4 SerereesEee 3 o.„ Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Deih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.— 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines Heliehenen Buches wird von iedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4 3 5 3.(aution. Unbekannte Perſo„müſſen, bei Entgegennahme ' Ines Buches, eine dem Werthe veſſelben entfprechends Penhnne 4 ſ hinterlegen, welche bei deſſen Zreückgabe von mir zurückerſtattet wird. b 4. Abponnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und für wöchentlich 2 Bücler: 4 Bücher: 6 Bücher: —,—————— 3 auf 4 Monat: 1 Mk.— Pf. 4. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. . Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung 8 der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe K auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ beträgt: ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben 5 Welcher’ m Drei Geſchichten verwandten Inhalts; von Friedrich Lauft Dresben, 182 1. in der Arnoldiſchen Buchhandlung. Inhalk: Die unterbrochene Hochzeit. Der geliebte Leichnam. Der Fund im Schnee. Die unterbrochene Hochzeit. —V—— I. In einer Anwandlung von guter Laune hatte die geheime Raͤthin Aarau, der Liebe eines jungen Tonkuͤnſtlers, Namens Wildenfels, zu — Caeiljen, ihrer einzigen Tochter, nachgegeben. 5 Mit diin Wohlklange ihres Fortepiano war es ihm damals gelungen, dieſe freundliche Stim⸗ mung in ihr zu erwecken. Aber faſt zugleich mit ſeinen Toͤnen war auch das Wohlwollen fuͤr ihn in ihrer Bruſt verklungen. Die ſcheelen Geſichter vornehmer Verwandten zu Caͤciliens Verbindung mit einem unbemittelten, nur von dem Ertrage ſeines kuͤnſtleriſchen Strebens le⸗ benden Manne, ſchreckten ſie im Voraus. Auch konnte ſie, der eigenen Anſicht nach, die Sache nicht billigen. Dazu kam noch, daß 1* 4 Wildenfels eine ziemlich ſeltſame Weiſe und manche Ungleichheit in ſeinem Betragen hatte, wie man ſie wohl bisweilen an gehaltvollen Kuͤnſtlern findet, deren Talente ſich der gehoͤri⸗ gen Anerkennung noch nicht erfreuen.— Zu klug aber, um durch offenbare Zuruͤcknahme ih⸗ res, Wildenfelſen gegebenen Wortes, der Liebe des Paares einen neuen Aufſchwung zu ertheilen, hielt die geheime Raͤthin ihm ihre Geſinnung verborgen und machte nur, dem jungen Manne ſowohl als ihrer Tochter, die Bedingung, den geſchloſſenen Bund gegen Jedermann ſo lange zu verheimlichen, bis ſie den Augenblick wuͤrde gefunden haben, ihrem alten Oheime und Caͤ⸗ ciliens Vormunde, dem Miniſter Tellheim, ei⸗ nem hoͤchſt wunderlichen Manne, die Sache auf geſchickte Weiſe darſtellen zu koͤnnen. Das aber verzögerte ſich von einer Zeit zur andern. Hauptſaͤchlich rechnete ſie auf die kleinen Zwiſte, welche zuweilen unter den Liebenden ſtatt fanden. Groͤßtentheils lagen ihnen Eiferſucht⸗ grillen des Braͤutigams zum Grunde, zu denen ſtets ſein heimlicher Unmuth die erſte Gelegenheit gegeben haben mochte. Wiederholt hatte ſchon 3 da, wie in einem Anfalle von boͤſer Krankheit, Wildenfels geaͤußert, daß, wenn irgend einmal ſein Argwohn Beſtaͤtigung erhielte, er ohne Weiteres die Stadt verlaſſen werde und nie wie⸗ der etwas von ihm zu hoͤren ſeyn ſolle. Die Mutter, Caͤciliens engelreinen Sinn vom Grun⸗ de kennend, ſchloß aus dieſer ungluͤcklichen Dro⸗ hung, daß es Wildenfelſen mit ſeiner Liebe nicht einmal Ernſt ſey, oder wenigſtens ihrem armen Kinde kuͤnftig an der Hand des launenhafteſten, argdenklichſten Menſchen ein uͤberaus bittres Loos fallen werde. Darum pflegte die geheime Raͤ⸗ thin auch gewoͤhnlich dieſe Zwiſte unvermerkt anzublaſen. Allein die Verſoͤhnung der Lieben⸗ den trat in der Regel dann grade am ſchnellſten ein, wenn die Mutter ſolche fuͤr faſt unmoͤglich geachtet hatte. Wie aber ein Feuer, das recht lange im Verborgenen gehauſet, nur deſto unaufhaltſa⸗ mer hervorbricht, ſo auch die Flamme der Liebe dieſes Paares. Umſonſt bat und drohete die ge⸗ heime Naͤthin, daß man, wenigſtens vor Zeugen, ſich maͤßigen ſolle; in Kurzem ſchon wurde die Verbindung des Tonkuͤnſtlers mit der Geheimen⸗ rathstochter ein Gegenſtand der Gloſſen nicht 6 nur aller Verwandten der letztern, ſondern ſogar der ganzen Reſidenz. Und grade der ſonſt recht wunderliche Großoheim und Vormund Caͤciliens war derjenige unter den Verwandten, der dieſe Verbindung mit dem mildeſten Auge anſah⸗ Denn durch Alter und Erfahrung genug belehrt, um die Verhaͤltniſſe des Lebens gehoͤrig zu wuͤr⸗ digen, fand er in Wildenfelſens Armuth um ſo weniger ein Unheil, da der junge Mann ſich mit großem Eifer ſeiner Kunſt widmete, und falls dieſe vielleicht nicht dankbar geweſen waͤre, Cäͤciliens Vermoͤgen ſehr gut ausreichte fuͤr beide und eine zahlreiche Familie. Die Seltſamkeiten und ungerechten Eiferſuͤchteleien des Muſikers machten dem Miniſter zwar auch einiges Be⸗ denken; allein er glaubte, daß dieſe, bei Caͤci⸗ liens muſterhafter Weiſe und ihrer Sanftheit, von keinen Folgen weiter ſeyn koͤnnten. 2† Dii Verlobungskarten wurden herumgege⸗ ben. Der arme, kahle Name des Braͤutigams konnte der geheimen Naͤthin durch ihr ſchoͤnes Aeuſſeres ſo wenig als ſein launenhaftes Weſen gut gemacht werden. An jedem Spiegel machte — * 4 die elegante Karte ihr eine Zeitlang bittre Vor⸗ wuͤrfe, denn ohne ihre Einwilligung haͤtte ja der Name ihrer einzigen Tochter ſolch einem Manne nie an die Seite gerathen koͤnnen. Letzteres erſchien auch wohl in einem noch ſchreienderem Lichte. Oft in Geſellſchaft, wenn der Tonkuͤnſtler vorgeſtellt wurde, trat des Wirths Verlegenheit recht in's Licht, indem er etwa ſagte: Herr— Wildenfels, und zwiſchen beiden Worten eine Pauſe, wie fuͤr den fehlenden Titel, machte. Zuweilen ging es ſo weit, daß man, ſeinen Namen ganz weglaſſend, ihn blos als den Verlobten des Fraͤuleins Aarau praͤſendirte. So tief dies aber auch die geheime Raͤthin ſchmerzte, ſo wuͤrde ſie ſich doch des eigenen Schmerzes nur gefreut haben, wenn Caͤcilie daruͤber Beſchaͤmung gezeigt haͤtte. Allein keinesweges. Sie that hoͤchſtens durch Lachen ihre Geringſchaͤtzung gegen die Perſon kund, welche ſich einer ſolchen Praͤſentation ſchuldig machte. Gaͤnzlich gab jedoch die geheime Raͤthin ihre Hoffnung auf eine Trennung der Liebenden noch immer nicht auf, wenn ſich die Hochzeit 6 8 nur etwas hinausſchieben ließ. Daher kam ihr eine jetzt eintretende Familientrauer recht gelegen. Aber mit dem Schwarz an ihrer und der Toch⸗ ter Kleidung mußte ſich auch ihre Hoffnung im⸗ mer mehr vermindern. Das Paar ging unver⸗ ruͤckt ſeinem ſchoͤnen Ziele zu und wenn der miß⸗ vergnuͤgte Kuͤnſtler einmal wieder ſagte: ich werde gewiß noch ploͤtzlich fortgehen und dann keinen Laut mehr von mir hören laſſen, ſo war Caͤcilie dieſer unbedachten Rede ſchon ge⸗ wohnt worden und glaubte ſich durch ihr flecken⸗ loſes Leben am beſten vor der Erfuͤllung der⸗ ſelben geſchuͤtzt. Schon ſtand der Vermaͤhlung kein einziges Hinderniß weiter im Wege. Da behauptete auf einmal die geheime Raͤthin, daß der Fluͤgel ihres Hauſes, welcher zur kuͤnftigen Wohnung des jungen Paares beſtimmt war, zuvor eine Repa⸗ ratur erheiſche. Der darum befragte Architekt, den Einfall ſeinem Intereſſe gemäß findend, gab ſeine voͤllige Zuſtimmung. 