4 4 — „——.,———- Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednard Olkmann in Gießen Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ———— Leih- und Ceſebedingungen 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgen 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Ente egennahm eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 41 Bücher: 6 Bücher: .——— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mr. 59 Pf 2 Mt. Pf 7 3 2 3 3„ Auswärtige Abonnenten haben fur Hin⸗ und Zuruckſendung der Bucher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bucher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ 1 lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt p der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 2 4 Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird ſ Leſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen( der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche di ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Erzherzog Johann und ſeine Zeit. Von L. Mühlbach. —e Zweite Abtheilung: Erzherzog Johann und Metternich.* Erſter Band. Berlin, 1860. Druck und Verlag von Otto Janke. Erzherzog Jahann und Metternich. Von L. Mühlbach. —t63— Erſter Band. Berlin, 1860. Druck und Verlag von Otto Janke. Inhalt des erſten Bandes. Erſtes Buch. Das Jahr 1811, ein Prolog. I. Der Courier. II. Die Kehrſeite der Medaille. III. Roſabella.. IV. Das Feſt beim Erzherzog Johann V. Die Verſchworenen. VI. Napoleons Geburtstagsfeier Zweites Buch. 1812. I. Metternich und Erzherzog Johann II. Intriguenn Anton von Roſchmann.„ IV. Der Freund in der Noth V. Der neue Mäcen VI. Die Warnung — — — — Erſtes Buch. Das Jahr 1811I, ein Prolog. Mühlbach, Erzh. Johann u. Metternich. I. — JI. Der Cor Es war am Nachmitkag des achtundzwanzigſten März 1811, als ein Courier vor der Kaiſerburg in Wien anhielt, und mit athemkoſer, keuchender Stimme die herbeiſtürzenden Lakayen fragte, ob Se. Majeſtät der Kaiſer im Schloß anweſend ſeien. Ja, Herr Baron Tettenborn, ſagte einer der Lakayen, ſich tief verneigend, Se.“ Majeſtät ſind in Ihren Gemächern, und Se. Majeſkät haden befohlen, daß jeder ankommende Courier ſogleich unangemeldet zu Ihm ſelber geführt werde, das heißt, wenn der Courier aus Paris kommt. Nun ich komme aus Paris, ſagte der Baron, ich werde alſo unangemeldet ſogleich zu Sr. Majeſtät gehen. Ew. Gnaden kommen aus Päris, rief der Lakay, Ew. Gnaden bringen gewiß freudige Nachrichten— 1* 4 Ein ſtrenger, zürnender Blick des Barons traf das Antlitz des allzukühnen Kammerlakayen, und machte ihn verſtummen. Helft mir vom Pferd herunterzukommen, ſagte Baron Tettenborn, ſeine matte Stimme zu gebieteriſcher Strenge zwingend, helft mir, denn ich kann meine Glieder nicht bewegen, ſie ſind mir angewachſen an dem Bauch des Pferdes. Führt das Thier bis an die Freitreppe da drüben, damit ich auf den Stufen ab ſteigen kann, denn bis zur Erde kann ich mich nicht hinabſchwingen. Die Lakayen ergriffen das keuchende, in Schweiß gebadete Pferd beim Zügel, und führten es zu der Freitreppe hin, dann waren ſie ſorglich und aufmerkſam dem Baron beim Abſteigen behülflich, aber ſie konnten es doch nicht verhindern, daß er, während er vom Pferde gehoben ward, ſich die ſteifen Glieder verletzt und geſtoßen fühlte, und zuſammenzuckte vor Schmerz Als er endlich den Boden erreicht hatte, und auf der Freitreppe ſtand, ſchwankte die jugendliche kräftige Ge ſtalt des Barons machtlos hin und her, wie ein vom Winde bewegtes Rohr, und eine tödtliche Bläſſe über zog ſeine Wangen. Ich glaube gar, ich könnte die Albernheit begehen & 0 ohnmächtig zu werden, murmelte er, indem er ſeine Arme auf die ſchnell herzuſtürzenden Lakayen lehnte. Habt Ihr einen Schluck Wein, ſo gebt ihn mir, und führt mich in den Schloßflur. Zwei von den Lakayen führten ihn mühſam die Treppe hinauf und in die große Vorhalle hinein, ein dritter ſtürzte fort nach einem Glaſe Wein. Als er es dem Baron brachte, ſaß dieſer halbohn⸗ mächtig auf der Holzbank, welche den wachhabenden Soldaten als Erholungsſitz diente, und lehnte ſeine Stirn, auf der große Schweißtropfen ſtanden, an die Schulter des einen Lakayen. Aber der Wein, den er langſam nur hinunter ſchlürfen konnte, ſchien allgemach ſeine Kräfte zu beleben, und rief einen Schimmer von Röthe auf ſeine Wangen zurück. Ich glaube, ich werde es jetzt wagen können, vor Sr. Majeſtät zu erſcheinen, ſagte der Baron ſich auf⸗ richtend, und wenn ich einen Biſſen eſſen könnte, ſo würde mir ganz und gar geholfen ſein. Aber es würde zu lange aufhalten mir etwas Eßbares zu holen, alſo vorwärts. Ihr müßt mich nur zu Anfang noch ein wenig im Gehen ſtützen. Gnädigſter Herr Baron, ſagte einer der Lakayen, ich habe mein Frühſtück noch ganz unberührt in der Taſche, ich weiß aber nicht, ob ich es wagen darf, Ew. Gnaden— Wagt es immerhin es mir anzubieten, ſagte der Baron lächelnd, ich will Euch jeden Biſſen mit einem Dukaten bezahlen. Der Lakay holte haſtig ein kleines, in weißes Papier gewickeltes Paket aus ſeiner Taſche hervor, und ſchlug es auseinander. Es enthielt einige Semmelſchnitte mit einem Stücke ſchönen duftigen Wildbratens. Hört, ſagte der Baron lächelnd, indem er eins von den Semmelſchnitten ergriff und mit einem Stück des Bratens belegte, hört, Freund, wenn ich Einmal in den letzten acht Tagen ein ſolches Frühſtück gehabt hätte, wie Ihr es da in Eurer Taſche habt, ſo wäre ich ſehr zufrieden geweſen. Es iſt wahrhaftig Lebens⸗ balſam über Euer Frühſtück ausgegoſſen, und ich fühle, daß ich davon wieder ein Mann werde. Aber ich darf nicht zu viel eſſen, denn die ungewohnte Herrlichkeit könnte mich tödten. Packt alſo Euer ſchönes appetit⸗ liches Frühſtück wieder zuſammen, damit ich es nicht mehr ſehe, und nun vorwärts. Führt mich nur noch die Stiege hinauf, und den Corridor hinunter bis in den Vorſaal des Kaiſers, dann werde ich mich ſchon zuſammenraffen und allein weiter gehen können. — — 13 einer Toilette bin, welche mich befähigt vor der Kaiſerin zu erſcheinen. Es iſt wahr, Sie ſehen ſehr beſtäubt aus, und Ihre Stiefeln paſſen vielleicht nicht für die koſtbaren türkiſchen Teppiche der Kaiſerin, die ſo ſehr viel Geld gekoſtet haben. Wir wollen's alſo anders arrangiren. Er nahm die ſilberne Handklingel und ſchellte. Ich laß Ihre Majeſtät die Kaiſerin bitten, auf einen Augenblick ſich in mein Kabinet zu bemühen, ſagte Franz zu dem eingetretenen Kammerlakayen. Es handle ſich um wichtige Nachrichten, ich laß alſo Ihre Majeſtät bitten, ſogleich zu kommen. Und jetzt, wandte ſich der Kaiſer wieder an den Baron, jetzt ſagen's mir doch, an welchem Tage iſt die Kaiſerin denn entbunden worden? Majeſtät, am zwanzigſten März. Am zwanzigſten März? Das iſt ja nit möglich, Baron, denn wir ſchreiben ja halt heut erſt den acht⸗ undzwanzigſten. Aber dennoch iſt es wahr, die Kaiſerin Marie Louiſe iſt am zwanzigſten März niedergekommen. Sie wollen doch nit ſagen, daß Sie in acht Tagen die weite Reiſe von Paris hierher gemacht haben? fragte der Kaiſer entſetzt. 14 Der Baron verbeugte ſich lächelnd. Ich habe die 4 1 Reiſe in acht Tagen wirklich gemacht, ſagte er. m Aber, Menſch, wie haben's das angefangen? rieſ Al der Kaiſer. Es iſt ja nit möglich, es müßt' denn ſein, daß Sie nicht ſchlafen und eſſen brauchen, wie S andere Menſchen, und daß Sie Sich von irgend einem ic napoleoniſchen Adler die Flügel geborgt haben. ſt Ich habe mir von acht Rennern die windesſchnellen Füße geborgt, ſieben davon habe ich zu Tode ge ho ritten, an jedem Tage Eins, aber mit dem achten ſe bin ich doch am achten Tage hier angekommen. Ge b ſchlafen habe ich freilich in jeder der acht Nächte nur ſ vier Stunden, und was das Eſſen anbetrifft, ſo habe 1 ich mich begnügt, wenn mich hungerte, vor irgend einem 4 Wirthshaus anzuhalten, und mir auf dem Sattelknopf 1 u meines Pferdes meine Tafel decken zu laſſen. Ich wollte durchaus nicht, daß der franzöſiſche Geſandte 1 früher als Ew. Majeſtät die wichtige Nachricht erhielte, d ſondern es ſchien mir ein Ehrenpunkt, daß Ew. Ma S jeſtät durch Ihre eigenen Diener dieſelbe empfingen. 1 Ich dank' Ihnen, ſagte der Kaiſer, leicht mit dem Kopf nickend, und es verſteht ſich von ſelbſt, daß ich Ihnen die ſieben geſtürzten Pferde bezahle. Sie haben ſich darüber mit dem Hofmarſchallsamt zu berechuen. b 15 Aber ich möchte Ihnen noch ſonſt einen Wunſch erfüllen, und Sie für Ihren Eifer belohnen. Bitten Sie Sich alſo eine Gnade aus, Herr Baron. Majeſtät, ſagte der junge Mann mit zitternder Stimme und ſchwankendem Haupt, Majeſtät, ſo bitte ich um die Gnade mich ſetzen zu dürfen, denn ich ge— ſtehe es, meine Füße— Setzen's ſich, ſetzen's ſich, unterbrach ihn der Kaiſer haſtig. Sie ſchauen blaß aus wie eine Leiche. Aber ſein's ſo gut, und fallen's nit in Ohnmacht, denn ich bin gar neugierig auf Ihre Erzählung, und die Kai⸗ ſerin würd' ſich erſchrecken, wenn ſie hierher kommt, und findet einen ohnmächtigen Mann. Ei, da fällt mir ein, ich hab' Etwas für Sie, was Ihnen gut thun, und Ihnen die Kräft' wieder geben wird! Er eilte zu dem kleinen Schrank hin, der in der Wand, hinter einem Gemälde verborgen, angebracht war, und nahm aus demſelben ein Glas und eine Flaſche, durch deren weißes Glas man den ſchweren gelbbraunen Wein hindurch ſchimmern ſah. Es iſt ächter Tockayer Ausbruch, von der älteſten Sorte, ſagte der Kaiſer, indem er das Glas füllte, es iſt meine einzige Medicin, und ich nehm' davon, 16 wenn ich mich ſchwach geärgert habe. Da nehmen's, und trinken's. Majeſtät, rief Baron Tettenborn, indem er aufzurichten verſuchte, Majeſtät, dieſe hohe Gnade Bleiben's ſitzen, ſagte der Kaiſer, ihn wieder ſeinen Stuhl niederdrückend, und ihm das Glas ſich auf dar reichend. So, jetzt trinken's raſch, damit Sie wieder kräftig werden, und uns erzählen können. Machen's keine Umſtänd', denn ich thu's ja nit um Ihret dern nur Meinetwillen, damit Sie wieder kräftig den, und erzählen können. ſon wer⸗ Ihre Majeſtät, die Kaiſerin, rief der Kammerlake ay, die beiden Flügelthüren weit ö ffnend. Trinken's raſch, und ſetzen's Ihr Glas unter Stuhl, ſagte der K aiſer leiſe und haſtig. Dann durch ſchritt er das Zimmer, indem er im Vorbei Ihren gehen mit einer raſchen Handbewegung den kleinen W zudrückte, und trat in den kleinen Salon Kabinet. andſchrank neben ſeinem In der Mitte deſſelben ſtand die hohe, ſch Geſtalt der Kaiſerin Ludovica. lanke Sie war in glänzender Toilette, geſchmückt wie zu einem Ball, oder einem Feſte. Ein weißes Kleid von wunderbarem Gewebe, durchſichtig, und doch wie Atl as glänzend, und geſtickt ——— ——— —— — — 17 mit ſilbernen Blumen, floß in weiten reichen Falten bis auf ihre Füße nieder, und war um die Taille von einem ſilbernen Gürtel zuſammengehalten, an deſſen Schloß die koſtbarſten Brillanten funkelten. Ein pur⸗ purfarbener ſilbergeſtickter Shawl von chineſiſchem Créèépe umhüllte ihre Schultern und contraſtirte wun derbar zu dem blendend weißen Teint, und dem bleichen edlen Angeſicht mit den ſchmalen purpurnen Lippen und den glühenden, tiefdunkeln Augen. Ihr ſchwarzes, glänzendes Haar umgab in einer Fülle leichter duftiger Locken ihre breite gedankenvolle Stirn, über welcher ein Diadem von Rubinen und Brillanten ſtrahlte. Der Kaiſer trat wie geblendet von der glänzenden impoſanten Erſcheinung einen Schritt zurück. Wahrhaftig, ſagte er mit einem leiſen Anflug von Ironie, Ew. Majeſtät ſind gar prächtig anzuſchauen, nicht wie eine Kaiſerin, ſondern wie eine Feenkönigin. Ich will nit fürchten, daß Ew. Majeſtät um meinet⸗ willen das glänzende Coſtüm angelegt haben? Nein, mein Gemahl, ſagte die Kaiſerin, ich bitte um Verzeihung. Ich war aber im Begriff zur Her⸗ zogin von Aeccerenza zu fahren, in deren Abendcirkel ich verſprochen habe, auf eine halbe Stunde zu er⸗ ſcheinen. Mühlbach, Erzh. Johann u. Metternich. I. 2 18 A Ja, ich verſteh halt recht wohl, ſagte der Kaiſer lächelnd. Die ruſſiſche Herzogin iſt bekanntlich die wüthendſte Feindin von dem Kaiſer Napoleon, und man weiß, daß ſich in ihren Abendcirkeln alle Feinde des franzöſiſchen Kaiſers zuſammenfinden, um allerlei Pläne zu ſeinem Sturze zu entwerfen. Es wird aller dings keine angenehme Ueberraſchung für den Kaiſer von Frankreich ſein, wenn er erfährt, daß an dieſen gefährlichen Abendcirkeln auch die Kaiſerin Ludovica, ſeine eigene Schwiegermutter, Theil nimmt. Verzeihung, Majeſtät, ſagte Ludovica kalt und ſtolz, ich bin die Gemahlin ſeines Schwiegervaters, aber ich bin deshalb doch nicht die Schwiegermutter des Kaiſers Napoleon, denn die Kaiſerin Marie Louiſe iſt nicht meine Tochter. Wäre ſie es, ſo würde ich ſie lieber mit eigener Hand getödtet haben, ehe ich eingewilligt hätte, daß man ſie dem Corſen opferte. Was aber die Verſchwornen anbetrifft, welche, wie Ew. Majeſtät ſagen, ſich bei der Herzogin von Accerenza verſammeln, ſo iſt ihre Verſchwörung indeß ziemlich unſchuldiger Natur. Sie beſchränkt ſich darauf, daß die Damen ſich verpflichtet haben, nur engliſche oder aus England bezogene Stoffe zu tragen. Ew. Majeſtät ſehen mich daher auch in einer Toilette, die ich aus England er⸗ halte indiſ nach Nap pfin 19 aiſer halten habe, denn dies Kleid kommt aus Englands die indiſchen Provinzen, und dieſer Shawl iſt aus China und nach London importirt. einde Das heißt, Sie kämpfen da mit Waffen gegen ſerlei Napoleon, von denen Sie wiſſen, daß ſie ihn am em⸗ aller pfindlichſten verletzen, rief Franz lachend. Sie tragen aiſer engliſche Waaren, während Napoleon einen Blocus auf dieſen alle engliſchen Waaren gelegt hat, und auch wir uns vica, verpflichtet haben, unſere Häfen allen Schiffen und Waaren, ebenſo wie es Rußland und Preußen thut, zu verſchließen. Man ſieht alſo, daß der Wille Napoleons doch nicht allmächtig iſt, ſagte Ludovica ſtolz, denn die nicht engliſchen Waaren kommen doch in's Land, trotz des Blocus und des lächerlichen Haſſes, mit dem der Kaiſer lieber willigt England beehrt. Aber darf ich Ew. Majeſtät jetzt zaber daran erinnern, daß Sie die Güte haben wollten, mir ajeſtät wichtige Nachrichten mitzutheilen? melu, Ja, wichtige Nachrichten, Frau Kaiſerin, ſagte der ſdiger Kaiſer, ſeiner Gemahlin den Arm bietend. Haben’s die Güte, mir in mein Cabinet zu folgen, da werden Sie die wichtigen und erfreulichen Nachrichten erfahren. Er führte die Kaiſerin in ſein Cabinet, und ließ ſie dort auf dem Divan Platz nehmen. Baron von 2* 20 Tettenborn, den der Genuß des feurigen Weins wieder gekräftigt hatte, ſtand jetzt aufgerichtet neben der Thür, nit und machte der Kaiſerin ſeine ehrfurchtsvolle Verbeugung, glü welche Ludovica mit einem leiſen Koͤpfnicken erwiderte. Jetzt will ich Ihnen eine Merkwürdigkeit zeigen, Fa Frau Kaiſerin, ſagte der Kaiſer lächelnd. Schauen's Ei da den Baron von Tettenborn, Attaché bei unſerer N Geſandtſchaft in Paris. Der Mann hat ein Wunder ja vollbracht, denken's nur, Frau Kaiſerin, er iſt in acht kör Tagen von Paris hierher nach Wien geritten! Die un guten Wiener werden außer ſich ſein, wenn ſie das hören, und in den nächſten acht Tagen wird man in de Wien von nichts Anderem ſprechen, als von dem wun⸗ go derbaren Courierritt des Herrn von Tettenborn, und ich von den Nachrichten, die er überbracht hat. dc Und ſind dieſe Nachrichten eben ſo wunderbar, wie d f Herrn von Tettenborns Courierritt? fragte die Kaiſerin. d Nicht ganz, im Gegentheil, ſie ſind eigentlich recht be natürlich! Unſer Herr Courier bringt die Nachricht, daß unſere Tochter, die Kaiſerin Marie Louiſe, glücklich V 1 ihre Niederkunft überſtanden hat. Ach, in der That, das iſt eine wichtige Nachricht, V 1 ſagte Ludovica mit einem leiſen Seufzer. Sie iſt alſo eine glückliche Mutter? jeder hür zung berte nan in wun „ und 21 Ja, ſagte der Kaiſer, Herrn von Tettenborn leiſe mit den Augen zuwinkend, ja, die Marie Louiſe iſt die glückliche Mutter einer Prinzeſſin! Einer Prinzeſſin, rief die Kaiſerin freudig, und die Farbe ſtieg ihr wie Morgenröthe in die Wangen. Einer Prinzeſſin! Das wird die Pläne des Kaiſers Napoleon ſehr durchkreuzen! Der Allgewaltige war ja ſo feſt überzeugt, daß er dem Schickſal gebieten könne, und daß es ihm einen Sohn gewähren müſſe! Und jetzt gebiert ihm die Kaiſerin eine Tochter! Wie denn, eine Tochter? fragte der Kaiſer mit dem Ausdruck des Erſtaunens. Sagte ich, die Marie Louiſe habe eine Prinzeſſin geboren? Ach, dann bitte ich Ew. Majeſtät um Verzeihung, denn das war als— dann ein Irrthum meiner Zunge. Nein, nein, unſere Tochter, die Kaiſerin Marie Louiſe, hat ihrem Gemahl einen Prinzen geboren! Iſt es nicht ſo, Herr Baron von Tettenborn? Zu Befehl, Majeſtät, die Kaiſerin iſt eines Prinzen geneſen! Ach, Sie haben Recht, Majeſtät, ſagte die Kaiſerin mit einem erzwungenen Lächeln, während ihre Vangen wieder erbleichten, Sie haben Recht, dieſe Nachricht iſt ebenſo wunderbar wie der Courierritt des Herrn 22 von Tettenborn. Man wäre verſucht, Beides für erdichtet zu halten, und an eine Myſtification zu glauben. An einen untergeſchobenen Prinzen, nicht wahr? fragte der Kaiſer. Sagen's doch, Herr von Tettenborn, waren keine Zeugen bei der Entbindung der Kaiſerin anweſend? Im Gegentheil, Majeſtät, es gab da ſehr viele Zeugen. Der ganze weibliche Hofſtaat der Kaiſerin, dann ſämmtliche Miniſter des Kaiſers, und die drei Aerzte der Kaiſerin. Sie ſehen wohl, daß da an eine Myſtification nicht zu denken, und daß die Sache ganz natürlich zugegangen iſt, ſagte der Kaiſer, ſich an ſeine Gemahlin wendend. Aber ſagen's doch, Herr Courier, drei Aerzte waren bei der Entbindung zugegen? Die Kaiſerin hat alſo wohl ſehr viel gelitten? Leider, Majeſtät, ſie hat vierundzwanzig Stunden lang gelitten, und ihren Gemahl zur Verzweiflung ge— bracht. Zuletzt glaubte man gar nicht mehr an ein glückliches Ende dieſer Qualen, ja, ſogar zwei der Aerzte begaben ſich zu dem Kaiſer, um ihm ihre wiſſen⸗ ſchaftliche Ueberzeugung über dieſen Fall mitzutheilen, und zu erklären: Die Frau Kaiſerin werde niemals im Stande ſein, ein Kind zur Welt zu bringen.*) *) Mémoires du Duc de Rovigo. Vol. V. lichſten das K 23 Es iſt merkwürdig, was die Aerzte für gelehrte Leut' und kluge Propheten ſind, rief der Kaiſer. Und der dritte Arzt? Der dritte Arzt, das war Herr Corviſart. begab ſich zum Kaiſer und fragte ihn, wer im unglück— lichſten Fall geopfert werden ſolle, die Mutter oder das Kind? Uud der Kaiſer? fragte Franz lebhaft. Was —₰½ O — er antwortete der Kaiſer? Majeſtät, er antwortete ohne Bedenken: Opfern Sie das Kind, wenn es ſein muß. Erhalten Sie mir nur meine Gemahlin. Fürchten Sie nichts! Behandeln Sie ſie wie die ärmſte Bürgerin aus dem Faubourg St. Antoine. Nur retten Sie ſie mir um jeden Preis.*) Ach, ſehen Sie nur, Frau Kaiſerin, wie ſehr unſer Herr Schwiegerſohn unſere Tochter liebt, rief der Kaiſer freudig. Sogar den lang erſehnten Sohn wollte er ihr opfern, nur an ſeine Gemahlin dachte er, und gar nicht an ſein Kind, das er, wie Sie vorhin ſagten, vom Schickſal ſich befohlen hatte. Wahrhaftig, das freut mich, es zeigt, daß unſer Schwiegerſohn ein großes und liebevolles Herz hat. Meinen Sie nicht auch, Frau Kaiſerin? *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Ebendaſelbſt. 24 Ja, Majeſtät, ich bin ganz Ihrer Meinung, ſagte Ludovica, mit einem trüben Blick zu ihrem Gemahl emporſchauend, der neben ihr ſtand, den Arm auf die hohe Seitenlehne des Divans aufgeſtützt, die Kaiſerin Marie Louiſe iſt beneidenswerth, ſie beſitzt das Herz ihres Gemahls und ſie genießt die Freuden des Mutterglücks. Der Kaiſer wandte ſich haſtig wieder dem Courier zu. Jetzt ſagen Sie uns noch, Baron, wie nahmen denn die guten Pariſer dieſe Nachricht auf? Majeſtät, es war in der That ein großer und rührender Moment, und ich preiſe mich glücklich ihn erlebt zu haben. Man wußte in Paris, daß die Ge burt einer Prinzeſſin mit einundzwanzig, die eines Prinzen mit einhundertundeinem Kanonenſchuß begrüßt werden würde, und ſeit zwei Tagen erwartete ganz Paris mit ungeduldiger Spannung dieſen vielbedeutenden Donner der Kanonen. In den Vormittagsſtunden des zwanzigſten März ertönte endlich vom Palais der In validen der erſte Kanonenſchuß, und wie ein Wunder wirkte er auf ganz Paris. Die Leute, welche eiligen, geſchäftigen Schrittes auf der Straße dahin gegangen waren, blieben ſtehen, mitten im Geſpräch unterbrach man ſich und ſchwieg, mitten in der Arbeit hielt man inne, ſelbſt diejenigen, welche weinten, trockneten auf einmal und la brach mit än zählt, der Le Enttäu mit fu geſchre erſten vielle zwan; Schüm geſchr einmal ihre Thränen und horchten, ganz Paris ſchwieg und lauſchte, und nur der Donner der Kanonen unter— brach die feierliche Stille. Jetzt hatte ganz Paris mit ängſtlichem Herzklopfen einundzwanzig Schüſſe ge— zählt, und die Kanonen ſchwiegen, und die Geſichter der Lauſchenden wurden ernſt, und eine ſchmerzliche Enttäuſchung ſprach aus allen Mienen; da auf einmal mit furchtbarem Donner, wie ein brüllendes Triumph⸗— geſchrei, begannen die Kanonen auf's Neue. Bei dem erſten Schuß blieb Alles ſtill, man glaubte, man habe vielleicht falſch gezählt, es ſei noch der letzte der einund— zwanzig Schüſſe, aber wie abermals und abermals die Schüſſe krachten, da erfüllte ein unermeßliches Jubel— geſchrei, ganz Paris. Die Leute auf der Straße um armten ſich, drückten ſich die Hände, wünſchten ſich Glück, wenn ſie auch einander niemals geſehen, Alles weinte, jauchzte und jubelte vor Luſt. Es war ein Wochentag, aber die Arbeiter ſchloſſen ihre Werkſtatt, die Kaufleute ihre Läden, die Lehrer ihre Schulſtuben. Paris machte einen Feiertag und Tauſende und aber Tauſende ſtürzten nach den Tuilerieen und ſchrieen und jubelten, und riefen nach ihrem Kaiſer und brüllten, lauter noch wie der Donner der Kanonen vorher, ihr: Vive l'empereur in die Luft. Der Kaiſer hatte, 26 hinter einer Gardine verborgen, vom Beginn der Schüſſe an, auf die Straße niedergeſchaut, und die Wirkung derſelben auf das Straßenpublikum geſehen. Es hatte ihn tief ergriffen, man ſah, was man nie zuvor geſehen, man ſah Thränen in ſeinen Augen glänzen, und er wehrte ihnen nicht, er ließ ſie über ſeine Wangen niederfließen, und ſtürzte zu dem Bett der Kaiſerin hin, und ſie und den Prinzen in Einer Umarmung umfaſſend, rief er: Ach, meine gute Louiſe, wie glücklich bin ich! Du haſt mir einen Sohn ge ſchenkt, und die Pariſer freuen ſich mit mir, denn ſie lieben mich!— Dann trat er hinaus auf den Balcon und grüßte lächelnd nach allen Seiten das Volk, das ihn mit unermeßlichem Jubelgeſchrei empfing. Die Pariſer jubeln leicht, ſagte die Kaiſerin achſel zuckend, ſie jubelten auch, als die Königin Marie An toinette mit dem Dauphin auf dem Balcon erſchien, und doch haben ſie nachher Beide ermordet. Wahrhaftig, es iſt ein Glück, daß Sie mich daran erinnern, rief der Kaiſer, ich wäre ſonſt im Stande geweſen, mich über den Jubel der Pariſer bei der Geburt meines Enkels zu freuen. Sie wiſſen ja, die Großväter ſind ſo thöricht, und ich würde mich voll ſtändig in eine Illuſion des Glücks eingelullt haben, wenn. wir u macht tenbo Ihre auße mich müde Schl wache und Herr nicke binet wie 27 wenn Sie mich nicht daraus erweckt hätten. Nun, die wir werden ja ſehen, was die Zukunft bringt; das n. aber wird Niemand leugnen, daß unſer kleiner Enkel, nü der König von Rom, unter ſehr glücklichen Umſtänden en das Licht der Welt erblickt hat, und ſelbſt unſere er Feinde müſſen zugeſtehen, daß unſere Tochter Marie ett Louiſe eine ſehr ruhmvolle und glänzende Partie ge— er macht hat. Ich danke Ihnen, Herr Baron von Tet⸗ ſe, tenborn, für Ihren Eifer und Ihre hübſche Erzählung. Ihre ſieben Pferde, die zahle ich, und ich mache Sie ſie außerdem zum Thereſienritter, werd' auch ſonſt noch pon mich dankbar bezeigen. Still, kein Wort! Sie ſind müde und erſchöpft, gehen Sie, und erholen Sie Sich— Schlafen Sie ein paar Stunden, und wenn Sie er wachen, wird ganz Wien Ihren fabelhaften Ritt kennen n und Sie als neuen Centaur anſtaunen. Gute Nacht, Herr Baron von Tettenborn! Er grüßte den Baron mit einem gnädigen Kopf— un nicken und folgte ihm mit den Augen, bis er das Ca⸗ de binet verlaſſen hatte. Ein prächtiger junger Mann, rief der Kaiſer, und wie gut und dramatiſch er zu erzählen weiß! Ja, ſagte die Kaiſerin, er macht wirklich aus dem einfachen Factum einer Entbindung ein wahres Helden⸗ gedicht. Aber Sie, Frau Kaiſerin, Sie gratuliren mir nicht zu meinem Enkel, dem kleinen König von Rom?. Wenn ſeine Geburt Ew. Majeſtät wirklich erfreut, ſo gratulire ich Ihnen von Herzen, mein Gemahl, ſagte die Kaiſerin ſanft. Nur verlangen Sie nicht, daß ich an Ihrer Freude Theil nehmen ſoll. Ich werde niemals mein Herz überwinden, niemals den Mann lieben und hochſchätzen können, den Ew. Ma jeſtät Ihren Schwiegerſohn, den ich die Geißel Gottes, das Unglück und die Schmach Europa's nenne. Aber ſprechen wir nicht mehr davon! Ew. Majeſtät haben geglaubt, der Ruhe und dem Frieden Ihrer Völker Ihr eigenes Kind opfern zu müſſen, und Sie machen jetzt bonne mine au mauvais jeu. Das iſt gewiß ſehr erhaben, ſehr klug, aber ich kann mein wider ſpenſtig und ſtörriſch Herz nicht zwingen, daß es Ihrem erhabenen Beiſpiel folge. Ich haſſe den Tyrannen, der die Freiheit aller Völker in Feſſeln ſchlägt, allen Fürſten Geſetze giebt, und für ſein eigen Thun und Laſſen gar kein Geſetz anerkennt, nicht einmal das ſeines eigenen Gewiſſens. Ich werde, was in meinen K Kräften ſteht, thun, um ihn zu verderben, ich werde alle Di ſammeln pagande Feinde und Re daß er Feuer gen mu das S heilige Despe tungs wird? 29 alle Diejenigen, welche denken gleich mir, um mich ver— ſammeln, und mich mit ihnen zu einer heiligen Pro⸗ paganda verbinden, deren Zweck es iſt, immer neue Feinde für den Unterdrücker aller Freiheit, alles Geſetzes und Rechts zu erwecken, und den Haß ſo zu entflammen, daß er zur Begeiſterung wird, welche wie ein heiliges Feuer alle Herzen und alle Köpfe durchglüht, die Fei⸗ gen muthig, die Zagenden entſchloſſen macht, und Allen das Schwert in die Hand drückt zum Kampf, zum heiligen, gottgeſegneten Vernichtungskampf gegen den Despoten Napoleon! Sie denken alſo nicht daran, daß dieſer Vernich— tungskampf unſere Tochter Marie Louiſe mit vernichten wird? fragte der Kaiſer. Majeſtät, rief Ludovica ſtolz und hoheitsvoll, ſagen Sie nicht„unſere Tochter“. Ich habe keine Kinder! Wie ich Ihre Gemahlin bin nur dem Namen nach, ſo bin ich auch die Mutter Ihrer Kinder nur dem Namen nach. Sie haben es ſo gewollt, Majeſtät, und ich habe mich in mein Schickſal gefügt, ein einſames, liebeleeres Leben zu führen. Da Sie mir nur Ihre Hand, nicht Ihre Liebe gegeben haben, ſo muß ich mich für die verſagte Liebe wohl bei dem Haß tröſten, und mich für den Haß begeiſtern, weil ich es nicht für die Liebe kann. Und dieſe Begeiſterung meines Haſſes gehört Napoleon. Ich werde alſo glücklich ſein, wenn der Tag der Vergeltung, der Rache kommt, wenn das ſtolze Gebäude ſeiner Herrlichkeit in Staub zuſammen⸗ ſinkt, wenn der entthronte Kaiſer, der Mörder der ſchönen und unglücklichen Königin Louiſe von Preußen, endlich bezwungen und gedemüthigt wird, und an die ſem Tage werde ich zu Ihnen ſagen: Ew. Majeſtät, Sie haben einſt Ihre Tochter der Ruhe und dem Frieden Ihrer Völker geopfert, opfern Sie ſie jetzt ein 6 zweites Mal, opfern Sie Ihre Tochter jetzt der Größe 6 und der Ehre Ihrer Völker! Es kommt dann nur darauf an, ob ich von Ihrem guten Rath profitiren will, ſagte der Kaiſer gelaſſen, oder ob ich noch immer wie jetzt die Leidenſchaft habe, meinem eigenen Willen zu folgen, und lediglich das zu M thun, was ich ſelber für Recht halte. Aber ich darf 6 Ew. Majeſtät nicht länger aufhalten; die Frau Her⸗ zogin von Accerenza wild es mir ohnedies ſchwerlich verzeihen, daß ich ihr Ew. Majeſtät Gegenwart ſo lange entzogen habe. Erlauben Sie alſo, liebe Kai⸗ ſerin, daß ich Sie in Ihre Gemächer zurückgeleite. Nein, mein Gemahl, bemühen Sie Sich nicht, ſagte die Kaiſerin ſich erhebend. Laſſen Sie mich immerhin allein geh ich muß ich zufäll die Welt Sie woh beim De ¶◻2 gen Läche und glͤr Glanze Hat zuckend. nug, daſ noch me doch hal lieben zehn Kin ſich nach bewahr⸗ hab'! loſten, dig und Alle Ta allein gehen; ich bin es gewohnt, allein zu gehen, und ich muß es als ein ſeltenes Glück anerkennen, wenn ich zufällig auf meinem einſamen Wege dem Kaiſer, den die Welt meinen Gemahl nennt, begegnen kann. Leben Sie wohl, Ew. Majeſtät. Auf Wiederſehen morgen beim Dejeuner. Sie grüßte den Kaiſer mit einem ſanften, trauri⸗ gen Lächeln, und verließ ſchwebenden Ganges, ſchön und glänzend, und doch in ihrer Schönheit und ihrem Glanze ſo unendlich leidvoll, das kaiſerliche Cabinet. Hat die Frau eine Leidenſchaft Einen zu ſeckiren und Sticheleien zu ſagen, murmelte der Kaiſer achſel— zuckend. Will durchaus geliebt ſein! Iſt ihr nicht ge— nug, daß ſie durch mich Kaiſerin, möcht' auch durchaus noch meine geliebte Gemahlin werden. Ich kann aber doch halt nit dafür, daß ich ſie juſt nit ſo ausbündig lieben kann! Sie iſt Kaiſerin und Stiefmutter von zehn Kindern, damit muß ſie zufrieden ſein. Sie ſehnt ſich nach Mutterglück, wie ſie's nennt. Der Himmel bewahr' mich aber vor mehr Vaterglück, als ich ſchon hab'! Es iſt grad' genug! Wird ſchon Müh' genug koſten, all die Erzherzoge und Erzherzoginnen anſtän dig und paſſend zu vermählen. Es finden ſich nicht alle Tag' ſolche großmächtige Kaiſer, wie die Marie Loniſe Einen gefunden hat! Geärgert hat's meine Frau Gemahlin doch, daß die Marie Louiſe einen Sohn ge boren hat, und das wollt' ich! Ließ darum die Kaiſerin hierher rufen, wollt' ſehen, wie die Nachrichten von dem Glück und der Herrlichkeit der Marie Louiſe ſie kränkten. Sie hat mich lange genug ſeckirt, die Frau Kaiſerin Ludovica, jetzt habe ich's ihr ein Biſſel ver golten, und das freut mich! TI. Die Kehrſeite der Medaille. Graf Clemens Metternich hatte heute ein großes diplomatiſches Diner gegeben. Alle Geſandte der aus⸗— wärtigen Mächte, alle Miniſter und Großwürdenträger des öſterreichiſchen Hofes, ſo wie viele Herren der hohen Ariſtocratie und der Finanzwelt waren zu dem— ſelben mit einer Einladung beehrt worden, und Alle hatten ſie ſich beeilt, die Einladung anzunehmen, denn Alle wußten ſie, in welch großer Gunſt der Graf Metter nich bei dem Kaiſer Franz ſtand, und wie wichtig es daher ſei, mit dem einflußreichen Miniſter in gutem Einvernehmen zu ſtehen. Es war ein ſehr glänzendes, ſehr auserleſenes Diner geweſen; alle Künſte der Kochkunſt, aller Luxus der Weine und Delicateſſen war bei demſelben aufge boten geweſen, und es war daher ſehr natürlich, daß Mühlbach, Erzh. Johann u. Metternich. I. 3 ſich die Gäſte in einer ſehr behaglichen Stimmung fühlten, und daß mit jedem neuen auserleſenen Gericht, mit jeder neuen feurigen Weinſorte die ernſten diplo matiſchen Falten mehr und mehr aus den Angeſichtern verſchwanden, und unter den verſchwiegenen Masken, welche man ſonſt ſo ſorgſam über ſein Antlitz deckte, das wahre und wirkliche Geſicht ein wenig hervor ſchaute. Man hatte ſich ſo eben von der Tafel erhoben, und ſich aus dem glänzenden Speiſeſalon in die Ge ſellſchaftszimmer begeben, um dort den ſtarken Mocca kaffee zu trinken, welcher die Wirkungen der feurigen Weine ein wenig verringern ſollte. Die Equipagen ſtanden in dreifacher Linie vor der Thür des Grafen und die Straße hinunter aufgefahren, denn die zur Abholung beſtimmte Zeit war längſt ſchon vorüber, aber dennoch ſchien noch keiner der Gäſte des Grafen Metternich daran zu denken, ſich zu beurlauben und aus dieſem behaglichen Salon ſich zu entfernen, in dem man ſo gut ſich unterhielt, und ſo gut einander beob achten, und ein wenig von ſeinen geheimſten Gedanken erlauſchen konnte. Denn das köſtliche Mahl hatte die verſtockteſten Gemüther milde gemacht, der feurige Wein hatte die ſchweigſamſte Zunge gelöſt. J und lebha Aufm deſſen Man ſtand oder ſaß in einzelnen Gruppen umher, und in allen dieſen Gruppen unterhielt man ſich im lebhaften Durcheinander, oder lauſchte mit geſpannter Aufmerkſamkeit auf die Worte irgend eines Redners, deſſen glänzende Suade von dem glänzenden Diner noch geſteigert worden. Nur der Graf Clemens Metternich war unverän dert geblieben. Daſſelbe Lächeln, das auf ſeinem ſchö— nen Antlitz geſtanden, als er ſeine Gäſte empfing, ſtrahlte noch von demſelben, ſeine Stirn war eben ſo feurig und glanzvoll wie beim Beginn des Feſtes, und das ſanfte Incarnat ſeiner Wangen hatte ſich auch nicht um die kleinſte Nuance erhöht. Mit der liebens würdigen Aufmerkſamkeit eines beeiferten Wirthes ging er von einer Gruppe ſeiner Gäſte zur anderen, und horchte mit ſeinem heitern Lächeln und ſeiner undurch— dringlichen Freundlichkeit auf alle dieſe ſo verſchiedenen leidenſchaftlichen Debatten, wie man ſie hier und dort begonnen. Und doch betrafen dieſe verſchiedenen De— batten alle einen und denſelben Gegenſtand, und doch ſprach man in allen dieſen Gruppen nur von dem Einen, der ſeit dem Beginn des Jahrhunderts, das heißt ſeit elf Jahren, ganz Europa beſchäftigte, doch 2* 5 ſprach man nur von Napoleon, dem Kaiſer der Franzoſen! Aber der Wein, wie geſagt, hatte die Zungen ein wenig gelöſt, und es war daher ſehr natürlich, daß man trotz der Anweſenheit des franzöſi iſchen Geſandten Baron von Otto, hier und da ein freies Wort wagte, oder ſich irgend eine mißbilligende Aeußerung erlaubte, daß man die Nähe des Barons nicht ſo beeifert auf ſuchte, als man es ſonſt wohl gethan, und ſogar wagte in einzelnen Gruppen deutſch zu ſprechen, vielleicht, weil man wußte, daß der Baron Otto, obwohl er in einer deutſchen Reſidenz als Geſandter fungirte, ſich doch niemals die Mühe gegeben, die deutſche Sprache zu erlernen. Es ſchien daher dem franzöſiſchen Geſandten ein wenig unheimlich zu werden in dieſem Kreiſe; er zog ſich mit einer kleinen Wolke auf der Stirn in eine Fenſterniſche zurück, und war ganz nur damit beſchäf tigt, ſeinen Kaffee mit der Vanillenſtange umzurühren, die ſich in der Taſſe ſtatt des Theeloffels befand. Aber Metternich's aufmerkſames Auge hatte den Rückzug des franzöſiſchen Geſandten ſofort bemerkt, öſi und als liebenswürdiger und zuvorkommender Wirth —————————— „ 37 beeilte ſich der Graf daher zu dem Baron hinzugehen, um ſeine Einſamkeit mit ihm zu theilen. Was fehlt Ihnen, theuerſter Freund, ſagte er mit ſeiner ſanften, einſchmeichelnden Stimme. Sie wiſſen, die Freundſchaft hat ſcharfe Augen, und ich meine, daß ich da auf Ihrer Stirn eine kleine Wolke auf— ſteigen ſehe. Und Sie haben Sich nicht geirrt, theuerſter Graf, ſagte Baron Otto mit einem gezwungenen Lächeln. Ich geſtehe es, ich ärgere mich ein wenig über meine eigene Unwiſſenheit, die mich heute verhindert an der Unterhaltung der Herren da Theil zu nehmen. Welche geiſtvolle und intereſſante Bemerkungen mir dadurch verloren gehen, daß ich die deutſche Sprache nicht ver⸗ ſtehe! Sehen Sie nur, wie lebhaft man ſich dort in jener Gruppe unterhält, wie der vormalige hannover⸗ ſche Geſandte, der Baron von Hardenberg, geſticulirt, und mit welchem Eifer er ſich mit dem ruſſiſchen Ge— ſandten unterhält! Und Sie meinen, Excellenz, daß Sie dadurch ver⸗ lieren, daß Sie nicht verſtehen, was man da ſpricht? fragte Metternich lachend. Ew. Exeellenz kennen alſo den Baron Hardenberg nicht? Sie wiſſen nicht, daß dies eine politiſche Null iſt, die man nur deshalb ein⸗ 2 38 ladet, weil er ein ſo bequemer Schwätzer und gewiſſer A maßen der Neuigkeitsbote von ganz Wien iſt? Wollen b ſu Ew. Excellenz zum Beiſpiel wiſſen, wovon der Baron fr von Hardenberg eben ſo lebhaft ſpricht? Er erzählt ä den Herren von einer Whiſtpartie, die er geſtern Abend bei dem Baron von Arnſtein geſpielt hat, und bei le welcher er den ganzen Abend hindurch verloren hat, I weil er das Unglück gehabt, am Morgen bei ſeinem Aus 9 gang zuerſt einer alten Frau zu begegnen. Der gute h Baron iſt, wie Sie wiſſen, Junggeſelle, und er hat d eine Antipathie gegen das ganze Frauengeſchlecht. Aber dieſe Antipathie hindert ihn doch nicht, täglich zur Fürſtin Accerenza zu gehen, und ein Buſenfreund des ruſſiſchen Geſandten, Grafen Razumowsky, zu ſein,— ſagte Baron Otto achſelzuckend. Sie wiſſen aber, d Excellenz, daß in dieſen beiden Häuſern ſich die anti 1 franzöſiſche Partei ihre Rendezvous giebt? G Ah, da hat man in der That Ew. Excellenz falſch berichtet, rief Metternich lächelnd. Ein Beweis davon iſt, daß bei der heutigen Soirée der Fürſtin Accerenza ſogar die Kaiſerin Ludovica erſcheinen wird, und Ew. Excellenz wiſſen wohl, welche innige Liebe und Zunei⸗ gung die beiden Kaiſerhäuſer von Frankreich und Oeſterreich verbindet. Wenn alſo die Kaiſerin Ludo—. ————— 39 vica die Abendcirkel der ſchönen Fürſtin Accerenza be⸗ ſucht, ſo geht daraus hervor, daß dort ſich keine anti— franzöſiſche Partei verſammeln kann, und am aller⸗ wenigſten gehört der Baxon Hardenberg zu derſelben. Der franzöſiſche Geſandte antwortete nur mit einem leichten Achſelzucken und einem ungläubigen Lächeln. Wie dem auch ſei, ſagte er dann, dem Grafen ſeine Hand darreichend, Sie, Excellenz, gehören, wie ich hoffe, nicht zur antifranzöſiſchen Partei, und auf Ihre Gewogenheit darf ich zählen, auf Ihre Treue darf Frankreich rechnen. Ja, Sie wiſſen es, Excellenz, daß meine Treue ganz und ausſchließlich meinem Herrn, dem Kaiſer von Oeſterreich gehört, ſagte Metternich, und daraus folgt, daß ich ein eifriger Anhänger Frankreichs bin, denn mein Herr, der Kaiſer, iſt der Verbündete und der Schwiegervater des Kaiſers von Frankreich. Alle Machinationen der Frankreich feindlichen Mächte fallen machtlos in Staub vor dieſen feſten und unerſchütter⸗ lichen Banden, mit denen Frankreich an Oeſterreich gefeſſelt iſt. Es wird weder England, noch Preußen, noch Schweden oder Rußland gelingen, den zärtlichen Schwiegervater von ſeinem Schwiegerſohn zu trennen, und dies noch dazu in einem Augenblicke, wo die ver— 40 wandtſchaftlichen Bande durch die Kaiſerin Marie Louiſe einen neuen Zuwachs erhalten ſollen. Ich danke Ihnen für dieſe Zuſicherung, Excellenz, ſie ſoll mir das letzte und koſtbarſte Deſſert Ihres glänzenden Diners ſein, und damit will ich mich ent fernen. Wie, Ew. Excellenz wollen uns ſchon verlaſſen? fragte Metternich mit dem Ausdruck des lebhafteſten Bedauerns. Ich erwarte in jeder Secunde den Courier, der mir die Nachricht von dem freudigen Creigniß bringt, das Frankreich und Oeſterreich mit aller Ungeduld der Liebe erwarten, und ich möchte gern der Erſte ſein, der Sr. Majeſtät dem Kaiſer von Oeſterreich davon Meldung machte. Erlauben Sie mir alſo, mich ſtill von dannen zu ſchleichen. Graf Metternich ließ es geſchehen, und begleitete den Geſandten Frankreichs bis zur Thür des erſten Salons. Dann kehrte er mit haſtigen Schritten zu— rück und ging gerade zu der Gruppe hin, in welcher der Baron von Hardenberg noch immer lebhaft geſti— culirte und ſprach. Wiſſen Sie wohl, meine Herren, daß Sie dem franzöſiſchen Geſandten Furcht eingeflößt haben? fragte 41 Metternich lächelnd. Sie haben deutſch mit einander geſprochen, und es ſcheint, dieſe Sprache hat Töne, welche den franzöſiſchen Ohren immer wie Verſchwö— rung und Feindſchaft klingen. Der franzöſiſche Ge⸗ ſandte wittert in Ihnen einen Verſchwörer und Fran— zoſenfeind, Herr Baron von Hardenberg. J was! rief der Baron, die Hände faltend und einen vorwurfsvollen Blick zum Himmel emporwerfend. Ich ein Verſchwörer, ein Franzoſenfeind! Als ob ich mich jemals um Politik, um Völkerfreundſchaften und Feindſchaften bekümmerte. Sie wiſſen, Excellenz, welch ein ſtillen, harmloſer und friedfertiger Mann ich bin, und welch einen Horreur ich vor der Politik empfinde. Auch erzählte ich den Herren hier nur von einem Mährchen, das ich geſtern geleſen. Ah, gewiß ein Mährchen aus des Königs Artus Tafelrunde? fragte Metternich mit dem Ausdruck voll— kommener Unbefangenheit. Sie wiſſen doch, welchen Artus ich meine, lieber Baron? Baron Hardenberg zuckte leiſe zuſammen, und warf einen ſchnellen forſchenden Blick auf das Antlitz Met— ternichs. Aber dies blieb glatt und undurchdringlich wie immer. Ich meine den ſchönen König Artus, ſagte er, 42 jenen Artus, der eine fabelhafte Brautfahrt machte, und mit allerlei Ungeheuern zu kämpfen hatte, ehe er zu ſeiner ſchönen Braut gelangen konnte. Er erreichte ſein Ziel auch nur mit Hülfe eines Freundes, der, wenn ich nicht irre, Brutus hieß, Brutus, gleich jenem Römer, der es ſo gut verſtand ſich zu verſtellen, und den Un bedeutenden und Blödſinnigen ſpielte, bis zu dem Tage, an welchem man den Cäſar ermordete. Es iſt eine gar wunderſame Geſchichte, Sie kennen ſie doch? Aber halt, wer kommt denn dort ſo beſtäubt und eilig in den Salon? Erlauben Sie, meine Herren, daß ich ſehe, was es giebt. Er grüßte die Herren mit einer leichten Verbeu gung und entfernte ſich. Baron Hardenberg und ſeine Freunde aber ſchauten ihm mit ernſten Blicken nach. Er weiß Alles, flüſterten ſie untereinander. Er kennt unſere Chiffern, unſere Pſeudonymitäten. Er weiß, wen wir Artus nennen, und daß Sie, Baron Hardenberg, unſer Brutus ſind. Hüten wir uns alſo! Wählen wir eine andere Chiffre zu unſerer Cor— reſpondenz! Still, ſtill! Da kommt der Würtembergiſche Ge ſandte, er iſt ein Spion Frankreichs! Still! ————— 43 Aber ehe noch der Würtembergiſche Geſandte ſich den Herren ganz genähert hatte, ward die allgemeine Aufmerkſamkeit nach dem Grafen Metternich hingelenkt, der eben einen Ausruf freudiger Ueberraſchung ausſtieß, und mit lauten Dankesworten dem jungen blaſſen Mann in dem beſtäubten Reiſeanzug, der da ſo uner⸗ wartet in den Salon eingetreten war, ſeine Hand reichte. Wie ſehr verbinden Sie mich, Herr Baron von Tettenborn, ſagte er laut, und wie gütig ſind Sie, als Freudenbote ſelber zu mir zu kommen. Ich wünſchte Ew. Excellenz ſelber dieſen Brief des Grafen Champagny zu übergeben, ſagte Baron Tetten⸗ born ſich verneigend, und da mich der Kaiſer beurlaubt hat, wollte ich, bevor ich mich nach acht Tagen des unausgeſetzten Reitens zur Ruhe begebe, doch die Freude erſt haben, Ew. Excellenz meine Huldigung darzubringen. Das iſt in der That eine Aufmerkſamkeit, die ich Ihnen niemals vergeſſen werde, lieber Baron, rief Metternich mit ſeinem verbindlichſten Lächeln. Aber nehmen Sie vor allen Dingen Platz, ruhen Sie Ihre Glieder, Sie Centaur, und erlauben Sie mir zu leſen, was der Graf von Champagny meldet. Er erbrach das zierlich zuſammengelegte Briefchen, 44 und nachdem er deſſen Inhalt haſtig überflogen, wandte er den Blick ſeinen Gäſten zu, deren einzelne Gruppen ſich gelöſt hatten, deren lebhafte Geſpräche verſtummt waren. Meine Herren, ſagte Graf Metternich, ich erhalte ſo eben einen Brief vom Miniſter Champagny. Dieſer Brief enthält zwar nur acht Worte, aber dieſe acht Worte verkünden ein großes weltgeſchichtliches Ereigniß und werden wie ein Schrei der Freude oder des Ent ſetzens durch ganz Europa wiederhallen. Wollen Sie wiſſen, wie dieſe acht Worte lauten? Hören Sie nur: „Eh bien, le Roi de Rome est arrivé.“ 8) Die Kaiſerin von Frankreich iſt von einem Prinzen ent⸗ bunden worden. Von einem Prinzen! riefen die Herren, dieſe mit heitern, jene mit düſtern Mienen, dieſe grollend, jene freudenvoll. Das wird eine Reihe herrlicher Feſte in Paris geben, ſagte Baron Hardenberg, ſeine goldene Doſe in den Fingern drehend. Und was für auserleſene Pracht man bei dieſen Feſten entfalten wird, und was für koſtbare Geſchenke Paris dem König von Rom machen wird! *) Hormayr: Lebensbilder I. 80. — 45 Ein Prinz! rief der würtembergiſche Geſandte be geiſtert. Iſt das nicht Gottes Finger? Sogar den Sohn, den Er gewünſcht hat, gewährt Gott dem Kaiſer Napoleon, ſeinem Auserwählten, gleich das Erſtemal! Jetzt werden die Tollhäusler und Unruh ſtifter endlich ſchweigen müſſen! Jetzt werden ſie er⸗ kennen, daß dem großen Napoleon auch der Segen Gottes nicht fehlt! Der ruſſiſche Geſandte, Graf Razumowsky, warf auf den Entzückten einen halb verächtlichen, halb zor nigen Blick, dann wandte er ſich an den Grafen Metternich. Nun, Excellenz, ſagte er mit ſeiner lauten, brusquen Stimme, ich weiß nicht, ob Sie die Entzückung des Herrn Grafen hier theilen, und ob Sie auch ſo be— geiſtert ſind von dem Segen Gottes. Das aber weiß ich, daß der Segen ſchon Manchem zum Fluch geworden iſt. Sie jubeln heute, und ich möchte wetten, in zehn Jahren haben Sie doch dieſen König von Rom hier in Wien als Bettelſtudenten.*) Eine allgemeine Bewegung entſtand, ein Ausdruck des Entſetzens und Schreckens malte ſich auf allen Geſichtern, und ſchweigend, wie erſtarrt, blickten Alle *) Ebendaſelbſt. 46 auf den kühnen Ruſſen hin, der ſeine herausfordernden. ſc Blicke gerade auf den Geſandten Würtembergs heftete. ſp Plötzlich ward dieſes tiefe verlegene Schweigen durch ein lautes dreimaliges Nieſen unterbrochen. Es war ſa der Baron von Hardenberg, deſſen Naſe den Worten 9 des ruſſiſchen Geſandten vielleicht die Zuſtimmung geben ſe wollte, die ſeine Lippen nicht auszuſprechen wagten. 1 Nachdem er genieſ't, brach er in ein frohes Lachen aus, und mit lauter Stimme rief er: Zur Geneſung! Zur Geneſung! Ich muß mir nur ſelber den Glückwunſch zurufen, da alle dieſe Herrn vor freudigem Schrecken V erſtarrt ſind. Aber die Erſtarrung hatte ſich jetzt in heiterm Lachen aufgelöſt, und Jedermann beeiferte ſich, zu Herrn von Hardenberg hinzugehen, und ihm den verſpäteten Glück wunſch zu ſeinem Nieſen darzubringen.— Eine Viertelſtunde ſpäter war der Salon des Grafen Metternich leer; die Gäſte hatten ſich verabſchiedet und der Graf Metternich hatte ſich mit dem Baron Tetten born in ſein Cabinet zurückgezogen, um ſich von ihm einen ausführlichen Bericht über die Ereigniſſe in Paris erſtatten zu laſſen.. Baron von Tettenborn erzählte daher mit lebhaften und begeiſterten Worten Alles das, was er dem Kaiſer 47 ſchon erzählt hatte, und Metternich hörte ihm mit ge ſpannter Aufmerkſamkeit zu. Wirklich, Sie verſtehen ſehr ſchön zu erzählen, ſagte Metternich dann mit einem feinen Lächeln. Sie 8 haben mir mit wahrer Begeiſterung die glänzende Haupt ſeite der Medaille gezeigt. Jetzt, ich bitte, laſſen Sie mich auch die Kehrſeite ſehen. Wie ſo denn, Excellenz? Die Kehrſeite der Medaille? Nun ja, die Hauptſeite der Entbindungsmedaille, die Sie uns da als neues Prachtſtück von Paris bringen, das iſt der Jubel von ganz Paris, die leidenſchaftliche Liebe des Kaiſers zu ſeiner Gemahlin, ſein Entzücken über die Geburt des Königs von Rom, und dennoch ſein Wunſch, lieber den Sohn, als die Gemahlin zu verlieren. Das iſt die glänzende Seite Ihrer Medallle, und Sie werden nur dieſe Sr. Majeſtät dem Kaiſer gezeigt haben. Aber ich bitte, daß Sie mir nun auch die Kehrſeite derſelben zeigen wollen. Ew. Excellenz glauben alſo, daß eine Kehrſeite da iſt? Ich glaube es nicht, ich bin davon überzeugt, denn jede Medaille muß ja ihre Kehrſeite haben. Laſſen Sie mich dieſelbe alſo immerhin ſehen, lieber Baron. Nun denn, wenn Ew. Excellenz es befehlen, ſo will 48 ich Ihnen von der Kehrſeite ſo viel zeigen, als ich ſelber davon im Fluge erhaſchen konnte, ſagte Tetten born lächelnd. Es iſt wahr, der Kaiſer erwiderte auf die Frage der Aerzte: man ſolle ihm um jeden Preis die Mutter erhalten, und ihr, wenn es ſein müßte, das Kind opfern. Aber der Ausſpruch der Aerzte, daß die Kaiſerin Marie Louiſe niemals Mutter eines Kindes werden könne, hatte den Kaiſer doch tief er⸗ ſchüttert. Als die Aerzte das Zimmer verlaſſen, über ließ ſich Napoleon ſeinem Zorn, ſeinem Schmerz und ſeiner Verzweiflung. Es war ein ſolcher Ausbruch der Leidenſchaft, daß er die Vertrauten, die ihn um— gaben, und die wohl an dergleichen Scenen gewöhnt ſind, mit Angſt und Entſetzen erfüllte. Der Kaiſer ſchlug ſich mit den Fäuſten gegen die Stirn, er zer drückte und zerriß den kleinen Hut, mit dem er eben hatte ausgehen wollen, er warf ſich von einem Stuhl auf den andern, und klagte und verwünſchte ſein unſeliges Geſchick, das ihn verleitet habe, ſich mit einer öſter reichiſchen Erzherzogin zu vermählen. Um ihretwillen, rief er mit einem flammenden Zornesblick, ſeine ge ballten Fäuſte gen Himmel werfend, um ihretwillen habe ich Joſephine verlaſſen, Joſephine, welche die Anmuth und Herzensgüte ſelbſt, Joſephine, welche der 49 Stern meines Glückes war. Ich habe ſie verlaſſen, und mit ihr hat auch mein Glück mich verlaſſen! Ich habe Joſephine verſtoßen, um eine Gemahlin zu nehmen, die mir einen Sohn gebären könnte. Ich habe mich der Tochter meines Feindes vermählt, und die Feind⸗ ſchaft des Vaters erbt nun auf die Tochter, und ſie wird mir nicht den Sohn gebären, um deſſenwillen ich nicht allein meine Gemahlin, ſondern auch meinen Adoptivſohn Eugen verlaſſen habe! Eugen iſt das Vorbild der Treue, des Muths, der Aufopferung, und ich habe ihn zurückgeſetzt, ihn um ſeine größten und gerechteſten Hoffnungen betrogen! Aber ich werde wieder gut machen! Ich werde mir meine ſchöne Vergangen⸗ heit wieder zurückrufen! Was ich auch im Aeußern zu ſchonen habe, mein Herz kehrt doch wieder zu Jo⸗ ſephinen zurück. Sie liebt mich, und ſie iſt und bleibt der Stern meines Glücks. Ja, Joſephine ſoll wieder bei mir ſein, und Eugen ſoll und muß mein Nachfolger werden. Als Kaiſer, und als Träger der eiſernen Krone ſoll er meine großen Schöpfungen zuſammen⸗ halten, und ſie durch ſeine Kinder auf die Nachwelt bringen.