— A deutſcher, engliſcher und ranzöſiſcher Literatur zöfiſch von. Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und Aeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr ffen. 5 2. Lesepreis. Bei 9 gabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 8. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: — —*— C auf 1 Monat: 1 Mk. If. Mh, 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 1 „ 2 5 2„—„ 3 4„ 5. Auswärtige Abonnenten haben fur Hin⸗ und Zurückſendung der Bucher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſo rgen. 6. Schadenersatz. 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Da⸗ mals war er noch Allen voraus geweſen und hatte keine Müdigkeit verſpürt. Jetzt mußte er mitten in der Arbeit aufhören, um einmal„auszuſchnaufen“.„Das Alter kommt ſonderbar raſch, wie über Nacht“ ſagte er. Der Diehls⸗Vetter ſaß ein wenig abſeits vom Acker auf dem Feldrain am Wald. Dort war er den Leuten aus dem Wege und ſaß weich und gut auf dem duftigen Thymianraſen und zugleich kühl durch den Schatten, den die hochſtämmigen Buchen verbreiteten. Behaglich ſtopfte er ſich ſeine kurze hölzerne Pfeife, die er ſelten aus dem Munde ließ und zündete ſie an. Dann warf er, den Rauch mit Genuß vor ſich hinblaſend einen Blick der Befriedigung auf die luſtig vorwärts ſchrei⸗ tende Arbeit ſeiner Leute und ſagte mit ſeiner ruhigen, tiefen Stimme:„Das geht glatt“. „Glatt“ war der Lieblingsausdruck des alten„Diehls⸗ Vetter“ und bedeutete ihm Mancherlei. „Glatt“ ging Etwas, wenn ſeine Pläne den richtigen Fortgang und guten Erfolg hatten, wenn in dem Hausweſen und in der Arbeit beſtimmte Ordnung, Regelmäßigkeit und feſtes Ineinandergreifen herrſchte, wenn Wetter, Preiſe oder die großen Weltereigniſſe günſtig ausfielen oder wie er ſelbſt ſich ausdrückte, wenn Alles„paſſte“,„klappte“ und„ritſchte“. Glatt war Etwas, wenn Alles Unebene geebnet war, aller Groll und alle Feindſchaft ausgeglichen, die Mißver⸗ ſtändniſſe aufgehoben, die Dunkelheiten erhellt, die Aufgaben gelöſt, die Schuld bezahlt, die Schwierigkeit beſeitigt, oder wie ſeine Auslegung lautete:„wenn Alles war wie ein richtig geſchmiertes Butterbrod“. Er liebte außerordentlich ſolche„glatte“ Verhältniſſe und„glatte“ Rechnung mit Gott und den Menſchen. Seine Haupttugenden waren darum: Ordnungsſinn, Gewiſſenhaf⸗ tigkeit, Aufrichtigkeit und Thätigkeit. Daß natürlich im Leben nicht immer Alles„paßte“, „klappte“ und„ritſchte“, und nicht alle Verhältniſſe einem „glatt geſchmierten Butterbrode“ glichen, hatte er genugſam erfahren und erfuhr es noch täglich. Ging es doch in ſeinem eigenen Hausweſen ſelten„glatt“ her und hatte er Widerwärtigkeiten genug. Unter den einzelnen Familiengliedern vermochte der alte Mann vielleicht nur allein mit ſeiner Schwiegertochter — zu harmoniren. Die Anderen verſtanden ihn nicht oder wollten ihn nicht verſtehen. Doch hatte der alte Mann trotz ſeiner ſchlimmen Er⸗ fahrungen und ſeines Alters— er war ein ſtarker Sech⸗ ziger— ſich eine beſondere Geiſtesfriſche und vor Allem ein unbedingtes Gottvertrauen bewahrt. Der Diehls⸗Vetter war ein wohlſtehender Bauer drun⸗ ten in der„Wiegenau“, wie Dorf und Landſchaft zugleich genannt wurden und war vollſtändig nach„Wiegenauer Tracht“ gekleidet. Das heißt, er trug friſch gewaſchene blauleinene Hoſen und ein blauleinenes Wamms, keine Weſte, ſondern ein offenes ungeſtärktes, aber blüthenweißes Hemd mit liegendem Kragen, aus deſſen Oeffnung eine behaarte Bruſt ſichtbar wurde. Die Füße ſtacken in ein Paar ſchwe⸗ ren, rindsledernen Schuhen und ſein krauſes, aber eisgraues Kopfhaar war mit einer gewobenen Zipfelmütze bedeckt. Die Wiegenau nannte man darum wohl das ſehr fruchtbare, bald enge, bald breitere, von einem Bach durch⸗ floſſene Thal, weil es mit ſeinen niedrigen Seitenwänden von oben betrachtet eine wirklich überraſchende Aehnlichkeit mit einer Wiege hatte. Der himmelhohe, kegelförmige Berg aber, der das Thal von Norden her beherrſchte und der oft eine ſtarke Nebelhaube trug, konnte bei einiger Einbil⸗ dungskraft für die bei der Wiege ſitzende Großmutter gelten. Das Dorf jedoch, das mitten im Thale hell und freund⸗ lich aus den umgebenden Gärten und Obſtbäumen hervor⸗ glänzte, war dann das Kindlein in der Wiege. Der„Diehls⸗Vetter“ beobachtete auf ſeinem duftigen Thymian⸗Seſſel ſitzend, wo er die ganze reizende Gegend überſchauen konnte, kopfſchüttelnd das Wetter. Es wollte ihm daſſelbe gar nicht gefallen. Eine Todtenſtille herrſchte in der Natur. Höchſtens daß noch hier und da auf dem Rain eine Feldgrille ſchläfrig ihr zirpendes Liedchen ſang und eine Honig naſchende Hum⸗ mel den Paß dazu brummte. Der Wald ſchwieg und das Feld ſchwieg. Kein Grashalm nickte und kein Baumblatt läutete hin und her. Dagegen war die Luft ſchwer und heiß bis zum Sengen und Brennen. Auch die Arbeiter ſpürten den Druck der Schwüle. Die Scherze und neckenden Zurufe verſtummten. Man warf ärgerlich die noch entbehrlichen Kleidungsſtücke hinweg und wiſchte den in Strömen rinnenden Schweiß vom Ge⸗ ſichte. Der große, ſteinerne Waſſerkrug, der voll mit Eſſig gemiſchten Waſſers in einer Erdgrube ſtand, war in ſtändiger Benutzung. Ein Gewitter iſt im Anzuge, war die allgemeine Anſicht. Bergkegel herauf, der im Norden das Thal abſchloß. Doch waren die Wolkenballen maſſiger und dunkler, wie gewöhnlich. „Das wird ein ſchweres Wetter werden, ſagte der „Diehls⸗Vetter“ vor ſich hin, und läuft nicht„glatt“ ab“. Siehe da ſtieg es auch ſchon ſchwarz hinter dem hohen — — Bei dieſen Worten horchte er auf ein übermüthiges Johlen und Singen, das im nahen Walde laut wurde. Durch den Wald her, den Berg herab zog ſich die Land⸗ ſtraße dicht an ſeinem Acker vorbei dem Thale zu. Ein Taglöhner, der eben Waſſer getrunken hatte, ſchritt neugierig bis an den Rand des Ackers vor, um auf der dort weithin ſichtbaren Straße nach den luſtigen Sängern auszuſchauen. Nachdem er, um beſſer zu ſehen, mit der Hand die Augen überſchattet hatte, rief er nach dem Rain hinüber:„Diehls⸗Vetter, Diehls⸗Vetter!“ Da kommt ja Euer„Kleiner“ her und hat noch zwei luſtige Brüder bei ſich“. Der Diehls⸗Vetter ſprang überraſcht auf. Aber ſeine Ueberraſchung über die unvermuthete Ankunft ſeines jüngſten Sohnes war keine freudige zu nennen, ſondern eher eine höchſt unangenehme. Denn ſeine Mienen drückten Unmuth und Beſorgniß aus, während er in den Bart brummte: „Was wird denn jetzt wieder der Bengel angeſtellt haben? Glatt iſt es nicht— glatt iſt es nicht. Das weiß ich ſchon“. So ſchnell der Diehls⸗Vetter aufgeſprungen war, ſo langſam und bedächtig ſchritt er nach der Ecke hin, wo die Straße aus dem Walde hervorkam, während ſämmtliche Arbeiter in ihrer Arbeit aufhörten und voll Neugierde ſpannten, was es da unten geben würde. Faſt gleichzeitig mit dem Diehls⸗Vetter kamen auch die ſchon angekündigten„luſtigen Brüder“ an der Waldecke an. Des Diehls⸗Vetters Kleiner ging in der Mitte. Er hatte ſein noch gar winziges Schnurrbärtchen an den Spitzen angefeuchtet und in die Höhe gedreht. Seine Mütze ſaß ſchief auf dem Kopfe oder wie man in der Wiegenau ſagte: auf„Krakehl“. In dem Munde baumelte ihm eine kurze Pfeife, ein ſogenannter Schwanenhals mit einem bunten Bildchen darauf. Mit beiden Armen führte er ſeine beiden Kameraden und wollte eben mit ſeiner durch Trinken, Singen und Hitze völlig heißeren Stimme einen neuen Gaſſenhauer beginnen, als ſein Vater unerwartet vor ihm ſtand. Die Verlegenheit des jungen Bürſchleins, das eben noch ſo luſtig gekräht hatte, als wenn die ganze Welt ihm gehöre, war groß. Nachdem er treulos die Arme ſeiner Genoſſen hatte fallen laſſen, ſuchte er vorerſt ſeinen ſchön gemalten Schwanenkopf zu verbergen und dann ſeiner Mütze und ſeinem Schnurrbärtchen eine etwas anſtändigere Stellung zu geben. Er machte dabei ein erſchreckliches Armſündergeſicht. Der alte Diehls⸗Vetter fragte im ſtrengſten Ton: „Wo kommſt du her Schlingel? Haſt du Erlaubniß von deinem Meiſter?“ Da des Diehls⸗Vetters Kleiner immer noch wie ein verſchüchtertes Hühnchen daſtand, ergriff ſtatt ſeiner Einer der Freunde das Wort. Es war der Altgeſelle in ſeines Meiſters Geſchäft, ein ſchon ziemlich verlebter Burſche mit einem höhniſchen Zuge in ſeinem bartloſen Geſichte. Er —— — — ſagte mit der präciſen norddeutſchen Betonung des„S“: „Wir Bäckergeſellen in der Stadt ſtreiken“. „So““? ſagte der alte Diehls⸗Vetter in voller Wuth (er war dieſen krankhaften Auswüchſen und Erſcheinungen unſerer Zeit, von denen er ſchon genügend gehört und geleſen hatte, im Grunde ſeiner Seele abhold).„Alſo die Bäckergeſellen in der Stadt ſtreiken? Das heißt wohl auf deutſch nichts anders, als:„Die Bäckergeſellen in der Stadt wollen einmal eine Zeitlang faulenzen und lumpen und die ehrlichen Leute ſollen es hernach bezahlen?“ „Wir haben unſern Grund zum Streiken“ ſagte unwirſch der Altgeſelle. „Aha!“ erwiederte in beißendem Spott der Diehls⸗ Vetter.„Den Herrn Bäckergeſellen iſt es hinter den Back⸗ öfen bei dem ſchwülen Wetter ſicherlich zu heiß geworden und haben Durſt bekommen, oder iſt ihnen zu wohl und wollen, wie in anderen Städten, um nicht zurückzuſtehen, auch einmal das Heldenſtücklein des Streikens probiren? Grund?— Grund?— Reiner Muthwillen iſt es, denn die Noth kann euch bei Eurem hohen Lohn nicht treiben. Reiner Muthwille iſt es, daß Ihr armen Leuten das Brod vertheuert. Die, die Euer Streiken treffen ſoll, trifft es gar nicht. Eure Meiſter trifft es nicht. Das ſind Schlauköpfe. Was Ihr ihnen an höherem Lohn abgezwacket, das ſchlagen ſie einfach auf das Brod und vielleicht noch mehr. Man ſagt ſogar, Manche wären froh über das Streiken, weil ſie dann Urſache hätten, tüchtig aufzuſchlagen. Die trifft es demnach nicht. Auch uns Bauern trifft es nicht. Wir backen uns unſer Brod ſelbſt. Auch die reichen Leute trifft es nicht. Denn die eſſen nicht ſo viel Brod. Aber 3 die Mittelklaſſen und das ärmere arbeitende Volk, deſſen hauptſächliches Nahrungmittel das Brod iſt, die trifft es. Die Groſchen aber, die ihr ihnen durch den Aufſchlag abnehmet, verjubelt und verpraſſet ihr im Leichtſinn. Pfui ſchämet Euch, Ihr Herrn Bäckergeſellen aus der Stadt“. Der Altgeſelle wollte etwas erwiedern, allein der Diehls⸗ Vetter winkte ihm zornig ab und ſagte zu ſeinem ungera⸗ thenen Söhnchen: „Warte nur, Strick, bis ich heimkomme, dann ſollſt du erfahren, was du gethan haſt, dann will ich dich einmal beſtreiken.“ Während die drei Geſellen ziemlich entnüchtert ihres Weges weitergingen, begab ſich der Diehls⸗Vetter auf den Acker zurück, aber nicht, um weiter zu ruhen, ſondern um wieder fleißig miteinzugreifen in die Arbeit. Die Ruhe war ihm vergangen. Er hatte übrigens noch einen andern Grund, als ſeine gemüthliche Aufregung, daß er ſo wacker zugriff. Er wünſchte das Korn noch„auf Haufen“ zu bekommen, ehe das ſich ſtets nähernde Unwetter hereinbrach. Trotzdem daß die Arbeit ſehr drängte, konnte jedoch A der neugierige Taglöhner von vorhin nicht laſſen den drei „luſtigen Brüdern“ nachzuſehen. — 11— Als er zurückkehrte, ſagte er:„Diehls⸗Vetter, Ihr werdet auch Euren Kleinen nicht finden, wenn ihr heim kommt. Sie ſind eben alle drei im Wirthshaus eingekehrt. Der Durſt iſt ihnen noch nicht vergangen“. Des alten Diehls⸗Vetters Antwort verſchlang ein dump⸗ fer Donner, der das Thal herunter ſcholl und ein Orkan⸗ artiger Windſtoß, der alle ihre Haufen wieder über den Haufen warf dann in den Wald hineinfuhr und arge Verheerungen anrichtete. II. Der Diehls⸗Vetter hatte ein Recht dazu gehabt, als er die im Wiegenau aufſteigende dunkele Wetterwand beo⸗ bachtend ſagte:„Das läuft nicht glatt ab“. So drohend und unheimlich düſter hatte der Himmel noch nie auf dieſes geſegnete Thal niedergeblickt.„Das Kind in der Wiege mußte ſchier erſchrecken“. Die ſchwarzen maſſenhaft aufeinandergeſchichteten Wol⸗ kenhaufen, die allmählich aufſtiegen und den Horizont ein⸗ hüllten, gingen ſo niedrig, daß ihr dunkeler Saum die Baumgipfel des Bergrückens bald ſtreifte. Ein finſterer Schatten lief vor ihnen her und verwandelte plötzlich den hellſten Sommertag in bange Abenddämmerung. Doch ſchienen dieſe Wolkenballen, ſo dunkel und drohend ſie aus⸗ ſahen, nur Vorboten erſt kommenden Unheils. Hinter den Bergen erſt war es recht ſchwarz und rollte unaufhörlich dumpfer Donner, bald laut aufgurgelnd, bald leiſer nach⸗ grollend und unzählige, kurze, grellleuchtende Blitze zuckten hervor über die ſichtbare Wolkennacht. Es ſah aus, als würden dort in der Tiefe, in einem ſchwarzumnachteten, feuerzuckenden Hexenkeſſel all' die Schrecken gebraut, die ſich nachher über die Landſchaft ergießen ſollten. Dabei erfolgten kurze orkanartige Windſtöße, denen eine ahnungsſchwere Stille folgte. Windhoſen wirbelten Staub, Steine, Laub, Fruchtgarben berghoch in die Höhe und liefen gleich wandelnden Säulen umher, bis ihr halt⸗ loſer Bau wieder zuſammenſtürzte. Lichte Wolken kamen von der dem Wetter entgegen⸗ geſetzten Seite, um ſich mit den ſchweren Wolkenmaſſen zu vereinigen, und jagten am Himmel dahin, als könnten ſie zu ſpät kommen, ehe es los ginge. Jetzt ging es denn auch los. Ein lang dauernder Blitz, der die ganze Wiegenau in ein Feuermeer hüllte und dem ein laut krachender, wie ſiegesgewiß klingender Donner folgte, gab das Signal. Noch hallte dieſer an den Bergwänden des Thales wieder, da zuckte ſchon wieder ein Blitz hell blendend herunter, für einen Augenblick Him⸗ mel und Erde durch einen ſenkrechten Feuerſtrom verbin⸗ dend. Zugleich erfolgte ein ſolches heulende, gellende Krachen und Poltern, als wolle der Himmel einſtürzen. Die Erde bebte und die Häuſer und Menſchen zitterten. Es hatte — 13— eingeſchlagen, zum Glück nicht zündend nur zerſtörend. Die Spitze des Kirchenthurms in Wiegenau rollte abgeriſſen über das Kirchendach herunter und fiel klatſchend auf das Pflaſter. Dieſem erſten Blitze folgten nacheinander noch viele andere mit gleich ſchrecklichem Krachen, von denen jeder einſchlug. Im Felde loderte eine getroffene Fruchtgarbe in hellen Flammen auf. In den Gärten krachte ein zer⸗ ſchmetterter Baum zuſammen. In Wieſen wühlte ſich der Blitz in den Grund ein und zerſtörte die Brunnenleitung. Im Dorfe fuhr er einen Schornſtein hinunter durch die Küche nach dem Kuhſtall und erſchlug eine Kuh an der Krippe. Doch das Feuer machte diesmal nur das Vorſpiel zu den Verheerungen des Waſſers, die nachfolgten. Denn nun kam es, als wollte die Welt untergehen, als hätte Gott eine zweite Sündfluth beſchloſſen und die Fenſter des Him⸗ mels geöffnet. Die furchtbare Spannung der Wolken hatte ſich gelöſt. An dem Bergkegel, der das Thal begrenzte, wo ſich die Wolkenmaſſen unnatürlich aufgehäuft hatten, geſchah ſogar ein ſchrecklicher Wolkenbruch. Der Sturmwind ſauſte, der Donner rollte, die Blitze zuckten, die ſtürzenden Waſſer nahmen Einem den Athem. Entſetzt ſchaute das Menſchenkind in dieſen Aufruhr der Elemente. Ein gelblicher Streifen wurde ſichtbar von dem dunklen Regenhimmel.„Das iſt Hagel!“ rief man zitternd. Siehe da hagelte es auch. Dick wie Hühnereier fielen die — 14— einzelnen Körner. In einigen Sekunden waren alle Fen⸗ ſterſcheiben in der Wiegenau in Stücken und von den Dächern raſſelten die zerbrochenen Ziegel herunter. Aber was waren zerbrochene Fenſterſcheiben und Dachziegel gegen die Verwüſtung auf dem Felde, wo alle grünende Saat zu Brei gequetſcht und alle wogenden Fruchtfelder, wie Tennen zuſammen geſchlagen wurden. Ein Wehſchrei entrang ſich der Bruſt der ſchrecklich geſchädigten Gemeinde. Ach die Unglücklichen ahnten noch nicht, welcher weit größere Verluſt und welche Gefahr ihnen noch nahe bevor⸗ ſtanden. In den dichten Regenſchauern hatte Niemand etwas von dem Wolkenbruch geſehen, der dicht oberhalb Wiegenau gefallen war. Aber ſchon ſtürzten die Waſſer heulend und brauſend die Bergwände herunter Felſen mit ſich führend und Bäume entwurzelnd und ſammelten ſich im Wiegenauer Thale zu einem gewaltigen verheerenden Strome, der wild und reißend durch Felder und Wieſen dahertobte. Der Diehls⸗Vetter und ſeine Genoſſen machten oben auf dem Acker das ganze Unwetter mit. Sie hatten die durch den erſten Windſtoß verurſachte Verwirrung unter ihren Garben wieder herzuſtellen geſucht. So ſehr ſie ſich in ihrer Arbeit beeilten, um noch vor Ausbruch des Wetters auf den Heimweg zu kommen, ſo wenig gelang es ihnen. Wiederholte Windſtöße brachten auch wiederholten Umſturz der Garbenhäuſer hervor. Sie wollten aber durchaus das, was ſie bereits geſchnitten und in Garben gebunden hatten, nicht ſchutzlos den Zufälligkeiten eines ſo grimmen Unge⸗ witters überlaſſen, wie eines am Himmel hing. Der Bauer iſt zäh darin und läßt lieber ein grauſiges Unwetter auf ſich einſtürmen, als daß er einen Grashalm verloren gehen läßt, den er retten könnte. So wurden ſie noch auf dem Acker nicht blos von dem Regenſturz, ſondern auch vom Hagel überraſcht. Jetzt hätten ſie ſich gern geflüchtet, aber der Hagel ſchlug ihnen die Köpfe blutig und es blieb ihnen Nichts übrig, als unter ihren Garbenhäuſern Schutz zu ſuchen, ſo gefährlich dieſes Manöver auch bei einem Gewitter ſein mochte, da der Blitz dort gern einſchlägt. Indeſſen that er ihnen diesmal Nichts. Er begnügte ſich damit, daß er Einen dieſer ſoge⸗ nannten„Haufen“ bereits verbrannt hatte. Dieſe Garbenhäuſer, die aus Nichts als aus fünf gegeneinander geſtellten Garben und einer Garbe als Hut darüber beſtanden, gewährten indeſſen nur wenig Schutz und mochten nicht der bequemſte Aufenthaltsort ſein. So⸗ bald darum der Hagel nur wenig nachließ, krochen ſämmt⸗ liche Flüchtlinge aus ihren Hütten hervor. Um den Regen, und wenn er noch ſo ſtark war, bekümmerten ſie ſich nicht. Laut klagend und jammernd betrachteten ſie dagegen die gräßliche Zerſtörung des Erndteſegens weit und breit, der noch vor wenigen Minuten das Auge erfreut, das Herz erquickt hatte. Sie zeigten ſich untereinander die mäch⸗ tigen Eisſtücke, die wie geſäet und zum Theil noch nicht — 16— geſchmolzen umherlagen und deren dichter Fall natürlich Alles verwüſten mußte. Eben ſchickten ſie ſich an, den traurigen Heimweg an⸗ zutreten, als ihr Fuß durch ein donnerähnliches Rauſchen gebannt wurde. Es war kein Donner— denn derſelbe war gar gut zu unterſcheiden, wenn er jetzt ſchon etwas entfernter in langgezogenem Rollen krachte und grollte. Es war auch kein Sturm, denn es herrſchte völlige Wind⸗ ſtille und nur ſanft rieſelte der Regen aus dem immer dünner werdenden Gewölk. Sie ſollten jedoch bald ſehen, was es war. Eine ſchreckliche ſchwarze Schlange wälzten ſich die ungeheuren Gewäſſer des Wolkenbruchs das Thal herunter, Alles ver⸗ ſchlingend und zerſtörend. Die vordere Waſſerwand ragte haushoch empor und ſah aus wie der rieſenhafte Kopf eines unbekannten Ungethüms. Das Herz bebte den Leuten im Leibe vor Angſt und Entſetzen und Schauer durchrieſelte ihren Körper. Die ganze Erſcheinung hatte für Jeden, der noch Nichts Aehnliches erlebt hatte, etwas Unerklärliches, Geiſter⸗ und Geſpenſterhaftes. Der Diehls⸗Vetter dagegen, der durch ſein langes Leben mehr Erfahrung hatte, rief:„Gott erbarme ſich der Wiegenau! Ein Wolkenbruch iſt gefallen“. „Ein Wolkenbruch?“ wiederholten die Andern zitternd. Während dieſer Worte war bereits die durch den mitgeſpülten Wald⸗ und Feldboden geſchwärzte Fluth in — = 17— in die Obſt⸗ und Gemüſegärten des Dorfes eingetreten und nahete, ſämmtliche reichbeladene Obſtbäume zerknickend wie man Reiſig zerbricht, dem Orte ſelbſt und zwar zunächſt einigen weißen langen im Fabrikſtil gebauten Häuſern am Anfang des Dorfes. Die Leute ſtarrten noch immer in die gleich einem Meere wogenden Waſſer und merkten dadurch nicht einen Reiter, der auf ſchweiß⸗ bedecktem Roß hinter ihnen die Landſtraße durch den Wald und längs des Ackers hergeſprengt kam. Es war ein blutjunger Menſch, feingekleidet, aber völlig durchnäßt. Er ſtellte eilig eine Frage an den Diehls⸗Vetter, mit dem er bekannt zu ſein ſchien, die etwa lautete:„Ob der Blitz nicht eingeſchlagen hätte.“ Als er aber die Waſſergefahr der Fabrikgebäude ſah, wartete er nicht Antwort ab, ſondern ſein Pferd anſpornend lenkte er von der Straße weg, um durch den Wieſengrund des Thales auf kürzerem Wege dieſe Häuſer zu erreichen. „Eduard, Eduard!“ rief der Diehls⸗Vetter dem wie unſinnig dahinjagenden Reiter nach.„Biſt du denn ver⸗ rückt geworden?“ Allein der Warnungsruf des Alten wurde nicht gehört. „Sein Herz hängt an der neuen Einrichtung, die er in ſeiner Fabrik getroffen hat, und den koſtſpieligen Maſchinen, die er aufgeſtellt hat,“ ſagte er, das tolle Benehmen des jungen Menſchen gleichſam entſchuldigend. „Aber kommet Leute, eilt Euch! Es gilt zu retten. Mit dem Burſchen geſchieht ein Unglück, ſo wahr Gott lebt.“ Schupp, der Wolkenbruch in der Wiegenau. 2 18— Bei dem Diehls⸗Vetter blieben übrigens nur ein Knecht und ein unverheiratheter Taglöhner zurück. Die Andern fragten Nichts nach dem wahnſinnigen Reiter, der frei⸗ willig der ſchrecklich heran brauſenden Fluth in die mörderiſchen Arme lief, ſondern ſtürzten, von banger Sorge um die Ihrigen getrieben, Jeder auf dem nächſten Wege nach Hauſe.— Wenn die nahenden Waſſer nicht rechtzeitig im Dorfe gemerkt worden waren, mußten noch mehr Menſchenleben in Gefahr kommen, als das Leben des tollen jungen Mannes. „Auf die Lenzelei“! rief mit Donnerſtimme der Diehls⸗ Vetter und lief trotz ſeiner Siebenzig, wie ein Junger voraus.— Mit einem wahren Feldherrnblick hatte der alte Bauer den einzigen Punkt erkannt, wo vielleicht ein Rettungs⸗ werk Verunglückter mit Erfolg betrieben werden konnte.