Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher r Literatur Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em pfangnahme und Rückgabe der Bucher jeden Tag von Morgen 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buche jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt den angenommen— 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahm eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summ vbinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſte att wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden unrd beträgt es wird von für wöchentlich 2 Bücher: 4 3ücher: 6 Bücher: auf 1 Monat 1 Mt Pf. 1 V 50 Pf. 2 Mk Pf „ 3 2 3„„„ Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung den Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden. Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganze n verpflichtet Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſ beſondels darauf aufmerkſam gemacht, daß das W der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Wieſenigen welche die ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. zt und wird —yÿy rverleihent —— — — —,— —— —— — Erzherzog Johann und ſeine Zeit. Von L. Mühlbach. —ee— Erſte Abtheilung: Andreas Hofer. „ 3 Dritter Band. Berlin, 1859. Druck und Verlag von Otto Janke. Andreas Hofer. Von L. Mühlbach. Dritter Band. Berlin, 1859. Druck und Verlag von Otto Janke Fünftes Buch. 1 Der Bberfeldherr von Tyrol. Mühlbach, Andreas Hofer. III. — Der Waffenſtillſtand von Znaim. Im Wirthshaus des Anton Steeger zu Lienz war heute ein reges Leben geweſen, und viel war da ge⸗ redet und geſprochen, viel gejammert und geflucht worden. Die angeſehenſten Anführer der Tyroler waren dort, gehorſam dem Ruf Andreas Hofer's, zuſammen gekommen, und nach Hofer's Vorſchlag hatten ſie ge⸗ meinſchaftlich eine Bittſchrift aufgeſetzt an den Kaiſer Franz, der ſich jetzt in Ungarn auf einem Schloß des Fürſten Liechtenſtein befand. Der Schlacht von Wagram war nach wenigen Tagen eine nicht minder ſchlimme Kunde gefolgt. Der Erzherzog Carl hatte zu Znaim am zwölften Juli einen Waffenſtillſtand mit Napoleon geſchloſſen. Bis zum zwanzigſten Auguſt ſollten dem⸗ nach alle Feindſeligkeiten eingeſtellt werden, aber die Oeſterreicher ſollten während dieſer Zeit ihre Truppen 1* 4 aus Tyrol, Steiermark und Kärnthen ganz heraus⸗ ziehen, und die von ihnen beſetzten feſten Plätze wieder den Baiern und Franzoſen übergeben. Dieſe ſchmerzlichen Bedingungen des Waffenſtill⸗ ſtands waren es geweſen, welche Andreas Hofer ver⸗ anlaßt hatten, einige ſeiner Freunde in Lienz um ſich zu verſammeln, und mit ihnen eine Bittſchrift an den Kaiſer zu richten, in welcher ſie in treuer und rühren⸗ der Demuth ihn baten, ſich ihrer Noth und ihrer Liebe zu erbarmen, und ſein treues Tyrol nicht zu verlaſſen. Man habe ihnen geſagt, daß die öſterreichiſchen Trup⸗ pen, den Bedingungen des Waffenſtillſtands gemäß, Tyrol verlaſſen ſollten, aber damit ſei noch nicht ge ſagt, daß die Franzoſen und Baiern nun wieder das Recht haben ſollten, Tyrol zu beſetzen, und dies möchte der Kaiſer verhüten, und möchte es nicht dulden, daß ſeine getreue Grafſchaft Tyrol wieder vom Feinde be⸗ ſetzt werde. Das war der Inhalt der Bittſchrift, welche An⸗ dreas Hofer und die Anführer der Tyroler heute beim Anton Steeger zu Lienz aufgeſetzt und unterzeichnet hatten, und welche, als den letzten Nothſchrei des ge⸗ ängſteten Tyrols, Jacob Sieberer nach Totis zum Kaiſer tragen ſollte, während Eiſenſtecken eine Abſchrift un 5 der Bittſchrift an den General Buol, den Anführer der öſterreichiſchen Truppen in Tyrol, übergeben ſollte. Nun war die Nacht gekommen, die Freunde und Kampfgenoſſen hatten lange ſchon das Haus Anton Steeger's verlaſſen, und nur Andreas Hofer war noch bei demſelben zurückgeblieben, um mit dem treuen Freunde die Noth der Zeiten, und die ſchlimmen Aus⸗ ſichten in die Zukunft zu beſprechen. Ich kann's nit glauben, daß es Alles ſo ſich ver— hält, wie ſie's uns vorreden, ſagte Andreas Hofer ſeufzend. Der Kaiſer hat uns ja feierlich verſprochen, er wollt' nimmer wieder ſein getreues Tyrol aufgeben und verlaſſen, und's wäre Hochverrath, zu denken, daß der Kaiſer nit ſein Wort halten und getreulich erfüllen wird. Nein, nein, ich ſag Dir's, Anton, der Kaiſer und der liebe Erzherzog Hannes, die wollen uns ſicher nit verlaſſen, und nur die öſterreichiſchen Generäle, die haben keine Luſt mehr an dem Krieg, und die ſehnen ſich hinaus aus unſern Bergen, weil ſie ſich fürchten vor dem Bonaparte, und meinen, er würd's ihnen ge⸗ denken, wenn ſie dahier bleiben und ihm's Landel nit auf Gnad' oder Ungnad' übergeben. Ich kann's auch nimmer denken, daß der Franzel uns verlaſſen ſollt', ſagte Anton Steeger, beifällig mit —— — dem Kopfe nickend. Der Kaiſer liebt uns ja, und er wird uns nit dem Bonaparte dahin geben wollen, dem Gottesleugner Bonaparte, der jetzt erſt wieder ein neues Greuel verübt, und den heiligen Papſt zu Rom hat gefangen nehmen und aus ſeiner Hauptſtadt hat fortſchleppen laſſen. 3 Aber dafür hat ihn der heilige Vater auch in den Bann gethan, rief Andreas Hofer mit flammenden Blicken, dafür hat er den Fluch Gottes und der Menſchen herniedergerufen auf das Haupt des Anti— chriſten, und hat es jedem frommen Chriſten zur heiligen Pflicht gemacht, den Verbrecher zu bekämpfen, der ſeine frevelnde Hand ſelbſt an die heilige Kirche, und den Statthalter Gottes legt. Anton Steeger, ich will Dir etwas ſagen: ich kann's nit gutwillig hinneh⸗ men, daß der Franzos wieder in's Land kommen ſoll, und ich will's nun und nimmermehr leiden, daß die Oeſterreicher uns verlaſſen und von dannen ziehen. Und wie willſt Du's hindern, Anderl? fragte Anton Steeger achſelzuckend. Ich hab's Euch ja heute ſchon geſagt, wie ich's, wie wir Alle es hindern wollen! Wir laſſen die Oeſterreicher nit zum Land hinaus, wir halten ſie feſt mit Bitten, mit Liſteoder mit Gewalt. Hab's ja allen Kommandanten aufgetragen, daß ſie's ſo machen ſollen, habe Jedem meinen ſchriftlichen Befehl mitgegeben, den ſie den andern Freunden mittheilen ſollen, und worin ich ihnen gebiete, die Oeſterreicher nit ab⸗ marſchiren zu laſſen! Denk' doch, ich bin noch immer der Ober⸗Commandant, und ſie werden mir gehorchen, und werden thun, was ich ihnen befehl'. Wenn ſie's können, Anderl, ja gewiß, dann werden ſie thun, was Du ſagſt, aber wenn ſie's nun halt nit können? Wenn die Oeſterreicher ſich nun durch Bitten oder durch Liſt nit bewegen laſſen, dahier zu bleiben? Dann bleibt uns noch das Letzte, dann bleibt uns die Gewalt, rief Hofer ſtürmiſch aus. Dann müſſen wir ſie zwingen bei uns zu bleiben, dann muß ganz Tyrol wie Ein Mann ſich erheben, und muß mit ſeinen ſtarken Armen die öſterreichiſchen Soldaten feſthalten und ſie nimmer laſſen. Ja ja, Tonerl, ſo muß es ſein, und ſo wird es das Richtige und Beſte ſein. Es muß halt ausſehen, als wenn wir die Oeſterreicher mit Gewalt zwingen, bei uns zu bleiben, und das wird auch dem Kaiſer Franzl das Liebſte ſein, denn was kann er dafür, daß die Tyroler ihn hindern das zu thun, was er dem Bonaparte in dem Waffenſtillſtand verſprochen hat? Es iſt doch halt dann nit des Kai⸗ —— — — 8 ſers Schuld, wenn die Oeſterreicher dahier bleiben, und wir ſie nit hinaus laſſen aus den Bergen. Wir müſſen ſie feſthalten, wir müſſen's! Und gleich jetzt will ich an den Rothbart, den Pater Haspinger, an den 3 Joſeph Speckbacher und den Anton Wallner ſchreiben. Sie ſollen daher kommen zu mir, und mitſammen wollen wir überlegen, wie's zu machen iſt, daß Tyrol wieder aufſteht. Gieb mir's Schreibzeug und Papier, Tonerl, ich will zuerſt an den Rothbart ſchreiben, und Dein Sepperl ſoll den Brief heut Nacht noch zu ihm in's Kloſter tragen.. Anton Steeger beeilte ſich, das Geforderte herbei⸗ zuſchaffen, und während Hofer dann ſeine großen ſchwerfälligen Schriftzüge über das Papier hinmalte, ſtand der Freund hinter ihm, und folgte mit aufmerk⸗ ſamem Auge jedem Wort, das Andreas mühſam voll⸗ endete. So vertieft waren ſie Beide, der Eine beim Schrei⸗ ben, der Andere beim Zuſchauen, daß ſie gar nicht gewahrten, wie hinter ihnen die Thür ſich aufthat und der Baron von Hormayr im beſtäubten Neiſe⸗Anzug eintrat. Einen Moment blieb er an der Thür ſtehen, und blickte neugierig forſchend zu den beiden Männern hin, dann ſchritt er raſch vorwärts, gerade zu Andreas Hofer hi ſagte er. And kunft de überraſch ich ſchre ſoll. U habe, ſo den Ant kommen Ner mit ein Intende Intende feierlch iſterreic Ich treulich nit alle ——ꝛ—n 9 Hofer hin, und ihm die Hand auf die Schulter legend, ſagte er: Gott grüß Dich, Anderl, was ſchreibſt denn da? Andreas ſchaute empor, und die unerwar An⸗ kunft des Barons ſchien ihn dennoch gar nicht zu überraſchen. Ich ſchreib' an den Rothbart, ſagte er, ich ſchreib ihm, daß er ſogleich zu mir daher kommen ſoll. Und wenn ich den Brief an den Rothbart fertig habe, ſo werde ich auch noch an den Speckbacher und den Anton Wallner ſchraiben, daß ſie auch hierher kommen, Herr Intendant von Tyrol! Nenn' mich nicht mehr ſo, Anderl, ſagte Hormayr mit einem leichten Stirnrunzeln. Ich bin nicht mehr Intendant von Tyrol, denn Du weißt ja, wir müſſen Tyrol verlaſſen, und es den Franzoſen und Baiern wieder übergeben. Ich weiß das nit, Herr Intendant von Tyrol, rief Andreas mit einem düſtern Zornesblick. Ich weiß blos, daß der Erzherzog Johann Euch zum Militair⸗ Intendanten von Tyrol ernannt hat, und daß Ihr feierlich geſchworen habt, uns zu helfen, daß wir wieder öſterreichiſch werden, und es auch bleiben. Ich denk' auch, Anderl, daß ich mein Wort ge⸗ treulich gelöſt habe, ſagte Hormayr ernſt. Ich habe mit aller meiner Kraft Euch beigeſtanden, bin überall 10 aufmunternd, organiſirend, fechtend, ſtreitend und ver mittelnd unter Euch geweſen, und ich denk Du wirſt mir's zugeſtehen, daß ich auch meinen kleinen Antheil an der Befreiung Tyrols gehabt, und daß ich mich bewährt habe als gutes und getreues Landeskind. Nun ja, es iſt wahr, murrte Andreas Hofer, Ihr habt viel Gut's gethan, habt namentlich den öſter reichiſchen Generälen, die nichts mit uns Bauernvolk zu thun haben, und nicht mit uns gemeinſchaftliche Sach' machen wollten, für unſere Sach' gewonnen, denn eine gar gewandte und beredte Zunge habt Ihr, und was ſich mit der Zunge ausfechten läßt, das fechtet Ihr aus. Aber jetzt, Herr, wird's nit genug mit der Zung' ſein, ſondern es muß auch gefochten werden mit dem Schwert! Behüte der Himmel, Anderl, rief Hormayr, weißt ja, daß der Kaiſer Waffenſtillſtand gemacht hat mit dem Bonaparte, und ſo lange der dauert, da darf gar nicht gefochten werden mit dem Schwert. Waffenſtillſtand hat der Kaiſer gemacht? Nun gut denn, ſo laßt es denn Waffenſtillſtand ſein! Aber Ihr wollt ja nit ſtill ſtehen blos mit Euren Waffen, ſon dern Ihr wollt' mit ihnen weitergehen, wollt mit ihnen zum Tyrolerlandl hinausmarſchiren. Das ſcheint mir kein rich den Rotk daß ſie legen, w richtigen Und rief An⸗ zum Lan nimmern Na⸗ zuckend. ſproche des We geſchehe Abe wortbri Hör ich bin zu ſpr ſagen. mich a Ich vor mi dell 1 11 kein richtiger Waffenſtillſtand und drum will ich an den Rothbart, und die andern zwei Getreuen ſchreiben, daß ſie hieherkommen, und mit mir zuſammen über— legen, wie wir's verhüten können, daß Ihr einen un⸗ richtigen Waffenſtillſtand macht, und uns verlaßt. Und Recht hat der Annerl, daß er das thun will, rief Anton Steeger. Wir dürfen die Oeſterreicher nit zum Land hinaus laſſen, und wir wollen's nun und nimmermehr. Narren ſeid Ihr, alle Beide, ſagte Hormayr achſel⸗ zuckend. Der Kaiſer Franz hat's ausdrücklich ver⸗ ſprochen, daß das öſterreichiſche Militair Tyrol während des Waffenſtillſtandes verlaſſen ſoll, und alſo muß es geſchehen, damit der Kaiſer nicht wortbrüchig werde. Aber, wenn es geſchieht, dann iſt der Kaiſer uns wortbrüchig, rief Anton Steeger heftig. Hör’ Du, Anton Steeger, ſagte Hormayr ſtreng, ich bin hieher gekommen, um mit dem Andreas Hofer zu ſprechen, und ich hab' ihm etwas Wichtiges zu ſagen. Sei alſo ſo gut, und geh' hinaus, und laß mich allein mit ihm. Ich denk' wohl, der Anderl hat kein Geheimniß vor mir, und ich könnt' alſo hier bleiben. Sag'’, An⸗ derl, iſt's nit ſo? 12 Es iſt ſo! Sprecht immerhin, Herr Intendant, der Tony darf Alles hören. Nein, Anderl, ich werd' nit ſprechen, wenn ich nicht allein mit Dir bin, und was ich Dir zu ſagen habe, iſt ſehr wichtig füjr Dein Tyrolerland. Aber nur Du allein darfſt es erfahren! Wenn's ſo iſt, ſo geh' hinaus und laß mich allein mit dem Herrn Intendanten, ſagte Hofer, dem Freunde die Hand zum Abſchiedsgruß darreichend. Anton Steeger verließ mit einem zornigen Blick auf Hormayr das Zimmer. Ich weiß wohl, weshalb er mich fort haben wollte, brummte er, als er draußen auf dem Hausflur ſtand. Er will den Andreas Hofer bearbeiten, will ihn bereden, daß er mit den Oeſter⸗ reichern fortzieht, und Tyrol im Stich läßt. Er denkt, wenn er den Anderl allein hat, ſo wird er eher nach⸗ geben, weil er ein ſchwacher und gutherziger Mann iſt, der Jedem möcht' zu Willen leben. Denkt, wenn ich dabei wär', würd' ich dem Andreas in's Gewiſſen reden, und würd's nit leiden, daß er unſere Sach' im Stich läßt, und den Andern ein ſchlimmes Beiſpiel giebt! Nun, ich werd' mich auf der Lauer halten, und wenn der Herr Intendant mir den Anderk mit fortnehmen will, ſo halt' ich ihn mit Gewalt hier feſt.— Drin Hormahr blieben. ſchoſſen Kopfnicke Jetzt wollen w das Niel Bede zugegen ſenem f Wir Herrgot wollen Thral. derz nic ſollſt, h Erzherze lieben 1 Was mir? fr Er wie er fägt 2 13 Drinnen im Zimmer waren alſo jetzt der Herr von Hormayr und Andreas Hofer allein miteinander ge⸗ blieben. Als die Thür ſich hinter Anton Steeger ge⸗ ſchloſſen hatte, reichte Hormayr mit freundlichem Kopfnicken Andreas Hofer ſeine Hand dar. Jetzt ſind wir allein, Anderl, ſagte er, und jetzt wollen wir ein vertraulich Wort mit einander reden, das Niemand hören ſoll, als wir Zwei. Bedenket aber immerhin, daß auch der Herrgott zugegen iſt, und uns zuhört, ſagte Andreas Hofer mit einem frommen Blick gen Himmel. 1 Wir wollen ja auch nichts reden, was dehn lieben Herrgott ärgern könnt', rief Hormayr lachend. Wir wollen von Dir reden, Anderl, von Dir und von Tyrol. Bitten wollt' ich Dich, Anderl, daß Du Dein Herz nicht verſtocken und gegen guten Rath verſchließen ſollſt, bitten wollt' ich Dich darum im Namen des Erzherzogs Johann, der mich zu Dir ſchickt, und ſeinen lieben und getreuen Anderl ſchön grüßen läßt. Was hat der Erzherzog geſagt? Was will er von mir? fragte Andreas ſchnell. Er will, daß Andreas Hofer ſtill und geduldig, wie er ſelber es thut, ſich den Befehlen des Kaiſers fügt; er will, daß Andreas Hofer ſich in das Noth⸗ 14 wendige ſchickt, und nicht mehr Hader und Zwietracht ſäet, ſondern ſich in Demuth und Gehorſam, wie ein guter Chriſt, dem Willen ſeines Herrn unterordnet. Er will, daß Andreas Hofer allen Tyrolern mit gutem Beiſpiel vorangeht, und nichts unternimmt, was gegen die Artikel des Waffenſtillſtands verſtößt, und endlich will der Erzherzog Johann, daß ſein lieber Andreas Hofer für ſich und die Seinen ſich ſein Leben und ſeine Freiheit ſichere, deshalb mit den öſterreichiſchen Trup pen zugleich Tyrol verlaſſe und ſich auf einige Zeit in den Schutz des öſterreichiſchen Heeres begebe. Nie und nimmermehr werde ich das thun, rief Andreas heftig, nie werde ich mein liebes Landel ver⸗ laſſen! Hab's geſchworen in die Hand des Prieſters und in meinem eigenen Herzen, daß ich, ſo lang' ich lebe, will treu ſein meinem Gott, meinem Kaiſer und meinem Tyrolerland, daß ich meinen letzten Bluts⸗ tropfen will hingeben für unſere Freiheit, unſere Ver faſſung und unſeren Kaiſer, und nimmer werd' ich meinen Schwur brechen, nimmer als ein ungetreuer Soldat meine Fahne verlaſſen! Aber Anderl, Du ſollſt ſie ja auch nicht verlaſſen,“ ſollſt ſie nur auf eine Zeit lang in Sicherheit bringen! So hör' mich doch an, Anderl, laß Dir doch ſagen, wie es ſte dern, und Oeſterreich itt leider Freiherr zuſammen nach Sche anhaben, Sicherheit daß er r abmarſch Aber Schmidt Rusca ii Mein in Ober⸗ Sachſenb d ſſt, derwunde Türt ha General Csi 15 wie es ſteht! Du denkſt, es ließe ſich noch Alles än⸗ dern, und es wär' noch zu machen, daß Ihr die Oeſterreicher in Euren Bergen zurückhieltet. Aber es iſt leider ſchon zu ſpät. Schon hat der General, Freiherr von Buol, die zerſtreuten öſterreichiſchen Corps zuſammengezogen, und iſt in dieſer Nacht von Brixen nach Schabs marſchirt. Dort könnt Ihr ihm nichts anhaben, ſein Geſchütz und ſeine Munition iſt dort in Sicherheit, und Ihr werdet's nicht hindern können, daß er mit ſeinen Truppen heut noch nach Kärnthen abmarſchirt. Aber wir können's verhindern, daß der General Schmidt die Feſtung Sachſenburg an den General Rusca übergiebt, rief Andreas triumphirend. Meinſt, weil Du dem Commandanten Joſeph Türk in Ober⸗Kärnthen geſchrieben haſt, daß er die Feſtung Sachſenburg überfallen und beſetzen ſoll, ehe der Rusca da iſt, ſo ſei's auch ſchon geſchehen? Schauſt mich verwundert an, Du großes Kind? Sieh hier, da iſt Dein Handſchreiben an den Joſeph Türk! Die Unſrigen haben's aufgefangen und angehalten, und der Joſeph Türk hat alſo die Feſtung nicht überfallen, und der General Rusca iſt ſchon in dieſelbe eingezogen. Es iſt wahrhaftig meine Handſchrift, ſeufzte An⸗ 16 dreas, das Papier anſtarrend, das Hormayr ihm dar⸗ gereicht. Sie haben's dem Joſeph Türk nit zukommen laſſen, ſie reſpectiren nit mehr, was ich ſag' und thu! Sie dürfen's nicht reſpectiren, Anderl, denn ein Höherer als Du hat andere Befehle ertheilt, der Kaiſer hat befohlen, daß ſeine Soldaten Tyrol räumen ſollen. Es iſt dem Kaiſer gewiß hart gefallen, daß er's hat thun müſſen, und ich weiß, daß der Erzherzog Hannes geweint hat vor Schmerz und vor Wuth, als er's dem General von Buol melden müſſen, daß er mit' den Truppen Tyrol verlaſſen ſollt. Aber er hat ſich doch der Nothwendigkeit gefügt, und Du wirſt ihm nach⸗ eifern, Anderl, und wirſt Dich auch fügen. Was ſoll ich denn thun, was verlangt Ihr von mir? fragte Andreas mit Thränen in den Augen. Der Erzherzog Johann, der verlangt von Dir, daß Du Dich aufſparſt für beſſere Zeiten, Anderl. Er läßt Dich beſchwören, Dein Leben und Deine Perſon in Sicherheit zu bringen, nicht blos um Deines Weibes und Deiner Kinder willen, ſondern um Dein Vater land, um Deine Heimath, Andreas. Glaube mir nur, Mann, es werden ſchwere Zeiten kommen, und dunkle— Unwetter werden hereinbrechen über Tyrol. Schon rückt von allen Seiten der Feind heran, Franzoſen — den ) doch nach⸗ vonl 17 und Baiern haben in dieſer Stunde ſchon die Grenzen Tyrols überſchritten, um es auf's Neue zu beſetzen. Und all unſer Blut iſt umſonſt vergoſſen, rief Hofer, in Thränen ausbrechend. Alle die treuen Tyroler, die in der Schlacht gefallen ſind, haben ihr Leben umſonſt dahin gegeben. Wir haben tapfer geſtritten und ge⸗ kämpft, der liebe Herrgott hat uns ſeinen Beiſtand verliehen in der Schlacht, aber die Menſchen haben uns verlaſſen, und ſelbſt der Kaiſer, für den wir ge⸗ kämpft haben, der will uns nit Wort halten, und will uns ſeinen Beiſtand nit ſchenken in der Noth. Der Kaiſer wird niemals ſein getreues Tyrol ver⸗ laſſen, ſagte Hormayr, nur müßt Ihr Geduld haben. Er kann jetzt nichts thun, kann nicht ſein ganzes Reich gefährden, um die kleine Grafſchaft Tyrol ſicher zu ſtellen. Es iſt ja für den Augenblick unmöglich, Wider⸗ ſtand zu leiſten, aber der Kaiſer benutzt jetzt die Zeit des Waffenſtillſtands, um eine neue Armee zu ſammeln, und dann, wenn der Krieg wieder beginnt, wird er zuerſt an Tyrol gedenken, und wird es wieder befreien vom Feind. Bis daß dieſe Zeit aber gekommen iſt, müßte Ty⸗ rol ſelber ſich frei halten, ſich ſelber beſchützen, rief Andreas Hofer mit blitzenden Augen. Hört, was ich Euch ſagen will, Herr Intendant, und was mir der Mühlbach, Andreas Hofer. III. 2 Z 18 liebe Gott ſelber eingiebt, Euch zu ſagen. Ich ſeh's ein, daß der Kaiſer in dieſen Tagen nit ſelber für Tyrol ſprechen, und nit befehlen kann, daß ſeine Trup⸗ pen im Land zurückbleiben, ſeh's ein, daß der Kaiſer, der jetzt eben in großen Nöthen, und vom Bonaparte hart bedrängt iſt, nit öffentlich und frei für uns ſprechen und handeln kann. Aber bis er's wieder kann, ſollt' Einer den Muth haben, ſeine Stelle zu vertreten, und als der Statthalter des Kaiſers Tyrol beſchützen und vertheidigen gegen den Feind. Ihr, Herr Inten⸗ dant, Ihr ſeid der Mann, der das thun muß! Ihr habt uns oft geſchworen, daß Ihr Tyrol liebt, Ihr habt Euch uns immer als patriotiſch und muthig dar⸗ ſtellen wollen, jetzt beweiſet, daß Ihr es wirklich ſeid! Statt in dieſer großen Gefahr Tyrol zu verlaſſen und es dem Feinde Preis zu geben, nehmt es an Euch, beſchützt es vor dem Feind, bewahret es dem Kaiſer! Macht Euch zum Herzog von Tyrol, übernehmt die Regierung und die oberſte Leitung der Vertheidigung! Ruft als vorläufiger Herzog das getreue Volk zu den Waffen, und es wird aufſtehen wie Ein Mann, und wird ſeine Grenzen vertheidigen gegen jeden Feind. Beherrſchet Tyrol an des Kaiſers Statt, bis der liebe Kaiſer wieder ſelbſt im Stand' ſein wird, ſich öffentlich ——— 19 und förmlich um unſer liebes Tyrol zu bekümmern, und uns wieder an ſein Herz zu nehmen.*) Unſinn iſt's, Anderl, was Du da ſprichſt, rief Hor⸗ mayr achſelzuckend. Zum Herzog von Tyrol ſollt' ich mich machen, damit die ganze Welt mich verlachte, und der Kaiſer mich als einen Rebellen beſtrafen ließe? Nun denn, rief Andreas Hofer mit mächtiger Stimme, wenn Ihr's nit wollt, ſo werd' ich's ſelber thun! Werd' mich ohne Weiteres dem Regiment unterziehen, und mich halt nennen:„Andre Hofer, Sandwirth zu Paſ⸗ ſeyr,— ſo lange es Gott geliebt, Graf von Tyrol.“**) Das wirſt Du nicht thun, Anderl, ſagte Hormayr ernſt, wirſt vielmehr Vernunft annehmen, und nicht aus irdiſchem Hochmuth Dein Land, Deine Freunde, und Dich ſelber in Gefahr bringen. Bedenk', Andreas, das Blut, was vergoſſen würd', wenn Du jetzt Auf⸗ ruhr und Empörung machſt, es würd' auf Dein Haupt fallen, und Du würdeſt der Mörder ſein aller Derer, welche im Kampf fielen, den Du ſo trotzig und wider Deines Kaiſers Befehl angeregt hätteſt. Beuge Dein Haupt, Anderl, und füge Dich, wie wir Alle es thun. *) Gallerie der Helden: Hofer. S. 103. **) Andreas Hofer's eigene Worte. Siehe: Hormayr: An⸗ dreas Hofer II. 361. 2* 2 20 Uebergieb Deine und unſere Sache Gott; da ſie gut iſt, wird er ſie nicht fallen laſſen, ſondern ſie zu rechter Zeit wieder in ſeine Hand nehmen. Ich glaub's wohl, ſeufzte Andreas, aber wie kann ich ruhen, da ich doch, wie Ihr mir oft geſagt habt, das Werkzeug Gottes bin, durch welches er das liebe Tyrol frei machen, und es vom Feinde erlöſen will? Und was würden meine tapferen Unter⸗Commandanten ſagen, wenn der Ober⸗Commandant Andreas Hofer jetzt in dieſer ſchweren Noth das Land verließe, da er doch geſchworen, es zu vertheidigen, ſo lange er lebt? Wür⸗ den ſie nit mit Fingern auf mich weiſen, und mich einen hartherzigen Verräther ſchelten, einen Judas Iſcharioth, der ſein Land verkauft um ſeiner eigenen Sicherheit willen? Siehſt, Anderl, wie ſehr Du Dich irrſt? Meinſt, Deine Freunde, die Unter⸗Commandanten und Haupt⸗ leute, mit denen Du gekämpft und geſtritten haſt für die Freiheit Tyrols, die würden Dich verachten, wenn Du jetzt mit den Oeſterreichern davon zögſt, und Dein Leben in Sicherheit brächteſt? Nun merk' wohl auf, Mann! Deiine liebſten Freunde, die tapferen Tyroler Hauptleute, denen Du am meiſten vertraueſt, die wer⸗ den heute noch aus freier Wahl Tyrol verlaſſen, und fort. Muu Tod glau 21 mit unſeren öſterreichiſchen Truppen nach Kärnthen ausmarſchiren. Das iſt nit wahr, das iſt nit möglich! rief An⸗ dreas heftig. Der Speckbacher thut's nimmer. Der Joſeph Speckbacher thut's wohl, Anderl. Hab' ihn heute in der Frühe geſehen und geſprochen. Er hat ſich gewehrt und vertheidigt, ſo lang' er konnte, aber jetzt, da der Wafefenſtillſtand ihn zwingt das Schwert aus der Hand zu legen, da überdies die Baiern und Franzoſen wieder in's Land einrücken, jetzt fühlt er, daß es beſſer iſt, ſein Leben in Sicherheit zu bringen, als hier von dem rachſüchtigen Feind gefangen und gehangen zu werden. Der Speckbacher hat alſo das Anerbieten der öſterreichiſchen Officiere angenommen und wird mit ihnen ziehen. Der Joſeph Speckbacher wandert aus und verläßt Tyrol, murmelte Andreas kummervoll vor ſich hin. Und nicht Er allein, Andreas, ſondern auch der Aſchbacher, der Püchler, der Sieberer und viel andere brave Tyroler Hauptleute ziehen mit den Oeſterreichern fort. Sie laſſen Dich Alle beſchwören durch meinen Mund, ihrem Beiſpiel zu folgen, und gleich ihnen, der Todesgefahr zu entfliehen, die Euch Alle bedroht. Oh, glaube ihnen, glaube mir, Mann, wenn Du hier bleibſt, 22 werden die Baiern nicht eher ruhen, bis ſie Dich ein⸗ gefangen haben, bis ſie den verhaßten Feind, den ge⸗ fürchteten Barbone in ihre Gewalt bekommen. Lieber Anderl, denk' an Dein Weib daheim, an die treue gute Anna Gertrud Ladurnerin, die Abends und Mor⸗ gens für Dich betet, und vom lieben Herrgott erfleht, daß er ihrem herzlieben Mann das Leben erhalte, denke an Deine lieben Kinder, deren einziger Beſchützer und Ernährer Du biſt, mache Dein liebes Weib nicht zur Wittwe, Deine guten Kinder nicht zu Waiſen! Andreas Hofer, dem Vaterlande kannſt Du jetzt nichts nützen, ſo rette Dich denn für Weib und Kind! Mein gutes Weib, meine lieben Kinder, ſeufzte Andreas gerührt, es iſt wahr, ſie haben mich ſehr lieb, und ſie würden recht allein und verlaſſen ſein af der Erden, wenn ihnen der Vater fehlte! So erhalte ihnen den Vater, Andreas, und ugtach erhalte Dich dem Vaterlande! Nimm Dir ein Beiſpiel an Deinen tapferen Freunden, mach' es wie Speck⸗ bacher, wie Aſchbacher, wie Sieberer und all' die An⸗ dern, komm mit uns, verlaſſe Tyrol auf eine kurze Zeit, um dann, wenn die Zeit gekommen iſt, wieder zurückzukehren, und auf's Neue für das Vaterland zu ſtreiten! D. murm in Fei E tief a K ſelber hierhe richt gemag ſteht nach die a ſiehen Du— längen 23 Der Speckbacher geht, und all' die Andern auch, murmelte Andreas vor ſich hin. Tyrol fällt wieder in Feindes Hand, und Alles iſt umſonſt geweſen! Er ſenkte ſein Haupt auf ſeine Bruſt, und ſeufzte tief auf. Komm, Andreas, ſei vernünftig, denk' an Dich ſelber und an Deine Familie, bat Hormayr. Ich bin hierher gekommen, blos um Dich zu holen, laß mich nicht vergebens den weiten Weg von Brixen hierher gemacht haben. Komm, Andreas, komm! Mein Wagen ſteht angeſpannt vor der Thür, laß uns zuſammen nach Matrey fahren. Dort erwarten uns Speckbacher, die andern Freunde und die Oeſterreicher; noch heute ziehen wir mit ihnen über die Grenze Tyrols, und Du und Ihr Alle ſeid gerettet. Zaudere alſo nicht länger, ſondern komm! Es geht nit ſo haſtig, Herr, ſagte Hofer, ſanft die Hand Hormayr's, der ihn emporziehen wollte, zurück⸗ wehrend. Es iſt ein gar gewichtiger und folgenreicher Schritt, den ich da machen ſoll, und eh' ich's thun kann, muß ich mich erſt mit Gott berathen, und in⸗ brünſtig zu ihm beten! Ich bitte Euch alſo, laßt mich ein Biſſel allein, daß ich mir Rath's erholen kann vom lieben Herrgott und von meinem Gewiſſen! 24 Nun gut denn, Anderl, ich geb' Dir eine Viertel⸗ ſtunde zum Nachdenken und Ueberlegen, rief Hormayr, ſich der Thür nähernd. Eine Viertelſtund' iſt nit genug, ſagte Andreas kopfſchüttelnd. Es iſt ſpät am Abend, und die Nacht iſt gemacht, um zu ruhen und zu beten. Bleibet alſo hier, Herr Intendant, ſchlaft ein paar Stunden, und morgen früh, wenn die Sonne aufgegangen, ſo kommt an meine Kammer und weckt mich, dann will ich Euch ſagen, was der Herrgott da droben mir befohlen hat, zu thun. Du giebſt mir Dein Wort, Andreas, daß Du die Nacht nicht von dannen gehſt? Ich geb' Euch mein Wort, ich bleib dahier. Und nun gute Nacht alſo! Mein Herz iſt erſchüttert, und ich ſehne mich nach Ruhe! Dies hier iſt meine Kam⸗ mer, die ich mir vom Anton Steeger erbeten hab', droben im erſten Stockwerk hat er gar feine Herren⸗ zimmer, und davon wird er Euch eins anweiſen. Gute Nacht alſo, Herr! Er nickte dem Freiherrn freundlich zu, und ihm die Hand reichend, geleitete er ihn bis zur Thür. Die gegange von ſei Abreiſe ſein W ſchritt Hofer Ant ihm he⸗ mit au Miene ſich ſel keſagt, ich glar ſcöwate was es rtel⸗ aayr, reas acht alſo und mmt Euch hat, die Und und am⸗ ab, ren⸗ hute die II. Hofer und Speckbacher. Die Sonne war am nächſten Morgen kaum auf⸗ gegangen, als der Freiherr von Hormayr ſich ſchon von ſeinem Lager erhoben hatte, und rüſtig Alles zur Abreiſe anordnete. Dann, nachdem er geſehen, daß ſein Wagen zur Abfahrt bereit vor der Thür ſtand, ſchritt er die Treppe hinunter, um ſich zu Andreas Hofer zu begeben. Anton Steeger ging mit düſterm Angeſicht hinter ihm her, und beobachtete jede Bewegung des Freiherrn mit aufmerkſamem Auge. Wenn er nur im Geringſten Miene macht, den Anderl fortzuführen, ſagte er zu ſich ſelber, ſo erwürg' ich ihn. Er hat mir zwar ſchon geſagt, der Hofer würd' mit ihm davonfahren, aber ich glaub's nimmer, und er ſoll ihn mir nit mehr be⸗ ſchwatzen. Diesmal will ich dabei ſein, und will ſehen, was es giebt. 26 Sie ſtanden jetzt vor Hofer's Thür, und Hormayr legte ſeine Hand auf den Griff, um ſie zu öffnen, aber ſie war von innen verſchloſſen. Andreas Hofer, Andreas Hofer! rief er faſt gebie⸗ teriſch, die Zeit iſt um, komm zu mir, Andreas Hofer! Die Thür that ſich auf, und in derſelben erſchien die hohe, mächtige Geſtalt des Sandwirths. Hier bin ich, ſagte er, ruhig lächelnd, und Ihr ſeht, ich bin zur Abreiſe bereit. Du gehſt alſo mit mir, Anderl? fragte Hormayr freudig. Du verläßt uns? rief Anton Steeger trotzig. Ich erwartete Euch, Herr, ſagte Andreas ruhig, und wärſt Du nit mit gekommen, Tony, ſo hätt' ich gerufen, denn Du ſollſt hören, was ich dem Herrn Intendanten zu ſagen habe. Tretet alſo ein, Ihr Zwei, und laſſet uns ein letztes Wort mit einander reden! Anton Steeger, der Herr von Hormayr, unſer Landsmann, kam hieher, um mich zu bereden, daß ich mit ihm davon fahren, und Tyrol verlaſſen ſollt'. Die Freunde machen es auch ſo, denn der Baier und der Franzos ziehen ſchon in's Land ein, und darum wollen der Speckbacher und der Sieberer, und Andere mehr, ihr Leben retten, und mit den Oeſterreichern fortziehen, Weib und dant. Ich lieben Her gethan, h und es iſt ſprochen, zu finden tendant v Steeger, hab. I Vaterlan mer will halten, a bleiben in Anton mayr's v daß Du Dein W Wilſt d Mute entegen wohl, da it aber nahr aber gebie⸗ ofer! ſchien ſeht, nayr uhig, ich errn Ihr nder nſer ich ollt. und rum dere hern 27 fortziehen, und das ſollt' ich auch thun, um mich für Weib und Kind zu erhalten, meint der Herr Inten⸗ dant. Ich wollt' mich aber erſt berathen mit meinem lieben Herrgott, und das hab' ich dieſe ganze Nacht gethan, hab' viel gebetet, viel gedacht und überlegt, und es iſt mir geweſen, als hab' der Herr zu mir ge⸗ ſprochen, und hab' meine Seele erleuchtet, das Richtige zu finden und zu wählen. So höret denn, Herr In⸗ tendant von Tyrol, und höre auch Du, Freund Anton Steeger, was ich mit Gott berathen und beſchloſſen hab'. Ich hab's einmal geſchworen, daß ich dem Vaterland will dienen, ſo lange ich lebe, daß ich nim— mer will von ihm laſſen, und ſo muß ich mein Wort halten, als redlicher, ſchlichter Mann, muß daheim bleiben im Tyrolerland! Anton Steeger jauchzte laut auf, das Antlitz Hor⸗ mayr's verdüſterte ſich. Du willſt alſo nicht ſehen, daß Du in Dein Verderben rennſt? fragte er. Willſt Dein Weib und Deine Kinder unglücklich machen? Willſt Dich unnöthig in Todesgefahr bringen? Muthwillig nicht, Herr, aber muthig will ich ihr entgegen gehen, ſagte Hofer freundlich. Ich weiß wohl, daß das nit vernünftig und nit klug gehandelt iſt, aber ich ſeh' doch, daß es recht iſt. Als der 28 Heiland auf dem Berg ſtand und das Land über⸗ ſchaute, da trat der Verſucher zu ihm, und bot ihm die Welt an, wenn er ihm nachfolgen wollt'. Aber der Heiland nahm ſie nicht, und blieb getreu ſich ſelber und beſiegelte ſeine Lehre mit dem Tode. Daran will ich mir ein Exempel nehmen, und getreu will ich ſein, wie es der Heiland geweſen iſt, und die Liebe, die ich dem lieben Tyrol geſchworen hab', die will ich ihm halten mein Lebelang, und will es nimmer aufgeben und verlaſſen, ſondern bei ihm bleiben und ihm dienen, ſo lang' ich lebe. Reiſet alſo immerhin ab, Herr von Hormayr, ich kann nit mit Euch kommen, denn das Landl hält mich feſt mit meiner Lieb' und meiner Treu, und nimmer will ich's verlaſſen, es komme, was da wolle!*) Iſt das Dein letztes Wort, Andreas? fragte Hor⸗ mayr düſter. Es iſt mein letztes, ſagte Hofer ſanft. Aber ich bitt' Euch, Herr, ſeid mir deshalb nit bös, und geht nit von mir mit zürnendem Herzen. Wär' ich klüger und verſtändiger, ſo würd' ich gewiß Eurem Rath folgen, aber ich bin nur ein einfacher, ſchlichter Bauers⸗ *) Gallerie der Helden. Band III. Andreas Hofer. 104. mann, un räth. M Andreas, Kllaſſen n einzieht. bleiben in rufen. I freit ohn mag's un Wenm Verführe Thränel Du Dio Dir, dan Dich ger Ich Throl, ſ Schuldi zu thun thun, w ſceiden, hat. u Speckba den Er über⸗ ot ihm Aber ſelber an will ſc ſein, die ich ch ihm fgeben dienen, „Herr , denn meiner komme, Hor er ich d geht klüger Rath auers⸗ r. 104. 29 mann, und ſo kann ich nur thun, was mein Herz mir räth. Mögen die Oeſterreicher Tyrol verlaſſen, der Andreas Hofer, der kann's nit, und er kann's auch nit gelaſſen mit anſchauen, daß der Feind wieder in's Land einzieht. Viel brave Männer, und viel wackere Schützen bleiben im Land zurück, und die werd' ich zu mir rufen. Wir haben zwei Mal das Land vom Feinde be⸗ freit ohne andere Hülfe, als unſere eigene Kraft, ſo mag's uns auch zum dritten Mal gelingen. Wenn's aber mißlingt, rief Hormayr, wenn die Verführten Dir fluchen, wenn Deine Familie mit ihren Thränen und ihrem Jammer Dich verklagt, wenn Du Dich in's Verderben ſtürzeſt und Dein Land mit Dir, dann denk' an dieſe Stunde, und daran, daß ich Dich gewarnt habe, und Dich retten wollt'! Ich werd' daran denken, Herr Intendant von Tyrol, ſagte Andreas ruhig. Es muß ein Jeder ſeine Schuldigkeit thun auf ſeine Weiſe. Ihr meint ſie zu thun, wenn Ihr Tyrol verlaßt, ich mein' ſie zu thun, wenn ich bleibe. Der liebe Herrgott wird ent⸗ ſcheiden, wer von uns Beiden das Rechte getroffen hat. Und ſomit Gott befohlen, Herr! Grüßet den Speckbacher und all die Andern auch, und wenn Ihr den Erzherzog Hannes ſeht, ſo ſagt ihm, mein Herz 30 thät nit wanken im Glauben an ihn, und ich wüßt' es wohl, daß Er nimmer das arme Tyrol würd' auf⸗ gegeben haben, wenn er's hätt' ändern können. Und nun, Herr, ſchaut mich nit ſo bös' an, gebt mir die Hand und laſſet uns in Frieden ſcheiden! Er reichte ihm die Hand dar, aber Hormayr, überwältigt von Rührung, breitete ſeine Arme aus und ſchlang ſie mit einem Ausdruck leidenſchaftlicher Zärtlichkeit um Hofer's Nacken. Leb' wohl, Anderl, leb' wohl, ſagte er leiſe, ich kann’s nicht billigen, was Du thuſt, aber lieben und bewundern muß ich Dich darum! Leb' wohl, leb' wohl! Er riß ſich haſtig los, eilte der Thür zu und ſprang über den Flur nach der Hausthür; noch einige Minu⸗ ten, und ſein Wagen rollte mit donnerndem Geräuſch von dannen. Er iſt fort, rief Anton Steeger fröhlich, der Ver⸗ ſucher hat uns verlaſſen, und Du biſt treu geblieben, Anderl, haſt Dich nit verführen laſſen von ſeinen Schmeichelreden! Tyrol wird's Dir lohnen, und wird Dich ewig dafür lieben! Wenn Du die Wahrheit ſprichſt, ſo iſt es gut, wenn nicht, ſo iſt's auch gut, ſagte Andreas ruhig. Ich bin geblieben, weil ich bleiben mußt', und weil i ül kommt wie Mal hina Das Steeger. ſo wirds Schlir bacher un Anton W auch der biſt Du unſere S es aufſte denk, di hüren, u zu uns ke mit uns Ichd Deine S kommen, Insbru Der die Hand Jett aben wüßt d' auf⸗ . Und nir die rmayr, ne aus ftlicher ſe, ich en und wohl! ſprang Minu⸗ räuſch Ver⸗ lieben, ſeinen wird 3 gut, ruhig. 2 weil 31 ich fühl’, daß mich Tyrol gebraucht. Anton, der Feind kommt wieder in's Land, wir müſſen ihn zum dritten Mal hinausſchlagen, das iſt meine Meinung. Das iſt meine Meinung auch, jubelte Anton Steeger. Haben wir's zwei Mal zu Stande gebracht, ſo wird's uns auch zum dritten Mal noch gelingen. Schlimm und traurig iſt's freilich, daß der Speck⸗ bacher uns verläßt, ſagte Andreas ſinnend, aber der Anton Wallner und der Kapuziner bleiben gewiß, und auch der Peter Mayr wird nit davon gehen. Nun biſt Du da und ich, und wir fünf Männer wollen unſere Stimm' erheben, und das Land aufrufen, daß es aufſtehe, und den Feind nochmals verjage. Ich denk', die tapfern Männer werden unſere Stimme hören, und Keiner wird daheim bleiben, Jeder wird zu uns kommen, und ſeinen Stutzen mitbringen, und mit uns ſtreiten. Ich denk's auch, Anderl. Wenn die braven Tyroler Deine Stimme hören, die ſie ruft, ſo werden ſie Alle kommen, und wir werden einen zweiten Triumph von Innsbruck erleben, und einen zweiten Sieg am Berg Iſel. Der Herr gäbe es in ſeiner Gnade, rief Andreas, die Hand an das Crucifix auf ſeiner Bruſt legend. Jetzt aber, Freund, muß ich von dannen ziehen. So 32 lang' als wir dem Feind nit Widerſtand leiſten können, müſſen wir ihm aus dem Wege gehen, müſſen uns verbergen bis dahin, und heimlich und in der Stille Alles vorbereiten und uns rüſten zum Kampf. Ich ſag' Dir alſo nit, wohin ich geh', und Niemand ſoll's erfahren, bis daß die Zeit gekommen iſt, daß ich mich wieder zeigen kann, und daß wir uns Alle wieder ge⸗ ſammelt haben zu einer ſtarken und tüchtigen Armee. Thu' auch Du hier das Deinige, Tonerl, und wirb uns tapfere Schützen an für's Vaterland. Sag's heimlich allen Getreuen, was ich vorhab, und daß wir uns nit ſcheeren dürfen um den Waffeenſtillſtand, den Oeſterreich geſchloſſen hat, ſondern daß wir weiter⸗ kämpfen müſſen für unſere Freiheit und für unſern Kaiſer! Laß mir mein Röſſel vorführen, Freund, die Sonn' iſt ſchon über die Berge hinüber, es iſt Zeit, daß ich aufbrech'! Anton Steeger eilte geſchäftig von dannen; mit eigener Hand ſattelte er des Freundes Pferd und führte es ihm vor. Andreas ſchwang ſich leicht wie ein Jüngling auf den Rücken ſeines treuen Thiers, und reichte dem Freund zum letzten Abſchiedsgruß die Hand dar. Leb Du von Dann Weichen! nigen Me das Puſt Sein Hofer ha ruhig da danken w nur das und daf Ob vor ſic das weif es Noth und Get Und Höhen d noch fri und ung laſſen, vard er eines N Rüülbac nen, uns tille Ich olls nich gk⸗ nee irb 99'8 wir den ter ſern die eit, mit und wie ers, die 33 Leb' wohl, Anton Steeger, ſagte er, bald ſollſt Du von mir hören. Dann drückte er dem Pferd die Sporen in die Weichen und ſprengte von dannen, hinaus in den ſon⸗ nigen Morgen, dahin auf der Landſtraße, die durch das Puſterthal dahin führt. Sein Röſſel kannte den Weg gar wohl, Andreas Hofer hatte nicht nöthig es zu lenken, er konnte es ruhig dahin traben laſſen, konnte ungeſtört ſeinen Ge⸗ danken und Plänen nachhängen.„Er fühlte, und wußte nur das Eine, daß ſein„liebes Landel“ in Gefahr ſei, und daß es ſeiner bedürfe. Ob ich's retten kann, weiß ich nit, ſagte er ſtill vor ſich hin, aber daß ich ihm nicht davon laufen darf, das weiß ich. Verbergen aber will ich mich ſo lang es Noth thut, und will mich vorbereiten in Andacht und Gebet. Vorwärts, mein Röſſel, vorwärts. Und vorwärts ging es das Thal entlang, über die Höhen dahin. Tiefe Stille herrſchte ringsum, es war noch früh am Morgen, die Straße war öde und leer, und ungeſtört konnte Andreas ſich ſeinem Sinnen über⸗ laſſen, und ſeine Pläne entwerfen. Auf einmal indeß ward er in ſeinen Gedanken durch das Heranrollen eines Wagens unterbrochen, der auf der Straße ihm Mühlbach, Andreas Hofer. III. 3 34 entgegen kam. Es war ein großer, mit vier Pferden beſpannter Leiterwagen, und in demſelben ſaßen viele Männer. Wer ſie ſein mochten, konnte Andreas noch nicht erkennen, aber an dem bunten, weißen und rothen Farbenſchein, und dem Aufblitzen von goldenem und ſilbernem Glanz erkannte er, daß es Soldaten waren, die daher kamen. Jetzt, wie der Wagen ſich näherte, erkannte er ſie auch; es waren öſterreichiſche Soldaten, öſterreichiſche Officiere. Aber wer war das, der da in der vorderſten Reihe zwiſchen ihnen ſaß? Wer war dieſer ſchlanke große Mann in der Tyrolertracht, mit dem ſpitzen grünen Hut auf dem Haupt?— Der Wagen rollte näher und näher. Andreas Hofer hielt ſein Pferd an und ſchaute unverwandt ihm entgegen, ſchaute unverwandt auf den Tyroler, der da zwiſchen den öſterreichiſchen Officieren ſaß. Herr Gott im Himmel, murmelte er jetzt zuſammenſchreckend, Herr Gott, ich glaub', es iſt der Joſeph Speckbacher, der daher kommt! Ja, ja, es iſt— Jetzt war der Wagen dicht neben ihm und wirklich, er war's, es war Joſeph Speckbacher, und man ſah's wohl, er hatte Andreas Hofer auch erkannt, denn er ſtieß einen Schrei aus, und tiefe Röthe. bedeckte ſeine Wangen! Aber auch die öſterreichiſchen Officiere hatten ihn ert Barbol raſcher im Ga Und d Andrec die vo noch vorübe zittern Vater Scha 9 Sätze an de ſchaut lenden dos C tief langſ Pferd und j — ) Rinn, 35 n ihn erkannt, den tapfern Sandwirth, den allgeliebten e Barbone, und ſie ſchrieen dem Kutſcher zu, er ſolle h raſcher fahren, ſolle auf die Pferde einhauen, daß ſie n im Galopp davon jagten. Und der Kutſcher that es, d und der Wagen rollte in ſchnellem Lauf vorwärts. ,. Andreas Hofer hielt zur Seite des Weges ſeine Augen, die von Thränen umdüſtert waren, ſchaute nur immer noch hin auf den Freund, und wie er jetzt an ihm vorüberfuhr, da rief Andreas mit lauter, vor Wehmuth zitternder Stimme: Speckbacher, auch Du willſt das Vaterland im Stich laſſen? Sie führen Dich der Schand' zu, Sepperl.*) Raſſelnd fuhr der Wagen vorüber, und in muthigen Sätzen ſprang Joſeph Speckbacher's Pferd, das man an dem Wagen angebunden, dahin. Andreas Hofer ſchaute ihm nach, bis eine Staubwolke den dahin rol⸗ lenden Wagen einhüllte, und er nur noch in der Ferne das Geräuſch der Räder vernahm. Dann ſeufzte er tief auf, wiſchte ſich mit dem Rücken ſeiner Hand langſam eine Thräne aus den Augen, und ſetzte ſein Pferd wieder in Trab. Aber ſein Herz war traurig und ſchwermuthsvoll, und immer wieder, während er *) Andreas Hofer's eigene Worte. Siehe: Der Mann von Rinn, Joſeph Speckbacher. Von Joh. Gg. Mayr. S. 143. 2* 3* 36 dahin ritt auf der einſamen Straße, wandten ſich ſeine Gedanken zurück zu Joſeph Speckbacher, der dem armen lieben Tyrolerland den Rücken kehrte, und es verlaſſen wollt' in ſeiner großen Noth. Da auf ein⸗ mal war's ihm, als hörte er hinter ſich ſeinen Namen rufen, noch einmal jetzt, noch lauter, noch dringender. Andreas Hofer hielt ſein Pferd an, und wandte ſich um. Eine Wolke von Staub kam wie ein Wirbel⸗ wind den Weg hinauf, jetzt that ſie ſich auf, jetzt ſah man aus derſelben den Kopf eines Pferdes auftauchen, jetzt ſeinen Hals, und nun den Reiter, den ſchlanken Reiter, der auf dem Pferde ſaß. Noch hüllt die Wolke ſein Geſicht ein, aber näher kommt er, und immer näher, und nun mit einem gewaltigen Sprung iſt er mit ſeinem Pferd dicht neben Andreas Hofer, und er breitet ihm beide Arme entgegen, und ruft mit hellem Freudenjubel: Andreas, da bin ich! Hab' Deinen Ruf gehört, und da bin ich aus dem Wagen geſprungen, hab' mein Pferd losgebunden, mich raſch'nauf ge⸗ ſchwungen, und Dir nach, Dir nach, mein Anderl. Mußt' Dich wieder haben, mußt' Dir ſagen, daß ich nit in die Schand' hinein, daß ich Tyrol nit verlaſſen will, wenn Du's nit auch thuſt! Ich thu's nimmer, mein Sepperl, es müßte denn 25 37 ſein, daß ich ſterbe, ſagte Andreas Hofer feierlich. Der liebe Herrgott ſei aber gelobt, daß ich Dich wieder hab', denn ein Stück von meinem Herzen wär' mit Dir fortgegangen in die Fremde. Aber Du biſt halt wieder da, und das freut mich. Und einen Kuß muß ich Dir geben, im Namen Gottes, des Landls und des Kaiſers Franzl. Sei wieder willkommen daheim, Du guter und getreuer Sohn Deines Vaterlandes! Er ſchlang ſeinen Arm um Speckbacher's Nacken, und drückte einen Kuß auf ſeine Stirn. Lange hielten ſie ſich dann, ihre Pferde dicht an einander gedrängt, in inniger Umarmung umfaßt, und ſchauten einander an mit lächelnder, ſtolzer Freude. Und nun ſag', Anderl, was willſt thun? fragte Speckbacher nach einer langen Pauſe. Wirſt doch nit ruhig und friedlich zuſchauen, wie die Baiern und Franzoſen wieder in's Land rücken. Ich könnt's nit, und das war eben der Grund, weshalb ich nit im Landl bleiben wollt', weil die öſterreichiſchen Officiers mir ſagten, wenn ich dahier bleiben wollt', ſo müßt' ich mich fein ruhig und ſtill verhalten, und dürft' gar nit muckſen, müßte es ruhig geſchehen laſſen, daß der Feind wieder Beſitz nähm' von Tyrol, denn alſo habe es der Kaiſer Franzl verſprochen in dem Waffenſtill⸗ 38 ſtand. Und ſiehſt, Anderl, das hat mein Herz empört, und darum wollt' ich fort, und wollt' außen bleiben bis der Waffenſtillſtand zu End' iſt, und wir wieder rechtſchaffen kämpfen dürfen für unſer Land und unſern Kaiſer. Es ſoll uns Niemand hindern, das ſchon jetzt zu thun, ſagte Andreas ruhig. Was geht denn uns der Waffenſtillſtand an? Der Kaiſer hat ihn gemacht, nit wir, und ich denk wohl, der Kaiſer wird's zufrieden ſein, wenn wir keine Notiz davon nehmen, ſondern auf unſere eigene Hand den Krieg fortſetzen, den wir auf eigene Hand begonnen haben. Haſt Recht, ſo ſoll's auch ſein, rief Speckbacher freudig. Und jetzt will ich Dir auch gleich eine große Neuigkeit erzählen, welche die öſterreichiſchen Officiers heut Morgen erhalten haben. Der Anton Wallner in Windiſch⸗Matrey, der denkt grad' ſo wie Du, und will auch den Waffenſtillſtand nit anerkennen, und will nit Frieden machen mit dem Feind. Als die Baiern vor vier Tagen wieder über die Grenz' bei Windiſch⸗Ma⸗ trey einrücken wollten, iſt ihnen der Anton Wallner und der Johann Panzl mit vierhundert Schützen, die ſie in der Eil' zuſammengebracht, entgegen gezogen An der Brücke bei Taxenbach haben ſie ſich dem Baier 39 entgegengeſtellt, und wollten ihm den Uebergang wehren. Es waren ihrer ſiebentauſend Baiern, und der Wallner hatte nur vierhundert Mann, aber ſieben Stunden haben die Unſrigen doch die Brücke vertheidigt, über dreihundert Mann haben ſie dem Baiern verwundet und getödtet, und dann erſt, weil doch die Uebermacht gar zu groß war, hat ſich der Anton Wallner mit den Seinen in den Bergwald zurückgezogen, und hat's dulden müſſen, daß der Feind wieder zum Land ein— marſchirt.*) Ich kenn' den Anton Wallner, und ich wußt's wohl, daß er nit gutwillig ſich fügen würd', ſagte Andreas freudig. Und das wollen wir auch nit thun, Sepperl. Der liebe Herrgott hat's einmal in unſere Hand ge⸗ geben, daß wir Tyrol vertheidigen ſollen, und ſo wollen wir's denn getreulich thun! Ja, das wollen wir, und gleich von dieſer Stund' an ſoll's geſchehen. Es kommt nur drauf an, daß wir wiſſen, ob die Männer im Land' alle denken, wie wir, ob ſie Muth haben, gegen den Feind zu kämpfen, wenn auch die Oeſterreicher uns wieder verlaſſen haben. Was haben ſie uns denn genützt, als ſie noch hier *) Peternader, Die Tyroler Landesvertheidigung im Jahre 8 1809. Th. II. S. 84. 40 waren? fragte Andreas gereizt. Ich will Dir was ſagen, Sepperl, ich bin im Ganzen froh, daß die Oeſter⸗ reicher abziehen. Es iſt beſſer, daß wir allein bleiben, und ſehen zu, was wir allein zu Stande bringen. Es thut niemals gut, daß Militair und Volk im Kampf zuſammenſtehen, denn wenn allda was Tappiches und Unrechts geſchieht, ſo will ſich Jeder ausreden, und Einer wirft's immer dem Andern vor, daß er die Schuld hab'! Wenn aber was Gut's geſchieht, und ein Sieg erfochten wird, da will es Jeder allein zu Stand' gebracht haben, und will dem Andern gar keinen Theil gönnen an Ruhm und Sieg. Drum iſt's beſſer, wir bleiben allein, und haben nur den lieben Herrgott, die Jungfrau Maria und ihren gebenedeiten Sohn zu Bundesgenoſſen.*) Haſt Recht, haſt immer Recht, Anderl, ſagte Speck⸗ bacher. So wollen wir denn muthig an's Werk gehen, und Du ſollſt ſehen, mein Anderl, daß der Speckbacher noch immer derſelbigte Mann iſt, der er war, und daß er von nun an nimmermehr daran denkt, das Land zu verlaſſen, ſondern ihm getreu bleiben, und kämpfen will, bis daß der Feind wieder verjagt iſt, und wir *) Andreas Hofer's eigene Worte. Siehe: Der Mann von Rinn. Von Joh. Mayr. S. 145. 41 . wieder frei ſind! Ich reit' gleich jetzt durch's ganze Puſterthal, dann von Brunnecken hinauf durch's Dux⸗ thal nach meiner Heimath, nach dem Rinn. Und überall will ich's Volk aufwiegeln, und will die Männer rufen, daß ſie mir folgen, und noch einmal kämpfen für's liebe Vaterland, für die Freiheit in Berg und Thal. Thu' das, mein Sepperl, und auch ich will's ſo machen. Will heimkehren nach dem Paſſeyrthal, und Ihr ſollt Alle gar bald von mir hören, und meine Stimme will ich erſchallen laſſen weithin durch's ganze Tyrolerland. Der liebe Herrgott wird ihr ja Kraft geben, daß ſie mächtig an jedes Ohr dringt, und jedes Herz bewegt zur rechten Liebe für's Landl, und den Kaiſer! Leb' denn wohl, mein Sepperl! Tyrol und ich, wir haben Dich wiedergefunden, und deß iſt mein Herz froh und danket Gott! Lebe wohl, bald ſollſt Du von mir hören! Er nickte Joſeph Speckbacher noch einmal freund⸗ lich zu, und dann ſprengte er vorwärts, den Thalweg hinunter, während Speckbacher mit ſeinem muthigen Röſſel auf dem Gebirgspfad dahin trabte. Den ganzen Tag ritt Andreas Hofer durch das Land dahin. Ueberall ſah er das Volk in Aufruhr und Bewegung, überall begrüßte man ihn mit Jauchzen ——— 42 und Freudengeſchrei, überall ſchwuren die Männer, daß ſie den Feind nicht gutwillig in's Land wollten hinein laſſen, daß ſie nicht glaubten an die Friedensverſiche⸗ rungen, die man auf gedruckten Blättern im Lande ver⸗ breitet hatte, daß ſie vielmehr vermeinten, der Feind würde ſich rächen, und abermals ſo grauſam wüthen, wie er's auch im Mai ſchon bei ſeiner Wiederkehr ge— than, daß ſie daher entſchloſſen ſeien, zu kämpfen, und den Feind nochmals zu vertreiben. So ſetzt Eure Gewehre im Stand, gießt Kugeln, und haltet Euch bereit, ſagte Andreas Hofer überall zu den kampfbegierigen Männern. Bald ſollt Ihr von mir hören, und ſollt erfahren, was Gott will, daß wir thun ſollen! Und auch in der Nacht gönnte Andreas ſich keine Ruhe. Es trieb ihn mit Ungeſtüm vorwärts zum großen Werk, das er vorhatte, er durfte jetzt nicht ruhen, und nicht raſten, er mußte vorwärts. So be⸗ nutzte er denn die ſchöne, mondhelle Nacht um über den Jaufen zu reiten, und als der Morgen empor dämmerte, da hielt ſein freudewieherndes Roß am Ufer der rauſchenden Paſſeyr, unweit von dem glänzend weißen Hauſe, das des Sandwirths Eigenthum war, ſeine Hei was ſein Aber wollte ſ blick ſein wenn ſi daß der blutende wollte ſeiner könnter Gefahr hellen und Le Nu Einſam gen, t ſein H die T ſeinem Freud hinauf aber durch 43 ſeine Heimath, und das Alles umſchloß, was er liebte, was ſein Glück ausmachte: ſein Weib und ſeine Kinder! Aber Andreas Hofer wollte jetzt nicht zu ihnen, er wollte ſein Herz nicht weich machen durch den An⸗ blick ſeines Weibes, die gewiß weinen und klagen würde, wenn ſie erführe, was ihr Andreas beſchloſſen, und daß der Krieg auf's Neue beginnen ſolle, im armen, blutenden, von Wunden zerfetzten Tyrolerland. Er wollte ſich auch nicht weich machen durch den Anblick ſeiner Kinder, deren liebe Geſichter ihn daran mahnen könnten, daß er ihnen den Vater, den Ernährer in Gefahr brächte, und daß ſich bald vielleicht ſchon ihre hellen Augen mit Thränen füllen könnten vor Kummer und Leid. Nur mit Gott wollte er ſich beſprechen, nur die Einſamkeit ſollte ſein Rathgeber ſein! Mit einem lan— gen, thränenfeuchten Liebesblick grüßte Andreas Hofer ſein Haus und ſeine Lieben drinn, dann wiſchte er ſich die Thränen aus ſeinen Augen fort, und ſtieg von ſeinem Röſſel ab. Das Thier wieherte laut auf vor Freuden, und ſprang in muntern Sätzen den Berg hinauf, dem heimathlichen Stall zu. Andreas Hofer aber ſchlug einen Fußpfad ſeitab ein, und wanderte durch Wald und Gebüſch den Berg hinauf bis zur 44 Kellerlahn, einer nur ihm, und wenigen Vertrauten 86 bekannten Höhle, in welcher ſein getreuer Knecht immer für ihn ein Lager bereit hielt, und in einem künſtlich in dem Felſen angebrachten geheimen Behälter Wein und Nahrungsmittel, einige Gebetbücher, und Papier und Schreibegeräthe. 6 Hier in ſeiner Höhle von Kellerlahn wollte An⸗ dreas Hofer einige Tage in Einſamkeit und Stille verweilen, um ſich mit Gott zu berathen. Zu Es we Caſſiar großen, 6 kircher zur fro ſondern dieſe he durch Gelege und lo ſchwere werden daher Vrien III. Ber Schwur des Kapuziners. Zu Brixen feierte man heute ein großes Feſt. Es war der zweite Auguſt, der Tag des heiligen Caſſianus, und die Gebeine dieſes Heiligen, die in der großen, mit zwei herrlichen Thürmen gezierten Dom⸗ kirche ruhten, ſollten heute nicht blos, wie alljährlich, zur frommen Andacht der Gläubigen gezeigt werden, ſondern der fromme Biſchof hatte beſchloſſen, daß man dieſe heiligen Reliquien heute in feierlicher Proceſſion durch die ganze Stadt tragen ſolle, um allem Volk Gelegenheit zu geben, die heiligen Gebeine zu ſehen, und laut zu Gott zu beten um Beiſtand in dieſen ſchweren Zeiten, von denen Tyrol abermals heimgeſucht werden ſollte. Seit der Frühe des Morgens ſtrömte daher das Landvolk von allen Seiten den Thoren von Brixen zu, Weiber und Kinder, Männer und Greiſe 46 kamen von nah und fern, um Theil zu nehmen an der heiligen Proceſſion, um Theil zu nehmen an den frommen Gebeten für das Wohl des Landes! Unter Denen, die aus der Ferne die Straße nach Brixen dahin wanderten, befand ſich auch ein Mönch von ſeltſam martialiſchem, kühnem Ausſehen. Seine hohe, breitſchultrige Geſtalt hatte eine vollkommen militairiſche Haltung, ſein langer wohlgepflegter rother Bart und der in kühnen Locken ausgeſchweifte Bart der Oberlippe paßten wenig zu der Tonſur, die, von dünnen röthlichen Locken umgeben, von ſeinem Haupt erglänzte, und eben ſo wenig paßte dazu die breite rothe Narbe, die quer über ſein ſonnenverbranntes kräftiges Angeſicht hinlief, und der helle trotzige Blick ſeiner Augen, die viel mehr Kühnheit und Trotz, als Demuth und Frömmigkeit verriethen. Sein braunes Kapuzinergewand hatte er mit dem Gürtel hoch auf— geſchürzt und unter demſelben hervor kam ein kräftiges Bein, das der weichlichen Sandalen zu ſpotten ſchien, welche die breiten mächtigen Füße des Mönchs bedeckten. In ſeiner Hand hielt er einen langen braunen Stab, der an ſeiner obern Spitze mit einem aus Holz ge⸗ ſchnitzten Bildniß des heiligen Franciscus geſchmückt war, und dieſen Stab trug der Kapuziner nicht um 1 ſich dar Hand, oder hi eine S Abe des Ka verwun begrüßt er mit einzeln ſchaut riefen Pater Vaterl Be ſagte d 8 Kampf und g ihn in den F viſer Ae 3 47 ſich darauf zu ſtützen, ſondern er trug ihn frei in der Hand, ſchwang ihn zuweilen, als ſei's ein Schwert, oder hielt ihn hoch und triumphirend empor, als ſei's eine Siegesfahne. Aber ſo ſeltſam und ungewöhnlich die Erſcheinung des Kapuzinermönchs auch ſein mochte, ſo lachte und verwunderte ſich doch Niemand über ihn, ſondern überall begrüßte man ihn mit Liebe und Ehrfurcht, und wenn er mit ſeinem rüſtigen, weitausgreifenden Schritt an einzelnen langſamen Wandernden vorüber kam, ſo ſchauten ſie ihm mit freudiger Ueberraſchung nach und riefen einander zu: ſchaut den Rothbart, den tapfern Pater Haspinger. Er hat oft genug gekämpft für's Vaterland. Jetzt will er beten für's liebe Tyrol. Beten und auch wieder kämpfen, wie's eben kommt, ſagte der Pater, ſich den Sprechenden zuwendend. Ihr meint alſo, Ehrwürdiger, daß es wieder zum Kampf kommt? fragten viele Stimmen durcheinander, und große Trupps umringten den Pater, und fragten ihn im haſtigen Durcheinander, ob er rathe, daß man den Feind ruhig in's Land laſſen ſolle? Ob es nicht beſſer ſein würde, ihn mit Gewalt zurückzudrängen? Ob er meine, daß man ſich ruhig verhalte, und 48 demüthig geſchehen laſſe, was man vielleicht nicht ändern könne? Ich meine, daß Alles ſeine Zeit haben muß, das Ruhigſein, wie das Kämpfen, das Beten, wie das Politiſiren, ſagte Pater Haspinger achſelzuckend. Wenn Ihr beten, und Eure Sünden beichten wollt, ſo kommt zu mir, ich bin der Mann dazu, Euch beten zu lehren, und Euch die Hölle tüchtig heiß zu machen. Wenn Ihr aber kämpfen, und den Feind zum Land'naus⸗ ſchlagen wollt, weshalb geht Ihr da nicht hin, und fragt Eure Commandanten, und holt Euch vor allen Dingen Rath vom tapfern und gottgetreuen Andreas Hofer? Der iſt nirgends zu finden, riefen mehrere Stim⸗ men. Er iſt nit in ſeinem Haus, und ſelbſt ſein Weib weiß nit, wo er ſich verborgen hat. Meint Ihr gottloſen Teufelsbraten, der frommſte und der gottesfürchtigſte Mann im ganzen Tyrolerland, der Andreas Hofer, habe ſich verborgen, weil er Furcht hab' vor dem Feindsgeſindel, das jetzt von allen Seiten wieder in's Land'reinbricht? fragte der Pater mit donnernder Stimme. Nein, Ehrwürden, wir meinen das nicht. Wir wiſſen wohl, daß der Andreas Hofer es nit machen wird, —— wie d Eiſenſ er mi der T N errette unwil Mem der C kämy wwer 49 wie der Aſchbacher, der Sieberer, der Teimer, der Eiſenſtecken und der Speckbacher es gethan haben, daß er mit auswandern wird aus dem Land und uns in der Trübſal und Noth verlaſſen wird. Wer ſich nicht ſelbſt aus der Trübſal und Noth errettet, den errettet auch kein Anderer, rief der Pater unwillig. Kennt Ihr's elfte Gebot nicht, Ihr feigen Memmen, die Ihr meint, wenn kein Anführer da iſt, der Euch ruft, ſo ſeid Ihr verloren, und könnt nit kämpfen. Kennt Ihr's elfte Gebot nicht, das da ſagt: „wer Gott vertraut, brav um ſich haut, kommt nimmer⸗ mehr zu Schanden.