*) *) Hormayr. Lebensbilder III. 400. Mühlbach, Erzh. Johann u. Metternich. I. 50 Und dieſes Alles ſagte der Kaiſer in Gegenwart von Zeugen? fragte Metternich mit einem ſpöttiſchen Lächeln. Ja, Excellenz, der Miniſter Champagny, der Graf Fabre de l'Aude waren Zeugen dieſer Scene, und übri⸗ gens ſprach und ſchrie der Kaiſer mit ſo lauter gellender Stimme, daß die Kammerdiener Conſtant und Deprez, die in der Antichambre waren, ſehr wohl jedes Wort verſtehen konnten. Es iſt doch immer gut, daß die Wände Ohren haben, ſagte Metternich, leiſe mit dem Kopf nickend, und daß ſie auch, wie es ſcheint, für Sie eine Zunge gehabt haben. Aber was geſchah nun weiter, lieber Baron? Excellenz, es ſcheint leider, daß die Kaiſerin Marie Louiſe es nicht verſtanden hat, die Kaiſerin Joſephine vergeſſen zu machen, weder beim Kaiſer noch bei den Hofleuten. Der ganze Hof ſcheint der geſchiedenen Kaiſerin eine ſeltene Treue und Anhänglichkeit bewahrt zu haben, und die in Verzweiflung und Zorn ausge⸗ ſtoßenen Worte Napoleons erfüllten daher die Herzen ſeiner Zuhörer mit Entzücken und Wonne. Der Graf Fabre de l'Aude, einer der treueſten und ergebenſten Anhänger Joſephinens, harrte nur auf einen Moment, 51 um unbemerkt entſchlüpfen, und zu der Kaiſerin nach Malmaiſon eilen zu können, ihr die wichtige Botſchaft zu bringen. Dieſer Moment fand ſich bald, der Graf ſtürzte in den Marſtall, ſchwang ſich auf ein geſatteltes Pferd, flüſterte Conſtant, der ihm behülflich geweſen, zu, daß er nach Malmaiſon eile, die Freudenbotſchaft zu überbringen, und daß Conſtant, wenn der Kaiſer nach ihm frage, irgend einen Vorwand erſinnen ſolle, ſeine Abweſenheit zu entſchuldigen, und dann jagte er in geſtrecktem Galopp von dannen. Nach acht Stun⸗ den kam er in eben ſo wüthendem Galopp, auf ſchweiß⸗ bedecktem keuchendem Pferde zurück. Der treue Con⸗ ſtant empfing ihn, wie ſie verabredet, an der kleinen Seitenpforte der Tuilerieen, er öffnete den Mund, um dem Grafen etwas zu ſagen, aber Fabre de l'Aude ließ ihm keine Zeit dazu. Ach, guter Conſtant, flüſterte er, indem er ſich vom Pferde ſchwang, wie glücklich habe ich die Kaiſerin gemacht. Ihr ſchönes Antlitz war ganz überfluthet von Thränen des Entzückens, ſie brei tete mit einem lauten Jubelruf die Arme in die Luft und rief: Oh, Bonaparte, mein geliebter Bonaparte will zu mir zurückkehren, und ich werde wieder die glücklichſte der Frauen ſein!— Ach, Conſtant, ſie war wie verklärt bei meiner Freudenbotſchaft, und— 52 Aber Herr Graf, unterbrach ihn Conſtant haſtig, Herr Graf, Sie— Mehr ſagte er nicht, denn ein lauter Kanonen⸗ donner, der von den Invaliden her erdröhnte, erſtickte ſeine Worte. Graf Fabre de l'Aude erbleichte. Was bedeutet das? fragte er mit zitternden Lippen. Das bedeutet, daß die Kaiſerin Marie Louiſe ſo eben den König von Rom geboren hat, ſagte Conſtant feierlich. Ich wollte es Ihnen gleich ſagen, aber der Herr Graf ließen mich nicht zu Worte kommen. Graf Fabre de l Aude zerdrückte eine Thräne, und flüſterte leiſe: Arme Joſephine! Das wird ihr Herz brechen!— Dann eilte er in die Tuilerieen, um mit ſtrahlendem Antlitz dem Kaiſer ſeine Glückwünſche dar⸗ zubringen. Allerliebſt, ſagte Metternich lächelnd. Ich geſtehe, daß dieſe Kehrſeite der Medaille mich mehr intereſſirt, als die officielle Hauptſeite, denn ſie giebt vielerlei zu denken. Aber jetzt, lieber Baron, darf ich Sie nicht länger zurückhalten, es wäre ein Raub an Ihrer Ruhe, den ich mir niemals verzeihen könnte. Sie bedürfen der Erholung, und erſt wenn Sie zwölf Stunden hintereinander ruhig und ungeſtört geſchlafen haben, 53 wird man daran denken dürfen, Ihnen die Ordens⸗ ketten und Belohnungen zu ſchicken, die Ihnen gebühren. Leben Sie bis dahin wohl, mein lieber Baron, ſchlafen Sie! Ich aber will meinem Haushofmeiſter meine Anweiſungen geben zu einer Illumination meines Hô⸗ tels, denn es iſt wohl ſchicklich, daß wir den erſten Enkel unſeres Kaiſers mit einigem Glanz in der Welt willkommen heißen.— In einigen Stunden war die Botſchaft von der Geburt des Kaiſerenkels durch ganz Wien verbreitet, und die ganze franzöſiſche Partei, ſo wie alle auswär⸗ tigen Geſandten, ließen ihre Häuſer im hellſten Glanz ichter aufſtrahlen. as Volk zog jauchzend und ſchreiend durch die Straßen und freute ſich der ſtrahlenden Illumination, der 9L L D D und ſtand in gedrängten Schaaren vor dem Palais des franzöſiſchen Geſandten, an dem mit ſtrahlender Bril⸗ lantſchrift zu leſen war: Vivat le roi de Rome! Der König von Rom? fragte und ſchrie man hier und dort in der Menge. Wer iſt der König von Rom? Gehört Rom denn nicht mehr dem heiligen Vater, dem Papſt? Ihr wißt ja, ſchrie eine laute grollende Stimme, der Herr Kaiſer Napoleon hat den Papſt aus Rom 54 entführt, und hält ihn in Fontainebleau gefangen. Er kann alſo mit Rom machen, was ihm beliebt, und ſo legt er's ſeinem kleinen Sohne als Lutſchbeutel in die Wiege. Aber der Papſt hat den Kaiſer Napoleon dafür in den Bann gethan, ſchrie eine andere Stimme, und wenn der Kaiſer ihm auch Rom genommen, ſo hat ihm der heilige Vater doch dafür das Himmelreich ver⸗ ſchloſſen! Kinder, Kinder, zankt Euch nicht! ſchrie ein Dritter. Freut Euch vielmehr, denn ich ſage Euch, wenn auch der Kaiſer Napoleon ſich den größten Herrſcher der Welt dünkt, es hilft ihm doch Alles nichts! Er iſt doch verloren und hin. Denn jetzt haben wir ihn doch dran gekriegt, jetzt haben wir ihm die öſterreichiſche Dummheit und das öſterreichiſche Unglück eingeimpft, und daran wird er zu Grunde gehen!*) Ein lautes brüllendes Gelächter begrüßte dieſen draſtiſchen ſelbſtverhöhnenden Witz. In dieſem Mo ment fuhr der Sturm, der ſich ſeit dem Beginn des Abends erhoben hatte, mit donnerndem Gebrauſe heran, und löſchte wie mit Einem Schlage die Lampen an dem *) Lebensbilder I. 89. 55 Hôtel aus, und ließ von der im Brillantfeuer funkeln— den Inſchrift nichts mehr übrig als einige verglim— —,— mende Lämpchen. Das Volk verſtummte mitten in ſeinem Gelächter. Es blickte erſchauernd zu dem plötzlich in Dunkelheit und Nacht verſunkenen Gebäude empor, ſtürzte dann hierhin und dorthin von dannen, und während Dieſe ſich bekreuzten, murmelten Jene: Das war ein Finger zeig Gottes! So wie er heute die Lichter für ſeinen Sohn auslöſcht, ſo wird er einſt Bonaparte's ganze Herrlichkeit mit einem Hauch ſeines Mundes auslöſchen und verſchwinden machen! ———ᷣ—ÿ—xx⁰ III. Koſabella. Der Erzherzog Johann gab heute ein großes Feſt, ein Feſt zur Einweihung ſeines Hauſes, das er ſich gekauft hatte, und in welchem er ſeit einigen Tagen ſeine Wohnung genommen. Dieſes Haus war das Palais Kaunitz, das der Erzherzog von den Erben des großen Mannes erſtanden hatte, der einſt unter Maria Thereſia und Kaiſer Joſeph die Geſchicke Oeſterreichs gelenkt. Aber das Feſt, mit welchem der Erzherzog ſein neues Haus einweihen wollte, ſollte keines jener offi⸗ ciellen Hoffeſte ſein, bei dem man in ſteifer Grandezza je nach ſeinem Rang und ſeinen Würden und Orden ſeine Stelle erhält, keine dieſer Feierlichkeiten, bei de⸗ nen man in ernſtem Pomp erſchien, und ſeiner Erha⸗ benheit ſelbſt an der Tafel und beim ſprudelnden Champagner nicht vergißt. Dieſes Feſt ſollte vielmehr 4 57 ſo ganz das Gegentheil ſein, ſo zu ſagen ein bürger⸗ liches deß⸗ eine gemüthliche Feier, bei der es weder auf Rang und Titel, noch auf Ordensſterne und äußere Würden ankommen werde. Der Erzherzog hatte nur ſeine Freunde zu ſich geladen, und dieſe Freunde ge⸗ hörten keineswegs nur den höchſten, oder auch nur ausſchließlich den ariſtokratiſchen Ständen an. Erzherzog Johann beſaß vielmehr der Freunde in allen Schichten der Geſellſchaft, unter der Ariſtokratie ſowohl, wie unter den Handwerkern und Bürgern, unter den Beamten ſowohl, wie unter den Künſtlern, den Dichtern und Schauſpielern. Und aus allen dieſen Schichten der Geſellſchaft hatte er ſeine Freunde ein— geladen, damit ihre Liebesgrüße und ihre Segens⸗ wünſche ſeinem neuen Hauſe gewiſſermaßen die Taufe der Liebe geben möchten. Es war am ſpäten Nachmittag; der Erzherzog hatte noch einmal, begleitet von ſeinem Haushofmeiſter, einen letzten Umgang durch die Säle gemacht, und alle Vorbereitungen und Anſtalten für den heutigen Abend in Augenſchein genommen. Er hatte Alles zu ſeiner Befriedigung gefunden; die Säle waren feſtlich ge⸗ ſchmückt mit Blumen und Feſtons, an den großen Kronleuchtern von Bergkryſtall waren gleich einem 58 kampfbereiten Regiment lange ſchlanke Wachskerzen zum Dienſt des heutigen Abends aufgeſtellt, h Nedte waren ihrer Hüllen entkleidet, und prangten in reicher Vergoldung und mit goldgeſtickten Seidenbezügen. Ueber die parquettirten Fußböden waren hier und da koſtbare türkiſche Teppiche ausgebreitet, an den Wänden hingen ſchöne Gemälde alter und neuer Meiſter, auf den Marmortiſchen lagen Mappen mit Kupferſtichen und Handzeichnungen, und die neueſten Erzeugniſſe der Li— teratur. In einem anderen Saal befanden ſich einige muſikaliſche Inſtrumente, ein ſchöner Flügel, einige Violinen, ein Cello, eine Cyther, und auf einem kleinen Tiſchchen lagen mehrere der kleinen zierlichen Inſtru⸗ mente, welche nur die Tyroler zu ſpielen verſtehen, und denen man den wenig äſthetiſchen Namen„Maul⸗ trommel“ gegeben hat. Von dieſem Muſikſaal gelangte man in den Billardſaal, an deſſen beiden Seitenwänden zwei Billards aufgeſtellt waren, und von dem man wiederum in einen andern größern Saal, den Theater⸗ ſaal, gelangte. Der Theaterſaal ſchloß die Reihe dieſer ſchönen und geſchmackvoll decorirten Gemächer ab, und in dem Theaterſaal ſollte heute die Krone des Feſtes ſein, denn dort wollte man zur Feier des Tages ein Schauſpiel aufführen, das der Freiherr von Hormayr 59 gedichtet, in welchem die erſten und gefeiertſten Nimee des Wiener Burgtheaters auftreten ſollten. Nachdem der Erzherzog Johann alle dieſe Säle durchwandert war, begab er ſich hinunter in den Gar ten, um die Vorbereitungen zu der großen Illumina tion und dem Feuerwerk zu muſtern, mit welchem die Feſtlichkeiten ihren Abſchluß erhalten ſollten. Dann wandte er ſich mit einem leichten Kopfnicken an den Haushofmeiſter, der mit ängſtlicher Aufmerkſamkeit die Mienen ſeines Herrn beobachtet hatte, um aus ihnen ſeinen Beifall oder Tadel zu leſen. Ich danke Ihnen, lieber Ruhberg, ſagte Johann freundlich, Sie haben Ihre Arrangements vortrefflich gemacht, und Alles iſt mit dem feinſten Geſchmack und der größten Geſchicklichkeit geordnet. Sorgen Sie nur, daß wir auch des Genießbaren und Erfriſchenden ge nugſam haben, und daß keiner meiner Gäſte mit leerem und unbefriedigtem Magen von dannen geht. Gnädiger Herr, im großen Speiſeſaal ſind vier große Buffets errichtet, und man wird auf denſelben Alles finden, was die Eßluſt reizen und den Appetit des gelehrteſten Gourmands befriedigen kann. Rhein wein und Champagner wird im Ueberfluß vorhanden 60 Aufmerkſamkeit alle leeren Gläſer zu fü und auch dem Durſtigſten ein Genüge zu thun. Ich danke Ihnen, Sie haben wirklich an Alles ge⸗ dacht, und Alles vortrefflich arrangirt, ſagte der Erz⸗ ſein, die Bedienten ſind angewieſen, 9h größten herzog lächelnd. Wir haben alſo für das Vergnügen meiner Gäſte Alles gethan, was in unſeren Kräften ſtand, und wenn ſie ſich dennoch nicht amüſiren ſollten, ſo iſt das nicht unſere Schuld. Sie werden ſich amüſiren, Kaiſerliche Hoheit, oh, ſie werden ſich mehr als amüſiren, ſie werden beſeeligt ſein, rief der Haushofmeiſter eifrig. Schon der Ge⸗ danke, bei Ew. Kaiſerlichen Gnaden erſcheinen zu dürfen, wird für alle Ihre Gäſte ein Quell des Entzückens ſein, und— Ach, rechnen Sie nicht zu beſtimmt darauf, mein Lieber, unterbrach ihn der Erzherzog, ſondern ſorgen Sie ja, daß neben dieſem Quell des Entzückens der Quell des Weins niemals verſiege. Aber ſagen Sie doch, hat der Herr Staatsrath von Hudeliſt keine Botſchaft geſandt? Er hatte, wie mich dünkt, meine Einladung nicht ſogleich angenommen, ſondern ſich ver⸗ leugnen laſſen. Der Herr Staatsrath hat aber ſo eben hergeſchickt b 61 und melden laſſen, daß er die Ehre haben wird, der Einladung des Herrn Erzherzogs Folge zu leiſten, er— wiederte der Haushofmeiſter. Oh, das iſt gut, rief der Erzherzog mit dem An⸗ ſchein der Freude. Ihnen, mein lieber Ruhberg, em pfehle ich den Herrn Staatsrath ganz beſonders. Sorgen Sie perſönlich für ihn, bedienen Sie ihn, als wenn er der Kaiſer ſelber wäre. Suchen Sie ſeine leiſeſten Wünſche zu errathen, und befriedigen Sie dieſelben. Der Herr Staatsrath von Hudeliſt iſt ein ausgezeichneter Weinkenner, und das iſt natürlich, denn er war eines Tages der Oberaufſeher des Weinkellers von unſerm Geſandten in Rom, dem Biſchof Hrcezan. Bemühen Sie Sich alſo, ihm die ausgezeichnetſten Weine vorzuſetzen, und da der Herr von Hudeliſt, wie man mir geſagt hat, die Karten liebt, ſo ſorgen Sie, daß er ein ruhiges Zimmer finde, wo eine Spielpartie ſich niederlaſſen kann. Und jetzt, mein lieber Ruhberg, laſſen Sie mein Cabriolet vorfahren. Einige Minuten ſpäter rollte das Cabriolet des Erzherzogs, von ihm ſelber geleitet, in raſchem Lauf durch die Straßen Wiens. Wo die Leute ihn erkannten, blieben ſie ſtehen und begrüßten mit freudigen Geſich⸗ tern den Vorübereilenden, der ſich freundlich dankend 62 hierhin und dorthin verneigte, und deſſen Geſicht von. i Heiterkeit und Frohſinn zu ſtrahlen ſchien. Vor einem d kleinen hübſchen Hauſe in der Leopoldsvorſtadt hielt S ei der Erzherzog jetzt ſein Cabriolet an; dem Groom, der hinter ihm geſeſſen, die Zügel hinwerfend, ſprang G er aus dem Wagen und eilte in das Haus, deſſen verſchloſſene Thür ſich ihm wie von ſelbſt aufthat. Niemand empfing ihn auf dem kleinen Hausflur, Nie⸗ J mand geleitete ihn die Stiegen hinauf, und auch in d dem kleinen Vorſaal, in den er jetzt eintrat, zeigte ſich W kein lebendes Weſen. f Der Erzherzog lächelte. Sie will von mir über⸗- raſcht werden, um deſto beſſer die Entzückte ſpielen zu n können, ſagte er leiſe vor ſich hin. Nun, meinetwegen, machen wir ihr doch das Vergnügen! 1 Er hob leiſe die Portière auf, die vor der Thür V d am anderen Ende des Gemachs ſich befand, und das Schloß. dieſer Thür geräuſchlos aufdrückend, trat er u jetzt in ein Boudoir von der koketteſten Eleganz und der reizendſten Zierlichkeit. Die Wände dieſes Bou( doirs waren mit roſa Seidenzeug bekleidet, über wel chem in feinen künſtlichen Falten Draperien von weißem Mouſſeline ſich hinzogen, deren Feſtons hier und da von großen Bouquets künſtlicher Roſen auf der Seiden⸗ 63 wand befeſtigt waren. Zwiſchen dieſen Draperien waren auf allen vier Seiten des Gemaches große Spiegel angebracht, die von der Erde bis zur Decke emporreichten, und neben deren prachtvollen geſchnitzten Goldrahmen ſich zu beiden Seiten ſchöne broncene Wandleuchter befanden. Der Fußboden war bedeckt mit einem Teppich, auf deſſen weißem Grunde köſtliche Roſenbouquets gewirkt waren, und die Meubles von duftendem Roſenholz waren mit roſa Atlas überzogen. Wenn man in dieſes reizende roſige Gemach eintrat, fühlte man ſich wie in die Mährchen ſeiner Kindheit verzaubert, und blickte ſuchend und träumend umher nach der Roſenfee, die allein in dieſem Tempel der Roſen wohnen konnte. Und allerdings, die Roſenfee war da, aber ſie that, was die Roſenfeen der Mähr⸗ chen niemals thun, ſie weinte. Dort drüben auf jenem Kanapee, in der mit rothen und weißen Feſtons und Roſen ſo reizend decorirten Niſche, dort lag die Roſenfee, die ſchönen ſchlanken Glieder umhüllt von duftigen weißen Gewändern, die wie durchſichtige Wolken über ſhr Kleid von roſa Atlas niederfloſſen, die kleinen Füßchen bekleidet mit weißen goldgeſtickten Atlaspantoffeln, das blonde Haar aufgelöſt und wie ein goldſchimmernder Mantel niederfließend 64 über ihren leuchtenden Nacken und die vollen ſchönen Arme. Das Haupt hatte ſie zurückgelehnt an die Kiſſen des Divans, die großen ſchwarzen Augen ſtarrten zum Himmel empor, den vollen friſchen Lippen entquollen Seufzer und Klagelaute, und auf den zarten roſigen Wangen ſtanden Thränen, die langſam wie glänzende Perlen auf ihren Buſen niederrollten. So ganz vertieft war die trauernde Roſenfee in ihren Schmerz, daß ſie das Eintreten des Erzherzogs gar nicht gehört hatte und gar nicht ahnte, daß ſie für ihre Klagen einen Zuhörer, für ihre Thränen einen Zeugen hatte. Freilich machte der weiche ſchwellende Fußteppich die Schritte des Erzherzogs unhörbar, und außerdem bemühte er ſich ganz geräuſchlos der trauernden Schönheit ſich zu nähern, und gar nicht von ihr be— merkt zu werden. Jetzt ſtand er dicht hinter ihr, und die Arme in— einander geſchlagen, ſchaute er zu ihr nieder mit einem leiſen Lächeln. Oh mein Gott, flüſterte ſie ſchmerzlich aufſeufzend, er kommt noch immer nicht, er läßt mich heute wie geſtern allein, er hat mich vergeſſen, verlaſſen! Und ich liebe ihn, ich liebe ihn grenzenlos, ich werde ſterben an dieſer Liebe! n n 7 65 Sie ſchlug mit einer ungeſtümen Bewegung ihre beiden von Brillantringen funkelnden Hände vor ihr Angeſicht, und ächzte laut. Er liebt mich nicht! Er liebt mich nicht! ſtöhnte und wimmerte ſie. Er hat mich aufgegeben, verrathen an eine Andere! Aber wo iſt ſie, die mir ſein Herz geſtohlen hat! rief ſie auf einmal ſtürmiſch laut, wo iſt die Verrätherin, die mir das Herz meines Johanns entriſſen hat? Ein lautes Lachen, das hinter ihr erſchallte, machte ſie erbeben und ſich umſchauen. Nun ſchoß ein Blitz des Zornes und des Entzückens zugleich aus ihren ſchönen Augen, ein leiſer Schrei tönte von ihren Lip⸗ pen, wie eine Gazelle ſo leicht und anmuthig ſprang ſie von dem Divan empor und zu dem Erzherzog hin. Dann legte ſie ihre beiden Hände auf ſeinen Arm, und ſchaute mit einem Ausdruck unendlicher Liebe und Wehmuth in ſein lachendes Angeſicht. Sie ſind da, mein Geliebter, endlich da, ſeufzte ſie. Sie überraſchen mich, indem ich weine und klage, und Sie lachen? Roſabella, meine Holde, ſagte der Erzherzog leicht⸗ hin, ich lache ja nicht über Dich, ſondern nur über mein eigenes proſaiſches Mißgeſchick. Deine Liebes— Mühlbach, Erzh. Johann u. Metternich. I. 5 ————. 66 klage war ſo poetiſch, ſo thränenfunkelnd, und zephyr⸗ ſeufzerreich, daß man hätte glauben ſollen, die Roſen⸗ fee klage in ihrer Grotte um den treuloſen Mondkönig, oder um den ſchönen reizenden König der Elfen, den Oberon. Aber nein, ſie trauert um ein Menſchen⸗ geſchöpf, das Johann heißt, wie der berühmte mun⸗ tere Seifenſieder. Siehſt Du, meine liebreizende Roſabella, das allein machte mich lachen, das rief mich aus dem reizenden, poetiſchen Mährchen, welches Du mir da vorſpielteſt, in die allerproſaiſcheſte Wirklichke it zurück. Hätte Ich das Glück, Oberon oder Rinaldo oder Endymion zu heißen, ſo würde ich im Stande geweſen ſein, Dein Mährchen für Wahrheit zu halten, ſo wundervoll haſt Du geſpielt, aber vor dem Namen Johann erbleichen alle Mährchen, und die lieblichſte Poeſie wird dabei zur lächerlichen Proſa. Sage ſelbſt, Roſabella, klingt es nicht komiſch, wenn man, wie Du, im höchſten Pathos ruft: Wo iſt die Verrätherin, die mir das Herz meines Johanns entriſſen hat? Sie ſind grauſam, doppelt grauſam, flüſterte Roſa⸗ bella, und ihre Augen füllten ſich wieder mit Thränen. Sie verſpotten nicht nur meinen Schmerz, ſondern Sie glauben auch nicht an ihn. Ach, es war kein Mähr chen, das ich Ihnen da vorſpielte, ſondern die reine, 67 ſchmerzvolle Wahrheit. Und wie hätte es auch anders ſein können? Ich glaubte mich ja ganz allein, und ahnte nicht einmal, daß Sie mir nahe waren! Du ahnteſt es nicht? fragte Johann lächelnd, in— dem er auf den großen Spiegel deutete, der gerade dem Kanapee gegenüber angebracht war, und das ganze Zimmer reflectirte. Du ahnteſt nicht, daß ich in Dei⸗ ner Nähe war? Du haſt Recht, Du ahnteſt es nicht, ſondern Du wußteſt es ganz gewiß, denn Du mußteſt mich in jenem Spiegel ſehen. Ich ſah nichts, denn meine Augen waren von Thränen umdüſtert, ſeufzte Roſabella. Nun denn, mein holder Engel, warum weinteſft Du? fragte der Erzherzog, die ſchöne Roſabella ſanft an ſich ziehend, und einen flüchtigen Kuß auf ihre Stirn drückend. Ich weinte, weil Sie mich nicht mehr lieben, Ho heit, weil Sie mich ſeit drei Tagen vergeſſen haben. Mein Herz war voll Verzweiflung und Schmerz, denn Sie wiſſen es wohl, ich liebe Sie. Sie ſind für mich nicht der Erzherzog, nicht der Bruder des Kaiſers, ſondern blos— Blos der Johann Deines Herzen⸗“ unterbrach ſie der Erzherzog lächelnd, indem er ihr langes aufgelöſtes *. 0 68 Haar in ſeine beiden Händen faßte, und es an ſeine Lippen drückte. Nun klage nicht mehr, Roſabella, denn Du ſiehſt, ich bin wieder da, ich habe Dich nicht ver⸗ geſſen, und keine Verrätherin hat Dir das Herz Dei⸗ nes Johanns entriſſen. Alſo trockne die Thränen, Roſenfee, laß mich wieder Dein ſchalkhaftes Lächeln ſehen, das ſo allerliebſt die beiden Grübchen auf Dei nen Wangen hervorruft, und mit denen Du allabend⸗ lich das Publikum enthuſiasmirſt, und einen wahren Beifallsſturm erregſt. Komm, meine liebliche Prima donna aller irdiſchen Ballette, komm, laß uns hier niederſitzen auf dem Kanapee, auf welchem Du eben, wie Dido um ihren Aeneas, um Deinen Johann ge klagt haſt, und nun keine Klagen, keine Vorwürfe mehr! Ich konnte nicht zu Dir kommen, denn ich hatte, wie ein armer Sterblicher, dem nicht gleich der Schnecke ein Haus auf dem Rücken gewachſen iſt, damit zu thun, mir ein Haus einzurichten, und mir eine Woh nung zu bereiten. Du weißt es ja, in dem Hauſe meiner Väter, in der großen Kaiſerburg, war kein Raum für den armen Erzherzog Johann, man wies mich hinaus, man ließ es mich ſo lange empfinden, daß ich ein Uc rläſtiger, ein Aufdringling ſei, daß ich 8 —y 69 mich endlich wohl entſchließen mußte, mir anderswo ein Haus zu ſuchen. Es iſt ſchändlich, es iſt unerhört, rief Roſabella ſchmerzlich, der Bruder des Kaiſers muß die Kaiſer⸗ burg verlaſſen. Oh, wie ich den Kaiſer haſſe, deſſen hartes, gefülloſes Herz das fordern konnte. Aber er iſt kalt und grauſam, er hat keine Liebe zu ſeinen edlen Brüdern, ſondern nur Eiferſucht, nur— Still, unterbrach ſie Johann ernſt, kein Wort gegen den Kaiſer. Ich liebe ihn als meinen Bruder, ich ehre ihn als meinen Kaiſer, ich gehorche ihm als meinem Herrn, und nie werde ich es wagen, zu tadeln und zu ſchmähen, was er thut. Er fand, daß es beſſer für mich ſei, wenn ich ſelbſtſtändig werde, und ein eigenes Haus begründete, und gewiß hat er darin Recht gehabt. Nein, er hat nicht Recht gehabt, rief Roſabella eifrig. Er hätte, wenn kein Platz in der Kaiſerburg war für den edlen Erzherzog Johann, ihm wenigſtens einen Palaſt kaufen und ihm denſelben zum Geſchenk machen ſollen, ſammt einer prachtvollen und kaiſerlichen Einrichtung. Ach, mein theurer Bruder, der Kaiſer, hat kein Geld zu ſolchen Allotria's, rief Johann achſelzuckend. 70 E„* e. Der Krieg hat ſeine Kaſſen geleert, und ſie wollen ſich auch jetzt, trotz des Friedens, noch immer nicht wieder füllen. Wir ſind arm, meine reizende Roſabella, und ich habe, um mir mein Haus zu kaufen, Schulden machen und Gelder leihen müſſen, denn mein Vermögen reichte nicht aus, um das Palais des Fürſten Kaunitz, des Miniſters meiner Großmutter, zu bezahlen. Aber Sie können reich ſein, wenn Sie nur wollen, mein edler geliebter Prinz, flüſterte Roſabella, indem ſie ihr Haupt an des Erzherzogs Bruſt ſchmiegte. Wie denn, mein holder Engel? fragte Johann lächelnd. Wo iſt die verborgene Goldmine, die ich mir öffnen könnte. Sie iſt in Tyrol, ſagte Roſabella, mit einem flam⸗ menden Blick zu Johann emporſchauend. In Tyrol? fragte er verwundert. Tyrol iſt ein armes Land, und wenn es dort Goldminen gäbe, ſo würden ſie doch meinem Bruder, dem Kaiſer, gehören, nicht mir, nicht dem armen Erzherzog Johann. Nein, mein theurer Fürſt, die Goldminen Tyrol's gehören Ihnen, dieſe Goldminen, ſie fließen in den Herzen der Tyroler, der Schatz, der Sie dort erwartet, das iſt die Liebe dieſes hochherzigen treuen Volkes, das nichts Höheres erſehnt, als daß ſein Hannes zu —— 71 ihm komme, und die alte Burg Tyrol wieder aufbaue, um in ihr als ihr Herzog von Tyrol zu wohnen. Oh, mein ſchöner, vielgeliebter Fürſt, hören Sie nur auf den Ruf Ihrer Getreuen, faſſen Sie nur den Entſchluß, ſich das goldene Fürſtenhaus ſelber begründen zu wollen, und wie durch ein Wunder werden die Wände Ihres Palaſtes emporſteigen, und als ein freier ſelbſt— ſtändiger Herrſcher wird mein hoher Geliebter einziehen in die Burg, welche ihm die Liebe ſeiner Unterthanen bereitet hat. Wie? rief der Erzherzog erſtaunt. Meine Roſenfee treibt Politik? Roſabella Valzerini, die erſte Ballet— tänzerin Neapels, beſchäftigt ſich, ſtatt mit Liebesgedichten Ihrer Anbeter, mit der ernſten Politik, und ſinnt dabei ſogar auf Verſchwörungen? Signora Roſabella Valzerini, die erſte Ballettänzerin Neapels, iſt eine Deutſche, ſagte Roſabella lächelnd, mehr noch, ſie iſt eine Tyrolerin, und wenn auch ihr Vater ſich unter die Schweizer des Königs von Neapel anwerben ließ, ſo nahm er doch ſein treu' Tyrolerherz nach Neapel mit und daſſelbe treue Herz ſchlägt in dem Buſen ſeiner Tochter. Oh, ich bin ſelig, eine Tyrolerin zu ſein, denn dieſem Umſtand allein verdanke ich es ja, daß Sie mich Ihrer Theilnahme würdigten, ————B—B—B—Z—L— 72 daß die ernſten und düſtern Augen des gelehrten und u- tugendreichen Erzherzogs Johann ſich herabließen mich J anzuſchauen, daß er mich nicht zurückwies, als ich ihm meine Empfehlungsbriefe von den Freunden meines n Vaters, den tapfern Tyroler Helden Johann Panzl, 1 Jacob Sieberer und Jacob Eiſenſtecker brachte. Ja, 1 Gott ſei Dank, ich bin eine Tyrolerin, johi, joha, bin b( ein Tyroler Madela! b Und mit einem lauten, jubelnden Jodler ſprang— Roſabella empor und tanzte wie in einer Extaſe des Entzückens eine Art Tarantella, wie man ſie in den Thälern von Welſchtyrol von den jungen Burſchen und Mädchen bei der Kirmes tanzen ſieht. Dann warf ſie ſich ganz erſchöpft und athemlos wieder auf das Kanapee und richtete ihre flammenden Blicke mit einem ſchmachtenden Ausdruck auf den Erzherzog hin. Er nickte ihr lächelnd zu. Ein reizender Dämon biſt Du Luft Neapels hat Dein Blut und Deine Haut durch u, ſagte er heiter, aber keine Tyrolerin. Die glüht, und was auch immer Dein Taufſchein ſagen mag, die kleine Roſel Valzer, die ich vor ſechs Jahren im Engaddin geſehen, hat doch keine Verwandtſchaft mehr mit Signora Raſabella Valzerini, die aus Neapel zu 73 uns nach Wien gekommen iſt, und hier die Herzen aller Männer, ſogar das meine, ſich unterthan gemacht hat. Was kümmern mich die Herzen der andern Männer, nur das Ihre will ich, mein Fürſt, mein Gebieter, mein Meiſter, rief Roſabella leidenſchaftlich, indem ſie ihre beiden vollen ſchönen Arme um den Nacken des Erzherzogs ſchlang, nur Ihre Liebe allein will ich beſitzen, aber ganz ungetheilt, wie man den ganzen Himmel, die ganze Seligkeit ſich erſehnt. Und liebe ich Dich denn anders, Roſabella? fragte Johann, ſie an ſich drückend. Weißt Du nicht, Du holde Roſenfee, daß Dir mein ganzes Herz gehört? Das Herz wohl, aber nicht der Kopf, ſagte ſie traurig. Das heißt, rief Johann lächelnd, ich habe auch den Kopf verloren, weil ich mein Herz an Dich ver⸗ loren habe. Die Liebe zu meiner Roſenfee hat meine Vernunft bethört, und ich habe es gewagt, dem Zorn des Kaiſers zu trotzen, indem ich öffentlich vor aller Welt mein Herz zu den Füßen der ſchönen Signora Valzerini niederlegte. Und ich habe dies Herz aufgehoben als meinen köſt lichſten Schatz, mein höchſtes Beſitzthum, rief Roſabella feurig. Ich ſchmücke mich damit, wie die Königinnen 74 von Frankreich mit dem wundervollen Brillanten ſich ſchmückten, dem man den Beinamen„der Regent“ gegeben. Ach, ich kann Dir freilich wenig andere Brillanten bieten, Roſabella, ſagte der Erzherzog achſelzuckend. Du biſt wirklich die großmüthigſte und uneigennützigſte der Roſenfeen des Theaters, daß Du einen Liebhaber wählſt, der nicht halb ſo viel beſitzt, als irgend einer der Banquiers und jüdiſchen Barone, die nur auf den Moment der Gnade lauern, um Dir ein fürſtliches Vermögen zu Füßen zu legen. Verlaß mich, Roſabella, verſchließe mir Deine Thür, denn ich bin Deiner Liebe nicht werth, ich bin arm, ich bin machtlos, und ich heiße Johann. Daß Sie arm ſind, wie Sie ſagen, das macht mich glücklich, ſagte Roſabella lächelnd, denn dem reichen Erzherzog würde es ſchwer ſein, zu beweiſen, daß man ihn liebt. Er würde niemals an die Wahr heit meiner Zärtlichkeit glauben, und würde meine Liebe für die Procente halten, die ich ihm für das Capital ſeiner Reichthümer abzahle. Ich bin, Dank ſei es meinen Füßen, meinen Entrechats und meinem hübſchen Lärvchen, reich genug, um alle Banquiers und alle jüdiſchen Barone verachten zu können, und aus freier 70 Wahl mich Dem zu ſchenken, den ich liebe, den ich anbete wie meinen Gott, wenn er auch Johann heißt. Sprechen wir alſo nicht mehr von Ihrer Armuth, die Sie leider doch nicht verhindert, mir die glänzendſten Geſchenke zu machen. Sprechen wir aber davon, daß Sie ſich machtlos nennen. Oh, mein edler, theurer Herr und Gebieter, wollen Sie nur mächtig ſein, und Sie ſind es. Ich wiederhole es Ihnen, Tyrol erwartet ſeinen Fürſten, es iſt bereit für ſeinen lieben Hannes ſich zu erheben, und ihn zu ſeinem König, ſeinem Herrn zu erwählen. Und woher weißt Du das, meine Königin? fragte Johann, indem er tändelnd ihr das lange Haar um den Hals legte, wie eine goldene Schlange. Wer giebt Dir alle dieſe Botſchaft aus Tyrol? Die Freunde, die auf den Fürſten hoffen, von dem Sie wiſſen, daß er mich ein wenig liebt, ſagte Roſa⸗ bella lächelnd. Täglich empfange ich Botſchaften und Briefe, und der Liebesſchrei, die Sehnſuchtsklage von ganz Tyrol ſpricht zu Ihnen durch meinen Mund. Oh, ſagen Sie ein Wort, ein einzig Wort, ſagen Sie: Ich will kommen! und ganz Tyrol ſteht auf, und in den Bergen und Thälern Tyrols wird man ein Gegen⸗ ſtück liefern zu der berühmten ſicilianiſchen Vesper, V 76 mit welcher die Sicilianer ſich frei machten von den Banden der Franzoſen. Sagen Sie: Ich komme! und ganz Tyrol zieht Ihnen jauchzend entgegen, um Sie zu begrüßen als den gottgeſandten Befreier vom Joch der Franzoſen, als den geliebten Herrn, der als freier Fürſt wieder herrſchen ſoll über das freie Ty rol, und— Still, unterbrach ſie der Erzherzog ſtrenge, kein Wort weiter, Roſabella, denn jedes Wort wäre für mich eine Beleidigung, für Dich ein Verbrechen. Aber da Du einmal dieſes gefährliche Thema berührt haſt, ſo laß mich Dir ein für alle Mal ſagen, was ich denke, und was meine feſte Willensmeinung iſt. Du biſt die Tochter eines Tyrolers, und es iſt nun einmal Deine Caprice, Dich in die Begeiſterung der Tyroler hinein ſchwindeln zu wollen. Ich aber, meine holde Roſa⸗ bella, meine ſchöne in's Italieniſche überſetzte Tyrolerin, ich theile dieſe Begeiſterung nicht. Ich bin ein nüch terner Menſch und ich ſehe daher die Dinge, wie ſie ſind und nicht wie ſie ſein ſollten. Ich habe das ſchöne Tyrol immer geliebt, und ich würde glücklich ſein, wenn ich ihm angehören, und die Verſprechungen erfüllen könnte, die ich ihm zwei Mal gemacht, und die leider niemals zur Wahrheit und That haben n n 77 werden wollen. Aber ich habe mich geduldig in mein Schickſal ergeben, und da es gewollt hat, daß ich zwei Mal ohne mein Verſchulden an Tyrol zum Meineidigen und Wortbrüchigen geworden, ſo möchte ich nicht zum dritten Mal einen Weg betreten, auf dem es für mich ſtatt der Lorbeeren nur Dornen, ſtatt der Erfolge nur Enttäuſchungen giebt. Tyrol hat von mir nichts mehr zu hoffen, und zu erwarten, denn ich habe für immerdar mein Geſchick angenommen, ich bin nur noch der demü⸗ thige, ergebene und gehorſame Diener meines Herrn, des Kaiſers, und will nichts Anderes mehr ſein. Wollte ich dem Rufe Tyrols mein Ohr öffnen, und ihm folgen, ſo wäre ich von dem Moment an, wo ich die Grenzen Tyrols überſchritte, ein Verſchwörer und Rebell, und wie ſehr dies auch meinen Feinden willkommen ſein möchte, ſo ſträubt ſich doch mein Herz und mein Gewiſſen dagegen, an meinem Kaiſer und meinem Bruder zum Verräther zu werden. Es iſt wahr, Jedermann weiß, daß der Kaiſer mich, wie alle ſeine Brüder, nicht liebt, aber das hindert doch nicht, daß ich ihn liebe, daß ich ihm meine Treue und meinen Gehorſam rein und fleckenlos bewahre mein Leben lang, das hindert doch nicht, daß ich meine Pflicht erfülle, wie herbe und bitter ſie mir auch zu— 78 weilen erſcheinen mag. Noch einmal, Tyrol hat nichts von mir zu hoffen, denn ich gehöre nicht Tyrol, ſondern 3 f meinem Kaiſer, und was der mir befiehlt, das allein werde ich thun. Wenn Er mich einſt nach Tyrol ſendet, ſo werde ich hingehen, aber ohne ſeinen Befehl nicht einen Schritt, und wüßte ich auch, daß ich mir in Tyrol die Krone von ganz Deutſchland erwerben könnte. Ich habe aber keinen andern Ehrgeiz mehr, als der treue Diener und Vaſall meines Kaiſers zu ſein, und darin ſind alle meine anderen Wünſche und Hoffnungen untergegangen. Sage das Denen, welche ſich an Dich gewandt haben, und durch Deinen holden Mund mich zu tollkühnen Thaten verleiten möchten. Sage ihnen, ich wolle und könne nichts mehr mit den Tyrolern zu ſchaffen haben, ſie könnten mich deshalb 3 verachten, wenn's ihnen beliebt, aber ſie ſollen nicht ſagen können, daß ich zum Hochverräther und Rebellen 8 gegen meinen Kaiſer geworden. Und nun, meine lieb⸗ reizende Zauberin, nun laß die Rolle eines Verſchwö⸗ rers und Politikers fahren, wirf die häßliche, gries⸗ 1 grämliche, diplomatiſche Maske ab, und laß mich wieder Dein ſchalkhaftes, liebreizendes Angeſicht ſehen, das 1 freilich auch nur eine Maske iſt, eine Engelsmaske für den Dämon, der in Dir wohnt. Aber ſelbſt der Dämon iſt mir lieber, als der Diplomat und Politiker. Ich habe nichts mehr zu ſchaffen mit der Politik, und ich bin deſſen froh. So lange ich mich noch um die Politik bekümmerte und Theilnahme hatte für die Ge⸗ ſchicke der Völker, ſo lange war ich ein trauriger, griesgrämlicher, mit ſich, mit Gott, dem Kaiſer und der ganzen Welt zerfallener Menſch, der ſeine Tage in Schwermuth, ſeine Nächte in Weinen und Seufzen hinbrachte. Da eines Tages kam die Erkenntniß über mich, und ich glaube, ich ſchöpfte ſie mir aus Deinen Augen, meine holde Roſabella. Aus meinen Augen? fragte Roſabella mit einem bezaubernden Lächeln. Was für eine Erkenntniß ſchöpften Sie aus meinen Augen? Die Erkenntniß, meine Roſenfee, daß Dexjenige ein Thor iſt, der die Dinge dieſer Welt ernſthaft nimmt, und nicht, wie Du, über den Stein des Anſtoßes, und durch das Drama des Lebens, mit einem Entrechat hinweghüpft. Ich ſah Dich zuerſt in einem jener reizenden Ballets voll Schwermuth und Schalkhaftigkeit, voll Entzücken und Verzweiflung, wie der große Veſtris ſie erfunden hat. Ich ſah Dich als verlaſſene Ge⸗ liebte Deinen Schmerz und Deine Verzweiflung mit ſolcher Grazie und Kunſtfertigkeit tanzen, Deine Todes⸗ 80 pein ſo empfindungsvoll mit Pirouetten und Bein⸗ ſchwenkungen ausdrücken, daß alle Welt erſt in Thränen zerfloß und dann in ſtürmiſchen Jubel ausbrach. Und dieſer Jubel kam auch in mein Herz, und ich ſagte mir: Ueberlaſſen wir es doch fortan den Füßen, Tra⸗ gödien aufzuführen, und Verzweiflung und Weltſchmerz zu empfinden, aber halten wir unſere Herzen frei und leicht, und verjagen wir die Sorgen aus unſern Köpfen in die Füße, das iſt viel bequemer und viel unterhal⸗ tender. Hüpfen wir, wie die ſchöne Roſabella Valzerini, durch allen Jammer und alle Verzweiflung hindurch, und wenn wir zufällig an einem Abgrund vorüber— kommen, ſo ſchwingen wir uns mit einem philoſophi⸗ ſchen Entrechat drüber hinweg.— Das iſt ſeitdem meine Philoſophie geworden, und ich habe mich ſehr gut dabei befunden. Ich begann mein neues Leben gleich damit, daß ich alle Sorgen zum Fenſter hinaus⸗ jagte, und die Liebe in mein Herz einziehen ließ, die Liebe zu Dir, meine reizende Roſabella. Du kamſt zu mir, um mir die Briefe und geheimen Botſchaften Deiner tyroliſchen Freunde zu bringen, und daß Tyrol ſich ſeinen diplomatiſchen Abgeſandten unter den rei⸗ zenden Vertreterinnen des Corps de Ballet geſucht, das verſcheuchte den letzten Reſt von Melancholie aus meinem Herzen. Ich nahm mir vor, es zu machen, wie Tyrol, und alle meine Sorgen und Kümmerniſſe meiner ſchönen Roſabella zu Füßen zu legen, als Opfergabe meiner Liebe. Du, mein holder Engel, nahmſt dies Opfer an, und ſo bin auf einmal der leichtſinnige, vergnügungsſüchtige Menſch geworden, als welchen Wien mich jetzt kennt, und als welchen ich meinem edlen, tugendhaften Kaiſer vielleicht zuweilen einiges Aergerniß gebe.— Da haſt Du, allerſchönſte Zauberin, mein ganzes Glaubensbekenntniß! Offen und unverhohlen, wie meinem politiſchen Beichtvater, habe ich Dich mein Herz ſehen laſſen, und nun, Theure, laß es für immer genug ſein, und ſprich mir nie wieder von Tyrol und den Verſchwörern und Rebellen, welche es dort noch wagen, ſich gegen den König von Baiern, ihren Landesherrn, aufzulehnen, und noch immer auf die Wiederkehr öſterreichiſcher Herrſchaft hoffen. ſind müßige Träume, bei denen man nichts erreicht, D D as als ein gefahrvolles Erwachen, wie der Nachtwandler, der ſchlafend an einem Abgrund dahin geht, wenn er erwacht, aber hinabſtürzt, und ſeine Träume mit ſeinem Leben bezahlt.— Und nun, Holdſeligſte, laß mich Dir Lebewohl ſagen. Ich kam nur, um meinen Augen ein Feſt zu bereiten, indem ſie Dich anſchaueten, und meinem Mühlbach, Erzh. Johann u. Metternich. I. 6 —— 82 Herzen einen Sonnenſtrahl aus Deinem Lächeln zu gewinnen. Aber Du hatteſt heute einen häßlichen, politiſchen Schleier über Deine liebreizende Geſtalt geworfen, und das hat mir die Freude verdorben. Zerreiß den Schleier, Kind, wirf ihn zu den Todten, die wir in den Jahren der vergeblichen Befreiungs⸗ verſuche in Tyrol begraben haben, und laß uns fortan das Leben genießen in all' ſeiner Heiterkeit und ſeiner Pracht. Gott hat die Welt geſchaffen zu einem großen Ballſaal für die Menſchheit. Thöricht Diejenigen, welche, ſtatt zu tanzen, ſich in irgend eine ſtille Höhle zurück— ziehen, oder mit ernſthaft gemeſſenem Schritt durch das Leben gehen wollen. Nein, nein, mein reizender Engel, das Leben ſei uns ein Feſt, ein ewiges nie endendes Feſt, zu dem wir uns mit Roſen ſchmücken, und wenn dieſe verblüht ſind Zuflucht nehmen. ,ſtatt deſſen zu Diamanten unſere Da ſind einige von dieſen Diamanten, laß ſie an Deinem Buſen funkeln wie Thautropfen auf dem Kelche einer Roſe. Er zog aus ſeinem Buſen ein rothes Maroquin— Etui hervor, und reichte es der ſchönen Roſabella dar. Sie ergriff es mit einer haſtigen Bewegung und drückte den Deckel auf. Ein Ausdruck lebhafter Freude ſprach aus ihrem ſchönen Antlitz, als ſie die koſtbare, aus 9 83 den herrlichſten Brillanten und Rubinen zuſammenge⸗ ſetzte Buſennadel erblickte, welche ſich in dem Etui be— fand, aber Roſabella bemeiſterte dieſe Regung ſchnell, und ihre Züge wurden wieder ernſt und trübe. 1 Ich kann dieſes koſtbare Geſchenk nicht annehmen, ſagte ſie, indem ſie das Etui ſchloß, und es dem Erz⸗ herzog wieder darreichte. Nehmen Sie es zurück, Hoheit, denn es iſt kein Geſchenk Ihrer Liebe, ſondern nur ein koſtbares Almoſen, mit dem Sie mich abfinden wollen, daß ich darüber die Zurückſetzung vergeſſe, mit der Sie mein Herz kränken. Nein, ich kann dieſe koſtbare Buſennadel nicht annehmen, nehmen Sie ſie, und belohnen Sie damit die ſchöne Adamberger, die Sie zu Ihrem Feſt geladen, und die heute Abend der hohen Ehre theilhaftig werden ſoll, der Einweihung Ihres Palais beizuwohnen. Das heißt, liebe Roſabella, die Mademoiſelle Adam berger wird heute Abend meinem Feſt beiwohnen, weil ſie in dem Drama, welches Hormayr für dieſen Abend gedichtet hat, eine Rolle ſpielen wird. Da ſie aber nicht als Schauſpielerin verpflichtet iſt, für mich zu 3 H d erzeigt mir die Gefälligkeit, als Schauſpielerin mein Feſt zu verſchönen. 84 Warum haben Sie mich nicht auch als Dame ein⸗ geladen? fragte Roſabella raſch. Ich würde dann auch mich beeifert haben, als Künſtlerin Ihr Feſt zu verſchönen. Ein leiſes, faſt unmerkliches Lächeln flog über das Antlitz des Erzherzogs hin. Ich durfte es nicht wagen, Damen einzuladen, ſagte er, denn zu meinem Unglück bin ich nicht verheirathet, und habe daher kein Recht, mein Feſt mit Damen zu ſchmücken. Das heißt, rief Roſabella ſchmerzvoll, das heißt, Sie halten mich der Ehre nicht würdig, auf Ihrem Feſt zu erſcheinen, Sie verſagen mir eine Gunſt, die Sie der ſchönen Adamberger zugeſtehen? Oh, es iſt alſo wahr, was ich längſt gefürchtet habe, es iſt dieſer leichtfertigen Kokette gelungen, mir Ihr Herz zu ent— wenden, Sie lieben dieſe Perſon, die— Still, unterbrach ſie Johann lebhaft. Die Adam berger iſt weder eine Kokette, noch eine leichtfertige Perſon, ſondern ſie iſt ein durchaus unbeſcholtenes Mädchen, die ſich noch dazu bewachen läßt von einer Tante, der man mit vollem Recht den Namen„der Tugenddrache“ gegeben hat.*) *) Siehe: Denkwürdigkeiten aus meinem Leben. Von Caro⸗ line Pichler. Bd. III. 85 Ew. Hoheit haben es alſo verſuchen wollen, dieſe Feſtung, die von einem Tugenddrachen bewacht wird, zu beſtürmen? fragte Roſabella lebhaft. Ew. Hoheit wiſſen aus Erfahrung zu erzählen von der ſtrengen Tugend der Schauſpielerin, und dieſe darf deshalb bei Ihrem Feſt erſcheinen, während ich von demſelben ausgeſchloſſen bin? Oh, das iſt eine Kränkung, die mein Herz trifft, wie ein Dolchſtoß! Und Roſabella ſank in einer reizenden Stellung —+¼ L — auf den Divan nieder, und verhüllte laut ſchluchzend ſich mit den Händen ihr Angeſicht. Aber Johann ſchien wenig Mitleid mit dieſen Thränen ſeiner ſchönen Geliebten zu empfinden. Er ſah zu ihr nieder mit einem halb ſpöttiſchen, halb ver⸗ ächtlichen Ausdruck, und ließ dann ſeine Blicke mit einem langen prüfenden Blick durch das Zimmer gleiten. Du ſpielſt wie ein Engel, Roſabella, ſagte er dann nach einer langen Pauſe, und dieſe Scene würde, auf dem Theater dargeſtellt, alle Welt entzücken und zum lauteſten Applaus hinreißen. Ich aber bin kein Freund von Scenen, die vom Theater ſich in's Boudoir hinein verlieren, und ich ziehe es daher vor, mich zu entfernen und abzuwarten, bis Du aus der Tragik wieder zum 86 heitern Luſtſpiel übergegangen biſt. Adio, mein hol⸗ des Kind! Er nahm ſeinen Hut, und wandte ſich langſam und 1 gleichgültig der Thür zu. Aber wie er die Hand mit derſelben berührte, flog Roſabella empor, und wie eine gereizte Löwin zu ihm hinſtürzend, faßte ſie ſeinen Arm und ſuchte ihn von der Thür zurückzudrängen. Du willſt mich verlaſſen, mein Geliebter? rief ſie mit ſüßer, bebender Stimme. Du zürneſt mir, weil ich Dich liebe, weil ich Dein He erz mit Niemand theilen will, weil ich eiferſüchtig bin auf jeden Blick, den Du einem andern Weibe zuwendeſt? Oh, habe doch Erbarmen mit mei⸗ nem armen, glühenden Herzen, das Dich ſo grenzenlos Dich D liebt, das nichts will, als nur Dich, nur Dich allein! Sie ſank vor ihm nieder auf ihre Kniee, und ihre wundervollen, mit goldenen Spangen geſchmückten Arme zu ihm erhebend, ſchaute ſie mit flehendem Ausdruck zu ihm empor. Sie war wunderſchön in dieſer Stel lung, wunderſchön mit dem erregten Angeſicht, den blitzenden Augen, den zitternden Lippen, den purpur⸗ gerötheten Wangen. Das blonde Haar floß in langen Wellenlinien über ihren Nacken nieder, und aus ihm hervor blitzten ihre ſchönen entblößten Schultern und der weiße ſchwanengleiche Hals. 4 87 Der Erzherzog hatte anfangs düſter zu ihr nieder⸗ geſchaut, aber allmählig erhellten ſich ſeine Züge, und ein Lächeln glitt über dieſelben hin. Schön biſt Du, Roſabella, wunderſchön, die Venus und die Magdalena in Einer Perſon, ſagte er träu⸗ meriſch. Die Natur hat Alles für Dich gethan, um Dich zu einem Meiſterwerk der Schöpfung zu machen, aber die Kunſt hat ſo lange an Dir herumgeflickt und gepfuſcht, bis von dem Ideal nichts mehr übrig ge blieben iſt, als die äußere Schale! Die Natur wollte Dich zu einem Engel machen, aber die Welt hat Dich zu einem Dämon umgeſtaltet. Armes Kind, ich be⸗ klage Dich und ich könnte über Dir weinen, wie einſt Jeremias über den Trümmern von Jeruſalem. Denn in Trümmer zerfallen iſt Dein ſchönes, herrliches Sein, in Trümmern liegt Deine Seele und Dein Herz, ein einziger großer Schutthaufen. Ich wollte es verſuchen, mir aus dieſen Trümmern und dieſem Schutt noch einige Säulen Deiner früheren Herrlich keit hervor zu heben, aber Du haſt es nicht gewollt, Du haſt mit Deiner Heftigkeit, Deinem Gezänk und Deinem eiferſüchtigen Komödienſpiel die letzten Spuren Deines edlen Selbſt mir zerſtört. Lebe alſo wohl, und denk' an mich wie an Einen, der nie vergeſſen V 88 wird, daß er Dir einige ſchöne Tage des Glückes zu danken hat. Lebe wohl, und da Du doch immer eine Tyrolerin biſt, ſo kennſt Du das herzige Lied, das ſie in den erhen dort ſich zum Abſchied ſingen: 3 Du mich lieb hatt'ſt, bedank' ich mich ſchön, t iſt's zu Ende, muß von Dir gehn! ir konnten uns küſſen, Jetzt könn'n wir uns miſſen! Auf Hitze folgt Kält', So geht's in der Welt! Ade! Ade! Es thu' Dir nit weh! Ade! Ade! Johi! Johe! J W W 5 C Er nickte leicht mit dem Kopf, öffnete die Thür, trat heraus und drehte draußen, indem er die Thür zudrückte, den Schlüſſel, der im Schloß ſtak, raſch herum. Dann ging er haſtigen Schrittes die Stiegen hinab, als fürchte er immer noch, Roſabella könne, ob⸗ wohl er ſie eingeſchloſſen, ihm nachfolgen, um ihn zurück— zuhalten. Wie er faſt die Treppe hinunter geſtiegen war, öffnete ſich in der That da oben eine Thür; eine weib⸗ liche Geſtalt ſchlüpfte heraus und lehnte ſich über das Treppengeländer. Aber es war nicht die ſchöne Tän⸗ zerin Roſabella Valzerini, ſondern nur ihr Kammer⸗ mädchen, Tonerl Sandhuber. ich emn 89 Herr Erzherzog, lieber Herr Hannes, flüſterte ſie, ſich weit über das Treppengeländer lehnend. Nun, Tonerl, was giebt's? fragte Johann, zu ihr emporſchauend. Er war wieder da, Herr, und er hat gehorcht, flüſterte Tonerl. Dann, mit angſtvoller Haſt, eilte ſie wieder von dannen, und ſchlüpfte durch die Thür, die ſie geräuſchlos hinter ſich zudrückte. Ich wußte es, daß er da war, und daß er horchen würde, ſagte Johann mit einem bittern Lächeln zu ſich ſelber, indem er das Haus verließ, und wieder in ſein Cabriolet ſprang. Die ſchöne Roſabella indeß lag noch immer wie erſtarrt vor Schreck und Entſetzen auf den Knieen, und horchte mit weit aufgeriſſenen Augen nach der Thür hin, durch welche der Erzherzog verſchwunden war. Als ſie aber jetzt drunten von der Straße her das raſche Davon⸗ rollen des Cabriolets vernahm, zuckte ſie zuſammen, und von ihren Knieen emporſpringend, ſtürzte ſie zum Fenſter hin. Er iſt fort! rief ſie entſetzt und außer ſich. Er iſt fort, er hat mich wirklich verlaſſen! Und er wird nicht wiederkehren, ſagte hinter ihr eine kalte höhnende Stimme, und wie Roſabella ſich 90 umwandte, ſchaute ſie in das hohnlachende, von Bos⸗ heit ſtrahlende Angeſicht des Herrn Staatsraths von Hudeliſt, der eben aus der hinter den Draperien und Feſtons gar geſchickt angebrachten Niſche hervor hinkte, und Roſabella mit einem grinſenden Lächeln begrüßte. Nein, er wird nicht wiederkehren, fuhr Herr von Hudeliſt fort. Wir haben die Partie verloren, denn er iſt glatt, wie ein Aal, und er entſchlüpft uns. Ich verlaſſen, ich aufgegeben! rief Roſabella, ver⸗ zweiflungsvoll die Hände ringend. Aber das iſt eine Beleidigung, ein Schimpf, den ich nicht ertragen kann, nicht ertragen will! Still, ſtill, meine allerſchönſte— wie ſagte doch der Herr Erzherzog?