3.. Im ſchlechteſten Humor uͤber den neuen Aufſchub ſeines Glückes die Braut beſuchend, — — — . —y ÿ—— 9 hoͤrte Wildenfels eines Nachmittags von ihr und der kuͤnftigen Schwiegermutter ein großes Nuͤhmen des geheimen Legationraths Stillburg, eines jungen Mannes, deſſen Vater mit Caͤci⸗ liens Vater in den genaueſten Verhaͤltniſſen ge⸗ ſtanden hatte. Der Legationrath war nach ei⸗ ner ſechsjaͤhrigen Abweſenheit vor acht Tagen zuruͤckgekehrt. Er hatte das unbedeutende Kind Caͤcilie als eine, viele andre weit uͤberſtralende Jungfrau wiedergefunden. Nach mehrern Be⸗ ſuchen war er eben wieder dageweſen, mit der Frage, ob die Damen nicht auf dem Balle des Abends ſich einfinden wuͤrden. Die geheime Raͤthin hatte ſich auf der Stelle dazu entſchloſ⸗ ſen. Die hellſte Glut loderte durch Wildenfel⸗ ſens Geſicht, als ihm jetzt das Anſinnen geſchah⸗ ſie dahin zu begleiten. Schon ein Paar Tage fruͤher hatte er Stillburgs Lob aus Caͤciliens Munde vernommen und der Zuruͤckgekehrte ſchien ſeitdem in ihrer und ihrer Mutter Gunſt noch um vieles gewachſen zu ſeyn.— Wildenfels ſchwieg. „Sie haben Stillburg,“— fuhr Caͤ⸗ eilie fort—„noch gar nicht geſehen, lieber Wildenfels.“ 10 „Ich weiß meine Neugier zu bezaͤhmen!“ antwortete er. „Meine Mutter,“ ſprach Caͤcilie empfind⸗ lich uͤber die in ſeinem Tone liegende Bitterkeit: „denkt, Sie ihm auf dem heutigen Balle ais vnaldn Verlobten vorzuſtellen.“ „Aeuſſerſt guͤtig!“ antwortete Wildenfels. „Uebrigens werde ich nicht die Ehre haben kön⸗ nen, da eine Art von dumpfem Kopfſchmerz mich heute am Beſuche des Balles verhindert.“ Mit dieſen Worten verbeugte er ſich hoͤflich und ging wieder. „Allertiebſt!“ ſagte die geheime Raͤthin, als er hinweg war.„Das nenne ich doch ein Be⸗ tragen, wie es dem kuͤnftigen Gatten der Toch⸗ ter des ſeligen geheimen Raths und der nahen Verwandtin des Miniſters zukommt.“ Caͤcilie hatte ſich indeß ſtill auf einen Stuhl niedergelaſſen und verſank uͤber die wirklich große Haͤrte und Unartigkeit ihres Braͤutigams in ein duͤſteres Sinnen. Nach einigem Nachdenken, bei welchem ihr Unwille ein Paarmal verlautete, ſagte die ge⸗ heime Naͤthin:„Bis jetzt biſt Du noch unter meinem muͤtterlichen Schutze, mein Kind, und 11 ich befehle Dir, ſeinem Eigenſinne diesmal nicht nachzugeben. Ich befehle Dir, Dich zum Balle bereit zu machen. Ich werde jetzt zu Stillburgs Mutter gehen, die dieſen Mittag end⸗ lich von ihrem Gute gekommen und bei dem Sohne abgetreten iſt. Nach meiner Ruͤckkehr hoffe ich Dich fertig zu finden.“ 4 Man fuhr auf den Ball. Auch reuete der Schritt die von ihrem Braͤutigam tief Verletzte nicht. Die treffliche Taͤnzerin flog von einem Tanze zum andern. Am meiſten tanzte ſie mit Stillburg. Er buhlte ſichtbar um ihren Beifall. Geiſt, Herz und Aeuſſeres, verbunden mit der reizendſten Gewandheit, das alles gaben ihm An⸗ ſpruch auf dieſen. Auch konnte Caͤcilie ſich nicht verhehlen, daß er an Feinheit des Betragens ih⸗ rem Verlvbten weit uͤberlegen war⸗ Am folgenden Morgen erſchien der geheime Legationrath bei Zeiten, ſich nach dem Wohl⸗ ſeyn der geheimen Raͤthin und deren Tochter zu erkundigen. Caͤciliens ungewoͤhnliche Geſpraͤ⸗ chigkeit hatte offenbar zur Abſicht, ſeinen Beſuch zu verlaͤngern. Wildenfelſen, den ſie, wie im⸗ 12 mer, in der Mittagsſtunde erwarten zu koͤnnen glaubte, Wildenfelſen zu beſtrafen fuͤr ſeine geſtrige— Tuͤcke glaubte ſie es nennen zu duͤr⸗ fen— geſchah es. Denn daß er großen An⸗ ſtoß an dem liebenswuͤrdigen Manne nehmen werde, das ließ ſich vorausſetzen. Als es aber ſchon zwoͤlf geſchlagen hatte, fing ſie an zerſtreut zu werden. Ihre Unacht⸗ ſamkeit auf Stiliburgs Reden ward immer groͤßer. Er ging. Nun trieb die hoͤchſte Unruhe Cacilien im Zimmer auf und nieder. War Wildenfels erkrankt; war der ganz wie ein lee⸗ res Vorgeben ausſehende Kopfſchmerz von geſtern vielleicht doch wahr geweſen? Nur die Mutter hielt ſie ab, in ſeine Woh⸗ nung zu ſchicken. „Was ſollte ihm denn fehlen?“ verſetzte die geheime Raͤthin.„ünſtreitig dauert ſeine geſtrige, ungezogene Laune noch immer fort. Und ſie wird zunehmen, ich gebe Dir mein Wort, ſobald er erfaͤhrt, daß Du auch ohne ſeine werthe Geſellſchaft den Ball haſt beſuchen koͤn⸗ nen. Aufrichtig, Caͤcilie, mir iſt's ein Raͤthſel, vas wir beide gedacht haben, Du, daß Du ihn nieben konnteſt und ich, daß ich dieſer ungluͤck⸗ 7 — 13 ſeligen Liebe nicht meinen Willen mit aller Kraft entgegenſetzte!“— F. Nach Tiſche konnte Caͤcilie die innere Qual nicht laͤnger bezwingen. Sie ſchickte heimlich in Wildenfelſens Wohnung. Zu ihrem groͤßten Erſchrecken brachte der Bediente die Nachricht zuruͤck, daß ihr Braͤutigam gegen Morgen ab⸗ gereiſet ſey. „Abgereiſ't!“ Ihre Mutter trat eben in's Zimmer, als ſie mit dieſem Ausrufe wie erſtarrt in den zunaͤchſt⸗ ſtehenden Seſſel ſank. Jetzt war kein Geheimniß weiter aus der Erkundigung zu machen. Auch mußte der Be⸗⸗ diente ſogleich wieder fort, uͤber das Naͤhere und wo moͤglich, die Dauer der ploͤtzlichen Reiſe Aufklaͤrung einzuholen. Letztere war noch minder troͤſtlich, als die Reiſe ſelbſt. Nach Wildenfelſens Aeuſſerungen gegen den Hauswirth ſah es aus, als ob er nie⸗ mals zuruͤckzukehren denke. Der Bediente ſchien ſogar noch mehr zu wiſſen, als er ſagen wollte. Aus Mitleid mit dem ungeheuern Schmerze, 14 den das todtenblaſſe Geſicht des zitternden Fraͤu⸗ leins kund that, ſtockte ſein Mund recht ſichtbar. Aber auch Caͤcilien entging das nicht. Sie ver⸗ langte alles, alles zu hoͤren und ſo kam es all⸗ maͤhlig heraus, daß Wildenfels nicht allein, ſon⸗ dern mit einem, ſo viel ihr weißer Schleier zu ſehen erlaubt hatte, wohlgebildeten Frauenzim⸗ mer abgereiſet war. Weitere Nachforſchungen beſtaͤtigten dieſe Umſtaͤnde immer mehr. Sein Hauswirth er⸗ bot ſich, darauf einen Eid abzulegen, daß alles ſo bewandt ſey und der Mann war als viel zu rechtlich in der ganzen Stadt bekannt, um nach dieſer Verſicherung noch Zweifel hegen zu koͤnnen, 6. Cäͤciliens Zuſtand grenzte an Wahnſinn. „Ihr Herz drohte den letzten Schlag zu thun, da das Bild von des Treuloſen Werth und ſeiner Liebe, welches zeither gewiſſermaſen alle Faſern deſſelben erfuͤllt und zuſammengehalten hatte, wie ein truͤgendes Geſpenſt daraus verſchwinden ſollte.