,, B,, 2. Leihbibliothe deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256.— 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——— auf 1 Monat: 1 Mt. 50 Pf. 2 Mtk.— Pf. „ 5„„„ 3„=—„ 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr jelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bucher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — 1 Mt.— Pf. 7— —— ——-— Erzherzog Johann, und ſeine Zeit. . L. Mühlbach. S Dritte Abtheilung: Erzerzog Jnhann u. der Perzg uon Keichstudt. Zweiter Band. Recht der Ueberſetzung in fremde Sprachen hat die Verfaſſerin ſich Das geſetzlich vorbehalten. Berlin, 1862. Druck und Verlag von Otto Janke. Erzherzog Johaun und der Herzog von Reichſtadt. L. Mühlbach. Sen. Dritte Abtheilung. Zweiter Zand. Berlin, 1862. Druck und Verlag von Otto Janke. Zweites Buch. Das Mädchen von Auſſee. 1 Mühlbach, Erzherzog Johann. II. 1 der am Ufer d Bergesrücken eine Lichtung, zyviſchen dem „ 3 Braunrothe K der Matte ſte Me ſie dlehnt, eine d je nſeitiger U U wände in —, J. Am Grundlſee. ngsum. Leiſe rauſchen 's Ufer hin, leiſe des Waldes, aufſteigt bis hinauf zum hohen hat der Bergwald Stille und göttlicher Frieden ri und plätſchern die Wogen des Sees an rauſcht und flüſtert es in den Bäumen der am Ufer des Sees Nur hie und da keine Lichtung, und wie ein glänzend zwiſchen dem dunklen Laubgehölze eine Wieſenmatte. e Kühe lagern auf derſelben und am Ende dicht an den Rand des Waldes ge⸗ Drüben aber, am hne ſchroffe Fels⸗ die ſchlanken Bergesrücken. er Smaragd blitzt Braunroth der Matte ſteht, plehnt, eine zierliche eitigen Ufer des Sees, maleriſchen Linien mit dem ewigen Sennhütte. ſteigen kü empor, jenſ Schnee leuchtender wände in Gipfel, Gletſcherſpitzen, gekrönt und jugendvoll, trotz 1* ſo ſchön, ſo hold ud zu jodeln enem Athem als hätt' er und deutlich m jodelnden et ſie, und hre friſchen will kom⸗ den Gems⸗ legt. Ich er wil wie gut ſſen das nut! Er will mit ind am zt und d halb thütten f ver⸗ durch 4 aller Majeſtät, wie weiße Roſen anzuſchauen, mit denen der Rieſe Fels ſein urewiges Haupt gekrönt, um zu beweiſen, daß er auch Theil nehme an allem Jubel und Freudenrauſch der Natur. Weiterhin ſenken die Felſen ſich niederwärts, die Gletſcherſpitzen verſchwinden, grüne Tannenwaldungen umkränzen die Berge, denn inmitten von köſtlichen Matten und luſtigen Gärten lagert ſich drüben am andern Ende des Sees eine Ortſchaft hin. Die rothen Häuſerdächer blicken luſtig hervor zwiſchen den Bäumen, und aus den Schornſteinen wirbelt in zierlichen Windungen der Rauch ſich empor zu dem blauen glänzenden Himmelsgezelt. Stille und göttlicher Frieden ringsum. Nur zu weilen hört man von den Sennhütten herniederſchal len das fröhliche Schmettern einer Sennerin. Es klingt wie ein jauchzender Liebesruf, und ſchon findet er auch weiter aufwärts ſein jauchzendes Echo. Der Gemsjäger iſt's, der jodelnd auf irgend einer Schnee ſpitze erſcheint, und ſeiner Liebſten, der Sennerin da drüben, Antwort giebt, mit ſeinem jodelnden Lied ihr ſagt, wie ſehr er ſie liebt, und ſich nach ihr ſehnt, und wie's ihn freuen wird heut' Abeud, wenn die Sonn' hinabgegangen, zu ihr hinaufzuſteigen zur Sennhütt', und mit ihr zu ſcherzen und zu jodeln nach der Arbeit des Tages. Und die Sennerin hat mit angehaltenem Athem dem Lied des Gemsjägers gelauſcht, und als hätt' er mit Worten zu ihr geſprochen, ſo genau und deutlich hat ſie verſtanden, was er ihr ſagt mit dem jodelnden Geſang. Und weil ſie's verſtanden hat, erröthet ſie, und ein holdes ſchamvolles Lächeln fliegt über ihre friſchen Züge hin. Kommen will er, murmelt ſie, will kom— men, wenn die Sonn' hinabgegangen, und den Gems⸗ bock will er mir bringen, den er heute erlegt. Ich ſoll ihm den kühnen Schuß belohnen, und er will mich küſſen und herzen dafür. Schau' nur, wie gut das Büble iſt! Aber das Herzen und Küſſen das darf nit ſein! Wir ſind ja noch nit getraut! Er ſoll mich wohl finden, aber nit allein! Ich will mit ihm tanzen, aber nit allein! Sie hüpft lachend über die Matte hin, und am Rande derſelben bleibt ſie ſtehen, und jauchzt und jodelt, und ſingt und ſchalmeit, halb rufend und halb fragend die Höh' hinauf zu den andern Sennhütten hin. Und oben und drüben hat man den Ruf ver— ſtanden, und fröhlich ſingt's und klingt's zurück durch 5 C—„„„ die Luft, und die ſchöne Sie kommen, ja, ſie kommen all. Sennerin nickt und lacht: Wenn die Sonn' hinuntergegangen, da kommen ſie All' zum Abendtanz 8⁸⁴⁷ 8 2 5 5 Der Sepperl ſoll mich wohl auf der Wieſenmatt'. finden, aber nit allein! Und wieder jetzt Stille und göttlicher Frieden ringsum. Das Jodeln und Jauchzen auf den Höhen iſt verſtummt, leiſe, leiſe rauſcht der See, zuweilen tönt aus dem Laubgehölz der krächzende Schrei irgend eines Vogels, zuweilen kräuſelt ein Windhauch die Wellen des Sees luſtiger empor, daß ſie in ſchnelle rem Tact an's Ufer rauſchen. Die weißen Gletſcher⸗ — rafen ſtehen ſchweigend und lächelnd da in hehrer Majeſtät, und ſpiegeln ihre Schönheit in den klaren Waſſern des Sees. Stille ringsum und göttlicher Frieden. D D a auf Einmal hallt durch die Stille das Geräuſch nahender Schritte, und drüben aus dem Wald hervor tritt eine männliche Geſtalt, ſchreitet über die kleine Wieſenmatte und bleibt ſinnend ſtehen am Ufer des Sees. Einfach und ſchmucklos iſt er gekleidet, ganz wie Ein ſpitzer grauer ein Steyermärker Jägersmann. Hut, mit grünen Bändern umwunden, deckt ſein Haupt und iſt an der Seite geziert mit dem — 1 uf ·ê· — 1 Gemsbart und einigen Federn vom Auerhahn, die eine kleine Meſſingſchnalle zuſammenhält. Ein kurzer grauer Rock, einer Jacke gleich, umhüllt weit und bequem ſeine ſchlanke, hohe Geſtalt, das kurze graue Beinkleid iſt um die Taille von einem breiten Leder— gurt zuſammengehalten, der vorn gar kunſtvoll mit allerlei bunter Seide geſtickt und ausgenäht iſt, und aus dem an der linken Seite der Griff des Meſſers, des unentbehrlichen Gefährten aller Alpenjäger, her— vorblinkt. Das Knie iſt nur bedeckt von dem grün und weiß geſtreiften Strumpf, über den weiter ab⸗ wärts graue Kamaſchen, der Steyermärker und Ty— D roler nennt ſie„Loden“, geknöpft ſind. Die Füße / 7 bedecken Schuhe, mit Schnallen geziert und mit Bän⸗ dern feſtgehalten. Ueber den Schultern trägt er am breiten Bandelier die lederne, mit grünen Schnüren ausgeputzte Jagdtaſche, und unterm linken Arm ruht ihm der Stutzen, des Jägers vertrauteſte und liebſte Freundin. Lange ſteht der Jäger am Ufer des Sees und ſchaut umher auf die ſchöne Gotteswelt, die ihn um— giebt, ſchaut hinauf zu den leuchtenden Alpenketten, ſchaut ringsum auf die bewaldeten Höhen, auf die zackigen majeſtätiſchen Felswände, auf die Matten N. mit dem weidenden Vieh und den einſamen Senn— hütten, und auf den großen See, der wie flüſſiges Silber zu ſeinen Füßen liegt. Oh, flüſtert er leiſe, und mit ſchmerzlichem Seufzen, das iſt der heilige Gottesfrieden der Schöpfung. Ich will ihn einathmen mit allen Sinnen, und mit aller Inbrunſt meines Herzens. Vielleicht, daß er meine kranke Bruſt geſund macht, und mich heilt von allen meinen Wunden! Nimm mich auf, gütige allheilende Mutter Natur, nimm mich auf in deine heiligen Kreiſe, und gieb mir wieder, was mir die Welt ge— nommen hat, gieb mir meinen Frieden wieder. Er neigt demuthsvoll ſein Haupt auf ſeine Bruſt, und ſteht lange ſo da, in ſich verſunken, gedankenvoll. Auf einmal dann hebt er das Haupt empor, und ſchüttelt es trotzig, als wollt' er all die Sorgen und Schmerzen verjagen, die es wie giftige Inſecten um— ſchwirren, ſein bleiches Antlitz nimmt einen kühnen und entſchloſſenen Ausdruck an, und er zwingt ſeine ſchmerzlich zuckenden Lippen zu einem Lächeln. Die Welt liegt hinter mir, ſagt er leiſe, und auch ihre Schmerzen ſollen hinter mir liegen. Fort mit ihnen! Ich bin ein Steyermärkiſcher Jägersmann, und will nichts ſein als das! Fort mit den Sorgen! V Hier will ich ruhen, hier im Schatten dieſes Fels— blockes! Ich bin müde und möchte ſchlafen. Gebt mir, Ihr Nymphen und Najaden des Waldes und des Sees, gebt mir ruhigen Schlaf und liebliche Träume! Und im Schatten eines Felsblockes legt er ſich nieder im weichen grünen Raſen, lehnt ſein Haupt an einem von Moos überwachſenen Stein, und ſchließt die Augen. Stille jetzt wieder und göttlicher Frieden ringsum. Schläft er, der Mann, der aus der Qual und der Unruh der Welt ſich hieher gerettet, hieher an das Ufer des ſchönen friedlichen Grundlſees? Schläft er? Träumt er vielleicht ſchon, daß die Sorgen von ihm abgefallen, daß der Schmerz von ihm gewichen iſt? Ja, er ſchläft, und ſchöne Träume umflattern ihn, denn er lächelt und ſein Antlitz, das vorher ſo bleich war, wird jetzt überhaucht von einem roſigen Schimmer. Auf Einmal ſchreckt er zuſammen, und öffnet die Augen. Es iſt vorbei mit ſeiner Ruh und ſeinen Träumen! Die Menſchen haben ihn geweckt aus ſei⸗ nem Paradieſe! Ja, es ſind Menſchenſtimmen, welche da an ſein 10 Ohr ſchlagen ſie tönen hernieder von dem Felsblock, an deſſen Fuß er ruht, ſie wecken ihn aus erquicklichem Schlummer. Ich bitt' Euch, Annerle, hört mich an, ſagt eben eine männliche Stimme in dem tiefen Ton der Rüh rung und innern Aufregung. Ich bitt' Euch, Annerle, hört mich an. Seid nit ſo grauſam und ſo wild. Ich ſag's Euch, ich ſterb' vor Schmerz und Gram, wenn Ihr mich nit hören wollt. Oh, alſo Schmerz und Gram auch hier, flüſtert der Jägersmann, der da am Fuß des Felsblockes liegt. Schmerz und Gram all überall! Aber was wird ſie ihm antworten, die Annerle? Und er hebt den Blick empor zu den unſichtbaren Geſtalten, welche die ſchräg über ihm hängende Fels wand indeß ſeinem Auge entzieht. Sie hat noch nicht geantwortet, ſtill iſt's da oben auf der Felſenplatte. Wieder tönt die männliche Stimme. Ihr ant wortet mir nicht, Annerle. Was hab' ich denn gethan, daß Ihr mir zürnt? Was Ihr mir gethan habt, Herr? fragt jetzt eine ſchöne jugendfriſche Stimme. Was Ihr mir gethan habt? Nachgegangen ſeid Ihr mir, obwohl ich Euch 11 nit darum gebeten hab', obwohl ich Euch gar nit die Erlaubniß dazu gegeben hab', mit mir hierher zu kommen. Es ſchickt ſich aber nit, daß ein ehr bar Mädel mit einem Herrn ſo ganz allein ſpazieren geht, und ich will nimmer thun, was ſich nit ſchickt und ziemt. Es ſchickt ſich wohl, daß eine Braut mit ihrem Bräutigam ſpazieren geht, Annerle, ſagt die männliche Stimme. Seid meine Braut, Annerle, ich bitt' Euch, ſeid meine Braut. Seht, Euer Vater hat mir's er— laubt, um Euch zu werben, er hat zu mir geſagt: wenn Euch die Annerl will, ſo hab' ich nichts dagegen. Ihr ſeid brav, Ihr habt Euer gutes Auskommen und Ihr liebt meine Tochter. Alſo, wenn ſie Euch mag, nehmt ſie! Aber ſchaut, Herr Thomas Voregger, das iſt's ja eben, ruft die ſchöne Frauenſtimme, daß ich Euch nit mag. Ihr mögt mich nicht! Anna, was hab' ich denn jemals gethan, daß Ihr mich nicht leiden könnt? Ihr kennt mich doch von Jugend auf, wir haben als Kin— der mit einander geſpielt, und allzeit wart Ihr freund lich und gut zu mir, wie eine Schweſter. Was hab' 12 ich denn verſchuldet, daß Ihr jetzt ſo wild und grau⸗ ſam ſeid? Bin nit wild und bin nit grauſam, Thomas. Es ärgert mich blos, daß Ihr mich heirathen wollt. Und warum ſeid Ihr auch auf den dummen Einfall gekom⸗ men, ſagt mir das, Thomas? Ich lieb' Euch, Annerle! Ihr liebt mich! Jeſus Maria, ich lieb' Euch auch, aber muß man denn deshalb gleich heirathen? Wir waren ſo gute Freunde mit einander, konnten ſo friſch und fröhlich zuſammen ſcherzen und lachen, und wenn ich mit Euch ging und tanzt' und lacht', da dacht' ich immer, das iſt mein lieber Bruder Thomas Voregger, mein beſter und mein treueſter Freund! Und ich war ſo glücklich, wenn ich das dacht', ſo glücklich und ſo zufrieden! Und nun auf einmal ſoll das Alles nit wahr ſein! Auf einmal fangt Ihr an zu ſeufzen und zu ſcharmuziren und zärtlich zu thun, und ſchaut mich ſo ſeltſam an, daß es mir kalt über den Nacken rieſelt, und ſtatt heiter und luſtig zu ſein, wie ſonſt, ſteht Ihr jetzt wie ein rechter Duckmäuſer da und ſeufzet mich an, als wär' ich das goldene Kalb, das alle Welt anbetet. Ich bitt' Euch, Thomas, nehmt Ver⸗ nunft an, ſeid wieder heiter und guter Ding', wie 13 ſonſt. Gebt die dummen Gedanken vom Heirathen auf und ich will Euch wieder lieben und wieder gern haben, und Ihr ſollt wieder mein beſter und liebſter Freund ſein! Aber, Annerle, wenn Ihr mich alſo lieben und mich gern haben könnt, warum wollt Ihr mich denn nit heirathen? Weil's Heirathen noch ein ganz ander Ding iſt, rief ſie eifrig. Wie wär's in aller Gotteswelt nur möglich, daß ich Euch heirathen könnt'! Ich kenn' Euch ja ſchon ſo lang', hab' Euch alle Tage geſehen, hab' mit Euch gelacht, geſcherzt und gezankt, ja, ich glaub', wir haben uns als Kinder zuweilen auch ge ſchlagen. Ja, ich weiß ganz genau, daß ich Euch ein mal ein paar tüchtige Ohrfeigen gegeben hab'. Jeſus Maria, wie könnt' ich mich nur verheirathen an einen Mann, dem ich einſt Ohrfeigen gegeben und der ſich's hat gefallen laſſen! Aber, Annerle, gerad' weil ich Euch lieb hatte, gerad' darum ließ ich's mir gefallen! — Das iſt'’s ja eben! Weil Ihr mich lieb hattet, blos lieb hattet, da ließt Ihr's Euch gefallen, daß ich Euch Ohrfeigen gab. Aber wenn Ihr mich geliebt hättet, ſchaut, dann hättet Ihr's Euch nit gefallen ——— —— —— 14 laſſen, dann hättet Ihr mich umgebracht vor Zorn und Wuth! Geht, Thomas, geht! Ich rath' Euch, denkt nit mehr daran, mich heirathen zu wollen, denn ich ſag's Euch, ich würd's nimmer vergeſſen, daß ich Euch einmal geohrfeigt hab' und daß Ihr's Euch ge— fallen ließt, und ſo könnt's geſchehen, daß ich, wenn ich halt ärgerlich wär', leicht einmal vergäß', daß Ihr mein Herr wär't und Euch ohrfeigt', als wär't Ihr noch immer blos mein Spielkamerad.. Und wenn ich mir das gern und ohne Murren gefallen ließ, Annerle? Dann wär't Ihr ein ganz erbärmlicher Burſch, rief ſie in eifrigem Zorn, dann müßt' ich Euch halt „ verachten aus Herzensgrund. Ich ſag's Euch, Thomas, wir paſſen nit für einander, wir haben uns auch zu lang' ſchon gekannt, um uns lieben zu können. Es wär' doch auch gar närriſch, Thomas, wenn ich plötz⸗ lich Euch lieben ſollt', da ich Euch doch ſo lang gut geweſen bin. Aber, Annerle, das iſt ja ganz daſſelbigte Di ing, Tlieben und ſich gut ſein! Nein, das iſt noch lang' nit daſſelbigte Ding. Seht Ihr wohl, daß wir gar nit zuſammen paſſen? Ihr wißt noch nicht einmal, was lieben heißt! — 15 Und wovon wißt Ihr's denn, Annerle? Ich weiß es, Thomas, weil ich es fühl'! Der Mann, den ich lieben ſoll, den muß mir der liebe Herr Gott ganz expreß vom Himmel herunterſchicken, der muß plötzlich wie aus einer goldenen Wolke vor mich hintreten und muß groß und prächtig wie ein König vor mir ſtehen und ſeine Stimme muß wie die heilige Orgel in der Kirch' klingen, und mit dieſer Stimm' muß er ſagen: Annerle, komm her zu mir! Ich liebe Dich und Du ſollſt mein Weib ſein! Und ich ſink vor ihm demüthig und andachtsvoll in die Kniee und alle Engel im Himmel jauchzen mit mir, und es iſt mir, als hab' ich den lieben Gott ſelber ſprechen gehört. Ich ruf: Nimm mich hin, ſei mein Herr! Ich will Dich lieben, Dir gehorchen und Dir unterthan ſein in Freuden und Demuth! Seht, ſo muß es ſein, wenn für mich der Rechte kommt! Und einen Andern als den Rechten nehm' ich nit. Ich bin ja noch jung, kann halt noch lange warten! Bin erſt ſechszehn Jahr, und wenn mir der liebe Herr Gott den Rechten auch erſt in zehn Jahren ſchickt, ſo iſt's immer noch zeitig genug. Mein lieb Mütterle im Himmel wird ſchon dafür beten, daß mir der Rechte auch zur rechten Zeit kommt. Ihr aber, Thomas, 16 Ihr ſeid's-mit! Und darum bitt' ich Euch, wenn Ihr mir gut ſeid, ſo gebt's auf und ſchlagt's Euch aus dem Sinn, daß Ihr mich heirathen wollt. Annerle, ich kann's nit. Es geht über meine Kräft'! So lang' ich denken kann, hab' ich immer gedacht, daß ich Euch lieb' und daß ich Euch heirathen will, und hab' ruhig und beſcheiden gewartet, bis Ihr erwachſen ſeid und bis Euer Vater mir ſelber die Erlaubniß geben würd', um Euch zu werben. Und er hat's nun gethan, und wir könnten Alle ſo glücklich und froh ſein, wenn Ihr nur Ja ſagen wolltet, Jungfer Anna Jetzt iſt's genug, rief Annerle zornig. Ich hab' zu Euch gut und rechtſchaffen gered't, was die Wahr heit iſt, ich hab' gebeten, mich in Ruh zu laſſen, hab' geſagt, wir wollten gute Freund' mit einander bleiben. Aber Ihr wollt nit hören, Ihr wollt nit vernünftig ein! So kündige bs Anna Plocherl, Euch hiermit ſe die Freundſchaft auf, Thomas Voregger. Von heut an kenn' ich Euch nit nh und hab' Euch niemals gekannt und will Euch niemals kennen. Geht! Ich hab' Euch nit das Recht gegeben, mir hierher zu folgen und Ihr ſollt mir nit den Schimpf anthun, daß andere Leut' Euch hier bei mir ſehen und denken könnten, daher a Euch. mir hie Herrn Zuhörer Voregg Ich Euch d bin die mich je Nei kann Eu ſo ganz könnten, ich wär' wirklich Eure Braut. Ihr ſollt daher auf der Stell' fortgehen, ich will's, ich befehl's Euch. Bin hierher gekommen, um allein zu ſein, um mir hier die Lieder zu probiren, die ich morgen dem Herrn Erzherzog Johann ſingen ſoll. Ich will keine Zuhörer dabei haben, alſo geht fort, Herr Thomas Voregger. Aber, Annerle— Ich bin für Euch jetzt nit mehr Annerle, laßt Euch das geſagt ſein, Herr Thomas Voregger, ich bin die Jungfer Plochl, merkt Euch das und laßt mich jetzt allein. Nein, Annerl, rief er verzweiflungsvoll, nein, ich kann Euch nimmer laſſen und aufgeben. Ich kann nit ſo ganz ohne Troſt und Hoffnung von hinnen gehen. Sagt wenigſtens, daß ich warten ſoll, daß Ihr mich nur jetzt noch nit wollt, daß— Ihr wollt alſo nit gehen? rief ſie außer ſich. Ihr wollt mich nit allein laſſen? Ihr beſteht darauf, daß Ihr hier bleiben wollt? Nun gut, Herr Thomas Voregger, ſo bleibt hier! Ich aber geh' und ich denk', Ihr werdet mir nit folgen! Herr Gott, Annerle, bleib! Ich geh' ja ſchon! Mühlbach, Erzherzog Johann. II. 2 18 Nit da hinunter! Die Wand iſt ſteil! Ihr werdet Augen „ SA K ₰△* M hinab ſtürzen! Dich N Aber Annerle hörte nicht mehr. Sie war in Und ihrem Zorn, ohne zu überdenken, ohne zu überlegen, aun ſtü von der Felſenplatte nieder geſtiegen und rannte jetzt athemlos , vom Felſengeröll ſchlüpfrige Höhe hinab. nicht mehr im Stande anzuhalten, die ſteile, Sie wird fallen, jammerte Herr Voregger, ſich huß kommen, daß ſie in den See ſtürzt! Jeſus Maria! über den Abgrund lehnend. Sie wird ſo in Annerle! Aber er ſah ſie nicht mehr. Der ſchräg abfallende, an ſeinem Fuße zurücktretende Felſen verhüllte ſie ſeinen Blicken. Und Anna hörte ihn auch nicht. Sie war jetzt zu der Stelle gekommen, wo der Felſen zurücktrat, wo ſie, um nicht gerade hinunter in den Abgrund zu ſtürzen, ſich ſeitwärts hätte wenden, an dem Felſen ſich anklammern müſſen. Aber Anna vermochte nicht mehr ſich zu wenden, nicht mehr ſich zu halten. Sie mußte vorwärts, wie ein vom Bogen abgeſchoſſener Pfeil flog ſie vorwärts.. Jetzt gähnte unter ihr der tiefe Abgrund. Jetzt war's um ſie geſchehen. Sie ſah's und ſchloß die 19 Augen und murmelte: Jeſus Maria! Erbarme Dich Mein! Und nun ſchwand der Boden unter ihren Füßen 7 nun ſtürzte ſie hinab in die Tiefe. 6 . II. Der Mann aus der goldenen Wolke. Verwirrt, betäubt von dem Sturz ſchlug Anna die Augen auf. Wo bin ich? ſtammelten ihre bebenden Lippen. Was iſt mit mir geſchehen? Wo bin ich? Still, Annerle, ſtill, flüſterte eine Stimme, ſprich nicht. Erhole Dich! Schließ Deine Augen oder ſchau zum Himmel auf und grüß' Deine Schweſtern, die lieben Engelein, die alle aus dem Himmel hernieder ſchauen, um zu ſehen, ob ihr lieb Annerle auch ge rettet iſt. Anna ſagte nichts, ſie blickte nur mit großen ſtar ren Augen empor zu dem Antlitz, das über ſie geneigt war, das mit einem wunderbar ſanften Lächeln, mild wie Sonnenſchein, ſie begrüßte, ſie ſah nur die zwei großen dunklen Augen, die über ihr erglänzten. o da dich ſtorben dicht ü ſtrahlen im Abg und de jähen Ja lag ihr zum H auf tr hielt u Wi Lippen. hält m Aber 1 feſt, C Armen 21 Oder waren's keine Augen, waren's Sterne, die da dicht über ihr leuchteten? War ſie wirklich ge— ſtorben und flog jetzt zum Himmel empor, und ſah dicht über ſich den hellen, ſchönen Himmel und die ſtrahlenden Sterne an demſelben? Sie lag ja nicht im Abgrund mehr, ihre Glieder ſchmerzten auch nicht, und doch mußten ſie alle gebrochen ſein von dem jähen Sturz in die Tiefe. Ja, ja! Sie war geſtorben, drunten in der Tiefe lag ihr zerſchellter Körper und ihre Seele flog empor zum Himmel. Der Todesengel war es, der ſie hin auf trug, der ſie ſanft und weich in ſeinen Armen hielt und ſie anſchaute mit ſeinen Sternenaugen. Wie ſchön das iſt! flüſterte ſie mit zitternden Lippen. Ich fliege! Oh ich fliege! Und ein Engel hält mich in den Armen! Er bringt mich zu Gott! Aber mir ſchwindelt, oh, mir ſchwindelt! Halte mich feſt, Engel des Todes, laß mich nicht aus Deinen Armen! Laß mich nicht hinabſtürzen auf die Erde! Oh, die Erde iſt ſo kalt und hart! Halte mich feſt Engel des Todes! 7 D O Ich halte Dich, Annerle, ich halte Dich feſt in meinen Armen und ſie werden Dich nimmer wieder laſſen. Ich halte Dich feſt und nimmer ſoll Dir die 22 Erde wieder kalt und hart ſein. Ich will ſie Dir mit Blumen beſtreuen, ich will Teppiche auf Deinen Weg legen, damit er leicht ſei und weich. Ich halte Dich in meinen Armen und ſie werden Dich nimmer wieder laſſen. Denn ich habe hinein geſchaut in Deine Seele, und ich habe das Paradies geſehen, und ich bin im Paradieſe, wenn ich Dich in meinen Armen feſthalte! Wie prächtig Deine Augen ſind, und wie lieb ſie mich anſchauen, flüſtert ſie. Wend' ſie nit von mir, Engel des Todes, möcht' jauchzen vor Wonn' und vor Luſt, wenn ich ſie anſchau', möcht weinen vor Schmerz, wenn ich nit ſo glücklich wär'. Hab' Dein Angeſicht nimmer geſehen, und doch iſt's mir, als hätt' ich’s ewig angeſchaut, hätt's ewig in meinem Herzen ge tragen. Oh, jetzt weiß ich, was es iſt! Ja, jetzt weiß ich's! Und ein ſeliges Lächeln verklärt ihre Züge und ihre dunkelbraunen Augen flammen mit einem gött lichen Strahl des Lichtes. Was iſt es, liebes Annerle? Was weißt Du, mein Lieb? Ich kenn' Dich jetzt! lispelt ſie. Du biſt der Mann aus der goldenen Wolke, den ich ſo oft in meinen biſt es! Deine) Dir fla ſchwinde lächelnd zu dem O, Augen mir nich nen Au⸗ Und Herz er ihre Au elnpor. 23 meinen Träumen geſehen hab', Du biſt es, ja, Du biſt es! Die goldene Wolke ſchwebt noch über Dir! Deine Augen ſind wie Sterne ſo hell, und Alles an Dir flammt und glänzt! Oh, mir ſchwindelt! Mir ſchwindelt! Sie ſchließt ſchaudernd die Augen, und ein Zucken und Beben durchzittert ihre ganze Geſtalt. Der Schwindel, der ſie vorhin erfaßte, als ſie dem Abgrund entgegenſtürzte, der hält ihre Sinne jetzt erſt umfan— gen. Sie iſt noch betäubt von dem jähen, furchtbaren Sturz in die Tiefe, iſt noch keines Nachdenkens fähig. Der Schrecken, das Entſetzen hat ihre Sinne verwirrt, ſie weiß nicht, ob ſie lebt, ob ſie träumt. Der Erde, der Wirklichkeit entrückt, ſchaut ſie empor zu dem lächelnden, glücklichen Angeſicht, das ſich über ſie neigt, zu dem Mann aus der goldenen Wolke. Oh, flüſtert er zärtlich, oh, Annerle. Thu' Deine Augen auf, Du holder Unſchuldsengel Du! Verſchließ mir nicht das Paradies, ich finde es ja nur in Dei nen Augen! Und ſie, gehorſam dieſer Stimme, vor der ihr Herz erbebt in ſüßem, nie gekannten Glück, ſie öffnet ihre Augen und blickt mit ſeligem Lächeln zu ihm empor. 24 Alſo darum ward ich zurückgeſtoßen, ruft eine zor nige Stimme hinter ihr. Darum bekam der Thomas Voregger einen Korb. Darum wollt' die Jungfer Anna hier allein ſein, und ich mußt' durchaus fort. Hatt' einen andern Liebſten, die tugendhafte Jungfer Anna! Wollt' ſich hier ein Stelldichein mit ihm geben, und darum hieß ſie mich fortgehen! Und ich dummer Narr, ich ängſtige mich halb todt, denk', ſie wird da in den Abgrund geſtürzt ſein, renn' wie raſend und toll den gefährlichen Steigerweg da drüben hinunter und bet' und ſchrei zum lieben Herr Gott, daß er mich die Annerl wenigſtens noch lebendig ſoll finden laſſen, und wie ich hinab und um den Felſenhang komm', da liegt die tugendhafte Anna in ihres Liebſten Armen! Sie hatte anfangs wie erſtarrt der tollen zornigen Rede des armen Thomas Voregger zugehört. Dann endlich hatte dieſe polternde bekannte Stimme ſie ge weckt aus ihrer ſüßen Betäubung, und langſam hatte ſie ſich empor gerichtet. Nun ſchaute ſie um ſich mit träumeriſchen, forſchenden Blicken, als müßte ſie ſich überzeugen, daß ſie wirklich lebe, wache, daß dies nicht wiederum ein Traum ſei, der ſie necke. Sie ſieht, daß ſie da liegt im weichen, grünen Mooſe, und die ————ęõ—õyy—— Arme, die ſie umfangen, in denen ſie ſo weich und ſanft geruht, es ſind die Arme eines Mannes, eines fremden Mannes, der neben ihr im Graſe kniet. An ſeinem Buſen hat ihr Haupt geruht und ſein Antlitz hat er über ſie geneigt ſo nah, ſo nah, daß ſich ihr Athem, ihre Augen küßten. Jetzt iſt ſie erwacht, jetzt iſt der Traum zu Ende, und leicht wie eine Gazelle ſpringt ſie empor und ſchaut den Fremden an mit zornvollen Blicken, den Thomas mit verachtungsvollem Stolz. Herr Thomas Voregger verſteht den Blick und ſenkt beſchämt die Augen nieder. Der Fremde nicht, der blickt ſie lächelnd an und zwingt mit ſeinem Blick ihr Auge, daß es feſt dem ſeinen begegne, daß es leſe und verſtehe, was er ihr ſagt, nicht mit Worten, nur mit ſeinen Augen. Und Anna muß gehorchen wider ihren Willen, muß ihn anſchauen, kann den Blick nicht abwenden. Er iſt immer noch der Mann, der ihr hervorgetreten aus der goldenen Wolke, und in Ehrfurcht und Be⸗ wunderung neigt ſich vor ihm ihr Herz. Sie fühlt es, daß ſie nicht nöthig hat, ſich vor Thomas Vor⸗ egger zu vertheidigen, Er wird es thun, das weiß ſie. Er wird's nicht dulden, daß Thomas ſie anklagen 26 und verleumden darf. Sie ſagt deshalb kein Wort, ſie hört nur zu, nicht blos mit ihren Ohren, auch mit ihren Augen, ihrem Herzen hört ſie. Herr Thomas Voregger, ſagt er, und wie ſtolz und vornehm er das Haupt zu ihm hinwendet, als wäre Er ein König, Jener nur ein armer Bettler. Herr Thomas Voregger, gehet heim und verſchlie ßt Euch in Euere Kammer, um keines Menſchen Auge Euere Schlechtigkeit und Euere Schmach ſehen zul laſſen. Ihr wißt es wohl, daß Ihr die Jungfer Anna Plochl nur verleumdet, daß ſie nicht hierher g kommen zum Stelldichein, daß ſie Euch nicht ver ſchmäht, weil ſie einen Andern liebt. Ihr fandet ſie in meinen Armen, und darum wagt Ihr zu ſagen, zum Stelldichein ſei ſie hierher gekommen, und ich ſei ihr Liebſter. Wär' ich das, und Ihr wagtet in mei ner Gegenwart das Mädchen, das ich liebe und das Mein gehört, ſo arg zu ſchelten und zu verunglimpfen hätte ich ein Recht auf dieſes ſchöne Mädchen, bei Gott, ſo hätte mein Arm Euch ſchon zu Boden ge ſchmettert und nur Einer von uns dürfte lebend als dann dieſe Stelle verlaſſen. Aber ich hab' kein Recht auf ſie. Die reine unſchuldsvolle Jungfrau gehört ſich ſelbſt allein, und Niemand hat ein Recht auf ſie, als Gott und der Mann, den ſie einſt lieben, dem ſie ſich freiwillig zum Weibe geben wird. Ich habe kein Recht auf ſie und Ihr auch nicht, Herr Thomas Voregger. Aber Gott hat gewollt, daß ich zu dieſer Stunde hier ſein ſollte, damit ich die Jungfer Anna Plochl, die Ihr in den Tod gejagt, erretten dürfte aus Todesnoth. Schaut den Weg hinauf, fuhr er fort und hob den Arm und zeigte die ſteile, jäh ab ſchießende Felſenwand hinauf. Schaut, iſt das ein Weg, den man hinabgeht zum verliebten Stelldichein? Großer Gott, murmelt Anna, die Hände faltend und mit entſetzten Blicken die ſteile zackige Wand hin aufſtarrend, bin ich denn da hinabgeſtiegen? Ja, Jungfer Anna, da ſeid Ihr hinabgeſtiegen. Ja, Herr Thomas Voregger, da iſt die Jungfrau hinabgeſtiegen aus Scham und Zorn, weil Ihr ſie verfolgtet mit Euren Liebesanträgen, weil Ihr un männlich und feig nicht nachließet, in ſie zu dringen, obwohl ſie Euch geſagt, daß ſie Euch nimmer lieben werde. Ja, da iſt Anna Plochl im jungfräulichen Zorn hinab gerannt, und jetzt läge ſie wohl zerſchmet tert hier am Boden, wenn Gott in ſeiner Gnade es nicht anders beſchloſſen hätte. Ich lag hier unten im grünen Moos, um auszuruhen vom langen Wandern. — —— — — — 28 Ich hörte Eure ganze Unterredung, ich konnt's nicht— hindern, kein Wort, das Ihr geſprochen, ging mir verloren, der Wind trug Alles zu mir hinab. Ich ſtand auf, feſt entſchloſſen, dem fremden Mädchen zu Hülfe zu kommen, hinab zu ſteigen, um ſie vor dem überläſtigen Freier zu ſchützen. Da auf einmal ſehe ich ſie wie eine geſcheuchte Gemſe über dem Felſen abhang erſcheinen, wie ein Pfeil hinunterfliegen dem Abgrund zu. Ich ſehe, wo ſie hinabſtürzen muß, un vermeidlich, ganz gewiß. Ich bitte Gott, mir beizu⸗ ſtehen, daß ich ſie errette, ſtemme mich mit beiden Füßen feſt auf den Boden, breite meine Arme aus und erwarte, daß mir vom Himmel ein Engel in die Arme fliegt. Gott ſendet ihn mir wirklich! Er giebt, daß meine Arme die Kraft haben, ihn aufzufangen, ihn feſtzuhalten. Gott giebt, daß ich die Jungfer Anna Plochl in meinen Armen retten durfte. Er hat mir das Leben gerettet, murmelt Anna, ich 5 danke Dir, mein Gott, ich danke Dir! Und ſie ſinkt nieder auf ihre Kniee und faltet ihre Hände zum frommen, inbrünſtigen Gebet. Auch Thomas Voregger hat die Hände gefaltet, aber nicht zum Himmel ſchaut er auf, nur zu Anna hin, ihm fort, Einn diche men zuſ ehrb und mich eine 29 hin, und wenn er betet, ſo betet er zu ihr, daß ſie ihm vergeben und verzeihen mög'. Jetzt, Herr Thomas Voregger, fährt der Fremde fort, jetzt wißt Ihr Alles. Nun wiederholt's noch Einmal, daß Ihr die Jungfer Anna hier beim Stell— dichein überraſcht, daß Ihr ſie in ihres Liebſten Ar men getroffen habt. Wagt's noch Einmal, wenn Ihr zu ſterben wünſcht, zu ſagen, daß Anna Plochl kein ehrbar Mädchen iſt, blos weil ſie Euch nit liebt. Ich ſag's nit, und ich denk's auch nit, Herr, ſagt Thomas Voregger traurig. Nein, ich bitt's der Jungfer Anna demüthig und beſchämt ab, daß ich ſie beleidigt habe. Es war nur der Schmerz, die Angſt und Verzweiflung, die aus mir ſprach. Es bracht' mich von Sinnen, daß ich Anna ſo unvermuthet in eines fremden Mannes Armen fand! Ihr hättet ſie lieber zerſchmettert und blutend am Boden gefunden, nicht wahr? fragte der Andere lächelnd. Geht jetzt, Herr Thomas Voregger, geht. Aber Eins 1 will ich Euch doch zum Abſchied ſagen: die Jungfer Anna Plochl hat wohl Recht, Ihr liebt ſie nicht! Gewiß nicht ſo, wie ſie's verdient. Ihr ſaht ſie nach dem Abgrund ſtürzen, wie Ihr meintet, dem ſichern Verderben zu, und Ihr ſtürztet Ihr nicht 30 nach, wie Ihr's gethan hättet, wenn Ihr ſie geliebt, ſie mehr geliebt, als Euch ſelber. Nein, Ihr ſtürztet ihr nicht nach, um ſie zu erretten, oder mit ihr zu ſterben. Ihr dachtet zuerſt an Euch, un ſuchtet einen bequemern Weg, um hinabzuſteigen, und die Zerſchmetterte zu ſuchen. Wer ſo handelt, der liebt nicht, Herr Thomas Voregger, denn die Liebe denkt nicht an ſich, nur an die Geliebte, für ſie giebt's keine Abgründe und keine Gefahr, ſie wagt den Tod, weil ſie das ewige Leben hat. Drum quält die Jungfer Anna Plochl nicht mehr mit Eurer Liebe, ſondern geht und ſucht ſie zu verſchmerzen. 1 Ich gehe, Herr, ſagt 5 Thomas ganz beſchämt und demüthig, ich gehe, Herr! Annerle, wollt Ihr mir verzeihen, daß ich Euch beleidigt hab'? Er nähert ſich ihr demüthig und ſtreckt ihr mit flehenden Blicken die Hand entgegen, und ſie legt lächelnd die ihre hinein. Verzeih' Euch von Herzen, Thomas, und wir wollen wieder gute Freund' ſein, wenn Ihr nur die dummen Gedanken nit mehr haben wollt. Aber, wißt Ihr, ich hab' eine Bitt'. Ich weiß nit, mir iſt ſo matt und ſo ſchwach, die Füße zittern mir gar ſehr, und es wirbelt mir im Kopf herum, wenn ich ver⸗ ſeine ſtürz ſuchen will zu gehen. So bitt' ich Euch, geht Ihr zu meinem Vater hin, ſagt ihm, ich hätt' einen Sturz gemacht, und ich ließ bitten, er möcht' gleich auf der Stell' mir's Wägele ſchicken, daß ich heim fahren kann. Ich geh' ſchon, ruft der Thomas, und glücklich, ſeiner geliebten Anna einen Dienſt leiſten zu können, ſtürzt er von dannen, und iſt bald verſchwunden im Waldesdunkel. Iſt Anna wirklich matt und leidend? Oder hat ſie den Thomas nur fortgeſchickt, weil ſie allein ſein will mit ihm, der ihr das Leben gerettet hat? Nein, ſie iſt nicht krank, ihre Wangen ſind friſch wie blühende Roſen, ihre braunen Augen ſchauen dem Thomas nach mit einem frohen leuchtenden Blick, und ein luſtiges Lächeln umſpielt ihre leicht aufgeworfenen purpurrothen Lippen. Er iſt gegangen, und das wollt' ich nur, ſagt ſie, die kleinen Hände fröhlich wie ein Kind in einander ſchlagend. Wußt nit, wie ich ihn fortſchaffen ſollt', und fort mußt' er doch! Ihr haßt den armen Thomas alſo wirklich? fragt der fremde Jägersmann. Oh Herr, es handelt ſich hier nit um's Haſſen und um's Lieben, ruft ſie eifrig, wollt' ihn nur fort 4 haben, weil ich allein ſein wollt' mit Euch! Er blickt ſie erſtaunt und fragend an, und ſein Blick wird trübe und traurig, dieſer Blick, der ſie zu fragen ſcheint: biſt auch nur wie die Andern? Biſt auch kein Engel mehr der Unſchuld, ſondern ein ge fallſüchtig ehrlos Weib? Anna verſteht nicht, was der trübe Blick ihr ſagt. Sie nähert ſich demüthig und beſcheiden dem fremden Jägersmann, ſie ſinkt vor ihm in ihre Kniee nieder, und hebt die großen ſchönen Augen demuthsvoll zu ihm empor. Herr, ſagt ſie mit vor Rührung zitternder Stimme, lieber Herr, was ich Euch zu ſagen hab', das darf nur der liebe Herr Gott und die heilige Jungfrau hören, und darum ſcbhickt' ich den Thomas fort. Ihr habt mir das Leben gerettet, habt mich in Euren Armen aufgefangen, daß ich nit zerſchmettert in die Tiefe fiel. Ich dank' Euch, Herr, viel tauſend Mal aus meiner Seelen tiefſtem Grund. Bin noch ſo jung, Herr, und das Leben iſt ſo ſchön, und was ich nun noch Gutes und Prächtiges genießen werd', das dank' ich Alles Euch. Aber wie kann ich's danken? Wir ſind nit reiche Leut' und können's Euch nit lohnen. Hät ande ſtate 9¹* dh lauu Aber wenn's Euch Lohn dünkt, ſo ſchwör' ich Euch, daß ich das Leben, das Ihr mir gerettet, zu Euren Ehren brauchen, und ſtets ein braves ehrbares Mädel bleiben will, ſo lang' ich lebe, und daß, ſo lang' ich lebe, ich jeden Abend und jeden Morgen zum lieben Herr Gott für Euch beten will! Thut das, Jungfer Anna, ſagt er tiefbewegt, ich bedarf wohl eines guten Engels, der droben für mich betet, und ich fühl's, Ihr werdet von heute an mein guter Engel ſein. Aber nun, vor allen Dingen, ſtehet auf! Gebt mir Eure Hand, und ſteht auf. Er reichte ihr ſeine beiden Hände dar, ſie legte die ihren hinein, und richtete ſich auf. Aber ihre Hände hielten ſich feſt, und ihre Augen ſchauten ein— ander an, lang und feſt, in ſüßem Selbſtvergeſſen. Lieb' Annerle, flüſtert er. Wollt Ihr mir's ge ſtatten, mir ſelber meinen ſchönſten Lohn von Euren Lippen zu nehmen? Wollt Ihr mir einen Kuß er lauben? Sie glüht wie eine Purpurroſe, ein liebliches ver ſchämtes Lächeln ſpielt um ihre Lippen. Nehmt den Kuß, ſagt ſie ganz leiſe. Nehmt den Kuß! Der liebe Herr Gott ſieht's und ſeine Engel auch! Mühlbach, Erzherzog Johann. II. —* 3 34 Ja, wiederholt er fromm, der liebe Herr Gott ſieht's und ſeine Engel auch! Und er neigt ſich zu ihr, und drückt einen Kuß auf ihre Lippen, einen Kuß, wie ihn der Vater ſeiner Tochter, der Bruder ſeiner Schweſter giebt. Aber Anna erſchauert doch von dieſem Kuß, eine tödtliche Bläſſe überfliegt ihre Wangen, welche dann wieder im tiefſten Roth erglühen. Was zittert Ihr, ſchön' Annerle? fragt er theil nahmsvoll. Oh, Herr, flüſtert ſie kaum hörbar, noch Eins wollt' ich Euch bitten. Denkt nit ſchlecht von mir, weil ich vorhin ſo lang in Euren Armen gelegen, und gewiß viel dummes Zeug geſchwatzt hab'. Ich war nur ſo verwirrt, ich wußt nit, ob ich lebt', ob ich geſtorben war. Ich hatt' Euch nie geſehen, und wußt gar nit, daß Ihr da wart, und dumm wie ich bin, dacht' ich, ich wär' geſtorben, und lag ganz ſtill. Und lagſt ganz ſtill, und gönnteſt es mir, daß ich das reinſte ſchönſte Glück in meinen Armen hielt! Oh, Herr! Was nennt Ihr mich Herr? fragt er unwillig. Bin ich nicht ein einfacher Jägersmann? Freilich, Ihr ſchaut wohl ſo aus, aber Ihr ſprecht ich he 35 nit ſo, und dann— es iſt ſo'was Vornehmes, Stolzes in Eurem Weſen, und ſo dacht' ich denn Ihr wär't wohl ein vornehmer Herr . „der nur den Jägersrock zum Spaß angelegt hat. Aber ich trag' ihn ganz im Ernſt, Jungfer Anna, bin ganz im Ernſt ein Steyermärk'ſcher Jäger. Das iſt mir lieb, das freut mich, ruft ſie jubelnd. Dann plaudert's ſich noch einmal ſo leicht und friſch. Alſo ein Jäger ſeid Ihr? Aber ein Steyermärker nit. Ihr ſprecht gar vornehm, gar nit wie hier zu Land'. Ach, jetzt weiß ich's! Ihr gehört gewiß zum Gefolge des Herrn Erzherzogs Johann! Nein, ſagt er lächelnd, ich gehöre nicht zum Ge folge des Erzherzogs Johann. Alſo der Erzherzog kommt hieher? Ja, morgen kommt er, und die Bürger von Auſſee wollen ihm ein Feſt geben hier am See. Oh, es wird prächtig werden, und ganz Auſſee freut ſich darauf. Ihr auch, Jungfer Anna? Oh, ich gewiß. Aber ich ängſtige mich auch, denn ich ſoll mit zwei andern Mädels vor dem Herrn Erz⸗ herzog ſingen. Gott, hab' ich eine Furcht. Ich wollt', es wär' erſt geſchehen. Wenn er mich anſieht, bleib' 3* 3 ich ſicherlich ſtecken mitten im Lied, denn ſie haben mir erzählt, er hat große wundervolle Augen, und wenn er einen damit anſchaut, ſagt der Vater, da iſt's gleich, als müßt' ſich einem das Herz im Leib' umdrehen vor Luſt und Freud', und auch vor Schmerz und Rührung. Nun, ſagt ſelbſt, wie ſoll ich nur ſingen, wenn ſich mir's Herz im Leib' umdreht, und ſeine großen ſtolzen Augen mich armes Dingerl in die Verwirrung bringen? Es wird ſchon gehen, Jungfer Anna, ſeid nur guten Muths. Sie haben's übertrieben, der Erz herzog hat gar keine ſo ſchönen Augen. Ich bitt' Euch, ruft ſie glühend, ſeid ſo gut und redet mir nichts gegen den Herrn Erzherzog! Meint wohl, Ihr allein könnt ſchöne Augen haben, und kein Anderer? Aber ich ſag's Euch, der Erzherzog Johann hat noch ſchönere als Ihr. Wie zwei Sonnen ſind ſeine Augen, und wo ſie hin leuchten, da blühen die Blumen ſchöner auf, und die Menſchen fühlen ſich glücklicher. Ihr kennt alſo den Erzherzog Johann? Nein, ich kenn' ihn nicht, und doch kenn' ich ihn. Das heißt, ich hab' ihn nie geſehen, aber ſo viel von ihm gehört, daß mir iſt, als kennt' ich ihn ſchon lange. 6 1 4 Nun, dann iſt er ſehr glücklich, der Erzherzog Johann, ſagt der Jäger mit tiefer bewegter Stimme. Sie ſchüttelt traurig das Haupt. Glücklich? Nein, glücklich iſt er nit? Das iſt's ja eben, warum wir Alle ihn ſo ſehr lieben und verehren, warum Jeder hier in den Bergen ſein Herzblut für ihn hingeben möcht'. Er iſt nit glücklich, der liebe Erzherzog Han— nes. Sein Bruder, der Herr Kaiſer, kann's ihm nim mer vergeben, daß er die Berg' und die einfachen Leut' viel lieber hat als die ſtolze Pracht im Kaiſer— ſchloß. Er iſt ihm auch böſ', daß er durchaus gewollt hat, der Kaiſer ſollt' den Tyrolern Wort halten, und ihnen ihre verſprochenen Freiheiten wieder geben. Drum darf der arme Erzherzog ſeitdem nimmer nach Tyrol reiſen, damit's den Tyrolern nit immer wieder einfällt, was der Kaiſer ihnen durch den Erzherzog hat damals Alles verſprechen laſſen. Man ſagt, der arme Erzherzog führ' in Wien ein gar erbärmlich Daſein, und könnt' ſeines Lebens gar nit froh werden. Nein, es iſt wahr, ſagt der Jäger ernſt, in Wien kann er ſeines Lebens nicht froh werden, denn ſein Kaiſer liebt ihn nicht. Wie ich hör', iſt der Erzher— zog jetzt wieder in Ungnad' gefallen, und aus Wien verbannt. 38 Ach wie ſchön, wie ſchön, ruft Anna. Daͤnn wird er deſto länger in unſern Bergen bleiben. Jedermann liebt ihn hier, Jedermann weiß Gutes von ihm zu erzählen, und wir in Auſſee waren ſchon ganz traurig, daß er noch nit ein einziges Mal in unſere Gegend und an unſern ſchönen Grundlſee gekommen war. Aber jetzt kommt er, der liebe Erzherzog Hannes. Zu morgen hat er ſich anmelden laſſen und die ganze Stadt iſt in Bewegung und morgen giebt's ein Feſt, wie's nie eins gab in Auſſee. Aber Ihr werdet Euch damit nicht beliebt machen beim Kaiſer, und es wär' vielleicht beſſer, den Erz herzog nicht ſo feſtlich zu empfangen. Er iſt ja in Ungnade gefallen und man darf Die nicht feiern, welche der Kaiſer nicht liebt. Der Kaiſer könnt's übel nehmen. 3 Bah, dann nimmt er's übel, ſagt Anna, das Köpfchen ſtolz zurückwerfend. Was kümmert uns der Kaiſer? Gerad' weil der Kaiſer ihn nit liebt, gerad' darum wollen wir ihn um ſo mehr lieben. Gerad' weil er unglücklich iſt, wollen wir verſuchen, ihn durch unſre Lieb' und Treu' und Ehrerbietung zu tröſten, wenn wir ihm auch das Glück nit ſchaffen können, das er ſo ſehr verdient. — 39 Ihr könnt's ihm ſchaffen, ruft er glühend, ja, Ihr könnt's ihm ſchaffen, Ihr allein! Sie blickt erſtaunt und fragend zu ihm auf. Wie meint Ihr das? fragt ſie unſchuldig. Was können wir denn thun, um ihn glücklich zu machen? Wenn wir es vermögen, thun wir's ganz gewiß. Sagt's alſo, wenn Ihr's wißt. Er kann's Euch ſelber ſagen, erwiedert er kurz. Um Eins nur beneid' ich den Erzherzog. Um was denn? Darum, daß Ihr vor ihm ſingen wollt. Sie lacht laut und fröhlich auf wie ein Kind. Nun, darum braucht Ihr ihn nit zu beneiden. Ihr könnt's ja auch mit anhören. Ich bitt' Euch, macht mir die Freud', ſeid morgen unſer Gaſt, nehmt Theil an unſerm ſchönen Feſt. Muß meinem lieben Vater und meinen fünf Kindern doch meinen Lebensretter vorſtellen, daß ſie ihm danken können. Euren fünf Kindern? fragt er lachend. Ihr habt fünf Kinder? Ihr liebe kleine Mutter von ſechszehn Jahren? Herr, lacht nit, ſagt ſie ernſt und feierlich. Ich hab' fünf Kinder, und ſo wahr ich leb', ich will ihnen eine treue Mutter ſein. Hab's meiner lieben Mutter ſelig verſprochen, als ſie im Sterben lag. Annerle, hat ſie geſagt, Gott ruft mich zu ſich und ich muß Euch laſſen, Euch, meine lieben ſechs Kinder und Euren guten Vater. Du biſt die Aelteſte, 2 Unnerle, Du ſollſt nun meine Stell' einnehmen und die Mutter ſein von Deinen fünf Geſchwiſtern. Schwör' mir, daß Du's willſt, daß Du Deinen fünf kleinen Ge ſchwiſtern eine treue Mutter ſein, ſie nimmer verlaſſen willſt. Ich hab's der lieben Mutter zugeſchworen und ich werd's halten mein Leben lang. Aber nit wahr, Ihr macht uns die Freud'? Ihr ſeid morgen unſer Gaſt? Gebt mir die Hand drauf, daß Ihr es thut. Sie ſtreckt ihm die Hand entgegen, er faßt ſie in ſeinen beiden Händen und drückt ſie feſt und innig und ſchaut ihr tief und lange in die großen braunen Gazellenaugen. Ich komme ganz gewiß, ſagt er ernſt. Verſprecht mir, daß Ihr mich auch morgen noch freundlich will kommen heißen wollt. Das brauch ich nit zu verſprechen, ruft ſie eifrig, das thue ich ganz von ſelbſt. Ihr ſeid ja mein Retter und Ihr ſchaut ſo gut und freundlich drein, daß daß— Ich bitt' Euch, laßt mich los, ich glaub', mir —— 41 kommt der Schwindel noch einmal wieder und mir wird ſo ſeltſam! Es flimmert mir vor Augen und das Herz klopft ſo ſehr! Auch meins klopft höher, Anna, ſagt er leiſe und ſanft, höher als es geklopft hat ſeit manchem langen Jahr, und ſo fromm und andächtig fühl' ich mich, daß ich niederſinken möchte auf meine Kniee und Gott danken, ich weiß ſelber nicht wofür. Ja, ich weiß es, dafür, Anna, daß ich Euch gefunden habe, daß Gott Euch mir geſandt, damit ich erkennen möchte, daß es hienieden noch Unſchuld giebt und wahre Liebe und Treue! Oh, Anna, ſeid mein guter Engel, mein Friedensengel, der mich der Welt verſöhnt. Er wollte ſie umfangen, ſie aber entzog ſich er— röthend und beſchämt ſeinen Armen. Ich glaube, der Vater kommt, ſagte ſie haſtig, indem ſie horchend das Köpfchen erhob. Ja, ich hör' das Wägele rollen, er kommt gewiß ſelbſt. Oh, wie freu' ich mich, ihm meinen lieben Lebensretter zu zeigen und wie dankbar wird er Euch ſein. Will keinen Dank, ſagt er faſt rauh. Muß jetzt fort, kann nicht länger bleiben. Wie? Ihr wollt fort? Wollt meinen lieben Vater nit einmal begrüßen? Er würd' ſich doch ſehr freuen, 42 Euch kennen zu lernen, und er würd' Euch ſicher auch gefallen. Er iſt ein gar braver, kluger Mann, und Jedermann in Auſſee hat den Poſthalter Plochl gern. Ich werd' ihn auch gern haben, Jungfer Anna, ganz gewiß. Aber für heute kann ich nicht. Ich verſpar' mir die Bekanntſchaft auf morgen beim Feſt. Heut muß ich fort, doch für morgen nehm' ich Eure Einladung an. Und hört, noch Eins! Wird morgen auch getanzt? Ja, ſicher wird getanzt, ruft ſie freudig. Schaut nur, hier vorn auf dem Wieſenplan am See da wird getanzt. Oh, das wird eine Luſt ſein, hier zu tanzen. Nun, Jungfer Anna Plochl, ſo bitt' ich Euch, daß ich mit Euch morgen den erſten Tanz tanzen darf. Wollt Ihr mir das gewähren? Das will ich und von Herzen. Ich tanz' mit Euch den erſten Tanz! Auch wenn der Erzherzog Johann Euch zum erſten Tanz auffordert? X Auch dann, ſagt ſie eifrig. Einem Erzherzog zu Gefallen bricht die Anna Plochl nit ihr Wort, wenn ſie's erſt einmal gern und freiwillig gegeben hat. k Nun, wir werden ſehen. Es bleibt alſo dabei? 43 Ihr tanzt mit mir, und nicht mit dem Erzherzog Johann den erſten Tanz? Ja, es bleibt dabei. Ich tanz' mit Euch und nit mit dem Erzherzog Johann! Ich dank' Euch, Jungfer Anna. Und jetzt lebt wohl! Gebt mir zum Abſchied noch Einmal Eure Hand! So! Laßt ſie mich drücken treu und feſt, und möge dieſer Druck Euch ſagen, daß Ihr an mir für's ganze Leben einen treuen Freund gefunden habt. Nun lebt wohl, Jungfer Anna Plochl. Auf mor— gen alſo! Auf morgen! flüſtert ſie leis und beklommen, und läßt die Arme ſinken, und ſieht ihm traurig nach, wie er jetzt mit ſchnellen Schritten, die Büchſe über den Arm geworfen, dem Waldrand zueilt. Sie hofft, er ſoll noch Einmal ſich umſchauen, noch Einmal ſie begrüßen! Oh, ſie möchte ſo gern noch Einmal ſeine ſchönen Augen ſehen, und das edle männliche Angeſicht— Da, jetzt, am Rande des Waldes, jetzt wendet er ſich wirklich zu ihr hin. Die Abendſonne trifft gerade mit ihren letzten Strahlen ſeine ſtolze ſchlanke Geſtalt und beleuchtet mit goldenem Glanz ſein Angeſicht. Anna erbebt und faßt mit ihren beiden Händen 44 nach ihrem Herzen. Oh, flüſtert ſie erſchaulernd, der † Mann, der aus der goldenen Wolke mir entgegen tritt! Er iſt's! Ich habe ihn geſehen! Gott hat ihn mir geſchickt! V III. Das Jeſt in Auſſee. Der Morgen des Feſtes war angebrochen. Anf allen Straßen, in allen Häuſern des kleinen Städt⸗ chens Auſſee herrſchte reges, freudiges Treiben.