— Venus und Magdalena in Einer Perſon. Ich bitte, laſſen wir die Magdalena ganz fort, und mit ihr die Verzweiflung, den Liebes⸗ ſchmerz und die Thränen. Ich hatte Dir eine herr⸗ liche Rolle aufgegeben, meine kleine Diavolezza, Du haſt ſie aber ſchlecht geſpielt, und haſt Fiasco gemacht. Das hindert aber nicht, daß Du noch immer ſchön biſt, wie eine Venus, und der niedlichſte kleine Dämon, den ich kenne. Sie werden mich alſo auch belohnen? fragte Roſa⸗ bella, indem ſie mit ihrem goldenen Haar ihre Thrä⸗ e 91 nen trocknete, und Hudeliſt mit einem Lächeln anſchaute, welches zwiſchen ihren Purpurlippen zwei Reihen perlen⸗ weißer Zähne ſichtbar werden ließ. Sie werden mir Ihre Verſprechungen erfüllen, mein theurer angebeteter Freund und Herr? Was verſprach ich Dir denn, meine Diavolezza, ſagte Hudeliſt, indem er ſeine breite rothe Hand auf ihre weiße Schu in Roſabella's liebliches Antlitz ſchaute. ihr Haupt an ſeine Schulter, und blickte lter legte, und mit einem Faunenlächeln Sie lehnte ſchmachtend zu ihm auf. Wien als Primadonna assoluta des dann Sie verſprachen mir ein En— gagement hier in Ballets auf drei Jahre mit verdoppelter Gage, einen Brillantſchmuck im Werthe von zehntauſend Gul⸗ den, oder wenn ich es vorzöge, dieſe Summe in baa⸗ rem Gelde. Und was ſollteſt Du für dieſe glänzenden Verſpre chungen leiſten, meine Diavolezza? Wozu hatte ich Dich von Neapel hierher kommen laſſen, Dich nach Tyrol geſchickt und Dir alle Mittel und Wege eröffnet, um Dir das Vertrauen und die Liebe des Erzherzogs zu gewinnen? Was ſollteſt Du thun? Ich ſollte der einziehen, flüſterte ſie leiſe. Erzherzog in eine Verſchwörung hin⸗ Ich ſollte ihn bereden, 92 mit den Tyrolern neue Verbindungen anzuknüpfen, die Pläne der vergangenen Jahre wieder aufzunehmen, und Tyrol wieder zum Aufſtand anzufeuern. Und von allen dieſen Dingen haſt Du leider nichts erreicht, ſagte Hudeliſt mit einem rauhen Lachen. Du haſt ihn wohl auf eine kurze Spanne Zeit zu Deinem Liebhaber und Anbeter, aber nicht zu einem Verräther machen können. Er iſt rein und unberührt an der Falle vorübergeſchlüpft, die wir ihm ſo künſtlich auf— geſtellt. Du warſt wohl eine Armida, aber er war kein Rinald, und Deine Zaubergärten verlockten ihn nicht. Er hat, wie alle Verſchwörer, eine feine Naſe, und er witterte die Schlingen, die wir ihm gelegt. Mein Gott, es iſt erſtaunenswerth, daß er ſo ſchönen, goldenen Schlingen widerſtehen, daß er von ſolchen Reizen ungerührt bleiben konnte! Und mit einem cyniſchen Lachen hob Hudeliſt das lange blonde Haar Roſabella's an den Spitzen empor und ließ es dann langſam in einzelnen Streifen, wie einen goldenen Regen, wieder niederfallen. Roſabella ſchüttelte unwillig ihr Haupt. Beleidigen Sie mich nicht, mein Satyr, ſagte ſie ſtolz und mit einem Lächeln zugleich. Er hat mich wohl geliebt, aber die Liebe konnte ihn doch nicht zu einem Ver⸗ [ͤ——- ſchwörer und Rebellen machen. Sie haben es ja ge hört, er will nichts mehr zu thun haben mit der Po⸗ litik und dem Tyroler Freiheitsſchwindel. Er will das Leben genießen, weiter nichts, er hat der Politik und den Tyrolern auf immer entſagt, und iſt in Liebe und Gehorſam ſeinem geliebten Bruder und Kaiſer unterthan! Und ſie glaubt das, die kleine eitle Hexe, lachte Hudeliſt. Weil ſie ihn nicht hat in eine Verſchwörung hineinlocken können, meint ſie, er habe allen ſeinen Träumen und Phantaſtereien und ſeinen romantiſchen Freiheitsideen entſagt. Das iſt aber ein Irrthum, meine Schöne. Der liebe ſchlaue Erzherzog betheuerte heute in ſeinem Geſpräch mit Dir zu ſehr ſeine Un— ſchuld, als daß ich an dieſe Unſchuld glauben ſollte. Er iſt uns nur entſchlüpft, weiter nichts. Wir hatten ihn umgarnt, er hat ſich aber wie eine kluge Maus durch alle unſere Stricke und Schlingen hindurch ge biſſen, und lacht uns aus. Nun, wir werden ja ſehen, ob er immer ſeine feine Naſe ſich bewahren wird. Deine Rolle aber, mein holder Engel, iſt ausgeſpielt. Das heißt, rief Roſabella, gereizt und heftig auf ſpringend, das heißt, Sie wollen mir die eingegan genen Verpflichtungen nicht erfüllen? Sie wollen mei nen Contract zerreißen? Oh, ich warne Sie, 94 Herr, hüten Sie Sich vor einer ſolchen Miſſethat, denn ich werde mich rächen. Ich werde zum Erzherzog gehen, und ihm das ganze Gewebe Ihrer Bosheit und Ihrer Intriguen enthüllen, ich werde ſo laut ſprechen, daß ganz Wien, daß der Kaiſer ſelber mich hören ſoll, ich werde aller Welt entgegen ſchreien, daß Sie den Erz⸗ herzog Johann in's Verderben führen wollten, und da⸗ mit man mir glaubt, werde ich den Contract vorzeigen, in welchem Sie mir den Diamantenſchmuck verſprochen, und die doppelte Gage für drei Jahre! Und Du willſt eine Tyrolerin ſein, rief Hudeliſt lachend, Dein Weſen iſt in ewiger Gluth, und es grollt und kocht ewig in Dir, als wärſt Du ſelber der Veſuv, zu deſſen Füßen Du geboren biſt. Aber ich liebe Dich in dieſen Gewittergluthen, meine Zau⸗ berin, und deshalb vergebe ich Dir Deine Beſchuldi⸗ gungen und Deinen Argwohn. Nein, Du Tyrolerin aus Neapel, nein, ich will Dich nicht betrügen, Du ſollſt Deine dreidoppelte Gage haben, und den Bril⸗ lantſchmuck oder die zehntauſend Gulden noch außer⸗ dem. Ich gab Dir mein Wort, und ich werde es halten. Dafür aber, meine Allerſchönſte, bleibſt Du auch für drei Jahre noch in meinem Dienſt und ver⸗ lockeſt mir diejenigen, welche ich Dir bezeichnen werde. 95 Sagen Sie, Herr und Meiſter, was ich zu thun habe, und ich werde gehorchen, wie eine demüthige Sclavin, ſagte Roſabella, ſich mit ſchmeichleriſcher Unterwürfigkeit Hudeliſt nähernd. Deine Augen ſollſt Du brauchen, um mir Dieje nigen in Deine Netze zu ziehen, die ich mir einfangen will. Nicht Alle ſind ſo klug und ſo unempfindlich wie dieſer kaltherzige Erzherzog Johann, und es giebt hier noch viele fanatiſche Köpfe, die für die Tyroleriſche Freiheit ſchwärmen. Auch wirſt Du bald Deine lieben Freunde in Tyrol wieder beſuchen können, und mit ihnen geheime Verbindungen anknüpfen. Irgendwo wird ſich doch noch eine Stelle finden laſſen, wo wir dem lieben Erzherzog Hannes begegnen und wo meine ſchöne Löwin ihm eine wirkſame Falle aufſtellen kann. Vergiß es nie, Roſabella, daß der liebe Erzherzog Hannes es gewagt hat, Deiner Schönheit zu trotzen, und daß Du für dieſes Verbrechen Deine Rache neh men mußt. Ich werde mich rächen, ſagte Roſabella mit zorn⸗ leuchtenden Augen. Und ich werde Dir dazu die Mittel und Wege zeigen, Allerſchönſte, rief Hudeliſt, indem er Roſabella's glühende Wangen ſtreichelte, und ſie näher an ſich zog. IV. Das Feſt beim Erzherzog Johann. Die Gäſte, welche der Erzherzog Johann zum Ein— weihungsfeſt ſeines Hauſes geladen, waren jetzt Alle verſammelt, und durchwanderten mit freudiger Bewun⸗ derung die ſchönen geſchmackvoll decorirten Säle, die in langer Reihe ſich ihnen geöffnet hatten. Ueberall begegnete man nur heitern Geſichtern, hörte man frohes Lachen, und ungezwungene harmloſe Scherze. Der Zwang der Etikette ſchien ganz und gar aus dieſen Sälen verbannt zu ſein; unbefangen und heiter bewegte ſich der Erzherzog durch die Reihen ſeiner Gäſte, hier mit freundlichem Lächeln einen Freund be⸗ grüßend, dort einem Neuangekommenen die Hand ent⸗ gegenſtreckend und ihn bewillkommnend, nicht mit der Grandezza eines Fürſten, der durch ſeine Gegenwart in⸗ die 97 begnadigt, ſondern mit der zuvorkommenden Herzlich⸗ keit eines Privatmannes, der durch die Gegenwart ſeiner Gäſte ſich beglückt und geehrt fühlt. Nur Einmal nahm das Antlitz des Erzherzogs einen ernſtern und feierlichern Ausdruck an, und mit ſtolzerer Würde ſchritt er einem eben anlangenden Gaſte entgegen. Dieſer Gaſt aber war der Reichshofrath von Hudeliſt, der mächtige und gefürchtete Günſtling des Kaiſers. Bei ſeinem Eintreten verſtummten auf einen Augenblick die heiteren Geſpräche, die Geſichter wurden ernſt und richteten ſich mit einem Ausdruck des Befremdens auf den Reichshofrath hin, der mit ſeinem ſüßlichſten Lächeln ſich eben tief vor dem Erz herzog verneigte und mit enthuſiaſtiſchen Worten ihm dankte für die Erlaubniß, ihm ſeine Huldigung dar⸗ bringen zu dürfen. Ich kenne das Intereſſe, das Sie an mir und meinem neuen Hauſe nehmen, ſagte der Erzherzog mit einem leiſen Lächeln, und es war mir daher eine an genehme Pflicht, Sie zu meinem Feſte einzuladen. Aber vergeſſen Sie nicht, mein lieber Herr von Hude liſt, daß ich hier nicht der Bruder des Kaiſers, der Erzherzog mit allerlei Titeln und Würden, ſondern nur ein ſchlichter Privatmann bin, der ohne alle Förm Mühlbach, Erzh. Johann u. Metternich. I. 7 98 lichkeiten ſeine Freunde empfängt, und eben ſo von ihnen behandelt ſein will. Ich denke aber, ich darf Sie zu meinen Freunden zählen, und ſo heiße ich Sie denn in meinem Hauſe willkommen, und bitte Sie, es Sich bei mir gefallen zu laſſen. Es fehlt freilich mei— nem Feſte eine Hauptzierde, es fehlen ihm die ſchönen Frauen, aber dafür haben wir die neun Muſen gela⸗ den, und eine ihrer Prieſterinnen wenigſtens, die ſchöne Antonie Adamberger, werden wir bei uns ſehen. Außer⸗ dem aber viele eifrige Jünger und Prieſter der Muſen. Ah, da ſehe ich gleich Einige von ihnen, Einige un⸗ ſerer Wiener Poeten, und es ſcheint, ſie bringen mir einige fremde Gäſte mit. Erlauben Sie, daß ich zu ihnen gehe, mein lieber Herr von Hudeliſt! Amüſiren Sie Sich gut! Hudeliſt blickte dem Enteilenden mit einem finſtern Lächeln nach. Es ſcheint wirklich, daß er alle ſeine Pläne aufgegeben hat, und nur noch ein leichtſinniger Schwärmer und Lebemann ſein will, ſagte er zu ſich ſelbſt. Wenn es eine Maske iſt, ſo muß ich geſtehen, daß ſie ſeinem Geſicht ſo kunſtgerecht aufgeklebt iſt, daß man ſie für unverfälſchte Natur halten ſollte. Nun, wir werden ja ſehen, denn wir werden uns un⸗ ſere Augen nicht verblenden, unſere Ohren nicht ver⸗ 99 ſtopfen laſſen mit ſüßen Schmeichelworten. Ich ſoll dem Kaiſer Bericht erſtatten über Alles, was ich hier ſehe und höre, und ich werde alſo, bei Gott, meine Augen und Ohren gebrauchen. Er wandte ſich um, und langſam, mit dem ſüß— lichen Lächeln auf ſeinem häßlichen Angeſicht, die Hände auf dem Rücken gefaltet, ging er durch die Reihe der Säle hin, hier und da ſtehen bleibend, anſcheinend, um irgend ein Gemälde, eine Marmorſtatue, oder ein anderes Kunſtproduct zu bewundern, in der That aber, um die Geſpräche derjenigen zu belauſchen, die in den Fenſterniſchen ſtanden, und in eifriger Unterhaltung mit einander begriffen, die Nähe eines Lauſchers gar nicht zu ahnen ſchienen. Aber dieſe Unterhaltungen waren doch ſtets von der harmloſeſten und unſchuldig— ſten Art, ſie betrafen immer nur die Künſte und Wiſſen⸗ ſchaften, die kleinen Begebenheiten des Tages, oder das heutige Feſt ſelber, und nicht den kleinſten Haken boten ſie dar, an welchem Herr von Hudeliſt das Gewebe ſeiner Verdächtigungen und Ränke hätte anknüpfen können. Man iſt hier wirklich von einer unausſtehlichen 5* 8 4 3 126— Unſchuld und Harmloſigkeit, murrte Hudeliſt vor ſich 1 hin. Alles lacht und plaudert und ſcherzt, nirgends 6 ——O——‧ęꝑQQ————:’— 4 100 begegnet man auch nur einem unzufriedenen Geſicht, oder hört man ein oppoſitionelles Wort. Es ſcheint, man lebt hier in der That nur in Liebe, Friede und Freude, und Roſabella hat am Ende doch Recht ge⸗ habt: der liebe Erzherzog Hannes conſpirirt nicht mehr, er hat die Tyroler ganz und gar vergeſſen, und iſt ein loyaler Unterthan ſeines Kaiſers geworden. Das wird aber meinem Gönner, dem ſchönen Miniſter Metter⸗ nich, durchaus keine angenehme Nachricht ſein, und ich denke, es wird eine kleine Wolke über ſein ſonnenhelles Geſicht hinfliegen, wenn ich ihm meinen Rapport ab— ſtatte. Aber ich werde mich wohl hüten, auch dem Kaiſer einen ſolchen Bericht zu geben, denn das würde heißen, die allerhöchſte Ungnade zu riskiren. Der gute Franzel muß ſeinen Herrn Bruder immer für gefähr⸗ lich halten, das iſt für ihn und für mich gut und nütz— lich, und alſo werde ich verſuchen, auch unter den Roſen dieſes Feſtes einige kleine Dornen auszufinden, die ich dem guten Kaiſer in's Fleiſch bohre. Je mehr es 8 ihm weh thut, deſto mehr wird er ſich gegen den Erz⸗ herzog erbittern, und das iſt uns nützlich und fördert unſere Pläne. Ich muß und will meinen Weg machen; wenn dieſer liebe Erzherzog mir im Wege ſteht und meinen Gang aufhalten will, ſo räume ich ihn bei 101 Seite, oder ſchreite über ihn fort, das iſt ganz in der Ordnung, und mein Gewiſſen wird mir darüber keine Vorwürfe machen. Eben näherte ſich ihm der Haushofmeiſter des Erzherzogs, um ihm auf ſilbernem Plateau einige köſt liche Erfriſchungen anzubieten, und der Kammerherr des Erzherzogs eilte herbei, um ſelber das Vergnügen zu haben, den Herrn Reichshofrath in das Billard⸗ zimmer zu führen, um eine Partie mit ihm zu ſpielen, und dann das Vergnügen zu haben, ihm einige Herren vorzuſtellen, die vor Begierde glühten, den edlen und geiſtreichen Reichshofrath von Hudeliſt kennen zu lernen. Hudeliſt folgte dem Kammerherrn in das Billard zimmer, aber indem er es that, flüſterte er leiſe vor ſich hin: Ich werde auf meiner Huth ſein. Man iſt hier zu verbindlich gegen mich, als daß ich an dieſe Unſchuld und Harmloſigkeit glauben könnte.— Der Erzherzog Johann indeß war zu den Herren hingegangen, welche eben in den Saal eingetreten waren, und in deren Mitte er einige ihm fremde und unbe⸗ kannte Geſtalten geſehen hatte. Nun, mein lieber Collin, rief er dem einen der Herren entgegen, jetzt, da Sie da ſind, bin ich zu⸗ frieden. Sie geben meinem Hauſe die Weihe des — — 102 Dichters, und ich ſage daher zu Ihnen: Geſegnet ſei Ihr Eintritt in mein Haus! Und ich, ſagte der Tragödiendichter mit ſeiner ſanften melancholiſchen Stimme, ich ſage: Geſegnet ſei der edle Fürſt, der hier in dieſem Hauſe den Muſen eine Stätte und Zuflucht bereiten will, und zu dem deutſche Poeſie und deutſche Kunſt ſich flüchten darf, wenn man ſie anderswo verjagen und verdrängen will. Ja, rief Johann feurig, ja, ich verſpreche es Ihnen, Collin, ich will in meinem Hauſe wenigſtens ein deutſcher Mann bleiben, und das franzöſiſche Weſen und die frar u ſoll für immer aus dieſen Räumen verbannt ſein. Willkommen ſei mir jeder deutſche Mann, und jeder deutſche Künſtler; in dieſem Muſikſaal hier ſoll nur deutſche Muſik erklingen, nur die Bilder deutſcher Maler ſollen meine Wände ſchmücken, auf meinem kleinen Theater ſollen nur deutſche Dramen aufgeführt werden. Deutſch, wie mein Herz, ſei auch mein Haus, und alles Fremdländiſche ſei verbannt aus demſelben. Wenn Jeder dächte und fühlte, wie Ew. Hoheit, wie bald würde dann Deutſchland zu einer einigen Nation erſtarken, rief Heinrich von Collin begeiſtert. Aber es fehlt den Deutſchen an dem rechten Nationalgefühl, an —— lij 103 dem Stolz auf ſein eigenſtes Weſen und Sein, und er läßt ſich lieber von den Fremden beugen und knechten, als daß er ſich zuſammenfaſſe zu einiger Kraft und einigem Wollen. Es wird anders werden, ſagte Johann leiſe und raſch. Thun wir Alle nur dazu nach unſerer Kraft, ein Jeder nach ſeiner Weiſe. Ich kann nichts thun, als mein Haus den deutſchen Männern und der deut ſchen Kunſt offen halten, Sie aber, Collin, Sie ſind ein deutſcher Dichter, und Deutſchland hört auf Ihre Stimme. Sie müſſen Deutſchland erziehen zum rechten Nationalſtolz, Sie müſſen mit begeiſtertem Wort und Sang die Deutſchen aufrütteln aus ihrem Schlaf, und lehren das Volk, an ſeine eigene Freiheit und ſeine eigene Stärke zu glauben. Ich, mein Fürſt? fragte Collin wehmüthig. Ich werde meine Stimme nicht mehr hoch erheben können, und mein Wort wird im Grabe verhallen. Da drinnen in meiner Bruſt, da wühlt der Tod, und ich bin ihm verfallen. Oh, kein Wort des Troſtes, Hoheit! Ich 7/ 7 7 N ſterbe gern, denn ich habe genug geſehen von der Kleinlichkeit und Erbärmlichkeit der Menſchen, genug von der Schmach und der Erniedrigung Deutſchlands. d Eben darum müſſen Sie leben, Collin, um endlich 104 auch die Erhebung und Wiedergeburt Deutſchlands zu ſehen, ſagte Johann eifrig. Herr von Collin ſchüttelte traurig, lächelnd ſein Haupt. Ich glaube nicht mehr an Wunder, ſagte er, und überdies,— ich bin ein Trauerſpieldichter, und habe daher keinen freudigen Sinn mehr, um an heitere Schickſalswendungen zu glauben. Das Trauerſpiel meines Lebens ſteht in ſeinem fünften Act, und es muß daher mit dem Tode enden.*) Ich werde Deutſchlands Erhebung nicht mehr ſehen, und ihm keine Lieder ſingen. Aber ich führe Ihnen einen jungen Dichter zu, der ſtatt meiner in jenen glücklichen Tagen der Zukunft ſeine Leier erheben und den Deutſchen das Triumph⸗ lied ihrer Freiheit ſingen ſoll. Hoheit, hier iſt der junge Dichter, Theodor Körner, ein Jüngling voll Liebe und Begeiſterung für Deutſchland und für Deutſch⸗ lands edle Männer, alſo auch für unſern edlen Erz⸗ herzog Johann. 3 Willkommen Theodor Körner, rief der Erzherzog, dem jungen Mann ſeine Hand darreichend. Willkommen hier in Wien, willkommen bei mir, dem Sie kein Fremder ſind, ſondern der Sie kennt aus Ihren ſchönen *) Heinrich von Collin ſtarb im Sommer des Jahres 1811. 105 Liedern. Hab' Ihr Gedicht auf die Schlacht von Aspern erſt geſtern geleſen, und mich dran gefreut. Sie haben ein deutſches Dichterherz, das noch an Ideale und deren Verwirklichung glaubt. Aber was wollten Sie mit dieſer deutſchen Begeiſterung und dieſem deutſchen Dichterſinn hier in Wien? Was ſuchen Si hier in Wien? Das Glück, Hoheit, ſagte Theodor Körner feurig. Ja, das Glück ſuche ich hier in Wien, und indem ich Eure Hoheit anſchaue, habe ich es ſchon gefunden. Still, ſtill, keine Schmeicheleien, rief Johann ernſt. Ich bin ein armer, enttäuſchter Mann, der in ſeinem Leben wenig von dem Lächeln der Göttin Fortuna ge⸗ ſehen hat. Sie iſt eine arge Kokette, die Fortuna, und ich glaube, ich bin ihr niemals hübſch genug geweſen, deshalb hat Sie mir niemals Avancen gemacht. Sie aber, junger Mann, Sie ſind ſchön, jung und feurig, Sie ſind außerdem ein Dichter, und ich prophezeihe Ihnen daher, daß Sie der Günſtling der Dame For tuna ſein werden. Was erwarten Sie aber von ihr, junger Mann? Liebe, Ehre, Ruhm und Freiheit, rief Theodor Körner mit begeiſtertem Ausdruck. Ich bin ausge gangen, dieſe vier höchſten Lebensgüter zu erobern, und ich 106 will für ſie kämpfen und nach ihnen ringen mit meinem Leben und mit meinem Blut. Liebe, Ehre, Ruhm und Freiheit, wiederholte Johann ſinnend. Sie haben ſich leuchtende Ziele geſteckt, und ich beneide Sie um Ihren Muth. Liebe zu gewinnen, wird Ihnen nicht ſchwer werden, denn die Herzen der Frauen, der Wienerinnen zumal, werden Ihrem ſchönen Geſicht und Ihren leuchtenden Augen entgegenflattern. Ehre und Ruhm wird der Dichter ſich ſelber gewinnen. Aber die Freiheit? Wo wollen Sie ſich denn die Freiheit erobern, junger Mann? Die Freiheit iſt doch, wie mich dünkt, eine entthronte Göttin, welche man als Verbrecherin gefangen hält, die man in Ketten und Banden geſchlagen, und ſie Giftmiſcherin und Mörderin genannt hat. So muß man ſie erlöſen, Hoheit, und die Göttin wieder auf den Thron erheben, der ihr gebührt! Womit, junger Mann? Mit Liedern und Gedichten, mit ſchönen Phraſen wird die deutſche Freiheit nicht erlöſt. Nein, aber mit dem deutſchen Schwert, rief Körner begeiſtert. Das deutſche Schwert muß die gefangene Göttin erlöſen, das deutſche Volk muß ihr den Altar errichten, auf dem ſie wieder thronen ſoll in himmliſcher Schönheit und Majeſtät. Wohl haben Ew. Hoheit 107 Recht, mit Liedern und Gedichten und ſchönen Phraſen wird die gefangene Freiheit nicht erlöſt, aber ſie ſind der Schleifſtein, auf dem man das Schwert ſchärft zur Schlacht, ſie ſind der feurige Trank, der das Blut erglühen macht, und die Seele mit Feuer erfüllt. Jetzt ſingen wir noch von der Freiheit, und preiſen ſie mit begeiſtertem Lied. Aber wenn die rechte Stunde gekommen iſt, ſo werfen wir die Leier fort, und greifen zum Schwert, daß es erfülle, was das Wort verheißen. Oh, dieſe Stunde wird niemals kommen, ſagte Johann achſelzuckend. Behalten Sie Ihre Leier und ſingen Sie! Es iſt das Beſte, was man in dieſer Welt thun kann. Singen Sie! Es iſt das Vorrecht des Dichters, daß er ſingen kann, wo Andere nur hin— ſiechen und ſterben können in ſtummem Schmerz. Hoheit, es iſt das Vorrecht des Dichters, daß er die Zukunft ſchaut, und in prophetiſchem Geiſt das Kommende ſieht, rief Körner feurig. Und ich ſehe eine Zukunft, in welcher Glück und Friede und Freiheit wieder in Deutſchland heimiſch ſind, eine Zukunft, in welcher die deutſchen Männer ſich ſiegesjubelnd aus ihrer Erniedrigung erheben, und zum Schwert greifen, um ſich ſelbſt das höchſte der Erdengüter, die Freiheit, wieder zu erobern. An dem Tage aber, wo Deutſch⸗ ————·OQCO‧— 108 land aufſteht, werde ich nicht mehr ſingen, ſondern kämpfen. Heute aber iſt dieſer Tag noch nicht da, und wir ſind nicht hier verſammelt, um zu kämpfen und zu drohen, ſondern um den Muſen zu huldigen, und frohen Herzens zu ſein. Nun alſo, Sie Liebling der Muſen, laſſen Sie uns eine Probe Ihrer Kunſt hören, greifen Sie in Ihre Leier und ſingen Sie uns etwas! Wollen Sie? Ew. Hoheit haben es befohlen, und alſo gehorche ich, ſagte Körner, ſich lächelnd verneigend. Wollen Ew. Hoheit mir ein Thema geben, das ich beſingen ſoll? Der Erzherzog nickte lächelnd mit dem Haupt. Ja, ſagte er, ich will Ihnen ein Thema geben. Aber warten wir, bis meine Gäſte benachrichtigt ſind von dem Genuß, der ihnen bevorſteht, und Alle hierher gekommen ſind. Herr von Trautmannsdorf, verkünden Sie es doch in den Sälen, daß Theodor Körner uns eine Probe ſeiner ſchönen Kunſt geben will! Der Adjutant des Erzherzogs flog von dannen, und bald verſtummte das Geräuſch in den Sälen. Man ſang und muſicirte nicht mehr, man unterbrach ſein Lachen und Plaudern, und Jeder eilte nach dem großen Empfangsſaal hin, indem man einander zuflüſterte: 109 Theodor Körner iſt hier! Er will uns eine Impro⸗ viſation hören laſſen, zu welcher der Erzherzog ihm das Thema geben wird. Der ganze Saal war jetzt gefüllt mit Zuhörern, Jedermann ſchaute theilnahmsvoll und neugierig auf dieſen jungen Mann hin, der da neben dem Erzherzog in der Mitte des Saals ſtand, und deſſen ſchönes edles Ange⸗ ſicht von Begeiſterung und Energieſtrahlte, deſſen tiefe dun⸗ kelblaue Augen mit flammender Gluth umherſchaueten. Nun, mein edler junger Dichter, ſagte Johann ſich leicht verneigend, entfalten Sie die Schwingen Ihrer Begeiſterung. Und da Sie ein ſo enthuſiaſtiſcher Schwärmer für Deutſchland ſind, ſo dichten Sie uns doch ein Lied über unſer gemeinſames Vaterland! Theodor Körner blickte ſinnend einige Minuten vor ſich hin, dann hob er den flammenden Blick empor und mit lauter volltönender Stimme, unter dem athem⸗ loſen Schweigen der ganzen Verſammlung, recitirte er folgende Verſe: Wo iſt des Sängers Vaterland? Wo edler Geiſter Funken ſprühten, Wo Kränze für das Schöne blühten, Wo ſtarke Herzen freudig glühten Für alles Heilige entbr Da war mein Vaterland! ——————— 110 Wie heißt des Sängers Vaterland? Jetzt über ſeiner Söhne Leichen, dhe Jetzt weint es unter fremden Streichen; 4 Sonſt hieß es nur das Land der Eichen, fühl Das freie Land, das deutſche Land! eine So hieß mein Vaterland! 9 Was weint des Sängers Vaterland? Daß vor des Wüthrichs Ungewittern un Die Fürſten ſeiner Völker zittern, Daß ihre heil'gen Worte ſplittern,. Und daß ſein Ruf kein Hören fand. ſte Drum weint mein Vaterland! re 6 ſ Wem ruft des Sängers Vaterland?— ih 1 Es ruft nach den verſtummten Göttern; Mit der Verzweiflung Donnerwettern, 1 Nach ſeiner Freiheit, ſeinen Rettern, g Nach der Vergeltung Rächerhand. 4 Dem ruft mein Vaterland! 3 Was will des Sängers Vaterland? 4 Die Knechte will es niederſchlagen, W Den Wüthrich aus den Grenzen jagen Und frei die freien Söhne tragen Oder frei ſie betten unterm Sand. 3 1 Das will mein Vaterland! 1 Und hofft des Sängers Vaterland? T Es hofft auf die gerechte Sache, Hofft, daß ſein treues Volk erwache, 5 Hofft auf des großen Gottes Rache, b Und hat den Rächer nicht verkannt. Drauf hofft mein Vaterland!*)* *) Siehe: Theodor Körner's ſämmtliche Werke. Herausgegeben von Karl Streckfuß. S. 11. 2 111 Lauter begeiſterter Jubel durchhallte den Saal, als Theodor Körner ſein Gedicht geendet, Jedermann fühlte ſich entzückt, hingeriſſen von dieſen Verſen, die einen Wiederhall fanden in Aller Herzen, und mit kühnen Worten das ausſprachen, was ſchweigſam und verborgen in jeder Bruſt geruht. Erzherzog Johann, in dieſem Moment der Begei⸗ ſterung ſeiner Vorſicht und Beſonnenheit vergeſſend, reichte dem Dichter ſeine beiden Hände dar, und dankte ihm mit innigen Worten für ſein ſchönes Lied, und nun drängte ſich Jeder hinzu, um den Dichter zu be⸗ grüßen, ihm ſeine Bewunderung, ſeine Sympathie aus⸗ zudrücken. Gott ſei Dank, da haben wir doch endlich einige Dornen für unſern lieben Kaiſer gefunden, ſagte Hudeliſt mit ſchadenfrohem Lächeln zu ſich ſelber. Dieſer deutſche Patriotismus, der hier im Palais des lieben Hannes ein Aſyl gefunden, wird dem Kaiſer ein wirklicher Dorn im Auge ſein, und die Liebe, die er zu ſeinem Bruder hegt, nicht gerade erhöhen. Wenn der Erz⸗ herzog auch nicht geradezu ein Verſchwörer iſt, ſo iſt er doch ein deutſcher Patriot, und das iſt beinahe ebenſo viel! Ach, ach, morgen früh ſoll der Kaiſer meinen Rapport auf ſeiner Tablette, neben der Cho⸗ 112 colade, finden, und ich denke, den Appetit benehmen. Was abgelöſt hat im Tyranniſiren ſtill, wohin drängt ſich denn ſo geſchäftiger Eilfertigkeit? herzog den Saal? Ach, er wieder nach einigen pikanten Rapport. das wird ihm ein wenig iſt es doch für ein luſtiges Ding um die lieben, dummen Menſchen! Haspeln ſich ab in Begeiſterungsphraſen für ein freies Deutſch⸗ land, das niemals exiſtirt hat, und niemals exiſtiren wird. Schelten den Kaiſer Napoleon einen Wüthrich und Tyrannen, der die edlen Deutſchen zu Sclaven machen will, und bedenken nicht, daß er nur der Sub⸗ ſtitut ihrer eigenen Fürſten iſt, und ſie nur ein wenig und Deſpotiſiren! Jam⸗ mervolle Phraſenhelden, dieſe Deutſchen, und niemals werden ſie ein anderes Heldenthum beanſpruchen! Aber jetzt die Geſellſchaft mit Warum verläßt der Erz⸗ giebt ein Zeichen ihm zu folgen. Gut, folgen wir ihm alſo, und forſchen wir Neuigkeiten für unſern Und indem er ſeine goldene, mit Brillanten reich⸗ beſetzte Doſe hervorzog, nahm Herr von Hudeliſt eine Priſe und folgte dann langſam und lächelnd der Ge⸗ ſellſchaft, die ſich jetzt in den Theaterſaal begeben hatte, um das kleine Drama anzuſchauen, das Herr von Hormayr für dieſes Einweihungsfeſt gedichtet hatte, 113 und in welchem die erſten Schauſpieler Wiens mit⸗ wirkten. Aber Herr von Hudeliſt hatte heute Abend wenig Glück, und ſeinen angeſtrengteſten Bemühungen wollte es nicht gelingen in dem kleinen Theaterſtück einige neue„Dornen“ für den Kaiſer aufzufinden. Es war in der That nichts als ein Gelegenheitsgedicht mit allerliebſten und heitern Scenen, und hiſtoriſchen Erin nerungen, und ganz geeignet, der jungen ſchönen Schau— ſpielerin Antonie Adamberger Gelegenheit zu geben, all ihre Kunſt, und ihren Liebreiz zu entfalten. Während Herr von Hudeliſt, verdrießlich und geär⸗ gert, ſeine goldene Doſe durch ſeine Finger drehte, ſtand Theodor Körner an eine Säule nahe der Bühne ge⸗ lehnt und ſchaute mit glänzenden Blicken hinüber zu dieſer lieblichen Erſcheinung, zu dieſer jungen Künſtlerin, deren Antlitz ſo voll Unſchuld und Reinheit, deren Stimme ſo voll Liebreiz und Muſik. Er achtete nicht auf die Worte, die ſie ſprach, er hörte nur auf ihre Stimme, er ſah nur ſie, die holde Künſtlerin, und ſein Antlitz leuchtete auf in Freude und Entzücken, und ein glückſeliges Lächeln umſpielte ſeine Lippen. Sie aber, die ſchöne Antonie Adamberger, ſie fühlte die brennen⸗ den Blicke dieſes jungen unbekannten Mannes, und Mühlbach, Erzh. Johann u. Metternich. I. 8 114 eine wunderbare Befangenheit erfaßte ihr ganzes Weſen. Sie erröthete unter ihrer Schminke und ſprach mit bebender, zitternder Stimme. Das Publikum folgte dem Beiſpiel des Erzherzogs und applaudirte laut, denn dieſes Erröthen und Zittern des jungen Mädchens paßte ſo ganz in die Rolle der Künſtlerin, und man nahm die Natur für die Kunſt, die Wahrheit für künſtleriſches Spiel.— Antonie Adamberger aber, indem ſie ſich verneigte, warf einen ſchüchternen Blick hinüber nach dem jungen Fremden, dem ſie eben dieſen Triumph und dieſen Beifall zu danken hatte. Seine glühenden Augen ruhten noch immer auf ihr, und begegneten jetzt den ihrigen in einem langen innigen Anſchauen. Dann ſtrahlte ein Lächeln von den beiden jugendlichen ſchönen Ge— ſichtern, und unwillkürlich neigten ſie ihre Häupter, als wollten ſie einander grüßen und willkommen heißen in dieſer neuen wunderbaren Welt, die ſich ihnen auf⸗ gethan. Das Stück nahm ſeinen Fortgang, und nie hatte Antonie Adamberger mit ſolcher Gluth, ſolchem Feuer geſpielt, wie an dieſem Abend, nie hatte ſie ein junges ſchüchternes, in Liebe erglühendes Mädchen mit mehr Wahrheit und Natürlichkeit geſpielt. 115 Jetzt unter dem lauten Beifall des Publikums, mit einer geſchickt angebrachten Huldigung für den Kaiſer Franz, fiel der Vorhang. Erzherzog Johann erhob ſich, und gleichſam begei ſtert von dieſem Moment rief er laut und freudig: Hoch lebe unſer Kaiſer Franz! Hoch lebe unſer Kaiſer Franz! tönte es von Aller Lippen, nur Hudeliſt ſchwieg, und murrte leiſe vor ſich hin: Das verdirbt mir den ganzen Spaß und macht alle meine Dornen ſtumpf und welk. Es iſt eine offen⸗ bare Hinterliſt von dem Erzherzog Johann, ſolchen Enthuſiasmus für ſeinen Bruder zu heucheln. Der Kaiſer iſt im Stande und läßt ſich davon bethören, und verſöhnt ſich mit ſeinem Bruder. Das wäre aber ſehr ſchlimm, und alle unſere Pläne würden daran ſcheitern, denn wenn Johann das Ohr des Kaiſers für ſich hat, ſo iſt es zu Ende mit unſerer Ruhe und unſerm Frieden, und wir werden Krieg mit Frankreich haben, ungeachtet der Bonaparte unſer keaiſerlicher Schwiegerſohn iſt. Und gleichſam, als habe man es darauf abgeſehen, Herrn von Hudeliſt zu ärgern und zu ängſtigen, ſtimmte das Orcheſter jetzt die Nationalhymne an, und in voller, ſchöner Harmonie ſangen die Gäſte des Erzherzogs: 8* —y . 116 „Gott erhalte Franz, den Kaiſer, unſern guten Kaiſer Franz.“ Während aber Alle ſangen, legte Theodor Körner ſeine Hand auf Collins Schulter, und unterbrach ihn mitten in ſeinem patriotiſchen Geſang. Ich bitte Sie um einen Liebesdienſt, ſagte er leiſe und raſch. Das heißt, Sie wollen mir den Liebesdienſt erzeigen, Ihnen gefällig ſein zu können, ſagte Dichter Collin freundlich. Sprechen Sie, mein guter Freund, was iſt es? Womit kann ich Ihnen dienen? Stellen Sie mich der Adamberger vor, heute Abend noch! Ach, mein Freund, rief Collin lächelnd, Sie fordern da beinah das Unmögliche! Die ſchöne Antonie Adam⸗ berger nimmt niemals Herrenbeſuche an, und wird von ihrer Tante ſo eifrig bewacht, als wäre ſie ein Schatz, vor dem der Drache die Wache hält. Niemand ſpricht mit der Nichte, der nicht die Zauberformel kennt, um den Tugendzorn der Tante zu beſchwichtigen, und dieſe Zauberformel iſt noch von Niemand gefunden worden. Ich werde ſie finden, ſagte Theodor Körner. Die Liebe wird mich dazu begeiſtern. 4 Ach, Sie lieben alſo die junge Künſtlerin, ohne ſie 117 zu kennen, ohne ſie jemals früher geſehen zu haben? fragte Collin lachend. Ich habe ſie heute geſehen, und ihre Seele und ihr Herz ſteht auf ihrem Antlitz, rief Körner begeiſtert. Ich kenne ſie nicht, aber ich habe ſie erkannt, und darum liebe ich ſie. Ja, lachen Sie nicht, ich liebe ſie, und ich ſage Ihnen, Antonie Adamberger wird mein Weib werden, denn meine Liebe wird alle Schwie rigkeiten überwinden, und ſich die Geliebte erobern. Sie wollen ſie heirathen? Hören Sie, vielleicht haben Sie da die Zauberformel gefunden, mit der man die Tante Tugenddrachen zähmt. Sehr Viele haben wohl ſchon der ſchönen Adamberger gehuldigt, aber vielleicht hat noch keiner ſie heirathen wollen, und den bloßen Anbetern hat die Tante die Thür verſchloſſen. Vielleicht öffnen ſich vor Ihrer Zauberformel die Thüren, und die Tante läßt Sie ein. Kommen Sie, ich kenne die Tante, und ſie iſt mir ziemlich gewogen, denn ich bin ein armer, dem Tode verfallener Mann, von dem ſie nichts zu fürchten hat. Ich führe Sie zu ihr, ich werde ihr ſagen:„Dieſer junge Mann wird einſt der Stolz und die Zierde Deutſchlands ſein! Er wird ſich unſterblichen Dichterruhm erwerben. Er liebt Ihre Nichte, und ſeine Liebe iſt ſo ernſt und 118 tugendhaft, daß er ſogleich an's Heirathen denkt, und durch mich bei Ihnen um die Hand Ihrer Nichte wirbt. Sagen Sie davon aber nichts Ihrer ſchönen Antonie. Gönnen Sie dem jungen Manne Zeit, ſich das Herz ſeiner Geliebten zu erobern, und wenn er's erobert hat, dann wollen wir die jungen Leute zum Altar geleiten.“— Nun, was ſagen Sie, junger Freund, ſoll ich Sie auf dieſe Weiſe der Tante vorſtellen? Thun Sie's immerhin, nur laſſen Sie mich dies holde Weſen kennen lernen, deſſen Anſchauen alle meine Sehnſuchtsträume verwirklicht hat. Kommen Sie, theurer Freund, haben Sie ein wenig Mitleid mit meinem armen Herzen! Sie wollen es, gut denn, kommen Sie! Wir gehen zur Tante, und verſuchen unſere Zauberformel! Lachend bot Herr von Collin dem jungen feurigen Dichter den Arm, und führte ihn durch die kleine Seitenthür des Theaterſaals auf die Bühne, die durch den Vorhang bereits dem Publikum geſchloſſen war. Antonie Adamberger hatte ſich ſchon in die Gar⸗ derobe zurückgezogen, um ihr Theater Coſtüm abzulegen. Vor ihrer Thür aber ſtand die gute würdige Tante „der Tugenddrache.“ Herr von Collin näherte ſich ihr und ſprach angelegentlich mit ihr. Und er mußte wohl 119 die richtige Zauberformel gefunden haben, denn die Tante lächelte, und hieß alsdann den jungen Dichter Theodor Körner mit einer Freundlichkeit und Herzlich keit willkommen, wie ſie es nur einem Fürſten und Grafen, oder irgend einem reichen und vornehmen Herrn gethan.— Das Feſt indeß nahm ſeinen Fortgang in immer höher aufſteigendem Frohſinn. Jedermann fühlte ſich angeregt, unterhalten und amüſirt, und der Erzherzog war Allen der liebenswürdigſte und zuvorkommendſte Wirth, und ſchien Allen die freundliche und glückliche Stimmung mitzutheilen, die von ſeinem eigenen Antlitz ſtrahlte. Jetzt, da die Nacht herein gebrochen, leuchtete der Garten im flimmernden Glanz von tauſend und aber tauſend Kerzen, und durch die Thüren des großen Buffetſaals ſtrömte die heitere Geſellſchaft hinunter in den Garten, um ſich in den erleuchteten Gängen zu ergehen, oder in die ſchattigen Seitenalleen ſich zu traulichen Geſprächen zurückzuziehen. Wieder Andere von der Geſellſchaft waren in den Sälen zurückgeblieben, um entweder den Virtuoſen zuzuhören, welche ſich im Muſikſaal hören ließen, oder im Spielſaal ſich am Billard zu amüſiren, ſich die Mappen mit Kupferſtichen 5 7 1 120 zu betrachten, oder auch im Geſellſchaftsſaal der ſchö⸗ nen Antonie Adamberger zuzuhören, welche unter dem entzückten Anſchauen des Dichters einige Gedichte Theo⸗ dor Körner's declamirte. In der Thür dieſes Saals ſtand eben der Erz⸗ herzog Johann neben dem Grafen von Hardenberg im heitern und harmloſen Geſpräch über die kleinen Tages⸗ begebenheiten des Wiener Lebens, als der Haushof— meiſter ſich dem Erzherzog näherte. Nun, fragte Johann leiſe und raſch, was macht der Herr von Hudeliſt? Hoheit, er befindet ſich mit einigen Herren im kleinen Spielzimmer beim Ecarté; ſie ſpielen ſehr hoch und Herr von Hudeliſt gewinnt. Außerdem findet er den Tokayer, den ich nebſt der Gänſeleberpaſtete auf einem kleinen Tiſch neben ſeinem Sitz aufgeſtellt, ganz vortrefflich, und hat mich ſchon zwei Mal deshalb belobt. Ich ſehe, Sie haben Ihre Sache vortrefflich ge— macht, ſagte Johann lächelnd. Jetzt, da Herr von Hudeliſt verſorgt, und alle meine Gäſte hier und dort beſchäftigt und zerſtreut ſind, jetzt darf ich mich wohl ein wenig zurückziehen und ausruhen. Sie haben doch den Pavillon am Ende des Gartens nicht vergeſſen? Nein, Hoheit. Ich habe ihn dem Befehl gemäß ganz umgeben laſſen mit Buſchwerk und abgehauenen Tannen. Der Weg dahin iſt ebenfalls unter Buſch⸗ werk und Blumeneſtraden verſteckt, und zum Ueberfluß noch durch eine Barrière dem Publikum verſperrt. Niemand kann auch nur ahnen, daß unter all dieſem Geſträuch und Buſchwerk ſich noch ein Pavillon befindet, und ich habe die Fenſter ſo dicht verhangen, daß das Licht nicht durch ſie hindurch ſcheinen kann. Und die kleine Gartenthür dicht neben dem kleinen Pavillon, die nach dem freien Feld hinausführt, iſt geöffnet? Sie iſt geöffnet, und Ew. Hoheit Büchſenſpanner, der Seppel Steiner, hält neben derſelben Wache. Es iſt Alles gut, ich danke Ihnen, ſagte Johann freundlich. Sorgen Sie jetzt nur noch, daß Herr von Hudeliſt immer gewinnt, und der Tokayer immer ſei— nen Beifall hat; ſorgen Sie ferner, daß meine Gäſte ſich amüſiren, und daß das Feuerwerk recht glänzend iſt, und recht lange dauert. Ich ziehe mich zurück. Wenn man nach mir fragt, ſo ſagen Sie denen, welche in den Sälen ſind, ich ſei im Garten und promenire, und denen, welche im Garten ſind, ich ſei im Hauſe in irgend einem der Säle. Wenn das Feuerwerk been 122 digt iſt, und meine Gäſte ſich zurückziehen wollen, ſa— gen Sie, ich habe mich in meine Gemächer begeben, um Niemand zu geniren, und Jedem die Freiheit zu laſſen, daß er bleibe, oder gehe, wie es ihm beliebe. — Nun kommen Sie, lieber Graf! Gehen wir hinunter in den Garten. Ich werde Ihr Wegweiſer nach dem Pavillon ſein!— V. Die Verſchworenen. Eine Viertelſtunde ſpäter hatte der Erzherzog mit ſei nem Begleiter, dem Grafen Hardenberg, den dunkel und unbemerkt ſeitab im Gebüſch liegenden Pavillon erreicht. Tiefe Stille und Einſamkeit umgab ſie hier, und ein ſam, ſtill und dunkel ſtand der Pavillon mit ſeinen verhangenen Fenſtern da. Nur allmählig, wenn ſich das von der Helle des erleuchteten Gartens geblendete Auge an dieſe plötzliche Dunkelheit gewöhnt hatte, ent— deckte man die Thür, welche in den Pavillon führte, und neben der Thür die hohe kräftige Mannesgeſtalt, welche vor derſelben Wache hielt. Der Erzherzog näherte ſich ihm und legte ihm die Hand auf die Schulter. Sepperl, flüſterte er leiſe, ſind meine Freunde ſchon gekommen? 124 Ja, Hoheit, ſagte Joſeph Steiner leiſe. Der Graf Nugent iſt ſchon da, und hat noch einen andern Herrn, den ich nicht kenne, mitgebracht. Dann iſt der Graf Wallmoden mit einem fremden Herrn ge— kommen. Dann ſind Alle, welche ich erwartete, bereits hier, ſagte der Erzherzog. Du läßt alſo Niemand mehr ein, und bewachſt den Pavillon, daß Niemand ſich her⸗ anſchleichen und uns behorchen kann. Ich werde Wache halten, ſagte Steiner, die Hand an ſein Gewehr legend, Niemand wird Ew. Hoheit hier belauſchen. Der Erzherzog nickte, und geräuſchlos die Thür öffnend, trat er, gefolgt von Hardenberg, in den Pa⸗ villon ein. Dieſelbe Stille, welche ihn außen umgab, herrſchte auch hier in dem innern Raum des Pavillons. Eine kleine Lampe beleuchtete trübe und ſpärlich den Flur und die ſchmale Treppe, welche in das obere Stockwerk hinaufführte. Am Ende dieſer Treppe, welche der Erzherzog mit ſeinem Begleiter jetzt haſtig und ſchweigend hinaufſchritt, befand man ſich wieder auf einem kleinen matt erleuchteten Vorplatz, von wel⸗ chem aus eine Thür in das Gemach führte, welches den ganzen obern Theil des Pavillons ausfüllte. Er mäßig yr Erzherzog Johann klopfte jetzt drei Mal in gleich⸗ mäßigen Pauſen an dieſe Thür und rief: Arthur und Brutus! Seid willkommen! rief eine Stimme von innen, und die Thür that ſich auf. Neben der Thür, im Innern des Gemachs, ſtand Graf Nugent und begrüßte den Erzherzog mit einem glücklichen Lächeln. Ew. Hoheit haben alſo wirklich Mittel und Wege gefunden, Ihren Gäſten ſich zu entziehen? fragte er. Wir hatten ſchon alle Hoffnung aufgegeben! Alle Hoffnung aufgegeben, und ich habe doch dies Feſt nur veranſtaltet, um unter dem Schutz deſſelben meine Freunde unbemerkt empfangen zu können! rief der Erzherzog Johann lächelnd. Willkommen alſo, Nugent, willkommen hier in Wien, mein tapferer, welt⸗ fahrender Ritter. Willkommen, Graf Wallmoden und Herr Herzog von Accerenza. Ich bitte, Hoheit, wollen Sie auch dieſen Herrn willkommen heißen, ſagte Graf Nugent, den Einzigen der Anweſenden, welchen der Erzherzog nicht mit ſei⸗ nem Namen begrüßt hatte, ihm vorſtellend. Es iſt Herr King, ein Freund und Vertrauter des britiſchen Miniſteriums und von demſelben mir mitgegeben, daß 126 ich ihn hier als Unterhändler und Vermittler Eurer Hoheit vorſtelle. So heiße ich denn auch Sie willkommen, Herr King, ſagte Johann, freundlich mit dem Kopfe nickend, und möge Ihre Sendung den ſcharfen Spüraugen un⸗ ſerer Polizei und der ängſtlichen Sorgfalt des Herrn von Metternich ein Geheimniß bleiben. Ich bin hierher gekommen, als der Agent eines großen Banquierhauſes aus Amſterdam, und mein Paß weiſt mich als unverdächtig aus, ſagte der Engländer in geläufigem Deutſch. Ich habe außerdem unverdäch⸗ tige Empfehlungsbriefe aus Berlin und Paris ſogar, und Niemand wird, ſo hoffe ich, hinter dem Wechſel— agenten und Börſenſpekulanten den Abgeordneten des engliſchen Miniſteriums wittern. Und nun, meine Freunde, laßt uns die Stunde be⸗ nutzen, rief Johann lebhaft. Wir ſind zuſammen ge⸗ kommen, um Mittheilungen zu empfangen und zu geben. Sprecht alſo, ich bin da, um zu hören und Eure Rathſchläge zu empfangen. Nehmen wir Alle unſere Plätze hier um den Tiſch ein, und mögen die welt— fahrenden Ritter der Freiheit uns Kunde geben von Europa und zunächſt von Deutſchland. Sie zuerſt, mein edler und tapferer Graf Nugent, berichten Sie in D. Kolbe dindun das die nen und Mee und Spi⸗ Hän 2T 127 uns von Ihrer Weltfahrt, ſagen Sie uns, woher Sie kommen. Ich komme aus London, Hoheit, und war vorher in Trieſt, Malta und Cadix, nachher in Berlin und Kolberg, ſagte Nugent ernſt. Ueberall habe ich Ver⸗ bindungen angeknüpft, Freunde gewonnen, Freunde für das große Werk der Weltbefreiung. Es gährt überall, die Völker alle ſind voll Ingrimm und Haß, und ſeh nen ſich nach der Stunde der Erhebung. In Illyrien und Iſtrien, an der ganzen Küſte des Adriatiſchen Meeres herrſcht die größte Gährung und meine Freunde und Vertrauten, der edle Biſchof Verhovasz an ihrer Spitze, ſchüren das unterirdiſche Feuer mit eifrigen Händen und machen den Haß gegen dien franzöſiſchen kleinen Tyrannen immer höher auflodern. Illyrien und Iſtrien, Kärnthen und Krain ſind wie ein einziger großer Pulverheerd, es bedarf nur noch eines einzigen heißen Wortes, um das Pulver zu entzünden und die Flammen des Haſſes auflodern zu machen. Alles wartet und hofft dort auf den geliebten und erſehnten Fürſten, daß er komme, mit kühner Hand das Schwert emporſchwinge und Beſitz ergreife von dem Land und Volk, das freudig bereit iſt, ihm als ſeinem geliebten Herrn ſich zu unterwerfen. Ganz Illyrien und Iſtrien 128 hofft, gleich Tyrol, auf den Befreier, den Erzherzog Johann. Ich bringe Ew. Hoheit die Grüße eines edlen, tapferen, nach Freiheit und Erlöſung dürſtenden Volksſtammes, der Ew. Hoheit anfleht, ſeine Liebe und ſeine Unterwürfigkeit anzunehmen, und in ſeine Mitte zu kommen, um es zu befreien und ſeine Huldigung entgegen zu nehmen. Davon ſprechen wir nachher, ſagte Johann lächelnd. Jetzt berichten Sie weiter! Sie waren in Cadix, Sie haben Wellington geſprochen und die tapferen Gene⸗ räle der ſpaniſchen Armee? Ja, ich habe ſie geſprochen, und ich habe von Wellington das ſichere Verſprechen, daß England ſei— nen Kampf auf der ſpaniſchen Halbinſel mit unge⸗ ſchwächten Mitteln fortſetzen wird, ſo lange ihm noch ein Soldat und eine Guinee zur Verfügung bleibt. Ich weiß von den ſpaniſchen Generälen, daß ganz Spanien jetzt einer einzigen großen Feſtung gleicht, welche bereit iſt, bis zum letzten Tropfen Blut zu kämpfen, und ſich niemals und unter keiner Bedingung dem Feinde unterwerfen wird, ſondern mit allen Waf— fen der Liſt, der Rache, des Haſſes und des Helden— muthes fort und fort kämpfen wird. Nicht blos jeder Mann, ſondern auch jedes Weib, jede Jungfrau, jedes 1 129 Kind und jeder Greis ſind jetzt Soldaten und Kämpfer der großen ſpaniſchen Armee, welche für die Freiheit Spaniens und für die gefangene Königsfamilie ſich erhebt. Napoleon wird Spanien nicht erobern, es ſei denn, daß er das Land in eine Wüſte verwandelt, in der er den letzten Spanier und die letzte Spanierin begraben hat. Geſegnet ſei Gott, daß es noch ein Land und ein Volk giebt, welches dem Tyrannen zu opponiren wagt, und nicht die ſchweigende Duldung und Ergebung als eine unumgängliche Nothwendigkeit betrachtet, rief der Erzherzog tiefbewegt. Gott wird die heldenmüthigen Spanier nicht untergehen laſſen. Er wird ſie zu einer Leuchte machen, welche allen Völkern Europa's entgegen⸗ ſtrahlt, und ihnen die Wege zeigt, welche ſie wandeln müſſen! Davon ſind auch die Miniſter Englands, davon iſt auch der edle Prinz Regent überzeugt, fuhr Graf Nugent fort. Das engliſche Miniſterium iſt bereit, alle Mittel in Bewegung zu ſetzen, um Europa zu unterſtützen im Kampf gegen Frankreich. England bietet allen Völkern, welche bereit ſind zum Kampfe gegen Napoleon, Geld, Waffen und Soldaten an. Ganze Schiffe voll Waffen, voll den Hafen von London zu verlaſſen und dahin zu 35 Mühlbach, Erzh. Johann u. Metternich I. 9 ſteuern, wo man ihrer bedarf. England bietet den Völkern Waffen, den Fürſten Subſidien. Es will be⸗ ſonders das unglückliche Preußen und das arme ge⸗ knechtete und ſo oft hintergangene Tyrol mit wirkſamer Hülfe unterſtützen. Bereits iſt es ihm gelungen, eine ganze Ladung Waffen über Spanien und Sardinien nach der Schweiz zu bringen, um ſie von dort, ſobald es möglich und nothwendig iſt, nach Tyrol zu beför⸗ dern. Auch Gelder ſtellt es für Tyrol zur Verfügung, und hat mit Sardinien einen Vertrag abgeſchloſſen, daß dies den Tyrolern ſofort ein Hülfscorps ſende, wenn Tyrol ſich erhebt, wenn die rechte Stunde ge— kommen und ihr erſehnter Befreier in ihrer Mitte iſt. Und was will England für Preußen thun? fragte Johann. Glaubt es denn, daß Preußen etwas für ſich thun laſſen will? Ja, mein Fürſt, England glaubt das, oder viel— mehr, es weiß das. Preußen iſt nicht mehr das ge— beugte, muthloſe, bezwungene und verzagte Land und Volk, das es nach den unglücklichen Schlachten von Jena und Auerſtedt geweſen. Edle, entſchloſſene und unverzagte Männer haben dort in Geheimniß und Stille raſtlos gearbeitet an dem großen Werk der Er— neuerung und Erhebung. Sie haben ſich mit den 1, 7 5 7 1 7 1 Gleichgeſinnten aus allen Theilen Preußens vereinigt zu geheimen Bündniſſen, deren Aufgabe es war, über all in dem preußiſchen Volk den Muth, die Hoffnung und das Selbſtvertrauen zu heben, den Haß zu ſchü— ren und das Gefühl der Schmach, unter welcher Preußen darniederlag, bis zum glühendſten Durſt nach Rache zu erregen. Scharnhorſt, Gneiſenau, Blücher und Hardenberg haben in raſtloſer Thätigkeit, in be geiſtertem Eifer gearbeitet an der Wiedergeburt Preußens. Sie haben das Heer und die Heeresverfaſſung reorga niſirt, die Feſtungen wieder in Kriegsbereitſchaft geſetzt, die Finanzen ſo geordnet, daß es Preußen im Moment des Handelns weder an Geld, noch an Soldaten fehlt, ſondern daß man bei dem erſten Aufruf ein Heer von hundertundzwanzigtauſend Mann in Bereitſchaft hat. Und der König iſt mit all dieſem einverſtanden? Der König iſt immer noch ſchwankend und unent ſchloſſen, aber in der Stunde der Entſcheidung wird ſein redlicher Sinn, ſein Haß gegen Napoleon und ſeine aufrichtige Sympathie für den Kaiſer Alexander ihn zu einer offenen Erklärung drängen, und ihn Partei nehmen laſſen gegen Frankreich, trotz der Furcht, die er hat, ſein Volk abermals in einen langwierigen und gefährlichen Krieg hineinzuziehen. Gneiſenau's und 9*† 132 Scharnhorſt's Thätigkeit hat Preußen wieder zu einer angeſehenen Macht erhoben. Sie haben die ungeheuerſten und zugleich die allerzweckmäßigſten Rüſtungen gemacht. Bei Kolberg iſt ein verſchanztes Lager für zwanzigtauſend Mann, andere ſind in Schleſien und Oſtpreußen, eines wird eben bei Spandau angefangen. Dieſes zog die franzöſiſche Aufmerkſamkeit vorzüglich auf ſich; man drang darauf, alle Rüſtungen einzuſtellen und ſich mit Frankreich zu verbünden. Ich kam eben in Berlin an, als dieſe große verhängnißvolle Frage im Miniſte⸗ rium in der heftigſten Erörterung begriffen war. Ich ſetzte mich ſofort mit Gneiſenau in Verbindung, und gab dem ausgezeichneten und edlen Mann vollſtändige Kenntniß der Pläne und Mittel des Prinz Regenten. Die von England bethätigte Energie hat die Entſchlüſſe des preußiſchen Gouvernements neu beſtärkt, und man iſt jetzt entſchloſſen, die Allianz Frankreichs nicht an⸗ zunehmen, den Bruch mit Frankreich aber noch bis zur letzten Stunde hinaus zu ſchieben. Preußen hofft, daß in Einer Stunde an allen Enden von Europa die Flammen des Krieges wider Bonaparte emporſchlagen, daß den gemeinſamen Anſtrengungen ganz Europa's es gelingen muß, den gemeinſamen Feind zu Boden zu werfen und auf immer zu vernichten.