“* Wiederklaͤnge von Leben und Kunſt. Von Friehrich Taun. Dritter Thei. ——˖˖˖˖QOQO⏑:Oůñ˖—ñ—n,n 2————————— Kei p; i g, 182§. Verlag von Joh. Ambr. Barth. 1. Deey Wochen ſchon lebte der Tonkuͤnſtler Feuer⸗ berg bei dem Grafen von Altenberg. Dem Aeu⸗ ßern nach, ſchien ein ganz Anderer aus ihm gewor⸗ den. Zwei Conzerte hatten ihm eine Einnahme ver⸗ ſchafft, welche verhaͤltnismaͤßig groß genannt werden konnte. Sein köͤſtlicher Tenor zog ihm eine Menge Antraͤge zu. Bald wollte man ihn fuͤr immer zum Geſange bei Conzerten, bald bei Theatern engagiren. So vortheilhaft auch mehrere dieſer Antraͤge waren, ſo verwarf ſeine Vorliebe fuͤr ein ungebundenes Le⸗ ben, ſie dennoch. Wer ihn auf jenem Balle beim Toccategli geſehen, der erkannte ihn kaum wieder, ſo unzugaͤnglich war der Mann, in der kuͤrzeſten Zeit, geworden. Sogleich nach dem erſten Conzerte, hatte er ſich ein artiges Fuhrwerk angeſchafft, und bewegte daraus gegen Jeden, der ihm ſeine Ehrer⸗ bietung bezeigte, den Kopf ſo herablaſſend, wie ein III. 1 vornehmer Indier. Fruchtlos angelten die Haͤuſer der Großen nach der Belebung ihrer Cirkel durch ſeine Stimme.. Es war an einem Februarmorgen, deſſen klares Himmelsblau eher dem May anzugehoͤren ſchien, als Graf Altenberg in ſein Zimmer trat. Man hatte ſolches zu ſtark geheizt, daher wurde das Fenſter ge⸗ oͤffnet. Sie legten ſich beide hinein. Unter Glas,— ſagte laͤchelnd der Graf— nimmt der Himmel ſich doch beſſer aus, als wenn man ſich ſeinem Eiswinde ſo blos ſtellt. Mich,— verſetzte Feuerberg— kann er nie taͤuſchen, weil ich ihm nie traue. Der Graf wollte eben etwas entgegnen, als das finſtere Nicken ſeines Nachbars im Fenſter, auf einen verbindlichen Gruß von der Straße herauf, ihn ſo verletzte daß er ein Misbilligungswort nicht unterdruͤcken konnte. Ich kenne den Mann— ſprach er. Dieſer an⸗ geſehnene Staatsbeamte war geſtern ganz voll vom Lobe ihrer Stimme. Und er meint es ehrlich, ich weiß es. uUm ſo mehr— antwortete Feuerberg— bin ich ja ebenfalls ihm Ehrlichkeit ſchuldig, und die ſpricht ſich nicht anders aus. Grade die jetzige Verfahrungsweiſe der Menſchen mit mir, macht mir dieſe erſt recht zuwider. Nicht meine Stim⸗ me, ſondern das Anſehen meines großmuͤthigen Beſchuͤtzers iſt es, was mich zum Gegenſtande ſo mancher Bewunderung macht. Hatte ich dieſe Stimme in andern Staͤdten, wo ich Conzert gab, nicht ebenfalls? Nirgend aber noch iſt mir ſolch ein Ruhm zu Theil worden. Ich wuͤrde mich ja kaum verhegen koͤnnen, vor der verhaßten Liebe dieſer Men⸗ ſchen, wenn ich nur einige Ausnahme in der Be⸗ handlung machen wollte. Auch die Weiber verfol⸗ gen mich mit zudringlichen Augen, ob ich ſchon wahrlich, weit eher ein Bild des Leides, als der Liebe abgeben koͤnnte. Das thun ſie ebenfalls kei⸗ nesweges, meiner Perſon halber. Sonſt waͤre mir dergleichen auch ſchon fruͤher wiederfahren, als ich noch fuͤr einen vollen, kraͤftigen Mann gelten konnte. Nicht einmal meine Stimme zieht ſie an mich, ſon⸗ dern einzig der Laͤrm, den man ſo eben uͤber ſie erhebt. In demſelben Augenblicke erregte ihre Aufmerk⸗ ſamkeit ein Reiter, welcher den Hut tief im Ge⸗ ſichte, auf das Haſtigſte in die Straße ſprengte, und einem Gensd'arm, der ihm in die Zuͤgel fiel, 1*† ſo ungeſtuͤm nach dem Grafen von Altenberg fragte, daß der Erſchrockene ihn los ließ, auf das Haus deutete und den Hut ehrfurchtsvoll vor dem im Fenſter Liegenden abzog. Begierig die Bedeutung zu erfahren, eilte der Graf nach ſeiner Wohnung hinunter. Alle Spuren des Unwillens auf dem Geſichte, kehrte er eine halbe Stunde ſpaͤter zu Feuerberg zuruͤck. Eine wichtige Staatsangelegenheit vermuthlich? rief er den Grafen entgegen. Vielmehr— verſetzte dieſer— ein Unverſchaͤm⸗ ter, den blos das, daß er zugleich ein Narr iſt, vor meiner Ahndung ſicherte. Ein Menſch von den Guͤtern meiner Gemahlin hat, allerdings ſeltſam ge⸗ nug, in der Hochzeitnacht ſelbſt, die Braut durch Entfüͤhrung eingebuͤßt, ſeitdem allenthalben frucht⸗ los nach ihr herumgeſucht und kommt nun zu mir, der ihn auf jenem Gute ebenfalls von keiner vor⸗ theilhaften Seite kennen lernte und ereifert ſich auf das abſurdeſte uͤber die Moͤglichkeit, daß dergleichen vorfallen köͤnne. Mit Einem Worte, bei einer Al⸗ bernheit wie der ſeinigen, blieb mir nichts uͤbrig, als ihm die Thuͤre weiſen zu laſſen. Der Menſch gilt in Langenhof fuͤr einen Dichter und dieſes thut mir, wahrlich, um ſo mehr leid, wenn der Ruf ge⸗ gruͤndet ſeyn ſollte, weil die vernuͤnftigen Menſchen ihn allenthalben laͤcherlich finden muͤſſen, und das dann eben das alte, hoͤchſt ungerechte Vorurtheil ge⸗ gen das Benehmen der Dichter in den gewoͤhnlichen Lebensverhaͤltniſſen, mit neuer Beſtaͤtigung zu ver⸗ ſehen ſcheint. Der Muſikmeiſter Senner aus Langenhof, der jetzt gemeldet wurde, haͤtte nicht gelegener kommen koͤnnen, weil durch ihn, vermuthlich uͤber die hoͤchſt ſonderbare Stoͤrung von Thorn's Hochzeitfeſte, eine Auskunft zu erlangen war, welche aus den verwirr⸗ ten Reden des leidenſchaftlichen Helden dieſes Feſtes keinesweges hervorging. Da Senner auch nach den vielbeſprochenen Saͤnger Feuerberg gefragt, ſo ward er im Namen des Grafen gebeten, ſich zu dieſem herauf zu bemuͤhen. Der Muſikmeiſter uͤberreichte einen Brief von der Graͤfin Altenberg, welche ihn morgen das Concert empfahl, das er in der Re⸗ ſidenz auf einer Harmonika nach eigener Conſtruk⸗ tion zu geben dachte. Als das abgethan war, befriedigte der Muſiker auch den Wunſch wegen der Nachricht von der Thornſchen Vermaͤhlung, welcher er ſelbſt mit beige⸗ wohnt hatte. Eins der wunderlichſten Feſte, die ich jemals er⸗ lebte,— ſagte er.— Schon in der Kirche bekam man des Wartens zur Gnuͤge, weil das Braut⸗ paar nicht eintreffen wollte. Da verlautete endlich, daß der Braͤutigam ſo eben einer Balletprobe zuvor beigewohnt und daruͤber die Trauungsſtunde ver⸗ ſaͤumt habe. Das liebe Geſichtchen der Braut hatte, wie ſie endlich an den Altar mit ihm trat, augen⸗ ſcheinlich gar keine Feſttagsblicke. Und wer wollte es ihr verdenken, da er ihr ſchon am Tage zuvor alle Veranlaſſung gab, auf die neue Ballettaͤnzerin eiferſuͤchtig zu werden? Bei Tiſche wurde zwar von einigen Schreihaͤlſen, welche gewohnt ſind, ihre ab⸗ gedroſchenen Einfaͤlle fuͤr charmant erklaͤren zu hoͤ⸗ ren, ein Surrogat von Munterkeit, herbeigeführt, und der Glaͤſerklang nebſt den zugehoͤrigen Toaſten haͤtten die allgemeine Freude recht leidlich repraͤſen⸗ tirt, wenn die truͤbſeligſte Langeweile nicht auf den meiſten Geſichtern zu leſen geweſen waͤre. Einmal nach dem andern fuhr die Braut mit der Hand uͤber die lieblichen Augen. Der Braͤutigam zog nur immer die Uhr, ſeine Verwunderung ausdruͤckend, —A= —: —. daß das Ballet noch nicht zu Ende ſey und ſah mit groͤßter Ungeduld nach der Thuͤre. Da trat die Taͤnzerin endlich herein und er ſprang auf ſie zu; die Tafel war aufgehoben. Er ſtellt die ziemlich unbedeutende Figur ſeiner Braut als die erſte Taͤn⸗ zerin in der Welt vor. Die Braut ſcheint wenig aufgelegt, ihr große Lobeserhebungen zu machen und muß dafuͤr in Gegenwart der Taͤnzerin eine Bemer⸗ kung von ihm hinnehmen, die noch viel weniger zu den Lobſpruͤchen zu rechnen iſt. Nun tanzt, was ſich fuͤr jung haͤlt und wir Andern ſind uͤbergluͤck⸗ lich, ein Plaͤtzchen an einem der Spieltiſche in den anſtoßenden Zimmern zu finden oder in dem uͤber⸗ vollen Saale ſtehend, gaͤhnen zu koͤnnen, ohne ge⸗ rade allzuoft auf die Leichdornen getreten zu werden. Unbekummert um ſeine Braut, fliegt indeſſen der Braͤutigam mit der Taͤnzerin durch die Reihen. Die Schauſpielerin Ruͤbſendorf ſucht uͤber die we⸗ nige Aufmerkſamkeit, die er ihr und ſeiner Braut bezeigt, letzterer ihre Indignation zu erkennen zu geben, erhaͤlt aber keinen Dank dafuͤr, als daß ſich das gekraͤnkte Mädchen ſo weit als moͤglich von ihr entfernt. 3 Vielleicht wuͤrde der Braͤutigam, uͤber der Sa⸗ tisfaktion, welche er, ſeiner Rede nach, der Ballet⸗ taͤnzerin ſchuldig zu ſeyn glaubte, ſeine Braut gaͤnz⸗ lich vergeſſen haben, haͤtte er nicht jetzt wahrge⸗ nommen, daß ſie in einem Geſpraͤche mit dem Mahler Aldenheim ſich befand. So oft der Wal⸗ zer ihn in die Gegend dieſes Geſpraͤches fuͤhrt, merkt er darauf und es kann ihm unmoͤglich ent⸗ gehen, daß die Unterhaltung ſich immer mehr zu beleben und fuͤr beide Theile intereſſanter zu werden anfaͤngt. Das erweckt ſeine Eiferſucht. Nur dieſe konnte in dem Tanze, der jetzt zwiſchen ihr und Aldenheim beginnt, die mindeſte Verletzung des An⸗ ſtandes finden, er hingegen ſcheuet ſich nicht, den Tanz zu unterbrechen und den Mahler zur Rede zu ſtellen. Es kommt im Nebenzimmer zwiſchen bei⸗ den Maͤnnern zu bittern Worten. Immer lauter wird die Sache, Die Ballettaͤnzerin eilt zur Ver⸗ mittlung hinzu, aber weder der Mahler noch der Andere hoͤrt auf ſie. Wie der Reiz der Neuheit ihr dieſen Verehrer zugewendet, ſo hatte die Qual der Eiferſucht, ihn wieder von ihr entfernt. Mah⸗ ler und Dichter ſcheinen eben in der Eroͤrterung be⸗ griffen, ob ihr Duell mit Degen oder Piſtolen ab⸗ zuthun ſey, da entſteht große Unruhe im Saal. Etwa eine Stunde zuvor iſt die Braut hinwegge⸗ gangen und nicht wieder zuruͤckgekehrt. Allenthalben wird vergebens nach ihr geſucht. Thorn ſchießt furchtbare Blicke auf Aldenheim ab. Er glaubt das Verſchwinden der Braut beruhe auf einer Abrede zwiſchen ihm und ihr. Aber die aufrichtige Art, womit der Mahler ſeine voͤllige Unwiſſenheit betheu⸗ ert, wuͤrde ſchwerlich den Leidenſchaftlichen uͤberzeugt haben, wenn nicht die Ausſage eines von den Raͤubern gebundenen und gemißhandelten Gartenarbeiters an den Tag gebracht, daß bei dem Raube große Gewalt, auch gegen die Entfuͤhrte angewendet worden. Der Vorfall ſtiftet ſogleich in ſo weit eine Ver⸗ ſoͤhnung zwiſchen Thorn und Aldenheim, daß dieſer ſeinen Beiſtand bei der Nachforſchung anbietet. Je⸗ ner Zeuge der Entfuͤhrung, den man durch Anbin⸗ den und Knebeln zum Verrath unfaͤhig zu machen ſuchte, ſchilderte die Art wie man mit der ſchuldlo⸗ ſen Braut umgegangen ſey, ſo roh und abſcheulich, daß ſie in ſehr ſchlechte Haͤnde gefallen ſeyn mußte. Das hat denn ein allgemeines Bedauern erregt. Und gar keine Spur waͤre von ſolch einer Graͤuelthat zu erlangen geweſen? fragte der Graf mit Kopfſchuͤtteln. — 10— Senner zuckte die Achſeln. Sollte von Seiten der Gerichten die gehoͤrige Nachforſchung unterblieben ſeyn? Schwerlich, obſchon, wie bei ſolchen Gelegenhei⸗ ten gewoͤhnlich geſchieht, man es an Vorwuͤrfen nicht fehlen lies. Der Graf kam auf Thorn zuruͤck, erzaͤhlte dem Muſikmeiſter den Vorfall, den er erſt vor Kurzem mit ihm erlebte und ſprach: Nachdem er alſo, meh⸗ rere Wochen vielleicht, in dem eiteln Vertrauen auf ſich ſelbſt, bei dieſer Angelegenheit verſtreichen ließ, macht er's vorhin hier in meinem Hauſe der Re⸗ gierung zum Verbrechen, daß ſie das Verbrechen, wovon ihr vielleicht gar nichts zu Ohren gekommen, ungehindert lies. Unmittelbar vor ihrer Ankunft, lieber Senner, legte ich dieſem Thorn oder Thoren, wie ich ihn lieber nennen moͤchte, daruͤber mein Misvergnuͤgen dar, daß ein im Rufe des Dichter⸗ talents ſtehender Mann in der weiblichen Welt ſo wenig zu Hauſe iſt, um gegen alles darin Vor⸗ kommende und darein Gehoͤrende zu verſtoßen. Trotz ſeiner Jugend erſcheint nun der Menſch als ein Ueberbleibſel aus jener, Gott Lob, verſchwundenen Zeit, wo man die Genialitaͤt eines Dichters nach der Groͤße ſeiner verkehrten Weiſe im Leben zu meſ⸗ ſen pflegte, und zum Beiſpiel eine Zerſtreutheit, die jeder andern Perſon nur Schande machen koͤnnte, ihm als eine beſondere Ehre anrechnete. In den eigentlichen Geſchaͤftsleuten die gar nichts ſind, als das, hat ſich dieſe Anſicht von den Dichtern bis auf dieſe Stunde noch erhalten und Herr Thorn wuͤrde recht gut ihr in die Wirklichkeit gerufenes Ideal eines Poeten vorſtellen; denn alle Lebensver⸗ haͤltniſſe denkt er mit einer abſoluten Kopfloſigkeit abthun zu koͤnnen.— Zuletzt erſuchte Senner noch den Saͤnger Feuer⸗ berg, ſein Conzert, wofuͤr der Graf ſich mit Waͤr⸗ me zu intereſſiren verſprach, durch Geſang zu ver⸗ ſchoͤnern. Allein der Saͤnger wies den Antrag ſo theilnahmlos und mit kalter Hoͤflichkeit zuruͤck, daß der Graf, unmuthig daruͤber, Sennern mit hinun⸗ ter in ſeine Wohnung nahm und den gegen ihn ſo unfreundlichen Mitkuͤnſtler, durch deſſen Ungluͤck entſchuldigte.— Unten war die erſte Frage des Grafen nach ſei⸗ ner Gemahlin Geſundheit. Was Senner daruͤber ſagen konnte, war nicht ganz beruhigend. Schon ſeit dem Herbſte kraͤnkelte die Graͤfin. — 12— Dagegen— ſprach der Muſikmeiſter, weit weni⸗ ger delikat, als wohlmeinend, beſonders nach der Betruͤbnis, welche des Grafen Auge dabei ausdruͤckte. — Dagegen ſcheint der Baroneſſe von Gruͤnau Ge⸗ ſundheit ſich immer mehr zu befeſtigen. Meine Gemahlin— erwiederte der Graf— ſoll viel zur Pflege waͤhrend der Krankheit der Ba⸗ roneſſe beigetragen haben. Ja wohl, ja wohl! antwortete der Muſikmeiſter mit Feuer. Der Schutzgeiſt unſeres freundlichen Langenhof ſucht ſeine geſegnete Wirkſamkeit ſo weit als moͤglich zu verbreiten. Ein herzlicher Druck von der Hand des Gra⸗ fen und ein Blick voll Seele ſagten Sennern wie tief er dieſe Bemerkung empfunden hatte. 2. Senners Harmonikaconzert hatte durch die Neu⸗ heit vieler Einrichtungen an dem Inſtrumente und durch eine hinreißende Delikateſſe im Vortrage, die Zuhoͤrer entzuͤckt. Von drei Einladungen in große Geſellſchaften fuͤr den folgenden Dienſtag war dem Muſikmeiſter die eine unmoͤglich abzulehnen geweſen. Inzwiſchen ergriff er den Vorwand einer ploͤtz⸗ * — 13— lichen Anwandlung von Unwohlſeyn, um ſich den⸗ noch nicht einzuſtellen. Die Redensarten des groͤ⸗ ßern Theils der Bewunderer ſeines geiſtrigen Har⸗ monikaſpiels, auf deren richtigen Eingang er im Voraus rechnen konnte, glaubte er ſchon auswendig zu wiſſen. Er wollte ſich den Mittag nicht durch die ewige Ruͤckkehr herkoͤmmlicher Lobeserhebungen unbequem machen laſſen. Der Beifall ſeiner naͤ⸗ hern Bekannten und der wahren Kenner erfreuete allerdings auch ihn wie jeden Kuͤnſtler. Aber die ungluͤckſeligen Anſtrengungen des gefuͤhl⸗ und verſtand⸗ loſen Troßes derjenigen, welche durch ſcheinbares Anerkennen der Kunſt nur ſich ſelber zu huldigen ſuchen, nicht allein freundlich anzuhoͤren ſondern auch noch mit Geſchick und Artigkeit zu beantworten, das haͤtte ihm vielleicht den ganzen Tag verbittert. Voͤllig konnte er ſich der gefuͤrchteten Pein durch das Vermeiden des einen Mittagstiſches freilich nicht entziehen. Aber ein Tag und eine Nacht mehr da⸗ zwiſchen, kuͤhlte den unbefugten Bewunderungseifer doch ſchon um Vieles ab. Am folgenden Abende hatte er dem Grafen von Altenberg ſeinen Beſuch zugeſagt, und dieſer mit ſeiner Genehmigung nur noch Feuerbergen und den ſeit zwei Tagen ebenfalls in der Reſidenz anweſen⸗ den Profeſſor Tippel dazu geladen. Eine Stunde ſchon ſaßen die erſten drey am Kaminfeuer beiſam⸗ men und der Graf hatte einige Mal bereits frucht⸗ los noch dem Profeſſor ſich erkundigt. Auch bei mir iſt er noch nicht geweſen,— ſprach Senner, und es entſtand die Beſorgnis, daß er ploͤtzlich erkrankt ſeyn koͤnne. Waͤhrend der Graf nunmehr nach Tippels Wohnung ſchickte, kamen die Anweſenden auf Senners Conzert zuruͤck, wo⸗ bei auch Feuerbergs Herz gegen ſeinen muſikaliſchen Kollegen aufzugehen ſchien und nachdem ſie uͤber die erhabene Gewalt der Tonkunſt alles Uebrige vergeſ⸗ ſen, die zwei Tonkuͤnſtler ſich zu des Grafen Freu⸗ de, unwillkuͤhrlich die Haͤnde zureichten. In einer unmittelbar nachher eintretenden recht gedankenvollen Pauſe verlautete mit einem Male ein Trommelſchlag mit der Hand auf einem Tiſche. Aller Augen richteten ſich nach dem befremdlichen Geraͤuſche in einer ziemlich entfernten Ecke des Zim⸗ mers, bis wohin aber, da es auf die Bitte der beiden Muſiker, einzig von der Flamme des Ka⸗ mins erleuchtet war, die Sehkraft nicht ganz aus⸗ reichte. Nur ſo viel ließ ſich entdecken, daß dort an einem Pfeilertiſchchen ein Mann, offenbar in voͤl⸗ liger Geiſtesabweſenheit, ſitzen mußte. Unwillig, daß die Bedienten nicht beſſer Acht ge⸗ geben, eilte der Graf auf den Fremden zu. Zu ſei⸗ ner Freude aber war es der Preofeſſor Tippel ſelbſt. Ich trat,— ſagte er— herein, als eben nach mir geſchickt werden ſollte. Schon von Weitem vernehmend, daß das Geſpraͤch um Dinge ſich dreh⸗ te, uͤber die ich nicht gern mitſpreche, blieb ich dort ſitzen und gerieth bald nachher in eine wohlbekannte Bildergallerie, einzig im Geiſte, verſteht ſich. Dort vergaß ich nun zuletzt ganz, daß lebendige Weſen in meiner Naͤhe waren. Uebrigens— ſagte der Graf freundlich, ihn zu den Anderen fuͤhrend— muß unſer Geſpraͤch auch fuͤr Sie Intereſſe haben. Sie ſind doch geſtern im Conzerte dieſes werthen Freundes ebenfalls entzuͤckt geweſen?. Leider nicht!— antwortete Tippel. Doch ich wuͤrde mir und uns Allen den Abend verderben, wollte ich nicht mit der Sprache grade heraus ge⸗ hen; was mir, zumal gegen euch Meiſter Senner, ſchon lange Noth gethan haͤtte. Euer Conzert in Ehren! Eben darum aber mußte ich mich ausſchlie⸗ — 16— ßen davon. Ich wuͤrde doch nur euch und haupt⸗ ſaͤchlich mir ſelbſt mit meiner Antheilloſigkeit Schan⸗ de gemacht haben. So bekennt ihr endlich in der That, Preofeſſor, was mich manchmal ſchon in Furcht ſetzte, daß ihr doch auch zu den geheimen Widerſachern der Ton⸗ kunſt gehoͤret? Kein Widerſacher! Und eben weil es mir da⸗ rum zu thun iſt, ſolch einen laͤſterlichen Verdacht von mir abzuwaͤlzen, werde ich, mit Verlaub, mein Urtheil unumwunden herausſagen. Ihr haltet mir wohl ſchon Manches zu gut, Meiſter Senner, legt auch meine Meinung von der Tonkunſt zu denjenigen Eigenheiten meiner eckigen Perſon, welche eurer Nachſicht beduͤrfen. Fuͤr mich naͤmlich giebt es, lei⸗ der, gar keine Tonkunſt, als die, ſo der menſchliche Gedanke und Ausdruck in ſchoͤnſter Klarheit durch⸗ ſtroͤmt und feſtſtellt. Wie in Gemaͤlden alles Ne⸗ belhafte und Unbeſtimmte mich unbefriedigt laͤßt, grade ſo geht mir's mit den Toͤnen, denen die Un⸗ terlage der Dichtkunſt mangelt. Feſten Grund be⸗ gehre ich allenthalben, in meiner und in eurer Kunſt, und die ſchoͤnſte, regelmaͤſigſte Compoſition, die koͤſt⸗ lichſten Floͤten⸗- und Harmonika⸗Conzerte kommen — 17— mir vor wie Irrlichter, welche mich hin und her⸗ necken und am naͤchſten Morgen in ihr urſpruͤng⸗ liches Nichts aufgeloͤſt werden. Geſang iſt daher meine Muſik, der an Dichterworte ſich anſchließt. Moͤgen ihn auch dann meinetwegen kunſtreiche In⸗ ſtrumente aller Art noch zu unterſtuͤtzen ſtreben. Denn, wie die Farbe durch die Zeichnung, ſo koͤn⸗ nen auch die Toͤne nur durch die Poeſie ihren recht eigentlichen Zuſammenhang erſt erhalten. Mit Ei⸗ nem Worte, die Muſik ſcheint mir zur Verherrli⸗ chung der Poeſie, wie die Farbe, die an ſich nichts iſt, zur Verherrlichung der Zeichnung da und einzig ſo unendlich groß in ihrer Wirkung zu ſeyn. Das kann ich nimmermehr zugeben,— ver⸗ ſette Senner.— Schon an ſich iſt die Muſik eine Rede, aber es gehoͤrt Ohr dazu, das ohne Worte ausgeſprochene Wort zu vernehmen, Ohr und Sinn und Seele. Jedes Kunſtwerk— ſprach Tippel— ſoll eine Rede ſeyn, heiliger als die gewoͤhnliche. Der Zau⸗ ber in vielen alten Bildern, ihr zur Andacht und Liebe entzuͤndendes Himmelslicht, iſt ganz unabhaͤn⸗ gig von der richtigen Zeichnung und der verſtaͤndi⸗ gen Faͤrbung, aber er waltet gemeinſchaftlich in bei⸗ III. 2 — 18— den und vermaͤhlt ſie eben ſo wunderbar und un⸗ aufloͤslich. Derſelbe Fall tritt ein, wo der aͤchte Dichter und der aͤchte Muſiker in Einem Werke zuſammentreffen. Doch allein, verfehlen auch die ſuͤßeſten Klaͤnge mein Herz; ſie ſtreifen nur leicht hin an mir, weil die magiſche Kraft der Begeiſte⸗ rung ihnen abgeht, wie den, zuweilen ebenfalls recht anmuthigen, Toͤnen der Aeolsharfe.— Kein weiteres Rechten hieruͤber! ſprach Senner. Koͤnnt ihr doch nicht dafuͤr, daß euch, nach dem Ausdrucke eines hochverehrten, leider, nicht mehr un⸗ ter den Lebenden wandelnden Tonſetzers: jenes „geiſtige Ohr“ ermangelt, welches„mit wunderba⸗ rem Vermoͤgen“ die Tongeſtalten um faßt und er⸗ faßt und ein goͤttliches Geheimnis iſt, das, nur der Muſik rein angehoͤrig, dem Laien unbegreiflich bleibt*). Erinnert euch, Profeſſor, wie ihr vorigen Sommer in eurer Wohnung das alte Bild meinem Blicke entzogt, fuͤr welches mir, eurer Meinung nach, das Verſtaͤndnis abging. Nach meiner An⸗ ſicht iſt die Kunſt der Toͤne gleichſam der Abglanz *) Bruchſtücke aus des Tonkünſtlers Leben, von Carl Maria von Weber, abgedruckt in Kinds Journale: Die Muſe, Januar 1821. — 19— vom Throne des Weltenſchoͤpfers. Ohne Geſtaltung von der Erde zu borgen, geſtaltet und erwaͤrmt und entzuͤckt ſie Geiſter und Herzen. Geheimnisvoll wie die Sonne auf die Koͤrperwelt, wirkt ihre ma⸗ giſche Kraft auf das Unſichtbare im Menſchen mit unwiderſtehlicher Gewalt ein, ihren hohen Urſprung klarer beurkundend, als jede andere Kunſt. Von ganzem Herzen meine Hand, Meiſter! ſprach Tippel. Ich danke euch auch gebuͤhrend fuͤr die Zu⸗ rechtweiſung in Anſehung jenes alten Gemaͤldes. Beſſer, als tauſend Reden bringt dieſes gutgewaͤhlte Beiſpiel mich zum Schweigen. Ja wohl, Meiſter Senner, mein Gehoͤr erſcheint mir jetzt ganz auf derſelben Stufe der Bildung, wie euer Blick neu⸗ lich, vor dem, der Reichthum und die Tiefe jenes himmliſchen Gemaͤldes ſich nicht erſchließen wollte. Leider, geht es in eurer Kunſt, wie in der meini⸗ gen, jeder der ein Ding hat, das ohngefaͤhr einem Ohre gleicht, will auch eindringen koͤnnen in eure Paradieſe, wie jedes halbgeoͤffnete Auge in die unſ⸗ rigen. Nur das fuͤhre ich, im gegenwaͤrtigen Falle zu meiner Entſchuldigung an, daß die Umſtaͤnde al⸗ lein, mich zur Eroͤffnung meiner, vermuthlich hoͤchſt einſeitigen, Anſicht veranlaßten. 2*† Die wechſelſeitige Herzenswaͤrme, welche aus die⸗ ſem Geſpraͤche klar hervorquoll, ſchien auch den Ge⸗ fuͤhlen des Saͤngers einen waͤrmeren Ton verliehen zu haben. Ein leichtes Laͤcheln ſpielte um ſeinen, ſonſt wie aus Eiſen gegoſſenen, unbeweglichen Mund, und das Schneidende ſeines Blickes, das zuweilen in's Grauenhafte uͤberging, war ſo ſehr gemildert, daß die Schoͤnheit des dunkeln Auges den Mahler beſonders anzog. Das Geſpraͤch lenkte ſich auf den Geſang und eine nur ganz leiſe Bemerkung vom Grafen war Feuerbergen Antrieb, ein Lied, das in ſeiner Tiefe und Innigkeit lange nicht genug gewuͤrdigten Hoͤl⸗ derlin ertoͤnen zu laſſen, welches den Grafen am Tage zuvor von des naͤmlichen Saͤngers Lippen ge⸗ waltig erſchuͤttert hatte. Es war ein Lied ſchon aus der Zeit, wo der, unſtreitig durch die mit ſeinem Gemuͤthe zu hart zuſammentreffenden Mistoͤne des Lebens, geſtoͤrte Geiſt des Dichters jene melancho⸗ liſche Richtung zu nehmen begann, an der er zuletzt ſeinen Untergang fand. Obſchon einzelnes Herrliche in dieſer Dichtung beim Leſen wirklich mit Macht ergriff, vermochte doch dagegen vieles Andere Niemand zu ergruͤnden. — 241— Feuerberg hatte das Lied in Muſik geſetzt. Dieſe ſchien Ergaͤnzung und Commentar deſſelben zugleich; zumal bei den Toͤnen, mit denen er ſelbſt ſie vor⸗ trug, und bei dem duͤſtern Auge zwiſchen deſſen tie⸗ fer Verachtung der Welt immer noch Funken der Luſt an ihr, zu ſpruͤhen ſchienen. Es gewaͤhrte dem Grafen große Befriedigung, daß ſeine Gaͤſte in dieſer Anſicht ganz mit ihm uͤberein⸗ ſtimmten und Feuerbergs Vortrag des Liedes auch auf ſie einen ſehr großen Eindruck hervorbrachte. Freund,— ſprach der Mahler zu dem Saͤn⸗ ger— denn der Name Herr duͤnkt mich in die⸗ ſem Augenblicke viel zu ſchlecht fuͤr ſie, wiſſen ſie wohl, daß ihr Geſicht erſt im Geſange die wahrhaft vollendete Form erreicht. Alles Harte, ich moͤchte ſagen Zuruͤckſtoßende darin, iſt in tiefeindringende Trauer und Melancholie aufgeloͤſt. Ewig Schade— ſagte Senner— daß ſolch eine ausgezeichnete Faͤhigkeit der Buͤhne verloren ge⸗ hen ſoll. Wenn mein Rath nur etwas ihnen gel⸗ ten koͤnnte, Herr Feuerberg, ſo entzuͤckten ſie bald moͤglichſt die Menge in den heroiſchen Oper. Ihre Figur und der Anſtand in ihrem Weſen koͤnnte ſich in ſolch einem Kunſtwerke zugleich geltend machen. Der Kreis meiner vorzuͤglichſten Leiſtungen— verſetzte der Saͤnger— wuͤrde immer nur ſehr ein⸗ geſchraͤnkt ſeyn. Abſtrahiren wir uͤberhaupt, wenn ich bitten darf, von meiner Perſon und auch von der Oper. Haben doch bei den meiſten Opern heut⸗ zutage die Augen faſt mehr Beſchaͤftigung, als die Ohren und es wuͤrde ein wichtiger Fortſchritt in der neueſten Theaterkultur ſeyn, alle Sinne da⸗ bei zugleich zufrieden zu ſtellen. Der Geſchmack iſt bereits durch die mit jeder bedeutenden Buͤhne verbundenen Conditoreien zur Gnuͤge beruͤckſichtigt. Fuͤr den Geruch koͤnnte mit leichter Muͤhe etwas geſchehen. Wie aber auf das Gefuͤhl reccht kraͤf⸗ tig und ohne Beleidigung des Anſtandes, gelegentlich mit einzuwirken waͤre, ſollte das weniger ein treff⸗ licher Gegenſtand fuͤr oͤffentliche Preisaufgaben ſeyn, als ſo viele Andere? Dieſe Bemerkungen aber hatten Feuerbergen ſo im Innern verbittert, und alle Lichter ſeines ſchoͤ⸗ nen Blickes wieder ausgeloͤſcht. Senner zuckte die Achſeln und der Mahler ſchuͤttelte daruͤber den Kopf, daß aus einem Geſichte, welches er noch kurz zuvor ſo gern baldmoͤglichſt auf die Leinewand gebracht haͤtte, nun wieder eins von den vielen geworden war, mit dem ſein Pinſel gar nichts zu thun ha⸗ ben mochte. 8 Der Graf, die Stoͤrung in allen Dreien wahr⸗ nehmend, ſuchte dadurch, daß er das Geſpraͤch auf die zwei ſchoͤnen Lieder zuruͤckbrachte, die vom Mun⸗ de des Saͤngers allen ſo wohlgethan hatten, neu anzuregen. Es gluͤckte ihm aber nur halb damit. Nun kam die Rede auf die Poeſie. Nach manchen Aeuſſerungen daruͤber, ſagte Graf Altenberg: Zu einem Mahler und zwei Tonkuͤnſtlern haͤtte ich wenigſtens einen Dichter fuͤr dieſen Abend zu gewinnen ſuchen ſollen. Es iſt mir leider zu ſpaͤt eingefallen. Nehmen Sie daher, bitte ich, dasmal mit einem vorlieb, der in fruͤheren Jahren wirklich darauf ausgegangen ſeyn muß, ein Poet zu werden. Erſt in meiner letzten Krankheit trat dieſes vorma⸗ lige Beſtreben aus gaͤnzlicher Vergeſſenheit wieder ploͤtlich in einigen ſchriftlichen Aufſätzen vor mich hin, die, als etwas zum Vorleſen geſucht wurde, aus dem Staube, der auf ihnen laſtete, gelegentlich wieder an das Tageslicht geriethen. Nur ein Paar, ohne alle Ordnung durch einander laufende Aphoris⸗ men uͤber Kunſt, Liebe, Leben u. ſ. w. habe ich mir fuͤr den heutigen Abend zuruͤckgelegt. Nicht — 24— als ſpraͤchen ſie noch jetzt meine Meinung aus, uͤber die Gegenſtaͤnde denen ſie gewidmet ſind. Vielmehr moͤchte ich keine einzige dieſer Bemerkungen voͤllig vertreten. Als Stoff zum Nachdenken taugen aber dergleichen Dinge doch, auch wenn ſie ſchiefe An⸗ ſichten enthalten. Dazu moͤgen ſie mir eine Art von Legitimation bei drei Kuͤnſtlern verſchaffen, daß mein Leben dem Nachdenken uͤber die Kunſt nicht ganz verloren geweſen iſt, wie geringhaltig auch die Ausbeute dieſes Nachdenkens ſeyn moͤchte. Von ſehr vielen aͤhnlichen Blaͤttchen hat einzig der Zufall dieſes allein uͤbrig gelaſſen. Feuerberg nahm das Dargebotene ihm aus der Hand und las: Alle Fruͤchte ſind irrdiſch, nur die Bluͤten ge⸗ hoͤren dem Himmel an. Die goͤttlichen Bluͤten ſind: Liebe, Religion und Poeſie. 85* *† Als der Vorleſer hier innehielt, ſagte der Graf: Keine Kontroverſe; wenn ich bitten darf. Der Zu⸗ fall, welcher dieſen Fragmenten uͤber jene fuͤr ſolche Papiere aͤußerſt gefaͤhrliche Zeit des Papilloten⸗ bedarfs, ſo wunderbar hinaushalf, mag als ihr zweiter Vater ſich die gute oder boͤſe Aufnahme ge⸗ fallen laſſen, ſo ſie bei meinen werthen Gaͤſten fin⸗ den. Sind ſie doch ohnehin meiſtens mehr aus Stimmungen die er hervorrief, als aus Grund⸗ aͤtzen entſtanden und fuͤr einen geſelligen Abend, wie dieſen, hoͤchſtens den geringen Zeitaufwand werth, den ihr Vorleſen koſtet. Feuerberg fuhr fort: Der Liebe kann keine Frucht haben. Was der Haufe ſo nennt iſt ein Zweck der Natur, der auſſer dem Blicke der Liebe liegt, Man moͤchte es die aͤrgſte Demuͤthigung des Menſchen heißen, daß er grade durch den Genuß der ſchoͤnſten Blume des Himmels die Dauer der Erde verlaͤngern muß. 1 r † Die aͤchte Liebe verſchwindet nicht weniger, als die unaͤchte, denn auf der Erde kann nichts gegen die Gewalt der Erde geſchuͤtzt werden, aber ihr Verſchwinden iſt kein Vergehen. Die un⸗ ſterbliche Bluͤte entzieht ſich nur unſerm ſtreblichen Auge, weil ſie in ihre Heimath, in den Himmel hineinwaͤchſt. Dort hoffen wir ſie in einer Glorie wiederzufinden, von der uns jetzt der Begriff mangelt. * † Religion, Poeſie, Liebe ſind im Grunde eins und daſſelbe, das Hoͤchſte und nur im Ausdrucke oder der Beziehung unterſchieden. Es ſind die verſchiede⸗ nen Farben, worein ſich der weiße Lichtſtrahl bricht. *—* Die Frauen ſind ſchon bei ihrer Geburt, was. ſie einſt werden koͤnnen. Mehr oder mindere Ausbildung, kommt nicht in Anſchlag. Die Maͤn⸗ ner hingegen, muͤſſen erſt nach der Geburt wer⸗ den. Man koͤnnte alle Frauen, Toͤchter der Na⸗ tur und alle Maͤnner, Soͤhne der Kunſt nennen. * † *+ Die Frauen zu Staatsgeſchaͤften erheben wollen, wie zuweilen der Vorſchlag geſchehen, waͤre eine wahre Erniedrigung dieſes Geſchlechts. Nur in ihm iſt es der Verſchrobenheit noch nicht gelungen, die große menſchliche Natur zu verdraͤngen und es waͤre gottlos, ſie dem Verderben naͤher zu bringen. * † *† Man wirft den Frauen Schlauheit und Argliſt vor. Aber welche andere Waffen bleiben ihnen oft gegen ein Geſchlecht, das ihr urſpruͤngliches Weſen nicht verſtehen oder nicht reſpektiren will? ⁵*† * Die guͤnſtige Geſtalt des Mannes beſteht aus Grundzuͤgen, die des Weibes aus Grundtoͤnen. Die Seele des aͤchten Mannes muß feſte Zeichnung haben, dagegen die beſte weibliche Seele blos in ſchoͤnen Farben zu prangen hat. Ueberhaupt wuͤrde die Zeichnung ein Bild fuͤr den Mann, die Farbe eins fuͤr das Weib abgeben. In ſo fern nun jedes die Vollendung ſeines Weſens ſuchen ſoll, iſt das Streben einen wuͤrdigen Mann zu finden, ein hei⸗ liger Beruf des Weibes. †* *† Im Verlangen, nicht in deſſen Befriedigung, beſteht meiſtens das Gluͤck des Menſchen. Was wuͤrde uns der ſchoͤne Morgen, die heitere Nacht noch ſeyn, wenn wir den Wunſch, ſie in uns auf⸗ zunehmen erreichen koͤnnten? Wuͤrde wohl etwas Beſſeres herauskommen koͤnnen, als ein gewoͤhn⸗ licher Zuſtand? ¼ † *+ Der Dummkopf iſt ein geborner Satiriker, we⸗ gen der Unſchuld und Partheiloſigkeit womit er ſein Werk zu vollbringen pflegt. * † * Ein Mann von Verſtand*) behauptet, daß er allemal beſſere Gedichte hervorgebracht, wenn ihn ein beſtimmter Gegenſtand zum Dichten getrieben, als wenn ihn die Luſt zu dichten im allgemeinen erſt zu dem Gegenſtande gefuͤhrt haͤtte. Obwohl uͤberhaupt eine bedeutende Sichtungskraft in dem Manne geweſen ſeyn moͤchte? *. 