N 2 ] N8 —.— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Otkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mtr. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. „ 5— 3„ 1 5.— 5„ 1— 1 0 8 8 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Wertes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. — — — —,—= — 55 — 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen A der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ 5 ſelben von mir geliehen, auch daſür zu ſtehen haben. ſ ——— 1 ———— — Erzherzog Johann und ſeine Zeit. Von L. Mühlbach. —e Zweite Abtheilung: Erzherzog Johann und Meilernich. Dritter Band. ——— Berlin, 1860. Druck und Verlag von Otto Janke Erzherzog Johann Metternich. Von L. Mühlbach. —6— Dritter Band. Berlin, 1860. Druck und Verlag von Otto Janke. Fünftes Buch. Die Kataſtrophe. Mühlbach, Erzh. Johann u. Metternich. III. 14 —— —— I. 1 Die Ziplomaten. Der Kaufmann Stromberg, welchen Ew. Excellenz hieher beſtellt haben, iſt ſo eben gekommen, und bittet um Audienz, ſagte der Kammerdiener, in das Zimmer des Grafen Metternich eintretennd. Ich laſſe den Herrn Stromberg bitten, ſich hieher in mein Kabinet zu bemühen, erwiderte Metternich ſich haſtig von dem Lehnſeſſel erhebend. Eilen Sie, Her⸗ bert, laſſen Sie den Herrn nicht warten! Aber hören Sie, ſo lange dieſer Herr ſich bei mir befindet, ſchließen Sie die Thüren, und haben wohl Acht, daß Niemand uns ſtört.. Wenige Minuten ſpäter trat der Gemeldete in das. Kabinet des Miniſters ein, der ihn ſchweigend be⸗ grüßte. Aber kaum hatte der Kammerdiener die Thür geſchloſſen, als Metternich dem Fremden lebhaft ent⸗ gegeneilte, und ihm ſeine beiden Hände darxreichte. 1* 4 Verzeihung, tauſend Mal Verzeihung, Herr Graf von Stackelberg, daß ich Sie auf eine ſo wenig cere⸗ moniöſe Art empfangen mußte, rief Metternich. Wir ſind aber leider noch in der Nothwendigkeit, aus un⸗ ſeren Verhandlungen mit den verbündeten Mächten ein Geheimniß zu machen, denn Frankreich würde ſogleich Argwohn hegen, wenn es bekannt würde, daß ich einen geheimen Botſchafter des Kaiſers von Rußland empfangen hätte. Vom Argwohn bis zur offenen Feindſchaft iſt aber bei dem Kaiſer der Franzoſen nur ein kleiner Schritt, und da wir noch nicht in der Lage ſind ihn ungeſcheut dieſen Schritt thun laſſen zu können, ſo mußte ich Ew. Excellenz deshalb erſuchen, mir Ihren Beſuch incognito zu machen. Ew. Excellenz ſehen, daß ich bereitwillig auf Ihren 4 Wunſch eingegangen bin, entgegnete Graf Stackelberg lächelnd. Der Kaufmann Stromberg iſt eine Perſon ganz sans conséquence, und Niemand wird ſich durch ihn beunruhigt fühlen. Es müßte denn ſein, daß Frank⸗ reich vermuthete, der Kaufmann Stromberg ſolle die Lieferungen für ein neues öſterreichiſches Armeecorps übernehmen. Dann müßte der Kaufmann Stromberg ein ſehr uneigennütziger Mann ſein, ſagte Metternich lächelnd, —————˖:———— 5 oder er müßte nicht wiſſen, daß die öſterreichiſchen Finanzen leider das Bezahlen von Armeelieferungen ſehr ſchwer, wenn nicht gar unmöglich machen. Der Kaufmann Stromberg würde ſich erlauben können, Oeſtereich einige gute Freunde zu nennen, die gern bereit ſein würden ihn mit Geldmitteln zu unter⸗ ſtützen. Und wer wären dieſe guten und hilfbereiten Freunde? England und Rußland, Excellenz. Ach, ſehen Sie, lächelte Metternich, der Kaufmann Stromberg läßt ſeine Maske fallen, und erlaubt mir das Antlitz des Staatsmanns und Diplomaten, des Herrn Grafen von Stackelberg zu ſehen. Und ſind Ew. Excellenz bereit auch dieſen anzu⸗ hören? Vollkommen bereit, Herr Graf.. So will ich denn Ew. Excellenz beweiſen, daß ich durchaus kein Diplomat bin, ſondern offen und ehrlich ohne Verhüllung meine Gedanken und Wünſche äußere. Ich bin gekommen, Excellenz, um Oeſterreich zu ge⸗ winnen, um ein Bündniß zwiſchen Oeſterreich und den verbündeten Mächten, beſonders aber zwiſchen Oeſter⸗ reich und Rußland anzubahnen. Rußland hat ſeit 6 einem Jahr ſo viel gethan, daß Niemand an der Auf⸗ richtigkeit ſeines Strebens zweifeln kann. Rußland, alle die Vortheile zurückweiſend welche Frankreich ihm darbot, hatte von allen europäiſchen Mächten allein den Muth, dem tyranniſchen Willen Napoleons zu trotzen, und den Blocus nicht zu achten, den der Kaiſer der Franzoſen auf alle engliſchen Waaren gelegt wiſſen wollte. Der Kaiſer Alexander wußte ſehr wohl, daß das Verweigern dieſer Maßregel einer Kriegserklärung gleich kam, und dennoch ſchreckte er keinen Moment zurück vor dieſem entſcheidenden Schritt. Der Krieg brach aus, Rußland ging in den Kampf ohne alle Bundesgenoſſen, während Frankreich die Fürſten von ganz Deutſchland und Italien zu ſeinen Bundesge noſſen hatte. Verzeihen Ew. Excellenz, Rußland hatte einen Bundesgenoſſen, der mächtiger als alle Bundesgenoſſen des Kaiſers der Franzoſen für Sie eingetreten iſt, und furchtbarere Verheerungen unter ihnen angerichtet hat, als die Waffen des Generalfeldmarſchalls Kutuſow. Sie meinen das Klima, und Sie haben Recht, Excellenz. Unſer Klima war unſer Bundesgenoſſe, und da Niemand Rußland unterſtützte, that es Gott, indem er uns den größten Feldherrn, den Winter, mit ſeinen — —2—— 7 Truppen von Schnee und Eis ſandte. Dieſer Feld⸗ herr mit ſeinen Truppen hat die große Armee Na⸗ poleons zerſtört, in entſetzliche Flucht getrieben, und in furchtbaren Leichenhügeln ſeine Siegesmonumente an den Ufern der Bereſina aufgerichtet. Der Kaiſer Alexander konnte ſich an dieſen Siegen genügen laſſen, er hätte es zufrieden ſein können, den Feind über die Grenzen ſeines Landes hinaus getrieben zu ſehen, und er würde dies auch gethan haben, wenn er nur an Sich Selber gedacht, nur Seine Vortheile im Auge gehabt hätte. Ihm war Ruhm und Ehre genug ge⸗ worden, er hatte Vortheile genug errungen, und konnte ſicher ſein, daß der Kaiſer der Franzoſen es niemals wieder wagen würde, die Grenzen ſeines Landes zu bedrohen. Aber der Kaiſer Alexander, mein edler und erhabener Herr, hat höhere Intereſſen im Auge, er fühlt, daß der Zeitpunkt gekommen iſt, wo die göttliche Gerechtigkeit den übermüthigen Despoten ſtrafen will für die Vermeſſenheit, mit welcher ſein Fuß ſich auf den Nacken Europa's geſetzt hat, und wo das durch Na⸗ poleon geſtörte Gleichgewicht Europa's jetzt mit Hülfe des Kaiſers Alexander wieder hergeſtellt werden ſoll. Deshalb, ſtatt ſich innerhalb der Grenzen ſeines Reiches der Segnungen des Friedens zu erfreuen, und ſeine 8 Armee zu entwaffnen, hat er ſie nach Deutſchland ge⸗ führt, hat mit Seiner eigenen Perſon ſich ihnen ange⸗ ſchloſſen, und bietet, im Einvernehmen mit England, allen Fürſten Deutſchlands ſeinen Beiſtand an. Für ſich ſelber will der Kaiſer gar nichts erlangen, es dürſtet ihn nicht nach Eroberungen, er will nur den deutſchen Mächten zu Hülfe kommen und namentlich Oeſterreich bei der Wiedereroberung ſeiner verlorenen Provinzen ſeinen Beiſtand gewähren. Deshalb ſendet Se. Majeſtät mich hieher, um Ihnen dieſe vertrauliche Mittheilung zu machen, um Ew. Excellenz zu ſagen: Rußland bietet Oeſterreich ſeine thätige Bundesgenoſſen⸗ ſchaft an. Möge Oeſterreich alſo den Kampf beginnen, es wird die ruſſiſchen Armeen als treue Bundesgenoſſen an ſeiner Seite haben. Dies iſt Alles, was ich Ew. Excellenz zu ſagen habe, und ich bitte jetzt um Ihre Antwort. Graf Metternich hatte ihm ruhig zugehört, und legte jetzt ſeine Hand mit einem leiſen Lächeln auf Stackel⸗ berg's Schulter. Mein lieber Graf, ſagte er, Sie ſind wie ein Mann, der nach ſechswöchentlicher Einſchließung in ein dunkles Zimmer den Tag zum erſten Male er— blickt. Dieſe Helle verblendet Sie! Glauben Sie aber, daß wir heller ſehen, und nicht auf Pläne zurück⸗ —— 9 kommen, die einmal nicht die unſern ſein können, we⸗ nigſtens nicht ſchon jetzt. Das Syſtem des Kaiſers iſt unerſchütterlich; weit entfernt, Vergrößerungen zu ſuchen, die durch einen einzigen Feldzug zu theuer erkauft wären, will er den Frieden, und er ſchlägt Ihnen vor, dazu beizutragen. Wir haben in dieſer Beziehung über die Geſinnungen Frankreichs Erkundigungen eingezogen und haben ſie für unſere Abſichten günſtig gefunden. Wir beklagen uns nicht über unſere Verluſte, und wir glauben nicht, daß ein fremdes Kabinet berechtigt iſt, ſie mehr als wir ſelbſt zu empfinden. Ich habe dieſe Zuſammenkunft gern angenommen, weil ich die Ab⸗ ſichten Ihres Hofes in Beziehung auf einen anzubah⸗ nenden Frieden kennen lernen wollte, denn dieſer iſt das einzige Ziel unſerer Beſtrebungen.*) Wenn dies Ihre Anſicht der Dinge iſt, ſagte Graf Stackelberg lächelnd, ſo bin ich ermächtigt zu erklären, daß mein Hof geneigt iſt, Friedensunterhandlungen an⸗ zuknüpfen. Wir betrachten die ruſſiſche Frage für ab⸗ gethan, und es handelt ſich jetzt nur um Anordnung der allgemeinen deutſchen Angelegenheiten, welche— Ich habe nicht die Abſicht, unterbrach ihn Metter⸗ *) Die ganze Rede enthielt Metternich's eigene Worte. Siehe: Lebensbilder. III. 466. 10 nich, in eine Erörterung der Friedensbedingungen ein⸗ zugehen, ſondern ich wollte nur wiſſen, ob Rußland überhaupt einwilligt zu unterhandeln? Ja, es willigt ein, ſagte Graf Stackelberg, und ich ſelbſt bin beauftragt zu ſagen, daß mein Souverain mit Vergnügen eine von dem öſterreichiſchen Hofe abge ſandte vertraute Perſon empfangen wird, indeſſen muß ich hinzuſetzen, daß Rußland durchaus nichts ohne die Zuſtimmung ſeines Verbündeten, des Königs von Groß brittanien, thun wird. Dies wird freilich die Schwierigkeiten vermehren, denn Sie wiſſen wohl, daß der Kaiſer der Franzoſen gegen Großbrittanien einen glühenden Haß nährt; das Unterhandeln wird daher ſchwierig ſein und ſich ſehr in die Länge ziehen. Deſto beſſer, Excellenz, ſagte Graf Stackelberg mit einem feinen Lächeln, Oeſterreich wird dadurch Zeit ge— winnen, zu überlegen, ſich im Stillen zu rüſten, und die Erfolge der Verbündeten werden in ihm den Ent— ſchluß reifen, ſich' der edlen und gemeinſamen Sache Deutſchlands und Europa's anzuſchließen, und ihr die Entſcheidung zu geben. Ich wiederhole Ew. Excellenz nur, daß, im Fall die Friedensunterhandlungen nicht zu einem Reſultat führen ſollten, und Oeſterreich ſich 11 n⸗ 2 den kriegführenden Mächten anſchließen will, Rußland dd dem neuen Bundesgenoſſen ſeine Armee und Groß⸗ brittanien ihm zehn Millionen Pfund Sterling anbietet. c Sprechen wir zuerſt vom Frieden, denn ein vor— it theilhafter Frieden iſt immer ſicherer, als ein zweifel⸗ 2. hafter Krieg, ſagte Metternich lächelnd. Ich werde ß meinem Herrn, dem Kaiſer Franz, von Ihren Vor⸗ ie ſchlägen Mittheilungen machen, und ich zweifle keinen ß Augenblick, daß dieſer eine vertraute und zuverläſſige Perſon an den Kaiſer Alexander ſenden werde. n,. Und wird dieſe Perſon nur beauftragt ſein, vom n Frieden zu ſprechen? fragte Graf Stackelberg, indem er 6 aufſtand und ſeinen Hut nahm. r 1 Mein lieber Graf, ſagte Metternich lächelnd, eine vertraute und zuverläſſige Perſon kann eben von vielen t Dingen ſprechen, und man kann ihr Vieles anvertrauen, ſogar ſeine geheimſten Wünſche und Hoffnungen. Frei⸗ M lich darf Frankreich aber davon nichts wiſſen, denn, wie ich Ihnen ſagte, Oeſterreich will für jetzt nur den Frieden, und das werde ich den franzöſiſchen Ge⸗ e 4 ſandten allein wiſſen laſſen,— was unſere Träume . und Wünſche für die Zukunft anbetrifft, ſo wird die ver— 8 traute Perſon dem Kaiſer Alexander darüber ihre Mit⸗ ſ theilung gen machen. 12 Und ſeien Ew. Excellenz überzeugt, daß er dieſelben mit Freuden entgegennehmen wird, ſagte Graf Stackel berg, dem Grafen Metternich zum Abſchied ſeine Hand darreichend. Mögen wir auch jetzt nur vom Frieden verhandeln, Rußland hofft dennoch auf die Stunde, wo Oeſterreich ſeine Hand zum Kampf ihm darreicht, und an ſeiner Seite den Vergeltungskrieg gegen den Welt unterdrücker ſiegreich zu Ende führen wird. Dies iſt für heute mein Lebewohl, Excellenz; in einer Stunde reiſe ich ab, um bei meinem Kaiſer Ihre vertraute Perſon anzumelden. Leben Sie wohl!— Graf Metternich begleitete den Geſandten bis an die Thür ſeines Cabinets, und ging dann, als er wieder allein war, langſam und ſinnend in demſelben auf und ab. Rußland hofft auf die Stunde, wo Oeſterreich ihm ſeine Hand zum Kampfe darreicht, wiederholte er leiſe. Ich hoffe nicht darauf, aber ich ſehe ſie kommen, und all' mein Streben kann nur darauf gerichtet ſein, ſie ſo weit als irgend möglich hinaus zu ſchieben. Iſt der Stern des Glückes für Napoleon wirklich erloſchen, ſo müſſen wir freilich bedacht ſein, von den Trümmern ſeiner zuſammenſtürzenden Herrlichkeit nicht mit zer— ſchlagen zu werden, ſondern uns vorher gegen ihn ver⸗ ———————ʒ——— —— al m zu ſchanzt zu haben. Noch aber iſt die rechte Stunde nicht gekommen, noch iſt es nicht an der Zeit, die Maske abzunehmen, und ihn unter unſerer Freundeslarve das Antlitz eines Feindes ſehen zu laſſen. Wir rüſten jetzt noch für ihn, aber wenn wir gerüſtet und kampfbereit ſind, wird es ſich ja zeigen, wohin wir das Schwert zu wenden haben!— Nun, Herbert, was giebt es ſchon wieder? Excellenz, der Herr Staatskanzleihofrath von Hudeliſt bittet um Audienz. Eintreten, ſchnell eintreten, befahl Metternich, und er eilte dem Gemeldeten bis an die Thür entgegen. Nun, fragte er raſch und haſtig, was giebt es, Herr Hofrath? Sie kommen zu ſo ungewohnter Stunde, daß ich befürchte, Sie bringen Schlimmes. Und warum könnte die ungewohnte Stunde nicht auch Gutes und Angenehmes bringen? fragte Hudeliſt mit ſeinem grinſenden Lachen. Weil der Hofrath von Hudeliſt es nicht liebt, ſich zum Boten guter Neuigkeiten zu machen. Wahrhaftig, Ew. Excellenz haben auf dem Grunde meines Herzens geleſen, lachte Hudeliſt. Ich liebe es in der That nicht, als Bote des Glückes zu erſcheinen, denn das Glück macht die Menſchen ſcheinheilig und 14 langweilig, und giebt keine Emotionen. Aber ſchlimme und unheilvolle Nachrichten zu überbringen, das iſt ein pikantes Vergnügen, denn man kann dabei den Cha⸗ racter der Menſchen ſtudiren, und hinter der Maske ihres freundlichen hübſchen Angeſichts oft die häßliche boshafte Fratze ſchauen. Indeß würde ich zu dieſem Zweck niemals zu Ew. Excellenz kommen, denn Ihnen gegenüber würde es mir ſchmerzlich ſein, als des Un⸗ glücks Bote zu erſcheinen, ich würde es lieber mit Ihnen theilen, ſtatt es zu verkünden. Und was ſollte aus Ihrem eigenen Ehrgeiz werden, wenn ich Unglück hätte? fragte Metternich. Wenn ich fiele, wären Sie auch in großer Gefahr zu ſtürzen, und Sie werden mir deshalb niemals Ihre Hand ver⸗ ſagen, um gemeinſchaftlich mit mir weiter zu wandern. Nun alſo, ſagen Sie, was giebt es? Nichts weiter, Excellenz, als daß ich Sie warnen wollte. Der Kaiſer, fortwährend von ſeiner Gemahlin beſtürmt, beginnt zu ſchwanken, und die geheime, ſtets nur unterdrückte Luſt, dem verhaßten Schwiegerſohn endlich ſtatt des ſchwiegerväterlichen Lächelns die Zähne zu zeigen, ſtatt des freundſchaftlichen Händedrucks ihm die Fauſt entgegen zu ballen, und Revanche zu nehmen für die Scene am Nachtfeuer von Auſterlitz, für die EF 15 re Vermählung ſeiner Tochter mit dem Advocatenſohn, n für die Demüthigungen in Dresden, dieſe Luſt erwacht — jetzt mächtiger als je. Ich ſage Ihnen, die antifran⸗ 3 zöſiſche Partei iſt im Begriff zu ſiegen, die Erzherzöge e werden Sie und mich verdrängen, wenn Sie nicht jetzt n einen entſcheidenden Schlag thun, und dem Kaiſer un⸗ 1 widerleglich beweiſen können, daß die Erzherzöge wirk⸗ 4 lich gegen ihn conſpiriren, und daß ſie mit aller ihrer Franzoſen⸗Feindſchaft doch nur ihre eigenen Zwecke zu fördern trachten. Sie wiſſen, der Kaiſer iſt miß⸗ trauiſch gegen Alle, und in dieſem Moment mißtrauet er Ew. Excellenz ebenſo ſehr wie den Erzherzögen, dem Glück Frankreichs ebenſo ſehr als dem Unglück der Verbündeten. Die Kaiſerin Ludovica hat ihn eifer⸗ ſüchtig gemacht auf Ihre Macht und Ihren Einfluß, und um Ihnen zu beweiſen, daß Er allein der Be⸗ herrſcher Oeſterreichs und der Lenker ſeines Staates ſei, könnte der Kaiſer leicht Ihnen einen Contrecoup machen, ſich mit der antifranzöſiſchen Partei verbinden, und Frankreich den Krieg erklären, damit es vor aller Welt klar ſei, daß die öſterreichiſche Politik von Ihm allein geleitet werde. Deshalb alſo, Excellenz, bin ich gekommen, Sie zu warnen, und Sie zu beſchwören: endlich die Entſcheidung herbeizuführen. Die Erzherzöge n 1 16 ſind Ihnen, ſind dem Frieden und Glück Oeſterreichs gleich gefährlich, es iſt daher die chöchſte Zeit, daß ſie bei Seite gedrängt werden. Und das iſt Alles, was Sie mir zu ſagen haben, lieber Staatskanzleihofrath? fragte Metternich ruhig. Nein, nicht Alles, Excellenz. Ich vergaß, daß Roſchmann mir geſtern Abend geſagt hat, er hoffe in dieſer Nacht einen letzten entſcheidenden Schritt von dem Erzherzog zu erlangen, und er werde um elf Uhr heute Vormittag bei Ew. Excellenz erſcheinen, um Be⸗ richt zu erſtatten. Ich möchte deshalb mit Erlaubniß Ew. Excellenz mich auch hier einfinden. Sie haben meine Erlaubniß, mein lieber Staats⸗ kanzleihofrath. Mein Gott, wie lang und unbeſtimmt doch dieſer Titel iſt, und wie ſehr ich wünſche, Ihnen denſelben durch einen kürzeren, gediegeneren zu erſetzen. Nun, vielleicht geben uns die Mittheilungen des Herrn von Roſchmann Gelegenheit dazu, und— was giebt es ſchon wieder, Herbert? Excellenz, eine Botſchaft vom Polizei⸗Präſidenten von Hager. Er ſendet Ew. Cxcellenz dies Paket. Herbert überreichte auf goldenem Teller dem Mi⸗ niſter ein kleines verſiegeltes Paket, und verließ dann 1 geſie weil eine auff wie ſaal Koh erreichs daß ſie haben, ruhig. ß, daß hoffe in itt von elf Uhr um Be⸗ rlaubniß Staats eſtimmt Ihnen eiſeten. s Herrn as giebt aſidenten aket. Mi⸗ dem M ieß dann 17 auf den Wink ſeines Herrn leiſ' auf den Zehen wieder das Kabinet. Metternich öffnete mit ſeiner gewohnten lächelnden Gelaſſenheit das Paket, und begann die Papiere durch⸗ zuſehen, die es enthielt. Hudeliſt hielt ſeine kleinen boshaft blitzenden Augen unverwandt auf das ſchöne, jugendliche und geiſtreiche Geſicht des Grafen geheftet, und je länger er ihn anſchauete, deſto mehr umwölkte ſich ſeine Stirn, deſto gehäſſiger ward das hämiſche Lachen ſeiner dicken aufgeworfenen Lippen. Herr von Metternich, der eben, wie zufällig, ſeine ſchönen tiefblauen Augen zu ihm hinwandte, ließ einen Moment die Papiere ſinken, in denen er bisher ſo eifrig geleſen. Worüber lachen Sie? fragte er. Ich lachte, weil ich mir im Geiſt mein Fratzen geſicht neben Ihrem göttergleichen Antlitz dachte, und weil es mir vorkam, als wenn wir beide zuſammen eine Scene aus dem alten Götterſänger, dem Homer, aufführten. Ew. Excellenz iſt der Götterjüngling Achill, wie er unter den Ueppigkeiten in Lykomedes Frauen⸗ ſaal nach den Waffen greift, ich bin Therſites, deſſen Koboldshäßlichkeit nur noch ſtrahlender die Schönheit des Götterjünglings hervorhebt. Ach, Excellenz, wie Mühlbach, Erzh. Johann u. Metternich. III. 2 ———————ꝛ—x—xxxxxxx .— „ ———————— 18 vieler Orden und Titel wird es bedürfen, um meine L Fratze den Frauen einigermaßen angenehm zu machen, Schr während Ihre Schönheit keiner Titel und keines Mi⸗ Rüßl niſteramtes bedarf, um überall zu ſiegen. glück Sie wollen mich ſchon im Voraus tröſten auf den bülf Fall, daß ich beſiegt werden, und den Erzherzögen ſchon weichen müßte? fragte Metternich lächelnd. Ich be⸗ e darf indeſſen dieſer Tröſtung nicht, und hoffe mehr als ſeim je, daß ich es ſein werde, der ſeine Feinde zum Weichen erni bringt. Sehen Sie hier die Sendung des Polizei⸗ dien Präſidenten. Meine Liſt iſt gelungen, und meine ver— in? kleideten Polizei-Commiſſarien haben ihre Räuberthat 8 dr glücklich ausgeführt. Sie haben den engliſchen Agenten Mr. King, den Freund des Herrn Erzherzog Johann, V nüi im Wald bei Prerau überfallen und ihn ſeiner Papiere neb beraubt. Und unter dieſen Papieren— n Unter dieſen Papieren befindet ſich dieſes Schreiben hier. Erkennen Sie die Handſchrift? h Hudeliſt' war mit einem einzigen Sprung, einer. fefe Tigerkatze gleich, neben dem Miniſter und ſchaute be⸗ ſ 4 gierig auf das dargereichte Blatt hin. Le Die Handſchrift des Erzherzogs Johann, rief er d f freudig. m meine machen, nes Mi⸗ auf den zherzögen Ich be⸗ mehr als Weichen Polizei⸗ eine ver⸗ jiuberthat Agenten Johann, . ng Papiere — Lrojben Schreiben eine ng, ein cjaute be jef e I, rlef r. er 19 Ja, ſagte Metternich ruhig, es iſt ein eigenhändiges Schreiben des Erzherzogs Johann an den Kaiſer von Rußland. Er beſchwört darin den Kaiſer, ſich des un⸗ glücklichen Tyrols anzunehmen, und ihm ſeine thätige Hülfe angedeihen zu laſſen!— Da hätten wir alſo ſchon ein Document, das gegen den Erzherzog Johann zeugen wird, denn ich denke nicht, daß unſer Kaiſer ſeinen vielgeliebten Herrn Bruder zu dieſem Schritt ermächtigt hat.— Aber hören Sie nur! Da ſchlägt die Pendule elf Uhr, und wenn ich nicht irre vernehme ich im Vorzimmer die Stimme des Herrn von Roſchmann, der verlangt mir gemeldet zu werden!— Das feine Ohr des Grafen Metternich hatte ihn nicht getäuſcht, Herbert öffnete abermals die Thür und meldete den Kreishauptmann von Roſchmann. Dieſer trat mit freudeſtrahlendem Antlitz in das Cabinet des Miniſters ein. Excellenz, rief er jubelnd, ich habe mein Wort ge⸗ löſt, und Se. Majeſtät, wie Ew. Excellenz werden hoffentlich mit mir zufrieden ſein. Ich habe nach un⸗ ſäglichen Mühen und Schwierigkeiten mein Ziel erreicht, ich bringe überzeugende Beweiſe von der Schuld des Erzherzogs Johann. Endlich! ſagte Metternich gelaſſen, während Hudeliſt 9* 20 in ein lautes höhniſches Lachen ausbrach und ſich ver⸗ gnügt die Hände rieb. Und worin beſtehen dieſe überzeugenden Beweiſe? fragte Metternich. Zuerſt habe ich hier die Papiere des Erzherzogs, die er, auf meinen dringenden Rath, einer Perſon, der er glaubte unbedingt vertrauen zu dürfen, zur Auf⸗ bewahrung übergab. Dieſe Papiere enthalten Wichtiges? Ja, Excellenz, denn ſie geben den unwiderleglichen Beweis von der oppoſitionellen Stellung des Erzher⸗ zogs zu ſeinem kaiſerlichen Bruder. Es ſind einzelne Aufſätze, Memoires und Denkſchriften über die Zuſtände Oeſterreichs und ich verſichere Sie, daß der Erzherzog darin ein ſehr ſcharfer Kritiker des Kaiſers iſt, und mit ſchneidendem Tadel und beißender Ironie ſeine Fehler und Mißgriffe rügt. Hätten dieſe Arbeiten einen gewöhnlichen Sterblichen und nicht einen Erz⸗ herzog zum Verfaſſer, ſo würde man ihm den Prozeß darüber machen, und ihn wegen Hochverraths ein paar Jahre auf eine Feſtung bringen. Außerdem enthalten dieſe Papiere die geheime Correſpondenz des Erzherzogs mit ſeinen Freunden, und es iſt anzuerkennen, daß der Herr Erzherzog von ſeinen eigenen Briefen immer Ab⸗ ſchrift wie ein wird d der w erhalte Cnerg Freun ſpricht er ſic verſich licher mächt um ih —2 da ge muß haben ver eiſe? der 21 ſchrift genommen hat, um den Briefwechſel vollſtändig wie ein Frag' und Antwortſpiel zu beſitzen. Dadurch wird der Kaiſer eine vollſtändige Ueberſicht nicht allein der weitverzweigten Verbindungen des Erzherzogs erhalten, ſondern er wird auch ſehen, mit welcher Energie und Kraft der Erzherzog ſich zu allen ſeinen Freunden gegen die Regierungsart des Kaiſers aus⸗ ſpricht, und in welcher vollſtändigen Uebereinſtimmung er ſich darin mit allen ſeinen Freunden befindet. Ich verſichere Sie, es iſt in dieſer Correſpondenz hinläng⸗ licher Zündſtoff dazu da, mehr als zwanzig von den mächtigen und gefährlichen Feinden Eurer Excellenz um ihre Aemter und Stellungen zu bringen. Das iſt allerdings ein herrlicher Fund, den Sie da gemacht haben, ſagte Metternich, und der Erzherzog muß in der That viel Vertrauen zu der Perſon gehabt haben, der er ſo wichtige und gefährliche Papiere an⸗ vertraute. Wer iſt dieſe Perſon, wollen Sie mir die— ſelbe nicht nennen, damit ich ihr meine Dankbarkeit bezeuge? Verzeihung, Excellenz, ich habe ihr geſchworen, ihren Namen nur dem Kaiſer zu nennen. Und Sie haben Recht, man muß ſelbſt den ärgſten Dieben und Fripons ſein Wort halten, ſagte Metternich —— 22 lächelnd. Sprechen wir alſo nicht weiter davon! Aber ſagten Sie nicht vorher, Sie hätten noch andere Be⸗ weiſe als dieſe Papiere? Ja, Excellenz, rief Roſchmann triumphirend, ja, ich habe einen ſchlagenden, unwiderleglichen Beweis von den gefährlichen und hochverrätheriſchen Plänen des Erzherzogs! Meinen Bitten, meinen Vorſtellungen iſt es endlich gelungen, den Erzherzog zu bewegen, daß er einen Aufruf an die Tyroler richtet, daß er ihnen befiehlt zu den Waffen zu greifen, und um ihre Befreiung zu kämpfen. Hier iſt dieſes koſtbare Papier, von des Erzherzogs eigener Hand geſchrieben, und das, wie er glaubt, jetzt ſchon auf dem Wege nach Tyrol iſt. Laſſen Sie ſehen, ſagte Metternich, hat der Erz herzog das wirklich ſelbſt geſchrieben? Roſchmann hielt das Papier dem Miniſter dar, aber ohne es aus ſeiner Hand zu laſſen. Ja, ſagte Metternich nach einer Pauſe, in welcher er die Schrift züge mit prüfendem Auge betrachtet hatte, ja, das iſt wirklich des Erzherzogs eigene Handſchrift. Leſen doch, Herr von Roſchmann, laſſen Sie uns d ſen Sie en Auf⸗ ruf des Erzherzogs an die Tyroler hören. dies allerliebſte Schriftſtück, wie ich ſehe, als M Da Sie der erſte kiniſter des Erzherzogs gegengezeichnet haben, ſo ge— bührt Leſen Vate Sie bring bring unſer (Dieſer ling 1 gehalter Oeſter Metter bruch Johann Waßf Waffe d, ja, Zgeweis Plänen lungen wegen, 23 bührt es Ihnen auch, dieſen Aufruf zu proclamiren. Leſen Sie alſo! Roſchmann verneigte ſich lächelnd und las:„Tyroler! Die Zeit des Lohnes für ſo viele Anſtrengungen und Leiden iſt endlich gekommen. Die gute alte Zeit wird für mein geliebtes, mehrmals wider meinen Willen und ohne meine Schuld verlaſſenes Tyrol wiederkehren! Der Tag der Erlöſung iſt da! Ermannt Euch! Euer Vaterland, die Welt und die Nachwelt ſehen auf Euch! Sie vertrauen Eurem Heldenſinn. Glaubet dem Ueber⸗ bringer, der Euch von uns auch mündliche Kunde bringen wird. Seid einig und beſonnen; Gott wird unſer Unternehmen ſegnen, und bald werde ich in Eurer Mitte ſein! Handelt im herrlichen Verein als Männer; es gilt für Gott und Euer geliebtes Tyrol. Erzherzog Johann.— Auf Sr. Kaiſerlichen Hoheit allergnädigſten Befehl. v. Roſchmann.“*)— Nun, fragte Roſch⸗ *) Siehe: Internader. Tyrols Landesvertheidigung. II. 168. (Dieſer Aufruf des Erzherzogs Johann ward damals im Früh⸗ ling 1813 unterdrückt, und der ganze Aufſtand in Tyrol nieder⸗ gehalten. Als aber im Herbſt, da der Krieg auch zwiſchen Oeſterreich und Frankreich ausgebrochen war, es in die Pläne Metternich's paßte, daß auch in Tyrol der Aufſtand zum Aus⸗ bruch käme, benutzte man dieſen ſelben Aufruf des Erzherzogs Johann und ſandte ihn nach Tyrol, um die Tyroler zu den Waffen zu rufen. Aber, obwohl in dem Aufruf der Erzherzog —— — —— —— „——— 24 mann mit flammenden Augen, als er zu Ende geleſen, nun, was ſagen Ew. Excellenz zu dieſer Proclamation? Wird ſie Sr. Majeſtät gefallen? Ich ſage, daß Sie da ein Meiſterwerk zu Stande gebracht haben, und daß der Kaiſer Ihnen dankbar ſein wird. Und ich, rief Hudeliſt hohnlachend, ich ſage, daß jedes Wort der Proclamation zu einem Haken gekrümmt werden ſoll, an dem man einen von den guten Freunden des Erzherzogs, oder einen von den aufrühreriſchen, tumultuirenden Tyrolern aufhängen wird. Dieſe Pa⸗ piere und dieſer Aufruf ſind der Sturz der antifran⸗ zöſiſchen Partei, und wir werden jetzt tabula rasa machen können mit allen unſern Feinden. Ich gratulire Ihnen, mein lieber Herr von Roſchmann, Sie haben ſich herrlich ausgebildet, Sie ſind der vortrefflichſte Spion und faux frère geworden, und ſelbſt Judas Iſcharioth könnte Sie um Ihr Talent beneiden. Sie ſehen, mein Lieber, wie klug Sie geth an, meinen Lehren und Ermahnungen zu folgen, denn Sie ſind nun ein verkündete,„bald werde ich in Eurer Mitte ſein“ durf Erzherzog auf beſondern ſtrengen Bef Tyrol gehen, und er ſah dies gelieb des Kaiſers(1835) wieder.) te der fehl des Kaiſers nicht nach te Land erſt nach dem Tode den jeſtät zu ha dern A ſein, Chrer ſeinen ſeinen lichen ſehr leſen, tion? tande nkbar gemachter Mann. Es iſt wahr, die Moraliſten werden Sie verabſcheuen, und wenn Sie auch freilich von ihrem Standpunkt aus verdienten an's Kreuz ge⸗ ſchlagen zu werden, ſo wird man ſtatt deſſen Kreuze an Sie hängen, und Ihnen Ehrenſtellen und Titel geben! Und man wird auch Sie nicht vergeſſen, mein lieber Staatskanzleihofrath, ſagte Metternich, man wird ein⸗ gedenk ſein, daß Sie es eben waren, der den Herrn von Roſchmann ſo trefflich unterrichtete, daß Sie ſein Meiſter und Lehrer geweſen. Ich werde mich beeilen, den Kaiſer darauf aufmerkſam zu machen, und Se. Ma⸗ jeſtät wird erfreut ſein, eine willkommene Gelegenheit zu haben, Sie nach Verdienſt und Würdigkeit zu för⸗ dern und zu belohnen. Aber wie wird Se. Majeſtät erſt Ihnen dankbar ſein, Excellenz, rief Hudeliſt emphatiſch. Welche neue Ehren und Würden wird Se. Majeſtät erſinnen, um ſeinem Miniſter es zu lohnen, daß er ihn endlich von ſeinem läſtigen und mit ſeiner Weisheit ſo aufdring⸗ lichen Herrn Bruder befreit hat, der wahrlich ebenſo ſehr der Feind des Kaiſers ſelber, als der Eurer Ex⸗ cellenz iſt. Glauben Sie mir, Herr Graf, daß es mein eifrigſtes Beſtreben ſein wird, dies dem Kaiſer zu beweiſen, und ihm die hohen Verdienſte Eurer Ex— 26 cellenz, die Sie ſich auf's Neue erworben, in das rechte Licht zu ſtellen. Ich bitte, daß Sie ſich dieſe Mühe ſparen, mein lieber Hudeliſt, ſagte Metternich ernſt. Ich habe mich in dieſer ganzen Angelegenheit weder von perſönlichem Ehrgeiz, noch von perſönlicher Feindſchaft beſtimmen laſſen, ſondern habe nur nach meiner innigſten Ueber zeugung gehandelt, daß zum Wohl Oeſterreichs dieſe ſtets kriegsluſtige, ſtets aufreizende und opponirende Partei, an deren Spitze die beiden Erzherzöge Carl und Johann ſtehen, bei Seite geſchoben werden mußte, we endlich nach Außen und nach Innen zu dauerndem Frieden und zu geregelten Zuſtänden kommen wollten. läßt ſich nicht regieren, wenn im Hinter un wir Es grunde ewig dieſe unruhigen, mißvergnügten und ehrgeizigen Prinzen ihr Spiel treiben, und das zu negiren ſuchen, was ich im Dienſt des Kaiſers und Oeſterreichs gethan habe. Nicht ich will gewinnen bei dieſer Kataſtrophe, ſondern nur Oeſterreich und der Kaiſer ſollen dabei wir werden nicht- von den Erzhe ſondern auch von Tyrol, gewinnen; rzögen allein befreit, dieſem unruhigen, ſtets revoltirenden das mit ſeinen fortwährenden Aufſtänden und Empörungen gegen ſeine geſetzliche Regierung allen übrigen Völkern Oeſterreichs ein ſchlimmes und gefähr⸗ liches welche Angel Sie! ſtützte genhe bewei lnge von der Audi Wir techte mein mich chen imen ber 27 liches Beiſpiel giebt! Dies allein ſind die Gründe, welche ich im Auge hatte, und welche mich in dieſer Angelegenheit leiten. Ihnen Beiden danke ich, daß Sie mich in meinen Plänen ſo treu und wirkſam unter⸗ ſtützten, und ſeien Sie überzeugt, daß ich keine Gele⸗ genheit verſäumen werde, Ihnen meine Dankbarkeit zu beweiſen. Jetzt aber dürfen wir dem Kaiſer nicht länger Ihre wichtigen Mittheilungen entziehen, Herr von Roſchmann, und Ihr edler und würdiger Freund, der Herr von Hudeliſt, wird Ihnen gewiß ſofort eine Audienz bei Sr. Majeſtät verſchaffen! Eilen Sie alſo! Wir ſtehen vor der Kriſis, und wir wollen ſie benutzen, Sie, Ihrem perſönlichen Ehrgeiz zur Befriedigung, ich, zum Wohl des Staats und des Kaiſers! Er grüßte die beiden Herren mit einem Lächeln, und einem gnädigen Kopfneigen, aber er reichte ihnen nicht die Hand dar, er grüßte ſie nicht mit der Ver— traulichkeit eines Freundes, ſondern mit der vornehmen Miene eines Protectors. Er iſt ein ſchlauer Fuchs, brummte Hudeliſt, als er mit Roſchmann durch den Vorſaal dahin ſchritt. Stellt ſich auf eine hohe Tugendleiter, von der er vor⸗ nehm auf mich herunter ſehen möchte! Denkt, ich laſſe mich täuſchen durch ſeine hochadligen Alluren und ſeine 28 ſchönen Minauderien. Ich kenne ihn ganz genau, weiß recht gut, was für ein ehrgeiziger Affe er iſt, und wie er gezittert hat für ſeine Miniſterſtelle. Jetzt, da er ſich wieder ſicher fühlt, jetzt hat er Alles nur gethan um Oeſterreichs und des Kaiſers willen, behandelt mich als ſein Werkzeug, das er belohnen kann, während er gar keines Lohnes bedarf. Er iſt ein gar hochmüthiger, ſtolzer Herr, ſagte Roſchmann, giebt ſich das Anſehen ein Tugendſpiegel zu ſein, der— Gegen Sie iſt er's auch, unterbrach ihn Hudeliſt biſſig, ſchweigen Sie ſtill, Sie Judas Sie. prächtiger Kerl, Sie, an dem ich Sind ein wahrhaftig meine Freud' habe, als wenn ich der Teufel ſelber wäre, dem Sie Ihre Seele verſchrieben. — Aber ſeien Sie ruhig, Mann, ich ſchenk' Ihnen Ihre Seele wieder, und die verpfändeten Wechſel dazu! Sie haben ſie ausgelöſt mit den Papieren da, die wir jetzt dem Kaiſer überbringen wollen. Ich werd' Sie auch dem Kaiſer noch beſonders loben, werd' ihm ſagen, daß Sie ein gar geſchickter Verräther ſind und ſich Ihren Judas⸗ lohn ehrlich durch Ihre Schurkerei an dem Erzherzog Johann verdient haben. II. jagte Die Feuerprobe. Zwei Stunden ſpäter trat Roſchmann mit freude⸗ ſtrahlendem Geſicht in das Zimmer ſeiner Tochter ein. Triumph, rief er Camilla entgegen, Triumph, ich bin am Ziel. Jetzt iſt es vorbei mit aller Noth und 2 allen Aengſten. Jetzt werde ich endlich ausruhen können 2 von aller Sorge, und ein ehrenvolles, behagliches Leben 2— führen. Nein, ſieh mich nicht ſo traurig an, Camilla. 9 Zeige mir endlich, daß Du eine gute Tochter biſt, daß 3 Du den Befehl Deiner theuren hingeſchiedenen Mutter jen erfüllen, daß Du treu an mir hangen, und in Gehorſam jer und Liebe zu mir leben willſt. en Erfülle ich nicht den Befehl meiner Mutter? fragte 48 Camilla. Lebe ich nicht ſo, bin ich Dir nicht gehorſam, z0 indem ich ſchweige? Hange ich Dir nicht mehr an, als irgend einem Andern, mehr als meiner Ehre, 30 meinem Gewiſſen ſelbſt? Sei zufrieden, Vater, ich erfülle den Befehl meiner Mutter, ich bin Dir treu und gehorſam. Aber mit welchem Geſicht, und welchen Augen, rief Roſchmann ungeduldig. Wie biſt Du verändert ſeit den drei Tagen, daß Du meine Geheimniſſe weißt, und mir die Papiere des Erzherzogs gegeben haſt. Ich habe ſie Dir nicht gegeben, rief ſie heftig, Du haſt ſie geraubt. Hui, wie die Augen auf einmal blitzen, als möchten ſie ſich in Dolche verwandeln, die mich durchbohren ſollten, und wie die Wangen glühen, die jetzt ſeit zwei Tagen ſo bleich ſind! Gleichviel ob Du mir die Pa— piere gegeben, oder ob ich ſie genommen habe; ich ſprach nicht davon, ſondern von Deinem Geſicht, von Deinem ganz veränderten Ausſehen und Weſen. Man kann in zwei Tagen die Qualen und Schmerzen einer Ewigkeit in ſich durchleben, ſagte Camilla mit kalter ruhiger Stimme. Ich beklage mich nicht, achte alſo nicht auf mein Ausſehen! Aber der Erzherzog wird darauf achten, rief Roſch⸗ mann heftig, und wenn Du mich vielleicht auch nicht verräthſt mit Deinen Lippen, ſo wirſt Du mich ver⸗ rathen mit Deinem Geſicht, mit Deinen bleichen, ein⸗ gefallen Augen. Alles; der no Himm 3e Roſchn roffe und de Vater Gewiſ letze iberſte Dein um D Dh, eine 3 31 ch gefallenen Wangen, mit Deinen ſtieren, glanzloſen eu Augen. Der Erzherzog wird wiſſen wollen, was das Alles zu bedeuten hat, wer Dir Kummer bereitet hat, ef Du wirſt ihm antworten mit Thränen und Schluchzen, t und er wird Verdacht ſchöpfen. d Fürchte Dich nicht, ſagte ſie gelaſſen, ich werde nicht weinen, und meine Thränen werden Dich nicht 1 verrathen. Oh, wenn ich weinen könnte, mir wäre wohl. Aber ich habe in dieſen zwei fürchterlichen Tagen auch nicht eine Thräne vergoſſen, der Schmerz iſt milde, der noch weinen kann! Thränen ſind ein Thau des Himmels, der ſich mit dem heiligen Schmerz erſchließt. Ich bitte Dich, laß die empfindſamen Klagen, rief Roſchmann. Sei jetzt nur vernünftig und folgſam, raffe Dich zuſammen, füge Dich in das Unvermeidliche, und denke, daß Du im Geiſte Deiner Mutter Deinem Vater das Opfer Deiner Liebe und Deines ſogenannten Gewiſſens bringſt. Ich verſpreche Dir, daß dies das letzte Opfer ſein ſoll, und daß, wenn dieſe Kriſis überſtanden iſt, ich niemals wieder Anſprüche an Dein Gewiſſen machen, ſondern Alles dazu thun will, um Dir ein ſchönes genußvolles Leben zu bereiten. Oh, Camilla, welche herrliche Zukunft leuchtet uns, eine Zukunft voll Ehre, Auszeichnung, Glanz und Geld! 32 Wir werden reich werden, nicht mehr nöthig haben, ein ſtilles beſchränktes Leben zu führen, ſondern unſern Neigungen gemäß hier in Wien ein angeſehenes Haus machen können, denn ich werde Einfluß und Macht haben uns dies Alles zu verſchaffen. Der Kaiſer ſelbſt hat es mir ſo eben verheißen, er hat mit ſeinem kaiſer⸗ lichen Wort mir verſprochen, daß er immer eingedenk ſein werde der großen Dienſte, die ich ihm geleiſtet, und daß es ſeine Sorge ſein ſolle, mich kaiſerlich zu belohnen. Aber nicht blos mich erhebt ſeine kaiſerliche Gnade, ſondern auch Dich, meine Tochter Camilla, auch Dich will ſie umleuchten. Ich bringe Dir eine Freudenbotſchaft, Camilla. Der Kaiſer will Dich ſehen, der Kaiſer erwartet Dich morgen zur Audienz. Mich? fragte Camilla entſetzt. Mich will der Kaiſer ſehen? Was weiß der Kaiſer von mir, wer hat ihm von mir geredet? Ich, Camilla, ich Dein Vater, welcher Dich liebt, welcher glücklich iſt, die kaiſerliche Gnade auch Dir zugewendet zu haben. Was haſt Du ihm geſagt von mir, das im Stande wäre, mir ſeine Gnade zuzuwenden? Ich habe ihm geſagt, daß Du meine gute Tochter, daß Du eine glühende Patriotin biſt, deren Herz mit treuer H will der Das dunkle ihrem Anderes haſt m ſamkeit beigem in De haben Nu ich hal digen als ei Theil hat d Oeſter Unhei kan. ſeine v·ſſe Ich Papie Ihe R. treuer Hingebung an dem Kaiſerhauſe hängt, und dafür rn will der Kaiſer Dir danken, dafür will er Dich belohnen. us Das iſt nicht wahr, ſagte Camilla, deren große cht dunkle Augen mit einem durchbohrenden Ausdruck auf bſt ihrem Vater ruhten. Du haſt dem Kaiſer etwas e Anderes geſagt, ich ſehe es in Deinen Mienen, Du ntf haſt mich hineingezogen in Deine fürchterliche Wirk⸗ et, ſamkeit, Du haſt mir einen Antheil an Deinem Thun zu beigemeſſen. Oh, leugne es nicht, Vater, ich leſe es che in Deinen Mienen, Du haſt mich beſchuldigt Theil zu la, haben an Deiner Verrätherei. ne Nun ja denn, rief ihr Vater mit rauhem Lachen, ich habe Dich, wie Du es nennſt, zu meiner Mitſchul⸗ digen gemacht, das heißt, ich habe Dich dem Kaiſer als eine begeiſterte Patriotin geſchildert, die freudig er er Theil genommen an allen meinen Plänen, und mir geholfen hat dies fürchterliche Complott zu zerſtören, welches bt, Oeſterreich in Gefahr bringen, Tyrol dem furchtbarſten dir Unheil entgegenführen mußte, wenn es zur Ausführung kam. Da Du den Kaiſer ſehen, ſeinen Dank und de ſeine Belohnung empfangen ſollſt, ſo mußt Du auch wiſſen, um was es ſich handelt. Gerade heraus alſo: -, Ich habe dem Kaiſer geſagt: Du ſendeteſt ihm die it Papiere des Erzherzogs. Dir habe er ſie anvertraut, Mühlbach, Erzh. Johann u. Metternich III. 3 34 Du aber fühlteſt Dich in Deinem Gewiſſen gedrungen, ſie Deinem Herrn und Kaiſer zu übergeben. Camilla ſtieß einen Schrei aus und wankte bleich, einer Ohnmacht nahe, einige Schritte zurück. Sie mußte ſich an der Lehne eines Seſſels halten, um nicht umzuſinken, und keuchend, wie Todesröcheln ging der Athem aus ihrer Bruſt hervor. So, die Hand krampf haft um die Lehne des Stuhls gelegt, das bleiche blut loſe Angeſicht ihrem Vater zugewandt, ſtarrte ſie ihn an mit flammenden Zornesblicken, mit Mienen voll zerſchmetternder Verachtung. Dann nach einer langen Pauſe hob ſie ihre rechte Hand langſam zum Himmel empor und mit lauter feierlicher Stimme rief ſie: Dort oben, vor dem Throne Gottes werde ich Dich zur Rechenſchaft ziehen, für dieſe furchtbare Beleidigung und Schmach, welche Du mir angethan. Dort oben bin ich nicht mehr Deine Tochter, die Dir Gehorſam und Unterwürfigkeit ſchuldig iſt, dort werde ich Dich anklagen, daß Du mein Leben gebrochen, meine Seele zerſchmettert haſt. Aber ſo lang ich noch lebe, biſt Du mein Vater, und ich fluche Dir nicht, ich verrathe Dich nicht! Tant de bruit pour une omelette! lachte Roſch⸗ mann achſelzuckend. Es fehlt nur noch, daß Du mich geſch mutl Krie wan und chelr die darl ſogo 2 35 darüber anklagen wollteſt, Dein Glück gemacht, Dir die Gnade des Kaiſers zugewandt zu haben. Du biſt eine Thörin, Camilla, mit Deinen ſchwärmeriſchen Begriffen von Ehre und Tugend und Gewiſſen. Wer in der Welt ſeinen Weg machen, und zu Ehr' und Anſehen kommen will, der muß ſich den Umſtänden fügen, muß ſie zu ſeinem Vortheil ausbeuten, und nicht ſtrenge ſein mit ſeinen Anforderungen an ſich und An⸗ ſe dere. Die Welt iſt eine perfide Schöne, der man ihre Gunſt abliſten muß, und wer ſich nicht ein wenig vor ihr beugt, und von ihren Kunſtgriffen lernt, dem wird ſie niemals ihre Gunſt zuwenden. Beuge Dich alſo, mein Kind, füge Dich der Nothwendigkeit, denke, daß man ohne Perfidie nichts erreichen kann, daß das Leben ein fortgeſetzter Kampf iſt, und daß man durch eine geſchickte Kriegsliſt oft weiter kommt, als durch das muthigſte Dreinhauen. Der Kaiſer will, Dank meiner Kriegsliſt, einen Theil der Gnade, die er mir zuge⸗ wandt, auch Dir übertragen, benutze ſie zu Deinem und unſerm Nutzen. Nimm mit einem freundlichen Lä⸗ cheln ſeinen Dank und die ſchönen Brillanten entgegen, die er Dir ohne Zweifel als funkelndes Gnadengeſchenk darbringen wird. Du weißt, ich habe in meiner Noth —₰½ ſogar zu Deinem Schmuck meine Zuflucht nehmen und 36 ihn verkaufen müſſen. Ich war Dir alſo Erſatz ſchul dig, und dieſen Erſatz wirſt Du morgen aus den Hän⸗ den des Kaiſers empfangen. Du irrſt, Vater, ſagte Camilla ſtolz und ruhig, ich werde dieſen Erſatz nicht empfangen, denn ich werde nicht zum Kaiſer gehen. Wie? Du weigerſt Dich, dem Befehl des Kaiſers zu gehorſamen? Ich weigere mich. Ich werde nicht zum Kaiſer gehen, ich werde für das Verbrechen, deſſen Du mich vor ihm beſchuldigt, keinen Sündenlohn empfangen. Aber was ſoll ich dem Kaiſer ſagen, wie Dich ent ſchuldigen? Sage ihm, was Du willſſt, mir gilt es gleich. Aber ich beſchwöre Dich, Camilla, nimm doch Ver⸗ nunft an, laß endlich dieſe überſpannten Tugendbegriffe fahren. Sei klug und beſonnen, wie Du es immer warſt. Sieh, wir ſtehen jetzt vor der Entſcheidung, und nichts mehr iſt daran zu ändern und zu beſſern. Heute Abend noch wird Alles beendet ſein, werden die thörichten und hochfliegenden Pläne des Erzherzogs, ver⸗ nichtet werden. Er meinte es wohl treu und redlich, aber er verwechſelte die Mittel mit dem Zweck, und er hätte, um Tyrol zu befreien, das Beſtehen der 37 ganzen öſterreichiſchen Monarchie in Frage geſtellt, Oeſterreich in einen Krieg mit Frankreich verwickelt, der uns mit der höchſten Gefahr bedrohte. Indem ich dies dem Kaiſer meldete, indem ich anſcheinend ſeine Pläne verrieth, habe ich Oeſterreich, habe ich Tyrol, habe ich endlich vor allen Dingen den Erzher⸗ zog Johann ſelber gerettet. Wäre der Plan des Erz⸗ herzogs zur Ausführung gekommen, hätte ich es zuge⸗ laſſen, daß der Erzherzog, wie er es beabſichtigte, heute Nacht abgereiſt wäre, ſo war er und mit ihm Tyrol verloren. Denn Baiern iſt gewaffnet, und hätte den Aufſtand jedenfalls niedergeſchlagen. Dann aber wäre der Erzherzog zum Rebellen geworden, den der Kaiſer nicht retten und begnadigen konnte, wenn er ſich nicht vor Frankreich und Baiern als der Mitver⸗ ſchworene an dem Aufſtand der Tyroler verdächtigen wollte. So aber wird das Ungewitter raſch vorüber⸗ geführt, ohne daß es irgend Jemand zerſchmettert. Heute Abend werden wir Eingeweihte uns bei Hor⸗ mayr verſammeln zur letzten entſcheidenden Berathung. Sobald der Erzherzog dort iſt, wird der Herr Polizei director Hager mit ſeinen Leuten kommen, uns Alle zu verhaften, ſich unſerer Papiere zu bemächtigen, und uns als Gefangene fortzuführen. Dich auch? Du willſt Dich auch verhaften laſſen? Ich muß es, um nicht beim Erzherzog und ſeinem Günſtling Hormayr Verdacht zu erregen, um nicht vor der Welt als Verräther zu erſcheinen. Dies iſt auch D der Grund, Camilla, weshalb ich Dir heute Alles ſo vo rückhaltlos und offen bekenne, denn ich bedarf Deiner. Es muß durchaus den Anſchein haben, als wäre ich ih 1 gleich den Uebrigen verhaftet, und in irgend eine Feſtung Lo abgeführt. Ich muß daher eine Zeit lang verſchwinden le und mich verſteckt halten. Das Verſteck, deſſen ich be⸗ 1 darf, iſt bereit. In dem kleinen Hauſe, das ich in 1 der Leopoldvorſtadt beſitze, habe ich es längſt ſchon eingerichtet, und da werde ich unter dem beſcheidenen ſ Charakter eines Handwerkers einige Monate in Stille n und Verborgenheit zubringen. Nur in dem Schweigen t und unter dem Schatten der Nacht werde ich zuweilen d hierher kommen, um Dich zu ſehen, und mit Dir mich zu beſprechen. Triff darnach Deine Vorkehrungen, d Camilla, erwarte mich jeden Abend, und ſorge dafür, 3. d daß ich mindeſtens einige kalte Paſteten und Delica⸗ teſſen finde, die den armen Handwerker entſchädigen 1 für die ſchlechte Koſt ſeiner mühſeligen Tage. b Es ſoll Alles ſo geſchehen, wie Du es willſt, ſagte Camilla kalt. —— Nur zum Kaiſer willſt Du morgen nicht gehen? Nein, das kann, das werde ich nicht. Thörichter Eigenſinn, rief ihr Vater achſelzuckend. Das ſind die überſpannten Mädchenbegriffe, welche Du von Deiner Mutter— Still, unterbrach ſie ihn haſtig. Sprich nicht von ihr, von der Heiligen, welche das Märtyrerthum ihres Lebens überwunden hat, und ausruht von ihren Qua⸗ len und Thränen. Möge ihr Geiſt fern von uns ſein in dieſer Stunde, damit ſie nicht ſieht, was ich leide, und durch wen ich leide. Wärſt Du weniger romantiſch und mehr praktiſch, ſo würdeſt Du nicht durch mich leiden, ſondern durch mich zu Ehr' und Anſehen kommen, durch mich ein kaiſerliches Gnadengeſchenk erhalten, und vielleicht ſogar der Kaiſerin vorgeſtellt werden. Du willſt nicht, gut, ich laſſe Dir auch dieſe Laune hingehen, und werde Dich heute Abend, wenn ich zum Kaiſer komme, mit plötzlicher Krankheit entſchuldigen. Ein Glück, daß der Kaiſer mich noch heute zu ſprechen begehrte, um mir meine Verhaltungsbefehle wegen des Erzherzogs Jo hann und wohin er geführt werden ſoll, zu geben. Auch der Erzherzog ſoll verhaftet werden? fragte Camilla bebend. 