ee Eduard Olkmann in Gießen, deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Teih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. „ 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. ſe „3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe dinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 b t4 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und ſſ eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —.——— Eer: auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. dur beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bucher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. J7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Pern Jere eehnekA „ r — ———— — 1 Erzherzog Johann und ſeine Zeit. V —ᷣ—ÿ—ÿ—ᷣ——ꝛ G— — Von V L. Mühlbach. ———— —=— Dritte Abtheilung: Erzherzag Johann u. der Berzog von Reichstadt. Erſter Band. Das Recht der Ueberſetzung in fremde Sprachen hat die Verfaſſerin ſich geſetzlich vorbehalten. Berlin, 1862. Druck und Verlag von Otto Janke. Erzherzog Johann und der Herzog von Reichſtadt. L. Mühlbach. S=— Dritte Abtheilung. Erſter Band. ——RNP=RPRxR;xR;—ꝛ; Berlin, 1862. Druck und Verlag von Otto Janke. Mü * Erſtes Buch. Das Jahr 1819. Mühlbach, Erzherzog Johann. I. 1 Die Hiobspoſt. Bleich, mit verſtörtem Antlitz, mit zitternden Hän den trat der Hofrath Friedrich Gentz in das Cabinet des Fürſten Metternich ein und ſank athemlos, keines Wortes mächtig, auf einen Seſſel neben der Thür nieder. Der Fürſt wandte ſich, an ſeinem Schreibtiſch ſitzend, lächelnd zu ihm hin und begrüßte ihn mit einem freundlichen Kopfnicken. Nun, mein Herr Hofrath, ich habe die Ehre, Sie zu begrüßen und Ihnen einen beſten guten Morgen zu wünſchen, ſagte er mit einer tiefen ironiſchen Nei gung ſeines Hauptes. Ich vermuthe, daß Sie hieher gekommen ſind, um mir das Gleiche zu wünſchen. Durchlaucht, ächzte Gentz, die Hände ringend, ich bitte um Verzeihung für meine Grobheit, aber in 1* dieſem Moment müſſen alle Formen der Ehrfurcht und Höflichkeit zurückweichen vor dem Entſetzen, das meine ganze Seele zuſammenkrampft. Die Welt iſt im Begriff, aus den Fugen zu gehen, ich höre ſchon das Krachen der zuſammenfallenden Throne, das Wehe geſchrei der hingeſchlachteten Fürſten, die Sterbeglocken der Cultur und Civiliſation, und Entſetzen und Jam mer erfüllt meine Bruſt. Ich höre von dem Allen, Gott ſei Dank, nichts, ſagte Metternich lächelnd, nein, ich höre kein Krachen, kein Wehegeſchrei und keine Sterbeglocken, und das iſt mir außerordentlich angenehm, denn es würde mich ſtören. Ich war eben mit einem Sonnet beſchäftigt das ich meiner angebeteten himmliſchen Leonie morgen zu ihrem Geburtstag überreichen will, und Sie kom men mir daher gerade recht, mein Freund. Sie ſollen mir helfen, mir Ihren Rath ertheilen. Sie wiſſen, meine himmliſche Gräfin Leonie iſt ſehr liirt mit der Frau von Krüdener, hochheiligen Namens, und es lohnt ſich daher wohl der Mühe, die ſchöne Gräfin Leonie anzubeten, denn durch ſie kann man auf die Krüdener, und durch dieſe magere, blaßgelbe Heilige auf den edlen Schwärmer, den Kaiſer Alexander, wirken. Alſo kommen Sie, mein gelehrter und kunſt ſinnige Sonne Ge Thür dem J bei ſei ſchmer Trunk kiſchen der F gegen. Es ſeine Mette Curon nich ſinniger Freund, helfen Sie mir ſchnell bei meinem Sonnet. Gentz, noch immer auf ſeinem Seſſel neben der Thür ſitzend, hatte, während der Fürſt ſprach, mit dem Ausdruck tiefſten Entſetzens ihn angeſtarrt, jetzt, bei ſeiner letzten Aufforderung, erhob er ſich mit einem ſchmerzvollen Aechzen und ging, ſchwankend wie ein Trunkener, über den ſchönen blumendurchwirkten, tür kiſchen Teppich zu dem Schreibtiſch hin, vor welchem der Fürſt ſaß und ihm lächelnd ein Blatt Papier ent gegenhielt. Gentz nahm dies Papier, überflog es mit haſtigen Blicken und warf es dann mit einer Geberde des Ab ſcheus und des Entſetzens auf den Schreibtiſch hin. Es iſt wahr, es iſt wirklich wahr, rief er jammernd, ſeine gefaltenen Hände zum Himmel emporſtreckend, Metternich dichtet ein Sonnet, während Deutſchland, Europa, die ganze Welt in Trümmer bricht. Metter nich denkt an Liebſchaften, während vielleicht ſein Mörder ſchon hinter ihm ſteht. Mein Mörder! rief der Fürſt, heftig ſeinen Arm packend; Sie ſind alſo gekommen, um mich zu ermor den? Oh Gentz, Gentz, wer hätte das von Ihnen — gedacht! Oh, Gentz will der Mörder Metternichs ſein! Gentz ſtarrte ihn mit wilden, entſetzten Blicken an und ſank dann ächzend, wie vom Blitze getroffen, auf ſeine Kniee nieder. Ich flehe um Gnade, Durchlaucht, ſtammelte er ich bin kein Mörder, ich habe nicht den Muth dazu eine Mordwaffe zu führen. Mein Gott, der bloße Gedanke daran verwirrt mich, macht mich zum Kinde. Ew. Durchlaucht ſehen es wohl, denn ich zittere und ich weine in unausſprechlichem und ſchreckensvollem Jammer! Und in der That, ein convulſiviſches Zittern durch ſchauerte ſeine ganze zuſammengeſunkene Geſtalt und die Thränen ſtürzten in hellen Bächen über ſeine Wangen nieder. Metternich ſprang mit dem Ausdruck wirklichenr Theilnahme zu ihm hin, hob den Knieenden mit ſtarker Hand empor und geleitete ihn zu dem Divan hin, auf welchen er ihn niederdrückte und wo er dann neben ihm Platz nahm. Sie ſind und bleiben doch allzeit ein großes Kind, rief er laut lachend, während Gentz noch immerfort bebte und weinte. Ja wahrhaftig, ein großes und thörichtes Kind ſind Sie, das weint und zittert, blos wenn man ſich einen unſchuldigen Spaß mit ihm er hoch Taſch lauch E laubt und ihm eine mit einem Betttuch behangene Bohnenſtange für ein umwandelndes Geſpenſt ausgiebt. Und dieſes große Kind, das vor Geſpenſtern zittert und bei dem Wort Mörder weint, das erfrecht ſich die dumme Welt mein Alter ego zu nennen. Ich bitte um Verzeihung, Durchlaucht, ſagte Gentz hoch aufathmend und mit dem ſeidenen duftenden Taſchentuch ſich die Augen trocknend, aber Ew. Durch laucht haben mich auf den Tod erſchreckt, und ich werde vieler Tage bedürfen, um mich davon zu er holen. Ew. Durchlaucht wiſſen es ja, mein phyſiſcher Menſch iſt eine feige armſelige Creatur, die gewiſſe Vorſtellungen und Begriffe durchaus nicht vertragen kann, ſondern vor ihnen Reißaus nimmt, wie— Wie Falſtaff vor den berühmten zwölf Steifleinenen, die doch nur Einer waren, unterbrach ihn Metternich lachend. Nun ja denn, wie Falſtaff vor den Steifleinenen, ſagte Gentz melancholiſch, ich gebe es zu, der Vergleich paßt. Aber ich kann nichts dafür, mein phyſiſcher Menſch iſt eine Memme, und es ergeht mir, wie es Jacob dem Erſten von England erging. Ich zittere, wenn ich ein Schwert ſehe, mein Blut gerinnt zu Eis, wenn ich das Wort Mörder höre, und— — Mein Gott, rief Metternich, ſollte Ihre Mutter unglücklicher Weiſe eine andere Maria Stuart geweſen ſein? Sollte man, während Sie unter ihrem Herzen lagen, einen andern Sänger Rizio zu ihren Füßen ermordet haben? Durchlaucht, ich bitte, keine Spöttereien über meine Mutter, ſagte Gentz ernſt, ſie war eine edle und tugendhafte Frau. Spotten Sie über mich, ich habe es verdient, und ich gebe mich Ihnen Preis. Aber dieſe unſelige Furcht iſt ſtärker als ich, ich kann ſie nicht bändigen. Jeder Blitzſtrahl macht mich erbeben, vor jedem Donner erſtarrt mein Herz, heftige und überlaute Worte fahren mir in die Beine, als wären es Schrotkörner, eine blitzende Waffe jagt mir einen Todesſchreck ein und der bloße Gedanke, ich könnte jemals eine ſolche in die Hand nehmen, wirkt auf meinen verfluchten kindiſchen feigen Körper wie eine Höllenmaſchine, vor der all mein bischen Verſtand auseinanderplatzt.*) Ich kann nichts dafür, ich beſitze den Körper eines Haſen, und er läuft mit meinem Geiſt davon, ehe meine Vernunft es hindern kann. Ich bitte Ew. Durchlaucht alſo für die Zukunft um *) Varnhagen von Enſe. 9 Gnade, um Erbarmen, haben Sie Nachſicht mit mei— ner Schwäche, ſie iſt eine rein phyſiſche, und erſchrecken Sie die arme feige Creatur nicht durch ſo grauſame Scherze. Sie haben Recht, Freund, ſagte Metternich, ihm ſeine Hand darreichend, es war ein grauſamer Scherz, und ich bereue ihn. Aber ich geſtehe Ihnen, ich kann zuweilen der Verſuchung nicht widerſtehen, dieſem Dualismus in Ihrem Weſen nachzuſpüren und hinter dem tapfern unerſchrockenen Gentz, deſſen Feder wie ein zweiſchneidig Schwert unſern Feinden zu Leibe geht, mir den feigen, von Geſpenſterfurcht gepeitſchten zähneklappernden Gentz an ſeinen langen Ohren her vorzuziehen. Aber ich verſpreche Ihnen, es ſoll nicht wieder geſchehen, und ich will mich begnügen, immer nur den tapfern, klugen und geiſtreichen Diplomaten, Politiker und Publiciſten Friedrich Gentz, den berühm ten Protokollführer des Wiener Congreſſes, an meiner Seite zu ſehen. Und jetzt, da wir alſo ernſthaft reden, jetzt ſagen Sie mir, was der Jammerblick und das Entſetzen zu bedeuten hatte, mit dem Sie hier ein traten? Mein Gott, Sie fragen das, Durchlaucht? fragte Gentz. Sie haben alſo über Ihrem Sonnet wirklich 10 das grauenvolle Ereigniß vergeſſen, um deſſentwillen ich hieher gekommen bin, um mir von Ihnen Rath zu erbitten, wie ich es morgen im Beobachter melden und darſtellen ſoll? Fürſt, Sie haben vergeſſen, daß heute Morgen ein Courier mit einer fürchterlichen Nachricht von unſerm Bundestagsgeſandten in Frank furt hier angekommen iſt? Nein, lieber Hofrath, ich habe das nicht vergeſſen, ſagte Metternich lächelnd, und zum Beweiſe deſſen will ich Ihnen die ganze Geſchichte, die ich Ihnen nur oberflächlich melden ließ, ausführlicher mittheilen. Ja, Ihr theurer und lieber Freund, der Mann, der uns ſo oft durch ſeine allerliebſten Bühnenſtücke er götzt hat, der ſogar die liebenswürdige Perfidie gehabt hat, eine kleine Aventure, die ſeinem und meinem Vater in früheren Jahren begegnete, zu einem ziemlich zweideutigen Bühnenſtück zu verarbeiten,*) der Mann, der nicht blos Bühnendichter, ſondern auch ein höchſt gewandter politiſcher Schriftſteller iſt, dem die gute Sache manche gewichtvolle und ſchlagende Schrift ver dankt, Kotzebue iſt ermordet worden! *) Das Stück„Die beiden Klingsberge“ von Kotzebue behandelt eine Liebesaventure der Fürſten Metternich Vater und Sohn. S Kaiſer Franz und Metternich. Ein Fragment. S. 15. S= — 11 Feig, hinterrücks ermordet worden! ſtöhnte Gentz, die Hände ringend. Ermordet von einem deutſchen Studenten, fuhr Metternich ruhig fort, von einem der großen Mund helden des Wartburg Feſtes, die da den feierlichen Entſchluß gefaßt haben, die Welt auf ihre Weiſe zu beglücken und alle ſogenannten Tyrannen der Welt zu vertilgen. Nun, mit den kleinen Tyrannen fangen ſie an, und mit den großen werden ſie aufhören, wenn wir nicht auf Gegenwehr bedacht ſind. Kotzebue iſt das erſte Opfer der Freiheitsſchwindler, jetzt wird wohl zunächſt die Reihe an Sie kommen, mein armer Freund! Gentz zuckte zuſammen und Todesbläſſe überzog ſeine Wangen. Sie glauben, Durchlaucht? ächzte er mühſam. Ich bin davon überzeugt, ſagte Metternich ruhig. Sie wiſſen doch, welches die Veranlaſſung und der eigentliche Grund war, weshalb der Student Carl Sand den Kotzebue ermordet hat? Sie haben die Schrift geleſen, welche der Mörder, indem er das Haus ſeiner Schandthat verließ, dem Bedienten des Ermordeten darreichte? Unſer Geſandter hat ſie uns 12 ja in einer Abſchrift beigelegt, und ich beauftragte Pilat, ſie Ihnen mitzuſchicken. Ich habe ſie nicht geleſen, ich vermochte es nicht. Die Nachricht wirkte ſo ungeheuer auf mich, daß ich nur das Eine Gefühl hatte: ich müßte mich zu Ew. Durchlaucht begeben, ich müßte ſehen, ob Sie noch unangefochten lebten, ich müßte mich unter Ihren ſtarken weltbeherrſchenden Geiſt flüchten, um nicht den Verſtand zu verlieren. Ich weiß überhaupt weiter nichts, als daß Kotzebue ermordet iſt, und daß es ein Student aus Jena war, der die unerhörte Frevelthat vollbrachte. Ja, ein Student aus Jena, aus dieſem Heerd des Wahnſinns und der Tollheit, welchen der liebe volks freundliche Großherzog Carl Auguſt, der Freund und Genoſſe der Poeten, Schöngeiſter und Aufwiegler mit ſeinem Schutz und Beifall beehrt. Ein Student aus Jena war der liebe Carl Sand, der den Kotzebue er mordete. Auf dem Wartburgfeſt hat er ſich die Toll wuth der Schwärmerei getrunken und geſchworen, ſein Vaterland groß und glücklich zu machen. Die Ermor dung Kotzebue's iſt der erſte Schritt zu ſeinem Ziel, denn Kotzebue war einer von den Tyrannenknechten, welche das deutſche Volk in unwürdige Seclaverei her nieder Freih ſchlag Lehre Rußl ein f ihn d griff mir gem von ſagt Han dem 13 niederziehen wollen. Kotzebue wollte die akademiſche Freiheit tödten, er wollte das freie Wort in Feſſeln ſchlagen und die heilige Lehrfreiheit der Univerſitäts Lehrer beſchränken. Kotzebue war überdies ein Spion Rußlands, ein Werkzeug in den Händen der Tyrannen, ein feiler Knecht des Abſolutismus, und man mußte ihn deshalb zertreten wie eine Natter, welche im Be griff war, die heilige Germania mit ihrem Giftzahn zu ſtechen. Sie ſehen, ich habe die Schrift des Frei heitsmärtyrers Carl Sand ziemlich genau geleſen und mir ſeinen allerliebſten Jargon ſchon ziemlich zu Eigen gemacht. Dieſe Schrift heißt:„Todesſtoß dem Auguſt von Kotzebue“, und der Mörder drückte ſie, wie ge ſagt, dem Bedienten des Herrn von Kotzebue in die Hand, dem er unten an der Treppe begegnete, nach dem er ſeine That vollbracht. Auf der Straße aber ſtieß er ſich ſelber dann ein Meſſer in die Bruſt und ſchrie dabei:„Hoch lebe mein deutſches Vaterland!“ Dann, da er ſah, daß der Stoß nicht tödtlich geweſen, zog er das Meſſer aus der Wunde, ſtieß es ſich zum D 11 Dil, zweiten Male in die Bruſt und ſchrie:„ich danke Gott, für dieſen Sieg!“ Entſetzlich, murmelte Gentz, indem er ſich mit dem ſeidenen Taſchentuch den Schweiß abtrocknete, der in 14 großen, kalten Tropfen über ſeine Stirn niederrollte. Entſetzlich. Ich bitte aber, Durchlaucht, erſparen Sie mir die Quälerei, haben Sie die Gnade, mir einfach zu ſagen, ob der verruchte Mörder gleich ſeinem Opfer Nein, ſagte der Fürſt, und ein Blick des Haſſes und der Schadenfreude flammte jetzt in ſeinen ſonſt ſo ſanften zden auf, nein, zum guten Glück iſt es ihm nicht gelungen, ſich ſelber eine tödtliche Wunde beizu bringen. Er lebt, wir haben ihn und halten ihn und der Kunſt der Aerzte wird es hoffentlich gelingen, ihn wieder zu heilen, ſeinem Gehirn, das jetzt im Fieber wahnſinn tobt, die Beſonnenheit wieder zu geben Davon nachher. Doch wiſſen Sie, was bei dieſem Ereigniß wahrhaft tragi⸗komiſch auf mich gewirkt hat? Das entſcheidende Motiv zu dieſem Meuchelmorde iſt geweſen, daß dieſer dumme Herr Studioſus Carl Sand den Herrn von Kotzebue für den Autor der Denkſchrif „Denkſchrift über den jetzigen Zuſtand Deutſchlands“ Wass ſchrie Gentz entſetzt, Ew. Durchlaucht mei nen doch nicht jene Denkſchrift, welche der Herr von Stourdza auf den Wunſch Ew. Durchlaucht für den uſſiſchen Kaiſer ausgearbeitet hat, und zu welcher ich uf M. auf B die N - det ſehenr wie d Spi leiden ſogen auf Befehl Ew. Durchlaucht dem Herrn von Stourdza die Materialien geliefert habe? Ja, mein Freund, gerade dieſe Denkſchrift über den jetzigen Zuſtand Deutſchlands meine ich. Und ſehen Sie nur, wie wunderbar da der Zufall, oder, wie die frommen Leute ſagen, das Verhängniß ſein Spiel treibt. Hätte der Kaiſer Alexander in ſeiner leidenſchaftlichen Entrüſtung über die Umtriebe der ſogenannten Liberalen und Deutſchthümler nicht den Einfall gehabt, dieſe Schrift, die ich nur für ſeine Privatkenntniß beſtimmt hatte, drucken zu laſſen, und hätten Sie dem Herrn von Stourdza nicht ſo wun derkräftiges und ſchlagendes Material geliefert, um daraus jene Schrift zu verfaſſen, ſo wäre der arme Kotzebue noch heute unter den Lebendigen und Niemand hätte daran gedacht, ſein Leben zu bedrohen. Demzufolge trüge ich alſo eine Mitſchuld an der Mordthat, ſagte Gentz in ſich erſchauernd, der Tod dieſes Märtyrers der guten Sache käme alſo auf mein Gewiſſen? Gewiſſen! rief Metternich achſelzuckend. Ich bitte Sie, mein Lieber, laſſen wir doch ſolche banalen Re⸗ densarten, ſie ſind gut für gewöhnliche Leute, Stroh futter für diejenigen, die an der Krippe der Alltäg 16 lichkeit kauen. Gewiſſen! In der Staatskunſt und Politik muß man Ein⸗- für Allemal darauf verzichten, ein Gewiſſen zu haben, denn das verträgt ſich nicht mit den höheren Anforderungen, die man an einen Staatsmann und Politiker macht. Für ihn ſind die Menſchen überhaupt nur Dinge und Sachen, nun Handwerkszeug, das er benutzt, um die Maſchine des Staats nach ſeinem Willen und ſeiner Ueberzeugung zu lenken. Mein Gott, wer ſollte, wenn es anders wäre, wohl den Muth haben, Todesurtheile zu unter— ſchreiben und Kriege zu veranlaſſen. Man iſt immer dadurch, vom niedern Gewiſſensſtandpunkt aus be trachtet, verantwortlich für die gefallenen Köpfe und das vergoſſene Menſchenblut. Aber die edlen und heiligen Zwecke, welche man im Auge gehabt, ſtehen höher als das Gewiſſen und ertheilen dem Staats mann völlige Abſolution. Und alſo, mein Freund, denke ich, wird der große Politiker und Diplomat Friedrich von Gentz ſich durch den Mord des guten Kotzebue nicht weiter beunruhigt fühlen, und er wird den Schlaf des Gerechten nicht weiter ſtören. Ew. Durchlaucht haben, wie immer, Recht, ſagte Gentz, deſſen Antlitz jetzt wieder ſeinen gewohnten heitern und jovialen Ausdruck angenommen hatte. Ja, ich wier Recht. verwün dies E mich v dämme großen gerechn Sie b wohl, Ihrer winden hald nit u! Nun Sie 6 in wie betrach Mühli 17 ich wiederhole es, Ew. Durchlaucht haben, wie immer, Recht. Mein Geiſt hat jetzt die Schreckniſſe meiner verwünſchten Creatur überwunden, und ich fange an, vies Ereigniß mit andern Augen anzuſehen. Was mich vorher als Mordthat entſetzte und mit Grauen erfüllte, fängt jetzt an, mir als ein folgewichtiges po— litiſches Ereigniß zu erſcheinen, und es dämmert mir auf, daß man es in gewiſſem Betracht vielleicht als ein Glück und einen Rettungsanker begrüßen und ver— wenden könnte. Ah, rief Metternich freudig, Gott ſei Dank, es dämmert ihm auf und es wird Tag werden in dem großen Geiſt meines Alter ego. Darauf hatte ich gerechnet, das hatte ich erwartet, und darum ließ ich Sie bitten, ſofort zu mir zu kommen. Ich wußte wohl, daß wir zuerſt einen kleinen Gewitterſturm Ihrer liebenswürdigen Haſennatur würden zu über winden haben, aber ich wußte auch, daß dieſer Sturm bald vorübergehen und die Sonne Ihres Verſtandes mit um ſo helleren Geiſtesblitzen aufleuchten würde. Nun alſo, mein Lieber, jetzt laſſen Sie hören, was Sie eigentlich über dieſe Mordgeſchichte denken und in wiefern man dieſelbe in Ihren Augen als ein Glück betrachten dürfte? Muühlbach, Erzherzog Johann. 1 2 18 Ich will es Ihnen ſagen, Durchlaucht, denn jetzt, da der Haſe ſich wieder vor dem Politiker hat ver kriechen müſſen, jetzt ſehen meine Augen vollkommen klar, und ich fange an es zu begreifen, daß Ew. Durch laucht ſogar in dieſer Stunde Sonnette ſchreiben konnten. Die That dieſes Carl Sand, die mir an fangs ein verruchtes Bubenſtück ſchien, kann aber, wie ich glaube, zum Heil für ganz Deutſchland werden, wenn man ſie geſchickt zu benutzen verſteht. Carl Sand war, das ſteht feſt, Studioſus auf der Univer ſität Jena, er hat, das ſteht auch feſt, denn ich habe auf der Liſte nachgeſehen, er hat vor zwei Jahren das Wartburgfeſt mitgemacht und dort ſchon eine von phantaſtiſchem Unſinn und ſogenannter Vaterlandsliebe ſtrotzende Rede gehalten. Carl Sand iſt ein Mitglied der verruchten Burſchenſchaft, und nicht als Carl Sand, ſondern als Mitglied der Burſchenſchaft hat er die Mordthat begangen. Er leugnet aber in dieſer ſeiner Schrift jede Mit wiſſenſchaft Anderer ab, er ſagt darin ausdrücklich, daß er Niemanden die Ehre zuerkenne, Theil zu haben an ſeiner That, oder ſie durch Wort, Zuſprache oder Aufhetzerei veranlaßt zu haben. Er ſchwört beim Geiſt geſch ſchich beken man derſt Es that als ommen Durch Iniven ) habe 19 Geiſte Gottes, daß Niemand ſein Geheimniß kennt, geſchweige denn ihn zu der That veranlaßt hat. Um ſo gewiſſer iſt es, daß es ſich anders verhält, daß er Mitwiſſer ſeines Geheimniſſes hat, daß er von Andern zu dieſer That gedrängt ward, daß er nur das willenloſe Werkzeug war. Es iſt die alte Ge ſchichte. Wer ſich vertheidigt, bevor er angeklagt wird, bekennt ſich für ſchuldig. Man muß daran feſthalten, man muß durchaus von keinem Leugnen, keinem Wi derſtand ſich zu einer andern Anſicht bekehren laſſen. Es muß dabei bleiben: Carl Sand hat dieſe Mord— that nicht vollbracht als Individuum, ſondern lediglich als Mitglied jenes Bundes von Verſchwörern und Rebellen, die ſich akademiſche Burſchenſchaft nennen, die in Jena ihr großes Räuberneſt aufgeſchlagen haben und deren Hauptleute,⸗Anführer und Verführer die ſogenannten liberalen Profeſſoren und Gelehrten ſind. Steht dies einmal feſt, ſo läßt ſich gar nicht abſehen, welche ſegensreiche Folgen aus dieſer ſchauerlichen That als herrliche Grabesblüthen emporſteigen werden, denn wir haben nun den Anhalt gefunden, um beim deutſchen Bunde und bei den einzelnen deutſchen Für ſten auf Abänderung von Mißbräuchen, auf ſchärfere 5* 20 Maßregeln zu dringen, um dem hereinbrechenden Uebel zu ſteuern. Ah, ich danke Ihnen, rief Metternich freudig, in⸗ dem er Gentz mit einem raſchen Kopfnicken ſeine beiden Hände darreichte. Ich ſehe, wir befinden uns wieder in vollkommener Harmonie und ſchauen die Dinge mit denſelben Augen an. Ja, dieſe Mordthat des Jenaer Studenten iſt in der That für mich ein freudiges Ereigniß, und ich bin feſt entſchloſſen, daß wir ſie zu unſerm Nutzen ausbeuten müſſen. Dieſe Mordthat des Jenaer Studenten giebt uns die Waffen in die Hand, um das umgehende Geſpenſt der Revo— lution an die Kette zu legen, und der Anarchie, ſie komme nun von den Thronen oder von den Völkern, die Zwangsjacke anzuziehen. Ich habe es ſatt, dieſes alberne Geſchwätz von deutſcher Einheit, von freien Völkern und von conſtitutionellen Verfaſſungen. Es ſoll und muß endlich verſtummen, um einem vernünf tigen Schweigen Platz zu machen. Das unleidliche Geſchrei der liberalen Demagogen läßt gar keine Ruhe und keinen Frieden aufkommen und reizt die Völker⸗ ſtämme, die es ſonſt gar zu gern zufrieden wären, ruhig zu ſchlafen und ſich regieren zu laſſen, zu Thaten des Wahnſinns auf. Wenn ich mich umſchaue in Deutſe erblick haben, Art w Natur fühle Schwe zu br Ruhe 21 Uebel Deutſchland und die verſchiedenen Länder und Reiche erblicke, wie ſie ſich ſeit 1815 gebildet und entwickelt , in haben, ſo überfällt mich in der That zuweilen eine ſeine Art wüthender Verzweiflung, und ich, der ich von uns Natur weder rachgierig noch blutdürſtig bin und nicht 1 die die kleinſte Ader des Caligula in mir verſpüre, ich dthat fühle dann die Nothwendigkeit, alle dieſe liberalen. ein Schwätzer auf's Blutgerüſt oder in ewiges Gefängniß d86 zu bringen, um endlich Deutſchland die nothwendige dieſe Ruhe wieder zu geben. affen Und Ew. Durchlaucht haben Recht, es iſt auch devo eine Nothwendigkeit, rief Gentz eifrig. Der Liberalis ſie mus und die Demagogie müſſen mit Stumpf und kern, Stiel ausgerottet werden, wenn Deutſchland nicht ganz ieſes und gar zu Grunde gehen ſoll. Die akademiſche Frei ien heit iſt ein phantaſtiſcher Unſinn, der zum Verbrechen Es führt, und daher mit allen nur denkbaren Mitteln ünf todtgehetzt werden ſoll. Man muß den übermüthigen dbliche Stolz dieſer„Burſchen“ brechen, die ſo vermeſſen ſind, Kuhe ſich einzubilden, ſie, die deutſchen Burſchen und Kna lter ben hätten allein Deutſchland und Europa von der ren, franzöſiſchen Oberherrſchaft befreit. Als ob nicht die den Fürſten, ihre Miniſter und ihre Feldherren das Größte verrichtet, als ob ſie es nicht zunächſt geweſen, welche 22 den Krieg vorbereitet, gegründet, geſchaffen hätten! richtig Das Volk hat weiter nichts gethan, als ſeine Schul— gen du digkeit, indem es dem Ruf ſeiner Fürſten gehorſam unterbe folgte und von ſeinen Feldherren ſich in die Schlacht Freund führen ließ.*) Sand Unterſuchen wir nicht, wer mehr gethan, das Volk laſſung oder ſeine Fürſten und deren Diener, ſagte Metternich grefen ſanft. Schauen wir nicht rückwärts in die Vergangen⸗ au erz heit, ſondern vorwärts in die Zukunft, und da werden welche wir denn allerdings bekennen müſſen, daß die jetzigen um di Zuſtände unhaltbar ſind, daß es durchaus nothwendig Schw iſt, mit ihnen zu brechen und die Zukunft Deutſchlands auf feſterer Baſis aufzuführen, damit die Throne nicht um zuſammenſtürzen. Wir müſſen Ruhe ſchaffen, denn ihn Ruhe iſt Frieden. Das Volk und das liberale Ge⸗ Wort ſindel muß zum Schweigen gebracht werden, denn den l Schweigen ziemt den Völkern. Sie ſind in dem gen d großen Concert der Menſchengeſellſchaft die Pauſen, zwun während die Fürſten die einzelnen Soloſtimmen und pelter die Miniſter die Chöre auszuführen haben. Wie ſoll nun aber das Concert harmoniſch und im richtigen Druc Rhythmus ausgeführt werden, wenn die Pauſen nicht läßt *) Gentz's eigene Worte. Siehe: Oeſterreichiſcher Beobachter die Nro. 12 vom Jahre 1818. Man Volk rnich gen ſſen, und ſoll tigen nicht achter den liberalen Schreiern, den aufrühreriſchen Demago 52 23 richtig gehalten werden, und das nothwendige Schwei— gen durch allerlei wüſtes und unharmoniſches Gebrüll unterbrochen wird? Wir müſſen Schweigen haben, Freund, Schweigen, und ich könnte den Mörder Carl Sand lieben um ſeiner That willen, die uns Veran laſſung giebt, wirkſame und energiſche Mittel zu er greifen, um dies nothwendige Schweigen der Völker zu erzielen. Nun ſagen Sie mir aber Ihre Anſicht: welches ſind die geeigneten und nothwendigen Mittel, um die Aufrührer, die Liberalen und Demagogen zum Schweigen zu bringen? Ich meine, das iſt ganz einfach, ſagte Gentz haſtig, um Jemanden zum Schweigen zu bringen, muß man ihn am Sprechen verhindern, muß man ihm das Wort entziehen. Es iſt alſo weiter nichts nöthig, als gen das Wort zu entziehen, und ſie werden dann ge zwungen ſein, zu ſchweigen. Das Wort aber iſt dop pelter Art, es läßt ſich nicht blos ſprechen, ſondern es läßt ſich auch ſchreiben, es läßt ſich durch die Druckerſchwärze hinausſchreien in die ganze Welt, es läßt ſich von den Kathedern und den Tribünen als die Tuba des Aufruhrs und der Empörung benutzen. Man muß alſo Sorge tragen, daß ſowohl das ge 24 ſprochene, wie auch das geſchriebene Wort verſtumme, oder wenigſtens unter ſtrenge Controlle gebracht werde. Solche Controlle zu üben, dafür iſt aber der Bundes tag da. Es würde nichts nutzen, wenn wir hier in Oeſterreich die geeigneten Mittel ergriffen, um das Wort zum Schweigen zu bringen; die redſeligen Schreier und Schreiber hätten dann nur nöthig, über die öſterreichiſche Grenze zu gehen, um ungehindert ihren liberalen Unſinn auszuſchreien und drucken zu laſſen, und das öſterreichiſche Volk würde dann nur um ſo begieriger ſein, das Verbotene ſich zu Eigen zu machen. Deshalb iſt es dringend nöthig, daß in allen deutſchen Ländern, im geſammten Deutſchland gleichmäßige Maßregeln ergriffen werden, um dem Un weſen zu ſteuern. Es darf nicht geduldet werden, daß akademiſche Lehrer von ihrem Katheder herab die leicht entzündliche, ohnehin von der Krankheit der Demagogie befallene Jugend durch fanatiſche Freiheits ſchwindeleien aufreizen, ſolche liberalen Beller, wie Moritz Arndt, wie Jahn, wie Luden und Görres müſſen zum Schweigen gezwungen und durchaus mund todt gemacht werden. Görres vor allen Dingen. Das iſt ein Feind, den ich nicht blos fürchte, ſondern auch achte. Ein ungeheures Talent, ein Schwung der ——y— Phaut un =x 642 furchtt res.*) um ſe vielme der 6 paſſen ſprich 25 Phantaſie, der hinreißend wirkt. Nach Jeſaias, Dante und Shakeſpeare hat nicht ſo leicht Jemand erhabener, furchtbarer und teufliſcher geſchrieben, als dieſer Gör res.*) Meine Waffen ſind gar oft nicht ſcharf genug, um ſeine gepanzerte Bruſt zu verwunden, es kön vielmehr leicht dahin kommen, daß ich in dieſem Duell der Geiſter unterläge. Solche Goliaths und Recken paſſen aber vielleicht für die alten deutſchen Urwälder, nicht aber für gebildete und geſittete Nationen, und man muß ſie daher abthun und unwirkſam machen. Summa Summarum, ich faſſe Alles kurz zuſammen in dieſen Worten: Man muß überall in Deutſchland die Preſſe zügeln und ihr einen Wächter, einen Cenſor geben, man muß die akademiſche Lehrfreiheit aufheben und endlich muß man mit Eifer und Energie darnach trachten, daß der conſtitutionelle Schwindel überall beſeitigt werde, und alle deutſchen Fürſten zu einer vernünftigen monarchiſchen Regierung zurückkehren. Aber, mein lieber phantaſtiſcher Freund, rief Met ternich lächelnd, Sie vergeſſen die beiden abominablen Paragraphen unſerer Landesacte. Paragraph 13 ver ſpricht den deutſchen Völkern, daß ihre Fürſten ihnen *) Gentz's eigene Worte. Siehe: Briefwechſel mit Rahel. 5 20 repräſentative und conſtitutionelle Verfaſſungen gewäh⸗ ren wollen. Paragraph 18 gewährleiſtet den Völkern die Freiheit der Preſſe. Man muß alſo durchaus darnach trachten, dieſe beiden Paragraphen der deutſchen Bundesacte zu ver— beſſern, ſagte Gentz haſtig. Ah, nun ſind wir auf dem Punkt angelangt, wohin ich Sie bringen wollte, rief der Fürſt. Ja, Sie haben Recht, man muß dieſe beiden Paragraphen abändern oder unwirkſam machen. Das war es, was mir ſchon längſt vor der Seele ſtand, das war mein geheimſter und innerſter Gedanke, als ich im vorigen Jahr den Congreß in Aachen zuſammenrief. Ich wollte da die Fürſten und ihre Miniſter ſondiren, wollte ſehen, in wie weit wir auf ihre Geneigtheit und ihre Mitwir kung rechnen könnten. Nun, der ſchwärmeriſche Kaiſer Alexander ward dadurch gewonnen, daß ich ihn zum Präſidenten der heiligen Allianz vorſchlug und durch ihn, hoffe ich, iſt auch der gute ſchwache König von Preußen und ſein guter lebensluſtiger Hardenberg von der Idee erfüllt worden, daß eine Aenderung unerläß lich, daß für die deutſche Bundesacte ein gründlicher Verbeſſerungsplan nothwendig ſei, daß wir energiſche Maßregeln ergreifen müſſen, um die Ruhe zu ſichern und da gehen auf der Italien nairer auch n Energi⸗ wenn drunge die M einig Hande wendi ſänlich Entſch men alsdan erhobe 27 und das rothe Geſpenſt der Anarchie am weitern Um— gehen und Nachtwandeln zu verhindern. Ich habe auf der Reiſe, die ich an der Seite des Kaiſers nach Italien machte, geſehen, welch ein finſterer revolution nairer Geiſt dort umgeht, und dieſer Geiſt drängt ſich auch nach Deutſchland hinüber. Wir müſſen ihn mit Energie und Gewalt beſiegen. Und wir können es, wenn nur alle deutſchen Fürſten einig, wenn ſie durch drungen ſind von der Erkenntniß der Gefahr, welche die Monarchieen gleichmäßig bedroht, und daher auch einig ſind im thatkräftigen, entſchloſſenen und raſchen Handeln. Um aber dahin zu gelangen, iſt es noth wendig, daß die Miniſter aller deutſchen Fürſten per ſönlich ſich beſprechen und dann mit überraſchender Entſchiedenheit, ehe noch andere widerſtreitende Stim men es zu hindern vermögen, Beſchlüſſe faſſen, die alsdann durch die Einſtimmigkeit zu Bundesbeſchlüſſen erhoben werden. Es wird alſo abermals ein Congreß zuſammentre ten müſſen, nicht wahr? Nicht doch! Ganz wie zufällig und von ungefähr müſſen die Miniſter der deutſchen Staaten ſich irgendwo begegnen, und die Einladungen müſſen nur an ſolche ergehen, auf deren Uebereinſtimmung und Mitwirkung 28 wir zählen dürfen. Die Miniſter ſolcher renitenten und aufrühreriſchen Fürſten, wie zum Beiſpiel der Großherzog von Weimar es iſt, werden ſorgfältig fern gehalten. Es iſt jetzt günſtige Gelegenheit, daß man ſich bald einmal wie zufällig begegnen kann. In einigen Monaten beginnen die Bade- und Brunnen kuren. Ich ſelbſt begebe mich nach Karlsbad, und dorthin könnte man vertraulicher Weiſe die Miniſter der befreundeten und gleichgeſtimmten Regierungen ein laden. Sie natürlich begleiten mich, denn Ihres ſchöpferiſchen Schwertes, Ihrer Feder, kann ich bei dieſem letzten Entſcheidungskampfe durchaus nicht ent behren, Sie müſſen hier, wie immer bei dem großen Duell, das wir gegen die Demagogie und den Libera lismus führen, mein Secundant ſein. Ich werde Ew. Durchlaucht beweiſen, daß ich ſolchen Duellen mit freudigem Muth ſecundire, rief Gentz, daß mein Geiſt keine Furcht kennt und niemals das Haſenpanier ergreift. Ich werde mit meinem Schwert kämpfen für die gute Sache der Monarchie, der Cul tur, der Fürſten, gegen die Anarchie, Demagogie und Revolution, und meine Begeiſterung wird mir Kraft und Sieg verleihen. Nun alſo, auf, an's Werk! Schreiben Sie eine ue — 2— p Ahrer Ihrer Sie vo klar un ſei, ge Nothw —2 29 Ihrer großartigen, genialen Abhandlungen, in denen Sie von Niemanden übertroffen werden. Setzen Sie klar und bündig auseinander, daß es die höchſte Zeit ſei, gegen die demagogiſchen Umtriebe Mittel gerechter Nothwehr zu ergreifen. Bringen Sie alsdann die Mittel der Nothwehr in Vorſchlag, nämlich: Verſtär kung der Bundesgewalt, durch dieſe Bundesgewalt dann Aufhebung des dreizehnten und achtzehnten Ar tikels der Bundesacte, und die Einführung der Cenſur, die Ueberwachung der Univerſitäten, und wenn möglich Aufhebung aller conſtitutionellen Verfaſſungen, die durch landſtändiſche zu erſetzen ſind. Ich ſelbſt werde in einem vertraulichen Rundſchreiben ſchon jetzt die mir befreundeten Miniſter auf meine Pläne vorberei ten, und damit Sie ſehen, daß ich, nachdem der Cou rier mit der Mordgeſchichte hier anlangte, nicht blos Sonnette geſchrieben, bitte ich Sie, ſich dies Blatt hier anzuſehen. Ich habe das vertrauliche Rundſchrei ben ſchon auf demſelben im Concept entworfen, habe im Hinblick auf dieſe Mordthat Carl Sands darauf aufmerkſam gemacht, welche Schreckniſſe und Gefahren uns bedrohen, und habe es unverhohlen ausgeſprochen, daß nicht das Individuum Carl Sand, ſondern die ganze Burſchenſchaft, die ganze akademiſche Jugend, 30 die ganze Demagogie dieſe Mordthat begangen hat und für dieſelbe verantwortlich gemacht werden muß. Pilat ſoll ſogleich die nöthigen Abſchriften machen und noch heute ſoll dieſes Rundſchreiben alsdann in die Welt gehen. Gentz hatte das dargereichte Blatt haſtig ergriffen und mit raſchem Blick die enggeſchriebenen Zeilen überflogen. Jetzt hob ſich ſein Auge von dem Papier zu dem Fürſten empor und haftete mit einem Ausdruck zärtlicher Bewunderung auf dem ſchönen lächelnden Angeſicht Metternichs. Durchlaucht, ſagte er tiefbewegt, geliebt und ver ehrt habe ich Sie immer ſchon, von heute an bewun dere ich Sie, und in dieſer Stunde begrüße ich Sie als den Retter der Monarchieen, den unerſchütterlichen Felſen, an dem die Wogen der Demokratie ſich brechen und zerſchellen werden. Ihnen wird es gelingen, das große und heilige Werk: Sie werden Deutſchland zur Ruhe, zum Frieden, zum Schweigen zurückführen, Sie werden die Throne verfeſtigen, die Kronen mit neuer Majeſtät und Glorie umgeben und die Völker wieder in die Kreiſe des Gehorſams und der Unter thänigkeit bannen. Ich werde das Alles aber nur mit Ihrer Hülfe vollbri Feder DHeutſe Dankb gewiß hande einmi K aiſe dafür N ſeinen vollbringen können, und ohne Ihre Hülfe, ohne Ihre Feder wird es mir nicht gelingen, ſagte Metternich freundlich. Laſſen Sie uns alſo einig ſein und blei ben, damit wir das große Werk der Beruhigung Deutſchlands zu Ende führen, und ich darf Sie der Dankbarkeit des Kaiſers ſchon jetzt verſichern. Ew. Durchlaucht ſind alſo der Einwilligung des Kaiſers zu den neuen Maßregeln ſchon gewiß? Ich bin dieſer Einwilligung des Kaiſers immer gewiß, ſobald ich in ſeinem Sinne und ſeinem Intereſſe handele, und ſobald ich nicht in ſein Departement mich einmiſche. Die auswärtigen Geſchäfte überläßt de Kaiſer mir, wenn ich nur die innern und die Polizei dafür ganz in ſeinen Händen laſſe. Man ſagt, der Kaiſer habe ſich in letzter 3— ſeinem Bruder, dem Erzherzog Johann, mehr genähert, und ſei vollkommen mit ihm ausgeſöhnt. Die Kaiſerin Karoline ſoll dieſe neue Wandelung in dem Gemüth⸗ des Kaiſers hervorgebracht haben und dem liberalen Erzherzog beſonders gewogen ſein. Ja, es iſt wahr, ſagte Metternich gedankenvoll, der Kaiſer zeigt ſich dem Erzherzog mehr als ſonſt geneigt, er bringt oft ganze Abende in ſeiner Geſell ſchaft zu und unterhält ſich mit ſeinem Bruder in einer ihm ſonſt ganz fremden, vertraulichen und herz lichen Weiſe. Der Erzherzog ſcheint ſich deſſen als zärtlicher Bruder zu freuen und ſchon das Bewußtſein zukünftiger Macht zu haben, denn es beliebt ihm, mich mit geringſchätzender Kälte zu behandeln, und ich leſe in ſeinen Augen, ſo oft er mich anblickt, die trotzige Verſicherung, daß er mich ſobald als möglich beſeitigen und unſchädlich machen will. Er hofft recht bald durch ſeinen Einfluß auf den Kaiſer mich meines Mi niſter Portefeuilles beraubt zu ſehen, und ich glaube, er denkt daran, dem Staat und dem Vaterland das Opfer ſeiner erhabenen Perſon darzubringen und trotz ſeiner erzherzoglichen Würde das Portefeuille, das er meinen Händen entwunden hat, in die ſeinigen zu nehmen. Und Ew. Durchlaucht ſagen das ſo ruhig? fragte Gentz eutſetzt. Wir ſtehen in Gefahr, daß O eſterreich des Mannes beraubt werde, der allein im Stande iſt, die Monarchie wieder groß und ſtark zu machen, deſſen ſchöpferiſche Hand allein dem ſturmbewegten aufrühre riſchen Deutſchland die Ruhe wieder zu geben vermag, und dieſer Mann ſpricht davon wie von einer Ange legenheit, die ihn gar nicht berührt. Sie berührt mich auch gar nicht, ſagte Metternich — — lächelnd, Polizeipre richt des Wirkung werden den Auge wie ich Mann, genberich beim Er Wer Unbekün Freund ſeufzte Erzherze Er hat gewußt, der Kai⸗ lichen( drei fr endlich nit lei ſol. ſerin, Mühlbe lächelnd, ſie berührt nur meinen lieben Freund, den Nig rin von Sedlnitzki, und den Morgenbe richt des Kaiſers. Ich denke, dieſe werden ſchon ihre zanan thun, und die lieben Spione der Polizei werden das Haus des Herrn Erzherzogs nicht aus den Augen laſſen. Es giebt da allerlei zu beobachten, wie ich glaube, und Sedlnitzki iſt ein gar geſchickter Mann, er wird das ſchon für den kaiſerlichen Mor genbericht zu benutzen verſtehen, was ſeine Spione beim Erzherzog Johann beobachtet haben. Wenn nur Ew. Durchlaucht in Ihrer großartigen Unbekümmertheit die Sache nicht zu leicht nehmen, ſeufzte Gentz. Ich ſage Ihnen, Durchlaucht, der Erzherzog iſt ein gefährlicherer Feind, als Sie glauben. Er hat ſich das Zutrauen des Kaiſers zu gewinnen gewußt, er iſt der Freund und der liebſte Schwager der Kaiſerin Karoline, die bekanntlich auf ihren kaiſer lichen Gemahl viel mehr Einfluß übt, als alle ſeine drei frühern Gemahlinnen zuſammen genommen, und endlich iſt der Erzherzog Johann auch der zärtliche Freund und Oheim des Herzogs von Reichſtadt, der mit leidenſchaftlicher Innigkeit an dem Oheim hängen ſoll. Der Herzog von Reichſtadt aber und die Kai ſerin, das ſind die beiden wich htigſten Perſonen in der Mühlbach, Erzherzog Johann. I. 3 —— E————— 34 Umgebung des Kaiſers, denn ſie ſind beſtändig Beide um ihn, ſind die einzigen Perſonen, die zu jeder Zeit ) freien Zutritt bei dem Kaiſer haben. Sie ſehen alſo Ich ſehe, daß Sie ein großes, kurzſichtiges Kind ſind, unterbrach ihn Metternich, ein Kind, das nicht weiter ſieht, als ſeine Naſe reicht, und des gutmüthi gen Glaubens iſt, daß die Dinge ſich immer gerade ſo verhalten, als ſie ausſehen. Mein Gott, welch ein charmanter gläubiger und leicht düpirter Familienvater wären Sie geworden, wenn Sie nicht in meine Ge ſellſchaft gekommen wären. Das Schickſal hatte Sie eigentlich dazu beſtimmt, ein Ehemann zu werden, der auf die Treue ſeiner ſchönen Frau ſchwört, alle ihre Lügen, Ränke und Intriguen für Wahrheit nimmt, ihren Liebhaber zu ſeinem vertrauteſten Freund macht und ihre Kinder in ſtolzer Sicherheit auf ſeinen Namen taufen läßt. Sie ſind wirklich ein rührendes Muſter von Gläubigkeit und Vertrauen! Weil es ſo ausſieht, als ob der Kaiſer den Erzherzog Johann jetzt zärtlich liebt, weil es gewiß iſt, daß die Kaiſerin ihm gewogen iſt, der Herzog von Reichſtadt ihn liebt, deshalb meint das liebe kurzſichtige Kind, daß wir verloren ſind, daß der kleine Erzherzog mich ſtürzen wird. Sie ſind ein feiner Politiker, ein großer Publiciſt, aber unter uns — O QQ—᷑—ỹ—--—᷑—x—⸗——⸗—x—x—xx—x—⸗—ê. geſagt, mindeſt nich. habe, ſten u daß d Herzo dem der Dem es de 2 30 geſagt, zu einem Intriguanten haben Sie nicht das mindeſte Talent. Aber ſagen Sie mir nur, Durchlaucht Nun ja, ich will Ihnen Etwas ſagen, rief Metter nich. Ich will Ihnen ſagen, daß ich immer bemerkt habe, daß der Kaiſer gerade diejenigen am freundlich ſten und zärtlichſten behandelt, denen er mißtraut, und daß das Zutrauen der Kaiſerin und die Liebe des Herzogs von Reichſtadt meine beſten Fürſprecher bei dem Kaiſer ſind. Denn der Kaiſer iſt gerade nicht der Mann, der Andern einen Antheil bewilligt an Dem, was ihm gehört, er iſt eiferſüchtig und er wird es den Erzherzog zu rechter Zeit entgelten laſſen, daß die Kaiſerin ihm geneigt iſt und der kleine Reichſtadt ihn liebt. Ich denke, Sie werden das bald erfahren. Und nun kommen Sie, Sie großes Kind! Helfen Sie mir bei meinem Sonnet für die ſchöne Gräfin Leonie! II. Das Chiffrecabinet. Es ſchlug eben ſieben Uhr! Das war die Stunde, in welcher der Kaiſer von der Morgenmeſſe in der Kapelle zurückzukehren und ſich in ſein Arbeitscabinet zu begeben pflegte, um dort, nachdem er ſeine Choco lade getrunken, ſich den Geſchäften des Staates, und den Arbeiten der Drechſelbank oder des Laboratoriums hinzugeben. Der kaiſerliche Kämmerer hatte deshalb, die Pünktlichkeit ſeines erhabenen Herrn kennend, be reits alle gewohnten Vorbereitungen zum Empfang des Kaiſers getroffen. Die Chocolade ſtand in der fſilber nen Kanne auf dem kleinen runden Tiſch vor dem Di van; auf dem großen Schreibtiſch in der Fenſterniſche ſtand eine Cryſtallcaraffe angefüllt mit dem köſtlichſten kälteſten und friſcheſten Quellwaſſer, lagen friſchge ſchnitte pier un nen S Thür Labore dem kl glänze der kleine aufge 4 alle hatte durch ehrfu wie die Mor⸗ ſchnittene Federn neben allerlei Sorten weißem Pa— pier und ganzen Stößen noch unerledigter, mit ſeide nen Schnüren umwundener Actenſtöße bereit. Die Thür nach dem neben dem Arbeitscabinet befindlichen Laboratorium war geöffnet, und dort ſah man auf dem kleinen Porzellanheerde die Retorten und Büchſen glänzend und ſpiegelblank ſtehen, während auf der in der Mitte des Raumes aufgeſtellten Drechſelbank kleine Holzſtöcke der verſchiedenſten Art und Größe aufgeſchichtet lagen. Der Kammerdiener, der heute wie jeden Morgen alle dieſe Dinge mit der größten Pünktlichkeit geordnet hatte, warf jetzt noch einen letzten prüfenden Blick durch die beiden Gemächer, und ging dann, leiſe und ehrfurchtsvoll auf den Zehen ſchleichend, hinaus, denn wie geſagt, es ſchlug eben ſieben Uhr, und das war die Stunde, in welcher der Kaiſer pünktlich jeden Morgen in ſein Arbeitscabinet einzutreten pflegte. In der That noch war nicht der letzte Ton der auf dem Marmorkamin des Cabinets ſtehenden Pen dule verhallt, als die Thür des Corridors, der zu den Zimmern der Kaiſerin führte, geöffnet ward, und der Kaiſer, gefolgt von einer Dame, herein trat. Ich bitte meine liebe Frau um Verzeihung, daß ———————— 38 ich ihr vorangehe, ſagte Franz haſtig eintretend, und dann zur Seite tretend, um ſeiner Gemahlin die Honneurs zu machen. Allein ich mußte der Frau Kaiſerin doch als Führer vorangehen, und ihrer Er habenheit als Herold dienen. Und jetzt ruf' ich als dieſer Herold es halt dieſen Wänden zu: es lebe die Kaiſerin Karoline Auguſte, welche heute zum erſten Mal geruht das Arbeitszimmer ihres Mannes zu betreten! Nicht doch, mein Freund, rief die Kaiſerin, ihre von Güte und Sanftmuth ſtrahlenden Augen auf das Angeſicht ihres Gemahls heftend. Sie haben ſich da, ſo vortrefflich Sie ſonſt geſprochen, doch am Schluſſe „ Ihrer Rede nicht richtig ausgedrückt. Es iſt nicht das Arbeitszimmer meines Mannes, in das ich hier eintrete, ſondern das Arbeitszimmer des Kaiſers, und da iſt es ganz natürlich, daß er den Vortritt hat. Denn der Kaiſer iſt überall der Herr und Gebieter, und ſeine Majeſtät hält alle Vertraulichkeit und Zwangloſigkeit fern. Und mit der Kaiſerin iſt es natürlich halt dieſelbe Geſchicht', ſagte der Kaiſer, deſſen lachendes Geſicht ſich plötzlich verdüſterte. Ihre Majeſtät hält auch jede Vertraulichkeit und Zwangloſigkeit fern, und ſo werden nen hie hatt m Frau H daß ſie nem C ſchicht, hab' bi nit ihr 5 4 A nit ein fürchte ſtalt, der ve W daß i Kaſſer ich w wollte — ich h Jäng öft! dies werden wir uns Beid' recht kaiſerlich langweilen kön nen hier in meinem kaiſerlichen Cabinet. Aber ich hatt' mich halt doch ſo gefreut, daß meine herzliebe Frau Karoline endlich einmal hierher kommen, und daß ſie den Bann aufheben wollt', der ſie von mei nem Cabinet fern hielt. Es iſt halt eine curioſe Ge ſchicht', daß ich die Frau Kaiſerin ſo lang und ſo viel hab' bitten müſſen, doch endlich einmal mein Cabinet mit ihrer Gegenwart zu beehren, während früher— Der Kaiſer verſtummte und richtete ſeine Blicke mit einem ſeltſamen Ausdruck nach jenem Divan hin, als fürchte er auf demſelben die hohe majeſtätiſche Ge ſtalt, das bleiche, edle und ſchöne Antlitz Ludovica's, der verſtorbenen Kaiſerin, zu erblicken. Während früher mein Gemahl erlaube mir, daß ich ſeinen angefangenen Satz ergänze, ſagte die Kaiſerin, während früher die Kaiſerinnen mehr als ich wünſchte dies Cabinet beſuchten. Nicht wahr, das wollten Sie ſagen? Ja, das wollte ich ſagen, lächelte der Kaiſer. Ja, ich hab' halt manch harten Kampf mit Deinen Vor gängerinnen hier ausſtehen müſſen, Karoline, und gar oft hab' ich dazumal den Corridor verwünſcht, der dies Cabinet mit dem Cabinet der Kaiſerin verbindet. 