“ Aber Ihr wollt zu Schanden werden, Ihr vertraut nicht auf Gott, und darum könnt Ihr auch nicht brav um Euch hauen. Aber wir wollen's ja gern thun, Ehrwürden, riefen die Männer mit kühnen, trotzigen Blicken, wir wollen um uns hauen, nur fehlt's uns an unſern Anführern. Es kann doch nit Jeder für ſich allein kämpfen auf's bloße Ungefähr, wir müſſen doch einen Anführer haben! Wenn der Andreas Hofer alſo nicht da iſt, ſo ſtellt Ihr Euch doch an unſere Spitze, ſeid unſer Anführer, Ehrwürden! Das iſt kein ſo dummes Begehr, ſagte der Ka⸗ puziner ſchmunzelnd und ſich ſeinen rothen Bart Mühlbach, Andreas Hofer. III. 4 50 ſtreichelnd. Ihr wißt wohl, daß der Rothbart nit daheim bleibt, wenn es gilt, das Vaterland zu retten, und vielleicht kann ich Euch auch bald beim Wort nehmen, und Euch aufrufen zur Vertheidigung des Vaterlandes! Thut's, nehmt uns beim Wort, riefen und jubelten die Männer durcheinander. Wir wollen's nit dulden, daß der Baier und Franzos wieder ſeine ſchändliche Mordbrennerwirthſchaft anfang', wie er's im Mai ge⸗ than hat, wir wollen lieber kämpfen, bis wir ihn zum Land''naus gejagt oder all' mitſammt geſtorben ſind. Das ſind gar tapfere und fromme Gedanken, ſagte Pater Haspinger mit freudeblitzenden Augen, und wir wollen weiter davon ſprechen. Kommt morgen nach der Kirche von Latzfons hinauf, und hört meiner Predigt zu, und nach der Predigt wollen wir weiter mit einander berathen. Jetzt aber ſeid ſtille, denn ſeht, da ſtehen wir vor dem Thor von Brixen, wendet alſo Eure Seele zu Gott, und bittet den heiligen Caſſianus, daß er ſich gnädig Eurer erbarmen, und Euer Fürſprecher ſein mög' bei Gott und dem Erlöſer! Und der Pater Haspinger nahm auf einmal eine ſehr ernſte, andächtige Miene an, hob den von ſeinem Gürtel herniederhängenden Roſenkranz empor, und be⸗ gann, ſchrit 1 I wegu läute ſagen ſtröm des Bald der Käſt Caſ Prie laut die keſſe Fach ſing jede meh der ſich lige 51 gann, während er durch das Thor in die Stadt ein⸗ ſchritt, mit halblauter Stimme ein Paternoſter zu beten. In der Stadt war indeſſen ſchon Alles in Be⸗ wegung, die Glocken hatten ſchon ihr feierliches Ge⸗ läute begonnen, und alle Andächtigen, und man muß ſagen, daß die ganze Stadt zu denſelben gehörte, ſtrömten dem Dome zu. Auf einmal thaten die Pforten des Domes ſich weit auf, und unter dem goldgeſtickten Baldachin, den vier Prieſter daher trugen, erſchien auch der fromme Biſchof, hoch in ſeiner Rechten das goldene Käſtchen tragend, welches die Reliquien des heiligen Caſſianus enthielt. Hinter dem Biſchof folgten die Prieſter, brennende Wachsfackeln tragend, und mit lauter Stimme fromme Lieder ſingend. Dann kam die Schaar der Chorknaben mit den dampfenden Weih⸗ keſſeln, und ihnen ſchloſſen ſich die Gläubigen an mit Fackeln in den Händen, und die frommen Lieder nach⸗ ſingend, welche die Prieſter angeſtimmt hatten. Mit jedem Schritt, den die Proceſſion vorwärts that, mehrte ſich der Zug, bald hatte die ganze Bevölkerung der Stadt, und alle die hunderte frommer Landleute ſich ihr angeſchloſſen, die von nah und fern zur hei— ligen Feier nach Brixen gewallfahrtet waren. Auch der Kapuzinerpater Haspinger war unter den 4* 52 Wallfahrern; inmitten der rüſtigen und beherzten Bauern, mit denen er vorher ſich beſprochen hatte, ſchritt er daher, hochgehobenen Hauptes und voll feierlichen Ernſtes die Geſänge intonirend, mit denen man die heiligen Reliquien anrief. Nur ſchien es den Bauern, die ſeine mächtige Stimme vernahmen, als wenn er an der Stelle, wo der fromme Geſang den heiligen Caſſianus anflehte um Beiſtand und Schutz, um Ruh und Frieden, den Text ein wenig verdrehte, und vielleicht in einer Art Zerſtreutheit grade das Gegentheil von dem erflehte, was das heilige Lied be— gehrte. Der Text lautete:„erbarm' Dich unſrer Schwächlichkeit, gieb Frieden uns und Ruh“— Pater Haspinger aber ſang mit frommer Inbrunſt, den Stab mit dem heiligen Franziskusbild hoch emporſchwingend: „erbarm' Dich unſerer Tapferkeit, gieb Unruh uns und Krieg.“ Denen, welche ihn verwundert über dieſe Abänderung des Textes anſchauten, nickte er mit einem liſtigen Zwinkern der Augen zu und murmelte: kommt morgen nach der Kirche von Latzfons, da wollen wir uns weiter beſprechen! Die Proceſſion hatte noch nicht die Hälfte des Weges zurückgelegt, und war eben auf dem Marktplatz angelangt, als ein Reiter die Straße, welche von der Thor geſpr Gläu geda ſeine thür fahre ſond Aug gefr erh 5 3 Thorſtraße gerade auf den Platz ausmündete, daher geſprengt kam. Wahrſcheinlich war es ein verſpäteter Gläubiger, welcher den frommen Umzug mitzumachen gedachte, und ſich verſpätet hatte. Er ſprang eilig von ſeinem Pferd und band es an dem Meſſinggriff einer Haus⸗ thür an, dann ſchritt er vorwärts, dicht zu den Wall⸗ fahrern heran. Aber er miſchte ſich nicht unter ſie, ſondern er blieb ſtehen, und betrachtete mit ſpähendem Auge jeden der Vorüberſchreitenden. Jetzt ſchien er gefunden zu haben, was er ſuchte, denn ein Lächeln erhellte ſein ſonnengebräuntes Angeſicht, und er ſchritt raſch vorwärts, gerade auf Pater Haspinger zu, der eben wieder mit heller Stimme intonirte:„erbarm Dich unſrer Tapferkeit, gieb Unruh uns und Krieg.“ Aber als er jetzt des Bauerburſchen gewahr ward, der auf ihn zuſchritt, verſtummte er in ſeinem Lied, und es flog über ſein Angeſicht hin, wie ein heller Freudenſchein. Andreas Hofer's Knecht, der Anton Wild, mur⸗ melte Pater Haspinger freudig, indem er dem Burſchen lebhaft die Hand entgegenſtreckte. Sag, Tonerl, kommſt Du, um mir Botſchaft zu bringen vom Bruder Andreas? Ja, Ehrwürden, der Sandwirth ſendet mich zu Euch, und da ich Euch in Eurem Kloſter Seeben bei 54 Klauſen nit mehr traf, ſo bin ich Euch hieher nach geritten, denn mein Herr hat mir's auf die Seel' ge bunden, daß ich ſo ſchnell als möglich Euch meine Botſchaft übergeben und Antwort daheim bringen ſoll. Was bringſt mir denn, Tony? Den Brief hier, Ehrwürden. Der Pater nahm ihn und ſchob ihn raſch in ſeinen Gürtel. Wo iſt Bruder Andreas? fragte er. In der Höhle, die Er, Ihr und ich allein kennen, flüſterte Anton Wild, ſich dicht an das Ohr des Pa⸗ ters neigend. Da wartet er auf Eure Antwort, Ehrwürden. Und Du ſollſt ſie heut noch haben, Tony. Aber jetzt laß uns den heiligen Dienſt nicht vergeſſen, ſondern Gott dienen, und zu ihm beten. Stell' Dich hinter mir, und wenn wir mit der Proceſſion fertig ſind, ſo gieb Acht, wohin ich gehe, und dahin folg' mir nach. Und der Pater begann wieder zu ſingen, aber er hielt mit ſeiner Hand nicht mehr den Roſenkranz, ſondern legte ſie feſt auf den Brief, der in ſeinem Gürtel ſtak, und deſſen möglicher Inhalt jetzt ſeine Gedanken ganz und gar beſchäftigte. Endlich war die Proceſſion wieder an den Pforten des Doms angelangt; Pater Haspinger gab dem hinter gu 5⁵ ihm daherſchreitenden Knecht des Sandwirths einen Wink, und ſtatt mit den übrigen Wallfahrern in die Kirche einzutreten, ging er raſch den Zug der Gläu⸗ bigen entlang, bis zu jenem großen, hochgewachſenen Jüngling hin, mit dem er ſchon während der Pro⸗ ceſſion zuweilen einen Blick, ein Zeichen des Einver⸗ ſtändniſſes gewechſelt hatte. Herr Kreuzwirth Martin Schenk, fragte der Pater, gehſt heim in Dein Haus? Ja, und ich bitt' Ew. Ehrwürden mit mir heim zu gehen, ſagte der junge Mann haſtig. Werdet da gute Geſellſchaft treffen, denk' ich. Der Wirth von Shabs, Peter Kemnater, und der Wirth an der Mahr, Peter Mayer, werden auch da ſein. Ich hab' ſie ein— geladen, und hätt' ich gewußt, daß Ihr daher kämt, ſo hätte ich Euch auch geladen, Ehrwürden. Du ſiehſt, daß ich auch ungeladen komme, denn ich denk, uns Alle hat das Vaterland geladen, und ich glaube, wir wollen heut beim Kreuzwirth kein leckeres Frühſtück einnehmen, ſondern wir wollen uns berathen über die Kreuzwirthſchaft, die jetzt wieder über uns alle herein gebrochen iſt. Wollen die Köche ſein, die dem Franzoſen und Baiern ein Frühſtück bereiten, wobei ihnen aber die Suppe gehörig ſoll ver⸗ —— ———— 56 ſalzen werden. Ich bring' dazu vom Andreas Hofer auch ein biſſel Salz und Pfeffer mit, wie ich hoff' Schau, Martin Schenk, da im Gürtel neben dem Roſenkranz, da ſteckt ein Brief vom lieben Bruder Andreas Hofer. Und was ſchreibt er Euch? Doch nit, daß wir uns ruhig verhalten und den Feind wieder in's Land laſſen ſollen, wie's die klugen und vorſichtigen Leut' jetzt Alle meinen? Still, ſtill, Martin, verſündige Dich nicht an unſerm Ober⸗Commandanten. Ich hab' den Brief noch nicht geleſen, aber mein Herz weiß ihn doch ſchon auswendig, und ich mein', ich könnt' Euch jedes Wort im Voraus ſagen, das der gute und getreue Andreas geſchrieben hat. Ach, da ſind wir an Deinem Haus, Herr Kreuz⸗ wirth, und jetzt bitt' ich Dich um Eins. Der Burſch hier, der uns nachfolgt, iſt des Andreas Hofer treuer Knecht, Anton Wild, der mir eben den Brief ſeines Herrn gebracht hat, und auf die Antwort warten muß. Gieb ihm einen Platz zum Ausruhen, und ein gutes Frühſtück zur Stärkung, denn er muß heute noch den Heimweg machen. Tritt ein in mein Haus, Anton Wild, und ſei willkom freundli Da das ich und m. ich Eue Und die St Pater ein. — undvie groß ganzer und fe ſamen 57 willkommen, ſagte der junge Kreuzwirth, dem Knecht freundlich die Hand darreichend. Dank ſchön! Muß aber zuerſt das Pferd holen, das ich da unten angebunden hab'. Bin ſcharf geritten, und muß zuerſt für's liebe Vieh ſorgen, nachher bitt' ich Euch um's Frühſtück für mich ſelber. Und mit einem raſchen Kopfnicken ſprang der Knecht die Straße hinunter. Der Kreuzwirth aber und der Pater traten in das Haus und in die große Gaſtſtube ein. Zwei Männer kamen ihnen in derſelben entgegen. Der Eine von ihnen, ein Mann von ungefähr fünf⸗ undvierzig Jahren, in einfacher, ſchlichter Tyrolertracht, groß und mächtig von Geſtalt, war Peter Mayer, im ganzen Tyrolerland bekannt als einer der treueſten und feurigſten Patrioten, als ein Mann von unbeug⸗ ſamem Muth, von unerſchütterlicher Willenskraft. Der Zweite, ein Jüngling von kaum zweiund⸗ zWanzig Jahren, von ſchöner ſchlanker Geſtalt, weit und breit berühmt wegen ſeiner Schönheit, ſeiner Kühnheit, und ſeiner Wohlhabenheit, war Peter Kem⸗ nater, der treueſte und innigſte Freund des ſchönen, gleichgeſinnten jungen Kreuzwirths Martin Schenk. Ddie beiden Männer reichten den Eintretenden ihre Hände dar, und nickten ihnen zu, aber ihre Mienen — 58 waren düſter, und nicht der leiſeſte Schimmer eines Lächelns erhellte ihre Züge. Seid Ihr hieher gekommen, Pater Joachim Has⸗ pinger, blos um die Friedensgebet' mitzumachen? fragte Peter Mayer in ſeiner kurzen, ſcharfen Weiſe, die dunkelglühenden durchdringenden Augen auf das Antlitz des Paters richtend. Nein, Peter Mayer, ſagte der Kapuziner ernſt, bin hieher gekommen, weil ich Euch drei hier ſprechen wollt', und weil ich Euch viel zu ſagen hab'. Aber eh' wir davon ſprechen, laßt mich erſt leſen, was der Andreas Hofer, mein Bruder in der Liebe zu Gott und zum Vaterland, mir geſchrieben hat. Einen Brief habt Ihr vom Andreas Hofer? riefen Mayer und Kemnater freudig. Da iſt er, ſagte der Pater, ihn aus dem Gürtel ziehend. Nun gönnt mir einen Augenblick Zeit, daß ich den Brief leſe, und dann wollen wir weiter ſprechen! Er trat näher zum Fenſter und entfaltete den Brief, und während er ihn dann las, ſchauten die drei Männer ihn mit geſpannter Erwartung an, bemüht, in ſeinen Zügen den Eindruck zu leſen, den die Worte Andreas Hofer's auf das Herz des tapfern Kapuziner's machten. In der That, das Antlitz des Paters er⸗ hellte ſt über S leuchtete Hör das Ble hört, w Und mete ſch Vüllget Bruder ziehn nit de die he dem 2 nun ſe alte ſc Aber hat, ſ wenn zurück Gletſe daß ſ ſtare Aug 3„ 59 hellte ſich immer mehr, eine dunkle Gluth flog ihm über Stirn und Antlitz hin, und ein Lächeln durch⸗ leuchtete ſeine harten Züge. Hört, Ihr drei Männer, rief er jetzt triumphirend, das Blatt Papier wie eine Fahne hoch emporſchwingend, hört, was der Andreas ſchreibt! Und mit einer Stimme, die wie eine Kriegsdrom⸗ mete ſchallte, las der Pater:„Lieber Bruder Rothbart! Vielgetreuer Pater Joachim Haspinger! Du weißt es, Bruder, es iſt Alles umſonſt geweſen, die Oeſterreicher ziehn zum Landl'naus, und der Kaiſer, oder vielmehr nit der Kaiſer, ſondern ſeine Miniſter und Schreiber, die haben's feſtgeſetzt in ihrem Waffenſtillſtand mit dem Bonaparte, daß die Franzmänner und die Baiern nun ſollen wieder in's Landel einmarſchiren, und die alte ſchändliche Wirthſchaft wieder von vorne anfangen. Aber ich denk,, wenn der Kaiſer uns auch verlaſſen hat, ſo wird's doch der liebe Herrgott nit thun, und wenn auch die öſterreichiſchen Soldaten über die Grenz' zurückgehen, ſo bleiben doch unſere Berg' und unſere Gletſcher da ſtehen, und die hat Gott dahin geſtellt, daß ſie unſere Grenzen beſchützen, und uns hat er ſtarke Arme und gute Stutzen gegeben, und ein ſcharfes Aug', daß wir den Feind erkennen und ihn ſicher 60 treffen können. Wir ſind die Bewohner von Tyrol, und nit die öſterreichiſchen Soldaten, uns kommt es daher zu, unſere Grenzen zu ſchützen, und den Feind nit hinüber zu laſſen über die Berg'. Wenn Du ſo denkſt, wie ich, ſo ſammle die tapfern Schützen um Dich, biet', wo Du kannſt, den Landſturm auf, ſag's in meinem Namen den andern Commandanten, und rücket, wenn es noch thunlich, gegen den Brenner vor, wo Ihr mich hoffentlich treffen oder Weiteres von mir hören ſollt. Der Joſeph Speckbacher iſt auch nit über die Grenz' gegangen, ſondern im Land geblieben, und ſammelt auch in ſeiner Gegend die Schützen und bietet den Landſturm auf. Tyrol ſoll anjetzo nur von Tyrolern beſchützt werden, ſo will's der liebe Herrgott! Darnach richtet Euch und geht an's Werk. Dein vielgetreuer Andreas Hofer, dermalen unwiſſend wo.“*) Nun, fragte der Pater frohlockend, als er zu Ende geleſen, meint Ihr, daß Andreas Hofer Recht hat, und daß wir den Feind nit zum Land hinein laſſen ſollen? Ich mein', daß er Recht hat, ſagte Peter Kemnater jauchzend, ich mein', daß es eine Luſt und eine Freud' *) Dieſe ſeltſame Unterſchrift gab Andreas Hofer, wäh⸗ rend er ſich in ſeiner Höhle verborgen hielt, allen ſeinen Briefen und Erlaſſen. 3 — und S Peter Li zogen, entſchl Hand und j gen Män Noth, wir gnad' U Oeſte eifrig verſch hat! Nel Mal hat 61 ſein wird, wenn wir den Franzmann und den Boarfok mit Schimpf und Schand' von unſern Grenzen ver⸗ jagen! Oder, wenn ſie ſchon hinüber ſind, ſie mit Schimpf und Schanden wieder zum Land hinaustreiben, fügte Peter Mayer hinzu. Bin in dieſen Tagen durch's ganze Puſterthal ge⸗ zogen, ſagte Martin Schenk, hab' überall die Männer entſchloſſen gefunden, lieber mit dem Stutzen in der Hand und im blutigen Kampf zu ſterben, als friedlich und ſtill daheim zu bleiben, und ihren Nacken zu beu⸗ gen vor dem Feind. Es iſt ein Unglück, ſagen die Männer, daß die Oeſterreicher uns verlaſſen in der Noth, aber ein noch viel größer Unglück wär's, wenn wir uns ſelber verließen, und uns auf Gnad' und Un⸗ gnad' ergeben wollten. Und ich ſag', es iſt gar kein Unglück, daß die Oeſterreicher uns verlaſſen haben, rief der Kapuziner eifrig. Die Sache des Vaterlandes hat ſich gar wenig verſchlimmert durch den Abzug der Oeſterreicher. Wer hat uns denn beigeſtanden in der Schlacht am Berg Iſel? Wer hat uns denn geholfen, den Feind zwei Mal zum Land hinaus zu jagen? Kein Oeſterreicher hat uns dabei geholfen, wir ſelber haben's gethan, und 62 was Großes und Herrliches geſchehen iſt in dieſen Tagen, das haben die Tyroler durch ſich allein voll— bracht. So iſt's denn gut, daß wir auch jetzt für uns allein bleiben, und daß wir wiſſen: Niemand hilft uns, als Gott, und wir ſelber! Aber nit blindlings und tollküͤhn dürfen wir uns hineinſtürzen in den Kampf, und überlegen müſſen wir freilich, ob wir dabei auch die Möglichkeit des Sieges haben. Der Feind kommt in ungeheuren Maſſen von allen Seiten herangezogen, und furchtbare Streitkräfte will er aufbieten gegen unſer armes Tyrol. Ich will's Euch nicht verhehlen, daß ich weiß: es iſt ein gefährlich Ding, was wir da unternehmen wollen, und wozu der Andreas Hofer uns antreibt. Ihr ſollt alſo wiſſen, daß der Mordbrenner, der Lefebvre, den ſie den Herzog von Danzig nennen, vom Norden her mit fünfundzwanzigtauſend Mann im Anzug iſt, und daß er beinahe ſchon bis Innsbruck vorgerückt iſt. Auch der General Deroi iſt im An⸗ marſch, und will durch's ganze Pinzgau und über's Ger losgebirge gen Innsbruck ziehen. Außerhalb Lienz aber ſind die Franzoſen mit ihrem wilden General Rusca über die Cryſanten⸗Schanze ſchon in's Land eingebrochen, vom Süden her kommt der General Pery mit den italieniſchen Truppen, und in Salzburg ſteht ſchon — wieder Arco n mehr a herange Sie ſin Waffen an Mit Herzen das ſch Eigent wenn Hände Verbr Ihr wagen land, auch Kind, gegen fahr immer derde ligen werde 63 wieder der baieriſche General Wreden und der General Arco mit ihren wüthigen Schaaren. Es ſind ihrer mehr als funfzigtauſend Mann, die von allen Seiten herangezogen kommen, das arme Tyrol zu zertreten. Sie ſind kriegsgeübt, ſie haben Kanonen und beſſere Waffen als wir, ſie ſind uns alſo überlegen an Zahl, an Mitteln und an Kraft. Ueberlegt alſo in Eurem Herzen, Ihr Männer, ob Ihr dennoch gewillt ſeid, das ſchwere Werk zu beginnen, überlegt, daß Ihr Euer Eigenthum, Euer Blut, Euer Leben wagt, und daß, wenn Ihr das Unglück habt, als Gefangene in Feindes Hände zu fallen, ſie vielleicht Euch als Aufrührer und Verbrecher richten und ſtrafen werden. Es iſt wahr, Ihr wollt Euer Eigenthum, Euer Blut und Leben wagen für das Höchſte und Heiligſte, für das Vater⸗ land, für die Freiheit Tyrols, aber Ihr habt doch auch Pflichten gegen Eure Familien, gegen Weib und Kind, gegen Aeltern und Bräute, Ihr habt die Pflicht gegen Euch ſelber, Euer Leben nicht muthwillig in Ge⸗ fahr zu bringen. Es iſt wahr, wenn der Feind Euch immerhin auch als Verbrecher ſtraft und richtet, ſo werdet Ihr doch des ſchönſten Todes ſterben, des hei⸗ ligen Märtyrertodes für's Vaterland, und Eure Namen werden verklärt werden von dem Heiligenſchein Eurer 64 Tugend und Eurer Vaterlandsliebe, aber überlegen müßt Ihr auch, ob Euer Märtyrertod dem Land nützen könnt', und ob Euer Blut, das Ihr für's Vaterland dahin gebt, nicht umſonſt vergoſſen ſein wird. Greift in Euren Buſen, Ihr Männer, nehmt Euer Herz in Eure Hand, und fragt's, ob es den Muth hat, und die Kraft, allem Unglück und allem Mißgeſchick ſtand haft und freudig zu trotzen, und ob es wirklich, ohne zu zagen und zu zittern, den Tod, die Gefangenſchaft, die Schande des Verbrechertodes wagen will? Das iſt's, was ich Euch zu ſagen hatte, ehe denn wir un ſere Pläne machten, und ehe ich dem Andreas Hofer Antwort ſchick'. Nun alſo überlegt, Ihr Männer, über⸗ legt und ſprecht! Unſer Herz ſollen wir fragen, ob es nit zagt und nit zittert? ſagte Peter Mayer faſt verächtlich. Als im Mai der Feind wieder in's Land kam, da hat er mir acht Häuſer, die mein Eigenthum waren, nieder gebrannt, und eine Zeit lang wußt' ich nit, ob mein Weib und die Kinder nit in den Flammen, welche die Mordbrenner an mein Wohnhaus gelegt, umgekommen wären. Habt Ihr mich zittern, habt Ihr mich klagen gehört? Bin ich nicht frohen Muthes in der Schlacht geſtanden am Berg Iſel, ohn' zu weinen und zu klagen, 4 einor und und ſonſt gewe zun und und mein wen land iſt man nun M 65 nur gedenkend, daß ich kämpfen wollt' für die Freiheit, das Vaterland und den Kaiſer? Erſt nach der Schlacht, als wir frei waren, da ging ich heim, und wollt' klagen und weinen auf der Brandſtätt' meines Hauſes. Aber da fand ich mein Weib und meine Kinder, die bis da⸗ hin ein Freund verborgen und gepflegt hatte, und nachdem ich Gott gedankt für den Sieg, dankte ich ihm, daß er mir Weib und Kind erhalten hatte, und erſt jetzt, da wir glücklich waren und frei, jetzt weint' ich. Aber nun, da der Feind und das Unglück wieder her⸗ einbricht, nun ſind meine Thränen wieder getrocknet, und mein Herz iſt voll Muth und Standhaftigkeit, und ich mein', daß wir das Letzte wagen müſſen, weil ſonſt Alles, was wir bisher gewagt haben, vergeblich geweſen iſt. Ich lieb' mein Weib, aber wenn ſie jetzt zu mir käm', und wollt' mir abrathen vom Kampf, und ich merkt' in mir, daß mein Herz ſchwach werden und ihr nachgeben wollt', ſo würd' ich mein Weib mit meinen Händen erdroſſeln, damit ſie mich nit ab⸗ wendig machen könnt' von der großen Sach' des Vater⸗ landes! Die Sach' iſt ſchwer, das iſt wahr, aber ſie iſt nit unmöglich, und was nit unmöglich iſt, das muß man verſuchen für's Vaterland! Ich hab' meine Mei⸗ nung geſagt, jetzt iſt an Euch die Reih', Ihr beiden Mühlbach, Andreas Hofer. III. 5 66 jungen Leut'! Sag' Du zuerſt, was Du zu ſagen haſt, Peter Kemnater. Sag's dem Pater Rothbart, ob Dein Herz zagt und zittert, und ob Du meinſt, daß wir uns lieber ruhig verhalten ſollten, weil der Feind gar mächtig iſt, und uns weit überlegen? Ich hab' eine Braut, welche ich gar ſehr liebe, ſagte Peter Kemnater mit glühenden Wangen und blitzenden Augen, ein Mädel, das ich mehr lieb' als Vater und Mutter, als Alles in der Welt, und mit der ich in vierzehn Tagen wollt' Hochzeit machen, aber ich ſchwör' zu Gott und der heiligen Jungfrau, daß ich nit früher will Hochzeit machen, und meine Braut als mein Weib daheim führen, als bis Tyrol wieder frei iſt, als bis wir den Feind zum Land hinaus gejagt haben! Und ſollt' meine Braut darüber bös werden, und verlangen, daß ich mehr an ſie, als an's Vater⸗ land denken, es vorziehen ſollt', für ſie allein zu leben, ſtatt vielleicht für's Vaterland zu ſterben, ſo würd' ich mit ihr brechen, und nimmer ſie wieder anſchauen, nimmer ein Wort mit ihr reden. Ich hab' viel Län⸗ dereien und Häuſer, aber wüßt' ich, daß meine Aecker und Wieſen verwüſtet, meine Häuſer niedergebrannt würden, wie die vom Peter Mayer, ſo würd' ich doch ſagen: Wir wollen kämpfen für’'s Vaterland! Wir wollen 67 den Feind beſiegen, und müßten wir darüber auch All' mitſammen zu Bettlern werden, und wüßt' ich auch, daß ich ſterben ſollt', ehe ich meine Braut wieder⸗ geſehen, und daß ſie mir fluchen würd' in meinem Grab! Das iſt, was ich zu ſagen hab'! Jetzt ſprich Du, Martin Schenk, und ſag's dem Pater, ob Dein Herz zagt und zittert! Ja, mein Herz zagt und zittert, rief Martin Schenk, aber blos, wenn ich mein', es wär' möglich, daß die Männer von Tyrol ſo kleinmüthig und erbärm⸗ lich wären, ſich ruhig zu verhalten, und die Schmach zu erdulden, blos weil der Feind übermächtig und an Zahl uns überlegen iſt! Ich hab' ein junges Weib, das ich vor einem Jahr erſt geheirathet hab', und das mir vor acht Tagen ein Knäblein geboren, und ich hab's Weib und s Kindel lieb von Herzensgrund. Aber wüßt' ich, daß ihr Tod dem Vaterland nützen, und zu ſeiner Errettung beitragen könnt', ſo würd' ich Weib und Kind mit meinem eigenen Stutzen erſchießen, und würd' nit weinen, wenn ich ſie todt zu meinen Füßen ſäh', ſondern würd' freudig ſein, und rufen: ich hab's für's Vaterland gethan! Hab' mein Liebſtes und mein Beſtes geopfert für's liebe Tyrolerland! Mag auch der Feind übermächtig ſein und ſtark, mag auch 5* 68 der Kaiſer uns verlaſſen haben, der alte Gott iſt ge⸗ blieben, und der kämpft mit uns! Die Berge ſtehen noch feſt, und das ſind unſere Feſtungen, und in ihnen wollen wir kämpfen, bis wir entweder Alle todt ſind, oder bis wir den Feind beſiegt, und Tyrol zum dritten Mal frei gemacht haben! Nun wißt Ihr meine Mei nung, Pater Joachim Haspinger! Der Pater antwortete nicht. Er ſtand da mit ge⸗ faltenen Händen, ſchaute zum Himmel empor, und zwei große funkelnde Thränen rollten über ſeine gebräunten Wangen nieder in den rothen Bart. Lieber Herrgott da droben, rief er leiſe, und mit vor Rührung zitternder Stimme, ich danke Dir, daß Du mich dieſe Stund' haſt erleben laſſen, und haſt mich hören laſſen, was dieſe Männer geſprochen haben. Was kann denn ich nun noch ſagen, was hab' ich denn, das ich dem Vaterlande opfern könnt'?. Ich hab' nicht Weib, nicht Kind, nicht Hab' und Gut, bin nur ein armer Kapuzinermönch! Hab' nichts als mein Leben und mein Blut! Aber das geb' ich meinem Vaterland, und wollt' mich auch der Herr Biſchof und der Abt darüber in den Bann thun, und meine Seele verdammen, daß ſie im ewigen Fegefeuer brennen müßt'! Beſſer, eines armen Kapuzinermönchleins Seele brennt 69 in der Höll', als daß das Vaterland daliegt in Schmerzen, und das Brandmal der Schand' und der Sclaverei ſitzt ihm auf der Stirn. Beſſer, dem Biſchof und dem Abt ein ungetreuer Sohn zu ſein, als ein ungetreuer Sohn des Vaterlandes! Beſſer, ein ſchlechter Chriſt, als ein ſchlechter Patriot ſein! Und ſo mög' denn kommen, was da will, ich theil mit Euch Gefahr und Sieg, Noth und Tod, wie's eben kommt! Ich bin von heute an nicht mehr der Kapuzinermönch, ſondern der Rothbart Joachim Haspinger, der Vater⸗ landsvertheidiger. So ſchwör' ich denn, daß ich will nicht eher mein Haupt wieder zur Ruh' niederlegen, nicht eher will raſten, und des Leibes pflegen, als bis das Vaterland befreit iſt vom Feind, und wir ehrenvollen Frieden haben durch eigene Mittel und eigene Kraft. Iſt das auch Eure Meinung, ſo ſchwört es hier vor Gott, daß Ihr von dieſer Stund' an kämpfen wollt für's Vaterland, ihm alle Eure Kräfte weihen, und lieber ſterben wollt und verderben, als nachlaſſen im Kampf, oder Frieden machen mit dem Feind, und Euch ihm unterwerfen. Und die drei Männer hoben ihre Hände und ihre Blicke zum Himmel empor, und mit lauter, feierlicher Stimme, in Einem Klang, in Einem Geiſt und Ge⸗ 70 danken, riefen ſie: Wir ſchwören bei Gott dem All⸗ mächtigen, bei Allem, was uns heilig und theuer iſt auf Erden, daß wir von dieſer Stund' an kämpfen wollen für's Vaterland, ihm alle unſere Kräfte weihen, und lieber ſterben wollen und verderben, als nachlaſſen im Kampf, oder Frieden machen mit dem Feind, und uns ihm unterwerfen! Das ſchwören wir! Benedictus! Benedictus! rief Pater Haspinger, ſeine Hände ſegnend auf die drei zum Schwur in ein andergeſchloſſenen Hände der Männer legend. Der Herr hat Euren Schwur gehört und angenommen, der Herr ſegne Euch, die heilige Jungfrau beſchütze Euch! Amen! Und nun laſſet uns Pläne ſchmieden für den Kampf, und laſſet uns überlegen, was wir thun wollen, ſagte der Pater nach einer Pauſe. Zuerſt wollen wir dem Andreas Hofer vermelden, daß ſein Wille geſchehen ſoll, und daß wir den Landſturm und alle unſere Kraft aufbieten wollen. Laſſet mich alſo ſchreiben, und dann wollen wir Kriegsrath halten!— Der Kriegsrath dauerte bis tief in die Nacht, und während ganz Europa zitterte vor dem„unüberwind⸗ lichen Kaiſer Napoleon“, während ganz Deutſchland ihm demüthig zu Füßen lag, und alle Fürſten buhlten — * 71 um ſeine Gunſt und ſeine Gnade, überlegten vier arme, nicht gelehrte, nicht feingebildete Männer, drei Bauern und ein Mönch, wie ſie dem„Kronenräuber Bonaparte“ trotzen, und ſeine mächtigen Heere aus ihren Bergen verjagen wollten! Ganz Deutſchland war unterjocht, und gab den Widerſtand gegen den Allgewaltigen auf, nur das kleine Tyrol wollte ſich nicht unterjochen laſſen, nur die tapferen Söhne der deutſchen Berge wollten es noch wagen, dem Tyrannen zu trotzen, und der Freiheit und Selbſtſtändigkeit, die ſonſt überall aus Deutſchland von Napoleon war vertrieben worden, an den Grenzen Deutſchlands, inmitten ſeiner Berge und Gletſcher, eine Zuflucht zu gewähren. Und am andern Morgen ſchon ertönten in allen Thälern und auf allen Höhen die Sturmglocken, und riefen die Männer auf zum Kampf für das Vaterland. In der Nacht noch hatten die drei tapferen Männer ſich aufgemacht; Jeder nach einer anderen Seite hin waren ſie in's Land gegangen, um die Männer auf⸗ zurufen zum Widerſtand, um ihnen Andreas Hofer's Befehl mitzutheilen, und ſie im Namen des Vater— landes zu beſchwören, den Stutzen wieder zur Hand — 72 zu nehmen, für die Befreiung des Vaterlandes ihr Blut und Leben noch einmal zu wagen. 1 Pater Haspinger aber war die Nacht hindurch gewandert gen Latzfons hin, und dort in der Kirche predigte er am anderen Morgen dem Volke in be⸗ geiſterter Rede den heiligen Krieg, verſprach Jedem, der mindeſtens ein Dutzend Franzoſen erſchlagen würde, vollkommenen Ablaß ſeiner Sünden für ein Jahr, dem⸗ jenigen, der zwei Dutzend Franzoſen erſchlagen würde, Ablaß ſeiner Sünden auf fünf Jahre.*) Und hingeriſſen von den Worten, den Verſprechungen des Kapuziners, voll heiligen Eifers, dem Vaterland zu dienen, und ſich Ablaß für alle Sünden zu erwerben, ſtrömten die Männer zu den Waffen, und ſelbſt eine Schaar von Frauen bildete ſich zum heiligen Dienſt für's Vaterland. Am Abend dieſes Tages hatte ſich um den kriege⸗ riſchen Pater ſchon eine Schaar von dreihundert Strei⸗ tern geſammelt, und mit ihnen zog er gen Unterau, unterwegs immer neue Verſtärkungen erhaltend, denn von allen Bergen und aus allen Thälern ſtürzten die Männer herbei, um ſich dem tapferen Pater anzu⸗ *) Der Mann vom Rinn. Von Joſ. Mayr. S. 151. ſchließe und zu Un dete, d erhobe Kemne geſamn einigte von 2 Höhle Ruf um nah geliel war 73 ſchließen, und unter ſeinem heiligen Commando zu ſiegen und zu ſterben. 7 Und frohe Kunde kam von allen Seiten, und mel⸗ dete, daß überall im ganzen Tyrolerland ſich das Volk erhoben habe. Schon hatten Peter Mayer und Peter Kemnater alle Schützen der nahen Ortſchaften um ſich geſammelt, und ihre vier tapferen Compagnien ver⸗ einigten ſich jetzt mit den Truppen des Paters. Auch von Andreas Hofer kam Botſchaft; er war aus ſeiner Höhle wieder hervorgegangen, und auf ſeinen erſten Ruf hatten alle Schützen des Paſſeyrthals ſich wieder um ihn verſammelt, waren ganze Schaaren von nah und fern herbeigeſtrömt, um auf's Neue unter dem geliebten Ober⸗Commandanten zu kämpfen. Mit ihnen war Andreas Hofer fortmarſchirt über den hohen Jaufen hin, und wie eine Lawine vergrößerte ſich ſeine Schaar bei jedem Schritt vorwärts. All die tapferen Schützen von Paſſeyr, Meran und Algund kamen her⸗ bei, und die läutenden Sturmglocken, und der Ruf des allgeliebten Andreas Hofer ſchlugen mahnend und be⸗ geiſternd an jedes Herz, und machten aus jedem Ty⸗ roler einen Soldaten, aus jedem Weib eine Heldin. Tyrol war zum dritten Mal aufgeſtanden, und zum dritten Mal wollte es ſich ſeine Freiheit erkämpfen. IV. Die Sachſenklemme. Was die vier Männer im Wirthshaus zu Brixen geſchworen, was Andreas Hofer mit ſeinem Freunde Speckbacher verabredet, es war alſo gelungen. Ganz Tyrol war aufgeſtanden, ganz Tyrol glühte vor Kampfesluſt. Schon lagerte bei Brixen ein kleines Heer, deſſen Anführer Pater Haspinger war, und das ſich in jeder Stunde durch Zuzug vermehrte. Peter Kemnater und Peter Mayer zogen noch immer umher, und ſtachelten die Bauern auf, daß ſie ihre Waffen zur Hand nehmen, und gen Brixen ziehen ſollten zur Armee des Paters Rothbart, und überall folgte man willig ihrem Ruf. Da kamen die tapferen Rodenecker, Veitenthaler und Schonecker Bauern heran, geführt⸗ von ihrem muthigen Pfarrer Georg Lanſchner, da kam auch Anton Wallner mit einer Schaar von vierhundert * Mann zu ihr J Schaa an ſei 5 ihm; Dich Taxer die C und 75 Mann, die ſich bei ſeinem Marſch durch's Puſterthal zu ihm geſellt. Jauchzend empfing Pater Haspinger die tapfere Schaar, und drückte ihren Führer Anton Wallner feſt an ſeine Bruſt. Haſt ſchon wieder gekämpft wie ein Held, rief er, ihm zärtlich die Wangen ſtreichelnd, ganz Tyrol preiſt Dich für Deine Thaten im mörderiſchen Gefecht bei Taxenbach, und man erzählt von Dir Wunderdinge, die Einem vor Freude's Herz im Leib erzittern machen, und Einem Thränen in die Augen treiben! Es iſt wahr, wir haben uns tapfer geſchlagen, ſagte Anton Wallner ſeufzend, aber geholfen hat's doch nit viel, denn der Feind war uns zehnfach überlegen, und wir haben's doch dulden müſſen, daß der Feind vorwärts gegangen iſt. Aber nun ſind wir ihm nach⸗ gekommen, und mit Euch zuſammen, herzlieber Pater, wollen wir's verſuchen, ihm nochmals den Weg aus Tyrol'naus zu zeigen. Ich denk' immer, es wird nochmals am Berg Iſel was geben, denn nach Inns⸗ bruck drängen die Feinde immer zumeiſt, weil ſie mei⸗ nen, ſie haben ganz Tyrol, wenn ſie die Hauptſtadt haben. Wir müſſen alſo ſehen, daß wir ſie dort noch⸗ mals treffen, denn Ihr kennt ja die alte Prophezeiung, 76 Ehrwürden, welche ſagt, daß bei Innsbruck am Berg Iſel der Tyroler Glücksſtätt' iſt. Kenn' die Prophezeiung, ſagte der Pater eifrig, und will's Gott, ſoll ſie an uns zur Erfüllung gehen. Bei Innsbruck, am Berg Iſfel, da liegt die Freiheit Tyrols begraben, und wir wollen den goldigen Schatz da wieder ausgraben, und wollen ihn wieder aufleuchten machen über unſere Berg' und über unſere Thäler. Dazu ſollſt mir helfen, Anton Wallner, mit Deinen berühmten Schützen von Windiſch⸗Matrey. Aber zuerſt denk' ich, Freund, werden wir auch hier noch zu thun finden, denn unſere Kundſchafter ſind heimgekommen mit der Nachricht, daß der Feind im Anmarſch iſt. Zuerſt kommt der franzöſiſche General Royer mit den Sachſenregimentern und den Baiern, und dann hinter⸗ her kommt der Höchſtcommandirende, der Marſchall Lefebvre, oder wie er ſich ſtolz nennt, der Herzog von Danzig. Der General Royer iſt aber ſchon bis Ster⸗ zing gekommen, und wenn wir's dulden, werden die Sachſen bald gen Brixen anmarſchiren. Wir werden's aber nit dulden, rief Anton Wallner, wir werden ſie nit ſo weit kommen laſſen, und gleich jetzt will ich mit meinen Schützen die Gebirgspäſſe beſetzen, wo der Feind hindurch kommen muß. Wollen 77 den Herrn Herzog von Danzig mit ſolchem Feuerwerk empfangen, daß er ſeine Freud' daran haben ſoll. Thu's, liebſter Tonerl, rief der Pater freudig. Ich aber will zuerſt gen Brixen ziehen, und die Herren vom Magiſtrat zur Raiſon bringen. Die ſind vor lauter Angſt und Feigheit gar beredte Herren worden, und haben mir viel hundert Bauern, die durch Brixen gehen wollten, um zu mir zu ſtoßen, abwendig gemacht, und ſie veranlaßt, wieder umzukehren und heimzugehen. Werd' mir die Herren ein biſſel näher anſchauen, und ſie lehren, gute Patrioten zu ſein. Er nickte Anton Wallner freundlich zu, und zehn ſeiner beſten Schützen zu ſich rufend, wanderte der Pater gen Brixen hin, begab ſich geradeswegs in das Rathhaus, wo die Herren vom Magiſtrat in ernſter Berathung zuſammenſaßen, und hielt ihnen eine ſeiner glühenden Strafpredigten, die indeß die Herren viel⸗ leicht weniger erſchütterte, als die letzten Drohungen, die er derſelben hinzufügte. Er ſchwur, daß, wenn die Herren nicht ſofort durch Sturmglocken und rei— tende Boten das Landvolk zuſammen beriefen und ihm zuſchickten, er morgen ſämmtliche Herren vom Magiſtrat würde erhängen oder erſchießen laſſen. Und dieſer Schwur that ſeine Wirkung, denn die 78 entſetzten Herren wußten gar wohl, daß Pater Has⸗ pinger die Macht und den Willen habe, ſeine Schwüre zu erfüllen. Die Sturmglocke ertönte alſo, reitende Boten flogen hierhin und dorthin, und am nächſten Morgen ſchon trafen mehr als zweitauſend ſtreitbare Männer beim Pater Haspinger ein.*) Gut, ſagte der Pater, wenn jetzt auch der Andre Hofer, und der Speckbacher mit ihren Mannſchaften kommen, und wir uns Alle mit einander vereinigen, ſo mein' ich, werden die Sachen gut gehen, und der heilige Caſſianus wird unſere Gebete verſtanden haben. Während Anton Wallner mit ſeinen Schützen die Bergſchluchten dieſſeits von Brixen auf der Straße nach Mittewald beſetzte, war Joſeph Speckbacher mit ſeiner Schaar weit hinter Mittewald bis gen Sterzing vorgedrungen, und hatte erfahren, daß die Sachſen mit ihrem General Royer in Sterzing Raſttag hielten, um erſt am nächſten Morgen weiterzuziehen, durch das wilde Eiſackthal gen Brixen hin. Nun, wenn die Sachſen Raſttag halten, ſo müſſen wir Arbeitstag halten, damit wir ihnen die ewige Ruh' und Raſt erarbeiten, ſagte Joſeph Speckbacher fröhlich. *) Gallerie der Helden. Andreas Hofer. S. 110. Jett wiſche zumal fremde zu di eignen gegen weil kämpf terwe deutſ halte der den? Unter die heilg ngg am d dafüt weit, und gezie ihne ——= 79 Jetzt auf, meine Wackern, wir müſſen die Sachſen zwiſchen zwei Feuer nehmen. Verräther ſind ſie all— zumal, und ehrloſe Leut'. Schämen ſich nit, dem fremden Eroberer und Kronenräuber, dem Bonaparte, zu dienen, und wollen zum Verräther werden am eignen Vaterland! Sind deutſche Männer, und wollen gegen uns, ihre deutſchen Landsleute, kämpfen, blos, weil es ihnen der Franzos' befiehlt, wollen gegen uns kämpfen, weil wir nit auch dem Franzmann uns un⸗ terwerfen, ſondern uns unſer deutſches Herz, unſere deutſche Sprach', und unſer deutſches Recht rein er⸗ halten wollen von der franzöſiſchen Tyrannei. Daß der Deutſche gegen den Deutſchen kämpfen will für den Fremden, das iſt doch ein gar ehrlos verrätheriſches Unterfangen, und dafür wollen wir die Sachſen und die Baiern jetzt beſtrafen, im Namen Gottes und der heiligen Jungfrau. Laſſen wir ſie alſo ruhig in den Engpaß hinein, und erſt, wenn ſie drin ſind, dann iſt's an der Zeit, ſie anzugreifen. Zurück können ſie nit, dafür ſind wir da, und vorwärts können ſie auch nit weit, dafür iſt der Pater Rothbart da. Jetzt kommet und laßt uns feſtliche Vorbereitungen machen, wie's ſich geziemt, wenn man vornehme Gäſte erwartet. Wollen ihnen ein paar Triumphpforten bereiten, und wollen 80 ihnen auch ein ſchönes, angenehmes Schauſpiel vor⸗ machen, wollen's ihnen vorſpielen, wie die Lawinen von unſern Bergen herunter rollen! Aber gar kunſt⸗ volle und mächtige Ruinen wollen wir ihnen bauen! Ja, ja, das wollen wir, riefen und jubelten die Bauern, und ſingend und lachend und jodelnd und ſchnalzend gingen ſie an's Werk. Zuerſt bauten ſie dem Feind'„Triumphpforten“ auf dem Wege, das heißt, ſie legten Verhacke und Verhaue an, und machten die Straße unwegſam und ſchwierig, ſie beſchmierten das hölzerne Geländer der Brücke, die hier beim Dorfe Pleis über die brauſende Eiſack führt, mit Pech, und lockerten die Bretter der Brücke, dann aber begannen ſie die Lawinen zu bauen. Sie fällten eine Menge großer Lerchenbäume, befeſtigten dieſe am untern und obern Ende an Stricken, ließen ſie an denſelben an den grade in die Tiefe hinabſteigenden Felſenwänden eine Strecke hinunter gleiten, und befeſtigten dann oberhalb die Stricke an den ſtarken Aeſten noch feſt⸗ ſtehender Bäume auf der Höhe. Nun warfen ſie auf dieſe ſchwebenden Gerüſte Strauchwerk und Erde, Steine und Felsſtücke, und als dies vollbracht, als die Lawinen vollendet waren, da zogen ſie ſich vorſichtig und ſchnell in die Bergſchluchten zurück. Nur Zoppel, — A 81 der Knecht des Joſeph Speckbacher und ein alter Bauersmann blieben bei den Lawinen zurück. Zu beiden Seiten derſelben, neben den Stricken, ſtanden ſie mit der Axt in der Hand, mit flammenden Wuthblicken hinunterſchauend in die Bergſchlucht, wo der Weg zur Seite der Eiſack ſich ſchauerlich eng und einſam durch das ſchwarze, düſtere Thal dahinzog. Tiefe Stille herrſchte ringsumher, nur zuweilen raſchelte es im Gebüſch, und man ſah den Lauf eines Gewehrs aufblitzen, zuweilen mochte man vermeinen, daß da oben auf den ſteilen Spitzen und den hohen Felskuppen flinke Gemſen ſichtbar wurden. Aber es waren Tyroler Schützen, die auf die Wachtthürme ihrer natürlichen Feſtungen hinaufgeklettert waren, um den Feind zu erſpähen, und wenn ſie ihn erſchaut, mit ihren Kugeln ihm ein Willkommen entgegen zu donnern. Tiefe Stille herrſchte noch immer ringsumher, und neben den Stricken, welche die künſtlichen Lawinen hielten, ſtanden noch immer die beiden Männer, die ſcharfen Aexte in der Rechten haltend. Auf einmal ward vor dem Eingang der Schlucht ein lauter, ſchrillender Pfiff vernommen, der ringsum das ganze düſtere Thal entlang wiederholt ward. Mühlbach, Andreas Hofer. III. 6 82 Das iſt das Zeichen, daß der Feind bei dem Wirthshaus am Sack vorüber iſt, und in die Eiſack ſchlucht einmarſchirt, murmelte Zoppel, indem er raſch noch einmal die Schärfe ſeiner Axt mit der Hand unterſuchte. Dann ſchaute er mit geſpannter Auf merkſamkeit hinunter in das enge ſchauerliche Felſenthal, in deſſen Tiefe hart neben der grollenden und ſchäumenden Eiſack dahin ein Fußpfad, der einzige Weg, auf welchem man dieſe Schlucht paſſiren konnte, ſich dahin ſchlängelte. Dort, wo der Weg zwiſchen den beiden, dicht an einander tretenden Felſen hervortrat, welche den Hin tergrund abſchloſſen, dort ſah man jetzt einige Soldaten in den Engpaß einſchreiten. In demſelben Augenblick zeigte ſich auf dem Fels block, der hier ſteil und ſchroff emporſtieg, die Geſtalt eines Tyrolers. Er trat bis dicht an den Felſenab hang heran, ließ die Soldaten, welche langſam und mißtrauiſch ſich umſchaueten, einige Schritte vorwärts thun, und hob dann ſeinen Stutzen empor. Der Schuß knallte, ſofort ſah man unten einen der Soldaten zue ſammenſtürzen und oben den Tyroler ſeinen Stutzen zum zweiten Male laden. Wieder legte er ſein Ge wehr an, wieder ſchoß er, und traf ſeinen Mann. Aber das Geräuſch der beiden Schüſſe hatte den Marſch des Feindes beflügelt. Haſtigen Schrittes kamen die Soldaten jetzt um die Ecke des Felſens da⸗ her gezogen, nun mußten ſie, um paſſiren zu können, die beiden in Todeszuckungen ſich windenden Soldaten, die wie eine Barricade ihnen den Weg verſperrten, hinwegräumen, und ſie hinabrollen laſſen in die Fluthen der Eiſack, die mit wildem Aufrauſchen die beiden Feindesleichen, die erſten Opfer des wieder beginnenden Kampfes, empfingen. Aber der Tyrolerſchütz da oben auf der Felsſpitze hatte ſchon wieder ſein Gewehr geladen, und wieder ſtreckte ſein Schuß einen der Soldaten nieder. Als er das ſah, jodelte er laut auf, und ſprang hoch empor, und nickte lachend den Feinden zu, die mit drohenden Blicken zu ihm aufſchaueten. Aber er ſah nicht, wie da unten einer der Officiere vier Soldaten zu ſich rief, mit der Hand nach der Felsſpitze emporzeigte, und ihnen einen raſchen Befehl gab. Die vier Soldaten ſprangen ſofort aus der Reihe, und verſchwanden in dem Buſchwerk, das den Fuß des Felſens bekränzte. Der Tyroler war wieder beſchäftigt ſein Ge⸗ wehr zu laden,— da raſchelte es hinter ihm im Gebüſch, und wie er haſtig ſich umwandte, ſah er einen der Soldaten durch das Gebüſch herbei rennen. 6* 84 Ein einziger Wuthſchrei drang aus der Bruſt des Tyrolers, dann legte er ſein Gewehr an und ſchoß. Der Soldat ſtürzte zu Boden, aber im ſelben Moment ſprang ein zweiter Soldat aus dem Gebüſch auf die Felsplatte vorwärts. Wieder tönte ein Schrei von den Lippen des Tyrolers, aber diesmal klang es wie ein Todesſchrei. Er ſah, daß er verloren war, daß es für ihn keine Rettung mehr gab, und kein Entrinnen, denn ſchon glänzten zwiſchen den Bäumen hervor die Uniformen der zwei andern Soldaten, ſchon war der zweite Soldat nur noch einige Schritte von dem Rand des Felſens, an welchem der Tyroler ſtand, entfernt. Einen letzten, ſchnellen, verzweiflungsvollen Blick warf der Schütze ringsumher, als wolle er mit dem⸗ ſelben Abſchied nehmen von Himmel und Erde, von den Bergen und den Thälern des lieben Tyrolerlands. Dann warf er ſein Gewehr von ſich, und packte, ehe dieſer ſich deſſen erwehren konnte, den Soldaten. Wie zwei eiſerne Klammern umſchlangen ſeine Arme den Leib des Feindes, mit Rieſengewalt drängte er ihn vorwärts, zu dem Rande des Felſens hin. In Gottes Namen denn! rief er mit lauter Stimme, — 4 85 die ringsum in den Felſen wiederhallte, in Gottes Namen denn! Mit einer letzten ungeheuren Kraftanſtrengung ſchwang er ſich mit dem Soldaten über den Felsabhang hin, und ſtürzte mit ihm hinunter in die Fluthen der Eiſack. Speckbacher's Knecht, der treue Zoppel, hatte Alles geſehen, Alles begriffen, und als die Beiden, in dieſer letzten Umſchlingung des Haſſes, in den aufſchäumenden und aufſpritzenden Wogen verſanken, wiſchte er ſich verſtohlen eine Thräne aus den Augen fort. Er iſt geſtorben wie ein braver Tyroler, murmelte er, und die heilige Jungfrau wird ihn gewiß da oben freundlich willkommen heißen. Wir aber, Hiſel, wir wollen ſeinen Tod rächen an dem verdammten Feind da unten. Ja, das wollen wir, rief der Bauer ingrimmig, und mit einer wüthenden Bewegung hob er ſeine Axt empor. Noch iſt's nit Zeit, ſagte Zoppel bedächtig. Wart' nur, bis ſie in dichtern Haufen kommen. Sieh nur, Hiſel, wie prächtig ſie ausſchauen in ihren bunten Uniformen, und wie ſtattlich und ſtolz ſie einher⸗ marſchiren! In der That,„ſtattlich und ſtolz“ kamen die 86 Sachſen daher marſchirt, aber nicht mit ſchmetternden Trompeten, nicht mit dem Wirbel der Trommeln, ſchweigend zogen ſie vorwärts, mißtrauiſch gemacht durch die tiefe Stille, die ſie auf einmal umgab, mit aufmerkſamem Ohr horchend auf jedes Geräuſch, mit ſpähendem Blick jede Felsſpitze muſternd. Jetzt war der Anfang der geſchloſſenen Reihen unter der Rieſenlawine angekommen, mitten in dem ſchauerlichen Engpaß, und auf einmal ward die Todes⸗ ſtille, die ſie bis dahin umgeben, durch eine laute zür⸗ nende Stimme unterbrochen, die wie aus der Luft, wie das Gekrächze des Todesengels ertönte. Dieſe Stimme fragte: Zoppel, ſoll ich nun abhacken? Noch nicht! Noch nicht! rief eine andere Stimme und ringsum an den Felſenſchluchten hallte es wieder: noch Riht Noch nicht! e Sachſen ſtutzten, und ſchaueten empor. Woher Puna dieſe Stimmen? Was bedeutete dieſe ſchwarze ungeheure Maſſe, die da drohend und unheilsvoll, einem Felſen gleich, und doch abgelöſt von der ſchroffen Fels⸗ wand, an der ſie eng angedrückt dahin zogen, über ihnen ſchwebte? So fragten ſie ſich in ehrfurchtsvollem Grauen, und ſtanden ſtill, und blickten immer wieder empor zu àA— A— 87 dieſer dunkeln Felſenmaſſe, die ihr Herz mit ſeltſamem Entſetzen erfüllte. Wir wollen umkehren! Wir wollen uns nicht weiter hinein wagen in die Schlucht, murmelten die Soldaten mit bebenden Lippen, aber ſo leiſe, daß die neben ihnen marſchirenden Officiere ſie nicht hören konnten. Doch auch dieſe fühlten ein ahnungsvolles Bangen, und mit lautem Commandowort befahlen ſie den Soldaten, zu halten, und eilten zurück zum General Royer, um ihm die geheimnißvollen Worte zu rappor⸗ tiren, und zu fragen, ob man Halt machen, oder um⸗ kehren ſolle? Im Sturmſchritt vorwärts marſchiren, lautete der ſtrenge Befehl des Generals. Im Sturmſchritt vorwärts marſchiren, tönte es jetzt die Colonne der Soldaten entlang, und gehorſam dem Befehl, ihre Seele Gott empfehlend, ſetzten ſie ſich in Marſch, dicht aneinander gedrängt, im eiligſten Lauf dahinbrauſend unter dem ſchwarzen Felsdach, das immer noch drohend über ihren Häuptern hing. Auf einmal rief eine mächtige Stimme über ihnen: Jetzt, Hiſel, im Namen der allerheiligſten Dreifaltig⸗ keit, jetzt hau' ab. 88 Dann vernahm man zwei Schläge, wie von einer Axt geführt. Wieder ſchauten die Soldaten, die nun in dichten Maſſen jetzt daher ſtürmten, empor, und ein Grauſen befiel ſie und ein ſprachloſes Entſetzen. Die ſchwarze Felsmaſſe, die ſo lange da oben gehangen, ſie begann ſich zu regen, begann hinunter zu rollen mit wildem Gekrache. Immer gewaltiger ſchwoll ſie an, dieſe furchtbare grauſige Steinlawine, Rieſenſtämme knickte ſie wie Blumenſtengel auf ihrem donnernden Lauf, und führte ſie mit ſich hinunter, Felsblöcke brach ſie wie weiche Maſſe ſich ab auf ihrer entſetzlichen Wanderung, und nun, wo der Fels ſenkrecht ſich neigte über den Weg, nun ſtürzte der wandelnde Berg mit einem furchtbaren Gekrache ſich hinab in die Tiefe. Und eine Wolke von Staub hob ſich empor, und füllte wie mit Pulverdampf die düſtere Schlucht. Zu⸗ gleich aber ward es lebendig oben auf den Felsſpitzen, und in die Staubwolke hinein blitzten die Schüſſe der Tyroler, die jetzt aus ihren Verſtecken hervorſprangen, die von der Höhe, ohne des Auges zu bedürfen, hin- unter ſchoſſen in die Tiefe, ſicher und gewiß, daß kein Schuß fehl ging, daß Jeder ſeinen Mann traf. Dann trat ein Moment der Stille ein, denn aus der Tiefe unten leben qual, Neu hina hatte furch Gre Lau in gefa nur gew ſtei Hu leich hat Jel der 89 empor drang das entſetzliche Todesgeſtöhne, das heu⸗ lende Klagegeſchrei der vielen Hunderte, welche da unten zerſchmettert, zerfetzt, mit zerriſſenen Gliedern, lebendig begraben und doch noch ringend in Todes⸗ qual, von der furchtbaren Lawine waren erfaßt worden. Neugierig, von Mitleid ergriffen, ſchauten die Tyroler hinab in die Schlucht. Der Dampf und der Staub hatte ſich verzogen, und deutlich konnte man jetzt die furchtbare Stätte da unten überſchauen, die Stätte des Grauſens, des Todes! Glücklich Diejenigen, welche die herabſtürzende Lawine von dem ſchmalen Wege ab hinabgeſtürzt hatte in den Fluß! Sie waren wohl dem Tode als Beute gefallen, aber es war doch nur ein einfaches Sterben, nur ein ſchnelles Dahinſinken in die Arme des Todes geweſen. Wohl hatte er Hunderte gebettet auf dem ſteinigten Grunde der ſchäumenden Eiſack, aber dieſe Hunderte hatten bei ihrem Sterben doch gleich ein leichtes Grab gefunden, und die brauſenden Waſſer hatten ihre Todesqualen abgekürzt. Aber was litten Jene, die dort unter den Trümmern begraben lagen, mit verſtümmelten Gliedern, was litten jene Hunderte, die da auf dem Wege lagen, auf dieſem wüſten Schlachtfeld, 90 A über welche die Felslawine als ſiegender Feldherr da⸗ vom hin gedonnert war. erklan Schauerlich war's hinabzublicken, ſelbſt den Tyrolern kam bebte das Herz bei dem Anblick dieſes Schutts, dieſes Kano Gerölls, aus dem Haufen blutiger Leichen hervorſtarrten, ſie h 5 und zerriſſene Gebeine und einzelne Menſchenglieder ſich der regten, die zwiſchen Baumzweigen und Steinen dalagen, einge während hier und dort unter dem Schutt hervor ſich blu⸗ erſch tige Geſtalten mit entſetzlichen Wunden emporrangen Tyr und doch gehalten wurden von dem fürchterlichen Feind, der wie das Weltgericht über ſie hereingebrochen war. Eng Schaudernd wichen diejenigen der Sachſen, welche Ta von der furchtbaren Lawine nicht getroffen worden,. Bru zurück. Wie die Tyroler das ſahen, verſtummte das. deu Mitleid über die Todten in ihnen, und mit einem zur wilden Triumphgeſchrei ſtürzten ſie hinab von den den Höhen auf den weichenden, geängſteten Feind. re Ein wildes Morden, ein raſendes Kämpfen entſtand, 34 der Muth der Verzweiflung ließ die Sachſen Stand Ein 3 halten, über die Leichen ihrer Brüder, über Schutt⸗ A haufen und Trümmer ſtürmten ſie dahin, in den Eng⸗ 8 paß hinauf, jeden Schritt vorwärts mit ihrem Blut erkämpfend, immer bemüht die Gefallenen zu rächen,* den Lebenden die Straße zu bahnen. 91 Aber auf einmal ertönte ein Jauchzen und Schreien vom Eingang der Schlucht, und ſchmetternde Muſik erklang und hallendes Freudengeſchrei. Den Sachſen kam Verſtärkung! Die Baiern waren da mit ihren Kanonen, denen ſie eine günſtige Aufſtellung gegeben, ſie hatten ſchon die beiden Bauernhöfe am Eingang der Schlucht, in welchen die Tyroler poſtirt waren, eingenommen, ſie ſtürmten hinein in die Schlucht, und erſchreckt von dieſem raſchen Vordringen zogen die Tyroler ſich wieder in die Berge zurück. Und auf und nieder wogte der Kampf in dieſen Engpäſſen bei Mittewald zwei Tage lang! Zwei Tage ſtanden die Sachſen den Tyrolern im mörderiſchen Bruderſtreit gegenüber, zwei Tage lang kämpfte der Deutſche gegen den Deutſchen, dem fremden Tyrannen zur Liebe, der ganz Deutſchland unterjocht hatte, und dem das treue deutſche Tyrol allein ſich nicht unter⸗ werfen wollte! Oft ſchwankte der Sieg hierhin und dorthin. Einmal gelang es an einem Ende des Paſſes den Schaaren des Herzogs von Danzig, den Kapuziner Joachim Haspinger mit ſeinen Schützen zu verjagen, und ſo die Straße für die durch den Engpaß daher ziehenden Sachſen frei zu machen. 92² Aber der Kapuziner war nur geflohen, um neue Streiter herbei zu holen, um ſeine Boten an Speck⸗ bacher und Peter Mayer, an Andreas Hofer und An⸗ ton Wallner zu ſenden, um die Sturmglocken läuten zu laſſen, und neue Schaaren um ſich zu ſammeln. Und Speckbacher kam daher geſtürmt mit ſeinen tapfern Schützen, den Sachſen im Rücken, und Anton Wallner kam mit den Seinen, und Peter Mayer brachte neue Schaaren, und Andreas Hofer kündete ſein nahes Kommen. 3 Aber auch die Sachſen erhielten neue Verſtärkung von den Baiern und den Franzoſen, die von Sterzing einerſeits, von Brixen andererſeits heranrückten. Immer auf's Neue raſte der Kampf empor, ſchwankte der Sieg herüber und hinüber. Aber die Tyroler kämpften für ihr Recht, ihre Freiheit, ihre deutſche Erde, die Sachſen und die Baiern kämpften für die Tyrannei, für den fremden Unterdrücker, für undeutſches Weſen! Gott gab den Tyrolern den Sieg, und in der „Sachſenklemme“ bei Mittewald mußten mehr als tauſend Sachſen mit dem Tode es büßen, daß ſie gegen deutſche Brüder auf deutſcher Erde für den franzöſiſchen Eroberer gekämpft und geſtritten hatten! D ihre der ſt verach wüthe bend er zu vor i müth 4 93 Die Tyroler kämpften für ihr Recht, ihre Freiheit, ihre deutſche Erde,— und der Herzog von Danzig, der ſtolze Marſchall von Frankreich, ward beſiegt von verachteten Bauern, er mußte ſich flüchten vor ihren wüthenden Schaaren, und ohne Mantel und Hut, be⸗ bend und leichenbleich, auf ſchaumbedecktem Roß, kam er zurück nach Sterzing, das er wenige Stunden zu⸗ vor in ſtolzer Siegesgewißheit verlaſſen, um das„über⸗ müthige Bauernvolk“ zu Paaren zu treiben. Jetzt hatte dieſes„übermüthige Bauernvolk“ ihn beſiegt. Gott iſt mit Denen, welche kämpfen für die deutſche Erde, das deutſche Recht, die deutſche Freiheit! Gott iſt mit Denen, welche ſich kühn erheben gegen die franzöſiſche Thrannei, den franzöſiſchen Uebermuth! IV. Der funßehnte Auguſt in Innsbruck. Gott iſt mit Denen, welche kämpfen für die deutſche Erde, das deutſche Recht, die deutſche Freiheit! Und wieder hatte er alſo den Tyrolern den Sieg verliehen. Zum andern Mal war es am Berg Iſel zwiſchen den Tyrolern und ihren franzöſiſchen und deutſchen Feinden zu einer Schlacht gekommen. Am elften Auguſt hatte die Schlacht begonnen, auf allen Punkten des Puſterthals, des Paſſeyrthals, überall wo der Feind war, zu gleicher Zeit. An dieſem Tage hatten die Heere von Andreas Hofer, Speckbacher und Haspinger ſich vereint, und bis gen Innsbruck hin hatten ſie gekämpft gegen den Feind. Ueberall war es zu Gefechten gekommen, überall hatten die Bauern die Soldaten zurückgedrängt, und ſo waren ſie Freund 95 und Feind mitſammen bis nach Innsbruck gelangt, der Herzog von Danzig mit ſeinem Heer in raſcher Flucht voraus, Hofer, Speckbacher und Haspinger mit ihren Tyrolern ihnen nach in glühender Verfolgung. Aber dieſer Eine Tag hatte nicht genügt, um eine Entſchei— dung zu bringen. Tauſende von Leichen bedeckten den Erdboden, doch der Tod ſchreckte die Landesvertheidiger nicht, die da kämpften für ihr deutſches Vaterland, der Tod ſchreckte die Soldaten nicht, die da kämpften für ihre Krieger⸗Ehre. Sie waren ſich einander an Zahl faſt gleich, die beiden wuthentbrannten, muthvollen Gegner. Das Heer des Herzogs von Danzig beſtand aus ſechsund⸗ zwanzigtauſend Mann, Baiern und Sachſen miteinge⸗ rechnet. Die vereinten Schaaren von Andreas Hofer, Speckbacher und Haspinger waren faſt eben ſo ſtark, und wenn Jene ihre beſſere Kriegsgewandtheit und ihre Kanonen für ſich hatten, ſo hatten die Tyroler dafür ihre Begeiſterung, ihren Patriotismus und das erhebende Gefühl ihres Rechts. Am zwölften Auguſt blieb der Herzog von Danzig in Innsbruck, um ſein zerſtreutes Heer zu ſammeln und neu zu ordnen. Am zwölften Auguſt lagerten die Tyroler⸗Anführer 96 vor Innsbruck, am Berge Iſel, und neue Schaaren ſtrömten von allen Seiten zu ihnen heran, und neue Streiter erſtanden für die heilige Sache! Als der Morgen des dreizehnten Auguſt heraufdämmerte, war das Heer der Tyroler auf zwanzigtauſend Streiter angewachſen, die jubelnd den neuen Tag begrüßten, und dann knieend vom Kapuziner Haspinger den Segen empfingen zu dem großen Werke des heutigen Tages. Mit dem Löwenmuth der Verzweiflung kämpften die Franzoſen, die Baiern und Sachſen. Mit dem Heldenmuth der Begeiſterung kämpften die Tyroler. Sie hatten keinen ſtrategiſchen Plan, keinen General, keinen Feldherrn an ihrer Spitze, aber die Begeiſterung gab ihnen Pläne ein, der Muth war ihr General, der Eine große gemeinſame Gedanke der Vaterlandsverthei⸗ digung war ihr Feldherr. Und mit dieſem Feldherrn an der Spitze ſiegten die Bauern über die kriegsgeübten Soldaten. Mit dieſem Feldherrn an der Spitze gewannen ſie am drei⸗ zehnten Auguſt dem franzöſiſchen Marſchall eine ent⸗ ſchiedene Schlacht ab, zwangen ſie ihn zum eiligen Rückzug von Innsbruck nach Salzburg hin. Die Tyroler hatten geſiegt, Tyroͤl war wieder frei, der fremde Eindringling hatte abermals aus dieſen eſen 97 Bergen ſich flüchten müſſen, aber reiche Kriegsbeute, zweitauſend Verwundete, und viele Gefangene, darunter viel Baiern und Sachſen, hatte er zurücklaſſen müſſen. Tyrol war wieder frei, und als die Sonne am Morgen des funfzehnten Auguſt über Innsbruck auf⸗ ging, ſtand Andreas Hofer mit ſeinen Siegerſchaaren droben auf dem Berg Iſel, und ſchaute tiefgerührt hinunter auf das dampfende, blutgetränkte Schlachtfeld, auf welchem vorgeſtern der Krieg mit allen ſeinen Schreckniſſen getobt hatte, ſchaute hin auf die Stadt Innsbruck, deren rauchende und brennende Häuſer das Zeugniß gaben von dem letzten Wuthausbruch des ent⸗ flohenen franzöſiſchen Marſchalls.