— Ach, die Ungluͤckliche, wie gern haͤtte ſie dieſen letzten Herzensſchlag empfunden, wenn nur der ihr ſo koͤſtliche Traum von ſeiner Treue 15 keiner Zerſtoͤrung faͤhig geweſen waͤre. Wie die Sachen ſtanden, blieb der einzig in ſeiner Liebe Lebenden keine Hoffnung mehr, weder in dieſer noch in jener Welt, denn auch vor letzterer ſchauerte ihr, wenn ihre Seligkeit dort nicht an ſeiner Hand zu finden war. Alle Verwandte und Freunde, mit Ausnah⸗ me Stillburgs, beeiferten ſich, ihr das Gluͤck vorzuſtellen, das des Verlobten voͤlliger Unwerth ihr noch vor dem innigern Vereine mit ihm ſich kundgethan harte. Schien es doch nun ſo⸗ gar, als ob er die unbeſonnene Drohung ſeines ploͤtzlichen Verſchwindens nur darum zuweilen gethan, und ſich eiferſuͤchtig gezeigt habe, um ſein Weggehen mit einer heimlichen Liebſchaft minder auffallend zu machen. Fuͤr eine ſolche aber mußte man wohlfſeine Begleiterin um ſo mehr halten, da er fruͤher wiederholt geaͤuſſert hatte, daß er vor ſeinem Vereine mit Caͤcilien ganz allein auf der Welt geſtanden und durchaus keine Verwandten ihm uͤbrig geblieben waͤren. Niemand wirkte jetzt mit Gluͤck auf Caͤci⸗ lien; Niemand traf den rechten Ton, als ihr Beichtvater, ein ehrwuͤrdiger Greis. Mit inni⸗ ger Sechnſucht erwartete ſie ihn, deſſen Worte 0 16 durch den aus ſeinem ganzen Wandel leuchten⸗ den Geiſt Gottes recht klar beſeelt waren. Wenn es ihm aber auch immer beſſer gelang, ihr durch Darſtellung der himmliſchen Liebe den Schmerz der Wunde zu lindern, welche ihr die irdiſche geſchlagen hatte, zum Glauben an die Guͤte der Menſchen vermochte er ſie doch nicht zuruͤckzubringen. Derjenige Menſch, dem ſie vor allen andern vertrauen zu koͤnnen gemeint, hatte dieſes ihr allzuſchmaͤhlich vergolten. Bei ihrer Jugend und Anmuth konnte es ihr an der regeſten Theilnahme nicht fehlen. Ihre Reize und Gluͤcksguͤter kamen unter den unverheiratheten Maͤnnern auch mit in Anſchlag. Alle Bewerbungen aber wurden von ihr abge⸗ lehnt, ſo ernſtlich abgelehnt, daß die geheime Raͤthin in Zweifel zu ge then ſchien, was wohl beſſer geweſen ſeyn wuͤrde, Caͤciliens, ihr ſo ver⸗ haßte, Verbindung mit dem Tonkuͤnſtler, oder ihr nunmehriges, nach nichts, als kloͤſterlicher Einſamkeit hinſtrebendes, Weſen. 7. Der Herbſt war ſo vergangen und der Win⸗ ter da. Am Chriſtfeſte hatte die Mutter ſich 0 17 erſchoͤpft in ſchoͤnen Geſchenken. Auch von an⸗ derer Seite waren Caͤcilien dergleichen zugekom⸗ men. Das alles aber verurſachte der fuͤr ſolche Dinge ganz unempfindlich gewordenen eher Schmerz als Freude. Die heimlichen Geber hatten gewoͤhnlich dafuͤr geſorgt, daß man jeden von ihnen leicht errathen konnte und Caͤcilie wuͤrde ſich dies gewiß einen Fingerzeig haben ſeyn laſſen zur Zuruͤckgabe der Geſchenke, wenn ihre Mutter ſolches zugegeben haͤtte. Nur eine einzige der erhaltenen Gaben machte ihr Freude. Es waren zwey wunder⸗ ſchoͤne, bluͤhende Hyacinthen und von dieſen al⸗ lein wußte ſie den Geber nicht. Vom Gaͤrtner, der ſie brachte, konnten ſie unmoͤglich ſeyn. Auf eine ernſte Vorhaltung deshalb, geſtand er das auch. Von wem aber die Blumen her⸗ rüͤhrten, hatte der Ueberbringer ſelbſt ihm ver⸗ ſchwiegen. Am Neujahrsvorabende erſchien wieder der⸗ ſelbe Mann, mit zwei Hyacinthen beim Gaͤrt⸗ ner. Dieſer wollte nun durchaus den Namen des Abſenders wiſſen, allein der Bediente machte ſich los, ihn auf ſein naͤchſtes Wiederkommen vertroͤſtend⸗ 8. 18 Der Gaͤrtner berichtete das dem Fraͤulein am folgenden Morgen. Abermals fuͤhlte Caͤcilie ſich von dieſen Blumen beſonders angeſprochen. Sie uͤbertrafen die erſten noch an Schoͤnheit. Am Vorabende des Dreikoͤnigsfeſtes wieder⸗ holte ſich die Sendung. Den beiden prachtvol⸗ len, den Blumenfreunden unter dem Namen Bouquet tendre bekannten Hyacinthen, war ein verſiegeltes Papier beigelegt. Das— ſagte der ſie uͤberbringende Diener zum Gaͤrt⸗ ner, auf deſſen erneutes Verlangen nach des Senders Namen— das enthalte die Antwort. Der Gaͤrtner eilte damit zu Caͤcilien. In dem Papiere befanden ſich folgende Verſe: Wer uns geſendet? Laß das Fragen, Wir ſind ja Dein, was willſt Du mehr? Daß unſre Duͤfte Dir behagen, Iſt unſer Hoffen und Begehr. Wir reichen traulich aus dem duͤſtern Gewoͤlk des Winters Dir die Hand; O nimm in unſerm Liebesfluͤſtern Des nahen Lenzes Unterpfand. Doch willſt Du uns nicht von Dir bannen Und hat Dich unſer Blick geruͤhrt, So forſche, Freundin, nicht, von wannen Die Liebe Dir uns zugefuͤhrt.— —— 19 In der freundlichen Wehmuth, worein Caͤ⸗ eilien die aus dieſen Zeilen hauchende zarte Theil⸗ nahme verſetzte, wurde ſie von der Mutter uͤber⸗ raſcht. Die aber beurtheilte die Verſe und deren Verfertiger aus ganz anderem Geſichtspunkte. Sie erblickte in dem Ueberſender der Blumen nichts weiter, als einen Liebhaber, entweder un⸗ ter ihrem Stande, oder doch ſonſt nicht in den Verhaͤltniſſen, um mit Erfolg um ihre Tochter werben zu koͤnnen, der von Caͤciliens Reizen hingeriſſen, zu einem ſo myſterioͤſen Bande mit ihr ſeine Zuflucht nimmt, weil ein anderes zwi⸗ ſchen ihr und ihm nicht denkbar iſt. Von einer ſolchen thoͤrigen Perſon auch nur Kleinigkeiten, wie dieſe Blumen anzunehmen, achtete die ge⸗ heime Raͤthin fuͤr hoͤchſt unwuͤrdig und ſtuͤrmte ſogleich nach der Wohnung des Gaͤrtners, dieſen mit dem Abſchiede bedrohend, wenn er das naͤch⸗ ſte Mal den Ueberbringer und deſſen Geſchenke nicht auf das nachdruͤcklichſte hinwegwieſe. Es waͤre denn, daß er ſich zu ihr wolle fuͤhren laſſen. 8. Die Blumenſendungen unterblieben nun; aber ſchwerlich die Aufmetkſamkeit des Urhebers 2* 2 — derſelben auf ihren Gegenſtand. Wenn Caͤcilie in Geſellſchaft einen Wunſch zu erkennen gab, ſo fand er oft in den naͤchſten Tagen ſeine Er⸗ fuͤlung, ſo bald er Dinge betraf, die ſich in's Werk ſetzen ließen. Ein lange nicht gegebenes Schauſpiel erſchien gewoͤhnlich kurz nachdem ſie ſich dafuͤr erklaͤrt hatte. Ihre Lieblingsmelo⸗ dieen ſchlichen Abends in leiſen Zitherlauten un⸗ ter ihren Fenſtern hin. Buͤcher, nach denen ſie Verlangen geaͤuſſert, hatte eine unſichtbare Hand auf ihre Toilette gelegt. Ein wohlwollender Genius ſchien ſie zu umſchweben. Gern haͤtte ſie freilich gewußt, wer er war, allein ſie beſorgte, dem zarten Sinne, der aus jenen Verſen ſprach, durch Forſchung danach wehzuthun. Zwar hielt ſie es jetzt fuͤr ausge⸗ macht, daß die Perſon keinesweges, wie ihre Mutter beſorgte, unter ihrem Stande ſeyn koͤnne, da es gemeiniglich nur ihre, in den angeſehen⸗ ſten Geſellſchaften ausgeſprochenen Wuͤnſche waren, welche durch den Unſichtbaren Erhoͤrung fanden, auch zum Beiſpiel die Veranſtaltung eines gewiſſen Schauſpiels oder Concerts, von einer Perſon ohne einigen Einfluß ſich nicht den⸗ ken laſſe. Allein nur mit Zuziehung der Mut⸗ 21 ter war eine genaue Nachforſchung mit Erfolg zu unternehmen und grade, wenn der Geheim⸗ nißvolle Stand oder Anſehen hatte, konnte man beſorgen, daß die geheime Raͤthin ſeiner Schuͤch⸗ ternheit freundlich entgegenkommen und Caͤcllie dann vermuthlich genoͤthigt ſeyn wuͤrde, den beſtimmten Antrag eines ihr Wohlwollenden zuruͤckzuweiſen, der bei der jetzigen Beſchraͤnkung ſich zu beruhigen ſcheine. Ihr Vorſatz ging naͤmlich fortdauernd dahin, unverehelicht zu bleiben. Bei alledem ſtrebte ſie danach in den Geſellſchaften, welche ſie beſuchte, den Wohlwollenden auszuforſchen. Umſonſt. Keinem von denen, die ſie antraf, und die ihr Aufmerkſamkeiten bewieſen, konnte ſie dieſe leiſe Stimme eines unfehlbar tief⸗ fuͤhlendea Herzens zutrauen. Mit dem neuen Fruͤhlinge kamen wieder ſeltene Blumen und auch grade ſolche, welche ſie gewoͤhnlich kurz zuvor fuͤr ihre Lieblinge erklaͤrt hatte. Der alte Gaͤrtner nahm dieſe Blumen auf ſich. Schon einige Mal hatte Caͤcilie ihn deshalb auf's Gewiſſen fragen wollen. Allein auch hiermit ſtand ſie an. Wenn nun der ge⸗ heime Geber ihr genannt wurde, was dann? 22 Mit dem Gaͤrtner konnte ſie doch unmoͤglich