40 War zuweilen ſo desp'rat, daß ich vermeint', es nim mer aushalten zu können, und alles Ernſtes d'ran dacht, meine Wohnzimmer auf einen andern Flügel des Schloſſes zu verlegen, wohin mir keine Kaiſerin auf geheimen Corridoren nachfolgen könnt'. Aber ich hatt' doch auch wieder Furcht vor dem Skandal und der Rederei, die d'raus entſtehen würd', hatt' auch Furcht vor den großen blitzenden Augen der Kaiſerin, die überdies ſchon immer ausſchaute wie die Königin der Nacht und der Sterne, die halt bloß aus Ver ſehen ein biſſel auf die Erd' herabgeſtiegen wär'. So blieb's denn immer beim Alten, und ich mußts dulden und leiden, daß die Frau Kaiſerin gar oft hier herein gerauſcht kam, um mir ein biſſel regieren zu helfen, und daß ſie denn oft, wenn ich den när riſchen Einfall hatte, nicht allergehorſamſt ihr den Willen zu thun, und mich von ihr regieren zu laſſen, mit vernichtenden Zornesblitzen wieder mich endlich verließ. Ja, es war eine gar erhabene, gar geiſt reiche und leidenſchaftliche Dame, die Frau Kaiſerin Ludovika von Eſte, aber wir paßten halt nit zuſam men, ich war ihr nit großartig, nit genial und er haben genug, und ſie war mir halt zu großartig, zu genial und erhaben. So hat's denn gar manchen ter ſolch wird Ich nach G el erge nien mir 41 Kampf und Streit grad' hier in dieſem Cabinet ge geben, ja, ja, gar manchen bittern Kampf! Und der Kaiſer, immer noch nach dem Divan hin blickend, ließ ſein Haupt tiefer auf ſeine Bruſt ſinken, und horchte auf die Stimmen der Erinnerung, die in ſeiner Bruſt zu flüſtern begannen. Die Kaiſerin legte ſanft ihre Hand auf die Schul ter ihres Gemahls. Aber jetzt wird es niemals mehr ſolche Kämpfe geben, ſagte ſie ſanft, und niemals wird der Kaiſer Franz hier von mir geſtört werden. Ich habe keinen Ehrgeiz, ich dränge mich nicht dar nach, die ernſten Geſchäfte des Regierens mit meinem Gemahl zu theilen, und ich verſtehe nichts von Politik. Darum, als mir Ew. Majeſtät die Gnade erzeigten, mich zu Ihrer Gemahlin zu begehren, habe ich mir ſelbſt das feierliche Gelübde abgelegt, immer nur die ergebene, gehorſame und liebende Frau des Kaiſers, niemals ſelbſt die Kaiſerin ſein zu wollen, habe ich mir feierlich geſchworen, mich niemals in Dinge zu miſchen, die ich nicht verſtehe, und niemals mich ein zudrängen in die Staatsgeſchäfte. Jetzt alſo, mein Gemahl, wiſſen Sie auch, weshalb ich niemals hier her gekommen bin, weshalb ich mich immer geweigert habe, Ihr Arbeitscabinet zu betreten. Ich bin da — e nicht an meiner richtigen Stelle, und den Frauen. ziemt es, niemals die Kreiſe zu überſchreiten, die ihnen die Natur und die Sitte angewieſen hat. Es klingt wie himmliſche Muſik, was die Frau da ſpricht, ſagte Franz ihr freundlich zunickend, und recht von Herzensgrund danke ich Gott, daß er mich ein ſo gar liebes, herziges Weib hat finden laſſen! Hab' vor Dir drei Kaiſerinnen gehabt, aber die Ka roline, das iſt meine erfte Frau, und darum will ich auch kein Geheimniß vor ihr haben, und darum hab' ich ſie halt auch ſo lang gebeten, bis ſie endlich ein gewilligt hat, mir ihren Beſuch in meinem Cabinet zu machen, und zu ſehen, daß es halt doch nit die Blutkammer des Blaubart iſt. Nun bitt' ich, ſchauen's ſich bei mir um, liebe Kaiſerin; ich nenn’ Sie ſe denn grad' weil Sie's nit ſein wollen, ſo ſind Sie die Kaiſerin, grad' weil Sie nicht regieren wollen, ſo regieren Sie mich, und grad' weil Sie ſich nit küm mern um meine Staatsgeſchäft', ſo möcht' ich ſie Ihnen halt alle zeigen und expliciren. Glauben Sie mir aber, liebſte Karoline, es iſt halt gar nit ſo eine angenehme Beſchäftigung zu regieren, und Kaiſer zu ſein. Möchten Ew. Majeſtät alſo lieber regiert werden, und als Unterthan einem Kaiſer gehorchen? J verſpi Frage Nein, und K inſel ſeine und wir Geri 43 Ich könnt' halt nit ſagen, daß ich dazu große Luſt verſpüre, rief Franz raſch. Haſt freilich mit Deiner Frage mich gar geſchickt aus dem Feld geſchlagen! Nein, es iſt halt doch immer noch beſſer zu regieren und Kaiſer zu ſein, als regiert zu werden, und einem andern Kaiſer zu gehorchen. Hab' das kennen gelernt! Der Bonapart' der hat's ja verſucht mich zu regieren und mein Kaiſer zu ſein, der Bonaparte Der Bonaparte, unterbrach ihn Karoline ſanft, der Bonaparte büßt jetzt dafür auf einſamer Felſen inſel und ſein Sohn lebt von der Gnade und Liebe ſeines kaiſerlichen Großvaters. Es iſt harte Buße und Demüthigung, mein Gemahl, und deshalb wollen wir ihm die Vergangenheit verzeihen, und nicht ins Gericht gehen mit dem, welchen Gott gerichtet hat! Haſt Recht, Karoline, ſagte der Kaiſer, ihr freund lich zunickend, ſprechen wir nit mehr davon! Schau Dich lieber jetzt um in meinem Cabinet, und ich bitt' Dich, ſetz' Dich einmal dahin, da in die Mitte des Divans. So! Und nun ſchau mich an mit Deinen ſanften Augen! So! Biſt eine Geiſterbannerin, und wenn ich jetzt wieder von der Arbeit mich umſchau nach dieſem Platz hier, ſo werd' ich keine blaſſen ſtolzen Geſpenſter mit großen ſchwarzen Augen da 5 8 44 mehr ſitzen ſehen, ſondern eine liebe einfache hübſche Frau mit blauen Taubenaugen und einem ſanften Engelslächeln. Ach liebe Karoline, ich wollt' halt, Du wärſt immer bei mir geweſen, und hätt'ſt mich immer ſo angeſchaut, ich wär' dann ſicherlich ein beſſ'rer Menſch geworden, und mehr geneigt zum Ver geben und Verzeihen, wie ich's jetzt bin. Aber es nutzt halt nichts, darüber zu klagen; wenn die Ver gangenheit nit ſchön war, ſo iſt die Gegenwart um ſo ſchöner, und die Zukunft wird's ihr gleich thun. Und nun, Frau Karoline, will ich Dir auch ſagen, weshalb ich Dich heut hierher invitirt hab'. Fragteſt mich geſtern, woher ich denn von der Liebſchaft des Metternich mit der Gräfin Leonie wüßt', und wer's mir geſagt hätt', daß der Gentz ein ſo läſterliches abſcheuliches Leben verführt? Ich flüſtert' Dir dar auf in's Ohr, das Chiffrecabinet hätt's mir geſteckt, und Du ſahſt mich gar erſtaunt und verwundert an. Natürlich, ſagte Karoline lächelnd, denn ich weiß nicht, was das Chiffrecabinet iſt, und welche Bewandt niß es damit hat? Grad' das wollt' ich Dir heut erklären, rief der Kaiſer. Wollt' Dir damit einen Beweis geben mei— nes höchſten Vertrauens, wollt' Dir zeigen, daß ich halt Anthe niſſen. heimn Alles bringt Chiff mater Regie hierh ſo ſe Allw 45 halt vor Dir kein Geheimniß haben, ſondern Dich Antheil nehmen laſſen will an allen meinen Geheim niſſen. Nun hör' alſo, das Chiffrecabinet iſt der ge heimnißvolle Freund, der mir Auskunft giebt über Alles, was in Europa geſchieht, und mir Nachricht bringt von allen Fürſten und ihren Miniſtern. Das Chiffrecabinet enthält alle Geheimniſſe der Diplo maten und was ſie vertraulich von hier aus ihren Regierungen berichten, und was ihre Regierungen hierher ihnen vertraulich melden, das erfahre ich eben ſo ſchnell wie ſie ſelber durch mein Chiffrecabinet. Das Chiffrecabinet iſt alſo ein Zauberer? Ein Allwiſſender? fragte die Kaiſerin ſtaunend. Nein, es iſt blos ein Taſchenkünſtler, der ein bis chen Hokuspokus treibt, ſagte der Kaiſer trocken. Die Sach' geht aber im Grund' ganz einfach zu. Schlag Sieben Uhr Abends wird hier in Wien die große Hauptpoſt geſchloſſen, alle Banquiers, alle Diplo maten, wie alle Privatleute haben alsdann ihre Cor reſpondenzen abgeliefert, und ſie ſind in die Brief beutel geſteckt, die Briefbeutel verſchloſſen und der Schlüſſel dem Poſtconducteur übergeben. Dann fährt die Poſt mit luſtigem Geſchmetter zum Poſthof hin aus und die lieben dummen Wiener bilden ſich dann halt ein, die Poſt ſei abgefahren und habe halt nit Eiligeres zu thun, als auf der Landſtraße zu car riolen, und ihre Brief' in die Welt zu fahren. Sie hat aber noch was Wichtigeres zu thun die liebe verſchwiegene Poſt. Sie fährt zuerſt in den ge ſchloſſenen Hof der Stallburg hinein, und die Poſt⸗Fell eiſen wandern raſch hinauf in's Chiffrecabinet, wo glücklicherweiſe Schlüſſel vorhanden ſind, welche ſie öffnen. Meine lieben Beamten des Chiffrecabinets ſind aber gar geſchickte, kluge und gewandte Leute. Sie verſtehen die Phyſiognomieen der Briefe, und ſchauen es halt Jedem ſchon von außen an, ob er von wichtigem und intereſſanten Inhalt iſt. Sie kennen ganz genau die Handſchriften der Geſandten und ihres Perſonals, der Banquiers und Zeitungs ſchreiber, ſowie vieler Privatperſonen, die wichtige Verbindungen nach außerhalb haben. Alles nun, was ihnen beachtenswerth und intereſſant ſcheint, das wiſſen ſie wie Jagdhunde ſogleich herauszu ſpüren, das wird raſch demjenigen Beamten darge reicht, der vor der Retorte ſitzt, und ſchon ſeine In ſtrumente, ſeine Siegelformen, ſeine heißen Meſſer bereit hält, um geſchickt und raſch wie ein Taſchen ſpieler die Siegel wegzuzaubern, die Oblaten aufzu— i —1 löſen, und die geöffneten Briefe alsdann der Prüfungs abtheilung hinzureichen, deren Beamten mit Kenner blick raſch das Ganze überfliegen, und von dem, was wichtig und intereſſant iſt, mit ſchneller Chiffreſchrift Abſchrift nehmen. Aber das Briefgeheimniß! rief die Kaiſerin un willkührlich, vielleicht wider ihren Willen den geheim ſten Gedanken ihres Herzens Ausdruck gebend. Das Briefgeheimniß? ſagte der Kaiſer achſel zuckend. Es läßt ſich halt nit damit regieren, meine Liebe, und da der Kaiſer der Vater ſeiner Unter thanen iſt, ſo hat er wohl das Recht, alle ihre Ge heimniſſe zu kennen, und ihr innerſtes Sein und Denken zu ergründen. Da der Kaiſer die Pflicht ₰ hat ſie glücklich zu machen, das heißt ihnen Frieden und Ruhe zu erhalten, ſo muß er deshalb zu er fahren ſuchen, was auswärts geſchieht, wie's an den andern Fürſtenhöfen hergeht, und wie deren Miniſter und Diplomaten geſonnen ſind. Ich glaubte aber gehört zu haben, daß die Diplo maten mit ihren Höfen in Chiffren correſpondiren? fragte die Kaiſerin. Sie thun das auch, meine Liebe, ſagte der Kaiſer lebhaft, aber dies iſt eben der Triumph meines Chiffre⸗ cabinets, daß die gelehrten Beamten deſſelben alle Chiffren aufzulöſen verſtehen, und zu der geheimſten Schrift mit der größten Leichtigkeit den Schlüſſel fin den. Aber ſchauen's, liebe Kaiſerin, es würd' uns halt doch gar wenig helfen, wenn wir blos die Ge ſandtſchaftsbericht', die Briefe von Banquiers und andern Leuten kennten, und nit auch die Antworts ſchreiben zu leſen verſtünden, und Nachricht davon bekämen. Alſo iſt auch gar vorſichtig dafür Sorge getragen. In den Mauthhäuschen an der preußiſchen, an der franzöſiſchen, und der ruſſiſch⸗türkiſchen Grenze ſitzen Beamte des Chiffrecabinets und warten auf das Eintreffen der Poſt. Da werden dann raſch mit den Nachſchlüſſeln die Felleiſen geöffnet, die Briefſchaften herausgenommen, was wichtig iſt abgeſondert, und dann geht's vorwärts im ſchnellen Trab. Im Fahren lieſt der Beamte die Briefe, copirt und notirt. Wenn gar Wichtiges zu vermelden iſt, macht er irgendwo mit der Briefpoſt halt, ſchreibt ſeine Chiffren und weiter geht's im raſchen Trab, weiter bis zum letzten Mauthhäuschen vor Wien. Da werden vom warten den Beamten, der die chemiſchen Apparate hat, und das Briefſchließen und Siegelaufdrücken gar herrlich verſteht, die Couverts eben ſo vorſichtig und geſchickt * verſchl werden und fri und an liegen in der Auszüg wiſſen bedeute Es für de Kaiſer geſund † oder m. Jo ein re der Pu geſund licher ſehr ſt gogie wahnſ — — verſchloſſen, wie ſie zuvor geöffnet worden. Dann werden ſie haſtig wieder in die Felleiſen geſchloſſen, und früher noch als die Herren Geſandten, Banquiers und andere Leute ihre Briefe durch die Poſt erhalten, liegen die Abſchriften davon ſchon im Chiffrecabinet in der Stallburg und werden für mich copirt oder Auszüge davon gemacht.*) Nun ſagen's, Frau Kaiſerin, wiſſen's jetzt, was das Chiffrecabinet iſt und was es bedeutet? Es iſt für meinen kaiſerlichen Herrn das, was für den Arzt der Puls des Kranken iſt, ſagte die Kaiſerin ſinnend. Er erkennt daran, ob der Staat geſund oder krank, ob er fröhlich und guter Dinge, oder melancholiſch und leidend iſt. Ja, ja, ſo iſt es, rief der Kaiſer, es iſt das halt ein recht ſchöner Vergleich. Das Chiffrecabinet iſt der Puls, an dem ich als Arzt erkenne, ob mein Volk geſund oder krank iſt. Ich muß Dir aber als ehr licher und aufmerkſamer Arzt ſagen, daß mein Patient ſehr ſtark am Fieber leidet, und daß ihm die Dema gogie ſo ſtark in den Kopf getreten iſt, daß er leicht wahnſinnig werden könnt', wenn wir nicht zu rechter x) Siehe: Kaiſer Franz und Metternich. Ein Fragment Mühlbach, Erzherzog Johann. I. +— 50 Zeit ableitende Mittel gebrauchten. Es wird daher wohl nöthig ſein, zuweilen etwas Blut abzuzapfen, und einige niederſchlagende Pulver zu geben, damit der Patient nit das Delirium bekommt. Ich kann aber natürlich einen ſo heftigen und ungeberdigen Kranken nit blos mit meinem Puls, dem Chiffreca⸗ binet, regieren, brauch' dazu noch Krankenwärter, Chi rurgen und Wachen. Und ſolche Krankenwärter und Chirurgen ſind meine lieben geſchickten Leute von der Polizei. Die bewachen mir den Patienten Tag und Nacht, die ſehen zu, ob das Demagggenfieber ſteigt oder fällt, die merken auf alle dummen Streich', die er begeht, die beobachten jedes Symptom, und geben mir Nachricht davon. Ja, das Chiffrecabinet wär' nur eine halbe Sach', wenn ich nit die geheime Po⸗ lizei hätte', die mit ihm in Verbindung ſteht. Ich glaub' aber mich verrühmen zu dürfen, daß meine geheime Polizei die geſchickteſte und beſte in Europa iſt, und daß ihr halt nichts entgeht, was geſchieht. Es iſt halt wie ein Wunder, Karoline, und ich hab' meine größte Freud' an meiner lieben geheimen Po lizei. Sie hat überall ihre Augen und Ohren, in jedem Haus, ja beinah in jeder Familie hat ſie ihre geheimen Agenten, ſie kennt daher alle Familienge ——yyy———;——— ₰ heimn indun kennt hat a nöth „ 51 heimniſſe, allen Skandal, alle Liebſchaften, alle Ver bindungen der Menſchen untereinander,— und ſie kennt das Alles nit blos hier in Wien, ſondern ſie hat auch ihre geſchickten und umſichtigen Agenten in Berlin, Paris, London, Mailand, Rom und Neapel. Dieſe Agenten, die mit den geheimen Polizeidirectoren aller dieſer Städte in innigſter Verbindung ſtehen, empfangen von dieſen Allen Berichte, geben an ſie Berichte, und melden hierher an das Centralbureau meiner geheimen Polizei Alles, was uns von Intereſſe und Wichtigkeit ſein könnte. Dieſes Centralbureau macht es alsdann wie das Chiffrecabinet, es macht einen Auszug von dem Wichtigſten und vermeldet es mir in meinem Morgen-Rapport. Schaun's, Frau Kaiſerin, da liegen die beiden Rapporte des geſtrigen Tages ſowohl vom Chiffrecabinet als auch von der geheimen Polizei. Da nehmen's einmal den Rapport vom Chiffrecabinet und brechen's das Siegel. Geſtern iſt die Poſt von Berlin angekommen, halten’'s das Papier auseinander und ſchauen's einmal zu, was da von Berlin gemeldet wird. ſie faltete das Papier auseinander, ſie hatte nicht nöthig lange nach der Rubrik„Berlin“ zu ſuchen, Die Kaiſerin that, wie ihr der Kaiſer befohlen, 52 denn der diesmalige Rapport begann mit dem Be„ daß richt aus Berlin. weite Die Kaiſerin las:„Die Mordthat Carl Sand'’s hat große Senſation gemacht; der König iſt davon ihrer tief erſchüttert worden. Hat ſofort ſeine Miniſter mun zu einer Berathung zuſammenberufen laſſen, und hat dem ihnen die Frage vorgelegt, was zu thun ſei, um die Conj Revolution, welche, wie es ſcheine, im Begriff ſei aus das Mirathei möglichſt zu verhüten und die Gemüther zu Met beſchwichtigen. Der Fürſt von Hardenberg erklärte auf es für eine Nothwendigkeit, die aufgeregten Gemüther erſch adurch zu beſchwichtigen, daß man Conceſſionen mache, gere Vnß man bewillige, was man dem Volk im Jahre 1814 ſtar verheißen habe, und endlich alles Ernſtes ſich anſchicke, 4 reiß dem Volke eine Conſtitution zu geben.“. gen Der Hardenberg iſt ein weichlicher Narr, rief der tern Kaiſer mit hochgeröthetem Geſicht und düſterer Stirn, des ein alter liederlicher Phantaſt, der nit blos mit den ſeige Weibern, ſondern auch mit den Völkern coquettiren ten möcht', damit ſie ihm nur recht verliebt zulächeln, und ſag der wirklich im Stand' wär', ihnen aus bloßer nichts dun würdiger Liebedienerei eine Conſtitution zu geben, ganz in unbekümmert darum, was dann nachher weiter dar der aus entſtehen könnt'. Aber, verzeihen's, liebe Kaiſerin, 2. — daß ich Sie unterbrochen hab', und ſeien's ſo gütig, weiter zu leſen! Die Kaiſerin nickte ihm lächelnd zu, und fuhr in ihrer Lectüre fort:„Der König gab ſeine Zuſtim mung, und Fürſt Hardenberg hatte wirklich ſchon mit dem Herrn Wilhelm von Humboldt begonnen, einen Conſtitutions⸗Entwurf auszuarbeiten, als der Fürſt das vertrauliche Schreiben des Herrn Fürſten von Metternich empfing, in welchem Se. Durchlaucht dar⸗ auf aufmerkſam macht, daß es dringend nothwendig erſcheine, gegen die demagogiſchen Umtriebe Mittel gerechter Nothwehr zu ergreifen, und einig, feſt und ſtark dem Unweſen entgegen zu treten. Die hin reißende Beredtſamkeit, die überzeugenden und ſchla genden Gründe dieſes Schreibens des Fürſten Met ternich überwanden dann auch alle Bedenklichkeiten des preußiſchen Staatskanzlers, und er hat in einem eigenhändigen vertraulichen Schreiben ſeinen Geſand ten in Wien angewieſen, dem Fürſten Metternich zu ſagen, daß er ſich zu der vorgeſchlagenen Zuſammen kunft in Karlsbad pünktlich einfinden werde, und ſchon im Voraus ſeine Zuſtimmung erkläre zu Allem, was der Fürſt da zur Befeſtigung der Ruhe und zur Her ſtellung einer ſtarken Bundesmacht vorſchlagen würde. 54 Der Fürſt Metternich hat einen vollſtändigen Sieg in Preußen errungen und nach den Berichten, die an die Geſandtſchaften von Dresden und München ein laufen, iſt dies auch dort der Fall. Beide Geſandten erhalten heute von ihren Miniſtern die Weiſung dem Fürſten Metternich zu melden, daß ſie in Karlsbad zu den geheimen wichtigen Berathungen, die über die Zukunft Deutſchlands entſcheiden ſollen, ſich einfinden und Sr. Durchlaucht in Allem ſich anſchließen werden.“ Ja, ja, es iſt ein gar geſchickter und feiner Kopf, der Metternich, ſagte der Kaiſer langſam, ſein Haupt wiegend. Verſteht's mit ſeinen ſanften und ſchmeich leriſchen Manieren ſich die Herzen zu gewinnen und die Geiſter zu beherrſchen. Wenn er nur nit zu gleicher Zeit ein gar ſo großer Liederlich wäre. Aber was ſagen's, Frau Kaiſerin? Wie gefällt Ihnen mein Chiffrecabinet? Es iſt eine bewunderungswürdige Organiſation, ſagte die Kaiſerin lebhaft, nur begreife ich nicht, daß, da ſo viele Arbeiter in demſelben beſchäftigt ſind, die Geheimniſſe deſſelben nicht eclatiren und nicht oft mißbraucht werden? * Sie meinen, daß die Arbeiter ausplaudern? Ach, meine Liebe, dafür habe ich meine geheime Polizei! 4 20 Die bewacht mir meine Arbeiter vom Chiffrecabinet, als wären's Staatsgefangene! Es ſind auch im Grund Staatsgefangene, denn der Staat hält ſie mit ſeinen Geheimniſſen gefangen, und darf ſie gar nimmer entſchlüpfen laſſen, damit nicht mit ihnen ſeine Ge heimniſſe entſchlüpfen. Jeder der Beamten des Chiffre cabinets hat ſeinen eigenen Spitzerl, der ihn über wachen, der über ſein Thun und Laſſen, ſein Leben, ſeine Ausgaben und Vergnügungen, ja ſogar über ſeine Gedanken ſtrenge Controlle führt, und davon genauen und gründlichen Bericht abſtattet, der mir jeden Morgen vorgelegt wird.*) Schau, da liegt der Polizei⸗Rapport, öffne ihn, meine liebe Frau Karoline, und Du wirſt Dich halt ſogleich überzeugen, daß meine Arbeiter in der Stallburg gut überwacht ſind. Ich will einmal, daß meine Frau Theil nehme an meinen Geheimniſſen, und daß halt ſie ein biſſel hinein lugt in das geheime Räderwerk der Staatsmaſchine. Da ſie's nit geſucht hat, ſo dringe ich ihr mein Ver trauen auf, und zwinge ſie Antheil zu nehmen an meinen Geſchäften. Und mein theurer, vielgeliebter Mann erzeigt mir *) Kaiſer Franz und Metternich. Ein Fragment. Seite 75. —— dadurch eine Gnade und Ehre, für die ich ihm, ſo lange ich lebe, ewig dankbar ſein werde, ſagte die Kaiſerin innig. Mein ganzes Herz iſt erfüllt von Hingebung, Bewunderung und treuer Anhänglichkeit, und ich bitte den Himmel nur, daß er mir eines Tages Gelegenheit geben möcht', es meinem lieben Herrn und Gemahl durch Thaten zu beweiſen. Ich bitt' aber den Himmel, daß er Dir nimmer dieſe Gelegenheit anders als wie jetzt geben möcht', rief der Kaiſer lebhaft. Denn die Thaten der Liebe pflegen ſich immer erſt in den Tagen des Unglücks zu produciren, und ich mein', davon hätt' ich genug gekoſtet, und dürft' ſchon halt ein biſſel auf Glück rechnen. Es braucht auch weiter keine Thaten, liebſte Frau Karolin', Du thuſt ſchon ohnedies Alles, was ich vom lieben Gott mir erbitt', Du machſt mich glücklich, Du zeigſt mir halt immer ein freundlich's Geſicht, murrſt und grollſt gar nimmer, willſt nimmer mir die Laſt der Regierung abnehmen, und ſie auf Deine eigenen ſchönen Schultern legen, miſcheſt Dich niemals in meine Geſchäft', und biſt nit ſo ehrgeizig eine politiſche Rolle ſpielen zu wollen. Gott, Du weißt gar nit, wie lieb ich Dich deshalb auch hab', und wie leicht Du mir das Leben machſt! Aber nun, „ Frau Kaiſerin, wieder zu den Geſchäften! Ich bat Sie ja, den Rapport der geheimen Polizei zu leſen, um zu ſehen, wie gut meine Beamten vom Chiffre die cabinet überwacht werden. Nehmen Sie alſo dies pier hier und leſen Sie! III. Die geheime Polizei. Die Kaiſerin, welche recht wohl an dem erregten und heitern Geſicht ihres Gemahls ſah, wie ſehr ihn ſelber intereſſirte, ſie über die Vortrefflichkeit ſeiner geheimen Polizei zu unterrichten, die Kaiſerin beeilte ſich, das Papier, welches ihr der Kaiſer darreichte, auseinander zu falten. Der Kaiſer ſchaute ihr über die Schulter, und mit ſeinem langen dürren Vorderfinger auf eine Stelle des Papiers hindeutend, ſagte er eifrig: Schaun's, da ſteht's:„Rapport über die Beamten des Chiffre cabinets.“ So, nun leſen's einmal, damit Sie erfah ren, was wir können und verſtehen. Die Kaiſerin las: Director Cronenfels war geſtern Abend, nachdem er die Stallburg verlaſſen, in einern 59 Geſellſchaft beim Polizeirath Erblich. Man ſpielte Whiſt, unterhielt ſich vom Theater während des Sou pers und ging bald nach demſelben auseinander. Herr Cronenfels ging aber nicht ſogleich in ſeine Wohnung, ſondern machte erſt noch einem ſterbenden Freunde, der nach ihm geſchickt hatte, einen Beſuch.“ Wer war der ſterbende Freund? Das ſteht nicht hier. Das iſt ein großer Fehler, und ich werde mir das ſtreng verbitten, rief der Kaiſer heftig. Man hätte durchaus den Namen dabei ſchreiben müſſen. Wer kann denn wiſſen, ob dieſer ſterbende Freund wirklich ein Sterbender, ob er nicht vielmehr ein geſchickter Spion war, der irgend etwas von ſeinem gerührten Freund herauslocken wollte! Ah, ich werde befehlen, daß man mir morgen einen genau detaillirten Rapport abſtatte, und wehe dem ſterbenden Freund, wenn er nicht unterdeſſen wirklich geſtorben iſt, ſondern es ſich gar einfallen läßt, jetzt wieder geneſen zu wollen! Ich bitte um Verzeihung, ſagte die Kaiſerin ſanft, ich überſah dies kleine Kreuz am Ende der Zeile. Es bezeichnet, daß zu derſelben weiter unten auf dem Papier noch eine Nachſchrift folgt. Hier iſt die Nach ſchrift. Sie lautet:„Der ſterbende Freund, welchen 60 der Director Cronenfels beſuchte, war der Particulier Herr Lehnert. Er ſtarb, während der Director Cro nenfels noch bei ihm war; um zwölf ein halb Uhr verließ Herr Cronenfels das Sterbezimmer und begab ſich in ſeine eigene Wohnung.“ Ein Glück für dieſen Herrn Particulier, daß er todt iſt, murrte der Kaiſer. Ich werde es mir aber für die Zukunft verbitten, daß meine Beamten vom Chiffrecabinet mit Particuliers Freundſchaften pflegen. Das iſt durchaus ungehörig und unpaſſend. Sie ſollen nur untereinander verkehren, und wenn ſie durchaus noch mit andern Leuten verkehren müſſen, ſo ſollen ſie mit den Herren von der geheimen Polizei Freundſchaften ſchließen. Das iſt für ſie paſſender und ſetzt ſie keinen Verführungen aus. Na, leſen's weiter, Frau Kaiſerin. Da kommt's! Numero Zweil „Der Hofrath Eichenfeld—“ „Der Hofrath Eichenfeld, las die Kaiſerin, war geſtern bis ſechs Uhr auf dem Chiffrecabinet thätig und arbeitete dort ſehr angeſtrengt an der Dechiffrirung der neuen ruſſiſchen Chiffren, zu denen er auch glück lich den Schlüſſel fand. Um ſechs Uhr verließ er die Stallburg und begab ſich i n ſeine Wohnung. Dort beſchäftigte er ſich eine halbe Stunde damit, daß er — 61 eine elegante Toilette machte, ließ dann einen Fiacre kommen und fuhr in das Kärnthnerthor Theater, wo er in einer Loge des erſten Ranges Platz nahm neben einer Dame, mit der er ſich ſehr lebhaft unterhielt, in welche er leidenſchaftlich verliebt iſt und die er zu heirathen beabſichtigt. Dieſe Dame iſt die Tochter des Banquiers Klarheim, ein hübſches, junges Mäd chen, die, wie man ſagt, eine Mitgift von hunderttau ſend Gulden bekommt.“ Er wird ſie aber nicht bekommen, der Eichenfeld, rief Franz eifrig. Das wäre mir halt eine ſchöne Geſchicht', wenn meine beſten und geſchickteſten Arbeiter ſich mit reichen Mädchen verheirathen wollten. Sie wären dann im Stande, den Dienſt zu quittiren und ſich in das Privatleben zurückzuziehen, um bequem und behaglich zu leben. Nein, nein, der Herr Eichenfeld wird die reiche Mariage nit machen, ich will es nicht! Aber, Majeſtät, wenn der Arme nun das Mäd liebt? Sie iſt jung und hübſch, wie man meldet. Vielleicht hat er gar nicht an ihr Vermögen gedacht, ſondern will ſie nur heirathen, weil ſie ſein Herz ge wonnen hat. Gleichviel, er darf ſie nit heirathen, denn die Beamten meines Chiffrecabinets dürfen keine unab 62 hängigen wohlhabenden Leut' ſein, und vor allen Dingen dürfen ſie nimmer dran denken, jemals den Dienſt zu quittiren. Wer einmal in der Stallburg angeſtellt iſt, der muß darin bleiben für ſein ganzes Leben. Iſt er ein guter und brauchbarer Beamter, ſo bekommt er ein Gehalt, das ihn vor allen Nah rungsſorgen ſicher ſtellt, und das ihm bis zu ſeinem Tode verbleibt. Begeht er Fehler oder Vergehen, welche es nothwendig machen, ihn zu entfernen, ſo wird er nit entlaſſen, ſondern verſchwindet einfach in irgend einer Feſtung, wo es immer einige ſtille, ver ſchwiegene Gefängniſſe für renitente Beamte giebt. Weshalb alſo ſollte der Hofrath Eichenfeld ein reiches Mädchen heirathen, da er ein ſehr tüchtiger Beamter iſt und daher ſehr hoch beſoldet wird. Es iſt über haupt gar nit nöthig, daß er heirathet, denn ein ver heiratheter Mann iſt weit leichter in Gefahr, ein Ge heimniß auszuplaudern, als ein unverheiratheter. Man ſieht das ja an mir ſelber, fuhr der Kaiſer lachend fort, verrathe ich da nit alle meine Geheimniſſe an die liebe Frau, die mich nit einmal darum drängt, ſondern der ich ſie geradezu aufzwingen muß? Es beweiſt das halt, daß ein verheiratheter Mann durch aus nit ſicher und zuverläſſig iſt, und alſo wird der um. cabi etwe Kai 63 Hofrath Eichenfeld nit heirathen. Ich geb' ihm nit meinen Conſens und ohne den darf er nit heirathen! Aber nun wollen wir uns einmal weiter umſchauen im Polizei⸗Rapport. Von den Beamten des Chiffre⸗ cabinets haben wir jetzt genug erfahren, gehen wir zu etwas Anderm über. Was wollen's wiſſen, Frau Kaiſerin? Ueber wen wollen's den Rapport haben? Etwa über den Metternich, oder einen von den andern Herren Miniſtern? Oder über einen von den Herren Diplomaten? Sie finden über Jeden Etwas in dem Rapport, ſogar über meine liebwerthen Herren Brüder, wenn Sie das intereſſirt. Wie, auch über die Erzherzöge? fragte die Kaiſerin erſtaunt. Auch ſie werden von der geheimen Polizei beobachtet? Hm, ſie verdienen's zuweilen noch mehr als andere Leut', ſagte der Kaiſer ſchnell verdüſtert, ſie ſind nit allemal die ergebenſten und zuverläſſigſten Unterthanen, die Herren Erzherzöge. Nun, was wollen's erfahren und über wen wollen Sie Rapport haben? Nun, wenn es mein Herr Gemahl gnädigſt erlaubt, rief die Kaiſerin lebhaft, ſo möchte ich doch einmal erfahren, was der Bericht da über unſern lieben Freund und Schwager, den Erzherzog Johann, meldet 64 Ich dacht' mir's wohl, ſagte der Kaiſer, und einen Moment blitzte ein unheimliches Leuchten in ſeinen Augen auf, einen Moment flog ſein Blick mit einem düſtern, zornigen Ausdruck über das Antlitz ſeiner Gemahlin hin. Aber ſie bemerkte es nicht, ſie war ſchon eifrig damit beſchäftigt, auf dem eng beſchriebe nen Blatt Papier die Rubrik des Erzherzogs Johann zu ſuchen. Der Kaiſer, dieſen Eifer gewahrend, zog ſeine Stirn in noch tiefere Falten und das Blitzen ſeiner Augen ward düſterer und unheilvoller. Schlagen's nur das Blatt um, ſagte er langſam. Meine lieben Herren Brüder haben eine eigene Seit' für ſich. Es ziemt ſich nit, daß ſie mit all dem Diplomatenpack und dem andern Menſchengeſindel in zu nahe Berührung kommen. Lieben's ſchon überdies genug, ſich gemein zu machen und allerlei nichtsnutzi gen Umgang zu haben. Na, jetzt haben's die richtige Seit' gefunden, und da ſteht's auch ſchon mit großen Lettern geſchrieben:„Herr Erzherzog Johann.“ Na, laſſen's einmal hören! Was giebt's Neues über ihn? Leſen's, Frau Kaiſerin. „Herr Erzherzog Johann, las die Kaiſerin, kam geſtern Morgen aus Gratz zurück, wohin er vor eini gen Tagen gereiſt war, um einer Feierlichkeit im Johanneum beizuwohnen. Man hat den Herrn Erz herzog in Gratz mit großem Jubel empfangen. Die ganze Stadt war am Abend ſeiner Ankunft feierlich erleuchtet und man las da ſehr viel Inſchriften und Deviſen, die alle das Lob und die Ehre des Herrn Erzherzogs verkündeten. Der Magiſtrat, die Vorſteher der Bürgerſchaft, der Collegien und Corporationen waren ihm bei ſeiner Ankunft bis vor die Stadt ent gegengegangen, und während ſeines Einzugs läuteten die Glocken von allen Thürmen, donnerten die Kano nen von den Wällen.“ Jetzt möcht' ich doch halt wohl wiſſen, was die Leute thun wollten und was ihnen übrig blieb', wenn ſie mich ſelber zu empfangen hätten? fragte der Kaiſer mit einem erzwungenen Lachen. Ah, Majeſtät, Sie vergeſſen, daß die guten Leute in Gratz den Erzherzog doch nur mit ſolchem Enthu ſiasmus empfangen haben, weil er der Bruder ihres Kaiſers war. Ein eigenthümlicher Ausdruck flog über das Antlitz des Kaiſers hin und er zuckte faſt verächtlich mit der Achſeln. Seien's ganz ruhig, liebe Kaiſerin, ſagte er dann langſam, ich vergeſſ' halt gar nichts, am wenig ſten aber das, was meinen lieben Bruder Johann Mühlbach, Erzherzog Johann. 1 5 66 betrifft. Für ihn beſonders hab' ich allzeit ein gar gutes Gedächtniß! Und er weiß dieſe Liebe ſeines erhabenen Bruders und Kaiſers auch gar ſehr zu ſchätzen, entgegnete ſie lebhaft und innig. Erſt geſtern ſagte er mir tiefge⸗ rührt, wie glücklich und froh er darüber ſei, daß Ew. Majeſtät ſeit einiger Zeit ihn ſo gütig und freundlich behandelten, und wie ſehr er aus tiefſtem Herzens⸗— grunde Ew. Majeſtät liebte und Ihnen ergeben ſei. Sagte er das, der liebe theure Johann? fragte der Kaiſer. Nun, ich bin überzeugt, daß er mich ebenſo aufrichtig liebt, wie ich ihn, und damit iſt Alles geſagt. Aber hören wir doch, was meine Herren von der geheimen Polizei weiter über den Herrn Erzherzog berichten. Wir waren bei den Feierlichkeiten ſtehen geblieben, welche die Leute in Gratz ihm zu Ehren veranſtaltet hatten. Aber jetzt wollen wir die Fort ſetzung hören. Da, hier ſind Sie ſtehen geblieben. Hier! Die letzten Wort' waren:„donnerten die Ka nonen von den Wällen.“ Nun weiter. „Gleich nach ſeiner Ankunft, las die Kaiſerin, machte der Herr Erzherzog zuerſt Ihren Majeſtäten einen Beſuch, begab ſich dann zu dem Herzog von Reichſtadt, bei dem er eine Stunde verblieb, und 67 kehrte alsdann in ſein Palais zurück. Daſelbſt erwar teten ihn zwei Abgeordnete aus Steyermark, welche Se. kaiſerliche Hoheit zu einer großen Gemsjagd ein⸗ ladeten und im Namen von ganz Steyermark den Herrn Erzherzog baten, in dieſem Sommer ſeinen Aufenthalt in Steyermark zu nehmen. Der Erzherzog ſagte es ihnen zu und entließ ſie nach einer Stunde lebhafter Unterhaltung. Nach eingenommenem Diner empfing Se. kaiſerliche Hoheit mehrere Beſuche, dar unter den Beſuch des Barons von Sunder und ſeiner Gemahlin, ſpäter den Beſuch des Herrn von Hor mayr, der mehrere Stunden bei ihm blieb, und ſpät Abends kamen noch zwei Bauern aus Tyrol, mit denen der Erzherzog mehrere Stunden lang ſich leb haft unterhielt, und welchen er alsdann in ſeinem Palais ein Zimmer für die Nacht einräumen ließ.“ Damit ſchließt der Bericht? fragte der Kaiſer, welcher mit der größten Spannung der Vorleſung zu gehört hatte. Ja, ſagte die Kaiſerin leiſe, damit ſchließt der Bericht. Recht hübſch das, murrte Franz vor ſich hin, empfängt an einem Tage Abgeordnete aus Steyermark und aus Tyrol, nimmt Beſuche an von Leuten, die ganz und gar nichts bei ihm zu ſuchen haben, und der Kaiſer ſchwieg plötzlich, vielleicht weil er ſah, daß ſeine Gemahlin mit aufmerkſamen und traurigen Blicken zugleich ihn anſchaute. Nun, meine liebe Kaiſerin, ſagte er dann nach einer Pauſe mit erzwungener Heiterkeit. Nit wahr, meine geheime Polizei gefällt Ihnen, und Sie müſſen zugeben, daß es eine gar hübſche und unterhaltende Sach' iſt? Eine gar gefährliche jedenfalls, entgegnete die Kai ſerin ſinnend, und ich mein' Nun, warum reden's nit aus? fragte der Kaiſer, und warum ſchauen's auf einmal ſo traurig drein? Gefällt Ihnen meine geheime Polizei nicht? Ich bitt, Sie, ſagen's mir ehrlich die Wahrheit, wie's einer guten und braven Frau geziemt. Nun, wenn Ew. Majeſtät es mir befehlen, ſo will ich die Wahrheit ſagen, rief die Kaiſerin lebhaft. Nein, mir gefällt dieſe geheime Polizei ganz und gar nicht, und mir graut ſogar vor ihr. Wer immer be obachtet, immer ſpionirt, der wird zuletzt an dem un ſchuldigſten Menſchen eine Schuld auffinden, oder jedenfalls etwas, das ſich als verdächtig darſtellen läßt, vorzüglich wenn man, um ſich ſelbſt als wichtig liegt mer dieſe Sch auch 69 und aufmerkſam darzuſtellen, Andere verdächtigen will. Wer bürgt denn Ew. Majeſtät dafür, daß dieſe Herren von der geheimen Polizei nicht zuweilen Nachrichten erfinden, Thatſachen entſtellen und verdrehen, um da mit Andere zu verdächtigen und ihre eigenen ſelbſt ſüchtigen Zwecke zu erreichen. Ah, rief der Kaiſer haſtig, Sie wollen mir meine geheime Polizei verdächtigen, weil ſie mir über den Erzherzog Johann ungünſtigen Bericht abgeſtattet hat? Es liegt Ihnen alſo halt gar viel daran, den lieben Erzherzog Johann unſchuldig zu ſehen, und damit man ihn nicht beobachtet, meinen Sie, es wäre zweck mäßig, die geheime Polizei ganz und gar abzuſchaffen. Nein, ſagte die Kaiſerin ſanft und würdevoll, es liegt mir nur daran, meinen Kaiſer und Herrn im merdar im edelſten und reinſten Licht zu ſehen, und dieſe geheime Polizei warf mir einen Moment einen Schatten auf ſein geliebtes theures Bild. Ich dachte auch daran, wie wenig dieſes Inſtitut paßte zu jener Verordnung, welche Ew. Majeſtät ſo hochherzig groß und edel erließen, gleich nachdem Sie den Thron Ihrer Väter beſtiegen, und um deretwillen Ihnen ſogleich die Herzen aller Ihrer Unterthanen mit Be geiſterung entgegenflogen. 70 Von welcher Verordnung ſprechen Sie? fragte der Kaiſer erſtaunt. Karoline legte ihm ſanft die Hand auf ſeine Schulter und blickte ihn lächelnd und liebevoll an. Ich ſpreche von jener Verordnung, ſagte ſie ſanft, von jener Verordnung, durch welche der junge Kaiſer befahl, alle anonymen Denunciationen ungeleſen ſofort zu verbrennen.*) Damals kannten Ew. Majeſtät keine geheime Polizei, damals wollten Sie keine anonymen Denunciationen leſen. Damals war ich eben jung und unerfahren, ſagte der Kaiſer achſelzuckend, damals glaubte ich noch an die Ehrlichkeit der Menſchen. Ich hab' aber halt für meinen dummen Köhlerglauben gar ſchwer büßen müſſen, und ſo bin ich denn allgemach klug geworden und weiß, was ich von den Menſchen zu halten und weſſen ich mich zu gewärtigen hab'. Das Volk iſt allemal wie ein wildes Pferd, uund ſein Herrſcher hat die Aufgab', daſſelbe zu einem vernünftigen und regel mäßigen Gang zu erziehen. Läßt er ihm die Zügel ſchießen, ſo geht's mit dem Reiter durch und wirft ihn wohl gar ab, er muß es alſo kurz halten, muß * Kaiſer Franz und Metternich. Ein Fragment. S. 29. beo daß ſein die Pol und er anl ür 71 ihm Zaum und Zügel anlegen, muß es auch zuweilen die Sporen fühlen laſſen, dieſes wilde Pferd, genannt Volk. Es ſchadet halt gar nichts, wenn es zuweilen ein biſſel blutig geritzt und geſchunden wird, denn es fühlt dann nur, daß es einen Herrn und Reiter über ſich hat und wird dann fein ſtill, gelehrig und ſanft. Aber es gehört doch ſehr viel Aufmerkſamkeit und Wachſamkeit dazu, um es dahin zu bringen, und des halb läßt ein guter Reiter ſein Pferd niemals ohne Aufſicht, ſogar während der Nacht müſſen die Reit— knecht' und Stallbuben bei dem Pferd ſein, um es zu beobachten, während es ſchläft. Es könnt' ja ſein, daß es ſchlechte Träume hätt' und im Traum zu ſeiner Wildheit zurückkehrt', die Halfter zerriſſ' und die Kripp' zerbräch'. Schauen's nun, die geheime Polizei, das ſind meine Reitknecht' und Stallbuben, und ich kann ſie nimmer entbehren für mein Pferd, es könnt' mir halt leicht über Nacht einmal unbändig werden. Denn es iſt halt eine recht hübſche Allianz zwiſchen dem Pferd und dem Reiter, aber ich möcht' doch dabei gern der Reiter bleiben. Und nun reden wir nit mehr davon! Ich hab' meiner lieben Kaiſerin heut' alle meine Geheimniſſe anvertraut und ihr den Beweis gegeben, daß ich das größte und aufrichtigſte Vertrauen zu ihr heg'. Ich rechne auch feſt und ſicher darauf, daß ſie daſſelbe nit täuſchen und keinem Menſchen ſagen wird, was ſie heute erfahren und ge⸗ leſen hat. Nein, nein, liebe Kaiſerin, geben Sie ſich nit die Müh', betheuern Sie nichts, ſchwören Sie nichts. Ich geb' halt gar nichts auf Betheuerungen und Schwüre, und ich glaub' Ihnen am liebſten ohne alle Wort'. Wäre ich Ihrer nit ſo ganz und gar gewiß, würd' ich Ihnen alsdann wohl freiwillig Alles geſagt haben? Ich hoff', Sie werden jetzt, da Sie alle meine Geheimniſſe kennen, recht oft zu mir in mein Arbeitscabinet kommen. Ich werde kommen, ſo oft mein Herr und Gemahl mir dazu die Erlaubniß ertheilt, ſagte die Kaiſerin freundlich. Aber ich bekenne aufrichtig, daß es mir immer eine viel größere Freude gewähren wird, wenn der theure gütige Kaiſer lieber, ſtatt mich in ſein Ar beitscabinet einzuladen, mir die Gnade erzeigt, mich in dem meinen zu beſuchen. Ich fühle mich da doch mehr zu Hauſe und sans gene, und es kann mir paſſiren, daß ich da über meinem geliebten und verehrten Mann den erhabenen geſtrengen Kaiſer vergeſſe, was mir hier im Arbeitszimmer kaiſerlicher Majeſtät durchaus nicht gelingen kann. mir geleit Nun, ſo ſollſt denn Deinen Willen haben, Du liebe eigenſinnige Frau, rief der Kaiſer lachend. Werd' künftig zu Dir kommen und Dir in Deinem Arbeits cabinet meinen Morgenbeſuch machen, und gleich heut' will ich damit anfangen. Ich bitt' die Frau Kaiſerin, mir ihren Arm zu geben, damit ich ſie in ihr Cabinet geleiten kann. Und mit heiterm, lachendem Geſicht reichte Franz ſeiner Gemahlin ſeinen Arm dar. Sie nahm ihn mit einer anmuthigen Verbeugung an und folgte ihrem Gemahl zu der kleinen Tapetenthür, die auf den Cor ridor hinaus führte. IV. Der Herzog von Reichſtadt. Lachend und mit heiterm Geſicht hatte der Kaiſer ſeine Gemahlin über den Corridor in ihre Gemächer geleitet; doch ihrer Einladung, mit ihr in dieſelben einzutreten und bei ihr zu verweilen, hatte er ſich mit freundlichem Hinweis auf ſeine vielfachen Geſchäfte entzogen, und war eilig über den Corridor in ſein Cabinet zurückgekehrt. Aber ſein Antlitz war jetzt, da er ſich allein und unbeobachtet ſah, nicht mehr heiter und lachend, ſon dern trübe und düſter, ſeine Stirn von Wolken be ſchattet. Mit haſtigen Schritten ging er zu dem Tiſch hin, auf welchem der von der Kaiſerin geöffnete Po lizei⸗Rapport lag, und ergriff ihn mit heftigem Unge ſtüm. Aber nicht um das auf dem Papier nachzu 5 —.— — 3— leſen, was die Kaiſerin vorher überſchlagen hatte, nicht um den Bericht über die Geſandten, die Mini ſter und andere hervorragende und wichtige Männer zu leſen, nahm der Kaiſer das Papier zur Hand, ſondern ſein Auge heftete ſich nur auf jene Stelle, welche ſeine Gemahlin vorher ihm ſchon vorgeleſen, auf die Rubrik„Erzherzog Johann.“ Mit halblauter Stimme, mit langſamer, ſchwerer Betonung las er ſich dieſelbe noch einmal durch, zu weilen innehaltend und düſter ſinnend auf das Papier ſchauend, dann langſam und mit drohendem Ton wei ter leſend. Es iſt klar, murmelte er dann vor ſich hin, der Johann hat wieder etwas vor. Er will mir wieder irgend ein Aergerniß bereiten. Wer weiß, vielleicht ſpukt ihm's Königreich Rhätien noch immer im Kopf herum. Was hat er ſonſt nöthig Bauerngeſindel aus Tyrol bei ſich zu empfangen und ſie ſogar zur Nachtzeit bei ſich zu behalten? Es ſteckt Etwas da hinter und ich werd' dem Sedlnitzki Auftrag geben, es zu ergründen! Ich will wiſſen, was die Tyroler bei meinem Herrn Bruder zu ſchaffen haben, und was— Plötzlich verſtummte der Kaiſer und blickte aufmerkſam wieder auf das Papier hin. 76 Ei, ei, ſchauen's einmal, murrte er vor ſich hin, ich mein', das hat mir die Kaiſerin nit vorgeleſen. Da ſteht:„nachher empfing der Erzherzog mehrere Beſuche, darunter den Hauptmann von Foreſti und den Baron von Sunder.“ Hab' halt nit gehört, daß die Kaiſerin den Foreſti genannt hat, ſollt' ſie's über ſehen haben?'S wär' gar ſonderbar und nit recht glaublich! Hm, die Kaiſerin fand es alſo auch ſon derbar, daß der Foreſti zum Erzherzog geht, und ſie wollt's mir deshalb verſchweigen. Ich will's aber wiſſen, was der Foreſti bei meinem Herrn Bruder zu thun hat. Ja, ich will's wiſſen! Und der Kaiſer ſchellte ſo heftig, daß der Kam merhuſar mit ganz erſchrockener Miene die Thür der Antichambre aufriß. Hauptmann von Foreſti ſoll ſogleich zu mir her⸗ kommen, befahl der Kaiſer, und dann, als er wieder allein war, ging er mit großen, haſtigen Schritten,. die Hände auf dem Rücken gefaltet, auf und nieder, zuweilen einzelne und drohende Worte vor ſich hin murmelnd, dann wieder verſinkend in düſteres Schwei gen. Aber als ein leiſes Klopfen an der Thür der Antichambre gehört ward, blieb der Kaiſer ſtehen, und ſein Antlitz, der Kraft ſeines Willens gehorchend, nahm riſche die h ſerlic 6 ſer r rufer plaud Reich dacht verdi nem alſo, nahm ſofort ſeinen gewohnten heitern und ſorgloſen Ausdruck an. Es klopfte zum zweiten Mal. Auf das gebiete riſche Herein! des Kaiſers öffnete ſich die Thür und die hohe ſchlanke Geſtalt eines Hauptmanns vom kai ſerlichen Geniekorps erſchien in der Thür. Guten Morgen, Herr von Foreſti, ſagte der Kai ſer mit raſchem Kopfneigen, treten's ein! Hab' Sie rufen laſſen, weil ich gern mit Ihnen ein wenig plaudern möcht' über meinen Liebling, den kleiner Reichſtadt. Hab' ihm für heut' eine Freud' zuge dacht, und da möcht' ich gern wiſſen, ob er ſie auch verdient hat, und ob ſeine Herren Erzieher mit mei nem lieben Enkel Franz zufrieden ſind. Nun ſagen's alſo, wie ſteht's damit? Macht er gute Fortſchritt'? Zu Befehl, Ew. Majeſtät, erwiederte der Haupt —₰ L mann ehrerbietig. ie Fortſchritte ſind unverkennbar, und der junge Herzog ergiebt ſich ſeinen Studien mit dem regſten leidenſchaftlichſten Eifer. Er weiß ſich in der deutſchen, franzöſiſchen, italieniſchen Sprache bereits ſehr fließend und richtig auszudrücken, macht auch in dieſen Sprachen ſchon recht niedliche ſchrift liche Arbeiten. Seit acht Tagen hat Herr von Col lin daher begonnen ihn auch in den ältern Sprachen g 78 zu unterrichten, und mit ihm die Anfangsgründe des Lateiniſchen und Griechiſchen zu beginnen, ſo wie ich begonnen habe mit ihm Geographie, Arithmetik und Geſchichte zu treiben. Nun, das iſt für ſeine acht Jahr' immerhin ge nug, ſagte der Kaiſer mit einem ſeltſamen Lächeln.. Wird ja ein recht gelehrter Herr werden, mein klei— ner Reichſtadt. Sie ſind auch mit ſeiner Aufmerk— ſamkeit in den Lehrſtunden jetzt zufriedener als ſonſt? Wenigſtens mit ſeinem guten Willen, aufmerkſam zu ſein, erwiederte der Hauptmann lächelnd. Allein es giebt ein Hinderniß, welches ſtärker iſt als der gute Wille des kleinen Herzogs, und dieſes Hinderniß das iſt einfach die Lage ſeiner Wohnung. Die Fen ſter gehen nach dem Burgplatz hinaus, und die gegen— über liegende Burgwache iſt dem Herzog allerdings weit intereſſanter als alle unſere Studien und Sprach übungen. Die Kanonen, die vor der Wache ſtehen,“ ſind der Gegenſtand ſeiner zärtlichſten Bewunderung, das Aufziehen der Wache iſt für ihn jedes Mal ein freudiges Ereigniß, er folgt mit ſeinen kleinen Waffen allen Commando's der Offiziere da unten ſo genau, als ob er in Reih' und Glied mit den Soldaten ſtände, und wenn die Militairmuſitk erſchallt, ſo blitzen ſoll. men wirke läche E nit 79 ſeine Augen vor Vergnügen und er jubelt laut auf, während er ſonſt gegen alle Muſik faſt einen Wider— willen hat.