empor zu dem Bilde ſeines Vaters. Aber dann wieder raffte er ſich empor, um mit glühendem Eifer ſeinen militairiſchen Pflichten zu ge⸗ nügen, um ſein Regiment ſelber einzuexerciren, ſelber 282 das Commando zu führen. Der Kaiſer hatte ihn ja zum Obriſten befördert, er mußte es ſeinem Kriegs— herrn beweiſen, daß er dieſes neuen Ranges würdig und fähig ſei ihn zu behaupten. Doch wenige Tage des Commando's erſchöpften ſeine Kraft, brachen ſeine Stimme und trieben die glühenden Roſen des Fiebers auf ſeine bleichen Wangen. Er wollte indeß dieſer Schwäche trotzen, und, was immer er auch in der geheimſten Stille ſeiner Ge— danken ahnen mochte, Niemand ſollte es wiſſen, daß er leide. Er verleugnete es dem Kaiſer und den Aerzten, er rühmte ſich ſtets ſeines Wohlbefindens, er ließ nicht nach im Eifer bei ſeinen militairiſchen Exercitien. Aber eines Tages, nachdem er von den Exercitien ſeines Regiments zurückkehrte, traf ihn ſein Arzt, der Doctor Malfatti, bleich, mit keuchendem Athem, voll⸗ ſtändig ermattet und erſchöpft auf dem Divan liegend, und jetzt mußte er es wohl geſtehen, daß er ſich an— gegriffen fühle. Oh, rief er ſchmerzlich, mit Thränen in den Augen, oh welche Qual iſt dies! Wie zürne ich dieſem er⸗ b Körg dem getir vor && ☚= lic ließ tien. 283 bärmlichen Körper, der nicht dem Willen meiner Seele zu folgen vermag!*) Ja, ſeine Seele war immer noch ſtark, aber ſein Körper ward täglich ſchwächer, und er mußte endlich dem Ausſpruch ſeiner Aerzte ſich fügen, er mußte dem activen Militairdienſt entſagen, und mußte es ſich ge— fallen laſſen, daß er im März des Jahres 1832 auf unbeſtimmte Zeit Urlaub erhielt und nach Schönbrunn ſich zurückziehen ſollte, um ſeiner Geſundheit allein obzuliegen. Sie haben mich zum Gefangenen gemacht, rief er vorwurfsvoll ſeinem Doctor Malfatti zu. Ich mußte es wohl, ſagte Doctor Malkfatti ernſt. Es iſt freilich traurig, daß Ew. Durchlaucht nicht auch Ihren Körper wechſeln können wie Ihre Pferde, wenn Sie dieſelben ermüdet haben. Aber ich beſchwöre Sie, mein Prinz, bedenken Sie wohl, daß Sie eine Seele von Eiſen in einem Körper von Glas tragen, und daß der Mißbrauch des Willens Ihnen nur ſchäd lich werden kann. Der Körper von Glas ward immer durchſichtiger, und der Herzog fühlte es wohl, daß er ſchon ſeine *) Des Herzogs eigene Worte. Siehe: Montbel, 172. 284 tödtlichen Riſſe erhalten, daß die Seele von Eiſen ihn zerdrückte. Aber es ſollte ſein Geheimniß ſein, das er Niemand bekennen wollte, das Niemand, wie er meinte, errathen konnte. Er klagte niemals, er erklärte auf alle Fragen der Aerzte, daß er ſich ſehr wohl befände, daß er durchaus keine Schmerzen fühle. Aber die Aerzte wollten dieſen bleichen Lippen, die ſich zu einem Lächeln zwangen, nicht glauben, ſie hielten ihn als ihren Gefangenen in Schönbrunn zurück. In Schönbrunn, wo im Jahre 1809 der Kaiſer Napoleon ſo glänzende Tage des Triumphes erlebt, in Schönbrunn kämpfte ſein Sohn den langen erbit⸗ terten Kampf ſeiner Jugend gegen die Feinde Tod und Krankheit. Sie verfolgten ihn am Tage, ſie ſtanden Nachts an dieſem prunkvollen Lager, auf welchem jetzt ein bleicher ächzender Jüngling lag, auf welchem einſt ein Triumphator geruht, umgaukelt von den Träumen ſeines Ruhms und ſeiner Größe. Der Triumphator war geſtorben als Gefangener auf der Felſeninſel St. Helena, für den Sohn des Triumphators war Schönbrunn ſeine Inſel Helena. Er führte ſeinen Kampf gegen den Tod wie ein Held, er machte dem Feind jeden Schritt vorwärts ſtreit auf Nät ippen, n, ſie brunn Kaiſer erlebt, 3 285 ſtreitig, und noch dann, als er ſchon ſeine kalte Hand auf ſeinem Herzen fühlte, leugnete er es, von ſeiner Nähe zu wiſſen. Ich bin geſund, ſagte er Allen mit dem Anſchein der