ein gemeinſchaftliches Geheimniß vor der Mutter unterhalten! Und wenn— was ſehr glaublich war— der Gaͤrtner dem Unbekannten mit⸗ theilte, daß Caͤcilie den Urſprung der Blumen wiſſe und ſie doch annehme, mußte das nicht fruchtloſe Hoffnungen in dem Geber erregen? Daher beſchloß ſie die Blumen, wie ſie gegeben wurden, naͤmlich als des Gaͤrtners Geſchenk, ſchweigend hinzunehmen. Aber auch die geheime Raͤthin ward auf⸗ merkſam auf die Sache. Die Seltenheit der Blumen, mit denen der Unſichtbare wiederholt Caͤcilien beſchenkte, verrieth ihr, daß der duͤrftige Gaͤrtner nicht wohl ſie dargereicht haben konnte; daher fuhr ſie eines Tages recht heftig auf ihn los und wollte die fruͤhere Drohung, ihn wegzu⸗ ſchicken, wahr machen, wenn er nicht ſogleich ein aufrichtiges Bekenntniß ablegte. „Frau geheime Raͤthin,“ ſagte da der alte Mann:„Ihren Dienſt wollte ich ſchon ver⸗ laſſen, denn ich wuͤßte ein anderes Unterkom⸗ men, aber, aber— ich will's Ihnen lieber ver⸗ rathen, von wem die Blumen herruͤhren, weil der gute Herr, der ſie ſendet, offenbar zu Grunde 4 8 4 4 † 3 23 geht, wenn der Sache nicht bald eine gluͤckliche Abhuͤlfe geſchieht.“ Wie ſtaunte die geheime Raͤthin, als nach dieſem Eingange der Gaͤrtner ihr Stillburgen nannte, ihn, der ſeit langer Zeit ihr Haus⸗ wie alle andere Geſellſchaften, unter dem Vor⸗ wande von Geſchäͤften vermieden hatte. Was konnte ihn, den Beguͤterten, von einer ange⸗ ſehenen Familie ſtammenden, abhalten, ſich mit ſeiner Liebe zutrauenvoll an ſie ſelbſt zu wenden? Ohne zuvor Caͤcilien davon zu unterrichten, ſchickte die geheime Raͤthin ſogleich ein Billet an den zeither Unſichtbargeweſenen ab, worin ſie ihn im Allgemeinen um ſeinen Rath in einer wichtigen Sache erſuchte. Der Brief war in ſo verbindlichem Tone abgefaßt, daß eine Verwei⸗ gerung ſeines Kommens ſich nicht wohl den⸗ ken ließ.. Sie erfolgte auch nicht. 9. Caͤcilie hatte von dem Vorfalle mit dem Gaͤrtner bis dahin noch kein Wort gehoͤrt. Eben ging ſie durch den Saal, als der geheime Lega⸗ 24 tionrath eintrat. Der Mann machte einen ganz beſondern Eindruck auf ſie. Sie hatte ihn ſo lange nicht geſehen, daß ſie ihn kaum wieder er⸗ kannte, wegen der Blaͤſſe, von der ſeine, ſonſt ſehr muntere Geſichtsfarbe, verdraͤngt worden war. Waͤre er in ihren gewoͤhnlichen Cirkeln erſchienen, ſo wuͤrde ſie gewiß laͤngſt in ihm den Geber der Blumen vermuthet haben. Und ſeine ſeltſame Schuͤchternheit verrieth ihr in dieſem Au⸗ genblicke, daß vermuthlich niemand es ſey als er. Zugleich ſiel ihr ein genauer Freund von ihm ein, der keinen dieſer Cirkel unbeſucht ließ und durch welchen Stillburg ohnſtreitig allezeit von ihren Wuͤnſchen Mittheilung erhalten hatte. Die geheime Raͤthin vernahm ſeine Stimme und trat aus ihrem Zimmer, mit einem Will⸗ kommen, ſo herzvoll und freudig, wie man es einem lange verreiſ't, oder krank geweſenen Freunde, beim erſten Wiederſehen, wohl zuzurn⸗ fen pflegt. Waͤhrend ſich Caͤcilie mit einem kleinen Auf⸗ trage von ihr entfernte, geleitete ſie Stillburgen in ihr Zimmer. Es befremdete dieſen nicht wenig, als ſie mit Feierlichkeit von einem großen Unrechte an⸗ 25 fing, weshalb ihr ſeine Verzeihung noͤthig wor⸗ den. Das Verbot der Annahme der Blumen im vorigen Winter, deſſen ſie nun gedachte, ſagte ihm ſogleich, was ſie wiſſe und meine Unwilkuͤhrlich trat ſein tiefer Schmerz uͤber dieſe Entdeckung auf ſein Geſicht. Umſonſt ſuchte die geheime Raͤthin alles hervor, ihn von der Seltſamkeit, ſich alſo verborgen zu halten, von der uͤberaus freundlichen Aufnahme, welche ſeine Blumen bei Caͤcilien gefunden, von dem Be⸗ dauern, das, ſeiner langen Zuruͤckgezogenheit halber, ihre Tochter mehrmals geaͤuſſert, zu uͤberzeugen. Der ſchmerzliche Zug in ſeinem blaſſen Ge⸗ ſichte vertiefte ſich bei ihren Reden eher mehr, als daß er haͤtte daraus verſchwinden ſollen. Caͤcilie trat herein. Ein noch weit ſtaͤrkeres Weh zuckte ſichtbar durch ſeine Bruſt, als die geheime Naͤthin ihn ihr ſogleich als den Blumen⸗ geber vorſtellte.—„Sprich ſelbſt, mein Kind,“ fuhr ſie fort:„ob Du irgend Jemand dieſe Geſchenke lieber verdanken moͤchteſt?“ Der Tochter verneinende Gebehrde antwortete dem Wunſche der Mutter gemaͤß. Da rief Stillburg aus:„O mein Gott, Frau geheime Raͤthin, nöthigen Sie doch das Fraͤulein nicht alſo, zu Artigkeiten gegen mich.“ Caͤcilie glaubte in ſeiner Miene, in ſeinen Worten, ſein ganzes Herz offen vor ſich liegen zu ſehen. Sie glaubte ſeinem großen Wohl⸗ wollen einige Genugthuung ſchuldig zu ſeyn. Daher beſchwor ſie ihn, ihren herzlichen Dank fuͤr ſeine beſondere Guͤte nicht wie eine leere Artigkeit zu betrachten. Dieſes Wort machte Eindruck auf Stillburg und er verſprach beim Fortgehen auf die verein⸗ ten Bitten Caͤciliens und der geheimen Raͤthin, ihr Haus nicht ferner zu vermeiden, wie in der letzten Zeit. 10. Niemand war froher uͤber Stillburgs jetzt recht haͤufige Beſuche, als der alte Gaͤrtner. Dieſer konnte auch nicht muͤde werden, beiden Damen zu ſchildern, wie innig dieſer Gaſt dem Fraͤulein zugethan ſeyn muͤſſe. Obſchon er nie ein Wort davon verlauten laſſen, ſo habe doch ſein Benehmen es hinlaͤnglich verkuͤndigt. Schon betrachtete die ganze Reſidenz Caͤci⸗ lien und den geheimen Legationrath fuͤr Ver⸗ 1 27 lobte, als zwiſchen ihnen ſelbſt noch nicht die mindeſte Annaͤherung dieſer Art vorgefallen war. Uebrigens konnte die durch Stillburgs zarte Zuruͤckhaltung ſchimmernde, unbezwingliche Nei⸗ gung, den Eindruck auf ein Gemuͤth wie Caͤci⸗ liens unmoͤglich verfehlen. Einsmals, nachdem der junge Mann den Mittag mit Mutter und Tochter in einer ſchat⸗ tigen Gartenlaube zugebracht hatte und das Fraͤulein am Arme auf den Zehen hinwegſchlich, um die eingeſchlummerte geheime Naͤthin nicht zu ſtoͤren, lockte der Duft eines benachbarten Hyaeinthenbeetes ſie vor daſſelbe. Caͤcilie aͤuſ⸗ ſerte, daß doch auch keine von all dieſen Blumen an Schoͤnheit denen gleichkomme, mit welcher ſie ſchon zur kalten Weinachtzeit erfreut wor⸗ den ſey. „8 meine Freundin,“ brach da ihr Fuͤhrer mit Waͤrme aus:„wollte Gott, daß das da⸗ malige Verhaͤltniß noch ſtatt faͤnde; daß kein, ſeine Zartheit ſtoͤrender Verrath meine Perſon ſeitdem zum Gegenſtande Ihres Mitleids ge⸗ macht haben moͤchte! Unſichtbar nur wuͤnſchte ich mit meinen Blumen auf Sie zu wirken, dem Luͤftchen gleich, das uns den Wohlgeruch dieſes 28 Beetes heruͤberbrachte. Belohnt genug durch den Gedanken, eine Blume aus meiner Hand in die Ihrige kommen zu ſehen, verlangte ich keinen Dank dafuͤr von Ihnen.“ „Am Ende, lieber Stillburg,“ fiel Caͤcilie ein:„wollen Sie mir wohl gar ſolchen Stolz von Ihrer Seite fuͤr ein Verdienſt um mich anrechnen?“ „Da wir,“ verſetzte Stillburg:„auf dieſen Punkt, den ich immer ſcheuete, endlich doch ge⸗ rathen ſind, ſo glaube ich Ihnen auch die Ur⸗ ſachen zu meinem ganzen Betragen gegen Sie vorlegen zu muͤſſen. Als ich nach meiner Heimkehr Sie zum erſten Male erblickte, fuͤhlte mein Herz ſich maͤchtig angeregt. Niemand ſagte mir, daß Ihre Hand vergeben ſey und, aufrichtig geſtanden, ich faßte Hoffnung auf — ein Gluͤck, das— mir nicht beſchieden war.