*). Ja, ja, das Soldatenblut regt ſich halt ſchon in ihm, rief der Kaiſer achſelzuckend. Ihr werdet ihn doch nimmer zu einem Gelehrten machen können, es wird nichts weiter übrig bleiben, als ihn Soldat wer— den zu laſſen. Er würde ſicher höchſt unglücklich werden, wenn man ihm dies verweigern wollte, bemerkte Herr von Foreſti raſch. Er iſt ſchon jetzt mit ganzer Seele Soldat und die ſchlimmſte Strafe, mit der man ihm drohen kann, iſt die, daß er ſeine Uniform ausziehen und in Civilkleidung gleich allen andern Knaben gehen ſoll. Dieſe Drohung ſchon genügt, um ihn vollkom men lenkſam und gehorſam zu machen. Ach, da werd' ich dem armen Birſchel alſo heut wirklich ein Vergnügen bereiten, ſagte der Kaiſer lächelnd. Und wie ſteht's mit ſeinem Charakter? Er iſt ein gutes, freundliches und offenes Kind, nit wahr? Er iſt gut und freundlich, Majeſtät, aber, wenn Comte de Montbel. Le duc de Reichstadt. 223 80 ich die Wahrheit ſagen darf, er iſt nicht, was man ſo nennt, ein offener Character. Er iſt mehr ver ſchloſſen, als offenherzig, mehr überlegt, als unbeſon nen, er verhüllt mehr ſeine Gedanken, als daß er ſie ſagt; niemals geſchieht es ihm, daß er aus Ueber eilung etwas ſagt, was er lieber verſchwiegen hätte, oft aber verſchweigt er, wo er etwas ſagen ſollte. Da iſt es alſo nothwendig, vor allen Dingen ſein Vertrauen zu erwerben, rief der Kaiſer. Wen liebt er denn am meiſten? Wem vertraut er am aufrich tigſten? Nun, warum ſchweigen's, Herr Hauptmann? Die Wahrheit, ich will die Wahrheit wiſſen! Wenn Ew. Majeſtät befehlen, ſo werde ich ſie nicht verſchweigen! Früher liebte der Herzog nichts auf der Welt ſo ſehr, als ſeinen kaiſerlichen Groß vater, als Ew. Majeſtät. Aber ſeit einiger Zeit Nun, ſeit einiger Zeit?— Seit einiger Zeit ſcheint es, als ob dieſe Liebe: von irgend welchen Nebeln verdüſtert worden, als ob ein Schatten ſich über dieſelbe gelegt habe. Er eilt nicht mehr wie ſonſt zu jeder Zeit des Tages hieher, er droht nicht mehr, wie ſonſt, ſobald ſeine Erzieher ihm irgend etwas verſagen, uns bei Ew. Majeſtät zu verklagen. Geſtern, als ich die Gelegenheit ergriff, ihn Maj faſt mehr ſich er iſ daß gefa eine ſeine ſchei von daß habe demn unen man gier lt ihn daran zu erinnern, wie gnädig und gütig Ew. Majeſtät gerade gegen ihn wären, wie es zuweilen faſt den Anſchein hätte, als ob Ew. Majeſtät ihn mehr liebten, als Ihre eigenen Kinder, da verfinſterte ſich plötzlich ſein Geſicht, und er rief ungeſtüm: aber er iſt der Feind meines Vaters! Er iſt daran Schuld, daß mein Vater auf einer einſamen Inſel im Meer gefangen ſitzt. Wer hat ihm das geſagt? fragte der Kaiſer heftig. Ich weiß es nicht, Majeſtät! Aber auf irgend eine Weiſe ſcheint der Herzog jetzt mehr als ſonſt an ſeinen Vater erinnert zu werden, irgend Jemand ſcheint es ſich zur Aufgabe zu machen, dem Herzogtt von der Vergangenheit zu erzählen, aber ich geſtehe, daß ich trotz der größten Aufmerkſamkeit noch nicht habe entdecken können, welcher von der Dienerſchaft, denn nur von dieſer kann es Jemand ſein, auf ſo unerlaubte Weiſe verfährt. Aber es iſt offenbar, man ſpricht ihm von ſeinem Vater, und die Neu gierde des kleinen Herzogs iſt dadurch wahrhaft fiebe riſch erregt, er beſtürmt uns täglich und ſtündlich mit Fragen über die Vergangenheit, die uns gar oft in Verlegenheit ſetzen. Ich hatte daher ſchon ohnedies Mühlbach, Erzberzog Johann. I. 6 den Entſchluß gefaßt, Ew. Majeſtät um gnädige Ent ſcheidung zu bitten, und hätten Ew. Majeſtät mich nicht jetzt hieher befohlen, ſo würde ich ehrerbietigſt noch heute um eine Audienz nachgeſucht haben, um Ew. Majeſtät zu bitten, daß Sie's gnädig beſtimmen, wie wir uns zu verhalten und wie wir auf alle Fra⸗ gen des Herzogs in Bezug auf ſeinen Vater zu ant worten haben? Der Kaiſer ging haſtig einige Male auf und ab, dann blieb er vor Herrn von Foreſti ſtehen, und ſagte ernſt und bedächtig: Beantworten Sie alle Fragen des Herzogs der Wahrheit gemäß. Wahr heit muß die Grundlage ſeiner Erziehung ſein, alſo antworten Sie ihm wahr und offen; wenn er ſieht, daß Sie ihm nichts verſchweigen wollen, wird ſeine gereizte Einbildungskraft ſich beruhigen, und er wird wieder Zutrauen zu Ihnen gewinnen.*) Ich danke Ew. Majeſtät für dieſe gnädige und weiſe Entſcheidung, ſagte Foreſti, ſich tief und ehr furchtsvoll verneigend, ich zweifle nicht, daß dies allein der richtige Weg iſt, um den Herzog zu beruhigen und mit ſich und der Gegenwart auszuſöhnen. Aber *) Des Kaiſers eigene Worte. Siehe: Montbel. Le duc de Reichstadt. 89. war geſi wir durften doch nicht wagen, denſelben zu betreten, bevor wir nicht darüber die ausdrücklichen Befehle Ew. Majeſtät erhalten hatten. Der Kaiſer ſtand noch immer Herrn von Foreſti gegenüber und ſeine großen wäßrigen blauen Augen waren feſt auf das männlich kräftige gutmüthige An geſicht des Hauptmanns gerichtet. Sie haben mir vorher erſt eine halbe Antwort gegeben, ſagte Franz langſam. Ich fragte Sie, wen mein Enkel Franz am meiſten liebte, wem er am mei ſten vertraute? Sie antworteten mir darauf: bis vor einiger Zeit habe er mich am meiſten geliebt, mir am meiſten vertraut. Aber Sie haben Ihren Satz noch nit vollendet. Sie haben mir noch nit geſagt, wen er ſeit dieſer Zeit am meiſten liebt? Wem er jetzt ſein Vertrauen am innigſten zuwendet? Nun, ant worten Sie? Wer iſt das? Majeſtät, es iſt der Herr Erzherzog Johann! Der Kaiſer ſchrak zuſammen, und wandte ſich haſtig ab, vielleicht um Foreſti nicht den Ausdruck von Zorn und Haß ſehen zu laſſen, der plötzlich ſein Antlitz verfinſterte. Ach, meinen Herrn Bruder alſo liebt der kleine Herzog am meiſten, ſagte der Kaiſer nach einer Pauſe, 4 6 in welcher er, abgewandt von Foreſti, langſam auf und ab gewandelt war. Nun, das iſt ja recht hübſch und angenehm zu hören. Aber was haben's für Be weiſe davon? Majeſtät, der beſte Beweis davon iſt, daß der Herzog Herrn von Collin, ſo oft der mit ihm einen Spazierritt unternimmt, immer bittet, mit ihm zum Herrn Erzherzog nach ſeinem Palais in der Vorſtadt zu reiten, und daß, als er geſtern kaum vernahm, der Herr Erzherzog ſei von ſeiner kleinen Reiſe nach Gratz zurückgekehrt, er ſo lange mit Bitten in mich drang zu dem Herrn Erzherzog zu gehen, ihn zu be grüßen, und ihn zu fragen, wann er den Beſuch des Prinzen empfangen wolle, bis ich endlich nachgab und wirklich ſeinen Wunſch erfüllte. Ach, Sie waren geſtern bei dem Herrn Erzher zog? fragte der Kaiſer mit einem raſchen, lauernden Seitenblick. Ja, erwiederte Foreſti arglos, ich war bei Sr. kaiſerlichen Hoheit, und ich hatte das Glück von ihm ſehr freundlich begrüßt zu werden. Der Herr Erz herzog erkundigte ſich mit der zärtlichſten Theilnahme nach ſeinem Neffen, und nahm es ſehr gütig und freundlich auf, als ich ihm ſagte, daß der kleine Her * in' 85 zog ſo große Sehnſucht nach ihm habe, und ſo drin gend ihn zu ſprechen wünſche. 3 Ach, er nahm es gütig auf, mein theurer Herr Bruder? fragte der Kaiſer. Nun, das freut mich, freut mich wirklich. Er iſt gar ein gütiger, leutſeliger und kluger Herr, mein lieber Bruder Johann. Und ich begreif's vollkommen, daß der kleine Herzog ihn mehr liebt als mich. Aber was antwortete denn der liebe Erzherzog? Wann will er dem Herzog erlauben ihn in ſeinem Palais zu beſuchen? Se. kaiſerliche Hoheit ſagten, ſie wollten heute Vormittag ſelber dem Herzog ſeinen Beſuch machen, und dann könnten ſie Beide das Weitere verabreden. So? Alſo der Herr Erzherzog will heute Vor mittag ſich hieher in die Burg begeben? Zu Befehl, Majeſtät. Se. kaiſerliche Hoheit ſagten, er habe Se. Majeſtät um eine Audienz zu bitten, und da wolle er zugleich dem Herzog ſeinen Beſuch machen. Nun, das wird alſo für uns Alle ein recht ange nehmer Vormittag ſein, rief der Kaiſer. Denn nit wahr, der kleine Reichſtadt freut ſich gar ſehr auf den Beſuch des lieben Herrn Oheims? Ja, Majeſtät, er war vor Freuden ſo ungeduldig, 86 daß ich ihn kaum bewegen konnte ſeine gewohnten Arbeiten vorzunehmen. Was thut er denn jetzt, der kleine ungeduldige Mann? Er machte ſeine militairiſchen Exercitien, als ich ihn verließ. Jetzt aber wird wahrſcheinlich wohl ſchon der Maler Hummel gekommen ſein, der den Prinzen für die Frau Erzherzogin Mutter portrai tiren ſoll. Wird das Portrait ähnlich? Ich weiß es nicht, Majeſtät. Der Maler hat die Bedingung geſtellt, daß in den erſten fünf Sitzun gen Niemand das Portrait beſichtigen dürfe, und daß er, um den Prinzen ganz ohne Zwang und Goͤne beobachten zu können, ſich mit dem Prinzen ganz allein befinden müfſe. Und der Gouverneur des Herzogs, der Graf Dietrichſtein, iſt darauf eingegangen? Zu Befehl, Majeſtät. Der Maler Hummel iſt jetzt der beſte und geſchickteſte Portraitmaler, und da mußte man ſich wohl ſeinen Launen fügen. Herr Hummel erzählte mir übrigens ſelbſt, daß er den er ſten Tag das Portrait noch gar nicht begonnen, ſon dern nur mit dem Herzog geſpielt habe, um vor allen Dingen ſein Vertrauen zu gewinnen. 4 — Wie oft hat der Herzog ihm ſchon geſeſſen? Es iſt heute die vierte Sitzung, die vorletzte alſo von denen, in welchen Niemand das Bild betrach ten ſoll. Nun, ſagen's dem Maler, daß ich morgen hinüber kommen wollt' das Portrait zu ſehen, und daß ich hofft', es dann ſchon recht ähnlich zu finden. Und jetzt, leben's wohl, mein Herr Hauptmann. Ich dank' Ihnen für die gute und aufrichtige Auskunft, die Sie mir über meinen lieben kleinen Herzog gegeben, und beſonders hab' ich mich darüber gefreut, daß der Bub' meinen lieben Bruder Johann ſo ſehr lieb gewonnen hat. Das iſt ein gar gelehrter, kluger und trefflicher Herr, und es kann dem Herzog, meinem kleinen Enkel, nur zum großen Glück gereichen, wenn der Herr Erz herzog ſich ſeiner annimmt und ihn wieder liebt. Handeln Sie alſo darnach, Herr Hauptmann, und begünſtigen Sie das ſchöne Verhältniß ſo viel Sie können. Er nickte Foreſti lebhaft und lächelnd zu und winkte ihm gnädig mit der Hand ſeinen Abſchieds gruß. Aber nicht ſobald hatte der Hauptmann das Cabinet verlaſſen, als das Antlitz des Kaiſers einen düſtern, gehäſſigen Ausdruck annahm. —,— Alſo wieder mein lieber Bruder Johann, mur⸗ melte er zwiſchen ſeinen feſt und zornig aufeinander gepreßten Zähnen hervor. Ueberall tritt er mir in den Weg, überall will er mich verdrängen, und mir die Lieb' wegſtehlen, auf die ich allein doch ein Recht hab'. Ich muß ein End' machen, ja, ich muß ein. End' machen mit meinem Herrn Bruder! Ich will ihn mir aus dem Weg' räumen, ich will nicht, daß er überall mit mir wetteifern, überall mein Rival ſein will! Es muß ein End' gemacht werden, ſag' ich! Er, oder ich! Oeſterreich iſt zu klein für uns zwei Beid'! Er, oder ich! Und der Kaiſer ſchlug mit ſeiner geballten Fauſt ſo heftig auf den Tiſch, auf welchem ſein Dejeuner ſtand, daß die ſilbernen Kannen hin und her wackel ten, und der Kaiſer ſelber erſchrak vor dem lauten Geräuſch. Und was das für alberne Geſellen ſind, die Her ren Gouverneurs und Erzieher, fuhr er leiſer fort. Haben die Frechheit, es mir gerad' in's Geſicht zu ſagen, daß der Bub' den Johann mehr liebt, als mich, und die Dummheit, daß ſie ihn allein laſſen mit dem franzöſiſchen Maler, vielleicht auch mit dem Johann. Aber ich will's wiſſen, was ſie mit ein „ ande! geſch muß Zuer einm und llein ander vorhaben. Es ſoll nichts hinter meinem Rücken geſchehen, und da die Andern ſo erzdumm ſind, ſo muß ich ſelber meine Augen und Ohren offen halten! Zuerſt eine Taſſe Chocolad' und dann wollen wir einmal von unſerm Geheimmittel Gebrauch machen, und ein biſſel hören, was da geſchieht bei meinem kleinen Reichſtadt! Der Kaiſer goß etwas von der Chocolade in die ſilberne Morgentaſſe und leerte ſie haſtig auf einen Zug. Dann klingelte er, und befahl dem eintretenden Kammerhuſaren, das Dejeuner fortzuräumen und bis zwölf Uhr Niemand zu ihm in ſein Cabinet einzulaſ ſen, Niemand, wer es auch ſei. Und jetzt, ſagte der Kaiſer dann, jetzt wollen wir Einmal ſehen, was der Maler und der Erzherzog Jo hann von dem kleinen Sohn des Bonapart' eigentlich wollen, und was ſie mit ihm beabſichtigen! Niemand außer mir kennt zum guten Glück das Geheimniß des verborgenen Cabinets, Niemand weiß, warum ich dem kleinen Reichſtadt gerad' dieſe Zimmer zu ſeiner Woh nung angewieſen hab'. Ich dank's aber meinem lie ben Herrn Vater, daß er das verborgene Cabinet hat anlegen laſſen, und daß er mir auf ſeinem Sterbe bett' das Geheimniß deſſelben vertraut hat. Es iſt 90 halt immer nothwendig, daß man einige Schlupfwinkel und Beobachtungsluken hat, die Niemand kennt und — mit dem Ohr des Dionyſos hören kann, was man ſonſt nimmer zu hören bekam! Raſch alſo jetzt zu meinem Ohr des Dionyſos! .* Der Sohn ſeines Vaters. Mit haſtigen Schritten, und doch leiſe auftretend, verließ der Kaiſer ſein Cabinet und ging auf den kleinen Corridor hinaus, der zu den Gemächern ſeiner Gemahlin führte. Einen Moment ſtand er horchend ſtill, dann, als er ſich überzeugt, daß die Thür, die am Ende des Ganges in das Cabinet der Kaiſerin ausmündete, feſt geſchloſſen war, ging er den Corridor bis zur Hälfte hinunter, bis zu dem großen alterthüm lichen, aus Eichenholz geſchnitzten Lehnſtuhl, der dort aufgeſtellt war, als ſolle er Denen, die vielleicht in dieſem Corridor auf und ab wandelten, nur als be quemer Ruheſitz dienen. Der Kaiſer hob dieſen Stuhl, deſſen ſchwere maſ ſive Füße in kleinen im Fußboden angebrachten Ver 902 tiefungen ruhten, als ſollte der Stuhl vor jedem Um fallen geſichert ſein, aus dieſen Vertiefungen empor und ſchob ihn zur Seite. Man ſah jetzt auf dem Fußboden das bisher von dem Stuhl bedeckte Viereck, an jeder Ecke mit dem Ausſchnitt für die Füße des Stuhls.. Wenn man mit dem Geſicht nach der Wand hin ſteht, die vordere Vertiefung rechts, ſagte Franz vor ſich hin. Ja, ſo iſt es! Er neigte ſich tiefer und drückte an der bezeichneten Stelle. Sofort ließ ſich unterhalb des Fußbodens ein leiſes Knarren vernehmen, der Kaiſer drückte zum zweiten Mal an der Feder und das im Fußboden be zeichnete Viereck ſchob ſich wie von unſichtbaren Hän den getrieben nieder und verſchwand unter dem Ge täfel des weitern Fußbodens. In der nun entſtande nen Oeffnung ſah man die erſten Stufen einer kleinen Treppe, die hinabführte in einen dunklen Raum. Der Kaiſer ſtieg auf dieſer Treppe raſch hinab, dann, als er faſt das Ende derſelben erreicht hatte, hob er den Arm empor und drückte an einem kleinen auf der oberſten Stufe angebrachten Meſſingknopf, und ſofort rauſchte das Viereck wieder aus dem Tafelwerk hervor und ſchob ſich künſtlich wieder in den Fußboden ein. chanik ₰ 1 2 rreich dunke um e — B 1 Ther „ 4 hoch biſſel — 93 Eine allerliebſte Maſchinerie, murmelte der Kaiſer, ſo oft ich ſie benutz', bewundere ich meinen Herrn Vater, der das ſo ſinnreich angegeben, und den Me chanikus, der’s ausgeführt hat. Der Kaiſer hatte jetzt die letzte Stufe der Treppe erreicht und befand ſich nun in einem Raum, öde und dunkel wie das Grab, und gerade nur breit genug, um eine menſchliche Geſtalt hindurch zu laſſen. Ich wett', meine Frau Großmutter, die Maria Thereſel, würd' hier nimmer haben wandern können, ſie wär' halt ſtecken geblieben, ſagte Franz lächelnd, indem er ſich tappend an der Hand fortbewegte. Aber trotz der Dunkelheit hatte ſeine Hand doch jetzt das, was ſie ſuchte, erfaßt, den Meſſinggriff einer Thür. „Ah, da bin ich alſo zur Stelle, flüſterte der Kaiſer hoch athmend. Nun wollen wir uns halt noch ein biſſel verſchnaufen, dann treten wir ein. Er lehnte ſich einen Moment an die Wand und dann, als er fühlte, daß ſein Athem ganz ruhig ging, ſein Herz ſtill und langſam wie ſonſt ſchlug, drückte er mit einem raſchen Griff die Thür auf, die ſich leiſe und ohne das geringſte Geräuſch öffnete. Der Kaiſer trat nun in einen kleinen, von mattem Dämmerlicht erhellten Raum ein, kaum hoch genug /1 94 um ſeiner Geſtalt zu erlauben, ſich aufzurichten, gerade breit genug, um mit einer geſchickten Wendung ſich auf dem Fauteuil niederzulaſſen, der faſt das ganze Innere des Raums einnahm. Als der Kaiſer ſich langſam und vorſichtig auf dieſem Fauteuil niedergelaſſen hatte, ſchloß er einen Moment die Augen, um ſeine von der Dunkelheit, welche er durchwandelt hatte, geſchwächten Augen erſt wieder an das Licht zu gewöhnen, das ihn anfangs ganz und gar geblendet hatte. Dieſes Licht kam durch das vielfach gebrochene kunſtvoll verſchlungene Gitterwerk herein, das den vordern Theil des Raumes begrenzte und ihn zu einer jener kleinen unſichtbaren Logen abſchloß, wie man ſie an manchen italieniſchen Theatern in den Seitenwän⸗ den findet, welche die Bühne vom Zuſchauerraum trennt, und welche den eben nicht auf der Bühne be ſchäftigten Acteurs als Schlupfwinkel dient, um ihrer ſeits Bühne und Publikum ungeſehen beobachten zu können. Wahrſcheinlich hatte der aus Italien kommende Kaiſer Leopold an dieſe unſichtbaren Theaterlogen ge dacht, als er dieſe kleine Loge bauen ließ, die auch für Jedermann, der das Geheimniß derſelben nicht kannt näml rieſen befan und K werk Alter eigen einen mnit man ſich il zu be Mar dern und lichen Kam das ſten Non nicht kannte, ein unſichtbares Geheimniß blieb. Dieſe Loge nämlich bildete den obern Aufſatz eines kunſtvollen rieſengroßen Marmorkamins, der ſich in dem Gemach befand, in welchem man von der Loge einen weiten und freien Ueberblick hatte. Kaiſer Leopold hatte dieſen Kamin, ein Meiſter werk der Bildhauerkunſt, aus Florenz mitgebracht und Alterthumsforſcher wollten behaupten, daß derſelbe eigentlich ein Grabmal ſei, das Michel Angelo für einen der Medicäer beſtimmt habe, deren er ſo viele mit ſeinem Meißel verherrlicht hatte. In der That, man brauchte nur in den offenen Raum, der unterhalb ſich in der Mitte der beiden joniſchen Säulen erſtreckte, die zu beiden Seiten den untern Rahmen bildeten, zwei jener Marmorthüren einzuſchieben, wie ſie ſich an den an dern Grabmälern der Medicäer zu Florenz befinden, und das Monument war unverkennbar ſeiner urſprüng lichen Beſtimmung wiedergegeben. Jetzt aber ward der leere mittlere Raum von dem Kamin eingenommen und oberhalb deſſelben erhob ſich das frühere Monument und bildete jetzt den herrlich ſten auserleſenſten Kaminaufſatz. Offenbar war dies Monument, wenn es wirklich ein ſolches geweſen, wenn nicht Kaiſer Leopold, um ſeine Idee hinter einem † 3 8 4 96 glaubhaften Märchen zu verbergen, dieſe frühere Be ſtimmung nur erfunden hatte, offenbar war dies Mo nument alsdann für ein Kind im zarteſten Frühlings alter des Lebens beſtimmt geweſen. Darauf deutete die ganze Idee der Compoſition hin und dieſe war in ſinniger poetiſcher Weiſe zur Darſtellung gebracht. 2 Auf den joniſchen Säulen zu beiden Seiten ſtanden zwei herrliche Vaſen mit jenen kunſtvoll verſchlungenen Schlangengriffen, wie ſie die berühmten Vaſen auf dem Capitol aus der Zeit der edelſten Kunſtepoche aufweiſen, und aus dieſen Vaſen ſtiegen in wunder vollſter Verſchlingung zwei mit Blüthen überſäete Orangenbäume empor, ſich zu einander neigend und ſich oberhalb in der Mitte verſchlingend zu einer hoch emporſtrebenden Krone von Laub und Blüthen, und nach unten eine Art Niſche bildend. In dieſer Niſche, auf einem von Blumen und Polſterkiſſen gebildeten Ruhelager, ſchlummerte lächelnd, als träume ſie von ihren himmliſchen Spielgefährten, 4 den ſeligen Engeln, ein kleines Mädchen. Ihr von reichen Locken umwalltes Haupt ruhte auf einem vollen Strauß von Roſenknospen, von denen einige, von ihren Stielen gebrochen, auf ihre Stirn und in ihre Locken niedergefallen waren. In der einen loſe her 97 niederhängenden Hand hielt ſie einen Kranz von Im mortellen, in der andern, die auf der Bruſt ruhte, einen Lilienzweig, deſſen geknickte Blüthen zu trauern ſchienen über dieſe ſchöne zu früh geknickte Menſchen blüthe, ihre herrliche Schweſter. Von den untern Zweigen der beiden Orangenbäume hingen halb zer riſſene Kränze und Guirlanden nieder, ein trauerndes Blüthendach bildend über dem Haupt der Todten, die vom Leben nur ſelige Träume ſchien mit hinüber ge nommen zu haben in das Jenſeits. Das Ganze war mit einer ſo bewunderungswür digen Kunſtfertigkeit gebildet, daß es ſchien, als habe ſich unter den Händen ſeines irdiſchen Schöpfers der Marmor für die liebliche Kindesgeſtalt wirklich in weiches zartes Fleiſch, für die Blätter und Blüthen aber in dieſe feinen durchſichtigen, flatternden und biegſamen Reſte verwandelt, während er an den Säu len und Vaſen und dem Unterbau des Lagers in ſeiner ſteinernen Härte verblieben war. Dieſe bewunderungswürdige Schönheit und Vollen dung des Kunſtwerks hatte ihm anſcheinend allein die Thore der Kaiſerburg geöffnet, und der kunſtſinnige Kaiſer Leopold hatte, um es täglich in der Nähe be Mühlbach, Erzherzog Johann. 1 7 98 wundern zu können, das Monument in einen Kamin umgewandelt. Niemand kannte das eigentliche Geheimniß und die verborgene Schönheit dieſes Kamins, den alle Welt wegen ſeiner ſichtbaren Schönheit bewunderte. Die verborgene Schönheit aber war, daß alle dieſe Blätter, Blüthen und Kränze ſo kunſtvoll und meiſterhaft aus⸗ geführt und durchgearbeitet waren, daß ſie nicht wie ein Hautrelief ſich von einer dahinterſtehenden Stein maſſe abhoben, ſondern daß ſie gar keinen Hintergrund des Steins bedurften. Alle dieſe Blätter und Blüthen, dieſe Kränze, Guirlanden und Baumzweige ſtanden frei und leicht da, und die Zwiſchenräume zeigten hohle durchſichtige Räume, die durch ihre tiefen Schattentöne die Weiße des Marmors noch glänzender hervorhoben, die aber, wenn man ſich hinter dem Denkmal befand, ein durchſichtiges Gitterwerk bildeten, durch welches man bequem nach allen Seiten hin ſehen konnte, ohne von der Außenſeite ſelber geſehen zu werden. Das war die innere verborgene Schönheit des Monuments, und um dieſer willen hatte Kaiſer Leo pold es in dem Zimmer anbringen laſſen, denn dieſes Zimmer war damals das Wohnzimmer ſeiner Gemahlin geweſen, und er hatte es geliebt, dieſelbe mit ihren Dam ahnt mane geah gefä mah liebt hier hatt Leof hatt mit hat ent Ge Ve ein frü 99 Damen und ihren Kindern zuweilen, ohne daß ſie es ahnte, zu beobachten. So manches Geheimniß, ſo manche Intrigue der Camarilla hatte er hier als un— geahnter Lauſcher und Zeuge erfahren, ſo manchen gefährlichen Anſchlag, den ſeine ſtets eiferſüchtige Ge mahlin mit ihren Vertrauten gegen irgend eine Ge liebte und Freundin des Kaiſers verabredet, hatte er hier in ſeinem geheimen Schlupfwinkel erlauſcht und hatte ihn daher hintertreiben können. Deshalb, als Leopold ſeine Todesſtunde ſich nahen fühlte, deshalb hatte er in jener langen Unterredung, die er ſterbend mit ſeinem Nachfolger und Sohn Franz gehabt, ihm das Geheimniß jenes verborgenen Schlupfwinkels, jener unbekannten Treppe, die dahin führte, anvertraut, hatte er ihm geſagt: wenn Du Jemand beobachten und unter Aufſicht halten willſt, den laſſe in jenen Gemächern wohnen. Anfangs, gleich nach dem Tode Kaiſer Leopolds, hatte dieſes Zimmer leer geſtanden, denn die Kaiſerin, entſetzt von dem raſchen und plötzlichen Tode ihres Gemahls, und gramvoll allen Erinnerungen an die Vergangenheit entfliehend, hatte ihre Wohnung auf einem andern Flügel der Burg genommen und ihre frühere Wohnung des Glücks verlaſſen. Dann waren 4 *† 100 die Tage des Unglücks, der Kriege, der Leiden und Niederlagen gekommen, und der Kaiſer Franz hatte, bedrängt von äußern Feinden und Sorgen, keine Zeit und Muße gehabt, ſich mit den innern und intimern Angelegenheiten ſeines Hauſes zu beſchäftigen, ja, er hatte ſogar viele Jahre hindurch des Geheimniſſes dieſes Zimmers gar nicht gedacht, und ſein Bruder, der Erzherzog Rudolph, ſo wie andere hohe königliche Gäſte, hatten dieſe Zimmerreihe bewohnt, ohne daß Kaiſer Franz jemals daran gedacht hatte, von der verborgenen Loge Gebrauch zu machen. Erſt, als es ſich darum handelte, dem Sohne Na poleons in dem Schloſſe des Kaiſers von Oeſterreich eine Wohnung anzuweiſen, erſt da hatte der Kaiſer ſich der Worte ſeines ſterbenden Vaters erinnert, und da es ſich wohl der Mühe lohnte, den Herzog von Reichſtadt zu beobachten und unter Aufſicht zu halten, hatte er ihm die ſogenannten Gobelins⸗Zimmer zur Wohnung angewieſen und das Kaminzimmer zu ſeinem Wohngemach einrichten laſſen. Indeſſen war es doch nur ſelten geſchehen, daß der Kaiſer bis jetzt die Beobachtungsloge benutzt hatte, denn die große Jugend des kleinen Herzogs machte ihn vor der Hand noch ungefährlich, und nur einige — Male beoba begeb b ernſte ſich d um d zum mach Stau ſücht mit tand am! 101 Male, um die neu ernannten Erzieher des Prinzen zu beobachten, hatte der Kaiſer ſich in den Verſteck begeben. Heute zum erſten Mal führten alſo den Kaiſer ernſtere Motive in dieſen Verſteck, heute handelte es ſich darum, zu ſehen, ob ſich nicht politiſche Intriguen um den Sohn Napoleons drängten, ob man ihn nicht zum Mittelpunkt gefährlicher, welterſchütternder Pläne machen wollte. Heute wollte der Kaiſer von dieſem Standpunkte aus ſeinen Bruder beobachten, mit eifer— ſüchtigem Herzen ihn belauſchen im Zuſammenſein, mit dem Kinde, das, wie Herr von Foreſti ſelber ge— ſtanden, bis vor kurzer Zeit den kaiſerlichen Großvater am meiſten geliebt, jetzt aber ſein Herz von ihm ab⸗ gewandt hatte, um es dem Erzherzog Johann in lei⸗ denſchaftlicher Zärtlichkeit zu ſchenken. Der Kaiſer alſo hatte jetzt ſich in die Loge bege— ben, von welcher er das ganze Wohnzimmer des Prinzen überſchauen, Alles ſehen, Alles hören und beobachten konnte, ohne daß Jemand eine Ahnung von ſeiner Gegenwart hatte. Er war leiſe niedergeglitten auf den in dem geheimnißvollen Verſteck aufgeſtellten Fau— teuil, und da ſich ſeine geblendeten Augen jetzt an das Licht gewöhnt hatten, ſenkte er den Blick nieder in 102 dieſes weite Gemach, das er wie die Bühne von ſeiner Parterreloge aus überſchaute. Es war ein großes weites Zimmer mit drei hohen, von gelbſeidenen Vorhängen beſchatteten Fenſtern. Die Wände waren bedeckt mit wundervollen Gobelins, welche Scenen aus der Mythologie nach Zeichnungen des Giulio Romano darſtellten. König Ludwig XV. hatte bei der Vermählung der unglücklichen Marie Antoinette mit ſeinem Urenkel, dem Dauphin Ludwig, nebſt vielen andern Geſchenken auch dieſe herrlichen und kunſtvollen Gobelins an Maria Thereſia geſandt. Reichgeſchnitzte goldene Rahmen faßten dieſelben ein, und damit man über der Schönheit des Geſchenkes micht den Geber vergeſſe, hatte man Sorge getragen, überall in den Rahmen die Wappenſchilde Frankreichs, die Lilien der Bourbonen, den Namenszug des Königs, das verſchlungene L. L. anzubringen.*) Dieſe Wap penſchilder, dieſe bourboniſchen Lilien, dieſe Namens züge der Könige von Frankreich ſtanden ringsum an den Wänden des Gemaches, in welchem der Sohn des Mannes wohnte, der die Lilien geknickt, die Bour bonen verjagt, und auf den Trümmern des Thrones *) Montbel: Le due de Reichstadt. pag. 220. 1 „ ſers Con ſein nich mac 103 der Könige von Frankreich ſich den Thron des Kai ſers der Franzoſen errichtet hatte! Das war einer jener ſpöttiſchen und höhnenden Contraſte, wie ſie Kaiſer Franz liebte, und ſo oft er ſeinen Enkel in dieſem Zimmer beſuchte, verfehlte er nicht, ihn auf die ſchönen Gobelins aufmerkſam z 1 machen, und ihm die Wappenſchilder der franzöſiſchen Könige zu erklären. Außer dieſen Gobelins und den alten koſtbaren Venetianiſchen Spiegeln an den Fenſterpfeilern befand ſich kein weiterer Schmuck an Ameublement und Aus ſtattung in dieſem großen weiten Gemach. Einige Schränke mit Büchern, einige Tiſche mit Spielgeräth ſtanden umher, und auf einer Conſole von geſchnitztem Ebenholz befand ſich eine mit dem öſterreichiſchen Dop peladler gezierte Pendeluhr.*). Die Lilien von Frankreich, die Adler von Oeſter reich, ſie bewachten den Sohn des Mannes, der einſt die Lilien wie die Adler unter ſeine Füße getre ten hatte. Dort in jener Fenſterniſche, dort auf dem alter thümlichen geſchnitzten Stuhl, dort ſaß er, der Knabe, *) Montbel: Le duc de Reichstadt. pag. 223. 1 — 104 den einſt ganz Frankreich als die Hoffnung der Zu⸗ kunft begrüßt hatte, der in ſeiner goldenen Wiege ſchon ein König geweſen, und der jetzt nur noch eine Zukunft ohne Hoffnung, einen Herzogtitel ohne Land und ohne Unterthanen beſaß. Dort dieſer kleine zarte Knabe in der Uniform eines gemeinen öſterreichiſchen Soldaten, das iſt der Sohn des einſtigen Kaiſers der Franzoſen, der Sohn des Gefangenen, der, gleich dem an den Felſen ge— ſchmiedeten Prometheus, auf der Felſeninſel von He⸗ lena ſein qualvolles Leben durchſeufzt, und das bleiche Antlitz rückwärts gekehrt in die Vergangenheit, nur von ſeinen Erinnerungen lebt, und von der Sehnſucht nach ſeinem Sohn, der letzten, der einzigen Hoffnung ſeiner Zukunft. Aber auf dieſer kleinen ſchlanken Geſtalt des acht⸗ jährigen öſterreichiſchen Soldaten ſaß der Kopf eines Engels, nur gehörte dieſer Engel nicht zu Denen, welche niemals eine Thräne des Schmerzes geweint, welche nur wie die Blume des Friedens und der lächelnden Glückſeligkeit in himmliſchen Träumen den Menſchen erſcheinen. Dieſe großen blauen Augen, ſtrahlend und tief, unerforſchlich und glänzend wie der Himmel, ſie hatten der Erde ſchon ihren Tribut gezol Mun erſch ſe ———᷑—ͦ—ꝛ—B—V—ꝛ—ꝛ³:·:——nAn— 105 gezollt, ſie hatten geweint; dieſer kleine ſchwellende Mund, der purpurn und friſch wie eine Roſenknospe erſchien, er hatte zuweilen ſchon ſich zu ſchmerzlichen Seufzern geöffnet, dieſe klare, von goldenen Locken umwallte Stirn, welche ſo rein, ſo weiß und un— ſchuldsvoll wie eine Lilie über den ſchmalen ſanft geſchwungenen Bogen der Augenbrauen aufblühte, war zuweilen ſchon von den Schatten der Trübſal umdüſtert geweſen, und die roſige Friſche der vollen Kinderwangen, die von den blonden Locken, wie von einem goldenen Rahmen, eingefaßt erſchienen, war zu⸗ weilen ſchon von dem Mehlthau des Kummers ge— bleicht worden. Es war der Kopf eines Engels, welcher zu leiden hatte an den Schmerzen und der Erbärmlichkeit der Erdenwelt! Dennoch hatte man von ſeinen Lippen niemals eine Klage gehört, dennoch hatten ſie niemals mit einem Wort das Geheimniß verrathen, das auf der Tiefe ſeines Herzens ruhte wie die Korallen des Meeres, und an dem ſeine arme junge Seele ſich täglich wund ritzte, täglich ſeine Schmerzen erneuerte. Dieſes Geheimniß des Engelherzens das waren ſeine Erinnerungen! Die Erinnerungen an die glanz 106 volle, ſtrahlende Vergangenheit, die nimmer in ſeinem Herzen verblaſſen wollté, vor deren unauslöſchlicher Herrlichkeit die Gegenwart blaß und farblos erſchien. Die Exinnerung an jenes bleiche eherne Heroenange— ſicht mit den tiefen ſternenfunkelnden Augen, die für ihn, für den Sohn, immer nur Blicke der ſtrahlenden Liebe und Zärtlichkeit gehabt. Die Erinnerung an jene allgewaltige mächtige Stimme, welche durch ganz Europa wie eine Drommete des Krieges dahin ge fahren war, aber für den Sohn ſich immer zu weichen Liebestönen geſänftigt hatte, und die noch jetzt zu weilen in der Stille der Nacht in ſeinen Träumen wie eine himmliſche Melodie vor ſeinem Ohr und ſeinem Herzen erklang. Aber wie geſagt, keine Klage, kein Seufzer ver rieth Denen, die ihn umgaben, das Geheimniß ſeiner Schmerzen, er trug es ſtill in ſeiner Bruſt, er pan zerte mit ihm ſein junges Herz, und machte ſich aus demſelben einen Schild, mit welchem er ſich ver— theidigte gegen alle die kleinliche Tücke und Erbärm— lichkeit der Welt. Dort alſo, auf dem geſchnitzten alterthümlichen Stuhl in der Fenſterniſche, dieſe kleine Geſtalt in der Uniform des öſterreichiſchen Soldaten, mit dem — 107 Kopfe eines Engels, das war der Sohn Napoleons, der Enkel des Kaiſers Franz. Sein blondgelocktes Haupt war zurückgelegt an die hohe Lehne des Stuhls, an dem oberhalb als Schmuck und Krone der öſterreichiſche Adler ſich ſpreizte und mit ſeinen ausgeſpannten doppelten Flügeln die weiße Stirn des Kindes beſchattete. Unweit von ihm, mehr in das Zimmer hinein ge wendet, ſtand eine Staffelei, auf welchem ein ange fangenes Bild ſich befand. Vor derſelben, die Palette in der Linken, die, rechte Hand mit dem Pinſel auf den Malſtock aufgeſtützt, ſtand der Maler Hummel, ein Mann zwiſchen vierzig und funfzig Jahren, von kräftiger ſchöner Geſtalt, mit einem Antlitz das von Muth, Entſchloſſenheit und Thatkraft ſtrahlte, und deſſen dunkle glänzende Augen blitzten in freudiger Energie. Er war ein Franzoſe von Geburt; in Paris hatte er zu den Zeiten des Kaiſerreichs ſeine Jünglingsjahre verlebt, unbeachtet indeſſen von dem Kaiſer, und ohne jegliche Verbindung mit dem Kaiſer hofe. Das hatte den Künſtler mißmuthig und ver ſtimmt gemacht, und er war ausgewandert nach Ita lien, nach dem Lande der Kunſt, wo ihm die Schweſter des Kaiſers, die ſchöne Eliſa Bacchiochi, eine glänzende 108 und ehrenvolle Stellung gab und nicht müde ward, ihre ſchöne und liebreizende Perſon von ſeiner kunſt⸗ fertigen Hand portraitiren zu laſſen. Seit dem Sturze des Kaiſers und ſeiner Familie befand ſich Hummel in Wien, wohin ihn, gleich ſo vielen andern Künſtlern, die Fürſtenpracht des Wiener Congreſſes gezogen, und wo er die hohe Gunſt er— fahren, einige Könige, Herzöge und Fürſten zu malen. Seitdem hatte er in Wien ſeinen bleibenden Auf— enthalt genommen, eifrig beſchäftigt mit ſeiner Kunſt, ohne irgend welche Verbindungen mit ſeinem frühern Vaterland, mit Frankreich, ein ſo vollkommen harm⸗ loſer Character, daß Graf Dietrichſtein daher auch ohne Bedenken der Laune des eigenſinnigen Künſtlers nachgegeben und eingewilligt hatte, daß der Maler die fünf erſten Sitzungen ohne Zeugen allein mit dem Herzog von Reichſtadt ſein durfte. Der Kaiſer indeſſen konnte, Dank ſeinen ſcharfen Augen, von ſeinem Standpunkt aus ganz gut das Portrait mit dem Original vergleichen, und er mußte geſtehen, daß dies Portrait nicht allein von ſprechen⸗ der Aehnlichkeit, ſondern auch ſchon außerordentlich weit vorgeſchritten ſei. Am Ende bin ich ganz vergebens hieher gekommen, 109 ſagte der Kaiſer zu ſich ſelber. Wie's mir ſcheint, war's nit blos ein Vorwand, ſondern der Maler iſt wirklich mit dem Portrait beſchäftigt, und es iſt blos eine Wichtigthuerei, daß er keine Zeugen leiden will. Das Portrait ſchaut aus, wie das Bürſchle ſelber, und ich,— aber halt, was iſt das? Sind da nit zwei Bilder auf der Staffelei? Ja, wahrhaftig, da zieht er jetzt hinter der Leinwand ein Blatt Papier hervor, und darauf iſt auch ein Portrait des kleinen Reichſtadt, aber ohne die öſterreichiſche Uniform, blos der Kopf, der aus Wolken hervorſchaut. Wie eifrig der Menſch malt! Am End' iſt's doch gut, daß ich hieher gekommen bin, und ich werd' vielleicht doch noch etwas Beſonderes erfahren! Na, jetzt endlich werden's auch ſprechen, und mir etwas zu hören geben. Und der Kaiſer neigte ſich vorwärts und legte ſein Haupt dicht an das Marmorgitter, um kein Wort, keinen Ton zu verlieren. Sie ſind müde, mein Prinz, ſagte Maler Hum mel, ruhen Sie ein wenig, damit Sie nachher deſto friſcher ſind. Kommen Sie, laſſen Sie uns ein wenig ſpielen. Sehen Sie, da liegen noch alle die Soldaten, mit denen Sie ſpielten, als ich kam. Wollen wir nicht jetzt Beide ein wenig mit ihnen exerciren?— 110 Das Kind ſchüttelte heftig das Lockenhaupt. Ich ſpiele nicht mit Koſacken, ſagte er trotzig, es ſind nicht meine Soldaten, ſondern ſie gehören meinem Vetter Franz, der ſie hieher gebracht hat, um mich zu ärgern. Wie denn, um Sie zu ärgern, Prinz? Ja, weil er weiß, daß ich die Koſacken verabſcheue.“ Wie, Sie verabſcheuen die Koſacken? Warum denn, mein Prinz? Haben Sie denn ſchon jemals lebende Koſacken geſehen? Ja, ich habe ſie geſehen, rief der Knabe lebhaft. Es waren ja Koſacken, die mich und meine Mutter damals in Frankreich bis an die Grenze escortirten. Und deshalb lieben Sie die Koſacken nicht? Nein, rief der Knabe, deshalb haſſe ich ſie. Denn die Koſacken ſind es geweſen, die mich von meinem Vater weggeführt haben. Aber ich werde mich eines Tages dafür rächen! Ich will Soldat werden, ich will nach Rußland gehen, ich will gegen alle Feinde meines Vaters kämpfen. Ich will mich tapfer ſchla gen, ich will Sturm laufen! Der Maler beeilte ſich, den ſtrahlenden Ausdruck und den leuchtenden Blitz, der jetzt in den Augen des Prinzen aufflammte, auf ſein Gemälde zu übertragen, 111 und während er eifrig weiter malte, war er bemüht, den Knaben in ſeiner Erregtheit zu erhalten. Sie wollen Sturm laufen, mein Prinz, ſagte er lächelnd. Aber Sie vergeſſen, daß Sie da den Bajo netten der Grenadiere begegnen werden, und daß dieſe Sie zurückſtoßen, ja wohl gar umbringen können! Wie denn, zurückſtoßen? rief das Kind, ſich hoch aufrichtend, und mit dem Ausdruck triumphirenden Stolzes fuhr er fort: werde ich denn nicht meinen Degen haben, um alle Bajonette auf die Seite zu ſchlagen?*) Gott gebe, daß Ihr Degen dieſe Kraft hat, rief — der Maler bewegt, Gott gebe, daß Sie alle Bajo nette bei Seite ſchlagen, und daß Ihr Vater dann noch lebt! Das Kind blickte ſich ſcheu und angſtvoll um, als fürchte es, irgend Jemand könne dieſe gefährlichen Worte vernommen haben. Sprechen Sie leiſe, ſagte er dann, man hat es hier nicht gern, wenn ich von meinem Vater, von dem Kaiſer ſpreche. Aber ich bitte Sie, erzählen Sie mir von ihm! Sie haben ihn gekannt, nicht wahr? *) Dieſe Unterredung enthält des Prinzen eigene Worte. Siehe: Montbel, pag. 79. 112 Ja, ich habe ihn gekannt, und ich bin gekommen, Ihnen von dem Kaiſer zu erzählen, ſagte der Maler raſch. Hören Sie mich an, mein Prinz. Ich habe gerade deshalb, weil ich Ihnen von Ihrem Vater er⸗ zählen wollte, die Bedingung geſtellt, daß ich die er— ſten fünf Sitzungen allein mit Ihnen ſein wollte. Ich mußte Sie prüfen, ich mußte im harmloſen Ge— ſpräch erſt erforſchen, ob Sie noch eine fromme Er⸗ innerung an Ihren großen Vater haben, oder ob man Sie gelehrt, ihn zu vergeſſen! Ihn vergeſſen, ſeufzte das Kind mit dem Ausdruck leidenſchaftlicher Innigkeit, meinen Vater vergeſſen! Nein, mein Herr, ich ſpreche niemals von ihm, aber ich denke an ihn, und wenn ich ſchlafe, ſehe ich ſeine großen Augen, die mich ſo freundlich, ach ſo freund⸗ lich anblicken, daß— Aber ſind Sie gewiß, daß Nie mand uns hört, mein Herr?⸗ Ich weiß, man horcht zuweilen, man beobachtet mich und darum bin ich oft ganz anders als ich ſein möchte. Warten Sie, mein Herr, ich will einmal nachſehen, ich mache das oft ſo! Und der Prinz glitt leiſe von ſeinem Stuhl nie⸗ der, ſchlich ſich mit unhörbaren Schritten über den Teppich nach der Thür des Nebengemaches hin, und riß dann dieſe Thür mit einem heftzgen Ruck auf. mur. ſchal wißt unſe wied wir zähl Ern müſ 113 Das iſt halt ein verwünſcht ſchlaues Bürſchle, murmelte der Kaiſer, ihm durch das Gitterwerk nach ſchauend. Hätt' nimmer geglaubt, daß der Bub' ſo mißtrauiſch wär'. Wollen uns das merken, und auf unſerer Huth ſein! Der Prinz kam jetzt mit fröhlichen Sprüngen wieder zurück. Es iſt wirklich Niemand da, ſagte er, wir ſind allein! Nun bitte ich Sie, mein Herr, er zählen Sie nun! Ja, mein Prinz, ſagte Hummel mit feierlichem Ernſt, ja, ich will Ihnen etwas erzählen, aber Sie müſſen Sich wieder da auf den Stuhl ſetzen, damit ich, während ich zu Ihnen ſpreche, malen kann. Der Knabe nahm eilig ſeinen Platz wieder ein. Mein Herr, ſagte er dann, jetzt erzählen Sie mir von meinem Vater! Prinz, ich will Ihnen nichts erzählen von ſeinen Heldenthaten und ſeinem Schlachtenruhm, ich will Ihnen nicht ſchildern, wie einſt Europa vor dem Stirnrunzeln des Kaiſers erzittert hat, und wie alle Kaiſer und Könige ſich vor ihm in den Staub beugten. Auch mein Großvater? fragte der Prinz raſch. Ja, auch Ihr Großvater, auch der Kaiſer von Oeſterreich! Mühlbach, Erzherzog Johann. I. 8 114 Ich mein', es wird doch beſſer ſein, den Herrn Maler nit wieder hierher kommen zu laſſen, ſagte Franz zu ſich ſelber, indem ſeine kaiſerlichen Augen ſich mit grimmigen Blicken auf den Maler hefteten. Soll mir niemals wieder ein Mitglied des Kaiſer— hauſes malen. Ja, fuhr der Maler fort, Ihr Großvater der beugte ſich am tiefſten in den Staub, denn er gab ſeinem Feinde, dem Kaiſer Napoleon, nachdem dieſer ihn beſiegt hatte, als Pfand ſeiner Verſöhnung ſeine eigene Tochter zur Gemahlin. Meine Mutter, flüſterte der Prinz, meine Mutter, welche meinen Vater verlaſſen hat, als er unglücklich ward, und welche auch mich— Mehr ſagte er nicht, aber ſeine Wangen erbleich ten, und ſeine großen blauen Augen ſchimmerten in einem feuchten, trüben Glanz. Sprechen Sie weiter, mein Herr, ſagte das Kind jetzt mit leiſer, bebender Stimme, ſprechen Sie weiter! Sie ſehen wohl, ich höre Sie, und ich verſtehe Sie! Ich ſagte Ihnen, mein Prinz, daß ich Ihnen nicht von den glänzenden Tagen des Kaiſers erzählen will, ſondern von den Tagen des jetzigen Unglücks und der Gef Frel haft Kaij 115 Gefangenſchaft, eine kleine Geſchichte, die mir ein Freund erzählt hat, der ſie ſelber erlebte. Der ſie ſelber erlebt hat? fragte der Prinz leb haft. Ach, ich möchte den Freund kennen! Ja, ich möchte ihn auch kennen, murmelte der Kaiſer in ſich hinein. Sie werden ihn kennen lernen, mein Prinz, ſagte der Maler. Hören Sie meine kleine Geſchichte. Aber zuerſt muß ich an Sie ſelber einige Fragen richten. Erinnern Sie Sich noch der Madame Marchand, mein Prinz? Meiner guten lieben Bonne, meiner Marchand, die mich von Paris hieher begleitet, die mir jeden Abend, wenn ich in meinem Bett lag und nicht ſchla fen wollte, von meinem Vater erzählt hat? Sie fra gen, mein Herr, ob ich mich meiner lieben Marchand erinnere? Sie glauben alſo, daß ich ſehr undankbar, ſehr ſchlecht, oder ſehr dumm bin, da Sie meinen, daß ich ſie vergeſſen könnte? Oh nein, mein Herr, ch habe meine Marchand nicht vergeſſen, denn ſie hat mich ſehr lieb gehabt, ſie hat mit mir gelacht und geweint, ſie hat mir von meinem Vater erzählt, und mich getröſtet und gepflegt. Als ich durchaus Deutſch lernen und ſprechen mußte, da hat ſie immer 8* 116 ganz leiſe mit mir franzöſiſch geſprochen, und als ſie mir hier meinen Namen und meine Titel genommen hatten, und ich gar nichts mehr ſein ſollte, nicht ein „mal der Erbprinz von Parma, während doch meine Mutter Herzogin von Parma iſt, da hat meine liebe Marchand allein mir meinen Namen und meine Titel gelaſſen, und mir geſagt, daß ich Napoleon, der König von Rom, bin, und daß ich ein Recht habe mich Ew. Majeſtät anreden zu laſſen, eben ſo gut, wie mein Großvater der Kaiſer. Nun, es iſt halt immer recht gut das zu wiſſen, ſagte der Kaiſer zu ln ſelber. Ich denk' wohl, die liebe Marchand wird den Herrn König von Rom nit ſehen dürfen, wenn's ihr wieder einfallen ſollt', nach Wien zu kommen. Und wiſſen Sie auch, mein Prinz, fragte der Maler, wiſſen Sie, weshalb man die treue Pflegerin und Freundin von Ihrer Seite genommen hat? Nein, mein Herr, das weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß ich viele Nächte lang heimlich geweint habe, weil ich mich ſo ſehr nach meiner lieben Marchand ſehnte. Aber ich habe mir nichts merken laſſen, ich habe zu Niemanden geklagt, mein Herr, denn ich dachte, es könnte ihnen vielleicht Freude machen, zu wiſ ich Kör 117 wiſſen, daß ich mich um meine liebe Marchand grämte, ich dachte, ſie könnten mich verſpotten, weil ich, ein König, mich um meine Bonne grämte. Ich will es Ihnen ſagen, Prinz, weshalb man die gute Marchand von Ihnen getrennt hat. Weil ſie Ihnen eines Tages eine Haarlocke abgeſchnitten hatte, und weil ſie dieſe Haarlocke in ein Papier ein⸗ gewickelt hatte, auf welchem Sie, mein Prinz, einige Worte geſchrieben hatten. Der Knabe ſchrak zuſammen, und alles Blut wich aus ſeinen Wangen. Mein Gott, Sie wiſſen das? flüſterte er mit bebenden Lippen. Ich habe es in— deſſen Niemanden erzählt, und Niemand war dabei außer meiner lieben Marchand, Niemand außer ihr hat es geſehen. Doch, Prinz, Gott hat es geſehen, Gott ſchaute nieder zu dem guten und zärtlichen Sohn, der in— mitten der Feinde ſeines Vaters dennoch ihn liebte, und an ihn dachte! Können Sie mir noch die Worte wiederholen, welche Sie auf jenes Papier geſchrieben? Der Prinz wandte ſeine großen blauen Augen mit einem ſchnellen, mißtrauiſchen Blick auf den Maler hin. Dieſer Blick ſchien in dem Antlitz deſſelben er— forſchen zu wollen, ob er vielleicht auch zu den 118 Spionen und Aufpaſſern gehörte, welche den Prinzen umgaben, ob er vielleicht ihm unter der Maske der Vertraulichkeit nur ſeine Geheimniſſe und Gedanken ablauſchen wolle. Sie antworten mir nicht, mein Prinz? fragte der Maler. Sie wollen mir nicht ſagen, was Sie der Madame Marchand auf jenes Papier geſchrieben? Die Augen des Knaben ruhten noch immer auf ihm mit mißtrauiſchen düſtern Blicken. Mein Herr, ſagte er ſtolz und ernſt, mein Herr, es iſt ein Geheimniß, und ich habe geſchworen, es niemals zu verrathen. Und Sie ſollen Ihren Schwur nicht brechen, Durchlaucht, rief der Maler, indem er ſich ehrfurchts voll verneigte vor dieſem Kinde, das ſchon, trotz ſeiner acht Jahre, den Ernſt und die Feſtigkeit eines Mannes beſaß. Nein, Sie ſollen Ihren Schwur nicht brechen. Ich will es Ew. Durchlaucht ſagen, was Sie auf jenes Papier geſchrieben haben. Das Kind warf einen langen angſtvollen Blick durch das weite Gemach. Sprechen Sie leiſe, flüſterte er, oh ſprechen Sie leiſe! Man ſollt' wahrhaftig meinen, er wüßt', daß ich hier bin und Alles hören kann, brummte der Kaiſer. Es ihm behe ſte die 119 Es iſt als ob das Lamm den Adler fühlt, der über ihm ſchwebt. Und diesmal, fuhr der Kaiſer mit einem behaglichen Lächeln fort, diesmal iſt's noch dazu der öſterreichiſche Doppeladler! Hören Sie, mein Prinz, ſagte der Maler, hören Sie, was Sie auf jenes Papier geſchrieben hatten!