*) Schaut's nur, was das Blut gekoſtet hat, und wie viel Unrechts hat geſchehen müſſen, um daß wir zu unſerm Recht kommen konnten, ſeufzte Andreas Hofer, *) Er ließ in der Nacht vom dreizehnten auf den vierzehnten Auguſt ganze Haufen von Leichen nach Innsbruck bringen, um es den Tyrolern unmöglich zu machen, die Zahl ſeiner Todten zu ermitteln. Sodann ließ er in dieſer Nacht alle Häuſer, Schlöſſer, Scheunen und ſonſtige Gebäulichkeiten um Innsbruck herum mit Pechkränzen bewerfen, und dieſe anzünden. Am vier⸗ zehnten Auguſt war ganz Innsbruck von Feuerſäulen umgeben, auch in der Stadt ſelbſt ſchlugen aus vielen Häuſern Feuerſäulen auf. Des Herzogs von Danzig letzter Rachegruß! Siehe: Gallerie der Helden: Andreas Hofer. S. 126. Mühlbach, Andreas Hofer. III. 7 —— 2— 98 hinunter deutend auf das Schlachtfeld. Mein Herz erbarmt ſich in Mitleid, wenn ich's ſeh', und ich bitt' Euch Alle inbrünſtiglich, habt jetzt Erbarmen mit den Verwundeten, ſeid milde mit den Gefangenen. Wir haben da an die tauſend baieriſche und ſächſiſche Ge⸗ fangene. Schaut nur, da drunten ſtehen ſie im dichten Haufen, und die Unſrigen ſtehen um ſie her, und necken ſie und verhöhnen ſie. Geh' zu ihnen hinunter, Du mein lieber Schreiber Döninger, ſag' ihnen, ſie ſollen ein erbarmend Herz haben, ſollen allzeit bedenken, daß die Gefangenen jetzt nit mehr ihre Feinde ſind, ſondern ihre deutſchen Brüder, daß ſie Sachſen und Baiern ſind, Eine Sprache mit uns reden, Ein Vaterland mit uns haben. Sag's den Unſern, Döninger, und ruf' ihnen in des Andreas Hofers Namen zu:„Thut den Gefangenen nichts! Es ſind Sachſen und Baiern, und ganz brave Leut'!“*) Ganz brave Leut' ſind's juſt nicht, ſagte Speck⸗ bacher, der zur Rechten Hofer's ſtand, nein, Anderl, ganz brave Leut' ſind's nicht, ſonſt hätten's nicht ge⸗ kämpft gegen uns, die wir doch gewiß brave Leut' ſind, und nichts gethan haben, als unſer liebes Landel zu vertheidigen. *) Andreas Hofer's eigene Worte. Siehe: Gallerie ꝛc. S. 125. An ſich lä befand. ſehen, wiſſen hat, u aber g Kriegs er ein V wären der K wären wohlt welche Wang Ander dem! als r naus ih w 99 Andreas Hofer, ſtatt ihm zu antworten, wandte ſich lächelnd zu dem Kapuziner, der ſich ihm zur Linken befand. Bruder Joachim, ſagte er ſanft, ſollteſt doch ſehen, daß Du unſerm Sepperl ein biſſel in's Ge⸗ wiſſen red'ſt, damit er thut, wie's der Heiland befohlen hat, und ſeinen Feinden vergiebt. ˙S iſt ein gar lieber, aber gar ſtörriger Geſell, ein gar muthiger und kluger Kriegsmann, aber ſchaden könnt's ihm halt nit, wenn er ein beſſerer Chriſt wär'! Wenn wir in dieſen Tagen gute Chriſten geweſen wären, würden wir nimmer geſiegt haben, brummte der Kapuziner kopfſchüttelnd. Wenn wir gute Chriſten wären, ſo müßten wir unſere Feinde lieben, Denen wohlthun, die uns beleidigen und verfolgen, und Denen, welche uns einen Backenſtreich gegeben, die andere Wange auch hinhalten. So lang' man Soldat iſt, Anderl, kann man kein guter Chriſt ſein, und ich dank' dem lieben Herrgott, daß wir uns geſchlagen haben, als recht grobe, tapfere Heiden. Wenn aber der Feind vraus, und der Friede wieder drin iſt im Land, und ich wieder heimgekehrt bin in mein langweilig Kloſter zu Seeben, dann will ich wieder ein frommer Kapu⸗ ziner werden, und dem lieben, tapfern Sepperl Speck⸗ 7* 100 bacher da in's Gewiſſen reden, daß er ein ſo frommer Chriſt werde, wie's unſer Andreas Hofer iſt. Nein, nein, Bruder Joachim, ſo lang' wollen wir nit warten, um uns als gute Chriſten zu zeigen, rief Andreas eifrig. Der große und gütige Gott hat uns beigeſtanden in der Schlacht, und hat uns den Sieg gegeben über unſere Feind'! Laſſet uns alſo ihm danken für ſo große Gnad' und Liebe, laſſet uns zu ihm beten, daß er unſern Sieg ſegne, und Denen, welche ihn mit ihrem Leben haben bezahlen müſſen, eine gnadenvolle Auferſtehung gebe! Er zog ſeinen großen Roſenkranz aus ſeiner Buſen⸗ taſche, und Aug' und Sinn andachtsvoll zum Himmel emporgewandt, ſank Andreas Hofer auf ſeine Kniee nieder. Ja, laſſet uns Gott bitten, daß er unſeren Sieg ſegne, ſagte Pater Haspinger, gleich Andreas Hofer ſein Knie beugend, und Speckbacher folgte ſeinem Beiſpiel. Und die frommen Tyroler, wie ſie ihre Führer dort oben auf der Bergſpitze knieen ſahen, fühlten ihr Herz erbeben in Andacht und Rührung, und auch ſie knieeten nieder, und ihr Jauchzen und Jodeln, ihr Schreien und Lachen verſtummte, nur fromme Gebete hörte mo nelodiſch Jansbru das Nal In! Wolken dieſe gar oben au in ihrer Thräne di dieſem ſanken mit ihr wie Je dankend guter( Au Jauchr unterb langer imer eten, mit volle uſen⸗ umel niee Sieg dofer inem hrer ihr 101 hörte man murmeln und flüſtern, und dazwiſchen das melodiſche Geläute der Glocken, mit denen man in Innsbruck das Abziehen des franzöſiſchen Marſchalls, das Nahen der ſiegreichen Landesvertheidiger feierte. In dieſem Moment brach die Sonne zwiſchen den Wolken hervor und beleuchtete mit ſtrahlendem Licht dieſe ganze wunderbare Scene, die drei knieenden Helden oben auf der Bergſpitze, und rings umher die Tyroler in ihrer maleriſchen Landestracht auf den Knieen, mit Thränen in den Augen Gott dankend für den Sieg. Die gefangenen Baiern und Sachſen, ergriffen von dieſem Anblick, von der Heiligkeit des Momentes, ſanken gleich den Tyrolern auf ihre Kniee nieder, und mit ihren Feinden zugleich beteten ſie zu Gott, nicht, wie Jene, ihm dankend für den Sieg, aber doch ihm dankend, daß er ſie zu Gefangenen ſo frommer und guter Sieger gemacht.*) Auf einmal ward dieſe fromme Scene von lautem Jauchzen und Schreien, von Singen und Jodeln unterbrochen und den Berg hinauf wälzte ſich ein langer ſtattlicher Zug von ſingenden, jubelnden Menſchen. Die Studenten von Innsbruck waren es, welche *) Der Mann von Rinn, Joſeph? Speckbacher. Von Joh. Mayr. S. 196. 102 daher kamen, Andreas Hofer als Sieger zu begrüßen, und ihn im Triumph in die Stadt zu geleiten. Viel Volks hatte ſich ihnen unterwegs angeſchloſſen, mit lauten jubelnden Stimmen riefen Alle: Wo iſt Andreas Hofer, der Vaterlandserretter? Wo iſt Andreas Hofer, der Befreier? Die den Studenten voranſchreitenden Muſici ſtimmten jetzt, als ſie Andreas gewahrten, der ſich bei ihrem Nahen von ſeinen Knieen erhoben hatte, einen ſchmet⸗ ternden Tuſch an. Aber er hob gebieteriſch ſeinen Arm empor und ſofort verſtummte die Muſik und das Jauchzen der Studenten, die ehrfurchtsvoll vor der hohen, ſtattlichen Geſtalt des Barbone ſich neigten. Bſt! Bſt! ſagte Andreas ernſt, beten! Nit ſchreien und muſiciren. Ich nit, wir alle nit, der da droben hat's gethan!*) Aber geholfen habt Ihr dem lieben Herrgott doch ein biſſel, ſagte der Sprecher der Studenten, und darum müßt Ihr's Euch ſchon gefallen laſſen, daß ganz Tyrol Euch dankt, und Euch ſeinen Retter und Befreier nennt. Wir ſind gekommen als die Boten *) Andreas Hofer's eigene Worte. Siehe: Der Mann von Rinn. S. 197. der Haug uß Ihr haltet in Ja, ich mir eeflehet, ſeinziehen arg gehe den liebe Jansor bacher braven Und den Fr. in einer meln ge bei der Sandwi Kapuii wrüchti ſiolzen. hacher, in den de n 1 103 der Hauptſtadt von Tyrol, und wir ſollen Euch bitten, daß Ihr nicht länger ſäumt, ſondern Euren Einzug haltet in Innsbruck. Ja, ich werd' kommen, rief Andreas freudig, was ich mir von Gott dem Herrn als größte Gnad' hab' erflehet, das iſt geſchehen, und als Sieger werden wir einziehen in die Stadt, in welcher der böſe Feind gar arg gehauſt hat. Kehrt heim, Ihr Lieben, und ſagt's den lieben Menſchen, daß wir in einer Stund' nach Innsbruck kommen werden, der Rothbart, der Speck⸗ bacher und ich, und daß wir uns freuen wollen, die braven Leut' Alle wieder zu ſehen.— Und nach einer Stunde hielt Andreas Hofer mit den Freunden ſeinen Einzug in Innsbruck. Er ſaß in einer ſtattlichen Karroſſe von vier prächtigen Schim⸗ meln gezogen, welche er ſelber einem franzöſiſchen Obriſten bei der Flucht über den Brenner abgenommen. Dem Sandwirth zur Seite ſaß Joachim Haspinger, der Kapuziner, und neben der Kutſche auf dem ſtolzen, prächtig aufgeſchirrten Rappen, der vorgeſtern noch den ſtolzen Herzog von Danzig getragen, ritt Joſeph Speck⸗ bacher, ſtrahlenden Angeſichts, die helle Siegesfreude in den dunkeln feurigen Augen. Dem Wagen voraus zog eine Schaar jauchzender 1 1 104 Landleute mit Schwögel⸗Pfeifen und Geigenmuſik, aus allen Fenſtern und von allen Balconen hingen Teppiche und Fahnen hernieder, grüßten ſchön geputzte Frauen den Sieger mit wehenden Tüchern, und das Volk auf der Straße, und die Frauen auf den Balconen, und die Buben auf den Dächern und den Bäumen, Alles rief und ſchrie: Heil Andreas Hofer! Heil dem Ober⸗ Commandanten von Tyrol! Und dazu läuteten die Glocken, donnerten die Böller, die man auf dem Markt⸗ platz aufgeſtellt hatte, ſchwirrten die Pfeifen und Geigen. Hör' Du, Bruder Haspinger, ſagte Andreas Hofer, ſich zu dem Kapuziner neigend, während der Wagen ſich langſam vorwärts bewegte, ich möcht' halt nit immer mit ſolchem Geſchrei und Dudeldumdei in die Stadt'nein kommen, und denk' mir, es muß gar ſauere Arbeit ſein für die Fürſten, immer ein freundlich Ge⸗ ſicht dazu zu ſchneiden, wenn ſie ſo mit Volkslieb' moleſtirt werden. Hab' mir's viel ſchöner gedacht, und mich wahrhaft gefreut auf unſern Einzug, und jetzt hab' ich den Einzug herzlich ſatt, möcht' wohl, daß ſie das Gefidele ſein ließen, und Platz machten, damit der Wagen raſcher vorwärts käme! Mich hun⸗ gert, und ich möcht', ich wär' erſt bei meinem lieben Freund Niederkircher, dem Adlerswirth. 1 105 Mußt's doch lernen, ein freundlich Geſicht zu ſchneiden, wenn Dir's Volk entgegenjauchzt, ſagte Haspinger lachend. Biſt ja jetzt auch ein Fürſt worden, und ich denk', Dein Volk wird Dich ſehr lieb haben. Was red'ſt für Unſinn, Bruder? fragte Hofer ärgerlich. Nicht Unſinn, Anderl, ſondern ich ſag', was wahr, und was nothwendig iſt. Horch' doch nur, Bruder, horch' nur, was alles Volk ruft und ſchreit. Vivat, vivat Andreas Hofer, rief ſo eben wieder die Menge, die tanzend und jodelnd den Wagen um— wogte, vivat der Ober⸗Commandant von Tyrol. Sie nennen mich den Ober-Commandanten von Tyrol, ſagte Andreas ſinnend. Soll ich's denn ſein, Joachim, iſt's nöthig, daß ich mich ſo nenn'? Sollſt Dich ſo nennen, Anderl. Einer muß da ſein, der an der Spitze ſteht, und zu dem das Volk aufſchaut als zu ſeinem Stern, an den es ſich wendet, als zu ſeinem Tröſter, ſeinem Richter und Helfer. Und weil das Volk zu Dir Vertrauen hat und Dich liebt, ſo mußt Du der Eine ſein, der das Ganze zu— ſammenhält, damit es nicht auseinander fällt. Du ſollſt das Haupt ſein, und wir Andern, wir wollen Deine Hände ſein und Dein Gedanke, und wollen arbeiten und kämpfen und denken für Dich und für 3 106 Tyrol. Es muß für uns All' ein Oberer da ſein, ein Ober⸗Commandant von Tyrol, und darum ſollſt Du's ſein, Anderl. Wenn Du's ſagſt, ſo bin ich's ſchon, ſagte Andreas, leis mit dem Kopf nickend. Bin der Ober⸗Comman⸗ dant von Tyrol, ſo lang bis wieder Ruh iſt und Frieden, und der Feind für immer aus'm Landel hinaus iſt. Aber ſchau', da ſind wir jetzt endlich vor dem Haus des Adlerwirths ankommen, und da ſteht der Nieder⸗ kircher mit ſeinem lieben runden Geſicht. Gott grüß! Dich, Niederkircher, was ſchauſt mich denn halt ſo feierlich an, und warum haſt denn Dich ſo mörderlich herausſtaffirt? Biſt ja im feinſten Sonntagsſtaat, und doch iſt Werkeltag, mein' ich! Ein hoher Feſttag iſt's heute, rief der Adlerwirth, der Ober⸗Commandant von Tyrol, der große Andreas Hofer, hält ſeinen Einzug, und darum hab' ich meinen Sonntagsſtaat angelegt, und darum mach' ich ein ſo feierliches Geſicht, denn es würd' ſich doch nit ſchicken, den Herrn Ober⸗Commandanten von Tyrol zu umarmen, wie ich's ſonſt gar gern thun möcht'! Biſt ein Narr, Alter, ſagte Andreas, ſeinen Arm um den Hals des Freundes legend; ſoll ich der Ober⸗ Commandant ſein vor den Leuten, bin ich doch vor den Freund ſchlichte und D in mei bei Di de Hinter halt ni Mein Balco ſchon T ängſtl F Deinen Es Hatte ſo tra von d nit a zimme ſein k 107 Freunden immer der Andre Hofer, der Sandwirth und ſchlichte Bauersmann. Komm' hinein in's Haus, Liebſter, und Du, Joachim, komm' mit uns. Sol! Führ' mich in mein Hinterſtübel, wo ich immer hauſ', wenn ich bei Dir bin. Der Himmel behüt' mich, rief der Adlerwirth, im Hinterſtübel darfſt nimmermehr ſein, das würd' ſich halt nit ſchicken für den Ober⸗Commandanten von Tyrol. Mein prächtigſtes Zimmer mußt Du haben mit dem Balcon nach der Straß' hin, und es iſt auch Alles ſchon für Dich bereitet. Muß ich da hinein, Joachim? fragte Andreas faſt ängſtlich den Kapuziner. Ja, Anderl, Du mußt, entſchied der Pater. Mußt Deiner neuen Würde, mußt uns Allen Ehre machen. Es iſt recht ſchad', daß ich's muß, ſeufzte Andreas. Hatte mich halt recht gefreut auf's Hinterſtübel, wo's ſo traulich iſt und ſtill, und wo man nit ſo viel hört von dem Lärm und Geſchrei da draußen. Aber wenn's nit anders ſein kann, nun ſo laßt uns in's Parade⸗ zimmer gehen, aber ich bitt' Dich, gieb uns da, wenn's ſein kann, einen Imbiß. Ein paar herzhafte Knödel und dazu ein Glaſel Landwein, Bruderherz. Nein, nein, Andreas Hofer, das geht heut' nit an, 108 rief der Adlerwirth eifrig, hab' ſchon alle Händ' in Bewegung geſetzt ſeit Sonnenaufgang und ein gar prächtiges Eſſen wirſt Du haben, wie's ſich geziemt für den Ober⸗Commandanten von Tyrol. Ich kann ſagen, Speckknödel und Landwein im Hinterſtübel wär' mir lieber geweſen, ſagte Andreas Hofer kleinlaut, während er mit dem Adlerwirth und dem Kapuziner die breite Stiege hinaufſchritt zu dem Prachtzimmer des Hauſes. Und in der That, es war ein gar ſtattliches und ſchönes Gemach, in welches ſie jetzt eintraten, und wenn's auch vielleicht nicht ſo behaglich war, wie das „Hinterſtübel,“ ſo war's doch immer angenehm, jetzt endlich unter Dach und Fach zu ſein, und ein bischen Einſamkeit und Ruh' zu haben. Und da in der Mitte des ſchönen Zimmers ſtand ein gedeckter Tiſch mit Blumenguirlanden umwunden, und beſetzt mit Wein⸗ flaſchen, ſchönem Backwerk und allerhand Früchten. Jetzt, Ihr hohen Herren, macht's Euch bequem, ſagte der Adlerwirth fröhlich, legt Euch ein biſſel auf's ſeidene Kanapee und ruht Euch. Ich geh' indeß in die Küch', meine Befehl' zu geben und für den Ober⸗ Commandanten und ſeine zwei Generäle, den Haspinger und den Speckbacher, ſerviren zu laſſen. 109 Ich werd' gleich thun, wie Du geſagt haſt, brummte der Kapuziner, werd's mir bequem machen! Und mit einer raſchen Bewegung ſchnellte er ſeine dicken ſtaubigten Lederſchuhe von den Füßen, daß ſie weithin durch das Zimmer in den Winkel flogen, dann legte er ſich auf den Teppich nieder, der vor dem Kanapee ausgebreitet war, und behaglich ſeine Glieder ſtreckend, rief er: wahrhaftig, ſo bequem hab' ich's mir nicht machen können ſeit vielen Tagen. Aber Du,— Ihr, Herr Ober⸗Commandant, ſagte Niederkircher bittend, Ihr werdet doch mein Kanapee nicht verſchmähen? Ruh' Dich d'rauf ein biſſel, Anderl, bis daß die Kellner Dir's Diner, wie die vornehmen Leute's heißen, auftragen. Behüt' der Himmel, erſt muß ich für die Thier' ſorgen, rief Andreas eifrig. Haſt wohl geſehen, Adler⸗ wirth, was ich da für prächtige vier Schimmel hab'? Es iſt meine richtige Kriegsbeut' und ich will ſie mir zum Angedenken behalten, und ſie nimmermehr verkaufen, obwohl ich ein gut Stück Geld dafür bekommen würd', denn es ſind gar herrliche Thier', nur das vordere Handpferd', mein' ich, iſt ein biſſel ſchwach in der Bruſt und muß geſchont werden. Eh' ich an's Eſſen geh', und mir's bequem mach', muß ich erſt gehen, und den 110 Thieren ihr Futter geben, und nachſehen, ob ſie's bequem haben. Weißt wohl, Niederkircher, hab' immer ſelbſt meine Thiere abgefuttert, und will's alſo auch heute thun! Und mit haſtigem Schritt eilte er der Thür zu, aber der Adlerwirth ſprang ihm nach und hielt ihn zurück. Um Gotteswillen, Sandwirth, rief er entſetzt, was willſt denn thun? Biſt ja heut nit der Pferdehändler und Sandwirth, biſt ja der Ober⸗Commandant von Tyrol. Es iſt wahr, ich hatt's vergeſſen, ſeufzte Andreas. So geh' denn, Lieber, und ſorg' für's Eſſen, und laß auch für meine Schimmel ein tüchtig Bund Heu in die Krippe legen. Aber, Du lieber Herrgott, was iſt denn das für ein fürchterlicher Lärm auf der Straße? Schreien doch die Menſchen, daß die Mauern zittern, und die Fenſter klirren? Was wollen's denn, und was ſchreien ſie denn immerfort meinen Namen? Schau' 'mal'naus, Adlerwirth, und ſieh', was es giebt? Der Adlerwirth eilte an's Fenſter und ſchob den Vorhang bei Seite, um hinunterzuſchauen auf die Straße. Kopf an Kopf gedrückt, ſtand da unten das Volk und ſchrie und rief, und tobte und jauchzte: Andreas Hofer! Komm' heraus! Vivat der Ober⸗ hina trete geiſt bis Thr Ka 111 Commandant von Tyhrol, der Befreier! Wir wollen ihn ſehen, wir müſſen ihm danken, daß er uns errettet hat von dem böſen Feind. Andreas Hofer! Andreas Hofer! Es hilft Alles nit, Anderl, Du mußt auf den Balcon hinaus, ſagte der Adlerwirth, von dem Fenſter zurück⸗ tretend. Das Volk ſchreit und tobt vor Lieb' und Be⸗ geiſterung und wird ſich nit eher zur Ruh' geben, als bis Du Dich gezeigt und eine Red' gehalten haſt. Thu's alſo, Freund, geh' hinaus auf den Balcon! Muß ich? fragte Andreas kläglich, ſich nach dem Kapuziner wendend, der ſich behaglich auf dem Teppich ſtreckte. Du mußt, Bruder, ſagte Joachim gravitätiſch, das Volk wünſcht ſeinen Liebling zu ſehen, und es wär' halt wohl undankbar, wenn Du ſeine Lieb' nicht an⸗ nehmen wollt'ſt! Andreas Hofer ſeufzte, aber er ergab ſich und ſchritt nach dem Balcon hin, deſſen Thüren der Adlerwirth weit vor ihm öffnete. Wie die Tauſende da unten die hohe Geſtalt ihres Lieblings erſchauten, erfüllte ein unermeßliches Jubel⸗ geſchrei die Luft, und Alles ſchwenkte die Hüte, und e ————:—— 112 Alles brüllte und jauchzte: Vivat Andreas Hofer! Vivat der Ober⸗Commandant von Tyrol! Und jetzt überkam eine tiefe innige Rührung das weiche, dankbare Gemüth Andreas Hofers; ſo vieler Liebe, ſo vieler Begeiſterung gegenüber, ſchwoll ſein Herz vor Freude und Entzücken, und Thränen reinſter Freude füllten ſeine Augen, die mit innigem Liebesblick das jauchzende Volk grüßten. Es drängte ihn, dieſem guten Volk zu danken, ſeiner Liebe Ausdruck zu geben, und Ruhe gebietend, hob er den Arm empor. Sofort verſtummte das Schreien und Jubeln, und unter dem athemloſen Schweigen der Menge ſprach Andreas mit lauter, weithallender Stimme:„Grüß' Euch Gott, meine lieben Innsbrucker! Weil Ihr mich halt zum Ober-Commandanten gewollt habt, ſo bin ich jetzt da. Es ſind aber noch viel Andere da, die keine Innsbrucker ſind. Alle, die unter meinen Waffen⸗ brüdern ſein wollen, die müſſen für Gott, für Kaiſer und Vaterland als tapfere, redliche und brave Tyroler ſtreiten. Die aber das nit thun wollen, die ſollen heimwärts gehen! Die meine Waffenbrüder werden wollen, die ſollen mich nit verlaſſen! Ich werde Euch auch nit verlaſſen, ſo wahr ich Andreas Hofer heiße! Geſag iehüt T als? noch deſſel in da Nbler ebe hs frſec zum dant Sup habe And u2 113 Geſagt hab' ich's Euch, geſehen habt Ihr mich! Jetzt behüt' Euch Gott!“*) Wieder erhob ſich ein unermeßliches Jubelgeſchrei, als Andreas Hofer ſeine Rede beendete, und dies tönte noch fort, als er ſchon den Balcon verlaſſen, die Thüren deſſelben feſt hinter ſich zugedrückt hatte, und wieder in das Zimmer zurückgetreten war. Haſt gar brav und ſchön gered't, Anderl, ſagte der Adlerwirth, ihm die Hand darreichend und mit innigem Liebesblick in ſein erhitztes Antlitz ſchauend. Man hat's gehört, daß Deine Wort' nit einſtudirt waren, ſondern friſch vom Herzen kamen, ſo werden ſie auch Allen zum Herzen gehen. Jetzt aber, Herr Ober⸗Comman⸗ dant von Tyrol, jetzt, wenn's beliebt, zu Tiſche. Die Supp' iſt angerichtet, und ich ſelber werd' die Ehre haben, den Herrn Ober⸗Commandanten zu bedienen. Aber der Speckbacher iſt ja noch nit da, ſagte Andreas Hofer, und ohne den können wir doch nimmer zu Tiſch gehen. Wir haben mitſammen gekämpft und gearbeitet, jetzt wollen wir auch mitſammen der Ruhe und des Leibes pflegen. Meinſt nit auch, Bruder Rothbart? *) Andreas Hofer's eigene Worte. Siehe: Gallerie der Helden: Andreas Hofer. S. 126. Mühlbach, Andreas Hofer. III. 8 114 Aber der Kapuziner antwortete nicht, oder vielmehr er antwortete nur mit einem langgedehnten vernehm⸗ lichen Schnarchen. Bei unſeren lieben Frauen, der Joachim iſt auf dem Fußboden da eingeſchlafen, rief Andreas lächelnd. So wecken wir ihn halt, ſagte der Adlerwirth, ſich nach dem Schlafenden hinwendend. Nein, Lieber, nein, das thun wir halt nit, flüſterte Andreas ihn zurückdrängend. Der treue und tapfere Bruder Rothbart hat ſo lang und ſo viel gewacht, und ſo raſtlos gearbeitet, daß man ihm die Ruh gön⸗ nen muß, und daß es eine Sünd' und eine Schand, wär', ihn aus ſeinem Schlaf zu wecken. Warten wir alſo mit dem Eſſen, bis der Speckbacher da iſt, und der Haspinger ausgeſchlafen hat. Aber Du ſagteſt doch, daß Du hungrig wärſt, Andreas? Warum willſt denn warten? Warum ißt Du denn nit, und läßt die zwei Andern nachher nit allein eſſen? Du biſt doch der Ober⸗Commandant, der Vornehmſte von ihnen Allen, und ſie müſſen ſich nach Dir ſchicken, und Du nit nach ihnen. Red' nit ſo was, rief Andreas heftig, Ober⸗Com⸗ mandant bin ich blos, weil es nothwendig iſt, daß Einer da iſt, der's Ganze zuſammenhält, damit es nit 115 auseinanderfällt. So hat Pater Haspinger geſagt, und ſo iſt's auch. Aber wenn ich für's Landl Ober⸗ Commandant bin, ſo bin ich's doch nit für die Freund' und Waffenbrüder. Wir haben alle drei nach beſten Kräften für's Vaterland gearbeitet und nit mehr hab' ich gethan, als der Speckbacher, oder der Kapuziner. Es iſt wahr, hungrig bin ich, aber ohne die Freund' geh' ich nit zum Eſſen, und ganz gut iſt's, daß ſie nit hier ſind, und daß ich noch ein biſſel Zeit hab'! Hätt' über meinen Magen beinah' des lieben Herr⸗ gotts vergeſſen, und dadurch, daß die Freund' noch nit zum Eſſen bereit ſind, läßt er mich mahnen, daß ich ihm noch etwas ſchuldig bin, und daß ich zu ihm kommen ſoll. Laß alſo Deine ſchöne Suppe immerhin noch ein biſſel warm ſtellen, Niederkircher, ich geh' derweil noch einmal in die Franziskanerkirch', um mich zu melden beim lieben Herrgott als ſein treuer Diener und Soldat! Er nahm ſeinen ſchwarzen Tyrolerhut, und ging von dannen mit eiligem Schritt die Stiege hinab aus dem Hauſe hinaus und die Straße hinunter. Die verdrießlichen unzufriedenen Mienen des Adlerwirths, und daß dieſer ſeinen Abſchiedsgruß nicht erwiederte, das hatte er gar nicht bemerkt, denn alle ſeine Ge— 8* * 116 danken hatten ſich jetzt zu Gott hingewendet, und in hoch tiefer Zerknirſchung machte er ſich Vorwürfe darüber, näcj daß er, um ſeines Leibes Nahrung willen, Gottes lieber faſt vergeſſen hätte. haus Verzeih's mir, mein Herr und Gokt, murmelte er, herr als er in die weiten düſtern Hallen der Kirche eintrat, Aber verzeih' mir's, daß ich nit gleich zu Dir kam; der Geiſt war willig, doch das Fleiſch war ſchwach! L Mit leiſen eiligen Schritten, um nicht die Betenden niſ zu ſtören, oder von ihnen bemerkt zu werden, ging er gei durch den Seitengang hin zu einem der kleinen Altäre der und vor demſelben warf er ſich andächtig auf ſeine beſc 1 Kniee nieder. a Hier bin ich, mein Herr und Gott, flüſterte er, Ind 3 ſeine beiden Hände über ſeinem Bart haltend, hier bin Imn ich, um Dir die Ehr' zu geben, und Dir zu danken, beſch daß Du uns freigemacht vom Feind, und uns den 11 .... 1 Sieg verliehen haſt. Ich dank' Dir dafür aus Herzens⸗ he grund, denn Deine Gnad' iſt bei uns geweſen, und 4 un Du haſt uns geführet als der rechte Feldherr. Führ' uns nun auch ferner, mein Herr und Gott, und ſteh' Deinem getreueſten Knecht bei, damit er das Rechte treffe bei dem ſchweren Werk, dem ich mich jetzt un⸗ 5 terziehen ſoll! Herr, Du weißt, daß ich nit aus eitel un 117 Hochmuth und Aufgeblaſenheit mich'naufſchwindeln möcht' zu dem, was ich nit bin, Du weißt, daß ich lieber einfach und ſtill daheim wär in meinem Wirths⸗ haus bei Weib und Kind, ſtatt daß ich hier den großen Herrn ſpielen, und'n vornehmen Titel annehmen muß. Aber der Kapuziner, der klüger iſt, als ich, der ſagt ja, daß es ſo ſein muß, und daß ich mich dem Regi⸗ ment unterwerfen, und das Commando übernehmen muß, und ſo füg' ich mich in Geduld und muß mir's gefallen laſſen, hier den Herrn zu ſpielen, bis Du mein Herrgott mir wieder erlaubſt, Dein demüthiger und beſcheidener Knecht zu ſein, und wieder heimzukehren zu meiner lieben Anna Gertrudel, zu den drei Mädels und dem lieben Buben. Oh Du allgütige, heilige Jungfrau, hab' ein Mutteraug' für meine Lieben daheim, beſchütze und behüte ſie, und gieb, daß ſie Frieden haben im Herzen, und ſich nit ängſtigen um mich! Gieb uns Allen den Frieden, heilige Mutter Gottes, und— Seht, ſeht, das iſt er, rief hinter ihm eine laute Stimme und ſchreckte ihn aus ſeinem Gebet empor. Seht ihn, den großen Helden, wie er demüthig da liegt vor dem Altar. Seht Andreas Hofer! Unwillig über die Störung und die an heiliger 118 . Stätte ſo laut geſprochenen Worte, ſchaute Andreas* hinter ſich. Und da ſtanden dicht aneinander gedrängt in dem Gange wohl mehr als hundert Menſchen, und Aller Augen waren zu ihm hingewandt, und Jeder und ſchob vorwärts, und reckte den Hals empor, um An⸗ rni dreas Hofer zu ſehen, um ſeinen ſchönen Bart zu une bewundern, und ſein ganzes Weſen zu muſtern. Un⸗ aiai bemerkt von ihm, war man ihm gefolgt, und da ſich dnd, ſchnell überall die Kunde verbreitet hatte, Andreas ſüd Hofer, der Ober⸗-Commandant von Tyrol, habe ſich nich nach der Franziskanerkirche begeben, war Alles dahin— geeilt, um ihn zu ſehen, ihn zu begrüßen, und ihm zu beſſ huldigen. kaun Aber Andreas fand dieſe Huldigung ſehr läſtig,, nach und es ärgerte ihn, daß er ſelbſt beim Gebet Zuſchauer nach gehabt. Er machte daher zu den Liebesbeweiſen und fürch den enthuſiaſtiſchen Begrüßungen ein gar ſüßſaueres Geſicht, und drängte haſtig durch die Menge nach dem doll Ausgang hin. Geſt Ich dank' Euch für Eure Lieb', ſagte er zu denen, hina die ihm nahe ſtanden, aber lieber wär's mir doch ge⸗ weſen, Ihr hättet mich ruhig und unbemerkt gehen ſagte laſſen, und hättet mich nit geſtört in meinem Gebet. rit Jetzt aber bitt' ich Euch, laßt mich allein heim gehen, ſind 119 und folgt mir nit. Den großen Herren mag's anſtehen, wenn ſie ein ſtattlich Gefolg hinter ſich haben, ich aber bin ja nur ein ſchlichter Tyroler, wie Ihr Alle, und möcht' und will gar nit mehr ſein. Iſt auch gar nichts Beſonderes an mir zu ſchauen, und ſeh' nit anders aus, als Ihr lieben Menſchenkinder all' mit einander.— So bitt' ich Euch denn, thut mir's zu Lieb, und geht nit mit mir, ſondern laßt mich ſtill fürbaß gehen, und zum Adlerwirth zurückkehren, der mich zum Mittageſſen erwartet. Und ihm zu Liebe gehorchten ſie, und traten ſtill beiſeit, daß er vorüber und zur Kirchthür hinausgehen konnte. Dann aber ſtürzten ſie hinterher, um ihm nachzuſchauen, und wenigſtens aus der Ferne ihm nachzurufen:„Es lebe Andreas Hofer, der gottes⸗ fürchtige Ober⸗Commandant von Tyrol!“ Aber Keiner wagte es doch, ihm nachzufolgen, und voll Ehrfurcht und Liebe ſchauten Alle ſeiner hohen Geſtalt nach, die langſam und würdig die Straße hinabſchritt. Wunderliche Menſchen ſind's doch in den Städten, ſagte Andreas Hofer zu ſich ſelber, während er dahinging, nit einmal ruhig beten laſſen's Einen, und neugierig ſind's wie die Schwalben. Ueberall ſchlüpfen's Einem 120 nach und ſtarren Einen an als wär' man ein Wunder⸗ thier. Wenn das„Berühmtſein“ heißt, ſo dank' ich für den Ruhm, und um Alles in der Welt willen möcht' ich nit mein Lebelang ein vornehmer oder be⸗ rühmter Herr ſein! Wenn erſt wieder Frieden im Land iſt, und kein Feind mehr da, den wir bekämpfen müſſen, ſo werden's das Biſſel, was ich gethan hab', vergeſſen, und ich werd' wieder ruhig und ſtill auf meiner Wirthſchaft daheim leben können, und Niemand wird dem Sandwirth nachlaufen, wenn er nach Inns⸗ bruck kommt, um Pferd' zu verkaufen, und beim Adler⸗ wirth werd' ich wieder im Hinterſtübel ſitzen dürfen, und Knödel eſſen und Landwein trinken. Ach Du liebe Mutter Gottes, gieb, daß wir bald ſo weit ſind, und daß der Ober⸗Commandant von Tyrol wieder der Sandwirth Andreas Hofer ſein kann! Hurrah, es lebe der Ober⸗Commandant von Tyrol, riefen eben ein paar Männer, die ihn erkannt hatten, und ſtehen blieben, um ihn ehrfurchtsvoll wie einen Fürſten zu begrüßen. Andreas Hofer eilte raſcher vorwärts, und war herzensfroh, als er jetzt das Haus des Adlerwirths erreicht hatte. V. Andreas Bofer, der Statthalter des Kaiſers. Haſtig ſchritt Andreas die Treppe hinauf, und ging nach dem Balconzimmer. Der Kapuziner hatte ſich jetzt von dem Teppich erhoben, Joſeph Speckbacher war bei ihm, und Beide eilten Andreas Hofer entgegen, ihn zu begrüßen. Haſt grauſam lang' auf Dich warten laſſen, Bruder, ſagte der Kapuziner unwirſch, hätt'ſt bedenken ſollen, daß wir nichts im Leib' haben, und alſo hungrig ſind. Ja, Vater Anderl, rief Speckbacher lächelnd, haſt uns den Brodkorb gar gewaltig hoch gehängt, und ganz ſchwach ſind wir vom Hungern und Warten! Jetzt zanken ſie mich aus, ſagte Andreas milde, ich hab' ſie jetzt warten laſſen! Und ich mein' doch, ich hab' auf ſie gewartet, und bin vor Hunger in die Kirch' gangen. Na, laßt's gut ſein, lieben Waffen⸗ -—-——— 4 122 brüder, und Freund', wir ſind nun beiſammen, und deß wollen wir froh ſein. Und ſchaut nur da auf den Niederkircher mit ſeiner großen Schüſſel! Ei, wie das prächtig dampft und duftet, und wie herrlich das munden wird. Nun ſetz' die Schüſſel auf den Tiſch hieher, Adlerswirth, und ſetz' Dich ſelber zu uns, und iß mit uns. Nein, nein, Herr Ober⸗Commandant von Tyrol, heut' iſt's meine Pflicht, Euch zu bedienen, denn Ihr ſeid ein gar mächtig großer Herr, und die beiden An⸗ dern da ſind auch große Herren, und alſo würd's ſich nit für mich ſchicken, wenn ich mich neben Euch ſetzen thät. Wenn Du's nit thuſt, ſo eß' ich gar nit, rief An⸗ dreas Hofer. Und ich lauf fort, ſagte Speckbacher, von ſeinem Stuhl aufſpringend. Ich bleib' ſitzen, brummte der Kapuziner, aber ich kündige dem Adlerswirth meine Freundſchaft auf, wenn er uns die Supp' kalt werden läßt, ſtatt ſich gleich jetzt daher zu ſetzen, und mit uns zu eſſen. Ich ſitz' ſchon, rief Niederkircher, ſich haſtig einen Stuhl an den Tiſch rückend, und auf demſelben Platz nehmend. Nun aber, meine Herren und guten Freund', 123 nun erlaubt, daß ich Euch wenigſtens die Supp' auf⸗ füllen darf! Das erlauben wir, riefen die drei Freunde lachend, und recht volle Teller, Adlerwirth! Nun trat eine Zeitlang tiefe Stille ein, und nur das Klirren der Löffel hörte man, die eifrig über die Teller dahin fuhren, und die lang erſehnte Reiſe zum Munde machten! Auf einmal indeſſen ward dieſe behagliche, genuß⸗ volle Stille durch lautes Vivatrufen und Schreien, das von der Straße ertönte, unterbrochen. Andreas Hofer ließ ſeinen Löffel fallen, und horchte troſtlos hinaus. Ich glaub' gar, ſie rufen mich ſchon wieder, ſeufzte er ganz zerknirſcht. Wirklich hörte man jetzt von hunderten jugendlicher Stimmen, laut und jubelnd, Andreas Hofer's Namen ſchreien, und dem Vivatrufen folgte ein langer ſchmet— ternder Tuſch von Geigen und Pfeifen, Trompeten und Hörnern. Jetzt haben's gar noch Muſik dazu, rief Andreas Hofer ängſtlich. Heilige Mutter Gottes, hört nur, wie ſie jetzt wieder brüllen, als wollten's das Haus um⸗ ſtürzen. 124 Sie rufen nach Dir, ſie wollen Dich ſehen, ſagte der Adlerswirth, der an's Fenſter getreten war. Es ſind die Studenten von der hieſigen Hochſchule, ſie ſind in ihren Feſttagskleidern gekommen, und wollen Dir ein Ständchen bringen. Und warum denn mir? fragte Andreas Hofer ganz desperat. Warum nit dem Speckbacher, oder dem Kapuziner, oder dem Peter Mayer, oder dem Anton Wallner? Sie haben Alle gerad' eben ſo viel gethan, als ich, und vielleicht noch mehr. 5 Biſt aber der Liebling des Volks, Bruder, ſagte der Kapuziner lächelnd, das Volk glaubt an Dich, und es wär' grauſam und unvernünftig, wenn wir ihm ſeinen Glauben nit laſſen wollten. Von Dir muß Alles ausgehen, Du mußt Alles gethan und zu Stande gebracht haben. Und was wir Andern gethan, das haben wir ja doch nur in Deinem Namen gethan, Vater Anderl, rief Speckbacher, und das Volk und die Schützen wür⸗ den uns nit ſo parirt haben, wenn ſie nit gemeint hätten, alle Befehle, die wir ihnen gegeben, und alle Anordnungen kämen von Dir. Bei Deinem Namen haben ſie gehorcht, gekämpft und auf Sieg gehofft. Und jetzt feiern ſie den Sieg auch mit Deinem Namen, 125 wie's recht und billig iſt. Horch nur, horch, da brüllen ſie ſchon wieder Deinen Namen. Es iſt wahr, graus⸗ lich geſunde Kehlen haben die lieben Buben, und ich fürcht' immer, wenn Du nit bald ihnen die Lieb' thuſt, und auf den Balcon'naus marſchirſt, ſo werden's uns ganz taub, und ſich ganz heiſer ſchreien. Nun denn in Gottes Namen, ſeufzte Andreas, mach' nur wieder auf, Niederkircher, ich muß wirklich wieder auf den Balcon hinaus. Und wieder ſo'ne ſchöne Rede mußt halten, wie vorher, jubelte der Adlerswirth, indem er die Balcon⸗ thüren weit aufriß. Andreas antwortete nicht, ſondern ſchritt mit ernſtem faſt verdrießlichem Geſicht hinaus auf den Balcon. Unermeßlicher Jubel empfing ihn, und weit hinunter die dichtgedrängten Straßen, hallte es wieder: Vivat Andreas Hofer, der Ober⸗Commandant! Vivat An⸗ dreas Hofer, der Befreier! Mein tapferer Sohn Seppel Speckbacher, ſagte der Kapuziner ſchmunzelnd, indem er ſich ein Glas Wein einſchenkte, ſiehſt Du, es kommt doch ein Jeder zu ſeinem Recht. Vorgeſtern, derweil wir kämpften, und im Schweiß unſeres Angeſichts dreinhauten am Berg' Iſel, da ſaß mein guter Bruder Andre Hofer 126 droben im Schupfenwirths Haus, bei ſeinem Freund Etſchmann, und vor ihm ſtand die Flaſch' mit Wein, und daneben lag der Roſenkranz, und während wir kämpften, da aß und trank er, betete dazu, und ſchickt uns von Zeit zu Zeit ſeine Angriffsbefehle, die juſt wie Orakelſprüche klangen, die Niemand verſtand, und wobei ſich ein Jeder ſein eigen Theil denken konnt'.*) Dafür muß er heut' ſich rühren, und mit der Zung' kämpfen, während wir behaglich da ſitzen und das Weinflaſchel leeren! Horch, da blaſen ſie ſchon wieder einen mächtigen Tuſch! Trara! Trara! Und der Kapuziner ſchwenkte lachend ſein Glas empor, und leerte es dann auf Einen Zug. Jetzt auf einmal ward drunten Alles ſtill; aus der vorderſten Reihe der Studenten trat Einer hervor und näherte ſich einige Schritte dem Balcon. Andreas Hofer, geliebter Ober-Commandant von Tyrol, rief er feierlich hinauf, die Herzen ſind der Liebe und Eures Lobes voll, und auch die Lippen möchten davon überfließen. Erlaubt uns alſo, edler Held, geliebter Befreier, erlaubt uns, daß wir Euch ein Lied ſingen von Euren Heldenthaten, ein Lied, das *) Der Mann von Rinn, Joſeph Speckbacher, S. 194, und „Hormayr: Andreas Hofer 11 S. 179.. as 127 Eure Kämpfe und Eure Siege preiſt, und das von heut an jeder Mann und jedes Kind, jede Frau und jedes Mädchen in Tyrol ſingen wird, Euch zu Lob und Preis. Wir Studenten haben's gedichtet, denn Eure Heldenthaten begeiſterten uns, und die Liebe zu Euch gab uns die ſchönſte Muſik dazu. Erlaubt alſo, daß wir Euch ſingen das ſchöne Lied vom Siegeshelden Andreas Hofer. Nein, nein, Ihr Lieben, ſingt nit, rief Andreas Hofer ernſt und faſt zürnend. Singt nit, und laßt Eure Pfeifen und Geigen verſtummen. Nit zu Spiel und Tanz ſind wir ausgezogen, und nit mit luſtigem Herzen, ſondern mit Sorg' und mit Thränen hab' ich mein Weib und meine Kinder daheim verlaſſen, und bin hinaus gegangen zum Kampf und Streit. Aber ich hab's gethan, weil's der liebe Herrgott ſo gewollt hat, und weil Er mit mir auszog in den Kampf, ſo iſt's uns auch gelungen, daß wir den Feind beſiegt haben. Aber es war gar harte und traurige Arbeit, und viel tapfere und brave Leute haben ſie mit ihrem Blut und mit ihrem Leben bezahlen müſſen, und viele Verwundete ſchreien jetzt noch in ihren Schmerzen zu Gott empor, um den Tod, der ſie erlöſen ſoll von ihrer Qual. Und während deß die jammern, da wollt 128 Ihr hier ſingen, und während deß viel Väter und Mütter weinen um ihre gebliebenen Söhne, da wollt Ihr hier jubeln und Lieder ſingen und die Geigen und Pfeifen dudeln laſſen? Nein, Ihr Lieben, das wär' unchriſtlich und lieblos! Legt Eure Geigen lieber beiſeit, und nehmt Eure Roſenkränze! Singt nit, ſondern betet! Betet recht laut und recht inbrünſtig für unſern lieben Kaiſer, und wenn Ihr wollt, ſo könnt Ihr dann ganz leis auch ein Gebet für den armen Andre Hofer hinzufügen. Aber Lieder ſollt' Ihr nit ſingen zu ſeiner Ehr', denn Gottes allein iſt die Ehr', und er hat Alles zu Stand gebracht. Singt alſo nit, ſondern betet! Betet auch in meinem Namen, denn ich hab' jetzt nit viel Zeit, und kann nit ſo viel beten, als ich wohl möcht. Sagt's alſo dem lieben Herrgott, daß wir brav gearbeitet haben, ſagt's ihm, daß wir gehungert und gewacht, gekämpft und geſiegt haben für’'s Vaterland, und betet zu ihm für die Tapfern, die mit uns ausgezogen ſind zum heiligen Kampf, und die nit mehr heimkommen, ſondern todt da liegen mit ihren klaffenden Wunden. Für die armen Seelen betet, und ſingt nit! Laßt Eure luſtigen Weiſen verſtummen, und gehet ganz ſtill heim, und betet und bittet, daß Gott uns Alle auch ferner be⸗ 129 ſchütze. Das wollt' ich Euch nur ſagen, Ihr Lieben, und ſomit Gott befohlen, und ſchönen Dank für Eure Liebe.*) Und von Rührung und heiliger Wehmuth ergriffen, durchdrungen von den ſchlichten, einfachen Worten Hofer's, thaten die Studenten ſtill und willig, was er von ihnen gefordert hatte. Ihre Pfeifen und Geigen und Trompeten verſtummten, und geräuſchlos, ohne Jubel und Vivatgeſchrei zogen ſie von dannen. Sind gar liebe, herrliche Burſche, ſagte Andreas Hofer, ihnen mit glänzenden Augen nachſchauend, rechte Kernbuben voll Uebermuth und Luſt, aber auch wieder ſo ſanft und gehorſam, daß es eine Freud' iſt. Na jetzt, rief er freudig, in das Zimmer zurücktretend, jetzt, denk' ich, werden wir ein biſſel Ruh haben, und können unſer Mittageſſen in Frieden verzehren!— Indeß dieſe frohen Hoffnungen Andreas Hofer's ſollten ſich nicht verwirklichen. Das Mahl war noch nicht zur Hälfte beendet, als abermals von der Straße her Geräuſch und Lärmen erſchallte, und ein feierlicher Zug von Männern daher kam. Aber diesmal blieben ſie nicht auf der Straße ſtehen, ſondern ſie traten in *) Gallerie der Helden. Andreas Hofer. S. 130. Mühlbach, Andreas Hofer. III 9 — ——— 8 ———— ——— — 130 das Haus ein, und der Adlerwirth, der eben hinunter gegangen war, um einige neue Flaſchen aus dem Keller zu holen, kam hereingeſtürzt, und meldete, daß ſämmt⸗ liche Commandanten des Landſturms, und die Behör⸗ den der Stadt daher gekommen ſeien, um dem Ober⸗ Commandanten von Tyrol ihre Aufwartung zu machen, und ihm eine Bitte vorzutragen. Gut denn, ſeufzte Andreas Hofer aufſtehend, ſo laß ſie nur hier hereinkommen, aber mit dem Eſſen wird's heut nimmer Etwas. Laß ſie nur eintreten, Niederkircher. Behüt' der Himmel, es ſind ihrer ſo Viele, daß ſie gar nit hier Platz hätten; auch wär's nit feierlich, wenn wir die Herren hier einließen, wo der Eßtiſch ſteht. Ich hab' ſie Alle in den großen Tanzſaal ein⸗ treten laſſen, und da erwarten ſie Euch, Andreas Hofer. Wenn ich nur wüßt', was ſie von mir wollen, ſeufzte Andreas Hofer, ſich ſeinen langen Bart ſtreichend. Ich weiß, was ſie wollen, Vater Anderl, ſagte Speckbacher lächelnd. Ich ſelbſt hab' den Landſturm⸗ Commandanten den Plan angegeben, das zu fordern, was ſie von Dir fordern wollen. Und Du darfſt Dich nit ſträuben, ihnen den Willen zu thun, Vater Anderl, 131 denn was ſie wollen, iſt zum Beſten des Landes, und der Kaiſer ſelber wird's Dir danken. Ich weiß auch, was die Herren vom Magiſtrat und den andern Aemtern von Dir wollen, Bruder Anderl, rief der Kapuziner, ſich ein Glas füllend. Ich bin ja ſchon geſtern, als wir Ruhetag hatten, in Innsbruck geweſen, und hab' mit dem Herrn Bür⸗ germeiſter und den Rathsherren Conferenz gehalten, und was wir da beſchloſſen, das werden ſie Dir heute ſagen. Widerſtreben darfſt Du nit, Bruder, mußt ihnen vielmehr ihre Bitte erfüllen, denn es iſt der Wille Gottes, daß Du's thuſt, und alſo muß es ge— ſchehen. Jetzt auf, lieber Anderl, und geh' in den Saal. Dies Mal geh' ich nit, wenn Ihr Zwei nit mit kommt, ſagte Andreas Hofer beſtimmt. Zuletzt glau⸗ ben's noch, ich wollt' alle Ehr' für mich allein ver⸗ ſchlucken, und hätt's vergeſſen, daß der Haspinger und der Speckbacher vorgeſtern am Berg' Iſel die Haupt⸗ ſach' gethan haben, und daß wir ohne ſie nimmer die Schlacht würden gewonnen haben. So kommt denn beid' an meine Seite, der Eine rechts, der Andere links, und ſo zuſammen aufgeſtellt, wie wir's in der Schlacht waren, ſo wollen wir jetzt in den Saal gehen!— 9* 132 Als die drei Helden in den Saal traten, an deſſen Wänden die Landwehr⸗Commandanten in ihren Uni⸗ formen, die Behörden in ihren Amtstrachten ſich auf⸗ geſtellt hatten, empfing ſie ein lautſchallendes, drei⸗ maliges Vivatrufen, und dies Mal hatte Andreas Hofer nicht den Muth, die Jubelnden zur Ruhe zu verweiſen, ſondern ſchaute ganz ehrfürchtiglich auf den Herrn Bürgermeiſter in dem langen ſchwarzen Talar, der eben in der Mitte zweier Rathsherren mit gravi tätiſchen Schritten ihm entgegen kam. Wir kommen, ſagte er feierlich, wir kommen nicht blos, um Euch zu danken für die Heldenthaten, die Ihr vollbracht habt, ſondern Euch zu bitten, daß Ihr noch Mehreres für uns und das Land thun ſollt. Ihr habt das Land vom Feind befreit, aber es fehlt ihm jetzt die Spitze, es fehlt ihm die Krone. Die baieriſche Hofkommiſſion, und der Stellvertreter des Königs, der Graf Rechberg, ſind bei Nacht und Nebel aus Innsbruck geflohen. Wir ſind nun frei von Baiern, wir haben keinen Stellvertreter des Königs, aber dafür wollen wir jetzt einen Stellvertreter des Kaiſers. Es muß Einer da ſein, in deſſen Hand alle Macht zuſammenfließt, der der Ausfluß iſt aller Ge⸗ walt, und der an Kaiſers Statt das Land regiert, den ——,— 133 Behörden befiehlt. Dieſer Eine ſollt Ihr ſein, An⸗ dreas Hofer. Euch wählen die Behörden, wählt das Volk von Innsbruck zum Statthalter des Kaiſers. Ihr ſollt in ſeinem Namen das Land verwalten, und Euch wollen wir Alle Gehorſam, Treue und Liebe ſchwören. Und nachdem er geendet, trat aus der Reihe der Landſturm⸗Commandanten Anton Wallner hervor. Ja, rief er, Ihr ſollt der Statthalter des Kaiſers ſein! Euch wollen wir Alle Gehorſam, Treue und Liebe ſchwören. Das wollten wir unſerm Ober⸗Comman⸗ danten ſagen, und dazu ſind wir Commandanten Alle hiehergekommen. Bitten wollten wir ihn, daß er uns Allen zur Freud' an Kaiſers Statt die Regierung von Tyrol übernehmen ſollte. Bitten wollten wir ihn, ſagte einer der Rathsherren, aus der Reihe der Uebrigen hervortretend, bitten wollten wir ihn, daß er, zum Zeichen ſeiner neuen Würde, in das Kaiſerſchloß am Rennplatz zöge, und dort als Statthalter des Kaiſers ſeine Wohnung nähm'. Das geht nimmermehr an, rief Andreas erſchrocken, wie könnt ich wohl mich erdreiſten, im Schloß unſers Herrn Kaiſers zu wohnen. Nein, nein, das geht nimmermehr an, und ich kann's nit thun! Es geht ſehr wohl an, und Du mußt es thun, 134 ſagte Joachim Haspinger feierlich. Nicht um Deinem eigenen Hochmuth zu fröhnen, ſollſt Du im Kaiſer ſchloß wohnen, ſondern dem Volk zur Beruhigung, und zum Bewußtſein, daß es nicht herrenlos und ver⸗ laſſen iſt. Für Gott und den Kaiſer ſollſt Du das Land verwalten, ſo lange bis alle unſere Feinde beſiegt ſind, und der Krieg zu Ende iſt. Der Kaiſer hat jetzt nicht Zeit ſich ſonderlich um uns zu kümmern, denn er muß daran denken, ſeine Armee wieder auf die Beine zu bringen und ſich wieder ſchlachtbereit zu machen. Am Ende dieſes Monats iſt der Waffenſtill⸗ ſtand zu End', und dann wird natürlich der Krieg auf's Neue beginnen, denn der Franzos giebt doch nicht eher Ruhe, als bis er ganz und gar zertreten und aufge⸗ rieben iſt, und wir Alle haben noch Viel zu thun und zu kämpfen, und es wird noch viel Blut koſten, ehe wir auch ganz Südtyrol und Kärnthen und Krain erlöſt, und vom Joch des Tyrannen befreit haben. Dazu werden der Speckbacher, ich und der Wallner mit all den braven Tyrolern ausziehen und kämpfen. Soll aber das Land, während wir kämpfen, auch ordentlich regiert werden, ſo muß Einer an der Spitze der Regierung ſtehen, zu dem Alle Vertrauen haben, das Volk ſowohl, als die Behörden. Dieſer Eine 135 ſollſt Du ſein, Andreas Hofer, das Volk, die Behör⸗ den, und die Landesſchützen bitten Dich darum, Gott aber befiehlt es Dir durch meinen Mund! Nun denn, rief Andreas begeiſtert, die frommen Blicke zum Himmel emporhebend, ſo will ich denn freudig thun, was Gott befiehlt, und was Ihr wünſchet! Will mich der ſchweren Pflicht unterwerfen, und Euch Allen den Willen thun! Ihr ſagt, daß es zum Beſten des Landes und des Kaiſers nothwendig ſei, daß Einer da iſt an Kaiſers Statt, und wenn denn kein Anderer da iſt, und kein Beſſerer, als ich, und wenn Ihr's Vertrauen zu mir habt, wohlan, ſo nehmt mich zum Statthalter des Kaiſers. Ich bin nur ein Werkzeug in der Hand Gottes, meines Herrn, und was er will, daß ich thun ſoll, das thu' ich, und frag' nit, ob ich ſelbſt dabei zu Grund' gehen ſoll, und ob es mir das Leben koſten kann! Mein Leben ſteht in Gottes Hand, und was ich bin und hab', und vermag, das gehört dem Kaiſer und dem Landl. So will ich denn Statt⸗ halter von Tyrol ſein, ſo läng, bis der Kaiſer anders befiehlt, ſo lang' bis Frieden im Land iſt, und der Kaiſer ſelber wieder die Regierung in die Hand nehmen kann. Möge Gott und die heilige Jungfrau geben, daß dieſer Tag recht bald komme. 136 Vivat hoch! es lebe der Statthalter von Tyrol! jubelte die Menge. Auf jetzt, rief der Bürgermeiſter, reicht mir Eure Hand, Andreas Hofer, Statthalter und Ober⸗Comman⸗ dant von Tyrol. In feierlichem Zuge wollen wir Euch zur Kaiſerburg geleiten, denn dort muß der Statt⸗ halter des Kaiſers wohnen, dort muß er ſeine Regie⸗ rung und ſein Hoflager aufſchlagen. Auf, auf zur Kaiſerburg! riefen Alle, in froher Bewegung durcheinander wogend. Wie's Gott gefällt, zur Kaiſerburg hin, rief Andreas Hofer feierlich, indem er dem Bürgermeiſter die Hand reichte, und mit ihm dem Ausgang des Saals zuſchritt. Hinter ihm her ſchritten der Kapuziner Joſeph Speckbacher, und Anton Wallner, dann kamen in bun⸗ tem Gemiſch die Commandanten und die Behörden. Wie ſie hinaus traten auf die Straße, empfing ſie der laute Jubel des Volks, das zu Tauſenden die Straße und den nahen Platz erfüllte, und mit Jubeln und Singen, unter dem Geläilte aller Glocken ward der neue Statthalter des Kaiſers, der Ober⸗Commandant von Tyrol, Andreas Hofer, nach dem prächtigen Kaiſerpalaſt, der jetzt des Sandwirths Reſidenz werden ſollte, dahin geleitet. — VI. Ber funfzehnte Auguſt in Komorn. Während in Innsbruck am funfzehnten Auguſt die ganze Bevölkerung Andreas Hofer entgegenjubelte und ihn ſingend und jauchzend als den Statthalter des Kaiſers in das Schloß geleitete, während der Kaiſer Napoleon den funfzehnten Auguſt, ſeinen Geburtstag, in Schönbrunn mit einer großen Parade und mit feierlichen Ordensſtiftungen verherrlichte, befand ſich der Kaiſer Franz einſam und ſtill in der Feſtung Ko⸗ morn. Nur Wenige ſeiner Getreuen waren ihm dahin gefolgt, und nur ſeine Beamten und Diener umgaben ihn hier in ſeinem traurigen Hoflager. Die Kaiſerin Ludovica hatte ſich ſchon mit den Erzherzoginnen nach Totis, einem in Ungarn belegenen Landſitz und Schloß des Fürſten Liechtenſtein, begeben, und dahin gedachte der Kaiſer ihr in einigen Tagen nachzufolgen. 138 Ich reiſte ſchon heute ab, ſagte er, in ſeinem Ka⸗ binet auf- und abgehend, zu ſeinem vertrauteſten Die⸗ ner, dem Reichshofrath Hudeliſt, aber ich möcht' gar gern erſt den Bubna ſprechen, den ich zum Bonaparte geſandt habe. Ich hoffe, Majeſtät, der Herr Graf wird noch heute zurückkehren, erwiderte Hudeliſt mit ſeiner de⸗ müthigen, ſchmeichelnden Stimme. Geb's Gott, ſeufzte der Kaiſer. Es iſt gar lang⸗ weilig hier, und ich hoff', in Totis wird's halt nit voll ſo traurig ſein. Es ſind da, wie mir der Fürſt Liech⸗ tenſtein geſagt hat, gar gute Teiche zum Angeln, und auch ein Laboratorium hat er mir bauen laſſen zur Siegel⸗ lackfabrication. Ich denk', Hudeliſt, wir wollen da recht fleißig ſein, und ſchöne neue Sorten fabriciren. Ich habe heute ein neues Recept erhalten zu einem Carminſiegellack mit Parfüm à la Rose, ſagte Hude⸗ liſt lächelnd.. Ci, das iſt hübſch, rief der Kaiſer, geben's her, laſſen's mich einmal leſen. Der Hofrath zog ein Papier aus ſeinem Buſen hervor, und reichte es mit einer tiefen Verbeugung dem Kaiſer dar. Dieſer nahm es lebhaft, und heftete 139 mit einem freundlich lächelnden Angeſicht ſeine Blicke auf daſſelbe. Plötzlich aber verfinſterten ſich ſeine Züge, und mit einer unwilligen Bewegung warf er das Papier auf den Tiſch. Was ſoll ich mit dem Wiſch? fragte er zürnend. Kann ich denn nicht einen Augenblick Ruh' haben? Hatte über dem Recept auf einen Moment die abſcheuliche Situation vergeſſen, aber gleich müſſen's kommen, mich daran zu erinnern. Mein Gott, ſtotterte Hudeliſt, was hab' ich denn gethan, um Ew. Majeſtät Unwillen zu erregen? Der Kaiſer nahm das Papier vom Tiſch, und reichte es ihm dar. Schauen's, ſagte er mit halb ſchon wieder beſänftigtem Ton, iſt das ein Recept zum Siegellackmachen? Mein Gott, ächzte Hudeliſt entſetzt, ich habe mich vergriffen, ſtatt des Recepts habe ich Eurer Majeſtät das Concept zu dem Aufruf an die Völker gegeben, das Ew. Majeſtät mir befohlen, aufzuſetzen. Oh, ich bitte Ew. Majeſtät unterthänigſt um Verzeihung wegen dieſes furchtbaren Mißgriffs, ich— Na, laſſen's gut ſein, unterbrach ihn der Kaiſer, es macht halt nichts aus. Sie haben mir ein Recept für ein anderes gegeben, und es iſt wahr, mit dem 140 Siegellack⸗Recept hat's Zeit bis Totis. Das andere Recept aber, das brauchen wir ſogleich, denn es ſoll dazu dienen, das Voll zur Ruh' und zur Unterwürfigkeit zu bringen. Na, leſen's einmal, was Sie geſchrieben haben! Majeſtät, ich habe genau die Befehle Eurer Ma⸗ jeſtät, und die Anweiſungen Ihres Herrn Miniſters, des Grafen Metternich befolgt, und nur das nieder⸗ geſchrieben, was Eure Majeſtät mit Ihrem Miniſter verabredet haben.. Leſen's mal, gebot der Kaiſer, die Fliegenklappe vom Tiſch nehmend, und während er, langſam an den Wänden hinſchleichend, die Fliegen belauerte, und dann und wann einen derben, ſchallenden Schlag nach ihnen that, las Hudeliſt: „An meine Völker und meine Armee! Meine ge⸗ liebten Unterthanen und ſelbſt meine Feinde wiſſen, daß ich bei dem gegenwärtigen Kriege weder durch Erobe⸗ rungsſucht, noch durch gereizte leidenſchaftliche Empfin⸗ dungen zur Ergreifung der Waffen bewogen wurde.“ „Selbſterhaltung und Unabhängigkeit, ein Friede, der ſich mit der Ehre der Krone verträgt, in dem meine Völker Sicherheit und Ruhe finden, war von jeher der erhabene, der einzige Zweck meines Strebens.“ äO 141 „Das wandelbare Glück der Waffen entſprach mei⸗ nen Erwartungen nicht, der Feind drang in das In⸗ nerſte meiner Staaten und überzog ſie mit allen Ver⸗ heerungen des unverſöhnlichſten Krieges und einer grenzenloſen Erbitterung, aber er lernte dabei den Gemeingeiſt meiner Völker, und die Tapferkeit meiner Armee kennen und ſchätzen.“ „Dieſe von ihm blutig erkaufte Erfahrung, und meine ſtets gleiche Sorgfalt für das Glück meiner Staaten führten die gegenwärtige Annäherung zu fried⸗ lichen Unterhandlungen herbei. Meine Bevollmächtigten ſind mit Jenen des franzöſiſchen Kaiſers zuſammen⸗ getreten.“ „Mein Wunſch iſt ein ehrenvoller Friede, in deſſen Beſtimmungen Möglichkeit und Ausſicht ſeiner Dauer liegen. Die Tapferkeit meiner Kriegsheere, ihr uner⸗ ſchütterlicher Muth, ihre warme Vaterlandsliebe, ihr lauter Wunſch, die Waffen nicht eher als nach lan⸗ gung eines ehrenvollen Friedens niederzulegen, können mir nicht geſtatten, Bedingungen, welche die Grund⸗ feſte der Monarchie zu erſchüttern drohten, und uns entehrten, nach ſo großen und edlen Aufopferungen, nach ſo reich vergoſſenem Blut für das Vaterland, einzugehen.“ 4 142 h„Der hohe Geiſt, der die Armee belebt, iſt mir 1 Bürge, daß, ſollte der Feind uns dennoch mißkennen, 1 wir den Lohn der Standhaftigkeit einſt ſicher erlangen X„. werden.“*) Pautz, da haſt eins! rief der Kaiſer eben, als Hudeliſt zu Ende geleſen, indem er einen mächtigen Schlag an die Wand that; jetzt wirſt endlich Dein Gebrumm und Dein bös Weſen, mit dem Du mir halt'ne Viertelſtunde um die Ohren gefahren biſt, bleiben laſſen, und fein ſtill ſchweigen. Kommen’s mal hieher, Hudeliſt, ſehen's ſich mal die Brumm⸗ fliege an. Die ganze Zeit über, daß Sie laſen, hab' ich auf ſie Jagd gemacht, und erſt jetzt hab' ich ſie bekommen. Haben's in Ihrem Leben ein ſo unver ſchämtes, großes Viecherl geſehen? Es iſt wahr, ſagte Hudeliſt mit ſeinem grinſenden 4 Läch g iſt ein merkwürdig großes Thier. glaub' halt gar nicht, daß es eine Brumm— liege iſt, rief der Kaiſer, es iſt der Bonaparte, der ſich in eine Brummfliege verwandelt hat, wie aſde 4 Jupiter in einen Ochſen, und er iſt hieher gekommen, 1 um mich zu chicaniren, und mir die Ohren voll zu ˖Q˖Q· 5 *) Siehe: v. Hormayr: Andreas Hofer II. S. 440. r 1 143 brummen, daß mir ganz krank davon wird. Ja, ja, Hudeliſt, glauben's mir, der Bonaparte iſt'ne große Brummfliege, die ganz Europa den Kopf verdreht macht. Ach, könnt' ich ihm doch thun, wie ich's dieſer abſcheulichen Brummfliege thue, könnt' ich ihn ſo unter meinen Füßen zermalmen! Und der Kaiſer zerrieb das am Boden liegende, noch zappelnde Thier, unter dem Abſatz ſeines Stiefels. Ew. Majeſtät werden ſicher einſt noch die Freude haben, die große Brummfliege Bonaparte unter Ihren Füßen zu zertreten, ſagte Hudeliſt. Nur müſſen Ew. Majeſtät gnädigſt Geduld haben, und nicht jetzt ver⸗ ſuchen, was Sie ſpäter mit Gewißheit erreichen werden. In dieſem Augenblick iſt der Bonaparte ſtark und überlegen, aber wenn man wartet, wird ſich auch ein Moment zeigen, wo er ſchwach iſt, und den werden Ew. Majeſtät benutzen, um ihn zu zerſchmettern. Schaun's, wie gefällig Sie ſind, rief der Kaiſer mit einem ironiſchen Lächeln, geben mir zuvorkommend Rath, ohne daß ich ihn gefordert habe. Ich dank Ihnen, Herr Hofrath, werd' aber doch am Beſten thun, meiner eigenen Einſicht zu folgen. Da der all⸗ mächtige Gott mich einmal an die Spitze geſtellt, und mich zum Kaiſer gemacht hat, ſo muß er's mir doch — 144 zutrauen, daß ich das Amt zu verwalten und meinen Kaiſerpoſten auszufüllen verſteh'. Na, ſehen's nicht ſo beſtürzt aus, ich weiß, daß Sie guten Willen haben, und ich vertraue Ihnen. Ew. Majeſtät wiſſen, daß ich zu jeder Stunde bereit wäre, für Sie in den Tod zu gehen, daß ich in jedem Augenblick freudig und jauchzend mein Blut für Ew. Majeſtät vergießen würde, rief Hudeliſt begeiſtert. Nur meine grenzenloſe Liebe und Anbetung war es daher, die mich wagen ließ, Ew. Majeſtät frei und offen meine Meinung, auszuſprechen, aber niemals wieder werde ich das thun, denn ich bin ſo unglücklich geweſen, Eurer Majeſtät hadurch zu mißfallen. Im Gegentheil, immer ſollen's das thun, immer ſollen's mir ehrlich und offen Ihre Meinung ſagen, rief der Kaiſer lebhaft. Sollen mir Alles ſagen, was Sie glauben, was Sie wiſſen, und auch, was Sie von Andern hören und erfahren. Ihre Ohren, Ihre Zunge und Ihre Augen ſollen mir gehören. Und auch mein Herz, Majeſtät, das vor allen Dingen gehört meinem angebeteten Kaiſer. Na, haben's denn ein Herz, Sie? fragte der Kaiſer lächelnd. Ich glaub's nicht, Hudeliſt, Sie ſind ein kluger und brauchbarer Mann, aber von Ihrem Herzen T' 145 ſchweigen's lieber ſtill, denn ich denk'’, das haben's ver⸗ braucht, und es iſt bei Ihren vielen Liebſchaften in Rauch aufgegangen. Es liegt mir auch nichts d'ran. Halt' nit viel von den Leuten, die gar ſo viel Herz haben und bei allen Dingen immer auch ihr vorſchnelles Herz mitſprechen laſſen. Mein Herr Bruder, der Erzherzog Johann zum Beiſpiel, der hat dieſen Fehler, und darum läuft auch manchmal ſein Herz mit ſeinem Kopf davon, und dann laufen zuletzt die Beine hinterher. Er iſt indeſſen ein ſehr tapferer General, ſagte Hudeliſt ſanft, ein muthiger Anführer und ein gar trotziger, ja faſt verwegener Feind Frankreichs. Mit welcher unerſchütterlichen Tollkühnheit er überall dem Vicekönig von Italien entgegengetreten iſt, und ihn angegriffen hat, ſelbſt wenn er zuvor wiſſen mußte, daß er den überlegenen Feind nicht beſiegen konnte! Mit welcher Großſinnigkeit er Alles auf's Spiel ſetzte, und das Leben Tauſender nicht achtete, wenn es galt, auch nur einen kleinen Coup gegen den Feind auszu⸗ führen, und mit welcher wahren Heldengröße er ſogar oft wagte, den Befehlen des Oberfeldherrn zu trotzen, ihm den Gehorſam zu verweigern und ſeinen eigenen Weg zu gehen, wenn er fand, daß dieſe Befehle ſeiner Armee verderblich wären! Mühlbach, Andreas Hofer. II. 10 146 Ja, rief der Kaiſer mit einem lauten Hohnlachen, und über dieſem Trotz und dieſem Ungehorſam haben wir die Schlacht von Wagram verloren! Wär' der Erzherzog Johann gehorſamer und zur rechten Zeit mit ſeinen Truppen zur Stelle geweſen, ſo würden wir die Schlacht gewonnen haben, und ich wär' nit hier in dieſem elenden Neſt, und hätt' nit nöthig mit dem Bonaparte fein demüthig und beſcheiden um den Frieden zu unterhandeln. Das hat mir das gute Herz meines Herrn Bruders zu Stande gebracht, und bei Gott, ich werd' mich auch ihm eines Tages dafür dankbar bezeigen. Oh, Majeſtät, ſagte Hudeliſt mit ſeiner einſchmei⸗ chelndſten Stimme, wenn vielleicht wirklich der Erz⸗ herzog bei dieſer Gelegenheit ein unwillkührliches Ver⸗ ſehen begangen haben ſollte, ſo hat er es doch tauſend Mal wieder gut gemacht. Erinnern Sich Eure Ma⸗ jeſtät nur, was Alles der edle Erzherzog Johann in Tyrol zu Stande gebracht hat. Daß Tyrol aufge⸗ ſtanden iſt, wie Ein Mann, daß es mit Heldenmuth gekämpft hat, und noch kämpft, das verdanken Eure Majeſtät nur dem Herrn Erzherzog. Er hat Alles angeordnet, er hat in Tyrol eine Verſchwörung orga⸗ niſirt, hat, während Tyrol noch unter fremder Herr⸗ 147 ſchaft ſtand, eine förmliche großartige Conſpiration im ganzen Land vorbereitet; auf ſeinen geheimen Ruf und Willen brach die Revolution an allen Ecken und Enden von Tyrol zu gleicher Zeit aus, und der Name des Erzherzogs Johann iſt es, der dieſes Volk von Helden zur Schlacht und zum mörderiſchen Kampf begeiſtert. Schlimm genug, daß es ſo iſt, rief der Kaiſer, mit weiten, unruhigen Schritten im Gemach auf und ab gehend. Böſes Unkraut hat er mir da ausgeſäet, der Herr Erzherzog, und ein gefährlich Spiel hat er geſpielt. Ja freilich, gefährlich iſt's, einem Volk den Aufſtand zu predigen, und es zu lehren, wie man Revolutionen macht, ſagte Hudeliſt gedankenvoll. Leugnen läßt ſich's auch nicht, daß der Tyroler Aufſtand in gewiſſem Be⸗ tracht ein gar böſes Beiſpiel iſt. Freilich, der Erzherzog hat die Verſchwörung nur angezettelt zum Beſten Oeſterreichs und für den Kaiſer, aber was die Tyroler heut für den Kaiſer thun, können ſie ein anderes Mal gegen ihn thun, und wäre der Herr Erzherzog nicht ſo überaus loyal und über jeden Verdacht erhaben, ſo könnte man meinen, er habe die Revolution zu ſeinem eigenen Zweck und Nutzen hervorgerufen. Jedenfalls hängt es nur von ihm ab, ſich ſelbſt zum König von 10* 148 Tyrol erklären zu laſſen, denn ſeine Kräfte und ſein Einfluß iſt dort allmächtig. Der Kaiſer ſtieß einen Schrei der Wuth aus, ſeine Augen ſchoſſen Blitze, ſeine Lippen bebten und mur⸗ melten einzelne drohende Worte, ſeine Wangen waren bleich geworden, und in unausſprechlicher Erregung rannte er einige Male im Zimmer auf und ab. Dann, als bedürfe er eines Ableiters für den in ihm tobenden Zorn, nahm er die Fliegenklappe, und ſchlug hier und dort, wo er eine Fliege bemerkte, mit ſchallender Hef⸗ tigkeit gegen die Wand. Hudeliſt folgte jeder ſeiner Bewegungen mit einem kalten aufmerkſamen Auge, und ein Ausdruck höhniſcher Schadenfreude erhellte auf einen Moment ſein düſteres Geſicht. Es hat gewirkt, ſagte er leiſe zu ſich ſelber, der Argwohn hat in ſeinem Herzen Wurzel gefaßt, und es wird uns gelingen, den Herrn Erzherzog, der immer Krieg predigt, und den Krieg um jeden Preis will, unſchädlich zu machen. Plötzlich warf der Kaiſer ſeine Fliegenklappe bei Seite, und wandte ſich zu Hudeliſt hin, deſſen Angeſicht ſchnell wieder ſeinen ſtillen, demüthigen und undurch— dringlichen Ausdruck angenommen hatte. 