40 Es werden Alle verhaftet, welche an der geheimen Verſammlung Theil nehmen. Aber fürchte nichts, ſeine Haft wird nicht ſtreng und nicht lang andauernd ſein. Es kommt dem Kaiſer nur darauf an, ſeinen lieben Herrn Bruder in flagranti zu finden, und ihm jedes Ableugnen unmöglich zu machen. Doch ſtill, da hält ein Wagen vor der Thür. Wer kann das ſein? Er ſprang zum Fenſter hin, und blickte hinunter auf die Straße. Es iſt der Erzherzog Johann, ſagte er dann, haſtig zurücktretend. Er kommt ohne Zweifel, um Abſchied von Dir zu nehmen. Ich werde ihn nicht annehmen, ich kann ihn nicht ſehen, rief ſie heftig. Du wirſt ihn annehmen, ſagte Roſchmann gebie⸗ teriſch. Du wirſt ihn freundlich willkommen heißen, und ſeine Abſchiedsworte entgegennehmen, ohne durch irgend ein Wort, eine Miene ſeinen Verdacht zu er— regen! Eben öffnete ſich die Thür, ein Diener trat ein, und meldete, daß der Erzherzog Johann Fräulein von Roſchmann einen Beſuch machen wolle. Bitte Se. Hoheit einen Moment im Salon zu verweilen, flüſterte Roſchmann, ſage ihm, Fräulein — — 41 Camilla würde ſogleich bereit ſein, die Gnade ſeines Beſuches zu empfangen; wenn er nach mir frägt, ſage, ich ſei drüben in meinem Studirzimmer. Eile Dich! Jetzt, Camilla, ſagte Roſchmann, als der Diener hinausgegangen, jetzt Faſſung und Muth. Du wirſt den Erzherzog hier empfangen, hörſt Du, hier in die⸗ ſem Zimmer. Ich werde dort in jenem Zimmer ſein. Erinnere Dich, daß, wie Du geſtern entdeckt haſt, die Thür kleine Löcher enthält, und daß ich durch dieſelben Alles ſehen, Alles hören kann, was hier geſchieht. Jetzt beweiſe, daß Du eine gehorſame Tochter biſt, daß Du den Befehl Deiner ſterbenden Mutter erfüllen, Dir ihren Segen verdienen willſt, indem Du Deinem Vater anhängſt, ihm allein Deine Treue, Deine Liebe weihſt. Ich gehe, Camilla, aber ich bin dort hinter jener Thür, ich beobachte Dich, ich höre, was Du ſprichſt. Bei der geringſten Unvorſichtigkeit, die Du begehſt, werde ich Dich warnen, Dich erinnern an Deine Pflicht und Deinen Schwur. Nun gehe, heiße den Erzherzog mit einem Lächeln willkommen! Er ſchlüpfte leiſe auf den Zehen durch das Gemach, drückte die Thür zu dem Nebengemach leiſe auf, und ſchlüpfte hinaus, die Thür leiſe wieder hinter ſich ſchließend. 42 Gott, mein Gott, murmelte Camilla, gieb mir Kraft, daß ich nicht unterliege! Geh! rief ihr Vater aus dem Nebenzimmer. Sie ſchrak zuſammen, und durch das Zimmer hin ſtürzend, öffnete ſie die großen Flügelthüren, welche in den Salon führten. —— III. Zer Abſchied. Ich bitte Ew. Hoheit um die Gnade, eintreten zu wollen, ſagte Camilla, ſich tief verneigend. Sofort war der Erzherzog bei ihr, und ihre beiden Hände faſſend, zog er ſie faſt mit Ungeſtüm aus ihrer demüthigen Stellung empor. Endlich, endlich, Camilla, ſehe ich Sie, rief er, ſie zärtlich anſchauend. Kommen Sie, laſſen Sie uns in Ihr liebes, trautes Gemach eintreten. Er führte ſie zurück in ihr Zimmer, und ſchloß die Thür des Salons wieder zu. Dann ſchaute er mit ſtrahlenden Augen ſich rings in dem Gemach um. Oh, wie wohl mir hier wird, rief er hochaufath⸗ mend, wie ich mich geſehnt habe nach dieſem Moment des Wiederſehens, nach dieſem lieben Zimmer, wo es ſo ſtill iſt und ſo heimlich, wo ich mich wie verzaubert 44 fühle in eine ſchönere, beſſere Welt. Hier iſt mein Paradies, Camilla, hier weiß ich nichts von der Welt da draußen, nichts von ihren Stürmen und Schmerzen! Und jetzt laſſen Sie mich Sie anſchauen, Camilla. Wiſſen Sie denn, daß ich Sie in ſechs Tagen nicht geſehen habe? Ich weiß es, Hoheit, ſagte ſie leiſe und mit einem mühſamen Lächeln. Schauen Sie mich nur an, Ho⸗ heit, dieſe ſechs Tage ſind auf meinem Geſicht ver⸗ zeichnet. Es iſt wahr, Ihre Wangen ſind bleich, Ihre Augen ſind trübe, Camilla, als hätten Sie geweint. Mein Gott, Sie zweifelten doch nicht an mir, Sie glaubten nicht, daß ich auch nur Eine Stunde Sie vergeſſen könnte? Nicht wahr, Sie glaubten das nicht? Nein, Hoheit, ich zweifelte nicht an Ihnen, ich wußte, daß Sie mir nicht Ihre Gnade, Ihr freund⸗ liches Gedenken entziehen würden. Weshalb denn dieſer kalte, gemeſſene Ton? fragte Johann. Was ſoll's mit dieſem fremden, ehrerbietigen Weſen? Sind wir denn nicht allein, nicht unbeob achtet hier? Ja, Hoheit, rief ſie raſch, wir ſind allein. Wir ſind allein, wiederholte er glühend, indem er 45 ſanft ſeinen Arm um ihre Schulter legte, wir ſind allein, keines Spähers Auge belauſcht uns, keines Verräthers Ohr hört, was ich Dir ſage. Und ich habe Dir ſo Vieles zu ſagen, meine Geliebte, meine Braut! Still, oh ſtill, flüſterte ſie erbebend. Vergeſſen Ew. Hoheit das Gelübde, welches Sie Sich ſelber geleiſtet? Das Gelübde, Dich nicht meine Braut, meine Ge⸗ liebte zu nennen, bevor nicht Tyrol befreit iſt, bevor nicht von den Ruinen der alten Burg Tyrol die alte dreifarbige Fahne frei in die Luft dahin faattert, um das freie Tyrol zu grüßen? Nun, ich bin eingedenk dieſes Gelübdes geblieben, und darum habe ich raſtlos gearbeitet und geſtrebt, um endlich deſſen Erfüllung herbeizuführen. Aber in dieſer einen Stunde laß es mich vergeſſen, was ich gelobt, in dieſer Stunde kann ich Dir nicht kalt und ruhig gegenüber ſtehen. Es iſt die Stunde unſeres Abſchieds, Geliebte, und für einen Moment löſt ſich das Siegel von meinen Lippen, und ſie rufen Dich, wie mein Herz Dich im⸗ mer ruft: meine Geliebte, meine Braut! Ja, Du biſt es, Geliebte! Für Dich habe ich gearbeitet, Dich will 46 ich erobern, indem ich Tyrol erobern will, für Dich will ich ausziehen in den Kampf. Und über mich wird Ihr Blut kommen, wenn Sie in dieſem Kampfe verwundet und vernichtet werden, rief Camilla mit ſchneidendem Wehelaut. Gott wird mich ſchützen, meine Geliebte, und er wird nicht wollen, daß ich unterliege, denn meine Sache iſt edel und rein. Drum zage nicht, Du Holde, Liebe, werde jetzt nicht kleinmüthig und ſcheu, ſei freudig und muthig, und gieb mir das Lächeln Deiner Liebe als ſchönſten Abſchiedsgruß mit. Denn ich komme, um Abſchied zu nehmen, Abſchied vielleicht auf lange Wochen. Abſchied vielleicht auf ewig, rief ſie erſchauernd. Oh, gehen Sie nicht, Hoheit, wollen Sie das Schick⸗ ſal nicht verſuchen, nicht— Weißt Du nicht, daß ich gelobt habe, Tyrol zu befreien, bevor ich Dich als meine Geliebte, mein Weib vor Gott und den Menſchen in meine Arme nehme? Willſt Du denn nicht mein werden, Camilla? Liebſt Du mich nicht mehr? Schau auf zu mir, Camilla, blicke mich an, und nun ſage mir: liebſt Du mich nicht mehr? Sie ſchaute mit einem langen innigen Blick in ſein 5 lächelndes, ſtrahlendes Angeſicht. Ja, ſagte ſie feier— lich, ja, ich liebe Sie! Gedenken Sie daran, wenn Sie 47 jemals an mir zweifeln und irre werden könnten, ge⸗ denken Sie daran, daß ich in dieſer ernſten und hei— ligen Abſchiedsſtunde aus der Tiefe meines Herzens es —: Ihnen ſage: Ich liebe Sie! Ich werde Sie ewig lieben, und nie einem anderen Manne angehören, als nur Ihnen! Gedenken Sie daran, wenn Sie jemals an mir zweifeln ſollten. Wie könnte ich an Dir jemals zweifeln, Camilla? fragte Johann zärtlich. Wer zweifeln kann, der liebt nicht, und ich, Camilla, ich liebe Dich! Du weißt es, und ich habe es Dir bewieſen. Biſt Du nicht die holde Mitwiſſerin und Theilnehmerin unſerer ganzen Verſchwörung? Habe ich Dir nicht alle meine Papiere anvertraut, Papiere, die ſo wichtig und gefährlich für mich ſind, daß ſie zu meinem Verderben gereichen würden, wenn der Kaiſer ſie ſähe. Geliebte, habe ich ſie Dir nicht ohne Scheu anvertraut? Ja, Sie thaten es, flüſterte Camilla leiſe, ihr todesbleiches Angeſicht auf die Schulter Johanns leh⸗ nend. Aber Allem, was ſchenken Sie lange erprüft und als treu befunden haben, mißtrauen ich beſchwöre Sie bei meiner Liebe, bei Ihnen heilig iſt, ſeien Sie vorſichtig, Ihr Vertrauen nur Denen, welche Sie 48 Sie lieber Allen, denn unter der Maske des Freundes birgt ſich oft eines Verräthers Angeſicht. Jetzt bin ich ſo weit gegangen, daß ſelbſt ein Ver räther mir nicht mehr gefährlich werden kann, rief Johann freudig laut. Die Entſcheidung iſt da, und alles Schwanken, alles Zaudern und Ueberlegen iſt von mir abgefallen. Schon fliegen meine Boten nach Tyrol und mahnen zum Aufſtand, und künden den Getreuen, daß ich komme, um mit ihnen zu kämpfen für Tyrols Freiheit! Endlich werde ich meinen Namen rein waſchen von der Schande, und den Schwur einlöſen, welchen ich den Tyrolern geleiſtet: nicht eher zu ruhen und zu raſten, bis ich Tyrol befreit, bis ich ihm ſeine alte Verfaſſung, ſeine alten Gerechtſame wieder erobert. Oh, Geliebte, wie frei meine Bruſt iſt, nun da die Laſt endlich von ihr abgefallen, da ich kein Ehrloſer, kein Wortbrüchiger mehr bin! Und weiß der Kaiſer von Ihren Plänen, billigt er ſie? Wenn er ſie wüßte, würde er ſie ſicherlich nicht billigen, ſchon weil ſie von mir ausgehen, weil ſie den Staub der Schmach von meiner gedemüthigten Stirn fortwiſchen ſollen. Nein, der Kaiſer weiß nichts von meinen Plänen, und erſt die Siegesboten, die aus — 49 Tyrol zu ihm herfliegen, ſollen ihm ſagen, daß es ſein 5 Bruder Johann geweſen, der auf der alten Burg Tyrol 1 7 8 7 die Fahne der Freiheit wieder aufgepflanzt. Dann 3 wird er aus der Noth eine Tugend machen, dann wird er anerkennen, was er nicht mehr zu ändern vermag. Und wenn er es nicht thut? fragte Camilla raſch. Wenn er Tyrol abermals verleugnet und aufgiebt? Wenn er das thut, ſagte Johann ernſt und drohend, wenn er Tyrol verleugnet, ſo wird Tyrol auch ihn verleugnen. Nicht um dem Kaiſer eine Provinz wieder zu erobern, kämpfe ich, ſondern um Tyrol von der Knechtſchaft zu befreien, um das Fremdjoch von den Schultern der hochherzigen treuen Tyroler abzuwälzen. Will der Kaiſer das nicht anerkennen, will er, auch dann, wenn wir die Fremden verjagt haben, uns keine Hülfe, keine Unterſtützung ſenden, ſo wird die Graf⸗ ſchaft Tyrol ſich ſelbſt vertrauen, und zum zweiten Male wird in Innsbruck ein Oberſtatthalter von Tyrol reſidiren. Dieſer Oberſtatthalter werde ich ſein, und ich werde die freie gefürſtete Grafſchaft Tyrol verthei— digen mit aller Kraft, mit allen Mitteln, die mir zu Gebote ſtehen. Oh, rief Camilla angſtvoll, erinnern Sie ſich, daß der erſte Oberſtatthalter von Tyrol, der edle Andreas Mühlbach, Exzh. Johann u. Metternich. III. 4 ——————— ——————— 50 Hofer, mit ſeinem Haupte die kurze Freiheit Tyrols — bezahlen mußte. Ich erinnere mich deſſen, Geliebte. Andreas Hofer — ſtarb als Märtyrer und als Held, und Oeſterreich hat die Schuld noch nicht geſühnt, welche das fallende Haupt des Märtyrers auf uns gewälzt. Ich will Tyrol beſreien, und dann wird Andreas Hofer aus ſeinem Grabe die Hand erheben, den Segen über mich ſprechen und Oeſterreich verzeihen. Oh Gott, Gott, gieb, daß er die Wahrheit ſpricht, rief Camilla, ihre Arme zum Himmel erhebend, laß ihn glücklich ſein edles Werk vollenden, beſchütze ihn, und ſegne ſein herrliches Wollen mit dem herrlichſten Vollbringen! Gott wird Dein Gebet erhören, Camilla, rief Jo⸗ f hann freudig. Jetzt zweifle ich nicht mehr, Dein Segen und Dein Gebet geben meinem Werke den Sieg. Nun lebe wohl, Geliebte, ich muß jetzt fort, Vieles bleibt mir noch zu thun und anzuordnen, und ſobald die Nacht herein bricht, reiſe ich ab. Oh bleibe, mein Geliebter, bleibe, rief Camilla außer ſich, Alles vergeſſend. Reiſe nicht, verlaſſe Wien nicht, entſage Deinen gefährlichen Plänen, ſtrebe nicht einem Ziel nach, das unerreichbar iſt, und das nur —— 51 ſtatt des Lorbeerkranzes Dir eine Dornenkrone geben wird. Bleibe, mein Geliebter, gehe nicht nach Tyrol. Sieh, auf meinen Knieen beſchwöre ich Dich, entſage Deinem Plan, denn er wird Dich in's Verderben ſtoßen, er wird Dein edles Haupt bedrohen. Außer ſich, das Antlitz von Thränen überfluthet, war Camilla vor ihm niedergeſunken, und die gefal⸗ tenen Hände zu ihm erhebend, blickte ſie mit dem Aus⸗ druck angſtvoller Liebe zu ihm auf. Johann beugte ſich nieder, um ſie aufzurichten, aber ſie wehrte ihn zurück. Laß mich zu Deinen Füßen, rief ſie flehend, laß mich auf meinen Knieen vor Dir liegen, und zu Dir flehen: Gehe nicht nach Tyrol! Bleibe hier in Wien! Ich kann nicht, Geliebte, und könnte ich es, ſo wollte ich es doch nicht, ſagte Johann ernſt. Tyrol erwartet mich, alle meine Freunde ſind bereit die Waffen zu nehmen, ſie vertrauen mir, ſie warten auf mei— nen Ruf, und bei Gott, ſie ſollen ſich nicht getäuſcht ſehen, nicht vergeblich auf mich gewartet haben! Sei gefaßt und ruhig, meine Camilla, laß dieſe bitterſüße Stunde des Abſchieds Deinen Geiſt, der ſonſt ſo kühn und ſtark iſt, nicht verwirren. Zeige mir, daß Du mein ſtarkes kühnes Mädchen biſt, Eins mit mir im Hoffen 4* 52 und Wünſchen, im Wollen und Vollbringen! Stehe auf, Camilla, es ziemt meiner künftigen Gemahlin nicht, vor irgend einem Menſchen auf den Knieen zu liegen. Stehe auf und ſtelle Dich an meine Seite, denn da iſt Dein Platz, da ſollſt Du, wenn ich heimkehre aus Tyrol, immer ſtehen, und die ganze Welt will ich zwingen, Dein geheiligtes Recht auf dieſen Platz an zuerkennen! Und wenn Du nicht heimkehrſt? fragte ſie, ſich von ihren Knieen erhebend. Wenn das Glück Deine Pläne nicht begünſtigt, wenn der Kaiſer ſie vereitelt, wenn Verräther, feige hinterliſtige Verräther— Ein ſtarkes Klopfen an der Thür des Salons un terbrach ſie, und in der heftig geöffneten Thür erſchien Roſchmann. Ohne ſeine Tochter anzuſchauen, mit ruhigem, lächelndem Geſicht näherte er ſich dem Erzherzog. Verzeihung, Hoheit, ſagte er, daß ich ohne Erlaubniß einzutreten wage. Ich war eben im Begriff mich in das Palais Eurer Hoheit zu begeben, als ich von mei nem Diener erfuhr, daß Ew. Hoheit meine Tochter mit Ihrem Beſuch beehrten, und ſo wagte ich es denn hierher zu kommen, um Ew. Hoheit meinen Rapport abzuſtatten, und Ihre Befehle zu empfangen. 52 53 Giebt es denn etwas Neues? fragte Johann leb⸗ haft. Sind Nachrichten oder Botſchaften gekommen? Zu Befehl, Hoheit. Herr Thomſon, der neu an— gekommene engliſche Agent, möchte Ew. Hoheit ſeine Briefe vom Grafen Münſter überreichen, außerdem iſt ſo eben ein Bote vom Commandanten Eiſenſtecken ein— getroffen. Er ſoll nur fragen, ob Ew. Hoheit wirklich heute Nacht abreiſen werden, und dann ſogleich ſeinen Rückweg antreten, um die Freudenbotſchaft nach Tyrol zu bringen. Ja, ich reiſe dieſe Nacht ab, rief Johann. Sagen Sie dem Boten, er ſoll mir das treue geliebte Tyrol grüßen, und ſoll ihm ſagen, daß ich komme, es zu be— freien, oder mit ihm zu ſterben! Sagen Sie das Ihrem Boten, und den Engländer führen Sie ſogleich zu mir. Ich eile nach Hauſe, und in einer halben Stunde erwarte ich Sie dort mit dem Engländer. Vieles haben wir noch zu beſprechen, und zu ordnen, und die Zeit iſt kurz. Leben Sie alſo wohl, Camilla, leben Sie wohl und beten Sie für uns. Er reichte ihr ſeine beiden Hände dar, und ſah zärtlich und lächelnd in ihr bleiches Angeſicht. Sie legte langſam und zögernd ihre kalten Hände in die 54 ſeinen, und vor ſeinen innigen Blicken ſchlug ſie wie erſchrocken die Augen nieder. Roſchmann, ſagte Johann, ſein Haupt halb zu ihm wendend, und doch die Blicke immer nur auf Camilla gerichtet, erlaubt Ihre Vaterſtrenge, daß ich zum Abſchied mir von Camilla einen Kuß erbitten darf? Ich denke, ſie wird glücklich ſein, ihn zu empfangen, ſagte Roſchmann lächelnd. Und Sie, Camilla, gewähren Sie mir dieſen letzten Wunſch? Sie hob ihre Augen langſam zu ihm empor, und ein Strahl unausſprechlicher Liebe blitzte aus dieſen Augen ihm entgegen. Dann neigte ſie ihr Haupt ihm entgegen, und er drückte ſeine Lippen lange und innig auf ihre reine weiße Stirn. Leben Sie wohl, Camilla, ſagte er innig. Auf frohes, glückliches Wiederſehen! Sie murmelte einige leiſe, unverſtändliche Worte, und über ihre todesbleichen Wangen rannen langſam, wie Perlen, ein paar Thränen nieder. Johann ſchaute ſie an mit einem langen innigen Blick, dann wandte er ſich haſtig ab. Kommen Sie, Roſchmann, ſagte er, laſſen Sie uns — gehen. Sagen Sie Ihrem Boten Beſcheid und dann kommen Sie ſogleich zu mir! Haſtig, ohne nur einmal noch umzuſchauen nach Camilla, verließ der Erzherzog das Gemach, und eilte in den Salon. Roſchmann folgte ihm, und wie er an Camilla vorüberging, die bleich und ſchwankend ſich auf einen Seſſel ſtützte, warf er auf ſie einen ſpöttiſchen, triumphirenden Blick, und flüſterte leiſe: Verrätherin! Camilla achtete nicht darauf, ſie ſtand und ſtarrte mit weit aufgeriſſenen Augen der enteilenden Geſtalt des Erzherzoges nach, ihre Lippen öffneten ſich wie zu einem Schrei, ſie ſtreckte die Arme nach ihm aus, ſie — da öffnete er drüben die Thür des Salons und ſchritt hinans, ihr Vater folgte ihm, und drückte die Thür zu. Camilla's Arme ſanken kraftlos herab, ihr Haupt fiel matt auf ihre Bruſt, und troſtlos murmelte ſie immer und immer wieder: Er iſt fort! Er iſt fort. Ich werde ihn niemals wiederſehen! So ſtand ſie lange unbeweglich wie in dumpfer Betäubung da, bis das Rollen eines Wagens dicht unter ihrem Fenſter ſie emporſchrecken machte. Sie ſtürzte ans Fenſter, und ſchaute hinab. Da, die Straße hinunter rollte der Wagen des Erzherzogs. Das Leder 56 war heruntergeſchlagen, und in dem halboffenen Wagen ſah ſie ſeine ſchlanke, ſtolz aufgerichtete Geſtalt, ſein Haupt mit dem wallenden Federhut, ſah ſie, wie er freundlich nach allen Seiten hin grüßte und nickte. Jetzt bog der Wagen um die Straßenecke, jetzt ſah ſie ihn nicht mehr! Camilla ſtieß einen Schrei aus, und auf ihre Kniee niederſtürzend, rief ſie: Gott, mein Gott, Du, der Du meine Leiden, meinen Jammer ſiehſt, erbarme Dich, zeige mir ein Mittel ihn zu retten, ihn zu warnen. Meine Zunge iſt gebunden, und darf nicht ſprechen. D D u aber, Gott, Du darfſt ſprechen! Flüſtere in mein gequältes Herz den Namen irgend eines Menſchen, der ihn warnen, der ihn retten kann! Nenne mir den Mann, der im Stande iſt, ihn vor Gefangenſchaft und Schmach zu bewahren, ihn— Sie verſtummte plötzlich, und wie ein heller Blitz fuhr es über ihr Angeſicht hin, ihre Augen öffneten ſich weit, als ſchauten ſie aufmerkſam nach einem fernen Ziel hin, ihre Mienen nahmen einen geſpannten, lau⸗ ſchenden Ausdruck an, als horche ſie auf die Stimmen, die in ihrem Herzen flüſterten. Dann ſprang ſie auf, und es flog wie ein Lächeln über ihr zermartertes Geſicht hin. Ja, zu ihm muß ich gehen, rief ſie, er allein kann ihn retten! Ich danke Dir, mein Gott, ich danke Dir, Du haſt ihn mir genannt, den Namen ſeines Erretters. Sie eilte wieder zum Fenſter hin, und ſchaute un— verwandt hinab. Der Erzherzog ſagte, mein Vater ſolle in einer halben Stunde mit dem Engländer zu ihm kommen, flüſterte ſie. Er muß alſo bald gehen, denn er wird ſich beſtreben, die Befehle Johanns pünkt⸗ lich zu erfüllen, um keinen Verdacht zu erregen, und — da, da geht er, rief ſie jetzt laut, da ſchreitet er ſtolzen, ſicheren Schrittes die Straße hinab, und die Steine, die ſein Fuß berührt, wanken nicht zurück und ſchreien: er iſt ein Verräther! und die Leute, die ihm begegnen und ihn ſo freundlich grüßen, ſie ſehen nicht das Kainszeichen auf ſeiner Stirn, und fliehen nicht vor ihm, vor dem Verräther! Jedermann ehrt ihn, und achtet ihn, und ich, ſeine Tochter allein, ich muß ihn verrathen, ich allein weiß, daß er ein Verräther iſt!— Aber ich will verſuchen, ſein Verbrechen zu ver⸗ hindern, das Unheil abzuwenden!— Er iſt fort, und wird nicht ſobald zurückkehren. Jetzt alſo kann auch ich fort! Fort zum Polizei-Präſidenten Hager. —— ⏑⏑⏑—— IV. Die Warnung. 1 Der Polizei-Präſident von Hager hatte ſo eben eine lange Unterredung mit dreien ſeiner geſchickteſten Agenten gehabt, und als er ſie jetzt entließ, ſagte er zu ihnen mit ernſter gewichtiger Miene: eilen Sie alſo! In einer Stunde müſſen die drei verſchloſſenen Kutſchen bereit ſein. In jeder derſelben ſitzt Einer von Ihnen.„ Sie halten ruhig vor meiner Thür, bis ich meinen 1 Wagen beſteige, dann fahren Sie langſam hinter mir her, und halten vor dem Hauſe ſtill, vor welchem ich ſtill halte, und ausſteige. Sobald ich ausgeſtiegen und in das Haus gegangen bin, laſſen Sie Niemand mehr hinaus, und verhaften Sie Jeden, der hinein will!— Jetzt, da er allein war, ging der Polizei⸗Präſident, die Hände auf dem Rücken gefaltet, langſam in ſeinem Kabinet auf und ab, und düſtere Falten lagerten auf ſeiner Stirn. 59 Es iſt eine unangenehme Geſchichte, brummte er vor ſich hin, ich wollt', ich hätte nichts zu thun damit! Erſt iſt ſo lange gehetzt, und verſprochen, bis die gut— müthigen dummen Tyroler dem Ding Glauben ſchenk— ten, und auf's Neue zu hoffen, u nd auf's Neue zu wühlen und zu verſchwören begannen. Ich ſelbſt, verzeih' mir's Gott, ich, der Polizei-Präſident, mußte im Namen des Kaiſers mit den Tyrolern und ihrem Agitator, dem Hormayr, verkehren, und ſie ermahnen, ſich bereit u halten zum Befreiungskampf. 3 davon, wenn man mit ſo exaltirten, ſchwärmeriſchen Köpfen ſich einläßt, wie der Hormayr einer iſt. überſtürzen Alles. AS Das kommt aber Sie Statt die Tyroler langſam vorzu— bereiten, hat er ſie revoltirt, ſtatt ſie im Namen des Kaiſers auf eine mögliche baldige Befreiung hoffen zu laſſen, hat er ganz Tyrol in einen offenen Revolutions 7— 3 krater verwandelt, den Erzherzog Johann mit ſeiner unglücklichen Freiheitsſchwärmerei ſelber in die ſchlimme Sache verwickelt, und uns da eine Geſchichte bereitet, die ganz Oeſterreich in's Verderben gebracht hätte, wenn nicht zum Glück das Gewiſſen eines der Ver ſchwornen erwacht wäre, wenn der gute, pflichtgetreue Roſchmann nicht vor der Gefahr gewarnt hätte! Aber die Gefahr iſt groß, und ſie wird den Revolutions 60 häuptlingen, dem Hormayr und Schneider, dem Eiſen⸗ 4 ii ſtecken und Winterſteller, und noch vielen Andern theuer ¹ zu ſtehen kommen. Nun meinetwegen, ſie haben's ver⸗ ſ ſchuldet, mögen ſie alſo auch ihre Strafe tragen. Ich bin nur froh, daß der Erzherzog mit ſeiner Perſon in nicht hineingezogen wird in die unangenehme Affaire, J und daß er heute Abend nicht perſönlich dabei bethei⸗ ¹ ligt iſt. Er ſchwieg und ging düſter ſinnend auf und ab. Ja, wahrlich, ſagte er dann nach einer langen Pauſe, es iſt mir lieb, daß der Erzherzog Johann nicht auch dabei iſt. Er iſt ein edler, hochherziger Mann, den man wenigſtens achten und hochhalten muß, wenn man e ihn auch nicht lieben, und ſeine Anſichten nicht billigen 4 1 darf. Es iſt ihm viel Unrecht geſchehn, und— Nun, was giebt's? Warum kommſt Du herein, Anton? d Gnädigſter Herr, meldete der Diener, es ſteht da b draußen eine Dame, welche durchaus verlangt, den Herrn Polizei⸗Präſidenten zu ſprechen. r Habe ich Dir nicht geſagt, Dummkopf, daß ich heute Abend Niemand mehr ſprechen will? Verzeihung, gnädigſter Herr, aber die Dame ſagte, ſie habe dem gnädigen Herrn ein ſehr wichtiges Ge⸗ heimniß anzuvertrauen, und Sie würden. es mir nie⸗ 4 61 mals verzeihen, wenn ich ſie nicht ſofort dem Herrn Polizei⸗Präſidenten anmeldete, denn das größte Unglück könne daraus entſtehen. D D Und Du Narr ließeſt Dich von ſolcher Drohung in's Bockshorn jagen? fragte Herr von Hager lachend. Nun, Deine Schöne verſteht es, ſich Eingang bei der Polizei zu erzwingen. Wie heißt ſie denn? Das wollte ſie mir durchaus nicht ſagen. Seltſam! Wie ſchaut ſie denn aus? Iſt ſie gut gekleidet, jung und hübſch? Sie iſt ganz in ſchwarze Seide gekleidet, ob ſie aber jung und hübſch iſt, weiß ich nicht, denn ſie hat einen ſchwarzen Schleier über ihr Geſicht gezogen, daß man nichts davon ſehen kann. Gott behüte, das wird ja ganz ſchauerlich, lachte der Präſident. Nun, wir werden ja ſehen, was da— hinter ſteckt! Laß Deine ſchwarze Frau eintreten. Der Diener riß die Thür auf, und mit triumphi⸗ rendem Ton rief er: treten Sie ein, Madame! Der Herr Polizei⸗Präſident erwartet Sie! Man hörte das Rauſchen eines ſeidenen Gewandes, und auf der Schwelle der Thür erſchien eine hohe weibliche Geſtalt. Treten Sie ein, Madame, ſagte der ———————õ— ———ᷣ—4— 62 —¼½ dent von Hager, und Du, Anton, ſchließe die Thüren, und laß Niemand zu mir eintreten, ſo lange die Dame hier iſt. Und jetzt, Madame, wandte ſich Herr von Hager an die verhüllte Dame, jetzt ſind wir allein, und un— belauſcht. Haben Sie alſo die Güte ſich zu entſchleiern und mir Ihren Namen zu nennen! Wozu, mein Herr? fragte eine jugendliche zitternde Stimme unter dem dichten Schleier hervor. Was nützt es Ihnen, meinen Namen zu wiſſen, und ein Ihnen fremdes Antlitz zu ſchauen? Es nützt mir ſo oiel, Madame, daß ich vielleicht Ihnen glaube, wenn ich weiß wer Sie ſind und ich auf Ihrem Geſichte leſen kann, während ich einer Frem— den, einer namenloſen Unbekannten ſicherlich nicht glauben werde, ſelbſt wenn ſie mir die fürchterlichſten Geheimniſſe anvertraut. Sie werden mir dennoch glauben, Herr Polizei— Präſident, ſagte die Verhüllte, indem ſie mit elaſtiſchem Schritt dicht zu Herrn von Hager hinſchritt. Ja, Sie werden mir dennoch glauben, denn ich werde Ihnen Thatſachen mittheilen, deren Wahrheit Niemand beſſer kennt als Sie! Nun, ich bin begierig, ſagte Herr von Hager, in⸗ — — dem er verſuchte, mit ſeinen ſcharfen durchbohrenden Blicken das verhüllte Antlitz zu erſpähen. Aber der Schleier war ſo dicht und faltig, daß ſein Bemühen vergeblich war, und nur ein Paar dunkle glühende Augen ſah er zwiſchen dem ſchwarzen Crepp hindurch blitzen, und jetzt kam aus dem weiten verhüllenden Seidenmantel eine zarte weiße Hand hervor, und legte ſich auf ſeinen Arm. Hören Sie, mein Herr, flüſterte die Verhüllte, ich will Ihnen Ihr Geheimniß ſagen, dann werden Sie mir glauben.— Sie neigte ſich dichter an ſein Ohr, und flüſterte: in einer Stunde wollen Sie die Häupter des projec tirten Tyroler Aufſtandes verhaften. Herr von Hager ſtutzte, und ſchaute die geheimniß— volle Fremde verwundert an. Ich weiß nichts von einem projectirten Tyroler Aufſtand, ſagte er dann nach einer Pauſe. Sie wiſſen davon, rief ſie dringend. Sie wiſſen, daß ſich dieſe Verſchworenen heute Abend um neun Uhr im Hauſe des Herrn von Hormayr verſammeln. Sie werden ſich mit drei Kutſchen gleichfalls dorthin begeben, werden die Herren arretiren und in jede der Kutſchen einen derſelben, neben einem Ihrer Agenten, ————— 64 einſteigen, und zwei von ihnen ſofort auf eine Feſtung bringen laſſen, der dritte aber bleibt in Wien, und iſt nur zum Schein Gefangener. Wiſſen Sie auch wie die beiden Herren heißen, die ich arretiren laſſe? Sie heißen Herr von Hormayr, und Kreishaupt⸗ mann Schneider. Und derjenige, der nur zum Schein verhaftet wird, wie heißt der? Sie ſchwieg einen Augenblick, und ſchwere Seufzer hoben ihren Buſen. Er heißt, ſagte ſie nach einer Pauſe, mit kurzem, keuchendem Athem, er heißt Kreis⸗ hauptmann von Roſchmann.— Nun, mein Herr, glauben Sie mir jetzt? Ja, ſagte Herr von Hager ernſt, ich glaube Ihnen. Sprechen Sie, Madame, was wollen Sie mir mittheilen. Ich will Sie beſchwören, mein Herr, rief ſie dringend und heftig, beſchwören bei Allem was Ihnen lieb und theuer iſt: retten Sie den Erzherzog Johann! Den Erzherzog Johann? fragte Herr von Hager erſtaunt. Bedroht ihn denn Gefahr? Ihn bedroht die Gefahr, gleich ſeinen Freunden von Ihnen verhaftet zu werden. 65 Das iſt nicht wahr, rief der Polizei⸗Präſident entſetzt. Es iſt wahr, ſagte ſie feſt. Haben Sie nicht Befehl, Alle zu verhaften, welche Sie bei Herrn Hormayr finden? Ja, Alle! Aber es wird Niemand da ſein, außer den drei Herren. Sie irren. Der Erzherzog Johann wird dort ſein. Man hat es Ihnen verſchwiegen, vielleicht ſogar weiß es der Kaiſer ſelber nicht. Aber Herr von Roſchmann weiß es, er ſelber hat den Erzherzog be⸗ ſchworen, zu dieſer letzten geheimen Zuſammenkunft zu kommen, bevor— Nun,— bevor? Bevor der Erzherzog nach Tyrol abreiſt! Wie? Er wollte nach Tyrol? Ohne Befehl des Kaiſers?— Ja, ohne Befehl, und vielleicht beredete man ihn, dieſer Zuſammenkunft beizuwohnen, um zu verhindern, daß der Erzherzog nicht früher abreiſte, oder um den Kaiſer zu zwingen, daß er auch ſeinen Bruder wie deſſen Freunde ſtraft. Sie haben Recht, das kann der Grund ſein, ſagte Herr von Hager ſinnend. Die Feinde des Erzherzogs Mühlbach, Erzh. Johann u. Metternich. III. 5 66 ſind mächtig und ſie werden dies Mal Alles daran ſetzen, ihn zu vernichten. Verhindern Sie es, oh, mein Herr, ich beſchwöre Sie, verhindern Sie es, flehte ſie angſtvoll. Aber wie? Was kann ich thun? Eilen Sie zu dem Erzherzog! Theilen Sie ihm mit, was heute Abend geſchehen ſoll. Das iſt unmöglich, das iſt wider meine Amtsehre! Nun, ſo warnen Sie ihn mindeſtens! Verhüten Sie auf irgend eine Art, daß der Erzherzog heute Abend zu der Verſammlung geht, verhindern Sie es mit Liſt oder mit Gewalt. Oh, mein Herr, ich be ſchwöre Sie, eilen Sie, den Erzherzog, ja, ſich ſelber zu retten! Bedenken Sie, welch ein dunkler Schatten auf Ihren eigenen Namen und Charakter fallen würde, wenn Sie das Werkzeug wären, welches den edlen, den geliebten, von ganz Oeſterreich angebeteten Erz herzog ſeiner Freiheit, ſeines Anſehens beraubte, be⸗ denken Sie, daß ganz Tyrol Ihnen fluchen, daß ganz Deutſchland Sie verdammen würde. Denn Tyrol betet den Erzherzog an als ſeinen Erlöſer und Helden, und Deutſchland weiß, daß Johann an dieſem Hofe der einzige Mann iſt, der Einzige, der den Muth hat, der franzöſiſchen Partei zu trotzen, und ſelbſt dem 67 Grafen Metternich feindlich in den Weg zu treten. Oh, bedenken Sie dieſes Alles, ich beſchwöre Sie, und eilen Sie den Erzherzog zu retten! Der Polizei⸗Präſident antwortete nicht ſogleich, ſondern ging langſam, geſenkten Hauptes im Zimmer auf und ab. Dann blieb er vor der Verhüllten ſtehen, und nickte ihr mit einem freundlichen Lächeln zu. Sie haben Recht, ſagte er, es würde ein dunkler Schatten auf meinen Namen fallen, wenn ich den Erz⸗ herzog Johann verhaftete, und doch würde ich nur meiner Amtspflicht gehorchen, und mein Gewiſſen wäre von keiner Schuld belaſtet. Ich hätte mindeſtens kei⸗ nen Verrath geübt, ſondern nur als der treue Diener des Kaiſers, meines Herrn, gehandelt. Wenn Sie aber glauben, daß die Welt ſchon auf mich einen Stein werfen könnte, blos wenn ich meine Schuldigkeit thue, was wird ſie denn ſagen von Denen, welche den Erz⸗ herzog angeſchuldigt und verrathen haben? Was wird ſie ſagen von Dem, welcher alle ſeine Geheimniſſe, alle Pläne des Erzherzogs kannte, und ſie alle ver⸗ rieth und dem Kaiſer hinterbrachte? Sie antworten mir nicht? Wiſſen Sie vielleicht nicht, von wem ich ſpreche? Nun wohl, ich ſpreche von Anton von Roſch⸗ mann, dem falſchen Freund, dem treuloſen Verräther, 5* 68 dem Judas Iſcharioth, der ſeinen Herrn küßt, während er ihn verräth, dem heuchleriſchen Patrioten, der— Halten Sie ein, rief ſie mit durchdringendem Schmer⸗ zensſchrei. Er iſt ein Verräther, möge Gott ihn ſtrafen! Denken Sie nicht an ihn, ſondern nur an die Rettung des Erzherzogs! Es iſt ſo, wie ich mir dachte, murmelte Herr von Hager in ſich hinein, dann ſagte er laut: nun wohl, ich will es verſuchen! Ich will den Erzherzog warnen! Es gelüſtet mich nicht nach dem traurigen Ruhm, einen kaiſerlichen Prinzen verhaftet zu haben, ich will thun, was ich vermag, um dieſen Ruhm zu vermeiden, und deshalb will ich ſogleich zu ihm fahren. Die Verhüllte ſtieß einen Freudenſchrei aus, und ehe Herr von Hager es hindern konnte, hatte ſie ſeine Hand ergriffen, und preßte ſie an ihre Lippen, deren Gluth er trotz des Schleiers empfand. Was thun Sie, Madame,, rief er ſeine Hand zurück ziehend, Sie— Ich küſſe die Hand meines Erlöſers, meines Er retters, rief ſie, ich rufe den Segen des Himmels auf den Mann herab, der den Erzherzog Johann befreien und erretten will. Gott wird es Ihnen lohnen, mein Herr, und ich werde täglich zu ihm beten für Ihr 69 Glück. Leben Sie wohl, die Zeit drängt! Sie müſſen eilen! Ja, Sie haben Recht, es iſt ſchon acht Uhr, und ich habe alſo nur noch eine Stunde Zeit. Gehen Sie alſo, Madame, und haben Sie meinen Dank für Ihre Warnung und das warme Intereſſe, das Sie in dieſer traurigen Angelegenheit nehmen. Ich weiß nicht, welche Gründe Sie dazu getrieben— Oh, unterbrach ſie ihn, glauben Sie mir, mein Herr, daß dieſe Gründe der reinſten und uneigennützigſten Art ſind. Ich will nichts als den edlen Erzherzog Johann aus der Gefahr erretten, die ihn bedroht, nichts als ihm ſeine Freiheit bewahren! Und darf ich dem Erzherzog Johann ſagen, daß es eine Dame iſt, welche ihn warnen läßt? Nein, oh nein! Wenn Sie wirklich meinen, daß meine Warnung eines Lohnes werth iſt, ſo lohnen Sie es mir dadurch, daß Sie zu keinem Menſchen auf der Welt meiner erwähnen, weder zu dem Erzherzog noch zu Herrn von Roſchmann, noch zu irgend Jemand ſonſt. Und jetzt, mein Herr, erlauben Sie mir zu gehen! Sie hüllte ſich dichter in ihren Mantel, und eilte nach der Thür hin. Einen Augenblick, Madame, rief Herr von Hager, 70 als ſie eben die Hand auf den Griff der Thür legte, um ſie zu öffnen. Wenn Sie wirklich wünſchen von Niemand geſehen zu werden, ſo wäre es vielleicht beſſer, Sie gingen nicht dort hinaus. Ich vermuthe, daß meine Agenten jetzt ſchon im Vorſaal verſammelt ſind, außerdem wird auch Herr von Roſchmann da ſein. Herr von Roſchmann, rief ſie entſetzt, indem ſie haſtig von der Thür zurückwich. Nein, ihm möchte ich nicht begegnen, ihm nicht! Nun, ſo bitte ich, kommen Sie hierher, ſagte Herr von Hager, indem er an die entgegengeſetzte Seite der Wand trat, und dort eine kleine Tapetenthür aufdrückte. Gehen Sie hier hinaus. Die kleine Treppe führt Sie hinab zu der Seitenthür des Hauſes, und ſo ſind Sie ſicher, Niemanden zu begegnen. Ich danke Ihnen, mein Herr, ich danke Ihnen, und aller Segen Gottes über Sie, wenn Sie den Erzherzog erretten, rief ſie, indem ſie durch die Thür ſchlüpfte und auf den kleinen Corridor hinaustrat. Herr von Hager ſchaute ihr nach, bis die dunkle Geſtalt auf der kleinen Treppe verſchwunden war, dann trat er zurück und drückte leiſe die Thür wieder hinter ſich zu. Keine Frage, ſagte er, lebhaft mit dem Kopfe 71 nickend, es iſt das Fräulein von Roſchmann! Ich bin davon überzeugt. Meine Agenten berichten mir, daß der Erzherzog ſehr häufig ihr ſeinen Beſuch macht, und ſtundenlang bei ihr bleibt. Sie liebt ihn, das ſah man wohl an der glühenden Art, mit welcher ſie von ihm ſprach,— ſie kennt die Geheimniſſe ihres BVaters, und will den Erzherzog erretten, das iſt klar! Nun, ich werde ſie ihrem Vater nicht verrathen, darauf kann ſie rechnen. Aber jetzt iſt es die höchſte Zeit! Er nahm die Handklingel und ſchellte. Sind die Agenten ſchon da? fragte er den eintretenden Diener. Ja, gnädigſter Herr, ſie ſind da. Trimmer ſoll hier herein kommen, ſchnell! Nach einer Minute öffnete ſich die Thür, und ein kleiner magerer Mann mit lächelndem Angeſicht, und liſtig ſchielenden Augen erſchien auf der Schwelle der Thür. Trimmer, ſagte der Polizei⸗Präſident, ich will Ihnen heute einen Beweis meines beſondern Vertrauens geben. Ich hoffe, Sie werden ſich deſſen würdig machen. Ich werde für Ew. Excellenz und in Ihrem Dienſt mit Freuden ſterben, wenn es darauf ankommt, rief Trimmer feierlich. Nun, ſo ungeheuerliche Dinge begehre ich nicht, 72 ſagte Herr von Hager lächelnd. Es kommt nur darauf an, Jemanden zu verhindern, den Weg zu gehen, den er gehen will. Wiſſen Sie ein Mittel, Jemanden auf der Straße vielleicht eine halbe Stunde aufzuhalten? Wenn er zu Fuß geht, zwanzig Mittel, wenn er reitet oder fährt, zehn unfehlbare. Nun, das genügt. Kommen Sie alſo! Wir werden ja ſehen, ob er geht, reitet, oder fährt. Die Haupt— ſache iſt, daß Sie die Perſon, welche wir aufhalten wollen, weder ſelbſt zu erkennen ſcheinen, noch zu irgend Jemand ihren Namen nennen. Ich bin verſchwiegen wie das Grab, gnädiger Herr! Ich weiß es, und ich werde Ihnen Ihre Ver⸗ ſchwiegenheit, wenn ſie ſich ſechs Monate bewährt hat, mit einer Gehaltszulage und einer Beförderung lohnen. Kommen Sie, Sie fahren mit mir in meinem Wagen! — 8* Vergebliche Warnung. Zehn Minuten ſpäter hielt der Wagen des Polizei⸗ Präſidenten von Hager unweit des vom Erzherzog Johann bewohnten Palais an. Herr von Hager, ge⸗ folgt von Trimmer, verließ den Wagen, und ging eiligen leiſen Schrittes dem Palais zu.— Vor demſelben hielt eine Equipage, ein kleiner dicht geſchloſſener Ka⸗ leſchwagen, mit zwei Rappen beſpannt, die unruhig ihre Köpfe hoben und ſenkten, und mit den Hufen auf dem Steinpflaſter ſcharrten, während der Kutſcher in vollkommenſter Ruhe ſchlaftrunken auf dem Bock hin⸗ und herſchwankte. Sehen Sie zu, ob Sie die Cquipage kennen? flüſterte Herr von Hager. Trimmer ſchlich ſich zu dem Wagen hin, und kehrte nach kurzem Beſchauen zu ſeinem Herrn zurück. Es 74 iſt die Reiſe-Equipage des Herrn Erzherzogs Johann, ſagte e leiſe. Die Reiſe⸗Equipage, murmelte der Polizei⸗Präſident in ſich hinein. Ach, ich begreife! Er will erſt zu der Zuſammenkunft fahren, und von dort unmittelbar gleich ſeine Reiſe antreten. Es iſt nöthig, daß ich das erfahre, und darum iſt es beſſer, daß ich zum Erzherzog hinauf gehe.— Trimmer, ſagte er dann lauter, jetzt werden Sie wahrſcheinlich eins Ihrer zehn Mittel zur An— wendung bringen können. Merken Sie wohl auf! Sie bleiben hier unten und machen ſich mit dem Kutſcher und den Pferden zu thun. Ich gehe da hinauf! Wenn ich mit einem Herrn, den Sie nicht kennen, und niemals kennen werden, wieder hinab komme, ſo merken Sie. 1..„— auf das, was ich ſage. Ich werde hier in der Haus thür ſtehen bleiben, und laut fragen:„Sie wollen es durchaus, gnädiger Herr?“ Sobald Sie das gehört haben, treffen Sie Ihre Vorkehrungen, denn es gilt dann, jenen Herrn auf eine Stunde zu verhindern, den Weg zu fahren, den er fahren will. Ich werde ihn dann zu ſeinem Wagen geleiten, und ſobald er einge⸗ ſtiegen iſt— Sobald er eingeſtiegen iſt, fährt er ab, ſagte Trimmer mit einem vergnügten Grinſen, aber bis er ankommt, mag wohl eine Stunde und drüber vergehen! Nun denn aufgepaßt, Trimmer! Der Polizei⸗Präſident nickte ſeinem Agenten gnädig zu, trat in das Palais ein, und ſchritt durch das breite Veſtibule nach der Loge des Portiers hin. Der Herr Erzherzog hat mich herbeſchieden, ſagte er dem Portier zunickend, und ging mit vollkommener Ruhe die mit Teppichen belegte Treppe hinauf. Droben im erſten Vorzimmer trat ihm der Kammerdiener des Erzherzogs entgegen, und da er den Polizei⸗Präſidenten in ſeiner Staatsuniform erkannte, malte ſich ein ängſt⸗ liches Erſtaunen auf ſeinem Geſicht. Verzeihen Sie, gnädiger Herr, bemerkte er ſchüch⸗ tern, aber Se. Hoheit ſind im Begriff auszufahren, und haben daher befohlen, Niemand mehr vorzulaſſen. Dieſer Befehl gilt nicht für mich, ſagte Herr von Hager vorwärts ſchreitend, im Gegentheil, Se. Hoheit haben mich gerade um dieſe Stunde herbefohlen, da ſie mir noch einige Aufträge ertheilen wollen. Se. Hoheit iſt doch in ſeinem Cabinet, nicht wahr? Ja, erlauben der Herr Polizei⸗Präſident nur, daß ich Sie Sr. Hoheit melde! Iſt nicht nöthig, ſagte Herr von Hager, indem er 76 den Kammerdiener von der Thür des zweiten Vorſaals, durch welche er eben an ihm vorbei ſchlüpfen wollte, zurückdrängte, und ſelbſt zuerſt durch dieſelbe dahin ſchritt. Sie hören ja, der Erzherzog erwartet mich, und ich habe zum Antichambriren keine Zeit. Jetzt, mein Lieber, gehen Sie, öffnen Sie da die Thür zu dem Cabinet des Erzherzogs, und rufen Sie meinen Namen hinein. Das iſt Alles, was Sie zu thun nöthig haben. Sie ſtanden jetzt dicht vor dieſer Thür, und indem der Kammerdiener ſie jetzt weit aufriß, rief er mit lauter Stimme: Der Herr Polizei⸗Präſident von Hager! Wie? rief eine Stimme innerhalb des Cabinets, der Polizei⸗Präſident— Ich ſelbſt, Ew. Kaiſerlichen Hoheit zu Befehl, ſagte Herr von Hager, indem er in das Cabinet trat, und ſich tief verneigte. Ich bitte Ew. Hoheit um fünf Minuten Audienz! Der Erzherzog winkte dem Kammerdiener hinaus zugehen, und als dieſer die Thür geſchloſſen, wandte er ſich mit vollkommener Ruhe an den Polizei⸗Präſidenten. Sie ſind in voller Uniform, fragte er, Sie kommen alſo im Dienſt zu mir? Nein, ich bitte vielmehr Ew. Hoheit zu glauben, 77 daß ich nicht im Dienſt hierher komme, ſondern aus freiem Antrieb, und lediglich dazu bewogen durch die tiefe Verehrung und Bewunderung, die ich für Ew. Hoheit empfinde. Ein leiſes ſpöttiſches Lächeln umſpielte die Lippen des Erzherzogs. Ich weiß, daß Sie mich lieben, ſagte er, Sie beweiſen es mir ja täglich, indem Sie mich niemals unbewacht, niemals ohne Aufſicht laſſen, ſon⸗ dern mich überall mit Ihren Getreuen umgeben, die mich vor jedem Fehltritt behüten, und ſorgſam jeden meiner Schritte beſchützen ſollen. Oh, gnädiger Herr, jetzt nur keinen Spott; glauben Sie mir nur, daß ich es ehrlich meine, daß ich als redlicher Mann zu Ihnen komme, um Sie zu warnen. Mich zu warnen? fragte Johann erſtaunt. Ja, Sie zu warnen, Hoheit, Sie zu beſchwören: Gehen Sie heute Abend nicht zu Herrn von Hormayr. Nicht zu Hormayr? Wer ſagt Ihnen denn, daß ich dorthin gehen will? Gleichviel, Hoheit, wer es mir geſagt hat; aber ich weiß, daß es ſo iſt, und im Namen aller Derer, die Sie lieben, die auf Sie hoffen, im Namen Ihrer eigenen Sicherheit, Ihrer eigenen Freiheit beſchwöre 78 ich Sie, gehen Sie heute Abend nicht zu Herrn von Hormayr. Ihnen droht Gefahr, wenn Sie es thun! Das heißt, auch meinen Freunden droht Gefahr, rief Johann lebhaft. Antworten Sie mir, Hager, iſt es nicht ſo? Meinen Freunden droht Gefahr? Leider, Hoheit, iſt es ſo! Die Gefahr iſt dringend, ich kann und darf Sie von Ihren Freunden nicht ab⸗ wenden, aber gerade darum flehe ich zu Ew. Hoheit, gehen Sie heute Abend nicht zu Herrn von Hormayr! Bleiben Sie heute Abend, und— dieſe Nacht, dieſe ganze Nacht zu Hauſe! Alles wird dann gut werden, und die Gefahr iſt überſtanden. Und Sie glauben wirklich, ich könnte ſo elend, ſo feig und jammervoll ſein, mich ſelber zu ſichern, und meine Freunde ungewarnt zu laſſen? rief Johann mit blitzenden Augen und bebenden Lippen. Sie meinen, ich ſollte mich hier verſtecken und verbergen, während meinen Freunden Gefahr droht? Ew. Hoheit können die Gefahr, welche jene Herren bedroht, nicht mehr abwenden! So kann ich ſie mindeſtens mit Ihnen theilen, rief Johann ungeſtüm, und das will ich, das werde ich! Ich habe Herrn von Hormayr verſprochen zu 79 ihm zu kommen, und ich halte Wort! Leben Sie wohl, Herr von Hager! Er warf den ſchon bereit liegenden Mantel über ſeine Schulter, ſetzte den Hut auf und ſchritt ſtolzen, trotzigen Angeſichts der Thür zu. Aber vor dieſer Thür ſtand Herr von Hager, und ſchaute dem Erzherzog mit flehender Jammermiene entgegen. Seien Sie gnädig, Hoheit, rief er, ſeine Hand auf den Arm des Erzherzogs legend, ſehen Sie meine Angſt, meinen Schmerz. Bleiben Sie, Hoheit, gehen Sie nicht hinaus. Was legen Sie Ihre Hand auf meinen Arm? fragte Johann rauh. Wollen Sie mich etwa verhaften? Nein, Hoheit, nein, nicht hier! Oh, hier ſind Sie ſicher, darum beſchwöre ich Sie, bleiben Sie! Sie haben alſo keinen Befehl mich zu verhaften? Nein, Hoheit, haben Sie aber die Gnade mich zu verſtehen, und meine Worte wohl zu beachten: Keinen Befehl, Euere Hoheit hier zu verhaften! Ich verſtehe Sie vollkommen, Herr! Geben Sie die Thür frei! Laſſen Sie mich hinaus. Ich will zu meinen Freunden gehen! Wenn Sie dieſe verhaften 80 wollen, ſo ſollen Sie auch mich verhaften! Geben Sie die Thür frei! Ich befehle es Ihnen! Ew. Hoheit befehlen, ſeufzte Herr von Hager, ich muß alſo gehorchen! Er trat zurück, und der Erzherzog, ohne ihn nur eines Blickes zu würdigen, ſchritt aufgerichteten Hauptes, ſtolzen Ganges an ihm vorüber, in den Vorſaal hinein. Herr von Hager folgte ihm bleich, mit düſtern Mienen, mit geſenktem Haupt. Schweigend durch⸗ ſchritten ſie die Vorſäle, dann den Corridor und gingen die Treppe hinunter. Jetzt, wie ſie durch das Veſtibule nach der großen Hauptthür dahinſchritten, ſah man neben dieſer einen Moment das lauernde ſpähende Geſicht Trimmer's erſcheinen, und ſogleich wieder verſchwinden. Herr von Hager, der bis jetzt hinter dem Erzherzog gegangen war, that jetzt raſch einige Schritte vorwärts, und eben wie Johann in die Hausthür trat, ſtand der Polizei⸗ Präſident neben ihm, und wagte es noch einmal ſeine Hand auf des Erzherzogs Arm zu legen. Sie wollen es alſo durchaus, gnädiger Herr? fragte er mit lautem, flehendem Ton. Ja, ich will es, will es durchaus, ſagte der Erz herzog, vorwärts ſchreitend. 