— D o⸗ — heit, iſt es, was ich von meiner letzten Rundreiſe durch Europa zu berichten habe, und ich bin jetzt hierher gekommen, um zu erfahren, welche Stellung Oeſterreich einzunehmen gedenkt, und welche Mittel wir jetzt an wenden müſſen, um Oeſterreich unwiderruflich zur Partei der Antifranzoſen hinüber zu ziehen. Hören wir erſt, was Wallmoden und der Herzog von Accerenza uns zu berichten haben, ſagte der Erz herzog ausweichend. Sie, Herr Herzog, waren in Rußland. Was bringen Sie uns für Botſchaft von dem Kaiſer Alexander? Wird die Wetterwolke, welche ſich zwiſchen Frankreich und Rußland aufgethürmt hat, vorüberziehen oder wird ſie ſich entladen? Sie wird ſich entladen, Hoheit, und ganz Europa wird unter ihren Donnern und Blitzen erbeben, erwiederte der Herzog von Accerenza feierlich. Der Kaiſer Alexander iſt entſchleſſen zum Kriege. Die unerträglichen An maßungen Frankreichs, die hochmüthige Forderung Na poleons, daß Rußland ſich ſeiner Feindſchaft gegen England anſchließen, und gleich den andern ergebenen Fürſten Europa's einen Blocus auf alle engliſchen Waaren und Schiffe legen ſolle, haben den Kaiſer auf's Aeußerſte gebracht, und den unerſchütterlichen 1 Entſchluß in ihm gereift, dieſen Uebermuth des fran 134 zöſiſchen Tyrannen zu züchtigen, und die Welt von ihm zu befreien. Er wird daher allen Vermittelungs⸗ verſuchen, allen Friedensvorſchlägen ausweichen, und endlich den Vernichtungskrieg gegen Frankreich, nicht um Rußlands willen, ſondern zum Wohl Enropa's be⸗ ginnen. Er hofft dabei auf die Mitwirkung Deutſch⸗ lands, auf das feſte Zuſammenſtehen Oeſterreichs und Preußens, auf die heldenmüthige Erhebung aller Völker, damit dem vorſchreitenden Eroberer jeder Fuß breit Landes bekämpft, ihm Schritt vor Schritt ſein Raub entriſſen, und er zurückgedrängt werde aus allen ſeinen Eroberungen. Rußland bietet deshalb allen unter⸗ drückten Völkern ſeine Hülfe und ſeinen Beiſtand an, es will nicht erobern, ſondern erlöſen, es will nicht unterdrücken, ſondern befreien, es erhebt ſein Schwert für die Freiheit und Unabhängigkeit Europa's, aber es hofft, daß ganz Europa zu ſeiner Fahne ſtehen wird. Und Gott gebe, daß ſeine Hoffnungen nicht ge— täuſcht werden, ſeufzte Erzherzog Johann ſchmerzlich. Jetzt, Graf Wallmoden, was bringen Sie uns für Nachrichten, und wo waren Sie in dieſer letzten Zeit? Ich war in Sicilien, Hoheit, und ich bringe auch Nachrichten vom Erzherzog Franz aus Sardinien. In Palermo traf ich mit ihm und Lord Bentink zuſammen, und erfuhr von ihm ſeine Pläne für die Zukunft. Der Erzherzog Franz, der edle und gleichgeſinnte Bruder unſerer Kaiſerin Ludovica, iſt der glühende und uner— ſchütterliche Feind Napoleons und ein machtvolles und treues Bollwerk der Freiheit und Unabhängigkeit Eu ropa’s. Seiner Beredſamkeit und Gluth iſt es gelun gen, auch den König von Sardinien, den Vater ſeiner jungen Gemahlin Beatrix, in ſeine Pläne mit hinein zu ziehen, und ihn für die Sache der Befreiung zu gewinnen. In Genua werden demgemäß Schiffe, Sol⸗ daten und Waffen geſammelt und aufgehäuft werden, um am Tage der allgemeinen Erhebung mit in die Action gebracht und im Dienſte der Freiheit verwandt zu werden. Der Erzherzog iſt ungemein thätig und zu Allem bereit. Er erwartet nur, daß man ihn im mer au fait hält, daß man ihn beſtändig benachrichtige von Allem was geſchieht und geſchehen ſoll, und daß die Gleichgeſinnten aller Länder Europa's in ununter⸗ brochener Correſpondenz mit einander bleiben, um ſich unter einander zu verſtändigen und ſtets in Einigkeit handeln zu können. Mit Lord Bentink ſteht er im innigſten Einvernehmen, und wenn Joachim Murat noch einmal einen Angriff auf Sicilien wagen ſollte, wird Erzherzog Franz dem Lord Bentink, der mit ſei 136 nen engliſchen Truppen Sicilien und die Königsfamilie vertheidigt, mit Truppen und Waffen zur Hülfe herbei eilen. Sie ſenden ihre Agenten durch ganz Italien, und die Revolution iſt auf der ganzen Halbinſel ſo ſicher organiſirt und vorbereitet, daß es zu ihrem Los bruch nur eines Zeichens bedarf. Dieſes Zeichen er wartet Italien von Deutſchland. An dem Tage, an welchem in Deutſchland die erſten Kanonenſchläge der Völkerſchlacht gegen Napoleon erdröhnen, wird ganz Italien aufſtehen und zum Schwert greifen, um die Franzoſen, die Unterdrücker und Tyrannen Italiens, zu vertreiben. Italien wartet auf Deutſchland, auf Rußland, auf den ganzen Norden von Europa; es weiß, daß das einmüthige Handeln und Kämpfen aller Fürſten und aller Völker nothwendig iſt, um den ge meinſchaftlichen Feind, den machtvollen Uſurpator, zu ſtürzen, und es wartet daher und bereitet ſich vor auf die Stunde der That. Das iſt die Botſchaft, die ich von dem Erzherzog Franz aus Sardinien und dem Lord Bentink aus Sicilien bringe. Und jetzt alſo wäre es an mir, Ihnen Nachricht zu geben über das, was wir ſeither in Oeſterreich gethan, ſagte Johann traurig. Jetzt müßte ich Ihnen Kunde geben von unſern Rüſtungen und geheimen n — — 1 Einverſtändniſſen, von unſern Plänen und Vorberei⸗ tungen. Aber das iſt eben das Schlimme, Oeſterreich hat gar keinen Plan, kein entſchiedenes Wollen. Es will ſich nur das Leben friſten, nur möglichſt ſich fern von allen Feindſeligkeiten halten, um dann nachher ſich auf die Seite Deſſen zu ſtellen, der den Sieg gewonnen hat. Das heißt, ich rede nur von unſerm Miniſterium, nur von Metternich, der jetzt zum Unglück der deutſchen und der öſterreichiſchen Sache das Ohr des Kaiſers für ſich hat. Metternich iſt kein großer, kein energiſcher Character, ja, er iſt nicht einmal ein politiſcher Character, und führt niemals ſeine Ideen mit Conſequenz und Strenge durch. Ihm kommt es nur darauf an, Miniſter zu bleiben, denn darauf beruht ſeine Werthſchätzung und ſeine Exiſtenz. Er hat kein Vermögen, es iſt daher für ihn eine ganz materielle Nothwendigkeit, im Amt und in der Macht zu bleiben. Deshalb hat er ſich zum allgemeinen Friedensvermittler gemacht, weil der Krieg, der an allen Verhältniſſen und an allen Thronen rüttelt, gar leicht auch ſein Miniſterium verſchütten, und ihn machtlos werden laſſen könnte. Er hat in ſich die Idee der Erhaltung ſeiner Stelle ſo identificirt mit der Erhaltung des Friedens, daß ſie beinah Eins geworden. Metternich will Miniſter bleiben, und darum wird er all ſeine Kraft, ſeine Schlauheit aufbieten, alle Mittel der Di⸗ plomatie und Intrigue in Bewegung ſetzen, um den Frieden zu erhalten, darum wird er alle kühnen und entſchiedenen Maßregeln fliehen, weil er nicht verſpielen kann, nicht verſpielen will. Er bezweckt daher nichts weiter, als die kränkliche Exiſtenz des Staats zwiſchen zwei mächtigen Nachbarn, zwiſchen Rußland und Frank⸗ reich, nur ſo hinzuhalten, jede Kriſis zu vermeiden, Miniſter zu bleiben, zu thun, was der Herr will, wenn er den Herrn nicht bewegen kann, zu thun, was er, der Metternich, will. Sein Herr aber, der Kaiſer, will den Krieg nicht, weil er die Niederlage fürchtet, weil er ſeiner Armee mißtraut, und weil er ſeinen Brüdern um keinen Preis die Gelegenheit gönnen will, ſich auszuzeichnen und die alten Scharten des letzten Krieges wieder auszumerzen. Oh, meine Freunde, es ſteht ſchlimm um Oeſterreich, und mein Herz iſt voll Trauer und Schmerz, denn ich fürchte, daß alle unſere Hoffnungen und Pläne vergeblich geweſen. Oeſterreich wird ſich nicht erheben, es wird vielmehr immer tiefer ſinken, denn die Hand Metternichs drückt es darnieder, und wir Alle werden nicht ſtark genug ſein, dieſen vergifteten Pfeil aus dem Fleiſch Oeſterreichs, in das er ſich eingebohrt, wieder herauszuziehen. Alle unſere Anſtrengungen werden vergeblich ſein, denn Metternich hat das Ohr des Kaiſers und Metternich will den Frieden! Man muß alſo durch Liſt zu erlangen ſuchen, was man nicht durch Gewalt erlangen kann, ſagte Graf Hardenberg lächelnd, man muß den gewandten Diplo⸗ maten zu überliſten ſuchen, und ihn ganz unvermerkt zwingen ſich uns anzuſchließen. Dies haben wir ſchon begonnen, und wie ich hoffe, mit einigem Erfolg. Auf meinen Rath hat der Prinz Regent ſich durch ſeine Agenten mit Metternich in Verbindung geſetzt, und Herr King wird uns erzählen, was ihm Graf Metternich bei der geheimen Unterredung, die er in meinem Hauſe gehabt, geantwortet hat. Sie wiſſen, ich habe das Glück, für einen harmloſen und unverfänglichen Schwätzer und Narren zu gelten, deſſen Haus man immer be ſuchen kann, ohne ſich dadurch zu compromittiren, und Graf Metternich zog es daher vor, den geheimen Agenten des Prinz Regenten lieber bei mir, als in ſeinem eigenen Hauſe zu empfangen. Es iſt wahr, lieber Graf, ſagte Erzherzog Johann lächelnd, Sie ſpielen Ihre Rolle mit ſolcher Virtuo— ären, ſogar die ſität, daß Sie zuweilen im Stande w 140 Eingeweiheten zu täuſchen, die Ihnen den Namen Brutus gegeben, weil Sie, um das Vaterland zu retten, die Rolle des Einfältigen übernommen haben. Möge Ihr ſchöner und ruhmwürdiger Name zur Wahrheit werden, und Ihr Streben von demſelben Erfolg ge— krönt werden, wie das des römiſchen Brutus! Und jetzt, Maſter King, laſſen Sie uns wiſſen, was Sie mit dem Grafen Metternich geſprochen haben, und was für Ausſichten er Ihnen eröffnet hat? Ich übergab dem Grafen Metternich zuerſt meine Empfehlungsbriefe vom Prinz Regenten, und vom Grafen Münſter, ſagte King, ich ſagte ihm dann, daß die beiden edlen Männer das höchſte Vertrauen in den Grafen Metternich ſetzten, daß ſie Beide überzeugt ſeien, der Graf Metternich, der Lenker der Geſchicke Oeſterreichs, werde, wenn ganz Europa, wenn Deutſch land zunächſt ſich erhebe gegen Napoleons Despotie, treu und feſt zu Deutſchland ſtehen, die nationale Sache zu ſeiner eigenen machen, und zum Kampf der Rache und der Befreiung ſein Schwert erheben.— Graf Metternich antwortete mir nur mit einem Lächeln und einem leiſen Kopfnicken und forderte dann von mir nähere Information über die beregten Gegenſtände. Ich ſetzte ihm nun weitläufig die Abſichten des brittiſchen 141 nen Miniſteriums und Gouvernements, auch bezüglich der übri⸗ en, gen Mächte auseinander, von welchen jede thun möge, was öge ihr bei der großen Aufgabe das Nützlichſte ſcheine; ich ſprach heit von Englands Entſchluß, den Krieg in Spanien mit aller Kraft fortzuſetzen, als einem Hauptmittel zur allge⸗ ge nd meinen Freiheit, ich ſprach von der Wichtigkeit eines bie beſſern und nähern Einvernehmens Oeſterreichs mit nd dem Norden, vor allem mit Preußen, und berührte die Nothwendigkeit, ein gediegeneres Syſtem hinſichtlich ine des Mittelmeers anzunehmen. Dann verbreitete ich mich om über Großbrittanniens außerordentliche Hülfsquellen und aß über die ungemeine talentvolle Thätigkeit des Prinz Regenten. Graf Metternich hörte mir ſehr aufmerkſam gt zu, dann, nachdem ich geendigt, erklärte er mir kategoriſch, daß die Grundbedingung jeder weitern Unterhandlung die ſei, daß er allen Entwürfen vollkommen fremd, und in allen Plänen der antifranzöſiſchen Partei voll⸗ ze kommen neutral bleibe. Nachdem ich ihm dies feierlich e zugeſagt, verſprach er die Pläne und Beſtrebungen f Englands nach beſten Kräften zu fördern, allen Agenten b Englands in Oeſterreich Schutz und Förderung zu ge r währen, und ſo viel in ſeinen Kräften ſtehe, heimlich 4 unſere Pläne zu begünſtigen, auch uns immer mit Nach⸗ richten und Mittheilungen zu verſehen, wie er andrer — —᷑—᷑——Z—;ʒ⁸—·,˖.:— 142 ſeits auch von uns ſtets erwarte, über das Fortſchreiten unſeres Werkes genaue und ausführliche Berichte zu erhalten. Graf Metternich erklärte ſich ferner bereit, auch mit den geheimen Agenten Preußens und Ruß⸗ lands in Verbindung zu treten, und durch ſie mit dem König Friedrich Wilhelm und dem Kaiſer Alexander ſich in Einvernehmen zu ſetzen, um vorſichtig und heim lich Alles vorzubereiten für die Stunde, wo er ſich öffentlich mit dieſen beiden Mächten verbinden könne, um den entſcheidenden Vernichtungskampf gegen Frank⸗ reich zu beginnen. Er hoffte, ſagte er, daß er bis dahin für denſelben die Zuſtimmung des Kaiſers ge⸗ winnen, und ihn überzeugen werde, daß der Kaiſer von Oeſterreich gegen ſein Volk und Deutſchland Pflichten habe, die höher und heiliger noch ſeien, als die Pflichten, welche er als Vater gegen ſeine Tochter, die Kaiſerin von Frankreich, habe. Bis dahin will er nur ganz im Geheimen ſeine Verbindungen mit uns fortſetzen, und wünſcht immer nur durch den Grafen Hardenberg von unſern Fortſchritten und Plänen be⸗ nachrichtigt zu werden. Ich werde ihm allwöchentlich Bericht erſtatten, aber ich werde auf meiner Huth ſein, nicht allzu aufrichtig und offen zu ſein, ſagte Graf Hardenberg lächelnd. 143 Daran werden Sie ſehr wohl thun, rief Johann lebhaft. Die Danaer muß man fürchten, auch wenn ſie Geſchenke bringen. Und das Geſchenk ſeines Ver— trauens, das uns Graf Metternich da macht, iſt ein ſehr zweideutiges. Er will eingeweiht ſein in alle Pläne, vielleicht nur um ſie zerſtören zu können. Ich wiederhole es Ihnen: Metternich fürchtet jedes Zer— würfniß mit Frankreich, weil der Krieg ihn ſelber ge— fährdet; wenn er ſich mit den Feinden Frankreichs verbindet, ſo geſchieht es nur, um ſie zur rechten Zeit an Frankreich zu verrathen, und ſich dies bei Napoleon als einen eclatanten Beweis ſeiner Treue und Erge benheit anrechnen zu laſſen. Man muß daher, wie ich ſchon ſagte, den Liſtigen zu überliſten ſuchen, ſagte Graf Hardenberg. Beweiſen wir ihm volles Vertrauen, ſeien wir anſcheinend ganz offen gegen ihn, und ſuchen wir ihn dadurch immer weiter auf unſerm eigenen Wege vorwärts zu ſchieben. Graf Metternich will ein Doppelſpiel ſpielen, er will zugleich Frankreichs Freund und der geheime Vertraute von Rußland, England und Preußen ſein. Anterhandeln wir alſo mit ihm in's Geheim ſo lange bis es Zeit iſt, dieſe Unterhandlungen öffentlich zu machen. 144 Dies iſt auch die Meinung des Grafen Münſter, R. — und ſelbſt des Prinz Regenten, ſagte King. Man muß 6 den Grafen Metternich und durch ihn auch den Kaiſer V. immer tiefer in die Verhandlungen mit den Feinden 6 Frankreichs hinein ziehen, bis man Beide Napoleon 1 gegenüber ſchonungslos compromittiren kann, ſo daß l ſie nicht mehr zurück können.*) e Der Plan iſt gut, und ſicherlich der einzige, der W bei Metternich zum Ziel führen kann, rief Johann 3 lebhaft. Man muß ihn zwingen, ein guter Oeſterreicher, ein guter Deutſcher zu ſein. Man muß machen, daß er ſich in ſeinen heimlichen Negotiationen mit den Höfen von England, Rußland und Preußen, in ſeinen Ver⸗ handlungen mit den geheimen Geſellſchaften und Bünd— niſſen ſolche Blößen giebt, daß ſie zu Waffen werden, die man mit vollſter Energie gegen ihn gebrauchen kann. Von einem bloßen Gefühl für Freiheit und Ehre iſt V bei ihm durchaus nichts zu erwarten, man muß ihm drohen, man muß ihn zu rechter Zeit ſo bei Napoleon compromittiren, daß er deſſen Rache fürchtet, und muß ihm auf den Fall, daß er den Kaiſer zu einer Kriegs⸗ erklärung gegen Frankreich beredet, eine angeſehene und *) v. Hormayr: Lebensbilder. Th. II. S. 62. 145 geſicherte Exiſtenz in Ausſicht ſtellen.*) Sie alſo, er, uß Graf Hardenberg, haben von nun an das Amt, den ſer Vermittler zwiſchen den Feinden Napoleons und dem en Grafen Metternich zu machen, Ihnen liegt es ob, on Metternichs Vertrauen zu gewinnen, ihn ſo vorwärts aß zu treiben, daß er nicht mehr zurück kann, und wenn er es doch will, ihm jeden Rückweg abzuſchneiden. er Wir Alle aber wollen raſtlos weiter arbeiten, an dem m großen Werk der Zukunft, an der Zerſchmetterung des — Despoten, an der Befreiung Deutſchlands und dadurch — Europa's. Wir wollen Alle unſere Kräfte, unſere Fä⸗ fen higkeiten aufbieten, dies große Werk zu fördern, und , demſelben immer mehr Anhänger, immer mehr Soldaten 4 für die große Armee der Freiheit und Gerechtigkeit zu 1 gewinnen. In Heimlichkeit und Stille wollen wir 3 wirken und ſchaffen, von keinen Niederlagen uns beirren, 3 von keinen Gefahren uns abſchrecken laſſen! Napoleon 1 muß geſtürzt werden, damit Deutſchland, damit die 7 jn ganze Welt aus ſchmachvoller Erniedrigung ſich wieder 4 erheben könne! Laſſen wir alſo kein Mittel unverſucht, 1 dies Ziel zu erreichen, vereinigen wir uns untereinander g in treueſter Gemeinſchaft, wirken wir im ſteten Ein *) Ebendaſelbſt. Mühlbach, Erzh. Johann u. Metternich. I. — 146 verſtändniß jeder nach ſeiner Weiſe, nach ſeiner Kraft. Graf Nugent und Graf Walmoden ſind die Vertrauten, welche die ganze Welt mit raſtloſem Eifer durchwan⸗ dern, um überall neue Verbindungen anzuknüpfen, neue Freunde und Genoſſen zu gewinnen, Herr King iſt der Vermittler und Bote, den uns England geſendet, und durch den wir mit dem engliſchen Gouvernement in ſteter Berührung ſtehen, Graf Hardenberg iſt der Vertraute von uns Allen, der Mittelpunkt, in welchem alle die vereinzelten Fäden unſeres Gewebes zuſammen laufen; er vermittelt unſere Correſpondenz, unſere Verbindungen untereinander und mit den auswärtigen Geſinnungsgenoſſen. In ſeiner Hand ruht die Chiffre zu den Berichten, welche die Grafen Nugent und Wal moden uns ſenden werden, er wird die Berichte, die wir ihnen zukommen laſſen, chiffriren und ihnen durch vertraute Boten und auf geheimnißvollen Wegen zu ſtellen. Der Herr Herzog von Accerenza wird durch ihn von allem Wichtigen benachrichtigt werden, und davon dem Kaiſer Alexander Mittheilung machen, auch uns die Botſchaften ſeines Kaiſers bringen. Ich Armer aber werde von Ihnen Allen am Wenigſten zu thun vermögen. Ich bin machtlos, und mittellos, ich habe nichts als meinen guten Willen, und meinen Arm, 147 wenn es zur Schlacht kommt. Ich kann nichts thun, als vorbereiten, anfeuern und rathen, und vielleicht als Schildwacht für meine Freunde ſorgen, daß ihnen nichts Uebles geſchieht, und kein Verrath ſie bedroht. Ich habe keine Armee, die ich der großen und edlen Sache, der wir Alle uns geweiht haben, darbieten kann, ich habe nichts als meinen Namen und meinen guten Willen. Ew. Hoheit haben mehr, ſagte Graf Nugent feier⸗ lich, Sie haben die Liebe und die Sympathie Oeſter reichs, Sie ſind der Stern und die Hoffnung eines unglücklichen Landes, einer edlen Bevölkerung, welche Sie ihren Helden, ihren Befreier nennt. Gnädiger Herr, Tyrol erwartet Sie, Tyrol hofft auf Sie, es ſchreit zu Ihnen um Hülfe, um Befreiung, es ſchreit zu Ihnen, als zu ſeinem Retter. Wollen Sie dieſen Schmerzensſchrei eines edlen ſo oft ſchon ge täuſchten und hintergangenen Volkes nicht hören? Wollen Sie es nicht vielmehr belohnen für ſeine Ge⸗ duld, ſeine Treue und ſeinen unerſchütterlichen Glauben? Wiſſen Sie, was die Tyroler wollen, was ſie von mir fordern? fragte der Erzherzog Johann. Sie wollen frei ſein durch und mit Oeſterreich, ſie wollen das Joch, das auf ihnen laſtet, abwerfen, und die Baiern und Franzoſen mit Hülfe Oeſterreichs wieder 10* —— —— 148 aus ihrem Lande verjagen. Sie wollen noch einmal um ihre Freiheit kämpfen, und ſie rufen den geliebten Erzherzog Hannes zu ſich, daß er ſich an ihre Spitze ſtelle, daß er ſie zum Kampf, zum Sieg führe, und bei ihnen bleibe als ihr König und ihr Herr! Und wiſſen Sie, wen die guten Tyroler in ihrer Kinderunſchuld ſich zum Boten an mich auserwählt haben? Durch wen ſie mir ihre Pläne, ihre Grüße und Liebesverſicherungen geſandt haben? Durch die Tänzerin Roſabella Valzerini. Sie iſt eine Tyrolerin von Geburt, ſagte Graf Nugent, die Tyroler Panzl und Winterſteller erzählten mir von ihr. Sie kam aus Neapel, wo ſie bis dahin mit ihrem Vater gelebt, vor einem halben Jahr nach Tyrol zurück, und zeigte ſich als eine ſo warme Pa⸗ triotin, als eine ſo glühende Verehrerin des edlen Erz herzogs Johann, daß man ihr wohl vertrauen, und ſie zur Vermittlerin zwiſchen Tyrol und ſeinem geliebten und erſehnten Erzherzog machen konnte. Sie erhielt daher von Panzl, Winterſteller und Eiſenſtecken Briefe an Ew. Hoheit und ward zur Unterhändlerin zwiſchen Tyrol und ſeinem Erzherzog auserſehen. Daß man aber eine richtige Wahl getroffen, das vermuthe ich daraus, daß man mir hier in Wien erzählt hat, Ew. 149 Hoheit hätten der Tänzerin Roſabella Valzerini ihre beſondere Gnade zugewandt, und ſich zu ihrem Be— ſchützer gemacht. Sie bedarf indeſſen meines Schutzes nicht, ſagte der Erzherzog lächelnd, Roſabella iſt eben ſo ſchön als klug und verſchlagen, und ſie hat ſich einen Be ſchützer gewählt, der mächtiger, reicher und einflußreicher iſt als ich. Roſabella brachte mir allerdings die Briefe meiner Tyroler Freunde, und ihr Enthuſiasmus für Tyrol und auch für mich äußerte ſich lebhaft genug. Vielleicht hätte er mich hingeriſſen, und ich hätte der ſchönen Roſabella vertraut, aber ſie brachte den Warner gleich mit ſich. Dieſer Warner war ein unſchuldiges Tyroler Kind, das Roſabella in Windiſch-Matrey in ihre Dienſte genommen, und das ihr von einer edlen Patriotin, von Eliſe Wallner, als zuverläſſig und treu war empfohlen worden. Aber Tonerl war zuverläſſiger und treuer als Roſabella es ahnte, und ſie brachte mir ein Schreiben von Eliſe Wallner, das nichts als die Worte enthielt: Mißtrauen Sie der Tänzerin, und beobachten Sie ſie. Es iſt kein richtig Tyroler Kind. Sie iſt bezahlt, um Sie und uns auszuforſchen und zu verrathen. Seien Sie alſo auf Ihrer Huth! Ich folgte dem Warnungsruf meiner edlen Tyroler 150 Heldin, und war auf meiner Huth, und Tonerl ſtand we 1 mir hülfreich zur Seite. Ich ſchien ganz arglos, ganz for hingeriſſen von der Schönheit und Gluth der reizenden ſdi Roſabella, ich ward vor aller Welt ihr Verehrer und ſo I Freund, und huldigte ihr als meiner Geliebten, aber V ei ich beobachtete ſie, und ich kann Ihnen jetzt das Re 1 b ſultat meiner Beobachtungen mittheilen. Roſabella] Valzerini iſt ein Werkzeug in der Hand meiner Feinde, ſe die mich zu einem Verräther und Rebellen ſtempeln z möchten, um mich für immer unſchädlich zu machen. Roſabella Valzerini iſt eine Creatur des Herrn von Hudeliſt, der wiederum ein Werkzeug des Grafen Met⸗ ternich iſt. Hudeliſt hat Roſabella nach Tyrol geſandt, Hudeliſt hat ſie dafür bezahlt, daß ſie dort als eifrige Patriotin erſchien, er hat ihr ſeine Inſtruktionen ge⸗ geben, wie ſie es anzufangen habe, ſich das Vertrauen der Tyroler zu erwerben, er hat ihr ſeine Verhaltungs⸗ befehle gegeben, und ſie iſt ſeine gelehrige Schüleringeweſen, ſie hat vor mir mit wahrer Meiſterſchaft die Patriotin und die Liebende geſpielt. Ich gab mir den Anſchein, an beide Rollen zu glauben, und ihr unbedingt zu ver⸗ trauen. Dadurch machte ich ſie ſicher, und erforſchte ihre Pläne, und die des Herrn von Hudeliſt. Heute Morgen wagte ſie einen entſcheidenden Schlag. Daſſelbe, 151 was Sie, Graf Nugent, mir vorher vorſchlugen, das forderte auch Roſabella von mir. Ich ſollte nach Tyrol eilen, ſollte mich an die Spitze der Tyroler ſtellen, ſollte mich zum Herrn von Tyrol machen, zum Herrn eines freien unabhängigen Volkes. Ich antwortete meiner verführeriſchen Roſabella, daß ich niemals ein Rebell, ein Hochverräther an meinem Herrn und Kaiſer ſein wolle, daß ich nichts mehr begehre, als dem Kaiſer zu gehorchen, ihm zu dienen, und meinen Willen dem das ſeinen zu unterwerfen. Ich ſagte ihr, daß ich Vorhaben der Tyroler verabſcheue, daß ich überhaupt gar nichts mehr mit der Politik zu ſchaffen haben, ſondern nur noch dem Vergnügen und dem heitern Genuß des Lebens huldigen wolle. Herr von Hudeliſt war, wie ich wußte, hinter einem Vorhang verborgen, ein Zeuge meiner Unterredung mit Roſabella, und er wird ſich jetzt vollkommen überzeugt haben, daß ich ein ganz harmloſer Mann geworden bin, den das Unglück ſo gezähmt, daß er allen Ehrgeiz und alle Energie verloren hat. Er wird das dem Kaiſer freilich nicht ſagen, aber er wird ihm auch nichts von einer Ver ſchwörung in Tyrol berichten, und dem Kaiſer weder mich, noch meine Tyroler Freunde verdächtigen können. Dies war das Ziel, welches ich erſtrebte, und da ich 152 es erreicht und Herrn von Hudeliſt irre geführt habe, durfte ich meine Rolle als Liebhaber endlich aufgeben. Ich benutzte einen Vorwand, mich von Roſabella zu trennen, und habe ihr heute für immer Lebewohl ge ſagt. Herrn von Hudeliſt aber hatte ich heute Abend hierher geladen, um ihn zu überzeugen, wie harmlos und tendenzlos mein Feſt iſt. Aber indem ich es that, ſorgte ich dafür, daß er beſchäftigt war, und wir hier ſeine Verrätheraugen nicht zu fürchten hatten. Seine Spione werden heute mein Haus nicht bewachen, da Herr von Hudeliſt ſelber hier iſt, und inmitten einer großen Geſellſchaft konnten wir uns viel leichter und ganz unbeobachtet hier zuſammenfinden. Ich danke Ew. Hoheit in unſerer Aller Namen für Ihre Mittheilungen, ſagte Graf Nugent ſich verneigend. Wollen Sie aber den Tyrolern keine andere Antwort geben, als der Tänzerin Roſabella, und dem Herrn von Hudeliſt? Soll Tyrol vergeblich auf ſeinen Lieb⸗ ling, auf ſeinen Befreier hoffen? Sind unſere Pläne ſchon ſo weit gediehen, daß wir daran denken können, ſie zur That werden zu laſſen? fragte Johann ernſt. Noch bauen wir an dem Fun dament, auf dem wir der Freiheit und Erlöſung einen Altar errichten wollen. Ein unvorſichtiger Griff könnte 153 leicht das ganze Fundament zuſammen fallen machen. Tyrol muß in der Stille ſich vorbereiten und bewaffnen, wie wir Alle es thun, es muß, gleich uns, auf die rechte Stunde, und den rechten Moment warten. Wenn der aber gekommen iſt, werde ich Tyrol die lich erfüllen, die ich ihm bis jetzt Verſprechungen end Die kleine Tonerl, leider nicht verwirklichen konnte. Roſabella's Dienerin, verläßt morgen Wien, um in Durch ſie werde ich den ihre Heimath. zurückzukehren. Hudeliſt Tyroler Freunden meine Botſchaft ſenden. bewacht ſie und mich, und es wäre ſehr unvorſichtig, wenn wir gerade jetzt irgend etwas unternehmen wollten. „Vorſicht und Geduld,“ das muß die Deviſe ſein, die wir Alle zur Richtſchnur unſers Lebens machen. Wir gehen einer großen Zeit entgegen, ſuchen wir uns und unſer Volk darauf vorzubereiten, und alle Wege zu Schlagbäume und Hemmſchuhe hinweg zu Weg verſperren ebnen, alle räumen, welche dieſer neuen Zeit den möchten. Suchen wir vor allen Dingen bei uns die jenigen zu verdrängen, und unſchädlich zu machen, welche, um ihrer eigenen Intereſſen willen, die großen Intereſſen des Vaterlandes, die Befreiung von Frankreich hindern und unmöglich mochen wollen. Das iſt meine Aufgabe, und ich finde bei derſelben eine mächtige 154 Stütze an der edlen und muthigen Kaiſerin Ludovica. Wenn wir unſer Ziel erreichen, wenn es uns gelingt, Metternich entweder zu ſtürzen oder ihn für die nationale Sache zu gewinnen, und den Kaiſer mit Männern zu umgeben, denen die Ehre, die Größe und Freiheit Oeſterreichs am Herzen liegt, dann wird ein neuer Tag aufgehen in Oeſterreich, und das ganze Volk wird dieſem Tage entgegenjubeln. Denn das Volk von Oeſterreich iſt edel, muthig und treu, ſein Muth iſt nie gebeugt, ſein Sinn niemals beſtochen worden. Es hat noch niemals Frieden mit Napoleon gemacht, es wird, wenn der Kaiſer zum Kampf ruft, die Größe des Moments, die Nothwendigkeit der Rache fühlen, und freudig dem Ruf des Kaiſers folgen. Bis dahin ſeien wir thätig, vorſichtig und beſonnen, denn die Gegenwart gehört noch Bonaparte, die Zukunft aber wird unſer ſein. Nun alſo an's Werk, inſurgiren wir ganz Deutſchland, und ganz Italien, ſchaffen wir den Völkern Waffen, den Fürſten Geld, Muth und Ver trauen zu ihrer guten Sache, machen wir, daß der Krieg in ganz Europa entbrennt, und all überall ſich wider den einen gemeinſamen Feind, wider Napoleon richte, machen wir aus allen geknechteten und von franzöſiſchem Uebermuth darnieder gebeugten Völkern 155 Kriegsheere, und führen wir ſie gegen den Feind, gegen Napoleon. Einem Völkerkriege in Spanien, einem andern in Deutſchland, einem dritten in Illyrien, einem vierten in Italien, und einer vereinten brittiſchen, ruſſiſchen und preußiſchen Armee werden die Franzoſen mit all ihrem Uebermuth doch nicht gewachſen ſein, und die Stunde der Vergeltung wird hereinbrechen über Frankreich! VI. Napoleons Geburtstagsſeier. Paris hallte wieder von Glockengeläute und Ka nonendonner, Paris feierte heute den Geburtstag ſeines Kaiſers, den fünfzehnten Auguſt des Jahres achtzehn⸗ hundertundelf. Ueberall waren die Läden geſchloſſen, ruhten die fleißigen Hände; geputzte Menſchenſchaaren durchzogen die Straßen und wallfahrteten hinaus nach den Vergnügungsorten vor den Barrièren, während wieder Andere nach der Notredame-Kirche eilten, um dem Hochamt zur Ehre des Kaiſers beizuwohnen. Glänzende Caroſſen rollten durch die Straßen den Tuilerien zu, und dort empfing von der Frühe des Morgens an der Kaiſer Napoleon die demüthigen Glückwünſche ſeiner Familie, ſeiner Großwürdenträger und Beamten.— In den glänzend decorirten, von Gold und Spiegeln funkelnden Sälen ſtanden die Mar⸗ 7 15 ſchälle und Generäle, die Miniſter und Kammerherren, Fürſten und Grafen des Kaiſerreichs, die Deputa— Magiſtrat die tionen der großen Städte Frankreichs, der der Stadt Paris an ihrer Spitze, ihnen folgten die Deputationen des Handelsſtandes, der Bürgerſchaft; in dem großen Thronſaale aber befanden ſich ſämmt⸗ liche Geſandten der auswärtigen Mächte und diejenigen fremden Fürſten, welche gekommen waren, dem Kaiſer ſelbſt ihre Huldigung darzubringen. Alle dieſe geputz ten, glänzend decorirten vornehmen Herren warteten in feierlichem Schweigen auf das Erſcheinen des Kai— ſers, der als die Sonne dieſes glänzenden Tages über ihnen aufleuchten ſollte. Aber Napoleon kam noch immer nicht, er befand ſich noch immer in ſeinem Kabinet, beſchäftigt mit dem Leſen der Depeſchen, welche ſo eben ein Courier von ſeinem Geſandten in Petersburg, dem Grafen Lauriſton, Das Antlitz des Kaiſers war während gebracht hatte. jetzt warf er mit des Leſens immer düſterer geworden; einer verächtlichen Handbewegung das Papier auf den Tiſch, und ſein blitzendes Auge richtete ſich hinüber auf Maret, den Herzog von Baſſano, den der Kaiſer, aller Etiquette zum Trotze, aus dem Empfangsſaal hatte herbeſcheiden laſſen, um mit ihm die Depeſchen zu leſen. 158 Maret, ſagte Napoleon heftig, es iſt abgemacht! Nur der Krieg kann entſcheiden zwiſchen mir und Alexander. Er glaubt mir trotzen zu können, ich aber werde ihn demüthigen und ihm beweiſen, daß er weiſer gethan, mein Freund und Bundesgenoſſe zu bleiben, ſtatt heimlich gegen mich zu intriguiren, alle Welt gegen mich aufzuhetzen, und ſein Heer nach den Gren⸗ zen marſchiren zu laſſen. Das heißt mir drohen und mich herausfordern, und bei Gott, ich nehme die Her⸗ ausforderung an, und der Drohung werde ich mit Thaten antworten, die den Kaiſer Alexander, dieſen hinterliſtigen, verſchlagenen Neugriechen, wehrlos zu meinen Füßen niederſchmettern ſollen. Ja, er ſoll ihn haben den Krieg, den er ſo ſehr begehrt, er ſoll es erfahren, was es heißt, gegen mich ſich aufzulehnen und meine Freundſchaft verſchmähen zu wollen. Maret, wir werden Krieg haben, einen Krieg, der ganz Europa wird zittern machen! Einen Krieg, der neue Siege und neue Lorbeern des großen Napoleon in den Büchern der Geſchichte verzeichnen wird, ſagte Maret ehrerbietig. Ew. Ma⸗ jeſtät verſtehen die Kunſt, die Thränen zu trocknen, welche die Väter und Mütter über ihre gefallenen Söhne weinen, ſie geben ihnen Siege und Lorbeern, jeſen zu und ſtatt über ihre Todten zu weinen, jubeln ſie über den Lebenden, ihren Kaiſer. Das heißt, rief Napoleon, das heißt, Sie wollen mich daran mahnen, daß meine Kriege Fraukreich doch Thränen erpreßt, und den Vätern und Müttern ihre Söhne raubten! Aber ich kann es nicht ändern, und ich bin es nicht, der die Kriege veranlaßt. Man zwingt mich dazu, man fordert mich heraus, es iſt als ob dieſe Fürſten vom böſen Fatum getrieben nicht eher Ruhe geben können, als bis ſie von mir zur Ruhe ge— zwungen und gedemüthigt worden. Aber das wird aufhören! Nur noch drei Jahre und ich werde der Herrſcher des Weltalls ſein! Dann möge mir das Schickſal nur noch weitere dreißig Jahre gönnen, um das große Weltreich, das ich geſchaffen, zu befeſtigen und zu beglücken. Der Triumph meiner Waffen iſt der Triumph des guten Princips über das böſe, der Triumph der Ordnung, Sittlichkeit und Mäßigung über den Bürgerkrieg, die Geſetzloſigkeit, die Leidenſchaften.*) Warum wollen das dieſe Fürſten nicht begreifen? Warum lehnen ſie ſich wider mich auf, ſtatt mich als ihren Freund, ihren Protector anzuerkennen? Es ſind *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Lebensbilder. I. S. 71 und S. 73. 160 kurzſichtige, in Vorurtheilen befangene, engherzige Men⸗ ſchen, dieſe Fürſten, und es wird mir nichts Anderes übrig bleiben, als ſie Alle zu verjagen! Dieſer Kaiſer Alexander zumal! Er iſt ein Undankbarer, ein Heuchler! Ich liebte ihn, ich bot ihm meine Freundſchaft aus aufrichtigem Herzen an, und er hinterging mich! Verzeihung, Majeſtät, ſagte Maret ehrerbietig, ich bin überzeugt, daß Kaiſer Alexander Ew. Majeſtät liebt und verehrt, daß er glücklich ſein würde, der Freund und Bundesgenoſſe Ew. Majeſtät bleiben zu können. Aber die altruſſiſche Partei, an deren Spitze der Groß⸗ fürſt Conſtantin ſteht, drängt ihn zum Kriege, und er⸗ hebt ihre Stimme jetzt ſo laut, daß der Kaiſer ſie nicht mehr überhören darf. Indeſſen würde es immer noch in der Macht Ew. Majeſtät liegen, dieſe Stimme zum Schweigen zu bringen, und der kriegsluſtigen Partei jeden Vorwand zu benehmen. Wie meinen Sie das? fragte Napoleon, ſeinen Miniſter mit einem ſo finſteren drohenden Blick an ſchauend, daß dieſer ganz verwirrt das Auge zu Bo⸗ den ſenkte. Ich meine, Sire, ſtammelte er, ich meine, wenn Ew. Majeſtät nur einige Zugeſtändniſſe machen wollten, wenn— 161 Zugeſtändniſſe, unterbrach ihn Napoleon⸗ zornig, es iſt nicht an mir, Zugeſtändniſſe zu machen, ſondern an Alexander. Er hat es gewagt, mir durch Tſchernitſcheff Proteſtationen und beinahe Vorwürfe darüber zu machen, daß ich Oldenburg zu einer franzöſiſchen Provinz ge macht und ſeinen Herzog ſeiner lächerlichen kleinen Souveraihetät entſetzt habe. Der Herzog von Oldenburg iſt des Kaiſers Schwa ger, bemerkte Maret ſchüchtern, der Gemahl der Groß fürſtin Katharina. Warum iſt ſie ſo thöricht geweſen, dieſem kleinen Herzog ihre Hand zu reichen, rief Napoleon achſel zuckend. Sie hatte zwei Freier, die ſich um ihre Hand bewarben; ſie ſchlug meine Hand aus und wählte den Herzog von Oldenburg. Mag ſie jetzt die Folgen ihrer Wahl tragen. Ew. Majeſtät wiſſen, daß die verwittwete Kaiſerin von Rußland ihre Tochter zwang, den Herzog von Oldenburg ſtatt Ew. Majeſtät zu wählen, und daß die Großfürſtin Katharina ſich nur widerſtrebend fügte. Sie hätte ſich gar nicht fügen ſollen, rief Napo leon. Ein charakterfeſter Menſch läßt ſich von Nie mand zwingen, ſelbſt nicht vom Schickſal, er gehorcht nur ſich ſelber. Dieſe Großfürſtin Katharina könnte Müblbach, Erzb. Johann u. Metternich. 1 11 162 jetzt Kaiſerin von Frankreich ſein, ſie hat es nicht ge⸗ wollt. Jetzt mag ſie meine Rache fühlen. Ich werde den Herzog von Oldenburg nicht wieder auf ſeinen kleinen Thron ſetzen. Aber dem Kaiſer, ihrem Bruder, zu Liebe will ich ihm eine angemeſſene Entſchädigung gewähren, nur ſoll mir Alexander dafür dankbar ſein, und den Ukas zurücknehmen, in welchem er die Einfuhr engliſcher Waaren auf neutralen Schiffen erlaubt, als⸗ dann ſoll er den Zolltarif abändern, in welchem er franzöſiſche Waaren hoch beſteuert, einzelne ſogar ganz und gar zu verbieten wagt. Sire, ich ſprach vorher den ruſſiſchen Geſandten, Fürſten Kurakin, welcher nebſt den andern Geſandten im Thronſaal ſich befindet. Er war voll tiefer Be⸗ trübniß über dieſe Forderung Ew. Majeſtät, die, wie er meinte, ſein Kaiſer unter keinen Umſtänden gewähren könne. Es widerſtrebe ganz und gar der Würde des Kaiſers, meinte Kurakin, einen erlaſſenen Ukas wieder zurückzunehmen, und einen erſt vor wenigen Monaten von ihm beſtätigten und von ſeinem Finanzminiſterium ausgegebenen Zolltarif umzuſtoßen. Er ſagt das, rief Napoleon, und er wagt es den⸗ noch vor mir zu erſcheinen und meinem Zorn zu trotzen! Ah, ich werde dieſen Vermeſſenen züchtigen! Oeffent⸗ 163 lich vor allen Geſandten will ich ihn demüthigen, und ihnen Allen beweiſen, daß ich Rußlands Zorn nicht fürchte, und daß ich nicht geſonnen bin, Zugeſtändniſſe zu machen! Sie haben mich zu rechter Zeit daran ge⸗ mahnt, daß die Geſandten im Thronſaal ſind, daß alle Würdenträger meines Reichs mich erwarten. Ich will dieſe Herren alle bewillkommnen, bei Gott, ich werde mich heute nicht mit den alltäglichen Geburtstags⸗ phraſen und Floskeln begnügen! Frankreich und die Welt ſollen heute erfahren, daß ich mir weder drohen, noch mich einſchüchtern laſſe, ſondern daß ich ein un⸗ erbittlicher Feind aller Derjenigen bin, welche mir zu opponiren wagen. Kommen Sie, Maret, ich will die Deputationen empfangen. Zuerſt aber will ich die Herren meines Staatsraths ſehen; zu ihnen möchte ich zuerſt im Vertrauen einige Worte ſagen. Wo ſind ſie? Sire, gleich in dem kleinen Empfangsſaal hier neben dem Kabinet. So kommen Sie, rief Napoleon, indem er raſch das Zimmer durchſchritt, und die Thür zu dem Neben⸗ gemach aufſtieß. Der Herzog von Baſſano ſchritt bleichen und de⸗ müthigen Angeſichts hinter ihm her, zitternden Herzens, 11* 164 denn die düſtere Wolke auf der Stirn des Kaiſers hatte ihn belehrt, daß ein Gewitter ſich im Haupte Napoleons zuſammengezogen, und daß es im Begriff ſei, ſich zu entladen. Napoleon, raſch in das nächſte Gemach eintretend, nahm die tiefen Verbeugungen der Herren ſeines Staats⸗ raths entgegen, ohne nur mit einem Neigen ſeines Hauptes zu danken, oder ſeine feſt zuſammengepreßten Lippen zu dem Schein eines Lächelns zu zwingen. Er ließ nur ſeine unter den zuſammengezogenen Augen⸗ brauen hervorblitzenden Augen im Kreiſe der Verſam⸗ melten umherflammen, und ſeine Blicke ſchienen ſich in jedes dieſer demüthigen, lächelnden, unterwürfigen Geſichter einzubohren, um auf dem Grunde der Herzen zu leſen. Sire, begann jetzt Cambacdres, einige Schritte vor⸗ ſchreitend, Sire, erlauben mir Ew. Majeſtät Ihnen im Namen Ihres Staatsraths die Gefühle der Freude, des Entzückens auszuſprechen, daß Genug, unterbrach ihn Napoleon ungeſtüm, gebie⸗ teriſch ſeine Rechte emporſtreckend, genug mit dieſen Redensarten. Die Lage der Dinge bietet wenig Gele⸗ genheit zur Freude und zum Entzücken dar; wir gehen ernſten und blutigen Tagen entgegen! ſers pte rif end, ats⸗ ines ßten gen. gen⸗ ſam⸗ ſich figen rzen vor⸗ hnen eude, ebie⸗ jeſen gele⸗ gehen 165 Erlauben Ew. Majeſtät, daß wir dieſelben an dem heutigen Freudentage vergeſſen, ſagte Cambaceères feier⸗ lich. An dieſem großen Tage, an welchem die Sonne über Frankreich aufgegangen iſt, dürfen nur die Ge⸗ fühle des Dankes gegen Gott, der dieſe Sonne aufgehen ließ, der dem beglückten Frankreich ſeinen Kaiſer gab, unſer Herz beſeelen. Ganz Europa wen⸗ det heute ſeine von dieſer Sonne geblendeten Augen nach Frankreich hin, die Gebete von Millionen und aber Millionen Menſchen richten ſich zu Gott empor, und erflehen von ihm Glück, Segen und Frieden für das erhabene Haupt des Weltbeglückers Napoleon! Aber ich fürchte, dieſe Gebete werden nicht gehört werden, rief Napoleon ungeſtüm. Wenn Millionen für mich Glück und Frieden erflehen, ſo bitten ſie verge— bens, denn wir werden Krieg haben. Die Völker Europa's ſind vielleicht für mich, aber die Fürſten ſind gegen mich. Bilden Sie Sich einen Moment ein, wir wären im Staatsrath. Ich will zu Ihnen mich ausſprechen. Der Kaiſer von Rußland beobachtet nicht die Tractate, die wir geſchloſſen haben. Er läßt die engliſchen Waaren in ſeine Häfen. Er will dem Continental⸗Syſtem nicht beitreten. Ich werde ihn dazu zwingen. Ich kann nicht auf ihn zählen; ich 166 muß daher alle Häfen des baltiſchen Meeres zu Eigen haben, denn meine Douaniers müſſen bis nach Peters⸗ burg hin meine Intereſſen überwachen können, meine Lage macht das nöthig. Wenn der Kaiſer mir das verweigert, nun wohl, ſo wird er den Krieg haben, und ich werde ihm in Petersburg meine Bedingungen dictiren. Preußen, der Nachbar Rußlands, ſcheint es redlich zu meinen, aber ich traue ihm nicht unbedingt. Preußen iſt mir nicht gleichgültig, es bildet eine Avant⸗ garde. Es gilt mir ſo viel als hundertundzwanzig— tauſend Mann. Vierzigtauſend Mann hat Preußen auf den Beinen. Wenn es die Avantgarde Rußlands bildet, muß ich ihm vierzigtauſend Mann entgegen⸗ ſtellen, das iſt alſo eine Differenz von achtzigtauſend Mann. In Schleſien würde ſich dann eine Vendée bilden, die ich nur vermittelſt ſechszigtauſend Mann in Reſpect halten kann, und das macht zuſammen die hundertundzwanzigtauſend Mann. Die preußiſchen Truppen ſind gut, ſehr gut. Sie haben freilich nichts geleiſtet, das etwas taugt, aber ſie hatten Niemand, der ſie anzuführen wußte; wenn ich ſie commandirt hätte, würden ſie ſich ebenſo gut wie die Franzoſen geſchlagen haben. Der König von Preußen hat mir ſeine Truppen angeboten, aber er muß mir Sicherheit — 167 bieten. Der preußiſche Soldat liebt mich nicht, ich könnte mich auf ihn nicht verlaſſen, wenn ich keine Geißeln habe. Der König könnte den Krieg an mei⸗ ner Seite machen,— aber ein Kaiſer und ein König in Einer Armee, das genirt, das könnte Verlegenheiten bereiten. Ich will die preußiſchen Prinzen haben, ſie ſollen mir als Pfänder für die Treue der Truppen dienen. Ich werde ſie mit Auszeichnung behandeln; wenn die Officiere und Soldaten Preußens ſehen werden, daß ihre Prinzen unter meinen Befehlen die⸗ nen, ſo werden ſie gehorchen, und die Prinzen werden lernen, was es heißt, Krieg zu machen. Wenn Preußen ſich redlich beträgt, werde ich ihm eben ſo viel Gutes thun, als ich ihm Böſes gethan, ich werde es vielleicht auch vergrößern, aber die Häfen des baltiſchen Meers muß ich für mich behalten, das iſt nothwendig. Ich werde zwanzig bis fünfundzwanzig Schiffe bauen laſſen, welche die Engländer verhindern ſollen, in die Oſtſee zu kommen.— Sachſen handelt nicht aufrichtig. Der König iſt ein alter Dummkopf, der das Herzogthum Warſchau nicht zu regieren verſteht. Ich gab es ihm früher, weil ich nichts Beſſeres wußte, aber ich werde es ihm wieder nehmen müſſen. Ich werde ſehen, was ich mit Polen anfangen kann. Baiern und Würtem⸗ 168 berg benehmen ſich gut, aber ſie haben genug, eben ſo Baden; der Großherzog von Würzburg iſt mein Verwandter, er beträgt ſich gut, ich bin ihm gewogen, ich werde ihn alſo ein wenig vergrößern. Auch dem Großherzogthum Frankfurt werde ich eine Kleinigkeit hinzufügen.— Mit Dänemark bin ich ſehr unzufrieden; ich weiß aber noch nicht, was ich damit anfangen will, ich werde mich indeß bald darüber entſcheiden.*)— Da haben Sie meine Antwort auf Ihren Glückwunſch. Sie ſehen, es iſt wenig Hoffnung auf Frieden, und das neue Jahr meines Lebens beginnt nicht unter heitern Auſpicien. Aber Ihre Glückwünſche nehme ich an, ſie ſollen mir eine Gewähr ſein der Zukunft. Wenn wir den Krieg haben müſſen, ſo ſei es, um neuen Ruhm und neue Lorbeern zu erwerben. Den⸗ noch würde ich es als mein höchſtes Glück erachten, wenn ich in dieſem Jahre meinen Völkern und dem ganzen Europa den Frieden zu erhalten vermöchte, und in Erwiderung Ihrer guten Wünſche verſpreche ich Ihnen, daß ich darnach trachten werde bis zum letzten Moment. *) Dieſe Rede iſt nur eine wortgetreue Ueberſetzung der wirklich gehaltenen Rede Napoleons. Siehe: v. Hormayr: Lebens⸗ bilder. II. 66. —— 169 Er grüßte die Herren vom Staatsrathe mit einer raſchen Kopfbewegung, und ſchritt dann langſam durch das Gemach dahin, dem nächſten Saale zu. Sein bleiches Antlitz war jetzt von einem leichten roſigen Schimmer angehaucht, die Wolke war von ſeiner Stirn gewichen, welche jetzt leuchtete von großen und kühnen Gedanken, ſeine Augen blitzten, wie ſie es im Feuer der Schlachten zu thun pflegten, und um ſeine ſchmalen Lippen zitterte ein Lächeln. Das ſtarre eherne Antlitz des Cäſaren hatte ſich jetzt verwandelt in das Antlitz des muthigen, ſchlachtenbereiten Feldherrn, und ſtatt der Krone leuchteten die Lorbeern von ſeiner breiten Stirn. Er vergaß in dieſer Stunde, daß er der Kaiſer ſei, welcher im feierlichen Ceremoniell die Glückwünſche Frankreichs zu ſeinem Geburtstage empfangen ſolle, und er erinnerte ſich nur, daß er der Feldherr, der in zwanzig Schlachten geſiegt, und der jetzt neuen Käm⸗ pfen, neuen Siegen entgegen ginge. Mit dieſem leuchtenden Feldherrnangeſicht empfing er die Deputation des Handelsſtandes von Frankreich und hörte mit ſtolzer, lächelnder Ruhe der pomphaften Rede ihres Präſidenten zu. Sire, ſchloß jetzt der Präſident dieſe Rede, geſeg⸗ net ſei Ew. Majeſtät, der uns, nachdem er Frankreich 170 den Ruhm und die Lorbeern ſeiner Siege geſchenkt, jetzt die Segnungen des Friedens gewährt, und un⸗ ſerer Induſtrie Gelegenheit gönnt, in ganz Europa ihre Triumphe zu feiern. In ganz Europa, rief Napoleon,— man will ihr aber in Rußland die Wege verſperren, man denkt un⸗ ſerer Induſtrie einen empfindlichen Stoß zu geben, in⸗ dem man unſere Waaren einer hohen Steuer unter⸗ wirft. Der Ukas des Kaiſers iſt eine Kriegserklärung gegen unſere Induſtrie. Aber ich werde den Kaiſer Alexander auffordern dieſen Ukas zurückzunehmen; wenn er es nicht gutwillig thut, ſo werde ich zu ihm nach Petersburg, nach Moskau gehen und ihn dann zwingen, aber ich werde nicht ohne Begleitung dahin gehen, ich werde meine Armee mit mir nehmen. Frankreich hat deshalb nicht zu fürchten, daß ſeine Induſtrie und ſein Handel leiden. Ich werde für dieſen Krieg, wenn mich der Kaiſer Alexander zwingt, ihn zu beginnen, keine Opfer von Frankreich fordern, und ihm keine neuen Steuern auferlegen. Ich habe zweihundert Millionen in meinen Kellern, zweihundert Millionen, die mein Privateigenthum ſind, und die ich im Nothfall für den Staat verwenden werde. Ich gebrauche für meine Perſon wenig und habe jährlich eine Einnahme von neunhundert Millionen in blanken Thalern, die ich zum Wohl Frankreichs hingeben kann. Frankreich iſt ſtark durch ſeine Landarmee, und ich werde Sorge tragen, daß es eben ſo ſtark werde auf dem Waſſer, wie auf dem Lande. Ich werde eine Flotte errichten, welche dem Uebermuth der Engländer Schweigen gebieten ſoll; ich kann, wenn ich will, mir in kurzer Zeit eine Flotte von zweihundert Schiffen errichten, und wenn auch die Engländer für den Augenblick vielleicht noch beſſere Admiräle haben, ſo bürgt mir die Größe und der Geiſt Frankreichs dafür, daß wir bald ebenſo kühne Helden zur See haben werden, wie wir ſie zum Schrecken Europa's zu Lande beſitzen. Ihre Induſtrie und Ihr Handel hat daher nichts zu fürchten. Das Meer und das Land ſollen ſich uns beugen, und mit unſern Schiffen und mit unſern Armden werden wir Europa zwingen, alle Schlagbäume hinweg zu reißen, mit denen ſie unſere franzöſiſchen Waaren abſperren wollen. Gott iſt mit Frankreich, und die Sonne von Auſterlitz und Friedland iſt noch nicht erloſchen! Er grüßte die Herren mit einer Handbewegung und einem Kopfnicken, und während ſie in Begeiſterung ihr vive l'Empereur erſchallen ließen, ſchritt er weiter durch die nächſten Säle dahin, überall mit enthuſiaſti— 172 ſchen Zurufen empfangen und geleitet, überall die be⸗ geiſterten rhetoriſchen Glückwünſche ſeines Hofes und ſeiner Staatsbeamten und Würdenträger empfangend. Jetzt trat der Kaiſer in den großen Audienzſaal ein, in welchem ſeine Miniſter, ſeine höchſten Würden⸗ träger, die Marſchälle und Generäle, und die Geſandten aller auswärtigen Mächte verſammelt waren, die bei Napoleons Eintreten ihre ſtolzen ariſtocratiſchen Häupter ehrerbietig neigten. Er ſchritt ſchweigend und hoch⸗ aufgerichteten Hauptes bis in die Mitte des Saals vor, dann blieb er ſtehen, und einen einzigen, flammen⸗ den Blick an der Verſammlung umher gleiten laſſend, heftete er dann ſeine Augen auf den Cardinal Feſch. Da der Papſt Pius, den Napoleon zu Fontainebleau gefangen hielt, keinen Nuntius am Hofe ſeines kaiſer— lichen Feindes hatte, war es dem Cardinal Feſch vor⸗ behalten, im Namen des diplomatiſchen Corps die feierliche Anrede an den Kaiſer zu halten, und in pomphaften Worten und hochfliegenden Phraſen ſprach er jetzt zu dem Kaiſer von den Segenswünſchen, welche ganz Europa in dieſer Stunde durch die Geſandten ſeiner Fürſten für ſein Haupt zum Himmel empor⸗ rief, von der Liebe, Ehrfurcht und Bewunderung, welche alle auswärtigen Mächte dem großen Kaiſer 173 zollten, von ihrem glühenden Wunſch mit ihm in Frieden, Liebe und Eintracht zu leben. Napoleon dankte ſeinem Oheim mit einem ſpötti— ſchen Lächeln und näherte ſich den Geſandten, um mit Jedem von ihnen einige kurze flüchtige Worte zu ſprechen. Dann ging er an der Reihe ſeiner Marſchälle, Generäle, Miniſter und Staatsbeamten dahin, und begrüßte ſie mit kaltem Blick, mit zerſtreutem, ſtolzem Weſen, Nie⸗ mand von ihnen einer beſondern Aufmerkſamkeit, eines Blickes würdigend, ſeine Augen zerſtreut umherirrend, ſeine Hände auf dem Rücken gefaltet, die Lippen feſt aufeinander gepreßt, das bleiche, düſtere Antlitz etwas vorwärts geneigt. Jetzt hatte er mit raſchen Schritten die Tour an den beiden Reihen der feierlichen Verſammlung zurück— gelegt; die Ceremonie war jetzt beendet, die Reihen zertheilten ſich, man trat in Gruppen zuſammen, und ſprach leiſe und flüſternd mit einander, während Na⸗ poleon dieſen und jenen ſeiner Marſchälle zu ſich winkte, und laute haſtige Worte an ihn richtete, oder ſich einem von den Geſandten näherte, um ihn mit einer ſeiner ſcharfen, kurzen Anreden zu überraſchen. Eine leichte, ungezwungene Unterhaltung war jetzt dem ſteifen Ceremoniell gefolgt, und während Aller 174 Augen und Ohren immer heimlich dem Kaiſer zuge⸗ wandt blieben, ſchien Jeder unbefangen und harmlos ſich dem Geſpräche mit ſeinen Bekannten hinzugeben. In einer Fenſterniſche ſtanden Talleyrand und Fouché, Beide ihre lauernden ſchlauen Blicke dem Kaiſer zugewandt, Beide bemüht in ſeinem düſtern, ver⸗ ſchloſſenen Angeſicht die geheimſten Gedanken ſeiner Seele zu errathen. Es iſt ein Gewitter im Anzug, flüſterte Fouché nach einer Pauſe. Sehen Sie nur, wie er mit der rechten Schulter zuckt, und wie er die Augenbrauen düſter zuſammenzieht, und wie gezwungen das Lächeln iſt, das er dem Fürſten Schwarzenberg, als dem Ge⸗ ſandten ſeines Schwiegervaters, gönnt. Oh, ich kenne das, und ich ſage Ihnen, das Gewitter wird ſich noch hier im Audienzſaal entladen. Und wen glauben Sie, daß der Donnerkeil des modernen Jupiters treffen wird? fragte Talleyrand mit ſeinem leiſen, ſpöttiſchen Lächeln. Sehen Sie, wohin die Blitze ſeiner Augen zucken, und Sie werden es wiſſen!