32 Oft kann ein Gegenſtand die Natur des Dich⸗ ters aus dem Schlummer wecken und ſich der goͤtt⸗ lichen Kraft deſſelben ausſchließend bemaͤchtigen. Aber die heiligſten Flammen werden nur in jenen ſeligen Punkten des Lebens aus ihm ſtroͤmen, wo ſein Inneres ihn zur Poeſie auffordert. Dann iſt er allmaͤchtig, dann nur ſteht er gleichſam in dem Cen⸗ trum der goͤttlichen Strahlen. Himmel, Erde, Waſſer, Blumen und Sterne ſind ihm dann eins und nur durch Farbe und Form verſchieden. Dann kann er mit gewaltiger Hand, wie der Prieſter das Brod beim Abendmale, alles Irrdiſche himmliſch machen. ** * Wenn Göoͤthe in der Woluſt ſelbſt, nichts ſieht, *) Moriz im A. Reiſer. — 29— als die Liebe, ſo ſehen mehrere andere Dichter in der Liebe ſelbſt, nichts als die Wolluſt. Dieſe ſind, wenn ſie Liebe lehren, blos Satyre in die Grazie ihrer Zeit verkleidet, jener dagegen iſt ein nackter Amor, deſſen Schoͤnheit von allen Zeiten aner⸗ kannt wird. * 4* Dieſen Satz— ſprach der Graf— unter⸗ ſchreibe ich noch heute ganz unbedenklich als meine Meinung. Grade der hohe Geiſt, von dem hier die Rede iſt, hat mich zu oft mit dem Leben ver⸗ ſöhnt, um ſeiner nicht jederzeit mit Dankbarkeit zu gedenken. Ueberhaupt glaͤnzt mir die Poeſie vor allen Kuͤnſten beſonders wegen der Eigenſchaft, daß mehr als durch die uͤbrigen jeder aufgeſchloſſene Sinn allein, und ohne bedeutende wiſſenſchaftliche Vorkenntnis ſich durch ſie uͤber die Misverhaͤltniſſe der Wirklichkeit hinauf zu ſchwingen vermag. Noch heute gilt mir die Poeſie fuͤr das Paradies, wohi⸗ nein, ihre Verehrer, wie ihre Prieſter, ſich und ihr Heiligſtes fluͤchten, wenn die Stuͤrme der Erde to⸗ ben und die Vernichtung deſſen, was dieſer ange⸗ hoͤrt, immer naͤher an ſie herandonnert. Auf ihren ſeligen Hoͤhen kann die giftige Schlange, Furcht ge⸗ nannt, uns nichts anhaben und die Vruͤcke, welche von da die Hoffnung nach dem erſehnten Jenſeit ſchlaͤgt, ruht auf diamantenen Pfeilern feſt. Nach ihnen alſo— erwiederte der aͤltere Muſiker etwas befremdet— wuͤrde die Poeſie den hoͤchſten Rang unter den Kuͤnſten einnehmen? Wie nach ihnen die Muſik, lieber Senner— antwortete laͤ⸗ chelnd der Graf— und nach unſerm Profeſſor Tip⸗ pel vermuthlich Mahlerei und Plaaſtik, welche beide ihrem geiſtigen Weſen nach, ja doch nur eins ſind. Kein Rangſtreit unter den drei heiligen Schweſtern! Baue jeder derjenigen, die ihm die Hoͤchſte duͤnkt, einen Tempel und opfere an ihrem Altare, ohne Haß und Neid gegen die uͤbrigen. Denn die wun⸗ dervolle Gruppe der Grazien aus dem Alterthume, die ſo anmuthreich ſich umſchlungen halten, ſind das herrlichſte Abbild dieſer drey, in Liebe ver⸗ einten Kuͤnſte. 3. Ein Bedienter erſchien Herrn Hudſon anzukuͤndigen. So heißt ja wohl der Amerikaner? fragte Senner. Der— ſprach der Graf— wenn ich nicht irre, ihnen wenig zuſagte. — 831— Doch, doch! fiel Tippel ein. Das iſt anders worden. Herzlich willkommen ſoll er mir ſeyn! ſprach der Graf hocherfreut uͤber ſein Kommen und dieſe in den beiden Anweſenden gegen denſelben eingetretene vortheilhafte Veraͤnderung. Bey dem vereinten aufrichtigen Willkommen welches den Amerikaner empfing, war der Saͤnger ganz vergeſſen worden. Er fehlte, als der Haus⸗ herr daran dachte, ihn und Hudſon einander naͤher zu bringen. Senner hatte ihn unmittelbar nach der Meldung des zuletzt Gekommenen eilig in's Neben⸗ zimmer gehen ſehen. Aus dieſem fuͤhrte ein Gang nach der Treppe zu ſeiner Wohnung, wohin er ſich wahrſcheinlich begeben, um, wie man vermuthete, bald zuruͤckzukehren. Seine jetzige Abweſenheit kam den Grafen von Altenberg nicht ungelegen. Er konnte ſo den Gaͤ⸗ ſten naͤhere Auskunft uͤber den Hausgenoſſen erthei⸗ len und mancher moͤglichen Stoͤrung der Unterhal⸗ tung durch das Duͤſtere und Schroffe im Charakter und Benehmen deſſelben, im Voraus begegnen. Fruchtloſe Dinge; der Saͤnger blieb auſſen und als — 322— in ſeine Wohnung geſchickt wurde, hoͤrte man, daß er ſchon lange das Haus eiligſt verlaſſen haͤtte. Gern— ſprach hierauf der Graf— wollte ich ſeinem Ungluͤcke die unſchicklichkeit verzeihen, den Abend, den er mir zuſagte, anderswo zu verleben, wenn nur nicht eben ſein Abweichen von aller Re⸗ gel in der Nacht, durch Zerruͤttung ſeiner Geſund⸗ heit, ihn immer tiefer herunterbringen und ſo in den jetzigen unheilvollen Vorſtellungen befeſtigen muͤßte. Zuweilen ſetzt er die ganze Nacht an hohes Spiel, dann ſchweift er wieder durch Fluren und Waͤlder, um ſtarr von der Kaͤlte und voͤllig er⸗ ſchoͤpft, kurz vor Tagesanbruch heimzukehren. Hudſon aͤußerte ſein Bedauern, daß er noch in der Nacht, abreiſen muͤſſe. Es ſey ihm, meinte er, ſchon manchmal gelungen, auf dergleichen Ungluͤck⸗ liche erfreulich einzuwirken. Mit dieſem— ſagte achſelzuckend der Graf,— kommt es mir ſehr arg vor. Grade der heutige Tag war der erſte, wo ich einige Hoffnung faßte, daß mein Zureden endlich geholfen habe. Ein Gift⸗ pulver welches er bei ſich fuͤhrte, um den Tod, wenn er ihn fuͤr noͤthig achtete, ſtets bei der Hand zu haben, haͤndigte er mir von freien Stuͤcken aus. — 33— Er hatte mir auch gelobt, die Wohlthat der naͤcht⸗ lichen Ruhe nicht mehr ſo nutzlos hinzuwerfen und nun iſt er, ſeit acht Tagen zum erſten Male wieder ganz dem alten thoͤrigen Gebrauche anheim gefallen. Wie geht es in Langenhof? fragte, als man ſich kaum zu Tiſche geſetzt hatte, der Graf und Hud⸗ ſon wie aus Einem Munde die beiden Kuͤnſtler. Die Sonne fehlt dem freundlichen Aufenthalte, — antwortete Tippel. Die Trauer um zwei ge⸗ liebte Todte hat die Graͤfin wie gaͤnzlich abgeſchnit⸗ ten von der aͤuſſern Welt. Der einzige Ort, den ſie beſucht, iſt die Kirche. Die wieder neu in's Leben gerufene Schau⸗ buͤhne— erwiederte der Graf— ſoll ihr ja doch, wie ich von guter Hand vernahm, viel Beſchaͤfti⸗ gung verſchaffen. Beſchaͤftigung, aber ſchwerlich Genuß! ſprach Profeſſor Tippel. Keiner einzigen Vorſtellung hat ſie bis jetzt beigewohnt, und doch wurde kein Stuͤck gegeben, das ſie nicht ſelbſt gewaͤhlt und zuvor ge⸗ nau durchgemuſtert haͤtte. Auſſer dem Geltendma⸗ chen der Werke fuͤr die Buͤhne von laͤngſt anerkann⸗ ter Trefflichkeit pflegt ſie vorzuͤglich auch das Beſte, III. 3 — 34— was die neuere Zeit hierin leiſtete und noch leiſtet. So werden durch die Bemuͤhungen des einſichtsvol⸗ len Regiſſeurs die geiſtreichen Werke von Muͤll⸗ ner, Raupach und andern, in Langenhof ſo vor⸗ zuͤglich gegeben, daß man nur wuͤnſchen moͤchte ihre fortdauernde Trauer ſchloͤſſe die edle Graͤfin nicht ſelbſt an der Genugthuung aus, welche der Schoͤ⸗ pferin dieſer Kunſtleiſtungen die Theilnahme daran verſchaffen muͤßte. Ihr Sekretair und noch ein ta⸗ lentvoller Mann, ſind ſehr thaͤtig in Bearbeitung deutſcher, engliſcher und franzoͤſiſcher aͤlterer Stuͤcke, ſo daß bei dem Takt fuͤr das, in jetziger hierin aͤuſe ſerſt ſcrupuloͤſer Zeit, Schickliche, und die theatra⸗ liſche Wirkung mit denen man zu Werke geht, un⸗ ſer Theater in Kurzem eines recht anſehnlichen Vor⸗ rathes wiedergewonnener Schauſpiele von Kern und Gehalt ſich wird erfreuen koͤnnen. So iſt ſie,— ſagte mit Feuer der Graf— immer iſt ihr ſchoͤnes Beiſpiel nicht auf die eigne Perſon, ſondern auf Andere gerichtet. Mitten im tiefſten Schmerze noch, ſinnt ſie darauf, die Freu⸗ de der Andern zu vermehren und zu erhoͤhen!— Jener Herr Thorn iſt wohl nicht derjenige, der zu Begrbeitung der aͤltern Stuͤcke mit beitraͤgt? Keinesweges— antwortete Tippel— es iſt ein junger Schauſpieler, der vermoͤge ſeiner richtigen Beurtheilung einſieht, daß er fuͤr nichts ſo wenig, als fuͤr die Buͤcher geboren ſeyn moͤchte, der aber gleichwohl das Wirkſame darauf mit außerordentli⸗ chem Gluͤcke herauszufinden weiß. Von Thorn ſcheint man in keiner Hinſicht etwas Gutes und Loͤbliches mehr zu erwarten. Seine wahrhaften An⸗ lagen, hat eine misverſtandene Genialitaͤt, die man eher Zuͤgelloſigkeit, ja Liederlichkeit, nennen koͤnnte, bereits untergraben. In ganz kurzer Zeit iſt er durch dieſe, verbunden mit einem laͤcherlichen Duͤn⸗ kel und Anmaaſungen, die nirgends realiſirt werden konnten, gleichſam vernichtet worden. Meines Er⸗ achtens kann nichts Nuͤtzliches weiter aus ihm wer⸗ den, als— ein abſchreckendes Beiſpiel fuͤr Andere. Der Graf beruͤhrte hierauf die Szene, welche er mit ihm erlebt hatte und fragte den Profeſſor, ob er nicht uͤber die Urſache der ſo raͤthelhaften gewalt⸗ ſamen Entfuͤhrung ſeiner Braut in der Hochzeit⸗ nacht, einige Muthmaſungen habe. Tippel zuckte ſchweigend die Achſeln. Der Amerikaner, welcher ſchon ein Paar mal nach der Uhr geſehen hatte, ruͤckte jetzt ſeinen Stuhl. 3*.— Alſo wirklich ſo bald? fragte ſein Nachbar, der Hausherr, mit Bedauern ſeine Hand ergreifend. Je aͤlter man wird— erwiederte Hudſon— deſto mehr wird einem die Puͤnktlichkeit zur Pflicht in Al⸗ lem wegen der geringen Zeit welche zum Wirken noch uͤbrig bleibt. Morgen Nachmittag, Herr Graf, denke ich in Thuͤrmen einzutreffen; haben ſie mich vielleicht mit Auftraͤgen dahin zu beehren? Wie der Anhauch einer gewaltigen Flamme, wirkte die Fra⸗ ge auf das Geſicht des Grafen und ſeine funkeln⸗ den Blicke ſuchten den Boden. Nur das Erſuchen — ſagte er, nach kurzem Verſtummen— der Ba⸗ roneſſe meine wahrhafte Theilnahme an ihrer gluͤck⸗ lichen Herſtellung zu erkennen zu geben. Und dann noch ein einziges Wort, lieber Hudſon— ſagte er darauf, nach einer die Bitte um Entſchuldigung ge⸗ gen die andern beiden Gaͤſte ausſprechenden Geberde, ihn beim Arm in's Nebenzimmer fuͤhrend. Dort aber nahm er aus ſeinem Buͤreau einen verſiegelten Brief und ſprach: Die Verlegenheit wo⸗ rein mich ſo eben ihre unerwartete Frage ſekte, mahnt mich daran, eine ſchon vor einiger Zeit ab⸗ gefaßte Schrift in ihre Hand zu geben. Da ſie Thuͤrmen beſuchen, ſo werden ſie ohnſtreitig der — 372— Nachbarin dieſes Gutes ihre Gegenwart nicht ganz entziehen. Haͤndigen ſie, bitte ich, der Graͤfin von Altenberg das Blatt, aber erſt nach der Erklaͤrung von Seiten derſelben aus, daß ſie die Siegel bis nach meinem Ableben oder dem Eintreten einer Krankheit, welche der Graͤfin Leben nach dem Aus⸗ ſpruche der Aerzte, in wirkliche Gefahr ſetzt,(und die der Himmel abwenden moͤge von ihr,) unver⸗ letzt laſſen wolle, es waͤre denn, daß ich ſelbſt ſie fruͤher dazu aufforderte. Mit Nachdruck wiederholte er dieſe Bitte voll⸗ ſtaͤndig und woͤrtlich und ſchien nachdem der Ameri⸗ kaner ihm die genaueſte Erfuͤllung ſeines Wunſches zugeſagt hatte, mit dem durch ſein Wappen fuͤnf⸗ fach verſchloſſenen Papiere, einer recht druͤckenden Laſt entledigt zu ſeyn. Den beiden andern Gaͤſten war die letzte Ver⸗ legenheit ihres Wirthes ebenfalls nicht entgangen. Sie ſchrieben ſolche einer unwillkuͤhrlichen Aufwal⸗ lung ſeines Herzens fuͤr die Baroneſſe zu und be⸗ nutzten ſeine jetzige Abweſenheit zu Faſſung des Vor⸗ ſatzes, wenn irgend Gelegenheit ſich darbieten ſollte, dem Grafen vorzuſtellen, daß er und ſeine wuͤrdige Gemahlin und die liebenswuͤrdige Gruͤnau ſich — 38— bei Faſſung eines herzhaften Entſchluſſes, V beſſer befinden wuͤrden, als wenn der zeitherige Krankheitszuſtand aller Drei noch laͤnger fortdauern ſollte. Die erhoͤhete Stimmung, in welcher der Graf jetzt zuruͤckkehrte, die offene freundliche Miene und die trauliche Weiſe, mit der er jedem ſeiner zwei Gaͤſte eine Hand zureichend, wegen des ziemlich langen Ausbleibens fich entſchuldigte, machte, daß der Profeſſor recht bald den gefaßten Vorſatz auszu⸗ fuͤhren begann und der Muſikmeiſter ihn kraͤftig da⸗ bei unterſtuͤtze. Aber die waͤhrend ihrer Reden, immer finſterer und ſteinerner werdenden Zuͤge des Grafen, zeigten ihnen die Sache als eine große Uebereilung. Ihre Sprachwerkzeuge ermatteten im⸗ mer mehr. Da ſagte endlich Graf Altenberg: Meine Herren, es giebt Punkte im Leben, wo⸗ ruͤber ſich der Menſch einzig mit ſich ſelber verſtaͤn⸗ digen kann, wo aber auch der wohlgemeinteſte und beſte fremde Rath unzulaͤnglich erſcheinen muß. Ganz abgeſehen von meinem Falle und von den hier eintretenden beſondern Verhaͤltniſſen, betrachten ſie nur einmal die eheliche Trennung an ſich, wenn ſie bei einem Paare von Geiſt Und Herzen, wel⸗ — 39— ches die Liebe zuſammenbrachte, in Anwendung kom⸗ men ſoll. Denken ſie ſich die vielfache Verſchlin⸗ gung der wechſelſeitigen Gefuͤhle dieſes Paares ſchon vor dem Gange zum Altare und dann die Heiligung an dieſem, das im Namen des Allerhoͤchſten da⸗ ruͤber ausgeſprochene Vereinigungswort. Fuͤgen ſie die neuhinzukommenden Bande daran. Und wenn ſie das Alles erwogen haben, ſo beantworten ſie mir die Frage, ob das Wort Scheidung nicht etwas wahrhaft Entſetzliches in ſich faßt, zumal wenn ſie zu den Banden durch die gegenſeitigen Gefuͤhle, auch noch die ſo mancherlei ſchoͤnen Erinnerungen vor und nach abgeſchloſſenem Ehevereine dazu den⸗ ken. Ein auf dem Pfade der Liebe zur Ehe ge⸗ langtes Paar, das ſpaͤterhin auf den Gedanken ge⸗ raͤth, ſich ſcheiden zu laſſen, koͤnnte vielleicht mit einem zuſammen gewachſenen Zwillingspaare vergli⸗ chen werden, bei dem die Aerzte noch in Zweifel ſtehen, ob die Trennung deſſelben nicht weſentliche Theile des Lebens an den Zwillingen verletzen koͤnne. Aber das Gleichnis hinkt, leider, allzu ſehr. Denn die Trennung der Zwillinge muß zum Heile der⸗ ſelben verſucht werden, ſtatt, daß die Trennung des Ehepaares zu deſſen Heile vielleicht beſſer unterbliebe. So betrachten ſie— fiel Tippel ein— die Scheidung fuͤr ein bloßes Uebel und doch giebt es Faͤlle—— In denen— unterbrach ihn der Graf— ſie zur wahrhaften Wohlthat wird. In dieſen Faͤllen bin ich weit entfernt ihr Nuͤtzliches zu verkennen. Daß aber der von mir hier angenommene, dahin nicht gehoͤrt, wird ihnen einleuchten! Mit tiefem Seufzer ſprang der Graf hier auf einen gleichguͤltigen Gegenſtand uͤber, ſo daß ſeine Gaͤſte ſehr gewuͤnſcht haͤtten, den eben abgehandelten, ganz unberuͤhrt gelaſſen zu haben. Bei ihrem Fortgehen, wurden Sachen aus dem Hauſe geſchaft, die zu Folge der Ausſage der Be⸗ dienten, Feuerbergen gehoͤrten, welcher danach ge⸗ ſchickt und zugleich haͤtte wiſſen laſſen, daß er erſt in einigen Tagen zuruͤckkehren werde. Der Muſik⸗ meiſter und Tippel, wollten, wie ſie jetzt einander zu erkennen gaben, eine große Veraͤnderung im Ge⸗ ſichte des Saͤngers beim Anmelden des Amerikaners bemerkt haben. Beide meinten, daß zu ſeinem Ver⸗ ſchwinden aus der Geſellſchaft einzig Abneigung ge⸗ gen Hudſon, mit dem er bekannt ſeyn muͤſſe, An⸗ laß gegeben. 9* 4. Fuͤnf Tage waren ſeitdem verfloſſen. Eben ſaß der Graf Abends uͤber einem hoͤchſt muͤhſamen, ver⸗ dießlichen Geſchaͤfte, als ein Brief von ſeiner Ge⸗ mahlin anlangte. Er enthielt aber weiter gar nichts als die Bitte, das beigefugte verſiegelte Kaͤſtchen den folgenden Morgen der Baroneſſe von Gruͤnau, wo moͤglich in Perſon, zu uͤbergeben. Der Baroneſſe, die nun ſo lange ſchon gar nicht mehr in der Reſidenz lebte! Er trauete kaum ſeinen Augen. Beinahe in demſelben Momente aber noch begruͤßte ihn ein Billet der vor wenig Stunden wirklich Angekommenen, welches den Wunſch ausſprach, ihn baldigſt, wenigſtens morgen fruͤh, zu ſehen. Ein eigenes, wahrhaft jugendliches Leben beſeelte die Baroneſſe, als er den Beſuch am folgenden Tage in's Werk ſetzte. Willkommen! rief ſie aus vollem Herzen ihm entgegen. Dieſe Reiſe hat ihnen ſehr wohl gethan, werther Freund. Ihr ganzes Anſehen zeugt davon. Und wahrlich— erwiederte er— das ihrige iſt durch die letzte Krankheit eher noch erhoben, als verdunkelt worden. — 42— Sprechen ſie nicht zu viel, guter Altenberg. Das an der Freundſchaft eben recht mild erwaͤrmte Herz, welches mein Aeuſſeres unſtreitig kund thut, iſt nicht der ſicherſte Geſundheitsmeſſer. Es freut mich, daß ſie meine Bitte ſo bald Statt finden ließen. Auſſer ihrem Wunſche, der mir Befehl gewe⸗ ſen waͤre, hatte ich noch eine Verpflichtung dazu. Ich ſoll ihnen nemlich dieſes Paͤcktchen am heutigen Morgen ſelbſt uͤbergeben. Mir und grade an dieſem Morgen! erwiederte die Baroneſſe, aus dem ſchlecht aufgedruͤckten Sie⸗ gel den Urſprung nicht errathend. Sie und der Graf ſtaunten beide, als das Oeff⸗ nen ſein uͤberaus aͤhnliches Miniaturbild zum Vor⸗ ſchein brachte. Dabei lagen folgende Zeilen:„Daß ich, Ihnen, verehrte Freundin, gewis das beſte Gluͤck zum heutigen Tage wuͤnſche, mag die Beilage be⸗ weiſen, die ich von nun an als Ihr Eigenthum be⸗ trachte. Sie erhalten mit ihr das Beſte was ich habe. Jetzt darf ich auch auf die Genehmigung meines Gemahls hoffen. Doch mußte ich, wie ich glaube, das Bildnis den Weg zu Ihnen, durch ſeine Hand nehmen laſſen.“ „Heloiſe.“ — 43— Je unverkennbarer die freudigſte Ueberraſchung aus dem Auge der Baroneſſe zitterte, und ihr von den purpurnen Wangen leuchtete, deſto laͤhmender griff auch die Seelenloſigkeit, welche ſich dem Blicke auf den Grafen in deſſen erbleichtem Geſichte dar⸗ that, ploͤtzlich ein, in das eben bis zum hoͤchſten Gipfel aufglimmende, uͤppige Leben ihrer ſuͤßeſten Gefuͤhle. Und kaum empfand er das ſchmerzliche Weh, das ihm geſchah, ſo riß er auch ſich mit Ge⸗ walt los, aus dem dumpfen Zuſtande und ſprach: Entſchuldigen ſie Verehrte, die Erſtarrung in der ſie mich ſehen. Von nichts zuvor unterrichtet, we⸗ der von dem Inhalte des ihnen Ueberreichten, noch auch von der Bedeutung des heutigen Tages mußte wohl—— Herr Hudſon— unterbrach ſie den hier Stok⸗ kenden— muß ihr ſolchen als meinen Geburtstag verrathen haben. Ich geſtehe, ihnen ſogar lieber Graf, geſtehe ich's(wie moͤchte ich's auch laͤugnen?) daß der ungluͤckſelige Tag meiner Geburt, nie ſo köſtlich gefeiert worden, als heute, durch ihre Ge⸗ mahlin. Wie troſtlos auch alle uͤbrige Umſtaͤnde ſeyn moͤchten, ſo verpflichtet mich doch die Engels⸗ guͤte der Geberin, daß ich ihr ſogleich ein Zeichen — 44— des dankbarſten Herzens zuſende. Bis zum Poſt⸗ abgange nach Langenhof iſt nur noch ein Stuͤndchen uͤbrig. Zeigen ſie mir dadurch ihre Verzeihung der Unſchicklichkeit, ſie auf eine Viertelſtunde allein zu laſſen, und daß ſie meine Nuͤckkehr erwarten. Louiſe hat mir dort einen kleinen Buͤcher⸗Vor⸗ rath mitgebracht; vielleicht dient ihnen doch etwas davon zur Unterhaltung indeſſen. Das Portraͤt mit ſich nehmend, eilte die Baro⸗ neſſe aus dem Zimmer. Ohne zu wiſſen, was er that, folgte der Graf der Weiſung und blaͤtterte in einigen der Buͤcher. Da fiel ihm beſonders das eine davon auf, in dem eine Menge Zeichen lagen. Es waren die Wahlverwandtſchaften und die bezeichneten, zum Theil unterſtrichenen Stellen dien⸗ ten keinesweges dazu, ihn in eine guͤnſtigere Stim⸗ mung zu verſetzen. Es ſchien ihm an eigentlicher Lebensluft zu mangeln. Er oͤffnete ein Fenſter. Da jagte eben eine Extrapoſt mit vier Pferden in die Straßen, als ob es einem Wettrennen gaͤlte. Sie hielt vor dem Hauſe. Der Amerikaner war es, der herausſtieg und den Grafen oben im Fen⸗ ſter erblickend, zu erſchrecken und nur um ſo mehr hereinzueilen ſchien. Haben ſie die Baroneſſe ſchon geſprochen? war im Zimmer die erſte Frage des athemloſen Greiſes. Den Wunſch, daß es nicht geſchehen ſeyn moͤchte, legten Ton und Miene deutlich dar. Aber vielleicht doch den Auftrag der Frau Graͤ⸗ fin von Altenberg noch nicht ausgerichtet? Ehe der Graf dieſe zweite Frage beantwortet hatte, bemerkte Hudſon ſchon auf dem Sopha, die ihm nicht unbekannte Emballage des Miniaturbildes und ſchien den Ausbruch eines, die ſonſt ſo beru⸗ higende Klarheit ſeines Blickes offenbar truͤbenden Schmerzes, nur mit Anſtrengung bekaͤmpfen zu koͤn⸗ nen. Es gelang ihm aber doch und er ſprach: Die innigſten Gruͤſſe bringe ich Ihnen von der Graͤfin von Altenberg. Und auch wohl den Aufſchluß daruͤber, daß ſie mich zur bloßen Maſchine fuͤr die Uebergabe meines Bildniſſes, an die Baroneſſe machte? Es lag Empfindlichkeit im Tone des Grafen. Die Graͤfin— antwortete der Amerikaner— glaubte ſie und vielleicht auch ſich der Erlaͤuterun⸗ gen uͤberheben zu koͤnnen, die ſich von ſelbſt ergeben. Zugleich beauftragte ſie mich, wegen der nothwen⸗ digen Geſtaltung ihrer beiderſeitigen Zukunft mit — 4 6— ihnen zu ſprechen. Sie wuͤrde es ſelbſt in einem Briefe gethan haben, ſaͤhe ſie ſich nicht durch eine Verletzung an der rechten Hand am Schreiben ver⸗ hindert. Hierauf ſtellte er dem Grafen vor, daß nach dem jetzigen Stande der Dinge, die Graͤfin ſeine Scheidung von ihr ſchon darum fuͤr das Wuͤnſchens⸗ wertheſte erachte, weil durch ſie allein das heißeſte Verlangen ihres verſtorbenen Gemahls in Erfuͤllung gehen koͤnne. Hudſon deutete dabei auf die zu hoffende De⸗ ſcendenz hin und fuͤgte hinzu: Die Graͤfin von Al⸗ tenberg wuͤrde es fuͤr das hoͤchſte Gluͤck ihres Le⸗ bens halten, wenn einem etwanigen maͤnnlichen Nachkommen der Beiname Langenhof vergoͤnnt wer⸗ den ſollte. Louiſe erſchien, die uͤber die Wichtigkeit des Ge⸗ ſpraͤchs ganz in Vergeſſenheit gerathene Baroneſſe entſchuldigend. Durch den Brief den ſie geſchrieben und eiligſt fortgeſendet, aͤußerſt erſchoͤpft, hatte ſie nach voͤllig verlorner Sehkraft, ein Kopfſchmerz uͤber⸗ fallen, der ihr alles Bewußtſeyn raubte. Der eben⸗ falls von ihr herkommende Arzt, gah wenigſtens die — 47— Beruhigung, daß das eingetretene Augenuͤbel nur voruͤbergehend ſey. Louiſe ſprach lange heimlich mit Hudſon und die Baroneſſe war offenbar der Gegenſtand des Geſpraͤchs. Der Graf hatte inzwiſchen das Haus verlaſſen. Gegen Mittag brachte der von ihm zur Erkun⸗ digung ausgeſchickte Bediente die Nachricht zuruͤck, daß die Baroneſſe der Kopfſchmerz diesmal gegen al⸗ les Erwarten ſchnell verlaſſen habe. Sie ließ ihn zugleich um einen recht baldigen Beſuch bitten. Als er ſich in ihrer Wohnung einſtellte, ging ſeine erſte Frage nach dem Amerikaner. Der Graf war am Morgen von ihm fortgegangen, weil er wegen der Antwort auf ſeine Mittheilungen ſich ver⸗ legen fuͤhlte. Nun aber ſchien ihm doch zur Ein⸗ leitung ſeines nothwendigen Geſpraͤches mit der Ba⸗ roneſſe mancher ihm noch fehlende Aufſchluß von Hudſons Seite ganz unentbehrlich. Er mußte je⸗ doch hoͤren, daß dieſer ſchon wieder verreiſt ſey und erſt am folgenden Tage zuruͤckkehren werde. Louiſe, durch welche er dies erfuhr, theilte ihm zugleich die Merkwuͤrdigkeit mit, daß das Kopfweh der Baroneſſe, deſſen Stillung ſonſt einzig bei an⸗ haltender koͤrperlicher und geiſtiger Ruhe allmaͤhlig — 18— bewirkt werde, diesmal wider alle Gewohnheit vom Gemuͤthe aus, geheilt worden zu ſeyn ſcheine. Kaum hatte nemlich die Kranke vernommen, daß der Amerikaner von Langenhof angelangt ſey, ſo uͤberwog ihre Sehnſucht, ihn zu ſprechen, die der zeitherigen Erfahrung nach nur allzu gegruͤndete Be⸗ ſorgnis der Verſtaͤrkung ihres Schmerzes dadurch. Ganz im Gegentheile aber dienten ſeine Mittheilun⸗ gen ihr dasmal zu einer dem gewoͤhnlichen Gange des Uebels zu Folge gar nicht zu hoffen geweſenen baldigen Geneſung. Louiſe verſicherte den Grafen, daß ſie ihre Freundin nie in ſolch einer Fuͤlle des Wohlſeyns an Geiſt und Koͤrper gefunden habe und die Erſcheinung der Baroneſſe, welche ſeine Stimme im Vorſaale vernehmend, ſo eben herauseilte, be⸗ ſtätigte Alles, was das Fraͤulein hiervon geruͤhmt hatte. Eine ſchoͤne geiſtige Trunkenheit verbreitete den hinreißendſten Zauber uͤber die Dame, welche vielleicht in ihrer hoͤchſten Jugendbluͤthe nicht ſo ge⸗ glaͤnzt hatte. Offenbar war ihr durch die Mittheilung des Ame⸗ rikaners, die Zukunft bereits aufgeſchloſſen worden, welche ihr der Graͤfin von Altenberg Entſagung, bereiten ſollte. — 49— Frauenbeſuch unterbrach die ferneren Geſpraͤche. So muß uns doch wenigſtens der Abend blei⸗ ben! fluͤſterte die Baroneſſe dem Grafen zu. In meinem Hauſe, wenn ich bitten darf!— ſagte Graf Altenberg.— Ich habe den großen Saal dem Muſikmeiſter Senner aus Langenhof zu einem Conzerte eingeraͤumt. Dabei darf ich naturlich nicht fehlen! ſprach die Baroneſſe. Wenigſtens ſchmeichle ich mir das. Der Graf verlor ſich bald aus der immer mehr anwachſenden Geſellſchaft. 5. Im Altenbergſchen Hauſe, wo von dem Vor⸗ gange nichts verlautet war, begriff Niemand die Ur⸗ ſache der auffallenden Zerſtreuung des Grafen, wel⸗ che man bis dahin nicht an ihm bemerkt hatte. Erſt gegen Abend, nachdem eine Staffette nach Lan⸗ genhof abgefertiget, ſchien er ſich ſelber wieder zu⸗ ruͤckgegeben. Das Conzert war uͤbervoll. Ohne Vorwiſſen des Grafen hatte ſich auch Feuerberg wieder einge⸗ ſtellt und mit Sennern die Verabredung getroffen, durch ein Paar Geſaͤnge, die zahlreichen Anweſenden III. 4 zu uͤberraſchen. Das Erſte ſollte nur ein Geſang von keiner großen Erheblichkeit ſeyn. Er dachte da⸗ mit, zu beweiſen, daß der zweckmaͤſige Vortrag auch dem Einfachſten eine ziemliche Wirkung verſchaf⸗ fen koͤnne. Kaum aber hatte Feuerberg das Lied: Tom ſaß am hallenden See, begonnen, ſo unterbrach ein un⸗ gewoͤhnlich ſtarkes Geraͤuſch unter den Zuhoͤrern, die Fortſetzung. Eine Dame wurde bewußtlos hinweg⸗ gebracht. Man ſchrieb es der außerordentlichen Waͤrme durch Ueberfuͤllung des Saales zu und er⸗ wartete ſchon wieder die Fortſetzung des Geſanges. Al⸗ lein Senner trat vor, den Saͤnger, der mitten in der erſten Strophe hinausgeeilt war, ebenfalls mit Un⸗ wohlſeyn entſchuldigend. Die Erkrankte war die Baroneſſe von Gruͤnau. Als ſie jetzt, umgeben von Louiſen und mehreren Damen im Beiſeyn des Grafen ſich wieder zu re⸗ gen und vom Sopha wohin man ſie gelegt hatte, ſich emporzurichten anfing, ſchien ſie lange die Au⸗ gen abſichtlich verſchloſſen zu halten. Iſt er auch da? fragte ſie dann, und erſt nach mancher troſtreichem Zuſprache, blickte ſie ſcheu und argwoͤhniſch rings umhe, Au—2 u Neugier und Theilnahme fuͤllten das Zimmer immer mehr. Man glaubte das gleichzeitige Er⸗ kranken des Saͤngers, als eine große Seltſamkeit hervorheben zu muͤſſen. n Er ebenfalls krank? rief die Baroneſſe, mit ei⸗ ner Unruhe im Auge, und allen Geſichtslinien, die ohnmoͤglich ohne Auslegung bleiben konnte. Noth⸗ wendig muß ich dann ihn ſprechen! Dabei raffte die leidenſchaftliche Dame ſich voͤllig auf von ihrem Sitze, waͤhrend der Graf und Mehrere ſchon hin⸗ weg zu dem Muſiker geeilt waren. Allein Feuer⸗ berg war verſchwunden. Fruchtlos ſuchte Senners Harmonika die ſtoͤrenden Mistoͤne zu beſaͤnftigen. Die in dem Saal Zuruͤckgekehrten, brachten zu vie⸗ len Stoff fuͤr die Laͤſterchronik mit hinein. Ihr Laͤcheln war fuͤr die dortgebliebenen Wißbegierigen unwiderſtehlich. Das Fluͤſtern griff immer weiter um ſich und das lebhafte Haͤndeklatſchen, welches als jetzt der Muſiker geendet hatte, ihm folgte, konnte diesmal weit mehr als ein Wohlgefallen an ſeinem Spiele, den Dank bezeichnen, daß man nun⸗ mehr ohne weitere muſikaliſche Beeintraͤchtigung uͤber den befremdenden Vorfall ſich verbreiten durfte.— Abermals war die Baroneſſe mehrere Tage lang 4* in einem koͤrper⸗ und ſeelenkranken, hochaufgeregten Zuſtande. Unter denen welche ihr Bette umgaben, das ſie nicht verlaſſen konnte, befand ſich auch die Graͤfin von Altenberg, welche der letzte Brief ihres Gemahles, die Nothwendigkeit einer baldigen Be⸗ ſprechung mit ihr an's Herz gelegt hatte. Am dritten Abende, als Graf und Graͤfin al⸗ lein an ihrem Lager ſaßen, war die Kranke zwar uͤberaus matt und erſchoͤpft, aber eben darum auch in einer weit ruhigeren Verfaſſung als zeither. Jetzt ſprach ſie ſich uͤber den Saͤnger aus. Sein aͤuſſerſt verfallenes Geſicht, verbunden mit der, in der Regel nur militairiſchen, Auszeichnung zwiſchen Naſe und Mund, hatte ſie ſolchen Anfangs nicht erkennen laſſen. Kaum aber waren die erſten Toͤne aus ſeinem Munde, als ſie auch darin den vormali⸗ gen Prediger Welter wieder zu finden glaubte. Sein angebliches Erkranken und Verſchwinden ſchienen aller⸗ dings die Sache zu beſtaͤtigen. Was ſie bis dahin hoͤchſt leidenſchaftlich erklaͤrt hatte, daß man ihn noth⸗ wendig herbeiſchaffen muͤſſe, daruͤber ſprach ſie nun mit Beſonnenheit und ſtillem Schmerze. Ohne eine Unterredung mit ihm zu haben, aͤuſſerte ſie, ſey es um ihre Lebensruhe fuͤr immer geſchehen. — Der Graf verſicherte, daß keine Nachforſchung nach ihm unterbliehen, jede aber bis dahin fruchtlos geweſen, doch der wieder eingetroffene Amerikaner, den er geſprochen, dem Saͤnger auf der Spur zu ſeyn geglaubt und ihm zugeſagt, alles Moͤgliche zu verſuchen, ihn herbei zu bringen. So geſchah es auch. Welter,— rief die Baroneſſe, als Hudſon mit dem Saͤnger an ihr Lager trat— wie bleich, wie verſtoͤrt. Man kennt ſie gar nicht mehr. O moͤchte ich mir doch ſelbſt unbekannt werden koͤnnen, gnaͤdige Frau! Mein herzliches Bedauern, wenn ihr jetziger Zuſtand, die Folge meines Geſan⸗ ges geweſen ſeyn ſollte. Sehen ſie daraus das volle Maas meines Misgeſchickes und daß ich Unheil ſtif⸗ ten muß, auch ganz wider meinen Willen. Waͤhrend ſeiner Unterredung mit der Baroneſſe, gingen der Graf und die Graͤfin von Altenberg in in einiger Entfernung mit dem Amerikaner und Louiſen im Zimmer auf und nieder. Die Baroneſſe fragte Weltern unter andern, ob der Klang jenes Liedes, den ſie von ihrem See auf Thuͤrmen, oft um Mitternacht wie Geiſterlaute habe heruͤbertoͤnen hoͤren, von ihm hergeruͤhrt oder ob er blos in ihrem Ohre gelegen haͤtte. Achſelzuckend geſtand er, daß er vermuthlich gro⸗ ßentheils der Urheber moͤchte geweſen ſeyn. Und warum das? fragte die Baroneſſe, mit allen Zeichen eines tiefen Schmerzes. Warum? entgegnete Welter. Eben ſo gut ließe ſich fragen, warum ich noch nicht muͤde geworden, ein Daſeyn zu erſchleppen, wie der Galeerenſclave ſeine ſchwere Kette, ein Daſeyn elender vielleicht, als irgend eins auf der Welt, weil ihm Alles fehlt, was den Meiſten die Thorheit des ihrigen ertraͤglich macht, weil alle die Puppen mir fehlen, denen die Menſchen ihre Beruhigung verdanken und die ich nicht nennen will, um ſie nicht zu empoͤren; da zuletzt noch die Liebe ſogar, mich verrieth, die mich einzig haͤtte entzuͤcken und vielleicht zum Beſſern wieder empor heben koͤnnen. Doch nein, nein, ich beſchuldige ſie gnaͤdige Frau, wo ich ſie bewundern ſollte. Bei dem Wurme, den ich im eigenen Buſen trage, der Alles was man fuͤr heilig achtet, oder wenigſtens ſo nennt, in mir bereits zernagte, bei dem war weder etwas Beſſeres fuͤr mich, noch auch ein Gluͤck durch — 55— mich, gedenkbar. Fordern ſie nur aber auch keinen Beſcheid auf ihr voriges Warum? Das widerſin⸗ nige Ding, welches man Herz heißt, wirft mich, wie der Sturm ein maſt⸗ und ſteuerloſes Schiff willkuͤhrlich in den Wogen umher. Ob ich, ob an⸗ dere untergehen, was hat das zu bedeuten? Welter— rief die Baroneſſe— ich fuͤhle Schauder vor ihnen! Auch ich— lachte er— Auch ich! So entſtanden wohl am letzten Erleuchtungs⸗ abende des vorigen Sommers im Schloßgarten zu Langenhof, jene Toͤne ebenfalls durch ſie? Allerdings! Und der uns nachgehende Mann im Mantel waren ſie? War ich! Grade das Komiſche der Szene ge⸗ reichte mir damals zu großem Ergoͤtzen. In der weißen Dominolarve welche ich zufaͤllig in einem Wirthshauſe fand, und die mir zur Verhuͤllung diente, erblickte der Aberglaube einen Todtenſchaͤdel. uUnd ſie, der ſie mich zu lieben vorgaben, fuͤhl⸗ ten ſie ſich auch von meiner Krankheit ergoͤtzt, welche die Folge jenes unzeitigen Scherzes war? — 56— Scherz, gnaͤdige Frau, wer ſagt ihnen denn, daß ich ſcherzen wollte, oder ſcherzen konnte? Bei Gefuͤhlen, den meinigen geleich, kann von kei⸗ nem Scherz die Rede ſeyn. Ergoͤtzen aber, warum denn nicht? Was wuͤrden wir eingebuͤßt haben, ich und auch ſie, wenn ihre Krankheit in den Zu⸗ ſtand uͤbergegangen waͤre, den man Tod nennt, und der bei aller Demuͤthigung, die uns mit ihm wider⸗ faͤhrt, doch ſeiner Ruhe halber, vielleicht der vor⸗ zuͤglichſte iſt, zu dem der Menſch gelangen kann? Der Amerikaner, ſchon lange unbemerkt an ihm danebenſtehend ergriff ſeinen Arm und ſprach, waͤh⸗ rend die Kranke ihr Geſicht von den misfälligen Reden hinweg, nach der Wand hinuͤber wendete. Kommen ſie Welter. Die widernatuͤrliche Richtung ihrer Ideen, eine traurige Folge des Unglaubens der Schuld und verfehlter Liebe, kann dieſem leiden⸗ den Gemuͤthe unmoͤglich Troſt bringen. Was die Kranke hauptſaͤchlich wiſſen wollte, von ihnen, das haben ſie ihr geſagt, was ſie ſonſt noch ihr ſagen koͤnnten, wuͤrde gewis nur nachtheilig auf ſolche einwirken. Selbſt die von ihnen eingeſtandene Ue⸗ berzeugung, daß an ihrer Hand weder Heil fuͤr die Dame, noch fuͤr ihre eigne Perſon zu finden ge⸗ weſen waͤre, hat den Groll daruͤber nicht zu be⸗ ſchwichtigen vermocht, daß die Baroneſſe damals der Klugheit Gehoͤr gab und ſich trennte von ihnen. Ich haſſe— ſprach Welter mit einem ſtechen⸗ den Blicke auf Hudſon, von deſſen Arme er ſich losmachte— ich haſſe dieſe Klugheit, welche dem Kukuk gleich, ihren Namen ſelber ausruft, welche gewaltſam in den Weg tritt einer, wenigſtens noch moͤglichen beſſern Exiſtenz, zweier Perſonen, die einander liebten. Nein, ich liebte fe nicht!