81 6 In dieſem Moment ſchlüpfte auf der andern Seite des Wagens, dort, wo die vor dem Palais brennenden h Laternen einen dunklen Schlagſchatten hinwarfen, eine zuſammengebückte dunkle Geſtalt faſt unter dem Bauch r der Pferde bis zu ihren Vorderfüßen hin; der Kutſcher achtete nicht darauf, er hatte ſein Antlitz ſeinem Herrn n. zugewandt, um ſeine Befehle zu empfangen. Jetzt hob e ſich die Geſtalt raſch empor, hielt den Kopf des Sattel⸗ b pferdes am Zügel feſt, fuhr mit der Rechten raſch empor zu dem Ohr des Thieres und ſchien ihm die— ſelben zu ſtreicheln und zu kratzen. Dann ſenkte ſich die Geſtalt haſtig wieder nieder, und machte einen Sprung ſeitwärts über die Straße hin. 1 Eben ward der Wagenſchlag heftig zugeworfen, und die gebieteriſche Stimme des Erzherzogs rief: Zu Herrn von Hormayr. Der Wagen brauſte dahin, die Straße hinunter. Herr von Hager ſchaute ihm traurig nach, und ſchritt dann wieder zu ſeinem entfernt ſtehenden Wagen hin. Nun? fragte er Trimmer, der neben dem Schlag ſtand und ihm beim Einſteigen behülflich war. Wird er dahin fahren, wohin er befahl? Nein, gnädiger Herr, lachte Trimmer. Er wird nicht da ankommen, denn in zwei Minuten wird der Mühlbach, Erzh. Johann u. Metternich III. 6 82²2 Kutſcher die Pferde nicht mehr halten können, ſie werden durchgehen, und Gott weiß, wo ſie anhalten. Ich habe dem Sattelpferd ein großes Stück Schwamm in das Ohr geſchoben. Es brannte erſt mit einem Fünkchen, ſobald es beſſer in Brand gerathen, wird das Thier raſend, und kein Zügel hält es mehr. Sie können überzeugt ſein, daß jener Herr, den ich aber wirklich nicht erkannt habe, nicht vor der Thür anhält, vor welcher ſein Kutſcher ſtill halten ſollte, aber ob er auf ſeiner Höllenfahrt nicht einen Arm, oder ein Bein bricht, das freilich kann ich nicht verbürgen! Und das darf auch jetzt nicht unſere Sorge ſein, ſagte Herr von Hager. Ich zweifle aber nicht, daß Sie nach ſechs Monaten Ihre Gehaltszulage und Ihre Beförderung erhalten werden, und ich kann Ihnen ſchon heute ſagen, daß ich mit Ihnen zufrieden bin. Aber horch, da ſchlägt es neun Uhr. Meine Agenten werden uns erwarten! Raſch alſo nach Hauſe! Im ſchnellſten Galopp fuhr der Wagen nach dem Polizeigebäude zuͤrück. Drei Kutſchen hielten vor der Thür, und aus jeder derſelben ſchaute neugierig einer der Agenten hervor, und blickte auf den vierten, eben anhaltenden Wagen hin. Ich bin es, ſagte der Polizei⸗Präſident, ſich aus 83 dem aufgezogenen Wagenfenſter lehnend. Sind Sie alle Drei bereit? Ja, gnädiger Herr, wir ſind bereit, ſagten alle Drei wie aus einem Munde. Nun denn, wir brechen auf, rief Herr von Hager. Folgen Sie meinem Wagen. Und ſich zu ſeinem Kut⸗ ſcher wendend, befahl er: Zu Herrn von Hormayr! Ja, zu Herrn von Hormayr, murmelte Trimmer vergnügt in ſich hinein. Zu Herrn von Hormayr! Wir werden aber ſicherlich ankommen, und unſere Pferde werden nicht durchgehen! VI. Bie Rettung. Trimmer hatte richtig prophezeiht. Kaum fünf Minuten waren vergangen, als die Pferde vor der Equipage des Erzherzogs in raſendem Lauf durch die Straßen dahin brauſten. Vergebens hatte der Kut⸗ ſcher anfangs verſucht, mit aller Kraft ſeiner beiden ſtarken Arme die Zügel anzuhalten, und die Pferde zum Stehen zu bringen, der brennende Schwamm in dem Ohr des Sattelpferdes machte das Thier raſend vor Schmerz; keines Zaumes und keiner Zügel achtend, laut wiehernd und den Kopf bäumend ſchoß es vor⸗ wärts und riß däs Handpferd zu gleich raſender Eile mit ſich fort. Wie ein donnerndes Unwetter. rollte der Wagen durch die Straßen, und wie von Windes⸗ flügeln getragen flogen die Thiere dahin. Nichts hielt ſie auf, nichts war ihnen ein Hinderniß. Vergebens 85 hatten anfangs hier und da einige beherzte Leute ver⸗ ſucht, den Thieren in die Zügel zu fallen, die Pferde hatten das Hinderniß mit unwiderſtehlicher Gewalt mit ſich fortgeriſſen, unter ihre Füße geſtampft, geſchleift oder zur Seite geſchleudert. Geſchrei und Kreiſchen erſchallte hinter ihnen her, und ſchien die Thiere nur noch mehr anzufeuern und zu beleben. Jetzt im fliegenden Lauf machten ſie den Wagen an einer Straßenecke anprallen, daß der Kutſcher, von ſeinem Sitz wie mit unſichtbaren Armen in die Luft gehoben, weit fortgeſchleudert ward auf das Straßen⸗ pflaſter. Dann flogen ſie weiter, immer weiter durch die Gaſſen und Straßen, weiter im beflügelten Lauf, nicht achtend des Wagens, den ſie mit ſich fortführten, als ſei es eine Nußſchaale, die hinter ihnen leicht und unfühlbar dahin rollte. Faſt betäubt von dem Geräuſch, dem Schreien und Heulen, dem Donnern des Wagens, der furchtbaren Schnelle ſaß der Erzherzog in dem Wagen, der ihn wie in einem fliegenden Gefängniß dahin führte. Den Wagen zu verlaſſen, und mitten in dieſer furchtbaren Fahrt hinaus zu ſpringen, wäre eine Tollkühnheit ge⸗ weſen, die ſicherlich ein gefährlicheres Reſultat haben konnte, als das Verbleiben und Ausharren in dem Wagen. 86 Endlich doch wird die Kraft und Wuth der Thiere erlahmen, ſagte Johann leiſe vor ſich hin, oder ſie werden gegen irgend ein Hinderniß anrennen, das ſie zum Stehen zwingt, oder ſie laufen, je nachdem ihr Weg ſie führt, in die Donau; dann iſt es Zeit den Wagen zu verlaſſen, und an's Ufer zu ſchwimmen. Es kommt nur darauf an, auf alle Eventualitäten vorbereitet zu ſein. Und um ſich auf die Eventualität des Schwim⸗ mens vorzubereiten, warf der Erzherzog Mantel und Hut ab, und legte die Hand auf den Griff der Wagen⸗ thür, um in jedem Moment bereit zu ſein, den Schlag zu öffnen und hinaus zu ſpringen. Die Zeit verging; mehr als eine Stunde mochte in dieſer wilden Hetzjagd verfloſſen ſein, und noch im⸗ mer ſchien die Kraft der raſenden Thiere nicht erſchöpft, noch immer ging es mit unverminderter Schnelligkeit vorwärts, im wirren Zickzack durch hundert Straßen und Gäßchen. Jetzt waren ſie die Mödlinger⸗Straße hinabgeſchoſſen, nun ſchwanden die Häuſer an beiden Seiten der Straße, und das offene freie Feld umgab ſie. In ruhiger Klarheit ſchauten die Sterne vom dunkelen Firmament hernieder, in unermeßlicher Oede und Stille lag die Erde ringsum. 87 Gott, oh mein Gott, rief Johann verzweiflungs— voll, die Zeit verrinnt, und ich bin gefangen, bin der Willkürherrſchaft dieſer wüthenden Thiere dahin ge⸗ geben, kann nicht hinaus, kann nicht zu den Freunden hin! Kann ſie nicht warnen, nicht ihre Gefahren mit ihnen theilen! Giebt es denn da droben niemals für mich Erbarmen und Milde, bin ich denn dazu be⸗ ſtimmt, immer nur der Spielball des Zufalls, der Sclave der Verhältniſſe zu ſein? Wodurch verdiene ich denn ſolche Schmach, ſolchen Hohn der Erbärm⸗ lichkeit? Was habe ich denn verſchuldet, Schickſal, daß mich immer Dein Zorn trifft, Dein Spott mich in den Staub demüthigt? Warum muß ich— Ein furchtbares Krachen und Schleudern des Wa— gens machte ihn verſtummen, mit knatterndem Geräuſch klirrten die in tauſend Stückchen zerſchlagenen Fenſter⸗ ſcheiben um ihn her, der Wagen krachte und ächzte in allen ſeinen Fugen, aber er ſtand,— die raſende Fahrt war beendet, der Erzherzog drückte die Thür auf und ſprang zur Erde. Vor ihm auf dem Wege ſah er zwei Männer, die ſorglich mit den Pferden ſeines Wagens beſchäftigt ſchienen, und über den zuſammengeſtürzten Thieren 88 ganz vergeſſen hatten nachzuſehen, ob auch Menſchen in dem Wagen ſich befinden möchten. 1 Ich glaub' halt, ſie ſind alle beide todt, ſagte einer der Männer, der neben den Thieren an der Erde knieete. Hol' mal die Laterne vom Wagen, Crispel, 1 und zünd's Licht an, daß wir ſchauen, was es iſt. 1 Crispel, der junge Bauernburſche, ſprang auf, nä⸗ herte ſich der ſchwarzen dunklen Maſſe, die da quer vor dem Wagen ſtand, und bald hörte man ihn mit dem Feuerſtein und Schwamm helle Funken ſchlagen, bis der Schwamm ſich entzündete, und er das kleine Talglicht in der ſchmutzigen Laterne anbrennen konnte. Der Erzherzog, der betäubt, athemlos einige Mi⸗ nuten neben dem Wagen gelehnt und nach Kraft, nach Athem gerungen hatte, trat jetzt ſchwankenden zitternden Ganges näher und bot den Bauersleuten ſeinen Gruß. Ihr ſeid es alſo, meine wackeren Freunde, ſagte er, denen ich meine Rettung und Erlöſung verdanke? Ihr habt die wilden Thiere zum Stehen gebracht? Verzeiht, Herr, wir haben's halt eigentlich nit ge⸗ than, ſondern der Zufall hat's gemacht, ſagte der ältere Bauer, der neben den Pferden knieete. Wir kamen mit dem Wagen voll Sandſteine daher gefahren, als auf einmal quer über das Feld etwas daher geraſt 89 kam, und ehe wir's ſehen und denken können, was es iſt, da rennt's halt gegen den Wagen an, daß die ſchwere Laſt bald umgeworfen ward, und der Crispel da wie'ne Feder vom Wagen'nunter fliegt.'S wa— ren halt Eure beiden Pferde geweſen, die mit den tollen Köpfen gerade gegen die Steine auf unſerm Wagen angerannt ſind, und jetzt liegen's da, und ſind todt, wie ich glaub', der Schlag iſt zu heftig geweſen. Todt! rief Johann. Und wie weit bin ich von Wien entfernt? In einer halben Stunde kann man drinn ſein, gnädiger Herr, wenn man tüchtige Pferde hat. Und ich habe keine Pferde, rief Johann. Sagt, Freunde, giebt's kein Mittel, mich raſch zur Stadt zu fördern? Iſt kein Gehöft in der Nähe, wo man für gute Bezahlung Pferde und Wagen bekommen könnte? Für gute Bezahlung kann man halt Alles be⸗ kommen, ſagte der Bauer bedächtig. Den Wagen hat der Herr ja ſelbſt, und es fehlen ihm halt nur die Pferde. Crispel, nimm mal die Latern', und laß uns ſchauen nach dem Wagen, ob er in Ordnung iſt, und es aushalten wird, damit nach der Stadt zu fahren. Crispel nahm gehorſam die Laterne, und beleuch— 90 tete damit den Wagen von allen Seiten, während der alte Bauer hinter ihm her ging, und mit ſeinen ner⸗ geb vigten Armen an dem Wagen rüttelte und ſchüttelte, die Räder und die Achſen unterſuchte, und das Geſtell bei einer ſorgſamen Prüfung unterwarf. V 'S iſt ein Wunder Gott's, Herr, ſagte der alte o Bauer dann bedächtig, der Wagen iſt ganz geſund und heil geblieben, muß ein wackerer Stellmacher ſein, der leg ihn gebaut hat. Wird halt die Fahrt nach der Stadt 3 heim ganz gut aushalten. E. Aber was hilft es mir, rief Johann ungeduldig, n was hilft mir der Wagen, da ich keine Pferde habe? Die Pferde habe ich, Herr, ſagte der Bauer. wi Schaut, es ſind ſechs Pferde vor unſerm Wagen, denn be die Laſt iſt gar groß. Wir könnten wohl zwei Pferde ſe abſpannen, und vor Euren Wagen legen, und der ein Crispel könnt' Euch damit zur Stadt fahren. Ich un könnt' hier warten, bis er mit den Pferden wieder tin kommt, und die anderen Viere abfüttern währenddeß. Es kommt nur darauf an, was Ihr gute Bezahlung hn nennt? Wir ſind arme Bauersleut', und müſffen halt be was verdienen. Es iſt ein tüchtig Stück Weges zur Stadt, und wer weiß, wie weit hinein Ihr wohnt. Was meint Ihr für eine Bezahlung, Herr? 91 Seid Ihr's zufrieden, wenn ich Euch zehn Ducaten gebe? Zehn Ducaten! rief der Bauer erſtaunt. Das iſt beinah' halt zu viel, Herr, zehn Ducaten— Ich gebe ſie Euch, und noch zwei dazu, wenn Ihr ſo raſch als möglich fahrt. Raſch, Crispel, ſchirr das todte Gethier ab, und leg' das ſchöne Geſchirr vorn auf den Kutſcherbock. Ich hol' die zwei Vorderpferde von unſerm Geſpann. Es ſind halt ein paar tüchtige Rappen, gnädiger Herr, und ſie werden Ihnen keine Schand' machen. Eine Viertelſtunde ſpäter konnte der Erzherzog wieder ſeinen von den Glasſcherben gereinigten Wagen beſteigen, und in friſchem Trab fuhr ihn Crispel mit ſeinen zwei tüchtigen Rappen gen Wien zu. Jetzt nach einer halbſtündigen Fahrt hatten ſie die Stadt erreicht und Crispel hielt ſeine Gäule an, um zu fragen, wo hin er den Herrn fahren ſolle, und wo er wohne? Können Deine Pferde noch tüchtig laufen, und ein paar Extratouren machen, wenn ich Dich dafür extra bezahle? fragte Johann. Ja, Herr, ſie können's, und Ihr habt gar nit nöthig, noch extra zu zahlen. Wohin ſoll's gehen? So fahrt zuerſt Innere Brauhausgaſſe Numero vier! 92 Der Wagen rollte weiter; Johann lehnte ſich in die Kiſſen zurück, athemlos vor Erwartung und banger Sorge. Ich muß durchaus erfahren, was den Freun⸗ den geſchehen iſt, murmelte er, ich muß zu Hormayr hin. Vielleicht finde ich ſie noch beiſammen, vielleicht hat Hager mich nur erſchrecken, und von meiner Reiſe zurückhalten wollen. Ich muß Hormayr ſprechen. Endlich hielt der Wagen an, Johann eilte in das Haus, und die zwei Stiegen hinauf. Tiefe Stille herrſchte hier auf dem weiten Flur. Trübe und düſter brannte die in der Mitte der Wand aufgehangene Oel⸗ lampe, und beleuchtete mit matten Streiflichtern die ringsum befindlichen Thüren. Dieſe Thüren hier ge⸗ hörten zur Wohnung Hormayr's, dort neben jenem blinkenden Meſſingſchild, das ſeinen Namen enthielt, hing die Klingel. Aber der Draht war zerriſſen und hing loſe hernieder, alles Klingeln wäre vergeblich ge⸗ weſen.— Der Erzherzog klopfte alſo lange und an⸗ haltend an der Thür;— aber kein Ton von innen gab ihm Antwort, Alles blieb öde und ſtill. Nun wandte ſich der Erzherzog hinüber auf die andere Seite zu den drei Thüren, welche zu der Woh⸗ nung eines andern Hausmiethers führten, und zog heftig die Klingel. vor f die Woh⸗ heftig 93 Wer iſt da? fragte eine zitternde, ängſtliche Stimme von innen. Jemand, der wiſſen möchte, ob Herr von Hor⸗ mayr hier wohnt, und ob weder Er noch ſeine Leute zu Hauſe ſind? Die Thür ward vorſichtig ein wenig geöffnet, und durch die Spalte flüſterte eine Stimme: Herr von Hormayr iſt vor einer Stund' verhaftet und fort ge⸗ bracht. Drei Ober⸗ und drei Untercommiſſare der Polizei waren hier, vierzig Soldaten ſtanden die Stie— gen hinauf, drei Wagen ſtanden vor der Thür.*) Fort⸗ geführt haben's den Herrn von Hormayr mit ſammt ſeinem Diener. Haben ſie noch Mehrere verhaftet? Waren noch Andere bei Herrn von Hormayr? Sind die mit ihm verhaftet? fragte Johann dringend. Aber die Stimme gab keine Antwort mehr, die Spalte in der Thür ſchloß ſich, und man hörte von innen den Riegel vorſchieben. Zu Roſchmann alſo, ſagte Johann, indem er die Stiegen eilig hinab ſchritt. Vielleicht finde ich ihn daheim. *) Siehe: Lebensbilder. II. 443. 94 Er ſprang in den Wagen, gab dem Kutſcher die neue Adreſſe an, und abermals rollte der Wagen im eiligen Lauf dahin. Jetzt hielt er an vor Roſchmanns Wohnung; der Erzherzog eilte die Stiege hinauf und ſchellte heftig. Wer iſt da? fragte eine Stimme von innen, und der erſte Strahl eines freudigen Lächelns flog über Johanns bleiches düſteres Antlitz hin. Er hatte die Stimme erkannt, die Stimme Camilla's. Ich bitte, öffnen Sie! rief er athemlos.— Die Thür ſprang auf; ja es war Camilla, welche da ſtand. Ein lauter jubelnder Schrei tönte von ihren Lippen, als ſie den Erzherzog erblickte, ein Ausdruck ſeligen Entzückens verklärte ihr Angeſicht, und mit einer Gluth und Innigkeit, wie nie zuvor, begrüßte ſie den Erzherzog, und zog ihn, ſeine beiden Hände faſſend, und mit ſtrahlenden Augen ihn anſehend, hinein in den Salon. Du biſt da, mein Geliebter! ſagte ſie, mit einem glückſeligen Lächeln zu ihm aufſchauend. Ich ſehe Dich wieder, ſchaue wieder in Deine Augen, welche mein Himmel ſind, höre wieder Deine Stimme, welche meine herrlichſte Muſik iſt. Oh, mein Gott, ich danke Dir, Du biſt barmherzig geweſen. Er iſt frei! Er iſt bei mir! be 95 Und mit leidenſchaftlicher Innigkeit ſchlang ſie ihre beiden Arme um die hohe ſchlanke Geſtalt Johanns, und lehnte ihr Haupt an ſeine Schulter. Er drückte einen Kuß auf ihr ſchönes duftiges Haar, und preßte ſie zärtlich an ſich. Wo iſt Dein Vater, Camilla? fragte er dann nach einer Pauſe.. Sie ſchrak zuſammen, und ein Beben durchrieſelte ihre ganze Geſtalt. Mein Vater? fragte ſie, ihr Haupt von ſeiner Schulter aufrichtend; ihre Wangen waren ſchon wieder bleich geworden, und der Glanz ihrer Augen war erloſchen. Mein Vater iſt verhaftet! ſagte ſie endlich müh⸗ ſam, und ließ ihr Haupt matt und ſchwer auf ihre Bruſt niederſinken. Alſo verhaftet! Auch er verhaftet! rief Johann ſchmerzlich. Wer brachte Dir dieſe Nachricht, Camilla? Er ſelbſt, ſagte ſie traurig, und immer noch das Haupt geſenkt. Er war hier mit den Polizei⸗Agenten, die ihn transportiren ſollten. Man hatte ihm er⸗ laubt, ſich einige Kleidungsſtücke mitzunehmen, dann führten ſie ihn fort in den Wagen, der unten vor der Thür hielt. Und Du weißt nicht, wohin ſie ihn geführt haben? 96 Nein, ich weiß es nicht, flüſterte ſie mit einer Stimme, die in Thränen erſtickte. Und Hormayr und Schneider? Sind auch verhaftet und fortgeführt, hauchte ſie leiſe. Verhaftet, Alle verhaftet, rief Johann verzweiflungs⸗ voll, alle meine Vertraute, meine Freunde verhaftet, und ich allein mußte durch einen elenden Zufall frei bleiben, konnte ihr Schickſal nicht mit ihnen theilen, ſoll die Schmach auf mich nehmen frei zu ſein, wäh— rend ſie gefangen ſind, ſoll ſtraflos bleiben, während ſie geſtraft werden für mein Vergehen! Nein, nimmer ſoll das geſchehen, nimmer! Ich muß fort, Geliebte, muß ſogleich nach Hauſe. Alſo Sie reiſen nicht? fragte ſie freudig. Sie bleiben in Wien? Ja, ich bleibe, ſagte er trübe. Jetzt, in dieſer Nacht wenigſtens, darf ich nicht abreiſen, denn man würde meine Abreiſe für eine Flucht halten,— nein, jetzt muß ich bleiben und abwarten, was geſchieht. Ich muß in mein Haus zurückkehren. Vielleicht ſind dort die Häſcher, und erwarten meine Rückkehr, viel⸗ leicht finde ich ſie, wie ſie in meinem Zimmer umher⸗ wühlen nach meinen Papieren. Ein Glück, daß die geborgen ſind. Denn, nicht wahr, Camilla, ſie ſind hier ſicher geborgen, und Niemand wird ſie hier auf finden können? Nein, Niemand wird ſie hier auffinden können, wiederholte ſie tonlos. Oh, verzage nicht, Geliebte, rief Johann, nicht dieſe düſtere Traurigkeit, dieſen herzzerreißenden Klage ton. Hege keine Furcht, Camilla, bange nicht um mich und auch nicht um Deinen Vater. Er wird bald zu Dir zurückkehren, ich werde ſie zwingen, ihn frei zu geben; ja, ich werde es ſein, der Dir den geliebten Vater wieder zuführt, und bis dahin, Camilla, ſei mein muthiges, mein ſtarkes Mädchen. Bis Dein Vater heimkehrt, ſtehſt Du unter meinem Schutz, und das Auge des Geliebten wird über Dir wachen mit Vaterzärtlichkeit. Oh, ſagte ſie leiſe, ich zittere nicht für ihn, ich denke nur an Sie, nur an die Gefahren, die Sie be⸗ drohen. Gefahren ängſtigen und ſchrecken nur, ſo lange ſie eben bedrohen; ſobald man von ihnen umringt iſt, haben ſie ihr Schreckniß verloren. Ich fühle mich jetzt muthig, ſtark und freudig faſt. Das Ungewitter, das ſo lange drohte, kommt jetzt zum Ausbruch, und nun wird mir die Bruſt frei, und die ſchwüle Atmo⸗ Mühlbach, Erzh. Johann u. Metternich. III. 7 98 ſphäre erleichtert ſich. Ich muß nach Hauſe und ſehen, was es dort giebt. Lebe wohl, Camilla, denke an mich, bete für mich, und bewahre mir meine Papiere wohl auf! Lebe wohl! Er küßte ihre bleiche kalte Stirn, und ſtürzte fort, wieder hinunter zum Wagen, und hieß Crispel, ſo raſch die Pferde laufen könnten, nach ſeinem Hôtel fahren.— Das große Einfahrtsthor des Hôtels war weit ge⸗ öffnet, und in demſelben ſtanden die Diener des Erz⸗ herzogs und ſchauten ſpähend zu beiden Seiten der Straße hinab, als ein Wagen raſch daher gerollt kam. Iſt er's? fragte der fremde Mann, der in einen Mantel gehüllt neben den Dienern ſtand. Nein, er iſt's nicht, es ſind zwei Rappen vor dem Wagen, und er hat Braune, ſagte der Kammerdiener des Erzherzogs, der neben dem Fremden ſtand. Aber die Rappen hielten dennoch vor der Einfahrt, und jetzt beleuchteten die Laternen den Wagen,— ja, es war mindeſtens der Wagen des Erzherzogs. Der Kammerdiener ſprang vorwärts, und riß den Schlag auf. Ew. Hoheit ſind doch nicht beſchädigt? fragte er angſtvoll. Es hat Ew. Hoheit doch kein weiteres Un glück getroffen? 99 Ihr wißt alſo ſchon, was mir widerfahren iſt? fragte Johann, indem er ausſtieg. Leute von der Straße brachten den Kutſcher auf einer Tragbahre hieher. Dadurch erfuhren wir das Unglück. Iſt der arme Joſeph ſchwer verletzt? Nein, Hoheit, nur einige Contuſionen und Beulen, und der linke Fuß iſt verrenkt. Aber wir haben uns fürchterlich um Ew. Hoheit geängſtigt. Die ganze Stadt weiß ſchon von dem Unglück, und auch Se. Majeſtät der Kaiſer haben ſchon hergeſchickt. Ah, der Kaiſer hat alſo geſchickt? fragte Johann, indem er in das Veſtibule vorſchritt. Wen hat er geſchickt? Ew. Hoheit halten zu Gnaden, Se. Majeſtät haben mich geſchickt, ſagte der Fremde, ſich tief verneigend. Ah, Sie ſind es, Herr Ruttner, meines Herrn Bruders vertrauter Kammerdiener, rief Johann lächelnd. Sie haben mir eine Botſchaft vom Kaiſer zu bringen, nicht wahr? Zu Befehl, Hoheit! Kommen Sie! Folgen Sie mir.— Ihr da, ſagt dem Haushofmeiſter, er ſolle dem Mann, der mich hier⸗ hergefahren, funfzehn Dukaten auszahlen! 100 Der Erzherzog ſchritt raſch die Stiege hinauf, und durch die Vorgemächer nach ſeinem Cabinet hin. Jetzt, Ruttner, ſagte er, als der kaiſerliche Kam merdiener leiſe die Thür des Cabinets hinter ſich zu⸗ gedrückt hatte, jetzt ſprechen Sie. Was für einen Befehl ſendet mir Se. Majeſtät? Se. Majeſtät erſucht den Herrn Erzherzog, morgen früh um acht Uhr bei Sr. Majeſtät ſich zu einer ge heimen Audienz einzufinden. Das iſt Alles, was Sie mir zu ſagen haben, Rutt⸗ ner? fragte Johann, den alten vertrauten Diener, den er ſelber ſeit ſeiner Kindheit kannte, mit forſchenden Blicken anſchauend. Nein, Hoheit, noch ein paar Worte habe ich zu ſagen, flüſterte der alte Diener verlegen. Se. Ma⸗ jeſtät läßt Ew. Hoheit dringend erſuchen, dieſe Nacht Ihr Palais nicht zu verlaſſen, und auch morgen früh nicht eher auszugehen, oder Beſuche zu empfangen, als bis Ew. Hoheit zur Audienz bei Sr. Majeſtät geweſen. Das heißt, Se. Majeſtät giebt mir Hanusarreſt, ſagte Johann lächelnd. Sie drücken ſich zu milde aus, Ruttner, der Kaiſer hat nicht mich„erſucht“ zu Haufer zu bleiben, ſondern er hat es mir befehlen laſſen, und er hat geſagt, wenn ich nicht vernünftig wäre, un 101 und mich mit meinem Ehrenwort verpflichtete, mein Palais nicht zu verlaſſen, ſo werde man vor meine Thür Wachen aufſtellen laſſen. Nun, Ruttner, hat er das nicht geſagt? Wozu fragen Ew. Hoheit danach, und weshalb brauchte ich ſolche herbe Worte ſagen, da es deren nicht bedarf, da Ew. Hoheit die Bitte Sr. Majeſtät gewiß einem Befehl gleich erachten, und Ihr Palais gewiß nicht heute Nacht mehr verlaſſen werden! Nicht wahr, Ew. Hoheit haben die Gnade, mir für Se. Ma— jeſtäat Ihr Wort darauf zu geben, daß Sie in Ihrem Palais bleiben, und es nur morgen früh acht Uhr verlaſſen, um zum Kaiſer zu kommen? Ja, Ruttner, ich gebe Ihnen mein Wort darauf. Ich werde hier bleiben, und mein Haus nur morgen früh verlaſſen, um zum Kaiſer zu kommen. Ah, es wird ein hübſches, freundliches Wiederſehn zwiſchen mir und meinem Herrn Bruder ſein. VII. Die feindlichen Brüder. Die große Pendule auf dem Marmorkamine im Cabinet des Kaiſers hatte eben halb acht Uhr geſchlagen. Kaiſer Franz ſchaute lächelnd zu ihr hin, und ſagte vergnügt: die Stund' iſt da! Jetzt wird die Comödie anfangen. Ah, da klopft es an der Tapetenthür! Das wird meine Frau Gemahlin ſein! Er eilte den Riegel zurückzuſchieben, und die Thür zu öffnen. Es war wirklich die Kaiſerin Ludovica, welche jetzt in der geöffneten Thür erſchien. Sie war in einem reizenden Negligée. Ein weites faltiges Gewand von veilchenblauem Sammet umhüllte ihre Geſtalt, ein Spitzenhäubchen mit Veilchenbouquets gar nirt bedeckte ihr ſchönes Haar, das in dicken Locken zu beiden Seiten der Stirn niederquoll, das kleine Spitzenfichü, das ſie loſe um den Hals geſchlungen, 103 ward von einem, aus Amethiſten und Brillanten ge bildeten Veilchen zuſammengehalten, und auf den weißen Atlaspantoffeln, welche ihre kleinen reizenden Füße ein ſchloſſen, waren Veilchen geſtickt. Dieſer Morgenanzug, ganz ihrer Jugend und ihres Standes würdig, paßte indeſſen wenig zu ihrem Geſicht, zu dem ſchwermuthsvollen Ausdruck ihres ganzen Weſens. Man ſah es dieſem bleichen gramdurchfurchten Antlitz an, wie viel Schmerzen ihre Seele gemartert hatten, wie viel ſie gelitten in dieſem letzten Jahre der Ent täuſchungen, des Schwankens und Hinhaltens. Ihre Wangen waren eingefallen, aber auf ihnen waren jene unheimlichen, ſchönen Roſen aufgeblüht, welche als die Blumen des Todes aus der kranken Menſchenbruſt auf⸗ blühen. Ihre Stirn war bleich und von durchſichtiger Klarheit, unter den edel geſchweiften ſchwarzen Augen— brauen hervor ſtrahlten ihre ſchwarzen Augen mit jenem faſt überirdiſchen Feuer, als wären ſie nie von einer Thräne getrübt worden, ihre Lippen waren von der ſchönſten Purpurröthe, aber das Lächeln, welches die⸗ ſelben umſpielte, hatte etwas ſo Schmerzliches, Reſig nirtes, daß es Jedem, der es ſah, Thränen in die Augen und Seufzer auf die Lippen rufen mußte. 104 Der Kaiſer indeß ſah es nicht, oder ward nicht gerührt davon. Er begrüßte ſeine Gemahlin mit einem raſchen Kopfnicken und einem vergnügten Lachen. Schauen's, wie pünktlich Sie zum Rendezvous Sich einfinden, ſagte er, man ſollt' denken, Sie kämen halt nit aus Neugierde, ſondern wirklich zu einem Liebesrendezvous mit mir! Ew. Majeſtät ſagten mir geſtern Abend, daß Sie wünſchten, ich möchte heute Morgen um halb acht Uhr Ihnen meinen Beſuch in Ihrem Cabinet machen, ſagte Ludovica mit ernſter Ruhe. Ohne dieſen Wunſch, der, wenn der Kaiſer ihn ausſpricht, für Jedermann ein Befehl iſt, wäre ich ſicherlich nicht ſo vermeſſen ge⸗ weſen, hierher zu kommen in das Allerheiligſte Ihrer Majeſtät. Ja, es iſt wahr, ſagte Franz, Ew. Majeſtät er⸗ zeigen mir jetzt niemals mehr die Ehre, mich in meinem Cabinet zu beſuchen. Sie können's mir alſo immer noch nicht verzeihen, daß ich den Grafen Stadion da— mals nicht zum Miniſter machte, denn wenn mir recht iſt, ſind Sie ſeit jener Affaire noch nicht Einmal wie⸗ der hierher gekommen. Ew. Majeſtät meinen alſo noch immer, ich hätte damals großes Unrecht gethan, und boudiren mich, weil ich meinen Herren Brüdern nicht cht ſt 105 das Schwert in die Hand gegeben, ſondern ſie zur Ruh' verwieſen habe. Gott, Sie ſind deshalb noch immer böſe auf den lieben theuren Franzl, wie Sie mich an jenem Morgen nannten, aber mich ſeitdem niemals wieder genannt haben. Ich werde mir niemals erlauben, den Kaiſer von Oeſterreich, meinen Herrn Gemahl, mit einer Anrede zu bezeichnen, welche nur der Vertraulichkeit, der Liebe und Freundſchaft erlaubt iſt, und welche ſich daher für mich nicht geziemt, ſagte Ludovica ruhig und kalt. Jener Morgen, deſſen Ew. Majeſtät erwähnen, hat genau die Grenzlinie bezeichnet, bis zu welcher ich Ew. Majeſtät gegenüber treten darf, ich denke nicht, dieſe Grenzlinie jemals wieder zu überſchreiten. Das heißt, Sie wollen niemals wieder mir Ihre Freundſchaft und Liebe ſchenken, niemals wieder ver traulich mit mir ſprechen? fragte der Kaiſer mit dem harmloſeſten und gutmüthigſten Ton. Sie wollen mir auch Ihren Rath nit mehr geben in der Politik, und haben mich ganz und gar aufgegeben, weil Sie ver meinen, es iſt Hopfen und Malz an mir verloren, und ich ſei's halt nit werth, daß Sie mir den Weg zeigen, den meine Politik gehen müßte? 106 Ich bitte Ew. Majeſtät um Verzeihung, ſagte Ludovica kalt, ſprechen wir nicht von Politik. Aber machen wir Politik, nit wahr? lachte der Kaiſer. Ja, ja, ich weiß es wohl, daß meine Frau Gemahlin im Geheimen gegen mich arbeitet, daß meine friedfertige Politik ihr ein Gräuel iſt, und daß ſie mit allen kriegführenden Mächten geheime Verbindungen unterhält. Ja, ja, Ew. Majeſtät ſind eine kleine Ver ſchwörerin, und es iſt ein wahres Glück für den Bo naparte, daß Sie nicht an meiner Statt Kaiſer von Oeſterreich ſind. Und daß die Kaiſerin von Oeſterreich keinen Ein⸗ fluß auf ihren Gemahl hat, rief Ludovica, ſich plötzlich aus ihrer ruhigen, faſt gebeugten Haltung mit blitzen den Augen und flammender Zornesröthe aufrichtend. Wäre das der Fall, hätte ich Einfluß auf Sie, oder wäre Einer Ihrer Brüder Kaiſer von Oeſterreich, wehe dann dem Thronenräuber Bonaparte. Denn alsdann würde Oeſterreich, das jetzt in Schaam und Demuth ſein Haupt ſenkt, das jetzt ſchweigt, weil es nicht ſagen darf, was es denkt, dann würde Oeſter reich ſtolz gehobenen Hauptes, mit freudeſtrahlenden Blicken, lorbeergeſchmückt einherſchreiten, und jubelnde Kriegslieder würden erſchallen überall, und jauchzend 1d 107 würde es wiedertönen von Einer Grenze bis zur an⸗ dern:„Heil uns, Heil! Die Zeit der Schmach iſt vorüber. Wir haben das Schwert, und tragen es dem Feinde entgegen, dem verruchten Feind, deſſen Ketten wir ſo lange haben tragen müſſen als einen Schmuck; wir wollen kämpfen gegen den Despoten, der uns, der Deutſchland in den Staub getreten, und an dem wir die Menſchheit, Deutſchland und Oeſter⸗ reich rächen wollen! Ein heiliger Kreuzzug iſt's gegen den gottgezeichneten Tyrannen, und nie wollen wir uns verſöhnen laſſen, nie ihm vergeben, als bis ſein Thron vernichtet, bis unſere Schmach gerächt iſt.“— Das, Majeſtät, fuhr Ludovica hochathmend, und wie aus ihrer Begeiſterung erwachend, ruhiger fort, das würde Oeſterreich ſagen, wenn es ſprechen dürfte, wenn— Wenn ich mich von meiner Frau Gemahlin be⸗ herrſchen ließe, unterbrach ſie der Kaiſer, oder wenn, wie Sie ſagten, einer von meinen Herren Brüdern Kaiſer von Oeſterreich wäre. Es thut mir leid, Frau Kaiſerin, aber ich fürcht' halt, dieſer letzte Wunſch wird Ihnen nicht erfüllt werden, denn wenn Sie auch ſelbſt das Glück hätten, mich zu verlieren, und Witwe zu werden, ſo würde doch mein Sohn, nicht aber einer meiner Herren Brüder, Kaiſer von Oeſterreich werden! 108 Gott gebe Eurer Majeſtät ein langes und geſegne⸗ tes Leben, ſagte Ludovica ſanft. Haben Ew. Majeſtät 1 die Gnade mich anzuſchauen, um zu wiſſen, daß nicht Ich es bin, die den Witwentrauerflor tragen wird. 6 Ew. Majeſtät werden Ihre dritte Gemahlin begraben, und noch viele glückliche Jahre an der Seite einer vierten leben können! Ich beklage mich nicht, Ma— jeſtät, denn eine Krone iſt oft ſo ſchwer zu tragen, daß die Erde dagegen leicht iſt. Nun, nun, ſagte Franz gutmüthig, ſprechen's mir nit vom Sterben; ſo lang wir leben, haben wir halt nichts zu ſchaffen mit dem Tod. Sie, Frau Kaiſerin, werden die böſen Tage auch noch überwinden, und das Leben wieder leicht nehmen! Aber jetzt muß ich Ihnen doch ſagen, weshalb ich Sie hab' zu mir bitten laſſen. Ich weiß, wie ſehr Sie meinen Herren Brüdern, be ſonders dem lieben Johann, zugethan ſind, und wie viel Antheil Sie an ſeinem Geſchick nehmen. Nit wahr, Sie meinen, er ſei ein gar guter Patriot, ein Mann voll edler Rittertreue, voll Edelmuth und Geiſt, ein hochherziger General, der niemals ſeine Fahne verlaſſen, niemals den Eid der Treue brechen könnt', den er ſeinem Kaiſer, den er Oeſterreich geleiſtet? 109 Nit wahr, Frau Kaiſerin, das iſt Ihre Meinung vom lieben Hannes? Ja, das iſt meine Meinung, rief Ludovica lebhaft, edel, tapfer, treu und gut iſt der Erzherzog Johann, und mit treueſter Hingabe, mit muthiger Reſignation dient er Oeſterreich und ſeinem Kaiſer. Ich dank' Ihnen für die gute Meinung, die Sie von meinem Herrn Bruder haben, ſagte Franz lächelnd. Grad' deshalb ließ ich Sie herbitten: Ich wünſchte, daß Sie Zeuge wären bei der Zuſammenkunft, die ich jetzt eben mit meinem Herrn Bruder haben werde. Hören's, da ſchlägt es acht Uhr, und da mein Bruder ein ſo ausgezeichneter Soldat iſt, ſo wird er auch pünktlich ſein, und zur rechten Zeit ſich hier einſtellen! Eben öffnete der Kammerdiener Ruttner die Thür des Vorſaals. Majeſtät, ſagte er leiſe, Se. Hoheit der Herr Erzherzog Johann fahren ſo eben in den Hof ein. Gut, ſagte der Kaiſer, ich erwart' ihn, und er kann ſogleich hier eintreten! Nehmen's Platz, Frau Kaiſerin, wandte der Kaiſer ſich dann an Ludovica, indem er auf den Fauteuil hindeutete. Es wird eine recht unterhaltende Scene geben, und Sie werden recht viel zu hören haben. 110 Ah, da hör' ich ſeinen Schritt im Vorſaal! Geben's Acht, Frau Kaiſerin, jetzt geht der Vorhang auf und das Stück beginnt. Und der Kaiſer, in der Mitte des Zimmers ſtehend, wandte ſein Antlitz, das jetzt einen düſtern und ſtrengen Ausdruck annahm, der Thür zu. Jetzt öffnete ſich dieſe Thür und der Erzherzog trat ein. Ernſt und ruhig that er einige Schritte vor⸗ wärts, verneigte ſich zuerſt vor der Kaiſerin, welche ihm lebhaft zunickte, und ihm ihre ſchmale weiße Hand zum Kuß darreichte, und wandte ſich dann dem Kaiſer zu. Franz ließ ihn ruhig ſeine Verbeugung machen, ohne ihm die Hand zu reichen, ohne ihn auch nur mit einem Wort, einem Neigen des Hauptes willkommen zu heißen. Ich habe Ew. Liebden hierher berufen, weil ich Ihnen einige wichtige Fragen vorzulegen habe, ſagte er hart und ſtrenge. Ich werde die Ehre haben, die Fragen Eurer Ma jeſtät zu beantworten, erwiederte Johann mit ruhiger feſter Stimme. Der Wahrheit gemäß? Der vollen Wahrheit gemäß. Ich gebe Ew. Ma⸗ jeſtät mein Ehrenwort darauf. ℳ 111 Nun alſo, rief der Kaiſer, indem er haſtig auf Johann zutrat, und ihm mit durchbohrenden Blicken in's Geſicht ſah. Antworten Sie: iſt es wahr, daß Sie dieſe Nacht nach Tyrol aufbrechen wollten, um ſich dort an die Spitze des dortigen Aufruhrs zu ſtellen, und das Schwert zu erheben, um Tyrol von der Oberherrſchaft Baierns zu befreien? Ja, Majeſtät, es iſt wahr! Iſt es wahr, daß Sie dieſes Vorhaben ausführen wollten, ohne dazu meine Einwilligung erhalten, oder auch nur gefordert zu haben? Ja, Majeſtät, das iſt wahr! Iſt es wahr, daß Sie im ſteten geheimen Verkehr mit den aufrühreriſchen Tyrolern geweſen ſind, daß Sie Boten von Tyrol erhalten, und dahin geſandt haben? Daß Sie vor zwei Tagen einen von Ihrer eigenen Hand geſchriebenen Aufruf zur Erhebung der Waffen nach Tyrol geſandt haben? Ja, Majeſtät, es iſt wahr. Iſt es ferner wahr, daß Sie ohne meine Erlaubniß mit den verbündeten Mächten, welche ſich zum Krieg wider Frankreich vereinigt haben, Sich in Einverneh⸗ men geſetzt, und von ihnen ihre Mitwirkung zur Be⸗ „ freiung von Tyrol gefordert, daß Sie an den Kaiſer 112 von Rußland deshalb geſchrieben, einen geheimen Agenten Englands zu dieſem Zweck bei ſich empfangen haben? Ja, Majeſtät, es iſt wahr! Iſt es wahr, daß Sie einer geheimen Geſellſchaft angehörten, deren Zweck es war, den Geiſt des Auf ruhrs und der Kriegswuth in Oeſterreich zu entflam men, den Haß gegen Bonaparte ſo anzuſchüren, daß die öſterreichiſchen Völker ſich ohne meinen Ruf erheben, und wie es in Preußen dem König geſchehen, mich mit moraliſcher Gewalt zwingen ſollten, Frankreich den Krieg zu erklären? Ja, Majeſtät, es iſt wahr! Iſt es ferner wahr, daß Sie bei Sich mit Ihren Mitverſchwornen geheime Zuſammenkünfte hatten, daß Sie in allen meinen Provinzen Ihre geheimen Agenten hatten, welche Gelder und Waffen vertheilten, und eine Verſchwörungsarmee ſammelten? Ja, Majeſtät, das iſt wahr! Es freut mich, Sie fortwährend wie ein Papagey Ihr:„Ja, Majeſtät, das iſt wahr“ krächzen zu hören, rief der Kaiſer. Bleiben Sie dabei auch ferner, Herr Bruder! Sie geſtehen alſo Alles zu, Sie geſtehen, daß Sie ein Revolutionair, ein Deſerteur ſind, der heimlich ohne Erlaubniß und Befehl ſeines Kaiſers, ten ᷣ 113 ſeine Fahne verlaſſen und nach Tyrol gehen wollte, um dort die Fahne des Aufruhrs zu erheben, und, ein Rebell mit Rebellen, zu kämpfen gegen ihren rechtmä⸗ ßigen Herrn. Nein, ich geſtehe das nicht zu, rief Johann. Nein, ich bin kein Rebell, und auch die Tyroler ſind nicht Rebellen, wenn ſie gegen ihren unrechtmäßigen Herrn kämpfen wollen. Wer iſt denn ihr unrechtmäßiger Herr? Der König von Baiern iſt es. Denn Tyrol iſt das rechtmäßige Beſitzthum Oeſterreichs, es hat vor Jahrhunderten ſich unter Oeſterreichs Oberherrſchaft geſtellt, es iſt nicht erobert, nicht mit Gewalt oder Liſt an Oeſterreich gekommen, ſondern es iſt ſein durch alte Erbverträge und durch den freien Willen der Tyroler Stände. Und doch, mein Herr Bruder, obwohl Sie das Alles wiſſen, rief Franz mit zorniger Stimme und blitzenden Augen, doch wollten Sie Oeſterreich, den rechtmäßigen Beſitzer von Tyrol, ſeines Eigenthums be⸗ rauben, wollten Sich aneignen, was Ihrem Kaiſer gehört. Ich, Majeſtät? Ja, Sie, mein Herr! Haben Sie's nicht Ihren Mitverſchworenen gelobt, daß Sie Tyrol ſeine Freiheit Mühlbach, Erzh. Johann u. Metternich. III. 8 114 und Unabhängigkeit erkämpfen, und es als eine ſelbſt— ſtändige Feſtung vertheidigen wollten bis zu Ihrem letzten Blutstropfen? Haben Sie nicht gewagt zu ſagen, Sie würden dies thun, auch wenn ich es nicht billigte, auch wenn ich Sie desavouirte. Haben Sie nicht dem Eiſenſtecken und Winterſteller gelobt, Sie würden im Nothfall in Tyrol bleiben als der zweite Oberſtatt halter der Grafſchaft Tyrol, wie der Andreas Hofer der erſte geweſen? Ja, das habe ich geſagt, und das würde ich wieder holen, ſobald Tyrol durch mich befreit iſt, rief Johann. Genug jetzt der Vorwürfe, und der Beſchuldigungen. Ja, ich habe ohne Ew. Majeſtät Wiſſen und Willen, ohne Ihre Erlaubniß Tyrol befreien wollen. Ich habe die Schmach auslöſchen wollen, die auf Ihnen und auf mir ruht ſeit dem Jahre 1809, ich habe endlich⸗ den Schwur einlöſen wollen, den Sie dem treuen bie— dern Volk geleiſtet, als Sie ſeiner bedurften, und den Sie ſofort vergaßen, ſobald es Ihnen bequem war. Im Namen der Ehre, der Würde und Heiligkeit eines Fürſtenwortes wollte ich die große Schuld ſühnen, welche Ew. Majeſtät gegen ein Volk auf Sich geladen, das ſich für Sie faſt verblutet hat, und das Sie achtlos von ſich geſtoßen, als Sie ſeines Blutes nicht mehr bedurften. 115 Und um dies liebe ausgezeichnete Volk würdig zu belohnen, wollten Sie es in Ihrer Großmuth ganz unabhängig machen von dem Kaiſer von Oeſterreich, verſprachen den aufgehetzten Bauern, daß Sie ſie frei machen wollten, von jedem Druck, und jeder Steuer, daß Sie ihnen ihre alte Verfaſſung wiedergeben wollten, und forderten von ihnen zum Dank dafür nur eine Kleinigkeit, nur, daß man Sie zum Herrn, zum freien ſouverainen Herrn von Tyrol mache. Majeſtät, das iſt eine Verleumdung, das iſt nicht wahr! Ja, es iſt wahr, mein Herr König von Rhätien, rief Franz höhniſch. Schauen's, Frau Kaiſerin, ſchauen's doch den Herrn da an. Iſt ein gar mächtiger und hoher Herr, der eine ganz neue Königskrone auf dem Kopf trägt. König von Rhätien! Ein ſchöner Titel das! Oben auf den Bergſpitzen von Tyrol, Kärnthen und Krain, da hängt ſeine Krone, und im Mond da liegt ſein Königreich. Begrüßen's ihn doch, Frau Kaiſerin, den edlen, ritterlichen König von Rhätien. Er iſt ſchon anerkannt, und England hat ſchon den Geſandten bezeichnet, den es bei ihm accreditiren will. König von Rhätien, wirklich, es klingt allerliebſt, wie ein Mährchen aus Tauſend und eine Nacht. 8* 8 116 Und es iſt auch ein Mährchen, rief Johann leiden⸗ ſchaftlich. Nie iſt von dieſem Königreich Rhätien im Ernſt geſprochen worden, es waren Träumereien und phantaſtiſche Pläne einiger Freunde— Ach, Ew. Liebden geſtehen alſo doch zu, daß davon die Rede war, rief Franz mit grauſamer Schaden⸗ freude, das Königreich Rhätien iſt Ihnen alſo doch kein weſenloſes Ding, von dem Sie nichts kennen und nichts wiſſen. Es giebt in Ihrem Kopf eine Karte, wo das neue Königreich Rhätien verzeichnet iſt, und auf Ihrem Kopf ſollte die Krone von dem neuen Lande ſitzen. Wiſſen Sie, mein Herr Bettelkönig von Rhätien, wiſſen Sie, daß ich Ihnen dieſen Kopf vor die Füße legen könnte? Wiſſen Sie, daß ich Sie als Landesverräther und Rebell mit ewiger Gefangenſchaft beſtrafen, und Sie in eine Feſtung ſtecken könnte, wie ich's mit Ihren ſaubern Freunden und Mitſchuldigen gethan habe? Ich weiß, daß Ew. Majeſtät das können, ſagte Johann ernſt, und ich hoffe, daß Sie es thun werden. Ich wußte, als ich hierher kam, daß Ew. Majeſtät meine Freunde und Vertrauten haben gefangen nehmen laſſen, und ich kam, um mich Ew. Majeſtät ſelber als Gefangenen zu ſtellen. Wenn Hormayr, Roſchmann 117 und Schneider Strafe und Gefangenſchaft verdient haben, ſo bin ich doppelt ſchuldig, denn ich habe ſie zu Allem verleitet, was ſie gethan, ich ſtand an der Spitze unſers Bundes. Majeſtät, ich fordere Gerech⸗ tigkeit, fordere meinen Antheil an der Strafe meiner Freunde! Schön, wirklich ſchön und rührend, ſagte Franz ſpottend. Er fordert ſeinen Antheil an der Strafe, der liebe König von Rhätien. Will auch verhaftet und auf eine Feſtung gebracht werden, wie ſeine Hel fershelfer, damit die Kunde davon durch ganz Deutſch⸗ land fliege, damit ſie vor allen Dingen nach Tyrol eile, und die treuen Tyroler erfahren, daß es nicht in der Macht des lieben Hannes geſtanden, ſeinen heiligen Schwur zu erfüllen, und zur Befreiung Tyrols daher zu marſchiren, damit die Tyroler zu ihm beten, als zu einem Märtyrer, den die Bosheit und die Schlech⸗ tigkeit des Kaiſers von Oeſterreich geheiligt hat. Nein, mein Herr, Sie werden dieſen Triumph nicht haben, Sie werden nicht zum Märtyrer, zum Opferlamm Ihrer Treue und Herrlichkeit, und meiner Tyrannei werden! Ihr Haupt ſoll mir geheiligt ſein, mein Herr König von Rhätien, ich werde Sie nicht beſtrafen! So dürfen Ew. Majeſtät auch diejenigen nicht de 118 ſtrafen, welche nichts weiter gethan, als daß ſie meine Befehle ausgeführt, daß ſie, als meine Diener, mir gehorſam geweſen ſind. Ich werde ſie beſtrafen, rief der Kaiſer mit blitzen⸗ den Augen, ja, ich werde ſie beſtrafen, werde ſie büßen laſſen für Ihre Schuld, für Ihr Verbrechen. Mit Jahren voll Qual und Elend, in Kerkern voll Moder⸗ duft, wohin kein Laut dringt, ſollen ſie mir büßen für den Gehorſam und die Treue, die ſie Ihnen bewieſen haben. Oh, ich werde die aufrühreriſchen Köpfe, die ſich immer an meine Herren Brüder hängen, ſchon zur Ruhe zwingen, werde die Bewunderer des Herrn Erz— herzogs Johann ſchon zum Schweigen bringen. Sie haben Ihnen ja ewige Treue geſchworen, nun gebe ich ihnen Gelegenheit es zu beweiſen, indem ich ſie büßen laſſe für Ihre Schuld. Aber Sie ſollen auch mich büßen laſſen, Majeſtät, rief Johann außer ſich. Wenn Sie meine Freunde, meine Diener Verbrecher nennen, ſo bin ich der grö⸗ ßere Verbrecher, und ich fordere meine Strafe. Wenn Ew. Majeſtät ſie mir nicht freiwillig gewähren wollen, nun, ſo werde ich Ew. Majeſtät dazu zwingen, ſo werde ich ſelbſt vor Gericht mich des Verbrechens anſchuldigen, 119 deſſen Sie mich hier in der Stille anklagen, und werde Urtheil und Recht begehren für mich und meine Freunde. Sie werden das nicht thun, rief der Kaiſer mit zitternden Lippen, bleich vor Zorn und Aufregung. Wagen Sie es, thun Sie einen ſolchen Schritt, und ich laſſe Ihre drei Freunde mit ihrem Kopf büßen für Ihr wahnſinniges Thun! Majeſtät, Sie ſind entſetzlich, murmelte Johann, vor den ſtarren zornigen Blicken des Kaiſers zurück— weichend. Gnade, Majeſtät, Gnade, rief Ludovica, zu dem Kaiſer hineilend und halb ein Knie vor ihm beugend. Er iſt der Sohn Ihres Vaters, er iſt Ihr Bruder, Majeſtät! Treiben Sie Ihn nicht zur Verzweiflung, oh, mein Gemahl, vergeſſen Sie es nicht, er iſt Ihr Bruder! Nein, ich werd's nicht vergeſſen, daß er mein Bruder iſt, ſagte der Kaiſer. Ich will daran gedenken auch in dieſer Stunde noch. Er hat einen Aufruf mit ſeiner eigenen Handſchrift nach Tyrol geſchickt, hat den Ty— rolern verheißen, daß er nach Tyrol kommen würde, um mit ihnen zu kämpfen. Nun wohl, mit ſeiner eigenen Handſchrift ſoll er jetzt widerrufen, ſoll den Tyrolern ſagen, daß ſie von einem Betrüger hinter's — 5 —— 120 Licht geführt, daß man fälſchlich ſeine Handſchrift nachgeahmt, und ſich ſeines Namens bedient habe. Er ſoll den Tyrolern ſchreiben, daß er niemals den ver— rätheriſchen Plan gehegt, ſie zum Aufſtand zu reizen, zum Treubruch an ihrem rechtmäßigen Herrn, dem König von Baiern, zu verleiten. Das ſoll er ſchreiben, und ſeinen Namen darunter ſetzen, alsdann will ich ihm vergeben, und ſeine Mitſchuldigen minder ſtrenge beſtrafen und büßen laſſen. Sagen's ihm das, Frau Kaiſerin, widerrufen ſoll er! Nein, rief Johann glühend, ſagen Sie es mir nicht, Majeſtät, begehren Sie nicht von mir, daß ich einer neuen Schmach, einer neuen Demüthigung mich unter— ziehe. Nein, ich widerrufe nicht! Nun, ich will noch milder ſein, ſagte der Kaiſer, ich will Ihnen zeigen, Frau Kaiſerin, daß ich Alles thun will, was ich vermag, um den Frieden meines Hauſes zu erhalten, und die Verbrechen meiner Brüder zu beſchönigen. Er will nicht widerrufen, gut, ſo ſoll er Abbitte thun, ſoll einen reuigen Brief ſchreiben, eine ſchriftliche Erklärung abgeben, daß er einſehe, er habe gefehlt, daß er aber den Plan nicht entworfen,— ſondern nur geduldet habe, daß Hormayr der Anſtifter des Ganzen geweſen, und er, der Erzherzog, von dieſem 9„ 121 nur überredet und verleitet worden ſei.*) Das ſoll er mir ſchriftlich bekennen, und ich will's zufrieden ſein, und ich will es den Hormayr nicht entgelten laſſen, ſondern er ſoll mit den Andern gar bald befreit werden. Das iſt mein letztes Wort, Frau Kaiſerin, ſagen's ihm das! Er ſoll bekennen, daß er verführt worden. Er wird das niemals bekennen, rief Johann, er wird nicht zu ſo unwahrer und knabenhafter Entſchul⸗ digung ſeine Zuflucht nehmen. Habe ich gefehlt, ſo that ich es als freier ſelbſtſtändiger Mann, als der Herr meines Willens und meiner Handlungen. Man kann mich dafür ſtrafen, aber man ſoll mich nicht er— niedrigen. Ich widerrufe nicht, ich bereue nicht, und be— kenne mich nicht als einen Irregeleiteten und Verführten! So werden Ihre Freunde, ſo werden Hormayr, Roſchmann und Schneider, ſo werden Wallmoden und Nugent, und die Tyroler Häuptlinge büßen müſſen für Sie, denn ich wiederhole es Ihnen, ich werde nicht Sie in Ihrer eigenen Perſon ſtrafen, ſondern in der Perſon Ihrer Freunde. Bedenken Sie das, Herr König von Rhätien. Berenen Sie nicht, bekennen Sie ſich nicht als einen Irrege⸗ *) Hiſtoriſch. Siehe: Lebensbilder. II. 445. 