— Ich meine, dieſe Blitze zucken zu uns her, ſagte Talleyrand mit vollkommener Ruhe, aber ich geſtehe Ihnen, daß ich dieſe Blitze nicht fürchte. Sie haben 175 mich ſchon oft getroffen, aber mich noch niemals zer⸗ ſchmettert, und wenn ich das Donnergerolle, wie Sie ſein Schelten immer zu nennen belieben, gehört habe, ſo hat mich das immer mehr beluſtigt, als erſchüttert, denn es hat mich immerhin daran erinnert, mit welchem richtigen Inſtinct das Volk ihm den Beinamen:„der kleine Corporal“ gegeben hat. Der Kaiſer, wenn er zornig iſt, hat wirklich das Weſen eines gemeinen Cor⸗ porals, der die untergebenen Soldaten fuchtelt. Es be⸗ liebt ihm dann, ſeine Abſtammung und ſeine Vergangenheit ein wenig zu verrathen und den Stammbaum zu ver⸗ leugnen, den ihm ſeine Heraldiker gemacht, und der ſeine Ahnherrn zu italieniſchen Fürſten ſtempelt. Aber ſehen Sie nur, die kaiſerlichen Augen blitzen ſchon wieder hierher. Aber ſie treffen nicht uns, ſondern den ruſſiſchen Geſandten, der hier im Geſpräch mit Caulaincourt und dem Fürſten Schwarzenberg vor uns ſteht, ſagte Fouché leiſe. Der arme Kurakin wird dies Mal von dem Blitzſtrahl des kaiſerlichen Zorns getroffen werden. Ach, der Kaiſer kommt hierher, er wendet ſeine Schritte gerade den drei Herren zu. Wir werden das Gewitter ſich ganz in unſerer Nähe entladen ſehen, und es wird 176 ein intereſſantes Schauſpiel ſein. Oeffnen wir alſo unſere Augen und Ohren, um zu ſehen und zu hören! Fouché hatte Recht gehabt, der Kaiſer näherte ſich wirklich den drei Herren, die unfern von d. Fenſter⸗ niſche ſich befanden, in welcher der Miniſten Talleyrand und Fouché ſtanden. Sie unterbrachen ſich ein dem lebhaften Geſpräch, das ſie bis dahin geführt, und erwarteten in ehrfurchtsvollem Schweigen, wen von ihnen Dreien der Kaiſer mit einer Anrede beglücken werde. Napoleon wandte ſich zuerſt dem Geſandten des Kaiſers von Oeſterreich, dem Fürſten Schwarzenberg, zu, und richtete an ihn einige freundliche Worte. Aber er ließ dem Fürſten keine Zeit zu einer Antwort, ſondern heftete jetzt ſeine Blicke auf den Fürſten Kurakin. Haben Sie Nachrichten aus Petersburg von Ihrem Kaiſer? fragte er haſtig. Zu Befehl, Sire, ſagte Fürſt Kurakin, ſich tief verneigend, ich habe vor eiſeer Stunde einen Courier aus Petersburg erhalten. Ich auch, rief der Kaiſer lebhaft. Ihr Courier wird Ihnen daſſelbe gemeldet haben, was mir der meine hinterbringt. Kaiſer Alexander läßt ſeine Truppen nach den Grenzen marſchiren, er giebt den ehrgeizigen 17 7 o und ränkeſüchtigen Intriguants Gehör, welche ihn zum n! Kriege drängen. c Verzeihung, Sire, ſagte Kurakin ehrerbietig, aber r⸗ ich wage 132 behaupten, daß man Ew. Majeſtät falſch nd berichte ha. Der Kaiſer, mein erhabener Herr, hat m. durchaus keine kriegeriſchen Abſichten. Es iſt ſein leb— nd hafter Wunſch, mit allen Fürſten Europa's in Frieden on und Eintracht zu leben, er gehört zu den treueſten und en aufrichtigſten Bewunderern Eurer Majeſtät, und— Sie hüten ſich wohl zu ſagen, daß er zu meinen es Freunden gehört, unterbrach ihn Napoleon ungeſtüm. 9 Sie thun wohl daran, denn ich weiß, daß Ihr Kaiſer er die mir ſo feierlich zugeſagte Freundſchaft gebrochen t, hat. Der letzte Ukas, den er gegeben, iſt in ſeiner in. Form ganz und gar gegen Frankreich gerichtet. In m früheren Zeiten würde der Kaiſer Alexander, bevor er eine ſolche Maßregel gegen den Handel Frankreichs if genommen hätte, mich davon benachrichtigt haben, und er ich würde alsdann vielleicht ein Mittel gefunden haben, das, indem es den Hauptzweck erfüllte, doch verhindert ˖e hätte, daß es in den Augen Frankreichs nicht den An⸗ e ſchein einer Aenderung des Syſtems angenommen hätte. Ganz Europa hat es aber ſo aufgefaßt, und Mühlbach, Erzh. Johann u. Metternich. I. 12 178 unſere Allianz exiſtirt in den Augen Englands und ſe Europa's ſchon nicht mehr. 3 Und dennoch wünſcht mein Herr, der Kaiſer Alexander, ſie von ganzem Herzen, bemerkte Fürſt Kurakin ſchüch⸗ tern. Ich darf es wagen, zu behaupten, daß der Kaiſer nichts gethan hat, was irgend einen feindlichen Character gegen Frankreich an ſich trüge. Dann wagen Sie eine Unwahrheit zu behaupten, rief Napoleon mit flammenden Augen. Sire, rief Kurakin lebhaft— Still, unterbrach ihn Napoleon heftig. Ich ſage, Sie wagen eine Unwahrheit zu behaupten, denn der Kaiſer Alexander hat ſehr Vieles gethan, was einen feindlichen Character gegen Frankreich an ſich trägt. Er macht unſinnige Forderungen wegen Oldenburg, er erläßt Ukaſe, welche mich beleidigen, und um Allem die Krone aufzuſetzen, bringt er ſeine Armee in Kriegs⸗ bereitſchaft. Ihr Kaiſer will den Krieg. Meine Ge⸗ ³ neräle melden mir, daß die ruſſiſchen Armeen an den Niemen ziehen. Der Kaiſer will mich nur noch eine Zeit lang hinhalten, er ſucht mich zu täuſchen, und verführt mir die Leute, die ich an ihn ſende. Auch Sie, Caulaincourt, fuhr der Kaiſer fort, ſeine flammenden Zornesblicke auf Caulaincourt, ſeinen früheren Ge⸗ 3 179 ſandten in Petersburg, heftend, auch Sie ſind Ruſſe geworden, auch Sie hat der Kaiſer Alexander gewonnen. Ja, Sire, ſagte Caulaincourt raſch, der Kaiſer Alexander hat mich gewonnen, nicht weil ich ein Ruſſe bin, ſondern, weil ich glaube, daß er Franzoſe iſt. Und weil Sie erkannt haben werden, welch einen hohen Werth der Kaiſer Alexander auf die Freund ſchaft Sr. Majeſtät des Kaiſers der Franzoſen legt, fügte Kurakin hinzu, indem er ſich tiefer vor Napoleon verneigte. Wenn dem ſo iſt, ſo gebe mir der Kaiſer doch Beweiſe davon, rief Napoleon, denn mit hohlen Phraſen kann ich mich nicht begnügen! Er nehme ſeinen Ukas zurück, er hebe ſeinen Zolltarif auf, und ſchließe ſeine Häfen nicht blos den engliſchen, ſondern auch den amerikaniſchen Schiffen. Sire, das iſt unmöglich, ſagte Kurakin erregt, der Kaiſer kann nicht Geſetze zurücknehmen, die er eben erſt erlaſſen hat, er würde ſich dadurch ſelbſt compro mittiren, ſich an ſeiner eigenen Würde beſchädigen, und— Es iſt genug, rief Napoleon mit donnernder Stimme und ſeine Blicke hefteten ſich wie zwei funkelnde Dolch— ſpitzen auf Kurakins bleiches Angeſicht. Es iſt genug. 12* 180 Der Kaiſer Alexander will den Krieg, er ſoll ihn haben! Nur ſoll er ſich die Zukunft wohl überdenken. Mag es dem Glück oder der Tapferkeit meiner Sol⸗ daten zuzuſchreiben ſein, oder mag es daher kommen, daß ich das Handwerk ein wenig verſtehe, ich habe immer den Vortheil im Kriege gehabt. Ich will nicht ſagen, daß ich die Ruſſen ſchlagen werde, aber wir werden uns ſchlagen. Sie wiſſen, daß ich Geld habe, daß ich achtmalhunderttauſend Mann habe, daß jedes Jahr mir zweimalhundertundfunfzigtauſend Conſcribirte zu Gebote ſtellt, daß ich meine Armee alſo in drei Jahren um ſiebenmalhunderttauſend Mann vermehren kann, und das iſt genug, um den Krieg in Spanien fortzuſetzen, und um zu gleicher Zeit mit Rußland Krieg zu führen. Rechnen Sie etwa auf Oeſterreich? fuhr er fort, mit einer leichten Handbewegung auf den neben ihm ſtehenden Fürſten Schwarzenberg hindeutend. Meinen Sie, daß Oeſterreich Ihr Bundesgenoſſe ſein wird, dann glaube ich, daß Sie ſich irren. Wenn Oeſterreich wieder hervortreten, und Krieg führen will, ſo wird es das nur thun, um Ihnen wieder zu ent— reißen, was es Ihnen im letzten Kriege hat abtreten müſſen, und bei Gott, ich werde es nicht daran hindern.*) *) Dieſe Rede Napoleons iſt hiſtoriſch, ebenſowohl wie die 181 Sagen Sie das Ihrem Kaiſer, ſagen Sie, daß ich mich nicht mehr von ihm täuſchen laſſe, daß, da ſeine Handlungen nicht mit ſeinen Worten übereinſtimmen, ich nur ſeinen Handlungen glauben kann, und daß dieſe mir feindſelig ſind. Er wandte ſich haſtig um, und ſchritt, ohne Ku⸗ rakin eines Abſchiedsgrußes zu würdigen, zu einer Gruppe ſeiner Generäle hin, während Kurakin bleichen, zerſtörten Angeſichts ſich aus dem Saale ſchlich. Bei Gott, das war ein tüchtiges Gewitter, mur⸗ melte Fouché mit einem ſchadenfrohen Lächeln. Ja, das Blitzen und Donnern haben wir geſehen, ſagte Talleyrand mit ſeiner unerſchütterlichen Ruhe, den Schaden dieſes Gewitters werden wir aber erſt ſpäter berechnen können. Ich fürchte, diesmal wird Frankreich den Schaden zu tragen haben, und von den ſiebenmalhunderttauſend Conſcribirten, die der Kaiſer ſo pomphaft ankündigte, wird ebenſo wenig etwas übrig bleiben, als von den Millionen, mit denen er prahlt. Wahrhaftig, er rechnete dem ruſſiſchen Geſandten ſein Hab und Gut vor, wie ein Krämer, der ſein Inven⸗ tarium verkaufen will, oder wie ein Pferdehändler, der ganze Scene. Siehe: Schloſſer, Geſchichte des achtzehnten Jahr⸗ hunderts. Thl. VII. b. S. 73 u. folg. ————— 182 ſein Roß anpreiſt, das er an den Mann bringen will. Er hofft, daß Kaiſer Alexander ſcheu zurückweichen wird vor ſeinem Gold und ſeinen Conſcribirten, und doch erſehnt er ſich leidenſchaftlich den Krieg. Und wir werden ihn haben, ſagte Fouché düſter. Alle Gräuel, alle Unſicherheit des Krieges wird wieder über uns kommen; Napoleon gönnt uns keinen Frieden, keine Erholung, wir werden niemals Frieden haben, ſo lange Er das Haupt Frankreichs iſt, und man ihn nicht unſchädlich gemacht hat. Sie ſollten es verſuchen, ihn zu warnen, ſagte Talleyrand lächelnd. Sie ſollten ihm die Gefahren dieſes Krieges begreiflich machen, ihn darauf aufmerk⸗ ſam machen, daß Frankreich der Kriege überdrüſſig iſt, daß ſelbſt in ſeiner Armee der Geiſt der Unzufrieden⸗ heit ſich eingeſchlichen hat, daß ſeine Soldaten murren, ſeine Generäle conſpiriren, und nur auf eine Gelegen⸗ heit warten, um in offene Empörung gegen ihn aus⸗ zubrechen! Und warum ſagen Sie ihm das nicht ſelbſt, Herr Miniſter? fragte Fouch. Warum geben Sie ihm nicht ſelbſt dieſe Rathſchläge, die ſicher zu ſeinem Heil ſein würden? Ich will es Ihnen ſagen: Weil Sie wiſſen, daß der Kaiſer niemals Rath annimmt, daß 183 jeder Widerſpruch ihn zu einem pöbelhaften Zornes⸗ ausbruch aufreizt, weil er ſich unfehlbar und Gott ähnlich dünkt wie Nebukadnezar, und ſich alles Ernſtes einbildet, die ganze Welt müſſe ihm zu Füßen liegen und ihn anbeten. Ach, ich hatte wohl Recht mit dem Rath, den ich damals den Marſchällen und Generälen gab, als. der Kaiſer nach der Schlacht von Aspern in jenen wunderbaren todesähnlichen Schlaf gefallen war. Welchen Rath gaben Sie damals den Generälen, mein theurer Freund? fragte Talleyrand mit ſüßlicher Stimme. Und weshalb forderte man Ihren Rath? Nun, jener dreißigſtündige Schlaf nach der ver⸗ lorenen Schlacht hatte die Generäle ängſtlich gemacht, und Bernadotte ſandte im Namen der andern Mar⸗ ſchälle und Generäle einen Boten an mich ab mit der naiven Frage: Was zu thun und zu unternehmen ſei, im Fall einer Gefangennehmung oder gar des Todes Napoleons? Sie hatten ſich darüber, während Na⸗ poleon ſchlief, ſchon in Ebersdorf berathen, und waren zu keinem Reſultate gekommen, deshalb wandten ſie ſich jetzt an mich. Und Sie antworteten? Ich antwortete: Was? Sie fragen mich, was ge⸗ ſchehen ſoll, während Sie doch ſchon Alles, was hätte 184 geſchehen müſſen, allein hätten thun können? Wenn Ihr nur zwölf entſchloſſene Männer habt, ſo erdroſſelt ihn in ſeinem Bett, ſteckt ihn in einen Sack, ertränkt ihn in der Donau, und Alles wird ſich überall leicht und von ſelbſt arrangiren.*) Sie haben Recht, ſagte Talleyrand lächelnd, es wäre vielleicht das Beſte geweſen, Ihrem Rath zu folgen. Aber da es leider nicht geſchehen, müſſen wir uns ſchon darein ergeben, abermals einen Krieg ſich entflammen zu ſehen. Nun, vielleicht findet ſich in dieſem Krieg eine Kugel, die beſſer als die bei Regensburg ihren Weg macht, und nicht den Fuß, ſondern den Kopf trifft. Hoffen wir darauf! *) Fouché's eigene Worte. Siehe: Lebensbilder aus dem Befreiungskriege. Th. III. S. 398. Zweites Buch. ℳ 181: 4 41 1 4 * 1. Metternich und Erzherzog Johann. Der Graf Clemens Metternich hatte ſo eben ſeine Morgentoilette vollendet. Seine beiden Kammerdiener waren leis auf den Zehen hinausgeſchlichen, und Graf Metternich war allein in ſeinem Cabinet. Er ſtand vor dem großen venetianiſchen Spiegel und betrachtete in demſelben ſein eigenes Bild, dieſen ſchönen, von lichtbraunen Locken umwallten Kopf mit der hohen Stirn, den feingeſchweiften Augenbrauen, den großen leuchtenden Augen, der gebogenen ariſtokratiſchen Naſe, dem ſchönen Mund, deſſen purpurne Lippen eher einem jungen Mädchen, als einem Staatsbeamten anzugehören, und mehr dazu geſchaffen ſchienen, zu lächeln, und Worte der Liebe zu ſprechen, als die ernſte Weisheit der Diplomatie und Politik zu verkünden. Er betrachtete auch ſeine zierliche, nicht eben große und imponirende, 188 aber elegante und anmuthige Geſtalt, die heute umhüllt war von der goldgeſtickten Staatsuniform, und ſeinen kleinen zierlichen Fuß mit den ſeidenen Strümpfen und den mit Brillantſchnallen verzierten Schuhen. Ja, es iſt wahr, ſagte er dann mit einem Lächeln, das die doppelte Reihe ſeiner perlenweißen Zähne ein wenig ſehen ließ, ja, es iſt ein ziemlich hübſcher Menſch, der mir da gegenüber ſteht, und ich begreife es, daß er Glück macht bei den Weibern. Aber es liegt in ſeinem Geſicht ein gewiſſes Etwas, das ausſieht wie Langeweile, und mich beinah vermuthen läßt, daß er ſich zuweilen inmitten ſeines Glückes ennuyirt. Ja, ja, ich ſeh's ihm an, trotz dieſes Lächelns, der arme Menſch da mir gegenüber langweilt ſich, er iſt blaſirt, und er iſt es herzlich ſatt, immer der leidenſchaftlich Geliebte zu ſein, und den leidenſchaftlich Liebenden zu ſpielen. Nun denn, wir wollen ihm einige Abwech⸗ ſelung bereiten, und ihn aus den blumigen Pfaden der Liebe weiter auf die dornenvollen Wege der Politik hinausführen. Aber ſein hübſches Geſicht kann uns dabei immer noch förderlich ſein, denn in der Politik ſind die Weiber gar nützliche Unterhändler, und wer ſie für ſich hat, der kommt immer noch durch die Hinterhüren, wenn ihm die Hauptthüren verſchloſſen 189 werden. Durch die Hinterthüren und Boudoirs wird man Miniſter und Staatsmann, durch die Hinterthüren ſchlüpft die Intrigue herein, wenn die ſchwerfällige Wahrheit und Politik langſam durch den Haupteingang daher kommt. Deshalb, mein hübſches Herrchen, ſorgen Sie mit Ihrem lieben Geſicht dafür, daß uns die Hinterthüren und Boudoirs immer offen ſind, dann werden wir auch eines Tages ſiegreich durch den Haupteingang unſern Einzug halten! Er grüßte ſein Spiegelbild mit einem vertraulichen Kopfnicken und wandte ſich dann ſeinem Schreibtiſch zu, um von dem goldenen Teller die Briefe zu nehmen, die ſeit dem geſtrigen Tage angelangt waren. Mit raſcher Hand erbrach er einen Brief nach dem andern, überflog den Inhalt mit flüchtigen Blicken, und warf ſie dann nachläſſig zur Seite. Liebesbriefe, nichts als Betheuerungen, Klagen, Eiferſüchteleien, ſagte er verächtlich. Mein Gott, wie ausſchließlich und wie empfindſam doch die Frauen ſind. Jede will die einzige, und wo möglich auch die erſte Liebe ſein, jede will ausſchließlich das Männer herz beſitzen! Sie ſollten ſich doch alle ein Beiſpiel nehmen an meiner Frau! Die giebt mir vollkommene Freiheit, ärgert ſich nicht, wenn ich andere Weiber 190 vergöttere, und ſchmollt nicht, wenn ich weniger zu ihren Füßen, als zu denen meiner Göttinnen ſitze. Daher führen wir aber auch die glücklichſte Ehe von der Welt, ſind die treueſten und zuverläſſigſten Freunde für einander, und fördern uns gegenſeitig, ſo viel wir können. Ach, da iſt ein Brief aus Neapel von Caro⸗ line Murat! Gute kleine Königin, ſie denkt alſo noch immer an mich! Er öffnete haſtig das Siegel, und während er dann langſam und aufmerkſam las, nahmen ſeine Züge einen ernſten Ausdruck an, nicht eine Spur der früheren Leichtfertigkeit war mehr in denſelben zu ſehen. Gute Caroline, ſagte er dann ernſt, ſie liebt mich noch immer, ſie denkt gleich mir an die ſchönen Tage von Paris, und bei dieſen Erinnerungen beſchwört ſie mich, ihrem Bruder die Freundſchaft und den Beiſtand Oeſterreichs in dieſem gefährlichen Kriege zu ſichern, ihrem Gemahl ſeine Krone zu ſchützen! Sie erkennt gar wohl alle die Gefahren, die Napoleon bedrohen, wenn er in dieſem Kriege nicht ſiegreich iſt, und die ihrem Gemahl leicht ſeinen Thron koſten können. Sie beſchwört mich den Allianztractat abzuſchließen, und Oeſterreich zum Bundesgenoſſen Frankreichs zu machen. Nun, meine liebreizende Königin, Du ſollſt ſehen, daß 191 ich Deine Bitte erfülle! Ich bin Caroline Murat Dank ſchuldig, ſie hat mich nicht allein geliebt, ſie hat mir auch genützt, ſie iſt bei ihrem eigenen Bruder mein Spion geweſen, und ſtatt, wie's Napoleon wünſchte, mich ihm zu verrathen, hat ſie mich immer au fait ſeines Willens und Wollens gehalten. Ja, Caroline, ich werde dankbar ſein, und dieſer Allianztractat— Eben öffnete ſich die Thür und der Kammerdiener erſchien in derſelben. Se. Hoheit der Erzherzog Johann wünſcht Excellenz ſeinen Beſuch zu machen, meldete der Kammerdiener feierlich. Er hat blos hergeſchickt, um ſich anzumelden? fragte Metternich. Nein, Excellenz, er iſt ſelbſt gekommen, und er iſt bereits da, ſagte der Erzherzog, indem er auf der Schwelle der Thür erſchien und dem Kammerdiener winkte, hinauszugehen. Graf Metternich ging ihm ohne den mindeſten Aus⸗ druck von Ueberraſchung entgegen. Hoheit, ſagte er, Sie erzeigen mir eine ſo ſeltene und unerwartete Ehre, daß ich keine Worte finden kann, Ihnen zu danken! Und weshalb ſollten Sie auch danken? fragte Jo⸗ —— ·ʃ ·y———ͤ—— 192 hann achſelzuckend. Was kann es dem mächtigen, ein⸗ flußreichen Grafen Metternich nützen, wenn der arme, nic machtloſe, nicht von dem Sonnenſchein der kaiſerlichen erl Gnade berührte Erzherzog Johann Sie beſucht? ho Ah, Ew. Hoheit belieben zu ſcherzen, rief Metter⸗ nich, Ew. Hoheit nennen ſich arm und beſitzen das ſe unſchätzbare Capital der Gelehrſamkeit, der Weisheit 0 und Popularität; Ew. Hoheit nennen ſich machtlos d und beſitzen die Liebe eines ganzen Volkes, das auf Ihren Ruf ſich erheben würde als eine einige ſieges⸗ durſtende Armee, und was endlich die kaiſerliche Gnade anbelangt, ſo iſt ja der Bruder des Kaiſers derſelben für alle Zeiten gewiß. Aber ich bitte Ew. Hoheit um die Gnade, Sie in den Salon führen zu dürfen. Nein, ich bitte, laſſen Sie uns bleiben, wo wir ſind, in Ihrem Arbeitskabinet, Oeſterreichs Allerhei⸗ ligſtem. Setzen wir uns und laſſen Sie uns ein off— nes und vertrauliches Wort mit einander reden. Wir waren bisher Feinde, Metternich, wir haben uns im⸗ mer bekämpft, und geſucht uns allerlei Schlingen und Hemmſchuhe zu legen. Nein, ſchütteln Sie nicht Ihr Haupt, Sie wiſſen, daß es ſo iſt, und daß wir bis hierher uns niemals freundlich auf unſern Wegen be⸗ gegnet ſind. 193 Hoheit, ich habe wohl zuweilen gefürchtet, daß ich nicht Ihre Gnade beſitze, aber niemals habe ich mir erlaubt, Ew. Hoheit Hemmniſſe zu bereiten, niemals habe ich zu den Feinden Eurer Hoheit gehört. Weshalb leugnen Sie es? fragte Johann mit einem ſanften Lächeln. Laſſen Sie uns doch in dieſer Stunde offen ſein. Ich bin zu Ihnen gekommen, um Ihnen die Hand zum Frieden zu bieten, um zu Ihnen zu ſagen: Vergeſſen wir die Vergangenheit, um in der Zukunft gute Freunde zu ſein. Ach, Hoheit, wie glücklich wäre ich, wenn Sie mir ſolchen Vorzug gönnen wollten! rief Metternich freudig. Sagen Sie mir, was ich thun muß, um ſolches Glück zu verdienen und ſolcher Ehre theilhaftig zu werden? Sie ſind ein geſchickter Diplomat, ſagte Johann lächelnd, Sie ſteuern grade auf das Ziel hin. Was Sie thun müſſen, fragen Sie? Nun, ich will offen ſein. Ja, ich bin gekommen, um Sie aufzufordern, Etwas zu thun! Sie ſollen Oeſterreich retten, Motternich! Wie denn? Schwebt Oeſterreich in Gefahr? fragte Metternich mit dem Anſchein der Verwunderung. Ja, es ſchwebt in Gefahr, der Vaſall Frankreichs zu werden, rief Johann ungeſtüm. Es ſchwebt in Gefahr, ſeine Unabhängigkeit, ſeine Freiheit, ſeine Na 2 Mühlbach, Erzh. Johann u. Metternich l. 13 194 tionalität zu verlieren, und zu einer franzöſiſchen Pro vinz herabzuſinken. Das ſind harte und ſchreckensvolle Beſchuldigungen, Hoheit, aber— Aber ſie ſind wahr, unterbrach ihn Johann. Frank⸗ reich verlangt von Oeſterreich, daß es ſich zu ſeinem Bundesgenoſſen mache, daß es Theil nehme an ſeinem Krieg gegen Rußland. Frankreich hat aber keine Bundes⸗ genoſſen, ſondern nur Untergebene, es duldet keine Gleichberechtigte neben ſich, ſondern nur gehorſame Vaſallen. Metternich, ich beſchwöre Sie, geben Sie es nicht zu, daß Oeſterreich ſich zu einem Vaſallen Frankreichs erniedrige. Sehen Sie, ich komme zu Ihnen als ein Bittender, ich lege alle Waffen von mir und komme zu Ihnen in das feindliche Heerlager, um Ihnen Frieden und Freundſchaft anzubieten. Ich weiß wohl, daß das nicht klug, nicht diplomatiſch fein gehandelt iſt, aber es iſt ehrlich, Graf, und— lächeln Sie immerhin— es iſt eines deutſchen Mannes wür— dig. Ich mag nicht mehr kämpfen mit den Waffen der Intrigue, der Bosheit, mich widern dieſe Ränke und Kniffe an, mit denen man ſich einander verfolgt, dieſe Parteikämpfe, die mir ſo kleinlich erſcheinen, der großen Sache gegenüber, und darum komme ich zu 195 Ihnen mit dem guten Willen eines ehrlichen Mannes. Sie wiſſen es, ich gehöre zur antifranzöſiſchen Partei, Sie wiſſen auch, daß dieſe groß und mächtig, durch ganz Europa verbreitet iſt, überall, ſi hier in Wien, ieſe Partei mit ihre mächtigen Stützen hat, und daß allen ihren Mitteln dahin ſtrebt, Er Ihres Amtes, Ihrer Stellung zu entheben, und einen der Unſrigen an Ihre Stelle zu ſetzen. Ihre Polizei bedient Sie zu gut, als daß ich glauben könnte, Ihnen da etwas Neues zu erzählen. Und mein Körper und mein Name iſt zu oft von den vergifteten Pfeilen getroffen worden, als daß ich mir der Exiſtenz meiner einflußreichen und kriegsluſtigen Feinde nicht bewußt ſein ſollte, ſagte Metternich ſeufzend. Und dieſer Kampf wird ohne Ende ſein, rief Jo hann, er wird dauern, bis Sie oder wir unterlegen ſind, oder— bis wir uns geeinigt haben! Verſuchen wir das Letztere, Metternich, ſehen wir zu, ob wir uns nicht vergleichen und verſtändigen können. Die Zeiten ſind ernſt und ſchwer, laſſen wir daher alle kleinlichen Feindſchaften enden und meid wir gemein⸗ ſchaftlich dem Einen, großen Ziele zu: der Größe, der Unabhängigkeit Oeſterreichs und Dentſchlnwws Ich biete Ihnen meine Hand, Metternich, nehmen Sie ſie 13* 196 an, laſſen Sie uns zuſammen dieſem Ziele entgegen gehen! Unſer Ziel, Hoheit, iſt gewiß daſſelbe, ſagte Met⸗ ternich, aber werden auch unſere Wege zu dem Ziele dieſelben ſein? Gehen Sie mit mir auf unſerem Wege, rief der Erzherzog dringend. Im Namen Oeſterreichs, im Namen Deutſchlands bitte ich Sie, verlaſſen Sie den Weg, den Sie bisher gegangen, denn dieſer Weg führt Oeſterreich an den Rand des Verderbens, es giebt Oeſterreich dem Haß, dem Zorn Europa's Preis! Oh, ſehen Sie, ich beuge mich vor Ihnen, ich ſpreche zu Ihnen als Bittſteller, ich lege meine Waffen zu Ihren Füßen nieder, und überliefere mich Ihnen wehrlos! Ja, ich komme, mit Ihnen einen Vergleich abzuſchließen. Sie kämpfen wider mich, weil Sie glauben, wenn ich Einfluß auf den Kaiſer gewänne, ſo würde das Ihrem Einfluß ſchaden,— nun wohl, ich will mich verpflichten, ganz in Zurückgezogenheit und Vergeſſenheit zu leben, für mich jeder Bedeutſamkeit und jeder Stellung zu entſagen, ich will Ihnen das höchſte Opfer bringen, will in dem heiligen Kriege, um den ich Sie anflehe, ſogar meinem Antheil entſagen, und in thatenloſer Ruhe daheim bleiben, während Ihr auszieht zu Ruhm 197 gen und Siegen. Nur ziehet aus, nur wenden Sie allen Ihren Einfluß an, um den Kaiſer zu dieſem heiligen et⸗ Kriege zu gewinnen. Seien Sie ebenſo kühn als klug, ele eben ſo muthig als beſonnen, und ich verſpreche Ihnen, daß alle meine Freunde ſich in Ehrfurcht vor Ihnen der neigen, daß Europa Ihnen huldigen wird als ſeinem im erſten und größten Helden, ich verſpreche Ihnen ferner, den daß ſelbſt, wenn das Schickſat wider uns entſcheiden, ürt und Napoleon immer noch Sieger bleiben ſollte, es ebt ſeinem Zorn nicht gelingen wird, Sie zu bedrohen, sl Ihren Ruhm zu ſchmälern. Sie werden den Ruhm zu haben, als ein deutſcher Patriot gehandelt zu haben, en und England bietet Ihnen eine Freiſtatt an; Sie 6! werden da ein Aſyl finden, ſo lange Sie deſſen be— n. dürfen, und man wird Ihnen eine Million Gulden 9 ſichern, um Sie vor jeglicher Bedrängniß zu behüten. m Ah, Ew. Hoheit wollen mich beſtechen, ſagte Met⸗ n, ternich lächelnd. Sie meinen, weil ich ein armer n, Reichsgraf bin, würde eine Million Gulden mich reizen? a Aber bevor ich dieſem Reiz nachgebe, müßte ich zuerſt 1 immer doch genau wiſſen, was man von mir fordert? „ Man fordert nichts weiter, als daß Sie ein deut 1 ſcher Mann ſind, rief Johann lebhaft. Seien Sie es, Metternich! Entſagen Sie der Freundſchaft dieſes 198 Despoten, vor dem die Welt im Staube liegt, und der ſeinen Fuß auf den Nacken Europa's geſetzt. Er— heben Sie die Fahne der Freiheit, der Selbſtſtändig⸗ keit Oeſterreichs, verwerfen Sie den Tractat, durch welchen Frankreich Oeſterreich die Hände binden und ſeinen Willen feſſeln will, antworten Sie dem Drän⸗ gen Napoleons mit einem lauten, entſchloſſenen Nein! Ganz Oeſterreich, ganz Deutſchland wartet auf dieſes Nein! Sprechen Sie es aus, und es wird mit einem einzigen Jubelruf ſich erheben, es wird die Waffen er— greifen, und mit der Entſchloſſenheit eines Löwen die Ketten abſtreifén, welche der franzöſiſche Despot ihm angelegt. Und rechnen Ew. Hoheit Preußen nicht auch zu Deutſchland? fragte Metternich lächelnd. Preußen, der ganze Norden Deutſchlands iſt heim— lich gewaffnet, und wartet auf Ihr Nein. Preußen, Hoheit, wartet nicht darauf. Preußen hat den Allianztractat unterzeichnet, durch welchen es ſich verpflichtet, mit Frankreich gegen Rußland zu käm— pfen und dem Kaiſer Napoleon ein Truppencorps von zwanzigtauſend Mann mit preußiſchen Generälen, aber unter dem Oberbefehl eines franzöſiſchen Marſchalls zu ſtellen. Unglückliches Preußen, rief Johann ſchmerzvoll, 199 unglücklicher König, den das Schickſal zwingt, ſeine Sympathien zu verleugnen, ſeinen Haß und ſeine De⸗ müthigung hinunter zu würgen, ſeines Feindes Bundes⸗ genoſſe, ſeines Freundes Feind zu werden! Aber wenn Preußen, von ſeiner Noth beſiegt, ſich mit Frankreich gegen Rußland hat verbünden müſſen, ſo iſt es um ſo mehr die Pflicht Oeſterreichs, nicht Preußens traurigem Beiſpiel zu folgen, ſo iſt Oeſterreich jetzt Deutſchlands letzte Hoffnung. Wenn es dieſe aber erfüllt, wird es Deutſchlands Herr werden, wird Deutſchland in ihm aufgehen, und der Kaiſer von Oeſterreich wird, wie er es einſt dem Namen nach geweſen, jetzt in der That der Kaiſer von Deutſchland ſein! Metternich, ſeien Sie ein deutſcher Mann, laſſen Sie Sich die Noth und die Schmach Ihres deutſchen Vaterlandes erbar⸗ men, wagen Sie den Zorn Napoleons, und Sie wer⸗ den dafür die Sympathie von ganz Europa gewinnen. Ew. Hoheit ſprechen, als ob ich der Kaiſer von Oeſterreich wäre, ſagte Metternich lächelnd, ich bin aber nur der Diener des Kaiſers, und folge in Allem gehorſam ſeinem Willen. Ich glaube aber leider nicht, daß es des Kaiſers Wille iſt, ſchon jetzt offen als der Feind Napoleons aufzutreten, nicht als ob Kaiſer Franz den Kaiſer Napoleon fürchtet, aber er kann 200 nicht vergeſſen, daß die Kaiſerin von Frankreich ſeine Tochter, daß der Sohn Napoleons ſein Enkel iſt. Er hat ſeiner Politik Andreas Hofer, er hat ihr ganz Tyrol geopfert, ſo möge er ihr jetzt auch ſeine Tochter und ſeinen Enkel opfern, rief Johann un⸗ geſtüm. Das iſt ein großes kühnes Opfer, und vielleicht überwindet der Kaiſer ſein Herz und bringt es, viel— leicht giebt er die Pflicht des Vaters an die Pflicht des Kaiſers hin, aber wenn er das thut, ſo muß er auch des Erfolges ſicher und gewiß ſein, ſo muß ſein Opfer ein für ganz Europa entſcheidendes ſein. Glau⸗ ben Ew. Hoheit aber, daß dieſer Moment jetzt ſchon gekommen iſt? Glauben Sie, daß Oeſterreich, deſſen Finanzen zerrüttet, deſſen Armeen mangelhaft, deſſen Grenzen jedem Angriff der franzöſiſchen Armee offen ſind, das von allen Seiten von Bundesgenoſſen oder Provinzen Frankreichs umgeben iſt, glauben Sie, daß Oeſterreich jetzt ſchon im Stande iſt, Frankreich Trotz zu bieten? Blicken Sie doch umher, Hoheit, und ſehen Dinge iſt, und wie wenig jetzt ſchon eine offene Feindſchaft gegen Frankreich für Oeſterreich, ja für ganz Deutſchland von Nutzen ſein könne. Frankreich hat durch ſeinen Rheinbund die Sie, wie die Lage der 7 8 no ne 201 Hälfte von Deutſchland in ſeiner Unterthänigkeit, es hat jetzt auch mit Preußen eine Allianz abgeſchloſſen, und alle revolutionnairen Clemente Polens aufgeregt und für ſich gewonnen. Es hat durch den Wiener Küſten des Adriatiſchen Meeres ab⸗ llyrien zu einer Süden Frieden uns die genommen, und ganz Iſtrien und 5 franzöſiſchen Provinz gemacht. Es hat im Oeſterreichs die Lombardei, deſſen Vicekönig mit ſeiner Armee unſere Grenzen bewacht, das Königreich Neapel mit ſeinem König Murat, der uns von jeder engliſchen Hülfe abſchneidet. Wenn wir jetzt, wo Oeſterreich alſo rings von Feinden eingeſchloſſen iſt, uns offen als Feind von Frankreich bekennen wollten, ſo würde das zu unſerm Verdarben ſein, denn noch iſt Frank⸗ reich uns überlegen, und es würde uns erdrücken. Die nächſte und unmittelbare Folge eines ſolchen Krieges würde ſein, daß die Fackel des Aufruhrs ſich ſogleich in Galizien entzünden würde, und daß Frankreich das unterjochte, von uns nicht mehr geſchützte Preußen völlig zerſtückelte. Aber ſetzen Sie men hätte mit dem Unglück und lück des Krieges wendete, und daß den Fall, daß Gott endlich Erbar⸗ der Schmach der Völker, daß er das G Rußland Frankreich beſiegte? 202 Ach, Hoheit, dieſer Fall iſt leider nicht denkbar, ſagte Metternich achſelzuckend. Die franzöſiſche Armee iſt, wie es ſcheint, unſterblich und unbeſiegbar, und Gott hat ihr noch eine große und herrliche Aufgabe vorbehalten. Dieſe Aufgabe iſt: die Demüthigung Rußlands! Gott hat gewollt, daß dieſem Coloß, der ſich vernichtend und zerſchmetternd in Deutſchland her⸗ einwälzte, ein ſtarkes Bollwerk entgegen geſetzt würde, und ſeinen Lauf hemmte. Dieſes Bollwerk iſt Frank⸗ reich. Ihm iſt die Sendung vom Schickſal geworden, den allgemeinen Feind Europa's, das barbariſche Ruß⸗ land, zu vernichten und ſeine Macht zu brechen. Ruß⸗ land muß wieder aus dem Herzen Europa's hinaus— geworfen werden, es muß wieder eine aſiatiſche Macht werden, und die großartige, auf der einen Seite noch nicht aufgerichtete, auf der andern Seite ſchon wieder in Fäulniß übergegangene Schöpfung Peters des Großen muß wieder in Nichts zerfallen und zerbrochen werden. Das iſt die heilige Aufgabe Frankreichs, und ſo lange es an dieſer arbeitet, wird ihm der Segen Gottes nicht fehlen, wird Oeſterreich ſich nicht als den Feind Frankreichs erklären können. Sie weiſen alſo meinen Antrag zurück? fragte Jo⸗ hann. Sie nehmen die Hand nicht an, welche ich 203 Ihnen im Namen aller Patrioten biete, Sie wollen ſich nicht mit uns verbünden, nicht unſer Freund ſein? Ich werde mich zu allen Zeiten glücklich fühlen, wenn Ew. Hoheit mir die Ehre erzeigen wollen, mir zu erlauben, Ihr Freund zu ſein, ſagte Metternich ehr⸗ furchtsvoll, aber ein Bündniß mit den Feinden Napo⸗ leons darf ich für jetzt noch nicht eingehen, wenigſtens nicht öffentlich. Die Stunde iſt noch nicht gekommen, wo Oeſterreich eine mächtige, ſiegreiche Freundſchaft zurückweiſen kann, um ſich einer gefährlichen, machtloſen und ungewiſſen Feindſchaft hinzugeben. Ich kann mei⸗ nem Herrn, dem Kaiſer, nicht dazu rathen, und wenn ich es ſelbſt thäte, würde der Kaiſer meinen Rath nicht annehmen wollen. Der Kaiſer iſt ein ſehr feſter, ſelbſtſtändiger und willenskräftiger Herr, und ich bin nur der Diener, der dem Willen ſeines Herrn gehor— ſam iſt, und ihm folgen muß. Der Wille des Kaiſers aber iſt es, daß Oeſterreich auch ferner der Bundes⸗ genoſſe des großen ſiegreichen Frankreichs bleibe, deſſen Kaiſer überdies durch die theuerſten Bande der Ver⸗ wandtſchaft an ihn geknüpft iſt. Das heißt: Sie werden Oeſterreich zum Bundes⸗ genoſſen Frankreichs in dieſem ruſſiſchen Kriege ernie⸗ drigen? fragte Johann ſchmerzlich. Sie werden mit — ———— ——. 204 Frankreich einen Allianztractat abſchließen, wie Preußen es gethan? Nein, Hoheit, Oeſterreich wird niemals einen Ver⸗ trag gleich dem preußiſchen eingehen, denn dieſer Ver⸗ trag macht Preußen zu einem abhängigen willenloſen Vaſallen Frankreichs, es ſtellt für Frankreich, gleich den Rheinbundsfürſten, nur ein Contingent zur fran⸗ zöſiſchen Armee und giebt ganz und gar ſeine Selbſt— ſtändigkeit auf. Ich kenne die geheimen Artikel dieſes preußiſch⸗franzöſiſchen Bündniſſes vom vierundzwanzig⸗ ſten Februar. Der letzte dieſer Artikel beſtimmt, daß Preußen, ſo lange die Franzoſen auf preußiſchem oder feindlichem Gebiete ſtehen, keine Truppen ausheben, kein Heer zuſammenziehen, keine militairiſche Bewe⸗ gungen machen darf.*) Nie würde der Kaiſer von Oeſterreich dies unterſchrieben haben, nie würde ich ihm dazu rathen können, denn es wäre gegen die Würde, die Ehre und Selbſtſtändigkeit Oeſterreichs. Mein Wahlſpruch aber iſt:„Oeſterreich über Alles!“ Oeſterreich muß ſein eigener Herr ſein, um darnach einſt der Herr von Deutſchland zu ſein. Oeſterreich kann ſich wohl den Umſtänden beugen, aber es darf *) Schloſſer. 7. b. S. 761. 205 hen ſich niemals demüthigen. So beugt ſich Oeſterreich jetzt vielleicht, und ſchließt ein Bündniß mit Frankreich, ſel⸗ aber es demüthigt ſich nicht, und es iſt der Bundes⸗ er genoſſe, aber nicht der Vaſall Frankreichs. ſen Worte! Wortel rief Johann ungeſtüm; die Sache ich aber bleibt dieſelbe! Oeſterreich läßt ſeine Regimenter a⸗ nicht gegen, ſondern für Frankreich marſchiren. Nicht ſt wahr, es iſt ſo? ſes Ich darf Ew. Hoheit die Wahrheit nicht verhehlen, ſagte Metternich nach einer Pauſe. Ja, es iſt ſo. Oeſterreich verbindet ſich mit Frankreich für dieſen der Krieg gegen Rußland. In einer Stunde erwarte ich hier den franzöſiſchen Geſandten Baron von Otto, um mit ihm den Allianztractat zu unterzeichnen. In einer Stunde, rief Johann ſchmerzlich, in einer Stunde wird die Schmach Oeſterreichs unterzeichnet, in einer Stunde wird Oeſterreich der Vaſall Frank⸗ 3. reichs. Metternich, noch iſt es Zeit! Im Namen Oeſterreichs, im Namen Deutſchlands, ja, im Namen aller rechtlichen Leute, beſchwöre ich Sie noch einmal: Treten Sie zurück, da es noch Zeit iſt. Unterzeichnen Sie nicht, eilen Sie zum Kaiſer, beſchwören Sie ihn, nicht eine Allianz einzugehen, die ihn in offene Feind⸗ ſchaft mit England, mit Schweden, mit Spanien und ——— ————— 206 Rußland, mit allen wahren Deutſchen und Vater⸗ landsfreunden bringt. Metternich, noch iſt es Zeit, um Ihrem Namen einen unſterblichen Ruhm, eine nie erlöſchende Glorie zu geben. Erheben Sie das Schwert, wagen Sie es, dem Despoten zu trotzen, ſagen Sie ein lautes entſchiedenes Nein zu ſeinen an⸗ maßenden Forderungen, rufen Sie das öſterreichiſche, das deutſche Volk zu den Waffen, ſagen Sie ihm, daß die Zeit der Schmach, der Knechtſchaft, der Demüthi gungen vorüber ſei, daß Oeſterreich Deutſchland frei machen wolle! Laſſen Sie dieſen Kampf Frankreichs und Rußlands einen Gotteskampf ſein, an dem ſich Oeſterreich nicht betheiligt, und den es benntzt, um nach dieſem Gotteskampf entweder den Sieger Napo⸗ leon zu neuem Kampf herauszufordern, oder Napoleon, den Ueberwundenen, vollends in den Staub zu werfen. Der Moment iſt groß, tragen Sie ihm einen großen Sinn entgegen, und laſſen Sie nicht durch kleinliche Ruckſichten und ängſtliches Erwägen ſich zurückhalten. Metternich, ich habe zu Ihnen geſprochen im Namen aller Gutgeſinnten, aller Patrioten, im Namen Deutſch lands! Deutſchland glüht nach dem Kriege der Rache, der Vergeltung, geben Sie ihm denſelben und es wird Sie ſeg— nen, und es wird Ihnen eine ewige Dankbarkeit zollen. — 207 Verweigern Sie ihm denſelben, und Millionen Horzen werden in heiliger Entrüſtung ſich von Ihnen wenden, Ihrer Klugheit fluchen, Ihnen ewige Feindſchaft ſchwö ren und in unabläſſigem Bemühen darnach trachten, Sie zu verderben, Sie hinwegzudrängen von einer Stelle, auf der Sie ſo viel Gutes ſchaffen konnten, und ſo viel Böſes geſchaffen haben. Metternich, ich ſelbſt, ich werde zu Ihren unverſöhnlichſten Feinden gehören, wenn Sie auf Ihrem Entſchluß beharren, zu Ihren treueſten und ergebenſten Freunden, wenn Sie jetzk noch einen großen Entſchluß faſſen, und das Banner der Freiheit, der Unabhängigkeit Oeſterreichs hoch über Deutſchland erheben. Ich habe es alſo nicht vermocht, Ew. Hoheit zu überzeugen, daß Oeſterreich dieſes Banner jetzt noch nicht erheben darf? fragte Metternich ſchmerzvoll. Und dafür ſoll ich jetzt dem ſtolzen Glück entſagen müſſen, der Freundſchaft Ew. Hoheit gewürdigt zu werden? Das iſt ein großer, ein bitterer Schmerz für mein Herz, aber ich werde ihn ertragen müſſen, denn ich ſagte es Ihnen ſchon, meine Deviſe iſt:„Oeſterreich über Alles!“ Das Wohl Oeſterreichs muß mir höher noch ſtehen, als die Freundſchaft des ed elſten öſterreichiſchen Prinzen, und mit blutendem Herzen 208 opfepe ich ſie jetzt auf dem Altar des Vaterlandes. Hoheit, der Kaiſer hat den Allianztractat genehmigt, es bleibt mir keine Wahl, ich werde ihn unterzeichnen. Aber ich beſchwöre Ew. Hoheit, erwägen Sie gnädigſt meine Worte wohl. Ich habe geſagt: Oeſterreich muß für jetzt noch der Freund Frankreichs bleiben und ſeine Allianz annehmen. Ich habe von der Gegen⸗ wart geſprochen, aber ich habe mir die Zukunft reſer⸗ virt. Dieſer Zukunft vorzuarbeiten, ihr die Wege zu bereiten, das iſt meine Aufgabe, und ſie beginnt ſchon mit dieſem Allianztractat, den ich heute unterzeichnen werde, denn in dieſem Allianztractat iſt ſchon, zum Unterſchied von Preußen, die Größe und Freiheit Oeſterreichs feſtgehalten. Preußen ſtellt Frankreich ein Truppencontingent, Oeſterreich wird der Bundesgenoſſe Frankreichs, und ſtellt ihm ein Hülfsheer. Der Anführer und Oberbefehlshaber dieſes Hülfsheers wird vom Kaiſer Franz gewählt und ernannt werden, und erhält ſeine Befehle nur unmittelbar von dem franzö⸗ ſiſchen Kaiſer, ſteht allen Marſchällen aber gleich an Rang und Würde. Preußen darf während des Krie⸗ ges ſeine Feſtungen nicht armiren, keine neuen Truppen ausheben, kein Heer zuſammenziehen. Oeſterreich aber wird rüſten, es wird ſein Heer vermehren, und ſeine 93 des. igt, nen. digſt nuß und gen⸗ ſer⸗ e zu chon hnen zum iheit ein noſſe Der wird und anzö⸗ h an Krie⸗ ppen aber ſeine 209 Feſtungen und Arſenäle in Stand ſetzen. Es wird dies unter dem Vorwand thun, verſtehen Ew. Hoheit mich wohl, unter dem Vorwand, gegen Rußland zu rüſten, und eine Reſerve-Armee bereit zu haben, wenn die erſte Armee unterliegen ſollte. Aber wenn Oeſterreich vollſtändig gerüſtet iſt, wenn es ſeine Ar— meen vollzählig und kriegsbereit gemacht hat, dann wird es, ſobald der richtige Moment gekommen iſt, alle Vorwände und alle Schleier abſtreifen, und es wird Frankreich, es wird Deutſchland dann ſagen, gegen Wen es gerüſtet hat, und Wer der furchtbare verhaßte Feind iſt, den es auf Tod und Leben bekämpfen will! Ihnen, Hoheit, kann ich das ſchon heute ſagen: dieſer Feind iſt Frankreich! Oeſterreich wartet auf die rechte Stunde, wenn dieſe aber gekommen iſt, wird es das Schwert, das es jetzt für Frankreich erhebt, gegen Frankreich wenden, und es nicht wieder in die Scheide ſtecken, als bis es ſeinen Feind vernichtet hat. Aber, Hoheit, jetzt iſt dieſe Stunde noch nicht gekommen! Wir wollen die Tage von Auſterlitz und Wagram nicht noch einmal erleben. Das Unglück hat uns vor— ſichtig gemacht, und nur durch Vorſicht, richtiges Er⸗ wägen unſerer Kräfte, und große allmählige Vorberei⸗ tung werden wir zum Ziele gelangen. Mühlbach, Erzh. Johann u. Metternich. I. 14 210 Und inzwiſchen erniedrigen wir Oeſterreich, rief Johann in ſchmerzlichem Zorn, inzwiſchen bekämpfen wir Diejenigen, welche den kühnen Muth haben, dem despotiſchen Unterdrücker und Eroberer mit offener Stinn und entbl bten Sühldert— treten. feige Vuterln die ſich Weisheit beind Ich juge Ihnen, Metternich, Sie werden mit dieſer Pfiffigkeit und Hinterl iſt Oeſterreich an den Rand des Verder⸗ bens führen, Sie werden ſich wohl eine Zeit lang auf den krummen Wegen glücklich hindurch ſchleichen und hindurch lügen, aber ein Tag wird kommen, an dem Sie mit all Ihrer Staatsklugheit und Weisheit zu Schanden werden, ein Tag, an welchem die Völker Ihnen die Wahrheit als drohendes Schreckgeſpenſt entgegen halten, und an dieſem Tage werden Sie Fiasco machen mit all Ihrer Staatsweisheit. Man kann wohl eine Zeit lang von der Lüge leben, und auf die Liſt ſich ſtützen, aber die Wahrheit macht ſich doch zuletzt ſiegreiche Bahn, und die Liſt bricht zuſammen wie morſches Holz. Wenn dem ſo wäre, Hoheit, ſagte Metternich lächelnd, wenn man immer nur grade aus gehen, nur immer die Wahrheit reden, und alle Liſt verwerfen 211 könnte, dann lebten wir wahrlich in einem Paradieſe, in welchem nicht einmal die berühmte Schlange zu finden wäre. Wir wiſſen aber einmal aus der Bibel, daß die Schlange ſelbſt in das Paradies gekommen, und da Gott die Menſchen und alles Gethier geſchaffen, ſo hat er auch die Schlange geſchaffen, welche die Menſchen die Liſt gelehrt, und die Liſt alſo iſt eine göttliche Schöpfung, die wir nicht verachten, ſondern der wir uns als Waffe bedienen ſollen, wenn wir zum Unglück keine anderen Waffen haben, oder wenn dieſe Waffen ſtumpf geworden ſind. Ew. Hoheit verachten die Staatsklugheit, ich aber meine, daß die einzelnen Individuen ſowohl, wie die Staaten und Völker die⸗ ſelbe bedürfen, und daß nur die Wilden ſie entbehren können. Die Staatsklugheit und die Liſt, das ſind die beiden Lootſen, welche den Staat, dieſes ſchwerfällige Schiff, durch alle Brandungen und alle Stürme hin durch führen und ihm die richtigen Wege zeigen müſſen, ohne dieſelben würde es ſcheitern und zu Grunde gehen. Sie verwechſeln da die Staatsklugheit mit der Liſt und der Intrigue, mein Herr Graf, ſagte Johann ſtolz. Staatsklug wäre es, wenn Sie jetzt, da Frank⸗ reich in Spanien und Rußland zugleich kämpfen und 14 212 Armeen beſchäftigen muß, den günſtigen Moment be⸗ nutzten, um die Macht des Feindes zu brechen. Staats⸗ klug wäre es, Frankreich den Krieg zu erklären; liſtig iſt es, jetzt ſein Freund zu bleiben, weil Frankreich noch mächtig iſt, und es nur dann erſt anzugreifen, wenn es vielleicht ohnmächtig geworden! Aber ſtreiten wir nicht mehr! Sie haben meinem Flehen, meinen Vorſtellungen kein Gehör geben wollen. Ich bot Ihnen meine Freundſchaft, Sie haben ſie abgelehnt. Ich mußte ſie zu meinem Schmerz ablehnen, o wohl ſie für mich ein höherer und ſchönerer Preis ge⸗ ls die Million Gulden, mit welcher Ew. Ew. Hoheit b* weſen wäre, a Hoheit mich anfangs beſtechen wollten. ſehen alſo, daß ich wenigſtens ein Mann der Ueber⸗ zeugung bin, denn nicht einmal Ihre Freundſchaft, viel weniger das elende Gold hat mich beſtechen können. Ew. Hoheit wiſſen, daß ich nicht reich bin, daß ich zu meiner Exiſtenz diejenigen Mittel bedarf, welche mir meine Stellung im Staatsdienſte gewährt, Sie haben aber erkennen müſſen, daß ich mir keine Million er werben will auf Koſten meiner Ueberzeugung, und wenn ich alſo das Unglück habe, daß meine Ueberzeu gungen von denen Ew. Hoheit abweichen, ſo wird es Ew. Hoheit doch nicht das Recht geben, mich zu ver t be⸗ taats⸗ liſtig nkreich reifen, treiten neinen nno Ihnen n, ob eis ge⸗ er Ew. Hoheit Ueber⸗ ft, viel können. ich zu cee wir haben. lion er und ig, 213 Der achten als einen käuflichen, charakterloſen Mann. Kaiſer, mein hoher Herr, hat mich zu einem ſchwie⸗ rigen und großen Amte berufen, ich werde daſſelbe ausfüllen nach beſter Ueberzeugung un mit aller Kraft meines Geiſtes; ich werde der treue Mue des Vater⸗ landes ſein, aber ich kann ihm nur dienen nach meiner Ueberzeugung und Erkenntniß. Nun recht, thun Sie es, ſagte der Erzherzog rauh, dienen Sie ihm nach Ihrer Weiſe. Ich muß es dul— den, denn ich habe nicht die Kraft es zu hindern. Unſere Wege aber ſind für immer geſchieden, und wenn wir uns dennoch zuweilen auf denſelben begegnen, ſo wird es ſein, um einander zu bekämpfen. Dieſer Kampf wird unverſöhnlich ſein, ich ſage Ihnen das im Voraus, denn ich ſtehe in demſelben auf der Seite der Leidenden, der Unterdrückten, Sie ſtehen auf der Seite der Peiniger, der Unterdrücker. Sie werden vielleicht lange mir gegenüber ſiegreich ſein, denn die Liſt iſt zähe und windet ſich überall hindurch, aber ein Tag wird kommen, an dem ich Sie doch beſiege, denn die Wahrheit iſt unſterblich, und ihr Licht, mag es auch lange von trüben Wolken umhüllt ſein, ſtrahlt doch zuletzt leuchtend hinter denſelben hervor. Ich kämpfe für die ewige Wahrheit der Volksunabhängigkeit, Sie für 214 die ewige Liſt der Volksunterdrückung, und dieſer Kampf wird dauern, ſo lange wir leben! Möge das wenigſtens eine recht lange Zeit ſein, ſagte Metternich ſanft, und mögen viele und glückliche Jahre noch über dem Haupte meines edlen, hochher— zigen Gegners dahin ziehen. Mögen Ew. Hoheit noch lange der Schmuck, die Zierde und der Held Oeſter— reichs bleiben! Ich kann Ihnen dieſen Wunſch nicht zurück geben, rief Johann ſchmerzlich. Ich kann nicht wünſchen, daß Sie noch lange der Schmuck, die Zierde und der Held Oeſterreichs ſein möchten. Ich ſage es Ihnen zuvor, ich werde Alles verſuchen, Sie zu ſtürzen, und einen Mann an Ihre Stelle zu bringen, dem die Ehre, die Selbſtſtändigkeit und die Freiheit Oeſterreichs höher ſteht, als ſeine eigene Exiſtenz, und der den trotzigen und ſchönen Muth hat, Alles zu wagen, um Alles zu gewinnen! Metternich, leben Sie wohl! Dieſer ver⸗ hängnißvolle Tag, dieſer zwölfte März, den die Ge⸗ ſchichte als einen Unglückstag Oeſterreichs in ihre Bücher einzeichnen wird, er ſcheidet uns für immer! Leben Sie wohl! Er wandte ſich um und ging, ohne Metternich zu begrüßen, der Thür zu. Aber Graf Metternich eilte — 215 ſer Kampf ihm nach; mit ſeinem verbindlichſten Lächeln, und mit der Unterwürfigkeit eines Hofmannes begleitete er den Erzherzog, der ihn keiner Beachtung weiter würdigte, bis zu der Thür ſeines Vorſaals. Zeit ſein, glückliche hochher „ Hier verneigte er ſich noch einmal tief vor dem Erzherzog, der nicht einmal mit einem Kopfnicken ihm dankte, und kehrte dann in ſein Kabinet zurück. oheit noch d Oeſter Eine wirklich erhabene Scene, ſagte er hochaufath⸗ ück geben, mend, ich wünſchte nur, der Kaiſer hätte ihr beige⸗ wünſchen, wohnt, und hätte die erhabenen Tiraden dieſes Ritters 4 e und der der Wahrheit gehört. Er würde dann eingeſehen haben, es Ihnen wie gefährlich dieſe Ritter ſind, und wie nothwendig rzen, und es iſt, ſie zu beſeitigen. Ah, dieſer liebe Erzherzog die Ehre, hat die Güte, mich zu warnen, und es mir vorher zu Os höher ſagen, daß er Alles verſuchen wird, um mich zu ver⸗ 3 trotzigen treiben, und einen Andern, vermuthlich den guten Na⸗„ Alles zu poleonshaſſer Stadion, an meine Stelle zu bringen. eſer ver⸗ Ich werde mich dieſer Warnung erinnern, und auf die Ge meiner Huth ſein. Kampf gegen Kampf! Auch ich 4 in ihre werde nichts unverſucht laſſen, um den Gegner zu be⸗ immer!. ſiegen, und da der Erzherzog Johann durchaus mein Gegner ſein will, nun wohl, ſo werde ich gegen ihn rich zu kämpfen! Es wird ſich auch ſchon eine Stelle finden, lich eilte — — — 216 wo dieſer hörnerne Siegfried verwundbar iſt.— Nun, was giebt's, Jean? Der Herr Staatsrath von Hudeliſt! meldete der eben eintretende Kammerdiener, und Metternich befahl ihn einzuführen. II. Intriguen. Mit einem ſtrahlenden Lächeln ging Metternich dem eintretenden Staatsrath von Hudeliſt entgegen. Wäre ich abergläubiſch, ſagte er, ſo würde ich denken: Gott ſelber iſt es, der Sie zu mir ſchickt, ge⸗ rade in dem Moment, wo ich Ihrer ſo nothwendig bedarf. Wie, Excellenz, rief Hudeliſt mit einer Grimaſſe des Lächelns, die ſein Geſicht auf eine wunderbare Weiſe verzerrte, wie, Ew. Excellenz bedürfen meiner? Das heißt: der Adler will ſich von dem Raben einen Flügel borgen, um mit ihm zur Sonne aufzufliegen! Ach, Excellenz, Sie machen mich lachen mit dieſer wundervollen Schmeichelei, daß Sie meiner bedürfen! Was bin denn ich, der unbedeutende, der häßliche, ver⸗ wachſene, arme Hudeliſt gegen den reichen, ſchönen, —— ℳõ——— —— 218 anmuthſtrahlenden, einflußreichen Grafen Metternich? Es iſt, als wenn man den Götterjüngling Achill und den Pickelhäring Therſites neben einander ſtellte. Ich will Ihnen ſagen, was Sie ſind, ſagte Met— ihm die Hand auf die Schulter legend und undlich in das häßliche, purpurgeröthete Antlitz Sie ſind ein geiſtreicher, genialer Kopf mit Sie ſind ein Mann von ternich, ihm fre ſchauend. einem ehrgeizigen Herzen. größtem Einfluß, Sie ſind deſſen Ohr Ihnen immer offen iſt, und der Ihnen vertraut, wie keinem Andern. Und was endlich Ihre häßlich und verwachſen der Liebling des Kaiſers, Behauptung anbetrifft, daß Sie ſind, ſo erinnere ich Sie nur an die beiden wunder vollen Frauenportraits, die ich jüngſt in Ihrem Kabi⸗ zwei Venusgeſtalten, deren Schönheit nette geſehen, jeden irdiſchen Faltenwurf verſchmäht. jede Hülle und Die göttlichen Urbilder dieſer Portraits müſſen Sie ſehr geliebt haben, wenn ſie ſo ohne alles Falſch und darſtellen mochten, und — ohne alle Schleier ſich Ihnen chönſten der Schönen mit ſolcher kühnen Wahrheit angebetet wird, der kann nicht häßlich und verwachſen, nicht der Pickelhäring Therſites ſein. Ach, Excellenz, die Frauen ſind gar ſo wunderliche Hat doch die Elfenkönigin wer von den S Geſchöpfe, lachte Hudeliſt. Ditan nen lieben Fürſt tternich? ciill und lte. gte Met tend und te Antlitz Kopf mit rann von⸗ Kaiſers, er Ihnen lch Ihre erwachſen wunder tem Kabi— 8 cönheit erſchmäht. iſſen Sie Falſch und gten, und her kühnen äßlich und ſein 1 underliche Jjjenkönigin 219 Titania ein Ungeheuer geliebt, warum ſollten die ſchö— nen reizenden Polinnen nicht einmal einen Hudeliſt lieben können? Es ſind die Portraits zweier polniſchen Fürſtinnen, die Ew. Excellenz in meinem Kabinette geſehen. Und Sie hätten neben denſelben noch die Portraits der reizenden, anmuthſtrahlenden Meſſaline, der Lady Emma Hamilton, dann ferner der ſchönen Geliebten des Grafen Sidyes und viele andere noch aufhängen können, nicht wahr? Aber, Excellenz, wenn ich auch alle Portraits der Schönen, welche mich ihrer Liebe gewürdigt haben, in meinem Kabinette aufhängen wollte, ſie würden doch nur eine kleine Minorität ſein gegen die Unzahl derer, welche Ew. Excellenz ihre anbetende Liebe geweiht haben. Hätten Ew. Excellenz gleich mir die Portraits Ihrer Geliebten an der Wand aufhängen wollen, ſo würden Sie an den Wänden Ihres Kabinets hier keinen Platz dazu gefunden haben, Sie hätten Ihren größten Empfangsſaal und alle Ihre Nebenſäle damit ſchmücken können, und alle Wände würden doch nicht dazu ausreichend geweſen ſein. Ah, welch ein Glück iſt es, Excellenz, daß Ihre Frau Gemahlin nicht eifer⸗ 220 ſüchtig iſt, und es nicht gemacht hat, wie weiland der Fürſt von Monaco. Und was machte denn der Fürſt von Monaco? Er war vermählt mit einer ſchönen Grammont, der Schweſter des Grafen Guiche, um deſſenwillen Lud⸗ wigs des Vierzehnten Bruder, der Herzog von Orleans, ſeine Gemahlin aus Eiferſucht erdroſſelte. Die ſchöne Leonore Grammont war eben ſo ſchön, eben ſo bezau⸗ bernd, wie ihr Bruder Guiche, und ſie hatte daher viele Anbeter. Auf den Befehl ihres Vaters, des Herzogs von Grammont, mußte ſie ſich indeß dem Fürſten von Monaco vermählen, und ihm nach ſeiner kleinen Reſidenz Monaco folgen. Die junge Fürſtin aber fand dieſen Aufenthalt im Schloß zu Monaco eben ſo langweilig, als ihren Gemahl, der die Präten⸗ ſion hatte, ihr einziger Liebhaber ſein zu wollen. Eines Tages beſtieg ſie daher, während ihr Gemahl auf der Jagd war, ihre Equipage und kehrte mit Courier⸗ pferden nach Paris zurück, ihrem Gemahl in einem Abſchiedsſchreiben anzeigend, daß ſie ihn ermorden laſſe, wenn er es wagen wolle, ihre Rückkehr zu fordern, oder ihr nach Paris zu folgen. Der Fürſt von Mo⸗ naco wußte, daß ſeine ſchöne Gemahlin ſicherlich Wort halten würde, und da er das Leben liebte, zog er es 4 vor, nahn Er Pari beobe Port zu ſe und ein. land der naco? ammont, llen Lud⸗ Orleans, te ſchöne 0 bezau⸗ ich ſeiner Fürſtin 221 vor, auf ſeinem Schloß Monaco zu bleiben. Aber er nahm eine eigenthümliche Rache an ſeiner Treuloſen. Er ſandte einen Maler zu bleibendem Aufenthalt nach Paris, und beauftragte ihn, ſeine Gemahlin ſtreng zu beobachten, von jedem neuen Liebhaber derſelben ein Portrait zu malen und es dem Fürſten nach Monaco zu ſenden. Der Maler folgte getreulich ſeinem Befehl, und ein Portrait nach dem andern traf in Monaco ein. Der Fürſt ließ in ſeinem Tanzſaal eine Marmor⸗ tafel anbringen mit der Iuſchrift:„die Portraits der Liebhaber meiner Frau,“ und hing dem⸗ gemäß die Portraits, wohl numerirt, je nach ihrer Reihenfolge in dem Saal auf. Als aber in dem Saal kein Platz mehr war, öffnete er die Thüren und hing die Gemälde auf den Corridor, und endlich, da auch dort kein Raum mehr war, ließ er ſie auf dem Schloß⸗ hof an der hohen Mauer zu beiden Seiten der Ein⸗ fahrt anbringen, indem er unter jedem Portrait den Namen des Originals mit der Unterſchrift:„Lieb⸗ haber meiner Frau“ in goldenen Lettern anbringen ließ.