“ „Mit jenem Balle, wo die Bluͤte meiner Hoffnung den hoͤchſten Glanz erreicht hatte, ver⸗ welkte ſie auch ſchon wieder. Denn als ich am Morgen nachher aus Ihrem Hauſe trat, kam ein Bekannter auf mich zu, der mir vom Zu⸗ ſtande der Dinge Nachricht gab. Noch am 29 naͤmlichen Tage warf ich mich in den Wagen, um, wo moͤglich, von der druͤckenden Luft der Reſidenz auf meinem Gute Athem zu holen. Die Jahreszeit paßte ſchlecht fuͤr meine Umſtaͤnde. Die hingewelkte, kalte Natur kuͤhlte meine tiefe Wunde nicht, mochte ich auch die Fluren zu Pferde durchſtuͤrmen, oder den ſtillen Fußwan⸗ derer machen. Die Gutsnachbarn vermehrten meine Qual mit Beſuchen und trieben mich ſo nach ſechs Wochen zuruͤck in die Reſidenz. Hier erfuhr ich nun den Schmerz, worein ein Unwuͤr⸗ diger Ihr Gemuͤth verſenkt hatte. Zugleich ver⸗ nahm ich von den mannichfachen, fruchtloſen Be⸗ werbungen um Ihre freigewordene Hand und Ihrer beſtimmten Erklaͤrung, ehelos zu bleiben.“ „Wenn da mein Herz ſogleich auf ein Gluͤck durch Ihre Perſon Verzicht leiſtete, ſo geſchah es wirklich nicht aus Stolz, wie Sie ſagen. Eben ſo wenig konnte dieſer es ſeyn, was mich be⸗ ſtimmte, Ihnen, wo moͤglich, den Winter durch Blumen freundlicher zu machen. Vielmehr fuͤhlte ich mein Unvermoͤgen, nach ſolch einer Liebe, wie die Ihrige zu dem Undankbaren, Ihren Wünſchen Erſatz zu gewaͤhren.— Und das fuͤhle ich bis dieſen Augenblick. Verzeihen — 30 4 Sie mir daher, wenn ich noch immer die ſchöne Zeit nicht vergeſſen kann, wo es mir vergoͤnnt war, Ihnen ein Wohlwollen zu erkennen zu geben, das nur in ſo fern eigennuͤtzig zu nennen iſt, als der Gedanke, zu ihrer Heiterkeit ganz im Verborgenen etwas beitragen zu duͤrfen, mir die groͤßte Genugthuung verſchaffte.“ Eine haͤusliche Angelegenheit rief jetzt Caͤci⸗ lien hinweg. Bei ihrer nachherigen Ruͤckkehr war Stillburg nicht mehr da. 11. Es konnte nicht fehlen, daß Caͤcilie Ver⸗ gleiche anſtellte, zwiſchen dem oft ſo ſeltſamen, zuletzt wahrlich, mehr als zweideutigen, wie aus der Welt verſchwundenen Wildenfels und Still⸗ burgen, deſſen treffliche Eigenſchaften allgemeine Anerkennung fanden. Der alte Gaͤrtner, wel⸗ cher zu des enrwichenen Tonkuͤnſtlers zerſtreutem Weſen und ſeiner oftmaligen Vernachlaͤſſigung aller herkoͤmmlichen Formen, ſonſt ſo haͤufig den Kopf geſchuͤttelt hatte, hielt im Enthuſiasmus fuͤr den beſcheidenen, immer gleich verſtaͤndigen Stillburg, wenn es ſich thun ließ, dieſem, in Caͤ⸗ eiliens Naͤhe, eine Lobrede auf Koſten des Un⸗ 31 dankbaren und die geheime Raͤthin that ebenfalls alles, ihrer Tochter des Legationraths Verdienſte und ſeine Liebe zu ihr an's Herz zu legen und das durch ſeine Hand zu hoffende Gluͤck mit den lebhafteſten Farben zu ſchildern. Caͤcilie hegte keinen Zweifel, daß Stillburg gewiß alles thun wuͤrde, ihr ein neidenswerthes Loos zu verſchaffen. War doch mit ihm ihr Zweifel an der Guͤte der Maͤnner uͤberhaupt, welcher die Grundlage zu ihrem Entſchluſſe, nie zu heirathen geweſen, zur Gnuͤge widerlegt wor⸗ den. Warum daher einen Entſchluß aufrecht erhalten wollen, der in ſeinen Grundveſten er⸗ ſchuͤttert war; einen Entſchluß, welcher uͤberdieß mit Stillburgs Lebensgluͤcke ganz unvereinbar ſchien?— Und ſo geſchah es, daß das Band zwiſchen Caͤcilien und dem ſie aufrichtig Lie⸗ benden ſich allmaͤhlich immer dichter zuſammen⸗ zog, bis zuletzt wirklich wahr wurde, was die Stadt nun ſchon ſo lange behauptet hatte. Die Billigung von Caciliens Wahl war unter den Partheiloſen allgemein. Die meiſten Verwandten und Freunde der Familie enthielten ſich bei ihren Gluͤckwuͤnſchen der hoͤhnenden Ruͤck⸗ blicke auf Wildenfels nicht und wollten die auf⸗ 3² fallendſte Gunſt des Himmels gegen Caͤcilien darin ſehen, daß der ihrer Liebe und Achtung Unwüuͤrdige ſo zu rechter Zeit in ſeiner ganzen Schmach erſchienen war. 8* 12. Kein Wölkchen truͤbte das heitre Blau des Himmels am Hochzeitmorgen. Eine zahlreiche Verwandtſchaft von beiden Seiten geleitete das Brautpaar auf der wichtigen, verhäͤngnißvollen Fahrt nach dem Gotteshauſe. Caͤcilie fuͤhlte ſich wie berauſcht im Anſchauen ihres Braͤutigams, in der Seligkeit, von welcher ſein funkelndes Auge ſie die Schoͤpferin nannte. Die Kirche war mit erwartungvollen Men⸗ ſchen erfuͤllt, als ſie anlangten; die Blumen auf ihrem Wege zum Altare nicht geſpart. Der ehrwurdige Greis, welcher die Trauung verrich⸗ tete, Caͤciliens ſegenvoller Troſtgeber in der ver⸗ gangnen Noth, hielt eine kurze, aber bezie⸗ hungreiche, eindringliche Rede uͤber die Schick⸗ ſale der Menſchen und die Art, wie der unſicht⸗ bare Arm, der ſie leitet, zuweilen doch hervor⸗ gehe aus der Wolke, die ihn gewoͤhnlich ver⸗ huͤllte. Es herrſchte die feierlichſte Stille und 33 Ruͤhrung unter den Fuͤhrern des Paares, wie im Volke.. Nur von Zeit zu Zeit erſcholl das Huſten einer einzigen Perſon, das um ſo mißfaͤlliger aufgenommen wurde, weil davon des Geiſtlichen ſchwaches Organ und ſomit der Wunſch der An⸗ weſenden keine Silbe ſeines wohlerwogenen Vortrags zu verlieren, Beeintraͤchtigung erfuhr. Als Caͤcilie eben das Ja ausgeſprochen hatte, klang dieſes Huſten ſtaͤrker und ſonderbarer als zuvor. Da ließ ſich unter vielen der Verſam⸗ melten, nach der Gegend hin, woher es kam, ein leiſer Laut des Unwillens vernehmen. Caͤ⸗ cilie ſelbſt ſah ſich erſchrocken um nach dem Ur⸗ heber. Der Ton ſchien wahrhaft erſchuͤtternd auf ſie gewirkt zu haben. Ihr blaſſes Geſicht und die ſichtbar hocherregten Pulſe thaten es kund. Bei der Ruͤckkehr der Getraueten und derer, die mit ihnen waren, vom Altare, erſcholl jetzt auf Einmal in der Mitte der Kirche, dicht vor Cäͤcilien, jenes Huſten wieder. Ihr zu Boden gekehrtes Auge fuhr empor nach dem Schalle. Da ſtand ein Mann in ſeinen Mantel gehuͤllt, ſtreckte aber aus dieſem das erſtarrte Geſicht auf Einmal hervor, ihr entgegen. I ſ 1 1 3 3 b 1 1 1I 1 3 3 4 1 3 5 1 I 34 Caͤcilie ſank mit lautem Schmerze zu Bo⸗ den. Aller Aufmerken richtete ſich nach der Be⸗ wußtloſen hin. Der Mann im Mantel war verſchwunden, als die Anweſenden wieder an ihn dachten. Die geheime Raͤthin und mehrere Verwandte hatten Wildenfelſens Zuͤge erkannt. Der Braͤu⸗ tigam, welcher ihn nie geſehen, ſchloß aus Allem, daß es kein Anderer ſeyn koͤnne. 1 Caͤciliens erſter Blick nach wieder erlangter Beſinnung ſchweifte ſcheu zu allen Seiten hin. Dann faßte ſie heftig ihres Braͤutigams Arm, druͤckte ihn liebevoll an ſich und eilte, ſo viel ihr Kraftmangel zulaſſen wollte, aus der Kirche mit ihm nach dem Wagen. Als habe der Schrecken ihr die Zunge ge⸗ laͤhmt, ſo ſprachlos ſaß ſie da, das zaͤrtliche Be⸗ dauern und die zahlloſen Liebkoſungen des Braͤu⸗ tigams nur dann und wann durch liebreiche Mienen oder einem herzlichen Haͤndedruck er⸗ wiedernd.. 2 13. Erſt im muͤtterlichen Hauſe, mit den Thraͤ⸗ nen, die ſich nun einſtellten, kamen auch end⸗ 35 lich Caͤcilien die Worte wieder. Sie bat um Entſchuldigung, daß ſie ſich auf ihr Zimmer zuruͤckzoͤge. Der unter den Hochzeitgaͤſten mit befindliche, fuͤrſtliche Leibarzt, Hofrath Knell, der Hausdoktor, unterſtuͤtzte dieſes ihr Vorhaben und folgte der Ermatteten in die ſo ſehr ge⸗ wuͤnſchte Einſamkeit. Die hier mit gegenwaͤr⸗ tige Mutter erklaͤrte ſich zwar nachdruͤcklich ge⸗ gen ihr Verlangen, ſich auskleiden zu laſſen und nicht wieder in den Saal zu erſcheinen; allein auch das billigte der Arzt.