— Die ſogenannte„Lenzelei“ waren Felskuppen, die unterhalb des Dorfes, an einer Ecke wo das Thal eine ſcharfe Wendung machte, gelegen ſich weit in den Wieſengrund hineinſtreckten. Hier mußten die wilden Waſſerwogen, wann ſie das Thal herunterkamen oder den Ort paſſirt hatten, ſich brechen und alles von den Fluthen Mitfortgerriſſene zuerſt angeſchwemmt werden, ehe die ſchäumenden Strudel es weiter führten. Ob freilich die Wellen nur lebende Opfer antrieben, mußte man dem günſtigen Geſchick überlaſſen. — 19— Noch während des Laufens ſahen der Diehls⸗Vetter und ſeine Gefährten, wie der raſende Reiter vor dem auf ihn losſtürzenden Waſſerungethüm erſchreckt Halt machte, um um zukehren, wie aber das Pferd ſich bäumte und überſchlug und wie die Wogen Alles begruben, Reiter und Roß. Die drei Retter beſchleunigten nur deſto mehr ihren Lauf und kamen auch mit den erſten Waſſern faſt gleichzeitig an der„Lenzelei“ an. Die wilde brauſende Fluth ſchäumte und ziſchte vor Zorn hier einen feſten Widerſtand zu finden und ſpritzte ihren weißen Giſcht hoch in die Luft, aber ruhig und feſt ſtand das harte Geſtein und nöthigte die empörten gurgelnden Gewäſſer, eine andere Richtung einzuſchlagen. Die Gefährten des Diehls⸗Vetters waren von dem furcht⸗ baren Wogenprall ſo erſchreckt, daß ſie ſicherlich geflüchtet wären, wenn ſie ſich nicht vor dem alten Mann geſchämt hätten, der dicht an dem Rande des Felſens hervortrat um an dem Geſtein tiefern Standpunkt für ſich und ſeine Gefährten zu gewinnen, wo man leichter dem, was die Fluth anſchwemmte, beikommen konnte. Er hatte geſehen, wie der unbeſonnene Menſch, an dem er ſo viel Antheil nahm, wieder aus der wilden Fluth hervortauchte und auf einen daherſchwimmenden Obſtbaum kletterte. Der Obſtbaum aber kam mit aller Wucht auf die Lenzelei getrieben und machte die Rettung möglich. „Ihr ſucht, ſobald er kommt, den Baum an den Aeſten zu greifen und feſtzuhalten, während ich ihm, um ihn 2* ſtruirte der alte Diehls⸗Vetter ſeine Begleiter. Es waren ein paar bange Augenblicke. Man konnte nicht wiſſen, ob nicht die mächtigen Strudel den Baum weiter riſſen, ehe das Rettungswerk gelang. Allein es ging beſſer, als man vermuthet hatte. Der Baum ſtieß mit aller Gewalt wider den Felſen und der Unglückliche ſprang, leicht und gewandt ſich an dem Rechen des alten Diehls⸗ Vetters haltend, ans Land, wo er allerdin gs dann todes⸗ matt zuſammenſank. „Nun, haſt du dich abgekühlt, Jüngelchen?“ fragte voll Zorn über die geſchehene Unbedachtſamkeit der Diehls⸗Vetter den Daliegenden. „Was du gethan haſt, das nennt man Gott ver⸗ ſuchen. Glaubteſt du wirklich, du könnteſt mit deinem ſchwachen Arm die mächtige Waſſerfluth aufhalten? Siehe jetzt weißt du was du kannſt. Da liegſt du ohnmächtig zuſammengeſunken und mußt Gott danken, daß er dich nicht elend umkommen ließ, wie es dein toller Sinn verdient hätte. O wie viel Ergebung und Geduld mußt du noch lernen. Es geht nicht Alles ſo„glatt“ ab im Leben, wie man es ſich in ſeinem Kopfe zurecht legt. Dieſe Lehre kannſt du daraus ziehen.“ Der alte Diehls⸗Vetter wurde von weiteren Ermahnungen durch neue Noth und durch Hilfgeſchrei abgezogen. O es war dem alten braven Manne vergönnt an der von ihm ſo trefflich gefundenen Stelle noch mehrere Menſchen⸗ herüber zu ſchaffen, meinen Rechen hinüber reiche,“ in⸗ — 21— leben zu retten— darunter eine Mutter, die ihr erſt vor Stunden geborenes Kind im Arme hielt, und einen Jungen, der, während er die Sprüche auf den andern Tag in die Schule lernte, von dem durch die Wand brechenden Waſſer in der Art fortgeführt wurde, daß er auf der Bank, worauf er ſaß, ſitzen blieb und in ſeiner furchtbaren Herzensangſt immerfort an ſeinen Sprüchen weiter lernte. Später wollten Einige über den Jungen witzeln und ſpötteln. Denn es hatte ſich mit der Zeit eine Menge Menſchen an der Lenzelei verſammelt, die das daher⸗ ſchwimmende Vieh und angeſchwemmte Geräthſchaften und Holz aus dem Waſſer zu ziehen ſuchten. Der alte Diehls⸗ Vetter aber ſagte:„Wenn nur Jeder, wie dieſer Junge in den Wellen an den Bibelſprüchen feſthielt, ſo an Gottes Wort und Gottes Willen ſich anklammerte, wenn die Trübſalsfluthen über ihn kommen!“ III. „Strenge Herrn regieren nicht lange.“ So ſchnell und übermächtig die Waſſerfluth gekommen war, ſo raſch hatte ſie ſich in dem flachen Lande, das an das Wiegenauer Thal grenzte, verlaufen. Die Waſſer waren fort aber die angerichtete Zerſtörung blieb; und jetzt ging der eigent⸗ liche Jammer erſt los, denn jetzt erſt vermochte man den — 22— wahrhaft großartigen Schaden in ſeinem ganzen Umfang zu überſchauen. Wiegenau war vor Stunden noch eines der ſtattlichſten und wohlhabendſten Dörfer des Landes geweſen, jetzt war es daſſelbe nicht mehr. Den Verluſt der diesjährigen Ernte ungerechnet waren Feld und Wieſen auf lange Zeit ruinirt. Was nicht mit Sand uud Geröll bedeckt war, hatten die wilden Waſ⸗ ſer fortgeſchwemmt. Ganze Kartoffeläcker und Bohnen⸗ gärten waren mit den Fluthen dahingegangen. Vor Hecken oder Erdwällen hatten ſich haushohe Haufen Steine und Schlamm gebildet, während an anderen Orten tiefe Riſſe durch den fruchtbaren Boden gingen ja wahre Abgrün de ſich aus⸗ geſpült hatten. Nur hier und da ragte ein hart mit⸗ genommener Obſtbaum aus den Trümmern hervor, während Einem ſonſt nur noch die Löcher, wo die kräftigen Wurzel⸗ Stämme gefaßt hatten, wie leere Augenhöhlen entgegen ſtarrten. Einen ebenſo troſtloſen Anblick wie die Feldmark gewährte der Wiegenauer Wald. Fünfzigjährige Fällungen hätten dem⸗ ſelben nicht eine ſolche Niederlage beigebracht, als dieſe wenigen Stunden. Viele Tauſende von werthvollen Stäm⸗ men waren fort geflötzt worden und verloren gegangen. Kein Feld, kein Wald.— Was ſollte aus der Wiegenau werden? Kein Wiegenauer Bauer konnte ſo bald wieder, wie er ſonſt gewohnt war, mit ſeinen glänzenden Roſſen und — 23— ſeinem ſchwer mit goldenem Weizen beladenen Wagen ſich ſtolz und breit auf den Fruchtmarkt in der Stadt hin⸗ ſtellen. Umſonſt warteten dieſes Jahr und noch mehrere Jahre die Hausfrauen in der Stadt auf die Wiegenauer Aepfel und die ſtaatlichen Weißkraut⸗Köpfe. Auch die Metzger konnten noch lange ſogenannte„Metzgergänge“ machen, bis ſie einmal wieder wie früher die fetteſten Ochſe Hämmel und Schweine in der Wiegenau antrafen. Vor der Hand aber fehlten ſogar die Wege nach dem unglückſeligen Orte. Auch die Wege hatte die Fluth zer⸗ ſtört. Wer ſollte aber die Wege wieder herſtellen, wenn die Gemeinde⸗Kaſſe keine Einnahmen mehr hatte, keine Bauſtämme, kein Brandholz mehr verkaufen konnte? Doch bis es wieder einen ordentlichen Weg nach Wiegenau gab, können wir nicht warten. Wir müſſen uns durch den angehäuften Sand, durch Geröll, Schutt und Gehölz durcharbeiten, um einen Blick zu thun in den jammervollen Zuſtand des Dorfes ſelbſt. Wer früher Wiegenau gekannt hatte, kannte es nicht wieder. Nur einzelne Häuſer waren unverſehrt geblieben und gaben durch ihren blanken Aufputz und durch ihre blinkenden Fenſterſcheiben Zeugniß, wie nett und ſauber ja faſt ſtädtiſch das Dorf ausgeſehen haben mochte. Treu ſchützende Birnbäume, die gerade vor dieſen Wohnungen ſtanden, und der uralte mächtige Lindenbaum des Ortes hatten in hartem Kampfe den Anprall der ſchrecklichen Fluth von dieſen Häuſern abgewehrt; ſonſt hatten die Waſſer faſt — 24— durchgängig in allen Häuſern die Seitenwände des untern Stockwerkes durchbrochen oder wenigſtens die Fenſter und Thüren eingedrückt. In den mehr oder weniger ausgeleerten Stuben lag faſt Fußhoher Schlamm und ſchauten ſeltſame Gäſte zu den öden Fenſterlucken heraus, nämlich Waldbäume, Wagen mit ihren Rädern, Futtertröge und Anderes, dem die engen Oeffnungen den Durchgang verwehrt hatten. Vor den Häuſern und in den Höfen dagegen hatte ſich mehrere Fuß hoch Sand, Geröll und Geſtrüpp aufgehäuft ſtatt des Dunges, der Wagen, der Pflüge, der Leitern und des Brennholzes, die verſchwunden waren. Manche Hofmauer war eingeſtürzt und manches Thor, ſogar Scheunenthore waren mitgegangen und zugleich der ſchon in den Ställen und Scheunen eingeſammelte Vorrath an Heu. Aber wozu auch Heu? Nur das wenigſte Vieh hatte bei der überraſchend ſchnell hereinbrechenden Fluth gerettet werden können. Die Menſchen waren froh geweſen ihr eigenes nacktes Leben gerettet zu haben. Wie Manche mußten vor den anſchwellenden Waſſern auf das Dach des Hauſes flüchten und ſaßen dort Stunden lang in bebender Angſt, jeden Augenblick gewärtig, es ſtürze Alles zuſammen in der donnernden Fluth. Andere hingen in den Aeſten von Birn⸗ und Aepfelbäumen und ſahen zur Erkenntniß ihrer unſicheren Lage fortwährend entwurzelte Bäume an ſich vorüber ſchwimmen. Die Meiſten waren in die Berge und Wälder geflüchtet, immer — 25— weiter forwärts ſtürzend, als wenn der Weltuntergang hinter ihnen wäre. Dieſe Letzeren waren noch nicht zurückgekehrt und blieben vielleicht die Nacht draußen. Ob ſie den troſtloſen Anblick in ſeiner ganzen Größe ahnten, der ihnen beim Sonnenaufgang vorbehalten war? Wie viele Thränen mochten da noch vergoſſen werden. Wie mochte es ſo einer armen kranken Wittwe zu Muthe ſein, wie ſie dort im letzten Häuschen im Dorfe wohnte, wenn ſie mit ihren ſechs verwaiſten Kindern heimkehrte und ihr Bett war fort und die zwei Ziegen im Stall waren fort und ihre Ernte, die in ein paar„Läppchen“ mit Kartoffeln beſtand, war fort. Oder was mochte ihr Nachbar, der in der ganzen Umgegend bekannte, alte blinde Spielkonrad fühlen, wenn er heimkam und fand ſeine Hütte nicht mehr und ſeine Geige nicht mehr? Doch die Nacht fing an Alles mit ihrem dunklen Schleier zu verhüllen. Wir wollen deßwegen alle Ent⸗ deckungsreiſen im Allgemeinen aufgeben und mit unſerm Freunde dem Diehls⸗Vetter gehen und ſehen, wie er es zu Hauſe fand. Er gehörte nicht zu den Glücklichen, welche durch günſtige Lage der Gebäulichkeiten oder durch ein anderes zufälliges Ereigniß Schonung von der ſchrecklichen Fluth erfahren hatten. Schon von Weitem konnte man die ſtattgefundene Zer⸗ ſtörung wahrnehmen. Haus und Hof waren gleich ſehr mitgenommen. Da war keine Thüre, kein Thor, kein Fenſter, keine Einfriedigung mehr zu erblicken, nur Schutt, Schlamm und Steine und in den Stallungen die Leichen der er⸗ trunkenen Thiere. Das einzige Lebende unter den öden Trümmern waren einige vor Angſt verſcheuchte Hühner, die nicht wußten wo ſie ihre Nachtruhe halten ſollten. Sonſt wehete es Einen an wie aus einer kalten, feuchten Todtengruft. Den alten Mann ſchauerte. Zugleich packte ihn eine entſetzliche Angſt: „Wo waren die Seinen?“ Sein älteſter, bereits verheiratheter Sohn, das wußte er, hatte mit den Pferden und dem Wagen eine Fuhre nach einem zwei Stunden entfernten Platze übernommen und mochte noch nicht zurück ſein. Aber wo waren ſeine Schwiegertochter und ſeine zwei Enkelkinder? Waren ſie in der Fluth verunglückt? Dem Greiſe wurde es vor Beſorgniß wirr im Kopfe. Er wußte nicht mehr was er that. Eine fieberhafte Haſt trieb ihn hin und her. Obwohl er wußte, daß ſämmtliches Vieh umgekommen war, ſchien es ihm, als ſei es Zeit dem Vieh ſein Futter zu bringen, aber als er mit Mühe einen Bündel Heu zuſammengebracht hatte, und in den Stall ging, ſchreckte er vor dem gräßlichen Anblick zurück, der ſich ihm bot. Dann meinte er, er müſſe das Unglück mit ſeiner Schwiegertochter beſprechen und ſuchte ſie zum vierten und fünften Mal treppauf, treppab in dem ver⸗ wüſteten Hauſe. “ Endlich kamen die Dienſtboten heim, Knecht und Magd, die als Schnitter bei dem Fruchtſchneiden betheiligt geweſen waren. Die Magd erzählte, die junge Frau, wie ſie die Schwiegertochter nannte, hätte ſich mit den Kindern nach dem Walde zu gerettet. Verſchiedene Leute hätten ſie geſehen. Da wurde der alte Mann ruhiger. Jetzt kam auch ſein älteſter Sohn mit den Pferden nach Hauſe. Den Wagen hatte er vor dem Dorfe ſtehen laſſen müſſen, da er durch die Trümmer auf der Straße nicht weiter konnte. Von den zwei Söhnen des Diehls⸗Vetters war dieſer älteſte Sohn jedenfalls der bravſte, aber trotz ſeiner Arbeitſamkeit und Nüchternheit der unleidlichſte. Obwohl beſchränkt war er voll Einbildung und zugleich ein Griesgram und ein Geizhals. Zu dem Unglück, das ſo unverſehens auch ihn betroffen hatte, machte er ein ent⸗ ſetzlich langes Geſicht und ſein breit herabhängender Mund und ſein ſtieres Auge kämpften mit verhaltenem Weinen. Nach Weib und Kindern fragte er nicht. Dagegen konnte er von dem verunglückten Vieh im Stalle ſich nicht trennen. Der Diehls⸗Vetter dagegen ging, um nach den Ver⸗ mißten Umſchau zu halten. Er ſtieg deswegen ein Trepp⸗ chen hinauf, um hinter die Scheune zu kommen, von wo ſich die Anhöhe nach dem Walde zu allmählich erhob und wo man die ganze Bergwand überblicken konnte. Zum großen Vergnügen des alten Mannes fand er — 28— ſeinen Bienenſtand, den er dort hinter der Scheune mit großer Sorgfalt eingerichtet hatte, unverſehrt, ebenſo einen Birnbaum, den er ſelbſt gepflanzt hatte und der mit ihm alt geworden war. Das erquickte ſein bekümmertes Herz. Er ſetzte ſich auf die ſelbſtgezimmerte Bank zwiſchen dem Baum und dem Bienenſtand, denn er war ſehr müde, und zündete ſich ſein Pfeifchen an. Als er ſo da ſaß, während der Abendwind durch die Blätter des Birnbaumes fuhr und es in den Bienenſtöcken ſummte und brummte, wurde es ihm immer friedvoller zu Muthe. Im Rauſchen des Abendwindes war es ihm, als hörte er Gottes Stimme, die zu ihm ſprach:„Bin ich denn ein Gott der ferne ſei oder iſt meine Hand je zu kurz, daß ich nicht helfen könne?“ Und bei dem Geſumme der Bienen dachte er daran, was Ordnung und Arbeitſamkeit ſo unendlich viel zu leiſten vermöchten. Er dachte, wie dieſes kleine geſchäftige Volk der Bienen in den kurzen Sommermonaten bei geringen Hilfsmitteln nicht nur ſeine Wohnungen baut, ſondern auch noch reichen Ueberfluß an ſeinen ſüßen Vor⸗ räthen ſammelt. „Sollte nicht mit Gottes Hülfe unter richtiger Leitung und durch redlichen Fleiß mancher Schaden, der das Dorf getroffen hatte, vielleicht in Kürze wieder ausgeheilt werden können?“ Da er noch ſo dachte, hörte er plötzlich die helle, friſche ——— — 29 Stimme ſeiner Schwiegertochter drunten im Hofe, die zu ihren Kindern ſagte:„Gehet und ſuchet den Großvater! Er ſitzt gewiß beim Bienenſtand.“ Sie war alſo wieder da. O wie ihn das freute. Aber er ſprang deßwegen nicht auf und lief ihr entge⸗ gen, um ſie zu begrüßen, ſondern blieb bedächtig ſitzen. In Gefühlsäußerungen iſt man eben ſehr ſparſam auf dem Lande. Er hörte auch jetzt wieder ihre Stimme, wie ſie ſich ſcheltend zu den Dienſtboten wandte:„Ihr ſteht ja da wie von Gott verlaſſen. Gott hat uns ein gut Theil Arbeit mehr beſchert. Da heißt es, nicht gefaullenzt. Friſch dran in Gottes Namen. Grethe du ſäuberſt den Herd und ſuchſt Feuer zu machen. Wir wollen Kaffee kochen. Der Philipp mag dir zur Hand gehen. Ich will einmal nach oben gehen, dort wird es wohl noch ein trocken Plätzchen zum Schlafen geben für heute Nacht. Morgen kommen wir ſchon wieder in Ordnung.“ Dieſe reſolute Art der jungen Frau, die in der troſtloſen Lage ohne ſich zu beſinnen ſofort den„Zipfel am rechten Ende anzufaſſen“ wußte und gleich damit anfing, wozu er ſelbſt, der Erfahrene erſt nach einigem Nachdenken gekommen war, that dem alten Manne bis in die tieſſte Seele wohl. Sein Auge leuchtete. Schon die friſche muthige Stimme ſeiner Schwiegertochter hatte ihn froh gemacht. Als nun aber die lieblichen Enkelkinder, die ihn raſch aufgefunden hatten, ſich ſo freudig und liebreich an ihn anſchmiegten, da hegte er ſie und küſſete ſie und während Thränen ſeine gefurchten — 30— Wangen herunterliefen, ſagte er:„Es kann noch Alles gut werden“. Indeſſen fand nicht jedes Herz in Wiegenau trotz des niederbeugenden Mißgeſchicks ſo ſchnell ſeinen Muth wieder, wie der Diehls⸗Vetter.— Es beſaß aber auch nicht Jeder gleiches Gottvertrauen, gleiche Entſchloſſenheit und gleiche Redlichkeit des Willens, wie er. Das zeigte ſich bald, da wir jene trauliche Gruppe am Bienenſtand verlaſſen, um ein anderes Enkelkind des Diehls⸗Vetters aufzuſuchen. Wir verſtehen darunter jenen jungen Mann, den der muthige Greis an der Lenzelei dem Tode entriß, nachdem er vorher den größten Antheil an ihm genommen, aber ihm vergeblich„Eduard, Eduard“ nachgerufen hatte. Der⸗ ſelbe war der Sohn der älteſten Tochter des Diehls⸗Vetters, die vor Jahren den jetzt geſtorbenen Gerber Lehmann gehei⸗ rathet hatte. Der Gerber Lehmann war damals, als er des Diehls⸗ Vetters Tochter heirathete, noch ein geringer Mann gewe⸗ ſen und in Sitten und Gebräuchen ein einfacher Bauer, aber er war ein unternehmender Kopf und vergrößerte nach und nach ſein Geſchäft um ein Bedeutendes und zwar mit Glück. An ſeinem Lebensende beſaß er die renommirteſte Lederfabrik weit und breit. Sein Sohn hatte wo möglich noch mehr Unternehmungs⸗ geiſt wie ſein Vater, und vermehrte die einzelnen Arten der Fabrikate faſt um das Doppelte. Ob er daſſelbe Glück beſaß, war eine andere Frage. Er ſprach nicht darüber “ — 31— und ſonſt Niemand kümmerte ſich darum; am geringſten jedenfalls ſeine eigene Mutter. Dieſelbe hatte nebſt einer erwachſenen Tochter genug zu thun, um durch Putz und Einladungen die Firma„P. Lehmann und Sohn“ würdig zu repräſentiren. Für eine einfache Bauerstochter hatte ſich die Frau Leh⸗ mann recht gut in den vornehmen Ton„eingeſchoſſen“. Sie trug ihre falſchen Haarzöpfe, ihre Volants und ihre Tuniks mit demſelben Anſtand, wie die feinſte Modedame in der Stadt, und erregte den Neid von allen Schullehrer⸗ frauen und Pfarrerstöchtern in der Umgegend, die es nicht ſo gut konnten wie ſie. Der junge Herr Lehmann kannte ſeine Mutter oder „Mama“ wie er ſie jetzt nennen mußte. Als er darum vorhin triefend vor Näſſe heimgekommen war, hatte er es für überflüſſig gehalten, ihr vor der Hand Mittheilung zu machen von ſeiner Lebensgefahr und Lebensrettung. Er ſchonte ja nur dadurch ihre Nerven. Seit ſie vornehm war hatte ſie Nerven. Früher hatte ſie Nichts von Nerven gewußt. Dieſe Nerven aber bedurften der Schonung und waren gewiß jetzt aufgeregt genug. Das ſchreckliche Ereig⸗ niß des Wolkenbruchs hatte ſie mitten in der beſten Behag⸗ lichkeit eines Kaffeekränzchens getroffen und die Damen hatten kaum Zeit gehabt, ſich in die oberen Gemächer des feſten Hauſes zu flüchten. Noch zitterten Alle, wenn ſie nur an die Gefahr dachten, der ſie entgangen waren. Der junge Lehmann hatte alſo von Seiten ſeiner Mutter — 32— nur eine Schauſcene oder vielleicht gar eine Ohnmacht zu gewärtigen und dazu hatte er keine Zeit. Er nahm ſich ja kaum Zeit, ſich nur umzukleiden, ein wenig Speiſe zu ſich zu nehmen und ein Glas Wein zur Erwärmung zu trinken. Ihn trieb es in die Fabrik, um nachzuſehen, welchen Schaden die Fluth dort angerichtet hatte. Wenn es auch ſonſt Niemand wußte, er wußte wie bedenklich es mit ſeinem Geſchäfte ſtand. Längſt war unter ſeiner jugendlichen Leitung die Soli⸗ dität der Fabrik wie ſie unter ſeinem Vater geweſen war, dahin gegangen. Wie vorhin mit ſeinem Pferde war der junge Mann, als er ſelbſtſtändig geworden war, blindlings vorwärts gerannt und bald auf ſchwindelnde Bahnen ge⸗ rathen. Raſch hatte er alle Hilfsmittel verbraucht und zuletzt Alles auf einen Wurf geſetzt; mißlang derſelbe, war Alles verloren. Er hatte eine Maſſe Vorräthe gekauft, neue Maſchinen angeſchafft, neue Arbeiter angenommen und eine Menge Verträge abgeſchloſſen, die an ſich nicht unvortheilhaft waren, die ihn aber in bedeutenden Verluſt brachten, wenn er ſeine Waare nicht zur beſtimmten Zeit abliefern konnte. Jetzt ging er ſchon der Entſcheidung entgegen. Denn mußte er durch die Zerſtörung der Waſſer die Maſchine ſtill ſtellen oder waren die aufgehäuften Vorräthe verdorben, gab es keine Rettung mehr für ihn. Noch hatte er bis jetzt die Hoffnung nicht aufgegeben, daß ihm vielleicht die Waſſer nicht allzu großen Schaden —“ gethan hätten, oder derſelbe leicht wieder herzuſtellen ſei, aber als er nun in das Fabrikgebäude hereintrat und ſah, daß er ſich getäuſcht und ihm eine entſetzliche Zertrümmerung und Zerſtörung entgegenleuchtete, war es ihm, als wenn die Waſſerfluth wie am Nachmittag wieder über ihn käme und die Wogen ſich donnernd über ihm ſchlöſſen. Er würde ohnmächtig zuſammengeſunken ſein, wenn nicht Herr Kitzert, ſein erſter Buchführer ihn aufgefangen hätte. Herr Kitzert war noch allein in dem Fabrikgebäude und zwar nicht ohne Abſicht. „Ich bin bankerott oder wenigſtens ein Bettler“, klagte Herr Eduard wieder zu ſich kommend. Sein ganzer Muth hatte ihn verlaſſen. „Sie brauchen es nicht zu ſein, wenn Sie nicht wollen“, erwiederte Herr Kitzert in geſchmeidigem Tone. Er ſchien durchaus nicht überraſcht von der Mittheilung ſeines Prin⸗ cipals. Herr Kitzert war ein breitſchulteriger Mann von etlichen vierzig Jahren mit groben Zügen und einem gemeinen Ausdruck im Geſicht, den er aber durch ein ſüßes, verbind⸗ liches Lächeln ſtets zu verwiſchen ſuchte. Was ihn beſon⸗ ders häßlich machte, waren ein Paar ungeheure Ohren, die in Folge ſeines kurz geſchorenen Haares noch mehr hervorſtanden, und eine eigenthümlich kleine Naſe zwiſchen ſeinen breiten Backenknochen. Die Naſe beſtand eigentlich nur aus zwei großen Naſen⸗ löchern, die offen Jeden anſtarrten, der in Kitzerts Geſicht 9 Schupp, Der Wolkenbruch in der Wiegenau. 