*) Gott weiß, ob er auf dem Schloßhof hin länglich Platz gehabt hätte, wenn ihn nicht der Tod Siehe: Mémoires de la princesse de Monaco, par Alex. Dumas. Vol. III. 7 4 2 22 ereilt, und ſeiner Gemäldegallerie ein Ende gemacht hätte. Eine allerliebſte Geſchichte, rief Metternich, und ſicherlich eine Gemäldegallerie, wie es keine zweite in der Welt geben möchte. Excellenz, nehmen wir den Fall an, daß die Frau Gräfin Metternich eine ähnliche Gemäldegallerie ge⸗ gründet hätte, glauben Sie nicht, daß ſie auch ſchon bis auf den Hofraum avancirt wäre? Nun, wer weiß, ſagte Metternich lachend, unſer Haus iſt ſehr groß, und hat einige recht weite Säle. Aber ich will es zugeſtehen, die Gallerie würde ziem⸗ lich bedeutend ſein, denn, um Ihnen die Wahrheit zu ſagen, mit meiner diplomatiſchen Carrière begann auch gleich meine Laufbahn mit den Weibern, die mich oft entzückt, oft zum Sterben ennuyirt und in Verzweiflung gebracht haben. Viele ſchöne Närrinnen haben mich aufrichtig geliebt, obſchon ich mir bewußt bin, es mit gar keiner ehrlich gemeint zu haben, was ſie nämlich in ihrem Dünkel ehrlich nennen.— Was ich nament⸗ lich in Dresden von alten Königinnen, Kurfürſtinnen, Großherzoginnen und Herzoginnen ausgeſtanden habe, davon wäre ein ganzer Roman für ſchwergeplagte und ſchlafloſe chroniſche Kranke zu ſchreiben. Aus Ver⸗ gemacht ich, und zweite in die Frau llerie ge⸗ Uch ſchon ne ziem⸗ brheit zu ann auch nich oft weiflung ben mich n, es mit 3 nämlich 1 nament⸗ fürſtinnen, den habe, lagte und Aus Ler —— 5 b0 23 zweiflung griff ich nach Allem, Karten- und Hazard⸗ ſpielen, Taſchenſpieler⸗ und Bauchrednerkünſten, die Hazardſpiele reizten mich zwar, jedoch weniger als man glauben ſollte, und die Weiber zerrten mich immer wieder in ihre magiſchen Kreiſe zurück.*) Man kann, um raſch und ſicher Carrière zu machen, die Frauen nicht entbehren, und es giebt Einige von ihnen, denen ich für mein ganzes Leben zu Dank verpflichtet bleibe. Excellenz, dieſe können jetzt zu Ihnen, wie Gret⸗ chen zum Fauſt ſagen:„Ich habe ſchon ſo viel für Dich gethan, daß mir zu thun faſt nichts mehr übrig bleibt!“ Sie ſind ein Spötter, Hudeliſt, ſagte Metternich lachend. Aber laſſen Sie uns ernſthaft reden. Was für Nachrichten bringen Sie mir? Iſt es Ihnen ge— lungen, den Kaiſer für unſeren Plan zu gewinnen? Der franzöſiſche Geſandte wird ſogleich hierher kommen, um mit mir den Allianztractat zu unterzeichnen, darf ich ihm noch außerdem erfreuliche Botſchaft melden? Ja, Excellenz, Sie dürfen es. Wir haben unſer Ziel erreicht, und es iſt mir gelungen, durch Bitten und Schmeicheln und wohlangebrachte kleine Seiten— *) Metternich's eigene Worte. Siehe: Kaiſer Franz und Metternich. Ein Fragment. S. 91. 224 hiebe auf Diejenigen, denen dies Project ein Dorn im Auge ſein würde, den Kaiſer dahin zu bringen, daß er eingewilligt hat. Sie dürfen alſo dem franzöſiſchen Geſandten melden, daß der Kaiſer von Oeſterreich freudig bereit iſt, ſich mit dem Kaiſer Napoleon in Dresden ein Rendezvous zu geben, wenn der Kaiſer der Franzoſen im Mai Dresden paſſirt, um nach Ruß⸗ land zu ſeiner Armee zu gehen. Der Kaiſer Franz unternimmt dieſe Reiſe, um vor ganz Europa ein Zeugniß abzulegen von ſeiner Sympathie für den großen Mann, der jetzt auszieht, die Barbaren zu bekämpfen, und die Koſacken und Ruſſen wieder nach Aſien zurück— zuſchleudern. Ew. Excellenz dürfen hinzuſetzen, daß, da der Kaiſer Napoleon bis Dresden von ſeiner Ge— mahlin Marie Louiſe begleitet ſein wird, der Kaiſer Franz dahin auch in Begleitung ſeiner Gemahlin, der Kaiſerin Ludovica, kommen werde. Wie? rief Metternich freudig, die Kaiſerin wird ihren Gemahl begleiten? Aber ſagen Sie, Sie Wunder mann, wie haben Sie es angefangen, das zu Stande zu bringen? Es war nicht ſo ſchwer, Excellenz, ſagte Hudeliſt lächelnd. Ich ſagte dem Kaiſer, daß natürlich die Kaiſerin Ludovica ihn nicht begleiten werde, weil ſie zöſiſchen eſterreich oleon in r Kaiſer ach Ruß⸗ er Franz ropa ein en großen ekämpfen, n zurück⸗ jen, daß, iner Ge⸗ r Kaiſer hlin, der riin wird Wunder⸗ Stande 225 ja bekanntlich zu den unverſöhnlichen Feinden Napo⸗ leons gehöre, und daß Se. Majeſtät ſicherlich nicht ein ſo großes Opfer von ſeiner Gemahlin fordern werde. Der Kaiſer erwiderte darauf:„Es muß halt ein Jeder ſeine Opfer bringen. Ich hab' damals es juſt auch nit als eine angenehme Promenad' betrachtet, als ich zu ihm an's Wachtfeuer von Auſterlitz ging, und ein Spazierritt iſt's auch nit für mich von hier nach Dresden. Wenn ich dahin gehen kann, um den Herrn Bongparte als zärtlicher Schwiegervater zu begrüßen, ſo wird's meiner Frau Gemahlin wohl auch nit ſcha⸗ den, und es wird der Welt beweiſen, daß die Kaiſerin ebenſo wie ich ſelber nit zu den Feinden, ſondern zu (N O den Freunden des Kaiſers der Franzoſen gehört. ie Kaiſerin Ludovica wird mich alſo jedenfalls begleiten.“ Wirklich, Sie haben Ihre Sache vortrefflich an— gefangen, und ich mache Ihnen mein Compliment, Herr Hofrath, rief Metternich. Dieſe Reiſe des Kaiſer— paars nach Dresden wird Napoleon eine Garantie da— für ſein, wie ernſt es Oeſterreich mit ſeiner Freund— ſchaft und Treue iſt, und wie ſicher er auf uns zählen kann. Aber werden unſere Feinde hier in Wien unſere Pläne nicht untergraben, wird es ihren fortgeſetzten Intriguen, Bosheiten und Ohrenbläſereien nicht zuletzt Mühlbach, Erzh. Johann u. Metternich. I. 15 226 dennoch gelingen, Einfluß auf den Kaiſer zu gewinnen und uns zu verdächtigen? Ich ſage„uns“, denn man betrachtet uns Beide als zuſammengehörig, als die Häupter der franzöſiſchen Partei, und wir werden zu⸗ ſammen ſtehen und zuſammen fallen. Sie wiſſen es, Hudeliſt, wir haben ſehr mächtige und erbitterte Feinde hier am Hofe, und ſie werden uns zuletzt doch noch bei Seite ſchieben, wenn wir ihnen nicht zuvorkommen, und ſie bei Seite ſchieben. Thun wir das alſo, Excellenz, ſagte Hudeliſt, käm⸗ pfen wir gegen unſere Feinde, biegen wir ihnen ein Paroli! Sie wollen uns verdächtigen, nun wohl, ver⸗ dächtigen wir ſie! Der Erzherzog Johann war ſo eben bei mir, um mich zu beſchwören, die Allianz mit Frankreich nicht einzugehen. Er bot mir Verſöhnung und Freundſchaft an, im Fall ich zu der antifranzöſiſchen Partei mich bekennen, und Frankreich den Krieg erklären wolle. Ach, bei Gott, der Kaiſer würde es Ihnen Dank wiſſen, wenn Ew. Excellenz mit ſeinem lieben Bruder Johann ein Freundſchaftsbündniß ſchlöſſen! Es wäre der ſicherſte Weg, um die Macht und den Einfluß Ew. Excellenz zu zerſtören und den Kaiſer auf immer mit Mißtrauen gegen Sie zu erfüllen! gewinnen enn man als die eden zu⸗ viſſen es, te Feinde och noch kommen, liſt, käm⸗ hnen ein pohl, ver⸗ mir, um iich nicht eundſchaft rrtei mich wolle. nen Dant n Bruder Es wäre 1 Einfuuß immer uf 227 Ich habe zu meinem größten Schmerz die ange— botene Freundſchaft des Erzherzogs nicht annehmen können, ſagte Metternich lächelnd. Ich kann meine Politik nicht von meinen Privatneigungen abhängig machen, und ſo hoch beglückt ich ſein würde durch die Freundſchaft des edlen Erzherzogs Johann, ſo muß ich ihr doch entſagen, wenn ich dafür die Feindſchaft Frankreichs für Oeſterreich hervorrufen ſoll. Und darf ich fragen, Excellenz, wie der Erzherzog Ihre Weigerung aufnahm? Er gerieth in ſchmerzlichſten Zorn, verwünſchte mich und meine Politik, und ſchwur mir glühende Feindſchaft bis an mein Lebensende, und betheuerte, daß er alle Mittel aufbieten werde, um mich zu ſtürzen, und einen Mann an meine Stelle zu bringen, der, wie er ſagte, mehr Herz und Verſtändniß habe für die Ehre und Größe Oeſterreichs und Deutſchlands. Denn Sie wiſſen ja, die Phraſe vom großen Deutſch⸗ land taucht jetzt in allen phantaſtiſchen, liberalen Po⸗ litikern wieder auf, und iſt das Schiboleth aller Schwär⸗ mer geworden. Der Erzherzog begehrte⸗ daher auch vor allen Dingen von mir, daß ich ein deutſcher Mann ſein, und mit ganz Oeſterreich für Deutſchlands Jammer und Schmach einſtehen ſolle! 15* *2 228 Ach, ich wollte der Kaiſer hätte ihn hören können, wie der Erzherzog Ihnen ſeine phantaſtiſchen Pläne, die er für hohe Politik ausgeben möchte, entwickelte. Es würde die Liebe des Kaiſers für ſeinen Herrn Bruder abſonderlich geſteigert haben. Wollen Sie dem Kaiſer keine Mittheilung machen von dieſen Plänen des Erzherzogs? Ich würde dann in denſelben Fehler verfallen, den der Erzherzog und ſeine Parteigenoſſen gegen mich begehen, ſagte Metternich achſelzuckend. Ich würde anklagen, ohne beweiſen zu können. Denn geſprochene Worte, die in der Luft verſchwunden ſind, müſſen ge hört werden, wenn ſie als Schuldbeweiſe dienen ſollen. Nur die That oder das geſchriebene Wort ſind voll⸗ gültige Zeugen einer Schuld. Hätten meine Feinde Gelegenheit gehabt dieſe gegen mich reden zu laſſen, ſo würde ich lange ſchon dem Grafen Stadion oder irgend einem andern phantaſtiſchen Deutſchthümler und Freiheitspolitiker haben weichen müſſen. Aber meine Feinde konnten Sr. Majeſtät immer nur Worte hinter bringen, die ich geſagt haben ſollte, und die, ſo entſetzlich ſie dem Ohr des Kaiſers auch zuweilen klingen mochten, ihn doch nicht von meiner Schuld überzeugen konnten. Um ſo mehr, weil der Kaiſer, der Ew. Excellenz können, Pläne, wickelte. —Herrn Sie dem Plänen len, den en mich ) würde prochene iſſen ge ion oder mler Und 229 liebt, nicht überzeugt ſein wollte. Ein Anderes indeſſen iſt es mit dem Erzherzog. Sagen Sie dem Kaiſer, Excellenz, welche große Pläne ſein Herr Bruder mit Oeſterreich hat, daß der Erzherzog verlangt, Oeſterreich ſolle um Deutſchlands willen da ſein, ſolle wo möglich in Deutſchland aufgehen, und Sie können ſicher ſein, daß das wie eine Bombe wirkt, die in das Pulverfaß der kaiſerlichen Bruderliebe fliegt, und ſie mit furcht⸗ barem Donner zerplatzen macht. Aber auf mich würde alsdann die ganze Verant⸗ wortung kommen, ſagte Metterich, mich würde man anklagen als den intriguanten und hinterliſtigen Feind, deſſen Verleumdungen es endlich geglückt, meinen edlen, hochherzigen Feind, den Erzherzog Johann, die Hoff⸗ nung Oeſterreichs, zu ſtürzen. Man würde mich überall verdammen, ihn vergöttern und preiſen! Und dennoch ſehe ich es ein, daß Einer dem Andern weichen muß, daß wir Zwei nicht friedlich nebeneinander exiſtiren können. Der Erzherzog und ſeine Brüder, das ſind die Hemmſchuhe, welche ſich dem organiſchen, natur⸗ gemäßen Fortſchritt Oeſterreichs entgegenwerfen, und Alles verwirren und zurückhalten, indem ſie Alles unnatürlich raſch vorwärts treiheit wollen. Die Erz⸗ herzöge zertheilen die Verwaltung Oeſterreichs in zwei 230 feindliche Hälften, und machen jede Einheit unmöglich. Was ich heute mühſam vom Kaiſer, meiner innigſten und beſten Ueberzeugung gemäß, errungen habe, das machen ſie durch irgend einen Contrecoup morgen wieder unwirkſam; wenn es mir heute gelungen, dem viel⸗ geplagten Oeſterreich durch irgend eine lange vorbereitete, wirkſame Allianz den Frieden zu ſichern, ſo können ſie morgen dennoch ſchon durch ihr unſinniges Kriegsgeſchrei und ihre Zankſucht uns einen Krieg auf den Leib hetzen, der Oeſterreich an den Rand des Abgrundes bringt. Ich bin daher entſchloſſen, dieſen Zuſtand nicht länger zu ertragen, und auf irgend eine Weiſe eine Entſcheidung herbeizuführen. Entweder die Erz⸗ herzöge müſſen mir weichen, oder ich weiche ihnen. Dies„Oder“ darf niemals eintreten, Excellenz, rief Hudeliſt eifrig. Oeſterreich bedarf Ihrer, wenn es nicht unrettbar ſeinem Unheil entgegen gehen ſoll, wenn es nicht alle Ungeheuer des Kriegs und der Verwüſtung wieder entfeſſelt ſehen ſoll. Nein, Excellenz, Sie dürfen den Kaiſer, Sie dürfen Oeſterreich und Ihre Freunde nicht verlaſſen. Sie müſſen bleiben, und der liebe Erzherzog Johann muß Ihnen weichen! Er wird es nicht thun, wenn man nicht Mittel hat, möglich. innigſten abe, das n wieder em viel bereitete, innen ſie ggeſchrei en Leib grundes Zuſtand ne Weiſe die Erz⸗ hnen. gxcellenz, er, wenn ihen ſol, und der Excellenz, reich und bleiben, weichn! ſdittel hat 231 ihn zu zwingen. Er iſt aber klug und verſchlagen, und vermeidet Alles, wodurch er Anſtoß erregen könnte. Ja, ja, ich weiß das, ſeufzte Hudeliſt. Ich beob⸗ achte ihn ſeit Jahren, ich verſuche alle Mittel, die bei jedem Andern von der größten Wirkſamkeit ſein würden. Aber er hat ein Kieſelherz, und ſelbſt meine ſchöne Tänzerin Valzerina hat bei ihm vergeblich ihre Zauber künſte verſucht. Er merkte die Schlinge, und wußte ſich ihr auf ſchlaue Weiſe zu entziehen. Die Weiber werden ihn niemals verführen, ſagte Metternich lächelnd. Er hat ein kaltes Herz, und ſchwärmt nur für die ſchönen Frauenzimmer Auſtria und Germania. Nun, ſo muß man verſuchen, ihn durch dieſe zu verführen, rief Hudeliſt, ſich vergnügt die Hände reibend. Ich muß durchaus Revanche nehmen für das Fiasco, das ich bei ihm mit meiner Roſabella gemacht, er muß mir Genugthuung geben. Wenn es uns gelingen ſoll, den Krieg mit Frank reich zu vermeiden, und Oeſterreich noch länger den Frieden zu ſichern, ſo muß der Einfluß des Erzherzogs Johann gebrochen werden, ſo muß man durch ihn den Kaiſer überzeugen können von der Gefährlichkeit und 1 —— 232 Tollkühnheit derjenigen Partei überhaupt, welcher der Erzherzog angehört. Es beginnt ſchon eine Möglichkeit in mir zu erwachen, ſagte Hudeliſt mit einem boshaften Grinſen. Wir müſſen dem Kaiſer, um ſein natürliches Mißtrauen zu beſchäftigen, und es nicht auf eine falſche Fährte hinzulei— ten, anderswo einen Anhaltspunkt geben. Wir müſſen ihm beweiſen, daß Erzherzog Jehann wirklich für ihn ein gefährlicher Rival iſt, und daß diejenigen ſeine wahren Freunde ſind, welche den Kaiſer vor ſeinem Bruder, dem Erzherzog Johann, gewarnt haben! Sie müßten aber in der That ſehr ſtarke Beweis⸗ mittel haben, ſagte Metternich achſelzuckend, Und woher wollten Sie die nehmen? Der Erzherzog beſitzt die Liebe von ganz Oeſterreich, die lieben Tyroler ſchwärmen für ihn, und nennen ihn ganz heimlich ihren Herzog von Tyrol,— aber das ſind keine Beweiſe irgend einer Schuld. Doch, Excellenz, das ſind Beweiſe, denn es ſind 20 3 Zeugniſſe, daß die Tyroler noch immer nicht ihre Hoff⸗ nungen aufgegeben haben, daß ſie hoffen, den lieben Hannes als den wirklichen Herzog des Gebirges zu erhalten. Der Erzherzog hat mich damals hinter⸗ gangen, er hat mich überliſtet, und ſehr geſchickt Roſa— ——— cher der rwachen, Wir rauen zu hinzulei⸗ rmüſſen Beweis⸗ nd woher eſitzt die hwärmen n Herzog ſe irgend n(s ſind ihre Hoff den lieben birges zü 3 hinter⸗ — ickt Roſa⸗ 233 bella gegenüber den Unſchuldigen geſpielt; aber er hat ihn nur geſpielt, und ich bin überzeugt, daß er ſchuldig iſt. Wie denn, ſchuldig? Wir wiſſen es ja, daß der Erzherzog noch immer geheime Verbindungen mit Tyrol unterhält. Der Kaiſer ſelbſt hat ihn dazu ermächtigt, und der Polizeipräſident von Hager überwacht und be⸗ ſchützt die Tyroler, die als geheime Boten hierher kommen. Aber es kommt darauf an, zu wiſſen, wie weit dieſe geheimen Verbindungen mit Tyrol gehen, und ob der Erzherzog ſie nicht zu eigenen perſönlichen Zwecken ausbeutet, ob er nicht— Ach, Excellenz, es dämmert da in mir ein Plan auf, ein wundervoller Plan! Es iſt uns mißlungen ihn durch ein Weib zu gewinnen, ſehen wir zu, ob der liebe Erzherzog auch gegen einen Mann ſein Mißtrauen bewahrt, und ob es uns nicht gelingen kann ihm einen faux frère zu geben, da er ſich gegen eine fausse soeur geſträubt hat. Ich kenne einen lieben talentvollen Mann, der vielleicht geneigt wäre, in dieſer Sache eine Rolle zu ſpielen, und— Doch nein, ich will Ew. Excellenz nichts von meinem Plan verrathen, ſondern Sie durch die Ausführung deſſelben überraſchen. Sie erfüllen damit meine geheimſten Wünſche, 234 mein lieber Herr von Hudeliſt, ſagte Metternich leiſe das Haupt wiegend. Ich liebe es nicht perſönliche Intriguen zu machen, und es thut meinem Herzen weh, wenn ich um meinetwillen irgend Jemand Schaden zu⸗ fügen ſoll. Laſſen Sie mich daher Ihrem Plan lieber ganz fremd bleiben, denn ich könnte Ihnen denſelben ſonſt gar leicht verderben durch meine unausſtehliche Gutmüthigkeit, die leider zu den Fehlern gehört, welche ich mir noch immer nicht habe abgewöhnen können. Ich wiederhole Ihnen nur: zum Wohl Oeſterreichs, und zur Erhaltung des Friedens iſt es nothwendig, daß der Erzherzog, welcher zu den einflußreichſten Häup⸗ tern der Kriegspartei gehört, unwirkſam gemacht, und auf immer bei Seite geſchoben werde. Es läßt ſich nicht regieren, ſo lange dieſer unruhige phantaſtiſche Erzherzog das Recht hat, ſeine Schwindeleien für Weis⸗ heit auszugeben, und zuweilen ſogar unſern edlen Kaiſer damit zu düpiren. Die Kaiſerin Ludovica iſt die Vermittlerin zwiſchen dem Kaiſer und ſeinen Brü⸗ dern, ſie iſt der Kanal, durch welchen die brüderliche Weisheit an das Ohr des Kaiſers gelangt. Verſchließen wir die Quelle, dann wird auch der Kanal kein Waſſer mehr haben, ſagte Hudeliſt mit einem rauhen Lachen. c leiſe ſönliche en weh, den zu⸗ lieber nſelben tehliche welche können. rreichs, ig, daß Häup⸗ ht, und ßt ſich nſtiſche Weis⸗ edlen vica iſt n Brü⸗ verliche uch der iſt mit 235 Thun wir es zum Heil Oeſterreichs, rief Metter⸗ nich, und möge Oeſterreich uns dankbar ſein! Was kümmert mich Oeſterreich, lachte Hudeliſt, ich bin's ſchon zufrieden, wenn mir nur der Kaiſer von Oeſterreich dankbar iſt. Und er wird es ſein, zweifeln Sie nicht daran, ſagte Metternich raſch. Sie ſind ehrgeizig, das heißt von jenem edlen ſchönen Ehrgeiz, der das Höchſte erſtrebt, weil er ſich des Höchſten fähig fühlt; Sie ſollen Ihrem Ehrgeiz Befriedigung gewähren, und Orden und Würden ſollen Ihre Verdienſte um das Vaterland belohnen. Der Kaiſer liebt Sie, und er wird freudig meinen Vorſchlägen Gehör geben; aus dem Staatskanzlei⸗Hofrath kann ſehr bald ein Staats⸗ rath werden, und der Stephans⸗Orden würde ſich ſehr gut ausnehmen auf Ihrer ſchönen breiten Bruſt. Ich— Se. Excellenz, der Herr Baron von Otto, Ge⸗ ſandter Sr. Majeſtät des Kaiſers der Franzoſen, meldete der eintretende Kammerdiener. Führen Sie den Herrn Geſandten in den kleinen Salon, ſagte Metternich, ich werde die Ehre haben ihn dort zu empfangen. Leben Sie alſo wohl, mein Freund und Bundesgenoſſe! Unſern Händen iſt das Staatsſchiff Oeſterreichs anvertraut, wir wollen es 236 muthig durch alle Klippen und Brandungen hindurch führen, und— Und wenn ſich auf demſelben ein Feind eingeſchlichen hat, der uns das Steuerruder entreißen will, rief Hudeliſt, ſo werfen wir ihn über Bord! Das arme Staatsſchiff befindet ſich allerdings jetzt auf gar hoher ſtürmiſcher See, ſagte Metternich lächelnd, und da muß man freilich, um es zu retten, gar manchen Ballaſt über Bord werfen! Nun ich gehe zum fran— zöſiſchen Geſandten, um unſere Allianz mit Frankreich zu unterzeichnen! Gebe Gott, daß für Oeſterreich Heil daraus erwächſt! Leben Sie wohl! Der Stern Oeſter⸗ reichs leuchte über Ihnen! Er reichte Hudeliſt ſeine Hand dar, und führte ihn bis zur Ausgangsthür ſeines Cabinets. Während Hudeliſt dann hinaustrat in den Vorſaal, durcheilte Metternich raſch das Cabinet, um durch die andere Thür in den Salon einzutreten, in welchem der fran⸗ zöſiſche Geſandte ihn erwartete. Affe, ſchöner ehrgeiziger Affe, murrte Hudeliſt, in der geöffneten Thür ſtehen bleibend, und dem Grafen nachſchauend. Iſt das ein Minaudiren, und Schön⸗ thun und Diplomatiſiren! Meint mich, den Hudeliſt, der mit allen Pfiffen und Kniffen der Welt auf dem 237 Roſt des Lebens gebraten und geſpickt iſt, meint mich hindurch. dh. ſ a a zu täuſchen mit ſeinen bezaubernden Phraſen vom Wohl oli Oeſterreichs! Ihm iſt Oeſterreich juſt ſo gleichgültig eſchlichen..„. H.—. . wie mir ſelber, und was wir Beide von Oeſterreich vill, rief wollen, das iſt Ehr' und Würden, Rang und Reich⸗ thum für uns ſelber! Nicht zum Wohl Oeſterreichs, ſondern zum Wohl ſeiner Miniſterſtelle will er dem Erzherzog Johann ein Paroli biegen, und ihm eine tüchtige Verrätherei anhängen. Ich unterſtütze ihn lächelnd, manchen um fran⸗ darin, weil er mich auch hindert am Vorwärtskommen, der gute, tugendhafte Erzherzog, und weil es mir eine Luſt iſt, dem Tugendhelden und Weisheitsnarren die Hölle ein bischen heiß zu machen, und ihn ein bischen nagen zu laſſen an dem Knochen des Unglücks! Der Frankreich reich Heil n Oeſter⸗ d führte liebe Hannes, der allgeliebte, ſoll auch vom Hudeliſt, Während dem allgehaßten, einen kleinen Knochen bekommen! Ich durcheite geh' zum lieben Herrn von Roſchmann! Der wird je andere einen prächtigen faux frère abgeben, wie wir ihn der frau⸗ brauchen. Er hat ein weites Gewiſſen, einen zeriſſenen Geldbeutel, und iſt von Geburt ein Tyroler! Ja ja, 7 7 N 7 deliſt, in zum Herrn von Roſchmann! 4 6 1 F. n Grafen 4 d Schönd-⸗——— Hudeliſt auf dem III. Anton von Koſchmann. Das ganze Städtchen Traiskirchen war heute in Aufregung und Spannung, denn etwas Ungeheures, Ueberraſchendes ſollte ſich heute begeben. Der Kreis⸗ hauptmann von Traiskirchen, der hochgeſtrenge, unnach⸗ ſichtige Herr von Roſchmann ſollte heute an ſich ſelber die Strenge der Geſetze erfahren, die er bisher ſo nachſichtslos über Andere hatte walten laſſen. Er ſollte wegen Wechſelſchulden verhaftet werden. In der Frühe des Morgens war der Agent eines der erſten Wiener Banquierhäuſer, begleitet von zwei Polizei⸗ Agenten, in Traiskirchen angelangt, und hatte dem Herrn Kreishauptmann eerklärt, daß, wenn er den zwei Mal proteſtirten Wechſel nicht bis zur heutigen Mit⸗ tagsſtunde einlöſen könne, er ihm nach Wien als Arre⸗ ſtant zu folgen habe. Zugleich hatte der Agent einen 239 in aller Form Rechtens ausgeſtellten Verhaftsbefehl mit der Unterſchrift des Polizei⸗Präſidenten von Hager vorgezeigt, und Herr von Roſchmann hatte ſich wohl entſchließen müſſen, denſelben als rechtskräftig anzuer⸗ kennen. Ich werde mich dieſem Befehl fügen müſſen, wenn ich bis zur Mittagsſtunde das Geld nicht zahlen kann, hatte er zu dem Wechſelagenten geſagt. Aber ver⸗ geſſen Sie nicht, daß Sie bis zur Mittagsſtunde keine Gewalt über mich haben, und daß ich bis dahin ein heute m freier Mann bin. geheme, Das heißt, Herr Kreishauptmann, Sie ſind bis er Kreid⸗ dahin nicht Gefangener, aber ich werde mir doch erlauben „ unnach müſſen, durch die Polizeidiener, die mir der Präſident ſich fller von Hager mitgegeben, Sie bewachen zu laſſen. Es bisher 3 wäre doch möglich, daß Sie verſuchten, ſich meiner lää ſen. Er ſtigen Nähe durch die Flucht ganz und gar zu entziehen. In der Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich nicht der eiſen verſuchen werde zu entfliehen, ſagte der Kreishaupt⸗ ei Polzei mann raſch. hatte dem Der Wechſelagent zuckte lächelnd die Achſeln. Ver⸗ tden zwi zeihen Sie, ſagte er, ich ziehe meine Polizeidiener tigen Mi⸗ 4 Ihrem Ehrenwort doch vor, ſie halten Sie ſicherer. als Arre⸗ Herr von Roſchmann ſtampfte unwillig mit dem „ont einen lent ei — 240 Fuß auf den Boden, und ſeine Stirn umdüſterte ſich. Hüten Sie ſich mein Herr, rief er mit drohender Stimme, und einem zornigen Blick aus ſeinen großen ſchwarzen Augen, hüten Sie ſich mich zu beleidigen, denn ich ſage Ihnen, ich werde Sie dafür die ganze Schwere meiner Rache empfinden laſſen! Ich bleibe nicht lange Ihr Gefangener, wenn ich es überhaupt werde, und dann werde ich Sie zur Rechenſchaft ziehen. Mein Herr, ich handle nur nach Geſetz und Recht. Mein Haus hat mir dieſe Wechſel im Betrag von zehntauſend Gulden übergeben, mit dem ſtrengen Befehl, ſie entweder einzukaſſiren, oder den Schuldner zum Arreſt zu bringen. Ich muß alſo dem Befehl genügen. Nun wohl, aber Sie haben noch vier Stunden zu warten, und ich verlange, daß Sie dieſelben nicht hier in meinem Hauſe zubringen, rief Roſchmann heftig. Ich ſehe da an der andern Seite des Markt⸗ platzes ein Gaſthaus, ſagte der Agent ruhig, dahin alſo werde ich mich bis zur Mittagsſtunde begeben, und warten. Die Polizeidiener aber werden die Thüren Ihres Hauſes bewachen. Sie werden indeß Jeder⸗ mann ungehindert aus⸗ und eingehen laſſen, außer Ihnen ſelber. Ich entferne mich, Herr von Roſchmann. gr u te ſich. hender großen eidigen, ganze bleibe rhaupt ziehen. Recht. ag von Befehl, er zum enügen. nden zu cht hier eftig. Markt⸗ dahin „dal begeben, Thüren außer chmann. 241 Er näherte ſich der Thür und war eben im Be— griff hinauszugehen. Hören Sie, rief Roſchmann heftig, bleiben Sie noch einen Augenblick. Nun, was beliebt? fragte der Agent, ſich langſam umwendend. Sagen Sie mir, wer hat Ihrem Hauſe alle dieſe Wechſel übergeben? Wer hat dieſe, auf verſchiedene Häuſer ausgeſtellten Wechſel, von denen einige ſchon ſeit Wochen fällig ſind, an ſich gebracht, und verlangt, daß ſie heute alle auf Einen Tag von mir honorirt werden ſollen? Nennen Sie mir zum Mindeſten den Feind, der mich in's Verderben ſtürzen will, und ich verſpreche Ihnen eine glänzende Belohnung. Ich kenne Ihren Feind nicht, Herr von Roſch⸗ mann, ich weiß nur, daß mein Haus mir dieſe Wechſel zur Einkaſſirung übergeben hat, weiter nichts, ſagte der Agent, indem er ſich wieder der Thür zuwandte, und langſam hinausging. Herr von Roſchmann ſchaute ihm mit einem flam⸗ menden Zornesblick nach. Gefangen, gefangen in meinen eigenen Schlingen! murmelte er leiſe vor ſich hin. Kein Entrinnen mehr! Das Gebäude meines Glücks bricht über mir zuſammen! Aber nein, nein, rief er Müblbach, Erzh. Johann u. Metternich I. 16 —— ———„ —————y —————— 242 heftig, ich will noch das Letzte verſuchen! Ich will mich an meine Gönner und Freunde wenden, ich will ſehen, ob irgend Einer von ihnen es vielleicht ehrlich gemeint hat mit ſeinen Freundſchaftsbetheuerungen. Ja, ich will's verſuchen, ob noch Hülfe und Entrinnen möglich iſt! Der General Kutſchera iſt reich, der Hofrath von Hudeliſt iſt mächtig, an dieſe Beide will ich ſchreiben, raſch, raſch! Es iſt neun Uhr, in drei Stunden können meine Boten nach Wien hin und zurück geritten ſein! Er eilte haſtig zu ſeinem Schreibtiſch hin, und be— gann zu ſchreiben. Eine halbe Stunde ſpäter ſprengten zwei Reiter von dem Hof des Kreishauptmanns von Roſchmann. Der eine führte einen Brief mit ſich an den General von Kutſchera, den Adjutanten des Kaiſers, der ſich mit dem Kaiſer in Laxenburg befand, der andere Bote ſprengte nach Wien mit einem Brief an den Staats⸗ hofrath von Hudeliſt. Ganz Traiskirchen hatte dieſe Boten dahin eilen ſehen, Jedermann kannte den Zweck ihrer Sendung, Jedermann war geſpannt auf ihre Wiederkehr, denn wie ein Lauffeuer hatte ſich die Kunde von der Gefahr, welche den geſtrengen Herrn Kreishauptmann bedrohte, ch will ich will ehrlich de will in drei zurück und be⸗ Reiter chmann. General der ſich re Vote Staats⸗ r, denn Gefahr⸗/ edrohte, 7 243 durch den ganzen Ort verbreitet, und mit einer geheimen Schadenfreude wartete Jeder auf den Ausgang der⸗ ſelben. Die Honoratioren des Orts hatten ſich unter dem Vorwand, ein Mal an der table d'hôte zu ſpeiſen, in das Gaſthaus begeben, in welchem der Agent des Wiener Hauſes ſich befand, und ihre Blicke beobach⸗ teten und bewachten den wichtigen Mann, von deſſen Gehen und Bleiben die Freiheit des Kreishauptmanns abhängig war. Vor dem an der andern Seite des Marktplatzes belegenen Hauſe des Kreishauptmanns aber hatte ſich eine Maſſe Volks verſammelt, die ſtau— nend und neugierig den ernſten, hochgewachſenen Polizei diener anſtarrte, der ſich mit gar gewichtiger Miene an die Thür des Hauſes lehnte, und ſehr bereit ſchien Jeden, der ſich ihm nahte, mit ſeinen gewaltigen Händen zu packen. Elendes Volk, murmelte der Kreishauptmann, der, hinter der Gardine des Fenſters verborgen, auf die Straße hinabſchauete. Stehen da und gaffen, als ob ihnen hier irgend ein Wunder ſich offenbaren ſollte! Ach, ich hoffe, ſie werden ſich Alle getäuſcht haben, und— Vater, flüſterte eine ängſtliche zitternde Stimme hinter ihm, Vater— 16* 244 Nun, was giebt's? fragte Roſchmann, indem er ſich unwillig umwandte. Wer wagt's, mich zu ſtören? Ich, Deine Tochter, ſagte das junge Mädchen, die hinter ihm ſtand, und ihn mit ernſten, traurigen Blicken betrachtete. Ich komme, meinen Vater zu fragen, was dies Alles bedeutet, und welch ein neues, entſetzliches Ereigniß ſich hier begeben hat? Ihr Vater ſchaute mit düſtern Blicken in ihr bleiches erregtes Angeſicht. Wahrhaftig, rief er, wenn man Dich hört, und wenn man Deine bleichen Wangen ſieht, ſollte man vermeinen, es begäben ſich alle Tage bei uns neue entſetzliche Ereigniſſe. Und doch ſcheint mir, meine ſchöne Tochter Camilla habe keine Urſache ſich zu beklagen, und das Leben habe ſie bis hierher mit gar zarten Händen angefaßt. Ich beklage mich auch nicht, Vater, ſagte Camilla ernſt, und ich nehme das Leben, wie es ſich gerade giebt, ohne Murren an. Ich habe Muth Alles zu ertragen, was das Schickſal mir auferlegt, und gerade mit dieſem Muth komme ich zu Dir, und frage Dich: Vater, was iſt geſchehen? Was bedeutet es, daß fremde Polizeidiener vor Deiner Thür ſtehen, daß ſich das Volk vor Deinem Hauſe zuſammenrottet, und lachend und ſpottend auf Deine Fenſter zeigt? dem er ſtören? ädchen, aurigen Wangen le Tage ſcheint Urſache hierher 245 Das bedeutet, daß ich für den Augenblick ein rui— nirter Mann bin, rief Roſchmann heftig, und daß ich in's Schuldgefängniß wandern muß, wenn meine Freunde mir nicht beiſtehen. Alle meine Combinationen haben mich betrogen, das Glück ſelber hat mich verrathen. Ich habe geſpielt, der Dämon meiner Jugend hatte wieder Macht über mich gewonnen, ich verlor, wollte wieder gewinnen, was ich verloren, ſtellte Wechſel aus, die ich bezahlen wollte mit dem, was ich gewinnen würde, und die ich jetzt nicht wieder bezahlen kann, weil ich nichts gewonnen habe. Da weißt Du, was Du zu wiſſen begehrteſt: Ich bin ruinirt, und wenn ich wirklich in den Schuldarreſt muß, ſo bin ich doppelt ruinirt, denn ich werde alsdann auch meine Stelle als Kreishauptmann verlieren, und es bleibt mir nichts übrig als mich zu meinen lieben Landsleuten nach Tyrol zu begeben, und etwa mit ihnen abermals eine Revo⸗ lution zu machen, um mich bei der Gelegenheit wieder zu einer wichtigen und einflußreichen Perſon empor zuſchwingen. Bah, zum Verzweifeln iſt's, nach zehn— jähriger Arbeit wieder da anfangen zu müſſen, von wo man beim Beginn ſeiner Laufbahn ausgegangen. Gott wird verhüten, Vater, daß Du das wirklich thun wollteſt, ſagte Camilla ernſt. Genug des Unheils 246 iſt geſchehen, genug der Unglücklichen haben Deinen Ehrgeiz büßen müſſen, Du wirſt nicht die traurigen Tage, unter denen Tyrol geblutet hat, wieder erneuern, Du wirſt Deinen Landsleuten nicht neue vergebliche Hoffnungen erwecken wollen. Du wirſt mich verſchonen mit Deinen Ermahnun⸗ gen und Deiner Weisheit, rief ihr Vater ſtreng. Hilf mir, wenn Du kannſt, das iſt beſſer als alle Deine ſchönen Worte! Ich werde Dir helfen, ſo viel ich kann, rief Ca milla ſanft. Was ich habe, das iſt Dein, mein Vater. Ich gebe Dir Alles, Alles! Komm mit mir, komm! Sie faßte ſeine Hand, und führte ihn mit ſanfter Gewalt durch mehrere Zimmer fort in ihr eigenes kleines Wohnzimmer. Dann ſchloß ſie haſtig und mit bebenden Händen den großen, meſſingbeſchlagenen Schrank auf, und ſchlug die Thüren auseinander. Da, ſagte ſie, auf die Maroquin-Etuis deutend, die in einem Fache des Schrankes ſtanden, da, mein Vater, iſt mein Vermögen, das Erbtheil, welches mir Dein Vater hinterlaſſen hat, die Perlen und Brillanten vom Muttergottesbild zu Waldraſt. Ich mochte ſie niemals tragen, ich wagte kaum, ſie anzuſehen; ſie ge— hörten der Mutter Gottes, und ich habe ſie nie als neuern, ebliche lef La Vater. enl komm! ſanfter eigenes utend, mein es mir lllanten hte ſie 47 mein Eigenthum betrachtet. Nimm ſie alſo, mein Vater, verkaufe ſie, und bezahle Deine Wechſel. Thörin, ſagte ihr Vater achſelzuckend. Oeffne doch Deine herrlichen Schatzkäſtlein, und ſieh! Camilla that, wie er geſagt, und öffnete eins nach dem andern die Maroquin⸗Etuis, und immer bleicher ward ihr Antlitz, und ein immer wachſendes Erſtaunen ſprach aus ihren Zügen. Leer, ſagte ſie dann, einen flammenden, entſetzten Blick auf ihren Vater werfend, ſie ſind alle leer. Und das geht ſehr natürlich zu, rief ihr Vater mit einem rauhen Lachen, ich habe ſie geleert, denn ich brauchte Geld, und Du ſagteſt es ſelbſt, dieſe Perlen ſtammten von meinem Vater her, ſie waren alſo mein natürliches Erbtheil. Wenn mein Vater in ſeinem Teſtament deſſenungeachtet ſie Dir vermacht hat, ſo that er das wohl in einem Anfall von Gewiſſens ſerupeln, und wollte der Jungfrau Camilla wenigſtens geben, was er der Jungfrau Maria verdankte. Uebri⸗ gens iſt mein Vater auf ganz ehrliche Weiſe zu dieſen Perlen und Diamanten gekommen, die Jungfrau Maria hat ſie ihm geſchenkt, als er, auf Befehl des Kaiſers Joſeph, die Klöſter in Tyrol aufheben mußte.*) *) Herr von Roſchmann, der Vater von Anton von Roſchmann, 248 Camilla antwortete nichts, ſie ſchien ſeine Worte gar nicht gehört zu haben; ihre großen dunklen Augen waren immer noch auf die leeren Schmuckkaſten ge⸗ richtet, und ſtarrten ſie an, als ob ſie in ihnen eine ſchauerliche, entſetzensvolle Geſchichte läſen. Nun, rief ihr Vater, der ihr eine Zeit lang ſchwei⸗ gend zugeſehen, nun, warum biſt Du auf einmal ver ſtummt? Du ſagteſt es ja ſelbſt, Du haſt dieſe Schmuckſachen niemals getragen, warum biſt Du denn alſo jetzt traurig, daß ſie nicht mehr da ſind? Oh, nicht darüber bin ich traurig, Vater, ſagte Camilla, langſam ihr Haupt ſchüttelnd, nicht über ver⸗ lorne Perlen und Brillanten weint meine Seele, und— Nun, das iſt mir lieb, unterbrach ſie ihr Vater rauh. Wenn Du glaubſt, andere Gründe angeben zu können für dieſe trübſelige Miene, mit der Du mich langweilſt, ſo bitte ich Dich, mich damit zu verſchonen. g 7 2 6 2 ward beſchuldigt, bei der Kloſteraufhebung ſich mancherlei von dem Kloſtergut angeeignet zu haben. Seine Frau erſchien eines Tages im Theater mit einem koſtbaren Perlenhalsband. Beim Hinausgehen begegnete ihr auf dem Corridor des Theaters die Erzherzogin Eliſabeth. Sie deutete mit dem Finger auf das Perlenhalsband der Frau von Roſchmann, und rief:„ei ei, dieſe Corallen habe ich ja früher an der Waldraſter Muttergottes geſehn.“ Siehe: Lebensbilder. II. 436. 249 Vorte Es ziemt einer Tochter nicht, ſich zur Schiedsrichterin Augen ihres Vaters machen zu wollen, ſie hat ſich ſchweigend ten ge⸗ und gehorſam ihm zu unterwerfen, weiter nichts. en eine Du haſt Recht, es ziemt einer Tochter nicht, ihrem Vater Vorwürfe zu machen, rief Camilla bewegt, aber ſchwei⸗ es ziemt ihr, ſeine Freundin, ſeine Vertraute zu ſein. al ver Vater, ich bitte Dich, nimm mich zu Deiner Freundin t dieſe an. Sieh, wir ſtehen uns ſo nah an Jahren, denn denn der Mann von vierundvierzig Jahren iſt nicht viel älter als das Mädchen von zwanzig Jahren. Du „ſagte haſt kein Weib, der Du Deine Geheimniſſe anvertrauen er ver⸗ könnteſt, ſo ſage ſie mir, laß mich die Gefährtin Dei⸗ Ind nes Lebens ſein, laß mich Deine Stürme, Deine Sor⸗ Jater gen und Gefahren mit Dir theilen. Du haſt mich en zu bisher behandelt als ein fremdes, Dir fern ſtehendes mich Weſen, als ein überflüſſiges Etwas, das man im heser. Prunkgemach aufſtellt, dem man aber gar nicht ver— gönnen will, nützlich zu ſein. Von meiner früheſten Jugend an, haſt Du mich fern von Dir gehalten. Meine Kindheit iſt liebeleer geweſen, ich habe keine 8 7 7 Aeltern gehabt, denn meine Mutter hatte mir der Tod, 8 7 meinen Vater das Leben entriſſen. In einer Penſions⸗ Anſtalt, unter fremden Leuten bin ich auferwachſen, und als meine Erziehung vollendet war, als mein ſehn— 250 ſuchtsvolles Herz endlich hoffen durfte, daß es mir nun vergönnt ſein werde, in das Haus meines Vaters heimzukehren, da hielt Dein Wille mich abermals fern von demſelben, da ſchickteſt Du mich weit fort von Dir nach Tyrol zu fernen Verwandten, die mich nicht liebten, die mich mit Reichthum und Ueberfluß um— gaben, aber mir nur das Eine, was mein Herz er— ſehnte: ein wenig Liebe, niemals geben mochten. Nun, ich dächte, Du hätteſt da mehr Liebe be— kommen, als Du annehmen wollteſt, ſagte ihr Vater lachend. Wenigſtens war dies ja der Grund, weshalb Du durchaus begehrteſt, das Haus unſerer reichen und vornehmen Verwandten zu verlaſſen und zu mir zu kommen.. Es iſt wahr, ſagte Camilla ernſt, der Sohn mei⸗ nes Oheims behauptete, mich zu lieben, er bot mir ſeine Hand an. Aber ich wußte, daß ſeine Aeltern ihn der reichen und ſchönen Comteſſe von Sternbach zu vermählen wünſchten, daß dieſe Partie lange ſchon unter den Aeltern eine beſchloſſene Sache war, ich durfte und wollte ihren Wünſchen nicht entgegentreten, und ich mußte daher ihr Haus verlaſſen, um zu mei⸗ nem natürlichen Beſchützer, zu meinem Vater, zurück zu kehren. mir aters fern von nicht um⸗ 5-⸗ er⸗ mei⸗ mir ltern bach ſchon 251 Es wäre indeſſen viel klüger und zweckmäßiger ge⸗ weſen, Du hätteſt Deinen liebenswürdigen Couſin, den reichen Herrn Baron von Storzing zu Deinem natür⸗ lichen Beſchützer gemacht, und wärſt ſeine Gemahlin geworden.. Ich ſagte Dir ja, Vater, daß ſeine Aeltern ihm eine andere Braut beſtimmt hatten. Ah bah, was kümmern ſich Liebesleute um die Wünſche und Beſtimmungen ihrer Aeltern. Die Ael— tern würden, wenn Ihr durchaus nicht von einander laſſen wolltet, ſich endlich in das Unvermeidliche gefügt haben, und Du wärſt jetzt eine der reichſten und vor⸗ nehmſten Damen von Tyrol. Es iſt ſehr unverſtändig von Dir, daß Du nicht ſo gehandelt, und den Bitten Deines Liebhabers nachgegeben haſt. Ich durfte das nicht, ſagte Camilla ernſt, ich konnte das nicht, denn ich, mein Vater, ich liebte meinen Couſin nicht, ich werde ihn niemals lieben! Ah bah, wer verlangt das auch von Dir. Um zu heirathen, iſt es gerade nicht nöthig, daß man liebt. Die Vernunftehen ſind gemeinhin die glücklichſten und friedlichſten. Ich habe Deine Mutter aus Liebe ge⸗ heirathet. Nun, was iſt dabei heraus gekommen? Wir haben fünf Jahre der Schmerzen, der Enttäu— ſchungen, der Entbehrungen und Sorgen miteinander durchlebt. Wir waren Beide arm, und der ſchöne Göttertraum, daß zum Glück des Lebens eine Hütte und ein Herz genüge, verflog ſchon in den Flitter— wochen, und machte der bitteren Sorge Platz. Ich war ehrgeizig und begehrte für mein Leben mehr als eine dunkle Kammer fünf Treppen hoch, mehr als das ärmliche Gehalt eines ſubalternen Beamten. Deine Mutter fand, das ſei ein Mangel an Liebe, und das Stück trockenes Brod, das ich an ihrer Seite verzehrte, müſſe mir köſtlicher ſchmecken, als ein Faſan an der Tafel eines reichen Gönners. Sie weinte und klagte über Liebloſigkeit, und ihre Thränen und ihre Liebes⸗ klagen brachten mich zur Verzweiflung. Ich floh unſere düſtere thränenreiche Wohnung, wo ich nichts hatte, als eine jammernde Frau und ein ſchreiendes Kind, und ſuchte mein Glück außerhalb. Es gelang mir, meinen Vater, der ſich aus Zorn über meine unglück— ſelige Heirath mit einem armen Mädchen von mir ge— wandt, und aus ſeinem Hauſe verſtoßen hatte, wieder zu verſöhnen, er wollte mich wieder aufnehmen in ſein Haus und als ſeinen Sohn, unter der einzigen Bedin⸗ gung, daß ich ihm mein Weib und mein Kind nicht dahin bringen dürfe. inander ſchöne Hütte Flitter⸗ klagte Liebes⸗ unſere hatte, 53 Aber Du nahmſt dieſe Bedingungen nicht an, mein Vater, oh, ich beſchwöre Dich, ſage es mir, Du nahmſt dieſe Bedingung nicht an? Ich nahm ſie an, und ich wäre ein Thor geweſen, es nicht zu thun! Mein Vater, der bis dahin immer hart und geizig gegen mich geweſen, war jetzt auf ein⸗ mal der zärtlichſte liebevollſte Vater. Er bot mir an für mein Weib und mein Kind zu ſorgen, ihnen eine monatliche bedeutende Unterſtützung zu gewähren. Ich mußte alſo, ſchon um ihre Exiſtenz zu ſichern, die Be⸗ dingung meines Vaters annehmen. Arme, unglückliche Mutter, rief Camilla, Du haſt ihr das Herz gebrochen, indem Du ſie verließeſt! Unſinn, ſagte Roſchmann achſelzuckend, ſie war immer kränklich geweſen, hatte immer eine ſchwache Bruſt gehabt, und ſo ſtarb ſie, drei Jahre nach un— ſerer Trennung, als Du gerade Dein ſiebentes Jahr zurückgelegt hatteſt. 7 Oh, meine arme theure Mutter, rief Camilla, in Thränen ausbrechend, wie viel haſt Du gelitten, welche furchtbare Schmerzen haben Dein Herz durchwühlt! Nein, Du irrſt, ſagte ihr Vater ruhig, ſie hat gar nicht viel gelitten, ſie ſtarb ganz ſchmerzlos. Als ſie ſich dem Tode nahe fühlte, da zum erſten Male ſeit 254 unſerer Trennung ſandte ſie in das Haus meines Vaters, und begehrte, daß ich zu ihr komme, damit ſie von mir Abſchied nehmen könne. Dies Mal hatte ſelbſt mein Vater nichts dagegen einzuwenden, und ich ging zu ihr. Sie lag auf ihrem Bette, und empfing mich mit einem ſeligen Lächeln. Aber ich, ich konnte nicht lächeln, und ich geſtehe es Dir, als ich ſie ſo bleich und mager, ſo ganz entſtellt vor mir ſah, ſie, die ich vor drei Jahren als ein blühendes, ſchönes junges Weib verlaſſen hatte, da kam der ganze Jam⸗ mer und die Erbärmlichkeit der Welt über mich, ich ſank vor ihrem Bette nieder, und weinte bitterlich, und— Er verſtummte und legte mit einer raſchen Bewe⸗ gung ſeine Hand über ſeine Augen, als ſchäme er ſich der Thränen, die auf einmal ihm den Blick umdüſtert hatten. Camilla ſah es, und leiſe auf ihre Knieen nieder⸗ ſinkend, die gefaltenen Hände zum Himmel erhebend, flüſterte ſie: Ich danke Dir, mein Gott, ich danke Dir. Sein Herz iſt noch nicht verhärtet, er hat noch Thränen für meine unglückliche Mutter! Ihr Vater indeß hatte ſchon dieſe augenblickliche Anwandlung von Rührung überwunden. Seine Augen 255 meines waren wieder trocken, und ſeine Züge hatten ſchon amit ſie wieder ihren ſtrengen, ſpöttiſchen Ausdruck angenommen. hatte Es iſt eine Thorheit, ſich rühren zu laſſen über und ich das, was längſt vergangen und begraben iſt, ſagte er empfing rauh. Geſchehene Dinge laſſen ſich nicht wieder un— konnte geſchehen machen, und ſeine Todten muß man für ſie ſo immer begraben. Aber höre, Camilla, da wir einmal ih, ſie, von Deiner Mutter und von ihrem Tode ſprechen, ſo ſchönes will ich Dir gleich ſagen, was ich Dir in dieſen Ta⸗ „Jan⸗ gen hätte ſagen müſſen, und was ich Dir vielleicht 66. nicht hätte ſagen können, wenn es nämlich meinen tali Feinden gelingt, mich in's Schuldgefängniß zu bringen und wenn meine Freunde mich treulos verlaſſen. Bewe⸗ Komm hierher zu mir, Camilla, und höre, was ich er ſih Dir von Deiner Mutter zu ſagen habe. düſtert Camilla hatte ſich langſam von ihren Knieen er⸗ hoben, und trat jetzt dicht zu ihrem Vater hin. Sprich, „ mein Vater, ſagte ſie, ich höre, und der Geiſt meiner ſiar Mutter iſt ohne Zweifel in dieſer Stunde neben mir, led und hört Dich auch. Was ſagte Dir meine ſterbende danke — Mutter? at noc Sie empfing mich, wie ich Dir ſchon geſagt, mit ii einem ſeligen Lächeln, und als ich weinend an ihrem lickli he —— 256 Lager niederſank, da legte ſie ihre beiden Hände auf mein Haupt und ſegnete mich. Sie ſegnete Dich? fragte Camilla mit vor Rüh— rung zitternder Stimme. Sie ſegnete den Mann, der ſie verlaſſen hatte? Ja, ſie that's, rief ihr Vater ungeſtüm, aber ich wollte, ſie hätt's nicht gethan, denn die Erinnerung an den Moment iſt mir noch oft wie ein Dolchſtoß durch die Seele gefahren, und was ich auch gethan, um ſie zu vergeſſen, ſie iſt immer in mir wach geblieben. Deine Mutter ſegnete mich, und dann rief ſie Dich an ihr Lager. Du hatteſt bis dahin leiſe ſchluchzend in dem fernſten Winkel des Gemachs geſeſſen, das Haupt mit einem Tuch verhüllt, als wollteſt Du da— mit Dein Schluchzen und Weinen unhörbar machen. Aber als Deine Mutter Dich rief, nahmſt Du das Tuch von Deinem Haupte und eilteſt an ihr Lager hin. Ich hatte Dich in drei Jahren nicht geſehen, und meine Blicke wandten ſich daher ganz erſtaunt auf dies kleine, ſchmächtige, bleiche, magere Geſchöpf hin, das ich vor drei Jahren als ein allerliebſtes rothwan⸗ giges, blondlockiges Weſen verlaſſen hatte. Ich ſtreckte Dir die Hand hin, um Dich zu begrüßen, aber Du — 257 ide auf ſchienſt es nicht zu ſehen, ſondern blickteſt nur auf Deine Mutter hin. rRüh⸗ Ja, ja, ich weiß, ſagte Camilla mit fliegendem nn, der Athem und bebenden Lippen, die Erinnerung an jene Stunde iſt das Einzige, was mir von meiner Mutter ber ich im Gedächtniß geblieben; oft in meinen Träumen habe ung an ich jenen Moment wieder durchlebt, und die ſchöne, durch bleiche Engelsgeſtalt wieder geſehen, die da mit einem n ſie ſtrahlenden Lächeln auf ihrem Sterbelager ruhte. Oft blieben. bin ich erwacht von dieſer wunderbaren, ſilberhellen, ie Dich ſanften Stimme, die zu mir ſagte: Camilla, meine luchzend Tochter, ſieh, das iſt Dein Vater! Gieb ihm die Hand luchze 5 „ das und heiße ihn willkommen, liebe ihn und ſei ihm eine gute Tochter! nchen Ja, das waren ihre Worte, Du aber hielteſt Deine machen. du dch beiden Hände feſt in einander gepreßt, und ſchauteſt M u9 F mich trotzig an. Das iſt nicht mein Vater, ſagteſt Lager Du. Mein Vater iſt im Himmel, das haſt Du mir eſehen, zfie oft geſagt, Mama, Gott hat meinen Vater zu ſich ge— dr fi nommen. Der da iſt ein fremder Mann, den ich h nr nicht kenne, und ſein Geſicht gefälit mir gar nicht! vua Ja, Camilla, das waren die erſten Worte, mit welchen Du Deinen Vater begrüßteſt. Du ſiehſt, ich habe ſie nie vergeſſen. Deine Mutter zog Dich heftig an ſich, Mühlbach, Erzb. Johann u. Metternich. I. 17 258 und ſah Dir mit einem flehenden Ausdruck in das kleine trotzige Geſicht. Camilla, ſagte ſie,— nun, unterbrach Roſchmann ſich ſelber, weißt Du, was Deine Mutter ſagte? Ich weiß es, mein Vater.„Camilla,“ ſagte ſie, „Du haſt einen Vater im Himmel, aber von jetzt an wirſt Du auch einen Vater auf Erden haben. Dies da iſt Dein Vater, und kein fremder Mann. Gieb ihm alſo die Hand, und ſage: Sei willkommen, lieber Vater!“ Du thateſt, wie ſie geſagt, rief ihr Vater, Du gabſt mir die Hand, aber die Worte, die Du dabei murmelteſt, die verſtand ich nicht. Deine Mutter ſah Dich mit einem langen zärtlichen Blick an, und zog Dich zu ſich auf ihr Lager, und küßte Deine beiden Augen, Deine bebenden Lippen und Deine kalten zit⸗ ternden Hände. Dann bat ſie Dich hinaus zu gehen, und wehrte Dich mit ſanfter Gewalt von ſich fort. Du ſtürzteſt laut weinend aus dem Zimmer, und ich blieb mit Deiner Mutter allein. Sie ſchaute Dir nach mit einem langen Liebesblick, dann faltete ſie ihre Hände, und betete leiſe. Nach einiger Zeit heftete ſie dann ihre Augen wieder auf mich, und grüßte mich Ich fühle, daß mit einem leiſen Neigen des Kopfes. lten zit⸗ gehen, ich fort. und ich ute Dir ſie ihre eftete ſi zte mich hle, daß 259 ich jetzt ſterben werde, flüſterte ſie, laß Camilla nicht Zeuge meines Todeskampfes ſein, ſie ſoll nur ein friedliches Bild von ihrer Mutter in der Erinnerung bleiben willſt, bis ich geſtorben bin.