— ſagte hier die Ba⸗ roneſſe, das hochauflodernde Geſicht wieder heruͤber zu Weltern gekehrt. Dort— dabei deutete ſie auf die Graͤfin— dort geht die Zeugin, der ich's ver⸗ traute, zu einer Zeit, wo der Graf mir noch nie vor Augen gekommen war. Einzig die Stimme, die mich eben von Neuem auf's Lager wirft, hatte ſich um mein Herz geſchlungen. Durch das ſpaͤ⸗ terhin von ihr an mir Verſchuldete, iſt auch die⸗ ſes Band, wie vom Moder zerfreſſen, wieder von ihm abgefallen. Dem Sirenenklage, der mich fruͤ⸗ her beinahe in den Abgrund gelockt haͤtte, gelang es ſpaͤterhin mich auf anderm Wege hinunter zu draͤngen, Perſon! Das Wort mit dem ſie ihm nunmehr ihr Ge⸗ ſicht abermals entzog, zerſchmetterte ſichtbar den Un⸗ gluͤcklichen. Kommen ſie, Freund! ſprach der Amerikaner, ſeine Hand ergreifend. Freund?— verſetzte Welter, und ſchuͤttelte ſie von ſich. Dabei zogen ſich ſeine buſchigen Au⸗ genbraunen, wie ſchwere Gewitterwolken zuſammen und ein furchtbarer Stral blitzte aus den tiefen Hoͤ⸗ len der Augen auf Hudſon. Ja wohl Freund! bekraͤftigte dieſer. Grade darum, weil ſie mich ihrer Freundſchaft nicht wuͤr⸗ dig achten, haͤlt die meinige recht feſt an ihnen, wie an Jedem der derſelben beduͤrftig iſt. Kom⸗ men ſie lieber Welter! Und der vereinte Zauber von Liebe und ſchoͤner Geſinnung der aus Ton und Auge eindrang auf den Troſtloſen, ergriff dieſen maͤchtiger noch, als der Arm des Amerikaners, Jetzt haſſe ich ihre Stimme, wie ihre 6. Wohl eine Stunde ſchon ſchweiften die beiden im Innern noch weit verſchiedenern Menſchen als im Aeuſſern, drauſſen auf freiem Felde herum, wo zwiſchen die blaͤtterloſen Baͤume und auf die kaum erſt wieder angruͤnenden Wieſen, kurz mitten in dem Winter hinein, der Fruͤhling ſich gelagert zu ha⸗ ben ſchien, ſo blau war der Himmel, ſo warm hauchte die Luft. Wie vom Athem der milden Sonne die ſtarre Erde, ſo war auch Welters Herz von Hudſons innigem Wohlwollen aufgeſchloſſen worden und er hatte ihm wie vor Kurzem dem Gra⸗ fen von Altenberg, ſeine Schickſale erzaͤhlt. Und nun— ſprach er, als er fertig war— nun begehre ich hauptſaͤchlich Erlaͤuterung von ih⸗ nen, uͤber ſolch ein Ende ſolch eines Gerechten, wie meines Vaters. Hatte dieſer Mann mit ſeinem frommen Wandel, mit den vielfachen Guten, das er ſtiftete, jene dreitaͤgige koͤrperliche Marter und dann den entſetzlichen Tod durch die giftigſten der Luͤgen verdient, daß man das Haupt ſeines einzigen Sohnes an der Wand zerſchmettert habe? Wertheſter Welter— antwortete der Greis,— ohne Glauben, wie ſie ſind, muß ihnen freilich der — 60— Maasſtab zur Beurtheilung der letzten Tage dieſes Gottergebenen ganz abgehen. Grade die Pein, wel⸗ che ein unverdienter Tod ihnen bereitet haben wuͤrde, war ja dem edeln Sterbenden die ſchoͤne Hoffnung auf ein baldiges ewiges Gluͤck, nach kurzem Leiden. Wer ſein irdiſches Daſeyn immer einzig als Vor⸗ bereitung zu einem hoͤheren betrachtete, kann die Hand des Himmels nur ſegnen, wenn ſie ihn fruͤ⸗ her, als er erwarten durfte, von dem Schmerze dieſes Daſeyns losſpricht, ſey es auch unter namen⸗ loſen Schmerzen. Allerdings— ſeufzte Welter— mußte ſein frommer Wahn ihm Beruhigung geben, bis zu der Schreckenskunde, welcher auch dieſer Wahn nicht mehr gewachſen war. Und eben hierin erkenne ich wieder das ſchauderhafte Hohnlachen des Daͤmons, der mit den Menſchenſchickſalen ein ſo furchtbares Spiel treibt, der ein ganzes Leben lang den Hoͤchſt⸗ wuͤrdigen mit einer glaͤnzenden Seifenblaſe ergoͤtzte, die ihm im ſelbigen Augenblicke zerplatzen muß, wo er von ihr in eine beſſere Welt ſich geleuchtet zu ſehen hoffte. Denn nach dem, was ich von ſeinem Ende erfuhr, zertruͤmmerte ihn die Verzweiflung. Und waͤre das auch— entgegnete Hudſon— — 61— ſollte auch wirklich der von der Schwaͤche des ſter⸗ benden Leibes bedraͤngte Geiſt nicht Freiheit genug behalten haben, die Umſtaͤnde zu wuͤrdigen, ſollte er in der That in Verzweiflung von dieſer Erde geſchieden ſeyn, ſo trat ihm doch gewis aus dem Munde der Wahrheit ſelbſt, jeder Troſt, den er nur begehren konnte, ſogleich dort entgegen. Dort! Sie vergeſſen daß meinem Ohre das Verſtaͤndnis abgeht von dem alten Liede einer Ewig⸗ keit, die auf der Bahn der Verweſung gewonnen wird. Und ſie, Freund Welter, gefallen ſich in einer ganz unnatuͤrlichen Blindheit. Alle Tage geht die Sonne vor ihren Blicken auf und unter. Sie wiſſen, daß das ſeit undenklichen Zeiten ſo geſchehen iſt, in welch einer bewundernswuͤrdigen Ordnung dies ſtatt findet, wie der Sommer zum Winter wird und aus dieſem wieder ein neuer Sommer glanzvoll hervortritt. Die Zeugungskraft der ewigen Natur liegt im kleinſten Thiere, im geringſten Hal⸗ me vor ihrem Auge, gleichwohl koͤnnen ſie glauben, daß ſolch eine Kraft nicht exiſtire? Beklagenswer⸗ ther Freund, iſt denn dieſer Glaube oder Unglaube nicht widerſinniger, als ſelbſt der craſſeſte Aberglaube, L — 62— der wenigſtens jene Urkraft nicht verkennt, mag er ſie auch noch ſo wunderlich und kindiſch entſtellen. Und daß dieſe Urkraft das am meiſten beguͤnſtigte Geſchoͤpf, das uns bekannt worden, den Menſchen, den ſie mit ſo gewaltigen Vorzuͤgen ausſtattete, im Tode verlaſſen, daß ſie ſeinen, den Raum der Ewig⸗ keit kuͤhn durchfliegenden Geiſt, gleich dem Koͤrper ſollte vermodern laſſen, das iſt doch wohl ſchwerlich mit der herrlichen Ordnung im Ganzen zuſammen⸗ zureimen. Denn das gebe ich zu, die Zeit iſt al⸗ lerdings zu armſelig, als daß derjenige, welcher an Gott glaubt, ſich nicht auch berechtigt glauben ſollte, eine beſſere Ewigkeit von dieſem zu verlangen. Ich habe ſie ausreden laſſen— ſprach Welter — obſchon eine Unterbrechung ihnen und mir man⸗ ches Wort erſpart haben wuͤrde. Ich laͤugne ja jene Kraft keinesweges, ſondern nur die Eigenſchaf⸗ ten welche man gewoͤhnlich ihr beilegt. Am wenig⸗ ſten kann das Wohlwollen derſelben mir einleuchten. Oder nennen ſie die vielen Thiere, ſo darauf ange⸗ wieſen ſind, ſich zu verzehren, die Natur deren Gan⸗ zes gewiſſermaaſen dadurch erhalten wird, daß das Einzelne darin ſich feindſelig aufreibt, auch eine wohlwollende und nicht vielmehr eine hoͤchſt uͤbel⸗ — 63— wollende Einrichtung, das Werk eines ſchaden⸗ frohen Geiſtes? Aus einem ſolchen laͤßt ſich dann auch jede Bizarrerie, wozu das ſpurloſe Verſchwin⸗ den der Menſchen ebenfalls gehoͤrt, weit beſſer, als die hochfliegenden Hoffnungen der Glaͤubigen auf eine fabelhafte Zukunft erklaͤren!— O mein Freund— ſprach der Amerikaner— wahrlich die unendliche Weisheit und Uebereinſtim⸗ mung des Weltalls, kann unmoͤglich ein Weſen wie ſie annehmen, zum Urheber und Leiter haben. Wie aber zur Beurtheilung dieſes Weltalls, unſer Auge nicht ausreicht, ſo muß ſich ſolches auch der Urtheile uͤber das einzelne Unbegreifliche enthalten, wie jenes von ihnen angefuͤhrte Aufreiben unter einander, eine Diſſonanz, welche gewis in der großen Harmonie des Ganzen ſich glaͤnzend aufloͤſet, wie mein feſter Glaube mir zuſichert, Der Amerikaner richtete hier ſein Auge in ſolch einem Ausdrucke von Seligkeit nach dem Himmel, daß Welter, davon ſchmerzlich ergriffen, ausrief, ſeine Rechte mit beiden Haͤnden inbruͤnſtig erfaſſend: 9 Mann floͤſſe doch der Glaube, der dein Auge er⸗ leuchtet, mir in dies zerriſſene Herz. Mehr als je hat es ihn noͤthig, nun die letzte Stuͤtze ihm ver⸗ loren ging. Nie nie hat ſie mich geliebt! Haͤtte ich doch auch nie gelebt, da der einzige Glaube, den ich hatte und der mir wohlthat, nun noch durch ſie ſelbſt mir ſollte entriſſen werden. Sie liebten alſo wirklich die Baroneſſe, Welter? Gleichwohl konnten ſie ſo feindſelig durch jenes Lied in der Nacht auf die Bedauernswuͤrdige einwirken! Erfuhren ſie nichts von den nachtheiligen Folgen? Wohl erfuhr ich von ihrem Erkranken. Sogleich das erſte Mal? Allerdings. Gleichwohl waren ſie ihrem Berufe nach, da⸗ mals ſo weit entfernt, daß jener naͤchtliche Geſang von ihnen gar nicht herruͤhren konnte. Und doch war ich der Urheber. Mein Herz trat der weiten Reiſe in den Weg. Ein falſcher Poſt⸗ ſtempel ſollte dieſelbe ihr nur vorſpiegeln. Unter dem Namen Feuerberg trieb ich mich meiſtens ganz in ihrer Naͤhe herum. Waͤhrend meine Vernunft ihr Verfahren mit mir guthieß und ſolches in je⸗ nem Briefe auch gegen ſie ausſprach, war mein Herz der ganzen Furie verſtoßener Leidenſchaft Preis gegeben. Sie fuͤhrte mich bei Nacht an jenen Teich und veranlaßte mich zu Aushauchen des bewußten Liedes. Es geſchah mit moͤglichſt leiſem Klange, ſo daß ich kaum glauben konnte, die Toͤne wuͤrden bis an die Haͤuſer Thuͤrmens gehoͤrt werden. Auch ſcheint Niemand als die Baroneſſe, mit Huͤlfe einer ungewoͤhnlich aufgereizten Einbildungskraft, etwas davon vernommen zu haben. Ihre Krankheit war mehr Luſt als Leiden fuͤr mich. Ich wiederholte den naͤchtlichen Geſang mit Erfolg. Ich hoffte ſie ſo von einem Leben zu heilen, von dem ich glaubte, es ſey ihr darum zuwieder, weil die Vernunft ihr nicht erlaubte, der Liebe nachzugeben, die ich in ihr fuͤr mich vorausſetzte. Wie gluͤckliche Liebende dem Hochzeitfeſte, ſo verlangend ſah ich ihrer Leichenfeier entgegen, weil ich ihren Tod als das einzige Heil fuͤr die in Liebe zu mir Entbrannte wie fuͤr mich ſelbſt, achtete. Denn daß mein Untergang dem ihrigen un⸗ mittelbar folgen ſollte, war unwiderruflich beſchloſſen. Aber da kam auch noch, mit dem zwiſchen ihr und Altenberg zu Langenhof entſtandenen Verhaͤltniſſe, die Furie der Eiferſucht hinzu. Nun war von meiner Seite keine Schonung weiter fuͤr ſie zu den⸗ ken, obgleich ich, ein ſteter aufmerkſamer Beobachter der Umſtaͤnde, die Verzoͤgerung des naͤheren Ver⸗ eins zwiſchen ihr und Altenberg ihrer Anhaͤnglichkeit III. 5 an meine Perſon zuſchrieb. Zudem war wohl die Melodie jenes Liedes ihrem Herzen bereits ſo tief eingepraͤgt, daß ſolches auch ohne aͤuſſere Veran⸗ laſſung darinnen erklingen mochte. Die Schlaflo⸗ ſigkeit meiner Naͤchte, zog mich uͤbrigens waͤhrend meines Aufenthaltes in die Naͤhe von Thuͤrmen faſt unwiderſtehlich in jeder nach dem dortigen Teiche. Eben ſo rief das finſtere Weſen das mich leitet, jene Toͤne aus meiner Bruſt herauf, ſo bald die ſoge⸗ nannte Stunde der Geiſter vom Schloßthurme zu Thuͤrmen erklungen war. Erſt als das ſtarke Haar zwiſchen Naſe und Mund, unter dem man natuͤr⸗ lich keinen Prediger vermuthete, mir gewachſen, ließ ich mich am Tage wieder ſehen, und meine in kuͤr⸗ zeſter Zeit gaͤnzlich verfallenen Zuͤge, wuͤrden mich vielleicht ſchon allein vor dem Erkenntwerden geſchuͤtzt haben. Auch diejenigen erkannten mich nicht, mit denen ich in dem verlaſſenen geiſtlichen Stande haͤu⸗ fig zu thun gehabt hatte. Hierauf nun fußte ich ſo ſehr, daß die Schuͤchternheit, mit der ich Anfangs auftrat, ſich immer mehr verlor. Ihrem durch⸗ dringenden Blicke ſcheuete ich mich jedoch entgegen zu⸗ treten, daher verſchwand ich neulich Abends aus des Grafen Hauſe, als ſie gemeldet wurden. — 67— Wußten ſie geſtern beim Anſtimmen jenes Lie⸗ des, das ſo gewaltig einwirkte, auf die Baroneſſe, — fragte Hudſon— wußten ſie, daß dieſe Dame ſich unter den Zuhoͤrern befand? Nicht eine Ahnung vielmehr hatte ich davon— betheuerte Welter— daß ſie Thuͤrmen wieder ver⸗ laſſen. Das Merkwuͤrdigſte dabei iſt, daß ich uͤber⸗ all, ſeit meinem Auftreten als oͤffentlicher Saͤnger, dieſes ſchon vormals oft von mir„geſungene Lied, aus Furcht, daran erkennt zu werden, vermied, und ſolches dasmal, wie von unſichtbarer Gewalt genoͤ⸗ thigt, vortragen mußte. Grade dieſer Umſtand be⸗ weiſt beſſer, als Alles, das ſchadenfrohe Spiel ei⸗ nes finſtern Geiſtes mit mir, wie mit allen Men⸗ ſchen. Auch erwachte, ſogleich wie die Bewußtloſe aus dem Saale gebracht wurde, der Gedanke in mir, daß ſie es ſeyn muͤſſe, und ließ mich nicht weiter ſingen, ſondern trieb mich hinweg. Jetzt indem ich mir dies Alles lebendig in's An⸗ denken zuruͤckrufe, glaube ich dabei wieder ganz klar, die lachende Teufelslarve jenes Teufels zu erblicken, der mich zwang, ſein Organ zu werden. Beſter Welter— ſprach Hudſon, ihn freund⸗ lich auf die Schulter klopfend— und ließe ſich . 5*† — 68— auch vielleicht eine beſondere Leitung hier denken, warum grade der Macht, die es bewirkte, eine Teufelslarve andichten? Kann doch eben ſo gut, durch das ploͤtzich zum Ausbruche Gekommene ir⸗ gend ein beſonderes Heil hervorgebracht worden ſeyn? Grade daß unſer Auge ſo kurzſichtig iſt, die Plane der Vorſehung zu ermeſſen, grade das ſollte uns von jedem Urtheile in ſolchen Faͤllen zuruͤckhalten. Ein daherkommender Wanderer, welcher beiden unbemerkt geblieben, redete jetzt den Amerikaner an. Bromberger war es. Wohin mein braver Freund? fragte Hudſon ihm die Hand zureichend, und ſich einige Schritte von Weltern entfernend. In die weite Welt! antwortete Bromberger. Nuͤtze ich doch nichts weiter in Langenhof, ſeitdem ich unſerm Profeſſor Tippel einen tuͤchtigen Farben⸗ reiber herangezogen. Will jetzt einmal ſehen, wie ich fortkomme, ob als Mahler oder ebenfalls nur als Farbenreiber. Koͤnnt ihr mir ſagen, wo ich den Profeſſor finde? Das wohl, vor Allem aber ſagt ihr mir, was euch zu dieſem Entſchluſſe brachte?— Die Anſichten und Vorurtheile der wunderlichen — 69— Creaturen, die man Menſchen nennt. Ihr habt es trefflicch mit mir gemeint, Herr Hudſon, eben hier⸗ durch aber vielleicht mehr verdorben als gut gemacht. Als Farbenreiber ſuchte ich meines Gleichen. Nur die nothwendigſten Beduͤrfniſſe beruͤckſichtigend, war ich ſelbſt in der Knechtsgeſtalt freier und unabhaͤn⸗ giger, als der gewaltigſte Kaiſer. Und was bin ich nun? Ein Mahler, der ſich vor ſich ſelbſt ſchaͤmen muß, daß er ſo wenig nur leiſten kann. Seyd nicht undankbar Freund, gegen die Na⸗ tur, die euern offenen Sinn augenſcheinlich zu Beſ⸗ ſerem berief, als eine Farben zerreibende Maſchiene vorzuſtellen. Wie wenig ihr auch noch in eurer jetzigen Kunſt leiſten moͤchtet, ſo iſt dieſes Wenige doch ſchon mehr, als euer ganzes fruͤheres Thun, ſogar in der groͤßten Vollkommenheit. Und ver⸗ mehrten ſich dabei eure? Beduͤrfniſſe, ſo ſeyd ihr dafuͤr auch menſchlicher geworden, durch das Stre⸗ ben nach Vervollkommung und ich bereue keines⸗ weges das Meinige beigetragen zu haben, ſolches in euch hervor zurufen. Mir ſchien aber, als ob ich und euer Meiſter nicht die Einzigen waͤren, die auf dieſe gluͤckliche Veraͤnderung einwirkten. Vielmehr—— — 70— Vielmehr— unterbrach ihn Bromberger— nahmt ihr wahr, daß mich beſonders der Wink ei⸗ ner andern Perſon hierzu aufrief und nun ich das Reiſebuͤndel auf dem Nuͤcken trage, nun will ich's nicht laͤnger in Abrede ſtellen, da ich ſie vermuth⸗ lich in meinem Leben nicht wieder ſehe. Darauf erzaͤhlte er, wie Bertha die Seele von Allem geweſen, was er gethan, wie ſie vormals die Abneigung gegen die Taufe in ihm uͤberwunden, und unn auch die hauptſachlichſte Urſache zu ſeiner Auswanderung ſey. Eine zwiſchen ihm und Ma⸗ dam Marbach vorgefallene Szene raubte ihm auf immer die in der letzten Zeit gefaßte Hoffnung auf die Hand ihrer Tochter. Sie wolle durchaus Ber⸗ tha enterben, wenn dieſe ſich je einfallen laſſe, den gemeinen Farbenreiber, den Jedermann in Langenhof noch als ſolchen kenne, zu heirathen. Sie war auch bereits ſo weit in ihrer Wuth gegen dieſes Projekt gegangen, daß ſie eine Dispoſition vor Gericht nie⸗ dergelegt, nach welcher ſogar, wenn der ihr ſo ver⸗ haßte Fall erſt nach ihrem Tode eintraͤte, die Toch⸗ ter gehalten ſeyn ſollte, das ganze Vermoͤgen bis auf den Pflichttheil der Obrigkeit zur Errichtung ei⸗ ner milden Stiftung auszuantworten. — 21— Und— fragte Hudſon— ſollte Bertha ſich mit dem Pflichttheile nicht begnuͤgen wollen, um den Preis eurer Hand? Vielmehr— antwortete Bromberger— beſorge ich eben, daß dies geſchehen koͤnne und zog darum vor, unſerm heimlichen Buͤndniſſe durch ploͤtzliche Trennung, ohne perſoͤnlichen Abſchied, ein Ende zu machen.— Da richtete der Amerikaner einen ſcharfen Blick auf den jungen Mann und ſprach: So war alſo das Maͤdchen in ſolchen Falle eu⸗ rer Liebe nicht reich genug? Nicht reich genug, allerdings. Doch wahrlich nicht an Geld und Gute. Wie lange aber kann ihre Mutter noch leben! Sollte ſie dieſe ganze Zeit uͤber mit ihrem Gewiſſen zerfallen, unſerer Liebe willen? Und geſetzt, die noch ſehr ruͤſtige Frau ginge wider alles Erwarten ſchnell aus der Welt und mein Verein mit Bertha kaͤme zu Stande, wuͤrde Bertha nicht jedes uns begegnende, widrige Ereignis als eine Folge des Fluches derjenigen be⸗ trachten, unter deren Herzen ſie einſt ſchlummerte? Vergebens wuͤrde die Vernunft die Ungerechtigkeit ſolch eines Fluches ihr vorzuhalten und ſie damit zu — 72— beruhigen ſuchen. Daſſelbe Herz, welches ſich jetzt gegen die muͤtterliche Frau empoͤrt fuͤhlte, wuͤrde die wichtigſten Gruͤnde der Vernunft uͤberſchreien, es wuͤrde die zaͤrtliche Sorgfalt, mit der die Mut⸗ ter ſie von den fruͤheſten Zeiten an pflegte, ihr vorhalten und ſie wahrlich, ſo arm machen, daß ſelbſt meine treueſte, innigſte Liebe keine Schadlos⸗ haltung ſeyn koͤnnte, fuͤr die ungluͤckliche Tochter. Beſſer daher, ich baue ſolchem Uebel vor, wie der Arzt oft bei koͤrperlichen Krankheiten durch einen Schnitt in's friſche Fleiſch, der, ſo ſchmerzlich er iſt, doch vielleicht einzig zur Rettung zu fuͤhren vermag.— Daß ſein Schmerz eben recht groß war, leuch⸗ tete klar aus dem ſchwimmenden Auge. Bromberger ſprach der Amerikaner— der Se⸗ gen dieſer wahrhaft chriſtlichen Geſinnung wird euch folgen und Kraft verleihen. Staͤrker iſt, als Sieger auch der gewaltigſten Veſten, Wer ſich ſelber bezwingt, weiter geht Menſchenkraft nie!*) Und— fuhr Hudſon fort— hatte die Abnei⸗ *) Fortior est qui se, quam qui fortissima vincit Moenia, nee virius altins ire potest. Ov. ——— ————— — 73— gung von Bertha's Mutter gegen euch, auſſer dem angegebenen, mir nicht recht ausreichenden Grunde, keinen ſonſt, der euch bekannt geworden? Doch,— antwortete der Miniaturmahler— ich fuͤrchte ſehr, daß ihr jetziger Unmuth uͤber den Profeſſor Schuld daran ſeyn moͤchte. Er deutete darauf hin, daß ſie allem Anſcheine nach, ſehr gern Frau Profeſſorin geworden, Tippel aber durchaus nicht dazu zu bewegen geweſen und ſie hieruͤber jetzt beide auf ſehr feindlichem Fuße ſtunden. Sie habe ihm auch bereits die Wohnung aufgekuͤndigt.— Jetzt erſt fiel dem Amerikaner, Welter, ſein Gefaͤhrte ein. Allenthalben aber ſah er ſich frucht⸗ los um nach ihm. So begleitete er denn Brombergern nach der Reſidenz. Bewahrt, mein wackerer Freund,— ſagte er unter anderm zu ihm— vor Allem das Chriſten⸗ thum in eurem Herzen, von dem eure jetzige Hand⸗ lung das herrlichſte Zeugnis ablegt. In Tippels Wohnung ſchieden ſie ſehr bewegt von einander. Hudſon eilte nach dem Gaſthofe in dem Welter — 74— wohnte, er war aber noch nicht zuruͤckgekehrt. Erſt ſpaͤt am Abende machte ſich der Amerikaner vom Krankenlager, der in großer Hitze ſich befindenden Baroneſſe hinweg, Tippeln aufzuſuchen. Der Ge⸗ danke, daß eine eheliche Verbindung zwiſchen dem Profeſſor und Madam Marbach ohnſtreitig auch Brombergern und Bertha zu Statten kommen wuͤr⸗ de, bewog ihn, ſolche Tippeln von Seiten der Bil⸗ ligkeit und Vernunft, und beſonders das mit an's Herz zu legen, daß die Ceremonie vermuthlich kei⸗ nen weſentlichen Unterſchied in ihrem Verhaͤltniſſe machen duͤrfte, und er ſchon wegen des Geredes uͤber ſeine jetzige Gemeinſchaft mit dieſer Frau der letzteren gewiſſermaaſen ſeine Hand ſchuldig ſey. Bey der Waͤrme, womit Hudſon die Sache zu fuͤh⸗ ren dachte, hoffte er gewis darauf Eingang dafuͤr bei Tippeln zu finden. Leider mußte er jedoch in deſſen Wohnung hoͤren, daß der Profeſſor unmittel⸗ bar nach der Ankunft eines jungen Mannes, der Beſchreibung nach ohnfehlbar Brombergers in auf⸗ fallende Beſtuͤrzung gerathen und ſogleich mit Poſt⸗ pferden hinweggefahren ſey. Der junge Mann hatte in dem naͤmlichen Augenblicke ſeinen Wanderſtab zur entgegengeſetzten Seite weiter fortgeſetzt. — 75— Auch Welter, deſſen Quartier er nuninehr aber⸗ mals aufſuchte, hatte inzwiſchen die Reſidenz mit Sack und Pack verlaſſen. Das Erſte, was Hudſon in ſeiner Wohnung beſorgte, war ein Brief an Tippeln, in dem er durchaus nicht vergeſſen hatte, ihm den Nutzen und die Nothwendigkeit dieſer Ehe, hauptſaͤchlich wegen Brombergers, des Lieblings dieſes Mahlers, auf's Klarſte auseinander zu ſetzen. Statt aber, wie er gewis gehofft hatte, die ihm ſehr am Herzen lie⸗ gende Angelegenheit in Kurzem ganz zu ſeiner Zu⸗ friedenheit beendigt zu ſehen, erhielt er am fuͤnften Tage folgende Antwort: „Meinen Dank, lieber Hudſon, fuͤr die viele fruchtloſe Muͤhe mit mir. Bromberger mag reiſen und daruͤber und uͤber der Kunſt die Liebe ausſchwi⸗ ten, die ihn vexirt und aus der nimmermehr etwas werden kann. An guͤtliche Verhandlungen zwiſchen mir und Madam Marbach iſt kein Gedanke weiter. Ich und ſie, muͤſſen von nun an, ewig in zwei verſchiedenen, wo moͤglich recht weit aus einander liegenden Haͤuſern wohnen, wie Schwefel und Feuer, und keins etwas vom andern hoͤren und ſehen, wenn wir vertraͤglich auskommen wollen mit einander. * — 76— Vorgeſtern um Mitternacht bin ich, wie eine Griln⸗ parzerſche Ahnfrau, die zu jeder Stunde uͤber ein eigenes Gewitter zu disponiren hat, unter Donner und Blitz aus ihrem Hauſe gezogen und befinde mich ſeitdem, den Umſtaͤnden nach, Gott Lob, recht wohl.“ „Tippel.“ 7* Die Krankheit der Baroneſſe, verfolgte den ihr ſchon gewoͤhnlich gewordenen Gang. Fieberanfaͤlle, welche mehrere Tage ganz ausſetzten, zerſtoͤrten im⸗ mer auf Einmal wieder den taͤuſchenden Schein der Geſundheit, den ihr Zuſtand zu wiederholten Malen angenommen hatte. Heftiger als je zuvor, zeigte ſich diesmal das Fieber und die ihr treu ergebene Louiſe zitterte allezitt, wenn Frau von Gruͤnau, im Beiſein der Graͤfin von Altenberg oder gar des Grafen, zu phantaſiren anfing, weil hierdurch haͤu⸗ fig ein Herz zum Vorſcheine kam, dem bei der reinſten Guͤte, doch auch auſſerordentliche Schwaͤche eigen war. Um nicht in Alphonſinen eine Zeugin herbeizufuͤhren, die mehr als alle Andere um ſie ge⸗ weſen ſeyn wuͤrde, hatte Louiſe in ihren Briefen —̈r ——— an das fromme Fraͤulein, mit Zuſtimmung der Baroneſſe, deren Krankheit durchaus unerwaͤhnt ge⸗ laſſen. Eine beſondere Erquickung gewaͤhrte der Pa⸗ tientin die ſchoͤne Rechenſchaft, welche die Nichte ihr von ihrer Wirkſamkeit in Thuͤrmen ablegte. Al⸗ phonſine hatte dort einen Verein begruͤndet, der bei naͤherer Betrachtung in keinem Vorurtheilfreien den Argwohn einer beſonderen religioͤſen Sekte aufkom⸗ men ließ, den ſein erſter Anblick manchem einfloͤßen mochte. An die Vorzuͤglichſten des Dorfes in mo⸗ raliſcher Hinſicht, ſchloſſen ſich allmaͤhlig auch viele der benachbarten Orte und Guͤter an. Die woͤ⸗ chentlich einmal ſtattfindende Verſammlung, wurde unter Leitung des wackeren Geiſtlichen, deſſen mu⸗ ſterhafter Gattin und Alphonſinens ſelbſt gehalten. Der Amerikaner war ſehr bemuͤht geweſen, ſie der ganzen Gegend aus dem richtigen Geſichtspunkte darzuſtellen, und ſo hatten ſich auch in Langenhof manche Anhaͤnger gefunden. Die Graͤfin von Altenberg war daruͤber ſchon einmal in einigen Streit gerathen. Sie glaubte, daß auf dem allgemeinen Wege, das Gute kraͤftiger und dauernder gefoͤrdert werden koͤnne, und derglei⸗ chen Treibhaͤuſer der Froͤmmigkeit gewoͤhnlich nur — 728g— waͤſſerige und hinfaͤllige Frucht truͤgen, und wie ſehr er ihr auch zu zeigen ſuchte, daß durchaus keiu Verbot, ſondern nur eigenes Wollen die Glieder des Vereins zur Entſagung mancher erlaubten Luſt bewoͤge, ſo beharrte ſie doch bei der Meinung, daß dergleichen Verbruͤderungen zur Einſeitigkeit hinfuͤhr ten und der vollſtaͤndigen Ausbildung des Men⸗ ſchen entgegenwirkten. Daraus, daß die Tante der Nichte auf keinen ihrer zahlreichen Briefe eigenhaͤndig antwortete, ſchoͤpfte Alphonſine ſchon deshalb keine Beſorgnis einer Krankheit derſelben, weil ſie wußte, wie ſehr die Baroneſſe dem Briefſchreiben abgeneigt war und Louiſen in der Regel damit beauftragte. Um ſo heftiger war daher auch der Schrecken der frommen Nichte, als ſie ganz unerwartet in der Reſidenz ankommend, die geliebte Tante eben im ſtaͤrkſten Fieberparorismus antraf. Louiſe, allein bei der Kranken in deren Munde die Namen Wel⸗ ter und Altenberg fortdauernd abwechſelten, war nur froh, daß die Angekommene die Bitte vor Al⸗ lem ihre Reiſekleidung mit einer bequemeren zu ver⸗ tauſchen, ſtatt finden ließ. Bei einer Wiederkehr in einer ſolchen, war der ſchlimme Zuſtand der Pa⸗ — 79— tientin bereits dem Schlummer gewichen und ihre Geſellſchafterin entſchuldigte ſich gegen den Vorwurf Alphonſinens, daß ihr nicht die mindeſte Nachricht von der Krankheit gegeben worden, mit dem aus⸗ druͤcklichen Willen ihrer Tante. Beim Wiedererwachen der letzteren machte der Anblick der theilnehmenden frommen Alphonſine ei⸗ nen beſonders wohlthaͤtigen Eindruck auf die Kranke. Es war als ob dieſes ſtille, reine, gottergebene Auge ihr einzig gefehlt habe. Alphonſine mußte ihr recht viel von ihrem Wirken in Thuͤrmen und allen Ein⸗ richtungen erzaͤhlen. Mit dem groͤßten Verlangen ſog ihr Blick gleichſam die Toͤne von den Lippen der herrlichen Jungfrau, faßte dann die Rechte derſelben mit Inbrunſt und ſprach: Wohl mir, daß ich Dich wiederhabe. Ich fuͤhle deutlich, daß ich nur in deiner Naͤhe, nur auf Thuͤrmen, wieder ganz hei⸗ len kann. O mein Gott! rief Alphonſine, auf die Kniee ſinkend vor ihrem Bette und das Auge voll Dank nach oben gerichtet. Das, Geliebteſte, das allein, war mein ſehnlichfter Wunſch, die Vitte, die ich vielleicht doch nicht auszuſprechen gewagt, auch wenn dein Unwohlſeyn ihr weniger im Wege geſtanden — 380— haͤtte. Und nun laͤßt mir Gott ſolche durch deinen verehrten Mund gewaͤhren, noch ehe ſie gethan iſt. Nur muß wohl fuͤr's Erſte der Arzt erwaͤgen, ob und wenn die Reiſe ohne alle Gefahr geſchehen kann. So eben trat dieſer herein. Achſelzuckend er⸗ klaͤrte er, daß daran noch noch lange nicht zu den⸗ ken ſey. Am dritten Tage nachher aber ſchon aͤn⸗ derte er die Sprache gar ſehr. Noch nie aͤuſſerte er— ſey ihm ſolch ein raſcher Geneſungsfortſchritt vorgekommen. Dieſe— ſprach die Baroneſſe duf Alphonſinen deutend— dieſe iſt, naͤchſt ihnen, mein Arzt ge⸗ weſen. Ihr gelang die Kur von der Seele aus. An ihrer Seite, in dem mir eigenthuͤmlichern, laͤnd⸗ lichen Gebiete, unter dem ſchoͤnen Wiedererwachen der Natur aus dem Winterſchlafe wir meiner Bruſt gewis wenigſtens ſo wohl werden, als es ihr auf Erden noch werden kann.— Jeder Tag befoͤrderte von nun an die Herſtel⸗ lung der Baroneſſe merklich. Die zeither in Anſe⸗ hung fremder Beſuche beobachtete große Vorſicht, damit ſie nicht durch Sprechen zu ſehr angegriffen werde, erklaͤrte der Arzt nunmehr fuͤr uͤberfluͤſſig⸗ So ward es denn eines Nachmittags, als Alphonſine — 81ñ— eben Abſchiedsbeſuche machte, und Niemand außer Louiſen bei ihr war, einer verſchleierten Dame, die ſich nicht erſt wollte melden laſſen moͤglich, unter dem Namen einer alten Bekannten, vor die Baro⸗ neſſe gefuͤhrt zu werden. Aber der Augenblick in dem die Eingetretene den Schleier zuruͤck ſchlug, machte einen erſchuͤtternden Eindruck auf ſie. Es war das Fraͤulein von Longueville. Alles Blut wich ihr aus dem Geſichte bei dem Anblicke, und ein heftiges Zittern, wie in der Naͤhe eines boͤſen Gei⸗ ſtes offenbarte ſich an ihr. Das Du der Anrede, aus dem Munde einer Perſon, die, auf eine neuer⸗ lich von dem Amerikaner foͤrmlich geſchehene Anklage vielfacher Verfuͤhrung, bereits ihre Stelle als Stifts⸗ vorſteherin verloren hatte, brachte ihr das Blut in den Adern zum Stocken. Mit Schauder zog ſie die Hand zuruͤck von der Hand der Dame, welche zu ihren Fuͤßen um Vorſprache bei dem Grafen von Altenberg flehete, der ihr erbitterſter Feind geworden ſey. Die Bittende berief ſich auf den ihr unvergeß⸗ lichen Tag, wo die Aehnlichkeit ihrer Ungluͤcksfäͤlle den Verein ihrer Herzen herbeigefuͤhrt habe. Mit dem hoͤchſten Widerwillen, wandete die Ba⸗ roneſſe das Geſicht ab von ihr. III. 6 Entſchuldigen Sie— nahm Louiſe das Wort — entſchuldigen ſie mich, wenn ich ſie um Scho⸗ nung der Kranken erſuchen muß. Vielleicht iſt eine andere Zeit geeigneter fuͤr ihren Beſuch meiner ge⸗ ehrten Freundin. Als aber deßohngeachtet die Longueville keine An⸗ ſtalt machte, den Platz zu den Fuͤßen der Kranken zu verlaſſen, ſo erhob ſich die Geſellſchafterin von ihrem Sitze und ſprach voll Indignation: Sie koͤn⸗ nen doch wohl unmoͤglich die Abſicht haben, dieje⸗ nige toͤdten zu wollen, deren Freundſchaft ihnen ſo ſehr am Herzen liegt, wie Sie ſagen? Und indem das Fraͤulein von Longueville nun⸗ mehr aufſtand, eilte Alphonſine zur Thuͤre herein. Komm, komm, mir geliebtes Kind! rief die Baroneſſe. Tritt du zwiſchen mich und dieſe! Darauf entfernte ſich die Longueville mit einem Blicke auf die Anweſenden, welcher die aͤußerſte Wuth nicht verlaͤugnen konnte. Dieſer Auftritt ſetzte die Baroneſſe in ihrer Ge⸗ ſundheit mit Einem Male wieder ſo zuruͤck, daß ſie die bereits beſtimmte Reiſe erſt acht Tage ſpaͤter un⸗ ternehmen konnte. — 83— 8. Vor Allem ſcheint hier uͤber die Veranlaſſung zu Alphonſinens von Niemand erwarteter Ankunft in der Reſidenz einiger Aufſchluß nothwendig. Sie iſt in der Ruͤckkehr des Vicomte Cheruͤbin zu ſuchen. Durch die Krankheit ſeines Oheims aus dem fernen Auslande nach deſſen Gute gerufen, hatte er, nach⸗ dem dieſer bejahrte Verwandte ſeiner Geneſung im⸗ mer ſicherern Schrittes entgegen ging, nicht unter⸗ laſſen koͤnnen, einen Ausflug nach Langueville zu machen, hauptſaͤchlich um ſeiner Wohlthaͤterin dar⸗ zuthun, daß die Hoffnung, welche ſie und der Graf von Altenberg auf ihn geſetzt, keinesweges fehlge⸗ ſchlagen ſey. Obſchon aber die in ſehr kurzer Zeit erworbene, ungemeine Kenntnis ihm merklich das beſte Zeugnis bei jedem Sachkundigen, der mit ihm geſprochen, ertheilte, ſo fanden ſich doch in anderer Hinſicht die groͤßten Ausſtellungen an ihm. Seine ganze Weiſe hatte ſolch eine Veraͤnderung erlitten, daß er kaum noch wieder zu erkennen war. Von der Leichtigkeit mit der ſein Geiſt vormals der Ge⸗ ſellſchaft, an der er Theil nahm, oft eine recht an⸗ muthige Seele einzuhauchen wußte, keine Spur mehr. Der Ernſt des Lebens laſtete merklich auf 6*† jedem ſeiner Worte und die Graͤfin von Altenberg behauptete geradezu, daß er zum ausgemachten Heuch⸗ ler herabgeſunken ſey Das geſammte lebensluſtige Langenhof ſchuͤttelte den Kopf uͤber ihn. Allgemein trat man dem Urtheile der Graͤfin hierauf bei, als er ploͤtzlich von Langenhof verſchwunden und bekannt geworden, daß er ſich zu Thuͤrmen aufhielt und einer der eifrigſten Theilnehmer des dortigen religioͤſen Ver⸗ eins war. Alphonſine hingegen faͤllte ein ganz anderes Ur⸗ theil uͤber ihn. Daß ſein Herz maͤchtig fuͤr ſie ſchluͤge, daran glaubte ſie gar nicht zweifeln zu koͤn⸗ nen. Denn der, welcher jetzt in allen Stuͤcken uͤber ſich ſelbſt Meiſter ſchien, war offenbar ihr gegenuͤber nicht Herr ſeiner Blicke und Worte. Immer deut⸗ licher fuͤhlte ſie, daß es ihr mit ihm ungefaͤhr eben ſo erging und daß die in ſeinem ganzen Weſen ein⸗ getretene Veraͤnderung den Mann ihrem Herzen weit naͤher gebracht hatte. Aber das eben bewog ſie zu dem Entſchluſſe ſich ſeiner perſoͤnlichen Naͤhe zu entziehen und in dieſem Punkte mehr ihrer muͤtterlichen Freun⸗ din, als der eigenen Anſicht zu vertrauen. Dieſes, als es geſchehen war, hatte der Baro⸗ neſſe ungemein wohlgethan. Ein Hauptbedenken — 85— gegen den Charakter des Vicomte machte Alphonſinen ſeine Verbindung mit der Beſitzerin von Langenhof, welche aus einem Briefwechſel zwiſchen dieſer und ihm zu ſchließen, noch immer fortdauerte. Allein dieſes Bedenken glaubte die Baroneſſe, ſeit ihrer naͤheren Bekanntſchaft mit der Graͤfin ebenfalls be⸗ ſeitigen zu köͤnnen. Ich ſchaͤme mich meines fruͤhe⸗ ren Irrthums in dieſer Sache— ſagte ſie zu ihrer Nichte— nach dem was die wuͤrdige Altenberg mir uͤber ihr Verhaͤltnis zu dem Vicomte eroͤffnete, bin ich feſt uͤberzeugt, daß es das reinſte geweſen iſt und noch iſt welches jemals ſtatt finden konnte. Grade ſie, meine theure Alphonſine, wird dir und mir⸗ wenn uns Rath in dieſer Angelegenheit Noth thut, gewis am beſten heraushelfen koͤnnen. Die laͤngſt wieder nach Langenhof zuruͤckgekehrte Graͤfin erwartete bereits zu Thuͤrmen, die daſelbſt Ankommenden. Aber die noch am naͤmlichen Abende mit ihr beſprochene Angelegenheit, fiel gar nicht nach Alphonſinens Wunſche aus. Die Graͤfin von Al⸗ tenberg ſagte: Bei einem Manne, wie ich dieſen Vicomte kenne, kann ich die voͤllge Umwandluug von Geſinnung und Anſichten einzig einem unlau⸗ tern Zwecke zuſchreiben. — 86— Alphonſine verlies hier das Zimmer mit ſchwim⸗ menden Augen. Glauben ſie gewis, liebe Gruͤnau— ſprach die Graͤfin zu der, der Nichte ſchmerzlichſt Nachblicken⸗ den— daß ich das Weh dieſer reinen himmliſchen Seele in der eigenen Bruſt fuͤhle, als ob es das Leiden meines leiblichen Kindes ſey, ſie aber vor einem noch weit herberen, dauernden Weh zu bewahren, durfte ich die Treffliche nicht damit ver⸗ ſchonen. Truͤgt mich nicht Alles, ſo iſt dieſer Che⸗ ruͤbin eben zum Heuchler geworden, um Alphonſi⸗ nens Beſitz zu erlangen. Und wahrlich, Alles An⸗ dere haͤtte ich eher von dem leichtſinnigen, aber ſonſt immer ſo offenen, argloſen Menſchen erwartet, als Heuchelei. Allein ich merke wohl, je laͤnger das Leben dauert, deſto weniger duͤrfen einen auch die bitterſten Erfahrungen uͤberraſchen. So habe ich erſt vor Kurzem eine an einem Manne gemacht, deſſen rauhe Natur ich nahe daran war, uͤber einem Her⸗ zen zu vergeſſen, von deſſen Guͤte entſchiedene Be⸗ weiſe vorzuliegen ſchienen. Und das iſt der Profeſ⸗ ſor Tippel. Sie waren ja wohl im vorigen Jahr einmal dabei, wie die Rede auf ein Cabinet in ſei⸗ — 87— ner Wohnung kam, welches er durchaus Niemand ſehen lies. Allerdings— erwiederte die Baroneſſe,— er zeigte noch mit ſo vielem Humor das Widerſinnige in mancher Auslegung dieſer Grille. Hatte man doch, wie er ſagte, die Tollheit ſo weit getrieben von einer geheimnisvollen Liebſchaft zu ſprechen, welche er darin beherbergen ſollte. Ja wohl!