149 Hören Sie, ſagte der Kaiſer leiſe und geheimniß⸗ voll, ſagen Sie mir immer Alles, was Sie von dem Herrn Erzherzog wiſſen, verſchweigen Sie mir nichts. Ich muß Alles wiſſen, und ich rechne auf Ihre Auf⸗ richtigkeit und Ihre Beobachtungsgabe. Majeſtät, rief Hudeliſt glühend, ich ſchwöre, daß ich die Befehle meines Kaiſers getreulich vollführen will. Kein Wort, kein Schritt, keine Aeußerung der öffentlichen Meinung ſoll Ew. Majeſtät verborgen bleiben, denn wie Ew. Majeſtät vorhin ſo gnädig be⸗ merkten, mein Ohr, mein Auge und meine Zunge ge— hört Eurer Majeſtät! In dieſem Moment ward die Thür des Vorſaals geöffnet, und der Lakai meldete den Grafen Bubna. Eintreten, befahl der Kaiſer, und mit einem raſchen Wink ſeiner Hand verabſchiedete er Hudeliſt, der ſich demüthig verneigend, rückwärts gehend, das Kabinet des Kaiſers verließ, in demſelben Augenblick, als auf der Schwelle der gegenüber liegenden Thür der Graf Bubna erſchien. Der Kaiſer ging ihm lebhaft entgegen. Nun ſprechen's, Graf, rief er haſtig, haben's den Bonaparte geſehen, hat er Sie vorgelaſſen? Ja, Majeſtät, ſagte Graf Bubna mit einer düſtern — —ÿ¼ —— 150 Feierlichkeit, ja, der Kaiſer Napoleon hat mich vorge⸗ laſſen, und ich habe lange und ausführlich mit ihm geſprochen. Der Kaiſer nickte lebhaft mit dem Kopf. Hat er Ihnen Friedensbedingungen gemacht? Ja, Majeſtät, aber ich darf Ew. Majeſtät nicht verhehlen, daß es ſehr drückende und weitausgreifende Forderungen ſind, welche der Kaiſer Napoleon als die Bedingungen des Friedens betrachtet. Er iſt ſehr heftig gereizt, und der heldenmüthige Widerſtand, den unſere Armee ihm entgegengeſetzt, unſer unzweifelhafter Sieg von Aspern, und der Umſtand, daß ſein Sieg von Wagram doch immer ein ſehr zweifelhafter iſt, ſcheinen ihn auf's Aeußerſte empört zu haben. Er iſt ſchon deshalb entſchloſſen, harte Friedensbedingungen zu ſtellen, weil dadurch, wenn ſich Oeſterreich denſelben unterwirft, der Sieg von Wagram erſt conſtatirt wird. Nun, es iſt mir lieb, daß er gereizt iſt, ſagte der Kaiſer achſelzuckend, ich bin es auch, und ich werde keinen Frieden annehmen, der mir keine ehrenvollen Bedingungen gewährt. Das habe ich meinen Völkern erſt heute in dem Manifeſt, das da auf dem Tiſch liegt, verſprochen, das bin ich außerdem mir ſelber ſchuldig. Ein ehrenvoller Friede, oder die Entſcheidung ——— ———— 151 durch den Krieg. Ich werde, wenn es ſein muß, mein ganzes Volk zu den Waffen rufen, ich werde mich ſelbſt an die Spitze ſtellen, und entweder den Bonaparte be⸗ ſiegen, oder ehrenvoll untergehen. Ach, wenn Ihr Volk Ew. Majeſtät eben ſehen könnte in Ihrer edlen Aufregung, mit welcher Begeiſte⸗ rung würde es ſeinem Kaiſer folgen, um mit ihm zu ſiegen, mit ihm den Feind niederzuſchmettern! rief Graf Bubna. Und dennoch, ſelbſt die edelſte Begeiſterung könnte ſcheitern, denn die Umſtände ſind mächtiger, als der kühnſte Heldenmuth Eurer Majeſtät. Der Kaiſer Napoleon iſt zu dem Aeußerſten entſchloſſen, und er hat für den Augenblick die Macht für ſich. Seine Armee iſt vollſtändig ergänzt, kriegsbereit und voll freudigen Muthes. Die unſrige iſt lückenhaft, desorganiſirt, moraliſch niedergedrückt, und ohne Anführer, da Ew. Majeſtät dem Generaliſſimus den geforderten Abſchied bewilligt haben. Den Krieg fortſetzen, heißt Oeſter⸗ reichs Exiſtenz und das Fortbeſtehen des Kaiſerhauſes ſelber gefährden.— Ach, Sie meinen, es würd' dem Herrn Bonaparte belieben, von meinem Hauſe zu ſagen, was er von Neapel und Spanien ſagte: Die Bourbons haben auf⸗ gehört zu regieren? 2— 4 ¹ —————— 152 Majeſtät, wenn auch der Kaiſer Napoleon nicht wagte, ſich ſo maßlos auszudrücken, ſo hat er doch in ähnlichem Sinne geſprochen! Als er mich nach langem Verweigern vorließ, und ich damit begann, zu ſagen: „mein gnädigſter Herr, der Kaiſer von Oeſterreich“, unterbrach mich der Kaiſer Napoleon und rief mit heftiger Stimme:„es giebt keinen Kaiſer von Oeſter⸗ reich mehr, ſondern nur noch Prinzen von Lothringen.“*) Ach wirklich, als Prinzen von Lothringen erlaubt er mir wenigſtens noch zu exiſtiren, und mir das Leben zu friſten. Und was ſagte er ferner? Verſchweigen Sie mir nichts, Graf Bubna, bedenken Sie, daß ich Alles hören muß, um darnach meine Entſcheidungen und Entſchlüſſe beſtimmen zu können. Majeſtät, wenn ich das nicht bedächte, würde ich nimmermehr wagen, das zu wiederholen, was der Kaiſer Napoleon zu ſagen ſich erlaubte. Er ſchien ſich in meiner Gegenwart ganz rückhaltlos zu äußern; indem er dabei entweder auf der Erde neben ſeinen Landkarten lag, oder auf dem Tiſche ſaß, und die Füße auf einen Stuhl ſtellte, oder auch mit gekreuzten Armen vor mir ſtand, ſprach er zu mir mit einer Offenheit, *) v. Hormayr: Lebensbilder III. 333. 153 die mich faſt erſchreckte, und die mir zuweilen als eine ganz unwillkührliche erſchien. Da haben's ſich jedenfalls geirrt, ſagte Franz achſelzuckend. Der Bonaparte thut niemals etwas unwillkührlich, und kein Wort entſchlüpft ihm, das er nit hat ſagen wollen. Ich kenn' ihn beſſer, als Ihr Alle, obwohl ich ihn nur einmal in meinem Leben ge— ſehen hab', und Gott weiß, daß, als ich ihn damals nach der Schlacht von Auſterlitz ſah, mein Herz einen glühenden Haß gegen ihn faßte. Mein Herz iſt aber treuer im Haß als in der Liebe, und wenn man ſagt, daß die Liebe blind macht, ſo macht der Haß hingegen hellſehend, und darum kann ich dem Bonqparte bis in ſeine Nieren hineinſehen, und kenn' ihn beſſer als Ihr Alle. Sagen Sie mir alſo, was er zu Ihnen ſo Offenherziges geſprochen hat, und ich werd' wiſſen, was ich von ſeinen Aeußerungen, die Ihnen als un⸗ willkührlicher Ausfluß ſeiner Geſinnungen erſchienen, zu halten habe. Was denkt er von dem Waffenſtill⸗ ſtand? Will er durchaus wieder zum Schwert greifen, oder iſt er zum Frieden geneigt? Geneigt, Majeſtät, iſt nicht das richtige Wort, er gedenkt Eurer Majeſtät für große Opfer den Frieden zu bewilligen. Ew. Majeſtät werden ihm viel Land, 154 viele Feſtungen und endlich viel Geld opfern müſſen, um dafür den Frieden zu erhalten. Und wenn ich das nicht thue? rief Franz ungeſtäin, wenn ich es vorziehe, lieber den Krieg zu erneuern und ehrenvoll auf den Trümmern meines Reichs zu ſterben, als mir einen ehrloſen Frieden zu erkaufen, was wird er dann ſagen? Dann wird er mit ſeinem ſtarken, ſiegesmuthigen Heer den Krieg auf's Neue beginnen, dann wird er, wie er mir mehr als einmal mit Donnerſtimme ent⸗ gegenſchrie, dann wird er unerbittlich ſein, und keine Rückſicht, keine Großmuth wird ihn mehr hindern, ſich zu rächen an ſeinem perſönlichen Feind, denn als ſolchen wird er alsdann Ew. Majeſtät betrachten. Aber in Nürnberg hängt man halt Keinen, man habe ihn denn zuvor, ſagte der Kaiſer ruhig. Noch hat der Bonaparte mich nicht, und ich denk', er wird mich auch ſobald nicht haben. Er wird doch, trotz aller Prahlereien, den Thron von Oeſterreich müſſen be⸗ ſtehen laſſen; ganz Europa würde wider ihn aufſtehen, ſelbſt Rußland würde ſein Feind werden und gegen ihn das Schwert ziehen, wenn er's ſich einfallen ließe, ſich ſelber das Kaiſerreich Oeſterreich anzueignen, und es zu verſchlingen, wie er Italien verſchlungen hat. 155 Majeſtät, ich glaube auch nicht, daß er Oeſterreich im Fall des wieder erneuerten Krieges bedroht, ſondern er bedroht nur den Kaiſer von Oeſterreich. — Was wollen's damit ſagen, Bubna? fragte der 1 Kaiſer heftig. Majeſtät, ſagte Graf Bubna leiſe und ſchüchtern, 6 Majeſtät, der Kaiſer Napoleon hält Sie für ſeinen perſönlichen, unerbittlichen Feind, und er meint, daß 1 wenn Ew. Majeſtät nicht da wären, ſondern ein ihm 1 günſtigerer Herrſcher auf dem Throne von Oeſterreich 4 ſäße, er ſehr bald nicht allein mit Oeſterreich Frieden . machen, ſondern auch für die Zukunft einen treuen 4 4 Bundesgenoſſen an ihm haben würde. Wenn es alſo 5 1 wieder zum Kriege käme, und derſelbe dem Kaiſer 1 Napoleon günſtig wäre, ſo— 6 4 Weiter, weiter, rief der Kaiſer ungeduldig, als 1 t Graf Bubna zögerte, ich muß Alles wiſſen, und ich 4 bin nicht ſo ängſtlich, daß mich blos geſprochene Worte 1 r ſchon in Schrecken und Furcht jagen. Ich aber, Majeſtät, ich bin ängſtlich, Worte aus⸗ 2 „ zuſprechen, deren Gedanken mich mit Entſetzen und n Abſcheu erfüllen, Worte, die ſich, Gott ſei Dank, wohl 1 niemals in Thaten umwandeln werden. 1 Machen's keine Vorrede, ſprechen's gerade heraus, 156 rief der Kaiſer ungeduldig. Was möcht' der Bona⸗ parte thun, wenn er uns im erneuerten Kriege aber⸗ mals beſiegte? Majeſtät, er möchte einen andern Kaiſer auf den öſterreichiſchen Thron ſetzen. Ach, immer das alte Lied, rief der Kaiſer verächt⸗ lich. Einer ſeiner Brüder oder Schwäger ſoll Kaiſer von Oeſterreich werden, iſt's nicht ſo?„Das Haus Habsburg hat zu regieren aufgehört,“ nicht wahr? Nein, ein anderer Fürſt des Hauſes Habsburg ſoll die Regierung übernehmen, einer der Brüder des re⸗ gierenden Kaiſers Franz. Ah, ah, er denkt an meine Herren Brüder, mur⸗ melte der Kaiſer, deſſen Wangen erbleichten. Nun, welchen von meinen Brüdern hat er denn zum zukünf⸗ tigen Kaiſer deſignirt? Er meinte, der Erzherzog Ferdinand, der Groß⸗ herzog von Würzburg, würde ein ihm wohlgeneigter Kaiſer von Oeſterreich ſein. Er habe Zutrauen zu dem Großherzog noch von Toscana her, und er glaube, daß auch der Großherzog ihm nicht abgeneigt ſei. Ihn alſo wünſche er ſich zum Kaiſer von Oeſterreich, und das Großherzogthum Würzburg werde er an Baiern geben. 157 a⸗ Und Tyrol? fragte der Kaiſer Franz. Will der r Bonaparte in ſeiner Freigebigkeit das auch an Baiern geben, oder will er es meinem Herrn Bruder Ferdi⸗ en nand, dem zukünftigen Kaiſer von Oeſterreich, laſſen? Nein, Majeſtät. Der Kaiſer Napoleon ſcheint mit t⸗ Tyrol ganz neue und eigenthümliche Pläne zu haben. er Baiern ſoll es nach dieſen Plänen nicht behalten, denn 6 Baiern habe es, wie Napoleon zürnend meinte, gar nicht verſtanden, mit den einfachen, biederen Tyrolern ll umzugehen. In den Bergen ſei tiefe Ruhe nöthig, darum könne er Tyrol nicht bei Baiern laſſen, das einmal von den Tyrolern gehaßt werde. Da Tyrol ſich aber ſo bewundernswürdig treu und anhänglich für Oeſterreich bewährt habe, ſo wäre es am Beſten, Tyrol zu einem ſelbſtſtändigen Fürſtenthum zu erheben, und M. daſſelbe auch einem der Erzherzöge, der Brüder des Kaiſers, zu geben.*) Bei Gott, meine Herren Brüder ſcheinen in großer* Gunſt bei dem Herrn Kaiſer Bonaparte zu ſtehen, rief der Kaiſer. Wem von den Herren Erzherzögen . hat er denn das neue Fürſtenthum Tyrol als gnädiges 4 Geſchenk zuerkannt? 7 *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Lebensbilder V. S. 217. 158 Majeſtät, er meinte, man müſſe Tyrol an denje⸗ nigen der Erzherzöge geben, dem es von jeher die größte Liebe und Begeiſterung gewidmet, an den Erz⸗ herzog Johann. Johann, rief der Kaiſer auffahrend, Johann ſoll Herr von Tyrol werden! Ach, er hat alſo ganz rich⸗ tig ſpeculirt, mein kluger und gelehrter Herr Bruder. Er hat zuerſt auf gar geſchickte und liſtige Weiſe ganz Tyrol zu einer Verſchwörung und Revolution aufge⸗ ſtachelt, und jetzt will er mit ſeiner eigenen Perſon die Revolution dämpfen und das geliebte Tyrol zur Ruhe bringen. Majeſtät, rief der Graf erſchrocken, es iſt nicht der edle Erzherzog Johann, der ſolche Pläne entworfen hat, ſondern der Kaiſer Napoleon. Dieſer ſcheint wenigſtens in einem rührenden Ein⸗ verſtändniß der Liebe mit meinen Herren Brüdern zu ſein. Wär' doch neugierig zu wiſſen, ob er nicht auch für die andern Herren Erzherzöge einige Kronen und Länder in ſeiner Großmuth aufgefunden hat. Und dann haben's mir noch nicht geſagt, was er aus mir machen will, wenn er mich vom Thron geſtoßen hat? Will er mich etwa auch gefangen halten, wie den König von Spanien und den Papſt Pius, oder will 159 er mir erlauben, mich auf der Flucht umherzutreiben, wie der König von Neapel? Majeſtät, Napoleon träumte ja nur von der Zu⸗ kunft, und Träume ſind niemals logiſch und conſequent. Ich ſelber hörte ſeinen Träumen nur ſchweigend zu, und ſie beluſtigten mich nur wie die drolligen Mährchen meiner Kinderjahre, die nur erfunden ſind, um Lachen zu erregen. Es iſt wahr, lachen wir darüber, rief der Kaiſer mit einem lauten Lachen, das indeſſen zu wenig na⸗ türlich klang, um auch Graf Bubna zum Lachen zu reizen. Und jetzt, ſagte der Kaiſer dann ſchnell ver⸗ düſtert, jetzt, da wir genug von dieſen luſtigen Hirn⸗ geſpinſten Bonaparte's geſprochen haben, jetzt laſſen Sie uns von ernſthaften Dingen reden! Welches ſind die Bedingungen, unter denen der Kaiſer von Frank⸗ reich mit mir einen Frieden abſchließen würde? Was fordert er? Majeſtät, ſeine Forderungen ſind ſo ungeheuer, daß ich ſie kaum zu wiederholen wage. Geniren's ſich nicht, ſagte der Kaiſer trocken. Hab' ich die Geſchicht' von meinen Herren Brüdern anhören können, werde ich auch wohl alles Andere — —— ——— —— 160 ertragen können. Sprechen's alſo! Was fordert Na⸗ poleon, um Frieden zu ſchließen? Er fordert, daß alles von den Franzoſen beſetzte öſterreichiſche Land an Frankreich falle, daß ihnen in den jetzt noch von den Oeſterreichern beſetzten einzelnen Feſtungen alle darin befindlichen Magazine, Arſenale, Vorräthe von Tuch und Kleidungsſtücken bei dem Abzug der Oeſterreicher verbleiben ſollen, daß ihnen die beiden Feſtungen Brünn und Gratz ohne Kampf und Widerſtand überliefert werden, und daß endlich Oeſterreich ſich zu großartigen Naturalienlieferungen für die franzöſiſche Armee verpflichte, deren Eintreibung dem General⸗Intendanten Daru übertragen werden ſolle. Damit er Oeſterreich ſo unbarmherzig ausſauge, wie er's früher mit Hamburg und Norddeutſchland überhaupt gethan, ſagte der Kaiſer achſelzuckend. Und verlangt denn der Bonaparte dies Mal gar kein Geld? Will er's ſich mit Provinzen, und Feſtungen und Lie⸗ ferungen genügen laſſen? Will er uns gar kein Geld erpreſſen? Majeſtät, er verlangt eine ungeheuerliche Summe. Er verlangt als erſte Anzahlung die Summe von zweihundert und ſiebenunddreißig Millionen Francs. 5) *) Siehe: Schloſſer: Geſchichte des achtzehnten Jahrhunderts 161 Na⸗ Na, na, er wird ſich ja auch wohl handeln laſſen, rief der Kaiſer. ttzte Ew. Majeſtät wollen alſo gnädigſt über ſeine rin Friedensbedingungen mit ihm unterhandeln? fragte gnen Graf Bubna freudig. Sie wollen zum Wohl Ihres ule, Landes ſeine ſtolzen Forderungen nicht ganz zurück⸗ 6 dem weiſen, und den Waffeenſtillſtand ſich nicht in einen men Krieg auflöſen laſſen, der, ſo wie die Dinge jetzt leider mpf ſtehen, jedenfalls nur zum Verderben Oeſterreichs und dich Ihrer Monarchie ausſchlagen könnte?. ngen Ich werd' mir die Sach' überlegen, ſagte der bung Kaiſer, hab' ja auch ſchon jedenfalls meinen guten 1 lle Willen gezeigt, indem ich meine Miniſter, die Grafen uge, Stadion und Metternich, nach Altenburg geſchickt habe, 5 land um dort mit dem Miniſter Champagny zu unterhan— 4 deln. Ich werd' ſie nicht heim berufen, und ſie ſollen ungeſtört weiter verhandeln. Sie verſtehen ſich 9 4 deld!.—.— 4 di darauf, und ſind beide gar gelehrte Herren und kluge giſ Diplomaten. Aber was die Herren Diplomaten thun, 4 Geld 4 pflegt langſam zu gehen, und darum wird's gut ſein, daß wir ihnen ganz im Stillen ein biſſel bei ihrer 6 ) 3. 3 Arbeit helfen. Während die Herren Diplomaten in und des neunzehnten bis zum Sturz des franzöſiſchen Kaiſer reichs. Bd. VIIa. S. 550. Mühlbach, Andreas Hofer. III 11 162 ungariſch Altenburg öffentlich unterhandeln, will ich ganz im Geheimen auch anfangen, zu unterhandeln, der Kaiſer unmittelbar mit dem Kaiſer, und Sie, Graf Bubna, ſollen mein geheimer Unterhändler und Zwiſchen⸗ träger werden. Majeſtät, rief Graf Bubna mehr erſtaunt als freudig, Majeſtät bezeigen mir da ein Vertrauen, das— Das Sie hoffentlich zu ſchätzen, und deſſen Sie Sich würdig zu zeigen wiſſen werden, unterbrach ihn der Kaiſer. Ich zähle auf Ihre Geſchicklichkeit, Ihren Eifer und vor allen Dingen auf Ihre Discretion. Sie werden morgen mit neuen Friedensvorſchlägen von mir nach Schönbrunn zum Kaiſer Napoleon gehen. Aber Niemand darf von Ihrer Sendung erfahren, am allerwenigſten aber meine beiden Herren Miniſter, die in Altenburg um den Frieden unterhandeln. Majeſtät, ich werde verſchwiegen ſein, wie das Grab! Ein ſchlechter Vergleich, Bubna, denn aus Ihren verſchwiegenen Unterhandlungen ſoll ja neues Leben für Oeſterreich erblühen. Nun gehen's und ruhen's Sich aus, ſpäter wollen wir weiter ſprechen, und werde ich Ihnen meine Aufträge ertheilen. Aber ſagen Sie, Bubna, glauben Sie wirklich, daß es dem Bo⸗ 163 naparte Ernſt war mit ſeinen Träumen, daß er wirklich, wenn er uns auf's Neue beſiegte, ſeine Pläne mit den Erzherzögen Ferdinand und Johann auszuführen be abſichtigte? Ich fürchte, Majeſtät, daß das wirklich ſeine ernſt liche Abſicht iſt. Er haßt mich alſo ſehr, der Kaiſer Napoleon? Er glaubt, daß Ew. Majeſtät ihn ſehr haſſen. Er ſagte mir einmal gradezu, daß nur der perſönliche Haß Eurer Majeſtät dieſen Krieg herbeigeführt hätte, und daß an dieſem Haß, wie er fürchte, auch alle Friedensunterhandlungen ſcheitern würden. Ich wagte es zu widerſprechen, aber er ſchüttelte lebhaft ſein Haupt, und rief: der Kaiſer Franz haßt mich ſo ſehr, daß er, glaube ich, lieber ſeine Krone und ſein Land verlieren, als einwilligen würde, ſich mir auf eine freundſchaftliche Weiſe zu verbinden, ſelbſt wenn ihm das den größten Vortheil gewährte. Glauben Sie zum Beiſpiel, daß der Kaiſer Franz, wenn ich ſein Schwiegerſohn zu werden wünſchte, mir die Hand ſeiner Tochter erließe, ſelbſt wenn ich ihm dafür die Hälfte der Kriegscontribution erließe, und ihm alles eroberte Land zurückgäbe? Wie, das ſagte Napoleon? fragte der Kaiſer mit 11* 164 ungewohnter, faſt freudiger Lebhaftigkeit. Aber, fuhr er dann düſter fort, dies gehört auch nur in das Reich der Mährchen und Träume Napoleons. Er iſt ja zur Zeit vermählt, und die Kaiſerin Joſephine iſt jung und lebensluſtig genug, um gar nicht an das Sterben zu denken. 8 Aber der Kaiſer Napoleon denkt, wie man ſagt, ſehr lebhaft an eine Scheidung. Die wird ihm der Papſt, den er gefangen hält, niemals bewilligen, rief der Kaiſer.. Er wird das auch wohl gar nicht begehren, Ma jeſtät. Der Kaiſer Napoleon hat ſeiner Ehe mit der Kaiſerin Joſephine niemals die kirchliche Sanction geben laſſen, und bei der Scheidung einer Eivilehe be darf es nicht der Genehmigung des Papſtes, ſondern der Kaiſer kann ſie löſen aus eigener Machtvollkom menheit. Das iſt halt recht bequem für den Herrn Bona parte, ſagte Franz lächelnd. Na, gehen's jetzt, Graf, und ruhen's Sich. Ich bin ſehr mit Ihnen zufrieden, und ich denk, ich werd's auch ferner mit Ihnen ſein können. Adieu! Ich werd' Sie ſpäter rufen laſſen! Er nickte dem Grafen freundlich zu, und blieb ruhig und lächelnd neben ſeinem Schreibtiſch, in der Mitte 165 des Gemachs, ſtehen, bis die Thür des Vorſaals ſich hinter dem Grafen Bubna ſchloß. Dann aber nahm ſein Geſicht einen düſtern, gehäſſigen Ausdruck an, und mit einer drohenden Geberde ſchleuderte er ſeine zur Fauſt geballte Rechte empor. Meine Herren Brüder, rief er mit dumpfer, zor⸗ niger Stimme, immer meine Herren Brüder! Ueberall wollen ſie mich bei Seite drängen, überall ſoll ich im Schatten ſtehen, damit ſie in deſto hellerem Lichte glänzen. Ach, wir werden ja ſehen, wer Kaiſer von Oeſterreich iſt, und wem Tyrol gehört, wir werden ja ſehen, wer der Herr iſt, und wer zu gehorchen hat. Noch bin ich der Kaiſer, noch habe ich über Krieg und Frieden zu entſcheiden, und ich will entſcheiden, und ich will ſie demüthigen und zum Gehorſam zwingen, dieſe großprahleriſchen Herren Erzherzöge, die immer den Krieg predigen, und in jeder Schlacht unterliegen, und beſiegt werden! Oh, ſie zetteln Revolution an, und ſtrecken ihre Hand nach meinem Eigenthum aus! Aber mit Einem Federſtrich meiner Hand werde ich ihre Kronen zerſchmettern, ihre Revolution erſticken, und ſie zur Unterwürfigkeit zwingen. Ich will Frieden machen mit Napoleon, und das aufrühreriſche Tyrol ſoll wieder ruhig werden, auch ohne daß der Herr 166 Erzherzog Johann es zum Geſchenk erhält. Lieber noch laſſe ich es an Baiern zurückfallen, als daß es mein Herr Bruder erhält. Damit wird dem auf⸗ rühreriſchen Bauernvolk Recht geſchehen, es hat böſes Beiſpiel gegeben, und es muß dafür beſtraft werden. Ich will keine Verſchwörer zu Unterthanen haben! Möge Baiern zuſehen, wie es die rebelliſchen Bauern wieder zur Raiſon bringt! Ich zieh' meine Hand von ihnen zurück. Ich will Frieden haben! Ich will Kaiſer von Oeſterreich bleiben, allen meinen Herren Brüdern zum Trotz! Sechstes Buch. Die Menſchenjagd. —— ——— ——— I. Ein Tag des Statthalters von CTyrol. Die kaiſerliche Hofburg zu Innsbruck war noch immer die Reſidenz des Ober⸗Commandanten von Tyrol, des Statthalters des Kaiſers, des Sandwirths An— dreas Hofer. Seit dem fünfzehnten Auguſt wohnte er in derſelben, aber einfach, ſtill und beſcheiden, wie er gelebt hatte, als er noch der Pferdehändler und Sandwirth war, ſo lebte er auch weiter jetzt, wo er der Herrſcher von Tyrol, der Statthalter des Kaiſers war. Statt, wie ſeine Freunde und Adjutanten es oft von ihm begehrt, die großen kaiſerlichen Prachtſäle des Kaiſerſchloſſes zu bewohnen, hatte Andreas ſich zu ſeinem Quartier die einfachſten und prunkloſeſten Zimmer ausgewählt, und einfach und beſcheiden, wie ſeine Woh⸗ nung, war auch ſeine Lebensweiſe geblieben. Vergebens ſuchte ſeine Umgebung ihn zu überreden, er müſſe ein 170 fürſtliches Hoflager halten, und an reich beſetzter Tafel Gäſte empfangen. Andreas wies alle ſolche Anfor⸗ derungen mit ſtolzem, und doch zugleich demüthigem Unwillen zurück. Meint Ihr, ich hätt' den ſchweren Poſten hier übernommen, um den großen Herrn zu ſpielen, und meines Leibes zu pflegen? entgegnete er denjenigen, welche ihn drängten. Nit zu Prunk und Hoffahrt bin ich Statthalter des Kaiſers worden, ſondern um dem liebſten Tyrolerland zu dienen, und es dem Kaiſer auf— zubewahren. Ich bin nur ein ſchlichter Bauersmann, und will nit leben, wie ein großer Herr. Bin gewohnt, zum Frühſtück Butter, Brod und Käſe zu eſſen, und ich wüßt' nit, warum ich das jetzt bleiben laſſen ſollt', blos weil ich nit droben im Sand bei meinem lieben Weib bin, ſondern hier drunten im Hauſe des Kaiſers. Bin auch gewohnt einfach und beſcheiden zu Mittag zu eſſen, und kann's daher nit leiden, wenn mir hier was Apartes ſoll gekocht und eine eigene Wirthſchaft in der Hofburg für mich eingerichtet werden. Die vornehme Eſſerei ſchmeckt mir halt gar nit, und ich ſag', wie's Sprüchwort:„viele Köche verderben den Brei.“ Da ich aber keinen verdorbenen Brei eſſen mag, ſo will ich auch keine Köche halten. Es bleibt 171 dabei, Butter, Brot, Wein und Käſe zum Früßhſtück, und zum Mittagseſſen laſſ' ich mir vom Adlerwirth meine Portion holen. Sie darf aber jedesmal nit mehr koſten, als einen halben Gulden. Gäſte will ich wohl laden, denn ich mag gern mit fröhlichen Leuten zu ſammen ſein, aber die Gäſte müſſen nit um's Eſſen, ſondern um's Plaudern kommen, für jeden Gaſt laſſ' ich vom Adlerwirth eine Portion Eſſen, wie für mich ſelber holen, und reichlich ſoll er geben, damit Niemand bei mir hungert. Aber keinen Tag dürfen's doch mehr wie ſechs Gäſte ſein, denn das wäre mir eine ſchöne Geſchicht', wenn ich, der ich dem Kaiſer ſein Land Tyrol erhalten will, ſtatt deſſen ihm hier viel Geld koſten wollt'. Damit es aber nimmer Irrthum und Aergerniß geben kann, ſoll der Adlerwirth jeden Morgen ſein Conto einſchicken, damit ich es durchleſe, und alle Woche ſoll's Rentamt bezahlen, und mir die Quit tung ſchicken.*) Arbeitſam, thätig und einfach, wie er's früher ge weſen, blieb Andreas Hofer auch in dieſen Tagen ſeines *) Andreas Hofer mit ſeinem ganzen Gefolge machte der Stadt Innsbruck für ſechs Wochen Aufenthalt nur die ÜUnkoſten von fünfhundert Gulden. Siehe: Bartholdy: Der Krieg der Tyroler Landleute im Jahr 1809. S. 291. 172 Glanzes. Nur auf das Wohl ſeines geliebten„Landl's“, waren alle ſeine Gedanken gerichtet, und ihm wollte er alle ſeine Kräfte weihen. Eine Reihe nützlicher und freiſinniger Verordnungen erſchien, die in ihrer gut ſtyliſirten Weiſe freilich nicht von Andreas Hofer, ſondern von Ennemoſer, Döninger, Kolb oder irgend einem Andern ſeiner Freunde und Schreiber herrührten, aber doch von ihm gebilligt und unterzeichnet waren. Jeden Morgen ertheilte Andreas Hofer, einem wirk— lichen Fürſten gleich, öffentliche Audienzen, und die Schildwachen, die unten vor der Hofburg und oben vor der Thür des Ober⸗Commandanten ſtanden, hatten ſtrengen Befehl, Niemand abzuweiſen, ſondern Jeden in das Audienzzimmer einzulaſſen, ſei er auch noch ſo ärmlich gekeidet. Mit freundlicher Geduld und regem Antheil hörte Andreas Jedermann an, immer war er bemüht zu helfen, zu tröſten, Frieden zu ſtiften und zu verſöhnen, und Jeder, der des Troſtes und Bei— ſtandes, der Hülfe und Rettung bedurfte, eilte, ſich an den allzeit hülfreichen Ober⸗Commandanten zu wenden. Auch heute befanden ſich viele Menſchen im Audienz— zimmer und Alle harrten ungeduldig des Moments, wo die Thür ſich öffnen und Andreas Hofer auf der Schwelle erſcheinen würde, um Alle mit ſeinem freund⸗ lich da l's“, ollte und lichen Kopfnicken zu begrüßen, und dann demjenigen, der zunächſt der Thür ſtand, winken würde, in ſein Kabinet einzutreten. Aber die zur Audienz feſtgeſetzte Stunde hatte ſchon längſt geſchlagen, und der ſonſt ſo pünktliche und gewiſſenhafte Ober⸗Commandant hatte immer noch nicht die Thür des Audienzſaals geöffnet. Doch war er ſchon ſeit einer halben Stunde in ſeinem Kabinet, und Döninger ſaß ſchon vor dem Schreibtiſch bereit, um, wie er das alle Morgen thun mußte, von jedem der Kommenden die Namen aufzu ſchreiben und ein kurzes Referat über ihre Wünſche und Bitten hinzuzufügen. Aber Andreas ging noch immer, die Hände auf dem Rücken gefaltet, im Zimmer auf und ab, und obwohl er ſchon zwei Mal die Hand auf die Thürklinke gelegt hatte, war er doch immer wieder, gleichſam erſchrocken, zurückgetreten und hatte ſein Auf⸗ und Abwandern wieder fortgeſetzt. Ober⸗Commandant, ſagte Döninger nach einer langen Pauſe, in der er lächelnd das unentſchloſſene Weſen Hofers beobachtet hatte, Ober⸗Commandant, Ihr habt Etwas, das Euch beunruhigt, nit wahr? * a, Cajetan, ſeufzte Andreas aus tiefſter Bruſt, doch einmal gewahr geworden biſt, ſo will 174 ich's auch nit leugnen, ich hab' Etwas, das mich beun⸗ ruhigt.. Und was iſt's denn, Ober⸗Commandant? Wollt' Ihr's Eurem treuen und verſchwiegenen Cajetan nicht anvertrauen? Ja, ich will's Dir ſagen, mein lieber Cajetan, ſagte Hofer. Ich fürcht', ich hab' geſtern einen erz⸗ vummen Streich gemacht, und ich ſchäm' mich darüber. Ach, Ihr wollt' von der Prozeßgeſchichte reden, die Ihr geſtern geſchlichtet habt, rief Döninger. Siehſt wohl, ſo wie ich von einem erzdummen Streich, den ich gemacht hab', anfang' zu reden, ſo weißt Du gleich, was gemeint iſt, und alſo muß es wirklich ein erzdummer Streich ſein. Ja, von der Prozeßgeſchicht' wollt, ich reden, Cajetan, denn ich fürcht', ich hab' ſie nit geſchlichtet, ſondern ich hab' ſie noch mehr verwickelt. Es war eigentlich nichts mehr zu ſchlichten, ſagte Döninger trocken. Der Prozeß war ja ſchon entſchieden, und die oberſte Juſtizbehörde hatte bereits ihr Urtheil gefällt, dem Ankläger die Summe von tauſend Gulden, um die es ſich handelt, zugeſprochen, und den Ange⸗ klagten zur Bezahlung und in die Gerichtskoſten ver⸗ urtheilt: Aber der Angeklagte beun⸗ vollt nicht etan, erz⸗ über. eden, umen n, ſo ß es der ich ſie ſagte jeden, riheil ulden, Ange⸗ ver⸗ 175 Nein, es war nit ein Mann, Cajetan, unterbrach ihn Andreas, es war eine Angeklagte, und das war grad' das Schlimme dabei. Ich kann's nit ertragen, Weiber weinen zu ſehen. Sie verſtehen's ſo ſehr zu flennen und zu jammern, daß mir's Herz ſo weich wird, und ich ihnen um des lieben Gottes willen helfen möcht'. Herr Jeſu, hat die Angeklagte geweint, es mußt Einem das Herz erbarmen! Und was kann denn die arme Frau dafür, Cajetan, daß ihr ſeliger Mann ein Schulden⸗ macher geweſen, daß er ſich von einem Freund tauſend Gulden geborgt, und unter den Schuldſchein, den er dafür gegeben, auch den Namen ſeiner Frau recht ſchändlicher Weiſ' mit darunter geſchrieben hat, ohne daß ſie was davon gewußt hat? Das iſt aber eben die Sach', Ober-Commandant, daß ſie's nit allein gewußt, ſondern daß ſie auch ihren Namen ſelbſt unter den Schuldſchein geſchrieben hat. Ich hab' mich bei den Richtern ſelbſt erkundigt, gleich geſtern. Sie ſagen, die Frau ſei als habgierig, geizig und ſchlecht bekannt, und ſie hätten ſie nicht verurtheilt, wenn nicht Zeugen da wären, die beſchworen haben, daß ſie die Unterſchrift ſelbſt gemacht hat. Sie ſei außerdem reich genug, um ohne Schaden die tauſend 176 Gulden, die ihr Mann doch jedenfalls von ſeinem Freund geborgt, zurückzuzahlen. Ich kann's nit glauben, rief Andreas. Sie konnt' gar ſo natürlich weinen und jammern, hab' mein Weib nimmer in all' den Jahren ſo viel zuſammen weinen ſehen, als das Weib in der Viertelſtund' geweint hat, und ich denk' halt, wer ſo weinen kann, der muß un— ſchuldig ſein. Und d'rum hab' ich gethan, was ich ſonſt immer gethan, hab', wie ich's Recht und die Macht dazu hab', an die Richter geſchrieben, und ihre Sentenz caſſirt. Nun, Ober⸗Commandant, wenn Ihr's Recht dazu habt, warum iſt's Euch denn jetzt unruhig zu Sinn? Es iſt nur, ſagte Andreas Hofer, daß ich jetzt denk', der Kläger, der ſeinen Prozeß ſchon gewonnen hatte, der könnt' jetzt recht unglücklich darüber ſein, daß ich ihm das wieder zu Schanden gemacht, und es iſt mir gar grauslich, wenn ich denk', er könnt' da d'rin ſein, und mir Vorwürf' machen wollen, daß ich ihn unglücklich gemacht, und ihm wieder genommen hätt', was der Richter ihm ſchon zugeſprochen hatt'! Und darum, Anderl, weil Ihr den Einen nit ſehen möcht't, wollt Ihr die Andern Alle da draußen ſtehen und warten laſſen? ſeinem konnt Weib veinen t hat, iß un as ich Macht entenz t dazu Sinn? h jetzt onnen ſein, ud es it' da aß ich zmmen 1 Haſt Recht, Cajetan, das darf ich nit, bin ein eigen⸗ nütziger, feiger Geſell, rief Andreas ganz zerknirſcht. Gleich jetzt ſollen's eintreten, ſollen nit mehr auf mich warten. Und mit haſtigem Schritt ging er nach der Thür des Audienzſaals hin, ſtieß ſie auf, und trat auf die Schwelle. Der große Raum war ganz angefüllt mit Menſchen von jedem Alter, aus jedem Stande, und Jeder drängte vorwärts nach der Thür hin, und Jeder wollte der erſte ſein, den Ober⸗Commandanten zu be⸗ grüßen, und von ihm in ſein Kabinet beſchieden zu werden. Andreas Hofer nickte freundlich nach allen Seiten hin, dann fiel ſein Auge auf einen Greis mit ſilber⸗ weißem Haar, der eifrig bemüht war, ſich zu ihm hin⸗ zudrängen, und mit angſtvoll flehenden Blicken nach ihm hinſchaute. Lieber Mann, ſagte Andreas weich, Ihr ſeid zwar nicht der Erſte an der Thür, aber Ihr ſeid der Aelteſte, und darum iſt's recht und billig, daß ich Euch zuerſt anhör'. Kommet alſo herein zu mir, und ſaget, was Ihr von mir wollt. Der Greis, auf ſeinen Krückſtock gelehnt, ſchob ſich Mühlbach, Andreas Hofer. III. 12 178 eiligſt vorwärts, und trat in das Kabinet ein, deſſen Thür Andreas ſelbſt hinter ihm ſchloß. Nun ſagt mir, Lieber, wer ſeid Ihr, und was kann ich für Euch thun. Viel, ſehr viel, Ober⸗Commandant, ſagte der Greis mit zitternder Stimme. Ihr könnt mir Gerechtigkeit gewähren. Mein NameV iſt Friedel Hofmeier, und ich bin der Unglückliche, der geſtern endlich ſeinen Prozeß gewonnen hatte, ſeine tauſend Gulden wieder haben ſollte, dem Ihr ſie aber durch einen Machtſpruch wiedergenommen habt. Cajetan, da haben wir die Geſchicht', ſeufzte An⸗ dreas, ſich mit kläglicher Miene zu Döninger umwen⸗ dend, der mit der Feder in der Hand vor dem Schreib⸗ tiſch ſaß, und dem Ober⸗Commandanten achſelzuckend zunickte. Ich komme zu Euch, dem Stellvertreter des Kai⸗ ſers, um von Euch Gerechtigkeit zu fordern, fuhr der Greis fort. Euer Machtſpruch aber war ungerecht, und gegen das Geſetz! Die Richter hatt en für mich entſchieden, und wenn Ihr ihr Urtheil caſſirt, ſo han⸗ delt Ihr ſehr hart und ſehr grauſam gegen einen alten Mann, der am Rande des Grabes ſteht, ſo nehmt Ihr meinem armen Enkelkinde ihr einziges Erbtheil. eſſen kann reis gkeit ich ozeß aben ruch 179 Gott und die heilige Jungfrau mögen mich gnädigſt vor ſolch einem Verbrechen bewahren, murmelte An⸗ dreas Hofer, ſich fromm bekreuzigend. Ach lieber Mann, warum ſeid Ihr nit früher kommen, und habt mir Eure Noth geklagt, ich hätt' Euch ſo gern geholfen und beigeſtanden, daß Ihr zu Eurem Recht kommen ſolltet. Und Ihr ſeid doch die einzige Schuld, daß ich nicht zu meinem Recht kommen kann, rief der Greis ſchmerzlich. Weshalb hätt' ich früher hierher kommen ſollen, und Eure koſtbare Zeit rauben? Ich vertraut' auf meine gute und gerechte Sache, ich wußt', daß der liebe Gott mich nicht verlaſſen würd', und daß er mir, der ich durch unverſchuldetes Unglück, durch die Grau⸗ ſamkeit des Feindes, der mir Haus und Hof in Aſche legte, mein Hab' und Gut verloren hab', nicht auch mein letztes kleines Vermögen nehmen würd', die tauſend Gulden, die ich wahr und wahrhaftig meinem Freund' geliehen hab', und für deren Wiederbezahlung nach zehn Jahren wahr und wahrhaftig ſeine reiche Frau ſich mit ihrer eigenen Unterſchrift verbürgt hatte. Die zehn Jahre waren jetzt um, und der liebe Gott hatte mich nicht verlaſſen, er lenkte das Herz der 12* 180 Richter, daß ſie mir Gerechtigkeit widerfahren ließen, und mir meine tauſend Gulden zuſprachen. Und nun habe ich ſie ihm genommen, murmelte Andreas, mit Thränen in den Augen, nun bin ich Schuld dran, wenn er mit Schmerzen in die Grube fährt. Cajetan, ich hab' den alten Mann unglücklich gemacht, ſag' doch, rath' mir doch, wie ich's wieder gut machen kann. Ihr habt das Urtheil der andern Richter aufge hoben und caſſirt, ſagte Döninger langſam, Ihr habt alſo die Gewalt in Händen, einen Machtſpruch zu thun, und Urtheile zu caſſiren. Andreas Hofer ſchwieg einen Moment, und ſchaute nachdenklich vor ſich hin, als ſuche er ſich einen dunkeln Orakelſpruch zu erklären, dann auf einmal erhellte ſich ſein Geſicht, und ein freudiges Lächeln umſpielte ſeine Lippen. Cajetan, jetzt weiß ich's, rief er. Ich hab' die Gewalt in Händen, einen Machtſpruch zu thun, und Urtheile zu caſſiren, und alſo kann ich noch einen Machtſpruch thun, und mein eigen Urtheil caſſiren. Cajetan Döninger nickte ſtill vergnügt vor ſich hin, der Greis aber faltete die Hände, und ſchaute mit einem Ausdruck ſtrahlender Dankbarkeit zu Hofer empor. ließen, melte n ich Hrube ſicklich vieder aufge⸗ habt ch zu chaute unkeln ſich ſeine 181 Ihr wolltet das thun, Andreas Hofer? fragte er bebend. Ihr wolltet Euer eigen Urtheil caſſiren, um der Gerechtigkeit willen?. Ja, das will ich, rief Hofer freudig, und gleich jetzt ſoll's geſchehen. Cajetan, nimm Deine Feder und ſchréib', was ich Dir jetzt ſagen will. So! Nun alſo angefangen:„Ich Endesunterzeichneter bekenne hiermit, daß ich geſtern einen Irrthum begangen, und gegen die Geſetze gefehlt habe. Irrthümer zu bekennen, und Fehler einzugeſtehen, iſt keine Schand', und darum thu' ich's, und bitte den lieben Herrgott und die Richter um Verzeihung, daß ich Aergerniß gegeben. Ich caſſire hiermit durch einen Machtſpruch den Machtſpruch, den ich geſtern gethan hab! Es ſoll in Sachen der tauſend Gulden, die von der hohen Juſtiz in ſeinem Prozeß dem Friedel Hofmeier zugeſprochen worden ſind, bei dem Urtheilsſpruch verbleiben, den die Herren Richter gefällt haben, und was ich geſtern geſchrieben hab', ſoll ſo ſein, als hätt' ich's nicht geſchrieben. Der Friedel Hofmeier hat ſeinen Prozeß gewonnen, und dabei bleibt es.“ So, und nun gieb die Feder, Cajetan, und laß mich unter Dein Geſchreibſel meinen Namen ſetzen! Er ſchritt zu dem Tiſch hin, und die Feder neh— 182 mend, begann er unter das Papier, das Döninger ihm hinſchob, ſeinen Namen zu ſchreiben. Oh, lieber Herr Ober⸗Commandant, rief der Greis entzückt, welch ein edler und lieber Mann ſeid Ihr, und wie— Still, unterbrach ihn Andreas, von dem Papier aufblickend, wenn ich mich verſchreib', ſo gilt das Ge ſchreibſel nit, und wir können das Ganze noch einmal anfangen. Ich ſag' Euch aber, es iſt eine grauslich ſchwere Arbeit, mit ſo'nem ſpitzen feinen Ding von Feder ſeinen Namen auf's Papier zu malen, und mein Name hat ſo einen langen Schwanz von Titel. Seid alſo fein ſtill, und laßt mich ſchreiben! So, da ſteht's: „Andere Hofer, Ober-Commandant in Tyrol.“ So, lieb Alterle, jetzt iſt Euer Papier gültig. Da, nehmt's, und lauft damit auf's Rathhaus, und ich gratulire Euch ſchönſtens, daß Ihr Eure tauſend Gulden ge wonnen habt. Sprecht nichts mehr, ſondern macht, daß Ihr auf's Rathhaus kommt. Es ſind noch gar viele Leut' da draußen, die mich ſprechen wollen. Er drückte dem Greis das Papier in die Hand, geleitete ihn nach der Thür hin, die er ſelber ihm öffnete, und ſchob ihn hinaus. Eben wollte er hinter ringer Hreis 183 ihm in den Audienzſaal gehen, als er plötzlich haſtig zurücktrat, und die Thür hinter ſich zudrückte. Cajetan, flüſterte er ängſtlich, ich hab' Etwas Schauderhaftes geſehen! Nun, was denn, Ober⸗Commandant? Cajetan, ich hab' die Frau geſehen, die Gegnerin vom Friedel Hofmeier, der ich geſtern den Machtſpruch gegeben. Cajetan, ich hab' mich nit gefürchtet, als wir auf dem Berg' Iſel und bei Brixen waren, aber vor der Frau, mit ihrem ſchrecklichen Geflenne, da fürcht' ich mich. Sie hat's mir angethan, Döninger, und ich weiß gar nit, was ich thun ſoll, wenn ſie jetzt die Ge⸗ ſchichte gemerkt hat, und hier hereinkommt, um mir Vorwürfe zu machen. Wir laſſen ſie aber nicht herein kommen, Ober Commandant, ſagte Döninger lachend. Cajetan, ich hab' mir aber ein Gelübde gethan, daß ich nimmer einen Menſchen will fortgehen laſſen, ohne ihn anzuhören, nit, wie die großen Herren, die nothleidende Menſchheit bei mir im Vorzimmer will warten laſſen, und ſie nachher doch ohne Troſt will wieder fortſchicken. Aber Ihr habt's ja gehört, Andreas, die Frau, die gehört nicht zur nothleidenden Menſchheit, denn 184 die iſt reich und geizig dazu. Sie hat Euch unver⸗ ſchämt angelogen, und wenn Ihr ſie herein laßt, ſo wird ſie Euch wieder anlügen, darum darf ſie nit herein kommen. Haſt Recht,„Gaietan⸗ ſie darf nit herein kommen, und nun bitt' ich Dich, L Lieber, geh' hin, und laß die nächſte Perſon Anrreter nur nit die böſe geizige Frau. Döninger ging zu der Thür, und ſie öffnend, winkte er derjenigen Perſon, welche ſich zunächſt der Thür befand. Eine junge Frau, in einfacher zierlicher Kleidung, trat ein, und blieb verlegen und traurig an der Thür ſtehen. Nun, Frauchen, rief Andreas ihr entgegen, kommt Ihr nun, mir zu melden, daß jetzt Alles gut geht, und daß der Mann und Ihr, ſeine junge hübſche Frau, jetzt glücklich und zufrieden mit einander lebt? Gelt das war ein ſchwer Stück Arbeit, Euch zwei Beid' wieder auszuſöhnen, und Euch zu bereden, daß Ihr bei einander bleiben, und Euch wieder lieb haben ſollt', wie's chriſtlichen Eheleuten geziemt. Einen ganzen Vormittag hat's mich gekoſtet, aber es thut mir nit leid drum, denn ich hab' doch mein Werk zu Stande gebracht, hab' Euch ausgeſöhnt, und Alles war wieder 185 ver⸗ gut mit Euch Zwei. Und verſprechen mußtet Ihr „ſo mir, in vierzehn Tagen wieder zu kommen, und mir zu nit ſagen, wie's Euch geht, und richtig, heut' ſind die vierzehn Tag' um, und da iſt das kleine hübſche Weib⸗ en, chen, um mir zu ſagen, daß der Anderl Hofer ſeine die Sach' gut gemacht hat, und daß ihr Mann jetzt ein au. gar getreuer, lieber und ſtandhafter Ehemann worden nd, iſt. Gelt, iſt's nit ſo? der Ach nein, es iſt leider nit ſo, ſchluchzte das junge Weib, in Thränen ausbrechend. Der Tony, mein ng, Mann, iſt ſchon wieder alle Abend nicht daheim, kommt hür erſt ſpät in der Nacht heim, und dann ſchilt er mich aus, weil ich wein' und ihm Vorwürfe mache, und unt geſtern, geſtern wollt' er mich ſogar ſchlagen. Iid Der ſchlechte Mann, rief Andreas heftig. Warum u, wollte er Euch denn ſchlagen? Was hattet Ihr ihm 1 denn gethan? Ich hatt' die Hausthür zugeſchloſſen, und wollte br ihm den Schlüſſel nicht geben, als er ausgehen wollt. 1 Hm, das war freilich ein biſſel allzuſtreng von. Euch, ſagte Hofer verlegen. Man kann doch einen jungen Mann nit hindern, ein biſſel umher zu gehen? Er kann doch nit immer daheim bleiben. Er ſoll aber nicht ohne mich ausgehen, und er — 186 wollte mich nicht mitnehmen. Ich hatte ihn darum gebeten, und er hatte es mir abgeſchlagen, und darum hatte ich das Haus zugeſchloſſen, und darum wollte ich ihn nicht herauslaſſen. Er ſoll nicht ohne mich ausgehen, denn er iſt gar ſo ein ſchmucker und ſchöner Mann, und in ſeiner hübſchen Tyrolertracht macht er, daß all die hübſchen Frauen von Innsbruck ihn an⸗ ſchauen, wenn er vorübergeht, und nach ihm liebäugeln. Nun, laßt ſie ihm nachſchauen, und nach ihm lieb— äugeln, rief Andreas lächelnd, was thut's Euch, wenn der Mann nur nit nach ihnen ſchaut und liebäugelt? Er thut's aber, Herr Ober⸗Commandant, er läuft den hübſchen Weibern nach, er geht in's Theater und in's Concert um ſie zu ſehen und mit ihnen zu ſprechen und ſchön zu thun. Ihr könnt mir'’s glauben, liebſter Ober⸗Commandant, er verläßt mich, er iſt mir ungetreu, und all Euer ſchönes und frommes Ermah⸗ nen und Zureden iſt umſonſt geweſen. Er liebt mich nicht mehr, und ich habe ihn doch ſo gar lieb, und ich möcht' immer bei ihm ſein, und ihn niemals verlaſſen. Aber er ſagt, das wär' ihm unbequem und es mache ihn lächerlich vor den Leuten, wenn er immer mit ſeinem Weib aufzög', wie ein Sträfling mit ſeinem Gefangenwärter. —— — mich öner 187 Ei, der böſe und hartherzige Mann, rief Andreas ganz entrüſtet. Nicht wahr, er iſt hartherzig, klagte die junge Frau. Er vergilt meine Liebe mit Schelten, und wenn ich gern immer bei ihm ſein will, ſo ſagt er, ich plag' ihn mit Eiferſucht, und es wär' nichts fürchterlicher, und es gäb' keine größere Plage, als ein eiferſüchtig Weib. Und da mag er wohl Recht haben, ſagte Döninger, eifrig beſchäftigt, ſich eine Feder zu ſchneiden. Was ſagſt Du, Cajetan? fragte Andreas, ſich zu ihm umwendend. Ich ſagte gar nichts, ich dachté nur laut, ſagte Döninger, ſeine Feder probirend. Hofer ſchwieg einen Augenblick, und ſchaute ſtill vor ſich hin. Ja, liebe Frau, ſagte er dann herzhaft, ſo ganz Unrecht mag Euer Mann wohl nicht haben, wenn er ſagt, daß Ihr ihn mit Eiferſucht quält. Ich glaub' wirklich ſelber, daß Ihr ein biſſel eiferſüchtig ſeid, und ich bitt Euch, gewöhnt Euch das ab, denn die Eiferſucht iſt ein gar ſchlimmer Fehler, und macht die Männer ſehr unglücklich. Aber muß ich denn nicht eiferſüchtig ſein? rief ſie heftig und unter Thränenſtrömen. Seh' ich denn nicht, wie die Weiber ihn verführen, und von mir abwendig 8 4 188 machen wollen? Seh' ich nicht, wie er im Theater nach den geputzten Damen hinſchaut, und ihre nackten Arme bewundert, und über ihre bloßen Schultern ſich freut. Wass? rief Andreas Hofer, iſt's denn wirklich wahr, daß hier die Frauenzimmer mit nackten Armen und bloßen Schultern gehen, und ſo vor aller Welt ſich zeigen? 1 Ja, Herr, das iſt wahr, ſchluchzte die Frau. Aller Orten könnt Ihr das ſehen, es iſt die neue Mode, die die Franzoſen daher gebracht haben, daß die Kleider ganz weit ausgeſchnitten ſind und ganz kleine Aermel drin, ſo daß die ganzen Schultern und die Arme nackt und bloß ſind. Alle vornehmen Frauen in Inns⸗ bruck haben die neue Mode ſchon angenommen, und wenn man ſie ſo im Theater in ihren Logen ſitzen ſieht, ſo ſieht's grad aus, als ob ſie im Bade ſäßen, ſo wie der liebe Herrgott ſie geſchaffen hat. Und daher, blos von den nackten Schultern und Armen kommt's, daß mein herzlieber Mann mir ungetreu wird, und mich nicht mehr liebt. Sie haben ihn verführt, die vornehmen Damen, mit ihrer nackten Herrlichkeit, und denkt Euch, er hat ſchon von mir verlangt, ich ſoll die neue Mode mitmachen und auch ſo nackt und bloß gehen. 189 Thut's nicht, ſagte Hofer entſetzt, das iſt eine un— ter chriſtliche und ſchamloſe Mode, und ein ehrbar Frauen⸗ ten zimmer darf ſie bei Leibe nit annehmen. Es iſt nit ut. das erſte Mal, daß ich darüber Klag' hör', daß die hr, Weiber hier gar ſo unzüchtig und ſchamlos in ihrem nd Anzug ſind. Erſt geſtern waren ein paar Landsleut' ich von mir im Theater, die haben ſich entſetzt, wie die Frauenzimmer ſich herausgeputzt, und wie entblößt ſie ler dageſeſſen hatten, ganz ohne Buſentuch, wie's doch bei 1 de, uns im Paſſeyr jedes anſtändige Frauenzimmer trägt, der und die Arme nackt, und mit allerhand Spangen und nel Goldgeſchmeide aufgeputzt, wie wir's bei uns nur von me den herumziehenden Comödianten geſehen, die in den t⸗ Scheunen ſpielen. Aber ich will dem Ding ein End' nd machen, ich will die guten tugendhaften Männer vor en Verführung ſchützen, und will's nit leiden, daß das n, Laſter ſich aufputzt, und die Schamloſigkeit neben der nd Ehrbarkeit daher gehen darf. Wartet nur, gute Frau, hn ich will Euch Euren Mann und alle andern guten , Männer vor den Verführungskünſten der leichtfertigen r, Frauenzimmer behüten, und eine Verordnung geben, i. die all' die ſchönen Frauenzimmer zur Raiſon bringen ch wird. Setzet Euch da hin, und hört zu, was ich dem Cajetan Döninger da für eine Verordnung dictiren — 190 werd'! Cajetan, nimm einen großen Bogen Papier mit dem Amtsſtempel darauf, und nun merk' wohl auf, und ſchreib recht ſchön und richtig hochdeutſch, was ich Dir jetzt dictiren will. Und im Gemach auf⸗ und abgehend, und langſam mit der Rechten ſeinen ſchönen ſchwarzen Bart ſtreichend, dictirte Andreas Hofer, wie folgt: „Daß wir Urſache über Urſache haben, dem all— mächtigen, gütigen Gott, für die durch ſeine außeror dentliche Hülfe erfolgte Befreiung des Vaterlandes von dem ſo mächtigen als grauſamen Feinde zu danken, muß und wird wohl Jedermann erkennen, und Jedermann wird wünſchen, fernerhin von dieſer großen Plage befreit zu bleiben, mit welcher Gott, ſo wie im alten und neuen Teſtament ſein Volk ſo oft, alſo auch unſer Vaterland heimgeſucht und gezüchtigt hat, auf daß wir uns zu ihm wenden und beſſern ſollen. Mit herzlichem Dank für des gütigen Gottes ſo große Erbarmniß und mit aufrichtigem Vorſatz einer ernſtlichen Beſſerung, müſſen und wollen wir uns alſo zu ihm wenden, und um fernere Verſchonung bitten. Wir müſſen ſeine väter⸗ liche Liebe mit wahrer Gegenliebe durch erbaulichen, züchtigen und frommen Lebenswandel zu erlangen uns ernſtlich beſtreben, und alſo Haß und Neid und Raub⸗ 191 ſucht und alles Laſterhafte verbannen, den Vorgeſetzten Gehorſam und dem bedrängten Mitbürger, ſo viel wir können, Hülfe leiſten; überhaupt aber alles Aergerniß vermeiden. Es haben ſich aber viele meiner guten Waffenbrüder und Landesvertheidiger geärgert, daß die Frauenzimmer von allerhand Gattungen ihre Bruſt und Armfleiſch zu wenig oder mit durchſichtigen Hadern bedecken, und alſo zu ſündhaften Regungen Anlaß geben, welches Gott und jedem Chriſtlichdenkenden höchſt miß⸗ fallen muß. Man hoffet, daß ſie ſich zu Hintanhaltung der Strafe Gottes beſſern, widrigenfalls aber ſich ſelbſt zuſchreiben werden, wenn ſie auf eine unbeliebige Art mit Koth bedeckt werden.*) Soll ich das wirklich ſchreiben? fragte Döninger, von ſeinem Papier aufſchauend. Ja, das ſollſt wirklich ſchreiben, und kein Wort davon ſollſt weglaſſen, rief Andreas Hofer. Gieb her, Cajetan, ich will ſehen, ob Du mir auch die letzten Wort' nit fortgeſtrichen haſt! Nein, da ſteht's: „widrigenfalls aber ſich ſelbſt zuſchreiben werden, wenn ſie auf eine unbeliebige Art mit Koth bedecket werden.“ Recht ſo! Nun gieb die Feder, Cajetan, daß ich raſch *) Siehe: Gallerie der Helden: Andreas Hofer. S. 135, und von Hormayr: Andreas Hofer II. 445. — 192 meinen Namen darunter ſchreib', und denn mach''nen Brief daraus und ſchick' ihn an's Amtsblättel und an die Zeitung, ſie ſollen's Beide gleich morgen abdrucken, damit alle Weiber von Innsbruck es gleich morgen leſen, und wiſſen können, wonach ſie ſich zu richten haben. Nun, liebe Frau, jetzt hoff' ich, werdet Ihr Ruhe haben, und nichts fürchten brauchen von den ge— putzten Frauenzimmern. Gehet alſo heim, und wenn ich Euch einen Rath geben darf, ſo ſeid recht freund lich und ſanft zu Eurem lieben Mann, und um der Liebe Gottes willen quält ihn nit mit Eiferſucht, denn das iſt ein gar bitter Kraut, was auch der bravſte Mann nit verdauen kann, und was ihn unwirſch macht und bös'. So gehet denn mit Gott, und in acht Tagen da kommt wieder her, und meldet mir, ob meine Verordnung geholfen hat, und ob Euer Mann jetzt nit mehr in's Theater läuft und mit andern Frauen zimmern liebäugelt. Der liebe Gott und die heilige Jungfrau mögen ſich unſerer erbarmen, ſeufzte die Frau, nach der Thür hinſchreitend, denn ich ertrag's nicht, wenn mein lieber Mann mit andern Frauen liebäugelt, und es giebt zu— letzt noch ein Unglück, wenn er nicht in ſich geht. 193 nen Gott ſei Dank, ſagte Döninger mit einem tiefen d an Stoßſeufzer, als die Frau das Zimmer verlaſſen hatte. ſcen, Warum ſagſt Gott ſei Dank? fragte Andreas rgen erſtaunt. hten Gott ſei Dank dafür, daß ich nicht der Mann bin Ihr von der eiferſüchtigen Frau. Die wird ihren Mann ge⸗ zu Tode quälen, und ihm, eh' er ſtirbt, keinen Augen⸗ venn blick Ruhe gönnen. und Es iſt wahr, ſie ſcheint nit allzu ſanftmüthig zu der ſein, ſagte Andreas lächelnd. Aber was willſt, Cajetan, denn ſie liebt ihren Mann doch gar ſo ſehr, und deshalb aoſte wird ſie doch gewiß eine tugendhafte Frau ſein, und nacht nimmer gegen das ſechste Gebot ſündigen. Na, Lieber, acht brumm' nit ſo, ſondern geh und laß eine andere eine Perſon ein. jetzt uen⸗ ögen Müblbach, Andreas Hofer. III. 13 Das Wiederſehen. Döninger ging zur Thür hin und öffnete ſie, und ſofort ſchlüpfte ein junges ſchönes Tyrolermädchen herein. Still, ſtill, flüſterte ſie Döninger zu, ſagt ihm nichts. Und leis auf den Zehen ſchlich ſie zu Andreas Hofer hin, der die Verordnung, welche er Döninger dictirt hatte, mit ernſter Aufmerkſamkeit noch einmal durchlas. Jetzt neigte ſie ſich und küßte die Hand, mit welcher Hofer das Papier hielt. Grüß' Dich Gott, herzlieber großer Vater und Volksbefreier, ſagte ſie mit ſilber— heller Stimme. Liſel Wallner! rief Andreas freudig, das Papier bei Seite werfend. Ja bei Gott, ſie iſt's! Es iſt Liſel, meines Herzfreundes beſtes Kind! Das Tyroler⸗ 195 heldenmädel. Komm, Liſel, umarme Deinen zweiten Vater, den Anderl, und gieb mir einen ſchönen Kuß von Vater und Mutter, und von Dir ſelber, mein herzliebes Mädel. Eliſe ſchlang ihre Arme feſt um Hofers Nacken, und drückte einen zärtlichen Kuß auf ſeine Lippen. Gott grüß Dich, lieb Vaterle, biſt ja jetzt der Vater von ganz Tyrol, flüſterte ſie, und darfſt nit ſchelten, wenn ich Dich auch Vater nenne! Im Gegentheil, eine große Freud' iſt's mir, rief und Andreas, ſie zärtlich an ſich drückend.'S kommt mir chen ſo vor, als ob ich da eins von meinen eigenen Mädchen ſagt im Arm halt, und ihre liebe Stimm' hör', die mich Vater nennt. Liſel, Dir kann ich's ſagen, ich ſehn' eas mich oft nach den ſchmucken Mädels und nach ihrer ger Mutter, der Anna Gertrud, und recht einſam iſt's mal mir zuweilen im Sinn. Und warum ſchickſt Du nicht hin, Vater Anderl, cher und läßt Dir Dein Weib und Deine Kinder daher 1. eber kommen? Platz habt Ihr doch in dem großen Haus hier? 4 ber Nein, ſie ſollen daheim bleiben, rief Andreas eifrig. 