Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und fran öſiſcher Literatur Eduard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Teih- und Ceſebedingungen Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em ghäunth vend Rückgabe der Buͤcher jeden Tag von Morgen 7 Uhr bis Abends 8 Uhr of 2. Leseprlüin Bei Rückg eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun oen angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Sunme pinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden beträgt für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk. 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Zwei hiſtoriſche Schlittenfahrten. J. II. Viertes Buch. Das Jahr 1813 in Wien. III IV. V. VI. Ein Nachtbild Ein Lichtbild Judas Iſcharioth. Das Geſtändniß Die Warnung. Die Rathgeber. Die Kriſis Der Verräther. Volk und Pöbel Theodor Körner's Abſchied Die Verſchworenen Der Verräther. Vater und Tochter Inhalt des zweiten Bandes. Seite Drittes Buch. Zwei hiſtoriſche Schlittenfahrten. Mühlbach, Erzh. Johann u. Metternich. II. 4. Ein Uachtbild. Der Tag iſt zu Ende, glühend roth iſt die Sonne dort drüben hinter den Schneehügeln bei Smorgoni untergegangen, und ihre letzten purpurnen Strahlen leuchten über die weite Schneefläche hin, daß ſie wie mit Blut übergoſſen da liegt. Blut, Schnee und Eis rings umher, kein froher Menſchenlaut unterbricht das feierliche Schweigen, kein lebendes Weſen ſchreitet über die weiten unermeßlichen Schneefelder daher. Das Leben iſt erſtarrt, und in furchtbarer Oede liegt die Erde da im winterlichen Todesſchlaf. Drüben unfern von der Landſtraße liegt Smorgoni, die kleine ruſſiſche Stadt, in welcher heute am fünften December des Jahres 1812 auf dem Rückzug von der Bereſina der Kaiſer Napoleon mit ſeinem Generalſtab ſein Quar— tier genommen, ſeinem Heer um einen Marſch voraus 1* 4 eilend. Auf den weißen, beſchneiten Dächern der Häuſer in Smorgoni liegen die letzten Strahlen der kalten purpurnen Abendſonne, und blutig leuchten auch ſie. Blut überall, Blut und Schnee und Eis! Kein Ton der Freude dringt von Smorgoni her⸗ über, kein Haus iſt bewimpelt, keine Freudenſchüſſe erſchallen, wie ſonſt in den Städten, in denen Napo⸗ leon ſeinen Einzug gehalten. Die Welt iſt erſtarrt, und auch die Herzen der Menſchen ſind es! Kein Wort der Liebe tönt mehr von den erbleichten Lippen, kein Lächeln erhellt mehr die düſtern, verzweifelten Angeſichter. Der Winter iſt jetzt der Herr der Welt, der Winter hat gethan, was den Heeren des Kaiſers Alexander und ſeines Feld⸗ marſchalls Kutuſow nicht gelingen wollte, der Winter hat die größte Armee Napoleons entwaffnet, er hat der alten Garde das Schwert aus den Händen ge— wunden, er hat Helden in zitternde Greiſe verwandelt, er hat die Muthigen muthlos gemacht, die Starken entnervt, er hat die Disciplin aufgelöſt und die Ohren verſtopft, daß ſie auf kein Commandowort mehr hö⸗ ren! Es giebt jetzt keine Marſchälle und Generäle mehr, keine Officiere und keine Subordination, es 5 giebt ſelbſt keinen Kaiſer Napoleon mehr! In den Leichenbergen an der Bereſina liegen die Lorbeern der großen Armee, liegt die Herrlichkeit und Macht Na⸗ poleons, die Liebe und Bewunderung der großen Ar⸗ mee für ihren„petit corporal“ begraben. Die große Armee flieht aber nicht vor einem ſicht⸗ baren Feinde, ſie flieht vor den unſichtbaren Feinden, die in der Luft, auf der Erde, in ihren eigenen Ein⸗ geweiden gegen ſie kämpfen, die große Armee flieht vor der Kälte und vor dem Hunger! Aus Moskau iſt ſie entflohen vor dem Feuer, jetzt flieht ſie vor dem erſtarrten Waſſer, vor der Eiſesluft, deren Einathmen ihre Lungen wie mit Dolchſpitzen verwundet, vor der ſchneebedeckten Erde, deren Berüh⸗ rung ihre Füße verwundet, daß ſie ihren Weg mit einer Spur von Blut bezeichnet. Alle Elemente ſind in grimmiger Feindſchaft entfeſſelt gegen die große Armee, welche es gewagt hat, ihre Lorbeern nach den kalten Eisfeldern des Barbarenreichs zu tragen, um ſie dort zu vermehren mit neuen Lorbeerzweigen. Aber jetzt ſind die Lorbeern erfroren unter dem ruſſiſchen Eis, die große Armee hat ſich aufgelöſt und nur ein⸗ zelne Trümmerhaufen treiben ſich noch umher in der großen ruſſiſchen Schneewüſte. 6 Todesſtill, inmitten von Schnee und Eis liegt Smorgoni da, die Stadt, in welcher der Kaiſer Na⸗ poleon heute mit ſeinen Marſchällen und Generälen ſein Quartier genommen. Todesſtill liegt ſie da, und doch feiert ſie heute den Geburtstag ihres Ruhms und ihrer Unſterblichkeit Wer hat bis dahin Smorgoni, dieſe kleine Stadt der ruſſiſchen Einöde, noch jenſeits von Wilna, gekannt, wer außerhalb Rußlands hat gewußt, daß ein Smor⸗ goni exiſtirt? Aber jetzt, da Napoleons Fuß es be rührt hat, jetzt iſt es aus ſeiner Vergeſſenheit und ſeiner Unbedeutendheit hervorgetreten, jetzt hat es einen Platz erhalten in der Geſchichte, jetzt werden die Jahr— hunderte noch von Smorgoni reden, der Stadt, wo Napoleon Abſchied nahm von ſeinen Marſchällen, wo er die Trümmer ſeiner Armee verließ, um heimlich nach Frankreich zu eilen! Hier, in Rußland, war er nur noch der beſiegte gedemüthigte General, in Paris wird er wieder der mächtige, angebetete Kaiſer ſein. Fort alſo, fort nach Paris! Nicht mehr den Jammer und das Klagegeſchrei dieſer Tauſende ſehen, nicht mehr machtlos zuſchauen müſſen, wie der Tod in den Reihen der Krieger wüthet, und der Hunger die meiſt ſo ſchönen und ſtattlichen 7 Männer in elende zerfetzte Jammergeſtalten verwan⸗ delt!— Todesſtill, inmitten von Schnee und Eis liegt Smorgoni da! Die letzten Strahlen der blutrothen Sonne ſind auf ihren Häuſern verblaßt, das graue Leichentuch der Dämmerung hat ſich niedergeſenkt auf die Erde, und„die Stille iſt ſtiller geworden.“ Allmälig beginnt es am Himmel aufzufunkeln, Stern nach Stern ſteigt an dem dunkeln Horizont em— por, und drüben hinter Smorgoni hebt ſich langſam und majeſtätiſch die gelbe volle Scheibe des Mondes empor, als wolle der Himmel nicht müde werden, den Jammer und die Qual der Erde zu ſchauen, und als ob die Sonne und der Mond und das ganze Heer der Sterne es bewundernd ſehen ſollen, wie der Gewaltige gedemüthigt, der Große erniedrigt und in den Staub getreten werde! Jetzt über die ſchauerliche Schneewüſte fährt der Nachtwind heulend daher, und wirbelt den Schnee in dichten Wolken empor, und deckt die Geheimniſſe auf, die unter der weißen Hülle begraben gelegen. Hier ſtarrt ein Menſchenantlitz auf aus dem aufgeloderten Schnee, dort jenen Hügel deckt der Sturmwind auf, und eine menſchliche Geſtalt, in elende Lumpen gehüllt, —— 8 wird ſichtbar, dort wieder eine, und noch eine,— der Mond beleuchtet ſie alle, die Leichen der armen Flücht⸗ linge, die ſich losgetrennt von der Armee, und ge— glaubt haben, dem Tod zu entfliehen, wenn ſie dem Elend an der Bereſina entflohen waren, die geglaubt haben, ihre Kräfte und ihr Brod reichten aus bis nach Wilna hin, nach Wilna, wo die großen Magazine der franzöſiſchen Armee lagen. Der Mond beleuchtet ſie alle, die Leichen der ar men Flüchtlinge, die auf dem Wege erſtarrt, vor Kälte und Erſchöpfung ermattet und hingeſunken ſind, um nimmer wieder aufzuſtehen. Der Mond hat ihre Sterbeſtunde geſehen, der Sturmwind hat auf ſeinen Flügeln ihre letzte einſame Todesklage gen Himmel getragen, der Schnee hat ihnen den letzten Liebesdienſt erwieſen, und ihnen die Augen zugedrückt mit ſeinem kalten Leichentuch. Aber der Sturmwind, der das Leichentuch wie⸗ der emporgehoben, trägt jetzt den Geruch der Ver⸗ weſung durch die Luft dahin, weit, weit dahin über die Ebene bis hinein in den dichten ſchwarzen Tannen⸗ wald dort hinten am Horizont. Und jetzt hört man aus dem Walde daher ein gräßlich Heulen und Jauch— zen und auf der Schneefläche vor demſelben zeigen ſich 9 einzelne dunkle Punkte, ſie kommen näher und näher, werden größer, gewinnen Geſtalt und Form, blitzende Augen leuchten durch die Nacht, es keucht und ſchnaubt heran in ſchwarzen Maſſen. Der Sturmwind hat die Leichen aufgedeckt, er hat durch die Luft die furchtbare Botſchaft nach dem Walde getragen, und die Bewohner des Waldes, die Wölſfe, kommen jetzt daher geraſt, um ihre Beute zu holen. Und immer mächtiger raſt der Sturm, immer neue Leichen deckt er auf, daß die Wölfe aufheulen vor Freude, und mit ihrem Triumphgeſchrei die Luft erzit⸗ tern machen. Aber auf einmal verſtummt ihr Geheul und wie von Entſetzen ergriffen ſpringen ſie von dannen und rennen wieder dem Walde zu. Ihr Inſtinct ſagt ihnen, daß ihr Feind wacht, daß Menſchen im Anzug ſind, und noch fürchten ſie den lebendigen Menſchen; es giebt Leichen genug, der Hunger zwingt die Wölfe da— her nicht, mit dem lebenden Feinde den Kampf zu wa— gen. Genug der Todten ſind ihnen verfallen. Das Geheul der Wölfe iſt verſtummt, aber jetzt trägt der Sturmwind einen anderen Laut durch die kalte Nachtluft daher. Man hört das Stampfen tra⸗ bender Roſſe, das Klingeln ihrer Schellen, das Rau— 10 ſchen von Schlitten,— ſie kommen näher und näher. Der Mond, der die Leichen beſchienen, und den Wölfen geleuchtet, der Mond zeigt auch denen ihren Weg, die jetzt in zwei Schlitten daher kommen, und in ra ſender Eile über die Schneewüſte dahin fliegen. Tief verhüllte Geſtalten ſitzen vorn auf dem Bock des erſten Schlittens, aber der Sturmwind achtet nicht ihrer Umhüllung und reißt die Pelzcapuze zurück, die das Geſicht des Mannes, der neben dem Kutſcher ſitzt, verborgen hält. Ein ſchwarzes Antlitz wird ſicht bar, und zwei ſchwarze bebende Hände ziehen raſch die Capuze wieder über das Antlitz. Jetzt hebt der Sturmwind das Leder auseinander, das die Vorderſeite des Kutſchkaſtens bedeckt, der auf dem Schlitten be feſtigt iſt. Der Mond ſcheint neugierig hinein in den Schlitten und beleuchtet die beiden Geſtalten, die da in jeder Ecke des Wagens lehnen. Der Eine, eine große ſchlanke Geſtalt, lehnt ſein Haupt zurück in die Ecke, ſeine Augen ſind geſchloſſen, er ſchläft. Der Andere, kleiner und ſtärker wie ſein Gefährte, ſitzt auf⸗ gerichtet, grade und ſtolz da. Sein Antlitz iſt bleich und unbeweglich, ſeine Lippen ſind feſt aufeinander gepreßt, ſeine großen dunklen Augen funkeln wie zwei Dolchſpitzen. Kein menſchlich Fühlen iſt in dieſen 11 ehernen Zügen, wie ein Meduſenbild iſt dieſes bleiche Antlitz anzuſchauen, ſo ſtarrt es hinaus in die mond⸗ helle Nacht, auf die kalte verhaßte Welt. Rouſtan, der Mameluck des Kaiſers, iſt es, der da vorn neben dem Kutſcher ſitzt, Caulaincourt, der Her⸗ zog von Vicenza, iſt es, der da drinnen im Schlitten ſchläft, und das bleiche ſtarre Meduſenangeſicht da neben ihm— das iſt das Angeſicht Napoleons, das An— geſicht des Welteroberers, der ſeiner verhungernden, verfrierenden Armee entflieht, um nach Paris zu eilen. Caulaincourt ſchläft. Der Kaiſer hat jetzt nicht nöthig ein heiteres Geſicht, einen unerſchrockenen Sinn zu heucheln, er hat nicht nöthig ein Lächeln auf ſeine Lippen zu bannen, und ſeine Augen aufleuchten zu laſſen im Glanz der Hoffnung und des Muthes. Caulaincourt ſchläft, der Kaiſer darf jetzt ſich ver⸗ ſenken in ſeine Qual, die Düſterheit ſeiner Seele darf auf ſeinem Antlitz wiederſcheinen, ſein gemartertes ſtolzes Herz darf ſprechen aus ſeinen ſtarren Blicken, ſeinen zuſammengepreßten, bleichen Lippen, ſeiner gefalteten Stirn. Niemand, nein Niemand, ſelbſt Gott nicht, ſoll's wiſſen, was dieſe ſtolze Seele leidet, von welchen furchtbaren Wunden ſein Hochmuth gemartert wird! Niemand ſoll die Thräne ſehen, die jetzt aus ſeinem 12 Herzen emporſteigt in ſeine Augen! Keinen, auch Gott und die Nachtluft nicht, wird er die Klage hören 8 laſſen, die da tief, tief in ſeiner Bruſt jammert und ſchreit! Einmal, nur Einmal, da er die Lippen öffnet, um aufzuathmen unter der Laſt, die wie ein Fels auf ſeiner Seele liegt, Einmal ſteigt ſtatt des Athems ein lauter ſchluchzender Ton aus ſeiner Bruſt hervor. Caulaincourt erwacht davon, und ſtarrt empor, und fragt angſtvoll den Kaiſer, ob er geklagt habe, ob er leide? Aber Napoleon zwingt ein Lächeln auf ſeine Lippen, und entgegnet, Caulaincourt habe nur geträumt und Er ſei ganz wohl, ganz heiter, freue ſich nun bald in Wilna zu ſein, und Caulaincourt ſolle ruhig weiter ſchlafen und träumen. Caulaincourt ſinkt wieder zu⸗ rück in ſeine Ecke und gehorſam dem Befehl des Kaiſers ſchläft er weiter. Der Kaiſer ſtarrt wieder mit bleichem Angeſicht hinaus in die Nacht; zuweilen flammt es in ſeinen Augen auf wie Zornesblitze, und er ſchleudert dieſe Blitze zum Himmel empor, als wolle er ihn zerſchmet⸗ tern, den aufrühreriſchen Himmel, der ihm, dem Kaiſer Napoleon, zu trotzen gewagt. Aber der Himmel achtet nicht auf das ohnmäch⸗ 13 tige Blitzen des Erdengottes, die Sterne ſchauen lächelnd nieder, der Mond mit ſeinem breiten goldenen Ange⸗ ſicht geht ruhig weiter auf ſeiner Bahn. Der Kaiſer, mit ſeinem Schmerz und ſeiner Wuth im Herzen, ſitzt ſtumm und unthätig da neben dem ſchlafenden Gefährten, und nur der pfeifende Nacht⸗ wind ſingt ihm ein Schlummerlied. Aber er ſchläft nicht ein davon, er wacht, und hört auf den Sturm da draußen, den Sturm, der drinnen in ſeiner Bruſt tobt, und das luſtige Klingeln der Schellen kommt ihm vor wie das Hohnlachen ſpottender Dämonen. In raſender Eile fliegen die zwei Schlitten über den Schnee dahin, das Kaiſerthum und die Größe Frankreichs führen ſie mit ſich. Im zweiten Schlitten befinden ſich Duroc, Graf Lobau und der General Lefebvre. Aber nicht als der Kaiſer verläßt Napoleon Rußland, es iſt nur der Herzog von Vicenza, der da im Schlitten ſitzt, und der Mann da neben ihm, das iſt nur der Herr von Rayneval, der Legationsſekretair Cau⸗ laincourts. So ſagt's der Paß, den der Herzog von 2. Vicenza mit ſich genommen und wehe Napoleon, wenn man dieſem Paß nicht glauben wollte, wehe ihm, wenn *) Fain: Manuscrit de 1813. Vol. I. S. 3. 14 man auf ſeiner Flucht durch dies feindliche Land, das durch ihn in eine Wüſte verwandelt iſt, in dem Herrn von Rayneval den Kaiſer erkennen könnte! Hundert rächende Hände werden ſich erheben, ihn zu zerreißen, Feinde würden hinter jedem Stein, hinter jedem Buſch und aus jedem Hauſe hervorſtürzen, den Verhaßten nieder⸗ zuſchmettern. Vor wenig Wochen noch war er die Bewunderung der ganzen Welt, jetzt iſt er ihr Abſcheu, vor wenig Wochen noch ſchmeichelte Jeder ſeiner Größe und Herr lichkeit, jetzt, wohin er unbemerkt und unerkannt kommt, hört er die Flüche und die Verwünſchungen, mit denen man ihn als den Kronenräuber, den Menſchenmörder bezeichnet. Und wenn er's hört, ſo ſenkt er ſein Haupt und ſchweigt,— er iſt ja nicht der Kaiſer, nur Cau— laincourt's Secretair, der Herr von Rayneval, ſo ſagt's der Paß. In raſender Eile fliegen die beiden Schlitten da— hin durch die helle Mondnacht, nirgends Raſt, nirgends Ruhe. Nur zuweilen in den kleinen Städten, die ſie paſ⸗ ſiren, wird angehalten, um die Pferde zu wechſeln, dann geht's weiter, ſchweigend, haſtig durch die Schnee⸗ wüſte dahin. Als der Morgen dämmert, haben ſie faſt Mied⸗ 15 niki, die Station vor Wilna, erreicht. Am franzöſiſchen Poſthauſe halten ſie an, die Pferde zu wechſeln. Aus dem Hauſe eilt jetzt ſchnell ein in koſtbares Pelzwerk gehüllter Herr hervor, und nähert ſich dem erſten Schlit⸗ ten. Als er das bleiche Herrſcherantlitz gewahrt, will er ſich tief zur Erde neigen. Aber der Kaiſer winkt abwehrend mit der Hand. Steigen Sie ein, Maret, ſagt er gelaſſen, Caulain— court fährt in dem zweiten Schlitten bis Wilna, dort ſetze ich Sie ab! Maret, der Herzog von Baſſano, beeilt ſich, dem Befehl zu genügen, und wie er ſeinen Sitz eingenom⸗ men, geht die Fahrt weiter in raſender Eile. Maret, der von Wilna dem Kaiſer bis Miedniki entgegengekommen, wartet ehrfurchtsvoll auf die An⸗ rede des Kaiſers. Aber Napoleon ſpricht nicht, die innere Qual ſchnürt ihm die Bruſt zuſammen, wenn er die Lippen öffnete, würde ein Schrei hervordringen, wenn er Maret, ſeinen vertrauten Miniſter, anſähe, würde eine Thräne ſeinen Blick umdüſtern. Es be— darf einer langen Pauſe, um dieſen Krampf des zorni⸗ gen Schmerzes hinunterzuwürgen, um wieder die gleich⸗ gültige Miene und den ruhigen Ton feſtzuhalten. Nun iſt's gelungen, und er wendet ſich ruhig zu 16 ſeinem Miniſter hin. Maret, ſagt er kalt und ernſt, Maret, ich bin beſiegt, aber es iſt ein Troſt, daß mich nicht die Menſchen, ſondern die Elemente beſiegt ha— ben! Wäre die Kälte nicht mit ſo furchtbarer Ge⸗ walt eingetreten, ſo würde ich jetzt als ſiegreicher Feld— herr an der Spitze einer Armee von zweimalhundert tauſend Mann ſtehen, und Alexander meine Geſetze dictiren. Aber die Kälte hat mich und meine Armee beſiegt. Maret,— es giebt jetzt keine große Armee mehr, denn einige wilde Haufen Auseinandergelaufener, die kann man nicht mehr eine Armee nennen. Die Kälte, und der Ungehorſam, der Unverſtand meiner Kriegsbeamten tragen an Allem Schuld. Meine Be⸗ amten haben auf Nichts Bedacht genommen, meine Befehle ſind nicht vollzogen worden. Die Folge da von iſt, daß wir als verhungerte Flüchtlinge aus Ruß— land entfliehen, ſtatt es als ſtolze Sieger zu beherr⸗ ſchen. Aber ich komme, die Verbrecher zu ſtrafen, die „Saumſeligen zur Rechenſchaft zu ziehen, und meine zertrümmerte Armee zu rächen an den Schuldigen! Maret ſchaut faſt entſetzt auf dieſen ehernen Mann hin, der jetzt noch inmitten des Elends von Hundert— tauſenden, inmitten einer durch ihn verwüſteten Welt, kein Wort des Bedauerns und der Klage, keine Selbſt 17 vorwürfe, keine Demuth kennt, ſondern nur Vorwürfe für Andere hat, nur rächen und ſtrafen will! Aber der Blick, den Napoleon jetzt auf ihn heftet, iſt doch ſo voll Schmerz und Qual, über die breite Cäſarenſtirn fliegen ſo düſtere Wolken, daß Maret doch ein unend⸗ liches Mitleid in ſeiner Seele aufſteigen fühlt. Er unternimmt's daher, Napoleon zu tröſten und aufzurich⸗ ten. Er erzählt ihm von den unermeßlichen Hülfs⸗ quellen, welche dem Kaiſer noch geblieben, von den faſt unerſchöpflichen Vorräthen, die in Wilna aufge⸗ häuft ſind, und die vollkommen genügen werden, die ganze heimkehrende Armee zu kleiden, zu nähren und wieder auf den Kriegsfuß zu bringen. Das Antlitz des Kaiſers erhellt ſich, die Wolken verſchwinden von ſeiner Stirn, er reicht Maret die Hand dar mit einem Blick ſo voll milden Danks und ſanfter Güte, daß dem Miniſter die Thränen in die Augen treten. Sie haben mich aufgerichtet, und es wird leichter da drinnen in meiner Bruſt, ſagt er leiſe, darauf, in ſeinem lauten, gebieteriſchen Kaiſerton, fuhr er fort: Ich rechne darauf, daß es Ihnen gelingen wird, den König von Neapel zu überzeugen, er müſſe in Wilna den Rückzug eine andere Geſtalt annehmen laſſen, ſagen Sie ihm, Muͤhlbach, Erzh. Johaun u. Metternich. II. 2 18 ihm, daß ich auf ihn rechne.*) Und jetzt, mit vollkommener Ruhe und Klarheit ertheilt er Maret ſeine weiteren Befehle, disponirt über daß das Heil der Armee davon abhängt, ſagen Sie die Millionen ſeiner Kriegskaſſe, über die einzelnen Armeecorps, über ſeine Beamten, beſtimmt Denen Or⸗ den, Jenen Gehaltszulage, penſionirt wieder Andere, und verleiht Titel, als befände er ſich mitten im tiefſten Frieden, und ſäße decretirend in ſeinem Kabinet in den Tuilerieen. Während deß jagten die Schlitten in raſender Eile vorwärts, immer vorwärts! Jetzt fahren ſie durch die Thore einer Stadt. Der Kaiſer zieht heftig das Schutzleder ſeines Schlittens dicht zuſammen, und lehnt ſich bleich und düſter in die Ecke. 4 Er hat die Stadt erkannt, er weiß, daß er in Wilna iſt, und er denkt daran, wie ſtolz und trium⸗ phirend er vor wenig Monaten in Wilna eingezogen, welche Siege und Triumphe er damals noch erhoffte, mit welcher ſcheuen anbetenden Bewunderung damals ganz Europa auf ihn hinſchaute, und Jetzt, Jetzt!— *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Caulaincourt: Mé- moires Vol. IV. 19 Der Schlitten hielt vor dem Poſthaus an und der Herzog von Vicenza öffnete leiſe das Leder. Wollen Ew. Majeſtät nicht hier Ihr Nachtlager nehmen und hier ſpeiſen? Der Kaiſer richtet ſich empor, und ſein Angeſicht iſt ganz ruhig und gleichgültig. Wir werden unſer Nachtlager im Schlitten nehmen, und ich habe keinen Hunger, ſagt er, in zehn Minuten ſoll angeſpannt und abgefahren ſein! Maret, ſteigen Sie aus, um hier zu bleiben. Leben Sie wohl!— Wir werden uns bald in Paris wiederſehen, und da werden wir die Unannehmlichkeiten dieſer Tage bald vergeſſen haben! Auf Wiederſehen alſo in Paris! Während der Kaiſer alſo Abſchied nimmt von ſei— nem Miniſter, ſind die übrigen Herren ſeines Gefolges, der Herzog, der Großmarſchall, und der General in das Haus eingetreten und mit haſtigen Mienen ver⸗ langen ſie den Poſthalter zu ſprechen. Er naht ſich ihnen ehrfurchtsvoll, er beugt den Nacken tief in den Staub vor den goldgeſtickten Uniformen und den vor⸗ nehmen Namen, und fragt demüthig nach den Befeh⸗ len der hohen Herrn! Mein Lieber, ſagt der Herzog von Vicenza haſtig, wir haben nichts zu befehlen, nur zu bitten. Gebt 2⸗ 20 uns raſch etwas zu eſſen, uns hungert fürchterlich, und wir haben keine Vorräthe in unſern Schlitten. Raſch alſo, ehe die paar Minuten ablaufen. Ach, gnädigſter Herr, ſeufzte der Poſthalter mit Thränen in den Augen, ich habe nichts zu eſſen. Wir leiden Mangel an Allem, wir haben in den Magazi nen Korn und Mehl und Fleiſch, aber ſie werden nicht geöffnet, und ſeit drei Tagen habe ich kein Fleiſch mehr im Hauſe gehabt. So gebt uns Brod, ruft Caulaincourt ungedul— dig, wir verlangen nichts weiter als Brod, und wenn Ihr's habt, eine Flaſche Wein! Ja, eine Flaſche Wein iſt da und auch wohl noch ein Brod, aber es iſt grob und alt, und wenig geeig— net für die Zähne ſo vornehmer Herren! Mein Lieber, ſagt Duroc lächelnd, unſere Zähne haben ſeit Moskau ſo wenig Arbeit gehabt, daß ſie ſehr froh ſein werden, überhaupt etwas zu beißen zu bekommen. Gebt alſo Euer Brod.*) Der Poſthalter reicht aus dem Wandſchrank ein großes Schwarzbrod dar und eine Flaſche Wein. Die Hände der drei vornehmen Herren ſtreckten ſich *) Pertz: Leben Steins. III. 265. —— 21 zu gleicher Zeit aus nach dem Brod, dem koſtbaren Leckerbiſſen! Gebt uns ein Meſſer, Freund, das Brod zu zer⸗ ſchneiden, ruft Duroc. Nun raſch getheilt, denn die Zeit iſt um! Ja, raſch getheilt, ſagt Caulaincourt, in vier gleich⸗ mäßige Theile. Wie denn in vier Theile? fragt der General Le⸗ febvre, wir ſind ja nur unſer drei? Der Kaiſer iſt der vierte Mann, erwiedert Caulain⸗ court. Wie ſehr er auch Kaiſer iſt und großer Cä⸗ ſar, es wird doch eine Stunde kommen, wo er Menſch ſein und menſchlichen Hunger fühlen wird! Hier, dies Mittelſtück für den Kaiſer! Dies hier für Sie, Großmarſchall, dies für Sie, General, dies hier für mich!— Mit zufriedener Miene nimmt Jeder ſein Stück Brod und läßt es in die Taſche der goldgeſtickten Uniform gleiten. Nun nehme Jeder raſch einen tüchtigen Schluck aus der Flaſche, und den Reſt behalte ich für den Kaiſer. Aber raſch, raſch, wir müſſen fort. Die Flaſche geht von Hand zu Hand, eben will Caulaincourt ſie an die Lippen ſetzen. Da ruft drau⸗ 22 ßen eine Donnerſtimme: Wo iſt der Herzog von Vi⸗ cenza? Er erbebt, und ſteckt die Flaſche ein, und alle drei ſtürzen ſie zur Thür hinaus zu den Schlitten hin; mit demüthiger Miene bittet Caulaincourt den Kaiſer um Verzeihung wegen der Verſäumniß und nimmt ſeinen Platz neben Napoleon wieder ein. Weiter geht's in ſauſendem Galopp, weiter durch die ſchneeige Wüſte, durch Dörfer und Wälder und Ortſchaften. Nirgends Raſt, nirgends Verweilen. Welch ein Glück, daß die Herren wenigſtens ein Stück chen Brod haben, ihren Hunger zu ſtillen. Auch der Kaiſer hat das Brod genommen, das Caulaincourt ihm gereicht, er hat es ohne Klage hinuntergewürgt, und ſich dann wieder ſtumm und düſter in die Ecke zurückgelehnt. Nach zwei Tagen raſtloſer Fahrt, am ſiebenten December, fahren die beiden Schlitten in die Feſtung Kowno ein. Hier ſoll endlich Nachtruhe gehalten werden, hier im Gaſthaus wird Quartier genommen. — Es iſt ein elendes kleines ſchmutziges Gaſthaus, den erſchöpften Reiſenden erſcheint es wie ein Palaſt, es iſt ein kärglich ſchlechtes Mahl, das man aufträgt, ihnen ſcheint's ein Göttermahl. — 23 Nur der Kaiſer theilt nicht das Behagen und das Entzücken. Tief in ſeinen Pelz gehüllt, den Kopf in der Hand aufgeſtützt, ſitzt er da an dem kleinen Tiſch vor dem Mahl!, das ſeinen Begleitern ſo köſtlich duf— tet, und das ſie nicht zu berühren wagen, ehe der Kaiſer ihnen die Erlaubniß gegeben. Duroc, der Großmarſchall, naht ſich ihm ehrfurchts⸗ voll und reicht ihm die Schüſſel dar. Sire, Sie haben in drei Tagen nichts Warmes geſpeiſt, ſagt er bittend. Napoleon hebt leiſe das Haupt empor und ſieht ihn an, dann, als er das traurige Geſicht ſeines Freun⸗ des gewahrt, zwingt er ſich zu einem Lächeln. Nun, ſo wollen wir jetzt etwas Warmes eſſen, ſagt er, denn Ihr Gourmand's kommt ſonſt zu ſehr aus der Uebung. Er legt ſich von der dampfenden Fleiſchſpeiſe auf den Teller, und ißt ſchweigend und mit ungeheuerer Haſt davon. Dann, nach einigen Minuten, ſteht er auf und ſagt den Herren ein kurzes: Gute Nacht! und begiebt ſich in das anſtoßende kleine Gemach, in wel— chem Rouſtan ihm ſein Feldbett aufgeſchlagen. Schweigend läßt der Kaiſer ſich entkleiden und ſinkt auf das Lager hin. Rouſtan ſchleicht auf den 24 Zehen hinaus und meldet es den Herren im anſtoßen⸗ den Gemach: der Kaiſer ſchläft!„ Der Kaiſer ſchläft! Stille umgiebt ihn, ſchwei— gend begeben die Herren ſich zur Ruhe, Keiner wagt ein Wort mehr zu ſprechen, kaum ſich zu bewegen. Der Kaiſer ſchläft! Seine Getreuen wachen über ſeinen Schlaf! Schläft er wirklich, der Kaiſer? Hat ſein gequäl⸗ tes Herz hier einige Stunden Ruhe gefunden? Rouſtan liegt in der kleinen Kammer neben dem Schlafgemach des Kaiſers; auf der Schwelle der Thür, die zu dem Kaiſer führt, hat er ſich gebettet, bereit auf den erſten Ruf des Kaiſers zu ihm zu eilen! Aber Napoleon ruft ihn nicht, wie er's ſonſt oft gethan, inmitten der Nacht. Schläft er denn? Zuweilen ſchreckt Rouſtan empor aus ſeinem Schlaf, denn es iſt ihm, als habe er Jammern und Weh⸗ klagen gehört, als ginge man mit unruhigen Schritten im Zimmer des Kaiſers auf und nieder. Aber jetzt i*ſt Alles ſtill, Rouſtan hat nur geträumt, der Kaiſer ſchläft, und auch Rouſtan kann wieder ſchlafen! Doch bald fährt er wieder auf, jetzt hat er's ganz deutlich ſchluchzen gehört, ein Jammerton, wie nur die Verzweiflung ihn ausſtoßen kann, iſt an ſein Ohr ge⸗ 25 drungen, nein, diesmal täuſcht ihn kein Traum, er hat es ganz deutlich gehört, er richtet ſich auf und lauſcht, das Ohr an die Thür gelegt. Nun hört er das Klagen und Seufzen, die einzelnen halblauten Aus— rufungen der Qual, des Kummers und Bedauerns, die halb unterdrückten Verwünſchungen, die wehmüthigen Klagen. Nein, der Kaiſer ſchläft nicht! Der Kaiſer wacht, und ringt mit ſeiner Qual! Rouſtan wagt es nicht länger, zu lauſchen, er kriecht wieder zur Erde nieder, hüllt ſein Haupt tief in ſeinen Pelz, um nichts zu hören, und ſchläft wieder ein, um erſt in der Frühe des Morgens zu erwachen. Denn in der Frühe des Morgens, ſchon um ſechs Uhr, hat der Kaiſer befohlen, ihn zu wecken, und zu dieſer Stunde hat er den Platzcommandanten der Feſtung Herrn Heſſelat, und den Commandanten der Artillerie Herrn Périola, zu ſich befohlen, und ihnen geboten, den Plan der Feſtung Kowno mitzubringen. Rouſtan begiebt ſich alſo in das Schlafgemach, den Kaiſer zu wecken. Aber Napoleon ſchläft nicht mehr, er ſitzt aufrecht in ſeinem Bett, und empfängt Rouſtan mit einem heitern Morgengruß, und nennt ihn einen Langſchläfer und Bärenhäuter, und erzählt 26 ihm während des Ankleidens, wie wundervoll er ſelber geſchlafen, und wie ſehr der lange ruhige Schlaf dieſer Nacht ihn erquickt habe. Dann, als der Kaiſer angekleidet iſt, ſich wieder in den grünen, mit Zobel verbrämten, mit goldenen Brandenbourgs verzierten Sammetrock gehüllt und ſeine Taſſe Chocolade getrunken hat, werden die beiden Commandanten gemeldet. 1 Der Kaiſer läßt ſie eintreten, und geht ihnen mit heiterm Angeſicht und einem ungezwungenen Lächeln entgegen. Er befiehlt den Platzeommandanten, den Plan der Feſtung auf dem Tiſch auszubreiten, und wendet ſich dann an den Commandanten der Artillerie. Des Kaiſers ſcharfes Auge hat ihn ſogleich erkannt, mit ſeinem wunderbaren Gedächtniß hat er ſich ſogleich erinnert, daß er ihn früher in Italien geſehen. Ach Périola, ruft er ihm heiter zu, Sie befinden ſich nicht wohl, Sie ſahen in Italien beſſer aus. Hier iſt nicht gut ſein, nicht wahr? Kehren Sie nach Frankreich zurück, wo wir beſſer Alle geblieben wären. Was denken Sie davon? Sire, ſagte Périola mit leiſer ſchwankender Stimme, ich denke wie Sie, da mir Ew. Majeſtät einmal er⸗ laubt haben, meine Meinung auszuſprechen. es 27 Ja, ja, wir hätten beſſer gethan in Frankreich zu bleiben, wiederholt Napoleon gedankenvoll, indem er haſtig einigemale auf- und abgeht. Dann tritt er zu der Karte hin, die der Platzcommandant ausgebrei⸗ tet hat. Aber nur Einen flüchtigen, gleichgültigen Blick wirft er auf die Karte, dann heftet er ſeine Augen auf den Commandanten. Sie ſind gewiß in einem Pelz hierhergekommen? fragt er. Ja, Sire, ich bin in einem Pelz gekommen, denn es iſt ſehr kalt, antwortet Herr Heſſelat verwundert. Nun, was koſtet Ihnen Ihr Pelz? Sire, ich habe zwanzig Louisd'or dafür bezahlt. Ich gebe ihnen fünf und zwanzig Louisd'or dafür, ich kaufe Ihnen Ihren Pelz ab. Mir haben die Füße auf dem Wege hierher gefroren, ich brauche Ihren Pelz, um mir die Füße darin einzuwickeln. Duroc, zahlen Sie dem Commandanten fünf und zwanzig Louisd'or aus, und laſſen Sie den Pelz in den Schlit— ten legen. Sind die Schlitten bereit? Sire, es iſt Alles bereit, und wartet auf die Be⸗ fehle Eurer Majeſtät.„ Alſo vorwärts! Brechen wir auf! Warten Sie Duroc, laſſen Sie mich einmal in Ihre Börſe greifen! 28 Der Zufall ſoll beſtimmen, wie viel ich der Diener— ſchaft geben will. Er ſtreckt ſeine kleine zarte, mit koſtbaren Brillant— ringen geſchmückte Hand in den leinenen Beutel mit Goldſtücken, den Duroc ihm darreichte und zählte dann die Stücke, die er hervorgezogen. Es waren zwölf Louisd'or. Ach, rief der Kaiſer, lachend, die Leute hier im Hauſe werden ſehr zufrieden 1 6 ſein, ſie werden wünſchen, alle Tage einen ſolchen Gaſt zu haben. Adieu, meine Herrn! Noch einmal, Pé⸗ riola, eilen Sie nach Frankreich zurück. Die Luft hier bekommt Ihnen ſchlecht, es iſt die höchſte Zeit, daß Sie Rußland verlaſſen, wenn Sie lebend hinaus kom⸗ men wollen.*) Raſch ſchwingt ſich der Kaiſer wieder in den Schlit⸗ ten, Caulaincourt ſetzt ſich neben ihn, mit einem letzten heitern Lächeln grüßt er die beiden Herren, und vor⸗ *) Périola reiſte noch denſelben Tag ab, kam aber nur bis Danzig, wo er ſtarb. Er erzählte ſeinen Freunden voll Erſtaunen die oben angeführte Unterhaltung mit dem Kaiſer, und wie ſehr der muntere, harmloſe Ton Napoleons, der ihm ſonſt nicht eigen war, ihn in Verwunderung geſetzt hatte. Siehe: Schloſſer: Geſchichte des achtzehnten Jahrhunderts. Th. VII. S. 844. 29 wärts geht es in raſender Eile, hinaus wieder in Schnee und Eis, in Kälte und Sturm. Der Kaiſer lehnt wieder in ſeiner Ecke, ſchweigend und düſter, ſein Antlitz, das vorher ſo heiter gelächelt, iſt wieder ehern und unbeweglich, die Lippen ſind feſt aufeinander gepreßt, die Augen ſind beſchattet von den feſt zuſammengepreßten Brauen, und ſchwere Wetter— wolken lagern auf der bleichen Stirn des Kaiſers. So fährt er dahin, raſtlos in unaufhaltſamer Eile dahin, gen Warſchau zu. In Warſchau herrſcht dumpfe Traurigkeit, die Hiobspoſten von der Bereſina ſind heute, den zehnten December, dahin gelangt, und haben die Polen, die treuen Anhänger und Bewunderer des franzöſiſchen Kaiſers, mit bitterm Schmerz erfüllt. Muthlos ſind ſie und hoffnungslos, und Herr de Pradt, der ſonſtige Erzbiſchof von Mecheln, den Napoleon als ſeinen Ge— ſandten nach Warſchau geſchickt, Herr de Pradt ver⸗ mag nicht, den ſinkenden Muth der Polen aufrecht zu halten, ihnen den Glauben an die Unbeſiegbarkeit des Kaiſers, dem ſie vertraut, dem ſie ihr Geld, ihre Tap⸗ fern freudig zum Opfer dargebracht, wiederzugeben. Er ſelber iſt traurig und kummervoll, und er hat ſich deshalb in ſein Kabinet zurückgezogen, und 30 Befehl gegeben, Niemand zu ihm einzulaſſen. Die furchtbaren Nachrichten von dem Untergange der großen Armee beſchäftigten allein die Seele des Erz— biſchofs de Pradt, qualvolle Gedanken marterten ſein Herz. Auf einmal wird er aus ſeinem Hinbrüten durch laute, zankende Stimmen in der Antichambre aufge ſchreckt. Seine beiden Kammerdiener ſind es, die da zanken und ſtreiten, dazwiſchen hört er eine ſcheltende gebieteriſche Stimme, die ihm fremd iſt. Dieſe Stimme begehrt durchaus nach dem Herrn Erzbiſchof, ſie ver— langt, daß man die Thüren zu ſeinem Kabinet öffne. Jetzt nähern ſich heftige Schritte, jetzt wird die Thür aufgeriſſen, und eine wunderbare Erſcheinung zeigt ſich auf der Schwelle. Es iſt eine hohe männ— liche Geſtalt, ganz eingehüllt in einen großen Bären— pelz, das Haupt bedeckt eine Capuze von ſchwarzem Taffet, deſſen breiter ſchwarzer Pelzbeſatz tief über das Geſicht niederfällt, und kaum das Kinn und die Spitze der Naſe freiläßt. Große, bis über die Knie hinauf⸗ gehende Pelzſtiefel bedecken die Beine, und über den— ſelben trägt er an den Füßen noch dicke pelzverbrämte Schuhe. glei 31 Dieſes dunkle ſeltſame Phantom eilt ſchwankenden Schrittes zu dem Erzbiſchof de Pradt hin, der ſich er⸗ hoben hat, und ihm einige Schritte entgegen gegan⸗ gen iſt. Raſch, mein Herr, ſagt die Erſcheinung, raſch kom— men Sie, folgen Sie mir! Ich Ihnen folgen, mein Herr? fragt Herr de Pradt verwundert. Wer ſind Sie, mein Herr? Die Erſcheinung hebt den Arm empor, ſchiebt die Pelzcapuze ein wenig auseinander, und läßt hinter derſelben ein bleiches abgezehrtes Geſicht, mit einge— fallenen Wangen, mit tief in ihren Höhlen liegenden Augen ſehen. Herr de Pradt ſtößt einen Schrei des Entſetzens aus. Caulain— Dieſer faßt haſtig ſeinen Arm, und deutet mit einem Wink ſeiner Augen nach den Dienern hin, die unter der offenen Thür ſtehen, und neugierig auf den Frem⸗ den hinſchauen. Still, flüſtert Caulaincourt. Kein Wort weiter. Nehmen Sie Ihren Mantel und folgen Sie mir ſo— gleich. Wohin? fragt de Pradt leiſe. Zum Kaiſer? antwortet Caulaincourt eben ſo leiſe. Wo iſt er? Im Hotel d'Angleterre. Raſch! Gehen wir! Er erwartet uns! Herr de Pradt nimmt haſtig Mantel und Hut und ſtürzt mit Caulaincourt von dannen. Schweigend eilen ſie durch die Straße dahin, und treten in den Hof des dunklen unfaſhionablen Gaſthofes ein. Da ſteht ein elender kleiner Holzſchlitten mit einem engen kleinen Kutſchkaſten, deſſen Leder halb zerfetzt und überall abgeſcheuert iſt, auf demſelben. Unſere Reiſeequipage, flüſtert Caulaincourt mit einem matten Lächeln. Sie treten in die niedrige, ſchmutzige Pforte des düſtern Hauſes. Nun klopft Caulaincourt an eine Thür, dieſe Thür wird vorſichtig geöffnet, und Rou— ſtan ſchaut heraus. Wie er den Erzbiſchof erkannt, tritt er zurück und läßt ihn eintreten in dieſes kleine elende düſtere Ge— mach, das nur eine Art von niedrigem Heerd ſtatt des Kamins hat. Einige verglimmende Holzſtücke liegen auf demſelben, und vor dieſem ärmlichen Feuer ſteht, den Rücken nach dem Zimmer hingewandt, eine männ⸗ liche Geſtalt in einem grünen Sammetrock mit koſt⸗ barem Zobelpelz beſetzt. „† 33 Herr de Pradt wagt nicht, ſich zu nähern, er fragt ſich ſelber verwundert, ob dieſer Mann da vor dem elenden Feuer, in der niedrigen, ſchmutzigen Stube, dieſer Mann, der ſo geheimnißvoll und geräuſchlos nach Warſchau gekommen, ob das wirklich der Kaiſer iſt, der Held, der vor einigen Monaten unter dem Zu⸗ jauchzen der ganzen Bevölkerung ſeinen feſtlichen Ein⸗ zug in Warſchau gehalten, gefolgt von einer Armee, die ſich vermaß, die Welt zu erobern. Jetzt wendet dieſer Mann ſich um,— ja, er iſt es, de Pradt erkennt ihn. Dieſe dunklen, flammenden Blicke, dieſe breite Stirn, dieſe wie aus Erz gemeißel— ten Züge, dieſes ganze Haupt, das wie die zum Leben erwachte Erzbüſte eines der alten Cäſaren anzuſehen iſt, ja, es iſt der Kaiſer Napoleon! Der Erzbiſchof wagt es einige Schritte vorwärts zu machen; jetzt gewahrt ihn der Kaiſer, und ſofort nehmen ſeine ſtarren Züge Leben und Bewegung an, er reicht de Pradt die Hand dar, er begrüßt ihn mit einem Neigen des Haupts. Sire, ſtammelt de Pradt entſetzt, Sie ſind es wirk— lich? Sie hier in dieſer Umgebung? Ja, ich bin es, ſagt Napoleon mit einem Lächeln das ſeine Beſchannung, ſeine Verlegenheit ch echt ver⸗ Mühlbach, Erzh. Johann u. Metternich. II. 34 birgt. Denn er ſelber, er erinnert ſich! Er erinnert ſich, daß er hier in Warſchau vor kaum ſechs Monaten ſeinem Geſandten, Herrn de Pradt, ſeine Inſtruktionen gegeben, daß er, als handle es ſich um eine leichte unvermeidliche Sache, ihm von der Wiederherſtellung Polens geſprochen, ihm verkündet, daß er beſchloſſen, das ganze europäiſche Ländergebiet umzugeſtalten! Ja, Napoleon erinnert ſich daran! Vom Erhabenen bis zum Lächerlichen iſt nur Ein Schritt, ſagt er gedankenvoll vor ſich hin, dann aber zwingt er wieder ein Lächeln auf ſeine Lippen. Wer hat nicht Unfälle erlebt? fragt er in leichtem Ton den Erzbiſchof, der mit niedergeſchlagenen Augen ihm gegenüber ſteht, und nichts zu erwiedern wagt. Freilich, fährt er fort, freilich hat Niemand wohl der⸗ artige Unfälle erfahren, wie ich, aber ſie mußten mit meinem Glück im Verhältniß ſtehen, und übrigens werden ſie bald ausgeglichen ſein.“) Gewiß werden ſie das, Sire, ſagt der Erzbiſchof leiſe, denn Ew. Majeſtät ſind, Gott ſei gelobt, Ihren Unterthanen erhalten, Sie ſind da, um dieſe Unfälle wieder auszugleichen. *) Napoleons eigene Worte. Siehe: de Pradt: histoire de Tambassade de Pologne, pag. 207. 35 A& Ja, ich bin da, ruft Napoleon faſt frohlockend, und ich habe mich niemals wohler und kräftiger gefühlt. Mein Körper iſt wie von Stahl und Eiſen, und we⸗ der das Feuer von Moskau noch das Eis der Bere⸗ ſina hat ihm etwas anhaben können. Ich bin für die außerordentlichen Ereigniſſe geſchaffen, die umge⸗ ſtürzte Welt iſt mein Element! Ich verſtehe darin zu leben, aber ich verſtehe auch, ſie wieder in Ordnung zu bringen. Und bei Gott, ich will ſie jetzt, zum Staunen ganz Europa's, in Ordnung bringen. Nur kurze Zeit, und ich werde wieder mit dreimalhundert⸗ tauſend Mann an der Weichſel ſtehen, und ich werde die Ruſſen büßen laſſen für dieſe Siege, welche ſie nicht ihrer eignen Tapferkeit und Klugheit, ſondern nur der Natur und den Elementen danken.“) Auch ſie ſollen ſehen, dieſe Ruſſen, mit wem ſie es zu thun haben, ich werde ſie zwingen, mich als ihren Herrn anzuerkennen, und das erzitternde Europa ſoll ſich meinen Geſetzen beugen! Und jetzt leuchtet ſein Antlitz auf in Stolz und Kühnheit, jetzt flammen ſeine Augen und ein *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Ebendaſelbſt pag. 210. 3* —————, 36 himmliſches Lächeln durchſtrahlt und verklärt ſein An⸗ geſicht.— Er hat wohl eine Armee, aber er hat nicht den Glauben an ſich ſelbſt, und an ſein Glück verloren. Er iſt immer noch der unbezwungene Held, der Cäſar mit dem unverwelklichen Lorbeer auf der Stirn, und dem Donnerkeil im Auge.— Und mit hinreißender Gewalt entwickelt der Kai⸗ ſer jetzt dem Erzbiſchof ſeine Zukunftspläne, und wie bald er wieder kommen, werde ſeine Revanche zu neh⸗ men für die erlittenen Unfälle, und den Kaiſer Alexan⸗ der zu zwingen, einen von Napoleon dictirten Frieden anzunehmen. Dann, nach dieſer langen feurigen Unterredung mit ſeinem Geſandten, befiehlt er de Pradt, ihm die erſten polniſchen Miniſter herbei zu rufen. Wie dieſe zu ihm eintreten, nicht ahnend, daß es der Kaiſer ſel⸗ ber iſt, der ſie herbeſchieden, nicht der Herzog von Vicenza, wie ſie den Kaiſer erkennen, und ſtaunend, entſetzt vor ihm zurückweichen, da lächelt Napoleon wieder, und ſein heiteres Geſicht ſtraft die düſtern Mienen der Polen Lügen. Er iſt ja ganz wohl und geſund, ganz heiter und zuverſichtlich, warum wollen ſie, die polniſchen Herren 37 Miniſter, denn verzagen? Er hat ſie ja rufen laſſen, um ſie zu tröſten, um ihnen zu ſagen, daß er einge— denk bleiben wird der Schwüre, die er den Polen ge⸗ leiſtet, daß er ihnen ihre Freiheit, ihre Unabhängig— keit wiedergeben werde. Aber die Mienen der Polen bleiben ernſt und trau⸗ rig, und ſie wagen es, von den großen Verluſten zu ſprechen, welche der Kaiſer in Rußland erlitten, und an denen auch die tapfern Polen ihren Antheil hätten. Napoleon ſucht ſie zu tröſten, ihren geſunkenen Muth wieder aufzurichten. Er ſagt ihnen, er werde bald wieder an der Spitze einer gewaltigen Armee in ihrer Mitte erſcheinen. Er verſichert ihnen, daß die Ruſſen mehr gelitten als er, denn ſie vermöchten ihre Verluſte nicht auszugleichen, während er die ſei— nigen in einigen Wochen würde ausgeglichen haben. Er vertröſtet ſie auf die allernächſte Zukunft und ſagt ihnen, das entſchiedene Uebergewicht der Macht Frank⸗ reichs über die Macht Rußlands werde binnen drei Monaten ſo mächtig hervortreten, daß Alles wieder ſeine gebührende Stelle einnehmen ſolle. Und es gelingt Napoleon in der That, den ge⸗ beugten Muth der Polen wieder aufzurichten, ihnen 38 wieder Vertrauen zu der Macht, zu dem Glück Na⸗ poleons einzuflößen.*) Er ſelber iſt ja ganz zuverſichtlich, ſeine Stirn iſt ja ganz wolkenlos, ſein Antlitz ſtrahlt von Energie und Muth, ein Lächeln umſpielt ſeine Lippen, und leuchtet wie ein erwärmender Sonnenſtrahl den Polen in das Herz hinein. Jetzt kann er abreiſen, denn der Zweck ſeines Aufenthalts in Warſchau iſt erfüllt, er hat den ge beugten Muth der Polen wieder aufgerichtet, er hat ihren Glauben an ihn wieder befeſtigt, er darf wieder auf ihre Treue, ihre Opferbereitwilligkeit zählen! Der Kaiſer ſagt alſo den polniſchen Miniſtern Lebewohl, indem er ihnen zugleich gebietet, Niemanden zu ver— rathen, daß er in Warſchau geweſen. Man ſoll ſo lange glauben, daß ich noch in Ruß— land bin, ſagt er, bis von Paris aus der Donner meiner Stimme Europa durchhallt. Mit dieſem ſtolzen Abſchiedswort beſteigt er wie der den elenden ärmlichen Schlitten, der Cäſar und ſein Glück gen Frankreich tragen ſoll.— Der zweite Schlitten, mit den übrigen Begleitern des Kaiſers, *) Thiers: Histoire de Consulat et de Pempire. Vol. XV. pag. 121. 39 ſchlägt von Warſchau aus einen andern Weg ein, da— mit das Geheimniß beſſer bewahrt werde, damit der Zug von zwei Schlitten nirgends Aufſehn errege. Und wieder geht's weiter durch Schnee und Eis, weiter in tiefem Schweigen, in tiefem Geheimniß durch Nacht und Kälte. Am vierzehnten December, inmitten der Nacht, iſt Dresden erreicht. Der Kaiſer verläßt ſeinen Schlitten und will im Hötel ſeines Geſandten, des Marquis de Serra, einige Stunden der Ruhe genießen. Aber nein, nur Caulaincourt, ſein treuer Begleiter, darf ſchla— fen und einige Stunden ſeine erſtarrten Glieder ſtrecken. Der Kaiſer ſchläft nicht, er bedarf keiner Erholung. Er läßt ſich von ſeinem Geſandten Bericht erſtat— ten über die Stimmung der deutſchen Völker während ſeines ruſſiſchen Heerzugs, und er lächelt verächtlich und zuckt die Achſeln, als der Marquis de Serra ihm unverholen bekennt, daß die deutſchen Völker alle in Aufruhr und Bewegung ſeien, daß ſie bald vielleicht ſich erheben und ihre Fürſten zwingen würden, den Krieg gegen Frankreich zu beginnen, daß die Deut⸗ ſchen entſchloſſen ſeien, das Fremdjoch nicht länger zu ertragen, und dem Willen Napoleons ſich nicht mehr zu beugen. 40 Ich werde ihren Entſchluß brechen, ſagt Napoleon Ka gleichgültig, ich werde ſie zwingen, ſich vor mir zu tern beugen. Wenn ich erſt wieder mit einer Armee von dreimalhunderttauſend Mann über den Rhein komme, Au ſo werden die Deutſchen anders denken und es nicht Ar mehr wagen, ſich mir zu opponiren. Sollten ſie es aber dennoch verſuchen, ſo werde ich ihnen neue Schlachtfelder von Jena und von Auſterlitz ſchaffen, und ſie werden wieder in den Staub vor mir ſinken! Un — Gehen Sie jetzt, Marquis, und holen Sie mir den König von Sachſen hierher. 3 Ew. Majeſtät befehlen, daß man den König mitten zu in der Nacht wecken ſoll?. Wache ich denn nicht mitten in der Nacht? fragt 3 Napoleon. Sagen Sie dem König, ich würde zu* le ihm kommen, wenn ich nicht im ſtrengſten Incognito hier wäre und dieſes Incognito bewahren müßte. Ge⸗ 3 hen Sie, holen Sie mir den König!— d Kaum eine halbe Stunde iſt vergangen, da tritt der alte König von Sachſen ſchon in das Gemach 1) ein, in welchem Napoleon, auf dem Divan ausgeſtreckt, i ſich befindet. b Der König, an allen Gliedern bebend, mit Thrä⸗ 3 nen in den Augen, eilt mit ausgebreiteten Armen zu dem — K 3 —V—— 41 Kaiſer hin, der haſtig aufgeſprungen iſt, und mit hei⸗ term Ton den König willkommen heißt. Friedrich Auguſt weint, Napoleon lächelt, Friedrich Auguſt klagt über das furchtbare Unglück der großen Armee, Napoleon tröſtet ihn. Das Unglück iſt wieder gut zu machen, ſagt Na⸗ poleon zuverſichtlich. Laſſen Sie Sich durch die letz⸗ ten Ereigniſſe nicht beunruhigen. Dies ſogenannte Unglück iſt nur eine der beweglichen und veränder⸗ lichen Scheingeſtalten, die der Krieg bisweilen annimmt. Nach wenigen Wochen werde ich furchtbarer denn je zurückkehren, meinen Feinden ein Schrecken, meinen Freunden eine ſichere Stütze, ein treuer Bundesgenoſſe. Ihnen, mein lieber Papa,“) werde ich auch Ihr ge⸗ liebtes Polen erhalten, und Sie dort mächtiger machen als Sie es je geweſen ſind. Und nun ſetzt er dem König klar und energiſch die Pläne auseinander, welche er für ſeine Zukunft entworfen, und denen zufolge alle ſeine Feinde vernich⸗ tet, alle ſeine Freunde erhoben und belohnt werden ſollen. Seine Worte ſind ſo energiſch, ſo voll Ueber⸗ zeugungskraft, daß der gute alte König von Sachſen *) Die gewöhnliche zärtliche Anrede, welche Napoleon dem König von Sachſen ſpendete. 42 ſich von ihnen hingeriſſen, daß er ſich wieder wie neu belebt, neu geſtärkt fühlt, daß die Thränen in ſeinen Augen verſiegen, und er wieder mit heiterm Muth an das unwandelbare Glück Napoleons glaubt. Der Kaiſer hat alſo ſeinen Zweck erreicht, er hat den treueſten ſeiner Bundesgenoſſen getröſtet und ihn in Glauben und Zuverſicht auf's Neue an ſich ge— feſſelt. Jetzt nimmt er zärtlichen Abſchied von dem König und beſchwört ihn, ſeinen Beſuch noch achtund— vierzig Stunden als Geheimniß zu betrachten. Nur acht und vierzig Stunden noch bedarf er des Incog⸗ nito's, nur noch acht und vierzig Stunden, dann iſt er wieder der Kaiſer, vor dem eine Welt zu Füßen liegt, der eine Welt in Bewegung ſetzt. Nachdem der König ihn verlaſſen, ruft Napoleon nach dem Herzog von Vicenza, befiehlt ihm Alles zur Abreiſe bereit zu halten, denn in zehn Minuten ſoll die Reiſe weiter gehen. Dieſe zehn Minuten aber bedarf der Kaiſer, um ſeinem Schwiegervater, dem Kaiſer Franz, ſeine Heim⸗ kehr zu melden, ihm ſeine Grüße zu ſenden. Er ruft ſeinen Geſandten, den Marquis de Serra, befiehlt ihm, vor dem Schreibtiſch Platz zu nehmen, und im Zimmer auf⸗- und abgehend, die Hände auf 43 dem Rücken gefaltet, dictirt ihm Napoleon mit lauter feſter Stimme folgenden Brief: „Mein Herr Bruder und geliebter Schwiegervater!“ „Ich verweile einen Moment in Dresden, um an Ew. Majeſtät zu ſchreiben, und Ihnen von mir Nach⸗ richt zu geben. Ungeachtet der größten Anſtrengungen iſt meine Geſundheit niemals beſſer geweſen. Ich bin am 5. December nach der Schlacht an der Bereſina aus Litthauen abgereiſt, indem ich die große Armee un⸗ ter dem Oberbefehl des Königs von Neapel zurückließ; der Fürſt von Neufchatel fährt fort, die Functionen eines General⸗Majors zu erfüllen. Ich werde in vier Tagen in Paris ſein; dort werde ich die Wintermonate verbleiben, um den wichtigſten Staatsgeſchäften vorzu⸗ ſtehen. Vielleicht halten es Ew. Majeſtät für zweck⸗ mäßig, in der Abweſenheit Ihres Geſandten, deſſen Gegenwart bei unſeren Armeen nützlich iſt, Jemanden Anderes zu mir zu ſchicken.