122 leiteten, und Roſchmann und Hormayr werden in langer Kerkernacht büßen, was Sie verbrochen haben. Mögen Ew. Majeſtät thun, was Sie vor Gott und Ihrem Gewiſſen glauben verantworten zu können. Ich aber, ich darf nicht anders handeln. Ich appellire an Sie, Frau Kaiſerin, ich frage Ihr edles und groß müthiges Herz: Darf ich das thun, darf ich mich darſtellen als den Bereuenden, Irregeleiteten? Darf ich ſo meine Principien, meine Ueberzeugungen verleugnen, und als leichtſinnigen Knabenſtreich darſtellen, was der Ausfluß meiner reinſten Hingabe an die Sache des unglücklichen Vaterlandes war? Darf ich das thun, ſelbſt wenn ich das Schickſal meiner Freunde und Diener dadurch mil dern könnte? Können Sie mir dazu rathen? Nein, ſagte Ludovica ernſt und feierlich, ach nein, ich kann Ihnen nicht dazu rathen. Und Sie, mein Ge mahl, Sie ſelber werden in Ihrem gerechten Herzen das fühlen und begreifen, Sie werden jetzt Gnade üben. Sie haben Ihren Bruder Ihren Zorn fühlen laſſen, jetzt aber, jetzt iſt es Zeit, daß Sie ihn auch Ihre Milde, Ihre Vergebung, Ihre Liebe fühlen laſſen. Meine Liebe? fragte der Kaiſer. Ich liebe meinen Herrn Bruder nicht, liebe ihn ſo wenig, wie alle meine Brüder. Was haben ſie auch gethan, daß ich ſie lieben 123 ſollte? Immer ſind ſie mir im Wege geweſen, immer ſind ſie Schuld und Urſache von meinem Unglück und meiner Demüthigung geweſen. Meine Herren Brüder und Vettern, die ſind's, die mich überall hinderten, mir überall Niederlagen bereitet haben. Auch im Unglücks⸗ jahr 1809, von dem der Erzherzog Johann vermeint, ſich ſeine Märtyrerkrone geholt zu haben, die er jetzt mit der Krone eines Königs von Rhätien vertauſchen will, auch im Jahre 1809 waren meine Brüder und Vettern an allem Unglück Schuld. Der Erzherzog Maximilian war's, der Wien an die Franzoſen übergab, und in Nacht und Nebel mit den Truppen floh, wäh⸗ rend er nur ein paar Stunden zu warten brauchte, um Hülfe und Erſatz, die ſchon unterwegs waren, zu erhalten. Der ſchmachvolle und beklagenswerthe pol niſche Feldzug war das Meiſterſtück des Erzherzogs Ferdinand, Ihres Herrn Bruders, Frau Kaiſerin. Das Unglück gleich zu Anfang, die ſchlechte Berbindung zwiſchen Regensburg und Landshut hat der Erzherzog Ludwig verſchuldet, und Schlimmeres noch that der Erzherzog Johann. Er in ſeinem Dünkel und ſeinem Hochmuth hielt's nicht für nöthig, den Befehlen des Generaliſſimus zu gehorchen, in dem verbrecheriſchen Geiſt der Inſubordination, der ihn von jeher leitete, „———————„——— —ÿy——. 1.——— 5 4 — 1——————————— S———————= — —— — 124 mißachtete er die Befehle ſeines Chefs, und durch ſeine Schuld allein haben wir die Schlacht von Wagram verloren. Die Hauptſchuld an Allem aber trägt der Herr Generaliſſimus, der Erzherzog Carl ſelber, er war's, der gleich in den erſten vier Wochen den ganzen Kriegsplan mißlingen machte, der den ganzen Krieg widerwillig und matt betrieb, den Sieg von Aspern nicht zu benutzen wußte, der demüthige Briefe an den Sieger ſchrieb, und in Znaym einen Waffenſtillſtand ſchloß, ohne mich nur um meine Einwilligung gefragt zu haben.*) Und man will verlangen, daß ich dafür die Erzherzöge lieben ſoll, ſie, die mir immer nur Herzeleid und Kummer bereiten, die immer Krieg ſchreien, wenn ich den Frieden als nöthig erachte, die immer ſich auf die Seite meiner Gegner ſtellen, und meiner Regierung überall geheim und öffentlich feind⸗ lich entgegentreten! Sie haben das Unglück von 1809 verſchuldet, und ſind noch nicht zur Beſinnung gekom⸗ men. Jetzt, weil der Napoleon in Rußland Unglück gehabt hat, jetzt⸗meinen die Herren Erzherzöge ſogleich, es ſei für ſie die rechte Zeit, ihre alte Scharte auszu⸗ wetzen und den Napoleon zu überwältigen. Und weil *) Lebensbilder. II. 431. 125 ſie das meinen, ſo denken ſie, muß es auch geſchehen, gleichviel ob ich, der Kaiſer, es will, ich muß wollen. Zu zwingen gedenken ſie mich! Jeder von ihnen will nach ſeinen eigenen Anſichten handeln, und nicht nach denen ſeines Monarchen. Jeder will einen Staat im Staate bilden und ſich zum Mittelpunkt unruhiger, ehrgeiziger Köpfe machen! Jeder will populair, geliebt und gefeiert werden auf meine Koſten! Und dafür ſoll ich die Herren Erzherzöge lieben? Nein, bei der heiligen Jungfrau, ich liebe ſie nicht. Merken's ſich das, Herr König von Rhätien, ich liebe Sie nicht, ich hab' Sie niemals geliebt, und werd' Sie auch niemals lieben! Ich werde es nicht mehr wagen, um die Liebe Ihrer Majeſtät zu werben, ſagte Johann ernſt, aber ich fordere Gerechtigkeit, fordere noch einmal meine Beſtrafung. Oh ſein's ruhig, rief Franz, Ihre Beſtrafung ſoll Ihnen werden, wenn auch nicht ſo, wie Sie meinen, und erhoffen. Ich werd' Sie nicht in ein Gefängniß ſtecken, Sie nicht bei Waſſer und Brod büßen laſſen für Ihre Schuld, ich werd' Sie auch nicht degradiren, Sie nicht Ihrer Ehren und Würden berauben. Ich werd' nur ein aufmerkſames Auge auf Sie haben, ich werde Sie frei ſchalten und walten laſſen, aber ich 126 werde diejenigen ſtrafen, mit denen Sie umgehen, ich werde Sie immer und immer wieder ſtrafen in Ihren Freunden. Ich weiß, es hängt ſich alles liberale Ge⸗ ſindel an Sie an, und entwirft mit Ihnen gar herr⸗ liche Pläne für die Größe Oeſterreichs und die Be⸗ freiung Deutſchlands nicht blos vom Napoleon, ſondern auch von aller Fürſtengewalt. Machen Sie immer Ihre Pläne, ich gönn' Ihnen das Spielwerk, aber ich werde diejenigen beſtrafen, die es gewagt haben, mit Ihnen zu ſpielen. Merken's ſich das, ich werde Sie bei Tag und Nacht beobachten laſſen, und Jeder, der mit Ihnen ſpricht, der iſt gefährdet, und Jeder, dem Sie Ihre Freundſchaft, Ihr Vertrauen ſchenken, der iſt verloren, der wird gefangen und beſtraft werden, und auf Ihr Gewiſſen, nicht auf Ihre Perſon, falle das Unglück Derer, die Sie in's Verderben geſtürzt haben. Hüten Sie ſich alſo, hüten Sie ſich davor, Freundſchaften zu ſchließen, und Anhänger zu werben, denn Sie verderben diejenigen, denen Sie die Hand drücken, Sie überliefern diejenigen der Gefangenſchaft, die Sie zu Ihren Anhängern machen.— Sie ver— langen Strafe! Oh ja, ſie ſoll Ihnen werden. Sie haben ſo ſehnlich den Krieg mit Frankreich gewünſcht. Nun, es iſt möglich, daß es bald zum Kriege kommt, 127 aber das ſchwöre ich Ihnen, Sie und alle meine Herren Brüder werden nicht Theil haben an dem Krieg, Sie werden ſich keine Lorbeeren erwerben, nicht die alte Scharte auswetzen und Schlachten gewinnen. Sie werden daheim bleiben, Alle mitſammen, und ich werde der Welt beweiſen, daß Oeſterreich auch ſiegen und Schlachten gewinnen kann, ohne die Herren Erzherzöge als Feldherren und Generäle zu haben. Sie verlangen Strafe! Oh ja, ich will Sie ſtrafen. Nicht an Ihnen ſelber, ſondern an allen den Freunden, die auf den Feſtun⸗ gen ſitzen und deren Zahl ſich noch alle Tage vergrößern wird. Strafen auch will ich Sie an den Tyrolern. Wehe ihnen, wenn die Revolution jetzt bei ihnen ihr ſchändlich Haupt erhebt, wenn die Tyroler ſich auf⸗ lehnen gegen ihren rechtmäßigen Herrn, den König von Baiern. Ich werde ihnen nicht beiſtehen, ich werde die aufrühreriſchen Tyroler dem gerechten Zorn ihres Herrn überlaſſen, und auf Ihr Haupt wird das Blut der hingerichteten Empörer kommen!— Nun, mein Herr Bruder, ſind Sie nun zufrieden? Habe ich Sie nun hinlänglich beſtraft? Ja, Ew. Majeſtät haben mich beſtraft, ſagte Johann tonlos und mit vor Zorn und Schmerz zitternden Lippen. Und mein Herr Bruder wird zugeſtehen müſſen, 128 daß er Strafe verdient hat, ſagte Franz, er wird ſogar bekennen müſſen, daß ich ſehr milde gegen ihn geweſen. Denn ich kenne alle Ihre Umtriebe, ich kenne alle Ibre Verbindungen und Abſichten, kenne Ihre Vertrauten, und die Pläne, die Sie mit ihnen entworfen. Ich habe Ihren Briefwechſel mit Ihren Freunden geleſen, und wahrhaftig, darin iſt Stoff, um mehr als zwanzig dieſer Freunde wegen reſpectwidriger Ausdrücke gegen ihren Monarchen, wegen hochverrätheriſcher Pläne auf die Feſtung zu bringen, und zu langer Kerkerhaft zu verurtheilen. Aber ich will ſie nicht alle wiſſen, ich will vorläufig nur die thätigſten und ſchlimmſten Ihrer Freunde, den Hormayr und den Roſchmann ſtrafen. Die Namen der Andern will ich vergeſſen, und ich will Ihnen einen Beweis davon geben! Und der Kaiſer trat zu ſeinem Schreibtiſch und nahm von demſelben ein offenes Portefeuille mit Pa⸗ pieren und Briefſchaften, die er dem Erzherzog darreichte. Hier, ſagte er, nehmen Sie Ihre Papiere wieder an Sich. Ich will keinen Gebrauch davon machen, ich will ſie vergeſſen! Ein Schrei des Entſetzens tönte von Johanns Lippen, mit beiden Händen packte er das Portefeuille und riß es an ſich, und ſtürzte zu dem Fenſter hin, 129 um mit prüfendem Auge das Portefeuille und den Inhalt zu betrachten. Dann ſanken ſeine Arme, die noch immer das Portefeuille hielten, nieder, ein qual volles Stöhnen drang aus ſeiner Bruſt hervor, und leiſe murmelte er: es ſind meine Papiere! Es iſt keine Täuſchung! Sie ſind es! Auf einmal raffte er ſich empor, und mit den Papieren in den Händen, aufgerichteten Hauptes ſchritt er zu dem Kaiſer hin. Im Namen Gottes und ihres eigenen Gewiſſens, ſagte er feierlich und laut, im Namen unſerer Mutter, die uns Beide unter ihrem Herzen getragen, frage ich Sie, nicht den Kaiſer, ſondern Sie, meinen Bruder: von wem haben Sie dieſe meine Papiere erhalten, wer gab ſie Ihnen? Sie verlangen, daß ich Ihnen die Wahrheit ſage? Sie beſtehen darauf, ſie zu wiſſen? fragte der Kaiſer, deſſen Angen unheimlich leuchteten. Ich beſchwöre Sie, mir die Wahrheit zu ſagen. Wer gab Ihnen dieſe Papiere? Nun denn, Sie ſollen die Wahrheit wiſſen, mein Herr Bruder. Ich erhielt dieſes Portefeuille und dieſe Papiere von einer Dame, einer edlen Patriotin, welche ihren Kaiſer und ihr Vaterland mehr liebte als ihren Mühlbach, Erzh. Johann u. Metternich. III. 9 130 eigenen Vater ſogar, von einem hochherzigen Mädchen, die es für ihre heiligſte Pflicht erachtete, ihren Kaiſer zu warnen, und ihm die Beweisſtücke der Gefahr, die ihn bedrohete, zu überliefern. Sagen Sie mir ihren Namen, rief Johann faſt gebieteriſch. Nun, ich will Ihnen den Willen thun, ſagte der Kaiſer ruhig. Sie heißt: Camilla von Roſchmann. Johann taumelte zurück, als habe ein Blitzſtrahl ihn getroffen, das Portefeuille entſank ſeinen Händen, und fiel zur Erde nieder, die großen weit aufgeriſſenen Augen waren ſtarr auf den Kaiſer gerichtet, die blut⸗ loſen, bleichen Lippen waren halb geöffnet, wie zu einem Schrei, große Schweißtropfen traten auf ſeine Stirn, welche zuweilen zuckte und ſich zuſammenzog, wie im innern Krampf der Qual. Die Kaiſerin vermochte es nicht, dies Bild der Schmerzen zu ertragen, ſie ſelber fühlte ſich von Ent⸗ ſetzen erfaßt, fühlte ihr Herz beben, und indem ſie ſich abwandte, rollten zwei Thränen langſam über ihre bleichen Wangen nieder. Der Kaiſer blieb ungerührt. Mit vollkommener Ruhe ertrug er das ſchreckensvolle Anſtarren ſeines Bruders, der für ihn nur ein ſtrafwürdiger Rebell, ein gefähr⸗ licher Aufwiegler war, den er ſtrafen mußte, aber mit dem er kein Mitleid haben durfte. Camilla von Roſchmann? flüſterte Johann nach einer fürchterlichen Pauſe. Sie gab Ihnen die Papiere? Ja, ſie, Camilla von Roſchmann. Ein Zittern durchflog jetzt des Erzherzogs Geſtalt, der ſtarre Blick belebte ſich, das Blut ſchoß in dunkeln Gluthſtrömen in ſeine Wangen, und mit lauter Stimme rief er: nein, und abermals nein! Camilla von Roſch⸗ mann that das nicht. Der Kaiſer zuckte die Achſeln, ging gelaſſen wieder zu ſeinem Schreibtiſch hin, und nahm von demſelben ein rothes Maroquin⸗Etui, das er öffnete, und dem Erzherzog darreichte. Sehen Sie da, ſagte er. Camilla von Roſchmann wird heute Mittag zu mir kommen, um meinen Dank und ihre Belohnung zu empfangen. Sie hat es ver weigert, mit einem Jahrgelde belohnt zu werden. Ich belohne ſie alſo, indem ich ihr dieſen Brillantſchmuck gebe. Oeffnen Sie jenes Medaillon dort, es enthält mein Portrait. Leſen Sie die Umſchrift! Sie lautet: Für Camilla von Roſchmann von ihrem wohlgewoge⸗ nen Kaiſer Franz! Es iſt ſo, murmelte Johann, das von großen 9* 132 Brillanten umgebene Medaillon, das an einer doppel ten Reihe von Zahlperlen befeſtigt war, mit prüfenden Blicken betrachtend. Ja, es iſt ſo! da ſteht es:„Ca— milla von Roſchmann.“— Majeſtät, ſagte er dann heftig und mit raſcher gepreßter Stimme, Sie haben mich Ihre Strenge heute fühlen laſſen, verſchärfen Sie dieſelbe noch, zerſchmettern Sie mein Herz, meine Seele ganz und gar. Ich will Ihnen ein Mittel da⸗ zu angeben. Laſſen Sie mich zugegen ſein, wenn Ca milla von Roſchmann dieſe Belohnung empfängt! Ach, rief der Kaiſer, Sie wollen Zeuge ſein, um das arme Kind nachher bei ihrem Vater zu verklagen, und ſie ihren Landsleuten, den Tyrolern, als eine Verrätherin zu bezeichnen. Ich verbitte mir das, mein Herr. Das junge Mädchen hat, indem ſie mir die ſchändlichen und ſtaatsverbrecheriſchen Pläne ver rieth, nur ihre Pflicht gegen ihren Kaiſer und gegen Oeſterreich erfüllt, ſie hat ſogar ihre kindliche Liebe aus Pflichtgefühl unterdrückt, und um ihren Vater zu retten, hat ſie ihn mir verrathen. Ich habe ihr aber dafür auch gelobt, daß ich ihren Vater, den Sie und Hormayr verführt haben, nicht allzuhart will büßen laſſen, ſondern ihn um ſeiner Tochter willen milde behandeln werde. Ich ſtelle das Mädchen unter mei⸗ nen perſönlichen Schutz, Niemand ſoll ihr etwas an⸗ haben. Aber da Sie ſo ſehr wünſchen, das Mädchen zu ſehen, ſo will ich Ihnen dazu behülflich ſein. Statt, daß ſie hieher kommt, um hier mein Geſchenk entgegen zu nehmen, will ich es ihr ſenden, und Sie ſollen als mein kaiſerlicher Geſandter es ihr überbringen; um der jungen Dame zu beweiſen, wie hoch ich ſie ehre, ſende ich meinen eigenen Herrn Bruder zu ihr. Das iſt beinahe eben ſo viel Ehre, als wenn ich ſie hieher kommen laſſe, und ihr eine Audienz gebe, wozu es mir heute auch an Zeit fehlt. Da, nehmen Sie den Schmuck, mein Herr Bruder, und fahren Sie damit zu Fräulein Camilla von Roſchmann. Sagen Sie ihr nochmals, daß ich ihr ſehr dankbar bin, daß ſie mir und dem Staat einen wirklichen Dienſt geleiſtet hat, und daß ich ihr zum Andenken daran dieſen Schmuck ſende. Da, nehmen Sie das Etui, und eilen Sie meinen Auf⸗ trag auszurichten. Sie ſind entlaſſen, Herr Erzherzog! Der Erzherzog nahm das Etui, und ein Blitz zor— niger Freude flammte über ſein Antlitz hin; er bückte ſich nieder, und raffte das Portefeuille mit den Pa pieren auf, dann verneigte er ſich tief vor der Kaiſerin und wandte nun ſein bleiches entſtelltes Antlitz dem Kaiſer zu. — Ich danke Ew. Majeſtät für gnädige Strafe, mur melte er mit einem ſchmerzlichen Lächeln, und ſich um wendend, ging er ſchwankenden Schrittes, wie ein Trunkener der Thür zu. Es iſt nit gut, daß Ew. Majeſtät ihn gehen laſſen, flüſterte die Kaiſerin, als Johann die Thür hinter ſich zugedrückt hatte. Er ſah ſo zornig und verzweifelt aus, daß man ihn nicht allein laſſen ſollte. Oh, Ma jeſtät, es wäre fürchterlich, wenn er in ſeiner Ver⸗ zweiflung Hand an ſich ſelber legte! Ah bah, rief der Kaiſer achſelzuckend, der Selbſt mord liegt nicht in meiner Familie, ſondern nur die Epilepſie. Und wenn er von der Aufregung wirklich die Krämpfe bekommt, ſo muß er ſich tröſten mit dem Herrn Generaliſſimus, und Gott danken, daß er bis hieher von der Familienkrankheit ſo lange verſchont geblieben. Die Kaiſerin ſchauerte in ſich zuſammen, und er hob ſich aus ihrem Lehnſeſſel. Ich bitte Ew. Majeſtät um Erlaubniß, mich in meine Gemächer zurückziehen zu dürfen, ſagte ſie. Ich fühle mich von dieſer traurigen Scene im tiefſten Herzen angegriffen und erſchüttert, und bedarf der Ruhe. Ja, gehen's immerhin, Frau Kaiſerin, rief Franz, zch ihe. 135 das Stück iſt ja ohnedies zu Ende, der Vorhang iſt gefallen, und die Zuſchauer können nach Hauſe gehen. Ew. Majeſtät wiſſen wohl, daß ich nicht blos Zu⸗ ſchauerin war, ſondern auch eine Rolle zu ſpielen hatte in dieſer traurigen häuslichen Tragödie, ſagte Ludovica leiſe. Ew. Majeſtät verſtehen es, hinzurichten, ohne daß dabei nach außen hin auch nur ein Tropfen Blut vergoſſen wird. Und ich ſage Ew. Majeſtät, wie es vorher der Erzherzog Johann, Ihr unglücklicher, aber edler Bruder gethan: ich danke Ew. Majeſtät für gnä dige Strafe. Sie machte dem Kaiſer eine kalte ceremonielle Verbeugung und verließ dann langſam und ſtolz durch die geheime Tapetenthür das Gemach. Der Kaiſer begleitete ſie nicht. Er blieb mitten in dem Zimmer ſtehen, und ſchaute mit einem ruhigen, lächelnden Blick der ſchönen ſtolzen Geſtalt nach, bis ſie verſchwunden war. Immer empfindſam und ſchwärmeriſch, ſagte er dann achſelzuckend. Hinrichtungen, bei denen kein Tropfen Blut vergoſſen wird! Unſinn! Dann rief er mit lauter Stimme: Herr von Hudeliſt! Die Thür, welche aus dem Kabinet des Kaiſers ———— ———.— —— — ———,—· — 136 in das Conferenzzimmer führte, öffnete ſich, und Hu⸗ deliſt hinkte herein. Nun? fragte der Kaiſer. Haben's Alles gehört? Ja, Majeſtät, rief Hudeliſt, deſſen hochrothes Geſicht vor grimmiger Freude ſtrahlte, ja, ich habe Alles gehört. Ich danke Ew. Majeſtät für die hohe Gnade, daß ich dort im Conferenzzimmer Zeuge dieſer erhabenen Scene war, in welcher Ew. Majeſtät, dem Zeus gleich, die Titanen zerſchmetterte! Ich war Ihnen halt wohl dieſe Genugthuung ſchuldig, ſagte Franz, ihm freundlich zunickend. Sie haben ſich mir in dieſer Sach' als ein treuer, kluger Diener bewährt, und mir manchen guten Rathſchlag gegeben. Ich bin ſehr zufrieden mit Ihnen, haben mich immer gewarnt vor den gefährlichen Umtrieben in Tyrol, haben immer ein aufmerkſames Auge gehabt auf die Herren Brüder, und ihre ſchlimmen Abſichten und Pläne mir allzeit ausgekundſchaftet. Ich will Ihnen das nie vergeſſen, und ernenne Sie jetzt zum Dank zu meinem wirklichen Staatsrath. Herr Graf von Metternich hat ſchon meine Ordre deshalb erhal⸗ ten, und er wird Ihnen noch heute das Patent zu⸗ ſtellen. Und da mir Graf Metternich außerdem geſagt 37 hat, daß es Ihr Wunſch iſt, Ordensritter zu werden, ſo ernenne ich Sie zum Thereſienritter. Oh, Majeſtät, Ihre Gnade macht mich zum Glück⸗ lichſten der Sterblichen, rief Hudeliſt, auf ſeine Kniee niederſtürzend und mit der Demuth eines Sclaven das Gewand des Kaiſers an ſeine Lippen ziehend. Mein ganzes Leben wird nicht ausreichen, Ew. Majeſtät meine grenzenloſe freudige Dankbarkeit zu beweiſen! Bleiben's mir treu und dienſtbar wie bisher, das iſt Alles, was ich verlange. Zuerſt, ſtehen's auf, Hudeliſt, es ziemt ſich nicht für einen ſo vornehmen Herrn, wie Sie's jetzt ſind, vor einem Sterblichen zu knieen. Sie ſind Thereſienritter und Staatsrath! Das iſt ein gar mächtiger Herr, denn er iſt täglich um die Perſon des Kaiſers und hat über alle Geſchäfte zu referiren. Bitt' um Ihre Protection, Herr Staats⸗ rath von Hudeliſt! VIII. DBie Trennung. Camilla war allein in ihrem Zimmer. Sie hatte ſo eben ihre Toilette vollendet, und erwartete den Wagen, um in die Kaiſerburg zu fahren. Denn ihre Weigerung war vergeblich geweſen. In der Frühe des Morgens war ein kaiſerlicher Kammerherr zu ihr gekommen, und hatte im Namen des Monarchen noch mals den Befehl gebracht, pünktlich heute Mittag bei Sr. Majeſtät zu erſcheinen. Der kaiſerliche Kammer herr hatte zugleich gemeldet, daß er genau um die feſtgeſetzte Stunde mit einer kaiſerlichen Equipage ein treffen würde, um Fräulein von Roſchmann abzuholen. Camilla hatte ſich alſo dem kaiſerlichen Befehl fügen und unterwerfen müſſen, und ſie erwartete jetzt die Ankunft des Kammerherrn, um ſich mit ihm in die Kaiſerburg zu begeben. 139 Sie hatte ſich geſchmückt, aber nicht wie zu einer freudigen Veranlaſſung, ſondern wie zu einem Trauer⸗ feſt. Ein ſchwarzes Sammetgewand, eng anſchließend und bis zu dem Halſe hinaufreichend, umhüllte ihre ganze Geſtalt, und ihre ſchöne Büſte. Durch ihr glänzendes ſchwarzes Haar, das in langen Locken zu beiden Seiten ihrer bleichen Wangen niederrollte, hatte ſie eine Schnur köſtlicher Zahlperlen geſchlungen, an welcher auf der Stirn ein kleines Diadem von Bril⸗ lanten ſich erhob. Eine ähnliche Schnur hing über ihren Hals und hielt auf der Bruſt ein Kreuz von großen Brillanten feſt. Der Schmuck der Waldraſter Madonna war jetzt wieder in Camilla's Beſitz über gegangen, denn Dank der Vermittelung Hudeliſt's und ſeiner eigenen ſchlimmen Künſte, hatte Roſchmann jetzt hinlänglich Geldmittel gehabt, um die verpfändeten Schätze wieder einzulöſen, und ſie ſeiner Tochter wie derzugeben. Der Kaiſer ſoll ſehen, daß ich genug von dieſen elenden Steinen und Kleinodien beſitze, ſagte Camilla, indem ſie jetzt mit raſchen heftigen Schritten auf und ab ging, genug um dieſen Flitterſtaat verachten zu können. Ich werde ihm ſagen, daß ich keinen Theil habe an der Verrätherei meines Vaters, denn er weiß 140 es ja, daß mein Vater ein Verräther iſt; vor ihm, vor dem Kaiſer, habe ich nicht nöthig zu ſchweigen, vor ihm nicht! Und ich will auch nicht ſchweigen, ich will alle meine Indignation, meinen Schmerz und meine Verachtung frei ausſprechen, ich— Ein Wagen hielt mit lautem, donnerndem Rollen vor ihrer Thür an, Camilla trat an das Fenſter und ſchaute hinab. Es iſt eine kaiſerliche Equipage, flüſterte ſie, haſtig wieder zurücktretend. Die Stunde iſt alſo gekommen, und es giebt kein Entrinnen mehr, ich muß zum Kaiſer gehen. Ich muß gehorchen! Heftige Schritte näherten ſich jetzt vom Salon her, die Thür ward mit Ungeſtüm aufgeriſſen, und auf der Schwelle erſchien der Erzherzog Johann. Er, murmelte Camilla, zuſammenſchreckend, mein Gott, Er, zu dieſer Stunde! Und mit niedergeſchlagenen Augen that ſie einige Schritte vorwärts, dem Erzherzog entgegen. Er hatte die, Thüren des Salons hinter ſich zu— geſchloſſen, und kam jetzt langſam vorwärts geſchritten. Sie ſah nicht ſeine bleichen, verwilderten Mienen, ſeine zitternden Lippen, aber ſie fühlte die flammenden durch⸗ bohrenden Blicke, mit denen er ſie anſchante, und ſie hm, gen, ich und ein 141 hob langſam und ſchüchtern jetzt das Auge zu ihm empor. Jetzt, wie ſie ihn anſchauete, tönte ein Schrei des Entſetzens von ihren Lippen. Jetzt ſah ſie ihn, ſah dies ſchmerzzerriſſene Angeſicht, ſah dieſen Blick voll zerſchmetternder Verachtung, voll tödtlichen Haſſes, und er traf ihr Herz wie ein Dolchſtoß. Weshalb ſind Sie geſchmückt? fragte er mit rauhem Ton. Was bedeutet es, daß Camilla von Roſchmann ſich ſchmückt wie eine Fürſtin, während ihr Vater im Gefängniß ſchmachtet? Sie ſchwieg und blickte nur flehend, und mit einem Ausdruck ſchmerzlichen Staunens zu ihm auf. Zu welchem Feſte haben Sie Sich geſchmückt? fragte er lauter, gebieteriſcher. Wohin wollten Sie gehen? Antworten Sie mir, wohin wollten Sie gehen? Sie ſchüttelte traurig ihr Haupt. Ich darf es Ihnen nicht ſagen, Hoheit! Sie dürfen nicht, rief er hohnlachend. Nun wohl⸗ an, ſo will ich es Ihnen ſagen. Sie wollen zu mei— nem Herrn Bruder, dem Kaiſer Franz! Nun, ant⸗ worten Sie nur, ich will es, ich befehle es. Iſt es wahr, daß Sie zum Kaiſer wollen? 142 Ja, ſagte ſie ſanft, es iſt wahr. Der Kaiſer hat mir befohlen, zu ihm zu kommen. Der Kaiſer hat ſeinen Willen geändert, rief er rauh. Er will Ihnen den Weg erſparen, und er ſen⸗ det mich zu Ihnen als ſeinen Boten. Ich, Made⸗ moiſelle, ich bin beauftragt, Ihnen den Dank des Kaiſers zu bringen, Ihnen zu ſagen, daß er ſehr ge⸗ rührt iſt von Ihrer Treue und Ihrem Patriotismus, daß er Ihnen Ihr heroiſches Opfer niemals vergeſſen wird. Sie ſchüttelte heftig ihr Haupt. Der Kaiſer hat mir für nichts zu danken, ſagte ſie ungeſtüm. Ich habe nichts gethan, wofür ich ſeinen Dank verdiente. Doch, Mademoiſelle, Sie haben Sich ſehr verdient gemacht um den Kaiſer, und mein gnädiger Herr Bruder iſt dankbar. Er überſendet Ihnen durch mich ein Zeichen ſeiner Dankbarkeit. Er zog unter ſeinem Mantel das Etui hervor und hielt es ihr dar. Nehmen Sie, Mademoiſelle, ſagte er mit ſeiner ironiſchen Kälte, voll verhaltenen glühenden Zornes. Es iſt das Gegengeſchenk des Kaiſers. Er drückte an dem Charnier, daß der Deckel auf⸗ flog, und der funkelnde und blitzende Inhalt ſichtbar ward. ni 143 hat Camilla ſchaute nicht einmal darauf hin, ſie hob nicht die Hand auf, um das Etui in Empfang zu neh⸗ er men, ihre Blicke voll unendlicher Liebe, unendlicher ſen Trauer ruhten unverwandt auf dem Erzherzog. So nehmen Sie doch, Mademoiſelle, rief Johann, des wild mit dem Fuße ſtampfend, ſo nehmen Sie das g Ehrengeſchenk des Kaiſers. us, Nein, ſagte ſie ruhig, nein, ich nehme es nicht an, ſſen ich habe kein Recht auf dieſes Geſchenk. Doch, Sie haben ein Recht auf daſſelbe, und der hat Kaiſer macht kein Hehl daraus, daß er Ihnen ver⸗ c pflichtet iſt. Sehen Sie doch, wie hoch er Sie ehrt und auszeichnet. Sehen Sie, hier in dem Medaillon 5 da ſteht es mit goldenen Lettern:„Für Camilla von Roſchmann von ihrem wohlgewogenen Kaiſer.“ Sie ſehen, der Schmuck gehört Ihnen, nehmen Sie ihn alſo! Nein, wiederholte ſie ſanft, nein, ich nehme ihn nicht. Wenn man dem Kaiſer geſagt hat, daß er mir Dank ſchuldig iſt, ſo hat man ihn getäuſcht, wenn man ihm berichtet hat, ich ſei ihm eine treue und ergebene Unterthanin, ſo hat man ihn hintergangen. Ich habe keinen Anſpruch auf irgend eine Belohnung des Kaiſers. Heuchlerin, rief Johann mit der ganzen Gewalt ſeines ausbrechenden Zorns, Heuchlerin, Du lügſt. Du ind 144 wollteſt jetzt eben zum Kaiſer fahren, um dieſes Ge⸗ ſchenk in Empfang zu nehmen, und jetzt verleugneſt Du es. Du haſt nicht einmal den Muth, Dich zu Deinen Thaten zu bekennen, für den Kaiſer haſt Du Dich geſchmückt, und jetzt vor mir verleugneſt Du ihn, Dich ſelber, Dein— Johann, rief ſie mit ſchmerzlicher Gewalt, Duzweifelſt an mir, Du glaubſt— Ich glaube nicht, ich weiß, unterbrach er ſie unge⸗ ſtüm. Mademoiſelle, ich bin nicht bloß gekommen, um Ihnen das Geſchenk des Kaiſers zu bringen, ich bin auch hier, um mir meine Papiere wieder von Ihnen zurück zu fordern. Seit ich weiß, daß Sie mit dem Kaiſer in Verbindung ſtehen, halte ich ſie nicht mehr bei Ihnen in Sicherheit. Haben Sie alſo die Güte, Mademoiſelle, und geben Sie mir die Papiere zurück, gleich auf der Stelle. Die Papiere, ſagte ſie bleich und bebend, die Papiere wollen Ew. Hoheit wieder haben? Ja, die Papiere. Sie haben mir freilich geſchworen, ſie treu zu bewahren, ihr Daſein Niemanden zu ver rathen, ſie von keinem menſchlichen Ange ſehen zu laſſen, Sie haben mir bei Allem, was Ihnen heilig iſt, gelobt, lieber zu ſterben, als irgend Jemand die 145 Ge⸗ Hand an dieſe Papiere legen zu laſſen, aber es iſt gneſt beſſer, ich nehme ſie zurück. Geben Sie ſie mir alſo, h zu Mademoiſelle, geben Sie mir meine Papiere, und neh Du men Sie dafür das Geſchenk des Kaiſers entgegen. ihn, Nun, was zaudern Sie, Mademoiſelle? Sie haben mir ja geſagt, daß der Verſteck, in dem Sie mein ffelſt Portefeuille mit den Papieren verbargen, ſich hier in dieſem Zimmer befindet. So öffnen Sie ihn alſo, vor unge mir haben Sie ja nicht nöthig, ihn zu verbergen, es men, ſind ja meine Geheimniſſe, meine Papiere, welche darin „ ich enthalten ſind. Oeffnen Sie alſo den Verſteck, und von geben Sie mir meine Papiere! Raſch, Mademoiſelle, Sie Sie ſehen ja, daß ich warte. ſie Ich weiß nicht, ſagte ſie verwirrt, athemlos vor alſo innerer Angſt, ich weiß nicht,— ich glaube, der vier Schlüſſel iſt verlegt, und— Lügnerin, ſchrie Johann, ſieh her, und bekenne prr⸗ Deine Schande! Und mit einer heftigen Bewegung riß er das Portefeuille unter ſeinem Mantel hervor, und hielt es ihr dar. Sieh her, Verrätherin, kennſt Du dies? Sie ſtieß einen herzzerreißenden Schrei aus, und Mühlbach, Erzh. Johann u. Metternich. III. 10 146 taumelte zurück. Das Portefenille, murmelte ſie ent ſetzt, ſein Portefenille mit den Papieren? Ja, mein Portefeuille mit den Papieren, die Du mir bei Allem, was Dir heilig iſt, geſchworen, zu bewahren. Aber Dir iſt nichts heilig, und darum gabſt Du ſie hin für elenden Sündenlohn, darum verkaufteſt Du ſie an den Kaiſer. Er glaubt es! ſchrie ſie entſetzt. Mein Gott, mein Gott, er glaubt es! Ja, Du verkaufteſt meine Geheimniſſe, rief er mit der vollen Gewalt des Zorns. Du verkaufteſt Deinen Vater, weshalb alſo ſollteſt Du zaudern, auch mich zu verkaufen? Du heuchelteſt mir Liebe, um mir meine Geheimniſſe abzulocken, um Dich an mein Herz heran zu ſchleichen, mir wie ein Vampyr meine Geheimniſſe und mein Herzblut auszuſaugen, und dann hinzugehen und mich dem Kaiſer zu verrathen! Er glaubt es, oh, er glaubt es! wiederholte ſie noch einmal, aber leiſe, tonlos; wie zerbrochen von Schmerz ſank ſie vor dem Erzherzog auf ihre Kniee nieder. Er achtete gar nicht darauf. Sein ganzes Weſen war in Aufruhr, ſeine Augen flammten vor Zorn, eine dunkle Gluth brannte auf ſeinen vorher ſo bleichen Wangen, und ein kalter Schweiß bedeckte ſeine Stirn. 147 Ja, fuhr er fort, verrathen haſt Du mich, uns Alle, verrathen haſt Du Dein Vaterland, wie Judas den Heiland verrieth um dreißig Silberlinge. Weißt Du, was Du gethan? Haſt Du bedacht, welchen Jammer, welche Laſt von Unglück und Schmach Dein Verbrechen erzeugen mußte? Weißt Du, daß Du Deinen eigenen Vater in's Gefängniß gebracht haſt, daß er mit jahrelanger Kerkerhaft den Verrath ſeiner Tochter wird büßen müſſen? Du haſt es gethan, um Deinen Vater zu retten vor meinen Verführungen, ſagte mir der Kaiſer, und er hat Dir zum Dank für Deinen Patriotismus gelobt, Deinen Vater nur milde zu ſtrafen, und ihn bald wieder in Freiheit zu ſetzen. Oh, oh, er glaubt es! wiederholte ſie immer wie der, und zu ſeinen Füßen liegend, ganz zerſchmettert und zerbrochen, neigte ſie ihr Haupt, einer Verurtheilten gleich, die bereit iſt, den tödtlichen Streich zu em pfangen. Baue nicht auf die Verſprechungen des Kaiſers, fuhr Johann fort. Er verzeiht niemals, er hat nie mals Erbarmen und Gnade für Diejenigen, welche ihn beleidigt, welche ſich gegen ihn und ſeine Politik auf gelehnt haben. In ſeinen Augen iſt Dein Vater ein Verbrecher, und als Verbrecher wird er ihn beſtrafen, 10* 148 gleichviel, was er Dir verſprochen hat. Du trägſt die Schuld an dem Unglück Deines Vaters, und auf Dein Haupt möge es zurückfallen! Du biſt Schuld an dem Unglück Hormayrs, denn auch er, mein theuer ſter, mein beſter Freund, auch er iſt gefangen und wird die Strafe des Hochverräthers zu erleiden haben. Jeder ſeiner Seufzer möge Dich anklagen, jede ſeiner qualvollen Stunden werde ein Vorwurf für Dich! Du biſt Schuld, wenn jetzt der ſo lange vorbereitete Auf⸗ ſtand in Tyrol, deſſen Ausbruch man nicht mehr ver hindern kann, mit Gewalt unterdrückt wird. Auf Dein Haupt komme das Blut der Märtyrer, die man jetzt wieder um der Treue und der Liebe zu ihrem Vaterlande willen als Aufrührer, Empörer und Hoch verräther hinrichten wird, auf Dein Haupt die Thrä nen der verlaſſenen Weiber und Kinder, die Schmerzens ſeufzer der Eingekerkerten. Du, Du allein, verräthe riſches Weib, Du trägſt die Schuld an dem neuen blutigen Unglück Tyrols, und endlich biſt Du Schuld, daß ich jetzt daſtehe als ein elender, unglücklicher Mann, dem auf Erden keine Hoffnung, keine Ausſicht, kein Wunſch mehr geblieben. Du haſt Alles zerſchmet— tert, was ich erhoffte und erſtrebte, haſt alle meine Pläne zerſtört, haſt mir meinen Glauben au die Zu⸗ 149 kunft, mein Vertrauen zu der Menſchheit zerſtört. Wie ein Schulknabe bin ich geſcholten und verhöhnt worden,— Du trägſt die Schuld daran! Meine letzte Hoffnung auf, Glück haſt Du zerſchmettert, haſt mich verrathen, haſt mich betrogen, haſt mein Herz ge brochen! Das Alles haſt Du gethan, Du, die ich ſo ſehr liebte, daß ich Dir grenzenlos vertraute, daß ich auf Dich hoffte, wie auf den letzten Stern meines Le⸗ bens! Es iſt vorbei, Alles vorbei! Geh' hin, Ver rätherin, und freue Dich Deines Triumphes. Dein Plan iſt geglückt, Du haſt uns Alle verrathen und elend gemacht. Auf Dein Haupt unſer Unglück und unſere Schmach! Im Namen Tyrol's, im Namen meiner Freunde, im Namen meiner Liebe, die Du unter die Füße getreten, fluche ich Dir, und rufe den Zorn Gottes hernieder auf Dein ſchuldiges Haupt! Das iſt mein Lebewohl für immerdar! Er warf das Etui mit den Brillanten zu ihren Füßen hin, und wandte ſich nach der Thür hin. Johann, rief ſie mit einem Schmerzensſchrei, bleibe, verlaß mich nicht! Höre mich!— Sie flog von ihren Knieen empor, und ſtürzte ihm nach, und umklammerte ſeinen Arm, und zog ihn zurück von der Thür. Aber er ſchleuderte mit wildem Ungeſtüm ihre 150 Hände fort, und ſtieß ſie zurück in das Zimmer. Be rühre mich nicht! ſchrie er wild. Falle nieder auf Deine Kniee, und bete zu Gott, daß er Dir vergeben möge! Ich vergebe Dir nicht! Nun riß er die Thür auf, und ſtürzte fort. Sie ſtand mitten im Zimmer, und lauſchte auf ſeinen ent eilenden Schritt, dann ſtürzte ſie zum Fenſter hin und blickte hinab. Sie ſah, wie er auf die Straße hinaus trat, wie er hinein ſprang in die Kutſche, wie die La kaien die Thür ſchloſſen, und ein lautes Stöhnen und Schluchzen drang aus ihrer Bruſt hervor. Nun rollte der Wagen donnernd dahin. Er iſt fort, ſchrie ſie, ich werde ihn niemals wiederſehen! Sie taumelte vom Fenſter zurück, ihre wirren Blicke ſchweiften durch das Zimmer, als ſuchten ſie da noch immer nach ihm, als könne ſie es nicht faſſen, daß er ſie wirklich verlaſſen, wirklich aufgegeben habe! Jetzt hafteten ihre Blicke auf dem Bilde ihrer Mutter, es ſchien ihr zu winken, ihr zuzulächeln, ſie zu rufen. Camilla ſtürzte zu ihm hin, und vor dem Bilde auf die Kniee ſinkend, rief ſie: Meine Mutter, ich habe meinen Schwur erfüllt. Ich habe Alles verlaſſen und hingegeben um meines Vaters willen! Er hat mein Herz gebrochen, wie er das Deine, gebrochen hat. und naus La und iſt 151 Jetzt habe Erbarmen! Jetzt gieb, daß mich der Schmerz tödtet, wie er Dich getödtet hat! Während Camilla ſo zu dem Bilde ihrer Mutter flehte, rollte die Equipage des Erzherzogs durch die Straßen dahin; die Leute, welche ſie erkannten, blieben ſtehen, und zogen ehrerbietig den Hut, aber der Erz herzog dankte ihnen nicht, er lehnte ſich nicht, wie er es ſonſt pflegte, an das offene Fenſter und grüßte mit einem freundlichen Lächeln und einem Winken der Hand die vorübergehenden Bekannten. Die Fenſter ſeines Wagens waren emporgezogen, nicht ein Mal erſchien ſein Angeſicht hinter den Schei⸗ ben, und als der Wagen vor ſeinem Palais hielt, und die Diener den Schlag öffneten, lag der Erzherzog bleich wie ein ſchon Geſtorbener, beſinnungslos in den Kiſſen. Man trug ihn in ſeine Gemächer, man rief die Aerzte. Es gelang ihnen endlich, ihn wieder zum Leben zu er wecken, er ſchlug die Augen wieder auf, aber ſein Blick war wirr, er öffnete die Lippen wieder, er ſprach und lachte, aber ſeine Worte waren ohne Zuſammenhang und Sinn, und nur das Delirium des Nervenfiebers ſprach und lachte aus ihm. IX. Der Triumph der Diplomatie. 4 Ich komme, um Ew. Excellenz zu danken und Ihnen zu gratuliren, rief Hudeliſt, mit freudeſtrah⸗ lendem Geſicht in das Cabinet des Grafen Metternich 1 eintretend. Zuerſt meinen Dank! Ew. Excellenz haben gnädigſt Wort gehalten, Sie haben meinem unaus⸗ ſtehlich langen Titel zu einer Abkürzung verholfen, und meinem leeren Knopfloch endlich eine würdige Decora⸗ V tion verſchafft. Se. Majeſtät hat mir ſo eben geſagt, daß er mich auf Ihren Vorſchlag zum Thereſienritter ernennt. V Ich gratulire, mein Herr Staatsrath, ſagte Met⸗ ternich mit einem leichten Kopfnicken. Es iſt immer Etwas um ein decorirtes Knopfloch, und man glaubt nicht, wie viele Mängel und Gebrechen ſich mit einem Ordenskreuz und einer Viertelelle Band zudecken laſſen. 153 Ich gratulire nochmals von Herzen, aber ich bin neu⸗ gierig zu erfahren, weshalb Sie mir gratuliren wollen. Zu Ihrem Siege will ich Ihnen gratuliren, Ex⸗ cellenz, zu dem Triumph, den Sie heute feiern, nicht blos über den Erzherzog Johann, ſondern über alle Prinzen des kaiſerlichen Hauſes. Sie ſind jetzt Alle bei Seite geſchoben und unwirkſam gemacht; der Kaiſer ſieht jetzt endlich ein, daß die Prinzen ſeine beſtändigen Feinde und Gegner geweſen, er mißtraut ihnen Allen; Keiner von ihnen wird mehr Einfluß haben, am aller⸗ wenigſten aber der Erzherzog Johann. Der iſt auf immer abgethan und beſeitigt, der Kaiſer wird ihm nie⸗ mals wieder vertrauen und ihm das Königreich Rhä— tien niemals vergeben. Und dazu gratuliren Sie mir? fragte Metternich achſelzuckend. Beklagen ſollten Sie mich vielmehr, daß es mir nicht hat gelingen wollen, den Erzherzog mir zum Freund und Bundesgenoſſen zu erwerben. Er iſt ein hochherziger, ehrenfeſter und edler Charakter, und ich würde mich durch ſeine Freundſchaft beglückt, durch ſeine Mitwirkung in dem Dienſt des Vaterlandes ge⸗ hoben und begeiſtert gefühlt haben, und mit vereinten Kräften würden wir Beide Großes vollbracht haben. Denn der Erzherzog iſt nicht blos ein edler Charakter, 154 ſondern auch ein hochbegabter Menſch, ein ebenſo tief ſinniger Gelehrter, als ein praktiſcher Geſchäftsmann; er wäre der ausgezeichnetſte Kriegsminiſter geweſen, und zugleich der tapferſte General, und die Künſte und die Induſtrie würden unter ſeiner Leitung einen neuen Aufſchwung genommen haben. Wahrhaftig, Excellenz, rief Hudeliſt verdrießlich, wenn man Ihre Lobeshymnen hört, müßte man faſt bereuen, ſo viele Anſtrengungen gemacht zu haben, um Ihnen den Gegner und Feind aus dem Wege zu räumen, und dieſe ganze große Intrigue mit dem Königreich Rhätien und der furchtbaren Tyroler Ver ſchwörung iſt dann von unſerer Seite eine Nichtswür digkeit, der man ſich zu ſchämen hat. Ich ſage auch nicht, daß man ſich derſelben freuen und Lob dafür erwarten ſoll, ſagte Metternich achſel zuckend. Viele Dinge muß man geſchehen laſſen, weil ſie nothwendig ſind, aber man kann ſie deshalb auch nicht gut, nicht lobenswerth finden. Herrn von Roſch manns Judasdienſt war auch eine Nothwendigkeit, aber der Himmel bewahre mich davor, daß ich dieſelbe billigen, oder auch nur entſchuldigen könnte. Er hat gehandelt wie ein ganz erbärmlicher, ehrloſer Menſch, ein nichtswürdiger Verräther, und wenn ich ihn auch ſ ich — ₰ De als Werkzeug, das ſich gut gebrauchen ließ, belohnen und beloben muß, ſo werde ich ihn als Mann doch von Grund meines Herzens verachten. Ja, es iſt wahr, lachte Hudeliſt, er hat ſeine Judasrolle mit wunderbarem Geſchick geſpielt, und es verſtanden, den Erzherzog Johann immer tiefer in die Netze zu verſtricken, die er gezogen. Man muß es dem Roſchmann nachrühmen, daß er es verſtanden, aus einer Mücke einen Elephanten zu machen, und die phantaſtiſchen Träume des Erzherzogs in hochverräthe riſche Wirklichkeit zu verwandeln. Und zum Dank da⸗ für muß ſich der liebe Judas nun wie ein Verbrecher erſt einige Wochen verkriechen, ehe er die Früchte ſeiner Thaten ernten kann. Nun, das iſt wenigſtens doch eine kleine Strafe für ſeine Verrätherei, ich gönne ſie ihm von Herzen, und ich wünſchte, es wäre auch nachher nicht nöthig, ihn zu belohnen und aus ſeiner Dunkelheit wieder an das Tageslicht hervorzuziehen. Der Kaiſer wird ſich aber das nicht nehmen laſſen, rief Hudeliſt mit einem höhniſchen Grinſen. Der gute edle Kaiſer hat ſich wirklich von Roſchmanns Künſten täuſchen laſſen, und glaubt alles Ernſtes, daß Roſch mann lediglich aus Pflichtgefühl und Liebe zu ſeiner 156 Perſon ihm Alles verrathen habe, er hält Alles, was Roſchmann ihm geſagt, für lauter und ächt. Ich war dabei, als Roſchmann von ihm ſeine letzten Inſtruc⸗ tionen erhielt, ehe er hinging, um ſeine bisherigen Freunde verhaften zu laſſen. Der Kaiſer dankte dem Roſchmann und ſagte:„Laſſen Sie ſich durch nichts irre machen, Roſchmann. Niemals vergeſſe ich, wel chen ſchwierigen und gefährlichen Dienſt Sie mir ge⸗ leiſtet haben. Wenn alle Welt wider Sie iſt, ſo werde ich für Sie ſein.*) Und das Allerſchlimmſte iſt, man darf den guten Monarchen nicht enttäuſchen, und ihm nicht ſagen, daß der Roſchmann ein erbärm⸗ licher Kerl iſt, der Alles ſelbſt angezettelt und in Gang gebracht hat, was er jetzt als das Verbrechen Anderer darſtellt. Nein, man darf den Kaiſer nicht enttäuſchen, ſagte Metternich gedankenvoll. Ich beklage es, aber es iſt ſo. Wenn ich meine Pläne durchführen, meine Stel⸗ lung behaupten wollte, mußte ich befreit werden von die⸗ ſen unruhigen Prinzen, die ſtets mein Wollen hemmten, meine Wege durchkreuzten. Sie oder ich, das war die Loſung, und da der Kaiſer mir die Leitung der *) Des Kaiſers eigene Worte. Siehe: Lebensbilder. II. 444. 157 Staatsgeſchäfte anvertraut hat, ſo mußten ſie, die Prinzen, mir Raum geben, damit ich nicht gehemmt werde in der Durchführung meiner ohnedies ſchon gar ſchwierigen Stellung. Es iſt meine Ueberzeugung als redlicher Mann und Politiker, daß es für Oeſterreich zum Unheil geweſen wäre, wenn wir jetzt ſchon durch das Ausbrechen des Tyroler Aufſtandes wären ge⸗ zwungen worden, einen entſcheidenden Schritt zu thun, und entweder uns für den Aufſtand und gegen Frankreich zu erklären, oder ihn mit offener Gewalt niederzuſchmettern, als Frankreichs erklärte Freunde alle geheimen Unterhandlungen mit den Verbündeten abzubrechen, und den Krieg gegen ſie als Frankreichs Bundesgenoſſe aufzunehmen. Beide Eventualitäten vermeiden wir durch dieſen kleinen Staatsſtreich. Wir machen dadurch unſere jetzigen, etwas mißtrauiſch ge⸗ wordenen Bundesgenoſſen ſicher, können mit der Hülle dieſes kleinen Staatsſtreichs allerlei bedecken, und ge winnen Zeit, in der Stille mit Denen zu verhandeln, die jetzt noch unſere Gegner ſind, die wir aber viel leicht bald ſchon unſere Freunde und Bundesgenoſſen nennen werden, wenn Ihre und meine vereinten Be mühungen die Pläne gereift haben, deren Saamen aus den Schneeſteppen Rußlands zu uns herübergeflogen 158 iſt, und die nun vielleicht bald als volle reife Frucht uns zur That befähigen werden. Laſſen Sie uns daran arbeiten, mein lieber Staatsrath und Ritter von Hudeliſt, laſſen Sie uns, unſeren Principien getreu, ſtets nur das Wohl Oeſterreichs und unſeres Kaiſers im Auge haben, und deshalb bemüht ſein, Oeſterreich, ſo lange es in unſerer Macht ſteht, vor den Gefahren und unberechnenbaren Wechſelfällen eines Krieges mit Frankreich zu behüten. Ja, thun wir das, Excellenz, ſagte Hudeliſt, an meinem Eifer und meiner Bereitwilligkeit ſoll es nicht fehlen, und meine Schuld ſoll es nicht ſein, wenn der Herr Graf von Metternich ſich nicht bald in einen Fürſten Metternich verklärt. Aber jetzt bitte ich Ew. Excellenz mich beurlauben zu dürfen. Ich kam nur, um Ew. Excellenz meinen Dank zu ſagen, und jetzt will ich gehen, um dem guten Judas Roſchmann in ſeinem Verſteck einen Beſuch zu machen, und ihm ſeine eingelöſten Wechſel als Troſt und Schmerzensgeld in ſeiner Einſamkeit zu überreichen. Gehen Sie, ſagte Metternich freundlich, aber hüten Sie ſich wohl, dem Herrn von Roſchmann von mir einen Gruß zu ſagen. Uebrigens, mein lieber Staats rath, werden Sie heute noch von mir hören. Sie in 159 wiſſen, ich bin ein ziemlich guter Schauſpieler, und ich gedenke heute mit den Geſandten von Frankreich, Baiern und Würtemberg eine allerliebſte Scène dra- matique aufzuführen. Ich habe ſie zu dieſem Zweck herbeſchieden, und die Herren werden bald hier ſein. Welch ein Jammer für mich, daß ich nicht dabei ſein kann, Excellenz, und als dankbares entzücktes Publikum Ihnen mein Bravo Braviſſimo zurufen darf. Aber ich füge mich der Nothwendigkeit, und bitte Ew. Ex⸗ cellenz, mir zum Abſchied die ſchöne Hand reichen zu wollen, die mit ſo wundervoller Grazie die Geſchicke Oeſterreichs zu lenken verſteht. Leben Sie wohl, mein lieber Staatsrath, ſagte Metternich, indem er ſeine weiße zarte Hand in Hu— deliſt's große dunkelrothe Hand mit den gekrümmten Fingern legte und ihn bis zur Thür geleitete. Kaum aber hatte Hudeliſt das Zimmer verlaſſen, als Metternich haſtig zu dem Marmortiſch eilte, und aus dem koſtbaren goldenen Neceſſaire, das auf dem— ſelben ſtand, eine der Flaſchen hervorzog, deren In halt ſich über die Hand goß, und mit dem batiſtenen Taſchentuch eifrig die Hand zu waſchen und abzureiben begann. Der große und geiſtreiche Falſtaff hat geſagt: wer 160 Pech anfaßt, beſudelt ſich, ſagte Metternich leiſe vor ſich hin, während er jeden einzelnen ſeiner ſchlanken Finger eifrig mit der köſtlich duftenden Flüſſigkeit ab rieb, aber mich dünkt, dieſer Menſch, der Hudeliſt, iſt noch ſchlimmer als Pech, und wer ihn anfaßt, verun ehrt ſich. Wahrhaftig, mich dünkt, meine ganze Hand riecht nach Schwefel und brennt wie Feuer, als wenn der Teufel in eigener Perſon ſie berührt hätte, und eben erſt hier aus dem Zimmer ausgefahren wäre. Puh, die Luft iſt noch ganz trübe und dumpfig davon hier, und ein wahres Glück iſt es, daß meine aller liebſte theure Fürſtin Bagration mir nicht heute Mor gen einen Beſuch macht. Sie würde behaupten, daß ſie Recht hat, wenn ſie mich immer einen eingefleiſchten Teufel nennt, der alle Weiberſeelen verführt, und für ſich gewinnt, und daß Die Thür des Vorſaals ward eben geöffnet, und der Diener meldete, daß der Baron von Lebzeltern um eine Audienz bitte. Metternich befahl mit ungewohnter Lebhaftigkeit, ihn eintreten zu laſſen, und ging dem Baron bis an die Thür entgegen. Endlich, rief er, Herrn von Lebzeltern ſeine Hand entgegenſtreckend und ſie herzlich drückend, endlich ſind 161 Sie da! Ich habe Sie ſeit vierundzwanzig Stunden mit der größten Ungeduld erwartet, und bin doch jetzt von Ihrem Kommen wie von einer unerwarteten Neuigkeit überraſcht. Nun, reden Sie, Baron. Sie haben den Kaiſer Alexander geſprochen? Ja, Excellenz, ich habe den Kaiſer Alexander mehr⸗ mals geſprochen, insgeheim, ganz ohne Zeugen, und auch im Beiſein ſeines Miniſters, des Grafen von Neſſelrode, der ſich bei dem Kaiſer in Kaliſch befindet. Er nahm Sie gnädig auf, und ging darauf ein, Oeſterreich als vermittelnde Macht anzuerkennen? Der Kaiſer äußerte mir ſein Bedauern, daß Oeſter— reich es nicht lieber vorgezogen, ſich die geraubten Provinzen wieder zu erobern, und durch ſeinen offenen Beitritt zur Coalition der Verbündeten den Krieg ſo— fort zu einem entſcheidenden zu machen. Ich ſetzte ihm offen und ausführlich die Beweggründe ausein⸗ ander, welche Ew. Excellenz leiteten und Sie beſtimmten, vorläufig noch ſich zu beſtreben, ſich den Frieden mit Frankreich zu erhalten. Der Kaiſer hörte mir auf⸗ merkſam zu. Er lächelte, als ich ihm ſagte, Oeſter⸗ reich wolle den Frieden mit aller ſeiner Kraft zu ver— mitteln ſuchen, und daß Ew. Excellenz eine neue Recrutenaushebung für nöthig halten, um durch voll⸗ Mühlbach, Erzh. Johann u. Metternich. III. 11 — 162 ſtändige Bewaffnung die Herſtellung des Friedens um ſo ſicherer zu erreichen. Er erklärte ſich darauf ein— verſtanden, daß Oeſterreich das Geſchäft eines Friedens unterhändlers beginne, und es ſo lange fortführe, bis die Bewaffnung vollendet, und Oeſterreich vollkommen gerüſtet und befähigt ſei, einen entſcheidenden Schritt zu thun und aus ſeiner Vermittlerrolle in die eines thätig Eingreifenden und Handelnden überzugehen. Der Kaiſer iſt demzufolge ganz damit einverſtanden, daß Ew. Excellenz die Friedensunterhandlungen mit Frankreich, England und Rußland beginnen, und ſo lange fortführen, als es Ew. Excellenz nothwendig er ſcheint. Er ermächtigt Ew. Excellenz, dies Frankreich anzuzeigen, und demſelben zu verſichern, daß Rußland gern geneigt ſei, die öſterreichiſche Vermittelung anzu nehmen, und den Frieden, ſo viel es ſich mit ſeiner eigenen Ehre und den Intereſſen ſeiner Alliirten ver⸗ einigen laſſe, zu ermöglichen.. Vortrefflich, rief Metternich. Das iſt Alies, was wir vor der Hand gebrauchen, um unſern mißtrauiſchen Alliirten zu beruhigen und uns vorläufig die Ruhe zu ſichern.