5 Die Mutter muß die Wirthſchaft führen und alles in ier Ordnung halten, und die Mädels müſſen ihr brav iſt dabei helfen. Es würd' ja ſonſt alles dabei zu Grund' 4 5 133 196 gehen, und wenn ich nit mehr nöthig hab' hier für den Kaiſer zu arbeiten, und ich käm' heim, ſo wär' die ganze Wirthſchaft ruinirt, und wir hätten gar nichts, wovon wir leben könnten, und wären arme Bettler. Auch will ich halt nit, daß die Mädels hoffährtig wer⸗ den, und dächten, ſie wären jetzt vornehm, weil ihr Vater der Ober-Commandant von Tyrol und der Stellvertreter des Kaiſers iſt. Bauern ſind wir und Bauern wollen wir bleiben. Aber reden wir jetzt nit mehr von mir, ſondern von Dir, mein Liſel. Wo kommſt denn her, was willſt hier, und wie kommſt denn da hinein in den Saal, zu den fremden Leuten? Ich kam, um Dich zu ſprechen, Vater Andreas, und die Schildwacht, die auf dem Gang ſteht, die fragt' ich, wo Du ſeiſt, ich müßt' Dich gar nothwendig ſprechen. Da hieß ſie mich in den Saal eintreten, und viel Leute waren ſchon darin, die Alle Dich ſprechen wollten, und ſie erzählten mir, daß Einer nach dem Andern hinein gelaſſen würde zu Dir; als ſie aber hörten, daß ich von Windiſch⸗Matrey komme, und zwei Tag' und zwei Nächt' gewandert ſei, um Dich zu ſprechen, da hatten ſie Mitleid und wollten mich nit warten laſſen, bis daß ich an die Reih' käm', ſondern 197 ließen mich vortreten, bis dicht an die Thür, ſo daß ich die Erſte ſein ſollt', die zu Dir hinein käm'. Es ſind doch gute und brave Leute, meine lieben Innsbrucker, rief Andreas freudig. Alſo von Windiſch⸗ Matrey kommſt, Liſel? Und wo iſt Dein Vater? Der iſt mit ſeinen Schützen beim Joachim Has⸗ pinger und Joſeph Speckbacher, und die Drei zuſammen ſind mit ihrer Mannſchaft gegen die Baiern zu Felde gezogen. Der Vater hat mit ſeinen ſiebenhundert Schützen das Unkenthal von den Baiern frei gemacht und liegt mit ihnen bei Berchtesgaden und Reichenhall. Der Speckbacher ſteht bei Neuhäuſer und Schwarzbach, und der Joachim Haspinger ſteht jetzt noch bei Werfen. Aber jetzt wollen ſie ſich alle Drei miteinander ver⸗ einigen, um den Baiern entgegenzurücken, und wollen ſehen, daß ſie ihnen den Paß Lueg, den ſie ſtark beſetzt halten, abgewinnen können. Und Du biſt nit bei Deinem Vater, Liſel, und nit bei Deinem Freund, dem Kapuziner, der immer von Dir als von einer Heldin ſpricht? Holſt nit mehr die Verwundeten aus der Schlacht, um ihre Wunden zu verbinden, und ſie zu pflegen? Ich hab' jetzt eine andere Liebespflicht zu erfüllen, und darum komme ich mit Erlaubniß des Vaters zu 198 Dir, herzlieber Vater Andreas Hofer. Ich bin gar traurig und unglücklich, und Du allein, lieber und all mächtiger Statthalter von Tyrol, Du allein kannſt mir helfen. Sag's ſchnell, mein Liſel, was kann ich für Dich thun? fragte Andreas eifrig. Bin Dir noch Beloh nung ſchuldig für Deine Heldenthat damals mit dem Heuwagen, und möcht' Dir gern vergelten im Namen des Vaterlandes. Alſo ſag', mein Mädel, was kann ich für Dich thun? Du kannſt mir die liebſte Freundin, die ich auf Erden hab', wiedergeben, ſagte Eliſe flehend. Kannſt eine gute Patriotin aus baieriſcher Gefangenſchaft, und einen braven Edelmann, der nichts gethan hat, als daß er ein gut tyroleriſch Herz hat, von Kummer und Herzeleid befreien. Ich will's ja von Herzen gern thun, rief Andreas, nur ſag' mir, von wem Du redeſt, Liſel? Ich rede von dem Baron von Hohenberg, der auf ſeinem Schloß bei Windiſch-Matrey wohnte, und von ſeiner Tochter, meiner lieben und einzigen Freundin Elza. Der alte Baron war immer ein gar gottes fürchtiger und lieber Herr, ein Wohlthäter und Vater der Armen, und kein Armer und Nothleidender hat ſich 199 an ihn gewandt, dem er nicht geholfen hätte. Seit zwanzig Jahren hat er ſich in Tyrol niedergelaſſen und wohnt in ſeinem Schloß bei Matrey, und ſo iſt er ein treuer Tyroler worden, obwohl er aus Baiern gebürtig iſt, und ſeine ganze vornehme Familie in München wohnt. Seine Tochter Elza iſt meine liebſte Freundin, wir ſind mitſammen aufgewachſen, und ſo ſehr lieb' ich ſie, daß ich mein Herzblut für ſie hin geben könnt'. Nun denke, lieb' Anderle, den lieben alten Baron und meine Elza, die Beiden haben die Baiern, als ſie vor zwei Monaten wieder in's Land eingebrochen waren, gefangen genommen, und nach München fortgeſchleppt als Geißeln, und ſie haben ſie da angeklagt als Verräther, weil ſie Beide treu zu Tyrol gehalten, und weil damals gleich zu Anfang in ihrem Schloß die baieriſchen Soldaten und ihr Haupt⸗ mann eingeſperrt und gezwungen wurden, die Waffen niederzulegen. Ja, ja, ich kenn' die Geſchicht', rief Andreas ver⸗ gnügt, es war eine rechte und echte Heldenthat vom Anton Wallner, und damit fing unſer glorreicher Be⸗ freiungskrieg an. Und jetzt wollen die ſchlechten Baiern dafür den guten Herrn von Hohenberg einen Verräther 200 ſchelten, und er kann ja nichts dafür, und war ja nit einmal daheim als das geſchah. Sie ſagen, er ſei mit guter Abſicht damals aus ſeinem Schloß fortge⸗ reiſt, weil er die Tyroler hab' nit hindern wollen, die Baiern gefangen zu nehmen, und er hab's gewußt, daß die Tyroler das vorhatten, und hätt' die Baiern war⸗ nen müſſen. Er hat gehandelt als guter Patriot, daß er's nit gethan hat, rief Andreas, und dafür ſollen ſie ihn nit einen Verräther ſchelten, und ſollen ihn mit ſeiner Tochter nit gefangen halten. Ach, und ſie ſehnen ſich alle Beide ſo ſehr nach ihrem lieben Tyrol und nach ihrem Schloß. Die Elza hat's mir geſchrieben, hab' vor acht Tagen einen Brief von ihr gehabt, und die Schrift war von Thränen halb verlöſcht. Sie fühlen ſich Beid' ſo unglücklich in der großen Stadt München, und die vornehmen Ver⸗ wandten machen ihnen ſo harte Vorwürf' und der alte Herr iſt ſchon krank worden von der Stubenluft und der Gefangenſchaft, und Elza meint', er würd' ſicherlich ſterben vor Gram, wenn er nit bald erlöſ't würd' und in ſeine Berge zurückkäme. So bitte ich Dich denn, lieber mächtiger Ober⸗Commandant von Tyrol, erhalt' dem alten Baron das Leben, gieb mir meine Elza 201 wieder, mach' ſie Beide frei aus der Gefangenſchaft. Darum bin ich gekommen, Vater Anderl, um Dich das zu bitten, und wenn Du meinſt, daß ich jemals ein biſſel für's Vaterland gethan und mir'n Dank und Lohn verdient hab', ſo laß es mein Dank und Lohn ſein, daß Du Elza und ihren Vater aus der Gefangen— ſchaft erlöſeſt, und ſie heimkehren läßt. Ich will thun, was ich kann, rief Andreas tief⸗ bewegt, und der liebe Gott iſt mit Dir, und hat ge⸗ macht, daß Du grad' heute kommſt und grad' heute mir Deine Bitt' ſagſt, denn grad' heute kann ich Dir helfen. Nit wahr, Döninger. Der baieriſche Officier, den Ihr nach München abſendet? fragte Döninger lakoniſch. Ja, der baieriſche Officier, der ſoll ſie frei machen, rief Andreas. Schau, Liſel, wie ſich das trifft! Wir haben da unter den Gefangenen, die wir in der letzten Schlacht am Berg Iſel gemacht, einen baieriſchen Hauptmann, einen gar lieben und verſtändigen Mann, der, wie mir ſcheint, viel herzige Theilnahme hat für uns Tyroler Leut'. Den wollten wir jetzt auf Ehren— wort aus der Gefangenſchaft entlaſſen, und wollten ihn nach München ſchicken, daß er mit dem König unterhandele, ob wir nit unſere Gefangenen auswech⸗ — —— 202 ſeln wollten, und uns nit im Guten verſtändigen könnten. Der baieriſche Hauptmann,— ich denk' Ulrich heißt er— Ulrich? fragte Eliſe erbebend und tief erröthend. Ich mein', daß das ſein Nam' iſt, ſagte Hofer gelaſſen, aber ſeinen zweiten Namen, den hab' ich ver— geſſen, wir nennen ihn halt immer nur Hauptmann Ulrich, wie Ihr mich Andreas nennt. Nun, der Haupt⸗ mann Ulrich hat ſchon ſeine Inſtructionen erhalten, und die Liſte von den Gefangenen, für deren Aus⸗ wechſelung er ſprechen ſoll. Nun haben wir weiter nichts zu thun, als daß wir den Namen noch auf die Liſte ſetzen, und Du ſelber, mein Liſel, ſollſt dem Hauptmann Ulrich es recht an's Herz legen, daß er Dir den alten Herrn und Deine liebe Freundin wieder herbeiſchafft. Ich bitt' Dich, liebſter Cajetan, geh' und hol' den Hauptmann, er ſollt' ja erſt in einer Stund' abreiſen, muß alſo noch hier ſein. Iſt gewiß noch hier, denn da liegen ſeine Papiere, die ich ihm bringen wollt', und ohne die er nit abreiſen kann, ſagte Döninger. Und hier iſt auch die Liſte von den Gefangenen, die er frei machen ſoll. So ſchreib' den Namen vom alten Herrn Baron nnten. heißt thend. Hofer ver⸗ tmann Haupt alten, Aus⸗ weiter uf die dem aß er vieder und tund' piere, e von zaron 203 und ſeiner Tochter d'runter, Cajetan, und ſchreib' dabei: dringend empfohlen. Aber gegen wen ſollen ſie ausgewechſelt werden? fragte Cajetan. Ja freilich, gegen wen? Nun, gegen Herrn Ulrich ſelber! Wenn er ſie befreit, und wie er's feierlich ge— ſchworen, wieder hierher kommt, und die Antwort bringt, und vielleicht den alten Herrn und ſeine Tochter gleich mit herſchafft, ſo ſoll er frei ſein, und gehen können, wohin er will. Geh', Cajetan, ſag' das dem Hauptmann und bring' ihm die Papiere, und ſag' ihm nochmals Beſcheid von Allem, was er zu thun hat. Und Du, Liſel, willſt ihm nit ein Briefel mitgeben fü Deine Freundin? Aber freilich, haſt kein Briefel fertig So iſt's beſſer, Du ſagſt ihm mündlich, was er Deiner Freundin von Dir beſtellen ſoll, und was Du ihr nit ſchreiben konnteſt. Geh' alſo, Cajetan, bring' dem Hauptmann die Papiere, und führ' ihn hierher zur Liſel. Aber nit hier herein, denn es warten da d'rin noch gar viele Leut', die ich anhören muß, eh' ich weiter mit Dir plaudern kann. So führ' ihn denn in's andere Zimmer, und wenn er d'rin iſt, ſo komm' wieder hier— her, Cajetan. Dann kann die Liſel da hinein gehen, und mit dem Hauptmann ſprechen, und wir ſprechen ——— 2 204 mit den armen Leuten da drin, die ſchon ſo lange heut warten müſſen.— Aber fort laß ich Dich nit wieder, mein Liſel, fuhr Hofer fort, als Döninger hinaus gegangen war, nein, fort laß ich Dich nit. Mußt bei mir bleiben hier im Schloß, und mußt mein herzlieb Töchterlein ſein, bis daß der Hauptmann zu⸗ rückkommt von ſeiner Sendung, bis daß Du weißt, ob er Dir Dein' Freundin mit heimbringt und ihren Vater dazu. Willſt das, mein Liſel? Ja, das will ich, lieber Vater Andreas, will bei Dir bleiben bis dahin, will Dich hegen und pflegen als Dein lieb Töchterlein, bis daß mein' Elza ſo Gott vill kommt, und ich mit ihr zuſammen nach Windiſch— Matrey heimkehr'. Eben trat Döninger wieder herein. Der Haupt⸗ mann iſt drin in dem Zimmer da, ſagte er, auf eine Seitenthür deutend, er erwartet Euch, und wenn er mit Euch geſprochen hat, reiſt er ab. Der Wagen ſteht ſchon bereit. Geht alſo, Jungfer Eliſe Wallner. Ich geh' ſchon, ſagte Eliſe, und ſie nickte Andreas mit einem ſüßen Lächeln ihren Abſchiedsgruß zu, und öffnete die Thür zu dem Seitengemach, während Dö⸗ ninger eben eine neue Perſon aus dem Audienzſaal in Hofer's Cabinet herein ließ. 205 Das Gemach, in welches Eliſe eintrat, war eins 1 der größeren Prunkzimmer des Schloſſes, die Andreas nger nicht bewohnte, und nur zu beſonderen Gelegen⸗ nit heiten benutzte. Es war ein breiter Raum mit ſchwe⸗ nein ren Seidentapeten an den Wänden, und vor den hohen 2 Fenſtern mit eben ſolchen Vorhängen, die, lang herab 96 wallend, das Tageslicht dämpften, und ein mattes rnt Dämmerlicht in dem weiten Raum verbreiteten. An den Wänden ſtanden prachtvolle vergoldete Meubles, be zwiſchen den Fenſtern große Venetianiſche Spiegel in breiten geſchnitzten Goldrahmen, und von der Decke 4 hernieder hingen große Kronleuchter von Bergeryſtall. zel War's die Pracht und Herrlichkeit, welche ſie auf i einmal umgab, die Eliſe ſo ſcheu und ängſtlich machte? 4 Ganz beklommen lehnte ſie einen Moment an der Thür, up. als wage ſie nicht, vorwärts zu ſchreiten auf dem eine glänzenden Parquet. Faſt ängſtlich ſchweiften ihre 43 großen glänzenden Augen durch den weiten Raum, und gen jetzt ſah ſie da drüben in der Fenſterniſche, halb ver⸗ ner. borgen von den dunkeln Vorhängen, eine hohe männ⸗ reas liche Geſtalt; das Haupt von ihr abgewandt, ſchien er und eifrig zum Fenſter hinaus zu ſpähen. dö⸗ Ich kenn' ihn nicht, ich kenn' ihn gewiß nicht, ſagte Eliſe leiſe zu ſich ſelber. Es iſt eine Thorheit, 206 ſo etwas zu denken, raff' Dich alſo zuſammen, mein Herz, und ſei ruhig, und klopf' nicht gar ſo ungeſtüm. Und mit muthigem Willen ihre Schüchternheit überwindend, ſchritt ſie vorwärts, grad' zu dem Offi⸗ cier hin, der, von ihr abgewandt, in der Fenſter⸗ niſche ſtand. Jetzt war ſie dicht hinter ihm, und mit leiſer, ſchüchterner Stimme ſagte ſie: Herr Hauptmann, ich— Er wandte ſich raſch um, er ſchaute ſie an mit einem Blick voll glühender Freude, voll unendlicher Liebe. Eliſe ſtieß einen Schrei aus, und ganz unwillkühr⸗ lich hoben ſich ihre Arme, und ganz unwillkührlich that ſie einen Schritt vorwärts, und lag in ſeinen Armen, ehe ſie's wußte, und fühlte ſeinen brennenden Kuß auf ihren Lippen, in ihrem Herzen, und dachte nichts, und wußte nichts als: Er iſt's! Er iſt's! Ich ſeh' ihn wieder! Er liebt mich noch! Siehſt Du, meine Eliſe, flüſterte Ulrich, ſie feſt in 9. ſeine Arme preſſend, ſo mußte ich es machen, um Dir Dein himmliſches Geheimniß zu erpreſſen. Ich wußte, daß Du es warſt, die mich ſprechen wollte, und ich wollte Dich überraſchen, und jetzt iſt es mir gelungen, die Ueberraſchung hat mir verrathen, was die ſchüch mein tüm. cheit ffi⸗ ſter⸗ 207 ternen und keuſchen Lippen meiner Eliſe mir nicht ge⸗ ſtehen wollten. Ja, Du liebſt mich! Oh, leugne nicht mehr, denn Dein Herz hat Dich verrathen, vorher, als Du mich erkannteſt, als die Freude wie ein heller Sonnenſtrahl von Deinem Antlitz leuchtete. Nun biſt Du mein, Eliſe, und nichts auf Erden darf und ſoll uns mehr trennen! Nein, ſuche Dich nicht meinen Armen zu entwinden, meine holde, ſüße Braut! Ich laſſe Dich nicht, und käm' die ganze Welt, Dich mir abzutrotzen, ich ließe Dich nicht, nicht um die ganze Welt und alle ihre Schätze! Die ganze Welt kommt nit, ſagte Eliſe, ſich ſanft ſeinen Armen entwindend, die Welt kümmert ſich nit um das arme Bauernmädel. Aber ich ſelber will mich Euch abtrotzen, und ich will, daß Ihr mich gehen laßt, Herr, und daß wir vernünftig mit einander ſprechen, wie's zwei ehrbaren Leuten geziemt. Laßt mich los, Herr Hauptmann von Hohenberg, es ſchickt ſich nit, daß Ihr mich im Arm haltet, da wir allein ſind. Würdet Euch doch ſchämen, wenn Jemand Euch ſehen könnt', wie Ihr die Bauerndirn' im Arm habt. Nein, Eliſe, ich würde mich nicht ſchämen, ich D würde meinen Arm feſter um Dich ſchlingen, und mit Stolz würde ich der ganzen Welt entgegenrufen: Eliſe 208 Wallner, das Bauernmädchen, iſt meine Braut, und ich liebe ſie, und ich bete ſie an, als das treueſte, edelſte und ſchönſte Herz, und ſie ſoll mein Weib werden, und ich will ſie lieben und hochhalten mein Lebelang! Und wenn Ihr ſo ſprächt, ſo würde die Welt Euch auslachen. Eure Aeltern aber und meine liebe Elza, die würden um Euch weinen. Um mich aber ſoll mein' Elza niemals weinen, und nimmer ſollen Eure vor— nehmen Aeltern ſich ſchämen müſſen über die Schwieger⸗ tochter, die Ihr ihnen in's Haus bringt. Ich kann ihnen ja nimmer gefallen als Schwiegertochter, und alſo könnten auch ſie mir nimmer gefallen als Schwie⸗ gerältern. Oh, Eliſe, Deine Schönheit, Deine Engelsreinheit und Güte würde ihren Widerſtand beſiegen, denn kein Herz kann Dir widerſtehen, und wenn meine Aeltern Dich erſt näher kennen, wenn ſie ſich erſt in das Un— abänderliche gefügt haben, ſo werden ſie bald dahin kommen, Dich zu lieben und als Tochter an ihr Herz zu nehmen! Vorher müßten ſie ſich aber erſt in das Unabän⸗ derliche fügen, und aufgedrängt müßt' ich ihnen erſt werden, damit ſie mich nachher lieben lernten. Ich I ſ , und eueſte, Weib mein Euch Elza, mein vor⸗ ieger⸗ kann 209 dank' ſchön, Herr, bin nur eine Bauerndirn', aber hab' auch meinen Stolz, und möcht' nimmer mich einer Familie aufdrängen, ſondern würde nur einen Mann nehmen, deſſen Aeltern mir mit Liebe entgegenkommen und mir ihren Segen gleich mit hinein geben in meine neue Wirthſchaft. Und nun laßt's gut ſein, reden wir nit mehr davon. Reden wir von Euch, und ſagt mir, wie's Euch ergangen iſt, all die Zeit her. Du ſiehſt es, Eliſe, wie's mir ergangen iſt, ſagte Ulrich traurig. Ich kam damals, als Deine himm⸗ liſche Großmuth mich befreite, glücklich durch das in⸗ ſurgirte Land bis zu den baieriſchen Truppen, und trat wieder in ihre Reihen. Wir haben viel gekämpft und viel gelitten, und endlich am vierzehnten Auguſt bin ich in der Schlacht am Berge Iſel von den Tyrolern gefangen genommen, und hier in Innsbruck als Ge— fangener geweſen. Sie kennen mich hier aber nicht unter meinem Namen, denn ich wollte nicht, daß das Gerücht meiner Gefangenſchaft bis zu meinen Aeltern gelanger unte, und lieber ſollten ſie mich als einen in der Schlacht Gefallenen, denn als einen Gefangenen beweinen. Jetzt aber hat das Schickſal anders über mich beſchloſſen, ich ſoll mein trauriges Incognito nicht länger bewahren dürfen; man ſchickt mich nach Mün— Mühlbach, Andreas Hofer. III. 14 210 chen, damit ich dort über die Auswechſelung der Ge⸗ fangenen und der Geißeln, welche unſere Truppen mit fortgeführt, unterhandeln ſoll. Und Euer Oheim und meine Elza ſind auch unter den Gefangenen, rief Eliſe. Oh, Herr, wenn Ihr wirklich meint, daß Ihr mir Dank ſchuldig ſeid, wenn Ihr nicht vergeſſen habt, daß ich Euch das Leben ge— rettet hab', ſo bitt' ich Euch, macht Euren lieben alten Oheim frei, und führt ihn hieher, denn gar bittere und ſchlimme Tage hat er in München, wo ſie ihn einen Verräther ſchelten, und wo ſeine eigenen Verwandten ihm harte Vorwürfe machen. Das ſtößt ihm das Herz ab, und er wird ſterben vor Gram, wenn er nicht bald erlöſt wird. Ich wußte gar nicht, daß ihn ein ſo hartes Loos getroffen, ſagte Ulrich weich, erſt heute früh durch Dö⸗ ninger, der mir die Papiere brachte, und mich hierher führte, erfuhr ich davon. Aber ich geſteh's, in der Freude über Euch, meine holde, liebe Eliſe undankbares Herz ſogar des alten Onkels der mir ſo viel Beweiſe ſeiner Liebe und C ben, und mich Monate lang wie einen Sohn in ſeinem Hauſe gehalten hat. Ich werde ſuchen, ihm zu ver⸗ gelten, ich werde alle Mittel meiner Beredtſamkeit, 211 meiner Verbindungen aufbieten, um ihn zu erlöſen, ich werde ſelbſt bis zum König gehen, um für ihn zu ſprechen, und ſeine Sache zu führen. Aber auch meine Elza müßt Ihr mir heimbringen, Herr, rief Eliſe. Oh, ich bitt' Euch bei Allem, was Euch heilig und theuer iſt— Dann bitte mich bei Deinem Namen, bei Deinem holden Angeſicht, unterbrach er ſie glühend. Ich bitt' Euch aus tiefſter Seele, fuhr ſie, ohne ſeine Worte zu beachten, in feurigem Eifer fort, bringt mir meine Elza wieder. Sie iſt die beſte Hälfte von meiner Seele, wir ſind zuſammen aufgewachſen, haben alle Freud' und alles Leid mit einander getheilt, haben uns geſchworen, Eine für die Andere das Leben und das Herzblut zu laſſen, wenn's nöthig wär', und in treuer Freundſchaft an einander zu hängen, ſo lang' wir leben. Ich leb' aber nur halb, wenn meine Elza nicht bei mir iſt. So führt mir denn meine Elza wieder her, lieber Herr Ulrich, und ich will Euch danken und Euch ſegnen, und Euch lieben, wie einen Bruder. Wie einen Bruder! rief er mit einem ſchmerzlichen Hohnlachen. Aber ich will dieſe Liebe nicht annehmen, ich will nicht von Euch geliebt werden, wie ein Bruder. Ich will Euer Herz, Euer ganzes Herz, Eliſe; es iſt 14* 212 auch mein, wider Euren eigenen Willen mein, aber Ihr ſeid rachſüchtig, Ihr könnt nicht vergeſſen und vergeben, und weil ich in meinem blinden Starrſinn Euch damals verkannte, wollt Ihr jetzt Eure Rache nehmen, wollt mich zur Verzweiflung treiben, mich lebenslang unglücklich machen! Ich, rief ſie ſchmerzvoll, ich ſollte Euch unglücklich machen wollen! Ja Ihr, ſagte er bitter, Ihr ſeht, was ich leide, und Ihr freut Euch deſſen, Ihr fühlt, daß ich Euch grenzenlos liebe, und mit kaltem, höhnendem Stolz wollt Ihr mir meinen früheren erbärmlichen Stolz vergelten! Meinem unſinnigen Ahnenſtolz wollt Ihr Euren Bauernſtolz entgegenſtellen, mit kaltem Blute, ungerührt von meinen Schmerzen, wollt Ihr mich in den Tod treiben, um dann hohnlachend ſagen zu kön⸗ nen: Ich habe als treue Tyrolerin gekämpft für mein Vaterland! Ich habe einen Baiern getödtet, habe ihm lachend ſein Herz zerbrochen. Ihr lügt, das werde ich nicht ſagen, rief Eliſe flammend vor Zorn, Ihr lügt, wenn Ihr mich ſo elender Rache fähig haltet, Ihr lügt, wenn Ihr meint, daß ich ein kaltes und grauſames Herz habe. Ich wollte, ich hätt's, dann würde ich nicht leiden, was ich aber und ſinn ache nich klich — 213 leide, dann würde ich wenigſtens vergeſſen können. Ich ein kaltes und grauſames Herz, ich Euch haſſen, und Euch verachten? Seht Ihr denn nicht, was ich leide, ahnt Ihr denn nicht, daß ich um Euch leide? Schaut mich doch an, ſeht doch, wie meine Wangen bleich ſind, und wie eingefallen meine Geſtalt, und wie trübe meine Augen. Ich acht' nicht drauf, und ſchau mich nicht an im Spiegel— wozu ſollt' ich's und für wen?— aber die Mutter wiederholt's mir alle Tage, und weint um mich. Und warum bin ich ſo blaß und ſo mager, und warum ſind meine Augen ſo trübe? Weil ich mich gräme, weil ich Tag und Nacht keine Ruh' hab', weil was drin iſt in meinem Herzen, das nimmer ſchweigen und nimmer ſtill ſein will, ſelbſt dann nicht, wenn ich bete, oder im Beichtſtuhl kniee. Meint Ihr etwa, ich gräme mich um's Vaterland und um den blutigen Krieg? Was kümmert mich's Vater⸗ land, ich denke nicht mehr daran, und doch macht mich jede Schlacht zittern, und wenn die Kanonen donnern, ſo falle ich nieder auf meine Kniee und bete in Angſt und Thränen zu der heiligen Jungfrau. Oh, Gott der Herr möge mir verzeihen, ich bete nicht für den Vater, nicht für die Unſrigen, oh Gott und Herr, ich bete für den Baiern, ich bete. für Euch! 214 Eliſe, rief Ulrich freudeſtrahlend, und ſeine Arme nach ihr ausſtreckend, Eliſe— Still, ſagte ſie, ihn ſtolz zurückwehrend, redet nicht. Ich hab' Euch die Wahrheit geſagt, denn ich wollt' nicht, daß Ihr mich beſchuldigt, ich wollt' nicht, daß Ihr zuletzt mir fluchen ſolltet, da ich doch Euch täglich ſegne. Aber nun geht, Herr, vergeßt, was ich geſagt habe, aber denkt an mich als an Eine, die Euch nim⸗ mer gehaßt hat, die nimmer an Euch hat Rache nehmen wollen.. Eliſe, ſagte Ulrich ernſt, indem er ihre Hand nahm, und ihr tief in's Auge ſah, laß uns jetzt offen und ehrlich mit einander ſein. Unſere Herzen haben zu einander geſprochen, und Gott hat ſie gehört. Du liebſt mich, und ich liebe Dich. Entſinnſt Du Dich deſſen, was ich zu Dir ſagte, als ich droben auf der Alp von Dir Abſchied nahm? Ich weiß nicht, Herr, flüſterte ſie, die Augen nie— derſchlagend. Ich aber weiß, fuhr er ernſt und feſt fort. Ich ſagte zu Dir:„ich gehe jetzt, aber ich kehre wieder, und dann werde ich fragen: haſt Du mein gedacht? Willſt Du mein Weib werden?“ Nun, Eliſe, bin ich 215 zurückgekehrt und ich frage Dich, wie ich Dich auf der Alp fragte: Eliſe, willſt Du mein Weib werden? Und ich antworte Euch, was ich Euch oben auf der Alp antwortete, ſagte ſie feierlich. Wir Zwei können niemals zu einander gehören als Mann und Weib, aber wir können einander gedenken als gute Freunde! Und ſo, Herr, will ich immer an Euch ge denken, und freuen wird's mich allzeit, wenn ich höre, daß es Euch gut geht. 3 Das iſt Euer letztes Wort? fragte Ulrich mit flammendem Zorn. Ja, Herr, es iſt mein letztes Wort. Du willſt alſo unſer Unglück? rief er ſchmerzlich. Oh Du Herz von Cryſtall, ſo durchſichtig und klar, ſo hart und ſpröde, willſt Du Dich denn niemals er weichen laſſen von den Sonnenſtrahlen der Liebe? Soll denn Dein Herz davon nur härter werden und ſpröder? Ich kann nicht anders, Herr, gewiß, ich kann nicht anders, ſagte ſie flehend. Nun wohl denn, auch ich kann nicht anders, rief er. Ich werde dieſe Sendung nicht annehmen, ich werde nicht nach München gehen. Ich bleibe. Nein, nein, ich beſchwöre Euch, geht! rief Eliſe. 216 Rettet meine gefangenen Landsleute, rettet mir vor allen Dingen meine Elza und ihren Vater. Oh ſie iſt unglücklich, ſie ſehnt ſich nach der Heimath, ſie weint um mich, um Euch, Herr! Eilt, eilt, habt Mit— leid mit Elza und mit mir. Weshalb ſollte ich Mitleid haben, da Ihr keins habt? fragte er raſch. Mögen die Gefangenen ſterben vor Gram, ich bin auch Gefangener, und ich werde auch zu ſterben wiſſen. Ich gehe nicht von hier, es ſei denn, daß Ihr mir verſprecht, daß, wenn ich wie⸗ derkehre, Ihr mein Weib werden wollt, mir vor dem Altar und vor dem Prieſter Gottes Eure Hand reichen wollt. Ich ſchwöre bei Allem, was mir theuer iſt, ich gehe nicht, wenn ich nicht Euer Wort mit mir nehme, daß Ihr Euren Stolz bezwingen, daß Ihr mein Weib werden wollt. Nun wohl denn, ſagte ſie mit einem tiefen Er⸗ röthen, ſo geht. Befreit mir meine Elza, bringt ſie mir heim, und dann— Und dann? fragte er, als ſie ſtockte. Dann ſollt Ihr aus den Händen des Prieſters ein Weib empfangen, das Euch liebt, grenzenlos liebt, ſagte ſie leiſe. Er ſtieß einen Freudenſchrei aus, und drückte ſie 217 feſt in ſeine Arme. Sie aber wehrte ihn ſanft zurück. Eilet jetzt, ſagte ſie, je früher Ihr fort ſeid, deſto früher kehrt Ihr zurück. Ich eile, ich reiſe ab, rief er freudetrunken. Aber ſchwöre mir, Eliſe, ſchwöre mir, daß ich gleich an dem Tage meiner Heimkehr, ſei's früh am Morgen, ſei's ſpät in der Nacht, aus den Händen des Prieſters mein Weib empfangen ſoll, mein Weib, das mich grenzen— los liebt. Ich ſchwöre Euch das bei der heiligen Jungfrau, ſagte Eliſe feierlich. Bringt mir meine Elza hierher, und an dem Tage Eurer Wiederkehr, ſei's früh' am Morgen, ſei's ſpät in der Nacht, ſollt Ihr aus den Händen des Prieſters Euer Weib empfangen. Herr Hauptmann Ulrich, rief Cajetan Döninger, die Thür aufreißend, es iſt die höchſte Zeit zu Eurer Abreiſe, der Wagen hält ſchon eine Stund' vor der Thür. Und ich bin bereit, ſagte Ulrich, Eliſen mit einem ſtrahlenden Lächeln die Hand darreichend. Lebe wohl, Eliſe, in vierzehn Tagen kehre ich heim, und bringe Dir Deine Elza! Etza's Rückkehr. Man feierte heute, am dritten Oktober, ein herr⸗ liches Feſt zu Innsbruck, und Freude und Jubel war in der ganzen Stadt. Eine Botſchaft war vom Kaiſer Franz aus Totis nach Innsbruck gekommen, eine Bot⸗ ſchaft der Liebe und des Glücks. Drei der frühern Anführer des Tyroler Aufſtandes, die ſich bei dem zweiten Einbruch der Baiern nach Oeſterreich mit den abziehenden Truppen gerettet hatten, die drei Anführer Sieberer, Friſchmann und Eiſenſtecken waren jetzt als Couriere vom Kaiſer nach Innsbruck gekommen. Mitten durch das vom Feinde beſetzte Steiermark und Kärnthen hatten ſie ſich hindurchgeſchlichen, und unter lautem Jubel der Bevölkerung waren ſie in Innsbruck angelangt. Freudenbotſchaft brachten die Drei vom Kaiſer Franz! Er ſandte dem Ober⸗Commandanten 219 von Tyrol, dem lieben und getreuen Andreas Hofer, eine ſchwere goldene Gnadenkette, an der die goldene Verdienſt⸗Medaille mit dem Bildniß des Kaiſers hing, dazu dreitauſend Gulden zur Unterſtützung der tapfern Streiter. Das beſte von Allem war aber ein eigen⸗ händiges Schreiben des Kaiſers, in welchem er die Tyroler belobte wegen ihrer Tapferkeit, ſie zum ferneren Widerſtand aufforderte, ihnen verſprach, daß ſie von Oeſterreich kräftig mit Geld und Mannſchaft unterſtützt werden ſollten. Zu dieſem Zweck, meldete das Schrei⸗ ben, werde der Kaiſer den Herrn von Reſchmann als Oberlandes⸗ und Armee⸗Kommiſſarius mit weitern Weiſungen und Geldmitteln baldigſt nach Tyrol ſenden, und möchten ſich alle tapfern Tyroler nur auf den nahen Krieg gefaßt machen. Unendlich war der Jubel der Landesvertheidiger über dieſe glücklichen Nachrichten, und Andreas Hofer's Antlitz ſtrahlte vor Wonne und Entzücken, als er beim feierlichen Hochamt in der Hofkirche aus den Händen des Abtes von Wiltau, vor dem Altar knieend, die kaiſerliche Ordenskette empfing. Die Orgel rauſchte dazu ihre Jubelhymnen, und das Volk jauchzte ihm entgegen, und alle Behörden und alle Bürger der Stadt leiteten Andreas Hofer im Triumph durch die 2 220 feſtlich geſchmückten Straßen hinein nach der Kaiſerburg. Er war prächtig anzuſchauen in ſeiner ſtattlichen gold⸗ geſtickten Uniform, die er heute zu Ehren des Tages ſtatt ſeines Tyrolergewandes trug, die ſchwere goldene Kette mit dem Kaiſerbildniß blitzte unter dem ſchönen ſchwarzen Bart auf ſeiner Bruſt hervor, ſein Haupt bedeckte ein goldverbrämter ſchwarzer Hut, den ihm die Urſulinernonnen geſchenkt, und auf dem ſie mit goldenen Buchſtaben eingeſtickt hatten:„Andreas Hofer, Ober-Commandant von Tyrol.“ An⸗ dreas Hofer's Angeſicht leuchtete vor Freude, während er ſo, umjubelt von der ganzen Bevölkerung, unter dem Geläute der Glocken einherſchritt, aber ſein Herz war doch voll Demuth, und die ſtrahlenden Blicke gen Himmel erhebend, ſagte er leiſe vor ſich hin: oh mein Herr und Gott, Du allein haſt Alles zu Stande ge— bracht, haſt uns behütet und beſchützt, und uns den Sieg verliehen! Dir allein ſei die Ehre! Behüt' mich, Herr, vor Hochmuth und laß mich immerdar er⸗ kennen, daß ich doch nichts bin als Dein armſeliger Knecht, und daß Du allein uns den Sieg giebſt und den Segen für unſere Sach'. Auch die kaiſerliche Hofburg war heute feſtlich ge⸗ ſchmückt, und ein großes Banket ſollte dort ſtattfinden burg. gold⸗ Tages An⸗ hrend dem war gen mein 221 zu Ehren des Tages. Alle Behörden von Innsbruck waren eingeladen zu einem feſtlichen Mahl, und am Abend ſollte im großen Prunkſaal ein glänzender Ball gegeben werden, und zum Schall der ſchmetternden Muſik ſollten die ſchönen Mädchen von Innsbruck tanzen, zu Ehren des feſtlichen Tages. Zum erſten Mal hatte Andreas Hofer heute ſeine Einwilligung gegeben zu Muſik und Tanz, und alle ſchönen Mädchen von Innsbruck rüſteten ſich daher, um die ſeltene Freude mit genießen zu können, und Theil zu nehmen an dem glänzenden Feſt. Alle Geſichter ſtrahlten und glänzten, auch das holde Angeſicht Eliſens war heute wie von einem Sonnenſchein des Glückes durchleuchtet. Große Freude war ihr heute geworden, denn in der Frühe des Morgens war Ulrich von Hohenberg angelangt, und mit ihm ſein Oheim, der alte Baron von Hohenberg und ſeine Tochter Elza. Ulrich hatte Wort gehalten, genau vierzehn Tage waren ſeit ſeiner Abreiſe vergangen, und jetzt, nach dieſen bangen, fürchterlichen Tagen der Erwartung, die Eliſe in Thränen, in Schweigen und zugleich in geheimnißvoller Thätigkeit hingebracht hatte, war Ulrich wiedergekehrt, und mit ihm Elza, die ge— liebteſte Freundin Eliſens. 222 Mit einem ſtillen, glückſeligen Ausdruck hatte Ulrich zugeſchaut, wie Eliſe mit Thränen der Freude immer und immer wieder ihre Elza umarmte, wie ſie immer und immer wieder neben dem Ruhebett niederknieete, auf welchem man den alten, von der Reiſe, den Auf⸗ regungen und der Gefangenſchaft tieferkrankten Baron gebettet hatte, wie ſie zärtlich und demüthig zugleich ſeine Hand an ihre Lippen drückte, und Gott dankte, daß ihr lieber alter Herr, und die beſte Hälfte von ihrem Leben, ihre Elza, ihr wiedergegeben ſei. Endlich aber, nach dieſem freudigen und ſtürmiſchen Wiederſehen, waren die Kräfte des alten Barons er— ſchöpft, er bedurfte der Ruhe und Stille, und Elza mußte ihn in das für ihn beſtimmte Schlafgemach geleiten.. Eliſe und Ulrich blieben nun allein. Erbebend wollte ſie dieſem Alleinſein entfliehen, und ſchlüpfte leiſe nach der Thür hin, aber Ulrich eilte ihr nach, und faßte ihre Hand. Eliſe, ſagte er feierlich, ich habe all' Eure Wünſche erfüllt. Ich habe Euch meinen Oheim, und Eure Elza wiedergebracht, der König von Baiern hat die an⸗ gebotene Auswechſelung angenommen, er hat den Baron und ſeine Tochter frei gegeben, und Andreas Hofer llrich nmer nmer jeete, Auf⸗ aron gleich nkte, von ſchen er⸗ Elza nach ron ofer 223 entläßt mich dafür aus der Gefangenſchaft. Ich bin alſo nun frei, ich bin kein Gefangener mehr, und als freier Mann frage ich Euch jetzt: erinnert Ihr Euch des Schwurs, den Ihr mir geleiſtet habt am Tage meiner Abreiſe? Ja, ich erinnere mich, flüſterte ſie leiſe. Wiederholt ihn mir, ſagte er gebieteriſch. Wie lautete Euer Schwur? Er lautete:„bringt mir meine Elza hierher, und an dem Tage Eurer Wiederkehr, ſei's früh am Morgen, ſei's ſpät in der Nacht, ſollt Ihr aus den Händen des Prieſters Euer Weib empfangen, das Euch gren zenlos liebt.“ 3 Ihr habt die Worte nicht vergeſſen, Eliſe. Werdet Ihr ſie aber auch jetzt erfüllen? Ihr beſteht darauf? fragte ſie, ſchüchtern und traurig zu ihm aufblickend. Ja, ich beſtehe darauf, ſagte er mit einem glück⸗ ſeligen Lächeln. Nun denn, flüſterte ſie kaum hörbar. Ich werde mein Wort erfüllen. Er ſtieß einen Freudenſchrei aus, und drückte ihre Hand an ſeine Lippen, und ſchaute ihr mit einem Aus 224 druck unausſprechlicher Zärtlichkeit in das erröthende zuckende Angeſicht. Oh, bebe nicht, Liebe, ſagte er, ſchaue nicht zagend und bang in die Zukunft. Ich werde mein Weib vor jedem Kummer und Unglück, meine Gemahlin vor jeder Demüthigung zu ſchützen wiſſen. Dich glücklich zu machen ſoll meine ſüßeſte Freude, Dich geehrt und anerkannt von aller Welt zu ſehen, meine heiligſte Pflicht ſein. Du willſt Deinen Schwur erfüllen, und Du mußt es noch heute. So laß mich gehen, und einen Prieſter ſuchen, und Du, mein holdes Mädchen, Du geh' und flechte den Myrtenkrauz in Dein Haar, denn bald komme ich Dich zu holen, Dich im Triumph in die Kirche zu führen, denn öffentlich vor aller Welt ſoll unſere Trauung ſein. Nein, Herr, ſagte ſie, leiſe ihr Haupt ſchüttelnd. Ich will mein Wort erfüllen, aber ich bitt' Euch, ich beſchwör' Euch, erlaubt mir, daß ich Alles einrichte, laßt mich gewähren, und macht's dies Eine Mal, ſo wie ich's wünſche. Und was wünſcheſt Du denn, meine holde Braut? Ich wünſche, daß Niemand von dem erfährt, was wir vorhaben, ich wünſche, daß Ihr heute den ganzen Tag unſer Vorhaben vor Jedermann geheim haltet, —— öthende zagend eib vor zr jeder lich zu rt und eiligſte n, und n, und ädchen, Haar, riumph r Welt ttelnd. c, ich richte, jal, ſo 225 mit Niemanden davon redet, weder mit Eurem Oheim noch mit Elza, noch mit Andreas Hofer, noch mit ſonſt Jemanden. Aber wie ſoll ich alsdann eines Prieſters habhaft werden, der unſere Trauung vollführt? Ueberlaßt das Alles mir, Herr. Ich ſchaffe den Prieſter. Meinem lieben alten Freund, dem Kapuziner Joachim Haspinger, der in dieſer Zeit hier in Inns⸗ bruck war, dem allein habe ich anvertraut, was geſchehen ſollte, im Fall Ihr mit meiner Elza wiederkehrtet, und er hat mir verſprochen, daß er ſelbſt die Trauung vollziehen will. So habe ich denn gleich heute Morgen, als der Courier Eure baldige Ankunft meldete, einen reitenden Boten an Pater Joachim geſandt, und ich weiß gewiß, daß er heute noch kommen wird. Du haſt alſo aus freiem Willen Dein Wort er— füllen wollen, rief Ulrich freudig, Du haſt daran ge⸗ dacht, auch ohne meine Mahnung. Ob, ich danke Dir, meine Eliſe, denn nun ſehe ich, daß Du mich wirklich liebſt! Ja, Herr, ich liebe Euch wirklich, ſagte Eliſe feierlich. Ihr ſollt das heute wohl noch erkennen müſſen. Wollt Ihr mir nun verſprechen, was wir vorhaben, vor Jeder⸗ Mühlbach, Andreas Hofer. III. 15 ——y 226 mann geheim zu halten, zu Niemanden davon zu ſprechen, und mich in allen Dingen walten zu laſſen? Ich verſpreche es Dir, mein holdes Mädchen. Sag' nur, was ich thun ſoll, und ich gelobe Dir ſchweigenden, unbedingten Gehorſam. Nun denn, lieber Herr Ulrich, ſagte ſie mit bebender Stimme, ſo kommt heute Abend um neun Uhr in die Kapelle hier im Schloß. Da werdet Ihr als Zeugen, wie ich hoffe, den lieben Ober-Commandanten Andreas Hofer finden, und der Pater Joachim wird vor dem Altar ſtehen, und vor dem Altar wird Eure Braut knieen, bereit, Euer Weib zu werden, und Euch zu lieben, und Euch zu dienen ihr Lebelang. Und da werde ich meine Braut finden, die ich vor dem Altar Gottes zu meiner Gemahlin, erwählen, die ich lieben, hochſchätzen, und in Ehren halten will, mein ganzes Leben lang, rief der Hauptmann tief bewegt. Sie neigte leiſe ihr Haupt, als nähme ſie damit ſein feierliches Gelübde an. Ihr kommt alſo um neun Uhr in die Schloßkapelle? fragte ſie. Ich komme, ſagte er lächelnd, und ſei gewiß, ich werde pünktlich ſein. Pünktlich, wie der Schatzgräber, der zur feſtgeſetzten Stunde ſeinen Schatz heben muß, echen, in die ugen, dreas dem Braut ich zu ch vor n, die mein ewegt. damit neun iß, ich räbet, muß, 3 d 27 wenn er ihn nicht auf immer verlieren will. Um neun Uhr bin ich in der Kapelle. Wohl, um neun Uhr! Und jetzt lebt wohl bis dahin, Herr. Gar Vieles habe ich noch zu thun und zu ſchaffen, muß den Brautſtaat noch in Ordnung bringen, denn heut' will ich Euch keine Schand' machen, Herr Ulrich. Eure Braut darf nit als eine Bauerndirn' daſtehen, ſie muß ſchön und vornehm gekleidet ſein, wie eine Dame, wie Elza, ſo ſchön und vornehm. Kleide Dich, wie Du willſt, ſagte er lächelnd, nur glaube nicht, daß ich mich jemals der Bauerndirne ſchämen werde, daß ich jemals verbergen und bemän— teln will, von welchem Herkommen meine holde ſchöne Gemahlin iſt. Und werdet Ihr morgen mit mir in meine Hei⸗ math fahren? fragte ſie. Werdet Ihr Euch meinem Vater, dem Commandanten vom Puſterthal, Anton Wallner, als ſein Schwiegerſohn vorſtellen? Oh, Ihr wißt wohl, er iſt ein tapferer Held, der Anton Wallner, nicht blos Tyrol, ganz Deutſchland kennt die Helden thaten, die er bei Taxenbach im Gefecht gegen die Baiern vollbracht. Auch jetzt iſt er wieder zu Feld gegangen, und wird, mit Joſeph Speckbacher und Pater Haspinger vereint, die Baiern am Paſſe Lueg an⸗ 15* 228 greifen und ſo Gott will beſiegen. Nit wahr, Herr Ulrich, Ihr kommt mit mir zu meinem Vater, dem Anton Wallner, und fordert ſeinen Segen als ſein Schwiegerſohn? Aber Du ſagſt ja ſelbſt, Eliſe, daß er nicht daheim iſt? Nun denn, rief ſie lebhaft, ſo fahren wir ihm nach zum Paſſe Lueg! Ulrich ſchwieg und blickte verlegen zur Erde nieder, und ſah nicht, wie Eliſens Augen mit einem forſchen— den, ſchmerzlichen Ausdruck auf ihm ruhten. Eliſe, ſagte er dann nach einer Pauſe, langſam ſein Haupt erhebend, Du haſt ein großmüthiges Herz, und eine zarte Seele. Dein Herz wird mir daher vergeben, wenn ich Deinen Wunſch nicht erfülle, Deine Seele wird verſtehen, daß ich ihn nicht erfüllen kann. Dein Vater iſt Commandant der Tyroler, welche im Aufruhr ſich gegen Baiern erhoben haben, er kämpft gegen die Baiern, meine Landsleute, meine Waffen⸗ gefährten. Ich habe meine Freiheit wiedererhalten, aber ich habe den Eid leiſten müſſen, in dieſem Krieg nicht wieder die Waffen gegen Tyroler zu führen. Der König von Baiern hat mir erlaubt, dieſen Eid zu leiſten, und befohlen, daß ich nach München komme, wo ich bis zur Beendigung des Krieges bleiben ſoll. 229 Ich muß ſchon morgen dahin abreiſen, und meine holde, geliebte Gemahlin begleitet mich. Wenn aber der Krieg beendet iſt, wenn wieder Friede iſt im ſchö⸗ nen Tyrol, dann kehre ich mit meiner Eliſe in ihre Heimath zurück, dann fordere ich von Anton Wallner als ſein Schwiegerſohn ſeinen Segen, und dann iſt es mir erlaubt, ihn laut zu preiſen wegen ſeiner Helden⸗ 1 thaten, und ihn zu ehren und zu lieben als den Vater meiner Gemahlin. Begreifſt Du, daß ich nicht anders handeln kann, Geliebte? m Ja, ich begreife, rief ſie, ich begreife, daß der 3, baieriſche Hauptmann Herr Ulrich von Hohenberg jetzt er nicht zum Tyroler Commandanten Anton Wallner ne gehen kann, und von ihm, der eben gegen die Baiern n. zu Felde zieht, ſeinen Segen fordern, und ihn ſeinen in Schwiegervater nennen kann. Ueberlaſſen wir der Zu⸗ ft kunft, daß ſie uns Allen Frieden geb' und Glück. u⸗ Du ſiehſt wohl ein, daß ich, nicht anders kann, en, ſagte er ängſtlich, aber Du biſt traurig? Ich ſehe da eine Wolke auf Deiner Stirn, Eliſe? el. Nein, keine Wolke, rief ſie, ihr Haupt ſchüttelnd. eid In mir iſt's ganz hell, Herr, und ganz deutlich ſeh' ich, was ich thun muß. Kommt alſo heut Abend um 230 neun Uhr 2 die Schloßkapelle, Ihr ſollt da Alles bereit finden. Ich ſoll da Dich finden, Dich, meine holde Braut, rief Ulrich ganz beſeligt, ſeine Arme nach ihr ausbrei⸗ tend. Oh, weiche mir nicht aus, Eliſe, Du biſt jetzt Mein, Dein Platz iſt an meinem Herzen, entziehe Dich ihm nicht. Sieh, ich bin demüthig und gehorſam, ich will nicht nehmen, was Du mir nicht freiwillig giebſt. Aber gieb mir jetzt Dein Brautgeſchenk, Eliſe, gieb mir den erſten Liebeskuß! Nein, Herr, ſagte ſie faſt ängſtlich, am Tag der Hochzeit, da ſie zum Altar des Herrn treten ſoll, darf 7 keine ehrbare, fromme Braut durch Unheiliges ihre — Lippen entweihen, darf keinen Kuß geben, und keine Speiſe über ihre Lippen laſſen. Nur fromnie Gedanken ſollen in ihr ſein, nur beten ſoll ſie, und zu den Hei⸗ ligen flehen um Gnade und um Glück. So laßt mich denn gehen, meine heiligen Pflichten zu erfüllen. Ja, meine holde, ſüße Unſchuldstaube, ich laſſe Dich gehen, ſagte Ulrich ſanft. Bete zu Gott und flehe zu den Heiligen für Dich und mich, aber ſei pünktlich heute Abend neun Uhr in der Schloßkapelle. Gewiß, Herr, ich werde pünktlich ſein. Nun lebt wohl! Geht hier hinaus. Ich bleibe hier, denn ich 231 erwarte meine Elza, und gar Vieles habe ich ihr noch zu ſagen. Sie wird alſo um Dein Geheimniß wiſſen? Ihr wirſt Du verrathen, was ich ſonſt Niemanden ver rathen darf? Nein, Herr, ich werde ihr nichts verrathen, und nur Gott darf mein Geheimniß kennen. Nun zum letzten Mal, lebt wohl, Herr! Lebe wohl, Eliſe! Oh gieb mir Deine Hand! Laß ſie mich einmal an's Herz drücken. Oh fürchte nichts, Eliſe, nicht einmal Deine Hand ſollen meine unheiligen Lippen heute entweihen! Nun geh' ich, Kind, leb' wohl bis heute Abend, meine holde Braut! Er nickte ihr zu mit einem heiteren, glücklichen Lächeln, und verließ raſch das Gemach. Eliſe ſchaute ihm nach, unbeweglich, athemlos horchend auf ſeinen enteilenden Schritt, und ſchmerzlich aufſeufzend, als er in der Ferne verklang. Dann legte ſie mit einer raſchen, zuckenden Bewegung ihre beiden Hände auf ihr Herz. Oh, es thut weh, ſehr weh, murmelte ſie. Hab' vorhin gemeint, es riß da drinnen was entzwei, und ich müßt' ſterben auf der Stelle. Aber ich darf nit ſterben, und auch nit weinen. Ich muß mein Herz 232 ſteif halten zwiſchen meinen Händen, und will's lieber todt drücken, als daß es ſchreien ſollt'. Und ich fühl' auch, daß der liebe Herrgott mir beiſteht, und daß er ſegnet, was ich thun will. Gott ſelber war's vorher, der mir die Frage auf die Lippen legt', ob der Ulrich mit mir zum Vater kommen wollt'? Er mußt' ant⸗ worten, daß er das nicht könnt', nicht könnt' hingehen zum Feind, der doch ſein Schwiegervater ſein ſollt'. Als er das ſagte, da richtete mein Herz ſich auf in meiner Bruſt, und ſteift ſich empor ganz freudig und ſtark. Ich wußt' in dem Augenblick, daß ich Recht thu', und ſo will ich's auch getreulich zu End' führen! — Aber ſtill, ſtill, da kommt Elza! Nun gilt's, ein heiter Geſicht zu machen! Liſel, mein Liſel, biſt hier? fragte Elza, die Thür öffnend. Ja, da bin ich, Elza, rief Eliſe, und mit lachen⸗ dem Geſicht eilte ſie zu der Freundin hin. Und wo iſt denn Ulrich? Warum iſt er nicht hier? Oh, ich ſaß mit ſolchem Herzklopfen beim Vater, ich ſehnte mich ſo ſehr, daß er einſchlafen möchte. Mein Gott, Liſel, ich habe Dir ſo Vieles zu ſagen, ſo Vieles anzuvertrauen. Ach, Du glaubſt nicht, wie glücklich ich war auf dieſer ſchönen, prächtigen Reiſe. 233 Immer neben Ulrich zu ſein, welch ein Glück! Und wie zärtlich und aufmerkſam er für meinen lieben alten Vater ſorgte, recht wie ein guter dankbarer Sohn, der ſeinem Vater jeden Wunſch an den Augen ablauſchen möchte. Mir kamen oft die Thränen in die Augen vor Rührung und Wonne, wenn ich ihm zuſah, wie er meinen lieben Papa unterſtützte, ihn faſt in den Wagen trug, und ihm ſeinen Sitz bequem machte; wenn ich ihm zuhörte, wie er mit ſo ſchönen, milden, und doch mannhaften Worten ihn tröſtete in ſeinen Schmerzen. Er ſprach nicht von Gott und den Hei⸗ ligen, und doch war's fromm, was der Ulrich ſprach, fromm wie ein Gebet der heiligen Menſchenliebe. Oh, wie edel, gut, tapfer und milde iſt Ulrich! Und Du liebſt ihn, Elza, nicht wahr, Du liebſt ihn? Ja, ich liebe ihn von ganzer Seele, und für alle Ewigkeit. Aber, wo iſt er nur? Wo iſt Ulrich? War er nicht bei Dir? Ja, Elza, er war hier, er war eben erſt fortgegangen, als Du kamſt. So lange war er hier? Und wovon ſpracht Ihr? Oh, ſage es mir, Eliſe, wovon ſpracht Ihr? Von Dir, Elza, ſaaef mit einem wunderbaren, ſtrahlenden Ausdruck. * 234 Ach, von mir, rief Elza freudig. Oh ſag', Liſel, glaubſt Du, daß er mich liebt? Ich glaube es nicht, Elza, ich weiß das ganz ge⸗ wiß. Er hat mir einen wichtigen Auftrag an Dich gegeben, und fordert von Dir einen großen Liebes⸗ beweis. Komm, mein Elza, laß uns auf mein Zimmer gehen! Da ſind wir ſicher, daß uns Niemand hört, da will ich Dir Alles ſagen! IV. Die Trauung. Der Abend war gekommen, und noch immer herrſchte Jubel und Freude in Innsbruck. Alle Straßen waren feſtlich erleuchtet, im Theater gab man eine glänzende Feſtvorſtellung, und die Säle im Schloß begannen ſchon ſich zu füllen mit den geladenen Ballgäſten. Aber während das Schloß heute zum erſten und einzigſten Mal während der Herrſchaft Andreas Hofers im Glanz der Kerzen ſtrahlte, war doch ein Flügel deſſelben düſter, geräuſchlos und ſtill geblieben. Es ſchien, als ob die lauten Stimmen der Welt ſich ſcheuten, hierher zu dringen. Selbſt die Schildwacht, die auf dem langen, öden Corridor auf⸗ und abging, trat leiſer auf, und bekreuzigte ſich jedes Mal, wenn ſie am Ende dieſes Corridors anlangte. Das macht, auf dieſem Flügel des Schloſſes, am Ende jenes Cor 236 ridors, lag die kaiſerliche Kapelle, und durch die hohen Fenſter, welche den Corridor abſchloſſen, konnte man gerade hinab ſchauen zu dem Altar mit der ewigen Lampe. f Die Schildwacht war eben wieder langſam und träumeriſch den Gang hinauf geſchritten, da ſah ſie auf einmal zwei Geſtalten daher ſchreiten, und ehr⸗ furchtsvoll blieb ſie ſtehen und ſchulterte das Gewehr. Es war der Ober-Commandant Andreas Hofer im glänzenden Feſtornate, und neben ihm ging der Roth— bart Joachim Haspinger in ſeinem braunen Gewande, mit den ſchweren Lederſchuhen an den Füßen. Als ſie nahe zu der Schildwacht gekommen waren, blieb Andreas Hofer ſtehen, und nickte dem Soldaten freundlich zu. Iſt nit nöthig, Sepperl, ſagte er, daß Du hier in der Einſamkeit ſtehſt, und Dein Gewehr ſchulterſt. Ich weiß, biſt einer von den flinkſten Tän⸗ zern im Paſſeyrthal, und weil denn doch einmal ge— tanzt wird im Schloß, ſo geh auch hin und tanz'! Der liebe Herrgott wird wohl ſelber über ſeine Kapelle hier wachen! Ich dank' Euch, Ober⸗Commandant, ich dank' Euch ſchön, rief der Soldat freudig, und ſo haſtig, wie ihn ſei ſe ſeine Füße tragen konnten, rannte er den Corridor hinunter. Wie luſtig und wohlgemuth das junge Blut iſt, ſeufzte Hofer. Und warum biſt Du nicht auch wohlgemüfh, Bruder Anderl? fragte der Kapuziner. Iſt Dir ja doch heut gar mächtig große Ehr' widerfahren, geehrt haben ſie Dich und angejubelt, als wärſt Du der Meſſias. Die ganze Stadt iſt heut Abend erleuchtet um Deinet⸗ willen, und im Theater haben ſie drei Mal Tuſch ge— blaſen, und das ganze Publikum iſt aufgeſtanden, als der Ober⸗Commandant eingetreten iſt. Aber kaum iſt er eine Viertelſtunde drin, ſo ſchleicht er ſich wieder fort, der griesgrämliche Held. Ich ſchleich' ihm nach, und da finde ich ihn endlich in ſeinem Schreibzimmer, und während die ganze Stadt um ihn jubelt und juch⸗ heit, ſitzt er da vor dem Tiſch mit Papieren, und weint ſeine dicken Thränen in ſeinen Bart nieder. Ich ſagt' Dir ja, Bruder, es waren Couriere an gekommen von da drunten aus dem Etſchland, und ſie melden, daß es gar traurig dort unten ausſieht. Es iſt keine Einigkeit und kein Friede da, die Einen wollen nit, was die Andern wollen. Wie hätt' ich mich nun freuen können über all die große Ehre, die man mir 238 erzeigte, wenn es hin und wieder im Landel doch nit gut ausſieht?*) Denk' jetzt nicht daran, Anderl. Der Herr hat uns bis hieher geholfen, und er wird uns ſchon weiter helfen, 1 unſere Sach' iſt gut, und kein Feind kann ihr was anhaben. Und meinſt auch, Bruder Joachim, daß die Sach' gut iſt, die wir jetzt vorhaben? fragte Hofer nach⸗ 4 denklich. Ja, das mein' ich, Barbone, eine gute, Gott wohlgefällige Sach' iſt's. Die Liſel Wallner iſt ein gar tapfer und hochherzig Mädel, und der liebe Gott 4 und alle Englein müſſen ihre Freud' an ihr haben. Nun, wenn Du's ſagſt, Bruder Kapuziner, da muß es recht ſein, denn Du biſt ja ein Diener des Herrn und würdeſt gewiß nit einwilligen, an geweiheter Stelle den lieben Herrgott zu betrügen. Gott läßt ſich nicht betrügen, ſagte der Pater feierlich, nur die kurzſichtigen Menſchen! Liſel Wall ner aber hat ein helles Auge und einen reinen Sinn, und darum ſchaut ſie hinein in die Zukunft, und ſieht, 4 *) Andreas Hofer's eigene Worte. Siehe: Bilder und Er innerungen aus Tyrol's Freiheitskämpfen von 1809. Von Loritza. S. 13. 239 „ was der kurzſichtige Baier nicht ſehen kann, und hilft ihm und ſich ſelber vom Abgrund weg, in den ſie ſonſt Beid' hineinfallen würden. Sie iſt ein gar prächtig Heldenmädel, und meine rechte Herzensfreud' hab' ich an ihr. Würd' ſonſt heut nicht daher gekommen ſein, hab's blos um ihretwillen gethan, ihr zu Lieb' und weil ſie mich rief. Wir haben ſonſt gar viel zu thun bei den Verſchanzungen am Paß Lueg, und alle Tage erwarten wir, daß der Baier uns angreift. Muß darum gleich heut' Abend wieder den Rückweg antreten, damit ich morgen wieder bei den Unſern bin, wenn's vielleicht zum Kampf kommt. Der liebe Herrgott verleih' Euch den Sieg, ſeufzte Andreas. Aber horch, da ſchlägt's neun Uhr, und der Meßner zündet ſchon die Lichter vor dem Altar an. Soll aber nur zwei Lichter anzünden, damit es nit gar ſo hell iſt, rief der Kapuziner. Nun komm' hinunter, Bruder Andreas, und vergiß nicht, was Du zu thun haſt. Wenn die Braut durch die kleine Sei⸗ tenthür hereinkommt, ſo gehſt Du ihr entgegen, giebſt ihr die Hand und führſt ſie zum Altar. Nach der Trauung reichſt Du ihr die Hand, und bitteſt, daß ſie Dir erlauben möcht', ſie bis in ihr Zimmer zu geleiten. 240 Es iſt ſchon recht, ich werd's thun, ſagte Andreas. Komm, laß uns hinunter gehen, in die Kapell'’!— gei Ein trübes Dämmerlicht herrſchte in der kleien vi Kapelle. Nur zwei von den hohen Wachskerzen brannten dec am Altar, und warfen ihren flackernden Schein auf Bo die kräftige Geſtalt des Kapuziners, der vor dem— Altar ſtand, und die Hände in einander gefaltet, leiſe in betete. Ihm ganz nahe, an den Stufen des Altars, 3 ſtand Andreas Hofer, das Haupt tief geneigt, beide 1 Hände auf das kleine Crucifix gelegt, das neben der 1 goldenen Ehrenkette des Kaiſers um ſeinen Hals hing. bl 4 Jetzt hörte man Schritte in dem Mittelgang der 1 Kapelle, und eine hohe männliche Geſtalt in dunklem Civilgewande näherte ſich dem Altar. Andreas Hofer„ richtete ſich empor und ſchritt ihr entgegen. i Seid gegrüßt, Herr Hauptmann Ulrich, ſagte er h freundlich, ich hoff, Ihr nehmt mich an als Zeuge N bei Eurer Trauung. Ich dank Euch, Ober⸗Commandant, daß Ihr unſer Zeuge ſein wollt, ſagte Ulrich herzlich, und ich dank’ 4 8.*.. p auch Euch, Pater Haspinger, daß Ihr ſoweit herge⸗ 3 kommen ſeid, um unſere Ehe einzuſegnen. 2* ſ Ich komm' immer, wenn Eliſe Wallner mich ruft, und mein bedarf, ſagte der Pater feierlich. dreas. kleinen annten in auf dem 1 leiſe Altars, beide en der z hing. ng der unklem Hofer gte er Zeuge r unſer h dank herge⸗ ch ruft, Jetzt öffnete ſich knarrend da drüben eine kleine Seitenthür, und eine weibliche Geſtalt im langen weißen Seidengewande trat herein. Ihr Haupt be— deckte und verhüllte ein weißer Schleier, der wie eine Wolke ihre ganze Geſtalt umhüllte und bis zur Erde niederwallte. Aber über dem Schleier trug ſie auf ihrem Haupt das Diadem der Jungfrau und der Braut, den blühenden Myrthenkranz. Während Andreas Hofer ihr entgegenſchritt, und ihr die Hand reichte, um ſie zum Altar zu führen, blickte Ulrich mit hochklopfendem Herzen zu ihr hin, und unausſprechliche Wonne erfüllte ſeine Bruſt. Sie hat Wort gehalten, dachte er, ſie hat die Tracht der Tyrolerin abgeworfen, und damit wirft ſie ihre ganze Vergangenheit hinter ſich. Oh wie herrlich ihre Geſtalt in dieſen Gewändern erſcheint, größer ſcheint ſie und ſtolzer, und doch ſo reizend und hold. Er ſchaute ſie an, wie ſie langſam an der Hand Andreas Hofer's daher ſchwebte, er ſah nur ſie! Er hörte nicht, wie da drüben in der vergitterten, mit Fenſtern umgebenen Sacriſtei die Thür leiſe knarrend ſich öffnete, er ſah nicht die dunkle Frauengeſtalt, die ſich den Fenſtern näherte, und deren bleiches Geſicht Mühlbach, Andreas Hofer. III. 16 —— 242 einen Moment hervorſchaute, um dann ſchnell wieder zu verſchwinden. Er ſah nur ſie, ſeine Geliebte, ſeine Braut, die jetzt neben ihm ſtand, deren zitternde heiße Hand jetzt in der ſeinen ruhte, und die leiſe den Druck ſeiner Hand erwiederte. Und jetzt erhob Pater Haspinger die Stimme und mit frommen und kräftigen Worten ſprach er zu dem Brautpaar von dem Ernſt dieſer heiligen Stunde, von der hohen Bedeutung des Bundes, den ſie jetzt eben vor Gott einzugehen bereit ſeien, von den heiligen Pflichten, die zu erfüllen ſie vor dem Altar Gottes beſchwören ſollten. Und jetzt frage ich Euch, Herr Hauptmann Ulrich von Hohenberg, rief er mit lauter Stimme, wollt Ihr Eure hier anweſende Braut zu Eurer Gemahlin er⸗ wählen, und ſie hoch halten, lieben und ehren Euer Leben lang? Er antwortete mit einem lauten freudigen Ja! Und Ihr, Jungfrau Braut, fuhr der Pater fort, wollt Ihr Euren hier anweſenden Bräutigam zu Eurem Gemahl annehmen, ihn lieben, hoch halten und ehren Euer Leben lang? Ein leiſes und ſchüchternes Ja! tönte von ihren dieder e Und dem von eben iligen Hottes Ulrich t Ihr 243 Lippen. Von der Sacriſtei her erklang es wie un⸗ terdrücktes Schluchzen, und ſchmerzliches Seufzen. So reicht mir Eure Hände, rief Pater Joachim feierlich, und laßt mich Eure Ringe wechſeln zum Zeichen Eures einigen Bundes. Ich vermähle Euch im Namen Gottes, des Erlöſers, als Mann und Weib. Eure Hände ruhen in einander zum ewigen Bunde, und was Gott zuſammenthut, das ſoll der Menſch nicht ſcheiden! Nun knieet nieder, und empfanget den Segen des Herrn! Hand in Hand, knieete das neuvermählte Paar vor dem Altar, einſam, bebend und zuckend in tiefer Qual, knieete die verhüllte Frauengeſtalt in der Sacriſtei. Als der Segen geſprochen war, und das junge Paar ſich erhob, richtete auch ſie ſich von ihren Knieen empor. Heilige Jungfrau, flehte ſie leiſe, jetzt gieb mir Kraft. Du ſchauſt in mein Herz und ſiehſt, was ich leide, oh ſei bei mir mit Deiner Gnade, und ſtärke mich, daß ich ſtandhaft ſei. Die Ceremonie war jetzt beendet, und Andreas Hofer näherte ſich der Braut. Erlaubt, ſagte er, daß ich, da Euer Vater nit hier ſein konnt', bei Euch Vaterſtelle vertrete, und Euch in 16* ————— ———— — — — — — — —— —— 244 Euer Brautgemach führe. Ihr ſeid's doch zufrieden, Herr Hauptmann Ulrich? Ich danke Euch vielmehr, Ober⸗Commandant, daß Ihr meiner holden Braut den fernen Vater erſetzt. Geht alſo voran, ich folge! 3 Nein, Herr, bleibt noch einen Augenblick, rief Pater Haspinger feierlich. Ich habe noch ein paar Worte im Geheim mit Euch zu reden. Und ich habe Euch noch zu danken für Euren Liebesdienſt, ſagte Ulrich, vor dem Altar ſtehen blei— bend, und nur mit den Augen ſeiner Braut folgend, die jetzt eben an der Hand Andreas Hofer's durch die Thür dort drüben dahin ſchritt. Herr Hauptmann Ulrich, ſagte der Pater, als die Thür ſich hinter den Beiden geſchloſſen, ich habe ge⸗ than, was Eliſe Wallner von mir verlangt hat, ich habe Eure Ehe mit Eurer Braut eingeſegnet. Ihr ſeid jetzt vermählt, und nur der Tod kann Euch von Eurem Weibe ſcheiden. Das vergeßt nicht, Herr. Wollt Ihr nun aber auch thun, was ich von Euch verlangen will? Ich verſpreche es zu thun, wenn es in meiner Macht ſteht. Da drinnen in der Sacriſtei iſt Jemand, der Euch 245 den, zu ſprechen wünſcht. Gehet zu ihr! Verſprecht mir aber bei Allem, was Euch heilig iſt, daß Ihr ſie ruhig daß’ anhören, daß Ihr, was ſie Euch auch ſagen wird, ſetzt. ihr keine Vorwürfe machen, daß Ihr Euer Herz über⸗ winden, und Euch in das Unabänderliche fügen wollt, wie ein tapferer Mann? Ich verſtehe und begreife Eure Worte nicht, ſagte Ulrich lächelnd, aber ich verſpreche Euch, daß ich das Unabänderliche tragen will, wie es einem Manne geziemt. So gehet denn da hinein in die Sacriſtei, ſagte Pater Haspinger, ich verlaſſe die Kapelle, denn Nie⸗ mand als Gott allein darf hören, was die dort in der Sacriſtei Euch zu ſagen hat! Er nickte Ulrich zu, und ſchritt haſtig den Gang hinunter zur großen Ausgangsthür der Kapelle. Ulrich aber eilte nach der Sacriſtei hin, und indem er die Thür öffnete, murmelte er vor ſich hin: welch ein ſelt— ſames Geheimniß! Wer erwartet mich denn hier? Ich, Herr, ich erwarte Euch, ſagte eine leiſe be⸗„ bende Stimme. Euch Ulrich blickte empor, und ſtarrte zu der Geſtalt hin, die mit gefaltenen Händen vor ihm ſtand und mit flehenden Blicken zu ihm aufſchauete. 246 Eliſe, rief er, mit einem Schrei des Entſetzens zu— rücktaumelnd, Eliſe, Du hier? Ja, ich bin hier, ſagte ſie, ich bin hier um Eure Vergebung anzuflehen. Meine Vergebung? fragte er bebend, und beide Hände gegen ſeine Schläfen drückend. Mein Gott, es ſchwindelt in meinem Hirn, ich glaube, ich werde wahn⸗ ſinnig werden. Eliſe iſt hier, ſie ſteht vor mir in ihrer Bauerntracht, und ſo eben iſt ſie von mir gegan⸗ gen im weißen Brautgewande, mit dem Myrthenkranz im Haar. Was bedeutet dieſe ſchnelle Verwandlung, und wie war ſie möglich? Es iſt keine Verwandlung, Herr, ſagte Eliſe ſchüch⸗ tern. Ich bin Eliſe Wallner, die Bauerndirn’, Jene dort, die von Euch ging, iſt Eure angetraute Gemahlin, die junge Baronin von Hohenberg— Das biſt Du, Du allein, rief er ungeſtüm. Nein, Herr, das bin nicht ich! Nicht Du, ſchrie er heftig, und wer iſt Jene denn? Es iſt Euer Weib, das Euch von ganzer Seele liebt, ſagte Eliſe feierlich; es iſt das Weib, das Euch Eure Eltern beſtimmt haben, von früheſter Kindheit auf, es iſt Elza von Hohenberg. Ulrich ſtieß einen Schrei der Wuth, der Verzweiflung Cure beide hlin, enn? Seele Euch dheit 247 aus, und mit gehobener Hand, bleich wie eine Leiche, mit zornblitzenden Augen, ſtürzte er zu Eliſen hin.