— Ich verſprach es ihr, und ſie legte ihre beiden Hände auf meine Hände, und beſchwor mich, bei dem Angedenken an unſere einſtige Liebe, Dich, Camilla, niemals zu ver laſſen, für Dich zu ſorgen, Dich zu erziehen, wie es meiner Tochter würdig ſei. Ich ſchwur es ihr, und ſie lächelte und dankte mir mit einem ſanften Neigen behalten. Du aber verſprich mir, daß Du bei mir des Hauptes. Alsdann zog ſie unter ihrem Kopfkiſſen einen verſiegelten Brief hervor, und reichte ihn mir dar. Schwöre mir, ſagte ſie mit lauter feierlicher Stimme, ſchwöre mir bei Allem, was Dir heilig iſt, dieſen Brief unerbrochen unſerer Tochter Camilla zu geben, an dem Tage, an welchem ſie ihr zwanzigſtes Jahr erreicht.— Ich ſchwur es ihr mit einem heili gen Eide, ſie drückte einen langen Kuß auf das Pa⸗ pier, und gab es mir. Dann ſank ſie zurück auf ihr Lager, faltete die Hände und betete leiſe. Ein Aus⸗ druck unausſprechlicher Milde und Ruhe breitete ſich allgemach über ihre Züge aus, ein Lächeln durchleuch⸗ 12 260 tete ihr bleiches Angeſicht, und dieſes Lächeln ſtand noch auf ihrem Angeſicht, als ſie ſchon geſtorben war. Und der Brief? flüſterte Camilla nach einer langen, ſchmerzvollen Pauſe. Du haſt Deinen Schwur erfüllt, mein Vater, Du haſt ihn unerbrochen aufbewahrt? Ich habe es gethan, ſagte Herr von Roſchmann hoch aufathmend. In allen Stürmen meines Lebens, und wie ſehr auch das Schickſal mich umherhetzte, immer habe ich dieſes letzte Vermächtniß Deiner Mutter für Dich bewahrt, obwohl ich denken konnte, daß es eben für mich nichts Angenehmes und Schmeichelhaftes enthielt. Heute Morgen, als ich meine Papiere ord⸗ nete, um, falls ich wirklich die unangenehme Reiſe in's Schuldgefängniß antreten muß, zu verbrennen, was mir ſchädlich und verderblich werden könnte, heute Morgen kam mir auch dieſer Brief in die Hände. Ich ſteckte ihn zu mir, um ihn Dir zu geben. Du wirſt freilich erſt in einigen Tagen zwanzig Jahre, aber da ich dann vielleicht nicht hier bin, um Dir das Document zu geben, ſo iſt es beſſer, ich thue es gleich heute. Gieb, o gieb! rief Camilla, ihm ihre beiden Hände entgegenſtreckend. Laß mich das Vermächtniß meiner theuren, unglücklichen Mutter empfangen! eeln ſtand rben war. er langen, ar erfüllt vahrt? toſchmann s Lebend, nherhetzte, er Mutter e, daß es ichelhaftes piere ord Reiſe ind nen, was te, heute e Hände. den Händ ß meinet 261 Hier iſt es, ſagte Roſchmann, ein verſiegeltes Papier aus ſeinem Buſen hervorziehend. Du ſiehſt, ich halte meinen Schwur. Ich gebe Dir das Papier, Deine Mutter wird natürlich in dieſem Briefe eine gar ſchwere und bittere Anklage gegen mich richten, ſie wird mich vielleicht beſchuldigen, der Kummer um mich habe ſie getödtet, ſie wird Dich auffordern, ihren Tod zu rächen,— was weiß ich, was Alles ein kran⸗ kes, empfindſames Weib ſagen kann, die glaubt, daß das Schickſal und die Menſchen ihr Unrecht gethan. Da, nimm den Brief, und lies die Anklage Deiner Mutter gegen Deinen Vater, der indeſſen auch ſeinen anderen Schwur treulich erfüllt, und ſeit dem Tode Deiner Mutter Dich niemals verlaſſen, ſondern als ein treuer Vater für Dich geſorgt hat. Nimm den Brief und lies! Er reichte ihr das Papier dar. Camilla nahm es, und drückte es feſt an ihre Lippen, und heftete ihre von Thränen umdüſterten Augen auf die zierlichen feinen Schriftzüge ihrer Mutter. Dann erbrach ſie langſam das Siegel, und ſchlug den Brief auseinander. Ihr Vater ſchauerte leiſe in ſich zuſammen; gleich⸗ ſam als habe der letzte Todesſeufzer ſeines Weibes ihn aus dem entfalteten Papier angeweht, wich er er⸗ 262 bleichend vor demſelben zurück, und ſchlich leiſe auf den Zehen in die entfernte Fenſterniſche. Eine lange Pauſe, nur unterbrochen von dem leiſen Schluchzen und den bangen Athemzügen Camilla's, trat ein. Roſchmann ſtand noch immer in der Fenſter niſche und blickte mit düſteren Mienen und feſt zu⸗ ſammengekniffenen Lippen auf ſeine Tochter hin. Sie weinte nicht mehr, ihr ſchönes, edles Angeſicht hatte einen ſtrahlenden Ausdruck angenommen, und wie ſie jetzt die Blicke auf ihren Vater hinwandte, glühten ſie wie im Feuer triumphirender Freude. Mit langſamen Schritten, hochgehobenen Hauptes ſchwebte ſie durch das Zimmer, und trat zu ihrem Vater hin, der ihr faſt wie mit einem Gefühl des Entſetzens entgegenſchaute. Gerade wie ihre Mutter, murmelte er in ſich hin⸗ ein, es iſt, als ob ich ſie ſelber ſähe; es iſt ihre Ge⸗ ſtalt, ihr Angeſicht, ſie ſelber ganz und gar. Mein Vater, ſagte Camilla mit lauter, feierlicher Stimme, höre, was meine Mutter mir geſchrieben hat. Du meinteſt, ſie habe in dieſem Briefe eine Anklage gegen Dich geſchleudert, ſie habe Dich beſchuldigt, als wäreſt Du die Urſache ihres Todes, Du glaubteſt, ſie werde mich auffordern, ihren Tod zu rächen. Die 263 leiſe auf Antwort darauf liegt in dieſem Briefe. Dem Geiſte meiner Mutter ſoll Gerechtigkeit geſchehen, und deshalb im leiſen mußt Du hören, was ſie mir geſchrieben. amilla's, Lies, ſagte ihr Vater düſter, ich höre. Fenſter Camilla las:„Mein Vermächtniß an meine Tochter! feſt zu— Dies Vermächtniß, meine Camilla, iſt kurz und einfach. n. Sie Es drängt ſich zuſammen in die einfachen Worte: ht hatte Liebe Deinen Vater, wie ich ihn geliebt habe. Wenn wie ſie Du dieſe Zeilen lieſeſt, biſt Du ein erwachſenes Mäd⸗ ühten ſie chen, und mancher Kummer und Schmerz mag Dein Leben getrübt haben, und Manches mögen Dir die Hauptes boshaften Menſchen geſagt haben, was Dich mit Trauer 3 ihrem an Deine verſtorbene Mutter denken läßt. Aber ich ähl des ſage Dir, traue niemals den Verleumdern, dulde es niemals, daß ſie Dir den Namen und Charakter Dei— ich hin⸗ nes Vaters auch nur mit einem Hauch umdüſtern gre Ge⸗ wollen. Ich danke ihm das ſchönſte und heiligſte Glück, das die Erde zu bieten vermag, ich danke ihm eriche meine Liebe. Sie hat mein Leben verklärt, ſie hat mir Dich gegeben, Dich, meine Tochter. Mein Leben ben hat. Arlage war Liebe, mein Tod iſt Liebe, und indem ich ſterbe, Antlagt 5. 8. 2 4„ 16 V iſt mein letzter Gedanke ein Segen für Deinen Vater, igt, als.. 3 ſe und für Dich, mein theures, geliebtes Kind! Aber bteſt, meine ſterbenden Lippen bitten Dich nicht nur, ſondern —— 264 mit der Allgewalt der Liebe befehlen ſie Dir: Liebe Deinen Vater! Ehre ihn, und ſei ihm eine dankbare, demüthige und gehorſame Tochter. Bleibe bei ihm mit einer Liebe und Treue, welche durch nichts er⸗ ſchüttert werden kann, pflege ihn und tröſte ihn, wenn er durch Krankheit oder Alter gebeugt iſt, und wenn einſt der Tod ihm naht, ſo küſſe den Sterbenden und rufe ihm zu: Dein Weib ſteht droben am Throne Gottes und betet für Dich, und erwartet Dich! Sie erwartet Dich in Liebe, denn Liebe war ihr Leben und ihr Sterben. Gehe hin in Frieden, mein Vater, kehre heim zu Deinem Weibe. Das iſt mein Vermächtniß, meine Tochter! Erfülle es, und der Segen Deiner Mutter wird bei Dir ſein alle Zeit. Gedenke daran, ſo lange Du lebſt, habe es immer vor Augen und im Herzen: Liebe Deinen Vater, ſei ihm gehorſam und treu, und folge in Allem ſeinem Willen, damit der Segen Deiner Mutter auf Dir ruht! Dies iſt mein Lebewohl, bis auf das Wiederſehen dort oben. Deine Mutter.“ Camilla hatte zu Ende geleſen, und blickte noch immer auf das Papier hin, und ſchien jedes dieſer Worte, welche die Hand ihrer ſterbenden Mutter ge— ſchrieben, mit ihren leuchtenden Augen zärtlich zu grüßen. r: Liebe ankbare, bei ihm nd wenn — en und Throne Deiner xran, ſo und im am und ſt mein tter. kte noch 3 dieſer tter ge⸗ grüßen. 265 Ihr Vater achtete nicht auf ſie. Ganz verloren in ſeine Erinnerungen, ſtarrte er vor ſich hin, und eine tiefe Rührung arbeitete und zuckte in ſeinen Mienen. Sie war ſanft und milde, wie ein Engel, ſagte er dann leiſe vor ſich hin, nie kam ein Vorwurf über ihre Lippen, nie zürnte ſie mir. Und ich war doch oft hart und grauſam gegen ſie. Wäre ſie an meiner Seite geblieben, ſo wäre ich ein guter und glücklicher Menſch geworden, und Frieden und Ruhe wäre jetzt in meiner Seele. Aber der Dämon des Ehrgeizes, der Geld⸗ gier und Wolluſt gewann wieder Macht über mich, ich verkaufte mein Weib um ſchnöden Vortheils willen, ich opferte ſie dem Stolz und dem Hochmuth meines Vaters, ich ſchämte mich meines niedrig gebornen, in Armuth auferzogenen jungen Weibes, und während ſie weinte und in Kummer ſich verzehrte, lebte ich in Luſt und Freude, ſtürzte ich mich in den Strudel der Welt und vergaß meines Weibes, und meines Kindes. Ich hatte meinen guten Engel verlaſſen und dem böſen Dämon Gewalt über mich gegeben. Aber der Dämon hat dennoch den Engel gerächt. Seit jener Stunde, als mein Weib ihre ſterbende Hand ſegnend auf mein Haupt legte, ſtatt mir zu fluchen, ſeit jener Stunde, in der ich ſie mit einem Lächeln auf den Lippen ſterben 266 ſah, iſt mein Leben ruhelos geweſen, habe ich keinen Frieden mehr gefunden, denn die Erinnerung wollte niemals von mir weichen, und immer ſah ich vor mir das bleiche Antlitz meines Weibes mit dem gebrochenen Blick, und dem ſanften Lächeln. Ich wollte dieſer Erinnerung entfliehen, ich ſtürzte mich in die wildeſten Wogen des Lebens, vergeblich, immer vergeblich. Alles habe ich verſucht, um ihr zu entrinnen, den Ehrgeiz, das Spiel, die Aufregungen der Revolutionen und Verſchwörungen, des wilden Kampfes, der gefährlichen Intriguen habe ich zu Hülfe gerufen, aber Alles iſt umſonſt geweſen! Immer wieder taucht ihr bleiches Angeſicht in meiner Seele auf, und die Stelle auf meinem Haupt, welche ihre ſegnende Hand berührt hat, brennt wie glühende Kohlen. Ja, der Dämon hat den Engel gerächt, und ich bin ein armer unglückſeliger Mann! Er ſchlug ſeine Hände vor ſein Angeſicht, und ſank laut ächzend auf einen Seſſel nieder. Camilla hatte ihm mit gefaltenen Händen, athem⸗ los vor innerer Bewegung zugehört. Jetzt, als ſie den ſonſt ſo ſtarken, ſtolzen Mann ſo zerbrochen und ächzend daliegen ſah, hob ſie langſam die gefaltenen Hände und den andachtsvollen Blick zum Himmel empor. ch keinen g wollte vor mir rochenen te dieſer wildeſten Alles Ehrgeiz, ien und ihrlichen Alles iſt bleiches elle auf hrt hat, on hat cſeliger ind ſank athem⸗ als ſie en und altenent empor. 267 Meine Mutter, Du biſt gerächt, flüſterte ſie leiſe. Gott, ich danke Dir! Du haſt, das Herz meines Vaters gerührt. Jetzt kann ich ihn lieben, denn ich ſehe, daß er leidet, und daß er die Vergangenheit beweint! Langſam ließ ſie ihre Hände niedergleiten, und trat dann zu ihrem Vater hin, der noch immer mit ver hülltem Antlitz laut ächzend daſaß. Camilla legte leiſe ihre Hand auf ſeine Schulter, er ſchreckte zuſammen, und ließ die Hände von ſeinem Geſicht niedergleiten. Ein Ausdruck des Schreckens, der Beſchämung malte ſich jetzt in ſeinen Zügen, in der Gewalt ſeiner Aufregung hatte er die Anweſenheit ſeiner Tochter ganz vergeſſen, und es demüthigte ihn jetzt, daß ſie Zeuge ſeiner Gemüthsbewegung, ſeiner Thränen geweſen. Was willſt Du noch hier? fragte er unwillig. Warum biſt Du nicht hinausgegangen? Vater, ſagte Camilla feierlich, ich bin bei Dir ge⸗ blieben, weil ich Dir noch etwas zu ſagen habe! Du haſt mir das heilige Vermächtniß meiner Mutter gegeben, und ihr Geiſt iſt mit uns Beiden in dieſer Stunde! Höre mich alſo, Geiſt meiner Mutter, höre meine Worte, und gieb ihnen Deinen Segen! Vater, beim Geiſt meiner Mutter ſchwöre ich Dir, daß ich 268 ihr Vermächtniß erfüllen will. Ich will Dich lieben, ich will Dir gehorſam ſein, und treu, ich will in Allem Deinem Willen folgen, damit der Segen meiner Mutter auf mir ruhe! So hat ſie es befohlen, und ſo ſoll es ſein! Das ſchwöre ich! Und nun, mein Vater, nun nimm mich an Dein Herz, nun laß mich in Wahr⸗ heit Deine Tochter ſein! Sie warf ſich mit leidenſchaftlichem Ungeſtüm an ſeine Bruſt, und ihn mit ihren beiden Armen feſt um— ſchlingend, drückte ſie einen langen, innigen Kuß auf ſeine Lippen. Und ihr Vater, hingeriſſen von ihrer Gluth und Zärtlichkeit, zog ſie feſter an ſein Herz, erwiderte ihren Kuß, und murmelte leiſe: meine Tochter, meine geliebte Tochter! Sie glitt aus ſeinen Armen vor ihm nieder auf die Kniee, und küßte ſeine Hände, und ſchaute mit zärtlichen Liebesblicken zu ihm empor. Mein Vater, ſagte ſie mit einem ſeligen Lächeln, laß es mich noch ein Mal wiederholen: Beim Geiſt meiner Mutter ſchwöre ich Dir, ich will Dich lieben, ich will Dir gehorſam ſein und treu, ich will in Allem Deinem Willen folgen freudig und ohne Murren! Ich aber, mein Kind, ich ſchwöre Dir, daß ich lieben, in Allem Mutter ſo ſoll Vater, Wahr⸗ ſtüm an feſt um⸗ Kuß auf uth und te ihren geliebte der auf ute mit Lächeln, n Geiſt lieben, n Allem en! daß ich 269 Deinen Gehorſam niemals mißbrauchen, daß ich Dir ein guter Vater ſein will, ſagte Roſchmann tief bewegt. Deine Mutter hat uns zuſammengeführt in dieſer Stunde, und die Welt ſoll uns nicht wieder trennen, ich— Auf einmal ſchreckte er zuſammen, und ſeine Augen richteten ſich entſetzt auf die Zeiger der Uhr hin, die da drüben auf dem Kaminſims ſtand. Mein Gott, murmelte er, es iſt bald zwölf Uhr! Ich habe Alles vergeſſen, die Vergangenheit hatte mir die Gegenwart entrückt. Bald zwölf Uhr! Und meine Boten ſind noch nicht zurück, und wenn ſie in einer halben Stunde nicht hier ſind, und wenn ſie mir keine Hülfe bringen, ſo bin ich verloren! Nein, nein, rief Camilla, Du biſt nicht verloren! Muth, mein Vater, Muth! Laß uns auf Mittel ſinnen, das drohende Unheil von uns abzuwenden! Laß mich zu dem Wechſelagenten gehen! Er wird uns eine Friſt bewilligen, wenn auch nur auf drei Tage! In dieſen Tagen ſchaffe ich Dir das Geld, das Du bedarfſt. Wir wollen alle unſere Sachen, unſer ganzes Hab und Gut verkaufen! Das genügt nicht, um meine Wechſel zu bezahlen, ſagte Roſchmann achſelzuckend. 270 Dann gieb ihm Quittung für ein ganzes Jahr auf Dein Gehalt! Thörin, und wovon wollen wir denn leben? Ich werde für Dich arbeiten, mein Vater, rief Camilla freudig. Schwärmerin, ſagte ihr Vater lächelnd, was würde die Welt dazu ſagen, wenn die Tochter des Kreis⸗ hauptmanns von Roſchmann, die ſchöne, bewunderte und gefeierte Camilla plötzlich für Geld arbeiten wollte. Nein, mein Kind, wir wollen uns nicht zum Gelächter der Welt machen, ſondern trachten, der Welt unſere Armuth und Noth zu verbergen. Laß uns uns ſelbſt vor ihr verbergen, rief Camilla heftig, laß uns fliehen, mein Vater. Ein neues Leben ſoll für uns beginnen, in eine neue Welt wollen wir uns flüchten. Schließe ab mit der Vergangenheit, Vater, kehre heim nach Deinem Vaterlande, nach Tyrol. In irgend einer Sennhütte wollen wir uns nieder— laſſen, in Einſamkeit und Stille wollen wir leben mit Gott und der Natur. Oh komm, mein Vater, komm! Nein, ein ſolches Leben iſt nicht mehr für mich, ſagte ihr Vater düſter, lieber den Tod, als ſolch ein Daſein! Ich— Horch, Camilla, da ſprengt ein Reiter 8 2 s würde 3 Kreis⸗ wunderte n wollte. Camilla es Leben len wir ngenheit, Throl. nieder⸗ eben mit „koum. ür mich, ſolch ein Rete 271 heran, er hält vor unſerer Thür! Das iſt einer meiner Boten! Er ſtürzte zum Fenſter, und blickte hinab. Ja, ja, der Chriſtian iſt's. Er kommt vom General Kut— ſchera! Was für Nachrichten wird er mir bringen! Oeffne die Thür, Camilla, eile ihm entgegen. Ach, da iſt er ſchon! Nun, Chriſtian, ſchnell! Was bringſt Du mir? Nichts, Herr Kreishauptmann, ſagte der eben ein⸗ tretende Reitknecht achſelzuckend. Der Herr General von Kutſchera iſt heute Morgen zur Truppen⸗Inſpection nach Gratz abgereiſt. Es iſt gut, murmelte Roſchmann, ihm mit der Hand winkend, hinaus zu gehen. Nun, ſagte er dann leiſe vor ſich hin, vielleicht bringt mein anderer Bote beſſere Nachricht! Hudeliſt hat mich oft ſeinen Freund genannt, vielleicht beweiſt er ſich mir jetzt als Freund! Vater, rief Camilla, dort von der andern Seite der Straße kommt ein anderer Reiter geſprengt! Das iſt mein zweiter Bote, ſagte Roſchmann, wieder an's Fenſter tretend. Nun, Camilla, nun wird mein Schickſal entſchieden! Eine bange Pauſe trat ein, Beide horchten ſie auf 272 das Geräuſch der nahenden Schritte. Jetzt öffnete ſich wieder die Thür, und der zweite Bote trat ein. — Warſt Du beim Herrn von Hudeliſt in Wien? fragte Roſchmann. Ja, Herr Kreishauptmann, ich war dort. Aber der Herr Hofrath von Hudeliſt war nicht zu Hauſe. I Vor einer Stunde war er über Land gefahren, Nie⸗ mand wußte wohin. Roſchmann ſtieß eine Verwünſchung aus, und hieß mit wildem Ungeſtüm den Boten hinausgehen. Jetzt bin ich verloren, ſagte er dumpf vor ſich hin. Laß mich zu dem Agenten gehen, bat Camilla, ich werde uns drei Tage Bedenkzeit erbitten, dann ſchreibe ich an meine Tante, die Gräfin Sternbach, und bitte ſie um Hülfe. Sie hat mich immer geliebt, ſie wird meine Bitte erfüllen, und in drei Tagen kann der Courier zurück ſein! Bemühe Dich nicht, ſagte ihr Vater rauh. Ich ſelbſt hatte an dies Auskunftsmittel gedacht, und ſchon vor acht Tagen habe ich an die Frau Tante Gräfin geſchrieben. Sie hat mir geſtern ſehr höflich und ver⸗ bindlich geantwortet, aber meine Bitte hat ſie entſchieden zurückgewieſen. Um elender zehntauſend Gulden willen in Angſt und Verzweiflung zu ſein! etzt öffnete e trat ein. in Wien? ort. Aber zu Hauſe. hren, Nie⸗ , und hith en. or ſich hi amilla, ich un ſchreit „und bitt t, ſie widd kann del 0 rauh. I Mund ſche unte Grüff⸗ ch und ber entſchiede Ilden will 273 Oh Vater, Vater, keine Vorwürfe in dieſer Stunde, rief Camilla ſchmerzvoll. Ich bin ja bereit, Alles für Dich zu thun, was ich vermag! Zehntauſend Gulden, ſchaffe mir zehntauſend Gul— den, ſagte ihr Vater heftig. Sie ſeufzte und blickte ſinnend und mit ſich ſelber ringend eine Zeitlang vor ſich hin. Nun denn, ſagte ſie matt, ich will das Aeußerſte thun, ich will mich demüthigen. Ich ſchaffe Dir das Geld, Vater, ich gehe zum Erzherzog Johann! Zum Erzherzog Johann! rief ihr Vater mit einem rauhen Lachen. Als ob der Erzherzog Johann ein ſo reicher Mann wäre, daß er ſogleich zehntauſend Gulden verſchenken könnte. Und dann? Kennſt Du ihn denn ſo genau, daß Du glaubſt, er werde Dir das Geld geben? Ich glaube, daß er's thun würde, flüſterte Camilla, deren bleiche Wangen jetzt von Purpurröthe bedeckt waren. Ihr Vater fah ſie mit ſcharfen, durchbohrenden Blicken an. Wovon kennſt Du ihn denn ſo genau, daß— Er verſtummte, denn ſo eben begann die Uhr mit lautem Schlag die zwölfte Stunde anzuſchlagen. Zwölf Uhr, murmelte Roſchmann, die Friſt iſt zu Ende, und keine Hülfe! Keine! Ich bin verloren, rettungslos verloren! Mühlbach, Erzb. Johann u. Metternich. I. 18 274 Jetzt hörte man raſche Tritte auf der Treppe, ſie kamen näher und näher. Die Thür ward aufgeriſſen, und der Wechſelagent, begleitet von den zwei Gerichts⸗ dienern, erſchien in derſelben. Herr Kreishauptmann von Roſchmann, ſagte er, auf Roſchmann zuſchreitend, und ihm die Wechſel dar⸗ reichend, die Friſt iſt abgelaufen. Löſen Sie dieſe Pa⸗ piere ein, oder folgen Sie mir in's Schuldgefängniß! Ich habe für den Augenblick nicht die nöthigen Summen bereit, rief Roſchmann heftig. Ich konnte nicht vermuthen, daß alle dieſe Papiere mir auf einen Tag präſentirt werden würden. Aber ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, ich werde Ihnen das Geld in drei Tagen ſchaffen! Geben Sie mir alſo nur noch drei Tage Friſt, und Sie ſollen befriedigt werden! Nichts da, keine Friſt! Ich habe von meinem Hauſe den ſtrengen Befehl, heute bis zur Mittagsſtunde das Geld einzukaſſiren, oder Sie ohne Nachſicht in das Schuldgefängniß zu führen. Da iſt der Arreſt⸗ befehl, vom Herrn Polizeipräſidenten von Hager aus⸗ geſtellt. Ich frage Sie alſo zum letzten Mal, mein Herr, ſind Sie bereit dieſe Wechſel einzulöſen? Nein, ſchrie Roſchmann, nein, ich bin nicht bereit zu zahlen. Aber ich bin auch nicht bereit Ihnen zu eppe, ſie geriſſen, Herichts⸗ agte er, ſel dar⸗ ieſe Pa⸗ fängniß! nöthigen h konnte uf einen e Ihnen in drei och drei meinem folgen! Niemand hat hier Gewalt über mich! Ich werde Traiskirchen nicht verlaſſen, ſondern Sie werden es thun! Sie allein! Ein heftiger Wortwechſel begann, und ſo laut, ſo ſtürmiſch ſchrieen die Beiden, daß ſie darüber das Geräuſch eines heranrollenden Wagens ganz und gar überhörten. Dieſer Wagen indeß hielt vor der Thür des Kreishauptmanns an. Der Diener, der neben dem Kutſcher auf dem hohen Bock ſaß, ſprang behende herab, und näherte ſich mit abgezogenem Hut ehrfurchts voll dem Wagenſchlag. Jetzt ward von innen das Fenſter niedergelaſſen und der Kopf des Herrn Staatshofraths von Hudeliſt ſchaute heraus. Geh dort hinein, Jean, ſagte er mit ſeiner knar— renden, rauhen Stimme, geh' und melde mich dem Herrn Kreishauptmann von Roſchmann. Oder halt, bleib' hier! Ich will den Herrn Kreishauptmann überraſchen! Oeffne. Der Diener riß den Wagenſchlag auf, und Herr von Hudeliſt verließ den Wagen, und ging mit lang— ſamen gravitätiſchen Schritten dem Hauſe zu. Wie er jetzt die Treppe hinauf ſchritt, vernahm er von oben das laute Geräuſch der ſcheltenden und 18* 276 zankenden Stimmen. Herr von Hudeliſt blieb ſtehen, und horchte, und ein ſchadenfrohes grimmiges Lachen fuhr über ſein pockennarbiges Geſicht hin. Ach, ich höre, es iſt Alles vortrefflich gegangen, ſagte er, vergnügt ſich die Hände reibend. Mein kluger Agent hat mir das matt gehetzte Wild geſtellt, und es wird in meine Hände laufen. Es iſt eine allerliebſte Komödie, und ich bin ganz zufrieden mit meinem Plan! Zuerſt alle Wechſel dieſes leichtfertigen Schuldenmachers und Spielers aufgekauft, dann ihm einen Agenten, begleitet von einem Verhaftsbefehl und zwei Gerichtsdienern, auf den Leib gehetzt, und im Augenblick der höchſten Gefahr und Noth erſcheine ich als Deus ex machina, um den bedrängten, verzwei⸗ felten Ritter aus ſeiner Noth zu befreien, und ſeine Wechſel einzulöſen. Es iſt ein allerliebſter Tauſchhandel! Ich kaufe ſeine Wechſel, und er verkauft mir dafür ſeine Seele! Hei, wie das poltert, und zankt und ſchreit! Vorwärts jetzt! Der Schutzgeiſt in dieſer Ko⸗ mödie hat ſein Stichwort erhalten, es iſt Zeit, daß er erſcheine! Mit haſtigen Schritten eilte er jetzt die Treppe hinauf, und wie eben der Wortwechſel da drinnen mit erneuerter Gewalt begann, öffnete er raſch die Thür. ſtehen, Lachen gangen, Mein geſtellt, ſt eine een mit fertigen mn ihm ehl und und im eine ich verzwei⸗ r dafür ikt und ſer Ko⸗ daß er Treppe nen mit Thür. IV. Der Freund in der Uoth. Bevor der erhitzte, zornige Kreishauptmann noch ſeine Gegenwart bemerkt hatte, ſtand Hudeliſt ſchon in der Mitte des Zimmers. Was geht hier vor, mein Freund? fragte er mit dem Anſchein des höchſten Erſtaunens. Roſchmann wandte ſich haſtig um, und ein Schrei der Freude drang von ſeinen Lippen. Herr von Hudeliſt, Sie hier, rief er, ihm die Hand entgegenſtreckend. Ach, nun bin ich gerettet! Wenn ich Sie zu retten vermag, nun, dann ſind Sie gewiß gerettet, ſagte Hudeliſt lachend. Sagen Sie alſo ſchnell, was giebt's, womit kann ich Ihnen dienen? Sie ſehen mich in der äußerſten Verlegenheit, mein theurer Freund und Gönner. Irgend ein Feind, der mich zu ruiniren trachtet, hat die Wechſel, die ich durch — —ü —— 278 unglückliche Verhältniſſe auszuſtellen gezwungen war, an ſich gekauft, und begehrt heute für alle auf einen Tag die Auszahlung. Da iſt der Wechſelagent, der ſie mir präſentirt, und der für den Fall, daß ich nicht zahlen kann, mit einem Verhaftsbefehl verſehen iſt, um mich in's Schuldgefängniß abzuführen. Und Sie ſind in dem Fall nicht zahlen zu können? fragte Hudeliſt lächelnd. Leider bin ich das. Ich war nicht vorbereitet auf ſo große Zahlungen, ich— Die SummeV iſt alſo ſehr hoch? Wie viel denn? Zehntauſend Gulden! Alle Wetter, das heißt wirklich als ein nobler Ca⸗ valier Schulden machen, rief Hudeliſt lachend. Zehn⸗ tauſend Gulden! Ich geſtehe, daß ich auf eine ſolche unerwartete Zahlung auch nicht vorbereitet geweſen wäre, und daß ich ſehr froh bin, ſie nicht leiſten zu müſſen. Sie können mir alſo nicht helfen, verehrter Freund? fragte Roſchmann kleinlaut. Ich hoffte nur auf Sie in meiner höchſten Noth, und ſandte deshalb heute Morgen einen reitenden Boten an Sie, der Sie leider aber nicht mehr zu Hauſe traf. Ach, Sie haben zu mir geſchickt. Freilich, Ihr n war, uf einen ent, der ch nicht iſt, um können? itet auf Zehn⸗ t ſolche geweſen ſten zu reund? auf Sie 5 heute e leider h, Ihr Bote konnte mich nicht treffen, denn ich bin ſchon in der frühen Morgenſtunde aus Wien abgefahren, um einige Beſuche in der Nachbarſchaft zu machen. Und ſehen Sie, wie der Zufall das günſtig fügt, Sie ſuchen mich, und ich komme, ohne das zu ahnen, freiwillig zu Ihnen, gerade, da Sie eines Freundes bedürfen. Ich bin Ihr Freund, das wiſſen Sie, und ich kann es Ihnen hoffentlich beweiſen. He, mein Freund, wandte er ſich an den Wechſelagenten, der auf einen Wink ſeiner Hand ehrerbietig näher trat. Zehntauſend Gulden beanſpruchen Sie? Ja, Herr Staatshofrath, hier ſind die ſämmtlichen, alle ſchon verfallenen Wechſel, wenn Ew. Excellenz ſie prüfen wollen. Nein, nein, ich glaub' Ihnen auf's Wort, und Ihre Teufelsverſchreibungen werden ſchon ihre Richtigkeit haben. Aber ich denke, wir werden uns ſchon arrangiren. Wenn der Staatshofrath von Hudeliſt für die Zahlung Bürge ſein wollen, ſo— Nun, wir ſprechen nachher davon, unterbrach ihn Hudeliſt. Vorläufig bitte ich Sie, mein Herr, daß Sie, ſammt Ihren Gerichtsdienern, ſich da in den Vorſaal zurückziehen, und warten bis ich Sie rufe. Ich habe mit dem Herrn Kreishauptmann von Roſch⸗ — 280 mann zu reden, und da ſich unſere Unterredung auch ein wenig auf die Zahlung Ihrer Wechſel bezieht, ſo werden Sie wohl noch eine Stunde Geduld haben! Zehn Stunden, wenn es ſein muß, Herr Staats⸗ hofrath. Nun, ſo viel beanſpruche ich gar nicht von Ihrer Langmuth. Aber jetzt, ich bitte, hinaus mit Ihnen! Und nun, fuhr Hudeliſt fort, als der Agent mit den beiden Gerichtsdienern eiligſt das Zimmer verlaſſen hatte, nun ſind wir allein, um ein ungeſtörtes Wort mit einander zu reden. Doch nein, da iſt noch eine Dame. Und ich grober Menſch habe ſie noch nicht einmal begrüßt. Es iſt meine Tochter, Herr von Hudeliſt. Ah, die Tochter, von deren Schönheit und Anmuth ich ſchon ſo viel habe reden hören! Und Hudeliſt hinkte durch das Zimmer nach der Fenſterniſche hin, in welche ſich Camilla ſeit dem Be⸗ ginn des Streits zwiſchen ihrem Vater und dem Wech⸗ ſelagenten zurückgezogen hatte. Verzeihung, mein Fräulein, ſagte er mit ſeinem grinſenden Lächeln, indem ſeine kleinen blitzenden Augen die ganze Geſtalt Camilla's prüfend überſchauten, Ver⸗ ◻ zeihung, daß meine Augen Ihre reizende Erſcheinung zung auch zzieht, ſo haben! noch eine ſoch nicht Anmuth nach der dem Be⸗ em Wech⸗ t ſeinem n Augenn al Ror⸗ ton Ver n, ſchei ung 281 überſehen konnten. Entſchuldigen Sie das mit meiner Freundſchaft für Ihren Vater, deſſen kleine Verlegen⸗ heit ganz und gar meine Aufmerkſamkeit in Anſpruch nahm. Mein armer Vater befindet ſich in der That in der äußerſten Bedrängniß, entgegnete Camilla, er hofft ganz auf Ihre Freundſchaft, und wenn die Bitten ſei⸗ ner Tochter— Keine Bitten, ſondern Befehle, unterbrach ſie Hu⸗ deliſt. Was ſo ſchöne Lippen bitten, wird ſogleich für mich Befehl. Ich gehorche Ihnen, meine ſchöne Herrin. Kommen Sie, Roſchmann, wir wollen dieſe Angelegen⸗ heit ordnen, und wär's auch nur, um mir einen freund⸗ lichen Blick aus den wundervollen Augen Ihrer ſchönen Tochter zu verdienen. Kommen Sie, führen Sie mich in Ihr Kabinet! Erlauben Sie, daß ich dies Zimmer verlaſſe, und bleiben Sie hier, Herr Hofrath, bat Camilla. Nein, nein, das wäre das Uebermaaß der Unhöf⸗ lichkeit, eine Dame aus dem Zimmer, in dem ſie ſich befindet, zu verdrängen. Schnell, Freund, führen Sie mich in Ihr Kabinet! Er nahm Roſchmanns Arm, und verließ raſch mit ihm das Zimmer. 282 Camilla ſchaute ihm mit einem düſtern Blick nach. Er ſieht böſe aus, flüſterte ſie. Ich traue ihm nicht, und vielleicht iſt er der böſe Dämon, der meinen Vater wegziehen will von der Straße, auf der ihn die Engels⸗ ſtimme meiner Mutter wieder hingeleitet. Nein, nein, ich traue ihm nicht, denn ich weiß, daß er ein Feind des Erzherzogs Johann iſt, das heißt, ein Feind alles Ed⸗ len, Großen und Guten. Oh, meine Mutter, beſchütze uns, wache über uns, und lenke das Herz meines Vaters!— Eine Stunde ſpäter rollten zwei Wagen von dem Hauſe des Kreishauptmanns von Traiskirchen fort. In dem einen ſaß der Staatshofrath von Hudeliſt, in dem andern befand ſich der Agent mit ſeinen beiden Gerichtsdienern. Aber zum größten Mißvergnügen des gaffenden Volkes, das immer noch die Straße belagert hatte, um Zeuge der Verhaftung des geſtrengen Kreis⸗ hauptmanns zu ſein, befand ſich dieſer nicht als Arre⸗ ſtant in der Begleitung der Männer der Gerechtigkeit. Er ſtand vielmehr ganz frei in der Thür ſeines Hau⸗ ſes, und begrüßte den abfahrenden Agenten mit einem ſtolzen, vornehmen Kopfnicken. Dann wandte er ſich um, ſchritt wieder die Treppe hinauf, und begab ſich in den Salon, in welchem ſeine Tochter ſich befand, Blick nach. ihm nicht einen Vater die Engele in, nein, ich Feind des erz meines n von dem rchen fort Hudeliſt, i nen beiden gnügen des ge belaget gen Kreid ls Arxe euni eines Hul mit einen dte er ſih begab ſi ſch befand und am Fenſter ſtehend der Abfahrt der beiden Equi— pagen zugeſchaut hatte. Alles abgemacht, ſagte Roſchmann ihr freundlich zunickend. Herr von Hudeliſt hat ſich mir wirklich als treuer Freund bewährt. Er hat für mich Bürgſchaft geleiſtet, und neue Wechſel ausgeſtellt, die erſt in eini— gen Monaten fällig ſind. Aber wirſt Du dann beſſer als heute im Stande ſein, zu bezahlen? fragte Camilla, die Blicke mit einem forſchenden Ausdruck auf das Antlitz ihres Vaters ge richtet. Ich hoffe es, ſagte Roſchmann. Ich ſelbſt habe moch einige Gelder auszuſtehen, und das Uebrige wird ſich finden. Aber ſprechen wir nicht mehr von dieſer unangenehmen Sache, ſie iſt abgemacht und begraben. Sprechen wir von Dir, Camilla. Nehmen wir unſer Geſpräch da wieder auf, wo es auf ſo unangenehme Weiſe vorher unterbrochen ward. Wir ſprachen vom Erzherzog Johann, den Du für mich zum Retter auf⸗ rufen wollteſt, und auf deſſen Beiſtand Du ganz be ſtimmt glaubteſt rechnen zu dürfen. Ich wußte gar nicht, daß Du dem Herrn Erzherzog perſönlich bekannt ſeieſt. Woher haſt Du ihn denn kennen gelernt? Ich kenne den Erzherzog ſeit drei Jahren, ſagte 284 Camilla mit niedergeſchlagenen Augen. Die Tante, Gräfin Sternbach, kam, wie Du weißt, ſelber nach Wien, um mich aus der Penſions⸗Anſtalt abzuholen. Sie blieb den ganzen Winter dort und ich wohnte bei ihr. Der Erzherzog Johann, den ſie ſeit langen Jahren kennt, und der ſie früher mehrmals ſogar auf einige Tage in Tyrol beſucht hat, kam täglich zu ihr, und die Tante ſtellte mich ihm vor. Und er war ſo gnädig, ſich mit Dir zu unter⸗ halten? Ja, mein Vater, der Herr Erzherzog war immer ſehr gnädig und gütevoll gegen mich, ſagte Camilla mit niedergeſchlagenen Augen. Er liebte es, mit mir von Tyrol zu ſprechen, denn Du weißt es wohl, er iſt ein treuer und aufrichtiger Freund der Tyroler, und es hat ihn tief geſchmerzt, daß er das heilige Verſprechen, das er den Tyrolern gegeben, nicht ein⸗ löſen konnte. Sagte er Dir das? fragte Roſchmann haſtig. Er klagte oft darüber, und ſprach mit tiefem Schmerz von dem unglücklichen, verlaſſenen Tyrol, deſſen helden⸗ müthiges Kämpfen ſo ſchlecht belohnt worden. Und Du ſtimmteſt natürlich ein in ſeine ſchwer— müthigen Klagen? Cam land wein —. ſelber mt t abzuholen wohnte ba Xr ngen Jahte r auf eini war imme aate Camil nicht el haſtig⸗ fom Schmme eſſen helde Die Tank, 285 Bin ich nicht die Tochter eines Tyrolers? fragte Camilla. Iſt es nicht natürlich, daß ich mein Vater⸗ land liebe, und da es unglücklich iſt, um daſſelbe weine? Ja, Du biſt die Tochter eines Tyrolers, rief Roſch— mann lebhaft, und ich hoffe es noch eines Tages allen Denen, welche mir mißtrauen, und mich als einen Ab⸗ trünnigen anklagen möchten, zu beweiſen, daß ich ein treuer und echter Sohn meines Vaterlandes bin, daß ich, gleich dem Erzherzog Johann, den Schmerz um das arme verrathene Tyrol tief in meinem Herzen trage, und nicht eher ruhen werde, bis das Vaterland woieder befreit iſt, und die Märtyrer von 1809 ge⸗ rächt ſind. Oh, mein Vater, rief Camilla mit freudeſtrahlenden Augen, ich danke Dir für dieſes Wort. Nun erſt liebe ich Dich recht, und kann Dir ganz vertrauen, da ich weiß, daß auch Du das Unglück Tyrols im Herzen trägſt, und an ſeiner Befreiung arbeiten willſt. Wie wird der Erzherzog ſich freuen, wenn Du ihm das ſagſt, wenn er erkennen muß, daß Du kein Abtrünniger, ſein Ungetreuer biſt, ſondern daß Du Dein Vaterland ſiebſt, und gleich ihm um daſſelbe umnurß Oh, wenn Du wiüßteſt, wie ſehr der Erzherzog das ſchöne Tyrol 286 liebt, wie heiliger Ernſt es ihm iſt mit dieſer Liebe, wie bereit er iſt, Alles zu thun, um wieder gut zu machen, was verſchuldet iſt. Du hätteſt ihn am Sterbe— bette Anton Wallners müſſen weinen ſehen, um zu wiſſen, um zu begreifen, was er, der edle Erzherzog, damals gelitten hat. Saheſt Du ihn denn? fragte Roſchmann raſch. Warſt Du denn am Sterbebett Anton Wallners? Ja, ich war dort, ſagte Camilla ernſt. Anton Wallner hatte eine liebreizende, edle Tochter mit ſich nach Wien gebracht, und der Erzherzog bat die Gräfin und mich, uns der armen, unglücklichen Eliſe anzu⸗ nehmen. So ging ich zu ihr in das Krankenhaus, in welches ſie ihren armen Vater gebracht hatte, und war Zeuge ſeines Todes. An dieſem Sterbebett ſchloß ich mit Eliſen einen heiligen Freundſchaftsbund, und dem Erzherzog danke ich alſo die liebſte und theuerſte Freundin meines Lebens. Denn Eüliſe Wallner iſt ſeitdem meine Freundin geblieben, und oft iſt ſie Wochen lang bei uns in Tyrol auf Schloß Sternbach geweſen, weil auch die Gräfin ſie zärtlich liebt. Und haſt Du den Erzherzog ſeit Deiner Abreiſe nach Tyrol gar nicht wieder geſehen? fragte Roſch⸗ ein 287 dieſer Liee mann haſtig. Iſt er niemals nach Tyrol gekommen, eder gut n um ſeine Freundin, die Gräfin Sternbach, zu beſuchen? am Sterbe Du weißt ja, daß er nicht nach Tyrol gehen darf, zen, um ſagte Camilla traurig. Der ſtrenge Befehl des Kai— „Ergherzh ſers hält ihn von Tyrol fern. Aber ſein Herz iſt 1 doch dort geblieben, und er hat ſeine Freunde niemals rum nit vergeſſen. 65 Weißt Du das ſo genau? fragte Roſchmann mit allners?. 1. 7 Am einem ungläubigen Lächeln. enſt. Antt. t ſt Ja, ich weiß es genau, rief ſie glühend, ich— hter mit ſſc Plötzlich verſtummte ſie, und warf einen angſtvollen zweifelnden Blick auf ihren Vater. Nun? fragte Roſchmann. Zweifelſt Du etwa an mir? Glaubſt Du, ich gehörte nicht zu den Einge— weiheten, ich wüßte es nicht, daß der Erzherzog in Verbindung iſt mit den Häuptern des damaligen Ty⸗— roler Aufſtandes? Glaubſt Du, es ſei mir unbekannt, vaß er mit Sieberer und Panzl, mit Eiſenſtecken und t die Grift nkenhaus, hatte, und bebett ſchli tsbund, un heuerſt nd theuet Wallne⸗ Winterſteller in geheimem Briefwechſel iſt? iſt i 1 Ich weiß nichts davon, ſagte Camilla ernſt. Ich ß Sternbi⸗ kenne alle dieſe Männer nicht, aber daß der Erzherzog liebbt. Tyrol noch immer liebt, das weiß ich, denn zuweilen, einer Are wenn er an die Gräfin Sternbach ſchrieb, hatte er die ragte No Freundlichkeit ein kleines Briefchen für mich hinzuzufügen. 288 Und Du haſt ihm doch hoffentlich geantwortet? Ja, ich habe ihm geantwortet, flüſterte Camilla ganz leiſe. So, daß Du bis zu Deiner Abreiſe von Tyrol mit ihm im Briefwechſel ſtandeſt? Nein, ſagte Camilla, langſam ihr Haupt ſchüttelnd, nein, ich hatte ſeit einem Jahr nicht mehr an ihn ge— ſchrieben. Und weshalb nicht? Camilla zögerte zu antworten, und blickte ſinnend vor ſich hin. Nun, fragte ihr Vater, willſt Du ſchon in dieſer Stunde Geheimniſſe vor mir haben? Soll ſchon jetzt, da wir uns kaum gefunden, etwas Entfremdendes zwiſchen uns treten, und das innige Vertrauen, das wir kaum zu einander gefaßt, ſchon wieder untergraben werden? Nein, nein, rief Camilla lebhaft, nein, ich will Dir beweiſen, daß ich Dir wirklich vertraue, mein Vater, und mich vor Dir ſogar meiner Thorheiten nicht ſchäme. Du fragſt, warum ich nicht mehr an den Erzherzog geſchrieben? Der Grund war, weil ich nicht mehr wußte, ob er noch Zeit und Luſt habe, meine Briefe zu leſen. Er ſchrieb viel ſeltener als ſonſt an twortet? rte Camild von Thral ſchüttelnd, an ihn ge ickte ſinnend on in dieſet ſchon jert tfremdenden trauen, da untergraben ich will Di mein Vaten cheiten richt jehr an den veil ich nich habe, mein als ſouſt o 289 die Gräfin Sternbach, und wir wußten, daß er der Tänzerin Roſabella Valzerini ſeine Gnade zugewandt. — Sie iſtsauch eine Tyrolerin, lachte Roſchmann. Ja, aber eine falſche, verrätheriſche Tyrolerin, ſagte Camilla ernſt. Eliſe Wallner wußte das, und alle Getreuen entſetzten ſich, als ſie vernahmen, daß der Erzherzog Johann dieſem Mädchen ſein Vertrauen, wielleicht ſogar ſeine Liebe geſchenkt habe. Und deshalb ſchriebſt Du nicht mehr an den Erz herzog? Ja, das war der Grund. Aber ſeit Du hier biſt, ſeit dieſen drei Monaten, die Du wieder bei mir biſt, haſt Du den Erzherzog da niemals geſehen, niemals geſprochen? Geſehen habe ich ihn wohl zuweilen, geſprochen niemals. Und er? Sah er Dich auch? Nein, er ahnt wohl nicht, daß ich hier bin, und wenn er es ſelbſt wüßte, würde es ihm gleichgültig ſein. Was kann ihn ein armes, unbedeutendes Mäd⸗ chen, wie ich es bin, intereſſiren? Nun, das iſt in der That ja ein ganzer Roman, den ich da erfahre, rief Roſchmann. Und Du ver⸗ ſchwiegſt mir das Alles? Du lebſt ſeit ſechs Monaten. Mühlbach, Erzh. Johann u. Metternich. I. 19 5 1 — 290 hier bei mir in Traiskirchen, und haſt mir nicht ein⸗ mal geſagt, daß Du den Erzherzog kennſt? Ich war Dir ja eine Fremde, und Du behandelteſt mich als eine Fremde, ſagte Camilla, ihn mit innigen Blicken anſchauend. Heute haſt Du mich zum erſten Mal Deine geliebte Tochter genannt, heute hat die theure ſegnende Hand meiner Mutter unſere Herzen, die bis dahin geſchloſſen waren, für einander geöffnet, und die lang zurückgehaltene Liebe ſtrömt friſch und warm und mit dem innigſten Vertrauen aus dem Her⸗ zen Deiner Tochter hervor. Und niemals ſoll Dich dies Vertrauen täuſchen, meine geliebte Camilla, ſagte Roſchmann, ſie ſanft an ſich ziehend. Du ſollſt von jetzt an die Vertraute Deines Vaters ſein, ſollſt Theil nehmen an ſeinem Leben, an ſeinen Plänen und Entwürfen. Oh, welch ein Segen, daß ich endlich eine theilnehmende Gefährtin gefunden habe, daß ich eine Seele weiß, der ich rück— haltlos vertrauen kann. Und dieſen Segen verdanke ich meinem edlen, heimgegangenen Weibe. Sie hat uns zuſammengeführt, ihr Segen und ihre Liebe iſt mit uns. Oh, mein Vater, welch ein Glück, Dich ſo ſprechen zu hören, rief Camilla, mit Thränen ſeliger Freude ihren Vater feſt umſchlingend. Kaf nicht ein ehandelteſt it innigen um erſten Vertraute an ſeinem —e melch Oh, welc 291 Er zog ſie innig an ſein Herz, und drückte einen Kuß auf ihre Stirn. Jetzt, meine Camilla, ſagte er dann, jetzt höre, was ich Dir zu ſagen habe. Ich will Dir beweiſen, wie ſehr ich Dir vertraue, und meine innerſten Gedanken will ich Dir mittheilen. So höre denn: Hudeliſt hat mir angeboten, alle meine Schulden zu bezahlen, und mir noch eine bedeutende Gehaltserhöhung außerdem zu verſchaffen. Wenn er das that, Vater, ſo hat er gewiß dafür von Dir Gegendienſte gefordert, ſagte Camilla erbebend. Man kennt den Herrn von Hudeliſt. Wenn er an ſcheinend Gutes thut, ſo will er damit doch nur Böſes erreichen. Nicht wahr, er fordert Gegendienſte? Ja, er fordert Gegendienſte. Er fordert weiter nichts, als daß ich den Erzherzog Johann und ſeine Freunde an ihn verrathe. Camilla ſtieß einen Schrei aus, und legte ihre bei den Hände auf den Arm ihres Vaters. Was antwor teteſt Du ihm? fragte ſie athemlos, bebend vor Er⸗ wartung. Du wieſeſt ſeinen Antrag mit Entrüſtung zurück, nicht wahr? Ich hütete mich wohl, das zu thun, ſagte Roſch⸗ mann achſelzuckend. Ich ging vielmehr auf ſeinen 19* 292 Antrag ein, und forderte eine nähere Erklärung deſ⸗ ſelben. Und Herr von Hudeliſt war ſo gefällig, ſie mir zu geben. Er ſagte mir, daß der Erzherzog in geheimem Einverſtändniß mit den Häuptern des Ty⸗ roler Aufſtandes ſei, daß Einige von ihnen heimlich in Wien geweſen, und zur Nachtzeit geheime Unter⸗ redungen mit dem Erzherzog gehabt hätten. Die Re⸗ gierung wiſſe das ganz genau, aber der Erzherzog be⸗ nähme ſich ſo vorſichtig, und ſeine Freunde ſeien ſo verſchwiegen, daß es durchaus unmöglich ſei, den Erz⸗ herzog der Theilnahme an dieſen geheimen Tyroler Plänen zu überführen, und dem Kaiſer Beweiſe dafür zu geben, daß der Erzherzog das Haupt einer groß⸗ artigen Verſchwörung ſei, die nur auf den richtigen Moment warte, um auszubrechen. Der Kaiſer würde aber ſehr zufrieden damit ſein, ſolche Beweiſe zu er⸗ halten, weil ihm die Gelegenheit erwünſcht ſein würde, den Erzherzog ganz und gar aus dem Staatsdienſt zu entfernen, und ihn in irgend ein entferntes Exil zu verbannen. Und warum denn dies? fragte Camilla bewegt. Was hat dieſer edle, hochherzige und milde Erzherzog denn dem Kaiſer gethan, daß er ihn ſo glühend haßt? Was er ihm gethan hat? rief Roſchmann achſel⸗ nc zrung deſ ffällig, ſie zherzog in n heimlich me Unter Die Re weiſe dafür einer groß n richtigen la bewegt 08 p „ Erzherz bend habt⸗ rann achſel — — — —— 293 zuckend. Er hat es verſtanden, ſich beim Volk beliebt zu machen, er iſt ein gelehrter Mann, ein geſcheidter Kopf, er hat ein warmes Herz, eine edle Seele. Das Alles ſind Vorzüge, die in den Augen des Kaiſers zu Fehlern werden, weil der Erzherzog mit dieſen Vor⸗ zherzog zügen ſeinen kaiſerlichen Bruder überragt, und in den Schatten ſtellt. Deshalb ſoll der Erzherzog einer Schuld überwieſen werden, deshalb will man ihn zum Rebellen ſtempeln, um ihn ſeiner Aemter zu entſetzen, und ihn ganz und gar unwirkſam zu machen. Und dieſe Schuld an ihm aufzufinden, den Erzherzog in eine Verſchwörung zu verwickeln, das ſoll fortan meine Aufgabe ſein. Deine Aufgabe? rief Camilla entſetzt. Dich will man zum Verräther des Erzherzogs machen? Ja, man erzeigt mir dieſe Ehre. Man ertheilt mir die edle und würdige Rolleé eines faux frère, der ſich in das Vertrauen und die Geheimniſſe des Erzherzogs einzuſchleichen, und nachher ihn zu ver⸗ rathen hat. Und Du haſt ſie angenommen? Du haſt dieſen elenden Verſucher nicht in's Geſicht geſchlagen? Nicht ihn den ganzen zerſchmetternden Zorn eines Ehren⸗ mannes empfinden laſſen? — —— ͦ— —— — ———z 294 Wenn ich das gethan hätte, würde ich mich ſelbſt in's Verderben geſtürzt haben, ohne dem Erzherzog irgend nützlich ſein zu können. Ich hätte alsdann in das Schuldgefängniß wandern müſſen, und man würde für den Erzherzog irgend einen andern faux frère ge⸗ funden haben, der in Wahrheit an ihm zum Verräther geworden wäre, und mit dem Erzherzog auch die Ty⸗ roler in's Verderben geſtürzt hätte. Das Alles konnte ich dadurch verhüten, daß ich mich bereit erklärte, den Antrag des Herrn von Hudeliſt anzunehmen, und alſo that ich es. Mag Hudeliſt mich immerhin für einen Verräther halten, ich ſichere dadurch den theuren edlen Erzherzog vor wirklichen Verräthern. Ich werde zur Strafe ſeines elenden Antrages ihn myſtificiren, und ihm allerhand Mittheilungen machen, die im Stande ſind, ihn auf eine falſche Fährte zu führen, und die wirklichen Pläne des Erzherzogs mit undurchdringlichen Schleiern ſo lange zu verhüllen, bis der Moment der That für ihn gekommen iſt, und er alle Hüllen und alles Geheimniß verſchmähen kann. Ich opfere mich dem Wohl des Erzherzogs, dem Wohl meines Vater⸗ landes Tyrol! Ich nehme die Rolle eines Verräthers auf mich, um den Erzherzog Johann und Tyrol vor den ſchlimmen Verräthern zu bewahren. Nun kennſt Du mich ſelbſt Erzherzog alsdann in nan würde frere ge⸗ Verräther — — — 295 mein größtes und gefährlichſtes Geheimniß. Wirſt Du, da Du es kennſt, Deinen Vater verachten? Nein, ich werde ihn lieben, ihn ehren, und mich ſeiner freuen, rief Camilla glühend, indem ſie ihres Vaters Hand an ihre Lippen drückte. Dank, mein Vater, Dank für Dein Vertrauen, Dank auch für das große Opfer, das Du der heiligen Sache des Vater⸗ landes darbringſt. Nun werde ich niemals wieder an Dir zweifeln und irre werden! Du haſt es mir ver gönnt, auf den Grund Deines Herzens zu ſchauen, und ich weiß jetzt, welcher edlen und hochherzigen Auf— opferung mein Vater fähig iſt. Oh, ich liebe Dich und ich glaube an Dich, und niemals ſoll ein Zweifel unſer edles und ſchönes Verhältniß trüben! Aber es werden nicht Alle denken, wie Du, ſagte Roſchmann traurig, denn Niemanden darf ich die Ur⸗ ſache meines Benehmens entdecken, und man wird da⸗ her leicht mir mißtrauen können. Nun, ich werde es ertragen, wenn nur der Erzherzog an mich glaubt. Oh, er wird an Dich glauben, rief Camilla haſtig, und wenn es der Bürgſchaft bedürfte, ſo werden meine Freunde in Tyrol ſie ihm geben. Sie werden ihm ſagen, daß mein Vater ein treuer Tyroler geblieben —õö—— ——x—xxx: 296 iſt, daß er bereit iſt mit ihnen zu kämpfen, zu ſiegen, oder zu ſterben. Und wenn ſie das ſagen, ſo werden ſie dem Erzherzog nur die Wahrheit berichten, rief Roſchmann begeiſtert. Ja, ich bin bereit meinem Vaterland mit Gut und Blut zu dienen, ihm mein Leben, mehr noch als mein Leben, ihm meine Ehre zu opfern. Die Zeit der Thaten iſt wieder gekommen, Tyrol iſt wie ein Vulkan, der unter der Aſche glüht, und bald kann es kommen, daß die glühende Lava ihm entſtrömt, um alle diejenigen zu vernichten, welche die Freiheit Tyrols gemordet, ſeiner Rechte geſpottet, ſeine Wünſche über— hört haben!