5 5— 34— ſah. Man hätte auf die Vermuthung kommen können, die⸗ ſelben ſperrten nach Nahrung, wie junge Vögel zu thun pflegen, denn Kitzert fütterte ſie fortwährend aus einer Schnupftabaksdoſe, die er ſtändig in der Hand hielt. Viel⸗ leicht hatte er auch die unbeſtimmte Idee, durch unabläſſi⸗ ges Füttern ſein Näslein größer zu machen. Schön waren nur ſeine ſchwarzen klugen Augen, wenn ſie nicht wie eben jetzt einen lauernden Ausdruck hatten. „Sie brauchen es nicht zu ſein, wenn ſie nicht wollen“, wiederholte er, da ſein Principal ihn nicht gehört zu haben chien. ſij„Wie verſtehen ſie das, Herr Kitzert?“ fragte jetzt der junge Fabrikant aufmerkſam werdend.„Dieſe ſämmtlichen Waaren ſind doch für immer verdorben und alle Maſchinen ſind außer Stand und bis ich einmal wieder arbeiten laſſen kann, ſind meine Termine längſt verſtrichen.“ „Sie müſſen neue Waarenvorräthe kaufen, müſſen neue größere Maſchinen aufſtellen und noch mehr Arbeiter an⸗ nehmen“ erwiederte Herr Kitzert mit einem überlegnen Lächeln. „Sie wiſſen, Herr Kitzert, daß ich bis jetzt noch keine Goldgrube entdeckt habe“ ſagte Eduard empfindlich, um Ihre Ideen verwirklichen zu können. „Ich meine ja nicht, daß Sie ſelbſt das Geld hergeben ſollten“, antwortete der Buchführer. „Welcher Narr wird mir aber unter dieſen Umſtänden Geld anvertrauen?“ meinte Eduard. — 35— „Kein Geſchäftsmann, auch kein Kapitaliſt“, ſagte Herr Kitzert.„Aber es gibt noch mehr Menſchen in der Welt, die Geld haben und doch keine Geſchäftsleute ſind, und wo Menſchen ſind, ſind auch Narren. Was meinen Sie zu den Wiegenauer Bauern, Herr Lehmann?“ „Sie ſind ſelbſt ein Narr geworden, Herr Kitzert. Der Schrecken hat Sie verrückt gemacht. Die Leute, die ſelbſt bis über die Ohren in der Noth ſtecken, ſollen mir aus meiner Verlegenheit heraushelfen?“ Herr Kitzert fütterte ſeine Naſe mit einer beſonders großen Ladung Schnupftabak, putzte dann mit einer beſon⸗ deren Feierlichkeit ſein Naſenſtümpfchen und ſprach, mit klugem, lauerndem Blick ſeinen Herrn fixirend:„Unglaub⸗ lich, aber doch möglich. Wir gründeneinfach eine Actien⸗ geſellſchaft. Sie wiſſen, Herr Eduard, daß Actien dadurch entſtan⸗ den ſind, daß man ſah, wie ein Kapital für ſich nie ſo mächtig iſt, um allein jedes beliebig große Unternehmen auszuführen. Man zog die Kapitalien einer ganzen Gegend, eines ganzen Landes in Mitthätigkeit und in Mitleidenſchaft. Jeder, der eine Actie kaufte, wurde Theilhaber amUnternehmen und hatte Theil am Gewinn und Verluſt. Dadurch aber wurde erſt dem kleinen Kapital, das für ſich Nichts ver⸗ mochte, ſein rechter Werth, ſeine rechte Stellung angewieſen. Zugleich aber wurde man aufmerkſam auf die kleinen Ca⸗ pitalien, die in ihrer Geſammtheit Etwas vermögen. Es iſt wahr, die Wiegenauer Bauern beſitzen nicht viel — 36— Capital und im Augenblick noch weniger, als früher, aber Sie werden überraſcht ſein, welches Sümmchen dieſelben, wenn ſie einmal anfangen, zuſammen zu legen vermögen“. „Aber wann werden dieſelben anfangen zuſammen zu legen?“ bemerkte Eduard.„Wann werden Sie Herr Kitzert das Bravourſtück aller Hexerei fertig bringen und aus jenen ſtierköpfigen Bauern geſchmeidige Geſchäftsleute machen? Ich weiß, daß Sie ein geſcheuter Mann ſind und bewundere wieder die Fruchtbarkeit Ihres Gehirns, das einen ſolchen Plan ausgeheckt hat. Aber hier kommen Sie nicht durch. Sie kennen die Bauern nicht“. „Ich kenne ſie vielleicht beſſer, als Sie meinen„HerrEduard“ ſagte der Buchhalter, ſeine Naſe bedächtig mit Schnupf⸗ tabak nährend.„Es iſt wahr, der Bauer hängt ungeheuer an alter Sitte und altem Herkommen und je toller es in der Welt zugeht, deſto feſter hängt er daran. Es iſt das die ihm eigene Vorſicht. Er geht lieber die alt bewährten Wege, die ſeine Vorfahren gegangen ſind, als daß er ſich auf neue ſchlüpferige, unbekannte Pfade wagt. Solange er darum auf den alten Bahnen wandelt, iſt er ein überlegender, bedachtſamer, unnahbarer Mann. Iſt er aber einmal aus dem gewöhnlichen Geleiſe heraus, ſo gibt es keinen einfältigeren Tropf, als ihn, mit dem jeder Pfiffikus Spielball ſpielen kann. Unſere Wiegenauer Bauern ſind aus Rand und Band und werden nach jedem Strohhalm der Rettung greifen, der ſich ihnen bietet..) „Wenn nun aber das Geſchäft ſchief geht, wie dann? HF — 37— Habe ich dann nicht die armen Leute in ein Unglück gerannt, was vielleicht größer iſt als der Wolkenbruch?“ Herr Kitzert ſchnupfte in aller Behaglichkeit und ſagte dann:„Da mag jeder ſelbſt zuſehen. Dazu hat er ſeinen Verſtand. Der Schlaueſte trägt allemal den ſchwerſten Sack heim.“ „Nein mein Herr Kitzert, das thut es nicht. Ich kann nicht aus der Noth der Leute Vortheil ziehen. Be⸗ ſinnen Sie ſich auf ein anderes Auskunftsmittel.“ Herr Eduard Lehmann verließ mit dieſen Worten das Fabrikgebäude, um nach ſeinem Comptoir hinauf zu ſteigen. Herr Kitzert ſah ihm höhniſch lachend nach und ſagte: „Du thuſt es doch noch. Ich kenne dich Schwächling.“ IV. Wenn ſonſt die Kivchen die Stätten waren, wo ſich das aufgeregte Gemüth wieder ſammelte, wo hohe Freude ihren Ausdruck fand, wo tiefe Niedergeſchlagenheit ſich wieder erhob, ſo ſieht man leider jetzt vielerorts die Wirths⸗ häuſer an die Stellen der Kirchen treten. Die Wirthshäuſer ſind überhaupt ſelten leer, denn Durſt gibt es immer, Morgens und Abends, bei der Hitze und bei der Kälte, und Faulheit und Lüderlichkeit gibt es auch immer, und Gelegenheit gibt es auch immer, man braucht des Dorfes ausgeſchlagen. Da iſt eine Giftſaat geſäet — 38— nur an den in Deutſchland genügend bekannte„Winkkuff“ zu denken, aber voller ſind die Wirthshäuſer doch in auf⸗ geregten Zeiten als in ſtillen Zeiten, voller bei Kriegsge⸗ fahr als bei geſichertem Frieden, voller bei politiſchen und Gemeinde⸗Händel als bei allſeitiger Ruhe; kurz und gut voller, wenn das menſchliche Gemüth einer Sammlung bedarf. Gewißlich wäre es jedoch heilſamer für das Volk, wenn es mehr ſeine Weisheit und ſeinen Herzensfrieden ſuchte in Gotteshäuſern, bei den ewigen Quellen göttlicher Wahrheit und göttlichen Friedens, als hinter Bier⸗, Wein⸗ oder Branntweingläſern. Auch in der Wiegenau wäre esbeſſer geweſen, es hätten am Morgen nach jenem erſchrecklichen Unglück die Leute mehr den Gottesdienſt, da es ja gerade Sonntag war, aufgeſucht, als daß ſie ſich am Nachmittag ſo zahlreich im Wirthshaus verſammelten. Was am Morgen gepredigt wurde über die demuthsvolle Fügung in Gottes wunderbaren Rath und über die vertrauensvolle Hingabe an Gottes zuverläſſige Hülfe und über das freudige Anfaſſen der Arbeit in Gottes Namen und mit Gottes Segen, das zu hören hätte gewiß Niemanden geſchadet, hätte vielleicht Manchem gute Gedanken und Entſchlüſſe für die Zukunft gegeben. Denn die Gemüther waren zugänglich in ihrer Rathloſigkeit. Aber was hernach im Wirthshaus ausgemacht wurde, iſt Alles zum Unheil und Unſegen — 39— worden, die verderblicher war, als drei Wolkenbrüche hinter⸗ einander. Schon bald nach der Morgenkirche ging das Uebel los. Die Arbeiter auf der Lehmanniſchen Fabrik waren anfangs, da das Unglück geſchehen war, ſehr kleinmüthig geweſen. Sie hatten Alle ſo viel Verſtändniß von der ganzen Einrichtung, daß ſie ſich ſelbſt ſagen konnten, die Zerſtörung ſei ſo ſchrecklich, daß im Augenblick nur mit ungeheuren Opfern weiter gearbeitet werden könne. Sie fürchteten deshalb eine allgemeine Arbeitseinſtellung, bis wieder Alles in Ordnug gebracht wäre. Da hatten denn Einige, denen als Familienvätern an der Gewißheit beſonders viel gelegen ſein mußte, Herrn Kitzert gefragt und erfahren, es würde jedenfalls weiter gearbeitet, der Herr Lehmann müßte um jeden Preis den Aufträgen, die ihm geworden und ſeinen Verſprechen gerecht werden. Dieſe Nachricht hatte hierauf die Niedergeſchlagenheit in die aus gelaſſenſte Freude verwandelt. Wo ſollte ſich aber dieſe Freude bequemer austoben als im Wirthshaus? Als es darum die ſonntägliche Ordnung nur zuließ, zog die ganze Schaar jauchzend und jubelnd in die Bierbrauerei von J. A. Wüſter. Dieſelbe war, etwas höher gelegen, als das übrige Dorf, gänzlich von der Waſſerfluth ver⸗ ſchont geblieben. Es wurde nun ſofort ein Fäßchen mit Bier aufgelegt und die ſtreikenden Bäckergeſellen, darunter der Altgeſelle und Diehl⸗Vetters Kleiner, die vom Tage vorher noch im — 40— Wirthshaus übrig geblieben waren und ſchon wieder beim Schoppen und bei der Karte ſaßen, wurden zum Mittrinken eingeladen. Das raſche Trinken des ſtarken Bieres erhitzte ſchnell die Gemüther und eine lebhafte Unterhaltung begann, die bald in Johlen und Schreien überging. Da erbat ſich Einer der ſtreikenden Bäckergeſellen das Wort, jener Altgeſelle, der ſchon mit dem Diehls⸗Vetter angebunden hatte. Er prach gern und nicht ganz ſchlecht. In dem Bäckergeſellen⸗ Klub in der Stadt war er Vorredner und Anfuhrer geweſen. „Stille, meine Herrn!“ ſagte er mit ſeiner ziſchenden Ausſprache des„S“,„Sie werden mir geſtatten einige wenige Worte zu Ihnen zu ſprechen.“ Meine Herren, Sie wiſſen von der ſteigenden Macht des Capitals in unſerer Zeit. Wir Arbeiter ſeufzen in der Knechtſchaft des Capitals. Wir müſſen vegetiren wie die Hunde, denen man die übrigen Knochen vorwirft, und die Capitaliſten ſind wie der reiche Mann im Evan⸗ gelium und leben jeden Tag herrlich und in Freuden. Wir aber müſſen das Geld dazu verdienen. Aus uuſerem Schweiße trinken die Herrn Champagner und aus unſeren Schwülen ſchaffen ſie ſich Chaiſe und Pferde an. Dürfen wir das leiden? Niemand hilft uns. Wir müſſen uns ſelbſt helfen. Unſere Selbſthülfe iſt Nothwehr. Wir warten es ab, bis man unſere Arbeit am nothwendigſten braucht, dann ſtreiken wir, das heißt wir verweigern auf einen Schlag alle mit einander die Arbeit bis man uns — 11— unſere Forderungen gewährt und noch gute Worte oben⸗ drein gibt. Das Mittel iſt probat. In allen Städten und größern Fabriken hat man ſchon geſtreikt. Meine Herren auch Sie müſſen ſtreiken. Für Sie iſt ein Augenblick des Glücks gekommen. Ihr Fabrikherr iſt in Verlegenheit. Er hat Verſprechungen gemacht, die er erfüllen muß, wenn er nicht verloren ſein will. Er braucht jetzt faſt doppelte Arbeitskräfte. Die Gelegenheit iſt günſtig. Sie kann kaum günſtiger kommen. Benutzen Sie dieſe Noth! Streiken Sie! Fordern Sie den doppelten Lohn! Sie werden ihn erhalten. Ich kenne das. So wird auch hier ein Anfang gemacht zur Gerechtigkeit.“ Die Rede des Altgeſellen fand ſtürmiſchen Beifall unter den Zuhörern. Sie hatte den rechten Zeitpunkt, die rechte Gemüthsverfaſſung der Leute getroffen.„Streiken“ ja„ſtreiken“! rief man.„Doppelter Lohn.“! Wenn auch vielleicht Einige eine Art Gewiſſensbedenken hatten, ſo wagten ſie nicht zu„muckſen“ bei dem Geſchrei der Uebrigen. Nur des Diehls⸗Vetters Kleiner opponirte. Vielleicht wirkte die nahe Verwandtſchaft mit Herrn Eduard Lehmann(er war ja eigentlich deſſen Oheim) ein wenig mit, indeſſen war er wirklich in tiefſter Seele empört über die Schänd⸗ lichkeit, jetzt bei dieſem furchtbaren Unglück auch noch zu ſtreiken. Er drehte herausfodernd ſein ſchwarzes Schnurrbärtchen und mit der Fauſt auf den Tiſch ſchlagend rief er:„Ein — 12— ſchlechter Kerl iſt, der die Noth eines Mannes benutzt um zu ſtreiken“! „Das ſage noch einmal!“ ſchrie ein rieſenhafter, bärtiger Gerbergeſelle und machte ſich zum Dreinſchlagen bereit. Mit ihm ſprangen die Anderen lärmend von ihren Stühlen. „Laßt doch den dummen Jungen gehen!“ ſagte begütigend der Altgeſelle. Er weiß nicht was er ſpricht.“ „Schweig du nur ſtill!“ rief Diehls⸗Vetters Kleiner ſeinem Kameraden zu.„Dich kenne ich jetzt durch und durch, du niederträchtiger Phariſäer und Heuchler. Reden kannſt du ſchon, aber arbeiten willſt du nicht, weil du zu faul und lumpicht biſt. Du möchteſt nur die Leute ver⸗ hetzen, damit du ſelbſt im Trüben fiſchen kannſt. Aber eine Schande iſt es für Euch hier in der Wiegenau, wenn Ihr Euch von dem hergelaufenen Vagabunden ver⸗ führen laſſet.“ „Laſſet mich einmal durch, Leute“ ſagte der rieſige Gerbergeſelle.„Ich muß der kleinen Kröte das Maul ſtopfen.“ „Nein bleibet nur!“ rief der Altgeſelle.„Ich thue ihn allein hinaus. Das Bürſchlein iſt ſchon betrunken. Er kann Nichts vertragen.“ „Rühre mich nicht an!“ rief Diehls⸗Vetters Kleiner ganz erboſt. Als aber dennoch der Altgeſelle gegen ihn vortrat, brannte eine herzhafte Ohrfeige auf ſeiner glatten Wange. Das hatte der Kleine nicht gut gemacht. Denn die — 13— Ohrfeige, welche er gab, war das Zeichen, daß nun Alle über ihn herfielen und ihn windelweich durchprügelten. Nach einigen Minuten war kein heiler Fleck mehr an ſeinem Körper. Aus mehreren Wunden blutend lag er halbohnmächtig vor der Thüre. Der Wirth wollte ihn, um den„Scandal zu vermeiden,“ wie er ſagte, in ein Bett bringen. Aber Diehls⸗«Vetters Kleiner hatte genug von dem Wirthshaus. Er bat den zweiten Bäckergeſellen, der mit ihm in die Wiegenau ge⸗ kommen war und der eben gutmüthig ſeine Wunden aus⸗ wuſch, ihm heim in ſeines Vaters Haus zu helfen. Inzwiſchen tobte der von dem Altgeſellen angefachte Sturm unter den Fabrikarbeitern weiter. Man hatte ſchon eine Deputation an Herrn Eduard Lehmann abgeſandt und demſelben die Entſchließungen der Verſammlung mitgetheilt. Obwohl die ſchon ſtark angetrunkenen Geſandten im Gefühl ihres Unrechts bei Herrn Lehmann recht brutal aufgetreten waren, waren ſie ziemlich höflich empfangen worden, hatten aber keine beſtimmte Antwort bekommen. Herr Lehmann hatte nämlich erklärt, nachdem er vorerſt mit Herrn Kitzert Rückſprache genommen hatte, er könne erſt in einigen Stunden ihnen Beſcheid geben. Dieſe Unentſchiedenheit machte doch Manchen ſtill und bedenklich, bis die Schreier wieder die Oberhand bekamen. Dann wurde fortwährend geſchworen, feſt zu bleiben beim Beſchluſſe und jedem Verräther Untergang gedroht und ruhig weiter getrunken. — 44— Es war Nachmittag geworden, die Zeit, wo die Bauern gewöhnlich in das Wirthshaus gingen. Heute kamen ſie ſämmtlich und auch früher wie gewöhnlich. Es drängte ſie ja Alle das Bedürfniß ſich auszuſprechen, ſich zu tröſten und zu berathen bei dem erſchrecklichen Unglück, das ſie getroffen hatte. Aber ſo ſehr es ſie drängte, ſo nahten ſie dem Wirthshaus doch nur langſam und bedächtig und oft ſtehenbleibend, als ſei es ihnen gar kein rechter Ernſt ins Wirthshaus zu gehen, und obwohl ſie auch ſonſt kamen und Jeder von dem Andern wußte warum er kam, hatte doch Jeder wieder ſeinen beſonderen Entſchuldigungsgrund ſeines Kommens, aber Keiner gab den wahren Grund an. Dem Einen war es noch zu feucht und zu unwohnlich zu Hauſe. Man wußte ja nicht einmal wohin man ſich ſetzen ſollte. Der Zweite wollte nicht allein daheim bleiben, Frau und Kinder wären mit Verwandten auf dem Weg, die zum Beſuch gekommen wären, einmal zn ſehen, wie es bei ihnen geflötzt und gehagelt hätte. Der Dritte wollte einmal hören was„los wäre“ im Wirthshaus, es ſei ja ſchon den ganzen Tag ein merkwürdiger Spectakel. Obwohl nun Keiner den Andern um den Grund fragte, warum er kam, ſo ſuchte doch jeder ſein Sprüchlein bei dem Andern anzubringen. Das war nun echte Bauernklugheit. Jeder durchſchaute den Andern, aber Jeder ſuchte ſich vor dem Andern zu verbergen. So ſprachen ſie ſich auch, nicht herzhaft aus, als ſie nun beiſammen ſaßen. Sie hatten bereits den Schaden beſichtigt, der einem Jeden in Feld und Haus geſchehen war. Sie hatten auch ſchon über die Zukunft nachgedacht. Aber kein Einziger ſprach von ſeinen Ver⸗ hältniſſen, auch gab Keiner einen Rath oder machte einen Vorſchlag, aus Furcht er könne ſich ſchaden oder einem Andern einen Vortheil zuwenden. Sie wollten Alle mit⸗ einander nur horchen, um aus den Erzählungen der Andern Beruhigung oder Nutzen zu ziehen. Feine Leute, dieſe Wiegenauer, das muß man ſagen. Anfangs tranken ſie Nichts, ſondern ließen ſich von den Gerbergeſellen zutrinken. Endlich beſtellte Einer nach dem Andern einen Schoppen. Durch die Begegnung mit den Geſellen bekamen ſie denn auch einen Geſprächsſtoff. Ihr Eigenes ließen ſie und ſprachen über Herrn Leh⸗ manns Fabrik. Da wußte denn Einer mehr, wie der Andere von dem Schaden zu erzählen, den Gebäude und Maſchinen erlitten hatten. Auch konnten ſie im Voraus ſchon ſagen, daß die von den Arbeitern geſtellten Bedingungen nicht an⸗ genommen würden. Sie ſchienen ſämmtlich dem Herrn Lehmann in den Geldbeutel geſehen zu haben und berechneten, daß er unter keiner Bedingung ſein Geſchäft mehr halten könne. Alle aber hatten es voraus geſagt. Denn Hoch⸗ muth kommt vor den Fall und der Krug geht ſolange zum Brunnen bis er bricht. Ueber die Arbeiter, die noch immer im Ungewiſſen ſchwebten — 46— und ihren Unmuth laut ausſprachen, machte man ſich luſtig durch Blicke und leiſe Bemerkungen, daß dieſelben ſo ver⸗ rückt wären jetzt zu ſtreiken. Man fing an trotz alles eigenen Unglücks ſich an frem⸗ dem Schaden und fremdem Aerger zu erquicken. Siehe da kam ein Schreiben aus der Fabrik, mit dem Beſcheide, daß ſämmtliche Forderungen der Arbeiter ohne Ausnahmen genehmigt ſeien. Die Bauern ſperrten Mund und Naſen auf, wie das eben nur Wiegenauer Bauern können, wenn ſie merken, daß ſie bei all ihrer vermeintlichen Pfiffigkeit das Ei neben das Neſt gelegt haben. Faſt aber noch mehr erſtaunten ſie, als direct nach Ankunft des Schreibens Herr Eduard Lehmann und ſein erſter Buchführer Herr Kitzert in eigener Perſon ins Wirthszimmer traten, ein völlig ungewöhnlicher Beſuch in Wüſters Brauerei. Beide wurden von den Arbeitern mit einem ſtürmiſchen Hurrah begrüßt. Vielleicht hätten ſich übrigens die guten Wiegenauer immer noch mehr gewundert, wenn ſie die eigentliche Abſicht des Wirthshausbeſuchs der beiden Herrn geahnt hätten, wenn ſie ſich hätten denken können, daß derſelbe nicht mit dem Wohl und Weh der Arbeiter zuſammenhinge, wie ſie meinten, ſondern auf ihren eigenen Geldbeutel zielte. Als das Geſuch der ſtreikenden Arbeiter in die Fabrik kam, war Herr Lehmann in die grenzenloſeſte Beſtürzung gerathen. Dagegen hatte Herr Kitzert ſich in hellem Ver⸗ gnügen die Hände gerieben und vor Freude dreimal hinter einander geſchnupft. Er ſagte:„Es konnte uns Nichts gelegener kommen als dieſe Arbeiterbewegung. Die Bauern haben wir jetzt ganz im Sack. Es gibt immerhin Schlauköpfe unter ihnen, die vielleicht Unrath gewittert hätten und unſeren Worten und Bürgſchaften nicht recht getraut. Gewähren wir aber jetzt den Arbeitern ihre allerdings höchſt unverſchämte Forderungen, ſo ſteht hernach unſer Credit in Wiegenau bombenfeſt.“ Herr Lehmann kämpfte noch immer, ob er den liſtigen Rathſchlägen ſeines Buchführers nachgeben ſolle, oder nicht. Aber es blieb ihm nur die Wah,, ſein Geſchäft nieder⸗ zulegen, und ſich bankerott zu erklären oder auf den an⸗ gegebenen Schwindelwegen ſich zu retten. Endlich entſchied er ſich. „Nun denn vorwärts!“ ſagte er mit einem Seufzer. „Aber ich verlaſſe mich auf Sie Herr Kitzert.“ „Das können Sie auch vollſtändig,“ erwiederte Herr Kitzert ſeine Naſe fütternd. So waren Beide am Nachmittag in das Wirthshaus gekommen. ₰ Herr Lehmann hatte für ſich und den Buchhalter eine Flaſche Wein beſtellt und für ſeine Arbeiter ein Fäßchen Bier. Während die Bauern ſich noch müheten, ſich von ihrem Erſtaunen zu erholen, hatte bereits der redekundige Alt⸗ geſell unter den Bäckern das Wort ergriffen und hatte in einer längeren Anſprache mit ziſchenden S. ſeinen — 48— Gefühlen einen Ausdruck zu geben geſucht. Er entſchuldigte ſich zuerſt geziemend, daß er als Fremder hier auftrete. Dann ſprach er beſcheiden von ſeiner Unwürdigkeit und Schwäche als Nedner und zuletzt erhob er das Wohlwollen Herrn Lehmanns und deſſen freundliche Geſinnungen gegen die„Enterbten“ bis in den Himmel hinauf. Unter den „Enterbten“ verſtand er nämlich die arbeitenden Klaſſen, die nach ſeiner Anſicht bei der göttlichen Gütervertheilung auf der Erde entſchieden zu kurz gekommen ſeien und denen die Reichen Alles vorweg genommen hätten. Seine Rede ſchloß er mit einem dreifachen Hoch auf Herrn Lehmann, in das begeiſtert die Gerbergeſellen einſtimmten. Herr Lehmann ſprach darauf zur Erwiederung, daß er für das ausgebrachte Hoch danke, daß er aber nicht die Lobeserhebungen in ihrem ganzen Umfang glaube ver⸗ dient zu haben. Er müſſe geſtehen, er ſei augenblicklich, wo er ſelbſt Verluſt erlitten hätte, nur höchſt ungern auf die geforderte Erhöhung ihres Lohnes eingegangen. Es ſei ihm nur möglich geworden, darauf einzugehen wegen ganz außerordentlich günſtiger Verträge, welche er zu be⸗ deutenden Lieferungen ins Ausland geſchloſſen hätte und die erſt vor ein Paar Ta zum giltigen Abſchluß ge⸗ kommen wären. Wenn übrigens der ihm unbekannte Herr die Arbeiter„Enterbte“ nenne, ſo hätte er völlig Unrecht. Wer bei ſolchem Lohn Geſundheit, Kraft und Geſchicklichkeit beſäße, der hätte ein ſchönes Capital geerbt und könne es zum Höchſten bringen. Sein Vater ſei Nichts geweſen, als auch ein Gerbergeſelle und er ſei nun der Beſitzer einer der größten Fabriken in der Umgegend und er hoffe es noch viel weiter zu bringen. Auf dieſe Rede folgte wiederum ein Hoch der Arbeiter, wie denn dieſelben zum Schreien und zum Tumult durch den häufigen Biergenuß immer geneigter wurden. Durch Herrn Kitzerts Vermittlung wurde darum das neue Fäßchen Bier draußen auf der Kegelbahn aufgelegt. Er wollte bei ſeiner Unterredung mit den Bauern unge⸗ ſtört ſein. Als die Arbeiter ihrem Fäßchen hinausgefolgt waren, wie die Biene dem Honigfaß nachzieht oder wie die Soldaten ihrer Fahne folgen und der letzte Mann kaum draußen war, entfernte ſich auch bald Herr Lehmann. Ein geſatteltes Pferd wurde ihm von einem Knechte vor der Wirthsthüre vor⸗ geführt. Er ſchwang ſich darauf und ſprengte davon der Stadt zu. Herr Kitzert ſetzte ſich mit ſeinem Wein zu den Bauern und ſprach ſchon, während er ſich niederließ:„Ein ſchöner, prächtiger junger Mann, der Herr Lehmann und reich— ein Geſchäftsmann, wie es keinen zweiten mehr gibt. Dem fließt es nur ſo. Ich glo er bringt es noch über den Rothſchild.