— Sie neigte vor ihm ihr Haupt und ihre ganze Geſtalt. Schlagt mich, ich verdiene Euren Zorn, ſagte ſie demüthig. Ulrich ließ ächzend ſeinen Arm ſinken. Du haſt mich alſo betrogen, Elende, rief er in grimmig. Du wollteſt Dich rächen an mir, und Du haſt mich belogen, verrathen, mit heuchleriſchen Lügen worten mich umgarnt, ein nichtswürdiges Spiel mit mir getrieben. Nun, warum lachſt Du nicht? Dein Werk iſt Dir gelungen, Du haſt Dich gerächt. Ich leide, mein Herz möchte zerſpringen vor Schmerz, vor Wuth, vor Jammer und Entſetzen. Warum lachſt Du nicht? Ich lache nicht, Herr, weil ich ſehe, daß Ihr leidet, und weil der liebe Herrgott weiß, daß ich mein Herz⸗ blut hingeben möchte, um Euch eine Stunde des Leid's zu erſparen. Er brach in ein lautes höhniſches Lachen aus. Und darum haſt Du mich ſchmachvoll betrogen? Darum haſt Du eine elende Komödie mit mir geſpielt? Darum haſt Du einen Meineid geſchworen? Herr, ich habe keinen Meineid geſchworen, rief Eliſe. — — — er —— 7——— „ ——— — —————d 248 Ich habe treu meinen Schwur erfüllt, den ich Euch geleiſtet, als Ihr damals von mir Abſchied nahmt, und hinginget, meine Elza zu befreien. Du haſt ihn erfüllt? Lügnerin, wiederhole mir Deinen Schwur, damit ich Dich mit Deinen eigenen Worten überführe. Ich ſagte: bringt mir meine Elza wieder, und ich ſchwöre Euch, am Tage Eurer Wiederkehr, ſei's früh am Morgen, ſei's ſpät in der Nacht, ſollt' Ihr aus den Händen des Prieſters Euer Weib empfangen, Euer Weib, das Euch grenzenlos liebt. Nun alſo, haſt Du Deinen Schwur erfüllt? Biſt Du keine Meineidige? Ich habe meinen Schwur erfüllt, ich bin keine Meineidige! Elza liebt Euch, Herr, ſie liebt Euch grenzenlos! Oh, die elende, argliſtige Sophiſterei, rief Ulrich, ganz gebrochen auf einen Stuhl niederſinkend. Eure Worte waren doppelſinnig, wie Euer Herz, und ich, ich armer, kurzſichtiger Menſch, ich glaubte Euren Worten! Und nicht Ihr allein, auch Elza hat mich betrogen, ſie, die ich liebte, wie eine Schweſter, die ich höher noch geliebt haben würde, wenn Ihr nicht dazwiſchen getreten wär't, wenn ich Euch nicht geſehen hätte. 4 Euch ahmt, mir genen nd ich früh r aus angen, Biſt keine Euch llrich, Cure c, ich 249 Elza auch hat mich verrathen, ſie iſt nicht davor zu⸗ rückgebebt, dieſe unwürdige Rolle zu ſpielen! Oh, wie das ſchmerzt, wie weh es da in meinem Herzen iſt! Alles, was ich geliebt habe, verliere ich in dieſer Einen Stunde! Nichts bleibt mir, als Verachtung, Hohn und fürchterliche Einſamkeit! Er ſchlug ſeine beiden Hände vor ſein Angeſicht, und weinte, weinte bitterlich. Herr, rief Eliſe mit einem herzzerſchneidenden Wehe⸗ laut, vor ihm auf ihre Kniee niederſinkend, Herr, Ihr weint? Ja, ich weine, ſchluchzte er, ich weine um meine gefallenen Engel, um mein verlorenes Paradies. Ich bin ein Mann, darum ſchäme ich mich meiner Thränen nicht! Eliſe hob ihre Blicke, ihre gefaltenen Hände zum Himmel empor. Heilige Jungfrau, rief ſie, nun gieb meinen Worten Kraft, daß er mich hört, daß er mich verſteht! Sie erhob ſich von ihren Knieen, und trat zu Ulrich hin, und legte ihre Hand auf ſeine Schulter. Herr, ſagte ſie, erinnert Ihr Euch noch, was ich da⸗ mals zu Euch ſagte, als wir Abſchied nahmen droben auf der Alp? Ich hab' erſt neulich Euch dran erinnert, — —— — 250 aber Ihr habt's wieder vergeſſen. Ich ſagte zu Euch: Ihr ſeid ein vornehmer Herr, ich bin eine Bauern⸗ dirn, Ihr ſeid ein Baier, ich bin, Dank ſei's dem lieben Gott, jetzt wieder eine Oeſterreicherin. Wir Zwei paſſen nicht zuſammen und können nimmer Mann und Weib werden! Das hab' ich Euch geſagt, und ich hab's Euch neulich wiederholt, aber Ihr wolltet es nicht begreifen. Weil ich Dich liebte, Eliſe, weil ich fühlte, daß meine Liebe die Kraft haben würde, Alles zu über⸗ winden, Alles zu ebnen! Hatte Eure Liebe die Kraft, Herr, daß Ihr nur jetzt hättet hingehen mögen zu meinem Vater, dem Anton Wallner, und ihn um ſeinen Segen bitten als ſein Schwiegerſohn? Seht, ich fragte Euch darnach, weil ich wußt', daß Ihr's nicht könntet, weil ich dachte, das müßte Euch zur Erkenntniß führen, daß wir Zwei nimmer ein Paar ſein könnten, daß wir uns trennen müßten. Denn ohne Segen von Vater und Mutter könnt' ich nimmer einem Manne folgen in die Welt hinaus, und auch Ihr möchtet keine Frau, die Euch nicht den Segen von ihren Eltern, und von den Euren in's Haus brächte, denn Ihr ſeid ein guter, braver Euch: zwern⸗ dem Wir Nann d ich n als nach, acte, Zwei unen zutter Welt Euch kuren raver 251 Menſch. Darum, Herr, konnten wir nimmer ein Paar werden, wenn auch unſere Herzen darüber brächen. Unſere Herzen! rief er ſtürmiſch. Sprich nicht von Deinem Herzen, es iſt kalt und hart. Was wißt Ihr von meinem Herzen? fragte ſie. Ich trag's nicht auf der Lipp', und nicht in meinen Augen! Es ruht da drin tief und ſtill in meiner Bruſt, und nur Gott ſchaut's und kennt's. Aber ich, Herr, ich kenn hHein ander Herz, und hab' hinein geſchaut, und darin tiefe und heilige Lieb' zu Euch geſehen, Herr. Dies andere Herz, iſt meiner Elza Herz, und Elza liebt Euch! Und daß ich Elza lieb', das wißt Ihr, und darum müßt Ihr mir glauben, wenn Ihr ſonſt mir mißtraut. Ich lieb' mein' Elza, ſo lang' ich leb', und ich hab's ihr geſchworen, daß ich nimmer von ihr laſſen, nimmer ſie betrügen wollt'. Sie ver traut mir, Herr, keine Falt' in ihrem Herzen hat ſie mir verhüllt! Sollt' ich ſie täuſchen? Sollt' ich ihr ſagen, Herr Ulrich, den Du liebſt, und den Dein Vater Dir zum Mann geben will, Herr Ulrich, der liebt mich, und ich, die Du Deine beſte Freundin nennſt, obwohl ſie nur eine Bauerndirne iſt, und Du ein vornehmes Fräulein biſt, ich will Dir Deinen Geliebten nehmen, und ihn zu meinem Mann machen? 252 Nein, Herr, nimmer hätte ich das ſagen können, nimmer hätte ich Elza's Herz brechen können,— lieber, oh, viel lieber mein's! Sie weiß nicht, daß ich Dich liebe? Sie mußte es doch wiſſen, da ſie dieſe unwürdige Rolle geſpielt und ſtatt Deiner mit mir zum Altar trat.. Nichts weiß ſie, Herr, ich hab' ſie betrogen. Hab' ihr geſagt, daß Ihr mich ſchicktet als Euren Liebes⸗ boten, daß ich es übernommen, ſie zu bereden, daß ſie möchte einwilligen, heute Euer Weib zu werden, heimlich, ganz in der Stille, weil Ihr in dieſer Nacht ſchon fort nach München zu Eurem König müßtet, und weil Ihr die Gewißheit mit Euch nehmen wolltet, daß ſie Euer ſei für das ganze Leben, damit Ihr ein Recht hättet, ſie zu Euch zu fordern, wenn Gott ihr ihren Vater genommen, und ſie zur Waiſe gemacht. Herr, Elza liebt Euch, und ſo willigte ſie ein, und ward Euer Weib. 1 Und ihr Vater? Auch er willigte in den Betrug? Ihr Vater, Herr, iſt krank, und nah am Sterben. Elza ſagt' ihm nichts, denn die Gemüthsbewegung, die Freude hätte ihn tödten können. Ich ſagt' ihr, Euer Wille ſei's, daß ſie ſchweige, und weil ſie Euch liebt, und Euch Alles zu Willen thun möchte, ſchwieg önnen, lieber, ßte es lt und Liebes⸗ , daß verden, Nacht nüßtet, volltet, hr ein ͤtt ihr macht. 1, und etrug? terben. , die ihr, Euch hwieg 253 ſie, und folgte Eurem Ruf, und kam ganz allein zum Altar, um Euer Weib zu werden. Mein Weib! Sie iſt es nicht! Die Ehe iſt nicht gültig, kann nicht gültig ſein, und nie werde ich ſie anerkennen! Elza iſt Euer Weib, Herr, Euer Weib vor Gott und den Menſchen. Der geweihete Prieſter ſegnete ſie ein, und vor dem Altare Gottes habt Ihr geſchworen, ſie zu ehren und zu lieben als Euer Weib. Oh, Herr, ich bitt' Euch, verſtoßt mir mein' Elza nicht, denn ſie liebt Euch, und wenn Ihr ſie verſtoßt, ſo verſtoßt Ihr mich, denn Elza iſt der beſte Theil von meinem Herzen, und wenn Ihr ſie glücklich macht, ſo denkt, Ihr macht mich glücklich, und wenn Ihr ſie liebt, ſo denkt, ich fühl', Ihr liebtet mich! Oh, Eliſe, rief Ulrich ſie anſchauend, wie ſie mit einem verklärten, ſtrahlenden Antlitz vor ihm ſtand, Eliſe, Engel, der Du biſt, warum kann ich Dich nicht beſitzen! Weil's nicht der Wille Gottes iſt, Herr! Der Segen der Eltern baut den Kindern Häuſer, und wir konnten alſo kein Haus bauen, Herr, denn wir brachten den Segen unſerer Eltern nicht mit. Jetzt habt Ihr ihn, Elza bringt ihn Euch, und ſie bringt Euch Liebe, 4 254 Herr, und Glück! Nein, ſchüttelt nicht Euer Haupt, ſie bringt Euch Glück. Jetzt glaubt Ihr's nicht, denn's Herz thut Euch weh, und wenn man da eine Wunde hat, meint man, daß ſie niemals heilen kann. Aber die Lieb' iſt ein guter Wundarzt! Elza wird Euer Herz verbinden, und wird's heilen. Und Dein Herz, Eliſe, auch Deins wird heilen? Denn auch Dein Herz hat eine Wunde, und was Du auch ſagen magſt, Du haſt mich geliebt, Eliſe! Ich habe Euch geliebt, rief ſie ſtrahlenden Ange— ſichts. Nein, ſagt, ich lieb' Euch noch! Wenn ich Euch nicht liebte, würde ich dann die Kraft gehabt haben, Euren Bitten zu widerſtehen, die Kraft, mein eigenes Herz zu bezwingen, um Euer Glück zu be— gründen? Oh, ſeid alſo glücklich, ſeid es durch mich und um meinetwillen. Nehmt Eure Elza an Euer Herz, liebt ſie, und laßt Euch lieben, und wenn Ihr dann in ſpäteren Tagen, glücklich in Elza's Armen, umſpielt von ihren Kindern, lächelnd der Vergangen⸗— heit gedenkt, und der überwundenen Schmerzen, ſo denkt auch mein, und thut's mit gutem Sinn, und ſagt:„die Liſel hat's doch gut gemacht! Sie hat mich treu geliebt!“ Treu? fragte er unter Thränen. Auch Dein Herz 255 Haupt, wird heilen, Eliſe, und Du wirſt mein vergeſſen in denn's eines andern Mannes Armen. Wunde Nein, Herr! Mein Herz wird heilen, das hoff' ich, Aber aber Gott allein wird's heilen, kein anderer Mann! d Euer Bin nit mehr geſchaffen zu einer andern Lieb', und ich mein' auch, daß ich Anderes zu thun hab'. Das 4 heilen? Vaterland braucht wackere Hände, und ich gehör' 1 meinem Vaterland und meinem Vater. Wir werden wieder Krieg haben, Herr, Krieg mit den Baiern. Gott ſei gelobt, daß Ihr nicht dabei ſein dürft. Ich Ange 4 1 werd' die Verwundeten von den Unſrigen aus der gehabt Schlacht holen, um ſie zu pflegen, und wenn mich da⸗ t, mein bei eine Kugel trifft, nun ſo ſterbe ich für's Vater⸗ 4 be land, und auch Euch wird's freuen, wenn Ihr hört, rin daß Liſel Wallner ſtarb, als ein treu Tyroler Kind. Fuer Ich bitt' den lieben Gott, daß er mir ſolchen Tod u ghr ſchickt! Amen! Aber jetzt, Herr, jetzt geht zu Eurem Jautn jungen Weib. Sie wird ſich wundern, wo Ihr bleibt. Oh geht zu ihr, Herr, und ſeid freundlich und liebe⸗ voll, laßt ſie niemals ahnen, was zwiſchen uns geweſen, ſen⸗ und daß⸗Ihr ſie nicht freiwillig zum Weib genommen. , 1 Ich kann nicht heucheln, Eliſe, ich kann mein Herz nicht wie einen Handſchuh umwenden. Sollt Ihr denn das? Habt Ihr mein' Elza nicht — — 256 immer geliebt? So liebt ſie jetzt, liebt ſie um meinet⸗ willen und mich in ihr. Geht, Herr, Elza erwartet Euch. Auch ich geh'! Der gute Haspinger erwartet mich, und mit ihm geh' ich zu meinem Vater. Wir werden uns nimmer wiederſehen, und darum will ich Euch zum Angedenken heute mein Hochzeitsgeſchenk machen. Heut Morgen batet Ihr mich darum, und ich verweigert' es! Jetzt gebe ich's Euch freiwillig. Schließt Eure Augen, Herr, denn ſehen dürft Ihr's nicht, was ich Euch gebe! Und öffnet Eure Augen erſt, wenn ich's Euch ſage! Ich ſchließe meine Augen, Eliſe, aber drin in mei⸗ nem Herzen, da ſeh' ich Dich doch! Sie ſchwebte zu ihm hin, unhörbar leiſe. Er hatte, treu ſeinem Wort, die Augen feſt geſchloſſen. Nun trat ſie zu ihm, ſchaute ihn an mit einem langen Blick, als wollte ſie ſein Bild tief in ihr Herz ein⸗ graben, dann neigte ſie ſich, und drückte einen Kuß auf ſeine Stirn. Gott ſegne Dich, Ulrich! flüſterte ſie, und leiſe noch einmal küßte ſie ſeine Stirn. Gott ſegne Dich! Leb' wohl! Und ehe er's hindern und ahnen konnte, ſchlüpfte ver meinet⸗ erwartet erwartet Wir will ich geſchent m, und eiwillig. t Ihr's Augen in mei ſſe. Er chloſſen⸗ langen! nz ein erz en Kuß 25 ſie nach der kleinen Pforte hin, die aus der Sacriſtei nach der Straße hinaus führte. Ulrich hörte die Thür knarren, und öffnete die Augen. In der offenen Thür ſtand Eliſe, und ſchaute zu ihm hin mit einem letzten Abſchiedsblick, und hinter ihr ſtand Joachim Haspinger, der Kapuziner. Eliſe, rief Ulrich zu ihr hineilend, Du willſt mich verlaſſen? Er wollte ihre Hand faſſen, aber Joachim trat vor ſie hin, und wehrte ihn zurück. Geht zu Eurem Weibe, Herr, ſagte er gebieteriſch. Eliſe kommt mit mir! Sie geht zu ihrem Vater! Mühlbach, Andreas Hofer. III. 17 V. Der Triedenstractat. Kaiſer Franz bewohnte noch immer das in Ungarn belegene Schloß Totis des Fürſten Liechtenſtein, aber ſeit einigen Tagen herrſchte in demſelben nicht mehr die tiefe Stille und eintönige Ruhe, wie in der erſten Zeit des kaiſerlichen Aufenthalts. Couriere kamen und gingen, Equipagen rollten heran, und brachten irgend einen der öſterreichiſchen Diplomaten, mit denen ſich der Kaiſer lange Zeit in ſeinem Kabinet beſchäftigte, und die dann ſogleich wieder von dannen eilten. Selbſt der Baron von Thugut, der einſtige allmäch⸗ tige Miniſter, war aus ſeiner Ruhe und Abgeſchieden— heit wieder hervor geholt worden, und hatte auf den Ruf des Kaiſers nach Totis kommen müſſen. Franz hatte ſich mit ihm in ſein Kabinet eingeſchloſſen, und ſo leiſe hatte er ſich mit ihm unterhalten, daß Hude⸗ 259 liſt, obwohl er das Ohr dicht an das Schlüſſelloch gehalten hatte, kein einziges Wort von einiger Bedeu⸗ tung verſtehen konnte, und ſo verſchwiegen war der Kaiſer über das, was er mit dem Baron Thugut ver⸗ handelt hatte, daß die Kaiſerin Ludovica, wie oft ſie auch nach der Abreiſe Thugut's das Geſpräch auf denſelben zu lenken verſuchte, auch nicht die kleinſte Andeutung erhielt über den Zweck ſeines plötzlichen Erſcheinens. Auch heute, am zwölften October, herrſchte ſchon n Ungarn in der Frühe des Morgens ein reges geſchäftiges Leben ein, aber im Schloß Totis. Zuerſt war der Fürſt Liechtenſtein cht mehr gekommen, und ihm war bald darauf der Graf Bubna der erſten gefolgt. Mit Beiden hatte der Kaiſer ſich in ſein men und Kabinet begeben, und erſt nach mehreren Stunden en irgend hatten beide Herren das kaiſerliche Kabinet verlaſſen, enen ſich um ſogleich wieder abzureiſen. ſchäftigte, Jetzt aber war auch der Graf Metternich in Totis n eilten. angelangt, und auch er begab ſich ſofort nach den Ge alnäch mächern des Kaiſers. Dem Kammerhuſaren, der im Vorzimmer ſtand, be⸗ ſchieden⸗ geſchie. eauf den fahl der Graf, ihn Sr. Majeſtät zu melden, aber Fran dieſer ſchüttelte mit einem verbindlichen Lächeln ſein d Haupt. ſſen, und Haupt * aß Hude 17 260 Iſt nicht nöthig, Ew. Excellenz zu melden, ſagte er. Se. Majeſtät haben befohlen, daß Ew. Excellenz ſogleich in ſein Kabinet eingeführt werden. Haben Ew. Excellenz alſo die Gnade, mir zu folgen. Und er eilte mit geräuſchloſen Schritten durch die Säle dahin. Graf Metternich folgte ihm eiligſt nach, und auf ſeinem ſchönen jugendlichen Angeſicht zeigte ſich ein unmerkliches ſpöttiſches Lächeln, wie er durch dieſe Prunkgemächer dahin ſchritt, deren Oede, Stille und Vereinſamung der beſte Commentar war zu der Stellung des Kaiſers. Jetzt ſtand der Kammerhuſar vor der Thür des kaiſerlichen Kabinets; nachdem er gewartet, bis Se. Excellenz nahe genug herangekommen war, öffnete er dieſe Thür, und ſagte mit lauter gewichtiger Stimme: Se. Excellenz der Herr Graf Metternich! Als der Graf in das Kabinet eintrat, ſaß der Kaiſer vor ſeinem Schreibtiſch, und hielt ein Papier in der Hand, in dem er vorher geleſen haben mochte, das er jetzt aber auf den Tiſch legte, um aufzuſtehen, und den Grafen zu begrüßen. Dem ſcharfen beobach⸗ tenden Auge Metternichs entging es nicht, daß des Kaiſers Antlitz heut in einer Heiterkeit erglänzte, wie — man ſie lange nicht an ihm geſehen, und indem er 1 ſ— M n, ſagte Exeellenz Haben urch die aſt nach, t zeigte er durch Stille zu der hür des bis Se. ffnete er Stimme: ſaß der Papier mochte/ zuſtehen, beobach daß des te, wie le, 261 ſich tief vor der Majeſtät verneigte, fragte er ſich, welches wohl der Grund dieſer ungewohnten Heiterkeit ſein möge, und von wem wohl die guten Nachrichten gekommen ſein mochten, die den Kaiſer ſo umgewandelt. Nun, Herr Graf, ſein's willkommen, ſagte der Kaiſer mit friſcher klangvoller Stimme und einem an muthigen Lächeln. Ich hab' Sie gebeten, von Alten⸗ burg daher zu kommen, weil ich gar ſehr neugierig bin, von Ihnen zu erfahren, wie weit Sie mit dem Frieden gekommen ſind, und ob noch immer gar keine Ausſicht vorhanden, daß endlich der abſcheuliche Krieg zu Ende iſt? Majeſtät, wir rücken leider wenig vorwärts in dieſen Unterhandlungen, ſagte Graf Metternich traurig. Der Kaiſer von Frankreich ſcheint ſich mit eigenſinniger Feſtigkeit auf alle ſeine Forderungen zu capriciren, und kein Jota von ihnen nachlaſſen zu wollen. Schauen's, ſchauen's, ſo eigenſinnig iſt der Bona parte? fragte der Kaiſer freundlich. Wie weit ſind's denn in Ihren Conferenzen mit dem Miniſter Cham⸗ pagne? Majeſtät, wir ſind noch nicht über den ſchwierigen Punkt des Geldes und der Feſtungen hinaus gekommen. Frankreich will ſeine immenſe Forderung von zwei⸗ 262 hundertundſiebenunddreißig Millionen durchaus nicht vermindern, und es beſteht darauf, daß wir ihnen die Feſtungen Gratz und Brünn, die ſie noch gar nicht beſetzt gehabt, ausliefern ſollen. Das heißt, Sie ſind halt in Ihren Friedens⸗ verhandlungen noch nicht weiter gekommen, als beim Beginn derſelben? Verzeihung, Majeſtät, beim Beginn derſelben kann⸗ ten wir die Forderungen Frankreichs noch gar nicht, während wir jetzt doch in der Lage ſind, Napoleons Forderungen genau zu kennen, und darnach die Trag weite unſerer Stellung ermeſſen zu können. Wenn man des Gegners Abſichten erſt kennt, kann man leichter auf Mittel und Wege ſinnen, ſie zu durchkreuzen. Sie ſinnen aber halt ſchon recht lange, und die Mittel und Wege ſind ihnen noch nit klar, ſagte der Kaiſer achſelzuckend. Na, was meinen's denn, lieber Graf, was wird denn bei Ihren Friedensverhandlungen endlich herauskommen? Ew. Majeſtät erlauben mir die Wahrheit zu ſagen? fragte Graf Metternich mit ſeinem verbindlichſten Lächeln. Der Kaiſer nickte. Nun denn, Majeſtät, ich glaube, daß bei dieſen — ¹s vicht hnen die ar nicht Friedens⸗ als beim een kann⸗ ar nicht, apoleons ie Trag Wenn nleichter zen. und die agte der , lieber ndlungen „9 1 ſagen! nolichſten ei dieſenn 63 Friedensverhandlungen nichts Anderes herauskommen wird, als der Krieg. Die Forderungen Frankreichs ſind zu exorbitant, als daß Oeſterreich ſie annehmen könnte. Die Ehre Oeſterreichs wird uns nöthigen, die Feindſeligkeiten wieder aufzunehmen, denn eine Regierung kann wohl im ſchlimmſten Fall an ihrem Länderbeſitz, niemals aber darf ſie an ihrer Ehre beſchädigt werden. Aber wiſſen's wohl, daß, wenn wir den Krieg wie⸗ der beginnen, wir nicht blos an Länderbeſitz, ſondern auch an unſerer Exiſtenz gefährdet ſind? Unſere Heere ſind in Auflöſung und Zerrüttung, ſie ſind mo⸗ raliſch beſiegt, ſie haben keinen Feldherrn, und meine Herren Brüder, die an der Spitze der einzelnen Armeen ſtehen, zanken ſich untereinander, daß man meinen ſollt', ſie wären nicht Fürſten, ſondern alte Weiber. Außerdem fehlt uns der beſte und nothwen⸗ digſte Kriegsanführer und Feldherr, fehlt uns das Geld. Wollen Ew. Majeſtät nur den Krieg, und an den Mitteln, an dem Geld dazu wird es Ihnen nicht fehlen. Ihr ganzes Volk wird ſein Hab' und Gut freudig opfern zur Fortſetzung des Krieges, denn Ihr Volk haßt Napoleon und wünſcht nichts ſehnlicher, als die Fortſetzung des Krieges. ——— O[OQOQ—— 264 Hören's, rief der Kaiſer faſt drohend, ich will Ihnen einen Rath geben, wenn Sie wollen, daß wir gute Freunde bleiben, ſo reden's mir nicht von meinem Volk! Ich hab' kein Volk, ich hab' Unterthanen, und will auch nur Unterthanen haben.*) Wenn ich Geld gebrauche, ſo werde ich meinen Unterthanen neue Steuern auferlegen, und ſie werden ſie zahlen müſſen, aber Geſchenke brauchen's mir nit darbringen, denn die anzunehmen, das, mein' ich, iſt nur gegen die kaiſerliche Ehr'. Von ſeinen Unterthanen darf ein Kaiſer nichts zum Geſchenk annehmen, nicht einmal ihre Liebe, denn ihren Kaiſer zu lieben, das iſt die Pflicht der Unterthanen. Merken's ſich das, Herr Graf, und kommen's mir nit wieder mit dem neumo⸗ diſchen Wort Volk, ich kann's nit leiden, es ſchmeckt ſo ſehr nach Republik und Guillotine.— Ich ſagt' Ihnen alſo, daß, wenn wir den Krieg fortſetzten, uns die drei Hauptſachen fehlten, nämlich: eine tüchtige Armee, ein großer Feldherr und Geld. Wir würden alſo ganz ſicher die erſte Schlacht wieder verlieren, und wenn wir dann gezwungen wären, um Frieden zu bitten, ſo würd' uns der Bonaparte noch härtere *) Schloſſer: Geſchichte des achtzehnten Jahrhunderts ꝛc. Th. VIIIa. 568. ich will daß wir meinem nen, und ich Geld ten neue müſſen, gen die darf ein einmal iſt die , Herr tüchtige würden erlieren, eden zu härtere derts ꝛ⸗ derts 265 Friedensbedingungen auferlegen, wir wären dann ge⸗ zwungen, ſie anzunehmen, und dann würden wir nicht blos an Länderbeſitz, ſondern auch an der Ehre be⸗ ſchädigt werden.— Jetzt wiſſen Sie meine Anſichten, Herr Graf, und da Sie die wiſſen, ſollen ſie auch die Hauptſach' wiſſen, um die ich Sie herberufen habe. Schauen's mal das Papier hier? Wiſſen's, was dies liebe Papier enthält? Den Frieden! Den Frieden? rief Metternich entſetzt. Ew. Ma⸗ jeſtät wollen doch nicht ſagen— Ich will ſagen, daß ich mit dem Kaiſer von Frank⸗ reich Frieden gemacht habe. Da, hier iſt das Papier. Da haben's die Beſcheerung, die ganze Schmiererei iſt halt jetzt fertig.*) Majeſtät, rief Metternich, auf das Papier blickend, das der Kaiſer ihm dargereicht, es iſt alſo wirklich wahr? Sie haben ohne die Vermittelung Ihrer Miniſter und Diener, ohne die Gnade zu haben, uns zu be— nachrichtigen, den Frieden bereits unterzeichnet? Ja, das hab' ich gethan, denn der Friede ſchien mir nothwendig, ich hab' ihn alſo unterzeichnet, und mit einem Duplicat des Actenſtückes ſind der Fürſt *) Des Kaiſers eigene Worte. 266 von Liechtenſtein und der Graf Bubna eben nach Schönbrunn gereiſt, um es dem Kaiſer Napoleon vor⸗ zulegen, und ich denk', er wird's halt auch unterzeich⸗ nen.*) Na ſehen's nit ſo rabiat aus, Herr Graf, wundern's Sich nit ſo, daß ich den Frieden zu Stand gebracht, ohne daß Sie und der Stadion dabei ge⸗ holfen haben. Ich ließ Sie ganz ruhig gewähren, und hindert' Sie nit, in Altenburg dem Champagny gegenüber ihre diplomatiſche Feinheit und Geſchicklich⸗ keit zu entfalten, aber das konnt mich doch auch nit hindern, hier in Totis die Sach' ein biſſel auf meine Art zu fördern, und jetzt iſt ſie alſo fertig. Uebrigens, lieber Graf, laſſen's Sich das Ein für alle Mal eine Lehre ſein! Sie ſind mein Miniſter, und ich hab' Sie dazu gemacht, weil Sie ein gar kluger und feiner Kopf, ein tüchtiger Arbeiter, und ein kluger Staats⸗ mann ſind. Ich werde Sie alſo handeln, beſtimmen und regieren laſſen, ich werd' mir nichts draus machen, wenn die Leute ſagen, Sie wären ein allmächtiger Mann in Oeſterreich, und nach Ihrem Willen allein und nach Ihrem Kopf ginge die ganze Staatsma⸗ ſchinerie. Die Leute mögen das ſagen und denken, *) Des Kaiſers eigene Worte. n nach eon vor⸗ terzeich⸗ Graf, Stand bei ge währen, mpagny bicklich nuch nit j meine brigens, ſal eine ich hab d feiner Staats ſtimmen machen, nächtiger in allein aatöma⸗ denken, 267 aber Sie ſollen das nicht denken, Graf, Sie ſollen's ein für alle Mal wiſſen, wie wir Beid' mit einander ſtehen. Ich laß Sie regieren, ſo lang! Sie in meinem Sinn regieren, aber wenn mir der Weg, den Sie gehen, nicht gefällt, ſo geh' ich meinen eigenen Weg und es wird Ihnen dann halt nichts anderes übrig bleiben, als mir zu folgen, und hinter mir herzugehen auf meinem Weg, oder das Geſchäft aufzugeben, und Ihren eigenen Weg für ſich allein zu gehen. Nun entſchei den’s Sich, lieber Graf, wollen's mit mir und hinter mir gehen, oder— Sire, es giebt kein Oder, unterbrach ihn Graf Metternich. Es iſt Eurer Majeſtät unbeſtrittenes und unangreifbares Recht, immer voran zu gehen, und mir den Weg zu zeigen, den ich wandeln ſoll. So laß ich's mir gefallen, ſo iſt's recht, rief der Kaiſer, dem Grafen freundlich die Hand darreichend. Jetzt können's darauf rechnen, daß wir Zwei noch recht lange bei einander bleiben, und daß wir, da wir jetzt wieder Friede im Land haben werden, zuſammen in Ruh' und Eintracht regieren wollen. So, jetzt neh men's Sich das Papier, gehen's damit auf Ihr Zimmer und leſen's recht genau und aufmerkſam durch, damit Sie Alles ganz genau wiſſen, und beſonders die ge 268 heimen Artikel, die vergeſſen's nit, denn Sie wiſſen hñ wohl, das ſind allemal die wichtigſten. In einer in Stunde ſeien's ſo gut, und kommen Sie hier wieder N her, dann wollen wir zuſammen arbeiten. 1 Sire, ich werde pünktlich hier ſein, ſagte Graf in Metternich, ſich tief verneigend und mit dem Papier in 1 der Hand rückwärts der Thür zuſchreitend. ſ Ich glaub's, daß er pünktlich hier ſein wird, ſagte 3 der Kaiſer lächelnd, als er allein war. Er hat Furcht, daß, wenn er nit pünktlich vor der Thür iſt, meine Thür' ſich ihm nit wieder öffnen wird. So will ich's haben! Sie ſollen Alle fühlen und erkennen müſſen, daß ich der Herr und der Kaiſer bin, Ich allein! Mit dem Metternich bin ich jetzt fertig! Jetzt kommt mein Herr Bruder dran! Ich will ihm heut' eine Lection geben, die er ſein ganzes Leben lang nit wieder vergeſſen ſoll. Der Kaiſer nahm die Klingel und ſchellte. Mein Herr Bruder, der Erzherzog Johann, noch nicht an⸗ gekommen? fragte er den eintretenden Kammerhuſaren. Majeſtät, der Herr Erzherzog ſind ſo eben ange⸗ langt, und haben gemeldet, daß Sie die Befehle Ihrer Majeſtät erwarten. Ich laſſe meinen Herrn Bruder bitten, ſogleich wiſſen n einer wieder e Graf apier in ſagte Furcht, „meine ill ich's müſſen, allein! kommt †' eine wieder Mein icht an⸗ zuſaren. 1 ange⸗ Ihrer ogleich 269 hierher zu kommen, befahl der Kaiſer. Als der Kam⸗ merhuſar leiſe hinausgeſchlüpft war, ging Franz einige Male haſtig auf und ab, und ſein Geſicht nahm einen düſtern ſtrengen Ausdruck an. Er ſoll's jetzt wiſſen und erfahren, daß ich ſein Herr und ſein Kaiſer bin, murmelte er, will ſeinen Hochmuth brechen, und ſeinen ſtolzen Sinn ſo tief beugen, daß er ſich nimmer wieder gegen mich erheben ſoll. Eben öffnete ſich die Thür, und von dem Kammer huſaren gemeldet, trat der Erzherzog Johann in das Kabinet ſeines Bruders. Er ſah bleich und traurig aus, die letzten Monate voll Sorgen und Gram hatten tief an ſeiner Seele genagt, und ſeinen Augen das Feuer, ſeiner Geſtalt die jugendliche Fülle genommen. Der Kaiſer ſah das, und ein ſpöttiſches Lächeln erhellte einen Moment ſeine Züge, die aber ſchnell wieder ihren finſtern Ausdruck annahmen. Ach, mein Herr Bruder, rief der Kaiſer, den Erzherzog Johann mit einem flüchtigen Kopfneigen begrüßend. Haben uns lange nicht geſehen, darum hab' ich Sie hierher berufen laſſen. Ich will Ihnen eine wichtige Nach— richt mittheilen. Der Krieg iſt zu Ende! Ich habe Frieden gemacht mit dem Kaiſer von Frankreich. Frieden? fragte Johann ungläubig. Ew. Majeſtät 270 geruhen zu ſcherzen, und das iſt mir ein gutes Zeichen von Ew. Majeſtät Wohlergehen. Mit Ihnen, Herr Bruder, ſcherze ich niemals, ſagte der Kaiſer trocken. Ich ſage es Ihnen im vollen Ernſt, der Frieden zwiſchen mir und Napoleon iſt ab⸗ geſchloſſen. Oeſterreich verliert dabei ſehr viel, denn ich hab' mich verpflichtet, außer den ſchon gezahlten Contributionen noch ſechsundachtzig Millionen in be⸗ ſtimmten Friſten zu zahlen, und ich verliere an Land und Leuten den dritten Theil von meinem Reich.*) Aber Tyrol? fragte Johann. Ew. Majeſtät be⸗ halten wenigſtens das treue Tyrol? Nein, ſagte Franz, ſeinem Bruder feſt in's Antlitz ſchauend, Tyrol wird getheilt. Ein Theil davon wird Baiern zurückgegeben, der andere Theil fällt dem Vicekönig von Italien zu und wird franzöſiſch⸗italieniſch. Das iſt unmöglich, rief Johann entſetzt, das kann nicht Ihr ernſter Wille ſein? Und warum nicht? Warum iſt's unmöglich? fragte der Kaiſer ſtrenge. Majeſtät, ſagte Johann, ſeinem Bruder kühn entge⸗ gentretend, Majeſtät, Sie haben vor Gott und der ganzen *) Der Friedenstractat ward von Napoleon am 14. October 1809 in Schönbrunn unterzeichnet. Zeichen niemals, vollen iſt ab⸗ l, denn ezahlten in be⸗ an Land ich.*) eſtät be s Antlit von wird ällt dem alieniſch. das kann h? fragte hn entge⸗ der ganzen Octobel 271 Welt den Tyrolern Ihr heiliges Wort gegeben, daß Sie keinen Frieden eingehen würden, der nicht Tyrol bei Ihrer Monarchie beließe. Ach, Sie wagen es mich daran zu erinnern? rief Franz mit drohendem Ton. Ja, ich wage es, ſagte Johann glühend, und ich habe ein Recht dazu, denn Ich bin es, der ſich für die Erfüllung des kaiſerlichen Wortes verbürgt hat. Ich bin es, der die Tyroler zum Aufruhr angereizt, der ihnen die Verſprechungen ihres geliebten Kaiſers wiederholt hat, Ich bin es, der im Namen ihres Kaiſers ſie zu einer Verſchwörung, zum Aufſtand an⸗ geregt, der ſie verleitet hat, das Schwert zu nehmen, und für ihre Freiheit zu kämpfen. Majeſtät, Tau⸗ ſende der edelſten Tyroler haben in dieſem Kampf ihr Leben verloren, Tauſende liegen verwundet und in Schmerzen da, der Boden des einſt ſo glücklichen, ſo friedlichen Tyrols dampft noch vom vergoſſenen Blut, der Acker iſt unbeſtellt, wo ſonſt Wohlſtand herrſchte, iſt jetzt Mangel, wo Ruhe, und Friede blühte, tobt der Aufruhr, wo ſonſt in den Thälern und auf den Höhen nur frohe Menſchen weilten, und man nur den ſchmetternden Klang des Kuhreigens, das frohe Jodeln der Hirten vernahm, ſieht man jetzt nur bleiche, kum⸗ 272 mervolle Verwundete daher ſchwanken, hört man das Donnern der Kanonen, die Klage der Verarmten und Hungernden. Und dennoch, trotz aller dieſer Trübſal iſt das treue Volk der Tyroler ungebeugt, denn die Hoffnung lebt in ihrem Herzen, und die Liebe zu ihrem Kaiſer. Sie haben Alles gewagt, Alles auf's Spiel geſetzt, um wieder Oeſterreich anzugehören, und ſelbſt jetzt noch, wo der unſelige Waffeenſtillſtand Ihrer Armee die Waffen aus den Händen gewunden, ſelbſt jetzt noch kämpft das treue, das glaubensmuthige, das liebesſtarke Tyrol unbeirrt weiter für ſeinen Kaiſer, für die Freiheit ſeines geliebten Landes. Ganz Europa blickt mit Staunen und Bewunderung zu dieſem Hel⸗ denvolke hin, das allein noch den Muth hat, ſich dem franzöſiſchen Despoten zu widerſetzen, das allein noch ſeinem Machtwort ſich nicht beugt, und das Schwert aufrecht hält, während ganz Europa vor ihm im Staube liegt. Oh Maieſtät, Sie werden, Sie können dieſes treue Volk, das Sie liebt, das an Sie glaubt, nicht aufgeben wollen. Es wäre Verrath, Ew. Ma⸗ jeſtät deſſen nur für fähig zu halten, denn Sie haben den Tyrolern Ihr Wort gegeben, und nimmer wird ein Kaiſer von Oeſterreich ſein Wort brechen, und die Schande eines Meineids auf ſich nehmen wollen! — g lan das ten und Trübſal enn die uihrem 3 Spiel d ſelbſt ge, das Kaiſer, Curopa m Hel— ich dem in noch Schwert om im können glaubt, v. Ma⸗ haben r wird und die n. 273 Der Kaiſer ſtieß einen Schrei der Wuth aus und ganz ſeiner angenommenen Ruhe, ſeiner kaiſerlichen Würde vergeſſend, ſtürzte er mit zornflammendem An⸗ geſicht, mit gehobenem Arm zu dem Erzherzog hin. Sie wagen es mich zu beſchimpfen, ſchrie er, Sie haben den frechen Muth, mich des Meineids zu be⸗ ſchuldigen! Sie— Der Erzherzog, ſeinen Bruder ſo flammend in Zorn, mit geballter Fauſt dicht vor ſich ſehend, wich einige Schritte zurück. Majeſtät, ſagte er, Sie werden doch Ihren Bruder nicht beſchimpfen wollen? Nehmen Sie Ihre Hand fort, ich bitte Sie darum, denn wenn ſie mein Antlitz, meine Stirn berührt, ſo werde ich vergeſſen müſſen, daß Sie der Kaiſer, daß Sie mein Bruder ſind, und nur als der Beleidigte werde ich dem Beleidiger noch gegenüberſtehen, und von ihm Genugthuung fordern. Der Kaiſer würde einem Rebellen keine Genug⸗ thuung geben, ſagte Franz, indem er langſam ſeinen Arm ſinken ließ, er würde den Aufrührer durch ein Wort zerſchmettern, und den Hochverräther ſeinen Richtern übergeben. Nun wohl denn, thun Sie das, rief Johann, ſtrafen Sie mich, laſſen Sie es mich mit meinem Mühlbach, Andreas Hofer. III. 18 ͤ— — 8 — —— —— — ————— — 274 Blut bezahlen, daß ich es wagte, Sie an das heilige Verſprechen zu erinnern, das Sie den Tyrolern gege⸗ ben. Aber vergeſſen Sie nicht Ihres Wortes, ver⸗ geſſen Sie nicht des treuen Tyrols, zerſtören Sie nicht die einzige Hoffnung dieſer biedern unſchuldigen Natur⸗ kinder, die Hoffnung auf ihren Kaiſer. Oh Majeſtät, vergeſſen wir zuſammen die heftigen Worte, die der Zorn und der Schmerz uns Beide hat eben ſprechen laſſen! Ich flehe Euere Majeſtät um Vergebung dafür an, ich habe mich ſchwer vergangen an meinem Kaiſer. Aber nun haben auch Sie Erbarmen! Sehen Sie, ich beuge mich vor Ihnen, ſehen Sie, ich liege vor Ihnen auf den Knieen, und im Namen Ihrer keaiſerlichen Ehre, im Namen Tyrols flehe ich zu Ihnen: verlaſſen Sie nicht Tyrol und ſeinen Ober⸗Commandanten An⸗ dreas Hofer, vergeſſen Sie nicht Ihres feierlichen Gelöbniſſes: keinen Frieden einzugehen, der nicht Tyrol auf immer Ihren Staaten einverleibte! Sie wollen Frieden machen mit Napoleon, aber noch iſt der Frie⸗ den nicht publicirt, noch weiß die Welt nichts davon, noch liegt es in der Hand Eurer Majeſtät, die Frie⸗ denspräliminarien abzubrechen. Oh, thun Sie es, Ma⸗ jeſtät, halten Sie dem treuen Tyrol Ihr Wort, gehen Sie keinen Frieden ein, der nicht Tyrol feſt und un⸗ heilige n gege⸗ 8, ver⸗ ie nicht Natur⸗ lajeſtät, er Zorn laſſen! an, ich Aber jie, ich Ihnen erlichen erlaſſen ten An⸗ erlichen Thyrol wollen er Frie⸗ davon, e Frie⸗ 6, Ma⸗ „gehen und ul⸗ 275 auflöslich an Ihre Monarchie bindet! Erlauben Sie mindeſtens den Tyrolern, ſich ihre Freiheit nochmals zu erkämpfen, und wenn ſie's gethan, dann ſchützen Sie dieſelbe. Senden Sie mich nach Tyrol, geſtatten Sie es mir, mich an die Spitze der tapfern Streiter zu ſtellen, und Sie ſollen ſehen, wie ganz Tyrol in Begeiſterung und mit neuem Muthe daſtehen und kämpfen wird, gleich einem Löwen. Oh Majeſtät, ſenden Sie mich nach Tyrol, damit Tyrol, damit die ganze Welt erfahre: der Kaiſer von Oeſterreich habe ſein Wort gehalten, er habe Tyrol nicht verlaſſen, und ſeinen eigenen Bruder ſende er ihnen, um ihnen zu ſagen, daß er keinen Frieden wolle, der nicht Tyrol an Oeſterreich feſſele! Der Kaiſer lachte laut und ſpöttiſch auf. Ach, Sie ſind ſchlau, mein Herr Bruder, ſagte er, meinen, ich ſollte Ihnen ſelbſt die Erlaubniß geben nach Tyrol zu gehen, um dort Ihre Rolle als Erretter und Befreier mit neuem Glanz zu ſpielen. Meinen, ich kennte Ihren ſaubern Plan nicht? Ich wüßte nicht, wozu Sie nach Tyrol gehen wollten, was Ihre Ab⸗ ſichten ſind? Ja, Herr, ich weiß es! Ich kenne Ihre Pläne! Ich weiß, daß Sie ein Aufrührer, ein Rebell ſind. Sich ſelber wollen Sie zum Herrn von Thyrol 18* ——— — — 276 machen, Sich ſelber wollen Sie ein freies unabhängiges Fürſtenthum ſchaffen. Darum haben Sie ein ganzes Volk zum Aufruhr verleitet, darum haben Sie ſo lange intriguirt und gewühlt, bis ein armes friedliebendes Bauernvolk zu Aufrührern und Empörern gegen ſeinen baieriſchen König ward, und wie vom Wahnſinn ge⸗ trieben die Blutfahne erhob. Sie ſagen, Tauſende ſeien in Tyrol gefallen im Kampf für ihre Freiheit, Sie ſagen, Tauſende lägen verwundet auf der heimath⸗ lichen, blutgetränkten Erde, der Wohlſtand ſei zerrüttet, Armuth und Elend herrſche in Tyrol? Nun wohl, dies Alles iſt Ihr Werk, dies Alles haben Sie ver— ſchuldet! Sie haben Aufruhr und Verſchwörung an— geregt, Sie haben ein todeswürdiges Verbrechen be⸗ gangen, denn Sie haben ein Volk zur Revolution verleitet! Tyrol gehörte zu Baiern, die Tyroler waren Unterthanen des Königs von Baiern, nichts gab ihnen ein Recht ſich zu empören, durch Aufruhr und Gewalt ſich ihrem König zu entziehen, und ſich einen andern Herrſcher zu wählen? Und Sie meinen, ich ſollte ſo ſchwach ſein, das böſe Beiſpiel gut zu heißen, das die Tyroler gegeben, ich ſollte die Revolutionäre in ihrem Verbrechen beſtärken, und billigen, was ſie gethan? Sie meinen, ich ſollte Ihr Werk ſanctioniren, Ihren 1 277 ängiges verbrecheriſchen und hochverrätheriſchen Plänen die ganzes Weihe geben, indem ich Sie nach Tyrol gehen ließe, um dort auf's Neue Aufruhr zu predigen, um Sich ſelber zum Herrn von Tyrol zu machen, und dann vielleicht ſich mit dem Herrn Bonaparte zu einigen, und von ihm anerkannt und beſtätigt zu werden als ſinn ge⸗„ 3 neuer Herzog von Tyrol?; ſo lange jebendes ſeinen Tauſende Freihei Mein Bruder, rief Johann entſetzt, ich— Freihell,. 3 3.. zinni Still, unterbrach ihn der Kaiſer gebieteriſch, Nie⸗ eimath⸗ jtte mand hat das Recht zu ſprechen, wenn ich rede, denn eerrüttet, F ich rede nicht zu Ihnen als Ihr Bruder, ſondern als wohl,,.. 3 4 Ihr Kaiſer. Und als Ihr Kaiſer ſage ich Ihnen: Sie ver⸗—. 4 3 91 Sie werden nicht nach Tyrol gehen, Sie werden nicht runc al⸗„ c... rung. wagen, ohne meinen Befehl jemals wieder die Grenzen ꝛcen be⸗ Tyrols zu überſchreiten, und ich verſpreche Ihnen, daß dieſer Befehl lange auf ſich warten laſſen wird. Und als Ihr Kaiſer befehle ich Ihnen ferner, daß Sie ſelber den Tyrolern die Anzeige machen, daß ich den Frieden mit Frankreich abgeſchloſſen, und ſie auf⸗ evolution er waren ab ihnen Gewalt n andern zufordern, die Waffen niederzulegen und ſich in das ſollte ſ Unabänderliche zu fügen. , das di Majeſtät, rief Johann, niemals werde, niemals in ihrem kann ich das thun. gethan? Oh, Sie meinen, die guten Tyroler könnten als⸗ n, bren — 278 dann irre werden an ihrem angebeteten Erzherzog, Sie könnten ihm ihre Liebe, die ihm einen Fürſtenthron erbauen ſollte, entziehen? Nein, Ew. Majeſtät, ſagte Johann, ihm kühn und feſt in's Auge ſehend, ich meine, daß ich den Tyrolern mein Wort gegeben, ſie zu ſchützen, und ihnen zu helfen im Kampf für ihre Freiheit und ihren Kaiſer, und daß ich micht die Schmach auf mich laden will, ein ganzes Volk betrogen, und mit ihrem Glauben, und mit ihrer Liebe ein unwürdiges Spiel geſpielt zu haben. Oh, Sie wollen mir damit nochmals fein zu ver ſtehen geben, daß ich das thue, daß ich ein unwürdig Spiel getrieben habe mit der Tyroler Liebe? fragte der Kaiſer mit einem kalten Lächeln. Gleichviel, be halten Sie immerhin Ihre Meinung, aber gehorchen werden Sie und ſollen Sie, und gleich jetzt in meiner Gegenwart ſoll's geſchehen. Setzen Sie Sich dorthin an meinen Schreibtiſch. Sie ſind ein gelehrter Mann und wiſſen die Feder raſch und gewandt zu führen. Schreiben Sie alſo! Verkünden Sie dem treuen Tyrol den Frieden, befehlen Sie ihm die Waffen niederzu— legen, und ſich ihren neuen Herrn in Gehorſam zu fügen. zherzog, tenthron ühn und Throlern ynen zu Kaiſer, en wil, Hlauben, ſpielt zu zu ver nwürdig fragte iel, be⸗ ehorchen meiner dorthin r Mann führen. en Throl niederzu⸗ rſam 1 279 Ich kann nicht, mein Bruder, rief Johann ſchmerz⸗ voll. Haben Sie Erbarmen mit mir. Ich kann nicht ein ganzes Volk dem Henkerbeil überliefern. Denn wenn Sie jetzt Ihre Hand von Tyrol wegziehen, wenn Sie es der Rache der Baiern und Franzoſen überlaſſen, werden Sie mit kannibaliſcher Grauſamkeit ihre Revanche nehmen für all die Niederlagen, die Demüthigungen, die ihnen das heldenmüthige Bauern⸗ volk bereitet hat. Das wird das Bauernvolk lehren, keine Verſchwö⸗ rungen und Revohutionen mehr zu machen, ſondern geduldig und gehor zu ſein, und ſie werden dadurch hreckendes Beiſpiel für meine übrigen Keine Umſchweife mehr! Setzen Sie Sich dahin, und ſchreiben Sie, Herr Erzherzog! Nein, rief Johann glühend, mögen mich Ew. Ma— jeſtät als Rebellen beſtrafen, mögen Sie mir das Leben nehmen, mich zu ewiger Gefangenſchaft verurtheilen, aber ich kann nicht gehorchen! Ich kann nicht ſchreiben! Ich werde Sie nicht als Rebellen beſtrafen, ſagte der Kaiſer achſelzuckend, ich werde Ihnen nicht das Leben nehmen, nicht Sie zur Gefangenſchaft verurtheilen, aber ich werde meine Hand ganz abziehen von Tyrol. Ich werde nicht, wie ich das beſchloſſen, und ausdrück⸗ — — ——— .—— ————— ——„—— —— . 3 — —— 280 lich mir ausbedungen hatte, den flüchtigen Tyrolern, ſobald es ihnen gelingt die Grenze Oeſterreichs zu überſchreiten, hier in Oeſterreich ein Aſyl gewähren, und ihnen Aufnahme und Schutz verleihen, ſondern ich werde ſie als entſprungene Verbrecher ausliefern laſſen an ihre rechtmäßigen Herren, damit dieſe ſie beſtrafen, wie ſie es verdienen. Ich werde auch nicht, wie ich das thun wollte,, den Tyrolern ihre alte Landes⸗ verfaſſung in dem Friedenstractat ſichern und beſtätigen laſſen, und endlich werde ich nicht, wie ich bisher be⸗ ſchloſſen, eine Commiſſion niederſetzen, die allen Denen, welche ſich zu mir nach Oeſterreich flüchten, Hülfe ge— währt und für ſie und die Ihrigen ſorgt. Es wird Ihre Schuld ſein, wenn den armen Tyrolern dieſe Wohlthaten entgehen, Sie werden es ſein, welche die alsdann rettungslos Verlorenen in den Tod hetzen! Nein, Majeſtät, nimmer ſoll das geſagt werden, rief Johann tiefbewegt. Ich unterwerfe mich und ſchreibe! Er eilte zu dem Schreibtiſch hin, und wie ver— nichtet auf den Stuhl vor demſelben niederfallend, achzte er tief auf und ließ ſein Haupt einem Sterben⸗ den gleich auf ſeine Bruſt niederſinken. Na, beſinnen's Sich halt nit lange, Herr Bruder, ſagte Franz, ſchreiben's! rolern, chs zu vähren, ern ich laſſen ſtrafen, wie ich Landes⸗ ſtätigen her be⸗ Denen, ülfe ge⸗ s wird n dieſe ſche die tzen! werden, chreibel vie ver⸗ rfallend, Zterben⸗ Bruder, 281 Johann nahm die Feder, und mit Gewalt die Thränen zurückdrängend, die in ſeine Augen traten, ſchrieb er haſtig und ſchnell einige Zeilen. Dann ſtand er auf, und langſam und bleich zu dem Kaiſer hin⸗ ſchreitend, übergab er ihm das Papier. Majeſtät, ſagte er feierlich, ich habe gethan, was Sie mir befohlen, ich habe den Tyrolern den Frieden verkündet und ſie zur Unterwerfung ermahnt. Werden Sie nun auch die Bedingungen erfüllen, um derenwillen ich dies an die Tyroler geſchrieben habe? Werden Sie Denen, welchen es gelingen wird, ihren Henkern und Peinigern zu entfliehen, hier in Oeſterreich ein Aſyl gewähren, werden Sie eine kaiſerliche Commiſſion er— nennen, die allen Denen, welche ſich nach Oeſterreich flüchten, Hülfe gewährt, und für die Ihrigen ſorgt? Und endlich werden Sie in Ihrem Friedenstractat den Tyrolern die Erhaltung ihrer alten Landesverfaſſung ſichern? Ich gab Ihnen mein Wort darauf, theurer Bruder, ſagte der Kaiſer lächelnd, und Sie ſagten's ja ſelbſt vorher: nimmer wird ein Kaiſer von Oeſterreich ſein Wort brechen und die Schande eines Meineids auf ſich nehmen wollen. Na, jetzt leſen's mir einmal vor, 282 was Sie da geſchrieben haben! Ich möcht's gern von Ihnen ſelber hören! Der Erzherzog verneigte ſich, und mit mühſamer, zitternder Stimme las er: Brave, liebe Tyroler! Die Nachricht des abgeſchloſſenen Friedens wird nun auch bis zu Euch gelangen. Ich muß Euch ſolche auf Aller⸗ höchſten Befehl beſtätigen!— Alles würde der Kaiſer gethan haben, um die Wünſche des Landes Tyrol in AI Erfüllung zu bringen. Allein ſo nahe dem Kaiſer das 4 1 Schickſal der biedern Bewohner dieſes Landes geht, 1 ſo iſt doch die Nothwendigkeit eingetreten, Frieden zu 7 4 machen.— Ich ſetze Euch hierüber auf Allerhöchſten 1 3 Befehl mit dem Beiſatz in Kenntniß, daß der Wunſch 5 4 Sr. Majeſtät dahin geht, daß die Tyroler ſich ruhig verhalten, und nicht zwecklos ſich aufopfern mögen. Erzherzog Johann.*) Hm, ſagte der Kaiſer, das Papier aus Johanns Hand nehmend, und es aufmerkſam betrachtend, hm, recht kurz und lakoniſch haben's geſchrieben, und recht weitläufig haben's die Zeilen geſetzt, damit man recht viel zwiſchen den Zeilen leſen kann! Na, meinetwegen, ——ö —— — — — ———— —— „— — 1 Sie haben doch meinen Befehl zfüllt Sie haben 8 Ihre Schuldigkeit gethan. 5*) Andreas Hofer. Von Hormayr. II. 489. 283 Ich danke Ew. Majeſtät für dieſe Anerkennung, rn von ſagte Johann ernſt und kalt. Und jetzt, da ich meine ſamer, Schuldigkeit gethan, jetzt bitte ich Ew. Majeſtät, daß - Die Sie die Gnade haben wollen, mich aus Ihren Dienſten n auch zu entlaſſen, und mir zu erlauben, daß ich mich vom Aler⸗ Hofe in den Ruheſtand und das Privatleben zurück Kaiſer ziehe. Ich fühle mich angegriffen und ermattet, und Zudem ſind, da wir jetzt bedarf daher der Ruhe. rol in Frieden haben, meine Dienſte jetzt überflüſſig und können leicht entbehrt werden. 1 z Und Sie wünſchen Ihre Entlaſſung recht eilig, nit zöſten wahr? fragte der Kaiſer ſpöttiſch. Möchten Sich gern dunſc ſo raſch als möglich in's Privatleben zurückziehen, . damit die ganze Welt und vor allen Dingen die lieben nhn Tyroler daraus erkennen möchten, daß der edle und 15 geliebte Erzherzog Johann nicht übereinſtimmt mit dem ). Frieden, und daß er ſich daher grollend vom Hoflager hanns und aus dem Dienſt ſeines Kaiſers zurückgezogen hat. hm, Thut mir leid, daß ich Ihnen dieſe Genugthuung nicht ncct verſchaffen kann. Sie bleiben im Dienſt, ich nehme rech Ihre Entlaſſung nicht an, ich erlaube Ihnen nicht, zegen, V Sich in's Privatleben zurückzuziehen. Sie ſind dem haben Staat Ihre Kräfte ſchuldig, Sie dürfen Sie ihm nicht* — entziehen. —— — 8 —— — ——— —— —— — xr⸗———— 284 Majeſtät, ich habe keine Kräfte, welche Ihrem Staat nützen könnten. Ich bin erſchöpft, todesmatt. Ich wiederhole dringend noch einmal mein Geſuch: entlaſſen Sie mich aus Ihren Dienſten! Erlauben Sie mir, mich in den Ruheſtand zurückzuziehen! Wie? rief Franz heftig. Ihr Kaiſer hat zu Ihnen geſprochen, er hat Ihnen ſeinen Willen kund gethan, und Sie wagen es zu opponiren? Das iſt ein Fehler gegen die Subordination, für die der kaiſerliche Kriegs— herr ſeinen rebelliſchen General ſtreng beſtrafen würde, wenn dieſer General nicht zum Unglück ſein Bruder wäre. Ich wiederhole Ihnen noch einmalv ich bewillige Ihnen Ihr Geſuch nicht. Sie bleiben im Dienſt, ich fordere es von Ihnen als Ihr Kriegsherr, ich erinnere Sie an den Eid der Treue und des Gehorſams, den Sie mir, Ihrem Herrn und Ihrem Kaiſer, geleiſtet haben! Ew. Majeſtät thun wohl, mich an meinen geleiſteten Eid zu erinnern, ſagte der Erzherzog mit ſchneidender Kälte. Es iſt wahr, ich habe dieſen Eid geleiſtet, und da ich gewohnt bin, mein Wort zu halten, und da es eine Schmach iſt, ſein Wort zu brechen, und einen Meineid zu begehen, ſo werde ich meinen Eid erfüllen. Ich werde alſo meinem Kriegsherrn und Ihrem esmatt. Geſuch: en Sie Ihnen gethan, Fehler eriegs⸗ würde, Bruder willige ſt, ich innere , den leiſtet iſteten dender leiſtet, , und und Eid und 285 Kaiſer gehorchen, ich werde den Dienſt nicht verlaſſen! — Aber jetzt bitte ich Ew. Majeſtät um die Erlaubniß, mich für heute zurückziehen zu dürfen, wenn Ew. Ma⸗ jeſtät mir weiter nichts zu ſagen haben! Doch, ich habe Ihnen noch etwas zu ſagen, mein lieber Herr Bruder, ſagte der Kaiſer lächelnd. Ich will Ihnen einen Beweis geben, daß ich großes Ver⸗ trauen in Sie ſetze, und auf Ihre Verſchwiegenheit rechne. Ich will Ihnen ein Familiengeheimniß mit⸗ theilen, das bis jetzt, außer dem Kaiſer Napoleon, dem Baron von Thugut, der mir als Unterhändler diente, und außer Mir ſelber, Niemand weiß. Wie? fragte Johann erſtaunt. Der Kaiſer Na⸗ poleon kennt ein Familiengeheimniß Eurer Majeſtät? Da es ihn ſelbſt ſehr nahe angeht, ſo muß er es wohl kennen, ſagte der Kaiſer lächelnd. Napoleon ge⸗ denkt ſich zum zweiten Mal zu vermählen? Zum zweiten Mal? Iſt denn ſeine erſte Gemahlin, die Kaiſerin Joſephine, plötzlich geſtorben? Nein, ſie lebt, und fungirt in dieſem Augenblick noch in Paris als die rechtmäßige Gemahlin des Kaiſers. Aber Napoleon wird, ſobald er jetzt nach geſchloſſenem Frieden heimkehrt, dieſe Ehe, welche niemals den prie⸗ ſterlichen Segen erhalten hat, für ungültig erklären, — — ——— —— ———— —— — 4 286 er wird ſich feierlich von ſeiner Gemahlin ſcheiden, und dann hat er wohl das Recht, ſich zum zweiten Mal zu vermählen. Er hat mich durch meinen ge⸗ heimen Unterhändler, den Baron Thugut, fragen laſſen, ob ich ihm eine Erzherzogin von Oeſterreich zur Ge⸗ mahlin bewilligen würde. Ich hab's ihm zugeſtanden, und dieſes Uebereinkommen bildet einen der geheimen Artikel meines Friedenstractats. Eine Erzherzogin von Oeſterreich ſoll die Gemahlin des franzöſiſchen Despoten werden! rief Johann ent⸗ ſetzt. Und wer, Majeſtät, wer ſoll dem Minotaurus geopfert werden? Wen von Ihren Schweſtern oder Couſinen wollen Sie ihm darbringen? Keine Couſine und keine Schweſter, ſagte Franz ruhig, ſondern zur zweiten Gemahlin des Kaiſers Na⸗ poleon iſt meine älteſte Tochter, die Marie Louiſe, auserwählt. Marie Louiſe! ſchrie Johann mit einem Ausdruck des Entſetzens. Marie Louiſe! Und bleich wie eine Leiche taumelte Johann einige Schritte zurück und mußte ſich an der Lehne eines Seſſels halten, um nicht umzuſinken. Franz ſchien das nicht zu bemerken. Ja, Marie Louiſe wird die zweite Gemahlin Napoleons, ſagte er, — cheiden, zweiten nen ge⸗ laſſen, ir Ge⸗ tanden, heimen mahlin an ent⸗ vtaurus n oder Franz rs Na⸗ Louiſe, sdruck einige — eines Marie gte er, 287 Alles iſt abgemacht, und im März des nächſten Jahres wird die Vermählung ſtattfinden. Ich denke, Sie, mein Herr Bruder, könnten als Stellvertreter meines zu⸗ künftigen Herrn Schwiegerſohnes, des Kaiſers Napoleon, bei der Feierlichkeit fungiren! Der Erzherzog erbebte, und drückte ſeine beiden Hände gegen ſeine Schläfen, als fürchte er, dieſes entſetzliche„Familiengeheimniß“ müſſe ihm das Hirn zerſprengen, dann ſchwankte und taumelte ſeine ganze Geſtalt. Majeſtät, ſagte er mit unſicherer, kaum hörbarer Stimme, ich bitte um die Erlaubniß, mich zurückziehen zu dürfen. Ohne dieſe Erlaubniß abzuwarten, wandte der Erz⸗ herzog ſich um, und verließ ſchwankenden Schrittes, ſich mühſam hier und dort an den Wänden anklam⸗ mernd, das Gemach. Der Kaiſer blickte ihm lächelnd nach. Der Hude— liſt hat ſich alſo nit geirrt, wie's ſcheint, ſagte er. Mein lieber Herr Bruder liebte wirklich die Marie Louiſe, und hatte die allerliebſte Idee, mein Schwie⸗ gerſohn werden zu wollen. Nun, das muß er ſich aus dem Kopf ſchlagen. Aber, heilige Jungfrau, was iſt — —y— ——— 1 288 denn das für ein Lärmen da draußen? Was fiel denn da? Der Kaiſer ging raſch zur Thür hin und öffnete ſie. Was giebt's denn hier draußen? rief er hinaus. Majeſtät, rief der herbeieilende Kammerhuſar, der Herr Erzherzog ſind ohnmächtig geworden, und zur Erde niedergefallen, wobei Sie mit dem Kopf auf die Ecke eines Stuhls aufgeſchlagen ſind, und Sich eine Wunde an der Stirn beigebracht haben, die ſtark blutet. Nun, die Wunde wird hoffentlich nur eine leichte Schramme ſein, ſagte der K aiſer gelaſſen. Man trage den Herrn Erzherzog in ſein Schlafgemach, und rufe ſogleich meinen Leibarzt zu ihm. Später werde ich ſelbſt zu ihm kommen! Ohne ſich weiter nach dem Erzherzog umzuſchauen, trat der Kaiſer in ſein Kabinet zurück, und ließ die Thür in's Schloß fallen. Er iſt ohnmächtig geworden, ſagte Franz triumphi rend. Gut, er ſoll auch ohnmächtig ſein! Keiner ſoll hier Macht haben, als ich allein! Ach, ich habe ſeinen Stolz gebrochen, ſeinen Willen gebeugt, und ihn ohne Macht zu meinen Füßen hingeſchleudert. Sie ſollen ſich alle vor mir beugen müſſen, meine Herren Brüder, ſie ſollen mich Alle als ihren Herrn Was fiel nd öͤffnete r hinaus. huſar, der und zur pf auf die Sich eine ark blutet. ine leichte Man trage „ und rife werde ich nzuſchalen, d ließ die triumphi Keiner en gebeugt g ſchleuder 1 ine ſſen, me hren Harn 289 anerkennen und mir gehorchen müſſen! Ah, ich glaube, ich habe meinen Herren Brüdern da einen gewaltigen Querſtrich gemacht. Der Erzherzog Johann wird jetzt halt nicht Herzog von Tyrol, der Großherzog Ferdi⸗ nand von Würzburg wird nicht Kaiſer von Oeſterreich, denn Napoleon wird mein Schwiegerſohn, und er wird ſich wohl hüten, ſeinen Schwiegervater ſeines Thrones zu berauben. Ich allein bin der Kaiſer von F eſterreich und ich werde es bleiben! Mühlbach, Andreas Hofer. III. 19 VI. Die Schreckensbotſchaft. Ganz Tyrol war in Sorge und Aufruhr, überall ſah man nur ſchreckensbleiche Geſichter, hörte man nur die angſtvolle Frage: Iſt es wahr? Hat unſer Kaiſer wirklich Frieden gemacht mit dem Bonaparte? Iſt es wahr, daß er uns ganz und gar vergeſſen hat, und daß wir nun wieder baieriſch und franzöſiſch werden ſollen? Und einige der Verzagten und Furchtſamen ſeufz⸗ ten: Es iſt wahr! Es hat geſtern in der Innsbrucker Zeitung geſtanden, und der Vicekönig von Italien hat's durch zwei Boten im Puſterthal verkünden laſſen, daß die Kaiſer von Frankreich und von Oeſterreich am vierzehnten October den Frieden abgeſchloſſen haben, daß Tyrol wieder baieriſch und italiéniſch werden, und die Waffen niederlegen ſoll. 291 Es iſt nicht wahr! riefen die Muthigen und Be⸗ herzten. Der Kaiſer Franz hat keinen Frieden mit dem Bonaparte abgeſchloſſen, und wenn er's gethan, ſo hat er doch gewiß an Tyrol gedacht und geſorgt, daß wir bei Oeſterreich bleiben, denn das hat er uns verſprochen, und der Kaiſer wird ſein Wort halten! Es iſt nicht wahr, es giebt keinen Frieden, wir ſind noch immer im Krieg mit dem Baiern und dem Franzoſen, rief Joſeph Speckbacher, und im Krieg überꝛl wollen wir bleiben! . Ja, im Krieg wollen wir bleiben! riefen ſeine inn m tapferen Schaaren ihm nach. t Kajee Und wie Speckbacher gerufen, ſo rief auch Andreas Nen Hofer, ſo rief Joachim Haspinger, ſo riefen Anton t, und.— 4 zal, Wallner, Jacob Sieberer, und all die tapferen Com⸗ werden mandanten der Schützen. . Und abermals ſtrömten die Tyroler, angeführt von en ſeufß ihren Heldenführern, zuſammen zu einem gewaltigen brutem Heer, und abermals ſammelte ſich dies Heer am Berg ien has Iſel, und erwartete dort die Baiern, die unter der ſſen, daß Anführung des Kronprinzen Ludwig auf Innsbruck eich am marſchirten. 1 haben, Und abermals entſpann ſich am Berg Iſel und* den, und beim Judenſtein ein blutiger Kampf zwiſchen den Ty⸗ 19* ————— — ———— — 2—* 292 292 rolern und den Baiern, und vier Tage, vom fünfund zwanzigſten bis zum achtundzwanzigſten October, ſtritten die feindlichen Schaaren mit todesmuthiger Entſchloſſen heit um den Beſitz von Innsbruck. Aber dies Mal war der Sieg nicht bei den Tyro lern, dies Mal verjagten die Baiern die Tyroler aus Innsbruck, und am neunundzwanzigſten October zog der Kronprinz Ludwig von Baiern als Sieger und T Herr in Innsbruck ein. Ein Theil des Tyroler Heers blieb am Berg Iſel ſtehen, ein anderer ſtürmte mit ungebrochenem Muthe nach anderen Gegenden hig, um dort anderen Schaaren der Feinde entgegen zu rücken, und ſie von den Grenzen Tyrols zurück zu ſchlagen. Anton Wallner eilte mit ſeinen Schützen zurück nach dem Puſterthal, und rückte mit ihnen weiter hinab, um gegen den verhaßten General Rusca, der von Kärnthen her mit ſeinem franzöſiſchen Armeecorps in Anmarſch war, die Grenzen ſeines Vaterlandes zu vertheidigen, denen auch Baraguay d'Hilliers mit einem ſtarken Armeecorps ſich näherte. Joſeph Speckbacher zog mit ſeinen todesmuthigen Schaaren in's Zillerthal, und weiter hin nach der ſtritten hloſſen 293 Mühlbacher Klauſe, um dort, mit Joachim Haspinger vereint, nochmals gegen den Feind zu kämpfen. Und freudiger Muth herrſchte überall, und Nie⸗ mand glaubte mehr an die Schreckensnachricht, die erſt Alle ſo verzagt gemacht, Niemand glaubte mehr an den Frieden. Auch Andreas Hofer glaubte ihn nicht. Er war muthig und unverzagt geblieben, trotz des unglücklichen Gefechtes am Berge Iſel, und muthig und unverzagt ſandte er auch jetzt noch durch vielfache Boten die Mahnung aus durch ganz Tyrol: alle ſtreitbare Män⸗ ner ſollten die Waffen ergreifen und kämpfen gegen den Feind, der abermals in Tyrol eingebrochen ſei. Er lagerte mit ſeinen Schaaren noch immer un⸗ fern vom Berge Iſel, und hatte in Steinach ſein Hauptquartier aufgeſchlagen. Dorthin hatte der Kron prinz von Baiern aus Innsbruck zwei Parlamentaire an ihn abgeſchickt, und hatte ihm melden laſſen, daß der Friede wirklich abgeſchloſſen ſei, und daß den Ty rolern daher nichts übrig bleibe, als ſich zu unter werfen.„ Aber Andreas Hofer antwortete dieſen Parlamen⸗ tairen mit unwilligem Kopfſchütteln: Das iſt eine arge Lüge! Der Kaiſer Franzel, unſer lieber Herr, verläßt 294 nimmer ſeine braven Tyroler. Er hat's uns geſchwo⸗ ren, und er hält Wort. Ihr wollt uns blos mit Liſten fangen, aber wir laſſen uns nit fangen. Wir glauben an den Kaiſer und an den lieben Gott, und Beide werden uns nimmer verlaſſen! Und ruhig lächelnd war Andreas in ſein Zimmer zurückgekehrt, und hatte ſich zur Nachtruhe niedergelegt. Aber auf einmal, mitten in der Nacht, ward er aus ſeiner Ruhe aufgeſchreckt; Cajetan Döninger ſtand vor ſeinem Lager und meldete, daß der Intendant des Puſterthals, Herr von Wörndle, mit einem Abgeſand ten des Kaiſers Franz, dem Freiherrn von Lichten thurn, angelangt ſei, und daß Beide den Ober-Com mandanten dringend zu ſprechen begehrten. Sie ſollen mich ſprechen, ſagte Hofer, ſich eilig erhebend, die heilige Jungfrau möge geben, daß ſie kommen, uns etwas Gutes zu melden. Er kleidete ſich raſch an, und folgte Döninger in das Zimmer, in welchem die beiden Abgeſandten mit einigen Männern aus der Umgebung des Ober-Com mandanten ſich befanden.. Nun ſagt, Ihr Herren, was bringt Ihr Neues? fragte Andreas, den beiden Abgeſandten ſeine Hände darreichend. 