„ Ueberall war man damit beſchäftigt, Kränze zu winden, Guirlanden an den Häuſern zu befeſtigen und bunte Fahnen und Fähnlein. D Compagnie ſtand im Gala-Anzug auf dem Markt ie Schützen platz beiſammen, der Herr Bürgermeiſter mit den Rathsherren und den Honoratioren der Stadt hatte ſich außen vor dem Hallſtädter Thor aufgeſtellt und ſchaute ſtarr, den Weg hinauf, um beim erſten Staubaufwirbeln auf der Landſtraße ein weißes Tuch hoch in die Luft zu ſchwingen, damit der Meßner auf dem Thurm das verabredete Zeichen ſähe und ſchnell — — — — 46 mit den Glocken zu läuten beginne. Die muntere Jugend von Auſſee wogte in jauchzenden Schaaren in den Straßen auf und ab, und ringsum an allen Fenſtern der den Marktplatz begrenzenden Häuſer ſtanden die ſchönen Frauen und Mädchen von Auſſee im herrlichſten Putz mit großen Blumenſträußen in den Händen, um, ſobald der Erzherzog Johann, geführt vom Herrn Bürgermeiſter, erſchiene, ihm ihre Blumen zuzuwerfen. Auf einer kleinen Erhöhung in der Mitte des Platzes ſaßen die ſechs Stadtmuſikanten und ſchauten in ehrfürchtigem Schweigen nach der Ecke der Straße hin, um, ſobald der Zug daher komme, ihre Poſaunen zu erheben und Tuſch zu blaſen. Dies Alles aber ſollte nur die Vorfeier, der offi— cielle Empfang ſein. Das eigentliche Feſt ſollte draußen am Grundlſee gefeiert werden, dort und auf dem Weg dahin ſollte der allgeliebte Erzherzog Jo⸗ hann die Liebesgrüße ſeiner Steyermärker entgegen⸗ nehmen. Man wußte ja, wie ſehr er die Natur liebte, wie ihn der Anblick der Alpen und der Berge ſtets entzückte. Man wußte auch, wie gern er die lieben Steyermärker Lieder hörte, und wie das Jodeln der Burſchen und das Ludle der Sennerinnen ihn erfreute. Auf dieſe Liebe des Erzherzogs zur Natur hatte man ———᷑—’——’——— —————— 2 -— 47 gerechnet, darauf das ganze Feſt arrangirt. Pracht und Glanz hatten die einfachen Bürger von Auſſee ihm nicht zu bieten, aber ihre Berge und ihre Thäler, ihren ſchönen grünen Traunfluß und ihren prächtigen wild romantiſchen See mit ſeinen herrlichen Ufern, den konnten ſie ihm zeigen in ſchönſter Feſtespracht, von dort konnten ſie ihn umgeben mit fürſtlichem Glanz. Der geſtrenge Herr Bürgermeiſter ſtand noch im— mer in feierlichem Schweigen an der Spitze der Ho⸗ noratioren von Auſſee auf der Landſtraße vor dem Hallſtädter Thor und ſchaute mit geſpannter Aufmerk— ſamkeit die Landſtraße hinauf, und der Staub wollte immer noch nicht aufwirbeln, der Staub von der goldenen Equipage, in welcher der kaiſerliche Erzherzog ſitzen mußte in ſchönſter Pracht ſeiner Feldmarſchalls⸗ Uniform, auf der Bruſt die brillantenen Orden. Jetzt regte ſich da hinten etwas, der Herr Bür— germeiſter hob ſchon den Arm, um mit dem weißen Tuch zu winken. Aber raſch ſenkt er ihn wieder niederwärts, denn was daher kommt, iſt keine Equi— page, ſondern nur ein einfacher Wandersmann. Er ſchreitet rüſtig vorwärts, und jetzt erkennt man ſchon, daß es ein Jäger iſt, ein ſchmucker Gemsjäger. Er trägt den ſpitzen grünen Hut mit Band umwunden 48 und an der Seite geziert mit dem Gemsbart und einigen Federn des Auerhahns. Er trägt den kurzen grauen Rock und darunter das weiße gar zierlich ge faltete Hemd, das von den dunkelgrünen Bruſtbändern querüber zuſammen gehalten wird. Die ſchlanke Taille ziert der breite, zierlich und kunſtvoll geſtickte Leder gurt, aus den kurzen grauen Beinkleidern ſchaut am Knie der geſtreifte Strumpf hervor, das zierliche Bein bedecken die Kamaſchen und an den Füßen trägt er die gewöhnlichen Schuhe der Alpenſteiger. Sein Geſicht kann man nicht ſehen, denn er hat den Hut gar tief über die Stirn geſetzt, vermuthlich weil ihn die Sonne mit ihren hellen glühenden Strah len incommodirt, aber daß es ein junger Mann iſt, das ſieht man an ſeiner ſtraffen Haltung, an ſeinem feſten, jugendlichen Schritt, daß es ein kühner Jäger, ein tapferer Burſche iſt, das ſieht man an den zwei Gemsbärten auf ſeinem Hut und an den Federn vom Auerhahn, denn nur wer ſelber ſchon Gemsböcke er legt, trägt den Gemsbart am Hut, und nur wer tapfer iſt und keinen Kampf ſcheut, ſchmückt ſich mit den Federn des Auerhahns. Der junge Jägersmann ſchreitet rüſtig vorwärts und jetzt hat er ſchon die Spitze des feierlichen Spa— 4— 1 49 liers von Honoratioren, den Herrn Bürgermeiſter er⸗ reicht und grüßt ihn mit leichtem Kopfnicken. Der Herr Bürgermeiſter hielt es unter ſeiner Würde, auf ſolch vertraulich Kopfnicken zu antworten, aber der Jägersmann bleibt ganz ungenirt und ver— traulich ſtehen. Auf wen wartet Ihr denn hier, geſtrenger Herr Bürgermeiſter? Die Titulatur war wenigſtens ſo, daß der Herr Bürgermeiſter Antwort geben konnte. Wir warten auf Se. kaiſerliche Hoheit, den Herrn Erzherzog Johann, ſagte er feierlich. Nun, Herr Bürgermeiſter, rief der Jäger, dann bitt' ich Euch, wartet nit länger. Und mit einem freundlichen Lächeln nahm er ſeinen Hut ab. Der Herr Erzherzog in eigener Perſon, ſchrie der Bürgermeiſter, entſetzt zurückweichend. Der Herr Erzherzog, ſchreit der Chorus der Ho⸗ noratioren. Ja, meine lieben Freunde, da bin ich, ſagt Johann freundlich, da bin ich und bitte Euch und Eure Berge, mir Gaſtfreundſchaft zu gewähren. Und damit Ihr gleich ſehen ſollt, was Ihr von mir zu halten habt, Mühlbach, Erzherzog Johann. II. 4 — —, ——ꝰ— — 50 ſo komme ich als das, was ich bin und wie ich von Euch angeſehen werden möchte, als einfacher Jägers⸗ mann. Hab' meine lieben Steyermärker viel zu lieb, als daß ich zu ihnen als prunkender Erzherzog kom⸗ men möcht'. Die Pracht und Herrlichkeit hab' ich in Wien zurückgelaſſen, aber das Herz hab' ich mitge bracht nach Steyermark, ein ehrliches, friſches Jäger⸗ — herz. Und ſomit, lieber Herr Bürgermeiſter, geben Sie mir die Hand, und das ſei Ihr Willkommen. Er reichte dem Bürgermeiſter die Hand dar und dieſer berührte ganz beſeligt mit ſeinen Fingerſpitzen die erzherzogliche Hand. Sie haben ſich gewiß eine recht feierliche officielle Rede einſtudirt? fragte der Erzherzog gutmüthig. Liegt Ihnen viel dran, ſie zu halten? Nein, platzte der Bürgermeiſter mit einem ganz unehrerbietigen fröhlichen Lachen heraus nein, mir liegt gar nichts dran. Seit acht Tagen war dieſe Rede, die der erſte Senator ihm aufgeſetzt, des Bürgermeiſters Schrecken und Graus, ſeit acht Tagen war ſie das Geſpenſt ge weſen, welches ihm folgte, wohin er ging, welches ihm ſeine Ruhe und ſeinen Schlummer ſtahl, und das er doch nicht zu bewältigen vermochte, weil die ſchönen un blumigen Redensarten durchaus nicht in ſeinem Ge— dächtniß haften wollten. Deshalb lachte der Bürgermeiſter bei der gut— müthigen Frage des Erzherzogs und die Honoratioren verloren auf einmal ihre feierlichen Mienen und lachten mit und auch der Erzherzog ſelber lachte. Wir haben uns nun alſo verſtändigt, mein lieber Herr Bürgermeiſter, ſagte er herzlich, und jetzt begrüß' ich zuerſt die andern lieben Herren und Freunde. Und mit freundlichem Gruß ſchritt er an der Reihe der Honoratioren entlang, reichte jedem ſeine Hand dar, ließ ſich von ihm ſeinen Namen ſagen und begrüßte ihn mit freundlichen Worten. Der letzte in der Reihe war der kaiſerliche Poſthalter Plochl, und der brauchte dem Erzherzog ſeinen Namen nicht zu ſagen, ſie waren alte Bekannte, und damals vor zehn Jahren im großen Tyrolerkrieg hatte der tapfere Lieutenant Plochl in gar manchem Gefecht an der Seite des Erzherzogs gekämpft und auf gar manchem gefährlichen Ritt zum Recognosciren ihn begleitet. Eine Wolke flog über die Stirn des Erzherzogs hin, als er dem Poſthalter Plochl die Hand darreichte, und ſein Angeſicht nahm einen trüben Ausdruck an. Wir haben uns ſeit 51 zehn Jahren nicht geſehen, 4* 52 Plochl, ſagte er, und damals dacht' ich nicht, daß wir uns ſo wiederſehen würden. Es waren damals ſchöne, hoffnungsreiche Zeiten, Plochl. Und ſchöne hoffnungsreiche Zeiten ſind's noch im mer, ſo lange unſer Erzherzog Johann lebt, jubelte Plochl. Hurrah, er lebe hoch, der liebe Erzherzog Johann! Alle ſtimmten mit frohem Jauchzen in den Ruf ein, Alle ſchauten mit ſtrahlenden Augen auf den Erz— herzog, den einfachen ſchlichten Jägersmann in ihrer Mitte, hin. Und jetzt, meine lieben Freunde, wenn's Ihnen gefällig iſt, laſſen Sie uns in die Stadt hineingehen, ſagte Johann. Kommen Sie, Herr Bürgermeiſter, zeigen Sie mir den Weg, gehen wir zuſammen, und Sie, Freund Plochl, kommen Sie hier an meine andere Seite.— Sie thaten einige Schritte vorwärts und hinter ihnen ordneten ſich die Honoratioren zum feierlichen Zuge. Auf einmal blieb der Bürgermeiſter ſtehen und blickte ganz erſchrocken, mitten im angefangenen Geſpräch verſtummend, den Erzherzog an. Jeſus Maria, rief er entſetzt, ich hab' vergeſſen, das Zeichen zu geben, das Zeichen zum Glockenläuten. 3 Ich bitt' Ew. kaiſerliche Hoheit einen Augenblick um Nachſicht und Geduld. Ich muß durchaus erſt das Zeichen geben. Und der Bürgermeiſter griff haſtig in ſeine Buſen⸗ taſche, zog das weiße Tuch hervor und wollte es eben in die Luft ſchwenken, als die Hand des Erzherzogs ſich auf ſeinen Arm legte. Mein lieber Bürgermeiſter Wendel, ſagte er faſt bittend, können wir nicht ohne Glockengeläute in die Stadt gehen? Muß denn durchaus geläutet werden? Ja, erwiederte der Bürgermeiſter mit ſtrengem, gebieteriſchem Ton, es muß durchaus geläutet werden! Denn ſonſt erfahren's die da auf dem Traunwege und drunten am See ja gar nicht, daß unſer lieber Erz⸗ herzog ſchon kommt, und ſtellen ſich gar nit ordent— lich auf. Nun, wenn's ſein muß, ſeufzte Johann, wenn's ſein muß, ſo gebt das Zeichen! Der Bürgermeiſter ließ ſein weißes Tuch luſtig flattern in der Luft, und jetzt mit ernſtem, feierlichem Ton begann die große Thurmglocke ihre weithallende Stimme zu erheben und kündete es hinaus in Feld und Flur mit ihrer lauten tönenden Zunge, daß der geliebte Erzherzog Johann ſoeben ſeinen feierlichen 54 Einzug halte in Auſſee, und mit luſtigem Geklingel und Gebimmel begannen auch die kleinen Glocken und Glöckchen ſich drein zu miſchen, und wie jetzt inmitten des Bürgermeiſters und des Poſthalters der Erzherzog um die Ecke der kurzen Straße nach dem Marktplatz einbog, da knallten die Schützen ihre Stutzen ab, da ließen die ſechs Stadtmuſikanten ihre Poſaunen und Trompeten ſchmettern, da jubelte und ſchrie Alles laut vor Wonne und Entzücken, da ſchwenkten die Damen an den Fenſtern ihre weißen Tücher und warfen dem Erzherzog ihre Blumen, ihre Bouquets entgegen. Johann grüßte lächelnd und freundlich nach allen Seiten hin, aber am längſten haftete ſein Auge dort drüben an dem Hauſe, wo über der Hausthür der öſterreichiſche Doppeladler angebracht war, und die Damen und Kinder, welche dort, Kopf an Kopf ge⸗ drängt, mit leuchtenden Augen und lachenden Geſich⸗ tern ihm entgegenwinkten, die begrüßte er am auf⸗ merkſamſten und freundlichſten. Das iſt Eure Poſthalterei, nit wahr? fragte er, ſich an Plochl wendend. Da wohnt Ihr, Herr Poſt⸗ halter Plochl? Ja, gnädigſter Herr, da wohn' ich. 55 Und die hübſchen Kinder, die da oben zum Fenſter 'naus ſchauen, das ſind Eure Kinder, Plochl? Ja, das ſind die Meinen, gnädigſter Herr. Aber es ſind ihrer nur fünf, und ich mein' doch, daß Ihr ſechs Kinder habt. Gott, wie gütig Ew. Gnaden ſind, das zu wiſſen. Ja wohl, ich habe ſechs Kinder, ſechs liebe herzige Kinder, und wir wären eine gar glückliche frohe Fa milie, wenn mir der liebe Herr Gott mein gutes Weib nit genommen hätt' und wenn— Aber ſagt mir doch, Plochl, unterbrach ihn der Erzherzog ungeduldig, wo iſt denn Euer ſechſtes Kind? Oder iſt's noch ſo klein, daß es nicht am Fenſter er— ſcheinen kann? Nein, kaiſerliche Hoheit, halten zu Gnaden, das da fehlt, iſt gerad' das Aelteſte und Größte von mei⸗ nen Kindern. Meine älteſte Tochter, die Annerle, iſt drunten am Grundlſee, um dort mit den Andern Ew. kaiſerliche Hoheit zu begrüßen. Ah, wir wollen ſie nicht lange warten laſſen, mein lieber Plochl, ſagte der Erzherzog raſch, wir wollen ſogleich nach dem Grundlſee aufbrechen. Aber Ew. kaiſerliche Hoheit wird ermüdet ſein, bemerkte der Bürgermeiſter, Ew. kaiſerliche Hoheit 56 ſollten die Gnade haben, den Wagen zu beſteigen, den wir bereit geſtellt haben. Muß es ſein? fragte Johann wieder wie vorher. Nein, lächelte der Bürgermeiſter, diesmal muß es nicht ſein, es hängt blos von dem Herrn Erzherzog ab. Dann bitte ich, daß wir zu Fuß gehen, denn ich bin gar nicht ermüdet. Bin von Hallſtadt hierher gefahren und habe erſt kurz vor Auſſee den Wagen verlaſſen, und die Herren meines Gefolges ſind ſchon hinabgefahren nach dem See. Wir treffen ſie dort. Laßt uns alſo gehen, meine Herren! Und mit rüſtigem Schritt wanderte der Erzherzog mit ſeinen beiden Begleitern durch die Stadt und ſchlug den Weg nach dem See ein, gefolgt von dem langen ſtattlichen Zug der Honoratioren, der Bürger und Schützen von Auſſee. Es war ein wundervoller Weg am Uffer der grü⸗ nen rauſchenden Traun entlang, in einem köſtlichen, duftenden Wieſenthal, zu deſſen beiden Seiten in lieb⸗ licher Schönheit und in ernſter Majeſtät die maleriſchen bewaldeten Bergrücken, die ſchroffen zerklüfteten Felſen emporſtiegen. Aber hüben und drüben auf den Wald⸗ bergen und den Felſen war ein fröhliches Jauchzen und Jubeln, und die Luft hallte wieder vom Jodeln und Singen, vom Vivatrufen und Hurrahgeſchrei. Hier und dort zur Seite des Weges ſtanden Gruppen junger Mädchen und Burſche in ihren male— riſchen Landestrachten und ſtreuten dem Erzherzog Blumen und ſangen ihm fröhliche Schnaderhüpferl, und wenn die Burſchen ihn mit ehrerbietigen Grüßen hatten vorüberziehen laſſen, dann ſchoſſen ſie ihre Stutzen in die Luft, thaten einen Luftſprung und rannten quer⸗ feldein, um noch zu rechter Zeit drunten zu ſein am See, wenn der Herr Erzherzog auf dem bequemen weitern Wege dort einträfe. —— IV. Eine Thräne im See. Dort unten am Grundlſee war der Mittelpunkt der Feſtlichkeit. Dahin hatten ſich Abgeordnete aus allen Ortſchaften und Städten Steyermarks begeben, da waren die Bewohner aller Dörfer aus der Um⸗ gegend von Auſſee verſammelt, da war ein buntes Gewoge von Tauſenden und aber Tauſenden. Und wie drunten am Ufer des Sees, ſo war's auch leben— dig auf den Höhen weit hinauf bis zum Gipfel der Berge. Ueberall auf den köſtlichen ſmaragdenen Matten ſtanden in maleriſchen Gruppen die braunrothen Kühe, die weißen langhaarigen Ziegen, von den Sennhütten wehten luſtige bunte Fahnen und Kränze, und die Sennerinnen in ihrem ſchönſten Feſttagsputz, die lan⸗ 59 gen Zöpfe durchflochten mit bunten Bändern, einen großen Blumenſtrauß am rothen goldgeſchnürten Mie— der, ſtanden vor den Hütten und harrten nur des Zeichens, um ihre Geſänge zu beginnen. Drunten auf dem grünen Waſſer des Sees ſchau— kelten ſich in bunteſtem Gemiſch Gondeln und Kähne, luſtig bewimpelt und bekränzt, geführt von zierlich gekleideten Schiffern und Schifferinnen, die mit takt⸗ mäßigem Ruderſchlag die zierlichen bunten Fahrzeuge über die Wellen dahin gleiten ließen. Am Ufer ange— kettet aber lag die größte und ſchönſte aller dieſer Gondeln. Bunte Teppiche hingen über beide Seiten derſelben hernieder bis zum Rande des Waſſers, ein Baldachin von Purpurſeide, von goldenen Stangen gehalten, wölbte ſich über der Gondel und war ringsum bekränzt mit duftenden Blumenguirlanden; vom hohen Maſt wehte die ſchwarzgelbe Fahne mit dem öſter⸗ reichiſchen Doppeladler, und in der Mitte des Raums unter dem Baldachin ſtand ein prächtiger, von Blumen umrankter Lehnſtuhl. Vorn aber am Ufer neben der Gondel auf einer kleinen Erhöhung ſtanden drei liebliche Mädchengeſtalten in der maleriſchen Landestracht. Die drei ſchönſten Mädchen von Auſſee, die drei beſten Sängerinnen 60 zugleich hatte man auserwählt, dem Erzherzog als Gruß vom ganzen lieben Steyermark einige Lieder zu ſingen. Wie ihre Augen funkelten, wie ihre Wangen glüh— ten im ſchönſten Purpurroth der Jugend, und welch lieblich verſchämtes Lächeln doch die jugendfriſchen An— geſichter verklärte! Sie hatten ſich alle Drei die Hände gereicht, dicht aneinander gedrängt ſtanden ſie da, gleich den drei Grazien, als Schäferinnen verkleidet; dicht aneinander gedrängt ſchauten ſie mit beklommener Bruſt und hoch— wogendem Buſen hin auf das fröhliche Menſchenge⸗ wühl am Ufer und auf den Höfen. Die mittelſte von ihnen Dreien, obwohl die ſchönſte und größte dieſer drei Grazien, ſchien dennoch die ſchüchternſte zu ſein. Ich weiß nit, flüſterte ſie, mir iſt ſo grauslich und ſo bang. Ich mein', ich werd' vor Angſt nit ſingen können. Wüßt' ich nit, daß der Vater böſ' werden würd', ſo lief ich fort und verkröch' mich irgendwo, daß mich Niemand finden könnt'. Biſt ein Kind, Annerle, flüſterten die beiden andern. Haſt gerad' den Hauptpart zu ſingen, und das ganze Feſt wär' ruinirt, wenn Du nit ſingen wollt'ſt. Jeſus Maria, ich will ja ſingen, ſeufzte Annerle, 61 ich weiß nur nit, ob die Tön' aus dem Halſe kommen werden, denn er iſt mir ganz zugeſchnürt, und wie mir's Herz klopft, als wollt's zerſpringen! Mir auch! Mir auch! klagen die beiden Andern. Und jetzt wird's doch bald los gehen, fährt die Eine von ihnen fort. Die Glocken läuten ſchon eine Stund' beinah in der Stadt, und da hält auch ſchon die kaiſerliche Equipag' und die vornehmen Herren in den prächtigen goldenen Uniformen ſind ſchon den Stadt⸗ weg hinauf gegangen, dem Herrn Erzherzog entgegen. Annerle, ruft die Andere, ihre Hand feſter drückend, Annerle, hörſt das Jauchzen und Schreien? Es kommt näher und näher, und da um die Waldesecke, da flimmert's und blickt's, ja, da kommen die vorneh men goldgeſtickten Herren, und Einer von ihnen wird wohl der Herr Erzherzog ſein, ja, gewiß der prächtig ausſtaffirte Herr mit den goldenen Epauletts, mit dem der Herr Bürgermeiſter ſpricht, der iſt's. Auch ein Jäger iſt dabei, ein Steyermärkſcher Jäger. Wahr haftig, der geht ganz ungenirt mit im Zuge, als müßt's nur ſo ſein. Das wird des Herrn Erzherzogs Büchſenſchäfter ſein, belehrt ſie die Dritte. Der Erzherzog Johann, weil er die Gebirgsleute gar ſo lieb hat, hält ſich ———EEIII 62 einen Büchſenſchäfter aus den Bergen, und der muß den immer ſeine gemeine Landestracht tragen, weil ſie dem audj Erzherzog ſo wohl gefällt. Die Leute ſagen, zuweilen und zög' er ſich ſelber als Steyermärkſcher Jäger an und ih wandert' ganz allein auf die Jagd und ſpräch' ganz ungenirt mit Jedermann. Herr Gott, was fährſt brau denn ſo zuſammen, lieb' Annerle, und was zitterſt elnp denn auf einmal ſo ſehr? men Oh nichts, Tonerle, nichts, ſtammelt ſie, ich mein' Her nur, ich glaub', der Jäger da, der Büchſenſchäfter des Er Herrn Erzherzogs, das iſt der Jäger, der mich geſtern ſich gerettet hat. Ja, ja, er iſt es ganz gewiß. Oh, ich Se erkenn' ihn wohl! Er iſt's! Er iſt alſo doch kommen, und das freut mich, oh, das freut mich! Fre Es iſt ein ſchöner Mann, ſagt Tonerle, ſo ſchlank 3 und hübſch, und es iſt doch auch prächtig, daß er ſo und nah zuſammen mit dem Herrn Erzherzog ſelber gehen ſche darf. Der Erzherzog muß ein gar leutſeliger guter und 6 Herr ſein. auf Der Erzherzog! ſeufzt Annerle. Jetzt kommt die tau 1 alte Angſt ſchon wieder, denn ſchaut nur, ſie kommen dre immer näher, und jetzt wird's bald los gehen. Ich her weiß ſchon, was ich thu'! Ich ſchau' nit ein einziges I jad Mal auf, wenn ſie hier ſind und wir ſingen müſſen,„ ſin 63 denn wenn ich ihn anſähe und er thät mich vielleicht auch gerad' anſehen, ſo käm' ich in die Verwirrung und könnt' ſicherlich nit weiter ſingen. Nein, nein, ich ſchlag die Augen gar nit auf, und dann— Ein donnerndes Vivat, ein lautes Aufjauchzen brauſte auf einmal von den wogenden Menſchenmaſſen empor und machte die drei ſchönen Mädchen verſtum⸗ men. Der Zug der Herren, an deren Spitze der Herr Bürgermeiſter mit den Herren vom Gefolge des Erzherzogs und dem Steyermärkſchen Jägersmann ſich befand, kam immer näher heran zum Ufer des Sees, und immer lauter jetzt erhob ſich das Jauchzen und Schreien, immer raſcher knallten die Stutzen ihre Freudenſchüſſe in die Luft. Jetzt ſtanden die Herren ganz nahe am Uferrand und auf ein gegebenes Zeichen des Bürgermeiſters ſchweigt das Jauchzen und Schreien, das Schießen und Jodeln. Die ungeheure Menſchenmaſſe am Ufer, auf den Bergen und auf dem See verſtummt, und tauſend und aber tauſend Augen richten ſich auf die drei ſchönen Mädchengeſtalten hin, die jetzt dem Erz⸗ herzog im Namen von ganz Steyermark als die Na⸗ jaden des Grundlſees ihre Bewillkommnungs⸗Lieder ſingen ſollen. — ³ 64 Mit niedergeſchlagenen Augen ſteht Annerle da, Tonerle und Mareile wagen's die Blicke empor zu ſchlagen zu den Herren. Sie ſehen da die vier Her ren in den goldgéſtickten Uniformen, und ſie fragen ſich, welcher von ihnen wohl der Erzherzog ſein mag, es könnt's Jeder von ihnen ſein, ſo prächtig ſehen die Herren aus mit den vielen Ordensſternen auf der Bruſt. Sie ſehen auch den Steyermärk'ſchen Jäger, der neben ihnen ſteht, aber den beachten ſie gar nicht, ſo Einen können ſie alle Tage ſehen. Und er ſcheint's auch am Liebſten zu haben, daß man ihn gar nicht beachtet, denn er tritt, als wär's zufällig, immer mehr zurück hinter die vier Herren, und ſpricht mit dem Poſthalter Plochl. Annerle Plochl ſieht nichts davon, ſie hat die Augen niedergeſchlagen, wie ſie ſich's vorgenommen, damit ſie nicht„in die Verwirrung kommt.“ Aber jetzt, wie eine Nachtigall friſch und hell, hebt ſich ihre Stimme und mit ſchmetterndem Jubellied begrüßt ſie den Erzherzog Johann im Namen Steyermarks. Und am Ende jedes Verſes fallen die beiden Mädchen ein zum luſtigen Jodler; was das für ein Schmettern und Jauchzen, ein ſüßes Tönen und Klingen iſt! Und das Echo ringsum in den Bergen wird wach 8 Iag der ſchm 65 davon und wie fröhlicher Berggeiſter Gruß tönt es nach jedem Vers die letzten Klänge des Jodlerrefrains jubelnd nach. Das Lied iſt zu Ende, und die Menge, die mit Mühe nur ſo lange ihr Schreien und Jauchzen unter⸗ drückt hat, hält ſich jetzt ſchadlos durch ein einziges, weithallendes donnerndes Jubelgeſchrei, und die Män⸗ ner ſchwenken ihre Hüte, die Frauen ihre Tücher, die Jäger knallen ihre Freudenſchüſſe und die Muſici in der Barke, die mitten auf dem See liegt, fallen mit ſchmetterndem Trompetenſtoß drein. Unter dieſem rauſchenden Jubel iſt's dem Erz⸗ herzog natürlich ganz unmöglich, den ſchönen Sänge⸗ rinnen Dankesworte zu ſagen. Er eilt vorwärts mit den Herren ſeines Gefolges nach der großen ge— ſchmückten Gondel hin, und auf ſeinen Wunſch müſ⸗ ſen auch der Herr Bürgermeiſter und der Poſthalter Plochl nebſt einigen andern Herren von Auſſee mit ihm die Gondel beſteigen. Jetzt aber auf Einmal eilt einer von den goldenen Cavalieren des Erzherzogs an's Ufer zurück und nähert ſich den drei Sängerinnen, und mit tiefer Verneigung ladet er ſie im Namen des Erzherzogs ein, zu ihm Mühlbach, Erzherzog Johann. II. 5 —— ————————— —— — — 66 in die Gondel zu kommen, und mit ihm die Fahrt über den See zu machen. Nun, das iſt eine Ehre, um welche ganz Auſſee die drei ſchönen Mädchen beneiden wird, und die ſie natürlich nicht ausſchlagen können! Fröhlich wie die Gazellen hüpfen ſie vorwärts, und auch Annerle hat jetzt ihren Muth und ihren Frohſinn wieder gefunden. Das Lied iſt ja zu End', und dann,— dann hatte ſie ihn jetzt erkannt. Der Büchſenſchäfter des Erzherzogs, das iſt ihr Lebensretter, es iſt keine Täuſchung, er iſt es ganz gewiß, und er hat ſie auch ſchon wieder erkannt, denn eben vom Boot her hat er ihr ſo freundlich zugenickt und gelächelt und ihr mit der Hand gewinkt. Oh, wie wird ſich der Vater freuen, daß ſie ihm jetzt den braven Mann zeigen kann, der ſie geſtern vom Tode errettet hat, und wie wird er ihm danken, und ſich ſeiner freuen! Jetzt iſt ſchön Annerle nicht mehr in der Ver⸗ wirrung, ihre braunen Augen ſchauen hell und freund— lich umher, ihre Purpurlippen lachen ſo friſch, daß zwiſchen ihnen die beiden Reihen glänzender Perlzähne hervorblitzen. Einer von den vornehmen Herren reicht ihr die Hand, um ſie in's Boot zu führen, aber ſie 67 ſpringt ſcheu wie ein junges Reh zur Seite und hüpft ganz ohne Hülfe in's Boot hinein. Da ſtehen die vornehmen Herren und begrüßen ſie, da ſteht auch der Jäger dicht neben ihnen. Er unterbricht ſein Geſpräch mit dem Bürgermeiſter und nähert ſich den Sängerinnen. Willkommen, Ihr ſchönen Nachtigallen von Auſſee! Wie prächtig Sie geſungen haben, daß Einem das Herz im Leibe lachte, und doch die Thränen in die Augen traten! Willkommen auf dem ſchönen Grundl— ſee, deſſen ſchönſte Najaden Sie ſind! Er hätte vielleicht noch mehr geſagt, aber auf Einmal ſchmettern wieder die Trompeten, denn die Gondel ſetzt ſich in Bewegung und rauſcht hinein in den See, und alle Kähne und Nachen, Boot und Bötlein ſetzen ſich in Bewegung und tanzen und wir⸗ beln rings um die Gondel hin, die breit und maje— ſtätiſch wie ein großmächtiger Schwan von acht ge— putzten Ruderern gelenkt gerade hinein ſteuert in die Mitte des Sees. Und nun beginnt der Geſang der Ludlerinnen auf den Bergen und vor den Sennhütten. Hier drüben von der erſten Sennhütte tönt es hernieder das ſchmetternde, jubelnde Lied, und hüben an der andern * i 68 Seite des Sees giebt eine andere Sennerin jauchzende Antwort, und wie das Lied emporſteigt in die Luft, vernimmt's die Sennerin auf der höchſten Alp und ſingt es ſchmetternd noch Einmal, und ſendet jubelnd ihren Gruß hinab in's Thal, und weiterhin nimmt eine andere Sennerin ihn auf, und die Hirten drüben am Waldesrand und jenſeits auf der Matte, und weiterhin auf der Felſenplatt' neben den weidenden Ziegen, die geben jetzt alle Antwort mit ihren Schal⸗ meyen und Alpenhörnern und dazwiſchen klingt das melodiſche Läuten der Glocken, welche die rothen Rin— der am Halſe tragen. Dann auf Einmal ſchweigt Alles, und nun tönt's leiſe wie Aeolsharfen wieder aus den Bergen und Klüften, und das Echo rings um den See iſt wach geworden, und hallt's mit leiſem Tönen und Klingen, und Schmettern und Schalmeyen wieder, was es eben ſo luſtig und laut durch die Luft vernommen. Langſam gleitet die Gondel weiter hinein in den See, und rings umher tanzen im fröhlichen Wetteifer die Gondeln und Nachen. Eine kleine Pauſe iſt eingetreten im Geſang der Sennerinnen und das Jauchzen und Lachen, Singen und Schießen auf den Böten und am Ufer beginnt deſto luſtiger. Auch auf 69 der Gondel des Erzherzogs iſt's lebendig geworden. Man plaudert, man ſpricht harmlos und ungezwungen mit einander, und die vornehmen Herren unterhalten ſich gar verbindlich und fröhlich mit den beiden ſchö⸗ nen Mädchen, mit Tonerle und Mareile. Das Annerle aber iſt ernſt und ſtill, und neigt ſich gedankenvoll über den Rand der Gondel, und fragt leiſe in ihrem Herzen: ob Er wohl nit zu mir kommt? Ob Er mir nit die Hand zum Gruß rei⸗ chen wird? Da auf Einmal tönt's hinter ihr: Jungfer Anna Plochl! Sie wendet ſich haſtig um. Er iſt es nicht, es iſt nur Einer von den vornehmen Herren. Der aber verbeugt ſich tief vor ihr, und ſagt ganz laut: Der Herr Erzherzog haben ſo eben vernommen,“ daß nachher getanzt werden wird. Se. kaiſerliche Hoheit laden die Jungfer Anna Plochl ein, mit ihm den erſten Tanz zu tanzen. Sie nickt und lächelt gar freundlich, aber ſie zau— dert nicht einen Augenblick. Thut mir leid, ſagt ſie raſch, böſ' zu ſein, aber den erſten Tanz kann ich nit mit ihm tanzen, denn ich hab' mich ſchon verſagt zum erſten Tanz, und ein ehrlich Mädel hält ihr Wort! ich laſſ' den Herrn Erzherzog bitten, mir nit —— 70 Sie macht einen Knix, nimmt ihren Platz wieder ein, und ſchaut ganz verſtohlen hinüber zu dem Jäger. Ihre Augen begegnen ſich, ſie zuckt zuſammen und wird purpurroth und wendet ſich raſch wieder rück⸗ wärts und ſchaut hinunter in die plätſchernden Wogen. Aber Annerle, ſagt da auf Einmal ihr Vater neben ihr, Annerle, was iſt das für ein Unſinn? Wie kannſt denn dem Herrn Erzherzog einen Korb geben, wenn der die Ehr' erzeigen will, mit Dir zu tanzen? Lieb' Vaterle, ſagt ſie, bittend zu ihm aufſchauend, ich bin ja doch ſchon verſagt zum erſten Tanz, und ein ehrlich Mädel hält allzeit ihr Wort. Wenn der Herr Erzherzog Dir die Ehr' erzeigt, muß jeder Andere zurücktreten, Mädele, ſagt ihr Vater lachend. Und mit wem biſt denn eigentlich ſchon zum erſten Tanz verſagt. Sie faßt lebhaft ſeine Hand. Vater, ich ſagt's Dir ja geſtern ſchon, der Jägersmann, der mir das Leben gerettet hat, der hat mich für heute um den erſten Tanz gebeten, und ich hab' ihm verſprochen, mit ihm zu tanzen, wenn auch der Herr Erzherzog ſelber mich dazu auffordern wollt'. Du ſiehſt alſo, lieb' Väterle, daß ich Wort halten muß. Aber wo iſt denn halt der Jägersmann? fragt ihr Vater. Ich denk', Du haſt ihn eingeladen. Aber er iſt ja halt nit gekommen? Väterle, er iſt ja hier, flüſtert ſie. Schau Dich doch nur um, er ſteht ja hinter Dir. Er hat mir das Leben gerettet, und mit ihm will ich tanzen, und nit mit dem Herrn Erzherzog. Herr Plochl ſchaut ſich ganz verwundert um. Nie⸗ mand ſteht hinter ihm als der Erzherzog. Wen meinſt denn? fragt er erſtaunt. Den dal flüſtert ſie und winkt mit den Augen nach dem Jäger hin. Den da, lacht ihr Vater, ja, das iſt ja eben— Ich bitt' Euch, unterbricht ihn der Jäger raſch herantretend, ich bitt' Euch, Plochl, erlaubt mir, daß ich mich einen Augenblick zu Eurer Tochter niederſetze und mit ihr plaudere, dann werden wir uns ſchon verſtändigen. Er hat Alles gehört, was Anna mit ihrem Vater geſprochen hat, er weiß jetzt, daß ihr arglos Herz ihn noch nicht kennt, und von ihm ſelber ſoll ſie jetzt erfahren, was ſie doch wiſſen muß. Er ſetzt ſich neben ſie, und eben in dem Moment beginnen die Sennerinnen wieder ihr Ludle und ihr 72 Singen, und die Schalmeyen und Alpenhörner klingen und ſchmettern, und die Trompeten blaſen, und Alles klingt und tönt ſo überlaut, daß Niemand hören kann, was ſein Nachbar ſpricht. Das iſt dem Jägersmann vielleicht gerade recht willkommen. Er neigt ſich näher zu Anna Plochl hin, und nickt ihr freundlich zu. Jungfer Anna Plochl, ſagt er zu ihr geneigt, da⸗ mit Niemand ſonſt ſie hört, Jungfer Anna, kennt Ihr mich noch? Sie nickt und lächelt. Ich kenn' Euch wohl, ich hab' kein undankbares Herz, und würd' ich ein ſtein⸗ altes Mütterle, ich würd' doch meinen Lebensretter immer noch erkennen. Und wißt auch, Jungfer Anna, wie ich heiße? Wie könnt' ich das denn wiſſen? fragt ſie lachend. Ihr habt es mir ja nit geſagt, und ich mocht' Euch nit drum fragen. 8 Jungfer Anna Plochl, ich heiße Johann, ſagt er ernſt. Johann, wiederholt ſie ſtaunend. Schaut, gerad' wie der Herr Erzherzog ſelber. Heißt wohl nach ihm? Und nit wahr, die beiden Mädels haben Recht, Ihr ſeid des Herrn Erzherzogs Büchſen⸗ ſchäfter, Herr Johann? 1 ſa — 73 Das haben ſie Euch geſagt? fragt er lächelnd. Ja, das haben ſie mir geſagt, und ich muß Euch ſagen, zuerſt war ich Euch eigentlich ganz böſ' darüber, und es that mir weh. Warum that's Euch weh, Jungfer Anna? Ich fragt' Euch geſtern, ob Ihr zum Gefolge des Herrn Erzherzogs gehörtet, und da habt Ihr Nein geſagt. Ihr habt mir alſo nit die Wahrheit geſagt, Herr Johann, und das thut mir weh. Nein, Jungfer Anna, ich hab' Euch die Wahrheit geſagt, ich gehör' nicht zum Gefolge des Erzherzogs! Nicht? ruft ſie freudig. Das Tonerle hat ſich alſo doch geirrt? Ihr ſeid nit des Erzherzogs Büchſenſchäfter? Nein, Jungfer Anna, das bin ich nicht, ſagt er traurig, das bin ich nicht, aber viel was Schlimmeres! Oh, ſchaut mich an, lieb' Annerle, denkt, daß ich Euch geſtern vom ſchweren und gefährlichen Sturz errettet hab', und vergebt mir, daß ich Euch nicht geſtern gleich die Wahrheit geſagt hab'. Herr, Ihr erſchreckt mich. Wer ſeid Ihr denn? Bin, was ich mir nimmer zu ſein erwählt haben würde, ſagt er leiſe, während ringsum das Singen und Jodeln gar fröhlich jauchzt und tönt, bin, was 74 keine Freude iſt, und kein Glück, bin der Erzherzog Johann. Jeſus Maria, murmelt ſie erſchauernd, und wen— det ſich, und ſchaut hinunter in den See. Jeſus Maria! Anna, fährt der Erzherzog leiſe fort, Anna, zürnt mir nicht. Hab' gar ſo wenig Freude auf Erden, und ſo wahr ich ein ehrlicher Mann bin, nach man⸗ chen langen ſchmerzvollen Jahren habe ich geſtern zum erſten Male eine Freude empfunden, geſtern, als ich Euch kennen lernte, Anna, als ich Euch in meinen Armen hielt. Oh, wendet Euch nicht von mir, Anna, gönnt es mir doch, Euch zu ſehen. Was kann ich denn dafür, daß mich das Schickſal verurtheilt hat, ein Erzherzog zu ſein? Glaubt's nur, ich habe oft darüber mit dem lieben Gott gehadert, ich habe es niemals ein Glück genannt, und jetzt kann's kommen, daß ich's ein Unglück nenne, wenn Ihr mir darüber zürnt! Ich zürn' Euch nit, flüſtert ſie ganz leiſe. Oh, 1 nein, ich zürn' Euch nit, es iſt nur— Sie ſchweigt und neigt ſich tiefer über den Rand der Gondel, und auch Johann nneigt ſich rückwärts dem Waſſer zu. 1 Denn der Waſſerſpiegel zeigt ihm ihr lieblich Bild, klar, ganz deutlich. Aber jetzt auf einmal wird den —1 ◻ Augen entſtellt, verſchoben, das Bild gerad' an den als fiele Etwas von oben nieder in den Waſſerſpiegel. Ja, eine Thräne iſt es, die aus Anna's Augen hinabfällt in den See, gerad' auf ihr eigen Angeſicht, eine heiße glühende Thräne! Die erſte Schmerzens thräne, die in ahnungsvollem Weh das junge ſechs zehnjährige Mädchen weint! Von den Bergen hallt's eben nieder in ſchmettern dem Geſang: 'S iſt halt beſſer zu ſterben Vor Lieb' und vor Treu', Als Millionen zu erben Und kein Herze dabei! Johi o ho, Johi, Joha, Trala! 4— —— V. Ein Mädchenherz. Viele Monate waren vergangen ſeit jenem Feſte am Grundlſee. Der Erzherzog Johann weilte noch immer in Steyermark, und am wohlſten ſchien es ihm zu ſein in der Gegend von Auſſee. Der eigentliche Wohnſitz des Erzherzogs war aber der Brandhof, ein beſcheidenes Beſitzthum, das der Erzherzog ſich vor einigen Jahren unweit von Mariazell in Ober⸗Steyer⸗ mark gekauft hatte. Dort legte er jetzt mit regem Eifer Hand an's Werk zur Verſchönerung ſeines Be ſitzthums. Das alte, ſchadhafte und ungenügende Gebäude ſollte durch eine neue, im einfachen aber geſchmack— vollen Styl erbaute Villa erſetzt werden, die weite gebirgige Länderfläche, welche dazu gehörte, ſollte cul⸗ tivirt werden nach den neuen Principien und Erfah⸗ rungen der wiſſenſchaftlichen Landwirthſchaft. Eine Muſterwirthſchaft für alle Landwirthe des Gebirges wollte der Erzherzog hier gründen, wollte ihnen ein Beiſpiel geben, was man durch Arbeit, Cultur und Benutzung der Hülfsquellen, welche die Wiſſenſchaft entdeckt, ſelbſt dem ungünſtigen Felſen— boden und dem wäſſrigen Wieſengrund abgewinnen könne. Durch künſtliche Düngungen ward der Felſengrund befähigt, Korn und Feldfrüchte zu tragen, Kanäle und unterirdiſche Röhren ſollten den Wieſengrund entwäſ ſern, wo es noth thut; neue Arten von Rindern und Schafen, welche der Erzherzog aus weiter Ferne ein⸗ führen ließ, ſollten die Viehzucht verbeſſern, und vielerlei Maſchinen des Ackerbaues, welche er kommen ließ und zu deren Beſichtigung er die Landbeſitzer von Steyermark einladete, ſollten die Cultur des Bodens erleichtern. Auch der Gartencultur ſollte beſondere Aufmerk ſamkeit gewidmet werden, und in den Glashäuſern, welche der Erzherzog in dem großen Garten am Brandhof anlegen ließ, ſollten die Früchte des Südens gezogen werden, die Melonen, Pfirſiche und Ananas, 78 9 deren Zucht man bisher im Gebirge für unerreichbar ſe gehalten. Große Pflanzungen von Maulbeerbäumen er 6 wurden angelegt, um den Verſuch zu machen, den J I Seidenbau in Steyermark einzuführen und an den langen gen Süden belegenen Spalieren ſollten die aus th allen Gegenden Deutſchlands und Ungarns herbeige⸗ in ſchafften Reben ſich emporziehen zu ſpätern Verſuchen, ſic auch den Weinbau nach Steyermark zu verpflanzen. B Aber auch des Einheimiſchen wollte der Erzherzog br nicht vergeſſen, in einem eigens dazu beſtimmten und ſch hergerichteten Gärtchen auf der Nordſeite des Brand⸗§ hofes ſollten alle Pflanzen der Tyroler und der N Schweizer Alpen vereinigt werden, und auf den höch⸗ ſc ſten Gipfeln der Alpen ſuchten rüſtige Gemsjäger V rl nach den ſeltenen Pflanzen, um ſie dem Erzherzog zu di bringen, der ſich nicht blos von Herzen ihrer freute, 6 ſondern auch dem Bringer mit reichen Geſchenken h lohnte. d Es war ein arbeitsvolles, thätiges und geſchäftiges ſ Leben, welches der Bruder des Kaiſers, der in die Verbannung geſchickte Erzherzog Johann, da oben auf t . ſeinem Brandhof führte, ein Leben voll ſtiller Genüſſe und beſcheidener Freuden. Aber dem Erzherzog ward wohl dabei, es legte ſich wie Balſam auf die Wunden 79 ſeiner Seele und gab ihm den Frieden wieder, den er vergeblich geſucht ſeit manchem langen ſchmerzvollen Jahr. Wie lange hatte man ihn nicht in Wien zur Un— thätigkeit, zum müßigen Zuſchauen verurtheilt. Hier in den geliebten Bergen, hier konnte er ſchaffen und ſich regen, konnte das Schadhafte beſeitigen und das Beſſere an ſeine Stelle ſetzen, konnte das Alte, Un- brauchbare, nur durch die Gewohnheit Geheiligte, ab— ſchaffen und durch das Neuere, Vollendetere ergänzen. Hier durfte er ungehindert ſich beſchäftigen mit dem Nützlichen wie mit dem Schönen, konnte landwirth— ſchaftliche Vereine ſtiften, Geſellſchaften zur Beförde— rung der Viehzucht, konnte Preiſe ausſchreiben für die Löſung von ihm ſelber geſtellter Aufgaben über Steyermärkſche Geſchichte, konnte Maler und Bild⸗ hauer unterſtützen, indem er bei ihnen Arbeiten aus der Geſchichte des Vaterlandes zur Ausſchmückung ſeiner zukünftigen Villa auf dem Brandhof beſtellte. Hier in den Bergen durfte er den ganzen Flitter— tand ſeiner Herrlichkeit ablegen, durfte ein Menſch ſein mit Menſchen, durfte eintreten in die Hütten der& Armen und Niedrigen, um als milder freundlicher 1 Seelenarzt ihnen Troſt und Hülfe zu bringen, durfte — 80 in harmloſer Gemüthlichkeit Theil nehmen an den Feſten der ländlichen Bevölkerung, ihren Tänzen zu⸗ ſchauen, ihren lieblichen Liedern lauſchen. Die Berge ſchützten ihn vor der Welt, die Berge gaben ihm ſeinen Frieden wieder, heilten die Wunden, welche der Verrath falſcher Freunde, welche der Tod der Geliebten, welche die Eiferſucht und der Haß des Kaiſers ihm geſchlagen. Ein neues Leben that ſich ihm auf in den Bergen, und Johann begrüßte es mit freudiger Seele und beſchloß es ſich zu bewahren mit tapferem unerſchütter⸗ lichem Muth. Soll ich nicht als Erzherzog handeln, ſagte er zu ſich ſelber, ſo will ich als Menſch mich des Lebens freuen und mir erkämpfen und erſtreiten, was das Leben mir darbietet an Glück und Genuß. Fort alſo nach Auſſee, fort zu ihr! 2 Ja, Auſſee war ſeit jenem Feſt am Grundlſee das unveränderte Ziel aller Wanderungen und Aus⸗ flüge des Erzherzogs geweſen. Nach Auſſee war er gekommen, um da Erholung zu ſuchen, wenn er Tage lang im Gebirgé umhergewandert war und Gemſen gejagt hatte. Nach Auſſee hatte er ſich geflüchtet, wenn in den langen Wintertagen die Oede und Ein— — 81 ſamkeit auf dem Brandhof ihm gar ſo einſam und drückend erſchien, nach Auſſee war er gekommen am Ende jeder Reiſe, die er nach Gratz oder in andere Gegenden Steyermarks unternommen. Und es war doch ſehr natürlich, daß er in Auſſee in dem größten und ſchönſten Hauſe der Stadt, in der kaiſerlichen Poſthalterei, das zugleich das beſte Gaſthaus des Ortes war, ſein bleibendes Quartier nahm. Der gute Poſthalter fühlte ſich ſehr geehrt dadurch und war ganz glückſelig, den geliebten Erzherzog ſo oft ſehen und mit ihm ſprechen zu dürfen. Die zwei ſchönſten Zimmer ſeines Hauſes wurden ein für alle Mal für den Erzherzog reſervirt, Niemand durfte ſie bewohnen außer ihm, und wenn im Sommer der An⸗ drang der Gäſte noch ſo groß war, die beiden Zimmer des Erzherzogs wurden Niemanden aufgethan, ſie blie— ben verſchloſſen für Jedermann. Auch hatte Herr Plochl Sorge getragen, daß die beiden Zimmer auf's Bequemſte und Eleganteſte für den geliebten Gaſt eingerichtet wurden und hatte keine Mühe und keine Koſten geſcheut, um aus weiter Ferne elegante Möbel und allerlei Zimmerſchmuck herbei zu ſchaffen, wie ſie, Mühlbach, Erzherzog Johann. II. 6 82— 1 für die Zimmer eines kaiſerlichen Prinzen ihm noth⸗ wendig erſchienen. Aber ſeltſamer Weiſe hatte ſeine ſchöne junge Hausfrau, ſeine Tochter Anna, ſo freudig ſie ſonſt in allen häuslichen Dingen ihm zur Seite ſtand, bei dieſer Ausſchmückung der beiden Zimmer durchaus keine Theilnahme gezeigt, und ſie, die ſonſt thätig und wirthlich das ganze Haus unter Aufſicht hielt, hatte dieſe Zimmer des Erzherzogs noch niemals mit einem Fuß betreten. Ihrer jüngeren Schweſter, der zwölfjährigen Ka⸗ trinel, hatte ſie die Beaufſichtigung der Zimmer über⸗ tragen, und ihr die Sorge andertraut, während der Anweſenheit des Erzherzogs ſeine Bedienung zu über⸗ wachen und ſeine Befehle entgegen zu nehmen. Aber ich begreif' Dich nit, Annerle, ſagte ihr Vater eines Tages zu ihr, biſt ſonſt ein ſo gutes und gefälliges Mädel, und gegen den Herrn Erzherzog biſt allzeit ſo unfreundlich und ſo ſcheu, als wär's Dir gar nit recht, daß er hier iſt. Es iſt mir auch nit recht, lieb Väterle, ſagte Anna, langſam ihr Haupt wiegend. So vornehme Gäſt' 1 paſſen nit in unſer Haus, und es wär' beſſer und bequemer, ſie blieben weg. 83 * Aber der Herr Erzherzog iſt ſo gut und ſo herab⸗ laſſend, Annerle, er nimmt freundlich vorlieb mit Allem und niemals iſt ihm etwas zu gering und zu ſchlecht. Bin nit ſo demüthig, Vaterle, daß mich das freuen ſollt’, ſagte ſie, ihr Köpfchen ſtolz zurückwerfend. Mag nit verkehren mit Solchen, die Wunder vermeinen, was für eine Gnad' ſie uns erzeigen, wenn ſie mit uns ſprechen und umgehen, und die ſo hoch über uns „ ſtehen, daß ſie ſich herablaſſen müſſen, wenn ſie freundlich zu uns ſind. Mag lieber gerad' aus ſehen, als in die Höh', und lieber mit ſolchen Leuten ſprechen, die nit über mir ſtehen, ſondern neben mir. 8 Biſt wirklich ein übermüthiges ſtolzes Mädel, brummte ihr Vater kopfſchüttelnd. Was kann denn der liebe Herr dafür, daß er ein Erzherzog iſt? Hat ſelber nit viel Freud' daran, denk' ich, und es iſt grauſam und hartherzig von Dir, ihm vorzuwerfen, was er nit verſchuldet hat. Ich werf's ihm ja nit vor, Vaterle, ich ſprech' ja gar nit mit ihm. Das iſt's ja eben, Annerle gehſt ihm halt immer ſo ängſtlich aus dem Weg, als eiferte ihr Vater, Du 7 * meint'ſt, er wollt' Dir was zu Leide thun. Der Herr 6* — 84 Erzherzog hat es ſelber ſchon bemerkt und letzthin hat er mich ſchon gefragt, ob Du ihm bös wärſt und was er Dir denn eigentlich gethan habe? Und hat mich gebeten, ich ſollt' erlauben, daß er ein biſſel hinab käm' und ein biſſel mit Dir und den Kindern ſchwatzt. Ich ſagt' ihm, daß ich ihm gar nichts zu erlauben hätt', daß mein ganzes Haus ihm zu Befehl ſtänd', und daß ich und alle meine Kinder nichts wären und nichts ſein wollten, als ſeine gehorſamen Unterthanen. Und ſo kam er denn halt mit mir herunter in die Wohnſtub', wo ihr alle beiſammen wart. Aber kaum iſt er eingetreten, ſo ſpringſt auf und ſchreiſt, daß Du was Wichtiges in der Wirthſchaft zu thun haſt und läufſt'naus und kommſt nit wieder, ſo lang' als der Erzherzog da iſt. Er war ganz traurig darüber und ſagt zu mir: ich darf nicht wieder kommen, denn wenn ich komm', ſo verjag' ich das Annerle, und das will ich nit. Ich hab' ihm aber geſagt, daß Du wirklich zu thun hatteſt und daß Du Dich ſonſt immer freuſt, wenn er kommt, und daß Du das nächſte Mal ihn um Entſchuldigung bitten und recht ſehr freundlich ſein würdeſt. 4 Daran haſt Du ſehr Unrecht gethan, Vaterle, rief ſie mit erglühenden Wangen. Ich werd' das nächſte 85 Mal nit freundlicher ſein, als wie ſonſt, und es fällt mir gar nit ein, mich zu freuen, wenn der Herr Erz— herzog kommt, und ich denk' auch ganz und gar nit ſo, wie Du ihm geſagt haſt, daß wir denken, und daß wir allzuſammen nichts ſind und nichts ſein wollen als ſeine gehorſamen Unterthanen. Ich will dem Herrn Erzherzog weder gehorſam ſein, noch mich ſeine Unterthanin nennen. Was, nit einmal ſeine Unterthanin willſt ſein? fragte Plochl entſetzt. Willſt ihm nit einmal gehor— ſam ſein? Nein, Vaterle, ſagte ſie ſtolz. Der Kaiſer in Wien, das iſt unſer Herr und dem muß ich eine ge— horſame Unterthanin ſein. Das iſt meine Pflicht und ich werd' ſie erfüllen, wenn's darauf ankommt. Aber mit dem Herrn Erzherzog hab' ich halt gar nichts zu ſchaffen, er hat mir nichts zu befehlen und ich hab' ihm nichts zu gehorchen. Iſt das ein obſtinates Mädel, rief ihr Vater er— ſtaunt. Möcht' blos einmal wiſſen, wer ihr den Un— ſinn in den Kopf geſetzt hat. Wie iſt's nur möglich, daß Du dem guten lieben Herrn Erzherzog ſo ent— gegen biſt und es über's Herz bringen kannſt, ſo un⸗ freundlich zu ſein. Alle Welt liebt und ſegnet ihn, —y—— 86 5 die Anna Plochl allein haßt ihn. Und noch dazu iſt er ihr Lebensretter! Nun, Vaterle, ſagte ſie mit einem ſpöttiſchen Lächeln, ſo arg iſt's wohl auch nit geweſen. Das Leben würd's wohl auch nit gekoſtet haben, wenn er mich dazumal auch nit aufgefangen hätt', wie ich vom Felſen herunter fiel. War höchſtens zwanzig Fuß hoch, wo ich hinab fiel, würd' nit gleich davon das Genick gebrochen haben. Aber Arm und Bein hüätt'ſt ſicherlich entzwei ge brochen, Du undankbares Mädel Du! Die wären auch wieder geheilt, Vaterle, und ich wollt's lieber, als daß ich jetzt immer hören muß, daß der Herr Erzherzog mein Lebensretter iſt und daß ich gerad' darum abſonderlich freundlich und zuvorkommend gegen ihn ſein muß. Ich will aber nit freundlich, ich will nit zuvorkommend gegen ihn ſein, und um Dir die Wahrheit zu ſagen, ich find', daß Du diesmal gar nit recht haſt, Vaterle, und daß Du dem Herrn Erz herzog gar nit erlauben ſollteſt, daß er ſo oft hierher kommt. Er iſt halt immer ein junger und ich glaub' auch ein ſchöner Mann, und die Leut' werden ſich wundern, daß er ſo oft hier iſt, und am End' werden ſie ſagen, er kommt um meinetwillen, und ſie werden ——— 87 mich mit ihm in's Gered' bringen und mir böſen Leu— mund machen. Und ich ſag' Dir, Vater, wenn das geſchieht, ſo ſterb' ich vor Gram und Herzeleid, denn ich hab' meiner lieben Mutter ſelig geſchworen, daß ich ein braves Mädel bleiben und ihren lieben Kindern eine treue Mutter ſein wollt'. Denk' Dir nun, Va— terle, was für ein gräßlich Unglück und was für eine Schand' es wär', wenn ſie mich mit dem Erzherzog in's Gered' brächten. Drum bitt' ich Dich, Vaterle, ſei gut und klug und ſag's dem Herrn Erzherzog ehr⸗ lich und offen, er möcht' nit ſo oft kommen, und wenn er's zu wiſſen verlangt, ſo bekenn's ihm, daß Du den böſen Leumund fürchteſt und daß die böſen Leut' mich mit ihm könnten in's Gered' bringen. Werd' mich wohl hüten, ihm das zu ſagen, rief ihr Vater lachend, ſollt' mich wohl auslachen laſſen dem Herrn Erzherzog. Da ſieht man doch, was für ein aufgeblaſen übermüthig Ding ſo'n Mädel iſt, wenn's hübſch und jung iſt. Hält es für möglich, daß ein kaiſerlicher Erzherzog mit ihr in's Gered' kommen könnt', meint, die Leut' könnten denken, ein Erzherzog käm' um ihretwillen hierher, nit um die Berg' und die Gemſen und die gute Jagd, nein, Gott bewahr', blos um ihr hübſches Fratzel. Nein, Annerle, von —— 88 kannſt Dich beruhigen, es wird Niemand guf den Ge⸗ danken kommen, denn Gott ſei Dank, Jedermann kennt ihn und Jedermann weiß, daß er ein gar tugendhafter braver Herr, der kein Unrecht begehen und keinem Menſchen was zu Leid' thun möcht'. Und Jedermann weiß auch, daß er die Frauenzimmer gar nit leiden kann und durchaus gar nichts mit ihnen zu thun haben will. Selbſt des Potiphars Frau würd' ihn nit halten können, und die Schönſte und Beſte, wenn ſie ihre Netz' nach ihm ausſtellen wollt', würd' den ſtolzen, ſcheuen Edelhirſch nit einfangen können. Er iſt Jung⸗ geſell, und als Junggeſell will er leben und ſterben. Das wiſſen alle Leut' und darum brauchſt gar nit zu fürchten, daß Du könnt'ſt mit dem Herrn Erzherzog in's Gerede kommen und böſen Leumund haben, und er ſelber wird gar herzlich drüber lachen, wenn ich's ihm erzähl', daß Du meinſt, er könnt' um Deinetwillen kommen. Vater, rief Annerle, purpurroth erglühend, Vater, wenn Du's ihm erzählſt, wenn Du ein einzig Wörtel davon zu ihm ſagſt, ſo nehm' ich mir's Leben, ſo ſtürz' ich mich noch mal von dem Felſen hinunter, wenn Niemand da iſt, der mich retten kann. Vaterle, D lieb Vaterle, ich bitt' Dich, ich beſchwör' Dich bei der 89 . heiligen Jungfrau und bei allen Heiligen, verſprich mir, daß Du dem Herrn Erzherzog nichts ſagen willſt von Dem, was wir heut geredet haben, denn ich ſag' Dir's, Vaterle, und ich ſchwör's Dir beim Geiſt unſerer lieben Mutter, es würd' mein Tod ſein! Verſprich mir's, Vaterle, oh verſprich mir's! Und ganz außer ſich, ihr erbleichtes Antlitz von Thränen überfluthet, ſank Anna vor ihrem Vater auf die Kniee nieder und hob flehend die Hände zu ihm empor. Jeſus Maria, was das Mädel gleich aus dem Häuſel iſt, rief ihr Vater, und wie ſie weint, als 7 wär' ihr ein wirkliches Unglück paſſirt. Nun, nun, wein' nit, Annerle, und ſteh' auf von Deinen Knieen. Ich will Dir's verſprechen, nichts zu ſagen. Aber Du mußt mir dagegen auch verſprechen, daß Du nit mehr ſo ſchüchtern und ſcheu ſein willſt, daß Du's nächſte Mal und alle Mal, wenn der Erzherzog hier iſt, ihm nit aus dem Weg gehen, ſondern im Zimmer bleiben willſt, wenn er kommt, Dir und den Kindern einen guten Tag zu wünſchen. Ich verſprech' Dir's, Vaterle, ich will dem Herrn Erzherzog nit mehr aus dem Weg gehen, ſondern da bleiben, wenn er kommt! 