— Und jetzt, Herr Baron, jetzt, da Sie mir die Uebereinkunft mitgetheilt, die wir in Betreff der Friedensunterhandlungen getroffen, jetzt bitte ich Sie, 163 mir zu ſagen, was Sie mit dem Kaiſer insgeheim be— ſprochen haben, und was für Offerten er uns macht auf den Fall, daß wir den Frieden nicht vermitteln, ſondern uns ſelbſt auf eine oder die andere Weiſe ent ſcheiden müſſen. Excellenz, der Kaiſer Alexander wünſcht den Bei⸗ tritt Oeſterreichs auf das Lebhafteſte, und will Alles thun, um denſelben zu ermöglichen. Er kennt die Finanznoth Oeſterreichs, und beeilte ſich daher, Ew. Excellenz auf den Fall, daß Oeſterreich ſofort als Rußlands Alliirter dem Kriege beitreten will, für Oeſterreich zehn Millionen Subſidien zu zahlen. Er wird ferner Oeſterreich in Polen und Galizien Terrain zu verſchaffen ſuchen, und ſich ihm mit ſeinen Truppen nahen, während Oeſterreich, unter dem Vorwande, ſeine Grenzen zu ſchützen, ein Armeecorps ſo weit als möglich nach Galizien vorſchiebt. Der Kaiſer ermäch⸗ tigte den Grafen Neſſelrode, dieſe geheime Uebereinkunft auf dem Papier feſtzuſtellen. Und das iſt geſchehen? Ja, Excellenz, ich habe die Ehre, Ihnen dieſe ge⸗ heime Uebereinkunft, vom Grafen Neſſelrode und von mir unterzeichnet, zu überbringen. Und der Baron von Lebzeltern zog ein Papier 11* — —— —— 164 aus ſeinem Buſen hervor, und reichte es dem Mi— niſter dar. Metternich nahm es, und nachdem er es entfaltet, betrachtete er zuerſt die beiden Unterſchriften, und das große ruſſiſche Staatsſiegel, das dem Namen des Miniſters beigefügt war, dann begann er mit lauter Stimme zu leſen: „Geheime Uebereinkunft zwiſchen Oeſterreich und Rußland, geſchloſſen durch den Grafen Neſſelrode und den Baron von Lebzeltern zu Kaliſch am ſiebenten März 1813.“ „Die Armee Sr. Majeſtät des Kaiſers von Ruß⸗ land wird ihre Corps vorſchieben nach den rechten und linken Flanken des öſterreichiſchen Corps, welches gegen wärtig auf dem rechten Ufer der Weichſel die Linie einnimmt, die ihm in dem letzten Waffenſtillſtand ge⸗ ſichert worden.“ „Der ruſſiſche General, welcher die vorbenannten Corps commandirt, wird gegen den öſterreichiſchen commandirenden General den Wafeenſtillſtand aufkün digen, und dieſe Aufkündigung ausdrücklich dadurch mo— tiviren, daß die Alliirten ſich in der Unmöglichkeit be— fänden, auf ihren Flanken und in ihrem Rücken einen Heerd der Bewegung und Inſurrection. zu haben, wie 165 es die polniſche Armee unter dem Befehl des Fürſten Poniatowski unzweifelhaft iſt.“ „Dieſe Aufkündigung wird in den erſten Tagen des April ſtatt haben.“ „Die beiden ruſſiſchen Corps werden ſich in einer Stärke annähern, welche der des öſterreichiſchen Corps gleich kommt, einer Stärke von dreißigtauſend Mann.“ „Der Generallieutenant von Frimont wird Befehl erhalten, ſeinen Rückzug auf dem rechten Ufer der Weichſel vorzubereiten und auszuführen; er wird Poſten in Krakau, Opatowica und Sandomir beibehalten.“ „Wenn der Rückzug beinah vollbracht iſt, werden die öſterreichiſchen und ruſſiſchen Generäle auf's Neue einen Waffenſtillſtand auf unbeſtimmte Zeit und mit vierzehn— tägiger Aufkündigung abſchließen, demzufolge die Oeſter⸗ reicher die Städte Krakau und Sandomir und den Poſten von Opatowica mit einem hinreichenden Rayon als Brückenkopf auf dem linken Ufer des Fluſſes vor dieſen drei Punkten erhalten.“ „Die gegenwärtige Transaction ſoll auf immer ein Geheimniß zwiſchen den beiden kaiſerlichen Höfen blei— ben, und darf von einer oder der andern Seite nur allein dem König von Preußen mitgetheilt werden.“ 166 Gezeichnet„Graf von Neſſelrode und Baron von Leb⸗ zeltern.“*) Vortrefflich, ſagte Metternich freudig, jetzt können wir der Zukunft mit Ruhe entgegen ſehen, und ſind auf beiden Seiten gedeckt. Ich danke Ihnen, mein lieber Baron, Sie haben meine Idee auf das Schönſte ausgeführt, und Se. Majeſtät wird ſehr mit Ihnen zufrieden ſein. Ich brauche Ihnen nicht zu ſagen, daß wir das ſtrengſte Geheimniß über dieſen hochwich⸗ tigen Gegenſtand bewahren müſſen, Sie haben das hier mit Ihrer eigenen Unterſchrift garantirt, und als Mann von Ehre werden Sie Ihr Wort halten. Alles kommt darauf an, daß wir den feinen Spürnaſen der franzöſiſchen Diplomaten dieſe Uebereinkunft mit Ruß⸗— land verborgen halten. Noch muß ein undurchdring⸗ licher Schleier jeden unſerer Schritte verdecken, und unſer Liebesbündniß mit Rußland muß gleich dem Bunde des Zeus und der Jo uns Beide vor den Augen Frankreichs mit einer Wolke umhüllen und uns unſichtbar machen. Aber vielleicht iſt die Zeit nicht mehr fern, wo wir ſelber dieſe Wolke zerreißen, und *) Dieſe merkwürdige Uebereinkunft findet ſich in: Hormayr Lebensbilder III. 474. 167 uns in unſerer wahren Geſtalt zeigen können. Bis dahin bleiben wir officiell die Freunde Frankreichs. Ein leiſes Klopfen an der Thür der Antichambre ward hörbar, und der Kammerdiener des Grafen trat ein. Ew. Excellenz, meldete er, der franzöſiſche Ge⸗ ſandte, Graf von Otto, wünſcht dem Herrn Miniſter ſeinen Beſuch zu machen. Führen Sie Se. Excellenz in den kleinen Salon, und melden Sie, daß ich ſogleich erſcheinen werde. Sobald die Geſandten von Würtemberg und Baiern anlangen, laſſen Sie ſie eintreten! Ja, ja, mein lieber Baron, flüſterte Metternich, ſich lächelnd an Herrn von Lebzeltern wendend, man muß mit doppelten Rudern ſteuern, damit man zur Rechten und zur Linken ausbiegen kann. Wie heißt Hat man es doch in Gretry's allerliebſter Oper: doppelt angeſpannt, kommt man leichter durch den Sand.“ Sie ſehen, ich habe doppelt angeſpannt, und mit der geheimen Uebereinkunft, die Sie mir ſo eben gebracht, und mit der Freundſchaft Frankreichs und der Rheinbundfürſten auf der andern Seite hoffe ich Oeſter⸗ reich glücklich durch den hemmenden Sand hindurch zu —-:———— 4 168 fahren. Addio, mein lieber glückgekrönter Unterhändler! Ich muß zu meinem Geſandten! Er warf dem Baron von Lebzeltern mit den Finger⸗ ſpitzen einen Kuß zu, und während dieſer in den Vor⸗ ſaal zurückging, eilte Metternich durch die Tapetenthür in den kleinen Salon, in welchem der Graf Otto ihn erwartete. Mit einem ſtrahlenden Lächeln ſchritt er zu dem franzöſiſchen Botſchafter hin, um ihn mit herzlichen und zärtlichen Worten zu begrüßen, und ihm zu danken, daß er die Güte gehabt, ſeiner Einladung ſo pünktlich Folge zu leiſten. Faſt zu pünktlich, ſagte Graf Otto ernſt, es fehlen noch zehn Minuten an der Stunde, welche Ew. Excellenz feſtgeſetzt hatten. Aber ich wünſchte vor der Ankunft der beiden andern Herren Geſandten mir noch einige Minuten des Alleinſeins mit Ew. Excellenz zu er obern. Ich muß mir erlauben, an Ew. Excellenz eine Frage zu richten., Ich bitte, Herr Graf, fragen Sie, und ſeien Sie im Voraus meiner ehrlichen und aufrichtigen Antwort gewiß. Nun denn, Excellenz: iſt es wahr, daß der Kaiſer 3 1 ür 169 von Oeſterreich in einem Kabinetsbefehl demnächſt eine neue Recrutirung der Armee anbefehlen wird? Gewiß iſt es wahr, Herr Graf, Oeſterreich bedarf der Truppen, um ſeinen kriegführenden Bundesgenoſſen wirkſam zu unterſtützen. Das heißt, rief Graf Otto, Oeſterreich will ſein Heer verſtärken und verdoppeln, es bereitet ſich auf einen Krieg vor, indem es mit gewaltiger Macht ein⸗ ſchreiten wird, und ſagt doch zugleich, daß es den Frieden vermitteln will. Ja, es will den Frieden vermitteln, ſagte Metter⸗ nich ruhig, einer bewaffneten Vermittelung aber wird man mehr Gehör ſchenken, denn Rußland und England werden ſofort erkennen müſſen, daß der gerüſtete Ver— mittler jeden Tag in ihren kriegsbereiten Feind ſich umwandeln kann. Vorausgeſetzt, daß dieſer gerüſtete Vermittler ſich nicht in den kriegsbereiten Feind Frankreichs umwandelt, rief Graf Otto ungeſtüm. Ach, Herr Graf, welch ein Verdacht, ſagte Metter⸗ nich achſelzuckend. Wir können niemals wieder der Feind Frankreichs werden. Unſere eigenen Intereſſen verbieten es uns. Unſere Allianz mit Frankreich iſt uns ſo nothwendig, daß, wenn Sie dieſelbe heute 170 brechen, wir uns morgen bemühen würden, ſie mit ol Ihnen unter denſelben Bedingungen wieder herzuſtellen. zur Frankreich hat uns viel Unheil zugefügt, aber unſer 1 Intereſſe befiehlt uns, die Vergangenheit zu vergeſſen. So Unſere jetzige Allianz war ja nicht das Reſultat eines Kriegs, oder eine Friedensbedingung wie die von Tilſit; wie ſie iſt das Ergebniß einer reiflichen Ueberlegung, ſie Ve wurde durch allmälige und freiwillige Annäherungen R 1 vorbereitet. Nehmen Sie dieſelbe daher als Thatſache u an, und betrachten Sie es als eine unbeſtreitbare ber Wahrheit, daß wir die treuen und unablösbaren Bun⸗ u desgenoſſen Frankreichs ſind, und mit unſern jetzigen di Vermittelungs-Verſuchen nur Ihr Beſtes im Auge A haben.*) re Ich danke Ihnen, Excellenz, Sie haben mich voll— d kommen beruhigt, rief Graf Otto freudig. Jetzt er laube ich mir nur noch eine Frage: iſt es wahr, daß Herr von Lebzeltern von ſeiner Sendung an den Kaiſer 4 Alexander zurückgekehrt iſt? Ah, ich mache Ihnen mein Compliment, ſagte Metternich lächelnd, Ihre Polizei bedient Sie wunder⸗ *) Dieſe ganze Rede enthält nur Metternich's eigene Worte. Siehe: Lebensbilder III. 470. voll! Ja, Herr von Lebzeltern iſt ſeit einer Stunde zurückgekehrt, und ſtattete mir eben ſeinen Bericht ab. Und wollen Ew. Excellenz mir das Reſultat ſeiner Sendung mittheilen? Gewiß, mein lieber Graf. Das Reſultat iſt, wie wir es erwartet hatten. Rußland nimmt Oeſterreichs Vermittelung für den Frieden an. Der Kaiſer von Rußland bedauert, daß Oeſterreich den günſtigen Zeit⸗ punct zur Wiedereroberung ſeiner Verluſte nicht hat benutzen wollen; er achtet aber unſere Beweggründe, und verſichert, er ſelber habe keinen andern Zweck als die Wiederherſtellung der Ruhe von Europa, und den Abſchluß eines allgemeinen Friedens. Da aber Oeſter⸗ reichs Syſtem ſo beſtimmt entſchieden ſei, verſichert der Kaiſer Alexander, keinen weitern Verſuch zu wagen, um uns dieſem Syſtem abwendig machen zu wollen. Und Rußland hat in der That keinen derartigen Verſuch gemacht? Ihrem ſchlauen Blick entgeht nichts, ſagte Metter⸗ nich lächelnd. Ja, Rußland hat dennoch einige Ver ſuche gemacht, ich will es nicht leugnen! Es hat uns ſogar an unſerer ſchwächſten Seite angegriffen; es will uns zehn Millionen Rubel zahlen, wenn wir das Syſtem ändern wollen. Wir haben aber dies Aner⸗ —— bieten mit Verachtung zurückgewieſen, obwohl unſere Finanzen in der größten Zerrüttung ſind. Nichts kann und ſoll uns unſerm Bundesgenoſſen Frankreich ab⸗ wendig machen. Wir unterhandeln jetzt noch um den Frieden, wenn aber die Alliirten die Friedensbedin⸗ gungen, welche wir ihnen im Einvernehmen mit Frank⸗ reich machen werden, nicht annehmen, ſo wird der Krieg, was er bis jetzt nicht war, ſo wird er auch ein öſterreichiſcher Krieg. Wir werden dann die Ruſſen angreifen, aber nicht mit dreißigtauſend Mann, wie im vorigen Jahre, ſondern mit der ganzen Macht der Monarchie.*) Eben wurden die Thüren weit geöffnet, und der Kammerlakay rief mit dröhnender Stimme: Ihre Excellenzen die Herren Geſandten von Baiern und Würtemberg! Die beiden Herren traten in den Saal. Metternich ſchritt ihnen Beiden mit lächelndem Angeſicht entgegen, und nachdem er den wüptembergiſchen Geſandten mit einem herzlichen Händedruck begrüßt hatte, wandte er ſich dem baieriſchen Geſandten, dem Grafen Rech⸗ berg, zu. *) Metternich's eigene Worte. Siehe: Lebensbilder III. 468. Mein lieber Graf, rief er, ihn zärtlich umarmend. Ich habe Ihnen heute eine gute und glückliche Nach⸗ richt mitzutheilen, und deshalb erſuchte ich die beiden Herren Geſandten um Ihren Beſuch. Ja, Gutes habe ich Ihnen zu melden, und Frankreich ſowohl wie die Rheinbundsfürſten ſollen heute den Beweis haben, daß Oeſterreich ihr ehrlicher und treuer Bundesgenoſſe iſt. Es exiſtirte eine große, mächtige und umfaſſende Verſchwörung, welche die Erhebung der Waffen in ganz Oeſterreich beabſichtigte. In Tyrol ſollte der Aufſtand zum Ausbruch kommen und ſich von dort aus über die ganze Monarchie verbreiten. Aber unſere Augen waren offen und wir ſahen und beobachteten. Heute war der Tag, an welchem nach dem Plan der Verſchwörer der Aufſtand in Tyrol beginnen ſollte. Ich wünſche Ihnen von Herzen Glück, lieber Graf Rechberg, Sie können heute Gutes nach München be⸗ richten. Der Aufſtand in Tyrol iſt unterdrückt, und zu dieſer Stunde befinden ſich bereits alle Anſtifter und Rädelsführer deſſelben in unſerer Gewalt. Sie können nach München melden, daß Sie jetzt wieder Herr bei Sich zu Hauſe und einer großen Gefahr ent— gangen ſind. Der Hof Ihres Kronprinzen Ludwig mit ſeinen Kindern iſt jetzt in Innsbruck eben ſo ſicher wie in Salzburg. Die Brandſtifter ſind heute Nacht auf die Feſtung gebracht, Hormayr vor Allen. Der politiſche Dilettantismus wird ſich jetzt ſchnell und ſtark abkühlen, ſelbſt in der haute volée, ſelbſt in den Prinzen. Noch einmal, ich gratulire von Herzen! Jetzt werden Sie Alle doch meinen Geſinnungen Ge— rechtigkeit widerfahren laſſen, und der Treue und Auf⸗ richtigkeit Oeſterreichs Glauben ſchenken!*) *) Metternich's eigene Worte. Siehe: Lebensbilder II. 240. Sechstes Buch. Beſterreichs Erhebung. J. ZBie Urſulinerin. Zum erſten Male heute nach langer Krankheit hatte der Erzherzog Johann ſein Zimmer verlaſſen können, und war, geſtützt auf den Arm ſeines Cavaliers, hin⸗ unter gegangen in den Garten, der im erſten friſchen Grün des Frühlings prangte. Dort inmitten eines Fliederbosquets, deſſen eben aufgebrochene Blüthen einen köſtlichen Wohlgeruch verbreiteten, hatte der alte Werner, des Erzherzogs langjähriger Kammerdiener, einen Teppich ausgebreitet, und den bequemen, mit weichen Kiſſen verſehenen Lehnſeſſel des Prinzen bereit geſtellt. Es war in den erſten Tagen des Mai, der Früh— ling, der dies Jahr früher wie ſonſt den Winter ver— trieben, hatte den Garten wunderbar geſchmückt, und alle Blüthen gezeitigt. Im bunteſten Schmuck der Mühlbach, Erzh. Johann n. Metternich. III. 12 * 178 Blumen prangten die zierlichſten Beete inmitten der d ſanften ſmaragdgrünen Raſenflächen, die großen hoch— b gewachſenen Fliederbüſche ſchüttelten ihre Zweige, daß 1 der Duft ihrer violetten ſchweren Blüthendolden den e ganzen Garten erfüllte; dazwiſchen ſtanden die Obſt g bäume ſo übergoſſen mit Blüthen, daß es ausſah, als W ob der Schnee des Winters ſich zu ihnen geflüchtet d habe, und dem Frühling zum Trotz, ſie noch nicht V ſ laſſen wolle. Weiterhin, am Ende des großen Raſen platzes mit den Blumenbeeten, ſah man maleriſche V 1 Gruppen von Bäumen, deren grünes friſches Grün und 1 verſchiedenartiges junges Laubwerk eine reizende Ab— V wechſelung gab. Die Vögel huſchten luſtig von Baum zu Baum, und ließen hier und dort ihr fröhliches Ge zwitſcher ertönen, während die Bienen ſummend ſich in die Fliederbüſche ſenkten, die bunten ſchillernden Schmetterlinge von Blume zu Blume flatterten, oder ſich ſchaukelnd auf den Kelchen der Narciſſen, ihre Flügel öffneten und ſchloſſen, und ſelig zu ruhen. ſchienen im Strahl der warmen Frühlingsſonne. Erzherzog Johann achtete auf das Alles nicht; er ſaß auf ſeinem Lehnſtuhl, und ſtarrte zum Himmel empor, ihm zur Rechten ſtand ſein Cavalier, ſchwei⸗ gend, wie er ſelber, und mit herzlich gelangweilten — 1 der Blicken den Garten überſchauend; hinter dem Lehnſtuhl ch befand ſich der alte Kammerdiener, und blickte traurig nieder auf ſeinen geliebten Herrn, den er gekannt, als den er noch ein kleiner Knabe geweſen, und den er in ſſt guten und ſchlimmen Tagen niemals verlaſſen hatte. als Wie er den geliebten Herrn jetzt ſo bleich und ſtumm tet da ſitzen ſah, ſeufzte er tief auf, und ſeine Augen füllten ſich mit Thränen. 21 Johann wandte ſein Haupt langſam zur Seite, und ſchaute zu dem alten Mann empor. Werner, fragte er, warum ſeufzeſt Du?è Warum ſehe ich Thränen in Deinen Augen? Es iſt nichts, gnädiger Herr, ſtotterte der alte Mann, ich dachte nur,— es that mir nur ſo weh, daß Ew. Hoheit ſich gar nicht Ihrer Geneſung freuen, und gar nicht wie ſonſt auf den ſchönen Frühling achten! Es iſt wahr, ſagte Johann, indem ſeine trüben Blicke langſam über den Garten dahin ſchweiften, hre. Alles iſt wieder grün geworden, der Frühling iſt wieder heul 2.— erwacht, und nur— Er ſchwieg, und ſchloß die Augen, und ſtrich langſam mit der Hand über ſein Antlitz hin. er Ich bin wirklich ſehr lange krank geweſen, fuhr er nach einer Pauſe fort. Als ich den Garten hier zum letzten Mal ſah, war er noch mit Schnee wie mit 12* 180 einem weißen Leichentuch bedeckt. Freilich, es ſind ſeitdem zwei Monate vergangen, denn es war am achten März, als ich erkrankte. Oh, ich werde dieſen Tag nie vergeſſen, es war mein Todestag— Hoheit, rief der alte Werner entſetzt, Ihr Todes⸗ tag? Der gute allmächtige Gott ſei geprieſen, Ew. Hoheit leben ja noch, Sie ſind geneſen und uns und der Welt wiedergeſchenkt. Es iſt wahr, ich verſprach mich, ſagte Johann, trübe vor ſich hinſtarrend, der achte März war mein Geneſungstag, denn wenn man aus einem ſüßen ver⸗ zaubernden Traum zur Wahrheit und Wirklichkeit er⸗ wacht, ſo iſt man geneſen, und von der Lüge wie von einer Krankheit geheilt. Ja, der achte März war mein Geneſungstag!— Er verſank wieder in ſich ſelbſt und ſtarrte wieder zum Himmel empor, und ſah doch nicht, wie er glänzte im herrlichſten Blau, und fühlte nicht die ſchöne balſa miſche Luft, und das Fächeln des Windes, der ihm die brennend heiße Schläfe kühlte. Auf einmal ſchien er wie aus einem Traum zu er— wachen, und wandte ſich haſtig an den Cavalier, der zur Rechten ſeines Fauteuils ſtand. Herr von Roſenau, ſagte er, erzählen Sie mir ein ein 181 wenig von der Politik und dem Kriege! Bis jetzt haben Sie es mir immer verweigert, weil der Arzt es ſtreng verboten hatte, mir auf ſolche Dinge Antwort zu geben. Aber jetzt bin ich ja ein Geneſener, darf ſchon wieder umher gehen in der Welt, und muß daher auch wiſſen und erfahren, wie es ausſieht in der Welt. Alſo ſagen Sie, wie ſteht's mit der Politik? Hat der Krieg ſeinen guten Fortgang gehabt? Herr von Roſenau zuckte die Achſeln. Es ſteht noch Alles, wie es geſtanden hat, ſagte er, und wenig Neues iſt geſchehen. Wie denn, wenig Neues iſt geſchehen? Mein Gott, hat denn die Welt ſtill geſtanden? Befinden wir uns noch immer am achten März, und habe ich nur ge⸗ träumt, daß ich krank geweſen? Welches Datum ſchreiben wir denn heute? Hoheit, wir ſchreiben heute den vierundzwanzigſten Mai. Und wenn ich ſagte, wenig Neues iſt geſchehen, ſo meinte ich eigentlich, wenig Gutes iſt geſchehen. Sprechen Sie, rief Johann ungeduldig, Sie ſehen, ich bin geſund, ich kann jetzt Alles hören. Es iſt wahr, ſagte Herr von Roſenau, der Arzt hat uns ermächtigt, wenn Hoheit wieder politiſche Nach 182 richten begehrten, Ihnen dieſelben nicht mehr vorzu⸗ enthalten. Nun alſo, reden Sie. Sie haben mir nichts Gutes zu melden, nun ſo melden Sie das Schlimme. Die Feindſeligkeiten ſind zu Ende, nicht wahr? Oeſterreich, das den Frieden vermittelte, hat ſein Werk vollendet, und die Alliirten haben die Waffen wieder niedergelegt, und ſind nach Hauſe gegangen. Nicht wahr, das ſind Ihre Neuigkeiten? Verzeihung, Hoheit, ſo gar ſchlimm ſteht es nicht. Nein, die Alliirten haben ihre Waffen nicht niederge⸗ legt. Oeſterreich iſt mit ſeinen Friedensvermittelungs verſuchen bis jetzt geſcheitert. Der Krieg geht alſo vorwärts? fragte Johann, deſſen Augen jetzt ſtrahlten, und deſſen Wangen ſich leiſe rötheten. Ja, Hoheit, er geht vorwärts, aber freilich nur langſam. Es ſcheint, die Alliirten trauen immer noch nicht ihrer eigenen Kraft, und hoffen immer noch auf den Beitritt Oeſterreichs, um Napoleon mit überlegener Gewalt angreifen zu können. Und Oeſterreich vermittelt noch immer? Metter⸗ nich hofft noch immer den Frieden zu erhalten, und uns von der Theilnahme an dem Kriegé fern zu halten? 183 n⸗ Vielleicht, Hoheit, vielleicht aber auch das Gegen⸗ theil. Der Herr Fürſt von Schwarzenberg iſt als Abgeſandter Oeſterreichs nach Paris zurückgekehrt,— es ie aber zugleich iſt der Graf Stadion in das Hauptquar— , tier der Verbündeten geſandt. tt Stadion? fragte Johann lebhaft. Graf Philipp tt Stadion iſt wieder berufen worden? Ach, Sie thaten m Unrecht zu ſagen, daß Sie nichts Gutes zu melden hätten. Wenn Stadion wieder zu den Geſchäften ge— tt braucht wird, ſo fürchtet man den Zorn Napoleons de nicht mehr, und meint es redlich mit der Annäherung 1 an die Verbündeten. Und wo iſt Napoleon? Noch immer in Frankreich? Nein, Hoheit, er befindet ſich bei ſeiner Armee, iſt mit ihr ſchon Ende April von Frankreich nach Leipzig aufgebrochen, und iſt, wie ein geſtern hier angelangter 1 Courier meldet, auf dem Wege dahin mit den Alliirten dur am zweiten Mai zuſammengetroffen. Es iſt zu einer blutigen Schlacht gekommen, bei der auf der einen 4 Seite das ruſſiſche und preußiſche Heer unter Witgen⸗ ſtein und Blücher, auf der andern Seite das franzö⸗ ſiſche Heer unter dem Kaiſer Napoleon ſelbſt kämpfte. 4 Man iſt hier und dort mit Begeiſterung und Helden— ſ muth in die Schlacht gegangen, und faſt den ganzen 19 184 T ag hindurch blieb der Kampf unentſchieden, ſchwankte der Sieg herüber und hinüber, dreimal ward Blücher aus Groß⸗Görſchen vertrieben, dreimal vertrieb er Na⸗ poleon aus Lützen, aber immer gewannen Beide ihre Poſitionen wieder. Und zuletzt, nicht wahr, zuletzt blieb Napoleon doch der Sieger? fragte Johann glühend. Ja, Hoheit, ſo iſt es. Napoleon iſt zuletzt doch der Sieger geweſen in der Schlacht bei Lützen. Die Verbündeten ſind über die Elſter zurückgegangen, und Napoleon hat ſein Hauptquartier weiter vorgerückt nach Pegau hin. Napoleon hat geſiegt, ſeufzte Johann traurig, aber mals geſiegt, und an dieſem Siege wird die Begeiſte rung Deutſchlands zerſchellen, dieſer Sieg wird den Grafen Stadion wieder aus dem Hauptquartier der Verbündeten zurückrufen. Napoleon hat geſiegt,— ach, Sie haben Recht, das iſt keine gute Nachricht, ſondern eine gar ſchlimme, die trifft mein Herz wie ein Dolchſtoß. Armes Deutſchland! An dieſer Schlacht bei Lützen werden Deine jungen Frühlingsblüthen ver dorren, und Alles wird wieder zu elender Winterkälte erſtarren. Ich mag nichts mehr hören von der Po litik, Roſenau, ich bin doch ein kranker Mann, das 7 7 — 185 kte fühle ich an den Schmerzen, die da in meinem Herzen her wühlen. Laſſen wir's genug ſein für heute, genug mit la⸗ der Schlacht bei Lützen. hre Er lehnte ſein Haupt zurück in die Kiſſen, und ſchloß die Augen. Gehen Sie, lieber Roſenau, ſagte er dann matt, ich möchte ein wenig ruhen und mich von der Sonne durchwärmen laſſen. Sie ſollen nicht wie ein Gefangener an meinen Krankenſtuhl gefeſſelt ſein. Gehen Sie alſo, und erholen Sie ſich ein wenig nd in der Geſellſchaft froher und glücklicher Menſchen von ach dem Zuſammenſein mit einem armen, traurigen Kranken. Leben Sie wohl! Der gute alte Werner wird meinen Schlummer bewachen! Er nickte matt mit dem Kopf und drückte ſein Haupt tiefer in die Kiſſen. Herr von Roſenau ſchlich leiſe auf den Zehen von dannen, während der alte Kammerdiener vorſichtig hinter der Lehne des Fauteuils hervortrat, und die Stelle des Cavaliers einnehmend, mit liebevollen Blicken den ſchlummernden Erzherzog betrachtete, und ſorgſam jede Mücke und jede Fliege von dem bleichen Angeſicht des Kranken fern hielt. Tiefe Stille herrſchte rings umher, die Bienen ſelbſt ſchienen leiſer zu ſummen, der Wind, der ſonſt ſo ſchäklernd mit den Fliederdolden und dem friſchen 186 Baumlaub gekoſ't hatte, ſchien ſeinen Athem anzuhal⸗ ten, als wolle er den Schlummer des bleichen Mannes nicht ſtören, der da, von ſeinem alten Diener bewacht ſo matt und ſchwach in den Kiſſen lag. 7 Wie bleich ſein Geſicht war, wie zerfallen die ſonſt ſo kräftige, jugendliche Geſtalt! Wie ſchmerzlich ſeine Lippen ſelbſt im Traum noch zuckten, und welche tiefe Seufzer zuweilen ſeiner Bruſt entſtrömten. Einmal doch, einmal lächelte er im Traum, und ſeine Lippen murmelten leiſe:„oh, da iſt ſie! Ich ſehe ſie wieder!“ dann verblaßte das Lächeln wieder, und wie im jähen Schreck zuſammenzuckend, erwachte der Erzherzog. Haſtig richtete er ſein Haupt empor, und ſchaute ſpähend umher. Nicht wahr, ſagte er, wir ſind allein, Werner, Niemand belauſcht uns jetzt? Nein, gnädigſter Herr, Niemand iſt hier außer Ihrem alten treuen Diener, entgegnete Werner, indem er halb vor dem Erzherzog niederkniete und deſſen Hand an ſeine Lippen drückte. Ja, Du biſt mir treu, ich weiß es, ſagte Johann leiſe, Du und der gute alte Doctor Flemming, das ſind die einzigen Getreuen, die mir geblieben ſind, die Einzigen, denen ich trauen darf, die Einzigen von Allen, die mich umgeben. Und doch habt Ihr Beide ⸗ 1 — 187 mir jetzt einen ſchlimmen Dienſt erwieſen, Werner, Ihr habt mich wieder geſund werden laſſen, habt mich ſo treu gepflegt und bewacht, daß der Tod mir nichts anhaben konnte. Ach, ich danke es Euch nicht, mir wäre beſſer geweſen, zu ſterben. Nein, nein, lieber allergnädigſter Herr, rief der alte Werner mit zitternder Stimme, nein, ſprechen Sie nicht ſo. Sie ſind noch ſo jung, Hoheit, Sie dürfen noch nicht ſterben, denn das Leben hat Ihnen noch ſo Vieles zu bieten, noch ſo viel Glück und Freude zu gewähren. Ich bin noch ſo jung und habe doch ſchon ſo viel gelitten, ſeufzte Johann, und bin ſo müde, ach ſo müde vom Leben. Aber ich will nicht klagen, will Dein altes treues Herz nicht kränken, Werner. Du haſt es gut mit mir gemeint, und der liebe Doctor auch, und oft mitten in meinen Phantaſieen habe ich doch das Bewußtſein davon gehabt, daß zwei treue Freunde bei mir wachten, und das hat mir wohlgethan. Ich war wohl recht ſehr krank, Werner? Ja, recht ſehr krank, Hoheit, ſechs Wochen lang meinte der Doctor nicht für Ihr Leben einſtehen zu können, denn es war ein hitziges Nervenfieber von der ſchlimmſten Art. Dreimal täglich ließ ſich Se. Ma⸗ 188 jeſtät durch ſeinen eigenen Adjutanten nach Ihrem Be⸗ finden erkundigen, und alle Morgen kam der Leibarzt Sr. Majeſtät und hatte mit dem Leibarzt Eurer Hoheit, dem lieben Doctor Flemming, eine Conferenz. Aber er konnte nur Alles gut heißen, und billigen, was der Doctor Flemming angeordnet hatte, und oft hörte ich den kaiſerlichen Herrn Leibarzt, wenn er ſich verab⸗ ſchiedete, zu unſerm Doctor ſagen: Sie ſind viel ge⸗ ſcheidter als ich, und der Herr Erzherzog kann ſich gratuliren, einen ſo geſcheidten Arzt an ſeiner Seite zu haben. Ich weiß nichts Anderes anzuordnen, es iſt Alles vortrefflich. Aber ſtrenge war der Herr Doctor, ſehr ſtrenge. Niemand durfte in das Krankenzimmer, als Er, der Chirurg und ich; die Adjutanten und Hof cavaliere, und den Haushofmeiſter, die durchaus die Nachtwache mit übernehmen wollten, hat er erſt mit Bitten, dann mit Scheltworten zurückgewieſen, und als Ew. Hoheit Adjutant ſagte, es ſei ſeine Pflicht und ſein Recht, beim Herrn Erzherzog zu wachen, da rief der alte Flemming zornig:„Hier iſt jetzt kein Erzherzog, ſondern nur ein kranker Mann, für deſſen Leben ich einſtehen ſoll, und den ich mir durch die Etiquette nicht ermorden laſſen will.“ Und ſo trieb er ſie Alle mit Scheltworten hinaus, und verſchloß die Thür, und Nie— 189 mand durfte mehr herein, außer mir und der— Er ſtockte und wandte ſich verlegen ab. dt Sprich weiter, Werner, ſagte Johann lächelnd. elt, Niemand durfte zu mir, außer Dir und der Frau, die ber mich gepflegt hat, nicht wahr, das wollteſt Du ſagen? der Wie, Ew. Hoheit wiſſen es alſo? fragte Werner ich erſtaunt. Ja, ich weiß, daß eine Frau hier war, ſagte ge Johann ſinnend, und noch jetzt, wenn ich ſchlafe, ſehe ich ich ſie oft, wie ſie leiſ' mit ſchwebendem Schritt durch zu das Zimmer ſchlüpft, ſehe ihre Augen, dieſe großen, iſt wunderbaren Augen, welche auf mir ruhen, und meine or, Schmerzen ſänftigen, fühle, wie ſie ihre weiche, leichte Hand auf meine Stirn legt, und damit das brennende f Fieber lindert. Jetzt eben noch, als ich eingeſchlafen war, ſah ich ſie wieder, neigte ihr bleiches Geſicht mit dem ſanften, ſchmerzlichen Lächeln ſich über mich, und mir war's, als drückten ihre Lippen einen Kuß auf — meine Stirn, aber dieſe Lippen waren kalt wie die einer Leiche, und ich erwachte vor Schreck. Jetzt, Werner, jetzt ſage mir Alles, was Du von dieſer Frau 4 weißt. Wie hieß ſie? Was brachte ſie her? Warum ſehe ich ſie jetzt nicht mehr? Warum iſt ſie ver— 190 ſchwunden, ſeit ich mein volles Bewußtſein wieder er⸗ langt habe? Hoheit verzeihen, das ſind viele Fragen auf Ein— mal, ſagte der alte Werner lächelnd. Ich will aber gewiß Ew. Hoheit Alles ſagen, was ich weiß, doch ich muß gleich damit anfangen, daß ich durchaus nicht weiß, wie die Frau hieß, und was ſie iſt. Sie trug beinahe das Coſtüm einer Urſulinerin, aber ich glaube doch nicht, daß ſie eine eingekleidete Nonne war, ſon— dern vielleicht eine Novize, die erſt ihr Probejahr macht. Am zweiten Tage Ihrer Krankheit brachte der Doctor Flemming ſie her, und er ſagte, dies ſei die beſte Krankenpflegerin in ganz Wien, und Niemand als ſie allein ſolle den Herrn Erzherzog pflegen, ihr allein könne er mit voller Zuverſicht das Leben ſeines geliebten Kranken anvertrauen, und von ihr allein ſei er überzeugt, daß ſie alle ſeine Vorſchriften pünktlich befolgt. Dann trieb der Doctor, wie geſagt, alle die Hofbeamten Eurer Hoheit aus dem Krankenzimmer fort, und dann erſt, als Niemand mehr darin war, führte er die Novize hinein. Du warſt dabei? fragte Johann haſtig. Ja, Hoheit, ich war dabei; ich ſaß in einer Ecke auf einem Lehnſtuhl, und der Doctor glaubte, daß ich 191 ſchliefe, denn ich hatte die beiden Nächte bei Eurer Hoheit gewacht, und war wohl etwas matt. So trat der Doctor denn herein und ſagte: Niemand iſt hier als der Werner, der ſchläft aber, und wenn er auch wachte, ſo haben Sie von ihm nichts zu fürchten, er iſt verſchwiegen und treu. Kommen Sie alſo, treten Sie ein, mein gnädiges Fräulein! Wie? Er nannte ſie„gnädiges Fräulein“? Ja, Hoheit, und darum denke ich eben, daß ſie keine Nonne oder Novize war, ſondern nur die Tracht angelegt hatte, um hierher zu kommen. Auch nahm ſie die Haube und den Schleier, und das ſchwarze Ueberkleid Abends, ſobald ſie ſicher war, daß Niemand mehr in das Krankenzimmer kommen könne, immer ab, und darunter kam denn ein anderer Anzug zum Vor— ſchein, wie ihn wohl vornehme Damen zur Morgen— toilette zu tragen pflegen, ein dunkles Seidengewand, das hoch bis zum Halſe empor ging, und dort von einer kleinen ſchwarzen Tüllkrauſe umgeben war. Ihr ſchönes ſchwarzes Haar war auch nicht abgeſchnitten, wie dies bei den Nonnen der Fall iſt, ſondern es lag in einem vollen prächtigen Scheitel zu beiden Seiten ihrer Stirn, und war hinten in dicken Flechten auf geſteckt. 192 Ja, ſo habe ich ſie geſehen, murmelte Johann vor ſich hin, ſo ſtand ſie vor mir, wenn ich aus meinen Phantaſieen erwachend, die Augen aufſchlug, und ich glaubte dann, ich träumte immer noch weiter, denn im Wachen wie im Schlafen ſah ich ſie, nur ſie! Aber erzähle weiter, ſagte er dann laut, Du ſagteſt, als Alle das Zimmer verlaſſen hatten, und nur Du halb ſchlafend in der Ecke ſaßeſt, da ſei der Doctor Flem⸗ ming gekommen, und habe ſie eingeführt! Was ſagte ſie, was that ſie, als ſie zuerſt in mein Zimmer trat? Sie blieb anfangs an der Thür ſtehen, und ſie zitterte ſo heftig, daß ſie ſich an die Wand anlehnen mußte, um nicht niederzufallen. Dann raffte ſie ſich zuſammen, und ſchritt vorwärts gerade zu Ihrem Lager hin, da blieb ſie ſtehen, und ſchaute Sie an, und dabei rannen ihr die Thränen wie helle Perlen über die Wangen nieder. Aber ſie ſagte kein Wort, ſondern faltete ihre Hände, und ſank neben dem Bett auf die K niee nieder, und die großen Augen unverwandt auf Euere Hoheit gerichtet, bewegte ſie ihre Lippen und ſchien leiſe zu ſprechen, aber Niemand als der liebe Gott konnte ihre Worte verſtehen. Dann neigte ſie ſich über Ihre Hand, die aus dem Lager niederhing, und küßte ſie, und ſtand dann wieder auf.— Doctor, 193 ſagte ſie, und ihre Stimme klang ſo feierlich, daß mir ein Schauer über's Herz hinlief, Doctor, bei Allem was Ihnen heilig iſt, beſchwöre ich Sie, mir zu ſagen: „glauben Sie, daß er geneſen kann?“—„Ja, ſagte der Doctor, ſeine Jugendkraft, meine Mittel und Ihre Pflege können ſein Leben erretten.“ Sie ſchwieg einen Augenblick und ſeufzte tief auf, dann ſagte ſie:„ich habe ſo eben Gott gelobt, bei ihm auszuharren, und ihn zu pflegen, ſo lange er mein bedarf. Keine Macht der Erde ſoll mich von dieſer Stelle vertreiben, ich bleibe hier bis er geneſen iſt, denn er wird nicht ſter⸗ ben! Gott iſt gerecht und gütig, er wird dem Erz⸗ herzog das Leben laſſen, um ihn hienieden das Glück kennen zu lehren, nachdem er ſo viel Unglück erfahren. Nun ſagen Sie mir, was ich zu thun habe, und for— dern Sie Alles von mir, was Sie von jeder andern Krankenpflegerin fordern würden.“— Das, gnädigſter Herr, war ihr erſter Eintritt in das Krankenzimmer, und ſie hat es ſeitdem nicht wieder verlaſſen. Wenn der Doctor durchaus von ihr verlangte, daß ſie ſchla⸗ fen und ſich ausruhen ſolle, ſo legte ſie ſich auf das Canapee dicht neben Ihrem Bett. Aber ſie ſchlief doch nicht, denn ſo oft Ew. Hoheit ſich nur bewegten, oder etwas forderten, oder auch nur im Schlaf klagten oder Mühlbach, Erzh. Johann u. Metternich. III. 13 194 ſeufzten, ſo ſprang ſie ſofort empor, und war neben Ihnen, und ſprach zu Ihnen ſo ſanft und liebevoll, daß Einem die Thränen in die Augen traten, wenn man es hörte. Ja, ihre Stimme war wie Muſik, ſagte der Erz herzog leiſe, ich höre ſie immer noch, wenn ich Nachts ruhelos auf meinem Lager liege, ich höre ſie, wie ſie flüſtert:„oh ſchlafen Sie, ſchlafen Sie! Der Schlaf iſt der Engel Gottes, der alles Unglück vergeſſen macht. Schlafen Sie!“ Und dann legte ſie ihre Hand auf meine Stirn, und ſah mich an mit ihrem milden liebevollen Blick. Mir war's dann, als ob wirklich ein Engel Gottes an meiner Seite ſtände, und als ob das Unglück und der Schmerz keine Gewalt über mich haben, ſo lange ſie bei mir war, und unter ihren Blicken ſchlief ich, ſelig behütet, ein. Ja, Hoheit, es war wirklich, als ob ſie ein Zau— bermittel beſäße, mit welchem ſie den böſen Feind des Fiebers austrieb, und die wilden, tobenden Phanta⸗ ſieen beſchwichtigte. Oft war das Fieber ſo heftig, daß Ew. Hoheit raſ'ten und tobten, und fürchterliche Dinge ſprachen, Dinge, von denen es gut war, daß der Herr Kaiſer ſie nicht hörte, und daß Niemand da war, der ihm Ihre Worte wiederholen konnte. Dann 195 ging ſie hin, und ließ die Portiéren vor den Thüren niederfallen, damit auch die Diener im Vorzimmer kein Wort hören ſollten, und wenn ſie das gethan, kehrte ſie zu Ihnen zurück, und legte ihre Hand auf Ew. Hoheit Stirn, und fing an zu ſingen, gar luſtige, neckiſche Lieder, obwohl ihr die Thränen dabei immer über die Wangen rollten, und es manchmal war, als ob ihr der Ton in der Kehle erſtickte, aber ſie über— wand Alles, und ſang weiter. Ew. Hoheit verſtummten dann mitten im Toben und Wüthen, und lächelten, und hörten ihr zu mit einem ſeligen Angeſicht, und ſie ſang immer weiter, und Ew. Hoheit lagen ſtill und horchten, bis Sie allmälig unter den lieblichen Tyroler⸗ liedern, die ſie mit Thränen und doch ſo reizend ſang, eingeſchlafen waren. Ein anderes Mal, das war gar rührend und feierlich, ein anderes Mal waren Ew. Hoheit auch gar heftig erregt, Sie weinten und ſchalten in Ihren Phantaſieen, und ſprachen von einem fürchter⸗ lichen Unglück, das Ew. Hoheit betroffen, und jam— merten und klagten, daß Ihr Herz gebrochen ſei, und Sie richteten ſich von Ihrem Lager auf, mit einem ſo zornigen und wilden Geſicht, wie ich es nie an Ew. Hoheit geſehen. Sie hoben die geballte Fauſt empor, und ſchrieen mit wüthender Stimme:„wehe 13 196 über Dich, Camilla, wehe über die Verrätherin. Mein Fluch komme über Dich und zerſchmettere Dein ſchul⸗ dig Haupt! Möge Gott Dir vergeben, ich kann es nicht.“ Und als Ew. Hoheit mit blitzenden Augen und fürchterlicher Stimme ſo ſprachen, da ſank ſie neben Ihrem Bett auf ihre Kniee nieder, und ihre Hände zum Himmel emporhebend, rief ſie mit lauter, flehen⸗ der Stimme:„vergieb ihm, mein Gott, vergieb ihm, denn er weiß nicht, was er thut.“ Mein Gott, murmelte Johann, der bleich und wie zerſchmettert ſein Haupt in die Kiſſen lehnte, mein Gott, wer war ſie? Was wußte ſie von meinem furchtbaren Schickſal? Werner in ſeiner eigenen Erregung hatte die Frage des Erzherzogs gar nicht beachtet, und ganz ſeinen Er⸗ innerungen hingegeben, fuhr er fort: Und wie ſie drei Mal mit lauter Stimme ſo gebetet hatte, da wurden Ew. Hoheit ſtill, und es ging ein Zittern durch Ihren ganzen Leib, und Sie falteten die Hände und riefen: Camilla, ich that Dir Unrecht. Ich erkenne es jetzt! Ich that Dir Unrecht, ich— Schweig, oh ſchweig, ächzte Johann, die Augen ſchließend, und die Hände krampfhaft in einander preſſend, Deine Worte tödten mich. — wie nein nem 197 Verzeihung, Hoheit, ſagte Werner traurig, Ew⸗ Hoheit befahlen mir, Ihnen Alles zu ſagen— Und ich will auch Alles hören, rief Johann, ſich mit einer ungeheuren Kraftanſtrengung emporraffend, ja, ich will Alles hören! Sprich, Werner, was ſagte ich weiter, und was that ſie? Ew. Hoheit weinten und klagten, und riefen immer wieder:„Camilla, ich that Dir Unrecht, vergieb mir! Nimm den Fluch von mir! Er glüht in meinem Kopf wie Feuer! Nimm den Fluch von mir, Camilla! Oh, wie das brennt in meinem Kopf! Camilla, ich muß ſterben, wenn Du mir nicht vergiebſt!“— Wie Ew. Hoheit das ſagten, da richtete ſie ſich auf, und hob den Schirm von der Lampe empor, daß das Licht gerade auf ihre Geſtalt fiel, und gar wunderſam hell ihr Antlitz beleuchtete, und Ew. Hoheit ſchrieen laut auf und ſtarrten auf ſie hin, und ſchrieen:„biſt Du es? Kommſt Du, um mir zu fluchen?“— Nein, rief ſie laut und freudig, nein, ich komme, um Dich zu ſegnen!— Und nun legte ſie ihre Hand auf Ew⸗ Hoheit Stirn, und die großen ſtrahlenden Augen auf⸗ wärts hebend, fuhr ſie fort: Gott, mein Gott, flüſtere in ſein Herz meine Vergebung und meine Liebe. Segne ihn mit Deinem herrlichſten Segen, heile und 198 erquicke ſein großes ſchönes Herz, und wenn er in der Großmuth ſeines Herzens vielleicht Reue empfindet, ſo tröſte ihn, und laſſe es ihn empfinden, daß ich ihm niemals gezürnt, daß ich ihn ewig geliebt habe, auch dann noch, als er mir fluchte. Das ſagte ſie? fragte Johann aus ſeinem Lehn⸗ ſeſſel ſich emporhebend, und Werner in athemloſer Spannung, mit bebenden Lippen, mit keuchendem Athem anſtarrend. Ja, Hoheit, das ſagte ſie, und wie ich ſie da ſo ſtehen ſah, ſtrahlenden Angeſichts, die großen leuch— tenden Augen zum Himmel emporgeſchlagen, die Lippen umſpielt von einem himmliſchen Lächeln, da dachte ich wirklich, ſie ſei ein Engel, den der liebe Gott expreß auf die Erde geſandt, um Ew. Hoheit zu pflegen, und zu erretten, und ich faltete die Hände, und betete vor Rührung und vor Freude. Sie aber neigte ſich jetzt nieder über Ew. Hoheit und drückte einen Kuß auf Ihre Stirn, einen langen innigen Kuß, und dabei flüſterte ſie: Lebe wohl, auf ewig wohl! Und fühle es: Ich vergebe Dir, ich liebe Dich! Es war alſo kein Traum, rief Johann, es war Wirklichkeit! Ich hörte alle dieſe Worte, ich fühlte dieſen glühenden Kuß auf meiner Stirn, und mir ward 199 auf einmal wunderbar leicht und helle. Eine ſelige Ruhe ſtrömte von meiner Stirn in mein Herz, und mir war, als ob plötzlich das Feuer in meinem Kopf erloſchen ſei, und als ob mein Blut auf einmal wieder ruhig und ſanft, nicht mehr wie ſonſt ſo wild und brennend, durch meine Adern ſtrömte. Ein himmliſcher Frieden erfüllte mein ganzes Weſen, und wie ein Neu⸗ geborener, Neubelebter konnte ich ſanft und ſtill und ſchmerzlos mich ausſtrecken und ſchlafen, wie ich in all dieſen langen, furchtbaren Wochen nicht geſchlafen hatte. Ja, Ew. Hoheit ſchliefen wirklich ein, und als am andern Morgen der Doctor kam, da ſagte er, in dieſer Nacht wäre die Kriſis geweſen, und jetzt ſeien Ew. Hoheit gerettet, und würden ſicherlich geneſen. Und ſie? fragte Johann athemlos. Was ſagte ſie dazu? Sie ſagte nichts, Hoheit, ihr Antlitz aber übergoß ſich mit einer Purpurröthe, ſie taumelte und ward wieder todtenbleich, und wäre der Doctor nicht geweſen, der ſie in ſeinen Armen auffing, ſo würde ſie auf die Erde gefallen ſein, denn ſie war ohnmächtig geworden. Der Doctor und ich, wir trugen ſie auf das Canapee, und der Doctor ließ ihr zur Ader, aber es wollte anfangs gar kein Blut kommen. Der gute alte Doctor war 200 ganz in Verzweiflung und packte meinen Arm, und flüſterte: Der Erzherzog wird leben, aber ſie wird ſterben. Das ſagte er, ſchrie Johann, indem er in den Lehnſtuhl zurückſank. Er ſagte, ſie würde ſterben! Ja, Hoheit, das ſagte er, aber grad' in dem Augen— blick fing doch das Blut an zu fließen, ſie ſchlug die Augen auf, und lächelte den Doctor an, und flüſterte: „ſagte ich es Ihnen nicht, Doctor, ich wollte leben, bis er geneſen würde?“—„Sie ſollen aber noch länger leben,“ rief der Doctor ganz wüthend.„Sie ſollen nicht ſo ganz unſinnig auf Ihre eigene Geſundheit einſtür⸗ men. Sie ſollen ſchlafen, eſſen, etwas für Sich ſelber thun, Sie ſollen Sich pflegen, damit Sie nicht krank werden. Denn ich ſage es Ihnen, wenn Sie jetzt krank werden, und den Erzherzog verlaſſen, und ihn nicht mehr pflegen, ſo wird Alles vergebens ſein, und er wird einen Rückfall bekommen, und dann wird, nichts mehr im Stande ſein ihn zu retten, dann hat ihn der liebe Gott ſelber aufgegeben.“— Sie ſtieß einen leiſen Schrei aus, und ſagte haſtig: Doctor, geben Sie mir etwas zu eſſen! Etwas recht Stärkendes und Kräf⸗ tigendes. Ich will mich pflegen, und ich will heute auch den ganzen Tag ſchlafen, Werner ſoll die Pflege 201 ganz allein übernehmen, ich will da liegen auf dem Canapee und den ganzen Tag mich nicht rühren, nur eſſen und ſchlafen, und mich ſtärken. Und dabei ſchlang ſie einen Arm um des Doctors Nacken, und küßte ihn, und bat ſo ſchmeichelnd, er ſolle nicht mehr böſe auf ſie ſein, daß er endlich ganz heiter ward, und ſagte, er wolle ihr vergeben, wenn ſie ein gutes folgſames Kind ſein, und ſchlafen wolle.— Sie that es, Hoheit, ſie ſchlief wirklich ein, und blieb den ganzen Tag auf dem Canapee, und erlaubte mir, daß ich Sie bedienen durfte, und aß, und trank auch ein bischen Wein. Aber man ſah doch, ſie that das Alles nur, weil ſie's dem Doctor verſprochen hatte, und ihre Augen waren immer auf Ew. Hoheit gerichtet, und wenn Ew. Ho— heit etwas forderten, ſo zuckte ſie zuſammen, als wollte ſie aufſpringen, ſank dann ſeufzend in die Polſter zu⸗ rück, und flüſterte: ich habe es ja verſprochen, daß ich mich pflegen will. Aber als die Nacht kam, da ſprang ſie empor, und athmete hoch auf, und ſagte: Gott ſei gelobt, daß ich wieder bei ihm ſein darf! Und ſie trat an Ihr Lager, und ſchaute Sie an mit einem ſolchen ſeligen Ausdruck, daß mir alten Mann die Thränen in die Augen traten. Ich kenne dieſen Ausdruck, murmelte Johann, ich 202 kenne dieſe Augen, die Einem ſo tief ins Herz hinein⸗ h ſchauen, daß man ſich wie verzaubert hält, und ſein ſ ganzes Weſen wie aufgelöſt in Glück und Wonne fühlt. 6G Oh, ich kenne das, und es war mein ganzes Glück, wie's jetzt mein ganzes Unglück iſt!— Aber ſprich d weiter, Werner. Warum blieb ſie nicht bei mir, T warum verließ ſie mich? d Sie blieb bei Eurer Hoheit und pflegte Sie mit G derſelben Liebe und Sorgfalt wie bisher, nur in den 3 Stunden, wenn Ew. Hoheit wachten, und mit offenen Augen um ſich ſchauten, und Alles, was Sie umgab, beobachteten, und Alle zu erkennen ſchienen, nur dann zog ſie ſich zurück, und ſaß hinter Ihrem Bett auf dem Lehnſtuhl und ruhete ſich. Auch trug ſie von — dieſem Tage an immer ihre Nonnentracht, und legte ſie auch Nachts nicht mehr ab, und wenn Ew. Hoheit ſie in Ihrem Halbſchlummer ſo ſcharf anſchaueten, ſo zog ſie leiſe den weißen Schleier tiefer über ihre, Haube nieder, daß er ihr ganzes Angeſicht beſchattete. 