— ſprach die Graͤfin— Erinnern Sie ſich noch des Feuereifers, womit er zuletzt ge⸗ gen diejenigen los brach, die ſich ſo wenig ſchaͤmten um an ſolche Dinge glauben zu koͤnnen? Und vor wenig Wochen kommt er aus der Reſidenz wieder heim, und zerfallt dergeſtalt mit ſeiner Wirthin, daß er bald ein anderes Quartier bezieht. Bei die⸗ ſer Gelegenheit nun tritt jenes Widerſinnige als vollkommene Wahrheit an's Licht. Ein in Tuͤcher verhuͤlltes Frauenzimmer, den vollen ſchoͤnen Armen nach, ſehr jugendlich, wird aus dem Cabinet fort⸗ transportirt. Die aller Faſſung dadurch beraubte Hauswirthin, ihrer Neugier nicht Meiſterin, hat ſchon von einem Theile des Geſichts die Huͤlle ge⸗ riſſen, als der erzuͤrnte Mahler noch herzueilt, ihr die Perſon zu entwinden. Je groͤßer das Vertrauen — 88— in dieſen Mann zuvor geweſen war, deſto mehr hat er auch ſeit dem in der allgemeinen Achtung verloren.— Eine ungluͤcklichere Zeit als dieſe, haäͤtte nicht leicht der Vicomte zu ſeinem Beſuche waͤhlen koͤn⸗ nen. Schon der ganz unvermaͤntelte Argwohn im Auge der Baroneſſe, mußte ihm die Aufnahme, welche ſeiner wartete vorausſagen. Er kam ſie zu begruͤßen und zugleich Abſchied zu nehmen. Ein Brief vom Gute ſeines Onkels legte ihm auf, die. Reiſe dahin keinen Augenblick aufzuſchieben, weil ein Ruͤckfall in die Krankheit uͤber ihn gekommen ſey und er noch vor ſeinem vermuthlichen baldigen Ab⸗ leben nothwendige Dinge mit ihm zu verhandeln habe. Viel, recht viel, ſchien er auf dem Herzen zu tragen, deſſen Entledigung aber, bei dem uͤberaus froſtigen Empfange der Baroneſſe und der faſt belei⸗ digenden Art, mit welcher ihr Auge erſt auf ihm ruhete und dann, ſohald das ſeinige ſolches traf, ſich demſelben ſogleich entzog, offenbar weit mehr Zeit erforderte, als ihm zu Gebote ſtand. Gleichwohl konnte er den Wunſch, Alphonſinen wenigſtens noch einmal zu ſehen, nicht unterdruͤcken. Meine Nichte — 8389— kennt ſie bereits— erwiederte Frau von Gruͤnau mit einer Miene, welche dem Zweideutigen dieſer Antwort die demuͤthigendſte Erlaͤuterung gab— es wird hinreichen, wenn ich der eben zum Empfange an Höflichkeitsbeſuchen nicht ſonderlich Aufgelegten, die Artigkeit ihrer Nachfrage nach ihr hinterbringe. Aus dem, bei Aeußerung ſeines Verlangens hoch⸗ auflodernden Geſichte des Vicomte, wich bei dieſer im ſchneidendſten Tone vorgetragenen Antwort jeder Blutstropfen. Sie ſchien ihn ſtumm zu machen und zugleich die ihm ſonſt eigene Gewandtheit zu laͤhmen. Hinlaͤnglich zeugte hiervon die hoͤlzerne Verbeu⸗ gung, mit der er ſich entfernte. 9. Der May hatte wieder einmal die reichſten Le⸗ bensquellen der Natur insgeſammt aufgeſchloſſen. In Alphonſinens Liebe war auch der an Kraͤften aller⸗ dings immer mehr abnehmenden Freifrau eine neue ſchoͤnere Zeit aufgegangen. Es ſchien faſt, als ob ſie der Hoffnung auf den Beſitz des Grafen von Altenberg entſagt habe. Wogegen ſie fruͤher einen großen Widerwillen gehegt, wenn auch nicht Jeder⸗ — 9o— mann gezeigt hatte, das waren die chriſtlichen Ver⸗ eine, deren einer, wie bereits erwaͤhnt worden, auch auf Thuͤrmen nunmehr ſtatt fand und deſſen An⸗ ziehkraft fuͤr einen weiten Umkreis der Gegend, we⸗ gen ſeiner ſehr gluͤcklichen Organiſation fortdauernd anwuchs. Jetzt fand ſie in der frommen Verſamm⸗ lung auf ihrem Gute den hoͤchſten Genuß und der Amerikaner, der ſchon laͤngſt zuweilen die Hoffnung hierauf in ihr zu erregen geſucht hatte, ſtand ihrem Herzen ſeit dem viel naͤher als zuvor. Haͤtte ſie die Graͤfin von Altenberg zur Theilnahme an der Ge⸗ ſellſchaft bewegen koͤnnen, ſo wuͤrde ein maͤchtiger Wunſch ihrer Seele erfuͤllt worden ſeyn. Eben erwartete in Alphonſinens Geſellſchaft die Baroneſſe dieſe Freundin an jenem Teiche, wo ſie ihr am erſten Tage der naͤheren Bekanntſchaft die Geſchichte mit dem vormaligen Prediger Welter ver⸗ trauet hatte. Aus ihrer durch heilige Gefuͤhle ge⸗ ſtaͤrkten Bruſt waren die Schauer ganz verſchwun⸗ den, welche vor Kurzem dieſe Gegend in der Guts⸗ beſitzerin anregte. Nur zuweilen brachten ſie noch einen leiſen wehmuͤthigen Nachklang, keinen eigent⸗ lichen Schmerz, in ihr hervor. 1 Wie die himmliſche Unſchuld ſelbſt, ruhete die — 91— bluͤhende Jungfrau neben ihr auf den Raſen gela⸗ gert in dem Arme, den die Tante liebend um ſie geſchlagen hatte und beide nahmen gleichſam die ganze Herrlichkeit des, klaren Fruͤhlingsmorgens in ihren empfaͤnglichen Buſen auf. Bald ging ihr Blick am Himmel, wie er ſich drunten im blanken Fluſſe badete, bald verfolgte ihr Auge die Sonne, wie ſie jeden Halm beleuchtete, als wolle ſie ſehen, ob Aurora auch ihre Nektartropfen ihm richtig zuge⸗ meſſen. Und ein jeder Halm ſchien die Perlen die er erhalten, dankbar emporzuheben und zu ſagen: Habe ich nicht Alles, und bin ich nicht zu beneiden? Die Toͤne zogen ſich hier in wunderlieblichem Wech⸗ ſel leiſe durch das hohe blumenvolle Gras, quollen dort in ſuͤßer Melancholie aus dem Teiche, deſſen hellgruͤne Schilfblaͤtter, wie die Wimpel der ſchoͤnen Hoffnung fllatterten, ſchluͤpften durch den Bluͤten⸗ ſchnee der Baͤume und wiegten ſich in leichtbe⸗ ſchwingten freundlichen Geſtalten auf den blauen Wellen der Morgenluft. Und als die zwei ſich innig Liebenden durch den Einklang all dieſer von ihnen beſprochenen Erſchei⸗ nungen in einen freudigen Rauſch verſetzt, wieder zu ſich ſelbſt kamen, nahmen ſie erſt wahr, daß die Grafin von Altenberg, welche ſie zu uͤberraſchen, einen ziemlichen Umweg bis zu ihnen gewaͤhlt hatte, bereits in ihrer Naͤhe ſas. Sie verlebten zuſammen einen recht freundlichen Tag. Abends aber verſchloſſen ſich die Gemuͤther wie⸗ der gegen einander, durch das, wodurch Alphonſine und die Baroneſſe geglaubt hatten, die Graͤſin ganz mit ſich in Uebereinſtimmung zu bringen. Ueber⸗ zeugt, ſie muͤſſe fuͤr den Verein gewonnen werden, wenn ſie ihm nur erſt beigewohnt, hatten ſie die Dame ordentlich dahin genoͤthigt. Allein der Ge⸗ danke, daß der groͤßte Theil der Anweſenden aus Heuchlern beſtehen moͤchte, den das Beiſeyn des am naͤmlichen Tage erſt zuruͤckgekehrten Vicomte ihr ein⸗ foͤßte, ſtoͤrte ſie allzuſehr, als daß eine ruhige Be⸗ trachtung der Sache in ihr haͤtte Platz nehmen koͤn⸗ nen. Zwar aͤuſſerte ſie ſich nicht daruͤber, aber ſchon ihre Miene waͤhrend der Verſammlung und ihr be⸗ deutſames Schweigen nachher, galt den beiden An⸗ daͤchtigen fuͤr ein Urtheil, wie ſie ſolches gar nicht von einer ſo wackeren, gefuͤhlvollen Frau erwarten zu duͤrfen meinten. Zu Hauſe empfing die Baroneſſe aus Louiſens — 93— Hand folgendes Billet, welches ein ihr unbekannter Bauernburſche ſchuͤchtern uͤberbracht hatte, der dann, als ſey es ein Verbrechen geweſen, in groͤßter Eil hinweggelaufen war. „Gnaͤdige Frau, ein muͤder Wanderer legt ſeine letzte Bitte Ihnen an's Herz. Es giebt am Teiche zu Thuͤrmen einen Platz den Sie kennen. Die Zweige zweier Thraͤnenweiden flattern daruͤber trau⸗ lich in einander. Fuͤr jenen Muͤden enthaͤlt der Raſen unter dieſem hellgruͤnen Gewoͤlbe, die einzige geweihete Erde auf der ganzen Welt. Goͤnnen Sie ihm ſolche zum Ausruhen von den Stuͤrmen und Ungewittern des Lebens, wenn endlich, ich hoffe bald, ihr Blitz die wuͤſten Truͤmmer ſeines Herzens vol⸗ lends in Aſche wird gelegt haben.“ „Mein Grab ſey unter Weiden!“ „Golo“ Bleich wie ein Alabaſterbild ſtand die Baroneſſe nach Leſung dieſer Zeilen. Wenn das Zitternde in der Handſchrift auch noch einen Zweifel uͤbrig gelaſ⸗ ſen haͤtte, von wen ſie herruͤhren, ſo hob der In⸗ halt ſolchen doch voͤllig. Lebendig trat ein Tag aus ihrer Vergangenheit vor ſie hin, wo ſie in der Un⸗ — 94— terhaltung mit dem vormaligen Geiſtlichen uͤber Ge⸗ noveva und die Rieſenmacht der Leidenſchaft geſpro⸗ chen, wo er beim Abſchiede ſich Golo genannt und ihren Mund an den ſeinigen geriſſen hatte. Es war dieſes des Paares erſter und letzter Kuß geweſen. Der Brief erregte ihr beſonders darum ein hef⸗ tiges Grauen, weil ſie auf einen gewaltſamen Vor⸗ ſatz ſchloß, den Welter gegen ſein Leben gefaßt haͤtte. In dem aufgeregten Zuſtande in dem ſie ſich befand, ſchalt ſie Louiſen, daß ſie den Ueberbringer des Bil⸗ lets hatte entſchluͤpfen laſſen. Vergebens alle Vor⸗ ſtellungen der Graͤfin und Alphonſinens gegen die Blindheit ihres Zornes. Eben dieſe Blindheit war ſchuld, daß auch ſie nicht unberuͤhrt von ihm blie⸗ ben. Allenthalben ließ ſie nachfragen, ob Niemand den kleinen Brieftraͤger geſehen und erkannt. End⸗ lich traf wirklich Kunde uͤber ihn ein, und ſogleich ſchickte ſie in ein benachbartes Dorf, wo der Bur⸗ ſche zu Hauſe war, ein paar Zeilen an Welter, welche den Tod, den er verſucht ſeyn koͤnnte, ſich zu geben, fuͤr einen Mord an ihr ſelbſt erklaͤrte. Der Bote kehrte zuruͤck mit der Nachricht, daß ihre Antwort ohnfehlbar in die rechten Haͤnde gera⸗ then ſey. Wenigſtens habe der Herr mit dem Schnurrbarte, den der Knabe ihr Billet gegeben, die Zeilen inbruͤnſtig an ſeine Lippen gedruͤckt. Statt aber hierdurch ruhiger zu werden, fuͤhlte die Baroneſſe von anderer Seite faſt noch ſtaͤrker ſich aufgeregt. Sie ſchalt ſich gegen Louiſen und die Graͤfin, grade die ſchlechteſten Maasregeln ergriffen und ihn auf den ihr verhaßteſten Gedanken, daß ſie ihn liebe, zuruͤckgebracht zu haben. Wie vorhin, ſo wirkten auch in dieſem Falle alle Vernunftgruͤnde nur erbitternd, nicht verſoͤhnend auf ſie ein und die Graͤfin war kaum nach Langenhof abgefahren, als auch ſchon der Arzt geholt werden mußte, weil der ſchwache Koͤrper der Baroneſſe dem Einfluſſe des auf das Feindlichſte gegen ihn aufgeregten Geiſtes aber⸗ mals voͤllig erlag. 10. Ein Uhr nach Mitternacht hatte noch nicht ge⸗ ſchlagen, als die Graͤfin von Altenberg durch das Nachtwaͤchterhorn aus unruhigem Schlafe geweckt, erſchrocken die Augen aufſchlug und ihr ganzes Zim⸗ mer hell erleuchtet fand. Eiligſt die Morgenkleidung uͤberwerfend, trat ſie zum Fenſter und die Schauer des in einiger Entfernung gelegenen brennenden Hau⸗ — 96— ſes ließen ihr Auge nicht zum Genuſſe der Schoͤn⸗ heit dieſes naͤchtlichen Feuerausbruches kommen, wel⸗ cher Langenhof und die Umgegend herrlich verklaͤrte. Im Schloſſe ſchlief noch Alles. Sogleich wurde ſie die Weckerin und Leiterin der Rettungsanſtalten. Es war das, zum Gluͤck auf freiem Platze, fern von andern Gebaͤuden ſich befindende Haus von Madame Marbach, welches in Flammen ſtand. In zum Theil ſchon durch das Feuer verletzter Nachtkleidung hatte die Wirthin ſich ihm mit Muͤhe entzogen und ſtarrte unter der großen Linde vor einen benachbar⸗ ten Hauſe, die rothen Wogen fuͤhllos an, welche ihr Eigenthum aufzehrten.— Mein Kind, mein einziges Kind! Das waren endlich ihre erſten Worte, mit denen ſie die mit Loͤſchen beſchaͤftigte Menge durchbrechen und zuruͤck in's Haus wollte. Was geſchehen kann, geſchieht bereits! ſagte man, ſie abwehrend, deren jetzige Kopfloſigkeit ohne⸗ hin gar nicht zu einiger Huͤlfsleiſtung getaugt haͤtte, auch wenn die Thuͤren und Fenſter, wodurch man in's Haus gelangen konnte, durch die allenthalben ſchon emporwirbelnde Flamme minder unzugaͤnglich geweſen waͤren. Die Loͤſchenden ſchrieen nur von — 97— Zeit zu Zeit einigen Maͤnnern zu, welche noch im⸗ mer im Innern ſich befanden, wenn Hausgeraͤth aus den Fenſtern geworfen wurde, daß ſie die Selbſterhaltung nicht vernachlaͤſſigen moͤchten. So eben ſprang der eine davon aus dem erſten Stocke gluͤcklich herunter und rief dann hinauf nach einem Andern, den letzten noch in dem brennenden Ge⸗ baͤude Herumſuchenden, welcher, als ſey er irrdiſchen Gefahren unerreichbar, ſchon oft von den Umherſte⸗ henden geſehen worden, wie er Flammen und Un⸗ tergange gleichſam Hohn ſprechend uͤber die halbver⸗ kohlten, glimmenden Balken, einem Seiltaͤnzer gleich, gelaufen war. Der zuletzt Herabgeſprungene, ein Tagearbeiter aus Thuͤrmen, kannte ihn nicht, konnte aber kaum beſchreiben, mit welcher Kuͤhnheit er ſich durch die ſchon mit Dampfwolken und Feuer erfuͤll⸗ ten Behaͤltniſſe gewagt hatte. Dabei war das Ge⸗ raͤth, ſelbſt das koſtbarſte, von ihm unbeachtet ge⸗ blieben. Er hatte geſagt: Selbſt der Augenblick„ an Sachen hingeworfen, wuͤrde Verbrechen ſeyn, wenn er mir dann vielleicht fehlte, fuͤr die Men⸗ ſchen, welche noch zu retten ſind. Dazu hatte er eine Axt in der Hand, die verſchloſſenen Thuͤren zu III. 7 — 98— zerſchlagen, und in dieſer Verrichtung wahrhaft her⸗ kuliſche Kraͤfte bewieſen. Eben fiel im erſten Stockwerke eine Decke her⸗ unter. Die Naheſtehenden wollten menſchliches Angſt⸗ geſchrei dabei vernommen haben. Mit neuer Ge⸗ walt praſſelte jetzt die Flamme empor und bald lag das anſehnliche Gebaͤude, wie ein einziger ungeheu⸗ rer Feuerklumpen da, Tageshelle nnd Entſetzen in einem immer mehr ſich erweiternden Umkreiſe ver⸗ breitend. So mußte denn wohl der Unbekannte darinnen das Opfer ſeiner ausgezeichneten Menſchenliebe ge⸗ worden ſeyn. Und doch war es anders. Ein allge⸗ meines Jauchzen rauſchte auch immer ſtaͤrker auf, als jetzt eine kleine Hinterthuͤre aufgeſchlagen wurde und, unſtreitig derſelbe Mann, ein Frauenzimmer im Nachtanzuge auf dem Arme, herauseilte, hin zu der, wahnſinnaͤhnlich die Haͤnde ringenden Hauswir⸗ thin lief und ſprach: Hier haſt du dein Kind! uUnd ſchluchze und tobe nicht weiter. Falle nieder vielmehr auf deine Kniee, und danke dem droben, der dir's erhielt. Zugleich warf er die tief in die Augen gehende glimmende Muͤtze, nebſt dem mehr als zur Haͤlfte — dog— verbrannten, oder dem Fortbrennen zu wehren halb abgeriſſenen, Rocke von ſich und machte mit Hand und Ellbogen ſich Platz durch die immer dichter an⸗ draͤngende Menge, deren Beifall ihn wenig zu kuͤm⸗ mern ſchien. Tippel! Profeſſor Tippel! rief jetzt Alles, ver⸗ ſteinert uͤber den Mann, den die Meiſten zeither nur von ſeiner eckigen, ſchroffen Seite gekannt hatten.— Der Beſitzerin des brennenden Hauſes war von ihrem anſehnlichen Vermoͤgen nichts uͤbrig geblieben, als die Brandſtaͤtte, da die Staatspapiere in denen ſie ihre Habe aufbewahrte, von den Flammen mit ver⸗ zehrt worden. Kein Menſch hatte uͤbrigens ſeinen Untergang darin gefunden, als der, durch welchen die Feuersbrunſt entſtanden, und das war der un⸗ gluͤckliche Thorn. Recht oft gewarnt vor ſeiner Ge⸗ wohnheit, Abends im Bette noch zu leſen, war er daruͤber eingeſchlafen. Sein herabgebranntes Licht hatte den Schaden angerichtet und der Rauch ihn vielleicht noch im Schlafe erſtickt. Bei Entdeckung des Ungluͤcks hatte die Flamme ſchon dergeſtalt uͤber⸗ hand genommen, daß die Hauswirthin eben ganz erſtarrt vor einer brennenden hoͤlzernen Treppe ſtand, 7* — 100— welche nach der Tochter Schlafgemache fuͤhrte, als der zum Beiſtand herzugeeilte Tippel, den ſie An⸗ fangs nicht einmal erkannte, zuerſt ſie ſelbſt ohne daß ſie wußte wie ihr geſchah, aus dem Hauſe ſchaffte und dann, genau bekannt mit dem Innern deſſelben, dahin zuruͤckkehrte. Ihre Tochter hatte er ganz unbekannt mit den Gefahren, die ſie umga⸗ ben, im ſuͤßeſten Schlafe gefunden, nachdem er ſich uͤber die noch ziemlich erhaltene Haupttreppe und durch manche Thuͤr, zum Theil mit der Axt, Bahn gemacht. Sein Erſtes nach vollbrachter Rettung war, daß er Mutter und Tochter eine Wohnung miethete und ſie durch ſeinen Farbenreiber dahin fuͤh⸗ ren ließ. Es konnte nicht fehlen, daß dieſe Feuersbrunſt in den naͤchſten Tagen zu Langenhof, beinahe jeden andern Unterhaltungsgegenſtand verdraͤngte, und daß Profeſſor Tippel dabei immer hauptſaͤchlich mit er⸗ waͤhnt wurde. Die Zweideutigkeit welche durch das junge Frauenzimmer in dem verſchloſſenen Kabinet, kurz zuvor auf ſeine Lebensweiſe gefallen war, kam uͤber den nunmehrigen wahrhaften Edelmuth, ganz in Vergeſſenheit. Eben aber, weil er ſich das vor⸗ ſtellte, vermied er ſogar die genaueren Bekannten. — 101— Acht Tage lang bin ich nicht zu Hauſe! hatte er mit Kreide an ſeine verſchloſſene Wohnung geſchrie⸗ ben, aus der er keinen Schritt ſetzte. Als aber am ſiebenten ſeine Koͤchin ihm ſagte, daß unter anderm die ſeit einigen Monaten verwittwete Madam Bi⸗ ſam recht ſehnlich ihn zu ſprechen gewuͤnſcht habe, meinte er doch, die Frau ſey zu huͤbſch um ihrer Sehnſucht halber, keine Ausnahme zu machen, und ging Abends zu ihr. Sein eigentlicher Beweggrund zu diefem Gange war unſtreitig ſein Freund Senner, den aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach, die Frage betraf, welche die junge Wittwe ihm vorlegen wollte. Schon bei Lebzeiten ihres, durch den Trunk, der ihn toͤdtete, immer tiefer herabſinkenden Gatten, hatte ſie Sennern, als einen ſehr theilnehmenden Mann, zum Curator erwaͤhlt. Aus dem wahrhaften Wohlwollen war nach Biſams Ableben, allmaͤhlig in ihm eine Liebe zu der hoͤchſt angenehmen Frau entſtanden, ſo ſtark, daß der Muſikmeiſter die vielen Jahre, welche er vor ihr voraus hatte, uͤberſehend, wirklich Abſichten auf ihre Hand verrieth. Er ſchuͤttelte ſelbſt den Kopf, wenn er mit ihr davon ſprach, zog auch wohl die Sache in's Laͤcherliche. Zu anderer Zeit — 102— hingegen ſchien er im ganzen Ernſte an die Mög⸗ lichkeit eines gluͤcklichen Vereins zwiſchen ihm und ihr zu glauben. Grade am Abende vor jenem naͤchtlichen Feuerausbruche hatte die Wittwe den Profeſſor Tippel als ſeinen und ihren Freund in der Sache zu Rathe gegangen und geſtanden, daß ſie nicht wiſſe, woran ſie mit Sennern ſey, ihn auch dabei dringend gebeten, des Mannes wahre Meinung in Hinſicht ihrer zu erforſchen. Wirklich war das noch am naͤmlichen Abende von Seiten Tippels geſchehen.— Mit ſichtbarer Zufriedenheit nahm die Wittwe das nunmehr auf, was der Poofeſſor uͤber dieſe Verhandlung mit dem Muſikmeiſter ſagen konnte, und nach einigen ziemlich kecken Fragen Tippels, welche die junge Frau zwar unter Erroͤthen, aber doch mit Feſtigkeit beantwortete, ſprach er laͤchelnd die gewiſſe Hoffnung aus, ſie nach beendigter Trau⸗ erzeit wieder im hochzeitlichen Glanze zu ſehen. Im Glanze wohl nicht! verſetzte die anmu⸗ thige Wittwe. Auf den wuͤrde ich vor Allem Ver⸗ zicht leiſten. Schon vor ziemlich langer Zeit ging mir der Werth des Glanzes durch deſſen Uebertrei⸗ bung in meinen fruͤhern Verhaͤltniſſen verloren. — 103— Jetzt bedarf ich einzig eines haushaͤlteriſchen, ord⸗ nungsliebenden Wirthſchaftsfuͤhrers und dieſe Eigen⸗ ſchaften ſind es, welche mir den naͤheren Verein mit Sennern als wuͤnſchenswerth darſtellen. Denn nimmt man das Bischen, das man etwa ſchon er⸗ worben hat und vielleicht noch zu ſammeln denkt⸗ nicht zuſammen und verwaltet es gehoͤrig, was einer Frau allein, in meinem Geſchaͤfte ſchwer fallen duͤrfte, ſo iſt kein Gedeihen dabei, es verfliegt wie duͤrrer Sand, unter den Haͤnden. Drum ſind auch— verſetzte Tippel lachend— die mit allem Beſitze verbundenen Sorgen der beſte Troſt fuͤr uns Nichtshaber. Ich brachte es, Gott Lob, nie zu Etwas Ordentlichem, leider nicht ein mal zu einer Frau, was aber freilich nur zum Theil meine Schuld geweſen ſeyn moͤchte. Allerdings,— ſagte die ſchoͤne Wittwe— ihr haͤttet ein reicher Mann werden koͤnnen! Da ihr das aber nicht wolltet, ſo druͤckt auch euch nun um ſo weniger die harte Lehre der Vergaͤnglichkeit alles Reichthums, welche der Marbach in dieſen letz⸗ ten Tagen mit flammender Schrift in's Gedaͤchtnis gepraͤgt worden. Uebrigens habt ihr wahrhaft feu⸗ rige Kohlen auf ihr Haupt geſammelt. Sir ſoll — 104— von Dankbarkeit ganz durchdrungen ſeyn. Das Gegentheil wuͤrde auch empoͤrend genannt werden koͤnnen. Meinet darum wenigſtens nicht— erwiederte Tippel— daß der Gedanke hieran mich zu dem an⸗ trieb, was der mehrjaͤhrige Bewohner ihres Hauſes fuͤr Pflicht erachtete gegen ſie und ihr Kind. Wer bei dem Guten, das er den Menſchen oder Einzel⸗ nen von ihnen erzeigt, auf ihren Dank rechnete, den kann kann man wenn er Undank erntet, be⸗ dauern, wie jeden andern ungluͤcklichen Spekulanten, daß ihm aber Unrecht damit geſchehen ſey, kann man nicht ſagen.— 11. Mehrere Wochen ſchon war das Schloß zu Thuͤrmen der Aufenthalt der Beſorgniſſe und der Trauer. Die Baroneſſe befand ſich ſeit dem letzten Krankheitsanfalle in einem Zuſtande der Schwaͤche, welcher nach der Aerzte Ausſpruche, keine Hoffnung zu ihrem Wiederaufkommen darbot. So eben um⸗ ringte ein Verein von Theilnehmenden ihr Lager. Auſſer der Tag und Nacht nicht von ihr weichenden Alphonſine war auch die Graͤfin von Altenberg, de⸗ ren Gemahl und der Amerikaner in ihrem Zimmer. Die untergehende Sonne warf eben einen rothen Schein in die Fenſter, und Louiſe, des Kopfweh's gedenkend, welches der Reiz des Lichtes durch das Auge der Kranken zuzuziehen pflegte, eilte, die Rou⸗ leaux herabzulaſſen. Allein die Leidende winkte Al⸗ phonſinen, ihr Einhalt zu thun, und zur Graͤfin, deren kummervolle Blicke die Frage ihr vorlegten, warum ſir Louiſens gerechte Sorge diesmal mis⸗ billige, ſagte die Baroneſſe: Der koͤrperliche Schmerz ſcheint bereits voruͤber. Auch wird die ir⸗ diſche Sonne ſchwerlich wieder meine Augen beruͤh⸗ ren. Wenn ſie morgen aufgeht, ſind ſie ohnſtreitig ſchon fuͤr immer geſchloſſen. Der rothe Schein des Lebens, der aus ihr quillt, erquickt doch auch noch dann, wenn ſeine Wunden zuletzt auf Einmal wie⸗ der aufbrechen zu wollen ſcheinen. Da ſprach Hudſon mit der ihm eigenthuͤmlichen Kraft in ſeinem Tone auf leidende Gemuͤther: Gott iſt die Liebe! Im Glauben an dieſes Wort, liegt der koͤſtlichſte Balſam fuͤr alle Wunden, welche das Leben uns ſchlagen kann. Dieſe Rede mit ſeiner Miene dabei, ſchien Wun⸗ der auf die Kranke zu wirken. Sie faltete die — 106— Haͤnde und voll Ergebung und Vertrauen leuchtete ihr Blick in die Hoͤhe. Dann ſtreifte er mit Wohlgefallen nach dem Grafen hin, welcher erſt dieſen Nachmittag, auf ihre Bitte gekommen war, die Vormundſchaft uͤber Alphonſinen zu uͤbernehmen. Hudſon und der zuletzt auch noch erſcheinende Orts⸗ geiſtliche richteten erhebende Worte an ſie. Da ging noch der Name Welter und der Wunſch nach Ausſoͤhnung mit ihm in einzelnen Lauten von ih⸗ ren Lippen. Das Eintreten dieſes Verlangens vor⸗ ausſetzend, hatte der Amerikaner Weltern von dem Zuſtande der Baroneſſe benachrichtigen laſſen. Mit Sehnſucht harrte er bereits im Nebenzimmer auf die Erlaubnis ſich ihr zu nahern, vernahm jetzt mit Entzuͤcken, daß ſie ſeiner von ſelbſt gedacht, eilte zu ihrem Lager und druͤckte die Hand, ſo ſie ihm zureichte, an ſeine Lippen. Aber den Laut, welchen die ihrigen eben noch hinzufuͤgen wollten, nahm jetzt offenbar der Tod von ihnen hinweg. Der Amerikaner und der Geiſtliche hatten viel zu thun, um die Zuckungen des Schmerzes, welche dieſer Todesfall in Allen, mehr oder weniger hervorbrachte, durch kraͤftige Hinweiſung auf das mit jedem irdiſchen Leiden verſoͤhnende Jenſeit zu mildern und zu heiligen. Es war bereits voͤllig Nacht geworden, als Hud⸗ ſon ſich Welters wieder erinnerte, der wie er jetzt hoͤrte, unmittelbar nach dem letzten Augenblicke der Verſchiedenen, das Haus verlaſſen hatte. Wohl ein⸗ ſehend, daß er ſeine Zuſprache am meiſten beduͤrfen werde, wollte er ſchon nach dem Dorfe, wo er ſich aufhielt, als mit einem ſo eben fallenden Schuſſe, die grauenvolle Ahnung ihn erfaßte, deren Richtig⸗ keit bald der Augenſchein beſtaͤtigte. Unter den zwei Thraͤnenweiden am Thuͤrmener Teiche ſuchte und fand man, auf ſeine Veranlaſſung, Welters ent⸗ ſeelten Leichnam. Der Piſtolenſchuß mit dem er ſich getoͤdtet, war ihm mitten durch das Herz ge⸗ gangen. In der Taſche hatte er die unſtreitig un⸗ mittelbar zuvor mit Bleiſtift niedergeſchriebene Bitte an den Grafen von Altenberg, den Platz ſeines Todes ihm zum Grabe zu vergoͤnnen und dieſes nachher alſo zu ebenen, daß keine Spur von ſeinem vormaligen Daſeyn dem Auge uͤbrig bleibe. Dieſer Wunſch ging in Erfuͤllung. 12. Die heftige Erſchuͤtterung durch das Ableben der Baroneſſe war noch nach ihrer Beiſetzung in dem — 108— Grabgewoͤlbe, bis nach Langenhof fuͤhlbar, wo Graf Altenberg einen Monat zuzubringen dachte. Die froͤhlchen Feſte, auf welche man gerechnet hatte, mußten einer Stille weichen, welche viele aus der Umgegend Herbeigekommene wieder verſcheuchte. Hatte Senners Verlobung mit der Wittwe Biſam endlich Stoff zur Veraͤnderung der gewoͤhnlichen Ge⸗ ſpraͤchsgegenſtaͤnde gegeben, ſo war dieſer doch noch lange nicht verarbeitet, als eine Viſitenkarte die all⸗ gemeinene Unterhaltung von Neuem uͤber die Maa⸗ ſen belebte. Die Karte enthielt Tippels und der verwitweten Marbach, nunmehrigen Tippel, Nah⸗ men. Ein Unbekannter hatte ſolche herumgegeben und man blieb zweifelhaft, ob ſich nicht Jemand auf des Profeſſors Koſten einen plumpen Scherz er⸗ laubt haͤtte. Das war jedoch keinesweges der Fall. Nachdem Madam Marbach viele Mal ſchon frucht⸗ los an des Profeſſors Thuͤre geweſen, trat ſie ihm eines Abends auf ſeinem gewoͤhnlichen Spaziergange in den Weg. Mit Thraͤnen fragte ſie ihn, warum er ihr Herz unter der Laſt des Dankes wolle bre⸗ chen laſſen, den ſie ihm ſchuldig ſey. Da ging denn auch ſein Herz gegen ſie auf. Er erinnerte ſich, wie viel beſſer es unter ihrer Oberleitung um — 109— ſein Hausweſen geſtanden haͤtte und begehrte dann zu wiſſen, ob es ihr vielleicht ebenfalls zu einſam waͤre und er ihr zugleich mit dem Namen Tippel ſeine geraͤumige Wohnung anbieten duͤrfte. Noch auf dieſem Wege kam die Sache vielleicht in Rich⸗ tigkeit. Wiſſen ſie wohl, Madam— ſprach er— wa⸗ rum ich nicht ſchon fruͤher meine Hand ihnen offe⸗ rirte? Ihr Vermoͤgen ſtand mir im Wege. Nun es durch den ſeligen Thorn,— dem ich beilaͤufig jenſeit mehr Verſtand wuͤnſche, als er hier auf Er⸗ den zu zeigen pflegte— und ſeine Unbeſonnenheit geſchmolzen iſt, brauchen wir alle beide, ich und ſie, das Urtheil der Welt nicht zu beſorgen, daß ich ſie blos ihres Geldes halber geheirathet haͤtte. 13. Es war das erſte Mal, daß die in tiefe Trauer verſenkte Alphonſine ihren Vormund zu Langenhof beſuchte. Hudſon begleitete ſie dahin und man ſtand eben vom Tiſche auf, als der Vicomte Che⸗ ruͤbin angeſagt wurde. Alphonſine entfaͤrbte ſich bei Nennung des Na⸗ mens. — 110— Warum? fragte der Graf, ihr das Nebenzim⸗ mer vertretend, in welches ſie eilen wollte. Der Widerwille der ſeligen Tante gegen ihn, gebietet mir, ihn zu meiden. Und ihr eigenes Herz, welches Urtheil fällt die⸗ ſes uͤber den Vicomte, liebe Alphonſine? Meinen ſie— entgegnete ſie— daß ich mei⸗ nem Herzen eine Stimme geſtatten wuͤrde, wenn der Wille des Verſtorbenen oder die Vernunft, ein anderes erheiſchen ſollte? Das hoͤrbare Herannahen des Vicomte, regte ſichtbar ihr Inneres auf, und ehe noch die Thuͤre ſich oͤffnete, hatte Alphonſine ſich bereits mit Ge⸗ walt von des Grafen Hand losgeriſſen und war in das Seitenzimmer geſchluͤpft, wohin die Graͤfin ihr folgte. Weniger als dem Grafen, gelang es dem Ame⸗ rikaner, ſein Mistrauen gegen den Eintretenden zu bezwingen, ſo daß dieſer, unmittelbar nach den er⸗ ſten Gewohnheitsreden, alſo anhub: Nur allzuſchmerz⸗ lich nehme ich wahr, daß man mich bei meinem ernſten Beſtreben, ganz zu ſeyn, was ich ſcheine, in die Klaſſe gemeiner Heuchler werfen kann, und = 111— daß ich ſogar ſolchen verdaͤchtig werde, deren Blick durch eine lange Erfahrung in mannichfachen Lebens⸗ verhaͤltniſſen ſich uͤbte. Ohne Hehl fand der Graf ihre Entſchuldigung in dem außerordentlich Abſtechenden ſeiner fruͤheren, von der jetzigen Art und Weiſe. Im weiteren Ge⸗ ſpraͤche hieruͤber, kam man darauf, daß es hoͤchſt intereſſant und lehrreich ſeyn wuͤrde, zu erfahren, auf welchem Wege eine ſo gaͤnzliche Veraͤnderung ſeiner Anſichten und Beſtrebungen eintreten koͤnnen und er fuͤhrte die Geſchichte eines ſeiner vormaligen Univerſitaͤtsfreunde, als das Beiſpiel an, das ihn ploͤtzlich wie aus einem Traume geriſſen und darauf hingewieſen habe, was ihm Noth thue. Man war begierig die Geſchichte zu vernehmen und der Vi⸗ comte begann: Durch das Ableben ſeines Vaters wurde der Baron Eugen von Tangern der maͤnnlichen Ober⸗ leitung ſchon im vierzehnten Jahre verluſtig. Die Vollendung ſeiner ſittlichen Ausbildung fiel daher faſt einzig einer noch wie in den Strahlen der erſten Jugend daſtehenden Mutter anheim. Nur mit der Buͤcherwelt vertraut, konnte der ſehr gelehrte Hof⸗ meiſter ihr in dieſem wichtigen Geſchaͤfte wenig oder — 112— keine Unterſtuͤtzung leiſten, und Eugens Vormund, der Bruders ihres verſtorbenen Gemahls, war, ſeiner ganz ſorgloſen Natur nach, noch minder ge⸗ eignet einen wohlthaͤtigen Einfluß auf das Gedei⸗ hen ſeines jungen Neffen hervorzubringen. Des letz⸗ tern Stellung im Hauſe, als des einzigen Sohnes und Erben der bedeutenden Lehnguͤter ſeines Vaters, ſeine großen geiſtigen Anlangen, eine weit uͤber die Jahre hinausgehende koͤrperliche Reife und ſehr ein⸗ nehmende Wohlgeſtalt, mit Einem Worte, Alles, vereinigte ſich, ihm in ſo fruͤhem Alter ſchon unge⸗ woͤhnliche Aufmerkſamkeit und Achtung und das Ge⸗ fuͤhl der Unabhaͤngigkeit zu verſchaffen. An der Seite ſeiner, unter dem Trauerſchleier neu aufbluͤ⸗ henden, Mutter glich er mehr einem Bruder, als einem Sohne von ihr, und es mochte ein großer Troſt fuͤr ſie ſeyn, daß auch ſein verſtaͤndiges Be⸗ tragen die Achtung feſtzuhalten wußte, welche ſo manche Umſtaͤnde ihm vor der Zeit darboten. Das Tangerſche Haus war der Vereinigungs⸗ punkt ſehr vieler Vornehmer und Gebildeter der an⸗ ſehnlichen Stadt und Umgegend geweſen. Die Trauerzeit nach dem Tode des Stammherrn brachte hierin allerdings einige Stoͤrung hervor. Bald nach⸗ — — 113— her aber erhob ſich ſolches wieder beinahe ganz zu ſeinem vorigen Glanze. Eugen beſuchte die Hoͤrſaͤle der dortigen Univerſi⸗ taͤt mit ausgezeichnetem Erfolge. Da dergleichen ge⸗ woͤhnlich erſt im achtzehnten oder zwanzigſten Jahre begann, ſo fiel bei ſeiner Groͤße und ſeinem Anſe⸗ hen, gewiß nur wenigen ein, daß er deren kaum funfzehn hatte, und es fehlte nicht an weiblichen Herzen, fuͤr welche ſeine angenehme Perſon eine große magnetiſche Kraft beſaß. Sein immer reges Gefuͤhl, ſein glaͤnzender Wit und eine unverſiegbar ſcheinende Heiterkeit gaben ihm auch uͤber ſehr Viele, die, dem Anſehen nach, an Jahren ihm gleich ka⸗ men, ein entſchiedenes Uebergewicht. Im eigenen Buſen die ſicherſte Richtſchnur fuͤr ihr ſchoͤnes Leben tragend, traute die Mutter unſtrei⸗ tig auch ihm dieſe innere Haltung zu, und zoͤgerte vermuthlich um ſo mehr, durch trockene, ihrer Mei⸗ nung nach uͤberfluͤſſige, Lehren und Grundſaͤtze, ihrem Sohne das Leben zu erſchweren, weil dieſes ganz offen vor ihrem Auge lag, auch gar kein Anſehen irgend eines Abweichens vom Rechten in ihm vor⸗ handen, und wenn der Fall ja einmal eintrat, im⸗ mer Zeit genug uͤbrig war, durch Grundſaͤtze das zu 8 — 114— regeln, was jetzt noch in der geradeſten, edelſten Richtung aus ſeiner ſchoͤnen Natur von ſelbſt ganz tadellos hervorging. Aber— das iſt das Schickſal der Hoffnungen und Plaͤne der Menſchen!