90 Und getreu ihrem geleiſteten Verſprechen trat Anna das nächſte Mal, als der Erzherzog kam, ihm freund⸗ lich entgegen und reichte ihm, gleich den kleinen Ge— ſchwiſtern, die Hand zur Bewillkommnung dar. Der Erzherzog ſah ſie mit frohem Erſtaunen, mit einem glücklichen Lächeln an, und vor Erſtaunen ver⸗ gaß er, ihre Hand wieder los zu laſſen, ſondern hielt ſie feſt in der ſeinen. Und vor Verwirrung und Be⸗ ſchämung ließ ſie's geſchehen und wagte nicht, ihre Hand zurück zu ziehen und ſtand mit niedergeſchlagenen Augen da, ſagte nichts und wagte doch nicht aufzu⸗ blicken, weil ſie fühlte, daß des Erzherzogs Augen auf ihr ruhten mit einem Blick, der heiß und glühend wie ein Sonnenſtrahl in ihrem Herzen brannte. Die Kinder, die im Zimmer waren, die luſtigen Buben, die achteten nicht auf die Beiden, für ſie war der liebe Erzherzog Hannes nicht weiter eine Reſpects perſon, ſie ſpielten ruhig dort in der Ecke an ihrem Spieltiſch. Die ältere Schweſter, die Katrinel, war draußen mit den Mägden auf der Wieſe zur Heuernte 8 5 2 7 und dahin war auch der Vater gegangen, um nachzu⸗ ſehen, ob auch Alle recht hübſch fleißig und ordentlich wären. Es war alſo Niemand da, den Herrn Erzherzog 91 zu begrüßen, als die Annerle allein, und ſie dachte wohl daran, was ſie ihrem Vater hatte verſprechen müſſen, und war freundlich und that ſich Gewalt an, ein paar gute Worte zu ſagen. Wie glücklich der Erzherzog darüber ausſah und mit was für ſtrahlenden Blicken er ihr folgte, als ſie ſchaffend und ordnend im Zimmer auf und ab ging, und für ihn den Tiſch bereitete, auf dem er auf ihre Einladung ein ländliches Vesperbrod einnehmen ſollte. Und allmälig verlor ſich auch ihre Verwirrung und ſie ward unbefangen und ſchaute heiterer wie ſonſt den Erzherzog an, und gab ihm freundlichere Antwort auf ſeine Fragen. Wie der Tiſch geordnet war, der ſchöne Schinken mit dem friſchen Brod, der ſchönen Butter und dem duftenden Schweizerkäſe auf⸗ geſtellt war, dazu eine Flaſche guten Weins, ladete Anna den Erzherzog ein, ſich zu ſetzen und das ein— fache Mahl zu genießen. Wenn Ihr mir's bereiten und bei mir ſitzen wollt, Jungfer Anna, ſonſt nicht, ſagte der Erzherzog, und ſie durfte doch nun nicht Nein ſagen, ſie hatte es ja ihrem Vater verſprochen, dem Erzherzog freundlich zu begegnen. Sie nahm neben ihm an dem Tiſch Platz und ihre kleinen zierlichen Hände waren geſchäftig für ihn, be⸗ reiteten ihm das Butterbrod, ſchenkten den Wein ein und ordneten Alles gar raſch und emſig. Welch eine liebe zierliche Hausfrau Ihr ſeid, ſagte Johann, ſie mit leuchtenden Augen betrachtend. Wie ſchön und zierlich es Euch anſteht, ſo zu ſchalten und zu walten, Ihr liebe Mutter von fünf Kindern! Möcht' ſelber wieder Kind ſein, um ſolch eine liebe herzige Mutter zu haben. Und wie glücklich wird der Mann ſein, dem Jungfer Anna dermaleinſt ihre ſchöne Hand reichen wird, um ſeine liebe ſchöne Hausfrau zu ſein. Der Thomas Voregger iſt nicht der Glück— liche, nicht wahr, Jungfer Anna? Nein, ſagte ſie lebhaft, er iſt's nicht und auch kein Anderer wird es ſein. Ich werd' mich gar nit ver heirathen, deun es wär' ja wider meine Pflicht. Ich darf ja meine lieben Geſchwiſter nit vexrlaſſen, ehe ſie erwachſen ſind. Nun, Jungfer Annerle, lächelte der Erzherzog, das ließe ſich ja arrangiren. Euer Vater iſt ja noch ein junger rüſtiger Mann. Er könnte ſich ja zum zweiten Mal verheirathen. Das darf er nit, das leid' ich nit, rief ſie eifrig. Meine Kinder ſollen keine Stiefmutter haben, nein, durchaus nit. Ich bleib' bei meinen Kindern, ich heirath' nit und alſo braucht auch der Vater nit zu heirathen. Ihr wißt nicht, was Ihr da ſprecht, ſagte der Erzherzog feierlich, Euer Herz iſt noch wie ein unbe ſchriebenes Blatt Papier, wie ein weißes Lilienblatt. Wartet nur, bis der Rechte kommt und ſeinen Namen drauf ſchreibt, dann werdet Ihr ſchon andern Sinnes werden. Wartet nur, bis Gott Euch aus der goldenen Wolke den Mann entgegentreten läßt, den Mann, der Euer unſchuldig Kinderherz beſiegen und ſich unter werfen wird, dann werdet Ihr ihm jauchzend Euch zu Eigen geben und werdet keine andern Pflichten mehr anerkennen, als Ihn zu lieben, Ihm ein treues lieben⸗ des Weib zu ſein! Oh, Anna, liebe Anna, warum kann ich's nicht ſein, der Mann aus der goldenen Wolke, der zu Euch ſprechen darf: Anna, komm her zu mir! Ich liebe Dich und Du ſollſt mein Weib ſein. Oh, Anna, warum bin ich nicht der Mann aus der goldenen Wolke, den Dein keuſches, jungfräuliches Herz vom lieben Gott erfleht, und dem Du, wenn er Dich ruft, wollteſt Antwort geben: Nimm mich hin, ſei mein Herr! Ich will Dich lieben, Dir gehorchen und Dir unterthan ſein in Freuden und Demuth. 94 Denn ſo haſt Du geſagt, wollteſt Du zu ihm ſprechen, und Deine ſüßen Worte klingen noch in meinem Ohr wie das keuſche heilige Evangelium der Liebe. Oh, Anna, Anna, warum bin ich nicht, was ich damals zu ſein ſchien, als ich zum erſten Mal Deine Stimme vernahm, die Stimme eines Engels, die aus der Luft zu dem armen Sohn der Erde und der Schmerzen niedertönte! Und überwältigt von ſeinem Gefühl nahm der Erzherzog ihre Hand und wollte ſie näher zu ſich ziehen. Aber Anna entriß ſie ihm ſtürmiſch, und von ihrem Sitz ſich erhebend, ſtand ſie mit blitzenden Augen und glühenden Wangen vor ihm. Es iſt nit ſchön von Euch, Herr Erzherzog, rief ſie haſtig, nit ſchön, daß Ihr die Wort' wiederholt, die Ihr doch nur gehört habt, weil ich nit wußt, daß Ihr da wart. Ich hab' ſie doch nit zu Euch geſagt, und Ihr habt alſo gar kein Recht drauf, und es wär' zarter und delicater geweſen, Ihr hättet nimmer drauf angeſpielt, und hättet gethan, als ob Ihr ſie gar nimmer gehört hättet. Aber die großen Herren, die denken ſchon, mit ſo einem armen Ding, die nit vor⸗ nehm, nit reich und nit gebildet iſt, da brauchen's gar keine Umſtänd' machen. Ein Steyermärker Mä⸗ 95 del, eines Poſthalters Tochter, was iſt denn das für den kaiſerlichen Herrn Erzherzog? Ein Wurm, das er unter ſeine Füß' tritt, wenn's ihm Spaß macht, und wenn's ſtill hält; er fragt nit darnach, ob's dem Würmle weh thut, und ob's auch ein Herz hat, eben ſo gut, wie die ſchönen vornehmen Prinzeſſinnen, ihn kümmert's auch nit, was ſo ein arm Mädel von ihm denkt, und ob ſie find't, daß er nit fein und delicat an ihr gehandelt hat. Ihm hat's vielleicht doch Spaß gemacht, und das iſt die Hauptſach'. Aber ich ſag' Euch was, Herr. Mir iſt's ganz egal, daß Ihr der Herr Erzherzog ſeid, ich kümmere mich gar nit um all' Eure Herrlichkeit, und ſie blend't mir auch gar nit die Augen. Hab' gar viel hundert Mal die Sonn' aufgehen ſehen über den Bergen, und dagegen iſt all' Eure kaiſerliche Herrlichkeit doch gar winzig und er⸗ bärmlich, und die Stern' auf Eurem Rock ſind lang' nit ſo prächtig, als die Stern' am Himmel droben. Und wenn ich zum lieben Gott, und zu den Sternen gar oft gered't hab', ſo wird's mich auch halt nit ge— niren, mit dem Herrn Erzherzog zu reden, und ihm meine wahrhaftige Meinung zu ſagen. Und meine wahrhaftige Meinung iſt die: ein wirklicher Steyer märker Jägersmann, der würd' nimmer ſo ungalant 96 geweſen ſein, einem Mädel das vorzuhalten, was ſie geſagt hat zu einem Andern, da ſie nit wiſſen konnt', daß fremde Ohren ſie hörten. Er würd' ſich's An⸗ ſehen geben, als hätt' er nichts gehört, und würd' ſie nit beſchämen und in die Verwirrung bringen. So, jetzt hab' ich's mir von der Seel' weggeredt, und nun bitt' ich den Erzherzog, daß er mir ver⸗ zeihen möcht', wenn ich halt die Ehrfurcht ein biſſel vergeſſen hab'. Und ich danke Gott, daß Ihr ſie vergeſſen habt, rief der Erzherzog, und dies Mal nahm er trotz ihres Widerſtrebens ihre Hand und drückte ſie an ſeine Lippen. Ich danke Gott und Euch, daß Ihr zu mir geſprochen habt nicht wie zu dem Erzherzog, ſondern wie zu dem Manne. Ihr habt in Eurem Zorn mir Euer ſtolzes jungfräuliches Herz enthüllt, dem ein Erzherzog gerad' nur ſo viel gilt, als jedes andere 1 enaene und den ſie gerad' auch nur ſo behan ₰ t, als er's verdient. Aber, Jungfer Anna Plochl, e ſeid doch zu hart mit mir geweſen, und Ihr denkt doch zu ſchlecht von mir. Ich habe Euch ſicher⸗ lich nicht mißachtet, weil Ihr nicht von vornehmer Herkunft ſeid, und weil Euer Vater nur ein Poſt⸗ halter iſt. Euer Vater iſt ein wackerer, braver Mann, Ann darn auch 97 und das gilt mehr, als vornehme Geburt, und eines braven Mannes Freundſchaſt ehrt Jeden, der ſie empfängt. Ihr ſeid Eures Vaters ſchöne liebliche Tochter, und Eure Unſchuld, Eure Tugend und Herzensgüte das ſind Eure Ahnen, vor denen ich mich voll Ehrfurcht beuge bis in den Staub. Es giebt auf Erden nichts Größeres und nichts Schöneres, als ein unſchuldiges, reines, edles Weib, und wer die nicht ehrt, und ſich ihrer freut, der ehrt nicht Gott, und liebt nicht die Natur. Ob Ihr gebildet ſeid, Anna Plochl, das weiß ich nicht, und frag' auch nicht darnach. Ich glaube, die Lilien und die Roſen ver ſtehen auch nicht Lateiniſch, und die Nachtigallen ſingen auch keine gelehrte Muſik. Dennoch freut man ſich der lieblichen Schönheit der Lilien und der Roſen, und das ganze Herz geht einem auf, wenn die Nachti— gallen ſingen. Und ſo iſt mir vorher auch das Herz aufgegangen, Anna, als ich endlich einmal Eure liebe Stimme zu mir ſprechen hört', und daher iſt's ge kommen, daß ich ausſprach, was mir im Herzen liegt, und was ich nie vergeſſen werde: die Stunde, da ich zum erſten Male Eure ſüße Stimme hörte, die hol— den Offenbarungen eines jungen Mädchenherzens, wie ich ſie nie zuvor gehört, die jetzt ewig vor meinen Mühlbach, Erzherzog Johann. II. 7 Ohren und in meinem Herzen wiederklingen. Aber dennoch habt Ihr Recht, ich hätte davon ſchweigen müſſen, ich hätte Euch mit keinem Wort an jene Stunde erinnern ſollen, denn obwohl Ihr vor keinem Wort, welches Ihr geſprochen, zu erröthen brauchtet, ſo hätte ich doch bedenken ſollen, daß die Unſchuld erröthet über ihre eigene Schönheit. Darum, Jungfer Anna Plochl, bitte ich Euch um Verzeihung, und ich hoff', Ihr fühlt es wenigſtens, daß ich jetzt nicht zu Euch ſpreche wie ein vornehmer Herr, der ſich einen Spaß erlaubt, ſondern wie ein einfacher, ehrlicher Menſch, dem es Ernſt iſt mit Dem was er ſagt. Oh, Herr, flüſterte ſie kaum hörbar, ich hab' Euch beleidigt, und jetzt ſeid Ihr doch böſ' auf mich Nein, Anna, ſagte er ernſt, Ihr habt mich nicht beleidigt, Ihr habt mir ja nur die Wahrheit geſagt, und ich bitte Euch, daß Ihr ſie mir auch ferner ſagt. Wollt Ihr's, Anna? Wollt Ihr mir ehrlich Antwort geben auf das, was ich Ench fragen will? Ja, Herr Erzherzog, ſagte ſie mit niedergeſchlage⸗ nen Augen, ja, ich will Euch ehrlich Antwort geben. Ich habe Euch ſeit Monaten nicht geſprochen. So oft ich kam, habt Ihr irgend ein wichtiges Ge⸗ ſchäft gehabt, das Euch fortrief. War das Zufall, Anna? — 2 nieden ihren eigen zuſa 99 Sie antwortete nicht ſogleich, ſie ſtand da mit niedergeſchlagenen Augen, aber die Farbe war von ihren Wangen gewichen, und ihre Lippen zitterten. Dann nach einer kleinen Pauſe ſagte ſie kaum hörbar: nein, Herr, es war kein Zufall. Ihr vermiedet mich abſichtlich, ich ahnte es wohl. Ich ſagte es neulich Eurem Vater, aber er beſtritt es, und meinte, es ſei nur Zufall geweſen, und ver ſprach mir, wenn ich wieder käme, würdet Ihr bleiben und würdet recht freundlich und geſprächig ſein. Und jetzt, da ich wieder komme, finde ich Euch wirklich hier. Ihr weicht mir nicht aus, Ihr empfangt mich freundlich, und ſprecht mit mir, wie Ihr es nur ein einziges Mal gethan. Wem verdanke ich das? Eurem eigenen Wollen, oder Eurem Vater? Ah, Ihr ſchreckt zuſammen. Nicht wahr, ich hab's errathen? Euer Vater hat Euch befohlen, daß Ihr freundlich gegen mich ſein ſollt? Er hat befohlen, daß Ihr, wenn ich wieder komme, im Zimmer bleiben, und mit mir ſprechen ſollt? Sie ſieht nicht auf, ſie ſieht nicht, mit welchem Ausdruck von Angſt und Schmerz ſeine Augen auf ihr ruhen, aber ſie fühlt vielleicht auf ihrer Stirn 7 100 ſeinen heißen Blick, und es iſt darum, daß ſie ihr Haupt tiefer auf ihre Bruſt niederſenkt. Nun, Jungfer Anna, antwortet doch, ruft er faſt rauh, Euer Vater hat's befohlen? Sie nickt langſam mit dem Kopf. Bedeutet dieſes Nicken Ja? fragt er ungeſtüm. Ja, ſagt ſie ganz leiſe, immer noch das Haupt geſenkt. Ein ſchwerer Seufzer ringt ſich aus der Bruſt des Erzherzogs hervor, und einen Moment ſinkt er, wie betäubt von dem Schlage, der eben ſein Herz getroffen, zurück an die Lehne des Stuhls. Dann mit Gewalt ſich aufraffend, erhebt er ſich und geht mit großen Schritten das Gemach auf und ab, wäh rend Anna ſich jetzt langſam auf einen Stuhl nieder gleiten läßt, weil ihr die Füße gar ſo ſehr zittern. Aber den Kopf hat ſie noch immer tief auf ihre Bruſt niedergeſenkt, die Hände hält ſie gefalten im Schooß, und vielleicht betet ſie auch, denn ihre Lippen be wegen ſich leiſe, aber die Worte, die hört und ver ſteht nur Gott. Ganz ſtill iſt's um ſie her, denn die Kinder, die vorher in der Ecke am kleinen Tiſch geſpielt, die ſind ſchon gleich zu Anfang, als der Erzherzog ſich zum 101 Eſſen niedergeſetzt, hinaus geſtürmt, um draußen im Hofe ungenirter weiter zu ſpielen. Niemand iſt im Zimmer, als ſie Beide allein, und Nichts hört man, als das Geräuſch der heftigen bewegten Schritte des Erzherzogs. Auf Einmal bleibt er vor Anna ſtehen, und ſie hört's wohl, wie ſein Athem keuchend aus ſeiner Bruſt hervorgeht. Aber mit der Gewalt des Willens be— kämpft er ſeine Bewegung und zwingt ſeine Stimme ruhig und feſt zu ſein. Jungfer Anna Plochl, ſagt er langſam und leiſe, ich danke Euch, daß Ihr mir die Wahrheit geſagt habt, und ich zürne Euch nicht darüber, daß ſie mir weh thut. Die Wahrheit iſt allemal eine heilige Sache, und da ich ſie begehrt habe, muß ich nun auch die Kraft haben, ſie zu ertragen. Ich danke Euch, daß ich nun erfahren, wie Ihr mich gemieden aus eigner Wahl, und nur gegen mich freundlich ge— weſen auf Befehl des Vaters. Ihr habt mir freilich damit einen letzten heiligen Traum von Glück und Frieden zerſtört, denn Ihr haßt mich und ich— ich lieb' Euch, Jungfer Anna! Still, ſagt kein Wort, fahrt nicht wieder auf in jungfräulichem Zorn! Ich will Euch ja nicht beleidigen. Ihr habt mir die —— 102 Wahrheit geſagt, und ich ſage ſie Euch: Ja, ich liebe Euch! Ich liebe Euch! Seit jener Stunde, Anna, da ich Euch zum erſten Mal geſehen, nein, da ich nur Eure Stimme hörte, da ich, ohne Euch zu ſehen, tief in Euer ſchönes ſtolzes Mädchenherz hin einblicken durft', und auf dem Grund deſſelben nur Unſchuld, Keuſchheit und Tugend ſah. Ja, ſeitdem liebe ich Dich, Anna, und ich ward wieder ein Jüng ling und träumte von Glück. Vergaß es, daß ich der Gezeichnete bin, der zum Unglück Verdammte, hofft' auf menſchlich Glück, auf eine ſchöne Zukunft, hoffte, weil ich Dich liebe, Anna. Es iſt vorbei; ich werde wieder, was ich war, der Erzherzog, der Einſame. Lebt wohl! Ihr ſollt nicht länger vor mir fliehen müſſen, nicht länger gezwungen ſein, mir auf Befehl Eures Vaters freundlich zu begegnen. Ich werde Euch nicht mehr beläſtigen, denn ich werde es nie mals wagen, wieder hieher zu kommen. Lebt wohl! Gott ſegne Euch, liebe Anna, und er ſchenke Euch das Glück, das Ihr ſo ſehr verdient. Lebt wohl! Und haſtig, als fürchte er ſeine eigene Schwäche, wendet er ſich um, und geht hinaus. Wie hinter ihm die Thür in's Schloß fällt, ſpringt Anna von ihrem Stuhl empor, und ſtarrt nach der Thür Lilie, Thre komn 103 Thür hin, mit keuchendem Athem, bleich wie eine Lilie, bebend, wie vom Sturmwind umrauſcht. Keine Thräne netzt ihre brennenden Augen, kein Schluchzen kommt aus ihrem wogenden Buſen hervor, wie eine Statue des Schmerzes ſteht ſie da, in die Ferne lauſchend nach dem Donner, der ſie zerſchmettern ſoll! Und jetzt wird's lebendig draußen. Der Donner rollt! Sein Wagen iſt's, der ihn von dannen trägt! In einer goldenen Wolke ſah ſie ihn zuerſt, jetzt ſieht ſie ihn nicht mehr, denn eine Wolke von Thränen verdunkelt ihr die Augen. In der Ferne verhallt das Donnern des Wagens, der ihn von hinnen trägt. Anna ſtößt einen Schrei aus, einen einzigen, herzzerreißenden Schrei, und dann, wie eine vom Sturm geknickte Lilie, bricht ſie ohnmächtig zuſammen. VI. Verſchwiegenes Leid. Zwei Monate waren vergangen ſeit jenem Tage, an welchem Erzherzog Johann zum letzten Mal das Haus des Poſthalters Plochl beſucht hatte. Er hatte Wort gehalten, er war nicht wieder gekommen, hatte eine Fußreiſe durch ganz Steyermark gemacht, und als er dann nach dem Brandhof zurückgekehrt war, hatte er dort ſo viel Arbeit aufgehäuft gefunden, und ſo Vieles, das ſeine perſönliche Aufſicht und Gegen— wart erforderte, daß er wohl ſeinem Lieblings⸗Ver⸗ gnügen, der Jagd, entſagen und ſich darein ergeben mußte, auf dem Brandhof zu bleiben. Das wenigſtens hatte er dem Poſthalter Plochl geantwortet, als dieſer ihn mit trauriger, bewegter Stimme fragte, weshalb der Erzherzog niemals mehr 105 nach Auſſee komme und niemals mehr auf die Jagd gehe am Grundlſee. Aber gar herzlich hatte der Erz⸗ herzog zugleich den guten Plochl aufgefordert, ihn recht oft zu beſuchen und mit ihm auf die Jagd zu gehen in den Waldungen, die zum Brandhof gehörten, und da der gute Poſthalter in ſeiner beſcheidenen, ehr⸗ furchtsvollen Weiſe doch gar ſelten von der Einladung Gebrauch machte, ſo hatte der Erzherzog endlich feſt— geſtellt, daß Plochl an jedem Sonntag zu ihm nach dem Brandhof kommen ſollte, um den Tag bei ihm zu bleiben und mit ihm zu inſpiciren, was die Arbeiter, die Bauleute, die Wegebauer, die Gärtner und Förſter in der Woche zu Stande gebracht. Niemand in der Gegend wunderte ſich über die Freundſchaft, welche der Erzherzog dem Plochl bewies, denn man wußte ja, daß der Erzherzog ſich gern be⸗ lehrte, und der Poſthalter Plochl war in der ganzen Umgegend bekannt als der beſte Landwirth, der ge⸗ ſchickteſte Gärtner und der ausgezeichnetſte Schütze, und er konnte daher gar wohl dem Erzherzog mit ſeinem guten Rath und ſeinen Erfahrungen nützlich ſein. Auch unternahm der Erzherzog nicht gern etwas Neues auf dem Brandhof, ohne den Rath ſeines praktiſchen Freundes eingeholt und ſeine Billigung ——— 106 erhalten zu haben. Gar Vieles gab es daher zu ſchaffen und zu beſprechen, wenn der Plochl des Sonn— tags nach dem Brandhof kam, und erſt ſpät in der Nacht konnte er jedesmal wieder heimwärts fahren. Es war daher für den Erzherzog Johann eine unangenehme Ueberraſchung, als der gute Plochl heute erklärte, er müſſe um Erlaubniß bitten, ſchon in den erſten Nachmittagsſtunden wieder heimfahren zu können. Eine Wolke flog über die Stirn Johanns. Ihr habt's wohl ſatt, ſo oft zu mir zu kommen, Plochl? fragte er düſter. Oh, Herr Erzherzog wiſſen wohl, daß es meine höchſte Freud' iſt, ſagte der gute Plochl herzlich. Aber eine Familienangelegenheit ruft mich heim. Nun, hoffentlich wenigſtens eine freudige, Plochl? Wie? Hat ſich vielleicht gar Eure Tochter Anna ver— lobt und Ihr feiert heute den Verlobungstag? Oh, ich wollt', es wär' ſo, ſeufzte Plochl traurig. An Freiern fehlt's nit für die Anna, aber ſie weiſt ſie Alle fort, ſagt, ſie darf mich und die Kinder nit verlaſſen. Sie hab's der Mutter ſelig auf dem Sterbe— bett verſprochen, und das iſt wahr. Aber ſo gar ſtreng hat die's auch nit gemeint, und dann, ſie könnt' 107 ja mit ihrem Mann zu mir in's Haus ziehen und wir blieben beiſammen und machten Eine Familie aus. Habt Ihr denn der Jungfer Anna das nicht vor geſtellt, Freund Plochl? Oh, hundert Mal, Ew. Gnaden. Aber ſie ant wortet halt immer: es preſſirt nit! Das nächſte Jahr iſt auch noch Zeit genug! Und jetzt weiß Gott, ob ſie's nächſte Jahr noch erlebt. Was wollt Ihr damit ſagen, Plochl? Die Anna iſt doch geſund? Habt mir doch jedesmal geſagt, daß alle Eure Kinder geſund ſind. Ja, ſeufzt Plochl, ich hab's geſagt, aber Gott ver zeih mir die Sünd', es iſt nit ganz die Wahrheit ge weſen. Die Annerle war all die Zeit her nit mehr wie ſonſt. Sie lacht nit mehr, ſie ſingt nit mehr, ſie tanzt nit mehr wie ein luſtiges Wieſel im Haus herum und ſpringt nit mehr Trepp' auf Trepp' ab wie ein munteres Geislein. Mit jedem Tag iſt ſie ſtiller und ernſter geworden, und zuweilen ſieht's ordentlich aus, als ob das Gehen ihr ſchwer würd', ſo langſam ſchleicht ſie daher. Aber ſie will's nit Wort haben, ſagt immer, ſie wär' halt ganz geſund, es thät' ihr halt kein Finger weh und's wär' nur eine Einbildung von mir. Wenn ich ſagt', ich wollt' mit dem Doctor 108 ſprechen, ſo lacht' ſie mich aus und bat ſo ſehr, es bleiben zu laſſen, daß ich halt nachgab und ſchwieg. Es iſt nur von der Sommerhitz', ſagt ſie, blos davon, daß mir ſo ein biſſel ſchwach iſt, und wenn der Herbſt da iſt, wird's ſchon beſſer werden. Und ich hab's ihr verſprechen müſſen, zu keinem Menſchen zu ſagen, daß ſie krank wär', denn ſie meint, wenn die Leut' dann erſt kommen und fragen und ſo mitleidig Einen be— dauern, ſo wird man erſt krank. So hab' ich ihr alſo den Willen gethan und hab' geſchwiegen zu Jeder⸗ mann und mich nimmer beklagt. Aber beſſer iſt's doch davon nit worden, ſondern immer ſchlimmer, alle Tag' iſt ſie bleicher worden und ſtiller, und jeden Morgen hab' ich ſie in ihrer Schlafſtub' ſo gottsjämmerlich huſten hören, daß mir's Herz weh gethan hat. Sie hat's freilich nachher immer ſtreiten wollen, hat geſagt, ich hätt' falſch gehört, aber jetzt, jetzt kann ſie's halt nimmermehr ableugnen, muß es ſchon zugeben, daß ſie krank iſt und daß der Doctor kommt. Es iſt alſo ſchlimmer geworden? fragte der Erz⸗ herzog mit ſeltſam dumpfer Stimme. Er war an⸗ fangs, während Plochl ſprach, langſam im Zimmer auf und ab gegangen, dann war er an's Fenſter ge⸗ treten, und den Rücken dem Zimmer zugewandt, 109 ſchaute er hinaus auf die hohen grünen Berge dort drüben. Ja, Ew. Gnaden, ſeufzte Plochl, es iſt ſchlimmer geworden, viel ſchlimmer. Geſtern Morgen war ich wieder vor ihre Schlafkammerthür geſchlichen, um zu lauſchen, ob ſie wieder ſo ſtark huſten würd', wie den vergangenen Tag. Und richtig, da geht's los, und ſie huſtet und huſtet und wimmert dazwiſchen und ſtöhnt, daß ich mein', ich ſollt' laut aufſchreien vor Schmerz. Aber was iſt Euch denn, Hoheit? Ihr ächzt ja und zittert ſo ſehr. Es iſt nichts, Plochl, nichts! Achtet nicht auf mich und erzählt weiter. Sie huſtete alſo wieder ſo ſehr? Ja, einen Stein hätt's erbarmen müſſen, ſie zu hören. Auf einmal thut ſie einen Schrei und ich hör' was fallen. So reiß' ich denn die Thür auf und ſtürz' hinein in ihre Kammer. Da liegt das Annerle ganz todtenbleich und ſtarr am Boden und ein paar Blutstropfen hängen an ihren Lippen, und das weiße Tuch, das ſie ganz feſt in ihrer Hand hielt, iſt auch ganz roth von Blut. Der Erzherzog ſtieß einen dumpfen Schrei aus, 5 5 — 110 wandte ſich um, ſtürzte todtenbleich zu Plochl hin und packte ihn heftig am Arm. Sagt mir die Wahrheit, Plochl, rief er mit beben— der Stimme. Die Wahrheit! Sie iſt todt? Jeſus Maria, Ew. Gnaden, behüt's Gott, ſchrie Plochl entſetzt. Wie könnt' ich denn hier ſein, wenn mein Töchterle todt wär'. Nein, ſie lebt, aber ſie iſt krank. Der ſchreckliche Huſten hat ihr eine Ader in der Bruſt zerſprengt und das Blut war ihr über die Lippen gefloſſen. Ich lief gleich zum Doctor, ehe ſie's verbieten konnt', und holt' ihn. Und denkt nur, wie ich mit dem Doctor in's Haus tret', da kommt die Annerle gerad' die Trepp''nunter und thut ganz vergnüglich und lacht und ſagt, ſie wär' geſund wie ein Fiſch. Aber ich nehm' ſie bei der Hand und führ' ſie in ihre Schlafſtub', wo das Bild ihrer Mutter — gerad' über ihrem Bett hängt, und wink' dem Doctor, daß er mit uns kommt. Annerle, ſag' ich zu ihr, es hilft jetzt kein Leugnen mehr und kein Verſtellen, Du biſt krank. Ich war vorhin hier in der Kammer, als Du ſo arg gehuſtet haſt, daß Dir das Blut aus der Bruſt emporgeſtiegen iſt und Du ganz ohne Beſinnung warſt, ſo daß Du nit einmal gemerkt haſt, daß ich bei Dir war. Darum hab' ich den Doctor geholt, und geypr ihren Nleg ſat. ſchon halt au t 111 jetzt, Annerle, ſchau hinauf zu dem Bild Deiner Mutter und denk' dran, daß ſie Dich allzeit gelehrt hat, nimmer zu lügen, nit vor Gott und nit vor den Menſchen, und wenn Du's dann kannſt, ſo ſag's hin— auf zu dem Bild: Mutter, ich ſchwör's Dir, ich bin nit krank, ich bin ganz geſund. Und wie ich das ge⸗ ſagt hab', da fällt das Annerle auf ihre Kniee nieder und weint und ſchluchzt und bittet ſo jämmerlich, ich ſollt' ihr nit bös ſein, daß ſie's immer geſtritten hätt'. Aber jetzt wollt' ſie's nimmer mehr ſtreiten, ſie wär' krank und der Doctor ſollt' ihr nur Arznei geben und ihr ſagen, was ſie thun ſollt', um ganz wieder geſund zu werden. Und was ſagt der Doctor? fragte Johann, der ſich wieder an's Fenſter zurückgezogen hatte und wieder hinaus ſchaute nach den Bergen. Der Doctor hat wohl eine Stund' lang mit ihr geſprochen und ſie ausgefragt und ihre Bruſt und ihren Hals unterſucht und ſein Ohr an ihre Bruſt gelegt, als ſie gehuſtet hat. Dann hat er zu ihr ge— ſagt, es wär' nichts und in einigen Wochen ſollt' ſie ſchon ganz wieder geſund werden, aber ſie müßt' ihm halt ſchon verſprechen, in den vier Wochen genau das D zu thun, was er ihr verordnen wollt' als ihr Doctor 112 und ihr alter Freund, der ſchon ihre Mutter als Kind auf den Armen getragen. Und ſie verſprach's ihm lachend und ſo gingen wir denn hinaus. Draußen aber macht der alte Doctor ein gar ernſthaft Geſicht und ſchüttelt den Kopf und ſagte: Es iſt nit Alles ganz gut mit der Annerle, und wenn Ihr mich jetzt nit gerufen hättet, in zwei Monaten wär's vielleicht zu ſpät geweſen. Die Anna iſt von Natur ein ganz geſundes Mädel und es muß etwas plötzlich auf ſie eingewirkt haben, vielleicht iſt's eine heftige Erkältung, vielleicht iſt's ein ſtiller Gram, ich kann's nicht wiſſen, wenn Ihr's nicht wißt. Und was wißt Ihr? Was denkt Ihr, Plochl? fragte Johann lebhaft. Glaubt Ihr, daß die Anna irgend einen Gram hat? Ih, Gott behüt', Ew. Gnaden. Was für einen Gram könnt' die Annerle wohl haben? Für ein Mädel giebt's doch halt keinen andern Gram, als wenn der Liebſte ihr ungetreu wird, oder ſie nit mehr mag. Aber die Annerle hat ja keinen Liebſten, will ja durch⸗ aus keinen haben. Aber erkält't wird ſie ſich haben und hat nit drauf Acht geben. Iſt beſonders dieſen Sommer gar ſo oft des Morgens ganz in der Früh vor Sonnenaufgang hinab gegangen an den Grundlſee, um d ſich h holt! auf und ſich die nicht Das hat. ſeine hat, Wid Aber 113 um da die Sonn' aufgehen zu ſehen. Da wird ſie ſich halt die Erkältung und den grauſamen Huſten ge holt haben. Was ſagt der Doctor? fragte Johann, immer noch den Rücken gekehrt. Was hat er verordnet? Er hat verordnet, daß das Mädel auf der Stell' auf die Alp hinauf gebracht wird und Milſch trinkt und den ganzen Tag in der Luft da droben iſt, und ſich recht viel im Kuhſtall zu thun macht, damit ſie die Luft davon einathmet. Und ſoll nichts thun und nichts arbeiten, als nur wie eine Sennerin leben. Das iſt die einzige Medicin, die der Doctor verordnet hat. Und nun traf ſich's ganz gut, daß dem Apotheler ſeine älteſte Tochter, die Vroni, auch ſo eine Krankheit hat, und iſt ſchon ſeit dem Frühling droben auf der Wildenſeealp mit einer Sennerin in der Sennhütten. Aber die Vroni muß ſelber ſchaffen als Sennerin und das bekommt ihr gar herrlich. War neulich droben mit ihrem Vater und ſah, daß ſie ſchon ganz rothe Wangen hat, iſt geſund und friſch worden und hüpft und ſingt und ſpringt, wie ein Gemslein. So hab' ich denn gleich geſtern mit dem Apotheker Alles ver abredet und ausgemacht, und die Annerle wird droben auf der Wildenſeealp mit ihr in der Sennhütt' zuſam⸗ Mühlbach, Erzherzog Johann. II 8 —-—ÿ————— 114 men leben und wohnen, und ich denk', da die Vroni ihre beſte und liebſte Freundin iſt, ſo wird ihr das auch gut thun, mit ihr zuſammen zu ſein. Die An— nerle ſoll da auch leben wie eine Sennerin, und ich hoff', es wird ein luſtiges Leben werden. Denn es ſtehen nit gar ſo weit auseinander droben auf der Wildenſeealp an die zwanzig Sennhütten, und in jeder iſt eine hübſche flinke Sennerin, und Abends, wenn die Sonn' hinunter und das Vieh in den Stall ge⸗ bracht iſt, da kommen all die hübſchen luſtigen Dirnen zuſammen am Wildenſee, der nur eine halbe Stund' von den Hütten weiter aufwärts liegt droben auf der Höh', und da tanzen's und jodeln's und ſingen's, daß es eine Freud' und eine Luſt iſt, die prächtigen Lud⸗ lerinnen zu hören. Aber die Annerle darf vor der Hand nit ſingen, das hat der Doctor ſtreng verboten, denn es könnt' ihrer Bruſt ſchaden, ſie dayf auch nit tanzen, aber ſie kann doch zuſchauen und mit den Mädels lachen, und die Hauptſach' iſt, daß ſie die Luft einathmet, die warme Milch von der Kuh trinkt und ein recht ländlich einfaches Leben führt. Zum guten Glück haben wir dazu ein herrliches warmes Auguſtwetter, und darum muß ſie ſogleich ihre Kur anfangen. Noch heute bring' ich die Annerle alſo hinau wesh heute Auſſ Aber ſchon 115 hinauf auf die Wildenſeealp, und das iſt der Grund, weshalb ich Ew. Gnaden bitt', zu erlauben, daß ich heute gleich in den Nachmittagſtunden wieder nach Auſſee heimfahr'. Ich möcht' die Anna noch heute Abend hinauf führen nach der Alp. Die Vroni iſt ſchon benachrichtigt und erwartet ſie dort droben. Und das iſt der Grund, Freund Plochl, weshalb Ihr auf der Stelle abfahren werdet? rief der Erz herzog, ſich raſch umwendend. Nicht eine Viertelſtunde will ich Euch hier länger ſehen, Ihr Rabenvater, der ſein eigen Kind lieber daheim warten läßt, anſtatt mich auf ſeinen Beſuch warten zu laſſen. Bedenkt doch, Mann, daß jede Stund', die ſie früher auf der Alp iſt, ihr Balſam iſt für die ſchwache Bruſt, und daß die Luft⸗Veränderung gleich den ſchlimmen Huſten erleichtern wird. Wie könnt Ihr alſo nur noch hier her kommen und ganz gemüthlich mit mir umhergehen und die Bauten beſichtigen, und dann erſt nach zwei Stunden mir erzählen, daß die Anna daheim krank iſt und auf Euch wartet, damit das arme liebe Kind mit Euch hinauf kann auf die Wildenſeealp. So eilt Euch, Plochl, macht, daß Ihr fort kommt, gar nicht mehr ſehen will ich Euch, Ihr hartherziger Vater. Aber hört, Eure Pferde werden noch müde ſein und 8* 116 nicht gar raſch laufen können, und ſo iſt's beſſer, Ihr nehmt friſche Pferde aus meinem Stall, damit Ihr deſto raſcher heim kommt. Und der Erzherzog ſchellt heftig und befiehlt dem eintretenden Diener, ſofort die beiden Ponnys anzu ſchirren, vor den Wagen des Herrn Poſthalters anzu legen und ſogleich vorzufahren. Aber, Ew. Gnaden ſchmeißen mich ja wahrhaft zum Hauſe hinaus, rief Plochl und zerdrückte eine Thräne der Rührung in ſeinen Augen. Hätte ich gewußt, was für ein kalter grauſamer Rabenvater Ihr ſeid, ſo hätte ich Euch gar nicht herein gelaſſen, ſagte Johann, und beinah ſah es aus, als hätte er im Ernſt ſo geſprochen, denn ſein Geſicht war ganz ernſt, nicht das kleinſte Lächeln ſtand auf demſelben. Eine Viertelſtunde war kaum vergangen, als der Poſthalter Plochl ſich von dem Erzherzog Johann verabſchiedete. Wißt Ihr was, Plochl, ſagte Johann ſinnend, am beſten iſt's, Ihr laßt gar nicht ausſpannen, ſon⸗ dern bittet die Anna, gleich mit Euch weiter zu fahren. Beinahe bis zur Alpe Henar kann man mit guten Pferden und einem leichten Wagen fahren. Die 117 Holzhauer haben einen guten Weg durch den Wald geſchlagen, ich kenne den Weg, bin ihn ſchon zwei Mal gefahren, und meine Ponnys verſtehen ſich ſehr gut auf die Gebirgswege. Nehmt ſie alſo, fahrt mit ihnen hinauf, und von der Henarer Alp habt Ihr dann nur noch eine Stunde. Ew. Hoheit iſt gar ſo gütig und gnädig, ſagte Plochl gerührt, und ich weiß gar nit— Ich weiß aber, daß Ihr Euch eilen ſollt, unter bricht ihn der Erzherzog. Fort, Plochl, kein Wort weiter. Grüßt Eure Tochter von mir, und erzählt ihr auch, daß ich jetzt abreiſe. Der Kaiſer ruft mich nach Wien zurück und ich muß fort. Es wird der Jungfer Anna angenehm ſein, das zu hören. Wie können Ew. Gnaden nur ſo etwas ſagen und denken, daß die Anna— Fort, Herr Plochl, fort! Denkt an Euer krankes Kind! Eine Minute ſpäter rollt der Wagen fort. Der Erzherzog ſteht am Fenſter und grüßt Plochl zum Ab ſchied und ſchaut ihm nach, bis der Wagen um die Felſenecke verſchwunden iſt. Dann murmelt er leiſe: Ich muß und will klar ſehen. Ich will ihren Gram kennen, und ehrlich und —— 4 — ͦ— — 118 frei will ich und muß ich noch einmal zurihr ſprechen. Zuweilen will mich die ſüße Ahnung beſchleichen, daß das holde Kind— Still, mein Herz, ich will's noch einmal verſuchen, noch einmal mein Geſchick in ihre Hände legen, und dann— mag Gott entſcheiden. VII. Auf der Wildenſeralp. Der Abend dämmert herauf, die letzten Strahlen der Sonne verglühen an der ſchroffen Felſenwand des Koglberges da drüben, die letzten Töne der Ludlerinnen verklingen in den wiederhallenden Bergen. Am Wil denſee haben ſie zuſammen geſungen und getanzt, bis die Schatten der Dämmerung ſich über die dunkeln Waſſer gelegt haben, dann ſind ſie heimgekehrt nach der Alp. Jetzt am Rande des Waldes, der zum See führt, da bleiben die Sennerinnen ſtehen, denn da ſcheiden ſich die Wege zu den verſchiedenen Sennhütten, da müſſen ſie Abſchied nehmen. „Gut' Nacht! Behüt' Di Gott, und gute Träum'“, tönt's herüber und hinüber. Dann ſieht man die raſchen hübſchen Dirnen hier hin und da hin wandern 120 mit rüſtigem Schritt den Sennhütten zu, die einzeln und zerſtreut, jede auf einer kleinen Wieſenmatte da liegen, die Hinterſeite entweder an eine Felſenwand gelehnt, oder nahe an den Rand des Waldes heran⸗ tretend. Zwei der Sennerinnen nur bleiben bei einander, Arm in Arm wandeln ſie dahin, bald über Felsgerölle klimmend, bald in kleine Thalgründe hinab ſteigend, bis ſie die Sennhütte erreicht haben, die ganz oben auf der Alp in reizender, maleriſcher Umgebung liegt. Die Sonne, welche aus den Thälern und den tiefen Bergkeſſeln ſchon ganz und gar verſchwunden iſt, küßt den Berggipfel noch mit einem letzten Purpurſtrahl und vergoldet die zwei kleinen Fenſter der Sennhütte. Hart am Abhang einer moosbewachſenen Felſenplatte liegt die Hütte, und vor ihr ſtehend hat man eine weite herrliche Ausſicht hinab in das ſchöne zerklüftete Thal und auf den Wildenſee, deſſen Rand drüben von weißen zackigen Felsſpitzen umgeben iſt, an denen die Tannen wie Gemſen zierlich und behend hinaufklettern und der hier auf der Seite der Sennhütte von einer blumigen Wieſe eingefaßt iſt. Hinter den Felſen drüben ſteigt das Todtengebirge mit ſeinen dunklen Waldhöhen empor und ſchließt ringsum hier oben hbinter aber weißen vom Senn Roſer ſchmü rinn gewe hat hat dan 121 hinter der Felſenplatte den Horizont ein. Dahinter aber heben ſich wie rieſenhafte Nebelgeſtalten die weißen Gletſcherſpitzen mit ihren maleriſchen Formen vom dunkelblauen Himmel ab. Zur einen Seite der Sennhütte liegt ein kleines eingezäuntes Gärtchen mit Roſen und Geisblatt und allerlei Alpenpflanzen ge⸗ ſchmückt, die Rückenwand ſchützt ein ſchroffer Felſen⸗ kegel, und hier an der andern Seite der Sennhütte zwiſchen zwei weit vorſpringenden Felſenblöcken iſt der Stall für das Vieh angebracht. Es iſt keine gewöhnliche Sennhütte, ſie zeichnet ſich aus durch ihre Zierlichkeit und Sauberkeit und durch das Gärtchen mit dem niedlichen Zaun von geflochte⸗ nen Weidenruthen. Auch der Stall für das Vieh iſt ein beſonderer Luxus dieſer Sennhütte, die inmitten ihrer kleinern dürftigern Schweſtern ein gar vornehmes und feines Anſehen hat. Aber es wohnen auch keine gewöhnlichen Senne rinnen in dieſer Sennhütte und ſie gehört auch keinem gewöhnlichen Bauersmann. Der Apotheker Menzel hat dieſe Sennhütte mit dem Land umher gekauft und hat ſie ſo hübſch herrichten und hat auch den Stall daneben bauen laſſen, damit nicht, wie in den andern 122 Sennhütten, das Vieh mit der Sennerin unter Einem Dache wohnt. Denn in dieſer Sennhütte, da wohnt des Apothe kers einzig Kind, die ſchöne Vroni, die von ihrer ver ſtorbenen Mutter die Anlage zur Schwindſucht geerbt hat, und weil er die Vroni gar ſo innig liebt, ſo möchte er Alles thun, um ſie zu behüten vor der ent⸗ ſetzlichen Krankheit, und darum ſoll ſie, wie es der Arzt befohlen, bis zu ihrem zwanzigſten Jahr jeden Sommer in der Sennhütte ganz oben auf der Wilden— ſeealp leben und die Bruſt und die Lungen ſtärken an der Luft, den Kräutern und der Milch. Seit vier Tagen iſt die Vroni nicht mehr allein mit der Sennerin droben in der Hütte, die Anna Plochl iſt bei ihr, die liebe herzige Freundin der Vroni, und jetzt eben kommen ſie Beide Arm in Arm heim vom Wildenſee. — Die Magd der Vroni, die gute Raffle, ſteht vor der Sennhütte und begrüßt ihre beiden lieben Mädels mit einem fröhlichen Jauchzen, nickt ihnen freundlich den Abendgruß und bringt ihnen geſchäftig den Krug mit der warmen Milch herbei, die ſie eben ganz friſch von der großen Braunen gemolken hat. Die beiden Mädchen trinken; die Vroni, weil's ihr wohlbehagt, die An ſie den was de Je Magd Annert immer Mußt lleinen die Ei alſo, die Annerle, weil's der Arzt ſo verordnet und weil ſie dem Vater verſprochen hat, pünktlich Alles zu thun, was der liebe alte Doctor befiehlt. Jetzt reicht Vroni lachend ihren geleerten Krug der Magd dar. Schau nur, Raffle, wie langſam das Annerle trinkt, ich bin ſchon fertig und ſie trinkt noch immerfort. Nun ſag', was giebt's Neues, Raffle? Mußt was Neues wiſſen, Raffle, ſonſt wird unſerer kleinen Stadtdam' die Zeit hier oben lang. Sie iſt die Einſamkeit noch nit gewöhnt hier oben. Geſchwind alſo, Raffle, erzähl' was Neues! Weiß auch was Neues, lacht Raffle. Es war etwas hier, was ſehr ſelten kommt. Ein Beſuch! Ein Beſuch? ruft Vroni erſtaunt. Ein Beſuch, und Du haſt uns nicht gerufen, Du böſes Ding? Aber ich kann mir ſchon denken, was für ein Beſuch das war. Die Kräuterlieſel iſt's geweſen, die alle Monat beim Vollmond hier oben ihre Kräuter ſam melt, um ihre Zaubertränk' daraus zu brauen. Heute iſt Vollmond, und alſo iſt die Kräuterlieſel hier ge weſen, um ſich ein Butterbrod geben zu laſſen, ehe der Mond aufſteigt. Ja, die Kräuterlieſel iſt auch hier geweſen, ſagt 124 Raffle lächelnd, aber die Kräuterlieſel iſt kein Beſuch und gar nicht ein hübſcher Mann. Was? Ein hübſcher Mann war hier? Ein bildhübſcher Mann, Jungfer Vroni. Augen hat er gehabt wie Sterne ſo groß und ſo prächtig, und ſo mild und ſanft hat er ausgeſchaut und dabei ſo traurig, als wär's ihm gar nit recht, daß er auf der Welt iſt. Und ſo ſauber und fein war ſein Jagd⸗ anzug, ſo prächtig geſtickt ſein Ledergurt und die Jagd⸗ taſch', und ſo ſchön und ſchlank ſeine Geſtalt. Eine Luſt war's, den ſchönen Jägersmann anzuſehen. Ein ſchöner Jägersmann! ruft Vroni lachend. Nein, iſt das Raffle boshaft! Zwei Sommer wohn' ich ſchon hier oben, und außer dem Vater und den Brüdern iſt noch kein anderer Beſuch als die Kräuter⸗ lieſel hier oben geweſen. Und jetzt kommt ein Jägers⸗ mann, und noch dazu ein ſchöner, und die Raffle ruft mich nit mit einem Jauchzen heim, läßt mich ruhig am Wildenſee mit den Ludlerinnen. Aber ſag', Alte, was wollt' er denn, der ſchöne Jägersmann? Fragt' er nach mir? War er ſehr traurig, daß er mich nit fand? Denn um meinetwillen iſt er doch natürlich gekommen, nit wahr? Denkt gar nit dran, lacht das Raffle. Wußt' gar nit, daf um mem ſoll ein das ha der Bo terbrod Un) warum daß er 125 nit, daß ein Jungfer Vroni auf der Welt iſt! Blos um meinetwillen iſt er kommen, blos damit ich ihm ſoll ein Glas Milch geben, und ein Butterbrod, und das hab' ich denn auch gethan, und hier außen auf der Bank, da hat er die Milch getrunken, das But terbrodt aber hat er in die Jagdtaſche geſteck. Und haſt ihn nit gefragt, Alte, wie er heißt, und warum er hier hinauf kommt? Und haſt nit gemerkt, daß er um meinetwillen, oder um das Annerle kommt? Gar nichts davon hab' ich gemerkt. Iſt ein Gems jäger, wollt' heut' noch hinüber zur Breumigalp', um da zu nachten, und morgen nach dem Salzburger Gletſcher weiter zu wandern. Wie er heißt, hab' ich ihn nit gefragt, denn das würd' ſich nit geſchickt haben. Aber daß er nit um Euretwillen oder um die Jungfex Anna kommen iſt, das hab' ich gemerkt, denn er dacht gar nit, daß hier noch Andere wohnen außer mir, und fragt mich, ob's nit ſehr einſam wär' hier droben ſo ganz allein? Und da ſagt' ich ihm denn, daß ich nit allein hier oben wär', ſondern mit zwei gar hübſchen Stadtmamſells, die nur eben mit den Sennerinnen hinunter gegangen wären an den Wildenſee. Was thun denn die Stadtmamſell's hier oben auf der Alpꝰ fragt er lachend. Hier droben giebt's doch kein 126 Plaiſir für ſie. Es müßt' denn ſein, daß der Berg— geiſt ihr Liebſter iſt. Da ſagt' ich: Plaiſir giebt's hier nit, aber Geſundheit, und der Berggeiſt iſt nit der Schatz, um den ſie herkommen ſind, ſondern un⸗ ſere große braune Kuh. Die Manſell's ſind hier droben, um geſund zu werden, und Milch zu trinken, und Luft zu ſchnappen. Da ſah er auf einmal ganz ernſthaft aus, und mit einer gar herzigen und lieben Stimme ſagte er: Der liebe Gott da droben laſſe es den beiden Mädels zum Segen gereichen, und ſchenke ihnen bald ihre Geſundheit wieder. Und dann ſtand er auf, wünſcht' mir einen herzlichen Behüt' Euch Gott! und ging drüben um die Waldeck'.— So, nun wißt Ihr die ganze Geſchicht', und jetzt geh' ich ſchla⸗ fen. Die Sonn' iſt längſt unter, und da iſt's auch für die Raffle Zeit, denn ich muß noch vor der Sonn' wieder auf ſein. Gut' Nacht allerſeits, und gute Ruh'! Gut' Nacht, Raffle, und träum' von Deinem Lieb⸗ ſten, dem Berggeiſt! ruft Vroni lachend der Raffle nach, dann wendet ſie ſich ihrer Freundin zu, die in ſich verſunken, ſtill und ſinnend neben ihr auf der Bank ſitzt, die Hand an den Krug gelegt, der vor ihr auf dem kleinen Brettertiſch ſteht, das Köpfchen urückel riſchen? Nun Wort⸗ Rifflee Ja, Und nd ich um Dei ſicherlich das gef lcher Li 80 läſer z diebhabe 88 ſt D Aoe ten Din don ſech zurückgelehnt an der Hütte und mit großen träume riſchen Augen hinaufſtarrend zum Himmel. Nun, Annerle? fragt Vroni ſanft. Sagſt kein Wort? Haſt wohl gar nit einmal gehört, was die Raffle erzählt hat? Ja, Vroni, ich hab's gehört, ſagt Annerle leiſe. Und biſt ſo gleichgültig dabei? ruft Vroni eifrig. Und ich möcht' doch wetten, daß der ſchöne Jäger um Deinetwillen kommen iſt, Annerle. Es hat ihn ſicherlich'nauf getrieben, zu ſehen, wie's Dir geht. Das gefällt mir von ihm, Annerle, und ein gar zärt— licher Liebhaber muß es ſein! Ich hab' keinen Liebhaber, Vroni, ſeufzt Anna mit leiſer zitternder Stimme. Der Tod, das iſt mein Liebhaber, und der wird mich bald heimholen. Und es iſt auch am Beſten ſo, ich beklag' mich gar nit. Aber das iſt nit natürlich, und geht nit mit rech— ten Dingen zu, ruft Vroni kopfſchüttelnd. Ein Mädel von ſechszehn Jahren denkt nit an den Tod und ſehnt ſich nit nach ihm. Da muß was dahinter ſtecken, Annerle, und Du ſollſt es mir ſagen. Schau', ich hab's nimmer glauben können, daß Du blos von einer Erkältung ſollt'ſt ſo mager und ſo blaß worden ſein. Der Doctor und Dein Vater, die glauben das, aber 128 ich kenn' Dich beſſer, weiß, daß Du ein kerngeſund Mädel biſt, und Dir kann eine Erkältung nichts an haben. Die huſtet ſie raus, und ſchwitzt ſie raus, und dann iſt's halt wieder gut. Aber wenn meine prächtige, friſche Alpenroſ', mein Annerle, auf Einmal blaß wird und mager, wenn ſie nit mehr ſingt, und lacht und fröhlich iſt, ſondern traurig umher ſchleicht, und ſo grauſam huſtet, ſo hat das ganz einen andern Grund. Was für einen andern Grund könnt's denn haben? fragt Anna ſchüchtern und beklommen. Den Grund, daß die Annerle einen heimlichen Gram hat! Ihr Huſten kommt nit aus der Bruſt, ſondern aus dem Herzen, und in ihrem Herzen da liegt auch ihre ganze Krankheit. Hab' Dich beobachtet dieſe Tag' her, hab' geſehen, wie Du hinſtarrſt und ſeufzeſt, und auf Einmal Dich dann zuſammen nimmſt, und fröhlich thuſt, wie Du heimlich weinſt, wenn Du glaubſt, daß Du allein biſt, und wie Du oft im Schlaf auffährſt und jammerſt und klagſt? Jeſus Maria, hab' ich was geſagt im Schlaf? Nein, Annerle, Du haſt nichts Beſtimmtes geéſagt im Schlaf, aber jetzt im Wachen ſollſt Du's thun! Mir, Deiner Vroni, ſollſt Du ſagen, was Dir fehlt, und we Alles b bin De lang w Und w terle ge denn ſi und ich ſo lieb Und d Und w ſtarb, gelegt, euch er vor ein denn u das di wiſſen. ſagen, 129 und was Dir's liebe Herz bedrückt. Mir ſollſt Du Alles bekennen, denn ich hab' ein Recht auf Dich, ich bin Deine beſte Freundin, bin Deine Schweſter, ſo lang' wir leben, kennen wir uns und lieben wir uns. Und weißt noch, Annerle, wie oft Deine liebe Mut⸗ terle geſagt hat: Die Vroni die iſt auch mein Kind, denn ſie iſt das Kind von meiner beſten Freundin, und ich dank' Gott, daß ihr beide Mädels euch auch ſo lieb habt, wie eure Mütter ſich lieb gehabt haben. Und der liebe Herr Gott geb' ſeinen Segen dazu. Und weißt noch, Annerle, den Tag, wie Deine Mutter ſtarb, wie ſie da hat unſere Händ' in einander gelegt, und hat geſagt: bleibt Freundinnen und liebt euch euer Lebenlang. Habt nimmer ein Geheimniß vor einander, ſondern ſagt euch Alles, was ihr denkt, denn was zwei unſchuld'ge Herzen zu einander ſprechen, das dürfen auch die lieben Engelein und der liebe Gott wiſſen. Und wenn ihr euch vornehmt, euch Alles zu ſagen, ſo werdet ihr auch nimmer was thun mögen, was ihr einander nit ſagen könnt! Weißt noch, An⸗ nerle, wie das Deine ſelige Mutter geſagt hat, und wie wir, unſere Händ' in ihre Hand gelegt, geſchworen haben, wir wollten nimmer ein Geheimniß vor ein⸗ ander haben? Mühlbach, Erzherzog Johann. II. 9 130 Ja, ich weiß es, ach, ich weiß, klagt Anna, leiſe weinend und ſchluchzend. Hab's nimmer vergeſſen, Vroni, und's hat mich gequält all dieſe Zeit her. Es hat Dich gequält, Annerle, weil Du Dein Wort nit erfüllt, und nit gethan haſt, was Du Deiner herzlieben Mutter ſelig verſprochen. Haſt Heimlich⸗ keiten gehabt vor Deiner Freundin, haſt mir Dein Herz nit zeigen wollen. Oh, Annerle, Annerle, das iſt nit gut von Dir, und ich muß denken, daß Du nit den Muth haſt ehrlich zu ſagen, was Dir iſt, und daß die lieben Engelein und der Herr Gott es auch nit hören dürfen! Vronil ſchrie Annerle, die Hände ringend, Vroni, ſei barmherzig! Red' nit ſo ſtreng mit mir, es bricht mir das Herz! Sollſt mir ſagen, was Dich grämt, ſagt Vroni ernſt und feierlich, ſollſt mir ſagen, wovon Du ſo blaß und ſo traurig biſt. Sollſt mir Alles bekennen, Deine Mutter ſelig befiehlt es Dir! Ich will auch gehorchen, ich will's auch thun, klagt Annerle, die Hände ringend, während die Thränen ihr in hellen Strömen über die Wangen rollen. Ich hab's auch immer gedacht, daß ich’s thun wollt', aber es ging nur nit, es kam nit über meine Lippen. Ach, Vroni, wie kann ich denn zu Dir ausſprechen und bekennen, was ich dem lieben Gott ſelber nit zu ſagen wag'. Hilf mir, Vroni, ſteh mir bei, es kommt ſonſt nit heraus aus dem armen Herzen! Vroni rückt ganz dicht zu ihr heran auf die Bank, und legt den Arm um Anna's Schultern, und zieht ſie dichter zu ſich, und Anna legt das Köpfchen auf Vroni's Buſen, und weint bitterlich. Still, ganz ſtill iſt's um ſie her, gar ſüße, heilige Nachtruhe hält die ganze Natur umfangen. Drüben über'm Gebirge ſteigt langſam der große gelbe Mond empor, und wirft blaſſe Lichter über die zackigen Fel⸗ ſen und den ſchwarzen Wald, und zieht ſilberne Streifen durch die ſtillen Waſſer des Wildenſees dort hinten, und beleuchtet das Gärtchen vor der Senn⸗ hütte, und ſchaut ganz groß und neugierig den beiden Mädchen in's Angeſicht. Aber neben dem Licht er— ſcheinen die Schatten deſto ſchwärzer und dunkler, und der große Felsblock dicht neben der Bank, der die eine Seitenwand der Hüttenhegrenzt, der wirft einen langen ſchwarzen Schatten über die Wieſenmatte und D das moosbewachſene Geſtein hin. a könnte Jemand heraufſchleichen, und die beiden Mädchen würden's 9* 132 nicht ſehen, ſo dunkel iſt es da, und ſie, würden's auch nicht hören, denn ihre Gedanken ſind mit ganz etwas Anderm beſchäftigt, mit Anna's Schmerz und Leid! Vroni drückt die weinende Freundin feſter an ihre Bruſt d küßt inbrünſtig ihre Stirn. Nun ſprich, ein Annerle, nun ſag' mir Alles! Nit wahr, Du 8½ haſt einen Liebſten, und magſt dem Vater nichts ſagen? Oh, ich denk's mir ſchon? Iſt nur ein armer Burſch', und Du denkſt, Dein Vater wird * ich ihm nit geben wollen. Nit wahr, ich hab' recht Der ſchmucke Jägersmann, der heut' hier en, der iſts, den Du lieb haſt? 1, ich: wol llr, Du hätt'ſt Recht, und! 4 2 ,den ich lieb hab', ich wollt' es wär' ein Gemsjäger. Würd' dreiſt vor meinen * ntret und ſagen: den lieb' ich und den ſollſt mir zun Mann geben. Aber das iſ eben mein Gram und mmein Herzeleid, daß das nimmer und daß ich keinem Menſchen ſagen darf, fi Lieb⸗ 8* erzen trag', und daß ich ott ekennen huine * 133 Oh, Vroni, wie kannſt ſo'was Schreckliches denken. Nein, das iſt's nit, der liebe Herr Gott würd' mich bewahren vor ſo einem Verbrechen! Nun, lieb' Annerle, ſo ſag' mir's, wer iſt's, den Du liebſt? Ich kann nit, kann's nit ſagen, ſtöhnt Anna, und wenn ich's ſagt', ſo würd'ſt über mich lachen, und würd'ſt mich verſpotten, oder denken, ich hätt' den Verſtand verloren, und wär' vor Hochmuth krank worden in meinem armen Kopf. Nein, Anna, ich werd' das nimmer denken, und werd' auch nit lachen, und Dich verſpotten, denn ich ſeh', daß Du traurig biſt, und viel leichter möcht' ich über Dich weinen, als daß ich lachen könnt'! So ſprich alſo, meine Freundin, meine liebe Schweſter! Denk' an Deine Mutter, und was Du ihr verſprochen haſt, und ſprich zu Deiner Vroni. Ich will's auch, will auch ſprechen, ruft Anna. Es wird mir das Herz erleichtern, und ich mein', ich werd' leichter und glücklicher ſterben, wenn ich Dir Alles bekannt und gebeichtet hab’, was ich ſelbſt dem Prieſter in der Beicht' nit ſagen könnt', Auf meinen Knieen will ich Dir Alles ſagen, Vroni, als wärſt Du mein Beichtiger, und ich bekennt' Dir alle meine Sünden! V 1 ———— —— Und Anna gleitet von der Bank nieder auf ihre Kniee, und faltet ihre Hände, hebt das liebe, von Thränen überfluthete Angeſicht zum Himmel empor, und betet leiſe Auch die Vroni hat die Hände ge— faltet, und betet leiſe. 