8 Sie wollte nicht von mir geſehen werden? fragte —: 5 Johann haſtig. Sie fürchtete, daß ich Sie erkennen möchte? Ich weiß nicht, Hoheit, ob ſie das fürchtete, ſagte Werner ſanft, ich meine aber, ein ſolcher Engel — 203 hätt' wohl nicht nöthig das Erkennen zu fürchten, und könnte rein und klar jedem Menſchen, ja dem lieben Gott ſelber in's Antlitz ſchauen. Warum verließ ſie mich, wenn ſie nicht fürchtete, von mir erkannt zu werden? fragte Johann faſt rauh. Warum blieb ſie nicht, da ich ihrer am meiſten be— durfte, da ich die einſamen, troſtloſen, fürchterlichen Stunden wachend auf meinem Lager lag, und mich ſehnte nach dieſem Angeſicht, das ich in meinen Phantaſieen geſehen, und das meine Seele erquickt und geſtärkt hätte. Ich frage Dich, Werner, warum ver— ließ ſie mich? Warum, Hoheit? fragte Werner leiſe. Während Ew. Hoheit in Gefahr waren, hatte ſie ſich immer aufrecht gehalten, ſchien ſie keines Schlafs, keiner Nah rung und Stärkung zu bedürfen, aber ihr Geſicht war freilich täglich bleicher geworden, und ihre Augen größer und ſtrahlender, und ihre Geſtalt neigte ſich täglich mehr, und ward ſchlanker und ſchmächtiger. Wenn ſie mir zuweilen die Hand gab, oder mir etwas darreichte, ſo fühlte ich, daß ihre Hände wie Feuer brannten. Zuweilen huſtete ſie leiſe, und drückte dann haſtig das Taſchentuch an ihre Lippen; wenn ſie's zurück zog, ſo ſah ich, daß es geröthet war von ihrem Blut. Aber 204 ſie klagte niemals, und wenn der Doctor ſie beſorgt und beinah traurig anſah, ſo lächelte ſie, und ſagte, ſie befinde ſich ganz wohl, und ihr fehle gar nichts. Aber ihre Wangen fielen täglich mehr ein, und man ſah es täglich mehr, daß es ihr ſchwer ward, ſich auf recht zu halten. Einmal in der Nacht, als ich im Lehnſtuhl ſaß und ſchlief, wachte ich auf von einem Geräuſch, als ob etwas zur Erde fiel. Ich eilte vor, und— da lag ſie beſinnungslos am Boden, und ihr ganzes Gewand war von Blut überſtrömt. Ich trug ſie raſch in das andere Zimmer und legte ſie auf den Divan, und holte den Doctor, der im Nebenzimmer ſchlief. Er ſchüttelte traurig ſein Haupt.„Sie hat einen Blutſturz gehabt, ſagte er, wenn der zum zweiten Mal kommtt, ſtirbt ſie.“— Wir dachten Beide, ſie ſei noch bewußtlos, aber ſie hatte es gehört, denn ſie ſchlug die Augen auf, und ſagte ruhig: er wird zum zweiten Mal kommen, und bald. Warum gönnen Sie es mir nicht, Doctor? Ich hatte geſchworen, nicht eher zu ſterben, als bis er in der Geneſung ſei. Ich habe meinen Schwur erfüllt, jetzt darf ich ſterben.— Der Doctor antwortete nichts, er weinte, wie ein Kind. — Nachher wollte ſie wieder aufſtehen, und zu Ew. Hoheit gehen, aber ihre Füße trugen ſie nicht mehr, Sie nicht 205 ſie ſank beſinnungslos auf das Lager zurück.— Eine Stunde darauf, mitten in der Nachk, ließ der Doctor eine Tragbahre kommen, und darauf legte er ſie ganz eingehüllt in Betten und Tücher, und ſo trugen ſie ſie fort. Ich weiß nicht, wohin, aber es war mir, als ob mein Herz bräche, wie ſie ſo bleich und kalt, mit geſchloſſenen Augen, fortgetragen ward, und ich konnte nichts als weinen und beten. Sie ſtirbt, oh, großer Gott, ſie ſtirbt, ſchrie Jo⸗ hann, laßt mich zu ihr, ich will— Mehr ſagte er nicht, er war ohnmächtig geworden. In dieſem Augenblick näherte ſich vom Hauſe da⸗ her ein alter Herr mit haſtigem Schritt dem Bosquet, vor welchem der Erzherzog ſaß. Werner winkte ihm, und rief ihm ängſtlich zu, ſeine Schritte zu beeilen. Se. Hoheit ſind ohnmächtig geworden, Herr Doc— tor, ſagte er angſtvoll. Ich fürchte, es hat ihn zu ſehr angegriffen. Der Doctor prüfte aufmerkſam ſeinen Puls und legte ſeine Hand auf die Stirn, die noch feucht war von Schweiß. Es iſt nichts, ſagte er, es wird vor übergehen. Eine kleine Schwäche, weiter nichts. Sie erzählten ihm alſo Alles, lieber Werner? Ja, Herr Doctor, ich erzählte ihm Alles, und er 206 iſt jetzt auf Als bereitet er weiß auch wie krank ſie iſt. Es iſt gut. Er wird dieſen erſten Schrecken über⸗ winden, und morgen führe ich ihn zu ihr. Es iſt die höchſte Zeit. Sie lebt nur noch durch die Kraft ihres Geiſtes, und ſie ſoll ihn ſehen, damit ſie ſtirbt, während ſie ſich glücklich fühlt. Sie hat dieſe Belohnung wohl verdient, und der Erzherzog würde es uns nie verzei⸗ hen können, wenn wir ihm nicht Gelegenheit gaben, ſeiner Retterin zu danken! ber⸗ die hres rend vohl rzei⸗ ben, II. Die Entſcheidung.* Nun, Metternich, rief Franz dem Grafen Metter⸗ nich entgegen, der eben in das Kabinet des Kaiſers eintrat. Sie kommen ja heut mit gar trübſeligem, Geſicht, als hätten Sie uns eine rechte Hiobspoſt zu melden. Majeſtät, es iſt auch eine Hiobspoſt, ſagte Met ternich ſeufzend, die Verbündeten haben abermals eine Schlacht verloren. Der Courier, der uns dieſe Nach— richt bringt, iſt ſo eben angelangt. Vorgeſtern am einundzwanzigſten Mai hat Napoleon bei Bautzen die Alliirten in mörderiſcher Schlacht beſiegt, und iſt am Abend als Sieger in Bautzen eingezogen. Der Kaiſer antwortete nicht, ſondern ging einige Male haſtig im Zimmer auf und ab, und ſchlug mit der Fliegenklappe, die er haſtig vom Tiſch genommen, hier und da ſchallend laut eine Fliege an die Wand feſt. 208 Dann auf einmal warf er dies Beruhigungsinſtru⸗ ment ſeiner 1n Aufregungen bei Seite, und brach in ein lautes Lachen aus. Wiſſen's was, Metternich, ſagte er, ich freu' mich halt über die Nachricht, daß die Alliirten abermals eine Schlacht verloren haben. Das iſt doch endlich eine Abkühlung für die Herren in Preußen, die ſo be⸗ geiſtert waren, und ſo närriſche Dinge fabelten von Freiheit und Völkerglück, und von Deutſchlands Er⸗ hebung. War's eine recht mörderiſche Schlacht? Ja, Majeſtät, es war eine ſehr mörderiſche Schlacht, ſie hat den Alliirten mehr als funfzehntauſend Todte und Verwundete gekoſtet. Und was hat ſie dem Bonaparte eingebracht? Majeſtät, gar nichts, als die Gelegenheit, ein prah leriſches Siegesbulletin zu machen. Er hat eben ſo große Verluſte, und vielleicht noch größere gehabt als die Alliirten, aber er hat nicht Einen Gefangenen, nicht Eine Kanone, nicht Eine Fahne gewonnen. Das freut mich, freut mich halt von Herzen, rief Franz lebhaft. Es wird ihm beweiſen, daß die Tage von Auſterlitz und Jena halt nicht wieder kommen. Wiſſen's, das iſt eine prächtige Nachricht, die Sie mir da bringen. Eine große Schlacht, iſt geliefert, die 209 Alliirten haben ſie verloren, und der Bonaparte hat nichts dabei gewonnen. Daß die Alllirten ſie verloren, das iſt mir halt eine wahre Herzerquickung, wegen der übermüthigen Geſellen, die da in Preußen das große Wort führen, und vermeinen, daß ſie eigentlich die Herren und Gebieter von Preußen wären. Ich kann dieſe Menſchen, den Stein, den Gneiſenau und Scharn⸗ horſt, den Hardenberg und Niebuhr, ich kann ſie halt nit leiden, und ich bin's von Herzen zufrieden, daß ſie für ihren Uebermuth ſo'n Dämpfer erhalten. Iſt eine gerechte Abkühlung und eine wohlverdiente Züch⸗ tigung dieſer eigenmächtigen, vorlauten Menſchen, die ihren eigenen König als Freiwilligen gepreßt haben. Alles wollten ſie beſſer wiſſen, Alles ſollte nach ihrem Kopfe gehen, das ganze Volk haben ſie aufgewiegelt, daß es ein unſinniges Kriegsgeſchrei erhob, und nach den Waffen griff, noch ehe es wußte, ob es auch der Wille ſeines Königs ſei, und ob er den Krieg erklären wolle. Sogar einen bis dahin ehrenwerthen und tapfern General, wie den York, haben ſie verleitet zur Inſubordination, und zu ſchwerem Verbrechen. Das kann ich Ihnen ſagen, Metternich, wäre der York mein General geweſen, ich würde ihm ohne Gnade den Kopf vor die Füße gelegt haben, um meinen andern Mühlbach, Erzh. Johann u. Metternich. III. 14 210 Generälen ein waxrnend Beiſpiel zu geben, wie man Aufrührer und Rebellen, die gegen den Befehl ihres Kriegsherrn ſündigen, beſtrafen muß, ſelbſt wenn ſie vermeinen, zum Wohl des Vaterlandes zu handeln. Das Vaterland geht die Generäle gar nichts an, ſon— dern nur nach dem Befehl ihres Fürſten haben's ſich zu richten. Der König hätt' im Namen der Disciplin den General durchaus nicht begnadigen dürfen, und daß er's dennoch gethan, daran ſind die ſogenannten edlen Patrioten, der Stein, der Scharnhorſt und Conſorten Schuld, und darum gönn' ich ihnen die ver⸗ lorne Schlacht von Bautzen, und freu' mich darüber, daß die unausſtehliche deutſche Begeiſterung ein biſſel abgekühlt wird. Beſonders gut und heilſam iſt dieſe Abkühlung den übermüthigen NRuſſen, ſagte Metternich. Rußland iſt für Oeſterreich weit gefährlicher, als Frankreich, und ſeine wachſende Macht bedroht uns dauernder, als die augenblickliche Eroberungsſucht Frankreichs. Gegen Rußland müſſen wir immer auf unſerer Huth ſein, dies war auch der Gedanke, der mich bis dahin in allen meinen Unterhandlungen leitete. Wir haben Frankreich für den Augenblick, Rußland für die Zukunft zu fürchten, Beide mußten daher erſt geſchwächt und von ihrem Uebermuth geheilt, Beide mußten gedemüthigt werden, und Oeſterreich dadurch inndie glückliche Lage kommen, daß in Seiner Hand die Entſcheidung lag, daß es den Ausſchlag gab nach dieſer oder jener Seite hin. Dieſer Moment iſt jetzt gekommen, Majeſtät, und jetzt kommt es darauf an, daß Ew. Majeſtät ſich feſt und unwiderruflich entſcheiden. Wollen Ew. Ma jeſtät mir erlauben, daß ich vor Ihrer Entſcheidung, die Sachlage ein wenig näher erörtere? Thun's das, ſagte Franz, indem er ſeine Fliegen⸗ klappe nahm, es genirt Sie doch nicht, wenn ich dabei ein biſſel auf und ab gehe? Nein, durchaus nicht, Majeſtät, ich weiß doch, daß Ew. Majeſtät die Gnade haben, mir ein aufmerkſames Ohr zu ſchenken. Wir haben bisher unterhandelt und erwogen, denn es war für uns die dringendſte Noth wendigkeit, uns den Frieden zu erhalten, ſo lange als dies irgend thunlich war. Uns fehlten die Mittel, um an dem Kriege einen thätigen und entſcheidenden An theil zu nehmen, wir mußten uns dieſe Mittel erſt allmälig ſchaffen und aufbauen, wir mußten Zeit ge— winnen, um unſere Finanzen zu ordnen, unſere Armeen zu verdoppeln, und uns vorzubereiten auf alle Even— tualitäten. Von Frankreich ſicherten wir uns die Ruhe 14* 212 und den Frieden, indem wir am zwölften März des vorigen Jahres eine Allianz mit ihm abſchloſſen. Verwünſchte Allianz, rief der Kaiſer, indem er mit Macht ausholte und eine große Brummfliege an der Wand todtſchlug. Ich wollt' halt, ich könnt' ſie breit ſchlagen, wie den Brummer da. Auf der andern Seite, fuhr Metternich ernſthaft fort, mußten wir bedacht ſein, uns den Alliirten anzu nähern, und von ihnen nicht deshalb, weil wir die Bundesgenoſſen Frankreichs waren, auch als die Feinde betrachtet zu werden, gegen die ſie wie gegen Frank reich zu gleicher Zeit den Krieg eröffnet hatten. Wir übernahmen daher die Rolle eines Vermittlers, ſtellten uns zwiſchen die Parteien und ſuchten den Ausbruch des Krieges ſo lange als möglich hinzuhalten. Als dies durch die Erbitterung beider Parteien nicht mehr möglich war, ſuchten wir uns die durch die franzöſiſche Allianz gebundenen Hände ein wenig mehr frei zu machen, und übergab daher Ew. Majeſtät Geſandter in Paris, der Fürſt Schwarzenberg, dem Miniſter des Kaiſers Napoleon am dreizehnten April dieſes Jahres eine Verbalnote, in welcher er die Stellung Oeſter reichs und Frankreichs dahin zu regeln ſuchte, daß Oeſterreich ſich inſofern von Frankreich trennte, als es 213 auch an dem wieder ausbrechenden Kriege nicht Theil nahm, ſondern fortfuhr, den Frieden zu vermitteln, und zugleich ſich bewaffnete, um ſeinen Vorſchlägen mehr Gewicht zu geben. Wir ſchloſſen vorher ins⸗ geheim mit Rußland eine Militair⸗Convention ab, die uns in Polen und Galizien den Rücken deckte, und wir verſicherten zu gleicher Zeit Frankreich, daß wir fortführen, ſeine Intereſſen als die unſrigen zu be⸗ trachten. Ew. Majeſtät hatten die Gnade, an den Kaiſer Napoleon einen eigenhändigen Brief zu ſchreiben, in welchem Ew. Majeſtät dem Herrn Schwiegerſohn verſicherten, daß Ew. Majeſtät nur deshalb neutral bleiben, um des Kaiſers Napoleons Dynaſtie, die ſich mit der Ihrigen verzweigt habe, auf unerſchütterlichen Grundlagen feſtzuſtellen.*) Bautz, da liegt die ganze Dynaſtie, rief Franz, in⸗ dem er einen furchtbaren Schlag an die Wand that, und dann mit lachendem Geſicht die zur Erde gefalle⸗ nen Opfer betrachtete. Schauen's, Metternich, da liegt die ganze Dynaſtie, der große Brummer, und Madame Fliege mit noch ſo'ner kleinen Mücke daneben. Ein Geſchichte des achtzehnten Jahrhunderts. Vol. *) Schloſſer VIIb. 971. 1 ———⏑—.·—ͤ——— ———— — tüchtiger Schlag hat ſie allmitſammen getödtet, und der ganzen Fliegenwirthſchaft ein End' gemacht. Aber um ſolchen entſcheidenden Schlag thun zu können, mußten Ew. Majeſtät freilich im Beſitz einer tüchtigen Waffe ſein, ſagte Metternich lächelnd. Ja, da haben's freilich recht, gut und brauchbar müſſen die Waffen ſein, wenn ſie ſicher und tödtlich treffen ſollen. Und deshalb bedurften wir der Zeit, Majeſtät, um unſere Waffen gut und brauchbar zu machen. Unſer bisheriges Verfahren hat uns vortreffliche Dienſte ge leiſtet, Oeſterreich hat ſich, wie der Kaiſer Napoleon neulich zornig zu dem Grafen Bubna geſagt hat, „Oeſterreich hat ſich hinter dem Vorhang der böhmiſchen Gebirge gerüſtet,“ und unſere Rüſtungen ſind jetzt, Dank der Einheit in den militairiſchen Operationen, und der weiſen Fürſorge des Fürſten Schwarzenberg, ſo weit vorgeſchritten, daß wir bald eine entſchiedenere Haltung annehmen können. Die Verbündeten werden heute, wie ich beſtimmt weiß, bei Napoleon auf einen Waffenſtillſtand antragen, der bis in die Mitte des Juli dauern ſoll. Der Bonaparte wird nicht ein ſolcher Narr ſein, den Alliirten nach zwei gewonnenen Schlachten einen 215 Waffenſtillſtand zu bewilligen, damit die Alliirten Zeit gewinnen, neue Verſtärkungen heranzuziehen, und ſich auf's Neue zu rüſten. Majeſtät, Napoleon bedarf ſelber der Zeit, um neue Verſtärkungen heranzuziehen, und ſich auf's Neue zu rüſten. Er hat deshalb den Vicekönig Eugéne nach Italien geſchickt, um dort eine nene Armee zu organiſiren, und er wird aus dieſem Grunde ſchon einen Waffenſtillſtand bewilligen, um ſo mehr, da er hofft, daß Oeſterreich ſich in dieſer Zeit entſcheiden, und in dem wiederbeginnenden Kampf mit ſeiner ganzen Macht als Frankreichs Bundesgenoſſe an dem Krieg Theil nehmen werde. Dank ſchön, rief der Kaiſer, indem er einen mäch— tigen Schlag that, hei, da klebt die ganze Bundesge— noſſenſchaft an der Wand, und iſt breit geſchlagen wie ein polniſcher Eierkuchen. Majeſtät, der franzöſiſche Geſandte war ſo eben bei mir, und er überbrachte mir die Vorſchläge ſeines Kaiſers, welche ich die Ehre haben ſoll, Ew. Majeſtät vorzutragen. Na, was iſt's denn? Was hat der Bonaparte mir für Vorſchläge zu machen? Will er mir die Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit antragen? Sie hat 216 ihn freilich auf den franzöſiſchen Thron gebracht, und hat ihm dazu verholfen, mein Schwiegerſohn zu werden, aber ſie kann ihm auch dazu verhelfen, daß er vom Thron herunter muß, wenn ich mir die Freiheit nehm', daran zu denken, daß es nichts iſt mit der Gleichheit und Brüderlichkeit, und daß er immer nur der Sohn des Advocaten iſt. Na, was bietet er mir alſo an, der Herr Kaiſer Napoleon? Majeſtät, er bietet Oeſterreich, wenn es jetzt thätig und mit ganzer Waffenmacht an dem Kriege Theil nehmen will, nicht nur Illyrien, ſondern auch Schle— ſien an, und macht den Vorſchlag, daß man Rußlaud ganz Polen anböte. Das heißt, er will ganz Preußen zerreißen? Ja wohl, Majeſtät, Preußen, welches den Krieg in Deutſchland begonnen, ſoll nun, nach der Anſicht Napoleons, auch die Kriegskoſten zahlen, es ſoll ganz und gar von der Erde verſchwinden. Das Königreich Weſtphalen ſoll ſich bis zur Oder vergrößern, und ſoll ſtatt Caſſel jetzt Berlin zu ſeiner Hauptſtadt erhalten. — Der Kaiſer Napoleon hofft eben auf die alte Feind⸗ ſchaft zwiſchen Oeſterreich und Preußen, und will daraus Vortheil ziehen. Ja, Vortheil möcht' er halt immer ziehen, ſagte 217 Franz erbittert, aber er möcht' ihn auch immer für ſich allein behalten. Verſchenkt wie ein großmüthiger Herr Preußen, das er noch nit hat, und denkt damit uns zu ködern, daß wir ihm die Caſtanien aus der Aſche holen.— Aber haben's keine Nachrichten vom Grafen Stadion, der mit den Verbündeten verhandelt, und beim Kaiſer Alexander gar wohl gelitten iſt, wie ich hör'? Machen die Verbündeten uns gar keine Vorſchläge? Ja, Majeſtät, ſie machen ihre Vorſchläge. Der König von Preußen hat den General von Scharnhorſt, der bis jetzt an ſeiner Wunde in Prag darnieder lag, beordert, hieher nach Wien zu gehen, um Ew. Ma— jeſtät zu beſchwören, jetzt eine Wahl zu treffen, und den Ausgang des Krieges und den Sieg dadurch zu entſcheiden, daß Ew. Majeſtät ſich offen als der Bun⸗ desgenoſſe der Alliirten erklärten. Ich erfuhr indeß noch rechtzeitig von dieſer Sendung Scharnhorſt's und habe ihm einen Vertrauten entgegen geſandt, der ihn erſucht, nicht nach Wien zu kommen, ſondern in der Nähe zu bleiben, und Ew. Majeſtät Antwort dort zu empfangen.— Auch von dem Grafen Stadion iſt ein Courier angelangt. Der Kaiſer Alexander wünſcht lebhaft, daß Ew. Majeſtät ſich jetzt erklären mögen, 218 er bietet Ew. Majeſtät wiederholt eine engliſche Sub⸗ vention von zehntauſend Pfund Sterling, und garantirt Oeſterreich den Wiederbeſitz aller ſeiner verlornen Pro⸗ vinzen; die Uebermacht der Allirten wird, wenn auch Oeſterreich jetzt den Feinden Napoleons beitritt, ſo groß ſein, daß der endliche Sieg unzweifelhaft den Verbündeten werden muß. Schauen's, rief der Kaiſer freudig, ſo könnt' ſich zuletzt das Ding einmal umkehren, und der Bonaparte müßt' einmal auch zu Kreuz kriechen, und könnt' bei mir die Rolle ſpielen, die ich damals am Wachtfeuer von Auſterlitz ſpielen mußt'. Wollt' mich ja auch ab ſetzen, der liebe Bonaparte, und wollt' auch von uns ſagen, wie er's in Spanien und Neapel geſagt:„die Dynaſtie Habsburg hat aufgehört zuregieren.“ Schauen’s, ſchauen's, jetzt könnt's am Ende kommen, daß ich be— hülflich wär', ihn abzuſetzen, und daß ich ſagen könnt': „die Dynaſtie Napoleon hat aufgehört zu regieren.“ Ich kann Ihnen geſtehen, Metternich, daß es mir großes Vergnügen machen würde, das zu ſagen. Ich mag den König von Preußen nit leiden, und das ganze Preußenthum iſt mir zuwider mit ſeinen unausſtehlichen Phraſen von deutſcher Freiheit und Volksſouveränetät; aber den Bonaparte, den kann ich erſt gar nit leiden, 219 3 und der iſt mir erſt recht verhaßt, denn er iſt ein vüi Sohn der Revolution, und hat die Frechheit gehabt, Pie ſich trotz ſeiner niedrigen Herkunft auf einen Thron an zu ſetzen, und ſich als unſers Gleichen zu betrachten. ſe Ja, ich haſſ' den Bonaparte, und ich bin's ganz zu den frieden, wenn wir offen als ſeine Feinde auftreten, und uns mit den Alliirten vereinigen. Aber's geht ſic ja nit, Metternich. Die abſcheuliche Allianz bindet vparte uns ja die Hände. Wir können ja halt nit, wie wir bei wollen! Können ja nit zuſchlagen auf den großen feuer Brummer mit zwei Beinen, wie ich da losſchlag' auf ab den Brummer mit ſechs Beinen. uuns Und der Kaiſer that einen gewaltigen Hieb nach der großen Fliege, die da in gemüthlicher Ruhe auf n's, der Wand geſeſſen. be Ja, der iſt todt, rief der Kaiſer, der zappelt nit unt: einmal mehr. Aber der große Brummer, der große ren. zweibeinige, der lebt noch, und ich kann ihm nichts mir anhaben, ſo lange er die Allianz hat. Metternich, sch ſchaffen's mir die Allianz zurück! Das iſt das Erſte, anze und das Wichtigſte. Schaffen's mir die Allianz zurück. icen Nachher kann ich mich halt in allen Satteln richten. ttät; Aber zuerſt muß ich die Allianz wiederhaben!*) *) Des Kaiſers eigene Worte. Siehe: Lebensbilder III. 626. 220 Ich werde Ew. Majeſtät Befehl erfüllen, ſagte Metternich nach einer Pauſe; wenn mir Ew. Majeſtät die Ermächtigung dazu geben, ſo werde ich ſelbſt nach Dresden zu dem Kaiſer Napoleon gehen, und ich zweifle nicht, daß der Kaiſer in ſeinem ungebeugten Stolz und Uebermuth ſelbſt die Allianz auflöſen wird, ſobald er bemerkt, daß Oeſterreich ſie als eine läſtige Feſſel betrachtet. Ich gebe Ihnen die Ermächtigung dazu, ſagte Franz raſch. Ja, ſchaffen's mir die Allianz zurück, und ich will mit klingendem Spiel aus dem Lager Bonaparte's in das der Verbündeten übergehen.*) Majeſtät, ich hoffe immer noch, daß es gelingen könnte, den Frieden zu vermitteln und Europa die Ruhe wiederzugeben, die es ſo ſehr bedarf. Napoleon iſt geneigt, auf Friedensbedingungen einzugehen, und ſchlägt ſelber vor, in Prag einen Congreß zu veran— ſtalten, um über den Frieden zu unterhandelnn. Er wird doch halt nit zu Stand' kommen, ich ſag's Ihnen im Voraus, er wird nit zu Stand' kom ⸗) Metternich begab ſich nach Dresden, und es gelang ihm in der That, von dem Kaiſer Napoleon die Aufhebung der Allianz zu erwirken. Dieſe merkwürdige Scene iſt geſchildert in: Napoleon in Deutſchland von L. Mühlbach. Dritte Ab⸗ theilung: Napoleon und Fürſt Blücher. 221 men. Bonaparte giebt nit eher Ruhe, ehe wir ſeinem Adler gründlich die Flügel beſchnitten haben, und das wollen wir denn auch thun. Schicken's alſo einen Boten an den Scharnhorſt, den Sie auf Antwort war⸗ ten laſſen. Sagen's ihm, er ſoll ruhig heimkehren, und melden: der Beitritt Oeſterreichs ſei ganz gewiß.*) Ich ſelbſt will jetzt einen Beweis davon geben, daß es mir Ernſt iſt mit der Sach', und daß ich in nähere Verbindung mit den Alliirten treten will. Ich werd' nach Böhmen gehen, um den Verbündeten näher zu ſein. Der Kaiſer von Rußland und der König von Preußen haben ganz nah an unſerer Grenze ihr Haupt⸗ quartier aufgeſchlagen, der Bonaparte iſt auch nit weit davon in Dresden, und ſo will ich denn auch an un⸗ ſere Grenzen gehen, damit wir Alle hübſch nah bei⸗ ſammen ſind, und damit, wenn wir die Händ' nach einander ausſtrecken, unſere Händ' ſich auch finden kön nen. Ich werd' nach Böhmen, nach Schloß Gitſchin gehen, und Sie, Metternich, werden mich mit Ihrer ganzen Sippſchaft von Diplomaten und Unterhändlern begleiten. *) Siehe Pertz: Leben des Freiherrn von Stein. Th. III. S. 367. Scharnhorſt, der bei Groß⸗Görſchen verwundet worden, und dennoch dieſe Reiſe nach Wien unternahm, kehrte krank nach Prag zurück und ſtarb dort an den Folgen ſeiner Verwundung. 222 Ich unterwerfe mich ganz den Befehlen Ew. Ma— jeſtät, ſagte Metternich, indem er ſich tief verneigte, ich werde mich zur Abreiſe bereit halten. Auch die Frau Kaiſerin Ludovica ſoll mich beglei— ten, fuhr der Kaiſer fort. Kann ihr wohl die Freude gönnen, daß ſie jetzt dem Kriegsſchauplatz nahe kommt, und ein bischen Erſatz hat für den Aerger, den ich ihr all die Zeit her hab' bereiten müſſen. Hat ſie mit mir damals in Totis ſein müſſen, wo wir den un— glücklichen Wiener Frieden machten, ſo ſoll ſie auch mit mir in Gitſchin ſein, wo wir halt nit Frieden, ſondern Krieg mit Bonaparte anſtiften wollen. Aber Eins muß ich Ihnen ſagen, Metternich: meine Herren Brüder, die dürfen mir ihre Händ' nit wieder drein miſchen, und mir mit ihrer Weisheit und ihrem Un verſtand nit wieder die ganze Sach' ruiniren. Meine Herren Brüder und Vettern haben den Krieg von 1809 allein auf ihre Schultern genommen, und haben ihn verloren. Jetzt wollen wir mal verſuchen, ob wir den Krieg halt nit gewinnen können, wenn meine Herren Brüder und Vettern halt gar nichts damit zu thun haben. Es iſt deshalb mein erſter und unum— ſtößlicher Wille, daß die Herren Erzherzöge Carl und Johann ſowohl, wie die Vettern Ludwig und Ferdinand mit un auch eden, Aber erren Neine von haben kein Commando bekommen, wenn es wirklich zum Krieg kommt, ſondern daß ſie allmitſammen zu Hauſe bleiben. Der Herr Erzherzog Carl hat genug zu thun, ſeine Krämpfe abzuwarten, der Herr Erzherzog Johann muß ſich von ſeiner Krankheit erholen, und da er ein gar gelehrter Herr iſt, ſo kann er die Zeit benutzen, und ſtudiren. Aber die Herren auf der Bibliothek ſollen ihm nit gar ſo viele Bücher ausliefern, und ihm nit immer alle Bücher geben, die er fordert, denn all— zuviel Wiſſen macht Kopfweh. Studiren kann er, aber mit Maßen ſoll's geſchehen!*) Nun, Metternich, beſorgen's Alles. Wir gehen nach Gitſchin, meine Herren Brüder bleiben hier in Wien zurück, und der Fürſt Schwarzenberg wird, wenn's zum Krieg mit Frankreich kommt, mein Ge neraliſſimus. Jetzt, noch einmal, ſchaffen's mir die Allianz zurück, damit ich mich in allen Satteln richten kann. 0 es Kaiſers eigene Worte. Siehe: Kaiſer Franz und Metternich. Ein Fragment. III. Das Wiederſehen. Es iſt gut, daß Sie kommen, Doctor, rief der Erz⸗ herzog Johann dem eintretenden Doctor Flemming entgegen, ich habe geſtern drei Mal nach Ihnen ge⸗ ſchickt, aber man ſagte mir, Sie wären den ganzen Tag bei einem Patienten und kämen erſt in der Nacht zurück. Man hat Ew. Hoheit die Wahrheit geſagt, ich war bei einer Patientin, die meiner gar ſehr bedurfte, und die ich nicht einen Augenblick allein laſſen konnte. Bei einer Patientin? fragte Johann erbleichend. Ich weiß nicht, weshalb mich das erſchreckt, und warum mein Herz ſo angſtvoll hämmert. Aber ich wollte Sie ſo gern ſehen, um auch von einer Ihrer D 2 Patientinnen Nachricht zu haben. octor, verbergen Sie mir nichts? Thun Sie nicht, als verſtänden Sie mich nicht! Sie wiſſen es, daß ich von der Frau ſprechen will, der ich nächſt Ihnen mein Leben ver⸗ danke, von der namenloſen Unbekannten, die mit eines Engels Geduld und Liebe an meinem Bett gewacht hat. Doctor, ich beſchwöre Sie bei Allem was Ihnen heilig iſt: ſagen Sie mir, wie es ihr ergeht, ſagen Sie mir, wo ſie iſt? Denn ich muß zu ihr, ich muß ſie ſehen, heute noch, in dieſer Stunde noch! Wenn Ew. Hoheit ſo aufgeregt und ſtürmiſch ſind, werden Sie ſie gar nicht ſehen, ſagte der Doctor achſelzuckend, ich werde Ihnen dann nicht ſagen, wo ſie iſt, denn Sie ſind immer noch Patient, und ich habe die Verantwortung für Sie. Nun, ich will ruhig und geduldig ſein, aber glauben Sie es mir, mein alter Freund, das beſte Beruhigungs⸗ mittel für mich iſt, daß Sie mich zu ihr laſſen, daß ich ſie ſehen, und zu ihr ſprechen kann! Sehen Sie, ich bin ganz gelaſſen, fühlen Sie meinen Puls, Doctor, er geht ſanft und leiſe. Hm, es iſt wahr, er geht ziemlich gut, murmelte der Doctor, während er den Puls des Erzherzogs mit ſorgſamer Aufmerkſamkeit prüfte. Achtzig Schläge in der Minute, das iſt wenigſtens keine allzu große Fieber ſtimmung, und wie war die Nacht, Hoheit? Mühlbach, Erzb. Johann u. Metternich. III. 15 ———— 226 Ich habe nicht geſchlafen, ich werde kein Auge wie— der ſchließen können, ehe ich ſie geſehen habe. Doctor, wenn Sie mich nicht tödten wollen, ſo laſſen Sie mich zu ihr! Und wenn ich es thäte, Hoheit, würden Sie die Kraft haben, ruhig und gelaſſen zu ſein, Ihr ſtür miſches Herz zu bezwingen, ja, den Schmerz ſelbſt zu überwinden? Ich werde dieſe Kraft haben, Doctor, denn das Leben hat mich gewöhnt, mein Herz zu bezwingen, und Schmerzen zu überwinden. Ein unerwartetes Glück würde mich vielleicht niederwerfen, das Unglück und der Schmerz aber findet mich gefaßt. Der alte Werner hat Ew. Hoheit geſtern erzählt, wie ſie, die Urſulinerin, zu Ihnen gekommen, und Sie gepflegt hat? Ich weiß Alles, Alles, ſagte Johann ungeduldig. Ew. Hoheit wiſſen auch, daß ſie zuletzt ſchwer er krankte, und daß ich ſie deshalb mitten in der Nacht von hier fortbringen mußte? Ich weiß es, oh ich weiß es! Hoheit, Ihre Krankheit iſt eine von denjenigen, denen die Aerzte mit traurigem und demüthigem Herzen gegenüberſtehen, weil ſie wohl die Erkenntniß derſelben, n das n, und Glück c und ſ nigen, Herzen ben, rſel 227 aber nicht die Mittel haben, ſie zu heilen. Als ich die Kranke von hier fortbrachte, wußte ich ſchon, daß ſie unrettbar verloren ſei, daß der Tod ſie als ſeine ſichere Beute gepackt hatte. Doctor, Sie wollen mir doch nicht ſagen, daß ſie geſtorben iſt? rief Johann, ſeine beiden Hände auf den Arm des Doctors legend, und ihn in athemloſer Angſt anſtarrend. Nein, Hoheit, ſagte der alte Mann feierlich, nein, noch lebt ſie. Sie lebt, weil ihre ſtarke kraftvolle Seele noch nicht ſcheiden will, ſie lebt,— weil ſie nicht ſterben will, ehe ſie Ew. Hoheit geſehen hat! Der Erzherzog ſagte kein Wort, ſondern ſtürzte nur nach dem Tiſch hin, und griff nach der Handklingel. Was wollen Sie thun? fragte der Doctor, ſeine Hand aufhaltend. Das Anſpannen beſtellen. Iſt nicht nöthig, Hoheit, Ihre Kutſche ſteht ſchon vor der Thür, und erwartet Sie. Ich komme, um Ew. Hoheit abzuholen, denn es iſt die höchſte Zeit. Sie hat geſtern einen zweiten Blutſturz gehabt. Der Körper iſt erſchöpft, und ſelbſt ihr kräftiger Geiſt kann ihn nicht mehr aufrecht halten. Kommen Sie, ſagte Johann, laſſen Sie uns gehen. 15* 22 228 Starren Sie mich nicht ſo an, Doctor, Sie ſehen ja, daß ich ganz ruhig bin. Hoheit, bevor wir gehen, habe ich indeß noch Eine Frage an Sie zu richten. Wiſſen Sie, zu wem Sie gehen? Kennen Sie den Namen Derjenigen, welche Sie gepflegt hat, welche,— ich ſage das aus voller Ueberzeugung— welche Sie vom Tode errettet hat? Ich weiß ihn, ſagte Johann mit zitternden Lippen, glauben Sie mir, ich weiß ihn. Verzeihen Ew. Hoheit, daß ich es wage, in Ihre Geheimniſſe einzudringen, aber ein Arzt muß auch zu weilen ein Beichtvater ſein dürfen, muß die Schmerzen der Seele kennen, wenn er die Schmerzen des Körpers verſtehen ſoll. Ich kenne daher ein wenig von den Geheimniſſen meiner Kranken. Sie hat mir geſtanden, daß Ew. Hoheit ſie zuletzt im Zorn verließen, daß— Oh, ſprechen wir nicht, eilen wir, rief Johann bebend, ſehen Sie denn nicht, daß die ‚Zeit verrinnt? Wenn ſie ſtürbe, ehe ich ſie wieder geſehen, ehe ich auf meinen Knieen ihre Vergebung erfleht— Oh, Sie zürnen ihr alſo nicht mehr, Sie glauben alſo wieder an ſie— das wollte ich nur wiſſen! Jetzt, Hoheit, kommen Sie, eilen wir! Sie haben Recht, die Zeit verrinnt, und jede Minute bringt ſie dem 229 22⁸ en ſa, Tode näher. Wollen Ew. Hoheit mir die Gnade er⸗ zeigen, ſich auf meinen Arm zu ſtützen? Eine Oh, ich bin ſtark, ſagte Johann mit einem traurigen n Sie Lächeln, ich kann mich ſchon aufrecht halten. Kommen Sie! Er eilte mit beflügeltem Schritt durch die Gemächer voller dahin, nur zuweilen ſtand er ſtill, um Athem zu t hat? ſchöpfen, um das furchtbare Klopfen ſeines Herzens ſich beruhigen zu laſſen; der alte Doctor, auf die goldene Krücke ſeines Stockes geſtützt, folgte ihm mit n Ihre bedächtigen Schritten, die großen blauen Augen unver⸗ ih zu wandt, und mit ſcharfem Aufmerken auf die Geſtalt nerſ des Erzherzoges geheftet. axpers Wenn Ew. Hoheit ſo fortfahren, werden Sie be— den wußtlos niederſinken, ehe wir die Treppe erreicht haben, anden, ſagte er kopfſchüttelnd, als der Erzherzog eben ſchwin— 6 delnd nach einem Stuhl griff, um ſich aufrecht zu Llan halten. Iiun Ich werde langſamer gehen, murmelte Johann, ke icß geben Sie mir Ihren Arm, ich will folgſam ſein wie ein Kind! Er lehnte ſich auf den Arm des Doctors, und ſchritt auf ihn geſtützt, langſam die Treppe hinunter, und zu der bereit ſtehenden Kutſche hin. Jetzt, Hoheit, ſagte der Doctor, als der Lakay die 230 Wagenthür hinter ihnen geſchloſſen hatte, jetzt lehnen Sie Ihr Haupt in die Kiſſen zurück, ſchließen Sie die Augen und ſprechen Sie kein Wort, bis wir an Ort und Stelle ſind. Sie müſſen Sich durchaus ſchonen und Ihre Seele beruhigen. Schweigend fuhren ſie dahin, nicht einmal ſchlug Johann die Augen auf, nicht einmal öffnete er die Lippen, um zu ſprechen. Aber man ſah es an ſeinen todesbleichen Wangen, an den großen Schweißtropfen, die auf ſeiner Stirn ſtanden, an dem Zucken ſeines Angeſichts, wie ſehr ſeine Seele arbeitete und litt. Endlich hielt der Wagen und die Lakayen öffneten den Schlag. Der Erzherzog ſtieg aus; er folgte dem Doctor, der ihm voranſchritt, um, wie er ſagte, ihm den Weg zu zeigen, in das Haus, und ſchien es gar nicht zu bemerken, daß es das wohlbekannte Haus Roſchmanns war, welches er ſo oft betreten, welches noch vor wenig Monaten ſein Glück, ſeine Hoffnung, ſeine Zukunft umſchloſſen hatte. Man ſchien die Kommenden ſchon erwartet zu haben, denn die Thür des Vorzimmers war geöffnet, und ſie ſchritten hinein in die ſtille, ſchweigende Wohnung. Niemand kam ihnen entgegen, Niemand hieß ſie willkommen, auch in dem Salon, in den ſie jetzt ein— traten, war Niemand zugegen. k Doctor, flüſterte der Erzherzog, ſeinen Arm ſchwer zu auf die Schulter des Arztes legend, Sie haben mich wonen getäuſcht. Das Schweigen des Todes herrſcht in dieſen Räumen, ſie iſt nicht mehr hier, ſie iſt todt! cug Oh, mein Gott, ſie iſt todt! de Nicht mehr im Stande, ſeine Bewegung zu be— feinen meiſtern, ſank der Erzherzog auf einen Stuhl nieder, opfen, und wehrte den Thränen nicht, die aus ſeinen Augen ſeines ſtürzten. t. Weinen Sie, Hoheit, ſagte der alte Doctor gerührt, fneten die Thränen werden Sie erleichtern, und Sie werden dem dann ruhiger und gefaßter zu ihr eintreten können. hm Ich habe Sie nicht getäuſcht. Sie lebt, und erwartet s gar Sie. Ich gehe jetzt zu ihr hinein, um ſie auf Ihren Haus Beſuch vorzubereiten, aber ich kehre bald zurück. Leiſe auf den Zehen ſchlich der Arzt durch den Salon nach der Thür, die zu Camilla's Zimmer führte. Als er ſie öffnete, hörte man da drinnen eine Stimme gaben, mit wunderbarem hellen Klang fragen: Kommt er? Oh, ſagen Sie, kommt er? Johann ſchauerte in ſich zuſammen, und griff mit ſie der Hand nach ſeinem Herzen, das zu zerſpringen drohte. Oh, dieſe Stimme, murmelte er, iſt es nicht, als ob man eines Engels Stimme hört? Werde ich nicht vor ihr ſtehen, als ein Verdammter? ein— Die Thür that ſich wieder auf, und Doctor Flem— ming kehrte zurück. Hoheit, ſagte er laut und feierlich, Camilla erwartet Sie. Jetzt nehmen Sie alle Ihre Kraft zuſammen. Wenn Sie ihr Leben, das nur noch nach Minuten zählt, nicht verkürzen wollen, ſo müſſen Sie ſanft und ruhig ſein, denn jede heftige Aufregung würde ſie auf der Stelle tödten. Gehen Sie zu ihr, Hoheit. Sie hat gewünſcht, Sie ohne Zeugen ſehen zu dürfen, ich gehe alſo nicht mit Ihnen hinein, und auch die Wärterin iſt hinaus gegangen. Niemand als Gott wird Zeuge ſein Ihrer letzten Unterredung, denn ich ſage Ihnen, Hoheit, es iſt die letzte. Nun treten Sie ein! Noch nicht, warten Sie noch einen Moment, flüſterte Johann, ſich mit dem Taſchentuch die Stirn trocknend, — — — — — — und es ſich an die Augen drückend. 0! Nun öffnen Sie die Thür! Ich bin bereit! Mit feſtem Schritt trat er in das Gemach ein, deſſen Thür der Doctor hinter ihm ſchloß. Leiſe auf den Zehen ging er vorwärts nach dem Divan hin, auf welchem ſie lag. Aber war ſie das wirklich? Dieſe eingefallene ge— brochene Geſtalt, deren Dürre und Gebrechlichkeit man erkannte trotz des weiten faltigen Gewandes, das ſie umhüllte, war das die einſt ſo reizende, volle und doch zarte Geſtalt Camilla's? Dieſe bleichen, abgema⸗ gerten, durchſichtigen Hände, die ſich zitternd ihm ent— gegenſtreckten, waren das dieſelben Hände, deren Schön⸗ heit er noch vor wenig Monaten bewundert hatte? Dieſes abgezehrte Angeſicht mit den farbloſen einge— fallenen Wangen, war das Camilla's Angeſicht? Ja, ſie war es, war es dennoch! Er ſah es an dem wun— derbaren innigen Blick dieſer großen ſchwarzen Augen, an dem Lächeln dieſer holden Lippen, deren Purpur⸗ röthe die Krankheit nicht zerſtört, ſondern gehoben hatte, ja es war Camilla! Er ſank vor ihrem Lager auf die Kniee, faßte ihre beiden Hände, legte ſie langſam über ſein Antlitz, und ſo, ſein Haupt begraben in ihren Händen, weinte er bitterlich. Weinte ſie auch? Nein, ihre Augen ſtrahlten in ſeliger Frende, ihr Antlitz leuchtete wie in Verklärung, und nie, ſelbſt nicht in den Tagen ihres Glückes, hatte ein ſchöneres und glücklicheres Lächeln ihre Lippen um⸗ ſpielt, als in dieſem Moment. ———— 234 Oh, mein Gott, er liebt mich wieder, rief ſie freu⸗ dig, er liebt mich wieder und er glaubt wieder an mich! Ja, ſagte er, ſein Haupt emporrichtend und ſie mit einem vollen Blick der Liebe anſchauend, ja, ich glaube an Dich. Möge Gott mir verzeihen, daß ich je an Dir zweifeln konnte! Er glaubt an mich, wiederholte ſie, ich werde nicht ſterben belaſtet mit ſeinem Fluch. Oh, mein Geliebter, lege Deine Hand auf mein Haupt, nimm den Fluch von mir, und ſegne mich! Johann legte ſeine Rechte auf ihr Haupt. Der Segen meiner Liebe komme über Dich, ſagte er feier— lich, und der Fluch, den einſt meine Lippen über Dich ausgeſprochen, er falle auf das Haupt deſſen, der uns Beide verrieth. Ich kenne ſeinen Namen nicht, ich weiß nicht, wer er iſt. Aber Du wirſt ihn mir ſagen, Camilla, ja, Du wirſt mir die Wahrheit ſagen. Später, oh, ſpäter. Jetzt laß mich Dich anſchauen, laß mich dieſe Augen wiederſehen, die mich behütet in meiner Krankheit, die den Dämon des Wahnſinns aus meinem Haupt vertrieben haben. Oh, wie dieſe Augen glänzen, wie ſchön Dein Lächeln iſt. Nicht wahr, Du liebſt mich, Camilla, und Du wirſt nicht ſo grauſam ſein, mich jetzt zu verlaſſen, jetzt, da wir uns wieder ge⸗ 235 freu⸗ funden haben? Nein, Camilla, nein, Du wirſt mich nich nicht verlaſſen, Du darfſt nicht. Du haſt mir nicht d ſie das Leben erhalten, damit ich um Dich weine, damit ,, ich ich das Leben verwünſche? Nein, Du wirſt leben, für ſß ich mich leben! Für Dich, flüſterte ſie lächelnd, indem ihre zitternde nicht Hand ſeine Stirn ſtreichelte, und das Haar, das die— ſelbe bedeckte, ſanft zur Seite ſchob. Für Dich leben. Fluch Es war ein ſchöner Traum, ein Gedanke ſo voll Wonne und Glückſeligkeit, daß er alle Schmerzen, die Der nachher kamen, überſtrahlt hat. Ich danke Dir, mein feier Geliebter, danke Dir für das Glück, daß ich Dich Dich lieben durfte. r uns Und verzeihſt Du mir, Camilla, fragte er unter t, ich Thränen, verzeihſt Du mir, daß ich in dem Wahnſinn ſagen, meines Schmerzes an Dir zweifeln konnte? ppäter, Ich habe Dir niemals gezürnt, ſagte ſie, leiſe ihr jnich Haupt ſchüttelnd, ſelbſt nicht in jener fürchterlichen neiner Stunde, als Du kamſt mich anzuklagen. Ach, ich ſah winem es ja an Deinem Zorn, wie ſehr Du mich geliebt hatteſt, wie furchtbar zerſchmetternd es Dich traf, daß ich Dich verrathen hatte. Nein, Du hatteſt mich nicht verrathen, ſagte er ſchaudernd, nein, Du thateſt es nicht. Dein großes 236 reines Herz war ſolches Verbrechens unfähig. Du haſt mich nicht verrathen. Aber ich muß wiſſen, wer es gethan. Nenne mir ſeinen Namen, Camilla, den Namen des Verräthers, der Dir meine Papiere ſtahl, der ſie dem Kaiſer brachte, und ſagte, Du hüätteſt ſie ihm gegeben.— Oh, ich habe in dieſen letzten qual— vollen Wochen Zeit gehabt, darüber nachzudenken, und ich ahne den furchtbaren Zuſammenhang. Ein Ver⸗ räther war unter uns, und ſchlich ſich in unſere C heimniſſe ein, um ſie zu verkaufen und mich dem Kaiſer zu verdächtigen. Aber wer that es? Wer übte ſo ſchwarzen Verrath? Camilla, habe Erbarmen, gieb mir ein Zeichen Deiner Liebe, ſage mir, ob Du den Namen des Verräthers kennſt? Ich kenne ihn, ſagte ſie leiſe, aber ich habe mit einem heiligen Schwur gelobt, daß, ſo lange ich lebe, ich niemals ſeinen Namen ausſprechen, und Dir ver rathen will. Ich muß mein Wort erfüllen. Aber wenn ich todt bin, dann ſollſt Du ihn erfahren, damit Dein Verdacht nicht einen Unſchuldigen trifft, damit Du Dein Vertrauen nicht wieder dem Schuldigen zu— wenden kannſt. Ja, die Todte darf ſprechen, die Todte darf Dir die Wahrheit ſagen, denn ſie iſt frei von allen irdiſchen Banden, von allen Gelöbniſſen und Rück— 237 r ſichten. Höre, Geliebter, höre. Sobald ich geſtorben 1 e bin, wird der gute Doctor Flemming Dir einen Brief d übergeben, den ich an Dich geſchrieben habe, und in , al dem ich Dir das unſelige Geheimniß aufgezeichnet habe, teſt ſi das meine Lippen Dir nicht ſagen dürfen. Ich wünſche, Naun daß Du dieſen Brief hier an meiner Leiche empfängſt, 6 ſogleich, wenn meine Seele ausgerungen hat, daß— Ba Sie ſtockte, und der Athem ging ſchwer und keu— 1 g chend aus ihrer Bruſt hervor. ve 4 Oh, mein Gott, ſie ſtirbt, ſie ſtirbt! rief Johann Si verzweiflungsvoll, und er wollte ſich von ſeinen Knieen hit erheben, wollte den Arzt rufen, aber ihre Hand, die de mne auf ſeinem Arm ruhte, drückte ihn leiſe nieder, und anen ihre Lippen flüſterten kaum hörbar: Bleib! Oh bleib! 1 Johann ſank wieder auf ſeine Kniee nieder, und mi zog ihr Haupt an ſeine Bruſt, als wolle er es da ic leb bergen und behüten, daß der Tod es nicht finden ſolle! Dir der Sie ſchlug langſam wieder die Augen auf, und Abe ſelbſt in dieſem Moment noch leuchtete ihr Blick voll , damit Zärtlichkeit und Liebe für ihn, der troſtlos, ſchmerz— „ damit beladen zu ihr niederſchaute. gen zu Es geht zu Ende, ſagte ſie, ich muß raſch ſprechen, ie Todte ehe der Tod kommt, mich abzurufen. Ich wünſche, frei von daß der Doctor Dir hier meinen Brief giebt, und daß d Rück 40 — xǵ—, 4 238 Du ihn dann ſogleich lieſeſt, hier, neben mir, während mein Geiſt vielleicht noch Dich umſchwebt, während das Herz, das Dich ſo ſehr geliebt hat, noch nicht er— kaltet iſt. Willſt Du mir das verſprechen? Ich verſpreche es Dir, Camilla, ich werde, um Dir zu gehorchen, meinem Schmerz gebieten, ich werde Deinen Brief leſen. Du wirſt ihn leſen, flüſterte ſie mit verſagender Stimme. Du wirſt den Namen deſſen erfahren, der Dich verrathen hat. Jetzt noch die letzte Bitte einer Sterbenden: mein Geliebter, vergieb ihm! Ueberlaß die Strafe Gott! Schwöre es in meine ſterbende Hand, daß Du keine Rache an ihm nehmen, daß Du ihn nicht ſtrafen willſt um ſeines Verbrechens willen! Du zauderſt, mein Geliebter? Oh, bedenke, daß es meine letzte Bitte iſt, daß ich im Grabe keine Ruhe finden werde, wenn Du ſie mir verweigerſt! Johann, wenn Du mich liebſt, ſo ſchwöre, ſchwöre, daß Du keine Rache üben, ihn nicht tödten willſt. Ich ſchwöre es, ſagte er, feierlich ſeine Hand er— hebend, ich ſchwöre, daß ich keine Rache üben, daß ich Gott die Strafe anheim geben will. Oh, nun kann ich in Frieden ſterben, flüſterte ſie mit einem ſeligen Lächeln. Er, mein Geliebter, er 3 ährend vährend 239 glaubt wieder an mich, er liebt mich wieder. Es war nur ein böſer Traum, Alles, Alles, was ich gelitten habe. Jetzt bin ich erwacht, und das Glück iſt wieder da, und die Liebe! In dieſer Stunde des Glücks ver⸗ zeihe ich denen, die mir Böſes thaten, verzeihe auch dem, der mein Herz gebrochen, mein Leben zerſchmet— tert hat. Sag's ihm, wenn Du ihn einſt wiederſiehſt, daß Camilla ihm verzeiht, daß ſie zu Gott und zu ihrer Mutter geht, um zu ihnen zu beten, daß auch ſie ihm vergeben wollen. Nein, keine Rache, keine Strafe! Vergebung, oh, Vergebung! Ach, welch eine kalte Hand ſich da auf mein Herz legt,— das iſt der Tod,— er kommt, um mich zu holen. Nein, nein, rief Johann wild, ich laſſe Dich nicht, ich will mit Dir ſterben! Der Tod ſoll uns vereinen! Nimm mich mit Dir, Camilla, oh, nimm mich mit! Er drückte ihr Haupt an ſeine Bruſt, er rief ſie mit aller Angſt der Liebe, der Verzweiflung, und als ſie ſchwieg, als ſie keine Antwort gab auf alle ſeine wirren ſchmerzvollen Worte, als die furchtbare, grauenhafte Gewißheit ihn überkam, da ſtürzten ſeine Thränen, Bächen gleich, aus ſeinen Augen nieder, und bethaueten ihr Angeſicht. 240 Waren es dieſe Thränen, die den ſchon entflohenen Geiſt noch einmal zurückriefen in ſeine Hülle? Camilla ſchlug noch einmal die Augen auf, und die Liebe, die ewige, unſterbliche Liebe, belebte noch einmal ihren Blick. Lebe wohl, hauchte ſie leiſe, ich geh' zu Gott! Weine nicht! Ich bleibe bei Dir! Lebe wohl! Nun ward ihr Blick, der immer noch auf ihn ge⸗ richtet war, ſtarr und glanzlos; nun flog ein leiſes unmerkliches Zucken durch ihre ganze Geſtalt hin, nun ging der Athem ſchwerer, keuchender aus ihrer Bruſt hervor,— verſtummte dann ganz,— ſetzte ſchwer und röchelnd noch einmal an,— dann ward Alles ſtill,— die Geſtalt dehnte und ſtreckte ſich,— die Augen waren ohne Leben— Sie iſt todt! Oh, ſie iſt todt! ſchrie Johann zu ſammenſinkend, und mit ſeinem lauten qualvollen Schluchzen das Schweigen des Todes unterbrechend. D Ja, ſie iſt todt, ſagte der alte Doctor, der den Ruf des Erzherzogs gehört hatte, und in das Gemach eingetreten war. Ja, ſie iſt todt, wiederholte er, in dem er ſich über die Leiche beugte. Gönnen Sie ihr die Ruhe; ihr Herz hat ausgelitten. Keine Klagen mehr, Hoheit! Raffen Sie Ihr Herz zuſammen, ſeien 241 Sie groß und ſtark, ſeien Sie des Engels würdig, der lohenen jetzt von uns gegangen iſt, und der auf Erden nichts f und geliebt hat, als Sie allein. Auf, Hoheit, richten Sie noch Ihr Haupt empor! Trocknen Sie Ihre Thränen! ſe ic Camilla will nicht, daß Sie weinen! i Dirl Ich weine auch nicht mehr, ſagte Johann, ſich langſam erhebend und die Thränen aus ſeinen Augen fit d fortſchüttelnd. Hier, Hoheit, hier iſt der Brief, den Camilla mir befohlen hat, Ihnen ſogleich nach ihrem Tode zu über⸗ geben! Camilla beſchwört Sie, ihn ſogleich zu leſen. Ja, ich will ihn leſen! Ich habe ihr gelobt, daß ich es thun will, rief Johann, indem er ſeine Thränen trocknete, und den Brief Mahm, welchen der Doctor ihm darreichte. Und er las ihn! Neben der Leiche ſich niederſetzend, ihre erkaltende Hand in der ſeinen haltend, las er dieſen Brief, der ihm Kunde gab von Allem, was ſie gelitten, von allen ihren Schmerzen, ihrer Qual und ihrer Verzweiflung, der ihm das ganze Gewebe der mach Intriguen und des Verraths enthüllte, und ihm Alles r, in ſagte, was ihre Lippen hatten verſchweigen müſſen.