“ „Die verſchiedenen Bülletins, die der Herzog von Baſſano nicht ermangelt haben wird, dem Grafen Otto zu überſenden, werden Ew. Majeſtät von dem Stand der Angelegenheiten unterrichtet haben. Es wäre unter dieſen Umſtänden ſehr wichtig, daß Ew. Majeſtät ein Galiziſches Corps mobil machen und . 3 ————————— 44 Ihre Truppenzahl auf ſechszig tauſend Mann bräch⸗ ten. Ich habe volle Zuverſicht in die Geſinnungen Eurer Majeſtät. Die Allianz, die wir geſchloſſen, bil⸗ det ein permanentes Syſtem, von welchem unſere Völ⸗ ker ſo große Vortheile genießen werden, daß ich wohl hoffen darf, Ew. Majeſtät werden Alles das erfüllen, was Sie mir in Dresden verſprochen haben, um un⸗ ſerer gemeinſchaftlichen Sache den Sieg zu verſchaffen, und uns ſchnell zu einem angemeſſenen Frieden zu führen.“ „Ew. Majeſtät können überzeugt ſein, daß Sie meinerſeits mich immer bereit finden werden, zu thun, was Ihnen angenehm ſein könnte, Ihnen zu beweiſen welche Wichtigkeit ich auf unſer gegenſeitiges Einver⸗ nehmen lege, und Ihnen Proben zu geben von der voll⸗ kommenſten Achtung und hohen Schätzung, mit wel⸗ cher ich bin, Ew. Majeſtät guter Bruder und Schwie⸗ ſohn.“ Gezeichnet Napoleon.“*) Der Brief iſt beendet, die zehn Minuten ſind um, der Kaiſer eilt hinunter zu ſeinem Schlitten, an wel⸗ chem Caulaincourt ihn ſchon erwartet. Der Tag dämmert kaum herauf, als der Schlitten ſchon wieder *) Dieſer Brief iſt im Originaltext abgedruckt: Fain: Ma- nuscrit de mille huit cent treize. Vol. I. p. 6. 45 aus Dresden dahin gleitet, der Schlitten, der den Cäſar und ſein Glück nach Frankreich hin tragen ſoll!— Nur noch achtundvierzig Stunden, dann iſt er dort, nur noch im ſauſenden Galopp dieſes kalte, feind⸗ ſelige Deutſchland durcheilt, dieſes Deutſchland, das ihn haßt, das ſich wider ihn erheben, ihn vernichten würde, wenn man ſeine Gegenwart ahnte. In finſterm Schweigen ſitzt der Kaiſer in der Ecke ſeines Fuhrwerks, ſchweigend und unbeweglich, als wäre ſein Antlitz erſtarrt, empfindungslos, nur zuweilen ver— räth ein zorniges Aufblitzen ſeiner Augen, ein verächt⸗ liches Zucken ſeines Mundes, daß ſeine Seele arbeitet und leidet, daß vielleicht kein Herz von Stein in die⸗ ſer breiten Cäſarenbruſt liegt. Nach achtundvierzig Stunden raſtloſer Fahrt endlich iſt das Ziel erreicht, das gebrechliche Fahrzeug hat den Cäſar und ſein Glück wirklich gen Frankreich getragen. Die Thürme, die dort am Horizont auftauchen, das ſind die Thürme von Mainz, das iſt Frankreich! Hier ganz nahe vor ihnen, dieſe hohe Stange auf deren Spitze eine Fahne weht, das iſt der Grenzpfahl Frankreichs, und die Tricolore Frankreichs iſt es, die da in den Lüften weht! 46 Napoleon blickt zu ihr hin, und über ſein Antlitz fliegt ein Leuchten, wie Sonnenſtrahlen ſo glänzend, und ſeine Stirn, die ſo düſter geweſen, wird jetzt hell und klar, und ſeine Augen verlieren ihr zornig Leuch⸗ ten, und blicken milde und freudig drein, und mit einem ſanften Lächeln wendet er ſich an den Herzog von Vicenza. Caulaincourt, ſagt er, morgen ſind wir in Paris! Sie haben mit mir geduldet und gelitten,— ich werde Ihrer Treue eingedenk ſein. Dort liegt Frank⸗ reich, und jetzt bin ich wieder der Kaiſer, und ich habe nicht mehr nöthig mein Antlitz zu verhüllen, ich werde es meinen Freunden und meinen Feinden zeigen. Meinen Freunden um ſie zu belohnen, meinen Fein⸗ den, um ſie zu vernichten. Wehe meinen Feinden! wehe denen, welche wider mich waren, ich werde ſie Alle zerſchmettern, ſie Alle unter meine Füße treten! Und nun, mit leuchtenden Augen lehnt er ſich zurück, auf die Thürme ſeiner Feſtung Mainz die Blicke ge⸗ richtet, pfeifen ſeine Lippen die Melodie, die ſeinen Dienern und Vertrauten nur zu bekannt iſt, die Na⸗ poleon nur dann hören läßt, wenn neue mächtige Gedanken ſeine Seele bewegen, wenn neue Kriegsplane in ihm lebendig werden. ———— A ftanzo des g oſt ſe borol 47 Auf ſeine ſtarke Feſtung Mainz, auf den nahen franzöſiſchen Adler des Grenzpfahls hinblickend, pfeifen des Kaiſers Lippen die Melodie des Liedes, das er ſo oft ſchon das entſetzte Europa hat hören laſſen: Marl- borough va-t-en guerre! II. Ein Lichtbild. Es hatte die ganze Nacht geſchneit; wie ein rieſen⸗ großes Leichentuch hatte der fußhohe Schnee ſich über die weite Ebene von Litthauen dahin gelagert. Schauer⸗ liche Stille herrſchte ringsumher, keine Hütte war, ſo weit das Auge reichte, zu entdecken, kein Vogel durchkreiſte die graue Dämmerung, keine Menſchen⸗ ſtimme ließ ſich vernehmen. Oede, unermeßliche Schneewüſte all überall. Nur das Pfeifen des Sturms unterbrach zuweilen die furchtbare Stille, und aus der Ferne vernahm man dann und dann das Heulen der Wölfe, die beutegie⸗ rig den fernen Tannenwald durchſtreiften.— Allmä⸗ lig verſtummte auch dies Geräuſch, und dort drüben am Horizont begannen durch den aſchgrauen Nebel 49 einzelne gelbe Lichtſtreifen aufzuleuchten. Die Nacht war beendet, das Licht des Tages rang mit der Dun— kelheit und den feuchten Schleiern des kalten Winter⸗ tages, aber es vermochte noch nicht ſie zu durchdrin— gen, und nur wie eine große gelbe Meſſingſcheibe hob ſich die Sonne über den nebelgrauen Horizont empor. Immer noch furchtbare Stille, nicht der Frieden der Natur, nicht der lächelnde Schlaf der ruhenden Welt, ſondern die Erſtarrung des Lebens, das grau⸗ ſige Schweigen der eingeſargten Schöpfungskraft. Aber die Sonne iſt doch emporgeſtiegen über die ſchweigende Wüſte und ihre Strahlen dringen durch die grauen Nebelſchleier und zerreißen die düſtern Wolken, damit es Licht werde über der Welt, damit die Erde den neuen Tag ſehe, welcher heraufdämmert. Und endlich hat ſie geſiegt über die Finſterniß, die Königin des Lichts, die Nebel alle ſind zerriſſen, und nicht mehr eine gelbe Meſſingſcheibe, ſondern eine glänzende, leuchtende und erwärmende Sonne ſteht da droben am kalten Winterhimmel, und das eiſige Leichentuch der Erde verwandelt ſich unter ihren Strahlen in ein glitzerndes, ſternfunkelndes Feierkleid, und die eiſigen Behänge, welche die Zweige der ein— ſam hier und dort ſtehenden Tannen belaſten, leuchten Mühlbach, Erzh. Johann u. Metternich. II. 4 50 jetzt auf und werden zu wundervollem, zartem Silber⸗ filigran.— Die Sonne iſt da, die Welt iſt erwacht, aber noch iſt ſie einſam. Die Königin des Tages iſt da, aber ſie ſchaut vergebens umher nach dem König der Erde, nach dem Menſchen. Doch ſtill, unterbricht nicht ein Laut dort in der Ferne das öde Schweigen? Iſt's nicht, als ob es die Luft durchzittere, wie das melodiſche Getöne und Ge⸗ klirre von kleinen Glöckchen, als ob die Erde dröhne von dem Geſtampfe eilender Roſſe? Und da, dort drüben am Ende jener weißen unermeßlichen Ebene, da, wo der morgenröthliche Himmel ſich mit der wei ßen Schneefläche berührt, zeigt ſich nicht da ein ſchwar— zer Punkt? Ja, er wird größer und größer, er be⸗ wegt ſich vorwärts auf der weiten Ebene, deutlicher ſchon vernimmt man das Klingeln der Schellen, das Stampfen der Roſſe— es iſt ein Schlitten, der da heranbrauſt, ein kleiner Schlitten von der ſchmucklo⸗ ſen, einfachen Litthauer Art. Ein kurzer, einfach ge⸗ zimmerter Holzſchlitten, und auf demſelben befeſtigt ein alter Kutſchkaſten. Vier kleine, muthige Litthauer Pferde mit fliegenden Mähnen, mit dampfenden Nü— ſtern ziehen den Schlitten, vorn auf dem Bock ſitzt, feſt ei den H großen lichen den k geſtül erkenr lichen hüll iſterr über Müß hagli pen iſt b an als ſtzer trig, volle grof eine von 51 feſt eingehüllt in ſeinen Schafpelz, den niedrigen run⸗ den Hut tief in die Augen gedrückt, der Kutſcher, am großen Bart, der ſein Geſicht umhüllt, am eigenthüm⸗ lichen Schnitt des Geſichts, den breiten Backenknochen, den kleinen ſchräg geſchlitzten Augen, der breiten auf⸗ geſtülpten Naſe gar leicht als echter Sohn Rußlands erkennbar. Neben ihm ſitzt ein Menſch von wunder⸗ lichem Ausſehen. Seine breiten Schultern ſind um— hüllt von einem öſterreichiſchen Militairmantel, eine öſterreichiſche Militairmütze bedeckt ſeinen Kopf, und über dieſelbe iſt ein Tuch gebunden, zum Schutz der Mütze und der Ohren. Sein Antlitz glüht, ein be⸗ hagliches Lächeln umſpielt ſeine breiten, feuchten Lip— pen, ſeine Augen ſind geſchloſſen und ſeine dicke Naſe iſt von jenem eigenthümlichen Colorit, das Falſtaff an Bardolph rühmt und von dem er ſagt, daß es als Karfunkelſtein die Nacht durchleuchte. Im Innern des Schlittens wie auf dem Bock ſitzen aber zwei Männer. Der Eine klein, breitſchul⸗ trig, mit ſcharfen, markirten Zügen, breiter, gedanken⸗ voller Stirn, großer, ſtark gebogener Naſe und zwei großen, ſchwarzen Augen, ſcharf und funkelnd wie die eines Adlers. Der Andere ſchmächtiger und größer von Geſtalt, das Geſicht weniger markirt, aber mit 4⸗ 1 52 weichen, edlen Zügen, voll ſanfter Heiterkeit und doch zugleich voll Energie. Zwei Deutſche ſind's, die da im Innern des Schlittens ſitzen, zwei edle, muthvolle Deutſche, welche von Rußland daher kommen als die Sturmvögel eines neu anbrechenden Tages, als die Herolde einer neuen Zeit. Der Freiherr von Stein und der Dichter Ernſt Moritz Arndt, die ſind es, welche über die Ebene herangebrauſt kommen, von Rußland, gen Deutſch⸗ land hin. Beide hatten ſie, Jeder in ſeine Ecke des wohlge— polſterten Schlittens gedrückt, eine Zeit lang geſchwie⸗ gen, die Pelzmützen tief über die Ohren gezogen, die warmen Pelze eng um die Schultern zuſammenge⸗ legt. Aber wie jetzt der Strahl der Morgenſonne grade hinein fiel in den Schlitten, richtete der Freiherr von Stein ſich aus ſeiner Ecke empor und ſchaute mit ſeinen ſcharfen Adleraugen hinaus auf die Schnee⸗ fläche. Gott ſei Dank, es iſt heller Tag, ſagte er, die Sonne iſt da! Wir thaten doch gut, inmitten der Nacht aufzubrechen und weiterzureiſen. Will's Gott, werde ſchrei 3 frohn ander den, loyp liebe 53 werden wir noch heute die Grenze Preußens über⸗ ſchreiten. Ja, ja, das werden wir, Excellenz, rief Arndt frohmüthig. Iſt mir's doch ſchon, als röche ich eine andere Luft, und mein Herz möchte gleich den Pfer⸗ den, die den Heimweg einſchlagen, im ſchnellſten Ga⸗ lopp vorwärts, vorwärts dem lieben Deutſchland, dem lieben Preußen zu. Sind ein großes Kind, Sie Poet, Sie Schwär⸗ mer, murrte Stein lächelnd. Werden noch früh genug nach Deutſchland kommen und in Preußen den alten Sauerteig des Mögens und Zauderns, des Wollens und Nichtkönnens durchkneten müſſen, bis ein reputir⸗ liches, genießbares Brod für Deutſchland daraus ge⸗ backen werden kann. Ich will Ihnen was ſagen, Freund, ich fürchte, es wird viel Aergerniß geben in Königsberg, ich werde mal wieder mit Keulen drein ſchlagen müſſen und als grober, ungehobelter Wege⸗ lagerer zwiſchen all die feinen Cavaliere und wohlbe— dächtigen Herren drein fahren, die mit ihrem ewigen Reſpect und ihrem unleidlichen Cunctatorweſen wieder Alles verderben könnten. Werden erſt wieder mit ſäuberlichen Katzenbuckeln in Potsdam anfragen wol⸗ len, ob Se. Majeſtät ihnen auch gnädigſt erlauben 54 wollen, als tapfere, kühne, deutſche Krieger ihr Vater⸗ land zu vertheidigen gegen den fränkiſchen Räuber, der mit Schimpf und Schanden aus Rußland entflo⸗ hen iſt. Der große Cunctator Friedrich Wilhelm aber wird dann ſo lange erwägen und überlegen und mit ſeinen franzoſenfreundlichen Buſenfreunden berathſchla— gen und in Wien anfragen, ob's auch erlaubt iſt, und in Paris nachforſchen, ob's nicht zu vermeiden iſt, bis endlich Alles zu ſpät iſt, und der Bonaparte, der die Kunſt verſteht, Armeen aus der Erde zu ſtampfen, wieder wohl gerüſtet daſteht, und all' die Rheinbunds heere, und das feige Fürſtengelichter wieder elendiglich vor ihm im Staube kriecht.— Aber ich ſag's Ihnen und ich ſchwör's Ihnen, dies Mal ſoll's nicht ſo kom— men, und ich will die Herren in Königsberg zwingen, feurige Patrioten zu ſein, und will ſie aus ihrer kal— ten Beſonnenheit heraushetzen zur Parforcejagd nach dem wüthenden Eber Bonaparte! Und Ew. Excellenz verſtehen ſich darauf, Gott ſei Dank, ſagte Arndt lächelnd. Gott ſelbſt hat Ihnen das Talent gegeben, die Leute auf den Trab zu bringen, die Zagenden beherzt, die Zaudernden that⸗ kräftig und die Lauen feurig zu machen. Gott wird tapfe Crla ald find eller Lieb bell 5⁵ alſo auch geben, daß es Ihnen dies Mal mit den Herren in Königsberg gelingt. Es wird gelingen, rief Stein kräftig. Es wird anfangs wohl einen Kampf koſten, denn Sie ſehen's ja, die heilige Scheu und der grimme Reſpect vor Napoleon juckt den Herren Generälen noch immer wie die Windpocken auf dem Leib herum, und der tapfere General York, der den Muth gehabt, ohne Erlaubniß ſeines Königs ſeine Pflicht zu thun und als deutſcher Soldat zu handeln, der General York findet keine Nachahmer. Der König, der ihm, dem edlen, deutſchen Patrioten danken, und ihm ſeine höchſte Liebe bezeugen ſollte, nennt ihn ſtatt deſſen einen Re⸗ bellen und Landesverräther und will ihn vor ein Kriegsgericht ſtellen, und das macht die anderen Ge⸗ neräle ſtutzig und ſcheu, und die militairiſche Disci⸗ plin läßt ſie irre werden an ihrer Pflicht als deutſche Männer. Aber ich will mit der Stimme des Don⸗ ners zwiſchen ſie fahren und ihre zahmen Geiſter wek— ken, daß ſie wild und blutgierig werden wie die Tiger. Wie der Sturmwind will ich— Herr von Stein verſtummte, denn der Sturm fegte über die weite Ebene daher, wirbelte eine un⸗ geheure Wolke von Schnee auf und trieb ihre feuch⸗ b 56 ten Maſſen hinein in den Schlitten, gerade den bei— den Herren in's Angeſicht. Gut, ſagte Herr von Stein nach einer langen Pauſe, in der Beide huſtend und ſtöhnend bemüht ge⸗ weſen, ſich von den Schneemaſſen zu reinigen, gut, der Sturmwind hat gemerkt, daß ich von ihm ſprach, der wollt' mir eine Probe geben, wie man's machen muß, um die Menſchen aus ihrer trägen Behaglich⸗ keit zu wecken. Ich werde mir das ad notam neh⸗ men, mein Herr Sturmwind, mein Herr Lehrmeiſter. Aber verdammt mächtig iſt die Probe geweſen, und mein Geſicht brennt, als ob's mit Neſſeln gepeitſcht wäre. Ich denke, Herr Poet, Ihnen wird die kalte Ladung auch die dichteriſche Begeiſterung abgekühlt haben, und es wird uns Beiden ein Schlückchen Port⸗ wein recht willkommen ſein. He, Joſt, geb' Er mal aus ſeinem Futteral die Flaſche her! Aber Joſt, der Diener auf dem Bock, rührte ſich nicht, und ſchien den Befehl ſeines Herrn gar nicht gehört zu haben. Stein fuhr auf, ſeine Augen blitzten im Zorn, und ſich halb aufrichtend gab er mit der Fauſt dem Diener einen derben Stoß in den Nacken. He, Joſt, iſt Er ſchon wieder betrunken, Er unver⸗ 57 beſſerlicher Trunkenbold, ſchrie er mit ſeiner Stentor⸗ ſtimme. Hat er nicht gemerkt, daß wir in unſerem Affenkaſten eine ganze Ladung Schnee bekommen ha⸗ ben, und etwas zur Erwärmung haben wollen. Alſo die Flaſche her, Er alter Grenadier! Aber der Grenadier Joſt rührte ſich noch immer nicht, und ſelbſt die wiederholten Püffe ſeines Herrn, die ſonſt nie ihre Wirkung verfehlten, übten diesmal keinen Einfluß auf ihn. He Kutſcher, rief Stein halb grimmig, halb angſt⸗ voll, ſeh' Er den Joſt einmal an. Was fehlt ihm denn? Der Ruſſe wandte langſam ſein Haupt nach dem alten Joſt hin, der neben ihm ſaß, und mit der Hand ihm die Mütze, die ihm tief über das Geſicht herab⸗ geſunken, wieder emporziehend, würdigte der ſtolze Roſſelenker ihn eines aufmerkſamen Blicks. Er iſt eingeſchlafen, ſagte er dann in gebrochenem Deutſch und mit vollkommener Gleichgültigkeit wandte er ſeine Aufmerkſamkeit wieder ſeinem ſchnaubenden Viergeſpann zu, und hieb, mit der Zunge ſchnalzend, auf die Thiere ein, daß ſie in ſauſendem Galopp über die glatte Eisfläche des gefrorenen Sees, den ſie eben paſſirten, dahinflogen. 58 Will er wohl ſtill halten, Er Unmenſch, brüllte Herr von Stein, ſich aus dem Schlittenkaſten vornei⸗ gend, und den Kutſcher hinterwärts an den beiden Schultern packend. Still halten, ſag' ich. Will Er denn meinen alten Joſt, der nicht ſchläft, ſondern er⸗ ſtarrt iſt, geradezu erfrieren laſſen. Nicht erſtarrt, aber ſchläft, ſagte der Kutſcher lako⸗ niſch. Ein betrunkenes Vieh, alle Tage beſoffen. Was geht's Ihn an, ob er beſoffen iſt? ſchrie Stein. Zahlt Er ihm den Branntwein, und iſt's Sein Verdienſt, daß Sein ausgebrannter Magen mehr vertragen kann, als der meines alten Grenadiers? Still halten ſoll Er, ſag' ich. Der Kutſcher hielt jetzt, mitten im ſchnellſten Lauf, mit einem einzigen Ruck die Pferde an, und Arndt ſprang aus dem Schlitten, faſt mit Gewalt den älte⸗ ren, vom Podagra vielgeplagten Freund auf den Sitz in dem„Affenkaſten“ zurückdrängend. Bleiben Sie, Excellenz, ſagte er haſtig. Ich will den alten Joſt wecken, und eine Strecke mit ihm lau⸗ fen, damit ſeine Glieder wieder Leben und Wärme bekommen. Er ſprang zu dem Diener hin, und rüttelte und ſchüttelte ihn ſo heftig, und ſchrie ihm ſo lange ſeinen Na⸗ nen ſch 8 ſämn und ande zu 59 men in's Ohr, bis der alte Soldat die Augen auf⸗ ſchlug und mit verwunderten Blicken emporſtarrte. He, Joſt, rief Arndt jetzt, wenn Ihr hier nicht jämmerlich erſtarren und erfrieren wollt, ſo ſteht auf und ſteigt ab. Wir wollen ein Stück Wegs mitein⸗ ander laufen. . Es wäre beſſer, wir hätten Ihn erfrieren laſſen, Er elender Trunkenbold, ſchrie Herr von Stein, dem Alten einen wohlgezielten Puff in den Nacken appli⸗ cirend. Nichts als Aerger und Noth hat man von Ihm, uud ich wundere mich blos, daß Er, als Er noch beim Militair ſtand, nicht von Seinem Unter⸗ officier todt geprügelt iſt, was Ihm übrigens ſehr ge⸗ ſund geweſen wäre! Jetzt ſteh' Er auf, und mach Er, daß Er herunter kommt! Joſt, noch immer betäubt und verſchlafen, ſuchte ſich aufzurichten, ſank aber laut ächzend auf den Sitz zurück. Es geht nicht, Excellenz, ſagte er matt, meine Beine ſind abgeſtorben, ich kann nicht ſtehen und gehen. Jetzt wird Er, weiß Gott, uns hier erfrieren, rief Herr von Stein mit zornigem Klageton. Nein, er wird nicht erfrieren, ſagte Arndt haſtig, 60 wenn Einer nicht ſtehen und gehen kann, ſo greift man ihm unter die Arme! So! Und mit ſeinen beiden kräftigen Armen hob er den Alten empor, und ſetzte ihn wohlbehalten auf dem Eiſe ab. Jetzt kommt, alter Joſt, ſagte er, jetzt wollen wir eine Promenade machen, und uns die Kälte aus⸗ laufen. Sie, Excellenz, haben Sie nur die Güte über den See weiter zu fahren, und uns am Ufer zu erwarten. Nun vorwärts, Joſt, vorwärts, wir wollen einmal Schlittſchuh laufen ohne angeſchnallte Schlittſchuh. Faßt mich unterm Arm, und nun vor⸗ wärts! Er faßte mit kräftiger Hand den alten Grenadier, und ſprang vorwärts. Freilich ſtrauchelte Joſt, aber Arndt's mächtige Fauſt hielt ihn aufrecht, und ſtützte ſeine wankenden Schritte. Allmälig löſte ſich die Er— ſtarrung ſeiner Glieder, die Füße, die vorher wie Blei ſo ſchwer geweſen, wurden gelenkiger, und folgten ge— horſam dem Willen ihres Herren, und bald lief und glitſcherte der alte Joſt ganz froh und beweglich neben Arndt her, ohne noch ſeines Arms zur Stütze zu be⸗ dürfen. 3 Jetzt hurrah, vorwärts, alter Grenadier, rief Arndt 61 fröhlich, ſchaut die prächtige Eisbahn. Nun einmal einen tüchtigen Anlauf genommen, und dann dahin geſchlitzt wie ein Pfeil, den man vom Bogen ſchießt. Nicht ſo raſch, Sie Feuergeiſt, keuchte es hinter den Beiden, und wie Arndt ſich umwandte, ſah er da Herrn von Stein, mit glühend rothem Geſicht, mit keuchendem fliegendem Athem herbei eilen.“) Aber Excellenz, welche Unbeſonnenheit, rief Arndt faſt entrüſtet, kommen daher in der grimmigen Kälte, dazu noch ohne Pelz und ohne Pelzſtiefeln. Wollen alſo durchaus das Podagra haben? Was ſoll denn aus dem preußiſchen Landtag, und aus der Befreiung Deutſchland's werden, wenn Sie krank werden, und um des alten Sünders willen hier ſich Ihre eigenen Glieder erfrieren? Ach was, reden Sie mir jetzt keine kühle Weisheit, Sie warmer Poet, rief Stein, ich mußt' ſehen, wie's Joſt geht, und ob Sie ihn mir wieder lebendig ge— macht haben! Es ließ mir keine Ruh in dem Affen— kaſten, und da ich mit dem dicken Wildſchweinpelz und den Pelzſtiefeln nicht auf dem Eiſe marſchiren kann, ſo ließ ich ſie drin. Das iſt das Ganze! Und nun, *) Siehe: Arndt: Erinnerungen aus meinem Leben. —xJxIZIZI 62 alter Joſt, ſag Er, wie geht's? Sind die Glieder wieder aufgethaut? Ja, Excellenz, ſie ſind wieder friſch und mun⸗ ter, ſagte Joſt beſchämt, ich dank' Excellenz für die große Theilnahme, und dem Herrn Arndt dazu. Hätten Sie Beide ſich nicht meiner erbarmt, ſo hätte mich der Schurke von einem Ruſſen neben ſich erfrie⸗ ren laſſen, als wenn ich'n Franzoſ', alſo'n Kerl von der jämmerlichen großen Armee wär', die jetzt in der Bereſina begraben liegt. Ich werd's Excellenz mein Lebenlang nicht vergeſſen, daß Sie mir heut ſo viel Liebe und Güte erzeigt und mich nicht haben elendig⸗ lich umkommen laſſen! Möcht' halt nit erfrieren, denn ſeit die Franzoſen das Erfrieren gekriegt haben, wär's eine rechte Schande und beinah ein Vaterlands⸗ verrath, wenn Unſereins auch erfrieren wollt'. Da ſehen Sie nur den Patrioten an, Freund Arndt, lachte Herr von Stein. Bloß um's den Franzoſen nicht gleich zu thun, möcht' der alte Schelm jetzt nicht erfrieren. Er will aber mir meinen Zorn mit ſeinem Patriotismus abkühlen. Aber wart Er nur, Joſt, Seiner wohlverdienten Ladung Schelte entgeht Er nicht, und wenn wir heut Abend im Quartier ſind, werd' ich Ihn fuchteln, wie Er alter Trunkenbold es verdier ſo wä die S C bin ei hätten ders. voll! oll I ich a 3 Stei — 63 verdient. Hätt' Er nicht wieder heimlich getrunken, ſo wär' Er nicht eingeſchlafen, und wir hätten nicht die Sorge und Noth mit Ihm gehabt. Excellenz haben Recht, ſagte Joſt weinerlich, ich bin ein nichtsnutziger Kerl, und es wäre beſſer, Sie hätten mich umkommen laſſen, ich verdien's nicht an— ders. Meine Beine ſind noch ſteif, und thun jammer— voll weh, und das iſt mir ganz recht, und kein Menſch ſoll Mitleid mit mir haben, denn ich bin's nicht werth ich alter Trunkenbold. Deine Beine thun Dir noch weh? fragte Herr von Stein ängſtlich. Und Schmerzen haſt auch noch, mein alter lieber Joſt? Komm, wir wollen Drei mit— ſammen laufen, daß Dir die Beine warm werden, und die Schmerzen aufhören. Nun keine Umſtände gemacht, Joſt, faß' mich tapfer unter den Arm, und den Herrn Arndt auch. Hier auf dem Eiſe giebt's keinen Rang, und da droben im Himmel beim lieben Herrgott auch nicht. Nun kräftig angefaßt, alter Knabe, und vorwärts. Wir wollen in einem Trab bis zum Schlitten hin laufen. Und wirklich! In Einem Trabe liefen die drei Män⸗ ner über das Eis, ohne zu ſtraucheln, und zu fallen, bis zu dem Schlitten hin. Der alte Joſt hatte jetzt ſeine Gelenkigkeit wiedergefunden, und nachdem er die bei⸗ —y 64 den Herren wieder in den Schlitten gehoben, ſprang er munter und behende, wie ein junger Burſch, auf ſeinen Vorderſitz. Dann wandte er ſich um zu ſeinem Herrn, und mit feierlicher Miene ſagte er: Excellenz, diesmal bin ich noch mit dem Leben davon gekom— men, nun aber will ich mich auch beſſern, und beim allmächtigen Gott ſei's geſchworen, in meinem Leben will ich nicht mehr Branntwein oder Wein an die Lip⸗ pen bringen. Ich nehm' Seinen Schwur an, aber jetzt thu' Er, was ich Ihm vorher befohlen, und was Er damals nicht gehört hat, ſagte Herr von Stein, ſich ſorgſam und erſchauernd in ſeinen Pelz hüllend, hol' Er die Flaſche Porter aus dem Futteral, und ſchenk Er ein. Joſt beeilte ſich jetzt, dem Befehl ſeines Herrn zu folgen, und reichte bald dem Miniſter ein Weinglas dar, in welchem der dunkle Portwein gar anmuthig funkelte und duftete. Herr von Stein leerte das Glas zur Hälfte, und reichte Arndt die andere Hälfte dar. So, Joſt, ſagte er dann, jetzt ſchenk Er das Glas voll, und trink Er's aus, damit Ihm der Leib durch— wärmt werde, und Er wieder Courage faßt! Joſt gehorchte mit großer Bereitwilligkeit, und 3 b „ 8 65 füllte das Glas wieder mit dem dunkeln Porter, deſſen Duft ſeine Naſe begierig einſog. Haſtig hob er das Glas an ſeine Lippen empor, auf einmal zog er es zurück. Aber ich hab' ja geſchworen, keinen Wein oder Branntwein mehr zu trinken? fragte er ängſtlich. Ew. Excellenz haben meinen Schwur ja angenommen 2 Für dies Mal dispenſir' ich Dich, ſagte Herr von Stein lächelnd. Trink, alter Joſt, trink! Und nun vorwärts, Kutſcher, vorwärts, denn wir müſſen heut noch über die Grenze! Der Kutſcher hieb wieder auf die Pferde ein und vorwärts über das ſpiegelglatte Eis ging's im ſauſen⸗ den Galopp. Ja, wir müſſen heute noch über die Grenze, wie⸗ derholte Stein ernſt, müſſen im preußiſchen Städtchen Lyck mit dem Kaiſer Alexander zuſammentreffen. Er iſt jetzt der Hort, auf den Deutſchland zu hoffen hat, ſeine Heere ſollen uns die deutſche Freiheit wieder er⸗ obern helfen. Sie würden's nicht thun, und Kaiſer Alexander würde niemals den Entſchluß gefaßt haben, den Krieg fortzuſetzen, ihn bis nach Deutſchland hineinzuziehen, wenn nicht der große, unerſchrockene Miniſter von Stein ihm zur Seite geweſen, und ihm den Odem Mühlbach, Erzb. Johann u. Metternich. II. 5 66 ſeiner Tapferkeit und Mannhaftigkeit eingeblaſen hätte.— Ja, gut war's, daß ich da war, ſagte Stein ge— dankenvoll, daß ich den Schwarm der Franzoſenbe⸗ wunderer zurückdrängen und mir das Ohr des Kai⸗ ſers gewinnen konnte. Dieſe ſechs Monate, die ich in Rußland zugebracht, ſind die denkwürdigſten und in⸗ haltſchwerſten meines Lebens. Welch einen Kreis von Thätigkeit, Bewegung und Ereigniſſen habe ich nicht in dieſen ſechs Monaten durchlaufen. Möge er das Glück des Vaterlandes herbeiführen! Mögen wir jetzt nach Deutſchland zurückkehren, um da die Früchte zu erndten von dem Samen, den wir von Rußland aus über Deutſchland ausgeſtreut. Thätig und unverdroſſen ſind wir geweſen, Sie ſowohl wie ich, und alle un— ſere Freunde und Geſinnungsgenoſſen. Ich habe nur wenig thun und leiſten können, ſagt Arndt beſcheiden, aber das Wenige that ich mit Be— geiſterung und Freude. Wenig! Sie hätten nur wenig geleiſtet! rief Stein faſt unmuthig. Da haben wir die jämmerliche deutſche Beſcheidenheit, die uns unſern eigenen Werth niemals freudig bekennen läßt! Viel haben Sie gethan, Sie wackerer Poet der deutſchen Freiheit, und Ihr herrli⸗ he — 67 ches Buch,„der Geiſt der Zeit,“ dies Buch voll Rie⸗ ſenkraft und erſchreckensvoller Wahrheit, iſt wie die Stimme des göttlichen Zorns durch ganz Deutſchland geſchallt, und hat die Schlafenden erweckt und die Kleinmüthigen aufgerichtet; Deutſchland iſt Gott ſei Dank eine leſeluſtige Nation, und Ihr Buch hat in Deutſchland dem Napoleon mehr Niederlagen bereitet, als eine offene Feldſchlacht. Ihr Buch hat ihn beſiegt in den Gemüthern der Menſchen, und hat ſeine Anhänger zur Flucht getrieben, und zum Schweigen verdammt! Aber mein Buch wäre ja ohne Ew. Excellenz nie⸗ mals nach Deutſchland gekommen, ſagte Arndt lächelnd. Es irrte ja wie ein Geächteter in der Fremde umher und konnte nirgends einen Paſſirſchein über die Gren— zen Deutſchlands erhalten. Ew. Excellenz allein ha⸗ ben's veranſtaltet, daß es neu gedruckt und heimlich nach Prag ſpedirt ward, von wo es Juſtus Gruner heimlich auf Schleichhandelwegen nach dem übrigen Deutſchland einſchmuggeln ließ.—) Ihnen verdanke ich es, daß die Deutſchen mein Buch jetzt geleſen, und vielleicht einige heilſame Entrüſtung daraus eingeath⸗ met haben. *) Arndt: Erinnerungen aus dem äußern Leben. 5* 68 Und eine andere Armee, die Sie geſchaffen, wird morgen mit unſerm Transportſchlitten uns nach Deutſch⸗ land nachkommen, rief Stein. Ich meine Ihren„Ka⸗ techismus für den deutſchen Kriegs⸗ und Wehrmann.“ Das iſt eine neue große That, die Sie gethan, das ſind die Geiſter, die den Kampf der Völker auf Er⸗ den in der Luft fortſetzen und die Napoleon nicht be— ſiegen kann, weil ſie, mächtiger als er, ſeine Heere überflügeln, unſichtbar gegen ihn kämpfen, und für jeden gefallenen Soldaten unſerer Armeen aus dem Volk heraus einen neuen Kämpfer für die edle und große Sache des Vaterlandes erwecken. Oh Freund, ich habe ein Gefühl eben, als ob ein heißer Sonnen⸗ ſtrahl in mein Herz hineinleuchtete, und Alles, was da erſtarrt und hoffnungslos war, wieder zu neuem Leben erweckte. Ja, es wird Alles gut werden! Wir werden endlich das Ziel erreichen, das wir ſo lange erſtrebt, wir werden Deutſchland, will's Gott, ganz Europa von dem Ungeheuer befreien, das ſo lange, wie eine dunkle Wetterwolke des Unheils, über ihm hing, das wie ein hölliſcher Vampyr allen Völkern ihr beſtes Lebensblut ausſog und ihr Ehrgefühl mit Füßen trat. Mit freudigem Muth wollen wir jetzt an das große Werk der Völkerbefreiung gehen, und 69 das heilige Feuer des Zornes ſoll von nun auflodern in allen Herzen und alle Völker zur Erhebung be⸗ geiſtern. Erſt wollen wir den Bongparte vernichten, und wenn wir den aus Deutſchland herausgebracht, dann gilt's in Deutſchland ſelber aufzuräumen und den alten Augiasſtall privilegirter Fürſtenherrlichkeit und hochmüthiger Raubritter zu reinigen. Die klei⸗ nen deutſchen Fürſten haben zumeiſt das große Un⸗ glück Deutſchlands verſchuldet, und die Zeit des Ge⸗ richts iſt für ſie gekommen. Die Herren Fürſten des deutſchen Rheinbundes, dieſe ſpeichelleckeriſchen wedeln⸗ den Vaſallen Napoleons, müſſen endlich ihre Strafe erhalten für ihren Verrath, den ſie an Deutſchland und an ihren eigenen Ländern und Völkern begangen haben. Das Lumpengeſindel der deutſchen Fürſten wird freilich jetzt vor dem nordiſchen Bundesgenoſſen kriechen, wie ſie 1801 und 1802 vor Laforeſt und Mathieu Favier gekrochen haben.“) Aber der Kaiſer Alexander wird hoffentlich ſich nicht von ihnen be⸗ thören laſſen, und nicht vergeſſen, daß er nach Deutſch⸗ land gekommen iſt, nicht um die Fürſten zu erheben, ſondern um die Völker zu befreien. *) Napoleons eigene Worte. Siehe: Pertz: Leben des Freiherrn von Stein. Th. III. pag. 175 70 Und wenn er's doch vergeſſen ſollte, rief Arndt,„ St ſo iſt der deutſche Freiherr von Stein„allem Guten ſan ein Grundſtein, allem Böſen ein Eckſtein“ neben dem Lar Kaiſer, um ihn zu mahnen an ſeine heilige Pflicht. ein Sie ſind es ja, der den Kaiſer nach Deutſchland führt, und Sie werden ihn alſo auch auf dem rechten Wege Jh erhalten. 1 3ſ Sie ſagen, ich führe den Kaiſer nach Deutſchland, 1 und doch iſt Er es, der mich nach Deutſchland führt, t ſagte Stein lächelnd. Ich trage ja des Kaiſers Voll⸗ d macht in der Taſche, kraft welcher ich nach Preußen. ne gehe als der Commiſſarius des Kaiſers, und in wel⸗ 5 cher Alexander mich ermächtigt, den Aufſtand in Preu⸗ S ßen zu organiſiren, die Landwehr und den Landſturm en aufzurufen, und die Kriegs⸗ und Geldmittel zur Unter— f 6 ſtützung des Kaiſers und ſeiner Unternehmungen ge⸗ n gen die franzöſiſchen Heere in Thätigkeit zu ſetzen.“) Es iſt ein ſchweres und vollwichtiges Amt, das mir 4 der Kaiſer übertragen hat, und der gütige Gott möge 4 geben, daß die preußiſchen Beamten und Behörden W mich kräftig und gutwillig unterſtützen. Ich werde mein Werk damit beginnen, daß ich die preußiſchen *) Siehe: Pertz III. 270. — ——— 71 Stände in Königsberg zu einem Generallandtag zu⸗ ſammen berufe, um mit ihnen die Einberufung der Landwehr und des Landſturms zu berathſchlagen und einen feſten Entſchluß zu faſſen. Und die preußiſchen Männer werden Alle freudig Ihrem Ruf folgen, und den feſten, mannhaften Ent⸗ ſchluß faſſen, das Schwert zu erheben zur Vertheidi— gung des Vaterlandes, und es nicht eher wieder in die Scheide zu ſtecken, als bis der Dämon vernichtet, der ſtolze Uſurpator in den Staub getreten iſt. Oh nein, edler, theurer Freund, Großes ruht in Ihren Händen und groß werden Sie's zu Ende führen. Sie werden nicht allein das Unglück Deutſchlands enden, ſondern Sie werden ihm auch das Glück, das es ſo lange entbehren mußte, das ihm ſeine Fürſten nicht gewähren konnten, Sie werden ihm ſeine Frei⸗ heit, ſeine Eintracht und ſeinen ſtolzen Patriotismus wiederbringen. Wir wollen die Völker gewinnen, daß ſie ſich als Deutſche fühlen und erheben, und ihre Fürſten zwin⸗ gen, daß ſie deutſche Fürſten ſind, ſagte Stein ener⸗ giſch. Wollen ſie's nicht, ſo hat ihre letzte Stunde geſchlagen und ſie können ſich, unbeklagt von ihren Völkern, in die Dunkelheit zurückziehen. Preußen 72 und Oeſterreich werden auf ihren wahren Vortheil hören, ſie werden nicht das von Gott ihnen zum Glück ihrer Völker anvertraute Anſehen mißbrauchen wollen, um ihre Feſſeln zu verſtärken. Sie werden ſich einmüthig erheben, und Hand in Hand mit ihren Völkern dem Despoten entgegengehen. Man muß bei dem Kaiſer von Oeſterreich und dem König von Preu⸗ ßen darauf dringen, daß ſie ihre Miniſterien und ihre Umgebung aus Männern bilden, welche die Reinheit ihrer Grundſätze, und die Kraft ihrer Charaktere er- probt haben, daß ſie die feigen und verächtlichen Men⸗ ſchen fortſchicken, die ihrer Schwäche ſchmeichelten, und daß ſie dadurch den Verbündeten, welche ſie ſchützen und ſtützen, eine Gewähr ihres Betragens geben.) Preußen und Oeſterreich alſo ſollen beſtehen! Aber was wird mit den übrigen deutſchen Fürſten geſchehen? Sie werden gerichtet nach ihren Verdienſten, rief Stein ſtrenge. Sie haben kein Recht, die Beibehal— tung oder Wiederherſtellung ihrer Oberherrlichkeit zu verlangen. Sie ſind jetzt im feindlichen Stande, und im Augenblick des Eintritts der verbündeten Heere können deren Fürſten eine ſolche Anwendung des Er⸗ *) Stein's eigene Worte. Siehe Pertz III. 4 ——— 73 oberungsrechtes machen, wie ihr eigener Vortheil es mit ſich bringt. Man muß das Loos Deutſchlands nach dem wahren Vortheil des Volks und Europa's feſtſetzen; zu dieſer Handlungsweiſe iſt man berechtigt durch den Kriegszuſtand, in welchen ſich der Rhein⸗ bund geſetzt hat, und durch das Eroberungsrecht, wel⸗ ches bei günſtigem Erfolge daraus unmittelbar her⸗ vorgeht.) Am beſten wär's, all' die kleinen Könige, Herzöge und Fürſten von Deutſchland werden penſionirt, rief Arndt lebhaft, und nur Preußen und Oeſterreich, nur ein nordiſches und ein ſüdliches Deutſchland, getrennt in Preußen und Oeſterreich, und doch geeint zum ge— meinſamen, großen Vaterlande, bliebe übrig! Sie haben Recht, ſagte Stein gedankenvoll, es wäre vielleicht das Beſte für die Völker Deutſchlands, und nur auf dieſe kann es dabei ankommen. Mir ſind die Dynaſtieen in dieſem Augenblick großer Entwickelungen vollkommen gleichgültig, ſie ſind bloß Werkzeuge! Mein Wunſch iſt, daß Deutſchland groß und ſtark werde, um ſeine Selbſtſtändigkeit, Un⸗ abhängigkeit und Nationalität wieder zu erlangen, *) Stein's eigene Worte. Siehe Pertz III. 74 und Beides in ſeiner Lage zwiſchen Frankreich und Rußland zu behaupten, das iſt das Intereſſe der Nation und ganz Europa's; es kann auf dem Wege alter verfallener und verfaulter Formen nicht erhalten werden. Dies hieße das Syſtem einer militairiſchen künſtlichen Grenze auf den Ruinen der alten Ritter⸗ burgen und den mit Mauern und Thürmen befeſtig— ten Städten gründen wollen, und die Ideen Vauban's, Cöhorn's und Montalembert's verwerfen.“) Auf neuen Grundlagen muß Neues geſchaffen werden, und mir ſoll es ganz recht ſein, wenn das neue Deutſchland Oeſterreich und Preußen als ſeine Grenzmauern be⸗ trachten will, vorausgeſetzt, daß dieſe Beiden ein feſtes und dauerhaftes Fundament ſein können. Sie werden's ſein, Excellenz, wenn man ſie ver⸗ ſtärkt durch die Länder der kleinen Könige und Für⸗ ſten, die freilich ein ſchauerliches Zetergeſchrei erheben würden, wenn man ſie ihrer Herrlichkeit berauben wollte.— Man muß ſie eben ſchreien laſſen, ohne dadurch geſtört zu werden, ſagte Stein ruhig. Nimmt man die Theilung Deutſchlands unter Oeſterreich und Preu⸗ *) Stein's eigene Worte. Siehe: Pertz: Leben des Frei⸗ herrn von Stein. III. pag. 226. — — 75 ßen mit Beibehaltung einiger umſchloſſenen Länder an, ſo müſſen Baiern, Würtemberg und Baden auf die Gebiete und Würden, welche ſie vor 1802 be⸗ ſeſſen, beſchränkt, in das Verhältniß großer Vaſallen zu Oeſterreich geſetzt werden, und das Recht der Bünd⸗ niſſe und Geſandtſchaften verlieren; aus den übrigen würde ein Königreich Süddeutſchland's unter öſterrei— chiſcher Herrſchaft gebildet und dieſes eine Verfaſſung erhalten, da die weſentlichſten Beſtandtheile dieſes Lan⸗ des ſeit unvordenklichen Zeiten einen Grad von Frei⸗ heit genoſſen haben, deren Verluſt ihnen eine autokra— tiſche Regierung, ſelbſt methodiſch eingerichtete, äußerſt unangenehm machen würde.*) Und Norddeutſchland? fragte Arndt lebhaft. Was ſollte aus Norddeutſchland werden? Norddeutſchland müßte als ein verfaſſungsmäßiges, das heißt conſtitutionelles Königreich eingerichtet wer⸗ den; Hannover, Heſſen, Braunſchweig, Oldenburg würden große Vaſallen, von Preußen abhängig, aber nicht deſſen Beſtandtheile. Deutſchlands Grenzen müſſen ſein: die Maas, das Luxemburgiſche, die Mof ſel, die Vogeſen und die Schweiz. Der Lauf des *) Stein's eigene Worte. Siehe: Pertz: Leben Stein's. III. pag. 202. 76 Rheins als Grenze würde Deutſchland des Gebrauchs dieſes Stroms berauben, und ließe Mainz, welches ein Angriffspunkt iſt, in Feindeshand. Die Schweiz müßte ſich in ein Bundesverhältniß mit Oeſterreich ſetzen.“) Oh, warum haben wir keinen Kaiſer von Deutſch⸗ land, ſeufzte Arndt. Warum ſchreitet nicht der große deutſche Kaiſer Friedrich Barbaroſſa aus ſeinem Fel⸗ ſen hervor und macht ganz Deutſchland wieder zu Einem Reich, zu Einer Macht, dann wär's auch eine einige Herrlichkeit. Dann ſchriee der Eine nicht nach ſeinem Oeſterreich, der Andere nicht nach ſeinem Preußen, dann gäb's keine Heſſen und keine Würtem⸗ berger, keine Sachſen und Hannoveraner mehr, dann hätten wir nur noch Deutſche, nur Eine große Na⸗ tion, die ganz Europa Ehrfurcht und Schrecken ein⸗ flößte. Oh, lieber mächtiger großer Stein, helfen Sie zu dem großen Werk, thun Sie das Ihre, daß wir ein einiges Deutſchland, kein Süddeutſches und kein Norddeutſches Königreich, ſondern ein deutſches Kai⸗ ſerreich wieder bekommen. Oh, ſeien ſie jetzt kein Preuße, lieber großer Stein, ſondern ein Deutſcher allein. *) Stein's eigene Worte. Siehe: Pertz: Leben Stein's⸗ III. pag. 202. 77 Ich bin kein Preuße, rief Stein mächtig, ich habe nur Ein Vaterland, das heißt Deutſchland, und da ich nach alter Verfaſſung nur ihm und keinem beſon⸗ dern Theil deſſelben angehörte, ſo bin ich auch nur ihm und nicht einem Theil deſſelben von ganzem Her⸗ zen ergeben. Ich denke, wie Sie, und mein Glau— bensbekenntniß iſt: Einheit! Iſt dieſe nicht gleich möglich, dann ein Auskunftsmittel, ein Uebergang. Ich capricire mich nicht darauf, daß Preußen an der Spitze ſtehe. Setzen wir an die Stelle Preußens, was Sie wollen, löſen wir es auf, verſtärken wir Oeſterreich mit Schleſien und der Kurmark und dem nördlichen Deutſchland, reduciren wir Baiern, Wür⸗ temberg und Baden als die von Rußland begünſtig— ten auf das Verhältniß vor 1802. Machen wir Oeſter⸗ reich zum Herrn von Deutſchland! Ich wünſche es; es iſt gut, wenn es ausführbar iſt. Nur denken wir nicht an die alten Montagues und Capulets, und an die Zierden alter Ritterſäle. Wenn ſich der blu— tige Kampf, den Deutſchland zwanzig Jahre lang unglücklich beſtanden, und zu dem es jetzt wieder auf— gefordert wird, mit einem Poſſenſpiel endigen ſoll, ſo mag ich wenigſtens nicht daran Theil nehmen, ſon⸗ 78 dern werde dann freudig und eilig in das Privat⸗ leben zurückkehren.“) Der große Gott da droben möge ſolch' Unheil verhüten, rief Arndt feierlich. Er gebe den deutſchen Völkern die rechte Energie und Vaterlandsliebe, er gebe den deutſchen Fürſten die rechte Demuth und Opferfreudigkeit, und öffne ihre Ohren, daß ſie hören und verſtehen, was ihnen der edle Mund des beſten deutſchen Mannes, des edlen Herrn von Stein, ver⸗ kündet! Ich denk' zuweilen, Herr, die große Ger⸗ mania ſelber iſt Ihre Mutter geweſen, hat Sie ge nährt an ihren heiligen Brüſten, hat Ihnen einge— flößt von dem echten Urſtoff des Germanen, daß Sie ſtraff und feſt, ſonder Menſchenfurcht und Scheu, nur demüthig vor Gott und Ihrem eigenen Gewiſſen da⸗ ſtehen ſollen, unbeirrt und unwandelbar zu kämpfen für das Erbe Ihrer großen herrlichen Mutter Ger⸗ mania!— Poet, Poet, hüten Sie Sich! rief Stein lachend. Wollen mir in Ihrer Verzückung meinen Vater gar verdächtigen und mir einen Balken in mein Wappen bringen. Nein, nein, ich laſſe mir meine liebe, wirk⸗ *) Stein's eigene Worte. Siehe: Pertz III. pag. 226. 9— — 79 liche Mutter, die geborne Freiin, nicht abdisputiren, aber ſie war eine tapfere, hochherzige, echte, deutſche Frau, und die Liebe zum deutſchen Vaterland habe ich ſchon mit der Muttermilch eingeſogen. Auch— aber was hält Er denn auf einmal an, Kutſcher, und was giebt's denn da? Was es giebt, Excellenz? ſchrie der alte Joſt. Schauen's da hin, liebe Herren, ſchauen's die hohe zwei Stangen da mit den Adlern oben drauf. Das ſind die Grenzpfähle von Ruſſiſch-Polen und Preußen. Da, bei dem Pfahl da, fängt Deutſchland an! Hur⸗ rah! es lebe Deutſchland! Und der alte Joſt ſchwenkte laut jubelnd ſeine Militairmütze empor, und ſchrie und brüllte immer wieder: Hurrah! Es lebe Deutſchland! Sehen Sie, Freund, rief Stein freudig, da haben Sie gleich den erſten Muſtermenſchen eines einigen Deutſchen. Er hat's zu dieſer Stunde vergeſſen, daß er ein Oeſterreicher iſt, und daß da drüben Preußens Grenzen ſind. Er fühlt nur, daß da drüben die Grenzen Deutſchlands ſind, und das deutſche Herz geht ihm auf, und dem großen, gemeinſamen Vater— lande ſchreit er ſeinen deutſchen Liebesgruß entgegen! Und ich muß es auch thun, rief Arndt, aus dem 80 Schlitten ſpringend, ich muß mir das liebe, theure Deutſchland anſchauen, und aus voller Seele rufe ich mit Joſt: Hurrah, es lebe Deutſchland! Hurrah, es lebe Deutſchland! rief Stein, ganz unwillkürlich in den Jubelruf miteinſtimmend. Er hatte ſich von ſeinem Sitz erhoben, und ſeine ſchar⸗ fen, blitzenden Adleraugen ſchauten lange hinüber nach dem Grenzpfahl, dann hoben ſie ſich langſam empor zum Himmel, dann falteten ſich wie von ſelbſt ſeine Hände in einander und ſeine Lippen bewegten ſich zu Worten, die Niemand hörte und verſtand, Niemand, als Gott allein! Neben dem Schlitten ſtand Arndt, andächtig und ſtill ſchaute er zu ſeinem Freunde empor, und eine Thräne innigſter Rührung, heiligſter Freude umdüſterte ſeine hellen Augen. Es iſt doch etwas Großes und Schönes um die Liebe zum Vaterland, ſagte Arndt nach einer langen Pauſe. Nicht der erſte Kuß der Geliebten hat mich ſo glücklich gemacht, wie heute das Anſchauen der Grenzen unſeres Vaterlandes! Und das will ein Poet ſein, rief Stein, ſeine eigene Rührung unter einem ärgerlichen Ton verber⸗ gend. Das will ein Poet ſein und ſpricht die ge⸗ wöl wen eine Mi We tage giel ſc lan — 81 wöhnlichſte Proſa ganz wie unſer Eins. Menſch, wenn jetzt der Anblick Deutſchlands Sie nicht zu einem Lied begeiſtert, ſo iſt Ihre Poeſie nicht einen Pfifferling werth und ich glaube nicht mehr an Sie. Wenn die Begeiſterung jetzt nicht wie an einem Pfingſt⸗ tage Ihre Zunge löſ't und Ihnen Wort und Reim giebt, dann ſind Sie kein deutſcher Dichter und Reim— ſchmied. Alſo, friſch ein Lied auf das liebe Deutſch— land geſungen, wenn ich noch an Sie glauben ſoll. Ich hab' wohl ein Lied auf der Zunge, ſagte Arndt lächelnd. Vorhin, als Sie von den verſchiede⸗ nen deutſchen Ländern ſprachen, und wie nothwendig es ſei, daß ſie Alle untergingen im großen deutſchen Vaterland, da iſt mir ein Lied in der Seele empor— gewachſen, ein richtig deutſches Lied, und ich will's Ihnen jetzt ſingen, ſo gut ich's kann, nach eigener Melodie, wenn's auch noch nicht ganz fertig iſt und ich noch nicht alle lieben deutſchen Länder unterge⸗ bracht habe. Und mit lauter, mächtiger Stimme begann Arndt zu ſingen: Was iſt des Deutſchen Vaterland? Iſt's Preußenland? Iſt's Schwabenland? Mühlbach, Erzh. Johann u. Metternich. II 6 82 Iſt's, wo am Rhein die Rebe blüht? Iſt's, wo am Belt die Möwe zieht? ü Ach nein, nein, nein! 1 Sein Vaterland muß größer ſein! J Was iſt des Deutſchen Vaterland? 8 Iſt's Pommerland? Weſtphalenland? 4 Iſt's, wo der Sand der Dünen weht? d Iſt's, wo die Donau brauſend geht? Ach nein, nein, nein! A — A 2 Sein Vaterland muß größer ſein! Was iſt des Deutſchen Vaterland? So nenne mir das große Land! Gewiß, es iſt das Oeſterreich, An Ehren und an Siegen reich? Ach nein, nein, nein! h Sein Vaterland muß größer ſein! Was iſt des Deutſchen Vaterland? 4 So nenne endlich mir das Land! So weit die deutſche Zunge klingt, Und Gott im Himmel Lieder ſingt! ⸗ Das ſoll es ſein!— Das, wackerer Deutſcher, nenne Dein! S Das iſt des Deutſchen Vaterland, Wo Zorn vertilgt den welſchen Tand, Wo jeder Franzmann heißet Feind, Wo jeder Deutſche heißet Freund! Das ſoll es ſein, Das ganze Deutſchland ſoll es ſein! 8 83 Noch einmal den letzten Vers, rief Stein eifrig, als Arndt eben hochathmend einen Moment inne hielt. Noch einmal! Ich ſinge ihn mit, und die letzte Strophe wiederholen wir im Chorus, hört Er, alter Joſt? Und mit einer Stimme, welche den heranbrauſen⸗ den Sturmwind übertönte, ſang Stein, von Arndt accompagnirt: Das iſt des Deutſchen Vaterland, Wo Zorn vertilgt den welſchen Tand, Wo jeder Franzmann heißet Feind, — Wo jeder Deutſche heißet Freund! Und nun miſchte der alte Joſt ſeine Stimme hinzu und alle Drei ſchmetterten fröhlich in die Welt hinein: Das ſoll es ſein, Das ganze Deutſchland ſoll es ſein! Dann, fortgeriſſen von ſeiner Begeiſterung, mit leuchtendem Angeſicht, mit ſtrahlenden Augen, die ge⸗ faltenen Hände zum Himmel emporhebend, ſang Arndt: Das ganze Deutſchland ſoll es ſein! Oh Gott vom Himmel ſchau darein! Und gieb uns rechten deutſchen Muth, Daß wir es lieben, treu und gut! Das ſoll es ſein, Das ganze Deutſchland ſoll es ſein! . 6* 84 Auch Stein hatte ſein Haupt entblößt und den. Blick zum Himmel emporgewandt. Auch ſein Antlitz ſtrahlte, und noch, als Arndt ſchon geendet, bewegten ſich ſeine Lippen leiſe im ſtillen Gebet. Jetzt raſch in den Schlitten, Freund, ſagte er dann nach einer Pauſe, raſch, denn wir müſſen uns eilen! Deutſchland erwartet uns, und will's Gott, bringen wir ihm die Freiheit und das Glück! Vor⸗ wärts! Vorwärts nach Deutſchland! Viertes Buch. Das Jahr 1813 in Wien. I. Judas Iſcharioth. Ich will Verzeihung, Hoheit, rief Roſchmann, mit glühendem Antlitz in das Cabinet des Erzherzogs Johann eintretend, Verzeihung, daß ich es wage, ſo unangemeldet hier einzutreten. Aber ich bringe wun— dervolle Nachrichten! Hier, Hoheit, die Blätter, die ich ſo eben in meiner geheimen Druckerei zu Trais⸗ kirchen habe drucken laſſen, und die jetzt ſchon in tau— ſenden von Exemplaren von unſeren Freunden in Wien verbreitet werden! Leſen Sie, Hoheit, oh leſen Sie! Johann nahm das dargereichte Blatt, und wie er es anſchaute, flog ein Schimmer von Röthe über ſein bleiches, vergrämtes Angeſicht.„Die große Armee exiſtirt nicht mehr, rief er freudig. Napoleon ſelber hat ſie aufgegeben und iſt von ihr entwichen. Heim⸗ lich, wie ein Verbrecher, iſt er durch Deutſchland ge⸗ 88 flohen, aber ſeine Armee folgt ihm nicht mehr nach Frankreich. Diejenigen, welche nicht erfroren ſind oder krank in den Spitälern von Wilna liegen, ſind in ruſſiſche Gefangenſchaft gerathen. Die große Ar— mee exiſtirt nicht mehr!