12 Der große volle Mond ſteht noch immer da drüben hoch über dem ſchwarzen Bergesrücken, und ſchaut feierlich und ernſt die beiden Mädchen an, und wirft ſeine ſilbernen Lichtſtreifen über ſie, und dicht neben ihnen die ſchwarzen Schatten von dem Felſenblock, hinter dem gar leicht Einer ſtehen könnt' und horchen. So, flüſtert Anna, jetzt, ich hab' den lieben Herr Gott gebeten, mir beizuſtehen, daß ich Dir Alles ſagen könnt', und daß Du der Beichtiger wärſt, dem ich Alles bekenn', damit ich in Frieden ſterben kann. Vroni, gieb mir Deine Hand, ſo, und nun will ich bekennen. Ja, Vroni, Du haſt Recht, ich hab' einen Gram im Herzen, und die Lieb' iſt mein Gram und meine Sünd'. Vroni, oh ich bitt' Dich, lach' nicht und ſpott' nicht, aber ich lieb' ihn, ach ich lieb' ihn ſo ſehr, und daß ich ihn zuerſt geſehen hab' als ſchlichten Jäger, das war Schuld daran, da hat ſich die Lieb' in mein Herz eingeſchlichen, und als ich ann erfuhr, wer er war, da war's ſchon zu ſpät, 135 da ſaß die Lieb' ſchon drin in meinem Herzen, und ich konnt' ſie nimmer mehr herausreißen, ich mußt' ihn lieben! Wen denn, Annerle? Von wem ſprichſt denn? Wen liebſt Du denn? 7 Den Erzherzog Johann, ſchreit ſie überlaut, wie in einem Krampf des Schmerzes. Jeſus Maria! ruft Vroni aufſpringend. Siehſt wohl, jammert Anna, Du entſetzt Dich vor mir, und ziehſt Deine Hand von mir, nun Du weißt, was für eine große Sünderin ich bin! Oh nein, Annerle, ich entſetz' mich nit vor Dir, aber der Schreck fuhr mir nur ſo durch die Glieder, daß ich aufſpringen mußt'. Jetzt ſetz' ich mich wie— der, und da haſt Du meine Hand, Annerle, und nun ſteh' auf und ſetz' Dich zu mir hier auf die Bank, und leg Dein liebes Köpfle auf meine Schulter! Nein, Vroni, nein, auf meinen Knieen will ich liegen, und Alles beichtigen! Kennſt nun mein Un⸗ glück, Vroni, weißt, warum ich ſterben muß, und bin doch ſo jung, und könnt' ſo glücklich ſein! Aber wie iſt's möglich, Annerle, wie iſt das Un⸗ glück über Dich kommen? Einen kaiſerlichen Erz⸗ herzog zu lieben! 136 Ich ſag' Dir's ja, Vroni, als ich ihn zum erſten Mal ſah, da wußt' ich ja nit, wer er wär'. Es war im vor'gen Jahr, juſt wie Du ſo ſehr krank warſt und konnt'ſt deshalb gar nit Theil nehmen an dem Feſt, und durft'ſt gar nit herunter kommen von der Alp zum Feſt, das die Stadt dem Herrn Erzherzog gab. Da war's, da ſah' ich ihn zum erſten Mal! Drunten am Grundlſee war's. Ich ſtand droben auf der Felsplatte, und der Thomas Voregger war mir nachgangen und quält' mich mit ſeinen Heiraths⸗ anträgen, und ſo ward ich zuletzt rabiat, und lief auf der ſteilen Seit''nunter in meinem dummen Zorn, und wär' ſicherlich den Abgrund hinunter geſtürzt, und hätt' mir's Genick gebrochen. Aber Gott ſchickt' ihn mir, daß er mich erretten ſollt'. Ich hatt' die Beſinnung verloren, wie ich'nunter ſtürzt' in den Abgrund, und als ich die Augen wieder aufthat, da meint' ich, ich wär' geſtorben, und's wär' ein Engel, der ſich über mich neigt, und mit ſo großen milden Augen zu mir niederſchaut, und ich fühlt' doch, daß ſeine Blicke mir tief in's Herz drangen wie Sonnen⸗ ſtrahlen, vor denen mein ganzes vergangenes Leben hinſchmolz, wie Schnee und Eis. Er ſprach zu mir, und mild und ſanft wie Muſik war ſeine Stimme, 137 und ich lag ſtill in ſeinen Armen, und war ſelig wie ein abgeſchiedener Geiſt. Da kam der Thomas und weckt' mich aus dem Traum, und ſchalt mich aus und meint', das wär' ein Liebſter, mit dem ich ein Stelldichein hätt'! Oh, wie Er da geſprochen hatt', ſo anders, als wie ich's jemals gehört, und doch ſo ſchlicht und einfach, als könnt' man gar nit anders ſprechen. Und ich konnt' nichts, als nur ihn an— ſchauen, und war glücklich, weil er mich ſo lobt, und dacht' nur in meinem Herzen: Er hat Dir's Leben gerettet, und Gott hat ihn Dir geſchickt zu einem neuen Leben. Und wußteſt nit, wer er war, Annerle? Erkannt'ſt ihn nit? Hatt' ihn gar nimmer geſehen! Glaubt', was er ſagt', er wär' ein Gemſenjäger, und ſo war er an— gekleidet, ſprach freilich anders, viel ſchöner und viel beſſer, als wie wir. Hatt' auch ein gar ſtolz und vornehmes Weſen, trotzdem er nur ein Jäger ſchien. Aber ich glaubt' ihm ja, daß er's wär', und das macht' mich zutraulich, und mein Herz that ſich auf vor ihm, und weil er Alles gehört hat, was ich mit dem Thomas geſprochen, ſo hatt' ich ihm nichts zu verſchweigen, und er hatt's gehört, wie ich dem 138 Thomas ſagt: der Mann, den ich einſt lieben würd', den müßt' Gott ſelber mir ſchicken und aus einer goldenen Wolke müßt' er mir entgegentreten. Er ſprach zu mir ſo ſchön und gut, und ich ladete ihn ein, beim Feſt morgen unſer Gaſt zu ſein. Er nahm es an und fordert' mich auf zum erſten Tanz, und dann ging er fort. Da ſchaut' er noch einmal zurück vom Waldesrand und die Sonne warf ihre Abend⸗ ſtrahlen über ihn und ich fühlt': Gott ſchickt ihn mir! Er war's! Der Mann, der aus der goldenen Wolke zu mir trat, daß ich ihn lieben mußt'. Armes, armes Kind, murmelte Vroni. Ein glückſelig Kind war ich, Vroni, ſagt ſie lebhaft. Die ganze Nacht dacht' ich an ihn und konnt' nit ſchlafen und freut' mich nur, ihn morgen wieder zu ſehen. Und der Morgen kam und ich ſah ihn wieder und wußt' immer noch nit, wer er war, denn er hat ſein Jägerkleid nit abgelegt und ich war ſo froh, ihn zu ſehen und fühlt' nur immerfort: den liebſt und den wirſt ewig lieben! Und Alles jubilirt' und ſang und jauchzt', da traf's mein Herz, da ſagt' er mir ſelber, er wär' der Erzherzog Johann, und er möcht, er wär's nicht. Und bat mich, daß ich ihm nit bös ſein ſollt'. Ach Gott, man iſt nit bös und grollt nit, 8 wenn Ei eben dra Arm den Kop zärtlichk O, Tag mit ausreiße nit zug auch Er als Sch meine( Herz ſt gar un daß er luſtige ſtiegen Weg konnt. mneinen Thrän das ſe gar ſo ich die 139 wenn Einer Einem's Herz zerbricht. Man ſtirbt nur eben dran! Armes, armes Kind, ſagt Vroni wieder und drückt den Kopf der Freundin, die vor ihr liegt, mit ſanfter Zärtlichkeit an ſich. Armes Kind. Oh, Vroni, ſeitdem hab' ich gekämpft Nacht und Tag mit meinem Herzen, hab' endlich wollen die Lieb' ausreißen und konnt's doch nit. Nur das hab' ich mir zugeſchworen, daß kein Menſch es wiſſen ſollt, auch Er nit, und daß ich lieber's Leben laſſen wollt', als Schand' und Kummer über meinen Vater und meine Geſchwiſter bringen. So hab' ich denn mein Herz ſteif gemacht, daß ich's vermocht, ſo oft er kam, gar unfreundlich und grob zu ſein. Merkt's oft genug, daß er mich traurig anſchaut', aber ich that nur deſto luſtiger, und wenn mir die Thränen in die Augen ſtiegen, da lacht' ich und wußt' allzeit ihm aus dem Weg zu gehen, daß er mich nimmer allein ſprechen konnt'. Ach, Vroni, Abends aber, wenn ich allein in meiner Kammer war, da bat ich's ihm mit tauſend Thränen ab. Hatt' mir ein Bild von ihm gekauft, das ſchaut' ich an, und Gott verzeih's mir, wenn ich gar ſo bös und grob zu ihm geweſen war, dann hatt' ich die Courag' und küßt' mein liebes Bild, als wär! l e 140 er's ſelber, und bat ihn, mir zu vergeben, daß ich ſo ſchlecht geweſen, und ſagt' ihm, daß ich nit anders ſein dürft' und daß ich ihn am meiſten liebt', wenn ich am ſchlimmſten gegen ihn geſchienen hätt'. Ach, Annerle, es wär' beſſer geweſen, Du hätt'ſt das Bild nit gehabt. Nein, Vroni, wenn ich das nit gehabt hätt', wär' ich ſchon lange todt. Das Bild war mein einz'ger Troſt, und wenn ich's lange angeſchaut, war mir's, als wenn's mich anlächelt, und ich meint' zuweilen, ich hört' ihn flüſtern: lieb Annerle, ich vergeb' Dir. Ich weiß, was Du leideſt!— Aber er hat's nit ge— wußt und hat ſich beſchwert zum Vater, daß ich ſo unfreundlich gegen ihn wär'. Und der Vater befiehlt mir, ich ſollt' freundlich ſein und das nächſte Mal, wenn der Herr Erzherzog käm', da ſollt' ich ihn will— kommen heißen und gar nicht aus dem Zimmer gehen und bei ihm bleiben und mit ihm ſprechen. Und weil's der Vater ſo ſtreng befahl, ſo mußt' ich ihm wohl verſprechen, daß ich gehorchen wollt'. Und, Annerle, armes Kindle, er kam? Er kam, Vroni, und Gott wollt's ſo, daß ich allein war. Nur die Buben waren im Zimmer und liefen bald hinc mit einan — Oh, Mein klopfts n als ſollt daß ich ih Ic dach Vater un mit keine müßt ich mein Her und je r und fühlt er mich weſen.„ ob es nu geſprochen hätr. Jo Va, abſi weiter. 0 dder ob'8 141 bald hinaus, und nun waren wir Zwei ganz allein mit einander. Oh, heil'ge Jungfrau, wie mir's Herz klopft, ſeufzt Vroni. Mein Herz, Vroni, das ſtand ganz ſtill, und dann klopft's wieder ſo mächtig laut und ich hatt' Angſt, als ſollt' ich ſterben und war doch heimlich glücklich, daß ich ihn endlich ſehen und mit ihm ſprechen konnt'. Ich dacht' aber an meine Mutter ſelig und an den Vater und an die Kinder, und ſchwur mir zu, daß ich mit keiner Mien' mein Herz verrathen wollt' und müßt ich auf der Stelle ſterben. So nahm ich denn mein Herz in beide Hände und war hart und feſt, und je mehr er gut war, deſto ſchlechter ward ich, und fühlt' doch, daß es mein Tod wär'. Ach, hätt' er mich nur damals gehen laſſen, ſo wär's beſſer ge— weſen. Aber er wollt' Alles wiſſen, und fragt' mich, ob es nur Zufall geweſen, daß er mich niemals wieder geſprochen hätt', oder ob ich's abſichtlich ſo eingerichtet hätt'. Ich hatt' kein Mitleid mit mir ſelber und ſagt' Ja, abſichtlich hätt' ich es gethan. Dann fragt er weiter: ob ich heute aus freiem Willen bei ihm blieb', oder ob's der Vater mir befohlen hätt'. — — —— — 142 Du ſagt'ſt es doch nit? So grauſam konnt'ſt Du nit ſein.. Ich konnt' es, Vroni, konnt' ſo grauſam ſein und ſagt', der Vater hätt's befohlen, und darum blieb' ich bei ihm und ſpräch' mit ihm. Oh, Annerle, wie war's nur möglich, daß Du's thateſt? Und er nahm's ruhig hin? Ich ſchaut' nit auf, hatte nit die Kraft ihn anzu⸗ ſehen, konnte nur die Hände falten und dacht', ich würd' jetzt hingerichtet, und bat Gott nur, daß ich recht ſchnell ſterben möcht'. Ach, hätt' ich ihn ange⸗ ſehen, da wär's vorbei geweſen mit meinem guten Willen und ich wär' ihm um den Hals geſunken und hätt's verrathen, was doch Niemand wiſſen durft', als Gott allein. Und Er? Was that Er, Annerle? Was Er that fragt ſie träumeriſch, und ein ſelig Lächeln fliegt über ihr bleiches Angeſicht. Was Er that? Er ſagt' mir, was ich nimmer hätt' hören ſollen und was doch wie himmliſche Muſik vor meinen Ohren klang, und was in allem Herzeleid und Unglück mich doch ſo glücklich machte. Er ſagt' mir, daß er mich liebte, daß er mich geliebt hätte gleich vom erſten Tag an, da er mich geſehen. Aber er wollt' mir nit thates. ging n fühlo's Vroni, ſſts b angeh ich we todt b gehabt 143 im Weg ſein, und weil ich ihn nit leiden könnt', ſo wollt' er gehen und nimmer wiederkehren. Und ſagt' mir Lebewohl und wünſcht mir zum Abſchied Glück und Segen. Und Du, Anna, und Du? Du ließeſt ihn doch nit gehen? Ich ließ ihn gehen, Vroni, ich betet' zu meiner Mutter, daß ſie mir Kraft dazu geben ſollt', und ſie that's. Ich ließ ihn gehen. Aber, Vroni, mein Leben ging mit ihm und ich fühlt', wie's hinſchwand ſeitdem, fühlt's jeden Tag und dankte Gott dafür. Denn, Vroni, ich lieb' ihn, kann ohne ihn nit leben, und ſo iſt's beſſer, daß ich ſterb', da ich doch nimmer ihm angehören kann. Ich freu' mich auf den Tod, denn ich werd' dann bei ihm ſein. Aber, Vroni, wann ich todt bin, ſo ſollſt Du's ihm ſagen, daß ich ihn lieb gehabt und ſollſt ihn von mir grüßen und ſollſt ſagen: „die Annerle iſt droben beim lieben Gott, weil ſie hier drunten nit bei Euch ſein konnte!“ Oh, Annerle, ſprich nit ſo, ruft Vroni weinend. Du darfſt nit ſterben und es kann ja Alles noch gut werden. Was kann denn gut werden? fragt ſie mit einem traurigen Lächeln. Er iſt der Erzherzog und bleibt's 144 und ich kann die Lieb' nit ausreißen, das Herz reißt mit entzwei. Und ich klag' nit drüber. Nur darüber, daß ich ihn nit mehr ſehen ſoll, bevor ich ſterb', daß ich ihm nit abbitten kann, daß ich falſch und grauſam gegen ihn geweſen. Ach, ich durft' ja nit anders und war am grauſamſten gegen mich ſelber. Er hat mir's ſagen laſſen, er geht nach Wien zurück, und wenn er wieder kommt, da haben's mich längſt ſchon begraben drunten am Grundlſee, gerad' auf der Stell', wo ich ihn zuerſt geſehen hab'. Es wird die letzte Bitt' an meinen Vater ſein. Und jetzt, liebe Vroni, jetzt weißt Du Alles, und ich bitt' Dich ſchön, ſprich heut nit mehr zu mir. Geh hinein in's Haus, geh ſchlafen. Es hat mich aufgeregt. Ich muß allein ſein, muß beten zum lieben Gott. Gebeichtet hab' ich Dir, und nun iſt's gut. Troſt kannſt mir doch nit geben. So ſag' kein Wort, und morgen früh ſprich auch nit zu mir, denn ich glaub', ich würd' den Tod haben, wenn Du mir am hellen Tag das wiederholen wollt'ſt, was ich Dir heut geſtanden. Nun geh, liebe Vroni, geh' in's Haus. Ich komm' bald nach. Nein, Annerle, Du mußt mit mir gehen. Dir thut die Nachtluft weh, Vroni, ſagte ſie ernſt, Du mußt hinein gehen und ſchlafen. Mir thut ſie denn Gott ſo ſtil nochm 145 wohl, ich bleib' noch hier, muß erſt allein ſein, um zur Ruh zu kommen. Gut, Annerle, ich geh hinein, weil Du's ſo willſt. Gut' Nacht, und mögen alle Englein Dich beſchützen, denn Du biſt ſelbſt ein unſchuldig Englein, an dem Gott ſelber ſeine Freud' haben muß. Gut' Nacht! Sie küßt ſie innig auf die Stirn und geht dann langſam in die Hütte. So ſtill iſt's, daß man hier außen hören kann, wie Vroni drin im kleinen Zimmer auf und ab geht, ſo ſtill, daß man's ganz deutlich hört, wie ſie jetzt nochmals ruft: Gut' Nacht, lieb Annerle! Ich bin ſchon drin im Bett! Komm' auch bald, Annerle! Das Annerle hört nicht darauf. Sie ſitzt auf der Bank vor der Hütte, hat die Arme aufgeſtützt auf den kleinen Tiſch und mit ihren beiden Händen ihr Ange ſicht bedeckt. Sie ſchaut nach innen, nicht nach außen, ſie betet zu Gott und ihrem eigenen Herzen und hört nichts weiter, als ihr eigenes Herz, ſieht nichts weiter, als die höchſte ſchmerzvoll ſüße Liebe da drin in ihrer Bruſt. Hört nichts weiter. Auch nicht den leiſen vorſich— tigen Schritt, der jetzt heranſchleicht. Sieht nichts Mühlbach, Erzherzog Johann. II 10 5 146 weiter. Auch nicht die männliche Geſtalt, die da jetzt hinter dem Felſenblock hervortritt. Der Mond ſieht ſie und wirft vorſichtig, als wollte er's der Anna künden, daß Jemand naht, über die helle Lichtfläche den Schatten des fremden Mannes, daß er gerade mit dem ſpitzen Federhut auf Anna's Schulter fällt, als küßte er ſie. Aber Anna hat ihr Haupt noch immer in ihre Hände gelegt und ſchaut nicht auf, und ſieht nicht die Geſtalt und nicht den ſchwarzen Schatten, der Anna's Schulter küßt. Die Geſtalt ſchleicht näher heran, und der Mond verſucht's noch einmal, die Anna aufmerkſam zu machen. Er ſcheint ihm gerade in's Angeſicht, beleuchtet ſeine ganze Geſtalt, daß man ſehen kann, es iſt ein Gemſen— jäger, daß Raffle, wenn ſie hier wäre, ſicherlich den Jägersmann erkennen würde, der dieſen Abend bei ihr war, und dem ſie erzählte, daß hier droben zwei „Stadtmamſells“ wohnten, um die Alpenluft und die Milch zu trinken. Aber Raffle iſt nicht hier. Die ſchläft droben auf dem Heuboden, und auch Vroni iſt nicht hier, die ſchläft drinnen in der kleinen Kammer und hat die an, doch läch 147 Vorhänge um ihr Bett feſt zugezogen, damit die kühle Nachtluft nicht zu ihr dringt. Anna ſieht ihn nicht, den fremden Jägersmann, und doch ſteht er ſchon nahe vor ihr und ſchaut ſie an, wie ſie da ſitzt in ihren Schmerzen, und er lächelt doch, hört, wie ſie ganz leiſe ächzt und ſtöhnt, und lächelt doch. Jetzt neigt er ſich zu ihr und flüſtert leiſe: Lieb Annerle! Sie fährt empor und hebt das Haupt und ſtarrt ihn an, und ihre Lippen öffnen ſich zu einem Schrei des Entſetzens und der Angſt. Er aber legt raſch ſeine Hand auf ihren Mund. Lieb Annerle, ſei ſtill! Wecke die Vroni nicht! Ich muß Dich ſprechen, und was ich Dir zu ſagen habe, darf nur der liebe Herrgott hören. Sie ſtarrt ihn an und weiß nicht, iſt's nur ein Traumbild, das ſie neckt, oder iſt Er's wirklich, Er, den ſie liebt ſo heiß, ſo heimlich und ſo treu. Iſt Er's, iſt es Johann? Er ſetzt ſich zu ihr auf die Bank und legt den Arm um ihren Nacken, und drückt ſie feſt an ſeine Bruſt. Sie läßt es geſchehen, ſie iſt immer noch wie 10* 148 im Traum. Nun drückt er einen Kuß auf ihre Stirn und legt wie ſegnend ſeine Hand auf ihr Haupt. Geſegnet ſeiſt Du, meine Anna, ſagt er laut, ge— ſegnet für die Liebe, die Du mir geſchenkt, und die fortan meines Lebens heiligſtes und höchſtes Gut ſein ſoll. Oh, ſtill, mein Engel, ſtreite nicht, verleugne nicht mehr vor mir Dein Herz, denn Gott hat gewollt, daß ich zwei Mal auf ſeinen tiefſten Grund hinab⸗ ſchauen durfte. Zuerſt dort unten am Grundlſee und heut hier oben auf der Alp. Und beſtreite mir auch nicht länger mein ſchönes Glück. Du liebſt mich, Anna, ich hörte es ja, wie Du's der Vroni gebeichtet haſt. Ich, meine Anna, ich will fortan Dein Beich⸗ tiger ſein. Mir ſollſt Du Deine Liebe beichten, und ich, Du ſüßes Kind, ich gebe Dir die Abſolution. Oh heilige Jungfrau, er hat Alles gehört, mur⸗ melt ſie entſetzt und will aufſpringen, will entfliehen, wie ein arm verſchüchtert Reh. Er aber hält ſie feſt. Bleib, Anna, bleib! Mußt mir erſt Antwort geben, ich habe Dich was zu fragen. So fragt denn, Herr! flüſtert ſie beklommen. Er nimmt ihre beiden Hände in die ſeinen und neigt ſich zu ihr, ſo nah, daß ſie auf ihrer Wange 149 ſeinen Athem fühlt wie einen Kuß, daß ihre Augen in einander flammen zu einem einzigen langen Blick. Herzliebe Anna, willſt Du mich zum Mann, willſt Du mein Weib ſein? Jeſus Maria, murmelt ſie erſchauernd und ſchließt die Augen und läßt ihr ſchwindelnd Haupt zurückſinken an die Wand der Sennhütte. Jeſus Maria, was ſprecht Ihr nur! Die Wahrheit, liebes Kind, und wahr und ehrlich ſollſt Du Antwort geben. Sprich alſo, willſt Du mich zum Mann? Ich ſchwöre Dir, daß ich Dich lieben will und ehren, wie es dem Manne ziemt, daß er die Ehefrau halte, die er aus Liebe gewählt, aus Liebe zu ſeiner Hausfrau erkoren. Ich ſchwöre Dir, daß es mein heiligſtes Beſtreben ſein ſoll, Dich glück— lich zu machen und Dir zu danken für Deine reine keuſche Liebe, die ſich ſelbſt hingeben wollte in den Tod, um tugendhaft zu bleiben. Nun, Anna, gieb mir Antwort, denn ich frage Dich zum dritten Mal: willſt Du mich zum Mann und willſt mein Weib ſein, mein Weib vor Gott und aller Welt? Ja, ſagt ſie laut und feierlich, denn dieſer heilige Moment trägt ſie empor über jede Schüchternheit und jede Scheu. Ja, ich will Dein Weib ſein und Du ———— ☛—— 150 ſollſt mein Herr ſein! Ich will Dich lieben, Dir f gehorchen und Dir unterthan ſein in Freuden und in Demuth! Und jetzt, mit einem Aufſchrei des Entzückens, breitet ſie beide Arme aus, ſchlingt ſie um ſeinen Nacken und drückt auf ſeine beiden Augen einen langen innigen Kuß. Grüß Euch Gott, ihr meine lieben Augenſterne. Habt drin geleuchtet in meinem Herzen all die Zeit her! Und grüß Dich Gott, du liebes Angeſicht! Hab' oft zu Dir gebetet, ach, und viel öfter noch nach Dir geweint. Und grüß Dich Gott, du lieber Mund! Haſt allzeit treu und lieb zu mir geſprochen, haſt mich noch geſegnet, als ich, wie Petrus, meinen eigenen Herrn, mein Herz verleugnen wollt'. Und grüß Dich Gott, Du ganzer lieber Mann! Biſt ja der Mann aus der goldenen Wolke, aus dem goldenen Mond. Oh, ſchau ihn nur ſo freundlich an, du goldner Mond! Haſt ihn mir hergebracht! Ich dank' dir ſchön! Und ſie wirft mit den Fingerſpitzen dem Mond einen Kuß empor und lächelt ihm zu wie ein glückſelig träumend Kind. Dem Erzherzog Johann wird bange, er fürchtet, die Aufregung könnte ihrer ſchon angegriffenen Ge⸗ ſich 151 z ſundheit ſchaden, und ganz ruhig, ganz gelaſſen will er daher fort. Frierſt auch nicht, mein Annerle? Sei vorſichtig, holdes Kind, denn ſchau, von jetzt an gehörſt nicht mehr Dir ſelber. Mußt gar Bedacht nehmen auf Deine Geſundheit, denn Du biſt jetzt mein und darfſt mir keinen Kummer machen durch Deine betrübende Kränklichkeit. Oh, ſagt ſie mit einem ſtolzen triumphirenden Lächeln, jetzt werd' ich nit mehr kränklich ſein, jetzt will ich auch nit ſterben, und will er mich, der garſt'ge Tod, da ruf' ich ihm entgegen: Haſt nichts mit mir zu ſchaffen! Ich gehör' nit Dir, gehöre meinem Liebſten, dem Mann aus dem Mond! Dann wird er ſich halt ſo erſchrecken, daß er fort läuft und nimmer wieder kommt. Aber Andere auch werden erſchrecken, wenn ſie es hören, meine Anna. Darum laß es vor der Hand ein Geheimniß ſein, das nur wir Beide und der Mond da droben kennen. Wie ein ehrlicher Mann 82 habe ich Dich gefragt, ob Du mich willſt, und wie ein ehrlich Weib haſt Du Ja geſagt. Nun gehe ich fort, um Dich, mein ſüßes Kind, der ganzen Welt zum Trotz, mir zu erringen. 152 Ah, wenn Ihr fortgeht, dann ſeh' ich Euch rimmer wieder, ſeufzt Anna traurig. Sie werden's in Wien nit leiden, daß Ihr wieder kommt. Der Kaiſer— Gott, wie konnt' ich nur vergeſſen, daß mein Johann, mein Liebling, des Kaiſers Bruder iſt! Vergiß es, Kind, denn bei Dir bin ich es nicht, bin nur Dein Johann, jetzt ganz heimlich Dein Bräu⸗ tigam, doch will's Gott, recht bald vor aller Welt Dein Mann! Aber wie kann's ſein, wie iſt's nur möglich? fragt ſie ſtaunend. Ach, es iſt doch nur ein ſchöner Traum, und wenn ich aufwach', ſeid Ihr fort und ich ſeh' Euch nimmermehr. Und wenn Du aufwachſt, meine ſüße Braut, ſo ſchau auf dieſen Ring, den ich jetzt auf Deinen Finger ſchiebe. Es iſt Dein Verlobungsring, geliebte Anna, ſchau auf ihn und bete dann für Deinen Bräutigam, der nach Wien geht, um vom Kaiſer die Erlaubniß zu ſeiner Verheirathung zu erbitten. Und wenn der Kaiſer die Erlaubniß nit giebt? Er wird ſie geben, Anna, denn ich werde nichts unverſucht laſſen, ſie zu erringen. Und was ein Mann mit feſtem Muthe und entſchloſſener Kraft ehrlich erſtrebt, das erreicht er auch. Du aber, lieb' Arnerl ſollte bevor gewiß Gattin Di ſa den H. glaube wahrh. I ich es der m wieden 153 Annerle, Du bleib' mir treu und bau' auf mich, und ſollt' ein Jahr vergehen und mehr noch als ein Jahr, bevor ich zurückkehre, verzage nicht, ich komme ganz gewiß und hole Dich heim in mein Haus als meine Gattin, meine Hausfrau. Verzage nicht, ſondern ſei guten Muthes und höre auf nichts, als das, was ich Dir ſage. Ich ſchwöre es Dir, Du wirſt mein Weib, dem Kaiſer und der ganzen Welt zum Trotz. Nun glaube es und ſei frohen Herzens, wenn Du mich wahrhaft liebſt. Ich liebe Euch wahrhaft, Herr, und darum glaube ich es! Und wenn Du das glaubſt und auf die Zukunft hoffſt, ſo ſei auch fröhlich, meine Anna, recht fröhlich und geſund. Oh, ruft ſie ſtrahlend, der Kummer war's allein, der mich krank gemacht, die Freude wird mich ſchnell wieder geſund werden laſſen! So gebe Gott! Denke dran, mein Annerle, daß Dein Geſundſein meines Lebens Hoffnung iſt! Pflege Dich alſo und ſchone Dich und thue genau und pünkt lich, was Dir der gute Doctor ſagt. Willſt mir das verſprechen? Ich verſprech' es Euch! Ich will geſund werden, V 154 und wie mir ſcheint, bin ich's ſchon jetzt. Die Freude iſt die beſte Medicin. Aber, Herr, werdet Ihr die arme Annerle nit vergeſſen, wenn Ihr drin ſeid in dem großen ſtolzen Wien? Wenn Ihr nit mehr der ſteyermärkſche Jäger, ſondern wieder der Erzher⸗ zog ſeid? Ich müßte meines Lebens Hoffnung vergeſſen, wenn ich Dich vergäße, Anna! Schau, holdes Kind, ich bin viel gläubiger. Ich fürchte nicht, daß Du mich vergeſſen könnteſt, da Du mich einmal liebſt. Ich fordere keine Schwüre und keine Eide! Ich traue auf Dich und Dein Herz! Und das mußt Du auch thun, Anna, darfſt niemals mein Herz anzwei⸗ feln und niemals irre werden an meiner Treue. Ich ſchwör's noch einmal, ich komme zu Dir zurück, aber ich komme nicht eher und Du ſiehſt mich nicht eher wieder, als bis ich Dich zum Traualtar führen darf. Jahre mögen vergehen bis dahin, aber wir werden ſie überdauern in Hoffnung und Geduld, denn Du biſt jung an Jahren, und mich hat die Liebe zu Dir auch wieder jung und hoffnungsreich gemacht. Aber dieſe Jahre der Trennung dürfen doch nicht ſtumm an uns vorüber gehen, und bis wir zu trautem Zwie⸗ leben uns wiederſehen, müſſen wenigſtens die Geiſter und die verſprecc ſo zu ſ würdeſt⸗ Sch Ganz A an den dann, i Vter t ſa verſch keien tt Vnter ih ihn Scham. Sol tgube. Vettrau rufgeht, um He m um ſeine E hit mic idm ſe auch er 155 und die Herzen mit einander leben. Willſt Du mir verſprechen, mir zu ſchreiben, liebes Annerle, mir ſo zu ſchreiben, ganz ſo, wie Du mit mir ſprechen würdeſt? Ich möcht' es gern, aber wie kann ich's denn? Ganz Auſſee würd's erfahren, wenn ich einen Brief an den Herrn Erzherzog auf die Poſt gäbe. Und dann, ich kann's doch auch nit heimlich vor meinem Vater thun. Wenn Ihr's befehlt, ſo muß ich ihm ja verſchweigen, daß ich Euch liebe. Aber Heimlich⸗ keiten thun, das kann ich nimmer. Ich mein', der Vater würd's ſogleich auf meiner Stirn leſen, daß ich ihn betrüg', und ich hätt' gewiß den Tod vor Scham. Sollſt Dich nicht ſchämen, meine ſüße Unſchulds⸗ taube. Dein Vater gerade, der ſoll der einzige Vertraute unſerer Liebe ſein. Gleich wie die Sonne aufgeht, ſteige ich von hier hinab nach Auſſee, gehe zum Herrn Poſthalter Plochl und werbe feierlich bei ihm um die Hand ſeiner Tochter. Ich hoffe, daß er ſeine Einwilligung mir nicht verſagen wird, denn er hat mich lieb, und wenn er mich einmal als Bräu— tigam ſeiner Tochter anerkannt hat, dann wird er es auch erlauben, daß unſere Briefe durch ſeine Hände 156 gehen. Sobald ich mit ihm Alles verabredet habe, reiſe ich ſofort nach Wien ab. Gleich in den erſten Tagen ſchreibe ich Dir und hoffe auf eine baldige Antwort von meinem ſüßen Lieb. Und nun, mein herziges Annerle, nun geht es zum Scheiden. Ich kam hierher mit ſchwerem Herzen, denn meine ganze Zukunft und mein ganzes Lebensglück ſtand ja auf dem Spiel. Wollt' zu Dir kommen und bei Dir noch einmal betteln wie ein armer Mann um Glück und Liebe. Wär' als armer Bettler troſtlos fortgeſchlichen, wenn Du mich von Dir gewieſen, und arm und elend wäre dann mein ganzes Leben geweſen. Jetzt aber, meine Anna, jetzt gehe ich fort als ein überaus reicher und glücklicher Menſch, und wie ein goldener Sonnentag ſo hell, liegt meine Zu⸗ kunft vor mir da. Gott ſegne Dich dafür, meine ſchöne liebe Braut. Und jetzt zum Abſchied, jetzt gieb mir Deinen Brautkuß! Sie ſchüttelt langſam und verſchämt ihr Haupt. Oh, Herr, ich kann Euch doch nicht küſſen? Der Mond ſieht's ja, und der iſt plauderhaft, würd's allen Sternen wieder ſagen. Es geht nit, Herr, ich kann Euch nit küſſen! Abe Annerle Er auf das ſüße, vertraue 157 Aber wenn ich Dich nun küßte, geht das, mein Annerle? Oh ja, flüſtert ſie, das geht, das iſt auch ganz etwas Anderes! Er ſchließt ſie feſt in ſeine Arme und küßt ſie auf das Innigſte. Lebe wohl, meine Anna, meine ſüße, geliebte Braut. Hoff' auf die Zukunft und vertraue mir! ——OGò‿‿— b V V —, Drittes Buch. Krieg und Frieden. —— Die Revolutionen. Na, da wären's alſo wieder, Herr Fürſt, rief der Kaiſer, indem er den Fürſten Metternich, der eben in das kaiſerliche Cabinet eintrat, mit freundlichem Kopf nicken begrüßte. Waren die lieben Magyaren recht erfreut über Ihren Beſuch? Wollen's Vernunft an nehmen, das ewige Zanken und Hadern endlich bleiben laſſen und meine gehorſamen Unterthanen werden? Majeſtät, ich wollte, ich könnte dieſe Fragen mit einem freudigen Ja! beantworten, ſagte Metternich achſelzuckend. Allein dem iſt leider nicht ſo! Der finſtere Geiſt der Revolution geht mit Rieſenſchritten durch ganz Europa, und wo er den Fuß hinſetzt, da ſprudeln Bäche Blutes hervor, da wachſen unheimliche Nachtgeſtalten aus dem Boden auf. Mühlbach, Erzherzog Johann. II 11 — 162 Herr, mein Gott, das klingt ja wie ein Ammieen mährchen aus der Kinderſtub', rief der Kaiſer lächelnd. Aber es wird auch damit gehen, wie's halt im Mähr chen geht. Zuletzt kommt eine ſchöne Fee und be⸗ zwingt den böſen Geiſt, daß er in die Erde ſinken muß, oder zu Staub zerfällt. Ich hoffe, lieber Fürſt, Sie ſind die ſchöne Fee, welche das große Geſpenſt Revolution bannen wird. Verſuchen will ich es mit meinem beſten Willen, Ew. Majeſtät. Freilich wird man mich im liberalen Europa dafür nicht als eine gute Fee betrachten, ſon dern auf den böſen Geiſt ſchelten, der die ganze Welt verfinſtern und in Banden ſchlagen möchte. Ew. Ma⸗ jeſtät wiſſen ja, das iſt ſo das allgemeine Wehegeſchrei ſeit einem Jahr, ſeit den Karlsbader Beſchlüſſen und dem Congreß der Mächte hier in Wien. Nun ich hoffe, Sie werden ſich darüber nit grä⸗ men, ob die Herren Liberalen und Schreihälſe Sie verläſtern, ſagte der Kaiſer freundlich. Die Haupt⸗ ſach' iſt doch, daß die Fürſten mit Ihnen zufrieden ſind, und daß Ihr Kaiſer Ihnen ſeine Zuſtimmung giebt. Und die geb' ich Ihnen, und laſſe Sie frei ſchalten und walten nach Außen hin, denn ich weiß, Sie thun's nach meinem Sinn und Geiſt, und werden 163 ſich nit anſtecken laſſen von der allgemeinen Seuche, die jetzt graſſirt, und die ich Wahnwitz, die klugen Neuerer aber„Conſtitutionnellen Geiſt“ nennen. Na, aber erzählen's, lieber Fürſt, was giebt's denn Neues bei den Herren Magyaren? Wenig Erbauliches, Majeſtät. Die Revolution grollt dort bis jetzt noch wie das unterirdiſche Feuer in einem Krater, aber es bedarf vielleicht nur eines kleinen, zufälligen Anſtoßes, um die Feuerſäule aus dem Krater emporſteigen, die glühende Lava das ganze Land überſchwemmen zu ſehen. Ah lieben Magyaren? Leiden wieder am Paroxysmus , alſo ſie ſind ſchon wieder kriegsluſtig, meine ihrer ungariſchen Freiheitskrankheit, und ſchwärmen von ihrer uralten Verfaſſung, von der berühmten Bulle des Andreas, von den unangreifbaren Vorrechten der Nation, nit wahr? Ew. Majeſtät haben es errathen, ſagte Metternich lächelnd, das Magyarenblut fängt wieder an heißer und raſcher auf und ab zu rollen. So muß man alſo es wieder mit einigen kräf— tigen Aderläſſen abkühlen, ſagte Franz achſelzuckend, muß ihnen mit tüchtig ſcharfem Meſſer das wilde Fleiſch ausſchneiden, damit der ganze Organismus 11* 164 Di 2 ie Magyaren ſind gar mehr und mehr geſunde. heißblütige Leut', ſie bedürfen zuweilen ſolcher Ader läſſe und Operationen, und ich als ihr geſetzlicher Arzt bewillige ſie ihnen recht gern, denn es liegt mir daran, daß ſie geſund werden, und endlich zu ſtillen, ruhigen Unterthanen abgeſchwächt werden. Ich geb' Ihnen alſo plein pouvoir, Metternich, gehen's kräftig vorwärts, machen's keine Conceſſionen, denn mit Con⸗ ceſſionen kommt man niemals vorwärts, ſondern immer nur einen Schritt zurück. Wer rebelliſchen Unter thanen Einmal nachgiebt, Rebellen ſind doch Alle, die nit gehorchen, ſondern was Anders begehren, als wir ihnen geben, wer ihnen Cinmal nachgiebt, der iſt ver loren. Alſo keine Conceſſionen, Metternich, weder in Ungarn, noch in Italien! Durch Strenge ſchrecken, iſt beſſer und klüger, als durch Milde verſöhnen und beſchwichtigen wollen. Wir wollen halt gar nit be ſchwichtigen, wir wollen das Uebel ausrotten, keinen zertheilenden Balſam auflegen. Aber das Uebel greift leider immer weiter um ſich, ſeufzte Metternich. In Deutſchland liegt es, von unſern feſten ſtarken Händen zurückgehalten, noch unter der Haut, aber im ganzen Süden, zu den Füßen der —„ 8 5„ 5 heiligen Allianz, die wir wenigſtens als ein Bollwerk 165 des nördlichen Europa's aufzurichten vermocht, iſt es ſchon im vollen Ausbruch begriffen. Ah, Sie reden von Spanien und der abſcheulichen Wirthſchaft, die dort jetzt herrſcht, rief der Kaiſer achſelzuckend. Bedaure meinen Vetter Karl, aber er iſt halt zu weichmüthig geweſen! Hätt' ſeine rebel liſchen Unterthanen nit mit ſeidenen Handſchuhen an faſſen müſſen, ſondern mit eiſerner Hand. Statt ihnen lanisd hätt' er die Rebellen ſollen nieder metzeln laſſen. Wenn hundert gefallen wären, würden Tanſende ſchon davon gelaufen ſein, denn das ſoge nannte Volk iſt doch halt nur feigherziger Pöbel, und wenn's Kanonenläufe ſieht, da läuft's ſelber in Todes angſt von dannen. Es nürd halt keine Revolution geboren, wenn's keine ſchwachen und weichherzigen Fürſten gäbe. Aber da erbarmt ſich ihr Herz gleich, wenn, dem Geſetz und der Ordnung zu Gefallen, ſo'n paar Menſchen todtgeſchoſſen ſind, und um's Blut vergießen zu vermeiden, opfern ſie lieber den Thron und ihr geheiligt Fürſtenrecht auf. Wär' ich an der Stelle meines Vetters von Spanien geweſen, ich würd' lieber ganz Madrid eingeäſchert, die ganze Be völkerung vernichtet haben, würd' lieber ſelber unter den Trümmern meines Palaſtes geſtorben ſein, als ————— 166 daß ich den Revolutionnairen ihren Willen gethan hätte. Es ſcheint, Majeſtät, als wenn der kühne Muth nicht gerade eine Eigenſchaft der älteren Bourbonen wäre, ſeufzte Metternich. Das unheilsvolle Beiſpiel von Spanien hat ſchon in Neapel ſeine Früchte ge tragen, und gleich wie König Ferdinand von Spänien ſich durch die Revolutionnaire und Rebellen eine Con ſtitution hat abzwingen laſſen, ſo hat auch ſein Oheim König Ferdinand von Neapel ſein Haupt unter die Revolution gebeugt und— Was, unterbrach ihn der Kaiſer lebhaft, auch in Neapel iſt eine Revolution ausgebrochen? Leider, Majeſtät. Ich erhielt geſtern Abend und heute Morgen bereits zwei Couriere. Der eine, von unſerm Geſandten in Neapel, meldet den Ausbruch der lange von den Carbonaris vorbereiteten Revolu tion, der andere, von dem Herzog von Arighi, dem Vertrauten des Königs, meldet, daß der König dem Volk Glück, Ruhe und Frieden wiedergegeben, daß er die Revolution niedergeſchlagen, indem er ſeinem ge liebten Volk, das heißt den rebelliſchen Carbonari, eine Conſtitution bewilligt habe, und zwar aus freiem, freudigem Willen. — 167 Aus freiem, freudigem Willen! rief der Kaiſer zornig. Erſt zwingen ſie ihn dazu durch eine Revo lution, und dann thut er's aus freiem, freudigem Willen! Metternich, das iſt halt eine ſchlimme Nach richt, die Sie mir da bringen, und ich fürcht' ſie wird den Anfang von gar ſchlimmen Dingen bedeuten. Auch in Portugal ſieht es bedenklich aus, ſagte Metternich ruhig, auch dort erhebt die Hydra der Rebellion ſchon ihr Haupt, und ſtreut den Samen der Zwietracht unter das Volk aus. Ich fürchte, daß wir auch dort bald das Schauſpiel einer Revolution und einer freiwillig verliehenen Conſtitution haben werden, wenn nicht ſchnelt und entſchloſſen Vorkehrungen ge troffen werden. Und was meinen Sie, daß man thun könnte? Worin ſollten die Vorkehrungen beſtehen? Majeſtät, darin, daß man energiſch verſucht, dem weitern Umſichgreifen des Uebels Einhalt zu thun. Neapel und Sicilien haben ihre Revolution gemacht, die Carbonari haben geſiegt, und die Conſtitution und die freie Preſſe erhalten. Es iſt natürlich, daß ganz Italien bald dem Beiſpiel Neapels folgen wird, denn die Revolution iſt wie die Peſt und ihr Contagium läßt ſich nur durch ſtrengſte Abſperrung vermeiden. 168 „ Wir müſſen alſo den Fürſten Italiens zu Hülfe kommen, und wir müſſen zugleich den Völkern Ita⸗ liens ein erſchreckendes Beiſpiel geben von den Folgen der Empörung. Ach, Sie meinen halt, wir ſollten unſere Truppen in Italien auf den Kriegsfuß ſetzen und die Revolu— tion in Neapel niederſchlagen? fragte der Kaiſer mit blitzenden Augen. Ja, Majeſtät, das meine ich, erwiederte Metter⸗ nich. Aus tiefſter Friedensliebe muß ich Ew. Ma— jeſtät jetzt zum Krieg rathen gegen das rebelliſche Neapel. Denn nur durch den Krieg, durch Nieder⸗ ſchmetterung der Revolution können wir dem übrigen Italien ſeinen Frieden, den Fürſten ihre Throne er— halten. Wir werden, wenn wir dies thun, außerdem nur ganz geſetzlich handeln, denn der 1815 mit Nea⸗ pel abgeſchloſſene geheime Vertrag verpflichtet den König von Neapel, keine Geſetze zu geben, welche dem monarchiſchen Princip zuwider laufen, oder von den Geſetzen abweichen, welche Oeſterreich in ſeinen ita— lieniſchen Staaten als zu Recht beſtehend gelten läßt. Da jetzt der König eine Conſtitution gegeben, ſo hat er damit den geheimen Vertrag gebrochen, und Oeſter— reich das Recht zur Intervention gegeben. 12 169 Sie haben Recht, rief der Kaiſer, wir können und dürfen interveniren, ohne daß die Andern wieder über Eigenmächtigkeit und Abſolutismus ſchreien können. Wir ſind in unſerm Recht, wenn wir in Neapel inter⸗ veniren, und ſo wollen wir denn von unſerm Recht Gebrauch machen. Ach, wenn die lieben Neapolitaner jetzt den rebelliſchen Völkern das Beiſpiel gegeben haben, wie man ſeinen Fürſten Conſtitutionen ab⸗ zwingen muß, ſo ſollen meine lieben öſterreichiſchen Soldaten jetzt dieſen rebelliſchen Völkern zeigen, wie man dieſe verdammten Conſtitutionen als elende Fetzen Papier zerreißt und unter die Füße tritt! Verſam meln's gleich einen Miniſterrath, treffen Sie alle Vorkehrungen. Ja, ja, wir wollen interveniren. Wir müſſen indeſſen vorſichtig zu Werke gehen, ſagte Metternich. Ew. Majeſtät kennen die Eiferſucht Englands und Frankreichs in Bezug auf Italien. Beſonders England wird wieder Zeter ſchreien, daß wir dem freien Willen der Völker Zwang anlegen wollen. England fühlt ſich ja nun einmal berufen, der liberale Kleffer der Conſtitutionen zu ſein, es be trachtet ſich als den wachthabenden Bullenbeißer der Völkerfreiheiten, und proclamirt den Grundſatz 6, daß N b ———j—-———— 170 die Völker das Recht haben, ihre Fürſten wegzujagen, wenn ſie ihnen nicht gefallen. Haben ja ihren eigenen König Carl-den Erſten auf dem Schaffot ermordet, die großen engliſchen Freiheitshelden, rief der Kaiſer. Haſſe das aufgebla ſene Volk, iſt mir in innerſter Seele zuwider. Doch muß man ſie reſpectiren, da ſie die Macht haben, uns zu ſchaden, ſagte Metternich lächelnd. Wir müſſen ihnen in dieſem Fall eine Phalanx ent gegenſtellen, welche ſie in Reſpect hält, und gegen die England mit all' ſeinen liberalen Ideen und Redens arten vergeblich ankämpft. Wenn wir allein und nur unſerer eignen Eingebung folgend in Neapel inter veniren, ſo wird England energiſchen Proteſt einlegen, und alle die gährenden, revolutionnairen Elemente in Deutſchland werden dadurch neue Nahrung gewinnen. Wir müſſen dieſe Intervention alſo auf ganz legalem Wege vorbereiten, und die heilige Allianz bietet uns dazu die Mittel. Rußland, Oeſterreich und Preußen haben den heiligen Bund geſchloſſen, die Ruhe Europa's mit gemeinſamer Kraft und vereintem Willen aufrecht zu halten. Die Ruhe Europa's iſt durch die Revo— lutionen in Spanien und Neapel bedroht. Es iſt daher die Pflicht der heiligen Allianz, daß ſie mit— einand energ Revo Inter 171 einander berathe und überlege, wie und durch welche energiſche Mittel ſie das weitere Umſichgreifen der Revolutionen verhindern will, und ich denke, die Intervention Oeſterreichs in Neapel wird ihnen dazu als das geeignetſte Mittel erſcheinen. Es wäre alſo nöthig, daß die drei Mitglieder der heiligen Allianz ſi ⁸₰ daß ſie auch die übrigen Großmächte dazu einladeten. th zu einer Beſprechung vereinten, und zweckmäßig, Alſo wieder ein Congreß? ſeufzte der Kaiſer, ſich hinter's Ohr kratzend. Majeſtät, er wird nöthig ſein, um endlich mit Energie und Entſchloſſenheit gegen dieſe verruchte Revolutionskrankheit vorgehen zu können! Nun, meinetwegen, ſo berufen's einen Congreß, aber nur Eins bitt' ich mir aus, nit hier in Wien! Hab' die Congreſſers hier in Wien herzlich ſatt, und wenn die lieben Großmächt' hier zuſammen kommen, um das Glück der Völker und Fürſten zu berathen, ſo machen's damit meine Kaſſen allemal unglücklich und deſolat. Wir haben hier den prächtigen Wiener Congreß gehabt, wo halb Europa bei uns zu Gaſt war, wir haben zu Anfang dieſes Jahr's erſt wieder einen großartigen Congreß gehabt und ich meint', die Wiener Schlußacte würd' endlich auch der Schluß 172 ſein von allen Congreſſen. Jetzt wollen Sie halt ſchon wieder einen Congreß. Ich geb' meine Zu⸗ ſtimmung, aber ich will nit der Gaſtgeber ſein, und nit als ſolcher die Einladungen beſorgen. Treffen's Ihre Verabredungen mit Rußland und Preußen, ſetzen's einen Ort feſt, wo wir zuſammenkommen wollen. Mir iſt's recht, und ich geh' dahin, aber hier in Wien empfang' ich keine Congreſſe mehr. Ich ſchlage Ew. Majeſtät Troppau als einen geeigneten Ort der Zuſammenkunft vor, ſagte Met⸗ ternich lächelnd. Gut, ich bin's zufrieden, machen wir einen Con⸗ greß in Troppau, und verabreden wir da die geeigne⸗ ten und energiſchen Mittel, die Revolutionen nieder⸗ zuſchlagen. Geſchehen muß es und ſoll es. Die rebelliſchen Völker müſſen zur Ruhe und Unterwürfig— keit zurückgeführt werden, damit nit ganz Europa, die ganze menſchliche Geſellſchaft und Cultur zu Grunde gehe. Wer da nit mit Energie und Kraft vorwärts geht, der iſt ſchon gezwungen rückwärts zu gehen, und wer Conceſſionen macht, der muß bald Conſti— tutionen geben. So lang' ich lebe, werde ich aber weder das Eine noch das Andere thun. Keine Con⸗ ceſſionen, keine Neuerungen, damit es nit einmal gar d Co 173 zu Conſtitutionen kommt. Was da iſt, und beſteht, t das allein iſt das Berechtigte und Geheiligte; das Alte, Beſtehende iſt das heilige, göttliche Recht, wer d daran rütteln, und etwas Anderes, Neues an ſeine 3 Stelle ſetzen will, der iſt ein Aufrührer, ein Rebell, und man muß ihn als ſolchen ſtrafen und vernichten, ohn’ Anſehen der Perſon. Sie wiſſen, daß ich darin unerbittlich bin, haben's geſeh'n an meinem Herrn Bruder, dem Erzherzog Johann. Mußte ein Jahr in die Verbannung, weil er es wagte, mir ſolche Neuerungen vorzuſchlagen. Nun, ich denk', das war ein gut und abſchreckend Beiſpiel für alle Diejenigen, welche vielleicht von ähnlichen Ideen ſich möchten anſtecken laſſen. Würd' Niemanden ſchonen, Nieman den vergeben, und ich ſag's Ihnen, Metternich, wär' ich in dem Fall meines Herrn Schwiegervaters, des Königs von Neapel, wär' die Revolution losgebrochen, — hätten die Rebellen die Burg hier umzingelt, und 1b drängen ſie mit Gewalt in mein Cabinet ein, um mir eine Conſtitution und eine freie Preſſe abzu zwingen, ich ſagt' Nein, und wieder Nein! Und kämen Sie dann daher, um mich zu bewegen, den Rebellen nachzugeben, böten Sie alle Beredtſamkeit * auf, um mir zu beweiſen, daß ich mich allein dadurch 174 retten könnte, daß ich die Conſtitution bewilligte, be⸗ wieſen Sie mir, daß ich mich dadurch allein vor dem Tode zu retten vermöchte, ſo würde ich Ihnen damit antworten, daß ich Sie ſelber als einen verbreche⸗ riſchen Rebellen behandelte, und Ihnen den Kopf vor die Füße legen ließ, ſelbſt wenn ich wüßt', daß das meine letzte Regierungshandlung ſein würde, und ſie mich hinterher ermordeten. Merken's ſich das, Met⸗ ternich, und reden's mir nie von Neuerungen und Conſtitutionen. Majeſtät, ſagte Metternich ernſt, es bedarf nicht ſo blutiger Drohungen, um mich auf dem einmal ein⸗ geſchlagenen Wege feſtzuhalten, denn ich gehe ihn aus Ueberzeugung. Ich bin, gleich Eurer Majeſtät, und wie ich dankbar anerkenne, durch Ihren Willen und Ihr Beiſpiel in meinen eigenen Ueberzeugungen ge⸗ kräftigt, ein entſchiedener Abſolutiſt, das monarchiſche Princip iſt mein Geſetz, und Jeder, der es wagt, Hand an daſſelbe zu legen, oder auch nur mit einem Wort es zu verletzen, der iſt mein Gegner und mein Feind. Ich bekämpfe die Revolution, wo und wie ſie ſich zeige, aber ich thue das nicht aus Furcht oder aus blindem Haß, ſondern aus der innigſten und heiligſten Ueberzeugung, daß mit der ſiegreichen ceſſ 175 Revolution nicht blos alle Fürſtengewalt und alles Recht umgeſtürzt würde, ſondern daß mit ihr auch alle Cultur, alle Wiſſenſchaft und Kunſt vernichtet würde, und die Barbarei, die gänzliche Auflöſung der Geſellſchaft die Folge davon ſein würde. Ich werde daher auch niemals dem Liberalismus, der in meinen Augen nur der Vorkämpfer der Revolution iſt, die kleinſten Zugeſtändniſſe machen, und ich kümmere mich gar nicht darum, daß die Herren Liberalen mich haſ ſen und verſpotten. Ich habe niemals nach Popu⸗ larität geſtrebt, ich bin niemals der Fürſprecher der Volksſouverainetät geweſen, und werde es niemals ſein, weil ich ſtets der treue und ergebene Diener meines einzigen und wahren Souverains, meines Kaiſers ſein werde. Ich weiß das, ſagte Franz ihm freundlich zu⸗ nickend, ich habe zu Ihnen deshalb auch das größte Zutrauen, und laſſe Ihnen vollkommen Freiheit nach Außen hin. Hab' Ihnen, im vollſten Vertrauen auf Ihre gute Geſinnung, die Geſchäfte des Auswärtigen übertragen, und werd' Sie darin frei ſchalten und walten laſſen, ſo lang' Sie nur nit abweichen von meinen Principien und mir den neuen Ideen Con— ceſſionen machen. Oeſterreich vertritt das monarchiſche 176 3 Princip, es wird, ſo lang' ich lebe, ein abſoluter Staat bleiben, und als ſolchen vertreten Sie ihn in meinem Sinn und Geiſt nach Außen hin. Schrei ben's alſo meinetwegen Congreſſe aus, laden's alle Fürſten und ihre Miniſter ein. Ich geb' Ihnen zu allen Dingen meine Zuſtimmung, und werd' immer auf Ihrer Seit' ſtehen. Aber was die innern An⸗ gelegenheiten Oeſterreichs anbetrifft, da kann ich weder Ihren Rath, noch Ihre Hülf' gebrauchen, da will ich ganz allein und ganz unumſchränkt regieren, und Nie mand ſoll mir d'rein reden. Gott hat mich eingeſetzt zum Herrn und Vater meiner Unterthanen, und als ſtrenger gerechter Vater will ich für ſie ſorgen, ſie überwachen und erziehen. Plag' mich für ſie Tag und Nacht, arbeit' für meine Unterthanen wie ein angeſtellter Bureauchef, und ich mein', ich könnt' mit der Zeit ein brauchbarer Hofrath werden.