— eben als der Ernſt ihres Vorſatzes, ſich nie wieder zu vermaͤhlen, ſie endlich vor den, ſtets ſich erneuern⸗ den, Bemerbungen um ihre Hand geſichert zu haben und hiermit das Einzige eingetreten zu ſeyn ſchien, was ihr zu einer vollkommenen Ruhe bis dahin noch gefehlt, wurde ihr bluͤhendes, von der Zeit bis dahin wie mit Abſicht verſchontes Leben der Raub einer epidemiſchen Krankheit, noch in dem Augenblicke, als man ſie von derſelben ſchon geneſen geglaubt hatte. Nach der tiefen Erſchuͤtterung durch dieſen Todes⸗ fall war es vielleicht das heilige Bild der tugendhaf⸗ ten Mutter, was den verwaisten Juͤngling noch eine Zeit lang ganz auf der zeitherigen Bahn erhielt. Aber ſeine inzwiſchen gemachten Frauenbekanntſchaften boten zum Theil den gewoͤhnlichen Irrthuͤmern der maͤnnlichen Jugend nur allzuſehr die Hand. Sein Oheim und Vormund, in ſittlicher Strenge eben⸗ falls kein Muſter, lachte herzlich dazu, wenn der wegen der immer zunehmenden Frivolitaͤt ſeines Muͤn⸗ dels drohend den Finger gegen ihn aufhob. So kam es denn, daß in Kurzem vielen jungen und zum Theil recht ſchoͤnen Fraͤulein und Frauen auf bie bekannte Rechtlichkeit Eugens von Tangern in Erfuͤllung deſſen, was er zugeſagt hatte, alle An⸗ ſpruͤche verloren gingen. Nach beendigter Studienzeit durchſtreifte der Ba⸗ ron mehrere Jahre die Welt, und bei ſeiner Heim⸗ kehr bedauerte man ſehr, daß er, ſtatt die eingeſam⸗ melten Kenntniſſe und Erfahrungen im Dienſte des Staats gelten zu machen, ſich einzig der Verwaltung ſeiner Guͤter, zu widmen gedachte. Sein erſtes Wiederauftreten in der Geburtsſtadt fiel in den Winter und war uͤberaus glaͤnzend. Eine auffallende Vervollkommnung an Geiſt und Koͤrper gab ihm gewiſſermaaßen den Reiz einer ganz neuen Erſcheinung. Seine Gewandheit im Umgange, bahnte ihm noch mehr als zuvor, den Weg zu den Herzen der Frauen, da die Leichtfertigkeit ſeiner fruͤheren Weiſe, nur noch dann und wann, aber allezeit in der verfuͤhreriſcheſten Anmuth, aus dem glaͤnzenden Mantel des feinſten Anſtandes hervorblickte. Bald fingen ſeine Liebſchaften und Treuloſigkei⸗ 3 ten an, zu den Gegenſtaͤnden der taͤglichen Theege⸗ 8* — 116— ſpraͤche zu gehoͤren. Unſtreitig buͤrdete man ihm de⸗ ren zehnmal mehr auf, als ihm wirklich zur Laſt fielen und fallen konnten. Allein grade die Menge anmuthiger Abentheuer und galanter Frevelthaten er⸗ hoͤhete ungemein das Intereſſe an ſeiner Perſon. Tangern! erſcholl es leiſe in mehreren Gegenden des Salons, wo Damen ſaßen, ſobald er in die Ver⸗ ſammlung trat. Die Blücke der meiſten leuchteten ihm da unwilkuͤhrlich ein Willkommen entgegen. Die erfahrenern Damen nahmen ſolches zwar gewoͤhn⸗ lich unmittelbar darauf zuruͤck, und ob ſie ſchon nicht unterließen, Toͤchtern oder Nichten die Gefah⸗ ren ſeines Umganges in's Licht zu ſtellen, wuͤnſchten doch viele insgeheim gewiß, daß es Einer gelingen moͤchte, den Treuloſen zur Treue zu bekehren. Meh⸗ rere Winter jedoch hatte Tangern bereits wieder in ſeiner Vaterſtadt zugebracht, und ſolch ein Triumph, ſo oft dergleichen auch ſchon an andern leichtfertigen Herzensbezwingern erlebt worden, ein Triumph dieſer Art uͤber dieſen, ſchien zu den Unmoͤglichkeiten zu gehoͤren. Eines Abends bei einem ſehr glaͤnzenden Thee mochte der geheimen Raͤthin von Horſten, im Ueber⸗ maaße des Gluͤckes, ihre Tochter endlich wieder zu — 117— erhalten, welche das Teſtament des verſtorbenen Va⸗ ters bis zum vollendeten ſechszehnten Jahre der Er⸗ ziehung in einem Fraͤuleinſtifte gewidmet hatte, das Mutterherz zu weit aufgegangen ſeyn. Man ſpottete laut uͤber die Unſchicklichkeit, mit der dieſe Dame zur Lobrednerin der Schoͤnheit ihres eigenen Kindes geworden war. Vergebens hatte die geheime Naͤthin ſchon einige Tage auf Celiciens Ankunft gewartet. Endlich kam ſie eines Nachmittags, kurz vor der Zeit zu einer Aſſemblee, welcher die Mutter ihre Theilnahme zugeſagt hatte. Vielleicht erſchien dieſe unter ſolchen Umſtaͤnden blos in der Verſammlung, um die Freude, von der ſie erfuͤllt war, nicht allein tragen zu duͤrfen. Aber ſtatt ſie wieder nach Hauſe zu der einſam dort lebenden Tochter zu laſſen, mach⸗ ten die Wirthin und andern Damen, deren Neugier auf's hoͤchſte gereizt war, der Frau von Horſten Vorwuͤrfe, daß ſie Celicien nicht mitgebracht habe, und ob ſie ſchon dieſe mit der großen Muͤdigkeit von der Reiſe zu entſchuldigen verſuchte, beſtand man doch auf dem Kommen des Fraͤuleins. Je unbe⸗ zwinglicher man die Sehnſucht nach Celiciens Schoͤn⸗ heit zu ſchildern ſtrebte, deſto weniger konnte die Mutter ſich verſagen, ihrer geliebten Tochter, den — 118— unbeſchraͤnkten Beifall, auf den ſie rechnen zu duͤr⸗ fen glaubte, noch an dieſem Abende zu verſchaffen. Aber die Verwunderung, als nach einiger Zeit das Fraͤulein wirklich erſchien, ſah gar nicht aus wie ein Erſtaunen uͤber ihre Schoͤnheit. Das ſchwer unterdruͤckte Laͤcheln auf manchen Geſichtern, ſchien der muͤtterlichen Eitelkeit zu entgehen, welche Wun⸗ der erblickte, in dem Fraͤulein, mit dem ſich faſt alle in jeder Hinſicht meſſen zu koͤnnen glaubten. Doch grade das gaͤnzliche Verſchwinden einer geheimen Furcht vor der unbekannten Erſcheinung erzeugte große Freude in Vielen, und weil man die neuauf⸗ gebluͤhte Nebenbuhlerin fuͤr unbedeutend achtete, ka⸗ men ihr die meiſten mit beſonderm Wohlwollen ent⸗ gegen. Celicie, den Gebraͤuchen der Geſellſchaft noch völlig fremd und ganz verſchuͤchtert durch eine Herz⸗ lichkeit, die ſie mit nichts verdient zu haben glaubte, wußte um ſo weniger, wie ſie ſich dabei benehmen ſollte, daß Frau von Horſten fuͤr Pflicht hielt, die hoͤchſt befangene Tochter theils mit dem Ungewohnten eines glaͤnzenden Cirkels, theils mit den Folgen der abſpannenden Reiſe zu entſchuldigen. Das allgemein⸗ ſte Gefuͤhl in den Damen der Verſammlung war — 119— bald ein Bedauern fuͤr Mutter und Tochter, weil die erſte ſo wenig Sinn und Takt hatte, aus die⸗ ſem Kinde eine Vollkommenheit machen zu wollen und die andere durch ihre aͤußerſt linkiſches Weſen nichts, als der Gegenſtand der bitterſten Epigramme zu werden verſprach. Vielleicht gab es unter den anweſenden Maͤnnern manchen, der den Wuchs Celiciens durch den ſehr unvortheilhaften Anzug durchleuchten ſah, und auch die heilige Unſchuld ihrer Miene zu ſchaͤtzen wußte. Allein die Tonangeberinnen ſprachen ſich in allen Ek⸗ ken des Saales ſo entſchieden gegen das erwartete Weltwunder aus, daß ſie ihr Urtheil nicht laut wer⸗ den zu laſſen wagten. Da trat Tangern herein, und manche eingebiſ⸗ ſene Lippe verrieth im Voraus die Schadenfreude uͤber das Nichts, worein die von ihm vermuthlich ebenfalls genaͤhrte Hoffnung auf die vorher verkuͤn⸗ digte Schoͤnheit vor der Erſcheinung derſelben mit Einem Male verſinken wuͤrde. Man ſaͤumte nicht, durch Hinleitung ſeiner Aufmerkſamkeit auf Celicien ſich dieſen Genuß zu verſchaffen. Seltſam genug fanden die Hochgeſpannten, daß = 120— ſie dießmal in vollkommenem Irrthume geſtanden hatten. Das große, blaue Auge des Fraͤuleins, er⸗ ſchien dem Baron gerade darum von unſchaͤtzbarem Werthe, weil der mannigfache Glanz der Umgebung, ſolches nur ganz oberflaͤchlich zu beruͤhren ſchien. Die ruhige Klarheit dieſes Auges, waͤhrend die meiſten der Uebrigen fortdauernd mit groͤßter Anſtrengung, theils die geringſten Vorfaͤlle beobachteten, theils ſich ſelbſt geltend machten, die ganze edle Geſichtsbildung und Miene, der hohe, durch Toilettenkunſt und Ko⸗ ketterie nicht im mindeſten hervorgehobene Wuchs des Fraͤuleins, mit Einem Worte„ Alles, zog den fei⸗ nen Kenner der Schoͤnheit nach Celicien hin. Frau von Horſten, bereits von dem Glauben zuruͤck gekommen, daß das ſcheinbare Wohlwollen der Damen fuͤr ihre Tochter auf einer unwillkuͤhr⸗ lichen Anerkennung von Celiciens ſchoͤnen Weſen beruhe, erfreute ſich daher um ſo inniger der offen⸗ baren Auszeichnung, welche der geheime Liebling des Frauenkreiſes ihr wiederfahren ließ. Celicie, wenig geeignet, zu Erwiederung oder Ablehnung der Fein⸗ heiten, die Tangern ihrer Schoͤnheit ſchuldig zu ſeyn glaubte, empſing ſie mit einem Anſtande, der ihre gerechte Wuͤrdigung dieſer Dinge ausſprach und ſie — 121— ſo in Zukunft vor den Huldigungen dieſer Art, von ſeiner Seite immer mehr ſichern mußte. Waͤhrend der folgenden vierzehn Tage war es dem Baron gelungen, im Hauſe des Oberſten von Horſten, Celiciens Vormunde, wo ſie und ihre Mut⸗ ter die meiſten Abende zubrachten, faſt ſo gut als einheimiſch zu werden. Was man allgemein wie ein Wunder anſtaunte, war ſolches doch keinesweges. Laͤngſt hatte Tangern nur allzutief gefuͤhlt, daß bei dem zeitherigen Her⸗ umflattern von Blume zu Blume, ſein Herz ſeine Rechnung unmoͤglich finden koͤnne, ja daß es all⸗ maͤhlig ganz verarmen muͤſſe, wenn es nicht noch in Zeiten einen wuͤrdigen Punkt finde, ſich daran feſtzuhalten. Celicie war ein ſolcher. Auch an wah⸗ rer/ innerer Ausbildung ließ ſie, nach naͤherer Be⸗ kanntſchaft, ihm nichts zu wuͤnſchen uͤbrig. Die Gelaͤufigkeit in Beobachtung der geſellſchaftlichen For⸗ men, ſchien das Einzige, worin das Muſter from⸗ mer und gebildeter Frauen, die Stiftsvorſteherin, ihre Tante, der ſie Alles zu verdanken hatte, ihr mit Lehren nicht an die Hand gegangen war. Vor dem reinen Golde einer ſeltenen, ſchoͤnen Natur war ihm die Nichtigkeit des bunden Flitterſcheines, dem — 122— er zeither gehuldigt, in's volle Licht getreten, und ſo zoͤgerte er auch nicht, ſein Verlangen nach der Hand des Fraͤuleins der Mutter an's Herz zu legen. Daß der geheimen Naͤthin ſein Antrag willkom⸗ men war, ſagte die Freude, mit der ſie ihn auf⸗ nahm. Allein, da ihr verſtorbener Gemahl, Celi⸗ ciens Verheirathung, wenn ſolche vor ihrer Muͤn⸗ digkeit beabſichtigt wuͤrde, von dem Willen des Ober⸗ ſten, ſeines Bruders, abhaͤngig gemacht hatte, ſo mußte ſie ihn mit dieſer Angelegenheit hauptſaͤchlich an den Vormund verweiſen. Lieber Baron, antwortete der Oberſt, als Tan⸗ gern ihm eines Abends, wo er ihn allein fand, die Sehnſucht ſeines Herzens vertraute— meine Pflicht als Vormund und Onkel erheiſcht die ruͤckſichtloſigſte Aufrichtigkeit von mir in dieſem Punkte. Haben ſie auch wirklich die Neigung zu Celicien, der noͤthi⸗ gen Pruͤfung unterworfen, und unterſucht, ob ſich ihre zeitherigen Gewohnheiten nicht ihrem und des Maͤdchens vereintem Gluͤcke, in den Weg ſtellen ſollten? Ja, Herr Oberſt— antwortete Tangern mit Feſtigkeit— das iſt redlich von mir geſchehen. Ich ſchwoͤre ihnen.—— ₰ — 123— Nicht das, Baron— verſetzte der Oberſt— ein Schwur koͤnnte ihrer jetzigen Geſinnung ſo wenig Dauer verleihen, als die bloſe Verſicherung. Aber bei allem Glauben an die Guͤte dieſer Geſinnung muß ich voraus ſagen, daß auf den Fall der muth⸗ willigen Verwahrloſung des Kleinods, wonach ihre Wuͤnſche ausgehen, ihnen in mir ein ſteter furcht⸗ barer Raͤcher zur Seite ſtehen, und daß nach mei⸗ nem Tode die Verpflichtung zu ſolcher Rache auf meine Soͤhne uͤbergehen wuͤrde. Dem Himmel ſey Dank— entgegnete der Ba⸗ ron— daß ich in meinem treuen Herzen die ſicher⸗ ſte Buͤrgſchaft fuͤr die Erfuͤllung ihrer Wuͤnſche in dieſer Beziehung fuͤhle. Meine zeitherigen Verirrun⸗ gen.—— Haben— unterbrach ihn der Oberſt— mich in den letzten Wochen zu den ſorgfältigſten Nachfor⸗ ſchungen veranlaßt. Bei ihren unverkennbaren Ab⸗ ſichten auf Celiciens Liebe, war ich ſolches der Toch⸗ ter meines verewigten Bruders ſchuldig. Das Er⸗ gebnis dieſer Nachforſchungen kommt mir weit beſſer vor, als der Ruf, den ihnen ihr jugendlicher Leicht⸗ ſinn erworben hat. Allerdings ſcheinen ſie bei ihren leichtfertigen Streifereien im Gebiete der Liebe, von dem Gedanken ausgegangen zu ſeyn, daß ein junger lebensluſtiger Mann wohl den Beruf habe, aus dem Leichtſinne der Weiber Vortheil zu ziehen und Per⸗ ſonen mit dem Anſchein von Treue zu taͤuſchen, von denen ebenfalls keine Treue zu erwarten ſtuͤnde. Aber nach allen meinen Nachrichten, iſt doch der heilige Friede der Unſchuld, nie von ihnen geſtoͤrt worden. Daß das gewis nie geſchehen ſey, rief der Ba⸗ ron hier mit Feuer den Himmel zum Zeugen auf. Dooch wird ihnen auch— fuhr der Oberſt fort — wird das Einerlei, ſelbſt der gluͤcklichſten Ehe, ſie jene lockenden Zerſtreuungen vergeſſen laſſen, ohne deren Entſagung fuͤr immer kein Heil im Eheſtande zu denken iſt? Verehrter Mann— antwortete der Baron— laͤngſt ſchon erwog ich das Verhaͤltnis, welches jetzt der Gegenſtand meiner innigſten Sehnſucht geworden und gerieth ſo auf die unbeſtreitbare Wahrheit, daß einzig in ihm die Beſtimmung des Menſchen zur vollen Erfuͤllung gelangen kann. Nur daran verzwei⸗ felte ich, die Perſon in der Wirklichkeit zu finden, welche mir zu ſolch einem Vereine vor Augen ſchwebte. Als eine ganz unverhoffte Gunſt des Himmels iſt ſie mir nun in Celicien erſchienen. — — 125— Schon die Art dieſer Werbung allein redet vielleicht meinem Nachdenken uͤber die Sache und der Ver⸗ ſchiedenheit meiner zeitherigen Verbindungen mit Weibern, von der jetzigen, das Wort. Noch nie gingen meine Bemuͤhungen um weibliche Herzen bis zu dem Punkte, von dem ich ſolche jetzt anfange. Ohne Celicien irgend ein Geſtaͤndniß gethan zu ha⸗ ben, ſchlage ich den ziemlich veralteten Weg ein, zu⸗ vor bei Mutter und Vormund um ſie anzuhalten. So haben ſie wohl ſchon mit der geheimen Naͤ⸗ thin geſprochen? Welche Hoffnung gab ſie ihnen? Frau von Horſten ſchien Alles auf ihre Beſtim⸗ mung ankommen laſſen zu wollen. Dann kann ich— ſprach der Vormund— ſie um ſo weniger mit einer verneinenden Antwort ent⸗ laſſen, da ich weiß, wie ſehr meine gute Schwaͤge⸗ rin fuͤr ſie eingenommen iſt. Aber freilich— fuͤgte er laͤchelnd hinzu— fehlt es noch an der Haupt⸗ ſache. Denn wozu mein beſter Wille, wenn viel⸗ leicht Celicie ſelbſt ihrem Antrage zuwider ſeyn ſollte? Obſchon Tangern in der That ihr Herz hieruͤber noch nicht mit Worten erforſcht hatte, ſo wuͤrde er doch auf keinen Fall den, nunmehr gelungenen, Schritt gewagt haben, wenn er, aus ihrem ganzen — 126— Benehmen gegen ihn zu ſchließen, dieſes Herzens nicht gewiß zu ſeyn geglaubt haͤtte. Tangerns Rechnung bewaͤhrte ſich. Es war der hoͤchſte Moment ſeines Lebens, als mit ſeinem An⸗ trage, der Verklaͤrungsſchimmer der Morgenroͤthe uͤber Celiciens Geſicht ſich ergoß, und dann ihr zu Boden geſenktes Auge einen einzigen kurzen Blick empor zu ihm that, das Wort: ich bin dein! auf das Entzuͤckendſte ausſprechend. Die Verlobungskarten brachten eine Art von Re⸗ volution in den feinen Cirkeln der Stadt hervor. Man beklagte Celicien, man beklagte den Braͤuti⸗ gam. Viele hielten ſie und noch Mehrere vielleicht, ihn, fuͤr wahnſinnig, wegen des ſeltſamen Schrittes. Alles, was er jemals gegen die Frauen verſchuldet hatte, war auf einmal wieder aus der Vergeſſenheit hervorgezogen, und jeder ſeiner leichtſinnigen Hand⸗ lungen praͤgte man mit vielem Scharfſinne, den Stempel der ſchwaͤrzeſten Bosheit auf. Anonyme Briefe mit Schilderungen dieſer Art gelangten an den Oberſten, an die Mutter und an die gluͤckliche Braut. Aber ſeine Selbſtanklage im Allgemeinen war ihnen ſchon vorausgegangen und ſeine nunmehrigen Erlaͤuterungen der ihm ſchuldge⸗ gebenen einzelnen Thatſachen, entkraͤfteten die auf eitel Unheil bezweckenden Beſtrebungen. Bey dem Allem unterließ der Oberſte nicht, noch am Hochzeitmorgen mit dem Baron allein, dieſem ſeine Verpflichtungen und die Folgen, falls er ihnen fruͤh oder ſpaͤt zuwider handeln wuͤrde, nochmals auf das Feierlichſte in's Gedaͤchtniß zu⸗ ruͤckzurufen. Ein wahrhaft paradieſiſches Leben war das Loos des neuen Ehepaares. Durchdrungen von der Wahr⸗ heit, daß das hoͤchſte irdiſche Gluͤck nur in den einfachſten Verhaͤltniſſen zu finden ſey, ſah Tan⸗ gern bald mit mitleidigem Laͤcheln, bald mit ent⸗ ſchiedener Verachtung auf das zweckloſe Treiben hin, das ihn ſo lange vom Herzen der Natur entfernt und in einem ewigen Wechſel betaͤubender Zerſtreu⸗ ungen und Gaukelſpiele ſich ſelbſt entfremdet hatte. Der rechte Sinn fuͤr den Glanz der Wieſen, das zarte Gruͤn der Baͤume und den Geſang der Lerchen und Nachtigallen war ihm erſt in dieſem Fruͤhlinge aufgegangen, den er ganz auf dem Lande zubrachte. Die ſuͤßeſten Geheimniſſe der Natur enthuͤllten ſich vor dem geiſtigen Auge des Gluͤcklichen, und wenn er oft nach mannichfachen Beſchwerden und Beun⸗ ruhigungen, den hoͤchſten Punkt ſeines Wohnguts erſtiegen und dort, den Arm um Celiciens Schulter geſchlagen, hinunterblickte in den Strom, gluͤhend von der untergehenden Sonne und von den hellauf⸗ blitzenden Lichtern aus den Fenſtern der Haͤuſer auf den purpurfarbigen Bergen gegenuͤber geblendet, ſein Auge nach dem ihrigen ſich wendetete, das ſolches ſchon erwartet zu haben ſchien, und in Celiciens blauem Himmelsblicke gleichſam ſeine beſſere Seele verſoͤhnend und beruhigend vor ihm lag, dann duͤnkte ihm alles Irrdiſche nichts, außer der Liebe und dem Gluͤcke durch einen lebendigen Zeugen derſelben, auf welches er bereits Hoffnung faſſen konnte. Mit dem Ende des durch das feſt um die Ge⸗ muͤther geſchlungene Band ſehr reizend verfloſſenen Sommers war dieſe Hoffnung der Erfuͤllung ſchon nahe geruͤckt. Man begab ſich nunmehr wieder nach der Stadt. Frau von Horſten und der Oberſt, die ſich den Sommer uͤber mehrmals von der innigen Zufriedenheit des Paares perſoͤnlich uͤberzeugt, hatten ſich bemuͤht, die Vorbereitungen zu dem Winter⸗ aufenthalte deſſelben nach ſeinen Wuͤnſchen zu tref⸗ fen. Tangern und ſeine Gemahlin ſtrebten beide, — 129— das Einfache ihrer laͤndlichen Verhaͤltniſſe und Ge⸗ wohnheiten, auch in der Reſidenz fortzuſetzen. Der Umgang mit wenigen Freunden ſollte zwar weder aufgegeben noch vernachlaͤſſigt, aber der geſelligen Freude doch nur eine ſehr enge Graͤnze gezogen wer⸗ den. Um ſich nie uͤber dieſe durch die Umſtaͤnde wider Willen hinausgefuͤhrt zu ſehen, waren des Barons Wuͤnſche nach einer Wohnung von nur ge⸗ ringem Umfange gegangen und ſie fanden eine, wie ſie ſolche fuͤr ihre Zwecke nicht beſſer haͤtte er⸗ ſinnen koͤnnen. Sie ſetzten auch darin ihr ganzes, liebes, laͤnd⸗ liches Leben mit nur geringer Erweiterung fort, un⸗ bekuͤmmert um die Urtheile der Menſchen, die um ſo eher ihnen zu Ohren gebracht wurden, da ihren naͤhern Bekannten der Ungrund derſelben einleuch⸗ ten mußte. Dieſe wollten ihre Eingezogenheit fuͤr bloſe Af⸗ fektation anſehen. Jene fanden ſie wegen der Bloͤ⸗ ſen natuͤrlich, welche die in der Geſellſchaft zum Gelaͤchter werdende junge Frau ſich außerdem allent⸗ halben geben wuͤrde. Andere legten ihre Abſonde⸗ rung von der eigentlichen großen Welt, der ſehr leicht erklaͤrbaren Eiferſucht einer Frau zur Laſt, die III. 4 9 durch ihren Mangel an aͤuſſern und innern Vor⸗ zuͤgen geaͤngſtet, allenthalben gluͤckliche Nebenbuhle⸗ rinnen beſorgen muͤſſe, zumal bei einem Manne, von dem die fruͤher als Meiſter betriebene Verfuͤh⸗ rungskunſt durch ihre Geringhaltigkeit, ſchwerlich in Vergeſſenheit gebracht worden ſey. Noch Anderen war es außer allem Zweifel, daß das junge Ehe⸗ paar den hoͤchſten Grad der wechſelſeitigen Unzufrie⸗ denheit einzig auf dieſem Wege dem Auge und Ohre der Menſchen, wenigſtens ſo lange, entziehen koͤnne, bis die bereits eingeleitete Scheidung ſtattge⸗ funden haͤtte. und alle dieſe ſinnreichen Behauptungen wurden gemeiniglich durch Anekdoten erlaͤutert und ſo ſcharf als moͤglich gewuͤrzt. Daß das ſchuldloſe 2 hrhar. welches nachher der Zufriedenheit des Paares die Krone aufſetzte, durch eine faſt unglaubliche Haͤßlichkeit dem Argwohne des Mannes einen neuen Gegenſtand des Haders dargeboten und der unpaſſenden Ehe den Todesſtoß gegeben haben ſollte, haͤtte unſtreittig dem Baron und ſeiner geliebten Gattin nur ein Laͤcheln des f Mitleids abgenoͤthigt, waͤre ihnen davon etwas zu 5 Ohren gekommen. Sogar aus der Affenliebe, wie — 131— die ſpaͤterhin ſichtbar werdende innige Freude der Aeltern an ihrem Soͤhnlein geſcholten wurde, und ihrer mehr als ſonſt vor Andern zum Vorſchein kommenden herzlichen Zuneigung wollte man die Unhaltbarkeit ihrer Ehe beweiſen, welche allem Ver⸗ muthem nach, aus geheimen Gruͤnden noch einige Zeit kuͤnſtlich aufrecht gehalten werden ſollte; denn an dieſer ſogenannten Liebe, koͤnne die groͤßte Ueber⸗ treibung und Unnatuͤrlichkeit keinem geſunden Auge entgehen. Frau von Horſten, von dem Gluͤcke der Toch⸗ ter durch die Zaͤrtlichkeit ihres treuen Gemahls und den Beſitz des Soͤhnleins feſt uͤberzeugt, ſah alle Wuͤnſche ihrer Zukunft der Erfuͤllung mit jedem Tage naͤher treten, und dem Oberſten wandelte nur darum beim Anblicke des ſo heitern Looſes, das die⸗ ſem Paare gefallen war, bisweilen die Beſorgnis einer ploͤtzlichen Erſchuͤtterung deſſelben an, weil mannichfache Erfahrungen, und das Misgeſchick, welches, wie aus voͤllig heiterm Himmel mit dem ploͤtzlichen Ableben ſeiner geliebten Gemahlin ihn ſelbſt vormals betroffen, den Mann zu dem troſt⸗ loſen Glauben gefuͤhrt hatte, daß jedes Gluͤck, das, gleichſam der irdiſchen Unvollkommenheit zum Trotz, 9* — 132— in hoͤchſter Vollendung daſtehe, durch feindliche Daͤ⸗ monen bedroht, der Dauer entbehren muͤſſe. Noch mitten im Schnee des ziemlich harten Winters traͤumte Celicie ſich in die Bluͤthen des Fruͤhlings hinein. Voll von einer wahrhaft kind⸗ lichen Sehnſucht nach dem Landleben, zaͤhlte ſie die Wochen und Tage, welche ſich noch dazwiſchen aus⸗ dehnten. Das Gedeihen ihres Soͤhnleins dort, am offenen Buſen der Natur, auf blumigen Wieſen, im kuͤhlen Schatten ſchoͤner alter Linden, erfuͤllte ſie im Voraus mit den ſeligſten Empfindungen. Wenn ſie im Beiſein von Mutter und Onkel mit dem Feuer der Begeiſterung hieruͤber ſprach, konnte Frau von Horſten ſich der Freudenthraͤnen nicht enthalten. Der Oberſt hingegen blickte dann gern bei Seite. Denn in dem allzuhohen Glanze ihrer Hoffnung glaubte er eine jener reichgefüͤllten Bluͤthen wahrzu⸗ nehmen, denen keine Frucht beſchieden iſt.— Ein Todesfall, auf den Niemand ſo fruͤh gerech⸗ net hatte, brachte zu Anfange Aprils einen Still⸗ ſtand in die bereits getroffenen Vorkehrungen zu Ver⸗ aͤnderung ihres Aufenthalts. Er noͤthigte den Baron mit entfernten Verwandten Ruͤckſprache zu nehmen. Dieſer ging ſo ungern von ſeiner Frau, als ſie ihn — 133— ungern allein reiſen ließ. Es duͤnkte beiden un⸗ moͤglich, einen Raum von zwanzig Meilen zwiſchen einander zu wiſſen; daher geriethen ſie zugleich auf den Gedanken, die Beſchwerden der Reiſe mit ei⸗ nem noch ſo kleinen Kinde nicht zu achten, und ſich vereint an den Ort des Todesfalls zu begeben. Aber nur allzugern zeigt das Schickſal die Aus⸗ fuͤhrbarkeit von Dingen, die wir, ihrer Bitterkeit halber, fuͤr unertraͤglich achteten. Das Kind erkrankte, zwar nach der aͤrztlichen Verſicherung ohne alle Gefahr, wenn es in ſo rau⸗ her Jahreszeit nicht der Reiſe ausgeſetzt wurde, den kleinen Liebling aber zuruͤckzulaſſen, auch da ſie wußte, welchen guten Haͤnden er anvertraut blieb, waͤre der treuen Mutter unmoͤglich geweſen, haͤtte auch keine Krankheit ihn ergriffen. So mußte denn, da die auswaͤrtigen Angelegenheiten nicht Aufſchub litten, der Baron ſich entſchließen, die Reiſe allein zu unternehmen. Am Abſchiedsmorgen ſchien der kleine Eugen faſt hergeſtellt, zur Mitreiſe war er jedoch, nach des Arztes Behauptung, noch nicht geeignet. Vielleicht gab eben dieſes ſchnelle Vorſchreiten der Beſſerung des Kindes, Celicien bei der Tren — 134— nung eine Kraft, die ſie ſich fruͤher nie zugetrauet haͤtte. Sie uͤbertraf darin bei Weitem ihren Mann, der vor tiefer Ruͤhrung kaum fortkonnte. Warum das, mein Herz? fragte ſie. Wir ſind ja unſer; ich baue auf deine Treue ſo feſt, als du auf die meinige bauen kannſt. Derſelbe Gott, der dich geleitet, wird auch bei mir ſeyn und bei dieſem Kleinen. Wir waren Kinder, als wir die zwanzig Meilen zwiſchen uns, fuͤr ein Unheil anſehen konnten. Iſt doch das Band, welches un⸗ ſere Seelen vereinigt, ſo feſt, daß auch der groͤßte Raum nicht im Stande iſt, ſolches entzwei zu rei⸗ ßen! Und welch ein Wiederſehen dann! Wahrlich, nur durch die jetzige Trennung konnte eine kuͤnftige Erhoͤhung unſeres Gluͤckes moͤglich werden! Nach langem, dumpfem Sinnen in der Ecke ſeines Wagens, daͤmmerten im truͤben Gemuͤthe des Reiſenden allerlei Gefuͤhle und Gedanken, aber in ſehr ſchwankenden Umriſſen auf. Am beſtimmteſten noch gab ſich das Misvergnuͤgen uͤber Celiciens Kaͤlte (ſo nannte er ihre Faſſung beim Abſchiede,) zu erkennen. 4 So ſind die Frauen! dachte er. In den Ge⸗ fuͤhlen der Mutter gehen die fuͤr den Gatten, wenn „—— nicht ganz zu Grunde, doch gewis dem Untergange allmaͤhlig entgegen! Waͤhrend der Mann ſein Herz zwiſchen Mutter und Kind treu vertheilt, wird das ihrige von dem Kinde dergeſtalt erfuͤllt, daß fuͤr des Gatten Bild faſt kein Raum darin uͤbrig bleibt. Und auch die Farben des ſo ſehr ſeiner Rechte beraubten Bildes ermatten immer merklicher, bis es zuletzt in einem ganz dunkeln, nichtsſagenden Schatten ausartet. Hinterher bekaͤmpfte er freilich dieſe Vorſtellung wieder mit Ernſt, erhob die tiefe Weisheit der Na⸗ tur, welche gerade in der gewaltigſten, magnetiſchen Hinneigung der Mutter zu dem Kinde am ſchoͤnſten hervortrete, pries ſich gluͤcklich, nach ſo manchen Irrthuͤmern, in ſeiner Gemahlin ein Muſter ſchoͤner Weiblichkeit erhalten zu haben, aber eine Aengſtlich⸗ keit, deren Grund er ſich nicht recht erlaͤutern konn⸗ te, ließ ihn in dieſem Augenblicke doch nicht zum ruhigen Genuſſe des erkannten Gluͤckes gelangen. Der bunte Wechſel der an ihm voruͤberfliegene den Gegenſtaͤnde verdraͤngte endlich dieſe Betrachtun⸗ gen. Sein jetziges Alleinfahren fuͤhrte ihm die Er⸗ innerung an viele Bilder aus einer Zeit zuruͤck, wo er noch mehr in der Welt, als im Hauſe ein⸗ — 136— heimiſch war. Manch freundliches, lebensfrohes Maͤdchengeſicht verklaͤrte ihm eine Vergangenheit, welche,(das ließ ſich nicht laͤugnen) doch auch ihre Freuden und Genuͤſſe gehabt hatte. Sie kamen ihm vor wie die ſchoͤnen Gegenden, die ihm jetzt gleichſam ihre Gruͤße in den Wagen warfen, und die er in der Hoffnung, immer wieder auf neue zu ſtoßen, ohne Schmerz verlaſſen konnte. Das Blei⸗ bende war nunmehr im Leben ſein Theil geworden, und es verſtand ſich von ſelbſt, daß bei dem Feſt⸗ halten am Soliden, die fruͤhere Mannichfaltigkeit der Genuͤſſe aufgegeben werden mußte. Das fuͤr des Barons naͤchtlichen Aufenthalt be⸗ ſtimmte Gut, bot dem dort Ankommenden ein froͤh⸗ liges Feſt dar. Herr von Huning, der Beſizer, auf ſeine Ankunft vorbereitet, hatte, ihn recht an⸗ genehm zu uͤberraſchen, der Jugend ſeiner benach⸗ barten Bekannten, unter dem Namen des Winter⸗ abſchieds, noch einen kleinen Ball veranſtaltet. Huͤ⸗ ning, ein lebensfroher Univerſitaͤtsfreund von Tan⸗ gern, der ihn lange nicht geſehen, zu ſeiner Ver⸗ wunderung aber von des Barons jetziger Eingezogen⸗ heit gehoͤrt, hatte ſich's angelegen ſeyn laſſen, ihn in ihre blumenreiche Vergangenheit zuruͤckzuverſetzen. — 137— Zufaͤllig beſaß die dortige Gegend eben einen au⸗ ßerordentlichen Reichthum an weiblichen Reizen, und Frau von Huͤning ſelbſt war zu ſchoͤn, um vor dem anmuthigen Kranze von Jungfrauen und Frauen, den ihr Gemahl von Zeit zu Zeit in ſeinem Hauſe verſammelte, in Sorgen zu ſtehen. Ueberhaupt ging dieſes Paar bei ſeiner Ehe von ganz andern Grund⸗ ſaͤtzen aus, als Tangern. Eine an das Leichtfertige ſtreifende Froͤhlichkeit, fuͤhrte den Vorſitz in Huͤnings Hauſe. Die maͤnnliche und weibliche Jugend der Gegend, kannte keinen gluͤcklichern Vereinigungs⸗ punkt. Außer dem Anſtande, an dem man feſt⸗ hielt, war auf Huͤningsfreude(ſo hatte der Beſitzer das erſt vor anderthalb Jahren gekaufte Gut gge⸗ nannt) der Geſelligkeit und dem Vergnuͤgen keine Feſſel angelegt. Manch Elternpaar in der Gegend, ſchuͤttelte freilich uͤber den Beſtand der Sache den Kopf, und wirklich dauerte bis dahin die ganze Herrlichkeit noch nicht ſechs Wintermonate; denn erſt im October des vorigen Jahres hatte Huͤning die ſchoͤne Frau geheirathet. Waren ſchon auf einigen Baͤllen des vergange⸗ nen Winters, welchen der Baron mit ſeiner Ge⸗ mahlin beiwohnte, die Gedanken an ſo Manches in — 138— ihm aufgeſtiegen was er in ſeinen jetzigen Verhaͤlt⸗ niſſen entbehren mußte, ſo geſchah ſolches erſt recht bei dieſem Balle. Die vielfache anmuthige Weiſe, auf welche Schoͤnheit und Reiz ihren Wunſch zu gefallen darthaten, die zum Theil recht bewunderns⸗ werthe Kunſt im weiblichen Anzuge, in Bewegun⸗ gen und Blicken, die wohlgeformten Hände, welche er im Tanze fluͤchtig zu beruͤhren hatte, und von denen er mitunter zweifelhaft blieb, ob ſie ſich an die ſeinige, feſter als noͤthig war, anſchloſſen, mit Einem Worte: der ganze Ball, kam ihm vor, wie ein Zaubernetz, worein er ſich nicht oft begeben durfte, weil die vielen blendenden Lichter dem Glanze des in ſeinem Herzen lebenden Bildes allmaͤhlig gro⸗ ßen Abbruch thun konnten, welches doch der einzige Talismann gegen die Kraft ſolcher Netze war. Am meiſten zog ihn die ſchoͤne Hausfrau an. Nach einem Walzer, in dem das gluͤhende Herz dieſer vollen Jugendgeſtalt an dem ſeinigen klopfte, und die Maienſonne ihrer Augen mehrere Mal in der hoͤchſten Freundlichkeit auf ſeine Augen traf, glaubte er ſich zuſagen zu muͤſſen, unter irgend ei⸗ nem Vorwande den Tanz fuͤr dieſe Nacht ganz auf⸗ zugeben, um nur deſto gewiſſer der Gefahr zu ent⸗ — 139— rinnen, welche ihn in den runden, ſchneeweißen Ar⸗ men dieſer Goͤttin bedrohte. Aber die Zuſage ließ ſich nicht halten. Ueber Tafel war er der Nachbar von Frau von Huͤning, und bei ihrem und dem allgemeinen Frohſinne wuͤrde ihm der Vorwand einer Unpaͤßlichkeit unmoͤglich ge⸗ weſen ſeyn, welcher dem Entſchluſſe, nicht zu tan⸗ zen, nothwendig zur Einleitung dienen mußte. Und bald nachher, als man ſchon wieder den Saal walzend auf und niederflog, und er eben die Frau vom Hauſe aufzuſuchen dachte, um ſich unter je⸗ nem Vorwande nach ſeinem Schlafgemache zuruͤckzu⸗ ziehen, fuͤhlte er auf Einmal den freundlichen Druck einer ſchoͤnen Atlashand. Nun ſehen ſie, Tangern, meinen Mann!