295 Nichts Gutes, Ober⸗Commandant, ſeufzte Herr von Piſchne Wörndle, aber es hilft nichts, darüber zu klagen, wir ls ni müſſen uns in Geduld faſſen, und es ertragen. Der Vir Kaiſer Franz hat Frieden gemacht mit Frankreich. tt, und Stimmt Ihr auch das Lied an, Herr Intendant? fragte Andreas mit einem traurigen Lächeln. Ich Immmer werd's nimmermehr glauben, bis ich's ſchwarz auf ergelegt. Weiß ſehe, und bis der Kaiſer, oder der liebe Erz— vard er herzog Hannes es mir melden thut. er ſtand Ich bringe es Euch ſchwarz auf Weiß, rief der ant des Freiherr von Lichtenthurn, ein Papier aus ſeinem geſand⸗ Buſen ziehend, und es Andreas darreichend. Da iſt Lichten das Schreiben des Herrn Erzherzogs Johann, das ich er⸗Com⸗ Euch überbringen ſoll. 4 Hofer griff haſtig nach dem Papier, welches jener ſch eilig vom Erzherzog Johann in Totis geſchriebene Aufruf daß ſie an die Tyroler war, und las ihn mehrmals mit lang— ſamer Aufmerkſamkeit. Während des Leſens entfärb⸗ ten ſich ſeine Wangen, der Athem ging keuchend aus ſeiner Bruſt hervor, und das Papier kniſterte und ächzte in ſeinen zitternden Händen. Es iſt nit möglich, ich kann's nit glauben, rief er b dann ſchmerzlich, das Papier von allen Seiten betrach⸗ tend. Das hat der liebe Erzherzog Hannes nit ge⸗ Hände ——— ———— — T —— — 296 ſchrieben! Schaut's nur! Es fehlt auch ſein Siegel! Herr, wie können Sie ſagen, daß das ein Brief iſt vom Herrn Erzherzog Johann? Wo iſt denn's Sie⸗ gel und die Aufſchrift? Es iſt ja kein Brief, ſagte der Freiherr von Lich⸗ tenthurn, es iſt ja ein offener Brief, eine offene Ordre, die ich in ganz Tyrol Jedermann vorzeigen ſollte. Eine offene Ordre kann ja keine Aufſchrift haben, und kein Siegel. Aber der Erzherzog Johann ſchickt ſie, und er hat ſie eigenhändig geſchrieben. Ich glaub's nit, rief Andreas mit triumphirender Stimme. Nein, ich glaub's nit! Ihr ſeid ein Lügner, Ihr wollt uns verrathen! Seht ihn nur an, Ihr Alle, ſeht ihn nur an, wie bleich er wird, und wie er zittert. Das macht, er hat ein bös Gewiſſen! Bringt mir's Siegel vom Erzherzog Johann, ſo will ich glauben, daß es von ihm kommt! So aber iſt Alles Lug und Trug und Liſt vom Feind, daß ich mich er⸗ geben ſoll! Haltet ihn feſt, er ſoll uns Alles geſtehen! Ich laß mich nit fangen mit Liſt und Verrath!*) Er legte ſeine ſchwere und gewichtige Hand auf die Schulter des Freiherrn, aber dieſer brach zuſammen *) Andreas Hofer's eigene Worte. Siehe: von Hormayr: Andreas Hofer. Bd. II. S. 490. b unter ſeiner Berührung, fiel mit einem kreiſchenden Wehelaut zur Erde nieder, und lag zuckend und ſich windend in furchtbaren Krämpfen am Boden. Seht Ihr, rief Andreas, das iſt die Strafe des Himmels. Die Gewalt Gottes hat ihn getroffen! Er iſt ein Verräther, der uns an die Franzoſen verkaufen wollte! Nein, er iſt ein Ehrenmann, und er hat Euch die Wahrheit berichtet, ſagte Herr von Wörndle ernſt. Eure heftigen Worte und Beſchuldigungen haben ihn entſetzt, und er hat davon die epileptiſchen Zufälle be⸗ kommen, an denen er leidet!*) Er hob mit einigen der Anweſenden den unglück— lichen Freiherrn vom Boden auf, und trug ihn in die anſtoßende Kammer. Dann kehrte er zu Andreas Hofer zurück, der mit haſtigen Schritten auf und ab⸗ ging, und leiſe vor ſich hinmurmelte: ich kann's nit glauben! Der Erzherzog Hannes hat das nit geſchrie⸗ ben! Seine Hand wär' ihm verdorrt beim Schreiben! Er hat's nit gethan. Ja, Andreas, er hat's gethan, ſagte Wörndle ernſt, er hat ſich fügen müſſen, wie auch wir Alle uns fügen *) Ebendaſelbſt. 6 298 müſſen. Der Erzherzog Johann hat ſich dem Willen ſeines Kaiſers unterwerfen müſſen, wie auch wir es thun müſſen. Der Friede iſt abgeſchloſſen und keinem Zweifel mehr unterworfen. Herr mein Gott, der Friede iſt abgeſchloſſen, und der Kaiſer läßt uns im Stich? ſchrie Andreas. Der Kaiſer hat, wie es ſcheint, nichts für Tyrol thun können, ſagte Wörndle leiſe. Er hat es dulden müſſen, daß Tyrol wieder an Baiern und Italien fällt! Aber das iſt ja nit möglich! rief Andreas ver zweiflungsvoll. Er hat uns ja ſein Wort gegeben, ſein heilig Wort, daß er nimmer einen Frieden ein⸗ gehen will, der nit Tyrol bei Oeſterreich beläßt. Wie könnt Ihr den guten Kaiſer nun ſo kränken, daß Ihr ſagt, er hab' uns ſein Wort gebrochen. Er hat ſein Wort nicht gebrochen, aber er hat es nicht halten können. Schaut, Ober-Commandant, hier bringe ich noch ein anderes Schreiben, und dies hat, wie Ihr ſeht, ein großmächtiges kaiſerliches Siegel, es iſt das Siegel des Vicekönigs von Italien, und er hat's geſchrieben für Euch und alle Tyroler! Leſ't's, rief Andreas ſchmerzlich, ich kann's nit, meine Augen ſchwimmen in Thränen! Leſ't Ihr's mir vor, Herr! m Willen ) wir es d keinem ſſen, und 1. ür Throl es dulden lien fältt! reas ver gegeben, dden ein⸗ 6 beläßt. un's nit, hr's mir 299 Wörndle nickte, und das Papier nehmend, las er: „An die Völker Tyrols! Der Friede iſt zwiſchen Sr. Majeſtät dem Kaiſer der Franzoſen, König von Italien, Protector des rheiniſchen Bundes, meinem erhabenen Vater und Monarchen, und Sr. Majeſtät dem Kaiſer von Oeſterreich geſchloſſen worden. Friede herrſcht alſo überall, rings um Euch. Ihr ſeid die Einzigen, welche noch nicht die Wohlthaten deſſelben genießen. Durch feindliche Eingebungen verführt, habt Ihr gegen Eure Geſetze die Waffen ergriffen, dieſelben umgeſtürzt. Die traurigen Folgen Eures Aufruhrs ſind Euch zu Theil geworden. Der Schrecken herrſcht in Euren Städten, die Unthätigkeit und das Elend auf Euren Feldern, die Uneinigkeit zwiſchen Euch und die Unord nung iſt allgemein. Se. Majeſtät der Kaiſer und König, über Eure jammervolle Lage ſowohl, als über die Beweiſe der Reue gerührt, welche Mehrere unter Euch bis zu Höchſt Ihrem Thron haben gelangen laſſen, haben ausdrücklich mittelſt der Friedensſchlüſſe eingewilligt, Euren Verirrungen nachzuſehen.— Ich bringe Euch Frieden, indem ich Euch Vergebung bringe, aber ich warne Euch, nur mit der Bedingung wird Euch verziehen, daß Ihr freiwillig zur Ordnung wie⸗ derkehrt, die Waffen niederlegt, und nirgend Wider 300 ſtand erblicken laſſen werdet.— Als Anführer der Armeen, die Euch umringen, werde ich Eure Unter⸗ werfung annehmen, oder gebieten.— Den Armeen werden Commiſſairs vorausgehen, mit meinem aus⸗ drücklichen Auftrage, jene Beſchwerden und Klagen zu vernehmen, die Ihr vorbringen könnt,— Vergeſſet aber nicht, die Commiſſairs ſind nur dann befugt, Euch anzuhören, wenn Ihr die Waffen niedergelegt haben werdet.“ „Tyroler! Ich verſpreche es Euch: ſind Eure Klagen, Eure Beſchwerden gegründet, ſo ſollt Ihr Gerechtigkeit finden.“ Aus dem Hauptquartier zu Villach, den 25. October 1809. Eugen Napoleon.*) Herr von Wörndle hatte längſt aufgehört zu leſen, und noch immer ſtand Andreas Hofer unbeweglich da, die Hände über der Bruſt gefaltet, das Haupt in den Nacken geworfen, die Augen gen Himmel gewandt in ſtarrem Hinblicken. In ehrfurchtsvollem Schweigen ſchauten alle An⸗ weſenden hin auf dieſe große ſtattliche Geſtalt, die wie *) v. Hormayr: Andreas Hofer II. S. 490. hrer der re Unter⸗ Armeen nem aus⸗ elagen zu Vergeſſet befugt, 1*) zu leſen, eglich da, t in den wandt inn alle An⸗ 301 von Schmerz erſtarrt ſchien, auf dieſes bleiche, weh muthsvolle Antlitz und die frommen Augen, die den T T Himmel um Rettung und Troſt anzuflehen ſchienen. Endlich wagte es Döninger, leiſe ſeine Hand auf Hofer's Arm zu legen. Wacht auf, lieber Ober⸗Com mandant, ſagte er leiſe, wacht auf aus Euren Schmerzen. Die Herren hier warten auf Antwort. Sagt ihnen, was Ihr denkt! Was ich denk'? rief Hofer zuſammenſchreckend, und ſeine Blicke langſam niederwärts ſenkend. Was ich denk'? Ich denk', daß wir arme unglückliche Menſchen ſind, die ganz umſonſt ihr Gut und Blut, ihr Leben und ihre Freiheit auf's Spiel geſetzt haben. Sagt denn, Ihr Lieben, iſt's denn möglich, daß der Kaiſer Franz, den wir ſo ſehr geliebt haben, der uns ſo viel verſprochen hat, daß der uns jetzt doch verlaſſen hat? Cajetan, glaubſt Du's denn? Da ſteht's geſchrieben, ſagte Döninger, in ſeiner kurzen lakoniſchen Weiſe auf das Handbillet des Erz herzogs deutend. Es iſt des Erzherzogs Handſchrift, ich kenn' ſie genau. Ihr dürft nicht mehr zweifeln. Der Friede iſt geſchloſſen. Der Friede iſt geſchloſſen, und der Kaiſer hat ſein Tyrol vergeſſen, und Tyrol iſt verloren! rief Andreas * N mit lautem Schmerzensſchrei, und die lang zurückge⸗ haltenen Thränen ſtürzten, Bächen gleich, aus ſeinen Augen hervor. Andreas wehrte ihnen nicht, und ſchämte ſich ihrer nicht. Er ſank auf einen Stuhl nieder, und ſeine Hände vor ſein Antlitz legend, weinte er laut. Tyrol iſt verloren, ſchluchzte er, all' meine lieben Landsleut' ſind in Unglück und Todesgefahr, das liebe ſchöne Landl wird triefen von Blut, und nichts wird man hören, als Wehgeſchrei und Jammer. Denn der Kaiſer hat uns verlaſſen, und der Feind wird wieder in's Land einziehen, und er wird morden und brennen, und ſchreckliche Rache üben.— Herr Gott, rief er dann auf einmal, ſeine Hände von ſeinem Antlitz fort⸗ ziehend, kann ich denn nichts thun für meine lieben Landsleut'? Sagt Ihr's mir, kann ich nichts thun, die große Noth abzuwenden, und meinen lieben Lands leuten das Leben zu retten? Ja, Andreas, ſagte Herr von Wörndle, Vieles und Großes könnt Ihr thun, für Tyrol und für Eure Landsleute. Ihr könnt das Blutvergießen hindern, Ihr könnt den Feind ſanft machen und milde, daß er der Beſiegten ſchont, und keine Rache nimmt an den Wehrloſen. Schreibt einen Aufruf an die Tyroler, zurückge us ſeinen cht, und n Stuhl dV, weinte tlitz fort „lieben tts thun, ud6 n Lands⸗ Vieles für Eure hindern, daß er an den Tyroler, 303 ermahnt ſie zur Ruhe, befehlt ihnen die Waffen nie— derzulegen. Kehrt Ihr ſelbſt in Euer Haus, in Eure Wirthſchaft zurück, und Ihr habt Größeres für Tyrol gethan an dieſem Schmerzenstag, als Ihr bis hieher thun konntet. Ihr habt Tyrol vom Verderben ge⸗ rettet! Denn ſicherm Verderben fällt es anheim, wenn Ihr jetzt noch den Kampf wagen wollt, gegen die Feinde, die uns hundertfach überlegen ſind. Es iſt unmöglich, ihnen Trotz zu bieten. Von allen Seiten ziehen ſie heran mit ihren Heeresmaſſen, ihren Ka nonen, ganz Tyrol iſt, wie's der Vicekönig von Italien ſchreibt, umzingelt. Es giebt keine andere Rettung mehr, als Unterwerfung. Gebietet den Tyrolern alſo, daß ſie ſich unterwerfen, geht ihnen ſelbſt mit gutem Beiſpiel voran, und Tyrol iſt gerettet, und kein Blut wird mehr vergoſſen werden. Kein Blut wird mehr vergoſſen werden! wieder— holte Andreas Hofer freudig. Wohlan denn, ich ſeh's ein, daß Ihr Recht habt, daß uns nichts weiter übrig bleibt, als uns zu unterwerfen. Der Kaiſer hat uns wohl verlaſſen, aber der liebe Gott wird bei uns blei⸗ ben, und wenn er ſieht, daß wir demüthig ſind und ſtille, ſo wird er ſich unſerer erbarmen! Setz' Dich, 4 4 304 Cajetan, ich will Dir dictiren. An wen muß ich denn ſchreiben für mein liebes Landl? Schreibt an den General Drouet, ſagte Döninger. Er hat ja geſtern aus Innsbruck an Euch geſchrieben, und Euch den Frieden gemeldet, und verſprochen, daß, wenn Ihr und alle Tyroler ſich unterwerfen, Keinem was Leids geſchehen ſoll. Ihr wolltet ihm nicht ant⸗ worten, weil Ihr ihm nicht glaubtet. Nein, ſagte Andreas ſanft, ich wollt' ihm nit glauben, denn ich glaubt' noch an meinen Kaiſer. Aber jetzt ſeh' ich, daß der General Drouet doch Recht ge⸗ habt hat, alſo will ich denn an ihn ſchreiben, und ihm mein Landl und die braven Tyroler empfehlen. Nimm nun die Feder, Cajetan, und ſchreib'! Und mit leiſer, bebender Stimme, oft unterbrochen von Seufzern, die wie Todesgeſtöhne aus ſeiner Bruſt hervorkamen, dictirte Andreas Hofer ein Schreiben an den General Drouet, in welchem er in rührenden Ausdrücken, voll tiefen innigen Gefühls, die Unterwer⸗ fung Tyrols verſprach und den General beſchwor, dafür aber auch ſeine lieben Landsleute zu ſchonen,„alles Vorgefallene zu vergeſſen, und dem gedrückten Volk Güte und Schonung angedeihen zu laſſen.“ So, ſagte er, nachdem er zu Ende dictirt, und ſich ich denn döninger. ſchrieben, en, daß, Keinem icht ant⸗ decht ge⸗ und ihm Nimm rbrochen r Bruſt 305 überzeugt hatte, daß Döninger ſeine Worte getreulich niedergeſchrieben hatte, ſo, Cajetan, jetzt gieb her die Feder. Meinen Namen will ich ſelbſt da drunter ſchreiben! Er beugte ſich über den Tiſch, und ſtehend ſchrieb er mit raſcher Hand, wie er ſo oft unter ſeine Re— ſcripte geſchrieben:„Andere Hofer, Ober⸗Commandant in Tyrol.“ Dann ſchien er zu erſchrecken, und betrachtete lange und ſinnend ſeine Unterſchrift. Tiefaufſeufzend warf er einen ſchmerzvollen Blick zum Himmel empor, nahm zum zweiten Mal die Feder und langſam mit großen zitternden Buchſtaben ſchrieb er unter ſeinen Titel„Ober-Commandant von Tyrol“ das einzige ſchmerzvolle Wort:„geweſter.“*) Jetzt komm, Cajetan, rief er, die Feder von ſich ſchleudernd, als ſei ſie eine Natter, die ihn verwundet habe, komm, Cajetan. Ich will zu meinen Schützen gehen, und ſie ermahnen, daß ſie auseinander gehen, und dann will ich mit Dir heimwandern nach meinem Haus am Sand, damit ich Allen ein gutes Beiſpiel gebe, und ihnen zeige, wie man ſich ſtill und Gott ergeben unterwerfen muß.— *) Gallerie der Helden: Andreas Hofer. 173. Mühlbach, Andreas Hofer. III. 20 —— — 306 Und Andreas Hofer that, wie er geſagt hatte. Er befahl ſeinen Leuten auseinander zu gehen, und als ſie in dumpfem Schweigen ſeinem Befehl gehorſamt hatten, kehrte er ſelber, nur begleitet von ſeinem treuen Cajetan Döninger, nach ſeinem Haus zurück. Aber weder das freudige Willkommen ſeiner Frau, der getreuen Anna Gertrud, noch das Jubelgeſchrei ſeiner Kinder konnte Andreas Hofer aus ſeinem Trüb⸗ ſinn wecken und ein Lächeln auf ſein trauriges Ange— ſicht rufen. Er hatte keine Freude an den Seinen, keine Freude mehr an Haus und Hof, er ſchaute nicht um nach der Wirthſchaft, ging nicht umher in den Ställen und Scheunen, ſondern geſenkten Hauptes, die Hände über's Knie gefalten, ſaß er da, und ſtarrte auf die Erde, und ſeufzte nur zuweilen: mein armes Land'l! Wie hat uns der Kaiſer verlaſſen können. D Nur wenn Cajetan Döninger nicht bei ihm war, ward Andreas Hofer unruhig und ſchaute umher, und rief ängſtlich nach ſeinem Schreiber, und als er eilig herbei gelaufen kam, ſtreckte er ihm ſeine Rechte ent— gegen. Cajetan, ſagte er mit leiſer zitternder Stimme, Cajetan, geh' nimmer von mir! Ich denk' immer, ich könnt' noch'was zu ſchreiben haben, es kann ja nit das Letzte geweſen ſein, was ich Dir da dictirt hab' 307 in Steinach, wo ich die Unterwerfung ausgeſprochen hab'. Es muß noch was Anderes kommen, ganz was Anderes, das weiß ich, denn ſo kann's doch nimmer bleiben! Alſo bleib' immer bei mir, Cajetan, damit Du gleich bereit biſt, und ſchreiben kannſt, wenn die Stund' gekommen iſt! Cajetan blieb bei ihm, und ſo ſaßen die Beiden nun ſchweigend, verloren in ihre ſchmerzvollen Gedanken, nebeneinander, und langſam und trübe vergingen vier Tage. Es war am Nachmittag des fünften Tages, und nicht—... 3. ſchweigend wie immer ſaßen Andreas Hofer und Dö den..„.— 5 ninger in dem dämmernden Zimmer. Draußen war »s, die 4*1.„—, T, Alles ſtill,— da auf einmal ward dieſe Stille durch das Gemurmel vieler Stimmen, durch verworrenes Geräuſch unterbrochen. n. Andreas Hofer blickte auf und lauſchte. Sollte wal, man nit meinen, wir wären noch im Krieg, und meine k, ud Schützen marſchirten auf? fragte er mit einem trüben eili Lächeln. enl⸗ Andreas Hofer, Ober⸗Commandant von Tyrol! imme, riefen draußen vor den Fenſtern laute Stimmen. r, ich Andreas ſprang empor. Wer ruft mich? rief er ja nit mächtig. 20* 308 In dieſem Moment ward die Thür heftig aufgeriſſen, vier Tyroler Bauern mit ihren Stutzen in der Hand traten ein; durch die offene Thür ſah man draußen den ganzen Vorraum dicht gedrängt voll Bauern, und Alle ſchauten mit blitzenden Augen durch die Thür nach Hofer hin, und Alle riefen und ſchrieen jetzt: Andreas Hofer, Ober-Commandant von Tyrol, komm' mit uns! Komm'! Andreas ſchien auf einmal wie neu belebt, ſein Auge leuchtete, ſeine Geſtalt war wieder aufgerichtet, ſein Haupt hob ſich wieder ſtolz zwiſchen den mächtigen Schultern empor. Was wollt Ihr von mir, Ihr lieben Landsleut'? fragte er ihnen entgegenſchreitend. Einer der vier Schützen, die in das Zimmer ge— kommen waren, ſchritt jetzt vorwärts und ſtellte ſich mit trotzigem Angeſicht gerade vor Andreas Hofer hin. Wir wollen Dich, ſagte er. Dreitauſend Franzoſen kommen über den Jaufen. Drüben im Puſterthal iſt Alles in Kampf und Aufruhr. Der Anton Wallner hat die Baiern ſchon längſt wieder da über die Grenz' zurückgetrieben, und der Speckbacher und der Kapuziner ſind nach der Mühlbacher Klauſe und wollen den Rusca verjagen. Und warum ſollen wir denn ſtill halten? — 309 Warum ſollen wir's denn geſchehen laſſen, daß die Franzoſen in's Paſſeyr einziehen? Wir wollen's nit geſchehen laſſen, riefen die Bauern draußen. Nein, wir wollen die Franzoſen nit in's Paſſeyrthal einziehen laſſen. Du hörſt's, Ober⸗Commandant, ſagte der Bauer, der zuerſt geſprochen. Wir ſind Alle ganz entſchloſſen und bereit. Nun ſag', was ſollen wir mit den Fran⸗ zoſen anfangen? Willſt Du'was thun oder nit? Ja, willſt Du'was thun, oder nit? ſchrieen die Bauern, mit wüthenden Geberden vorwärts drängend, in das Zimmer hinein. Wenn Du nichts thun willſt, ſchrie der Bauer, ſeinen Stutzen drohend erhebend, wenn Du nichts thun willſt, ſo iſt mein Stutzen ſo gut für Dich als für eden Fran zoſen geladen. Angefangen haſt Du's, ſo jmach's auch aus.*) Aber Ihr wißt ja, Landsleut', daß ich's nit kann, rief Hofer. Der Kaiſer hat Fried' gemacht mit dem Bonaparte, und hat uns verlaſſen. Was bleibt uns alſo übrig, als uns zu unterwerfen? Wir müſſen's thun, wenn Tyrol nit ganz zu Grund gehen ſoll. *) Loritza: Bilder und Erinnerungen aus Tyrols Freiheits⸗ kämpf en von 1809. S. 14. 310 Wir wollen uns aber nit unterwerfen, ſchrieen die hi Bauern wüthend. Und ſo wie wir denkt das ganze H Land'l, Keiner will ſich unterwerfen! Sterben wollen wir lieber, als uns unterwerfen. A Laß ein neues Aufgebot ergehen, ſagte der erſte” der Bauern.. Ja, laß ein neues Aufgebot ergehen, Ober⸗Com⸗ 6 mandant, ſchrie die Menge. Wir wollen kämpfen, wir 1 müſſen kämpfen! I Und Du ſollſt und mußt unſer Commandant ſein, 3 rief der Bauer, ſeine ſchwere, gewichtige Hand auf 4 Hofers Schulter legend. Wir halten Dich feſt, wir laſſen Dich nit, oder wir laſſen Dich in den Tod i gehen, als einen Verräther. Laß ein neues Aufgebot ergehen! Wir Männer ſind noch Alle dieſelben, die 4 Sach' iſt auch noch dieſelbe, nun ſei Du auch noch b derſelbe Andreas Hofer, Ober⸗Commandant von Tyrol. ſ Ja, rief Andreas mit flammendem Angeſicht, hoch⸗ athmend, als fühle er ſich eben von einer drückenden Laſt befreit, ja ich will auch derſelbe bleiben! Es geht auch nit ſo! Wir müſſen kämpfen, wir müſſen lieber ſterben, als ſo leben! Geh', Döninger, geh', mach' einen Aufruf! 4 Vivat hoch! Es lebe unſer Ober-Commandant, ju⸗ 311 belten die Bauern, es lebe unſer lieber getreuer Andreas Hofer! Ich dank' Euch, liebe Landsleut', ſagte Andreas, Ihr habt mich jetzt, und wir wollen wieder kämpfen. Aber macht mich nit verantwortlich für die Zukunft. Vergeſſet nimmer, daß Ihr mich gezwungen habt, wieder auf's Neue anzufangen! Ich wollt' mich in Demuth und Geduld fügen, aber Ihr habt nit gewollt, Ihr habt mit Gewalt mich aus meiner Ruhe heraus geriſſen! Der Kampf und das Blutvergießen wird nun wieder anfangen! Mög' der liebe Herrgott uns gnädig ſein und uns behüten, und wenn's ſein kann, uns noch— mals den Sieg verleihen! Wir wollen ja nit kämpfen aus Uebermuth und Stolz, ſondern blos um's Landyl, und weil wir nit franzöſiſch werden, ſondern Deutſch bleiben, weil wir unſern Gott, unſere Freiheit, und unſere Verfaſſung behalten wollen! Amen! VII. Die Gefangennehmung. Noch einmal alſo entbrannte der Kampf, noch einmal verſuchten es die Tyroler zu kämpfen für ihre Freiheit und Unabhängigkeit. Aber es war ihr Todeskampf. Ueberall wurden ſie geſchlagen, überall ſiegten die über⸗ legenen Heeresmaſſen der Baiern und Franzoſen über die Schaaren der Feinde. Und mit jedem Tage wurden dieſe Schaaren lichter, denn die donnernden Kanonen riſſen ganze Reihen der Schützen nieder, und von Ent— ſetzen ergriffen, flohen die Andern in die Berge. Immer weiter vorwärts in's Land hinein rückten die ſiegreichen Feinde, hinter ihnen bezeichneten die rauchenden und brennenden Städte und Dörfer den Weg, den ſie ge⸗ kommen, und die Luft hallte wieder von Jammerge⸗ ſchrei und Wehe, wohin ſie kamen. Endlich im Anfang des December war aller Wider⸗ einmal Freiheit kampf⸗ über⸗ nüber vurden nonen mEnt⸗ mmer eichen n und ie ge⸗ eerge⸗ 313 ſtand beſiegt; über das blutende, rauchende, ächzende Tyrol ſchritt der Feind dahin mit ſchonungsloſem Fuß; ohne Erbarmen und Mitkleiden verfolgte er alle Die— jenigen, welche es gewagt hatten, ſich wider ihn zu erheben. Er hatte Vergebung und Vergeſſen verſprochen, für gutwillige Unterwerfung. Aber da die Tyroler ſich nicht unterworfen, da ſie noch einmal gekämpft hatten, jetzt drohte der Feind nur mit Rache und Strafe! Eine wüthende Hetzjagd begann nun. Jeder, der mit den Waffen in der Hand betroffen worden, ward erſchoſſen, Jeder, der einen der Verfolgten in ſeiner Behauſung barg, war des Todes ſchuldig und ſein Haus ward in Flammen geſteckt.— Die Anführer der Tyroler waren in die Berge auf die Gletſcher geflüchtet, aber die franzöſiſchen Generäle ſetzten einen hohen Preis auf die Häupter der gefährlichen Auf⸗ wiegler, und nun zogen die Soldaten umher, in glü— hendem Geld⸗ und Rachedurſt, und ſpäheten umher in den Bergen und Thälern nach den Verfehmten, und wagten ſich ſogar hinauf auf die ſchneebedeckten Höhen, um ſich das Blutgeld zu verdienen, die Geächteten zu ſuchen. Aber noch war es ihnen nicht gelungen, nur einen von — Hofer's, aber Keiner verrieth ihn, Keinen gelüſtete es, 314 ihnen zu entdecken. Vergebens hatte man einen Preis von zehntauſend Gulden auf den Kopf von Andreas Hofer, einen Preis von fünftauſend Gulden auf die Köpfe von Joſeph Speckbacher, Anton Wallner und Joachim Haspinger geſetzt. Sie waren und blieben verſchwun⸗ den, und noch hatten die Patrouillen und Soldaten, die auf die Flüchtenden gehetzt waren, Keinen von den vier gefürchteten Commandanten entdecken können. Die Berge, die natürlichen Feſtungen Tyrols, be⸗ ſchützten mit ihren Rieſenmauern ihre Commandanten, und droben in den Sennhütten unter den Gemſen und Adlern, die allein die Schlupfwinkel der Flüchtigen ſahen und kannten, gab es keine Verräther. Droben in einer Sennhütte auf dem Schneeberg hatte Andreas Hofer eine Zuflucht gefunden. Schauer⸗ lich war's da oben, kalt und todesſtill. Aber die Liebe hatte den Andreas hinauf begleitet bis zur einſamen Gletſcherhöhe. Sein Weib war bei ihm mit ihrem Sohn Johann, und Cajetan Döninger, ſein treuer Schreiber. Die Liebe hatte ihn hinauf begleitet zur Sennhütte ſeines Freundes Pfandler, die Liebe über⸗ wachte und behütete ihn da drunten im Thal. Viele Bauern drunten kannten wohl den Zufluchtsort Andreas 1s von Hofer, pfe von Joachim danten, ſen und ichtigen neeberg Mer⸗ ſchauer Liebe drunten im Thal ſ die zehntauſend Gulden, das Blutgeld, welches der franzöſiſche General Baraguay d'Hilliers auf Hofer's Kopf geſetzt, zu verdienen. Oft ſahen ſie die beiden Knechte Pfandler's, beladen mit allerlei Eßwaaren, mühſam hinaufklimmen zur ſchneebedeckten Alp, aber ſie wandten ihr Haupt ab, als wollten ſie nichts ſehen, und beteten leiſe zum lieben Gott, daß er die Boten behüten möchte, die dem Andreas Hofer und den Seinen Nahrung hinauf brächten zur einſamen Sennhütte. Niemand von den Bauern drunten im Thal ſprach zu dem Andern von Dem, was er wußte, nur dem Pfandler begegneten ſie mit ehrfürchtiger Zärtlichkeit, und drückten ihm ſtill die Hand und flüſterten leis: Behüt's Euch Gott, und Ihn!— Zuweilen, wenn am klaren hellen Wintertag da hoch droben auf der Alp plötzlich eine dünne Rauchſäule emporwirbelte, ſo ſchauten die Bauern ſeufzend empor, und flüſterten mit leidsvoll:„Sie haben ſich Feuer angemacht da droben, ſie frieren wohl gar ſehr! Gott ſchütz' die Armen.“ Wenn aber Einer, dem ſie nicht trauten, zu ihnen trat, und ſich verwunderte über den Rauch, und meinte, da droben müſſe Jemand ſich verſteckt halten, und der habe ſich ein Feuer angemacht, um nicht zu erfrieren, 4 —— —ÿ — — —ꝛ — — — 6 316 ſo lachten die Andern ihn aus und ſahen keinen Rauch, nur Schnee, den der Wind aufgewirbelt hatte. Aber eines Tages kam ein Fremder ins Thal und fragte flüſternd nach Andreas Hofer, dem er Rettung bringen wolle und Hülfe. Anfangs antwortete ihm Niemand, aber er zeigte ein Papier vor, darauf ſtand der Name und das Siegel des Erzherzogs Johann, und darauf hatte der Erzherzog geſchrieben:„Helft meinem Boten den Andreas Hofer aufzufinden, und ihm Hülfe und Rettung zu bringen.“ Als ſie das geleſen, da mißtrauten die Bauern nicht mehr. Sie blinzelten hinauf zum Schneeberg, deuteten auf die beiden mit Körben beladenen Wanderer, die eben mühſam durch den Schnee hinaufkletterten, und flüſterten leiſe:„folgt ihnen!“ Der Bote that's, er klomm hinter den beiden Knechten her, er folgte ihren Fußtapfen, immer höher, höher hinauf in die kalte Oede und Einſamkeit. Und endlich ſtand er droben vor der Hütte, und klopfte an die Thür, und bat um Einlaß im Namen Gottes und des Erzherzogs Johann. Sofort öffnete ſich die Thür, und in derſelben er ſchien die hohe Geſtalt mit dem langen Bart, aufrecht und kraftvoll, wie ſie's geweſen in den Tagen der keinen Rauch, zatte. as Thal und er Rettung wortete ihm darauf ſtand Aar s Johann, ben:„Helft 3 finden, und 317 Herrlichkeit, und das milde treuherzige Auge Andreas Hofer's grüßte den Ankömmling. Wer im Namen Gottes und des Erzherzogs Hannes kommt, der wird mich nit betrügen, ſagte Andreas freundlich. So tritt denn ein, denn Du mußt es gut mit mir meinen, da Du in der Kälte deun ſchlimmen Weg zu mir Dich hinauf wagſt. Ich mein's auch gewiß gut mit Dir, ſagte der Bote. Kennſt mich denn nit, Anderl, bin ja der Anton Steeger, des Erzherzogs Hannes Büchſenſpanner! Es iſt wahr, jetzt kenn' ich Dich, rief Andreas freudig. Hab' Dich ja geſehen dazumal in Wien, als wir dahin kamen und den Plan zur Befreiung machten. Nun komm hinein, Anton Steeger, zu meinem Weib, meinem Buben und meinem Schreiber. Er führte Anton Steeger in's Zimmer, wo die drei ihn begrüßten, und ihm Platz machten vor dem Heerd, auf dem große Holzſcheite brannten. Anton Steeger ſchaute umher in dieſem ärmlichen Raum, der nichts enthielt, als einige roh zuſammen⸗ genagelte Holzſtühle, einen eben ſolchen Tiſch, und deſſen Wände und Fenſter mit Stroh und Heu gegen die Näſſe und Kälte verſtopft waren. Ja, ſchau Dich nur umher in meiner Reſidenz, — — — —— 1 N 3 1 318 ſagte Andreas lächelnd, es iſt freilich nit gar prächtig hier, aber der liebe Gott iſt doch bei uns, und er wird uns ſchon weiter helfen.— Und auch der Erzherzog wird helfen, ſagte Anton Steeger. Hör' mich an, Andreas. Der Erzherzog ſchickt mich her zu Dir. Er läßt ſeinen lieben Andreas grüßen, und läßt ihn bitten, daß er möcht' zu ihm kommen mit Weib und Kind und bei ihm bleiben ſein Leben lang, oder wenn er das nit möcht', doch ſo lang', bis daß er wieder mit Sicherheit im Tyrolerland wohnen könnt'. Der Erzherzog hat Dir ſchon ein Haus eingerichtet in einem Dorf, das ihm gehört, da ſollſt Du wohnen mit Deiner ganzen Familie, und ſollſt des Erzherzogs lieber Freund ſein, und ehren will er Dich wie ſeinen lieben Gaſt. Du ſollſt nur kommen, bittet er Dich. Ich habe Alles, was Du brauchſt, um zu fliehen, Anderl. Der Erzherzog hat mir Geld gegeben, und einen Paß für Dich und die Deinen, und Sicherheitsbriefe für die franzöſiſchen Generäle. Ich kenn' auch die Wege hier herum, und bring' Dich ſicher über die Höhen fort. Für Alles hat der Erzherzog geſorgt, an Alles hat er gedacht. Das iſt doch ſchön vom lieben Hannes, daß er mich nit vergeſſen hat, ſagte Andreas gerührt, das iſt gar prächtig brav und treu, daß er für mich ſorgen, und mir meine und er wird Lieb' vergelten möcht'. Und brav iſt's auch von Dir, 8* Anton Steeger, daß Du den weiten Weg hierher kom ſagte Anton men biſt, um uns zu erlöſen, und daß Du Dich nit r Erzherzo fürchteſt, mit uns die gefährliche Flucht zu wagen. Und Du nimmſt es an, Anderl, nit wahr, Du zcht' zu ihm kommſt mit mir? bleiben ſein Und die da? fragte Andreas mit einem zärtlichen 4 Blick auf ſein Weib und ſeinen Knaben. Der Weg liber die Gletſcher iſt nit paſſirbar für eine Frau und d rehört, d Erſt rett' Dich, mein Anderl, rief Anna Gertrud, . ſi n rett' Dich für uns und für's Land. Wenn Du erſt 4 — dhren davon und in Sicherheit biſt, ſo werden die Feind' 4 dd rur uns wohl in Ruh laſſen, und ich komm' Dir dann 7 nach mit den Kindern. »n Uu Und ſorgt Euch nicht um die Frau und die Kinder, 1 . 1 in d ſagte Döninger. Ich verlaß ſie nimmer, ich bring' Ach ſie Euch nach. franz 1 Beſinn' Dich nit, ich bitt' Dich, Anderl, drängte u Anton Steeger. Der Erzherzog läßt Dich beſchwören, 4 Allebn Du ſollt'ſt ihm nit den Kummer machen, und ſeinen 4— Vorſchlag zurückweiſen, ſollt'ſt ſein Gewiſſen frei machen von der ſchweren Schuld, die er noch gegen Tyrol hat 320 und die er nit hat ablöſen dürfen. Sollt ihm zu Lieb' und dem Land'l zu Nutz und Frommen Euch flüchten und Euch für die Zukunft aufſparen und er— halten. Thu das, Andreas. Laß uns ſogleich an's Werk gehen! Schau', ich hab' Alles bei mir, was Du brauchſt, hab' einen doppelten Anzug angelegt. Der oberſte hier, der iſt für Dich, den ziehſt Du an. Und hier hab' ich's Raſirmeſſer, damit ſchneiden wir Dir den Bart ab, und wenn der fort iſt, und Du's fremde Kleid angezogen haſt, ſo wird Niemand in dem Mann mit der fremden Tracht und dem glatten Kinn den Barbone wittern. So komm' nun, Anderl, und beſinn! Dich nit. Einen ganz andern Menſchen ſoll ich aus mir machen, ſagte Andreas kopfſchüttelnd, blos um mein armſelig Leben zu friſten? Soll mein liebes Paſſeyr verleugnen? Soll meinen Bart abnehmen, den ich ſo lang mit Ehren getragen, und an dem Jung und Alt mich kennt im ganzen Tyrolerland? Nein, Anton Steeger, nimmer thu' ich das! Wenn Du's nicht thuſt, Andreas, ſo biſt Du ver— loren, ſagte Anton Steeger. Ich fürcht', die Franzoſen ſind Dir ſchon auf der Spur. Ein Bauer hat er⸗ 321 jollt ihm zu zählt, daß er Dich neulich hier oben geſehen und ge⸗ h. mmen Euch ſprochen hat. 1 en und er Ja wohl, der Raffel war's. Er kam hier oben, 4 ſogleich an's ſeine Kalbin zu ſuchen, und da fand er mich. Ich ir, was Düt hab' ihm aber Geld gegeben, daß er ſchweigen ſollt, helegt. Der und er hat's mir in die Hand gelobt, daß er mich nit u an. Und verrathen wollt'. en wir Dir Muß doch ſein Gelöbniß ſchlecht gehalten haben, 1 Duss fremde Anderl, denn er hat's dem Prieſter Donay erzählt, dem Mann und der hat geſtern laut vor aller Welt geſagt, er wüßt', wo der Andreas Hofer ſich verſteckt halte. Kinn deu jun' Der Donay iſt freilich ein gar böswilliger und und beſinn ſchlechter Menſch, ſagte Andreas Hofer ſinnend, aber Sm ſo ſchlecht wird er doch nimmer ſein, daß er mich, aus„„— rriil den er immer ſeinen beſten Ober⸗-Commandanten und s um me s Prſeyr den ich ſo ſeinen liebſten Freund genannt hat, jetzt verrathen könnt'. Er iſt ſo ſchlecht, brummte Döninger. Er iſt geld⸗ gierig, und es ſind zehntauſend Gulden auf Euren ig und Alt Koßf geſeßzt in, Antor Mann, rett' Dich, rief Anna Gertrud in Thränen ausbrechend, und ihren Gatten angſtvoll umklammernd. ſt Du ver⸗ V Wenn Du mich und die Kinder lieb haſt, ſo rett' Dich, granzoſen... Franze b ſchneide Deinen Bart ab, zieh' die fremden Kleider an, er hat exx Mühlbach, Andreas Hofer. III. 21 und rett' Dich vor Deinen blutgierigen Feinden, rett' Dich für Dein Weib und Deine armen Kinder! Ich kann nit, ſagte Andreas ſchmerzvoll, ſein Weib liebevoll umſchlingend, nein, ſo wahr mir Gott helfe, ich kann mein liebes, unglückliches Land'l nit verlaſſen! Weiß ja wohl, daß ich das Unglück vom Vaterland dadurch nit abwend', daß ich dahier bleibe, aber ich will's wenigſtens mit ihm theilen. Ich hab' das Va terland nit retten können, ſo will ich denn mit ihm untergehen. Ein guter Capitain verläßt ſein Schiff nit, wenn es ſcheitert, er ſtirbt mit ihm, und ſo verlaß auch ich mein Land'l nit, ſondern ſterbe mit ihm. Ich will thun, was ich kann, um mich zu retten, aber aus dem Land'l geh' ich nit, und meinen Bart ſchneid' ich auch nit ab, und fremde Kleider, die zieh' ich auch nit an. Will kein' Mummenſchanz treiben, und mich ver kleiden, ſondern will auch im Unglück bleiben, was ich geweſen, der Andreas Hofer, der Barbone! Sag' das dem lieben Erzherzog, Anton Steeger, und ſag' ihm auch, ich ließ ihm herzlich danken, daß er mich hat retten wollen auf ſeine Weiſ', und er ſollt nit böſe ſein, daß ich's nit annehmen könnt', daß ich wollt' leben und ſterben mit meinem Land'l. Will er ſonſt Etwas für mich thun, ſo ſoll er zum Kaiſer Franzl be, aber ich , 3 N a' das Va un mit ihm . f ſein Schiff nd ſo verlaß 1. it ihm. Ic n. aber aus ſchneid' ich ſch auch nit d mich vel n, was ich 1Sag das ſag ihm er nich hal ollt nit bij jiich voll gill er ſonſ 3 ſer drm 222 323 gehen, ſoll ihm ſagen, ich wüßt' wohl, daß er ſelber gar nimmer uns vergeſſen hätt', ſondern daß ſeine böſen Schreiber das Alles gemacht und das arme Tyrol ſo treulos verrathen hätten. Ich ließ den Kaiſer bitten, er ſollt' ſich recht wacker für Tyrol und auch für mich verwenden, aber er ſollt' mich nit von Tyrol trennen.*) +‿ Andreas, jammerte ſeine Frau, Du biſt verloren, ich fühl's da in meinem Herzen, Du biſt verloren, wenn Du nit mit dem Anton Steeger in dieſer Nacht noch fliehſt. Und ich fühl' da in meinem Herzen, daß ich bleiben muß, und wenn ich auch verloren bin, ſagte Andreas feſt. Nun, wein' nit mehr, Anna Gertrud', und Du, Anton Steeger, nimm herzlichen Dank für Deinen guten Willen! Du biſt alſo feſt entſchloſſen, Anderl, Du gehſt nit mit mir? Bin feſt entſchloſſen, Anton. Aber willſt mir einen Liebesdienſt thun, ſo nimm mein Weib und meinen Buben mit Dir, denn der Feind bedroht ſie wie mich. Nimm' ſie mit Dir, Tonerl, rett' ſie über die Berge, und führ' ſie zum Erzherzog Hannes. *) Gallerie der Helden: Andreas Hofer. S. 188. 4 Es iſt unmöglich, ſeufzte Anton Steeger traurig, die furchtbaren Schneeweg' hier oben ſind nit paſſirbar für ein Weib und einen Knaben. Und Du wollt'ſt mir rathen, ſie hier zurückzulaſſen? fragte Andreas Hofer vorwurfsvoll. Das Liebſte, was ich hab', ſollt' ich verlaſſen, blos um mein armſelig Leben zu retten? Nein, Freund, ich bleib' beiſammen mit Weib und Kind und dem Döninger da. Du aber geh' jetzt, und rett' Dich, denn wenn wirklich die Feind' kämen, ſo wär's ſchlimm für Dich, wenn ſie Dich hier fänden.— Ich gehe, Anderl, aber nit um mich zu retten, ſondern um raſch Deine Botſchaft an den Herrn Erz herzog zu bringen, und damit er verſucht, Dich auf —₰ andere Weiſe durch den Kaiſer zu erretten. Drunten im Thal aber werde ich Jedermann erzählen, daß Du nit mehr oben, ſondern ſchon glücklich nach Wien ent— kommen wärſt, und daß die Feinde nit mehr nöthig hätten, Jagd auf Dich zu machen. Thu' das, Anton Steeger, und wenn ſie's glauben, ſoll mir's lieb ſein. Jetzt aber geh', mich ängſtigt's, Dich hier zu ſehen, ich mein', Dir könnt' was Schlim 8— mes begegnen. Geh', guter Freund! F 8 Er drängte ihn zur Thür hin, und duldete es nicht, 4 6 3 eger traurig, nit paſſirbar ichulaſſen? Liebſte, was niin armſelig beiſammen Du aber ich die Feind ſie Dich hier Herrn Erz Dich auf Druntel ß Du Wien ent⸗ jehr nöthig hen z glauben, daß Anton Steeger noch langen Abſchied nahm von den Andern, ſondern führte ihn hinaus vor die Hütte. 9 raußen aber umarmte er ihn zärtlich und drückte einen langen Kuß auf ſeine Lippen. Nun hör', was ich Dir ſagen will, flüſterte er leiſe. Ich muß bleiben, um mein Weib und den Buben zu retten. Fliehen können die Zwei jetzt nit, das haſt Du ſelbſt geſagt. Wenn ich nun entflöh' und ließ die Beiden hier, ſo würd' der Feind ſie doch ausſpioniren, und würd' Rache an ihnen nehmen, und würd' ſie martern und umbringen aus Bosheit, weil ſie mich nit gefunden haben. Wenn ich aber bleib' und ſie finden mich, ſo werden ſie mein unſchuldig Weib und Kind wohl frei ziehen laſſen, und ihnen kein Leid's anthun. Sie haben dann ja mich, und die Zwei ſind ja unſchuldig. So geh' denn, Lieber, und ſag' das dem Erzherzog, und grüß den lieben Hannes viel tauſendmal von ſeinem treuen Anderl. Nun leb' wohl, und geh' mit Gott! Er nickte Anton Steeger noch einmal freundlich zu und kehrte dann raſch in die Sennhütte zurück. Drinnen ſaß ſein Weib und weinte, und vor ihr kniete der kleine Johann, ihr Sohn, und das Geſicht am Knie ſeiner Mutter bergend, weinte auch er. Döninger ſtand vor dem Heerd, und ſtarrte in die Gluthen. 4 3 — — ——:—;— — —. —— 7 326 Zu ihm hin ging Andreas Hofer, und legte ihm ſanft die Hand auf die Schulter. Cajetan, fragte er ſanft, habe ich Recht gethan? Ja, Ober-Commandant, Ihr habt Recht gethan, ſagte Döninger feierlich. Nun, noch ein Wort zu Dir, Cajetan, fuhr An dreas fort. Es kann was dran ſein, an der Geſchicht' mit dem Raffel und dem Donay, und die Franzoſen können erfahren haben, wo ich bin und können hier hinauf kommen. Drum, lieber Cajetan, mußt Du mich verlaſſen, und mußt entfliehen, damit ſie Dich nit auch gefangen nehmen! Ein guter Diener verläßt ſeinen Herrn ebenſo wenig, als ein Capitain ſein Schiff verläßt, wenn's untergeht, ſagte Döninger kurz. Ihr wollt's Vater— land nit verlaſſen im Unglück, weil Ihr's lieb habt. Ich will Euch nit im Unglück verlaſſen, weil ich Euch lieb hab'. Ich bleib'! Andreas Hofer legte ſeinen Arm um Döningers Nacken, und drückte ihn zärtlich an ſein Herz. So bleib' bei mir, mein Cajetan, ſagte er innig. Gott weiß, daß es mein§K erz geſchmerzt hätt', wenn Du mich hätteſt verlaſſen können. Und nun Anna Gertrud', wein' nit mehr. Sei hurtig, lieb' Weibel, packe alle an, fuhr An der Geſchicht eerrn ebenſo läßt, wenn' ſt's Vater⸗ . J4t nnig. Gott wenn Du 4 Gertrud, ſo packe alle 327 d laß uns früh zu Morgen wollen wir Bett' gehen. Denn ganz früh am von hier aufbrechen. Ich weiß nit gar fern von hier eine andere Sennhütt', bis dahin werden wir uns dahin wollen wir mitſchleppen, Auf alſo, mein Trudel, und Deine Habſeligkeiten zuſammen, un wohl durcharbeiten, und was wir irgend können. rühr’ Dich! Anna Gertrud trocknete ihre Hoffnung voll, packte ſie die nothwendigen Habſelig— ordnete Alles in vier kleinen Thränen, und neuer keiten zuſammen, und Bündeln, für Jeden etwas, je nach ſeinen Kräften, zum Tragen. Und endlich in dieſer Hütte zubringen wollten. aufbrechen zur Wan⸗ kam die Nacht, die letzte Nacht, die ſie In der Frühe des nächſten Morgens wollten ſie derung nach dem neuen Zufluchtsort. atte man ſich zur Ruhe begeben. inab geſchickt Früh alſo h Die beiden Knechte hatte Andreas Hofer h iniges Nöthige zur morgenden Wanderſchaft herauf zu holen. Unten im Hüttenraum ſchlief Andreas Hofer mit ſeinem Weibe. Droben auf udem man von der Stube nach Brandach, um noch e dem kleinen Heuboden, zu hinaufſtieg, lag Cajetan Johann Hofer. Döninger mit dem kleinen 4 3 —— — — —— — — ——— —— — 1 — m — 328 Aber Döninger ſchlief nicht. Er dachte immer noch an Raffel, der vor drei Tagen hier hinaufgekommen, und Andreas geſprochen hatte; er dachte an den Prieſter Donay, dem Raffel Hofer's Aufenthalt verrathen hatte. Er wußte, daß Donay, der bis zu den Tagen des Unglücks ſich immer zu Hofer gedrängt, und in fana⸗ tiſchem Eifer den Krieg gepredigt hatte, jetzt, ſeit die Feinde in Tyrol eingerückt, plötzlich mit eben ſolchem Eifer den Frieden und die Unterwerfung predige, daß er ein eifriger Parteigänger der Franzoſen geworden, und viel mit franzöſiſchen Officieren verkehre. Er kannte Donay's Geldgier und Treuloſigkeit, und er zitterte daher um Andreas Hofer's Sicherheit. Unruhig, in banger Sorge, lag er daher auf ſeinem Lager, und horchte bang in die Nacht hinaus. Aber nichts regte ſich, nichts hörte man, als den Wind, der um die Hütte heulte, und pfiff, und vom untern Hüttenraum her das laute Athmen der beiden Schlafenden. Stunde nach Stunde verging, und Alles blieh ſtill, und Döninger athmete erleichtert auf, denn bald mußte der Morgen dämmern, und die Stunde der Flucht war gekommen. Langſam ließ Döninger ſein Haupt auf das Heu niederſinken, um nun nuch eine Stunde zu ſchlafen, und ſich zu ſtärken zur Wanderſchaft. te immer gekommen, n Prieſter hen hatte. untern lafenden. ad mußte r Flucht n Haupt Stunde 329 Aber wie er's kaum gethan, zuckte er zuſammen, und hob ſeinen Kopf wieder lauſchend empor. Err hatte da draußen ein Geräuſch gehört,— ein Geräuſch, wie von vielen herannahenden Schritten, die auf dem Schnee krachten und pfiffen. Vorſichtig leiſe kroch Döninger jetzt auf dem Boden zur kleinen Dachluke hin und ſchaute hinaus. Der Mond ſchien hell und leuchtend über das weiße Schneefeld rings um die Hütte, deutlich konnte Döninger Alles ſehen, Alles erkennen. Er ſah dort drüben einen Trupp heranmarſchirender Halt ſe machten. Dann ſah er, wie zwei Geſtalten ſich der Hütte näherten. Nun ſtanden ſie dicht vor der Hütte. Der Mond ſchien hell und klar in das Angeſicht des D Soldaten. Er ſah, wie ſie unfern vom Hau Einen,— Döninger erkannte ihn wohl, es war Raffel, der Verräther. Der Andere war ein franzöſiſcher Officier, er blieb einige Schritte vom Hauſe ſtehen, Raffel aber ging dicht an daſſelbe heran, legte ſein Ohr an die Thür und horchte. Sie ſind drin! rief er dann mit gedämpfter Stimme dem Officier zu, und ſofort hob dieſer den Arm, und rief: Vorwärts!— Die Soldaten rückten vor, und 330 umzingelten das Haus, und kein Ausweg war, und ii keine Rettung! die Döninger weckte den ſchlafenden Buben. Johann, ſagte er leiſe, laß uns hinabgehen zum Vater. Die g 9 Franzoſen ſind da! r Der Knabe ſchrie laut auf. Die Franzoſen ſind da, jammerte er, ſie wollen meinen Vater gefangen nehmen! Komm, befahl Döninger, und er nahm den Kna⸗ ben auf den Arm, und ſprang mit ihm von dem Heu— boden hinunter, gerade hinein in den Hüttenraum. Wachet auf, ſagte er, ſich zu Andreas Hofer nieder⸗ neigend, wachet auf, der Feind iſt da! Andreas ſchreckte empor, und ſtarrte Döninger un⸗ gläubig an, ſein Weib aber erhob ſich mit leiſem Jammern, und warf ſich haſtig in ihre Kleider. Laß uns fliehen, murmelte ſie, ſchnell, ſchnell, zur Hinterpfort' hinaus! Das Haus iſt umſtellt, ſagte Döninger, indem er Andreas Hofer beim Ankleiden behülflich war. Wir können nicht mehr fliehen. Iſt's ſo? fragte Andreas ruhig. Ja, Ober⸗Commandant, es iſt ſo! Nun alſo, wie Gott will, ſagte Hofer, ſich bekreu— d, Ind zigend; und die Hütte raſch durchſchreitend, öffnete er die Thür, die nach außen führte. hun In vierfachen Reihen, das Gewehr an die Schulter D gelegt, ſtanden die Soldaten da. Andreas trat un erſchrocken vorwärts, dicht zu den Feinden heran. ſind Verſteht Jemand von den Herren deutſch? fragte fangen er mit vollkommener Ruhe. Ich verſtehe es, ſagte der Officier vortretend. Kna Andreas grüßte ihn mit einem ſtolzen Neigen des n Heu⸗ Kopfes. Wohlan denn, ſagte er, ich bin der Andreas Hofer, ehemaliger Commandant der Tyroler. Ich nieder⸗ bitte um Pardon und gute Behandlung. Einem Rebellen kann ich nichts verſprechen, ant⸗ er un wortete der Officier verächtlich. leiſem Aber Sie ſind doch nur gekommen, um mich ge⸗ fangen zu nehmen, fuhr Andreas mit ſanfter Stimme I, zur fort. Wohlan, hier bin ich; thun Sie mit mir, was Sie wollen. Doch für mein Weib und Kind und dieſen jungen Menſchen hier bitte ich um Gnade, denn ſie ſind wahrhaftig unſchuldig.*) Der Officier antwortete nicht, er gab ſeinen Sol⸗ daten ein Zeichen, und befahl ihnen, Andreas Hofer *) Andreas Hofer's eigene Worte. Siehe: Gallerie der Hel⸗ den: Andreas Hofer. S. 200. 332 und die Uebrigen in feſte Bande zu legen, damit ſie ſich nicht rühren, und keinen Fluchtverſuch machen könnten. Mit wilder Wuth warfen ſich die Soldaten über die Wehrloſen her, und banden ihnen die Hände auf dem Rücken, und ſchlangen ihnen Stricke um den Hals, an denen ſie ſie vorwärts zerren konnten, wie, ein⸗ gefangene Stiere. Und als ſie Andreas Hofer gebunden, als ſie ſeine ſtarken Arme nicht mehr zu fürchten hatten, da um⸗ ringten ſie ihn mit wildem Hohnlachen, und warfen ſich über ihn, und riſſen ihm Jeder eine Handvoll Haare aus ſeinem Bart„zum Andenken an den General Barbone.“ Das Blut floß ihm in Strömen aus dem zerfetz⸗ ten Bart nieder, aber der kalte Winterfroſt machte es erſtarren, und verwandelte den von Blut durchzogenen Bart in einen blutrothen Eiszapfen, der bei jeder Bewegung gegen die vielen Wunden am Kinn ſtieß, daß ſie furchtbar ſchmerzten. Andreas klagte nicht, er blickte nur hin auf ſein Weib, ſein Kind und ſeinen Freund, die, gebunden wie er, halb nur angekleidet wie er, und mit nackten Füßen, ohne Schuhe, wie er, an ihrem Strick vorwärts gezo⸗ 222 555 — gen wurden über das mit Schnee und Eis bedeckte amit ſie machen Gebirge in die Ebene hinab. Seine Hände, in denen die Stricke ſich einſchnitten, ſchmerzten fürchterlich, ſeine n iber unbedeckten Füße ſchwollen an beim harten Wandern nde auf über den Schnee, und ſtießen ſich wund an den Eis— n Hals zapfen,— doch Andreas klagte nicht, aber als er das iir leiſe Wimmern ſeines Knaben vernahm, als er ſah, wie jeder Fußtritt ſeines vor ihm her getriebenen t fein Weibes blutige Spuren in dem Schnee zurückließ, da kam ein lautes Schluchzen aus ſeiner Bruſt hervor, mcfe und zwei Thränen rannen langſam über ſeine Wangen Vheul nieder in den Bart, um da im Blut zu erſtarren. 1— d Hinab ging die furchtbare Wanderſchaft nach Me⸗ ele ran hin. Vor dem Thor erwarteten franzöſiſche Ge⸗ 3— nerale und Stabsofficiere und Soldaten die einher— derſer ſchwankenden Gefangenen. Die Soldaten begrüßten he u den gefangenen„Räuberhauptmann Barbone“ mit lau— egenen tem Vivatgeſchrei und Hohngelächter, und unter dem kder ſchmetternden Schall der Militairmuſik, die dem Zuge ſtie voraufſchritt, ward Andreas Hofer mit den Seinen in die Stadt geführt. f ſein Die Franzoſen triumphirten, aber vor den Thüren ihrer Häuſer ſtanden die Bürger von Meran, und nicht Füßen, z⸗ gezo⸗ 334 achtend der Feinde, die ſie bedrohten, begrüßten ſie Andreas Hofer mit Thränen und mit lautem Weinen. Weiter ging's am andern Tage, nach Botzen hin, nur hatte man die Gefangenen, deren zerfetzte blutige Füße ſie nicht mehr zu tragen vermochten, auf einen Leiterwagen gehoben, und ihnen einige Kleidungsſtücke übergeworfen. Aber in Botzen erhielt Andreas Hofer doch eine Freudenbotſchaft.— Eine edle deutſche Frau, die Ge⸗ mahlin des Freiherrn von Giovanelli, hatte es gewagt, den franzöſiſchen General Baraguay d'Hilliers um Gnade anzuflehen für die unglückliche und ſchuldloſe Familie Andreas Hofer's, ſie hatte, um die Unglück— lichen zu retten, vor dem General ihre Kniee gebeugt und ſich gedemüthigt zum jammernden Flehen. Bara⸗ guagy d'Hilliers hatte ihrem Flehen nicht widerſtehen wollen, und er hatte die Unglücklichen begnadigt. Der Befehl des Vicekönigs lautet nur, daß der Sandwirth Hofer nach Mantua gebracht werde, ſagte er. Ich gebe alſo Ihren Bitten nach, Madame, ſeine Begleiter ſollen frei ſein und bleiben. Sein Weib kann mit ihrem Sohn in ihr Haus zurückkehren, und wie ehedem ihre Wirthſchaft führen, aber ſie ſoll vorſichtig und klug ſein, und ſchweigen, damit ſie nicht in Ge⸗ blutige f einen gewagt, rs um huldloſe Unglück gebeugt Bara⸗ erſtehen ſeine 1 dib kann 19 d wie 335 fahr kommt. Der junge Menſch kann gehen, wohin er will. Das war die Freudenbotſchaft, die Andreas Hofer am dritten Tage ſeiner Gefangenſchaft in dem Kerker erhielt, in welchem er mit den Seinen auf feuchtem Stroh lag. Siehſt', Cajetan, rief er freudig, es iſt ſo kommen, wie ich geſagt hab'! Meine Gefangenſchaft macht Weib und Kind frei, und erlöſt ſie von aller Gefahr. Aber ich will Dich nicht verlaſſen, rief Anna Ger⸗ trud, ihn feſt umſchlingend, ich will bei Dir bleiben, und mit Dir in den Tod gehen! Und der da, der Bub', ſoll der auch in den Tod gehen? fragte Andreas, auf ſeinen Knaben deutend. Und unſere vier lieben Mädels, ſollen die ganz hülf⸗ los werden, und kein Vater und Mutter mehr haben zu ihrer Hülf' und ihrem Schutz? Anna Gertrud, Du mußt ihnen Vater und Mutter ſein, Du darfſt ſie nit verlaſſen, und auch den Buben nit. Mußt ihnen ihr bischen Hab' und Gut erhalten und mehren, mußt ſie erziehen in der Furcht des Herrn, und mußt ſie auch lehren, ihren armen Vater zu lieben, und hoch zu halten in ihrem Angedenken. Mann, lieber Mann, ich kann's nit, kann nit von Dir laſſen, ſchluchzte das Weib. Stoß' mich nit von Dir, laß mich nit einſam und ohne Troſt zurück. Andreas hob den Arm empor, und deutete gen Himmel. D Alles zum Beſten. Auf ihn vertrau', Anna Gertrud. Geh zu Deinen Kindern, ſei ihnen Vater und Mutter, ort iſt unſer Tröſter, ſagte er, der lenket und liebe ſie in meinem und Deinem Namen. Eben ward die Kerkerthür geöffnet, und der Schließer trat ein, gefolgt von Soldaten. Andreas Hofer, vorwärts! gebot der Schließer. Der Wagen iſt bereit, der Euch nach Mantua führen ſoll. Ihr Andern packt Euch von dannen, Ihr habt nichts mehr zu ſchaffen hier! Auf, Andreas Hofer, auf zur Reiſe! Laßt mich erſt mein Weib und Kind noch ſegnen, Lieber, ſagte Hofer ſanft, und ſeine Hände auf die Häupter ſeines Weibes und ſeines Knaben legend, ſeg— nete er ſie mit lauter Stimme, und empfahl ſie dem Schutz des Herrn. Hinter ihm kniete Döninger, und auch auf ſein Haupt legte Andreas Hofer ſeine Hand, und ſegnete ihn, und dankte ihm für ſeine Liebe und Treue. Kommt jetzt, kommt! riefen die Soldaten, und ſie packten ihn mit roher Gewalt, und riſſen ihn vorwärts. nit von ück. tete gen er lenket Hertrud. Mutter, Schließer chließer. führen hr habt fer, auf ſegnen, auf die n, ſeg⸗ ſie dem er, und Hand, ebe und und ſie rwärts⸗ 2 337 Anna Gertrud ſchrie laut auf in unermeßlichem Jammer, und klammerte ſich an Hofer an in der Angſt ihrer Liebe. Klage nit mehr, gute Anna, ermahnte Hofer ſie milde, bringe dem Gekreuzigten Deinen Schmerz zum Opfer dar, und zeige Dich als Hofer's Weib! Leb' wohl, mein' Lieb'! Küſſe unſere Kinder! Vorwärts jetzt! Und mit raſchen Schritten eilte er mit den Sol⸗ daten vorwärts. Anna Gertrud, bleich wie eine Leiche, bebend an allen Gliedern, faßte ihren Knaben an der Hand und ſtürzte ihrem Gatten nach, und hinter ihnen her, entſchloſſen und trotzigen Angeſichts, kam Cajetan Döninger. Draußen vor der Thür hielt der mit Stroh be⸗ deckte Leiterwagen, welcher Andreas Hofer nach Man⸗ tua führen ſollte. Zehn Soldaten ſtanden auf dem⸗ ſelben mit geladenen Gewehren, und dicht gedrängt um denſelben ſtand eine Schaar Krieger. Ruhig, erhobenen Hauptes, ſchritt Andreas Hofer durch ihre Reihen, dem Wagen zu. Sein Weib lag auf den Knieen und weinte, und hielt den Knaben krampfhaft umſchlungen, der entſetzt nach dem Vater hinſtarrte. Jetzt hatte Andreas Hofer den Wagen beſtiegen. Mühlbach, Andreas Hofer. III. 22 Die Soldaten traten zurück, der Kutſcher hieb auf die Pferde ein. Da drängte ſich raſch Cajetan Döninger heran, und winkte dem Kutſcher anzuhalten. Ich muß mit, ich gehör' ja zu ihm, ſagte er, die Seitenleiter des Wagens erfaſſend, um ſich hinaufzu— ſchwingen.. Nein, nein, rief der Schließer, herbeieilend. Ihr irrt Euch, Ihr ſeid ja frei! Döninger, immer noch ſich am Wagen feſthaltend, ſchaute zu ihm um. Wie lautete die Ordre? Sie lautete ausdrücklich: der junge Menſch iſt frei, er kann gehen, wohin er will! Nun alſo, ſagte Döninger, ſich behend auf den Wagen ſchwingend, nun alſo, der junge Menſch will nach Mantua gehen mit Andreas Hofer! Vorwärts, Kutſcher, vorwärts! Der Kutſcher hieb auf die Pferde ein, und fort rollte der Wagen nach Mantua hin.*) *) Der Prieſter Donay, der Andreas Hofer, wie man allge⸗ mein behauptet, an die Franzoſen verrieth, ward bald nachher durch ein eigenes Dekret Napoleons zum kaiſerlichen Kaplan beim heiligen Hauſe zu Loretto ernannt, und erhielt außerdem beträcht⸗ liche Schenkungen an Geld und Land. Hormayr bezeichnet ihn geradezu als den Verräther und Angeber Andreas Hofer's. Siehe: endd, don will Andreas Hofer's anvertraut hatte, hieß ſeitdem in ganz ᷣ 7 3 3„ Xr.. S. 507.— Der Bauer Franz den Aufenthaltsort v. Hormayr: Andreas Hofer. II. S. Joſeph Raffel, der dem Prieſter Donay Tyrol nur: der Judas Iſchariot; mit Abſcheu wandte ſich Jeder von ihm, und die Paſſeyr erklärten ihm, ſie würden ihn erſchießen, wenn er ſich nicht in acht Tagen erhenkt habe. Raffel floh voll Angſt und Entſetzen en nach Baiern und erhielt dort von der Re gierung eine kleine Anſtellung bei der Mauth. Siehe: Gallerie der Helden. Andreas Hofer. S. 191. VIII. Die Warnung. T T Durch ganz Tyrol heulte die blutige Treibjagd auf 7 die unglücklichen Männer, die bis jetzt die Helden ihres Vaterlandes geweſen, die man aber jetzt, ſeit ihre Sache unterlegen war, die Aufrührer und Landesver⸗ räther nannte. Durch ganz Tyrol hetzten und pirſch⸗ ten die feindlichen Soldaten, nach dem Edelwild ſuchend, für das man ihnen hohen Geldlohn geboten. Schon war es ihnen gelungen, den Einen der Helden Tyrols zu erfaſſen, Peter Mayer war in ihre Gefangenſchaft gerathen, und vom Kriegsgericht zum Tode verurtheilt, war er erſchoſſen worden. Aber die übrigen Helden und Anführer des Freiheitskampfes hatte man noch nicht entdecken, ihrer hatte man noch nicht habhaft werden können, trotz des hohen Blutgeldes, das man Joſeph auf ihren Kopf geſetzt. Speckbacher, auf den 341 die feindlichen Soldaten am meiſten fahndeten, den ſie in allen Thälern, und auf allen Höhen ſuchten, um deſſentwillen ſie die Hütten ſeiner Freunde durchſuchten, und dieſe Freunde hohen Geldbußen und Martern unter— zogen, weil ſie den geliebten Commandanten nicht ver⸗ rathen wollten, Joſeph Speckbacher war und blieb verſchwunden, eben ſo Pater Haspinger*) und Anton Wallner. ——— *) Speckbacher hatte ſich lange unter unſäglichen Gefahren in den Bergen umher getrieben, immer gefolgt von den Feinden, im⸗ mer durch Kühnheit und Liſt ihnen entfliehend. Zuletzt war er Wochen lang in der furchtbarſten Kälte in einer Sennhütte ge— weſen. Da fanden ihn eines Tages zwei Freunde, die ihm Nah⸗ rung bringen wollten, mit erfrornen Gliedern, halb ſchon erſtarrt von der Kälte, am Boden liegen. Sie trugen ihn daher in der Nacht auf einſamen Seitenwegen zwei Stunden weit hinab nach ſeinem Hauſe am Rinn und legten ihn dort in dem unweit vom Hauſe befindlichen Stallgebäude nieder, und entfernten ſich dann eilig. Morgens früh kam Speckbachers getreuer Knecht Zoppel in den Stall und fand dort ſeinen todesmatten, kranken Herrn. Er grub nun in dem Stall eine Gruft, legte ſie mit Stroh aus, bettete darin Speckbacher, überdeckte die Gruft mit Brettern, und warf auf dieſe Dünger und Stroh, nur ein Luftloch für den lebendig Begrabenen übrig laſſend. Sehr oft kamen baieriſche Patrouillen und Soldaten, die in Speckbacher's Haus ihr Stand quartier genommen, und viſitirten nebſt den andern Gebäuden auch den Stall, ohne der Verſteck zu finden. Sechs Wochen lag Speckbacher in dieſem Grabe, ohne daß Zoppel auch nur ſeinem Weibe den Aufenthalt ihres Mannes vertraut hätte, aus Furcht, Gegen dieſen Letztern, den gefürchteten Comman danten von Windiſch⸗Matrey, hatte ſich der Zorn des Generals Brouſſier beſonders gerichtet, und er hatte einen Preis von tauſend Ducaten Demjenigen ver— ſprochen, der den„gefährlichen Aufwiegler und Räuber hauptmann Anton Aichberger Wallner“ verhaften und an die franzöſiſche Behörde ausliefern werde. Aber Wallner war und blieb verſchwunden, ebenſo ſeine beiden Söhne, welche, obwohl ſie faſt noch Kna⸗ ben waren, den franzöſiſchen Behörden auch gefährlich genug ſchienen, um einen Preis auf ihren Kopf zu ſetzen. Der treue Knecht Schröpfel aber hatte die Knaben mit hinauf geführt in die Berge, dort blieb er mit ihnen, behütete ſie, und ging in den Nächten hinunter nach Matrey, um neue Nahrung hinauf zu ſchleppen zu den einſamen Flüchtlingen. In dem ſtattlichen Hauſe Anton Aichberger Wall⸗ ſie möchte ſich in ihrer Angſt verrathen. Dann, da diẽ Ruhe und Wärme ſeine erfrornen Glieder geheilt hatte, ging Speck⸗ bacher aus ſeinem Grabe wieder hervor, es gelang ihm nun über die vom Schnee befreiten Alpen zu entfliehen, und er ge⸗ langte glücklich nach Wien. Pater Haspinger flüchtete unter vielen Gefahren mit Hülfe treuer Freunde nach der Schweiz, woſelbſt er ein Jahr lang blieb, und dann nach Oeſterreich und Wien ſich begab. hatte ver⸗ ber und 343 ner's war jetzt Alles öde und ſtill. Nur Wallner's Weib und ſeine Tochter Eliſe bewohnten daſſelbe, und in troſtloſer Einſamkeit und Stille, in beſtändiger Sorge und Angſt vergingen ihnen die Tage. Eliſe Wallner war jetzt ganz allein, allein und freudlos. Ihre gelidbte Elza hatte ſie ſeit ihrer Ver⸗ mählung nicht wiedergeſehen. Sie ſelber war ja in jener Nacht noch mit Pater Haspinger von Elza war mit dannen gewandert, nach ihrem Vater hin. ihrem jungen Gemahl in Innsbruck geblieben, dort war ſchon am nächſten Tage der alte Baron geſtor⸗ ben, und Elza war, nachdem man ihren Vater be⸗ graben, mit ihrem jungen Gemahl nach München ab⸗ gereiſt. Von dort aus ſchrieb ſie zuweilen voll inniger Zärtlichkeit an ihre geliebte Freundin Eliſe,— dieſe jetzt der einzige Freudenſtrahl, der Eliſen Briefe waren j die düſtere Gegenwart erhellte, dieſe Briefe erzählten ihr von dem Glück der Freundin, von ihrer Liebe zu dem jungen Gemahl, der ſie durch ſeine Güte und Liebe an jedem Tage neu beglückte. Auch heute in der Abendſtunde hatte Eliſe einen Brief von ihrer Freundin erhalten; mit einem trüben Lächeln las ſie Elza's Schilderung ihres häuslichen Glückes, und ihr ſelber unbewußt hatten ſich ihre — ☛ 344 Augen mit Thränen gefüllt, die langſam über ihre bleichen Wangen niederrollten. Sie wollte ſie raſch abtrocknen, aber ihre Mutter, die ihr gegenüber bei der Lampe ſaß, und emſig zu nähen ſchien, hatte ſie ſchon geſehen. Was weinſt, mein Liſel? fragte ſie. Haſt ſchlimme Nachrichten von der Elza? Eliſe ſchüttelte traurig lächelnd ihr Haupt. Nein, lieb Mutterle, ſagte ſie, mein' Elza iſt Gott ſei Dank geſund und glücklich, und das iſt meine einzige Freud'! Und doch weinſt, Eliſe? Hab' ich denn geweint? fragte ſie. Es war wohl eine Freudenthräne über das Glück meiner Elza, mein' ich. Nein, Liſel, es war keine Freudenthräne, rief ihre Mutter ſchmerzlich. Ich ſeh' Dich oft weinen, wenn Du meinſt, daß ich's nit merk' und kein Acht darauf hab'. Du grämſt Dich, Liſel, ſtreit's nit, Du grämſt Dich. Haſt Deiner Elza Deine Lieb' und Dein Glück geopfert, und ſie weiß es nit einmal, und dankt Dir's nit, und Du wirſt Dich ſtill zu Tode grämen, ich ſeh's ja, wie Du Dich härmſt, und alle Tag' bläſſer wirſt und magerer, und gar nit mehr lachen kannſt. Ja, ja, zu Tode wirſt Du Dich grämen, denn Du liebſt ihn noch, den Herrn Ulrich von Hohenberg. N gen, i in me im H venn rauf imſt jlück dir's ich iſſer unſt⸗ Du 345 Nein, rief Eliſe heftig und mit erglühenden Wan— gen, ich lieb' ihn nit! Ich hab' meine Lieb' eingeſargt in meinem Herzen, und da ruht ſie wie eine Reliquie im Heiligenſchrein, ich denk' wohl an ſie, ich bet' zu ihr, aber ich hab' keine unheiligen Gedanken, und keine ſündigen Wünſche. Ich freu' mich, daß mein' Elza ſo glücklich iſt, gewiß ich freu' mich und dank' Gott dafür. Aber wie kann ich denn heiter ſein und lachen, Mutterle, ſo lang mein herzlieber Vater nit daheim iſt? Wie ein Verbrecher muß er ſich verſtecken, wie ein wildes Thier hetzen ſie ihn umher, und immer iſt er in Gefahr, und immer müſſen wir in Sorge um ihn ſein. Und ich kann nichts für ihn thun, kann ſeine Gefahren nit mit ihm theilen, nit bei ihm ſein in der ſchrecklichen Einſamkeit da droben auf der Alp, muß meine Hände in den Schooß legen, und Alles ruhig geſchehen laſſen, kann nichts thun, und nichts helfen, bin Niemanden etwas nütze, nicht dem Vater, nicht den Brüdern, und nicht Dir, mein Mutterle! Dem Vater und den Brüdern kann ich nicht helfen, Dich kann ich nicht tröſten und aufrichten, denn ich bin ſelber ohne Troſt und ohne Hoffnung, und darum gräm' ich mich, und darum wollt' ich— Was war das, Mutter, hat's da nit an die Fenſterlade geklopft? — — — ——— 346 Still, ſtill, flüſterte die Mutter, laß uns hören! Mit angehaltenem Athem horchten ſie, ja, es war keine Täuſchung, da klopfte es zum zweiten Mal, und eine Männerſtimme flüſterte: Frau, ſeid Ihr drin? macht auf! Es muß ein guter Freund ſein, denn die Hunde haben nit angeſchlagen, ſagte Eliſe, wir wollen ihn einlaſſen! Sie nahm die Lampe und ſchritt beherzt hinaus, den Riegel von der Hausthür aufzuſchieben, und ſie zu öffnen. Ja, ſie hatte ſich nicht getäuſcht, es war ein guter Freund, der da eintrat, einer von den wenigen Freun den, der Anton Wallner nicht verleugnete, und von ſeiner Familie ſich nicht abwandte, ſeit ſie geächtet und in Unglück war. Ihr bringt ſchlimme Nachrichten, Peter Sieber meier? fragte Eliſe angſtvoll, in das bleiche entſetzte Antlitz des Tyrolers blickend. Ja, leider, ſchlimme Nachrichten, ſéufzte Sieber meier, haſtig in das Wohnzimmer eintretend, und Frau Wallner die Hand darreichend. Frau Wallner, ſagte er in athemloſer Eilfertigkeit, Euer Mann iſt in gar großer Lebensgefahr, und nur die eiligſte Flucht kann ihn retten. No Ue Seſſel Llſſe w hören! ja, es war Mal, und Ihr drin? unde haben einlaſſen! zt hinaus, 1, und ſie wein guter gen Freun— „und von rächtet und Sieber⸗ e entſetze 347 Die Frau ſank mit einem lauten Schrei auf ihren Seſſel nieder, und rang die Hände, und weinte laut. Eliſe weinte nicht, ſie war ganz gefaßt und muthig. Sagt mir, Siebermeier, was können wir thun für den Vater? fragte ſie. Was für eine Gefahr bedroht ihn? Ein böſer Menſch, ich glaub' der Gerichtsſchreiber, hat's den Franzoſen verrathen, daß der Anton Wallner — noch in der Näh' ſei, und auf einer Alp hauſe. Der General Brouſſier will ihn fangen laſſen, und morgen früh zieht ein ganzes Bataillon Executionstruppen hin⸗ aus, um den Berg bei Ober Peiſchlag zu beſetzen und einzunehmen. Herr Gott, erbarm Dich, mein Mann iſt verloren, jammerte die Frau, jetzt kann ihn nichts mehr retten! Still, Mutter, ſtill, ſagte Eliſe faſt gebieteriſch, wir dürfen jetzt nit weinen, wir müſſen auf Rettung denken. Sagt, Freund Siebermeier, giebt's eine Rettung? Es gäb' wohl eine, ſagte Siebermeier, aber wie ſolls zu ihm gelangen. Ein Freund aus dem Gericht hat mir die Nachricht gebracht, ganz heimlich, und hat mir geſagt: wenn der Aichberger ſich noch retten kann, ſo muß es dieſe Nacht geſchehen. Nun hört, was ich mir ausgedacht hab'. Ich wollt' morgen früh von Haus wandern, und mit meinen Teppichen unde Decken — 348 hinauswandern zum Handel, denn das Geld iſt knapp 6 in dieſen ſchlimmen Zeiten. So hab' ich mir denn ungc einen Paß ſchreiben laſſen für mich und meinen Buben, der mir das Pack trägt. Hier iſt der Paß, und ſchaut nur, die Beſchreibung paßt ſo ziemlich auf den Wall⸗ ner. Er iſt von meiner Statur und meinem Alter, —— —— hat mein Haar und meinen Bart, ſo könnt' er ganz gut für mich gelten. Ich wollt' ihm gern meinen Paß —— — —— ...