“ Wehe den Armeen, welche untergehen mußten, rief Johann innig, aber wohl uns, daß ſie untergegan⸗ gen ſind. Hier, Hoheit, hier ein anderes Blatt! ſagte Roſch— mann. Leſen Sie auch dies! Wie der Erzherzog die Blicke auf dieſes zweite ihm dargereichte Papier heftete, ſtieß er einen Freu⸗ denſchrei aus. Wie? rief er haſtig, General York, der Anführer der preußiſchen Truppen, iſt von Napo⸗ leon abgefallen und hat ſich mit den Ruſſen verbun⸗ den? Iſt das wahr, Roſchmann, iſt das keine mü⸗ ßige Erfindung? Nein, Hoheit, es iſt wahr. Ein Courier, der Tag und Nacht geritten, hat vor einer Stunde der Herzogin von Accerenza dieſe Nachrichten vom Gene⸗ ral von Witgenſtein, dem ruſſiſchen Heerführer, ſelber gebracht. Dieſe Nachrichten ſind ebenſo wahr, als die folgenden. Leſen Sie nur weiter, Hoheit! Johann ſchaute wieder auf das Blatt und las: — 89 das ganze ruſſiſche Heer iſt auf dem Wege nach Deutſch⸗ land, und der Kaiſer Alexander befindet ſich an der Spitze ſeines Heeres. Der König von Preußen aber iſt nach Breslau gegangen, man erwartet ſchon in den nächſten Tagen ſeine feierliche Kriegserklärung an Frankreich, ſeine öffentliche Vereinigung mit Alexan⸗ der, der wahrſcheinlich ſich nach Breslau zur mündli— chen Beſprechung mit dem König Friedrich Wilhelm begeben wird. Auch der Miniſter von Stein hat Rußland verlaſſen, und iſt nach Deutſchland gegan— gen, um dem deutſchen Volk mit ſeiner tapfern Un⸗ erſchrockenheit, den Fürſten mit ſeinen weiſen Rath⸗ ſchlägen, zur Seite zu ſteheu. Oh, mein Gott, mein Gott, rief Johann freudig, die Stunde der Erlöſung iſt alſo gekommen, die Stunde der rächenden Strafe! Das kleinmüthige, verzagte Preußen erhebt ſich aus ſeiner Schmach, und ſteht auf zum Vergeltungskampf. Das Gottesgericht in Rußland hat ihm das Herz mit Muth und Zu— verſicht erfüllt. Preußen ſteht auf, und wir? Auch wir müſſen aufſtehen, auch wir müſſen han— deln, rief Roſchmann feurig. Jetzt oder nie! Jetzt iſt die Zeit gekommen, wo Alles gewagt werden muß, um Alles zu gewinnen. Man muß Metternich zwin— 90 gen, zurückzutreten, oder ſich auf die Seite Deutſch⸗ lands und Preußens zu ſtellen. Und dies zu thun, liegt in der Hand Eurer Hoheit. Sie haben die öffentliche Meinung, die Liebe des Volkes für ſich! Laſſen Sie Ihre Stimme ertönen, rufen Sie die tap⸗ fern Männer Oeſterreichs zum Kampf auf wider den verhaßten Tyrannen! Das wäre Rebellion, ſagte Johann, Rebellion ge⸗ gen meinen Kaiſer, meinen Bruder! Nein, Hoheit, nur Rebellion gegen Metternich, gegen den ſchlechten Rathgeber des Kaiſers, der ihn die Stimme ſeines Volks nicht hören läßt, der ihn täuſcht über die Wünſche ſeiner Unterthanen, der ihn ängſtigt mit der Idee, Oeſterreich ſei nicht im Stande, der Macht Frankreichs zu widerſtehen. Zwingen Sie den Kaiſer von dieſer Idee abzugehen, zwingen Sie ihn durch eine Erhebung des Volkes! Gehen Sie nach Tyrol, Hoheit, die tapfern Männer erwarten nur noch ihren geliebten Erzherzog, ihren Herrn des Ge⸗ birges, um die Revolution ausbrechen zu laſſen, um ſich zu erheben, und den Kampf aufs Neue zu be— ginnen. Gehen Sie nach Tyrol, Hoheit, laſſen Sie den Aufſtand zugleich in Tyrol, in Illyrien und Kärn⸗ then, wo Graf Nugent Alles vorbereitet hat, ausbre— — 91 chen, und machen Sie Oeſterreich damit ein weiteres Einvernehmen mit Frankreich unmöglich. Reißen Sie es zu ſeinem Heil in den Strudel der Revolution hinein! Oh, ich beſchwöre Ew. Hoheit, gehen Sie nach Tyrol! Nein, es iſt noch nicht an der Zeit, ſagte Johann gedankenvoll. Es iſt das letzte, das gefährlichſte Mit— tel, und ehe wir das wagen dürfen, müſſen wir erſt alles Andere verſucht haben. Ich ſage nicht, daß es nicht zu dieſem Aeußerſten kommen kann, aber es iſt meine Pflicht, in Geduld und Treue auszuharren bis an's Ende. Warten wir alſo, was die großen Nach— richten, welche wie die Boten eines neuen Tages von Rußland daher geflattert ſind, auf das Herz des Kaiſers und ſeiner Unterthanen wirken werden. War⸗ ten wir, ob der Kaiſer nicht aus eigenem hochſinni— gen Entſchluß dem unnatürlichen Bunde entſagt, und ſein Volt ruft zum Kampf wider den Tyrannen, der Oeſterreich und Deutſchland bis hierher in ſchmachvollen Feſſeln gehalten! Warten wir, ob Metternich nicht der beſſeren Ueberzeugung, der Gewalt der Umſtände wird weichen und dem edeln Grafen Stadion den Platz wird räumen müſſen! Wenn dies aber nicht der Fall iſt, wenn der Ruf von ganz Oeſterreich vergebens an 92 ſein Ohr dringt, wenn er den frechen Muth hat, jetzt noch den Kaiſer zu überreden, bei ſeinem unſeligen Bündniß mit Frankreich zu verharren, dann iſt es Zeit zu dem Aeußerſten zu ſchreiten, dann werde ich ſelber der Erſte ſein, der die Tyroler aufruft zur Em— pörung, dann werde ich zu ihnen eilen, um mich an die Spitze ihrer Revolution zu ſtellen! Aber wie ge— ſagt, erſt müſſen alle Mittel erſchöpft ſein, erſt müſſen wir die Ueberzeugung erlangt haben, daß es kein an⸗ deres Mittel giebt, Oeſterreich zu dem heiligen Kampf zu führen, kein anderes Mittel, als den Zwang! Ich gehe noch heute zur Kaiſerin Ludovica, um ſie zu be⸗ ſchwören, noch einmal die Macht ihrer Beredſamkeit zu verſuchen. Möge Gott ihren Worten Kraft geben. Und was, Hoheit, ſoll ich Ihren Getreuen in Tyrol ſagen? fragte Herr von Roſchmann dringend. Es ſind heute Morgen auf's Neue Abgeſandte bei mir angelangt, ſie begehren dringend ihren lieben Erz⸗ herzog Hannes ſelber zu ſprechen, ſie wollen ihm ſelber die Noth und den Jammer ihres Landes an das Herz legen, ſie wollen im Namen Tyrols Ew. Hoheit be⸗ ſchwören, zu ihnen zu kommen als ihr Befreier und Erlöſer. Ach Hoheit, welch eine Kraft des Glaubens, der Treue und Zuverſicht iſt in den Gemüthern dieſer 6 93 edlen Söhne der Natur! Sie vertrauen noch immer auf das Wort, das Ew. Hoheit ihnen vor Jahren gegeben, auf das Wort: daß Ew. Hoheit mit und für Tyrol ſo lange kämpfen wollten, bis Tyrol wieder frei, bis es wieder Oeſterreichiſch geworden, und ſeine alten Freiheiten und ſeine alte Verfaſſung wieder erlangt habe. Sie ſagen:„jetzt iſt der Tag gekommen, an welchem der Erzherzog ſein feierlich gegebenes Wort einlöſen, wo er zu uns kommen wird, um ſich an unſere Spitze zu ſtellen.“ Die Boten, welche Tyrol hieher geſandt, ſind freilich nur arme ungebildete Bauern, aber es ſind Männer, welche bereit ſind, ihr Blut und Leben für das Vaterlaud hinzugeben, welche ihre Freiheit wagen, indem ſie hieher kommen, welche die Arbeit, die ſie ernährt, freudig hingeben, und Hunger und Elend ertragen, um ſich dem Dienſt des Vater⸗ landes zu weihen. Oh wann, wann wird der Tag kommen, wo ich ihnen vergelten kann! rief Johann tiefbewegt. Wann wird ihre Treue, ihre Standhaftigkeit und Geduld belohnt werden? Gehen Sie nach Tyrol, Hoheit, und ſie ſind be— lohnt. Ich wiederhole es Ihnen: warten wir! Vielleicht 94 giebt es Gott, daß es der Kaiſer iſt, welcher mich nach Tyrol ſendet, daß ich meine Pflichten gegen ihn, wie gegen Tyrol erfüllen kann! Bringen Sie den Boten aus Tyrol meine Grüße, ſagen Sie ihnen, ſie ſollen es machen wie ich: ſie ſollen ausharren in Geduld und Treue! Sie ſollen ſich aber bereit halten zum Kampf, denn die Stunde deſſelben wird und muß bald ſchlagen. Und damit die Getreuen, welche ihre Arbeit verlaſſen haben, um hieher zu kommen, damit ſie nicht darben, und Hunger leiden, bringen Sie ihnen dies! Sagen Sie ihnen, es ſei der Zehrpfennig für ihre Rückreiſe! Er nahm aus ſeiner Chatoulle eine Hand voll Goldſtücke und reichte ſie Herrn von Roſchmann dar, welcher ſie mit Worten innigen Dankes in Em—⸗ pfang nahm. Und jetzt bitte ich Ew. Hoheit, mich verabſchieden zu dürfen, ſagte er. Ich will den Tyrolern ſogleich die Botſchaft und das Geld bringen. Ich habe Sie in meinem Hauſe verſteckt, um ſie den Augen der Polizei zu entziehen, welche jetzt wachſamer und miß— trauiſcher iſt als je. Graf Metternich hat dem Po⸗ lizeipräſidenten von Hager den Befehl gegeben, alle nach Wien kommenden Fremden ſtreng zu überwachen, + 95 und alle diejenigen, welche zu den ſogenannten deut— ſchen Patrioten gehörten, ſogleich zu arretiren. Ich zittere für meine armen Tyroler und ſie müſſen ſo⸗ gleich den Rückmarſch antreten. Er verneigte ſich vor Johann und eilte der Thür zu, dann auf einmal wandte er ſich um und näherte ſich wieder dem Erzherzog. Hoheit, ſagte er faſt verlegen, über den Angelegen— heiten des Vaterlandes habe ich die eigenen ganz ver⸗ geſſen. Ich kam hieher, um Ew. Hoheit eine Bitte vorzutragen. Meine Tochter Camilla— Was iſt's mit Camilla? fragte Johann lebhaft. Ich habe ſie ſeit acht Tagen nicht geſehen! So oft ich zu Ihnen gekommen bin, hat ſie ſich verleugnen laſſen.— Das iſt ganz natürlich, Hoheit, ſagte Roſchmann lächelnd. Sie wollte Ew. Hoheit nicht ihre verwein⸗ ten Augen ſehen laſſen. Wie? rief Johann erſchrocken. Sie hat geweint? Ja, Hoheit, ſie hat geweint und ſie weint noch Der Grund davon iſt: Sie iſt ein eigenſinniges Mäd⸗ chen, das nur der Schwärmerei, nicht der Vernunft Gehör geben will und gerade deshalb wende ich mich an Ew. Hoheit und erflehe mir Ihren Beiſtand. Ca— 96 milla's Couſin, der Graf von Steinach, der Camilla lange ſchon liebt, iſt nach Wien gekommen, um feier⸗ lich und mit der Einwilligung ſeiner Eltern bei mir um die Hand meiner Tochter zu werben. Ich habe ihm meine Einwilligung mit Freuden gegeben, denn der Graf iſt eine ſehr glänzende Partie, er iſt jung, immenſe reich und gut, und liebt Camilla leiden⸗ ſchaftlich. 3 Und Camilla? fragte Johann lebhaft. Camilla weigert ſich! Oh, ſie weigert ſich! rief Johann mit innigem, frohlockendem Ton, und ein Ausdruck der Freude flog über ſein Antlitz hin. Roſchmann ſchien das nicht zu bemerken. Ja, ſie weigert ſich, ſagte er ärgerlich, unter allerlei nichtigen, echt mädchenhaften Vorwänden ſchlägt ſie die Hand des reichen Grafen aus. Sie will ſich niemals ver⸗ mählen, behauptet ſie, auch ſei ſie noch viel zu jung, um ſchon an eine Verbindung denken zu können, und wenn ich mit allen Gründen der Vernunft ihr dieſe Einwände bekämpft habe, dann erklärt ſie, ſie habe mit Eliſe Wallner und einigen andern Tyrolerinnen das feierliche Gelübde gethan, ſich nicht eher zu ver⸗ mählen, als bis Tyrol von der Fremdherrſchaft erlöſt, —— 2 —5———— 97 bis es wieder frei, und bis der Erzherzog Johann als Sieger und Herr in Tyrol eingezogen ſei. Aber dieſe Vermählung Camilla's mit dem Grafen Stei⸗ nach iſt mein innigſter Wunſch, und ich kann dieſe romantiſchen Mädchenlaunen daher nicht als entſchei⸗ dende Gründe anerkennen. Der junge Graf iſt wie geſagt ein guter Menſch, er wirbt um Camilla mit der Einwilligung ſeiner Eltern, er iſt ſehr reich, und hat bedeutende Beſitzungen in Tyrol. Ew. Hoheit wiſſen, daß Camilla eine glühende Schwärmerin für Tyrol iſt, und ſicher wäre es, abgeſehen von allem Uebrigen, ein großer Gewinn für die Sache Tyrols, wenn gerade jetzt an die Spitze ſo bedeutender Güter eine ſo begeiſterte Patriotin kommt, wie es Camilla iſt. Deshalb als Vater und als Tyroler möchte ich Ew. Hoheit beſchwören, daß Sie es gnädigſt über⸗ nehmen wollen, meine Tochter zu vermögen, daß ſie die Hand des Grafen annimmt. Ich? fragte Johann überraſcht. Ich ſollte Ca⸗ milla vermögen ſich zu vermählen? Ja, Sire, wenn Ew. Hoheit mir, Ihrem treuſten und ergebenſten Diener, dieſe Gnade erzeigen wollen. Ew. Hoheit allein wären es im Stande, Camilla's Eigenſinn zu brechen und bei ihr der Stimme der Mühlbach, Erzb. Johann u. Metternich. II. 7 98 Vernunft Eingang zu verſchaffen, denn Ew. Hoheit ſind für ſie, wie für alle Tyrolerinnen, das Ideal, an das ſie glauben, auf das ſie hoffen, und dem ſie ſich willenlos unterwerfen. Oh, ich glaube, Sie irren, ſagte Johann lächelnd. Camilla iſt eine zu klare freie Seele, ein zu ſtolzes Herz, um von ſolchen falſchen Idealen ſich beugen zu laſſen. Sie iſt ſeit einiger Zeit ſcheu und zurückhal⸗ tend gegen mich, ſie vermeidet es mir zu begegnen, und wenn ſie mir nicht ausweichen kann, muß ich an ihrem ernſten, ſtrengen Weſen, an ihren einſylbigen Antworten erkennen, daß ich ihr läſtig bin. Vielleicht hat ſie, als ſie noch in den Bergen Tyrols war, ſich von der Begeiſterung und Liebe, welche die guten Ty⸗ roler für mich hegen, mit hinreißen laſſen, und mein armes Bild mit den Schwärmereien ihrer Träume verklärt. Jetzt aber, da ſie mich wieder öfter ſieht, jetzt gleiche ich nicht mehr dem Ideal ihrer Mädchen⸗ phantaſieen, und ſie ſieht ein, daß der geträumte Held und Befreier nur ein armer vielgeplagter Menſch iſt,“ der in den Ketten der Abhängigkeit und der Pflichten ſchmachtet, und ſich nicht von ihnen frei machen kann. Nein, nein, mein Freund, Sie irren! Mein Wort wird nicht die Kraft haben, Camilla's Willen zu beherrſchen. 99 Haben Ew. Hoheit nur die Gnade, es zu verſu— chen, bat Roſchmann dringend. Es iſt meine letzte Hoffnung, mein letzter Verſuch, Hoheit. Ja, ich will Ew. Hoheit die Wahrheit geſtehen, ich habe meiner Tochter geſagt, Ew. Hoheit wünſchten gleich mir, daß ſie ſich dem Grafen vermähle, und nach Tyrol gehe, um dort für die Sache der Freiheit zu wirken. Und was hat Camilla geantwortet? Sie ſagte: nun wohl, mein Vater, wenn das wahr iſt, wenn der Erzherzog ſelber mir ſagt, daß er es wünſcht, daß ich ſeinen Plänen damit förderlich bin, dann werde ich gehorchen, dann werde ich mich dem Grafen Steinach vermählen. Aber aus des Erzher⸗ zogs eigenem Munde muß ich es hören, ſonſt glaube ich es nicht. Seltſam, murmelte Johann, ſie will gehorchen, wenn ich es wünſche. Sie— Nun wohl, ſagte er dann laut, ich will Ihren Wunſch erfüllen, ich will mit Camilla ſprechen, ich will hören, was ſie für Gründe gegen den Grafen anführt, ich will verſuchen, ſie, wie Sie ſagen, die Stimme der Vernunft hören zu laſſen. Aber ich kann Ihnen nicht verſprechen, daß dies zu einem günſtigen Reſultat führen wird, und wenn ich wirklich Einfluß auf die Entſchlüſſe des jun⸗ »⸗ 7 100 gen Mädchens haben könnte, ſo dürfte ich denſelben nicht mißbrauchen, um ſie zu einer Verbindung zu bereden, welche ihrem Herzen widerſteht. Ich begehre ja nicht, daß Ew. Hoheit ſich herab⸗ laſſen, Camilla zu überreden, ich bitte nur, daß Ew. Hoheit mit ihr ſprechen, daß Sie ihr gnädigſt ſagen, es ſcheine ihnen wünſchenswerth, daß ſie ſich nach Ty— rol vermähle, und daß der Graf Steinach eine durch⸗ aus paſſende und angemeſſene Partie ſei. Ich kann das nicht ſagen, denn ich kenne den Grafen nicht, rief Johann lebhaft. 1 Aber Ew. Hoheit ſind der Freund ſeiner Mutter, und die Gräfin wünſcht eben ſo ſehr, wie ich ſelber, die Verbindung unſerer Kinder. Ich wiederhole es Ihnen, ich werde mit Camilla ſprechen, ſagte Johann gedankenvoll. Gleich jetzt werde ich zu ihr gehen! Sagen Sie ihr aber nichts von meinem Kommen. Unangemeldet will ich zu ihr eintreten, ganz ohne Ceremoniell, nur wie ein Freund ihres Vaters und ihrer Selbſt! d en IV. Das Geſtändniſz. Camilla befand ſich allein in ihrem Gemach. Sie ſaß vor ihrem Schreibtiſch, der, umgeben von den herrlichſten tropiſchen Gewächſen, in der tiefen Niſche des Fenſters ſtand. Die Feder, mit der ſie geſchrie⸗ ben, ruhte jetzt müßig in ihrer Hand; das Haupt zu⸗ rückgeneigt an die Lehne ihres reichgeſchnitzten alter⸗ thümlichen Stuhls, ſtarrte ſie zum Himmel empor. Thränen ſtanden in ihren großen ſchwarzen Augen, ihr Antlitz war bleich, ihre Lippen zitterten, und ſchwere Seufzer hoben ihren Buſen. Auf einmal rich⸗ tete ſie ſich heftig aus ihrer ruhenden Stellung em— por, und die Feder bei Seite werfend, griff ſie haſtig nach dem halbbeſchriebenen Papier, das vor ihr lag. Nein, murmelte ſie vor ſich hin, nein, ich will dieſen Brief nicht zu Ende ſchreiben, nein, auch Eliſe 102 Wallner nicht darf mein unſeliges Geheimniß kennen. Wir haben uns geſchworen, kein Geheimniß vor ein— ander zu haben, aber ich muß meinem Schwur un⸗ getreu werden. Es giebt Geheimniſſe, die nur Gott kennen darf, und die entweiht werden, wenn das Men⸗ ſchenohr ſie vernimmt. Nein, ich werde dieſen Brief nicht abſchicken, und Gott allein ſoll wiſſen, was ich da geſchrieben habe. 8 Mit einer heftigen Bewegung riß ſie das Papier auseinander, zerriß es in immer kleinere Stücke, und warf dieſe Stücke wie Schneeflocken um ſich her. Oh, ich wollte, ich könnte wie dieſes Papier auch mein eigen Herz zerreißen, flüſterte ſie, ich wollte, ich könnte vor mir ſelber mein Geheimniß verhüllen, wie ich es vor Andern thue! Aber die Gedanken, die Ge⸗ danken gehen mit mir, wohin ich auch gehe, und der Schmerz bohrt in meinem Herzen ewig, immerdar! Oh, warum bin ich hierher gekommen! Warum bin ich nicht in Tyrol, meinem lieben, ſchönen Tyrol, bei meiner geliebten Tante geblieben? Und konnte ich's denn? fragte ſie ſich ſelber weiter. Ich floh vor einer Liebe, die ich nicht erwiedern konnte, nicht erwiedern durfte. Und dennoch iſt ſie mir hieher nachgefolgt, und viel⸗ leicht wär's beſſer, ich gäbe den Kampf auf, ich nähme ſen, und dieſe Stimme 103 dieſe Liebe an als mein Verhängniß, und rettete mich zu ihr vor meinem eigenen Herzen. Oh Gott, mein Gott, gieb mir doch die Kraft, mich ſelber zu über⸗ winden, ſtärke mein Herz, daß es entſagt und ſich unterwirft, daß es— Sie ſchwieg und ſprang heftig empor. Ein Zit⸗ tern durchflog ihre ganze Geſtalt, eine Purpurröthe ſchoß einen Moment über ihr Antlitz hin und machte dann einer tödtlichen Bläſſe Platz; das Haupt vor⸗ wärts geneigt, die großen Augen feſt auf die Thür geheftet, die Hand auf das Herz gepreßt, als wolle ſie ſein heftiges Pochen beſänftigen, ſtand ſie lauſchend, athemlos da! Sie hatte da draußen den Ton einer Stimme gehört, welche nicht die ihres Vaters gewe⸗ da, jetzt hörte ſie raſche Schritte den Corridor herauf kommen, der zu ihrer Thür führte, ſie kommen näher und näher, jetzt— Camilla ſprang nach der Thür hin, ſie ſtreckte die Hand aus, um ſie zu verriegeln, aber zu ſpät! Die Thür öffnete ſich, Erzherzog Johann trat herein, und mit einem Schrei ſchwankte Camilla vorwärts. Er ließ einen Moment ſeine Augen mit einem forſchenden Ausdruck auf ihr ruhen, dann drückte er leiſe die Thür hinter ſich zu und näherte ſich ihr. 104 Weshalb erſchrecken Sie vor mir? fragte er freund⸗ lich.— Die hohe Ehre, ſtammelte ſie ganz verwirrt, ich konnte nicht ahnen, daß Ew. Hoheit mir die Gnade erzeigen wollten, und— Ehre, Gnade, unterbrach er ſie faſt unwillig, was ſind das Alles für unpaſſende Worte auf den Lippen meiner Freundin Camilla? Woher kommt Ihnen auf einmal dieſes Uebermaß von Etiquette und Reſpect? Weshalb überraſcht es Sie, daß ich Ihnen meinen Beſuch mache? Bin ich nicht in den letzten Wochen oft hier eingetreten, wenn die geheimen Verſammlun— gen der Patrioten, die wir hier bei Ihrem Vater ab⸗ gehalten, beendet waren? Und niemals früher hat Sie mein Kommen überraſcht, ſondern Sie empfingen mich als einen Freund, der wohl das Recht hat, zu Ihnen einzutreten, und den Sie herzlich willkommen hießen, ohne Sich ſonderlich darüber zu beunruhigen, daß der Freund nebenbei das Unglück hatte, ein Erz⸗ herzog zu ſein, und daß es, nach der Anſicht der thö⸗ richten Menge, eine Gnade ſei, welche er Ihnen er⸗ zeigte.— Wenn ich das nicht empfunden, ſo war es ein großes Unrecht von mir, und es iſt Zeit, daß ich mich 10⁵ beſſere, ſagte Camilla, die jetzt ihre Faſſung wieder gewonnen. Ja, ich that Unrecht, wenn ich es nicht zeigte, wie tief ich die Gnade zu ſchätzen wußte, die mir Ew. Hoheit durch Ihren hohen Beſuch erzeig— ten. Ich bitte Ew. Hoheit demüthigſt um Verzeihung deshalb. Camilla, fragte er leiſe und ſchmerzlich, Camilla, was iſt denn vorgefallen? Was that ich Ihnen denn, daß Sie mir zürnen? Ich? Ew. Hoheit zürnen? rief ſie mit einem er⸗ zwungenen Lachen. Wie dürfte ich ſo vermeſſen ſein, wie— Johann legte mit einer heftigen Bewegung ſeine Hand auf ihren Arm. Sprechen Sie nicht weiter, ſagte er rauh, es iſt etwas Falſches, Unwahres in Ihren Worten, das thut mir weh, das von Ihren Lippen zu hören. Oh Kind, Kind, laſſen Sie doch den Andern die Lüge und die Heuchelei, aber Sie, oh, halten Sie Sich fern davon. Hoheit, flüſterte ſie bebend, Hoheit— Weshalb nennen Sie mich Hoheit? fragte er dü⸗ ſter. Haben Sie vergeſſen, was Sie mir damals in Steyermark auf dem Gute der Gräfin Steinach ver⸗ ſprochen? Wiſſen Sie noch, es war an jenem Tage, 106 als Sie allein ſich auf die hohe Alp hinaufgewagt hatten? Eine Lawine war gefallen, und hatte Sie verſchüttet. Die Gräfin hatte alle ihre Diener aus⸗ geſandt, Sie zu ſuchen, ſie ſelber ging mit ihnen und ſchrie in Todesangſt nach Ihnen und folgte den Die— nern bis hinauf auf die höchſten Spitzen der Alp. Aber nirgends fanden ſie eine Spur von Ihnen, und troſtlos gingen ſie Alle heim, denn die Nacht brach herein, und ſie hofften, daß Sie vielleicht ſich nur verirrt, und irgendwo in der Nachbarſchaft ein Unter⸗ kommen gefunden. Ich aber, Camilla, ich kehrte nicht heim mit der Gräfin, ich blieb auf der Alp, und be⸗ gleitet von meinen zwei treuen Hunden kletterte ich umher, immerfort Ihren Namen rufend, im Schnee nach einer Spur von Ihnen ſuchend. Endlich war Gott mir gnädig, ich hörte Ihre Stimme, und meine klugen Hunde witterten Ihre Spur und ſchlugen an. Ich fand Sie, armes Kind, fand Sie in einer Schnee⸗ grube, wohin die Lawine Sie getrieben, und aus der Sie Sich nicht emporzuarbeiten vermochten. Ich ret⸗ tete Sie, Camilla, ich trug Sie auf meinen Armen in das Schloß zurück. Haben Sie das Alles ver⸗ geſſen, Camilla? 107 gt Nein, gewiß nicht, ſagte ſie ſchüchtern. Nein, ich ̃ie habe das nicht vergeſſen, und meine Dankbarkeit— d⸗ Meinen Sie, daß ich Sie daran erinnere, um nd mir einige Dankbarkeitsfloskeln zu erbetteln? fragte er ie⸗ unwillig. Nein, Camilla, ich erinnere Sie daran, um p. zu fragen, ob Sie jene Stunde der Heimkehr wirk— nd lich vergeſſen, ob ſie ganz und gar aus Ihrem Ge—. ch dächtniß entſchwunden iſt? ur Nein, ſagte ſie tiefbewegt, und ganz und gar er⸗ ihre gezwungene Haltung und ihre erkünſtelte Ehr⸗ ht furcht verlaſſend, nein, ich habe jene Stunde nicht e⸗ vergeſſen, ich bin ihrer eingedenk geweſen Nacht und ch Tag, ſie wird, ſo lange ich athme und bin, nicht aus nee meinem Gedächtniß entſchwinden. Sie hatten mich ar vom Tode gerettet, Sie nahmen mich, die Halber— ſtarrte, empor und trugen mich in Ihren Armen dem Schloſſe zu. Es war eine wunderbare, klare Nacht, an. ee⸗ am Himmel glänzten Tauſende von Sternen, und ich er ſchaute halbträumend zu ihnen empor, und dankte t⸗ Gott aus der Tiefe meiner Seele, daß er den Tod, en der mir ſchon ſo nahe geweſen, von mir fern gehal⸗ r 4 ſen, und flehte ſeinen Segen hernieder auf meinen edlen Retter, und bat jeden Stern, ihn zu beſchützen 3 auf ſeinem Lebenswege, und mir, ach mir armen, un⸗ 108 bedeutenden Kinde, ein Mittel zu zeigen, wie ich Ih⸗ nen meine Dankbarkeit bezeigen könnte. Und dann— Dann auf einmal wandten Sie den Blick, der ſo lange auf die Sterne gerichtet geweſen, zu mir hin, unterbrach ſie Johann lächelnd, dann leuchteten Ihre Augen, ſelber zwei Sterne, mich an. Hoheit, ſagten Sie mit Ihrer ſanften, bebenden Stimme, Hoheit, Sie haben mir das ſchöne Leben gerettet, ich möchte es Ihnen danken aus Herzensgrund. Sagen Sie mir, Hoheit, was kann ich thun, das Ihnen angenehm wäre? Das fragten Sie, Camilla, und nun ſagen Sie mir, wiſſen Sie auch, was ich Ihnen zur Ant⸗ wort gab? „Sie können Zweierlei thun, was mir angenehm wäre,“ antworteten Sie mit einem milden Lächeln, ſagte Camilla leiſe, und ich fragte jauchzend, was iſt es, Hoheit, was kann ich thun? Darauf ſagten Sie: das Erſte iſt, bleiben Sie immer ehrlich, wahr und aufrichtig gegen mich, laſſen Sie mich immer Ihnen ein Freund ſein, dem Sie vertrauen, und der Ihnen vertrauen darf. Das Zweite iſt— Nun? fragte Johann, als Camilla auf einmal verſtummte, nun was ſtocken Sie? Ich ſagte alſo: das Zweite iſt— Fahren Sie doch fort, Camilla? 109 h⸗ Camilla erbebte, und mit leiſer ſtockender Stimme — fuhr ſie fort: das Zweite iſt, daß Sie mir verſprachen, 0 mich niemals wieder Hoheit zu nennen, daß Sie mir geſtatten, Sie immer Camilla zu nennen. e Und verſprachen Sie mir das? fragte Johann ernſt. n Ich verſprach es Ihnen, ſagte ſie leiſe. Ja, Sie thaten es, rief Johann lebhaft. In einer e feierlichen Stunde, unter Gottes Himmel, beim Leuch⸗ . ten der Sterne verſprachen Sie mir, Ihrem Lebens⸗ retter, mir immer wahr und offen zu ſein, mich als Ihren Freund zu betrachten, mir Ihre treue Freund⸗ ſchaft zu ſchenken, mir zu erlauben, Sie immer bei Ihrem Namen zu nennen, und endlich mich niemals wieder Hoheit, ſondern einfach„Herr Johann“ zu 8 nennen. Ich that Unrecht, daß ich das verſprach, ſagte — Camilla raſch. Ich dachte nicht an die Welt; inmit⸗ 8 ten der Berge hatte ich ſie vergeſſen, war ich nichts als ein einfaches Kind der Natur, das ſich der Eti⸗ quette und des Ceremoniells nicht erinnern mochte. Jetzt aber ſind wir in der Welt, jetzt, den Menſchen V 4 gegenüber, darf ich die Etiquette nicht vergeſſen, kann ich nicht erfüllen, was ich damals unterm Sternen⸗ himmel gelobte. 110 Nun wohl, ſagte Johann traurig, ich entbinde Sie in dieſem Einen Punkte Ihres Gelübdes, nennen Sie mich vor der Welt, im Beiſein Anderer, immer⸗ hin mit dieſem albernen Titel, der immer wie ein Wort des Hohns an mein Ohr ſchlägt, nennen Sie mich„Hoheit.“ Aber jetzt ſind wir allein, wie in jener Sternennacht, jetzt hört uns Niemand als Gott allein. Warum wollen Sie mir alſo jetzt den trau⸗ lichen Namen nicht gewähren, wie Sie ihn mir da— mals verſprochen? Sie wenden Ihr Haupt ab, Ca— milla! Was that ich Ihnen denn, daß Sie mir zürnen? Nichts, oh gewiß nichts, flüſterte ſie. Ew. Hoheit ſind immer gütig gegen mich geweſen. Er ſtampfte unwillig mit dem Fuß, und faßte heftig ihren Arm. Sie wollen mich alſo kränken? fragte er zornig. Sie nennen mich auch jetzt noch Hoheit, obwohl Sie wiſſen, daß es mich ſchmerzt? Nun denn, ich ſehe jetzt wohl ein, daß ich damals Un⸗ 1 recht gethan, Sie um etwas zu bitten, das zu erfüllen Ihnen unmöglich iſt. Ich mißbrauchte die Gewalt, welche jene heilige Stunde mir über Sie gab, es war unehrenhaft von mir, Vortheil ziehen zu wollen von dem glücklichen Zufall, der mir geſtattet hatte, Ihnen das Leben zu retten! Ich entbinde Sie Ihres 111 Schwurs, ich gebe Ihnen Ihr Wort zurück, Sie ſol⸗ len nicht mehr gezwungen werden, mich anders zu nennen, als wie meine Höflinge es thun; ich will ſelbſt, wenn es ſein muß, Ihrer Freundſchaft entſagen. Aber ich kann Sie nicht davon entbinden, mir offen und ehrlich zu ſein, und mir, wenn ich es fordere, die Wahrheit zu ſagen! Niemals auch können Sie mich davon entbinden, Ihnen mein Gelübde zu erfüllen, und Ihr Freund zu ſein. Und als Ihr Freund kom⸗ me ich jetzt zu Ihnen, mein Fräulein, als Ihr Freund frage ich Sie: weshalb wollen Sie dem jungen Gra⸗ fen Steinach nicht Ihre Hand geben? Weil ich ihn nicht liebe, Hoheit, rief Camilla heftig. Sie lieben ihn nicht, rief Johann rauh, was wiſſen Sie denn von Liebe, und wer ſagt Ihnen, daß Sie ihn nicht lieben? Ihr Herz iſt wie ein weißes Blatt, auf dem noch kein einziger Name geſchrieben ſteht, das noch gar kein Erinnerungszeichen hat. Sprechen Sie mir nicht von Liebe, Kind, Sie ſind keiner Liebe, nicht einmal einer Freundſchaft fähig. Sie ſchwuren mir Freundſchaft, und kaum hatte ich Sie verlaſſen, kaum war ich nach Wien zurückgekehrt, ſo hatten Sie mich vergeſſen. Anfangs freilich erinnerte ich Sie noch durch meine Briefe an mich, aber zuletzt ward 112 5 es Ihnen unbequem, den Briefen Ihrer Tante auch nur ein kleines Wort hinzuzufügen, und Sie ver⸗ ſtummten. Jetzt, da der Zufall, nicht Ihr Wille, Sie wieder in meine Nähe führt, jetzt haben Sie kaum noch eine Erinnerung meiner Tage, und ich bin Ih⸗ nen nichts mehr, als der Erzherzog Hoheit. Und Sie, die Sie nicht einmal die Freundſchaft kennen und verſtehen, Sie maßen ſich an, zu wiſſen, was Liebe iſt? Gehen Sie, Sie wiſſen es nicht. Ihr Herz iſt kalt und treulos, und ich gratulire Ihnen dazu, denn das iſt das beſte Mittel, ohne Wunden und ohne Schmerzen durch die Welt zu kommen, und das Leben zu genießen. Mit ſolchem Herzen dürfen Sie nicht fürchten, durch einen Mann unglücklich zu werden; heirathen Sie alſo immerhin den jungen Grafen Steinach. Heirathen Sie ihn, er iſt von gutem alten Adel, er iſt reich, gut, und er liebt Sie wahrhaft. Heirathen Sie ihn alſo! Ew. Hoheit befehlen es mir? fragte Camilla hef⸗ tig. Es iſt nicht bloß der Wunſch meines Vaters, der Sie das ſagen läßt, ſondern Ew. Hoheit— Nein, es iſt nicht der Wunſch Ihres Vaters, rief Johann zornig, ſondern es iſt der Befehl meiner Ho⸗ heit. Ja, heirathen Sie den jungen, ſchönen, reichen, „ 600 7 113 guten Grafen Steinach. Es iſt eine vortreffliche Par⸗ tie. Ihr Vater hat Ihnen ja ſchon geſagt, daß es mein Wunſch ſei, daß Sie den Grafen heiratheten. Weshalb zweifelten Sie daran? Weshalb verlangen Sie, daß ich Ihnen das ſelber ſagen ſollte? Weil ich den Worten meines Vaters nicht glaubte, weil ich es für unmöglich hielt, daß Ew. Hoheit mein Unglück wollten, ſagte Camilla ſanft. Nun wohl, Sie ſehen, daß Sie Sich getäuſcht haben, rief der Erzherzog rauh, ich will nicht Ihr Unglück, aber ich wünſche, daß Sie den Grafen hei⸗ rathen. Sie haben gewollt, daß ich Ihnen das ſelbſt ſagte, nun wohl, ich bin da, ich ſage Ihnen: es iſt mein Wunſch, ſo wie der Ihres Vaters, daß Sie den Grafen Steinach heirathen. Es iſt eine ſehr gute Partie, gegen die nichts einzuwenden iſt. Heirathen e ihn alſo. Kehren Sie heim nach Tyrol, das — S Sie niemals hätten verlaſſen ſollen, denn ſo lange Sie dort waren, waren Sie gut, unſchuldig und treu.— Ich werde heimkehren nach Tyrol, ſagte Camilla feierlich, ich werde dahin zurückkehren, um es nie wie— der zu verlaſſen, aber ich werde den Grafen Steinach nicht heirathen. Mühlbach, Erzh. Johann u. Metternich. II. 8 114 Wie, Sie wollen ihn nicht heirathen? Sie blei⸗ ben dabei? Sie trotzen dem Wunſch Ihres Vaters? Ich thue mehr als das, ich trotze dem Befſehl Eurer Hoheit, ſagte ſie ſanft. Aber es giebt Dinge, welche kein Menſch dem Andern aufdringen und be⸗ fehlen kann, und denen ſich eine freie Menſchenſeele nicht unterwerfen darf. Der Qual einer gezwungenen Ehe unterwerfe ich mich nicht, und da ich in der Welt keinen Menſchen gefunden, der mich ſchützen und mir ſeine Theilnahme gönnen will, ſo flüchte ich mich zu Dem, der niemals mir ſeinen Schutz verſagen wird, welcher der treue Freund aller Unglücklichen und Wei— nenden iſt.— Was wollen Sie damit ſagen? fragte Johann lebhaft. Ich will damit ſagen, daß ich noch heute Wien verlaſſe, ſagte ſie ſanft, daß ich noch heute nach Ty- rol abreiſe. Aber nicht um mich einem Menſchen⸗ ſondern um mich Gott zu vermählen. herzog. Ja, ich will in ein Kloſter gehen, ſagte Camilla ſanft, ich will Gott mein Herz darbringen, zu ihm mich flüchten vor der Welt und den Menſchen. Oh, Sie wollen in ein Kloſter gehen? ſchrie der Erz⸗ in 115 ſagen Sie nichts, mein Entſchluß iſt unwiderruflich, ſuchen Sie alſo nicht, mich davon zurückzubringen, Hoheit, es würde vergeblich ſein. Nun wohl denn, rief Johann heftig, gehen Sie, werden Sie Nonne. Aber bevor Sie gehen, fordere ich von Ihnen, daß Sie noch einmal Ihres Gelüb⸗ des eingedenk ſind. Ich habe Sie Ihres Schwurs entbunden, mir Ihre Freundſchaft zu bewahren, aber ich habe Sie nicht des andern Gelübdes enthoben, mir, wenn ich es fordere, die Wahrheit zu ſagen! Sie ſollen in dieſer Stunde deſſen eingedenk ſein, ich verlange das von Ihnen, ich befehle es Ihnen im Namen jener Stunde, da ich Ihnen das Leben ret⸗ tete! Nun, Camilla, antworten Sie mir, wollen Sie treulos ſein auch dieſem Gelübde? Nein, rief ſie lebhaft, nein, ich werde es erfüllen, ich werde, wenn Ew. Hoheit es fordern, Ihnen die Wahrheit ſagen. Ich fordere es. Und jetzt, Camilla, ſagen Sie mir die Wahrheit, die Wahrheit, die Sie vor Gott ſagen würden: warum wollen Sie in ein Kloſter ge— hen? Die Wahrheit, Camilla, die Wahrheit! Oh, Hoheit, fordern Sie es nicht, flehte ſie ſchmerzlich, haben Sie Erbarmen. 8* 116 Kein Erbarmen, rief er heftig, beim Geiſte Ihrer Mutter beſchwöre ich Sie: die Wahrheit! Oh, meine Mutter, rief Camilla, den Blick zu dem Bilde ihrer Mutter hinwendend, das mit einem ſanften Schmerzenslächeln von der Wand zu ihr hin— ſchaute, meine Mutter, Dich ruft er an, bei Deinem Namen beſchwört er mein Herz! Sie eilte zu dem Bilde hin, und ſchaute mit ge— faltenen Händen zu ihm empor, und ihre Lippen be⸗ wegten ſich wie im Gebet. Dann, nach einer Pauſe, wandte ſie ſich wieder dem Erzherzog zu, und ihr Antlitz war jetzt ruhig und klar, ihr Auge ſtrahlte in einem himmliſchen Feuer. Nun wohl denn, Hoheit, ſagte ſie, Sie haben von mir die Wahrheit gefordert, und ich werde ſie Ihnen ſagen. Wir ſehen uns hier zum letzten Mal in dieſem Leben, und wenn mein Bekenntniß zu Ende iſt, werde ich nie wieder ein Wort zu Ihnen reden, nie wieder Ihre Stimme hören. Wir nehmen Ab⸗ ſchied für das ganze Leben, ich ſterbe der Welt und Ihnen, und in dieſer meiner Sterbeſtunde will ich Ihnen bekennen, was meine Lippen ſonſt ewig wür⸗ den verſchwiegen haben. Ich heirathe den Grafen. nicht, weil eine andere, eine heiße, glühende Liebe in 117 meinem Herzen iſt, ich gehe in ein Kloſter, weil ich mich retten will vor dieſer Liebe. Jetzt, Hoheit, wiſſen Sie Alles, und jetzt wenigſtens werden Sie nicht mehr ſagen, daß ich die Liebe nicht kenne. Ja, ich kenne ſie, und obwohl ſie mir nur eine Dornenkrone gegeben ſtatt der Myrthen, ſo drücke ich dieſe Dornenkrone doch freudig und ſelig an mein Herz, und will mit ihr ſterben, wie ich mit ihr gelebt habe! Und der Name deſſen, den Sie lieben? fragte Johann. Sie ſchüttelte ſtolz ihr Haupt. Gott allein kennt ihn, ſagte ſie, und Niemand auf Erden darf ihn wiſſen. Jetzt, Hoheit, jetzt habe ich mein Gelübde erfüllt, und jetzt— leben Sie wohl! Möge der Segen Gottes bei Ihnen ſein alle Tage, mögen Sie glücklich ſein, und möge durch Sie auch Tyrol endlich glücklich und belohnt werden! Leben Sie wohl, und tauſend, tau— ſend Segen über Sie! Sie grüßte ihn mit einem Winken ihrer Hand, mit einem letzten Blick, und ſich dann abwendend ſtürzte ſie nach der Thür hin. Aber wie ſie im Begriff war, ſie zu öffnen, ſtand der Erzherzog neben ihr, faßte mit glühender Gewalt ihre beiden Hände, und zog ſie in das Zimmer zurück. 118 Camilla, ſagte er ſanft, Camilla, bevor Sie mich auf ewig verlaſſen, ſollen Sie auch von mir ein Ge⸗ ſtändniß hören. Es iſt Ihr Vater, der mich gebeten hat, zu Ihnen zu gehen, und Sie zu der Vermäh⸗ lung mit dem Grafen zu bereden. Und Sie übernahmen es bereitwillig, den Wunſch meines Vaters zu erfüllen, ſagte ſie kalt, das war ſehr gnädig von Ihnen, Hoheit. Ich übernahm es zu Ihnen zu gehen, aber ich verpflichtete mich zu nichts. Ich ſagte es vielmehr Ihrem Vater zum Voraus, daß ich es nicht überneh⸗ men könnte, Sie zu einer Verbindung zu bereden, die Ihrem Herzen widerſtrebte. Aber ich kam hierher, weil ich auf den Grund Ihres Herzens ſchauen wollte, weil ich in Ihrem ſchönen und lieben Antlitz Ihre Gedanken leſen wollte. Camilla, iſt es wahr, was Sie Ihrem Vater geſagt? Haben Sie wirklich das Gelübde geleiſtet, ſich nicht eher zu vermählen, als bis Tyrol von der Fremdherrſchaft befreit, bis es ſeine Verfaſſung, ſeine uralten Rechte, und ſein öſterreichi⸗ ſches Kaiſerhaus wieder erworben habe? Ja, Hoheit, ich habe das gelobt, mit einem heili— gen Eide auf dem Altar Gottes gelobt! Nun wohl, ſo dürfen Sie Ihr Gelübde nicht i⸗ ht 119 brechen, ſo dürfen Sie ſich auch der Kirche, dem Hei⸗ land nicht vermählen, ſo dürfen Sie nicht die Braut des Himmels werden, bevor Tyrol nicht wieder frei iſt, nicht ſeine alte Verfaſſung wieder erhalten hat. Sie werden alſo nicht in ein Kloſter gehen, Ihr Ge⸗ lübde verbietet es Ihnen. Sie werden überhaupt licht Wien, nicht Ihren Vater, nicht mich verlaſſen. Denn jetzt hören Sie, was ich Ihnen zu ſagen habe: Ich werde Tyrol von der Fremdherrſchaft befreien, ich werde es ſein, der Tyrol ſeine Freiheit, ſeine Ver⸗ faſſung, ſein Glück wiedergiebt, der es belohnt für ſeine Treue, ſeinen Heldenmuth, ſeine Hingebung an Oeſterreich. Ja, Camilla, ich werde Tyrol befreien, und dann iſt Ihr Gelübde erfüllt. Dann dürfen, dann müſſen Sie Sich dem Manne vermählen, der Sie ſeit Jahren liebt, deſſen höchſtes Glück Sie ſind, der Sie anbetet wie ſeines Lebens herrlichſtes Beſitz thum, und Ihnen treu geblieben iſt trotz aller Ent⸗ fernung und aller Hinderniſſe. Wie? rief Camilla zürnend. Ew. Hoheit beſte⸗ hen noch darauf? Ich ſoll mich dem Grafen Steinach vermählen? Nein, ſagte der Erzherzog, ſie ſanft an ſich zie⸗ hend, nein, Mir ſollen Sie Sich vermählen. —— 120 Camilla ſtieß einen Schrei aus und ſuchte ſich ſeinen Armen zu entwinden; Er aber drückte ſie feſter an ſich, und lehnte ihr Haupt an ſeine Schulter. Ja, flüſterte er, mir ſollſt Du Dich vermählen, denn ich, oh, ich liebe Dich, wie ich nie ein Weib geliebt habe, wie kein Mann ſonſt Dich lieben wird. Nun ſage, willſt Du meine Liebe annehmen, willſt Du dereinſt, wenn Tyrol frei iſt, mein Weib werden? Oh, wende Dein Haupt nicht von mir, Theure. Denke jetzt nicht daran, daß ich ein Fürſt bin, und daß die klugen Leute ſagen werden, eine eheliche und geſetzliche Verbindung zwiſchen Dir und mir ſei unmöglich. Ich werde es Ihnen Allen beweiſen, daß ſie möglich iſt, ich werde ſie zwingen, meinen Willen anzuerkennen, ich werde ihnen zeigen, daß ein rechter Mann ſein heiligſtes Menſchenrecht nicht aufgiebt, nicht an die elende Eti— quette ſeine Wünſche hinopfert. Ich ſage Dir, Ca⸗ milla, ſobald Tyrol frei, durch mich frei iſt, ſollſt Du mein Weib werden. Nun antworte mir, willſt Du's werden? Sie hob ihr Haupt empor, und ſchaute ihn an mit einem langen, innigen Blick. Ja, ſagte ſie dann laut und feierlich, ja, ich will es! Ich will Ihr Weib werden, ich will Sie lieben, Sie verehren, Ihnen ge⸗ ——————,——— 121 horchen als meinem Herrn, dem ich mein Leben, mein Herz, meine Seligkeit mit freudiger Seele geweiht habe. Denn nun will ich Ihnen den Namen Deſſen ſagen, den ich liebe. Er heißt Johann, Sie ſind es! Ich frage nicht nach Ihrem Fürſtentitel, nach Ihrem Rang. Was kümmert das mich, ich liebe Sie, nur Sie, und werde Sie lieben, ſo lange ich lebe. Johann zog ſie ſtürmiſch an ſein Herz, und drückte einen glühenden Kuß auf ihre Lippen. Mein Verlo⸗ bungskuß, ſagte er. Gott hat unſere Gelübde gehört und er wird ſie annehmen. Gott iſt bei uns in die⸗ ſer Stunde, und ihm und Dir ſchwöre ich: heilig ſoll mir das Weib ſein, das ich liebe, und nie will ich ihr nahen mit unreinen Gedanken und freventli⸗ chen Wünſchen. So lange Tyrol nicht befreit iſt, darf ich Dich nicht anſchauen als meine Braut, meine Geliebte. Bis dahin ſollſt Du meine Schweſter, meine Freundin ſein, die mit mir meine Pläne, meine Be⸗ ſtrebungen theilt und ſie fördert, ſo viel ſie vermag. Ich habe Dir meinen Verlobungskuß gegeben, jetzt werden meine Lippen die Deinen nicht eher wieder berühren, als bis ich meinen Schwur erfüllt, bis ich Tyrol frei gemacht habe. Dann aber, an dem Tage, an welchem zum erſten Male wieder von den Ruinen 122 der alten Burg Tyrol die öſterreichiſche Fahne flattert, an dem Tage wirſt Du mein Weib vor Gott und den Menſchen. Das ſchwöre ich bei Allem, was mir hei⸗ lig iſt! Und ich, ſagte Camilla feierlich, ich ſchwöre, daß ich niemals eines andern Mannes Weib werden, daß ich eher ſterben als meiner Liebe entſagen, oder ſie verrathen will. Ich ſchwöre, daß der Bund, den wir geſchloſſen, ein Geheimniß zwiſchen uns und Gott ſein ſoll, welches ich ſelbſt in der Beichte nicht ver— rathen, ſondern welches ich treu bewahren will bis zu dem Tage, an welchem es dem Manne, den ich liebe, der mein Herr iſt, paſſend erſcheint, das Ge— heimniß von mir zu nehmen, und öffentlich vor aller Welt meine Liebe zu bekennen. Hier meine Hand, mein Geliebter, ich ſchwöre vor Gott, Dich treu, wahrhaft und feſt zu lieben, und Dein Weib zu wer⸗ den, ſobald Tyrol befreit iſt, und nicht zu achten der Menſchen, welche es verſuchen werden, den Bund un⸗ ſerer Herzen zu zerbrechen, und ſich zwiſchen uns und unſere Liebe zu ſtellen. Jetzt aber, jetzt lebe wohl, mein Geliebter, lebe wohl bis zum Triumph- und Freudentag in Tyrol! Willkommen aber ſei mir bis dahin der Freund, der Bundesgenoſſe, mit dem ich 123 wirken kann für das geliebte Tyrol, der edle Fürſt, auf den mein Vaterland hofft, und der mich ſeines Vertrauens würdigen will! Willkommen der Befreier Tyrols! Ja, das will, das werde ich ſein, rief Johann begeiſtert, der Befreier Tyrols! Noch ehe ſechs Mo⸗ nate vergangen ſind, muß es vollbracht ſein! Nun giebt es für mich kein Zaudern und Bedenken mehr. Tyrol ruft mich zu ſich, und von der Burg Tyrol winkt mir mein Weib, meine Geliebte ihre Grüße entgegen! Er reichte ihr ſeine Hand dar, und lächelnd, mit ſtrahlenden Augen, mit froher Zuverſicht ſchaueten ſie einander an.— Drinnen im Nebenzimmer, das Ohr feſt an die Thür gelehnt, und mit zuſammengekniffenem Auge durch die kleinen Löcher ſchauend, die er ſich durch dieſe Thür gebohrt hatte, ſtand Herr von Roſchmann. Kein Wort von dem, was die Beiden ſich geſagt, war ihm ent⸗ gangen, und wie er jetzt ſie Beide ſo in ſeligem An— ſchauen verloren einander gegenüber ſtehen ſah, flog ein ſpöttiſches Lächeln über ſein Antlitz hin. Eine allerliebſte Komödie, ſagte er, von der Thür zurücktretend. Der ſchwärmeriſche Herr Erzherzog 124 ſcheint es in der That für möglich zu halten, daß wir eine zweite Auflage von der romantiſchen Geſchichte der Philippine Welſer haben könnten. Aber der Kai⸗ ſer Franz iſt durchaus nicht ſo romantiſch und vor⸗ urtheilsfrei, als der damalige Kaiſer, der Vater des Erzherzogs Ferdinand, und ich habe durchaus nicht Luſt, die gefährliche Rolle des Schwiegervaters eines kaiſerlichen Erzherzogs zu übernehmen, denn ich könnte dabei ſehr leicht um meine Freiheit und mein Leben kommen. Nein, nein, es iſt weit beſſer, der Schwie— gervater eines reichen Grafen, als der eines armen Erzherzogs zu ſein. Camilla ſoll und wird den Gra⸗ fen heirathen, ich werde die Dinge ſchon ſo führen, daß ſie zuletzt, um den Erzherzog aus den Schlingen, die ich ihm gelegt, zu erretten, ſich dem guten, reichen Grafen Steinach vermählt. Aber bis dahin werde ich ſchweigen, und Niemanden verrathen, was hier ge⸗ ſchehen iſt. Je mehr Netze ausgeſtellt ſind, deſto leich⸗ ter iſt der Edelhirſch zu fangen, und mir ſcheint, er hat ſich ſchon ſo tief verwickelt, daß er niemals mehr wieder loskommen kann. Aber ſehen wir doch, was das romantiſche und ehrbare Liebespaar macht? Er legte ſein Auge wieder an die Löcher in der Thür und ſpähete von neuem in das andere Gemach. — 125 Ah, er theilt ihr jetzt ſeine Pläne für Tyrol mit, flüſterte er leiſe, er verſpricht ihr, daß ſie unterrichtet werden ſoll von Allem, was geſchieht. Jetzt, jetzt nehmen ſie Abſchied. Aber wie? Mit einem Kopf⸗ nicken, einem Händedruck, weiter nichts! Ich muß doch hören, was mein Herr Schwiegerſohn Johann mir jetzt ſagen wird! Er verließ haſtig durch eine Seitenthür das kleine Gemach, ſtürzte die Treppe hinab, und ſtand, als der Erzherzog einige Minuten ſpäter dieſelbe hinabgeſchrit⸗ ten kam, in ehrerbietiger Haltung, ganz Freundlichkeit und Unterwürfigkeit, neben demſelben. Ew. Hoheit haben alſo wirklich die Gnade gehabt, Wort zu halten, rief Roſchmann mit einem glücklichen Lächeln. Ew. Hoheit erzeigten meiner Tochter Ca⸗ milla die Gnade Ihres Beſuches? Ja, lieber Roſchmann, ſagte Johann heiter, ja ich war bei Ihrer Tochter. Und was ſagte ſie, Hoheit? Hat ſie den Befehlen Eurer Hoheit Gehör gegeben? Willigt ſie ein, ſich dem Grafen Steinach zu vermählen? Der Erzherzog legte ſeine Hand auf Roſchmanns Schulter, und ſein Antlitz ſtrahlte von Heiterkeit und Glück, wie Roſchmann es nie zuvor an ihm geſehen. 