— ſprach die Hauswirthin ſelbſt, auf Huͤning deutend, der wirklich, einzig noch in den ſchmachtenden Blik⸗ ken ſeiner jnngen Taͤnzerin lebend, voruͤberſchwebte. — Verdient dergleichen nicht die bitterſte Rache, und koͤnnen ſie ihrer neuen Freundin wohl den Bei⸗ ſtand in ſolch einem gerechten Beginnen verſagen? Dabei gab ſie ihm ſchon ihren Arm. Viel zu betaͤubt von dieſer Ueberraſchung, wuͤrde ſeine Entſchuldigung durch Krankheit nur hoͤlzern — 440— und beleidigend erſchienen ſeyn. Uebrigens that das Unverkennbar⸗Zudringliche hierin wenigſtens ſo viel fuͤr die Erreichung ſeiner Abſicht, als das Nicht⸗ tanzen bewirkt haben wuͤrde. Frau von Huͤning ſchlief noch, als am Morgen der Hausherr mit dem Reiſefertigen fruͤhſtuͤckte. Begierig auf das Urtheil ſeines Gaſtes uͤber den Ball, freute er ſich des unbeſchraͤnkten Beifalls, den der Baron ihm ertheilte und ſagte dann: Du mußt wiſſen, alter Freund, daß ich den ganzen Winter von Zeit zu Zeit ſolche Verſammlungen ge⸗ halten und die Freude auf meinem Gute recht zu organiſiren geſucht habe. Das Beſtreben, die Vor⸗ zuͤge des ehelichen Lebens mit den Vorzuͤgen des le⸗ digen Standes zu vereinigen, ſchien mir eine Auf⸗ gabe, deren Loͤſung ſich wohl der Muͤhe lohnte. Aber, mein Freund— verſetzte der Baron— aufrichtig zu geſtehen, geht doch wohl deinem Werke die rechte Haltbarkeit ab. Die menſchlichen Leiden⸗ ſchaften—— Widerſtreben— unterbrach ihn Huͤning— al⸗ lenthalben der Regel, alſo auch hier. Indeſſen ſtrei⸗ tet man fuͤr dieſe, ſo lange es gehen will. Und Haltbarkeit uͤberhaupt! Da das ganze Leben keine —xy— — 111— hat, ſo muß man deren nicht zu viel von andern Einrichtungen verlangen. Was kann man auch wohl thun, als was von mir geſchieht, will man nicht mitten im Ueberſchwange der jugendlichen Kraft den Genuͤſſen der Jugend entſagen, und ſich Schranken anlegen, die vielleicht zu gar nichts fuͤhren, als zu unnatuͤrlichem Schmerze? Das Eintreten der Frau vom Hauſe gab dem Geſpraͤch eine andere Richtung. Leichenblaß und trͤbaͤugig, wie ſie erſchien, fragte ſich der Baron, ob das dieſelbe Perſon ſey, deren Einfluß er in der Nacht ſo ſehr gefuͤrchtet hatte, und verließ bald nach⸗ her das Gut, in der feſten Ueberzeugung, daß er mit ſeiner haͤuslichen Einrichtung doch wohl das beſ⸗ ſere Loos gewaͤhlt haͤtte, ihm auch in ſeiner Gemah⸗ lin ein ganz anderes, weit beſſeres Weſen zu Theil geworden waͤre. Zugleich aber fuͤhrte ihn jener Wal⸗ zer zu der Betrachtung, wie zerſtoͤrend oft ein ein⸗ ziger Augenblick, wenn man ſeinen Lockungen ſich hingaͤbe, auf das Lebensgluͤck eines ganzen Hauſes einwirken koͤnnte, und ſo ſchien das am Abend Er⸗ lebte ihn in der Bahn des Rechten ehern efſt als geſtoͤrt zu haben. Gerade zur Zeit der Mittagstafel fie der Ba⸗ — 142— ron im erſten Gaſthofe ſeines jetzigen Beſtimmungs⸗ ortes ab. Der feierliche Einzug des Fuͤrſten, dem nach des zeitherigen Regenten Ableben, das Land zu⸗ gefallen war, hatte das anſehnliche Haus bis unter das Dach mit Gaͤſten uͤberfuͤllt, und nach der Ver⸗ ſicherung des Achſelzuckenden Oberkellners ſtand zu beſorgen, daß es in einem zweiten Gaſthofe derſelbe Fall ſeyn werde. Hoffentlich— hieß es— wuͤrden nach beendig⸗ ter Table d'Hote mehrere Anweſende aus der Nach⸗ barſchaft wieder fortreiſen. Er koͤnne ſolches dort abwarten, wenn ihm vielleicht die Theilnahme am oͤffentlichen Mittagstiſche gefaͤllig waͤre. Allein Tangern hatte ein zu ſtarkes Fruͤhſtuͤck bei Huͤnings eingenommen, um nicht zunaͤchſt nach Ruhe ſich zu ſehnen, zumal da die uͤberaus ſchlechte Straße ihn unterwegs zu dem Schlafe nicht kommen laſſen, den er in der vorigen Nacht verſaͤumt hatte. Sein verdrießliches Geſicht ſchien den Oberkellner erſt auf den Einfall zu bringen, daß No. 2. im erſten Stocke vor einer Stunde frei geworden. Da man ſchon zweimal nach ihm gerufen und die hoͤch⸗ ſte Ungeduld in Tangerns Miene nicht zu verkennen war, ſo gab er einem voruͤberkommenden Gehuͤlfen — 143— ſeinen Hauptſchluͤſſel mit dem Geheiß, jene Nummer zu oͤfnen. Erſt nachdem des Barons Bedienter ſchon ſeine Sachen dorthin gebracht und den Herrn wieder ver⸗ laſſen hatte, nahm dieſer einen Frauenhut und an⸗ dere weibliche Anzugsſtuͤcke wahr. Wenig aufgelegt zum Nachſinnen, wer ſie zuruͤckgelaſſen, ſtreckte er ſich auf das Sopha hin, ſprang jedoch unmittelbar darauf wieder in die Hoͤhe, um der Ruhe auf dem⸗ ſelben durch Verriegeln des Zimmers gewiß zu wer⸗ den.— Aber ein Huſten aus der nur angelehnten Glas⸗ thuͤre eines bis dahin gar nicht bemerkten Alkovens, mußte ihn doch um ſo ſtutziger machen, da es von weiblicher Stimme herruͤhrte, und ein durch einen fremdartigen Accent nur noch pikanter werdendes: Wer das ſich unmittelbar daran ſchloß. Indem er hierauf dem Alkoven naͤher trat, kam viel eiligern Schrittes die Bewohnerin deſſelben an die Glasthuͤr, verſchloß dieſe von innen und ſchob den gruͤnſeidnen Fenſtervorhang zuruͤck. Das zuvor gar nicht erwartete Frauenkoͤpfchen, das hier, wie ein von der groͤßten Meiſterhand ge⸗ maltes Bruſtbild, hinter Glas und Rahmen erſchien, war zu intereſſant, als daß es die durch Muͤdigkeit zuvor ſo feſt gebundenen Geiſter in dem Baron nicht auf der Stelle haͤtte entfeſſeln ſollen. Das friſche Kolorit eines uͤberaus niedlichen Geſichts, die vollen Korallenlippen, das rabenſchwarze Haar, deſſen eine Locke nur uͤber den Hals herabgefallen ſchien, um deſſen Lilien mehr hervorzuheben, vor allen aber ein paar Augen, deren brauner Glanz berauſchend auf jeden einwirken mußte, der ihnen gegenuͤber ſtand, das Alles machte, daß Tangern zur Vildſaͤule wurde, und vor dem ſtillen Bewundern der ſeltenen Reize nicht zu dem entſchuldigenden Worte kommen konnte, das die Umſtaͤnde und dieſe Reize ſelbſt dem d Gölde⸗ ten Manne auferlegten. Das Lachen, worein jetzt mit einem Male die Dame im Alkoven ausbrach, gab ihrem lieblichen Geſichte erſt das vollſte, hinreißendſte Leben. Tan⸗ gern ſtammelte ſeine Entſchuldigung, und erklaͤrte, daß er, nach erhaltener Verzeihung, welche ihm noth⸗ wendiges Beduͤrfnis ſey, ſich ſogleich entfernen werde. Ihr ganzes Betragen, mein Herr— ſagte jetzt die Dame in ſehr einnehmendem Franzoͤſiſch— ſpricht ſie von aller Schuld los, und giebt zu erkennen, daß ſie ungefaͤhr in dieſelbe Verlegenheit geſetzt, worden — 145— ſind, als ich. Ungefaͤhr! denn die meinige, das koͤnnen ſie leicht ermeſſen, muß noch bei weitem groͤ⸗ ßer ſeyn. Darum bin ich mir auch ſelbſt ſchuldig, ſie von den Umſtaͤnden zu unterrichten. Bey dieſen Worten oͤffnete ſie die Thuͤre, und das ſchoͤne Ebenmaas aller Glieder, welches mit ihrer ganzen Figur zum Vorſcheine kam, mußte den Ein⸗ druck maͤchtig verſtaͤrken, den ihr Bruſtbild auſn den Baron gemacht hatte. Entſchuldigen Sie nur vor allen Dingen die Un⸗ ordnung!— ſagte ſie, mehr vielleicht, um fuͤr' Erſte die durch Tangern verriegelte Thuͤre wieder zu oͤffnen, als um den Shawl anderwaͤrts hinzulegen, der nahe an derſelben auf einer Stuhllehne hing.— Der großen Waͤrme wegen, daͤchte ich! fuͤgte ſie dann hinzu, die Thuͤre halb aufſchiebend. Man ſete ſich, und ſie erzaͤhlte, daß ſie aͤuſſerſt matt von langem Warten auf den fuͤrſtlichen Ein⸗ zug, und dann durch dieſen ſelbſt, wenn nicht noch matter, doch ſeiner Unbedeutenheit wegen, wenigſtens verdrießlicher geworden, vor der Ruͤckreiſe nach einem benachbarten Gute, noch ein wenig habe ausruhen wollen. Ihre drei Gefaͤhrtinnen haͤtten ihr hierzu nicht mehr als eine halbe Stunde Zeit zugeſtanden, III. 10 — 146— und geaͤuſſert, daß ſie, im Fall des laͤngeren Schla⸗ fes, ohne ſie abreiſen wuͤrden. Unter der Voraus⸗ ſetzung, man werde ſie der Verlegenheit, allein im Gaſthofe zuruͤckzubleiben, ſchwerlich ausſetzen, ſey ſie dieß zufrieden geweſen. Ein ſehr unzeitiger Muth⸗ wille aber habe ihr, wie ſie ſehe, den angedrohten Streich wirklich geſpielt und, wie aus Tangerns Ein⸗ weiſung in das Zimmer hervorgehe, ohne im Hauſe von ihrem Zuruͤckbleiben etwas zu ſagen. Beſondere Empfindlichkeit zeigte ſie daruͤber, daß die Abgereiſten ſogar das Zimmer offen gelaſſen haͤtten. Der Baron konnte ſie hieruͤber beruhigen, die Dame aͤuſſerte dabei, daß zwar ſchon Nachmittags wieder eine Reiſegelegenheit fuͤr ſie eintrete, meinte aber, der Erfolg allein zeige, in welch einen Schrek⸗ ken ſie haͤtte verſetzt werden koͤnnen, wenn ein Gaſt von rohen Sitten an Tangerns Stelle geweſen waͤre. Die Thurmglocke, welche drei ſchlug, entdeckte der Dame erſt, wie lange ſie geſchlafen. Ihrer Aeuſſerung nach, haͤtte ſie unter dieſen ſehr wider ihren Willen herbeigefuͤhrten Umſtaͤnden, die Table d' Hote des Gaſthofs gern benußzt. Der Baron ver⸗ ſicherte, daß es dazu noch Zeit 5 und erbot ſich, ſie dahin zu begleiten. — 147— Das Aufſehen, welches die reizende Fremde im Eintreten bei Herrn und Damen an der ſtarkbeſetz⸗ ten Tafel erregte, konnte weder ihr noch dem Ba⸗ ron entgehen. Ein elektriſcher Schlag ſchien beſon⸗ ders die Herrn zu treffen, und die Dienſtfertigkeit war groß, mit der man die zwei letzten, uͤbrigen Couverts, welche ſehr weit auseinander lagen„ durch eine, faſt die Haͤlfte des anſehnlichen Tiſches ange⸗ hende Platzveraͤnderung, mit den bereitwilligſten Mie⸗ nen zuſammenbrachte. Um ſo mehr mochten ſich auch bald die naͤchſten Nachbarn der neueſten Tiſchgenoſſen uͤber die eigene, von Niemand ihnen abverlangte, Gefallgkeit aͤrgern, als aus den Reden und dem ganzen Betragen der Beyden ziemlich klar hervorging, daß ſie einander faſt ſo fremd, als der uͤbrigen Geſellſchaft waren. Der Nachbar, welcher der Dame zur Rechten ſaß, ein Elegant nach der ſtrengſten Modefagon, da⸗ zu ſehr empfohlen durch Jugend und Wohlgeſtalt, bemerkte dieß kaum, als er auch ſchon anfing, ſein Gluͤck in der Unterhaltung mit ihr zu verſuchen. Die Nachſicht, welche ſie auf ſeine Entſchuldi⸗ gung dem ſchlechten Franzoͤſiſch wiederfahren ließ, das er ſprach, ermuthigte ihn ſichtbar. Nur allzu⸗ 10* — 148— bald aber erfolgte nunmehr eine Abfertigung, ſo artig, daß ihr dadurch die Herzen aller Herrn in der Nach⸗ barſchaft zuflogen, und das Beſtreben nach Gluͤck bey der Dame einen Wetteifer in ihnen erregte, deſ⸗ ſen ungluͤckliches Reſultat ihr auf einmal die Herzen der meiſten, bisher zum Theil ſichtbar mit Neid ge⸗ gen ſie erfuͤllten Damen zuwendete. Denn die Ue⸗ bertreibung in der Galanterie, deren ſie ſich insge⸗ ſammt ſchuldig machten, zog ihnen ebenfalls Zurecht⸗ weiſungen zu, um ſo empfindlicher, je geiſtreicher ſie ausfielen. Tangern war der einzige, dem ſie die Auszeich⸗ nung einer beſſern Behandlung vorbehielt. Beſon⸗ ders gab ſie auch ihr Wohlgefallen uͤber ſein zierliches Franzoͤſiſch zu erkennen. Sie begriff nicht, wie ſie ſagte, daß er wirklich kein Landsmann ſeyn ſollte von ihr, welche der Hauptſtadt Frankreichs Geburt und Erziehung verdankte. Gegen das Ende der Tafel erſchien ein Bedien⸗ ter, den Beſuch ihrer Mutter anzukuͤndigen, welche ſo eben in einem andern Gaſthofe abgeſtiegen war. Herr Baron— ſagte die Dame— der weit⸗ laͤufigen Eroͤrterung auszuweichen, ob das Quartier, das wir durch einen ſonderbaren Zufall Beyde bewoh⸗ — — — 149— nen, ihnen oder mir angehoͤre, bitte ich ſie, ſobald meine Mutter hierher kommt, mich dahin zu begleis ten und fuͤr die letzte Stunde die ich dort zu brin⸗ gen werde, uns ihre Unterhaltung zu ſchenken. Wenn ſie vielleicht in der kurzen Zeit unſerer Bekanntſchaft ſchon bemerkten, daß ich nicht alle Geſchenke dieſer Art zu wuͤrdigen weiß, ſo werden ſie dieß wohl um ſo weniger als ein leeres Compliment betrachten koͤne nen. 1110 t. nt11t20 Sie ſagte das leiſe und mit ſo einnehmender, verbindlicher Miene, daß mehrere der umherſitzenden Herren, ihren Groll uͤber den Vorzug, den ſie Tan⸗ gern offenbar einraͤumte, nicht zu verbergen im Stande waren. 1 Einen einzigen Augenblick zu wenigen Taokten mit meiner Mutter allein! ſprach ſie noch, als jetzt dieſe Dame angelangt war, dann eilte ſie hinweg. Tangern verließ ebenfalls die Gaſttafel, um dem Begegniſſe in einem entfernten Fenſter nachzuſinnen. Die aͤcht franzoͤſiſche Bildung der Frau von Soiſ⸗ ſons(denn die er fuͤr ein Fraͤulein gehalten, hatte ſich ihm bereits als Witwe zu erkennen gegeben) trug etwas aͤuſſerſt Verfuͤhreriſches an ſich. Auch kein einziger Vergleichungspunkt zwiſchen ſeiner im erha⸗ benen Schmucke der Stille und Einfachheit, wie die Liebe und Guͤte ſelbſt daſtehenden Gemahlin und dieſem lebendigen Weſen, das fuͤr jeden Augenblick eine beſondere Miene, einen eigenthuͤmlichen Reiz zu haben ſchien. Und doch war eben darum der Ein⸗ druck der ganzen Perſoͤnlichkeit ſo groß und maͤchtig auf ihn, daß er ihre nahe Abreiſe fuͤr ein Heil er⸗ achtete. Lieber noch wuͤrde er bei dem ernſten Nach⸗ denken, worein er jetzt verſank, dieſe Bekanntſchaft gar nicht gemacht haben. Wenigſtens konnte ein ſei⸗ ner Ruhe nachtheiliger Stachel davon in ihm noch lange zuruͤckbleiben. Es wollte ſich naͤmlich der Glaube ihm aufdringen, daß nach ſo vielen genauen Be⸗ kanntſchaften mit Damen, von denen die Koketterie der einen dieſe, der andern jene beſondere Anziehkraft verliehen habe, die Verbindung mit einem ſchoͤnen, deutſchen weiblichen, von aller Gefallſucht weit ent⸗ fernten Weſen auf die Laͤnge ihm weniger zuſagen muͤſſe, als der Verein mit einer liebenswuͤrdigen Franzoͤſin, in der die Kunſt der Koketterie ſelbſt zur Natur geworden, jeden Augenblick ihres Lebens durch eine neue Grazie verſchoͤnerte. Da kam der Bediente, ihn zum Kaffee einzu⸗ laden. Die Frau, welche die reizende Witwe dem Ein⸗ tretenden als ihre Mutter vorſtellte, war noch ſehr anſehnlich und wohlerhalten, wie ſolches bei einer, erſt etwa neunzehnjaͤhrigen Tochter wohl auch der Fall ſeyn konnte. Baron— begann Frau von Seiſſons, nach den erſten herkoͤmmlichen Redensarten— meine gute Mutter begehret ihren Rath. Sie wuͤnſcht zu wiſ⸗ ſen, ob wohl hieſige Stadt und Gegend ihr die Zeit von morgen und uͤbermorgen hinreichend ausfuͤllen wuͤrden. Tangern verſicherte das; entwarf auch zugleich einen Plan zur zweckmaͤſigſten Benutzung jeder Stunde. Sie ſehen wohl, theure Mutter— ſprach die junge Dame— daß ich ſie ganz an den rechten Mann adreſſirte. Uebrigens, Herr Baron, trauen ſie meiner Mutter Diskretion genug zu, daß ſie nicht etwa zum Danke fuͤr die Zeit, welche ihre ge⸗ ſchickte Berechnung ihr erſpart, ihnen ihre Zeit rauben zu wollen denkt. Meine Mutter macht durchaus keinen Anſpruch auf ihre perſoͤnliche Begleitung zu irgend einer der vor⸗ geſchlagenen Parthieen. Ich ſelbſt werde ihr zur Ge⸗ faͤhrtin dienen. Zu ihnen geſagt, ſo iſt es weniger ein Verlangen nach den hieſigen Merkwuͤrdigkeiten, was meine Mutter zum Hierbleiben bewegt, als die Indignation, welche auch ſie uͤber die Art empfindet, mit der man mich, durch das Alleinlaſſen hier im Gaſthofe, in Verlegenheit ſetzte. Denn daß ich die⸗ ſer undelikaten Handlungsweiſe das Vergnuͤgen einer ſehr werthen Bekanntſchaft verdanke, kommt nicht auf Rechnung der Freunde, die wir durch unſer Hier⸗ bleiben ſtrafen wollen, ſondern lediglich auf die, ei⸗ nes mir ſehr guͤnſtig geweſenen Zufalls. Ein Herr und eine Dame erſchienen, um Mut⸗ ter und Tochter nach den Gute abzuholen. Waͤh⸗ rend der Weigerung und der Unterhandlung daruͤber entfernte ſich Tangern, ſeinen Geſchaͤften nach zu gehen, konnte aber der hinreißenden Bitte der jungen Witwe, ihr und ihrer Mutter auf den Abend, we⸗ nigſtens noch fuͤr einen Augenblick, ſeine Geſellſchaft zu vergoͤnnen, unmoͤglich eine Verneinung entgegen⸗ ſetzen. Sehr verdrießlich, die Angelegenheit, welche ihn zur Reiſe veranlaßt, viel verwickelter als er geglaubt hatte zu finden, kehrte der Baron erſt ziemlich ſpaͤt in den Gaſthof zuruͤck. Das Zimmer No. 3., wo⸗ hin inzwiſchen ſeine Sachen geraͤumt worden, ſtieß an die Wohnung der beiden Damen und kaum hatte er den Hut abgelegt, als auch ſchon nach leiſem Klo⸗ pfen an die Zwiſchenthuͤre, die Mahnung von wohl⸗ bekannter Stimme erſcholl, daß er ſeiner Zuſage nicht vergeſſen ſollte. Er eilte, ſie zu erfuͤllen. Gott ſey Dank, daß ſie endlich kommen, Baron! rief Frau von Soiſſons ihm entgegen. Hier ſitzen wir nun ſchon den ganzen Abend. Zuletzt, als wir uns voͤllig ausgeſprochen hatten, nahm ich noch die Zuflucht zum Kammermaͤdchen meiner Mutter, einer Deutſchen, die weit bewanderter iſt in Romanen, als in dem, was zu ihrem Dienſte gehoͤrt, und da⸗ her auch an jedem Orte, wohin wir kommen, die Leihbibliotheken zuerſt aufſucht. Dort liegt das Buch, das ſie hekommen hatte., Wer aber moͤchte ſeine Hand hergeben, die ſchmuzigen Blaͤtter umzuwenden wer es aushalten, die widerwaͤrtigen Geruͤche einzu⸗ athmen, die ſolches weithin aushaucht. Ich hoͤrte doch— verſetzte der Baron— daß die Wirthstafel unten auch Abends beſucht ſeyn ſoll. Warum nahmen Sie nicht Theil an ihr, meine Damen? 4 Weil wir— antwortete Frau von Soiſſons— ehrlich zu geſtehen, ihre Nuͤckkehr fruͤher erwarteten. Tangern konnte auf dieſes recht ſchmerzlich aus⸗ geſprochene Wort, kaum etwas anders als ein glei⸗ ches Bedauern zu erkennen geben, uͤber die ſehr ver⸗ drießliche Unterhaltung, welche ihn von der Fſenehm⸗ ſten abgehalten habe.— Uebrigens— fuhr die reizende Witwe fort— fehlte meiner Mutter die Luſt eine Geſellſchaft auf⸗ zuſuchen, von der ich ihr(da Sie ſchwerlich darun⸗ ter waren) nicht die beſte Idee beibringen konnte. Man beſchuldigt gewoͤhnlich meine Landsleute, zumal die jugendlichen, einer zudringlichen Artigkeit. Ar⸗ tigkeit aber iſt doch immer noch eine beſſere Eigen⸗ ſchaft als jenes plumpe, abgeſchmackte Weſen, wel⸗ ches ſo oft die jungen Herren in Deutſchland zu Tage legen. Wenn die Unverſchäͤmtheit der Blicke, die mir dieſen Mittag entgegen kam, ſobald ich nur einmal mein Auge vom Teller empor richtete, fuͤr eine beſondere Huldigung gelten ſoll, ſo muß wenig⸗ ſtens ein wohlerzogenes Frauenzimmer auf der⸗ gleichen Verzicht leiſten. Beſonders zuwider waren mir einige davon, an deren Hand ich den Trauring zu ſehen glaubte. Auch hierin beobachtet man doch, wenigſtens in der gebildeten Geſelſchaft Frank⸗ reichs, ſo viel Schicklichkeit, um das Zeichen der gelobten Treue nicht vor ſo vielen Menſchen geradezu bloszuſtellen. Wenn man auch vielleicht bei uns in manchen Dingen ſchwerlich detdiſſengafler ver⸗ faͤhrt, als hier, ſo weiß man doch zuverläͤſſig die Facon weit beſſer zu ehren und zu beobachten. Schuͤchtern geworden aus Beſorgnis, er koͤnnte vielleicht ſelbſt in ſeinen Blicken gegen ſie zu weit gegangen ſeyn, ſuchte Tangern nach einer Entſchul⸗ digung fuͤr ſeine Landsleute, und wie er ſo verlegen ſeine rechte Hand beſchaute, vermißte er an dieſer den Trauring, den er ſeit ſeiner Verheirathung nur ſelten abgelegt hatte. Mein Gott, was widerfaͤhrt Ihnen? rief die junge Dame. Sie werden ja bleich, wie mein Tuch. Ihr offenbares Erſchrecken zeigte wenigſtens dem Baron, daß ihre Bemerkung uͤber die Herren mit Trauringen an der Hand, ihn nicht hatte treffen ſollen. Zugleich fiel ihm auch ein, daß er vorhin, als er ſich auf ſeinem Zimmer gewaſchen, dabei wohl den Ring habe ablegen und liegen laſſen koͤnnen. Beides zuſammen gab ihm die verlorne Haltung zuruͤck. Ein Schwindel— antwortete er— der ſchon voruͤber iſt. Mit groͤßter Theilnahme erkundigten ſich die Damen, ob er dergleichen Anfaͤllen oͤfter unterwor⸗ fen waͤre und riethen ihm allerlei an zur Begeg⸗ nung des Uebels. Durch ein abſichtliches Zuſam⸗ menraffen ſeiner Geiſteskraͤfte und eine Luſtigkeit, die ihm jedoch nicht aus dem Herzen kam, ſuchte er das Unbedeutende des nur augenblicklichen Uebels, ihnen in's Licht zu ſetzen. Er ſprang auf, und mit ſichtbarer Freude bemerkten die Damen, daß auch das aus ſeinem Geſicht verſchwundene Blut wieder dahin zuruͤckkehrte und bald keine Spur von jener Anwandlung weiter an ihm warzunehmen war. Halb gedankenlos griff er nach dem vorhin erwaͤhn⸗ ten Buche aus der Leihanſtalt. Es war die alte Ueberſetzung eines bekannten Romans von Laclos, unter dem Titel: Die gefaͤhrlichen Bekanntſchaften. Und morgen— ſprach Frau von Soiſſons, als er ſchon den Hut genommen hatte— werden wir von fruͤh an, jede Stunde mit Dank anneh⸗ men, welche ihre Gefaͤlligkeit fuͤr uns etwa uͤbrig haben ſollte. Vor ihrem Ausgehen ein Mehreres daruͤber. Da wir Nachbarn ſind, ſo werde ich ih⸗ nen ſagen, von welcher Zeit an ſie uns ſprechen koͤnnen. — 157— Tangerns Erſtes, nach der Ruͤckkehr auf ſein Zimmer, war das Suchen nach dem Trauringe. Aber nirgends ein Ring, weder auf dem Waſchtiſche noch anders wo. Er klingelte. Allein der Kellner, den er fragte, verſicherte, daß kein Menſch auf das Zimmer gekommen, und ſuchte es mit dem, von dem nachlaͤſſigen Dienſtmaͤdchen noch nicht einmal wieder in Ordnung gebrachten Waſchtiſche zu beweiſen⸗ Bald ward es Tangern ſogar einleuchtend, daß der Verluſt unſtreitig viel fruͤher erfolgt war, und er den Ring vermuthlich ſchon an der Table d'Hote nicht mehr gehabt hatte, weil die feine Soiſſons bei ſo vieler Artigkeit gegen ihn, ſonſt ſchwerlich uͤber die Maͤnner mit Trauringen an der Hand, wie es geſchehen, ſich ausgelaſſen haͤtte. Ueberhaupt hatte der Ring, ſeitdem er ihn trug, erſt einige Mal ſich uͤber das Gelenk des Fingers geſchoben und das im Anfange ſeiner Ehe. Ganz abgefallen war er ihm nie. Sein Gewiſſen legte dem Zufalle eine tiefe un⸗ gluͤckliche Bedeutung unter. Beim erſten Wanken verlaſſen zu haben. Bei weiterem Nachdenken je⸗ ſeiner Treue ſchien auch das Zeichen derſelben ihn doch fing er an, in dem Verluſte eine heilſame Warnung zu erblicken. Er glaubte ſogar eine Wie⸗ derholung derſelben in dem Titel jenes Romans ſe⸗ hen zu muͤſſen. Allerdings war es auch gewiß die gefaͤhrlichſte Bekanntſchaft ſeines Le⸗ bens, vor der er ſich jetzt zu huͤten hatte. Allmaͤhlig ward ihm wieder recht leicht und wohl. Mochte auch das leere Zeichen vom Finger gefallen ſeyn; nur deſto feſter dachte er die Treue, von der es zeugen ſollte, in ſeinem Herzen zu be⸗ wahren. Seine geliebte Celicie, die zaͤrtliche Mut⸗ ter ſeines Kindes, ſtand ſo ganz in der Glorie ih⸗ res ſchoͤnen Weſens vor ſeinem Geiſte, daß er voll der tiefſten Beſchaͤmung, ſein Auge niederſchlug. Aber es erhob ſich wieder, theils beim Gedanken an ihre unendliche Guͤte und Liebe, theils in der Be⸗ trachtung, daß außer unwillkuͤhrlichen Regungen auch noch gar nichts, ihm zur Laſt fiel. Wie aber, wenn er dieſen Regungen nachgegeben, wenn er, belaſtet mit wirklicher Schuld, der reinſten, treueſten Gat⸗ tin unter die Augen haͤtte treten muͤſſen? Wahr⸗ lich, ſein ganzes Lebensgluͤck, waͤre dann untergra⸗ ben. Denn er fuͤhlte nur allzuklar, daß ſolches nicht allein auf ihrer Liebe und Treue, ſondern — 159— hauptſaͤchlich auch auf der eigenen Liebe und Treue gegen ſie, beruhte. 2en Den feſten Vorſatz, der hierauf in ihm entſtand, ſuchten zwar waͤhrend ſeines Nachtſchlafs leichtfertige Traͤume ihm aus der Seele zu gaukeln; aber kaum verſcheuchte der Morgen den Schlummer, ſo ſam⸗ melten ſich auch alle ſeine Gedanken wieder um das fromme Bild ſeiner geliebten Frau. Seine Geſchaͤfte am Orte machten nun vorzugs⸗ weiſe Anſpruch auf ſeine Thaͤtigkeit. Und wie er eben da ſaß und ſchrieb, klopfte es an die Thuͤre, welche aus dem Zimmer der beiden Damen in das ſeinige fuͤhrte. Der ganz leiſe gute Morgen! der ihm darauf geboten wurde, vollendete die reizende Geſtalt der Witwe, welche ſchon bei jenem Klopfen ſeine Einbildungskraft vor ihn hingezaubert hatte. Hinuͤber mußte er. Er war es der eigenen Ehre ſchuldig, die Bekanntſchaft zweier ſehr gebilde⸗ ter Damen nicht auf unhoͤfliche Weiſe abzubrechen und um ſo feſter entſchloſſen, den Vorwand von ſeinen Geſchaͤften zu einer Reiſe zu nehmen, da ohnehin die Erklaͤrung, nach welcher er eben geſchrie⸗ ben hatte, unter einigen Tagen gar nicht eintreffen konnte, und eher ſich kein Schritt weiter thun ließ. — 160— Einen neuen, ganz unerwarteten Eindruck aber machte die Art, wie die junge Witwe dem Eintre⸗ tenden entgegen kam, auf dieſen. Der heitern Dame ſtanden Thraͤnen in den Augen, ihre Mut⸗ ter war eben erkrankt. Der unmittelbar drauf aus dem Alkoven heraustretende Arzt beſtaͤtigte mit Ach⸗ ſelzucken die ſchon beſorgte Bedeutſamkeit ihres Ue⸗ bels. Waͤhrend ſie mit ihm ſprach, wollte Tangern ſich wieder entfernen, aber ſie bat ihn ſo dringend, noch einen Augenblick zu verweilen, daß er's un⸗ moͤglich verweigern konnte. Der Arzt verſchrieb ein, jedoch erſt dann anzu⸗ wendendes Heilmittel, wenn der Schlummer, der ſich einſtellen zu wollen ſchien, voruͤber ſeyn wuͤrde. O mein Freund— ſeufßzte, als der Doktor hinweg war, die niedergeſchlagene junge Frau— was wird das nun wieder einmal geben? Faſt ein⸗ zig mit den Bitterkeiten des Lebens vertraut ge⸗ worden, muß ich bei jedem Unfalle mich immer ſo⸗ gleich auf das Aergſte vorbereiten! unter vielen Thraͤnen gab ſie ihm hierauf ei⸗ nen kurzen Abriß ihres an ſeltſamen Ungluͤcksfaͤllen uͤberaus reichen Lebens. Wahrlich— fuͤgte ſie hin⸗ zu— nichts, als der mir verliehene, heitere Sinn — 161— hat mir uͤber ſo manche ſchreckliche Klippe hinaus⸗ geholfen. Er nur erhaͤlt mich aufrecht und der Troſt, den mir oft grade in der boͤſeſten Zeit die Vorſehung zugeſandt hat. So gewaͤhrt mir jetzt ihre werthe Bekanntſchaft, der Umſtand, daß ſie noch eine Zeit lang hier verweilen, die koͤſtliche Be⸗ ruhigung an dieſem fremden Orte, wenigſtens in den erſten Tagen, nicht ganz allein zu ſeyn, ſondern mich im Nothfalle ihres gewiß heilſamen Rathes er⸗ freuen zu duͤrfen.* Das Zutrauen in den von Thraͤnen geroͤtheten, ſchoͤnen Augen konnte Tangern bei ſeinem weichen Herzen unmoͤglich Luͤgen ſtrafen. Er waͤre— ſo ſagte er ſich— ein Tiger geweſen, wenn er ſol⸗ ches haͤtte taͤuſchen und die, an ſich ganz unnoͤthige Reiſe noch vornehmen wollen, um die arme Lei⸗ dende ihres jetzt einzigen Troſtes zu berauben!— Die Krankheit der aͤltern Dame nahm ſchon am Nachmittage einen noch weit boͤsartigern Charakter an. Der Dokter glaubte den, wahrſcheinlich ſehr ſchlimmen, Ausgang nicht auf ſeine Schultern al⸗ lein nehmen zu koͤnnen und brachte den beruͤhmte⸗ ſten Arzt in der dortigen ganzen Gegend mit vor der Kranken Bette. Auch dieſer meinte, daß ſie, III. 11 — 162— wenn nicht beſondere Umſtaͤnde eintraͤten, kaum den folgenden Tag erleben wuͤrde. Als die Aerzte hinweg und nur noch die geaͤng⸗ ſtete Tochter und Tangern im Zimmer waren, faß⸗ ten die Schauer ihres Alleinſtehens die allem Ver⸗ muthen nach bald Verwaiſte. Tangern hielt es fuͤr Pflicht, alle Troſtgruͤnde aufzuſuchen, aber was er ihr auch ſagen mochte, ſchien ſie nur tiefer in die wilden Wogen der Verzweiflung zu verſenken. Erſt bei ſeinem Worte: Wahrlich, ſo lange ich lebe, ſollen Sie nicht allein ſeyn, erſt da kehrte ihr Blick zuruͤck aus der duͤſtern Nacht zu ihm. Ihre Hand erfaßte die ſeinige, wie der in den Flu⸗ ten Verungluͤckte die vom Ufer heruͤberreichende Baumwurzel, durch welche er Rettung zu finden glaubte. Die Auslegung, welche ſie ganz offenbar ſeinem Worte gab, traf ihn betaͤubend gleich einem Don⸗ nerſchlage. Ihr Weſen nahm von dieſem Momente eine voͤllige Hingebung gegen ihn an und aus ihren naſſen Blicken quollen Stroͤme von Liebe, denen er nicht widerſtehen konnte. Waͤhrend er die ſchmerz⸗ liche Erlaͤuterung jenes Wortes bis zu dem Zeit⸗ punkte, wo ſie ruhiger geworden ſeyn wuͤrde, ſich — 163— vorbehielt, bekam ihr ganzes Verhaͤltnis unvermerkt eine andere Geſtalt, und mit der Liebe, welche ſie ihm nunmehr bei jeder Gelegenheit unverholen zeigte, entfaltete ſich auch eine Liebenswuͤrdigkeit an ihr, die, unterſtuͤtzt von den feinſten Berechnungen der Ko⸗ ketterie, allmaͤhlig Sinn und Herz immer maͤchtiger gefangen nehmen mußte. Die Nacht, welche gar oft mit daͤmoniſcher Ge⸗ walt auf die menſchlichen Gefuͤhle einwirkt, vollen⸗ dete das Uebel. Das Entzuͤcken uͤber die ganz unerwartete Beſ⸗ ſerung der Mutter, warf die Tochter in ihrem Bei⸗ ſeyn an den Hals des Geliebten. Mit zwei Wor⸗ ten ſagte ſie der Patientin, was er ihr verheißen, und Tangern war außer Stande, die Frau, von der die Aerzte ſo eben geaͤußert hatten, daß ihre Herſtellung einzig bei der ſorgfaͤltigſten Vermeidung aller widrigen Gemuͤthseindruͤcke moͤglich ſey, mer⸗ ken zu laſſen, daß der Segen, welchen ſie mit In⸗ brunſt uͤber ihre Tochter und ihn ausſprach, wie der toͤdtlichſte Fluch auf ſeine Seele wirkte. Die Befolgung der aͤrztlichen Vorſchriften, die ſich ſeit der fuͤr die Kranke eingetretenen gewiſſen Lebenshoffnung ſehr vervielfaͤltigt hatten, nahmen 11* — 164— am Tage nachher die Aufmerkſamkeit der jungen Wittwe beſonders in Anſpruch. Dafuͤr ging es auch, nach der Aerzte Verſicherung, zuſehends beſſer mit der Patientin, deren Natur ſie eine beiſpielloſe Kraft zuſchrieben. Tangern hatte auf mehrere Ge⸗ ſchaͤftsbriefe umſtaͤndliche Antwort zu geben, was ihm den ganzen Tag wegnahm. Als er fertig war, plagte ihn wie ein boͤſer Geiſt der Gedanke der Pflicht, an ſeine Gemahlin zu ſchreiben, da er nun ſchon ſo lange ihrer Nachricht uͤber das kranke Kind vergebens entgegengeſehen hatte. Er mußte glauben, daß etwas Schlimmes vorgefallen, daß vielleicht ſie ſelbſt krank geworden war. Wie aber waͤre er auch nur eines Wortes an ſie faͤhig geweſen bei dem un⸗ gluͤckſeligen Verhaͤltniſſe, welches ſich eingeleitet, in dem Labyrinthe, worein er ſich geſtuͤrzt hatte?— Einzig um der troſtloſen Einſamkeit zu entflie⸗ hen, ging er in's Nebenzimmer. In einem cere⸗ monioͤſen Tone, wie er gar nicht mehr zwiſchen ihm und der jungen Wittwe uͤblich war, begann dieſe: Herr Baron, ich habe vorhin einen Fund gethan und wollte ihn dem Kellner abgeben, da ſagte mir dieſer, daß es vielleicht derſelbe Gegenſtand ſey, den ſie am Tage ihrer Ankunft hier vermißt haͤtten. Und mit ſeinem Trauringe, den ſie ihm vor⸗ hielt, wich ihm ploͤtzlich alles Blut aus dem Ge⸗ ſichte. Er ſank am Sopha, wo ſie ſaß, zu ihren Fuͤßen. Die Worte: Wo fanden ſie den Ring? bebten von ſeinen bleichen Lippen. Unter dem Sophakiſſen. Unſtreitig iſt er ihnen vom Finger gefallen, als ſie, unmittelbar nachdem man ſie in dieſes Zimmer gewieſen, hier Platz ge⸗ nommen hatten. Sie ſind alſo verheirathet? Sein ſtummes Bekenntnis preßte ihr die Thraͤ⸗ nen in Stroͤmen aus den Augen. Herr Baron— ſprach ſie— ſie haben un⸗ recht, hoͤchſt unrecht an mir gehandelt. Verlaſſen ſie mich. und koſtete es mir das Leben, ſo koͤnnte ich das nicht in dieſem Augenblicke! Ich koͤnnte es nicht ohne ihre Verzeihung! rief er, ihre widerſtrebende Hand mit Gewalt an ſeine Lippen preſſend. Verzeihen ſoll ich ihnen— erwiederte ſie mit Heftigkeit— verzeihen, noch ehe ſie mir gelobten, ihr Unrecht gut zu machen? Wodurch, Theuerſte, ſagen ſie mir, wodurch? Mit Freuden, mit tauſend Freuden ſoll es ge⸗ ſchehen. 