— Lie ihr Zuweilen während des Leſens ſtieß Johann einen Klagen Schrei des Entſetzens aus, und ſein flammender Zor⸗ ſelen Mühlbach, Erzh. Johann u. Metternich. III. 16 242 nesblick flog im Zimmer umher, als ſuche er da den Verräther, dem Camilla zum Opfer gefallen, dann wieder bedeckte eine tödtliche Bläſſe ſeine Wangen und ſeine Augen füllten ſich mit Thränen. Jetzt, als er zu Ende geleſen, drückte er einen innigen Kuß auf das Papier, und ſchob es in ſeinen Buſen. Dann neigte er ſich über die Leiche, und be trachtete lange dieſes ſchöne Angeſicht, das noch ver⸗ klärt war von dem letzten Strahl des ſchwindenden Lebens, oder von dem erſten Strahl der aufgehenden Unſterblichkeit. Lebe wohl, ſagte er leiſe, lebe wohl! Mein Herz iſt mit Dir geſtorben, und meine Liebe wird mit Dir eingeſargt. Aber ich darf Onoch nicht ſterben. Ich muß leben, denn ich habe noch auf Erden zu thun! Ich muß meinen Freund befreien! Ich danke Dir, Camilla, daß Du mir geſagt haſt, wo man ihn gefangen hält. Ich werde leben, um ihn zu befreien. IV. Munkaäats. Der Commandant der Feſtung Munkaàts, Major Czapka, hatte ſo eben ſeinen abendlichen Rundgang durch die Feſtung vollendet; er hatte mit eignen Augen ſich überzeugt, daß alle Wachen auf ihrem Poſten, alle Brücken aufgezogen, alle Thüren geſchloſſen, mit Aus⸗ nahme der kleinen Seitenthür, welche für den Verkehr der Feſtungsbewohner mit der Stadt bis zur Nacht⸗ zeit geöffnet blieb, aber vor welcher nichtsdeſtoweniger eine Schildwache aufgeſtellt war, nur um jedem Aus⸗ und Einpaſſirenden den Erlaubnißſchein ſich vorzeigen zu laſſen. Major Czapka kehrte jetzt von ſeinem Rundgang wieder in ſein Wohnzimmer zurück, und ſich in den großen mit koſtbarem Schnitzwerk verzierten Lehnſtuhl werfend, der in der Fenſterniſche der ungeheuern Mauern 16⸗ 244 ſtand, ließ er ſeine Augen mit einem unendlich trau⸗ rigen, düſtern Blick in dem weiten Gemach, das indeß mehr einem feierlichen Empfangsſaal als einem Wohn⸗ zimmer glich, umher gleiten. Dieſer Saal war es indeß wohl werth, daß man die Blicke eif ihn heftete, und die Sammler von Alterthümern und künſtlichen Geräthſchaften würden entzückt geweſen ſein von dieſer Einrichtung. Die Wände waren bis zur Hälfte ihrer Höhe mit Tafelwerk von Eichenholz verziert, während die andere Hälfte mit ſeidenen Tapeten von brauner Farbe ausgeſchlagen war. Von der mit kunſtvoller Stuccatur verſehenen Decke hing ein Kronleuchter von Bergeryſtall hernieder, in deſſen in der Mitte herab⸗ hängender großer, aus einem Kryſtallſtück geformter Kugel das verglimmende Abendroth des Himmels eben im wundervollſten Farbenſpiel reflectirte. An der brei⸗ ten, den Fenſtern gegenüber befindlichen, Wand hing ein ungeheurer runder Spiegel von venetianiſchem Glas, eingefaßt in einen Rahmen von Eichenholz, deſſen wunderbares Schnitzwerk voll phantaſtiſcher Thier⸗ geſtalten und Blumen dem größten Bildhauer würde Ehre gemacht haben. Zu beiden Seiten dieſes Spie⸗ gels hingen in eben ſo koſtbar geſchnitzten Rahmen zwei Bilder, die Portraits zweier Krieger von ſtren⸗ 245 ch trau⸗. 2.— . gem martialiſchem Ausſehen, die rechte Hand drohend as indeß— 4„— an das Schwert gelegt, die linke keck in die Seite ge⸗ M 4 Wohn ſtemmt, und mit den dunklen blitzenden Augen jedem war es. 2.— Beſchauer gewiſſermaßen eine Herausforderung in’'s heftete 5 4. 2. 4 Angeſicht werfend. Unter dem Spiegel, an dem Eichen⸗ rütſchen getäfel der Wand, ſtand ein Kanapee von geſchnitztem ei diſer Eichenholz mit ſchweren hohen Rücken- und Seiten fte ihrer lehnen, der ungepolſterte Sitz überzogen mit dunkel⸗— während rothem Sammet, deſſen zum Theil abgeſchabte und rauner ſchadhafte Fläche von dem Alter des ſchönen Meuble iſtvoller Kunde gab. Zu beiden Seiten in einem Halbkreis bter von ſtanden drei Lehnſtühle, in Form und Schönheit dem herab⸗ Kanapee gleich, und zwiſchen denſelben befand ſich ein formter großer runder Tiſch, deſſen Verzierung und kunſtvolles s eben Schnitzwerk ganz in Uebereinſtimmung ſtand mit den der brei Fauteuils und dem Kanapee. Weiterhin an den beiden and hing ſchmalen Wänden des Saals ſtanden zwei jener großen u Glas, wunderbar geſchnitzten und mit Elfenbein, Perlmutter deſſen und Silberfiligran und ſilbernen Thier⸗ und Menſchen⸗ Thier⸗ köpfen verzierten Schränken, wie die Holzbildhauer des r würde Mittelalters ſie als ſeltene Monumente ihres Fleißes Spic⸗ und ihrer Kunſtfertigkeit hinterlaſſen haben. In den Kahmen drei Niſchen der Fenſter, die zwiſchen den rieſenhaften tren Pfeilern ſich befanden, und deren jede gewiſſermaßen ein 246 kleines Gemach für ſich ſelber bildete, ſtanden wieder zwei Lehnſtühle mit einem Tiſch in der Mitte, ähnlich dem großen vor dem Kanapee, nur in kleineren Di⸗ menſionen. Major Czapka, wie geſagt, ließ ſein Wlice langſam über dieſes Gemach hingleiten, deſſen Ameublement heut⸗ zutage ein Fürſt oder ein reicher Banquier mit Tau⸗ ſenden bezahlen würde, welches aber dem armen Major unendlich altmodiſch und häßlich erſchien, dann wandte er ſeine Augen den Fenſtern zu, und blickte hinaus, oder vielmehr hinunter auf die Landſchaft, die ſich in allem Reiz der blühenden Sommerszeit zu den Füßen der hoch oben auf einem Felſen belegenen Feſtung ausbreitete. Dort unten, eine halbe Meile von der Feſtung entfernt, im blühenden Kranz von Eichen⸗ und Ahornbäumen lag das Städtchen Munkats mit ſeinen ſchmucken Häuſern und ſeinen großen palaſtähnlichen Fabrikgebäuden, in denen das Eiſen und der Salpeter, die beiden koſtbaren Erzeugniſſe dieſer Gegend, verar⸗ beitet wurden. Durch dies anmuthige Gewirr von Häuſern, Baumgruppen und zierlichen Gärten, deren Bosquets und Blumenbeete man von hier oben aus der Vogelperſpective beobachten konnte, ſchlang ſich in fröhlichen Windungen, einem breiten ſilbernen Bande 247 vieder gleich, ein Fluß, die Laterza, dahin, und auf ſeinem daſü ſilberklaren kräuſelnden Waſſer ſchaukelten ſich leicht bewimpelte Boote, glitten die langen holzbeladenen 6 Kähne mit den breiten, vom Winde gebauſchten Segeln, 1 majeſtätiſchltdahin. Nur da drüben, am Ende der angſan Stadt, wo, einer großen ſich bäumenden Rieſenſchlange thi gleich, eine faſt ſiebenhundert Fuß lange Brücke die in Li beiden Ufer der Laterza verband, mußten ſie ihre Segel Maor einziehen und ihre hohen Maſte niederlegen, um langſam wandte und demüthig unter dem hohen Brückenbogen durchzu⸗ hinaud, ſchleichen, während die kleinen Boote mit ihren bunten e ſich in Wimpeln luſtig durch die Brücke dahinſchoſſen. Weiter⸗ Füßen hin jenſeits des Fluſſes breitete ſich eine große Wieſe Geſtung mit ihrem ſmaragdnen Grün aus, und inmitten der— 1 der ſelben, innerhalb eines Geheges, ſah man eine Schaar und von jungen ungeſattelten Pferden in tollen Sprüngen t ſeinen und jubelnder Freiheitsluſt ſich ergötzen. Noch weiter tähnlichen abwärts, am Ende des Horizonts, ſtiegen die hohen Zalpeter, feuerdampfenden Eſſen der Alaunſiederei von Podhering „verar auf und hüllten zuweilen mit ihren ſchwarzen dicken irr von Dampfwolken das ſtolze Schloß des Grafen Schön⸗ n, deren born ein, als wollten ſie das Schloß mit einem Trauer⸗ ben als ſchleier umgeben, damit die alten Ahnen im Ritterſaal ſich in nicht ſehen ſollten, daß der Enkel der ſtolzen Ariſto Bande 248 craten ſo weit ſich herabgelaſſen, mit Fabrikweſen und Induſtrie ſeine ſchönen ariſtocratiſchen Hände zu be⸗ ſchmutzen. Es war in der That eine anmuthige, lachende Ge⸗ gend, aber der Major Czapka betrachtete ſte mit dem⸗ ſelben verdrießlichen und mißbilligenden Blick, mit welchem er ſein eigenes ſchönes Gemach betrachtet hatte. Drunten am Fuß des Felſens ritt eben auf unge⸗ ſatteltem Pferde ein Bauernburſch vorüber; mit den eingeklemmten Knieen ſpornte er ſein feuriges Roß, an den wallenden Mähnen hielt er, ſtatt des Zügels, ſich feſt, und wie er dahinbrauſte, ſang er ein ungariſch Lied voll ſo übermüthiger Luſt, ſo ſchmetternder Kraft, daß die Töne ſich emporwirbelten bis zu der Feſtung und wie mit leiſen Geiſterfingern an das Fenſter klirrten, hinter welchem der Commandant der Feſtung ſaß. Ich wollt', ich wär' der Bauernburſch, der da ſo luſtig durch die Welt hinreitet, murmelte er zwiſchen den Zähnen hervor, ich wollt', ich wär' der ärmſte Pferdeknecht im großen kaiſerlichen Geſtüt da unten; es wär' immer noch beſſer als hier oben Commandant zu ſein, Commandant, das heißt, Gefangener der Ge— fangenen, das heißt, ein elender, gelangweilter Soldat, der nichts zu thun hat, als die Schildwachen zu in— — 249 n und ſpiciren, ſich von den Gefangenen verwünſchen zu laſſen, zu be⸗ und ſelber ſein langweiliges erbärmliches Daſein zu verwünſchen, das nicht einmal Ausſicht auf Abwechſelung de Ge und Aenderung hat. Denn wenn auch, wie ſie jetzt dem⸗ ſagen, der Krieg mit dem Napoleon wieder beginnt, elchem hierher wird er doch nicht kommen, ſondern in Deutſch⸗ land werden ſie's dies Mal mit dem Bonaparte aus— unge⸗ fechten, und wir hier in Ungarn werden nicht einmal it den den Donner der Kanonen hören können. Er ließ wieder ſeine unruhigen umherirrenden Blicke nach der Stadt hinüberſchweifen, ein Seufzer hob ſeine breite Bruſt, und er drehte unmuthig an dem dicken Hraft ſchwarzen Schnurrbart, deſſen lange Spitzen bis über das Kinn, zu beiden Seiten des Mundes, herniederfielen. Wollt', ich könnt' heute Abend da unten ſein in der Adelsreſſource, ſagte er grollend vor ſich hin, haben heute Abend ihr Comitatskränzchen, und tüchtig wird hr da gezecht und gewürfelt werden. Ich war ſonſt immer dabei, und hab' mir wohl zehn Dukaten in ſolcher mn luſtigen Nacht zuſammengeknöchelt. Und jetzt, ſeit der nnen neue Gefangene hier iſt, muß ich hier oben ſitzen, wie 6 ein Lämmergeier auf einſamem Horſt. Es iſt zum Toll⸗ rG werden in der Oede und Stille hier! Und ich darf ldat, nicht drauf hoffen, daß heut eine einzige Menſchenſeele —— — 250 von Munkaàts heraufkommt, um mir Geſellſchaft zu leiſten, denn ſie wollen heute Alle im Kränzchen jubi— liren, und Keiner denkt dran, ſich meiner Verlaſſenheit zu erbarmen. Na, das wird halt ein ſchöner Abend werden, und wundern ſoll mich's gar nicht, wenn ich zuletzt ſo menſchenſchen und bärbeißig werde, wie der Gefangene von Numero Vier. Was fang' ich nur an? Womit beſchäftige ich mich? Ein ſtarkes Klopfen an der Thür unterbrach ihn in ſeinem trübſeligen Selbſtgeſpräch; auf ſein gebieteriſches Herein! öffnete ſich die Thür, ein alter invalider Un— terofficier, der die Ehre hatte, dem Herrn Major als Kammerdiener anzugehören, erſchien auf der Schwelle, und marſchirte in das Zimmer. Halten zu Gnaden, Herr Major, ſagte er mit dem tiefſten militairiſchen Reſpect, vor dem Major Front machend, halten zu Gnaden, es iſt ein Herr da, der Ew. Gnaden beſuchen will. Der Major fuhr auf, und ſein düſteres Geſicht begann ſich zu erheitern. Mich beſuchen? fragte er. Was iſt's für ein Herr? Wie ſchaut er aus? Wie nennt er ſich? Er nennt ſich gar nicht, Herr Major, aber recht vornehm ſchaut er aus, obwohl er nur Civil trägt. 251 ſellſchaft;.— or Grif Bri ellſchaft zu Er ſagt, er habe dem Herrn Major Grüße und Briefe anchon juhi.. 5, nzeheit jubi zu überbringen vom Herrn Biſchof Verhoracz und vom Rorſaſſonhoit Verlaſſenhei⸗ nheit Grafen Nugent. zuer Abend Jeſus Maria, und einen ſolchen Herrn läßt Du t, wenn ich Eſel draußen ſtehen und führſt ihn nicht ſogleich ohne de, wie der Weiteres zu mir herein! ſchrie der Major, indem er mit mächtigen Schritten das große Gemach durcheilte, . A die Thür aufriß und in den Vorſaal ſtürzte. rach ihn in Wo iſt denn der Fremde? fragte er den Unter⸗ gebieteriſches officier, der mit ſeinem krummen Bein hinter ihm valider Un herhinkte. Major als Draußen, Ew. Gnaden, vor der kleinen Pforte. Schwelle Hat keinen Paſſirſchein, kann nicht eingelaſſen werden, wenn's Ew. Gnaden nicht ſelber thun! mit den Der Major war ſchon in den Corridor hinausgeeilt, jor Front ſprang jetzt in mächtigen Sätzen die ſteinerne Wendel⸗ rr da, der treppe herab und zu der kleinen Pforte hin, vor welcher die Schildwache mit ernſter Majeſtät auf⸗ und niederſchritt. Geſich Der Major öffnete dieſe Thür, ſchritt über den fraate ei kleinen öden, von den hohen Feſtungsmauern umragten 62 Wi Hof hin, und drückte jetzt die Thür in der Mauer auf, die hinaus in's Freie führte. r rech Draußen vor derſelben ſtand ein Herr in Civil— tr tracht, aber der ſchöngepflegte Schnurrbart gab ſeinem 252 etwas bleichen, kränklichen Geſicht doch einen kriegeri⸗ ſchen Ausdruck, und die Medaille in ſeinem Knopfloch bezeugte, daß er nicht blos im Kriege gekämpft, ſondern auch tapfer geweſen. Er grüßte den Major mit einem mehr herablaſſenden und ſtolzen, als zuvorkommenden Weſen, aber ſein Blick hatte etwas unendlich Mildes, Freundliches, und der Ausdruck ſeiner Züge war edel und gewinnend. Sie wollten mich ſprechen, mein Herr? fragte der Major, den Fremden anſchauend. Ich wollte Sie beſuchen, mein Herr, ſagte der Fremde lächelnd, und da man, wie ich ſehe, nicht ohne Paſſirſchein dieſe Schwelle überſchreiten darf, ſo ſind hier zwei Briefe, welche Sie vielleicht als Paſſirſchein betrachten wollen. Er überreichte dem Major zwei verſiegelte Schreiben; dieſer beeilte ſich, ſie anzunehmen, und öffnete das erſte der Schreiben.— Vom Herrn Biſchof Verhoracz, rief er freudig, indem er raſch die wenigen Zeilen, die das Papier enthielt, überlas. Dann brach er auch das Siegel des zweiten Schreibens, und entfaltete es. Von meinem früheren General, dem Grafen Nugent, — ſagte er, den Brief aufmerkſam leſend. Dann ſteckte enopfloch ſondern iit einem Mildes, 253 er die beiden Briefe in ſeine Uniform, und reichte dem Fremden ſeine Hand dar. Mein Herr Baron, ſagte er, wer von ſo bedeu— tenden und angeſehenen Männern ſo warm empfohlen wird, der kann ſicher ſein, überall die ehrenvollſte Aufnahme zu finden. Der Herr Biſchof empfiehlt Sie mir als einen der edelſten Patrioten, einen vertrauten Freund des Herrn Erzherzogs Johann, und der Graf Nugent ſchreibt mir, er ſchätze ſich glücklich, ſich den Freund des Herrn Barons von Eichen nennen zu dürfen. Er habe niemals einen tapferern Soldaten, einen größern Gelehrten und einen angenehmern Ge⸗ ſellſchafter gekannt, als den Herrn Baron. Treten Sie ein, mein Herr, Sie haben mir da ſtatt eines Paſſirſcheines deren zwei gebracht, und ich ſchätze mich ſehr glücklich, Sie willkommen heißen zu dürfen. Sie wollen mir alſo erlauben, einige Stunden in Ihrer ſchönen Bergfeſte bei Ihnen zuzubringen? fragte der Baron. Im Gegentheil, ich bin glücklich, wenn Sie mir erlauben, Sie hier einige Stunden feſtzuhalten. Hier herauf, mein Herr Baron, die Wendeltreppe iſt freilich ſteil, aber wir ſind bald oben. Ich gehe vorauf, um Ihnen den Weg zu zeigen. 254 Der Baron folgte ihm mit leichtem elaſtiſchem Schritt, und ging hinter dem Major her, nach dem Wohnzimmer hin. Jetzt, mein Herr, ſagte der Major, als ſie daſſelbe erreicht, und die hohen ſchweren Flügelthüren von Eichenholz ſich hinter ihnen geſchloſſen hatten, jetzt heiße ich Sie noch einmal willkommen, und ich geſtehe Ihnen, Sie kommen mir grade heute, wie ein Retter in der Noth. Ich litt eben an der furchtbarſten aller Krankheiten, an der Langeweile, und Sie werden mich von derſelben curiren. Der Graf Nugent ſchreibt es ja, Sie ſind ein ausgezeichneter Geſellſchafter, und ich geſtehe Ihnen, daß das für mich eine größere Em⸗ pfehlung iſt, als Ihre Gelehrſamkeit. Nun, ich mache auch kein Fait von der Gelehrſam⸗ keit, mein lieber Herr Major, ſagte der Baron lachend⸗ Ich ſuche mich auf alle mögliche Art zu amüſiren, mit Büchern und mit Menſchen, das iſt mein eigent⸗ licher Lebenszweck, und wenn ich mich zuweilen mehr mit Büchern, als mit Menſchen beſchäftigt habe, ſo geſchah es nicht aus Durſt nach Gelehrſamkeit, ſondern, weil die Bücher unterhaltender waren, als die Menſchen. Ich wollte, ich könnte das auch finden, ſagte der Major lachend, dann würde ich. mich hier niemals lehrſam lachend⸗ amüſiren, in eigent mehr habe, ſo ſondern, 1 Mhenſchen ſagte der nals niem 1 25— langweilen, denn Bücher kann man immer ſich als Geſellſchafter verſchaffen, während es ſchwieriger iſt, Menſchen hier herauf zu bekommen. Aber ich geſtehe Ihnen, ein einziger Menſch iſt mir lieber, als ein Dutzend Bücher, vorzüglich, wenn der Menſch ein gutes Glas Tokayer liebt, und die Würfel nicht verachtet. Ich bin ein ſolcher Menſch, ſagte der Baron lächelnd, und ich geſtehe Ihnen, daß Tokayer und Würfel mich ſchon manche Nacht gekoſtet haben. Des Majors Antlitz ſtrahlte im hellſten Freuden⸗ roth. Kammerdiener, ſogleich einige Flaſchen Tokayer von der Er ſchellte heftig und befahl dem eintretenden beſten Sorte heraufzubringen, auch dem Koch zu ſagen, daß er für ein ſchönes und auserleſenes Nachteſſen Sorge tragen ſolle. Ich muß den Empfehlungen, die Sie mir gebracht haben, Ehre machen, Herr Baron, ſagte der Major vergnügt. Briefe vom Biſchof Verhoracz und dem Grafen Nugent, das bedeutet ſo viel, als daß Sie ein Feind des Bonaparte ſind, und nichts ſehnlicher wün— ſchen, als daß der Corſe mit ſeiner ganzen unſanbern Sippſchaft endlich zum Teufel gejagt werde. Sie haben recht, ich wünſche nichts ſehnlicher, er⸗ widerte der Baron. — 256 Und Sie durchreiſen Ungarn nicht blos zu Ihrem Vergnügen, ſondern zu andern Zwecken, nicht wahr? fragte der Major, liſtig mit den Augen blinzelnd. Der Herr Biſchof nennt Sie einen warmen Patrioten, und einen Freund des Erzherzogs Johann, das heißt alſo: Sie gehören zu den Unſern, Sie ſind kein Frie— densmann, ſondern ein Kriegsheld, Sie helfen an dem großen Werk, an welchem wir Alle arbeiten, und deſſen Lenker und Leiter in Kroatien und Illyrien, in Kärn⸗ then, Krain und Ungarn der Biſchof Verhoracz und der Graf Nugent ſind. Sie ſehen, ich komme Ihnen mit voller Aufrichtigkeit entgegen, aber Sie müſſen deshalb mich nicht für eine alte Plaudertaſche halten. Ihre beiden Briefe haben mir aber die Lippen und das Herz aufgeſchloſſen. Und ich will Ihr Vertrauen mit Vertrauen erwi⸗ dern, ſagte Baron Eichen, dem Major ſeine weiße ariſtocratiſche Hand darreichend. Ja, Sie haben richtig errathen, ich gehöre zu der großen und heiligen Ver⸗ ſchwörung, welche ganz Ungarn, Siebenbürgen, die Küſtenländer und Tyrol wie mit einem unſichtbaren Netz umſpannt, und deren Zweck und Ziel es iſt, in demſelben Augenblick, wo Oeſterreichs Kaiſer an Frank⸗ reich den Krieg erklärt, eine gleichmäßige Erhebung in 747 257 Siebenbürgen und den Küſtenländern zu veranſtalten, eine Revolution zu machen, durch welche man auf einen Schlag die Franzoſen aller Orten verdrängt und ſie zum Land hinausjagt. Ich habe ſoeben eine Rundreiſe durch Kärnthen und Krain, durch Illyrien und Tyrol gemacht, und bin entzückt über den Geiſt der Einheit und Kraft, Entſchloſſenheit und Tapferkeit, dem ich überall begegnet bin. Das Volk iſt bewaffnet, und bildet ein großes Heer, das nur noch auf den Ruf ſeiner Heerführer wartet, um ſofort mit ſeinen Waffen ſich in Reih und Glied zu ſtellen. Dies ſind die Nach⸗ richten, die ich dem Erzherzog Johann zu überbringen habe, und die ihn unendlich glücklich machen werden. Auf ſeinen beſondern Wunſch, habe ich dieſe Reiſe unternommen, und bin ich auch hierher gekommen, um die Stimmung der Ungarn zu erforſchen, und zu ſehen, ob man in der Stunde der Entſcheidung auf die Magyaren ſowohl, wie auf die Commandanten der un⸗ gariſchen Feſtungen rechnen könnte. Es liegt zum Bei ſpiel viel überflüſſige Munition in den ungariſchen und ſiebenbürgiſchen Feſtungen, und im benachbarten Kroa tien fehlt es nicht an Waffen, aber an Munition. Ich möchte nun wiſſen, und bin beauftragt zu erforſchen, ob die Commandanten der ungariſchen Feſtungen, die Mühlbach, Erzh. Johann u. Metternich. III. 17 von dem Kriegsſchauplatz ſoweit entfernt ſind, daß ſie ſicher ſind in die Affaire nicht mit hineingezogen zu werden, ſich bereit erklären werden, das Heer der Auf— ſtändiſchen in Kärnthen und Kroatien mit Pulver und Blei zu unterſtützen? Sie ſehen, mein Herr, ich bin aufrichtig, und ich richte im Namen des Grafen Nugent unmittelbar an Sie dieſe Frage. Und ich gebe Ihnen mit Freuden meine Antwort. Ja, ſobald General Graf Nugent von mir zum Bedarf der Aufſtändiſchen, die für den Kaiſer von Oeſterreich gegen die Franzoſen kämpfen, Munition begehrt, ſo werde ich keinen Augenblick anſtehen, ihm abzuliefern, was ich an Pulver und Blei in der Feſtung vorräthig habe. Bravo, Herr Major, Sie ſind ein wackerer Patriot, und das Vaterland wird mit Ihnen zufrieden ſein. Das Vaterland, nun ja, aber es fragt ſich, ob es auch der Kaiſer ſein wird. Er hat eben erſt den Aufſtand in Tyrol niederſchlagen, und die Häupter deſſelben verhaften laſſen, obwohl ſie nur für ihn und für Oeſterreich kämpften; wenn er jetzt Frieden macht, ſo wird er auch den Aufſtand in Kärnthen und Krain und Illyrien niederſchlagen und verleugnen, und man wird mich dann vor ein Kriegsgericht ſtellen. Nun meinetwegen. Ich habe Ihnen mein Wort gegeben, 259 , daß ſie und es bleibt dabei! General Nugent mag ſeine Leute zogen zu mit Wagen und Quittungsſcheinen herſenden, ich liefere der Auf ihnen Munition. ver und Sie ſind ein wackerer Mann; ich danke Ihnen im iich bin Namen des Generals Nugent, rief der Baron, dem Nugent Major herzlich die Hand drückend. Ich wollte nur, ich könnte mich ſelbſt meinem Antwort. frühern General als Soldat ſtellen, ſeufzte Major m Bedarf Czapka, ich wollte, ich könnte Theil nehmen an dem Päreit Krieg, aber dieſe Hoffnung iſt vergeblich. Muß ſchon virt o hier aushalten, und mich langweilen, während die Ka⸗ auliefern, meraden im Felde jubeln, und Lorbeeren erwerben. hi habe Muß während deß hier oben ſitzen, und Gefangenwärter 5 iot, ſpielen, und Verbrecher und Hochverräther bewachen. d Das iſt freilich ein trauriger Dienſt, ſagte der cb ts Baron mitleidsvoll. f den Ja freilich, ein ſehr trauriger, beſonders jetzt, ſeit der neue Gefangene Numero Vier hier iſt, brummte der Major. Strenge Ordre gekommen, ihn zu be— wachen, ſoll mit meinem Kopf für ihn haften. Schönes Geſchäft für einen alten Soldaten, wie ich es bin. Aber halt, da kommt der Tokayer! Vergeſſen wir jetzt die leidige Politik, und ſtoßen wir an. He, Thomas, hierher auf meinen Lieblingsplatz in der Fenſterniſche 17* 260 ſetze den Wein. Haſt Du dem Koch meinen Befehl gebracht? Ja, Ew. Gnaden! Das Souper wird in einer halben Stunde bereit ſein. Vortrefflich. Ihr ſervirt draußen den Tiſch und tragt ihn hier herein. Und jetzt ſcheer' Dich fort, und ſorge, daß der Wein hübſch kalt, und die Paſtete hübſch warm iſt. Fort mit Dir! Nun kommen Sie, Herr Baron, nun laſſen Sie uns anſtoßen! Schauen's, wie der köſtliche Wein funkelt und duftet. Heben Sie Ihr Glas in die Höhe! Stoßen wir an. Auf das glückliche Gedeihen Ihrer Unternehmungen! Ein herrlicher Toaſt, und ich danke Ihnen von Herzen, ſagte der Baron, ſein Glas erhebend. Auf das glückliche Gedeihen meiner Unternehmung! Und jetzt auf das Wohl des Grafen Nugent! Auf das Wohl des Grafen Nugent! Er lebe hoch! Nun aber, mein lieber Herr Baron, nun laſſen wir's genug ſein mit den politiſchen Toaſten. Mir ſcheint, wir haben uns hinlänglich ausgeſprochen über die Po⸗ litik, und es könnt' nicht ſchaden, wenn wir jetzt auch eine Stunde dem Vergnügen widmeten. Ich bin kein Gelehrter, und kein Diplomat, ich liebe den Kaiſer, 261 und vor allen Dingen mein liebes ungariſches Vater— Bäſil land, ich haſſe den Bonaparte, und die verfluchte Franzoſenwirthſchaft, ich bin mit Leib und Seele Soldat, eüner und verſteh' mich auf's Dreinſchlagen, aber von der Politik verſtehe ich herzlich wenig, und ſchäme mich des— h und halb gar nicht, ſondern ſage es grade heraus: Ich ünd mag ſie nicht! Der Tokayer iſt ſüß! Verſäuern wir t hübſch ihn nicht mit Politik. Nein, verſäuern wir ihn nicht mit Politik, lachte ſjen Sie der Baron. Sie haben recht, genießen wir das Leben, funkelt und ſeien wir froh! Sagten Sie nicht, Herr Major, Höhe! daß Sie den Tokayer und das Wiürfelſpiel lieben? Ihrer Nun, wo ſind denn die Würfel? Warum knöcheln wir nicht ein wenig? ien von Das Antlitz des Majors ſtrahlte vor Vergnügen. Auf Er ſtand eilig auf, ging zu dem ſchönen geſchnitzten Und Schreibſchrank hin, ſchob die Klappe deſſelben zurück, und nahm aus einem der vielen Schubfächer einen hoch! ſilbernen Becher mit Würfeln und ein Spiel Karten. ſn wir's Welch ein wundervolles Schreibbureau Sie da haben, ſcheint, rief der Baron, ſich dem Schrank nähernd. Wahrhaftig, i Po dies Schnitzwerk iſt von der auserleſenſten Art. t auch Glaub's wohl, es iſt ein Prachtſtück, ſagte Major in kein Czapka, zudem iſt es ein Monument früherer Größe 262 Ungarns und Siebenbürgens. Es iſt das Schreibbureau des großen Franz Rakoczy. Es iſt in der That bewunderungswürdig, rief der Baron näher tretend, und mit Kennerblicken das Kunſt werk betrachtend. Ah, Herr Major, rief er dann lächelnd, was ſehe ich denn da? Sagten Sie mir nicht, daß Sie kein Freund von Büchern ſind? Und da ſehe ich auf dem Pult einen Folianten liegen von einer Größe und Dickleibigkeit, die von reichem Inhalt zeugt, und dem gelehrten Autor Ehre macht. Ach, Baron, der Mann, der das Buch ſchreibt, macht durchaus keinen Anſpruch auf Gelehrſamkeit. Ich ſelbſt bin der Autor, der an dem Buch arbeitet. Wie denn, Major, Sie ſchreiben Bücher? fragte der Baron, die Hand auf den Folianten legend und im Begriff, ihn zu öffnen. Halt, Herr Baron, halt, rief der Major, das iſt keine Lecture für Sie! Es iſt das Buch der Ge— fangenen. Das Buch der Gefangenen! Welch ein trauriger Titel! Und fügen Sie hinzu, welch ein tranriger Inhalt. Alle Namen, die in dem Buch verzeichnet ſtehen, ge hören unglücklichen Leuten an, die man ihrer Freiheit hatte Vate Wei nicht Buch haft. ſtänd ibbureau rief der s Kunſt⸗ er dann Sie mir »? Und gen von Inhalt ſchreibt, rſamkeit. arbeitet⸗ 2 fragte end und das iſt der Ge⸗ trauriger 263 beraubte, die man wie wilde Thiere einkerkerte, und die doch vielleicht kein anderes Verbrechen begangen hatten, als daß ſie überſpannte Köpfe waren, die ihr Vaterland zu ſehr liebten, und es auf ihre phantaſtiſche Weiſe glücklich machen wollten. Aber ſprechen wir nicht mehr davon. Doch, Herr Major, ſprechen wir davon. Dieſes Buch intereſſirt mich ungemein, ſagte der Baron leb⸗ haft. Sie ſagten, die Namen aller Ihrer Gefangenen ſtänden in dieſem Buch. Aber zu welchem Zweck? Nun, um ihren Namen, ihr Verbrechen, ihre Num— mer, die Dauer ihrer Haft zu wiſſen, und einzelne Bemerkungen über ihr Verhalten, ihre Geſundheit und dergleichen einzutragen. Sobald ein Gefangener ein⸗ geliefert wird, verzeichne ich in dem Buch ſeinen Namen, das Datum ſeiner Ankunft, die Ordre, mit welcher er mir übergeben iſt, und nach der er gehalten werden ſoll. Es werden alſo nicht alle Gefangenen gleich ge— halten? Ach, behüte der Himmel, wir haben deren ſchwere und leichte, gefährliche und harmloſe Gefangene, je nachdem ihr Verbrechen geweſen, das heißt ihr poli⸗ tiſches Verbrechen, denn Gott ſei Dank, wir haben hier keine gemeinen Verbrecher, keine Straßenräuber — 264 und Diebe, ſondern nur anſtändige Hochverräther. Einige von ihnen werden wie vornehme Herren be⸗ handelt, und ſind es vielleicht auch. Sie wohnen oben im Thurm, dürfen ſpazieren gehen, Bücher leſen, be kommen reichliche und anſtändige Mahlzeit, und ich kann ſie an meine Tafel einladen, viele Andere von ihnen wohnen unten in den Kaſematten, oder noch tiefer unten in den feuchten Löchern, wohin kein Tages⸗ licht ſcheint, wo Ratten und Kröten ihre einzige Ge— ſellſchaft ſind, und das Klirren ihrer Ketten ihre ein⸗ zige Muſik. Ich höre zuweilen mitten in der Nacht ihr Klagegeſchrei, oder glaube doch es zu hören, wenn ich vielleicht am Tage die untern Gefängniſſe inſpicirt und die Jammergeſtalten, die ſie enthalten, geſehen habe. Und Sie können den Armen nicht helfen, ihnen keine Linderung gewähren? fragte der Baron, indem er, gleichſam gedankenlos, wieder nach dem Buch griff und den Deckel in die Höhe hob. Nein, ich kann ihnen nicht helfen, ſo gern ich es auch möchte, ſagte der Major traurig. Ich habe dem Kaiſer meinen Eid geleiſtet, und ich muß ihn halten als treuer Soldat, ich muß den Befehlen gehorchen, die ich erhalte, und mit meinem Wiſſen und Willen wird nie ein Gefangener, der hinter dieſen Mauern ſitz, mein auf! noch. drung hätte und verräther. erren be⸗ nen oben eſen, be und ich dere von oder noch in Tages nzige Ge ihre ein⸗ der Nacht ren, wenn e inſpicirt in holte gehorchen, 1nb Willen 1 Mauerlt 265 ſitzt, entfliehen und ſich befreien können, und wäre es mein eigener Vater oder Bruder. Es könnt' mich bis auf den Tod betrüben, aber gehorchen müßt' ich den— noch. Und ſo kann ich den armen Gefangenen da drunten auch nicht helfen, ſo große Luſt ich wohl dazu hätte. Zuweilen habe ich's verſucht, für ſie zu bitten, und ihnen irgend eine Erleichterung zu verſchaffen, zum Beiſpiel, wenn einige von den ſchwerſten Gefangenen, — ich meine damit diejenigen, welche die ſchwerſten Ketten tragen,— krank wurden, ſo habe ich angefragt, ob man ihnen nicht, ſo lange ſie krank wären, die Ketten abnehmen, und ſtatt des Strohs ihnen ein Bett geben dürfe. Aber ich bin immer abſchläglich beſchie⸗ den, und habe noch außerdem einen Verweis bekommen, daß ich mich in Dinge miſche, die mich nichts angehen. Ich hätte die Gefangenen nur zu beaufſichtigen, und dafür zu ſorgen, daß ſie nicht entkämen, ſagte man mir, — nun, ſo habe ich mich denn beſchieden, und ſchweige, trage nur Sorge, daß die Gefangenwärter nicht ihre Ordre überſchreiten, und die Gefangenen nicht härter behandeln, als Vorſchrift iſt. Sehen Sie zum Bei⸗ ſpiel, fuhr der Major fort, der in ſeinem geſchäftlichen Eifer ſogar den Tokayer und die Wiürfel vergeſſen —= 266 hatte, ſehen Sie hier einen Beweis von dem, was ich Ihnen vorher ſagte. Er ſchlug das Buch auf und mit dem Finger auf die aufgeſchlagene Seite hindeutend, las er:„Gefangener in den untern Kaſematten No. Neun. Verurtheilt zu zwanzig Jahren in ſchwerem Eiſen. Nur vier Mal im Jahr warme Speiſen. Auf ſeine Klagen ſoll keine Rückſicht genommen werden. Tödtlich erkrankt an Brandwunden, die ihm das Reiben der Ketten ver⸗ urſacht. Der Arzt verlangte das Abnehmen der Ketten. Anfrage deshalb in Wien bei der kaiſerlichen Hof⸗ kanzlei. Abſchläglich beſchieden, einen Verweis erhal⸗ ten, wegen ungebührlichen Mitleides.“ Dieſes Buch gereicht Ihnen zur höchſten Ehre, mein lieber Major, rief der Baron lebhaft, kein Ge⸗ D O lehrter kann ſich durch ſein Werk ein größeres Denk— mal ſetzen, als Sie es da mit Ihrer Feder gethan. Ich verſichere Sie, ich könnte die Lectüre diefes Buches meinem geliebten Homer ſogar vorziehen, und ich würde niemals müde werden, es zu ſtudiren. Der Major, faſt beſchämt, und vielleicht um ſein freudiges Erröthen zu verbergen, wandte ſich ab, und trat zu dem Tiſch, um ſein Glas zu füllen. Der Baron warf auf ihn einen raſchen, prüfenden Blick, und d ſeines haſtig verzei „was ich inger auf efangener rtheilt zu vier Mal agen ſoll merkrankt etten ver⸗ er Ketten. hen Hof⸗ eis erhal⸗ r gethan. 98 Buches 267 und da er ſah, daß der Major ganz mit dem Genuß ſeines Lieblingsgetränkes beſchäftigt war, ſchlug er haſtig einige Seiten um, und las die an der Seite verzeichneten Namen. Numero Vier, da iſt's, murmelte er leiſe, während der Major ſein halb geleertes Glas gegen das Tages⸗ licht hielt, und ſich des funkelnden Weines freute. Ja, hier iſt Numero Vier. Und mit einem einzigen glühenden Blick verſchlang er die Worte, welche dieſer Nummer beigefügt waren. Dieſe Worte lauteten: Staatsgefangener, Namens Hilbert. Für Unterkommen und Verpflegung zu ſorgen, ihm mit Anſtand und Achtung zu begegnen. Niemand erlauben ihn zu ſehen, und Niemand von ſeiner Anweſenheit hier Kenntniß zu geben.*) Hilbert, ſagte der Baron zu ſich ſelber. Sollte ich mich dennoch geirrt haben? Sollte er es nicht ſein? Ich muß dieſen Gefangenen von Numero Vier ſehen! Er ſchlug das Buch zu, und ging mit freundlichem, ruhigem Angeſicht zu dem Major hin. Herr Commandant, ſagte er, ihm freundlich die *) Wortgetreu. Siehe: v. Hormayr. Lebensbilder II. 444. — 268 Hand auf die Schulter legend, als ich vor einer halben Stunde zu Ihnen kam, hegte ich für Sie die Achtung, die man einem tapfern Soldaten ſchuldig iſt, den der General Nugent empfiehlt, und den der Biſchof Ver⸗ horacz ſeinen Freund nennt, jetzt aber, ſeit ich Sie kennen gelernt, und ſeit ich Ihr Buch da geſehen, jetzt liebe ich Sie. Geben Sie mir Ihre Hand! Laſſen Sie uns Freunde ſein! Da iſt meine Hand! Ja, laſſen Sie uns Freunde ſein! Denn ich muß Ihnen ſagen, mein lieber Herr Baron, Sie gefallen mir auch ganz prächtig, und mir iſt, als ob Sie ein alter langjähriger Freund von mir wären. Bin auch feſt überzeugt, daß mein Schutz— patron, der heilige Michael ſelber, Sie mir geſchickt hat. Recht wie ein Freund in der Noth erſchienen Sie mir, als ich ſchier verzweifeln wollte vor Langer⸗ weile, und mein Schickſal verwünſchte, daß es mich zum Commandanten von Munkats gemacht hat. Ein Pereat der Langeweile, rief der Baron, ſein Glas erhebend und neben dem Baron in der Fenſter niſche Platz nehmend. Nichts mehr von Politik und Staatsgefangenen! Die Würfel her, Major, laſſen Sie uns verſuchen, wem von uns Fortuna hold iſt!— Eine halbe Stunde ſpäter glänzte das Geſicht des Majore ihm gi ruhigen es nich es, wie mit ne Baror ner halben e Achtung, , den der ſchof Ver⸗ t ich Sie ſehen, jetzt d! Laſſen d von mir in Schutz⸗ r geſchickt erſchienen ar Langer⸗ zmich zum aron, ſeil er Fenſter 269 Majors von zwiefacher Wonne,— die Würfel waren ihm günſtig und der Wein war vortrefflich geweſen, das Feuer des Tokayers machte ſeine Wangen und ſeine Stirn glühen, die Gunſt Fortuna's machte ſeine Augen vor Freude blitzen. Der Baron ſaß ihm mit unverändertem, bleichem, ruhigem Geſicht gegenüber, und der Major bemerkte es nicht, daß ſein Glas immer gefüllt blieb, nicht weil es, wie das des Majors, ſobald es geleert war, wieder mit neuem Tokayer verſehen ward, ſondern weil der Baron, trotz der Lobeserhebungen, die er dem Wein zollte, ſein Glas niemals austrank. Jetzt öffnete ſich die Thür, und der alte mili— tairiſche Kammerdiener trat ein. Nun Thomas, rief ihm der Major entgegen, kommſt Du endlich mit dem Souper? Halten zu Gnaden, Herr Commandant, ſagte der Alte, ſich militairiſch an der Thür aufſtellend, wir werden den gedeckten Tiſch ſogleich herein tragen. Vorher wollte ich nur Rapport abſtatten. Was giebt's denn? rief der Major wüthend. Hat man denn nicht eine Stunde Ruhe? Was haſt Du zu rapportiren? 1 1 270 Der Gefangenwärter iſt da und will Ew. Gnaden melden, daß Numero Vier ſchon wieder lärmt und ſchilt. Nun, ſo laßt ihn lärmen und ſchelten, es iſt ſein Recht, und ich verdenk's ihm nicht, daß er es thut, rief der Major. Ich hab's ſchon ſo oft geſagt, man ſoll Numero Vier mit Anſtand und Achtung begegnen⸗ Halten zu Gnaden, Herr Commandant, aber der Gefangenwärter fragt an, ob er Alles thun ſoll, was Numero Vier verlangt und fordert? Dummes Zeug. Dann könnte er ja nur fordern, daß man ihn aus der Feſtung herauslaſſe, und der Eſel von Gefangenwärter müßte es thun. Warum ſchilt und lärmt der Gefangene denn, und was for dert er? Er fordert, daß er eine Stunde auf dem Wall ſpazieren gehen kann. Er ſagt, ihm thäte der Kopf weh, er müſſe durchaus noch friſche Luft ſchöpfen, müſſe ſpazieren gehen, ſonſt würde er krank werden, und der Herr Commandant wären dann ſein Mörder. Er donnert mit beiden Fäuſten gegen ſeine Thür, und ſchreit immerfort: Ihr Mörder, Giftmiſcher! Ich will hinaus! Ich muß in die Luft! Nun, habt nur Geduld! Er wird ſchon ruhiger werden, wenn er nur erſt ein Jahr hier iſt, ſagte der Major. milder noch ein ſchon l Numere thun, e fangene und jet er ſpaz ſchaff wenn d Gnaden un ſchilt. z iſt ſein es thut, gt, man begegnen. aber der ſoll, was fordern, und der Warum was for em Wall der Kopf ſchöpfen, werden, Mörder⸗ chür, und ch will 271 Major. Je länger die Gefangenſchaft dauert, deſto milder werden die Gefangenen. Numero Vier iſt ja noch ein Neuling, kaum drei Monate hier, wird ſich ſchon beſſern. Dem Gefangenwärter ſage, er ſolle Numero Vier melden, ich könne ihm den Willen nicht thun, es ſei gegen die Feſtungsordnung, daß ein Ge⸗ fangener nach vier Uhr noch ſein Gefängniß verlaſſe, und jetzt ſei es acht Uhr. Morgen um zehn Uhr ſolle er ſpazieren gehen, damit Baſta! Und jetzt, Thomas, ſchaff' uns den Tiſch herein, und wehe Euch Allen, wenn das Souper nicht vortrefflich iſt. Eine unausſtehliche Geſchichte mit dieſer Nummer Vier, brummte der Major, ſein Glas füllend, und es auf einen Zug wieder leerend. Macht dieſer eine Menſch mir mehr Sorgen, als alle übrigen Gefange⸗ nen zuſammen. Was iſt's denn mit dieſem Gefangenen, den Sie Numero Vier nennen? fragte der Baron gleichgültig, indem er die Würfel in dem Becher ſchüttelte. Gott weiß es, ſagte der Major unwillig. Sie haben ihn von Wien hergeſchickt mit ſtrenger Ordre, ihn geheim zu halten. Mit meinem Kopf ſoll ich für ihn einſtehen, und ſo lange er hier iſt, ſo ſelten als möglich die Feſtung verlaſſen. — 272 Er iſt alſo ein ſehr gefährlicher Menſch? fragte der Baron, immer noch mit den Würfeln klappernd. Ich glaube ja, ſagte der Major. Man munkelt allerlei, und in der Gegend hat ſich, Gott weiß wie, das Gerücht verbreitet, der neue Gefangene, den man bei Nacht und Nebel hieher nach Munkats gebracht, ſei ein hochgeſtellter, mächtiger und einflußreicher Mann, ein Freund des Erzherzogs Johann, und deshalb ver⸗ haftet, weil er in Tyrol eine Revolution zu Gunſten Oeſterreichs und zur Vertreibung der Baiern und Franzoſen habe machen wollen. Die Rusniaken hier in der Umgegend glauben feſt daran, und alle Tage erhalte ich von ihnen Sendungen an Wein, Braten und Fiſchen, die Alle für den neuen Gefangenen Numero Vier beſtimmt ſind.*) Die Rusniaken ſind wüthende Franzoſenhaſſer, und betrachten den Gefan⸗ genen, obwohl ſie gar nicht wiſſen, wer er iſt, als einen Märtyrer, der für die Sache des Vaterlandes und der Freiheit leidet. Und Sie, Herr Major, kennen Sie ihn auch nicht? Wiſſen Sie auch nicht ſeinen Namen? Er iſt nur eingeliefert unter dem Namen Hilbert, *) Siehe: Lebensbilder II. 444. aber ie Ich he ſpazier dieſem mir un der R U Ein Nun, ſchriel zogs G Maje —) M 2 fragte munkelt weiß wie, den man gebracht, er Mann, halb ver⸗ Gunſten niern und jaken hier alle Tage Braten fangenen 273 aber ich glaube nicht, daß es ſein wirklicher Name iſt. Ich habe einige Proben angeſtellt, und habe, wenn er ſpazieren geht, mehrmals aus meinem Fenſter ihn mit dieſem Namen gerufen. Aber er hat ſich niemals nach mir umgewandt, niemals auch nur gethan, als wenn der Ruf ihm gelten könne. Und Sie ahnen nicht, wer es ſonſt ſein könne? Ein Freund des Erzherzogs Johann, meint man? Nun, der Herr Biſchof Verhoracz hat Ihnen ja ge ſchrieben, daß ich ſelbſt zu den Freunden des Erzher zogs gehöre. Ich müßte ihn alſo kennen. Es iſt wahr, Sie müßten ihn kennen, ſagte der Major gedankenvoll, und— Der Baron ließ die Würfel aus dem Becher glei ten, und zählte die Augen. Acht; eine vortreffliche Nummer! Jetzt iſt an Ihnen die Reihe, Herr Major. Es handelt ſich um drei Ducaten, ſchütteln Sie tüchtig! Der Major ſchüttelte ſo tüchtig und eifrig, daß er gar nicht darauf achtete, daß die beiden Flügelthüren weit geöffnet wurden und die Diener den ſervirten Tiſch hereintrugen. Jetzt ſchüttete er die Würfel auf den Tiſch. Zehn! rief er freudig. Ich habe abermals gewonnen. Herr Commandant, halten zu Gnaden, ſagte der Mühlbach, Erzh. Johann u. Metternich. III. 18 —- —. ——ÿy— 274 alte Thomas wieder, zu ſeinem Herrn heranſchleichend, Numero Vier iſt heute ſo wüthend, wie noch niemals. Er treibt einen Höllenlärm und verlangt durchaus den Herrn Commandanten zu ſprechen. Mich zu ſprechen? Und er meint, daß ich ſo ein Narr ſein würde, jetzt zu ihm heraufzuſteigen, während die Paſtete ſchon ſervirt iſt, und ich einen Gaſt habe? Mich zu ſprechen wünſcht er? Allerliebſt! Es fehlte mir gerade, die Wendeltreppe hinauf zu klettern. Laſſen Sie ihn doch die Wendeltreppe hinunter klettern, Herr Major, ſagte der Baron gelaſſen. Wenn er Sie zu ſprechen wünſcht, ſo erlauben Sie es ihm doch! Laden Sie ihn ein, mit Ihnen zu ſoupiren. Vielleicht macht ihn das überhaupt ſanfter, und Sie ſagten ja, daß Sie den Gefangenen Numero Vier mit Anſtand und Achtung behandeln ſollen, und ihn an Ihre Tafel laden können. Vortrefflicher Gedanke, rief der Major. He, Tho⸗ mas, ſag' dem Gefangenwärter, ich laſſe Numero Vier erſuchen, ſich zu mir zu bemühen und ein Souper mit mir einzunehmen. Aber freilich die Ordre, murmelte er leiſe vor ſich hin. Ich ſoll den Gefangenen vor Niemand ſehen laſſen, und ich vergaß, daß ich nicht allein bin. Es daß wir ein Fre⸗ Ja, Lauf, T nich ſpr zu mir meine) Herr B Paſtete Er daß ich ſamkeit entbehr der die ſcafft finden hleichend, niemals. haus den h ſo ein während aſt habe? Es fehlte ern. hinunter Wenn s ihm 6 ſoupiren 275 Es iſt nur, flüſterte der Baron ihm zu, es iſt nur, daß wir wüßten, ob ich ihn kenne, und ob er wirklich ein Freund des Herrn Erzherzogs iſt. Ja, das wüßt' ich gern, ſagte der Major lebhaft. Lauf, Thomas, wenn der Gefangene von Numero Vier mich ſprechen will, ſoll er ſich vom Gefangenaufſeher zu mir herführen laſſen. Sagt ihm, ich lade ihn ein, meine Paſtete mit mir zu theilen. Nun kommen Sie, Herr Baron, laſſen Sie uns immerhin anfangen. Die Paſtete duftet gar ſo köſtlich. Er nahm den Arm des Barons und führte ihn zur Tafel hin. Riechen Sie nur, riechen Sie den Götterduft, ſagte er entzückt, indem er bemüht war, den Deckel der Paſtete abzulöſen. Ein Glück für mich, daß ich Gourmand bin, und daß ich in meiner Ein— ſamkeit hier oben wenigſtens der Tafelfreuden nicht zu entbehren habe. Mein Koch iſt ein wahrer Zauberer, der die herrlichſten Gerichte in einer halben Stunde ſchafft; freilich hält er ſich immer Vorrath, und Sie finden in ſeiner Speiſekammer immer eine halbgebackene Paſtete, die nur auf meinen Befehl wartet, um ganz vollendet zu werden. Ah, jetzt iſt der Deckel offen, und jetzt wollen wir einmal den Inhalt prüfen. Der Baron hatte dies Mal nicht Acht gegeben auf 18* 276 die Plaudereien des Majors, ſein Geſicht hatte einen geſpannten, erwartungsvollen Ausdruck angenommen, ſeine Augen waren unverwandt nach der Thür hinge⸗ richtet. Jetzt hörte man Schritte da draußen, ſie kamen näher und näher, die Thür ward geöffnet,— ein Strahl der Freude überflog das Antlitz des Barons, ein ſchwacher Schrei tönte von der Thür her. Nun was giebt's? fragte der Major, von der Paſtete emporſehend. Ah, der Gefangene. Er ſetzte den Teller, den er mit dem Inhalt der Paſtete zu füllen begonnen, auf den Tiſch und ſtand auf, um dem Gefangenen entgegen zu gehen. Er ſah es daher nicht, daß der Baron haſtig einen Finger auf ſeine Lippen legte, und daß der Gefangene, zum Zei⸗ chen, daß er dieſe Andeutung verſtanden, zwei Mal raſch mit dem Kopf nickte. Mein Herr Hilbert, ſagte der Major, Sie ver⸗ langten durchaus eine Promenade zu machen. Es iſt gegen das Reglement, nach Sonnenuntergang einem Gefangenen zu geſtatten, daß er auf den Wall hinaus geht. Aber ich konnte Sie einladen, zu mir herunter zu promeniren, und das habe ich gethan. Wollen Sie mein Gaſt ſein, ſo ſind Sie willkommen. Je Anſtan ſich de eine Hilbe dieſes zuſtell A derr ſich J Ehre denen Win Maj „—— 277 zatte einen Ich nehme es an, ſagte der Gefangene, mit dem genommen, Anſtand eines vollkommen wohlgeſchulten Weltmannes hür binge⸗ ſich verneigend. Und Sie werden die Güte haben, mir eine Be⸗ ſie kamen dingung zu erfüllen, Herr Hilbert? t,— ein Nennen Sie ſie, Herr Major. s Barons, Sie vergeſſen, ſo lange wir ſpeiſen, daß Sie Ge⸗ er fangener ſind, und würzen uns die Speiſen nicht mit von der Ihren Klagen und Vorwürfen? Ich will mir Mühe geben, Herr Major. Aber eine Gegenbedingung! Sie haben nur geſagt, daß ich Inhalt der Hilbert heiße, aber Sie haben mir nicht den Namen d. ſtand uas ſah dieſes Herrn hier genannt. Ich bitte Sie, mich vor⸗ Finger auf zuſtellen. um Zei Ah, Sie haben Recht. Herr Baron von Eichen, mwei Mal Herr Hilbert.— Nun, fragte der Major halblaut, ſich an den Baron wendend, kennen Sie ihn? zie ver Nein, ſagte der Baron laut, ich habe nicht die 6s iſ Ehre, den Herrn Hilbert zu kennen. euft euem Aber indem er das ſagte, begegneten ſeine Blicke denen des Gefangenen und ſchienen ihn mit einem Wink der Augenlider zu grüßen. Und jetzt, meine Herren, zu den Waffen, rief der Major. Sie, mein Herr Baron von Eichen, ſollen Wollen 2 278 ſehen, daß man ſogar in Munkats eine Paſtete ge würzig und ſchön machen kann. Setzen wir uns, meint⸗ Herren. Setzen wir uns, und beginnen wir den An⸗ griff. Nun, Herr Baron, was ſagen Sie zu der Feſtung Munkats? In der That, ich ſehe, daß Munkats ein ganz vortrefflicher Ort iſt. Meinen Sie nicht auch, Herr Hilbert? Ja gewiß, Herr Baron, ſagte Hilbert, nur muß man, um das zu finden, entweder Menſchenfeind oder Commandant von Munkats ſein. Warum denn Menſchenfeind? fragte der Major, ein großes Stück Paſtete in den Mund ſteckend. Weil dem Menſchenfeind das Jammern und Kla gen, das hier aus allen Mauern klingt und tönt, eine gar liebliche Muſik ſein müßte. Da ich aber kein Menſchenfeind bin, ſo möchte ich Commandant von Munkats ſein. Und wenn Sie's wären, Herr Hilbert, was würden. Sie thun? Die großen ſchwarzen Augen des Gefangenen leuch⸗ teten höher auf. Ich würde alle Gefängnißthüren öffnen, ſagte er. Ich würde allen dieſen beklagens⸗ werthen Unglücklichen ſagen:„Geht! Ich will Euch Cuer heit, Gefan Be der N Eid! nicht ſo mu kaͤts e ſie nic bert, ſo lan komm U Paſtete ge uns, meint ir den An⸗ jie zu der 3 ein gan auch, Herr „ nur muß nfeind oder der Major, ckend. rund Kla tönt, eine aber kein andant vont würden was was genen leuch nanifthüren 279 Euer erſtes und heiligſtes Menſchenrecht, Eure Frei⸗ heit, nicht verkümmern. Ich will Soldat, aber nicht Gefangenwärter ſein!