126 Sie hat nicht eingewilligt, ſagte er, aber Sie dürfen ihr deshalb nicht zürnen. Sie hat das Ge⸗ lübde gethan, ſich nicht zu vermählen, bevor Tyrol nicht frei und glücklich iſt. Nun, man darf ſie nicht hindern, ihr Gelübde zu erfüllen. Aber wir wollen Alles in Bewegung ſetzen, um ſie ihres Gelübdes zu entheben, das heißt, um Tyrol frei zu machen, ihm ſeine Verfaſſung und ſeine alten, verbrieften Rechte wiederzugeben. Dann, wenn wir dies Ziel erreicht, dann wollen wir Camilla wieder fragen, ob ſie jetzt den Gemahl annehmen will, den wir ihr vorſchlagen, und ich glaube, ſie wird dann ſich nicht mehr weigern, den Mann glücklich zu machen, der ſie liebt. Aber es bleibt uns bis dahin noch viel zu thun! Zuerſt müſſen wir Metternich ſtürzen, und dazu wollen wir jetzt die entſcheidenden Schritte thun! u m W. G Die Warnung. t Eilen Sie, Herr Graf, eilen Sie, rief Hudeliſt, in das Kabinet des Grafen Metternich eintretend. Ew. Excellenz müſſen ſogleich zum Kaiſer! Und weshalb, mein Lieber, weshalb muß ich? fragte Metternich lächelnd. Sie gebrauchen da ein Wort, das ich durchaus nicht liebe, und das ich für mich niemals als zu Recht beſtehend anerkannt habe. Doch hat ſelbſt der Gott Apoll, dem Ew. Ex⸗ cellenz ſo ähnlich ſind, wie ein Zwillingsbruder dem andern, doch hat der ſogar dem häßlichen Worte „Müſſen“ ſich zuweilen unterworfen, wenn nämlich der Gott Zeus es zu ihm geſprochen. Ah, und für mich ſpricht es auch der Gott Zeus? fragte Metternich lächelnd. Sie kommen als der Götterbote Mercurius, um mich zum Zeus, dem Don⸗ 128 nerer, zu rufen? Dann freilich iſt es etwas Anderes, und ich muß mich Ihrem Wort Müſſen ſchon fügen und zum Kaiſer gehen. Nein, Excellenz, ſagte Hudeliſt, ich komme leider nicht als Abgeſandter des Kaiſers, und es iſt ſogar ſehr die Frage, ob der Kaiſer Sie annehmen wird, wenn Ew. Excellenz ihm gemeldet werden. Wie denn, mich annehmen? fragte Metternich achſelzuckend. Der Kaiſer hat mir in den jetzigen ſchwierigen Zeiten, wo jeden Moment wichtige Depe⸗ ſchen aus allen Himmelsgegenden ankommen können, die Erlaubniß gegeben, ſtets unangemeldet zu ihm ein⸗ zutreten. Ah, wenn das iſt, Excellenz, dann ſind Sie ge⸗ rettet, rief Hudeliſt, und ich wiederhole Ihnen nur: eilen Sie, zum Kaiſer zu kommen. Sie ſind in Ge⸗ fahr, das heißt, der Kaiſerſtaat iſt in Gefahr! Ihre Feinde, welches zugleich die Feinde Frankreichs ſind, haben das Ohr des Kaiſers gewonnen, es iſt ihnen gelungen, den Kaiſer für ihre Kriegsprojecte zu ge⸗ winnen, und ihm begreiflich zu machen, daß er ent— weder jetzt Frankreich den Krieg erklären, oder eine Revolution in ſeinen eigenen Staaten gewärtigen müſſe. Man hat ihm ſein Volk als in höchſter Aufregung 129 und Bewegung geſchildert, man hat ihm geſagt, daß es nur Ein Mittel gäbe, um die allgemeine Aufregung zu beſchwichtigen, und den Kaiſerſtaat ſiegreich aus den Gefahren hervorgehen zu laſſen, die ihn bedrohten, nur dies Mittel: ſofort Ew. Excellenz zu entlaſſen, und den Grafen Stadion an Ihre Stelle zu rufen. Und was hat der Kaiſer auf dieſe Vorſchläge ge⸗ antwortet? fragte Metternich, deſſen ſchönes Geſicht nicht einen Moment den Ausdruck der Ruhe und des heitern Friedens verloren hatte. Er hat den General Walmoden heute Morgen zu ſich rufen laſſen, und in ſeinem Kabinet ſich über eine Stunde lang mit ihm beſprochen. Dann hat er nach dem Erzherzog Carl geſandt, und ihn zu ſich be⸗ fohlen. Aber der Erzherzog mußte ſich für heute ent— ſchuldigen laſſen, weil er grade heute Nacht wieder einen Anfall ſeiner Krankheit gehabt hat, und noch zu ſchwach iſt, das Bett zu verlaſſen. Der Erzherzog hat daher um gnädige Erlaubniß gebeten, erſt heute Nachmittag zu kommen; der Kaiſer hat es genehmigt und zu derſelben Nachmittagsſtunde auch den Erz— herzog Johann, den er, wie Sie wiſſen, ſeit Monaten nicht geſprochen hat, zu ſich befohlen. Um drei Uhr werden die beiden Erzherzöge bei ihm ſein, und der 9 Mühlbach, Erzh. Johann u. Metternich. II. — —— —— 130 Erzherzog Johann wird, auf ausdrücklichen Wunſch des Kaiſers, auch den Grafen Stadion, der ſich, wie die Kaiſerin Ludovica ihrem Gemahl geſagt hat, ſeit einigen Tagen in Wien befindet, dem Kaiſer zu⸗ führen. Bis dahin hat ſich der Kaiſer mit dem Be— fehl, Niemand zu melden, in ſein Kabinet zurückgezogen, wo die Kaiſerin Ludovica bei ihm iſt, und ihn vor jeder ſchädlichen Einflüſterung behütet. Sie hat gemacht, daß der Kaiſer ſelbſt mir die gewöhnliche Morgen— audienz verſagte, in welcher ich ihm ſonſt jedesmal Rap— port erſtatten mußte über Alles, was ſich in Wien am vorigen Tage begeben, womit ſich die Herrn Erzherzöge unterhalten und beluſtigt und was die chronique scandaleuse an neuem Stoff zur Unterhaltung gelie⸗ fert. Der Kaiſer liebt ſonſt dieſe meine Morgen⸗ rapporte ſehr, und wenn er mich heute nicht zum Vor⸗ trag gelaſſen, ſo können Ew. Excellenz daraus ermeſſen, welchen Einfluß die Kaiſerin Ludovica, Ihre mächtige. und ſtolze Gegnerin, bereits über ihren Gemahl gewon— nen hat, und wie weit das Complott vorgeſchritten iſt, das Ew. Excellenz ſtürzen ſoll. Ich ſage alſo zum dritten Male: Ew. Excellenz, eilen Sie ſogleich zum Kaiſer, eilen Sie zu ihm, wenn Sie nicht wollen, daß Oeſterreich dieſen Fanatikern zum Opfer falle, 131 die den Krieg mit Frankreich, das heißt, das Unglück Oeſterreichs auf ihre Standarte geſchrieben. Eilen Sie, oder Sie haben aufgehört Miniſter zu ſein, und Ihr Gegner, der Graf Stadion, tritt an Ihre Stelle! Allerdings, mein Freund, ich werde mich beeilen zum Kaiſer zu gehen, ſagte Metternich lächelnd, aber nicht um, wie Sie wünſchen, mir meine Miniſterſtelle zu erhalten, ſondern gerade im Gegentheil, um Se. Majeſtät zu bitten, mich von derſelben zu entheben. Ich bin der ewigen Kämpfe und Intriguen endlich ſatt und müde, und wünſche mich ganz und gar von den Staatsgeſchäften zurückzuziehen. Zudem iſt es mög⸗ lich und wahrſcheinlich, daß Graf Stadion in der That beſſer geeignet iſt, des öſterreichiſche Staatsſchiff durch alle Klippen und Brandungen hindurch zu führen, und es iſt daher ganz natürlich, daß ich ihm den Platz räume. Wie denn? fragte Hudeliſt ganz verblüfft. Ew. Excellenz wollen Ihre Entlaſſung nehmen? Ja, ich will dem Kaiſer meine Entlaſſung anbieten. Hudeliſt ſchaute ganz entſetzt in das ſchöne lä⸗ chelnde Antlitz des Miniſters, aber auf einmal flog es wie ein Strahl des Verſtändniſſes über ſein Ant⸗ litz hin. Ah, jetzt begreife ich, rief er freudig, Ew. Exeellenz 9** 3 4 f 132 r wollen ein großes Mittel wagen, Sie wollen eine Kriſis herbeiführen. Ich denke wie Franz von Sickingen, ſagte Met⸗ ternich, leicht mit dem Kopf nickend, beſſer ein Ende mit Schrecken„als ein Schrecken ohne Ende. Ent⸗ weder ich haue dem Lindwurm auf Einen Streich ſeine vielen Köpfe alle auf Einmal ab, oder ich ziehe mich ganz und gar zurück, um nicht von ihm ver⸗ ſchlungen zu werden. Excellenz, rief Hudeliſt, bis heute habe ich Sie ver⸗ ehrt als einen großen feinblickenden Diplomaten, von heute an bete ich Sie an als den weiſeſten, erhaben— ſten und kaltblütigſten Staatsmann, vor dem ſich mein Geiſt in den Staub beugt. Gott wird geben, daß es für Sie kein„Ende mit Schrecken“ giebt, ſon⸗ dern daß Sie in dieſer großen Kriſis es über diejenigen herbeiführen, welche ihrem perſönlichen Ehrgeiz die Ruhe und den Frieden Oeſterreichs opfern wollen. Gehen Sie hin und bieten Sie dem Kaiſer Ihre Ent⸗ laſſung an; wenn er ſie von Ew. Excellenz annimmt, dann werde auch ich eilen, mich zurückzuziehen, denn es wird mein Stolz ſein, mit dem großen Staatsmann Metternich zu ſtehen und zu fallen. Wann ſagten Sie doch, daß die Eezherzöge und 133 der Graf Stadion beim Kaiſer zur Audienz ſein wer⸗ den? fragte Metternich. Um drei Uhr, Excellenz. Jetzt iſt es zwölf Uhr, ſagte Metternich, einen flüch⸗ tigen Blick auf die Pendule werfend, um halb drei Uhr werde ich mich zum Kaiſer begeben, und habe alſo noch zwei und eine halbe Stunde für mich, die ich, wie ich es verſprochen, zu einer Probe auf einem Liebhabertheater benutzen werde. Es iſt morgen der Geburtstag meiner Gemahlin, und wir führen dazu ein allerliebſtes franzöſiſches Stück auf, von dem jetzt die Generalprobe ſein ſoll. Die Herzogin von Acce— renza hat die Hauptrolle übernommen, und ich wirke in der Pidce als ihr verſchmäheter und doch treuer Liebhaber, und ich hoffe, Sie werden uns morgen die Ehre gönnen, auch Zuſchauer zu ſein, denn aufge⸗ führt wird das Stück jedenfalls, gleichviel ob ich dann noch Miniſter bin, oder ob ich dem Grafen Stadion habe weichen müſſen. Jedenfalls bleibe ich doch der Graf Clemens Metternich, und meine Freunde werden es mir verzeihen, wenn ich auch nicht mehr Excellenz bin. Aber jetzt iſt es die höchſte Zeit, daß ich in die Generalprobe gehe, die gute Herzogin wird ſicherlich ſchon ungeduldig ſein. Auf Wiederſehen alſo, — 34 mein Theuerſter, und herzlichen Dank für die Freund⸗ ſchaft, die Sie mir heute bewieſen. Ich werde deſſen eingedenk ſein ſo lange ich lebe, und wenn ich auch jetzt, da ich im Begriff bin, in das Privatleben zurück⸗ zukehren, nicht mehr im Stande bin, Ihnen die Ehren und Würden zu ſchaffen, welche Sie verdienen, ſo kann doch vielleicht ein Tag kommen, wo ich wieder zu Macht und Anſehen gelange, und dann werde ich es als meine heiligſte Pflicht erachten, Ihnen meine Dankbarkeit und zugleich die hohe Verehrung zu be⸗ weiſen, die ich vor Ihrem Geiſt und Ihren Talenten hege. Ich vermiſſe auf Ihrer Bruſt mit wahrem Schmerz den Stephansorden! Es ſoll nicht an mir liegen, wenn er noch lange dort fehlt und wenn der Hofrath ſich nicht bald in einen Staatsrath verwan⸗ delt! Leben Sie wohl und auf Wiederſehen morgen Abend in meinem Liebhabertheater! Er reichte Herrn von Hudeliſt ſeine Hand dar und begleitete ihn bis zur Thür. Eben als dieſer hinausgehen wollte, hielt Metternich ihn zurück. Noch eins, mein lieber Herr von Hudeliſt, ſagte er. Wie ſteht es mit unſerm Herrn von Roſchmann, dem faux frère, den wir dem guten Erzherzog Jo⸗ hann gegeben? — 135 Ah, Excellenz, die Sachen gehen über Erwarten gut, erwiderte Hudeliſt mit ſeinem höhniſchen Grinſen! Der faux frère iſt als echter und getreuer Bruder angenommen, und in alle Pläne des Erzherzogs und ſeiner Genoſſen eingeweiht worden. Der gute Herr 1 k Hannes vertraut dem Tyroler Herrn von Roſchmann ganz arglos, und dieſer treibt ihn immer weiter in die gefährlichen Verſchwörungspläne hinein. Mein Gott, dieſe Sache kann aber für den Erz⸗ herzog, wie für den Kaiſer ſelber ſehr gefährlich werden, rief Metternich mit dem Anſchein des Schreckens. Ich möchte, bevor ich mich zurückziehe von den Staats— geſchäften, dem guten Kaiſer Franz einen letzten Dienſt erweiſen und ihm die Gefahr enthüllen, welche ihn in der Geſtalt dieſes aufrühreriſchen Prinzen Johann be⸗ droht. Aber, da der Erzherzog jetzt wieder in Gunſt zu gelangen ſcheint, ſo möchte ich nicht ſelber den Kaiſer warnen, denn er könnte mich für den Rivalen ſeines Bruders halten, und mir keinen Glauben ſchen— ken. Es wird daher beſſer ſein, wenn der Herr von Roſchmann ſelber dem Kaiſer ſeine Beichte macht, ihm alles das mittheilt, was er von den Plänen des Erzherzogs weiß, und ſich von dem Kaiſer ſelber die 8 nöthigen Verhaltungsbefehle für die Folgezeit geben läßt. 1 136 Aber wird der Kaiſer einwilligen, den Herrn von Roſchmann zu empfangen? Ew. Excellenz wiſſen, daß er es durchaus nicht liebt, an die alten Geſchich⸗ ten aus Tyrol erinnert zu werden, und daß er die Männer, die im Jahre 1809 dort eine Rolle geſpielt, lieber gar nicht kennen und ſprechen möchte. Der Kaiſer liebt nicht die alten Geſchichten aus Tyrol, aber die neuen wird er deſto lieber hören, ſagte Metternich lächelnd. Ich werde in meiner heutigen Abſchiedsaudienz für den Herrn von Roſchmann um eine geheime Audienz bei dem Kaiſer bitten, ich werde dem Kaiſer ſagen, daß Herr von Roſchmann ihm wichtige Mittheilungen zu machen habe, und ich zweifle nicht, daß Sr. Majeſtät ihm die verlangte geheime Audienz bewilligen wird. Sagen Sie daher dem Herrn von Roſchmann, er ſolle ſich heute Abend neun Uhr bei mir einfinden, um von mir ſeine weitere In⸗ ſtruction zu empfangen. Und jetzt zum letzten Mal, leben Sie wohl! Ich muß in meine Theaterprobe, denn es wäre doch ein Scandal, wenn ich morgen mit meiner Liebhaberrolle Fiasco machte! Auf Wie⸗ derſehen, mein lieber Herr von Hudeliſt! . 8 VI. Die RKathgeber. Kaiſer Franz ging mit heftigen Schritten auf und ab in ſeinem Kabinet; ſeine Züge drückten die höchſte Unruhe und Erregung aus, und obwohl er die Flie⸗ genklappe in der Hand hatte, ſo dachte er dies Mal doch gar nicht daran, ſeiner Lieblingsbeſchäftigung ob⸗ zuliegen, und die Fliegen, die in harmloſeſter Unwiſſen⸗ heit auf der Wand ſaßen, zu tödten. Nicht einmal wandte er die Blicke zu ihnen hin, aber immer wie⸗ der richteten ſie ſich auf die Kaiſerin Ludovica, welche auf dem Divan ſaß, und deren ſchönes bleiches Geſicht heute wunderbar belebt und wie von einem Freuden⸗ ſtrahl angehaucht ſchien. Sie glauben alſo wirklich, daß der Metternich ein Liebesverhältniß mit der Königin Karoline, des Bo⸗ naparte's Schweſter, unterhält? fragte der Kaiſer end⸗ 138 lich nach einer Pauſe, indem er vor der Kaiſerin ſtehen blieb. Ich glaube es nicht, Majeſtät, ich weiß es ganz gewiß, ſagte die Kaiſerin ruhig. Metternich hat ſeit Jahren ſchon ein Liebesverhältniß mit der Lieblings⸗ ſchweſter Napoleons, er ſteht mit ihr im eifrigſten Briefwechel, und da die kluge und ihrem Bruder ganz ergebene Königin Murat einen großen Einfluß auf ihren zärtlichen Liebhaber übt, ſo iſt es ganz erklärlich, daß Metternich von einem Bruch mit Frankreich nichts wiſſen will, ſondern Alles anwendet, um Oeſterreich in ſeiner Vaſallenſchaft von Frankreich zu erhalten! Aber vielleicht hat man Ew. Majeſtät nur ge⸗ täuſcht, rief der Kaiſer. Der Metternich hat halt ſehr viele Feinde, und ſie ſagen ihm gar ſchlimme Dinge nach, um ihm zu ſchaden, und ihn zu verdäch⸗ tigen. Graf Metternich iſt ſelbſt ſein größter Feind, ſagte die Kaiſerin ruhig, und er ſelber ſagt ſich die ſchlimmſten Dinge nach. Er iſt eitel genug, aus ſeinem Verhält⸗ niß mit der Königin Karoline vor ſeinen Vertrauten kein Geheimniß zu machen, und als die Herzogin von Accerenza von ihm als Beweis ſeiner glühenden Liebe die Mittheilung der Briefe forderte, welche Metternich ich 139 von der Königin Karoline erhalten, hat er ihr wirklich dieſelben mitgetheilt. Die Herzogin verſichert, daß ſie in einem ſehr glühenden Liebesſtyl geſchrieben ſind. Der Herzogin von Accerenza hat er ſie gezeigt? Hat der Metternich vielleicht mit ihr auch eine Amour? Er beſtürmt ſeit Jahren die Herzogin mit ſeinen Liebesbetheuerungen, und ſie hat ſeit einiger Zeit ſich den Anſchein gegeben, als ob ſie ſeine Liebe nicht zu— rückweiſe. Aber der Metternich iſt wahrhaftig ein gar un⸗ moraliſcher Menſch, rief der Kaiſer heftig. Iſt ver⸗ heirathet, und hat außerdem zwei Liebſchaften auf Einmal. Ich kann halt ſolche Männer nit ausſtehen, die ſich immer mit Liebeleien umhertreiben, ich will geſetzte, moraliſche Leut' um mich ſehen, die nit immer mit ihrem Herzen zu ſchaffen haben, ſondern denen der Kopf auf der rechten Stelle ſitzt, und das Herz fein kalt und ruhig erhält. Metternich aber wird, um ſeiner unmoraliſchen Herzensaffairen willen, zum Verräther an ſeinem Kaiſer und an Oeſterreich, ſagte die Kaiſerin lebhaft. Denn es heißt ſein Vaterland und ſeinen Kaiſer verrathen, wenn er ſeine Politik abhängig macht von dem Willen einer Frau, welche die Schweſter des Erzfeindes von 140 Oeſterreich, und von der bekannt iſt, daß ſie ihrem Bruder in treueſter Dienſtbarkeit ergeben iſt. Wen Königin Karoline Murat liebt, der muß ihr Bürg⸗ ſchaft gegeben haben, daß er ein ergebener Diener ihres kaiſerlichen Bruders iſt, daß er Alles thun wird, um deſſen Intereſſen zu fördern, und ihm ein gehor⸗ ſamer Sclave zu ſein. Um Metternich's Liebesver⸗ hältniſſes willen mußte Oeſterreich der demüthige Bundesgenoſſe Frankreichs ſein, mußte ihm ein Armee⸗ corps für den unheilsvollen Krieg in Rußland ſtellen, mußte ſeine tapfern Soldaten dem Hunger und Elend preisgeben und alle Familien mit Trauer und Herze⸗ leid erfüllen. Und auch jetzt noch, da Gott endlich den Uebermuth des Despoten geſtraft, da er ihn hat zu Schanden werden laſſen mit all ſeiner Macht und Herrlichkeit, jetzt noch, da Gott und die Menſchen das Urtheil geſprochen haben über den Wahnwitzigen, der ſich vermaß die Welt neu zu geſtalten, und deſſen Macht an den Eisſchollen Rußlands zerbrach, jetzt noch ſoll Oeſterreich der Bundesgenoſſe und Vaſall Frankreichs bleiben. Denn thäte es das nicht, ſo würde die Königin Karoline Murat ihrem Liebhaber zürnen, und an der Aufrichtigkeit ſeiner Liebe zweifeln. Ah, ich will ſie halt ſchon lehren, an ihm zu rem Ven xg⸗ 141 zweifeln, rief der Kaiſer zornig, ich will der Welt ſchon beweiſen, daß nicht der Metternich Kaiſer von Oeſterreich iſt, ſondern daß ich es bin, der das Staats⸗ ruder in ſeiner Hand hält, und der es lenkt nach ſei⸗ nem eigenen Gefallen! Die Kaiſerin hatte ſich lebhaft von ihrem Sitz erhoben und näherte ſich dem Kaiſer. Ein wunder⸗ voller Glanz von Freude lag über ihrem edlen Ange⸗ ſicht, ihre Augen ſtrahlten, ihre Wangen waren ge⸗— röthet, und um ihre Lippen ſpielte ein ſeltſames glück⸗ liches Lächeln. Nach einer leidenſchaftlichen Innigkeit ergriff ſie des Kaiſers beide Hände und drückte ſie an ihre Bruſt. Ach mein Kaiſer und Gemahl, rief ſie ſtürmiſch, ich beſchwöre Sie, beweiſen Sie das der Welt, be⸗ weiſen Sie es ihr, daß Sie und Sie allein der Gebieter und der Herr in Oeſterreich ſind. Laſſen Sie den unſeligen Einfluß enden, den Metternich ſich ange⸗ maßt, und mit dem er Oeſterreich an den Rand des Abgrundes geführt hat. Vernehmen Sie die Stimme Ihres Volkes, die Stimme von ganz Deutſchland, Majeſtät, Vergeltung und Strafe, das iſt es, was die Völker begehren, was ſie jetzt erkämpfen wollen, 27 3 5 7 1 142 auf dem letzten großen Schlachtfeld, auf dem ſie mit Napoleon ſich begegnen werden. O mein Ge— mahl, die Stunde des Gerichts iſt gekommen, laſſen Sie Sich nicht auf der Seite des Gerichteten finden, erheben Sie Ihre volle gewichtige Stimme, werfen Sie Ihr Schwert in die Wagſchale, und rufen Sie: Er iſt ſchuldig, und muß gerichtet werden! Ich will keinen Theil mehr haben an dem Verbrecher, der das Blut von Millionen Menſchen vergoſſen hat, der den Rechten aller Fürſten und aller Völker Hohn geſpro⸗ chen hat, und dem nichts heilig geweſen, weder ſeine Schwüre und Verſprechungen, noch die Geſetze und Rechte Anderer. O mein Kaiſer, mein geliebter Gemahl, haben Sie endlich Erbarmen mit mir, mit den Thränen, die ich ſeit Jahren über die Schmach und das Unglück Oeſterreichs vergoſſen habe, Erbar⸗ men mit der tiefen Qual Ihrer Völker. Denken Sie, was Sie ſelber gelitten haben von dem Uebermuth und dem Stolz dieſes entſetzlichen Mannes. Rufen Sie jene furchtbare Stunde in Ihr Gedächtniß zurück, wo nach dem blutigen Schlachttage von Auſterlitz Sie mit dem ſtolzen Sieger eine Zuſammen⸗ kunft hatten. Gedenken Sie jenes Wachtfeuers, wo Sie, der Verabredung getreu, nur von Ihrem Adju⸗ 143 tanten begleitet erſchienen, während er dennoch von ſeinem ganzen Generalſtab umgeben, im Pomp ſeiner kaiſerlichen Würde Sie empfing, und den Kaiſer von Oeſterreich als einen demüthigen Bittſteller behandelte, deſſen Exiſtenz von dem Willen Bonaparte's allein abhängig ſei. Es iſt wahr, es war ein abſcheulicher Moment, murmelte der Kaiſer, und ich werd's dem Bonaparte niemals vergeſſen, daß er mich damals ſo gar über⸗ müthig behandelt hat. Vergeſſen Sie ihm auch nicht, wie ſchwer e auch ſpäter noch beleidigt hat, rief die Kaiſerin glü⸗ hend, vergeſſen Sie nicht, daß er nach der Schlacht von Wagram es wagte zu fordern, Ew. Majeſtät ſollten der Krone Oeſterreichs entſagen zu Gunſten Ihres Bruders des Herzogs von Würzburg, vergeſſen Sie nicht, mit welchem Uebermuth er allen Puncten des Wiener Friedens Hohn geſprochen, keine Be⸗ dingung deſſelben ſeinerſeits erfüllt, dagegen unnach⸗ ſichtlich verlangt hat, daß Oeſterreich alle Bedingun— gen deſſelben, wie ſchwer ſie Ihnen auch fallen möchten, erfüllte. Sie wollten den Minotaurus zum Heil Oeſterreichs beſchwichtigen, und brachten ihm Ihr eigenes Kind zum Opfer dar! Vergebliches Bemühen! r Sie 144 Das Unheil Oeſterreichs ward dadurch um Nichts gemildert, die harten Bedingungen des Wiener Frie⸗ dens blieben unverändert, und nicht eine einzige der Millionen Kriegsſteuer, die Oeſterreich an Frankreich zu zahlen ſich verpflichtet, ward erlaſſen, nicht einer jener Landestheile und Provinzen, die Napoleon ſich widerrechtlich angeeignet, kehrte in den Beſitz Oeſter⸗ reichs zurück. O vergeſſen Sie das Alles nicht, mein Gemahl! Vergeſſen Sie auch nicht, mit welchem ſtolzen Uebermuth er Ihnen in Dresden begegnete, als wir dort auf ſeinem ruſſiſchen Triumphzuge mit ihm zuſammentrafen, wie er ſich der Halbgott däuchte, vor dem alle Fürſten und alle Länder demüthig in den Staub ſinken ſollten. Ja, rief der Kaiſer achſelzuckend, es war ja in Dresden, wo mir mein Herr Schwiegerſohn ausein⸗ anderſetzte, daß er der Rudolph von Habsburg ſeiner Familie ſei. Er dachte, das ſoll ein Pflaſter dafür ſein, daß ich die Marie Louiſe an den Advocatenſohn hingegeben. Aber ich meine doch halt, dieſer neumo⸗ diſche Herr Rudolph von Habsburg wird nit ſo viele Enkel und Urenkel aus ſeinem Stammbaume auf⸗ ſteigen ſehen, als es der unſere that, ſein Thron könnt' eichts Frie⸗ der reich einer ſich ſter⸗ nein hem nete, 145 gar leicht mal wacklicht werden und den ganzen Stammbaum zerbrechen. Sie meinen das? rief Ludovica freudeſtrahlend. Sie zweifeln an dem Glück Napoleons? O nun iſt Oeſterreich, nun iſt Deutſchland gerettet! Denn wenn Sie zweifeln, werden Sie auch dies unnatür⸗ liche Bündniß mit dem Erbfeind Ihres Hauſes zerreißen, werden in offener heiliger Feindſchaft dem Despoten gegenübertreten, der Oeſterreich ſeit ſo vie— len Jahren mit Jammer und Elend, mit Blut und Schmach überfluthet, der Sie ſo vielfach beleidigt, gekränkt und gedemüthigt hat! O Majeſtät, im Namen Deutſchlands, im Namen Oeſterreichs, im Namen Ihrer Selbſt, fordere ich Sie auf: Rache zu nehmen an Napoleon, ihn zu verlaſſen, wie Gott und ſein Glück ihn verlaſſen hat! Es iſt halt eine gar ſchlimme Sache, ſagte der Kaiſer gedankenvoll. Der Bonaparte iſt doch immer noch mein Schwiegerſohn, ſeine Gemahlin iſt meine Tochter und ſein Sohn iſt mein Enkel. Möcht' aller⸗ dings ihn ſelber gar gern ſtürzen, und ihm all' die Demüthigungen zurückgeben, die er mir gethan, aber ich kann doch meine Tochter und meinen Enkel nicht mit ins Verderben führen. Und ein Krieg, mit dem Mühlbach, Erzh. Johann u. Metternich. II. 146 Bonaparte könnte gar leicht zu ihrem Verderben aus⸗ ſchlagen, denn wer will den entfeſſelten Elementen Stillſtand auferlegen, wer will dem Haß und der Rache gebieten, mitten auf ihrem Wege inne zu halten, den Bonaparte zu vernichten, aber ſeine Ge— mahlin unberührt zu laſſen, und ſeinem Sohn den Thron unverkümmert zu erhalten, von dem ſie den Vater hinabgeſtoßen. O Majeſtät, denken Sie jetzt nicht an Dynaſtien und Verwandtſchaftsrückſichten, flehte die Kaiſerin glühend, denken Sie an das Große, Allgemeine, an das Unglück, welches Ihre Völker ſo lange und mit ſo viel Reſignation und Treue getragen, denken Sie daran, ihnen zu vergelten, ſelbſt wenn darüber das Glück Ihres Kindes gefährdet werden ſollte. Ihre Unterthanen ſind ja auch Ihre Kinder, und ſie haben ſo viel geweint, ſo viel geblutet. Trocknen Sie ihre Thränen, verbinden Sie ihre Wunden, und der Segen von ganz Deutſchland, von ganz Europa wird Ihnen lohnen, und Ihre Völker, die Sie bis jetzt geliebt, weil ſie mit Ihnen unglücklich waren, Ihre Völker werden Sie anbeten als ihren Helden, ihren Befreier und Erlöſer. Das iſt Alles recht gut und ſchön, ſagte Franz / * 147 zögernd, aber ich muß es mir halt doch noch ein biſſel überlegen. Ich hab' den Grafen Stadion hier⸗ her beſtellt, und ich denk' er muß ſogleich hier ſein. Ew. Majeſtät erwarten den Grafen Stadion ſchon jetzt? fragte Ludovica lebhaft. Ich glaubte verſtanden zu haben, daß der Graf Stadion um drei Uhr erſt mit dem Erzherzog Johann hieher kommen ſollte. Hab's halt vorgezogen den Stadion erſt allein zu ſprechen, und ſeine Anſicht zu vernehmen, es liegt mir nit ſo gar viel daran zu hören, was die Herren Brüder ſagen. Es ſind leidenſchaftliche und ehrgeizige Prinzen, und ich weiß es halt auswendig, was ſie mir ſagen werden. Das erſte iſt: Krieg, und das zweite iſt Krieg, und wieder Krieg. Und dann kom⸗ men die hochtönenden Phraſen von dem Wohl meiner Unterthanen, von der bedrohten Volksfreiheit und von der heiligen Rache, die man an dem Despoten und Tyrannen nehmen muß! Das klingt Alles recht ſchön, aber es ſind halt nur hohle Phraſen, mit denen man leicht um ſich werfen kann; ſie platzen in der Luft, und thun Niemanden Schaden; aber wenn der Bona⸗ part mit Granaten darauf antwortet, ſo platzen die Dinger auch, aber ſie thun uns halt ſehr vielen Schaden! Ehe ich daher meine Herren Brüder, die 10* 148 ſchmetternden Kriegstrompeten, höre, wollt' ich erſt den Grafen Stadion ſprechen. Und ſchauen's, Frau Kai⸗ ſerin, ich glaub' er kommt ſchon! In der That, die Thür hatte ſich eben geöffnet, und der eintretende Kammerhuſar meldete den Grafen Philipp von Stadion. Der Kaiſer befahl ihn eintreten zu laſſen, und ging dem Grafen dann faſt bis an die Thür entgegen. Nun ſchauen's, da ſind Sie ja wieder, rief er, dem Eintretenden freundlich zunickend. Haben uns recht lange nit geſehen, Graf. Wann war's denn, als Sie zuletzt Abſchied von mir nahmen? Majeſtät, ſagte Graf Stadion mit leiſer, trauri— ger Stimme, es war vor beinahe vier Jahren. Ach ja, ich entſinne mich jetzt, rief der Kaiſer lä⸗ chelnd, es war in Komorn, als wir den Waffenſtillſtand von Znaym geſchloſſen hatten, und ich Ihnen ſagte, daß mir halt nichts übrig bleiben würde, als Frieden zu machen mit dem Bonaparte, weil es doch beſſer ſei, etwas zu retten, als ganz und gar zu Grunde zu gehen. Aber Sie ſind halt kein Mann des Friedens, und darum forderten Sie von mir Ihre Entlaſſung, ſchieden aus dem Miniſterium, und verließen mich und den Hof. Und wo ſind's denn geweſen dieſe langen 149 Jahr' hindurch? Hab' Sie gar nimmer wieder ge— ſehen? Majeſtät, ich lebte einſam und ſtill auf meinen Gütern, und würde mich dort auch ganz glücklich ge⸗ fühlt haben, wenn nicht dort ein neues Unglück mich betroffen. Was war's denn für ein neues Unglück? Mein theurer Bruder Friedrich iſt mir vor zwei Jahren geſtorben, Majeſtät. Ach ja, ich vergaß, der Friedrich iſt geſtorben. Und darum ſind Sie ſo traurig? Majeſtät, er war der ſchönſte Theil aus meinem Leben, war mein beſſeres Ich! Merkwürdig, ſagte der Kaiſer ſinnend, begreif's halt nit, daß man einen Bruder ſo lieben, und ſich ſo viel aus ihm machen kann. Ich meinestheils wär' ganz froh— bin ganz froh, verbeſſerte ſich der Kaiſer, daß ich Sie wieder ſeh', lieber Graf. Sie kommen freilich nit daher wie die Taube mit dem Oelblatt, die den Frieden bringt, ſondern Sie ſind wie der Sturmvogel, der nur dann ſichtbar wird, wenn die Welt in Aufruhr geräth, und ſich ſchnell verkriecht, wenn wieder die Sonne ſcheint und es wieder Frie⸗ den giebt. — 150 Verzeihung, Majeſtät, ſagte Graf Stadion ernſt, der Wiener Frieden war kein Sonnenſchein, und darum verkroch ich mich, um in der Einſamkeit zu trauern über Oeſterreich's Unglück und Schmach. Und jetzt kommen's wieder zum Vorſchein, weil Sie meinen, daß der Sturm wieder losgehen wird, und es mit dem Frieden vorbei iſt! Sagen's ehrlich, wie kommt's, daß Sie gerade jetzt hieher nach Wien gekommen ſind? Majeſtät, das Gottesgericht in Rußland war der erſte Hoffnungsſtrahl, der in mein freudenleeres Herz fiel, und ich kam nach Wien, um zu ſehen, ob meine Hoffnungen nicht vergeblich geweſen. Aber Sie kamen nicht zu mir, ſagte der Kaiſer lebhaft, mich hatten's Ein für alle Mal aufgegeben, und gingen nur zu meinen kampfesluſtigen Brüdern. Verzeihung, Majeſtät, ſagte die Kaiſerin, Graf Stadion kam auch zu mir. Nun, das iſt ungefähr daſſelbe, rief Franz lächelnd, denn der Graf wußte wohl, daß die Frau Kaiſerin auch immer kampfluſtig iſt. Aber die Frau Kaiſerin war wenigſtens ehrlicher als meine Herren Brüder, und ſie ſagt mir, daß der Sturmvogel Graf Philipp Stadion bei ihr geweſen, und ihr dank's ich alſo, daß ernſt, arum auern weil wird, rlich, Wien r der Herz neine aiſer eben, dern. Graf elnd, ſerin ſerin üder, llipp daß — 151 ich Sie nach ſo langer Zeit wieder begrüßen kann. Hab' Sie aber rufen laſſen, Graf, weil ich Ihre Meinung hören will! Sie ſind ein Heißkopf, aber Sie ſind ehrlich und ehrenhaft zugleich, und Sie lie⸗ ben Oeſterreich. Wollen's mir alſo verſprechen, daß Sie mir offen und ehrlich Ihre Meinung ſagen wollen? Ja Majeſtät, ſo wahr mir Gott helfe in meiner Sterbeſtunde, ich werde Ihnen meine Meinung offen und ehrlich ſagen! Nun ſo ſprechen's denn, Stadion. Wie ſieht es in Deutſchland aus? Glauben's wirklich, daß es an der Zeit ſei, dem Kaiſer Napoleon den Frieden aufzu⸗ kündigen? Daß wir den Fürſten Schwarzenberg, der heute aus Galizien hier angelangt iſt, nicht auf ſeinen Geſandtſchaftspoſten nach Paris zurückkehren laſſen? Majeſtät, das ſind drei raſche Fragen auf Einmal, die ſich nicht ſo leicht beantworten laſſen, ſagte Stadion lächelnd. Ew. Majeſtät fragten zuerſt, wie es in Deutſchland ausſieht? Ich antworte darauf ehrlich und gewiſſenhaft: Deutſchland ſteht am Vorabend einer großen Zeit, ein göttliches Feuer erwärmt alle Herzen ein wahres Frühlingsknospen und Blühen iſt in allen Gemüthern, und Jeder fühlt es klar und freudenvoll, daß die Tage der Schmach jetzt endlich vorüber, daß 152 die Tage der Vergeltung gekommen ſind. Wie zu einem großen Verbrüderungsfeſt einigen und ſammeln ſich jetzt alle Deutſchen Stämme, und zum Erſten Male fühlen ſie ſich einig zu Einem Wollen, Einem Vollbringen! An den Ufern der Bereſina hat Gott die Stirn des Gewaltigen berührt und gezeichnet, und die Deutſchen haben auf der ehernen Stirn des flüch⸗ tenden Kaiſers das Wort Gottes geleſen, welches heißt: Er iſt gerichtet! Dieſes Wort hallt wie ein Jubel— ruf durch alle Gauen Deutſchlands wieder, jede Hand greift zum Schwert, jeder Mann iſt kampfbereit, und harrt nur des Rufes der Fürſten, die zum Kampf die Völker aufrufen ſollen. Aber die Fürſten, ſchauen's die Fürſten, das iſt grad' die Hauptſach. Werden die ſich auch empören gegen den Napoleon? Wird der Rheinbund nicht auch Front machen gegen diejenigen, welche ihr Schwert wider den Kaiſer der Franzoſen erheben wollen. Der Rheinbund iſt ſchon jetzt ſo gut wie aufge— löſt, Majeſtät, und die deutſchen Fürſten, welche ihm angehört, werden ſehr bereit ſein, den Mann zu ver— laſſen, dem ſie anhingen, weil er ihnen Königstitel, Macht und Länder geben konnte, den ſie jetzt aber aufgeben werden, weil er in Begriff iſt, ſie mit in ſein 153 Verderben hinein zu ziehen. Sie haben ſich von ihm heben und emportragen laſſen, ſie werden ſich aber wohl hüten, mit ihm zu Grunde zu gehen. Baiern, Sachſen und Würtemberg ſind erſchöpft an Menſchen und an Geld, und der Bürger, der ſchon lange ge⸗ murrt, ſagt es jetzt laut, daß er für den Kaiſer Napo⸗ leon weder ſein Geld, noch ſeine Söhne mehr hergiebt, daß er aber gegen Napoleon nicht bloß ſein Geld und ſeine Söhne, ſondern auch Sich Selber freudig dem Vaterlande darbringen wird. Preußen hat ſchon lange im Geheimen gerüſtet, und der Abfall des Ge⸗ nerals York iſt, obwohl der König ihn für den Mo— ment noch desavouirt, dennoch das erſte Signal zu dem Abfall ganz Preußens. Der ganze Norden von Deutſchland iſt bereit ſich zu erheben, und den Kampf gegen den verhaßten, jetzt nicht mehr gefürchteten Feind Deutſchlands zu beginnen. Denn Napoleon iſt zu dieſer Stunde nicht mehr furchtbar, ſeine große Armee exiſtirt nicht mehr, und Frankreich wird ihm keine neue Armee mehr ſtellen können, es iſt erſchöpft an Menſchen. Freilich hat der Kaiſer, ſo wie er in Paris angelangt war, ſogleich eine neue Conſcription ausgeſchrieben, und will eine neue Armee von drei⸗ malhunderttauſend Mann ſchaffen, aber die Ein⸗ ——ä —„ 1 — — ——— — 154 berufenen folgen nur widerſtrebend, und laut murrend ſeinem Ruf; an vielen Orten müſſen ſie mit Gewalt zuſammengeſchaart und eingekleidet werden, und ſie entlaufen dennoch wieder und flüchten zu ihren Eltern, welche ſie vor den Exekutionsmannſchaften verbergen. Diejenigen, welche ſich ſtellen, ſind die Ausrangirten des vorigen Jahres, oder junge Burſche, zu ſchwach und noch zu jung, um gute Soldaten abzugeben, und den Strapazen des Kriegsdienſtes gewachſen zu ſein. Der Kaiſer Napoleon wird alſo im beſten Fall, wenn er wirklich ſeine dreitauſend Mann zuſammenbringt, keine dreitauſend Soldaten haben, ſondern nur junge Burſche und undisciplinirtes Geſindel, das ſeinen Fahnen zu— läuft, weil es bezahlt wird, aber mit ſolchen Leuten laſſen ſich nicht Schlachten gewinnen, und Länder er— obern. Wenn alſo Ew. Majeſtät dem Bündniß mit dem Kaiſer der Franzoſen treu bleiben, ſo werden Sie ganz allein den Kampf gegen den ruſſiſchen Koloß auf ſich nehmen müſſen, und dabei in erſter Reihe ſtehen, ohne auch nur auf die Mitwirkung Frankreichs rechnen zu können. Das iſt allerdings ein gar ſchlimmes und trauri— ges Bild, was Sie uns da ausmalen, ſagte Franz, leiſe ſein Haupt ſchüttelnd. Dennoch ſind Sie der trrend hewalt d ſie ltern, ergen. girten hwach d den Der nn er keine irſche 155 Meinung, Oeſterreich müßte es machen, wie die Für⸗ ſten des Rheinbunds und wie Preußen es wahrſchein— lich machen werden, Oeſterreich müßte ſeinen beſchwo⸗ renen Allianzvertrag mit Frankreich für null und nich⸗ tig erklären, und ſeinen Schwüren wortbrüchig werden? Ja, Majeſtät, das iſt meine wahre und aufrichtige Meinung, Ew. Majeſtät haben der Allianz mit Frank⸗ reich tauſende Ihrer Unterthanen, Ihr Geld und Ihre Provinzen zum Opfer fallen ſehen, Sie haben ſich überzeugen müſſen, daß dieſe Allianz Ihrer eigenen Mo⸗ narchie zum Verderben gereichen wird, daß Sie durch dieſelbe ſtatt Ihrem Lande den Frieden zu ſichern, es nur in furchtbare und blutige Kriege hineinziehen, bei denen für Oeſterreich kein Vortheil und Gewinn, ſondern nur Nachtheil und Verluſt zu erwarten iſt. Aendern Ew. Majeſtät alſo, zum Wohl Ihrer eigenen Monarchie, Ihr Syſtem, erklären Sie die Allianz für aufgelöſt und beendet, und treten Sie mit raſcher Ent⸗ ſchiedenheit plötzlich, und ehe Napoleon noch Zeit hat ſich gegen Sie zu wenden, gerüſtet gegen ihn in die Schranken. Rufen Sie Ihre Völker, rufen Sie Deutſch⸗ land zu den Waffen gegen Frankreich, und mehr als funfzig Millionen Menſchen werden ſich für Ew. Ma⸗ jeſtät erheben, werden freudejauchzend und begeiſterungs⸗ ——— —— ———,— ——— 156 voll in den Kampf gegen den verhaßten Unterdrücker hinausziehen, ſie werden Ihnen nicht allein Ihre geraub⸗ ten Provinzen zurück erobern, ſondern ſie werden, wenn Ew. Majeſtät es wollen, Sie wieder auf den deutſchen Kaiſerthron erheben, und Ew. Majeſtät wer⸗ den von ganz Deutſchland freudig als der Kaiſer von Deutſchland begrüßt werden! Danke, rief der Kaiſer mit einer abwehrenden Be⸗ wegung, danke! Hab' ganz und gar keine Luſt, den ſchlimmen Poſten wieder zu übernehmen, und mich wieder mit den Fürſten und Reichsbaronen, und dem Reichskammergericht herumzuzanken! Bin herzlich froh, daß ich die ganze Sach' los geworden bin, und will ganz und gar nichts mehr damit zu ſchaffen haben! Es genügt mir vollkommen, Kaiſer von Oeſterreich zu ſein, aber unlieb wär's mir halt nit, wenn ich die Lombardei und Illyrien, Kärnthen und Krain dem Kaiſer der Franzoſen wieder entreißen könnt'. Wenn ich auch kein Eroberer bin, wie der Bonaparte, ſo möchte ich doch gern wieder haben, was Mein ge⸗ weſen, und was ich nur aus Noth und gezwungen habe fortgeben müſſen! Und Sie glauben wirklich daß der Moment zur Wiedereroberung meiner verlore⸗ nen Provinzen gekommen wäre? liche rücker raub⸗ erden, fden 157 Ja, Majeſtät, ich glaube das ganz entſchieden. Und Sie, Frau Kaiſerin, Sie glauben das auch? Ja, mein Gemahl, ich habe die freudige, unerſchütter⸗ liche Siegesgewißheit in mir, rief Ludovica. Sie wer⸗ den Ihre Provinzen wieder erobern, Sie werden dem hochmüthigen, unerſättlichen Räuber Ihr Eigenthum wieder entreißen! Illyrien, Kroatien und die Lom⸗ bardei warten nur auf den Ruf Eurer Majeſtät, um ſich zu erheben, um zu den Waffen zu greifen und ſich frei zu machen vom franzöſiſchen Joch; Tyrol hat drei Jahre ſchon in ſchmerzlichſter Sehnſucht die wei— nenden Blicke nach Oeſterreich hingewandt, Ew. Maje⸗ ſtät braucht nur die Hand zu erheben, und die Freuden⸗ feuer flammen von den Bergen, und die Hirten ver⸗ wandeln ſich in Helden, und auf's Neue vertreiben die kühnen Tyroler den verhaßten Feind, wie ſie es drei Mal gethan, im Heldenjahr von 1809! Ja, ja, murrte der Kaiſer vor ſich hin, hab' halt nur nöthig ihnen den Johann zu ſchicken, den„Herrn des Gebirges,“ wie ſie ihn nennen, und das ganze Volk von Tyrol ſteht für ihn auf. Nein, nicht für ihn, rief Ludovica begeiſtert, nicht für ihn, ſondern mit ihm für ihren geliebten Herrn, für ihren theuren Kaiſer Franz! Und wie Illyrien 158 und Kärnthen und Krain, wie die Lombardei und Tyrol, ſo wird auch Steyermark und Inner⸗Oeſterreich, ſo wird auch Böhmen und Gallizien ſich freudig er⸗ heben, wenn ihr Kaiſer zu den Waffen ruft, und nur Ein begeiſtertes Volk und Einen geliebten Herrn wird es geben in Oeſterreich, und einig wird Volk und Kaiſer ſein zu dem heiligen, erhabenen Ziel: die Welt zu befreien von dem Despoten, der die Völker und die Fürſten, die Freiheit und die Gerechtigkeit mit ſtolzem Hohn unter ſeine Füße getreten hat. Sie machen mir da eine gar verlockende Schilde— rung, Frau Kaiſerin, ſagte Franz lächelnd, und ich denk', ich werd' Ihrer Sirenenſtimme ſchon folgen müſſen, ich werd' mich von Ihnen und von den Grün⸗ den des Herrn Grafen von Stadion für überwunden erklären, und werd' wohl mein Syſtem ändern müſſen. Aber nur Eins iſt dabei zu bedenken: der Graf Metter⸗ nich hat die Allianz mit Frankreich abgeſchloſſen, und es wird ihm daher ſehr empfindlich ſein, dieſe Allianz jetzt brechen zu ſollen! Er wird mir gar viele Einwen⸗ dungen und Schwierigkeiten machen, der Metternich! Kommen Ew. Majeſtät dem zuvor, rief Ludovica raſch, entfernen Sie Metternich, geben. Sie ihm ſeine Entlaſſung. Das wird ganz Oeſterreich, ja ganz Eu⸗ dopc liger Eur Bün brac bem noſſ Kai Ote 159 ropa eine Garantie ſein, daß es Eurer Majeſtät hei⸗ liger Ernſt iſt, mit Frankreich zu brechen, denn ganz Europa weiß, daß Metternich es iſt, welcher das Bündniß Oeſterreichs mit Frankreich zu Stande ge⸗ bracht, welcher ſeinen Einfluß auf Ew. Majeſtät dazu benutzt, um Ew. Majeſtät als den treuen Bundesge⸗ noſſen und Vaſallen Frankreichs zu erhalten, weil der Kaiſer Napoleon ihm dafür verheißen, ihn in ſeiner Stellung als den Miniſter und Lenker Oeſterreichs zu behaupten, und zu beſchützen. Ach, ich werd' halt dem leichtgläubigen Europa beweiſen, daß ich in Oeſterreich regiere, und daß der Graf Metternich nur ſo lange Einfluß auf mich hat, als ich ihm denſelben verſtatten will, rief Franz ge⸗ reizt. Ich werde den Grafen Metternich noch in die⸗ ſer Stunde aus meinem Dienſt entlaſſen, und wir werden ja ſehen, was dann aus den Verſprechungen Napoleons wird, den Metternich in ſeiner Miniſter⸗ ſtelle zu ſchützen, und zu erhalten. Ja, ich werd' den Metternich ſogleich entlaſſen, aber es kommt denn dar⸗ auf an, ſogleich einen andern tüchtigen und bewährten Mann zu haben, den ich an ſeine Stelle ſetzen kann. Wiſſen Sie mir ſogleich einen ſolchen Mann zu nen— nen, Frau Kaiſerin? 160 Ludovika lächelte und warf ihre ſtrahlenden Augen auf den Grafen Stadion hin. Ich dächte, Ew. Majeſtät häͤtten nicht nöthig, weit zu laufen, ſagte ſie, und der Mann, welchen Ew. Ma⸗ jeſtät ſuchen, iſt bald gefunden. Auch über das Antlitz des Kaiſers flog ein Lä⸗ cheln, aber es verſchwand ſogleich wieder. Sie haben Recht, rief er, der Mann iſt gefunden. Herr Graf Stadion, fragte er lebhaft, Sie waren in dem Un- glücksjahr 1809 mein Miniſter,— wollen Sie das Portefeuille, welches Sie damals niederlegten, weil wir Frieden machten, wollen Sie es jetzt, da wir wahrſcheinlich den Krieg beginnen, wieder annehmen? Majeſtät, ſagte Graf Stadion überraſcht, dieſe Frage kommt mir ſo raſch, ſo unvorbereitet, daß ich nicht ſogleich darauf zu antworten weiß. Ich bitte Ew. Majeſtät inſtändigſt um Verzeihung, wenn ich daher nicht ſogleich mich entſcheiden kann. Es iſt eine ſo ernſte, heilige Sache, daß ich mich erſt mit meinem eigenen Gewiſſen berathen muß, ob ich auch die Kraft und die Befähigung habe, in einem ſchwie⸗ rigen Moment eine Stelle zu übernehmen, welche Herr von Metternich bisher zur Zufriedenheit Eurer Ma⸗ jeſtät ausgefüllt hat. Augen g, weit v. Ma⸗ ein Lä⸗ e haben r Graf em Un- Sie das 1, weil da wir emen? 1 dieſe daß ich h bitte enn ich Es iſt rſt mit ch auch ſchwie⸗ de Hert t Ma⸗ 161 Nun, wie viel Zeit brauchen Sie um nachzudenken, und ſich zu entſcheiden? fragte der Kaiſer. Bedenken's, Herr Graf, daß die Zeit jetzt raſch geht, und daß an Einer Minute oft die Entſcheidung über Krieg und Frieden, über Leben und Tod hängt. Majeſtät, ich bitte um eine Stunde, um zu überlegen, und zu entſcheiden. Und um ſich mit meinen Herren Brüdern zu be⸗ rathen, nit wahr? fragte der Kaiſer. Nun gut, es i*ſt jetzt zwei Uhr, in einer Stunde erwarte ich hier meine Herren Brüder, Sie, Herr Graf, können dann mit ihnen zugleich, wie wir's ja ſchon zu Anfang be⸗ ſchloſſen, zu mir kommen. Sie werden mir dann ſa— gen, was Sie entſchieden haben, und ob Ihr Gewiſſen Ihnen erlaubt, mein Miniſter zu werden! In einer Stunde alſo! Er winkte dem Grafen einen Abſchiedsgruß zu; Graf Stadion verneigte ſich ehrfurchtsvoll vor dem Kaiſer und der Kaiſerin, und verließ, rückwärts gehend, das Kabinet. Und jetzt, Frau Kaiſerin, ſagte Franz, ſich ſeiner Gemahlin nähernd, jetzt, nit wahr, jetzt ſind Sie zu⸗ frieden mit mir? Oh Majeſtät, rief Ludovica, ihm ihre beiden Hände Muüͤhlbach, Erzh. Johann u. Metternich. II. 11 3 162 darreichend, Sie haben mich in dieſer Stunde ſo glück⸗ lich und zufrieden gemacht, wie ich es niemals gewe⸗ ſen. Ich danke Ihnen, mein Gemahl, ich danke Ihnen von Herzensgrund, und die Erinnerung an das Glück, das Sie mir heute bereitet, ſoll mich entſchädigen für Alles, was ich gelitten! Denn heute zum erſten Mal habe ich gefühlt, daß die kalte Schranke, welche bisher Ihr Herz von dem meinen getrennt hat, endlich ge⸗ fallen iſt, daß ich Ew. Majeſtät nicht mehr bloß die Kaiſerin bin, die Sie vor Ihrem Hofſtaat anerkennen, ſondern endlich auch die Gemahlin, der Sie vertrauen, die Sie Theil haben laſſen an Ihren Sorgen, und der Sie einen kleinen Einfluß auf Ihre Entſchließungen bewilligen. Oh und wie glücklich, wie ſtolz macht mich dies Gefühl, wie will ich Sie dafür lieben, und ver— ehren! Ja, ja, ſagte der Kaiſer lächelnd, wenn man den Frauen ihren Willen thut, und ſich von ihnen leiten läßt, dann haben ſie ihre Männer gern, und meinen, daß man ſie liebt. Ich bin halt nit ſo ſchlimm, wie Sie bisher gedacht haben, Frau Kaiſerin, wenn ich auch nit ſo gar gemüthlich bin, als die guten Wiener es von mir glauben mögen. Aber jetzt, Frau Kaiſerin, jetzt bitt' ich Sie, daß Sie mir erlauben wollen, Sie glüͤck⸗ gewe⸗ hnen hlück, eiten inen, wie ich jener ſerin, Sie 163 in Ihre Gemächer zurück zu begleiten. Hab' noch allerlei zu arbeiten, bevor die Herren Brüder und der Graf Stadion hieher kommen. Nein, mein theurer Gemahl, begleiten Sie mich nicht, ſagte die Kaiſerin mit einem reizenden Lächeln; wozu das ſteife Ceremoniell unter Eheleuten, die ſich lieben, und vertrauen? Erlauben Sie mir Ihnen Lebe⸗ wohl zu ſagen, und mich ſtill zu entfernen, und Sie, mein theurer geliebter Franz, Sie gehen ſogleich an Ihren Schreibtiſch. Ah, ſchauen's, rief der Kaiſer, da iſt Ihnen etwas paſſirt, was Ihnen noch nie begegnet iſt. Sie haben mich Franz genannt, Ihren geliebten Franz, während ich ſonſt immer nur von Ihnen Majeſtät, Herr Kaiſer, oder wenn's hoch kommt„mein Gemahl“ genannt ward. Ja, ja, Frau Kaiſerin, hätten's mich gleich zu Anfang unſerer Ehe ſo herzlich und freundlich an— geredet, hätten's mich nit gar ſo kalt und ceremoniell empfangen, daß es mir war, als ſtünd' ein Schneemann zwiſchen uns, ſo wär' Manches anders und beſſer ge⸗ worden. Hab' erſt Zwicken in den Ohren gehabt, von Ihrem„Majeſtät“, und„mein Gemahl“, und ein recht⸗ ſchaffenes„Fränzel“ wär' mir lieber geweſen, als all die zierlichen und abgedrechſelten Redensarten, die mein 11* ——— ———— —-— — ——-——y— — —— 164 Herz gar ſehr verſchüchtert haben. Aber jetzt, da Sie mich Ihren Franz genannt haben, jetzt will ich Ihnen auch eine Belohnung dafür geben. Haben ſo oft die Vermittlerin zwiſchen meinen Herren Brüdern und mir gemacht, haben mir jetzt den Grafen Stadion recom⸗ mandirt, dafür ſollen Sie es auch ſein, welche den drei Herren heute eine Ueberraſchung bereitet. Ich bitte, nehmen's Platz, ich will nur ein paar Billets ſchreiben! Er nickte der Kaiſerin zu, und trat zu ſeinem Schreibtiſch. Mit raſcher Hand ſchrieb er einige Zei— len auf ein Blatt Papier, das er dann zuſammenfaltete und adreſſirte. Dann nahm er ein zweites Blatt, dann ein drittes, auf jedes ſchrieb er einige haſtige Worte, und odreſſirte ſie, zündete ein Licht an, und verſiegelte Jedes der drei Billets mit ſeinem Hand⸗ ſiegel. Hier, Frau Kaiſerin, ſagte er dann, mit den drei Billets ſich der Kaiſerin nähernd, hier ſind drei wich⸗ tige Depeſchen, haben Sie die Güte, Punct um drei Uhr mit denſelben wieder hieher zu kommen. Dieſe Billets ſind, wie Sie ſehen, an meine Herren Brüder und an den Grafen Stadion, ſie enthalten meine Be⸗ ſtimmung über ihre Zukunft, und die Zukunft Oeſter⸗ 165 reichs. Sie, die treue Freundin und Fürſprecherin der drei Herren, Sie ſollen Ihnen daher auch dieſe meine Billets überreichen. Da, nehmen Sie, Frau Kaiſerin, und ſeien Sie pünctlich um drei Uhr hier! Ludovica nahm die dargereichten Billets aus der Hand des Kaiſers, welche ſie zugleich innig an ihren Buſen druückte. Oh, mein theurer geliebter Gemahl, ſagte ſie be⸗ wegt, wie glückſelig macht mich Ihre Güte, und wie—. Se. Excellenz, der Herr Staatsminiſter, Graf Metternich, rief der Kammerlakai, die Thür öffnend, durch welche ſofort Metternich in das Kabinet eintrat. Ei, ſchauen's, der Metternich, ſagte der Kaiſer. Sie kommen ja zu einer gar ungewöhnlichen Stunde. Majeſtät, eine wichtige Geſchäfts-Angelegenheit führt mich zu Ew. Majeſtät, ſagte Metternich, ſich tief verneigend. Gut, gut, ich bin bereit, rief der Kaiſer, es iſt halb drei Uhr, ich habe alſo eine halbe Stunde für Sie. Frau Kaiſerin, erlauben Sie, daß ich Sie we⸗ nigſtens bis zur Thür begleiten darf! Er reichte ſeiner Gemahlin den Arm, und führte ſie zu der Tapetenthür, welche auf den kleinen Corri⸗ 166 dor führte, über welchen man zu den Gemächern der Kaiſerin gelangte! Ludovica, ohne den Grafen Metternich nur eines flüchtigen Blickes zu würdigen, grüßte den Kaiſer mit einem Lächeln und einem innigen Händedruck. Oh, mein Gott, ſeufzte ſie, indem ſie den Corridor hinabſchritt, welch ein Glück, daß ich die drei Hand⸗ ſchreiben des Kaiſers habe, welche die Zukunft Oeſter⸗ reichs beſtimmen. Wäre der Kaiſer nicht unwider⸗ ruflich dadurch gebunden, wer weiß, ob es Metternich nicht dennoch gelingen könnte, ihn für ſich zu gewin⸗ nen. Mein Gott, ich danke Dir, daß du das Schick— ſal Oeſterreichs geſichert haſt! VII. Die Ariſis. l⸗ h Nun, Metternich, rief der Kaiſer, nachdem die 1 Thür ſich hinter ſeiner Gemahlin geſchloſſen hatte, ſich wieder dem Grafen zuwendend, nun laſſen's hören! Was iſt es für eine wichtige Geſchäfts— Angelegenheit, die Sie hergeführt hat? Majeſtät, ſagte Metternich feierlich ernſt, Ma— jeſtät, es iſt in den Augen meines Herrn und Kaiſers vielleicht nur eine Kleinigkeit, für mich aber iſt es* eine Entſcheidung, eine Umgeſtaltung für das ganze Leben! Majeſtät, ich komme, um Ew. Majeſtät zu erſuchen, daß Sie die Gnade haben, mich meines Amtes zu entheben, und mich aus Ihren Dienſten zu entlaſſen! Der Kaiſer ſtutzte, und warf einen raſchen, for⸗ ſchenden Blick auf das Geſicht des Miniſters hin. 168 Aber dieſes ſo ſchöne und edle Geſicht blieb voll— kommen ruhig, es verrieth nichts von den Gedanken, die vielleicht doch hinter dem ſanften Lächeln, und dem milden Blick der ſtrahlenden Augen verborgen waren. Sie wollen Ihre Entlaſſung? fragte der Kaiſer barſch. Etwa um Mäiniſta des Kaiſers Napoleon zu werden? Nein, Majeſtät, um mich in das Privatleben zu⸗ rückzuziehen, ſagte Metternich gelaſſen. So, in das Privatleben? Sind's auf Ein Mal der Arbeit überdrüſſig geworden? Nicht der Arbeit, Majeſtät, aber des Kampfes. Ich ſehne mich nach Ruhe, nach Frieden, und darum noch eir mal, Majeſtät, ich bitte um meine Entlaſſung! Und hat denn das ſo gar große Eil'? fragte der Kaiſer. Ja, Majeſtät, für mich hat es Eile. Ich fühle mich erſchöpft, gebrochen; ich will mich auf mein Gut in Böhmen zurückziehen. Zuerſt müſſen's meine Entlaſſung haben, und die geb' ich halt nit ſo ohne Weiteres. Ein vernünf⸗ tiger Menſch fordert und bewilligt nichts ohne genü⸗ gende Gründe. Sagen's mir daher erſt die Gründe al 169 für Ihre Forderung, dann nachher will ich ſehen, ob ſie ausreichend und gewichtig genug ſind, um Ihnen Ihre Forderung bewilligen zu müſſen. Alſo weshalb wollen Sie Ihre Entlaſſung? Ich hatte ſchon die Ehre es Ew. Majeſtät zu ſagen. Weil ich mich erſchöpft fühle, weil ich mich nach Ruhe, nach Frieden ſehne! Das iſt Unſinn, rief der Kaiſer ungeduldig, ein junger Mann wie Sie, der noch dazu ehrgeizig iſt, fühlt ſich nit ſo leicht erſchöpft, und in Ruhe und Frieden zu leben iſt ihm ein Gräuel. Sagen Sie mir alſo die Wahrheit, ich verlange es von Ihnen als Ihr Herr und Ihr Kaiſer, die Wahrheit: weshalb begehren Sie Ihre Entlaſſung? Da Ew. Majeſtät es befehlen, werde ich Ihnen die Wahrheit ſagen, entgegnete Metternich ſich ver⸗ neigend. Ich bitte Ew. Majeſtät um meine Ent⸗ laſſung, weil ich mich zu ſchwach fühle, den Strö— mungen der öffentlichen Meinung länger zu wider⸗ ſtreben, und weil ich derſelben meine eigene Meinung nicht zum Opfer bringen kann. Und was will denn die öffentliche Meinung? Sagen's mir doch das, Herr Miniſter. Die öffentliche Meinung will, daß Ew. Majeſtät 170 die Allianz mit Frankreich brechen, daß Ew. Majeſtät das Schwert erheben, und Ihre Armeen gegen Fran⸗ reich führen. Und ich? Rechnen Sie mich auch ſo in Bauſch und Bogen mit hinein in die öffentliche Meinung? Die öffentliche Meinung iſt diesmal ſo ſtark und mächtig, ſie rauſcht durch ganz Deutſchland daher mit einer ſolchen Sturmesgewalt, daß ſich daran⸗ fürchte ich, der Widerſtand Eurer Majeſtät brechen, daß Ew. Majeſtät ihr nachgeben muß. Das glauben Sie? Und in dieſer Gefahr, von der Sturmesgewalt der öffentlichen Meinung über⸗ fluthet zu werden, da wollen Sie mich verlaſſen? Majeſtät, ich thue es mit blutendem Herzen, aber meine Ehre und mein politiſcher Name erfordert es. Ich darf meiner ganzen Vergangenheit nicht ein ſo demüthigendes Dementi geben, ich darf meinen zahl⸗ reichen Feinden nicht den Triumph bereiten, daß ſie von mir ſagen können: ich hätte, um Miniſter zu bleiben, meine Principien geändert, und meine eige⸗ nen Maximen verleugnet. Deshalb ziehe ich mich zurück, und mein Fall wird meinen Feinden wenig⸗ ſtens beweiſen, daß meine Ehre noch ſtärker iſt, als mein Ehrgeiz, und daß ich es noch höher achte, ein 171 ehrlicher Mann zu ſein, als ein Miniſter zu bleiben um jeden Preis! Nun gut, ich will annehmen, daß ich Ihnen die gewünſchte Entlaſſung bewillige,— ich ſage nicht, daß ich es thue, aber ich will den Fall annehmen, ſo müſſen Sie doch, bevor Sie aus Ihrem Amte ſchei⸗ den, Ihrem Kaiſer einen letzten Dienſt erzeigen. Majeſtät, befehlen Sie, was ich thun ſoll, rief Metternich lebhaft, mein Leben ſteht zur Verfügung Eurer Majeſtät. Gut! Sie ſollen mir alſo zwei Fragen offen und ausführlich beantworten, nach Ihrer Ueberzeugung und Ihrem Gewiſſen. Wollen Sie das? Wollen Sie wirklich Ihrem Kaiſer dieſen letzten Dienſt er— weiſen, und wollen Sie's treu und ehrlich thun ohn' Hinterhalt und ohn' Falſch? Ew. Majeſtät zweifeln an mir? fragte Metternich ſchmerzlich. Ew. Majeſtät halten es für möglich, daß ich Sie täuſche, daß ich Sie hintergehe? Ich hab' das Unglück Kaiſer zu ſein, rief Franz achſelzuckend, das iſt gar ſelten, daß ein Kaiſer treue und aufrichtige Freunde hat. Aber die Metternich's ſind von jeher treue Die— ner Ihrer Kaiſer geweſen. Das beweiſt ſchon der Name, den ſie führen, und der ein glänzendes Zeug⸗ niß für ſie ablegt. Wie denn, Ihr Name? fragte der Kaiſer lebhaft. Was iſt's denn mit dem Namen? Majeſtät, die Geſchichte deſſelben findet ſich in den alten Urkunden meines Hauſes. Dieſe Urkunden beſagen und weiſen nach, daß der Stammvater mei⸗ nes Hauſes nicht Metternicht benannt war, ſondern daß er bloß ſchlechtweg Metter hieß. Dieſer Herr Metter, ein gar tapferer und edelgeſinnter Mann, war Hauptmann von der Leibwache des letzten Sach⸗ ſenkaiſers, Heinrichs des Heiligen. Ja, rief der Kaiſer, er hieß wohl der Heilige, dieſer gute Heinrich, aber ich denk' er war doch nit ein ſo heiliger Mann. Mein' doch gehört zu haben, daß er ein gar eiferſüchtiger Herr war, und ſeiner armen Kaiſerin Kunigunde dadurch viel Herzeleid be— reitete. Iſt's ſo, oder irr' ich mich? Nein, Ew. Majeſtät irren Sich nicht. Der Kaiſer war in der That eiferſüchtig, obwohl ſeine Gemahlin eine Heilige an Tugend, Güte und Treue war. Aber ſie war ſchön und ſtrahlend wie ein Engel, und alle Cavaliere des Kaiſers beteten ſie an! 173 Herr Metter, der Hauptmann von der kaiſerlichen Leibwache auch, nit wahr? Ew. Majeſtät, er verehrte ſie als die Gemahlin ſeines Herrn, aber ſeine Liebe und Treue hatte er doch allein dem Kaiſer gewidmet. Das wußte Hein⸗ rich, und darum zog er ſeinen Hauptmann Metter auch allen ſeinen Cavalieren und Dienern vor, nannte ihn ſeinen Liebling und mochte niemals ohne ihn ſein. Aber dieſe Gunſt des Kaiſers erregte die Miß⸗ gunſt und den Neid der übrigen Hofleute, und ſie beſchloſſen, den Hauptmann Metter zu verderben und ihm die kaiſerliche Gnade zu entziehen! Ein ge⸗ ſchickter Herr ſchrieb alſo einen Brief voll Lug und Liſt, als hätte ihn Metter geſchrieben, und an die Kaiſerin Kunigunde gerichtet, und aus dem Brief ſollte hervorgehen, daß der Metter die Kaiſerin leiden⸗ ſchaftlich liebe, und daß er mit ihr in einem ſtraf⸗ baren Verhältniß ſtehe. Dieſen Brief nun wußte man dem Kaiſer Heinrich ſelber vor Augen zu brin— gen, indem man ihm ſagte, die Kaiſerin habe ihn ſo eben aus der geſtickten Taſche verloren, die an goldenen Ketten von ihrem Gürtel niederhing. Der Kaiſer war umgeben von allen ſeinen Hofleuten, als er den Brief empfing, nur der Hauptmann Metter 174 war nicht zugegen. Heinrich las den Brief, der ganz genau und täuſchend mit des Metter's Hand geſchrie⸗ ben war, dennoch aber, als er ihn geleſen, ſchüttelte er ſein Haupt, zerriß den Brief, und rief:„oh Metter nicht! Der iſt mir treu. Nein, Metter nicht!