Zuverſicht, ich werde bald wieder vollkommen her geſtellt ſein. Meine Aerzte werden bald wieder den Kummer haben zu ſehen, daß ihr Patient ſich wieder in einen tapferen Soldaten verwandelt. Ja, tapfer war er, aber der Feind, gegen den er kämpfte, war doch ſtärker als der Herzog! Er brach ihm die Kraft der Glieder, ohne Mitleid mit ſeiner Jugend, mit ſeinem Lebensmuth, und eines Tages verſuchte es der Herzog vergeblich, hinab zu gehen in den Garten von Schönbrunn, ſeine Füße trugen ihn nicht mehr— der Körper von Glas war zerſprungen, die Seele hatte zu ſchwer auf ihn gedrückt. Malfatti bat den Prinzen, ſich in einer Sänfte hinunter tragen zu laſſen in den Garten, um der ſchönen Sommerluft zu genießen. In einer Sänfte! rief der Herzog unwillig. Wiſſen Sie, daß dies eine Schande für einen Soldaten iſt? Ich weiß, antwortete der Arzt, ich weiß, daß der Marſchall von Sachſen in ſeiner Sänfte ſitzend große Schlachten gewonnen hat. 286 Der Herzog ſchwieg eine Zeit lang und ſenkte ſein Haupt auf ſeine Bruſt. Dann nach einer langen Pauſe hob er die großen ſchwermuthsvollen Augen zu ſeinem Arzt empor. Doctor, ſagte er, ich werde vielleicht auch bald eine Schlacht gewinnen, laſſen Sie mich daher, wenn Sie es wünſchen, in die Sänfte legen. Nur, fügte er leiſe hinzu, indem ſeine Augen ſich mit Thränen füllten, nur tragen Sie Sorge, daß Niemand mir im Garten begegnet und daß Niemand Zeuge iſt meines Elendes.*) Gleich als ſei ſeine Krankheit eine Niederlage, deren er ſich zu ſchämen habe, erbebte er vor jedem Worte des Mitgefühls, das man ihm ſagte, ſchlug er ſchamvoll die Augen nieder, wenn man ihn beklagte, verleugnete er ſeine Leiden und ſeine Schmerzen noch immer. Aber es kam doch ein⸗Tag, wo dem ſchmerzzucken⸗ den Munde wider ſeinen Willen das Geſtändniß ent⸗ fuhr, wo er mit ſeinen Qualen vergeblich ringend ausrief: Doctor, ich leide! Meine Bruſt ſchmerzt mich, als würde ſie von glühenden Dolchen durchbohrt! *) Des Herzogs eigene Worte. Montbel, 221. ſentte langen gen zu hbald wenn fügte zränen nr im neines rlage, jedem lug er klagte, noch ucken zent⸗ ngend merzt bohrt! Oh, wie lange wird denn dieſe erbärmliche Exiſtenz noch dauern! Dann aber, da ſeine Mutter in das Zimmer trat, ſeine Mutter, welche von Parma herbei geeilt war, um dem Sohn, von dem ſie im Leben ſo lange fern geweſen, wenigſtens in ſeiner Todesſtunde nahe zu ſein, dann aber lächelte der Herzog, und mit heiterer Ruhe begann er zu ihr von ſeiner Freude zu ſprechen, daß Fürſt Metternich ihm erlaubt habe, nach Italien zu gehen, um dort, wie die Aerzte meinten, völlig wieder hergeſtellt zu werden von ſeinen Leiden. Aber ſelbſt dieſe italieniſche Reiſe, auf welche der Herzog ſich ſo innig gefreut, ſollte für ihn doch nur zu den vereitelten Hoffnungen ſeines armen Daſeins gehören. Seine Kräfte reichten nicht mehr hin, um eine Reiſe antreten zu können. Der Tod hatte ihn ſchon erfaßt und er ließ ihn nicht mehr frei. Am Morgen des einundzwanzigſten Juli 1832 ſteigerten ſich die Leiden des Herzogs zu einer ſolchen Höhe, daß die Aerzte ſeinen baldigen Tod verkündeten. Er ſelber fühlte ſein Ende nahen und er verhehlte es nicht mehr. So jung noch, rief er ſchmerzvoll, oh, ſo jung noch, und jetzt ſchon enden zu müſſen, ein unnützes, d 288 ruhmloſes Leben verlaſſen zu müſſen! Meine Geburt und mein Tod, das iſt meine ganze Geſchichte!