4 — 166— Seltſame Frage— antwortete ſie, immer hef⸗ tiger werdend— ihre Schuld macht hier Ein Opfer durchaus nothwendig. Wer ſoll das ſeyn, ich oder die Perſon, von der dieſer Ring herruͤhrt? Theuerſte— rief Tangern aus— laſſen ſie hieruͤber die Zukunft walten. Daß mein Herz ih⸗ nen zugehoͤrt.—— Ein ploͤtzlicher, heftiger Fall dicht hinter der of⸗ fenen Zwiſchenthuͤre ſchauerte Beyden durch das Mark. Gott, was war das? rief die darin aus dem Schlafe geſchreckte Kranke im Alkoven. Das eingetretene, abendliche Dunkel vermehrte noch das Grauen. Lange ſtarrten die junge Wittwe und Tan⸗ gern nach der Thuͤr, wo der Fall geſchehen und wo kein Laut weiter zu vernehmen war. Endlich erhob ſich der Baron, um nachzuſehen. Schweigend nahm er dem ſo eben Lichter herbeibrin⸗ genden Kellner eins aus der Hand und eilte da⸗ mit zu jener Thuͤre. Die boͤſe Ahnung drohte ihm die Pulſe zu zerſprengen, als dort eine ſchwarz ver⸗. ſchleierte Dame am Boden lag. Seine Rechte ließ 6 vor Kraftmangel das brennende Licht zur Erde fal⸗ V len, als er mit der Linken den Schleier aufhob, und ein voͤllig bleiches Leichengeſicht, das Geſicht — 167— ſeiner geliebten Gemahlin, erblickte. Seine Sinne waren dahin. Als des Barons Bewuſtſeyn zuruͤckkehrte, ſaß er neben Celicien auf dem Sopha. Madam— ſprach Frau von Seiſſons, die vor ihnen ſtand— da der Zufall ſie von der Hauptſache unterrichtete, ſo laſſen ſie uns jetzt bei dieſer ſtehen bleiben. Nach dem Vorgefalle⸗ nen kommt, meines Erachtens, Alles darauf an, ob die Erklaͤrung dieſes Herrn fuͤr ſie ausfallen wird, oder nicht. Hier wendete Frau von Tangern die ſtarr vor ſich hingerichteten Augen mit einem ihr ſonſt gar nicht eigenen Mistrauen und zugleich mit einer Gleichgüͤl⸗ tigkeit fuͤr Alles, wie es ſchien, nach ihm heruͤber. Und er ſtuͤrzte vor ihr nieder und rief mit wahr⸗ haft herzerſchuͤtternder Kraft: Du, nur du biſt mein; nur dir kann ich angehoͤren, meine ſuͤße, innigge⸗ liebte Seele! Sogleich warf die Andere ſeinen noch in ihrer Hand befindlichen Trauring auf den Tiſch, eilte im groͤßten Zorn hinweg, warf die Thuͤre hinter ſich zu, ſchob den Riegel vor und noch nach mehreren — 168— Stunden war ihre Wildheit und ihr Schluchzen vernehmbar. Die Begebenheiten bis zu jenem Falle hatten uͤbrigens folgenden Zuſammenhang: Trotz dem be⸗ ſten Anſcheine der Beſſerung und den Troͤſtungen der Aerzte, nahm bald nach des Barons Abreiſe vom Hauſe, ſeines Sohnes Krankheit die ſchlimmſte Wendung. Er ſtarb. Und um in dem Wiederver⸗ eine mit ihrem Gemahle die einzige Beruhigung auf⸗ zuſuchen, die ihr geblieben war, reiſete die gebeugte Mutter ſogleich ihm nach. Im Gaſthofe angekom⸗ men, wo er wohnte, eilte ſie nach dem Zimmer, das man ihr als das ſeinige bezeichnete und ſo er⸗ ſtarrte ſie dort hinter der Zwiſchenthuͤre vor ſeinem Geſpraͤche im Nebengemache, bis ſie bewuſtlos zur Erde ſtuͤrzte. Der Verluſt des inniggeliebten Sohnes hatte Celicien in tiefen Gram verſenkt und das verlorne Zutrauen zu dem Gatten, ihr Leben im Innerſten zerruͤttet. Durch jene wahrhaft entſetzliche Scene, eine ganz Andere geworden, wußte, nach ihrer Heim⸗ kehr mit dem Gemahl, Niemand mehr was er von ihr halten ſollte. Sie ſprach nur noch das Noth⸗ wendigſte, aͤußerte Mistrauen gegen die bewaͤhrte⸗ — 169— ſten Perſonen und bat um Gotteswillen, ihr die Troſtverſuche zu erſparen, weil aller Troſt einzig von oben ihr kommen koͤnne. Dieſer verklaͤrte auch unverkennbar ihr Geſicht an dem Abende, wo ſie, nach fortdauernder Ab⸗ nahme ihrer Kraͤfte, die irdiſche Laufbahn beendigte. Schon an dem Tage als ſie ihres Gatten Vergehung inne geworden, hatte ſie ihm voͤllig verziehen, aber der einmal erwachte Argwohn, ſeine, ſeit jener Szene ihr ganz veraͤndert vorkommende, geiſtige Ge⸗ ſtalt war fortdauernd zwiſchen ihn und ſie getreten, und ſelbſt wenn ihr Auge einmal die fruͤhere innige Liebe zu ihm darthat, befiel ſolches dann wieder ge⸗ woͤhnlich ein Zagen, eine Verſteinerung, das auch ſeine zaͤrtlichſten Zuſagen nicht verbannen konnten. Als ſie ſterbend von ihm Abſchied nahm, beſorgte er daher in jedem Momente dieſe grauſame Seelen⸗ folter. Er fuͤrchtete, daß ſie ſo ihn verlaſſen werde. Aber es war nicht der Fall. Ihre Hand zuckte zum letzten Male in der ſeinigen, ihr Blick ver⸗ ging mit einer wahrhaften Engelsmilde in ſeinem Blicke. Auf ihren erblaßten Lippen ſchien noch ein Segen fuͤr ihn zu ſchweben. Uebrigens nahm ſie die Begebenheit, welche wahrſcheinlich ihren Tod ſo — 170— ſchnell herbeifuͤhrte, als das tiefſte Geheimnis mit in ihre Gruft. Standhaft ſcheuchte Tangern alle Verſuche der Verwandten und Anderer, ihn zu zerſtreuen, von ſich. Am meiſten von Allen vermied er Frau von Huͤning, welche geſchieden von ihrem Gemahl, in ſeinem Wohnorte ſo eben einen zweiten aufzuſuchen ſchien und mit des Barons Hand unſtreitig gar nicht unzufrieden geweſen ſeyn wuͤrde. Sieben Monate waren verſtrichen, ſeitdem man Celicien an die Seite ihres Soͤhnleins zur Ruhe ge⸗ legt hatte; Niemand ſchien mehr an die fortdauernde ſtille Trauer ihres Gemahls zu denken. Allmaͤhlig ſeines blaſſen, ernſten Geſichts gewohnt, ſtoͤrte ihn kein Menſch weiter mit Bemuͤhungen, ihn zum ge⸗ ſellſchaftlichen Leben zuruͤckzufuͤhren. Deſto groͤßer aber war die Stoͤrung, welche der eben aufſproſſende Fruͤhling in ihm hervorbrachte. Das helle, friſche Laub der Baͤume, der gruͤne glaͤnzende Teppich, den die Natur uͤber die Erde breitete, fuͤhrte ihm die ganze ungluͤckliche Zeit der Reiſe zuruͤck, welche das Grab ſeines Friedens ge⸗ worden war. Und als er nun Alles that, um durch wiſſen⸗ 0 — 171— ſchaftliche Forſchungen die Gedanken von den vor⸗ jaͤhrigen ſchrecklichen Ereigniſſen moͤglichſt abzukehren, da trat eines Morgens Frau von Soiſſons zu ihm herein, reizender als er ſie noch geſehen. Aber ihr Eindruck auf ihn war ganz verſchieden von dem, den ſie einſt auf ihn gemacht hatte. Fanden ſie Niemand, gnaͤdige Frau, der ſie melden konnte? fragte er, vom Stuhle aufſpringend. Mein ausdruͤckliches Verbot— ſtammelte ſie, vor dem zunehmenden Unwillen des Barons, die Faſſung verlierend. Er klingelte. Wer heißt ihn auf Verbote ach⸗ ten, die nicht von mir kommen? fuhr er den her⸗ zueilenden Bedienten an. Er haͤtte wiſſen koͤnnen, daß dieſe Dame im Irrthume war, als ſie zu mir wollte. Fuͤhre er ſie nun auch wieder zurecht. Herr Baron— ſprach die Gedemuͤthigte, und ein Gemiſch von Grimm und bittern Schmerz ga⸗ ben Ton und Miene zu erkennen. Aber Tangern rief in hoͤchſter Wuth: Nur fort, fort!— Bis gegen Abend war noch kein Wort wieder aus ſeinem Munde gegangen. Er hatte das Mit⸗ tagseſſen hereinbringen und unberuͤhrt wegtragen laſ⸗ ſen; den Kaffee auch. Als der Bediente ihm er⸗ — 172— zaͤhlte, daß die fortgewieſene Dame faſt den ganzen Tag beim Oberſt Horſten zugebracht habe, verfin⸗ ſterte ſich ſein Geſicht immer mehr. Nicht uͤber die Sache, nur uͤber den Bericht. Er ſcheuchte auch endlich den Diener mit einer drohenden Geberde hinweg. Der Oberſt Horſten ward ihm angekundigt. Noch nie, ſelbſt nicht bei der groͤßten Feierlichkeit, hatte Tangern ihn in Uniform geſehen. Diesmal blickte ſie aus dem Mantel, den er trug, hervor. Lange— ſo begann der Mann, und ſein Blick ſchien in der Flamme des Zorns verlodern zu wol⸗ len— lange glaubten wir, einzig das Ableben ih⸗ res Kindes ſey die Urſache des Verwelkens meiner geliebten Nichte in ihrer ſchoͤnſten Lebensbluͤte. End⸗ lich aber iſt das ſcheußliche Geheimnis an's Licht gekommen. Sie, Baron— ſie haben ihr herrli⸗ ches, tugendhaftes Weib ermordet, und wiſſen, was ich auf dieſen Fall fuͤr meine Pflicht achte! Hiermit legte er den Mantel ab und zwei Pi⸗ ſtolen aus demſelben hervor.. Tangern lachte laut auf. Da, dal rief er aus, die Bruſt entbloͤſend, immer zu! Der Oberſt trat zuruͤck. Das Auge des Barons 2 — 173— und ſein ganzes Benehmen trug die Zeichen des Wahnſinns. Mit gieriger Luſt funkelte der Blick nach den Schießgewehren hin. Der Oherſte riß ſie hinweg und ging. Der Arzt, den er ſchickte, mußte die gewaltſamſten Maasregeln anwenden, den in Kurzem voͤllig Raſenden gegen ſich ſelbſt zu ſichern. Erſt nach ſechs Wochen ließ fich das Uebel zu einer dauernden Beſſerung an. Der Oberſt hatte in⸗ zwiſchem auch ſeinem Zorne Einhalt gethan. Die Erwaͤgung, daß ſeine Nichte voͤllig verſoͤhnt mit dem Gatten aus der Welt gegangen war, nahm ihm die Rache aus der Hand. Es ging ſo weit, daß er, eingenommen von der Darſtellung der Umſtaͤnde durch die Frau von Soiſſons ſogar zuletzt den Gedanken faßte, durch Tangerns Vermaͤhlung mit ihr die bei⸗ derſeitige Lage zu verbeſſern. Denn den Empfang, welcher der Witwe vom Baron wiederfahren war, ſchrieb er ſchon auf Rechnung des Wahnwitzes. Frau von Soiſſons ſelbſt ſchien ſehr geneigt zu Annahme dieſer Vermuthung. Uebrigens verhehlte der Oberſt ihr nicht, daß die Aerzte den ſeit einiger Zeit in eine ſtille Schwermuth Gerathenen, keineswegs vor allen Ruͤckfaͤllen in jene ſchlimme Krankheit geſichert glaub⸗ ten. Sie erklaͤrte, ihre beſondere Neigung zu dem — 1274— Baron werde auch darein ſich finden, was der Oberſt fuͤr das Zeichen einer Liebe betrachtete, an deren Hand der Patient noch vielleicht am erſten der kuͤnf⸗ tigen gaͤnzlichen Heilung entgegen ſehen koͤnne Da ſogar die Aerzte den Oberſten in dieſem Glauben beſtaͤrkten, ſo benutzte er endlich eine, dem Anſcheine nach guͤnſtige Stunde, dem Schwermuͤthi⸗ gen deutlich, aber behutſam, in's Licht zu ſetzen, welch eines Unrechts er ſich ſchuldig machte, indem er die Frau von Soiſſons als eine Theilnehmerin an der Schuld behandle, die er durch die Annaͤhe⸗ rung an ſie gegen ſeine verſtorbene Gemahlin began⸗ gen habe, und daß die Vermaͤhlung mit der Witwe eine derſelben gebuͤhrende Genugthuung von ſeiner Seite ſey. Tangern beharrte jedoch darauf, von Wiederver⸗ maͤhlung koͤnne bei ihm nicht die Rede ſeyn. Dabei raͤumte er ein, daß er Unrecht haben koͤnnte, und daß ſeine Abneigung gegen die Witwe einzig auf die Art ihres Benehmens im Entſcheidungsaugenblicke zwiſchen ihr und ſeiner Verſtorbenen ſich gruͤndete, dieſe Abneigung aber unbezwinglich waͤre. Und wenn er auch— fuͤgte er hinzu— ſich aufopfern koͤnnte durch eine Verbindung mit ihr, ſo wuͤrde doch dieß — 175— gewiß ſeine Schuld gegen ſie eher vermehren als gut machen. Deſſen ungeachtet dachte der Oberſt ſeinen Plan zu dieſer Heirath noch nicht aufzugeben. Um ſo mehr aber hielt er fuͤr Pflicht, zuvor recht genaue Erkundigung uͤber Frau von Seiſſons einzuziehen. Das Reſultat derſelben war ſo, daß er dem Projekt völlig entſagte. Wenn auch Frau von Seiſſons nicht gerade eine Buhlerin zu nennen war, ſo ge⸗ hoͤrte ſie doch zu denjenigen Koketten, von denen kein verſtaͤndiger und gefuͤhlvoller Mann ſein Gluͤck erwarten darf. Die ungluͤckliche Weiſſagung der Aerzte traf ein; Tangerns Wahnſinn kehrte wieder von Zeit zu Zeit. Ein wildes Lachen war gewoͤhnlich die Einleitung dazu. Arzneien wurden fruchtlos dagegen angewen⸗ det. Zuletzt verſiel er noch von ſelbſt auf ein großes Beruhigungsmittel. Er ſuchte ſich eifrigſt in der ſchon von ſeiner fruͤheſten Jugend an betriebenen Mahlerkunſt zu vervollkommnen. Als er darin zu einer gewiſſen Fertigkeit gelangt war, beſchaͤftigte er ſich faſt taͤglich mit der Darſtellung des Portraits ſeiner verſtorbenen Gemahlin. Obſchon einzig aus ſeiner Phantaſie genommen, da es kein nach dem Leben gefertigtes, aͤhnliches Bild von ihr gab, fand doch Jederman ſeine Darſtellung der Verſtorbenen auſſerordentlich aͤhnlich. So mahlte er ſie nach und nach in einer Menge Situationen aus ihrem gemein⸗ ſchaftlichen Leben, ſtattete ein ganzes großes Zimmer damit aus und war nie gluͤcklicher, als wenn er ſich in dieſem, an den Darſtellungen einer Lebensperiode ergoͤtzte, welche ſeine hoͤchſte Freude und ſeinen tief⸗ ſten Schmerz in ſich faßte, und mit der ſein eigent⸗ liches Leben gewiſſermaßen aufgehoͤrt hatte. So fand ich ihn denn ganz unvermuthet wieder, und erſchrak uͤber die mit ihm vorgegangene, an's Unglaubliche graͤnzende Veraͤnderung. Seine Geſchichte, auf deren einzelne Momente er im Geſpraͤche ſehr oft zuruͤckkam, erſchuͤtterte mich um ſo gewaltiger, da meine Erziehung faſt ganz wie die ſeinige gewe⸗ ſen war, und der Leichtſinn, welcher mich leitete, mir mit gleichem Verderben drohete. In mir ſelbſt den Halt ebenfalls vermiſſend, um Schlingen, wie die waren, worein er verfiel, den gehoͤrigen Widerſtand entgegen zu ſetzen, kam, wie eine Eingebung von oben, mir der Gedanke, mich dem Himmel mehr naͤhern zu muͤſſen und ſo feſtern und wuͤrdigern Fuß — 177— auf der rde zu faſſen. Um nicht von Neuem in die zahlreichen Irrthuͤmer des Lebens zu gerathen, glaubte ich einzig noch ſeinem Ernſte huldigen zu duͤrfen. Und das hat mich denn auch bei dem Ge⸗ ſchaͤfte geleitet, das ich ſo eben auf dem Gute mei⸗ nes Onkels abgethan. Bei aller Trefflichkeit, beſitzt der Mann doch die Schwaͤche, ſeine Denk⸗ und Handelsweiſe auch Andern anſinnen zu wollen. Ein Anhaͤnger Voltair's Diderots und der franzoͤſiſchen Encyklopaͤdiſten uͤberhaupt, haßt er religioͤſe Vereine, wie mir ſolche zum Beduͤrfniſſe geworden, dergeſtalt, daß er vielleicht bis zu ihrer Verfolgung, ſich verir⸗ ren koͤnnte. Dahin kommt der Menſch, wenn er nicht über ſich ſelber wacht! rief der Amerikaner. Nur allzu⸗ wahr iſt es, daß diejenigen, welche mit Recht Him⸗ mel und Erde bewegten, gegen die Graͤuel, die im Namen des Allerheiligſten an Andersgeſinnten veruͤbt wurden, haͤufig ſelbſt gar ſehr ſich der Unduldſamkeit ſchuldig machen. Unduldſamkeit! welch ein furcht⸗ bares Wort in dieſem Falle. Allerdings gab es eine Zeit, und ſie beſteht zum Theil noch, wo man die Duldung in Glaubensſachen fuͤr eine beſondere Tu⸗ gend ausſchrie. Es muß aber eine Zeit kommen, III. 12 wenn ſie noch nicht da ſeyn ſollte, in der man die Duldung fuͤr ein Verbrechen erklaͤren wird. Kann doch von Duldung nur bei ſolchen die Rede ſeyn, welche kein Recht haben, zur Erxiſtenz, oder daſſelbe verwirken. Wie aber wollen die Bewohner irgend einer Erdſcholle, die Anmaßung vertheidigen, einen darum von ihr auszuſchließen, weil er den Herrn der Welten auf andere Weiſe anbetet, als ſie. Sollte ihm ſein Preis aus dem Munde des Heim⸗ chens minder angenehm ſeyn, als von der Kehle der Nachtigall? Jeder nach ſeinen Kraͤften und nach ſei⸗ ner Anſicht!— Ich habe— fuhr der Vicomte fort— lieber auf das ganze Erbe meines Onkels Verzicht geleiſtet, als ſeiner Zumuthung mich gefuͤgt, von dem, wie ich glaube, zu meinem Heil ergriffenen Wege abzu⸗ gehen und bin herzlich zufrieden zuletzt noch wenig⸗ ſtens zu Tilgung meiner jetzigen Schulden ihn ver⸗ mocht zu haben. Das ganze Weſen des Vicomte, die genaue Ue⸗ bereinſtimmung zwiſchen Geſicht, Stimme und Wort, hatten in Hudſon, wie in dem Grafen, die Zweifel an ſeiner Geſinnung ziemlich ganz beſeitiget. Wußten ſie aber auch— erwiederte der Graf — 179— — wußten ſie, als ſie, ihrer nunmehrigen Ueber⸗ zeugung halber, auf ſo große Gluͤcksguͤter verzichte⸗ ten, daß die Abneigung der ſeit dem zur Ruhe ge⸗ gangenen Frau von Gruͤnau den Wuͤnſchen ihres Herzens entgegen ſtand? Haͤtte ich hieran wohl zweifeln moͤgen, nach dem, wie ſolche noch bei meiner letzten Trennung von ihr, ſich gegen mich ausſprach. Vermuthlich aber— fiel hier der Amerikaner ein— hofften ſie, bei kuͤnftiger naͤhern Bekannt⸗ ſchaft der Verſchiedenen ſie von der Aufrichtigkeit ih⸗ res Herzens zu uͤberzeugen. Der Tod hat die Bluͤte dieſer Hoffnung um ihre Frucht gebracht. Der Wi⸗ derwille der Seligen gegen ihren Verein mit Alphon⸗ ſinen tritt dem Buͤndniſſe, auch nach dem Hingange ihrer Tante in den Weg. Noch in den letzten Au⸗ genblicken hat Frau von Gruͤnau eine Warnung vor ihnen gegen die Nichte ausgeſprochen und dieſe wuͤrde gewis, ſelbſt dem hoͤchſten Erdengluͤcke, oder wenig⸗ ſtens demjenigen, was die Menſchen, mit groͤßtem Unrecht, gewoͤhnlich dafuͤr annehmen, lieber entſagen, als damit die Misbilligung ihrer innern Stimme auf ſich laden. Das eben iſt der erſte Grundſatz von chriſtlichen Vereinen, gleich dem zu Thuͤrmen, den 12* — 180— Frieden des Gewiſſens ſicher zu ſtellen und ſolchen auch um den hoͤchſten irdiſchen Gewinn nicht hinzugeben. Und eben ſo— ſprach der Vicomte— hoffe ich ebenfalls auf dem eingeſchlagenen Wege, wie rauh er mir Anfangs auch vorkommen moͤchte, endlich wieder Beruhigung zu finden. Allerdings war es mein von Alphonſinens Blide erfuͤlltes Herz, was mir den Beitritt zu ſolch einem Vereine, bei dem ploͤblich uͤber mich hereinbrechenden Zagen, wegen meiner innern Schwaͤche, hauptſäͤchlich anrieth, und die Geſchichte meines Freundes Tangern, hatte mich grade deshalb um ſo tiefer ergriffen, weil ich die Geſtalt meines kuͤnftigen Erdengluͤckes ebenfalls wie er, in einer im Stifte Erzogenen zu ſehen glaubte. Den Irrthuͤmern, denen er erlag, um ſo gewiſſer zu entgehen, ſchlug ich die ganz ungewohnte Bahn ein. Immer feſter wurde meine Ueberzeugung, daß ſie in jeder Hinſicht, und ſo gar abgeſehen von dem innigſten Wunſche meines liebenden Herzens, die richtigſte fuͤr mich ſeyn werde, glaubte ich, auch wenn Alphonſine nebſt allen Gluͤcksgutern auf die ich hof⸗ fen koͤnnte, mir daruͤber verloren ginge, ſie nicht wieder verlaſſen duͤrfte, wenn ich mir ſelbſt genug⸗ thun wollte. — 181— Bleiben ſie hierbei, werther Mann, und nie wer⸗ den ſie ſolches bereuen!— ſprach der Amerikaner, mit Waͤrme Cheruͤbins Hand erfaſſend. Die Welt gleicht einer ſpiegelglatten Eisbahn. Wer einmal erkannte, daß er einer Stuͤtze darauf bedarf, und eine gefunden hat, mit der er den glatten Pfad gluͤcklich bis an das Ziel verfolgen zu koͤnnen glaubt, der greife doch ja zu keiner andern, zu der ihm das Zutrauen mangelt, ſelbſt wenn der hoͤchſte Erdenreiz damit verbunden waͤre. Und noch weniger verſuche er den gewagten Gang auf eigenen Fuͤßen, wenn er einmal mistrauiſch gegen dieſe geworden!— Der Vicomte wendete ſich ſodann an den Grafen mit dem Wunſche um Anſtellung in der Reſidenz. Der Graf gab ihm eine ſehr willkommne Ant⸗ wort fuͤgte aber hinzu, daß er dadurch ſich ja dem Vereine in Thuͤrmen wieder entziehe. Der Verein— antwortete der junge Mann— beruht mehr auf geiſtige als auf ſichtbare Verbindung. Auch in der Reſidenz und in jedem Verhaͤltniſſe, werde ich im Sinne deſſelben denken und handeln. Vicomte— ſagte bei ſeinem Fortgehen der Graf, mit großer Freundlichkeit zu ihm— es that mir rrecht weh, als ich in Furcht ſtand, ſie waͤren ein — 182— Heuchler geworden, denn ſie haͤtten auf ſolche Weiſe ſich ſelbſt verloren. Um ſo freudiger erkenne ich nun⸗ mehr, daß ſie ſich und das was ihnen gut iſt, erſt gefunden haben!— Wir aber, Alter— ſprach der Graf mit Hud⸗ ſon wieder allein, dieſen umarmend— wir wollen doch wohl auch ferner jene Eisbahn auf eigenen Fuͤ⸗ ßen ohne fremde Beihuͤlfe zuruͤcklegen? Es iſt— verſetzte der Amerikaner achſelzuckend — es iſt auch nur ein Verſuch, wie bei den An⸗ dern, welche ſich der Stuͤtzen dazu bedienen. Wenn die Wahrheit, gleich dem Chamaͤleon verſchieden er⸗ ſcheint, ſo iſt das nicht ihr Fehler, ſondern der Feh⸗ ler der Organe, in den ſo ſehr von einander Ver⸗ ſchiedenen, welche ſie ſuchen. Nur mit Ernſt und Redlichkeit auf ſie zugegangen und den Weg ergrif⸗ fen, der jedem der beſte und ſicherſte zu ihr duͤnkt. Am Ziele erſt werden Ae ſie, ihrem ganzen Weſen nach, erkennen! 14. Gleich dem Lichte, das ſeinem Erloͤſchen nahe iſt, ſo blitzte der Glanz der Natur znoch einmal recht kraͤftig in einem wunderholden Herbſtnachmittag auf. — 183— Es war ein Sonntag. Ganz Langenhof ſchien zum Genuſſe deſſelben auf den Fuͤſſen. Eine auͤberaus reizende junge Dame, welche nebſt dem Mahler Al⸗ denheim, der Graͤfin auf dem Balkon des Schloſſes Geſellſchaft leiſtete, war ziemlich das allgemeine Au⸗ genmerk der Voruͤbergehenden. Senner, dem ſie be⸗ kannt vorkam, ſtand eben verborgen von einer Linde, durch deren ſchon ziemlich laubarem Zweige hinauf⸗ ſchauend, als Tippel mit Frau und Stieftochter voruͤberging. Und ſiehe da, kaum erblickt dieſen die ſchoͤne Jungfrau, ſo erſchallt ein recht auffallendes Huſten aus ihrem Munde, offenbar durch ſein Er⸗ ſcheinen erregt. Es zog auch erſt ſeinen Blick und dann den ganzen hocherfreueten Profeſſor ſo unwider⸗ ſtehlich hinauf, daß ſeine beiden Gefaͤhrtinnen, wie verſteinert, ſtehen blieben und die aͤltere ein Geſicht machte, als ob, beim Einnehmen, eine recht bittre Pille ihr zwiſchen die Zaͤhne gekommen waͤre. Im Augenblick leerte ſich jetzt der Balkon. Die Fremde nebſt den Uebrigen eilte offenbar dem eben eintretenten Mahler entgegen. Nun ſagen ſie mir, Frau Preofeſſorin— fragte Senner, durch ſeine Neugier uͤberwaͤltigt— wer iſt' das ganz allerliebſte Kindlein dort oben? — 184— Daruͤber— antwortete die durch dieſes Lob nur noch mehr gereizte Empfindlichkeit aus der Frau,— daruͤber haͤtte ich wohl beſſer von ihnen Auskunft erwarten duͤrfen, dem mein Mann gewis dergleichen Dinge eher anvertraut, als mir. Entſetzlich aber bleibt's. Erſt wartet man eine Ewigkeit, bis er von der Staffelei wegzubringen iſt, und nun man endlich denkt, den letzten Ueberreſt des ſchoͤnen Sonn⸗ tags in einem kleinen Ausfluge zu genießen, laͤßt er einen hier ſtehen, und man hat ſich vielleicht ganz umſonſt in die Kleider geworfen! Am auffallendſten aber iſt es, daß Perſonen von ſo ſchlechter Conduite, wie eine, welche die vorbeigehenden Maͤnner von der Straße zu ſich hinaufzuhuſten pflegt, bei der Frau Graͤfin Aufnahme finden kann, der ſonſt ſo leicht Niemand fuͤr ihre Wohnung gut genug dünkt. Sie ſollte doch denken, daß ſie ſelber aus einem buͤrger⸗ lichen Hauſe ſtammt. Das aber ſind gewoͤhnlich die ſchlimmſten. Und mein Mann— fuhr ſie immer roͤther werdend fort— war's nicht, als ob ein Sturmwind ihn ploͤtzlich ergriffe und in das Schloß fuͤhrte? So flink habe ich ihn in meinem Leben nicht geſehen? Senner, den ihr Unwille doppelt verdroß, weil er gegen alle Schicklichkeit, ſich auf freier Straße Luft machte, erwiederte hierauf: Doch, Frau Pro⸗ feſſorin, doch! Bei der Feuersbrunſt zum Exempel. Das nachdrucksvoll ausgeſprochene Wort wirkte offenbar. In demſelben Momente eilte ſchon ein Bedienter der Graͤfin von Altenberg herbei, im Na⸗ men ſeiner Gebieterin die Damen nach dem Garten einzuladen. Dieſe Sendung ſchien mit Einem Male Alles wieder gut zu machen. Schon waͤhrend ihres Wit⸗ wenſtandes hegte die Profeſſorin einen geheimen Groll gegen die Graͤfin, die jedoch, wegen der allgemei⸗ nen Verehrung deren ſie genoß, nur bisweilen durch ein Laͤcheln oder eine ſpitzige Bemerkung ſich kund that. Trotz ihrem Beſtreben der Gutsherrin naͤher zu ruͤcken, war es ihr durchaus mislungen, indeß Andere, welche ihrem Urtheile nach, tief unter der Beſitzerin eines ſo anſehnlichen Vermoͤgens ſtanden, im Schloſſe aus und eingingen. Tippel durchſchauete die Urſache leicht, und ohnehin kein Freund von Foͤrmlichkeiten, vermied er, auch nachdem ſie ſeine Frau geworden, ihre Vorſtellung bei der Graͤfin. Statt aber daß von Seiten der letztern etwas ge⸗ ſchehen waͤre, die Annaͤherung zu bewirken, enthielt ſich die Gutsherrin lieber nunmehr zuweilen der Ein⸗ ladung des Profeſſors, ehe ſe Frau und Tochter dazugebeten haͤtte. In dieſem Augenblicke war daher mit der ploͤtz⸗ lichen Erfuͤllung des laͤngſt gehegten Wunſches, auf Einmal Eiferſucht und Alles vergeſſen. Der Be⸗ diente erſchien der Profeſſorin als ein Engel, durch den ſie in das Land ihrer vieljaͤhrigen Sehnſucht, das Schloß, zu einer Zeit gelangte, wo die Graͤfin ſelber darinnen war. Das freundliche Wort, womit dieſe den beiden Frauen im Garten, entgegen trat, ſchuf den Wider⸗ willen, der ſich gegen die Dame in der Profeſſorin regte, zu einem entſcheidenden Wohlwollen um. Ueberhaupt mußte wohl dieſer Tag bald zu den froheſten im Leben von Madam Tippel gehoren; denn auch das große Geheimnis, deſſen Eiſenrinde durch Bitte und Schmollen und Thraͤnen zeither nicht zum Schmelzen zu bringen war, die geheim⸗ nisvolle Jungfrau im verſchloſſenen Cabinet ihres vormaligen Miethmannes, kam nunmehr an den Tag. Immer zeither hatte Tippel ihre Neugier nach dem Aufſchluſſe auf die Zukunft vertröͤſtet. Die Dame war kein anderer Menſch, als die Braut, — 187— welche dem ſeitdem verſtorbenen Thorn in der Hoch⸗ zeitnacht entfuͤhrt worden. Es war mit der Ent⸗ fuͤhrung ſo zugegangen: Am Trauungsmorgen hatte die Graͤfin waͤhrend des Unterrichts im Zeichnen, den ſie neuerlich bei dem Profeſſor genommen, ihm und dem mit anweſenden Hudſon ihre große Be⸗ kümmernis wegen Theobaldens kuͤnftigen Geſchickes zu erkennen gegeben. Theobalde ſelbſt ſtand deshalb gewaltig in Sorgen, hatte aber den Vorſchlag der Graͤfin, ihren Aeltern damals, da es noch Zeit war, Vorſtellungen dagegen zu thun, fuͤr unzulaͤnglich er⸗ achtet. Seltſamer Weiſe waren nemlich, ſeitdem nach dem Streiche bei der Verlobung, Thorn ſo ſehr als Buͤßender vor ihnen erſchien, die Aeltern ganz fuͤr ihn eingenommen und glaubten daß wenn auch kleine Fehler vorkommen ſollten, ſeine außer⸗ ordentliche Liebe zu der Tochter ihn doch bald voͤllig davon heilen werde. Die Parthie— druͤckten ſie ſich aus— ſey allzuvortheilhaft, um ſie ſolcher Ne⸗ bendinge halber, aufzugeben. Zwar beſitze ihr kuͤnf⸗ tiger Schwiegerſohn noch gar nichts, aber bei der reichlichen Unterſtuͤtzung ſehr wohlhabender Aeltern, deren Vermoͤgen kuͤnftig auf ihn uͤberging, ſhen ihnen das weiter von keiner Bedeutung. — 188— Unter Thraͤnenſtroͤmen hatte Theobalde dies der Graͤfin vertraut. Tippel ſeine Theilnahme zu ver⸗ bergen ſuchend, ſann im Stillen, dem Uebel auf irgend eine Weiſe abzuhelfen. Fruchtlos. Erſt am Hochzeitfeſte, welchem er ſelbſt mit beiwohnte und welches die Beſorgniſſe der Graͤfin nur all⸗ zuſehr rechtfertigte, brachte ihn die abentheuerliche Auslegung der in ſeinem verſchloſſenen Kabinet vor⸗ gehenden Dinge, auf einen abentheuerlichen Ein⸗ fall, Wie, dachte er, wenn man wirklich die Braut verſchwinden ließe und ſie dort eine Zeit lang aufbewahrte? Beim laͤngern Nachſinnen kam ihm das Projekt immer ausfuͤhrbarer vor. Ein Gar⸗ tenarbeiter, deſſen treue Anhaͤnglichkeit an ihn, er kannte, ward in's Intereſſe gezogen. Es gelang ihm ein paar Worte mit der hoͤchſt ungluͤcklich ſich fuͤhlenden Braut zu ſprechen und ihr dabei ſeinen feſten Willen darzuthun, ſie einem Bande, das ihr Lebensgluͤck zu erſticken drohe, zu entziehen, wenn ſie ſich ganz ihm anvertrauen wolle, Die Offenheit des ihr ſchon von Aldenheim als vortreff⸗ lich geſchilderten Alten, rieth ihr dazu und ſo fuͤhrte er Theobalden, ohne daß Jemand es bemerkte, in —— — 189— jenes Kabinet, mit der Hoffnung, ſie auf dieſem Wege zu retten. So wenig auch Theobalde die Art und Weiſe der Rettung begriff, ſo war ſie doch viel zu betaͤubt durch das Erlebte, um die raͤthſelhafte Huͤlfe nicht anzunehmen, zumal da ihr in dieſem Augenblicke jeder andere Zuſtand minder druͤckend und demuͤthi⸗ gend vorkam, als der, dem ſie dadurch entriſſen werden ſollte. Das Anbinden des Gartenarbeiters, welches Bromberger, auſſer letzterm der einzige um das Geheimnis Wiſſende, beſorgt hatte, war, ſo wie das Geruͤcht von dem gewaltſamen Hinwegſchlep⸗ pen der Braut, durch Bewaffnete, einzig zum Mas⸗ kiren der wirklichen Umſtaͤnde erſonnen worden. Theobalde ſcheuete ſich zu ſehr vor dem Gedan⸗ ken, daß die eigenen Aeltern ſie doch noch wieder in Thorn's Haͤnde liefern moͤchten, um nicht lieber den engen Gewahrſam noch eine lange Zeit zu er⸗ tragen. Spaͤterhin ſollte, nach Tippels Idee, den Aeltern auf die Nuͤckkehr der Tochter Hoffnung ge⸗ macht werden, unter der Bedingung, ſie von der Verbindung mit Thorn gaͤnzlich und fuͤr immer loszuſprechen. Waͤhrend Tippel in der Reſidenz war, beſorgte — 190— Bromberger die Beduͤrfniſſe des geheimen Cabinets zu Langenhof. Hierdurch that ſich ſein Mitwiſſen um das Geheimnis dar, was ihm eben bei der nunmehrigen Profeſſorin beſonders verhaßt machte. Als er ſie verließ, um zunaͤchſt Tippeln anfzuſu⸗ chen, hatte er Theobalden zwar zuvor hinlaͤnglich verproviantirt und uͤberhaupt mit den noͤthigen Be⸗ duͤrfniſſen auf viele Tage verſehen, allein die Sorge, daß die Neugier von Madam Marbach doch wohl ſo maͤchtig werden koͤnne, um alle Ruͤckſichten ver⸗ geſſend die Kabinetsthuͤre mit Gewalt öͤffnen zu laſ⸗ ſen, machte, daß der Profeſſor die Heimkehr auf's eiligſte antrat. Und ſeine Beſorgnis war gar nicht ohne Grund geweſen. Er hoͤrte bei der Ankunft in Langenhof, daß die Hauswirthin wirklich nach dem Schloſſer geſchickt, dieſer aber das engliſche Patentſchloß nicht hatte eroͤffnen koͤnnen, und daß ſchon die Rede ge⸗ gangen war, die Thuͤre gradezu aufzuſchlagen. Nach Theobaldens Entfernung aus dem Hauſe von Madam Marbach, hatte Tippel ſie auf einem benachbarten Gute untergebracht. Aus Furcht vor der Schwaͤche der Aeltern bei neuen Zuſagen Thorn's, war ſie noch immer den Verhandlungen mit ihnen — 191— ihretwegen entgegen geweſen. Sein darauf erfolgter Untergang ſprach ſie gaͤnzlich von dieſer Beſorgnis los und alles Uebrige ging nach Wunſche. In Langenhof erfuhr Niemand etwas davon, als Aldenheim und zwar durch Tippeln, weil dieſer wußte, wie tief das ganz ſpurloſe Verſchwinden der Braut dem jungen Mahler zu Herzen gegangen war. Aldenheim von der Nachricht in ein neues Leben gerufen, unterließ nicht ſogleich die Schritte zu thun, zu denen die lebendigſte Zuneigung ihn antrieb. Die Verbindung Aldenheims mit Theobalden war bereits in aller Stille im Hauſe ihrer Aeltern ge⸗ feiert worden und das junge Ehepaar erſt vor einer Stunde in Langenhof eingetroffen, wo es ſich fuͤr verpflichtet hielt, vor allen Andern, die an Theobal⸗ dens Schickſal von jeher innigen Antheil nehmende Graͤfin mit ihren Begebenheiten bekannt zu machen. So erfreulich auch dieſe Loͤſung des Geheimniſ⸗ ſes von der verſchleierten Dame in Tippels geheimen Cabinet ſeiner Gattin ſeyn mußte, ſo konnte ſie ſich doch des Vorwurfs nicht enthalten, daß er ſogar ihr, bis jetzt ein Geheimnis aus der Sache gemacht hatte, da doch mit Thorn's Verungluͤckung alle Ur⸗ ſache des Verheimlichens weggefallen waͤre. Keinesweges— antwortete hierauf der Profeſſor — die Verlobung und Hochzeit unſerer Freundin Aldenheim mit dem Verſtorbenen hatten zu viel Ge⸗ rede verurſacht. Ein neues wuͤrde unvermeidlich ein⸗ getreten ſein, wenn vor ihrer nunmehr gluͤcklich vollzogenen Hochzeit, Nachrichten davon eingelaufen waͤren. Daher mußte ſie hier ſogleich in der Qua⸗ litaͤt einer jungen Hausfrau erſcheinen. Habt ihr— fuͤgte er jetzt zu dem Paare ge⸗ wandt hinzu— habt ihr meinen Rath befolgt und die hochzeitlichen Karten ſchon gedruckt mitgebracht? Allerdings— antwortete der gluͤckliche Alden⸗ heim,— ſchon traͤgt mein Burſche ſie allenthalben herum, ſo daß in Kurzem ganz Langenhof wiſſen muß, daß ich und meine Theobalde Mann und Frau ſind.