“ Der wirkliche Verräther fiel bleich und ſchwankend wie vom Blei getroffen zu des Kaiſers Füßen nieder, und als in dieſem Augenblick der Hauptmann Metter in den Saal eintrat, da riefen die Leute alle, wie aus Einem Munde, ihm das Wort des Kaiſers ent⸗ gegen: oh Metter nicht, und Kaiſer Heinrich ſchaut' ihn lächelnd an, und wiederholte, indem er ihm die Hand darreichte:„oh Metter nicht!“ Alsdann er— zählte er ihm von dem verleumderiſchen Brief, und zum ewigen Zeugniß, daß der Kaiſer nie gezweifelt an der Treue ſeines Dieners Metter, befahl er, daß Er und ſein Geſchlecht fortan ſich:„Metternicht“ beheißen ſollte*). Und was ſagte die Kaiſerin Kunigunde zu der Verläumdung? fragte der Kaiſer. War's ihr genü⸗ gend, daß ihr Gemahl die Sach' niederſchlug und nichts wiſſen wollt' von der Anklage? *) Siehe: Kaiſer Franz und Metternich. Ein Frag⸗ ment. S. 5. 175 Nein, Majeſtät, es war ihr nicht genug. Ihre Tugend verlangte ſtärkeres und unzweifelhafteres Zeug⸗ niß. Sie befahl, auf einem freien Raume alles Volk zuſammenzurufen, denn nicht bloß der Kaiſer und der Hof, ſondern auch das Volk ſollte Zeuge ſein von dem Gottesgericht, dem ſie ſich unterwarf. Als⸗ dann im Beiſein ihres Gemahls, des Hofes und Volkes, ließ die Kaiſerin eine eiſerne Pflugſchaar im Feuer glühend machen, entäußerte ſich ihrer Fuß⸗ bekleidung, bat Gott zum Zeichen ihrer Unſchuld es zu geben, daß ſie unbeſchädigt mit den nackten Füßen über das glühende Eiſen dahinſchreiten könnte, und — Gott erhörte ihr Gebet, glücklich und unbeſchädigt ſchritt die Kaiſerin, unter dem freudigen Zujauchzen des ganzen Volkes, über das glühende Eiſen dahin*). Ich wollt' halt, ſie hätt's nicht gethan, rief der Kaiſer raſch. Ich würd' ſonſt an ihre Unſchuld glauben, wenn ſie ſich bei der Wanderſchaft die nack⸗ ten Füß' verbrannt hätt'. Muß doch allerlei Liſt und Kunſtſtücke verſtanden haben, wenn ſie's machen konnt', daß ſie glücklich, über das glühende Eiſen hinſchreiten konnt', und muß ihr doch gar viel daran *) Siehe: Kaiſer Franz und Metternich. Ein Frag⸗ ment. S. 5. 176 gelegen geweſen ſein, daß der Kaiſer an ihre Un⸗ ſchuld glauben, und den Herrn Metter in keinem Ver⸗ dacht haben ſollt'! Doch gleichviel, ſie iſt glücklich über das heiße Eiſen hinweggekommen, und der Herr Metter ward zum Metternicht. Und Sie heißen ſo nach Ihrem Ahnherrn, nur daß Sie hinten ein T ver⸗ loren haben. Nun, das macht nichts, vielleicht finden Sie ihr T noch irgendwo einmal wieder. Aber die Geſchichte iſt gut, und ich will's halt glauben, daß Sie Ihren Namen mit Ehren tragen, und daß ich, wie Kaiſer Heinrich, auch Ihren Feinden antworten kann: oh Metter nicht!— So antworten Sie mir dann treu und redlich wie Ihr Ahnherr, antworten Sie mir auf meine erſte Frage: wenn ich Ihnen nun wirklich Ihre Entlaſſung gebe, Wen würden Sie mir dann rathen, zu meinem Miniſter zu machen? Majeſtät, ſagte Metternich, nach kurzem Beſinnen, Majeſtät, ich würde Ihnen rathen, den Grafen Philipp von Stadion ſchleunigſt nach Wien zu be⸗ rufen, und ihm das Miniſterium anzutragen. Und Sie glauben, daß er den Antrag annehmen würde? Das, Majeſtät, hängt von der Art des Antrages 1707 ab. Graf Stadion iſt ein ſtreng rechtlicher Mann, ein Edelmann im wahren Sinn des Wortes, der nur von ſeiner Ehre, ſeiner Ueberzeugung ſich leiten läßt, nur ſeiner Pflicht, und ſeinem Gewiſſen gehorcht. Er hat 1809 ſeine Entlaſſung genommen, weil Ew. Majeſtät des Grafen Stadion Anſicht zuwider mit dem Kaiſer Napoleon Frieden machten, er wird ſich jetzt nur dann entſchließen, wieder Miniſter zu werden, wenn Ew. Majeſtät ſofort dem Kaiſer Napoleon den Krieg erklären. Es iſt einmal des Grafen Ueber⸗ zeugung, daß Oeſterreich mächtig und ſtark genug iſt, um jetzt ſchon Frankreich als Feind gegenüber zu treten, und ganz Deutſchland wird, wenn Ew. Ma⸗ jeſtät den Grafen Stadion ſtatt meiner zu Ihrem Miniſter erwählen, darin eine Garantie ſehen, daß es Ew. Majeſtät Ernſt iſt mit dem Kampf gegen Frankreich. Ebenſo wird auch Frankreich und der Kaiſer Napoleon, ſobald Graf Stadion wieder Mi⸗ niſter iſt, keinen Moment zweifeln, daß die Partei in Oeſterreich, welche ſchon ſo lange den Krieg gewollt, jetzt geſtegt hat, und Napoleon wird einſehen, daß Oeſterreich jetzt entſchloſſen iſt, den Entſcheidungskampf zu wagen, daß Er deshalb auch ſeine ganze Macht jetzt gegen Oeſterreich zunächſt richten muß. Mühlbach, Erzh. Johann u. Metteruich. II. 12 178 Und jetzt, Metternich, jetzt meine zweite Frage. Beantworten Sie ſie nach Ihrem Gewiſſen und nach Ihrer reiflichen Erwägung! Was würden Sie mir jetzt rathen zu thun, wenn Sie mein Miniſter blieben? Majeſtät, ich würde Ihnen alsdann rathen, den Krieg vor der Hand noch zu vermeiden, Frankreich noch in gutem Glauben an Ihre Freundſchaft zu— erhalten, es nicht zu ſcheuen, ſogar öffentlich und vor aller Welt Beweiſe dieſer Freundſchaft zu geben; aber insgeheim zu rüſten, insgeheim ſich mit den gegen Frank⸗ reich kriegführenden Mächten in Verbindung zu ſetzen, ſich in der Stille zu einem großartigen Krieg zu rüſten, aber die Verbündeten erſt den Kampf mit Napoleon allein aufnehmen zu laſſen! Dieſe werden ohne Zweifel zuerſt einige Niederlagen haben, denn der Kaiſer Na⸗ poleon iſt noch immer ſtark und mächtig, und er wird dies Mal das Aeußerſte wagen, weil er weiß, daß das Aeußerſte auf dem Spiel ſteht. Aber ſelbſt ſeine Siege über die Verbündeten werden ihn ſchwächen, denn er wird dieſe Siege nicht ohne große Verluſte gewinnen, und dann, wenn Napoleon geſchwächt, wenn der⸗ Hochmuth der Verbündeten abgekühlt iſt, und ſie ein⸗ ſehen gelernt haben, daß Deutſchland ohne Oeſterreich machtlos und außer Stande iſt, Frankreich zu beſiegen, 179 dann, wenn die Entſcheidung und das Schickſal Eu⸗ ropa's ganz allein in Oeſterreichs Hand gegeben iſt, dann iſt der Moment gekommen, wo Ew. Majeſtät auf den Kriegsſchauplatz hinaus treten, und mit Ihrer ganzen, vollſtändig gerüſteten Armee Frankreich gegen⸗ übertreten können. Es iſt alſo ein Doppelſpiel, was Sie mir da vor⸗ ſchlagen? fragte der Kaiſer. Oeffentlich Napoleon's Freund und Bundesgenoſſe, und insgeheim Verhand⸗ lungen mit ſeinen Feinden, Rüſtungen zum Kriege ge⸗ gen ihn? Ja, Majeſtät, ich ſehe in dieſem Doppelſpiel allein die Garantie, daß Oeſterreich nicht abermals ſolche große Verluſte und Niederlagen zu erleiden habe, wie dies 1806 und 1809 der Fall geweſen! Oeſterreich darf ſich einer ſolchen Gefahr nicht mehr ausſetzen, denn es würde dabei zu Grunde gehen. Es darf nicht eher wieder Frankreich feindlich gegenüber treten, als bis es ſicher iſt, daß es den Feind beſiegen, und die eroberten Provinzen ihm wieder entreißen wird. Oeſterreich muß ſich daher nach beiden Seiten ſichern, es muß ſeine Abgeſandten ſowohl bei Napoleon, als bei dem Kaiſer Alexander und dem König von Preußen haben, und ſo lange es Noth thut, muß es mit den 12* 180 öffentlichen Demonſtrationen für Napoleon die gehei⸗ men Verhandlungen mit ſeinen Feinden überſchatten. Aber der Bonagparte iſt ein gar ſchlauer Mann, und er hat ſehr geſchickte Agenten, die Alles ausſpähen. Wenn er durch dieſe von unſern geheimen Einverſtänd⸗ niſſen erfährt? So beweiſen wir ihm, durch völlige Desavouirung ſeiner Gegner, durch eine eclatante Verleugnung der⸗ ſelben, daß ſeine Agenten ihn falſch berichtet. Wir ſetzen uns, um Ew. Majeſtät ein Beiſpiel anzuführen, wir ſetzen uns jetzt mit dem deutſchen Aufſtands⸗Comité in Verbindung, und laſſen durch daſſelbe alle Nach— richten, die wir in Deutſchland verbreitet zu haben wünſchen, in Umlauf ſetzen. An der Spitze dieſes Aufſtands⸗Comité's ſteht Juſtus Gruner, wir haben ihm verwilligt in Prag ſein geheimes Centralbureau zu etabliren, von dort aus ſeine Agenten auszuſenden nach allen Richtungen Deutſchlands, um die Völker anzufeuern, um unter die Kriegsluſtigen Waffen zu vertheilen, zu deren Ankauf der Kaiſer Alexander die nöthigen Summen an das Aufſtands⸗Comité nach Prag ſendet. Sollte Napoleon vorzeitig von dieſem Aufſtands⸗Comité und von unſerm Verkehr mit dem⸗ ſelben erfahren, ſo laſſen wir Juſtus Gruner ſofort 181 verhaften, klagen ihn ſchädlicher Aufwiegeleien an, und geben Napoleon alſo ein eclatantes Zeugniß unſerer Treue. Ein anderes Beiſpiel iſt Tyrol. Dort iſt, wie ich aus ſicherſten Quellen weiß, der Aufſtand vollkommen organiſirt und vorbereitet, ganz Tyrol iſt gerüſtet und wartet nur auf das Zeichen um loszubrechen, denn der Aufſtand hat ſeinen Feldherrn, ſeine Generäle und Hauptleute. Wir treten mit denſelben in Verbindung, wir erfahren dadurch die Abſichten und Geheimniſſe der Verſchwornen, wir können ermeſſen, in wiefern die⸗ ſelben uns nützlich ſind, können ſie nach unſerm Wil— len leiten, und ihnen die Unterſtützung geben, die uns zweckmäßig erſcheint. Sollte aber der Aufſtand in Tyrol zu frühzeitig eclatiren, oder ſollte es uns nütz⸗ lich erſcheinen, ihn zu desavouiren, ſo laſſen wir die Häupter der Tyroler Verſchwörung verhaften, und melden Napoleon, daß wir Iſo eben eine große Ver⸗ ſchwörung gegen ihn entdeckt, dieſelbe aber unſchädlich gemacht haben! Iſt mein Bruder Johann auch ein Haupt der Verſchwörung? fragte der Kaiſer haſtig. Majeſtät, das wage ich nicht zu entſcheiden. Ich weiß nur, daß die Tyroler ihn lieben und erſehnen wie ihren Erlöſer und Befreier, daß ſie ihn ihren Herrn 182 nennen, und daß der Erzherzog nur nöthig hätte nach Tyrol zu gehen, um ſofort ſich zum Herrn und Herr⸗ ſcher Tyrols zu machen. Ach, ich wollt's ihm rathen, daß er's thät, rief Franz, mit einer drohenden Bewegung den Arm er⸗ hebend. Er könnt' ſicher ſein, daß er nit der Herr von Tyrol bleiben ſollt', mein lieber ehrgeiziger Bru⸗ der!— Aber Sie haben mir noch nit Ihren ganzen Plan erklärt. Wie ſollen wir's machen, zu rüſten, ohne daß der Napoleon argwöhniſch wird? Ganz einfach, Majeſtät. Wir machen Frankreich den Vorſchlag, daß es dem Kaiſer von Oeſterreich anheim geben ſoll, den Frieden zu vermitteln. Wir ſagen, daß wir bei dieſem Friedensgeſchäft das voll— kommenſte Einverſtändniß zwiſchen Oeſterreich und Frankreich feſthalten, daß wir aber, um den öſterreichi⸗ ſchen Vorſchlägen den Verbündeten gegenüber Nach⸗ druck zu geben, gerüſtet daſtehen müſſen, daß eine be⸗ waffnete Vermittelung unſererſeits durchaus nothwen⸗ dig iſt. Frankreich wird dies einſehen, und ſomit ſind wir vollkommen berechtigt, die großartigſten Rü— ſtungen vorzunehmen.*) *) Lebensbilder aus dem Befreiungskrieg. I. 241. 183 Hm, rief der Kaiſer lächelnd, ſchlau iſt Ihr Plan, wenn er auch nit grade ſehr loyal und helden⸗ mäßig iſt. Majeſtät, Odyſſeus war auch ein Held, aber er hielt die Schlauheit nach Umſtänden für eine ebenſo gute Waffe als das Schwert. Gegen den Rieſen Polyphem, der ihn ſicher vernichtet hätte, wenn er ehrlich hätte zu Werke gehen wollen, kämpfte Odyſſeus daher mit den Waffen der Liſt, und nach Troja würde er auch niemals hinein gekommen ſein, wenn er nicht die Liſt mit dem hölzernen Pferd erdacht hätte.— Ew. Majeſtät iſt es Ihren Völkern ſchuldig, keine kühnen Unternehmungen zu machen, ſondern nur ſichere Er⸗ folge zu erzielen. Deshalb müſſen Ew. Majeſtät vor⸗ läufig zur Liſt Ihre Zuflucht nehmen, müſſen mit Na⸗ poleon, ſo wie mit den Verbündeten unterhandeln, müſſen geheime und öffentliche Geſandten, und end⸗ lich auch ein doppeltes Miniſterium haben. Wie denn ein doppeltes Miniſterium? Ein ſichtbares und ein unſichtbares Miniſterium, Majeſtät; zu dem ſichtbaren gehören diejenigen Mi⸗ niſter, welche Napoleon Garantien darbieten, zu denen er Vertrauen hat. In dem unſichtbaren befinden ſich dagegen ſolche Männer, welche den Verbündeten Ga⸗ 184 rantien bieten, und welche im mächtigen und einfluß⸗ reichen Zuſammenhang mit den Häuptern aller deut⸗ ſchen Aufſtände ſtehen.“) Im unſichtbaren Miniſterium müßte daher Baldacci, Walmoden und Nugent ſein, im ſichtbaren vielleicht Bubna, Liechtenſtein und einige Andere von der franzöſiſchen Partei. Und Sie, Metternich, wenn ich Sie nicht entließe, zu welchem Miniſterium würden Sie dann gehören? Ich, Majeſtät, ich würde zu allen Beiden gehören, und in Beiden mit Eifer thätig ſein. Gut, nehmen wir an, ich adoptirte Ihren Plan. Was würden Sie nun jetzt zunächſt mir zu thun an⸗ rathen? Ich würde Ew. Majeſtät anrathen, den Fürſten Schwarzenberg, der heute von ſeinem Commando aus Galizien zurückgekehrt iſt, nach Paris zu ſenden und dem Kaiſer Napoleon durch denſelben feierlich zu verkünden: es hätten Ew. Majeſtät den Schwar⸗ zenberg geſandt zu dem doppelten Endzweck, um Sr. Majeſtät dem Kaiſer Napoleon die gegenwärtige Lage der Dinge zu ſchildern und Europa einen glänzenden Beweis der Geſinnungen Oeſterreichs zu geben. Zu⸗ *) Lebensbilder. II. 426. 185 gleich ſolle der Fürſt, der Commandant des franzöſiſchen Hülfscorps, von ſeinem Oberfeldherrn die Befehle für den weitern Feldzug einholen.“) Zur ſelben Zeit aber würde ich Ew. Majeſtät rathen, zwei geheime Ab⸗ geſandte an den König von Preußen und den Kaiſer von Rußland zu ſenden. Dem erſten würden Ew. Majeſtät ein freundſchaftliches eigenhändiges Schrei⸗ ben an den König Friedrich Wilhelm mitgeben, worin Sie ihn Ihrer vollkommenen Sympathien verſichern, und ihn beſchwören, nicht nachzulaſſen in ſeinen edlen Bemühungen, alle Mittel vorzubereiten, um die An— ſtrengungen des Kaiſers Alexanders zu unterſtützen, und mit ih m gemeinſam die Unabhängigkeit Europa's, das Ziel der Beſtrebungen des Kaiſers Alexanders, muthig zu fördern.“) Dem zweiten, dem geheimen Abgeſandten an den Kaiſer Alexander, würden Ew. Majeſtät auch ein eigenhändiges Schreiben mitgeben. Sie würden in demſelben dem Kaiſer Alexander die lebhafteſten Verſicherungen Ihrer Sympathien geben, Sie würden ihn beſchwören, nicht ſeine Armee zaudernd an der Weichſel ſtehen, ſondern ſie raſch bis zur Elbe *) Wörtlich aus des Grafen Metternich's Inſtruction an den Fürſten Schwarzenberg. Siehe Lebensbilder II. 240. **) Metternichs eigene Worte. Siehe Lebensbilder IV. 450. 186 und zur Oder vorrücken zu laſſen. Sie würden ihn ver⸗ ſichern, daß Oeſterreich handeln werde, ſobald es fertig und bereit ſei.*) Dies, Majeſtät, wären die erſten Schritte, die nach meiner Idee Ew. Majeſtät thun müßten, und zu denen ich mir erlauben würde, Ihnen zu rathen. Ich dank' Ihnen, Metternich, ſagte der Kaiſer, dem Grafen freundlich die Hand darreichend, Sie haben mir auf meine beiden Fragen ausführlich und aufrich— tig geantwortet, und mir in demſelben Augenblick gar gute und beherzigenswerthe Rathſchläge gegeben, in welchem Sie für ſich ſelber Ihre Entlaſſung aus dem Miniſterium nachgeſucht haben. Das heißt gehandelt als ein treuer Diener und als uneigennütziger Mann, und ich werd's Ihnen halt nit vergeſſen. Sie wün⸗ ſchen alſo Ihre Entlaſſung, im Fall ich der öffentlichen Meinung nachgeben, und den Krieg mit Frankreich ſchon jetzt beginnen will? Ja, Majeſtät, ich betrachte das zu frühe Ausbrechen des Krieges gegen Frankreich als das größte Unglück für Oeſterreich, und ich will dieſes Unglück nicht mit verſchuldet haben. Ich muß bei meinem Syſtem be⸗ harren, taub gegen die Rathſchläge und gegen die *) Lebensbilder. III. 45. 187 Bitten der ganzen Welt.“) Ich kann nicht um ein Jota von dieſem Syſtem abweichen, und wenn ich dadurch auch zu Unthätigkeit und Armuth verurtheilt werde. Das heißt geſprochen wie ein Ehrenmann, ſagte der Kaiſer, lebhaft mit dem Kopf nickend. Was nun meine Antwort auf Ihr Entlaſſungsgeſuch betrifft, ſo— aber horch, da ſchlägt es drei Uhr, und das iſt die Stunde, zu welcher ich meine Herren Brüder und den Grafen von Stadion herbeſchieden habe, auch meine Frau Gemahlin wird hieher kommen. Sie können bei der Audienz zugegen bleiben. Majeſtät, ich habe noch eine Bitte vorzutragen, die ich nicht vor Zeugen ausſprechen möchte. Nun ſagen's ſchnell, was iſt es? Der Kreishauptmann von Traiskirchen, Herr von Roſchmann, hat mich beſchworen, ihm eine ge⸗ heime Unterredung bei Ew. Majeſtät zu erwirken. Roſchmann, der Tyroler Commiſſarius von 18092 Iſt's nit ein Freund und Vertrauter vom Herrn Bruder Johann? Ja, Majeſtät, er iſt auch jetzt wieder in alle Ge⸗ *) Metternich's eigene Worte. Siehe(Stuart: History of the war etc. Vol. VII. S. 126.) 188 heimniſſe des Prinzen eingeweiht, und iſt der Ver⸗ mittler zwiſchen dem Erzherzog und den Tyroler Verſchworenen. Indeſſen müſſen da gar ſeltſame und gefährliche Dinge zur Verhandlung gekommen ſein, die ſich vielleicht nicht mit den Grundſätzen, oder dem Gewiſſen des Herrn von Roſchmann vertragen, denn er kam zu mir und flehte mich in ſichtbarer, leidenſchaftlicher Aufregung, mit Thränen in den Augen, an, ich ſolle Ew. Majeſtät beſchwören ihm eine Audienz, aber ganz im Geheimen, zu bewilligen, er habe Ew. Majeſtät Dinge von der höchſten Wich⸗ tigkeit zu berichten, Dinge, von denen das Wohl des Staates und des Kaiſerlichen Hauſes abhänge. Jeſus Maria, das klingt ja ganz grauslich, rief der Kaiſer. Nun gut, ich will den Mann hören. Sie ſollen mir denſelben heute Abend zuführen. Ich werd' dafür ſorgen, daß Sie die geheime Thür an der Seite der Burg offen finden, und über die ge⸗ heime Treppe in das kleine Erkerzimmer kommen können, wo Sie mich finden ſollen. Ich erwarte Sie da mit dem Herrn von Roſchmann um die Mitternachtſtunde, dann ſind wir ſicher, daß Nie⸗ mand und belauſcht. Aber ſtille, die Kaiſerin kommt In der That, man hörte das Rauſchen eines 189 ſeidenen Gewandes hinter der Tapete; die geheime Thür öffnete ſich und die Kaiſerin Ludovica trat ein. Majeſtät, ſagte ſie, den Kaiſer mit einem Lächeln begrüßend, Sie ſehen ich bin pünktlich. Sie befahlen mir um drei Uhr hier zu ſein, und Ihre Pendule bezeichnet dieſe Stunde. Aber die Herren Erzherzöge ſcheinen weniger pünktlich, ſagte Franz, ich hatte ſie auch um dieſe Stunde herbeſtellt und— Eben ward die große Hauptthür weit ge⸗ öffnet, und der Kammerlakay rief: Ihre Hoheiten die Herren Erzherzöge, und Se. Excellenz der Graf von Stadion. Eintreten! rief der Kaiſer, und er that einige Schritte vorwärts ſeinen Brüdern entgegen. Die beiden Erzherzöge Carl und Johann traten ein, hinter ihnen kam die hohe, gebieteriſche Geſtalt des Grafen Philipp von Stadion. Indem die bei⸗ den Erzherzöge den Kaiſer begrüßten, ließ der Graf einen fragenden Blick zu der Kaiſerin hinüberſchwei⸗ fen. Sie antwortete mit einem Lächeln, und trat dann vor, um ihrerſeits die Erzherzöge zu begrüßen. Graf Stadions Augen ſchweiften gleichgültig in dem Gemach umher. Auf einmal gewahrten ſie hinter 190 dem Kaiſer den Grafen Metternich, der ehrfurchtsvoll einige Schritte zurückgetreten war, und mit ruhigem Gleichmuth den Ausgang der Scene erwartete. Die Blicke der beiden Rivalen begegneten ſich, Graf Sta⸗ dion's Blick war ſtolz und feindlich, Graf Metternich's Blick freundlich und milde. Er begrüßte ſeinen Gegner mit einem Lächeln und einer leichten Ver⸗ beugung, welche dieſer nur ſteif und gezwungen erwiderte. Ich habe meine Herren Brüder und die beiden Herren Grafen hieher beſchieden, weil ich ihnen eine Eröffnung machen wollt', ſagte Kaiſer Franz jetzt, in die Mitte des Gemachs tretend. Hab' auch die Frau Kaiſerin gebeten hieher zu kommen, weil Sie gar lebhaften Antheil an der Politik nimmt, und ſich mit ihrem ganzen Herzen an dem Wohl Oeſterreichs bethei⸗ ligt. Wollt' ihnen Allen eine feſte und unumwundene Erklärung darüber geben, was für eine Politik ich befolgen werde, und wie das ſogenannte Gottesgericht in Rußland auf meine Entſchließungen gewirkt hat. Die Welt iſt ſeit jenem Unheil, das den Kaiſer Na⸗ poleon betroffen, gar ſehr in Erregung, und ganz Deutſchland iſt erfüllt von wüthendem Kriegsgeſchrei und grimmigem Rachedurſt. Auch hier bei uns hat 191 ſich dies Geſchrei erhoben, und die öffentliche Meinung verlangt, daß wir unſere Allianz mit Frankreich brechen, und unſerm Herrn Schwiegerſohn den Krieg erklären. Die öffentliche Meinung verlangt ferner, daß der Fürſt Schwarzenberg zurücktrete, und unſer Herr Bruder, der Erzherzog Carl, wieder Generaliſſimus der Armee werde, daß unſer Herr Bruder, der Erzherzog Johann, nach Tyrol gehe, und ſich an die Spitze der Tyroler ſtelle, und endlich verlangt ſie, daß ich meinen Mi— niſter des Aeußern, den Grafen Metternich, entlaſſe, und dafuͤr den Grafen Stadion zu meinem Miniſter erwähle. Die öffentliche Meinung iſt eine gar macht⸗ volle und rigoriſtiſche Dame, ſie verlangt, daß ich ihr gehorche, ohne Rückſicht auf meine eigenen Anſichten und Grundſätze. Die öffentliche Meinung hetzt mir alle Leute auf den Hals, und möcht' mich zum Spiel⸗ ball ihrer Launen machen. Ich will alſo ein für alle Mal mich mit ihr abfinden und verſtändigen, und darum habe ich Sie Alle, die Frau Kaiſerin, die bei⸗ den Erzherzöge, und die beiden Grafen hieher berufen, weil Sie, mit Ausnahme des Grafen Metternich, den Abſichten der öffentlichen Meinung beipflichten, und weil ich grade Ihnen Ein für alle Mal meine An⸗ ſichten darlegen möchte. Ich will mich aber nit auf 192 weitläuftige Gründ' einlaſſen, und mich nit aus⸗ führlich expliciren, die Thatſachen ſollen für mich ſprechen. Frau Kaiſerin, ich gab Ihnen vor einer halben Stunde drei Billets mit der Bitte, ſie an die hier anweſenden Herren abzugeben, zum Zeichen, daß wir Beide Einer Meinung ſind, und feſt zuſammen⸗ ſtehen! Wollen Sie jetzt die Güte haben, den drei Herren die Billets zu geben? Die Kaiſerin neigte leiſe ihr Haupt, und winkte die beiden Erzherzöge zu ſich. Wollen Sie, meine theuern Brüder, dieſe kaiſer⸗ liche Botſchaft aus meinen Händen empfangen, ſagte ſie mit ſtrahlendem Angeſicht. Ich bin ſtolz und glücklich, daß mein Gemahl mich dazu erwählte, Ihnen eine Freudenbotſchaft zu überbringen. Die Zeit der Vergeltung iſt gekommen, die große Stunde der Rache iſt angebrochen. Herr Graf Stadion, nehmen auch Sie aus meinen Händen dies kaiſerliche Handſchreiben entgegen, das Ihnen beweiſen mag, welch großes Vertrauen der Kaiſer in Sie ſetzt. Und jetzt, ſagte der Kaiſer lächelnd, jetzt bitte ich meinen Herrn Bruder, den Erzherzog Carl, das Billet zu öffnen, und deſſen Inhalt laut zu leſen. Der Erzherzog Carl verneigte ſich, und brach mit aus mich einer n die daß amen drei vinkte zaiſer⸗ ſagte und äͤhlte, Die ttunde adion, erliche mag, te ich Billet H mit 193 langſamen Händen das Siegel. Aller Blicke waren auf ihn gerichtet, athemlos vor Erwartung ſchaute Erzherzog Johann ihn an, ruhig und hoheitsvoll der Graf Stadion, bewegt und freudeſtrahlend die Kaiſerin, lächelnd der Kaiſer, nur Graf Metternich hatte ſeine Augen zur Erde niedergeſchlagen, als wollte er Niemand verrathen, was ſeine Blicke ſagten. Jetzt hatte Erzherzog Carl das Papier entfaltet, und mit lauter Stimme las er:„Ich bedauere, daß der Geſundheitszuſtand Eurer Liebden mir nicht er⸗ laubt, Sie wieder zum General Feldmarſchall meiner Armee zu ernennen. Franz.“ Der Freudenglanz auf dem Antlitz der Kaiſerin erblaßte, ein leiſes Beben ging durch ihre ganze Ge ſtalt. Erzherzog Carl aber faltete mit vollkommener Ruhe ſein Billet zuſammen, und ſteckte es in ſeinen Buſen. Ew. Majeſtät haben vollkommen Recht, ſagte er gelaſſen, mein Geſundheitszuſtand iſt ebenſo ſchlecht wie der der ganzen öſterreichiſchen Armee, und wir thun Beide beſſer, daheim zu bleiben. Freut mich, daß Sie meine Anſicht theilen, rief der Kaiſer ſpöttiſch. Jetzt, Herr Erzherzog Johann, jetzt haben Sie die Güte, und leſen Sie. Müͤhlbach, Erzh. Johann u. Merternich. 11. 13 194 Johann riß mit einer ſtürmiſchen Bewegung das Billet auseinander, und mit einer Stimme, die vor Bewegung zitterte, bleich und athemlos las er:„Tyrol gehört den Baiern, und ich will Niemanden ſein Ei— genthum nehmen. Sie, mein Herr Bruder, bleiben daher in Wien, und gehen nicht nach Tyrol. Franz.“ Ich verſichere Ew. Majeſtät, daß ich gar nicht die Abſicht gehabt habe, nach Tyrol zu gehen, ſagte Jo⸗ hann mit anſcheinender Ruhe. Ich werde nicht den Muth haben, den Tyroler Ehrenmännern gegenüber zu treten, die heiligen Verſprechungen Glauben ſchen⸗ kend, im Jahre 1809 ihr Blut und Leben gewagt ha⸗ ben, und denen man nicht Wort gehalten, die man hat morden und hinſchlachten laſſen, als wären ſie Verbrecher, während ſie doch nur dem Ruf Derer ge⸗ folgt waren, die ſie liebten, und von denen ſie nach— her verleugnet wurden. Warum reden's denn ſo verblümt? fragte der Kaiſer lächelnd. Warum ſagen's nit grade heraus, daß Ich, der Kaiſer Franz es war, der die Tyroler gerufen, der ihnen große Verſprechungen gemacht, und ſie nachher nicht erfüllt hat, nicht erfüllen konnte? Was haben Sie denn damit zu ſchaffen? Ich dis⸗ penſir' Sie davon, Herr Bruder, zu glauben, daß g das ie vor Tyrol n Ei⸗ gleiben ranz.“ ht die e Jo⸗ zt den enüber ſchen⸗ tt ha⸗ man n ſie er gk⸗ nach⸗ 195 Sie den Tyrolern Verſprechungen gemacht haben, und Ihnen Revanche ſchuldig ſind. Was Sie den Tyro⸗ lern verſprochen, haben Sie doch nur als mein Die⸗ ner und in meinem Namen gethan, und Sie ſind, nicht dafür verantwortlich, ſondern Ich, der Kaiſer allein. Ich hab' den Tyrolern Verſprechungen gemacht, und ich werde ſie auch eines Tages erfüllen, wenn ich dabei auch den Beiſtand meines Herrn Bruders entbeh⸗ ren muß. Aber ich vergaß, daß wir noch das dritte Billet nicht gehört haben. Herr Graf Stadion, ich fragt' Sie vorhin, ob, falls ich den Grafen Metter⸗ nich aus meinem Miniſterium entlaſſen wollte, Sie mein Miniſter des Auswärtigen werden wollten, Sie forderten von mir eine Stunde zur Ueberlegung, ehe Sie mir antworteten. Ich bedurfte nicht ſo langer Zeit, und habe für Sie und für mich die Entſcheidung getroffen. Haben Sie die Güte, das Billet, welches Ihnen die Frau Kaiſerin übergeben hat, laut vorzuleſen. Graf Stadion verneigte ſich, und brach das Sie— gel. Bleich und mit angſtvollen Blicken ſchauten die Kaiſerin und die Erzherzöge auf ihn hin; auch Met⸗ ternich hatte jetzt die Augen aufgeſchlagen, und ſchaute lächelnd und ruhig zu dem Grafen Stadion hinüber, der jetzt das Papier auseinander gefaltet hatte, 19* ◻ 196 und mit lauter Stimme las:„Nein lieber Graf Stadion. Ich gehöre nicht zu der kriegsluſtigen Partei, und die öffentliche Meinung ſoll mich nicht zwingen einen Krieg anzufangen, der wider meine Ueberzeugung iſt. Ich will meinem Volke, ſo lange ich es irgend vermag, die Segnungen des Friedens erhalten, und da Sie auch in dieſem Bemühen mich nicht unterſtützen wollen, ſo muß ich der Hoffnung entſagen, Sie als meinen Miniſter des Auswärtigen willkommen zu heißen. Franz.“ Die Kaiſerin ſtieß einen Schrei aus und ſank in den neben ihr ſtehenden Fauteuil nieder. Der Kaiſer ſchien das nicht zu bemerken, ſondern wandte ſein Haupt ruhig zu dem Grafen Metternich hin. Herr Graf, ſagte er, jetzt will ich Ihnen auch antworten auf Ihr Entlaſſungsgeſuch. Ich kann Ihnen Ihre Entlaſſung nicht bewilligen, Sie bleiben mein Miniſter des Auswärtigen, und ich adoptire den Plan, den Sie mir vorher vorgeſchlagen, in allen ſeinen Theilen. Der Fürſt Schwarzenberg geht noch heute nach Paris ab, um Sich bei Sr. Majeſtät dem Kaiſer Napoleon, meinem Herrn Schwiegerſohn, zu melden, ihm meine zärtlichſten Grüße zu überbringen, und ſich von dem Kaiſer, als ſeinem Obergeneral, 197 ſeine Verhaltungsbefehle einzuholen. Ich werd' dem Graf ſtigen Herrn Fürſten einen eigenhändigen Brief an den nicht Kaiſer Napoleon mitgeben, und auch die anderen meine zwei Briefe werde ich heute noch ſchreiben.— Herr lange Graf Stadion, es thut mir leid, daß Ihre Grund⸗ üdens ſätze Ihnen nicht erlauben, in mein Miniſterium ein⸗ mich zutreten, aber ich will doch Ihrer guten Dienſte nicht fnung entbehren, und der Graf Metternich wird Ihnen in ttigen dieſen Tagen darüber Eröffnungen machen. Sie bleiben alſo in Wien, und warten darauf.— Sie nk in aber, meine Herren Brüder Carl und Johann, Sie Beide können jetzt recht in Muße philoſophiſche Faifſer Studien über die öffentliche Meinung machen. Sie 4 Beide halten ſie für eine gar mächtige und erhabene aui Dame, vor der man ſich beugen, und der man ge⸗ kann horchen muß, ich halte ſie für ein großes ungezogenes lien Kind, das man züchtigen muß, und auf deſſen Ge— ſchrei ein vernünftiger Menſch nicht Acht giebt. Jetzt aie gehen's mal in den nächſten Tagen in Wien umher, alen und ſtudiren's, wer Recht hat, Sie oder ich. Die 1 uoc öffentliche Meinung kam in Geſtalt der Frau Kai⸗ 4 ben ſerin, der Herren Erzherzöge und des Grafen Stadion n ioa zu mir, die öffentliche Meinung gab mir Lehren der ngen, Weisheit und höheren Politik, und verlangt durchaus, neral, 198 daß ich Napoleon den Krieg gleich auf der Stelle erkläre, ich ſchlag' aber die öffentliche Meinung in's Geſicht, werf' ſie zur Thür hinaus und folg' ganz allein meinem eigenen Willen, und meiner eigenen Ueberzeugung, auf welche Niemand Einfluß ausübt. Was wird jetzt die öffentliche Meinung thun? Wird ſie Zeter ſchreien, und eine Revolution machen, mich des Throns für verluſtig erklären, und einen meiner Herren Brüder auf den Kaiſerthron erheben? Ich denk', ſie wird das bleiben laſſen, wird wie der Schacherjud', den man die Treppe hinuntergeworfen, wieder aufſtehen, ſich den Staub ihrer Niederlage abſchütteln, und weiter ſchachern. Gehen's mal hin und ſehen's zu, ob ich nicht Recht habe. Gott be— fohlen, meine Herren. Er winkte den Erzherzögen, und dem Grafen Stadion mit der Hand einen Abſchiedsgruß zu, und während dieſe ſich verneigten und der Thür zuſchritten, wandte der Kaiſer ſich an den Grafen Metternich. Ich bin heut ſehr mit Ihnen zufrieden geweſen, Metternich, ſagte Franz freundlich, Sie haben ſich bewährt als ein Edelmann, und ein treuer Diener Ihres Kaiſers. Auch Ihre Geſchicht' vom Haupt⸗ mann Metter und dem Kaiſer Heinrich hat mir 199 telle ins gar wohl gefallen. Der Kaiſer hat damals ſeinen getreuen anz Metter zur Belohnung Metternicht genannt, aber es nen iſt Ihnen im Lauf der Zeiten ein T von Ihrem übt. Namen verloren gegangen. Ich hab' es aber wieder dird gefunden, ich geb' Ihnen Ihr T zurüͤck, und will ich es Ihnen umhängen als Thereſienorden. Sie ſollen ner noch heute Ihr T und die Decoration erhalten. Ich Majeſtät, ſagte Metternich innig, es fehlt mir an der Worten, um Ihnen zu danken, aber mein ganzes en, Leben, meine ganze Zukunft gebe ich an Ew. Ma⸗ 4 ige jeſtät in Dank und Lieb' und Treue hin, meinem* in Kaiſer und Oeſterreich allein ſollen meine Dienſte be⸗ geweiht ſein, ſo lange Beide Meiner noch begehren,- und nie ſoll das große Kind, wie Ew. Majeſtät ſie fen nennen, nie ſoll die öffentliche Meinung Einfluß auf 1d mich haben. Ich werde nur den Befehlen meines — Kaiſers und meiner eigenen Ueberzeugung gehorchen. Und daran werden's ſehr wohl thun, ſagte Franz 11 mit dem Kopf nickend. Bleiben's dieſem Vorſatz immer 6 treu, und wir werden noch viele Jahre bei einander bleiben, aber wohlgemerkt, Sie ſind Miniſter, ich aber, 3 ich bleib' der Kaiſer! Für's ſichtbare und für's un— ſichtbare Miniſterium, der Kaiſer bleib' ich für alle 1 Beide! Nun Gott befohlen, Metternich, wir haben 200 Beide heute noch viel zu thun, denn wir müſſen den Schwarzenberg nach Paris abſenden! Gott befohlen! Metternich erwiederte das freundliche Kopfnicken des Kaiſers mit einer ehrerbietigen Verbeugung, em⸗ pfahl ſich ebenſo ehrerbietig der Kaiſerin, und ſchritt dann der Thür zu. Der Kaiſer ſchaute ihm nach, bis die Thür ſich hinter ihm geſchloſſen hatte, und dann ging er mit lächelndem Angeſicht zu der Kaiſerin hin, die noch immer in dem Fauteuil ſaß, mit halbgeſchloſſenen Augen, bleich wie eine Leiche. Frau Kaiſerin, ſagte Franz, ich hab' Ihnen heute eine etwas herbe Lehre gegeben, es thut mir leid, aber Sie haben's halt nit anders gewollt. Ich hab' Sie oft gebeten, ſollen Sich nit einmiſchen in die Staatsgeſchäft' und in meine Politik, eben ſo wenig, als ich mich in Ihre Geſchäft' und Ihre Politik miſche. Sie gehören zur Antifranzöſiſchen Partei, und machen da allerhand Intriguen und kleine Verſchwörungen, an denen ich Sie nie gehindert habe. Ich gehöre zu gar keiner Partei, ſondern folge nur meiner eigenen Ueberzeugung und Dem, was mir für mein Haus und meinen Staat als das Beſte erſcheint, und dabei laß ich mich von Niemanden leiten, ſelbſt nicht von den hlen! nicken em⸗ ſhritt ſich mit noch ſenen heute leid, hab' die eenig, iſche. achen n, an e zu genen Haub dabei von 201 meiner ſchönen und geiſtreichen Gemahlin. Das ha⸗ ben's mir aber niemals glauben wollen, und immer wieder haben's mich ſeckirt und verfolgt mit Ihrer Politik, und wollten mich durchaus zu Ihrem Schü⸗ ler machen, und mir Unterricht geben in der Regie⸗ rungskunſt. Ich mußt' alſo endlich mal ein End' machen, und darum führt' ich heute die kleine Ko⸗ mödie auf. Gab mir das Anſehen, als ginge ich auf alle Ihre Pläne ein, und war von Ihrer begeiſterten Beredſamkeit überwunden, hört' auch alle die weiſen Rathſchläge des Grafen Stadion, und ſchien ganz und gar von Ihren beiderſeitigen Gründen überzeugt. Und grad', wie Sie meinten, jetzt hätte Ihr Schüler endlich Etwas gelernt, und könnt' ſein Examen ma⸗ chen, ſchrieb ich Ihnen die drei Briefe. Nicht um Sie zu beſchämen, ſondern um Ihnen zu beweiſen, daß ich nur meinem eigenen Willen folge, und daß keine Macht der Beredſamkeit mich meine einmal ge— faßten Entſchlüſſe ändern läßt. Ich hoffe, daß Sie jetzt überzeugt davon ſind, und daß wir in der Zu⸗ kunft recht in Frieden und Eintracht leben werden, weil Sie es nie wieder verſuchen werden, mit mir Politik zu machen. Und ſo geben's mir die Hand, Frau Kaiſerin, und laſſen's uns wieder gute Freunde ſein! 202 Er reichte der Kaiſerin ſeine Hand dar, aber ſie nahm ſie nicht an. Sie hob langſam ihre Augen zu dem Kaiſer empor, und ein Ausdruck unermeßlicher Trauer war über ihr edles bleiches Antlitz ausgegoſſen. Majeſtät, ſagte ſie leiſe und ſchmerzlich, Sie ſag— ten vorher, Sie wollten die öffentliche Meinung in's Angeſicht ſchlagen. Mich aber haben Sie dabei in's Herz getroffen, und ich werde daran verbluten. Sie haben vorhin mit mir ein grauſames Spiel getrieben, und in demſelben Moment, wo ſich Ihnen meine ganze Seele anſchloß, wo ich mit freudigem Dank gegen Gott und gegen Sie endlich vermeinte, den Weg zu Ihrem Herzen gefunden zu haben, Ihnen mehr zu ſein, als nur Ihre officielle Kaiſerin, Ihnen endlich eine Frau zu ſein, welcher Sie Ihre Liebe, Ihr Vertrauen ſchenken wollten, in demſelben Moment haben Sie mit kaltem Spott mich innerlich verhöhnt und mein Herz unter Ihre Füße getreten. Ich bot Ihnen mein Herz und meine Liebe, Sie gaben mir dafür als Belohnung die drei Billets, und bereiteten Sich mit mir einen grauſamen Scherz. Nun, Ew. Majeſtät können zufrieden ſein, der Scherz hat mich getroffen wie ein Dolchſtoß, und Sie werden vielleicht bald Sich eine vierte Gemahlin wählen können. *½* 203 Sie hatte ſich langſam aus ihrem Fauteuil er⸗ hoben, und ſchwebte jetzt bleich und geräuſchlos an dem Kaiſer vorüber nach der Tapetenthür hin, aber Franz eilte ihr nach und faßte ihre Hand. Gehen's nit im Zorn von mir, Frau Kaiſerin, ſagte er mit gutmüthigem Ton, Sie wiſſen, ich bin ein gar gemüthlicher Menſch, und ich kann's nit aus⸗ halten, wenn Sie halt bös' mit mir ſind. Es war ja nit ſo gar ſchlimm gemeint, und Sie müſſen's nit ſo tragiſch nehmen. Nun ſein's wieder gut, liebe Kaiſerin, und ſagen's mir ein freundlich Wort, ehe Sie mich verlaſſen. Sie glauben's nit, wie wohl es mir gethan hat, als Sie vorher ſo zärtlich zu mir ſprachen, und wie glücklich ich ſein würd', wenn Sie's wieder thäten. Ach, liebſte Frau Kaiſerin, ich ſagt's Ihnen ſchon vorher, wären Sie mir immer ſo freund⸗ lich und herzlich entgegengekommen, ſo wär's beſſer für uns Beide geweſen. Nun, vielleicht kann noch Vie⸗ les beſſer werden. Sein Sie alſo gut, liebe Kaiſerin, geben Sie mir die Hand und nennen Sie mich wie⸗ der ſo bei meinem Namen, wie Sie mich vorher nannten. Gelt, liebe Kaiſerin, nennen Sie mich zum Abſchied noch einmal Ihren theuren Franz. Ludovica ſchüttelte ihr Haupt, und ſchaute den 204 Kaiſer mit einem traurigen Blick an. Ich werde Sie nie wieder ſo nennen, ſagte ſie langſam. Nie wieder? fragte der Kaiſer. Sie wollen mich nie wieder Franz nennen, Sie wollen mich meinen Namen nicht wieder hören laſſen, Ihre Lippen wollen den Namen Franz ein für alle Mal vergeſſen? Ich— Auf einmal unterbrach ſich der Kaiſer, und be⸗ gann laut und herzlich zu lachen. Ludovica's Antlitz flammte auf, ſie warf auf den Kaiſer einen glühenden Zornesblick, und legte die Hand auf den Griff der Thür.— Aber der Kaiſer hielt ſie noch einmal zurück. Ver⸗ zeihen Sie mir, daß ich lachen mußt', aber mir fiel bei meinem Namen Franz eine gar drollige Geſchicht' ein, die der gute Polizei-Präſident Hager in dieſen Tagen geliefert hat, und damit Sie mich entſchuldi⸗ gen, muß ich ſie Ihnen erzählen. Hören's nur. Es ward vor einigen Wochen im Burgtheater das Trauerſpiel von Schiller:„die Räuber“ aufgeführt. Es iſt ein verzerrtes wildes Ding, aber das Publikum liebt's einmal und nennt's deutſche Poeſie und ſchwärmt dabei von deutſcher Freiheit. Ich ging auch ein Biſſel in's Theater, um mir das Ding anzuſchauen. Der Polizei-Präſident von Hager empfängt mich an der 205 Thür, und weil er ein gar guter und treuer i*ſt, lad' ich ihn ein, mit mir in die Loge zu treten. Das Stück war ſchon im dritten Act, gerad' in der Räuberſcene, und juſt wie ich an den Rand der Loge trete, und mich umſchau', ſchreit der Schauſpieler auf der Bühne ganz laut:„Franz heißt die Canaille“. Jetzt hätten's den Schrecken von dem Hager ſehen ſollen! Er war bleich geworden, wie eine Leiche, zitterte an allen Gliedern, und bat mich gar demüthig um Verzeihung. Ich muß ihn nur beruhigen, und ihm verſichern, daß ich mich gar nicht getroffen fühle, und daß der Schauſpieler ja nit von mir, ſondern vom Franz Moor geſprochen hätt'. Er ſchien ſich auch zu beruhigen, und die Sach' war abgethan. Jetzt vor einigen Tagen wurden die Räuber wieder in der Burg geſpielt, ein berühmter fremder Schau⸗ ſpieler wollt' drin gaſtiren, und ich geh' wieder hin, um ihn zu ſehen. Jetzt kommt die Scene mit den Räubern, und ich freu' mich ſchon auf das Pracht⸗ wort:„Franz heißt die Canaille“, aber es kommt halt nit, und ich wart' vergebens darauf, es kommt nit. Denken's nur, hat der Hager aus Reſpect vor mir, und um mich nicht zu beleidigen, aus dem Stück die Worte weggeſtrichen, und mir zu Ehren Menſch wird's jetzt in Wien in den Räubern nit mehr heißen: „Franz heißt die Canaille“. Die ſchöne Phraſe iſt den Wienern rein verloren gegangen. Sehen's, liebe Frau Kaiſerin, das fiel mir ein, als ich Sie vorhin bat, mich bei meinem Namen zu nennen, und als ich darüber klagt, daß Ihre Lippen den Namen Franz vergeſſen wollten, da dachte ich mir, daß am Ende Ihr zornig Herz Ihren vergeßlichen Lippen zu Hülfe kommen, und ſie mit der Phraſe von Schiller über meinen Namen belehren möcht', Gelt, Frau Kaiſerin, iſt's nit halt eine gar drollige Geſchicht' und iſt's nit zum Lachen, daß es auf der Bühne verboten iſt zu ſagen:„Franz heißt die Canaille“ Der Herr Polizeidirektor hat's den Schauſpielern verboten,— aber Ihnen, Frau Kaiſerin, Ihnen kann er nichts verbieten! 206 VIII. Der Verräther. Tiefe Stille herrſchte in der Burg. Die Lichter hinter den Fenſtern der kaiſerlichen Gemächer waren längſt erloſchen, Alles ſchlief, und nur der gleichmä⸗ zige Schritt der Schildwachen unterbrach das Schwei⸗ gen, das auf den Treppen und Corridoren herrſchte. Nur vor der kleinen Treppe, die da ſeitwärts von den Gemächern des Kaiſers lag, befand ſich keine Schildwacht, und der Corridor, auf den die Treppe ausmündete, war nicht erleuchtet. Niemand ſah da⸗ her die beiden dunkeln Geſtalten, die leiſe die Treppe heraufſtiegen, Niemand hörte die Worte, die ſie mit einander wechſelten. Jetzt ſtanden ſie ſtill auf dem kleinen Corridor. Sehen Sie, flüſterte der Eine, ſehen Sie da an der Thür den Lichtſtreifen? Das iſt das kleine Thurm⸗ 208 4 zimmer, in welchem das Rendezvous ſtattfinden ſollte und der Kaiſer erwartet uns ſchon. Jetzt, mein Lie⸗ ber, ſeien Sie klug und beſonnen, vergeſſen Sie nichts von Allem, was ich Ihnen geſagt habe. Ihre Zu⸗ kunft liegt in Ihrer Hand. Stellen Sie Sich dar als einen Reuigen, Zerknirſchten, der aus innerſtem Liebesdrang ſeinem Kaiſer ſeine Schuld geſteht, und machen Sie Ihre vier Bedingungen. Verhehlen Sie dem Kaiſer nichts, weder die gefährlichen Pläne des Erzherzogs, noch auch die Wünſche der Tyroler. Der Kaiſer muß Alles wiſſen, wenn er in dieſer Sache klar ſehen ſoll. Ich werde die Befehle Eurer Excellenz getreu aus⸗ führen, flüſterte der Andere, Ew. Excellenz können auf meine unbegrenzte Ergebenheit und Dankbarkeit vertrauen, und ich gebe Ew. Excellenz den eclatante⸗ ſten Beweis davon, denn ich verrathe um Ihretwillen die Freundſchaft. Sie thun das nicht um meinetwillen, ſagte Met⸗ ternich, ich muß es depreciren, daß ich Veranlaſſung einer ſo ſchlimmen Verrätherei ſein könnte. Sie thun es um Ihres eigenen Vortheils, und Ehrgeizes willen, und ich verſpreche Ihrer Gewinnſucht goldenen Lohn, uaub⸗ können barkeit atanke⸗ twillen Met⸗ laſſung e thün willen, Lohn, 209 Ihrem Chrgeiz, Rang und Titeln. Und nun vorwärts, mein Herr, der Kaiſer erwartet uns.— Graf Metternich hatte ſich nicht getäuſcht, der Kaiſer war wirklich ſchon in dem Erkerzimmer, und er ging den Eintretenden lebhaft entgegen. Haben auf ſich warten laſſen, rief er, es iſt halt ſchon fünf Minuten nach zwölf Uhr. Majeſtät, ſagte Metternich leiſe, es ſtanden einige Leute unfern von der kleinen Seitenthür der Burg, und wir warteten daher, bis ſie fortgegangen waren. Und jetzt ſind Sie ſicher, daß Niemand Sie hat eintreten ſehen? Ja, Majeſtät, ganz ſicher. Nun, mein Herr, wandte der Kaiſer ſich an Roſch⸗ mann, Sie haben mich alſo durchaus ſprechen wollen? Sie behaupten, mir wichtige Dinge ſagen zu müſſen. Aber warum konnten Sie dieſe nicht dem Herrn Gra⸗ fen Metternich anvertrauen, daß der mir Bericht dar⸗ über erſtatte? Majeſtät, ſagte Roſchmann mit bewegter, zittern⸗ der Stimme, was ich zu ſagen habe, iſt eine Beichte, die nur das Ohr Gottes oder meines Kaiſers hören darf, denn nur dieſe können mir die Abſolution erthei⸗ Mühlbach, Erzb. Johann u. Metternich. II. 14 210 len dafür, daß ich die Geheimniſſe der Freundſchaft verrathe. Sie wollen alſo nur mir allein Ihr Geheimniß mittheilen? Ja Majeſtät, nur Gott und mein Kaiſer darf meine Beichte vernehmen. Ich kann Ihnen aber halt nit verſprechen, daß ich Ihr Beichtgeheimniß für mich behalten, und es Nie— manden verrathen will, rief Franz achſelzuckend. Majeſtät, die Entſcheidung darüber liegt in Ihren Händen, wie mein Leben und meine Freiheit. Nun denn, ich will Sie anhören, ſagte der Kaiſer nach kurzem Beſinnen. Graf Metternich, wollten Sie in das anſtoßende Gemach eintreten. Ich werd' Sie nachher rufen. Metternich verneigte ſich, und verließ das Gemach, deſſen Thür er hinter ſich zudrückte. Jetzt, Herr Kreishauptmann, ſind wir allein, ſagte der Kaiſer. Jetzt reden Sie! Majeſtät, rief Roſchmann vor dem Kaiſer nieder⸗ knieend, Majeſtät, ich bitte um Verzeihung für das, was ich zu ſagen habe, ich bitte um Verzeihung, wenn ich das edle großmüthige Herz meines erhabenen Kai— ſers jetzt kränken und verletzen muß. Nur allein meine Kaiſer n Sie d Sie 211 unbegrenzte Anhänglichkeit an die geheiligte Perſon meines Monarchen und mein Eid, ihm treu zu die⸗ nen, können mir zur Entſchuldigung gereichen.“) Der Kaiſer ſchaute faſt erſchrocken zu dem Knieen⸗ den nieder, deſſen Angeſicht den Ausdruck höchſter Seelenangſt trug. Reden's, ſagte er mit gedämpfter Stimme, reden's ungeſcheut, es mag ſein, was es will. Majeſtät, fragte Roſchmann mit ſchwankender Stimme und bebender Lippe, Majeſtät, auch dann, wenn ich Ew. Majeſtät eigenen Bruder, den Erzherzog Johann, anklagen muß? Der Kaiſer ſchrak zuſammen, und ein Blitz höh⸗ niſcher Freude zuckte über ſein Antlitz hin. Reden Sie, ſagte er gebieteriſch, Sie ſprechen nicht zu dem Bruder des Erzherzogs, ſondern zu Ihrem Kaiſer, dem Sie es ſchuldig ſind die Wahrheit zu ſagen. Nun denn, ſo helfe mir Gott, und vergebe mir meinen Verrath, rief Roſchmann, die gefaltenen Hände zum Himmel empor hebend. Dann erhob er ſich von ſeinen Knieen. *) Roſchmann's eigene Worte. Siehe: v. Hormayr Le⸗ bensbilder ꝛc. II. 436. 