— Nun aber, meine Camilla, meine junge Vertraute, höre, was ich Dir zu ſagen habe! Wir verlaſſen noch heute dieſen Ort, und ziehen nach Wien. Der Statthalter, Graf Saurau, wird mir den Urlaub, den ich noch heute von ihm fordern werde, nicht ver⸗ ſagen können, denn der mächtige Hofrath von Hudeliſt wird mir bei ihm das Wort reden. Wir gehen nach Wien, und wer weiß, ob wir nicht für immer dort bleiben! Nach Wien! rief Camilla freudig. Ich werde die ſchöne Heimath meiner Kindheit wiederſehen! Und Du wirſt auch den edlen Erzherzog Johann vidder ſcgen, ud dact pſegt Wß i zu ſiegen, mſie dem Roſchmann erland mit mehr noch Die Zeit ſt wie ein Id kann es t, um alle eit Throls nſche über⸗ neine junge abe! Wir nach Wien. en ÜUrlaub, nicht ver⸗ „n Hudeliſ gehen nach mmer dort werde dle 4 dg Johann 297 wiederſehen, ſagte ihr Vater lächelnd. Du wirſt ihm ſagen, daß wir Beide gute Tyroler geblieben ſind, und daß das Vaterland auf uns zählen kann. Nun, meine Tochter, ordne Alles zu unſerer Abreiſe, denn wie geſagt, noch heute müſſen wir fort. Hudeliſt denkt, daß ich nach Wien kommen ſoll als Verräther und Spion, Du allein weißt, daß ich dahin gehe im Dienſt Tyrols und des geliebten Erzherzogs Johann! Auf denn, nach Wien! — W. Der neue Mäcen. Im Gartenſalon des Schwarzenberg'ſchen Hauſes auf der Wieden, das ſeit einem Jahr dem Erzherzog Johann gehörte, und ihm zum Sommeranfenthalt diente, war heute in der Frühe des Morgens eine kleine auserleſene Geſellſchaft verſammelt. Da waren Maler und Dichter, Geſchichtsſchreiber und Botaniker, Gelehrte und Künſtler aller Art. Sie Alle hatte der Erzherzog heute zu ſich geladen, und ſie waren freudig der Einladung des allgeliebten Prinzen gefolgt. Jetzt, da alle Geladenen verſammelt waren, öffnete ſich die Thür, welche zu dem Cabinet des Erzherzogs führte, und Johann, einfach und ſchmucklos gekleidet, trat ein. Mit einem freundlichen Kopfnicken und herzlichen Worten begrüßte er die Geſellſchaft, und reichte Jedem ſeine Hand dar. ——ℳ⸗——ẽÿ;⁊ͦ⁊; ceen Hauſes n Erzherzog eraufenthalt orgens eint Da waren Botaniker, le hatte der ren, iffnet Erzherzogs bs gekleide herzlichen ſichte Jedem — 299 Nicht wahr, ſagte er dann, ſich mit leuchtenden Augen im Kreiſe umſchauend, nicht wahr, Sie finden mich hochmüthig, daß ich mich berechtigt glaube, Sie zu mir zu laden, Sie, welche in unſerer Kaiſerſtadt die Wiſſenſchaften und die Künſte repräſentiren, und daß ich mir erlaube, mich als einen der Ihrigen zu be trachten? Aber ich finde, daß in dieſen düſtern und traurigen Zeiten die Wiſſenſchaften und Künſte allein im Stande ſind zu tröſten, und aufzuheitern, und den niedergedrückten Geiſt aufzurichten und zu ſtärken zur Hoffnung auf beſſere Tage. Dieſe Hoffnung in allen Geiſtern zu erwecken, die Liebe zum Vaterland, die in dem Schmerz um ſein Geſchick faſt erſtorben iſt, neu in unſerm Volk zu ſtärken, dazu ſollen Sie Alle mir Ihren Beiſtand verleihen. Wollen Sie das, meine Freunde? Ja, wir wollen es, riefen Alle freudig. Sagen Ew. Hoheit nur, was wir zu thun haben! Befehlen Sie über uns! Er nickte ihnen freundlich zu. Nichts von Befehlen, ſagte er lebhaft, Freunde befehlen einander nicht, ſon dern ſie erbitten den Beiſtand der Freunde. So bitte ich denn, kommen Sie und machen Sie mit mir einen Park. Sie wiſſen, dies Haus . Spaziergang durch den — — 300 iſt meine kleine Sommerwohnung und Sie ſollen ſie mit mir heute durch Ihren Beſuch einweihen, wie Sie mir vor einem Jahr mein Wohnhaus für den Winter einweihen halfen. Kommen Sie! Machen wir einen Spaziergang durch den Park! Er ſchritt lächelnd durch die geöffneten Glasthüren in den Garten hinab und die Herren folgten ihm. Die breite Allee gingen ſie raſch hinab, und jetzt bog der Erzherzog in einen Seitenweg ein. Nun kommen wir in meinen eigentlichen Garten, ſagte Johann; das da vorn, das iſt das Prunkgemach meines Parks, da mögen die Prinzen und die Hofleute ſpazieren gehen, und ihre Uniformen in der Sonne blitzen laſſen. Hier dieſes dunkle Gebüſch, dieſe Baum— gruppen und Raſenplätze, dieſe kleinen ſchattigen Wege und verſchwiegenen Bosquets, das iſt unſer Garten, meine Herren, und hier werden Sie in der Zukunft, hoffe ich, als Eigenthümer leben und walten. Sehen Sie da, dies kleine Haus mit den breiten großen Fen— ſtern, das ſo verſchwiegen daſteht. Was meinen Sie, meine lieben Maler Schnorr, Peter Kraft und Karl Ruß, wollen wir es einmal anſchauen? Mit Vergnügen, Hoheit, laſſen Sie uns dahin fr bie ſollen ſie den Winter en wir einen Glasthüren folgten ihm. und jetzt bo n Garten, Prunkgemadh die Hofleut der Sonne dieſe Baum attigen Wege nſer Garten, der Zukun tten. Sehen meinen Ei⸗ Karl Rui⸗ inb 5 dahin uns — 301 gehen, riefen die Maler. Dieſes kleine allerliebſte Haus iſt ganz dazu geeignet, die Neugierde zu erregen. Der Erzherzog lächelte, und ſchritt raſcher vorwärts zu dem Hauſe hin. Die Thür deſſelben war nur an⸗ gelehnt, Johann ſtieß ſie auf, und winkte den Herren ihnen zu folgen. Sie traten zuerſt in eine kleine von Säulen getra— gene Halle ein, auf deren marmornem. Fußboden mit goldenen Lettern das Wort Salve zu leſen war. Zu beiden Seiten, und in der Mitte dieſer Halle befanden ſich drei Thüren, und durch die erſte derſelben traten ſie jetzt in einen hohen ziemlich weiten Raum ein, der nur durch ein einziges hohes Fenſter ſeine Beleuchtung erhielt. Vor dieſem Fenſter ſtand eine Staffelei, auf derſelben eine aufgeſpannte Leinwand, auf dem kleinen Tiſch daneben ein großer geöffneter Malkaſten mit Farben, Pinſeln und Palette. Einige ſchöne, kunſtvoll geſchnitzte Armſtühle und Seſſel ſtanden an den Wän⸗ den, und auf einigen Tiſchen lagen allerlei prächtige ſchwere Seidenſtoffe. Welch ein bezauberndes Atelier, rief Karl von Schnorr freudig. Glücklich der Maler, der es bewohnen ſoll. Es ſind drei ſolcher Ateliers in dieſem Hauſe, ſagte Johann lächelnd, und weiterhin werden Sie noch —— ————— ————— 302 ein ebenſolches Haus ſehen, das auch drei Ateliers enthält. Verlaſſen Sie nur dies Haus und gehen wir weiter! Und der Erzherzog führte ſeine Gäſte jetzt durch reizende Blumenpartieen und ſchattige Gänge mit be⸗ quemen Ruheſitzen zu einem andern Hauſe, deſſen Inneres ganz dem erſten glich, nur daß es keine Staf⸗ felei und keine Leinwand enthielt, ſondern einen ziemlich großen Marmorblock, und eine roh aus Thon zuſammen⸗ geknetete Statue. Das iſt mein Bildhauer-Atelier, ſagte Johann, und der Marmorblock wartet auf ſeinen Meiſter. Dann begleitete er ſeine Gäſte weiter durch den Garten zu großen Treibhäuſern, in denen ſich ſeltene ausländiſche Gewächſe befanden, und die herrlichen Blumen der Tropenwelt ihre farbenreichen duftenden Kelche geöffnet hatten. Am Ende dieſer Treibhäuſer gelangte man in einen kleinen Saal, in welchem auf einer langen Tafel Mappen und ganze Stöße Papier ſich befanden, während an den Wänden in offenen Schränken ganze Reihen großer Folianten aufgeſtellt waren. Alle dieſe Mappen und dieſe Stöße Papiere ent⸗ halten Pflanzen aus den Alpen, der Schweiz und Tyrol, —— gete drei Ateliers und gehen auſe, deſſen s keine Staf inen ziemlih n zuſammen⸗ Meiſter. r durch den ſich ſeltene n duftenden Treibhäuſer welchem auf töße Papie⸗ in offenen waufgeſtelt Pa pi 3 Tnro und Thro re ent⸗ 1 303 die ich theils ſelbſt geſammelt, oder von Botanikern gekauft habe. Ich warte auf einen gelehrten Botaniker, der dieſe Pflanzen ordnet, und ein Werk über ſie ſchreibt, damit die Welt den Pflanzen- und Blüthen— reichthum der Alpen kennen lerne. In jenen Büchern da in den Schränken befinden ſich bildliche Darſtellungen der Pflanzen und Blumen und die beſten bisher ge⸗ druckten Werke über Botanik. Was ſagen die Botaniker Jakob Gauermann und Anton Knapp zu dieſem Saal? Ich finde, daß er ein kleines Paradies iſt, rief Jakob Gauermann. Ich möchte ein Jahr lang in ihm bleiben, um alle dieſe Pflanzen zu ſtudiren und zu ordnen, rief Anton Knapp. Erzherzog Johann lächelte, und hieß die Geſellſchaft mit ihm weitergehen. Aus dieſem Saal ſchritten ſie jetzt über eine kleine Vorhalle wieder hinaus in den Garten, und die Allee, die ſich jetzt vor ihnen aufthat, führte ſie nach kurzer Wanderung wieder zurück zu einem Seitenflügel des Palais, das den Park begrenzte⸗ Treten wir hier ein, ſtatt nach dem Haupteingang zurückzukehren, ſagte der Erzherzog, die breiten Stufen der Treppe hinaufſchreitend, die auf einen von Säulen getragenen Perron führte. Der Erzherzog ſchritt raſch — 304 über denſelben hin, und trat durch die hohen Glas— thüren in ein Gemach ein, deſſen elegante und doch einfache Einrichtung, deſſen Stille und Ruhe einen wunderbar behaglichen Eindruck machte. Da waren bequeme Divans und Lehnſtühle, da waren Tiſche mit Kupferſtichen und Büchern, da in der Niſche des Fen⸗ ſters ſtand ein Schreibtiſch, umgeben von ſchönen blühenden Topfgewächſen. An der Wand hingen einige ſchöne Oelgemälde berühmter Meiſter, und auf dem Sims des Kamins ſtanden zur Seite einer bronzenen Uhr zwei allerliebſte Marmorſtatuen. An der Wand über dem Divan hing eine Guitarre und auf einem Tiſchchen zur Seite des Divans ſtand ein großer Kaſten mit Cigarren. Nun, mein junger Freund Theodor Körner, was ſagen Sie zu dieſem Zimmer? fragte der Erzherzog, ſich an den jungen Dichter wendend, deſſen dunkle glühende Augen mit lächelnden Blicken umherſchauten. Ich ſage, daß dies das reizendſte Zimmer für einen Poeten und Schriftſteller iſt, das ich in meinem Leben geſehen habe, rief Theodor Körner. Nur, verzeihen Ew. Hoheit, nur fehlt ihm, um vollendet ſchön zu ſein, noch Eins. Was denn, mein Freund? hohen Glat mte und doh HRühe einn Da warn en Tiſche mi iſche des Fen von ſchöne hingen einig und auf dem mner bronzenen An der Wand und auf einen d ein große Körner, wal der Erzherzol deſſen duull unherſchauten mmer für eine meinem Leben Nur, verzeihen ſchön zu ein 305 Es fehlt ihm eine kleine Bibliothek, Hoheit. Ach, ſehen Sie, wie gut ſich das fügt, ſagte Erz— herzog Johann lächelnd, indem er das Zimmer durch⸗ ſchritt, und die Thür gegenüber öffnete, da iſt die Biblio— thek, die unſer gelehrter Dichter wünſcht. Durchwandern wir ſie raſch. Sie traten nun in eine Reihe von Zimmern, deren einziger Schmuck der Wände in den Büchern beſtand, die in ſchönen hohen Mahagony-Schränken zu vielen Tauſenden da aufgeſtellt waren. „Es findet ſich hier für alle Zweige der Wiſſen⸗ ſchaften etwas, ſagte Johann, am reichlichſten aber iſt da Bedacht genommen auf gute Quellenwerke der deutſchen, und ſpeciell der öſterreichiſchen Geſchichte. Mein Freund, unſer berühmter Hiſtoriograph Hormayr, hat dafür Sorge getragen, und Alles herbeigeſchafft, was für den Forſcher in dieſem Zweig der Geſchichte von Bedeutung iſt. Sehen Sie, jetzt ſind wir am Ende meiner Bibliothek, und da kommen wir wieder in die gewöhnlichen Geſellſchaftsſäle. Aber dies, Hoheit, iſt kein gewöhnlicher Geſellſchafts⸗ ſaal, rief Karl von Schnorr, als ſie jetzt in einen großen Saal eintraten, der durch leichte Querwände Mühlbach, Erzh. Johann u. Metternich. I. 20 306 in mehrere kleinere Gemächer abgetheilt war, von denen jedes durch ein großes Fenſter beleuchtet ward. Nein, Sie haben Recht, ſagte Johann, das iſt kein gewöhnlicher Saal, ſondern es iſt meine Gemälde— Galerie. Aber wo ſind die Gemälde, gnädiger Herr? Wo die Gemälde ſind? Nun, die ſind in den Büchern meiner Bibliothek, in den Köpfen unſerer Poeten, in den Fingerſpitzen unſerer Maler hier. Sie haben nun meinen kleinen Sommerſitz geſehen, und hier in dieſer meiner künftigen Gemälde⸗Galerie, die nur noch keine Gemälde aufzuweiſen hat, hier will ich Ihnen ſagen, warum ich Ihnen, den Künſtlern, den Dichtern und den Gelehrten denſelben gezeigt. Weil dieſes Alles für Sie beſtimmt iſt, weil Sie mir hier helfen ſollen, unſerm Vaterland einen Tempel der Erinnerung zu bauen, zu welchem es wallfahrten ſoll, um in demſelben Erhebung, Muth und Troſt zu finden. Unſer Vater⸗ land iſt jetzt gebeugt, und darnieder getreten, es ſeufzt unter ſchwerem Druck und blutet an tauſend Wunden. Ein fremder Despot hat ſoine eiſerne Hand auf den Nacken Oeſterreichs gelegt, und unſern Stolz gebeugt. In ſolchen Zeiten, in denen man nicht handelnd und kämpfend auftreten darf, in denen man nichts thun r, von denen ward. das iſt kein ne Gemälde hier in dieſer ur noch keine Ihnen ſagen, Wundene ſend 307 darf als ſchweigend und gedemüthigt unter dem Joch dahingehen, in ſolchen Zeiten iſt es Pflicht, das ge beugte Volk aufzurichten, indem man ihm den Glauben an ſeine Zukunft durch die Erinnerung an ſeine große Vergangenheit zu bewahren ſucht, indem man es weckt zu dem Bewußtſein ſeiner Selbſt und ſeiner Kraft, und das Nationalgefühl in ihm ſtärkt. Das Volk von Oeſterreich kennt ſeine Geſchichte nicht, machen wir es mit derſelben bekannt! Da wir nicht kämpfen dürfen mit den Waffen von Stahl und Eiſen, ſo laſſen Sie uns kämpfen mit den Waffen des Geiſtes. Unſer Volk iſt jetzt verdammt zum Schweigen, es darf ſeinen Jammer und ſeinen Zorn nicht mehr ausſprechen und laut klagen, es darf nicht mehr ſagen, was es denkt. Ein Volk aber, das nicht mehr ſagen darf, was es denkt, wird bald nicht mehr denken, als es ſagen darf. Behüten wir unſer Volk vor dieſer Verdumpfung, indem wir es mahnen an ſeine Größe, indem wir ſeine eigene Geſchichte ihm vergegenwärtigen. Die Geſchichte der Völker iſt die trefflichſte Schutzwache für die Herr⸗ ſchenden, wie für die Beherrſchten. Aber ſie giebt auch die drohendſte Trutzwaffe ab gegen fremden Uebermuth und fremde Uebermacht; man kann durch ſie ebenſo gut das Erworbene mannhaft behaupten, als nach Um⸗ 20* 308 ſtänden das Verlorene wieder gewinnen. Ein Volk, dem in Lied und Bild ſeine Geſchichte verkörpert, und in Saft und Blut übergegangen iſt, das kann wohl für den Moment durch das Unglück des Zufalls, durch Unverſtand der Anführung überwunden, niemals aber für lange Zeit unterjocht werden. Geben wir alſo unſerm Volk ſeine Geſchichte in Lied und Bild, geben wir ihm inmitten der demüthigenden Gegenwart ſeine großen und ſtolzen Erinnerungen wieder, und lehren wir es durch dieſelben, was es thun muß, um ſeiner Vergangenheit wieder würdig zu ſein, und ſich wieder aufzurichten aus ſeiner Erniedrigung. Wollen wir das, meine Freunde? Ja, das wollen wir! riefen alle Anweſenden freudig. Sagen Sie uns, was wir zu thun haben, um Ihre großen Gedanken zur That werden zu laſſen? Was Ihr zu thun habt, meine Freunde? fragte Johann. Ihr habt den Göttern und den Göttinnen, den Nymphen und Grazien, den Allegorien und Legen⸗ den, den Helden und Heldinnen der alten Zeit für immer Lebewohl zu ſagen, Ihr habt aus der Legende und der Mythe, aus der Antike und der Sage Euch der Wahrheit und Wirklichkeit der Geſchichte zuzuwenden. Die Kunſt muß erweckt werden im Sinn und der Be⸗ Ein Volt körpert, und 8 kann wohl zaufalls, durch niemals aben en wir aſſo Bild, geben enwart ſeine „ und lehren 5, um ſeine d ſich wieder ollen wir das⸗ enden freudin en, um Ihre n Göttinnen n und Legei 309 deutung der Zeit, ſie muß dem Volksgeiſt näher ge⸗ bracht werden! Es iſt endlich genug mit den Göttern und Göttinnen, und den Helden des trojaniſchen Krieges. Erinnert Euch des Wortes von Voltaire:„Wer wird mich von den Griechen und Römern befreien, und von dieſen vielen edlen Vater- und Brudermördern, und von dieſer traurigen Familie des Königs Agamemnon, die niemals endigen und ſterben kann.“— Ja, befreit uns von dieſem Allen, laßt Zeus und Juno, Eros und Endymion endlich ſchlafen gehen, Ihr Maler, vergeßt Venus und Bacchus, die waſſerſchöpfenden Nymphen und die ewig nackten Grazien, Ihr Bildhauer, gönnt der Virginia und dem Brutus, dem Coriolan, den Horatiern und Curiatiern ebenſo gut die Ruhe als dem Damon und der Phillis und den empfindſamen Schä⸗ ferinnen allen, Ihr Dichter! Gebt uns in Wort und Bild und Statue die Geſchichte, die Geſchichte unſeres Volkes. Laßt uns vaterländiſche Bilder, vater ländiſche Statuen, vaterländiſche Poeſie ſchaffen! Laßt die Helden der Vergangenheit reden zu den gebeugten Männern der Gegenwart, laßt die Geſchichte des Volks zu dem Volk ſprechen, damit es aus derſelben erkennen und fühlen lerne, es ſei immer noch ein einig, unge⸗ brochen Volk, und in dieſer Erkenntniß erwache aus ——— —— 310 ſeiner Lethargie, und ſich aufrichte aus ſeiner Schwer⸗ muth und Duldſamkeit! Laßt uns Nationalmuſeen, Nationalgalerien, Nationalgedichte ſchaffen! Ja, riefen Alle mit flammenden Blicken, mit von Begeiſterung ſtrahlenden Angeſichtern. Ja, geben wir dem Volke, was des Volkes iſt! Geben wir ihm ſeine Geſchichte und ſeine Erinnerungen wieder! Thut, wie Ihr geſagt habt, und laßt mich Euch fördern, ſo viel es meinen ſchwachen Kräften erlaubt iſt, ſagte Johann freudig bewegt. Ihr habt die Häuſer geſehen, welche die Ateliers enthalten. Ich habe ſie für Euch gebaut, meine lieben Maler, für Euch Karl von Schnorr, Peter Kraft und Karl Ruß. Die Lein⸗ wand ſteht bereit, und wartet auf Euch; gehet hin, und malt uns Scenen aus unſerer großen vaterlän⸗ diſchen Geſchichte. Die Geſchichte Oeſterreichs und des Hauſes Habsburg iſt reich an großen und erhabenen Momenten. Haltet ſie feſt auf Eurer Leinwand, malt in hiſtoriſchem Geiſt uns Nationalbilder, und macht, daß die Wände meiner National⸗Galerie nicht lange mehr leer bleiben. Ihr habt meine Ateliers geſehen, Ihr Bildhauer. Der Marmorblock wartet auf Euch. Genug der Göttinnen, der verſchämten Venusgeſtalten und der Madonnen ſind geſchaffen, jetzt laßt uns unſere — ner Schwer tonalmuſeen, en, mit von geben wit ir ihm ſeine t mich Euch ften erlaubt t die Häuſer ich habe ſie Euch Karl Die Lein⸗ gehet hin, und macht, nicht lange nusgeſtalten tt uns unſere 311 vaterländiſchen Helden ſehen, wie ſie wirklich geweſen, laßt ſie aus ihrem Grabe wieder auferſtehen, ſie in dem Marmor zum Leben erwachen. Die Heroen Oeſter reichs wollen erwachen unter Eurem Meißel. Rudolph von Habsburg wartet auf Euch, und der große Joſeph, nein unglücklicher Oheim, und Andreas Hofer, mein hingemordeter Freund, und wollt Ihr die Schönheit darſtellen, ſo nehmt Philippine Welſer, und wollt Ihr die Tugend, ſo nehmt Maria Thereſia, und wollt Ihr den Schmerz, ſo nehmt Maria Antoinette!— Ihr habt das trauliche Zimmer geſehen, das dem Dichter Theodor Körner ſo wohl gefällt. Es erwartet Euch, Ihr Dichter und Schriftſteller. Laßt uns nicht mehr erfundenen Jammer und erfundene Herzensqualen leſen, nicht mehr Mondſcheinliebe, und märchenhafte Aben teuer. Schöpft Eure Stoffe aus dem unerſchöpflichen Born aller Romane und aller Poeſie, aus der Geſchichte. Geht hinein in die Bibliothek, ſchlagt die Vücher unſerer Geſchichte auf, und Ihr werdet auf jeder Seite Stoff zu einem Epos oder einem Gedicht, zu einer Tragödie oder einem Luſtſpiel finden. Gebt dem Volke, was des Volkes iſt, gebt ihm ſeine Geſchichte! Gebt ihm ſeine Geſchichte, Ihr Hiſtoriker, gebt ſie ihm treu und wahr! Laſſen Sie ſich nicht abſchrecken von Ihrem — N. 4 * 312 Werk, Freund Hormayr, ſeien Sie uns immer der öſterreichiſche Plutarch, der zu uns redet von der wirk⸗ lichen Vergangenheit und aus den vergilbten Pergament⸗ blättern des Archivs uns herrliche Denkmale der Ge— ſchichte hervorſucht und an's Licht fördert. Und endlich ein Wort zu Ihnen, Ihr meine Botaniker, Jakob Gauer mann und Anton Knapp. Ihr habt die Treibhäuſſr geſehen und den Saal mit den Herbarien. Er iſt für Euch! Ordnet die Pflanzen, enthüllt uns die recche Flora der Alpenwelt, und lehrt das Volk die heilträf⸗ tigen und nützlichen Pflanzen kennen, die auf ſeinen Bergen und in ſeinen Thälern wachſen. Alles für das Volk und Alles mit dem Volk, das ſei unſer Wahlſpruch! Ja, Alles für das Volk und Alles mit dem Volk, riefen die Künſtler und die Dichter begeiſtert, und ſie umringten den Erzherzog Johann, und reichten ihm die Hände dar, und lächelten ihm zu mit Thränen in den Augen. Und nun gehet hin, und arbeitet, ſagte Johann, ſie Alle mit Blicken voll Liebe grüßend. Ich werde Euch lohnen, ſoweit ich vermag, und wenn der Lohn nicht Eurer Arbeit entſpricht, ſo denkt, daß ich ein immer der on der wir⸗ Pergament ale der Ge— Und endlich akob Gauer Treibhäuſc Er iſt ür die heilräf⸗ auf ſeinen g ſei unſer tdem Volk, tert, und ſie eichten ihm Thränen in te Johann, 313 armer machtloſer Prinz bin, der gern mehr geben möchte, dem aber die Flügel wie die Hände gebunden ſind! Nein, rief Karl von Schnorr begeiſtert aus, Sie ſind nicht arm, nicht machtlos! Sie geben uns mehr, als Schätze und Geld, Sie geben uns Gedanken, Pläne und Ziele. Sie geben uns eine Zukunft! Ihnen werden wir es zu danken haben, wenn wir einſt ge⸗ nannt und berühmt ſind, Sie ſind unſer Schützer, unſer Helfer. Heil unſerm Mäcen, dem Erzherzog Johann! Und laut und jauchzend riefen Alle es nach: Heil unſerm Mäcen, dem Erzherzog Johann! VI. Die Warnung. Sie wollen alſo wirklich ſchon wieder uns und das liebe Wien verlaſſen? fragte der Erzherzog Johann den Grafen Nugent, der ſich bei ihm in ſeinem Kabi⸗ net befand. Ja, Hoheit, ich muß aufbrechen, erwiderte Graf Nugent ernſt. Ich darf nicht länger raſten auf meiner Pilgerfahrt, ich muß weiter wandern. Ueberall regt ſich der Geiſt der Bewegung in den Völkern, man muß dieſen Geiſt höher anfachen, und dem unter der Aſche glimmenden Feuer immer neue Nahrung gewäh ren, damit er endlich in hellen Flammen emporſchlage. Ich beneide Sie um Ihren Glauben, und um Ihre Hoffnungen, ſeufzte Johann traurig. Ew. Hoheit theilen ſie nicht? Nein, nein, Freund, ich theile ſie nicht! Vor önen 315 Ihnen darf ich mein Herz nicht verhüllen, vor Ihnen darf ich die Wahrheit bekennen, wie fürchterlich und trauervoll dieſe Wahrheit auch ſein möge. Ich habe 4 keine Hoffnungen! Keine Hoffnungen auf die Fürſten, 1 und keinen Glauben an die Völker. Ich fürchte, d daß all Ihr hochherziges Bemühen vergeblich iſt, daß Sie die Völker nicht erwecken werden zum Heldenmuth der 8 That, und daß, ſelbſt wenn es Ihnen gelingen könnte, 4G die Fürſten ſehr geneigt wären, ihre erwachenden Völker 7·/ uns und doo lieber mit Gewalt und Zwangsmitteln niederzuhalten, erzog Johamn als ſich an ihre Spitze zu ſtellen! Schauen Sie doch n Kabi⸗ nur um Sich, Freund, ſehen Sie, welche Charakter⸗ loſigkeit, welche Schwäche und Entwürdigung uns um rwiderte Grif giebt. Wir, die wir den Despoten haſſen, die wir ten auf meinet ſeiner Gewaltherrſchaft, und der Entwürdigung der Ueberall regt deutſchen Völker entgegen treten möchten, wir ſind kkern, mal machtlos und ohnmächtig geworden. Mit jedem Tage 4 hat uns Metternich einen Schritt weiter von dem 9 g. 3„ 4 2 hrung gewih Thron des Kaiſers und aus ſeinem Rath zurückgedrängt, unter der alle Minen, die wir gegen dieſen gefährlichen Rath⸗ emporſchloge wirkungslos b geber des Kaiſers angelegt, ſind entweder in der Luft zerplatzt, oder er iſt ihnen Verderben gebracht hat. um Ihre — mit einer Contremine begegnet, die uns Metternich hat den Kaiſer dahin gebracht, daß er an 316 das wandelloſe Glück Napoleons glaubt, daß er über⸗ zeugt iſt, durch jedes Zeichen von Feindſchaft oder Widerſtand den Zorn des allmächtigen Despoten zu reizen, und das Beſtehen Oeſterreichs zu gefährden. Ich glaube, daß der Kaiſer im Innerſten ſeines Herzens nichts ſo ſehr haßt, als ſeinen Schwiegerſohn Napoleon, aber er wagt es nicht, ihm äußerlich zu opponiren, die Hand gegen den zu erheben, den Gott und das Schickſal auf allen ſeinen Wegen zu ſchützen und zu geleiten ſcheinen. Gleicht nicht dieſer Zug nach Rußland einem wunderbaren Mährchentraum, von dem wir alle meinten, daß er für Napoleon endlich zu einem demüthigenden Erwachen führen mußte? War es nicht unſere letzte Hoffnung, dieſen ſiegesdurſtigen Tyrannen, der ſeine trotzige Hand gegen das weite Czarenreich erhob, und ſich hineinwagte in ſeine unbekannte Schnee⸗ wüſten, durch das fanatiſche, vom Czaren zum heiligen Kriege aufgerufene Ruſſenvolk überwunden, gedemüthigt, mit Schimpf und Schande von ſeinen Grenzen zurück gejagt zu ſehen? Und auch dieſe Hoffnung iſt vergeb lich geweſen! Umgeben von Glanz und Größe, gefolgt von den Armeen, die nicht blos Frankreich, ſondern die ihm ſeine Vaſallen, die deutſchen Kaiſer, Könige und Fürſten geſtellt, iſt Napoleon in Rußland einge⸗ daß er über⸗ indſchaft oder Despoten zu zu gefährden. terſten ſeine Schwiegerſohn äußerlich zu den, den Gott en zu ſchützen eſer Zug nach um, von dem dlich zu einen War es rich gen Thrannen, r Garerreih fannte Schnet zum heiligen gedemüthigt Frenzen zurit ng iſt vergel ng Fröße, gefolgi reich, ſondern iſer Könige dußland einge 317 zogen, und mit neuen glänzenden Siegen hat er ſeinen Weg gen Moskau hin bezeichnet. Jeder ſeiner Siege aber hat unſere Hoffnungen mehr und mehr verxichtet, denn er hat Diejenigen als die rechten Propheten er⸗ ſcheinen laſſen, welche das Auflehnen gegen den gott— geliebten Heros als einen tollkühnen Wahnſinn be— zeichneten, und es als nothwendige Weisheit predigten, daß man ſich ihm unbedingt unterwerfe. Oh, Freund, auf den napoleoniſchen Siegesfeldern von Rußland werden auch die Hoffnungen Deutſchlands begraben! Aber auf den napoleoniſchen Niederlagen von Ruß⸗ land werden auch die Hoffnungen von Deutſchland wieder auferſtehen, rief Graf Nugent begeiſtert aus. Es iſt wahr, Napoleon iſt bis jetzt der Sieger geweſen, glänzendes Meteor immer weiter vorge⸗ Siege haben die Schnee— öſiſchen er iſt wie ein drungen und ſeine blutigen ſteppen Rußlands überſtrahlt mit der franz Glorie. Aber dieſe Siegesfeuer werden endlich doch verlöſchen in der Eiſeskälte des Nordens, und das Schwert wird erſtarren in den Händen der todesmat⸗ ten, erſchöpften Krieger. Denn es iſt nicht Alles ſo glänzend und herrlich, wie die Bulletins des franzöſiſchen Kaiſers es darſtellen. Es iſt wahr, er hat die Ruſſen bis jetzt in jeder Schlacht beſiegt, er hat ſie immer —— 318 weiter hineingedrängt in das Innere Rußlands und iſt den Beſiegten, Geſchlagenen mit ſeinen Armeen ge⸗ folgt, das ruſſiſche Heer von Ort zu Ort vertreibend. Aber die Folge davon iſt geweſen, daß, wo Napoleon mit ſeinen Heeresmaſſen hinkam, er nur leere und ver wüſtete Städte und Ortſchaften ſand, denn die Ein wohner waren geflohen, und die ruſſiſchen Krieger hatten alle Vorräthe verzehrt, oder mit ſich fortge ſchleppt. Mag Napoleon daher auch auf dem Schlacht— feld Sieger ſein, ſo hat er doch ſchon jetzt in ſeiner Armee einen Feind, dem keine Tapferkeit und kein Heldenmuth widerſteht, den man weder mit Kartätſchen noch mit Kolbenhieben zurücktreiben kann. Dieſer Feind, das iſt der Hunger! Er hat ſchon ſein gräßliches Wüthen in den Reihen der franzöſiſchen Armee begon nen, und täglich fallen ihm mehr Opfer, als vielleicht eine Schlacht dem Kaiſer koſten würde. Das wird ihn nicht hindern, und nicht ſchrecken, ſagte Johann achſelzuckend. Sie wiſſen ja, was er höhnend ſeinen Marſchällen erwiederte, als ſie ihm von dem ruſſiſchen Feldzug abrathen wollten, weil Frank reich nicht mehr im Stande ſei, aus ſeiner erſchöpften Bevölkerung neue Armeen zu ſtellen.„Ich habe täg— lich zwölftauſend Soldaten zu verzehren, ſagte er, und Rußlands und n Armeen ge art vertreibend wo Napoleon leere und der denn die Ein ſiſchen Kriege nit ſich fortge dem Schlacht jetzt in ſeine rkeit und kein mit Kartätſchen Dieſer Fein, ſein gräßliches Armee begon als vielleit richt ſchrecken 1 ja, was d z ſie ihm von Trank weil Franl , well d nner erſchöfta ch habe täg ſagte el, un 319 wenn der Krieg wirklich eine halbe Million Soldaten verſchlingen ſollte, ſo werde ich mich in ganz Europa neu recrutiren.“ Aber Europa wird ihm keine Recruten mehr ſtellen, Hoheit, rief Nugent lebhaft. Die Geduld Europa's i*ſt erſchöpft, wie es die Geduld Frankreichs iſt. Der Geiſt der Oppoſition regt ſich in allen Völkern, und bald werden ſie alle nur noch eine einzige große Conföde den Despoten bilden, der ſie alle ſo Bald wird Europa nur noch das Napoleon den ration gegen lange darnieder gehalten. das Bundeslager einer Armee ſein, Tod geſchworen, und ihn vernichten will. Frankreich, das aus ſo viel tauſend Wunden blutet, haßt jetzt den Kaiſer eben ſo ſehr, als es ihn einſt vergötterte, es ſehnt ſich nach Ruhe und Frieden, und da Napoleon ihm dieſe beiden nicht geben will, ſo wird es ſich dieſelben mit Gewalt nehmen. Ein Netz von Ver ſchwörungen hat ſich bereits über Frankreich ausge⸗ breitet, die einzelnen Fäden deſſelben reichen bis nach Deutſchland hinein, und ſind angeknüpft an unſere deutſchen Netze. Die Unzufriedenen Frankreichs ſind unſere Brüder, und werden mit uns gemeinſam han⸗ Laſſen Sie Napoleon nur erſt in Rußland ſeine Niederlage wird deln. erſte Niederlage erleben, und dieſe 320 wie eine Rakete über ganz Europa aufſteigen und das Signal zu dem Ausbruch der großen Verſchwörung geben, die Napoleon von feinem Thron ſtürzen will, und ihr Ziel jetzt endlich erreichen wird. Gott gebe, daß Sie Recht haben, mein Freund, ſagte der Erzherzog bewegt. Ihre freudige Siegesge⸗ wißheit ergießt ſich wie ein neuer Lebensſtrom durch meine Adern und facht die ſchon erſtarrenden Hoff⸗ nungen zu neuer Kraft an. Ja, wir wollen auf die Niederlagen Napoleons hoffen, wie wenig Ausſicht auch bis jetzt noch für dieſelben da iſt. Wir wollen hoffen, daß Gott ſich als Oberhaupt an die Spitze unſerer Verſchwörungen ſtellt, und daß er endlich unſeren An— ſtrengungen den Sieg verleiht. Dieſe Hoffnung ſoll mich hinfort tröſten und ſtärken, und an ihr will ich feſthalten allen Widerwärtigkeiten und allen Niederlagen zum Trotz, mit ihr will ich weiter arbeiten zu dem gemeinſamen großen Ziel hin, und nicht verzagen, wenn auch anſcheinend alle unſere Pläne ſcheitern. Ein Tag muß kommen, wo ſie ſich verwirklichen, wo Deutſchland befreit wird von dem Joch der Knecht— ſchaft und der Schmach, wo, Metternich zum Trotz, ganz Oeſterreich ſich erhebt, und die Bande zerreißt, mit welchen eine zugleich feige und ſchlaue Politik uns und das hwörung gen wil, Freund, iegesge⸗ m durch en Hoff⸗ auf die icht auch hoffen, unſerer eren An⸗ ung ſoll will ich ederlagen zu dem verzagen, ſcheitern. ceen, vo Knecht⸗ mn Trot, zerreiß plitik uns ——— 321 an Frankreich feſſeln wollte; und wo endlich ich das feierliche Verſprechen erfüllen kann, das ich meinen treuen und muthigen Tyrolern gegeben, und das wie eine ſchwere uneingelöſte Schuld meine Seele belaſtet. Und Tyrol hofft auf Ew. Hoheit, es wartet und hofft, daß ſein geliebter Erzherzog Hannes es aufrufe zur That. Einig iſt Tyrol in ſeiner Liebe und Treue gegen Sie, in ſeinem Haß und Zorn gegen ſeine Un— terdrücker, einig iſt es in dem feſten Wollen, die Tyrannei abzuwerfen, und die übermüthigen Feinde aus ihren Bergen zu verjagen. Sprechen Ew. Hoheit nur Ein Wort, geben Sie den Tyrolern nur Ein Zeichen, und auf's Neue beginnen ſie den Kampf für ihre Freiheit und für ihren Erzherzog Hannes! Noch müſſen wir erwarten, Graf, daß dieſes Zeichen, welches die Tyroler erſehnen, von dem Kaiſer ausgeht, daß Er es ſein wird, welcher das rechte, er⸗ hebende Wort für die Tyroler ſpricht. Warten wir daher bis zur letzten Stunde der Entſcheidung; wenn der Kaiſer aber alsdann noch ſchweigt, dann werde ich es ſprechen, darauf gebe ich Ihnen mein Chren⸗ wort zum Pfande. Aber dieſe letzte Stunde iſt noch nicht gekommen! Meine Pflicht als Unterthan und als Mühlbach, Erzh. Johann u. Metternich I. 21 Bruder erheiſcht, daß ich ſie abwarte, und bis dahin meinem Herzen und meinen Wünſchen Schweigen gebiete. Die Thür des Vorzimmers ward eben geöffnet, und der Kammerdiener meldete die Herren von Hor— mayr und von Roſchmann. Der Erzherzog befahl, ſie eintreten zu laſſen, und ging ihnen lebhaft entgegen. Sie kommen Beide gerade zum rechten Moment, ſagte er, ſie freundlich begrüßend. Wir ſprachen ſo eben von dem lieben Tyrol und von ſeinen Helden, und da trifft es ſich gut, daß ſie Beide zur ſelben Zeit hier anlangen. Ich begegnete dem Herrn Kreishauptmann von Roſchmann in dem Vorzimmer Eurer Hoheit, ſagte Hormayr, einen düſtern Blick auf das heitere, lächelnde Geſicht Roſchmanns werfend. Es iſt aber ein bloßer Zufall, daß wir Beide zuſammen Eurer Hoheit gemel⸗ det wurden. Der Herr von Hormayr will Eurer Hoheit damit ſagen, daß Er es nicht ſein würde, der mich Ew. Hoheit vorſtellt, ſagte Roſchmann traurig. Mein edler, hochherziger und von mir ſtets geliebter Landsmann zürnt mir noch immer wegen der Vergangenheit, er hält mich noch immer für einen Abtrünnigen und Ver⸗ räther, obwohl ganz Tyrol weiß, daß ich es treu und — ehrlich meine, obwohl die edelſten Patrioten dort mich ihres Vertrauens werth halten, und kein Geheimniß vor mir haben. Iſt das wahr, Hormayr? fragte Johann. Haben Sie wirklich die Vergangenheit nicht vergeſſen? 4 Nein, Hoheit, ich habe ſie nicht vergeſſen, rief 3 Hormayr glühend. Ich werde ſie nie vergeſſen dieſe unglücklichen Tage des Jahres 1809, in welchen das treue, das heldenmüthige Tyrol der Politik geopfert ward. Ich werde es nie vergeſſen, daß Herr von Roſchmann es war, der aus Totis nach Innsbruck kam, und von dem Kaiſer den Befehl zu Andreas Hofer brachte, den Kampf unverzagt und muthvoll fortzuſetzen, und ſich mit den Waffen zu erheben gegen den wüthenden Feind. Ich werde es nie vergeſſen, daß Herr von Roſchmann dieſen Befehl brachte, ob wohl er wußte, daß zur ſelben Stunde ſchon der Friede zwiſchen Frankreich und Oeſterreich unterzeichnet war, und der erneuerte Kampf die Tyroler zu Aufrührern und Rebellen ſtempelte! Das Blut der edelſten Tyroler iſt dieſer zweizüngigen Politik damals geopfert worden, das Haupt des edlen, theuren Andreas Hofer iſt ge fallen, weil er der Botſchaft des Kaiſers glaubte, die Herr von Roſchmann ihm gebracht. 21* 324 Ruhig, Freund Hormayr, ruhig, unterbrach ihn der Erzherzog freundlich. Sie laſſen ſich allzuſehr hin— reißen von Ihrem Schmerz um Tyrol, Sie beſchul⸗ digen den einſtigen Freund, und der Schmerz macht Sie ungerecht. Nein, Hoheit, ſagte Roſchmann mit weicher, ſchwer⸗ muthsvoller Stimme, nein, der Schmerz des edlen Hormayr iſt gerecht, und er ſpricht die Wahrheit. Ja, die Botſchaft, welche ich damals in den Oktober⸗ tagen des Jahres 1809 von Totis nach Innsbruck brachte, war verderbenbringend für Tyrol, denn ſie fachte den Aufruhr wieder an, in demſelben Moment, wo der Widerſtand, der bis dahin Pflicht geweſen, zur Rebellion ward, und wo die bisherigen Feinde Tyrols die berechtigten Herren deſſelben geworden. Hormayr hat auch darin Recht, daß dieſer Aufruf zum erneu⸗ erten Kampf, den ich nach Innsbruck brachte, die erſte Schuld trägt an dem Tode Andreas Hofers! Oh, ich habe mir das in vielen ſchlafloſen Nächten, unter bit⸗ tern Thränen ſelbſt geſagt, ich habe mich vor mir ſelber angeklagt, als den Mörder Andreas Hofer's, und mich Jahrelang mit meinem Schmerz und meiner Qual in die Einſamkeit geflüchtet. Aber ich habe nur das Eine zu meiner Rechtfertigung anzuführen: ich ihn der hr hin beſchul⸗ macht ſchwer⸗ 8 edlen zahrheit Oktober⸗ ansbruck denn ſie Moment, eſen, zur Throls Hormahr erneu⸗ die erſte O h, ich nter bit⸗ vor mir Hofer, meiner habe nur hren: ih wußte nicht, was ich that! Ich mußte dem Befehl des Kaiſers gehorſamen! Ich mußte Tyrol zum Kampf aufrufen, und Niemand hatte mir geſagt, daß der Kaiſer wirklich den Frieden mit Frankreich ſchon abge⸗ ſchloſſen. Es lag in dem Plan des Herrn von Hudeliſt, daß Tyrol für ſeinen Heldenmuth gezüchtigt werde, daß es zugleich das Mittel ſein ſollte, um die fran⸗ zöſiſchen Truppen noch länger zu beſchäftigen und von den neuerworbenen Provinzen fern zu halten, und mich, mich Unglücklichen macht der grauſame Mann zum Werkzeug ſeiner Pläne. So habe ich ſchwere Schuld auf mich geladen, ohne ſchuldig zu ſein, und ich bitte Ew. Hoheit, den theuren, geliebten Protector von Tyrol, ich bitte Herrn von Hormayr, meinen einſtigen Jugendfreund, um Verzeihung für das Ver⸗ brechen, das ich begangen, und an dem ich doch, ſo wahr ein Gott über uns iſt, unſchuldig geweſen! 3 Ich glaube Ihnen, Herr von Roſchmann, ſagte der Erzherzog feierlich, ich glaube an Ihren Schmerz und auch an Ihre Unſchuld, denn ich kenne die krum men Wege, welche damals unſere Politiker und Di plomaten gewandelt ſind, und ich bin ſelbſt oft genug in die Schlingen und Netze gefallen, welche ſie damals wider die Patrioten ausgeſtellt. Ja, ich glaube Ihnen, 326 und hier reiche ich Ihnen im Namen Tyrols meine Hand, und vergebe Ihnen, was Sie unwiſſentlich gethan. Herr von Roſchmann nahm die dargereichte Hand, und indem er ſie an ſeine Lippen drückte, fiel eine heiße Thräne aus ſeinen Augen auf die Hand des Erz— herzogs nieder. Dank, ſtammelte er, tauſend Dank. Ew. Hoheit entſündigen mich, und geben meiner Seele den Frieden wieder. Und jetzt, Hormayr, ſagte Johann ernſt und faſt gebieteriſch, jetzt iſt es an Ihnen, dem einſtigen Freunde, dem Tyroler Anton von Roſchmann Ihre Hand dar⸗ zureichen, und ihn willkommen zu heißen. Nein, nein, Hoheit, rief Roſchmann lebhaft, gebie⸗ ten Sie ihm nicht, zu thun, wogegen ſein Herz ſich ſträubt. Laſſen Sie ihm ſein Mißtrauen, bis er er— kennen muß, daß er mir Unrecht gethan, daß ich kein Verräther bin, ſondern ein treuer Freund, der ſein Vaterland liebt, und bereit iſt, ſein Leben für daſſelbe hinzugeben. Und die Zeit iſt gekommen, wo ich dies beweiſen kann, die Stunde, auf welche ich ſo lange in meinem Schmerz und meinen Selbſtvorwürfen geharrt, ſie iſt da. Jetzt kann ich meinem lieben Tyrol meine Liebe beweiſen, und ich will es. Vernehmen Eure meine gethan. Hand, l eine 5 Erz⸗ Hoheit Frieden nd faſt 327 Hoheit denn, weshalb ich gekommen bin. Ich bringe Ihnen von Tyrol die Grüße aller treuen Patrioten, ich rufe im Namen Tyrols Ihnen zu: es iſt an der Zeit! Der Tag der Vergeltung dämmert empor! Tyrol wartet auf ſeinen Helden und Befreier, und es will nicht länger ſich dem Tyrannen beugen. Es will frei ſein, mit und durch ſeinen geliebten Erzherzog Johann, den theuren Herrn der Gebirge. Hier, Hoheit, hier ſind meine Beglaubigungsſchreiben. Hier ſind Briefe von meinen Freunden Eiſenſtecken und Panzl, von Winterſteller und Aigenreiter. Keiner dieſer edlen hochherzigen Patrioten mißtraut mir, und zweifelt an meiner Treue. Ich bin der Mitwiſſer aller ihrer Geheimniſſe, und ſeit Monaten habe ich mit ihnen heimlich Alles vorbereitet zu dem entſcheidenden Schlag, der jetzt wiederum aus den Bergen Tyrols die Welt durchhallen ſoll. Wir haben in der Stille Waffen und Munition in Tyrol aufgehäuft, wir haben uns in Verbindung geſetzt mit den Welſchtyrolern und den Schweizern. Alles iſt bereit zur Ausführung unſerer Pläne, Alles ſchaut ſehnſuchtsvoll hinüber nach Oeſter⸗ reich und nach Rußland. Denn von dort erwartet Tyrol die beiden Signale, welche ihm das Zeichen zur Er⸗ hebung geben ſollten. Das erſte Signal mußte von 328 Rußland erwartet werden, von den Heeren Napoleons. Die erſte Niederlage Napoleons, das war das Lärm⸗ ſignal, das Tyrol erwartete, um zum Schwert zu greifen. Aber dieſes Lärmſignal iſt noch nicht erſchallt, ſagte der Erzherzog achſelzuckend, Napoleon hat in Rußland noch keine Niederlage erlitten. Verzeihung, Hoheit, daß ich zu widerſprechen wage, rief Roſchmann mit ſtrahlendem Angeſicht, Napoleon hat ſeine erſte Niederlage erlitten, und es. iſt eine furchtbare geweſen. Ah, Sie haben ſich alſo täuſchen laſſen von den Siegesbulletins des alten ruſſiſchen Generals Kutuſof, ſagte Johann achſelzuckend. Er hatte freilich dem Kaiſer und ſeinem Heer feierlich gelobt, daß er Na— poleon vor Moskau eine entſcheidende Schlacht liefern würde, er hat dann auch die Schlacht angenommen, die Napoleon ihm bot, und am ſiebenten September iſt vor Moskau eine große Schlacht geſchlagen worden. Kutuſof hat auch am andern Tage dem Kaiſer ge⸗ meldet, daß er einen glänzenden Sieg erfochten, er hat befohlen, daß man in Moskau ein Siegesdankfeſt feiere, und die Stadt illuminire, er hat ferner auch den Feld⸗ marſchallstitel, den der Kaiſer ihm als Lohn für ſeinen wage, soleon t eine utnſof⸗ dem r Na⸗ liefern 329 glänzenden Sieg verliehen, angenommen, aber dieſer Sieg Kutuſof's iſt wieder nur eine jener großen ruſſiſchen Lügen, mit denen man den Kaiſer Alexander, nicht aber die Welt täuſcht. Wiederholen Sie doch dieſen Herrn die Trauerbotſchaften, welche Sie mir ſo eben gebracht, Herr Graf Nugent, ſagen Sie ihnen, was von der großen gewonnenen Schlacht die Wahr⸗ heit iſt! Die Wahrheit iſt leider die, daß Kutuſof völlig geſchlagen worden, ſagte Graf Nugent. Es iſt vor Moskau eine der blutigſten Schlachten der Welt ge⸗ ſchlagen worden, und die Verluſte ſind auf beiden Seiten ungeheuer geweſen. Aber das Reſultat dieſes furchtbaren Gemetzels iſt doch geweſen, daß Kutuſof ſich völlig geſchlagen nach Moszaik hat zurückziehen müſſen, von wo ihn nach drei Tagen Napoleon mit ſeinem nachrückenden Heer auch vertrieben hat. In Moszaik verweilte Napoleon wieder drei Tage, und dann zog er mit ſeiner freudejauchzenden Armee am vierzehnten September in Moskau ein, um als der Triumphator und Beſieger Rußland's im Kreml ſeine Reſidenz aufzuſchlagen. Sehen Sie, ſagte der Erzherzog traurig, das ſind die wahren Folgen von der Schlacht vor Moskau, und meine armen Tyroler haben leider keinen Grund ſich dieſer Nachrichten zu freuen. Und dies ſind die letzten Nachrichten, welche Ew. Hoheit empfangen haben? fragte Roſchmann lächelnd. Es ſind die neueſten Nachrichten, welche heute an⸗ gelangt ſind. Graf Nugent hat ſie vor zwei Stunden unmittelbar aus dem Munde des Kaiſers erhalten. Nun, dann preiſe ich mich glücklich, Ew. Hoheit eine Freudenbotſchaft überbringen zu können, rief Roſch— mann begeiſtert. E Rußlands reiten ſchneller, denn der Courier, welcher es ſcheint, Hoheit, die Couriere vor einer Stunde beim Herzog von Accerenza angelangt, brachte Nachrichten von ſpäterem Datum, als der Einzug Napoleons in Moskau. Ich war beim Herzog von Acce⸗ renza als dieſer Courier anlangte, und der Herzog, ein treuer und aufrichtiger Freund der Tyroler, ein glühender Feind Napoleons, ließ mich den Inhalt der Depeſchen leſen. Und was enthielten dieſe Depeſchen? fragte Johann haſtig. Hoheit, ſie enthielten eine Nachricht, welche wie ein grauenvolles Mährchen aus den blutigen Zeiten des Vandalismus klingt, eine Nachricht, welche durch alle kommenden Zeiten als ein blutiges Feuermahl des Grund he Ew. ichelnd. ute an⸗ Stunden ten. Hoheit Roſch⸗ wouriere welcher gelangt, Einzug n Acce⸗ Herzog, er, ein aalt der Johann che wie Zeiten e durch ahl d des —. Fanatismus hindurch laufen wird, und alle Menſchen⸗ geſchlechter mit Grauen und Bewunderung zugleich er⸗ Moskau die Czarenſtadt mit ihren fünf⸗ füllen wird ihren zehnhundert Kirchthürmen, ihrem Kreml, und Palläſten, Moskau ſteht in Flammen, iſt nichts mehr, als ein ungeheures Feuermeer, aus deſſen Flammen⸗ regen der Kaiſer Napoleon mit den Trümmern ſeines Heeres ſich nur unter unſäglichen Beſchwerden und Gefahren errettet hat. Iſt das wahr? Wirklich wahr? fragte Johann leb⸗ haft. Es iſt kein ruſſiſches Bulletin in der Art der Bulletins des Generals Kutuſof? Nein, Hoheit, es iſt ein ausführlicher, detaillirter Bericht, den Graf Roſtopſchin, der Gouverneur von Moskau, ſelbſt aufgezeichnet, und ſeinem theuerſten Freund, dem Herzog von Accerenza, durch einen eige⸗ nen Courier geſandt hat. Was Kutuſof nicht mit ſeiner Armee vermocht, das hat Roſtopſchin mit ſeinen Verbrecherſchaaren, ſeinen Pechkränzen und Höllen⸗ maſchinen zu Stande gebracht, er hat Napoleon beſiegt. Roſtopſchin hat dieſen Höllenplan erd führt, er hat mit Gewalt, mit Drohungen und Bitten die Einwohner Moskau's vermocht, die igſten Habſeligkeiten zu fliehen. dacht und ausge⸗ Stadt zu ver⸗ laſſen, und mit ihren nöthi 332 Er hat die Spritzen und die zur Bedienung derſelben angeſtellten Mannſchaften aus Moskau entfernt, er hat in allen öffentlichen Gebäuden Pechkränze und Pulver⸗ minen anlegen laſſen, und die Verbrecher und Sträf⸗ linge aus den Gefängniſſen frei gelaſſen, um ſein furcht— bares Werk durch dieſe Söhne der Nacht und des Schreckens vollführen zu laſſen. Roſtopſchin ſelber gab ihnen das Signal zu ihrem Werk, er ließ an ſeinen herrlichen vor Moskau belegenen Palaſt Feuer anlegen, und die hoch emporſchlagenden Flammen waren den durch ganz Moskau vertheilten Brandſtiftern das Zeichen, daß die Zeit der furchtbaren That gekommen ſei. Nun inmitten der Nacht begannen an hundert verſchiedenen Stellen zu gleicher Zeit aus den Dächern der Häuſer, der Paläſte, der Kaufhallen und der Kir⸗ chen Feuerſäulen aufzuwirbeln, und weckten mit ihren brennenden Gluthen die arglos ſchlummernden Fran⸗ zoſen. Sie konnten die aller Orten neu emporſchla⸗ genden Feuer nicht löſchen, nicht Herr werden der furchtbaren Feuermaſſen, die ſich durch alle Straßen, über alle Plätze dahinwälzten, hinter denen die furcht⸗ baren Schaaren der Raubmörder, Brandſtifter und Plünderer jauchzend und taumelnd vom übermäßigen Genuß des Weins und Branntweins daher ſtürmten, —— —— — —,—yÿ— „ — und diejenigen, welche den Flammen entronnen, wieder zurückzutreiben ſuchten in die furchtbaren Feuerwogen. Und dieſe Flammen ſchlugen endlich ſogar hoch empor an die ſtolzen Mauern des Kreml, und leckten mit ihren Feuerzungen die Fenſter, hinter denen Napoleon ſtand und entſetzt hernieder ſtarrte auf dieſes furchtbare Meer von Feuer, Dampf und Gluth, das geſtern noch die Stadt Moskau geweſen. Er mußte ſich endlich wohl entſchließen, die drohenden Worte zu verſtehen, welche dieſe Feuerzungen ihm zuriefen: am ſechszehnten September verließ Napoleon als Flüchtling die Stadt, in die er am Tage zuvor als ſtolzer Sieger eingezogen, und bezog ein einfaches Landhaus in Petrowski. Von dort hat er einen Boten an den Kaiſer Alexander ge⸗ ſandt, und ihm Friedensanträge gemacht. Aber der Kaiſer wird ſie nicht annehmen, er hat ein begeiſtertes kampfesmuthiges Heer hinter ſich, das von dem ruſſi⸗ ſchen Volk bereitwillig mit Allem verſehen wird, was zum Bedarf und zur Pflege des Heeres nothwendig iſt; er hat ſich gegenüber ein geſchwächtes, erſchöpftes, von Hunger geplagtes und ſeit dem Brande von Moskau mit Entſetzen erfülltes Heer, das in einem fremden Lande, gehaßt von den Einwohnern, Mangel leidet an dem Nothwendigſten, und endlich zieht ſchon ein Bun desgenoſſe für den Kaiſer der Ruſſen heran, deſſen Macht die Franzoſen nicht werden zerbrechen können. Dieſer Bundesgenoſſe, das iſt die Kälte, die früher als ſonſt ſchon jetzt ihre Eiſeshand über Rußland aus— ſtreckt. Das, Hoheit, das ſind die neueſten Nachrichten aus Rußland, das iſt das Lärmſignal, das ich meinen Landsleuten, den Tyrolern, aufſtecken werde, damit ſie ſich ſammeln und mit den Waffen im Arm auf das zweite der Signale warten. Sie haben Recht, rief Johann, der Brand von Moskau wird für ganz Europa das Lärmſignal ſein, das es zu den Waffen ruft. Oh, meine Freunde, jetzt wird Alles gut werden, jetzt dürfen wir Alles hoffen! Gott erhört unſer Flehen, und ſeine Elemente ſendet er aus zum Kampf gegen den Despoten, mit Hitze und mit Kälte, mit glühendem Feuer und erſtarrendem Waſſer, ſtreitet er gegen den Vermeſſenen, der die Erde ſich unterthan wähnte, der ſich ein Gott auf Erden dünkte! Ja, nun iſt auch für uns Alle die Zeit des Handelns gekommen, nun wird auch der Kaiſer, unſer Herr, das Zeichen geben zum Kampf. Sie haben Recht gehabt, Nugent, Napoleons Stunde hat geſchlagen, und ſeine Niederlagen beginnen. Und Tyrols Hoffnungen leben auf, ſagte Roſch⸗ mann glühend. Hoheit, ich ſagte Ihnen, daß Tyrol zwei Signale erwarte, um ſich zu erheben. Das Eine ſollte ihm von Rußland kommen, das Andere erwartet es von Ew. Hoheit. Ich komme zu Ihnen, mein hoher Herr, um Sie zu mahnen an das Verſprechen, das Sie Tyrol gegeben: es nicht zu verlaſſen, nicht eher zu ruhen und zu raſten, bis Tyrol ſeine Freiheit wieder erlangt. Löſen Sie jetzt Ihr Wort ein, Ho⸗ heit, ſagen Sie den Tyrolern, daß Sie zu ihnen kommen wollen, daß Sie ihre Pläne billigen, und ſich an ihre Spitze ſtellen wollen, und ganz Tyrol wird ſich erheben zum heiligen Kampf. Sagen Sie das Wort nicht, Hoheit, rief Hormayr haſtig, noch iſt es zu früh, und jeder voreilige Schritt könnte Tyrol auf's Neue in's Verderben ſtürzen. Warten Sie, Hoheit, bis die Tyroler es Ihnen klar bewieſen haben, aß ſie bereit ſind, abermals das blu⸗ d tige Spiel um F reiheit und Leben zu beginnen, daß dies nicht blos die Pläne einiger exaltirter, tollkühner Köpfe ſind, ſondern daß das ganze Volk von Tyrol daran Theil nimmt. Oh, Sie mißtrauen mir immer noch, ſagte Roſch mann ſchmerzlich. Sie glauben, daß ich mir nur das Recht angemaßt, im Namen Tyrols zu dem Herrn Erzherzog zu reden? Sie— Ruhig, meine Freunde, ruhig, ſagte Johann begü⸗ tigend. Keinen Streit und Unfrieden jetzt, wo feſtes Aneinanderhalten und Einigkeit ſo nothwendig iſt. Hor⸗ mayr, Sie haben Recht, wir dürfen nur beſonnen und ruhig vorwärts gehen, aber Ihnen, Roſchmann, gebe ich mein Wort, und Sie mögen es den Tyrolern wie derholen: ich werde eingedenk bleiben meines Schwurs, ich werde Tyrol beiſtehen ſich frei zu machen von dem Joch der Tyrannei, ich werde nicht eher nachlaſſen mit Vorſtellungen und Bitten, als bis der Kaiſer mich berechtigt, mit einer kleinen Armee nach Tyrol zu gehen, den Feind zu verjagen, und im Namen Oeſter reichs Beſitz zu ergreifen von der treuen geliebten Grafſchaft Tyrol. Und wenn der Kaiſer Ew. Hoheit nicht zu dieſem Schritt berechtigt? fragte Roſchmann. Was dann? Will Ew. Hoheit dann den Jammerſchrei Tyrols nicht hören? Nicht des treuen Volkes ſich erbarmen, das ihn mit begeiſterter Liebe zu ſich ruft? Warten wir es ab, ſagte Johann mit einem leiſen Lächeln. Bereiten wir Alles ſo vor, als ob der Kaiſer mich ſchon ermächtigt hätte, Tyrol zu ſeiner Erhebung 337 errn aufzurufen. Setzen wir uns in Verbindung mit den egi⸗ Häuptern der früheren Aufſtände. Sie, Hormayr, iſtes ſchreiben an Ihre Freunde in Tyrol und fordern ſie hor auf, uns genaue Berichte zu geben. Sie, Roſchmann, nd thun daſſelbe, und laſſen uns Nachricht geben von der gebe JZahl der ſtreitbaren Männer, von den Waffendepots, wir⸗ von den Plänen und Projecten, die man ausführen ur, will. Sie, Nugent, eilen nach Illyrien, um den Auf— den ſtand ſo vorzubereiten, daß er in jeder Stunde los iſen brechen kann, und nur das Commandowort noch er ni wartet. So, mit den Waffen in der Hand, wollen Inr wir warten bis der Kaiſer dieſes Commandowort ſte ſpricht, bis er uns erlaubt, die Schmach abzuwaſchen, tten und unſere Ohren dürfen ſeine Worte nicht überhören. Ddite Welt lag lange in Knechtſchaft, jetzt ſoll ſie frei ſſen werden, und was an uns iſt, müſſen wir helfen, daß un dies geſchieht. iit Und jeder, der ein Herz im Buſen hat, dem Gott ns eine Seele gegeben, Jeder, der ſein Vaterland liebt, muß dazu helfen, rief Roſchmann. Nicht die Weiber, eiſen h nicht die Kinder dürfen davon ausgeſchloſſen werden, iirr ſie müſſen Theil haben an dem allgemeinen Werk der Befreiung. Wie im großen Jahre 1809 werden auch ng bung Mühlbach, Erzh. Johann u. Metternich. I. 22 338 die Weiber Tyrols ſich zum Kampfe erheben. Eliſe Wallner, das Heldenmädchen, wird wieder die Hel— dinnen zur Schlacht begeiſtern, und meine Tochter Ca⸗ milla wird die Erſte ſein, die ihrem Rufe folgt. Camilla iſt noch immer in Tyrol? fragte der Erz— herzog raſch. Nein, Hoheit, ſie iſt zu mir zurückgekehrt, und hat mich hierher nach Wien begleitet. Camilla iſt in Wien, und ich weiß es nicht? rief Johann lebhaft. Sie hat mich nicht benachrichtigen wollen? Sie hat den treuen Freund ihrer Tante, der Gräfin Sternbach, ganz und gar vergeſſen? Camilla hat nichts vergeſſen, Hoheit, aber ſie fürch⸗ 4 tete, der Erzherzog Johann möchte ſich nicht mehr in j Wien des armen unſcheinbaren Tyrolermädchens erin⸗— nern, Ew. Hoheit möchten ſie vergeſſen haben. Oh, ich habe nichts vergeſſen, rief Johann lebhaft. Ich bin nicht ſo reich an Freunden, daß ich Diejenigen vergeſſen könnte, welche ich einſt meine Freunde ge⸗ nannt. Sagen Sie das Ihrer Tochter. Sagen Sie ihr, daß ich zu ihr kommen will, daß ſie mir erzählen ſoll von Tyrol und unſern gemeinſamen Freunden, von der guten Gräfin Sternbach und von Eliſe Wall⸗ 1 ner. Ach, Hormayr, Sie thaten Unrecht, auch nur 339 Einen Moment an Roſchmann zu zweifeln. Seine Tochter Camilla bürgt für ihn. Sie iſt die Freundin und Vertraute der edelſten Tyrolerinnen, und da ſie bei ihrem Vater iſt, ſo dürfen wir ohne Rückhalt ihm vertrauen. Hier, meine Hand, Roſchmann, ich glaube an Sie und vertraue Ihnen. Sie ſollen Theil haben an unſern Plänen, und mit uns arbeiten an dem hei— ligen Werk der Befreiung Tyrols. Und jetzt gehen Sie zu Camilla, und ſagen Sie ihr, daß ich noch heute zu ihr kommen werde!— Er wird zu ihr kommen, flüſterte Roſchmann, als er ſeinen Wagen beſtiegen hatte, und ſich behaglich in die weichen Polſter zurücklehnte. Ja, der Herr Erz— herzog wird zu Camilla kommen, und meine Pläne werden gelingen. Camilla wird nicht ahnen, daß ſie mein Werkzeug iſt, und daß ſie für mich handelt und ſpionirt. Ich bin mit mir zufrieden, meine Netze ſind ſo fein ausgeſponnen, daß Niemand ſie bemerkt. Der gute Erzherzog wird darin ſtecken, ehe er es ahnt, und Metternich und Hudeliſt werden mit mir zufrieden ſein. Ach, welch ein gutes Ding iſt es doch um die Begeiſte— rung der Menſchen, und wie leicht kann man daraus eine Schlinge machen, in der man ſie fängt. Ich 22 340 will ſchon ſorgen, daß meine Schlingen ſo ſtark ſind, daß der liebe Herr Hannes ſie nicht zerreißen kann, und daß Camilla nicht die Maus iſt, welche die Netze zerbeißt! Ende des erſten Bandes. 9 —— ————-—