„Von einer großen, innern Erſchuͤtterung,“ ſprach er:„wie ſolche hier ſtattgefunden, iſt im Stillen weit eher Er⸗ holung und Wiederſammlung zu erwarten, als bei rauſchenden Feſten.“— Er ordnete Beru⸗ higungmittel an und fuͤhrte dann ſelbſt die Mutter nach dem Hochzeitſaale zuruͤck, ihr die Verſicherung gebend, daß der Weg, den Caͤcilie zu ihrer Beſſerung einſchlage, offenbar der ge⸗ wiſſeſte und kuͤrzeſte ſey. Die naͤchſte Folge bekraͤftigte ſchon, was er geſagt. Kaum war ſie der feſtlichen Kleidung entbunden, ſo aͤußerte Caͤcilie, daß ihr wieder um Vieles, recht Vieles beſſer geworden. Sie that dieſes erfreuliche Geſtaͤndniß dem Braͤutigam, 3* 36 der nebſt Dorchen, ihrem Kammermaͤdchen, den groͤßten Theil des Tages bei ſeiner Braut zubrachte. Ein Hochzeitfeſt, welchem das Brautpaar abgeht, gleicht einem Leichnam ohne Seele. Wer da war, fuͤhlte auch das Beduͤrfniß des Hauſes nach Ruhe und verließ ſolches in Zeiten. Die geheime Raͤthin fing ſchon an hieruͤber und uͤber des Arztes Unterſtuͤtzung der Abſon⸗ derung ihrer Tochter, welche dazu Anlaß gegeben, um ſo mißmuthiger zu werden, weil Caͤciliens Unpaͤßlichkeit ganz voruͤber zu ſeyn ſchien. Auf Einmal aber rief jetzt die von Neuem voͤlllig verſtoͤrte Braut:„Was war das?“— Dazu machte ſie einen Sprung vom Sopha nach dem Fenſter. Stillburg nebſt der Mutter folgten ihr dahin. 1 Caͤciliens Auge ſchien auf dem Platze vor dem Hauſe zu ſuchen, wo in dieſem Augenblicke kein Mernſch ſich befand. „Hoͤrteſt Du nicht huſten dort unten?“ fragte ſie ihren Braͤutigam. Er und die Mutter verneinten bas. Von dieſem Augenblicke aber entſtand auf Einmal wieder eine Regſamkeit in ihr, welche die er⸗ 37 neuerte Unruhe darthat. Vor dem geringſten Geraͤuſch im Zimmer oder unten am Hauſe ſuchte ſie Schutz im Arme des Braͤutigams, deſſen Liebkoſungen von ihr auf das theilneh⸗ mendſte erwiedert wurden. Gegen Abend kam der Arzt, nach den Um⸗ ſtaͤnden zu fragen. Er hoͤrte, daß bis auf dieſe Einbildung von einem Huſten unten vor dem Hauſe alles trefflich gegangen und ſie ſeitdem et⸗ was unruhig geworden ſey. „Die Sache iſt noch nicht voruͤber!“ ſagte er, nach Unterſuchung ihres Pulſes. Wirklich klagte Caͤcilie bald darauf uͤber hef⸗ tigen Froſt. Ihrem Wunſche und ſeinem Rathe gemaͤß, ſollte ſie zu Bette gebracht werden. Der Braͤutigam folgte dem Arzte, als die⸗ ſer ging und die Mutter ſuchte, die leiſen Vor⸗ wuͤrfe, welche ſie nach der Gaͤſte Weggehen der Tochter ſchon wirklich gemacht hatte, nunmehr durch ein der Kranken faſt laͤſtig werdendes Uebermaaß von zaͤrtlicher Theilnahme zu ver⸗ guͤten. Unſtreitig wuͤrde die geheime Raͤthin ſelbſt die Nacht am Bette des geliebten Kindes zu⸗ gebracht haben, wenn ein, bis zum Raube aller —— 38 Beſinnung heftiger, Kopfſchmerz, deſſen ſie zu Zeiten unterworfen war, ſie nicht in ihr Schlaf⸗ gemach verwieſen haͤtte. Zum Gluͤck konnte ſie ſich auf die Sorgfalt der treuen Dienerin ganz verlaſſen. „Fuäͤr dieſe war es eine große Beruhigung, als noch vor Sonnenuntergang ein ſanfter Schlaf das Auge der Kranken freundlich ſchloß⸗ Unermuͤdet wehrte die wackere Waͤchterin die Fliegen von Kopf und Haͤnden der Schlum⸗ mernden ab. 14. Der Tag war voͤllig in Nacht uͤbergegangen und ſchon lange warf der Mond ſeine milden Blicke in die Fenſter, als offenbar ein banger Traum die Schlafende beunruhigte. Sie ſchien mit Gewalt des Schlafes Bande ſprengen zu wollen. Vergebens nahm Dorchen mit Behul⸗ ſamkeit die Arme, welche ſie uͤber ſich geſchlagen hatte, als eine bekannte Veranlaſſung zu boͤſen Träumen, ihr vom Kopfe herab. Die innere Unruhe wurde dadurch weder verſcheucht noch vermindert. Endlich richtete ſich die Kranke mit ſichtbarer 39 Anſtrengung aller Kraͤfte im Bette empor, der Schlaf entwich und ſie haſchte aͤngſtlich mit dem Munde nach Athem. „Luft, mehr Luft muß ich haben!“ rief ſie dann im voͤllig wachen Zuſtande und ſprang, ehe die ſchwache Waͤrterin ſolches verhindern konnte, vom Bette auf, nach dem Fenſter. Als ſie dieſes oͤffnen wollte, verſuchte Dorchen die inſtaͤndigſten Bitten und dann ſogar Wider⸗ ſtand. Vergebens. Die Kranke, ſtaͤrker, draͤngte ſie unwillig hinweg. „Willſt Du meine Lebensluft mir verwei⸗ gern?“ ſprach Caͤcilie, beide Fenſterfluͤgel mit einem Male aufreißend. „Wildenfels, Wildenfels!“ rief ſie dann hinab, ihm zu, der in ſeinen Mantel gehuͤllt wirklich unten auf dem Platze ſtand und nach den mondhellen Fenſtern die ſtarren Augen richtete. Und wie mit Gewalt ergriffen von ſeinem Namen aus ihrem Munde, eilte er ploͤtzlich auf das Haus zu, blieb dann ſtehen vor deſſen verſchloſſener Thuͤr, ſprang wieder zuruͤck und entfernte ſich ſchleunigſt nach einer Seiten⸗ ſtraße.— — 40 Umſonſt beſchwor Dorchen ihre Gebieterin von Neuem zuruͤckzukehren in's Bette. Die Tieferſchuͤtterte legte ſich lange weit zum Fesſter hinaus. Ein guͤnſtiger Umſtand war noh die War⸗ me der Nacht und daß jedes rauhe Luͤftchen vom ſuͤßen Mondlichte in Schlummer gewiegt ſchien. Auf einmal aber verlies dann Caͤcilie das Fenſter und ſprach:„Dorchen, liebes Dorchen, um Gotteswillen kein Wort von dem Allen!“ „Wenn Sie,“ flehte Dorchen, die Fenſter⸗ fluͤgel zumachend:„wenn Sie meine Bitte er⸗ fuͤllen und wieder zu Bette gehen wollen.“ „Ja wohl, ja wohl!“ erwiederte haſtig Caͤ⸗ eilie, that ſolches ſogleich und ſagte, als die treue Dienerin von Neuem an dieſem ſaß:„Du verſtehſt mich doch recht, gutes Kind? Still⸗ burg, mein edler Stillburg, koͤnnte davon auch hoͤren und mich eines Verraths an ſeiner treuen Liebe faͤhig halten!— O Dorchen, ſchon der Gedanke kommt mir ſo ruchlos vor, daß ein eis⸗ kalter Schauer dabei durch meine Seele geht. Wildenfels und er! Welch ein himmelſchreiender Abſtand! Nicht wahr, gutes Dorchen?“ . 7 9 9 „Allerdings!“ ſprach dieſe. „O mein Gott,“ fuhr Caͤcilie haͤnderingend fort:„jeder rechtliche Menſch muͤßte ja, wenn noch ein einziger Blutstropfen in mir Wilden⸗ felſen angehoͤren koͤnnte, mich verabſcheuen, wie ein Weſen voll Trug und Hinterliſt, das keinen Begriff hat von Liebe, keinen von Schande und Ehre!— O du ewiger Gott!“— Mit dieſem Ausrufe zog ſie die ſeidene Bettdecke herauf uͤber ihr ganzes Geſiaht und ſchluchzte laut. Dorrchen wendete alle Bitten und Schmei⸗ chelworte, ſie zu beruhigen, an. Zuletzt ver⸗ ſicherte ſie noch: Ihre rechtſchaffene Geſin⸗ nung ſey zu bekannt, als daß irgend ein Menſch ihr den Verrath am Braͤutigam zutrauen werde.—* „Du aber doch auch lie haſtig. „Gewiß nicht!“ „Habe denn Dank fuͤr dieſe ſchoͤne Ver⸗ ſicherung, liebes Dorchen. Weißt Du, wie alles zuging? Ich hatte einen Traum, einen furchtbaren Traum. Bei Stillburg ſaß ich. Da huſtete es, wie in der Kirche. Ploͤtzliich er⸗ nicht?“ fragte Caͤci⸗ ———jj—— 8* 42 faßt mich Jemand ſo, daß mir der Athem ver⸗ geht.— Darauf ſteht Wildenfelſens Geſicht voller Jammer dicht vor dem meinigen. Dazu blinkte ein nach Stillburg gerichteter Dolch in ſeiner Hand.