— Sie hatten geſchrieben: Mon père, je vous aime de tout mon coeur, je pense toujours à vous, et je serai toujours votre fils bien aimé, le petit Roi de Rome.— Nicht wahr, das waren die Worte, welche Madame Marchand Ihnen dictirt hatte? Ja, mein Herr, flüſterte der Knabe, das waren die Worte, welche ich auf das Papier ſchrieb. Aber es waren doch nur die Worte, welche Ma dame Marchand Ihnen dictirt und bei welchen ſie Ihnen ein wenig die Hand geführt hatte. Schrieben Ew. Durchlaucht aber nicht noch mehr auf das Papier? Ich weiß nicht, ſagte der Prinz verwirrt, ich habe es vielleicht vergeſſen. Nein, Durchlaucht, Sie haben es nicht vergeſſen, und Sie ſollen ſehen, daß ich die Worte auch nicht vergeſſen habe. Nachdem Madame Marchand Sie jene andern Worte hatte ſchreiben laſſen und Ihnen die Hand dabei geführt hatte, legte ſie die Feder — 120 wieder hin und wollte das Papier zuſammenfalten. Sie aber nahmen es ihr fort und mit gebieteriſcher Stimme riefen Sie: ich will noch etwas ſchreiben, aber Niemand ſoll es mir vorſagen und Niemand ſoll mir die Hand dabei führen. Ich will es ganz allein ſchreiben. Gehen Sie, Marchand, gehen Sie ganz fort von dem Tiſch; wenn ich fertig bin, werde ich Sie rufen. Die gute Marchand zog ſich in die Fenſterniſche zurück und ſchaute alſo nur von fern Ihnen zu, wie Sie mit glühenden Wangen und laut ſeufzend und ächzend Ihre Buchſtaben auf das Pa⸗ pier ſetzten. Es ward mir damals noch ſehr ſchwer zu ſchreiben, ſagte der Prinz lächelnd, ich hatte erſt vor kurzer Zeit es erlernt. 2 Und es dauerte daher auch eine geraume Zeit, ehe Sie die gute Marchand riefen, daß ſie Ihr Geſchrie⸗ benes leſen ſollte. Aber obwohl das, was Sie ge— ſchrieben, mit ſehr unſichern großen Lettern geſchrieben war, und obwohl ſich hier und da auch einige ortho⸗ graphiſche Fehler eingeſchlichen hatten, ſo konnte die gute Marchand es doch ganz gut entziffern.— Sie hatten geſchrieben:„Attendez moi, mon père. Un jour le petit Roi de Rome viendra chercher son 1 ☚ 121 père Napoleon le grand.“ Nicht wahr, mein Prinz, Sie erinnern ſich? Ja, mein Herr, rief der Knabe mit Thränen in den Augen, ich ſehe wohl, daß Sie Alles wiſſen. Ich geſtehe es daher zu, ich erinnere mich. Ich habe das geſchrieben. Ach, ich habe aber nicht Wort halten können, ich habe nicht zu ihm hineilen können. Mein Gott, ich bin noch ſo klein und ſie bewachen mich hier ſo ſehr. Aber wenn ich erwachſen bin, ſo— er ver— ſtummte mitten in ſeinem angefangenen Satz; das Mißtrauen legte augenblicklich ſeiner gluthvollen Be⸗ geiſterung die Zügel an und er athmete tief auf, wie ein feuriges Roß, das mitten im kühnen Lauf zum Stillſtand gezwungen wird. Mein Herr, ſagte er nach einer Pauſe, da das Geheimniß jenes Papiers kennen, ſo wiſſen vielleicht auch, was daraus geworden iſt, ob der Kaiſer, mein Vater, es auch wirklich erhalten hat? Ich habe niemals davon etwas erfahren, degn eines Tages ward mir meine liebe Marchand plötzlich fortgenommen, man befahl ihr, ſofort nach Frankreich abzureiſen, und nur in Gegenwart meines Herrn Gouverneurs, des Grafen Dietrichſtein, durfte ſie mir Lebewohl ſagen. Seitdem habe ich nichts von ihr gehört, nicht ein einziges Mal 122 hat ſie mir geſchrieben. Sie wird mich wohl vergeſſen haben, wie es Alle thun, die in dem ſchönen Frank reich leben! Nein, Durchlaucht, die treue Marchand hat ihren geliebten König von Rom nicht vergeſſen, ſie denkt täglich an ihn, ſie ſendet ihm durch mich ihre zärt⸗ lichen und ehrerbietigen Grüße und würde ſehr glück⸗ lich ſein, wenn Ew. Durchlaucht ihr ein Zeichen Ihres Wohlwollens und Ihrer Liebe durch mich überſenden wollten. Das Kind ſprang auf, nahm eine auf dem Tiſche liegende Scheere, faßte eine ſeiner langen Locken und ſchnitt ſie raſch und haſtig ab. Da, ſagte er mit ſtrahlenden Augen, dem Maler die Locke darreichend, da, ſchicken Sie das meiner lieben Marchand und grüßen Sie ſie von mir. Es wird halt beſſer ſein, ihm das Haar abzu ſchneiden und es ihn ganz kurz tragen zu laſſen, brummte der Kaiſer in ſeiner Loge. Der Burſch hat ja eine wahre Paſſion, Locken zu vertheilen, und wenn's ſo fortgeht, werden ſeine blonden Locken dem revolutionnairen Geſindel in Frankreich zuletzt noch als Fahne dienen. Wir werden's ändern, ja, wahr haftig, wir werden's ändern! 123 Und jetzt erzählen Sie mir, ob mein Vater das Papier und die Locke bekommen hat, rief der Prinz lebhaft, und ſagen Sie mir auch, wer es ihm über bracht hat. Mein Prinz, erlauben Sie mir, Ihnen zuerſt die letztere Frage zu beantworten und Ihnen zu ſagen, wer beauftragt war, die Locke und das Papier nach St. Helena zu bringen. Nachdem der Kaiſer Napo leon nach St. Helena abgeſegelt war, beſchloſſen die Großmächte, daß jede von ihnen einen Kommiſſair ernenne, der ſich im Auftrag ſeiner Regierung nach St. Helena begeben ſolle, und daß dieſe Kommiſſaire von Oeſterreich, Preußen und Rußland, obwohl Eng land die alleinige Ueberwachung des Gefangenen über nommen hatte, ſich doch auch täglich von der Gegen wart des Kaiſers überzeugen ſollten. Die Großmächte hatten alſo, obwohl mein Vater ganz allein, ohne Armee und ohne Leibwachen war, doch noch immer große Angſt vor ihm? fragte der Knabe ſtolz Ja, mein Prinz, ſie hatten Angſt vor dem gefeſ ſelten Löwen, denn ſie wußten, daß, wenn es ihm ge länge, ſeine Ketten zu zerreißen und nach Frankreich zurückzukehren, ganz Frankreich ihn jubelnd willkommen 124 heißen und der Völkerkrieg auf's Neue entbrennen ſender würde. Deshalb ſandten ſie ihre Kommiſſaire nach einige Helena, damit dieſe in der Stille den Kaiſer über⸗ antret wachen ſollten, wie England es öffentlich that. Der iigen Kaiſer von Oeſterreich ernannte zu ſeinem Kommiſſair Dieſe den Baron von Stürmer. Dieſer erhielt vom Fürſten dame Metternich die Weiſung, ſich in gar keine Verbindung Und mit den Franzoſen einzulaſſen, mit keinem derſelben in ihm irgend eine Beziehung zu treten, ſondern dem eng⸗ Sohr liſchen Gouverneur die Kontrole über alle Franzoſen Nar zu überlaſſen und ihm dieſelbe auf keine Weiſe zu dge erſchweren. Als das Schiff bereits ſegelfertig war, 20h ſchlug der im Hauptquartier in Paris befindliche be⸗ din rühmte Gelehrte Alexander von Humboldt dem Kaiſer ha von Oeſterreich vor, in dem Gefolge ſeines Kommiſ⸗ Ur ſairs doch auch einen Botaniker nach St. Helena zu 1 ſenden, der die Pflanzen der Inſel unterſuchen und Pac eine Sammlung ihrer ſeltenen Species nach Europa nh mit heim bringen könne. Der Kaiſer Franz, der be⸗ ge kanntlich die Botanik ſehr liebt, nahm dieſen Vorſchlag nn an und ſandte ſofort einen Courier nach Wien an ſeinen Hofgärtner in Schönbrunn, den Herrn Boos, d mit dem Befehl, einen jungen wiſſenſchaftlich gebildeten Gärtner und Botaniker in das Hauptquartier zu 4 6 125 ſenden, woſelbſt er ſich mit Herrn von Stürmer ver einigen und mit dieſem die Reiſe nach St. Helena antreten ſollte. Herr Boos beſtimmte zu dieſer wich tigen Sendung ſeinen Adjuncten, den Herrn Welle. Dieſer ſchickte ſich alſo zur Reiſe an, und da er Ma dame Marchand in Schönbrunn oft und viel geſehen und ſich mit ihr befreundet hatte, fragte er ſie, ob ſie ihm vielleicht einen Auftrag, eine Beſorgung an ihren Sohn, den Kammerdiener Napoleons, mitzugeben habe? Madame Marchand bat Herrn Welle, ihm andern Tages das überbringen zu dürfen, was ſie ihrem Sohn zu ſenden wünſchte, und Herr Welle willigte ein. Am andern Tage nun übergab Madame Mar chand ihm einen Brief und ein kleines Packet, und mit Thränen in den Augen beſchwor ſie Herrn Welle, ihr zu geloben, daß er dieſen Brief und dieſes kleine Packet vor Jedermann als ein tiefes Geheimniß be wahren und es Niemand zeigen, es an Niemand über geben wolle, außer an ihren Sohn auf St. Helena, und dieſem auch nur ohne Zeugen. Und gelobte es ihr Herr Welle? fragte der Prinz lebhaft. Ja, er gelobte es ihr und er hielt ſeinen Schwur. Er ſagte Niemanden von dem kleinen Packet, das er 126 beſtändig in einem ledernen Beutelchen verborgen auf ſeiner Bruſt trug, ja, als Herr von Stürmer vor „der Landung auf St. Helena alle ſeine Begleiter auf⸗ forderte, ihm ſämmtliche Briefe und Packete zu über— geben, welche man ihnen zur Beſorgung an die Fran⸗ zoſen mitgegeben, als er ſagte, daß es ſeine Pflicht ſei, alle dieſe Dinge an den engliſchen Gouverneur abzuliefern, der ſie aber pünktlich den Franzoſen aus liefern werde, da hatte Herr Welle, eingedenk ſeines geleiſteten Verſprechens, dennoch den Muth, ſeinen Brief und ſein kleines Packet zu verſchweigen und es nicht an Herrn von Stürmer auszuliefern. So ge⸗ langte denn dies Packet glücklich nach Helena, und Sie haben es wohl ſchon errathen, Durchlaucht, dies Packet enthielt die Haarlocke, welche Madame Maychand Ihnen abgeſchnitten, und in dem Brief an ihren Sohn befand ſich das Papier, auf welches Sie jene Zeilen geſchrieben. Ah, Herr Welle war ein ſehr braver Mann, rief der Knabe mit freudeſtrahlenden Augen, es war ſehr ſchön von ihm, daß er ſein Wort getreulich hielt und das Geheimniß nicht verrieth. Aber gelang es ihm denn auch, das Packet unbemerkt in die Hände des Herrn Marchand zu bringen? D Ja, Durchlaucht, es gelang ihm, und jetzt erlauben Sie mang einer 127 Sie mir, Ihnen eine kleine Skizze vorzuleſen, welche man mir von St. Helena zugeſandt hat und welche einer der treuen Begleiter des Kaiſers für den Sohn des Gefangenen von St. Helena aufgeſchrieben hat. Wollen Sie ſie hören, Durchlaucht? * Ja, ich will ſie hören, ſagte das Kind mit zittern der Stimme. Leſen Sie, mein Herr, leſen Sie! Nun, das wird ja halt recht intereſſant werden, flüſterte der Kaiſer in ſich hinein. Bin neugierig, ob ich auch recht gerührt bei der Lectüre ſein werde. Hören wir alſo! Der Maler hatte indeſſen Pinſel und Palette fort gelegt, ein Blatt Papier aus ſeinem Buſen hervorge zogen und jetzt mit leiſer halbgedämpfter Stimme be gonnen zu leſen. VI. Eine Perle in der Wüſte des Meeres. Die Wogen ſchlugen ſchäumend und mit wildem Donnern an die hoch und ſchroff aus dem Meer auf ſteigenden dunkelgrauen Felſen. Ueber ihren Gipfeln brauſten wilde Möwen mit lautem Geſchrei, und hoch oben auf der höchſten Felsſpitze, welche ſchlank und unerreichbar wie der Finger Gottes zum Himmel hin auf zeigte, ſtand in ſeinem Neſt ein Adler und ſchien mit leuchtendem Feuerblick hinunter zu ſchauen auf die niedrigern Felſen zu ſeinen Füßen, auf die breite einſame Felſenplatte, welche er verachtete, weil ſie dem menſchlichen Fuß erreichbar war. Dieſe Felſen platte indeß war heute einſam und leer, kein Menſch weilte auf derſelben, kein Geräuſch unterbrach die Todesſtille, kein anderes Geräuſch, als das Donnern 129 der Brandung, als das Gekreiſch der Möwen, der Aufſchrei des Adlers, der ſeine Jungen, die in den Lüften kreiſen, zum Felſen zurückruft. Auf der Felſenplatte iſt Alles noch einſam und leer, Niemand iſt noch die gebrechliche, kunſtlos in den Felſen gehauene Treppe herauf geklettert, um da oben auszuruhen auf der ſteinernen Bank, welche die Natur ſelber für den Müden und Schwerbeladenen hier oben gebaut hat. Doch, jetzt regt ſich etwas, ein rother Punct wird auf der Felſentreppe ſichtbar. Er klimmt höher, immer höher hinauf, er wird größer, und gewinnt Form und Umriß. Der Adler duckt plötz lich ſein Haupt tiefer in's Neſt, die Möwen fliegen von dannen, ſcheu, als hätten ſie, ſo wie der Adler, dieſe rothe Geſtalt erkannt, welche da oben auf der Felſenplatte erſcheint. Dieſe rothe Geſtalt, ſie gehört einem engliſchen Soldaten an, es iſt eine Schildwacht des Sir Hudſon Lowe, des Gefangenwärters von St. Helena. Mit geſchultertem Gewehr, mit düſtern Mie nen geht der Soldat langſamen, gemeſſenen Schrittes auf der Felſenplatte auf und ab, zuweilen ſteht er ſtill, ſchaut mit ſtumpfem Blick über die wogende Meereswüſte hin, und ſummt leiſe vor ſich hin ein Lied aus der Heimath. Mühlbach, Erzberzog Johann. I 9 130 Jetzt aber verſtummt er wieder und wendet hor— chend, mit ſcharfem Blick, das Haupt nach jener Seite hin, wo die Felſentreppe hinabführt nach Longwood. Ja, er hat ſich nicht geirrt, es nahen Menſchenſchritte, vielleicht iſt Er es, der da kommt! Der Soldat geht raſch über die Platte hin, und verliert ſich dort drüben hinter der Felſenwand, dicht neben der zweiten Felſentreppe, die hinabführt nach der Hauptſtadt, der Inſel. Der Gefangene von St. Helena hat ſeinen erſten traurigen Sieg auf ſeinem Prometheusfelſen errungen, er hat ſich lange und energiſch geweigert, jemals ſeinen traurigen hölzernen Palaſt zu verlaſſen, wenn man ihn mit dem Anblick von engliſchen Wachtpoſten und Schildwachen beläſtige, er hat ſeine Weigerung durch die That bekräftigt und aller Bitten ſeiner Getreuen unerachtet, hat er vier⸗ zehn Tage lang ſein Gemach nicht verlaſſen. Sir Hudſon Lowe hat ſich endlich beunruhigt gefühlt von dieſer Hartnäckigkeit des Gefangenen, und da der Arzt ihm geſagt, daß„der Kaiſer“, ſein erhabener Herr, ſchon jetzt leidend ſei, daß er unfehlbar erkranken würde, wenn er noch länger der friſchen Luft ent⸗ behre, hat ſein Kerkermeiſter endlich aufgegeben, und dem„General Bonaparte“ anzeigen laſſen, daß er . —, 00 — von jetzt an ungehindert ſeine Spaziergänge wieder machen könne, denn Se. Excellenz der Herr Gouver⸗ neur Hudſon Lowe würde den General Bonaparte nicht länger von Wachtpoſten escortiren laſſen, und er würde Sorge tragen, daß die nothwendigen Schild⸗ wachten ihm nicht zu nahe kommen könnten. Es war, wie geſagt, der erſte traurige Sieg, den der gefeſſelte Prometheus über ſeinen Kerkermeiſter errungen, und heute war der erſte Tag, wo er die Vortheile dieſes Sieges genießen wollte, heute wollte der Kaiſer wieder ſeinen erſten Spaziergang machen. Das wußte Sir Hudſon Lowe, und darum hatte er die Schildwacht auf die Felſenplatte poſtirt, darum aber auch hatte er ihr befohlen, ſich hinter dem Fel— ſen neben der Treppe aufzuſtellen, und dort zu blei ben, ſo lange der General Bonaparte auf der Felſen⸗ platte verweile. Die Schildwacht, gehorſam den erhaltenen Be fehlen, trat alſo hinter den Felſen, als ſie Schritte auf der Felſentreppe von Longwood hörte. Wieder ward Alles ſtill auf der Felſenplatte, die Möwen kehrten zurück und umkreiſten mit wildem Gekrächze den Felſen, der Adler reckte ſich höher empor und lehrte ſeine heimgekehrten Jungen den 9* 132 ſcharfen durchdringenden Schrei, der eine Warnung vor nahender Gefahr bedeutet, die Wogen brauſten, vom gehenden Winde gepeitſcht, mit höherm Donner an den Felſen an, daß die Brandung einzelne Schaum perlen ſogar hinaufſchmetterte bis auf die Felſenplatte, aber jetzt auf einmal,— was hebt ſich da drüben über der letzten aufwärtsführenden Treppe hervor? 1 Ein Menſchenantlitz iſt's, ein bleiches, ernſtes Menſchenantlitz! Jetzt auch wird die Geſtalt ſichtbar, die kleine gedrungene Geſtalt in der Uniform der franzöſiſchen Chaſſeurs, die kleine Geſtalt des großen Mannes! Er ſchreitet hinauf auf die Felſenplatte; die Hände auf dem Rücken gefaltet geht er langſam bis an den äußerſten Rand derſelben, ſo nahe zu dem Abgrund hin, daß die Schildwacht, die verſtohlen hinter dem Felſenpfeiler hervorſchaut, faſt ſchon im Begriff iſt, hervorzuſtürzen, um den Gefangenen mit Gewalt von dem Abgrund zurück zu ziehen. Aber wie er ſieht, daß der General ſelber jetzt langſam einen Schritt zurücktritt, verſchwindet ſein erſchrecktes Antlitz wieder hinter dem Felſen. Unbeweglich, ſtarr wie die Natur ſeiner Selber, die trauernde Natur ſeines Ruhmes, ſo ſteht der 7 ſeir lich an 133 Kaiſer da am Rande des Abgrundes. Seine großen düſtern Augen ſchauen weit hin über die toſende Meeresfläche, in ſeinen Augen iſt auch ein tiefer un⸗ durchdringlicher Abgrund, ein Abgrund der Schmerzen. Kein Zug ſeines bleichen düſtern Antlitzes verräth ſeine innere Qual, ehern iſt es, und ſtarr, wie das Haupt eines der großen römiſchen Kaiſer auf den bronzenen Münzen. Einmal hebt er den düſtern und doch flammenden Blick empor zum Himmel, hinauf zum Horſt des Adlers, ein tiefer ſchmerzvoller Seufzer entringt ſich ſeiner Bruſt und leiſe murmelt er zwiſchen den ſchmerz⸗ lich zuckenden Lippen hervor: warum ſteigt er nicht hernieder meine Bruſt zu zerfleiſchen, da ich doch an⸗ geſchmiedet bin? Dann, als könnt' er den Anblick des Adlers, des freien ſtolzen Königs der Lüfte, nicht ertragen, dann läßt er langſam den Blick niederſinken, tritt zurück von dem Abgrund, geht langſam nach der Felſenbank hin, ſinkt nieder auf dieſelbe und lehnt ſein Haupt zurück an die Felswand, die hinter dem ſteinernen Sitz emporragt. Die Natur ſelber ſcheint auf Einmal den Athem anzuhalten, zu lauſchen, als möchte ſie den in düſtere 134 Schmerzenseinſamkeit Verſunkenen nicht ſtören. Der toſende Wind verſtummt einen Moment, die Wogen ſchlagen leiſer an den Felſen, und Adler und Möwen ſitzen lautlos und ſtill auf den Felſenzacken. Der gefangene Kaiſer läßt ſein Haupt tiefer auf ſeine Bruſt ſinken, und mit weit geöffneten Augen ſtarrt er vor ſich hin. Aber was er da innen in ſeiner Seele erſchaut, das iſt ſo düſter und ſchmerz⸗ voll, daß er's nicht ertragen mag. Haſtig hebt er ſich wieder empor von dem Felſenſitz, richtet ſtolz ſich auf und ſchüttelt ſein Haupt, als wollt' er die Gedanken, die ihn martern, hinweg ſcheuchen, wie der Löwe mit einem Schütteln ſeiner Mähnen die Inſekten verjagt, die ſein Haupt umkreiſen. Auch er möchte ihnen ent— fliehen, den Inſekten der Trübſal, die mit giftigem Stachel ſeine Stirn verwunden, dieſe Stirn, vor deren düſterm Grollen einſt ganz Europa bebte, vor der alle Fürſten in den Staub ſanken, und anbeteten, während die entſetzten Völker wehklagten und ſich ver⸗ bluteten. Seinen Gedanken möchte er entfliehen, und den nagenden Schmerzen ſeiner Erinnerungen, Er, Oreſtes und Prometheus in Einer Geſtalt, verfolgt von den Erinnyen und doch an den Felſen geſchmiedet, jede Stu Stunde eine Qual, jede Erinnerung an die Vergan⸗ genheit ein Gifttropfen in den bittern Kelch der Ge— genwart! Raſch geht er jetzt über die Felſenplatte hin, und in der tiefen Stille der Einſamkeit hallt ſein Schritt mächtig laut, raſch geht er über die Felſenplatte hin, und nähert ſich der Felſentreppe, welche hinabführt nach Jamestown. Schon betritt faſt ſein Fuß die erſte der Stufen, da ſchreitet mit trotzigem Geſicht die Schildwacht hinter dem Pfeiler hervor. Defended way! ſchreit ſie mit donnernder Stimme, daß es kreiſchend und drohend wiederhallt in den Fel⸗ ſenklüften: Defended way, daß es wie ſchmerzliche Seufzer lange noch nachzittert: Defended way, daß die Wogen da unten murmelnd und ſtaunend einander erzählen von dem neuen Prometheus da droben auf der Felſenhöh', der einſt ein mächtiger Kaiſer wär, vor welchem Europa zitterte, und dem jetzt eine ein— zelne engliſche Schildwacht den Weg verbieten kann, den er wandeln will. Defended way! ſchreit der Soldat noch einmal. Der Kaiſer ſcheint ihn weder geſehen noch gehört zu haben. Kein Blick ſeiner ſtolzen Augen trifft ihn, kein Wort des Unmuths oder des Zorns giebt ihm 136 Erwiderung. Langſam wendet der Kaiſer ſich um und wandelt ſtill und ſinnend wieder die Felſenplatte entlang. Da hört man raſche, eilige Schritte auf der Felſen⸗ treppe von Longwood; der Kaiſer, deſſen ſcharfes Ohr ſie vernommen, blickt aufhorchend hin und fährt ſich raſch mit der Hand über die bleiche Stirn, als wollte er die Wolken verjagen in ſein Herz hinein, damit Niemand ſie zu ſehen vermöchte. Jetzt wird über dem Abhang wieder ein Menſchen⸗ antlitz ſichtbar, ein erregtes, lächelndes Menſchenantlitz. Der Kaiſer ſtutzt und ſchaut verwundert Jenem zu, der jetzt ſich tief und ehrfurchtsvoll vor ihm ver⸗ neigt, als begrüßte er den Kaiſer in den goldenen Sälen von Verſailles. Wie, Marchand, was giebt's? fragt der Kaiſer raſch. Es muß etwas ſehr Ungewohntes, Unerhörtes geſchehen ſein, denn ich ſehe, was ich auf St. Helena noch niemals geſehen habe, ich ſehe ein lächelndes Ge— ſicht. Was giebt's denn? Oh, Sire, ſagt Marchand, auf einen Wink ſeines Gebieters ihm näher tretend, oh, Sire, ich habe Ew. Majeſtät wirklich eine Freude zu verkünden. G den . d nich einzu men hinal mach ——— Eine Freude? Mir? fragt er mit einem ſtaunen⸗ den Blick. Ja, Ew. Majeſtät! Ich war eben im Begriff, mich hieher zu begeben, um die Befehle Ew. Majeſtät einzuholen, ob die Herren Generäle hier herauf kom⸗ men ſollen, oder ob Ew. Majeſtät geruhen wollen, hinabzuſteigen, um mit ihnen einen Spazierritt zu machen, da begegnet mir unweit von hier einer der Herren, die im Gefolge des Barons von Stürmer vor einigen Tagen hier gelandet ſind. Ein Oeſterreicher alſo, ſagt der Kaiſer mit raſchem Stirnrunzeln. Ja, Sire, ein Oeſterreicher, ein Wiener ſogar. Es iſt ein junger Botaniker, Namens Welle, der die Pflanzen der Inſel ſtudiren ſoll. Er iſt bisher in den Gärten von Schönbrunn geweſen und er kennt meine Mutter. Der Kaiſer hebt raſcher das Haupt empor, ein leiſes Zittern durchbebt ſeine Geſtalt, wie die Mem— nonsſäule bebt, wenn der erſte Strahl der Sonne ſie getroffen, und wie im Strahl der Sonne leuchtet auch ſein Antlitz auf. Marchand, fragt er leiſe, Marchand, kennt er auch meinen Sohn? ——yy 138 Ja, Sire, er kennt auch den König von Rom! Und er bringt mir Grüße von ihm? Mehr als das, Sire! Er hat mir ein kleines Packet und einen Brief übergeben, einen Brief von meiner Mutter. Oh, Du Glücklicher, murmelt der Kaiſer, glücklicher Sohn! Man denkt an Dich in Wien, Du haſt da ein Weſen, welches Dich liebt! Sire, man denkt auch an Sie in Wien! In dem Briefe meiner Mutter war noch ein anderes Papier, dies iſt an Ew. Majeſtät gerichtet, und auch das kleine Packet, welches ich erhielt, gehört Ew. Majeſtät. Was iſt's, Marchand? Gieb her, oh gieb her! ruft der Kaiſer, ihm beide Hände entgegenſtreckend. Sire, hier iſt das kleine Packet. Es enthält eine Haarlocke vom König von Rom. Von meinem Sohn? ruft der Kaiſer freudig. Und hier dies Papier, es iſt ein Brief vom König von Rom. Der Kaiſer reißt beides ſtürmiſch an ſich; zuerſt faltet er das Papier auseinander, und wie er die glänzende blonde Locke erſchaut, da hebt er ſie raſch empor und drückt ſie an ſeine Lippen, ſo feſt, ſo glühend, als wär's das Haupt ſeines Sohnes ſelber, wele imm ause geſch ſein welches er ſegnet mit dieſem Kuß. Dann, die Locke immer noch in der Hand haltend, faltet er das Papier auseinander, will er die Worte leſen, welche ſein Sohn geſchrieben. Aber er vermag es nicht! Es iſt ſo dunkel vor ſeinen Augen, das Papier zittert ſo ſehr in ſeinen Händen, er vermag's nicht zu leſen! Mit beiden Händen faßt er das Papier und legt es über ſein Angeſicht, als wolle er den Duft von dem Athem ſeines Kindes einhauchen, als wolle er wie mit einem heiligen Schleier gegen die ganze Außenwelt ſich ver⸗ hüllen mit dieſem Papier, auf dem die Hand ſeines Kindes geruht. Hinter ihm ſteht Marchand, weinend wie ein Kind, da er ſeinen Kaiſer ſo bewegt, ſeine Geſtalt ſo ſchwan— kend ſieht, wie eine vom Sturm bewegte Eiche. Weder der Kaiſer, noch ſein treuer Diener haben es bemerkt, daß die Schildwacht hinter dem Felſen hervorgetreten iſt und es geſehen hat, wie Marchand dem Kaiſer das Papier übergab, weder der Kaiſer noch Marchand haben den krächzenden Schrei vernom⸗ men, den der Soldat ausſtieß, als er wieder hinter den Felſen zurücktrat. Aber dieſer Schrei findet unten im Thal ein lautes Echo, wie eine unſichtbare Schlange 140 ringelt er ſich weiter von Poſten zu Poſten und dringt ein in das Gemach Sir Hudſon Lowe's, daß der ſchreiend aufſpringt und hinausſtürzt, ſeine Adjutanten ruft und mit ihnen haſtigen Schrittes dahin ſtürzt auf dem Weg nach der Felſenplatte. Der Kaiſer, wie geſagt, hat nichts davon bemerkt und auch Marchand nicht. Der achtet nur auf ſeinen Gebieter, ſieht nur ihn mit ſeinen thränengefüllten Augen, und der Kaiſer, der ſieht nur die blonde Locke, die er in der Hand hält, und das Papier mit den Zeilen, welche die Hand des Königs von Rom ge⸗ ſchrieben hat, die Hand ſeines Sohnes! Mit der Macht ſeines Willens hat er die Thränen aus ſeinen Augen zurückgedrängt, denn die Thränen, ſie würden ihn am Leſen gehindert haben, und er muß, er will leſen, was ihm ſein Sohn geſchrie⸗ ben hat. Jetzt lieſt er ſtrahlenden Auges die erſten Zeilen, dieſe Zeilen, welche Madame Marchand dem König von Rom dictirt, bei welchen ſie ihm die Hand ge⸗ führt hat, und ein glückliches Lächeln umſpielt des Kaiſers Lippen, aber dann, als er jene Zeilen lieſt, welche ſein Sohn allein und nur der Eingebung ſeines Herzens folgend geſchrieben, dann bebt ſeine Lippe, ————,——— ———————·——— dann hin. Sch. ſie o pelg den über müh Lieb dieti wied bap ſein lich Wa Thr wei n 7 141 dann zieht ein glühendes Roth über ſeine Wangen hin. Das Vaterherz hat dieſe ſteifen ungelenken Schriftzüge ſeines Kindes nicht allein geleſen, ſondern ſie auch verſtanden, es hat mit dem ſchauenden Dop pelgeſicht der Liebe die ganze Situation begriffen, hat den Sohn geſehen, wie er, das blonde Lockenhaupt über das Papier geneigt, mit ſeiner kleinen Hand mühſam und doch freudig beſeelt von der Treue ſeiner Liebe, jene Zeilen geſchrieben, welche ſein Herz ihm dictirt, welche wie ein Sehnſuchtsſchrei ſeiner Seele wiedertönen in dem Herzen des Vaters! Und der Kaiſer neigt das Haupt tiefer auf das Papier, lautes krampfhaftes Schluchzen dringt aus ſeiner Bruſt hervor, Bäche von Thränen ſtürzen plötz lich aus ſeinen Augen und rollen langſam über ſeine Wangen nieder. Er ſchämt ſich ihrer nicht, dieſer Thränen, welche nicht der Kaiſer, ſondern der Vater weint. Jetzt, da er Geräuſch hinter ſich hört, jetzt wendet der Kaiſer ſich um. Hinter ihm ſtehen ſeine Getreuen, die Gefährten ſeines Unglücks, die ihm freudig gefolgt — ſind in die Verbannung, in die Oede, und die jetzt hieher gekommen ſind, ihn hinabzuholen nach Longwood. 142 Es ſind die Generäle Gourgaud und Bertrand, und der Graf Las Caſes. Der Kaiſer ſchaut ſie an mit einem Blick, der trotz der Thränen leuchtet wie Sonnenglanz. Kommt hierher, meine Freunde, ruft er, das Papier und die Locke hoch emporhaltend, kommt und ſeht! Die drei Herren nähern ſich ſtill und ehrfurchts⸗ voll dem Kaiſer und ſchauen ihn fragend an. Erinnert Ihr Euch noch des Tages in Borodino? fährt er mit hallender Stimme fort. Jenes Tages, da ich von meiner Gemahlin das Bildniß des Königs von Rom empfing? Ich ließ das Bild vor meinem Zelt aufſtellen, und inmitten der Schneefelder leuchtete es wie eine blühende Roſe, und meine alten Krieger, meine Schlachtgefährten weinten vor Freude“ beim Anblick des ſchönen Kindes. Heute ſind wir auf keinem Schlachtfelde und ich habe keine Armee, meine alte Garde hat mich verlaſſen, aber meine Generäle ſind bei mir geblieben, und Euch, meinen Getreuen, zeige ich ein neues koſtbares Geſchenk. Wie damals in Rußland befinden wir uns in der Oede, damals blühte uns eine Roſe in den Schneefeldern, heute leuchtet uns eine Perle in der Wüſte des Meeres. Seht, meine Freunde, ſeht! Das iſt eine Locke vom Köni Brief G Getr pier ihnen von Père touje dien ᷣ it 143 König von Rom, und dies hier, das iſt ein Brief, ein Brief von meinem Sohn! Ein Brief vom König von Rom! rufen freudig die Getreuen, und drei Hände ſtrecken ſich nach dem Pa— pier aus, als wär's eine Siegesfahne, die Jeder von ihnen erbeuten möchte. Aber der Kaiſer hält das Papier höher empor und ein heiteres Lächeln umſpielt ſeit langer Zeit zum erſten Mal ſeine Lippen. Gemach, gemach, Ihr Herren, ruft er heiter, gönnt doch dem Vater das Glück, Euch vorzuleſen, was ihm ſein Sohn geſchrieben hat. Und mit einer Stimme, ſo ſanft und weich, wie man ſie nie an ihm gehört in den goldenen Sälen von Verſailles, beginnt der Kaiſer jetzt zu leſen: mon pèere, je vous aime de tout mon coeur, je pense toujours à vous, et je serai toujours votre fils bien aimé le Petit Roi de Rome. Nun, nicht wahr, das iſt hübſch geſchrieben? fragt der Kaiſer mit triumphirendem Blick. Indeſſen das hat die gute Marchand ihm dictirt und ſie hat ihm dabei die Hand geführt, daß die Buchſtaben kerzen⸗ gerade daſtehen, wie wohleingeübte Recruten. Aber jetzt hier weiter hin, da iſt der Exerciermeiſter fortge— 144 gangen und die Recruten haben ſich nach Belieben und Behagen ihren eigenen Gefühlen und Träumen überlaſſen. Seht, wie bunt ſie durcheinander rennen, aber doch haben ſie dem kleinen König von Rom Ordre parirt und er hat ſie doch richtig zuſammenge⸗ ſtellt, wie er's gewollt und wie's ſein Herz gewünſcht. Hört, was er weiter geſchrieben und—. Da keucht's und räuspert's ſich hinter dem Kaiſer, er ſchweigt, wendet ſich langſam um und ſieht da ſeinen verhaßten Gefangenwärter Sir Hudſon Lowe, ſieht ihn mit hochgeröthetem erhitzten Geſicht, und hinter ihm ſeine beiden Adjutanten, die es wagen, die dreiſten Blicke feſt auf das Antlitz des„Generals Bo naparte“ zu heften. Der Sonnenglanz erliſcht auf dem Antlitz des Kaiſers, es wird wieder ehern, undurchdringlich, nur ſeine Augen leben und ſchleudern Blitze des Zorns auf die frechen Eindringlinge hin, die es wagen, ſeine Ruhe zu ſtören. Es geht hier Etwas vor, poltert Sir Hudſon Lowe mit frechem Ton, man hat es gewagt, hinter meinem Rücken dem General Bonaparte Etwas zuzuſtecken, ihm ein Packet zu übergeben. Der Kaiſer ſcheint ihn gar nicht zu ſehen, gar — nicht noch das in d man⸗ nicht zu beachten, er hält das Papier und die Locke in der Hand, anſcheinend ganz leicht und loſe, aber man ſieht es wohl an dem Blick, den er darauf heftet, daß er es gegen eine Welt von Feinden vertheidigen würde. Es geht hier Etwas vor, ſchreit Hudſon Lowe noch lauter. Ich muß darauf beſtehen, daß man mir das Papier übergebe, welches der General Bonaparte in der Hand hält. Es iſt offenbar ein Brief, den man ihm heimlich zugeſteckt hat und den ihm Einer von den Herren der öſterreichiſchen Geſandtſchaft mit gebracht hat. Das iſt aber ein Verrath, das iſt gegen die Verträge, welche beſtimmen, daß alle Briefe, Packete und Zuſendungen, welche General Bonaparte empfängt, durch meine Hand gehen und erſt von mir durchgeſehen werden. Ich muß alſo darauf beſtehen, daß man mir jenes Papier übergebe, und wenn man es mir verweigert, ſo werde ich es mir mit Gewalt nehmen. Und wie eine Tigerkatze ſpringt er vorwärts, ſtreckt den Arm aus— aber die drei Generäle und der Kammerdiener Marchand haben ſich ſchnell vorgeſcho ben; wie eine Mauer ſtehen ſie zwiſchen dem Kaiſer und ſeinem Kerkermeiſter, und ihre flammenden Mühlbach, Erzherzog Johann. I 10 146 Blicke trotzen mit mannhafter Drohung ſeinem rohen Zorn. Der Kaiſer ſcheint ihn noch immer nicht geſehen, noch immer ſeine Nähe gar nicht gewahrt, es noch gar nicht bemerkt zu haben, daß Sir Hudſon Lowe es wagt, mit bedecktem Haupt in ſeine Nähe zu kommen. Seine Blicke ſind immer noch auf das Papier gerichtet. Jetzt aber wendet er ſie ſeinen Getreuen zu. Meine Herren, ſagt er mit lauter, feierlicher Stimme, wir haben da einen Fehler gegen die Etiquette begangen. Wir haben vergeſſen, daß in Rom die ſpaniſche Etiquette herrſcht, und daß man dem König von Rom ſich nur nahen darf, wie die Granden von Spanien ſich ihrem König nahen. Bedecken Sie ſich alſo, ſetzen Sie Ihre Hüte auf, denn Sie wiſſen es wohl, es iſt der König von Rom, welcher durch dieſes Papier zu Ihnen ſpricht! Der König von Rom, brummt Hudſon Lowe, während die drei Herren, dem Befehl ihres Kaiſers gehorſam, ihre Häupter bedecken. Vom König von Rom kommt jener Brief? Niemand antwortet ihm, der Kaiſer aber fährt fort: hört jetzt, meine Freunde, hört die Worte, welche mein Sohn, der König von Rom, mit eigener Hand Köni parte des ich Geſe parte Bone ſagen I frech ein zurü⸗ G Pap 147 und ohne Hülfe Anderer an mich geſchrieben hat. Hört! Und mit lauter, jubelnder Stimme, mit einer Stimme, die das Brauſen der Meereswogen und das Heulen des wiedererwachten Sturms übertönt, lieſt der Kaiſer: Attendez moi, mon père! Un jour le petit Roi de Rome viendra chercher son père Napoleon le Grand! Nun, rief Hudſon Lowe mit rohem Lachen, es wird wenigſtens noch lange dauern, ehe der Herr König von Rom Wort halten und den General Bona parte von hier fortholen wird. Ich fürchte die Drohung des kleinen ſechsjährigen Knaben durchaus nicht. Aber ich muß durchaus wiſſen, wer es gewagt hat, allen Geſetzen und Verträgen zuwider dem General Bona— parte heimlich dieſen Brief zuzuſtecken. Herr General Bonaparte, ich fordere, ich verlange, daß Sie mir ſagen, wer Ihnen jenes Papier gegeben hat. Jetzt trifft ein Blick des Kaiſers das Antlitz des frechen Kerkermeiſters, nein, nicht ein Blick, ſondern ein Blitz, vor dem Sir Hudſon Lowe wie geblendet zurückbebt. Gott iſt es, ruft der Kaiſer, Gott hat mir dies Papier geſendet, denn er weiß es wohl, daß die Geier 10* 148 zehren an der Bruſt des Prometheus, und darum ſendet er ihm Troſt, und lindernden Balſam, darum ruft er ihm zu durch die Stimme ſeines Sohnes: warte, denn eines Tages komme ich, Dich zu erlöſen. Ich werde warten! Und jetzt auf, meine Herren, auf! Laßt uns hinunter gehen nach Longwood. Der Kerker ſoll ſich heut in einen ſchimmernden Ballſaal ver⸗ wandeln. Denn es iſt heute ein Feſttag in Longwood und wir wollen ihn feiern zu Ehren des Königs von Rom! Und mit hochgehobenem Haupt ſchreitet der Kaiſer vorüber an Sir Hudſon Lowe und ſteigt die Felſen⸗ treppe hinunter, gefolgt von ſeinen Getreuen. Hudſon Lowe ſchaut ihm nach mit grimmigem Blüke, wie die Tigerkatze ihre Beute anſchaut. Ich werde mich bei dem öſterreichiſchen Gouverneur be⸗ ſchweren, murrt er ingrimmig, ich werde ſtrenge Un terſuchung fordern. Haſtig ſchreitet er über die Platte hin und ſteigt die F Hinter ihm gehen ſeine Adjutanten, und ihnen folgt elſentreppe hinab, die nach Longwood führt.— die Schildwacht, die jetzt nichts mehr zu thun hat da oben auf dem Felſen, ſeitdem ihn der Kaiſer ver⸗ laſſen hat. 149 Und ſtill iſt es jetzt wieder auf der Felſenplatte. Die Wogen ſchlagen ſchäumend an den Fuß der Felſen. Ueber ihren Gipfeln kreiſen wilde Möwen mit lautem Geſchrei und hoch oben auf der höchſten Felsſpitze ſteht der Adler in ſeinem Neſt und ſchaut ſtill und groß zur Sonne empor. 8 VII.* Erzherzog Johann. Meine Geſchichte iſt zu Ende, ſagte der Maler, das Papier wieder zuſammenfaltend, und im Begriff es wieder in ſein Portefeuille zu legen. Aber der Prinz, das Antlitz von Thränen überfluthet, ſtürzte zu ihm hin, legte beide Hände auf ſeinen Arm und ſchaute flehend zu ihm empor. Laſſen Sie mir das Papier, flüſterte er mit beben den Lippen. Erlauben Sie, daß ich es bis morgen behalte. Weshalb, mein Prinz? Weil ich es ſo oft leſen möchte, bis jedes Wort, das mein Vater geſagt hat, ſich in mein Herz einge prägt hat. Aber ich fürchte, man wird es bei Ihnen finden, Durchlaucht, und dann— 4 —,— .n Oh fürchten Sie nichts, unterbrach ihn der Prinz lebhaft, man wird das Papier nicht finden. Ich werde es in meinem geheimen Verſteck verbergen. Sie haben einen geheimen Verſteck, Durchlaucht? Ja, ich habe einen, den Niemand kennt, und wo ich Alles, das ich nicht ſehen laſſen will, ſicher ver bergen kann, ohne fürchten zu müſſen, daß man es findet. Ich möcht' halt den geheimen Verſteck wohl kennen, ſagte der Kaiſer zu ſich ſelber. Nächſten Sonnabend kann das Bürſchle zur Erholung auf einen Tag nach Schönbrunn gehen, dann werd' ich hier genaue Nach⸗ forſchung halten laſſen, und ich denk' wohl, wir wer den's Verſteck finden. Durchlaucht, da Sie es wünſchen, bin ich gern bereit, Ihnen das Papier zu laſſen, ſagte der Maler, ihm das Papier darreichend. Aber es genügt nicht, daß Sie einen ſichern Verſteck für daſſelbe haben. Um es wieder zu leſen, bedürfen Sie auch der un— bemerkten Zeit, wo Sie allein ſind. Oh, ich werde dieſe Zeit haben, rief der Prinz. Ich werde es machen, wie ich es immer mache, wenn ich ein bischen allein und unbeobachtet ſein will. Ich ſage dann, ich fühle mich müde und erſchöpft, und 152 möchte ein wenig ſchlafen. Dann erlaubt man mir zu ſchlafen, und Herr von Foreſti bettet mich auf dem Divan. Dann bitte ich ihn, daß er hinausgehe, und die Thür hinter ſich ſchließt, weil ich nicht ſchlafen kann, wenn Jemand im Zimmer iſt, oder ich in der Nähe Geräuſch höre. Herr von Foreſti geht alſo hinaus, macht die Thür hinter ſich zu, und während man glaubt, daß ich ſchlafe, habe ich eine Stunde Zeit, um die ſchöne Geſchichte recht oft zu leſen, und die Worte meines lieben Vaters auswendig zu lernen. Die Schlauheit hat er von ſeinem Vater geerbt, brummte der Kaiſer, wenn er auch ſeine andern Eigen⸗ ſchaften beſitzt, ſo iſt's ſchlimm für uns,— oder viel⸗ mehr für ihn, denn man wird ihn dann bei Zeiten unſchädlich machen müſſen. Alſo bis morgen, Durchlaucht, ſagte der Maler ſich verneigend. Aber jetzt bitte ich Sie noch um ein wenig Gehör, mein Prinz. Ich habe geſehen, daß Sie ein zärtliches und treues Herz haben, und Gott dafür geprieſen, daß es ſo iſt, und daß Sie nicht zu Denen gehören, welche aufgehört haben den Kaiſer zu bewundern und zu lieben, ſeit er im Unglück iſt. Oh, ſagte das Kind ſeine Hände faltend, und die großen Augen mit andächtigen Blicken zum Himmel Knal Unif dieſe eines niede 153 emporhebend, ich liebe meinen Vater, und an jedem Morgen und an jedem Abend bete ich für ihn. Nun wohl, Durchlaucht, ich will Ihnen Gelegen heit geben, Ihrem Vater, dem Kaiſer Napoleon, einen Beweis Ihrer Liebe zu geben. Haben Sie die Gnade einen Moment hieher zu kommen, und ſich vor meine Staffelei zu ſtellen. Nun, was ſehen Sie, mein Prinz? Ich ſehe da zwei Portraits von mir, rief der Knabe ſtaunend. Das eine in der öſterreichiſchen Uniform, und das andere— aber nein, mein Herr, dieſer Kopf da gleicht mir nicht. Es iſt der Kopf eines Engels, der aus den Wolken auf die Erde her— niederſchaut. Er gleicht Ihnen nicht, Prinz? Und doch ſagten Sie ſelbſt, daß Sie da zwei Portraits von Sich ſehen? Der Kopf eines Engels muß alſo doch wohl der Ihrige ſein! Durchlaucht, ich konnte doch dieſes zweite Por trait nicht auch in der öſterreichiſchen Uniform darſtellen? Dieſes Portrait, welches für den gefangenen Kaiſer, für den Dulder von St. Helena, beſtimmt iſt? Für meinen Vater, rief der Prinz freudig. Sie wollen meinem Vater dies Bild ſenden? Ja, mein Prinz, ich will ihm den Kopf eines Engels ſenden, damit der Anblick deſſelben ihn tröſte * 154 und mit einem Sonnenſtrahl des Glückes die trübe Nacht ſeines Daſeins erhelle. Ach, ſeufzte der Knabe mit hervorſtürzenden Thrä nen, ach, warum kann ich nicht ſelbſt zu meinem lieben Vater gehen? Warum darf ich nicht ſtatt meines Portraits zu ihm geſandt werden? Prinz, warten Sie und hoffen Sie auf die Zu kunft. Erinnern Sie ſich, was Sie Ihrem Vater geſchrieben haben:„Erwarte mich, mein Vater! Eines Tages wird der kleine König von Rom kommen, den großen Napoleon abzuholen!“ Hoffen Sie alſo auf T T dieſen Tag! Nun, wir werden halt ſchon Sorge tragen, daß dieſer Tag nimmer anbricht, ſagte der Kaiſer zu ſich ſelber, mit einem finſtern gehäſſigen Blick auf den Maler. Ja, mein Herr, flüſterte der Prinz andächtig und mit frommem Händefalten, ja, ich will auf dieſen Tag hoffen!. Und bis er anbricht, bis Sie erwachſen ſind, mein Prinz, und in Ihrer Liebe, Ihrer Tapferkeit die Kraft und die Mittel gefunden haben, den Kaiſer zu erlöſen, bis dahin wollen wir ſuchen ihm wenigſtens die Nacht ſeiner Trübſal ein wenig zu erhellen. Ein Freund —. hat von auf nehe We Ich — &☛ hat mir Nachricht gegeben, daß in vierzehn Tagen von London aus ein Schiff nach St. Helena abſegelt, auf welchem ſich einige Getreue befinden, die es über nehmen wollen, dem gefangenen Kaiſer auf geheimem Wege Nachrichten und Sendungen zu überbringen. Ich will dem Kaiſer das Portrait ſeines Sohnes überſchicken. Und Sie, Durchlaucht, haben Sie nichts an Ihren Vater zu ſenden? Das Kind warf einen haſtigen forſchenden Blick durch das ganze Zimmer, dann trat es dicht zu dem Maler, und flüſterte: glauben Sie wohl, daß ich es wagen darf an ihn zu ſchreiben? a, Prinz, wagen Sie es, ſchreiben Sie Ihrem Vater! Geben Sie dem Gefangenen von St. Helena d leden elt ein zweites Feſt in Longwood zu feiern. Sein Leben iſt ja ſo arm an Feſten! Schreiben Sie an Ihren Vater, Prinz, aber es muß jetzt geſchehen. Morgen iſt die fünfte Sitzung, die letzte, welche wir ohne Zeugen haben werden. Geben Sie mir morgen Ihren Brief, und ich ſchwöre Ihnen bei Allem, was heilig iſt, ich werde es Niemand verrathen, es ſoll ein Geheimniß bleiben zwiſchen Ihnen und mir. Ich ſchwöre Ihnen, daß der Brief ſicher in die Hände des Gefangenen von St. Helena gelangen ſoll. ——— 156 Nun wohlan denn, mein Herr, ſagte der Knabe nach kurzem Sinnen, wohlan, ich werde den Brief ſchreiben. Ich werde zu meinem großen Mittel grei— fen, und mich müde und krank ſtellen, um allein zu ſein. Ich werde den Brief ſchreiben, morgen früh, bevor Sie kommen, denn wenn ich heute ſchreibe, ſo könnte man ihn entdecken. Ich weiß ſehr wohl, daß man jeden Abend, wenn ich zu Bett gegangen bin, meine Kleider, meine Tiſche und Schränke unterſucht, um zu ſehen, ob nicht irgend Jemand mir heimlich etwas zugeſteckt hat. Man würde alſo den Brief finden, wenn ich ihn heute ſchriebe, deshalb werde ich ihn erſt morgen ſchreiben, dann verberge ich ihn in meinen Kleidern, bis Sie kommen, und übergebe Ihnen denſelben ſogleich. Ach, mein Herr, ich danke Ihnen, daß Sie mir eine Gelegenheit geben wollen, an meinen lieben Vater zu ſchreiben, ihm zu ſagen, daß ich ihn liebe, daß ich immer an ihn denke, daß Plötzlich unterbrach ſich der Prinz mitten in ſeinem angefangenen Satz, und blickte horchend nach der Thür hin. Still, flüſterte er, die Thür des Vorſaals hat geknarrt. Verbergen Sie das andere Portrait! So! Malen Sie! Ich ſitze bereit! Und der Knabe nahm ſeine für das Portrait vor⸗ 157 geſchriebene Haltung wieder ein, und blickte mit voll kommen ruhiger, gelaſſener und unbefangener Miene zu dem Maler hin, der das zweite Portrait eilig in einem hinter der Leinwand des andern Bildes ange brachten Doppelrahmen verborgen hatte, und jetzt wieder die Palette und den Pinſel zur Hand genom men hatte. Auch die Verſtellungskunſt hat er von ſeinem Vater geerbt, murmelte der Kaiſer den Kopf ſchüttelnd, es wird halt eine ſchwierige Sach' werden, aus dem Sohn des Corſen einen guten Oeſterreicher zu machen. Ich fürcht' ſehr,— aber ſtill,— da kommt ja mein lieber Bruder Johann! Hören wir doch! In der That, die Thür, die in den Empfangsſaal des Prinzen führte, hatte ſich eben geöffnet, und auf der Schwelle derſelben erſchien der Erzherzog Johann, gefolgt von dem Grafen Moritz Dietrichſtein, dem Gouverneur des Herzogs von Reichſtadt. Erlaubt der ſehr geſtrenge Herr Maler Hummel, daß ich eintreten darf? fragte der Erzherzog, immer noch auf der Schwelle ſtehen bleibend. Ich gebe mein feierliches Wort, daß ich das Portrait gar nicht anſchauen will, ſondern nur komme, um das Original zu begrüßen. 