*) Ich ſelber will meine Unterthanen überwachen und beauf ſichtigen, und wenn Sie nur da draußen die Revo⸗ lutionen unterdrücken und unſchädlich machen, hier drinnen in meinem Oeſterreich, da werd' ich ſchon Sorge tragen, daß mir das Ungeheuer nit ſein Haupt 5*) Des Kaiſers eigene Worte. Siehe: Geneſis der Revo lution in Oeſterreich. S. 15. ſinnig C haben Kaiſer den b freudi untero gehein lieben meine einbit als il 17⁷ erhebt, und mir meine lieben Unterthanen nit in wahn⸗ ſinnige Rebellen verwandelt. Ew. Majeſtät werden das niemals zu fürchten haben, rief Metternich. Ganz Oeſterreich betet ſeinen Kaiſer an als den weiſeſten und gütigſten Herrn, als den beſten und gnädigſten Vater, dem Jeder ſich in freudigſtem Gehorſam und innigſter Liebe fügt und unterordnet! Nun, nun, das hat halt doch auch ſeine Grenzen, ſagte der Kaiſer lachend. Weiß am Beſten, wie's ſteht, denn wozu wär' ſonſt der Sedlnitzki und die geheime Polizei. Weiß ſehr wohl, daß unter meinen lieben Kindern auch gar Viele ſind, die ſich gegen meine väterliche Gewalt auflehnen möchten, und ſich einbilden, weiſer zu ſein und Alles beſſer zu wiſſen als ihr Vater. Werd' ſie aber als ihr guter gerechter Vater zu züchtigen wiſſen, denn es iſt beſſer, die böſen und ungehorſamen Kinder ſterben unter der Zucht ruthe, als daß ſie leben in ſchnöder Verhöhnung alles Geſetzes und Rechts. Und darnach mögen Sie han deln, auch was Ungarn und die Lombardei anbetrifft. Das ſchlägt in Ihr Fach ein, gehört zum Auswär tigen, aber zugleich auch zu meinem Fach, zum In nern. Denn die Ungarn und Lombarden ſind ja meine Mühlbach, Erzherzog Johann. II. 12 1 V —4— —— 178 Unterthanen, alſo auch meine Kinder, und wenn ſie's wagen wollen, der väterlichen Gewalt zu trotzen, ſo ſollen ſie auch die Strenge meiner Liebe kennen lernen, und meine Zuchtruthe fühlen. Das laſſen's ſich geſagt ſein, mein lieber Fürſt, und darnach han⸗ deln's. Und jetzt gehen's, und treffen's Ihre Vor⸗ kehrungen zum Congreß in Troppau oder wo Sie ſonſt wollen, nur nit hier in Wien, hören's, nur nit in Wien. Das iſt halt ein zu theures Vergnügen. Wir ſind ja gern bereit, die Völker zu beglücken, aber es muß nur nit halt gar ſo viel Geld koſten! Majeſtät, wir wollen niemals wieder einen Con⸗ greß in Wien anſetzen, ſagte Metternich lächelnd. Oeſterreich iſt zum guten Glück groß, und hat viele Städte, die es wohl werth ſind, die Diplomaten von ganz Europa in ſich aufzunehmen. Die Ehre meines Kaiſers verlangt es einmal, daß dieſe Congreſſe in einer öſterreichiſchen Stadt gehalten werden! Ew. Majeſtät ſind der Schutzherr der Monarchieen, der Vertreter der abſoluten Regierungsform, und daher müſſen alle Berathungen und Verhandlungen, welche auf dieſe Principien ſich beziehen, auf öſterreichiſchem Territorium ſtattfinden. Europa ſoll dadurch auf's Neue erfahren, welcher Fürſt in Deutſchland der 179 Hort des göttlichen Rechtes und der heiligen Fürſten⸗ gewalt iſt! Und— Eben ward die Thür geöffnet, und der Kammer⸗ huſar meldete mit lauter Stimme: Se. kaiſerliche Hoheit der Herr Erzherzog Johann! Sieh, ſieh, iſt der Herr Erzherzog wieder heim⸗ gekehrt aus Steyermark? ſagte der Kaiſer mit dem Anſchein der Ueberraſchung. Mir ſcheint, es iſt noch gar nit ſo lang' her, daß er abreiſte. Nun, ſoll ein⸗ treten, der Herr Erzherzog! Majeſtät, ſagte Metternich, ich ziehe mich zurück, und bitte um meine Entlaſſung! Nicht doch, lieber Fürſt, bleiben Sie. Waren ja zugegen bei unſerm Abſchied, ſollen auch's Wieder ſehen mit uns feiern! Ah, da iſt der Herr Erzherzog ſchon! Nun, bleiben's nur hier, Metternich! II. Der Heirathsantrag. Der Erzherzog in großer Feldmarſchalls⸗Uniform, die Bruſt geſchmückt mit Ordensſternen, erſchien jetzt in der Thür des kaiſerlichen Cabinets und blieb zögernd dort ſtehen, als er hinter dem Kaiſer die ſchlanke und zierliche Geſtalt des Fürſten Metternich bemerkte. Kommen's nur näher, lieber Erzherzog, ſagte Franz mit einem leichten Kopfnicken. Fürchten's nit, uns zu ſtören. Wir ſind mit unſern politiſchen Berathungen zu Ende und werden uns recht gern erholen, indem wir mit dem Herrn Bruder ein Viertelſtündchen ver— plaudern. Der Erzherzog ſchritt mit ernſter ruhiger Würde durch das Cabinet zu dem Kaiſer hin und verneigte 181 ſich ehrfurchtsvoll. Majeſtät, ſagte er, ich komme, mich meinem Kaiſer zu melden. Freut mich, Sie wieder zu ſehen, Herr Bruder, rief der Kaiſer, und auch Fürſt Metternich wird ſich gewiß freuen, Sie begrüßen zu können. Haben ihn wohl noch gar nit bemerkt, den guten Fürſten? Oh ja, ich habe ihn bemerkt, ſagte Johann ruhig. Aber er ſchien es doch nicht zu ſehen, daß der Fürſt ihm einige Schritte näher trat und mit einer tiefen Verbeugung ihn begrüßte. Auch nicht das kleinſte Neigen ſeines Hauptes erwiederte dieſe ehr⸗ furchtsvolle Begrüßung, auch nicht ein Blick ſeines Auges traf das ſchöne lächelnde Angeſicht des Fürſten. Ah, ich ſehe, mein lieber Herr Bruder iſt ganz unverändert geblieben, rief Franz, lebhaft mit dem Kopf nickend. Haben noch immer Ihre politiſchen Sympathieen und Antipathieen bewahrt, nit wahr, Herr Erzherzog? Ich bitte Ew. Majeſtät um Verzeihung, ſagte Johann ernſt. Als ich Ew. Majeſtät zum letzten Male die Ehre hatte zu ſehen, erhielt ich den ſtrengen Befehl, niemals wieder zu Ew. Majeſtät über poli⸗ tiſche Gegenſtände zu ſprechen. Ich bitte um Erlaub⸗ niß, ein gehorſamer Unterthan ſein zu dürfen. 182 Alſo das haben's in Steyermark gelernt, ein ge horſamer Unterthan zu ſein? Nun, dann iſt Ihr Aufenthalt dort doch nit umſonſt geweſen, und ich that wohl daran, Sie hinzuſchicken. Wie lange waren's eigentlich dort, Herr Erzherzog? Ich glaube, es war im Juli des vorigen Jahres, daß Ew. Majeſtät mir die Erlaubniß ertheilten, nach Steyermark zu gehen. Und jetzt ſind wir ſchon im Oktober dieſes Jahres. Sie waren alſo über ein Jahr dort. Scheint Ihnen ſehr gefallen zu haben im lieben Steyermark, und ich fürcht', wenn ich nit jetzt meinen Herrn Bruder ge beten hätt', nach Wien zurückzukehren, Sie wären noch den ganzen Winter dort geblieben. Ich glaubte, man hätte mich hier in Wien ganz und gar vergeſſen und ich wollte Niemand unnöthiger Weiſe an mein Daſein erinnern. Ih Gott behüt', wie konnten's nur glauben, daß man Ew. Liebden vergeſſen hätte? Hat man Ihnen denn nit regelmäßig alle Monat Ihren Gehalt als Feldmarſchall, als General-Director des Ingenieur Corps und als Inhaber des Dragoner Regiments ausgezahlt? Haben Sie nit regelmäßig Ihre Appa nagen⸗Gelder erhalten? 1 bekle geſſe 183 Zu Befehl, Ew. Majeſtät, ich habe mich nicht zu beklagen. Und müſſen alſo zugeben, daß man Sie nit ver geſſen hat. Aber Sie haben uns vergeſſen, Herr Erzherzog. Das kommt davon, wenn man ſich in einem Lande befindet, wo man angebetet und vergöttert wird, wo die ganze Bevölkerung Einen feiert, als wär' man eigentlich kein Menſch, ſondern ein Halbgott. Sind ja förmlich vor Ihnen auf den Knieen umher gerutſcht, die lieben Steyermärker, und wohin Sie den Fuß ſetzten, da ſchrieen's Hallelujah aus Leibes— kräften. Es muß ein grauslich angenehmes Gefühl ſein, ſich ſo vergöttert zu ſehen, und wären's nit mein lieber Herr Bruder, ſo müßt' ich eigentlich eiferſüchtig ſein auf all die Feierlichkeiten und die Verherrlichung, die man Ihnen dargebracht. Ew. Majeſtät wiſſen aber, daß man mir dieſelben nur dargebracht, weil ich Ew. Majeſtät Bruder bin. Man huldigte in mir Ew. Majeſtät ſelber. Nun, wir wollen halt der Sach' nit weiter nach ſpüren, Herr Erzherzog. Die Hauptſach' iſt: Euer Liebden de ſich ſo wohl in Steyermark gefühlt, daß Sie gar nit mehr an die Rückkehr nach Wien gedacht haben. —— 184 Und darum hatten Ew. Majeſtät die Gnade, mich zurück zu rufen. Ich danke Ew. Majeſtät. Es verlangte mich halt, meinen Herrn Bruder einmal wieder zu begrüßen, ſagte der Kaiſer lächelnd. Hab' halt ein gar treues Herz und ſehne mich zuweilen nach dem traulichen Verkehr mit meinen lieben Brü⸗ dern. Nun ſagen's, Herr Erzherzog, war die Jagd gut in Steyermark? Haben's auch recht viel Böcke geſchoſſen? Ich bitte Ew. Majeſtät, zu ſagen, was für Böcke Sie meinen, fragte Johann mit vollkommener Ruhe. Nun, ich kann ja natürlich nur Gemsböcke meinen, rief der Kaiſer lachend. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß ein ſo kluger und gelehrter Herr, wie der Erz⸗ herzog Johann, gar keine andern Böcke ſchießen kann, und ich glaub' kein Wort davon, daß man Ew. Liebden nachſagt, Sie hätten auf den noriſchen Alpen noch etwas Anderes geſucht, als eben nur Gemsböcke. Wollen Ew. Majeſtät die Gnade haben, mir zu ſagen, was man ſagt, das ich ſonſt noch auf den noriſchen Alpen geſucht hätte? Nun, vielleicht eine Königskrone oder eine Herzogs⸗ krone, ſagte der Kaiſer achſelzuckend. Es klingt auch halt gar nit übel: König des noriſchen Reichs! Und 185 was für eine Muſterwirthſchaft man da hätte etabliren können, mit welcher prächtigen Conſtitution der liberale König des noriſchen Reiches ſeine Unterthanen hätte beglücken können. Wenn das ein Scherz iſt, Majeſtät, ſagte Johann lächelnd, ſo iſt er in der That recht gut erſonnen. Nur ſchade, daß er ſein ernſteres Gegenſtück hat, ich meine das Königreich Rhätien, das Herr von Roſch⸗ mann auch einmal für mich entdeckt hatte, und wofür damals viel edle Männer haben büßen müſſen. Ich bitte Ew. Majeſtät um die Gnade, mir zu ſagen, wer dieſen Scherz des noriſchen Königthums erfunden hat und wem ich für die neue Krone zu danken habe. Es thut mir leid, nit dienen zu können. Vielleicht hab' ich's nur geträumt. Aber Sie wiſſen wohl, Gott ſendet den Menſchen die Träume, damit ſie ihn vor bevorſtehenden Uebeln warnen ſollen. Laſſen wir uns alſo Beide gewarnt ſein von meinem Traum des nori⸗ ſchen Königthums, denn Sie wiſſen es wohl, unſere geheime Polizei hat ſcharfe Augen und Ohren und es iſt nit gut, ihr in die Händ' zu fallen. Jetzt alſo haben wir Sie endlich wieder, Herr Erzherzog, und Sie werden hoffentlich den Winter bei uns in Wien bleiben, nit wahr? 3 b 186 Ich werde mich den Befehlen Ew. Majeſtät ge— horſam fügen, erwiederte Johann. Aber bevor Ew. Majeſtät darüber entſcheiden, bitte ich, mir gnädigſt eine geheime Audienz zu bewilligen. Nun, die haben Sie ja, Herr Erzherzog, ich dächte doch, wir ſind mitten in der Audienz und Sie haben nit nöthig, zu erbitten, was Sie ſchon haben. Ew. Majeſtät, ich bat um eine geheime Audienz. Ah, Ew. Liebden wollen damit andeuten, daß der Herr Fürſt Metternich ſtört. Schauen's, und, ich glaubt’, Sie hätten den Fürſten gar nicht bemerkt. Aber ich denk', er wird uns nit ſtören und geniren, und was das Geheime anbetrifft, ſo wiſſen's ja doch, daß ich alle Staatsgeſchäfte mit meinem Miniſter be ſpreche. Reden's alſo immerhin, Herr Bruder. Majeſtät, ich habe aber nicht von Staatsgeſchäften, ſondern von einer Familien-Angelegenheit ſprechen wollen. Von einer Familien⸗Angelegenheit? Schauen's, man ſollt' wahrhaftig meinen, der Herr Erzherzog wollt' ſich vermählen. Ew. Majeſtät haben's errathen. Ich komme, um von Ew. Majeſtät die Erlaubniß zu meiner Verhei⸗ rathung zu erbitten. ſchon Entla herzo Stac den. 187 Der Kaiſer zuckte leicht zuſammen, und ſein vorher lächelndes Geſicht nahm plötzlich einen ernſten ſchroffen Ausdruck an. Ew. Liebden wollen ſich vermählen, und um mir dies zu ſagen, verlangen Sie eine geheime Audienz? So iſt es, Majeſtät. Majeſtät, ſagte Fürſt Metternich dringend, ich bat ſchon beim Eintreten des Herrn Erzherzogs um meine Entlaſſung. Ich wage es, Ew. Majeſtät meine Bitte jetzt zu wiederholen. Und zum zweiten Mal ſchlage ich ſie Ihnen ab, al rief der Kaiſer lebhaft. Die Vermählung eines Erz herzogs iſt keine Familien⸗Angelegenheit, ſondern eine Staatsaction und darf nur als ſolche behandelt wer den. Bleiben Sie, Fürſt, und Sie, Herr Erzherzog, reden Sie. Ew. Liebden haben mir geſagt, daß Sie kommen, um meine Einwilligung zu Ihrer Vermäh lung nachzuſuchen. Aber um dieſe zu geben, muß ich erſt wiſſen, welches die fürſtliche Braut iſt, die Ew. Liebden ſich erwählt haben. Und dann wird's auch erſt nöthig ſein, daß der Fürſt Metternich, der Miniſter des Auswärtigen, auf diplomatiſchem Wege bei dem betreffenden Hofe anfrage, ob derſelbe geneigt iſt, Ihnen die Hand der Prinzeſſin zu bewilligen. Ew. 188 Liebden gehen in Ihrer verliebten Ungeduld etwas zu raſch zu Werke und ſprechen ſchon von Vermählung, während erſt von den Präliminarien zur Verlobung die Rede ſein kann. Ich bitte Ew. Majeſtät um Verzeihung, ſagte Johann lächelnd, aber ich ſprach nicht von meiner Vermählung, ſondern wie ein ſchlichter einfacher Mann nur von meiner Verheirathung. Es wird zu derſelben keiner diplomatiſchen Unterhandlungen und keiner Präliminarien bedürfen. Die Sache liegt viel einfacher. Ich habe mich ſeit langen Jahren gewöh— nen müſſen, es ganz und gar zu vergeſſen, daß ich der Bruder des Kaiſers, daß ich überhaupt ein kaiſer⸗ licher Prinz bin, dem vielleicht ein Antheil gebührt an den Ehren und den Geſchäften des Staats. Ich habe mich immer nur erinnert, daß ich der Unterthan des Kaiſers bin und daß ich als Solcher ihm Gehorſam und Unterwürfigkeit ſchuldig bin. Ew. Majeſtät wer— den mir das Zeugniß geben, daß ich es nimmer daran habe fehlen laſſen. Auch jetzt komme ich in aller Ehr⸗ erbietigkeit als Ihr gehorſamer Unterthan, Ew. Ma⸗ jeſtät um die Einwilligung zu meiner Vermählung zu bitten. Ich komme nicht als Erzherzog, ſondern in meiner herrn. W haſtig. d daß 1 legent wiede geriſ Sie einer dern 189 meiner Eigenſchaft als Militair, von meinem Kriegs herrn den Conſens zu erbitten. Was wollen Sie damit ſagen? fragte der Kaiſer haſtig. Ich verſtehe Sie nicht, Herr Erzherzog. Ich will damit ſagen, fuhr Johann ruhig fort, daß meine Verheirathung durchaus keine Staatsange legenheit, ſondern nur eine Herzensangelegenheit iſt, und daß die Diplomatie nichts damit zu thun hat. Das Mädchen, mit dem ich mich zu verheirathen wünſche, iſt keine Prinzeſſin und lebt an keinem Hofe. Iſt keine Prinzeſſin und lebt an keinem Hofe? wiederholte der Kaiſer, indem er mit ſeinen weit auf geriſſenen hellblauen Augen den Erzherzog anſtarrte. Sie wollen doch damit nicht ſagen, daß Sie ſich mit einer Prinzeſſin aus einem nicht regierenden Hauſe vermählen wollen? Majeſtät, ich will damit ſagen, daß meine Braut weder eine Prinzeſſin, noch eine Gräfin oder eine Ba ronin iſt. Ah, es handelt ſich alſo einfach um ein Concubinat, dem Sie eine prieſterliche Weihe geben wollen? rief der Kaiſer lachend. Sie ſprechen von einer morgana tiſchen Ehe zur linken Hand, wie ſie weiland der König Friedrich Wilhelm der Zweite in Preußen in die Mode —— 190 gebracht? Ich muß Ew. Liebden aber ſagen, daß ich mich um dergleichen ſchmutzige und unmoraliſche Dinge nit weiter kümmere, und daß Sie das allein mit Gott und Ihrem Gewiſſen abzumachen haben. Heirathen Sie an Ihrer linken Hand ſo viel Frauenzimmer, als es Ihnen beliebt. Nur haben's die Delieateſſe, die Sache um des Anſtandes willen geheim zu halten. Meine Erlaubniß aber bedürfen’s dazu nit. Majeſtät, ich würde es niemals gewagt haben, meinen Kaiſer ſo zu beleidigen, daß ich ihn mit einer unmoraliſchen und undelikaten Angelegenheit beläſtigte. Eine ſolche Ehe zur linken Hand iſt nichts weiter als eine moraliſche Lüge, ein anſtändiger Schleier, den man einem unanſtändigen Verhältniſſe überwirft. Das hat gerade der König Friedrich Wilhelm von Preußen, den Ew. Majeſtät vorhin anführten, auf ſchlagende Weiſe documentirt. Er war legitim vermählt, und das hinderte ihn durchaus nicht, von Zeit zu Zeit nebenher auch noch illegitime Vermählungen einzugehen und ſich an der linken Hand ſeine Geliebten antrauen zu laſſen. Das Müädchen, welches ich liebe und wel— ches ich meine Braut nenne, iſt aber eine durchaus tugendhafte und unbeſcholtene Perſon, die ich eben ſo ſehr hochachte als ich ſie liebe. Ich würde es daher niemals wagen, ihr unehrerbietige und verletzende An träge zu machen, und wenn ich ihr meine Hand an geboten, ſo war damit meine ehrliche rechte Mannes hand gemeint. Oh, rief der Kaiſer mit einem rauhen Lachen, Sie wollen die rührende Geſchichte vom Erzherzog Ferdinand und der ſchönen Philippine Welſer zum zweiten Mal aufführen, nit wahr? Sie wollen den Dichtern Stoff zu Romanen und Gedichten geben. Ah, eine zweite Philippine Welſer! Das iſt halt recht romantiſch, recht rührend. Und darf man fragen, welchem berühmten Patricierhauſe dieſe zweite Philip pine Welſer entſproſſen iſt? Majeſtät, ſie iſt eines einfachen ſchlichten Mannes Tochter, ſie gehört nicht einmal einem Patricier geſchlecht an. Aber ſie beſitzt ein reines, edles Herz, ſie iſt keuſch und tugendhaft, und unſchuldig wie ein Kind. Ich liebe ſie um ihrer Unſchuld und Reinheit eben ſo ſehr, als um ihrer Schönheit willen. Sie heißt Anna Plochl, und iſt die Tochter des Poſthalters Plochl. Anna Plochl, rief der Kaiſer mit einem grimmigen Lachen. Anna Plochl alſo heißt die Dame, die mir die Ehre anthun ſoll, meine Schwägerin zu werden, 192 und der Poſthalter Plochl, der wird fortan mein lieber Herr Vetter ſein. Ach, Herr Bruder, wenn Sie Sich die Geſchichte erſonnen haben, um mich zu ärgern, ſo muß ich Ihnen ſagen, daß Sie Ihren Zweck verfehlt haben. Die Geſchichte iſt zu ſpaßhaft, als daß ich mich darüber ärgern könnt'! Eines Poſt halters Tochter! Anna Plochl! Und der Herr Erz herzog Johann will aus dem Ding ſeine legitime Gemahlin machen? Aber was ſagen's denn zu dem Spaß, Metternich? Finden's nit, daß der Erzherzog recht luſtig und witzig in Steyermark geworden iſt? Aha, jetzt verſteh' ich's. Der liebe Erzherzog will mir beweiſen, daß er doch noch andere Böcke ge ſchoſſen hat, als blos Gemsböcke. Hahaha! Ich muß indeß Ew. Majeſtät bitten, die Sache, ſo luſtig ſie Ew. Majeſtät erſcheinen mag, doch ernſt haft zu nehmen, ſagte Johann ruhig. Ich will in vollem Ernſt und kraft meines guten Rechts als freier ſelbſtſtändiger Mann mich verheirathen mit dem Mäd chen, welches ich liebe, und das zu meinem Glück meine Liebe erwidert. Aber als ein getreuer und ge horſamer Unterthan komme ich, meinen Herrn und Kaiſer um ſeine Einwilligung zu meiner Verheirathung zu bitten. 193 Der Kaiſer trat raſch einige Schritte vorwärts dicht zu dem Erzherzog heran, und ſtarrte mit grim⸗ migen Zornesblicken ihm in's Angeſicht. Und wenn ich meine Einwilligung nit gebe? fragte er zwiſchen den feſt aufeinander gepreßten Zähnen hervor. Ich hoffe, Ew. Majeſtät werden meinen Bitten, meinen beſcheidenen Wünſchen Ihre Einwilligung nicht verſagen. Und wenn ich's doch thue? Was dann? fragte der Kaiſer, immer noch dicht zu dem Erzherzog geneigt, ihn ſtarr anblickend. Wenn ich Ihnen meine Einwil⸗ ligung nit gebe, wenn ich Ihnen verbiete, mich, mein Haus und meine Familie zu beſchimpfen? Werden Sie Sich dann in Gehorſam fügen? Werden Sie den wahnſinnigen Gedanken aufgeben, die Poſthalters⸗ Tochter zu Ihrer Gemahlin zu machen, ſie Sich als rechtmäßige Frau antrauen zu laſſen? Ich frage Sie, ob Sie gehorchen werden? Eine Pauſe trat ein, eine lange Pauſe, die ſelbſt Metternichs leichtfertiges Herz raſcher klopfen machte, und ihn mit Bangigkeit erfüllte. Majeſtät, ſagte der Erzherzog dann mit ernſter feierlicher Stimme, Majeſtät, ich würde Ihnen nicht Mühlbach, Erzberzog Johann. II 13 194 gehorchen können. Ich habe meiner Braut mein Wort gegeben, daß ich ſie heimholen will in mein Haus als meine Ehegattin, und ich muß mein Wort halten als ehrlicher Mann. Ah, Sie laſſen mich alſo endlich Ihr wahres Antlitz ſehen, rief der Kaiſer bebend vor Zorn, das Antlitz eines ruchloſen Rebellen! Ja, eines Rebellen, ſage ich! Denn es iſt Rebellion, ſich aufzulehnen gegen die Geſetze der Sitte, der Moral, der Kirche, des Staats und der Familie; und das thun Sie. Ein kaiſerlicher Prinz darf und kann keine Poſthalters⸗ Tochter heirathen, wenn er nicht ſich und ſein Haus zum Spottgelächter von ganz Europa machen will. Ein kaiſerlicher Prinz darf ſich mit keiner Prinzeſſin, geſchweige denn mit einem Mädchen niedriger Her⸗ kunft, verloben, ohne vorher die Einwilligung ſeines Kaiſers erlangt zu haben. Das iſt gegen die Geſetze des Kaiſerhauſes. Aber ich ſehe ſchon, was es iſt, und wie mein ſchlauer Herr Bruder da gerechnet hat. Nicht mit dem Mädel aus Steyermark will er ſich verheirathen, ſondern mit Steyermark ſelber, und wenn ich nicht meine Einwilligung gebe zu ſeiner Ehe mit dem Mädchen aus dem Volke, ſo ſoll das Volk mich deshalb haſſen und verwünſchen, ſo wird das genü herzo murr bewe⸗ vielle eine 195 genügen, um mich unpopulair und den lieben Erz herzog deſto populairer zu machen. Wenn das Volk murrt, wird's leicht ſein, es zu offenem Aufſtande zu bewegen und eine Revolution zu machen, bei der man vielleicht doch noch droben auf den noriſchen Alpen eine Königskrone finden könnte. Majeſtät, rief Johann bleich vor Aufregung und Zorn, ſchweigen Sie, hören Sie auf mich zu belei— digen, denn meine Geduld iſt zu Ende! Ah, Ihre Geduld iſt zu Ende, höhnte der Kaiſer. Hören's doch, Metternich, ſeine Geduld iſt zu Ende! Ich beſchwöre Ew. Majeſtät, ſagte Metternich mit leiſer bittender Stimme, gehen Sie nicht weiter. Entlaſſen Sie den Erzherzog. Ew. Majeſtät ſind jetzt zu aufgeregt, und auch der Erzherzog iſt es. Be⸗ ſchweigen Sie dieſe Angelegenheit, geben Sie dem Herrn Erzherzog Zeit zu überlegen, das Unmögliche ſeines Vorhabens zu erkennen. Wollen Sie gnädigſt nicht auf der Stelle entſcheiden über Etwas, das viel⸗ leicht durch Zeit und Umſtände ſich von ſelber den gerechten Wünſchen Eurer Majeſtät gemäß geſtalten könnte. Wenn Ew. Durchlaucht damit ſagen wollen, daß ich mich fügen, oder daß ich mit der Zeit meine Braut 153* 196 vergeſſen könnte, ſo irren Sie Sich, ſagte Johann feſt. Ich bin nicht jung und nicht leicht genug, um einer flatterhaften Liebe nachzuhängen. Ich habe mein Herz hingegeben für alle Zeit und alle Ewigkeit. Ich habe mich meiner Braut verlobt in aller Erkenntniß der Schwierigkeiten und Gefahren, welche ſich uns ent gegenſtellten, aber auch in voller Erkenntniß der feſten und unbezwinglichen Neigung, die mich meiner Braut verbindet, und die durch nichts auf der Welt zerrüttet und aufgelöſt werden kann! Majeſtät, ich beſchwöre Sie, ſeien Sie großmüthig, ſeien Sie barmherzig! Zwingen Sie mich nicht, ein ungehorſamer Unterthan zu werden, um ein ehrlicher Mann zu bleiben. Oh, laſſen Sie Einmal nur Ihr Herz für mich ſprechen! Schauen Sie rückwärts in die Vergangenheit! Erin nern Sie Sich, daß Sie mein Bruder ſind, daß mich, wie Sie, die Hand unſers ſterbenden Vaters geſegnet hat, daß er Ihnen mit ſchon erblaſſender Lippe be fohlen hat: Ihre Geſchwiſter zu lieben, ihnen ein Vater zu ſein. Und wenn Sie deſſen eingedenk ſind, mein Bruder, ſo blicken Sie nun zurück auf unſer Beider Leben! Sehen Sie Ihr glanzvolles Leben, geſchmückt mit Macht, mit Ruhm, mit Erhabenheit. Freilich haben auch Sie Jahre des Unglücks und der Demüthigung durchlebt, aber Sie waren doch immer der Kaiſer, Sie ſtanden an der Spitze eines Volkes, das Sie liebte, ſchon um deshalb, weil Sie unglück⸗ lich waren, und mit Ihrem Volke zu dulden hatten. Und inmitten Ihres Unglücks hatten Sie doch das ſchönſte, das herrlichſte Glück, Sie beſaßen eine Fa⸗ milie, eine ſchöne edle Gemahlin ſtand tröſtend und voll erhabenen Heldenmuthes an Ihrer Seite, eine Schaar liebenswürdiger und liebender Kinder umgab Sie, und Ihre Krone, welcher der Glanz der Macht genommen war, hatte dafür den Heiligenſchein einer Märtyrerkrone erhalten. Und nach den Tagen der Niederlage kamen für Sie die Jahre des Triumphes, D nach den Demüthigungen kamen für Sie die Tage der geheiligten Rache an Dem, welcher Sie gedemüthigt hatte. Als Sieger kehrten Sie heim zu Ihrem Volke, das Ihnen entgegenjauchzte, und Ihre nun wieder glänzende Krone mit dem Lorbeer ſchmückte. Und als Kaiſer, als Triumphator und Sieger haben Sie ſeit— dem Jahre des Glückes dahin gehen ſehen. Aber nun, mein Kaiſer und mein Bruder, nun ſchauen Sie mit einem mitleidsvollen Blick auf meine Vergangen— heit. Sehen Sie mich da, immer einſam, immer vom Unglück verfolgt, immer umgeben von Mißtrauen, Ver 198 rath und Hinterliſt. Sehen Sie mich von falſchen Freunden angeklagt als Verräther, und geſtraft in meinen Freunden, die, unſchuldig wie ich ſelber, doch als Schuldige büßen müſſen, blos deshalb, weil ſie meine Freunde waren, und weil man ihnen die Liebe zu dem mißliebigen Erzherzog ſchon als Oppoſition, als Hochverrath anrechnete. Sehen Sie mich in den Tagen des Kampfes, der glorreichen Völkererhebung zur Unthätigkeit verdammt, in den Schatten zurück— gedrängt, mit einem Herzen voll warmer Vaterlands⸗ liebe, voll glühender Thatenluſt, zur Reſignation, zu müßiger Ruhe verurtheilt, und endlich ſehen Sie mich in den Jahren Ihres Glückes als den Verdächtigten, Bemißtraueten und Gemiedenen, einſam und allein, inmitten einer großen glänzenden Familie, des Glückes entbehrend, von meinem Bruder und meinem Kaiſer wenn nicht als Bruder geliebt, ſo doch wenigſtens als ehrlicher Menſch, als treuer Unterthan geachtet zu werden. Und nun, mein Herr und mein Kaiſer, nun haben Sie Erbarmen mit mir. Laſſen Sie endlich einen Strahl des Mitgefühls auf mein Leben fallen, wollen Sie nicht, daß ich mein ganzes Leben in Ein— ſamkeit, in Reſignation dahin trauern ſoll. Mein Herz hat ja allen ſeinen Träumen, ſeinen Wünſchen entſagt, 199 entſagt, es hat keinen Ehrgeiz, keine Thatenluſt, keine Energie mehr, es will und begehrt nichts, als ein bis chen perſönliches Glück, als die Erlaubniß ſich ſelber genügen zu können. Majeſtät, es lag vielleicht in den Anforderungen der Politik, daß Sie dem Erzherzog Johann alle Hoffnungen, alle Wünſche zerſtören mußten, aber Sie werden nicht in mir auch den Menſchen ſtrafen wollen, blos um des Fehlers ſeiner Geburt willen, blos, weil Gott gewollt hat, daß ich der Bruder eines Kaiſers ſei. Ich beſchwöre Sie, beim Andenken an unſere Eltern, üben Sie jetzt ein wenig Großmuth, ein wenig Erbarmen, erlauben Sie mir glücklich zu ſein auf meine Weiſe! Ich begehre ja nicht, daß der Kaiſer meine Braut jemals als ſeine Schwägerin anerkenne, ich verlange auch nicht, daß ſie hier in Wien als Erzherzogin erſcheine. Als ſtille Alpenroſe iſt meine Anna auferwachſen, die Berge ſind ihre Heimath und da wird ſie bleiben in ſtiller Verborgenheit, bis vielleicht eines Tages der Wille Eurer Majeſtät ſelber ſie an das Licht und in Ihre Nähe ruft. Das wird niemals geſchehen! rief der Kaiſer, heftig das Haupt zurückwerfend. Nun, dann bleibt meine Anna in ihren Bergen, 200 aber ſie bleibt da als mein Weib, mir verbunden in heiliger Ehe durch die Hand eines geweiheten Prieſters, und als die rechtmäßige Gattin, welche in ihrer Ehe und in ihrem Hauſe mir gleich ſteht, wenn ſie auch der Welt gegenüber nicht meinen Titel führt. Ich beſchwöre Ew. Majeſtät, ſprechen Sie jetzt das entſcheidende Wort. Sagen Sie: gehe hin, mein Bruder, und ſei glücklich auf Deine Weiſe. Verheirathe Dich mit Anna Plochl, des Poſthalters Tochter, aber entſage damit für immer den An— ſprüchen auf eine glänzende Zukunft, denn niemals werde ich Dein Weib anerkennen, und wenn Du mit ihr leben willſt, ſo mußt Du mit ihr die Ver— borgenheit und die Einſamkeit theilen! Sprechen Sie ſo, mein Herr und mein Kaiſer, und ich will Sie lieben und Sie ſegnen, und das Glück dieſer Stunde ſoll in meiner Seele ſelbſt die Erinnerung an das Unglück langer, ſchmerzvoller Jahre ertödten. Oh, mein Kaiſer, ich warte auf dieſes Wort, ſprechen Sie es! Majeſtät, bat Fürſt Metternich leiſe, Majeſtät, laſſen Sie Sich nicht hinreißen von Ihrem gerechten Zorn. Suchen Sie Zeit zu gewinnen, ziehen Sie die Sache hin. Entſcheiden Sie nichts! U. hatte, Antwo III. Die Bedingung. Der Kaiſer, welcher ſchon den Mund geöffnet hatte, um dem Erxrzherzog eine haſtige abweiſende Antwort zu geben, der Kaiſer ſchwieg, von den leiſen ermahnenden Worten Metternich's zum Nachdenken, zum Ueberlegen angeregt. Die Hände auf dem Rücken gefaltet, das Haupt in den Nacken zurück— geworfen, ging er langſam einige Male auf und ab, und nur das leiſe Kniſtern ſeiner Schuhe auf dem weichen türkiſchen Teppich unterbrach die tiefe, athem loſe Stille. Herr Erzherzog, ſagte der Kaiſer dann nach einer langen Pauſe, indem er vor Johann ſtehen blieb und ihn mit ernſtem, ruhigem Blick anſchaute, Herr Erz⸗ herzog, Sie haben mir da eine recht lange bewegliche Rede gehalten, Sie haben mich aufgefordert, Ihr 202 Leben mit dem meinen zu vergleichen, das heißt: Sie als den unſchuldig Unglücklichen, mich als den un— ſchuldig Glücklichen zu betrachten. Sie haben mit recht deutlichen Worten zu verſtehen gegeben, daß ich an Ihrem Unglück, Ihrer Vereinſamung, Ihrer Un⸗ thätigkeit die Schuld trage. Wir wollen uns darüber jetzt nit ſtreiten, und ich will Ihnen nit vorwerfen, wie viel Sorg' und Aergerniß meine ehrgeizigen Her— ren Brüder, die gerne thätig ſein wollten auf meine Koſten, mir verurſacht haben. Sie haben mich an meine Eltern, meine Kinder, meine Familie erinnert, und im Namen dieſer Aller haben Sie mich be— ſchworen, Ihnen Ihr perſönliches Glück nicht vor⸗ zuenthalten. Mag ſein, daß Ihre herzbrechende Red' mein Herz gerührt hat, oder daß ich mein', nicht das Recht zu haben, dem Menſchen ſein perſönlich Glück zu rauben,— ich hab' zuweilen auch meine ſchwachen gemüthlichen Stunden, und vielleicht haben's gerad' heute eine davon getroffen. Ich ſage nicht Nein zu Ihrer Bitte, ja, ich bin ſogar unter gewiſſen Be⸗ dingungen geneigt, Ihnen zu erlauben, daß Sie ſich Ihre Poſthalterstochter, die Anna Plochl, als Ihre rechtmäßige Gattin vom Prieſter an die rechte Hand antrauen laſſen. —— — dingung Verhei Sie m Oh, mein Bruder, mein Kaiſer, Gott ſegne Sie für dieſes Wort, rief Johann, und mit freudeſtrahlen dem Angeſicht ſtürzte er zu dem Kaiſer hin, faßte ſeine Hand und drückte einen glühenden Kuß auf dieſelbe. Der Kaiſer ſah ihm lächelnd zu, und entzog ihm ſeine Hand nicht. Seid ein unverbeſſerlicher Schwär— mer, rief er heiter, ſchreien ſchon wieder Hallelujah, als ob die Meſſ' ſchon zu End' wär', und die Chor knaben ſchon zur Trauung räucherten. Aber es iſt halt noch ein weiter Weg bis dahin, und Sie ver geſſen, daß ich nur geſagt habe, unter gewiſſen Be⸗ dingungen wollte ich meine Einwilligung zu Ihrer Verheirathung geben. Nun fragt es ſich: wollen Sie meine Bedingungen annehmen, Herr Bruder? Alles, Majeſtät, Alles, was Ew. Majeſtät fordern und befehlen, werde ich thun und erfüllen, vorausge ſetzt, daß Ew. Majeſtät mir Ihr Wort verpfänden, daß Sie mir Ihre gnädige Einwilligung geben wollen zu meiner rechtmäßigen und geſetzlichen Verheirathung mit Anna Plochl. Ich verpfände Ihnen mein Wort, Herr Erzherzog, mein kaiſerlich Wort, daß ich Ihnen meine Einwilli gung zu Ihrer rechtmäßigen und geſetzlichen Verbin 204 dung mit Anna Plochl geben will, vorausgeſetzt, daß Sie die Bedingungen, welche ich Ihnen ſtellen will, getreulich erfüllt haben. Nun, Herr Erzherzog, wollen auch Sie mir Ihr Ehrenwort geben, dies zu thun? Ja, Majeſtät, ich gebe Ihnen als Mann und als Erzherzog mein feierliches Ehrenwort, daß ich getreu⸗ lich die Bedingungen erfüllen will, von denen Ew. Majeſtät Ihre Einwilligung zu meiner Vermählung abhängig machen. Ich nehme Ihr Ehrenwort an, und jetzt hören Sie meine Bedingungen. Um mich zu überzeugen, daß Ihre Neigung zu Anna Plochl ernſt und be— ſtändig iſt, und allen Verſuchungen widerſteht, bedarf ich der Zeit. Um zu prüfen, ob die Poſthalters⸗ tochter in Ihnen nit blos den Erzherzog, ſondern den Mann liebt, ob ſie Ihnen in wirklicher, treuer Liebe ergeben iſt, bedarf ich wiederum der Zeit. Ich fordere alſo von Ihnen, daß Sie mir Zeit laſſen, ich ſtelle Ihnen die Bedingung: daß Sie, von dem heutigen Tage an gerechnet, drei Jahre lang von Anna Plochl getrennt bleiben, daß Sie dieſelbe in dieſen drei Jahren weder ſehen, noch ſprechen, noch ihr ſchreiben, ſondern daß Sie ihr ſo fremd und fern bleiben, als hätten Sie ſie niemals geſehen, und daß — Sie es a und durch Nachricht Bedingun geben, ſi blienden 205 Sie es auch einmal verſuchen, durch dritte Perſonen und durch dritte Hand ihr mündliche oder ſchriftliche Nachrichten zukommen zu laſſen. Dies ſind meine Bedingungen, und Sie haben mir Ihr Ehrenwort ge geben, ſie zu erfüllen, rief der Kaiſer, indem er mit blitzenden Augen und einem höhniſchen Lächeln ſeinen Bruder anblickte. Ich habe Ew. Majeſtät mein Ehrenwort gegeben und ich werde es halten, ſagte Johann ruhig und kalt. Es ändert überdies wenig in meinen Dispoſitionen. Ich habe meiner Braut geſagt, daß ich ſie nicht eher wiederſehen und nicht eher zu ihr kommen wolle, als bis ich von Ew. Majeſtät die Erlaubniß zu meiner Verheirathung mit ihr erlangt hätte, und ich habe ſie darauf vorbereitet, daß Jahre vergehen könnten, ehe ich dieſelbe erhielte. Nur in Bezug darauf, daß Ew. Majeſtät mir verbieten, mit meiner Braut in ſchrift⸗ lichem Verkehr zu ſtehen, oder durch dritte Perſonen ihr Nachricht zu ertheilen, bitte ich Ew. Majeſtät, mir von dieſem Augenblick an noch eine Stunde zu bewil ligen, bevor dieſer Befehl Ew. Majeſtät in Kraft tritt. Ich bewillige Ihnen dieſe Stunde, vorausgeſetzt, daß Sie mir ehrlich ſagen, wozu Sie dieſelbe verwen den wollen. 206 Ich danke Ew. Majeſtät für die bewilligte Stunde. Ich will ſie dazu verwenden, um an meine Braut ein paar Worte zu ſchreiben und auf drei Jahre Abſchied von ihr zu nehmen. Ich werde ihr dieſen Brief durch einen Courier hinſchicken, und es wird der letzte ſein, den ich in drei Jahren an ſie richte. Wir ſind alſo einig, ſagte der Kaiſer, leicht mit dem Kopfe nickend, und jetzt, da wir die Sache ſo weit abgethan haben, will ich in den nächſten drei Jahren kein Wort weiter davon hören, und Niemand ſoll ſich unterſtehen, jemals mit mir von der Poſt⸗ halters⸗Tochter Anna Plochl zu reden. Es iſt immer noch früh genug dazu, wenn die drei Jahre abge⸗ laufen ſind. Der Wille Eurer Majeſtät ſoll befolgt werden. Und jetzt bitte ich Ew. Majeſtät um meine Entlaſſung. Wie denn, Ew. Liebden, Sie wollen ſich ſchon wieder beurlauben, nachdem wir uns ein ganzes Jahr nit geſehen haben? Kommen's, ich will Sie halt als den heimgekehrten verlornen Sohn meiner Gemahlin präſentiren. Auch müſſen's doch Ihrem kleinen Freund und Liebling, dem Herzog von Reichſtadt, Ihren Be— ſuch machen. Ah, Sie werden erſtaunen, was der guädigſt fünfund Haus d nug no ſchreibe Nuu möge gu ſpre Poſtha witd d Vohan Bub' gewachſen iſt und was für Fortſchritt er gemacht hat. Kommen's, gehen wir zuerſt zur Kaiſerin. Ich bitte mich zu entſchuldigen, ſagte Johann lächelnd. Es ſind bereits fünf Minuten von der mir gnädigſt bewilligten Stunde abgelaufen und ich brauche fünfundzwanzig Minuten, um von hier nach meinem Haus auf der Wieden zu fahren. Es bleibt mir alſo nux noch eine halbe Stunde Zeit, um den Brief zu ſchreiben und den Courier abzuſchicken. Nun, ſo gehen's, rief der Kaiſer verdrießlich, und möge dies das erſte und letzte Mal ſein, daß wir Beide über die Poſthalters-Tochter Anna Plochl ſprechen. Majeſtät, nach drei Jahren werden Ew. Majeſtät wohl die Gnade haben, wieder mit mir von ihr zu zu ſprechen, nur haben wir dann nicht nöthig, ſie die Poſthalters⸗Tochter Anna Plochl zu nennen, denn ſie wird dann die Frau des Erzherzogs ſein und ſich Anna Johann nennen. Es iſt gut, Sie ſind entlaſſen, Herr Erzherzog, ſagte Franz mürriſch. Gehen's mit Gott! Johann verneigte ſich tief vor dem Kaiſer, grüßte den Fürſten mit einer flüchtigen ſtolzen Kopfneigung und ging raſch durch das Zimmer nach der Thür hin. 208 Der Kaiſer ſchaute ihm mit einem grimmigen Blick nach, bis die Thür des Vorſaals ſich, hinter ihm ſchloß, dann wandte er ſich haſtig um nach dem Fürſten, der gleich dem Kaiſer dem Erzherzog nachge⸗ ſchaut hatte. Jetzt, Herr Fürſt, rief er haſtig, jetzt reden's, jetzt ſagen's mir, was Sie von dieſer Sach' denken? Halten Sie's für möglich, daß ich meine Einwilligung gebe zu dieſer Verheirathung? Majeſtät, ich würde es für ein Unglück halten, wenn es geſchähe, erwiederte Metternich. Die Ehe eines kaiſerlichen Erzherzogs mit einer bürgerlichen, niedriggebornen Perſon würde nicht blos dazu dienen, die Würde und Unnahbarkeit des erlauchten Kaiſer— hauſes in Frage zu ſtellen, ſondern ſie wäre ein Zu⸗ geſtändniß an die neuen Ideen und Volksideale, ein Zugeſtändniß, welches die Liberalen wie die Demago⸗ gen mit höhniſcher Freude begrüßen würden, welches die Getreuen und Geſinnungsvollen entmuthigen und irre führen müßte. Oeſterreich muß in allen Be ziehungen der Hort des Beſtehenden, des durch Jahr hunderte Geheiligten ſein, es muß alle Neuerungen mit feſter Hand und ſtarkem Arm von ſich weiſen und darf ſich in keiner Hinſicht von den ſogenannten ſiberalen iſterreich Ehe mit es wäre noraliſch welche v Verechti rechtigun wenden. 68 mit mir alſo, lie Talent. taagen, derheiro than un Ma einer e ihr Eh deshal boſthe vermaäͤl liberalen Ideen des Zeitgeiſtes beſiegen laſſen. Ein öſterreichiſcher Erzherzog darf daher keine rechtsgültige Ehe mit einer Perſon unter ſeinem Stande eingehen, es wäre zugleich eine politiſche Unklugheit und ein moraliſches Vergehen gegen die Heiligkeit der Ehe, welche verlangt, daß die beiden Ehegatten in gleicher Berechtigung neben einander ſtehen, und gleiche Be— rechtigung könnte doch niemals in dieſer Ehe zuerkannt werden. Es freut mich, daß Sie in dieſer Sach' ſo ganz mit mir übereinſtimmen, rief der Kaiſer lebhaft. Nun alſo, lieber Fürſt, jetzt beweiſen's Ihr diplomatiſches Talent. Jetzt machen's, daß wir den Sieg davon tragen, verhelfen's der Anna Plochl zu einem Mann, verheirathen Sie ſie, dann iſt die ganze Sach' abge⸗ than und beſeitigt. Majeſtät, ſolche Landmädchen ſind zuweilen von einer eigenſinnigen Treue, beſonders wenn, wie hier, ihr Ehrgeiz und ihre Habgier angeregt ſind. Es wäre deshalb vielleicht einfacher und bequemer, nicht die Poſthalters⸗Tochter, ſondern den Herrn Erzherzog zu vermählen. Oh, Sie kennen meinen Herrn Bruder nicht, rief der Kaiſer, der iſt auch von einer eigenſinnigen Treue. Mühlbach, Erzherzog Johann. II. 14 210 un, ſagte Metternich lächelnd, die Poſthalters⸗ Tochter iſt indeſſen doch nicht ſeine erſte Liebe. Wenn der Herr Erzherzog wirklich treu iſt, muß man ver⸗ ſuchen, ihn zu ſeiner erſten Liebe zurückzuführen. Kennen Sie denn des Erzherzogs erſte Liebe? Ich glaube ſie zu kennen, und ich habe darauf ſchon meinen Feldzugsplan gegründet. Nur bitte ich Ew. Majeſtät, mir zu ſagen, ob Sie nichts dawider haben, wenn der Erzherzog eine nahe Bepmandte Ew. Majeſtät heirathet? Es wird immer noch beſſer ſein, als wenn er eine Poſthalterstochter heirathet. Aber wen meinen's denn? Wer iſt denn des Erzherzogs erſte Liebe? Ew. Majeſtät mögen mir erlauben, vor der Hand den Namen noch ds ein Geheimniß zu bewahren. Es wäre noch zu früh, ihn auszuſprechen, es müſſen ſogar erſt noch zwei unde ſich ſchließen, bevor ich mir er— lauben darf— Der Kaiſer unterbrach ihn mit einem rauhen Lachen. Sie ſind halt wirklich ein feiner Diplomat, rief er, machen Ihre Pläne, wollen Heirathen ſtiften, und dazu muß Ihnen der Tod erſt als Kuppler dienen. Es ſcheint alſo, als ob Sie dem lieben Erz— herzog eine zukünftige Wittwe auserſehen hätten. Nun, n gekomm Es eil und ſel zäit ge und eir Id deei I du ver, ſagte weine au den duopp 6 lͤdung und d Johar Voſc man! wär' dß um ſ daß halte 211 Nun, nun, bewahren's Ihr Geheimniß, bis die Zeit gekommen iſt, daß Sie mir den Namen ſagen können. Es eilt ja halt nit, wir haben ja drei Jahre Zeit, und ſelbſt die Wittwe von Epheſus hat nit drei Jahr Zeit gebraucht, um ihren lieben Mann zu vergeſſen und einen Andern zu heirathen. Ich hoffe, auch der Herr Erzherzog wird nicht drei Jahre bedürfen, um ſeine dritte oder vierte Liebe zu vergeſſen und zu ſeiner erſten Liebe zurückzukehren, ſagte Metternich lächelnd. Aber jetzt bitte ich um meine Entlaſſung, Majeſtät, um ſofort die Einladungen zu dem von Ew. Majeſtät genehmigten Congreſſe in Troppau ergehen zu laſſen. Gehen's, Herr Fürſt, gehen's, erlaſſen's Ihre Ein⸗ ladungen, das iſt freilich für den Augenblick dringender und wichtiger, als die Liebesgeſchicht' des Erzherzogs Johann. Ah, er ſchreibt jetzt an ſeine Braut, die Poſthalters⸗Tochter, einen Abſchiedsbrief! Wahrhaftig, man müßt' drüber lachen, wenn's nit gar ſo ärgerlich wär'! Aber ſagen's, Metternich, meinen Sie denn, daß der Courier, den der Erzherzog abſchicken will, um ſeiner Anna Plochl den Brief zu bringen, meinen's, daß dieſer Poſtillon d'amour durchaus bei der Poſt⸗ halters⸗Tochter ankommen muß? 14* —— 212 Ich glaube, Majeſtät, es wäre beſſer, ihn nicht ankommen zu laſſen, ſagte Metternich mit einem feinen Lächeln. Es wäre ganz gut, wenn das junge Mädchen in Zweifel geriethe über die Treue und Beſtändigkeit des Herrn Erzherzogs. Der Zweifel iſt ein ganz guter Maulwurf, um das Feenſchloß der Liebe zu unterminiren. Werd' Seolnitzki rufen laſſen, ſagte der Kaiſer eifrig, ſoll dafür Sorge tragen, daß der Courier nit bei der Anna Plochl anlangt. Nun, das gehört in mein Fach, in's Miniſterium des Innern, und Sie haben nichts weiter damit zu thun, lieber Fürſt. Gehen's alſo in Ihr Miniſterium des Auswärtigen. Adieu, Durchlaucht! Der Fürſt verneigte ſich, und während er nach der Thür hinſchritt, trat der Kaiſer an ſeinen Schreibtiſch, nahm die ſilberne Handklingel und ſchellte heftig. Graf Sedlnitzki ſoll ſogleich hierher kommen, befahl er dem eintretenden Kammerhuſaren. Als dieſer ſich zurückgezogen, machte der Fürſt Metternich, auf der Schwelle der Thür ſtehend, ſeine ehrfurchtsvolle Ab⸗ ſchiedsverbeugung. Apropos, Metternich, rief der Kaiſer. Sagen’s doch, haben’s auch gehört, daß der Bonapart' ſo ſehr krant heilbar 3u theilte Sir S unheil Ind d noch (82 213 krank ſein ſoll? Man ſagt ja, er leide an einem un⸗ heilbaren Uebel. Haben Sie auch davon gehört? Zu Befehl, Majeſtät. Der engliſche Geſandte theilte mir neulich mit, daß nach den letzten Berichten Sir Hudſon Lowe's die Krankheit Bonaparte's, ein unheilbares Magenübel, reißende Fortſchritte macht, und daß, wie die Aerzte erklären, der Gefangene nur noch einige Monate leben könne. Sieh, ſieh, ſagte der Kaiſer, ſein Haupt hin und her wiegend, in einigen Monaten alſo, wenn der Bo napart' die Augen geſchloſſen, wird meine arme Tochter, die Marie Louiſe, Wittwe ſein. Nun leben's wohl, Metternich. Da kommt ja der Sedlnitzki ſchon! Während der Kaiſer alsdann mit Sedlunitzki ſich beſprach, hatte Erzherzog Johann die Fahrt zu ſeinem Palais in der Wieden-Vorſtadt zurückgelegt und ſich ſogleich in ſein Cabinet begeben. Haſtig nahm er an ſeinem Schreibtiſch Platz, um mit fliegender Hand von ſeiner Anna Abſchied zu nehmen. Geliebte, ſchrieb er, der Kampf hat begonnen, das entſcheidende Wort iſt geſprochen, aber die entſcheidende Antwort wird drei Jahre auf ſich warten laſſen. Drei Jahre lang alſo mußt auch Du auf mich warten, meine Anna. Ich ſagte es Dir ja beim Abſchied: es 214 können Jahre vergehen, bevor wir uns wiederſehen. Aber Du biſt jung genug, um dieſe Jahre vorüber— gehen zu laſſen, und mich hat die Liebe wieder ſo jung und hoffnungsreich gemacht, daß ich dieſe Jahre nicht fürchte. Drei Jahre der Geduld, der Unerſchüt— terlichkeit, der Treue, die fordere ich von Dir, meine Geliebte. Zweifle niemals an mir, wanke niemals in Deinem Vertrauen zu mir. Was ſie auch verſuchen mögen, uns zu trennen, bleibe ſtandhaft, glaube an mich und laſſe in freudigem Muthe die Jahre dahin gehen. Warte drei Jahre, dann komme ich zu Dir, dann komme ich, Dich zum Traualtar zu führen. Aber wenn die drei Jahre vergangen ſind und ich komme nicht, dann biſt Du frei, denn alsdann bin ich geſtor⸗ ben, aber geſtorben in ewiger unausſprechlicher Liebe zu Dir! Doch ich glaube nicht an den Tod, ſondern an das Leben, an die Liebe, an das Glück. Denn ich glaube an Dich! Dies ſind die letzten Worte, welche ich an Dich ſchreiben darf, denn ich habe mit meinem Ehrenwort gelobt, in dieſen drei Jahren Dich weder zu ſehen noch an Dich zu ſchreiben oder Briefe von Dir zu empfangen,— wenn ſie aber verfloſſen ſind, dieſe Jahre der Prüfung, dann werde ich nicht an Dich ſchreiben, dann werde ich ſelber kommen, um dich an der Prü falg mit Als. weites den Bri hatte, ſ derſtegel Sei neier, N ühzuſt 215 Dich an mein Herz zu drücken und zu ſagen: die Zeit der Prüfung iſt vorüber. Komm, meine Geliebte, folge mir zum Traualtare! Dein Johann. Als Johann den Brief beendet hatte, nahm er ein zweites Blatt Papier, und begann mit haſtigen Zügen den Brief abzuſchreiben. Nachdem er dies beendet hatte, ſchob er jeden Brief einzeln in ein Couvert, verſiegelte und adreſſirte beide und klingelte dann. Sein Büchſenſchäfter, der Tyroler Andres Stift— meier, trat ein. Iſt das Pferd geſattelt, der Wilm bereit, ſofort aufzuſitzen? Zu Befehl, Hoheit, es iſt Alles bereit. So gieb ihm den Brief, Andres, und ſage ihm, daß er ohne Raſt und ohne Ruh reiten ſoll, bis er an Ort und Stelle iſt. Aber höre noch Eins! Und indem er ſo ſprach, trat der Erzherzog bis in die Mitte des großen Gemachs und winkte ſeinem getreuen langjährigen Diener, näher zu treten. Komme hierher, Andres, ſagte er leiſe, tritt dicht zu mir heran, damit ich zu Dir ſprechen kann, ohne fürchten zu müſſen, daß irgend ein Lauſcher da außen an der Thür mich hört. Andres, fuhr der Erzherzog fort, als der Tyroler jetzt dicht neben ihm ſtand, 216 Andres, willſt Du mir jetzt auf's Neue beweiſen, daß Du mich liebſt, daß Du verſchwiegen und treu biſt? Der Tyroler blickte ihn mit ſeinen klugen braunen Augen feſt und zärtlich an. Herr, murmelte er, da— mals auf dem Inſelberge habe ich geſchworen, nächſt Gott und Andreas Hofer den Erzherzog Johann am meiſten zu lieben und keinen andern Herrn jemals anzuerkennen, als dieſe Drei: Gott, Andreas Hofer und den Erzherzog Johann. Nun bitt' ich Ew. Hoheit, zu ſagen, was ich thun ſoll! Andres, es kommt für mich Alles darauf an, daß dieſer Brief an ſeine Adreſſe, das heißt in die Hände der Jungfer Anna Plochl in Auſſee gelangt. Aber der Kaiſer möchte es verhüten, daß Anna Plochl mei⸗ nen Brief erhält, und er weiß, daß ich ihn um dieſe Stunde durch einen Courier abſende. Dann wird der Courier halt nimmer ankommen, ſagte Andres Stiftmeier trocken, der Graf Sedlnitzki wird ſchon Sorge tragen, daß dem Courier unter— wegs der Brief geſtohlen oder mit Gewalt fortgenom⸗ men wird. Das habe ich auch gedacht, Andres, und darum habe ich den Brief zwei Mal geſchrieben. Nun höre! Sobald der Wilm fortgeritten iſt, gehſt Du zur hin— tern Ga Palais ren un Bei ihr Gardero taſche u Wien b die gen biſt Du jage in Geld u ds mei Nreſſe 217 tern Gartenthür hinaus und begiebſt Dich in mein Palais in der Stadt. Du weißt, der Caſtellan iſt treu und verſchwiegen, und er wird Dir beiſtehen. Bei ihm wechsle Deine Kleider, nimm aus meiner Garderobe einen Tyroler Anzug, und mit der Jagd— taſche und Büchſe um die Schultern geh' zu Fuß aus Wien bis zur nächſten Poſtſtation. Dort ſteige auf die gewöhnliche Fahrpoſt und fahre nach Gratz, und biſt Du erſt dort, dann miethe Dir ein Pferd und jage in vollem Trabe nach Auſſee. Hier haſt Du Geld und hier den Brief. Vergiß nicht, Andres, daß es mein ſehnlichſter Wunſch iſt, daß er an ſeine Adreſſe gelangt. Herr, er wird anlangen, die Jungfer Anna Plochl wird den Brief aus meiner Hand bekommen, oder der Andres Stiftmeier müßt' unterwegs von den Spitzerln des Sedlnitzki in Stücke gehauen werden. Aber dazu ſind die Kerle zu feig, und vor einem guten Stutzen hat ſo'n Spitzerl immer noch eine Höllenangſt. Und weiter haben Ew. Gnaden nichts zu beſorgen? Soll ich nit wenigſtens ein Briefel wieder heim brin⸗ gen von der lieben ſchönen Jungfer Anna? Nein, Andres, keinen Brief. Aber wenn ſie viel⸗ leicht, wie ſie's gern thut, eine Blume oder einen 218 Strauß im Mieder trägt, ſo bitte ſie, daß ſie ihn Dir giebt als Antwort für mich. Und nun geh' mit Gott, Du treuer Andres, und grüß' mir die lieben Berge und das liebe Mädel. Ich geh', Ew. Gnaden, aber nehmen's nit für ungut, ich hab' halt einen Verdacht auf den neuen Lakayen, der erſt ſeit acht Tagen den Dienſt angetre— ten hat. Glaub' halt, daß es nit geheuer mit ihm iſt. Mein', er iſt ein Schleicher und Horcher, bin ihm geſtern auf der Straß' begegnet, wie er mit einem Kerl ſprach, von dem ich halt weiß, daß er ein Spitzerl iſt. Jetzt möcht' ich zum Abſchied Ew. Hoheit noch eine kleine Warnung geben. Wollen halt ſehen, ob er nit gehorcht hat. Und mit luſtigem Augenzwinkern und ſtillem Lachen ſchlich der Tyroler bis dicht zu der Thür hin, dann mit einem einzigen Ruck ſtieß er die Thür auf. Draußen vernahm man einen gellenden Schrei, dem ein lautes Gepolter folgte. Was giebt es? fragte Johann in die Thür tretend. Nichts, Ew. Gnaden, ſagte Andres lachend. Der Friedrich war nur gerad' dabei, das Schlüſſelloch auszuputzen, und weil ich die Thür in meiner Un⸗ nſciclichke falle. Währen Verzimmer Schreck un dr Erde c ſikdergeſch lin, als rüen zu Ind drauß ſin Geſic d iſt ritts gem riſen ſol ſtitt wir er an Or henog da derſtenden ſelungen Nun, d vind, n Und kom Guufe, renüln 219 geſchicklichkeit ſo haſtig aufgeriſſen hab', iſt er ge— fallen. Während Andres Stiftmeier alsdann lachend das Vorzimmer verließ, hatte der Lakai ſich von ſeinem Schreck und ſeinem Fall erholt, und ſich wieder von der Erde aufgerichtet. Glühendroth vor Scham, mit niedergeſchlagenen Augen ſchlich er nach der Thür hin, als er aber, ohne von dem Erzherzog zurückge⸗ rufen zu werden, die Schwelle überſchritten hatte, und draußen auf dem Corridor ſtand, erheiterte ſich ſein Geſicht. Es iſt gut, murmelte er leiſe, der Prinz ſcheint nichts gemerkt zu haben, und ich weiß doch, was ich wiſſen ſollt'. Der Wilm iſt der Courier, der abge— ſchickt wird, der ſoll ohn' Raſt und Ruh' reiten, bis er an Ort und Stelle gelangt iſt. Was der Erz— herzog dann weiter geſagt hat, hab' ich freilich nit verſtanden, aber es werden wohl noch mündliche Be⸗ ſtellungen geweſen ſein, die der Wilm machen ſoll. Nun, das iſt egal, wenn der Courier aufgehalten wird, werden auch ſeine Beſtellungen aufgehalten, und kommen nit an. Jetzt alſo ſchnell zum Herrn Grafen, und ich denk' er wird mir die Nachricht gut bezahlen. —— 220 Der Erzherzog Johann ſtand am Fenſter und ſah, wie ſein Jäger Wilm das Pferd beſtieg, und von dannen jagte, und ſah, wie gleich darauf der Lakai Friedrich an ſeinem Fenſter vorüber haſtig die Straße hinauf ſchritt. Er geht zum Sedlnitzki, um zu ſagen, daß Wilm den Brief nach Auſſee bringt, ſagte Johann mit einem ſanften Lächeln. Alſo wieder ein Spion in meinem Hauſe. Aber wozu nützte es, ihn fortzujagen! Ich würde den einen fortjagen und einen andern wieder bekommen, und wer weiß, ob nicht Alle, die mich umgeben, nur meine Spione ſind. Trauriges Schick— ſal, immer mißtrauen, immer argwöhnen zu müſſen. Oh, gieb nur Gott, daß die Eine mir treu iſt, daß ſie die ſchwere Prüfung beſteht! Gieb nur dies, und alles Andere läßt ſich dann ertragen! 