— F 2 3 8 leihen, und derweil mich zu Hauſe verſtecken, und thun, 3 als läg' ich krank im Bett. Der Paß gäb' ihm Sicherheit, und damit könnt' er fliehen, müßt' freilich immer auf der Höh' bleiben, denn hier unten kennt ihn Jedermann. Aber der Paß kann ihm doch nicht helfen, wenn Niemand da iſt, der ihn hinaufträgt. Ich thät's gern, aber die Wunde, die ich da in der Seit' im letzten Scharmützel mit den Baiern bekommen hab', die hindert mich am Bergſteigen, und es würd' ihm auch nit viel nützen, wenn ich käm', denn wir zwei könnten doch nit zuſammen wandern, der Paß lautet auf zwei Perſonen, auf den Texppichhändler Siebermeier und ſeinen Buben, der den Ballen trägt. Der Bub' iſt mit keinem Signalement bezeichnet, 2... C— drum dacht ich, wenn Ihr einen von Euren Söhnen ¹ N in der Nähe hättet, ſo könnte der mit dem Paß hin— 1 zeld iſt knapp ich mir denn reinen Buben, ſ, und ſchaut uf den Wal⸗⸗ ninnmm Alter, unt' er ganz nmeinen Paß en, und thun, aß gäb ihm müßt freilich unten kennt in doch nicht hinaufträgt. 1r dop ch da in der 349 aufgehen, dem Vater die Warnung bringen, und mit ihm fortwandern über die Höhen. Sie ſind aber Beide fort, die Buben, klagte die Frau, der Schröpfel hat ſie hinauf gebracht in die Sennhütt' bei Ober⸗Lindau, und iſt bei ihnen. Wir Zwei ſind ganz allein, und keine Hülf' iſt da, und keine Rettung für meinen lieben Mann. Ja, Mutter, es iſt Rettung da, rief Eliſe, glühend vor Aufregung, ich geh' hinauf zum Vater! Ich bring' ihm die Warnung und den Paß, und ich flieh' mit ihm! Dul rief die Mutter entſetzt. Aber das iſt ja unmöglich, armes Kind. Du kommſt nit hinauf, es iſt ein harter Weg für Männer, wie ſollt' ein Mädel ihn machen können, zumal bei Nacht und bei dem Sturm und Schneegeſtöber. Ihr werdet's nit können, Liſel, ſagte der Bauer, der Weg iſt ſteil und weit, Ihr werdet verſinken im Schnee, und Eure Schuh' werden ſtecken bleiben, und Eure Kleider wird der Wind faſſen! Kein Weg iſt zu ſteil für mich, wenn ich den Vater retten kann, rief Eliſe begeiſtert. Ich muß zu ihm hinauf und Gott wird mich ſchützen, daß ich's kann. Wartet hier einen Augenblick, ich komm' gleich wieder, mach' mich nur fertig zu der Reiſe, dann gebt mir den Paß! 6 7 4 44 1 4 7 9 4 8 1 21 1 — 6 1 15 8 ₰ 350 Sie geht in den Tod, wimmerte Frau Wallner hinter der Enteilenden her, oh ich unglückliches Weib, ich verliere meinen Mann, die Buben, und nun auch noch das Mädel! Und Alles für Tyrol, und Alles umſonſt, denn Tyrol iſt doch zu Grund gegangen und wir ſind All' umſonſt in's Unglück und Elend gekommen! Und der Feind wüthet im Land, wie ein rechter Blutrichter und Henker, ſagte Siebermeier ingrimmig, ganze Dorfſchaften ſteckt er in Brand, wenn er meint, daß da ein Flüchtling verborgen iſt; hohe Kriegsſteuern ſchreibt er aus, die nit zu erſchwingen ſind, und wenn's Geld nit da iſt, läßt er's Vieh forttreiben, und pfändet die Wirthſchaft aus. Nichts als Wehklag' und Jammer dringt durch die Thäler hin, und das iſt der blutige Gewinn für all unſer Kämpfen und Ringen. Die Thür öffnete ſich eben, und Eliſe kehrte zurück, aber nicht in ihren Mädchengewändern, ſondern in der Tracht eines Tyroler Bauernburſchen. Herr Gott, ſie hat die Sonntagskleider von ihrem Bru der Wilm angezogen, rief die Mutter mit einem ſchmerzlichen Lächeln, und wie ſie ihr paſſen, als wenn er's ſelber wär'! Jetzt, Siebermeier, ſagte Eliſe, ihm die Hand ent D gegenſtreckend, jetzt gebt mir den Paß. er Mond geht auf, ich muß fort. 351 Horch nur, Mädel, wie der Wind heult, jammerte ihre Mutter, hör', wie er gegen die Fenſter ſchlägt, als wollt' er uns warnen nit hinaus zu gehen! Oh Liſel, meine letzte Herzensfreud', geh' nit von mir! Ich hab' nichts mehr, als Dich, bleib' bei mir, mein Liſel, verlaß Deine Mutter nicht! Du gehſt in den Tod, mein Liſel! Bleib' hier, ſei barmherzig und bleib' hier! Ich muß zum Vater, rief Eliſe, ſich ſanft den Armen ihrer Mutter entwindend. Gebt her den Paß, Freund Siebermeier. Ihr ſeid ein tapfer Mädel, ſagte Siebermeier ge rührt, der liebe Herrgott und die heilige Jungfrau werden Euch beſchützen! Da, nehmt den Paß, Ihr ſeid's werth, ihn zum Vater hinauf zu tragen. Und ich trag' ihn zu ihm, oder ich ſterb' unterwegs, rief Eliſe begeiſtert, das Papier hoch emporſchwingend. Nun, mein lieb Mutterle, nun weine nicht, ſondern gieb mir Deinen Segen mit auf die Reiſe! Sie kniete vor ihrer Mutter nieder, und dieſe legte ſegnend ihre Hand auf ihr Haupt. Herr mein Gott, rief ſie feierlich, nimm ſie gnädig in Deinen Schutz, und behüte ſie auf dem frommen Weg, den ſie wandeln will. Nimm den Segen Deiner 352 Mutter, mein Liſel, und denk', daß ihr Herz und ihre Liebe mit Dir geht. Sie neigte ſich und drückte einen langen Kuß auf das Haupt ihres Kindes. Nun muß ich fort, es iſt die höchſte Zeit, ſagte Eliſe, mit der Kraft ihres Willens ihre Thränen zu rückdrängend. Lebt wohl, Freund Siebermeier, der Herr und ſeine Heiligen werden Euch lohnen, was Ihr Gutes für uns gethan habt! Der beſte Lohn wird ſein, wenn der Wallner ge rettet iſt, ſagte Siebermeier, ihr die Hand drückend. Nun noch einen Kuß, Mutterle, den letzten! rief Eliſe, und ſie ſchlang ihre beiden Arme um ihrer Mutter Nacken, und küßte ſie innig. Bet' für mich, und behalt' mich lieb, flüſterte ſie, und wenn ich nit wieder heimkomm, und wenn ich um's Leben komm, Mutterle, ſo ſchreib's an Elza, und an ihn, und ſchreib, daß ich geſtorben ſei in Lieb' und Treu'! Leb' wohl! Sie machte ſich haſtig los, und flog durch das Gemach hin, nicht achtend des Schmerzensrufes ihrer Mutter, nicht zurückblickend nach ihr. Vorwärts mußte ſie, vorwärts! Es war die höchſte Zeit! Nun ſtand ſie draußen auf der Straße. Der en Kuß auf Zeit, ſagte ehränen zu Wallner ge d drückend. letzten! rief un ihrer für mich enn ich nit 2Æ2 355 Schnee ſchoß ihr wirbelnd in's Geſicht, der heulende Wind fegte und peitſchte ihre Wange, daß ſie brannte und ſchmerzte, aber der Mond ſtand am Himmel und beleuchtete ihren Weg. Denſelben Weg, den ſie da— mals mit Ulrich gewandelt, als ſie ihn rettete! Jetzt war ſie allein, aber ihr Muth war bei ihr, und ihr Gottvertrauen; gehoben und geſtählt durch die Liebe zu ihrem Vater, wanderte ſie den ſteilen Bergpfad hinan. Zuweilen wohl verſetzte der ſchneidende Wind ihr den Athem, zuweilen faßte er ſie mit ſolcher Ge⸗ walt, daß ſie taumelnd ſich an irgend einem Felsvor⸗ ſprunge anklammern mußte, um nicht hinunterzuſtürzen von dem ſchmalen Weg in den Abgrund, der zu ihren Füßen gähnte. Zuweilen fuhren auch dicht neben ihr mit donnerndem Krachen Lawinen nieder, und hüllten ſie ein in eine Wolke von Schnee, aber der Mond ſtand immer noch hell am Himmel, und leuchtete ihr auf ihrem Wege, und muthvoll ſchaute Eliſe empor, und nicht achtend der eigenen Gefahr, betete ſie nur leiſe in ihrem Herzen: gieb, mein Gott, daß ich den Vater retten kann! Laß mich nicht ſterben, ehe ich bei ihm bin! Mühlbach, Andreas Hofer. III. 23 —— —. —— IX. Die Flucht. Droben in ſeiner einſamen Sennhütte auf dem Berg beim Dorfe Ober⸗-⸗Peiſchlag ſaß Anton Wallner und horchte auf den Sturm, der dieſe Nacht ſo furcht— bar heulte und tobte, daß die Hütte zitterte und krachte, und er keine Ruhe fand auf ſeinem Strohlager. Er hatte ſich ſeine Lampe angezündet und ſaß, den Kopf in die Hand geſtützt, ſinnend neben dem Bretter⸗ tiſch, und überdachte traurig ſeine troſtloſe Zukunft. Wie lange ſollte er hier noch ausdauern in ſeinem offenen Grabe? Wie lange ſollte er noch wie ein wildes Thier umhergehetzt werden von Berg zu Berg? Wie lange noch in Eis und Froſt ein müßig nutzloſes Leben führen, den Elementen Preis gegeben, und immer in Sorg' und Angſt um das elende ärmliche Leben? Das überlegte und fragte er ſich, und ein tiefer Wallner furcht⸗ te und hhlager⸗ ß, den gretter⸗ zukunft. ſeinem iie ein Berg⸗ tzloſes immer 355 Ingrimm faßte ſeine Seele, und Thränen bittern, zor⸗ nigen Schmerzes traten in ſeine Augen, nicht über ſich, aber über das Elend ſeines Vaterlandes. Wofür leide ich denn, wofür habe ich gekämpft und mein Leben gewagt? Wofür haben wir All' unſer Blut vergoſſen, und find unſere Brüder auf dem Schlacht feld geſtorben? Das Vaterland iſt doch nicht gerettet, der Franzoſe hat uns doch beſiegt, und unſer Kaiſer hat uns doch preisgegeben! Brave Landesvertheidiger waren wir, und jetzt nennt man uns Verbrecher, das Vaterland haben wir retten wollen, und jetzt nennen ſie uns dafür Aufrührer und Rebellen. Der Kaiſer ſchenkt uns fort wie ein Stück Ding und achtet nicht, was er uns verſprochen und zugeſchworen hat, und der Franzos macht eine Hetzjagd auf uns, als wären wir Dieb' und Mörder! Und Du duldeſt es, Herr gott da droben? Du— Horch, klang's da nicht wie ein Schrei? Iſt das der Wind, der ſo laut an meine Thür klopft? Er ſprang auf, und faßte nach ſeinem Stutzen, und zog den Hahn auf, und legte an auf die Thür. Es rüttelte wieder an der Thür, es war ſicher nicht der Sturm, der ſo gleichmäßig pochte und häm merte. Nein, nein, es war der Feind! Er hatte ihn 23* 356 ausgeſpäht, er hatte ſeine Spur entdeckt, er kam ihn zu fangen! Ich will mein Leben theuer verkaufen, murmelte Anton Wallner ingrimmig, den Stutzen an die Schulter legend; den Erſten, der da herein kommt, und der die Thür öffnet, den ſchieß ich nieder, dann ſchlag' ich mich durch mit meinem Gewehr, und— Vater, rief's da draußen, Vater, mach' auf! Herr, mein Gott, murmelte Wallner, war's nit, als ob's mich da rief wie mein Liſel? Aber das iſt ja nit möglich, das kann ja nit ſein, ſie kann nit hinauf, Sturm würd' ſie umbringen, und— Vater, lieber Vater, mach doch auf, rief's wieder draußen, und rüttelte an der Thür. Wallner legte den Stutzen hin, und ſprang zur Thür hin. Mög' der liebe Gott mich beſchützen, wenn ſie mich betrügen, aber ich denk', es iſt die Liſel! Nun riß er die Thür auf, und der Tyrolerbub ſtürzte herein, und ſprang an ſeinen Hals, und um— klammerte ihn feſt mit ſeinen Armen, und küßte ihn mit ſeinen erſtarrten Lippen, und flüſterte: mein Vater, Gott ſei's gelobt, ich bin bei Dir! Es iſt die Liſel! rief Wallner mit weithinſchallen- der Stimme. Sie iſt zu mir kommen durch Nacht und Sturm! Es iſt mein Mädel, mein herzlieb Mädel! Oh, Du mein Herzensfreud', wie haſt Du's thun können, wie war's nur möglich in der fürchter⸗ lichen Nacht? Kein Mann hätt's wagen mögen! Aber ich wagt's, Vater, denn ich bin Dein Kind, und ich lieb' Dich! Du liebſt mich, und ich dank Gott, rief er, ſie zärtlich und angſtvoll an ſich preſſend, dank' Gott, daß er Dich errettet hat, und—— Seine Stimme brach und erſtickte in Thränen, und er wehrte ihnen nicht. Er weinte laut und bitterlich, und Eliſe weinte mit ihm, und Beide wußten ſie's nicht, ob ſie vor Freude, ob ſie vor Schmerz weinten. Aber Eliſe war's, die ſich zuerſt ermannte. Vater, ſagte ſie, ſich raſch von ſeiner Bruſt emporrichtend, der Feind iſt Dir auf der Spur, und morgen in der Frühe wollen die Franzoſen den Berg hier beſetzen, um Dich einzufangen. Darum bin ich heraufgekom⸗ men, denn Du mußt fliehen, gleich jetzt in dieſer Stunde. Fliehen, rief er ſchmerzlich. Wie kann ich's? Der erſte baieriſche oder franzöſiſche Grenzwächter, dem ich begegne, und der mich nach einem Paß fragt, nimmt mich gefangen. Ich hab' ja keinen Paß! — 358 Hier iſt der Paß, ſagte Eliſe freudig, ihm das Papier darreichend. Der Siebermeier ſchickt ihn Dir. Der brave Freund! Ja, das iſt Hülf' in der Noth. Nun will ich's mit Gott verſuchen, zu fliehen. Du, mein Liſel, kehr' heim zu der Mutter, und grüß' ſie viel tauſend Mal, und ſo wie ich in Sicherheit bin, laß ich von mir hören. Ich muß mit Dir gehen, Vater, ſagte Eliſe lächelnd. Der Paß lautet für den Teppichhändler Siebermeier und ſeinen Buben. Nun ſiehſt wohl, herzlieber Vater, der Bub', das bin ich, und ſo wander' ich mit Dir und flieh' mit Dir! Nein, rief ihr Vater entſetzt, nein, nimmermehr thuſt das, Liſel. Ich muß über die Berg' und Felſen ſteg' wandern, durch Schnee und Eis, über ſteile Ab gründe, und auf Wegen, die nur die Gemsjäger wan dern. Es wär' Dein Tod, Liſel, wenn Du mitgingſt. Und wüßt' ich's gewiß, daß es mein Tod wär', Vater, ſo ging ich doch mit Dir, ſagte Liſel freudig. Du kannſt nit ohne mich fliehen, und ich hab's Leben gar nit lieb, wenn's Dir nit nützen kann, lieb Vater 8 mein. So ſprich nit mehr darüber, und verwehr's 4 mir nit, denn wenn Du mich verſtößt, ſo hilft's Dir 8 doch nit, ich lauf doch hinter Dir her, und kein Weg b 359 iſt zu ſteil, den ich nit wandern könnt', wenn ich Dich vor mir ſeh'. Komm' alſo, lieb Vaterle, beſinn' Dich nit länger, komm mit Deinem Buben! Ohne mich kannſt nit fliehen, ſo laß es uns denn frohen Muthes zuſammen verſuchen. Nun ja denn, mein lieber, braver Bub', ich muß Dir wohl Deinen Willen thun, rief Wallner, ſie innig umſchlingend. Sollſt mit mir wandern, ſollſt Deinem Vater das Leben retten, und gar ſchön wär's, wenn der liebe Gott es zuließ, daß ich meiner Liſel das Leben zu verdanken hätt'. Komm nun, komm, Vaterle, jede Minute Verzug macht die Gefahr größer. Ich komm ſchon, Liſel! Will nur den Hahn am Stutzen erſt in Ruh bringen, und die Pulvertaſch' um— hängen. Das Gewehr darfſt nit mitnehmen, und die Pulver taſch' auch nit. Biſt jetzt nit mehr der tapfere Com mandant vom Salzburgiſchen, biſt der Teppichhändler Siebermeier, ein gar friedliebender Mann, der nit mit dem Stutzen und der Pulvertaſch' auf die Wander⸗ ſchaft geht. Haſt Recht, Liſel. Aber es iſt gar hart, ſo ohne Waffen fliehen zu müſſen, ſich nit einmal vertheidigen 360 zu können, wenn der Feind uns angreift! Und nim⸗ mer kann ich meinen lieben Stutzen den Franzoſen als Beute laſſen, ſie dürfen ihn nicht finden, wenn ſie hier hinauf kommen. Ich weiß einen Felſenſpalt hier nah' bei der Hütt', da trag ich ihn hin, und verberg' ihn bis auf beſſere Zeiten. So komm nun, Liſel, und mit Gott laß uns verſuchen, dem Feind' zu entfliehen! Er warf ſeinen Mantel über, nahm den Stutzen, und Beide ſchritten ſie hinaus aus der Hütte. Der Morgen begann zu dämmern, ſchon flogen einzelne roſige Streifen von Oſten daher, und leis hauchten die Spitzen der Gletſcher ſich an mit röth⸗ lichem Schimmer. Eliſe ſah es, aber ſie freute ſich dies Mal nicht der majeſtätiſchen Schönheit des Son— nenaufgangs, er machte ihr Herz nur trübe und ſchwer, und während ihr Vater ſorgſam ſeinen Stutzen in der Felsſpalte verſteckte, ſchaute Eliſe angſtvoll umher, und murmelte leiſe: in der Frühe des Morgens woll⸗ ten ſie aufbrechen. Der Morgen iſt da, die Sonn' iſt aufgegangen, und jetzt werden ſie ſchon unterwegs ſein, ihn zu fangen! Nun komm, ſagte der Vater, zu ihr zurückkehrend, wir haben heut' eine weite Wanderſchaft, müſſen heut' über die Alpenweg' und Jägerſteige bis hinauf zum nd nim⸗ oſen als ſie hier jer nah erg ihn und mit flogen ind leis it röth⸗ ute ſich ſchwer, tzen in umher, s woll onn' iſt gs ſein, kehrend, n heut uf zum 361 Iſel⸗Tauerkamm. Da bleiben wir im Wirthshaus die Nacht, dann geht's in der Früh weiter, und will's Gott, ſind wir dann in drei Stunden über die öſter⸗ reichiſche Grenz'! Und in rüſtigem Schritt, Hand in Hand, wan⸗ derten ſie den Berg hinunter in den Wald hinein. Nichts regte ſich um ſie her, kein Laut unterbrach die friedliche Stille der erwachenden Natur, nur der Wind heulte und pfiff und machte die Aeſte der Bäume knarren. Die Sonne war immer höher emporgeſtiegen und warf ſchon ihre goldenen Glanzlichter durch den Wald. Ich wollt', wir wären erſt hier hindurch, und könn— ten wieder hinauf zur Höh', ſagte Anton Wallner leiſe. Wir mußten hinab, um den Abgrund und die ſteile Felswand zu umgehen, nachher ſteigen wir wieder aufwärts, und bleiben oben auf der Höh'. Aber wenn uns hier die Soldaten aus Windiſch⸗Matrey begegnen, ſo ſind wir verloren, denn die kennen mich und glau⸗ ben nimmer an meinen Paß. Der liebe Gott wird geben, daß ſie uns nit be— gegnen, ſeufzte Liſel, und eilte ſchneller vorwärts.— Lange wieder blieben ſie ſtumm, und ſtumm blieb auch Alles um ſie her. Auf einmal zuckten ſie Beide zu— 4 8 — 4 4 362 ſammen, denn Beide hatten ſie ein Geräuſch gehört, das Geräuſch, wie von ſchweren Fußtritten und klir renden Waffen. Sie waren eben durch eine weite baumleere Lich tung des Waldes dahin geſchritten, und ſtanden jetzt wieder am Dickicht, neben welchem eine kleine Kapelle mit dem Bildniß des Gekreuzigten ſich befand. Nun ſchauten ſie zurück. Der Feind! der Feind! ſchrie Anton Wallner, auf die Soldaten hindeutend, die ſo eben drüben aus dem Wald hinaustraten. Liſel, wir ſind verloren! Ach, und ich hab' nit einmal mein Gewehr! Ich muß mich fangen laſſen ohne Widerſtand! Nein, wir ſind noch nit verloren, Vater, ſchau' die Kapell'. Sie haben uns vielleicht noch nit geſehen. Raſch hinein! Unterm Altar iſt Platz für uns Zwei! Ohne ihrem Vater Zeit zu einer Antwort zu laſſen, ſprang Eliſe in die Kapelle, und verſchwand hinter dem Altar. In einer Secunde war Wallner bei ihr, und dicht aneinander gekauert, Hand in Hand, mit an gehaltenem Athem, erwarteten ſie den Feind. Jetzt vernahmen ſie annäherndes Geräuſch, raſche Fußtritte, laute rufende Stimmen. Sie kamen näher und näher, nun waren ſie dicht bei der Kapelle. h gehört, und klir eere Lich nden jetzt e Kapelle nd. Nun u! Ach, nuß mich cau' die geſehen. moj s Zwei! jlaſſen, d hinter 34 4 bei ihr, mit all raſche n näher 363 „ Es war eine baieriſche Patrouille, und die beiden Verſteckten konnten daher jedes Wort verſtehen, was ſie zu einander ſprachen, und jedes Wort erfüllte ſie mit Entſetzen. Die Baiern hatten ſie geſehen, ſie waren überzeugt, daß ſie in der Nähe ſein mußten, ſie ermahnten einander zum eifrigen Suchen, und ſprachen von dem Lohn, der ihrer wartete, wenn ſie den Anton Wallner fänden. Hochklopfender Herzens, beſinnungslos faſt vor Angſt und Pein, lagen die Beiden unter dem Altar; Eliſe, mit zitternden Lippen ein Gebet murmelnd, An ton Wallner ſeine Hand zur Fauſt zuſammenpreſſend, feſt entſchloſſen, ſein Leben theuer zu verkaufen, ſich und ſein Kind zu vertheidigen bis auf den letzten Blutstropfen. Nun kamen die Feinde ganz nahe,— nun waren ſie in der Kapelle, dicht ſchon beim Altar.— Leichen bleich, halbtodt vor Entſetzen, lehnte Eliſe ihr Haupt an ihres Vaters Schulter. Nun ſtießen ſie an die geſchloſſene Vorderſeite des Altars, er gab einen ſchweren, harten Ton, Flüchtlinge füllten die Höhlung aus. t Niemand, denn der Altar iſt nit — Nun entfernten Da drinn ſitz hohl, ſagte einer der Soldaten. 4 ; 364 ſich die Schritte vom Altar, und bald ward Alles ſtill in der Kapelle. Draußen nur noch vernahm man Schritte und Stimmen, auch dieſe entfernten ſich mehr und mehr, und kein Laut unterbrach mehr das Schweigen. Unbeweglich, lauſchend, hochklopfenden Herzens kauerten die Flüchtlinge noch immer hinter dem Altar. Durften ſie es wagen, hervorzukriechen? War's viel⸗ leicht nicht eine Kriegsliſt vom Feind, daß er ſich ſtill verhielt? Hatten die Soldaten vielleicht die Kapelle umſtellt, und warteten nur auf ihr Hinaustreten? Sie harrten und lauſchten ſtundenlang, aber die gebückte, zuſammengekauerte Stellung machte ihr Blut erſtarren, ihre Glieder ſteif, ihren Kopf ſchwer. Vater, ich kann's nit mehr ertragen, murmelte Eliſe, lieber ſterben, als noch länger hier bleiben. Komm, mein Liſel, ſagte Wallner, ſich aufrichtend und über den Altar ſpringend, komm! Ich mein' auch, es iſt beſſer zu ſterben, als ſich ſo wie ein Dieb zu verſtecken. Sie reichten einander die Hand, und traten aus der Kapelle, ſcheu und bang nach allen Seiten umher blickend. Aber Alles blieb ſtill, nichts regte ſich. Sie ſind fort, wahrhaftig, ſie ſind fort, ſagte Wall⸗ ner vergnügt. Nun gilt's, mein Mädel, nun wandern d Alles ſtill nahm man n ſich mehr Schweigen. n Herzens dem Altar. War's viel⸗ er ſich ſtill die Kapelle rreten? aber die eihr Blut wer. murmelte ufrichtend nein' auch, n Dieb zu rraten alls en unnher ſich. ate Wal⸗ wandern 365 wir zur Höh' hinauf, hier hinter der Kapelle geht der Fußſteig hinauf, in zwei Stunden ſind wir droben, und wenn wir nit ausgleiten, und von dem Steg' in den Abgrund hinunter fallen, und wenn keine Lawin' uns verſchüttet, und der Sturm uns nit die Beſinnung nimmt, daß wir erſtarren vor Kält', ſo denk' ich, werden wir zum Abend auf dem Iſel⸗Tauernkamm ſein, und droben im Wirthshaus wollen wir nachten. Die heilige Jungfrau mög' ſich unſerer erbarmen! Und die heilige Jungfrau erbarmte ſich der kühnen Wanderer, ſie ließ ſie über Abgründe auf ſchwindlichem Steg hinüber gelangen, ſie behütete ſie, daß ſie nicht verſanken in den unſichtbaren, mit Schnee verhüllten Felsſpalten und Gruben, ſie ließ ſ hinunterſtürzenden Lawinen glücklich entgehen, ie den hier und dort und be⸗ hütete ſie vor dem Tod des Erfrierens. erſchöpft von der langen Wanderung, von Kälte und Hunger, hatten ſie endlich am däm⸗ Wirthshaus auf dem Iſel Tauern Todesmatt, mernden Abend das erreicht, und traten in die untere Gaſtſtube ein. Niemand war da, als der Wirth, ein Mann, der mit mißtrauiſchem finſter blickender, mürriſcher Aug' die Eintretenden betrachtete. Als die beiden Wanderer, kaum im Stande, ein —— 366 Wort zu ſagen, ſich auf der Bank am ſchmalen Tiſch niederließen, trat der Wirth zu ihnen. Ich darf Niemand herbergen, ohne ſeinen Paß zu ſehen, ſagte er. Es läuft allerhand flüchtiges Geſindel hier herum, und möcht' ſich verbergen vor den Baiern, die heut die ganze Gegend abpatrouilliren. Gebt mir alſo Euren Paß! Wallner reichte ihm das Papier ſchweigend hin. Der Wirth las es mit Aufmerkſamkeit, und ſchien prüfend die Beiden mit dem Signalement des Paſſes zu vergleichen. Hm!l ſagte er, der Teppichhändler und ſein Bub', das ſtimmt ſchon, aber wo iſt denn der Pack mit den Teppichen? Anton Wallner ſchrak leicht zuſammen, dann faßte Die Teppiche ſind alle ſchon verkauft, wir kehren leer heim nach Windiſch⸗Matrey. er ſich und ſagte ruhig: Ei ſchaut, was Ihr Glück habt, lachte der Wirth, geſtern Morgen ſeid Ihr, wie's der Paß ſagt, erſt auf die Wanderſchaft gegangen, und heute iſt ſchon Alles verkauft. Nun, da verdenk' ich's Euch nit, daß Ihr heimkehrt, Ihr habt ja nichts zu fürchten von den Baiern und Franzoſen. Euer Paß iſt ja in Ordnung. U guare zu eſ alen Tiſch n Paß zu s Geſindel n Baiern, Gebt mir. 1 Bub, † mit den In faßte ſchon „»Matreh. 367 Und da er's iſt, ſo gebt Ihr uns wohl ein Nacht quartier, ſagte Wallner, und vor allen Dingen etwas zu eſſen und zu trinken. Sollt Alles haben, das heißt, ſo viel ich geben kann. Bin ganz allein hier droben, hab' nichts als ein Stück Schinken, Käſ' und Brod, und dazu ein Glas Wein. Was das Nachtlager anbetrifft, ſo müßt Ihr hier auf der Bank ſchlafen, Betten hab' ich nit. Iſt auch nit nöthig, gebt nur etwas zu eſſen, ſagte Wallner, und legt ein wenig mehr Holz auf in dem Kamin, damit unſere Glieder durchwärmen. Der Wirth warf mürriſch einige Holzſcheite und etwas Reiſig auf, daß das Feuer hoch aufflackerte, dann holte er ſeine Eßwaaren herbei, und ſchaute ſchweigend eine Zeitlang zu, wie die Wanderer mit regem Appetit zu eſſen begannen. Auf einmal indeß kam er raſch zu ihnen, ſetzte ſich ihnen gegenüber auf die Bank, und zog ein Papier hervor. Nun will ich Euch einmal etwas vorleſen, Es waren heut baieriſche Soldaten hier, ſagte er. und mir die haben mir eine neue Verordnung gegeben, bei Todesſtrafe befohlen, daß ich mich darnach richten ſollt'. Hört einmal. Und mit lauter, höhniſcher Stimme las er:„Kund —— —— —— 4— 368 und zu wiſſen ſei hierdurch Jedermann in Deutſch und Welſch-Tyrol, daß ein Jeder von Euch, der es wagen ſollte, den Ober-Commandanten der Salzburger, Anton Wallner, genannt Aichberger, oder ſeine zwei Söhne zu beherbergen, oder mit Speiſe und Trank zu erquicken, deſſen ganzes Vermögen ſoll confiscirt, und Haus und Hof der Erde gleich gemacht werden.“*) Habt Ihr's gehört? fragte der Wirth, als er zu Ende geleſen. Ja, ſagte Wallner vollkommen ruhig, aber was geht's uns an? Ich will Euch ſagen, was es Euch angeht! Ich glaub', Ihr ſeid der Anton V 2 Vallner, und das da iſt einer von Euren Söhnen! Anton Wallner lachte. Wahrhaftig, ſagte er, wenn ich der Wallner wär', da würd' ich nit ſo dumm ſein, und mich ſehen laſſen vor allen Leuten. Ich mein', der hält ſich oben verſteckt in den Bergen bei Windiſch Matrey. Aber ich muß ihm wohl ähnlich ſein, denn Ihr ſeid nit der Erſte, der mich für den Anton Wallner hält. Und daß der Bub' da nit ein Sohn vom Anton Wallner iſt, das will ich Euch, wenn Ihr's verlangt, auf das Crucifix beſchwören. *) Loritza. 130. in Deutſch⸗ -uch, der es Salzburger, ſeine zwei dd Trank zu te er, wenn dumm ſein, Ich mein, Windiſch⸗ den Antont Sohn „ 9 n Ihr' 369 Na,'s iſt ſchon gut, ich glaub' Euch ſchon, brummte der Wirth. Jetzt geht zur Ruh', da habt Ihr jeder ein Kiſſen, um den Kopf darauf zu legen, und nun gute Nacht, ich will auch auf meine Kammer gehen und ſchlafen. Er nickte ihnen mürriſch zu, und verließ raſch das Zimmer. Liſel, meinſt, daß wir dem trauen können? fragte Wallner leiſe. Eliſe antwortete nicht, ſie winkte nur ihrem Vater zu, leiſe auf den Zehen ſchlüpfte ſie durch das Gemach nach der Thür hin, und legte lauſchend ihr Ohr an dieſelbe. Eine Pauſe trat ein. Dann hörte man draußen die Hausthür knarren. Vater, flüſterte Eliſe, zu Wallner hinſtürzend, er iſt fortgegangen, um die Soldaten zu holen. Ich hab' gehört, wie er über den Flur zur Hausthür hinging, und ſie aufthat. Er iſt fortgegangen, und uns hat er hier eingeſchloſſen. Eingeſchloſſen? ſchrie Wallner, und ſprang nach der Thür hin, und rüttelte an ihr mit Rieſengewalt, aber das Schloß gab nicht nach, die Riegel ſchoben ſich nicht zurück. Mühlbach, Andreas Hofer. III. 24 — — — —— — — ——— — 370 Es iſt umſonſt, umſonſt, rief Wallner, wüthend mit dem Fuß ſtampfend, die Thür bleibt verſchloſſen wir ſind gefangen, denn kein anderer A — usweg iſt da! Doch, Vater, da iſt das Fenſter, ſagte Eliſe. K omm, wir müſſen da hinaus! Aber haſt nit geſehen, Liſel, daß d das Haus an einem Abhang lag, und eine Trepp' zur Hausthür führt? Wenn wir hinaus ſpringen, fallen wir wohl zwanzig Schuh tief hinab. Aber drunten liegt viel Schnee, und wir fallen weich. Ich ſpring' voran, Vater, folg' mir nur gleich. Und Eliſe verſchwand im Fenſter. Wallner war— tete einige Minuten, dann folgte er ihr. Glücklich kamen ſie hinab, der weiche Schnee machte den tiefen Sprung ungefährlich, ſie rafften ſich ſchnell wieder empor, und ſo raſch ſie ihre müden Füße tra— gen konnten, eilten ſie vorwärts. Es war ein kalter, finſterer Abend. Der Mond, der die vorige Nacht ſo hell geleuchtet, war heute von ſchweren Wolken verhüllt, der Sturm trieb Maſſen von Schnee daher, und pfiff heulend über die weite Schneeebene hin. Aber muthig und unverzagt ſchritten die Wanderer vorwärts.— Da auf einmal ward's lebendig hinter Komm, Haus an Hausthür ir wohl ) ſchnell Mond, ute von Maſſen e weite anderer hinter 37 ihnen, da ſah man Fackeln aufleuchten, ſah bei dem Schein derſelben Soldaten in baieriſcher Uniform. Sie ſtürzten vorwärts mit wildem Fluchen und Schreien, an ihrer Spitze der Wirth, der ſie herbei geholt. Aber vorwärts auch, gehetzten Rehen gleich, ſpran⸗ gen Wallner und Eliſe. Der Athem ging keuchend aus ihrer Bruſt hervor, der Wind ſchnitt ihnen in's Geſicht, ihre Füße bluteten, aber vorwärts ging es dennoch, vorwärts! Nur ward die Entfernung zwiſchen ihnen und ihren Verfolgern immer kürzer. Jene, mit Fackeln verſehen, ſahen ihren Weg und die Spuren der Flüchtigen im Schnee, dieſe rannten hinaus in die düſtere Nacht, nicht ſehend, wohin ſie ihre Füße tru⸗ gen, und ermattet ſchon von der langen Wanderung des Tages. Immer kürzer ward die Entfernung zwiſchen den Verfolgern und den Verfolgten, kaum noch zwanzig Schritte trennten ſie von einander, ſchon ſtreckten die Soldaten die Hände aus, um ſie zu packen. Da, in dieſem Moment der höchſten Gefahr, fuhr der Sturm⸗ wind mit Heulen und Pfeifen heran, trieb ganze Wolken von Schnee vor ſich her, löſchte die Fackeln der Sol⸗ daten, und hüllte Alles in tiefe Finſterniß ein. / — — —— — D 1 2 12 7 1 T! 4 1 2** — 2 ¹ 1 CEi * 3 Zu gleicher Zeit vernahm man den Freudenſchrei der Fliehenden, den Wuthſchrei ihrer Verfolger. Unaufhaltſam, die Augen ſchon gewöhnt an die Finſterniß, eilten Wallner und Eliſe vorwärts, die Soldaten folgten ihnen, aber geblendet von der Dun⸗ kelheit, den Weg nicht ſehend, und ſich einander an⸗ rufend, um ſich nicht von einander zu verlieren. Dieſes Rufen war eine neue Sicherung für die Fliehenden, denn es gab ihnen die Richtung an, in der ſie fliehen, in der ſie dem Feinde ausweichen mußten. Endlich ward das Rufen ſchwächer, vereinzelter, endlich verſtummte es ganz. Langſamer ſetzten die Fliehenden ihren Weg fort, aber ſie durften doch nicht ruhen, nicht ſtill ſtehen in der kalten düſtern Nacht, denn der Sturm würde ſie erſtarrt, die Kälte ſie getödtet haben. Sie ſprachen nicht, ſie ſchritten nur vorwärts, mit keuchendem Athem, Hand in Hand.— Auf einmal ſchimmerte aus der Ferne, wie ein Stern, ihnen ein Licht entgegen. Dort mußte alſo ein Haus ſtehen, dort waren Menſchen. Rüſtig ſchritten ſie weiter, und das Licht kam näher und näher, jetzt ſahen ſie ſchon das Haus, aus deſſen Fenſter es hervorleuchtete. Nun ſtanden ſie vor dem Hauſe, neben dem hochaufgerichtet ein Pfahl ſich erhob. Me Herr Gott! rief Anton Wallner, ich glaub', das , dir iſt ein Grenzpfahl, und wir ſind auf öſterreichiſchem Da Gebiet! er an Er klopfte haſtig an die Thür, ſie ward aufgethan, und die beiden Wanderer traten ein in das kleine, ür die warme, behagliche Zimmer, in welchem ein Mann in 3 in der Uniform, der am Tiſch ſaß und ſein Nachtmahl ver nußten. zehrte, ſie empfing. zelter, Anton Wallner ging gerade zu ihm hin, und deu tete auf ſeine Uniform. fort, Ihr tragt öſterreichiſche Uniform? fragte er. hen in Ja wohl, Mann, das thuͤe ich, ſagte der Gefragte nde ſie lächelnd. Und wir ſind hier auf öſterreichiſchem Gebiet? s, mit Ja wohl! Hier am Hauſe ſteht der Grenzpfahl, inmal und hier iſt die öſterreichiſche Mauth. en ein Anton Wallner ſchlang ſeinen Arm um Eliſens ſuchen, Nacken, und ſie umfaſſend, ſank er nieder auf die Kniee, und die hellen Thränen ſtürzten ihm aus den Augen, während er mit lauter, freudiger Stimme rief: Herr Gott im Himmel, ich danke Dir! Eliſe ſagte nichts, aber ihre Thränen ſprachen für ſie 1 A —— 1 — 7 n 374 und das Lächeln, mit dem ſie erſt zum Himmel und dann zu ihrem Vater hinſchaute. Der Mauthbeamte hatte ſich erhoben und ſtand, von unwillkührlicher Rührung ergriffen, neben den Knieenden. Mann, wer ſeid Ihr denn? fragte er. Und warum weint Ihr und dankt Gott? Wer ich bin? fragte Wallner, ſich erhebend und Eliſe mit ſich emporziehend. Ich bin Anton Wallner, und das da iſt mein Liſel, mein Kind, die mich er rettet hat von den Baiern! Der liebe Gott— Mehr ſagte er nicht,— ſchwankend lehnte er ſich feſter auf Eliſens Schulter, und taumelte dann beſin nungslos zur Erde nieder. Eliſe warf ſich mit einem lauten Angſtſchrei über ihn. Er iſt todt, jammerte ſie, er iſt todt! Nein, er iſt nicht todt, ſagte der Beamte, die Auf⸗ regung, die Anſtrengung hat ihm die Beſinnung ge⸗ nommen. Er wird ſchon wieder erwachen, und ſich erholen. An guter Pfleg' ſoll's dem Anton Wallner bei mir nit fehlen. Er hatte richtig prophezeit. Anton Wallner er wachte wieder, und ſchien ſich unter der guten Pflege ſeines neuen Wirthes und ſeiner Eliſe zu erholen. el und ſtand, ung ge⸗ ind ſich Wallner Zwei Tage blieben ſie in dem Grenzhaus; die Kunde von der Anweſenheit Anton Wallners verbrei⸗ tete ſich ſchnell ringsum in der Gegend, und die Guts— beſitzer eilten herbei, den tapferen Tyroler Helden und ſeine muthige Tochter zu ſehen, und Beiden ihre Dienſte anzubieten. Sie hatten nun nicht mehr nöthig, zu Fuß zu wandern. Wohin ſie kamen, ſtanden die Equipagen der Gutsbeſitzer bereit, überall empfing man ſie mit lautem Jubel, begrüßte man ſie als Tyrols Helden. Ihre Reiſe nach Wien war ein fortgeſetzter Triumph⸗ zug, eine Kette von Freuden und Liebesbeweiſen. Aber inmitten aller dieſer Triumphe blieb Anton Wallner ſchweigend, theilnahmlos und in ſich gekehrt, und wenn er zuweilen aus ſeinem dumpfen Hinſtarren empor ſchrak, und ſah, mit welchem Schmerzens⸗ ausdruck Eliſens Auge auf ihm ruhte, dann verſuchte er wohl zu lächeln, aber das Lächeln erſtarb auf ſeinen zitternden Lippen. Ich glaub', ich werd' ſehr krank werden, ſagte er matt. Der Kopf ſchmerzt gar gewaltig, und all' meine Glieder zittern. Bin zu lang oben in der Kält' in der Sennhütt' geweſen, und die vielen Strapazen vorher, und die Aufregung, der Kummer und Schmerz, 376 das Frieren und Hungern, und dann jetzt das viele Laufen.— Ach Liſel, Liſel, ich werd' krank! Herr Gott, wenn ich nun ſtürb', und ließ Dich allein in der Fremde zurück! Nein, nein, ich will nicht krank werden, ich hab' kein' Zeit dazu! Hörſt Du's, mein Herrgott da droben, ich will nit krank werden, denn's Liſel darf nit allein bleiben! Nein! Nein! Nein! Und er drohte mit den Fäuſten zum Himmel empor, und ſchrie und weinte, und ſprach Worte ohne Zu⸗ ſammenhang und Sinn. Er hat das Nervenfieber, fürchte ich, ſagte der Baron Engenberg, der in ſeiner Equipage Wallner und Eliſe die letzte Station nach Wien hin geleitete. Es wird nöthig ſein, den Kranken ſogleich in ein Krankenhaus zu fahren. Kann ich da bei ihm bleiben und ihn pflegen? fragte Eliſe, ihre Thränen zurückdrängend. Gewiß können Sie das! Dann wollen wir ihn in ein Krankenhaus bringen, ſagte ſie ruhig. Er wird ſterben, aber ich werde es ſein, die ihm die Augen zudrückt!— Und Eliſe war es, die ihrem Vater die Augen zu⸗ drückte.— Das hitzige Nervenfieber, das Anton t krank „mein denn's T empor, ne Zu⸗ — —— ——— 377 Wallners Körper durchraſ'te, brauchte nicht gar lange Zeit, um den Tod herbeizurufen. Schon fünf Tage nach ſeiner Ankunft ſtarb Anton Wallner im Krankenhauſe zu Wien, am funfzehnten Februar 1810. Viele Menſchen geleiteten ihn zur Gruft, viele Menſchen kamen, um Eliſe Wallner, das Tyroler Heldenmädchen, zu ſehen. Aber Eliſe wollte Niemand ſehen. Sie barg ſich ſcheu in dem Zimmer, das man ihr im Krankenhauſe eingeräumt, und nur der Prieſter, der ihrem Vater die letzte Oelung ertheilt, nur den ſprach ſie, und betete mit ihm. Am Tage nach dem Begräbniß aber ſandte der Kaiſer Franz einen ſeiner Kammerherrn zu Eliſen, und ließ ihr anbieten, ſie ſolle in Wien bleiben, er wolle die Sorge für ihre Zukunft übernehmen und ſie be— lohnen für das, was ihr Vater gethan. Auch hatte der Kammerherr den Auftrag, Eliſe zu ihm zu führen, damit er ihr perſönlich danken, und ihr Muth einſpre⸗ chen könne. Eliſe ſchüttelte ernſt ihr Haupt. Zu danken hat der Kaiſer mir nicht, ſagte ſie, denn für ihn hab' ich ebenſo wenig gethan, als er für Tyrol gethan hat. Muth einſprechen kann er mir nicht, denn den kann — — — — —,—— 1 — ᷣ 5 — — — 4 L A ß 1 1 1 378 nur der liebe Herrgott mir geben, und für meine Zu⸗ kunft ſorgt der auch. Ich kann den Kaiſer nicht ſehen, denn mein Herz iſt voll Trauer. Wollt Ihr mir aber ſo viel Geld geben, Herr, daß ich raſch nach meinem lieben Tyrol zurückkehren kann und zu meiner lieben Mutter, ſo nehm ich's an, und dank' Euch dafür! Ich muß zur Mutter, und mit ihr weinen, und meine liebe Heimath und die lieben Berg', die müſſen mich tröſten! Sie können reiſen, ſobald Sie wollen, ſagte der Kammerherr. Der Kaiſer hat ſich für Sie verwandt, und für Sie, im Fall Sie zurückkehren wollen, dieſen Sicherheitsſchein ausgewirkt. Niemand wird Sie beun⸗ ruhigen, und unbehindert können Sie mit den Ihren in Ihrem Hauſe leben. Wenn der Kaiſer das für meinen Vater gethan hätte, was er für mich thut, ſo wär' mein Vater nicht geſtorben, ſagte Eliſe ernſt, indem ſie das Papier an nahm. Jetzt bedarf er keines Kaiſers mehr! Er iſt bei Gott, und ich wollt', ich wär' bei ihm da droben! Aber ich darf meine Mutter nicht verlaſſen, ich muß ſie tröſten, und bei ihr bleiben, ſo lange es Gott gefällt!*) *) Eliſe Wallner kehrte nach Windiſch⸗Matrey zurück und lebte dort ſtill und eingezogen mit ihren Erinnerungen und ihrem ht ſehen, mir aber meinem er lieben Gram. Sie verheirathete ſich niemals. Als ihre Mutter geſtor ben war, gab ſie den Bitten Joachim Haspingers nach und kam zu ihm. Der frühere Kapuziner erhielt das Ordinat und ward Pfarrer in Jetelſee, ſpäter in Traunfeld. Eliſe lebte als ſeine Adoptivtochter bei ihm, und war noch bei ihm, als er 1856 in Salzburg ſtarb. Siehe: Joachim Haspinger, von Schallhammer. S. 134. —— N. Andreas Yofer's Tod. Das Kriegsgericht hatte ſein Urtheil geſprochen, es hatte Andreas Hofer als„Hochverräther, der mit den Waffen in der Hand Aufruhr geſtiftet,“ zum Tode verurtheilt. Aber das Kriegsgericht war doch in ſeinem Urtheil nicht einſtimmig geweſen; mehrere der Beiſitzenden deſſelben hatten nur für langjährige Gefangen⸗ ſchaft, Einige ſogar für völlige Losſprechung geſtimmt. Ein wunderbarer Zufall wollte, daß General Biſſon, derſelbe, der bei dem Ausbruch des Aufſtandes am dreizehnten April in Innsbruck gefangen genommen ward, und mit welchem Major Teimer im Triumph in Innsbruck einzog, jetzt Feſtungsgouverneur von Mantua und alſo Vorſitzender des Kriegsgerichts war, das den Anführer des Tyroler Aufſtandes zu richten hatte. Der General, jener Zeit ſeiner Gefangenſchaft geden⸗ eſprochen, der mit zum Tode doch in hrere der jefangen⸗ geſtimmt. Biſſon, ndes am enommen jumph in Mantua 381 kend, wollte ſich milde und unpartheiiſch zeigen, und ließ daher durch den Telegraphen beim Vicekönig in Mailand anfragen, was nach dem nicht einſtimmigen Urtheil des Kriegsgerichts jetzt mit Andreas Hofer geſchehen ſolle. In wenigen Stunden kam die Antwort zurück mit dem kategoriſchen Beſcheid:„Andreas Hofer iſt bin— nen vierundzwanzig Stunden zu erſchießen.“ Am einundzwanzigſten Februar traten daher Ab⸗ geordnete der Kriegsbehörden in Andreas Hofers Kerker, und kündigten ihm an, daß er in zwei Stunden den Tod durch Erſchießen zu erleiden habe. Er hörte ſie ſtehend mit vollkommener Ruhe an. Ich werd' alſo wenigſtens als ein Soldat, und nit als ein Verbrecher ſterben, ſagte er, leis mit dem Kopf nickend. Vor Kugeln fürcht' ich mich nit, und vor dem lieben Herrgott auch nit, er hat's immer gut mit mir gemeint, und er meint's auch jetzt gut, daß er mich von der Erden erlöſt. Ich bin bereit, vor den Richterſtuhl meines Gottes hinzutreten. Wenn Ihr noch beſondere Wünſche habt, ſo ſagt ſie, und wenn es möglich iſt, ſo ſollen ſie erfüllt werden, ſagte der Beamte bewegt. Ich hab' wohl Einiges, das ich wünſchen möcht', 382 entgegnete Hofer ſinnend. Zuerſt möchte ich meinen lieben Cajetan Döninger, den man von mir getrennt, und in einen beſonderen Gewahrſam gebracht hat, noch einmal wiederſehen, dann möcht' ich, daß ich ihm dürfte noch einen Brief mit meinem letzten Willen dictiren, und daß der Brief an meinen lieben Schwager auch ſicher hingelangt. Dieſe Wünſche ſollen Euch ſicher erfüllt werden, ich verſpreche Euch das im Namen des General Biſſon. Habt Ihr ſonſt noch Wünſche? Ich wünſche ferner, daß man mir einen Geiſtlichen ſende, damit ich beichten, und Abſolution für meine Sünden erhalten kann, und dann möchte ich recht herzlich gern, daß man mir geſtatten möchte, meine armen lieben Landsleute, die hier in den Kaſematten gefangen ſitzen, noch einmal um mich verſammeln, und mit ein paar Worten von ihnen Abſchied nehmen zu können. Man wird Euch den Geiſtlichen ſenden, aber Eure letzte Bitte iſt unthunlich, war die Antwort. Es würde eine aufregende, die Ruhe ſtörende Scene geben, und dergleichen muß vermieden werden. Nun denn, ſagte Andreas ſeufzend, ſo ſendet mir h meinen hat, noch hm dürfte dictiren, ger auch werden, Biſſon. zeiſtlichen ür meine ich recht „ meine ſematten ln, und r Eure r 5 würde — nur meinen lieben Schreiber, und nachher den Geiſt— lichen.— Wenige Minuten, nachdem der Beamte hinausge gangen war, öffnete ſich die Thür, und Cajetan Dö⸗ ninger trat ein. Mit lautem Weinen ſtürzte er zu Andreas Hofer hin, und ihn feſt mit ſeinen beiden Armen umſchlingend, rief er ſchmerzvoll: es iſt alſo wahr, ſie wollen Euch tödten, es iſt vorbei mit Euch? ii Sie wollen den edelſten, den beſten Menſchen hinmorden, wie einen Verbrecher! g Still, ſtill, mein Cajetan, ſagte Andreas ſanft, Cajetan zärtlich an ſein Herz drückend, ſchilt nit, ergieb Dich, wie ich es thue! Ich ſterbe gern, denn es iſt beſſer, daß ich mich für das Land opfere, als daß noch Mehrere meinetwegen oder für das Land ſterben müßten. 2) Oh, könnt' ich für Euch ſterben, ſchluchzte Döninger, mein Leben iſt nichts werth ohne Euch. Iſt es denn möglich, daß Ihr für all' das Gute, was Ihr gethan 1 und gewollt, jetzt ſo ſchmachvolle Strafe erleiden ſollt?. Der liebe Gott allein weiß, was gut iſt, ſagte Andreas ſanft, und aus Irrthum habe ich gewiß viel *) Andreas Hofer's eigene Worte. Siehe: Gallerie der Helden: Andreas Hofer. S. 195. 384 geſündigt, dafür erleide ich jetzt die Strafe. Aber, Cajetan, willſt meine letzte Bitt' erfüllen? Sagt, was ich thun ſoll, und ich thu's. So wein' nit mehr, Lieber, Deine Thränen thun mir weh. Sei wieder wie ſonſt, mannhaft und feſt. Ich will's, ſagte Döninger, und er trocknete ſeine Augen und mit der Gewalt der Liebe zwang er ſich zur Ruhe und Gelaſſenheit. Und nun, mein Cajetan, nun thu' mir zum letzten Mal Schreiberdienſt, bat Andreas ſanft. Ich will Dir einen Brief dictiren an meinen Schwager Pöhler zu Neuſtadt. Der Schließer hat ſchon da Papier und Schreibgeräth auf den Tiſch hingelegt, ſo ſetze Dich denn, und ſchreib. Cajetan ging leiſe zu dem Tiſche hin, und ſetzte ſich. Ich bin bereit, Ober-Commandant, ſagte er, dictirt nur. Andreas Hofer ging einige Male ſinnend auf und ab, dann blieb er vor dem Tiſch ſtehen, ein wunder⸗ barer Ausdruck heiterer Ruhe, ſtillen Friedens ſtrahlte von ſeinem Angeſicht, und mit klarer ruhiger Stimme, die nicht ein einziges Mal von Weinen oder Rührung zitterte, dictirte er: „Liebſter Herr Bruder! Der göttliche Wille iſt es Strafe. Aber, en? hu's. Thränen thun nhaft und feſt. rtrocknete ſeine e zwang er ſich mir zum letzten anft. Ich wil 385 geweſen, daß ich habe hier in Mantua mein Zeitliches mit dem Ewigen verwechſeln müſſen. Aber— Gott ſei Dank für ſeine göttliche Gnade!— mir kommt es ſo leicht vor, als wenn ich zu was Anderem hinaus⸗ geführt würde. Gott wird mir auch die Gnade ver⸗ leihen, gewiß bis zum letzten Augenblick, daß ich dahin kommen kann, wo ſich meine Seele mit allen Auser— wählten ewig freuen wird, wo ich auch für Alle bitten werde, abſonderlich für Diejenigen, für welche ich am meiſten zu bitten ſchuldig bin,— auch für Dich und Deine Frau Liebſte, wegen des Büchels, das Ihr mir geſchenkt, und anderer Gutthaten. Alle guten Freunde und Bekannte ſollen auch für mich bitten und aus den heißen Flammen helfen, wenn ich noch im Fegefeuer büßen muß. Die Gottesdienſte ſoll die Liebſte Mein, ie Wirthin Anna Gertrud, zu St. Martin beim roſen— farbenen Blut halten laſſen. Sie ſoll bitten laſſen in beiden Pfarren, und den Freunden beim Unterwirth Suppe und Fleiſch geben laſſen, nebſt einer halben Flaſche Wein. Das Geld, ſo ich habe bei mir gehabt, wird hier den Armen ausgetheilt; im Uebrigen rechne ab mit den Leuten, ſo redlich, als Du kannſt, daß ich nit zubüßen muß. Von der Welt lebet Alle wohl, bis wir im Himmel zuſammen kommen und Gott loben Mühlbach, Andreas Hofer. III. 25 386 ohne Ende.— Liebſter Herr Bruder, gehe nur hinein in's Paſſeyrthal, und zeige dies auch dem Unterwirth an. Er wird ſchon Anſtalt machen. Alle Paſſeyrer und Bekannte ſollen mir eingedenk ſein, im heiligen Gebet. Liebſter Herr Bruder, ſage zu meiner Wirthin Anna Gertrud, ſie ſolle ſich nicht ſo bekümmern. Ich werde bitten bei Gott für ſie und für Alle. Ade, meine ſchnöde Welt! So leicht kommt mir das Sterben vor, daß mir nicht einmal die Augen naß werden!— Geſchrieben um neun Uhr, und um zehn Uhr reiſe ich mit der Hülfe aller Heiligen zu Gott.“— Mantua, den zwanzigſten Februar 1810, Dein—*) Die Unterſchrift will ich ſelbſt ſchreiben, wie ich's immer gethan hab', ſagte Andreas Hofer, und indem er raſch die Feder nahm, ſchrieb er:„Dein im Leben geliebter Andere Hofer vom Sand in Paſſeyr. Im Namen des Herrn will ich die Reiſe vornehmen.“**) Ich dank' Dir, mein Cajetan, daß Du mir den letzten Liebesdienſt gethan haſt, ſagte Andreas freund⸗ lich, und jetzt, Lieber, komm, und laß uns den letzten Abſchied nehmen. Ich mein', der Geiſtliche wird bald *) Siehe: Gallerie der Helden: Andreas Hofer. S. 197. **) Ebendaſelbſt. —— X—. — E—— 2—— 387 hinein erwirth kommen, und dann darf ich mit Niemanden mehr ſprechen, ſſeyrer als mit Gott! zeiligen Cajetan trat ſchwankend zu ihm hin, und lehnte Lirthin ſtill ſein Haupt an Hofers Schulter, er ſprach nicht, ch er wollte ſtark ſein, aber er konnte den ſchluchzenden Ade, Seufzern nicht wehren, die aus ſeiner Bruſt hervor— eerben quollen. en!— V Mein Cajetan, was weinſt? fragte Hofer, ſanft eiſe ich V Döningers Haupt an ſeine Bruſt drückend. Haſt denn antua, geweint, wenn ich auszog in die Schlacht, wo mich auch die Kugeln der Feinde in jeder Secunde treffen e ichs konnten? Damals haſt nit geweint. So denk' alſo, daß ich heut auch nur auszieh' in die Schlacht, und indem 9 V daß es beſſer iſt, die Kugeln treffen mich, als daß ich Im noch länger ſo leiden müßt. 75) In dieſem Moment ward die Thür geöffnet und der Probſt und Erzprieſter Giovanni Giacomo Mani⸗ i den feſti trat im vollen Ornat ein. Die Wachen, die hinter eind ihm kamen, nahmen Döninger, der ſchweigend, und wie bi betäubt, Alles mit ſich geſchehen ließ, in ihre Mitte, d und führten ihn hinaus.*) *) Cajetan Döninger ward, gleich nachdem Andreas Hofer erſchoſſen worden, aus ſeinem Kerker geholt und unter ein leich⸗ tes Regiment Fußvolk geſteckt, das in Corſika in Garniſon 25* 388 Andreas Hofer blieb mit dem Prieſter allein zur letzten Beichte.— Um elf Uhr wurden die Pforten ſeines Gefängniſſes weit geöffnet, und Andreas Hofer trat heraus, heitern, ſtrahlenden Angeſichts, das kleine Crucifix, das immer auf ſeiner Bruſt geruht, zwiſchen ſeinen beiden Händen haltend. Sein Beichtvater Manifeſti ging neben ihm, ein Grenadier⸗Bataillon ſchloß ſich an. Feſten Schrittes ging Andreas Hofer die Feſtungs⸗ wälle entlang. Als ſie vorüberkamen an der Porta Molina, ertönte aus den dortigen Caſematten lautes Weinen und Wehklagen, denn dort ſaßen die gefange— nen Tyroler, die einſt Andreas Hofer begeiſtert in den Kampf gefolgt waren. Andreas wandte ſich lebhaft zu dem Prieſter Manifeſti hin. Ehrwürden, ſagte er, Ihr werdet unter meine armen Landsleute mein letztes Hab und Gut, das ich Euch gegeben, die fünfhundert Gulden, austheilen, nit wahr? Ich werde es thun, mein Sohn. Und bringt ihnen Allen meine Grüße, ſagte An— dreas Hofer ernſt und laut, und ſagt ihnen, ſie ſollen nit verzagen und kleinmüthig werden, und ſollen nit lag. Später gelang es ihm, von dort wegzukommen und in ſein Vaterland zurückzukehren. 389 denken, daß Alles verloren iſt, und wir umſonſt ge ein zur . kämpft und geblutet haben. Es wird ſchon eine beſſere griſſes Zeit kommen für mein liebes Tyrol, und eines Tages ie wird es doch wieder frei und wieder Deutſch werden, immer darauf ſollen ſie alle hoffen, und daran ſollen ſie glauben! Händen. Nun ging er ſchweigend, gehobenen Hauptes weiter mihm, den Wall entlang bis zur großen Baſtion, neben der Porta Cereſa. Dort machten die Grenadiere Halt ſungs und ſtellten ſich in einem Viereck auf, das an der Vorte einen Seite offen und unbeſetzt war. In dieſen offenen luutes Raum trat Andreas Hofer mit dem Prieſter ein, und grüßte freundlich nach allen Seiten hin, und betete Eh laut mit dem Prieſter. eöbaf Lebet jetzt wohl, lieber ehrwürdiger Vater, ſagte 1 er dann, und nehmt dies Crucifix zu meinem Andenken. dee⸗ Ich hab's ſeit zwanzig Jahren auf meiner Bruſt ge⸗ u tragen, und es ſoll Euch an den Andere Hofer erin— undert nern. Laßt meinem lieben Weib melden, daß ich freudig den Tod erduldet hab', und daß ich weiß, wir werden uns dort oben wiederſehen. Ihr habt's mir verſpro— te An⸗ chen, und nit wahr, Ihr haltet Wort, Chrwürden? ſollen V Gewiß, ich halte Wort, mein geliebter frommer len nit Sohn, ſagte Manifeſti, und mit Thränen in den Augen . 1 3 6 390 umarmte er Andreas Hofer und ſegnete ihn zum letzten Mal.*) *) Der Probſt Manifeſti hielt Wort; er ſchrieb nach Tyrol über Hofer's Tod folgenden Brieſ: Mantova li 21. Febrajo 1810. Jeri poco primo del mezzo giorno è stato fucillato il Signore Andrea Hofer, gia Commandante del Tirolo. Dalla commissione militare, che l'ha sententiato, fu invitato ad assisterlo e sebbene fossi convalescente per una maladia pocchi giorni avanti sofferta, ho volontieri assento lim- pegno e con somma mia consolazione ed edificatione ho ammirato un uomo, che è andato alla morte d'un eroe chri- stiano e l'ha sostenuta di martire intrepido. Egli con tutta segretezza mi ha consegnata una carta di somma importanza per Vorfana sua famiglia, incaricando mi dirigerla a V. Sig. Rio m........ sono con perfetta stima Di V. S. Rio ma divotissimo Giovanni Battist. Arciprete Manifesti. (Mantua, den 21. Februar 1810. Geſtern kurz vor zwölf Uhr Mittags ward hier Herr Andreas Hofer, früher Comman⸗ dant von Tyrol, erſchoſſen. Von der Militair⸗Commiſſion, die ihn verurtheilt hatte, ward ich aufgefordert, ihm meinen Beiſtand zu gewähren, und, obwohl ich erſt ſeit einigen Tagen Reconvalescent von einer Krankheit war, habe ich doch gern dem Verurtheilten beigeſtanden, und zu meinem Troſt und meiner Erhebung habe ich einen Mann bewundert, der zum Tode gegangen iſt wie ein chriſtlicher Held und ihn erduldet hat wie ein unerſchrockener Märtyrer. Er hat mir unter tiefſtem Geheimniß ein Papier von größter Wichtigkeit für ſeine Familie anvertraut, ich lege es an Fr.... ein, und verbleibe ꝛc. Siehe: Hormayr: Lebens⸗ bilder I. 224.) 1* 69⸗——————— 391 Dann trat der Prieſter aus dem Viereck heraus, zum und jetzt rückten zwölf Soldaten vor, bis auf funfzehn Schritt zu Andreas Hofer hin. Der Korporal trat 1 vor und reichte ihm ein weißes Tuch, damit er ſich Tyrol V die Augen verbände. gebrajo Nein, ſagte Hofer, ich hab' dem Tod oft ſchon in's dch Auge geſchaut, er iſt ein lieber Freund von mir, und fritats ich will ihn daher ſehen, wann er kommt. naladis So kniet nieder, gebot der Korporal. euin Ich knie nit nieder, erwiederte Andreas Hofer ernſt ohri⸗ und faſt gebieteriſch. Ich ſtehe vor dem, der mich n tutta eerſchaffen hat, ſtehend will ich ihm meinen Geiſt wieder— rtanza geben! Aber ich bitt' Euch, fuhr er ſanfter fort, trefft bds gut! Kommt her, Korporal, ich will Euch noch ein Andenken geben, das letzte, was ich hab! Schaut dieſen ig. Tyroler Zwanziger, ich hab' ihn prägen laſſen, als ich zwoölf Ober-Commandant von Tyrol war, und wie ich ihn mman⸗ ſ jetzt anſchau', erinnert er mich an mein liebes Land'l n und es iſt mir als ob die lieben Schneeberg' zu mir lescent herſähen, und mich grüßten. Da, behaltet ihn zu henee meinem Andenken, und keefft gut. g habe 5; 3 rie ein Der Korporal trat zurück, und mit vor Rührung odener zitternder Stimme commandirte er: gebt Feuer! Gebt Feuer, rief Andreas Hofer! Es lebe Throl! Inhalt des dritten Bandes. Fünftes Buch. Der Oberfeldherr von Tyrol. I. II. III. VII. Der Waffenſtillſtand von Znaim Hofer und Speckbacher. Der Schwur des Kapuziners Die Sachſenklemme.. Der funfzehnte Auguſt in Innsbruck. Andreas Hofer, der Statthalter des Kaiſers Der funfzehnte Auguſt in Komorn. Sechstes Buch. Die Menſchenjagd. Ein Tag des Statthalters von 2 Das Wiederſehen 3 Elza's Rückkehr. Die Trauung Der Friedenstractat Die Schreckensbotſchaft Die Gefangennehmung Die Warnung Die Flucht Andreas Hofer's Tod. Seite b 6G rey Gortrol Chart vellow Hed Magenta Green — 8