158 Ah, mein Oheim, mein lieber guter Oheim Jo⸗ hannes, rief der Knabe freudig, und ohne die Ein⸗ willigung des Malers abzuwarten, ſprang er auf, eilte zu dem Erzherzog hin, und zog ihn mit liebevollem Ungeſtüm in das Gemach hinein. Kommen Sie, mein lieber theurer Oncle, ſagte er eifrig. Ich wette, Ihnen wird Herr Hummel das Portrait zeigen, und vor Ihnen fürchtet er ſich nicht, denn er weiß, was alle Welt weiß, daß Sie ſo gut, ſo liebevoll und großmüthig ſind und er wird ſich vor Ihnen nicht fürchten. Oh, der Maler Hummel iſt ein ſo großer, be⸗ rühmter Mann, daß er ſich vor Niemand auf der Welt fürchtet, rief der Erzherzog lächelnd. Aber, da er einmal das Edict ausgeſprochen hat, daß Niemand das Portrait bis nach der fünften Sitzung ſehen ſoll, ſo will ich keine Ausnahme machen. Ich wäre auch nicht hieher gekommen, wenn mir Herr Graf Dietrich⸗ ſtein nicht geſagt hätte, daß die gewöhnliche Zeit der Sitzungen bereits abgelaufen ſei, und wenn Se. Maje— ſtät der Kaiſer nicht bis zwölf Uhr ſeine Thür vor Jedermann verſchloſſen hätte. Es iſt jetzt halb zwölf Uhr! Erlauben Sie mir alſo, eine halbe Stunde hier bei meinem kleinen Neffen zu verweilen. bitte dings geſſer ſcholt halb 159 Halb zwölf Uhr, ſagte der Maler haſtig. Dann bitte ich mich zurückziehen zu dürfen. Ich habe aller— dings im Eifer des Malens die Zeit und Stunde ver— geſſen, und werde dafür vom Fürſten Metternich ge ſcholten werden, denn er erwartet mich um Punkt halb zwölf Uhr zu einer Sitzung. Ah, Sie malen alſo auch Se. Durchlaucht, den Herrn Fürſten Metternich, rief Johann mit einem leiſen, ſpöttiſchen Lächeln. Und das Portrait wird ähnlich? Ich hoffe es, kaiſerliche Hoheit. Ich liebe und verehre den Fürſten aus tiefſter Seele, und das wird, wie ich hoffe, mich begeiſtern, ein gutes und ähnliches Portrait zu liefern. Damit aber Ew. kaiſerliche Hoheit ſehen, daß mein Vertrauen zu Eurer Hoheit grenzen— los iſt, bitte ich Sie um die Gnade, noch einen Blick auf dies Portrait hier zu werfen, und mir zu ſagen, ob Ew. Hoheit mit demſelben zufrieden ſind. Der Erzherzog trat vor die Staffelei und be trachtete mit aufmerkſamen Blicken Bild. Ich bin nicht blos zufrieden, ich bin entzückt, ſagte er. Sie haben da ein wahrhaftes Kunſtwerk geſchaffen, mein lieber Meiſter, und wie mir ſcheint, bleibt Ihnen nichts mehr zu thun übrig. Das Bild iſt vollendet. &Æᷣ ₰½ . ——— 2 160 Verzeihung, nein, es bedarf noch ſehr der Nach hülfe und Ausführung, entgegnete der Maler haſtig. Auch habe ich, wie Ew. kaiſerliche Hoheit ſehen, die Kleidung kaum angelegt. Und war's denn Dein eigener Einfall, mein lieber Franz, Dich in dieſem Coſtüm darſtellen zu laſſen? Im Anzug eines gemeinen Soldaten? Warum denn das, mein lieber Neffe? Der Knabe erröthete und ſenkte ſein Haupt be ſchämt auf ſeine Bruſt. Weil ich doch nichts weiter bin, flüſterte er, nichts weiter, als ein gemeiner öſter reichiſcher Soldat! Nun, Du wirſt avanciren, ſagte der Erzherzog, ihm freundlich zunickend. Se. Majeſtät wird Dich gewiß ſehr bald zum Unterofficier befördern und dann — man wird ja die Uniform doch wohl durch Orden ſchmücken, dann wird ſie ſchon prächtiger ausſehen. Ah, ich wollte den Herrn Grafen ſchon darum befragen, rief der Maler. Mit welchem Orden ſoll ich das Gewand ſchmücken? Nun, mit dem einzigen Orden, welchen der Prinz hat, erwiederte Graf Dietrichſtein raſch. Mit dem Stephansorden, den ihm Se. Majeſtät der Kaiſer ſchon in der Wiege geſchickt hat. 1— 1 161 Der kleine Prinz hob raſch das Haupt empor und ſchaute ſeinen Gouverneur mit einem ſtolzen zürnenden Blick an. Herr Graf, ſagte er ernſt, der Stephans— orden iſt nicht der einzige Orden, den ich habe. Als mir Seine Majeſtät, mein Herr Großvater, den Stephansorden in die Wiege ſchickte, da hat auch Se. Majeſtät, mein Herr Vater, mir einen Orden in die Wiege gelegt, den Orden der Ehrenlegion und auch den Orden der eiſernen Krone; auch von andern deut ſchen Fürſten hatte man dem König von Rom Orden in die Wiege geſchickt. Und der König von Rom, das bin ich, Herr Graf! Ich habe alſo nicht nur den Stephansorden, ſondern ich habe noch viele andere Orden. Ja, ſagte der Graf faſt verlegen, ja, aber Sie tragen dieſe Orden nicht mehr.*) Ein prächtiger Mann, mein ſchöner kleiner Herzog, rief der Erzherzog, den Prinzen umarmend und ihn zu ſich empor an ſeine Bruſt ziehend. Bleib' immer ſo tapfer und unerſchrocken, mein Sohn, denn dem Tapfern gehört die Welt. *) Montbel: Le duc de Reichstadt. 79. Mühlbach, Erzherzog Johann. I. 11 162 Aber er kann ſie doch auch wieder verlieren, ſagte das Kind, traurig den Kopf ſchüttelnd. Nun, die Welt kann er freilich verlieren, aber ſeinen Ruhm doch nicht, und der Ruhm, der iſt mehr werth, als alle Orden und Titel, mein lieber kleiner Neffe!, Der Maler hatte indeß ſeine Sachen geordnet und ſich ſtill entfernt. Auch Graf Dietrichſtein hatte ſich zurückgezogen und die Thür, die nach dem Empfangs⸗ ſaal führte, leiſe hinter ſich zugedrückt. Ah, ſie ſind allein, dachte der Kaiſer, jetzt wollen wir doch einmal ſehen, welche Mittel mein Herr Bru⸗ der anwendet, um das Herz des Knaben zu gewinnen. Wehe ihm aber, wenn die Mittel mir nit gefallen. Und der Kaiſer lehnte ſein Angeſicht dicht an das Marmorgitter und ſchaute mit einem böſen gehäſſigen Blick zu ſeinem Bruder hin. Wir ſind allein, hatte auch der Prinz gerufen, als Graf Dietrichſtein die Thür geſchloſſen hatte, und mit einem Ausdruck leidenſchaftlicher Zärtlichkeit hatte er ſich auf's Neue dem Erzherzog genähert und mit ſei— nen kleinen Armen den Leib ſeines Oheims umfaßt. Der Erzherzog blickte gerührt zu ihm nieder, und über ſein ernſtes, bleiches Geſicht, auf welchem die Sorgen, Enttäuſchungen und Schmerzen der vergan— genen Jahre ihre leiſen Furchen gezogen, flog ein Ausdruck tiefinnigſten Mitgefühls. Armes Kind, ſagte er zärtlich, die blonden Locken durch ſeine Finger ziehend. Armes Kind, Du liebſt mich alſo wirklich? Ja, ich liebe Dich, Oncle Johann, rief der Prinz leidenſchaftlich. Wenn Du nicht da biſt, ſo ſehne ich D Dir, und wenn ich D mich nach Dich ſehe, ſo ſcheint es mir, daß der Tag heller iſt und daß Du mich be⸗ ſchützen wirſt gegen alle Diejenigen, welche mich nicht gern haben. Armer Knabe, ſeufzte der Erzherzog, ich habe leider keine Macht, Dich zu beſchützen, und es iſt vielleicht nur die Sympathie des Unglücks, welche mir Dein Herz gewinnt. Wir haben Beide nicht viel Freunde, mein Kind, man hat uns Beide nicht gern in der Kaiſerburg. 4 Der Prinz nickte. Ich weiß es, ſagte er lächelnd, —₰: und gerade darum, weil Dich die Andern nicht lieben, gerade darum liebe ich Dich, gerade darum fürchte ich mich nicht vor Dir, ſondern habe zu Dir das herz lichſte Vertrauen. Denn ich weiß, daß Du mich nicht beobachteſt und ausſpionirſt, ich weiß, daß Du nicht 11* 164 wie die Andern mich verhöhnſt und verſpotteſt, weil mein Vater jetzt nur noch der General Bonaparte heißt. Ich weiß, daß Du Mitleid mir mir haſt, weil ſie mir hier Alles genommen haben, Alles, Oncle, Alles! Nicht blos meinen Vater und meine Mutter, nicht blos meine Titel und Orden, ſondern ſogar meinen Namen, meinen lieben ſchönen Namen. Ich weiß, daß Du es nicht für eine Schande hältſt, daß ich hier von der Gnade meines Herrn Großvaters lebe, wie mein Vetter Franz mir alle Tage vorwirft, daß ich Gnadenbrod eſſe! Nein, nein, ich weiß, daß Du ein großmüthiges edles Herz haſt, daß Du Dich immer derjenigen annimmſt, die man verfolgt und anſchuldigt, und darum, Oncle Johann, darum liebe ich Dich. Aber wovon weißt Du denn das Alles, mein liebes Kind? fragte Johann gerührt. Wer hat denn hier in der Kaiſerburg den Muth gehabt, ſo gütig und liebevoll zu Dir über mich zu ſprechen? Niemand hat das gethan, rief der Knabe eifrig. Ich weiß es von Dir ſelber und ich will es Dir ſagen, Oncle, woher ich das weiß. Du haſt, ſo lange ich hier bin, noch niemals über meinen Vater mit Haß und Verachtung geſprochen. Mehr noch! Neulich 165 war bei Tafel einmal von Rußland und von der furchtbaren Kälte die Rede, die letzten Winter dort geherrſcht, da rief der Kaiſer: Die ruſſiſche Kält' iſt ein Gottesſegen, die hat uns halt von dem Erzbuben, dem Bonapart' befreit. Alle Herren ſtimmten dem Kaiſer bei, und meine kleinen Vettern ſchauten mich alle mit boshaften Blicken an und ſchrabten Rübchen nach mir hin, und flüſterten lachend: das iſt der Sohn vom Erzbuben Bonaparte. Du aber, Oncle, Du allein ſtimmteſt nicht ein, Du ſchauteſt ernſt zu dem Kaiſer hin, und mit lauter Stimme ſagteſt Du: Ew. Majeſtät haben Recht, wir haben wohl Urſache, der ruſſiſchen Kälte und den ruſſiſchen Schneefeldern dankbar zu ſein. Denn wären ſie nicht geweſen, ſo wäre die große franzöſiſche Armee nicht zu Grunde gegangen, und hätte der liebe Gott mit Schnee und Eis nicht für uns gekämpft, ſo wäre es uns nachher wohl nicht gelungen, den Kaiſer Napoleon zu beſiegen. Und dann, Oncle, dann blickteſt Du mit Deinen großen blauen Augen mich ſo gut und freundlich an, daß ich dacht', ich müßt' laut aufſchreien vor Glück und Rührung, und daß die Thränen, die ich bis dahin vor Trotz zurückgehalten, mir jetzt vor Freude und Rührung aus den Augen ſtürzten. Siehſt Du, lieber 166 guter Oncle, ſeit jenem Tage weiß ich, wie groß— müthig, wie gut und wie tapfer Du biſt, und ſeit jenem Tage liebe ich Dich und werde ich Dich immer lieben. Denn ich hab's wohl geſehen, welch ein böſes Geſicht der Kaiſer machte, als Du das ſagteſt, und mit welchem böſen Lachen er ausrief: ja, freilich, von Ihnen weiß man's, daß Sie den Bonapart' nicht be— ſiegt haben. Ich hab's auch gehört, wie Du da wieder ſo ernſt und feſt Antwort gabſt und ſagteſt: den Kaiſer Napoleon zu beſiegen, dazu bedurfte es des Beiſtandes Gottes und der Begeiſterung der Völker. Oh, Oncle, wie dankbar fühlte ich mich, und wie ſchwur ich mir, Dich zu lieben und zu verehren als den beſten, großmüthigſten und edelſten Freund, Dich um ſo mehr zu lieben, weil die Andern Dich auch nicht lieben und Dir nicht freundlich ſind. Und ich weiß ja, wie weh es thut, Oncle, wenn man ſo allein und einſam iſt, und gar Niemanden hat, der Einem gut iſt. Ja wohl, mein armes Kind, Du weißt das, ſagte der Erzherzog tief bewegt. Wir Beide leiden an der⸗ ſelben Krankheit. Jedermann hier kennt ſie, und doch will Niemand ſie heilen. Unſere Krankheit heißt: die Ueberläſtigkeit. Ich leide ſchon manches lange Jahr 167 an ihr, aber Du, mein Kind, Du wirſt ſie überwinden. Du wirſt ſo gut und liebenswürdig werden, daß Du dieſe ſchlimme Krankheit beſiegſt und alle Menſchen zwingſt, Dir gut zu ſein. Der Knabe ſchüttelte langſam und ernſt das Haupt. Nein, Oncle, ſagte er und ſeine Stimme nahm einen faſt feierlichen Ausdruck an, nein, ich werde dieſe Krankheit nicht überwinden, ich werde an ihr ſterben. Der Erzherzog zwang ſich zu lachen, obwohl ſeine Wangen erbleichten und ſeine Augen ſich mit Thränen füllten. Du biſt ein thörichter kleiner Prophet, rief er, aber die Zukunft wird Deine Prophezeihung Lügen ſtrafen. Lache nicht, lieber Oncle, ſagte der Prinz ernſt, ich weiß es, daß ich daran ſterben werde, daß mich Niemand liebt und daß ich Allen zur Laſt bin. Ach, Du Undankbarer, liebe ich Dich denn nicht? fragte Johann zärtlich, indem er den Knaben in ſeine Arme emporhob. Ja, Du liebſt mich, rief das Kind, ich weiß es und es macht mich ſo glücklich, und ich habe ſolches Vertrauen zu Dir, daß ich mich immer zu Dir flüch⸗ ten möchte mit Allem, was mich quält und ſchmerzt, daß ich immer mich an Dich wenden möchte, wenn ich 168 mir Etwas wünſche und erſehne. Darum, lieber Oncle, darum wollte ich auch heute ſo gern Dich ſehen, und darum bat ich geſtern den Herrn von Foreſti, zu Dir zu gehen und Dich zu fragen, wann ich Dich beſuchen dürfte. Wie, mein kleiner Freund, Du willſt Etwas von mir erbitten? Das heißt, Du willſt mir die Freude machen, daß ich Dir einen Wunſch gewähren kann? Sprich alſo ſchnell, mein Liebling, ſage, was ich für Dich thun kann, denn ich derſpreche Dir ſchon im Voraus, daß ich es thun werde. Der Knabe legte langſam ſeine kleine bleiche Hand auf den Arm des Erzherzogs und ſeine großen blauen Augen hoben ſich mit Blicken voll ernſter Trauer zu ihm empor. Verſprich nichts zum Voraus, ſagte er traurig, denn wer weiß, ob Du nachher Wort halten kannſt. Es iſt etwas Großes, etwas Gefährliches, was ich von Dir erbitten will, ich weiß es wohl, und Nieman⸗ den auf der Welt außer Dir würde ich den Muth zutrauen, es zu erfüllen. Aber Du, mein Oncle, Du, welcher den Muth haſt, dem Kaiſer gegenüber meinen armen Vater„den Kaiſer Napoleon“ zu nennen, Du wirſ eine 169 wirſt auch dem armen Sohn des Kaiſers Napoleon eine Bitte erfüllen. Ja, Kind, ich werde dieſen Muth haben, glaube es mir, vorausgeſetzt, daß für Dich ſelber kein Schade daraus erwächſt. Sprich alſo gerade und frei heraus. Was iſt es? Oncle, flüſterte das Kind leiſe und hochathmend, Oncle, als mein Vater noch der große Kaiſer Napo⸗ leon war, da war ich der König von Rom und meine liebe Marchand hat mir oft erzählt, wie ſehr ſich alle Leute in Paris freuten, und wie das ganze Volk jubelte, als ich geboren ward, und wie alle Glocken läuteten und die Kanonen donnerten, und wie das Volk jauchzend um das Schloß ſtand und den Kaiſer ſo lange rief, bis er auf den Balcon trat und ſie be— grüßte. Damals weinte mein Vater vor Freude über mich. Heute, flüſterte das Kind ſo leiſe, daß der Kaiſer Franz in ſeinem Verſteck kein Wort vernahm, heute würde er auch weinen, wenn er mich ſähe, aber nicht vor Freude. Und warum würde er denn über fragte Johann, der unwillkürlich auch leiſe ſprach, als fürchte er, daß die Wände das traurige Geheimniß des Knaben hören und verrathen möchten. Warum D L ich weinen? 170 würde Dein Vater denn über Dich weinen, wenn er Dich heute ſähe? Weil ich ein verachtetes und verſpottetes Kind bin, flüſterte der Prinz, während ſeine ganze Geſtalt wie im Fieberfroſt erzitterte und die Thränen in langſamen großen Tropfen über ſeine Wangen niederrollten. Weil der kleine König von Rom Alles verloren hat, ſeinen Vater, ſeine Mutter, ſeine Heimath, weil man ihm nichts gelaſſen hat, nicht einmal ſeinen Namen. Denn nicht wahr, Oncle, Du weißt es, daß ich nicht immer Franz geheißen habe? Ach, lieber Oncle, ſage, daß Du es weißt, und daß Du auch weißt, wie man mich ſonſt genannt hat? Ja, mein armes Kind, ich weiß es wohl, daß Du nicht immer Franz geheißen haſt, ſagte Johann traurig. Es iſt wahr, den Namen, welchen Dir die Stellver⸗ treter des Papſtes im Hauſe Gottes im Beiſein ſo vieler Zeugen gegeben, den Namen hätten ſie Dir wohl laſſen können. Oncle, rief das Kind leidenſchaftlich, indem es auf ſeine Kniee niederſank und ſeine gefaltenen Hände zu dem Erzherzog emporhob, Oncle, wenn Du mich lieb haſt und wenn Du mich glücklich machen willſt, ſo gieb mir meinen armen verachteten Namen wieder, ſo wiſſe mich er 171 nenne mich wieder ſo, wie man mich nannte, als ich noch der König von Rom war und als Menſchen mich noch lieb hatten. Ich weiß wohl, daß mein Herr Großvater, der Kaiſer, ſehr böſe ſein würde, wenn er es erführe, aber ich ſchwöre Dir bei Gott und bei meinem lieben Vater, daß er es niemals erfahren, daß es ein Geheimniß bleiben ſoll zwiſchen Gott und uns Beiden, und daß ich lieber ſterben werde, als es verrathen. Niemand ſoll's hören, Niemand ſoll's wiſſen, aber wenn wir allein ſind, Oncle, dann nenne mich ſo, wie mich mein Vater genannt hat, ſo wie ich in Frankreich hieß. Es ſei, ſagte der Erzherzog feierlich, und möge Gott mir verzeihen, wenn ich ein Unrecht begehe! Wohlan! Komm in meine Arme, Napoleon! Der Prinz ſtieß einen Freudenſchrei aus, flog von ſeinen Knieen empor und warf ſich in die geöffneten Arme des Erzherzogs, um mit ſtürmiſcher Zärtlichkeit ſeinen Mund, ſeine Augen, ſeine Stirn zu küſſen. Ich danke Dir, Oncle, ich danke Dir, rief er mit freudeſtrahlendem Angeſicht. Ach, wie ſchön das klingt, und welch ein prächtiger Name das iſt. Oh bitte, bitte, nenne mich recht oft ſo, ich bin ſo glücklich, wenn ich den Namen höre. Still, Napoleon, ſtill, ſagte Johann lächelnd, be⸗ denke, daß Niemand es hören darf, ſonſt wird man niemals mehr erlauben, daß wir allein miteinander ſind, und es wäre dann für immer vorbei mit Deinem Glück. Sei verſchwiegen, Napoleon, und höre: ſage es zu Niemand, daß Du mich lieb haſt, zeige mir ſogar lieber im Beiſein Anderer ein unfreundliches, verdrießliches Geſicht, es iſt beſſer für Dich. Das kann ich nicht, lieber Oncle, rief der Prinz erglühend, ich will mich wohl zwingen, Niemanden zu ſagen, wie ſehr ich Dich liebe, aber ich kann Dich niemals anders als freundlich und zärtlich anſehen. Nun, dann iſt es beſſer, Du ſiehſt mich gar nicht an, bekümmerſt Dich gar nicht um mich, ſagte Johann lächelnd. Ich werde dann um ſo leichter Gelegenheit finden, mit Dir allein zu ſein, und man wird es mir um ſo leichter geſtatten. Wer weiß, vielleicht erlaubt man mir dann ſogar, Dich auf einige Zeit als Gaſt bei mir zu ſehen. Ah, lieber Oncle, das wäre zu ſchön, das wäre ein zu großes Glück für mich, rief der Prinz, die kleinen Hände ineinander ſchlagend. Ja wirklich, ein zu großes Glück. Und darum, fügte er ſeufzend hinzu, darum glaube ich nicht daran! verle Sie than lieb den arm ſie einſt 173 Wer weiß, Napoleon, das Glück kommt wie der Blitz, ehe man Zeit hat, daran zu glauben, iſt es ſchon da. Aber horch, da ſchlägt es zwölf Uhr! Es iſt alſo Zeit, daß ich zum Kaiſer gehe. Lebewohl, mein kleiner Napoleon! Lebewohl, mein großer lieber Oncle Johann! Ich werde von nun an immer an Dich denken, immer mich nach Dir ſehnen. Thue das nicht, mein Kind, denke nicht an mich, liebe mich auch nicht! Denn Diejenigen, welche mich lieben, ſind dem Unglück verfallen! Das bin ich auch ohnedies, ſagte der Prinz trau⸗ rig, ja, dem Unglück bin ich verfallen. Und wie könnte es auch anders ſein! Ich bin ja erſt acht Jahre alt und mein Vater ſitzt gefangen und einſam auf einer fernen Inſel, und meine Mutter hat mich verlaſſen und iſt die Herzogin von Parma geworden! Sie wird in ihrem neuen Lande und bei ihren Unter— thanen nicht Zeit haben, an mich zu denken und mich lieb zu behalten. Sie hat ihren kleinen Napoleon, den König von Rom, vielleicht mehr geliebt, aber den armen Franz, den Herzog von Reichſtadt, den ſieht ſie nicht gern, denn er erinnert ſie daran, daß ſie einſt Kaiſerin war und es jetzt nicht mehr iſt. Darum, 174 lieber Oncle, erlaube mir nur, daß ich Dich liebe, ich habe ſonſt Niemanden auf der Welt, den ich lieben kann. Still, Napoleon, ſprich nicht ſo! Bedenke doch, Du mußt vor allen Dingen den Kaiſer, Deinen Herrn Großvater, lieben! Exrinnere Dich, daß Du ihm Alles verdankſt und wie ſehr gütig er gegen Dich iſt. Ich wollt', mein Herr Bruder lobt' mich nit, ſagte der Kaiſer düſter vor ſich hin. Es wär' mir lieber, er hätt' halt derb auf mich geſchimpft, es klingt mir angenehmer von ſeinen Lippen. Aber wird er denn nimmer gehen, da er doch weiß, daß es zwölf Uhr iſt und ich ihn erwarte? Da küſſen's ſich ſchon wieder! Er wird mir den Buben noch ganz weibiſch machen mit ſeiner albernen Zärtlichkeit. Lebe wohl, mein Knabe, ſagte der Erzherzog, den Prinzen umarmend. Sei heiter und frohen Muthes, vergiß die Vergangenheit, hoffe auf die Zukunft, dann wirſt Du auch die Gegenwart leichter ertragen können. Lebe wohl, Napoleon! Der Knabe küßte dankbar und zärtlich die ihm dargereichte Hand. Lebe wohl, mein Oncle, und wirſt Du mir erlauben, daß ich Dich morgen beſuche? Wir wollen ſehen. Ich will den Kaiſer darum bitten. Nun kein Wort mehr! Adieu, Napoleon! 175 Er ſchritt raſch der Thür zu, winkte dem Prinzen den Abſchiedsgruß zu und ging hinaus. Auch der Kaiſer erhob ſich in ſeiner Loge und öffnete vorſichtig die auf den düſtern Corridor führende Thür, um ſich wieder in ſein Cabinet zu begeben. VIII. Die Gnadengeſuche. In fünf Minuten hatte der Kaiſer ſeinen geheim⸗ nißvollen Weg zurückgelegt und trat jetzt wieder in ſein Cabinet ein. So, ſagte er, ſich auf dem Arbeitsſtuhl vor ſeinem Schreibtiſch niederlaſſend. So, da wären wir denn glücklich zurück von unſerer Pilgerfahrt nach dem Ohr des Dionyſos. Es war doch halt recht gut, daß ich da war, und recht viel Neues und Intereſſantes hab' ich halt erfahren. Ich will's mir doch ein wenig auf⸗ notiren, damit ich nichts vergeſſ', und mit dem Sedl⸗ nitzki das Nöthige beſprechen kann. Zuerſt, was den Maler Hummel anbetrifft. Der muß mir halt aus Wien fortgemaßregelt werden, es iſt ein gefährliches Subject, das ich nit länger hier dulden will. Aber — 1 —1 es ſoll nit heißen, daß wir ihn verfolgen, weil er ein Anhänger des Bonapart' iſt, und weil er für den das Portrait ſeines Sohnes gemalt hat. Nein, nein, das wär' eine gar rührende Geſchicht', und die ganze Welt würd' darüber in Thränen ſchwimmen, und würd' ſie feiern in Verſen und Gedichten, und den edlen Maler Hummel preiſen als einen erhabenen Character. Iſt mir ganz unausſtehlich dies Schöngethue und Gewin ſele mit dem„Prometheus auf Helena,“ wie ſie jetzt den Bonapart' immer nennen. Meinetwegen mag ihm im⸗ der Maler Hummel immerhin das Portrait ſenden, ich hab' nichts dagegen, und ich denk', wenn's dem Bonagpart' eine Freud' iſt, ſo wird ſie doch ihren bit em tern Nachgeſchmack haben, und das gönn' ich ihm, enn denn er hat mir halt auch manch' bittern Trank zu Iöhr koſten gegeben. Aber ſtilk, ich glaub' da kommt mein cUh. lieber Herr Bruder Johann! ab Der Kaiſer nahm ein Buch von dem Schreibtiſch uf auf, und ſchien ganz und gar in die Lectüre vertieft, dl als die Thür ſich aufthat, und der Kammerhuſar mit den lauter Stimme meldete, daß der Herr Erzherzog Jo nu5 hann im Vorzimmer ſich befände. hes Soll eintreten, ſagte der Kaiſer, ohne nur einen ber Moment von ſeinem Buche aufzuſehen, auch dann Mühlbach, Erzherzog Johann. I. 12 178 nicht, als der Erzherzog bereits in das Cabinet ein getreten war, und der Kammerhuſar bereits die Thür hinter ihm geſchloſſen hatte. Der Erzherzog ſchien indeſſen dieſe abſichtliche Vernachläſſigung des Kaiſers gar nicht zu bemerken. Mit ruhigem, faſt heiterm Angeſicht durchſchritt' er das weite Gemach; dicht vor dem Kaiſer ſtehen blei— bend, verneigte er ſich ehrfurchtsvoll und ſagte mit klarer, freundlicher Stimme: ich habe die Ehre Ew. Majeſtät zu begrüßen. Der Kaiſer hob langſam ſeinen Blick von dem Buche empor und heftete ſeine waſſerblauen Augen mit einem Ausdruck vollkommener Gleichgültigkeit auf das bleiche freundliche Angeſicht des Erzherzogs. Ew. Liebden haben es ſehr eilig, wie es ſcheint, rief er mit trockener, herber Stimme. Sie gönnen mir nit einmal die Zeit, den angefangenen Satz in dem Buch hier zu vollenden. Ich bitte Ew. Majeſtät, um Verzeihung, ſagte Johann lächelnd, aber da mir Ew. Majeſtät die zwölfte Stunde als Audienzſtunde beſtimmt hatte, glaubte ich, bei der gewohnten Pünktlichkeit meines erhabenen kaiſerlichen Bruders, daß ich erwartet würde. 179 Ah, es ſcheint, der Herr Erzherzog kommt heute nit zu dem Kaiſer, ſondern zu ſeinem Herrn Bruder, bemerkte Franz mit leichtem Achſelzucken. Das be⸗ deutet mir halt nix Gutes, denn ich hab' allzeit be— merkt, daß wenn die Herren Erzherzöge zu mir kom— men, und mich ihren Herrn Bruder tituliren, ſie jedes Mal Etwas von mir fordern wollen, und ich mich regelmäßig mit Geldſchenkungen von der lieben Bru⸗ derſchaft loskaufen muß. Nun alſo, ſagen's nur, Her Bruder, wie viel begehren's von Ihrem lieben lir lichen Bruder, dann wollen wir ſehen, was wir be— willigen und wie wir uns loskaufen können. Mein lieber kaiſerlicher Bruder iſt im Irrthum, ſagte Johann lächelnd. Es war nicht der Eigennutz, ſondern lediglich die Gewohnheit meines Herzens, welche mich Ew. Majeſtät als meinen Bruder be— grüßen ließ. Dies Herz will immer noch keine Ver nunft annehmen, und kann durchaus nicht ſeine Er— innerungen vergeſſen. Es mahnt mich immer noch daran, daß der Kaiſer Franz mit mir denſelben Vater und dieſelbe Mutter hatte. Ja, es iſt wahr, brummte der Kaiſer, man kann halt nit beſtimmen, was für Brüder Einem der Vater und die Mutter geben, und man muß vorlieb nehmen 12* mit Denen, welche Einem der blinde Zufall giebt. Aber ich denk', Ew. Liebden werden nit hieher ge kommen ſein, um mit mir über die Verwandtſchaften zu philoſophiren! Man weiß ja, daß Ew. Hoheit ein ſehr praktiſcher Mann ſind, und es nit lieben zu philoſophiren, ſondern zu handeln. Haben ja jetzt wieder gar glänzendes Zeugniß davon abgelegt, als Sie in Gratz waren, um ſich auf's Neue den Ruhm zu erwerben, ein Mäcen der Künſte und Wiſſenſchaften genannt zu werden. Haben alſo da eine Landwirth⸗ ſchafts-⸗Geſellſchaft begründet, und das Protectorat über dieſelbe übernommen? Ein recht hübſches und bequemes Mittel, um zu Ruhm und Anſehen zu ge⸗ langen. Was das Schwert nit bewirkt hat, das ſoll jetzt die Feder thun, ſie ſoll dem Herrn Erzherzog D Johann Lorbeeren und Ruhm erwerben. Dazu hat 8 er das Johanneum in Gratz angelegt, damit es ein unſterbliches Denkmal ſeines Namens ſei, dazu hat er jetzt die Landwirthſchafts-Geſellſchaft begründet, dazu legt er Gemäldeſammlungen an, und macht ſich zum Mäcen aller Künſtler und Gelehrten. Er will durchaus ein berühmter Mann werden, und ſeinen Namen mit unſterblichem Glanz umgeben, und da's auf dem Schlachtfeld nit hat gelingen wollen, ſo ver 181 ſucht er's halt auf'ne andre und bequemere Weiſ'. Und es gelingt ja dem Herrn Erzherzog Johann, wie es ſcheint, auch ganz gut. Iſt ja jetzt in Gratz mit Ehrenbezeugungen überhäuft worden, hat ja einen Einzug da gehalten, als ob er der Herr des Landes wäre, der von ſeinen jauchzenden Unterthanen die Erbhuldigung entgegennähm'. Verzeihung, Majeſtät, Verzeihung für die lieben Steiermärker, die in der Unſchuld ihres Herzens viel leicht mit ihrem Enthuſiasmus ein wenig zu weit gingen, und ſich treuherzig einbildeten, daß ſie in mir den Kaiſer ehrten und begrüßten, den geliebten Kai ſer, als deſſen Abgeſandten ſie mich betrachteten. Ich bitte, daß Ew. Majeſtät deshalb den Steiermärkern nicht grollen wollen, denn ſie hängen gleich den Ty rolern mit innigſter Zärtlichkeit an ihrem Kaiſer. Ich möcht' wohl wiſſen, woher Ew. Liebden die Geſinnung meiner Völker ſo genau kennen, und zu welchen Zwecken Sie dieſelben erforſcht haben, rief der Kaiſer haſtig. Ich bitt', daß der Herr Erzherzog mir ſelber die Sorge überlaſſen mög', die Loyalität meiner Völker zu prüfen, denn wie mir ſcheinen will, prüfen Ew. Liebden Sie immer etwas zu genau, und davon kommt's denn auch, daß das liebe dumme Volk 182 über den Herrn Erzherzog gar leicht ſeinen Kaiſer vergißt, und die Beiden mit einander verwechſelt. Haben das ja geſehen und erfahren damals in Tyrol, als das dumme Volk den lächerlichen Einfall hatte, ſich ſeinen lieben Erzherzog Hannes in einen König von Rhätien umzuwandeln.. Ew. Majeſtät, rief Johann heftig und mit er⸗ glühenden Wangen, Ew. Majeſtät glauben alſo noch immer an dieſes alberne Mährchen des treuloſen Verräthers Roſchmann? Ich hab' keine Beweiſe davon, daß er ein Ver räther iſt, ſagte Franz gelaſſen. Mir iſt er immer ein treuer und eifriger Diener geweſen, der es ſogar nit geſcheut hat, böſen Leumund auf ſich zu laden, um mir zu dienen und meine Intereſſen zu verfolgen. Freilich, dem Herrn Erzherzog Johann mag der liebe Roſchmann, der Mittheilnehmer ſeiner Verſchwörung, wohl als ein Verräther erſcheinen, weil er die Ver ſchwörung an mich verrathen hat. In meinen Augen iſt er aber gerade deshalb ein ſehr braver und ſchätzens⸗ werther Mann, der meines Vertrauens würdig, und dem ich zu Dank verpflichtet war. Und Ew. Majeſtät haben es ja vor aller Welt glänzend bewieſen, wie ſehr Ew. Majeſtät Denen ſich T d 2 g 1 6 4 3 ͤ 183 zu Dank verpflichtet fühlen, welche bei Ihnen Ihre Brüder verleumden und anklagen. Es war in der That ein glänzender Beweis ſolcher Dankbarkeit, daß Ew. Majeſtät Herrn Roſchmann, welchen nicht allein ich ſelber vor Gott und meinem Gewiſſen der un würdigen Verleumdung bezüchtige, ſondern dem alle Tyroler, ſeine Landsleute, ihre Flüche nachſenden, als dem, der ſie verrathen und verkauft hat, daß Ew. Majeſtät dieſen Roſchmann zu ſo hohen Ehren und Würden beförderten. Ganz Deuntſchland ſtaunte, als Ew. Majeſtät vor vier Jahren den Verräther und Verleumder Roſchmann zum Gouverneur von Lyon erhoben, und ihn mit einer ſo wichtigen Ehrenſtelle betrauten.*) Er hat aber auch da, wie überall, mein Vertrauen gerechtfertigt, ſagte Franz achſelzuckend. Er hat mit Ernſt und Strenge die Geſetze aufrecht erhalten, die Bonapartiſten im Zaum gehalten, und Sorge getra gen, daß die Gewalt des Königs von Frankreich ſich mehr und mehr in Lyon befeſtigt hat. Und er hat bei dieſer Sorge, die er den Inter eſſen des Königs von Frankreich zollte, ſeine eigenen *) Hormayr: Lebensbilder II. 450. 184 Intereſſen nicht verſäumt. Er iſt als ein reicher Mann nach Wien zurückgekehrt, und ich hatte geſtern das Vergnügen dem kaiſerlichen Referendar von Roſch⸗ mann zu begegnen, wie er in ſeiner glänzenden Equi— page hinausfuhr nach ſeinem herrlichen Landſitz Otten⸗ ſchlag. Ew. Majeſtät haben Alles gethan, dem D 2 Verleumder Ihres Bruders Ihre kaiſerliche Dank⸗ barkeit zu bezeigen. Es bleibe Gott überlaſſen, den Verleumder zu beſtrafen und zu züchtigen für ſeinen Verrath. Denn ich ſage es und wiederhole es: Roſch⸗ mann war ein Verräther und Verleumder, und Gott wird an ihm ſtrafen, was Ew. Majeſtät an ihm be lohnte! Nun, rief der Kaiſer gereizt, und in ſeiner Heftig⸗ keit ſeiner gewohnten Zurückhaltung vergeſſend, nun, wenn er ein Verräther und Verleumder war, ſo e mir doch, Herr Erzherzog, wie's kommt, daß er noch jetzt Recht hat, daß Ew. Liebden noch jetzt Vnda und wider meinen Willen und Befehl bindungen mit den Tyrolern unterhalten? Iſt's nit mein ausdrücklicher Befehl, daß Ew. Liebden weder nach Tyrol gehen, noch mit irgend einem Tyroler Umgang und Verkehr haben ſollen? Wie kommt's nun, daß mein Herr Bruder, der ſeinen früheren 185 Freund Roſchmann einen Verleumder und Verräther ſchilt, weil er ihn der unerlaubten Verbindung mit den Tyrolern angeklagt, daß mein Herr Bruder nichts deſtoweniger heimlich in ſeinem Hauſe den Beſuch von Tyrolern empfängt, und ihnen ſogar erlaubt in ſeinem Hauſe zu übernachten, als wär's ein Gaſthaus für die hergelaufenen Tyroler? Erklären's mir doch das, Herr Erzherzog. Majeſtät, das iſt leicht erklärt, ſagte Johann ernſt und kalt, und mich wundert, daß der Herr Polizei Präſident Graf Sedlnitzki vergeſſen hat, in ſeinem Rapport an Ew. Majeſtät, indem er ihnen den Be— ſuch der Tyroler meldete, Ihnen auch die Namen der ſelben zu bezeichnen. Dieſe Namen würden Ew. Majeſtät vielleicht über den Zweck des Beſuches auf geklärt haben. Die Tyroler, welche geſtern Abend zu mir kamen, und die in meinem Hauſe über— nachteten, ſie heißen: Winterſteller, Panzl und Speck bacher. Nun, und was weiter? fragte der Kaiſer. Ich kenn' dieſes Bauernvolk halt nit, und ihre Namen erklären mir nichts. Majeſtät, ſagte Johann feierlich, dieſe drei Männer waren es, nächſt Andreas Hofer und Franz Wallner 186 zumeiſt, welche im großen Tyroler Heldenkampfe für die Freiheit ihres Landes und für ihren geliebten Kaiſer gekämpft haben! Ich wollt', ſie hätten's bleiben laſſen, rief der Kaiſer ärgerlich. Hab' nichts als Noth und Aerger von dem verrückten Enthuſiasmus dieſer Baueru ge⸗ habt. Hätten ruhig bei Baiern bleiben ſollen, wären dann 1815 ganz von ſelbſt an mich zurückgefallen, ohne daß ſo viel Blutvergießen und Jammer geweſen wär'! Jeſus Maria, wie viel Sorg' und Verdruß hab' ich halt nit ſchon um dieſe Tyroler Freiheits⸗ helden gehabt, wie viel Geld hat's nit ſchon gekoſtet, um ſie für ihre ungeforderten Heldenthaten zu be— lohnen, und es nimmt halt immer noch kein End', es kommen immer noch wieder neue Kerle daher, welche ſich darſtellen als die Helden und Befreier Tyrols! Es iſt wahr, die Dankbarkeit iſt eine ſchwere Tu⸗ gend, ſagte Johann lächelnd. Aber Ew. Majeſtät haben den Helden von Tyrol damals mit feierlichen Eiden Ihre ewige Dankbarkeit zugeſagt, und ſie haben, auf das kaiſerliche Wort vertrauend, freudigen Muthes ihr Gut und Blut für ihren Kaiſer hingegeben. Sie haben bis hieher gehofft und geharrt auf die Ein⸗ löſun Gnad * 187 löſung des kaiſerlichen Wortes. Jetzt kommen ſie als Gnade zu erbitten, was ihnen damals Ew. Majeſtät als Recht bewilligt hatten: Belohnung für ihre helden müthigen Dienſte, für ihr vergoſſenes Blut, für ihre auf dem Altar des Vaterlandes niedergelegten Opfer an Geld und Gut. Sie haben Alles dahin gegeben für den Kaiſer, und ſie flehen jetzt, daß der Kaiſer ihnen dafür ein ſorgenloſes Alter, einen kühlenden Balſam für ihre Wunden gebe. Ich hör' aber nichts von ihrem Flehen, rief der Kaiſer achſelzuckend. Wer Etwas von mir haben will, der ſoll ſich an mich ſelber wenden, und nicht durch andere Mittelsperſonen meine Gnad' anflehen wollen. Ich bitte um Verzeihung für die armen Tyroler, Majeſtät. Sie ſind ſo unbekannt mit den hieſigen Verhältniſſen. Da ich es war, der ihnen damals 1809 im Namen des Kaiſers ewige Dankbarkeit zu ſichern mußte, ſo glaubten ſie in ihrer treuherzigen Dummheit, daß der Erzherzog Johann, der Bruder ihres geliebten Kaiſers, jetzt auch am geeignetſten ſei, ihn an die Verſprechungen von damals zu erinnern. Es war ein Irrthum, und ich habe das den Tyrolern ſchon heute geſagt, habe ſie belehrt, daß ſie ſich unmittelbar ſelber mit ihren Gnaden 188 geſuchen an Ew. Majeſtät wenden müßten. Ew. Ma— jeſtät würden es daher gar nicht erfahren haben, daß die Tyroler meine Fürſprache erflehen wollten, wenn nicht die Spionage des Herrn Polizei⸗Präſidenten die Sache verrathen hätte. Da es Ew. Majeſtät aber * nun einmal wiſſen, ſo wage ich es, ein Wort der Fürbitte für meine armen Kriegskameraden einzulegen. Mögen Ew. Majeſtät die Gnade haben, es ſie nicht entgelten zu laſſen, daß ſie zuerſt zu mir gekommen. Dieſe treuherzigen Kinder der Natur ſind der Meinung, daß die Blutsverwandtſchaft ein unzerreißbares Band iſt, und daß die Majeſtät der Krone der Bruderliebe keinen Abbruch thue. Vergeben Sie ihnen dieſen Irrthum, und zürnen Sie ihnen deshalb nicht, ſon⸗ dern gewähren Sie ihnen Gnade. Winterſteller und Panzl, die einſtigen Helden von Tyrol, befinden ſich jetzt in drückender Noth, ſie kämpfen jetzt mit ſchweren Nahrungsſorgen, weil ſie einſt für ihren Kaiſer und für die Freiheit Tyrols gekämpft haben. Die Baiern haben, als ſie nach jenen Tagen der Kämpfe Tyrol wieder unterjochten, den beiden Tyroler Hauptleuten zum Dank für ihre Heldenthaten ihr Hab und Gut confiscirt, und ſie ſind dafür auch ſpäter nicht ent⸗ ſchädigt worden. Der dritte Tyroler aber, der Speck⸗ Ma , daß wenn rliebe dieſen ſon 189 bacher, iſt gekommen, um gegen Roſchmann Klage zu führen, dem Ew. Majeſtät die Vormundſchaft über den Sohn des Andreas Hofer übertragen haben, und der ſie auf eine gewiſſenloſe und unehrliche Weiſe führt. Ah, rief der Kaiſer höhniſch, darauf hinaus alſo läuft es! Der Roſchmann ſoll angeklagt werden Man will auf irgend eine Weiſ' ſeine Rache an ihm nehmen! Majeſtät, ich ſagte es Ihnen ſchon, ich überlaſſe die Rache Gott! Kein Menſch vermöchte ihn zu ſtra fen für Das, was er mir gethan, ihm die Schmerzen und den Kummer zu vergelten, die er mir bereitet! Ich habe in einer heiligen Stunde es in die Hand einer Sterbenden gelobt, keine Rache an ihm zu neh men, und ich werde mein Gelübde erfüllen. Dieſe Sterbende, Majeſtät, war.nne Tochter, die ſich den Tod gab, weil 3 die Verbrechen ihres Va ters ſo tief beſchämten, daß ſie ſich vor ihnen in das Grab flüchtete. Ich Caiß alſo keine Rache für das, was Roſchmann mir gethan, aber ich bitte Ew. Majeſtät, die Anklage Speckbacher's anzuhören, und zu unterſuchen, ob ſie gerecht iſt, ob Roſchmann wirk lich den Sohn des Andreas Hofer, den Ew. Majeſtät in den Adelſtand erhoben, für deſſen Erziehung Ew. 190 Majeſtät eine ſo bedeutende Summe ausgeſetzt, in Unwiſſenheit und Dürftigkeit auferzieht und ihn als niedrigen Abſchreiber verwendet, während er vorgiebt, ihn als Edelmann erziehen zu laſſen.*) Es iſt gut, ich werd' halt die Sach' unterſuchen laſſen, und ich zweifle nit, daß der Roſchmann ſich wird zu rechtfertigen wiſſen, ſagte der Kaiſer mür⸗ riſch. Haben Ew. Liebden mir noch ſonſt etwas zu ſagen, oder war die Anklage gegen Roſchmann und die Fürbitt' für die Tyroler das Einzige, was Sie zu mir hergeführt? Majeſtät, hätte Herr von Sedlnitzki nicht den Be⸗ ſuch der Tyroler bei mir angezeigt, ſo würde ich we⸗ der für dieſelben gebeten, noch Roſchmann angeklagt haben. Das heißt alſo, Sie ſind um einer andern Urſach' willen gekommen! Nun, ſagen's alſo. Was giebt's? Was verſchafft mir eigentlich den Beſuch des lieben . Herrn Erzherzog Hannes? Majeſtät, ſagte Johann feierlich, ich bin gekommen, um im Namen eines tiefgebeugten Elternpaares die Gnade und das Erbarmen Ew. Majeſtät anzuflehen. *) Peternader, Tyrols Landesvertheidigung. I. S. 70 fg. 191 , in Was? rief der Kaiſer auffahrend; wendet ſich denn 4 als Alles, was meiner Gnade bedarf, an meinen Herrn iebt, Bruder Johann? Glaubt man denn, daß wir Beid' ſo Eins ſind in unſerer Geſinnung, daß es gleich iſt, chen ob man zu Ihnen oder zu mir ſpricht? Oder bin ſich ich ſo ganz und gar eine Null, daß man mich über gehen kann, und daß mein Herr Bruder der eigentliche O Kaiſer von Oeſterreich iſt? zu und Majeſtät, ſagte Johann ſanft, Sie allein ſind der zu Herr und Gebieter, und möge es Gott gefallen, Sie noch lange in Macht und Frieden regieren zu laſſen. ge Aber eben, weil Sie als der erhabene Herr und Kaiſer e⸗ daſtehen, ſind die Pforten des Palaſtes nicht für Jeder⸗ lag mann zugänglich und das weinende Unglück findet nicht ſo leicht Eingang in die kaiſerlichen Hallen. Deshalb ach wandte es ſich an mich, den armen unbedeutenden 719 Mann, deſſen ganze Macht darin beſteht, daß er gleich der Ew. Majeſtät der Sohn des verſtorbenen Kaiſers iſt, und den die Schildwachen daher nicht zurückzuweiſen . wagen, wenn er auch ohne Audienzſchein in die Kaiſer dr, burg eintritt. Majeſtät, ich bin diesmal nichts als die der Bote der Weinenden und Verzweifelnden, welche von Ew. Majeſtät allein noch Gnade und Erbarmen zu erhoffen haben. Ich komme, um Ihnen hier dies 192 Gnadengeſuch des Barons und der Baronin von Sunders zu Füßen zu legen. Niemand hat es über— nehmen wollen, es Ew. Majeſtät zu überreichen, Nie mand hat für den unglücklichen jungen Mann, den einzigen Sohn des Barons von Sunders, ein Wort der Fürbitte ſprechen wollen. Deshalb, in ihrer Ver zweiflung, kamen die armen Eltern zu mir, um von mir zu erflehen, daß ich in Ew. Majeſtät eigene Hände dies Gnadengeſuch niederlegen möchte. Sunders? fragte der Kaiſer. Wie iſt mir denn? Hab' ich nicht geſtern den Namen Sunders ſchon ein⸗ mal gehört? War nicht dabei von einer unerhörten Frevelthat die Red'. Ach ja, jetzt entſinn' ich mich. Es iſt ein Fähnrich, der nach ſeinem Major geſchoſſen hat. Nit wahr, ſo iſt es? Ja, Majeſtät, ſo iſt es. In der Verzweiflung des Schmerzes, denn er war zum Spießruthenlaufen verurtheilt, hat er dem Unterofſicier, der neben ihm ging, die Muskete aus der Hand geriſſen und ſie auf den Major, der die Execution commandirte, abgedrückt. Oh, und für einen ſolchen Menſchen, der zum Spießruthenlaufen vom Kriegsgericht verurtheilt wor— den, der einen Mordverſuch auf ſeinen Major gemacht, 93 für einen ſolchen Verbrecher wollen ſich Ew. Liebden verwenden, für ihn wollen Sie meine Gnade erflehen? Majeſtät, nicht ich, ſondern die Eltern dieſes armen jungen Mannes flehen um Gnade durch meinen Mund. Aber die Gnade, welche ſie begehren, iſt trauriger und ſchmerzvoller Art. Sie flehen und bitten nur, daß Ew. Majeſtät ihren einzigen Sohn der Schande, der Kettenſtrafe, der langdauernden Qual entziehen möge, ſie flehen, was auch ihr Sohn allein mit ſeinem Mord verſuch bezweckte, ſie flehen, daß Ew. Majeſtät den Unglücklichen zum Tode verurtheilen möchten. Hm, das iſt halt ein ſeltſames Gnadengeſuch, ſagte der Kaiſer, indem er langſam auf und ab ging. Muß eine eigene Bewandtniß haben mit der Geſchicht'. Majeſtät, man muß ſehr unglücklich, ſehr verzwei felt ſein, wenn man ſich den Tod als Gnade erfleht. Ein wirklicher Verbrecher zittert vor dem Tode und würde ſelbſt die Kettenſtrafe dem Tode vorziehen. Ew. Liebden meinen alſo, daß der Soldat, der auf ſeinen Major geſchoſſen, kein wirklicher Verbrecher ſei? fragte der Kaiſer haſtig. Die That iſt geſchehen im Wahnſinn des Schmer zes und der Verzweiflung, Majeſtätz. Der Haß und die Verfolgung des Majors hatten eben den armen Mühlbach, Erzherzog Johann. I. 13 194 jungen Mann zur Inſubordination getrieben, um ſeinetwillen war er zum Spießruthenlaufen verurtheilt, und nur, um ſich den Tod zu verdienen, hat er den Mordverſuch gemacht. Eine recht romantiſche Geſchicht' in der That, rief der Kaiſer ſpöttiſch. Recht dazu angethan, um em pfindſame Herzen zu rühren und zum Mitleid zu be wegen. Ich hab' aber zu meinem Leidweſen kein empfindſames Herz, und ehe ich Jemand, und ſei’s auch auf ſeinen Wunſch, zum Tode verurtheile, muß ich die Sach' erſt mit aller Ruh' und Ueberlegung geprüft haben. Ew. Liebden werden mir alſo ver⸗ zeihen, wenn ich nit gleich aus Erbarmen und Mitge⸗ fühl ein Todesurtheil ausſtell'. Werd' erſt gründlichen und genauen Rapport begehren und Alles für und wider abwiegen und bedenken. Ich bitt' alſo Ew. Liebden, mir vierundzwanzig Stunden Zeit zu gönnen und morgen um dieſelbe Stund' wieder hieher zu kommen, um meine Antwort für den Baron von Sunders in Empfang zu nehmen. Denn da er ſich an Sie und nicht an mich gewendet hat, geziemt ſich's wohl, daß Ew. Liebden ihm auch den Beſcheid auf ſein ſeltſames Gnadengeſuch geben. Ich bitt' Sie alſo, ihn morgen um dieſe Zeit von mir abholen zu wollen. 195 Ich werde dem Befehl Ew. Majeſtät gehorſamen, ſagte der Erzherzog, ſich tief verneigend. Zugleich werde ich alsdann morgen Ew. Majeſtät bitten, mich zu beurlauben. Ich beabſichtige mich auf einige Wochen auf mein kleines Gut in Steyermark zurückzuziehen. Ah, Ew. Liebden wollen da ein wenig den Bauer und Gemsjäger ſpielen? Nachdem Sie jetzt eine Zeit lang mit den Gelehrten, den Dichtern und Künſtlern umgegangen ſind und ſich Aller Herzen gewonnen haben, wollen Sie auch der Bauern und Landleute Herzen ſich gewinnen. Verzeihung, Majeſtät, ich will mir in Steyermark nicht Herzen, ſondern nur ein wenig Ruh' und Frieden gewinnen. Ich will da ein wenig ausruhen in Gottes freier Natur, und— den Spionen des Grafen von Sedlnitzki auch ein wenig Zeit zum Ausruhen gönnen. Ah, ſchauen's, mein lieber Herr Bruder iſt immer witzig, immer ſarkaſtiſch, ſagte Franz lächelnd. Nun, wer weiß, ob die Spione des Herrn Grafen Sedlnitzki gerad' dadurch Zeit zum Ausruhen bekommen, wenn Ew. Liebden ſich nach Steyermark begeben. Es iſt halt gar weit von Wien bis Steyermark, und vielleicht läßt der Sedlnitzki gerad' um dieſelbe Zeit, wenn Ew. Liebden in Steyermark ſind, ſeine Spitzerls da auch 13* 196 eine Alpenkur gebrauchen. Man kann's halt nit wiſſen, und ich rath' Ew. Liebden nicht, zu glauben, daß die Spione des Herrn Polizei⸗Präſidenten ausruhen kön⸗ nen, wenn Sie da droben in den Bergen Ihr roman tiſch Jägerleben führen. Ich ſage Ew. Majeſtät für Ihre gnädige Warnung meinen unterthänigſten Dank, und ich werde mich dar⸗ nach richten, erwiederte Johann, ſich leicht verbeugend. Zum guten Glück habe ich die Spione der Polizei und alle Spitzerls des Herrn von Sedlritzki nicht zu fürchten, denn ich fühle mich frei von Schuld und Verbrechen. Nun, nun, wer weiß, rief der Kaiſer lachend.