1 Fürſt düumph dehmer der Und den Arſichten dAntionsre daichs gew und einer Nicte d den auf d Vlh un ward von helm bere ⸗ Dieſe IVW. Ein Blatt aus der Geſchichte. Fürſt Metternich hatte in Troppau einen neuen Triumph gefeiert. Er hatte die beiden andern Theil nehmer der heiligen Allianz, den Kaiſer von Rußland und den König von Preußen, für die Wünſche und Anſichten Oeſterreichs gewonnen, und das Inter ventionsrecht, das bis dahin nur ein Wunſch Oeſter reichs geweſen, ward zu Troppau zu einem Geſetz und einer anerkannten Pflicht erhoben. Die drei Mächte der heiligen Allianz erneuerten und erweiter⸗ ten auf dieſem Congreß in Troppau ihren Bund von 1815 und die Acte, welche Metternich entworfen, ward von Kaiſer Alexander und König Friedrich Wil helm bereitwillig genehmigt. Dieſe Acte ſtellte den Grundſatz der Intervention 222 als eine heilige und unabweisbare Pflicht feſt, und die drei Mächte übernahmen in derſelben die Ver⸗ pflichtung, in allen denjenigen Staaten, die den Ver⸗ trägen von 1815 angehörten, die Unabhängigkeit und Integrität aufrecht zu erhalten. Dieſe Acte be—⸗ rechtigte ſomit die drei Mächte zum Eingriff in die Kämpfe und Streitigkeiten anderer Länder, und gab ihnen die Macht, die Völker wider ihren Willen zu ihrem Glück zu zwingen. Denn gegen die Völker und für die Fürſten allein ward dieſes heilige Bünd⸗ niß von Troppau geſchloſſen, und ausdrücklich ward es in der Acte ausgeſprochen:„Dieſelben Principien, welche die Großmächte vereint haben, um den mili— tairiſchen Despotismus eines aus der Revolution hervorgegangenen Individuums niederzuſchmettern, die⸗ ſelben Principien ſollen auch gegen die revolution⸗ naire Gewalt geltend gemacht werden, theils durch Vermittelung, theils durch Zwang. Wir wollen keine Eroberungen machen, nicht die Unabhängigkeit der übrigen Mächte bedrohen, ſondern nur vor dem Unheil der Revolutionen wollen wir Europa be⸗ wahren.“*) *) Capefigue: Histoire de la restauration. Serie III. p. 65. Das eeſttebt h poingen, mißliebige Span dolution ronſättti beſchränk ſclagen, machten Reiche d Durd Aliang Ungeſta Loffeng zuſtlage die Lonſitn war D Laffen nſit Schwur gieung doch do 223 Das war es, was Metternich gewollt, was er erſtrebt hatte: das Recht, die Völker und Fürſten zu zwingen, ſich ſeinem Willen zu unterwerfen, um die mißliebige Regierungsform zu beſeitigen. Spanien, Portugal und Neapel hatten eine Re— volution gemacht, hatten die alten Monarchieen in conſtitutionnelle Staaten umgewandelt, und der un⸗ beſchränkte Fürſtenwille war dort in Banden ge— ſchlagen, denn nicht die Fürſten, ſondern die Völker machten in den conſtitutionnellen Kammern dieſer drei Reiche die Geſetze. Durch dieſe Acte von Troppau gab ſich die heilige Allianz das Recht, ſolche Neuerungen und politiſche Umgeſtaltung„durch Zwang“ zu beſeitigen, und mit Waffengewalt die Triumphe der Revolutionen nieder⸗ zuſchlagen. Die Revolution in Neapel hatte dem Lande eine Conſtitution gegeben, kraft dieſer Acte von Troppau war Oeſterreich berechtigt, dieſe Conſtitution mit Waffengewalt zu bezwingen, den König, welcher dieſe Conſtitution beſchworen hatte, zu nöthigen, ſeinen Schwur zu brechen, und die alte monarchiſche Re gierungsform wieder aufzurichten. Aber man zog es doch vor, nur gegen das neapolitaniſche Volk, nicht 224 gegen den König von Neapel zwangsweiſe zu ver⸗ fahren, und bevor man die öſterreichiſchen Truppen marſchiren ließ, wollte man ſich mit dem König von Neapel verſtändigen, und von ihm die Einwilligung erhalten, die neuen Inſtitutionen ſeines Landes mit der Gewalt der Waffen niederzuſchlagen. Die drei Mächte der heiligen Allianz erließen daher von Troppau aus ein feierliches Sendſchreiben an den König Ferdinand von Neapel, und ladeten ihn ein, mit ihnen in Laibach zuſammenzutreffen, um dort eine gemeinſame Berathung über ſeine Intereſſen, und die der übrigen europäiſchen Mächte zu halten. Freilich proteſtirte England gegen dieſes Vorgehen, gegen das ganze zu Troppau aufgeſtellte Inter⸗ ventionsrecht, aber Frankreich, das die Mächte der heiligen Allianz einestheils nicht erzürnen wollte, das andrerſeits an ſeinen ſüdlichen Grenzen die Revo— lutionen von Portugal und Spanien als eine Gefahr für ſich ſelber auftauchen ſah, Frankreich fügte ſich bereitwillig den Abſichten der heiligen Allianz. Es trat dem Vertrag von Troppau bei, und nahm nicht allein die Einladung an, ſeinen Geſandten nach Lai bach zu ſenden, ſondern erließ auch ſeinerſeits an dn König aufforderte Indeſſe Aürſt Met⸗ Ferdinand oder ſein ſeinen Wi zu befteie in durch Canſitutic n bäbach ber ſahen, ſei d dem T brecen, daworbene dr Laj duuct,d nan ſcho Nuann L din bori Im alö ei darſet Rühlbac, den König von Neapel ein Schreiben, das ihn dringend aufforderte, nach Laibach zu kommen. Indeſſen hatte dieſe Einladung wenig zu bedeuten. Fürſt Metternich war feſt entſchloſſen, den alten König Ferdinand, den nahen Verwandten Oeſterreichs, auch wider ſeinen Willen glücklich zu machen, auch wider ſeinen Willen ihn von den Feſſeln der Conſtitution zu befreien. Zuerſt wollte man freilich verſuchen, ihn durch Ueberredung zu veranlaſſen, die beſchworene Conſtitution wieder aufzuheben, dazu war der Congreß in Laibach beſtimmt. Aber ſollte wider Erwarten der König den Willen haben, ſeinen Schwur zu erfüllen, und den Eid, den er dem Volke und der Conſtitution geleiſtet, nicht zu brechen, ſo wollte Oeſterreich kraft des in Troppau erworbenen Rechtes der Intervention mit der Gewalt der Waffen in Neapel die Revolution und deren Frucht, die Conſtitution, niederſchmettern. Dazu ließ man ſchon im Voraus eine Armee von achtzigtauſend Mann langſam durch den Kirchenſtaat nach Neapel hin vorrücken. Im Januar 1821 alſo begann in Laibach aber⸗ mals ein Congreß, nachdem man kaum vier Wochen vorher den Congreß von Troppau beendigt hatte. Mühlbach, Erzherzog Johann. II. 15 4 ———— 226 Die beiden Kaiſer von Rußland und Oeſterreich er— ſchienen perſönlich daſelbſt, neben ihnen als der eigent⸗ liche Kaiſer und Machthaber Fürſt Metternich mit ſeinem glänzenden Generalſtab von Diplomaten. Außer⸗ dem war nicht blos Frankreich und Preußen, ſondern ſogar das proteſtirende England in Laibach durch ſeinen Geſandten vertreten, und auch einige kleinere italieniſche Staaten, den Wünſchen Metternich's ge⸗ horſam, beeilten ſich, ihre Miniſter nach Laibach zu ſenden. Es war ein neuer, ein vollſtändiger Triumph Metternichs, und um dieſem Triumph die Krone auf⸗ zuſetzen, kam auch der König Ferdinand von Neapel ſchon einige Tage nach der Eröffnung des Congreſſes in Laibach an. 5 Freilich hatten die Kammern ihm nur mit Mühe und mit Widerſtreben die Einwilligung zu dieſer Reiſe gegeben, aber ſie hatten ſie doch gegeben, und frohen Muthes, glücklich, den Beſchwerlichkeiten und Mühen des Regierens ſich entziehen zu können, hatte der König ſeine Reiſe angetreten. Seine alten Freunde, die Lazzaroni, hatten ihm bis zum Schiffe jauchzendes Geleite gegeben, die Präſidenten und ein⸗ zelne Abgeordnete des Parlaments waren in feierlichem Juge der K gehe, ſagen, ſtitutio in der und b licht nach ₰ D König dleitet 557 Zuge ihm bis zum Hafen gefolgt, und ihnen ſagte der König mit ernſter Würde: daß er nach Laibach gehe, um den Vertretern des übrigen Europa's zu ſagen, er ſei aus freiem, aufrichtigen Willen ein con ſtitutioneller König geworden, er fühle ſich glücklich in der Eintracht und Gemeinſchaft mit ſeinem Volk, und begehre, daß man den Frieden ſeines Landes nicht ſtöre, ſondern ihm das Recht laſſe, ſein Volk nach ſeinem Willen zu regieren. Die Deputirten nahmen dieſe Erklärung ihres Königs mit freudiger Rührung entgegen und ſo, be gleitet von den Segenswünſchen ſeines Volkes, trat der König ſeine Reiſe an. Als conſtitutionneller König hatte er ſich in Neapel eingeſchifft, aber als er in Laibach anlangte, war die Tricolore verſchwunden, die er bei der Abfahrt von Neapel in ſeinem Knopfloch getragen, und der con ſtitutionnelle König hatte ſeine Schwüre in den Wellen der See begraben. Retten Sie mich, ſagte er zu Metternich, den er, kaum in Laibach angelangt, zu ſich rufen ließ, retten Sie mich von den abſcheulichen Regierungsmachern, die mir mein Leben verbittern, und mich mit Unruh und Arbeit verfolgen. Alle Tage ſoll ich Reden 15* 228 anhören und Reden halten, und Deputationen empfan— gen, und ganz gemeines Geſindel, das gar nicht von Adel iſt, darf ſich jetzt ſogar unterſtehen, mit mir zu reden. Sonſt konnte ich den ganzen Tag thun, was mir beliebte, auf die Jagd gehen, und fiſchen; jetzt haben ſie alle Augenblicke Geſchäfte, die nicht die Miniſter, ſondern ich ſelbſt bmachen muß. Ich habe mich darum die letzte Zeit ſchon krank geſtellt, um mir nur die unausſtehlichen Regierungsſorgen fern zu halten.*). Die Conſtitution, die man Ew. Majeſtät aufge— zwungen, war auch in der That eine ſchlimme Krank⸗ heit, ſagte Metternich lächelnd. Ich hoffe, Ew. Ma— jeſtät ſind hieher gekommen, um ſich von dieſer Krankheit curiren zu laſſen.. Ja, das bin ich, rief Ferdinand lebhaft. Thun Sie mir den Gefallen, Fürſt, und curiren Sie mich, denn ich ſage Ihnen, ich leide fürchterlich und ich bin bereit, alle Mittel und Arzneien zu verſchlucken, welche Sie für nothwendig erklären. Ich habe freilich den Eid geleiſtet, die Conſtitution aufrecht zu erhalten, aber das war doch nur ein gezwungener Eid, und ich *) Geſchichte des Königreichs Neapel. Von P. Coletta. III. 196. glaube die Ker Läͤrm über d richt g andern wieder din g Aber licht! loch d ic ſa glaube nicht, daß der was taugt. Ueberdies machten die Kerls, ſowie ich den Eid geleiſtet, gleich ſo viel Lärm und Geſchrei, daß ich überzeugt bin, Gott hat über dem Freudengebrüll meinen dummen Eid gar nicht gehört, und wird ſich wohl immer noch an den andern Eid halten, den ich geleiſtet, als ich 1815 wieder in mein Land einzog, den Eid, meinem Volk ein guter und gerechter König und Herr zu ſein. Aber mit dieſer abſcheulichen Conſtitution würde ich nicht mehr Herr und nicht mehr König, ſondern nur noch der abhängige Diener meines Volkes ſein. Alſo, ich ſage es Ihnen nochmals, Fürſt, befreien Sie mich von dem Unheil, und ſeien Sie meiner Dankbarkeit gewiß. Ew. Majeſtät werden alſo die Gnade haben, Alles gut zu heißen, was wir für die Ruhe Neapels und die Wiederherſtellung der Monarchie für nothwendig erachten? Ja, ja, ich werde Alles gut heißen, rief der König eifrig. Thun Sie, was Ihnen nothwendig ſcheint, um mich von der Conſtitution zu befreien. Ich ge⸗ nehmige Alles, ich unterſchreibe Alles! Und jetzt ſagen Sie mir, Fürſt, iſt es wahr, daß der Kaiſer von Rußland ſo vortreffliche Hunde mitgebracht hat? 230 Man ſagte mir, die Rüden des Czaren ſeien die herr— lichſten Thiere von der Welt. Das hat mich eifer⸗ ſüchtig und neugierig gemacht, und ich habe daher ein paar Koppeln meiner beſten Jagdhunde mitge⸗ bracht, um den Beweis zu liefern, daß meine lieben Thiere es mit allen Rüden der Welt aufnehmen. Sie müſſen aber auch wiſſen, daß ich ſie ſelber dreſ— ſirt habe, und dazu bedarf es viel Aufmerkſamkeit und viel Gelehrſamkeit. Nun bitte ich Sie aber, lieber Fürſt, tragen Sie vor allen Dingen Sorge, daß wir recht bald eine Jagd haben, und daß mir die Gelegenheit wird, meine Hunde mit den Rüden des Czaren im Wettkampf zu ſehen.*) Majeſtät, ſagte Metternich ernſt, es ſoll meine erſte Pflicht ſein, für eine große Jagd Sorge zu tragen, ſobald wir nur erſt die Angelegenheiten Neapels geordnet, und die nöthigen Schritte gethan haben, um Ihnen Ihre Autorität wieder zu geben. *) Coletta II. S. 219. Das erſte Schreiben, das der König nach langem Harren dem Parlament aus Laibach zukommen ließ, bezog ſich auch nur auf dieſe Angelegenheit. Der König meldete dem Parlament ſeine glückliche Ankunft in Mailand, ſein angenehmes Zuſammenleben mit den beiden Kaiſern, und fügte hinzu: auf den Jagden hätten ſeine Hunde die Rüden des Kaiſers von Rußland übertroffen. ch bie ie dieſe Aache auf ibermorgen Metter gß das Dhätigkeit hutte dieſe Parlament 8, der dienobire nühmigte diennen, deihl, dider a du laſſen Gn onng Fe dn Füt Weiten nanleſ erhal 1u biien. Ich bitt' Sie, rief der König ungeduldig, thun Sie dieſe Schritte morgen, machen Sie die ganze Sache auf Einmal ab, und dann laſſen Sie uns übermorgen eine Jagd haben. Metternich verſprach es lächelnd, und er hielt Wort! Schon am folgenden Tage beſchloß der Con— greß das neapolitaniſche Parlament aufzufordern, ſeine Thätigkeit aufzugeben, und ſich aufzulöſen. Gentz hatte dieſe Note abgefaßt, welche die Mächte an das Parlament von Neapel abſandten, und Metternich war es, der ſie dem verſammelten Congreß mit lauter triumphirender Stimme vorlas. Der Congreß ge⸗ nehmigte einſtimmig Alles, was Metternich und Gentz erſonnen, genehmigte, daß man dem Parlament befahl, auseinander zu gehen und den König wieder als Alleinherrſcher in ſein Reich einziehen zu laſſen. Es wird aber Hitze koſten, daß ſie's thun, ſagte König Ferdinand in ſeiner ungenirten Gemeinheit zu dem Fürſten Metternich, als dieſer am Abend dieſes zweiten Tages kam, um ihm Alles mitzutheilen, was man beſchloſſen hatte, und des Königs Genehmigung zu erhalten. Ich ſage Ihnen, Fürſt, es wird Hitze „ koſten. Denn die Carbonari haben mein Volk förm— 232 lich dreſſirt, daß ſie auf Conſtitution jagen, als wär's ein Hirſch, den ſie ſtellen ſollten. Majeſtät, ſagte Metternich lächelnd, unſere öſter⸗ reichiſchen Soldaten verſtehen ſich auch auf Jagden, und ſie werden es ſchon zu Stande bringen, das dreſ— ſirte Volk anzukoppeln, und den Hirſch zu erſchießen. Nun, ſo laſſen Sie Ihre Jäger immerhin in Neapel jagen, rief der König lachend. Aber wann werden wir hier unſere Jagd halten, und unſere Hunde probiren? Morgen, wenn es Ew. Majeſtät gefällig iſt. Es ſind ſchon alle Vorkehrungen getroffen, und ich habe es übernommen, Ihnen im Namen des Kaiſers ſel— ber die Einladung zur morgenden Jagd zu über⸗ bringen. Ah, Sie ſind ein bewunderungswürdiger Mann, rief der König, in die Hände klatſchend. Mein Gott, wie glücklich wäre ich, wenn ich in meinem Neapel auch einen Metternich an meiner Seite hätte. Mein lieber Schwiegerſohn, der Kaiſer Franz, iſt wahrlich zu beneiden, daß er Sie hat. Aber, lieber Fürſt, Sie müſſen mir noch einen Gefallen erzeigen. Ew. Majeſtät haben zu befehlen. Ich werde Alles thun, um Ihnen angenehm zu ſein. Und meine D habe der Auswärt onſtituti Auswärt inge. ſoblen h dben erl de Ank vie mo d er, beſchloſ nang g Wo derzg mache Ach dunte, errathe Na, er ſche ichts Und ich werde nicht unterlaſſen, Ihnen dafür meine Dankbarkeit zu beweiſen. Sehen Sie, ich habe den Herzog von Gallo, meinen Miniſter des Auswärtigen, hierher beſtellt. Die Leute ſagten, als conſtitutionneller König müſſe ich den Miniſter des Auswärtigen bei mir haben, wenn ich in's Ausland ginge. So habe ich mich denn gefügt, und ihm be— fohlen herzukommen. Er iſt zu Lande gereiſt, und ſo eben erhielt ich eine Staffette, welche mir auf morgen die Ankunft des Herzogs meldet. Nun aber haben wir morgen die Jagd, und dann möchte ich auch, daß er, wenn ich ihn ſpreche, ſchon wüßte, was hier beſchloſſen worden iſt, und wozu ich meine Zuſtim⸗ mung gegeben habe. Wollen Ew. Majeſtät mir erlauben, daß ich den Herzog von Gallo zuerſt ſpreche, und ihn bekannt mache mit Allem, was ihm zu wiſſen nöthig iſt? Ach, rief der König, indem er den Fürſten um⸗ armte, ach Sie ſind ein ausgezeichneter Menſch, Sie errathen die Wünſche, noch ehe man ſie ausſpricht! Ja, empfangen Sie morgen den Herzog von Gallo, ſagen Sie ihm, daß Alles beendigt iſt, daß er hier nichts mehr zu thun hat. Aber Sie, armer Fürſt, 34 werden ja dann zu Hauſe bleiben müſſen, können nicht mit uns auf die Jagd gehen? Majeſtät, meine Jagden ſind auf einem andern Revier, ſagte Metternich lächelnd. Sie jagen den Edelhirſch, ich jage das gemeine Wild der Demagogen und Revolutionnairs, und da bin ich ein beſſerer Schütze als im Forſt. Wenn es Ew. Majeſtät alſo genehm iſt, gehen Sie morgen auf die Jagd und während der Zeit empfange ich den Herzog von Gallo.— Am andern Tage langte in der That der Herzog von Gallo in Laibach an. Aber der König Ferdinand hatte ſich mit den beiden Kaiſern und dem ganzen glänzenden Schwarm der Geſandten, Diplomaten, Ge⸗ neräle und Officiere ſchon auf die Jagd begeben. Nur der Fürſt Metternich war da geblieben, und zu ihm begab ſich alſo der Herzog von Gallo. Fürſt Metternich empfing den Herzog mit ſtrenger, ſtolzer Miene. Wiſſen Sie, Herr Herzog, fragte er ihn ſtatt aller Begrüßung, wiſſen Sie, weshalb Ihr König Sie hat hierher kommen laſſen? Ich denke, Durchlaucht, um Theil zu nehmen an den Berathungen des Congreſſes, und die Rechte des conſtitutionnellen Neapels zu vertreten. os giebt darr Herzog dnnen laſſe Thhren ſoll Nun gut, dun des Fü recher komr vittheilen. d wind Al ber, ri haneken— derr H de iid ni in Beſten düj äigel ſu enerk tiahre, d unhn, di le mer len, da der Nact 235 Es giebt keine Berathungen mehr über Neapel, Herr Herzog, und Ihr König hat Sie blos hierher kommen laſſen, damit Sie die Reſultate der Berathung erfahren ſollten. Nun gut, rief der Herzog, beleidigt von dem hohen Ton des Fürſten, wenn der König mich deshalb hat hierher kommen laſſen, ſo wird er mir dieſe Reſultate mittheilen. Se. Majeſtät hat mir den Auftrag ertheilt, Sie mit denſelben bekannt zu machen, ſagte Metternich ruhig. Später werden Sie Ihren König ſprechen, der wird Alles beſtätigen, was ich Ihnen ſage. Aber, rief der Herzog, ich erlaube mir, Ihnen zu bemerken— Herr Herzog, unterbrach ihn Metternich ſtreng, Sie ſind nicht hierher gerufen, um Ihre Bemerkungen zum Beſten zu geben, und da Sie nicht zu dem Con greß eingeladen worden, ſo ſteht es Ihnen gar nicht zu, Bemerkungen zu machen. Sie ſind hier, um zu erfahren, daß die europäiſchen Mächte die Umände uungen, die in Neapel vorgefallen ſind, in keinem Falle anerkennen, ſondern daß ſie Sorge tragen wollen, daß der König nach Neap el zurückkehre mit der Macht und dem Anſehen, welche ihm der Vertrag 236 von 1815 gewährleiſtet hat. Wir werden demzufolge mit einer Armee von achtzigtauſend Mann Neapel beſetzen und die Ruhe und Ordnung wieder herſtellen; dieſe Armee wird auf Koſten des Landes erhalten werden. Sobald der König ſeine Macht wieder er⸗ langt hat, wird er ſolche Geſetze geben, wie er ſie für das Wohl ſeiner Völker zuträglich hält; wenn man aber die Thorheit ſo weit treiben will, ſich gegen uns und ihn aufzulehnen, ſo werden noch weitere hunderttauſend Truppen in Ihr Vaterland einrücken und diejenigen, welche die Vermeſſenheit haben, offenen Widerſtand entgegen ſetzen zu wollen, werden alsdann die Kriegs⸗Contributionen zahlen muͤſſen. Dies, mein Herr Herzog, ſind die Beſchlüſſe, welche der Congreß heute gefaßt, und die Ihr König angenommen hat. Begeben Sie Sich heute Abend, wenn der König von der Jagd heimkehrt, zu ihm, und er wird Ihnen Alles beſtätigen, was ich geſagt habe.*) Und mit einem ſtolzen Kopfnicken entließ Fürſt Metternich den verbrecheriſchen neapolitaniſchen Herzog, *) Capefigue, Histoire de la restauration. III. 101.— Fürſt Clemens von Metternich und ſein Zeitalter. Von W. Binder. S. 202. dn er al Maglieder Kaum dendinand dvon Gallo ferdin feinen frü gnügten L. Nun, hürt, was Majeſ wentſetzl Gut, Netternic lietmit A derſtanden ih habe ſi Dank Aber Bite Känig un da mif teinen) 237 den er als eines der thätigſten und einflußreichſten Mitglieder der Carbonaria in Neapel verabſcheute.— Kaum war am Abend dieſes Tages der König Ferdinand von der Jagd heimgekehrt, als der Herzog von Gallo zu ihm eintrat. Ferdinand, noch im vollen Jagdanzuge, empfing ſeinen frühern Freund und Vertrauten mit einem ver gnügten Lächeln. Nun, lieber Herzog, fragte er heiter, haſt Du ge— hört, was Metternich will? Majeſtät, ſagte Gallo traurig, ich habe von ihm zu entſetzliche Dinge vernommen, daß Gut, unterbrach ihn der König lachend, ich ſehe, Metternich hat Dir Alles geſagt. Ich beſtätige Dir hiermit Alles, was er geſagt hat, und bin ganz ein— verſtanden mit ihm. Du kannſt gleich wieder abreiſen, ich habe Dich nicht mehr nöthig, denn ich bin Gott ſei Dank kein conſtitutionneller König mehr. Aber ich wage Ew. Majeſtät zu bitten— Bitte nichts, lieber Herzog, unterbrach ihn der König ungeduldig. Alle Bemerkungen ſind unnöthig. Die Sache iſt abgemacht; ich glaube wohl, daß Dir das mißfällt, aber mir gefällt es, und ich bin mit meinen Alliirten ganz einig. Oeſterreich wird es über 238 nehmen, die unangenehme Geſchichte in Neapel wieder in Ordnung zu bringen, und wenn ich dahin zurück— kehre, wird von keiner Conſtitution mehr geredet werden, ſondern Alles wird Gott ſei Dank wieder beim Alten ſein. Adieu, lieber Gallo, ſage kein Wort weiter, und reiſe ab. Der Herzog that, wie ihm der König befohlen. Er reiſte noch zur ſelben Stunde ab, um nach Neapel zurückzukehren und dem entſetzten Parlamente den Eid⸗ bruch des Königs und das Anrücken einer öſterreichi⸗ ſchen Armee zu verkünden. Alles ſchrie Rache, Alles begehrte den Krieg und ſchwur die Freiheit und die Conſtitution bis zum letzten Blutstropfen zu ver⸗ theidigen. Ganz Europa ſchaute mit geſpannter Aufmerkſam⸗ keit nach Neapel hin, ganz Europa war überzeugt, daß das Einrücken der öſterreichiſchen Truppen in das Königreich Neapel das Signal zu einer allgemeinen Erhebung des Volkes ſein würde. Nur Fürſt Metternich ſah mit lächelnder Ruhe den kommenden Dingen entgegen, und den noch immer in Laibach anweſenden Kaiſern verſicherte er, daß, wie er glaube, die Ruhe in Neapel ohne Blutvergießen wieder hergeſtellt ſein würde. N ach General ach Nee drachten deim An lucht au du finden deſetzt hä dn dem dict einſ daben 239 Nach einigen Tagen alsdann kamen Couriere vom General Frémont, dem commandirenden General der nach Neapel entſandten öſterreichiſchen Armee; ſie brachten die Kunde, daß die neapolitaniſche Armee beim Anrücken der öſterreichiſchen Armee in feiger Flucht auseinander gelaufen und ſich aufgelöſt hatte, daß die Oeſterreicher, ohne irgend einen Widerſtand zu finden, in Neapel eingezogen ſeien und die Stadt beſetzt hätten. Metternich triumphirte. Nun, Sire, ſagte er mit ſtolzem Lächeln zu dem Kaiſer von Rußland, ſehen Sie, wie leicht man mit Resvolutionen fertig wird. Man muß ſie nur zu rechter Zeit anpacken, und ſich von dem Gekläff der revolutionnairen Strauchdiebe nicht einſchüchtern laſſen. Sie ſchwatzen viel, aber ſie haben keinen Muth, und es geht ihnen, wie dem Teufel mit dem Crucifix, hält man ihnen das Schwert entgegen, ſo ſchrumpfen ſie zuſammen und heben ſich weg. Das lächerliche Phantom der Revolution iſt jetzt aus Neapel verbannt, und die Conſtitution iſt nichts mehr als ein ſchmutziges Blatt Papier, das unſere Soldaten als Pfropfen in ihre Gewehre laden. Das heilige Allianz⸗Syſtem, welches Fürſt Metter⸗ 240 nich ſo klug zu benutzen verſtanden, hatte ſich alſo bewährt, und hatte die Revolution in Neapel nieder⸗ geſchlagen, und der Congreß in Laibach beſchloß jetzt ſeine Sitzungen mit einem Circular, in welchem die drei Mächte der heiligen Allianz allen europäiſchen Regierungen die Wiederherſtellung der Ruhe in Italien anzeigten, und verkündeten, daß ſie auch in der Zu— kunft es für ihr Recht und ihre Pflicht erachten würden, überall die Ordnung und das Beſtehende aufrecht zu erhalten, wenn es ſein müſſe, auch mit der Gewalt der Waffen. „Die verbündeten Monarchen, heißt es in dieſer Note, würden ihren Erklärungen treu bleiben, welche neuen Prüfungen ihnen die Vorſehung auch noch vor— behalten haben möge. Denn mehr als je berufen, ebenſo wie alle anderen Souveraine und legitimen Mächte, über den Frieden Europa's zu wachen, ſie nicht allein gegen die Irrthümer und Leidenſchaften zu ſchützen, welche ihn hinſichtlich der Beziehungen einer Macht zur andern gefährden könnten, ſondern auch beſonders gegen jene verbrecheriſchen Verſuche, welche die civiliſirte Welt den Schrecken einer allgemeinen Anarchie überliefern, glauben ſie einen ſo erhabenen Beruf durch die kleinlichen Berechnungen einer ge— wöhnlichen dem von i iffen darg dm Urthe 241 wöhnlichen Politik nur zu entweihen. Da Alles in dem von ihnen befolgten Syſtem einfach, gediegen und offen dargelegt iſt, ſo unterwerfen ſie es mit Ruhe dem Urtheil aller aufgeklärten Regierungen.“ Mühlbach, Erzherzog Johann. II. 16 W. Der Tod Uapoleon’s. Der Herzog von Reichſtadt befand ſich ſeit einigen Tagen in Schönbrunn. Als der unzertrennliche Ge fährte ſeines Großvaters, des Kaiſers Franz, hatte er ihn dahin begleitet, um dort in ſtiller Zurückgezogen— heit die Sommermonate zu verleben. Der Kaiſer hatte heute Morgen, wie er das in Schönbrunn zu thun pflegte, in den Gartenſälen daſelbſt ſeine gehei⸗ men Audienzen ertheilt, und als er nach denſelben den kleinen Herzog wieder zu ſich rufen ließ, war der Kaiſer ernſter und ſtiller geweſen, wie er es ſonſt ſeinem Enkel gegenüber zu ſein pflegte. Statt mit dem Knaben, wie ſonſt an jedem Morgen nach den Audienzen, einen Spaziergang durch den Park zu machen, hatte der Kaiſer ihn aufgefordert, in ſeine Gemächer zurückzukehren. ſagte nen hür, heute ſei ſ lieb Dein mein gehen 243 Hab' heut gar viel zu thun, mein liebes Bürſchle, hatte der Kaiſer geſagt, darf nit meinem Plaiſir nach⸗ gehen, ſondern muß wie'n angeſtellter Hofrath ar— beiten und ſchreiben. Das hat man davon, wenn man Kaiſer iſt. Sei Du halt froh, daß Du's nit nöthig haſt. Großpapa, ſagte der Prinz lächelnd, ſchreiben und arbeiten muß ich doch, wenn ich auch nur der kleine Herzog bin, und nicht der Kaiſer. Nun dann ſind wir alſo in gleicher Verdammniß, ſagte der Kaiſer. Gehen wir alſo halt jeder an ſei⸗ nen Schreibtiſch, und thun wir unſere Pflicht. Und hör', mein Bürſchle, ſollte Herr von Foreſti Dir heute etwas zu ſagen haben, was Dir weh thut, ſo ſei ſtandhaft und tapfer, und vergiß nit, daß ich Dich lieb hab' und daß ich zugleich Dein Großvater und Dein Vater ſein und bleiben werde! Jetzt geh', mein Bub', wir wollen halt Beid' an die Arbeit gehen. Der kleine Herzog hatte ſich alſo auf ſein Zimmer zurückbegeben, aber ſtatt zu arbeiten, wie es der Kaiſer ihm befohlen, ſaß er ſtill und traurig da, nicht achtend auf das Geplauder des kleinen Erzherzogs Franz Carl, der eben hereingeſtürmt war, und jetzt 16* 3 mit den ſchönen Soldaten ſeines kleinen Vetters eifrig zu ſpielen begann. Komm her zu mir, Reichſtadt, rief der Erzherzog jetzt von dem Spieltiſch her ihm zu. Komm, ſpiele mit mir! Ich mag nicht ſpielen, ſagte der Herzog traurig. Aber ich will es, rief der Knabe trotzig. Ich be— fehle es Dir hierher zu kommen, und ich kann Dir befehlen. Denn ich bin ein Erzherzog, ein richtiger, legitimer Erzherzog, und mein Vater iſt ein richtiger Kaiſer! Und mein Vater iſt auch ein richtiger Kaiſer, rief der Prinz mit funkelnden Augen, indem er aufſprang, und zu dem Erzherzog hineilend ſich mit zornigem Geſicht ihm gegenüberſtellte. Mein Vater iſt auch ein richtiger Kaiſer, und ein Held dazu! Frag' Deinen Vater, ob ich nicht die Wahrheit ſage, und ob er nicht oft genug ſich vor dem Kaiſer Napoleon ge⸗ bückt hat. Gewiß hat er's gethan, ſagte der kleine zehnjährige Franz Carl trotzig, gebückt hat ſich mein Vater der Kaiſer wohl vor dem Napoleon, aber blos um den Stein aufzuheben, mit dem er den Erzſchelm Bona⸗ part' vom Thron runter ſchmeißen wollt'. Und runter fort gem Kaiſ Kön mit nuß das 245 geſchmiſſen hat er ihn, und jetzt ſitzt der Exkaiſer auf der Inſel Helena, und iſt nichts weiter als ein Ge⸗ fangener mehr. Brauchſt nicht ſtolz ſein auf Deinen Vater, kleiner Reichſtadt. Denkſt wohl, ich weiß nichts. Oh, Alles weiß ich. Mein Herr Gouver— neur hat mir die ganze Geſchicht' von dem Tyrannen Bonapart' erzählt, und ich weiß, wie er aus Rußland fortgelaufen iſt, und wie ſie ihn bei Leipzig geſchlagen und nach Elba geſchickt haben. Und da iſt er wieder fortgelaufen, und hat ſich wieder in Paris zum Kaiſer gemacht. Aber es wollte ihn kein Menſch mehr zum Kaiſer haben, ſchrieen Alle, ſie wollten ihrem lieben König Ludwig treu bleiben und nichts zu ſchaffen haben mit dem Menſchenſchlächter, dem Bonapart'. Und er mußt' verkleidet als Poſtillon fortreiſen, weil ſonſt das Volk ihn zerriſſen hätte, und flüchtete ſich auf ein engliſches Schiff, und die Engländer hielten ihn feſt, und brachten ihn nach St. Helena, wo der Bonapart' jetzt ſizt und mit den Möven ſpielt und Auſtern fiſcht. Der kleine Herzog war bleich geworden, ſeine Augen hatten ſich mit Thränen gefüllt, aber er hielt ſie mit Gewalt zurück, er zwang ſeine Stimme ruhig zu ſein. V b 246 Dein Gouverneur hat Dir doch nicht Alles er— zählt, ſagte er. Er hat nicht erzählt, wie der Kaiſer von Oeſterreich bei Auſterlitz von meinem Vater, dem Kaiſer Napoleon, beſiegt ward, und wie er nachher demüthig und blaß zu meinem Vater, dem Kaiſer Napoleon, an's Wachtfeuer kam, und um Frieden bat und bettelte. Das iſt nicht wahr, ſchrie der kleine Franz Carl, mit geballten Fäuſten auf ſeinen Vetter hinſtürzend. Das iſt wahr, und es ſteht in allen Geſchichts⸗ büchern geſchrieben, rief der Prinz, indem er mit kräftiger Hand den kleinern Erzherzog feſt hielt. Und nachher bei Wagram, da hat mein Vater Deinen Vater beſiegt, und der iſt vor Angſt nach Ungarn ge⸗ laufen. Aber mein Vater, der Kaiſer Napoleon, der i*ſt hier geblieben, und hier in Schönbrunn, hier, gerad' hier in dieſem Zimmer, hat er gewohnt, und draußen auf dem Hofe haben die Wiener ſtundenlang alle Tage geſtanden und gewartet, bis ſie einmal am Fenſter das ſchöne prächtige Angeſicht des großen Napoleon zu ſehen bekamen. Der große Napoleon, das war mein Vater, und Du ſollſt Dich nicht unterſtehen, ſchlecht von ihm zu ſprechen, und ihn zu beſchimpfen, 247 denn ich leide es nicht, und es iſt ſchlecht von Dir, das Unglück zu verſpotten. Da haben Sie Recht, ſagte Herr von Foreſti, der unbemerkt von den beiden Knaben in das Zimmer eingetreten war und dem letzten Theil ihres Geſprächs zugehört hatte. Man darf das Unglück nicht ver— ſpotten, und ich glaube auch nicht, daß der Erzherzog Franz Carl das gewollt hat. Nein, ich wollte es nicht, ſagte der Erzherzog grollend, aber er hat mich gereizt, und es iſt doch wahr, daß ſein Vater kein richtiger Kaiſer geweſen iſt. Und mit einem tückiſchen Seitenblick und einem höh⸗ niſchen Lächeln ging der kleine Erzherzog an ſeinem Vetter vorüber, und verließ das Gemach. Herr von Foreſti, ſagte der Herzog als er jetzt allein war mit ſeinem Erzieher, ich bitte Sie um Ver— zeihung, daß ich heftig geworden bin. Aber ich kann es nicht ertragen, wenn man auf meinen Vater ſchilt, denn Sie wiſſen es wohl, ich liebe meinen Vater. Und Sie, mein Herr, fuhr der Knabe eifrig fort, Sie werden das begreifen, denn Sie haben ihn ja gekannt, Sie waren ſo glücklich, mit ihm zu ſprechen. Freilich, Sie hielten das damals wohl nicht für ein Glück, denn Sie waren Gefangener, und mein Vater, der Kaiſer, 248 war böſe auf Sie. Oh, ich bitte, lieber Herr von Foreſti, erzählen Sie mir das noch einmal. Wo war's, daß Sie den Kaiſer Napoleon ſahen? Bei Regensburg im Jahr 1809, mein Prinz. Ich ward mit mehreren andern gefangenen Officieren vor den Kaiſer geführt. Er ſaß zu Pferde und war um⸗ geben von einer glänzenden Suite, von vielen Mar— ſchällen und Generälen. Oh Gott, mein Gott, warum habe ich nicht an Ihrer Stelle ſein können, ſeufzte der Prinz inbrünſtig, indem er die Hände faltete, und mit andächtigen Blicken zu Herrn von Foreſti emporblickte. Nicht wahr, er ſah ſchön und herrlich aus, mein lieber Vater? 8 In dem Augenblicke, Prinz, ſah er zürnend aus, wie ein Donnergott, ſeine Augen flammten wie Blitze und ſeine Stimme rollte wie Donner. Er fragte uns, wo der Erzherzog Carl mit der Armee ſtände, und als wir ihm nicht antworteten, da wandte er ſich an mich beſonders, und ſchalt auf den Kaiſer von Oeſter⸗ reich, und ſagte, der Kaiſer Franz wolle ihn verhin⸗ dern, ſeinen Krieg mit Spanien zu Ende zu führen, und ſei immer ſein heimtückiſcher Feind geblieben, Aber meine Sle 249 und darum komme er jetzt, ihn zu bekämpfen auf Leben und Tod. Aber der Kaiſer von Oeſterreich war damals noch nicht ſein Schwiegervater, ſagte der Knabe, gleichſam entſchuldigend. Er war blos der Feind meines Va⸗ ters, und darum durfte er wohl auf ihn ſchelten. Aber ich bitte Sie, lieber Herr von Foreſti, ſeien Sie meinem lieben Vater nicht böſe, daß er ſo heftig gegen Sie war. Ich bin überzeugt, wenn er Sie jetzt ſähe, würde er ſehr freundlich und ſehr gütig gegen Sie ſein. Er würde ſehen, wie viel liebevolle Sorgfalt Sie mir zuwenden, wie viel Beweiſe von Zuneigung ich von Ihnen erhalte, und er würde Ihnen ſehr gut dafür ſein. Sie glauben das doch auch, mein Herr? Oh ja, ich glaube es, ſagte Herr von Foreſti mit abgewandtem Geſicht. Aber ich, ich weiß es gewiß, rief der Knabe trium⸗ phirend, denn ich weiß, daß mein Vater mich lieb hat, und daß er mich auch auf St. Helena nicht ver— geſſen hat. Nein, ſagte Foreſti ernſt, er hat Sie nicht ver⸗ geſſen. Er hat Ihrer täglich gedacht und täglich von Ihnen geſprochen. Der Knabe zuckte zuſammen, und ein glühendes 250 Roth bedeckte ſeine Wangen. Woher wiſſen Sie das? fragte er bebend und athemlos. Wer hat zu Ihnen von meinem Vater geſprochen? Prinz, Jemand, der lange Zeit ſich in ſeiner Nähe befunden hat und der jetzt erſt von St. Helena nach Europa zurückgekehrt iſt. Der Doctor Antomarchi, den ich heute geſprochen habe. Und er hat meinen Vater gekannt? Er hat Ihnen von ihm erzählt? Er hat Ihnen geſagt, daß mein Vater mich nicht vergeſſen hat? Er hat mir erzählt, daß Ihr Vater Sie liebt und daß Napoleon, der niemals über ſein Unglück auch nur Eine Thräne vergoſſen, geweint hat, als er eines Tages Ihrer gedachte. Es war an einem trüben regneriſchen Apriltage dieſes Jahres. Der Kaiſer, der ſchon ſeit vielen Monaten ſein Haus nicht mehr verlaſſen hatte, verſammelte ſeine Getreuen um ſich, um mit ihnen zu plaudern oder ihnen vorzuleſen. Er nahm die Andromache von Racine und begann zu leſen, und mit wunderbarer Gewalt und Kraft las er trotz ſeiner Krankheit und ſeiner Schmerzen. Sein Antlitz ſtrahlte auf wie in Verklärung, als er die Scene las, wo Andromache bittet, von der Erlaubniß Gebra Je pas Puisq Le Sel warun Auger T der J 4 251 Gebrauch machen zu dürfen, ihren Sohn zu ſehen, und mit wunderbarer Bewegung las er: Je passai jusqu'aux, a lieux, ou l'on garde mon flls Puisqu' une fois le jour, vous souffrez, que je voie Le seul bien, qui me reste d'Hector et de Troie. J'allais, Seigneur, pleurer un moment avec lui. Je ne l'ai point encore embrassé d'aujourd'hui. Da, bei dieſen letzten Worten, bebte ſeine Stimme, das Buch entſank ſeiner Hand, und mit beiden Hän— den ſein Geſicht bedeckend, befahl er mit erſtickter Stimme, daß man ihn allein laſſen möchte.*) Der Knabe hatte mit zuckenden Lippen, mit bleichen Wangen zugehört, er fühlte es gar nicht, daß die Thränen, die ſo lange in ſeinen Augen geſtanden, jetzt langſam, wie große durchſichtige Perlen über ſeine Wangen niederrollten. Oh, mein Vater, mein lieber Vater, murmelte er, warum kann ich nicht alle Tage wenigſtens einen Augenblick bei Dir ſein in Helena! Mein Prinz, ſagte Foreſti feierlich, Ihr Vater, der Kaiſer Napoleon, iſt nicht mehr auf Helena. Nicht mehr auf Helena? wiederholte der Knabe, *) Montbel: Le duc de Reichstadt. pag. 90. 252 ihn anſtarrend. Und wo iſt mein Vater jetzt, wenn er nicht mehr auf Helena iſt? Prinz, rief Foreſti, den Arm zum Himmel erhebend, Prinz, er iſt dort oben. Er iſt bei Gott! Todt, mein Vater iſt todt? ſchrie der Knabe, und er ſank auf ſeine Kniee nieder, erhob ſeine beiden ge— faltenen Hände zum Himmel und das Haupt auf die Bruſt geſenkt, weinte er bitterlich. Dann nach einer langen Pauſe unterdrückte er ſein Weinen und Schluchzen und trocknete mit ſeinen kleinen Händen die Thränen aus ſeinen Augen fort. Ich will nicht mehr weinen, ſagte er, mein Vater iſt jetzt kein Gefangener mehr, er iſt frei, er iſt oben im Himmel und er ſieht zu mir nieder, ſieht in mein Herz und weiß jetzt, wie lieb ich ihn habe. Jetzt, mein Herr, bitte ich Sie, erzählen Sie mir, wie mein Vater ſtarb. Ja, mein Prinz, ich will Ihnen Alles erzählen, was ich weiß. Aber ich bitte, ſtehen Sie auf, ſetzen Sie ſich hierher auf den Divan. Nein, Herr Hauptmann, ſagte der Prinz mit trau⸗ rigem, entſchloſſenem Ton, nein, auf meinen Knieen will ich von der Todesſtunde meines lieben Vaters fühlte, freien. Btt u Inaeſic dald b diſair Ale w don der haben. 2 Cehens der nr Wir u Eiſer das wi A ich w auch n mehr 253 hören. Wann iſt er geſtorben? Hat er viel Schmer⸗ zen gehabt? Er hat lange gelitten, und als er den Tod nahen fühlte, da dankte er Gott, daß er käme, ihn zu be⸗ freien. Seine Freunde, ſeine Diener ſtanden um ſein Bett und weinten um ihn, er aber lag da ſtrahlenden Angeſichts und mit lauter Stimme rief er: Ich werde bald bei Euch ſein, meine Freunde. Ja, Kleber, Deſaix, Duroc, Ney, Maſſena, Murat, Berthier, ſie Alle werden kommen, mich zu begrüßen und mit mir von den Thaten ſprechen, die wir zuſammen vollbracht haben. Ich werde ihnen die ſpätern Ereigniſſe meines Lebens erzählen. Bei meinem Anblick werden ſie wie— der trunken ſein von Begeiſterung und von Ruhm. Wir werden mit den Scipionen, mit Hannibal, mit Cäſar und Friedrich über unſere Kriege ſprechen und das wird unſere Seligkeit ſein.*) Oh, mein Vater, ſchluchzte der Knabe, ich wollte, ich wäre auch bei Dir da droben und wir könnten auch mit einander ſprechen! Aber ich will Sie nicht mehr unterbrechen, Herr von Foreſti. Erzählen Sie *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Antomarchi II. Seite 88. 254 weiter. War das am Tage ſeines Todes, als mein Vater ſo ſprach? Nein, mein Prinz, es war am erſten Mai, drei Tage vor ſeinem Tode, er ſtarb am vierten Mai. Aber von dieſem Tage an ward er immer ſchwächer. Zuweilen lag er wie erſtarrt da, aber ſeine großen leuchtenden Augen waren auf die Büſte geheftet, welche auf ſeinen Befehl ſo geſtellt war, daß er ſie von ſeinem Bett aus ſehen konnte, und er winkte ihr mit den Augenlidern und lächelte ihr zärtlich zu. Was war das für eine Büſte? fragte der Knabe zitternd. Es war die Büſte ſeines Sohnes, Ihre Büſte, Prinz! Ein einziger tiefer Schmerzensſchrei entrang ſich der Bruſt des Prinzen, dann preßte er ſeine gefalte— nen Hände an ſeine Lippen und zwang ſeine Jammer— klage zurück in ſeine Bruſt. Sprechen Sie weiter, mein Herr, ſagte er matt. Es war am erſten Mai, wovon Sie ſprachen, und Sie ſagten, er ſei erſt drei Tage ſpäter geſtorben. Was hat er bis dahin geſagt und geſprochen? Hat er nicht ein einziges Mal von mir geſprochen? Prinz, ſchon im Sterben ſprach er zwei Mal mit zärllch Aume ſant e letztes vüthete praſſet Aüfruo ſanden läſt. d das lei Auf ei iler d ſäl, de dod Knabe. Nii d r zärtlichem Ton Ihren Namen aus, ſtreckte er ſeine Arme empor und rief: Mon fils! Mon fils! Dann ſank er zurück und verfiel in Phantaſieen. Sein letztes Wort war: Tète de l'armée! Draußen wüthete und tobte der Sturm, der Regen ſchlug praſſelnd an die Fenſter, die ganze Natur ſchien in Aufruhr und Bewegung. Um das Bett des Kaiſers ſtanden ſeine Freunde und Diener in Thränen aufge— löſt. Der Sturm tobte ſo fürchterlich, daß man kaum das leiſe Aechzen des Sterbenden vernehmen konnte. Auf einmal ſchwieg der Sturm, als halte die Natur den Athem an, um zu lauſchen. Der Arzt neigte ſich über das Bett des Kaiſers— auch ſein Athem ſtand ſtill, der Kaiſer war todt. Todt! Mein lieber Vater iſt todt! ächzte der Knabe. Nein, ſagte Foreſti feierlich. Nein, der Kaiſer Napoleon ſtirbt niemals, er lebt ewig fort in dem Gedächtniß der Menſchen und ſein Ruhm iſt ſein ewiges Leben. Beweinen Sie ihn nicht; als er auf Helena ſchmachtete, da war er beweinenswerth. Jetzt iſt er frei, Gott hat gethan, was die Menſchen nicht thun durften, Gott hat ihn erlöſt. Weinen Sie alſo nicht, ſondern danken Sie Gott, lieben Sie Ihren 256 Vater, wie Sie ihn bisher geliebt haben, nur daß Sie Ihre Blicke, ſtatt nach einer unbekannten fernen Inſel hin, zum Himmel emporrichten, wenn Sie an Ihren Vater denken. Es iſt wahr, Sie haben Recht, ſagte der Knabe, ſeine Augen trocknend und ſich langſam von ſeinen Knieen erhebend. Ich muß jetzt immer bedenken, daß mein Vater Alles ſieht und weiß, was ich thue, und da darf ich nichts thun, was ihm nicht gefallen kann. Es würde ihn aber betrüben, wenn er mich ſo traurig und ſchwach ſähe, und darum will ich nicht mehr weinen, ſondern muthig und ſtark ſein und dem lieben Gott danken, daß er meinen Vater endlich erlöſt hat. Aber jetzt, lieber Herr von Foreſti, jetzt ſprechen Sie weiter. Sagen Sie mir, wo man meinen Vater be— graben hat. Nicht wahr, der böſe Sir Hudſon Lowe, der immer ſo ſchlecht und grauſam gegen meinen Vater geweſen iſt, der damals auch ſo böſe war, als mein Vater die Locke und den kleinen Brief von mir erhalten, Sir Hudſon Lowe hat ihn gewiß ganz ſtill, wie einen bloßen Gefangenen begraben laſſen? Nein, Prinz, der Leiche hat man die höchſten Ehren erzeigt, und nicht wie ein Gefangener, ſondern wie ein Kaiſer iſt Napoleon der Große begraben worden. 