“ Bei Gott, ich wollte, ich könnte das ſagen, rief der Major. Aber es geht nicht! Es iſt wider meinen Eid! Ich muß meinem Kaiſer gehorchen, und da ich nicht reich genug bin, um meinen Abſchied zu nehmen, ſo muß ich meine Pflicht als Commandant von Mun kats erfüllen, und die Gefangenen ſo feſt halten, daß ſie nicht entſchlüpfen können. Ja, ja, mein Herr Hil⸗ bert, es thut mir leid, aber Sie werden es ſich ſchon ſo lange hier gefallen laſſen müſſen, als bis Befehl kommt, Sie fortgehen zu laſſen. Und wenn der niemals kommt? So bleiben Sie immer hier. Aber Sie haben meine Bedingung vergeſſen, mein Herr, Sie ſollten uns die Speiſen nicht ungenießbar machen mit Ihren Klagen. Klage ich denn? Herr Baron, ich fordere Sie zum Zeugen, habe ich geklagt? Nein, mein Herr Hilbert, Sie haben das nicht gethan, und Sie ſehen auch nicht aus, wie Einer, der ſich vom Schickſal beugen ließe, ſondern wie Einer, der bereit iſt ihm Widerſtand zu leiſten. Es iſt immer ein ſchöner und 280 erfreulicher Anblick, einen Mann zu ſehen, der die Laſt des Lebens leicht nimmt, und dem Schickſal, das ihm Thränen auspreſſen will, ein lachendes Geſicht zeigt. Oh, mein Herr, rief der Major, indem er die Gläſer füllte, der Mann, der das thut, iſt nicht lange im Gefängniß geweſen. Im Gefängniß verliert man dieſe Kraft, glaube ich, wenigſtens ich habe noch keinen der Gefangenen lachen ſehen. Ich lache bisweilen, und zwar ſo laut, daß die Wände meines Kerkers wiederhallen, ſagte Hilbert. Und worüber lachen Sie denn? Darüber, daß der Menſch, den man das edeeſte Gebilde der Schöpfung nennt, nicht einmal das Recht hat, welches der Vogel in der Luft, der Fiſch im Waſſer, die Kröte im Sumpf hat, zu gehen wohin er will, und zu thun, was er will. Aber halt, ich attrap⸗ pire mich da auf einem Fehler, ich war wirklich im Begriff, Ihnen die Speiſen zu verſalzen. Nun, ich bitte um Verzeihung. Von nun an werde ich heiter ſein, und ich bin es heute aus Grund meines Herzens. ch danke Ihnen, mein Herr Major, ich danke Ihnen Die Freude, die Sie mir heute bereitet, für das ſein hier mit Ihnen, mit dem Manne zuſammen zu on man lieben muß, obwohl man durch ihn leidet. Seele gut, lichen H züſtof gewan lichke Glas die 6 bin Esl halte ſcher lauſ dika Wit ſcha 1 abg 281 der die Laſt leidet. Ich hebe mein Glas, und trinke aus voller ſal, das ihm Seele auf das Wohl des Mannes, der edel iſt und Geſicht zeigt. gut, der leidet mit den Leidenden, und der Unglück⸗ ndem er die lichen und Gefangenen ſich erbarmt. tnicht lange Hilbert nahm ſein Glas, um mit dem Major an— verliert man zuſtoßen, aber ſeine Augen waren auf den Baron hin— e noch keinen gewandt, und grüßten ihn mit einem Blick voll Zärt⸗ lichkeit und Liebe. aut, daß die Der Baron neigte leiſe ſein Haupt, und hob ſein „Hibbert. Glas empor, um mit den beiden Herren anzuſtoßen. . Jetzt will ich wirklich aller Sorgen vergeſſen, und 1 das edelſt die Stunde des Glückes genießen, rief Hilbert. Ich al das Recht bin in der beſten Geſellſchaft, die Stunde iſt mein! er Fiſch in Es lebe das Glück des Augenblicks!— en wohin er Eine heitere, fröhliche und ungezwungene Unter⸗ tich atrap haltung begann jetzt. Man aß und trank, man lachte, wvirlich im ſcherzte und erzählte. Der Major war entzückt, und 1. Nu, ich lauſchte mit unendlichem Vergnügen auf die allerliebſten „i heiter pikanten Anecdoten, welche Hilbert mit ſprudelndem r qlen Witz und boshafter Satyre aus der Wiener Geſell⸗ n Jhn ſchaft erzählte, und zu denen der Baron manchen er⸗ danke T dus götzlichen Commentar gab. Die Speiſen waren ſchon längſt verzehrt, der Tiſch abgeräumt, aber noch immer ſaßen die drei Herren bei⸗ eitet, fü aſammen 4 „ durch ihn 282 ſammen; vor ihnen ſtand eine ganze Batterie von Flaſchen, und während ſie plauderten und lachten, tranken ſie. Und der Wein begann ſchon ſeine Wirkung zu üben, und die Zungen ſchwerer, die Gedanken ver⸗ wirrter zu machen, ſo daß man nicht ganz klar mehr wußte, zu wem man ſprach. Denn ſicherlich war es die Folge des Weins, daß Numero Vier, indem er ſich lebhaft mit dem Baron von Eichen unterhielt, ihn „Ew. Hoheit“ anredete, ein Umſtand, der den Major ſo anhaltend lachen machte, daß er ſein Gelächter nur mit einem neuen Glaſe Wein erſticken konnte, obwohl er doch bald darauf wieder furchtbar lachen mußte über die allgemeine Sprachverwirrung, denn der Baron nannte den Gefangenen nicht Hilbert, ſondern Hormayr, und nur das ſchallende Gelächter des Majors ſchien ihn daran zu erinnern, daß er ein Verſehen begangen. Aber das Lachen und der Wein übten auf den Major doch auch ihre Wirkung, und wenn er ſich auch nicht verſprach, wie die beiden anderen Herren, ſo fühlte er doch eine ſeltſame Schwere in ſeinem Kopfe und auf ſeiner Zunge, und die Augenlider ſanken zu⸗ weilen ſchwer über ſeine Augen nieder. Aber der Baron erweckte ihn wieder, indem er ein heiter der g der Tiink ſehr! tig, d hinal vater als ſeine Bar nd lachten, Lirkung zu danken ver⸗ klar mehr lich war es „indem er terhielt, ihn den Major elächter nur „obwohl er tßte über die rron nannte mayr, und ſchien ihn egangen. en auf den ch auch ſo er ſi Herren, einem Kopfe r ſanken zu⸗ ndem er eint heiteres Liedchen zu ſingen begann. Freilich verſtand der gute Major die Worte nicht, denn es war, wie der Baron es ihm verkündet hatte, ein lateiniſches Trinklied vom alten Virgil, aber die Melodie war ſehr reizend, und der Baron ſang ſo hübſch und kräf tig, daß der Major doch mit Freuden zuhörte. Auch Numero Vier ſchien aufmerkſam zuzuhören, aber— er verſtand das ſchöne lateiniſche Trinklied, und wenn es auch nicht gerade ein Gedicht des alten Virgil war, ſo waren die Worte für Hilbert doch auch von beſonderem Reiz, obwohl ſie weder im gehörigen Rhythmus, noch auch im poetiſchen Maaß eines Liedes abgefaßt waren. Die Worte, die der Baron nach der Melodie des Integer vitae ſang, lauteten aber zu deutſch: „Werden Sie dieſe Nacht noch heftig krank, klagen Sie über Schmerzen, laſſen Sie Ihr Uebel immer heftiger werden, ſchmeißen Sie den Arzt zur Thür hinaus, und begehren Sie übermorgen einen Beicht vater!“ Das Lied klang ſo vortrefflich, daß Hilbert, eben als der Baron ſeine letzte Strophe geſungen, von ſeinem Sitz aufſprang, ſein Glas erhob, und mit dem Baron anſtoßend mit lauter Stimme die letzte Strophe 284 wiederholte, nur daß er die Worte ein wenig anders ſetzte, und daß, wenn der Herr Major lateiniſch ver⸗ ſtanden hätte, er den Gefangenen hätte ſingen hören: „Uebermorgen, um zehn Uhr Morgens, da fordere ich einen Beichtvater!“ Eben wie er das letzte Wort geſungen hatte, be⸗ gann draußen die große Uhr im Vorſaal mit dröhnen⸗ dem Schall die Stunde anzuſchlagen, im ſelben Mo⸗ ment that die Thür ſich auf, der Kammerdiener er⸗ ſchien in derſelben mit einer Laterne in der Hand und hinter ihm ſah man vier Mann Soldaten mit geſchul⸗ tertem Gewehr ſtehen. Die Patrouille, ſagte der Major, ſich mechaniſch erhebend, und mit der Kraft ſeines Pflichtgefühls ſeinen ſchweren Kopf aufrecht, ſeine Geſtalt gerade haltend. Es iſt zehn Uhr, und ich muß meinen Umzug mit der Patrouille halten. Und ich muß mich von dem Herrn Commandanten verabſchieden, ſagte der Baron, es iſt ſpät geworden, und die höchſte Zeit, daß ich nach Munkats hin⸗ unter gehe. Ich wollte, das ſtrenge Feſtungs⸗Reglement ver⸗ böte mir nicht, einen Fremden auch nur während einer einzig der- 1 fände doch laßt, d ſonde He, nach her. 285 ig anders einzigen Nacht in der Feſtung zu beherbergen, ſeufzte iniſch ver⸗ der Major. gen hören: Bei Gott, rief Hilbert, ich wollte, dieſes Reglement fordere ich fände auf mich Anwendung, und da ich ganz gewiß doch hier ein Fremder bin, ſo fänden Sie ſich veran— hatte, be⸗ laßt, mich keine Nacht mehr hier zu behalten. t dröhnen⸗ Oh, mein Lieber, Sie ſind aber kein Fremder hier, ſelben Mo— ſondern Sie ſind hier zu Hauſe, lachte der Major. wiener er⸗ He, Gefangenwärter, leuchten Sie dem Herrn Hilbert Hand und nach Numero Vier hinauf. Zwei Mann Wache hinter it geſchul⸗ her. Gute Nacht, Herr Hilbert. Gute Nacht, Herr Major. Wollen der Herr Baron mechaniſch mir erlauben, daß ich ihm zum Abſchied die Hand ähls ſeinen drücke? ehaltend. Der Baron reichte ihm ſtatt aller Antwort ſeine ag mit der Rechte dar und grüßte Hilbert mit einem freundlichen Lächeln und einem bedeutungsvollen Druck ſeiner Hand. umandanten Leben Sie wohl, mein Herr, ſagte er, und der Herr Major möge mir verzeihen, wenn ich zu Ihnen ſage: auf Wiederſehen! Auf Wiederſehen! wiederholte Hilbert, indem er dem Gefangenwärter folgte. tgeworden, unkats hin glement ver e Ad einer Und nun, mein Herr Commandant, erlauben Sie iͤhren mir, mich von Ihnen zu verabſchieden, und Ihnen zu 8 286 danken für Ihre Gaſtfreundſchaft, ſagte der Baron, ſich an den Major wendend. Oh, Herr Baron, ich bin es, der zu danken hat. Sie haben mir einen frohen und glücklichen Abend ver⸗ ſchafft, und das iſt hier in der Feſtung ein ſchönes und ſeltenes Geſchenk.— Erlauben Sie, daß ich Ihnen das Geleit bis zum Thor gebe. He, Thomas, leuchte uns! Thomas griff haſtig nach dem ſilbernem Arm⸗ leuchter und ſchritt voran. Schweigend folgten ihm die Herren, und hinter ihnen her gingen die beiden Soldaten im ſcharfen, militairiſchen Schritt. Jetzt ſtanden ſie vor der kleinen Ausgangspforte in der Mauer. Hier muß ich Ihnen leider Lebewohl ſagen, ſeufzte der Major. Aber wollen Sie nicht auch zu mir, wie zu Numero Vier ſagen: auf Wiederſehen? Nun ja denn, ſagte der Baron lächelnd. Auf Wiederſehen, aber nicht hier in Munkats. Denn mor⸗ gen mit Anbruch des Tages reiſe ich weiter, und ich glaube nicht, daß mich mein Weg jemals hierher zurück führt! R Majer Comm S S ſam d dod, wimm ihn a U ſchtb N Arzt tor hat. w˖ſſe r Baron, anken hat. lbend ver⸗ in ſchönes daß ich Thomas, nem Arm⸗ laten ihm die beiden angspforte gebewohl nicht auch ederſehen? elnd. Auf Denn mor⸗ „ und ich cher zurüch V. Der Beichtvater. Nun, Weber, wie geht's Numero Vier? fragte Major Czapka den Gefangenwärter, der eben zu dem Commandanten eintrat. Schlimm, Herr, ſehr ſchlimm, ſeufzte dieſer, lang— ſam den Kopf ſchüttelnd. Er ſieht blaß aus wie der Tod, hat ſeit vorgeſtern nichts gegeſſen, und ſchreit und wimmert den ganzen Tag, daß es ein Jammer iſt, ihn anzu hören! Und was ſagt der Arzt? fragte der Major mit ſiſ arer Unruhe. Er iſt doch bei ihm? Nein Arzt zu tor iſt jes hat. Nut wiſſen, ſch halten zu Gnaden, Herr Major, er hat den hür hinaus geſchmiſſen, und der Herr Doc⸗ bei Numero Zwanzig, der's Nervenfieber ro Vier wollte durchaus nichts von ihm ihm entgegen, er ſei ein Quackſalber, und 288 ſei nur gekommen, um ihm den letzten Reſt zu geben. Er wäre hier vergiftet, im Wein hätten der Herr Commandant ihn vergiftet, als er vorgeſtern Abend mit Ihnen zu Abend gegeſſen, und jetzt ließen Sie den Doctor kommen, blos damit der Ihr Werk voll⸗ enden, und Ihnen nachher einen Todtenſchein aus⸗ ſtellen ſolle, daß der Patient am Schlagfluß oder ſonſt 'ner unſchuldigen Krankheit geſtorben ſei. Aber das iſt ja ein ganz abſcheulicher Menſch, rief der Major, mit großen Schritten in ſeinem alterthüm⸗ lichen Salon auf- und abgehend. Eine nichtswürdige boshafte Verleumdung iſt's. Wie ſollt' denn Gift in den Wein gekommen ſein? Ich hab' ja doch auch davon getrunken, und mir ſelbſt iſt er ganz vortreff⸗ lich bekommen. Das ſagt' ich ihm auch, aber darauf lachte Numero Vier ſo höhniſch, daß es mir ganz kalt über den Rücken lief, und ſchrie: der Herr Commandant wird doch ſich ſelber kein Gift miſchen! Dazu werden die Herrenin Wien ihn nicht verurtheilen! Nein, wich, nur mich ſollt' er vergiften, und er hat's gethan, undhich bin ein verlorner, todter Mann. Und dann fiel er wieder auf ſein Bett hin, und zuckt an allen Gliedern, und wimmert und ächzt, ſtraf' mich Gott, beinah ſo furcht bar, da ve hätte mit! Beich ihn Beic zu geben. der Herr ern Abend ießen Sie Werk vol hein aus⸗ oder ſonſt kenſch, rief alterthüm⸗ otswürdige enn Gift in doch auch n vortreff dte Numero den Rücken den R ud doch 4 eHerrein nur mich unbic bin, —„ ern’ el er wied lüebern, und po fürcht 1 1 289 bar, als läg! er in den unterſten Kaſematten und ſollt' da verfaulen. Es iſt eine verfluchte Geſchichte, brummte der Major. Haſt Du ihm denn nicht geſagt, daß ich ganz beſtürzt bin über den ſeltſamen Unfall, der ihn be— troffen und daß ich ſehr beſorgt um ihn bin, und Alles thun möchte, um ihm zu helfen. Ich hab's ihm geſagt, Ew. Gnaden, hab's ihm noch eben wiederholt, und ihm geſagt, daß Ew. Gnaden gleich ſelber zu ihm herauf kommen wollten, um ihm einen Beſuch zu machen. Nun, was antwortete er? Er ſagte, er ließe ſich Ihren Beſuch verbitten, er hätte Ihnen nichts zu ſagen. Er wollte auf Erden mit keinem Menſchen mehr ſprechen, außer mit dem Beichtvater, und wenn Ew. Gnaden noch etwas für ihn thun wollten, ſo möchten Ew. Gnaden ihm den Beichtvater ſchicken, gleich auf der Stelle. Gleich auf der Stelle, rief der Major achſelzuckend. Wir haben ja für den Augenblick keinen Caplan hier „oben. Unſer alter Caplan, Gott habe ihn ſelig, iſt ja vor vierzehn Tagen geſtorben, und ſein Nachfolger iſt noch nicht ernannt. Das ſagte ich Numero Vier, aber er ſchrie: Das Mühlbach, Erzh. Johann u. Metternich. III. 19 290 wäre nur eine Ausrede. Ew. Gnaden wollten nur nicht, daß er dem Beichtvater beichtete. Ew. Gnaden hätten ihn vergiftet, und Sie ließen ihn daher lieber ohne Beichte und Abſolution ſterben, ſtatt hinunter zu ſchicken in die Stadt, und den Herrn Diaconus herauf holen zu laſſen. Oh, ich will dem Herrn Hilbert doch beweiſen, daß er ſich geirrt hat, rief der Major heftig. Geh zu ihm, Weber, ſag' ihm, der Beichtvater ſollt' in einer Stunde bei ihm ſein, ich ſchickte ſoeben hinunter in die Stadt, um den Diaconus herauf kommen zu laſſen. He, Thomas, Thomas! Der Gerufene eilte herbei. Laß auf der Stelle meinen Wagen anſpannen, rief Major Czapka ihm entgegen, und fahr' ſogleich hinunter nach der Stadt zum Herrn Diaconus Leberecht. Sag' dem Herrn Diaconus, ich laſſe ihn bitten, ſogleich in meinem Wagen herauf zu fahren, einer von den Gefangenen ſei ſchwer erkrankt und begehre ſeinen geiſtlichen Beiſtand. Der Herr Diaconus ſolle alſo die Güte und Gefälligkeit haben, ſogleich herauf zu kommen, ich würde ihm ſehr dank— bar dafür ſein. Mach' fort, Thomas! In einer Stunde mußt Du mit dem Herrn Diaconus hier ſein! Thomas hinkte ſo ſchnell, als ſein ſteifer Fuß es erlaub die in Maſor öden, Es hin, i rannte Falken Allee, ob nic daher J immer er bei beſond einſte u ſeinen tern I ner J dann 0d di ſie i ollten nur v. Guaden aher lieber oinunter zu nus herauf beweiſen, eftig. Geh er ſollt in en hinunter kommen zu telle meinen entgegen, zum Herru aconus, ich m herauf zu ver erkrankt Der Herr gkeit haben, 18 h 83 5 6 ffer Fuß es — — 291 erlaubte, von dannen. Weber ſtieg die Wendeltreppe, die in den Thurm führte, wieder empor, und der Major blieb mit umwölkter Stirn wieder in ſeinem öden, düſtern Salon, ſeinen eigenen Gedanken überlaſſen. Es iſt eine fatale Geſchichte, brummte er vor ſich hin, indem er in unruhiger Haſt bald auf und nieder— rannte, bald an das Fenſter trat, mit ſeinen ſcharfen Falkenaugen hinunterſchaute nach der breiten Pappel⸗ Allee, die in die Stadt führte, und ſorgſam ſpähete, ob nicht dort der Wagen mit dem erſehnten Prieſter daher gerollt komme. Ja, eine fatale Geſchichte iſt es, wiederholte er immer wieder. Muß er krank werden, gerade nachdem er bei mir gegeſſen hat. Und er iſt mir noch dazu beſonders empfohlen, mit meinem Kopf ſoll ich für ihn einſtehen! Und der Major fuhr ſich mit beiden Händen an ſeinen Kopf, als fühle er ihn ſchon auf ſeinen Schul⸗ tern wackeln. Wenn dieſer Hilbert ſtirbt, ſo bin ich ein verlor⸗ ner Mann, ſagte er ächzend, denn Jedermann wird dann glauben, ich habe ihm's angethan, und wer weiß, ob die Herren in Wien es mir danken würden. Wenn ſie ihn hätten heimlich bei Seite ſchaffen und tödten 19* 292 wollen, ſo hätten ſie ja nur nöthig gehabt, ihn in die unterſten Kellergefängniſſe zu verurtheilen. Nicht vier Wochen hätte er's da ausgehalten. Statt deſſen geben ſie ihm Numero Vier, das beſte Gefängniß auf der Feſtung, befehlen ihn mit Anſtand und Achtung zu be— handeln, und ihn gut zu verpflegen. Und dieſer Menſch begeht die Bosheit todtkrank zu werden, und zu be— haupten, ich hätte ihn vergiftet. Herr Gott, ich werde noch raſend vor Zorn und Wuth, es dreht ſich mir Alles im Kopf herum, ich— Ein Geräuſch, wie das ferne Rollen eines Donners ließ den Major mitten in dem angefangenen Satz ver⸗ ſtummen und zum Fenſter hinſtürzen. Ein Wagen! rief er vergnügt, ja wahrhaftig, ein Wagen. Rappen! Meine Rappen! Aber ſitzt Je⸗ mand drin? Ich kann's nicht erkennen. Der Wagen iſt in eine Wolke von Staub eingehüllt, aus der nur die Pferde herausſchauen. Kommt der Diaconus? Er ſtieß das Fenſter auf und lehnte ſich weit hin— aus, mit unverwandten Blicken die Staubwolke an— ſtarrend, die näher und näher daher kam. Jetzt bogen die Pferde in den Felſenweg ein, der ſchmal und ſteil zu der Feſtung emporführte; nun ſenkte die Wolke von C deutli R ſagte Nun zeuge einen werd haben Mir Prie und nus men ſei; gend bei Güt ung der ſehr krar ihn ihn in die Nicht vier eſſen geben ß auf der ung zu be⸗ ſer Menſch und zu be „ich werde ht ſich mir es Donners n Satz ver⸗ rhaftig, ein ſitzt Je⸗ 293 von Staub ſich nieder, und der Wagen trat klar und deutlich aus derſelben hervor. Richtig, da ſitzt ein Prieſter in meinem Wagen, ſagte der Major, ſich vergnügt die Hände reibend. Nun wird alſo Numero Vier ſich wenigſtens über⸗ zeugen können, daß ich es durchaus nicht ſcheue, ihm einen Beichtvater zu ſchicken, und wenn er ſtirbt, ſo werde ich an dem Prieſter einen unparteiiſchen Zeugen haben. Ah, da hält der Wagen unten am Thor! Mir wird ganz leicht und frei zu Muth, nun der Prieſter kommt. Fünf Minuten ſpäter riß Thomas die Thür auf und meldete dem Herrn Major, daß der Herr Diaco nus zu ſeinem großen Bedauern nicht ſelbſt habe kom— men können, da er ſchon ſeit vier Tagen bettlägerig ſei; es ſei aber zum guten Glück gerade ein alter Ju⸗ gendfreund, der in Oberöſterreich eine Pfarre habe, bei ihm zum Beſuch anweſend, und der wolle jetzt die Güte haben, den Herrn Diaconus bis zu ſeiner Gene⸗ ſung in ſeinem Amte zu vertreten. Dieſer Pfarrer, der zugleich ein geweiheter Prieſter ſei, könne daher ſehr wohl ſtatt des Herrn Diaconus die Beichte des kranken Gefangenen anhören, und deshalb habe Thomas ihn mit heraufgebracht. 294 Da haſt Du vollkommen recht gethan, ſagte der Major. Laß den Herrn Prieſter hier eintreten, ich will ihn erſt ſprechen, ehe er nach Numero Vier hin— auf geht. Thomas öffnete die Thür, und der Prieſter trat ein. Es war ein alter Mann von ziemlich hoher Ge⸗ ſtalt, dem aber das Alter den Rücken gebeugt und den Kopf geſenkt hatte. Der lange, ſchwarze Prieſterrock umgab dicht anſchließend ſeine hagere Figur und war bis zum Halſe hinauf zugeknöpft. Seine beiden Hände hatte er auf einen ſtarken, mit goldenem Knopf ver— ſehenen Rohrſtock geſtützt, ſein Haupt bedeckte der große, an beiden Seiten aufgeſchlagene Prieſterhut und beſchattete ſein bleiches, ernſtes Geſicht, zu deſſen beiden Seiten das weiße Haar in dünnen ſpärlichen Streifen niederfloß. Mit langſamen feierlichen Schritten näherte ſich der alte Prieſter, ohne indeß ſein Haupt zu entblößen, dem Major, der ihn mit lebhaften Dankesworten will kommen hieß. Danken Sie mir nicht, ſagte er, ſein Haupt ſchüt⸗ telnd, und die blauen großen Augen langſam zu dem Major aufſchlagend, es iſt meine Pflicht, den Kranken und Sterbenden beizuſtehen und ihnen den Segen der Kirche Wo ij ſeine wiſſen A Wein der re N bietet bin und p der e erwan daher Diacs ſein, von geme ſuche Sie Jeich ſchri 295 agzte der Kirche zu bringen, und ihre Beichte zu empfangen. ten, ich Wo iſt der Kranke, führen Sie mich zu ihm, damit dier hin⸗ ſeine Seele erlöſt werde von ihrer Qual und ſein Ge— wiſſen ſich entlaſte. ter trat Aber wollen Ew. Hochwürden nicht erſt ein Glas her Ge⸗ Wein zur Stärkung nehmen? Sich nicht erholen von und den der raſchen Fahrt? fragte der Major. jeſterrock Meine Seele iſt geſtärkt, und meinem Körper ge⸗ und war bietet meine Seele, ſagte der Prieſter ernſt. Ich 3 I Hände bin gekommen, um einen Sterbenden zu tröſten, ſ ver⸗ und wenn ich meine Pflicht gethan, ſo muß ich wie— dte der der eilig hinunter in die Stadt, wo vier Kranke mich erwarten, und meines Troſtes bedürfen. Ich habe daher auch den Wagen meines Freundes, des Herrn Diaconus, hier herauf beſchieden, er wird bald hier ſein, und ſobald ich die heilige Pflicht hier geübt, muß ich von dannen fahren. Ich beurlaube mich daher te ſich war von dem Herrn Commandanten, denn meine Zeit iſt 1 vill gemeſſen, und ich werde nachher Sie nicht mehr auf⸗ 1 ſuchen können. Gott und die heilige Jungfrau nehme üt Sie in ſeinen gnädigen Schutz! . ijn Er hob langſam die Rechte empor, und machte das 8 he Zeichen des Kreuzes, dann wandte er ſich um und dera ſchritt der Thür zu. 296 Führt mich zu dem Gefangenen, gebot er Thomas, und in würdevoller Haltung durchſchritt er langſam und feierlich das Vorzimmer.: Die Stimme kommt mir bekannt vor, murmelte der Major vor ſich hin, und auch in ſeinem Blick war Etwas, das mich überraſchte, als hätte ich dieſe blauen Augen erſt kürzlich irgendwo geſehen! Wo kann denn das geweſen ſein, wo habe ich dieſe Augen geſehen, und dieſe Stimme gehört? Und der Major warf ſich in einen ſeiner großen hohen Lehnſtühle, und ſchloß die Augen, um durch nichts in der Außenwelt ſich von ſeinem Nachdenken und Ueberlegen ableiten zu laſſen. Eine Zeit lang mochte er ſo geſeſſen haben, als das haſtige Eintreten ſeines Kammerdieners ihn in ſeinem Nachdenken ſtörte. Nun, Thomas, fragte er aufſchauend, iſt der Prieſter zu Numero Vier hinaufgegangen? Zu Befehl, Ew. Gnaden, ich habe ihm ſelbſt den Weg gezeigt, und er iſt drin bei ihm. Allein? Ja, allein, Ew, Gnaden! Der Gefangenwärter wollte mit hinein, aber der Herr Prieſter ſagten, das heilige Beichtgeheimniß müſſe unverletzt bleiben, und nur habe I Feſt Thomas, 1 angſam nurmelte Zlick war eblauen r großen rch nichts ken und 297 nur Gott dürfe hören, was der Kranke ihm zu ſagen habe. Iſt der Wagen des Herrn Diaconus ſchon gekommen 5 Ja, Herr Commandant, er hält drunten vor dem Feſtungswall. Aber es iſt noch'was Anderes gekommen. Was denn? Ein Courier aus Wien mit Depeſchen für den Herrn Commandanten, die er ſelbſt Ew. Gnaden über⸗ geben ſoll. So laß ihn eintreten, befahl der Commandant, dem Gefangenwärter Weber ſag', er könne den Prieſter nachher zur kleinen Seitenpforte hinauslaſſen, der Weg ſei da weniger ſteil für den alten Mann.—— Der Prieſter war, wie Thomas ſeinem Herrn be⸗ richtet, zu dem Gefangenen Numero Vier eingetreten, und Weber hatte hinter ihm die Thür verſchloſſen, nachdem er dem Kranken mit lauter Stimme zugerufen, daß der Prieſter da ſei, um ſeine Beichte anzuhören. Aber der Gefangene ſchien die Worte gar nicht gehört zu haben. Er lag unbeweglich auf ſeinem Lager da, und wandte nicht einmal das Haupt nach dem Eintretenden um. Aber als das geräuſchvolle Schließen der Thür ihn ——— 298 überzeugt hatte, daß er allein ſei mit dem Prieſter, richtete er ſich langſam empor, und wandte ſich um. Sind wir allein? fragte er leiſe. Ja, ganz allein, tönte die Antwort. Nun ſprang er empor, und eilte zu dem Prieſter hin, um in gewaltiger Bewegung vor ihm auf die Kniee niederzuſtürzen, und ſeine Hand an ſeine Lippen, an ſeine glühende Stirn zu drücken. Mein Gott, was thun Siel flüſterte der Prieſter. Stehen Sie auf, Hormayr, ſtehen Sie auf. Nein, Hoheit, laſſen Sie mich hier, laſſen Sie mich auf meinen Knieen Ihnen danken, für Ihre Liebe, Ihre Güte, für das große Opfer, das Sie mir bringen. Oh, mein Gott, meine Seele ſchwindelt vor Glück und Wonne, vor Schmerz und Entſetzen, wenn ich daran denke, daß Ew. Hoheit hier ſind, hier bei mir in meinem Gefängniß, daß Sie dem Verlaſſenen, Eingekerkerten den Troſt Ihrer Freundſchaft bringen, nicht achtend der Gefahren, welche Sie ſelber bedrohen. Still, ſtill, ſagte Johann leiſe und dringend. Stehen Sie auf, Hormayr, laſſen Sie mich Sie umarmen. Ach, ich bedarf es, den warmen Herzensſchlag eines Freundes an meiner Bruſt zu fühlen, um nicht zu verzweifeln am Leben, an der Welt und den Menſchen. Freund mich Prieſter, h um. Prieſter te Kniee pen, an Prieſter. bringen. lück und daran meinem kerkerten achtend Stehen marmen⸗ 299 Freund, ich öffne Ihnen meine Arme. Wollen Sie mich warten laſſen? Hormayr ſprang empor, und warf ſich mit zärt lichem Ungeſtüm in Johanns Arme, und hielt ihn feſt umſchlungen, bis Johann ihn ſanft zurückdrängte. Freund, ſagte er leiſe und haſtig, wir haben jetzt nicht Zeit, unſern Gefühlen nachzuhängen. Wir müſſen handeln! Hören Sie, was ich Ihnen zu ſagen habe. Es iſt Alles vorbereitet zu Ihrer Flucht, in dieſer Stunde noch werden Sie frei. Still! ſprechen Sie ganz leiſe, damit kein lauſchendes Ohr uns verſteht. Sie werden frei, und Sie werden gleich begreifen, auf welche Art. Und mit raſchen Händen zog der Erzherzog das Prieſtergewand aus, und nahm die kunſtvoll gearbeitete Perrücke mit dem weißen Haar ab. Nun thun Sie ein Gleiches, ſagte er leiſe. Geben Sie mir Ihre Kleider, nehmen Sie die meinen. Wir ſind, Gott ſei Dank, von Einer Größe und Figur. Hier habe ich Ihnen eine Schachtel mit Puder und Tuſche mitgebracht. Raſch, beſtreuen Sie ein wenig Ihre Stirn und Ihre Wangen mit Puder, wie ich es gethan, malen Sie ſich einige Falten, dann die Perrücke auf, den Hut tief in das Geſicht gedrückt, eine gebeugte 300 Haltung angenommen, und Niemand wird Sie erken⸗ nen, Niemand wird einen Betrug ahnen. Sie werden glücklich die Feſtung paſſiren. Sie werden frei werden! Und Ew. Hoheit? Was wird aus Ew. Hoheit? Sobald Sie aus der Feſtung hinaus ſind, fuhr der Erzherzog fort, ohne die Frage Hormayr's zu beachten, finden Sie unten den Wagen des Diaconus Leberecht. Ihn habe ich in das Geheimniß gezogen, und er hat mich unterſtützt mit Rath und That. Der Wagen des Diaconus fährt Sie bis nahe nach Mun⸗ kats. Dort laſſen Sie halten, ſagen dem Kutſcher, Sie wollten noch einen Spaziergang machen und zu Fuß heimkehren. Sobald der Wagen fort iſt, wenden Sie ſich auf den Fußpfad links, gehen eiligſt bis in das Gehölz dicht dabei. Dort werden Sie einen Die— ner finden, der ein Pferd hält und Ihnen ein Paket überreicht. In dieſem Paket befindet ſich der Anzug eines öſterreichiſchen Offiziers. Das Gehölz iſt einſam und menſchenleer. Sie werfen Ihre Prieſterkleidung ab und ziehen die Uniform an, dann beſteigen Sie das Pferd und jagen von dannen. Und Ew. Hoheit? Was wird aus Ew. Hoheit? fragte Hormayr zum zweiten Mal. Johann, ohne ihn zu beachten, fuhr fort: Einmal je erken⸗ werden werden! Hoheit? d, fuhr ahr's zu diaconns gezogen, ſt. Der ch Mun Kutſcher, und zu wenden bis in nen Die in Paket er Anzug ſt einſam rkleidung igen Sie Hoheit⸗ Einmal 301 zu Pferde, einmal frei, ſteht es ganz in Ihrem Belie⸗ ben, entweder nach Illyrien zu gehen, wo Graf Nu⸗ gent Sie erwartet, oder, und ich rathe Ihnen dazu, nach Schleſien zu eilen, und in dem ruſſiſchen Heer Dienſte zu nehmen, wie es Graf Walmoden gethan hat, wie ich es thun würde, wenn ich nicht das Unglück hätte, kaiſerlicher Erzherzog zu ſein. Hier, nehmen Sie dieſe Papiere. Das Eine iſt ein Paß, der Sie ſicher nach Schleſien bringt, das Andere iſt ein Couvert, in welchem ſich zwei Briefe befinden, einer an den Kaiſer von Rußland, der andere an den General von Witgenſtein, ich habe Sie Beiden auf das Wärmſte empfohlen, und ich bin gewiß, daß man Sie um Ihret⸗ und meinetwillen gut aufnehmen wird. Und Ew. Hoheit? Was wird aus Ew. Hoheit? fragte Hormayr zum dritten Mal. Was aus mir wird? Ich werde einige Stunden ruhig hier oben verbleiben, ich werde mich geberden, wie mir der Diener des Commandanten erzählt hat, daß Sie ſich ſeit vorgeſtern geberdet haben. Ich werde ſchelten und fluchen, wimmern und klagen, und endlich nach einigen Stunden, wenn Sie weit genug entfernt ſind, um nicht mehr eingeholt werden zu kön⸗ nen, dann werde ich durchaus verlangen, den Herrn 302 Commandanten zu ſprechen, und zwar ihn allein zu ſprechen. Er wird alſo zu mir kommen, ich werde mich ihm entdecken, ihm ſagen, daß es für mich eine Ehrenſache war, einen Freund zu erretten, der um meinetwillen Gefängniß und Strafe zu erleiden hatte, ihn beruhigen, indem ich ihm mein Ehrenwort gebe, daß ich ſogleich mich ſelbſt zum Kaiſer begebe, um Sr. Majeſtät Alles zu bekennen, um ihm zu ſagen, daß Major Czapka ganz unſchuldig iſt, daß ich und ich allein Ihre Flucht bewerkſtelligt habe. Und Ew. Hoheit glauben, daß ich ein ſolches Opfer annehmen werde? fragte Hormayr glühend. Sie glau⸗ ben, daß ich ſo klein und erbärmlich ſein könnte zu fliehen, während Ew. Hoheit hier zurückblieben, wäh— rend Sie für mich den Zorn des Kaiſers auf Sich laden wollen. Niemals wird das geſchehen, niemals ſoll geſagt werden, daß Ew. Hoheit durch mich auch nur Eine Stunde des Leidens, der Zwiſtigkeiten mit Ihrem kaiſerlichen Herrn Bruder gehabt hätten. Oh, Ew. Hoheit wiſſen es ſo gut wie ich: der Kaiſer liebt ſeine Brüder nicht. Der Kaiſer iſt eiferſüchtig, beſon⸗ ders auf den Erzherzog Johann, weil er der edelſte, der geliebteſte, der genialſte ſeiner Brüder iſt. Er wird daher unerbittlich ſein in ſeinem Zorn, er wird ſtrafe frei n Gefan miſche teln Kaiſe in di gen der Schn Sie, der voll der( ſeine hat, Ker⸗ Rier ihn, des zu Kaiſ Ohe Lehr llein zu h werde cch eine der um N hatte, rt gebe, be, um ſagen, und ich s Opfer die glal⸗ unte zu 1, wäh ff Sich niemals ſch auch tten mit n. O“, ſer liebt , beſon⸗ edelſte, ſt. Er er wird 303 ſtrafen ohne Anſehen der Perſon, und während ich frei wäre, würden Ew. Hoheit um mich die Qual der Gefangenſchaft, das Elend und den Jammer ſtür⸗ miſcher Familienzwiſte zu erdulden haben. Oh, ſchüt⸗ teln Sie nicht Ihr Haupt, ſagen Sie nicht, daß der Kaiſer das nicht thun wird. Schauen Sie Sich um in dieſem Gefängniß, ſehen Sie dieſe Kienrußzeichnun⸗ gen hier an den Wänden, leſen Sie dieſe Poeſieen der Verzweiflung, des Ingrimms, des wüthenden Schmerzes, die unter den Bildern ſtehen,— wiſſen Sie, Hoheit, wer dieſe Zeichnungen, welche alle Qualen der Gefangenſchaft verſinnbildlichen, wer dieſe Verſe voll Jammer gemacht hat? Das hat Riedel gethan, der Erzieher des Kaiſers Franz, der treueſte Diener ſeiner Kindheit, der ihn behütet, gehegt und gepflegt hat, wie ſeinen eigenen Sohn. Mit Jahre langem Kerker hat der Kaiſer ſeinem Erzieher gelohnt, weil Riedel bei dem Regierungsantritt des Kaiſers Franz ihn, ſeinen früheren Zögling, beſchworen, die Reformen des Kaiſers Joſeph des Zweiten wieder aufzunehmen, zu regieren nicht in dem Sinne ſeines Vaters, des Kaiſers Leopold, ſondern in dem Geiſt ſeines großen Oheims. Und Sie meinen, daß der Kaiſer, der ſeinen Lehrer, den er einſt geliebt hat, ſo hart geſtraft, daß 304 der ſeines Bruders, den er niemals geliebt hat, ſchonen würde? Nein, nein, Hoheit, und wenn ich ewig hier bleiben ſollte, ſo werde ich es lieber thun, als Ew. Hoheit zu gefährden. Hormayr, flüſterte Johann tiefbewegt. Die Zeit drängt, wir müſſen eilen, ich kann mich nicht in weit— läuftige Erörterungen einlaſſen. Hören Sie nur dies. Ich habe, ſeit wir uns nicht ſahen, gelitten, was nur eines Menſchen Bruſt zu leiden vermag. Schauen Sie mich an, und Sie werden die furchtbare Geſchichte der letzten Monate auf meinem Antlitz leſen. Ich bin betrogen, verrathen, geſchmäht und beſchimpft worden, und ich habe mich nicht rächen, oh, ich habe mir nicht einmal Gerechtigkeit verſchaffen können. Ich werde noch zu dieſer Stunde öffentlich vor ganz Europa be⸗ ſchimpft, denn man hat mich und meine Brüder ge⸗ wiſſermaßen aus der Armee ausgeſtoßen. Oeſterreich hat jetzt endlich, vor acht Tagen, am vierzehnten Auguſt, Frankreich den Krieg erklärt, aber Fürſt Schwarzenberg iſt zum Generaliſſimus des öſterreichiſchen Heeres er⸗ nannt, und mich und meine Brüder verdammt man zu ſchmachvoller Unthätigkeit, verurtheilt uns daheim zu bleiben, nicht Theil zu nehmen an dem Kampf der Ehre und des Rechts. Ein ſtrenger Befehl iſt an mich ergan reichs denn Gren jenſei Sehe für! einen dieſe wiſſe daß Fehl Fre⸗ mir eing ein Hat Ver t, ſchonen ewig hier als Ev. Die Zeit in weit⸗ nur dies. was nur Schauen Geſchichte Ich bin t worden, mir nicht zch werde uropa be⸗ rüder ge⸗ Oeſterreich en Auguſt, varzenberg Zeeres er⸗ unt mant 3 daheim aampf der ſt an mich 1 305 ergangen, unter keinerlei Vorwand die Grenzen Oeſter⸗ reichs zu überſchreiten; ich bin Gefangener, wie Sie, denn ich darf nicht gehen, wohin ich will, ich darf die Grenzen Oeſterreichs nicht überſchreiten, und draußen, jenſeits unſerer Grenzen, da ſchlägt ſich unſere Armee. Sehen Sie, das iſt die Strafe des Kaiſers, die er für mich erſonnen hat, weil ich Tyrol befreien wollte. Und er weiß, daß dieſe für mich härter iſt, als jede andere, daß ich nage an dieſer Qual Tag und Nacht, daß ich glücklich ſein würde, wenn ich auch nur unter einem erborgten Namen, nur als gemeiner Soldat dieſen Feldzug mitmachen könnte. Er verdammt mich, in Oeſterreich zu bleiben, und ich— ich gehorche, wiſſen Sie weshalb? Weil der Kaiſer mir geſchworen, daß er für jede Oppoſition, die ich wage, für jeden Fehltritt, den ich begehe, nicht mich, ſondern meine Freunde beſtrafen wird. Entſetzlich, murmelte Hormayr. Ja wohl, entſetzlich, ſagte Johann. Niemand, der mir naht, iſt ſicher, nicht an demſelben Tage verhaftet, eingekerkert, geſtraft zu werden. Oh, Sie haben ja ein Beiſpiel an Sich ſelber. Hat man Sie angeklagt? Hat man Sie beſchuldigt? Hat man Sie irgend einem Verhör unterworfen? Mühlbach, Erzh. Johann u. Metternich. III. 20 306 Nein, ich habe vergeblich gefordert, meine Anklage zu hören, vor meinen Richter geſtellt zu werden. Man hat es mir bis heute verweigert.*) 6 Und man wird es Ihnen auch ferner verweigern, denn Sie werden nicht geſtraft um Ihrer eigenen Schuld willen, ſondern man ſtraft in Ihnen mein Vergehen, meine Schuld. Man hält Sie hier feſt als eine Geißel für mich, der Kaiſer hat mir das ſelbſt geſagt, und er hat gedroht, Ihre Gefangenſchaft immer ſtrenger zu machen, wenn ich fortfahre, ihm Grund zur Unzufriedenheit zu geben; er hat geſchworen, an meinen Freunden, an Ihnen mich zu ſtrafen. Und in den Augen des Kaiſers bin ich ſehr ſtraf 3; denn er kennt alle unſere Pläne, alle meine Papiere ſind in ſeinen Händen, er hat meine geheime Correſpondenz geleſen, die Namen aller meiner Freunde aufgezeichnet, und ſie Alle werden beſtraft, verfolgt, eingekerkert wer⸗ den. Schon hat die Hetzjagd in Tyrol begonnen, ſchon ſind dort mehr als vierzig meiner treueſten Anhänger und Diener verhaftet worden.**) Und wiſſen Sie, wer das Alles gethan, wer uns Alle verrathen, alle unſere Pläne dem Grafen Metter⸗ *) Hormayr Lebensbilder II. 442. **) Hormayr Lebensbilder II. 445. Anklage Man rweigern, eigenen ft immer n Grund — — 2— 307 1. Wiſſen Sie, wer nich, dem Kaiſer mitgetheilt hat? Hören Sie, die Häſcher zu Ihnen geführt hat? und faſſen Sie Ihr Herz zuſammen, daß es ruhig weiter ſchlägt. Roſchmann war der Verräther. Oh, meine Ahnung, ſeufzte Hormayr erſchauernd. Ich warnte Ew. Hoheit, ich mißtraute ihm. Und ich glaubte ihm, ich liebte ihn, ſagte Johann er raubte mir Alles, traurig. Und er betrog mich, nicht blos die Freundſchaft, ſondern auch die Liebe, er hat mein Herz gefoltert mit Schmerzen, für die es keinen Ausdruck giebt, die meine Kraft für immer ge⸗ broche wa drinnen in meiner Bruſt Narben zurück⸗ nimmer heilen können. Ja verrathen, Sie, mich, dem Kaiſer gelaſſen haben, welche Roſchmann hat mich betrogen, uns Alle verrathen, Roſchmann hat jetzt ein Verzeichniß aller Derjenigen überreicht, im Bunde geweſen, die Theil gehabt an der Ver⸗ ſchwörung in Tyrol. Und der Kaiſer hat Roſchmann jetzt als ſeinen Commiſſarius und General⸗Intendanten nach Tyrol geſandt, um den ausbrechenden Aufſtand Häupter deſſelben, alle meine die mit uns niederzuſchlagen, alle Freunde zu verhaften! Fluch und Schande komme über ihn, ſagte Hor⸗ mayr, die geballte Fauſt zum Himmel emporſtreckend, 20* 308 möge ſein Name gebrandmarkt, möge er von Gott zeichnet werden zum abſchreckenden Beiſpiel für Menſchen, zum—*) Schweigen Sie, bat Johann. Ueberlaſſen wir d Strafe Gott und ſeinem Gewiſſen. Ich will keine Rache an ihm üben, ihm nicht fluchen, denn ein Engel hat für ihn meine Verzeihung angefleht, und ich habe ſie zugeſagt. Ein Engel, den er geopfert, wie er uns geopfert hat. Wiſſen Sie, wer der Engel war? Camilla, flüſterte Hormayr. Ich ahnte es wohl, daß Ew. Hoheit Sie liebten. Ja, ich liebte ſie, und ſie ſtarb aus Liebe zu mir, aus Gram um ihn, und um mich. Obh, beklagen Sie mich nicht, es giebt Schmerzen, die zu heilig ſind, als daß auch nur die Hand eines Freundes ſie berühren *) Dieſer Wunſch Hormayrs ging in Erfüllung. Roſchmann, von dem alle Welt wußte, welche Verrätherrolle er geſpielt hatte, ward, trotzdem daß er ſich fortgeſetzt der Gnade des Kaiſers er freute und glänzend befördert ward, doch von aller Welt gemie den und geflohen, und als wolle Gott ſelber ihn zeichnen, ver dorrte[hm die rechte Hand, die er einſt zum falſchen Zeugniß wider ſeine Freunde aufgehoben. Von der allgemeinen Verach tung getroffen, mußte er endlich ſeine Dienſtentlaſſung nehmen, lebte im Stillen jüdiſchen Geldſpeculationen, war darin unglücklich, fiel darob in partielle Geiſteszerrüttung, in welcher er 1818 in Wien ſtarb. Siehe: Lebensbilder II. 450. L of 4 200 darf. beſchwö des Ke von de gekerke Sie u dieſe ſchwör — wir d l kein nEngel ch habe, t gemie mn, ver Zeugn iß veruh nehm. en, alüdlich, 1818 in 5 1 309 darf. Ich ſage Ihnen dies Alles ja nur, um Sie zu beſchwören, daß Sie entfliehen, daß Sie ſich dem Zorn des Kaiſers entziehen, daß Sie mich befreien ſollen von dem marternden Bewußtſein, Sie für mich ein— gekerkert und gefangen zu wiſſen. Oh, Freund, wenn Sie mich wahrhaft lieben, ſo eilen Sie, legen Sie dieſe Verkleidung an, entfliehen Sie! Oh, ich b ſchwöre Sie, entfliehen Sie! RNein, Hoheit, ich darf nicht, ich kann nicht. Es er meine Ehre, ich kann Ew. Hoheit nicht um 0 n cewillen in Gefahr und Ungemach bringen. Sie wollen mir alſo dieſen letzten, dieſen einzigen Troſt nicht gönnen, wenigſtens einen meiner Freunde, den liebſten, den beſten, mir gerettet zu haben? Sie fühlen alſo nicht, daß ich leide? Oh, Freund, ich bin ein geſchmäheter, zurückgeſtoßener, in allen ſeinen Ge⸗ fühlen verrathener Mann; ich habe gekämpft gegen Metternich und ſein Princip, und ich bin beſiegt wor⸗ den von ihm, er triumphirt, und ich trete beſchämt bei Seite; ich habe Tyrol geſchworen, es zu befreien, und Metternich läßt meine Freunde und Anhänger verhaften, läßt den Aufſtand, den ich entzündet, nie⸗ ſchlagen. Gönnen Sie mir den Troſt, ihm einen geiner Freunde entzogen zu haben. Retten Sie ſich, 310 Sie mich lieben,— fliehen Sie, fliehen Sie, wenn fliehen Sie nach Schleſien, ſagen Sie dem Kaiſer— Plötzlich legte Hormayr ſeine Hand auf Johanns Arm, und blickte lauſchend nach der Thür hin. Ich Schritte, flüſterte er. Ich höre die Stimme des „das Marſchiren von Soldaten. Es Um Gotteswillen beſchwöre Man höre Commandanten, kommt näher und näher. ich Sie, legen Sie Ihre kommt hieher. Und mit fliegender Haſt half wieder anzuziehen, Verkleidung wieder an. er dem Erzherxt— ſeinen Prieſterrock 1 ſchob er ihm die Perrücke wieder übe Kanm war’s gethan, da ward die Thür geöffnet, Major Czapka, erſchien in der die mit geſchultertem der geöffneten T lange gedauert, ſ Iſt ſie jetzt beendet? ie iſt beendet, ſagte Hor⸗ r den Kopf. da klirrten draußen die Riegel⸗ und der Commandant, ſelben, gefolgt von acht Gewehr draußen auf hür ſich aufſtellten. agte er mit Soldaten, dem Gange neben Ihre Beichte hat ſehr hartem, trocknem Ton. Ja, Herr Commandant, ſ mayr ruhig. Und wie es ſcheint, hat Sie der ehrwürdige Prieſter von Ihrer Krankheit befreit, und Sie vom Tode der Vergiftung errettet? A fliehen Sie, :m Kaiſer— nuf Johanns ür hin. Io Sümme des 58 Soddaten. G illen beſchwun Ma eder an. M dem Erzher „ di ſchob er ihm die 91 zen die Rel all. ant, Command 311 Ja, dieſer edle und würdige Mann hat mich er⸗ rettet, ſagte Hormayr, die Hand des Prieſters er⸗ greifend und ſie an ſeine Lippen drückend. Ihm danke ich es, daß ich wieder muthig und freudig bereit bin, das Leben und die Gefangenſchaft zu ertragen. Das iſt mir lieb für Sie, Herr Hilbert, ſagte der Major trocken, denn ich glaube, Sie werden noch ziem⸗ lich lange Gefangener bleiben. Aber ich werde zum Glück nicht mehr die ſchwere Verpflichtung zu ertragen haben, Sie bewachen zu müſſen. Es iſt Befehl von Wien gekommen, Sie ſogleich von hier weiter zu trans⸗ portiren. Wohin? rief der Erzherzog lebhaft, in dieſem Moment ganz und gar ſeiner Verkleidung vergeſſend. Wohin führt man ihn? Der Major wandte ſich zu dem Prieſter hin, und ein einziger ſcharfer Blitz ſeiner Augen traf ſein Geſicht. Ich habe Befehl, das dem Gefangenen nicht zu ſagen, ſondern ihn darüber in Ungewißheit zu laſſen, ſagte er.*) Machen Sie ſich bereit, Herr Hilbert. Sie aber, *) Man führte Hormayr von Munkats nach der Feſtung Brünn. Dort ſaß er bis im April 1814. Als die Kunde von Bonaparte's Abſetzung nach Dijon zum Kaiſer Franz kam, erzählt Hormayr ſelbſt, ſchickte man augenblicklich einen Courier nach Brünn mit Hormayr's Freilaſſung, nach dreizehnmonatlicher geſetz ——— ——— 312 ehrwürdiger Herr, erlauben Sie mir, Sie ſelbſt bis zum Thor der Feſtung zu bringen, wo der Wagen des 4 Herrn Diaconus Sie erwartet. Co Ich folge Ihnen, mein Herr Commandant, ſagte der Prieſter ruhig. Leben Sie wohl, Hilbert, und un möge der Segen Gottes mit Ihnen ſein. Leben Sie wohl, und nehmen Sie aus vollem de Herzen meinen Dank für dieſe Stunde, ſagte Hilbert, 1 .—.. e.—„ 4 1. die Hand des Prieſters an ſein Herz drückend. 1 ſ —.„. 2. 1 Kommen Sie, ehrwürdiger Vater, ſagte Major d Czapka, faſt bittend. Gehen Sie voran, ich folge Ihnen, rief der Prieſter, a ſich der Thür zuwendend. Aber der Major trat ehrfurchtsvoll bei Seite. u Der Vortritt gebührt Ihnen, dem— geweihten Prieſter, W ſagte er. ſag 1 2. 4 widriger Haft. Der damalige Gouverneur von Mähren, Graf Chorinsky eröffnete ihm:„ſeine Detention ſei eine rein politiſche th Maßregel geweſen, ſeiner Ehre und ſeinem Dienſtverhältniß voll⸗ m kommen unnachtheilig. Inzwiſchen ſei die Sache weder zu einer generellen noch zu einer ſpeciellen Unterſuchung geeignet.“— 8s Er machte beſtimmte Hoffnung zu weiterer Satisfaction, wenn 36 Hormayr tiefes Stillſchweigen über die Sache beobachtete. Ohne beſondere Erlaubniß ſollte er nicht nach Wien gehen.— Hor⸗ mayr trat ſpäter in baieriſche Dienſte, und ſtarb als Geſandier Baierns in Bremen. lbſt bis gen des t, ſagte rt, und vollem Hilbert, 3 Major Prieſter, i Seite. Prieſter⸗ Dieſer erwiderte nichts, ſondern ſchritt ruhig den Corridor hinab, gefolgt von dem Commandanten. Schweigend gingen ſie den langen Corridor hin⸗ unter, bis zu dem Kreuzgang hin. Jetzt muß ich Sie bitten, voran zu ſchreiten, ſagte der Prieſter gebieteriſch. Ich kenne den Weg nicht. Der Commandant verneigte ſich ehrfurchtsvoll und ſchritt gehorſam voran. Ueber Corridore und Treppen, durch weite Hallen und düſtere Räume, und durch die innern Höfe führte er ihn dahin. Jetzt ſtanden ſie am Ausgangsthor. Der Major führte ihn zur kleinen Seitenpforte und öffnete ſie. Draußen ſtand der Wagen des Diaconus. Der Major öffnete ſelbſt den Schlag und war dem Prieſter behülflich beim Einſteigen, aber indem er das that, flüſterte er: Verzeihung, Hoheit. Zürnen Sie mir nicht. Ich mußte meine Pflicht erfüllen, ſo leid es meinem Herzen auch thut. Verzeihung, oh, Ver⸗ zeihung! Der Prieſter ſchien es nicht gehört zu haben. Fahrt zu, Kutſcher, rief er, vorwärts. Der Wagen raſſelte dahin, traurig, bleich und er⸗ Mühlbach, Erzh. Johann u. Metternich. III. 21 314 ſchöpft lehnte der Erzherzog ſein Haupt in die Kiſſen zurück. Und ſo fahr' ich denn wieder einſam und allein in die Welt hinaus, murmelte er ſeufzend. Meine Vergangenheit war voll Schmerz und Enttäuſchung, wird meine Zukunft ihr gleichen? Werde ich immer nur ein Leidender, ein Duldender ſein? Werden meine Feinde immer triumphiren und mich beſiegen? Wird für mich niemals die Stunde der Vergeltung, des Triumphes kommen?— Ja, ſie wird kommen, rief er muthvoll und freudig, ja, auch ich werde einſt mei— nen Tag des Triumphes und der Gerechtigkeit haben! Und an dieſem Tage werde ich Metternich beſiegen, wie er mich jetzt beſiegt hat. Dies ſei meine Hoff— nung für die Zukunft, mein Glaube an die göttliche Gerechtigkeit. Und mit dieſer Hoffnung und dieſem Glauben will ich tapfer weiter kämpfen, und das Leben muthig ertragen! Ende der zweiten Abtheilung. je Kiſſen d allein Meine zuſchung, h immer en meine 2 Vird ng, des ren, rief inſt mei t haben! beſiegen, ne Hoff göttliche d dieſem as Leben Fünftes Buch. VI. VII. VIII. Sechstes Inhalt des dritten Bandes. Die Diplomaten Die Feuerprobe Der Abſchied Die Warnung Vergebliche Warnung. Die Rettung Die feindlichen Brüder Die Trennung. Buch. Heſterreich's Erhebung. Die Urſulinerin Die Entſcheidung Das Wiederſehen. Munkats Drr Beichtvater Die Kataſtrophe. ———— ——— 5 4 4 ——— — vellow Magenta Srers eea Siac⸗