— Keiner iſt ganz frei von Schuld, und wenn auf rechte und geſchickte Weiſe inquirirt wird, muß zuletzt jeder Menſch ſich zu einem kleinen Verbrechen bekennen und einer Schuld überführt werden können. Alſo auf morgen, mein Herr Erzherzog. Und gedenken Ew. Liebden denn ganz allein nach Steyermark zu gehen, oder nehmens Geſellſchaft mit? Ich gehe allein, denn Ew. Majeſtät wiſſen es wohl, ich bin immer allein und einſam. Indeſſen vielleicht gönnt mir die Güte Ew. Majeſtät einen Reiſegefährten. Da ich einmal doch heute mit lauter 4 eſſen einen auter 197 Bittgeſuchen zu Ew. Majeſtät gekommen bin, ſo will ich ſogleich noch ein perſönliches Anliegen vortragen. Ich bitte Ew. Majeſtät, ob Sie nicht gnädigſt geſtatten wollen, daß der kleine Herzog von Reichſtadt mich nach Steyermark begleiten darf? Ich»beſuchte ihn vorher und fand ihn ungewöhnlich bleich und aufgeregt, er ſieht kränklich und leidend aus, und ich glaube, der friſche Aufenthalt in der Natur würde dem Knaben wohl thun. Deshalb erlaube ich mir, Ew. Majeſtät zu bitten, mir den kleinen Prinzen als Reiſegefährten mitzugeben. Weiß das Kind um Ihre Bitte? fragte der Kaiſer. Hat er vielleicht Ew. Liebden gebeten, ihn mitzu⸗ nehmen? Nein, Majeſtät. Der kleine Herzog fühlt ſich natürlich ſo glücklich und zufrieden unter der liebe— vollen Obhut ſeines kaiſerlichen Großvaters, daß er nichts weiter begehrt, als in Ew. Majeſtät Nähe zu ſein. Vielleicht geht er nicht einmal gern mit mir, und es wird eines Machtgebotes Ew. Majeſtät be⸗ dürfen, um ihn dafür zu beſtimmen. Aber ich glaube, die Geſundheit des kleinen Herzogs erfordert einen Landaufenthalt. Ich werd's mir überlegen und mit den Aerzten 198 8 meines kleinen Herzogs ſprechen, ſagte der Kaiſer. Werd' Ihnen morgen auch darüber Beſcheid ertheilen und Ihnen meine Entſcheidung ſagen. Auf morgen alſo, Herr Erzherzog, morgen wollen wir das Alles entſcheiden.- Auf morgen alſo, Majeſtät, wiederholte Johann, indem er ſich verbeugte und der Thür zuſchritt. Der Kaiſer ſchaute ihm mit düſtern, gehäſſigen Blicken nach, bis die Thür ſich hinter ihm geſchloſſen hatte. Ja, ja, auf morgen alſo, murmelte er vor ſich hin. Soll morgen allerlei angenehme Ueberraſchungen haben, der liebe Herr Bruder, der Tugendheld! Ver ſteht's gar prächtig, ſeinen Kaiſer zu belügen. Ver⸗ ſichert mit frecher Stirn, der Bub' wüßt' nichts davon, daß er ihn zur Reiſe nach Steyermark einladen wollt', und ich hab's doch ſelber mit angehört, wie ſie Beid' ſich darüber beſprachen, und wie beglückt der kleine Mann bei dem Gedanken war, den lieben Hannes nach Steyermark begleiten zu können. Ach, ach, wenn alle Zimmer verborgene Gitter hätten, wodurch man lauſchen könnt', dann würd' man ſehen, daß alle Tugend⸗ helden doch nur Lügner und Heuchler ſind. Nun, morgen will ich meine Revanche nehmen an meinem 199 Herrn Bruder und auch zugleich an dem Buben, dem kleinen Franz, dem Napoleon des Herrn Erzherzogs. Ah, das wird eine allerliebſte Stunde werden und ich freu' mich halt ſchon jetzt darauf! Auf morgen alſo! g ſigen oſſen einem IX. Die Revanche des Kaiſers. Gott ſei Dank, flüſterte der kleine Herzog von Reichſtadt, ich habe meinen Brief zu Ende gebracht, ohne daß irgend Jemand es bemerkt hat. Graf Dietrichſtein glaubt, daß ich noch ſchlafe, und hat dem Hauptmann Foreſti geſagt, er ſolle mich nicht wecken, wenn ich auch heute die erſte Unterrichtsſtunde ver⸗ ſäume. Ach, wie gut iſt es doch, daß ich immer ſo blaß ausſehe, ſie würden mich ſonſt niemals allein und unbewacht laſſen, und ich würde dann keine Zeit gefunden haben, an meinen lieben Vater zu ſchreiben. Ach, Du lieber guter Papa, ich wollt', ich könnt' mich ſelber in den Brief einpacken und ganz heimlich, ganz ſtill zu Dir hinfliegen. Das ſollt' ein Feſt geben in Longwood, ein noch viel ſchöneres Feſt, als damals, 201 wo er meine Locke bekommen hat. Aber ich muß bleiben, ich kann nichts thun, als, wie ich meinem Papa geſ auf das † 13 das Wort Papa geſchrieben hab'. chrieben habe, ganz zuletzt noch einen Kuß Japier drücken, gerad' auf die Adreſſe, wo ich d/ Und der Prinz führte das zuſammengefaltete kleine Briefchen an ſeine Lippen und drückte einen innigen Kuß auf daſſelbe. So, mein Papa, flüſterte er leiſe, da haſt Du meinen letzten Kuß, und nun muß ich meinen Brief verbergen, damit ihn Niemand ſieht. Ich ſteck' ihn hier in die kleine Bruſttaſche der Uniform, und gleich ſo wie Herr Hummel kommt, gebe ich ihm den Brief. Ich werde keine Ruhe haben, ehe er ihn erhalten hat, denn mir iſt ſo angſt, ach ſo angſt! Das Beſte iſt, daß ich den Herrn Großvater vorher nicht zu ſehen bekomme, denn wenn der mich anſchaute mit ſeinen böſen Augen, die immer freundlich thun, ich glaube, der Brief kröche vor Schrecken ganz von ſelber aus der Bruſttaſche hervor, und dann ſtürbe ich ſicherlich vor Schrecken und Furcht. Aber ich werd' gewiß meinen Herrn Großvater nicht vorher ſehen, und darum will ich auch fröhlich ſein und mich freuen, daß ich an meinen lieben Papa habe ſchreiben können. 8 202 Und nun raſch die Feder ausgewiſcht, damit Niemand bemerkt, daß ſie naß iſt, das Dintenfaß zugedeckt, und— Der Knabe wandte horchend den Kopf nach der Thür hin. Er hatte da draußen Geräuſch gehört, Schritte, die ſich der Thür näherten.. Leiſe auf den Zehen ſchlüpfte er von dem Schreib⸗ tiſch fort, ſprang auf das Bett, zog die ſchweren Sei denvorhänge dicht zuſammen und warf ſich zurück in die Kiſſen. Als wenige Minuten ſpäter Herr von Foreſti die Vorhänge auseinander ſchlug, ſah er da den Herzog von Reichſtadt mit geſchloſſenen Augen, anſcheinend in tiefem, ruhigem Schlummer, auf den ſeidenen Kiſſen liegen. Die langen Locken umgaben das ſchöne Kin derangeſicht wie mit einem goldenen Rahmen und ringelten ſich nieder bis zu den kleinen, auf der Bruſt des Prinzen gefaltenen Händen. Herr von Foreſti beugte ſich nieder und berührte leiſe die Schulter des Knaben. Mein Prinz, bat er leiſe, wachen Sie auf. Se. Majeſtät hat nach Ihnen geſandt. Ein Zittern durchflog die Geſtalt des Knaben, und indem er haſtig die Augen öffnete, bedeckte eine tiefe Bläſſe ſeine Wangen. — 203 Der Kaiſer hat nach mir geſchickt? fragte er mit bebender Stimme. Ja, Durchlaucht. Se. Majeſtät ſehnt ſich nach ſeinem lieben Enkel und wünſcht Ihren Beſuch. Mein lieber Herr Großvater iſt ſehr gütig, ſagte der Prinz, ſich langſam emporrichtend. Ich werde alſo zu ihm gehen, ſobald der Herr Maler Hummel fortgegangen iſt. Nicht doch, Durchlaucht, der Kaiſer befiehlt, daß Sie ſogleich zu ihm in ſein Cabinet kommen und dort ein wenig bei ihm verweilen. Ew. Durchlaucht müſſen alſo augenblicklich gehen. Das Kind heftete einen Blick der Angſt und des Entſetzens auf das Antlitz des Hauptmanns Foreſti, es öffnete ſchon die Lippen zu einer angſtvollen Frage, die vielleicht ſein ganzes Geheimniß verrathen konnte, aber dann mit der Kraft ſeines Willens drängte er dieſe Frage zurück, ſchloß ſeine Lippen und zwang ſein Geſicht, ganz ruhig und gleichmäßig zu ſein. Wohl denn, Herr Hauptmann, ich werde gehen, ſagte er leiſe, indem er langſam von ſeinem Bett niederſtieg. Begleiten Sie mich, oder ſoll ich allein gehen? Ich werde Ew. Durchlaucht bis zu dem Cabinet 204 des Kaiſers begleiten, und wenn es Ihnen gefällig iſt, ſo gehen wir. Ja, gehen wir, ſagte der Knabe ruhig, während ſein Herz wie mit Hammerſchlägen gegen ſeine Bruſt pochte und eine unnennbare Angſt ſeine ganze Seele erfüllte. Aber er ſagte zu ſich ſelber: wenn ſie ſehen, daß ich Furcht habe, ſo werden ſie merken, daß ich irgend etwas gethan habe, was ſie nicht wiſſen und erfahren ſollen. Und dann werden ſie ſo lange ſuchen, bis ſie's gefunden haben. Ich werde alſo ganz heiter, ganz ruhig ſein, damit ſie meinen Brief an meinen lieben Papa nicht entdecken. Und mit dem Anſchein vollkommener Heiterkeit und Ruhe trat der kleine Herzog daher in das Cabinet des Kaiſers ein, an deſſen Thür Herr von Foreſti ihn verlaſſen hatte. Der Kaiſer ſaß an ſeinem Schreibtiſch und arbei⸗ tete, aber ſein Blick hob ſich ſogleich von den Akten empor und heftete ſich auf den Enkel, der mit lächeln⸗ dem Angeſicht zu ihm heranſchritt. Wie gut er ſich zu verſtellen weiß, dachte der Kaiſer. Ich bin gewiß, er iſt in Todesangſt, denn er hat natürlich den Brief bei ſich, und doch ſchaut er „ iſt nd d 205 ganz ruhig und lächelnd drein! Das hat die kleine Schlang' von ſeinem Vater geerbt! Guten Morgen, mein Bürſchle, rief er dann laut dem Prinzen entgegen. Komm her, gieb mir einen Morgenkuß. Der Prinz legte ſeine beiden Arme um die Schul tern des Kaiſers und drückte einen Kuß auf ſeine Lippen. So iſt' 88 recht, mein Franzel, rief der Kaiſer heiter. Das war ein Kuß, den der Großpapa, nit der Kaiſer bekam. Hab's gern, daß Du mich ſo küſſeſt, Franzel. Weißt auch wohl, wie gern ich Dich hab' und daß Du mein liebſter Kamerad biſt. Ja, Großpapa Kaiſer, ich weiß es, rief der Knabe frohmüthig, denn die herzlichen Worte, das unbefangene Weſen des Kaiſers hatten bei dem Knaben alle Furcht und Beängſtigung verjagt, und er fühlte ſich jetzt wieder ganz ſorglos, ganz glücklich. Ich weiß auch, Großpapa, fuhr er mit heiterm Lachen fort, weiß auch, daß die Herren Erzherzöge, meine Vettern, es gar nicht gern haben, daß der Herr Kaiſer mir gut iſt und mich ſeinen Kameraden nennt. Aber ſie kön nens doch nit ändern, und ich denk', mein Großpapa wird ſich nicht vor ihnen fürchten und wird mich doch lieb behalten. 206 Ja, mein Bürſchle, ich werd' mich nit fürchten, lachte der Kaiſer, werd' Dich doch lieb behalten, wenn auch die Buben, meine kleinen Erzherzöge, die Stirn dazu runzeln. Wir wollen uns halt gar nit daran kehren und immer gute Kameradſchaft halten, noch beſſere als bisher. Sollſt immer um mich ſein als mein luſtiger lieber kleiner Geſellſchafter. Wenn die Lehrſtunden zu End' und die Arbeiten gethan ſind, dann kommſt hieher zu mir und bleibſt die übrige Zeit bei mir. Und damit Dir die Zeit nit lang wird, Dir d ſchau nur, was ich Dir da drüben hab' hinſtellen laſſen in die Fenſtereck. Ein Tiſch, ein hübſcher kleiner Spieltiſch für mich, rief der Knabe, indem er mit ſo fröhlichen Sätzen durch das weite Gemach hinſprang, daß die langen Locken ſich emporhoben und wie goldene Schlangen ihn umflatterten. Des Kaiſers Augen ruhten auf dieſen Locken, und leiſe murmelte er: ſchad' iſt's um die ſchönen Locken. Aber es muß doch ſein. Großpapa, und was ſind denn das für große Kaſten, die da auf meinem Speeltiſch ſtehen, rief der Prinz, indem er mit ſeinem roſigen Finger auf die Oeffne ſie und Du wirſt ſehen, ſagte der Kaiſer lächelnd. uh Aber die zarten, vor Ungeduld und Erregung zitternden Hände des Prinzen vermochten es nicht, die de ſchweren Spangen aus den Haken zu löſen. Der ſind, Kaiſer mußte daher ſeinem Enkel zu Hülfe kommen. eit Er ſtand auf, ging zu ihm und öffnete mit raſchem Griff die Kaſten. tellen Soldaten, jubelte der Knabe mit leuchtenden Augen, indem er den Kopf emporreckte und begierig in die mich, Kaſten hinein ſchauete. Oh, Großpapa, ganz neue Soldaten, ſchöne prächtige Soldaten! ngen Und mit jauchzender Luſt verſenkte er ſeine Hand gen in einen der Käſten und holte eine zierlich geſchnitzte und bekleidete Figur von der Länge einer Hand hervor. und Großpapa, rief er ſtaunend, das ſind Soldaten, cen. wie ich ſie nie geſehen. Sieh, der Soldat hier hat rothe Hoſen an, und wie närriſche weiße Klappen vorn auf der Bruſt am blauen Rock ſitzen. Und ſieh nur die niedlichen Epauletten von rother Wolle, und die mächtige große Bäxenmütze. Ach, ich wünſchte mir ein Regiment von ſolchen lebendigen Soldaten, ich 208 würde mir die ganze Welt damit erobern. Aber was ſind denn das für Soldaten, Majeſtät Großpapa? Durchlaucht Herzog, das ſind franzöſiſche Soldaten, ſagte der Kaiſer lächelnd. Der Knabe zuckte zuſammen und ſetzte mit einer Geberde des Unwillens die Soldatenfigur auf den Tiſch. Das ſind alſo Soldaten des Königs von Frank— reich? flüſterte er, von dem Tiſch zurücktretend. Es ſind Soldaten von der alten Garde des Kaiſers Napoleon, ſagte Franz, indem er ſich niederbeugte und ſich den Anſchein gab, den Knaben gar nicht zu beobachten. Soldaten von der alten Garde meines Vaters? jubelte der Knabe, und mit beiden Händen den kleinen Soldaten ergreifend, drückte er ihn an ſeine Lippen und küßte die Bärenmütze und den langen Schnurrbart der kleinen Figur mit inbrünſtiger Zärtlichkeit. Ja, das iſt die alte Garde, ſagte der Kaiſer, eine zweite Figur aus dem Kaſten nehmend. Sie haben uns halt viel zu ſchaffen gemacht, die Bärenhäuter, und es hat lang genug gedauert, ehe wir ſie da in den Kaſten hinein bekommen haben. Aber es ſind auch noch andere Soldaten drin. Schau hier den Lippen zurrbart er, eine 209 Bramarbas mit dem weißen Schurzfell und dem Beil auf der Schulter, das iſt ein Sappeur, und hier kom men die Infanteriſten. Das da iſt eine Marketenderin, und hier kommt ein Fahnenträger. Ah, welch eine prächtige Fahne, blau, roth und weiß, jubelte der Prinz. Wie ſchön das ausſieht, und hier der Kaiſeradler auf der Standarte, wie prächtig! Ach, Großpapa, laß mich auch die Figuren in dem andern Kaſten ſehen! In dem andern Kaſten iſt die Artillerie und Ca vallerie, ſagte der Kaiſer, ſchau hier, da ſind die Chaſſeurs mit den grünen Röcken und den weißen Aufſchlägen, und hier kommen die Grenadiere, welche der Kaiſer ſo ſehr liebte. Ich liebe ſie auch, vief das Kind, indem es die Figur den Händen des Kaiſer entriß und ſie innig an ſein Herz drückte. Hier, mein lieber Franz, fuhr der Kaiſer fort, hier haben wir auch einen von den berühmten Mame lucken, und hier ſind die Ulanen mit ihren Fähnlein. Und das Alles iſt mein, rief der Knabe, mit einem einzigen Blick ſeiner großen ſtrahlenden Augen alle die neuen herrlichen Schätze umfaſſend. Alle dieſe wunderſchönen Soldaten ſollen mir gehören? Mühlbach, Erzherzog Johann. I. 14 210 Ja, mein lieber kleiner Herzog, alle dieſe wunder— ſchönen Soldaten ſollen Dir gehören, und Herr Hauptmann Foreſti ſoll Dir Alles erklären, ſoll 9⁹ 9 alle dieſe Soldaten bei ihrem Namen nennen, ihren Dienſt erklären und Dir auch erzählen, was für Schlachten der Kaiſer Napoleon mit dieſen ſeinen Soldaten geſchlagen hat. Der Knabe hob ſeine großen blauen Augen mit einem langen innigen Blick voll Dank und Zärtlichkeit zu dem Kaiſer empor, dann faßte er plötzlich ſeine Hand und drückte einen glühenden Kuß auf diefelbe. Das Antlitz des Kaiſers zuckte wie in einem Anfall der Rührung und Zärtlichkeit, und indem er zärtlich die goldenen Locken ſeines Enkels ſtreichelte, ſagte er leiſe zu ſich ſelber: am End' wird mir's doch noch gelingen, den Herrn Bruder Johann aus dem Herzen des Knaben zu verdrängen und mir ſeine Lieb' wieder zu gewinnen. Hab's ihm ja abgelauſcht, wie er's an— fängt, und werd's ihm nachmachen. Großpapa, fragte das Kind eifrig, darf ich jetzt gleich mit meinen ſchönen Soldaten ſpielen? Ja, das darfſt Du, ſagte der Kaiſer. Gerad' dazu hab' ich mir meinen kleinen Herzog hieher rufen laſſen. Wir wollen ein biſſel zuſammen arbeiten, ich da an bunder⸗ Anfall zärtlich agte er ch noch Herzen wieder v's an⸗ ch jetzt d' dazll laſſen. 9 da ant 211 meinem großen Tiſch mit den Acten, Du hier an dem kleinen Tiſch mit den Soldaten. Nun friſch an's Werk, Herr Herzog, ich werde corrigiren, laſſen Sie exerciren, und dann ſpäter wollen wir zuſammen dejeuniren. Nun aufgepaßt! En avant! ſchrie der Prinz, indem er auf dem kleinen gepolſterten Lehnſtuhl Platz nahm und nach ſeinen Soldaten griff. Alles Andere vergeſſend, den Maler Hummel, den Brief, den er auf ſeiner Bruſt trug, ja ſogar ſein Mißtrauen und ſeine Zurückhaltung, war der Knabe jetzt nur mit ſeinen Soldaten beſchäftigt, ließ er ſie in Reih und Glied aufmarſchiren und rief ihnen laute Commandoworte zu. Der Kaiſer ſaß vor ſeinem Schreibtiſch und las eifrig in dem großen Actenſtück, welches ihm heute von dem Fürſten von Metternich zur höchſten Ent⸗ ſcheidung war überſandt worden, und welches nichts Anderes war, als das Referat des Kriegsgerichts über die verſuchte Mordthat des Fähndrichs von Sunders, der ſeinen Major hatte erſchießen wollen. Auch der Kaiſer hatte ſeine Aufmerkſamkeit ganz ſeiner Arbeit zugewandt, und er bemerkte es daher nicht, daß der kleine Herzog nach und nach in ſeinem 14* 212 Jubel verſtummt war. Er ſah es nicht, daß das Antlitz des Knaben ernſt und ſinnend geworden, daß ſeine Augen mit gedankenvollem Ausdruck auf dieſen Soldatenfiguren hafteten, als grübele er bei ihrem Anblick über alten verklungenen Erinnerungen und forſche ihnen nach in der Tiefe ſeines eigenen Herzens. Ja, alte verklungene Erinnerungen waren es in der That, welche in dem Herzen des Knaben erwachten bei dem Anblick dieſer Bärenmützen, dieſer Grenadiere und Sappeurs. Es war, als ob da drinnen in ſeiner Bruſt ſich ein Vorhang plötzlich emporhöbe und er hinter demſelben alte bekannte und doch ganz neue, nie geſehene Bilder erſchauete. Er ſpielte träumeriſch und ſinnend weiter und die Bilder wurden immer heller und deutlicher. Als er im zerſtreuten gedanken⸗ vollen Spiel jetzt einige der Figuren zur Erde fallen ließ, ſchaute der Knabe ſich mit einem gebieteriſchen Blick um, als wollte er Denen, die da hinter ihm ſtanden, mit dieſem Blick befehlen, die Figuren wieder aufzunehmen. Aber Niemand war da, kein unterwür figer Diener ſtand hinter ſeinem Stuhl. Der Prinz bückte ſich alſo und hob die Soldaten wieder von der Erde auf, aber er ſpielte nicht mehr mit ihnen, ſondern ſtarrte gedankenvoll zu ihnen nieder. Au Herzens. n es in wachten. enadiere n ſeiner und er nz neue, umeriſch immer edanken ge fallen teriſchen ter ihm wieder terwür 2 oldaten üt mehr nnieder⸗ Auf einmal ſtand er auf, ging leiſe auf den Zehen zu dem Kaiſer hin, lehnte ſich mit ſeinen Armen an deſſen Kniee und blickte mit ernſten ſinnenden Augen zu ihm auf. Nun, mein kleiner Camerad, was giebt es? fragte der Kaiſer lächelnd. Großvater, ſagte der Prinz ernſt, als ich noch in Paris war, hatte ich da nicht Pagen um mich? Kleine geputzte Knaben, die mich bedienen und Alles thun mußten, was ich wollte? Ja wohl, mein Kind, erwiederte der Kaiſer ver wundert, ja wohl, ich glaube, Du hatteſt Pagen. Aber wie kommſt Du jetzt darauf? Der Prinz deutete mit der ausgeſtreckten Hand auf den Spieltiſch mit den Soldaten hin. Es iſt mir eingefallen bei den Grenadieren da, ſagte er leiſe. Ich hatte damals Pagen, damals als die Grenadiere an meiner Thür ſtanden, und als ich noch der König von Rom war. Sage mir doch, Großvater, was iſt denn der König von Rom? Der Kaiſer antwortete nicht ſogleich, ſondern blickte faſt verlegen zu ſeinem Enkel nieder, deſſen große blaue Augen mit wunderbar leuchtendem, fragendem Ausdruck auf ihm ruhten. 214 Wenn Du älter und größer biſt, werde ich Dir das leichter und beſſer erklären können, ſagte Franz nach einer Pauſe. Hör' mich an. Du kennſt meine Titel, nit wahr? Du weißt, daß ich neben meinem Titel als Kaiſer von Oeſterreich unter vielen andern Titeln auch noch den Titel eines Königs von Jeru— ſalem führe? Ja, Herr Großvater Kaiſer, ich weiß das. Nun, Herr Herzog Enkel, ſagte der Kaiſer lächelnd, juſt ſo wie ich König von Jeruſalem bin, juſt ſo warſt Du damals König von Rom.*) Haſt Du's begriffen? Ja, ich hab's begriffen, flüſterte der Prinz, indem er langſam ſich umwandte und zu ſeinen Soldaten zurückkehrte. Der Kaiſer verſenkte ſich wieder in ſeine Acten, der Prinz begann wieder zu ſpielen, aber man ſah wohl, daß ſeine Seele mit andern Dingen be⸗ ſchäftigt war, daß immer neue Bilder, neue Erinne— rungen vor ſeinem innern Auge auftauchten und den freien Blick des äußern Auges beſchatteten. Jetzt, als er eben die Grenadiere in Schlachtord nung aufſtellte, da ſchien's ihn zu durchzucken wie mit geheimnißvollem Geiſtergruß, er hob das Lockenhaupt *) Dies Geſpräch findet ſich wortgetreu in: Montbel, Le duc de Reichstadt 77. ich Dir te Franz ſt meine meinem andern. ,. n Jeru lächelnd, ſo warſt egriffen? 3, indem Soldaten ein ſeine ber mant gen be Erinne und den lachtord wie mit fkenhaupt l, Le utbe 215 empor, als lauſche er da draußen nach den Melodieen und Klängen, welche doch nur da innen in ſeiner Bruſt ertönten, und leiſe, ganz leiſe begann er ein⸗ zelne unzuſammenhängende Bruchſtücke einer Melodie vor ſich hin zu ſummen. Dann, unzufrieden vielleicht darüber, daß er nicht Klang und Ton und Wort zu einander finden konnte, ſchüttelte er heftig ſein Haupt, und fuhr mit umwölkter Stirn und düſtern Augen fort, ſeine Grenadiere in Reih und Glied zu ordnen. Aber ganz leiſe, ganz unwillkürlich, ſo wie die Vögel im Traume leiſe, aber abgebrochene Melodieen flüſtern, ſummten ſeine Lippen zuweilen einzelne Tacte jener Melodie, die noch immer nicht aus ſeinem Herzen zu ſeinen Lippen emporſteigen wollte. Der Kaiſer achtete nicht darauf, der höchſt ſeltſame und intereſſante Criminalfall des armen Fähndrichs von Sunders hielt ſeine ganze Aufmerkſamkeit gefan⸗ gen, und in der Stille, die um ihn her herrſchte, hatte er die Gegenwart ſeines Enkels vielleicht ganz und gar vergeſſen. Plötzlich ward dieſe Stille unterbrochen durch eine jubelnde ſchmetternde Kinderſtimme, welche mit jauch— zenden Tönen ſang: Allons enfants de la patrie, le jour de gloire est arrivé. ——;— 216 Jeſus Maria, was iſt denn das? rief der Kaiſer, dem vor Erſtaunen das Actenſtück aus der Hand auf den Tiſch fiel. Was ſingſt denn da für ein abſcheu⸗ lich Lied? Aber der Prinz, deſſen Angeſicht ſtrahlte vor Freude und Glück, der Prinz ſchaute mit einem ſeligen Lachen zu ihm hinüber. Kein abſcheulich Lied, Groß⸗ papa, ſagte er triumphirend. Das Lied haben die Grenadiere des Kaiſers, meines Vaters, mir heimlich vorgeſungen, und eines Tages, da habe ich es dem Kaiſer geſungen und er hat gelacht und mich geküßt, und es mit mir geſungen. Aber Niemand als der Kaiſer und der König von Rom durften das Lied mehr ſingen, und als wir hier nachher in Wien an— kamen, da hat meine liebe Marchand jedes Mal, wenn ich das Lied anfing, mir verboten, es zu ſingen. So habe ich es ganz und gar vergeſſen und niemals mehr daran gedacht. Aber jetzt iſt's mir zum Glück wieder eingefallen, und nun, Großvater, nun wollen wir Beide zuſammen das Lied ſingen. Nun ja, warum nicht, rief der Kaiſer lachend, ja, warum ſollten wir Beid' nit ein biſſel die Marſeillaiſe zuſammen ſingen. Es hört's ja Niemand! Komm' alſo her, Camerad, laß uns zuſammen marſchiren. Kaiſer 1 „ dand auf abſcheu⸗ zlte dor nſeligen , Groß⸗ aben die heinlich es dem geküßt, als der Gien an I, wenn en. So ls mehr wieder ir Beide dend, ja, ſeillaiſe Komm iren. 217 Er legte die Acten bei Seite und ſtand auf. Der Prinz flog zu ihm hin, faßte ſeine Hand und zog ihn vorwärts, indem er mit lauter Stimme zu ſingen be— gann⸗ Allons enfants de la patrie— Le jour de gloire est arrivé, fuhr der Kaiſer lachend in kräftigem Baß fort, courons— Aber ſtill, Camerad, unterbrach er ſich plötzlich, es klopft. Wir dürfen unſer Lied Niemand hören laſſen, ſie würden uns ſonſt am End' für Revolutionnaire halten und uns einſperren. Still alſo! Es klopfte zum zweiten Mal. Der Kaiſer rief mit lauter Stimme Herein! und Herr von Foreſti erſchien auf der Schwelle der Thür des Vorſaals. Ew. Majeſtät halten zu Gnaden, ſagte er, in ſtei— fer militairiſcher Haltung ſalutirend, der Maler Hum— mel iſt da, um die fünfte Sitzung zu beginnen, wenn Ew. Majeſtät gnädigſt den Prinzen entlaſſen wollen. Eine Wolke flog über die Stirn des Kaiſers hin, ein leiſes Beben durchzuckte die Geſtalt des kleinen Prinzen. Das Paradies ſeiner Erinnerungen, die leuchtenden Bilder ſeiner Vergangenheit waren zer— flattert und die Gegenwart mit ihren Beängſtigungen und Wazniſſen trat wieder mahnend an ihn heran. Ganz unwillkürlich hob er ſeine Hand in die Bruſt— 218 taſche, um ſich zu überzeugen von dem Daſein des Briefes, den er über den Soldaten und ſeinen Erinne⸗ rungen ganz und gar hatte vergeſſen gehabt. Dem Kaiſer indeſſen war dieſe Bewegung nicht entgangen. Da in der Bruſttaſch' alſo hat er deu Brief, ſagte er leiſe zu ſich ſelber. Iſt mir lieb, das zu wiſſen. Der Maler Hummel iſt alſo da, und er⸗ wartet unſern lieben Herzog? fragte er dann laut, ſich dem Hauptmann Foreſti zuwendend. Zu Befehl, Majeſtät. Und es iſt heute die fünfte Sitzung? Ja, Majeſtät, die letzte der geheimen Sitzungen, welche der Maler ſich ausbedungen. Nun, ich denk', für mich wird dieſe Bedingung halt keine Gültigkeit haben. Bin neugierig, das Por⸗ trait des berühmten Herrn Malers zu ſehen. Komm alſo, mein lieber kleiner Herzog, ich werd' Dich zu dem Maler begleiten. Der Prinz erbebte, und über ſeine Züge flog ein Ausdruck der Angſt und des Entſetzens. Majeſtät, rief er lebhaft, wir haben es aber dem Maler Hum⸗ mel feierlich verſprochen, daß Niemand bei den erſten fünf Sitzungen zugegen ſein ſoll! Ihr habt es verſprochen, aber ich nicht, ſagte 7 Exinne⸗ g nicht er der eb, das und er⸗ m laut, zungen, dingung s Por⸗ Komm Dich zu log ein gjeſtät, Hum⸗ 1 erſten ſagte 219 der Kaiſer gelaſſen, und Ihr habt zu Eurem Ver ſprechen nit einmal meine Genehmigung gehabt, Euer voreiliges Verſprechen bindet mich alſo ganz und gar nit. Komm, Franzel, wir wollen Beid' zuſammen zu Herrn Hummel gehen. Er ſtreckte die Hand nach dem Prinzen aus, und das Kind, welches nicht wagte, länger zu widerſtreben, legte ſeufzend ſeine Hand in die des kaiſerlichen Groß vaters. Wie ſeine Hand zittert, dachte der Kaiſer, und wie kalt ſie iſt. Er ängſtigt ſich recht ſehr, der kleine Mann, und das iſt ihm halt eine ganz gerechte Straf' für ſeine Hinterliſt. Nun vorwärts, Camerad, ſagte er laut, bin ſehr begierig, das Bild unſers Malers zu ſehen, und zu prüfen, ob's ihm gelungen, unſern kleinen Herzog recht ähnlich abzuconterfeien! — X. Die Hinrichtung der Locken. Der Maler Hummel war ſchon emſig bei ſeinem Portrait beſchäftigt und legte eben mit großen Pinſel⸗ ſtrichen die Uniform an, als die Thür des Saals ſich aufthat, und der Kaiſer hereintrat, den Herzog von Reichſtadt an der Hand führend. Mein geſtrenger Herr Maler, ſagte der Kaiſer mit einem leichten Kopfnicken, ich bitt' um Gnade, wenn ich es wage, gegen Ihre Geſetze zu ſündigen, und mich trotz Ihres Verbotes hier einzudrängen. Das Auge des Malers flog hinüber zu dem Kai— ſer und ſeinem Enkel, er ſah die ruhige Gelaſſenheit in dem Antlitz des Erſtern, die Todesangſt in dem Antlitz des Letztern, und während er ſich ehrfurchtsvoll verbeugte, ſagte er leiſe zu ſich ſelber: der Kaiſer ſcheint ganz arglos. Es kommt alſo Alles darauf ſeinem Pinſel⸗ als ſich og voll Kaiſer Gnade, indigen, gen. m Kai⸗ ſſenheit in dem ctsvoll Kaiſer darauf 221 an, keinen Verdacht zu erwecken, und den kleinen Herzog zu erheitern, damit ſeine angſtvolle Miene uns nicht verräth. Er hob daher mit heiterm Geſicht den Blick zu dem Kaiſer empor. Der Kaiſer ſteht über dem Ge ſetz, ſagte er ruhig und unbefangen, und kein Menſch darf es wagen, ihm widerſtreben zu wollen. Ich füge mich unterthänig dem Willen Eurer Majeſtät, und bitte um die Gnade, das Portrait anzuſchauen und zu prüfen. Er trat mit einer ehrfurchtsvollen Verbeugung von der Staffelei zurück und räumte dem Kaiſer den Platz. Franz trat dicht zu der Staffelei heran, und die Arme in einander ſchlagend, ſchien er ganz in das Anſchauen des Bildes vertieft. Das war es, was der Maler erwartet, worauf er gehofft hatte. Hinter dem Kaiſer ſtehend, rief er— mit einem Wink ſeiner Augen den Prinzen zu ſich, und ſeine Lippen bewegten ſich zu dem einzigen, laut loſen Worte: Brief! Der Knabe verſtand ihn wohl, und es ſchien ganz abſichtslos und zufällig, daß auch er ſich hinter den Kaiſer zurückzog und ſich mehr und mehr dem Maler näherte. —— 222 Franz aber, deſſen Augen unverwandt auf das Bild gerichtet waren, ſah und verſtand doch ganz vollkommen, was hinter ihm ſich begab, und es er⸗ götzte ihn, die Scene mit voller Ruhe und Gelaſſen— heit weiter zu ſpielen. Wenn ich ihnen noch zwei Minuten Ruhe laſſ', dachte er, ſo iſt der Brief aus der Taſch' des Buben in die Taſch' des Malers hin— über geſchlupft. Er ſchaute das Bild an, und wartete, bis ſein feines Gehör ihm ſagte, daß der Knabe jetzt dicht neben dem Maler ſtand, dann wandte er ſich haſtig um, die Hand des Prinzen, welche eben in der Bruſt⸗ taſche begraben geweſen, zog ſich bebend wieder aus derſelben zurück. Sie haben da halt ein Meiſterſtück vollbracht, rief der Kaiſer eifrig, ich mach' Ihnen mein Compliment, err Hummel, Sie ſind in der That ein Künſtler. 8 ⁹‿ 8 er liebe Prinz ſchaut mich da von der Leinwand an, als wär's ſein eigenes liebes Geſicht, und ich denk', ſeine Frau Mutter wird halt eine gar große Freud' haben mit dem Bild. Aber Sie ſind zu be⸗ ſcheiden, Herr Maler, das Portrait iſt ja fertig, und ich ſeh' gar nit ein, was da noch zu ändern und zu vollenden wär'. 9 thun e8 b zuf das h ganz es er⸗ eelaſſen⸗ hh zwei rief aus ers hin⸗ bis ſein tzt dicht h haſtig Bruſt⸗ der aus cht, rief pliment, Lünſtler. einwand und ich Verzeihung, Majeſtät, es bleibt noch Vieles zu thun übrig. Es fehlen noch alle feineren Nüancen, es bedarf noch der harmoniſchen Durcharbeitung! Ich bitt' Sie, verſchonen's mich mit dem gelehrten Krimskrams, rief der Kaiſer lächelnd. Das Portrait iſt frappant ähnlich, vortrefflich gemalt, und mit größter Sauberkeit ausgeführt. Ew. Majeſtät ſind ſehr gnädig mit Ihrem Urtheil, aber ich muß dennoch dagegen proteſtiren, ſagte der Maler erregt, während der Prinz ſich bleich und angſt⸗ voll näher zu ihm hindrängte, und in bebender Angſt wieder nach der Bruſttaſche die Hand emporhob. Proteſtiren's immerhin, rief der Kaiſer heiter, aber es hilft Ihnen nichts. Komm einmal hieher, mein kleiner Franzel! Er wandte ſich um, faßte des Prinzen Hand und ſchob ihn vorwärts, daß er dem Portrait gegenüberſtand. Nun ſchauen's, Herr Proteſtant, ſagte er freund lich nickend, Sie haben wahrhaftig dem lieben Gott in's Handwerk gepfuſcht, und ihm all' ſeine kleinen Geheimniſſe abgelauſcht. Der Kopf da auf der Lein wand lebt und athmet, und iſt vollendet. Aber die Geſtalt iſt erſt angelegt, die Gewandung noch ganz unvollendet, Majeſtät. 224 Nun, das geb' ich zu, die müſſen's weiter aus— führen. Aber dazu iſt's nit nöthig, daß der Prinz ſo fromm und ſteif daſitzt, ſeinen Anzug können's malen, auch ohne daß er ihn trägt. Oh, rief der Prinz lebhaft und ganz vergnügt, vielleicht eine Gelegenheit gefunden zu haben, mit dem Maler allein zu ſein, oh lieber Großpapa Kaiſer, ich ſitze ſehr gern, und das macht mir ſehr viel Ver⸗ gnügen, mich malen zu laſſen. Ja, aber es bekommt Dir halt ſchlecht, das lange ſteife Sitzen, ſagte der Kaiſer, ſiehſt halt ſchon ganz bleich und leidend aus, und der Herr Leibarzt meint, das käm' von den langen Sitzungen der letzten vier Tage her. Du wirſt alſo dem Herrn Maler nit mehr ſitzen, zumal da der Kopf vollendet iſt. Kam juſt darum her, um mir das Portrait anzuſchauen, und bin halt ſehr zufrieden, daß keine weiteren Sitzungen nöthig ſind. Sein's ſo gut, Herr Hummel, und nehmen's alſo Ihr Portrait mit ſich, und vollenden's daſſelbe in Ihrem Hauſe, denn wenn's hier geſchäh', würd' mir das Büble doch keine Ruh' laſſen, würd' immer noch ſitzen wollen zu ſeinem Konterfey. Ich bitt' alſo, nehmen's Ihr Portrait, und bringen’s mir, wenn's vollendet iſt. Werd' dem Herrn Grafen Dietrich⸗ er aus⸗ Prinz ſo malen, iſer, ich Nor jel Ber as lange von ganz t meint, ten vier nit mehr am juſt ten, und Litzungen gel, und llenden s geſchäh, n, würd fey. 30 en's nir, Dietrich⸗ ſtein ſagen, daß er Ihnen noch heut die Uniform des Prinzen ſendet, damit Sie darnach malen können. Majeſtät, rief der Prinz hoffnungsvoll, ich hab' nur erſt die eine Uniform, die ich trage, die andere iſt noch nicht fertig, und Ew. Majeſtät haben mir verſprochen, daß ich niemals mehr andere Kleider tra gen ſoll, als meine Uniform. Es wird alſo doch nöthig ſein, daß ich Herrn Hummel ſelber ſitze. Es bleibt dabei, wie ich's beſtimmt habe, ſagte der Kaiſer ernſt, wir werden ſchon Mittel finden, Herrn Hummel doch eine Uniform zu ſenden, ohne daß mein kleiner Herkules deshalb Weiberröcke anziehen braucht. Gieb dem Herrn Hummel zum Abſchied die Hand, Franzel, bedank' Dich, daß er ein ſo ſchönes Portrait von Dir gemacht hat. Der Knabe, kaum im Stande ſeine Thränen zurück zu halten, reichte ſeine kleine zitternde Hand dem Maler dar, der ſie innig an ſeine Lippen drückte. Herr Hummel, flüſterte er leiſe, um das Beben ſeiner Stimme nicht hören zu laſſen, Herr Hummel, ich danke Ihnen, daß Sie ein ſo ähnliches Portrait von mir gemacht haben. Möge der liebe Gott es Ihnen lohnen! Und der in Thränen zitternde Blick, den er zu Mühlbach, Erzherzog Johann. I. 15 — 226 dem Maler emporhob, ſagte dieſem, daß der Prinz in ſeiner Seele ihm nicht danke für dieſes ſichtbare Por⸗ trait, ſondern für jenes, welches hinter dieſem ver⸗ borgen war. Nun, ſagte der Kaiſer trocken, dies Mal iſt's beſ⸗ ſer, der liebe Herr Hummel wartet nit darauf, daß der liebe Gott ihn belohne für Dein ſchönes Portrait, ſondern er erlaubt es dem Kaiſer ihn zu belohnen. Herr Hummel, haben's die Güte beim Schatzamt mir Quittung über hundert Louisd'or zu präſentiren, werd' dafür Sorge tragen, daß man Sie reſpectirt. Und jetzt, mein Bürſchle, jetzt, da wir uns von Herrn Hummel verabſchiedet haben, jetzt wollen wir wieder in mein Cabinet gehen. Er nickte dem Maler noch einen letzten Abſchieds⸗ gruß zu, nahm dann die Hand des Prinzen und ſchritt haſtig mit ihm der Thür zu. Der Maler ſchaute mit trüben Blicken dem Kinde nach, das geſenkten Hauptes an der Seite des Kaiſers dahin ging. Er wird doch hinter dem Kaiſer aus der Thür gehen, ſagte Hummel zu ſich ſelber, vielleicht hat er die Beſonnenheit, den Brief raſch hervorzuziehen, und ihn hinter ſich zu werfen. Ung ſen Prinz in are Por⸗ ſem ver auf, daß Portrait, belohnen zamt mir en, werd rt. Und n Herrn ir wieder bſchieds⸗ d ſchritt em Kinde Kaiſers Und mit geſpannten Mienen blickte er zu den Beiden hin, welche eben die Thür erreicht hatten. Jetzt öffnete der Kaiſer die Thür, jetzt iſt der Mo ment gekommen, jetzt wird's ſich entſcheiden. Wenn der Kaiſer voran geht— Aber Franz, als habe er die geheimen Gedanken des Malers errathen, Franz öffnete die Thür, und drängte den Prinzen zuerſt über die Schwelle. Dann folgte er ihm und ſchloß haſtig die Thür. Nun, Gott gebe, daß es dem armen Kinde ge lingt, den Brief wenigſtens unbemerkt zu vernichten, ſeufzte der Maler, während er ſeine Sachen zuſam menpackte. Ich bin nur zufrieden, daß er mein zwei tes Portrait nicht entdeckte, und daß ich dem gefan genen Kaiſer wenigſtens dieſe eine Freude bereiten kann! Franz ging indeß, den kleinen Prinzen feſt an der 5 K d 3 8 und Gemächer Hand führend, mit ihm durch die zurück, die zu dem Cabinet des Kaiſers führten. Beide waren ſtill und ſchweigend, der Kaiſer, weil er viel leicht dem Knaben Zeit gönnen wollte, ſich zu ſam meln, der Prinz, weil eine unnennbare Angſt ihm da Herz zuſammenſchnürte, weil er immerfort an den unſeligen Brief dachte, der auf ſeinem Buſen ver borgen war. 15* Denk, der liebe Herr Maler wird nichts gemerkt haben, dachte der Kaiſer,'s wird ihm nit einfallen, daß ich ſeine ganze Hinterliſt und Intrigue durch⸗ ſchaue. Hab' ihm ja halt deshalb auch das andere Bild gelaſſen, das er immerhin dem Bonapart' hin— ſchicken kann. Es wird ein Stachel mehr ſein in ſeinem Fleiſch, und das iſt mir ſchon recht. Niemand wird's wiſſen, daß ich davon weiß, und Niemand wird's auch wiſſen, daß es meine Schuld iſt, wenn in acht Tagen der liebe Maler Hummel auf Requiſition des franzöſiſchen Geſandten verhaftet, und nach Frankreich transportirt wird, weil man ihn beſchuldigt, der ge⸗ heime Agent eines bonapartiſtiſchen Complotts zu ſein. Bin ihm ja ſo ſehr gnädig geweſen, laß ihm hundert Louisd'or auszahlen, Niemand wird's ahnen, daß ich dem franzöſiſchen Cabinet die Nachricht habe zukom— men laſſen! Eben traten ſie Beide in den Vorſaal von dem Cabinet des Kaiſers ein. Der Kammerhuſar, welcher den Dienſt im Vorſaal hatte, beeilte ſich die Thür des Cabinets zu öffnen. Wenn der Herr Erzherzog Johann kommt, ſoll er ſogleich unangemeldet eingelaſſen werden, befahl der Kaiſer im Vorübergehen. Ein Bote ſoll zum Herrn ſein in liemand — d wild 5 in acht ankreich der ge zu ſein. 229 Fürſten Metternich gehen. Ich laſſe Se. Durchlaucht bitten, in einer halben Stunde zu mir zu kommen. Und jetzt, mein lieber Camerad, rief der Kaiſer, als die Thür des Cabinets ſich hinter ihm und dem Herzog geſchloſſen, jetzt hör' einmal, was ich Dir zu ſagen hab'. Ich höre, Majeſtät, ſagte der Prinz mit trauriger, zitternder Stimme. Eine Freud' hab' ich Dir zu bereiten, mein Büb— chen, fuhr der Kaiſer fort. Meinteſt vorher, wir könnten dem Herrn Hummel die Uniform nit ſchicken, weil Du halt erſt eine Uniform haſt, und weil ich Dir verſprochen hab', daß Du halt niemals mehr anders als in Uniform gehen ſollſt. Nun, ich werd' mein Verſprechen erfüllen, und wir wollen doch dem Maler eine Uniform ſchicken. Schau einmal, Franzel, was da für ein Packet auf dem Divan liegt. Nimm einmal das Tuch fort, das darüber gedeckt iſt! Der Knabe ging zu dem Divan hin, und zog das weiße Tuch fort. Eine Uniform, ſagte er heiterer, eine neue Uniform! Ja, wiederholte Franz, eine neue Uniform. Aber nimm ſie einmal auseinander und betrachte ſie Dir genauer! 230 Der Prinz that, wie ihm geheißen, dann auf Ein mal erhellte ſich ſein Geſicht zu einem Ausdruck ſtrah lenden Lächelns, und ein freudiger Schrei tönte von ſeinen Lippen. Zwei Streifen auf dem Kragen, ein Epaulett, rief er jauchzend. Das iſt ja die Uniform eines Unter officiers. Großvater, iſt die für mich? Bin ich zum Unterofficier avancirt? Ja, ſagte der Kaiſer ernſthaft, faſt feierlich, ja, die Uniform iſt für Dich, Du biſt zum Unterofficier avancirt. Und zwar nicht, weil Du die Anciennetät haſt, ſondern Du dankſt dies Avancement lediglich und ganz allein Deinem perſönlichen Verdienſt. Herr Graf Dietrichſtein und Herr Hauptmann von Foreſti haben mir geſagt, daß ſie mit Dir zufrieden ſind, daß Du ein gar gehorſamer und fleißiger Schüler biſt. Außer dem haſt Du Dich ſo vortrefflich in den Waffen geübt, und beſitzeſt eine ſolche Fertigkeit im Exer— citium, daß ich, als Dein oberſter Kriegsherr, Dich dafür belohnen will, wie Du's verdienſt. Du biſt von heute an nicht mehr ein gemeiner Soldat in meiner Armee, ſondern Du biſt Unterofficier! Der Knabe ſchlug jauchzend ſeine beiden Hände in einander, und ſeine Augen leuchteten vor Entzücken. daxna n geſeh Ga def Loch el Außer Waffen Hände Fon tzücken Unterofficier! rief er, ich bin Unterofficier! Und nicht nach der Anciennetät, ſondern durch mein Verdienſt!*) Oh, Großpapa, lieber Großpapa, ich danke Dir! Er erfaßte mit ſeinen beiden Händen die Hand des Kaiſers und preßte einen glühenden Kuß auf dieſelbe. Schon gut, ſchon gut, ſagte Franz. Aber jetzt, Herr Unterofficier, jetzt müſſen wir vor allen Dingen darnach trachten, uns eine reglementsmäßige. Toilette zu machen. Haben Ew. Durchlaucht ſchon jemals geſehen, daß die Unterofficiere in meiner Armee lange Locken tragen? Nein, Herr Kaiſer, ich habe das niemals geſehen. Sie tragen Alle kurz verſchnittene Haare. Nun alſo, Herr Unterofficier, ſo müſſen wir uns vor allen Dingen die Haare beſchneiden! Und der Kaiſer trat zu dem Tiſch, und drückte zwei Mal auf die ſilberne Glocke, welche dort ſtand. Die Thür, welche in das Toilettenzimmer des Kaiſers führte, that ſich auf, und der erſte kaiſerliche Kammerdiener erſchien in derſelben, eine Scheere in der Hand haltend. —— *) Montbel: Le duc de Reichstadt. pag. 107. Thue, wie ich geſagt habe, befahl der Kaiſer. Be⸗ ſchneide dem Herrn Herzog die Haare,— reglements⸗ mäßig. Der Knabe griff mit ſeinen beiden Händen ängſt⸗ lich nach ſeinem Haupt. Meine Locken, murmelte er, ich hätte doch gern meine Locken behalten. Aber es geht halt nit, es paßt nit für einen Unter— officier, ſagte der Kaiſer barſch. Da, ſetz' Dich, klei⸗ ner Herzog, und jetzt, Jean, raſch an's Werk. Der Knabe ſank wie zerbrochen auf den Stuhl nieder, und der Kammerdiener trat mit der Scheere zu ihm heran. Eine Pauſe trat ein. Der Kaiſer hatte ſich an ſeinen Schreibtiſch begeben, hob ein Actenſtück hervor, und ſchien eifrig darin zu leſen. Vielleicht wollte er es vermeiden, der Hinrichtung der goldenen Locken, dieſes ſchönen, oft geprieſenen Schmuckes des kleinen Herzogs, zuzuſchauen. Man hörte nichts als das Knirſchen der Scheere, welche das dicke volle Haar grauſam durchſchnitt, nichts als das leiſe Geräuſch der fallenden Locken, die um den Prinzen her zu Boden fielen wie die goldenen Träume ſeiner Kindheit. Der Knabe blickte mit Thränen in den Augen zu iſer. Be⸗ glements⸗ den ängſt⸗ e ſich an ick hervor, wollte er en Locken, des kleinen r Scheerk, nitt, nichts n, die um 6 goldenen Augen zu 233 dieſen Locken nieder, zu dieſer letzten Erinnerung an die Vergangenheit, und wie er ſie anſchaute, tauchten vor ſeiner Seele zwei dunkle, flammende Sterne empor, die Augen ſeines Vaters, die auf ihm ruhten mit ſtolzer Zärtlichkeit, war's ihm, als fühle er wieder das ſanfte Streicheln einer weißen, mit Brillanten ge⸗ ſchmückten Hand, welche zärtlich über ſeine Stirn, über ſein Haupt fuhr, und ſeine langen Locken leiſe durch ihre Fingern ſtreifte, meinte er wieder dieſe ſo ſanfte, ſo zärtliche Stimme zu hören, welche flüſterte: ſchlafe, mein Kind, ſchlafe, ich behüte Deinen Schlaf! Ein Schluchzen rang ſich unwillkürlich aus der Bruſt des Knaben empor, als eben die letzte Locke, die letzte Erinnerung an ſeine Vergangenheit, neben ihm zu Boden fiel. Der Kaiſer wandte ſich zu ihm, aber er ſchien doch dieſen Klagelaut nicht gehört zu haben. Nun, Jean, biſt fertig? fragte er, immer noch die Augen auf die Acten geheftet. Zu Befehl, Majeſtät, ich bin fertig. Sammle die Haare auf und gieb her, befahl der Kaiſer, der auch nicht Eine Locke des Herzogs in andere Hände wollte kommen laſſen. Ich will mir Deine ſchönen goldenen Locken zum Andenken aufbe— wahren. Und mit aufmerkſamem Auge ſchaute der Kaiſer zu, wie der Kammerdiener die Locken vom Boden aufſammelte. Das Kind achtete nicht darauf. Es hatte ſein Haupt müde und traurig an die Lehne des Stuhls zurückgelegt, und die Augen geſchloſſen, vielleicht um die Thränen zurückzudrängen, die wider ſeinen Willen aus denſelben hervorquellen wollten. Der Kammerdiener hatte jetzt alle Locken aufge leſen und ſie dem Kaiſer dargereicht, der ſie ſofort in ein Papier einwickelte und in den Schreibtiſch ſchob, und dann mit einem Wink ſeiner Hand dem Kammer⸗ diener befahl, ſich zu entfernen. Jetzt, Unterofficier, aufſtehen, commandirte der Kaiſer. Der Prinz, gehorſam dem militairiſchen Be fehl, erhob ſich von ſeinem Stuhl und ſtellte ſich neben demſelben in militairiſcher Haltung auf, die beiden Vorfinger der rechten Hand ſalutirend an die Stirn legend. Herr Unterofficier, commandirte der Kaiſer, mar ſchiren Sie nach dem Divan hin zu Ihrer Uniform. Der kleine Prinz führte ſteif und ernſthaft die Marſc form. 4 I r Kaiſer ] Boden Marſchroute aus und ſtand jetzt neben ſeiner Uni form. Jetzt, Unterofficier, die Jacke des gemeinen Sol daten ausgezogen und den Rock der neuen Uniform angezogen! Der Knabe knöpfte haſtig die blanken Knöpfe ſeiner Jacke auf,— aber dann auf einmal zuckte er zuſam men und ließ ſeine Arme ſinken. Er hatte da in der innern Bruſttaſche ſeiner Jacke das Kniſtern des unſeligen Papiers gehört, und dieſes Kniſtern hatte ihn daran erinnert, daß er die Uniform nicht anziehen dürfe, wenn er ſein Geheimniß nicht verrathen wolle. Nun? fragte der Kaiſer. Was zögern Sie auf Einmal, Herr Unterofficier? Raſch die Jacke der gemeinen Dienſtbarkeit abgeſtreift und die Uniform des Avancements pour le merite angelegt. Der Prinz aber rührte ſich nicht, er ſtand da, bleich und zitternd, als habe ein Krampf ihn plötzlich überfallen und die Kraft ſeiner Glieder gelähmt. Ah, ſchauen's, was es giebt, rief der Kaiſer lachend, mein kleiner Unterofficier iſt noch ſo ſehr Prinz und ſo wenig an Entbehrungen und Strapatzen gewöhnt, daß er es noch nit verſteht, ſich allein an 236 und aus zu ziehen. Aber wir müſſen das lernen, Idem mein Camerad. Alſo nit mehr gezaudert! Friſch an's lldk ſt Werk! Eins! Zwei! Drei! Die Jacke aus und den ſüben Rock angezogen, damit wir die Jacke ſogleich an den dfaßt. Herrn Maler Hummel ſenden können. 1 Die letzten Worte fielen wie ein Hoffnungsſtrahl Fäbnl in die geängſtete Seele des Knaben. Vielleicht dachte de man nicht daran, die Jacke weiter zu unterſuchen, gian vielleicht ſandte man ſie arglos an den Maler Hummel A hin, und der Brief blieb dann nicht allein unentdeckt, gung ſondern er gelangte auch ſicher an den Ort ſeiner dund Beſtimmung hin. if Dieſer Gedanke gab dem Prinzen Muth und Hoff— miüt nung wieder. Mit raſcher Hand löſte er jetzt die 8 letzten Knöpfe der Jacke, zog ſie raſch aus, legte ſie h. auf den Divan und beeilte ſich, den neuen Uniformrock 3 anzuziehen. 