— Dabei ein milder Mann. Das hätte ſonſt kein Menſch gethan, den Lohn der Arbeiter ohne Weiteres zu verdoppeln. Es iſt wahrhaftig keine Kleinigkeit ſtatt einen Thaler, zwei den Tag zu geben. Es macht das Jahr das Sümmchen von zwölftauſend Thalern mehr aus. Schupp, der Wolkenbruch in der Wiegenau.. 4 — 50— Aber er kann es. Er hätte den Lohn verzehnfachen können und hätte doch noch ſeinen ſchönen Profit gehabt.“— „Sehet, der wäre der Mann, der auch Euch in der Noth, in der Ihr jetzt ſeid, helfen könnte, wenn er nur wollte. Wenn er es thun wollte, könntet Ihr den Sand liegen laſſen auf den Aeckern und brauchtet keinen Wolken⸗ bruch und keinen Hagel mehr zu fürchten und könntet doch jeden Tag Euern Schoppen Wein trinken und noch mehr.“ Nachdem Herr Kitzert ſo weit in ſeiner Rede gekommen war, that er, als wenn er genug geſagt hätte. Er ſchlürfte langſam aus ſeinem Weinglas, nahm einige Priſen Schnupf⸗ tabak und ſchaute dann angelegentlich zum Fenſter hinaus, eine Melodie vor ſich hinbrummend. Dabei vergaß er jedoch nicht die Bauern und ihr Benehmen zu beobachten. Er ſah wie ſie von Neuem Mund und Naſe aufſperrten, aber wie auch, je länger er ſchwieg, ihre Unruhe und ihre Spannung wuchs und wie ihre angeregte Habgierde zu einem endlichen Ausbruch hindrängte. „Ei zum Kukuk,“ rief Einer, den ſie Philipp nannten, „warum ſprechen Sie denn nicht weiter, Herr Kitzert? Sie haben uns jetzt den Mund lang gemacht. Jetzt möchten wir auch noch mehr wiſſen.“ Herr Kitzert ſpielte den Erſtaunten vortrefflich. Allein als ihm von allen Seiten auffordernd zugenickt wurde, fuhr er fort.„Es war nur ſo ein Gedanke von mir, der ja doch nicht durch zu führen iſt. Ich dachte daran, wie ich voriges Jahr eine kleine Erbſchaft machte von drei⸗ ——. — 51— hundert Thalern und wie Herr Lehmann mich aufforderte, dieſe Summe in ſein Geſchäft zu ſtecken. Vor ein paar Tagen hat er mir auf dieſe dreihundert vierhundert und fünfzig Thaler Zinſen ausbezahlt. Das Geſchäft hat ver⸗ gangenes Jahr hundert und fünfzig Procent Reingewinn geliefert.“ Ein Ruf der höchſten Verwunderung ging durch die ganze Verſammlung.„Das läßt ſich hören“ meinte Philipp. „Da kann man leicht ein reicher Mann werden.“„Die meiſten Waaren gehen nach der Türkei und nach Egypten. Dort ſind die feinen Lederarbeiten ſehr geſucht und die Türken und der Vice⸗König von Egypten zahlen gut“ ſagte Herr Kitzert ſo nebenbei. Dann nahm er einige Priſen Schnupftabak. „Aber was ich ſagen wollte,“ fuhr er darauf in ſeiner Rede fort.„Gerade wie mein Geld Herr Lehmann in ſein Geſchäft geſteckt hat und hat mir hernach hundert und fünfzig Procent ausbezahlt, ſo könnte er auch Euer Geld aufnehmen und verzinſen. Er könnte, wie man das eben heutzutage nennt, Actien ausgeben und hier in Wiegenau eine Actien⸗Geſellſchaft gründen.“ Den Bauern leuchteten die Augen vor Begierde. Philipp ſagte, indem er begeiſtert mit der Fauſt auf den Tiſch ſchlug:„Zum Kukuk, das wäre.“ „Aber, wie geſagt,“ fuhr Herr Kitzert fort, den Bei⸗ fall der Leute völlig überhörend,„das war nur ein Ge⸗ danke von mir. Ich weiß ja recht gut, Ihr werdet kein 4* — 52— Geld in die Fabrik ſtecken. Ihr habt jetzt Euer Geld nöthiger zu brauchen, um Vieh, Wagen und Pflüge an⸗ zuſchaffen. Nehmet es mir aber nicht übel, daß ich Euch mit der Geſchichte gelangweilt habe. Eure Noth war mir zu Herzen gegangen und ich hatte nachgeſonnen, wie Euch zu helfen wäre.“ „Ei ſo werfen Sie es doch nicht zu weit hinweg, Herr Kitzert“ rief der dicke Kilian.„Wenn ich gewiß wüßte, daß ich für achthundert Thaler jährlich nur wieder meine achthundert und tauſend Thaler hätte, dann würde ich mich auch nicht darum reißen, wieder in den Acker zu gehen. Es iſt viel ſchöner im Kühlen zu ſitzen und Bier und Wein zu trinken, als draußen Hitze und Kälte aus⸗ zuſtehen. Für die achthundert Thaler würde es ſchon Rath werden.“ Der dürre Schneider Lips krähete, den dicken Kilian faſt überſchreiend:„Ja, wenn ich es gewiß wüßte, dann würde ich auf der Stelle Bügeleiſen und Scheere an den Nagel hängen.“ „Zum Kukuk!“ rief Philipp.„Wir würden Alle unſer Geſchäft an den Nagel hängen, wenn wir wüßten, daß Herr Lehmann auf unſere Wünſche einginge.“ „Warum ſoll er nicht darauf eingehen?“ fragte Herr Kitzert behaglich ſchnupfend.„Er verliert ja Nichts dabei. Im Gegentheil, je mehr er ſein Geſchäft ausdehnt, deſto größer iſt der Gewinnſt. Die kleine Unbequemlichkeit, die vielleicht die Berechnungen machen, übernimmt er ſicher. — 53— gern. Für die Wiegenauer hat er ſehr viel übrig und wenn er jetzt in ihrer Noth Etwas für ſie thun kann, iſt es ihm eine große Freude.“ „Ich gehe heim,“ ſagte ein Bauer Namens Peter, der unten am Tiſche ſaß und während der ganzen Rede Kitzerts unbehaglich ſeine Mütze von einer Seite des Kopfes auf die Andere geſchoben hatte. Herr Kitzert blickte betroffen auf. Das war ein arger Mißton, der ſeinem Plan viel ſchaden konnte. Aber er verhallte ohne Wirkung. Es war die einzige Oppoſition, die ſich gebildet hatte. Man rückte jetzt näher zuſammen und Herr Kitzert gab zur Bürgſchaft für die Glaubwürdigkeit ſeiner Angabe vertrauliche Mittheilungen aus dem Lehmannſchen Geſchäft, daß darüber den Bauern das Waſſer im Mund zu⸗ ſammenlief. Er log wie ein Türke und ſchnupfte wie ein Ruſſe und als man ſpät Abends heimging, trugen die Bauern ſchwerer an den Lügen, die ihnen Herr Kitzert aufgebunden hatte, als an dem Bier, das ſie getrunken hatten. V. „Wenn man einem Wiegenauer Bauern ein Stück Geld vorhält, das er umſonſt haben kann, rennt er blind darauf zu, wie ein Stier auf einen rothen Lappen.“ So hatte vor Zeiten ein Wiegenauer Bauer ſelbſt geſagt und der mußte doch ſeine Wiegenauer kennen. Es war der Diehls⸗Vetter geweſen, der es geſagt hatte, und als er es ſagte, war das Revolutionsjahr 1848 noch nicht lange vorbei. Er hatte es gleichſam zur Entſchuldigung der Wiegenauer geſagt. Denn wo ſich damals ein Paar Wiegenauer zuſammen ſehen ließen, wurden ſie ausgelacht und„gefoppt“. „Nun, Ihr Wiegenauer,“ hieß es,„wollet Ihr denn nicht bald wieder theilen?“— oder—„Laſſet ſie nur gehen! Es ſind Wiegenauer, die wollen wieder„theilen“. Dieſe Redensarten bezogen ſich auf ein komiſches Bravourſtückchen der Wiegenauer zur Märzzeit 1 848. Damals hatte ein Spottvogel den Wiegenauern auf⸗ gebunden, die ſämmtlichen Regierungs⸗ und Staatskaſſen würden an dem und dem Tage in der Stadt getheilt. Da hatten denn die guten Wiegenauer Alles ſtehen und liegen laſſen und waren, mit gehörigen Prügeln und großen Fruchtſäcken für das zu theilende Geld verſehen, frühmorgens in der Stadt erſchienen. Natürlich wurden ſie dort mit großer Heiterkeit em⸗ pfangen, als man erfuhr, wozu ſie die großen Säcke mit⸗ gebracht hatten. Aber ſtatt ſie aufzuklären, vermochte man ſie wirklich auf die Staatskaſſe zu gehen und ihr Verlangen vorzutragen. Während deſſen hatte ſich eine anſehnliche Menſchen⸗ menge vor dem Gebäude verſammelt und als die guten Wiegenauer mit ziemlich verblüfften Geſichtern aus dem Hauſe wieder herauskamen, wurden ſie mit einem endloſen Gelächter begrüßt. Ein höhniſch ſingender, johlender Pöbel⸗ haufe zog hinter ihnen drein. Aus Aerger tranken darauf die arg Enttäuſchten ſich im Wirthshaus toll und voll und weil ſie ihre Stöcke nicht umſonſt wollten mitgebracht haben, zerſchlugen ſie ſich die⸗ ſelben in einer ſchrecklichen Prügelei auf ihren eigenen Köpfen. So kamen ſie denn den Abend ſpät in ihrem Dorfe an, die Säcke leer, aber die Köpfe voll Wein und voll Beulen. Geld war nicht getheilt worden, aber Prügel hatten ſie ſelbſt ſich genügend ausgetheilt. „Wenn man einem Wiegenauer Bauer ein Stück Geld vorhält, das er umſonſt haben kann, rennt er blind darauf zu, wie ein Stier auf einen rothen Lappen.“ Dieſes Wort des Diehls⸗Vetters paßte auch jetzt wieder auf die guten Wiegenauer. Der Eigennutz iſt eben ein arger Schelm. Derſelbe wird für manchen Gimpel die Leimruthe und für manchen Hecht das Netz. Der Herr Kitzert war aber ein vortrefflicher Fiſcher und Vogelſteller und verſtand ſich auf das Einfangen von allen möglichen Arten von Fiſchen und Vögeln. Dabei ſchnupfte er ſehr behaglich. Aber immer behaglicher wurde dieſes Schnupfen und immer freundlicher ſein grinſendes — 56— Lachen, je mehr das gefangene Vöglein flatterte und das Fiſchlein zappelte. Mit ſeinen wohlüberlegten Reden hatte Herr Kitzert am Abend vorher einen Funken in leicht zündlichen Brenn⸗ ſtoff geworfen. Noch wurde derſelbe einigermaßen in Schranken gehalten durch das den Bauern angeborene Miß⸗ trauen und die ihnen eigene Bedachtſamkeit, aber er glühete bereits und rang nach dem Durchbruch. Auf den Straßen konnte man vor der Hand nicht merken, daß etwas Abſonderliches im Dorfe vorging, wie man das wohl in einer Stadt auf den erſten Blick geſehen hätte. Die Straßen waren einſamer und ſtiller als je. Noch vor ein paar Tagen war es ganz anders lebhaft im Orte zugegangen. Da hörte man ſchon bei Tagesgrauen das unermüd⸗ liche Dengeln der Sicheln und Senſen in jedem Haus. Dann zogen die Schnitter und Schnitterinnen, Krüge und weiß zugedeckte Körbe in den Händen und Rechen auf den Schultern tragend, lachend und juchzend ins Feld hinaus. Bald darnach ertönte das dumpfe Horn des Kuhhirten und dazwiſchen ſcholl das Brüllen der Kühe und Rinder und man ſah eine der ſtattlichſten Heerden daherwogen und im Staube der Landſtraße verſchwinden. Gleich darnach blies das hellere gellendere Horn des Schweinehirten ſeine bor⸗ ſtige, grunzende Heerde zuſammen. Ihm folgte der Schäfer, ſtolz auf ſeinen durchdringenden, ſcharfen, oft minuten⸗ langen Pfiff, den er auf gekrümmtem Finger hervorbrachte — 57— und dem ſeine wollige Schaar in hellen oder tieferen Tönen Beifall zublökte. Zuletzt klapperte der Gänſehirt auf einer hölzernen Klapper ſein ſchnatterndes, ſchwer zu regierendes Völkchen heraus. Dazwiſchen rollten Wagen über das Pflaſter, Peitſchen knallten, Hühner gackerten, Hähne krähe⸗ ten, Kinder ſchrieen, Hunde bellten. Das ſchwieg nun Alles. In den öden mit Trümmern und Schlamm bedeckten Höfen und Straßen lag die Ruhe eines Kirchhofs. Das einzige Leben herrſchte in der Fabrik. Man hörte dort klappern und hämmern und das Rauſchen des Dampfſchlots. Sonſt war dieſes dumpfe Pochen und Dampfen unter dem größeren Geräuſch der landwirthſchaft⸗ lichen Arbeiten nicht hörbar geweſen. Jetzt aber ſollte jä der Dampfſchlot die Herrſchaft in dem Dorfe bekommen. Jetzt mußte man ihn auch hören. Wer aus dieſem äußerlichen Schweigen und dieſer Stille im Dorfe nun aber hätte ſchließen wollen, der zün⸗ dende Funke wäre erloſchen und die Bemühungen Herrn Kiterts wären verloren geweſen, der hätte ſich arg getäuſcht. Je ruhiger es nach Außen war, deſto heftiger entbrannte der Kampf im Innern des Hauſes. Dieſen Kampf müſſen wir ein wenig beobachten und hier und da einen Hausbeſuch wagen. Dort in jenem großen, ſtattlichen Hauſe, deſſen An⸗ ſtrich und Ausſehen auf frühere Wohlhabenheit deutete, das aber auch der Wolkenbruch ſtark mitgenommen hatte, — 58— wollen wir einkehren. Der Beſitzer ſitzt auf der ſchmalen Bank hinter dem Tiſche und hat den Kopf mit beiden Armen aufgeſtützt und rückt in Verlegenheit ſeine Kappe bald auf den Vorderkopf, bald auf den Hinterkopf. Sein Geſicht brennt, aber ſeine Pfeife, die im Munde baumelte, iſt kalt. Vor ihm ſteht ſeine Frau, die Katharine, die kräftigen Arme in die Hüften geſtemmt und hält ihm aus dem Stegreife eine Standrede, die ſich gewaſchen hat. „Siehſt Du, Peter,“(der Peter iſt derſelbe, der ſchon geſtern Herrn Kitzert opponirt und ſo energiſch ge⸗ rufen hatte:„Ich gehe heim“) ſagte ſie,„Du biſt, wenn man es bei Licht betrachtet, ein rechter Klotz, mit dem Nichts anzufangen iſt, man mag ihn wenden und drehen, wie man will. Es kommen mir auch manchmal Gedanken, wo ich überlege, ob ich nicht beſſer gethan hätte, Dich gar nicht zu heirathen. Man hat ja hier im Hauſe doch nur Mühe und Aergerniß und Undank obendrein. Was wollteſt Du anfangen, wenn Du mich nicht hät⸗ teſt? Du weißt Dir ja nirgends zu helfen. Ueberall heißt es Katharine; Katharine hier, Katharine da— Katharine hinten, Katharine vornen. Auf mir ruhet alle Laſt. Jetzt nach der Fluth, wo alle Männer ſinnen und ſorgen, wie zu helfen iſt, gehſt Du umher, wie von Gott geſchlagen, thuſt Nichts, ſprichſt Nichts, haſt nur den Pfeifenſtummel im Munde und ſchiebſt das Käppchen auf Deinem Kopfe hin und her, als wenn aus Deinem dicken Kopfe je einmal etwas Geſcheutes herausgekommen wäre oder Hoffnung wäre, daß Etwas käme. Wenn wir darauf warten wollten, wären wir verloren. Das könnteſt Du doch längſt wiſſen. Aber Du wirſt nicht klug. Mitten im Unglück thut ſich auf einmal uns das Glück auf wie ein Scheunenthor. Man kann reich werden ohne Mühe und Laſt. Statt ſelbſt zu arbeiten, läßt man das Geld arbeiten. Jeder ſieht ſich um, ob er noch ein paar Groſchen hat, die er für ſich kann arbeiten laſſen. Du haſt das Geld. Ich habe es ja gerettet. Das war das Erſte, wonach ich griff, als die Fluth kam. Aber Du weißt es nicht zu benutzen. Du biſt zu dumm, um die Geſchichte mit den Actien zu begreifen, obwohl Dir es mein Bruder Philipp ſchon dreimal auseinander geſetzt hat. Alle Welt kauft Actien, aber Du willſt Kühe und Ochſen anſchaffen.“ „Die ſind nothwendig für eine Bauernhaushaltung“ brummte Peter im tiefſten Baß. „Nothwendig?!“ ſpottete Katharine,„als wenn du mir das zu ſagen brauchteſt. Ich vermiſſe die Kühe mehr als Du. Ich weiß ſelbſt noch nicht, wie ich ohne Milch fertig werden ſoll. Aber ſage mir einmal, womit willſt Du die Kühe füttern? Du weißt, daß kein Bündel Heu mehr da iſt und daß unſere Aecker und Wieſen vielleicht in drei, vier Jahren nicht wieder tragen. Willſt Du neben den Kühen auch noch Heu und Stroh kaufen, das Geld zum Fenſter hinauswerfen, während man damit Hunderte — 60— und Tauſende verdienen könnte? Das nenne ich wirklich verkehrte Welt. Ich möchte nur wiſſen, womit ich das verdient habe, daß mich Gott mit einem ſo eigenſinnigen, verkehrten Manne geſtraft hat.“ Sie fing an zu weinen im Gefühl des ihr widerfahr⸗ nen Unrechts. „Armer Peter, wie wird es Dir noch gehen!“ Das Weinen währte jedoch nicht allzu lang. Plötzlich putzte ſie ihre Thränen wieder mit dem Schürzenzipfel ab und ſagte mit dem Fuße aufſtampfend:„Nein! Ich laſſe mir es nicht gefallen. Ich habe auch noch ein Wort mit⸗ zuſprechen. Wir wollen nicht der Spott und die Ausnahme im ganzen Dorfe ſein.“ Nach dieſen Worten brach ſie abermals, jedoch in eine reichlichere Thränenfluth aus und ſagte:„Ich weiß, wo Alles herkommt. Du haſt mich nicht lieb und haſt mich nie lieb gehabt. Du gönnſt mir nicht, daß ich ſo ſchöne Kleider anziehe, als die Frau Lehmann. Ich ſoll nur immer die„Huddel“ im Hauſe ſein. Zum Arbeiten bin ich Dir gut, aber das iſt auch Alles. Ich ſoll nur immer fühlen, daß ich nicht ſo viel in die Ehe eingebracht habe, als Du. O wäre ich nur vor der Zeit geſtorben.“ Jetzt aber ſchluchzte ſie laut hinaus, daß ihre Kinder beſtürzt herbei kamen. Der Peter hatte während deſſen ſein Käppchen immer raſcher auf dem Kopfe hin und her geſchoben.„Laß nur — 61— das„Flennen!““ ſagte er endlich,„Du wirſt ſchon Deinen Willen haben, wie immer.“ Er ſtand bei dieſen Worten auf und holte ein gut⸗ gefülltes Geldſäckchen hervor und deſſen Inhalt auf den Tiſch ſchüttend, fing er an die harten Thaler, das Gold und das Papiergeld zu zählen. Katharine aber ging mit höchſt zufriedenem Geſicht zur Thüre hinaus. Wir wandern einige Hausthüren weiter, um Philipp, Peters Schwager, einen Beſuch zu machen. Es iſt das derſelbe Philipp, der geſtern immer„zum Kukuk“ ſagte und der bei ſeinem Schwager ſo nachdrücklich für die Ver⸗ bindung mit der Lehmannſchen Fabrik geſprochen hatte. Obwohl er bei ſeinem Schwager gethan hatte, als ſei er über alle Berge hinaus und als wäre ſeine Betheiligung eine abgemachte Sache, hatte es bei ihm noch manchen Haken. Seine Frau ſtimmte durchaus nicht für den Actien⸗ kauf und ihr Wort galt im Hauſe. Sie war an zehn Jahre älter als Philipp und ein häßliches, keifendes altes Weib. Es gab einen heftigen Kampf, wobei Philipp die ſchönſten Titulaturen erhielt. Wir können nur einige an⸗ führen, wie:„Lump, Wirthshausgänger, Anſchlägmacher, Großhans, Windbeutel.“ Zuletzt machte eine gewaltige Maulſchelle, die der zärtliche Gatte für angemeſſen hielt, dem weiteren Gezänk der Frau ein Ende. Bei dieſer Gelegenheit ging der eine — 62— große, gelbe Zahn, der der Alten von ihrem ganzen Gebiſſe noch übrig geblieben war, auch noch aus. Aber dieſe Art der Beweisführung hatte doch eine gewiſſe Wirkung. Man kam zu einer Art Waffenſtillſtand, wobei beſchloſſen wurde:„Man wolle Acht geben, wie es die Andern machten.“ Das war nun leicht zu erkunden. Denn drüben ſtand ſchon eine Weile der dicke Nachbar Kilian ſo breitſpurig auf ſeiner Hausthüre, als ſtünde er neben ſeinem Weizen⸗ karren auf dem Markte in der Stadt und ließ einen Theil der Kronenthaler, die er opfern wollte, in ſeiner Hoſen⸗ taſche klimpern. Und bei Schneiderlipſens, dem weiteren Nachbar, zippelte und zappelte Alles, damit man ja nicht zu ſpät käme. Bald ſah die lange dürre Schneiderlipſin mit ihrer ſpitzen Naſe aus dem Fenſter oder ihre eng⸗ brüſtigen Töchter kamen an die Thüre gelaufen und der kahlköpfige Schneiderlips ſelbſt blickte durch ſeinen Brillen⸗ petzer mehr auf die Gaſſe, als auf die Hoſen, die er mit neuen Flicklappen beſetzen wollte. Dagegen ſtanden einige nur halb Entſchloſſene an der mehr von der Straße rückwärts gelegenen Werkſtätte des Schloſſer⸗Karl und hörten deſſen eifrigen Vortrag an. „Siehſt Du“, ſagte die jetzt ganz zahnloſe Alte zu Philipp,„Du gingeſt auch einmal geſcheuter hinüber zum Schloſſer⸗Karl und hörteſt, was er ſagt, als daß Du den dummen Kilian und die verrückte Schneiderlipſin anſtarrſt. — Der Mann hat ein Stück Welt geſehen und lieſt gar die Zeitung, wie ich neulich gehört habe.“ Philipp ließ ſich dieſe Mahnung nicht zweimal geben. Denn er war neugierig wie Einer und wo zwei ſchwatzend zuſammenſtanden, mußte er ſicher hinzutreten. So ſtand er denn auch bald an der Schloſſerwerkſtätte. Der Schloſſer⸗Karl war ein kurioſer kleiner Kauz. Jetzt ſchon eisgrau, war er in ſeiner Jugend auf der Wan⸗ derſchaft ein ganzes Jahr in Wien geweſen. Dieſes Jahr aber hatte ihm eine ſolche Gelehrſamkeit und eine ſolche Wiſſenſchaft von allen Dingen gegeben, daß er ſeitdem ſich berufen fühlte, über Alles, was er auch noch nie geſehen und gehört hatte, mitzuſprechen und ein Urtheil zu fällen. Es gab Nichts unter der Sonne, was nicht in dem einen Jahr ſeines Aufenthalts auch bereits in Wien geſchehen war. Die Ereigniſſe durften noch ſo merkwürdig und groß⸗ artig ſein, in Wien fand ſich ein Beleg dazu. „Das iſt noch gar Nichts!“ ſagte er.„Als ich in Wien war...“ und nun begann er irgend eine Geſchichte, die der eigentlichen Sache ſo fremd war, daß ſie, wie man in Wiegenau ſagte:„paßte wie eine Fauſt auf ein Auge.“ Als Vielgereiſter, der aller Herren Länder und alle Potentaten geſehen hatte— die Potentaten waren nämlich ſämmtlich bis auf den Kaiſer von China, der zufällig den Schnupfen hatte, in dem einen Jahre in Wien ge⸗ weſen— legte er den Bauern die Zeitung aus und war das Orakel in allen politiſchen Dingen. — 64— Seine Politik hatte allerdings ihr Eigenthümliches. Nach ſeiner Anſchauung drehte ſich eigentlich die ganze Weltgeſchichte um die„Orientaliſche Frage“ und den „Oeſterreichiſchen Staats⸗Banquerott“. Dieſe Stichwörter kamen in jeder ſeiner politiſchen Reden einige Dutzend Mal vor. Jedes Kind in Wiegenau kannte dieſe Wörter. Was ſich aber die guten Wiegenauer unter der„Orientaliſchen Frage“ und dem„Oeſterreichiſchen Staatsbanquerott“ vor⸗ ſtellten, iſt noch nie genau bekannt geworden. Der Schloſſer⸗Karl ließ ſich durch die Ankunft Philipps in ſeiner Auseinanderſetzung durchaus nicht ſtören:„Wir gehen einer Zeit der Zukunft entgegen“ ſagte er.„Die orientaliſche Frage wird in der Politik in den Hintergrund treten. Die Genoſſenſchaften, die Löſung der ſocialen Frage und der Actienſchwindel bilden den Mittelpunkt der Zeit⸗ geſchichte. Ich denke, daß Ihr mich ganz verſteht?“ Als die Bauern zuſtimmend nickten— wie hätte Einer gewagt nicht uzuſtrnnen und für weniger geſcheut zu gelten als die Andern!— fuhr der Schloſſer⸗Karl fort: „Ihr fragt mich, was ich davon halte, ob Ihr Euch von den Actien kaufen ſollt, die die Lehmanniſche Fabrik aus⸗ gibt. Ich will Euch kurz Etwas erzählen: Als ich in Wien war, geſchah der Oeſterreichiſche Staatsbanquerott. Mein Prinzipal war damals noch ein ziemlich unbemittelter Mann, aber er kaufte ſich Staatspapiere und iſt ein reicher Mann geworden. Jetzt gehet hin und machet, was Ihr wollt.