— Lange arbeitete ich dran, mich los zu machen und wie ich endlich ſchon erwachte, ſchien Wildenfelſens Gewalt noch immer meine Athemzuͤge zu hemmen. Nun war's, als muͤſſe ich an's Fenſter, an die Luft des Himmels. Und ſiehe da, Wildenfels wirklich ſelbſt unten auf dem Platze.“ „Oder,“ fuhr ſie zuruͤckſchaudernd fort: „oder vielleicht nur ſein Schatten, Dorchen? Er eilte erſt ſo heftig naͤher auf meinen Zuruf und dann hinweg, hinweg, nne auch nur einen Laut zu thun. Sprich, otteswillen, Dor⸗ chen, ob er's ſelbſt war, „Leider wohl, nerin. „Leider rchen, leider kannſt Du ſagen? Der in der Kirche war auch kein Schat⸗ ten. Wollteſt Du alſo, daß der Anblick meiner Trauung ihn zum Schatten gemacht haͤtte?— So muͤßte ich mir's ja doch auslegen, wenn er's nicht ſelber geweſen waͤre.— Verſuͤndige Dich 43 nicht, Dorchen, an mir und an ihm! Wie ſchmaͤhlich er mich auch behandelte, ſo moͤchte ich doch um aller Welt Guͤter und Freude den Ge⸗ danken nicht auf mich laden, daß ich ihn vergif⸗ tet haͤtte, waͤr es auch nur geweſen durch die Trauung— mit einem Andern!— Nach einer Pauſe tiefen Sinnes ſprach ſie dann weiter:„Aber nun ſage, wie es zu⸗ ging, daß es mich nach dem Fenſter hinziehen mußte?“— Dorchen ſuchte ihr die Sache durch den Man⸗ gel an Athem, der ſie geaͤngſtet hatte, ganz na⸗ tuͤrlich zu erklaͤren. „Aber,“ fragte Caͤcilie weiter:„daß auch er grade da unten ſeyn mußte, zur Nachtzeit!“— „Kann denn nicht verſetzte Dorchen:„das boͤſe Gewiſſen!“ 1 „Haſt Recht, gutes„“ ſprach Caͤcilie: „ja, das boͤſe Gewiſſen ra een Menſchen den Schlaf und ſo kann er ſich wohl hierher gezogen fuͤhlen. Aber, aber,— ſein Geſicht, das er mir in der Kirche zukehrte, ſah Dir, warlich, nicht aus, wie boͤſes Gewiſſen, wenigſtens nicht, wie eins, das erwacht iſt!“— Ein Geraͤuſch aus dem Nebengemache heruͤ⸗ 44 ber hob das Geſpraͤch auf. Die geheime Raͤthin kam, ſich nach der Tochter zu erkundigen.— A 15. Der Zug eines tiefen Schmerzes, von dem Stillburgs Geſicht am folgenden Vormittage zeugte, verlor ſich ziemlich ganz bei der beſon⸗ dern Zaͤrtlichkeit, mit welcher die Braut ihn empfing und bei der troͤſtlichen Verſicherung des Arztes, daß ihre Krankheit ſchwerlich einen ſehr hohen Grad erreichen werde. So viel konnte indeß dem aufmerkſamen Beobachter nicht ent⸗ gehen, daß eine große Unruhe noch immer an ſeinem Herzen arbeitete. Vermuthlich wird man in Wildenfelſen den Grund ſuchen und er war es auch. Wilden⸗ fels war naͤmlich, als er gegen Morgen ver⸗ nommen, daß ſein Auftreten in der Kirche Cacilien auf's Krankenlager geworfen hatte, mit dem Seeſen ſelbſt in Stillburgs Woh⸗ nung geeilt. „Mein Geſicht,“ ſo begann er gegen den von ſeiner Erſcheinung hochbefremdeten:„hat Unheil gewirkt. Ich haͤtte ſolches vorausſehen ſollen und bereue jetzt bitter, daß ich mich geſtern 45 von der, mir ſo unſeligen, Trauung, deren furchtbare Kunde den Nuͤckkehrenden in dieſe Stadt ſogleich ſchadenfroh anfiel, verleiten ließ, ihr beiwohnen zu wollen. Ich dachte nicht daran, ein Hinderniß zu bewirken. Aber der Ungeſtuͤm meines Herzens zog mich dann doch der Getraueten entgegen. Und— wer ſtellt ſich meine Freude vor und meinen Schmerz— als ich in ihrem Geſichte, das ich entadelt waͤhnte durch das Brandmal der Schuld, noch immer die ſchoͤne, heilige Unſchuld erblickte! Ach, irre an mir ſelber, hatte ich von dieſem Augenblicke keine Ruhe weiter. In der Nacht noch trieb es mich nach dem Platze vor ihrem Hauſe. Dieſe Grabſtaͤtte meiner ſeligſten Hoffnungen anſtar⸗ rend ſtand ich lange davor, da klirrt auf Einmal das Fenſter auf. Sie ſelbſt zeigt ſich daran⸗ Sie erkennt mich, das beweiſ't mein Name⸗ den ſie ausſpricht. Ich eile naͤher, ihre vom Mondlichte gebleichten Zuͤge deutlicher zu er⸗ ſchauen. Ach, es ſind die alten, 9 veilen wohl auch ſonſt fuͤr ſchuldig von mir geachteten Zuͤge, die aber uͤber dieſen meinen ungluͤcklichen Wahn immer deſto herrlicher triumphirten. Verzweifelnd raſe ich hinweg.— „Sehen Sie, mein Herr, aus dieſem Allen, daß ich nichts verheimlichen, daß ich nicht ſtoͤrend eingreifen will, in ein Gluͤck, welches ja doch „Ihnen beſtimmt geweſen iſt. Nur eins, darum beſchwoͤre ich Sie: mich reinigen zu duͤrfen vor ihr von der Schmach, die vielleicht auf meinem Andenken haftet. In Ihrem Beiſeyn. Sie ſelbſt ſehen ein, daß, nach meiner Ruͤckkehr, Ihr von der Kirche geheiligtes Verhaͤltniß mit Caͤ⸗ cilien noch einer Buͤrgſchaft mehr beduͤrfen koͤnnte. Die will ich leiſten. Nur ein Geſpraͤch begehre ich mit meiner vormaligen Braut.— Im Gegenfalle ſtehe ich fuͤr nichts. Dann gilt es, auf heimlichem Wege dazu zu gelangen. Denn ſprechen muß ich ſie, ihr ſelbſt bin ich's ſchuldig. Wann es geſchehen ſoll, das moͤgen Sie, das mag vor allen der Arzt enſcheiden. Mein Gewiſſen traͤgt ſchon ſchwer an der Schuld, durch die Beunruhigung in der Kirche Caͤciliens Krankheit veranlaßt zu haben. Ihr Tod, wenn ich mir ſolchen zuſchreiben koͤnnte, wuͤrde mich durch die tollſte Raſerei auch um meine Selig⸗ keit in jener Welt betruͤgen. Fragen Sie den Arzt, wann ich ſie ſprechen darf. Wie groß auch bis dahin meine Qual ſeyn moͤchte, die 4 47 Hoffnung auf den kuͤnftigen Augenblick meiner Entſchuldigung wird ſie mir tragen helfen.“— Stillburg hatte ohne Laut dem Manne gegenuͤber geſtanden, der uͤberdies groͤßtentheils viel zu ſchnell und leidenſchaftlich ſprach, um ein Wort mit Erfolg dazwiſchen werfen zu koͤnnen. Es kam dazu, daß Wildenfelſens ganze Art ein Herz zu verkuͤndigen ſchien, wie er's nach deſſen ſo anſtößigem Verlaſſen der Stadt ihm niemals zugetrauet haͤtte. Daher verſprach er dem hef⸗ tigen Gaſte uͤber deſſen Verlangen mit dem Arzte zu ſprechen. Nach herzlichem Haͤndedrucke verließ Wildenfels Stillburgen. Vor dem Geiſte des letztern ſtiegen ſeitdem ohne Aufhoͤren die Folgen auf, welche das be⸗ gehrte Geſpraͤch auf Caͤcilien aͤuſſern konnte. Seiner Braut beſondere Zaͤrtlichkeit beruhigte ihn zwar Anfangs ziemlich, wie ſchon erwaͤhnt worden. Spaͤterhin jedoch, als er nur noch al⸗ lein bei ihr war und uͤber die vergangene Nacht ſie befragt, auch immer von Neuem die Rede darauf hingeleitet hatte, ſie aber ihres Erſcheinens und Rufens am Fenſter, von welchem Wilden⸗ fels geſprochen, mit keinem Worte gedachte, da 48 4 webten Kummer und Sorge wieder eine recht finſtre Huͤlle um ſein Herz. Warum verheimlichte Caͤcilie ihm die Sache? Seinen einzigen Troſt ſuchte er noch darin, daß ja ein Mann in ſo exaltirtem Zuſtande, wie Wildenfels, beim ungewiſſen Mondlichte, die Wärterin gar leicht fuͤr die Kranke angeſehen, daß es ſeinem Ohre nur gedaͤucht haben koͤnne, als ob ſein Name uͤber ihre Lippen gegangen. Denn Dorchen ſelbſt daruͤber zu befragen, ſo viel gewann er natuͤrlich ſeinem Zartgefuͤhle 4 nicht ab. Er nahm den Arzt befe und eroͤffnete ihm alles, was Wildenfels gegen ihn geaͤuſſert hatte. Die Sache war dem theilnehmenden Manne empfindlich, weil allerdings das Reſul⸗ . tat eines Geſpraͤchs zwiſchen der Kranken und deren fruͤherem Verlobten, ſich im Voraus nicht ganz berechnen ließ. „Fuͤr's Erſte,“ erwiederte nach einigem Nachdenken der Doktor:„muß ich meine Pa⸗ tientin uͤber ihre Geſinnung ausholen. Wenn ihr Zuſtand ſich nicht verſchlimmert, ſo kann das vielleicht ſchon dieſen Nachmittag geſchehen und dann ſage ich Ihnen Antwort auf den Abend.