1 Schauen's, ſchauen's, wie das halt prächtig auss⸗ ſieht, rief der Kaiſer. Was für ein ſtattlicher Unternas officier mein kleiner Herzog iſt. Gratulire, Camerad, gratulire! Aber jetzt wollen wir vor allen Dingen dem Maler die Jacke hinſchicken, wie wir verſprochen haben. — Ich werde ſie ſogleich meinem Kammerdiener brin⸗ gen, damit er ſie hintrage, ſagte der Prinz haſtig, s lernen, rriſch an's Hund den ch an den ungsſtrahl cht dachte terſuchen, rHummel unentdeck, Irt ſeiner legte ſie niformrock chtig alls⸗ eer Unter⸗ Camerad, ingen dem hen haben⸗ jener brin⸗ inz haſtig 1115 237 indem er nach der Jacke griff. Aber im ſelben Augen blick ſtreckte ſich der lange Arm des Kaiſers nach der ſelben aus und ſeine dürre ſehnigte Hand hatte ihn erfaßt. 4 Wie das Dingel leicht iſt, als wär's halt ein Fähnlein und keine Uniform, lachte der Kaiſer, indem er die kleine Jacke in ſeiner Hand wog und ſie dann zuſammenlegte. Aber indem er das that, hörte man ein Geräuſch, ganz leiſe, ganz unmerklich und dennoch trieb es eine dunkle Gluth auf die Wangen des Knaben, dennoch rief es große Schweißtropfen auf ſeine Stirn und machte ſeine Geſtalt zittern wie in Fieberſchauern. Dieſes Geräuſch war das Kniſtern des Papiers in der Jacke. Was iſt denn das? fragte der Kaiſer. Es muß da etwas in der Jacke ſich befinden. Ei, ei, mein Camerad, wie unvorſichtig wir beinah geweſen wären. Hätten die Jacke abgeſchickt, ohne zu unterſuchen, ob nit Etwas in der Taſche ſich befindet. Nun, zum Glück können wir's noch thun! Wollen nachſehen! Großvater, rief der Knabe krampfhaft laut, wie in einer Exploſion ſeiner Seelenangſt, Großvater, ich bitte Dich, ſieh nicht nach! b0 —0 22 Aber die langen Finger des Kaiſers ſenkten ſich ſchon in die kleine Bruſttaſche und kamen jetzt mit dem unglücklichen Papier wieder hervor. Sieh da, ein Brief, rief der Kaiſer, den mein kleiner Herzog da in ſeiner Taſchen vergeſſen hat. Und an wen iſt denn dieſer Brief, der— Eben ward die Thür raſch geöffnet, der Kammer⸗ huſar rief: Se. Kaiſerliche Hoheit, der Herr Erz⸗ herzog! und Johann überſchritt die Schwelle der Thür, welche ſich ſofort wieder hinter ihm ſchloß. Ah, mein Herr Bruder, rief der Kaiſer, den Erz herzog mit einem leichten Kopfnicken begrüßend, Sie kommen gerad' recht. Können gleich unſerm lieben kleinen Reichſtadt Ihre Glückwünſche darbringen. Geh hin, kleiner Unterofficier, geh zum lieben Erzherzog und gieb ihm die Hand. Der Knabe ging ſchüchtern, geſenkten Hauptes zu dem Erzherzog hin und ſtreckte ihm ſeine zitternde Hand entgegen. Ah, rief Johann traurig und erſchrocken, wo ſind denn Deine ſchönen Locken geblieben, mein Knabe? Abgeſchnitten, Oncle, flüſterte das Kind, indem zwei große Thränen aus ſeinen Augen hervorſchoſſen und langſam über ſeine Wangen niederrollten. „ 5 iebd denn unſer ukten ſich jetzt mit den mein ſſen hat. Kammer⸗ derr Erz der Thür, den Erz le G ghend, m lieben gen. Geh Erzherzog 1 ſchoſſen 239 Ja, abgeſchnitten, wiederholte der Kaiſer, aber Ew. Liebden müſſen dem Herrn Herzog dazu gratuliren, denn wir haben die Locken nur abgeſchnitten, weil unſer kleiner Herzog jetzt zum Unterofficier geworden iſt und die Locken nit mehr für einen Unterofficier paßten. Na, aber jetzt laſſen's mir ein biſſel Zeit, Herr Erzherzog, blos um den Brief anzuſchauen, den ich da in der Taſche des Herzogs gefunden hab'. Ah, ſchauen's, der Brief hat ja ordentlich eine Adreſſe. A mon chère papa, bien aimé. Sieh, ſieh, wie zärtlich das iſt! Wen meinſt denn damit, mein kleiner — Mann? Wen nennſt denn hier Deinen Papa bien aimé? Das Kind hob mit einem Ausdruck qualvoller Seelenangſt die Augen zu dem Erzherzog empor, dann auf einmal, wie von einem freudigen Gedanken durch leuchtet, umklammerte er die Geſtalt Johanns mit ſeinen beiden zitternden Armen. Den lieben Erzherzog Hannes hab ich damit ge meint, rief er laut, an ihn iſt der Brief gerichtet! Der Erzherzog hob den zitternden Knaben in ſeine Arme empor und drückte ihn feſt an ſich, als wolle er ihm damit das wortloſe Verſprechen ſeines Beiſtandes und Schutzes gewähren. 240 Wie, mein kleiner Freund, Du haſt an mich ge— ſchrieben? fragte er zärtlich. Der Prinz ließ ſein Haupt auf die Schulter Jo⸗ hanns ſinken und flüſterte: Ja, an Dich habe ich geſchrieben. Laß Dir den Brief geben, Oncle, oder ich ſterbe. Nit möglich, daß der Brief an den Herrn Erzher⸗ zog gerichtet iſt, ſagte der Kaiſer kopfſchüttelnd, indem er nochmals die Adreſſe prüfend betrachtete. Es ſteht ja da ganz deutlich geſchrieben: A mon chère papa, bien aimé. Wie käm' denn der Prinz dazu, Ew. Liebden ſeinen Papa zu nennen? Sag', daß er an Dich gerichtet iſt, flüſterte der Prinz athemlos. Verzeihung, Majeſtät, ſagte der Erzherzog laut, indem er den Prinzen wieder auf die Erde gleiten ließ und ſ Verzeihung, Majeſtät, dieſer Brief iſt dennoch an mich ich dem Kaiſer auf einige Schritte näherte, gerichtet. In Folge eines Scherzes, den ich geſtern mit dem kleinen Herzog machte, nannte er mich ſeinen Papa und forderte ich ihn auf, an mich zu ſchreiben. Ich bitte Ew. Majeſtät alſo gnädigſt, mir den Brief geben zu wollen. Bedaure, daß ich dieſem Wunſche nicht genügen Erzher d, indem re Papa, zu, Ev. ſterte der ve gleiten 3 näherte, Han nich ch geſtern nich ſinen ſchreiben 241 kann, erwiederte der Kaiſer achſelzuckend. Ew. Liebden irren ſich ſicherlich, wenn Sie meinen, der Brief ſei an Sie gerichtet. Wenn der kleine Franz einen Brief ſchreibt und ihn an ſeinen Papa addreſſirt, ſo kann er damit nur mich meinen, oder den Gefangenen auf Helena. Wir wollen alſo ſehen! Und der Kaiſer ſchlug gelaſſen das Papier aus⸗ einander. Aber der Knabe ſtürzte zu dem Erzherzog hin, und in Todesangſt ihn umklammernd, ächzte er: Oncle, wenn er den Brief lieſt, ſo ſterbe ich! Der Erzherzog, von innigem Mitleid bewegt, beugte ſich zu ihm nieder. An wen iſt der Brief? fragte er haſtig. An meinen Papa auf Helena, ächzte das Kind. Rette mich, Oncle, rette mich! Ich ſag' Dir's, wenn er den Brief lieſt, ſterbe ich. Still, mein Kind, ſtill, Du ſollſt nicht ſterben, murmelte der Erzherzog, ſeine Hand wie ſegnend auf das Haupt des Knaben legend. Ich ſchwöre Dir, daß der Kaiſer den Brief nicht leſen ſoll! Und mit' entſchloſſenem, haſtigem Schritt, mit blitzenden Augen ging Johann bis dicht zu dem Kaiſer heran, der eben das Papier entfaltet hatte und im Begriff war, den Inhalt zu leſen. Mühlbach, Erzherzog Johann. I. 16 242 Ich erſuche Ew. Majeſtät, mir den Brief zu geben, rief Johann lebhaft, indem er die Hand nach dem Papier ausſtreckte. Der Kaiſer hob langſam ſeine Augen von dem⸗ ſelben empor und ſchaute ſeinen Bruder mit einem böſen gehäſſigen Blick an. Bedaure, Ihr Erſuchen nit erfüllen zu können, ſagte er ſtolz. Der Brief iſt nicht an Sie gerichtet. Ja, er iſt an mich gerichtet, rief Johann glühender. Nein, er iſt nicht an Sie gerichtet, und zum Beweiſe deß will ich Ihnen denſelben vorleſen. Oncle, Oncle, rette mich, murmelte der Knabe. Ich hab's Dir geſchworen und ich will Wort halten, ſagte Johann. Der Kaiſer ſoll den Brief nicht leſen! Und mit einer blitzesſchnellen Bewegung entriß er dem Kaiſer das Papier, riß es mit fliegenden Händen in einzelne kleine Fetzen und Streifen, ſtürzte zum Fenſter hin, riß es auf und warf die Fetzen und Schnitzel hinaus in die Luft, die ſie ſpielend aufnahm, ſie einen Moment wie Schneeflocken an die Fenſter preßte und dann ſie weit hinauf trug zum Himmel empor. Der Kaiſer ſtand noch wie vor Schreck und Zorn chtet. anß er „Fenſter Himmel und Zorn lleicht. erſtarrt auf derſelben Stelle, als der Erzherzog, il zu ihm zurückkehrend, mit aller Ehrfurcht und Unterwür⸗ figkeit ſich tief vor ihm verneigte. Jetzt, ſagte er mit ernſtem, unterwürfigem Ton, jetzt bin ich bereit, die Strafe hinzunehmen, die ich verdient habe als ein rebelliſcher Unterthan, gewagt hat, der es die Ehrfurcht gegen ſeinen Herrn und Kaiſer zu verletzen. Der Kaiſer antwortete nicht, ſeine Augen ruhten nur mit einem langen ſtarren Blick auf der Geſtalt ſeines Bruders und wandten ſich dann langſam zu dem kleinen Herzog hin, der ſich ſchüchtern an den Erzherzog drängte und mit flehenden, in Thränen ſchwimmenden Augen zu ſeinem Großvater hinſchaute. Dieſes Anſchauen des Knaben machte auf einmal die zornige und gehäſſige Regung des Kaiſers ver ſtummen und gab ihm ſeine kühle reflectirende Be fnn⸗ nenheit wieder. Wenn ich den Er rzherzog beſtraf', dachte Franz, ſo wird er in den Augen des Buben ein Märtyrer, er anbetet. Wenn ich ihn begnadige, ſo wird der kleine Burſch ſich mir dadurch zu Dankbarkeit und Lieb' verpflichtet fühlen. Nehmen wir a lſo die den Sach' Es wird ſich ſchon heut eine andere Gelegen⸗ 16* 244 heit finden, an meinem Herrn Bruder meine Revanche zu nehmen. Und mit ſeiner bis zur Meiſterſchaft ausgebildeten Verſtellungskunſt nahm der Kaiſer pl lötzlich eine heitere joviale Miene an und ſchaute auf ſeinen Bruder mit lächelndem Ausdruck. Wollen wir doch lieber die Sach' nit ſo ernſt und gewichtig nehmen, Ew. Liebden, ſagte er. Es bleiben uns nur zwei Wege übrig. Entweder muß ich Ihnen als einem Hochverräther den Kopf vor die Füße legen laſſen, oder ich nehm' die Sach' als einen übermüthi gen Scherz, den Ew. Liebden mit Ihrem Bruder riskirt haben, und bei welchem Sie in verwandtſchaft⸗ licher! Vertraulichkeit vergeſſen haben, daß Ihr Bruder auch zugleich Ihr Kaiſer iſt. Nun, ich bin geneigt, es von dieſer Seit' anzuſehen und meinem Herrn Bruder dies Vergeſſen der Etiquette zu verzeihen. Sprechen wir halt nit mehr davon, und Du, mein kleiner Bub', komm hieher und gieb mir die Hand! Wir wollen uns weiter nicht mehr darum ſtreiten, an wen der Brief gerichtet war, und wollen wieder gute und liebe Freunde ſein! Nur muß mir mein kleiner Camerad verſprechen, daß er niemals wieder ſolche Revanche gebildeten ne heitere ruder mit ernſt und Es blelben iß Jönen ibermüthi m Bruder andtſchaft Cor Bruden in geneigt, n Herru ſtreiten, 9 wieder gute kleinel mein zieder ſolche 245 Briefe ſchreiben will, von denen man nicht weiß, an wen ſie addreſſirt ſind. Ich verſpreche es Ew. Majeſtät, und ich will gewiß Wort halten, betheuerte der Knabe feierlich, indem er ſeine kleine Hand wie zum ernſten Schwur emporhob. Der Kaiſer beugte ſich zu ihm nieder und küßte zärtlich ſeine Stirn. Glaub's Dir wohl, mein liebes Franzl, ſagte er freundlich, biſt halt ein guter lieber Knabe. G e. Durchlaucht, der Fürſt Metternich, meldete die Stentorſtimme des Kammerhuſaren, indem er die Thür aufriß. Soll eintreten, befahl der Kaiſer. Dann neigte er ſich freundlich noch einmal zu dem Prinzen nieder. Geh' an Deinen Spieltiſch, mein Büble, ſagte er, ſpiel' mit Deinen neuen Soldaten, Herr Unterofficier, und es kann halt gar nit ſchaden, wenn Du den franzöſiſchen Grenadieren ein biſſel das deutſche Exer— citium einübſt! Der Knabe zog ſich, dem erhaltenen Befehl gemäß, in das äußerſte Ende des Gemachs zu ſeinem Spieltiſch zurück, aber ſtatt zu ſpielen, ſaß er mit 246 gefaltenen Händen da und heftete ſeine großen hell⸗ blauen Augen mit einem Ausdruck inniger Zärtlichkeit auf den Erzherzog und ſagte ihm im Geiſt glühende und zärtliche Worte der Dankbarkeit und der Liebes— betheuerung. hell chkeit hende ebes XI. Die Kataſtrophe. Als jetzt Fürſt Metternich in das Gemach eintrat, als ſeine zierliche elegante Geſtalt, ſein ſchönes lächeln⸗ des Angeſicht ſichtbar ward, wandte der Erzherzog ſich an den Kaiſer mit einer tiefen, ehrfurchtsvollen Ver⸗ beugung. Ich bitte Ew. Majeſtät, mich zurückziehen zu dür— fen, ſagte er. Ohne Zweifel haben Ew. Majeſtät mit dem Herrn Fürſten Staatsgeſchäfte, bei denen ich nicht ſtören darf. Im Gegentheil, ſagte der Kaiſer freundlich, ich bitt' Ew. Liebden zu bleiben, denn gerad' um Ihret⸗ willen hab' ich den Herrn Fürſten hieher berufen.* Haben mir Ew. Liebden nit geſtern mehrere Beſchwer— den und Bitten vorgetragen? Nun, ich will dieſelben 8 ————— 248 heut, wie ich geſtern verſprochen hab', erledigen, und ich bitt' daher den Herrn Fürſten, mir Bericht abzu— ſtatten. Zuerſt, wie ſteht es mit der Anklage gegen den Herrn von Roſchmann, unſern kaiſerlichen Staats⸗ kanzlei⸗Referendarius. Haben's die Sach' geprüft? Hat er wirklich als gewiſſenloſer Vormund an dem Sohn des Andreas Hofer gehandelt? Ich glaube, daß man den Herrn von Roſchmann mit gutem Gewiſſen von dieſer Anklage frei ſprechen kann, erwiederte Metternich mit ſeiner ſanften melo⸗ diſchen Stimme. Er hat den jungen Mann in das Kloſter Admont zu ſeiner weitern höhern Ausbildung und zu ernſten und gründlichen Studien gebracht, und die Herren Patres Profeſſores, deren Gelehrſamkeit und Strenge weltbekannt iſt, wenden dem Jüngling ihre größte Aufmerkſamkeit und Liebe zu. Herr von Roſchmann hat mir die Zeugniſſe und Cenſuren des letzten Jahres gebracht, und dieſe bezeugen, daß der junge Johann von Hofer zu den fleißigſten und aus⸗ gezeichnetſten Studioſen des gelehrten Kloſterſtiftes Admont gehört. Ich habe die Ehre, Ew. Majeſtät dieſe Zeugniſſe hier zu übergeben. Es iſt gut, Durchlaucht, legen's die Papiere nur dort auf den Tiſch, ſagte der Kaiſer kopfnickend. Freut 249 und mich, daß der Herr von Roſchmann gerechtfertigt iſt. dzu Ew. Liebden ſehen alſo, daß Sie in's Künftige gut gen thun werden, den Verleumdungen Ihrer boshaften ns Tyroler nit zu trauen, und nit Denen, welche hieher üft? kommen, um ehrliche und brave Männer anzuſchwär⸗ dem zen, Ihre Gaſtfreundſchaft zu gewähren. Ich bitte Ew. Majeſtät, mir nur Eine Bemerkung nann zu geſtatten, ſagte Johann, indem ſeine Augen mit ihen einem ſtolzen flüchtigen Blick das lächelnde Angeſicht vi⸗ Metternich's ſtreiften. Als vor ſechs Jahren Herr das von Roſchmann hier in Wien ſeine ſtaatsmänniſche dung Carrière begann, als er mich beſchuldigte ein König— und thum Rhätien zu ſtiften, und eine Liſte meiner Mit⸗ lei verſchworenen und Vertrauten übergab, hatte er auch ſi Zeugniſſe und Urkunden dem Herrn Fürſten von Met⸗ ea ternich übergeben. Dieſer hatte ſie auch geprüft und 1 für ächt befunden, und auf dieſe Zeugniſſe und die 15 Verſicherungen des Herrn Roſchmann hin wurden 1 meine Freunde damals verhaftet, ſaßen Jahre lang 8 ohne Verhör in elenden Gefängniſſen, und ſind endlich he ohne Verhör, ohne Urtheil und Recht nach fünfjähriger jeſt Gefangenſchaft wieder frei gelaſſen. Das beweiſt, daß Herr von Metternich damals, ein ſo großer Staats⸗ 20 mann wie er immerhin ſein mag, ſich doch von den Freu 250 Zeugniſſen und Urkunden Roſchmann's hat dupiren laſ⸗ ſen, denn jene ganze Verſchwörung war eine ſchmach⸗ volle Erfindung, gegen die ich noch heute wie damals im Namen meiner ſelbſt und meiner Freunde, im Na⸗ men des geſunden Menſchenverſtandes feierlich prote— ſtire. Wenn der Herr Fürſt von Metternich damals von Roſchmann ſich dupiren ließ, als er anklagte, ſo kann er auch heute ſich wieder dupiren laſſen, da Roſch mann ſich von einer Anklage zu reinigen hat. Ich denk' halt, daß damals Niemand dupirt wor den iſt, ſagte der Kaiſer achſelzuckend, und daraus ſchließ' ich, daß es auch heute Niemand iſt. Betrach ten wir alſo die Sach' als abgemacht, und gehen wir zu etwas Anderm über! Haben Ew. Durchlaucht ge⸗ naue Nachforſchungen angeſtellt nach der Mordgeſchichte des Fähndrichs von Sunders? Zu Befehl, Majeſtät, ich habe die Acten des Ver⸗ hörs vom Kriegsgericht eingefordert und genau geprüft. Und das Reſultat? Majeſtät, es iſt eine gar traurige Geſchichte, er wiederte Metternich achſelzuckend. Ich mache es wie das Kriegsgericht, ich enthalte mich jedes Urtheils, und ſtelle die Sache ganz der Entſcheidung Eurer Majeſtät anheim. 251 Erzählen Ew. Durchlaucht uns vor allen Dingen den Sachverhalt, ſagte der Kaiſer, erzählen Sie ge— nau und klar, ſchon damit der Herr Erzherzog, der ſich zum Fürbitter des Verbrechers aufgeworfen hat, ſich überzeugen möge, ob wir falſch berichtet worden, oder ob Ihre Angaben mit den ſeinen übereinſtimmen. Und der Kaiſer, welcher indeß die ganze Begeben heit, um welche es ſich handelte, ganz genau geprüft und nach den Acten ſtudirt hatte, ließ ſich auf dem Lehnſturh nieder, und bedeutete Johann und den Für ſten, ihm gegenüber ihre Plätze einzunehmen. Erzählen Sie, befahl er dem Fürſten. Majeſtät, begann Metternich, der Fähndrich von Sunders, der einzige Sohn einer alten verarmten und ruinirten Adelsfamilie, hatte gerade aus dieſem Grunde, daß er kein Vermögen beſaß, ſich den Militairſtand erwählt, weil er hoffte, mit ſeinem adligen Namen und ſeinen bedeutenden Kenntniſſen leicht und ſchnell Carriére machen zu können. Es ſcheint aber, als wenn nachher der erwählte Beruf ſeinen Erwartungen nicht entſprochen habe. Er begehrte von ſeinem Major ſeinen Abſchied, und da ihm derſelbe verweigert ward, deſertirte er. Es gelang, den Deſerteur wieder ein zufangen, er ward beſtraft, indem man ihn zum ge 252 meinen Soldaten degradirte und zu acht Tagen Latten verurtheilte. Allein kaum war die Strafe überſtanden, und der Deſerteur einige Tage wieder in den Dienſt eingetreten, als er zum zweiten Male deſertirte. Zum zweiten Male ward man des Deſerteurs habhaft, das Kriegsgericht trat zuſammen und es verurtheilte den zweimaligen Deſerteur zum großen Spießruthenlaufen. Das war eine gerechte und wohl verdiente Strafe, D rief der Kaiſer, was ſollt' aus der Disciplin werden, wenn man die Deſerteurs nit auf das Allerhärteſte züchtigte. Nun, Herr Fürſt, was geſchah weiter? — Der zweimalige Deſerteur ward alſo zum großen Spießruthenlaufen verurtheilt? Ich hoffe, das Ur⸗ theil ward doch vollſtreckt? Ja, Majeſtät, es ward vollſtreckt. Schon hatte der Verurtheilte einmal die furchtbare Gaſſe durch— wandert, das Fleiſch hing in Fetzen von ſeinem Rücken, er flehte um den Tod, als um eine Gnade. Der Major commandirte eben, daß der Unterofficier, der dem Ver⸗ urtheilten voranſchritt, weiter gehen ſolle in die zweite Spießruthenreihe hinein, da in der Verzweiflung ſeines Schmerzes riß der Gemarterte, aus hundert Wunden blutend, dem voranſchreitenden Unterofficier die Mus⸗ kete aus dem Arm, legte ſie auf den Major an, ſchoß ken und ſank dann mit lautem wahnſinnigen Lachen zu en, Boden, indem er rief: Gott ſei Dank! Jetzt habe nſt ich das Leben verwirkt! Jetzt werden ſie mich doch um zum Tode verurtheilen müſſen.*) Dann verlor er das das Bewußtſein, die weitere Strafe des Spießruthen den laufens konnte nun natürlich nicht vollſtreckt werden, en. man trug den Verbrecher in das Profoß⸗Gefängniß, ffe, wo man ihn verband und zum Bewußtſein zurückführte. Und hatte er den Major tödtlich getroffen? eſte Nein, Majeſtät, die Kugel war ihm nur durch das er? dicke Fleiſch des Oberarms gegangen, und hatte eine ßen leichte Wunde erzeugt. Das Kriegsgericht trat am Ur⸗ 4 andern Tage zuſammen, man trug den Verbrecher zum Verhör. Er bekannte ſeine Schuld und bat, daß atte man ihn zum Tode verurtheilen möge, denn nur um cch⸗ dieſe Verurtheilung zu erlangen, nur um zu ſterben, ken, habe er auf den Major geſchoſſen. Das Kriegsgericht erkannte ihm auch einſtimmig die Kugel zu, aber wegen der Seltſamkeit des Falles verſchob es die Vollſtreckung des Urtheils auf vier Tage, und berichtete zur aller höchſten Entſcheidung die Sache in das kaiſerliche Ca den tus⸗*) Dieſe Begebenheit iſt hiſtoriſch. Siehe: Kaiſer Franz und boß Metternich. Ein Fragment. S. 28. 254 binet. Das, Majeſtät, iſt der genaue und ausführliche Sachverhalt. Ich danke Ew. Durchlaucht, ſagte Franz mit einem leichten Kopfnicken. Es ſcheint mir, daß Sie klar und unparteiiſch referirt haben, denn in Ihrer weichen chriſtlichen Milde haben Sie ſogar Worte des Be⸗ dauerns und Erbarmens für den abſcheulichen Ver⸗ brecher geſprochen, der nit blos zwei Mal ſchmachvoll deſertirte, ſondern auch an ſeinem vorgeſetzten Major zum Mörder geworden iſt. Ew. Liebden haben den Bericht mit angehört, und ich frage Sie nun, ob Sie an demſelben etwas zu erinnern finden, und ob Sie wirklich den zweifachen Verbrecher noch jetzt Ihrer Fürſprache werth halten? Majeſtät, ſagte Johann feierlich, ich wage es noch einmal, im Namen der armen verzweifelnden Aeltern, im Namen der Menſchlichkeit Eure Majeſtät um Gnade und Erbarmen anzuflehen für den Unglück⸗ lichen, der wahrlich ſein Verbrechen ſchwer genug gebüßt hat. Der Herr Miniſter Fürſt Metternich hat klar und unparteiiſch referirt, wie Ew. Majeſtät ſagen, indeß erlaube ich mir zu behaupten, daß er Eurer Majeſtät nicht Alles geſagt hat. Nun, was hat der Fürſt mir denn nach Ihrer me d ₰ r Meinung nicht geſagt? Ich erſuche Ew. Liebden den Bericht des Herrn Fürſten zu ergänzen! Der Fürſt hat Eurer Majeſtät nicht geſagt, wes⸗ halb der Unglückliche zwei Mal deſertirte, und was ihn zur Verzweiflung getrieben. Ich bitt' alſo Ew. Liebden, mir die moraliſchen Gründe für die Verbrechen des Deſerteurs und Mör⸗ ders anzugeben. Ew. Majeſtät, der Fähndrich von Sunders deſer— tirte, weil der Major ſeines Regiments ihn haßte, ihn verfolgte, chicanirte und peinigte, ihm das Leben zur Hölle machte. Er konnte dieſe fortgeſetzte Marter, dieſe täglichen Tracaſſerien und Zornesausbrüche nicht ertragen und forderte deshalb ſeinen Abſchied. Aber der Major verweigerte ihm denſelben mit höhniſchen Worten, und der arme Fähndrich hatte ſeitdem noch ärgere und härtere Behandlung zu erdulden. Er deſertirte. Der Major hatte das gewollt und ver— muthet, und hatte ihn deshalb ſchon lange überwachen und beobachten laſſen. Es war daher natürlich, daß er ſchon am andern Tage entdeckt und zurückgebracht ward. Der Herr Fürſt Metternich hat Ew. Majeſtät berichtet, daß man den Deſerteur damit beſtrafte, daß man ihn zum Gemeinen degradirte, und ihn zu acht 256 Tagen Latten verurtheilte. Er hat indeſſen vergeſſen hinzuzufügen, daß der Major den Degraͤdirten öffent— lich vor dem ganzen Regiment nicht blos verhöhnte, ſondern ihn mit ſeiner Reitpeitſche in's Geſicht ſchlug, in der Abſicht, den Degradirten zu einer That der Verzweiflung zu reizen. Es gelang, denn der Un⸗ glückliche deſertirte zum zweiten Mal, und da der Major ihn genau hatte überwachen laſſen, ſo ward er natürlich auch zum zweiten Mal eingefangen. Jetzt ſollte der Haß des Majors ſeine volle Sättigung er— fahren. Der Deſerteur ward zum großen Spieß⸗ ruthenlaufen verurtheilt, der Major ſelber comman— dirte die Execution, und ſeine höhniſche Kälte, ſein Geſicht voll Haß und Zorn, ſein lautes Lachen bei dem erſten Schmerzensſchrei des Gemarterten, das war es, was den Unglücklichen zur Verzweiflung, zum Wahnſinn brachte. Ich finde indeſſen, daß der Major nur gethan, was ſeiner Pflicht und ſeinem Amte gemäß war, ſagte der Kaiſer ruhig. Es kann ihn deshalb kein Tadel treffen, und das Verbrechen des Andern wird dadurch nit gemildert. Nicht gemildert, Majeſtät, aber es wird entſchul digt, ſagte Johann ſanft. Der Haß und die Feind⸗ 257 ſchaft ſeines Vorgeſetzten hat den Armen zur Ver⸗ zweiflung getrieben, und aus der Hölle, die man ihm bereitet, konnte er ſich nur durch ein Verbrechen erlöſen. Fürſt Metternich hatte der glühenden Rede des Erzherzogs mit lächelnder Ruhe zugehört. Ah, ſagte er, während Johann ſprach, zu ſich ſelber, der gute Prinz läßt mir nichts zu thun übrig. Er beſeitigt ſich ſelber und von dieſer Stunde an werde ich ſeinen Einfluß auf den Kaiſer nicht mehr zu fürchten haben, denn er zerſtört ihn eben ſelber, und macht ſich ganz unmöglich. Es bleibt mir nur noch übrig, die Lunte an die Pulvermine zu bringen, welche der geſchwätzige liebe Erzherzog da um ſich herum gelegt hat, und er fliegt mit all ſeinem Einfluß und ſeinem gefährlichen Liberalismus in die Luft, jedenfalls wenigſtens auf längere Zeit aus Wien hinaus und in die Verban nung hinein. Jetzt iſt's an der Zeit, meine Lunte zu gebrauchen. Er wandte ſich, als Johann jetzt ſchwieg, mit einem ſanften Lächeln zu ihm hin. Ey. kaiſerliche Hoheit haben ſicherlich Recht, ſagte er, die Feindſchaft und der Haß des Majors laſtete ſchwer auf dem armen Fähndrich, und ſie war es vielleicht, die ihn Mühlbach, Erzherzog Johann. I. 17 258 zum Verbrechen getrieben. Es iſt wahr, ich muß mich der Nachläſſigkeit anklagen, daß ich dieſen Umſtand nicht in meinen Bericht mit aufgenommen. Indeß bekenne ich, daß ich dazu eigentlich durch das Mitleiden mit dem beklagenswerthen Unglücklichen getrieben ward. Denn wenn einmal von dem Haß und der Feindſchaft des Majors die Rede war, ſo mußte auch erörtert werden, woher dieſelbe entſtanden, und ich fürchte, daß ſolche Erörterungen für den Angeklagten nicht günſtig ausfallen können. Die Feindſchaft des Majors gegen ſeinen Fähn— drich hatte alſo einen beſtimmten Grund? fragte der Kaiſer lebhaft. Er hatte alſo dem Herrn Fähndrich, dem Protegé des Herrn Erzherzogs, noch ſonſt etwas vorzuwerfen? Nun, ſagen's, Herr Fürſt, weshalb haßte, weshalb verfolgte der Major den Fähndrich von Sunders? Majeſtät, weil der Fähndrich ein leidenſchaftlicher Demagog war. Weil er bei jeder Gelegenheit ſeine Sympathieen für die Beſtrebungen der Umſturzpartei in Deutſchland ausſprach, weil er die ruchloſe Mord— that des Carl Sand laut und begeiſtert als eine That des edelſten Patriotismus, der erhabenſten Selbſtver⸗ leugnung geprieſen hatte. ß mich mſtand Indeß rörtert e, daß günſtig etwas eshalb ondrich ftlicher 259 Das Geſicht des Kaiſers färbte ſich dunkelroth, ſeine Augen blitzten und er preßte die Lippen feſt auf einander, wie er das nur im höchſten Zorn zu thun pflegte. Herr Erzherzog Johann, fragte der Kaifer nach einer Pauſe, können Sie dieſe Angaben beſtreiten? Haben Sie dieſelben gekannt? Ja, ich habe ſie gekannt, ſagte Johann ruhig, und ich vermag es nicht, ſie zu beſtreiten. Der un⸗ glückliche junge Mann gehörte nicht zur Zahl Derer, welche unbedingt Alles loben und preiſen, was ge— ſchieht. Die Ideen der neuen Zeit hatten auf ihn einen mächtigen Einfluß geübt, und das Studentenfeſt auf der Wartburg, das in vielen Köpfen wie die Morgenröthe eines neu auf fgehenden Tages gezündet, hatte auch d den armen jungen Fähndrich begeiſtert. Und den Mörder, der aus dieſem Wartburgfeſt hervorgewachſen, den entſchuldigte er nit blos, ſondern er pries ihn als einen edlen P atrioten, einen Heiligen? fragte der Kaiſer höhniſch. Ich frage Ew. Liebden ehrlich und auf Ihr Gewiſſen, ob Ew. Liebden das entſchuldigen können? Ich frage Sie, weil es mir lieb ſein würde, wenn Sie mir, der ich vielleicht in andern Ideen befangen bin, einen Anhaltspunkt der 1⁰* 260 Entſchuldigung bieten könnten. Ich frage Sie, weil Sie mir in dieſem Fall die öffentliche Meinung reprä ſentiren, deren Stimme leider gar ſelten bis zu mir gelangt. Ich lege mit meiner Frage das Leben und die Zukunft des Angeklagten, des Verbrechers in Ihre Hand, Herr Erzherzog, bedenken Sie das wohl, und antworten Sie mir daher ehrlich und nach Ihrem Gewiſſen: läßt es ſich entſchuldigen, d daß der Fähndrich von Sunders die Mordthat des Carl Lund zuns eine That des edelſten Patriotismus pries? Ja, Majeſtät, ehrlich und auf mein Gewiſſen ant worte ich: es läßt ſich entſchuldigen, und Tauſende und aber Tauſende in Deutſchland denken, wie dieſer. Arme gedacht hat. Und Sie ſelber, Herr Erzherzog? Ich ſagte es Ihnen ſchon, ich verlange von Ihnen, daß Sie mir rückhaltlos Ihre Anſicht ſagen, denn ſie repräſentirt mir die öfſentliche Meinung. Wenn Ew. Majeſtät es verlangen, ſo werde ich meine Anſicht nicht verbergen, ſagte Johann mit ſtrah lenden Augen und kühnem Angeſicht. Ja, auch ich bin der Meinung, daß die That Carl Sand's zu ent ſchuldigen, zu begreifen iſt. Ich verſtehe es, wenn die enthuſiaſtiſche Jugend den Mörder Kotzebue's, des 261 „weil ruſſiſchen Spions, als einen Patrioten, einen Helden reprä preiſt, denn die Verbrechen der Regierungen, die ſind zu mir es, welche das Verbrechen Carl Sands verſchuldet n und haben, welche die Schuld tragen an dem Feſt auf der 1Ihre Wartburg, an den demagogiſchen Umtrieben, die jetzt l, und ganz Deutſchland durchwühlen und zuletzt zu einem Ihrem Umſturz alles Beſtehenden führen müſſen, wenn die ndrich Regierungen nicht umkehren auf dem verbrecheriſchen s eine Wege, den ſie eingeſchlagen, und auf dem ſie die Ver⸗ brechen ihrer Gegner erzeugen. in ant Und was iſt das für ein Weg, den die Regierun⸗ ruſende gen, wie mein lieber Johann ſagt, verbrecheriſcher dieſer Weiſe eingeſchlagen haben? fragte der Kaiſer mit faſt dieſer 8 d) ſchmeichleriſcher Stimme. Majeſtät, rief Johann glühend, es iſt der Weg der Feigheit, der Lüge, der Verhöhnung alles Heiligen, des Treubruchs an dem feierlich geleiſteten Schwur! ſentirt n Denn Ew. Majeſtät wiſſen es wohl, in der Stunde if der Gefahr haben die geängſteten Fürſten ihren Völ⸗ in kern die Freiheit, die Unabhängigkeit, die Selbſtregie⸗ ic rung verſprochen, und mit dieſen heiligen und erhabe— 16 eit nen Hoffnungen einer ſtolzen und erhabenen Zukunft ol haben ſie das Volk, den unbezwingbaren Löwen, aus 4 ſeinem Schlummer der Ermattung aufgeſchreckt, daß 6, U 262 er ſich mit Donnergebrüll erhob und in ſeinem heiligen Zorn den unbeſiegbaren Feind beſiegte und ihn hinaus trieb über die geheiligten Grenzen des Vaterlandes. Ja, nicht die Fürſten, ſondern die Völker ſind es ge weſen, welche Napoleon beſiegten, welche mit ihrem Leben, mit ihrem Blut die Freiheit erkauften, welche dann in ihrer Treue und Kinderunſchuld ihre Fürſten wieder auf die Throne ſetzten und in rührender Er gebenheit und Großmuth warteten, daß dieſe ihnen jetzt die Verſprechungen erfüllen ſollten, welche ſie ihnen geleiſtet, daß ſie ihnen die verſprochene Conſti⸗ tution, die organiſche Vollendung des Bundes, das heißt die deutſche Nationalgröße, daß ſie ihnen die Freiheit und Unabhängigkeit der Preſſe als Dankopfer und Liebesgabe darbringen ſollten. Aber ſie warteten und hofften vergebens, ſie ſahen ſich bis hierher ge— täuſcht in allen ihren gerechten Anſprüchen und For⸗ derungen. Die Fürſten haben ihre Verſprechungen vergeſſen, ſie wollen das Volk wieder hineinzwängen in die alte, ſchweigende Unterthänigkeit, ſie wollen es nicht Theil nehmen laſſen an dem großen Bau der Nationalität, wie er doch ihnen im gemeinſamen Han⸗ deln und Thun verſprochen iſt von dem Bunde der deutſchen Völker in Frankfurt. Sie fordern vergebli 263 eiligen ihre Mitarbeiterſchaft an dem großen Bau, ſie fordern hinaus die verſprochenen Verfaſſungen, die freie Preſſe, dieſe andes. beiden erſten nothwendigſten Bedingungen der Völker es ge freiheit, und ſie fordern vergeblich! ihrem Nun, ich meine doch, daß ſie in Baiern, in Wür— welche temberg und Baden genug Freiheit der Preſſe und jürſten recht hübſche Repräſentativ⸗Verfaſſungen hätten, rief r Er der Kaiſer. ihnen Ja, Majeſtät, es iſt wahr, die Könige von Wür— he ſie temberg und Baiern, der Großherzog von Baden Lonſti waren ehrlich genug, ihre geleiſteten Verſprechungen , das auch erfüllen zu wollen. Sie. haben Repräſentativ⸗ en Ne Verfaſſungen, ſie haben eine freie Preſſe. Aber ſchon kopfer erhebt ſich drohend gegen ſie die Reaction, ſchon be— arteten ginnt man das Einſchüchterungsſyſtem und macht den er ſe Fürſten dieſer drei Länder das zum Verbrechen, was For doch nur die einfache Erfüllung ihrer Pflicht war. ainde Schon wagen es Rußland und Frankreich wieder, ihre Iunger allzeit geſchäftigen Hände in die deutſchen Angelegen⸗ 23 4 heiten zu miſchen, ſich zu beklagen über den Geiſt des 4 1 Liberalismus, der in Deutſchland erwacht iſt, zu be— un de gehren, daß man denſelben mit Gewalt und Strenge zur Ruhe zwinge. Das Volk, ſagen ſie, ſoll keine de d Macht, kein Anſehen haben, das Volk ſoll nur arbei— gebli 264 ten, gehorchen und zahlen, deshalb muß man vor allen Dingen ihm die Zähne ausreißen, mit denen es beißen könnte. Dieſe Zähne ſind die Conſtitutionen und die Freiheit der Preſſe. Aber wehe den unglücklichen Zahnärzten, welche dieſe Operation vollführen wollen. Die ausgeriſſenen Zähne würden die Drachenſaat ſein, aus welcher dem Volk die gepanzerten Schaaren der Revolution in blutiger Rüſtung hervorſteigen werden. Ew. Majeſtät ſehen es ja, ſchon die dumpfe Ahnung von dieſem Wollen reizt die Völker zum Zorn, die Reaction allein iſt es, welche den Liberalismus und die Oppoſition erzeugt hat, die Reaction iſt die Mutter der Demagogie, welche auf der Wartburg ihr erſtes Feſt gefeiert hat, die Reaction hat den Dolch geſchlif— fen, welchen Carl Sand dem bezahlten Spione Ruß— lands in's Herz geſtoßen. Es iſt ein grauſig Bild, welches Sie mir da vor— malen, ſagte der Kaiſer ruhig, Gott gebe, daß es niemals zur Wahrheit werde. Aber ſprechen's weiter, Herr Bruder, wer trägt die Schuld an dieſer Reaction? Wer iſt es, den man anklagt? Bin ich es, oder iſt es der König von Preußen? Majeſtät, ſagte Johann feierlich, es iſt nicht der König von Preußen, es iſt nicht der Kaiſer von Oeſter⸗ er allen beißen und die ickichen wollen. at ſein, ren der werden. da vor daß es weiter, dieſer Bin ich 265 reich. Es iſt der Mann, welchen Ew. Majeſtät an die Spitze Ihres Staates geſtellt hat, der Mann, deſſen Hand die Staatsmaſchine lenkt, es iſt der Fürſt Metternich! Wie? fragte der Kaiſer faſt heiter, Metternich be⸗ ſchuldigen Sie? Er ſoll die Schuld tragen an den Unruhen, den liberalen Wühlereien, dem Geſchrei der Demagogen? Ja, er, der Fürſt Metternich trägt dieſe Schuld! Dies Ew. Majeſtät zu ſagen, darnach ſehne ich mich ſchon ſeit einem Jahr, und ich danke Gott, daß er mir heute die Gelegenheit dazu giebt, und daß ich Alles dies, was meine Seele bedrückte, Ew. Majeſtät ſagen darf in Gegenwart des Mannes, den ich anklage im Namen der Freiheit, im Namen des Liberalismus, im Namen der Nation, welcher er ihre Ehre, ihre Freiheit, ihre Selbſtſtändigkeit nehmen will. Ja, Met— ternich iſt es, der einſt das Verderben der Fürſten herbeiführen wird, weil er heute das Verderben der Völker beabſichtigt, Metternich iſt es, der einſt den Untergang, das Unglück und die Niederlage Oeſter reichs bewirken wird, weil er heute die abſolute Ober⸗ herrſchaft Oeſterreichs in Deutſchland zu erlangen ſtrebt. Metternich iſt der böſe Geiſt Deutſchlands, 266 weil er ſich einbildet, der gute Geiſt Oeſterreichs zu ſein. Majeſtät, ich beſchwöre Sie, beherzigen Sie meine Worte wohl, denn es iſt die deutſche Nation, welche heute zu Ihnen ſpricht durch meinen Mund. Wenn Sie ſie heute verachten, ſo wird ſie eines Tages mit den grollenden Rachedonnern der Revolution zu dem Beherrſcher Oeſterreichs ſprechen, und dann wird ſie ihn zwingen, ihr zuzuhören und ihren Willen zu erfüllen. Gott allein weiß es, ob es mir jemals wieder geſtattet ſein wird, ſo offen und rückhaltlos zu Ew. Majeſtät zu ſprechen, ob der Zorn meines Kaiſers mich nicht zu ewigem Schweigen verurtheilen wird. Aber ſagen will ich, was im Namen Oeſterreichs, im Namen Deutſchlands geſagt werden muß: Metternich iſt der Feind der Freiheit, der Ordnung und des Rechts, Metternich will die Fürſten wortbrüchig machen, Metternich will den Völkern ihre wohlerworbenen Rechte vorenthalten, Metternich iſt die verkörperte Reaction, welche die Revolution gebiert, indem ſie die Ruhe bezweckt. Ein Zucken flog über das Antlitz des Kaiſers hin, aber er zwang es wieder zur Ruhe, und nur ſeine Hände zogen ſich krampfhaft zuſammen wie zu einer drohenden Fauſt. Sie klagen an, Herr Erzherzog, on zu wird en zu emals los zu aiſers wird. 8, im ernich des achen, benen rperte ſie die z hin, ſagte er anſcheinend ruhig, aber wo ſind Ihre Beweiſe? Haben Sie Beweiſe? Ja, Majeſtät, rief Johann ſtolz und feſt, ich habe Beweiſe, denn Deutſchland leidet, Deutſchland iſt in Aufregung und Gährung, und Metternich trägt die Schuld daran! Metternich iſt es, der den Staats kanzler von Hardenberg durch Warnungs- und Droh briefe bis hierher verhindert l hat, Preußen die von dem König feierlich verheißene Repräſentativ⸗Verfaſſung zu geben, der dieſen ſchwachen, genußſüchtigen Hardenberg mit den Schreckgeſpenſtern der Revolution ängſtigt und ihn beſchwört, nicht die Fürſten von ihren Thronen zu ſtürzen, um den Völkern gerecht zu werden. Met— ternich iſt es, der in vertraulichen Briefen an die Könige von Baiern und Würtemberg immer auf’s Neue ſie warnt vor den Gefahren, welche ſie mit ihren liberalen Verfaſſungen ganz Deutſchland bereiten, der es ihnen zur Pflicht machen will, die Rechte und die Redefreiheit der Kammern zu beſchränken, Metter nich iſt es geweſen, der den Congreß zu Aachen be rufen, wo man das Unding der heiligen Allianz auf's Neue beſchworen, wo die Fürſten ſich einander ver pflichteten, im gewappneten und gefeieten Bunde ihren Völkern gegenüber zu treten und das Beſtehende, als — 268 das Geheiligte, einzig Gültige, aufrecht zu erhalten. Metternich iſt es, der dem Herrn von Stourdza den Stoff zu ſeiner Denkſchrift über den jetzigen Zuſtand Deutſchlands gegeben hat, welche wie ein Feuerbrand alle Gemüther in Flammen geſetzt und die Jugend Deutſchlands mit Haß und Ingrimm erfüllt hat, weil in derſelben die Reaction drohend ihr Haupt erhebt und den Liberalismus beſchuldigt, das Verderben Deutſchlands zu bezwecken, den Liberalismus, der in⸗ deſſen heute immer nur noch das begehrt, was den Völkern vor vier Jahren feierlich von ihren Fürſten iſt zugeſichert worden. Und Metternich iſt es, der jetzt über einem neuen Plane brütet, durch welchen er die Macht der Fürſten erhöhen, die Völker noch mehr einzwängen und knechten will. Metternich hat die Mordthat des armen Fanatikers Carl Sand zu ſeinen Zwecken auszubeuten verſtanden. Er hat ſie als die erſte Blüthe der Demagogie dargeſtellt, er hat allen Cabinetten der deutſchen Fürſten die dringende Noth⸗ wendigkeit dargeſtellt, ſchnelle und wirkſame Mittel zu der Abwehr zu ergreifen, damit nicht gegen jeden Fürſten ein Carl Sand ſich erhebe, damit nicht die Revolution ganz Deutſchland zerſtöre und allem Be⸗ ſtehenden den Untergang bereite. Er hat die Miniſter alten. a den uſtand brand ugend ,weil erhebt derben 6 — 269 der deutſchen Fürſten abermals zu einem Congreß 3 2 zu eingeladen, und in Carlsbad ſoll das letzte Glied dieſer Kette geſchmiedet werden, welche die Throne bis zu den Wolken erheben, die Völker bis in den Staub erniedrigen ſoll! Schon zittert ganz Deutſch land in ahnungsvollem Grauſen vor Dem, was die nächſte Zukunft ihm bringen ſoll, und das Schreck geſpenſt der Reaction treibt die Edelſten und Beſten zur Oppoſition, zur Genoſſenſchaft mit dieſer Dema gogie, welche die Reaction, indem ſie dieſelbe zerſchnei den und damit vernichten will, doch nur vervielfacht und zu höherm Leben kräftigt. Oh, möge es in dieſer Stunde, wo ich Alles gewagt habe, um Alles zu ge winnen, möge es mir da erlaubt ſein, Ew. Majeſtät im Namen Oeſterreichs, im Namen Deutſchlands, im Namen der Zukunft zu beſchwören: gehen Sie nicht weiter auf dem eingeſchlagenen Wege, befehlen Ew. Majeſtät Ihrem Miniſter Metternich, daß er umkehre, laſſen Sie ihn nicht nach Carlsbad gehen, damit der einſt nicht geſagt werde: Oeſterreich ſei es geweſen, welches die Ketten für die deutſchen Völker geſchmiedet, damit die deutſchen Völker, wenn ſie am großen Tage der Vergeltung dieſe Ketten zerbrechen, nicht Rache nehmen an Oeſterreich und den Kaiſer von Oeſterreich 270 nicht einſt entgelten laſſen, was der Miniſter Oeſter⸗ reichs heute verſchuldet. Oh, mein Kaiſer, mein Herr, mein Bruder, auf meinen Knieen beſchwöre ich Sie: gehen Sie nicht weiter. Laſſen Sie von Metternich ſich nicht weiter leiten, denn er führt Sie, er führt Oeſterreich, er führt Deutſchland in's Verderben! Seien Sie ſelbſt wieder der Herr, der Kaiſer, Sie allein! Und als Herr und Kaiſer ſprechen Sie ein großes, ein kaiſerliches Wort! Gehen Sie freiwillig allen Fürſten als edles, erhabenes Beiſpiel voran. Bekämpfen Sie die Revolution, welche ſchon im Be⸗ griff iſt, in Italien, in Böhmen, in Ungarn ihr Haupt zu erheben, bekämpfen Sie ſie nicht, indem Sie zu den Gewaltmitteln der Reaction Ihre Zuflucht neh⸗ men, ſondern indem Sie das Licht der Wahrheit, der Freiheit, des Rechts über Oeſterreich aufgehen laſſen. Majeſtät, um dieſes Licht flehen Ihre Völker! Er⸗ hören Sie ſie! Geben Sie ihnen freiwillig, was Sie einſt vielleicht gezwungen thun müſſen: geben Sie Ihren Völkern eine Conſtitution! Und indem der Erzherzog mit leuchtendem Ange⸗ ſicht, mit begeiſterten Blicken ſo ſprach, beugte er vor dem Kaiſer ſeine Kniee und hob ſeine gefalteten Hände flehend zu ihm empor. „ — 271 Deſter⸗ Der Kaiſer ſprang von ſeinem Stuhl empor, und Herr, ein wilder Schrei des Zorns drang bei den letzten h efe Worten Johanns, bei dieſem gehaßten und gefürchteten ternich Wort: Conſtitution! von ſeinen Lippen. Er wandte führt ſich ab, um das wilde Zucken ſeines Angeſichts zu wrbent verbergen, um die Verwünſchungen und Flüche zu Gi unterdrücken, die ſchon auf ſeinen Lippen ſchwebten. r ein Aber dann auf einmal, mit einer ungeheuren Kraft⸗ iivilin anſtrengung ſeine Wuth bemeiſternd, zwang er ſein voran. Geſicht, wieder ruhig zu ſein, und ging langſamen, n B⸗ gemeſſenen Schrittes ein paar Mal in dem weiten Haun Gemach auf und ab. 4 1 Dann blieb er vor Johann ſtehen, der indeß ſich Si 3 wieder von ſeinen Knieen erhoben hatte und ſtehend 1 der Antwort des Kaiſers entgegen harrte. Seine di, de Augen ſtarrten mit einem ſeltſamen Ausdruck voll uſen Haß und Schadenfreude in das bewegte, erglühte An— 3 geſicht ſeines Bruders. Einmal begegneten ſich ihre 45 d9 Blicke und blitzten gegen einander wie zwei Schwerter⸗ en C ſpitzen im wüthenden Zweikampf. Beide erſchraken ſie vor dieſem Blitzen, das Jedem die geheimen Gedanken Ange⸗ des Andern verrieth. Johann ſenkte die Augen nieder er vor und ſeufzte, Franz aber ſchaute ſeinen Bruder immer Hände —‿ 72 d noch an und ein Lächeln voll Hohn und Verachtung trat auf ſeine Lippen. Es war ein furchtbarer, bedeutungsvoller Moment, ſelbſt der kleine Herzog von Reichſtadt hörte auf, mit ſeinen geliebten Soldaten zu ſpielen und ſetzte die Grenadiere der alten Garde hin, um ſeine Hände zu falten und mit flehenden angſtvollen Blicken die beiden Brüder zu betrachten, die bleich und ſtarr, im tödt lichen Duell der Geiſter einander gegenüber ſtanden. Selbſt Metternichs ſchönes Angeſicht verdüſterte ſich, und ſein Herz, das ſonſt in allen großen Kriſen immer noch leicht und fröhlich ſchlug, klopfte diesmal mit härtern Schlägen an ſeine Bruſt. Denn er war es ſich bewußt, daß dieſer Moment nicht blos das Schickſal des Erzhexzogs, nicht blos das Schickſal Oeſterreichs, ſondern auch ſein eigenes perſönliches Schickſal entſcheiden werde. Gab der Kaiſer ſeinem Bruder nach, ſo war Met⸗ ternichs Einfluß gebrochen, ſo hörte er auf, Miniſter zu ſein, und von der leuchtenden Höhe, zu welcher er ſich erhoben, mußte er hernieder ſteigen in das Dunkel der Machtloſigkeit. Plötzlich jetzt wandten die Blicke des Kaiſers ſich von ſeinem Bruder ab und zu Metternich hin. önliches ar Met Miniſter lcher ei ; ¹ unkel ers ſih 273 Herr Fürſt, ſagte er mit vollkommen kalter, ruhi ger Stimme, Herr Fürſt, Sie haben die Anklage des Herrn Erzherzogs gehört, vertheidigen Sie ſich! Da ich den Kläger angehört, will ich auch die Erwiderung des Beklagten hören. Antworten Sie alſo! Verthei⸗ digen Sie ſich! Metternich's Herz ward auf einmal wieder ruhig und ſanft, der Moment der Entſcheidung war da, mußte entweder jetzt für immer ſtür er zen oder für immer ſeine Macht befeſtigen. Und darum mußte auch Er thun, wie es der Erzherzog gethan: er mußte Alles wagen, um Alles zu gewinnen. Wollte der Kaiſer ihn prüfen, gab er den Ideen und Wünſchen Johann's nach, ſo war Metternich ohnedies verloren, ſchwankte Franz noch, ſo konnten Metternich's Worte ihn viel— leicht halten, war er entſchloſſen, ſeinem Bruder zu widerſtreben, ſo mußte er als treueſten Diener und Schildträger ſeinen Miniſter neben ſich begrüßen. Vertheidigen Sie ſich! wiederholte der Kaiſer noch einmal, als Metternich immer noch ſchwieg. Majeſtät, ſagte er jetzt, und ein wunderbarer lichelnder Friede verklärte jetzt das ſchöne Angeſicht Metternich's, Majeſtät, ich kann mich nicht vertheidigen, kenn die Worte und die Beſchuldigungen des Herrn Mühlbach, Erzherzog Johann. I. 18 6. der Demagogie. 