“ — 8 3— — 65— Er ſelbſt ging im Hochgefühle ſeiner Ueberlegenheit mit der Feile wieder an die Arbeit, während die Bauern ſich laut ſprechend entfernten. Er hatte in der That bei dieſen Unentſchloſſenen eine Entſcheidung herbeigeführt, denn Jeder wollte reich werden, wie der Schloſſermeiſter in Wien. Die Bauern hatten kaum ein paar Schritte in der Straße vorwärts gethan, als eine Bekanntmachung durch die Gemeindeſchelle an ihre Ohren drang. Noch konnten ſie die Worte, die der Ortsdiener rief, nicht verſtehen, aber es mußte etwas Außergewöhnliches ſein. Denn eine ganze Menge von Menſchen zog der Schelle nach. Jetzt wurde auch in ihrer Nähe der Klang derſelben hörbar. Alles riß die Fenſter auf oder trat vor die Thüre, um beſſer zu hören. Der Schneiderlips warf die halb⸗ geflickten Hoſen hin und folgte ſeinen neugierigen Töchtern, auch die zahnloſe Frau Philipps klemmte ein wenig das Fenſter und Peter machte ſich hinhorchend auf ſeinem Hofe zu ſchaffen. Der Ausſcheller verkündigte, daß Herr Lehmann auf heute Nachmittag 3 Uhr die Bürger von Wiegenau zur Beſprechung und etwaigen Unterzeichnung in die Bier⸗ brauerei von Wüſter einlade. Dieſe Bekanntmachung war denn das Signal, daß alle Schleuſen der bis jetzt verhaltenen Aufregung los⸗ brachen. Bisher waren gleichſam nur einzelne Wäſſer chen Schupp, der Wolkenbruch in der Wiegenau. gefloſſen, jetzt wogten ſie vereinigt wie eine zweite Waſſer⸗ fluth durch den Ort hin. Längſt vor drei Uhr war ſchon das ganze Dorf an und in der Bierbrauerei verſammelt. Es fehlten nur Wenige, die eben Nichts oder nur höchſtens eine Kleinigkeit einzulegen hatten. Herr Kitzert, der an der Stelle Herrn Lehmanns er⸗ ſchien, den er entſchuldigte, erſtaunte ſelbſt über das maſ⸗ ſenhafte Zudrängen. So hätte er es ſich wirklich kaum ſelbſt geträumt. Aber noch mehr erſtaunte er, als die Meiſten ſchon Geldſäckchen mitbrachten. Dazu war er noch gar nicht vorbereitet. Denn die Erlaubniß, um eine Actien⸗ geſellſchaft zu gründen, mußte erſt eingeholt werden. Aber Herr Kitzert war der Mann nicht, der Jemand Geld bringen ließ, ohne es ihm abzunehmen. Er ſtrich ſchmunzelnd und ſchnupfend die Geldſummen ein und gab den Leuten vorläufige Quittungen. Es war merkwürdig, wie viel Geld noch Wiegenau aufzubringen vermochte. Das Waſſer ſchien erſt all das verborgene Silber und Gold an das Tageslicht geſpült zu haben. Die Fabrik hatte einen Glückstag. Aber was war dieſes mitgebrachte Geld gegen das, was noch Alles ge⸗ zeichnet wurde. Herr Kitzert ſchmunzelte immer freundlicher und ſchnupfte immer eifriger. Armes verführtes Volk! War denn kein einziger — 67— Vernünftiger da, der dich zeitig warnen konnte vor deinen falſchen Freunden? Wo war der alte Diehls⸗Vetter? Der alte Diehls⸗Vetter ſaß in ſeinem Hauſe, das ab⸗ ſeits von dem Dorflärm lag, an dem Lager ſeines jüngſten Sohnes, der in Folge der Schlägerei im Wirthshaus lebensgefährlich erkrankt war. In der Angſt um ſein Kind hatte er ſich um Nichts bekümmert und auch wirklich Nichts erfahren. Das Erſte, was er hörte, war einige Tage ſpäter. Da vernahm er eines Morgens im Hofe die Stimme ſeines älteſten Sohnes, der mit einem Handelsjuden im eifrigſten Feilſchen und Handeln begriffen war. Dazwiſchen klang die ſcheltende Stimme ſeiner Schwiegertochter, die ſich auf ihn, ihren Schwiegervater, berief. Neugierig trat der Alte an das Fenſter und ſah ſeine beiden Pferde im Hofe ſtehen und um dieſelben den Juden prüfend und muſternd herumgehen. Da ſein Kleiner ſchlief, ging er herunter in den Hof. „Was ſoll das?“ rief er mit ſo lauter Stimme, daß die beiden im Handel Begriffenen erſchrocken herumfuhren. Sein Sohn faßte ſich aber bald wieder und erwiderte in einem trotzigen Tone: Ihr kümmert Euch ja um Nichts mehr, Vater. Es iſt, als ob der Kleine Euer einziges Kind wäre. Ich kann aber die Thiere nicht verhungern laſſen. Darum will ich ſie verkaufen. Dann aber brauchen 5* — 68— wir auch Geld, um von den Lehmanniſchen Actien zu kaufen. Das ganze Dorf kauft Actien.“ Der Alte war vor Zorn hochroth im Geſicht geworden und ſprach mit einer ſchmetternden Stimme, die keinen Widerſpruch kannte, zuerſt zu ſeinem Sohn:„Du führſt die Pferde wieder in den Stall,“ und dann zu dem Juden: „Du„Schmul“ machſt, daß Du ſo ſchnell wie möglich aus dem Hofe kommſt“, und dann zu ſeiner Schwiegertochter: „Und Du erzählſt mir von den Lehmanniſchen Actien.“ Als ſeine Schwiegertochter dem Alten getreulich den ganzen Actienſchwindel erzählt hatte, rief der Diehls⸗Vetter in höchſter Aufregung, die Hände emporringend:„O Gott im Himmel, war es denn nicht mit einem Unglück genug? VI. Der„Diehls⸗Vetter“ ſtand mit den„Lehmanns“ nicht im beſten Einvernehmen, obwohl die Frau Lehmann ſeine Tochter war. Er hatte ſogar in einer zornigen Wallung ſich das Wort gegeben, nie wieder einen Fuß in ihre Behauſung zu ſetzen. Seine Tochter und ſeine Enkelin hatten ſich offenbar ihres Vaters und Großvaters geſchämt. Es war eines Tages feiner Beſuch aus der Stadt — 69— dageweſen. Die Tiſche beugten ſich unter den koſtbaren Speiſen und Getränken. Die Maienſonne ſchien durch duftiges Gebüſch in den kühlen Gartenſaal. Seidene Kleider rauſchten— Kryſtallgläſer klangen. Eben hatte Eine der Stadtdämchen mit ſchmachtender Stimme geſagt, indem ſie ihr dünnes Hälschen und ihre ſchiefen Aeuglein verdreht hatte und ihre Löckchen ſchüttelte, die ausſahen wie geringelte Rattenſchwänzchen:„Ach auf dem Lande iſt es reizend, zu reizend.“ Die Frau Lehmann hatte erwiedert:„Ja es wäre ſchon ganz ſchön, ach aber ſehen Sie, die Bauern ſind doch zu roh, gemein und ungebildet. Denken Sie ſich:„Dieſe Leute haben gar kein Gefühl.“ Dieſe in ihrer Art merkwürdige Behauptung war mit lauter Verwunderung aufgenommen worden und man war noch voller Bedauerns und Mitleids über die arme Frau, die unter ſo gefühlloſen, ungebildeten Menſchen wohnen müßte. Das dünnhälſige Dämchen ſchüttelte noch immer ſeine Rattenſchwänzchen und ſeufzte:„Nein, aber Nein!“ Da war plötzlich der Diehls⸗ Vetter hereingetreten einfach in ſeinem Werktagsanzug, d. h. mit blauleinenen Hoſen, blauleinenem Wammes, blauer Zipfelmütze und blau⸗ leinenen Gamaſchen über ungewichſten, ſtarkbenagelten Schuhen. Von dem Anblick der glänzenden Geſellſchaft, die er nicht vermuthet hatte, im erſten Augenblick überraſcht, war er ein wenig verlegen geworden. Dann aber hatte er 0o völlig gefaßt mit einem gewiſſen Freimuth geſagt:„Ich wünſche den Herrſchaften einen guten Tag und bitte um Vergebung, wenn ich einen Augenblick ſtöre. Ich wollte nur hier meiner Tochter die freudige Nachricht bringen, daß ich um einen Enkel reicher geworden bin. Meine Schwiegertochter hat einen Sohn bekommen; ein Capital⸗ junge.“ Der Diehls⸗Vetter war gekommen in dem natürlichen Drang ſeines Herzens, die frohe Kunde, die ihn belebte, auch Andern mitzutheilen. Und wem ſollte er es am nächſten mittheilen, als ſeiner eigenen Tochter und ſeinen Enkeln? Aber der alte Mann hatte ſich arg getäuſcht, wenn er geglaubt hatte, hier fände er ein Verſtändniß für die Freude, die in ſeinem Herzen zitterte. Er hatte die Geſellſchaft nur in eine wahre Erſtarrung verſetzt. Es war als wenn eine Bombe in das Zimmer gefallen wäre. Auf den Geſichtern der Stadtdämchen malte ſich Staunen und Schadenfreude. Sie hatten ja nicht gewußt, daß die feine Frau Lehmann, die ſie noch eben bedauert hatten, weil ſie unter ſo gefühlloſen Menſchen leben müßte, wie die Wiegenauer Bauern, ſelbſt eine Wiegenauer Bauerntochter war. Dagegen brannte auf den Wangen der Frau über die ärgerliche Ueberraſchung Scham und Zorn. Sie ver⸗ hüllte ihr Geſicht. Niemand ſprach ein Wort. 3 Aus dieſer unheimlichenStille aber, die alsbald nach ſ einem Eintritt erfolgt war, hatte der Diehls⸗Vetter merken können, —— wie die Sachen ſtanden. Eine heiße Zornesröthe war in ihm aufgeſtiegen. Die Adern auf ſeiner Stirne ſchwollen ſingerdick an, der Ausdruck ſeines Geſichtes war zum Erſchrecken. Aber es lag eine ungeheuere Mäßigung in ſeinen Worten, als er ſagte:„Nun, bekomme ich kein Wörtlein zu hören von meiner Tochter? Iſt der alte Vater keiner Antwort mehr werth?“„Ihr hättet auch einen beſſeren Anzug anlegen können, Vater, wie es ſich für einen ſo reichen Oekonomen ſchickt, wie ihr ſeid.“ hatte die Tochter rwiedert. Der Diehls⸗Vetter hatte aber für gut gefunden, dieſe feine Wendung der vornehmen Fabrikantin, die ihren Vater ſchnell zum Oekonomen umſtempeln wollte, kurz abzuweiſen. „Ich bin kein Oekonom“, hatte er geſagt, ſondern nur ein einfacher Bauer. Darum trage ich auch Bauernkleider. Ich will nicht mehr ſein, als ich bin. Das Vornehmthun iſt vom Uebel. Als du noch Bauernkleider trugſt und Bauernbrod aßeſt, warſt du auch noch ein liebes, braves Kind und haſt dich deiner eigenen Eltern nicht geſchämt. Aber ſeitdem du ſeidene Kleider trägſt, ſind wir dir nicht mehr gut genug. Da iſt dir aller kindliche Sinn abhanden gekommen. Du verleugneſt und verräthſt uns, wo du kannſt. Dir wäre es am liebſten, wir wären todt oder weit, weit weg, daß du uns nicht zu kennen oder mit uns zu verkehren brauchteſt. Doch habe keine Angſt. Ich werde Dir nicht mehr be⸗ — 2— ſchwerlich fallen. Hier in deinem Hauſe ſind mir zu viel ſeidene Kleider.“ Mit einem kurzen, gezwungenen Lachen, was die innere Kränkung und den Schmerz, den er fühlte, verbergen ſollte, war er darauf weggegangen. Aber, während die dünnhalſige Dame innen rief:„Nein, das iſt aber zu rück⸗ ſichtslos, zu rückſichtslos“— hatte er ſich draußen gelobt, das Haus ſeines unkindlichen Kindes nicht wieder zu be⸗ treten. Dieſes Gelöbniß hatte der alte Mann nun ſchon ſeit Jahren gehalten. Der Verkehr zwiſchen dem Diehls⸗ Vetteriſchen Hauſe und der Lehmanniſchen Fabrik war gänzlich aufgehoben zur beſonderen Freude der Frau Leh⸗ mann, die jetzt ungerügt in feinen Geſellſchaften ihren Vater einen Oekonomen nennen durfte. Nun aber bei den ſteigenden Wirrniſſen in dem Dorfe, auf die der Diehls⸗Vetter jetzt aufmerkſamer wurde, ſeit⸗ dem er davon wußte, ſchien ihm ein Gang nach dem Leh⸗ manniſchen Hauſe immer nothwendiger, ſo ſchwer es ihm auch ankam, ſeinem früheren Vorſatze untreu zu werden. Es kam ihm vor, als wäre auf der Fabrik nicht Alles, wie es ſein ſollte oder wie er ſich ausdrückte„als wäre nicht Alles glatt“. Ja manchmal wollte es ihn bedünken, als wenn dort ein entſetzlicher Betrug, eine großartige Spitzbüberei im Gange wäre. Doch ſchlug er ſich ſelbſt dieſe Gedanken als undenkbar aus dem Kopfe. Sein ehrlicher, fleißiger Schwiegerſohn, — 3— der ſtolz darauf geweſen war, ſeinen Reichthum nur ſeinem Fleiß und ſeiner Ehrlichkeit zu verdanken, würde ſich ja im Grabe noch umwenden, wenn es möglich wäre, daß ſein Werk auf Schwindelbahnen käme. „Es mag ja ſo ſein,“ ſagte er,„mein Enkel ſoll gute Abſichten haben und ich will ſogar die großmäuligen Ver⸗ ſprechungen des Herrn Kitzert für baare Münze annehmen, obwohl ich dieſem Burſchen am allerwenigſten traue, aber die Geſchichte taugt nicht und darf nicht geduldet werden. Der Actienkram richtet das Dorf zu Grunde. Das iſt nicht„glatt“ und wird nicht„glatt“,“ ſagte er.„Ein Bauer iſt kein Capitaliſt und kein Kaufmann. Wenn es irgendwo gilt:„Schuſter bleib' bei Deinem Leiſten“, dann gilt es hier. Der Bauer muß wiſſen, wie und wann man den Hafer ſäet, aber von Actien braucht er Nichts zu wiſſen. Das ſollte mir eine ſchöne Wirthſchaft werden, wenn die Bauern nach dem Steigen und Fallen der Actien ſähen, ſtatt nach den Fruchtpreiſen. Dann könnte man auch bald ſtatt eines„Gemeinde⸗Backhauſes“ eine„Börſe“ aufbauen und Brod backen aus Papierſchnitzeln. Wenn der Bauer Geld überflüſſig hat, dann hat er überall Gelegenheit ſein Geld auf Hypotheken anzulegen und dieſem oder jenem armen Bäuerlein aufzuhelfen, oder er kann ſich Ochſen kaufen und ſie mäſten, das verſteht er. Von dem, was er nicht verſteht, ſoll er die Finger laſſen, ſonſt kommt er zu Schaden. Wenn er nun aber in Geld⸗ noth und in Geldverlegenheit iſt und will dann noch das —— wenige Geld weggeben, das er in ſeiner Wirthſchaft ſo nothwendig brauchen könnte, wie ſoll es da mit ihm wer⸗ den? Das iſt gerade, als wenn der Schiffer ſein Ruder wegwirft und verlangt, der Wind ſolle ihn allein an das Land treiben, oder als wenn der Jäger ſeine Flinte ver⸗ kauft und meint, die gebratenen Tauben würden ihm in den Mund fliegen. Was die Wiegenauer denken, weiß ich nicht. Ich glaube aber, die Leute ſind rein verrückt. Das Sümmchen Geld, was ihnen Gott gelaſſen hat, um ſich wieder aufzuhelfen, ſchleudern ſie fort. Womit kaufen ſie jetzt Vieh und Acker⸗ geräthſchaften? Ohne Pferde und Vieh und Wagen und Pflug kann man doch keinen Acker bebauen. Wenn aber die Wiegenauer ihr Feld nicht wieder in Ordnung ſchaffen, von was ſollen ſie denn leben? Von den Verſprechungen Herrn Kitzerts? Dann können ſie ebenſo gut vom Wind leben. Wenn die Worte dieſes Kitzerts eine Brücke wären, dann ginge ich nicht darüber. Es iſt ja ein reiner Schwin⸗ del, daß die Fabrik ſo viele Procente Gewinn machte, wie dieſer Kerl ſagt. Wenn mein Enkel wirklich ſo viel Zinſen auszahlen könnte, müßte er ſelbſt längſt ein dreifacher und vierfacher Millionär ſein.“ Auf dieſe und ähnliche Weiſe ſprach ſich der alte Mann hauptſächlich ſeiner Schwiegertochter gegenüber aus, die ſein ganz beſonderes Vertrauen genoß. Er fühlte, daß Etwas geſchehen mußte und daß er vielleicht der einzige Mann in Wiegenau war, der Etwas thun konnte. Allein es ſiel ihm gar zu ſchwer, ſich zu einem Beſuch in der Fabrik zu entſchließen. So ging er unentſchieden ein paar Tage umher, aus ſeinem hölzernen Pfeifchen rauchend und dazu brummend:„Das iſt nicht glatt und wird nicht glatt.“ Plötzlich entſchloß er ſich hinzugehen. Er mußte einmal klar ſehen, um weitere Schritte thun zu können. Für diesmal zog er aber ſeinen Tuchrock an. Das that er jedoch nicht um ſeiner Tochter, ſondern um der Wiegenauer willen. Sein Geſicht war feierlich und ſein Schritt bedächtig. Es galt die Ehre ſeiner nächſten Ver⸗ wandten und die Rettung ſeines Dorfes. In der Fabrik angekommen, hatte er bereits an ver⸗ ſchiedenen Thüren des ziemlich weitläufigen Wohnhauſes angeklopft, ohne daß Jemand„Herein“ rief. Darüber ungeduldig öffnete er geradezu eines der Zimmer. Das Zimmer war nicht leer. Er fand ſeine Enkelin dort ſitzen, ganz verſunken in einen franzöſiſchen Roman, ſo daß ſie ſein Klopfen überhört hatte. Da ſie aber jetzt aufſchaute und den Eintretenden er⸗ kannte, ſchien ſie einen ordentlichen Schrecken zu bekommen. „Ach der Großvater!“ rief ſie und eilte flüchtig durch die entgegengeſetzte Thür fort. Der Diehls⸗Vetter war mit dieſem Empfang durchaus nicht zufrieden. Sehr mißmuthig ſetzte er ſich auf einen Stuhl, um abzuwarten, was nun weiter geſchähe. — 6 Er mußte lange warten. Endlich naheten Schritte. Es war Eduards Mutter in höchſt eleganter Toälette. „Ach,“ ſagte dieſelbe in affektirt geziertem Tone,„da ſind Sie ja, Väterchen. Ich wollte ſie heute noch auf⸗ ſuchen, um Ihnen meinen Dank auszuſprechen, für die herrliche That der Lebensrettung, da Sie meinem lieben Eduard in ſchrecklicher Todesgefahr beigeſtanden haben. Ich wäre ſchon früher gekommen, aber ich habe erſt nach⸗ gehends davon gehört. Da Sie nun gerade da ſind, er⸗ lauben Sie mir hier meinen Dank abzuſtatten.“ „Laß nur, laß nur!“ ſagte der Diehls⸗Vetter in rauher, faſt grober Weiſe.„Ein Dankeswort, wie es warm und friſch aus dem Mutterherzen aufſteigt, hätte ich gern ent⸗ gegen genommen, aber mit dieſem geſpreizten, eingelernten Weſen bleibe mir vom Leibe, ſonſt ſchlage ich aus wie ein Pferd, das eine Bremſe ſticht.“ Die Frau Lehmann mit Schmerzen die gänzliche Bil⸗ dungsunfähigkeit ihres Vaters erkennend und ſeine Unzu⸗ gänglichkeit für ſchöne Kleider und ſchöne Redensarten, ließ ſich mit einem ſchweren Seufzer in einem weichen, gepolſterten Seſſel nieder. Die Unmöglichkeit ihre nächſten Anverwandten zu dem hohen Standpunkt der Bildung und des Anſtandes heranzuziehen, den ſie einnahm, war gar zu hart für ſie. Doch in einem gänzlich veränderten Tone fragte ſie jetzt:„Nun was wollet Ihr denn Vater? Ihr ſeid lange nicht dageweſen?“ Sie verſtand auch noch„Wiegenauiſch,“ wenn ſie wollte. „Ich möchte ein Paar Worte mit Eduard allein ſprechen,“ erwiderte der Diehls⸗Vetter.„Rufe mir ihn aus dem Comptoir herauf. Die Sache iſt wichtig.“ „Eduard iſt nicht auf dem Comptoir. Er fühlt ſich ſchon ein Paar Tage unwohl“ ſagte Frau Lehmann.„Der Junge macht mir ordentlich Angſt. Er iſt völlig menſchen⸗ ſcheu, will nur auf ſeinem Zimmer ſpeiſen und macht ein⸗ ſame Spaziergänge in Feld und Wald. Ob er ſich viel⸗ leicht in dem Waſſer verkältet oder ob der Schrecken ſeine Nerven angegriffen hat?“ „Ich kenne den Urſprung ſeiner Krankheit“ ſagte der Diehls⸗Vetter mit ſtarker Stimme,„und will ihn kuriren.“ „Ihr?“ fragte Frau Lehmann ungläubig, aber ſie ging doch ihren Sohn zu rufen. Der Diehls⸗Vetter war jetzt ganz überzeugt, daß bei der Actiengeſchichte Spitzbüberei im Spiele ſei und daß das böſe Gewiſſen die ganze Krankheit ſeines Enkels wäre. Aber um ſo mehr drängte es ihn, denſelben zu ſprechen. Er glaubte einen gewiſſen Einfluß auf das nicht ganz unempfängliche Gemüth ſeines Enkels zu haben, und konnte möglicher Weiſe dem Unheil noch vorgebeugt werden. Frau Lehmann kam aber nach einiger Zeit unverrich⸗ teter Sache wieder zurück. Ihr Sohn war nicht mitge⸗ kommen. Er ließ ſich entſchuldigen, er ſei zu aufgeregt, um mit ſeinem Großvater zu ſprechen. Doch wiſſe er — 78— ſchon, warum derſelbe komme. Er ſolle die Angelegenheit nur mit Herrn Kitzert beſprechen. „Mit Herrn Kitzert habe ich Nichts zu verhandeln,“ rief der Diehls⸗Vetter zornig aufwallend.„Ich will mei⸗ nen Enkel ſprechen. Und wenn er nicht zu mir kommen will, gehe ich zu ihm.“ Der Diehls⸗Vetter war aufgeſtanden, um Eduard auf ſeinem Zimmer aufzuſuchen, aber ſeine Tochter trat ihm in den Weg und rief:„Bringet den Jungen nicht in Ver⸗ zweiflung, Vater! Er ſagt, er würde zum Fenſter hinaus⸗ ſpringen, wenn Ihr an ſeine Thür kämet.“ „Das wollen wir darauf ankommen laſſen,“ erwiderte der alte Bauer barſch.„Geh' mir aus dem Wege, Tochter! Es gilt einen Spitzbuben zu entlarven.“ Allein ſeine Tochter ließ ihn nicht. Er mußte mit ihr ringen. Als er aber endlich ſich frei gemacht hatte, hörte er unten den Hufſchlag eines Pferdes. Er eilte zum Fenſter und ſah, wie ſein Enkel eben zu Pferde ſtieg und davonritt. „Eduard, Eduard!“ rief der alte Mann zum Fenſter hinaus, aber der Reiter hörte nicht. Im ſauſenden Galopp jagte er dahin. „Mir biſt Du entgangen“, ſprach feierlich der Alte, das Fenſter ſchließend.„Deinem ewigen Richter wirſt Du nicht entgehen. Aber zwiſchen uns hört jetzt die Gemeinſchaft auf. Das kannſt Du ihm ſagen, Tochter:„Mit Spitz⸗ buben hätte ich keine Gemeinſchaft.“ Es thut mir leid, daß ich dieſes Haus wieder betreten habe. Diesmal iſt es aber auch das letzte Mal. Adieu!“ Der Alte ging. Seine Tochter ſah ihm voll Erſtaunen nach. Denn ſie begriff nicht, was eigentlich Alles be⸗ deutete. Herr Kitzert, der auch dem Diehls⸗Vetter nachſah, hätte es ihr ſagen können, aber er ſchwieg wohlweislich. Viel⸗ mehr, während in dem Herzen des alten braven Mannes Schmerz und Zorn wühlten, grinſte er triumphirend und fütterte ſein Naſenſtümpchen aus friſchgefüllter Doſe. „Was nun thun?“ war die Frage, welche ſich der Diehls⸗Vetter vorlegte. In der Fabrik wich man ihm offenbar aus. Von dort⸗ her war demnach vor der Hand auf kein Aufgeben der trügeriſchen Abſichten zu rechnen. Sollte er alſo die Sache aufgeben? Alles gewähren laſſen, wie es ging? Das Dorf blindlings dem Verderben entgegen gehen laſſen? Schon ein ſolcher Gedanke war bei des Diehls⸗Vetters Art undenkbar. Konnten denn die Bauern ſelbſt auf keine Weiſe zur Einſicht gebracht werden? Es galt ja nur den Verſuch. Er klopfte an vielen Thüren an und ſprach eindringlich und verſtändlich. Seine Worte lauteten etwa folgendermaßen:„Ihr wiſſet, daß man dem„Spatz“ nachſagt, er pfeife im Som⸗ mer und im Winter ein ganz verſchiedenartiges Lied. Im — 80— Winter, wenn Schnee und Eis Alles deckt, komme er als Bettelmann und ſinge:„Ach Bäuerchen, laß mich ein in Dein Scheuerchen. Es iſt kalt— es iſt kalt.“ Im Sommer aber, wo er auf Kirſchbäumen und Fruchtfeldern die Nah⸗ rung in Hülle und Fülle hat, ſei er ein übermüthiger Schelm und pfeife:„Ich gebe drei Bauern für eine Schleh! Ich gebe drei Bauern für eine Schleh!“ Der Herr Kitzert,“ fuhr er fort,„ſollte eigentlich Herr Spatzert heißen. Jetzt, wo in der Fabrik es ſehr flau ſteht, ſehr flau, ſucht er Hilfe bei den Bauern:„Ach Bäuerchen, laß mich in Dein Scheuerchen.“ Jetzt iſt er voll Complimenten und Verſprechungen. Sind ſie aber einmal wieder in der Fabrik aus der„Patſche“ heraus und haben ſich ihr „Schäfchen ins Trockene“ geſchafft, dann heißt es:„Ich gebe drei Bauern für eine Schleh“. Dann ſeid Ihr Neben⸗ ſache und könnet ſehen, wie Ihr wieder zu Eurem Gelde kommt. Saget, ich hätte es Euch geſagt.“ Wenn der Diehls⸗Vetter ſo ſprach, hörte man ihn wohl an, aber man zuckte höchſtens die Achſeln dazu. Die Einen hatten ſich ſchon zu tief eingelaſſen, daß ſie nicht gut wieder zurück konnten, und ſuchten abſichtlich ſich gegen die Stimme der Wahrheit zu verhärten; die Andern aber hielten den Diehls⸗Vetter für neidiſch, indem er der Fabrik, mit der er ja in geſpanntem Verhältniß lebte, und ebenſo den Wiegenauern ihr Glück nicht gönnte; die Dritten ſagten:„Der Mann iſt alt. Er verſteht das Neue nicht mehr.“ Der Diehls⸗Vetter ward aber immer unmuthiger, je — 8— weniger Erfolg er ſah und brummte:„Wem nicht zu rathen iſt, iſt auch nicht zu helfen.“ Jetzt wurde er übrigens ſelbſt rathlos, wie er die Sache anpacken ſollte. Ueberall abgewieſen, in der Fabrik und bei den Bauern. Was ſollte er anfangen? In ſeiner Rathloſigkeit ging er zu dem Pfarrer des Dorfes. „Gut, daß Sie kommen, Diehls⸗Vetter,“ ſagte dieſer. „Ich wollte Sie doch heute noch bitten, in das Comite ein⸗ zutreten, was wir zur Unterſtützung der Ueberſchwemmten gebildet haben. Ich habe unſer Unglück in den ergreifend⸗ ſten Worten in allen Zeitungen geſchildert und ſchon fließen uns von allen Seiten reiche Spenden zu.