14* * ℳ 212 Majeſtät, ſagte er feierlich. Ich klage nicht den Herrn Erzherzog an, aber ich klage ſeinen Freund, den Herrn von Hormayr, an, daß er den Erzherzog verleitet, ſich an die Spitze einer Verſchwörung zu ſtellen. Ach, einer Verſchwörung, rief der Kaiſer freudig. Und die Verſchwörung ſoll hier in Wien zum Aus⸗ bruch kommen? Nein, Majeſtät, ſie ſoll in Tyrol zum Ausbruch kommen. Ew. Majeſtät wiſſen und haben ſelbſt geneh⸗ migt, daß wir, die Anführer der Tyroler Bewegung von 1809, uns jetzt wieder mit den Tyroler Kämpfern je⸗ ner Tage in Einvernehmen geſetzt, die Gemüther auf⸗ geregt und die Hoffnung erweckt haben, daß jetzt viel⸗ leicht die Zeit gekommen, in der ſich die Tyroler end⸗ lich ihre Freiheit erkämpfen wollen, und können. Ganz Tyrol, Vorarlberg, Kärnthen und Krogtien iſt bereit zu den Waffen zu greifen, der Graf Nugent hat Kärn⸗ then und Kroatien aufgewiegelt, die Sendlinge des Erzherzogs und Hormayrs haben in Tyrol und Vor⸗ arlberg die Gemüther aufgeregt, heimliche Verſchwö⸗ rungen angezettelt, Geld und Waffen vertheilt. Alles iſt bereit und wartet nur, daß das Zeichen zur offe⸗ nen Empörung gegeben werde. cht den Freund, zherzog ug zu freudig. n Aub⸗ usbruch geneh⸗ ung von fern je⸗ der auf⸗ bt viel⸗ ler end⸗ Ganz j bereit Kärn⸗ ige des d Vor⸗ ſchwo⸗ Alles ut offe⸗ 213 Ich weiß das Alles, ſagte der Kaiſer. Es iſt mit meiner Einwilligung geſchehen, und der Polizei⸗ Präſident Hager ſelbſt hat mit den Tyroler Anführern, die hieher kamen, unterhandelt.. Er hat mit denen unterhandelt, Majeſtät, welche nach Wien kamen, weil ſie bei Ew. Majeſtät um Beiſtand flehen wollten, aber nicht mit denen, welche heimlich hier waren, von denen der Herr Polizei⸗Prãä⸗ ſident nichts wußte, weil ſie bei mir verborgen waren. Bei Ihnen? fragte der Kaiſer lebhaft. Ja, bei mir, Majeſtät. Der Erzherzog Johann hatte mir befohlen, dieſe Männer, die er hieher be⸗ rufen, bei mir zu verſtecken, und ich that es, denn da⸗ mals glaubte ich, daß dieſe Umtriebe zu dem von Ew. Majeſtät genehmigten Zwecke geſchähen, und daß man mit der Revolution in Tyrol nichts weiter beabſich⸗ tigte, als ſich frei zu machen von der Oberherrſchaft Baierns, um unter den ſchützenden und geliebten Ad⸗ ler Eurer Majeſtät zurückzukehren. Und jetzt glauben's das nicht mehr? Nein, Majeſtät, jetzt kann ich nicht mehr glauben, denn ich weiß, daß es nicht ſo iſt. Die Tyroler, welche ich hier verſtecken mußte, waren nicht auf den Ruf Eurer Majeſtät gekommen, ſondern auf den Ruf des 214 Erzherzogs Johann, die Verſchwörung ſoll nicht für zw Ew. Majeſtät gemacht werden, ſondern für Den, d welchen die Tyroler den Herrn des Gebirges nennen, G für den Erzherzog Johann. I p Hören's, rief Franz, es iſt eine harte Beſchuldi⸗ d gung, welche Sie da vorbringen. t Ich kann zu meinem eigenen Schmerz beweiſen, daß ſie die lautere Wahrheit enthält, ſagte Roſchmann traurig. Wäre das nicht der Fall, ſo würde mein Gewiſſen mir nicht die furchtbare Pflicht auferlegt haben, zu Ew. Majeſtät zu kommen, um die Männer anzuklagen, welche ich liebe und verehre, und welche nur der Ehrgeiz und die ſchwärmeriſche Liebe zu Ty⸗ rol auf Abwege geführt hat. Nun denn, wenn es die Wahrheit iſt, was Sie ſagen, ſo muß ich ſie hören, ſagte der Kaiſer. Sprechen Sie alſo. Es exiſtirt eine Verſchwörung in Tyrol? Ja, Majeſtät, eine weit verzweigte, mächtige und ſtarke Verſchwörung. Der Herr von Hormayr, der Freund und Vertraute des Erzherzogs Johann, iſt das Haupt und der Centralpunkt der ganzen Ver⸗ ſchwörung. Er hat mit Energie, Talent und Local⸗ kenntniß alle Einleitungen getroffen, ſo daß ein glän⸗ zenderer und entſcheidenderer Erfolg wie 1809 un⸗ icht für Den, nennen, ſchuldi⸗ weiſen, chmann e mein uferlegt Männer welche zu W⸗ as Sie 215 zweifelhaft ſcheint. Diesmal iſt ſchon bereit, was damals gar nicht, oder viel zu ſpät eingetroffen war: Geld und Waffen. Die Agenten Englands, welche zu den Vertrauten des Erzherzogs gehören, haben mit dem größten Eifer für Beides geſorgt, und ſie haben viel größere Unterſtützungen an Geld und Waffen zu⸗ geſagt, ſobald der Erzherzog Johann ſich entſchließt, ſelbſt nach Tyrol zu gehen, um die Fahne des Auf⸗ ruhrs emporzuheben, und die Tyroler zu den Waffen zu rufen. Denn den Engländern iſt Alles daran ge⸗ legen, daß ein Oeſterreichiſcher Prinz einen entſchei⸗ denden Schritt thue, welcher Oeſterreich compromittire, und es dem Kaiſer unmöglich mache, wieder zurück⸗ zutreten, oder Napoleon noch länger an ſeine Freund⸗ ſchaft und Aufrichtigkeit glauben zu machen. Aber da ſehe ich noch halt immer kein Verbrechen, rief der Kaiſer ungeduldig. Der Erzherzog Johann und Hormayr dürfen immerhin die Tyroler revolutio⸗ niren, ich hab's ja zugeſtanden, ſie dürfen auch mit den engliſchen Agenten unterhandeln, und Geld und Waffen von ihnen nehmen, ich hab's erlaubt, voraus— geſetzt, daß ſie's geheim thun, und ſich nit den An— ſchein geben, als wüßt' ich davon. Freilich, Majeſtät, ſagte Roſchmann traurig, es 216 ſieht ſo aus, als ob das Alles ganz loyal und geſetz⸗ mäßig ſei, und dennoch liegt dem Allen eine unge⸗ heure Falſchheit zum Grunde, denn dieſe Verſchwö⸗ rungen, und alle dieſe Dinge, welche in Tyrol vor⸗ bereitet werden, bezwecken ja nicht bloß die Wieder⸗ vereinigung Tyrols mit dem Hauptkörper der Mo— narchie, und ſind nicht auf Ew. Majeſtät gerichtet! Sie wollen ganz etwas Anderes, etwas Unerhörtes! Sie wollen völlige Freiheit und Selbſtſtändigkeit Tyrols, ſie wollen die Wiederherſtellung der alten freiſinnigen Conſtitution, ſie wollen ein ſelbſtſtändiges Reich, an deſſen Spitze der Erzherzog Johann ſteht, ſie wollen ein Königreich Rhätien ſchaffen. Ein Königreich Rhätien! rief Franz zuſammen⸗ zuckend. Was iſt denn das, und wo liegt es? Majeſtät, das Königreich Rhätien liegt in Tyrol, Vorarlberg, Kärnthen, Kroatien und Illyrien, es be⸗ ſteht aus den Gebirgs- und Küſtenländern, die die Schweiz, Italien und das Adriatiſche Meer begren⸗ zen, und der Erzherzog Johann ſoll der König dieſes neuen Reiches werden. Und er hat eingewilligt? fragte der Kaiſer mit ſo drohender zorniger Stimme, daß Roſchmann erbebte. Majeſtät, ich weiß es nicht, ſagte er leiſe und güſet⸗ unge⸗ rſchw⸗ ol vor⸗ Wieder⸗ r Mo⸗ Sie ! Sie Tyrols, innigen ch, an wollen mmen⸗ Throl, e be⸗ die die begren⸗ dieſes mit ſo erbebte. ſe und 217 ſchüchtern, ich weiß nicht, ob der Herr Erzherzog die Pläne Hormayrs in ihrer ganzen Ausdehnung kennt, oder ob er in ſeiner ſchwärmeriſchen und begeiſterten Liebe für Tyrol nur die Mittel im Auge hat, aber den eigentlichen Zweck überſieht. Er hat nicht mit Ihnen davon geſprochen? Er hat nicht geſagt, daß er ſich das Königreich Rhätien erobern will? Majeſtät, ich gehöre nicht in den innerſten Kreis der Verſchwornen und Vertrauten, ich bin erſt bis in den zweiten Kreis vorgeſchritten, und Hormayr ſucht mit eiferſüchtiger Wachſamkeit mich von dem innig— ſten Vertrauen des Erzherzogs fern zu halten. Sie müſſen aber durchaus darnach ſtreben, zu den äußerſten und innerſten Vertrauten des Erzherzogs zu gehören, rief der Kaiſer lebhaft. Sie müſſen alle Geheimniſſe des Erzherzegs ergründen, alle ſeine Pläne erforſchen. Ich mache Ihnen das zur heiligſten Pflicht, ich befehle Ihnen das, als Ihr Kaiſer und Ihr Herr!. Majeſtät, es iſt eine ſehr ſchwierige und gefähr⸗ liche Aufgabe, welche mir Ew. Majeſtät da ſtellen. Ich ſoll mich in die gefährlichſten Geheimniſſe des edlen Erzherzogs einſchleichen, ich ſoll mir ſein rückhaltloſes 218 Vertrauen erwerben, und alsdann, nicht wahr, alsdann ſoll ich ihn verrathen? Alsdann ſollen Sie mir dieſe Pläne mittheilen, welche das Unglück des Erzherzogs und Tyrols zur Folge haben müßten, wenn ſie ausgeführt würden. Sie ſollen den Erzherzog und Tyrol retten, indem Sie mir jene Pläne und Geheimniſſe hinterbringen. Aber iſt's nicht genug mit dem, was ich Ew. Majeſtät heute geſagt habe? fragte Roſchmann ſchmerz⸗ lich. Ich habe Ew. Majeſtät die geheimſten Gedan⸗ ken und Wünſche der Verſchwornen verrathen, es liegt jetzt in der Hand Eurer Majeſtät, zu verhindern, daß dieſe Gedanken zu Thaten werden. Ew. Majeſtät haben nur nöthig, den Herrn Erzherzog zu warnen vor dem Abgrund, zu dem ſein ſo edler Enthuſias⸗ mus ihn hingezogen, nur nöthig, den Herrn von Hor⸗ mayr vielleicht aus der Umgebung des Erzherzogs zu entfernen, und in eine andere Stadt der Monar⸗ chie zu verſetzen, und die ganze Verſchwörung wird wie eine Seifenblaſe zerplatzen. Aber ſie ſoll nit zerplatzen, rief der Kaiſer heftig. Werd' mich wohl hüten, den Herrn Erzherzog zu warnen, er würd' mir Alles ableugnen, und ganz und gar unſchuldig ſein. Werd' auch nit ſo langmüthig lodann heilen, ls zur ürden. indem ngen. —‚Ew. hmerz⸗ Gedan⸗ s liegt , daß ajeſtät darnen zuſias⸗ Hor⸗ erzogs onar⸗ wird heftig. og zu und rüthig 219 ſein, den Hormayr bloß unſchädlich zu machen, indem ich ihn in eine andere Stadt ſchicke. Ich will Be⸗ weiſe haben von den Plänen des Erzherzogs, Be⸗ weiſe von den Umtrieben und Verſchwörungen des Herrn von Hormayr, und wenn ich die hab', ſo werde ich ihn verſetzen, aber in ein Gefängniß, ſo werd' ich ihn ſtrafen als den Verführer des Erzher⸗ zogs, den Hochverräther an ſeinem Kaiſer! Ihnen aber, Herr von Roſchmann, Ihnen befehle ich, daß Sie mir dieſe Beweiſe ſchaffen. Ihnen befehle ich, daß Sie die Pläne des Erzherzogs nit allein er— gründen, ſondern, daß Sie dieſelben nach beſten Kräften fördern und unterſtützen, daß Sie ihm helfen und beiſtehen und dann erſt, wenn die Sach' ganz reif iſt, wenn ſie kurz vor dem Ausbruch iſt, wenn es nit mehr möglich ſie abzuleugnen, und als eine Verleumdung zu erklären, dann iſt es Zeit, daß ich dazwiſchen trete, und die Verführer meines Bruders, die Hochverräther an ihrem Kaiſer beſtrafe. Geben Sie mir daher Beweiſe, Beweiſe, daß Sie kein Ver⸗ leumder ſind, daß Sie die Wahrheit geſagt, und daß Jene ſchuldig ſind. Beweiſe, ich befehle es Ihnen! Wenn Ew. Majeſtät befehlen, ſo iſt es meine ——— 220 Pflicht zu gehorchen, ſeufzte Roſchmann. Ich werde mich einſchleichen in das Vertrauen des edlen Erz— herzogs, ich werde ihm ſeine Geheimniſſe ſtehlen, um ſie zu Eurer Majeſtät Füßen niederzulegen. Aber wollen Ew. Majeſtät gnädigſt bedenken, daß ich meine Ehre, mein Gewiſſen, und meine Redlich⸗ keit hingebe an die Sache Eurer Majeſtät, und wollen Sie mir daher verzeihen, wenn ich an Ihre Gnade vier Bedingungen ſtelle, ohne deren Erfüllung ich die Befehle Eurer Majeſtät nicht voll— führen kann. Nennen Sie mir Ihre vier Bedingungen. Zum Erſten: Ew. Majeſtät geben mir carte blanche für jeden Schritt, den ich thue. Damit die Verſchwornen an mich glauben, muß ich mich in allen Dingen voranſtellen, muß mich am meiſten compromittiren. Nur auf dieſe Weiſe kann ich in alle ihre Geheimniſſe eindringen, nur auf dieſe Weiſe kann ich die ganze Sache in die Hand bekommen, kann ſie ſo weit gehen laſſen, als Ew. Majeſtät es will, und ſie augenblicklich erſticen, wenn Ew. Ma⸗ jeſtät es befehlen. Alſo carte blanche, Ma⸗ jeſtät, und völlige Strafloſigkeit für Alles, was ich werde Erz⸗ n, um Aber 6ß ich dedlich⸗ carte iit die ich in neiſten ich in Weiſe mmen, lät es Ma⸗ Ma⸗ 6 ich ———— 221 im Dienſte Eurer Majeſtät, jetzt unternehmen und thun will.“) Zugeſtanden, rief der Kaiſer. Jetzt Ihre zweite Bedingung. Zum Zweiten: Sobald Ew. Majeſtät es an der Zeit halten die Sache zur Entſcheidung und zum Bruch zu bringen, muß das Ganze als ein Staats⸗ ſtreich behandelt und ausgeführt werden. Nie darf eine geſetzliche Unterſuchung Statt finden, denn ſonſt wäre ich, zum Lohn für meine Aufopferung, bei der erſten Confrontation bloßgeſtellt und gebrand⸗ markt.“) Zugeſtanden! Ihre dritte Bedingung? Zum Dritten: Ich werde Herrn von Hormayr, das Haupt der Verſchwörung, ſchwer anklagen müſſen. Aber Herr von Hormayr iſt mein Freund, ich habe ihm von früheſter Jugend an ſehr viel zu danken. Ich muß daher das kaiſerliche Wort haben, daß Hormayr zwar unſchädlich gemacht werde, aber daß man ihm, dem Familienvater, ſeine Exiſtenz ſichere, um ſo mehr, da er 1809 ſo viel gethan, ſo viel *) Roſchmanns eigene Worte. Siehe: Lebensbil⸗ der II. 439. **) Roſchmann'’s eigene Worte. Siehe: ebendaſelbſt. 4 ———— 222 geopfert hat. Auch um Hormayr's willen darf die Juſtiz ſich nicht einmiſchen. Ich geb' Ihnen mein kaiſerliches Wort. Jetzt Ihre vierte und letzte Bedingung! Zum Vierten: Ew. Majeſtät ſichern den edlen Erz⸗ herzog vor der Gefahr, durch ſeine Begeiſterung für Tyrol auf gefährliche Pfade fortgeriſſen zu werden, aber Ew. Majeſtät zürnen und ſtrafen nicht. Der Erzherzog Johann iſt mein Wohlthäter, mein Gönner, ich würde es nicht ertragen, wenn er durch mich auch nur eine unangenehme Stunde haben könnte. Ich muß daher um ſo mehr auf meiner zweiten Bedin⸗ gung beſtehen, daß das Ganze wie ein Staatsſtreich behandelt werde, und niemals gerichtliche Unterſuchung ſtattfinde.) Mögen Ew. Majeſtät die Pläne des Erz⸗ herzogs vernichten, aber mögen Sie ihm nicht zür— nen, ſondern ihn lieben, wie er es verdient). Ei ja, ich werd' ihn lieben, wie er es verdient, den guten Erzherzog Johann, rief der Kaiſer höhniſch. Ich verſprach Ihnen, daß ich das thun werde. Das ſind alſo Ihre Bedingungen? Ja, Majeſtät, das ſind ſie alle. *) Auch die dritte und vierte Bedingung enthält Roſch⸗ mann's eigene Worte. rreich hung Erz⸗ zür⸗ dient, iſch. Dab 223 Und Sie fordern für ſich gar nichts? Gar keine Belohnung? Oh Majeſtät, rief Roſchmann ſchmerzlich, ich op⸗ fere Ihnen Alles, aber wenn ich dafür eine andere Belohnung wollte, als das Bewußtſein, in religiöſer Treue und Anhänglichkeit an meinen Monarchen meine Pflicht gethan zu haben, ſo wäre ich ein ehr— loſer Schurke, ein zweiter Judas Iſcharioth, der um des Geldes willen zum Verräther ward. Nun, nun, ſagte der Kaiſer lächelnd, der Judas Iſcharioth war auch ſo nit ganz und gar ein Ver⸗ brecher. Von Seiten der Religion muß man ihn freilich verdammen, aber von Seiten der Politik hatte er eigentlich nicht ganz Unrecht, daß er, was ihm als gefährliche Umtriebe gegen die Rechte und Sicherheit des Staats erſchien, den Behörden anzeigte. Die Behörden erkannten das auch an, indem ſie ihn be— lohnten, und ſo werde ich auch Sie belohnen, mein lieber Herr von Roſchmann, ſobald Sie fortfahren Ihre Schuldigkeit zu thun, und ſobald Sie mir mel⸗ den können, die Verſchwörung ſei vollkommen reif, und zum Ausbruch fertig. Dann werde ich den Erz⸗ herzog Johann retten, die Schuldigen ſtrafen und Sie belohnen. Aber es iſt nothwendig, daß dieſe Sache 224 ganz geheim behandelt, und daß ſo wenig als mög⸗ lich davon geſprochen werde. Deshalb will ich un— mittelbar von Ihnen ſelber Ihre Berichte empfangen, und zwar wie heute, ohne Zeugen. Je ſorgfältiger das Geheimniß bewahrt wird, deſto weniger iſt zu fürchten, daß die Verſchwornen Argwohn ſchöpfen, und gewarnt werden. Nun ſein Sie thätig, verſchwiegen und klug. Leiten Sie die Sache ſo geſchickt, daß Sie mir in wenigen Wochen die Vollendung der Verſchwö⸗ rung anzeigen können, und Sie dürfen meiner Zu⸗ friedenheit gewiß ſein! Majeſtät, und dieſe Zufriedenheit meines Kaiſers iſt der einzige Lohn, welchen ich begehre und erſtrebe. Rufen Sie jetzt den Grafen Herrn von Metternich! Herr von Roſchmann eilte, die Thür des Neben⸗ gemachs zu öffnen, und der Graf trat ein. Herr Graf, ſagte der Kaiſer, ich danke Ihnen, daß Sie mir Herrn von Roſchmann zugeführt haben. Er iſt ein treuer und eifriger Beamter, und hat mir wichtige Dinge anvertraut. Ich wünſche ihn öfter perſönlich zu ſprechen, und unmittelbar ſeine Berichte zu empfangen. So oft er mir wichtige Nachrichten mitzutheilen hat, ſoll er Ihnen davon die Anzeige ma⸗ chen, Sie melden es alsdann mir, und ich werde 5 wög⸗ ich un⸗ fangen, fältiger it zu en, und zwiegen aß Sie rſchwo⸗ ner Zu⸗ Kaiſers erſtrebe. ternich! Neben⸗ Ihnen, haben. hat mit in öfter Berichte hrichten ige ma⸗ werde 225 durch Sie dem Herrn von Roſchmann ſagen laſſen, um welche Stunde ich ihn empfangen will. Für heute gute Nacht, meine Herren, und vor allen Dingen: Verſchwiegenheit!“*) *) Ueber dieſe ganze Unterredung ſiehe: Lebensbi S6 Dar g ſiehe: Lebensbilder II. Mühlbach, Erzh. Johann u. Metternich. II. 15 IX. volk und Pöbel. Eine ungeheuere Menſchenmenge hatte ſich auf dem Ballplatz in Wien verſammelt, und immer neue Volksſchaaren ſtrömten aus den benachbarten Stra⸗ ßen herbei. Niemand hatte die Leute zuſammengeru⸗ fen, Niemand wußte eigentlich auch, weshalb er da war, und doch war ein wunderbares Glänzen in allen Angeſichtern, und doch leuchteten Aller Augen, und ein freudiges Jauchzen rauſchte zuweilen durch die Menge hin, und verlor ſich dann wieder in ſanf⸗ tem Murmeln und leiſem Geflüſter. Hier und dort durch die Menge ſah man einzelne Männer geſchäftig ſich Bahn machen, und mitten hinein in das dichteſte Gewühl ſich drängen. Dort ſtanden ſie alsdann einen Moment ſtill, ſprachen mit Dieſem und Jenem ein paar raſche, flüſternde Worte ſich auf rer neue Stra⸗ engeru⸗ er da nzen in Augen, n durch in anf⸗ einzelne mitten Dort hen mit „Worte —— 227 und wenn ſie dann leiſe und eilig wieder aus dem Gewühl entſchlüpften, ſah man in den Händen Derer, zu Denen ſie geſprochen, weiße Bogen Papier, auf denen mit großer Schrift einige Zeilen gedruckt wa⸗ ren. Und die Männer, welche dieſe Papiere gebracht, ſchlüpften weiter, immer wieder in neue Kreiſe des Gedränges hinein, und wie bei den Taſchenſpielern ſchien auch ihr Hut und ihre Bruſttaſche unerſchöpflich, denn immer mehr bedruckte Papiere vertheilten ſie un⸗ ter die Menge, und je mehr ſie vertheilt, deſto lauter ward das Jauchzen des Volkes, und immer ſtrahlen⸗ der wurden die Angeſichter, und die Augen, welche ſich auf das Papier hefteten, leuchteten auf, wie in Freude und Verklärung. Freilich ſchlüpften auch hier und da andere Män⸗ ner durch das Volksgewoge, Männer mit finſterm Blick und düſtern Mienen, Männer, welche keine Pa— piere vertheilten, ſondern Diejenigen, welche ſie in Händen hielten, mit ſpähenden Augen überwachten, und überall mit grollenden drohenden Stimmen frag— ten: wo ſind die Leute, welche Euch das Papier ge⸗ geben? Zeigt mir doch den, der es Euch gab? Aber ſo oft dieſe leiſe haſtige Frage gethan ward, lachte das Volk die Frager aus, nicht mit jenem hei⸗ 15* 228 tern übermüthigen Lachen, wie es ſonſt den fröhlichen Wienern eigen iſt, ſondern mit einem ſpöttiſchen, ver⸗ ächtlichen Lachen, und die einzige Antwort war, daß Einer dem Andern, mit erhobenem Finger auf die Frager hindeutend, das einzige Wort:„Spitzerl“ ent⸗ gegenrief. Und wenn die düſtern Männer dies Wort gehört, warfen ſie wohl drohende Blicke umher, aber ſie wag⸗ ten nicht, mit Worten zu drohen, oder ihre ſchwere Hand auf Diejenigen zu legen, welche ſie ſo beſchimpft mit dem Spottnamen der Polizeiſpione, ſondern ſie zogen es vor, ſich gleichſam in den rauſchenden Volks⸗ wogen ſchweigend unterzutauchen, eine Strecke unter dieſen Wogen dahin zu ſchwimmen, um dann an ir⸗ gend einer andern Stelle unbemerkt wieder emporzu⸗ tauchen, und auf's Neue zu forſchen und zu fragen nach Denen, welche dieſe gedruckten Zettel vertheilt. Aber dieſe hatten jetzt ihr Werk vollendet, ihre Hüte und ihre Taſchen waren leer, ihre Arbeit war gethan, und ſie konnten jetzt den Schauplatz ihrer Thaten verlaſſen. Auch flüſterte man hier und da ihnen haſtig zu: macht fort! Eilt Euch! Die Spitzerls ſind auf Eurer Spur! Sie haben's geſehen, daß Ihr die Blätter vertheilt! Sie werden Euch verhaften! Eilt Euch! fröhlichen chen, ver⸗ war, daß auf die zerl' ent⸗ t gehört ſie wag⸗ e ſchwere eſchimpft ndern ſie en Volks⸗ cke unter n an ir⸗ emporzu⸗ zu fragen ertheilt. det, ihre beit war atz ihrer und da eyiherb Ihr die 8 git Euch! 229 Und bereitwillig öffnete ſich mitten im Gedränge eine Gaſſe für die Enteilenden, und ſchloß ſich ebenſo haſtig wieder hinter ihnen, wenn die„Spitzerl“ den Andern folgen, und mit ihnen hinein ſchlüpfen wollten in die kleine Gaſſe.— Das Volk ſchützte ſeine Freunde, und ſie konnten frei und ungehindert den Kohlmarkt wieder verlaſſen, konnten in die nächſte Straße hinein ſich drängen und ſchieben laſſen, und dort unter dem Gewühl des immer noch herbei ſtrömenden Volkes ſich verlieren. Hätten indeſſen die Spitzerl ihnen folgen können, ſo würden ſie geſehen haben, wie aus dem Gedränge der Straße vier Männer allmälig ſich Bahn mach⸗ ten, und in eine Nebengaſſe einbiegend, rüſtig dahin ſchritten, alle Vier denſelben Weg einſchlagend, aber ohne, wie es ſchien, einander zu kennen, ohne Notiz von einander zu nehmen, ohne zu einander zu ſprechen. Zuweilen blickten ſie ſcheu hinter ſich, als glaubten ſie ſich verfolgt, und dann, wenn ſie ſich überzeugt, daß Niemand hinter ihnen war, dann allmälig ward ihr Schritt langſamer, und ſie wagten es, ſich mehr ein⸗ ander anzunähern, und leiſe einige Worte zu einander zu ſprechen. So gingen ſie haſtig weiter, immer weiter bis in 230 die entlegenſten und einſamſten Gegenden der Leopold⸗ ſtadt hinein. Jetzt ſchritten ſie eine ärmliche, ſchmutzige, von niedrigen Häuſern beſetzte Straße hinab. Vor dem niedrigen, düſtern Hauſe am Ende derſelben blie— ben ſie ſtehen, und der Erſte von ihnen zog drei Mal haſtig an der Klingel, die ſich neben der ſchmutzigen, ſchmalen Eingangsthür des Hauſes befand. Jetzt vernahm man innerhalb Schritte, die ſich näherten, und eine Stimme fragte: wer iſt da?— Vier Freunde vom Kohlmarkt, ſagte der Eine der vier Männer. Sofort ward die Thür geöffnet, die vier Männer traten in das Haus ein, und ſchritten uber den Flur in ein großes niedriges Zimmer, deſſen Thür offen war. In dieſem Zimmer befand ſich nichts, als eine kleine Druckermaſchine, zwei Setzkaſten mit den Bogenrahmen für den Setzer, davor eine Menge weißer Papierballen, die hoch aufgeſtapelt an den Wänden umherſtanden, und ein einfacher, mit Papieren bedeckter Schreibtiſch, vor welchem, den Rücken nach der Thür hingewandt, ein Herr eifrig mit Schreiben beſchäftigt war. Als er indeſſen das Eintreten der vier Männer hörte, wandte der Herr ſich um, und nickte ihnen Leopold⸗ zmutzige, . Vor den blie⸗ rei Mal nutzigen, die ſich a47- Eine der fnet, die ſchritten r deſſen und ſich etzkaſten vor eine apelt an er, mit m, den rr eiftig Männel te ihnen 231 freundlich zu. Seid Ihr wieder da? fragte er. Glück⸗ lich davon gekommen? Ja, Herr Kreishauptmann, wir ſind wieder da, und obwohl viel Spitzerl auf dem Kohlmarkt waren, hat doch Niemand gewagt, uns anzuhalten. Das Volk war zu übermächtig, und die Spitzerl wagten es nicht. Und Ihr habt alle Blätter vertheilt? Ja, Herr Kreishauptmann, wir haben ſie alle vertheilt. Die Leute griffen darnach, als wären's herrliche Koſtbarkeiten, die wir ihnen darböten. Aber wie habt Ihr's angefangen, daß Ihr ſo viel Volks zuͤſammenbrachtet? Oh, das war nicht ſchwer, Herr von Roſchmann, ſie kamen von ſelbſt, wie das halt ſo geht in Wien. Wir Vier ſtellten uns zuſammen mitten auf den Kohlmarkt, und ſprachen laut und erregt zu einander von den wundervollen Nachrichten, die aus Preußen angekommen. Einige Vorübergehende blieben ſtehen, um uns zuzuhören, und wir gaben ihnen eins von unſern Placaten. In einer Viertelſtunde hatten ſich wohl hundert Menſchen verſammelt, und ſie riſſen ſich um die fünf Placate, die wir verſtohlen ausge⸗ theilt. In einer halben Stunde waren tauſend Men⸗ — —— * — —— — é 232 ſchen da, und in einer Stunde wimmelte der ganze Platz von Menſchen. Und wie nahmen ſie die Nachricht auf? Mit allgemeiner Freude, mit Jauchzen und Enthuſiasmus, und ſie ſchützten uns deshalb auch gegen die Spitzerl, die uns gern verhaftet hätten. Gut, ich bin mit Euch zufrieden, ſagte Herr von Roſchmann. Ihr ſeid gute und geſchickte Arbeiter, und vortreffliche Volksaufwiegler. Erinnert Euch, daß Alles dies geſchieht nur zum Heil unſers Vater⸗ landes, daß wir nur heimlich auf unſerer Preſſe die prächtigen Nachrichten aus Preußen drucken laſſen, weil Herr von Metternich nicht duldet, daß ſie öffent⸗ lich gedruckt werden, daß wir nur deshalb ſie unter das Volk bringen, weil Herr von Metternich ſie dem Volk entzieht, weil er will, daß Oeſterreich der Bundesgenoſſe von Frankreich bleibe, mit Frankreich kämpfe gegen Rußland, gegen Deutſchland, gegen ganz Europa. Aber das Volk von Oeſterreich will das nicht, rief einer der vier Männer, das Volk haßt den Kaiſer von Frankreich, und will nicht mehr für ihn kämpfen.. Aber der Graf Metternich will es und redet dem ganze n und b auch ten. err von erbeiter, Euch, Vater⸗ eſſe die laſſen, öffent⸗ unter ie dem ch der mkreich gegen nicht, zt den ür ihn et dem 233 Kaiſer vor, daß das Volk ſich nichts Anderes erſehnt, als die Fortdauer der Freundſchaft Napoleons. Des⸗ halb, ſo lang wir nicht kämpfen dürfen mit den Waffen von Stahl und Eiſen, müſſen wir kämpfen mit den Waffen des Geiſtes, und die Druckerſchwärze und Eure Lettern, das ſind die Truppen, die wir gegen ihn in's Feld ſchicken. Ihr ſeid die Feldherren dieſer Truppen, und habt Euch wohl verdient ge— macht um das Vaterland. Empfangt alſo für den heutigen Tag Euren Lohn. Zuerſt hier die Tages⸗ gage für Eure Arbeit als Setzer und Drucker, und dann hier für Euer Zuſtandebringen des Volksauf⸗ laufs. Morgen früh aber kommt wieder hieher. So Gott will, ſind wieder neue und erfreuliche Nach— richten angelangt, die wir für das gute Volk von Wien drucken wollen. Geht, lieben Freunde! Aber verlaßt nicht zuſammen das Haus, ſondern einzeln, Einer nach dem Andern, damit, wenn Aufpaſſer in der Nähe ſein ſollten, ſie nicht Verdacht ſchöpfen. Sagt auch meinem Portier, dem Peter, er ſoll ſorg— ſam hinter Euch die Thür wieder verriegeln und verſchließen, damit Niemand hier unbefugter Weiſe eindringen kann. Denn wenn man unſere geheime Druckerei hier findet, ſo ſind wir Alle mitſammen 234 verloren, und nicht bloß wir allein, ſondern auch der edle hohe Gönner, auf deſſen Befehl wir thätig ſind. Geht! Für morgen heißt die Parole für das Oeffnen der Thür!„Erzherzog Johann“, und der Portier wird fragen:„woher kommt Ihr“? Fragt er anders, ſo lauft, ſo ſchnell Ihr könnt, von dannen, denn als— dann iſt es nicht der Peter, der fragt, ſondern viel⸗ leicht irgend ein Polizeimann, der Euch abfangen will. Auf morgen alſo, und vergeßt nicht die Parole: „Erzherzog Johann“!— Ich denke, das iſt ſchlau, ſagte Roſchmann, als er allein war, auf dieſe Weiſe ziehe ich auch den Namen des Erzherzogs immer mehr in den Vorder⸗ grund und gewinne immer mehr Anhaltspunkte für die ſpätere Anklage. Man wird ja doch eines Tages dieſe guten Drucker und Volksaufwiegler verhaften, und ſie werden dann wohl eingeſtehen, daß ſie Alles im Namen und Auftrag des Erzherzogs Johann ge⸗ than.— Aber er iſt doch immer noch gar ſchlau und beſonnen, der gute Erzherzog, fuhr Roſchmann fort, indem er, die Hände auf dem Rücken gefaltet, langſam auf und ab ging. Der Hormayr bewacht ihn, wie ein eiferſüchtiger Liebhaber, und mahnt ab von jedem Schritt, der den Erzherzog compromittiren uuch der ig ſind. Oeffnen Portier anderd, un als⸗ rn viel⸗ en will Parole: in, als uch den Vorder⸗ akte für Tage erhaften, ie Alles dann ge⸗ ſchlau ſchmann gefaltet bewacht ahnt ab mittiten 235 könnte. Die Folge davon iſt, daß ich noch immer nichts Compromittirendes in Händen habe, und daß, wenn der Kaiſer ungeduldig wird, und von mir Be⸗ weiſe verlangt, ich ihm noch immer keine Beweiſe vorlegen kann. Das muß anders werden, durchaus anders. Es iſt nicht genug, daß der Erzherzog durch mich mit den Tyrolern correſpondirt, er muß es auch unmittelbar thun, er muß ſchriftlich mit den Tyroler Verſchwornen ſich beſprechen, damit ich etwas Schwarz auf Weiß habe, das gegen ihn zeugt. Ich muß auch ſeine Papiere haben, damit ich dem Kaiſer beweiſen kann, daß er mit allen Häuptern der Verſchwörung in Verbindung ſteht, und von allen Berichte erhält. Aber wie fange ich es an, daß ich dieſe Papiere be⸗ komme? Man müßte ihn glauben machen, dieſe Papiere ſeien bei ihm ſelber nicht ſicher, und er thäte beſſer, ſie irgend einem Freund anzuvertrauen, der— Ach, unterbrach ſich Roſchmann auf einmal freudig, ach, da kommt mir ein wundervoller Gedanke! Ja ja, er muß Camilla ſeine Papiere anvertrauen. Hurrah! Jetzt ſeh' ich Land! Er muß Camilla ſeine Papiere anvertrauen! Noch heute will ich ihn dazu bereden!— Und Herr von Roſchmann nahm haſtig ſeinen ——–HK— b 236 Hut und eilte durch die kleine Hinterthür des Hauſes von dannen. Indeſſen war das Volk auf dem Ballplatz noch immer verſammelt, und immer neue Schaaren waren von allen Seiten herbeigeſtrömt, ſo daß auch die dem Platz zunächſt belegnen Straßen angefüllt waren von dichtgedrängten Menſchenmaſſen. Aber da die Männer, welche die Placate ausgetheilt, jetzt verſchwunden wa— ren, ſo wußten auch dieſe neuen Schaaren nicht, um was es ſich handle, ein verworrenes Schreien und Fragen erfüllte daher die Luft, und die einzelnen Blät⸗ ter, welche von dem Platz den Fernſtehenden zugereicht wurden, verſchwanden ſchnell unter der neugierigen Menge, oder wurden im Eifer von den vielen Händen, welche zu gleicher Zeit darnach griffen, zerriſſen, ehe man Zeit gehabt ſie zu leſen. Eben wieder hatte eine mitleidige Hand eins der Placate hoch in die Luft geworfen, und der Wind hatte das Placat großmüthig in die Schauflergaſſe hinein geweht. Grade in den dichteſten Menſchenknäuel war es niedergefallen, und eine Hand hatte ſich erhoben, um es raſch zu ergreifen. Sofort riefen hundert Stimmen ringsumher: Leſt laut, was auf dem Blatt geſchrieben ſteht! Leſt! Leſt! Hauſes tz noch waren je dem en von Nänner, en wa⸗ ht, um en und 1 Blät⸗ gereicht ierigen zänden, en, ehe ins der d hatte hinein el war cooben, r: Leſt Leſt! 237 Ja, lieben Freunde, rief eine friſche jugendliche Män⸗ nerſtimme, ich möchte wohl leſen, und Euch die präch⸗ tigen Nachrichten mittheilen. Ihr werdet mich jedoch nicht verſtehen. Hebt ihn empor, rief und ſchrie die Menge, hebt ihn hoch über unſere Köpfe empor, daß wir ihn Alle ſehen und Alle hören können, was er lieſt! Ja, ja, hebt ihn empor, jubelten auch die Ferner⸗ ſtehenden, und auf einmal jetzt ſah man hoch über den Köpfen des Volks eine männliche Geſtalt erſchei⸗ nen, von zwanzig Armen emporgehoben, und dann feſt und ſicher placirt auf dem Balcon eines an der Ecke des Kohlmarkts belegenen Hauſes. Es war eine ſchlanke jugendliche Geſtalt in eleganter modi— ſcher Kleidung, ein intereſſanter Kopf, umwallt von langen braunen Locken, die zu beiden Seiten des ſchma— len edlen Angeſichts niederfielen. Aus dieſem Ange— ſicht leuchteten Frohſinn und Güte, und der Blick, welcher jetzt aus den tief blauen feurigen Augen über die wogende Menge hinſchweifte, ſtrahlte von Freude und Vergnügen. Theodor Körner, rief Einer aus dem Volk, ſeine Mütze hoch emperſchwingend. Schaut ihn nur an, das iſt Theodor Körner, der Dichter des Zriny! 238 Der Dichter der Banditenbraut! rief ein Anderer. Der Dichter der Roſamunde! brüllte ein Dritter. Hurrah, Theodor Körner lebe hoch! Hurrah, Theodor Körner lebe hoch, rief die Menge ihm nach, und ſchwenkte die Hüte und Mützen empor, und ließ dreimal in jauchzendem Chor ein Hurrah für Theodor Körner erſchallen. Das Angeſicht des jungen Dichters hatte ſich ſanft geröthet, ſeine Augen leuchteten höher auf, und wie er nach allen Seiten hin dankte und grüßte, glänzte ſein Antlitz als habe ein Sonnenſtrahl es getroffen. Wollt Ihr jetzt hören, meine Freunde? fragte er dann mit ſeiner volltönenden Stimme. Ja, wir wollen hören, Theodor Körner ſoll leſen, rief die Menge. Still, ſtill, Theodor Körner ſoll leſen. Wie durch einen Zauberſchlag verſtummte jetzt auf einmal alles Geräuſch, und tiefe Stille trat ein. In athemloſem Schweigen horchte die Menge auf dieſe Stimme, die hoch über ihren Häuptern erſchallte, auf die Worte, die ſie ihnen verkündete. „Deutſchland iſt erwacht, las Theodor Körner. Deutſchland iſt erwacht, aus dem Schlaf und der Er⸗ niedrigung erhebt es ſich neu gekräftigt, und fühlt Inderer. Dritter. Menge empor, Hurrah ch ſanft nd wie glänzte roffen. agte er leſen, rer oll tt auf n In ij dieſe te, auf Körner. der Er⸗ dfühlt — 239 ſeine Manneskraft und ſeine Stärke. Von Oſten her geht die Sonne auf über Europa, von Oſten her ſen⸗ det ſie ihre Strahlen über Deutſchland, und verkündet uns, daß der neue Tag beginnen, daß das Volk auf— ſtehen und ſich den Sclavenketten entwinden ſoll, mit welchen der Fürſt der Finſterniß es in der langen Nacht der Trübſal gefeſſelt hatte. Von Oſten her geht die Sonne auf, kommt Alexander mit ſeinen tapfern Schaaren, und zuerſt iſt von ſeinem Helden⸗ ſchritt ſein Freund und Nachbar, iſt Preußen aufgewacht, und hat ſeine Kette zerriſſen? Ja, Preußen iſt erwacht, und ſein König ruft ſein Volk zu den Waffen. Der König Friedrich Wilhelm hat ſich von Berlin nach Breslau begeben, und die edlen und freiſinnigen Män⸗ ner ſeines Landes um ſich verſammelt. Er hat durch den tapfern Freiherrn von Stein mit dem Kaiſer von Rußland ein Bündniß abgeſchloſſen, deſſen Zweck es iſt, Europa und zunächſt Deutſchland zu befreien, Preußen ſeine frühern Grenzen wieder zu erobern, dem Kaiſer Na⸗ poleon ſofort den Krieg zu erklären, und die Waffen nicht eher niederzulegen, als bis Norddeutſchland gänz⸗ lich vom Feinde befreit iſt.“) Brüder, das iſt das *) Pertz: Leben des Freiherrn von Stein. III. 305. 240 Bündniß, welches die Herrſcher von Rußland und Preußen am ſiebenundzwanzigſten Februar unterzeich⸗ net haben. Sie wollen nicht eher ruhen und raſten, bis ſie Norddeutſchland vom Feinde befreit haben. Aber Süddeutſchland? Wollen wir denn ruhen und raſten? Wollen wir unſern Kaiſer nicht beſchwören, ſich mit den beiden edlen Fürſten zu vereinen, und mit ihnen auch Süddeutſchland zu befreien? Brüder, wollen wir ruhen und raſten?“ Nein, nein, brüllte die Menge, als Theodor Kör⸗ ner zu Ende geleſen, nein, wir wollen nicht ruhen und raſten! Nein, wir wollen kämpfen und uns be⸗ freien. Wir wollen nicht ruhen und raſten, bis nicht auch Süddeutſchland befreit iſt! rief Einer. Auch Oeſter⸗ reich muß ſich ſeine frühern Grenzen wieder erobern! Wir wollen zum Kaiſer gehn und ihn bitten, daß er auch Napoleon den Krieg erklärt! ſchrie ein Anderer. Ja, rief ein Dritter, und dann wollen wir ihn bitten, daß er den Erzherzog Carl wieder zum Gene⸗ raliſſimus macht. Und daß er den Erzherzog Johann nach. Tyrol ſchickt, damit er die Tyroler befreit, kreiſchte ein Vier⸗ ter. Kommt, kommt, laßt uns zum Kaiſer gehen, ind und terzeich⸗ raſten, haben. den und hwören, nd mit wollen r Kör⸗ ruhen ins be⸗ t auch Oeſter⸗ wobern! n, daß nderer. ir ihn Gene⸗ Tyrol Vier⸗ gehen, 241 er ſoll den Erzherzog Carl zum Generaliſſimus, und den Erzherzog Johann zum Befreier Tyrols ernennen. Hurrah, es leben die Erzherzöge Carl und Johann. Laßt uns zum Kaiſer gehen! Ja, laßt uns zum Kaiſer gehen, brüllte die Menge in einem rieſenhaften Chor, und die ſchwarze Maſſe begann ſich jetzt zu bewegen, ſich ſchwerfällig und lang⸗ ſam hin und her zu ſchieben, und endlich, einem un⸗ geheuren Strom gleich, die breite Schauflergaſſe hin— unter zu rauſchen. Es lebe Erzherzog Carl, es lebe der Erzherzog Johann, brüllte und ſchrie die Menge, während ſie ſich die Straße hinunter wälzte und nach der Burg hinwandte, es lebe der Generaliſſimus, es lebe der Befreier von Tyrol! Dieſes ſchmetternde Jauchzen durchſchallte die weite Straße, und ſchlug auch an die Fenſter, hinter denen Graf Metternich ſtand, und von den Vorhängen be⸗ ſchattet, den Zug des lärmenden Volks ſich vorüber wälzen ſah. Ein triumphirendes Lächeln umſpielte den feinen Mund des Grafen, und ſein ſchönes Angeſicht ſtrahlte in ſtolzer Freude. Ruft Ihr nur, ſagte er leiſe mit dem Kopf nickend, Mühlbach, Erzh. Jobann u. Metternich. II. 16 242 ruft nur ſo laut nach Euren Lieblingen, daß der Kai⸗ ſer Franz es hören muß. Ihr erſpart mir dadurch viel Müh' und Arbeit, und macht es mir weit leichter, die läſtigen Feinde bei Seite zu drängen. Eben rief und jauchzte es wieder von da unten herauf: Hurrah! Es lebe Erzherzog Carl, der Gene⸗ raliſſimus, es lebe der Erzherzog Johann, der Be⸗ freier von Tyrol! Sehr ſchön, ſagte Metternich Beifall nickend, wenn der Kaiſer das hört, ſo bin ich ſicher, daß der Erz⸗ herzog Carl nicht Generaliſſimus wird, und der Erz⸗ herzog Johann nicht nach Tyrol gehen darf. Ja, ja, liebt ſie nur recht, die Herren Erzherzöge, das iſt das ſicherſte und richtigſte Mittel, um ſie dem Kaiſer ver⸗ dächtig zu machen, und mich von ihren ehrgeizigen Intriguen und Machinationen zu befreien. In der That, Hudeliſt hat da einen vortrefflichen Einfall mit dem Herrn von Roſchmann gehabt, und uns einen gar geſchickten Agitator geworben! Er macht ſeine Sache ja ganz vortrefflich, dieſer gute Roſchmann; wenn er ſo fortfährt, wird man nicht umhin können, ihn eclatant zu belohnen, und ſeine Bruſt mit einem Ordenskranz zu decoriren. Aber ich will doch jetzt zum Kaiſer und ſehen, wie er dieſen Faſtnachtsſcherz er Kai⸗ dadurch ſeichter, unten Gene⸗ P. er Be⸗ wenn Etz⸗ r Erz⸗ Ja, ja, ſt das r ver⸗ eizigen zn der ll mit einen ſeine nann; önnen, einem h jetzt Sſcherz 243 des reizenden Pöbels, der ſich ſo gern„das allmächtige Volk“ nennt, aufnimmt. Er könnt' im erſten Zorn dem lieben Pöbel die Ehr' anthun wollen, es mit Gewalt auseinander treiben zu wollen; das muß ich verhüten. Eilen wir alſo! Denn das Geſchrei iſt verſtummt, und die Spitze der Colonne mag jetzt ſchon bei der Burg angelangt ſein!— Graf Metternich hatte richtig vermuthet. Der Kaiſer, auf's Aeußerſte gebracht durch das Geſchrei des Volks, das zu Tauſenden die Burg umlagerte, und nach ihm ſchrie, der Kaiſer hatte ſoeben nach dem Polizei-Präſidenten von Hager geſchickt, und ihn zu ſich befohlen. Ich will Ruh' haben vor dem Geſindel!, ſagte er, mit großen Schritten in ſeinem Kabinet auf- und abge— hend, ich will nit ein Volkskaiſer ſein, der ſich muß immerfort von der Liebe des Pöbels inkommodiren laſſen. Ich will ehrfürchtige gehorſame Unterthanen, die ihre Steuern zahlen, demüthig ſind und nit raiſonniren, im Uebrigen können's mich lieben, oder haſſen, wenn's nur ihng Schuldigkeit thun! Kaiſer Franz, ſchrie eben das Volk im tauſend⸗ ſtimmigen Chor, der die Fenſter erbeben machte. 16 244 Wir wollen unſern guten Kaiſer Franzel ſehen! Wir wollen ihm eine Bitt' vortragen! Möcht' wohl wiſſen, ob der Pöbel meint, ich würd' auf ſein Commando gleich auf'n Balcon hinausſprin⸗ gen, wie der Kartenkönig im Kasperle Theater, ſagte Franz achſelzuckend. Wollen mir eine Bitt' vortra⸗ gen, als ob— Ach, Metternich, rief der Kaiſer, da eben die Thür ſich öffnete, und der Graf eintrat, Met⸗ ternich, Sie kommen grad' zu rechter Zeit. Hören's nur, wie der allerliebſte Pöbel brüllt und ſchreit! Majeſtät, ich bitte um Vergebung, ſagte Metter⸗ nich feierlich, es iſt das edle hochherzige Volk, wel— ches die kaiſerliche Burg umlagert, und ſeinen Kaiſer zu ſehen begehrt. Wie denn? fragte der Kaiſer. Sie fangen mir auch mit den modernen Redensarten an. Sprechen mir auch vom hochherzigen Volk? Majeſtät, das edle hochherzige Volk hat jetzt, wie unſere preußiſchen Depeſchen melden, allein in Preußen den Ausſchlag gegeben, und die Erhebung des ganzen Landes, den Aufruf des Königs an ſein Polk be⸗ wirkt. Man muß alſo Reſpect haben vor dieſem lieben Pöbel, der in unſern Tagen die öffentliche Meinung beſtimmt, ſich einfallen läßt Politik zu ma⸗ ſch — 245 en! Wir 6— machen, und über Krieg und Frieden zu ent⸗ Huüd ſcheiden. 1 Reden's mir nit ſo'n Unſinn, rief der Kaiſer ab⸗ uoſphin wehrend. Werd' nit ſo nachgiebig ſein gegen den e ſagte lieben Pöbel, wie's der König von Preußen iſt, hab' vorhi⸗ gar keinen Reſpect vor der öffentlichen Meinung, und iſet, da werd' mich nimmer daran kehren, was die für Politik t Net⸗ macht. Sagen's mir aber, wiſſen Sie denn, was Hören der Pöbel heut von mir will? Schreien ja wie be— it! ſeſſen, ſie wollten mir eine Bitte vortragen. Wiſſen Mter Sie, was der Pöbel will? k, wil Zu Befehl, Majeſtät. Sie brüllen's da drunten Kaiſet auf der Straße ſo laut aus, daß Jedermann es hören kann. Das Volk ſchreit nach ſeinen Lieblingen, en mit Majeſtät. prechen So, nach ſeinen Lieblingen. Und wer ſind denn dieſe Lieblinge? tt, wie Majeſtät, das ſind die Herrn Erzherzöge Carl preußen und Johann. ganzen Ich dacht' mir's! rief Franz mit einem kurzen, fü be⸗ zornigen Lachen. Was ſoll's denn mit dieſen Lieb⸗ dieſem lingen? entlce Majeſtät, das Volk will Ew. Majeſtät beſchwören, ttik zu ihm ſeine Lieblinge wiederzugeben, daß heißt: den ———᷑—Q—ꝭO—O—ZñCñCQę—ẽ—ꝭB;ůf—·— — 1 j— 246 Erzherzog Carl zum Generaliſſimus der Armee zu ernennen, den Erzherzog Johann nach Tyrol zu ſenden, damit er dort das Heldenvolk zu den Waffen rufe. Das iſt Alles, was das Volk von Ew. Ma⸗ jeſtät erbitten will. So, iſt das Alles? fragte der Kaiſer in drohendem Ton, indem er mit heftigen Schritten auf und ab ging. Nun, es iſt wahrhaftig recht gnädig, daß das Volk nichts weiter von mir verlangt. Werd' ihm aber ſogleich durch die Polizei meine Antwort geben, und die ſoll nit zweideutig ſein. Werd' das Ge— ſindel forttreiben laſſen, die Rädelsführer ſollen ein⸗ geſteckt werden, und will ihnen mit Ruthenhieben meinen Lohn auszahlen laſſen für ihre weiſen Rath⸗ ſchläge. Erlauben Ew. Majeſtät mir, Sie zu beſchwören, daß Sie gnädigſt dieſen Befehl zurücknehmen, ſagte Metternich dringend. Es wäre, dem ganzen Deutſch— land gegenüber, eine Demonſtration, welche viel böſen Leumund erregen würde. Machen Ew. Majeſtät doch aus dem ſchreienden Geſindel nicht erhabene Märtyrer der Freiheit! Geſtatten Ew. Majeſtät den Verehrern der Herren Erzherzöge nicht, zu ſagen, daß Ew. Majeſtät Ihre Brüder fürchten, und daß Sie das lrmee zu Tyrol zu rWaffen Fw. Ma⸗ rohendem und ab daß das erd' ihm tt geben, das Ge⸗ llen ein⸗ enhieben n Rath⸗ chwören, n, ſagte Deutſch⸗ el böſen tät doch Kärtyrer erehrern 1ß Ew. zie das 247 Volk nur ſtrafen, weil es Ihre Brüder liebt. Ma⸗ jeſtät, das hieße den Herrn Erzherzögen einen Heili⸗ genſchein um das Haupt legen, und die Liebe des Volks bis zur Abgötterei ſteigern. Es iſt wahr, ſagte der Kaiſer gedankenvoll, es würd' meinen Herren Brüdern vielleicht halt recht willkommen ſein, es wär' ihnen eine Gelegenheit zu zeigen, was ſie leiden müſſen, und was für ein Tyrann ich bin! Nein, ich werd' ihnen nit den Gefallen thun, werd' ihnen keinen Heiligenſchein um's Haupt legen, wie ſie's wohl hoffen und erwarten. Werd' ihnen zeigen, daß ich ſie nit fürcht', und daß der liebe Pöbel, den ſie mir auf den Hals hetzen, mich weder einſchüchtern, noch erbittern kann. Ich werd' nit Gewalt gebrauchen, und es ſoll Niemand verhaftet werden! Er nahm die Handklingel und ſchellte heftig. Iſt der Polizei⸗Präſident von Hager ſchon da? fragte der Kaiſer den eintretenden Kammerlakayen. Zu Befehl, Majeſtät, er iſt im Vorſaal und wartet auf die Befehle Eurer Majeſtät. Soll ſogleich eintreten, rief der Kaiſer, und als der Polizei⸗Präſident ſodann in der offenen Thür erſchien, ging der Kaiſer ihm lebhaft entgegen. 248 Hören's, Herr Präſident, ſagte er haſtig, laſſen's mir das Volk in Ruh. Es ſoll auf dem Platz bleiben, ſo lang es ihm gefällig iſt. Nur laſſen's die Aus⸗ gänge vom Michaelerplatz abſperren, den Kohlmarkt, die Auguſtiner-, die Herren- und die Schauflergaſſe mit Militär beſetzen, ſo daß kein Ausgang bleibt, und Niemand zurückkann. Sie laſſen mir Niemand durch, ſollen Alle auf dem Platz bleiben den ganzen Tag lang, und wenn die Leut' noch ſo ſehr bitten, die Soldaten und Poliziſten ſollen mir Niemand nach Haus entlaſſen, ſollen Jedermann ſagen: der Kaiſer liebt ſein Volk ſo ſehr, daß er ſich gar nit ſatt' daran ſchauen kann, und es heut' den ganzen Tag vor ſeinem Fenſter ſehen will. Der Kaiſer freut ſich ſo ſehr, daß das Volk die beiden Herren Erz— herzöge ſo ſehr liebt, daß es ihm das Herz erhebt, das Volk immerfort nach ihnen rufen zu hören. Sie ſollen ſich daher nit geniren, ſollen den ganzen Tag rufen. Es wird dem Kaiſer ſehr angenehm ſein zu hören, wie das Volk ſeine Herrn Brüder liebt.— Jetzt eilen's, Herr Polizei-Präſident, und thun's genau wie ich ihnen geſagt hab'. Sperren's mir alle Straßen ab, die nach dem Michaels⸗ und Jo⸗ ſephsplatz führen, laſſen's Niemand mehr herein, aber „laſſen's z bleiben, die Aus⸗ ohlmarkt, uflergaſſe eibt, und nd durch, zen Tag tten, die nd nach r Kaiſer nit ſatt zen Tag er freut ren Erz⸗ erhebt, n. Sie zen Tag ſein zu jebt.— thun' rs mit nd Jo⸗ in, aber 249 auch Niemand mehr zurück. Sie ſollen dableiben, dableiben, bis ſie umfallen vor Mattigkeit und Hunger! Aber keine Gewaltthätigkeiten, Herr Präſident, ſein's mir hübſch ſanft mit dem lieben Volk! Aber Ew. Majeſtät, wenn ſie mit Gewalt ſich Bahn brechen wollen? Ei, ſchauen's! Wird mein liebes Volk, das hieher gekommen iſt, mich um Etwas zu bitten, Gewalt brauchen wollen? Haben die Leut' denn Waffen? Nein, Majeſtät, ſie ſind Alle unbewaffnet. Nun alſo, was für Gewalt können ſie denn ge— brauchen? Ihre Zungen werden ihre einzigen Waffen ſein, und die mögen ſie gebrauchen nach Herzensluſt. Drängen ſie aber gegen die berittenen Poliziſten, welche zunächſt die Straßen abſperren, ſo ſprengen dieſe mitten in das Gewühl hinein, ohne Rückſicht darauf, ob ſie ein paar Menſchen niederreiten. Das wird die lieben Leut' ſchon abkühlen und ſie ſanft machen! Eilen Sie Sich, Herr Präſident! Der Kaiſer folgte dem Polizei-Präſidenten mit ſeinen Blicken, bis die Thür ſich hinter ihm ſchloß, dann wandte er ſich ſeinem Miniſter zu. Nun, ſind's zufrieden, Metternich? fragte er lächelnd. —— 250 Majeſtät, ich bin entzückt von dem herrlichen Aus⸗ ſpruch Eurer Majeſtät. Sie behandeln das Volk wie ein edles wildes Roß, das man zähmt, indem man ihm den Willen zu thun ſcheint, und es ſo lange ſeine tüchtigen Sprünge machen läßt, bis es endlich vor Ermattung ſanft wird wie ein Lamm. Wenn's aber zuletzt wie ein Lamm geworden iſt, dann ſoll's ſeinen Herrn fühlen, rief der Kaiſer mit flammenden Blicken. Werd' an den heutigen Tag gedenken, und es dem Volk und Denen, welche es aufgehetzt haben, vergelten! Sollen's halt ſchon ken— nen lernen, daß ich mich nit einſchüchtern, und vom Volk, was ſich die öffentliche Meinung nennt, mich nicht beherrſchen laß. Hat ſich das preußiſche Volk ſeinen König zum erſten Freiwilligen für den Krieg gepreßt, ſo werd' ich mich von ſeinem Beiſpiel nit verleiten laſſen, ſondern werd' dem dummen kindiſchen Volk zeigen, daß ich ſein Herr bin, und mir nimmer ſeine Meinung aufdringen laß. Sie wollen mich zwingen, den Erzherzog Carl zum Generaliſſimus zu ernennen, und den lieben Herrn Hannes nach Tyrol zu ſchicken. Jetzt thu' ich's halt nimmer, und was auch geſchehen mag, die beiden Erzherzöge bleiben mir daheim in Wien, darauf können's ſich verlaſſen! een Aus⸗ volk wie em man o lange endlich den iſ, iſer mit gen Tag elche e hon ken⸗ nd vom t mich he Volk n Krieg piel ni indiſchen nimmer en mich imus zu Tyxol nd was bleiben erlaſſen 251 Ich dank Ihnen übrigens, Metternich, Sie haben mir einen guten Rath vorhin gegeben, und ich bin ſehr mit Ihnen zufrieden. Majeſtät, bevor ich mich entferne, habe ich Ew. Majeſtät noch zu melden, daß Herr von Roſchmann heute bei mir war, und dringend um eine Audienz bittet.— Hat er Neues zu melden? fragte der Kaiſer haſtig. Er ſagte, er habe Eurer Majeſtät wichtige Nach⸗ richten mitzutheilen. Es ſcheint, die Verſchwörung ſchreitet mächtig vorwärts. Oh, ſie ſchreitet mächtig vorwärts, rief Franz mit flammenden Augen. Der liebe Erzherzog Hannes wird alſo bald ſeine ſchöne neue Krone aufſetzen kön⸗ nen. Wenn ſie nur nit zu ſchwer für ihn iſt, und ihm Kopfſchmerzen macht; es ſollt' mir gar leid um ihn thun, und ich würd's die ungeſchickten Goldſchmiede büßen laſſen, die ſie ihm zu klein gemacht! Aber hor⸗ chen's, wie ſtill das da unten wird. Die lieben Leut' ſchreien gar nit mehr! Ich muß doch ein biſſel hinun⸗ ter ſchauen. Leben's wohl, Metternich, ich denk' doch, Sie wird man nach Hauſ' gehen laſſen!