1 uas I ſagteg eegiif ihn von ſo blel marchi derſprec diet ddf ſein wo 3c enſt. und ich daran d richt me Gzähle neines Am dem ſch Mühlbac 257 Das Antlitz des Prinzen erheiterte ſich und mit der Neugierde eines ächten Kindes rief er: Ah bitte, Herr von Foreſti, erzählen Sie mir das recht genau. Ward mein lieber Vater mit militairiſchen Ehren be⸗ graben? Ich will Ihnen Alles erzählen, was ich weiß und was mir der gute Doctor Antomarchi erzählt hat, ſagte Herr von Foreſti, welcher gern die Gelegenheit ergriff, die Phantaſie des Knaben zu beſchäftigen und ihn von ſeinem Kummer abzuziehen. Ich will Ihnen, ſo viel ich vermag, wieder erzählen, was Herr Anto⸗ marchi mir mitgetheilt hat. Nur müſſen Sie mir verſprechen, daß Sie mich ruhig anhören, daß Sie hier auf dem Divan ſitzen bleiben und daß Sie gefaßt ſein wollen. Ich verſpreche Ihnen das Alles, ſagte der Knabe ernſt. Ich werde hier ſitzen, ich werde ruhig zuhören und ich werde nicht mehr traurig ſein, denn ich werde daran denken, daß mein Vater jetzt frei iſt, daß er nicht mehr als Gefangener auf St. Helena ſchmachtet. Erzählen Sie mir alſo jetzt von dem Leichenbegängniß meines Vaters. An welchem Tage fand es Statt? Am ſiebenten Mai. Die Leiche war drei Tage in dem ſchwarzausgeſchlagenen Schlafzimmer des Kaiſers Mühlbach, Erzherzog Johann. II. 17 258 ausgeſtellt worden und alle Einwohner der Inſel waren zu ihr hingewallfahrtet. In der Obriſten⸗Uni⸗ form der Gardejäger, geſchmückt mit den beiden Orden der Ehrenlegion und der eiſernen Krone, lag der Kaiſer; der blaue Mantel, welchen er bei Marengo getragen, war über die Füße gebreitet, und auf der Bruſt lag ein Crucifix. Als man den Sarg geſchloſ⸗ ſen, bedeckte man ihn mit einer goldgeſtickten Decke von Purpurſammet und darüber hing wieder der Mantel von Marengo. Grenadiere trugen den Sarg hinaus in den Garten, wo der eigens dazu gebauete Wagen ihn aufnahm. Sir Hudſon Lowe mit allen Behörden des Gouvernements nahmen an der Trauer⸗ feierlichkeit Theil, alle Einwohner der Inſel ſchaarten ſich in unabſehbaren Maſſen zu beiden Seiten des Weges, den der Zug paſſiren mußte. Auf den Höhen, durch welche die Straße dahin führte, waren in Zwi— ſchenräumen die Muſikchöre der Regimenter aufgeſtellt, und ſo wie der Trauerzug ſich ihnen nahte, ſtimmten ihre ſchmetternden Inſtrumente die Klagelieder an. Dem Sarg voraus ging ein Prieſter, neben ihm der kleine Sohn des Generals Bertrand, das Weihwaſſer tragend, hinter dem Sarg folgten zu Wagen und zu Fuß die Leidtragenden, die Truppen bildeten Spalier 259 zu beiden Seiten, und wenn der Zug an ihnen vor⸗ übergekommen, ſchloſſen ſie ſich hinter demſelben ihm an. Zuletzt ward der Weg indeß ſo ſchmal und eng, daß der Wagen nicht mehr vorwärts konnte. Der Sarg wurde nun von den Grenadieren getragen, und zu Fuß unter den weithin hallenden Tönen der Po⸗ ſaunen folgte Alles zur Begräbnißſtätte. Neben der Felſenquelle bei den Trauerweiden, unter denen der Kaiſer ſo oft geſeſſen hatte, war ſeinem eigenen Wunſch gemäß ſein Grab gegraben. Unter dem fernen Donner der Kanonen, den Gebeten des Prieſters, dem Schluchzen der knieenden Freunde und Diener ward der Sarg in die ſchwarzausgeſchlagene Grube hinab geſenkt. Dann wälzte man einen großen Steinblock über dieſelbe, und zu dieſem neigten ſich die fünf Trauerweiden, die ſo oft dem Lebenden milden Schat⸗ ten gewährt, neben ihm plätſcherte murmelnd der helle Quell, deſſen klares Waſſer den Sterbenden ſo ſehr erquickte, daß er ſterbend ſagte: Wenn das Schickſal meine Geneſung beſchloſſen hätte, würde ich an dem Ort, wo dieſes Waſſer hervorſtrömt, ein Monument errichten und den Brunnen zum Andenken an die Er— quickung, die er mir gewährt, bekränzen.*) Aber Gott *) Antomarchi II. 90. V V V 260 ſchenkte ihm Geneſung in einer höhern und heiligern Weiſe, und ſein eigenes Grab iſt jetzt das Monument, das die Quelle auf St. Helena verewigen wird. Und ich werde dieſes Grab niemals ſehen, mur⸗ melte der Prinz, werde niemals auf demſelben knieen und zu meinem lieben Vater beten können. Prinz, Ihr Vater wohnt nicht in jenem Grabe auf St. Helena, ſagte Foreſti ernſt, er wohnt in den Hallen der Seligen, er iſt bei Gott! Ja, und er hat mich hier auf Erden allein zurück— gelaſſen, ſeufzte der Prinz, er hat mich zu einer ein⸗ ſamen Waiſe gemacht! Nein, Sie ſind keine einſame Waiſe, tröſtete ihn Herr von Foreſti. Sie haben einen Großvater, der Sie liebt, und vor allen Dingen haben Sie eine zärt⸗ liche liebende Mutter. Ein leiſes ironiſches Lächeln flog einen Moment über die bleichen Züge des Knaben hin. Liebt mich meine Mutter wirklich? fragte er leiſe. Ja, Prinz, ſie liebt Sie wirklich, ſie liebt Sie ſo ſehr, daß, ſobald ſie die Nachricht von dem Tode des Kaiſers erhalten, ſie hierher nach Wien geeilt iſt, um ihren Sohn zu ſehen und zu umarmen. li 261 Wie, meine Mutter iſt hier? fragte der Prinz mehr erſtaunt als freudig. Sie war eben angekommen, als ich zu Ihnen eintrat, und irre ich nicht, ſo höre ich im Vorſaal ſchon ihre Stimme. Herr von Foreſti hatte ſich nicht getäuſcht. Die Thür des Vorſaals öffnete ſich ſoeben, der Kaiſer Franz trat herein und ihm folgte, noch in Hut und Reiſekleidern, die Herzogin von Parma, Marie Louiſe. Mein Sohn! Mein geliebter Sohn! rief ſie zärt⸗ lich, und ſie breitete ihre beiden Arme nach ihm aus. Aber der Herzog von Reichſtadt beeilte ſich nicht, ſich in die geöffneten Arme ſeiner Mutter zu werfen. Er trat ihr langſam entgegen, ſeine gewöhnlich ſo ſanften weichen Züge hatten jetzt etwas Ernſtes, Stren⸗ ges, und ſeine ſchönen hellblauen Augen hatten einen düſtern Ausdruck angenommen. Meine Mutter, fragte er mit lauter harter Stimme, wiſſen Sie, daß mein Vater, der Kaiſer Napoleon, ge⸗ ſtorben iſt? Ja, mein geliebter Sohn, erwiederte Marie Louiſe mit zitternder Stimme, ja, ich weiß es, und eben darum bin ich hergekommen, um Dich zu tröſten und mit Dir zu weinen. 262 Ah, meine Mutter, rief der Knabe ungeſtüm, man ſieht es wohl, daß Sie nicht um meinen Vater weinen, denn Sie ſind hierher gekommen, hierher in dieſes Zimmer, in welchem einſt der Kaiſer Napoleon ge⸗ wohnt hat und in welchem jetzt ſein Sohn, der arme kleine Herzog von Reichſtadt, wohnt, Sie ſind hierher gekommen und haben nicht einmal Trauerkleider angelegt. Aber, mein Prinz, rief Herr von Foreſti entſetzt, wie können Sie es nur wagen, ſo ungebührlich mit Ihrer Frau Mutter zu ſprechen? Mein Herr, ſagte der Knabe, mit dem trotzigen Stolz ſeines Vaters ſein Haupt zurückwerfend, mein Herr, ich habe nichts Ungebührliches geredet. Ich habe nur gethan, was ich nicht oft thue, ich habe nur das geſagt, was ich denke, und ich glaube, an dieſem heutigen Tage, wo ich den Tod meines lieben Vaters erfuhr, durfte ich das wohl thun. Es that mir weh, meine Mutter, welche doch ſchon wußte, daß mein Vater geſtorben iſt, hier gerade in dies Zimmer ohne Trauer⸗ kleider eintreten zu ſehen. Und mein lieber kleiner Enkel hat vollkommen Recht, rief der Kaiſer, der mit ſeinem ſarkaſtiſchen Lächeln bisher ein ſtummer Zuhörer geweſen. Es ziemt ſich wohl, daß die Wittwe und der Sohn des Kaiſers Na⸗ 263 poleon um ihn die Trauer anlegen. Meine Tochter, ich erlaube Ihnen, daß Sie, wie es ohne Zweifel Ihr Herz verlangt, um den Kaiſer auf vierzehn Tage die Trauer anlegen, und Du, mein kleiner treuer und zärt⸗ licher Sohn, Du ſollſt den Flor um Deinen Arm tragen, ſo lange Du willſt und es Deinem Herzen angenehm und Bedürfniß iſt. Herr von Foreſti, tragen Sie Sorge, daß alle Herren in der Umgebung des Herzogs, daß auch ſeine ſämmtliche Dienerſchaft die Trauer anlegt und ſechs Wochen den Flor um den Arm und den Hut trage. Und jetzt, mein lieber Franz, jetzt heiße Deine Mutter willkommen. VI. Das Heirathsproject. Nun, Metternich, was giebt's? fragte der Kaiſer. Was führt Sie zu mir? Majeſtät, ich komme, Ihnen meine grenzenloſe Dankbarkeit auszuſprechen für den neuen Beweis von Gnade, welchen Ew. Majeſtät mir in ſo huldvoller Weiſe gewährt haben. Ah, Sie meinen Ihre Ernennung zum Haus⸗, Hof⸗ und Staatskanzler von Oeſterreich? fragte der Kaiſer freundlich. Nun, es freut mich, wenn Ihnen dieſer neue Titel angenehm iſt. Majeſtät, es iſt kein Titel, es iſt die höchſte An— erkennung, welche mir Ew. Majeſtät da vor ganz Europa gewähren. Es iſt wahr, es iſt die höchſte Civil⸗Würde, welche 265 wir in Oeſterreich haben, ſagte der Kaiſer, und es hat ſie ſeit dem großen Kaunitz, dem Großvater Ihrer Gemahlin, kein Miniſter wieder erhalten. Aber ich wollte Ihnen auch auf eine eclatante Weiſe vor ganz Europa meine Zufriedenheit und meine Anerkennung ausſprechen, und Ihnen die hohe Stellung geben, welche Sie verdienen, und die Sie fortan mit allen ihren Rechten an meiner Seite einnehmen ſollen. Bin halt ſehr zufrieden mit Ihnen, und mit dem, was der Congreß in Laibach zu Stande gebracht hat. Mein Schwiegervater iſt wieder unumſchränkter Herr von Neapel und Sicilien, und auch die Revolution in Piemont iſt glücklich durch unſere Truppen nieder— geſchlagen. Italien wird's jetzt erkennen müſſen, daß wir die Herren der Situation ſind, und daß, Dank unſerm Interventionsrecht, keine Revolution in Italien mehr glücken kann. Wir haben halt mehr Soldaten, als die italieniſchen Fürſten, und unſere Truppen laufen nit gleich fort, wenn ſie den Feind ſehen. Sie fürchten ſich halt vor uns, die lieben Italiener, und darum werden's ruhig ſein. Majeſtät, es wäre aber noch beſſer, wenn wir die Italiener nicht blos durch die Furcht zur Ruhe zwängen, 266 ſondern wenn wir ſie eroberten, oder uns wenigſtens die Suprematie in Italien ſicherten. Nein, nein, Metternich, rief der Kaiſer lebhaft, kein Eroberungskrieg! Wie kommen's auf den revo⸗ lutionnairen Einfall? Majeſtät, es iſt ja nicht nöthig, daß man ſeine Eroberungen immer mit dem Schwert macht, und ſie mit vergoſſenem Menſchenblut tauft. Ich glaube viel⸗ mehr, daß die Eroberungen, die man mit der Zunge und durch die Mittel des Geiſtes und Verſtandes macht, bei weitem ſicherer und nachhaltiger ſind. Ich meinte daher auch nur ſolche Eroberungen. Wir ſollten einen ganz neuen Schlachtplan entwerfen. Statt Italien mit Bajonnetten nieder zu halten, ſollten wir verſuchen, es durch Liebe und Schmeicheleien auf⸗ zurichten, ſtatt es zu tödten, ſollten wir es zu neuem Leben ſtärken, aber zu einem Leben, das uns gehört und uns dienſtbar iſt. Metternich, rief der Kaiſer, Sie ſprechen in Räth⸗ ſeln, ich verſteh' Sie halt nit, denn ich hab' in meinem ganzen Leben keine Räthſel auflöſen können. Ich bitte um Erlaubniß, mich verſtändlich machen zu dürfen, Majeſtät, ſagte Metternich lächelnd. Ich meine, daß wir den Verſuch machen müßten, Italien thie imn führ wär geiz ſein ſetzt vor 267 zu erobern ohne Schwertſtreich. Italien wird jetzt durchzuckt von den elektriſchen Funken der Revolution. Es träumt von zukünftiger Größe und Einheit. Nun, benutzen wir dieſen Traum. Führen wir in ſeine Mitte einen energiſchen kühnen Mann, der auch die Schwärmerei für Völkerglück und Freiheit beſitzt, und ganz bereit iſt, ſein Leben dieſen Ideen zu weihen. Machen wir einen ſolchen, dem Kaiſer ganz nahe ver— wandten Herrn zum Fürſten irgend eines italieniſchen Staates, und laſſen wir ihn da Propaganda machen ffür ſich, das heißt für das Haus Habsburg, für die öſterreichiſche Kaiſerkrone. Mag er ſich die Sympa thieen der Italiener erwerben, und mag er dann ümmerhin auch im Innern Italiens ſeine Kriege führen und die feindlichen Nachbarn angreifen. Es wäre zum Beiſpiel gar nicht übel, wenn er den ehr— geizigen und ränkeſüchtigen König von Sardinien von ſeinem Thron herunterholte und ſich auf denſelben ſetzte. Wir hätten damit einen bedeutenden Schritt vorwärts gethan, und unſere Macht befeſtigt. Hören's, Metternich, rief der Kaiſer, Ihr Plan riecht aber verzweifelt ſehr nach revolutionnairen Ideen. Majeſtät, wir müſſen es machen nach dem Grund⸗ 268 ſatz der Jeſuiten, denen Ew. Majeſtät doch deshalb niemals Ihren gnädigen Schutz entzogen haben, weil ſie ſagen:„der Zweck heiligt die Mittel.“ Auch um den legitimen Grundſätzen zu ihrem Recht zu verhelfen, muß man zuweilen zu illegitimen Mitteln ſeine Zu⸗ flucht nehmen. Wir werden zum Beiſpiel die Revo⸗ lution in Portugal auch nicht anders beſiegen können, als daß wir dort eine Contre⸗Revolution machen helfen, und Don Miguel an die Spitze dieſer Contre— Revolution ſtellen. Und ebenſo könnten wir auch in Italien der drohenden, überall aufflackernden Revolu⸗ tion ſehr zweckmäßig eine Contre-Revolution entgegen ſtellen, und für uns gewinnen, was ſich gegen uns wenden will. Und der Mann, den Sie an die Spitze dieſer projectirten Contre⸗Revolution ſtellen wollen? Majeſtät, es iſt der Erzherzog Johann. Der Kaiſer fuhr auf, und ſeine Stirn zog ſich in Falten. Metternich ſchien das gar nicht zu bemerken und fuhr lächelnd und ruhig fort: Der Erzherzog Johann iſt ein ſehr befähigter, kluger Herr, den neuen Ideen zugänglich, ehrgeizig und unternehmungs luſtig. Hier in Oeſterreich iſt er daher für Ew. Ma— jeſtät zuweilen eine Verlegenheit, dort in Italien 269 würde er, ohne ſich deſſen vielleicht ſelbſt bewußt zu ſein, ein Werkzeug. Der Kaiſer, welcher bis dahin ſtaunend zugehört, brach jetzt in ein lautes Lachen aus. Metternich, ſagte er, Sie ſind halt ein capitaler Menſch, und haben zuweilen gar ſeltſame Ideen. Nun, da ich Sie halt nit blos zu meinem Staats-, ſondern auch zu meinem Hauskanzler gemacht hab', ſo kann ich's Ihnen nit verwehren, daß Sie auch die Angelegen— heiten meines Hauſes ein biſſel ordnen, und meine lieben Brüder auf nützliche Weiſe verwenden wollen. Und es iſt halt gar keine üble Idee, den Herrn Erz herzog nach Italien zu ſchicken, und ihn da Propa ganda machen zu laſſen für Oeſterreich. Hat's ihm mit glücken wollen, ſich ein Rhätiſches oder Noriſches Reich zu begründen, ſo geht's vielleicht mit einem Italiſchen Reich, und Sardinien wäre recht paſſend für einen öſterreichiſchen Erzherzog. Aber ich weiß mur nit recht, wie Sie's machen wollen, den Erz herzog überhaupt zuerſt in Italien einzuſchmuggeln? Ich ſeh' auch nit den kleinſten Thron, der vacant iſt, und— Ah, da fällt mir etwas ein! Sie haben mir a immer noch nit geſagt, wer die erſte Liebe des 270 Herrn Erzherzogs iſt? Haben ſich die beiden Augen noch immer nit geſchloſſen? 5 Majeſtät, ſie haben ſich geſchloſſen. Die erſte Liebe des Herrn Erzherzogs iſt frei, und ich darf ſie jetzt nennen, ſie heißt— Still, ſtill, unterbrach ihn der Kaiſer, nennen Sie ſie lieber nit, mein lieber Herr Hauskanzler. Was geht uns des Erzherzogs erſte Liebe an, die Haupt— ſach' iſt, daß er halt ſeine letzte Lieb' fahren läßt. Ich will überhaupt keine heimlichen und illegitimen Ehen in meiner Familie haben, es iſt gegen die Moral, und die Verwandtſchaften, die ſie mir zu⸗ führen, ſind eben auch nit angenehm. Mag eben ſo wenig, daß der Poſthalter Plochl mein Schwager iſt, als ich den Grafen Neipperg zum Schwiegerſohn haben möcht'. Wir thäten daher am Beſten, daß wir der Anna Plochl ihren Erzherzog, und dem Grafen Neipperg ſeine Herzogin fortnähmen, und die Beiden mit einander vermählten. Dann gäb's doch wenigſtens Eine legitime Ehe ſtatt zweier illegitimer. Meinen's nit auch, Metternich? Ich bin ganz der Meinung Eurer Majeſtät. Aber würden's die andern Mächt' halt nit mit Geſchrei aufnehmen, wenn die Herzogin von Parma ————— ‿— 3——*— ſich n eine! J draph mähle indeſſe Gema laſſen ſtalte verme gu tri geſtat Unter das d untere 271 ſich mit einem Erzherzog vermählt, und alſo vielleicht eine neue Dynaſtie in Italien gründete? Majeſtät, es iſt der Herzogin in keinem Para— graphen der Wiener Acte unterſagt, ſich zu ver— mählen, und ihrem Herzen zu folgen. Sie bleibt indeſſen die regierende Herzogin und ſie wird ihren Gemahl nur vorläufig in ihrem Namen regieren laſſen, bis Zeit und Umſtände ſich günſtiger ge— ſtalten. Die Hauptſache iſt, daß Ew. Majeſtät es vermeiden wollen, den demagogiſchen Schreiern Stoff zu triumphirendem Hohngeſchrei zu geben, indem Sie geſtatten, daß eine Erzherzogin und ein Erzherzog ſich unter ihrem Stande vermählen. Ew. Majeſtät können das am Beſten vermeiden, indem Sie die Beiden untereinander vermählten. Der Kaiſer ging ſchweigend und ſinnend einige Male auf und ab, dann blieb er vor Metternich ſtehen, und nickte ihm lächelnd zu. Der Marie Louiſ' werd' ich's ſchon befehlen, ſagte er, ſie iſt eine gar gehorſame Tochter. Aber wie machen wir's mit dem Erzherzog? Majeſtät, die erſte Liebe hat eine gar gewaltige Macht. Die Herzogin iſt jung und ſchön, und ſie 272 hat eben dieſe Erinnerungen der erſten Liebe für ſich. Wenn die Frau Herzogin will—. Dafür will ich ſchon ſorgen, daß ſie will, unter⸗ brach ihn der Kaiſer lebhaft. Es iſt recht gut, daß die Herzogin noch nit abgereiſt iſt. Wollt' halt nit gern mit ihren Trauerkleidern nach Parma zurück⸗ kehren, und iſt deshalb die vierzehn Tage hier ge— blieben. Jetzt ſoll ſie noch ein paar Wochen hier bleiben, der Graf Neipperg kann ja als ihr erſter Miniſter recht gut in Parma die Regierungsgeſchäfte beſorgen, bis er abgelöſt wird. Nun, wir werden einmal ſehen, ob die Sach' ſich machen wird. Gehen's d jetzt, Herr Staatskanzler. Ich hatt' der Frau Her⸗ zogin, die heut abreiſen will, einen Abſchiedsbeſuch machen wollen, werd' jetzt gehen, und ihr ſagen, daß ſie hier bleiben ſoll!— Und der Kaiſer begab ſich hinüber auf den ander Flügel des Schloſſes von Schönbrunn nach den Ge⸗ d mächern, welche die Herzogin von Parma bewohnte, 8 und in denen ſie einſt, zur Zeit des Wiener Con⸗ greſſes, ſo traurige und ſchmerzvolle Tage durchlebt hatte. Und Marie Louiſe hatte ſich eben damit ergötzt, mit ihrem Sohne die franzöſiſchen Regimenter, welche für ſich. unter ut, daß halt nit zurück⸗ ier ge⸗ en hier Verſter eſchäfte werden Hehen's Sbeſuch in, daß andern n Gk vohnte, Con rchlebt ilt welche „ 273 der Kaiſer Franz ſeinem Enkel geſchenkt hatte, zu muſtern, und in Reih' und Glied aufzuſtellen, und dieſe kleinen Copieen der alten Kaiſergarde hatten gar wunderſame und melancholiſche Erinnerungen in ihr wach gerufen, als die herbeieilende Kammerfrau ihr meldete, daß der Kaiſer ſo eben in den Vorſaal eingetreten ſei. Marie Louiſe beeilte ſich, ihrem Vater entgegen zu Jrhen⸗ und während der kleine Herzog ruhig mit ſeinen Soldaten weiter ſpielte, empfing ſie in dem Iune dicht neben ihrem Kabinet den Beſuch ihres Vaters. Der Kaiſer begrüßte ſie mit mürriſcher Miene, und einem düſtern Blick auf das lichte Gewand, in welches ſeine Tochter ſich heute gekleidet hatte. Sie ſind alſo recht pünktlich geweſen, meine liebe rzogin, ſagte er, haben genau mit dem vierzehnten ag Ihre Trauer wieder abgelegt. Es verlangte Sie wohl, ſich ganz und gar frei zu fühlen von der Vergangenheit. Nun ja, jetzt ſind Sie frei und es verden ſich gewiß auch manche Freier finden, um die Hand der ſchönen jungen Wittwe zu werben. Aber ich rath' Ihnen, meine Tochter, ſeien's vorſichtiger und denken's d'ran, daß ich immer Ihr Vater und Mühlbach, Erzherzog Johann. II. 18 He — 5 2 274 Ihr Herr bleib', und daß, wenn ich Ihnen das Herzogthum Parma gab, ich es Ihnen auch wieder nehmen könnte. Mein Gott, Majeſtät, rief die Herzogin beſtürzt, was habe ich gethan, um das Mißfallen Eurer Maje⸗ ſtät zu erregen? Wir wollen das halt nit weiter erörtern, ſagte der Kaiſer trocken. So lang' Sie ſich nit vermählen konnten, hab' ich zu Ihrem Verhältniß mit dem Grafen Neipperg geſchwiegen. Jetzt muß ich Sie bitten, kein weiteres Aergerniß zu geben. Ich habe anderweitig über Ihre Hand verfügt, und es fragt ſich nur, wollen Sie Herzogin von Parma bleiben, und den Gemahl annehmen, den ich Ihnen beſtimmt habe, oder wollen Sie Ihrem Herzogthum entſagen, und als Gräfin Neipperg in die Dunkelheit und das Vergeſſen zurücktreten? Majeſtät, rief Marie Louiſe mit Thränen in den Augen, ich habe mich wohl mein ganzes Leben lang als eine treue gehorſame Tochter bewieſen, ich habe den Willen Eurer Majeſtät als die einzige Richtſchnur meines Lebens betrachtet, und ihm immer mein Herz zum Opfer dargebracht. Ich hoffte aber, daß ich jetzt— Ich hoffe, daß Sie fortfahren, mir gehorſam zu en das wieder eſtürzt, Maje⸗ , ſagte mählen it dem in den n lalg habe ſchnur 275 ſein, unterbrach ſie der Kaiſer ſtreng. Sie werden den Gemahl annehmen, den ich Ihnen beſtimmt habe, Sie werden mehr thun, als das, Sie werden bemüht ſein, die Neigung, die er Ihnen früher zugewandt, wieder lebendig zu machen. Ich ſage und wiederhole Ihnen, meine Tochter, Sie werden mir gehorchen, Sie werden ſich den Geſetzen der Moral und des Herkommens fügen, und Ihr unangenehmes Verhält⸗ niß mit dem Grafen Neipperg ein für alle Mal ab— brechen, oder Sie kehren nicht als regierende Herzogin nach Parma zurück, ſondern Sie entſagen allen Ihren Titeln, auch denen einer Erzherzogin von Oeſter⸗ reich, um irgendwo im Dunkeln als Gräfin Neip⸗ perg zu verſchwinden. Ich gebe Ihnen noch vier Wochen Zeit. In vier Wochen wird es ſich ent⸗ ſcheiden, ob Sie Ihren Titeln und Würden entſagen wollen, oder ob Sie nach Parma zurückkehren als die Braut meines Bruders, des Erzherzogs Johann. Ein lauter Schrei ertönte aus dem Nebengemach. Wer iſt da? Wer hat uns behorcht? fragte der Kaiſer, und mit haſtigen Schritten eilte er nach der Thür des Nebengemaches hin. Unweit derſelben vor einem Tiſch, auf welchem ganze Batterieen Soldaten aufgeſtellt waren, ſaß der 187 276 Herzog von Reichſtadt, wie es ſchien, ſo ſehr in das Spiel mit ſeinen Soldaten vertieft, daß er das Ein— treten des Kaiſers gar nicht bemerkte. Nun, was giebt's, Franzli? fragte der Kaiſer mürriſch. Warum haſt denn eben ſo laut ge ſchrieen? Das Kind hob ſeine blauen Augen mit einem ſtillen, traurigen Blick zu dem Kaiſer empor. Ach, lieber Groß⸗ papa Kaiſer, ſagte er, ſehen Sie nur, was für ein Unglück ich gehabt habe. Seit einer Stunde laſſe ich die Garde exerciren, um ihnen unſer öſterreichiſches Commando beizubringen. Aber ſie wollten immer nicht pariren, und ſchwenkten immer rechts ab, wenn ſie links ſollten. Es war verabredet unter ihnen, und ich fuhr alſo Kanonen vor der Front auf, und drohte Feuer auf die Revolutionnairs zu geben, wenn ſie nicht ge— horſam wären. Und weil ſie immer ungehorſam und widerſpenſtig blieben, ſchoß ich auf ſie. Nun ſehen Ew. Majeſtät nur das Unglück. Ein Sappeur und ein Unterofficier ſind von meinen Kugeln verwundet, fielen um, vom Tiſch herunter und gleich ſind ihnen die Arme und die Beine gebrochen. Vor Schrecken darüber habe ich aufgeſchrieen, aber ich bitte meinen lieben Groß⸗ papa um Verzeihung, wenn ich ihn geſtört habe! in das 1s Ein Kaiſer ut ge ſtillen, Groß⸗ für ein aſſe ich ichiſches er nicht ſe linke ich fuhr Feuer icht ge⸗ am und ſehen ur und wundet, nen die darübel Groß⸗ 9 6! 277 Nein, Du haſt mich gar nit geſtört, ſagte der Kaiſer lächelnd. Spiel nur weiter mit Deinen Sol⸗— daten. Haſt ja halt eine recht energiſche Art, die Revolutionen zu beſiegen, nimmſt gleich zu den letzten Mitteln Deine Zuflucht. Haſt Recht, mein Bürſchle, wer zum Gehorchen da iſt, muß gehorchen, oder als Verbrecher beſtraft werden! Und mit dieſer ſtrengen Sentenz trat der Kaiſer in das andere Zimmer zurück, in welchem Marie Louiſe bleich, mit Thränen in den Augen, ihn erwartete. Nun, meine liebe Tochter, fragte der Kaiſer, Sie haben Alles wohl gehört, was ich Ihnen geſagt habe? Ja, Ew. Majeſtät, ich habe Ihre Befehle ver— nommen, erwiederte die Herzogin mit zitternder Stimme, aber— Es giebt kein Aber, unterbrach ſie Franz ſtrenge. Der Kaiſer hat geſprochen, und ſeine Tochter wird gehorchen. Sie bleiben noch vier Wochen hier bei uns in Schönbrunn, und nach vier Wochen feiern wir hier ganz in der Stille Ihre Vermählung mit dem Erzherzog Johann. VII. Das Bekenntniß. Eine ungewöhnliche Heiterkeit, ein reges Leben herrſchte, ſeit die Herzogin von Parma die Trauer abgelegt hatte, am Hofe zu Schönbrunn. Täglich gab es da Feſte, Jagden, oder Fahrten nach irgend einem andern der kaiſerlichen Luſtſchlöſſer, und, was ſonſt niemals geſchehen, zu allen dieſen Feſtlichkeiten wurden die Brüder des Kaiſers, die beiden Erzherzöge Carl und Johann, eingeladen. Der Kaiſer ſchien jetzt ſeine Abneigung ganz und gar überwunden zu haben, er zeigte ſich gegen Johann ſo freundlich und ver traulich, wie ſonſt nie zuvor, er ging Arm in Arm mit ihm durch die Alleen von Schönbrunn, er fragte ihn um Rath in manchen Angelegenheiten, die ſich auf die Cultur des Gartens und der Treibhäuſer Leben Trauer Täglich irgend d, was chkeiten herzöge en jet haben, 279 bezogen, und ließ ſich von ihm belehren über die ge meinnützigen Anſtalten, welche unter dem Protectorat des Erzherzogs in Steyermark entſtanden. Die Wünſche des Erzherzogs aber in Bezug auf Anna Plochl ſchien der Kaiſer ganz und gar vergeſſen zu haben, und nur zuweilen hörte man ihn mit ſpöttiſchem Lachen, wenn ſich das Geſpräch dahin neigte, von der Lächerlichkeit und Schande ſprechen, welche namentlich für eine Frau in dem lügenhaften Begriff einer ſogenannten morganatiſchen Ehe enthalten ſei, die doch immer nur ein aufgeputztes Concubinat ſei und bleibe. Marie Louiſe, welche ſich, gleich dem Erzherzog Johann, immer in der nächſten Umgebung des Kai— ſers befand, hörte ſolchen harten Urtheilen ihres Vaters immer mit niedergeſchlagenen Augen und heimlichen Seufzern, der Erzherzog Johann mit ſtillem Gleichmuth und freundlicher Ruhe zu. Die Gemahlin des Kaiſers aber lächelte dazu und meinte, daß die Gefahr ſolcher morganatiſchen Ehen dem Kaiſerhauſe glücklicherweiſe fern lägen, daß im Gegen— theil die kaiſerliche Familie wohl bald die Feier einer legitimen Ehe zu begehen habe. Und dabei blickte ſie mit einem bedeutungsvollen Ausdruck auf Marie Louiſe hin, die an der Seite 280 des Erzherzogs ſaß, und verlegen ihre Augen nieder— ſenkte. In der That, man begann ſchon in den Hof⸗ kreiſen zu flüſtern von der großen Aufmerkſamkeit, welche der Erzherzog Johann ſeiner Nichte, der Herzogin von Parma, erweiſe, von der ſichtlichen Geneigtheit, mit welcher die Herzogin ihm entgegen⸗ komme, und vor allen Dingen von dem Wohlwollen, mit dem der Kaiſer dieſe gegenſeitige aufkeimende Neigung begünſtige. Ueberall, bei jedem Diner, bei jeder Promenade, bei jeder Spazierfahrt, ſah man den Erzherzog an der Seite der Herzogin, immer hatte der Oberhofmarſchall, auf beſondern Befehl des Kaiſers, den Erzherzog Johann zum Cavalier der Herzogin beſtimmt, und doch ſchien Franz dieſen Befehl ganz vergeſſen zu haben, und im Beiſein des ganzen Hofes ſcherzte er neckend über die Unzer⸗ trennlichkeit ſeines Bruders und ſeiner Tochter Marie Louiſe. Johann indeſſen ſchien dieſen Scherz gar nicht gehört zu haben, und ſetzte ruhig und gelaſſen ſeine Unterhaltung mit der Herzogin fort; aber als er am Abend dieſes Tages Schönbrunn verließ, bat er mit leiſer Stimme die Herzogin, ihm zu erlauben, daß en Hof ſamkeit, ſchlichen ntgegen lwollen, eimende ter, bei ih man immer Befehl Cavalier 281 er ihr am andern Tage um zehn Uhr Morgens ſeinen Beſuch machen dürfe, und daß er ſie allein finde. Die Herzogin erbleichte, und mit leiſer, ſtockender Stimme gab ſie ihre Zuſage. Am andern Morgen indeß waren ihre Augen verweint, und mit angſt⸗ voller Unruhe ſchaute ſie immer wieder nach der Uhr hin, und hörte kaum auf das freundliche Ge plauder ihres Sohnes, der während der Anweſenheit ſeiner Mutter jeden Morgen zu ihr kam, um mit ihr zu dejeuniren. Mama, fragte der Prinz endlich, da die Herzogin immer noch gedankenvoll da ſaß, und die Chocolade gar nicht berührte, Mama, wollen wir ein wenig hinab gehen in den Garten? Ich kann nicht, mein Sohn, ſagte Marie Louiſe ſeufzend. Ich muß hier bleiben, denn ich erwarte Beſuch. Wen erwarteſt Du denn, liebe Mamas fragte der Knabe neugierig. Deinen Oncle, den Erzherzog Johann, ſeufzte die Herzogin. Ein unmerkliches Beben flog durch die Geſtalt des Knaben hin und eine tiefe Purpurgluth bedeckte ſeine 282 Wangen. Dann ſagte er, indem er ſich das Anſehen gab, als ſei er ganz mit ſeiner Chocolade beſchäftigt: Du freuſt Dich wohl ſehr, Mama, daß der Oncle Johann Dich beſucht? Marie Louiſe hob ihre von Thränen umdüſterten Augen zum Himmel empor. Freuen? ſeufzte ſie. Ich füge mich der Nothwendigkeit, das iſt Alles! Aber horch, fährt da nicht ein Wagen in den Hof? Der Knabe ſprang an das Fenſter und blickte hinab. Ja, rief er freudig, ja, es iſt der Oncle Jo⸗ hann, der da vorfährt. Er kommt, murmelte Marie Louiſe, ihre Hände faltend, er kommt. Die Entſcheidung naht! Oh mein Gott, ſoll ich denn immer eine Sclavin fremden Wil⸗ leus ſein? Wird es mir niemals erlaubt ſein, meinem Herzen zu folgen? Mama, darf ich hier bleiben, während der Erzher⸗ zog Dich beſucht? fragte ihr Sohn. Nein, mein Kind, ſeufzte ſie traurig, ich will ihn allein ſprechen. Ich will verſuchen— Se. kaiſerliche Hoheit, der Erzherzog Johann, meldete der Kammerdiener. Leb wohl, Mama, ich gehe alſo! Wenn der Oncle fort iſt, komme ich wieder, rief der Knabe haſtig, und Anſehen cäftigt: QOunſ r Onele üſterten je. Ich Aber blickte Hände h mein en Wil meinem Erzher ·ll ihn ohann, Oncle J, Und 283 ohne eine Antwort ſeiner Mutter abzuwarten, ſprang er fort und verſchwand hinter den hohen weiten Sammetportièren, welche zu dem Schlafgemach der Herzogin führten. Marie Louiſe achtete nicht darauf, daß ihr Sohn, ſtatt durch die andere Thür dort drü ben zu gehen, welche in ſeine Gemächer führte, ſich in den Alkoven begeben hatte, ſie war ſich nur be wußt, daß der Erzherzog komme und daß mit ihm die Entſcheidung ihres Schickſals ſich nahe. Als der Erzherzog jetzt eintrat, erbleichte ſie, und mit kaum hörbarer Stimme erwiederte ſie den Gruß des Erzherzogs. Johann ſchritt zu ihr hin mit einem heitern Lachen und reichte ihr freundlich ſeine Hand hin. Sie legte bebend die ihre hinein und ſtand da mit niedergeſchla genen Augen. Ew. Hoheit zittern ja und Ihre Hand iſt kalt, ſagte Johann theilnehmend. Sind Sie leidend, Frau Herzogin? Nein, flüſterte ſie, nein, ich leide nicht. Alſo bin ich ſchuld an Ihrem Zittern und Ihrer Bewegungs? fragte er. Die Herzogin erwiederte nichts, ſondern deutete ———— 284 ſtumm auf den Fauteuil ihr gegenüber hin und ließ ſich in den Divan niedergleiten. Herzogin, wollen Sie mir eine Bitte gewähren? fragte Johann. Bitten Sie, ſagte ſie kaum hörbar. Nun wohl denn, erlauben Sie, daß ich in dieſer Stunde Sie ſo nenne, wie ich Sie als Kind genannt habe, und nennen Sie mich ſo, wie Sie es damals thaten. Nennen Sie mich ſo, Oncle Hannes, ſagte ſie mit einem traurigen Lächeln. Nun alſo, meine liebe Louiſe, heben Sie einmal das Auge empor und ſehen Sie mich an. Arme Nichte, wie blaß Sie ſind und wie traurig. Und Alles das, weil ich Ihnen meinen Beſuch mache! Soll ich Ihnen ſagen, was Sie denken, liebe Louiſe? Sie denken, ich ſei hierher gekommen auf Befehl und mit Einwilligung des Kaiſers? Aber Sie irren ſich, ich komme aus freiem Antriebe, und was ich Ihnen zu ſagen habe, iſt ſicher nicht in der Abſicht des Kaiſers. Faſſen Sie Muth, liebe Louiſe, laſſen Sie uns ehrlich und offen zu einander ſprechen, wie es nahen Ver— wandten geziemt. Ich habe zu Ihnen herzliches Ver⸗ trauen und ich bin gekommen mit dem feſten Entſchluß, und ließ vähren? mdieſer genannt damals ſie mit einmal Arme hnen zll gaiſers. ehrlich en Ler 285 Ihnen das zu beweiſen und mir das Ihre zu ver dienen. Darum ſeien Sie ohne Furcht, denken Sie, daß ein Freund an Ihrer Seite iſt, ein Freund, der Sie einſt heiß und glühend geliebt hat, und der, ſo ſehr man ihn auch hier für einen Freigeiſt ausgeben möchte, doch wenigſtens der Religion der Exinnerungen mit heiliger Andacht anhängt. Ja, Louiſe, es gab eine Zeit, wo ich Sie glühend liebte, wo ich die Hälfte meines Lebens hingegeben hätte um das Glück, Sie meine Gemahlin nennen zu dürfen. Haben Sie das gewußt? Ja, ich habe es gewußt, flüſterte ſie leiſe. Und darum haben Sie gefürchtet, daß die alten Gefühle wieder in mir lebendig werden könnten, und daß ich jetzt nach der Hand der jungen Wittwe ſtreben würde, wie einſt nach der Hand des jungen Mädchens. Darum haben Sie gedacht, ich würde, dem Willen des Kaiſers gemäß, Sie zu meiner Gemahlin begehren, obwohl ich weiß, daß Sie mich nicht lieben? Nun, warum erſchrecken Sie, Louiſe? Geben Sie mir die Hand und laſſen Sie uns einmal Aug' in Auge ſchauen. Louiſe, lieben Sie mich oder lieben Sie den Grafen Neipperg? Nun, haben Sie den Muth, ehr— lich zu ſein, antworten Sie mir. Lieben Sie ihn? 286 Ja, rief ſie heftig, ja, Oncle, ich liebe ihn. Was auch mein Vater entſcheiden, wie er meine Zukunft auch verurtheilen möge, ich will wenigſtens den Muth haben, ehrlich zu ſein und Ihnen die Wahrheit zu geſtehen. Ja, ich liebe den Grafen Neipperg. Er hat ſich mir in all den Jahren der Verlaſſenheit, der troſtloſen Oede als ein treuer liebender Freund be⸗ währt. Er allein hat mich in jenen Tagen, als Alle hier ſich von mir wandten, als Alle das Recht zu haben glaubten, die Frau ohne Namen, ohne Rang, die Frau des Geächteten zu verhöhnen oder zu igno— riren, er allein hat mich damals geehrt und geliebt, hat in mir das Unglück geachtet, das ich nicht ver⸗ ſchuldet hatte und das man mir doch zum Verbrechen anrechnete. Und was er mir damals war, das iſt er mir geblieben, ein treuer, ſorgender Freund, der mich verſteht, der mit liebender Nachſicht, mit aufmerkſamer Freundlichkeit mich hält und trägt, meine Sorgen ver⸗ mindert, indem er ſie mit mir theilt, meine Freuden verdoppelt durch ſeinen freudigen Antheil. Ach, lieber Oncle, ich ſchmachtete ſo ſehr nach einer Seele, die mich liebte, und er hat ſie mir gegeben, und ſein ſchönes, edles und gutes Herz, es gehört Mein! Und nun, da ich ihm endlich angehören dürfte, nun, da Was ukunft Muth heit zu Er hat , der icht zu Nang, igno⸗ geliebt, zt ver⸗ pvrechen iſt er r mich kſamer n ver reuden lieber Gott das letzte Hinderniß hinweg geräumt hat, das mich von ihm trennte, nun— Warum vollenden Sie nicht? fragte Johann, als Marie Louiſe jetzt ſtockte und ſchwieg. Warum fahren Sie nicht fort? Nun, wollten Sie ſagen, nun, da ich glücklich werden, da ich ſeine Gemahlin ſein könnte, nun ſoll ich abermals meinem Traum von Glück ent— ſagen, ſoll die Hand eines ungeliebten Mannes an⸗ nehmen, ſoll zum zweiten Mal auf Befehl meines Vaters mich vermählen? Nicht wahr, Louiſe, das wollten Sie ſagen? Sie nickte mit dem Kopfe und hob ihre Augen mit einem halb ängſtlichen, halb bittenden Blick zu ihm empor. Fürchten Sie nichts, ſagte er lächelnd, Sie haben mich nicht verletzt, denn auch ich habe Ihnen ein Be— kenntniß zu machen. Auch ich habe meinen Traum von Glück und ich ſehne mich, ihn zur Wahrheit zu machen. Sehen Sie hier, Louiſe, ich will Ihnen mein ſchönſtes, mein heiligſtes Beſitzthum zeigen! Er nahm aus ſeiner Bruſt ein kleines Packet her— vor, ſchlug das Papier auseinander und hielt den In⸗ halt deſſelben der Herzogin hin. Sagen Sie, fragte er, wofür halten Sie das? 288 Für ein verwelktes Bouquet von Alpenroſen, er⸗ wiederte ſie erſtaunt. Sie irren, Louiſe, ſagte er lächelnd, es iſt ein Liebesbrief. Ja, ein Brief von dem Mädchen, das ich liebe, dem ich ewige Treue geſchworen, die ich zu meiner Gemahlin machen will, wie Sie den Grafen Neipperg zu Ihrem Gemahl machen wollen. Dieſes Mädchen heißt Anna Plochl und iſt die Tochter eines armen Poſthalters in Auſſee. Sehen Sie dieſe ver⸗ welkten Blumen an. Es iſt die Antwort auf einen Abſchiedsbrief, den ich ihr faſt vor einem Jahre ge⸗ ſchrieben. Einen Abſchiedsbrief? fragte Louiſe traurig. Sie haben ihr alſo entſagt? Nein, Louiſe, ich habe ihr nicht entſagt, ich habe nur Abſchied von ihr genommen auf drei Jahre. Der Kaiſer hat mir ſein feierliches Wort gegeben, daß er mir ſeine Einwilligung zu meiner Verheirathung geben will, wenn ich drei Jahre lang meine Anna nicht ſehen, nicht ſprechen, nicht an ſie ſchreiben wollte. Wenn wir Beide dieſe Prüfung überdauerten, wenn wir uns gegenſeitig treu geblieben durch dieſe troſt loſen Jahre des Schweigens, der Trennung, dann will der Kaiſer mir ſeine Erlaubniß geben zur Ver⸗ Anna düüfe gev JNlautt dſem duglt en, er iſt ein das ich 289 heirathung mit der Poſthalters⸗Tochter Anna Plochl. Ich ging die Bedingung ein, nur erbat ich mir als eine letzte Gunſt die Erlaubniß, einen Courier an Anna Plochl ſenden und von ihr Abſchied nehmen zu dürfen auf drei Jahre der Trennung. Der Kaiſer gewährte ſie mir und der Courier mit meinem Brief ging ab. Indeß, ich kannte Sedlnitzki und auch ſeine Spione, und ein vertrauter Diener mußte mit dem— ſelben Brief, von dem der Courier eine Abſchrift be⸗ kommen, auf heimlichen Wegen auch zu meiner Anna gehen. Der Courier kehrte zu mir zurück mit trau⸗ rigem, beſchämten Geſicht. Man hatte ihn unterwegs betrunken gemacht und den Trunkenen dann jenes Schreibens beraubt. Aber mein vertrauter Diener hatte ſein Ziel glücklich erreicht und er brachte mir die Antwort heim, die ich begehrt hatte, dies Bouquet, das meine Anna am Buſen getragen. Dieſe Blumen ſagen mir an jedem Abend und an jedem Morgen: glaube an meine Liebe, rechne auf meine Treue! Sei muthig und freudig, denn Anna Plochl liebt Dich und ſie wird Dich lieben treu und ehrlich dieſe ganzen drei troſtloſen Jahre hindurch.— Aber der Kaiſer glaubt nicht an die Treue meiner Liebe, er hofft auf die Unbeſtändigkeit der menſchlichen Natur, und jetzt Mühlbach, Erzherzog Johann. II 19 290 — um Ihnen die ganze Wahrheit zu ſagen— jetzt hofft er, daß Sie, Louiſe, Sie, die erſte Liebe meiner Jünglingsjahre, mich mit allem Zauber der Vergan⸗ genheit und Gegenwart meiner ſüßen lieben Anna entreißen könnten. Oh, es iſt das ein recht hübſch erſonnenes diplomatiſches Meiſterſtück des Fürſten Metternich, denn er iſt ohne Zweifel der Erfinder deſſelben. Seinem abſolutiſtiſchen Legitimitätsprincip iſt es natürlich ein Greuel, daß eine Erzherzogin ſich mit einem Grafen, ein Erzherzog ſogar mit einer Poſt⸗ halters⸗Tochter verheirathen will. Seine laxe Moral und ſein weites Gewiſſen würden nichts dawider haben, wenn wir mit den beiden Weſen, die wir lieben, in ungeſetzmäßiger leichtfertiger Vereinigung lebten und Gott lieber ein Aergerniß gäben, als dem Stamm⸗ baum unſeres Hauſes. Man will zwei illegitime Ehen verhindern, indem man uns Beide zu einer legitimen Ehe zwingt. Aber nicht wahr, lieber Oncle, Sie werden ſich nicht zwingen laſſen? fragte Marie Louiſe ängſtlich. Oh, Sie ſind ein Mann, der Kaiſer iſt nicht Ihr Vater, er hat nicht das Recht, Ihnen zu befehlen, ſich ohne Liebe zu vermählen. Sie werden für uns Beide Muth haben, Sie werden ihm ſagen, daß Sie mich 291 — jett nicht wollen, daß Sie Ihrer Anna treu bleiben, daß e meinen Sie die drei Jahre warten wollen. Ah, mein Gott, Vergan mein Gott, warum bin ich kein Mann, warum kann en Anna ich meine Liebe nicht vertheidigen gegen die ganze Welt? ͤt hübſc Warum bin ich geboren als die Tochter eines Kaiſers, Fürſten ich, die ich von meiner Geburt doch nur die Sclaverei, Erfinder die Abhängigkeit, den duldenden Gehorſam als traurige tsprinci Mitgift bekommen habe! ogin ſic Und ich, Louiſe? Glauben Sie, daß ich mich ner Poſt glücklich preiſe, als der Bruder eines Kaiſers geboren e Mon zu ſein? Es mag wohl ein Glück ſein, auf dem er habe Thron geboren zu ſein, aber es iſt immer ein Miß— eben, geſchick, neben dem Thron ſeine Stelle zu haben. ten un Was jedem andern Manne erlaubt, was ſein Stolz, Staum ſeine Ehre iſt: das Ringen nach Ruhm, das Streben ine Che nach Auszeichnung, der Durſt nach Thaten, dies Alles legitime iſt mir verſagt, wird mir zum Verbrechen angerechnet. Ich muß meinen Ehrgeiz zum Schweigen verurtheilen, wen ſih meine Thatkraft hemmen, meine Ruhmbegierde, ja Kugſtt ſogar meinen natürlichen Drang, mich in der Welt ict 3 wenigſtens nützlich zu machen, ſorgſam behüten, ün glen, kein Aergerniß zu geben. Weil ich ein Erzherzog, Lin 1s B Bruder des Kaiſers bin, werde ich dazu verurtheilt, 7 ein ganz gewöhnlicher Menſch zu ſein, der ſich durch 49* 292 nichts auszeichnet, als durch den Stern auf ſeiner Bruſt und durch ſeine Titel. Und nun will man dem gewöhnlichen Menſchen auch noch ſein natürliches Men ſchenrecht ſtreitig machen, man will ihm verwehren, das Mädchen zu heirathen, das er liebt, um wenigſtens ſich im Hauſe ein bischen perſönliches Glück zu be gründen, da er ſich in der Oeffentlichkeit keine Stel⸗ lung erringen darf. Aber dieſes natürlichſte Menſchen recht werde ich mir nicht entziehen laſſen, und Anna Plochl wird mein Weib werden allen Widerreden des Kaiſers, allen Chicanen Metternichs zum Trotz! Oh, warum darf ich nicht ſprechen, wie Sie, mein lieber guter Oncle Hannes, rief Marie Louiſe ſchmerzlich. Warum darf ich nicht ringen und trotzen gegen mein Geſchick, warum muß ich mich immer unterwerfen, immer gehorchen, dulden und ſchweigen! Sie ſollen das eben nicht, meine liebe Louiſe, ſagte der Erzherzog freundlich, Sie ſollen gerade ein mal den Verſuch wagen, zu opponiren, einen eigenen Willen zu haben. Deshalb bin ich hierher gekommen, um ein Bündniß mit Ihnen zu ſchließen, ein Bündniß gegen Metternich, ja ſogar gegen den Kaiſer. Ach, lieber Oncle, ſeufzte die Herzogin, Sie ver geſſen, daß der Kaiſer zugleich mein Vater iſt! Ich nöe ſeiner ehren, Stel ſchen immer eigen Louiſe e ein igenen mmen, indriß 293 möchte vielleicht in meiner Liebe den Muth finden, gegen die Befehle des Kaiſers zu opponiren, aber wie dürfte ich es wagen, den Befehlen meines Va⸗ ters Trotz zu bieten! Er hat mir befohlen, mich entweder mit Ihnen zu vermählen, oder allen meinen Anſprüchen, meinen Titeln, meinem Herzogthum zu entſagen, und als Gräfin Neipperg mit meinem Ge⸗ mahl in die Verbannung zu gehen. Ach, da ſehen Sie wohl, meine liebe Nichte, daß der Kaiſer Ihnen gedroht hat mit Dingen, die aus— zuführen weder in ſeiner Macht, noch in ſeinem Willen liegt. Er kann Ihnen befehlen, die Hand eines un⸗ geliebten Mannes anzunehmen, aber ſeine Macht reicht nicht ſo weit, daß er auch mir befehlen könnte, Sie, die mich nicht lieben, die durch eine Verbindung mit mir ſich unglücklich fühlen würden, Sie wider Ihren Willen zum Traualtär zu führen. Denn der Kaiſer kann mich wohl nöthigen zu einem traurigen, unbefriedigten Daſein, aber er kann mich nicht zwingen, ein ehrloſer Menſch zu ſein. Und dann, glauben Sie, daß er wirklich den Willen hat, Sie Ihrer Titel, Ihrer Würden zu entſetzen, daß er jemals es dulden würde, daß eine Erzherzogin von Oeſterreich dem Legitimitätsprinzip ſo gänzlich Hohn böte, um ſich 294 auch dem Namen und Titel nach in eine bloße Gräfin zu verwandeln? Sie ſehen wohl, meine theure Louiſe, der Kaiſer hat Ihnen nur gedroht, er hat Sie nur einſchüchtern wollen. Aber wir laſſen uns nicht ein⸗ ſchüchtern, wir ſchließen miteinander ein Schutz⸗ und Trutzbündniß, wir geloben uns einander, allen An⸗ griffen zu widerſtehen und mit den Waffen unſerer Liebe und unſers guten Rechts zu kämpfen gegen die, welche uns angreifen, zu kämpfen, bis wir für uns den Sieg errungen haben! Aber bei dem erſten gebieteriſchen Wort meines Vaters werden die Waffen aus meiner Hand fallen, ſagte die Herzogin ſeufzend. Ich bin ſo ſehr an Ge⸗ horſam und Unterwürfigkeit gewöhnt, daß ich kaum noch den Muth eines eigenen Willens habe. Ich kann nur weinen, mich nur unglücklich fühlen, und mein Haupt beugen in Demuth und Geduld. Ich werde daher eine ſchlechte Bundesgenoſſin ſein für meinen ſtolzen, muthigen Oncle Hannes, und Sie müſſen verſuchen, ſich und uns noch andere Bundes⸗ hülfe zu ſuchen. Aber wo ſollen wir die finden? fragte Johann. Wer, wenn wir uns ſelber aufgeben, wer wird den Mach Mette 3 ihnen dunſch Gräfin Louiſe, ie nur zt ein und n An⸗ nſerer n für d Sie undes ohann. 295 Muth und die Macht haben uns beizuſtehen gegen Metternich und gegen den Kaiſer? Ich! ſagte eine leiſe, ſchüchterne Stimme hinter ihnen, und als ſie Beide erſchreckt und ſtaunend ſich umſchaueten, ſahen ſie da zwiſchen der Sammetportière des Schlafgemachs den ſchönen, bleichen Kopf des Herzogs von Reichſtadt hervorſchauen. Du warſt dort, mein Sohn? fragte die Herzogin erglühend. Du haſt gehört, was wir hier geſprochen? Ja, Mama, ſagte der Knabe, indem er zwiſchen den Vorhängen hervortrat und langſam zu den Beiden heranſchritt, ja, Mama, ich habe Alles gehört. Ich bitte Dich und den lieben Oncle Johann um Ver— zeihung, daß ich gehorcht habe, aber ich mußte doch Alles wiſſen, und ich will Dir auch ſagen, warum ich das mußte. Damals, als Du abreiſen wollteſt nach Parma, und als der Kaiſer zu Dir kam, da ſaß ich im anderen Zimmer und ſpielte. Der Kaiſer wußte nicht, daß ich da war, und er ſprach mit Dir, und er befahl Dir, Du ſollteſt und müßteſt in vier Wochen entweder den Grafen Neipperg heirathen und aufhören eine Erzherzogin zu ſein, oder Du ſollteſt Dich ent⸗ ſchließen, Dich ſtandesgemäß zu vermählen mit dem Erzherzog Johann. Als der Kaiſer den Namen 3 ——— — 296 nannte, war ich ſo erſchrocken und ſo erfreut, daß ich laut aufſchrie. Aber dann fühlte ich gleich, daß das ſehr dumm und ſehr unrecht geweſen, und als der Kaiſer in das Zimmer kam, um zu ſehen, wer ge— horcht habe, da gab ich mir das Anſehen, als wenn ich in mein Spiel vertieft wäre, und hatte ganz ſchnell einigen von meinen lieben Soldaten die Arme und Beine zerbrochen, um ſagen zu können, ich hätte darüber geſchrieen, weil ich die zerbrochen hätte. Seitdem habe ich nur immer beobachtet, und Alles gemerkt, und Alles geſehen, und wohl geſehen, daß weder der Oncle, noch auch die Mama Luſt hatten zu der Heirath, und ganz in der Stille habe ich mir auch ausgedacht, wie ich vielleicht wohl dem Onele Johann helfen und beiſtehen könnte. Denn Du weißt wohl, Mama, der Kaiſer thut als ob er mich lieb hätte, und zuweilen hat er mich wirklich lieb, und wenn ich ihn um Etwas bitte, ſo thut er es zuweilen. Aber ich mußte doch auch wiſſen, wie Ihr Beide denkt, und was Ihr wollt, und darum verſteckte ich mich da hinter dem Vorhang, als der Oncle Johann kam, und da habe ich Alles gehört, und weiß Alles! Und jetzt, fragte die Herzogin mit ſtrengem, zür⸗ nenden Blick, jetzt wirſt Du ohne Zweifel hingehen, „daß ic daß das als der wer ge als wenn tte ganz de Arme ich hätte n hätte. nd Alles ich mit zuweilel ſr Bedde Johaun ß Älles em, zl zingehel⸗ 297 und dem Kaiſer Alles wiederſagen, was Du gehört haſt? Oh, ich weiß es wohl, mein Sohn liebt mich nicht, er kann es mir niemals vergeben, daß ich nicht mit ihm ſeinem Vater nach Helena gefolgt bin, und es wird ihn freuen, ſich jetzt an mir zu rächen, und den Zorn des Kaiſers auf mich zu ziehen. Oncle, rief der Knabe mit blitzenden Augen und mit einem zürnenden, flammenden Blick auf ſeine Mutter, Oncle, glaubſt Du das von mir? Nein, mein Kind, nein, mein lieber kleiner Franz, ich glaube das nicht von Dir, ſagte Johann, indem er den zürnenden Knaben zu ſich heranzog, und ihn umarmte. Nein, ich weiß, daß Du mein treuer Freund biſt, daß wir Beide uns herzlich und zärtlich lieben, und ſchon Manches deshalb erduldet haben. Du verräthſt uns nicht, und wenn Du es vermagſt, wirſt Du uns helfen! Sie hören es, Mama, ſagte der Prinz ernſt und Nein, kalt. Ich bin kein Verräther, ich mache es nicht, wie die Marſchälle es mit meinem Vater gethan haben, ich verlaſſe meinen großen edlen Freund nicht im Unglück. Aber Du verläſſeſt mich, Deine arme Mutter? fragte die Herzogin traurig, indem ſie dem Sohn ihre 298 beiden Hände entgegenſtreckte. Du liebſt Deine Mutter nicht, und jetzt, da ich Dir mißtrauete, jetzt biſt Du böſe auf mich? Die tiefen unergründlichen Augen des Knaben ruhten mit einem langen ſchwermuthsvollen Ausdruck auf dem Angeſicht ſeiner Mutter, und ein ſeltſamer Contraſt war es dieſe Beiden zu ſehen, dieſe Mutter mit dem noch jugendlichen roſigen Ausdruck, ſo viel Lebensmuth, Friſche und Heiterkeit in den faſt kind⸗ lichen Zügen, und ihr gegenüber dieſes bleiche ſchöne Kinderangeſicht mit den großen ernſten Augen, mit dem trüben reſignirten Lächeln um den zarten kleinen Mund, der niemals die ſtillen und traurigen Geheim⸗ niſſe ſeiner Gedanken verrieth. Mama, ſagte der Knabe nach einer langen Pauſe, und ſeine Stimme hatte etwas Ernſtes, Feierliches, Mama, geſtern hat mir der Kaiſer, mein Herr Groß⸗ vater, eine Abſchrift von dem Teſtament gezeigt, welches mein Vater drei Wochen vor ſeinem Tode auf St. Helena geſchrieben hat. Ich bat den Kaiſer, er ſollte es mich leſen laſſen, aber er ſagte, wenn ich zehn Jahre älter wäre, ſollte ich es leſen, jetzt würde ich es noch nicht verſtehen. Aber einige Zeilen des Teſtaments hat er mich doch leſen laſſen, und ich verde ſäwaht Uu NMrie M. Narie zu ſein veihe M Uren ict n Und i neer ſe nü d Nrund dahan Nutter ſt Du enaben sdruck tſamer Nutter o viel kind⸗ ſchöne , mit kleinen eheim⸗ Pauſe, liches, Groß⸗ ezeigt Tode Kaiſer, un ich w ürde 299 werde ſie, ſo lange ich lebe, in meinem Herzen auf bewahren, ſie niemals vergeſſen. Und wie lauten dieſe Zeilen, mein Sohn? fragte Marie Louiſe leiſe. Mama, ſie lauten:„Mit meiner geliebten Gemahlin Marie Louiſe habe ich immer Urſache gehabt zufrieden zu ſein. Bis zum letzten Angenblicke meines Lebens weihe ich ihr meine zarteſten Empfindungen.