“ „Geld,“ ſagte der Diehls⸗Vetter traurig,„iſt es nicht vorzüglich, was Wiegenau braucht, ſondern guten Rath, daß es von ſeinen Thorheiten läßt. Von mir will es ſich aber nicht rathen laſſen. Ich möchte Sie nun bitten, Herr Pfarrer, daß Sie Ihre höhere Einſicht und ihren Einfluß geltend machten, um es wieder auf den rechten Weg zu bringen.“ Er ſetzte dem Pfarrer ſeine Anſichten auseinander. Aber dieſer meinte:„Ich glaube, Sie ſehen zu ſchwarz, Diehls⸗ Vetter. Doch will ich mir Ihre Mittheilungen merken und bei Gelegenheit darauf zurückkommen.“ „Auch hier abgewieſen,“ murmelte der Diehls⸗Vetter im Weggehen.„Wohin nun?“ Er ging zum„Landrath“ in die Stadt. Auch dor Schupp, Der Wolkenbruch in der Wiegenau. 6 trug er ſeine Sache in beredter Weiſe vor und bat um die Hilfe des Geſetzes für das bethörte Dorf. Aber der Land⸗ rath ließ ihn gar nicht ausreden, ſondern rief:„Schämen Sie ſich, alter Mann, einen ſo wackeren Herrn, wie der Fabrikant Lehmann iſt, zu verdächtigen. Ich bin bereits über Alles informirt.“ „Der Fabrikant Lehmann iſt mein Enkel“ ſagte der Diehls⸗Vetter gereizt. „Dann bedauere ich ihn, daß er einen ſo bornirten Großvater hat,“ entgegnete der Landrath verächtlich. In dem alten Diehls⸗Vetter kochte es vor Zorn. Er hätte dem Landrath ſagen mögen, er bedauere die Gegend, die einen ſo leichtſinnigen Beamten habe, der ſich von Be⸗ trügern an der Naſe herumführen ließe. Doch beſann er ſich und ſagte nur:„Wir wollen einmal abwarten, wer von uns Beiden der größte Dummkopf iſt.“ „Herr⸗r⸗r!“ rief der Landrath. Aber der Diehls⸗Vetter war ſchon zur Thüre hinaus. Der Zorn über die Grobheit des Beamten verrauchte bald bei dem alten Bauer, der ſchon Manches der Art hatte einſtecken müſſen, und machte einer tiefen Wehmuth Platz. Das Herz des um das Wohl und Wehe ſeines Dorfes beſorgten Mannes war zum Sprengen voll. So ſchritt er eine Zeit lang die Straßen der Stadt entlang, bis ihm einfiel, er wolle ſeinen alten Freund und Gevatters⸗ mann, den ſogenannten„Lilien⸗Schuſter“ aufſuchen. Lilien⸗Schuſter hieß ſein guter Freund erſtens, weil er — 83— Schuſter war und zweitens, weil er neben andern Häuſern eines der ſtattlichſten Gebäude der ganzen Stadt beſaß und bewohnte, welches die„Lilie“ benannt war. Der Lilien⸗Schuſter freute ſich unendlich, ſeinen alten Freund, den Diehls⸗Vetter, wieder einmal zu ſehen. Bald ſaßen die alten Knaben zuſammen bei einer Flaſche Wein. Der Lilien⸗Schuſter hatte zwar ſeine Schuſterſchürze nicht abgelegt, aber der Wein, den er bot, war eine ganz vorzügliche Sorte Rheinwein. Friſch und feurig perlte derſelbe in grünen Römern. Als nun die Gläſer klangen und das Pfeifchen rauchte, ging dem alten Diehls⸗Vetter das Herz auf und er er⸗ zählte vom Wolkenbruch an bis zum Landrath. Der Lilien⸗Schuſter horchte auf das Geſpannteſte mit zu und als der Diehls⸗Vetter fertig war, ſagte er:„Ich will Dir einen Vorſchlag machen, Diehls⸗Vetter, der aber ernſtlich gemeint iſt: Uebergib Deine Aecker und Deine Sachen Deinen Kindern und ziehe zu mir herüber in die Stadt. Den Wiegenauer Dickköpfen iſt nicht zu rathen und zu helfen. Du ärgerſt Dich aber todt, wenn Du unter ihnen bleibſt. Das brauchſt Du aber nicht. Du haſt Deine Zuflucht bei mir. Du weißt, ich habe nicht Kind noch Kegel. Mein Herz ſehnt ſich aber nach Geſellſchaft. Ich hätte ſchon längſt mein Geſchäft aufgegeben, wenn ich her⸗ nach wüßte, was ich vor Langeweile anfangen ſollte. Jetzt baue ich draußen vor der Stadt ein Landhaus. Das wird fürſtlich eingerichtet und dann ziehen wir zwei alte Kerle 6* — 84— hinein und ruhen uns aus und machen uns das Alter noch ſo fröhlich, als wir können. Wiegenau mag meinetwegen zum T....l gehen. Es hat ſein Schickſal ſchon an mir allein verdient. Das verzeihe ich dem Neſt nie, was es an mir gethan hat. Sie haben mich dort um mein ganzes Familienglück betrogen.“ Dem Lilien⸗Schuſter lief ein finſterer Zug durch ſein ſonſt ſo gutmüthiges Geſicht. Aber derſelbe verſchwand gleich wieder, indem er dem Diehls⸗Vetter die Hand hin⸗ ſtreckte und ſagte:„Nun ſchlage ein Alter!“ „Nein, Du kriegſt mich nicht“ ſagte der Diehls⸗Vetter. „In Wiegenau bin ich geboren und in Wiegenau will ich ſterben und geht Wiegenau zu Grunde, dann gehe ich mit unter.“ Dem Lilien⸗Schuſter gefiel die Antwort durchaus nicht. Man merkte es an ſeinem enttäuſchten Geſichte, aber er bezwang ſich und fragte:„Was macht die Marie, Deine Schwiegertochter und ihre Kinderchen? Gleicht ſie noch immer ſo ihrer Mutter?“ „Sie iſt mein einziger Troſt in der böſen Zeit,“ ant⸗ wortete der Diehls⸗Vetter. ſaan ſprach noch Einiges über dieſelbe und der Lilien⸗ Schuſter ſchien das Rühmen derſelben gar zu gern zu hören. Als es zum Abſchiednehmen kam, war ſein Zorn wieder ſo weit verraucht, daß er halb ärgerlich, halb gutmüthig — 85 zu dem DiehlsVetter ſagte:„Du biſt auch nichts Anderes, als ein Wiegenauer Dickkopf.“ Der Diehls⸗Vetter ging viel heiterer, als man denken ſollte, ſeiner Heimath zu. Dadurch, daß ihm dieſelbe ge⸗ raubt werden ſollte, war ſie ihm doppelt theuer geworden. Auch hatte das Ausſprechen bei ſeinem alten Freunde ſeinem alten Herzen ſo recht wohlgethan. Er freute ſich, wie er ſo dahinging, wieder an Wald und Flur und an dem reichen Segen auf den Feldern, womit der treue Gott ſeinen Geſchöpfen auch für dieſes Jahr einen übervollen Tiſch gedeckt hatte. In ſeinem Herzen war keine Spur von Neid. Doch als er an die uns ſchon bekannte Waldecke kam, wo man die ganze Wie⸗ genauer Gemarkung überſchauen konnte und als ihm die Verwüſtung derſelben im Gegenſatz zu den erſt vor Kurzem geſehenen Feldern beſonders auffiel, ergriff ihn eine Nieder⸗ geſchlagenheit und eine Wehmuth, daß er faſt weinen mochte. Dann aber, als er bedachte, daß weder Hand noch Fuß in Wiegenau ſich regte, um dieſem Unglück zu ſteuern und als ihm aus dem Wirthshaus ein toller Lärm ent⸗ gegenſchallte, erfaßte ihn ein unbeſchreiblicher Grimm. Er mußte denken, daß es ſo unſerem Herrgott zu Muthe ſein muß, wenn er hier unten auf die thörichte, verblen⸗ dete Menſchheit herunterſchaut, die er gern retten möchte, die ſich aber nicht will retten laſſen, ſondern wie toll ihrem Verderben entgegenrennt. Erſt als er in ſeinen Hof trat, wo längſt wieder alle 386— durch die Fluth angerichtete Unordnung und Verwüſtung verſchwunden war und als er in das freundliche Geſicht ſeiner Schwiegertochter ſah, die ihm grüßend entgegenkam, wurde der alte Mann wieder ruhiger. Die junge Frau ging hinein, um ihrem Schwiegervater, zur Erquickung von der Reiſe eine Schale guten Kaffee zu kochen. Der Diehls⸗Vetter dagegen mußte ehe er das Haus betrat, ſeiner Gewohnheit gemäß, noch einmal ſeinen Bienenſtand aufſuchen. Die Bienen flogen heute kaum. Denn es war ein rauher Tag und bedeckter Himmel. „Sie ſind gerade wie die Wiegenauer,“ ſagte der Diehls⸗ Vetter ärgerlich.„Kommt eine rauhe kalte Zeit über ſie, dann laſſen ſie gleich die Flügel hängen. Doch der Menſch ſollte vernünftiger ſein, als das unvernünftige Thier. Das Unglück ſollte ihn nur weiſer und klüger machen. Aber die Verführung und das böſe Beiſpiel verderben Alles.“ Er ſetzte ſich auf ſeine Bank und zündete ſein Pfeiſchen an. Die Verwüſtung der Gemarkung, die er von der Waldecke aus geſchaut hatte, der tolle Lärm im Wirths⸗ haus und ſeine vergeblichen Gänge ſtanden lebhaft vor ſeiner Seele. Sein Geſicht wurde immer trüber und be⸗ denklicher. Aber auf einmal leuchtete es hell auf. Ein Gedanke hatte ihn ergriffen, der wie ein heller Sonnenſtrahl in ſeine Seele fiel. Worte halfen Nichts, das ſah er. So mußte die That helfen. Die Gemeinde ließ ſich nicht überreden, ſo mußte — 8) ſie durch das Beiſpiel überzeugt und zur Nachfolge ge⸗ zwungen werden. Er wollte dieſes Beiſpiel geben. Und wenn ganz Wiegenau feierte, wollte er allein den Ackerbau wieder in Angriff nehmen und keinen Fleiß und kein Opfer ſcheuen, um das Beiſpiel recht glänzend zu machen. Was brauchte er vergebens bei Herren und Bauern herumzu⸗ laufen und ſich über den Unverſtand der Menſchen zu ärgern. Ihm war als Bauer ja ſein Pfad vorgezeichnet. Er that einfach an ſeinem Felde ſeine Pflicht. Alles Andere mußte er Gott überlaſſen.— Als er ſo dachte, wurde es ihm ruhig und ſtill im Herzen. Ein freudiges Gefühl durchdrang ihn. Er wußte, was er zu thun hatte, um die Gemeinde aus dem Ver⸗ derben zu retten. Sein Geſicht ſtrahlte, als er hinein zum Kaffee ging. Seine Schwiegertochter ſah ihn fragend an.„Gute Nachrichten aus der Stadt?“ meinte ſie. „Nein, von daher habe ich gar nichts Gutes, als etliche Grüße vom Lilien⸗Schuſter. Aber dort hinten am Bienen⸗ ſtand habe ich den Rettungsweg für das Dorf gefunden. Jetzt weiß ich, was wir zu thun haben, um die Leute aus ihrer Dummheit zu reißen. Wir müſſen ihnen durch un⸗ ermüdlichen Fleiß und wohlgeordnete Arbeit ein Beiſpiel geben, daß man auch aus ſolcher Zerſtörung ſich wieder empor zu raffen vermag, ohne Actien zu kaufen. Das Beiſpiel wird mehr wirken, als alle Worte. Gott aber wird ſeinen Segen dazu geben.“ Die Schwiegertochter — 38— reichte dem Diehls⸗Vetter herzhaft die Hand und ſagte: „Ich halte mit.“ Sie hatte ihn verſtanden. VII. 8 Was der Diehls⸗Vetter anfaßte, das geſchah gleich mit der nöthigen Energie und nach einem feſten, wohlüberlegten Plane.„Es muß Alles glatt gehen“ ſagte er. Zunächſt ſetzte er ſich ein beſtimmtes Ziel für ſeine be⸗ ſchloſſene Feldarbeit. Die Ernte genirte ihn nicht viel. Sie mußte für dieſes Jahr bis auf Weniges verloren ge⸗ geben werden. Was gerettet wurde, lieferte im beſten Fall für ein Vierteljahr Brodfrucht. Alles Uebrige kam höch⸗ ſtens als Viehfutter in Betracht. So war alſo die Ernte leicht zu beſeitigen. Seine Gedanken gingen nur darauf hinaus, wenn es noch ſoviel Geld und Arbeit koſten ſollte, bis zum Winter ſämmtliche Aecker und Wieſen wieder in tragfähigen Zuſtand zu ſetzen. Es war eine ſchwere Auf⸗ gabe; aber er war eben der Mann dazu. Zuerſt wurden die entleerten Ställe wieder mit Vieh bevölkert. Man ſah einige Tage nachher hohe Wagen voll Heu und Stroh auf der noch immer ſehr ſchlechten Straße, obgleich dieſelbe von Amtswegen hatte gereinigt werden müſſen, durch das Dorf ſchwanken und wurden dieſelben — 89— zum Erſtaunen der Wiegenauer ſämmtlich beim Diehls⸗ Vetter abgeladen. Den Futtervorräthen aber folgten ſtatt⸗ liche Rinder und ſo viele tragbare und friſchmelkende Kühe, daß es ausſah, als wolle der Diehls⸗Vetter allein ganz Wiegenau mit Milch und Butter verſorgen. Neben dem Geſpann Pferde wurden noch zwei Geſpanne Zug⸗Ochſen von der kräftigſten Raſſe angeſchafft. Zuletzt kam ein ganzer Haufen Taglöhner aus den nächſten Dörfern. „Wiegenauer will ich nicht,“ ſagte der alte Diehls⸗ Vetter.„Die ſind mir jetzt alle miteinander viel zu „rappelköpfig““. Auch noch ein friſcher Knecht und noch eine friſche Magd wurden angenommen. In Wiegenau ſchlug man voll Verwunderung über den Diehls⸗Vetter die Hände über dem Kopfe zuſammen.„So was hat man ja noch nie geſehen und gehört, ſo lange Wiegenau ſteht,“ hieß es.„Iſt denn der Alte wirklich verrückt geworden? Er hat immer etwas„Appartes“ ge⸗ habt. Das muß ja ein Heidengeld koſten.“ 3 Aber der Diehls⸗Vetter lachte dazu.„Es koſtet,“ ſagte er,„allerdings ein Heidengeld. Aber ich habe es ja und will auch einmal Etwas wagen. Die Kühe und Ochſen ſind meine Actien, die ich kaufe. Ich ſetze, ſtatt wie die übrigen Wiegenauer bei Herrn Lehmann, bei unſerem Herr⸗ gott in die Lotterie und will einmal ſehen, wer von uns die beſten Geſchäfte macht.“ So gut nun auch Alles eingefädelt war, ging die Arbeit — 90— doch nicht überall nach des Diehls⸗Vetters Sinn„glatt“ ab. Daran war hauptſächlich ſein älteſter Sohn ſchuld. An ſich ſchon ein verdrehter Burſche, wurde er dadurch, daß er an dem Actienſchwindel nicht nach Belieben Theil nehmen konnte, nur noch verdrehter. Er benahm ſich ſo ſtockig und ſteif und machte ein Geſicht, als hätte er eine Miſtgabel verſchluckt. Den Wiegenauern hatte ſich gleichſam ein Goldland, ein zweites Californien aufgethan, ſo daß Jeder nur zuzu⸗ greifen brauchte, um reich zu werden, und er ſollte ſtatt zuzugreifen und reich zu werden, die Narrheiten ſeines Alten, über die die Andern ſpotteten und lachten, mitmachen. Das war zu arg. Sein Eigennutz, den er nicht befriedigen konnte und ſeine Beſchränktheit, die ſeines Vaters Pläne nicht begriff, machten den Menſchen ſchier toll. Seinem Vater gegenüber kam es zu offener Rebellion. Manche Arbeit verweigerte er ganz und ließ er ſich auf eine ein, machte er ſie abſichtlich verkehrt. Seiner Frau dagegen drohete er mit Mißhandlungen und tobte und fluchte wie ein Türke im Hauſe herum. Endlich lieh ihm der„Schmul“ fünfhundert Thaler, ſo daß er ſich auch Actien kaufen konnte. Jetzt gehörte er gleichfalls zu den Actienbrüdern und durfte wie die Andern im Wirthshaus ſitzen und warten, bis er reich werde. Seine Frau klagte die Geſchichte mit thränenden Augen ihrem Schwiegervater, dem Diehls⸗Vetter. Aber dieſer ſagte:„Ich wollte, der Jude hätte ihm tauſend Thaler — 91— gegeben und er würde ſie verlieren. Das iſt der einzige Weg, wie der Burſche wieder zur Vernunft kommen kann.“ Indeſſen da der Sohn des Hauſes ſich um gar Nichts mehr bekümmerte, fehlte derſelbe doch bei den einzelnen Arbeiten. Der Diehls⸗Vetter und ſeine Schwiegertochter vermochten nicht Alles allein zu beaufſichtigen. Die Ver⸗ legenheit war nicht unbedeutend, zumal die Arbeiter von dem im Dorfe herrſchenden Geiſt angeſteckt und von Bös⸗ willigen aufgehetzt wurden. Waren ſie ohne Aufſicht, konnte man ſicher darauf rechnen, daß ſie Nichts thaten, und kam ſpäter der Diehls⸗Vetter um nachzuſehen, fand er ſie ſtatt auf dem Acker, im Wirthshaus. Der Diehls⸗Vetter machte nun allerdings wenig Um⸗ ſtände. Er lohnte ſie ab und ſchickte ſie heim. Aber eines⸗ theils waren die Arbeiter rar und anderntheils bekam er keine beſſeren und es währte kaum eine Woche, da waren auch ſie verführt. Es wurde alſo mit dem Fortſchicken auch Nichts gewonnen. In dieſer Noth wurde Diehls⸗Vetters Kleiner von großem Nutzen. Er war von ſeinen Wunden geneſen. Seine gute Natur hatte ihm für diesmal durchgeholfen. Doch war es dicht am Leben vorbeigegangen. 5 Allein noch wichtiger wie ſeine leibliche, war ſeine geiſtige Geneſung. Er hatte einen ganz andern Sinn be⸗ kommen. Seinen früheren Leichtſinn verabſcheute er aus Grund ſeiner Seele. Er konnte ſich kaum denken, wie ihm in Geſellſchaft der wüſten Geſellen nur hatte wohl ſein 92— können. Dagegen belebte ihn eine entſchiedene Arbeitsluſt und ſeinem alten Vater ſpähete er ordentlich ängſtlich nach den Augen, um nur Alles nach ſeinem Gefallen zu thun. Der Diehls⸗Vetter war auch ganz glücklich über ſeinen Kleinen, der eigentlich doch immer ſein Liebling geweſen war. Er ſagte zu ihm:„Es iſt beſſer, wenn Du noch eine Zeit lang zu Hauſe bleibſt und uns hilfſt. Du biſt hier nöthiger als in der Stadt.“ Dem Kleinen war es auch am liebſten ſo. Er hatte durchaus keinen Zug nach der Stadt mehr. Dagegen führte er eine treffliche Aufſicht. Er wußte ſich unter den Arbeitern für ſeine Jugend ein merkwürdiges Anſehen zu geben. Sein Mundwerk war vortrefklich. So ging es denn mit der Arbeit jetzt ziemlich von Statten. Zuerſt wurden die Wieſen gereinigt, um wo moöglich noch Grummet zu erzielen. Zugleich wurden Aecker für Rüben, Kohlrabi's, Dickwurz, Kappus und ſonſtiges Gepflänze zurecht gemacht, was nur irgend noch einen Ertrag verſprach. Dann kamen die Aecker an die Reihe, worin Winterfrucht geſäet werden ſollte und ſo Eins nach dem Andern. Es war eine Rieſenarbeit. Denn der Diehls⸗Vetter hatte einen ſehr bedeutenden Grundbeſitz und die Aecker waren ſchrecklich zugerichtet. Bei einzelnen war der Bau⸗ grund völlig fortgeflötzt und es mußte derſelbe erſt wieder beigefahren werden. Andere waren ſo voll Geröll und Sand, — 93— daß man erſt nach tagelangem unausgeſetzten Fahren und Schaffen auf den Boden ſtieß. Aber man kam vorwärts. Der Diehls⸗Vetter konnte ſogar noch die Wegbauten in der Gemarkung übernehmen, die eigentlich auf Gemeinde⸗ Koſten wieder in Stand geſetzt werden mußten, um die ſich jedoch kein Menſch in Wiegenau kümmerte. Wollte aber der Diehls⸗Vetter ſeinen Ackerbau mit Nutzen betreiben, mußte er Wege haben. „Ich könnte Euch durch das Amt zwingen laſſen, die Wege zu bauen,“ ſagte er zu den Wiegenauern.„Denn die Wege müſſet Ihr herſtellen, wenn Ihr auch Eure Aecker liegen laſſet. Aber ich will ſie gar nicht von Euch her⸗ geſtellt haben. Ich will Euch zeigen, was der Menſch leiſten kann, wenn er nur will und was Ihr auch leiſten könntet, wenn Ihr nicht wie toll wäret damit Ihr hernach gar keine Entſchuldigung habt.“ Die Thätigkeit des Diehls⸗Vetters ärgerte die Wiegenauer ſehr. Zunächſt mochten ſie es nicht leiden, daß Einer klüger ſein wollte, als ſie Alle, dann aber ſchlug ihnen im Ge⸗ heimen immer ein wenig das Gewiſſen. Es wäre viel ſchöner geweſen, wenn Keiner von ihnen eine Ausnahme gebildet hätte, dann hätte auch Keiner dem Andern einen Vorwurf machen können. Sie ſuchten nun ihren Aerger im Spott und Schelten über den alten Narren los zu werden. Kamen die Wagen des Diehls⸗Vetters am Wirthshauſe vorüber, dann gab es jedes Mal einen wahren Auflauf. — 94 Spottreden und Gelächter drangen in Maſſe zu den offenen Fenſtern hinaus. Wenn ſie mit dem Alten ſelbſt anbanden um ihn zu hänſeln, kamen ſie ſelbſt nie ungeſchoren durch. Denn der Alte war nicht auf den Mund gefallen. Als ihm einmal Philipp aus ſchäumendem Bierglas zutrank und ſagte:„Auf Eure Narrheit, Diehls⸗Vetter!“ rief er über die Straße hinüber:„Das Bier iſt doch be⸗ zahlt? Sonſt will ich es bezahlen, damit Eure Weisheit nicht noch nachträglich Bauchgrimmen bekommt.“ Philipp verſtummte, denn er hatte das Bier wirklich noch nicht bezahlt und die Andern lachten ihn aus. Als ein Anderer fragte:„Was koſtet das Malter Saatkorn von Euren Sand⸗Aeckern, Diehls⸗Vetter?“ ſagte derſelbe höchſt verwundert:„Ihr habt alſo Geld? Dann wird es doch wahr ſein, was ſie die vorige Woche erzählten, Roth⸗ ſchild in Frankfurt bezahle die Kitzertſchen Verſprechungen in Reichsgoldmünzen aus.“ Der Spötter machte ſchnell das Fenſter zu. Er hatte ſein Theil. Schlimmer ging es den Knechten und Mägden und Taglöhnern, die ſich nicht ſo zu helfen wußten, wie der alte Diehls⸗Vetter ſelbſt. Aber auch über den Alten wurden die Spötter nachgehends Herr. Es traten nicht mehr Ein⸗ zelne vor, um mit ihm anzubinden, ſondern ſie übertäubten ihn in Maſſe durch Gelächter und Geſang. Herr Kitzert hatte die Gewogenheit, ſelbſt ein Gedicht auf den alten Diehls⸗Vetter zu machen, welches, ſo ſchlecht — es war, bei ſolchen Gelegenheiten nach der Melodie:„Prinz Eugenius, der edle Ritter ꝛc.“ ſtets geſungen wurde. Es lautete: Seht den alten Dielen⸗Vetter, Er will ſein des Dorfes Retter, Retter in der Wiegenau.— Thut darum den Dung Karr'n ſchleppen, Wühlt mit Hacken und mit Schippen In dem ganzen Feld herum. Laßt den alten Maulwurf wühlen, Wir thun der Zeit die Gurgel ſpülen Mit Herrn Wüſter's Lagerbier. Im Schweiße ernt' er dürre Stecken, Wir thun nur unſre Hand ausſtrecken, Ziehen unſere Gelder ein. Wir ſind keine ſolche Thoren, Die das Dorf gleich gäb'n verloren Wenn kein Dung im Hofe liegt. Diehlen⸗Vetter magſt dich ſperren, Bald gibt es nur noch große Herren Herren in der Wiegenau. Den alten Diehls⸗Vetter genirten dieſe Lächerlichkeiten wenig, deſto mehr ſeine Leute. Am meiſten ärgerte ſich ſein älteſter Sohn, der ſich bei dieſen Spöttereien immer mitangegriffen fühlte und der dafür ſeiner Frau das Leben ſauer machte.“ Dieſe klagte oft ihrem Schwiegervater, aber der Diehls⸗ Vetter ſagte:„Sei nur geduldig. Sie werden noch ſtille, mäuschenſtille werden. Wer zuletzt lacht, lacht am beſten.“ — 96— Es wurde in der That, wie es der Diehls⸗Vetter vorausgeſagt hatte, allmählig ſtille, mäuschenſtille in der Wiegenau wenigſtens bei der Mehrzahl. Der lange, kalte Winter, der einem ſchönen hellen Herbſte gefolgt war, hatte Manchen abgekühlt. Man ſah Alles mit nüchternerem, aber auch ſorgenvollerem Blicke an. Man ging viel ſeltener ins Wirthshaus. Dagegen ſchlich Mancher der Hauptſchreier, wenn er ſich unbemerkt glaubte, hinaus auf das Feld, um ſich die prächtig ſtehenden Saatfelder und die Wieſen des Diehls⸗ Vetters zu betrachten. Wenn er dann aber von dieſen, die ſogar ſorgfältiger wie früher gebaut, geputzt und in Gräben gelegt waren, das Auge auf ſeine eigenen Aecker und Wieſen wandte, die einer Stein⸗ und Sandwüſte glichen, aus denen Dorn und Diſtel hervorwucherten, kratzte er ſich gewaltig hinter den Ohren. Und wenn er heim kam, holte er wohl die ſchön gedruckten Aktienzettel hervor, aber ſie gewährten ihm keinen Troſt. Er ballte die Fauſt und knirſchte mit den Zähnen. Das Weinen war ihm näher, als das Lachen. Wie gern hätte auch er wieder ſeinen Ackerbau ange⸗ fangen, wenn er nur Vieh, wenn er Pferde und Wagen gehabt hätte oder Geld, um ſich Alles anzuſchaffen und wenn er ſich nicht vor den Andern gefürchtet hätte. Ueberall regte ſich die Reue, aber bis jetzt nur heimlich. Herr Kitzert führte noch das große Wort und beherrſchte das Dorf und deſſen Stimmungen unumſchränkt mit ſeinen — 97 Anhängern. Allerdings hatte er bis jetzt nur Verſprechungen und Vertröſtungen gegeben.