— Der Kaiſer nickte ihm lächelnd zu, und trat dann an's Fenſter, vor welchem das Volk in dichten Maſſen 252 ſtand, und ſtaunend nach den Ausgängen der Stra⸗ ßen hinſtarrte, vor denen ſo eben die Reitercolonnen ſich aufzuſtellen begannen. So, jetzt ſchreien's ſchon nit mehr, ſagte der Kai— ſer ingrimmig vor ſich hin, jetzt haben's ſchon ver— geſſen, daß ſie den Herren Brüdern Vivat ſchreien wollten, und ſind ſtumm worden vor Verwunderung, weil ich ſie nit fortjag'. Bleibt nur, ſollt ſchon matt werden vom langen Stehen, ſollt hier bleiben bis zur Nacht, bis das wilde Roß ein Lamm oder auch ein Schaf worden iſt, und Gott dankt, wenn's in den Stall kriechen kann. Aber Denen, die mir das Roß wild gemacht, Denen werd' ich's gedenken, und werd' eines Tages Abrechnung mit ihnen halten, daß auch ſie daran gedenken ſollen ihr Lebenlang.— colonnen der Kai⸗ hon ver⸗ ſchreien nderung, on matt ben bis der auch Hin den as Roß d werd' aß auch X. Theodor Körner's Abſchied. Ein Glück war's für Theodor Körner, daß die wilde Volkswoge, die ihn auf den Balcon hinauf gewirbelt hatte, ihn in ihren raſenden Lauf nicht mit hinein gezogen, ſondern ſeiner in ihrer Wildheit ver⸗ geſſen hatte. Ein Glück war's, daß es ihn nicht mit fortgeriſſen hatte zu der Kaiſerburg hin, denn während jetzt vor derſelben das Volk von allen Seiten umzingelt ward, konnte Theodor Körner, der ſich, Dank ſeiner Turnergewandtheit, vom Balcon hinabgeſchwungen, unbehindert durch die Straßen dahin eilen, von Niemand verfolgt, von Niemand auf⸗ gehalten. Jetzt trat er in ein Haus am Ende der Graben⸗ 254 ſtraße ein, eilte mit beflügeltem Schritt drei Stiegen hinauf, und ſchellte hochathmend an der Klingel, die ſich dort neben der Flügelthür befand. Die Thür ward geöffnet, und die Magd grüßte lächelnd, und trat zur Seite, um den jungen Mann eintreten zu laſſen, der hier berechtigt zu ſein ſchien, als wär' er der Herr des Hauſes. Er durcheilte mit raſchem Fuß den Corridor, den kleinen zierlichen Vorſaal und trat in den Salon ein, in welchem zwei Damen am Fenſter ſtanden, und den Rücken dem Zimmer zugewandt, hinaus⸗ ſchauten auf die Straße. Theodor Körner lächelte ihnen zu, und leis auf den Zehen zu ihnen hinſchleichend, legte er die Hand auf die Schulter der größeren von ihnen Beiden. Wen ſuchſt Du, Tony? fragte er lächelnd. Die Dame zuckte zuſammen und wandte ſich haſtig um. Dich ſucht' ich, Theodor, rief ſie, ihre beiden Arme erhebend, und ſie auf ſeine Schultern legend. Dich ſucht' ich, meinen Dichter, meinen Lieb⸗ ling! Ach Du biſt ſo lange ausgeblieben, daß mein Herz ſich um Dich ängſtigte, denn die Tante kam heut mit der Nachricht, daß ſie Dich geſehen, wie Du mit begeiſtertem Angeſicht von dem Balcon eines Hauf Erei lieber Rriit Perſ wich und geni ond ceen Stiegen gel, die grüßte Mann ſchien orridor, Salon ſtanden, hinaus⸗ is auf Hand en. te ſich e, ihre hultern Lieb⸗ mein „kam 1, wit 1 eineb 25⁵ Hauſes zu dem Volk geſprochen von den großen Ereigniſſen, die ſich in Preußen zugetragen. Ach lieber, theurer Freund, Deine Begeiſterung für die Freiheit vergißt aber der Vorſicht für Deine eigene Perſon, und Deine eigene Freiheit. Ich ängſtigte mich fürchterlich, und darum ſtand ich am Fenſter und ſchaute aus nach meinem Liebling, dem es nicht genügt, daß die Götter und die Muſen ihn lieben, ſondern der auch zum Liebling des Volkes ſich ma— chen will. Ja, Herr Körner, es war unvorſichtig, ſagte die Tante, ernſt und trübe ihr Haupt ſchüttelnd. Ich würde es der Tony gar nicht geſagt haben, daß ich Sie da als Redner auf dem Balcon geſehen, aber Sie gefährden ſich, und darum ſoll die Tony Sie warnen und Sie beſchwören, vorſichtig und beſonnen zu ſein. Oh Tante, liebe Tante Tugenddrache, rief Kör⸗ ner fröhlich, die Zeit der Vorſicht und Beſon⸗ nenheit iſt vorbei, und mit mir hat's keine Gefahr mehr. Bin ich nicht jetzt eine geheiligte Perſon, bin ich nicht ein kaiſerlich königlicher Beamter? Wird die hochlöbliche Polizei und die Spitzerls mit den feinen Spürnaſen nicht Reſpekt haben vor dem kaiſer⸗ 4 1 256 lich königlichen Beamten? Wird die hochlöbliche Polizei und die Spürers mit den feinen Spür⸗ naſen nicht Reſpect haben vor dem kliſerlich kö⸗ niglichen Theaterdichter, den ſie bei Leibe nicht ein⸗ ſtecken dürfen, weil ſie ihn ſonſt behindern würden, ſeine Pflicht zu thun, und zwei große Dramen danebſt zwei kleinen Stücken für ſein Jahrgehalt von eintauſend ſiebenhundert Gulden zu ſchreiben? Tante, bedenken Sie doch, fuhr Körner mit ge⸗ ſteigerten komiſchem Eifer fort, was ſollte aus dem Burgtheater werden, wenn die Polizei den Theater⸗ dichter Theodor Körner in's Loch ſtecken wollte? In's Loch, wo die Muſen mich niemals wieder auffinden würden. Sie machen aus einer ernſthaften Sache einen Scherz, ſagte die Tante verdrießlich. Aber ſehen Sie nur die Tony an, ihre Augen ſind noch roth vom Weinen und ſie iſt noch bleich vor Angſt. Du haſt um mich geweint? fragte Theodor, die Geliebte zärtlich anblickend. Sie nickte ihm lächelnd zu und legte ihre ſchöne Hand auf ſeine Schulter. Du biſt da, ich weine nicht mehr, ſagte ſie ſanft. Das Antlitz Theodor's war plötzlich ernſt geworden, glöbliche Spür⸗ lich kö⸗ cht ein⸗ würden, Dramen hrgehalt ben? mit ge⸗ us dem Theater⸗ wollte? wieder e einen en Sie th vom dor, die ſchöne weine worden, 257 und das Lächeln war von ſeinen Lippen verſchwunden. Vergieb mir, Toni, ſagte er weich, vergieb mir, daß Du nun auch geweint, denn dieſe Thränen heute hätte ich Dir erſparen können. Und doch war ich heute unſchuldiger, wie ich künftig vielleicht ſein werde, wenn Du wieder um mich Thränen vergießt. Ich habe heute nicht freiwillig zum Volk geſprochen, ſon— dern ich ward dazu genöthigt, das Volk machte mich zu ſeinem Vorleſer, weiter nichts. Ich mußte ihm die Nachrichten vorleſen, die aus Preußen angelangt, und dazu hob es mich auf den Balcon empor, ehe ich es hindern konnte. Das iſt eine Entſchuldigung für die liebe geſtrenge Frau Tante, denn ich weiß, bei meiner Toni bedarf es deſſen nicht, und ſie ver⸗ zeiht mir alle Thränen, diejenigen, welche ſie heute geweint hat, und diejenigen, welche ſie vielleicht noch um mich weinen wird. Sag', Toni, iſt's nicht ſo? Es iſt ſo, ſagte ſie erbebend, aber dennoch er⸗ ſchrickt mein Herz vor Deinen Worten, und ich habe ein Gefühl, als ob ſich eben eine kalte Todtenhand auf mein Herz legte und es zerdrücken will. Sie ſind unartig, die Toni ſo zu ängſtigen, rief die Tante ärgerlich. Bedenken Sie doch, Herr Körner, daß das arme Kind heute Abend in Ihrer Muͤhlbach, Erzh. Johann u. Metternich. II. 17 258 Banditenbraut auftreten muß, und daß Sie ſchon deshalb ihre zarten Nerven ſchonen müſſen. Lieb' Tantchen, es iſt jetzt nicht die Zeit, wo man ſeine Nerven ſchonen muß, ſagte Theodor freundlich, und ſelbſt auf die Gefahr hin, daß heute Mittag an allen Ecken Zettel angeklebt werden mit der Trauer⸗ kunde:„wegen plötzlicher Erkrankung der Mademoi⸗ ſelle Antonie Adamberger, kann das Drama„Hedwig, die Banditenbraut“ von Theodor Körner nicht gegeben werden“, ſelbſt auf dieſe Gefahr hin, darf ich heute die Nerven meines holden Engels nicht ſchonen, denn ich habe Großes und Wichtiges mit ihr zu reden. Und meine Nerven ſind nicht ſo ſchwach, als es die Tante meint, ſagte Toni, ich kann Alles ertragen, und anhören, was Du mir ſagen willſt, Theodor, vorausgeſetzt, daß Du nicht ſagen willſt, Du liebteſt mich nicht mehr! Er nahm ihre beiden Hände und während er ſie an ſein Herz drückte, ſchaute er ihr tief in die ſchö— nen ſtrahlenden Augen. Würdeſt Du es glauben, wenn ich es ſagte? Sie ſchüttelte langſam und lächelnd ihr Haupt. Nein, ſagte ſie, ich würde es nicht glauben, denn ich liebe das Leben, und dieſes Wort würde mich tödten. e ſchon vo man undlich, ttag an Trauer⸗ ademoi⸗ Hhedwig, gegeben h heute n, denn den. als es tragen, heodor, liebteſt er ſie je ſchö⸗ 7 Haupt. enn ich tödten. 259 Jetzt wandte Theodor den leuchtenden Blick der Tante zu, die halb gerührt, halb verdrießlich zu dem Liebespaar hinſchaute. Herzliebe Tante, ſagte er, heute ſollen Sie mir einen Liebesdienſt erweiſen, wie ich noch keinen von Ihnen gefordert, und wie ihn Kei⸗ ner außer mir beanſpruchen darf. Wollen Sie ihn mir gewähren? Wie kann ich das verſprechen, ehe ich weiß, was es iſt? fragte ſie kopfſchüttelnd. Theodor trat zu ihr hin und legte ſanft ſeine Hand um ihre Schulter. Liebe Tante Tugenddrache, geſtatten Sie mir heute ein einziges Mal eine Vier⸗ telſtunde mit der Toni allein in ihrem Boudoir zu ſein. Sie wiſſens, daß ich's nicht kann und darf, ent⸗ gegnete die Tante. Sie wiſſen, daß ich, als Toni's Mutter ſtarb, an ihrer Leiche geſchworen, der Toni eine treue Mutter zu ſein, ſie zu behüten und zu bewachen Tag und Nacht, ſie immer unter meinen Augen zu haben, ſie mit Niemanden allein zu laſſen, bis zu dem Tage ihrer Verheirathung, wo ich vor dem Altar Gottes mein Amt in die Hände ihres Mannes niederlege. Gott hat mein Gelübde ange⸗ nommen, und ich darf es nicht brechen, wenn mich 17— 260 auch die Welt verſpottet, und mich, wie Sie, den Tugenddrachen nennt. Die Welt verſpottet Sie nicht, obwohl ſie Ihnen dieſen Namen gegeben; die Welt achtet Sie um Ih— rer Pflichttreue, und ich verehre Sie. Aber ich ver⸗ lange nicht, daß Sie um meinetwillen Ihr Gelübde brechen ſollen. Ich will ja nicht allein ſein mit Toni, wenn ich Sie auch bitte, mich mit Toni in ihr Bou⸗ doir gehen zu laſſen. Ein Dritter wird dort zuge— gen ſein. Nun, ich bin doch neugierig zu wiſſen, wer dieſer Dritte ſein wird, rief die Tante. Gott wird es ſein, ſagte Theodor feierlich. Gott wird bei uns ſein, und er wird hören, was ich der Toni zu ſagen habe. Laſſen Sie uns alſo immerhin eine Viertelſtunde in Toni's Allerheiligſtes gehen, ich werde nichts ſagen und thun, deſſen Gott nicht Zeuge ſein dürfte. Sie haben Recht geſprochen, Theodor, ſagte die Tante bewegt, und Sie ſollen ſehen, daß ich Ihnen vertraue. Gehen Sie mit Toni in ihr Boudoir, denn Sie haben Recht, ich breche dadurch mein Gelübde nicht, ich laſſe Toni nicht allein mit einem Mann, denn Gott iſt mit Ihnen Beiden. Sie ſagen es und e, den Ihnen m Ih⸗ h ver⸗ zelübde Toni, Bou⸗ 261 ich glaube Ihnen! Gehen Sie alſo mit der Toni, und möge das, was Sie ihr zu ſagen haben, meinem Liebling keinen Kummer bereiten! Theodor küßte die dargereichte Hand der Tante, ſchlang dann einen Arm um die Geliebte, und führte ſie nach dem kleinen, neben dem Salon befindlichen Gemach hin, das Körner„das Allerheiligſte“ zu nen⸗ nen pflegte, weil es das Schlafgemach ſeiner Gelieb⸗ ten, und zugleich das Studirzimmer ſeiner Künſtle⸗ rin war. Hand in Hand, einander anſchauend mit zärtli— chem Lächeln, trat das junge Paar in dieſes kleine reizende Gemach ein, das in ſeiner ſinnigen und ge— ſchmackvollen Einrichtung, in ſeiner Stille und ſeinem Frieden zugleich ein Tempel für die Künſtlerin, ein Aſyl für das junge Mädchen zu fein ſchien. Theodor führte die Geliebte zu dem kleinen, mit himmelblauem Seidenzeug bezogenen Divan hin, wel⸗ chem gegenüber an der Wand eine Guitarre hing, an deren Hals einige Lorbeerkränze befeſtigt waren. Die Guitarre gehörte dem jungen Mädchen an; die Lor⸗ beerkränze hatte die Künſtlerin an den Abenden künſt⸗ leriſcher Triumphe von dem begeiſterten Publikum empfangen. 262 Setze Dich, Toni, bat Körner leiſe, indem er die Geliebte ſanft in die Kiſſen niederdrückte, und mich laß hier zu Deinen Füßen knieen und laß mich aufſchauen zu Dir, welche zugleich mein Engel, meine Heilige und meine Geliebte iſt. Er kniete vor ihr nieder, und ſeine Arme auf ihre Kniee aufgelehnt, ſchaute er ſtrahlenden Auges in ihr ſchönes, edles und geiſtvolles Angeſicht empor. Antonie, fragte er feierlich ernſt, Antonie, liebſt Du mich? Ja, mein Theodor, ſagte ſie glühend, ich liebe Dich! Gott weiß es, ich liebe Dich wie mein Leben, mein Gluͤck, meine Seligkeit. Willſt Du mir ehrlich und wahr, wie vor Gott, eine Frage beantworten? Willſt Du mir ſchwören, mir auf dieſe Frage die Wahrheit, die reine lautere Wahrheit zu antworten? Sie ſah ihn mit großen leuchtenden Blicken an, und legte ihre Hand auf ſeine Stirn. Ich ſchwöre bei dieſem geliebten Haupt, bei dem Andenken an meine Mutter, ich ſchwöre bei meiner Liebe, daß ich Dir auf das, was Du mich fragen willſt, die reine lautere Wahrheit zur Antwort geben will. Gott, Deine Mutter und der Genius unſerer er die ich laß chauen heilige e auf Auges impor. liebſt liebe Leben, 263 Liebe haben Deinen Schwur gehört! Und nun, Toni, meine Braut, nun höre meine Frage: wenn Du Einem von uns Beiden entſagen müßteſt, mir, Deinem Ge⸗ liebten, oder Deiner Kunſt, wen von uns Beiden wür⸗ deſt Du aufgeben, wem von uns Beiden würdeſt Du entſagen, Deinem Geliebten oder Deiner Kunſt? Sie ſchaute entſetzt in ſein erbleichtes männlich ſchönes Angeſicht, und ließ Ihre Blicke laͤnge mit einem Ausdruck unausſprechlicher Zärtlichkeit und Wonne auf ihm ruhen, dann hob ſie langſam die Augen empor und heftete ſie auf die Lorbeerkränze da drüben an der Wand. Und wie ſie jetzt unver⸗ wandt dieſe anſchauete, veränderte ſich plötzlich der Ausdruck ihres Angeſichts; es war nicht mehr das Geſicht des jungen liebenden Mädchens, der zärtlichen, ſchwärmeriſchen Braut, ſie ſchien auf einmal älter, ernſter geworden, ihre Züge waren wie durchgeiſtigt, ihre Lippen, vorher ſchwellend, weich und lächelnd, waren jetzt geſchloſſen, ernſt und feſt, und in ihren Augen, die unverwandt auf die Lorbeerkränze gerichtet blie⸗ ben, war jetzt ein wunderbares Strahlen und Leuchten. Antonie, fragte Körner zum zweiten Mal mit lau— ter, feierlicher Stimme, Antonie, antworte mir die lautere Wahrheit, wie Du geſchworen. Wenn Du — 4 264 Einem von uns Beiden entſagen müßteſt, der Kunſt oder Mir, wem würdeſt Du entſagen? Sie hob langſam den Arm auf, und richtete ſich empor, als begrüße ſie in feierlicher Ehrfurcht das Nahen der heiligen Wahrheit, welche ihr Geliebter angerufen. So, mit erhobenem Arm, das Haupt zu⸗ rückgelehnt, das Auge aufwärts gerichtet, wie in be⸗ geiſtertem Schauen, ſo ſtand ſie da, eine edle wun— derbare Erſcheinung, eine echte Prieſterin der Kunſt, und der Dichter knieete zu ihren Füßen, und ſchaute mit einem Blick voll Liebe und Bewunderung zu ihr empor. Ich würde vielleicht ſterben vor Schmerz, wenn ich Dir, meinem Geliebten, entſagen müßte, rief An⸗ tonie laut und feierlich, aber ſo lange ich lebe, kann ich niemals meiner Kunſt entſagen, denn ſie iſt der Athem meines Lebens, iſt mein Leben ſelber. Theodor Körner ſtieß einen Freudenſchrei aus, und ſprang empor, um die Geliebte mit leidenſchaftlicher Gewalt an ſeine Bruſt zu drücken. Ich danke Dir, rief er begeiſtert, ich danke Dir, denn ich habe Dich gefunden, wie ich Dich erwartete, Du haſt Dich mir bewährt als das große Herz, an das ich glaubte, auf das ich vertraute. Und dieſes Kunſt kete ſich cht das zeliebter upt zu⸗ in be⸗ e wun⸗ Kunſt, ſchaute zu ihr wenn eef An⸗ e, kann iſt der 6, und ftlicher 265 große Herz wird jetzt auch mich verſtehen, und wird mich ſegnen. Toni, Du liebſt mich, und doch würdeſt Du dieſer Liebe, welche Dein Herz erfuͤllt, entſagen, wenn Du zu wählen hätteſt zwiſchen Deiner Liebe und Deiner Kunſt. Siehe, was Dir die Kunſt, das iſt mir das Vaterland. Ich liebe Dich mit aller Kraft, aller Gluth meines Herzens, aber wenn ich wählen müßte zwiſchen Dir und dem Vaterlande, wenn Ihr Beide zugleich mich zu Euch riefet, ſo würde ich Dich aufgeben und verlaſſen, um dem Ruf meines Vaterlandes zu folgen. Ich würde weinen, indem ich's thäte, mein Herz würde in Schmerz er— ſtarren und ſich für immer entblättern, aber ich würde den Schmerz überwinden, um nur dem Ruf des Vaterlandes zu folgen, ihm zu dienen, ihm mei⸗ nen Arm zu leihen. Und hat das Vaterland Dich gerufen? fragte ſie beberd, tonlos. Ja, rief er begeiſtert, ja, das Vaterland hat mich gerufn. Das Vaterland ruft jetzt alle ſeine Söhne. Wehe dem meineidigen, ehrvergeſſenen Sohne, der den Ruf ſeiner großen heiligen Mutter überhören möchte. Ja, das Vaterland ruft jetzt alle ſeine Söhne, denn der Morgen einer neuen Zeit bricht an, und die Deut⸗ 266 ſchen ſollen ſich erheben aus ihrer Erniedrigung und ihrer Schmach. Schon ſteht ganz Preußen gerüſtet da, und durch alle ſeine Provinzen fliegt der Ruf des Königs dahin, der die Männer, die Jünglinge zu den Waffen ruft zur Vertheidigung ihres Vaterlandes, ih⸗ rer Ehre, zur Rache an dem Tyrannen, der ſie Beide in den Staub getreten. Und dem Ruf des Königs antwortet ſein Volk mit begeiſtertem Jauchzen, und ſelig wie zum heiligen Feſt eilen die Männer und die Jünglinge zu den Fahnen, und lächelnd, freudenvoll nehmen ſie Abſchied von ihrem Weib, von ihrer Braut, die mit leuchtendem Auge, ohne Thränen ihnen nach⸗ blicken, und freudig ihr Liebſtes dem Vaterlande zum Opfer darbringen. Oh, meine holde Braut, die große Stunde iſt da, nimm ſie groß und Deiner würdig auf. Deutſchland ſteht auf; der preußiſche Adler er— weckt in allen treuen Herzen durch ſeine kühnen Flü⸗ gelſchläge die große Hoffnung einer deutſchen, wenig⸗ ſtens norddeutſchen Freiheit. Meine Kunſt ſeufzt nach ihrem Vaterlande,— laß mich ihr würdiger Jünger ſein!*) Antonie war bleich geworden, und ein zittern *) Theodor's Körner's eigene Worte. Siehe: Theodor Körner's Werke. Herausgegeben von Karl Streckfuß. S. 735. ung und gerüſtet Ruf des ezu den ndes, ih⸗ ſie Beide Königs zen, und und die eudenvoll r Braut, en nach⸗ nde zum die große würdig Adler er⸗ nen Flü⸗ wenig⸗ ufzt nach Jünger zittern 267 durchflog ihre edle ſchöne Geſtalt. Miteinem ſchmerzlichen Aechzen ſank ſie auf den Divan zurück, und wie ſie jetzt die Augen zu ihrem Geliebten emporhob, glänzten ſie in Thränen. Du willſt mich verlaſſen? fragte ſie mit bebenden Lippen. Das Vaterland ruft, ſagte er begeiſtert. Mein Herz bleibt bei Dir zurück, aber mein Arm und meine Kraft gehört dem Vaterlande. Ja, ich muß gehen, Geliebte, ich muß Dich, mein ſchönes Leben verlaſſen, um mir ein Vaterland zn erkämpfen, ſei's auch mit meinem Blut.*) Sie faßte heftig ſeinen Arm, als wolle ſie ihn zurückhalten, und die Thränen ſtürzten aus ihren Au— gen über ihre Wangen nieder. Nein, Du darfſt nicht gehen, rief ſie leidenſchaftlich⸗ Du darfſt nicht leichtſinnig Dein ſchönes Leben, Dein Glück auf's Spiel ſetzen. Oh, nenn's nicht Leichtſinn, nicht Uebermuth, daß ich's thue, ſagte er innig. Ehe ich Dich kannte, da hätte man es ſo nennen können, aber jetzt, da ich weiß, welche Seligkeit in dieſem Leben reifen kann, jetzt, *) Theodor Körner's eigne Worte. Siehe: Ebendaſelbſt. S. 738. 268 da alle Sterne meines Glückes in ſchöner Milde auf mich niederlächeln, jetzt iſt es ein würdiges, erhabenes Gefühl, das mich treibt, iſt es die mächtige Ueber⸗ zeugung, daß kein Opfer zu groß ſei für das höchſte menſchliche Gut, für ſeines Volkes Freiheit. Laß Andere dieſes Opfer bringen, rief ſie angſtvoll. Du biſt zu Höherem, zu Größerem berufen, als nur zu kämpfen mit dem Schwert und der Körperkraft. Mit geiſtigen Waffen ſollſt Du ſtreiten, Deine be⸗ geiſterungsvollen Freiheitslieder, die ſollen die jauchzen— den Schaaren ſingen, damit ſoll der Dichter kämpfen, und ſoll nicht das Pfund vergeuden, das er der Menſch⸗ heit zu berechnen ſchuldig iſt. Oh, Liebe, rief er faſt zürnend, der Dichter vergeu⸗ det nicht, wenn der Menſch ſein Blut für die Frei⸗ heit dahin giebt. Zum Opfertode für die Freiheit und für die Ehre ſeiner Nation iſt keiner zu gut, wohl aber ſind Viele zu ſchlecht dazu. Soll ich in feiger Begeiſterung meinen ſiegenden Brüdern einen Jubel nachleiern? Soll ich Komödien ſchreiben auf dem Spotttheater, wenn ich den Muth und die Kraft habe, auf dem Theater des Ernſtes mitzuwirken? Eine große Zeit will große Herzen, ich fühl' die Kraft in mir, eine Klippe ſein zu können in dieſer Völke ſturm mein Kunf nich folge ben, hinſ ein Dos Dei Milde auf erhabenes ge Ueber⸗ as höchſte angſtvoll. als nur Nperkraft. Deine be⸗ jauchzen⸗ kämpfen, Menſch⸗ rwvergeu⸗ die Frei⸗ Freiheit zu gut, l ich in rn einen bben ouf ie Kraft witken ühl die in dieſe —— 269 Völkerbrandung, ich muß hinaus, und dem Wogen⸗ ſturm die muthige Bruſt entgegendrücken.“) Und Du mein Herz, mein Leben, Du Künſtlerin, die um der Kunſt willen ihrer Liebe entſagen würde, kannſt Du mich hindern wollen, dem Ruf des Vaterlandes zu folgen? Soll ich ihm nur ein ſingender Dichter blei⸗ ben, da ich ein fechtender Held ſein könnte? Theodor, rief ſie angſtvoll, und entſetzt vor ſich hinſtarrend, als ſchaue ſie da in der Ferne und Weite ein furchtbares Unheil, Theodor, geh' nicht! Du wagſt Dein Leben, Du wirſt ſterben! Ja, ich wage mein Leben, ich wage Deine Thrä⸗ nen, aber ich gehe doch! Daß ich mein Leben wage, das gilt nicht viel, daß aber dies Leben mit allen Blüthenkränzen der Liebe geſchmückt iſt, und daß ich's dennoch wage, daß ich das Glück in Deinen Armen hinwerfe, das iſt ein Opfer, dem nur ein ſolcher Preis entgegengeſtellt werden kann. Oh, Gott, Gott, rief ſie mit überſtrömenden Augen, ihre Arme zum Himmel emporhebend, er will mich verlaſſen, und ich darf ihn nicht zurückhalten, denn er thut Recht! *) Theodor Körner's eigene Worte. Siehe Ebendaſelbſt. 270 Oh, Dank für dieſes Wort, meine Geliebte, ſagte er jubelnd, Dank für dieſen Schmerzensſchrei Deiner großen Seele. Ja, Du fühlſt es, er thut Recht, und Du darfſt ihn nicht hindern. Nun bin ich feſt und ſtark, denn meine Geliebte fühlt wie ich, ſie weint, aber ſie fühlt, ich thue Recht! Und mit dieſer hohen Empfindung, mit dieſer Weihe im Herzen, ſo laß uns ſcheiden, meine Toni, ſo laß uns zum letzten Mal Herz am Herzen ruhen, gieb mir den Weihekuß für die große Zukunft! Er drückte die Lippen feſt auf die ihren, und ſie wehrte ihm nicht, ſie ſah ihm, während er ſie küßte, feſt in die Augen, als wollte ſie ſeinen Blick tief in ihre Seele graben. Dann hob ſie ſich langſam aus ſeiner Umarmung empor, und trat von ihm zurück um ihn wieder anzuſchauen, um ſeine ganze Geſtalt mit ihrem Blick voll Zärtlichkeit und Schmerz zu überſchauen. Werd' ich Dich wiederſehen? fragte ſie mit leiſer klagender Stimme. Wird nicht unſere Liebe verwe⸗ hen, wie ein vom Sturm abgeriſſenes Blatt vom Le⸗ bensbaum? Wird ſie nicht mit Blut aus Deinem Herzen ausgelöſcht werden? Nein, Toni, denn die Liebe iſt ewig, und wenn te ſagte er ei Deiner Recht, und hfeſt und ſie weint, ſer hohen 1, ſo laß izten Mal hekuß für 1, und ſie ſie küßte ictief in gſam aus im zurüc e Geſal hmerz zu mit leiſe de verwe⸗ vom Le⸗ Deinem und wenn 271 ich ſterbe, ſo lebt die Liebe mit mir fort in alle Ewig— keit. Oh klage nicht, mein Lieb, ſei ſtark und groß. Sieh, ich knie vor Dir nieder, meine Muſe, mein Stern des Glückes, gieb mir Deinen Segen, und Deine Weihe für den neuen Lebenspfad. Er beugte ein Knie vor ihr; ſie ließ langſam ihre Hände auf ſeine braunen Locken niederfallen, und das Antlitz empor gewandt zum Himmel, rief ſie laut: Segen und Ruhm über Dich, mein Held, mein Dich⸗ ter. Unſterblich wie Deine Seele und Dein Lied, unſterblich iſt unſere Liebe. Geh hin und kämpfe für das Vaterland, ich werde für Dich beten, um Dich weinen, und doch im Herzen mich Deiner freuen, denn ich weiß, daß wir uns wieder ſehen, wenn nicht hier auf Erden, doch dort oben, und dort oben bleiben wir beieinander. Lebe wohl Theodor! lebe wohl! All' mein Glück geht mit Dir, und doch ſage ich: gehe! Denn Dich ruft das Vaterland! Segen über Dich, daß Du den Ruf nicht überhörſt! Sie neigte ſich zu ihm nieder und küßte ſein brau⸗ nes Lockenhaar, ſeine hohe Stirn und dann, über⸗ wältigt von ihrem Herzen, ſank ſie lautſchluchzend in den Divan zurück. Theodor Körner ſprang auf und ſchlang ſeine Arme 272 um ſie, und preßte ihr ſchönes Haupt an ſeine Bruſt. Leb' wohl Toni, Leb' wohl! Den letzten Kuß! Es muß geſchieden ſein! Noch einmal preßten ſich ſeine Lippen auf die ihren, dann riß er ſich los, dann ſprang er durch das Zim⸗ mer in den Saal, bleich wie ein Sterbender, und doch mit flammenden Augen, mit entſchloſſenem, muthvollem Angeſicht. Um Gottes willen, Herr Körner, rief die Tante ihm entgegen, was iſt geſchehen? Weshalb ſind Sie ſo bleich, ſo verſtört? Er deutete mit der Hand nach der Thür hin. Tröſten Sie meine Geliebte, Tante, und beten Sie für mich! Und mit der Hand ihr einen Kuß zuwerfend, nahm er ſeinen Hut und ſtürzte von dannen. Die Tante eilte in das Boudoir. Da lag Toni, bleich wie er, und doch ſtrahlenden Angeſichts auf ihren Knien, und die Arme zum Himmel erhoben, betete ſie laut und inbrünſtig: Gott, der Du über den Sternen wohnſt, ſchütze ihn mir, ihn, meinen Stern, mein Lebensglück. Bewahre ihn in der Gefahr, gieb, daß keine Kugel ihn trifft, kein Schwert ihn verwun⸗ e Bruſt. Kuß! Cs die ihren, aas Zim⸗ und doch thvollem e Tante ſind Sie ür hin. ten Sie d nahm 1g Tonig uf ihren , betete ber den Stern, hr, gieb verwun⸗ — 273 det. Oh, Gott, Gott, erhalte mir den Geliebten, und führe ihn glücklich wieder heim. Aber was giebt's denn? rief die Tante. Was iſt denn geſchehen, daß Ihr beide ſo außer Euch ſeid? Er ſtürzt fort wie ein Raſender, Du liegſt auf Deinen Knieen und beteſt? Was iſt denn geſchehen, frage ich? Toni, wie aus einer Verzückung erwachend, bebte zuſammen, und ihre Augen, welche ſo lange den Him— mel geſchaut, glitten jetzt langſam nieder, und hefteten ſich auf das ängſtliche, fragende Angeſicht der Tante. Was geſchehen iſt? fragte ſie, indem ſie ſich langſam von ihren Knieen erhob, und ihre Blicke wie ſuchend und forſchend im Zimmer umher irren ließ. Dann auf einmal ſtürzten die Thränen in hellen Bächen aus ihren Augen. Oh, er iſt fort, rief ſie jammernd, er iſt fort, Tante, und meine Augen werden ihn niemals wieder ſehen.“) *) Antonie Adamberger hatte ſich nicht getäuſcht, ſie ſah in der That ihren Geliebten und Verlobten niemals wieder. Am dreizehnten März verließ er Wien, und begab ſich nach Breslau, wo er in das Corps der Lützow'ſchen Jäger eintrat. Am 26. Auguſt ſiel er in dem Gefecht bei Gadebuſch unweit Schwerin, und ward dort von ſeinen Kampfgenoſſen unter einer Eiche begraben. II. 18 Mühlbach, Erzb. Johann u. Metternich. XI. Die Verſchworenen. Es war Nacht. Wien ſchlief, und ſelbſt die Späher und Kundſchafter, welche ſonſt das Palais des Erz— herzogs Johann zu beobachten hatten, ſchliefen jetzt und ruhten aus von ihrer ſchlimmen Thätigkeit. Sie ſahen es nicht, oder ſchienen mindeſtens es nicht zu ſehen, daß, während Alles ringsum ſchlief, in dem Kabinet des Erzherzogs noch Licht brannte, ſie ſahen es nicht, daß Johann, der ſich vor einer Stunde ſchon mit Hülfe ſeiner Kammerdiener ausgekleidet und in ſein Bett begeben hatte, jetzt damit beſchäftigt war, ſich allein wieder anzukleiden. Sie ſahen es nicht, daß er dann haſtig ſeinen Mantel überwarf, den Hut tief in die Augen drückte, leiſ' auf den Zehen ſein Kabi⸗ net verließ und durch den Vorſaal dahin ſchlich. Die Späher ſchliefen, ſie gewahrten es nicht, daß der Erz⸗ und in —— 275 herzog beſorgt, Niemanden zu wecken, angſtvoll, als wär' er ein Dieb, dahin ſchlüpfte über die Corridore und Treppen, und durch das Veſtibule dahin. Der Por⸗ tier ſchlief in ſeiner Loge und merkte es nicht, daß der Erzherzog langſam und vorſichtig den Schlüſſel im Schloß umdrehte, die Hausthür öffnete und hinaus⸗ ſchlüpfte auf die Straße. Jetzt athmete Johann hoch auf, und ein freudiges Lächeln glitt über ſein edles bleiches Geſicht hin. Nie— mand hatte ihn geſehen, Niemand konnte ihn verrathen, und ſeine nächtliche Wanderung überwachen. Geräuſchlos und raſch wie ein Phantom glitt er an den Häuſern dahin, mit aufmerkſamem Ohr horchend auf jedes Geräuſch, mit ſcharfem Aug' ſpähend nach jedem Schat⸗ ten, der vielleicht einer Menſchengeſtalt angehören 1 möchte. Aber die Straßen waren öde und leer, kein Ge⸗ räuſch unterbrach die Stille, kein Menſch begegnete dem Erzherzog auf ſeiner langen Wanderung. Jetzt endlich, vor der Thür eines kleinen niedrigen Hauſes in einer abgelegenen Straße der Leopoldſtadt, ſtand er ſtill, und klopfte drei Mal in regelmäßigen Pauſen an die Thür. 18* 276 Wer iſt da? fragte eine Stimme von innen, und die Thür öffnete ſich ein wenig. Der Herr des Gebirges, ſagte der Erzherzog durch die Spalte der Thür. Sofort ward dieſe weit geöffnet, und Johann ſchritt in das Haus ein, das der Pförtner ſchnell hinter ihm verſchloß und verriegelte.— Es war das⸗ ſelbe Haus, in welches einige Tage vorher die vier Männer vom Kohlmarkt gegangen waren; und zu demſelben großen Hinterzimmer mit der Druckerpreſſe und den Papierballen, in welchem Herr von Roſch— mann vor einigen Tagen dieſe Männer empfangen, und ihnen ihren Lohn ausgezahlt hatte, ſchritt jetzt auch der Erzherzog hin. Aber diesmal war die Thür verſchloſſen, und erſt nachdem der Erzherzog ſein Klopfen und ſeine Parole wiederholt hatte, öffnete ſie ſich, und Herr von Roſch⸗ mann erſchien auf der Schwelle. Als er den Erzherzog gewahrte, trat er ehrerbie⸗ tig zur Seite und rief zugleich in das Zimmer zurück: Er kommt! Ja, er kommt, wiederholte Johann, indem er in das Zimmer eintrat, er kommt, und ich hoffe, Nie⸗ mand hat gezweifelt, daß er kommen werde. — en, und g durch Johann ſchnell ar das⸗ die vier und zu eerpreſſe Roſch⸗ fangen, ttt jetzt und erſt Parole Roſch⸗ grerbie⸗ zurük 3 mer in Nie⸗ 277 Nein, ich nicht, rief Roſchmann ſchnell. Ich auch nicht, ſagte Graf Nugent. Ich auch nicht, ſagte General Wallmoden. Wir auch nicht, riefen die beiden Tyroler, die hinter ihm ſtanden. Ich habe auch nicht gezweifelt, daß der Herr Erz⸗ herzog kommen werde, ſagte der Engländer King be⸗ dächtig. Der Erzherzog grüßte Einen nach dem Andern mit einem freundlichen Kopfnicken, und wandte ſich dann an Herrn von Hormayr, der ſtumm und düſter neben den Andern ſtand. Nun, Hormayr, fragte er lächelnd, Sie allein ſchweigen. Haben Sie vielleicht an meinem Kommen gezweifelt? Nein, leider nicht, Hoheit, ſagte Hormayr ernſt. Wie denn, leider nicht? Es iſt Ihnen nicht an⸗ genehm, daß ich komme? In ſofern, als es für Ew. Hoheit gefährlich iſt, darf mir Ihr Kommen nicht angenehm ſein, und des⸗ halb hatte ich mir erlaubt, Ew. Hoheit inſtändigſt zu bitten, nicht hieher zu kommen, ſondern mir zu er⸗ lauben, Ihnen das Reſultat unſerer heutigen Confe⸗ renz mitzutheilen. 278 Mein Freund, jeder der Männer, die hier heute erſchienen ſind, gefährdet ſich, es wäre feig von mir, wollte ich mich verbergen und ſichern. Ich bin nichts Beſſeres als Einer von Euch, und will in der Liebe und Hingabe an das Vaterland Niemanden nach— ſtehen. Zudem ſind hier einige, die nichts mit mir zu thun haben und mir nicht trauen wollten, wenn ich nicht perſönlich mit ihnen unterhandelte. Iſt es nicht ſo, Herr von Roſchmann? Ja, Hoheit, die guten Tyroler flehten mich drin— gend an, ſie mit ihrem theuren Erzherzog Hannes perſönlich ſprechen zu laſſen, denn ihm allein wollen Sie vertrauen. Und Sie ſagten das Seiner Hoheit? fragte Hor⸗ mayr vorwurfsvoll, Sie waren es alſo, Herr Hof— rath von Roſchmann, welcher den Herrn Erzherzog bewog, perſönlich hieher zu kommen, ſtatt ſich mit meinem Bericht begnügen zu laſſen? Ja, ich war es, ſagte Roſchmann ſanft. Ich bat Se. Hoheit im Namen des ſo oft getäuſchten Tyrols, ſelber hier zu erſcheinen, damit die heimkehrenden Ty⸗ roler ihren Landsleuten ſagen könnten: wir haben ihn geſehen, der Herr Erzherzog ſelbſt hat uns geſagt, daß er nach Tyrol kommen, daß er uns befreien will.— er heute on mir, nichts er Liebe n nach⸗ mit mir wenn Iſt es h drin⸗ Hannes wollen te Hor⸗ rr Hof⸗ zherzog ich mit Ich bat Throls, en Th⸗ en ihn geſagt, vill— — 279 Und weshalb ſollte Seine Hoheit auch nicht kommen? — Er befindet ſich hier ganz ſicher, kein Verräther wird ihn hier entdecken. Er iſt hier in meinem Hauſe, ein treuer Diener wacht an der Pforte, und wir Alle ſind bereit, ihn mit unſerm Leben zu vertheidi⸗ gen, wenn es ſein müßte. Und dennoch wiederhole ich, es wäre beſſer, wenn Seeiine Hoheit nicht gekommen wäre, rief Hormayr hef⸗ eig. Sie hätten den Tyrolern, ſtatt dem Herrn Erz⸗ derzog ihre Bitte vorzutragen, antworten müſſen,„wenn Ihr dem Wort des Erzherzogs nicht vertraut, ſo kehrt heim mit Eurem Mißtrauen in Eure Berge, und tragt Eure Schmach weiter.“ Ruhig, meine Freunde, ruhig, ſagte der Erzherzog lächelnd. Ich bin da, laßt unter uns Frieden herrſchen, damit wir deſto einmüthiger den Krieg hinaustragen in die Welt. Frieden mit uns Allen und in uns Allen. Krieg da außen, Frieden hier innen. Und nun willkommen in Wien, Nugent und Wallmoden, willkommen Eiſen⸗ ſtecken und Winterſteller, willkommen auch Ihnen Miſter King. Der Wind, welcher dem Aufgang der neuen Zeit vorangeht, hat Sie Alle auf ſeinen Schwin— gen nach Wien zurückgeführt, und doppelt heiße ich Sie deshalb willkommen. Nehmen wir Platz hier 280 um den Tiſch, ſitzen wir hier als die Rathsherren der Zukunft, und erwägen wir was zu thun ſei! Sie nahmen Platz auf den acht Stühlen, welche zu beiden Seiten des in der Mitte des Raums ſtehen— den Tiſches aufgeſtellt waren. Der Erzherzog in der Mitte der beiden Grafen. Nun, mein Sturmvogel der neuen Zeit, nun, Graf Nugent, geben Sie uns Kunde von Ihrer neuen Welt⸗ fahrt? Wie ſtehen die Sachen in Illyrien, in Kärn— then und Krain? Alles iſt bereit, Hoheit. Der Aufſtand iſt orge⸗ niſirt, Waffen, Geld und Führer ſind vorhanden, urd ſtehen untereinander im innigſten Einverſtändniß. So⸗ bald ich dem Biſchof Verhovacz in Agram das ver⸗ abredete Zeichen ſende, bricht an demſelben Tage in allen Städten Illyriens zu gleicher Zeit der Aufruhr aus, und wie bei der ſicilianiſchen Vesper werden alle Franzoſen getödtet und verjagt. Das ganze Fand iſt im Einvernehmen. Jeder iſt Mitglied der Ver— ſchwörung, die wie ein unſichtbares Netz über das ganze Land ausgebreitet iſt, und in deren Maſchen alle Feinde des Vaterlandes ihren Tod finden ſollen und werden. Ich wiederhole es, Hoheit, Alles iſt bereit, Illyrien wartet auf das Zeichen der ſicilianiſchen Vesper. thsherren ſeil , welche z ſtehen⸗ gin der un, Graf en Welt⸗ n Kärn- iſt orge⸗ een, und 5. S⸗ das ver⸗ Lage in Aufrihr den alle e and er Ver⸗ der das Mäſchen an und bereit, Vesper· —— 281 Wann wollen Sie dies Zeichen zum Biſchof ſen⸗ den, Nugent? fragte Johann. Wenn Ew. Hoheit Wien verlaſſen, und nach Ty⸗ rol gehen, um ſich an die Spitze der Tyroler zu ſtellen. Und jetzt Sie, Graf Walmoden! Büngen auch Sie uns frohe Kunde? Leider nein, Hoheit. Ich bin ganz Deutſchland durchwandert, habe alle Häupter der verſchiedenen Revolutionscomité's geſprochen, mit Allen Rath ge⸗ pflogen. Sie haben Alle den regſten Eifer, aber ih⸗ nen fehlt, was der Graf Nugent von Illyrien ſagen konnte, ihnen fehlt die Einheit, der Mittelpunkt, ihnen fehlt ein Mann wie der Biſchof Verhovacz. Sie han⸗ deln Jeder für ſich, Keiner will die Ueberlegenheit des Andern zugeben, Alle wollen organiſiren und ge— bieten, Keiner will gehorchen und ſich unterordnen, und daran ſcheitern alle Pläne. Es fehlt die Einig⸗ keit!— Oh, werden wir niemals unſere Fehler beſſern kön⸗ nen, rief Johann ſchmerzlich, ſoll Deutſchland ſich denn verbluten an dieſen Fehlern ſeiner eigenen Söhne? Es fehlt die Einigkeit! Das iſt der Fluch, der ſeit Jahrhunderten über Deutſchland ſchwebt und durch 282 den ſeine Macht und Größe, ſeine Weltbedeutung verdorrt und gebrochen iſt. Wollen wir denn niemals lernen aus unſerer ſchmerzensreichen Geſchichte, niemals durch unſere Erfahrungen uns belehren laſſen? Wäre Deutſchland in Einigkeit geweſen, ſo wäre die Schmach der letzten Jahre niemals über uns gekommen, denn Preußen, Oeſterreich, Baiern, Würtemberg, Baden, und alle die kleinen und großen Länder Deutſchlands im Bunde ſind wohl im Stande, einer Welt von Feinden Trotz zu bieten. Aber der alte Krebsſchaden der Uneinigkeit frißt immerfort in, unſern Eingeweiden, und wird Deutſchland vernichten. Preußen iſt auf— geſtanden, und doch erhebt das übrige Deutſchland ſich nicht? Doch ſind alle Vorbereitungen, alle Pläne und Verſchwörungen umſonſt geweſen. Vergeſſen wir einen Augenblick Oeſterreich, aber das übrige Deutſchland, ſagen Sie, Walmoden, auch das übrige Deutſchland ſchließt ſich Preußen nicht an? Es er⸗ hebt ſich nicht wie Ein Mann zum Kampf gegen den gemeinſamen Feind? Die Fürſten des Rheinbun⸗ des entſagen nicht ihrem franzöſiſchen Bündniß, ihre Völker zwingen ſie nicht dies zu thun? Der Waffen— ruf geht nicht wie ein jauchzend Jubellied durch ganz tbedeutung mn niemals t, niemals ſen? Wäre eSchmach men, denn g, Baden, eutſchlands Welt von nebsſchaden ngeweiden, n iſt auſ⸗ eutſchland alle Pläne Vergeſſen as übrige as übrige 2 Es er⸗ apf gegen Kheinbun⸗ dniß, ihte Vaßfn⸗ urch gand — 283 Deutſchland, und macht Knaben zu Jünglingen, Greiſe zu Männern? In Preußen iſt es ſo, wie Ew. Hoheit ſagen, Preußen iſt Eins mit ſeinem König, und der Waffen⸗ ruf findet ein begeiſtertes Echo in jeder Bruſt. Aber das übrige Deutſchland ſchwankt und ſchweigt noch. Die Rheinbundsfürſten ſind nach Paris geeilt, um von Napoleon ihre Ordres zu empfangen, und ſeine Be⸗ fehle entgegenzunehmen, den Völkern aber fehlen die Füh⸗ rer, die Vermittler, die das Einverſtändniß unterhalten. Aber was treibt denn das große Revolutions⸗ Comité? fragte Johann angſtvoll. Wo iſt denn Juſtus Gruner, der große Vermittler, der ſeine Auf⸗ ſtandsagenten durch ganz Deutſchland ſendet? Legt auch er die Hände in den Schooß, und will nicht mehr wirken für das große allgemeine Ganze? Hoheit, ich komme mit einer Trauerkunde. Ju⸗ ſtus Gruner, der tapfere unermüdliche Agitator— Er iſt todt? unterbrach ihn Johann bebend. Nein, Hoheit, er iſt gefangen! Wer hat das gethan? fragte Johann. Wer hat es gewagt, dieſen edlen, unermüdlichen Mann zu ver⸗ rathen? Wer hat den Muth gehabt, ihn ſeinen Fein⸗ den auszuliefern? Ihn der Rache Napoleons preis⸗ — — —— 284 zugeben? Wer hat ihn aus Prag, wo er wenigſtens von Oeſterreich ein Aſyl, wenn auch nicht Unterſtützung erhielt, zu entführen gewagt? Hoheit, er iſt nicht der Rache Napoleons zum Opfer gefallen, und Niemand hat ihn an Frankreich ausgeliefert. Er iſt auf beſondern Befehl des Grafen von Metternich als ein ſtaatsgefährlicher Aufruhrſtifter verhaftet und nach der Feſtung Peterwardein abgeführt worden. Der Erzherzog ſtieß einen Schmerzensſchrei aus und ſchlug ſeine beiden Hände vor ſein Antlitz. Lange ſaß er ſo dg, verhüllten Angeſichts, ſeufzend und äch⸗ zend. Als er dann ſeine Hände niedergleiten ließ, war ſein Antlitz leichenbleich, ſeine Lippen zuckten ſchmerzlich und große Schweißtropfen ſtanden auf ſei— ner Stirn. Graf Metternich hat Juſtus Gruner verhaften laſſen, ſagte er mit flammenden Augen. Ihr ſeht, meine Freunde, er hat mich beſiegt, er iſt der Mäch⸗ tige, ich der Ohnmächtige geblieben, und ich habe das Verſprechen, das ich Euch in unſerer letzten großen Conferenz gegeben, bis jetzt nicht erfüllen können, ich habe Metternich nicht unſchädlich machen, ihm nicht ſeinen unheilsvollen Einfluß rauben können. Er iſt wenigſtens nterſtützung leons zum Frankreich des Grafen fruhrſtifter abgeführt ſchrei au⸗ lit. Lange und äch⸗ eiten ließ n zuckten n auf ſei⸗ verhaften Ihr ſeht er Mäh habe das en großen önnen, ih im niht Et iſ —— 28⁵ noch immer der allmächtige Miniſter des Kaiſers, und ich bin noch immer der ohnmächtige Erzherzog, deſſen Stimme man nicht hört, den man höhnend bei Seite ſchiebt. Ich klage nicht um mich und nicht aus per⸗ ſönlichem Ehrgeiz, ich klage nur um Oeſterreichs, um Deutſchlands willen, und im Namen dieſer Beiden ſchwöre ich, daß ich nicht ermatten will im Widerſtand, daß ich, obwohl ihm diesmal der Sieg geworden, mich doch nicht für beſiegt und kampfesunfähig hal⸗ ten, ſondern daß ich weiter kämpfen will raſtlos und unermüdlich, daß ich niemals mich verſöhnen, niemals einen Waffenſtillſtand ſchließen will, ſondern daß ich immer nur das Eine große Ziel im Auge behalten werde: den gefährlichen Mann zu verdrängen, der Oeſterreich zum Bundesgenoſſen ſeines natürlichen Feindes macht, der ihm den Haß des ganzen übrigen Deutſchlands zuwenden, der Oeſterreich in's Verder⸗ ben führen wird. Mag er jetzt auch triumphiren, aber der Tag der Vergeltung wird kommen für ihn ſowohl, wie für mich, und an dem Tage, wo Metter⸗ nich endlich fällt, werde ich, werdet Ihr Alle, wird auch Juſtus Gruner gerächt ſein.— Und jetzt, meine Freunde, laßt uns unſere Berathung fortſetzen. Zu Ihnen jetzt, Herr King. Bringen auch Sie uns keine 286 erfreulichen Nachrichten? Hat der edle Prinz-Regent von England, da er ſieht, daß Deutſchland immer noch nicht einig iſt, immer noch nicht ſich erhebt zum heldenmüthigen Widerſtand, hat er uns aufgegeben, und will uns keine Hülfe mehr zuwenden? Nein, Hoheit, der Prinz⸗Regent hält ſeine Ver⸗ ſprechungen, ſagte King, er zweifelt nicht, daß die Zeit nahe iſt, wo ganz Deutſchland aufſtehen wird, um ſich zu befreien, und er iſt bereit, den Deutſchen beizuſtehen mit Allem, was ſie bedürfen, mit Solda— ten, Waffen und Geld. Eine kleine Flotille kreuzt zwiſchen England, Schweden, den Nord- und Oſtſee— Küſten. Sie bringt Waffen nach Schweden für die von dort ſich einſchiffende„deutſche Legion,“ an deren Spitze der edle Gneiſenau ſteht. Dieſer ſelbſt iſt be— reits auf einem britiſchen Schiff von Stockholm nach Colberg gegangen, und dort von der ganzen Bevöl⸗ kerung mit Jubel aufgenommen worden. Ein Schiff mit Bewaffnungs- und Ausrüſtungs⸗Gegenſtänden folgt ihm nach. Eine andere Sendung von fünftauſend Büchſen, von Sätteln, Piſtolen und Carabinern geht in dieſen Tagen von London ab, und iſt gleichfalls für die deutſche Legion beſtimmt. Außerdem iſt es der Plan des Prinz⸗Regenten, die Hauptſcene des ganze ſeten den ſchen 287 rinz⸗Regent ganzen europäiſchen Krieges nach Deutſchland zu ver⸗ and imme ſetzen, und deshalb den Lord Wellington mit allen den in Spanien und auf den drei Inſeln des briti⸗ erhebt zum aufgegeben ſchen Reichs entbehrlichen Truppen nach Deutſchland zu ſenden. Aber zur Ausführung dieſes Plans iſt ſeine Ver⸗ nothwendig, daß ganz Deutſchland ſich erhebe und t, daß die in Waffen ſtehe! Es genügt nicht, daß der Norden ehen wird aufgeſtanden und bereit iſt, den Kampf aufzunehmen, Deutſchen auch der Süden muß aufſtehen, auch Süddeutſchland 2 nit Solda⸗ muß zu den Waffen greifen. Dies iſt es, was ich till kreuft von der britiſchen Regierung beauftragt bin, Eurer Hoheit zu melden: auch Süddeutſchland muß ſich nd Oſſſe⸗ jetzt entſcheiden, denn nur die allgemeine Erhebung für die a deren kann den Sieg verleihen. Und die britiſche Regierung lbſt iſt be⸗ weiß ſehr wohl, daß in Süddeutſchland alle Elemente bolm nac zu einer glücklichen und ſiegreichen Erhebung vorhan⸗ en Bobbl⸗ den ſind, daß das Volk nichts ſehnlicher wünſcht, als gin Schif gegen den verhaßten Kaiſer der Franzoſen in den üdm fulg Kampf zu ziehen. Wenn die Fürſten dieſe Sehnſucht 1mſ(nd ihrer Völker nicht theilen, ſo muß man ſie zwingen, balai dies zu thun; wenn Oeſterreich nicht freiwillig ſeinem inen 9 Bündniß mit Frankreich entſagt, ſo muß man bemüht glichals ſein, Oeſterreich ſo ſtark zu compromittiren, daß Frank⸗ 2 „ iſt ts Kacnf fü em iſ reich ſich zu Zorn und Feindſchaft aufgeregt fühlt und tſcene der 4 288 Oeſterreich den Krieg erklärt. Dies Mittel aber, Oeſterreich ſo zu compromittiren, daß Frankreich, trotz aller Liebesverſicherungen des Grafen Metternich, nicht mehr an die freundliche Geſinnung Oeſterreichs glaubt, dies Mittel liegt in den Händen Eurer Hoheit, und die britiſche Regierung beſchwört Ew. Hoheit, es zu ergreifen. Und worin beſteht dies Mittel nach der Anſicht der britiſchen Regierung? Hoheit, wenn man ein Feſtungswerk in die Luft ſprengen will, ſo unterminirt man es mit Pulver und ſteckt dies in Brand. Tyrol iſt für Oeſterreich das Pulverfaß, und wenn es auffliegt, wird es das ganze öſterreichiſch⸗franzöſiſche Bündniß damit zerſchmettern. Ew. Hoheit halten die Lunte in Händen, legen Sie dieſelbe an das Pulverfaß, Alles wird gethan ſein, und England iſt bereit, Ew. Hoheit nach beſten Kräften zu unterſtützen. Ehe ich auf dieſe Anforderung Antwort gebe, wollen wir zuerſt hören, welche Nachrichten unſere Boten aus Tyrol uns bringen. Nun ſprecht, Winter⸗ ſteller und Eiſenſtecken. Nun ſagt: wie ſteht es in Tyrol? Es ſteht ſo, wie es in den Jahren 1805 und dittel aber kreich, tro rrnich, nich ichs glaubt, Hoheit und heit, es zu der Anſicht in die Luſt Pulver und rreich daß das ganze rſchmettern. legen Sie gethan ſein nach beſten wort gibe hten unſere gt Wintet⸗ ſteht 66 in 1805 und 289 1809 am Tage vor dem Ausbruch der Empörung ſtand, ſagte Winterſteller lebhaft. Ganz Tyrol hat ſich gewaffnet und iſt bereit. Wir wollen halt nim— mer mehr bairiſch ſein, wir wollen unſere Verfaſſung wieder haben, und uns frei machen von den Fran⸗ zoſen und den Boarfoks. Unſere Männer und Wei⸗ ber, unſere Greiſe und Kinder, unſere Burſche und Madle's, Alles iſt mitſammen verſchworen zum großen Befreiungskrieg. Wir haben Waffen und tapfere Hände vollauf, die ſie führen. Es fehlt uns nur Eins, es fehlt uns der Anführer und General. Und darum ſchickt uns Tyrol hieher nach Wien, und dem gelieb— ten Erzherzog Hannes ſollen wir ſagen: komm zu uns, lieber Erzherzog Hannes, komm zu uns nach Tyrol! Erheb' unſere Fahne, ſei unſer Anführer und Herr, und freudig wollen wir Dir folgen zum Sieg oder Tod. Ja, rief Eiſenſtecken mächtig, komm zu uns nach Tyrol, lieber Erzherzog Hannes, mache wahr, was Du uns in unſern Märtyrerjahren von 1805 und 1809 verſprochen haſt, daß Du uns nimmer ver⸗ laſſen, daß Du mit uns kämpfen und leiden wolleſt, bis wir den Sieg errungen, bis Du wieder frei ge⸗ worden! Wir haben Dir geglaubt, lieber Herr Erz⸗ Mühlbach, Erzh. Johann u. Metternich. II. 19 290 herzog Hannes, wir glauben noch an Dich, obwohl drei ſchmerzensreiche Jahr' ſeitdem vergangen ſind und wir viel gelitten haben von der bairiſchen Tyrannei, ob⸗ wohl ſo viel Jammer und Qual über uns kommen iſt, daß die Madonnenbilder ſelber bei uns darüber weinen, daß die Geiſter in der Luft zur Nachtzeit darüber klagen und jammern. Wir glauben immer noch an Dich, lieber Erzherzog Hannes, und wir hoffen auf Dich. Der Kaiſer Franz hat uns wohl vergeſſen und aufgegeben, aber wir glauben nimmer⸗ mehr, daß auch unſer Erzherzog Johann uns ver⸗ geſſen könnt, Er, auf deſſen Ruf wir zwei Mal auf— geſtanden, zwei Mal unſer Blut vergoſſen haben, und der uns geſchworen hat, nicht eher zu ruhen und zu raſten, bis Tyrol wieder frei, bis es ſeine freie Ver⸗ faſſung und ſeine alten verbrieften Vorrechte wieder gewonnen. Ganz Tyrol hofft auf Dich, ganz Tyrol erwartet Dich, ſagte Winterſteller. Darfſt uns jetzt nit ver— gebens mehr warten laſſen, lieber Erzherzog Hannes, mußt wahrlich kommen Dein Verſprechen wahr zu machen. Tyrol hat uns zu Dir geſchickt, auf heim⸗ lichen Wegen mit Gefahr unſeres Lebens ſind wir herkommen zu Dir, lieber Erzherzog, und das letzte nnei, ob⸗ kommen B darüber Nachtzeit en immer uns ver⸗ Mal auf⸗ ben, und n und zu freie Ver⸗ wahr zu 291 Wort ſollen wir Dir ſagen vom treuen, unglücklichen, verzweifelnden Tyrol. Komm zu uns, Hannes, da⸗ mit wir ſehen, daß Du's ehrlich mit uns g'meint haſt, daß Du uns belohnen willſt für unſere Treu', daß Du unſer vergoſſenes Blut nit mißachten, und unſere Thränen nit verſpotten willſt. Komm zu uns, Hannes, denn wenn Du's nit thuſt, kommt die Des— peration über uns, und wir thun, was unſer Herz nit gut heißt, was aber unſer Verſtand uns räth, wir ſagen uns los von Oeſterreich für immerdar, und folgen Denen, welche uns rathen, uns unter briti⸗ ſcher Leitung unſern Nachbaren, den Schweizern, an⸗ zuſchließen. Aber ehe wir das thun, lieber Erzherzog, ſollen wir Dich beſchwören im Namen von ganz Tyrol, im Namen Andreas Hofer's, der für uns und für Oeſterreich geſtorben iſt, ſollen Dich beſchwören, daß Du zu uns kommſt, und Dich an unſere Spitze ſtellſt. Wir wollen Dein ſein in Treu' und Liebe, ſo mache Du auch wahr, was Du uns gelobt, ſo ſei auch unſer in Treu' und Liebe! Ja, ſei unſer, lieber Erzherzog, komm, denn es iſt die höchſte Zeit. Wir können nit mehr warten, und nit mehr zuharren, das laſſen die Tyroler Männer 19* 292 Dir ſagen. Hier iſt der Aufruf, der Dir's bezeugen ſoll! Schau her, mit wenigen Worten haben wir's hier aufgeſchrieben, daß wir Dich erwarten, daß wir Dich zu uns rufen, aber viel hundert Namen ſtehn darunter geſchrieben, und Du kennſt ſie alle, dieſe Namen, weißt, daß ſie Männern angehören, die mit dem lieben Anderl Hofer treu und tapfer ge⸗ kämpft haben für Tyrol's Freiheit und für den Kaiſer Franz! Während er ſo ſprach, entfaltete er ein großes Schriftſtück, und reichte es dem Erzherzog dar. Schau her, lieber Erzherzog, fuhr Winterſteller fort, ſchau, all' die tapfern Tyroler haben da ihre Namen verzeichnet, und da iſt auch der Name von Anton Aich⸗ berger's lieber Tochter, ſie hat ihn ſelbſt geſchrieben, die Eliſe Wallner, und hat dabei geſagt:„Jeder Buchſtabe von meinem Namen wird den lieben Erz⸗ herzog grüßen, und wird ihn erinnern an das Sterbe⸗ bett von meinem lieben Vater, und wird ihn dran gemahnen, daß er Anton Wallner in ſeine ſterbende Hand verſprochen hat, er wolle Tyrol nimmer ver⸗ laſſen, und wolle ihm treulich helfen ſeine Freiheit wieder zu erkämpfen. Geht denn hin, und ruft den Erz⸗ herzog; ſicherlich wird er kommen, denn er hat ein bezeugen ben wird daß wir nen ſtehn le, dieſe zgren, die apfer ge⸗ en Kaiſer in große ar. feller fort, Namen ton Aich⸗ ſſchrieben, „Jeder ben Etz⸗ z Sterbe⸗ ihn dran ſterbende nmer ver⸗ Freiheit den Ety er hat 3M 293 treu und ehrlich Herz, und was er geſchworen hat, das hält er.