— Neben dem Gluͤcke des Paares erfreute die Graͤ⸗ fin auch beſonders der Umſtand, daß der Schatten den der anſcheinend recht grelle Widerſpruch zwiſchen Tippels fruͤherer Verſicherung in Hinſicht des vor⸗ maligen geheimen Cabinets und desjenigen, was nachher darin gefunden worden, auf den wackern Mann geworfen hatte, nunmehr voͤllig von ihm ge⸗ nommen war. Sie druͤckte ihm auch dieſe Freude — 193— ſo lebhaft und ruͤhrend aus, daß er die ſcherzhafte Frage, was denn nun aber doch wohl das Geheim⸗ nis jenes Cabinets geweſen ſey, zu beantworten ſich gedrungen ſuͤhlte. Es war— ſagte er— meine ſogenannte Scho⸗ felgalerie, aus Bildern maͤchtiger Taugenichts beſte⸗ hend, die ich, wenn ſchon ohne großen Zeitverluſt, nur mit wenigen Strichen, aber doch mit moͤglich⸗ ſter Aehnlichkeit in Situationen dargeſtellt, welche ſie nach meiner Anſicht reichlich verdient hatten. So wurden Leute oͤffentlich und zu ungemeiner Satis⸗ faktion ganzer mit Volk uͤberfuͤllter Maͤrkte, gegei⸗ ßelt, die man im Leben nicht ſcheel anſehen darf. Andere ſtanden am Pranger, welche ſich der hoͤchſten Ehrenplaͤtze erfreuen. Noch andere hingen gar am Galgen, was, wenn es heraus kam, um ſo ver⸗ derblicher fuͤr mich ausfallen konnte, da ich nicht einmal die billige Ruͤckſicht genommen hatte, ſie der vielen auf ihre Bruſt zuſammengedraͤngten Orden zuvor zu entkleiden. Es war eine Art von heimli⸗ chem Gerichte. Und wenn ich einmal recht muͤrriſch geworden, uͤber die zahlloſen Ungerechtigkeiten der Welt, und die von denen ſie hauptſaͤchlich geuͤbt. wurden, ſo gereichte es mir zu einem gar wohlthuen⸗ IIl. 13 den Soulagement wenigſtens in meinen vier Pfaͤh⸗ len die Gerechtigkeit walten zu ſehen. Und mein Gerichtsſprengel war groͤßer, als irgend einer auf der Welt. So hatte ich unter andern Sr. Maje⸗ ſtät dem ſchwarzen Koͤnig Heinrich von Hayti, wie ich glaubte, ſein Recht durch eine ganz gemeine Sclavenſtrafe angethan, die zugleich als Beweis mei⸗ ner Milde gelten kann, da er ſich ſelbſt bekanntlich zur Kugel vor dem Kopf verurtheilte, und das Ur⸗ theil auch hoͤchſteigenhaͤndig vollſtreckte. Allmaͤhlig wurde ich jedoch dieſer heimlichen Gerechtigkeitspflege uͤberdruͤßig. Zudem bedurfte ich ſeit meiner Ver⸗ heirathung des Platzes zu nothwendigern Dingen, als zu einer Schofelgalerie, daher ſie voͤllig einge⸗ ſtellt worden. Die meiſten Bilder daraus ſind, aller⸗ dings zu grauſam, bei einem auf dem Heerd in der Kuͤche gehaltenen Auto⸗da⸗fe untergegangen und nur zur Probe habe ich noch ein Paar verſtorbene Haupt⸗ boͤſewichter, gleichſam in Spiritus, aufbewahrt.— 15. In der Gegend von Langenhof berbreitete ſo eben die Weinernte ein recht heiteres anmuthvolles Leben, das ſich bis weit uͤber Thuͤrmen hinauser⸗ — 195— ſtrecke. Noch immer lebte der Vicomte Cheruͤbin zu Thuͤrmen und hatte die ſchoͤne Genugthuung, die Ruhe des Baron Tangern, welcher mit ihm zuſam⸗ men wohnte, in dem Eifer, womit er dem dortigen Vereine anhing, ſich immer mehr befeſtigen zu ſehen. Nur die Schwermuth mit welcher die eigene Lage ihn erfuͤllte, trat der frommen Erhebung in der er ſein Gluͤck zu ſuchen hatte, bisweilen in dem Weg. So oft er ſich auch einzupraͤgen ſuchte, daß der Menſch auf das Liebſte auf Erden ohne Murren muͤſſe Verzicht leiſten koͤnnen, wenn ihm von hoͤhe⸗ rer Hand ein Anderes beſtimmt worden, ſo uͤber⸗ raſchten ihn ſeine Gefuͤhle fuͤr Alphonſinen doch zu⸗ weilen in ihrer Naͤhe zu gewaltig, um auf den Kampf mit ihnen gehoͤrig geruͤſtet zu ſeyn. Alphon⸗ ſine ſchien einen aͤhnlichen Schmerz um ihn in der Bruſt zu tragen, der vielleicht in gleicher Art den klaren Strom ihrer Andacht bisweilen truͤbte. Zwar waren ſie beide dahin gekommen, daß ſie wohl Stunden lang mit einander ſprechen konnten, ohne durch irgend eine beſondere Annaͤherung, die fort⸗ dauernden Wuͤnſche ihrer Herzen anzudeuten, allein zur beiderſeitigen Staͤrkung in dem getrennten Ver⸗ haͤltniſſe, zu dem die Vorſehung ſie auserſehen zu 13*† — 196— haben ſchien, duͤnkte eine Verſetzung nach einem an⸗ dern Orte, dem Vicomte doch das beſte und wirk⸗ ſamſte. Er hoͤrte nicht auf, den Grafen von Al⸗ tenberg an ſeine Zuſage eines Poſten in der Reſi⸗ denz zu erinnern. Weil aber theils die Antworten von daher nur im allgemeinen Vertroͤſtungen beſtan⸗ den, theils ſeine dringendſten Aufforderungen ganz unbeantwortet blieben, ſo aͤuſſerte er ſchon einmal gegen Hudſon, der ſich vorzuͤglich auch um Tan⸗ gerns Ruhe durch ſeine Vorſtellungen ſehr verdient gemacht hatte, daß er an einer baldigen Verſorgung zu zweifeln anfange. Und ploͤtzlich hielt eines Nachmittags ein Wagen vor ſeiner Wohnung und der Graf von Altenberg, zur Weinleſe nach Langenhof gekommen, war der Ausſteigende ſelbſt. Sie haben— ſprach der Graf laͤchelnd zu ihm — den Glauben an meine Brruͤckſichtigung ihrer Wuͤnſche verloren, ich weiß das aus guter Quelle und denke mich rechtfertigen zu muͤſſen. Aus der nemlichen Quelle weiß ich auch, was ihnen noch mehr zuſagen wuͤrde und einzig darum verzoͤgerte ſich Alles. Ich mußte der Tuͤchtigkeit, ihrer Geſinnung erſt voͤllig ſicher ſeyn, bevor etwas Weſentliches fuͤr — 197— ſie geſchehen konnte. Nach vielen und mannichfalti⸗ gen Erkundigungen bin ich das endlich. Dazu weiß ich auch mehr um ihre Gefuͤhle als ſie glauben wer⸗ den. Die ſelige Gruͤnau war ihrer Verbindung mit Alphonſinen abgeneigt. Einzig aber unter der Vor⸗ ausſetzung, daß die Hinneigung eines vor Kurzem noch ſo durchaus weltlich geſinnten Mannes zu dem reli⸗ giöſen Vereine nicht von ihrem Herzen ausgegangen, ſondern durch aͤuſſere Umſtaͤnde allein bewirkt wor⸗ den ſey. Ich habe mich neuerlich immer mehr uͤber⸗ zeugt, daß dieſe Anſicht durchaus falſch geweſen und wuͤrde, nach der unbeſchraͤnkten Vollmacht, womit die Verewigte mich zum Vormunde ihrer Nichte einſetzte, keinesweges im Geiſte derſelben handlen, wollte ich da nicht nachhelfen, wo menſchliche Kurz⸗ ſichtigkeit nur ſie zu einem Irrthume verleitet hatte, deſſen Folgen die von ihr ſo innig geliebte Alphon⸗ ſine an einem Gluͤcke verhindern wuͤrde, deſſen ſie ſo uͤberaus wuͤrdig iſt. Seit einer Stunde weiß Alphonſine von Allem und erwartet ſo eben ſie und mich.— Mußte nicht der Vicomte von einer ſo ganz un⸗ verhofften Befriedigung des heißeſten Herzenswun⸗ ſches, eines Wunſches, deſſen verfehlte Erfuͤllung — 198— ihm zuweilen noch die ruhige Ergebung in die Fuͤ⸗ gungen des Himmels gar ſehr erſchwerte, ſich ſelig fuͤhlen; mußte ſeine Seligkeit auf Erden nicht ſogar den hoͤchſten Grad erreichen, als Alphonſine, nach⸗ dem ſie unter ihres Vormunds Segen, ihm ihr Ja⸗ wort gegeben, hinunter mit ihm in den Park ging, wo zu ſeinem groͤßten Erſtaunen zwei in ihren An⸗ ſichten ſo ganz verſchieden erſcheinende Perſonen, wie der Amerikaner und ſein Oheim, Arm in Arm mit einander auf und abwandelten und in die traulichſte Unterhaltung ſich ſo vertieft hatten, daß ſie die An⸗ naͤherung der Uebrigen gar nicht gewahr wurden? Der Graf ſagte hierauf zu dem Vicomte. Mit Recht glaubte unſer wuͤrdiger Freund Hudſon, daß eine Verſoͤhnung mit ihrem Onkel der Schlußſtein zum Gebaͤude ihrer irdiſchen Zufriedenheit werden muͤßte. Ohne dieſe Verſoͤhnung wuͤrde doch gar mancher ſtoͤrende Augenblick in ihrem Gemuͤthe ein⸗ getreten ſeyn. Der Gedanke, daß ein, kleine Schwaͤ⸗ chen abgerechnet, trefflicher Charakter, wie dieſer Onkel, deſſen volle Liebe ſie fruͤher genoſſen, ihrem Herzen verloren gegangen, waͤre gewis recht oft vernichtend auf die ſuͤßeſten Bluͤten deſſelben gefallen. Hudſon iſt zu ihm gereiſet und hat nicht geruhet, — 199— bis er ihre religioͤſen Anſichten aus dem richtigen Geſichtspunkte beurtheilte. Die beiden Spaziergaͤnger ſchienen immer tiefer in ihr Geſpraͤch zu verſinken. Die ſpaͤter in den Park Getretenen glaubten den wichtigen Gegenſtand⸗ den ſie offenbar abhandelten, nicht unterbrechen zu duͤrfen, und da ſie eben in derſelben Laube anka⸗ men, durch welche der Graf, nicht ſehr viel uͤber ein Jahr fruͤher, mit der ſeitdem vollendeten Be⸗ ſitzein wandelte, als das Bellen des ſchwarz und gelb gezeichneten Hundes ſeine Aufmerkſamkeit auf die Auſſenwelt zuruͤckleitete, ſo ließ man ſich leiſe in derſelben nieder. Auch die durch den Herbſt ſchon ſehr verarmte Blaͤtterbedeckung ihres jetzigen Aufenthaltes verrieth die Anweſenden nicht den Blik⸗ ken der eben wieder im fortdauernden Geſpraͤche ziem⸗ lich nahe vor der Laube Stehenbleibenden. Und glauben wir doch alle an den naͤmlichen Gott!— rief der Amerikaner mit Feuer.— Das haͤtte der Weiſe von Ferney, der unſterbliche Ver⸗ theidiger des fuͤr den Glauben gerichtlich ermordeten Calas immer bedenken ſollen. Der Glaube verlangt durchaus ſeine Modifikationen nach der großen Ver⸗ ſchiedenheit der menſchlichen Ausbildung und des — 200— Beduͤrfniſſes der Herzen. Kaͤmpfe jeder an, gegen verderbliche Misbraͤuche, der Kraft dazu in ſich fuͤhlt. Keiner aber ſoll das vom Wißze zerreißen laſſen, woran das Heil vieler Seelen gebunden iſt. Wir glauben Alle an Einen Gott und wollen ſie nicht mit mir in den Tempel kommen, wo ich mein Gebet zu verrichten pflege, ſo begleite ich ſie in den⸗ jenigen, welchen ihr Voltaire Gott erbauete, uͤber⸗ zeugt daß meine dankbaren Gefuͤhle auch dort den rechten Weg zu dem Unendlichen finden. Mit der Innigkeit, mit welcher hier die beiden Sprechenden einander in die Arme ſanken, ſchien der letzte Zwieſpalt zwiſchen ihrer Ueberzeugung in voͤllige Harmonie ſich aufgeloͤſt zu haben. Nunmehr nahmen ſie auch die in der Laube Verſammelten wahr, und mit der Freude, wie uͤber ein lange ſchmerzlich vermißtes Gut im Augenblicke des Wiederfindens, ergriff der Onkel den Neffen, und druͤckte ihn an ſeine fuͤr ihn neu entzuͤndete Bruſt. 16. Schon ſeit langer Zeit hatte Tippel ſeinen Brom⸗ berger aus Paris zuruͤckerwartet, von wo aus dieſer ihm recht ſchoͤne Beweiſe des Fortſchreitens in der — 201— Miniaturmahlerei geſendet. Eines Abends blies noch ſpaͤt eine Extrapoſt unten vor dem Hauſe. Sie brachte den Miniaturmahler. Die außerordentlich veraͤnderten Verhaͤltniſſe hatten dem jungen Manne natuͤrlich das Herz der nunmehrigen Profeſſorin von ſelbſt viel zugaͤnglicher gemacht, als ſonſt. Dazu kam hauptſaͤchlich das ſeltene Gluͤck, welches er zum Theil durch die von Tippel ihm nachgeſendeten Em⸗ pfehlungsſchreiben, beſonders aber wohl durch ſeine Geſchicklichkeit und die gefallende Keckheit und Zuver⸗ ſicht im Aeuſſern gemacht hatte. Die Extrapoſt mit der er ankam, hob den letzten Zweifel der Profeſſo⸗ rin an der Wahrheit ſeines ſchriftlichen Anfuͤhrens in dieſer Hinſicht. Bertha flog ihm mit der groͤßten Freude entge⸗ gen und die Preofeſſorin ſchien ein ſolches Benehmen gegen ihn gar nicht mehr unnatuͤrlich zu finden. Nur in Tippels Stirn zog, offenbar eben gegen die⸗ ſes Verhaͤltnis, ein Ungewitter auf. Er nahm auch, ſobald es gehen wollte, den Zuruͤckgekehrten in ſeine Mahlerſtube. Bromberger— ſagte er hier zu ihm— uͤber gewiſſe Dinge kann man nicht zeitig genug auf das Reine kommen, oder man verfaͤhrt ſich ſonſt — 202— vielleicht in ſeinem Lebenswege dergeſtalt, daß man nimmermehr wieder zur rechten Straße zuruͤckgelangt. Die Ehe iſt unter gewiſſen Umſtaͤnden, ein ganz verwuͤnſchtes Verhaͤltnis, beſonders fuͤr den, der mit allzuhoch fliegenden Hoffnungen auf ſie zuſteuert, Ich liebe Berthen wie meine Tochter. Aber auch du biſt mein Sohn und damit nicht in der Folge ſie und mich deine Vorwuͤrfe treffen, wenn dieſes oder jenes dir zu Ohren kaͤme, ſo glaube ich dir ſagen zu muͤſſen, wie ich bei meiner Ankunft in Langenhof das Maͤdchen gefunden habe. In das Gewirr eines betraͤchtlichen Fabrikhandels verloren, hatten Vater und Mutter zu wenig Zeit, ſich um ſie zu bekuͤmmern und ſo war das kleine vierzehn⸗ jaͤhrige Ding, durch das Lob, welches junge Leute ihren Reizen ſagten, gewiſſermaaſen vor den Jahren alt geworden. Wilde Traͤume hatten ſie aus der Kinderwelt verſchlagen, ſo daß ſie ſelbſt im Wachen eine Zeitlang zwiſchen Thuͤr und Angel ſtand und ſich gar nicht mehr zurecht finden konnte in der Welt. Das gab ſich zwar nachher wieder, aber die Nachrede blieb nicht aus. Seitdem hat ſie freilich ſich wieder ganz in das Gebiet des Anſtands zuruͤck⸗ gezogen, — 203— Da iſt ſie von mir gefunden worden— fiel Bromberger ein— und das Fruͤhere kuͤmmert mich gar nicht, weil ſie ſeit unſerer naͤheren Bekannt⸗ ſchaft mir die ſtaͤrkſten Beweiſe einer wahrhaft ſel⸗ tenen Zuneigung gegeben hat. Zur Wuͤrdigung mancher Delikateſſen gehoͤren extrafeine Zungen. Mir fehlt dieſer Vorzug in Hinſicht deſſen, was ſo viele von der Vergangenheit ihrer Braͤute verlangen. Von tiefſter Jugend an zu tief eingeweiht in das mancherlei Unerfreuliche des menſchlichen Daſeyns, achte ich uͤberhaupt Manches nicht an den Menſchen, was Andere durchaus begehren und begnuͤge mich mit dem, was mir wahkhaft weſentlich erſcheint und nicht auf leerer Einbildung beruht. Ich denke mit Bertha ein recht gluͤckliches Leben zu fuͤhren, wenn ihr ſolche mir geben wollt. Sollſt ſie haben! ſprach Tippel. Es freut mich ungemein, daß wir uͤber die groͤßte Schwierigkeit eben ſo gluͤcklich hinausſchifften. Bertha hat ſich waͤhrend deiner Abweſenheit trefflich in die Verhaͤlt⸗ niſſe zu fuͤgen gewußt. Ich bin ihr lebenslangen Dank ſchuldig! ſagte 1 Bromberger. Der blutige Strom der Revolution hatte meinem Daſeyn eine verkehrte Richtung ge⸗ — 294— geben. Indem ich dem Vorurtheile am kraͤftigſten zu widerſtreben dachte, war ich, leider, ganz in ſeine Bande gerathen. Du haſt auch— verſetzte Tippel— wahrlich fuͤr deine Selbſtſtaͤndigkeit in kurzer Zeit Alles ge⸗ than, was dafuͤr geſchehen konnte. Wenn ich deine Kunſt als Kunſt auch nicht allzuhoch ſtellen moͤch⸗ te, ſo verdient ſie doch als Gewerbe Aufmerkſam⸗ keit. Die Miniaturmalerei iſt eine Verkleinerung der Kunſt und der Menſchen, allein die Vorſtel⸗ lung, Perſonen, welche man vor andern liebt, auch wenn ſie nicht bei uns ſind, im Buſen oder in der Taſche mit ſich herumzutragen, hat ſo viel Angeneh⸗ mes, daß gerade dieſe Malerei dem, der ſie nur mit leidlichem Geſchicke betreibt, ein gutes Einkommen am beſten ſichert. 17. Von des Vicomte ſtiller Hochzeit mit Alphonſi⸗ nen nach Langenhof zuruͤckgekehrt, ſaßen der Graf und die Graͤfin von Altenberg mit dem Amerikaner noch ziemlich tief in den Abend beiſammen. Die Innigkeit des Paares ſchien dem Grafen den Tag ſeiner eigenen Vermaͤhlung in die Seele geruſen zu — 205— haben, als er jetzt ſprach: Moͤchte den beiden Gluͤck⸗ lichen Alles das in Erfuͤllung gehen, was die ſuͤße Trunkenheit der Blicke ſich gegenſeitig verſprach und zuſicherte. Moͤchte nicht in die ſchoͤnſte Bluͤthe ihres Lebens ein Mehlthau fallen, der, wenn er auch ſol⸗ ches nicht ganz ertoͤdtet, ihm doch wenigſtens denje⸗ nigen Glanz benimmt, von dem ſie heute gewis glauben, daß er ihre Jugend uͤberdauern und ihnen noch die ſpaͤterhin ſich immer mehr verdunkelnde Bahn zum Grabe mit himmliſchem Lichte erleuchten muͤſſe. Ach, wie viele nicht minder koͤſtliche Mor⸗ genroͤthen ſind dem Menſchen in ſolchen Verhaͤltniſ⸗ ſen ſchon aufgegangen, die ſtatt die verheißene Sonne heraufzufuͤhren, immer tiefer in die Nacht zuruͤck⸗ ſinken! Nur leiſe ſchien bei dieſem Worte des Grafen Blick das Geſicht der Graͤfin beruͤhren zu wollen. Aber er traf auch den ihrigen. Dieſelbe Thraͤne ſchien aus ihrer Wimper zu zittern, welche er im eigenen Augenliede fuͤhlte. Die Seelen beider blitzten zugleich aus ihren Augen, die Haͤnde erfaßten ſich und Hudſon trat zwiſchen ſie, hielt ihre vereinten Haͤnde zuſammen und ſprach: Der Herr ſegne und behuͤte euch und gebe euch Frieden! 206— Da zerfloß ploͤtzliich die Scheidewand, welche zeit⸗ her zwiſchen ihnen geſtanden hatte, wie das Eis vom Hauche des Fruͤhligs. Das Paar war ſich auf Einmal wieder voͤllig zuruͤckgegeben, es war als ob die Hochzeit, von der ſie heimgekehrt, den geſegneten Tag der ihrigen ihnen erneuert haͤtte. 18. Die Graͤfin hatte den groͤßten Theil des Win⸗ ters mit ihrem Gemahle in der Reſidenz zugebracht. Der Fruͤhling lockte Beide zuſammen nach Langen⸗ hof. Wie ſo viele Betrachtungen bot ihnen ihre dortige Ankunft dar! Bey dem Gefuͤhle des Glau⸗ bens, das ſie in ſich trugen, konnten auch die auf duͤſterm Grunde ruhenden keine Gewalt uͤber ſie aus⸗ uͤben. Auf Thuͤrmen, wohin ſie bald nachher ſich be⸗ gaben, fanden ſie in Cheruͤbin und Alphonſinen die Sinnbilder der Zufriedenheit. Auch Tangern war ſo neu aufgelebt, daß ſie bei ihrer Ruͤckkehr nach Langenhof in Geſellſchaft des Amerikaners ihre große Verwunderung daruͤber zu erkennen gaben. Und das allein mit Huͤlfe der Richtung, welche der Beitritt zum dortigen Verein ihm ertheilte! ſprach Hudſon. Gewiß verdankt der Vicomte eben⸗ —— — ,— — ,— —;:— — 207— falls die ſichere Bahn, auf der er jetzt wandelt, ein⸗ zig den Schranken, welche die gluͤckliche Ahnung deſ⸗ ſen, was ihm Noth that, ihm ſagte, und zu der ihn ſelbſt die unheilvolle Geſchichte des nun durch ihn wieder in ein erfreuliches Gleis gebrachten Tan⸗ gern, leitete. So greifen im Leben oft die ſcheinba⸗ ren Zufaͤlle, gleich dem wohlberechneten Gange der Faͤden eines kunſtreichen Gewebes, auf das 3weckmä⸗ ßigſte in einander.— Zu Langenhof kam zunaͤchſt die Rede auf den Mahler Tippel und das Gllͤck ſeiner Ehe. Das iſt nun— ſprach der Amerikaner laͤchelnd— grade ſolch ein Zuſtand geworden, wie der wackere Tippel ſich ihn gedacht haben mag, weder zu bitter, noch auch viel weniger zu ſuͤß. Ohngefahr nach glei⸗ chem Maasſtabe moͤchte die Ehe des Muſikmeiſters Senner mit der jungen Witwe eingerichtet ſeyn. Wenn auch die gute Frau mitunter ein wenig vor ſich hinſtarrt, ſo ruͤhmte ſie mir doch erſt vor ein Paar Tagen die Sorgfalt, mit welcher Senner die Rechnung fuͤhrt, was man— ſchaltete er ſcherzhaft ein— einem ſo geſchickten Muſiker vielleicht als eine ſeltene Tugend anrechnen muß und, daß ſie keinen beſſern Mann haͤtte finden koͤnnen. Wie aber geht es meinem Liebchen der ſuͤßen Theobalde? fragte nunmehr die Graͤfin. Dieſe hat das große Loos in der Ehe gewonnen. Es iſt, als habe der Himmel ſie fuͤr die uͤberſtan⸗ dene Trauer reichlich entſchaͤdigen wollen. In die Welt kommt ſie und ihr Mann ſelten und das iſt, wahrlich kein ſchlechtes Zeichen. Brombergers— fuhr er fort— machen mir noch die meiſte Unruhe. Brombergers?— verſetzte der Graf, der ſich des Namens nicht ſogleich entſinnen konnte. Seine Gemahlin erinnerte ihn laͤchelnd an den ſo gar ſeltſam gekleideten Farbenreiber, der ihnen an Tippels vormaliger Wohnung zuerſt aufſtieß. Der iſt ja wohl— ſprach Altenberg— ſpaͤter ein nicht ungeſchickter Miniaturmahler geworden. Sollte es ihm an Kundſchaft mangeln? Ach nein, mit ſeinem Fortkommen hat es keine Noth. Auf allen benachbarten Guͤtern iſt er ſchon mit ſeiner Kunſt herum und beſitzt offenbar zu we⸗ nig Haͤnde, um die vielen Wuͤnſche nach Portraits von ihm, zufrieden zu ſtellen. Seine Frau aber, die vor der Ehe alles Ungemach ſeinetwegen ertrug und nur in Beziehung auf ihn zu athmen ſchien, iſt jetzt haͤufig boͤſe uͤber die Langeweile, welche ſeine oͤftere Abweſenheit ihr verurſacht. Das eine Mal hat ſie ſich ſogar verleiten laſſen zu einer Bekanntſchaft, die ihre eheliche Zufriedenheit ſchwerlich gefoͤrdert haben wuͤrde, wenn ſie nicht noch in Zeiten an den Tag gekommen waͤre. Es mag ſchon ruͤchtige Taͤnze ge⸗ geben haben. Auf meinen und ihres Schwiegerva⸗ ters Rath, nimmt Bromberger ſich jedoch nunmehr ſchaͤfer zuſammen, und das ſchlaͤgt an. Noch ge⸗ ſtern erzaͤhlte ſie mir, wie wohl es ihr wieder er⸗ ginge und betheuerte, daß gewis keine zweite Sto⸗ rung ihrer Ehe von dieſer Art eintreten ſollte. Sorche Worte rechne ich nun freilich nicht unter meine Glau⸗ bensartickel, ſie zeugen aber doch wenigſtens von gu⸗ tem Willen, dem dadurch ſehr unter die Arme ge⸗ griffen wird, wenn der Mann, wie er mir verſpro⸗ chen hat, recht auf ſeiner Hut iſt. Von Allen aber die ich uͤberhaupt kenne, hat gewiß Niemand ſeinen Wunſch ſo ganz erreicht, als ein Hoͤchſtungluͤcklicher, und das iſt der vormalige Prediger zu Thuͤrmen, Welter. Auch keine Spur von dem Grabe, das ihn bedeckt. Ich ſtand geſtern lange dabei. Die Weiden flattern ſo luſtig uͤber die voͤllig ebene, im uͤppigſten Graswuchs prangende III. 14 Hoffnungen zu ihrer eigenen und anderer Zufrieden⸗ aus der Stadt hierherkam, und in dieſem naͤmlichen — 210— Stelle, daß man vor dem dortigen freundlichen Leben kaum zum Gedanken an den Tod kommen kann. Daß die arme Gruͤnau— ſprach nach einer weh⸗ muthsvollen Pauſe die Graͤfin mit tiefem Seufzer— daß ſie ſo fruͤhzeitig dahin mußte. Das— verſetzte der Amerikaner— war wohl die groͤßte Wohlthat auch fuͤr dieſe Leidende. Wie haͤtten ihre, meiſtens auf ſinnliches Gluͤck berechneten heit in Erfuͤllung gehen koͤnnen? Der Keim zu ihrem fortdauernden Ungluͤcke iſt da zu finden, wo ſie zu⸗ letzt allein ihn ſuchte. Mit dem leichtſinnigen Auf⸗ geben des Mannes der ihre erſte Liebe war, und den dann der Untergang in der Schlacht ereilte, hatte ſich die Schuld zu tief in ihr Leben geniſtet, als daß eine freundliche Loͤſung ihres Schickſals zu erwarten ge⸗ weſen waͤre. Nur einen Augenblick faßte ich, ver⸗ blendet genug, Hoffnung hierauf; es war ein Irr⸗ thum, den ich meiner langen Erfahrung noch jetzt nicht verzeihe, und welcher deutlich darlegt, wie leicht der Menſch, ſtatt des Guten, das er bezweckt, eitel Boͤſes hervorbringen koͤnne. Erinnern Sie ſich noch, gnaͤdige Graͤfin, wie ich im vorletzten Winter einmal — 211— Zimmer ihr Herz in die Enge trieb, bis ſie jenen Entſchluß faßten, ihre heiligen Rechte an den Gemahl unſerer Verſtorbenen abzutreten? Allerdings ſetzte ich voraus, daß die Wurzeln des Verhaͤltniſſes zwiſchen ich und ihm, das ſeitdem ſo koͤſtlich wieder empor⸗ wuchs, bereits vertrocknet waren, daß eine heilſame Wendung des Geſchickes dreier im Innerſten erkrankter, mir hoͤchſt werther Perſonen einzig auf dem durch mich vorgeſchlagenen Wege zu erreichen ſtuͤnde. Da fiel mir noch ploͤtzlich ein, daß ich doch wohl unter falſchen Vorausſetzungen gehandelt haben koͤnnte und ſo trieb mich eine wahrhafte Todesangſt nach der Re⸗ ſidenz. Aber ſo eifrig ich auch unterwegs den Him⸗ mel anflehte, daß jenes Miniaturportrait noch nicht uͤbergeben, und noch Zeit ſeyn moͤchte, zuvor zu ei⸗ ner abermaligen Erforſchung des Herzens, dem ſie ſo heldenmuͤthig entſagen wollten, ſo fand ich doch damit keine Erhoͤrung, Bild und Brief waren bereits in den Haͤnden der Baroneſſe. Lange hatte keine Begebenheit ſo erſchuͤtternd auf mich eingewirkt. Denn zu der Unruhe uͤber die Moͤglichkeit, daß mein Rath, ſo wohlgemeint er geweſen, einen ſtrafbaren Eingriff in ihre Gemeinſchaft gethan haben koͤnne, kam eben als ich hier in Langenhof in den Wagen ſteigen wollte, 14* — 212— mir die Kunde zu Ohren, die Baroneſſe werde wie⸗ der von den feindlichen Klaͤngen verfolgt, mit denen ihre Phantaſie allein, wie man glaubte„ihr die in⸗ nere Ruhe bekriege. Wie haͤtte ein alſo geſtoͤrtes Gemuͤth heilſam einwirken moͤgen auf das Leben ei⸗ nes Mannes, deſſen Heil mir ſo wahrhaft am Her⸗ zen lag? Auch nach der geſchehenen Uebergabe von Bild und Brief, glaubte ich, Falls dieſe naͤchtliche Unruhe der Baroneſſe wirklich wieder eingetreten war, hemmend in das Rad eingreifen zu muͤſſen, deſſen Anſtoß ich unvorſichtiger Weiſe ſelbſt gegeben hatte. Mein Geſpraͤch mit dem Fraͤulein von Herbſt, deſ⸗ ſen ſie ſich, lieber Graf, vielleicht erinnern, ging eben auf die Erforſchung jenes Umſtandes. Allein die Freundin der Verewigten meinte dieſer ohnſtreitig ei⸗ nen Dienſt zu erweiſen, wenn ſie einen Schleier uͤber die Sache warf, und ſo ſchalt ſie mit Empfindlich⸗ keit auf die, welche immer von neuem darauf aus⸗ gingen, dergleichen Geruͤchte zu verbreiten. Dieſe Unwahrheit war weinigſtens ein ſchwacher Troſt fuͤr mich. Um aber— ſagte hier die Graͤfin nach ihrem Sekretair gehend, und daraus ein Papier hervorneh⸗ mend— um das, was Sie guter Hudſon, haupt⸗ ———᷑—ÿ——- — 213— ſaͤchlich mit zu ihren damaligen Ermahnungen an mich bewegen mochte, wieder an den rechten Ort zu brin⸗ gen, iſt noch eins uͤbrig. Mit dieſen Worten oͤffnete ſie das Papier und zog den fuͤnffach verſchloſſenen Brief des Grafen her⸗ aus, den ſie aus des Amerikaners Hand empfangen hatte. Sorgfaͤltig habe ich zeither meine Lippen vor der Erwaͤhnung dieſes Blattes bewahrt; allein es lag mir mit ſeinen fuͤnf Siegeln allzuſchwer auf der Seele, als daß ich, mein Theurer, den jetzigen Au⸗ genblick, indem es dir bei den uͤbrigen Umſtaͤnden ge⸗ wiß ſchon vor Augen ſchwebte, nicht benutzen ſollte, es wieder in deine Haͤnde zu geben. Ich kann mir ſeinen Inhalt denken; aber ich denke mir auch, daß er der Theil einer vergangenen Zeit iſt, die wir in das Gluͤck unſerer Gegenwart nicht ohne Urſache zu⸗ ruͤckkaufen ſollten. Der Amerikaner billigte ihre Rede, doch der Graf ſagte: Allerdings ließ auch ich zeither dieſes verſiegelte Blatt unerwaͤhnt, weil ich mich ſcheuete, damit manches andere vielleicht Unbehagen Erregende herbeizuziehen. Allein die jetzige ſchoͤne Stimmung waffnet uns mit Kraft gegen alle Erſchuͤtterungen. Du koͤnnteſt dir den Inhalt des Briefes denken, mein Herz? Nun ſo ſiehe, ob deine Gedanken davon die richtigen geweſen ſind. Mit dieſen Worten war auch ſchon die Schrift von ihren Feſſeln befreiet. Wahrlich, das iſt der gluͤckſeligſte Augenblick mei⸗ nes ganzen Lebens, ſprach die Graͤfin, nachdem ſie mit ſichtbarem, immer ſteigenden Entzuͤcken ſolche geleſen hatte, und ſank dann in die offenen Arme ihres Gemahles, dem Amerikaner die Schrift zu⸗ reichend. Sie enthielt die Urkunde, daß in des Grafen Herzen, nie ein anderes Bild, als das Bild ſeiner Gemahlin geherrſcht, daß die Baroneſſe zwar einen maͤchtigen Eindruck auf ſeine Sinne gemacht habe, deſſen Gewalt aber durch die Dazwiſchenkunft des ſchwarz und gelb gezeichneten Huͤndchens im Parke zu Thuͤrmen, gleichſam gebrochen worden. Ein ein⸗ ziges Mal nachher hatte ſich des Grafen Stimme abermals durch der Baroneſſe Erſcheinen unterwegs uͤberraſcht gefuͤhlt. Aber dem bei dieſer Gelegenheit ihm entſchluͤpften Worte, daß es zwiſchen ihm und der Witwe unmoͤglich ſo bleiben koͤnne, folgte ſchon die bitterſte Reue, bei ihrer beſtimmten Auslegung — 215— deſſelben. Ihr uͤbereiltes Erbieten, die Sache ſelbſt der Graͤfin vorzutragen, vollendete, ſeiner Verſiche⸗ rung nach, mit Einem Male ſeine voͤllige Heilung. Das Blatt ſollte, wie er ſich darin ausdruͤckte, wider ihn zeugen, wenn er ſich je entſchloͤſſe, einer, Andern ſeine Hand zu geben. Schweigend legte Hudſon ſolches zuſammen und ſagte dann: Gott ſey geprieſen, der die, durch meine Kurzſichtigkeit faſt ganz verdorbene Sache, ſo gluͤcklich noch wendete. Warum aber, mein Theuerſter— fragte endlich die Graͤfin— warum mußte eine Geſinnung, ſo troͤſtlich fuͤr mich, mir verſchloſſen bleiben. Weil ich— antwortete der Graf— deiner Neigung Schranken damit zu ſetzen anſtand. Alle Hoffnung auſgebend, daß wir jemals auf dieſen Fuß kommen wuͤrden, dachte ich mir zuweilen, ein an⸗ deres Eheband koͤnnte doch wohl dein geheimer Wunſch ſeyn. O Gott, Gott— rief die Graͤfin und Thraͤnen ſtuͤrzten aus ihren Augen— daß man im Innern einander ſo nahe ſtehen und ſich dennoch ſo unglaub⸗ lich verkennen kann!— — 216— Wohl euch, geliebte Freunde— ſprach der Ameri⸗ kaner— der Irrthum iſt voruͤber, ſo ganz voruͤber, daß er gewiß nimmer zuruͤckkehren wird. Des Huͤndchens aus dem Thuͤrmener Park, das ſeitdem in des Grafen Garten lebte und ſein Liebling geworden war, geſchah ebenfalls wieder Erwaͤhnung und Hudſon ſagte: Dergleichen anſcheinend bedeutungsloſe, aber hoͤchſt heilſame Zwiſchenfaͤlle, treten gar oft im Leben ein, wenn der Menſch ſie nur beſſer beachten wollte! 19. Der Mai des folgenden Jahres war herbeige⸗ kommen. Auf einer die Gegend weit uͤberſchauenden Terraſſe des Gartens zu Langenhof ſaßen Graf und Graͤfin. Ein Feuermeer, ſchwammen ſo eben die Sonnenſtrahlen durch das benachbarte Buchengehoͤlz und der große Moment des nahenden Tagesabſchieds verſetzte beide in jene freudige Ruͤhrung, in welcher die Leiden und Freuden der Vergangenheit ſo gern aus dem Alles verſchlingenden Strome der Zeit, den Bergen der Ferne gleich im blauen Himmelsglanze der Verklaͤrung, wieder auftauchen. Das groͤßte Raͤthſel waren ihnen jetzt die mancherlei kleinen Um⸗ — 217— ſtaͤnde, deren Zuſammenfluß ſie eine Zeitlang aus einander gehalten hatte, und von denen beim Lichte be⸗ ſehen, die meiſten ſogar nur weſenloſe Geſtalten ihrer Einbildung geweſen. So haͤtte, wie die Graͤfin ein⸗ geſtand, ſich in ihr allmaͤhlig die Vorſtellung erzeugt, Altenberg habe ſie nicht aus Liebe, ſondern einzig aus Dankbarkeit gegen den verſtorbenen Langenhof geheirathet, eine Vorſtellung welche ihrer nunmehri⸗ gen Anſicht nach, die groͤßte Ungerechtigkeit an der innigen Zaͤrtlichkeit ihres Gemahles war. Nicht we⸗ niger leuchtete ihr jetzt ein, daß ihr eigenes Vor⸗ urtheil gegen den Adel im Allgemeinen, ihm einen geheimen Stolz auf dieſen angedichtet habe, und daß jenes Urtheil uͤber Ehen zwiſchen einem vom Adel und einer aus dem Buͤrgerſtande, welches ſie einſt gegen die verſtorbene Gruͤnau geaͤußert, auch durchaus keine allgemeine Wahrheit ausgeſprochen, vielmehr einzig auf einer Grille beruht hatte. Ueberhaupt— ſprach der Graf, als ſie hierauf beſchaͤmt die Rede brachte— leiden die allgemeinen, aus mehreren einzelnen Faͤllen hergeleiteten Saͤtze, nur allzuoft an der Einſeitigkeit und viele Urtheile, die wir fuͤr unwiderlegbar achten, ſtreift eine reifere Er⸗ fahrung, als leidige Vorurtheile von uns ab. — 218— Mit Segen gedachten ſie Hudſons, deſſen Geiſt noch oft unter ihnen und mit ihnen wandelte, ob⸗ ſchon er beim diesmaligen Wiedererwachen der Natur leicht, wie ein vertrocknetes Baumblatt vom Abend⸗ hauche, dem Leben entfuͤhrt worden war. Sein Aus⸗ ſpruch, daß oft das Ungluͤck dazu dienen muͤſſe, dem Menſchen die Binde des Wahnes, mit dem er lange dicht vor ſeinem Gluͤcke geſtanden, ohne es zu erken⸗ nen, vom Auge zu nehmen, damit er ſolches mit Dank gegen die Vorſehung erfaſſe, hatte ſich vollkom⸗ men an ihnen bewaͤhrt. Das ganz Unverhoffte ſogar war eingetreten, die Graͤfin war vor dreizehn Monaten eines Sohnes ge⸗ neſen, in dem der Name Langenhof neu auflebte und der ſo eben jetzt wie gerufen, von der Waͤrterin her⸗ beigefuͤhrt wurde. Fuͤr den morgenden Tag hatte man wieder ein⸗ mal in der Geſchwindigkeit alle diejenigen zu einem Fruͤhlingsfeſte eingeladen, mit denen das gluͤckliche Ehepaar waͤhrend der letzten Zeit am meiſten in Be⸗ ruͤhrung geſtanden. Auch Cheruͤbins, welche mit ih⸗ nen in ſehr freundlichem Verkehr lebten, hoffte man dabei zu ſehen. Da erſchien aber ihr Bedienter mit —,— — 219— einem Briefe, welcher die Einladung ablehnte, wie alle großen Geſellſchaften. Der Mund der Graͤfin verzog ſich bei dieſem Zu⸗ ſatze des Vicomte zum Laͤcheln, aber der Graf ſagte: Die Geſtalt des Gluͤckes der Menſchen iſt ſo ver⸗ ſchieden, wie ihre Geſinnung. Unſere Freunde auf Thuͤrmen glauben es einzig in einer Beſchraͤnkung finden zu koͤnnen, welche ſie freiwillig ſich ſelber ſetz⸗ ten. Ich lobe ſie darum; ſie haben Recht. Ich lobe aber auch uns, daß wir anders denken, weil wir ebenfalls Recht haben: Eines ſchickt ſich nicht fuͤr Alle; Sehe jeder wie er's treibe, Sehe jeder wo er bleibe, Und wer ſteht, daß er nicht falle!— En d e. Leipzig, gedruckt bei W. Haack. Verbeſſerungen: Th. 1. S. 8. Z. 16. lies: halte ſtatt hatte. 3„ 13. ⸗ 17. ⸗ entreißen ſt. entrißen. . 14.⸗ 23.⸗ wirklichſt. wiklich. 6 „25.⸗ 14 ⸗- nahgelegenen ſt. nachgelegenen. „al. in der Anmerk. l. Falk ſt. Sack. ⸗* 90. Z. 20. lies: Eheloſen ſt. Ehrloſen. „ II. S. 174. Z. 19., desgl. S. 175. Z. 23. und S. 182. I. Toccategli ſt. Toccadegli. „ III. ⸗ 104.⸗ 10. fällt kann einmal weg. 1„ 105. ⸗ 9. lies: ſie ſt. ſir. 2* . —-— plrearuuEn 1 12 13 14 15 16 1„ 5 4 8