„Das Geld muß erſt arbeiten“ hatte er geſagt. Dafür ſtellte er aber einen Hauptgewinn in die nächſte Ausſicht. Und die Hauptſache war: Er gab den Arbeitern und Jedem, der ſonſt mittrinken wollte, von Zeit zu Zeit freies Bier. Dieſer freie Trunk gefiel Manchen, die eine Anlage zur Lüderlichkeit hatten, aber dem an ſich nüchternen, mäßigen und ſparſamen Weſen der Wiegenauer entſprach dieſe Völ⸗ lerei nicht. Sie hatten ſich ſchon längſt ausgetobt. Jetzt hätten ſie gern wieder gearbeitet, wenn ſie nur gewußt hätten, wie ſie es anfangen ſollten. Dazu kam der Spott der Nachbarorte, der den Wie⸗ genauer Vollbauern gar nicht behagen wollte und darum nicht ohne Einfluß blieb, der ſich aber jetzt in vollen Strömen wieder über ſie ergoß. Die Wiegenauer hatten einen neuen Namen bekommen. Sie hießen jetzt die Actienbauern. Von Allen am meiſten waren die Weiber zur Reue geneigt. Von dem, was ihre Phantaſie ihnen vorgeſpiegelt hatte, von neuen ſeidenen Kleidern und Tüchern, von dem Damenſpielen à la Lehmann, von Kaffeegeſellſchaften mit ſüßem Kuchen war auch nichts eingetroffen. Im Gegen⸗ theil hatten ſie kaum an Kleidern angeſchafft bekommen, was wirklich nöthig war. Dagegen fehlte es in der Haus⸗ haltung in allen Stücken. 4 Die Bäuerin zumal in einem ſo reichen Dorfe, wie Schupp, der Wolkenbruch in der Wiegenau. — 98— Wiegenau, iſt an eine volle Wirthſchaft gewöhnt. Das Behelfen iſt ihr ein Greuel. In der Haushaltung, wenn ſie richtig geführt wird, muß Alles vollauf da ſein und ſie braucht nur zuzugreifen. Sie hat Ueberfluß an Milch, Eiern, Butter und Käſe. Hat ſie Speck nöthig, ſtehen ihr die prachtvollſten Speckſchinken zur Verfügung. Außer dieſen hängen reichlich Schinken, Dörrfleiſch und Würſte im Schornſtein und warten nur auf das Meſſer, das ſie anſchneidet. Im Keller ſtehen neben einem unüberſehbaren Haufen Kartoffeln, Fäſſer mit Sauerkraut, mit eingemach⸗ ten Bohnen und Rüben. Dort lagern die ſchönſten Kohl⸗ raben, Kappus⸗ und Wirſingköpfe und auf dem Gerüſte herrliche Aepfel und Birnen. Auch liegt dort ein Aepfel⸗ weinfaß zum kühlenden Trunk und ein ſchon mit dem Krahnen verſehenes Eſſigfäßchen und Oelfäßchen. Auf der Vorrathskammer dagegen findet man dürre Zwetſchen, Schnitzen, Erbſen, Linſen, dürre Bohnen, ge⸗ ſchälte Gerſte und Hafer in Maſſen und dabei das herr⸗ lichſte Geſpinnſt, Flachs und Wolle wie Seide. Fehlt es an Brod oder Weißmehl zu Kuchen, dann iſt der Müller ſchon beſtellt, Korn und Weizen zu faſſen, die Haufen Frucht, die noch auf dem Speicher lagern, ſcheinen unerſchöpflich.„ Kurz und gut, eigentlich kauft eine Bauersfrau neben der Kleidung nur Kaffe und Zucker und Gewürze und dieſe Ausgaben beſtreitet ſie durch den Erlös an Butter — 99— und Eiern und braucht darum ihrem Mann nur ſelten mit Geldforderungen beſchwerlich zu fallen. Das war nun zum großen Leidweſen der Wiegenauer Bauersfrauen ganz anders geworden. Jetzt fehlte es überall, auf dem Speicher, im Keller und in der Vorraths⸗ kammer. Es mußte Alles und Alles gekauft werden. Was aber am weheſten that, noch weher als Brod und Kar⸗ toffeln, war der Mangel an Milch und Butter und Eiern, welche ganz natürlich aus alter Gewohnheit ſo in den Küchezettel der Bäuerinnen verflochten waren, daß ſie ohne ſie gar nicht meinten herum kommen zu können. Dieſelben waren aber in der Wiegenau noch nicht ein⸗ mal für gutes Geld zu haben. Was die Schwiegertochter des Diehls⸗Vetters davon abgab, wurde ihr gradezu unter den Händen weggeriſſen. Die Höckerfrauen aber hatten noch keinen Gang nach der Wiegenau. Sie waren bisher gewöhnt geweſen aus der Wiegenau zu holen, jedoch nicht hin zu ſchleppen. Man mußte ſich eben an den Mangel gewöhnen. In dieſer Zeit wurde mehr Kaffe ſchwarz getrunken und mehr Brodſtücke ohne Butter und mehr Pfannkuchen ohne Eier in der Wiegenau gegeſſen, wie ſonſt in hundert Jahren nicht. Obendrein aber brummten die Männer noch. Sie brummten über die Speiſen und brummten, wenn ſie den Geldbeutel ziehen mußten. Abends dagegen kamen ſie be⸗ trunken heim. Das war noch nie in der Wiegenau Mode geweſen. — 100— Die Frauen waren darum den ganzen Actienſchwindel ſatt bis an den Hals. Doch war bis jetzt noch keine eigentliche Noth dage⸗ weſen. Man hatte in jedem Hauſe noch einen gewiſſen Vorrath gehabt. Auch bekamen die Leute durch das Ver⸗ kaufen des noch geretteten Viehes baar Geld in die Finger. Ebenſo floſſen von allen Seiten reichliche Unterſtützungen für die hart heimgeſuchte Gemeinde und wurden dieſelben von dem Comite ſtets richtig ausgetheilt. Jetzt waren aber die letzten Vorräthe des Hauſes er⸗ ſchöpft, das Geld war für Actien dahingegeben und der Pfarrer, der Anfangs geglaubt hatte, Geld würde helfen, war mit der Zeit klug geworden und hatte ſich mit dem Landrath beſprochen, daß vor der Hand keine Unterſtützungs⸗ Gelder mehr ausgetheilt werden ſollten, bis man ſich in Wiegenau wieder allgemein zum Ackerbau entſchlöſſe. Jetzt kam die Noth. Die Männer verlangten zu eſſen, die Weiber verlangten Geld. Beides war nicht da. Da gab es denn reichlich Zank und Streit in den Häuſern. Auch die Wiegenauer Weiber haben ſcharfe Zungen und wiſſen ſich zu helfen. Sie dreheten jetzt den Spieß herum und ſchoben alle Schuld des Unglücks auf die Männer. Selbſt der gute Peter mußte ſchuld ſein, wenn es ſich auch vorher einiger⸗ maßen anders verhalten hatte. „Wäret ihr keine ſolche Eſel“, hieß es,„dann wäre Manches beſſer in der Welt. Der Diehls⸗Vetter iſt noch ————. — —ÿõ— — 101— ein Mann, der weiß, wie man es anfängt. Seiner Schwie⸗ gertochter mangelt es auch nicht an Milch und Mehl und Eiern.“ Hatten nun die Wiegenauer Frauen ſcharfe Zungen, ſo hatten die Männer dagegen derbe Fäuſte und ſchallten auf der einen Seite Vorwürfe und Schimpfreden, dann klatſchten von der andern Ohrfeigen und Fauſtſchläge da⸗ zwiſchen. Es war ein elender, troſtloſer Zuſtand im Dorfe. Satt und zur Genüge regnete es Vorwürfe und Ohrfeigen in der Wiegenau, aber ſo ſehr dieſelben auch verdient waren, der Magen wurde nicht ſatt davon. In dieſer Noth blieb nichts übrig, als Aecker zu ver⸗ kaufen. Aber wer kaufte Aecker in der Wiegenau? Sonſt galt der Morgen Land dreihundert Thaler. Jetzt wurde er zu dreißig Thalern angeboten und doch wollte ihn Niemand. Der Wirth hatte ſchon manchen Acker an Zahlungs⸗ Statt übernommen. Er hatte über genug, mehr als er bauen konnte und wies jeden weiteren Antrag zurück. Man wandte ſich an den Diehls⸗Vetter. Dieſer hatte bei einigen Güter⸗Verſteigerungen, die ſtattgefunden hatten, ſozuſagen alle Aecker aufgekauft und ſo glaubte man er würde noch mehr kaufen. Aber auch er wies jedes Anſinnen der Art ſchnöde zurück. „Soll ich Eure Aecker um ein Zehntel des Werthes kaufen und Eure Noth benutzen, um Euch zu betrügen? — 102— Bauet Eure Aecker ſtatt ſie zu verkaufen. Es wird einmal eine Zeit kommen, wo ihr beſonnen werdet und bitter bereuet, daß Ihr das Erbe Eurer Väter ſo ſchänd⸗ lich verſchleudert habt. Ich will nicht auf Eure Koſten reich werden.“ Des Diehls⸗Vetters Anſicht war: Das Gut muß den Wiegenauern um jeden Preis bleiben. Ihr Feld iſt das Einzige, ſagte er,„wodurch ſie ſich wieder einmal erholen können, wenn ſie wieder zur rechten Einſicht kommen. Ver⸗ lieren ſie ihre Aecker, dann ſind ſie ſelbſt verloren. Dann werden ſie die reinen Vagabunden“. Im Stillen lachte er und pries es als ein beſonderes Glück, daß kein Menſch von Auswärts es ſich einfallen laſſen würde, die mit Sand und Geröll beſäeten Aecker zu kaufen. „Jetzt werden ihnen denn bald die Augen aufgehen, denke ich,“ triumphierte er.„Zu Reißen und zu Beißen haben ſie Nichts mehr. Von der Luft zu leben iſt noch nicht eingeführt. Vom Herr Kitzert iſt nichts zu erwarten, höchſtens eine Prieſe Schnupftabak. Die Aecker will Nie⸗ mand. Jetzt kommen ſie. Jetzt kommen ſie.“ Und ſie kamen wirklich. Zuerſt Einer verſtohlen in der Nacht. Dann kamen zwei. Dann kam eine Deputation. Zuletzt kamen Haufen und dem Diehls⸗Vetter wurde das Haus nicht mehr leer. Alle kamen noch nicht, aber es kamen die Vernünftigſten. Sie verlangten Rath und Hilfe vom Diehls-Vetter. — — 103— Dem Alten war es eine hohe Genugthuung, daß ſich wieder und gerade durch ſein Beiſpiel ein geſunderer Sinn im Dorfe Bahn zu brechen anfing. Es fiel ihm nicht ein, jetzt den Beleidigten oder den Zurückhaltenden zu ſpielen oder mit Spott ihre Spöttereien und ihren Uebermuth zu vergelten. Er ſagte einfach, wie es ſich verhielt. „Es iſt ſchwer geweſen“ ſagte er,„direct nach dem Wolkenbruch mit dem Feldbau wieder anzufangen. Jetzt wird es ungleich ſchwerer ſein. Damals hattet ihr noch Geld, noch Vieh, noch Muth. Jetzt habt Ihr von allem dieſem nichts mehr. Jetzt hat obendrein durch Völlerei und Müßiggang die Arbeitsluſt gelitten. Ihr ſeid nicht mehr die Leute von früher her. Die Steine und der Sand werden Euch ſauer genug werden. Aber doch iſt es mög⸗ lich, die Aecker wieder in Stand zu ſetzen. Daß es geht, habt Ihr an mir geſehen. Laſſet Euch nur nicht wieder in Euren guten Vorſätzen irre machen. Einmal hat man Euch das Fell über die Ohren gezogen. Damit könnet Ihr für immer genug haben. Die Wunden werden Euch Euer Lebtag weh thun. Alſo bleibt nur feſt bei aller Schwierigkeit und aller Verführung! Geld und Hilfe will ich Euch ſchon ſchaffen“. Darauf ſah man den Diehls⸗Vetter viel mit dem Land⸗ rath verkehren. Der Landrath und der Diehls⸗Vetter waren nämlich, nachdem ſie ſich Beide einmal gründlich grob ge⸗ weſen waren, jetzt die beſten Freunde von der Welt. Der Landrath hatte gar bald eingeſehen, daß er in dem Diehls⸗Vetter den Führer und Lehrmeiſter aller Wiegenauer ſchnöde zurückgewieſen hatte und hatte ihn, als er ſah, wie derſelbe anf ſeine eignen Koſten die Wege wiederher⸗ ſtellte und wie er den Wiegenauern einen Muſter-Ackerbau einrichtete, in ſeinem Hauſe aufgeſucht und ihn mit Zu⸗ vorkommenheit behandelt, die dem alten Mann außeror⸗ dentlich gut that. Damals hatten ſie lange beiſammenge⸗ ſeſſen und waren noch öfter zuſammengekommen, aber nie, ohne daß der Landrath vergaß, den Diehls⸗Vetter um Rath zu fragen. So kamen ſie auch jetzt wieder zuſammen. Und des Diehls⸗Vetters Vorſchlag wurde genehmigt. Er beſtand darin, daß aus den eingegangenen Hilfsgeldern, und aus einer Summe, die die Provincialkaſſe zuſchießen würde, den einzelnen Bauern, für welche der Diehls⸗ Vetterz gut ſprechen würde, unverzinslich Vorſchüſſe gemacht ſwerden ſollten, damit dieſelben ſich das nöthige Vieh, Ackergeräthſchaften und Arbeitskräfte anſchaffen und ſo den Ackerbau wieder beginnen könnten. Es kam Alles in den beſten Gang und traten immer mehr Leute auf die Seite des Diehls⸗Vetters, obwohl Herr Kitzert bei Herrn Wüſter die ſchönſten Reden hielt und ein paar Tage hintereinander jeden Abend eine ganze Ohm Bier zum Beſten gab und obwohl die betrunkenen Arbeiter wie Thiere brüllten. Allein es ſollte doch ſo glatt nicht abgehen, wie es der Diehls⸗Vetter ſich ausgedacht hatte. Dieſe Schwindelgeiſter — 105— ſind Geiſter aus der Hölle und wo ſie ſich einmal einge⸗ niſtet haben, gebären ſie Unheil in Maſſen. Der Tag war angeſagt, an dem ein Kaſſenbeamter in der Stadt das betreffende Geld nach Wiegenau bringen ſollte. Es handelte ſich um 20,000 Thlr. Der Beamte kam auch an, war aber zu müde, um noch den Abend das Geld auszutheilen. Am nächſten Morgen ſollte es geſchehen. Allein den nächſten Morgen fand man den Beamten halb erſtickt von einem Tuche, das ihm im Mund ſteckte und geknebelt im Bette liegen. Sein Geld dagegen war fort. Ein ſchrecklicher Aufruhr entſtand im Dorfe. Der Bauern, denen Geld verſprochen war, bemächtigte ſich eine wahre Verzweiflung.„Jetzt iſt Alles verloren,“ ſagten ſie. „Erſt recht nicht,“ erwiederte der Diehls⸗Vetter.„Ich ſehe nur daraus, daß Herrn Kitzerts Sache verloren iſt. Die Spitzbuben merken, daß es mit ihnen zu Ende geht und da ſucht Jeder noch ſo viel zu erwiſchen, als er kann. Es ſollte mich wundern, wenn Herr Kitzert nicht auch von der Parthie wäre.“ Aber darin that der Diehls⸗Vetter doch Herrn Kitzert Unrecht. Er war im Gegentheil ſehr erſchrocken, als er von dem Raube hörte und ging den ganzen Tag ſehr bleich und verſtört umher und vergaß ſogar ſein Naſenſtümpfchen zu füllen. Er wußte recht wohl, daß durch eine ſolche That immer das allgemeine Vertrauen erſchüttert wird. Er ſelbſt aber hatte des Vertrauens ſo ſehr viel nöthig. — 106— Obendrein ſtellte es ſich heraus, daß es die Haupt⸗ hähne ſeiner Parthei und ſeine ſpeciellen Helfershelfer waren, auf die ſich der Verdacht lenkte. Ganz und gar Unrecht hatte alſo der Diehls⸗Vetter doch nicht gehabt. Es wurden nämlich vermißt der Altgeſelle von den Bäckern, der ſich ſeit ſeinem erſten Eintreffen in der Wiegenau vagabundirend dort herumgetrieben und dort ſchon einmal den verfehlten Verſuch gemacht, eine Actien⸗Bäckerei zu gründen, und zweitens der rieſige Gerbergeſelle, der Diehls⸗ Vetters Kleinen an jenem Sonntag ſo arg mißhandelt hatte. Beide waren jedenfalls der That im höchſten Grade verdächtig, waren aber auch überdies von dem Nachtwächter geſehen worden, wie ſie ſpät in der Nacht eine Leiter an dem Wirthshaus anlegten. Der Nachtwächter hätte ſich, wie er ſagte, nichts Schlimmes dabei gedacht. Das Wirths⸗ haus wäre ja die Heimath der Beiden geweſen. Die Gensdarmerie der ganzen Gegend kam in Thätig⸗ keit. Auch der Telegraph ſpielte, allein vor der Hand wurde nichts entdeckt. Der Bäckergeſelle war ein gerie⸗ bener Burſche. Mitten in dem Aufruhr und der Verzweiflung im Dorfe über den Verluſt der zwanzigtauſend Thaler kam ein zweites„Malheur“. So nannte es wenigſtens der Diehls⸗ Vetter. Andere ſahen es als ein Glück an. Ein Commiſſionär aus der Stadt fing an, die feilge⸗ botenen Aecker in Wiegenau aufzukaufen ohne Unterſchied der Lage Morgen für Morgen um dreißig Thaler. Er ſaß im Rathhaus, neben ſich einen ganzen Kaſten voll Goldſtücke und bei ihm ſaßen der Bürgermeiſter und das Feldgericht, welche im Lagerbnch den einzelnen Acker auf⸗ ſuchten und ſofort den Kaufbrief ausſtellten. Der Zudrang zu dem Ackerverkauf war außerordentlich. Denn das Bedürfniß nach Geld hatte ſich grenzenlos geſteigert. Alle Einnahmequellen waren ja lange verſiegt. Der Hunger und das Elend wuchſen von Tag zu Tag. Der Commiſſionär ſagte, es ſei ein großer Herr in der Stadt, für den er kaufe. Den Namen dürfe er nicht nennen. Er wiſſe aber von ihm, daß derſelbe ſich in der Wiegenau niederlaſſen wolle. „Der Spitzbube ſoll draußen bleiben“, rief der Diehls⸗ Vetter, als er es hörte.„Wir haben Spitzbuben genug in der Wiegenau, die uns das Fell gerben, an Herrn Kitzert und Genoſſen. Dieſer hier iſt jedenfalls erſt der Haupt⸗ ſpitzͤbube, dieſer Herr von Namenlos. Noble Paſſionen hat der große Herr, das muß man ſagen: Armen vom Himmel geſchlagenen Leuten die Aecker abzuſtehlen. Er muß wohl einen hohen Stamm haben. Sein Vater iſt ſicher am Galgen geſtorben“. Der Alte war fuchswild. Erſt jetzt hielt er Wiegenau für verloren. Er gehörte auch zum Feldgericht, aber er ging nicht auf das Rathhaus.„Er wolle nicht zum Ruin des Ortes mithelfen“, ließ er dem Bürgermeiſter ſagen. Als eines Morgens der„Lilien⸗Schuſter“ aus der Stadt zum Beſuch herauskam, fuhr er denſelben gleich an: — 108— „Kannſt du mir vielleicht den Spitzbuben aus der Stadt nennen, der uns die Aecker ſtiehlt? Den Kerl könnte ich mit kaltem Blute rädern ſehen.“ Der Lilien⸗Schuſter war ein wenig in Verlegenheit ge⸗ kommen, die auf ein nicht ganz freies Gewiſſen hindeutete, aber er war alsbald wieder gefaßt und ſagte:„Ich habe keine Bekanntſchaften unter Spitzbuben. Uebrigens bin ich auch anderer Anſicht über die Sache, wie du. Wer den Wiegenauern einen Schabernack anthut, der iſt nach meiner Meinung ein braver Mann und mein Freund.“ „Dein Freund? So biſt du mein Freund nicht!“ rief der alte Diehls⸗Vetter mit einer Stimme ſo hell und ſo ſtark wie Trompetenton. Die beiden alten Kameraden geriethen ſich in die Haare und ſchieden in halbem Unfrieden, indem der Diehls⸗Vetter über die Stadt räſonnirte, die auch das beſte Herz ver⸗ derbe, und der Lilien⸗Schuſter ſeinen Freund einen Wiege⸗ nauer Dickkopf nach dem Andern nannte. Durch den maſſenhaften Gutsverkauf kam wieder Geld ins Dorf und Herr Kitzert bekam wieder Oberwaſſer. Er hielt wieder Vorträge und man ſollte es nicht für möglich halten, wie leicht die Menſchheit zu verführen iſt. Es wurden in der That wieder Actien gekauft. „Nun gebe ich Alles auf,“ ſagte der Diehls⸗Vetter. Da kam eines Tages der junge Herr Eduard Lehmann zu ihm. Er war, ſeit er mit Herrn Kitzert ſich eingelaſſen hatte, ſichtlich abgezehrt. Scheu und traurig ſchlich er, wie — 109— ein Schatten wankenden Schrittes umher. Allen Menſchen wich er aus, nicht blos dem Diehls⸗Vettter. Der Diehls⸗ Vetter hatte ihn ein paar Mal von Weitem geſehen und das Herz hatte ihm geblutet über ſeinen Anblick.„Armer verführter Knabe“ hatte er geſagt.„Könnte ich dir doch helfen!“ Wie er aber in dieſem Angenblick, da er zu ſeinem Großvater trat, ausſah, das war wirklich zum Erſchrecken. Sein Geſicht war erdfahl, ſeine Kniee zitterten und ſeine Augen waren erloſchen. „Setze dich, Kind, Du kannſt ja nicht ſtehen,“ ſagte der Diehls⸗Vetter. Der junge Menſch, durch dieſe milden Worte ſeines Großvaters tief ergriffen, brach in einen Strom von heißen Thränen aus. „Nun was iſt es denn, was du mir ſagen willſt, Eduard? Es muß etwas Schlimmes ſein.“ „Ja, es iſt ſehr ſchlimm“ ſagte dieſer leiſe. Kitzert iſt mit der ganzen Kaſſe durchgebrannt und ſchon ſeit drei Tagen fort. Ich habe es heute erſt gemerkt.“ „Ich habe es doch ſchon lange gedacht, daß das das Ende vom Lied ſein würde,“ ſagte der Diehls⸗Vetter. Er war aber auch kreidebleich geworden. „Nun, was willſt du denn jetzt machen, Eduard?“ fragte der Alte. „Ich wollte dir es nur ſagen, Großvater, und dir noch — 110— die Sorgen für Mutter und Schweſter auf die Seele binden. Dann gehe ich heim und ſchieße mich todt.“ Den Alten überrieſelte es eiſig. Er fühlte das herz⸗ zerreißende Elend ſeines Enkels und wußte, daß es die nackte, ſchreckliche Wahrheit war, die er ſprach, daß er ſich wirklich todt ſchießen würde. Dann aber ſchoß dem Alten alles Blut in den Kopf, die Thatkraft ſeines Weſens erwachte.„Das läßt du bleiben“ rief er und ſeine Stimme hatte wieder jenen hellen Trom⸗ petenton. Willſt du zum Betruge auch noch den feigen Selbſt⸗ mord fügen?“ Ich laſſe dich jetzt nicht mehr von meiner Seite. Wir fahren zunächſt zuſammen nach der Stadt. Hier darfſt du vor der Hand nicht bleiben. Alles Andere wird ſich finden.“ Eine halbe Stunde ſpäter fuhren wirklich ein Paar feurige Roſſe ein leichtes Korbwägelchen der Stadt zu. In dem Korbwägelchen ſaß der Großvater und ſein bleicher Enkel. In der Stadt angekommen, beſann ſich der Diehls⸗ Vetter eine Weile, wo ſie abſteigen ſollten. Dann hielt er kurz entſchloſſen beim Lilien⸗Schuſter an. VIII. Der Lilien⸗Schuſter, an deſſen Hauſe der Diehls⸗Vetter jetzt ſein Korbwägelchen halten ließ, obgleich derſelbe bei ſeinem letzen Beſuch bei ihm Jeden für ſeinen Freund erklärt hatte, der den Wiegenauern einen Schabernak anthäte, hatte zum Zorn gegen die Wiegenauer eine gewiſſe Berechtigung. Als er noch jung war, war er Geſell geweſen in Wiegenau bei dem Großvater des jetzigen Fabrikanten Eduard Lehmann. Der alte Balthaſar Lehmann— ſo hieß er— war nämlich damals der einzige Schuhmachermeiſter in der Wiegenan. Der Lilien⸗Schuſter galt aber zu der Zeit für einen gewichſten Burſchen, wie man wohl mit dem meiſten Recht von einem Schuſtergeſell ſagen darf. Er hatte trotz ſeiner Jugend ſchon ein ſchönes Stück Welt geſehen und neben einer unbezwinglichen Luſtigkeit leuchteten aus ſeinen ſchwarzen Augen viel Verſtand und Gefühl. Er ſang und pfiff den ganzen Tag, denn er kannte alle Lieder und noch ein Paar mehr. Aber er machte auch einen Schuh ſo ſauber und paſſend, daß man bis nach Paris hätte gehen müſſen, um ein Zweites zu ſehn. Dabei war er treu, brav und geſittet. Obgleich er ein einfacher Geſell war, ſcheuten ſich Bauernſöhne nicht mit ihm umzugehen. Der Diehls⸗Vetter, der damals auch noch ein junger Burſche war, war bald mit ihm ein Herz und eine Seele. Beide waren unſtreitig die hervorragendſten in der jungen Welt des Dorfes und gaben bei allen Spielen, Geſängen und Luſtbarkeiten, die aufgeführt wurden, den — 112— Ton an. Es war eine unvergeßlich ſchöne Zeit geweſen in dem herrlichen grünen Wiegenau. Der Diehls⸗Vetter hatte ſich bereits verlobt und der Lilien⸗Schuſter auch. Er hatte ein wunderbar liebliches, ſittſames Mädchen gefunden, das er als Gattin heimführen wollte. Es war die Mutter von Marie, der Schwieger⸗ tochter des Diehls⸗Vetters und hieß auch Marie. Beide waren ſich mit einer unausſprechlichen Innigkeit zugethan. Der Lilien⸗Schuſter trug einen ganzen Himmel voll Luſt und Liebe in ſeinem Herzen herum. Damals heirathete der Diehls⸗Vetter. Nun wollte der Lilien⸗Schuſter auch heirathen. Das Heirathen war aber in jener Zeit ſchwieriger als jetzt. Es mußte ein Jeder, der heirathen wollte, erſt Bürger in einer Gemeinde werden oder wie es hieß: eine Gemeinde mußte ihn„recipiren.