*) Weinend ſtand ſeine Mutter, ſtanden ſeine Aerzte und Freunde um ſein Lager, aber Niemand ſonſt von der kaiſerlichen Familie war anweſend. Der Kaiſer befand ſich auf einer Reiſe, der Erzherzog Johann, gegen den ſeit jener Nacht in Schönbrunn der Herzog immer zurückhaltend und düſter geweſen, war ſeit längerer Zeit ſchon nach dem Brandhof zurückgekehrt. Niemand als ſeine Mutter und einige getreue Diener umſtanden das Sterbelager des armen Jüng⸗ lings, der in der Wiege ſchon König von Rom ge⸗ weſen, und der auf ſeinem Sterbebett ſo arm war an Beſitz, daß er nicht einmal über denſelben ein Teſta⸗ ment hatte machen können, weil er* hatte, was ſein Eigen war, nichts als ſeinen Gkam und ſeine Schmerzen. Und wie der Herzog von Reichſtadt mit todes— wunder Bruſt jetzt dalag in ſeinen Schmerzen, wie ſein Auge ſchon zu brechen, ſein Athem zu röcheln begann, verfinſterte ſich draußen plötzlich der Himmel. Der Sturm heulte und pfiff um das Schloß von *) Montbel, 227. Geburt 2) Aerzte nſt von Kaiſer ohann, Herzog ar ſeit gekehrt. getreue Jüng⸗ om ge war an Teſta⸗ 5, was n, wie röcheln zimmel. oß von 289 Schönbrunn und ſchlug an die Fenſter, daß ſie klirr⸗ ten, als ob Geiſterhände ſie berührten und dem Ster⸗ benden das Zeichen gäben, daß es Zeit ſei. Der Donner rollte wie die Stimme Gottes mächtig und majeſtätiſch daher und übertönte das Todesröcheln des Sterbenden und das Schluchzen ſeiner Mutter, die dalag auf ihren Knieen vor dem Lager des Sohnes, vor dem einſtigen Lager des Kaiſers. Jetzt zuckte ein Blitz durch die Fenſter, ſo hell, ſo flammend, daß es ſchien, als ob das ganze Gemach ſich mit Feuer er⸗ fülle, als ob das Bett des Sterbenden in Flammen ſtände. Ein furchtbarer Donner folgte, praſſelnd fiel eine ſchwere Maſſe draußen an den Fenſtern vorüber und mit dumpfem Geräuſch auf den Hof hinab. Der Blitzuchatte von dem Adler, der draußen an dem 2asn Schönbrunn über dem Portal ange⸗ bracht war, den einen Flügel herunter geſchlagen. Den ganzen Tag und die folgende Nacht noch kämpfte der Sterbende mit dem Tod, dann gegen Morgen richtete er ſich halb empor, ſchlug er ſeine Augen auf. Ich gehe unter! Ich gehe unter! rief er mit überlauter, ſchallender Stimme. Oh, meine Mutter! Meine Mutter! Mühlbach, Erzherzog Johann. III. 19 290 Dann ſank er zurück,— nur noch ein letztes Röcheln, ein letztes raſches Wenden ſeines Hauptes, — und das Martyrium war zu Ende, der Sohn Na⸗ poleons war nicht mehr! Zur ſelben Stunde, als in Schönbrunn der Todes— kampf des Herzogs von Reichſtadt begann, ſprach Lä⸗ titia, die Mutter Napoleons, in Rom über den ge⸗ liebten fernen Enkel den letzten Segen ihrer Liebe aus. Mit Thränen der Rührung hatte ſie in dieſer Stunde mit dem Freunde ihres Enkels, mit Prokeſch von der Oſten, von dem Herzog von Reichſtadt geſprochen. Jetzt, da er Abſchied nehmen wollte, um von Rom nach Wien abzureiſen, jetzt richtete ſich Lätitia von ihrem Lager empor, auf dem Alter und Leiden ſie ge— feſſelt hielten.* Seit dem Tage der Trennung zu Blois, ſagte ſie, ſeit jenem Unglückstage habe ich den Sohn meines Sohnes nicht wieder geſehen. Wir ſind Beide, ich durch mein Alter, er durch ſeine Krankheit am Rande des Grabes! Ich werde ihn nicht wieder ſehen! Sie gehen zu ihm. Ich habe Niemanden, durch den ich ihm meinen mütterlichen Segen ſchicken könnte, und bevor ich ſterbe, möchte ich ihm dieſen Segen ſo gern voch nied Ro Enl hal ttztes Rande 1Sie 291 noch geben, laſſen Sie mich ihn auf Ihr Haupt niederlegen! Und in derſelben Stunde, in welcher Lätitia in Rom den Segen ausſprach über das Haupt ihres Enkels, begann der Todeskampf des Königs von Rom. Am Morgen des zweiundzwanzigſten Juli 1832 hauchte er ſeinen letzten Seufzer aus. Ende des dritten Bandes. Viertes Buch: Die Bonapartiſten. VI. Fünftes Buch: Die Zuli-Revolution. Das Feſt auf dem Brandhof Die Verſchwornen. Napoleone Camerata— Der Herzog von Reichſtadt. Le fils de l'homme Freundesrath. Die Hiobspoſt Die Cenſur im Jahre 1830. Eine Seele im Fegefeuer. Die Entſcheidung In Schönbrunn. Das Martyrium Inhalt des dritten Bandes. —— ——— —— —— 58—