274 Erzherzogs nicht widerlegen, denn in Allem, was Se⸗ kaiſerliche Hoheit geſprochen, hat er die Wahrheit ge⸗ ſagt. Ja, ich bin der Feind der ſogenannten Freiheit, ja, ich habe dem revoltirenden Liberalismus, der blut⸗ mörderiſchen Demagogie den Tod geſchworen, ja, ich bin der Kämpfer und Schildträger der Reaction, der unverſöhnliche Gegner der Conſtitutionen, ich haſſe die ſogenannte freie Preſſe und das self government der Nationen iſt mir ein Gräuel. Ja, ich bin es ge— weſen, der dem preußiſchen Staatskanzler, ſo oft der in feiger Weichmüthigkeit den Phraſeurs des Liberalis⸗ 4 mus nachgeben und eine Conſtitution für Preußen an's Licht wollte treten laſſen, die Hand feſtgehalten und den ermatteten Schwelger und Schwärmer auf ſeine weichen Polſter zurückgejagt hat mit den Schreckbildern Ja, ich habe Warnungsbriefe an diejenigen Höfe geſchrieben, welche von dem tollen Geſchwätz ihrer Kammerredner, von dem Geſchrei ihrer Zeitungsſchreiber ſich vielleicht ſonſt ſo ſehr hätten einſchüchtern laſſen, daß ſie der brüllenden De magogie noch weitere Conceſſionen gewährt hätten. Ja, ich habe manche der kleinern Fürſten, die, geäng ſtigt von den heranfluthenden Wogen der Revolution, glaubten, ihre Unterthanen mit Conſtitutionen und dem 275 Zuckerbrot der freien Preſſe beruhigen zu müſſen, ich habe dieſe Fürſten beſchworen, der Vernunft Gehör zu geben und mannhaft Widerſtand zu leiſten, damit ¹ 5 3 ſei, nicht ihre eigene Exiſtenz gefährdet werde. Ja, ich 1m m habe verſucht, in Aachen die Intereſſen der Fürſten ie. n zu einigen zu einem ſtarken Bande, mit dem man die oh, 15 revoltirenden Völker binden und niederhalten könnte. uüſe di Ich warte nur auf die Zuſtimmung des Kaiſers, deni meines Herrn, um mich nach Carlsbad zu begeben, mes ge⸗ dort mit den Miniſtern der übrigen deutſchen Fürſten zuſammen zu treffen und mit ihnen zu berathen und zu beſchließen, was man zu thun habe, um die Unheil brütende Thätigkeit der revolutionnairen Partei in Feſſeln zu legen, um Maßregeln zu verabreden, das euf ſeine Uebel bei der Wurzel zu faſſen und gegen die dema eckbidern gogiſchen Umtriebe, welche im Begriff ſind, Deutſch— riefe n land zu vernichten, die Mittel gerechter Nothwehr zu im tollen ergreifen. Ich will alle deutſchen Regierungen auf— Geſchte fordern, ſich mit Oeſterreich zu verbünden, um einen ſo ſehe Damm aufzurichten, der ſo ſtark, ſo feſt und dauerhaft den Oe ſei, daß die raſenden Wogen der Demokratie ſich an t hätt ihm brechen und zerſchellen möchten, um den Bund je, geäng der deutſchen Regierungen zu einer Veſte aufzubauen, tevoluti die mächtig genug iſt, die Freiheit und Selbſtſtändigkeit 18* 276 der deutſchen Fürſten gegen ein ganzes Volk von Ideologen, Demagogen, Liberalen und Conſtitutionellen zu vertheidigen. Ja, ich bekenne es frei und ohne Rückhalt, ich bin ein Feind der Conſtitutionen, ich verabſcheue die freie Preſſe, und ſo lange ich lebe, werde ich der kämpfende Gegner der Volksherrlichkeit und des Liberalismus ſein. So lange ich lebe, werde ich den Fürſten gegen ihre Völker, nicht aber den Völkern gegen ihre Fürſten dienen. Denn in meinen Augen giebt es keine Völker, ſondern nur Unterthanen, keine Nationen, ſondern nur Ländergränzen, welche die Unterthanen dieſes oder jenes Fürſten abſchließen. Dieſe Ländergränzen aufrecht zu halten, nicht zu dulden, daß irgend eine frevelnde Hand ſie verrücken oder durchbrechen wolle, dies iſt das Streben meiner Politik, dieſem Streben werde ich mein Leben weihen, gleich viel ob die Liberalen mich deshalb einen Dummkopf, die Demagogen einen Verbrecher ſchelten. Ich folge darin nur dem höchſten Gerichtshof, der Ueberzeugung meines Gewiſſens, ich buhle nicht um Volksgunſt, und deshalb ſchmeichle ich ihm nicht und mache ihm keine Conceſſionen. Meine Politik iſt die Erhaltungspolitik. Die Erhaltung des Beſtehenden iſt mein nächſtes und wichtigſtes Augenmerk. Die Zeit ſchreitet in Stürmen lk von onellen d ohne en, ich h lebe, rlichkeit werde zer den meinen thanen, lche die hließen. dulden, en odel Politit gleich mmkopf ch folge zeugung nſt, und m keine spolitl ſtes und Ztürmel ſamen Unterthanen zu erziehen und den Fürſten wieder 277 vorwärts. Nur durch Feſtigkeit, Mäßigung und Weis⸗ heit, durch vereinte und in der Vereinigurg wohlbe— rechnete Kraft kann man ihnen widerſtehen. Die Conſtitutionen ſind der Holzſtoß, auf welchem die Fürſtenherrlichkeit und Macht eingeäſchert werden ſoll, die freie Preſſe iſt der Blaſebalg, der die Flammen um den Holzſtoß anfacht. Deshalb muß man den Holzſtoß, wenn es ſein muß, mit Kanonen zerſtören, den Blaſebalg in Ketten und Banden legen, damit er mit ſeinem Gifthauch nicht die Welt verpeſte. Das monarchiſche Princip iſt meine Religion, der Abſolu— tismus iſt der Gott, dem ich diene. Möge mein Kaiſer entſcheiden, ob ich damit falſchen Göttern diene, möge er entſcheiden, ob ich nach Carlsbad gehen ſoll, um den Fürſten ihre Macht, den Völkern ihre Ruhe zu ſichern, oder ob ich zurücktreten ſoll, um weinenden Auges meine Tempel einſtürzen und meine Götter fallen zu ſehen! Nein, rief Franz, dem Fürſten ſeine Hand ent— gegenſtreckend, nein, das ſollen Sie nicht, Metternich. Sie ſollen bei mir bleiben, Sie ſollen mir helfen in dem großen Werk, das Gott auf meine Schultern ge⸗ legt hat, bei dem Werk: die Völker wieder zu gehor⸗ 278 die ihnen gebührende Macht und Souverainetät zu befeſtigen. Ich bin ein Kaiſer von Gottes Gnaden, und will es bleiben, und ich nenne diejenigen Hoch⸗ verräther und Verbrecher, welche es wagen wollen, meine abſolute Gewalt zu ſchwächen und zu mindern, um dem Volk zu geben, was mir gehört. Ich haſſe die Revolution und werde ſie verfolgen mit aller Strenge des Geſetzes, ich verabſcheue die Conſtitutio⸗ nen, und wer ſie mir darzubieten wagt, der iſt ent weder mein Feind, den ich bekämpfen, oder ein Ver rückter, den ich einſperren muß, um die allgemeine Sicherheit nicht durch ihn gefährden zu laſſen. Ich haſſe die ſogenannte freie Preſſe, denn ich kenne das Literatengeſindel, das nur darum wider uns ſchreit, weil wir es nicht bezahlt haben, damit es für uns ſchreie, oder welche nur ſchreien, damit wir ſie be zahlen ſollen. Es wär' aber zu theuer, alle dieſe heißhungrigen Kerle zu bezahlen, damit ſie ſchweigen und kein Gift ausſpritzen, man muß ihnen den Mund ein für alle Mal ſo ſicher verſtopfen, daß ſie nimmer wieder ſchreien und belfern können, ſondern fein ſtill und ruhig an der Kette liegen, wie es anſtändigen wohlgezogenen Hofhunden geziemt. Gehen's alſo, Herr Fürſt, gehen's nach Carlsbad und verabreden’s netät zu Gnaden, en Hoch⸗ wollen, mindern, Ich haſſe nit aller anſtituti r iſt ent tenne das s ſchreit, für uns ir ſie be alle dieſ ſchweige den Muld e nimmel nſtändige alſt „ fein ſka 279 dort mit den andern Herren, was Noth thut, um das Beſtehende zu erhalten und die Souveraine zu ſichern in ihren heiligen Rechten gegen die ſogenannten Völker mit ihren verbrecheriſchen Anforderungen. Gehen's nach Carltsbad, Metternich, und erſinnen's die Mittel, um der Hydra⸗Demagogie den Kopf abzuſchlagen, das wüſte Geſchrei der liberalen Schwätzer zum Schweigen zu bringen, damit es wieder Ruhe werde im lieben Deutſchland, und damit die gehorſamen Völker wieder hören mögen auf die Stimme ihrer Fürſten, damit ſie wieder lernen mögen zu beten und zu arbeiten, auf daß ſie nit in Anfechtung fallen. Gehen's nach Carls bad, ich geb' Ihnen zu Allem meine Zuſtimmung, vorausgeſetzt, daß Sie damit die Revolution bekämpfen, die Demagogie züchtigen und die Fürſtengewalt wieder herſtellen. Und jetzt zu Ihnen, mein Herr Erzherzog, fuhr der Kaiſer fort, indem er mit einer ſtolzen, hoheits⸗ vollen Bewegung ſich ſeinem Bruder zuwandte. Ich will Ihre Worte und Vorſchläge nicht gehört haben, denn hätte ich ſie gehört, ſo müßte ich Sie ſtrafen als einen Rebellen und Hochverräther. Ich will auch bedenken, daß Sie nicht zu Ihrem Kaiſer, ſondern zu Ihrem Bruder geſprochen haben. Sie ſind der Sohn 280 meines Vaters, das ſchützt Sie heute vor dem gerechten Zorn Ihres Kaiſers. Aber hören Sie jetzt wohl auf meine Worte und prägen Sie ſich dieſelben als Geſetz in Ihre Seele ein: Ich verbiete Ihnen, jemals zu mir wieder über politiſche Gegenſtände ſprechen zu wollen, mir jemals wieder einen Rath geben oder mich beglücken zu wollen mit Ihren neuen Ideen von der Volksherrlichkeit und von der neuen Weisheit der Conſtitutionen. Ich haſſe und verabſcheue alle Neue⸗ rungen, jeder Widerſtand, ja, jeder Widerſpruch iſt Hochverrath und Sünde.*) Hüten Sie ſich alſo wohl, in dieſe Sünde zu verfallen, denn ich würde dann mich nicht mehr erinnern, daß Sie der Sohn meines Vaters ſind, ſondern daran denken, daß ich den rebel⸗ liſchen Unterthan, der es wagt, meine Souverainetät anzutaſten, ſtrenge beſtrafen muß. Ich bin ein Abſo⸗ lutiſt, ein unverbeſſerlicher, ſparen Sie ſich alſo die vergebliche Mühe, mich corrigiren zu wollen. Ich wiederhole es Ihnen noch einmal: ich verbiete es Ihnen, jemals wieder zu mir über Politik zu ſprechen, jemals mir politiſche Rathſchläge zu geben. Ich lege Ihnen in dieſer Hinſicht ein Schloß auf die Lippen, *) Des Kaiſers eigene Worte. Siehe: Kaiſer Franz und Metternich. Ein Fragment. gerechten vohl auf 1s Geſetz jemals ſechen zu den oder deen von Sheit der e Neue⸗ vruch iſt ſo wohl, de dann meines en rebel⸗ erainetut in Abſo alſo die ſprechen, Ich lege U Lippen, weana Und franz un 281 und wehe Ihnen, wenn Sie es löſen wollten, denn dieſes Schloß würde dann herniederfallen an Ihre Thür und die Perſon einſchließen, die ihren Mund nit verſchließen kann. Wir ſind zu End', Herr Erzherzog, und ich denk' wir werden jetzt, da wir uns verſtändigt haben, recht friedlich und angenehm mit einander ver⸗ kehren können. Die leidige Politik wird mich nimmer wieder ſtören. Ich fürchte, Ew. Majeſtät irren ſich, ſagte Johann ſtolz und feſt, die Politik wird Sie doch noch zuweilen ſtören, ſie wird den Schlaf Ihrer Nächte unterbrechen und mit den Donnerwogen der Revolution zu Ihrem Gewiſſen ſprechen. Dies, Majeſtät, iſt das letzte Wort, welches ich zu meinem Kaiſer über die Politik geſprochen habe. Aber Gott in ſeiner Größe und Güte wird geben, daß es nicht das letzte Wort iſt, welches ich zu Ihrem Miniſter ſpreche. Fürſt Met⸗ ternich, ich mache Sie verantwortlich für alle Schmach, für alles Unheil, das einſt über Oeſterreich herein— brechen wird, und wenn Gott gerecht und gütig iſt, ſo wird er geben, daß einſt ein Tag komme, wo ich Sie zur Rechenſchaft ziehe für Das, was Sie mir heute gethan, für die Verſündigung an dem gemein— ſamen Vaterlande, mit der Sie Ihre Seele belaſtet. 282 Gehen Sie nach Karlsbad, Sie werden da an der Quelle, welche Gott dort der leidenden Menſchheit ſprudeln läßt, ſich nicht die Geſundheit, ſondern das Verderben holen, und der Menſchheit neue Quellen der Leiden und des Unglücks aufthun. Gehen Sie, der Segen Ihres Kaiſers, die Verwünſchungen des Volkes gehen mit Ihnen! Er wandte ſich mit einem ſtolzen Kopfnicken von ihm ab, begrüßte den Kaiſer mit einer ehrfurchts vollen Verneigung, und ſchritt dann der Thür zu. Herr Erzherzog, rief Franz ihm nach, ich bitte Sie noch einen Augenblick zu bleiben. Ich habe Sie noch nit entlaſſen, denn wir ſind noch nit fertig. Haben's denn vergeſſen, daß Sie mich um Gnade für den Deſerteur und Mörder von Sunders ge— beten haben? Es iſt wahr, ſagte Johann mit einem traurigen Lächeln, ich habe über meine eigenen Schmerzen die Schmerzen Anderer vergeſſen. Möge Gott mir die ſen Egoismus verzeihen. Ew. Majeſtät, ich bitte um einen gnädigen Beſcheid. Es ſind die alten Aeltern des Unglücklichen, welche durch mich die Gnade ihres Kaiſers anflehen. Und die Sympathieen des Herrn Erzherzogs er⸗ fken von. furchts Gnade 5 Fe mir die bitte un Neltern de ihres 283 heben ſich auch mächtig für den Unglücklichen, der ſeinen Major erſchießen wollt', weil er den Mörder Carl Sand nit für einen erhabenen Patrioten und Helden wollt' gelten laſſen. Nit wahr, Ew. Liebden? Majeſtät, die armen Aeltern des Unglücklichen wiſſen es wohl, daß ihr Sohn den Tod verdient und verſchuldet hat, und dieſer iſt es auch allein, den ſie, den er ſelber erfleht. Gönne man dem Gemarterten den Tod, begnadigen Ew. Majeſtät ihn, indem Sie ihn erſchießen laſſen! Ich will ihn begnadigen, rief der Kaiſer, ja, ich will ihn begnadigen, weil Ew. Liebden ſo lebhaft für ihn bitten. Herr Fürſt Metternich, ſenden Sie ſo gleich in's Kriegsgericht meine Entſcheidung ein. Der Fähndrich von Sunders, der Deſerteur und Mörder iſt von mir begnadigt. Er ſoll nicht ſterben. Ich begnadige ihn zu fünf Jahren Feſtungsarbeit und alle Jahre, am Jahrestage ſeiner Subordination, zum Gaſſenlaufen.*) Oh, Majeſtät, das iſt entſetzlich, rief Johann ſchaudernd und mit todesbleichen Wangen. Der Un *) Des Kaiſers eigene Worte. Siehe: Kaiſer Franz und Metternich. 29. 28 2ʃ 3 glückliche erfleht den Tod, und Sie begnadigen ihn zu einem Leben der Qual und des Jammers. Er will ſterben, alſo ſoll er nit ſterben,*) ſagte Franz gelaſſen. Aber wie blaß Sie ſind, mein lieber Erzherzog. Ich ſehe es, Sie ſind wirklich krank, und wie mir ſcheint, ſehr gefährlich krank. Die Demago⸗ gie hat Ihnen das Blut vergiftet und den Kopf er⸗ ſchüttert, die Demagogie hat Sie krank und elend gemacht. Wir müſſen Alles thun, um Ihnen die Geſundheit wieder zu geben. Die Luft hier in Wien iſt Ihnen halt zu ſchwül und zu dick, ſie treibt Ihnen das Blut zu ſehr in den Kopf. Sie müſſen durchaus auf ein ganzes Jahr lang die ſchlimme Wiener Luft vermeiden, die friſche, freie Bergluft genießen, und ſich ganz und gar in die Stille zurückziehen. Verſteh' mich ein biſſel auf die Arzneikund' und wär' vielleicht ein recht guter Arzt geworden, wenn das Schickſal mich halt nit zum Kaiſer gemacht hätte. Rath' Ihnen alſo nit blos als Ihr Kaiſer, ſondern als Ihr Arzt: nehmen's gleich heute, gleich in dieſer Stund' einen Urlaub auf ein ganzes Jahr, ſowohl als General⸗ Director des Ingenieurcorps, wie auch als komman⸗ *) Ebendaſelbſt. igen ihn *) ſagte ein lieber rank, und Demago⸗ Kopf er⸗ nd elend hnen die in Wien bt Ihmnen durchaus ener Luft gen, und Verſte vielleich Schickſal c' Ihnen zhr Art General⸗ komman 285 dirender General eines Dragoner⸗Regiments. Ich, als Ihr oberſter Kriegsherr, bewillige Ihnen jetzt gleich dieſen Urlaub, und werde Ihnen denſelben ſchriftlich ausſtellen laſſen. Sollen ſich ein ganzes Jahr lang gar nit mit Geſchäften befaſſen, ſich halt um nichts bekümmern brauchen, ſondern nur Ihrem Vergnügen, Ihren Neigungen und Bequemlichkeiten leben. Hier in Wien würden's das nit können, ich erlaube Ihnen alſo auf ein ganzes Jahr nach Steyer mark zu gehen, denn ich denk', das wird dem Herrn Erzherzog, der ein ſo großer Jäger iſt, der liebſte Aufenthalt ſein. Ew. Majeſtät haben es errathen, und ich danke für die wahrhaft brüderliche Fürſorge, ſagte Johann kalt. Ich nehme alſo, wie Ew. Majeſtät befohlen, Urlaub auf ein Jahr. Ja, auf ein ganzes Jahr, Ew. Liebden, und Sie reiſen morgen früh ſchon ab. Zu Befehl. Nur erlaube ich mir an Ew. Ma jeſtät noch die Eine Frage zu richten: darf ich inner halb dieſes Jahres, in welchem ich aus Wien ver bannt bin, Reiſen unternehmen, oder bin ich in Steyermark internirt. Was das für harte und ſchlimme Ausdrücke ſind, 286 rief Franz lächelnd. Ew. Liebden ſind weder aus Wien verbannt, noch ſollen Sie in Steyermark inter⸗ nirt werden. Sie ſind kränklich, leiden am Kopf und an den Nerven, ich gebe Ihnen alſo auf ein Jahr Urlaub, damit Sie Ihre Geſundheit wieder ſtärken, und da das hier in Wien ſehr ſchwer halten muß, ſo befehle ich Ihnen freundſchaftlich ein ganzes Jahr lang den angreifenden und aufregenden Aufenthalt in Wien zu vermeiden, und nicht einen einzigen Tag hieher zu kommen. Aber das heißt doch nit Sie aus Wien verbannen, ſondern nur für Ihre Geſundheit Sorge tragen. Und eben ſo wenig heißt es doch Sie in Steyermark interniren, wenn ich Ihnen wohl— meinend den Rath geb', und es Ihnen zur Pflicht mach', durchaus in dieſem Jahr gar keine Reiſen zu unternehmen, ſondern ganz ruhig und ſtill in Steyer⸗ mark zu bleiben, die Grenzen deſſelben durchaus nit zu überſchreiten, ſondern die Gebirgsluft zu genießen und in derſelben Ihrer Geſundheit zu leben. Ich denk', Sie werden mir dankbar ſein, und meine brü⸗ derliche Geſinnung erkennen. Ich bin Ew. Majeſtät befohlener Maßen dankbar, und erkenne Ihre brüderliche Geſinnung, ſagte Johann mit einem traurigen Lächeln, indem er ſich verneigte. Sie aus ſundhelt doch Sie n wohl Pflich deiſen zu haus lil genießen ℳ N 287 Demzufolge, da ich meinen Urlaub bereits erhalten, bleibt mir nur noch übrig mich bei Ew. Majeſtät zu verabſchieden, um morgen früh ſogleich abzureiſen. Leben’s recht wohl, Ew. Liebden, ſagte der Kaiſer raſch mit dem Kopf nickend. Seien's recht glücklich in Steyermark, und ſchießen's recht viele Gemsböcke, damit die guten Steyermärker recht entzückt und ſtolz ſich fühlen über den lieben Erzherzog Hannes. Leben's recht wohl! Johann verneigte ſich noch einmal, wandte ſich dann um und ſchritt durch das weite Gemach dahin, der Ausgangsthür zu. Aber eben, wie er derſelben ſich näherte, flog von der andern Seite des Gemaches der kleine Herzog von Reichſtadt mit ausgebreiteten Armen, das Antlitz von Thränen überfluthet, zu ihm hin, umfaßte ihn in ſtürmiſcher Zärtlichkeit und be deckte ſeinen Mund, ſeine Augen, ſeine Stirn mit glühenden Küſſen. Lebe wohl, Oncle, lieber guter Oncle, flüſterte das Kind, lebe wohl! Ich habe Alles gehört, Alles be griffen. Er verbannt Dich auf ein ganzes Jahr, und ich bin doch Schuld daran. Denn der Brief, den Du vorhin zerriſſen, der hat doch Schuld, daß der Kaiſer Dich verbannt. Er that nur ſo, als ob er's 3 288 vergeben hätte. Oh, lieber Oncle, ich danke Dir, denn für mich leideſt Du, für mich biſt Du verbannt. Ich leide gar nicht, mein Liebling, ſagte Johann, den Knaben zärtlich an ſeine Bruſt drückend, und die Verbannung wäre für mich ein Glück, wenn ich nur Dich deshalb nicht entbehren müßte. Ich werde jetzt Niemand mehr haben, der mich liebt, denn auch Du wirſt mich vergeſſen, wenn Du mich ein ganzes Jahr lang nicht ſiehſt, und ſie werden ſchon Sorge tragen, daß Du bald aufhörſt mich zu lieben. Oncle, rief der Prinz mit energiſchem Ausdruck, Oncle, ich ſchwöre Dir, daß ich Dich niemals ver geſſen, niemals aufhören will Dich zu lieben. Nie mand ſoll mich dahin bringen können, ich werde Dich eben ſo treu lieben, wie ich meinen Vater liebe. Nun, mein Liebling, flüſterte Johann, ſo liebe mich denn und bete für mich. In einem Jahre ſehen wir uns wieder! Still, kein Wort mehr! Der Kaiſer beobachtet uns! Noch einen Kuß, Oncle, lieber Oncle Johann, noch einen Kuß! Er küßte ihn innig und flüſterte dann mit von Thränen erſtickter Stimme: lebe wohl! Steyermark iſt jetzt mein zweites Sankt Helena! Lebe wohl! ſerbannt. Johann, und die ich nur erde jetzt auch Du es Jaht etragen, er Kaiſer Vohann, mit vo ſ rmark! 289 Johann ließ ihn aus ſeinen Armen auf die Erde niedergleiten, und indem er ſeine Hand wie ſegnend auf das Haupt des Knaben legte, neigte er ſich nie der und drückte einen langen Kuß auf ſeine brennende Stirn. Auf Wiederſehen, flüſterte er. Bis dahin liebe mich, und denke an mich! Lebe wohl, Napoleon! Und ehe der Prinz noch Zeit gefunden zu einer Erwiederung, hatte der Erzherzog ſchon die Thür geöffnet und wieder hinter ſich zugedrückt. Er iſt fort, murmelte der Knabe, nach der Thür hinſtarrend. Er iſt fort, und hat mich ganz allein gelaſſen. Nun, mein Camerad, rief der Kaiſer, komm doch her zu mir. Komm, zeige doch dem Herrn Fürſten einmal Deine ſchönen neuen Soldaten, und laſſe die ſchöne alte Garde einmal vor uns exerciren, mein kleiner tapferer Napoleon. Der Knabe trocknete ſich raſch die Augen und wandte ſich mit trotzigem Angeſicht nach dem Kaiſer hin. Ew. Majeſtät, rief er haſtig, ich heiße nicht Napoleon, ich heiße Franz, und Niemand hier ſoll mich anders nennen, als Franz, das haben Ew. Ma jeſtät ſelber geſagt, und dabei muß es bleiben. Ich Mühlbach, Erzherzog Johann. I. 19 290 zeige die ſchöne alte Kaiſergarde auch nicht dem Herrn Fürſten Metternich, denn er kennt ſie ſehr genau, und hat ſie oft bewundert, wenn er an der Seite meines Herrn Vaters ſtand. Mein Vater, der hieß Napoleon, der hieß nicht Franz! 3 eim Herrn nau, und e meines Napoleon, XII. Die Karlsbader Beſchlüſſe. Aufgemacht! Aufgemacht! Ich bin es! Metternich! Mein Gott, Se. Durchlaucht ſelber! ſchrie Gentz, und er ſtürzte nach der Thür hin, um den Riegel zurückzuſchieben. Aber indem er ſchon die Hand nach demſelben ausgeſtreckt hatte, blieb er zaudernd ſtehen. Verzeihung, rief er mit kläglicher Stimme, Ver⸗ zeihung, wenn es Ew. Durchlaucht wirklich ſind, aber ich kann nicht ſogleich öffnen. Ich bitte Sie, mich gnädigſt noch einmal Ihre Stimme hören zu laſſen, damit ich mich überzeugen kann, ob Sie es wirk— 1 lich ſind Ja, ich bin es, der Fürſt Clemens Metternich! rief die Stimme von außen. Er iſt es! Iſt es wirklich! murmelte Gentz, und 19 292 ſeinen ſeidenen, mit koſtbarem Zobel verbrämten Pelz feſter um ſeine kleine gedrungene Geſtalt zuſammen ſchlagend, ſchob er den Riegel zurück, und öffnete vorſichtig und langſam die Thür. Fürſt Metternich, in voller Uniform, die Bruſt mit Orden geſchmückt, trat herein, und ſein ſchönes lächelndes Geſicht, ſeine feine geſchmückte Geſtalt bildete einen ſeltſamen Contraſt zu dem bleichen düſtern Geſicht, dem vernachläſſigten Anzug des Hof raths Gentz. Wie, mein Freund? rief Metternich erſtaunt. Noch nicht angekleidet? Noch im Schlafrock? Es iſt alſo wirklich wahr, was mir Ihr Kammerdiener ſagte? Sie ſind wirklich leidend? Sie ſind krank, wollen heute nicht ausgehen? Wollen Ihre Thür vor Jedermann ſchließen? Haben ſtrenge Ordre gegeben, daß Ihnen Niemand gemeldet wird? Wiſſen Sie, mein Freund, ich beneide Sie! Ihr Kammerdiener iſt ein Muſterexemplar von einem Diener. Ich konnte ihn durchaus nicht bewegen, mich anzumelden. All mein Bitten, mein Schmeicheln, ſogar mein Drohen war umſonſt! Er blieb dabei: der Herr Hofrath ſind todtkrank, leiden fürchterlich an Kolik, und ich habe ſtrengen Befehl, ihm Niemand zu melden. So blieb nten Pelz uſammen id öffnete die Bruſt in ſchönes 3 Geſtalt ant. Noch z iſt olſ eer ſagte! f. wollen thür vor gegeben, ſeen Sie merdienen Ich konnte lden. Al n Deohel frath ſind ich habe So blie⸗ mir denn zuletzt weiter nichts übrig, als den allzu— getreuen Diener bei Seite zu ſchieben, und mich ſel— ber anzumelden. Und da bin ich nun, und werde ſo lange hier bleiben, bis der Herr Hofrath Toilette gemacht haben, um mit mir ſofort in die Sitzung zu fahren. Und der Fürſt ſchritt durch das Zimmer hin, und ließ ſich behaglich auf dem Divan nieder. Gentz ſchaute ihm mit erſtaunten angſtvollen Blicken zu. Aber Ew. Durchlaucht, ſagte er, ich bin ja krank, wirklich ſehr krank! Ich kann durchaus nicht mein Zimmer verlaſſen, ich habe auch bereits ſchon zum bairiſchen Geſandten geſchickt, und das Diner abge— ſagt. Ich bin todtkrank, Durchlaucht, ich leide an einer fürchterlichen Kolik. Mein Freund, ſagte Metternich lächelnd, Sie hät⸗ ten eine andere Krankheit wählen ſollen. Die Kolik paßt nicht. Wer an Kolik leidet, krümmt ſich wie ein Wurm, und leidet Todesſchmerzen. Sie aber ſtehen ganz gerade, und Ihr Geſicht iſt gar nicht verzerrt, folglich haben Sie gar keine Schmerzen! Ew. Durchlaucht glauben nicht an meine Krank⸗ heit? fragte Gentz entſetzt. Ich ſchwöre Ihnen aber, daß ich leide, daß ich fürchterlich leide, daß— 294 Ich bitte Sie, Lieber, ſchwören Sie nicht, unter brach ihn der Fürſt. Ich glaube doch nicht an Ihre Krankheit. Ein Mann, wie Sie, begeht nicht die Dummheit, am Tage der Entſcheidungsſchlacht, des großen Triumphes, der ſein eigen Werk krönen ſoll, krank zu werden. Sie ſind es geweſen, der uns die Punktationen der Gegenſtände aufgeſetzt hat, die wir hier in Karlsbad mit den andern Geſandten und Miniſtern ſeit drei Wochen berathen. Sie haben alle Tage ſeit dem Beginn unſerer hieſigen Conferenzen, ſeit dem ſechſten Auguſt den Sitzungen beigewohnt, Sie haben, wo es Noth that, und Meinungsverſchieden heiten eintraten, durch meiſterhafte ſchriftliche Ausein anderſetzungen die Streitigkeiten geſchlichtet, und die Widerſtrebenden durch Ihre hinreißende Darſtellungs gabe für unſere Anſichten gewonnen. Kurz, Sie haben ebenſo viel Antheil an unſern hieſigen Conferenzen als ich, und was wir hier zu Stande bringen, wird vollkommen eben ſo ſehr Ihr Werk und Ihr Ver dienſt fein, als das meinige. Und jetzt, am letzten Tage unſerer Sitzungen, jetzt wollen Sie uns unge treu werden? Um Gotteswillen, Gnade, Gnade, ſtöhnte Gentz. Sagen Sie es nicht ſo laut, daß ich die hieſigen an Ihre nicht die acht, des znen ſol, fferenzen, igewohnt, rſchieden Ausein ſtellungs Sie haben enferenzen wird gen, .Ver 3 2 Ihr um letzteln ins unge nte Gentz⸗ 1 6 bieſigel 295 Conferenzen mit geleitet, mit verſchuldet habe. Sie ſprechen damit mein Todesurtheil aus. Man wird mich ermorden, mich umbringen, eben weil ich hier in Carlsbad den Berathungen beigewohnt habe, weil ich meine Feder im Dienſte Oeſterreichs, das heißt im Dienſte der ſogenannten Reaktion gebraucht habe. Oh, nein theurer Fürſt, Carl Sand war nicht der einzige Mörder, den die Demagogie zu verwenden hatte, es ſtehen ihr noch viele Dolche, noch viele Gifte zu Gebot, und ich werde einen von ihren fürchtellichen Höllentränken verſchlucken müſſen, gerade weil ich hier bei den Conferenzen thätig geweſen bin. Oh, oh, ich werde ermordet werden, weil ich Ihnen und Ihren Anſichten das Wort geliehen. Und der ſonſt mit Wort und Feder ſo kühne, ſo energiſche Hofrath Gentz rang jetzt in tiefer Zer knirſchung die Hände, und zwei große Thränen ran nen über ſeine Wangen nieder. Der Fürſt hatte Mitleid mit ſeiner Qual. Armer Freund, ſagte er, es iſt alſo Ihren und meinen Gegnern einmal wieder gelungen, Sie bei Ihrer Achillesfoſe zu faſſen. Um Sie einzuſchüchtern und von Ihur glorreichen Thätigkeit zurückzuhalten, be nutzt man den einzigen Fehler, den Sie haben: Ihre 296 kindiſche Todesfurcht, und droht Ihnen mit Gift und Dolch, wenn Sie nicht umkehren, und auf der Stelle aus Carlsbad abreiſen, ohne das Werk, das Sie hieher geführt, vollendet zu haben. Nicht walr, ſo iſt es? Man hat Ihnen Drohbriefe geſchrieber. Ja, Durchlaucht, ächzte Gentz, man hat mr ge— ſagt, daß man mich tödten würde, wenn ich nicht augenblicklich abreiſte. Ich ahnte ſo Etwas, ſagte Metternich lächelnd, und gerade deshalb kam ich hieher. Auch ich habe heute morgen einen ſolchen Drohbrief erhalten Man ſchreibt mir, daß, wenn ich fortführe in dem Bſſtreben, die Freiheit des Wortes und der Schrift zu unter⸗ drücken, wenn es mir gelänge, die hieſigen Verab⸗ redungen zu Bundesbeſchlüſſen zu erheben, ſo würde an demſelben Tage, an welchem dies in Frankfurt geſchähe, eine Kugel mich treffen, und ſtänd’ ich ſel— ber an der Seite des Kaiſers Franz. Oh, man gönnt Ihnen alſo doch noch ein Lebens⸗ friſt, klagte Gentz. Mich aber will man auf der Stelle tödten, wenn ich nicht in mich gehe, wenn ich nicht das Werk zerſtöre, das wir hier aufgebau. Leſen Sie, Durchlaucht, leſen Sie! Er nahm von dem Gueridon, der neoben dem Gif! und der Stelle das Sie walr, ſo lebel. t ur ge⸗ ich nicht läbelnd, id habe ten Man Bſttreben, 3 unter⸗ n Verab⸗ p würde frankfurt d ich ſe⸗ Lebens dr Stelle ich nicht Leſen 297 Sopha ſtand, ein Papier empor, und reichte es mit zitternden Händen dem Fürſten dar. Es iſt mein Todesurtheil, ſeufzte er. Metternich überflog mit ruhigem heiterm Angeſicht das verhängnißvolle Schreiben. Wahrhaftig, ſagte er dann lächelnd, der Schluß iſt fürchterlich, wie das unterirdiſche Rollen des Donners, wenn der Teufel wieder abgeht und in die Hölle verſinkt. Und mit lauter, pathetiſcher Stimme las er: Sie, der Sie das Höllengebräu jetzt in Carlsbad bereiten, mit dem man die deutſche Nation vergiften will, Sie ſind gar nicht werth, wie Kotzebue durch den Dolch zu ſterben. Ihnen iſt Gift beſtimmt, Gift, das in Ihren reactionnairen Adern brennen ſoll, wie das höl⸗ liſche Feuer. Dieſes Gift iſt ſchon für Sie bereitet, denn verurtheilt ſind Sie längſt als ein Verräther, der die Freiheit des Vaterlandes untergraben hilft. Sie werden ſchon in den nächſten Tagen dieſes Gift erhalten, wenn Sie nicht augenblicklich zurücktreten von Ihrer infernaliſchen Wirkſamkeit, und ſich von den ſchmachvollen Conferenzen, welche Deutſchlands Schande und Verderben bewirken, zurückziehen.“*) *) Siehe: Varnhagen von Enſe. Denkwürdigkeiten. Th. IV. 298 Sie hören es alſo, ich muß ſterben, jammerte Gentz, ich werde vergiftet. Ich ſehe nur, mein Freund, daß man Sie ſowohl als mich myſtificiren will, ſagte der Fürſt lächelnd. Wie denn myſtificiren? Nun, iſt es nicht weltbekannt, daß der kühne Wort führer der öſterreichiſchen Politik, daß der Hofrath Friedrich von Gentz phyſiſch an einer unbezwinglichen Todesfurcht leidet? Man will ſich den Spaß machen, Sie ein wenig zu ängſtigen, wie man das ſchon ſo oft gethan hat. Aber man hat ja auch an Sie einen Drohbrief geſchrieben, Durchlaucht? Vielleicht, da man weiß, daß Sie mein Alter⸗Ego ſind, vielleicht glaubt man, daß ich mit Ihnen nicht blos die politiſche Geſinnung, ſondern auch die Todes furcht theile, und man will mit mir wie mit Ihnen ſeinen Spaß treiben. Wenn man Ernſt machen will mit Dolch und Gift, ſo warnt man nicht Diejenigen vorher, welche man ermorden will. Oder haben Sie etwa gehört, daß man dem armen Kotzebue auch vor her ſolch einen Drohbrief geſchrieben hätte? Nein, es iſt wahr, ich habe das nicht gehört. Nun alſo, Sie können ſchon daran ſehen, daß es jammerte Sie ſowohl lächelnd. ihne Wort Hofrath winglichen aß machen, s ſchon ſo Drohbrief Alter⸗Ego Ihnen mit nachen wil Diejenigen haben Sie auch bo 299 hier nur auf eine Myſtification abgeſehen war. Aber was ſehe ich, da ſteht ja ein halb ſchon gefüllter Koffer? Was bedeutet denn das? Sie wollen doch nicht abreiſen? Ja, Durchlaucht, ich will abreiſen. Die Luft hier bekommt mir nicht. Die Poſtpferde ſind ſchon beſtellt. In einer Stunde reiſe ich nach Dresden. Ich will mich ganz von den Geſchäften zurückziehen, ich will nur noch ein Privatmann ſein, der des Lebens genießt und gar nichts mit der Politik zu ſchaffen hat. Politik iſt eine läſtige Geſellſchafterin, ſie verdirbt Einem den Appetit, ſie beunruhigt den Schlaf, ſie be 7 D L ie laſtet das Gewiſſen. Ich gebe ſie auf, ich will nichts mehr mit ihr zu ſchaffen haben. Ich will nur noch als glücklicher Genußmenſch leben. Thun Sie das immerhin, Freund, rief Metternich lächelnd, aber wenn ich bitten darf, nach dem Schluß unſerer Conferenzen. Ich will nicht, hören Sie wohl, ich will nicht, daß Sie zum Geſpött Ihrer Feinde werden ſollen, daß man Ihre ganze ruhmreiche poli tiſche Laufbahn in einer lächerlichen Farce enden ſehe, daß man Sie, den Lebendigen, zu den Todten werfe und mit verächtlichem Achſelzucken ſich von Ihnen wende. Ich liebe Sie zu ſehr, ich achte Sie zu hoch, 300 als daß ich es zugeben dürfte, den größten Publiciſten als einen Poltron endigen zu ſehen. Gentz, im Namen des Vaterlandes, im Namen der Fürſtenthrone, die wir Beide vertheidigen, im Namen der Ordnung, des Geſetzes und der wahren geiſtigen Freiheit fordere ich von Ihnen, daß Sie ſich aufrichten, daß Sie dieſen lächerlichen Drohbrief verachten, wie ich ihn verachte, daß Sie dieſe Krankheit kindiſcher Todesfurcht unter Ihre Füße treten und wieder der tapfere Mann ſind, der mit ſeiner Feder für die Fürſten und die Throne kämpft, wie nur je ein Held mit ſeinem Schwert für ſeinen Fürſten gekämpft hat. Gentz, richten Sie ſich auf, ſeien Sie wieder Sie ſelber! Ich will es, ſagte Gentz, ja, ich will es. Ich fühle auch ſchon, wie die Wolken von meiner Stirn fortziehen. Ihre Nähe, Durchlaucht, hat die Geiſter der Finſterniß gebannt, welche mich heimſuchten. Wenn ich Ihr ſchönes Geſicht anſchaue, fürchte ich den Tod nicht, fühle ich mich wieder erſtarken zu freudigem Wollen und Vollbringen. Ja, ich will mich aufraffen! Aber— wenn ich nur wüßte, von wem der abſcheu⸗ liche Brief wäre? Er trägt kein Poſtzeichen, keinen Stempel, ein unbekannter Menſch hat ihn vor einer Stunde an meinen Bedienten abgegeben und geſagt, Publiciſten m Namen rone, die nung, des ordere ich Sie dieſen nverachte, rcht unter Nann ſind, je Throne hwert für Sie ſich es. Ich iner Stitn de Geiſter en. Wenn den Tod freudigem rufraffen r abſche⸗ en, keinen vor einer ind geſag 301 er ſei ſchleunig zu beſorgen, damit ein großes Unglück verhütet werde. Sie ſehen alſo, Ihr Mörder liebt Sie und er nennt es ein Unglück, wenn er genöthigt wäre, Sie zu vergiften. Von wem dieſer Brief ſein mag? Von irgend Jemand, der vielleicht irgend eine kleine Rache an Ihnen nehmen will, und Ihre bekannte Todes furcht benutzend, Sie ängſtigen will. Es wäre zum Beiſpiel möglich, daß Herr von Fritſch, der Geſandte des Großherzogs von Weimar beim Bundestag, ſich dieſe Myſtification erlaubt hat, ſowohl was Sie, als was mich betrifft. Sie glauben das? Und warum nicht? Sie wiſſen, wir haben dieſem armen Herrn von Fritſch ſowohl als ſeinem Herrn manches Aergerniß bereitet. Der Herr Geſandte kam von Frankfurt hierher, um an unſern Conferenzen Theil zu nehmen. Wir haben ihn indeß nur pro forma zu Einer unſerer Conferenzen eingeladen und er hat nachher unverrichteter Sache wieder abziehen müſſen. Wir haben außerdem in unſern Conferenzen und in den Punktationen zu denſelben oft genug auf den Großherzog Carl Auguſt als auf einen aufrühre riſchen Fürſten hingewieſen, der mit ſeinen liberalen 302 Tendenzen eine Störung der innern Ruhe des Bundes verſchulde, der Unfug in ſeinem eigenen Lande dulde und der deshalb ſich der Felonie gegen den Bund ſchuldig mache.*) Das ſind, wie ich glaube, Ihre eigenen Worte im Protokoll, mein lieber Gentz, Sie haben das Duell mit der Feder begonnen, und Herr von Fritſch hat es für ſeinen Herrn in ſeiner Weiſe aufgenommen. Durchlaucht haben Recht, ſchrie Gentz leidenſchaft⸗ lich, ja, es iſt Fritſch geweſen, er war immer ein boshafter, heimtückiſcher Kerl, und er kennt meine Krankheit, meine jämmerliche Todesfurcht. Er war wüthend darüber, daß ich ſeinen geliebten Großherzog ſo derb angegriffen habe, und jetzt will ſich dieſer boshafte Menſch rächen, indem er mich myſtificirt und in Schrecken ſetzt. Aber er ſoll ſich geirrt haben in mir. Nein, ich reiſe nicht ab, nein, ich fürchte mich nicht vor Dolchen und Vergiftungen, nein, ich entlaufe nicht von unſern Conferenzen. Ich bleibe, ich bin da, ich ſchreibe heute die Schluß-Conferenz, ich verzeichne unſern Triumph über alle deutſchen Regierungen. Ich *) Aus dem Jahr 1819. Beitrag zur deutſchen Geſchichte. Von Lndwig Carl Aegidi. 19. und Herr ier Weiſe denſchaft⸗ immer ein nt meine Er war zroßherzog ſich dieſer ificirt und haben in rchte mich 9 entlaufe ſch bin da, verzeichne Ach ngen. It m Geſchichte —— bin wieder der Hofrath Gentz und nicht mehr die feige Memme! Und indem Gentz ſo ſprach, warf er ſeinen Schlaf— rock ab, ſprang nach dem Koffer hin, wühlte unter den Sachen, bis er den goldgeſtickten Staatsfrack ge— funden, riß ihn auseinander und warf ihn mit jugend⸗ licher Schnelligkeit über ſeine Schultern. Recht ſo, mein Freund, rief Metternich lächelnd, indem er ſeine zierlichen, brillantengeſchmückten Hände in einander ſchlug. Der kühne Politiker Gentz iſt wieder von den Todten erſtanden, der Schrecken der Demagogie wird wieder ſeine welterſchütternde Stimme erheben. Ja, er wird ſie erheben, ſagte Gentz, indem er eifrig mit der Vollendung ſeiner Toilette beſchäftigt war, die Herren Demagogen können ſich darauf ver⸗ laſſen, ich werde meine Stimme erheben und ich werde allerlei fordern, was ihnen unangenehm iſt. Er wird fordern, daß das unſinnige Studentenweſen, das Ge— liebäugele mit Jugendmuth und Jugendkraft, das Schöngethue mit deutſchem Jünglingsthum aufhöre. Die Jungens ſollen auf den Univerſitäten nur lernen und Wiſſenſchaft in ſich hinein freſſen, ſie ſollen ſich nicht zu politiſchen Keſſelflickern ausbilden wollen. 304 Di O Darum muß mir vor allen Dingen das Turnen wie⸗ der aus der Welt, denn das Turnen ſehe ich wie eine Art Eiterbeule an, die geradezu weggeſchafft wer— den muß, ehe man zur gründlichen Kur ſchreitet.*) Nun, wir werden in der That eine gründliche Kur mit dem lieben deutſchen Studententhum vornehmen, lächelte Metternich. Ich denke, die Mittel, die wir dazu vorgeſchlagen haben, ſind wirkſam und gut und recht geeignet, die demagogiſchen Jünglinge zur Ver nunft zu bringen. Das Unnverſitätsgeſetz, das wir vorgeſchlagen haben, und das in den Conferenzen ge— *) Gentz's eigene Worte. Siehe: Briefwechſel mit Adam Müller.— Eben indem die Verfaſſerin dieſe Worte Friedrichs von Gentz ſchreibt, begrüßt unten auf der Straße das jubelnde Berliner Volk die Turner, die in fröhlichen Schaaren vorüber⸗ ziehen. Es ſind viel Tauſende froher Männer und Jünglinge, die aus allen Ländern und Provinzen Deutſchlands nach Berlin ge kommen ſind, um hier ein allgemeines deutſches Turnfeſt zu feiern. Es iſt ein glänzender heiterer Feſtzug, ganz Berlin jubelt ihm entgegen, ſchwarz roth⸗goldne Fahnen flattern hoch über ihnen in der Luft, und Diejenigen, welche ihm entgegenjauchzen, denken kaum noch daran, daß Metternich und Gentz es wirklich dahin gebracht haben, daß man dreißig Jahre lang das Turnen in Deutſchland für eine verbrecheriſche Wühlerei hielt, daß man es mit Todesſtrafe und langjähriger Kerkerhaft ahndete, wenn irgend ein deutſcher Jüngling die ſchwarz roth⸗goldene Fahne als das Schiboleth Deutſchlands erheben wollte. So ändern ſich die Zeiten, ſo die Anſichten der Menſchen! Turnen wie ſehe ich wie geſchafft wer ſchreitet.*) ründliche Kur mvornehmen, ttel, die wir und gut und nge zur Ver ſet, das wit znferenzen ge ſel mit Adan gorte Fiierichs e das jubelnde en vorüber d Jünglinge, die nach Berlin g ches Turnfeſt z 1 gerlin jubel anz S ttern hoch über genjaudhhen, 305 nehmigt worden, iſt in der That ein gutes und energi ſches Mittel, um die Jugend im Zaum zu halten und die Profeſſoren zu nothwendiger Mäßigung zu ver anlaſſen. Ja, wenn wir nur erſt alle dieſe ſchönen Dinge zu Bundesbeſchlüſſen erhoben hätten, ſeufzte Gentz. Wenn nur die Beſchlüſſe, die wir hier in Carlsbad mit einem Ausſchuß befreundeter Regierungen gefaßt haben, die Genehmigung des Bundestages erhalten hätten und zu Geſetzen erhoben wären. Zweifeln Sie nicht, Kleinmüthiger, lächelte der Fürſt. Es wird geſchehen. Schon habe ich heute Morgen wieder von deutſchen Regierungen Beweiſe erhalten, in denen mir feierlich die Zuſtimmung zu den Beſchlüſſen, die wir hier in Carlsbad gefaßt, zu geſichert wird, und dieſe Zuſtimmung auch für Frank furt geſichert wird. Mein Freund, ich ſehe ſchon, wir werden einen vollſtändigen Triumph erleben. Wir werden ſehen, daß der Bundestag unſere Beſchlüſſe einſtimmig annimmt und ſie zum Geſetz für Deutſch land erhebt. Wir Beide werden es ſein, welche Deutſchland Ruhe und Frieden wieder geben, den Fürſten ihre Throne erhalten und die verruchte De⸗ magogie ertödten werden! Die Schreckniſſe geſetzlicher Mühlbach, Erzherzog Johann. I 20 306 Willkür, unheilbarer Zerrüttung des Rechtes und Wohlſtandes werden uns nicht mehr bedrohen, die liberalen Schreier werden verſtummen und wir Beide werden es ſein, welche die Revolution erſtickt, die Ruhe geſichert haben! Ja, rief Gentz, die Gefahr iſt beſeitigt, Gott gebe, daß es auf lange Zeit ſei! Auf lange Zeit, das hoffe ich; auf immer, das glaube ich nicht, ſagte der Fürſt gedankenvoll. Wir ſind doch nur geſchickte Piloten, die alle Geſchicklichkeit aufbieten müſſen, um unſer Schiff durch den Sturm hindurch zu laviren. Ob das für immer iſt, ob es nicht doch zuletzt an einer Klippe ſcheitern wird? Zuletzt gewiß, erwiederte Gentz ernſt, aber ſo lange wir Beide leben, nicht. Sie und mich hält unſer Syſtem noch aus. Wenn wir Beide die Hand von ihm ziehen, dann freilich wird die Weltgeſchichte ihren Lauf gehen und unſer Syſtem des Stillſtands und der gezwungenen Ruhe unter den rollenden Wogen der vorwärtsſtrömenden Zeit begraben.*) Aber was geht's uns an, was ſein wird, wenn wir nicht mehr da ſind? *) Gentz's eigene Worte. ——— jechtes und d adrohen, die d wir Beide ct, die Ruhe t, Gott gebe, immer, das envoll. Wir Heſchicklihkeit b r iſt, ob es n wird? aber ſo lange hält unſer ie Hand von ſchichte ihren „ illſtands und enden Wogen Aber was ir nicht den Sturm mehr 307 Ja, Sie haben Recht, was geht das uns an. Für jetzt feiern wir den Sieg, einen vollſtändigen, glänzen den Sieg über alle unſere Gegner. Wir haben uns die läſtigen Erzherzöge, vor allen den ſuperklugen Erz⸗ herzog Johann, für immer aus dem Wege geſchafft, wir haben in Wien mit unſern Principien und mit unſern Perſonen geſiegt, und jetzt werden wir auch in ganz Deutſchland mit unſern Principien ſiegen! Ja, rief Gentz, der Liberalismus iſt von heute an ein todter Mann und Metternich iſt der Achilles, der ihr den Tod gab. Und der Patroklos dieſes Achilles heißt Gentz, ſagte Metternich lächelnd. Nun, finden Sie jetzt nicht, daß ich Recht hatte, als ich Ihnen damals ſagte, wir könnten die Mordthat des Carl Sand zu unſerm Nutzen und Frommen ausbeuten? Ja, Ew. Durchlaucht haben Recht gehabt. Der Mordthat des lieben Carl Sand verdanken wir die Carlsbader Beſchlüſſe. Oh, welch ein kurzſichtiger Thor ich doch war, das nicht zu ſehen! Nun, nun, es iſt nur Ihre phyſiſche Schwäche, welche Sie zuweilen blind macht. Sonſt ſehen Sie ſchärfer und klarer, als wir Alle! Aber jetzt kommen Sie, es iſt die höchſte Zeit zur Conferenz. Die Herren 20* ———— — C——— 1 6 —-——— 308 Miniſter werden ſchon längſt verſammelt ſein und auf den edlen Hofrath Gentz warten, der heute zu unſerer Aller Freude das Schlußprotokoll unſerer Conferenzen und die Annahme aller Artikel, die wir vorgelegt, wird zu verzeichnen haben. Kommen Sie! Ich denke, dieſer heutige Tag wird für ganz Deutſchland ein recht denkwürdiger Tag ſein. Und ſo geſchah es! An dieſem Tage, an dem einunddreißigſten Auguſt des Jahres 1819, unterſchrie⸗ ben die in Carlsbad verſammelten Geſandten und Miniſter der deutſchen Fürſten, welche Metternich dahin eingeladen, den Entwurf des geſammten Prä ſidial-Vertrags der Conferenzen, und machten die Vorſchläge, welche ihnen Metternich gemacht, und die Gentz aufgezeichnet hatte, zu ihren eigenen Beſchlüſſen, die ſie dem Bundestage zur Entſcheidung unterbreiten wollten. Und der Bundestag verweigerte dieſen Carlsbader Beſchlüſſen nicht ſeine Sanction. Am zwanzigſten September ſchon nahm der Bundestag einſtimmig und ohne weitere Berathung die Carlsbader Beſchlüſſe an und erhob zu Bundesgeſetzen, was in den Carlsbader Conferenzen von der Minderheit der deutſchen Regie⸗ rungen war berathen und beſchloſſen worden. ——;;— in und auf zu unſerer onferenzen elegt, wird Ich denke, d ein recht ,an dem unterſchrie⸗ ndten und Metternich unten Prä nachten die ht, Und die Beſchlüſſen, unterbreiten Carlsbader wanzigſten timmig und geſchlüſſe dn Carlsbadet ſchen Regie en. 309 Am zwanzigſten September 1819 ſetzte der deutſche Bundestag ſich ſelber ein unheilvolles Denkmal. Er vernichtete die beiden wichtigſten Paragraphen der deutſchen Bundesacte, welche die Fürſten ihren Völ kern 1815 als Preis und Lohn ihres vergoſſenen Blutes und ihrer Siege gegeben. Der Paragraph 13 verſprach allen deutſchen Ländern eine Repräſentativ Verfaſſung. Der Paragraph 18 ſicherte den deutſchen Völkern die Freiheit der Preſſe. Jetzt ward dieſer dreizehnte Paragraph dahin be ſchränkt, daß die Bundesverſammlung es übernahm, eine Norm aufzuſtellen für landſtändiſche Verfaſſungen und ſich als eine Executionsmacht hinſtellte, wenn etwa irgendwo dieſe Norm von Fürſten oder Völkern über ſchritten würde. Jetzt ward dieſer achtzehnte Artikel aufgehoben, in— dem, um die Mißbräuche der Preſſe zu hindern, von dem Bundestage die Einführung einer Cenſur be— ſchloſſen ward. Außerdem aber ward noch vom Bundestage eine Central⸗Unterſuchungs⸗Commiſſion zur Entdeckung und Verhinderung revolutionnairer Umtriebe niedergeſetzt, und den Beſchlüſſen dieſer Commiſſion ſollten ſich von 310 nun an alle Fürſten und alle Völker Deutſchlands beugen müſſen. Freilich wurden dieſe neuen Bundestagsgeſetze, dieſe Ergebniſſe der Carlsbader Conferenzen, nur „proviſoriſch“ gegeben, aber dieſes Proviſorium dauerte doch neunundzwanzig Jahre, und erſt im Jahr 1848 ward das„Proviſorium“ beendet, vernichtete das Volk die Carlsbader Beſchlüſſe des Jahres 1819! Ende des erſten Bandes. eutſchlands tagsgeſetze, oviſorium eſt im Jahr vernichtete hres 1819. Erſtes Buch: Das Zahr 1819. Inhalt des erſten Die Hiobspoſt. Das Chiffrecabinet Die geheime Polizei. Der Herzog von Reichſtadt. Der Sohn ſeines Vaters Eine Perle in der Wüſte des Meeres Erzherzog Johann. Die Gnadengeſuche Die Revanche des Kaiſers. Die Hinrichtung der Locken Die Kataſtrophe Die Carlsbader Beſchlüſſe ontrol Chart vellow Hod Magenta Grey 4 Black