“ Zu dieſem„Recipiren“ konnte aber keine Gemeinde gezwungen werden. Im Gegentheil hatte die Gemeinde das Recht ſogar ohne irgend welche Angabe von Gründen Einen abzuweiſen. Die Armen wurden dabei faſt regelmäßig abgewieſen. Beſonders waren ſo reiche und ſtolze Gemeinden wie Wiegenau darin unbarmherzig. Wer aber nun das Bürger⸗ recht nicht bekam, durfte nicht heirathen. Der Lilien⸗Schuſter war guten Muthes geweſen. Er war allerdings ein armer Teufel und ſeiner Braut Eltern beſaßen auch Nichts, als ein Häuschen und ein Paar „Läppchen“ Feldgut. Aber er dachte, ſein Fleiß, ſeine — 113— Geſelligkeit. Das Bedürniß nach einem zweiten Schuhma⸗ cher im Dorf würde den Gemeinderath rühren. Allein er hatte die Rechnung ohne den Wirth gemacht. Sie ſchlugen ihm ſein Geſuch rundweg ab. Der junge Menſch ſetzte Gott und die Welt in Beweg⸗ ung. Er lief ſich faſt die Beine ab, um hier mündlich zu bitten, dort ſchriftlich zu ſuppliciren, aber Alles ver⸗ gebens. Er bekam den Beſcheid, ſie hätten Bettelpack genug in der Wiegenau. Sie brauchten nicht noch neues auf⸗ zunehmen.“ Als die Sache nimmer zum Ende kommen wollte, zwangen die Eltern Mariens ihre Tochter, einen reichen Wittwer zu heirathen, der um ſie anhielt. Doch Marie lebte nicht lange. Sie gab nur einer Tochter das Leben und dann ſtarb ſie. Der Lilien⸗Schuſter war, als keine Hoffnung mehr für ihn war, den Tod im Herzen nach der Stadt gewandert. Sein ſchöner Jugendtraum war auf eine ſchreckliche Weiſe zerſtört worden. Seine frühere Fröhlichkeit verwandelte ſich in grimmigen Ernſt. Er grollte den Wiegenauern, die ihm ſein Liebſtes geraubt hatten, von ganzem Herzen und er konnte es ſein Leben lang nicht vergeſſen. Dabei wurmte ihn noch immer das Wort„Bettelpack“. Es wird wohl einmal die Zeit kom⸗ men, wo ich ihnen das Wort„Bettelpack“ einreiben kann. Dieſe Zeit war jetzt gekommen. Der Lilien⸗Schuſter war durch Fleiß, Sparſamkeit und Schupp, der Wolkenbruch in der Wiegenau. 8 — 114— einige glückliche Käufe von Aeckern, die ſpäter als Bau⸗ plätze himmeltheuer bezahlt wurden, zu Einem der reichſten Männer der Stadt geworden und Wiegenau war bettelarm. Jetzt war die Zeit gekommen, um den Wiegenauern das Wort„Bettelpack“ einzureiben und der Lilien⸗Schuſter benutzte dieſe Zeit. Er war der„große Herr,“ wie manche Leſer gewiß ſchon errathen haben, von dem der Commiſſionär beauftragt war, die Aecker in Wiegenau zuſammen zu kaufen. Aller⸗ dings wußte er ſelbſt noch nicht genau, was er mit den Aeckern wollte. Nur das wußte er, demüthigen, um jeden Preis demüthigen wollte er die ſtolzen Wiegenauer. Sie mußten doch zuletzt ihm, dem Hinausgeſtoßenen, kommen und ihn anflehen. Ueber dieſem Grimme und Groll beſaß der Lilien⸗Schuſter übrigens auch noch andere beſſere Eigenſchaften. Seine Liebe zu Marie wohnte noch als unentweihtes Heiligthum in ſeiner Bruſt. Er hatte ſich nie verehlicht. Jedes Jahr vier Mal kam er nach Wiegenau und beſuchte ihr Grab und alle die Plätze, wo er ſo unausſprechlich glücklich geweſen war. Und als das Kind der Marie heranwuchs, übertrug er auf dieſes Kind ſeine Zuneigung und nie kam er nach Wiegenau, ohne dieſem Kinde ein prächtiges Geſchenk mitzubringen und ſich an ſeinem Anblick zu erfreuen. Wie dem ſonſt derben Manne ſeine Liebe aber ein Heiligthum war, ſo auch ſeine Freundſchaft. Für ſeine Freunde konnte er Alles opfern, abſonderlich aber für den — 115— Diehls⸗Vetter, der im theurer war als ein Bruder. Dem Diehls⸗Vetter Etwas abzuſchlagen oder ihm wehe zu thun vermochte er abſolut nicht. So hatte ihn, als er zuletzt in Wiegenau war, der ausgeſprochene ſchreckliche Zorn des Diehls⸗Vetters über den, der den Wiegenauern die Aecker abſchwindele, mehr getroffen als er merken ließ. Schon auf dem Heimweg hatte er edelmüthigern Gedanken Gehör gegeben. Aber ſeitdem war es bei ihm zum feſten Entſchluß geworden, dem Diehls⸗Vetter zu Liebe die langgehoffte Rache an Wiegenau aufzugeben. „Hier bringe ich Dir einen Kranken, Lilien⸗Schuſter, den ich nicht Jedem anvertrauen möchte“, ſagte der Diehls⸗ Vetter, als er mit ſeinem Enkel bei demſelben eintrat. „Dir vertraue ich ihn an, denn ich weiß, bei dir iſt er gut aufgehoben.“ Der Lilien⸗Schuſter betrachtete erſtaunt den Beſuch, den ſein alter Freund ihm gebracht hatte. Er konnte, da er die ganzen Familienverhältniſſe des Diehls⸗Veters kannte, ſich nicht erinnern, wie Großvater und Enkel plötzlich zuſammenkamen, doch vergaß er deßwegen nicht die Pflichten, die er ſeinem Gaſte ſchuldig war, und wollte denſelben zum Sitzen nöthigen. Aber der Diehls⸗Vetter ſagte:„Wenn ich dich bitten darf, gib dem Eduard ein Glas Wein und dann laß ihn ſich im Nebenzimmer auf ein Bett oder ein Kanapee legen. Denn er iſt todtmüde. Wir zwei Alten wollen uns der⸗ 8* — 116— weile zuſammenſetzen und ſeine Verhältniſſe ein wenig in die Hand nehmen. Sie ſind deſperat genug.“ Eduard, tiefgerührt über den Zartſinn des alten Bauern, der um ihn nicht zu beſchämen, nicht in ſeiner Gegenwart über ſeine Angelegenheiten ſprechen wollte, und über die unver⸗ diente Theilnahme, die der alte Mann ſeinem Schickſal ſchenkte, brach in einen Strom von Thränen aus und ſagte ſeine Hand ergreifend und preſſend.„O Großvater, wie gut, wie gut biſt du. O wäre ich an jenem Unglücks⸗ tage lieber zu dir, zu meinem Lebensretter, gegangen als daß ich mich aus falſcher Scham jenem ſchändlichen Ver⸗ führer in die Arme geworfen habe, wie viel Unheil hätte vermieden werden können. Mein Gewiſſen wäre noch frei und nicht mit dem Unglück eines ganzen Dorfes belaſtet. Aber jetzt iſt Alles zu ſpät, zu ſpät“. „Jetzt gehe nur hin mein Kind“, ſagte der Diehls⸗Vetter. „Erſchöpfe deine Kräfte nicht ganz und gar. Bete aber fleißig zu Gott und vertraue ihm. Vei ihm iſt viel Gnade und er hat wunderbare Wege zur Hülfe“. Nach einer Weile ſaßen die beiden alten Freunde in tiefem Geſpräche bei einer Flaſche Wein, während im Nebenzimmer der unglückliche Mann ſeit Monaten wieder zum erſten Mal ſanft ſchlummerte. Da trat plötzlich der Commiſſionär, der die Aecker in der Wiegenau gekauft hatte, in das Zimmer und ſagte, den Diehls⸗Vetter, den er nicht kannte, nicht weiter be⸗ achtend, zu dem Lilien⸗Schuſter:„Jetzt bekommen Sie die — 117— Aecker der Wiegenau noch ein paar Procent billiger. Ueber das ganze Dorf kommt der Banquerott. Herr Kitzert iſt mit der ganzen Fabrik⸗Kaſſe durchgebrannt.“ Den Worten des Commiſſionärs folgte eine bedenkliche Stille im Zimmer. Der Lilien⸗Schuſter ſaß da ein Bild der Verlegenheit. In dem Diehls⸗Vetter kämpfte ein furcht⸗ barer Zorn. Er ſprang in die Höhe, ſein Auge blitzte und ſein Geſicht glühete. Aber auch der Lilien⸗Schuſter war auf⸗ geſprungen. Und ſo ſchauten ſie ſich ſtarr in die Augen, als wollte Jeder die Stärke ſeines Gegners meſſen. „So biſt du der große Herr, der in Wiegenau die Aecker gekauft hat?“ fragte der Diehls⸗Vetter in einem entſetzlich höhniſchen Tone.„Ja wohl,“ ſagte der Lilien⸗ Schuſter und keine Wimper ſeines Auges zuckte.„Dann komm, Eduard, rief der Diehls⸗Vetter nach der Kammer hin, wir verlaſſen in dieſem Augenblicke das Haus. Ich habe geglaubt, armer Junge, dich zu meinem Freunde und Chrenmann zu bringen, ich habe dich zu meinem ſchlimmſten Feind und zu einem rachgierigen Raubthiere gebracht.“ Der Diehls⸗Vetter griff nach ſeinen Hut und ging nach dem Nebenzimmer, um ſeinen Enkel zu wecken. Aber der Lilien⸗Schuſter, der dem verblüfften Commiſſionär kurz und zornig bedeutet hatte, er könne ſich entfernen, hielt ſeinen heftig erregten Freund am Arme feſt. „Laß den armen Jungen ſchlafen!“ ſagte er, jetzt ſelbſt heftig werdend.„Es iſt keine Urſache, daß du ihn weckſt.“ — 118— Es iſt auch keine, daß du fortläufſt. Noch in dieſer Minute will ich dir zeigen, daß du keine Urſache haſt und daß du Nichts biſt als ein aufbrauſender, eigenſinniger Wiegenauer Dickkopf. Setze dich nur ruhig hin.“ Aber der Diehls⸗Vetter ſetzte ſich nicht. Er hielt den Hut in der Hand. In ſeinem Geſichte lag eine harte, feſte Entſchloſſenheit. Der Lilien⸗Schuſter war während deſſen an ſeinen Schreib⸗ pult gegangen und hatte aus einem verſchloſſenen Käſtchen ein verſiegeltes Paquet herausgenommen und es darauf dem Diehls⸗Vetter auf den Tiſch hingeworfen und geſagt: „Da lies! Nimm zuerſt die Aufſchrift und hernach kannſt du auch die Siegel löſen und den Inhalt prüfen.“ Auf dem Paquet ſtand:„Meiner lieben Marie Diehl geb. Debusmann in Wiegenau zum Geſchenk von ihrem Schuſter⸗Onkel in der Stadt.“ Die Aufſchrift des Paquets war an des Diehls⸗Vetters Schwiegertochter gerichtet. Der Lilien⸗Schuſter hatte daſſelbe, wenn er das nächſte Mal nach Wiegenau kommen würde, in dieſer Geſtalt ſeiner lieben Marie übergeben wollen. Als der Diehls⸗Vetter den Umſchlag abriß, kamen ſämmtliche Kaufbriefe der Wiegenauer Aecker zum Vorſchein. Oben darauf lag ein Zettel, darin ſtand: Liebes Mariechen! Das Geſchenk iſt nicht ſo groß wie du glaubſt. Du ſollſt alle dieſe Aecker, die ich zu dreißig Thaler den Morgen eingekauft habe, wieder für zwanzig Thaler den Morgen — 119— zurückgeben. O wenn das deine Mutter erlebt hätte, die durch den Stolz und die Hartherzigkeit der Wiegenauer ſo früh um das Leben gekommen iſt! Aber wir wollen feurige Kohlen auf deren Haupt ſammeln. Behalte lieb deinen treuen Onkel. Die kalte Strenge im Geſicht des Diehls⸗Vetter ver⸗ wandelte ſich in tiefe Rührung. Er wollte dem Lilien⸗ Schuſter die Hand der Verſöhnung reichen, aber dieſer ſagte:„Halt, das iſt noch nicht Alles, was ich thun will. Ich will auch dieſem armen Jungen drinnen in der Kammer ſeine Gewiſſensſchuld, die er den Wiegenauern gegenüber hat, wegzunehmen ſuchen und will damit zugleich ſchaffen, daß der Schaden, den Wiegenau durch den Actienſchwindel erhalten hat, nicht allzu groß werde. „Das willſt du thun Karl?“(ſo hieß der Lilien⸗Schuſter mit dem Vornamen), rief der Diehls⸗Vetter begeiſtert, während Thränen über ſeine Wange rannen. „Ja, das will ich thun, ſagte der Lilien⸗Schuſter. Das ſoll meine Rache an Wiegenau ſein.“. Der Diehls⸗Vetter riß ſeinen Freund ſtürmiſch an ſeine Bruſt. Und ſo lagen die beiden Greiſe ein paar Minuten in den Armen und weinten Thränen der Rührung. „Nun iſt es gut“, ſagte zuerſt der Lilien⸗Schuſter.„Jetzt haben wir genug„geflennt.“ Jetzt laßt uns noch Eins trinken. Siehſt du, das ſollte Alles viel feierlicher ins — 120— Werk geſetzt werden. Das haſt du mir aber wieder mit deinem Dickkopf verſtört.“ „Es war feierlich genug. Die Engel im Himmel haben ſich darüber gefreut,“ erwiderte der Diehls⸗Vetter, noch immer mit ſeiner Rührung kämpfend. Als der Diehls⸗Vetter am Abend heimkam, fand er das Dorf in hellem Aufruhr. Schreiende, wüthende Volks⸗ mengen zogen nach dem Fabrikgebäude und verlangten ſtürmiſch, daß Herr Lehmann ſich zeige. Gräßliche Verwün⸗ ſchungen, Flüche und Schimpfreden wurden laut. Dabei blieb es jedoch nicht. Steine wurden nach den Fenſtern geſchleudert, Thüren erbrochen und was in den Weg kam, zertrümmert. Es war auch in das Dorf die Kunde ge⸗ kommen, daß Herr Kitzert mit der Kaſſe durchgegangen ſei. Dem anfänglichen Schrecken war eine grenzenloſe Wuth gefolgt. Jetzt wußten ſie, daß man ſie getäuſcht und um ihr armes Geld betrogen hatte. Schon wurden Stimmen unter der die Fabrik umtobenden Menge laut, man wollte das ganze Gebäude niederbrennen. Es ſei doch nur zum Unheil des Dorfes da. Der Gedanke zündete. Man wollte eben zum Werke ſchreiten, als der Diehls⸗Vetter mit ſeinem feurigen Geſpann mitten unter die Wüthenden hineinlenkte. „Ihr Leute, rief er dort angekommen mit einer Stimme, die in dem fernſten Winkel des Hofes verſtanden wurde, „ſeid Ihr nicht unglücklich genug, wollet Ihr Euch noch unglücklicher machen? Der Wolkenbruch hat Euch Eure — 121— Aecker verwüſtet, ein Betrüger hat Euch Euer Geld geſtohlen, wollet ihr jetzt auch noch als Aufrührer und Mordbrenner ins Zuchthaus wandern? Zu Eurer Beruhigung, fuhr er gemäßigter fort, kann ich Euch tröſtliche Nachricht bringen. Ein Ehrenmannn, der reich genug iſt, um vielleicht alle Schulden zu decken, will ſich Euerer annehmen. Wiegenau hat es nicht um ihn verdient. Denn es hat ihn früher ſchwer gekränkt. Aber er will feurige Kohlen auf unſer Haupt ſammeln. Doch Eure Aecker kann er Euch nicht wieder herſtellen. Gehet jetzt an die Arbeit und ſeid fleißig, dann vergehen die Grillen. Ein paar Jahre Fleiß kann alle Wunden wieder ausheilen. Die Aecker, welche Euch abgekauft worden ſind, kann ich Euch weiterhin mittheilen, ſollet Ihr zu dem nämlichen Preiſe wie ſie verkauft wurden oder noch billiger wieder haben, und ſollet ſie bis Ihr ſie zu kaufen im Stande ſeid ohne Pacht zu zahlen benutzen. Und nun noch eine Mittheilung, die mir der Herr Landrath gemacht hat. Die beiden Spitzbuben, die die zwanzigtauſend Thaler geraubt hatten, ſind arretirt. Sie haben allerdings ſchon zweitauſend Thaler durchgebracht, aber achtzehntauſend Thaler ſind noch vorhanden. Morgen ſollen dieſelben durch den Landrath ſelbſt ausgetheilt werden.“ Es ſind jedenfalls beſſere Reden gehalten worden, aber des Diehls⸗Vetters Rede, ſo unſtylifirt ſie auch war, hatte einen Erfolg, wie ſie der beſte Redner nur wünſchen mochte. Das Wort Mordbrenner und Zuchthaus wirkte ab⸗ — 122— kühlend wie ein Bad mit eiskaltem Waſſer, ſo daß die Leute viel nüchterner die Verhältniſſe anſchauten. Und nun kamen die einzelnen Mittheilungen erfriſchend und er⸗ hebend in die verzagten Herzen hineingefallen, ſo daß die noch verzweifelnde Menge in lauten Jubel ausbrach. Als der Diehls⸗Vetter die Wirkung ſeiner Rede ſah, ſagte er befriedigt:„Glatt!“ Dann gab er ſeinen Pferden die Peitſche und fuhr im Galopp ſeiner eigenen Wohnung zu. Dort aber erwartete ihn eine neue Ueberraſchung. Nämlich ſeine Tochter die Frau Lehmann und ſeine Enkelin ſaßen da auf der harten Bank im Zimmer mit Bauernkleidern angethan. Als der Lärm im Dorfe losging, waren ſie aus der Farbrik geflüchtet und hatten, um ſich unkenntlich zu machen, die Tracht der übrigen Wiegenauerinnen angelegt. Der Diehls⸗Vetter mußte laut lachen, als er ſie ſah und ſagte zu ſeiner Tochter:„Was doch die liebe Angſt nicht fertig bringt. Jetzt iſt dir mein Haus gut genug und kannſt auch noch dein ſeidenes Röcklein ausziehen, das dir ſonſt keine Macht der Erde ausgebracht hätte.“ Die Frau Lehmann ſagte, Thränen in den Augen: „Verzeihet Eurem thörichten Kinde! Bei uns hat ſich auch einmal wieder das Sprüchwort bewährt:„Hochmuth kommt vor dem Fall“. „Wenn die Erkenntniß nur Stand hält,“ ſagte der Diehls⸗Vetter und ging ſich auszuziehen. Er hatte nicht den hundertſten Theil von dem Mittleid mit ſeiner Tochter, das er mit ſeinem verführten Enkel hatte. — 123— Als der Landrath am nächſten Morgen kam, brachte er die freudige Kunde mit, daß Kitzert mit dem Gelde in Hamburg ergriffen worden ſei. Kitzert hatte denſelben Weg, den ſchon Mancher dieſer Kaſſendiebe gemacht hatte, machen wollen. Er beabſichtigte eine Reiſe nach Amerika. Vor ſeiner Flucht hatte er aber Alles, ſeine Abreiſe, ſeine Ankunft mit dem Nachtzuge in Hamburg und den Abgang des Schiffes genau berechnet, daß nach ſeinem Plane er ſchon auf dem Dampfer war und die Elbe hinabſchwamm, ehe man in Wiegenau überhaupt etwas Verdächtiges merkte. Wie er es voraus ausgeklügelt hatte, war es auch wirklich eingetroffen. Die ihn verfolgende telegraphiſche Depeſche langte erſt in Hamburg an, als er bereits auf See war. Allein Herr Kitzert hatte bei all ſeiner Klugheit Einen nicht mit in die Berechnung gezogen, nämlich unſern„Herr⸗ gott,“ ohne deſſen Willen aber kein Haar von unſerm Haupte, kein Sperling vom Dache fällt. Als ſie kaum auf der See waren, erhielt die Maſchine des Dampfers einen Schaden und mußte wieder nach Hamburg zurück. Kaum aber war man in den Hafen eingelaufen, kamen auch ſchon einige Herren von der Po⸗ lizei an Bord und brachten Herrn Kitzert zur Haft. Die Nachricht von der Abfaſſung Kitzerts und der Er⸗ haltung des Geldes wirkte merkwürdig ermuthigend auf alle Gemüther. Es begann ein ganz neues Leben im Dorf. Ein Fleiß — 124— und eine Regſamkeit herrſchten, die an die beſten Zeiten von früher erinnerte. Mit der Thätigkeit kamen aber auch der alte Muth und die alte Freudigkeit zurück. Man fühlte ſich tauſend Mal wohler, als bei jenem unſeligen Hangen und Bangen unter Kitzerts Herrſchaft, wo man einen Tag nach den andern in Müſſiggang und Trunkenheit verlebt hatte, wo aber auch nie die Gewiſſensbiſſe geſchwiegen hatten. Den auf dieſe Weiſe Voranſtrebenden wurde nun von allen Seiten, vom Landrath, vom Diehls⸗Vetter und dem Lilien⸗Schuſter unter die Arme gegriffen. Es kam bald denn auch Alles wieder in guten Fortgang, die Wieſen und Aecker leerten ſich von Sand und Geröll und in den Ställen brüllte manches Stück Vieh. Das Wirthshaus ſtand vereinſamt. Dagegen war Sonntags die Kirche ſchwarz voll. Ein noch nie dage⸗ weſener Geiſt der Demuth, der Dankbarkeit und der Got⸗ tesfurcht war in das Dorf eingezogen. „Nicht ſo glatt ging es mit der Lehmann'ſchen Fabrik, trotzdem das von Kitzert geſtohlene Geld zurückkam. Wenn ſich der Lilien⸗Schuſter nicht vor den Riß geſtellt hätte, wie er verſprochen hatte, wäre ein Banquerott erfolgt. Aber durch ſeine Vermittlung wurden alle Schulden gedeckt und die Actien zu zwei Dritteln des Werthes, natürlich ohne Zinſen, eingelöſt. Der Lilien⸗Schuſter wurde aber ſo wirklicher Theilhaber des Geſchäftes. Von ſeinen Häuſern in der Stadt ver⸗ — 125—* * kaufte er eines nach dem andern und war ſo oft in der Wiegenau, daß er zuletzt ganz dort hängen blieb. Jetzt iſt Wiegenau wieder der alte grünende, blühende, herrliche Ort, wo Jedermann ſo gerne weilt. Auch iſt es wieder der nahrhafte Ort, wohin am liebſten die Höcke⸗ rinnen gehen, um Butter zu kaufen, und die Metzger, um Schlachtvieh zu holen, und die Müller, um ihren Bedarf an Waizen zu beziehen, und die Damen aus der Stadt, um ihr Obſt und ihre Wintergemüſe zu bekommen. Es iſt Alles wiedergekehrt, nur nicht die alte Hoffart und die alte Geldgier. Unſere Wiegenauer aber, die wir näher kennen gelernt haben, leben noch Alle. Der Peter gehorcht noch immer geduldig ſeiner Katha⸗ rine, wogegen der Philipp und ſeine Frau das Zanken nicht laſſen können. Die Schneidersfamilie iſt noch immer ſo dürr und neugierig und der Wiener Schloſſer beginnt noch alle ſeine Geſchichten:„Als ich in Wien war“. Diehls⸗Vetters Kleiner hat eine glänzende Bäckerei in der Wiegenau angelegt und will noch eine Mahlmühle bauen. Auch der älteſte Sohn des Diehls⸗Vetters hat viele Verkehrtheiten abgelegt und verſpricht ein ganz reſpec⸗ tabler, vernünftiger Mann zu werden. Seine Frau, die Marie iſt noch immer der Liebling des Diehls⸗Vetters und des Lilien⸗Schuſters. Die beiden Alten haben ſich zur Ruhe geſetzt und führen ein behagliches, beſchauliches Leben unter ihren — 126— 4* Angehörigen, ſind aber meiſtens zuſammen. Bald ſitzen ſie zuſammen am Bienenſtand, bald auf der Bank vor dem Hauſe, und ſehen dem fleißigen Weſen der Marie zu und den munteren Spielen der Kinder. Bald gehen ſie in die Fabrik; dort ſind ſie gern geſehene Gäſte. Der Herr Eduard Lehmann iſt ein wirklich vorzüglicher, edel denkender Mann geworden, der ſein Geſchäft mit großer Umſicht und Beſcheidenheit führt. Die beiden Alten haben auch ihren Mittagstiſch in der Fabrik, wobei dann der Lilien⸗Schuſter, um die Frau Lehmann wegen ihrer frühern ECitelkeit zu necken, durch⸗ geſetzt hat, daß er mit der Schuſterſchürze und der Diehls⸗ Vetter in dem blauen Wammes erſcheint.„Sonſt ſchmeckt mir es nicht,“ ſagte er ſchelmiſch lächelnd. Sehr oft gerathen aber auch die Alten in Streit, wobei ſtets der Lilien⸗Schuſter das letzte Wort behält, indem er ſagt: Und wenn du auch jetzt zum Kreisbezirksrath ge⸗ wählt worden biſt, und der Landrath dir einen Orden an⸗ gehängtz hat für die Verdienſte um das Ort, ſo biſt und bleibſt du doch Nichts als ein„Wiegenauer Dickkopf“. — — — Verlag von Julius Niedner in Wiesbaden. Die Spinnſtube. Ein Volksbuch für das Jahr 1875. Bedründet von W. O. von Horn(W. Oerteh. Im Verein mit namhaften Volksſchriftſtellern fortgeſetzt von Hugo Oertel. Breißigſter Zahrgang. Mit einem Stahlſtich und vielen Holzſchnitten. Mit vollſtändigem Kalendarium. Geheftet Preis 12 ½ Sgr. Die Spinnſtube hat in allen Ländern, wo die deutſche Sprache klingt, die größte Anerkennung gefunden und reichen Segen gefliftet. Dieſer 30te Jahrgang, der unter Anderem eine nachgelaſſene Erzählung von W. O. von Horn enthält, iſt an Inhalt und Aus⸗ ſtattung ganz ausgezeichnet und wird eine willkommene Gabe für deutſches Gemüths⸗ und Famillienleben ſein. Verlag von Julius Niedner in Wiesbaden. Thiergeſchichten.. Erzählungen und Schilderungen aus dem Leben der Thierwelt. Von Dr. Karl Oppel. 40 Bagen gr. 80 mit 24 Tafeln in Tondruck.— Prachtvoll gebunden Preis 3 Thlr. Ein Werk, das nicht im trocknen Tone der Wiſſenſchaft belehren will, ſondern in der unterhaltenden und feſſelnden Form einzelner Erzählungen. Nicht das gelehrte Syſtem iſt hier die Hauptſache, ſondern die anſchauliche Schilderung, wie die Thiere leben, ihre Nahrung ſuchen, ſich vertheidigen; wie ſie die merkwürdigſten Züge von Anhänglichkeit und Dankbarkeit, von Muth und Aufopferungs⸗ fähigkeit, wie von Bosheit und Rachſucht, von Liſt und Verſchlagen⸗ heit zeigen, und wie ſie der Menſch nützt und ſich dienſtbar macht. Das Buch wird in der Hand des Lehrers wie in der des Schülers dienen, den naturhiſtoriſchen Unterricht zu beleben und anziehend zu machen, wird ein unterhaltendes und zugleich belehrendes Leſebuch für die Jugend, Familie und das Haus ſein und das Intereſſe für die Thierwelt in allen Leſern anfachen. Dazu bietet es ein reiches, jahrelang geſammeltes Material und wird ohne Zweifel manchen Leſer zu eigenen Beobachtungen anregen. Druck von K. Schwav. Wiesbaden. — * Nffſinnnnfſſnn ſſnſenſſſinſinſſinſſnſnf 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17