“ Marie Louiſe ächzte laut auf, und bedeckte mit ihren Händen ihr Angeſicht, ſei's um ihre Thränen oder um die Röthe der Scham zu verbergen, welche ihre Wangen höher erglühen machte. Du wirſt alſo dem Beiſpiel Deines Vaters folgen, nicht wahr? fragte der Erzherzog tief bewegt. Du wirſt Deine Mutter immer lieben und ehren? Ja, das werde ich, ſagte der Prinz ernſt, ich werde dieſe Worte meines Vaters nie vergeſſen. Und ich werde auch jetzt thun, was ich kann, um meiner Mutter beizuſtehen, daß ſie das erreicht, was ſie wünſcht. Du glaubſt alſo im Ernſt, mein lieber kleiner Freund, daß Du uns hülfreich ſein kannſt? fragte Johann erſtaunt. 300 Ja, ich glaube es, ſagte der Prinz ruhig. Aber ich bitte meine Mutter um Zweierlei. Nun was denn, mein Sohn? fragte die Herzogin, ihre Augen trocknend und den ſchönen ernſten Knaben zärtlich anblickend. Ich bitte Dich, liebe Mama, dem Kaiſer, meinem Herrn Großvater, niemals zu ſagen, ich hätte gewußt, daß er Dich mit Oncle Johann verheirathen wollte, daß ich es gehört habe, wie er befahl, Du ſollteſt ihn heirathen, und daß ich heute hier Deine Unterredung mit Oncle Johann behorcht habe. Oh, was das anbetrifft, ſo kann ich Dir feierlich geloben, daß ich nichts von dem Allen auch nur mit einer Sylbe verrathen will, ſagte Marie Louiſe lächelnd. Und was iſt das Zweite, was Du erbitten wollteſt, mein Sohn? Mama, nur dies, daß Du mir erlaubſt, ein paar Worte mit Oncle Johann ganz allein und in der Stille ſprechen zu dürfen. Die Herzogin ſtand auf. Ich werde mich in mein Kabinet zurückziehen. Oncle Johann, werden Sie die Güte haben, mir nachher dorthin zu folgen? Oder haben wir einander für heute nichts mehr zu ſagen? Hören wir erſt, meine liebe Nichte, was dieſer ven nich nomn Soh „ meinen egewußt n wollte, ollteſt i terredung feierlich nur mi lächelnd. wollteſt 301 unſer kleiner Bundesgenoſſe mir zu ſagen hat, und dann, wenn es die Frau Herzogin erlaubt, werde ich in Ihr Kabinet eintreten, um mich zu beurlauben. Die Herzogin grüßte den Erzherzog mit einem freundlichen Blick, nickte ihrem Sohn lächelnd zu, und ſchritt dann hinaus. Die Thür hatte ſich kaum hinter ihr geſchloſſen, als der Prinz mit einer ungeſtümen Bewegung ſeine beiden Arme um den Nacken des Erzherzogs ſchlang, und einen glühenden Kuß auf ſeine Lippen drückte. Oncle, fragte er dann, ihm ernſt und tief in die Augen ſchauend, Oncle, weißt Du, daß ich Dich liebe? Ja, mein Napoleon, ja, ich weiß es, ſagte Johann, des Knaben Haupt in ſeine beiden Hände nehmend, und ihn zärtlich anblickend. Oncle, fragte der Knabe wieder, Oncle, weißt Du, daß ich ſehr glücklich darüber geweſen wäre, wenn Du mein zweiter Vater geworden wäreſt, und mich von hier fort, und mit Dir nach Parma ge— nommen hätteſt, um bei Dir zu leben als Dein Sohn? Weißt Du, daß ich zu keinem Menſchen auf der Welt wieder Vater ſagen möchte, außer zu Dir? Sag' mir, Oncle, weißt Du das? 302 Ja, mein Sohn, ich weiß es, erwiederte Johann ernſt, und Gott iſt mein Zeuge, daß ich um Deinet⸗ willen wünſchte, es wäre Alles anders, und ich könnte Dein Stiefvater werden. Aber Du kannſt es nicht, ſagte der Knabe feierlich, denn Du liebſt Anna Plochl, und meine Mutter— Eine dunkle Gluth überflog die Wangen des Knaben, und er barg einen Moment ſein Angeſicht an der Schulter Johanns. Dann, als er es wieder empor⸗ richtete, waren ſeine Wangen todesbleich und ſeine Züge hatten einen ernſten ſtrengen Ausdruck ange⸗ nommen. Oncle, ſagte er feierlich, nicht wahr, Du begreifſt es und Du findeſt es natürlich, daß ich den Herrn Grafen Neipperg niemals lieben kann, daß ich ihn beinahe haſſe? Ich begreife, daß Du ihn nicht liebſt, Napoleon, aber ich begreife nicht, weshalb Du ihn haſſen könnteſt? Und ich haſſe ihn doch, ſeit ich ihn kenne, flüſterte der Knabe. Meine liebe Marchand iſt daran Schuld. So lange die noch bei mir war, hat ſie an jedem Abend, wenn ſie vor meinem Bette knieete, zu mir geſagt: Beten Sie für Ihren Vater und für Ihre utter— Knaben, an der empor nd ſeine k ange⸗ apoleol, haſſen 303 Mutter, Majeſtät. Beten Sie für alle Ihre Freunde, aber beten Sie niemals für den Grafen Neipperg, betrachten Sie den niemals als Ihren Freund, denn der Graf Neipperg iſt daran Schuld, daß Ihre Frau Mutter nicht dem Kaiſer nach Elba gefolgt iſt. Wäre der Graf Neipperg nicht hier geweſen, ſo wären Sie jetzt mit Ihrer Frau Mutter bei dem Kaiſer, Ihrem erhabenen Vater. Beten Sie alſo niemals für den Grafen Neipperg, denn er iſt Ihr Feind. Siehſt Du, lieber Oncle, das hat meine liebe Marchand jeden Abend zu mir geſagt, und obwohl ich damals noch ſehr klein war, ſo hat es ſich doch ſo feſt in mein Gedächtniß eingeprägt, daß ich es niemals ver⸗ geſſen kann. Und nun, mein lieber Oncle, nicht wahr, nun begreifſt Du, daß ich den Grafen Neipperg haſſe? Ja, ich begreife es, mein armes Kind. Und wenn ich mich nun überwinde, lieber Oncle, wenn ich den Grafen Neipperg nicht mehr haſſe, wenn ich ihm helfe, meine Mutter zu heirathen, damit ſie Dich nicht heirathen kann, nicht wahr, dann weißt Du auch, daß ich das nur thue, weil ich Dich liebe? Weil ich Dir niemals genug dafür danken kann, daß Du immer ſo liebevoll und gut gegen mich geweſen biſt! Weil ich Dir niemals genug vergelten kann, 304 daß Du um meinetwillen ſo viel haſt leiden müſſen, damals als Du dem Kaiſer den Brief fortnahmſt, und ihn in Stücken zerriſſeſt, den Brief, den ich an meinen lieben Vater geſchrieben hatte, damals als der Kaiſer Dich nach Steyermark auf ein ganzes Jahr verbannte. Oh, lieber, lieber Oncle, wie ſehr habe ich mich in dem langen, langen Jahr nach Dir geſehnt! Wie glücklich war ich, als Du endlich wieder kamſt, und wie ſehnte ich mich, Dir das zu ſagen, und Dich einmal ſo recht herzlich zu küſſen. Aber Du weißt ja, der Kaiſer hat damals gleich befohlen, daß ich niemals mit irgend Jemanden allein ſein dürfte, daß ſelbſt wenn einer von den Erzherzögen mich be⸗ ſuchte, immer der Graf Dietrichſtein, oder Herr von Foreſti dabei ſein ſollte; der Kaiſer hat das blos gethan, damit ich nicht mit Dir allein ſein ſollte, das merkte ich wohl, und darum war ich ſo kalt und gleichgültig, als wir uns wiederſahen, denn ich dachte, der Kaiſer würde dann beſſer gegen Dich ſein, und würde Dir nicht mehr böſe ſein, wenn er glaubte, daß ich Dich nicht mehr liebte. Oh, darum allein bin ich jetzt immer ſo ſtill und ernſt, wenn ich Dich ſehe, und laufe Dir niemals mehr entgegen, und f ſoll g O Knabe Muß ſiine; Mußt ca Li nüt ei Hand lef i ſehr Sill, Fih lieber weiche Stery wieder Lir ſchnel in de unuß und Mübl müſſen, nahmſt, ich an 1s als wieder ſagen, Aber fohlen, dürfte, ſch be⸗ rr von 3 blos ſollte, ſo kalt enn ich Dich tgegen, 305 und freue mich nicht, Dich zu ſehen. Der Kaiſer ſoll glauben, daß ich Dich nicht mehr liebe. Oh, Du armes, liebes Kind, rief Johann, den Knaben mit Thränen in den Augen an ſich drückend. Muß Dein armes, zärtliches Herz zur Verſtellung ſeine Zuflucht nehmen, um ſich ſelber genug zu thun? Mußt Du ſo frühzeitig ſchon lernen, mit dem Böſen zu capituliren, und Dein Herz zu verhüllen? Lieber Oncle, ſagte der Knabe ernſt, indem er mit einem wunderbar feierlichen Ausdruck ſeine kleine Hand auf die Stirn des Erzherzogs legte, und ihm tief in die Augen ſah, lieber Oncle, ich muß Alles ſehr früh lernen, weil ich ſehr früh ſterben werde. Still, ſtill, ſage kein Wort, Oncle, ich weiß das! Ich habe es erſt gZeſtern wieder geträumt. Mein lieber Vater ſtand vor meinem Bett, und mit ſeiner weichen ſchönen Stimme und mit ſeinen großen Sternenaugen ſagte er zu mir:„Du wirſt bald wieder bei mir ſein, mein kleiner König von Rom. Wir haben uns nicht auf lange Zeit getrennt, gehe ſchnell über die Erde, damit Du bald zu mir kommſt in den Himmel.“ Du ſiehſt alſo, lieber Oncle, ich muß ſchnell gehen, und ich muß Alles ſchnell erlernen zund thun, denn ich habe nicht viel Zeit! Mühlbach, Erzherzog Johann. II. 20 306 Aber, mein Kind, das ſind Träume, ſagte der Erzherzog, und man darf nicht an ſie glauben. Du wirſt lange leben, uns Allen zur Freude. Euch Allen zur Freude? wiederholte das Kind mit bebenden Lippen. Ihr Alle geht Euren Freuden nach, und ich, ich bin immer allein. Schwöre mir nur, Oncle, ſchwöre mir, daß Du mich noch ein bischen lieb behalten willſt, wenn Du auch viel glück— licher biſt, wie jetzt, wenn Anna Plochl Deine Frau iſt! Ich ſchwöre Dir das, Napoleon, wenn meine liebe gute Anna meine Frau iſt, ſo wirſt Du dann zwei treue Herzen haben, die Dich lieben! Ich danke Dir, lieber Oncle, und ich danke dem lieben Gott, daß ich Dich endlich wieder einmal allein geſehen habe, und daß ich wieder einmal Dir Alles ſagen durfte, was mir auf dem Herzen lag. Und nun, Oncle, nun bitte ich Dich nur um dies Eine: Komm morgen um dieſe ſelbe Zeit wieder zu meiner Mutter her, und heute Abend auf dem Hoffeſte da ſei recht freundlich und recht zuvorkommend gegen meine Mutter. Aber willſt Du mir nicht ſagen, Napoleon, was einen Plan Du haſt, was Du beabſichtigſt? Ich kann es nicht, Oncle, es läßt ſich auch nicht un A nir! 307 in Worte faſſen, ſagte der Prinz ernſt. Wenn es agte d en. Dl mir mißglückt, dann denke, daß ich nur ein armer, ungeſchickter Knabe bin, der keine Macht hatte, aber das Kild den guten Willen, Dir zu helfen. Frage mich nichts Freude weiter, lieber Oncle, und ſei morgen um dieſe vöre m Stunde hier! noch ein iel glüt Frau iſt in meine In dann Ou danm g. Und es Eine u meine ffeſte d IX. Die leberliſtung. Am Morgen nach der Unterredung des Erzherzogs und des kleinen Herzogs von Reichſtadt fand in dem Cabinet des Kaiſers Franz eine ernſte Feierlichkeit ſtatt. Auf dem Divan ſaß das kaiſerliche Ehepaar, und neben ihnen, vor dem großen Schreibtiſch, be fanden ſich die drei Erzieher des Herzogs, der Graf Dietrichſtein, der Herr von Collin und der Haupt mann von Foreſti. Außerdem aber noch drei höhere Stabsofficiere, der Profeſſor der Mathematik, Herr Weiß, der Hofrath Sommaruga und der Hofprälat Wagener. Vor ihnen auf dem Tiſch lagen einige aufge ſchlagene Bücher und Schreibhefte, in denen die Herren eifrig laſen, indem ſie dann und wann die Feder rzherzog din de jerlichti Ehepaa iſch, b der Grai BHaupt ei höhen ofprält e alffge 309 in die Schale mit rother Dinte eintauchten, um einige Bemerkungen an den Rand der Schreibhefte zu ſchreiben. An der andern Seite des Tiſches neben einem für ihn bereit geſtellten Fauteuil ſtand der Herzog von Reichſtadt, angethan mit ſeiner Unterofficiers Uniform, die Bruſt geſchmückt mit dem Stern des Stephansordens. Sein Geſicht war heute von einem friſchen Roſenſchimmer angehaucht, ſeine großen blauen Augen ſtrahlten von einem höhern Feuer und ein wunderbarer Ausdruck von freudiger Energie belebte und durchleuchtete ſeine Züge und gab ſeinem ſchönen lieblichen Angeſicht faſt einen männlichen energiſchen Character. Es war heute das erſte große Examen des Her zogs von Reichſtadt, und der Kaiſer, um dem Ehrgeiz und der Lernbegierde des Knaben zu genügen, hatte dieſem Examen einen beſonders feierlichen Anſtrich gegeben. Auf beſondern Wunſch des Knaben wohnte auch die Kaiſerin dieſem Examen bei, aber den Vor ſchlag des Kaiſers, auch Marie Louiſe daran Theil nehmen zu laſſen, hatte der Herzog mit Entſchieden heit abgelehnt. Ich würde mich dann ängſtigen, hatte er geſagt, —QQ:—— 310 ich würde immer fürchten, meine Mutter zu be— ſchämen, indem ich falſche und unrichtige Antworten gäbe, und Etwas nicht wüßte, was man mich fragte, und das würde mich ſo befangen machen, daß ich gar nichts wüßte. Und vor mir und der Kaiſerin haſt halt keine Furcht? fragte ihn der Kaiſer. Meinſt halt nit, daß wir uns grämen, wenn Du unrichtige Antworten giebſt? Nein, ſagte der Knabe ernſt, nein, vor Ew. Ma⸗ jeſtät und vor der Frau Kaiſerin fürchte ich mich nicht, aber ich denke immerfort daran, daß ich Euch Beiden Ehre machen will, und das ſpornt mich an, und macht, daß ich mich recht freudig zuſammen⸗ nehme. Nun, ſollſt Deinen Willen haben, mein kleiner Camerad, rief der Kaiſer lächelnd. Nur die Kaiſerin und ich wollen der Prüfung beiwohnen. Demzufolge bildeten alſo an dieſem Morgen des erſten feierlichen Examens der Kaiſer und die Kaiſerin allein das Auditorium des Herzogs von Reichſtadt. Man begann zuerſt das Examen über die klaſ⸗ ſiſchen Studien des Prinzen, denen drei Tage der Woche gewidmet waren, während die andern drei zu be nworten Hfragte, ich gar lt keine nit, daß tworten w. Ma ch mich ch Euch nich an, ammen kleiner 8 aiſerin ſtadt. 311 Tage den militairiſchen Studien aufbehalten wurden,*) denn der arme kleine Herzog, welcher niemals das Glück genoſſen, Kind zu ſein, trieb ſeit ſeinem achten Jahr ſchon die ernſteren und höheren Studien, welche ſonſt nur dem reifern Jünglingsalter pflegten vorbe halten zu ſein. Und er trieb dieſe Studien mit tiefem Ernſt und unerſchütterlichem Eifer. Die Herren von der Prü fungs⸗Commiſſion hatten ſo eben die Durchſicht der Hefte des Prinzen vollendet, und ihr Urtheil unter dieſelben geſchrieben. Jetzt erhob ſich der Hofrath Sommaruga, und auf das Heft deutend, welches er in der Hand hielt, ſagte er: Eure Majeſtäten habe ich die Ehre mitzutheilen, daß in der mir zur Durch ſicht vorgelegten Ueberſetzung, welche der Herzog von Reichſtadt von dem Deutſchen in's Lateiniſche gemacht hat, und welcher ein Capitel aus Schiller's Geſchichte des dreißigjährigen Krieges zum Grunde liegt, ſich auch nicht ein einziger Fehler von Bedeutung findet. Der Sinn iſt überall richtig aufgefaßt, und richtig wieder gegeben, und wenn auch hier und da einige grammatikaliſche Irrungen ſich eingeſchlichen haben, 92 *) Montbel: Le Duc de Reichstadt. pag. — —;————:—— ſo zeugt die ganze Arbeit doch von einem großen Ernſt und bewunderungswürdigem Fleiß, weshalb ich gern meine volle Anerkennung demſelben ausſpreche. Freut mich, das zu hören, ſagte der Kaiſer lächelnd, indem er dem Prinzen zunickte, der mit leuchtendem Antlitz ihn anſchaute. Und was ſagen denn Ew. Hochehrwürden? Wie ſchaut's aus mit dem Griechiſchen? Majeſtät, wenn der Herzog von Reichſtadt ſo fortfährt, wird er ein Wunder von Gelehrſamkeit werden, erwiederte der Hofprälat ernſt. Es iſt dies hier eine Ueberſetzung, die einige der unregelmäßigen ſchwierigen Verba zum Thema hat, und es iſt nir⸗ gends ein Verſehen eingefloſſen. Schau, ſchau, ſagte der Kaiſer lebhaft nickend, ein Wunder von Gelehrſamkeit! Willſt denn das werden, mein kleiner Herzog? Nein, Majeſtät, erwiederte der Prinz ernſt, ich will Soldat werden, ich will Schlachten gewinnen, ich will ein zweiter Eugen von Savoyen werden.*) Nun, das iſt halt kein übler Gedanke, rief der Kaiſer lachend. Wir können einen zweiten Prinzen *) Montbel A. n großen eshalb ich usſpreche. Kaiſer der mit as ſagen aus mit ſtadt ſo hrſamkeit iſt dies lmäßigen 313 Eugen ſchon gebrauchen, er würd' uns recht gute Dienſt' thun, und die Welt bald reinigen von dem Revolutionsgeſindel, das jetzt ganz Europa in Auf ruhr bringt. Nun, wollen halt ſehen, ob Du eben ſo viel Anlagen zum Soldaten als zum Gelehrten haſt. Herr Major von Schnidteiſen, beginnen's Ihr Examen. Verzeihung, Majeſtät, ſagte der Prinz mit ernſt verweiſendem Tone, noch ſind wir nicht ſo weit. Es iſt nicht genug, daß man die alten Sprachen kennt, man muß auch die neuern wiſſen. Ew. Durchlaucht haben vollkommen Recht, ſagte der Kaiſer, ſich mit unerſchütterlichem Ernſt tief verneigend, die neuern Sprachen ſind beinah noch wichtiger, denn man kann halt ohne ſie nit durch die Welt kommen. Laſſen's uns alſo eine Probe haben von Ihrem Wiſſen in den neuern Sprachen. Befehlen Ew. Majeſtät, in welcher Sprache ich declamiren ſoll, ſagte der Herzog ernſt. Nun, ſag' uns ein franzöſiſches Gedicht; das wird Dir wohl halt das Liebſte ſein, denn es iſt ja Deine Mutterſprache. Verzeihung, Ew. Majeſtät, rief der Knabe haſtig, r ſehr, es iſt meine Vaterſprache; ich liebe ſie dahe — —yy — — 314 und es iſt kein Verdienſt weiter, wenn ich ſie gut ſpreche. Nun, nun, mein ehrgeiziger Gelehrter, ſagte der Kaiſer, es iſt halt auch nit ohne Verdienſt, wenn man ſeine Mutterſprach' richtig ſprechen kann, und alſo ſagen's uns mal ein recht hübſches deutſches Gedicht. Der Knabe verneigte ſich und mit ſeiner lieblichen melodiſchen Stimme, mit tiefem Verſtändniß und vollkommen richtiger Declamation begann er ſodann Schiller's Kraniche des Ibicus vorzutragen. Nicht ein einziges Mal während der ganzen De⸗ clamation ſtockte er, nicht ein einziges Mal verfehlte er den richtigen Ausdruck, ſchlug ſeine Stimme einen falſchen Ton an, ſondern immer mit bewunderungs⸗ würdigem Verſtändniß folgte ſein Vortrag dem In⸗ halt des Gedichtes. Bravo, bravo, riefen der Kaiſer und die Kaiſerin in die Hände klatſchend, als er geendet hatte. Ein glückliches Lächeln überſtrahlte ſofort das Angeſicht des Prinzen, und er verneigte ſich tief, wie er es vielleicht von den Schauſpielern geſehen, wenn das Publikum ihnen applaudirte. Nun, mein Franzli, rief die Kaiſerin, da Du ein eblichen iß und odann zweiter Eugen werden willſſ, mußt Du auch die Vaterſprache des Prinzen von Savoyen ſprechen können. Laß einmal hören, kannſt Du auch ein italieniſches Gedicht? Der Prinz lächelte und ohne weiter nachzuſinnen, begann er in fließendem edlem Vortrag eine Stanze aus Taſſo's befreitem Jeruſalem zu declamiren. Wahrhaftig, rief der Kaiſer, wenn Du kein Fel herr oder Gelehrter werden wollteſt, ſo könnt'ſt Du halt zuletzt noch Dein Glück als Schauſpieler machen. Weißt was, Franzli, wir könnten uns halt zuſammen unſer Brod verdienen. Mir hat geſtern der Kapell⸗ meiſter, als ich mit ihm das Cello geübt hab', ganz zufrieden geſagt: ich ſpielt' mein Cello ſo gut, daß ich Kapellmeiſter werden könnt'. So werd' ich Kapell meiſter und ſpiel' die Ouverturen, und Du wirſt Schauſpieler und declamirſt die Tragödien. Majeſtät, rief der Knabe mit edler Indignation, d wenn Sie mir vorſchlagen, Schauſpieler zu werden, ſo kann ich darauf nur antworten, was Sie geſtern dem Kapellmeiſter antworteten. Ih ſchau? Warſt dabei? Haſt meine Antwort gehört? Nun, was ſagt' ich denn? Ew. Majeſtät, als der Kapellmeiſter ſagte, Sie ——— —— — — könnten Kapellmeiſter werden, da antworteten „danke. Ich will lieber bleiben, was ich bin, ich bin ganz zufrieden damit.“ Sle: denn Zu antworten verſtehſt, rief der Kaiſer lächelnd. Nun zeig' uns, lieber kleiner Herzog, ob Du auch dem Herrn Major zu antworten weißt, und ob Du ebenſogut bewandert biſt in den Kriegswiſſenſchaften, rals in den klaſſiſchen Studien! Das Examen nahm ſeinen Fortgang, und der Herzog erndtete auch für dieſen Theil ſeiner Studien das vollkommenſte Lob der Prüfungs⸗Commiſſarien. Jetzt, meine Herren, ſagte der Kaiſer feierlich, jetzt, da das Examen beendet iſt, fordere ich Sie bei Ihrer Ehre und Ihrem Gewiſſen auf, mir zu ſagen, ob Sie mit den Fortſchritten und dem Wiſſen des Herzogs in Anſehung ſeines Alters zufrieden ſind? Ja, erwiederten die ſechs Herren von der Prü— fungs⸗Commiſſion, ja, wir ſind zufrieden. Und wenn Sie dem Herzog von Reichſtadt im Gymnaſium eine Cenſur geben ſollten, welche Num⸗ mer würden Sie ihm geben? Nummer Eins, Nummer Eins mit Auszeichnung, erwiederten, einer nach dem andern, die ſechs Herren. Der Prinz erbleichte, ein leiſes Zittern flog durch ſeine zarte, ſchlanke Geſtalt, er preßte den Mund feſt zuſammen, um den Freudenſchrei zurückzuhalten, der aus ſeinem Herzen emporſtieg, um das Lächeln zu unterdrücken, das ſich auf ſeinen purpurnen Lippen drängte. Aber ſeinen Augen konnte er nicht ver wehren, daß ſie ſtrahlten vor Freude, ſeinen Wangen konnte er nicht gebieten, daß ſie nicht zu Purpurroſen erblüheten, und mit dem Glanz der Freude die Bläſſe wieder verdrängten. Ich danke Ihnen, meine Herren, ſagte der Kaiſer, Sie haben der Kaiſerin und mir durch Ihr Urtheil eine große Freude gemacht, und ich hoffe, wenn wir das nächſte Mal wieder hier zuſammen kommen, wird der Herzog ſchon dafür ſorgen, daß wir halt wieder ſo'ne Freud' haben. Nochmals, ich dank' Ihnen. Und mit einer gnädigen Bewegung ſeiner Hand und einem freundlichen Kopfnicken entließ der Kaiſer die Herren. Du aber, mein kleiner Spielkamerad, Du bleibſt bei mir, ſagte der Kaiſer, indem er dem Prinzen ſeine Hand darreichte. Ich lad' Dich ein, heut' den Wir wollen halt bei einander bleiben, und was es an Plaiſir giebt, das theilen wir miteinander. ganzen Tag mein Geſellſchafter zu ſein. 318 Ich bitte Ew. Majeſtät um Erlaubniß, Ihnen für einige Stunden unſern Franzli zu entführen, ſagte die Kaiſerin. Ich gebe heute Nachmittag in den Glashäuſern meinen Damen ein Feſt. Wir wollen da ein ländliches Feſt, eine Kirmeß, vor— ſtellen, und alle Damen erſcheinen im Coſtüm. Ich bitte Ew. Majeſtät, daß Sie mir den lieben Franzli für einige Stunden abtreten, damit er Theil nehmen kann an unſerm Feſt. Nun, mein Bürſchle, fragte der Kaiſer, willſt die Frau Kaiſerin Großmutter begleiten? Ew. Majeſtät, ſagte der Prinz, ſich mit faſt düſterer Miene an die Kaiſerin wendend, ſagten Sie nicht, daß Sie in den Glashäuſern Ihren Damen ein Feſt geben wollten? Ja, mein kleiner lieber Herzog, das ſagte ich. Dann bitte ich um Verzeihung, daß ich an dem Feſt nicht Theil nehmen kann, erwiederte der Prinz mit tiefem Ernſt. Es würde mir nicht ziemen, an einem Feſt Theil zu nehmen, bei dem nur Damen erſcheinen. Mein Platz iſt unter den Männern.*) Da haben's halt Ihre Antwort auf die Einladung, *) Des Herzogs eigene Antwort. Montbel: Le duc de Reichstadt. pag. 108. rief Män haben denn einen Kaiſ gnüg heut nicht zler Ihnen führen, ttag in Wir , vor⸗ 1. I Franzli nehmen llſt die 319 rief der Kaiſer lachend. Haſt ganz Recht, Herzog, wir Männer wollen halt nix mit dem Weibervolk zu thun haben, uns würd' die Madame Omphale die Schürz' nit vorgebunden und den Spinnrocken nit in die Hand gegeben haben. Ah, Madame Kaiſerin, was denken's denn halt von uns? Wie können's uns Männer zu einem Frauenfeſt einladen? Es iſt wahr, ich ſehe mein Unrecht ein, ſagte die Kaiſerin lächelnd, und ich werde mich daher wohl be⸗ gnügen müſſen mit der Freude, den Herrn Herzog heute bei Tafel zu ſehen. Aber werden Ew. Majeſtät nicht unſerm lieben Franz eine würdige Belohnung zuerkennen für ſein glänzendes Examen? Gewiß werde ich das und ich habe dem Franzli verſprochen, daß, wenn er Numero Eins erhält, er ſich von mir eine Gnad' erbitten kann, die ich ihm jedenfalls bewilligen werde. Jetzt, da er Numero Eins mit Auszeichnung bekommen hat, jetzt bewillige ich ihm zwei Bitten. Nun, mein Franzli, nun beſinne Dich, rief die Kaiſerin, was für zwei Bitten willſt Du thun? Laß hören, mein kleiner Freund. Ah, liebe Kaiſerin, das geht nit ſo raſch, ſagte der Kaiſer, man kann ſich doch nit ſo ſchnell entſcheiden. 320 Und dann, was denken's denn? Wie können's glauben, ge daß wir Ihnen gleich Alles ſagen? Wir Männer lſj haben doch auch unſere Geheimniſſe, von denen die Frauen nichts wiſſen dürfen. Das iſt wahr, und ich ziehe mich deshalb zurück, n rief die Kaiſerin. Auf Wiederſehen, meine Herren. Der Kaiſer reichte ſeiner Gemahlin die Hand und begleitete ſie bis zu der Thür des kleinen Corridors, dann kehrte er zu dem Prinzen zurück. Jetzt, mein Bubli, ſagte er, jetzt ſind wir allein, jetzt ſag' mir Deine Wünſche. Zwei Gnaden darf ich mir erbitten, Großpapa Kaiſer? fragte der Knabe ſinnend. Dir Ja, mein Sohn, zwei Gnaden, und ich gebe Dir mein Wort, daß ich erfüllen will, was Du bitteſt. Der Knabe nahm des Kaiſers Hand und führte ihn lächelnd zu ſeinem Schreibtiſch hin. Ew. Majeſtät, mein lieber Großpapa, ſagte er, und ſeine Stimme —— zitterte und ſein Athem ging ſchneller, mein lieber Großpapa, ich weiß noch nicht ganz genau, was ich bitten will. Ich möchte aber gar zu gern meiner lieben Mama eine Freude machen, dafür, weil mein Vater ſo gut und ſchön von ihr in ſeinem Teſtament oßpapa 321 geſprochen hat. Und ich weiß etwas, was ihr Freude machen wird.— Nun, ſo ſage es, mein Bürſchle— Nein, unterbrach ihn der Prinz, ſagen will ich es nicht, aber aufſchreiben. Für meine Mama iſt die erſte Gnade, die ich bitten will. Und die zweite— Nun, die zweite? Warum ſtockſt Du denn, mein Bürſchle? Die zweite Gnade, die ich bitten will, fuhr der Prinz mit einem liſtigen Augenzwinkern fort, die zweite Gnade iſt für den Erzherzog Johann. Schau, wie kommſt denn dazu, die Beiden zuſam⸗ men zu ſtellen? Wie ich dazu komme? fragte der Knabe lächelnd. Nun, die Beiden ſind ja jetzt immer zuſammen.— Geſtern Morgen war der Herr Erzherzog den ganzen Vormittag bei meiner Mama, und als er fort ging, da haben ſie verabredet, daß er heute Morgen wieder kommen ſollte. Und warſt denn Du immer bei Deiner Mama, ſo lange der Erzherzog da war? fragte der Kaiſer. Ih behüte, erwiederte der Prinz mit einem ſchalk haften Lächeln, mich haben ſie hinaus geſchickt, ſo wie der Erzherzog kam. Mühlbach, Erzherzog Johann. II d0 — 322 So, hinausgeſchickt haben's Dich? alſo nichts gehört, was ſie ſprachen? Doch, Großpapa, flüſterte der Prinz, den Kaiſer umarmend und die Lippen an ſein Ohr lehnend, doch, Großpapa, ich hab' ein biſſel gehorcht. So, gehorcht haſt? fragte der Kaiſer eifrig. Na, und was ſprachen ſie denn mit einander? Das ſag' ich Ew. Majeſtät nicht, erwiederte der Knabe mit lächelnder Gravität, das iſt mein Geheimniß, aber Ew. Majeſtät werden es ſchon früh genug er— fahren, vielleicht heute noch. Heute noch? Nun, ich bin neugierig. Aber das kannſt mir doch ſagen, Franzli, glaubſt, daß die Beiden Und Du haſt ſich gern haben? Ich glaub's, rief der Knabe lachend. Und ich glaub's halt auch, ſagte der Kaiſer ſinnend. Waren ja geſtern Abend ganz unzertrennlich in der Soirée. Ja wohl, rief der Prinz, und heute morgen macht der Erzherzog meiner Mama ſchon wieder einen Be⸗ ſuch. Aber, Ew. Majeſtät, fuhr er ernſter fort, Ew. Majeſtät vergeſſen, daß Sie mir meine beiden Gnaden bewilligen wollen, die eine für die Mama, die andere für den Herrn Erzherzog Johann. der 202 323 Nun alſo, was iſt's, Franzli? Trag' mir Deine Bitten vor. Behüte, Herr Großpapa. Es ſoll eine allerliebſte Uleberraſchung werden, und ſelbſt Ew. Majeſtät dürfen nichts davon wiſſen. Dann möcht' ich nur wiſſen, wie ich Dir etwas bewilligen ſoll, wenn Du nichts forderſt. Das werden Ew. Majeſtät gleich ſehen. Haben Ew. Majeſtät nur die Gnade, ſich vor Ihren Schreib⸗ tiſch zu ſetzen. So! Und jetzt nehmen Sie eine Federſ und zwei weiße Bogen Papier. Zu Befehl, Durchlaucht, ſagte der Kaiſer lächelnd, indem er that, wie ihm der Knabe geheißen, und was befehlen der Herr Herzog, das ich ſchreiben ſoll? Hier, Ew. Majeſtät, hier unten auf die beiden! Papiere, hier haben Sie die Gnade und ſchreiben Sie hin:„Genehmigt. Franz. Wien, den rreiſigent Auaaſt 1821.“ 195 Der Kaiſer nahm die Feder und ſchrieb lächelud auf die beiden Papiere, was der Knabe ihm dictixrtin So, und nun weiter? fragte er, dem Prinzenl die beiden Papiere darreichend. iiohd nad Weiter, ſagte der Knabe, nachdem er beide Papiere: aufmerkſam geleſen. Weiter habe ich nur noch zu) 21* 324 bitten, daß Ew. Majeſtät mir erlauben, jetzt Ihre Stelle vor dem Schreibtiſch einzunehmen und ſelber das Andere hinein zu ſchreiben. Meine Mama ſoll ſehen, daß ich auch einen Antheil an der Gnade Ew. Majeſtät habe und daß ich gern damit einverſtanden bin, wenn— Nun, das Weitere werden Ew. Majeſtät ja nachher ſchon ſehen. Ja, das Weitere werde ich ſchon ſehen, rief der Kaiſer vergnügt. Da, mein Bürſchle, ſetz' Dich, nimm die Feder und ſchreib. Aber Ew. Majeſtät haben die Gnade und ſetzen ſich, während ich hier ſchreibe, dort drüben auf den Divan hin. Gut, gut, ich will auch das thun, ſagte Franz, indem er nach dem Divan hin ging. Der Prinz nahm jetzt die Feder und ſchrieb auf jedes der beiden unterzeichneten Papiere einige Zeilen. Dann faltete er das Papier zuſammen, nahm aus der goldenen Schale zwei Oblaten, verſchloß damit die Briefe und adreſſirte ſie. Ich bin fertig, Ew. Majeſtät, ſagte er dann, mit den beiden Briefen in der Hand ſich dem Kaiſer nähernd. Jetzt bitte ich Ew. Majeſtät um die zweite Gnade. —— 325 Nun, laß hören, mein kleiner Mann. Diesmal, hoffe ich, wirſt Du etwas für Dich ſelber erbitten. Majeſtät, ich bitte, daß Sie mit mir ſogleich hin— überkommen zu meiner Mama, bei welcher der Herr Erzherzog ſich eben befindet, ſo daß Sie dort der Mama und dem Erzherzog Jedem den für ſie beſtimm⸗ ten Brief geben und ſagen wollen: ich gebe Ihnen mein Wort darauf, daß ich erfüllen will, was in dem Brief verſprochen iſt. Das iſt Alles? fragte der Kaiſer verwundert. Ja, das iſt Alles, Ew. Majeſtät. Gut denn, ſo komm, ſagte der Kaiſer, indem er dem Prinzen die Hand darreichte und raſch das Ca⸗ binet durchſchritt.— Ohne ein Wort zu ſprechen, haſtig und ſtumm durchſchritten ſie Beide die Säle und Corridore, die zu dem andern Flügel des Schloſſes und zu den Gemächern hinführten, welche Marie Louiſe bewohnte. Der Knabe hielt die beiden Briefe in der Hand und ſah ſie an mit ernſten, traurigen Blicken. Des Kaiſers Antlitz war ruhig und lächelnd, und da er den Inhalt dieſer beiden Briefe zu kennen meinte, beluſtigte er ſich ſchon im Voraus damit, den Erz⸗ herzog verſpotten zu können mit ſeinem Treubruch gegen die Poſthalters⸗Tochter. — — 326 Jetzt ſtanden ſie vor dem Cabinet Marie Louiſens, und mit einer raſchen Handbewegung öffnete der Kaiſer die Thür. Der Herzog von Reichſtadt hatte ganz richtig ge meldet, der Erzherzog Johann befand ſich wirklich bei der Herzogin. Sie ſaßen in lebhaftem Geſpräch ein ander gegenüber und erhoben ſich bei dem Eintreten des Kaiſers mit erſchrockener, ſtaunender Miene. Nun, erſchrecken's halt nit ſo ſehr, ſagte der Kaiſer lächelnd. Es iſt ja kein Verbrechen, wenn Liebesleut' bei einander ſitzen. Aber ich und der Franzli, wir wollen halt auch unſer Theil an Eurer Unterhaltung haben. Frau Tochter, ich kann Ihnen zu meiner Freud' berichten, daß der Franzli heut im Examen ſehr gut beſtanden iſt und viel Lob erhal ten hat. Ich danke Ew. Majeſtät für die freudige Nachricht, die meinen Mutterſtolz beglückt, rief Marie Louiſe, und ich bitte— Hören's mich erſt zu Ende, unterbrach ſie der Kaiſer. Ich hatt' dem kleinen Herzog verſprochen, ihm, wenn er im Examen glänzend beſtände, zwei Bitten zu erfüllen. Was er ſich erbeten hat, das ſteht in dieſen beiden Briefen, die er in der Hand —˖—— hält, und die ich ihm verſprochen hab', ſelber an ihre Adreſſen zu geben. Nehmen's alſo, Frau Herzogin, ich gebe Ihnen mein Wort darauf, daß ich erfüllen will, was in dem Brief verſprochen iſt. Hier, Herr Erzherzog, nehmen's auch Ihren Brief und auch Ihnen geb' ich mein Wort, daß ich erfüllen will, was in dem Brief verſprochen iſt. Er reichte Beiden die Briefe hin und ſchaute dann lächelnd zu, wie Beide mit verwunderten Blicken die Adreſſe anſtaunten. Ich bitte die Herrſchaften, gleich in meiner Gegen wart die Briefe zu erbrechen und den Inhalt zu leſen, befahl der Kaiſer. Marie Louiſe und der Erzherzog beeilten ſich, dem Befehl zu gehorchen. Dann, wie ſie die Briefe ge leſen, erhellten ſich ihre Züge zu einem Ausdruck freudigen Staunens und ein Freudenſchrei tönte von Louiſens Lippen. Oh, mein Kaiſer und mein Herr, wie gütig und gnädig ſind Sie, rief die Herzogin, ſich mit dem offe⸗ nen Brief in der Hand dem Kaiſer nähernd. Nun, laſſen's mal hören, was in dem Brief ſteht, ſagte der Kaiſer lächelnd, leſen's mal. Lieber Großpapa Kaiſer, flüſterte der Knabe, ſich 1 1¹ A 1 3 7 4 1 A I 1 328 dicht an ihn drängend, verſprich mir, daß Du nicht böſe werden willſt über das, was die Mama lieſt, daß Du mich lieb behalten und nicht ſchelten willſt. Ja, ich geb' Dir mein Wort, Franzli, ich will Dir nit bös ſein und Dich lieb behalten. Nun leſen's, Frau Herzogin. Marie Louiſe las mit zitternder Stimme: Ich gebe meine Einwilligung, daß meine Tochter, die Erz⸗ herzogin Marie Louiſe, nach Parma zurückkehre, um ſich dort mit dem Grafen Neipperg zu vermählen. Genehmigt. Franz. Das ſteht da? rief der Kaiſer. Laſſen's einmal ſehen, Frau Herzogin. Er nahm haſtig den Brief aus den Händen der Herzogin und las ihn. Dann wandte er den düſtern Blick auf den Herzog von Reichſtadt hin, der mit ruhigem, bleichem Geſicht neben ihm ſtand und die großen Augen voll angſtvoller Bitte zu ihm empor richtete. Herr Erzherzog, fragte der Kaiſer nach einer Pauſe, wollen's die Güte haben, mir auch den Inhalt Ihres Papiers zu leſen? Der Erzherzog verneigte ſich und las: Ich gebe meine Einwilligung, daß mein Bruder, der Erzherzog 329 Johann, ſich mit dem Mädchen, welches er liebt, ver— heirathe, wenn ſie auch keine Prinzeſſin iſt. Geneh— migt. Franz. Oh, mein Herr Bruder, an dem Papier werden's auch keine ſonderliche Freud' haben, rief der Kaiſer mit einem boshaften Lächeln. Es wiederholt Ihnen nur, was ich ſchon vor einem Jahr geſagt habe. Ew. Majeſtät wollen nicht Wort halten? fragte der Herzog von Reichſtadt erſtaunt. Sie wollen nicht erfüllen, was in den Papieren ſteht? Ja, mein kleiner Betrüger, ich will Wort halten, ſagte der Kaiſer, will Wort halten, obwohl Du mich überliſtet haſt. Großpapa, flüſterte der Prinz, die Hand des Kaiſers an ſeine Lippen drückend, Großpapa, es ſteht ja in dem Teſtament meines Vaters, daß er meine Mama bis zu ſeinem Tode lieb gehabt hat, und alſo wollte ich ihr beweiſen, daß ich ſie auch lieb habe, und da ich geſtern hörte, wie ſie weinte und jammerte, weil Ew. Majeſtät nicht zugeben wollten, daß meine Mama den Grafen Neipperg heirathete, ſo dachte ich, es wäre meine Pflicht, ihr zu helfen, daß ſie glück⸗ lich wird. Aber was haſt denn gedacht, daß Du dem Herzog 1 1 4 1 3 4 6 5 3 1 1 1 auch die Erlaubniß zur Verheirathung gegeben haſt? fragte der Kaiſer mißmuthig. Ich ſagte Ew. Majeſtät ja, daß ich geſtern ge horcht habe, und da hörte ich, daß der Erzherzog der Mama erzählte, er habe auch eine Braut, die er liebe und die er nicht heirathen dürfe. Und nun dachte ich mir, wenn wir der Mama erlauben, ſich zu verhei rathen, dann wäre es ſehr unbillig, wenn wir es dem Herrn Erzherzog nicht auch erlauben wollten. Es iſt ja ſo ſchön, Menſchen glücklich zu machen, dachte ich, und es iſt ja das erſte Mal in meinem Leben, daß ich irgend Jemanden zu ſeinem Glück verhelfen konnte. Und nicht wahr, Großpapa, Du wirſt Dein gegebenes Wort erfüllen? Ja, ich werde es erfüllen, rief der Kaiſer laut. Frau Herzogin, ich habe genehmigt, was mein kleiner Secretair geſchrieben hat, und alſo bleibt es dabei. Sie dürfen noch heute abreiſen, um ſich in Parma in aller Stille mit dem Grafen Neipperg zu vermählen. Oh, mein theurer, gütiger Vater, rief Marie Louiſe freudig, ich habe keine Worte, um— Still, unterbrach ſie der Kaiſer. Danken Sie mir nicht, danken Sie Ihrem Sohn. Herr Erzherzog, ich werde auch Ihnen halten, was ich genehmigt habe. 331 Ich erlaube Ihnen, ſich mit dem Mädchen, welches Sie lieben, zu vermählen, wie's auf jenem Papier geſchrieben ſteht. Aber das hebt doch die Bedingung nicht auf, unter der ich Ihnen früher ſchon mündlich meine Einwilligung verſprochen habe. Ja, ich gebe Ihnen meine Erlaubniß, ſich zu vermählen, aber Sie haben mir vor einem Jahr Ihr Ehrenwort gegeben, drei Jahre zu warten und in dieſen drei Jahren das Mädchen weder zu ſehen, noch an ſie zu ſchreiben. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß ich mein gegebenes Wort heilig halten und die Bedingung erfüllen werde, ſagte der Erzherzog ernſt und kalt. Ich werde alſo noch zwei volle Jahre zu warten haben, ehe ich mich verheirathe. Wir werden ja ſehen, ob Sie nit bis dahin noch Vernunft annehmen. Sie aber, Frau Tochter, Sie können ſich bei dem Franzli hier bedanken, denn er hat für Sie den Heiraths⸗Procurator geſpielt. Er nickte der Herzogin lebhaft zu, grüßte den Erz herzog mit einem Wink ſeiner Hand und verließ das Cabinet. Nicht ſobald hatte ſich die Thür hinter ihm ge ſchloſſen, als Marie Louiſe zu ihrem Sohn hineilte und ihn mit leidenſchaftlicher Innigkeit in ihre Armg ſchloß. —-— —— 332 Ich danke Dir, mein Sohn, ich danke Dir, flüſterte ſie unter zärtlichen Küſſen. Du haſt mir das Glück meiner Zukunft geſichert. Aber ich habe für meinen lieben Oncle Johann doch nichts thun können, ſeufzte der Knabe, indem er ſich der Umarmung ſeiner Mutter entzog und zu dem Erzherzog hintrat, der ſich in die Fenſterniſche zurück— gezogen hatte und ſinnend das von der Hand des Kaiſers unterzeichnete Papier betrachtete. Lieber Oncle Johann, ſagte der Knabe innig und leiſe, Dich wollt' ich glücklich machen, um Deinetwillen habe ich den Grafen Neipperg zum Stiefvater ange⸗ nommen, und nun habe ich doch gar nichts für Dich erreicht. Doch, mein theurer Knabe, Du haſt viel für mich erreicht, ſagte der Erzherzog, den Prinzen in ſeine Arme emporhebend. Du haſt mir einen neuen Beweis Deiner Liebe gegeben, und das iſt ein köſtliches Ge— ſchenk, das ich niemals vergeſſen werde. Du haſt mir aber auch außerdem viel genützt, denn Du haſt mir die ſchriftliche Einwilligung des Kaiſers zu meiner Verheirathung verſchafft. Ich werde alſo den Kaiſer nicht mehr um dieſelbe zu bitten haben. Ich werde nur noch zwei Jahre zu warten haben, bis ich meine nich eine veis ———yÿ—— —— 333 Anna heimführe. Und was ſind zwei Jahre des Har rens und der Geduld, wenn man am Ende derſelben das Glück, die Liebe, eine ſelige Zukunft ſieht. Oh, nur noch zwei Jahre, und mit dieſem Papier, das Du, mein theurer Knabe, mir durch Deine aufopfernde Liebe verſchafft haſt, mit dieſem Papier in der Hand werde ich zu meiner Anna hineilen und ſie zum Trau altar führen!—— X. Der dritte September 1823. Drei Jahre ſind vergangen, ſeitdem das Annerle von ihrem Hannes den letzten Brief erhalten hat, den Abſchiedsbrief. Sie hat muthig und freudig ausge⸗ harrt, ſie hat ſich von keinem Geſchwätz, von keiner Anklage und auch von keiner Verſuchung irre führen d laſſen. Verleumder ſind gekommen und haben ihr geſagt, der Erzherzog ſei im Begriff, ſich zu vermählen und * 4 3 er führe in Wien ein gar lockeres und luſtiges Leben. * Das Annerle hat gelacht dazu und hat geſagt: ich 1 gönn's dem Herrn Erzherzog. Und heimlich in ihrem Herzen hat ſie gedacht: mein Hannes iſt mir treu. Mein Hannes wird nimmer eine Andere heirathen, als 9 1 ſein Annerle. — 335 Freier ſind gekommen, gar reiche vornehme Freier darunter, die eigens aus Wien gekommen ſind, um das ſchöne Annerle zu werben. Sie haben ihr ein glänzendes Leben, vornehme Titel, Reichthum und Glanz angeboten, ſie haben die arme Poſthalters⸗ Tochter zu ihrer rechtmäßigen Gemahlin begehrt. Aber das Annerle hat zu ihnen geſagt: ich mag keinen Freier, den mir der Fürſt Metternich ſchickt, ich bleib in den Bergen und will keine vornehme Dam' ſpielen. Dank ſchön für die Ehr'. Verſucher ſind gekommen und haben ihr gedroht mit dem Zorn des Kaiſers, wenn ſie es wagen ſollte, den Erzherzog Johann zu lieben und ihn heirathen zu wollen. Das Annerle hat geantwortet: was kümmert mich der Erzherzog Johann! Den kenn' ich nit und frag' nix nach ihm. Ich kenn' und dem bleib' ich treu mein L möcht' wohl wiſſen, verbieten wollt'. nur meinen Hannes eben lang. Und ich wie mir der Herr Kaiſer das Hab' keine Furcht vor des Kaiſers Zorn. Was kann er mir halt auch thun? Der Vater iſt ein gar rechtlicher und geſchickter Mann, ehrlich und treu, und der Kaiſer kann ihm halt nit ſein Amt nehmen. Und mir? Möcht' wohl wiſſen, was der große Kaiſer der kleinen Anna P lochl thun könnt'? 336 Und ſo ſind die drei Jahre vergangen und Anna's Wangen ſind nicht gebleicht, ihre braunen Augen haben noch ihr kühnes Jugendfeuer, ihre purpurnen Lippen das friſche Lächeln. Sie hat geſchafft, gewirkt, ihre Geſchwiſter erzogen, ihren Vater gepflegt, ſie hat ge hofft, geliebt und vertraut. Die drei Jahre ſind vergangen. Der heutige Tag trägt das Datum des Briefes, den Anna vor drei Jahren von ihrem Hannes empfangen hat, und heute freilich iſt Annerle anders wie ſonſt. Sie iſt früh in die Meſſe gegangen mit der Vroni, ihrer liebſten Freundin, ihrer einzigen Vertrauten, ſie hat inbrünſtiglich gebetet und dann, als ſie heimkehrte, hat ſie zum Vater geſagt: lieb Väterle, es hält mich heute nit daheim. Muß ganz allein ſein heute mit dem lieben Gott und ſtill ſein in Lieb' und Geduld. Ich geh' hinab zum Grundlſee, und da bleib' ich den ganzen Tag. Sollt's ſein, daß Jemand kommt, der nach mir fragt,— Du weißt ſchon, welchen Jemand ich mein'— ſo laß mich rufen. Kommt aber Nie mand, lieb Väterle, ſo verſprech' ich Dir, daß ich, wenn die Sonn' hinunter iſt, zu Dir heimkehr' und mit Dir weiter leb' als Deine tapfre, brave Tochter. Nun leb' wohl, lieb Väterle! — und Und ſo iſt ſie mit eilendem Fuß von dannen ge⸗ gangen, hinab zum lieben Grundlſee. Droben auf der Felſenplatte dicht über'm See, da ſteht die Anna Plochl und ſchaut weit hin über die Berge und über die Felſen, und ihr armes Herz klopft und zittert doch. Sie kann nichts dafür, und ihre Lippen murmeln: wenn er heut nit kommt, ſo kommt er nimmer. Die drei Jahr' ſind ja um, und wenn er ſein Annerle nit vergeſſen hat, ſo kommt er. Da rauſcht's im Gebüſch, iſt Er's? Sie wendet ſich haſtig um— oh nein, es war nur ein Eichkätzch chen, das durch die Bäume hüpft. Aber, Gott, wie ihr Herz doch klopft, als wollt's zerſpringen. Und wie die Füße zittern und ſie nicht mehr tragen wollen. Sie ſinkt nieder auf das moosbewachſene Geſtein und faltet die Hände und betet. Aber nein, das Beten macht weinerlich und traurig, ſagt ſie zu ſich ſelber. Ich will aber nit weinen. Ich will ſingen! Singen! Und mit ſchmetternder Stimme beginnt ſie zu ſingen, ſo laut und jubelnd, daß alle Echo's rings umher in den Bergen und Fe lſen wach werden und Antwort geben. Plötzlich verſtummt ſie mitten im angefangenen Mühlbach, Erzherzog Johann. II. 22 Satz. Jetzt hat ſie deutlich Schritte gehört, Schritte, 6 die den Weg daher tönen, der von der Stadt kommt. Ja, ganz gewiß, es kommt da Jemand. Wenn Er’s wäre? Aber nein, ſie will ſich nicht umſehen, ſie hat nicht den Muth dazu. Ihr Herz ſteht ſtill, ſie verſucht zu ſingen, aber es kommt kein Ton aus ihrer Bruſt, ſie will umherblicken, aber es wird ihr ſo finſter vor den Augen— die Schritte kommen ja näher, immer näher. — Sie möcht' aufſchreien vor Angſt, aber ſie kann's nicht, ſie möcht' fortlaufen, aber ihre Füße ſind an den Boden gewurzelt, und doch ſchwankt ihre ganze Geſtalt, als wär's eine Lilie, die der Sturm bewegt, und wie eine Lilie ſo bleich iſt die Annerle. Da faßt's ſie mit zwei ſtarken Armen und leiſe flüſtert's in ihr Ohr: Lieb Annerle, willſt meine Frau werden? Sie kann nichts erwiedern, ſie kann nicht jauchzen, nicht weinen und nicht lachen. Sie liegt in ſeinen Armen, und das Haupt an ſeine treue ſtarke Bruſt gelehnt, ſchaut ſie mit ihren großen braunen Augen zu ihm empor. Aber in den großen braunen Augen ſpiegelt ſich der Himmel. Lieb Annerle, wi llſt meine Frau werden? fragt er wieder, wie damals droben auf der Wendleralp. Der Himmel iſt immer noch in ihren Augen, als ſie leiſe flüſtert: Ja, lieb' Hannes, ich will Deine Frau werden! Er neigt ſich zu ihr und küßt ihren Mund, und dann ruft er laut in die Berge hinein: ſchaut, meine lieben Alpen, da iſt mein Annerle, mein Weib! Ich dank Euch, meine lieben Ber rge! Ihr habt mir meine Annerle gegeben und bei Euch hab' ich mein Lebens— glück gefunden! Da lacht die Anna auf vor ſeliger Luſt und ruft: Ich dank euch, meine lieben Berg', denn ihr habt mir meinen Hannes gegeben! Ich dank dir, mein blaner Himmel, denn du haſt ihn mir gezeigt, den Mann aus der goldenen Wolke! Lieb Annerle, ſagt er frohen Muths und ſtrahlen den Auges, jetzt komm, mein Lieb. Wohin denn, Hannes? Zum Traualtar, mein herzig Kind. Der Kaiſer hat mir die ſchriftl iche Erlaubniß gegeben, Dein Vater auch. Nun komm. Drunten am Berg ſtehen die Wa gen bereit, Dein Vater und zwei Freunde von mir erwarten uns da. Gleich fahren wir ab. 22 340 Wohin denn fahren wir, mein Liebſter und mein Herr? Zum Brandhof, mein Lieb, in Deine neue Heimath. Da iſt ſchon der Prieſter bereit, uns einzuſegnen zur heiligen Ehe und zuſammen zu fügen, was Gott zu⸗ ſammen gefügt hat. Komm, mein Lieb! Ich komm ſchon, flüſtert ſie leiſe. Und mit einem letzten langen Blick nimmt ſie Abſchied vom lieben See, von den Bergen und den Felſen, und heeitet ihnen die Arme entgegen und ruft: Lebt wohll Lebt wohl! Gott ſegne Euch! Dann wendet ſie ſich, nimmt raſch des Liebſten Arm und eilt fort. Das Echo aber rings um den Grundlſee klingt leis und immer leiſer nach: Gott ſegne Euch! Ende des zweiten Bandes. — und mein Heimath. gnen zur Gott zu nit einem m lieben d Reitet hl! Lebt Leebſten um den. h: Gott Inhalt des zweiten Bandes. Zweites Buch: Das Mädchen von Auſſee. I. Am Grundlſee.. II. Der Mann aus der goldenen Wolke III. Das Feſt in Auſſee IV. Eine Thräne im See V. Ein Mädchenherz.. VI. Verſchwiegenes Leid VII. Auf der Wildenſeealp Drittes Buch: Krieg und Trieden. I. Die Revolutionen.„ II. Der Heirathsantrag III. Die Bedingung... IV. Ein Blatt aus der Geſchichte. V. Der Tod Napoleons VI. Das Heirathsproject VII. Das Bekenntniß VIII. ie Ueberliſtung 99 IX. Der dritte September 1823 4 —ꝑ——— -——— 4— b. b —-—- — * SOlour& Grey Sontrol Shart Cyan Green Vellow Hed Magenta