“ Ja, rief Johann, ja, was er geſchworen hat, das hält er! Die Zeit des Zauderns und des Wartens iſt vorüber, und jetzt giebt es kein Schwanken und Be⸗ denken mehr, ſondern es muß gehandelt werden. Ich habe Tyrol meinen Schwur gegeben, und ich werde ihn erfüllen, ich bin bereit Eurem Ruf zu folgen, und Alles zu wagen, um für Euch wenigſtens Alles zu gewinnen. Hurrah, er iſt unſer, der liebe Erzherzog Hannes, jubelten die Tyroler. Hurrah, es lebe Tyrol und unſer Herzog Johann! Er hört auf die Schmer⸗ zensklage von Tyrol, und kommt zu uns, um uns die Freiheit zu bringen. Ja, ich komme zu Euch, meine Freunde, ſagte Johann, ich komme, um Euch die Freiheit zu er— kämpfen, oder mit Euch zu ſterben. Gott ſei Dank, daß Ew. Hoheit endlich dieſen mannhaften, kühnen Entſchluß gefaßt haben, rief Roſchmann begeiſtert. Nun zage ich nicht mehr um mein geliebtes Vaterland Tyrol, nun iſt es gerettet, denn der Herr des Gebirges geht hin, um das könig⸗ liche Erbe ſeiner Väter zu befreien und zu beglücken. — 294 Und wenn Ew. Hoheit das thun, ſo iſt damit auch alles Schwanken und Zagen der übrigen Pro⸗ vinzen beendet, ſagte Graf Nugent, alle werden ſie aufſtehen zum heiligen Kampf. Kärnthen, Illyrien und Krain ſind kaum noch länger zurückzuhalten, ſie glühen dem Kampf entgegen, und könnten leicht in ihrer Ungeduld zu früh ausbrechen; die Gegenwart Eurer Hoheit in Tyrol wird Alles zu einem be⸗ ſtimmten Ziel hinlenken, und eine übereilte und vor⸗ zeitige Exploſion verhindern. Wenn Ew. Hoheit jetzt Tyrol zu den Waffen rufen, ſagte Graf Wallmoden, ſo wird die Begeiſte— rung über dieſe kühne That auch die Unentſchloſſenen und Lauen anfeuern und zu thatvollen Entſchlüſſen kräftigen. Gleichwie der kühne Abfall des Generals York ganz Norddeutſchland begeiſterte, ſo wird der Waffenruf des Erzherzogs Johann ganz Süddeutſch— land entflammen und zu großen Entſchlüſſen er⸗ muthigen. Ich bin beauftragt von der britiſchen Regierung, Eurer Hoheit, ſobald Sie dieſen entſcheidenden Ent⸗ ſchluß gefaßt, die vollſte Zuſtimmung zu überbringen, ſagte King. Die britiſche Regierung ermächtigt mich, bedeutende Geldmittel und einen großen Waffenvor⸗ damit n Pro⸗ den ſie Illyrien lten, ſie eicht in genwart em be⸗ nd vor⸗ Waffen gegeiſte⸗ loſſenen ſchlüſſen Henerals ord der. deutſch⸗ ſſen er⸗ gierung, en Ent⸗ bringen, t mich, affenvol⸗ 295 rath, der ſchon an den Grenzen der Schweiz deponirt iſt, zur Verfügung Eurer Hoheit zu ſtellen. Auch ſoll, ſobald Ew. Hoheit in Tyrol angelangt, und die Revolution dort zum Ausbruch gekommen iſt, ſo— gleich Sir Robert Wilſon als Geſandter bei Eurer Hoheit, als einem ſelbſtſtändigen Fürſten accreditirt werden*). Auch Rußland hat für den Fall, daß Ew. Hoheit endlich den Entſchluß faſſen, das unglückliche Tyrol zu erretten, ſeinen Beiſtand zugeſagt, rief Roſchmann feurig. Der Herzog von Accerenza verſichert, daß Kaiſer Alexander es angelegentlich wünſcht, Ew. Ho⸗ heit an der Spitze von Tyrol zu ſehen, und daß es nur nöthig wäre, daß Ew. Hoheit ſich perſönlich mit einigen Worten an den Kaiſer wenden, um ſofort ſeine thätigſte Beihülfe und Fürſprache für Ew. Hoheit Unter⸗ nehmen zu gewinnen. Der Herzog von Accerenza verläßt heute noch Wien, um ſich unmittelbar zum Kaiſer Alexander zu begeben, und er wird glücklich ſein, ein Schreiben von Ew. Hoheit an den Kaiſer mitnehmen zu können. Auch ich begebe mich morgen früh auf die Reiſe *) Hiſtoriſch. Siehe: Lebensbilder II. 441. ——n—— — ͤ 8 296 nach dem Hauptquartier des Kaiſers Alexander, ſagte King. Ich habe wichtige Depeſchen meiner Regierung an den Kaiſer Alexander zu überbringen, und habe Befehl, ſie in des Kaiſers eigene Hände niederzulegen. Zudem habe ich, da Ew. Hoheit jetzt entſchloſſen ſind, nach Tyrol zu gehen, hier nichts zu thun, und es iſt nur noch nöthig, Ew. Hoheit die Geldanweiſungen zu übergeben, und wegen des Waffentransports Alles zu verabreden. Ich bitte Ew. Hoheit, daß Sie mir Ihr Schreiben an den Kaiſer Alexander anvertrauen, und ich zweifle nicht, daß der Kaiſer bereitwillig den Auf—⸗ ſtand Tyrols unter der Fahne Eurer Hoheit unter⸗ ſtützen werde. Wohl, Miſter King, Sie ſollen mein Schreiben haben, ſagte der Erzherzog freudig. Nichts darf ver⸗ ſäumt werden, um Tyrol den Schutz und den Bei⸗ ſtand aller Mächte zu ſichern. Aber haben Ew. Hoheit denn ſchon den Beiſtand Oeſterreichs? fragte Hormayr. Sind Sie gewiß, daß der Kaiſer Franz einwilligen wird, daß Ew. Hoheit nach Tyrol gehen, und ſich ſelbſt mit Ihrer geheilig⸗ ten Perſon an die Spitze des Aufruhrs ſtellen? Ich bin gewiß, daß der Kaiſer Franz mir nimmer⸗ mehr ſeine Einwilligung geben würde, und darum iſt er, ſagte egierung nd habe tzulegen. ſen ſind, nd es iſt mgen zu Alles zu mir Ihr en, und den Auf⸗ t unter⸗ ſchreiben darf ver⸗ den Bei⸗ Beiſtand viß, daß Hoheit geheilg⸗ —— 297 es beſſer, ihn nicht zu fragen. Er weiß, daß Tyrol in Gährung, daß es bereit iſt, ſich zu erheben, er hat unter der Hand der neuen Revolution ſeinen Schutz und Beiſtand zugeſagt, und ſo wird er auch, ſobald die Revolution ein fait accompli iſt, und wir ge⸗ ſiegt haben, es billigen, daß ich mich an die Spitze der Revolution geſtellt habe, und im Namen Oeſter— reichs ihr Anführer geweſen bin. Nein, Hoheit, er wird es nimmer billigen, rief Hormayr glühend. Der Kaiſer kann es billigen, daß Tyrol ſich erhebt, um ſich die Freiheit zu erkämpfen, aber nimmer wird er es zugeben, daß ein Erzherzog von Oeſterreich, daß ſein Bruder ſelber Theil nehme an der Revolution des Volks. Deshalb, bei der hei⸗ ßen Liebe, die ich für Ew. Hoheit hege, beſchwöre ich Sie: gehen Sie nicht nach Tyrol! Gönnen Sie den Tyrolern Ihren Beiſtand, Ihre Verwendung bei den andern Mächten, aber laſſen Sie uns, den Herrn von Roſchmann und mich die Organe ſein, durch welche Sie mit den Tyrolern verkehren. Senden Sie uns Beide nach Tyrol, geben Sie uns Ihre Verhaltungs⸗ befehle mit. Wir werden denſelben genau folgen, wir werden nur Ihre Pläne ausführen, wir werden in Ihrem Geiſt handeln, aber niemals darf der Name 298 eines kaiſerlichen Prinzen an die Spitze einer Revo⸗ lution geſtellt werden, ſelbſt wenn dieſe Revolution vor Gott und den Menſchen eine gerechte und heilige iſt. Nie würde Kaiſer Franz es verzeihen, wenn ſein Bruder ohne ſeinen Befehl ſich an die Spitze einer Volksbewegung geſtellt, ſich zum Rebellen gemacht hätte! Mag es ſein, mag er es mir nimmer verzeihen, mag er mich einen Rebellen nennen, rief Johann glü⸗ hend. Ich wage es darauf! Jetzt nur keine Beden⸗ ken mehr! Ich bin entſchloſſen zu handeln! Ich habe zwei Mal Tyrol meinen Schwur verpfändet, ihm meinen Namen und meinen Arm zu ſeiner Befreiung zu leihen, und ich werde es ihm jetzt durch die völligſte Aufopferung meiner Perſon beweiſen, daß jene Worte keine Trugworte geweſen, und daß ich meinen Schwur erfüllen will, wenn auch ich ſelber dabei zu Grunde gehen müßte. Die Würfel ſind gefallen, mein Loos iſt entſchieden. Tyrol iſt im Begriff aufzuſtehen, und mahnt mich an meinen Schwur! Ich werde ihn er⸗ füllen, ich werde mich unverweilt an die Spitze von Tyrol ſtellen, ich werde mit ihm kämpfen, mit ihm ſiegen, oder mit ihm untergehen. Sagen Sie das dem Kaiſer Alexander, Herr King, ich werde es beſtätigen er Revo⸗ volution dheilige enn ſein tze einer gemacht erzeihen, nn glü⸗ Beden⸗ ch habe et, ihm efreiung völligſte Vorte Schwur Grunde in Loob 299 in einem eigenhändigen Schreiben, das ich Ihnen an den Kaiſer mitgeben werde. Eilen Sie nach Illyrien, Nugent, und ſagen Sie dem Biſchof Verhovacz und den Verſchwornen, daß die Stunde der Entſcheidung gekommen iſt. Und Ihr, meine Freunde, Eiſenſtecken und Winterſteller, verlaßt ſogleich Wien, und kehrt zurück nach Tyrol. Sagt den Tyrolern, ſie ſollen ihre Stutzen laden, ihre Waffen ſchärfen und ſich be— reit halten, ſagt ihnen, daß ihr Hannes kommen wird, daß er mit ihnen, und für ſie kämpfen will um ihre Freiheit, daß er ſie erlöſen will von allem Joch und aller Bedrückung! Eilt und ſagt den Tyrolern, daß ich in acht Tagen bei ihnen ſein werde. Und nun, Hormayr, ſehen Sie mich nicht ſo traurig und ängſt= lich an. Denken Sie daran, was ich gelitten habe ſeit jenem furchtbaren Jahr 1809, das mich zum Meineidigen und Verräther gemacht hat an Denen, die mir vertrauten, an den treuen Tyrolern, die freu— dig ihr Blut und Leben wagten, weil ſie auf meinen Beiſtand, meine Hülfe glaubten zählen zu dürfen. Ich hatte ihnen Beiſtand und Hülfe zugeſchworen, und man zwang mich, meinen Schwur zu brechen. Aber denken Sie daran, Freund, welcher Gram ſeit⸗ dem mein Herz genagt hat, denken Sie, daß mein 300 Treubruch, und all' der daraus hervorgehende Jam⸗ mer mich Nacht und Tag verfolgt hat gleich einem Geſpenſt; wie oft,— ich ſchäme mich nicht, es zu bekennen,— wie oft Sie mich darüber in Thränen gefunden haben! Denn ich hatte für Tyrol nichts mehr, als meinen Gram und meine Thränen. Heute aber habe ich ihm mehr zu bieten, heute gebe ich ihm meinen Namen, meinen Arm und mein Haupt hin! Möge es zum Glück und Heil Tyrols ſein, dann gilt es gleich, ob ich ſelber dabei zu Grunde gehe! Eilt, meine Freunde, eilt nach Tyrol! In acht Tagen ſpäteſtens werde auch ich dort ſein, in acht Tagen erwartet mich. Was nun auch geſchehen möge, ſelbſt wenn ganz Oeſterreich, ſelbſt wenn Wien dem fränkiſchen Feinde noch einmal zur Beute fiele, ich werde Tyrol nicht verlaſſen, ich werde es als eine ſelbſtſtändige Feſtung vertheidigen bis zu meinem letzten Blutstropfen“) *) Erzherzog Johanns eigene Worte. Siehe: Lebens⸗ bilder II. 540. de Jam⸗ h einem , es zu Thränen nichts Heute ich ihm pt hin! dann de gehe! In acht in acht eſchehen n Wien te fiele es als meinem Lebens⸗ —— XII. Der verräther. Eine Viertelſtunde ſpäter hatten Alle das Haus verlaſſen, düſter und ſchweigend ſtand es da in der düſtern, ſchweigenden Straße; jetzt mochten die Spä— her und Spione des Erzherzogs immerhin erwachen, und ſeinem Thun nachſpüren. Der Erzherzog war unbemerkt, wie er gegangen, in ſein Hötel zurückgekehrt, und hatte ſich leiſe in ſeine Gemächer begeben. Der Erzherzog Johann lag ſchon wieder in ſeinem Bett, wer konnte ihn alſo verrathen, wer konnte be⸗ haupten, daß er in dieſer Nacht ſein Haus verlaſſen, und mit ſeinen Vertrauten eine Revolution verabredet habe?— Wer konnte ihn verrathen? Der, welcher eben, wie vom Sturmwind getrieben, durch die einſamen Straßen dahin flog, der, welcher jetzt dort, vor dem 5 302 Palais des Grafen Metternich ſtille ſtehend, nach Athem rang, und dann leiſe zu dreien Malen an das Fen, ſter des Portiers klopfte. Nun öffnete ſich das Fenſter, und der Portier ſchaute grämlich hervor, und fragte nach dem Begehr des nächtlichen Ruheſtörers. Ich bin's, ſagte der Verräther leiſe, Se. Excellenz haben befohlen, daß Ihr mich zu jeder Zeit, ob ich bei Tag oder bei Nacht komme, zu ihm einlaſſen ſollt. Laßt mich alſo ein, ich muß ihn ſprechen! Wer konnte den Erzherzog Johann verrathen? Derjenige, der jetzt durch die geöffnete kleine Seiten⸗ thür n das Palais hineinſchlüpfte, und über die ſchwei⸗ genden, von düſtern Lampen nur erhellten Treppen und Corridore dahin eilte in das kleine Gemach des Kammerdieners, der ſchlafend in ſeinem Bette lag. Aber der Verräther weckte ihn. Eilt, meldet mich ſogleich Sr. Excellenz, dem Herrn Grafen. Sagt, ich habe ihm Wichtiges zu ſagen. Aber Se. Excellenz ſind erſt vor einer Stunde, erſt um zwei Uhr aus der Soirée bei der Fürſtin Bagration zurückgekehrt, Se. Excellenz waren ſehr er⸗ müdet, denn Excellenz haben Komöoͤdie geſpielt, und in zwei franzöſiſchen Luſtſpielen die Hauptrolle dar⸗ ch Athem das Fen, Portier Begehr Ercellenz ob ich ſen ſoll. rrathen? Seiten⸗ 3 hhwei⸗ Treppen nach deð —— ——— 303 geſtellt. Se. Excellenz befahlen daher, ihn erſt um neun Uhr zu wecken. Gleichviel, ich muß Se. Excellenz ſprechen, es iſt dringend. Ihr müßt ihn wecken, Freund, und ſeid ge⸗ wiß, Se. Excellenz wird Euch deshalb nicht zürnen. Schnell, ſteht auf, kleidet Euch an, und geht. Zehn Minuten ſpäter trat der Verräther in das Schlafgemach des Grafen ein, der in ſeinem Bett ſitzend, den türkiſchen Schlafrock über die Schultern geworfen, ihn erwartete. Wenn das, was Sie mir zu ſagen haben, nicht von der äußerſten Wichtigkeit iſt, ſagte Metternich leicht grüßend, ſo werde ich es Ihnen nie verzeihen, mich im Schlaf geſtört zu haben, Herr von Roſch⸗ mann. Es iſt aber von der äußerſten Wichtigkeit, und Ew. Excellenz werden mir daher verzeihen, betheuerte Roſch— mann, indem ſeine Augen zu dem Kammerdiener hin⸗ über ſchweiften, der an der Thür ſtand, und die Be— fehle ſeines Herrn erwartete. Gehen Sie, Herbert, legen Sie Sich immerhin wieder in Ihr Bett, befahl Metternich, Herr von Roſch⸗ mann kennt den Weg, und wird ohne Sie aus dem Palais hinaus finden. 304 Der Kammerdiener zog ſich zurück und drückte die Thür hinter ſich in's Schloß. Jetzt eilte Roſchmann durch das Gemach bis dicht an das Bett Metternich's hin. Wir ſind nah' am Ziel, Excellenz, ſagte er haſtig. Der Erzherzog iſt entſchloſſen nach Tyrol zu gehen. Wir haben in dieſer Nacht eine wichtige Conferenz gehabt, und der Erzherzog hat den beiden anweſenden Tyrolern geſagt, ſie ſollen heimkehren und verkünden, daß er in acht Tagen in Tyrol ſein würde, um ſich an die Spitze des Aufruhrs zu ſtellen. Hat er den Tyrxolern nichts Schriftliches gegeben? fragte Metternich achſelzuckend. Nein, Excellenz. Herr von Hormayr verhinderte ihn daran, er iſt argwöhniſch und will durchaus nicht, daß der Erzherzog ſich compromittire. Herr von Hormayr iſt ein gefährlicher Agitator, denn er iſt fanatiſch und dabei vorſichtig, ſagte Met— ternich gedankenvoll. Wir müſſen ihn bald unſchäd⸗ lich machen. Das iſt Alles, was Sie mir zu ſagen haben? Nein, Excellenz, ich habe Wichtigeres Euch zu melden. Morgen früh verläßt der britiſche Unter⸗ händler, Mr. King, Wien, um ſich zum Kaiſer Alex= ander tige Kaiſ eigen in rückte die bis dicht er haſtig. u gehen. Lonferenz weſenden erkünden, um ſich gegeben? winderte us nicht, Ngitcto⸗ te Met⸗ unſchäd⸗ zu ſagen zuch zu Unter⸗ er Alex⸗ ——— 305 ander nach Breslau zu begeben. Er überbringt wich⸗ tige Depeſchen der britiſchen Regierung an den Kaiſer, und außerdem hat ihm der Erzherzog ein eigenhändiges Schreiben an den Kaiſer mitgegeben, in welchem er Alexander bittet, den Tyrolern ſeinen Schutz und Beiſtand zu verleihen. Das iſt ſchon Etwas, ſagte Metternich lebhaft. Wir müſſen die Depeſchen ſowohl, wie den Brief des Erzherzogs haben. Er wird ſie mit ſeinem Leben vertheidigen, Ex— cellenz, und es würde Aergerniß geben, wenn es be— kannt würde, daß die öſterreichiſche Regierung einen britiſchen Unterthan mit Gewalt ſeiner Papiere be⸗ raubt hätte. Wir werden demzufolge dies Aergerniß vermeiden, entgegnete Metternich ruhig. Ich war ſchon auf dieſen Fall vorbereitet, und habe meine Maßregeln getroffen. Kennen Sie die Reiſeroute, welche Mr. King nehmen wird. Er geht in directer Tour, ohne alle Nebenwege, mit Extrapoſt in der Verkleidung eines öſterreichiſchen Officiers bis an die öſterreichiſche Grenze. Ich ſelber habe ihm den Paß gegeben, eines von den Blankets, die Ew. Excellenz mir anvertraut. Auf der Grenze, 20 Müblbach, Erzh. Johann u. Mettern ich. II. 306 in Prerau, wechſelt er die Kleider und reiſt als Land⸗ mann weiter. Er wird aber nicht in Breslau anlangen, denn Räuber werden ihn noch auf öſterreichiſchem Gebiet überfallen, und ihn ſeiner Papiere berauben, ſagte Metternich ruhig. Wann ſagten Sie, daß Herr King abreiſt? Um ſechs Uhr heute früh! Meine Räuber werden eine Stunde vor ihm ab⸗ reiſen, und da ſie auch mit Courierpferden reiſen, ſo werden ſie eine Stunde vor ihm im Walde bei Prerau ſein! Es giebt da eine hübſche einſame Stelle, und da werden ſie ihn überfallen. Der Poſtillon wird ſchon ſo gut ſein und mit dem Wagen gegen einen Baum fahren, daß der Wagen umſchlägt“). Ew. Excellenz ſind doch der größte und feinſte Staatsmann, rief Roſchmann begeiſtert. Das Höchſte, wie das Kleinſte behalten Sie im Auge, und nichts *) Es geſchah ſo wie Graf Metternich geſagt. Der Polizeicommiſſarius Schmidthammer, und der nachmalige Kreishauptmann Czikann, überfielen verkleidet und mit ge⸗ ſchwärzten Geſichtern als Räuber den britiſchen Courier im Walde bei Prerau, und beraubten ihn ſeiner Depeſchen und ſeines Paſſes, ſo daß King nach Wien zurückkehren mußte. Siehe: Lebensbilder II. 441. ais Land⸗ gen, denn n Gebiet en, ſagte 1 err King ihm ab⸗ eiſen, ſo alde bei eStelle Poſtillon n gegen t') d feinſte Hochſte nichts kann Sie überraſchen und in Verlegenheit ſetzen, wie ſoll ich die Abreiſe des Erzherzogs verhindern, nicht gehört! Sie müſſen mir etwas Schriftliches hhhrhrhrͤͤööͤööö— 307 weil Sie auf Alles vorbereitet ſind. Doch würde es mich jetzt in Verlegenheit ſetzen, wenn Sie mir keine authentiſchen Beweisſtücke gegen den Erzherzog brächten. Er hat geſagt, daß er in acht Tagen in Tyrol ſein wird. Er darf aber nicht dahin abreiſen, denn der Aufſtand Tyrols darf jetzt nimmermehr zum Ausbruch kommen, und doch, wenn ich dem Kaiſer keine Beweisſtücke vorzulegen habe? Worte genügen nicht! Worte verfliegen im 7 Winde, und geben kein Zeugniß für die, welche ſie 3 anſchaffen, was unwiderleglich die Abſicht des Erz⸗ herzogs kund thut, ſich an die Spitze der Revolution in Tyrol zu ſtellen. Sie müſſen ihn vermögen, einen Aufruf an die Tyroler zu erlaſſen. 1 Er ſoll dieſen Aufruf ſchreiben, ich werde mit Bitten und Vorſtellungen ſo lange in ihn dringen, bis er ihn ſchreibt. Und dann ſeine übrigen Papiere. Es iſt noth⸗ wendig, duß der Kaiſer eine Einſicht habe in die ganzen weit verzweigten Verbindungen des Erzherzogs. 20* 308 Sie verſprachen mir die wichtigen Papiere des Erz⸗ herzogs zu verſchaffen. Und ich werde ſie in einigen Tagen Ew. Excel⸗ lenz übergeben. Ich kenne die Perſon, welcher der Erzherzog ſeine wichtigſten Papiere übergeben. Ich ſelber habe ihm dieſe Vorſicht angerathen. Es kommt nur noch darauf an, zu ermitteln, wo dieſe Perſon, welche dem Erzherzog ſehr ergeben iſt, die Pa⸗ piere verborgen hält. Das werde ich heute noch ermitteln. Gut, thun Sie das! Verſchaffen Sie mir den Aufruf und die Papiere des Erzherzogs, und Titel und Orden und goldener Lohn ſind Ihnen ſicher. Jetzt aber, ich bitte, jetzt gehen Sie. Um fünf Uhr muß ich meine Räuber beordern, ich habe alſo kaum noch zwei Stunden zum Schlafen, und ich bin müde. Gute Nacht, mein lieber Herr von Roſchmann! v. Exeel ſcher der en. Ich s kommt e Perſon, die Pa⸗ ute noch mir den nd Titel n ſicher. fünf Uhr lſo kaum in müde. nn! ——— — — —— XlII. vVater und Tochter. Camilla, ſagte Roſchmann, in das Kabinet ſeiner Tochter eintretend, Camilla, ich komme zu Dir in ſehr ernſter und wichtiger Angelegenheit, und ich muß von Dir Offenheit und volles unbedingtes Vertrauen er⸗ warten. Du darfſt das, mein Vater, und Deine Erwartung ſoll Dich nicht getäuſcht haben, erwiderte Camilla, indem ſie ihrem Vater mit freundlichem Lächeln ent⸗ gegen ſchritt und ihm ihre beiden Hände darreichte. Ja, mein theurer, geliebter Vater, ich bin glücklich es ſagen zu können: ich hege zu Dir offenes unbedingtes Vertrauen. Die düſtere Wolke, welche zwiſchen uns ſtand, iſt verſchwunden ſeit ich bei Dir bin, ſeit ich beſſer als Andere Dich erkennen und ſchätzen kann. Man hatte mich über Dich getäuſcht, und Deine — +— —— 310 Feinde hatten in Tyrol Mißtrauen gegen Dich erweckt. Mit dieſem Mißtrauen kam ich zu Dir her, und jetzt danke ich Gott aus der Tiefe meiner Seele, daß dies Mißtrauen unbegründet war. Nein, Du biſt kein treuloſer Tyroler, kein Verräther an der heiligen Sache des Vaterlandes. Du biſt ſein treuer Sohn, Du biſt bereit, Dein Blut und Leben für die Ver⸗ theidigung Tyrols zu wagen, die Gefahren erſchrecken Dich nicht, die Hinderniſſe und Schwierigkeiten ent⸗ muthigen Dich nicht. Oh, wie mich das glücklich macht, mein geliebter Vater, Dich ſo zu ſehen und zu beobachten in Deiner ſchönen, kühnen Wirkſamkeit, wie ſtolz bin ich jetzt darauf, mich Deine Tochter zu nen⸗ nen! Du biſt ja, nächſt dem Erzherzog Johann, die Seele und der Mittelpunkt dieſes großen heiligen Bundes, der unſerm Vaterlande ſeine Freiheit wieder erkämpfen will, Du biſt der Odyſſeus, der mit Rath und That, mit Liſt und Kühnheit zu kämpfen ver⸗ ſteht. Ich liebe Dich, ich bin ſtolz auf Dich, mein Vater. Mein Herz drängt mich Dir dies zu ſagen, Dich um Verzeihung zu bitten für mein Mißtrauen, meine frühere Entfremdung. Verzeih mir, mein theu⸗ rer, lieber Vater, verzeih mir um der Liebe willen, die ich jetzt zu Dir hege. 311 Ich verzeih' Dir gern, Camilla, ſagte Roſchmann, ſeine Tochter mit dem Anſchein tiefſter Rührung in ſeine Arme drückend. Ich bin es gewohnt, mißkannt und für mein beſtes Wollen und Thun erweckt. ——· und jett — daß dies bit kin zu werden, heiligen nur Undank zum Lohn zu erhalten. Aber es thut er Sohn, wohl, erkannt und verſtanden zu werden von Denen, 4 die Ver⸗ welche man liebt, und wenn auch das Mißtrauen mich 4 rſchteken l nicht mehr ſchmerzt, ſo erfreut und beglückt mich doch e ent⸗ das Vertrauen, Dein Vertrauen vor allen Dingen, Du geliebte Tochter jenes Engels, der ſoviel um mich glückĩich r und zu geweint hat, und gegen den ich ſo viel Schuld auf keit, wit meine Seele geladen, daß mein ganzes Leben eine 1—,.. z1 nen⸗ Buße ſein muß! Sie, Deine Mutter, ſie allein hat das Recht, mich einen Verbrecher, einen Meineidigen zann, die. n zu nennen, gegen ſie allein habe ich geſündigt, und heiligen 4 it wieee dennoch hat ſie mir verziehen, dennoch hat ſie mich nit Ruth geliebt. Oh, ihre Thränen und ihre Liebe brennen 71 vVr hauf meinem Haupt wie feurige Kohlen, und beſſer en ve-⸗ 4 4 hei als durch ihren Fluch hat ſie ſich gerächt durch den ſug Segen, den ihre ſterbenden Lippen über mich ge⸗ 4 zu ſagen, lißtrautn, ſprochen. 1 I. heu Sie hat mir befohlen, Dich zu lieben und zu eh⸗' u ren, Dir gehorſam zu ſein in allen Dingen, nimmer 3— 4 4 , willen 1 3... e bha mich von Dir zu trennen, ſagte Camilla ſchwärme⸗ 312 riſch. Ich habe geſchworen, ihrem Befehl zu folgen, und treu und gehorſam meinem Vater zu leben und zu ſterben. Oh, meine geliebte Mutter, Du ahnteſt nicht, wie leicht es mir werden würde, dieſem Befehl zu genügen, wie ſehr ich meinen Vater einſt lieben würde, und wie würdig er dieſer Liebe iſt. Wenn es Dir vergönnt iſt, von dort oben zu uns hernieder zu ſchauen, ſo ſegne uns, meine Mutter, ſegne uns mit dem Geiſt der Liebe, der Dein eigen Leben und Sterben war, und freue Dich, daß wir Beide uns ge— funden, um uns nimmer wieder zu verlaſſen! Nein, nimmer wollen wir uns wieder verlaſſen, rief Roſchmann freudig. Was auch die Zukunft Schwe⸗ res und Gefährliches bringen mag, zuſammen wollen wir es ertragen, zuſammen entweder ſiegen oder ſter— ben und verderben. Du wirſt mich nach Tyrol be— gleiten, meine Tochter. Siegen wir, ſo wird Tyrol mir lohnen für meine Liebe und Aufopferung, wird es be⸗ ſiegt, ſo werden meine Thaten als die eines Hoch⸗ verräthers und Rebellen geſtraft werden. Ich bin auf Alles gefaßt, und kein Zagen iſt in mir. Aber für Andere zage ich, für Andere möchte ich vorſichtig ſein, und das iſt es, was mich heute zu Dir führt, meine Tochter. Der Erzherzog Johann hat Dir ſeine wich⸗ rfolgen, ben und ahnteſt Befehl ſt lieben Wenn ben und uns ge⸗ verlaſſen, Schwe⸗ wollen der ſter⸗ yrol be⸗ yrol mir d es be⸗ s Hoch⸗ bin auf Aber für ttig ſein t meine wich⸗ ine tigen Papiere anvertraut, und 313 Du haſt geſchworen, ſie ihm aufzubewahren, ſie Niemanden, als ihm ſelbſt, zu übergeben. Du weißt das, mein Ich weiß es, der Erzherzog ſelber ſagt. Er vertraut vollkommen auf Camilla, ich bin in Angſt und Sorgen, ob Du auch de ſein wirſt, dieſe gefährlichen Papiere treu zu bewahren, und Deinen Schwur zu erfüllen. Bedenke, mein Kind, daß wir dies Haus, daß wir Wien bald verlaſſen, um nach Tyrol zu ge⸗ hen. Wirſt Du dieſe Papiere mit Dir nehmen kön⸗ nen, werden ſie bei Dir ſicher ſein? Könnte es nicht ſein, daß Du ſelber in Gefangenſchaft gerietheſt, daß man Dich dieſer Papiere beraubte, und Du dadurch die Geheimniſſe des Erzherzogs ſelber gefährdeteſt? Fürchte nichts, mein Vater, ſagte Camilla lächelnd. Ich werde die Papiere nicht mit mir nehmen, ich werde die Geheimniſſe des Erzherzogs nicht gefährden. Sie bleiben hier zurück, hier in dieſem Zimmer, und Niemand wird ſie hier entdecken. Du biſt deſſen ganz gewiß? Nimm an, unſere Sache mißglückte, der Aufſtand würde nieder⸗ geſchlagen. Sicherlich wird alsdann der Kaiſer Franz Vater? fragte ſie erſtaunt. hat es mir ge⸗ Dich. Aber ich, in der That im Stan Camilla, 314 uns Alle desavouiren, und um ſeine Unkenntniß der ganzen Sache zu bethätigen, uns Alle zur Unterſuchung und Strafe ziehen. Man wird dann Häſcher in dieſe Wohnung hier ſenden, um ſich meiner Papiere zu bemächtigen. Werden dieſe Häſcher, wenn ſie hier Alles durchſpähen, Dein Verſteck nicht entdecken, die Papiere des Erzherzogs nicht auffinden? Nein, entgegnete Camilla, nein, ſie werden es nicht entdecken, ſie werden die Papiere nicht auffinden. Nur ein Verräther könnte ſie darauf leiten, und dies iſt unmöglich, denn Niemand außer mir kennt den Ort, wo ich ſie verborgen habe. Ein Zufall ließ mich ſelber dieſen Verſteck auffinden, den vielleicht einſt vor vielen Jahren ein Geizhals, der um ſeine Schätze bangte, ſich hat einrichten laſſen. Vor vielen Jahren, ſage ich, denn ſeit langer Zeit iſt er nicht gebraucht, die Maſchinerie knarrte auf ihren verroſteten Angeln, und Alles war mit Staub und Spinneweben bedeckt. Jetzt habe ich Alles wieder hergerichtet, und die Papiere ſind da ſo ſicher geborgen, daß Niemand ſie ver⸗ muthen kann. Nun, wenn das iſt, bin ich zufrieden, und mein Herz iſt von einer drückenden Laſt befreit. Aber ſag', Camilla, wirſt Du Deinem Vater verweigern, was ntniß der terſuichung in dieſe apiere zu ſie hier ecken, die herden e auffinden. und dies ennt den fall ließ icht einſt Jahren, ebraucht Angeln, 1 bedeckt Papiexe ſie vet⸗ nd mein ber ſag en, was 315 Du dem Erzherzog Johann bewilligt haſt? Iſt in Deinem Verſteck nicht auch Raum für meine Papiere und Documente, und für die wenigen Koſtbarkei⸗ ten, die mir von unſerm früheren Reichthum geblie— ben ſind? Es iſt Raum darin noch für Vieles, milla lächelnd, und es verſteht ſich, daß wir auch Deine Schätze und Geheimniſſe ſicher darin bergen. Ich hoffte darauf, und habe deshalb Alles, was Kaſten zuſammengethan, ſagte Ca⸗ ich retten möchte, in einem den ich jetzt holen will. Er nickte ſeiner Tochter zu und verließ dann eilig das Zimmer, um ſchon nach wenigen Minuten ſchwer belaſtet mit einer eiſernen Caſſette wieder einzutreten. Da iſt Alles, was ich habe, ſagte er keuchend, in⸗ dem er die Caſſette auf den Tiſch ſetzte. Wirſt Du Raum haben für dieſen Kaſten? Ja, gewiß, ich kann ihn unterbringen. Geh' alſo, lieber Vater, geh', daß ich Dein Geheimniß ſogleich verberge. Wie? fragte Roſchmann befremdet. mir ſelber willſt Du es verbergen? Sogar ich ſoll den Ort nicht kennen, wo Du meine Papiere ver⸗ birgſt? Sogar vor ——,—— —— 316 Ich habe geſchworen, Niemanden mein Geheim— niß mitzutheilen, flüſterte Camilla leiſe. Niemanden, auch Deinem Vater nicht? fragte er vorwurfsvoll. Oh Camilla, das iſt alſo das Ver⸗ trauen, die Liebe zu Deinem Vater? Du mißtraueſt mir noch immer? Du hältſt mich für fähig, daß ich meinen theuerſten Freund, meinen Wohlthäter ver⸗ rathe? Du mißtraueſt Deinem Vater, Camilla? Nein, rief ſie gerührt, außer ſich gebracht von dem ſchmerzlichen Beben ſeiner Stimme, von dem traurigen Ausdruck ſeiner Miene, nein, ich mißtraue Dir nicht, mein Vater, ich liebe Dich, ich vertraue Dir, und ich will Dir einen Beweis davon geben. Komm, mein Vater, nimm die Caſſette, Du ſelbſt ſollſt ſie in den Verſteck tragen. Sie flog durch das Zimmer, nach der Vertiefung des einen Fenſters hin, und blieb dann ſtehen neben dem breiten Spiegelpfeiler, zwiſchen den beiden Fenſtern, an dem ein koſtbarer venetianiſcher Spiegel, faſt die ganze Breite des Pfeilers einnehmend, ſich be⸗ fand. Ihr Vater folgte ihr mit ſeiner eiſernen Caſſette im Arm und ſtand jetzt dicht neben ihr. Nun gieb Acht, ſagte ſie lächelnd, und wenn viel⸗ leicht der Zufall es fügen ſollte, daß in den Kriegs⸗ Geheim⸗ fragte er das Ver⸗ mißtraueſt g daß ich zäter ver⸗ nilla? racht von von dem mißtraue, vertraue en geben. du ſelbſt gertiefung geben dem Fenſtern, egel, faſt ſich be⸗ Caſſette enn viel⸗ m Kriegẽ⸗ 317 und Aufruhrtagen in Tyrol irgend eine Kugel mich treffen und mir den Tod geben ſollte, ſo iſt dies Ge⸗ heimniß mein Vermächtniß, das Du dem Erzherzog Johann mittheilen ſollſt. Gieb Acht, mein Vater, und ſchau hieher! Sie ſchob ihren ſchmalen weißen Finger hinter den Spiegel und legte ihn jetzt auf einen der kleinen goldenen Sterne, die hier wie ringsum an den Wän⸗ den zur Befeſtigung der dunkelrothen Seidentapete angebracht waren. Nun drückte ſie tief und lange auf dieſen Stern. Ein leiſes Knarren und Schnurren ward hörbar, dann wie von unſichtbaren Händen emporgehoben, ſtieg aus dem Täfelwerk des parquet⸗ tirten Fußbodens eins der eingelegten Vierecke empor und blieb dann einer aufgerichteten Fallthüre gleich ſtehen. Unter demſelben befand ſich indeß eine weiße Holzfläche, feſt und fugenlos, als wäre ſie nur die Fortſetzung eines Fußbodens, der ſich unter dem Par⸗ quet hinziehe. In der Mitte dieſer Holzfläche nur gewahrte man eine kleine meſſingne Platte, ein wenig über der Fläche emporſtehend. Drücke an der Platte, ſagte Camilla lächelnd. Roſchmann that es, und ſofort hob ſich die Holz⸗ fläche empor, und unter derſelben ward ein großer 318 ner Kaſten ſtand. Roſchmann bückte ſich nieder, um den Deckel empor zu heben, aber ſein Bemühen bliebfruchtlos. Der Kaſten iſt verſchloſſen, ſagte er. Ja, lächelte Camilla, aber der Schlüſſel ſtak im Schloſſe, als ich den Verſteck entdeckte. Ich habe viele Stunden arbeiten und mich bemühen müſſen, ehe es mir gelang, den Kaſten zu öffnen, denn es iſt ein gar künſtliches Schloß, aber jetzt kenne ich ſein Geheimniß. Den Schlüſſel trage ich ſeitdem immer bei mir, und nur mit meinem Leben werde ich mich von ihm trennen. Sie kniete neben ihrem Vater am Rand der Oeff⸗ nung nieder, und aus ihrem Buſen einen kleinen ſelt⸗ ſam gewundenen Schlüſſel ziehend, der an einer gol⸗ denen Kette ihr um den Hals hing, ſteckte ſie den⸗ ſelben in das Schloß des Kaſtens, und drehte ihn einige Male hin und her. Nun flog der Deckel auf, und ein großer Raum ward ſichtbar, in welchem ſich in— deſſen Nichts befand, als ein ziemlich großes verſchloſſe⸗ nes Portefeuille. Das ſind die Papiere des Erzherzogs, ſagte Ca⸗ milla, auf dies Portefeuille hindeutend, ſtelle nun Deine Caſſette daneben, und laß uns eilig das Geheimniß wieder verhüllen. Ich möchte ſelbſt die Wände nichts viereckiger Raum ſichtbar, in welchem ein großer eiſer⸗ roßer eiſer⸗ er, um den bfruchtlos. ſt ein gar zeheimniß. mir, und m trennen. der Oef⸗ inen ſelt⸗ einer gol⸗ ſie den⸗ ihn einige auf, und n ſich in⸗ erſchloſſe⸗ zeheimih ne nicht 319 davon ſehen laſſen, denn es könnte ſein, daß ſie nicht bloß Ohren ſondern auch Augen haben. Das ſind die Papiere des Erzherzogs, rief Roſch⸗ mann mit lautem, triumphirendem Ton, und mit bei⸗ den Händen packte er das Portefeuille und hob es em⸗ por. Aber ſofort legten ſich Camilla's Hände auf ſeine Arme, und hielten ihn zurück. Was willſt Du mit dem Portefeuille? fragte ſie bleich und mit bebenden Lippen. Was ich damit will? erwiederte er mit einem höhni⸗ ſchen Lachen. Ich will Dich der Mühe überheben, es auf⸗ zubewahren, ich weiß einen Verſteck, der noch ſicherer iſt, als dieſer hier. Laß meine Hände los, Camilla, oder ich gebrauche Gewalt. Aber ſie klammerte ſich nur feſter an ſeine beiden Arme an, er verſuchte vergeblich ſich von ihr frei zu machen, ſie zurückzuſtoßen. Er ſprang, das Por⸗ tefeuille mit beiden Händen haltend, empor, aber ſie, faſt an ſeine Arme gekettet, hob ſich mit ihm aufwärts, und hielt ihn immer noch gepackt, indem ſie ihn an— ſtarrte mit großen flammenden Augen, mit todesblei⸗ chem, entſetztem Angeſicht, als ſähe ſie da vor ſich ein Geſpenſt, vor dem all' ihr Blut zu Eis erſtarrt ſei.— 320 Was willſt Du mit dem Portefeuille? fragte ſie noch einmal mit heiſerer flüſternder Stimme. Er lachte wieder. Ich will es gebrauchen, wozu es gut iſt, ſagte er. Sei vernünftig, Camilla, gieb meine Arme frei, ich warne Dich zum letzten Mal, gieb meine Arme frei, oder ich gebrauche Gewalt. Thue es, ſagte ſie energiſch, tödte mich, aber ſo lange ich lebe, ſollſt Du dieſe Papiere nicht bekommen, denn ich habe geſchworen, ſie treu zu bewahren. Weiberſchwur! rief er höhnend. Ein Thor, der auf Weiberſchwur baut. Du willſt es nicht anders! Nun ſo habe Deinen Willen! Und mit aller Kraft ſeiner mächtigen Arme ſchleu⸗ derte er ſie zurück, und ſprang dann von ihr fort. Sie taumelte rückwärts, und fiel mit einem dumpfen Schrei zur Erde nieder. Ihr Kopf ſchlug hart und ſchwer auf die ſcharfe Ecke eines Stuhls und ihre Stirn ward verletzt, daß ſofort das Blut aus der Wunde hervorquoll. Du haſt es nicht anders gewollt, ſagte Roſchmann düſter. Ich mußte die Papiere haben und jetzt iſt es gut. Er nickte ihr zu, und wandte ſich nach der Thür hin. Aber Camilla flog empor, zornig, wie eine Lö⸗ ill? fragte ſie timme. ebrauchen, wozu „Camillg, gieb m letzten Nal, che Gewalt. mich, aber ſo nicht bekommen, bewahren. Ein Thor, der nicht anderd! in Arme ſchleu⸗ von ihr folt. einem dumpfen ſchlug hart und und ihre S Stirn zus der Punde tte Roſchmann n u jet zt i 1 nach der Thüt „ eine , wie el — 21 2 3 win ſprang ſie durch das Zimmer, und ſtellte ſich mit ausgebreiteten Armen vor die Thür hin. Wage es mich zu berühren, und ich ſchreie um Hülfe, rief ſie drohend. Thue das, ſagte er gelaſſen, und wenn die Men⸗ ſchen herbei kommen, ſo erſuche ich ſie, einen Polizei⸗ Commiſſarius zu holen, und dem übergebe ich dann dieſe Papiere, damit er ſie zu dem Grafen Metter⸗ nich trage. Camilla ſtieß einen lauten Schmerzensſchrei aus, daß ſelbſt Roſchmann's Herz bewegt ward, und ſeine Wange erbleichte. Sei vernünftig, Camilla, ſagte er faſt bittend, laß uns hier keine romantiſchen Scenen ſpielen, ſondern füge Dich der Nothwendigkeit. Es war für mich durchaus nothwendig dieſe Papiere zu haben, da ich aber wußte, daß Du ſie mir nicht freiwillig geben würdeſt, ſo mußte ich wohl zu einer kleinen Liſt meine Zuflucht nehmen, und mir den Anſchein geben, als wolle ich ſelber von dieſem ſchönen Verſteck profi⸗ tiren. Du willſt ihn alſo verrathen? fragte ſie tonlos. Willſt ſeine Papiere dem Grafen Metternich geben? Nein, ich will ſie dem Kaiſer geben, ſagte er ru— Mühlbach, Erzh. Johann u. Metternich. II. 21 322 hig, ich will Tyrol, ich will den Erzherzog retten, indem ich dieſe Revolution verhindere, von der ich über⸗ zeugt bin, daß ſie keinen Erfolg haben wird, daß ſie Tyrol nicht frei macht, den Erzherzog aber ins Ver⸗ derben ſtürzen wird. Ich liebe den Erzherzog und ich will ihn erretten.. Du lügſt! ſchrie ſie entſetzt. Ich leſe es auf Deiner Stirn, Du lügſt! Du willſt Johann verrathen, wie Du meine Mutter verrathen haſt. Oh, Gott, Gott, es iſt alſo dennoch wahr, mein Vater iſt ein Ver⸗ räther! Nun ja denn, rief er ingrimmig, ja, er iſt ein Verräther! Er hat Deinen herrlichen Liebhaber, den empfindſamen Tugendhelden Johann verrathen, er will ſeine Papiere dem Kaiſer übergeben. Still, winſele nicht, und ſchreie nicht, Du ſollſt die Wahrheit wiſſen! Ja, ich bin ein Verräther, und ich habe die Geheim⸗ niſſe des Erzherzogs Johann verkauft an ſeine Feinde. Wehe über Dich, daß Du das ſagen kannſt, wehe über mich, daß ich es hören muß, ſchrie ſie, verzweiflungs⸗ voll die Hände ringend. Ich habe ihn verkauft, fuhr Roſchmann düſter fort. Die Noth zwang mich dazu. Du weißt, wie damals in Traiskirchen meine Gläubiger über mich herzog retten, nder ich über⸗ wird, daß ſie abet ins Ver⸗ Erzherzog und es auf Deiner verrathen, wie 1 Gott, Gott, iſt ein Ver⸗ ja, et iſt ein iebhaber, den athen, er will Still, winſel ahrheit wiſin die Gehein⸗ ſeins Feinde mkannſt wah verzweifunge hmann diſie Du weißt, ti dt über m ger u ———— 2 ———QO.O—ñ——ꝭ——˖O·—— 323 herfielen, wie ſie mein Hab' und Gut pfänden, mich ſelbſt in's Schuldgefängniß führen wollten. Grade in meiner höchſten Noth ſandte Gott oder der Teufel, gleichviel wer, den Freund, der mich erretten ſollte. Hudeliſt kam, er hörte von meiner Noth, er verſprach nicht allein mich zu retten, ſondern auch zu einem reichen, angeſehenen Manne mich zu machen, wenn ich ein Werkzeug ſeiner Pläne ſein wollte. Ich war in Noth und Verzweiflung, der Verſucher lockte mich mit Gold und Ehren,— ich gab mein Wort, ihm zu dienen, ſeine Pläne auszuführen, und er erlöſete mich dafür aus den Händen meiner Gläubiger, er that mehr, er erlöſete mich von der Schande und Schmach. Denn, um Dir die Wahrheit zu geſtehen, ich hatte in meiner Verzweiflung falſche Wechſel ge— macht, und ſie befanden ſich in Hudeliſt's Händen. Wenn er wollte, konnte er mich verderben, aber er zog es vor, großmüthig zu ſein. Er gab mir die Wechſel zurück und ich— Und Du verkaufteſt ihm dafür Deine Seele? unter⸗ brach ihn Camilla. Ich ward dafür ſein Freund, ſein Vertrauter, der Genoſſe ſeiner Pläne. Ich theilte ſeine Politik und machte mich zum Werkzeug derſelben. Herr von 21* 324 Hudeliſt iſt eins der Häupter der franzöſiſchen Partei, folglich bin ich auch franzöſiſch geſinnt, und muß Alles in Bewegung ſetzen, unſerer Partei den Sieg zu verſchaffen, die antifranzöſiſche Partei zu vernichten. Der Erzherzog Johann gehört zu dieſer, und um das dem Kaiſer zu beweiſen, muß er dieſe Papiere bekommen. Sei vernünftig, Camilla, füge Dich in das Unvermeidliche, entſage den phantaſtiſchen Plänen, die Dich mit dem Erzherzog verbinden, theile mit mir mein Leben, und ich verſpreche Dir, unſere Zu⸗ kunft ſoll glänzend und ſchön ſein. Sie ſchüttelte nur verächtlich das Haupt, und noch immer vor der Thür ſtehend, lehnte ſie beide Hände auf die Schultern ihres Vaters, und ſah ihn an mit einem Ausdruck angſtvollen Flehens. Gieb mir die Papiere zurück, ſagte ſie, oh ich beſchwöre Dich, gieb ſie mir zurück, und Alles, was Du jetzt geſagt haſt, ſoll vergeſſen ſein. Ich will nichts gehört, nichts begriffen haben, nie ſollen meine Lippen ein Wort davon verrathen. Gieb mir die Papiere, und ohne Klage und ohne Vorwurf gehe ich noch heute von dannen, kehre heim nach Tyrol zu meinen Freunden, um Theil zu nehmen an dem zu m ſchen Partei und muß den Sieg zu vernichten. er, und um ieſe Papiere ge Dich in chen Plänen, theile mit unſere Zu⸗ Haupt, und ite ſie beid und ſeh ihn 36. ſe, oh ih 6 Alles, wa Ich will ſollen meine heb m orwutf gehe nuch Thxal nen an dem ir die 325⁵ heiligen Kampf, oder in ein Kloſter mich zurück zu ziehen. Die Papiere bleiben mein! rief er haſtig. Ich muß ſie haben, um Beweiſe zu liefern. So ſei Gott Dir und mir gnädig und richte zwiſchen uns, rief ſie, und die Thür haſtig öffnend, ſtürzte ſie in raſender Eile hinaus, flog ſie wie ein Pfeil über den Corridor und die Treppe dahin. Aber eben ſo raſch war ihr Vater hinter ihr her. Jetzt, auf der unterſten Stufe der Treppe erfaßte er ſie, packte er ihren Arm und zwang ſie zu ſtehen. Laß mich los, ſchrie ſie, bemüht, ſich ihm zu ent— winden. Wohin willſt Du gehen? Was willſt Du thun? Laß mich los, wiederholte ſie, mit ihm ringend. Ich muß zu ihm, ich muß ihn warnen, ihn retten. Roſchmann ſtieß einen Schrei aus, und ehe ſie es hindern konnte, ſie mit ſeinen beiden kräftigen Armen umfangend, hob er ſie empor, trug ſie die Treppe hinauf und zurück in ihr Zimmer. Dann ließ er ſie los, und ſchloß die Thür hinter ihr ab. Nun trat er dicht zu Camilla hin, die bleich, einer Ohnmacht nahe, auf einem Seſſel niederge⸗ ſunken war. 326 Du willſt zu ihm hin, zum Erzherzog Johann? fragte er langſam. Du willſt ihn warnen? Das heißt, Du willſt die Mörderin Deines Vaters werden? Sie ſchreckte zuſammen, und ſchaute mit ent⸗ ſetzten Blicken zu ihm empor. Ja, die Mörderin Deines Vaters, wiederholte er. 39 Ein Wort, eine Warnung von Dir, und es iſt um mein Leben geſchehen. Wir haben geſchworen, daß derjenige, welcher die Geheimniſſe unſers Bundes verrieth, welcher auch nur ein Wort derſelben Andern mittheilte, des Todes ſterben ſollte, daß kein Er⸗ barmen geübt werden dürfte, daß Jeder verpflichtet ſei, um der Sache willen, der wir dienen, den Ver⸗ räther zu tödten. Gehe alſo hin, warne den Erz⸗ herzog Johann, ſage ihm, daß Dein Vater ein faux frère in dem Bunde, ein Verräther iſt, und Hor⸗ mayr wird noch dieſe Nacht Hände finden, welche — mich ermorden, ſei's auf der Straße, oder in meinem Bett! Entſetzlich! ſchrie Camilla verzweiflungsvoll. Ach 5 Gott, Gott, habe Erbarmen mit mir! Sende mir 6 den Tod, daß er mich befreie von dieſer Qual! Habe 1 Erbarmen und erleuchte mein Herz, daß es erkennen mag, was ich thun ſoll. g Johann? nen? Das ts werden? e mit ent⸗ derholte er. des iſt um woren, daß ts Bundes ben Andern kin Er⸗ verpflichtt den Ver⸗ den Etz⸗ er ein faux und Hor⸗ den, wilhe in meinem zevol 3ch Fonde mil Send dual! bib es ekknen 327 Was Du thun ſollſt? rief ihr Vater. Schweigen ſollſt Du und Dich unterwerfen. Eingedenk ſollſt Du ſein Deſſen, was Dir Deine ſterbende Mutter befohlen hat. Gehorchen ſollſt Du dem Befehl Deiner Mutter, damit Du ihres Segens theilhaftig werdeſt. Erinnere Dich, daß Du mit heiligem Schwur gelobt haſt, dieſem letzten Befehl Deiner Mutter zu gehorchen, ſo lange Du lebſt. Thue jetzt Deine Pflicht, und erfülle Deinen Schwur! Ach meine Mutter, meine Mutter, rette mich, nimm mich zu Dir! rief Camilla, ihr bleiches Antlitz nach dem Bilde ihrer Mutter hinwendend, und die Arme zu ihm emporſtreckend. Wie lautete der Befehl Deiner Mutter? fragte Roſchmann ſtreng. Wiederhole mir ihr Wort. Im Namen Deiner Mutter fordere ich es von Dir. Camilla faltete ihre Hände und ſchaute zu dem Bilde empor.„Ich befehle Dir, ſagte ſie mit zittern⸗ der Stimme, ich befehle Dir Deinen Vater zu lieben, ihm anzuhängen, ihm treu zu ſein, ihm zu dienen und ihm gehorſam zu ſein in allen Dingen. Nur wenn Du dies thuſt, wird der Segen Deiner Mutter mit Dir ſein“. —— 328 Haſt Du geſchworen, dieſen Befehl Deiner Mutter zu erfüllen? Ja, hauchte ſie leiſe, ich habe es geſchworen! Nun alſo, erfülle Deinen Schwur! Liebe mich, ſei mir treu und gehorſam in allen Dingen, damit der Segen Deiner Mutter mit Dir ſei. Aber wenn Du es nicht willſt, wenn Du den Fluch der Heiligen, die in dieſer Stunde bei uns iſt, auf Dein Haupt herabrufen willſt, nun wohl, ſo gehe hin, warne den Erzherzog, verrathe mich, und über Dein Haupt komme das Blut Deines Vaters, und der Fluch Deiner Mutter! Nein, nein, ich gehorche! rief Camilla. Ich ge⸗ horche dem Befehl meiner Mutter! Du willſt alſo ſchweigen? Willſt mich dem Erzherzog nicht verrathen? Nein, ich will ſchweigen. Schwöre es mir bei dem Andenken an Deine Mutter. Erhebe Deine Augen zu ihrem Bilde, ſei eingedenk des Befehls der Sterbenden, erhebe Deine Hand zum Schwur und ſprich die Worte nach, die ich Dir ſagen will. Und Camilla that wie er geboten, ihre glühenden weitgeöffneten Augen waren ſtarr auf das Bild ihrer ner Mutter oren! iebe mich, gen, damit Aber wenn tHeiligen, ein Haupt warne den in Haupt der Fluch 3 gxe⸗ mich dem an Deine Bilde, ſei hebe Deine nach, die gluhenden Bild ihrer 329 Mutter gerichtet, ſie hob die Rechte wie zum Schwur, und ſagte tonlos: ſprich! Roſchmann ſagte langſam und feierlich:„Ich ſchwöre bei Allem, was mir heilig iſt, bei dem Geiſt meiner Mutter, daß ich meinen Vater mit keiner Sylbe, keiner Andeutung verrathen will, daß mir ſein Geheimniß heilig ſein ſoll, und ich, ſo lange ich lebe, zu keinem Menſchen darüber ſprechen will. Ich ſchwöre, daß ich meinem Vater gehorſam ſein will, daß ich ihn niemals anklagen und verrathen will, ſo wahr ich hoffe ſelig, und des Segens meiner Mutter theilhaftig zu werden. Ich ſchwöre beim Geiſt meiner Mutter, daß demzufolge niemals der Erzherzog erfahren ſoll, daß mein Vater ſeine Papiere an ſich genommen. Ich ſchwöre, daß ich lieber ſterben, als meinen Vater verrathen will! Und langſam und feierlich, mit erhobener Hand, die Augen unverwandt auf das Bild ihrer Mutter ge⸗ richtet, wiederholte Camilla die Worte ihres Vaters. Dann, als er ſchwieg, ließ ſie langſam ihre Hand ſinken, ihre Augen glitten nieder vor dem Bilde, das wie in Thränen zu lächeln ſchien, und hefteten ſich mit einem wunderbaren, ſeltſamen Ausdruck auf ihren Vater. ———— 330 Ich ſchwöre, daß ich lieber ſterben, als meinen Vater verrathen will, wiederholte ſie noch einmal feierlich, dann mit einem lauten Aufſchrei ſank ſie bewußtlos zuſammen.. Herr von Roſchmann, ohne weiter auf ſie zu achten, eilte zu dem Verſteck hin, ſchob mit haſtigen Händen die Caſſette hinein, ſchloß den Deckel, und ließ die Maſchinerie ſpielen, daß das Parquet ſich wie⸗ der zuſammen ſchloß. Dann mit dem Portefeuille in der Hand näherte er ſich Camilla, die noch immer am Boden lag, und beugte ſich zu ihr nieder, ſie aufmerkſam be⸗ trachtend. Sie iſt nur ohnmächtig, ſagte er. Sie wird ſich erholen. Ich habe nicht Luſt, bei ihrem Er⸗ wachen zugegen zu ſein! Er nickte ihr mit einem hämiſchen Lächeln zu, und verließ, mit dem Portefeuille im Arm, das Gemach. Ende des zweiten Theils. —.f-— Druck und Verlag von Otto Janke in Berlin. s meinen h einmal ſank ſie uf ſie zu t haſtigen und lie ſih wie⸗ nd näherte zoden lag, 4 erkſam be⸗ Sie widd arem Er⸗ eicn ua 1 Arm, das —Qꝗʒᷓ — —— 30 3 8 — A Solour& Grey Control Chart Cyan Green vellow Hed Magenta