“ 49 Der Arzt achtete es fuͤr ſeine Schuldigkeit, vorlaͤufige Erkundigung bei der Waͤrterin ein⸗ zuziehen. Er ſtellte ſich, als ſey er ſelbſt in der Nacht voruͤbergegangen und habe da die Kranke am offenen Fenſter zu ſehen geglaubt. Sein ſcharf pruͤfendes Auge litt kein Verheimlichen. Klagend geſtand Dorchen den ganzen Vorfall und fuͤgte dann den Aufſchluß durch den Traum hinzu, welchen Caͤcilie ihr gegeben hatte. Zuletzt bat ſie ihn noch um Gotteswillen, der Kranken von dieſer Mittheilung nichts zu verrathen, weil ſolches auf den Zuſtand der Pa⸗ tientin eine ganz unwillkommene Wirkung haben und dazu ſie, die Waͤrterin, ihr verdaͤchtig ma⸗ chen koͤnne.. Der Arzt verſprach, gegen Caͤcilien, weder was er von ihr erfahren, noch auch die naͤchtliche Erſcheinung am Fenſter ſelbſt zu erwaͤhnen, wenn die Kranke nicht von freien Stuͤcken darauf verfalle. 8 16. Eine Wolke der Unruhe flog ullerdings uͤber die ſonſt gewoͤhnlich recht heitre Stirn des wak⸗ kern Doktors, als auch er Nachmittags, mit 4 30 Cacilien ganz allein, die Frage nach den naͤhern Umſtaͤnden der verfloſſenen Nacht, ohne Erfolg in der Hauptſache, gethan hatte. Wie er aber bald nachher des Vorfalls in der Kirche gedachte, ſprach ſie in der Parallele, welche ſie zwiſchen Wildenfels, dem Manne, der ihr eine Kraͤnkung zugefuͤgt, die ſie ſelbſt ganz unverzeihlich nannte und dem trefflichen Stillburg zog, ihre ſchoͤne -⸗ Geſinnung zu laut und entſchieden aus, als daß ſeine Sorge nicht wieder haͤtte verſchwinden ſollen. 3 Hierauf ſetzte er, wie von ungefaͤhr, den Fau, daß Wildenfels mit ihr ein Geſpräch ver⸗ lange, und fragte, ob ſie ſolch einem Verlangen nachgeben wuͤrde. 1 „Nur,“ antwortete ſie:„wenn es Still⸗ burgs ausdruͤcklicher Wille iſt.“— 3 Der Arzt benachrichtigte dieſen von Allem⸗ Bei ihrer feſten Geſinnung, aͤuſſerte er, ſey we⸗ nig zu wagen, wenn man Wildenfelſen ſein Begehren zugeſtehe. Weit ſchlimmere Frucht konne, nach den wohl zu beruͤckſichtigenden Aeuſ⸗ ſerungen des leidenſchaftlichen Mehſchen, die Ver⸗ weigerung der Sache tragen. Letztere muͤſſe doch einmal abgethan werden.— 1 Schon am folgenden Morgen eröffnete der Doktor Caͤcilien unverholen die ganze Lage der Dinge. Ein Schauder ſchien ihr durch den Koͤr⸗ per zu gehen; kein Wort weiter uͤber ihre Lippe zu wollen. Endlich beſtand ſie auf Stillburgs Gegenwart bei dem Geſpraͤch mit Wildenfels. 17. Durch den Arzt gelangten dieſe Umſtaͤnde an Stillburg und von letzterm an Wildenfels. Faſt aber waͤre Nachmittags, wo die Scene ſtatt finden ſollte, alles an dem Willen der geheimen Raͤthin geſcheitert. Hoͤchſt unzufrieden, daß man, wie ſie ſagte, einem Menſchen, dem ihr Haus fuͤr immer verſchloſſen ſey, den Weg dahin, ohne ſie zu fragen, eroͤffnen wolle, fuhr ſie auf den Hofrath Knell und ſogar auf Still⸗ burgen los. Dieſer bat indeſſen, daß ſie ihm den allerdings hierbei vorgefallenen Fehler verzei⸗ hen, auch die Sache ſelbſt, der Zuſage halber, welche Wildenfels darauf von ihm habe, geneh⸗ migen moͤchte, ſo dringend, bis ſie ſich endlich 4 hinein fuͤgte.— Stillburg fand Caͤcilien fuͤr den ihr bevor⸗ ſtehenden Auftritt gefaßt genug. Zudem ver⸗ 4* 5² ſicherte ſie ihm auf's innigſte, daß er ihrem, durch Prieſterſegen geheiligten Jaworte ganz ver⸗ trauen duͤrfe. Stillburg blickte ſie ſcharf an und in dem engelreinen Sterne ihres Augs erledig⸗ ten ſich mit einem Male alle Bedenken ſeines aͤber ihr Verſchweigen des naͤchtlichen Erſcheinens am Fenſter beunruhigten Herzens voͤllig. „Auf Wiederſehen, Cäͤcilie!“ ſprach er. „O nein, nein!“ rief ſie, als er gehen wollte:„Dein Bleiben war ja die Bedingung! Koͤnnteſt Du mich verlaſſen in ſo banger, ſchwe⸗ rer Stunde?“ „Mein volles Zutrauen bleibt Dir an meiner Statt zuruͤck!“ antwortete er. „Dein Zartgefuͤhl,“ verſetzte ſie betaͤubt: „ verwundet mich ſchmerzlicher, als Haͤrte ſolches gethan haben wuͤrde. So verweile denn we⸗ nigſtens im Nebengemache, zu hoͤren, was ich ihm ſage!“ Sie zeigte dazu auf eine Tapetenthuͤre, durch welche er auch nun, ihre Hand feſt an die Lippe druͤckend, von ihr hinwegging. Aber als ſey mit ihm alle vorherige Faſſung von Caͤcilien gewichen, ſo unruhig ſchritt ſie im Zimmer auf und nieder. Das Beduͤrfniß nach 53 Luft machte abermals, daß ſie die Fenſterfluͤgel aufriß, wie in der Nacht. In demſelben Au⸗ genblicke klopft es an die Thuͤre. Aber ſo leiſe das auch geſchah, ſo erſchuͤtternd war der Wi⸗ derhall des Lautes in ihrem Herzen. Schnell wendete ſie ſich herum. Sie druͤckte ſich dann mit dem Ruͤcken auf's feſteſte an die Fenſter⸗ wand, waͤhrend ihr Geſicht angſtvoll nach der Thuͤre ſich richtete.—* Wildenfels trat herein. Wie eingewurzelt blieb er ſtehen. Dann eilte er vor nach dem Fenſter, in die Naͤhe der aufs tiefſte Bewegten. „Caͤcilie,“ begann er mit bebender Stim⸗ me:„von einem boͤſen Daͤmon hinweggetrieben aus dieſer Stadt, war es mein feſter Vorſatz, Sie nie wieder zu ſehen. Aber mein Herz ar⸗ beitete ſo lange an dem Vorſatze, bis er umge⸗ worfen war. Ich komme und werde— Zeuge Ihrer Trauung. und das, warlich, das war nicht das Aergſte, was mir begegnete. Als ich aber Ihr Geſicht ſah und wieder ſah, als eine genaue Erkundigung mich mit den Umſtaͤn⸗ den, die meiner Abreiſe gefolgt und Ihrer jetzigen Verbindung vorausgegangen waren, ſtatt ge⸗ funden hatte, da fuͤhlte ich mich im Innerſten 54 vernichtet. Ich ſelbſt hatte meinem Gluͤcke, meiner Ruhe den Giftbecher gereicht, den ein tuͤckiſces Weſen aus der Hoͤlle mir als die allein mich heilende Letheſchale darbot. Denn Sie waren ganz rein und fleckenlos; Du warſt ein Engel, Caͤcilie.“— „Vergeſſen Sie nicht,“ fiel dieſe mit vor ſich hingeſtreckten Haͤnden ein, als er ihr naͤher trat.— „Leider,“ fuhr er fort:„iſt das eben meine Hoͤllenſtrafe hier und dort, daß ich meine Schuld und Deine Unſchuld nie werde vergeſſen koͤnnen. O du heiliger Gott!“— „Maͤſigen Sie ſich!“ rief Caͤcilie, blickte aͤngſtlich aus dem Fenſter und ſah, zu ihrem groͤßten Schrecken, Stillburgen uͤber den Platz hinweggehen. Seine Delikateſſe hatte es im Nebengemache nicht ausgehalten. „Beſorgen Sie keine Zudringlichkeit, Caͤ⸗ cilie!“ rief Wildenfels.„Aus dem bodenloſen Abgrunde, worein ich ſelbſt mich ſtuͤrzte, fuͤhrt kein Weg zu Ihnen. Nicht einmal der Tob kann mir helfen, wenn es jenſeit noch ein Leben giebt. Das Einzige, was mir einige Linderung —— 55 gewaͤhren muß, iſt, daß Ihr Gluͤck dadurch be⸗ foͤrdert wurde. Denn nur der Neid koͤnnte Stillburgs mannichfache Vorzuͤge vor mir nicht eingeſtehen. Hoͤren Sie indeß die Veranlaſſung zu meiner Reiſe von hier, um das Urtheil zu mildern, das Jedermann uͤber mich ausſprechen muß. 11. „Als ich an jenem Nachmittage, wo ich zum letzten Male in dieſem Hauſe geweſen, in meiner Wohnung anlangte, warf mich ein großer Mißmuth in den Lehnſtuhl. Der Schlaf, den ich die ganze Nacht zuvor einer Kantate halber, die fertig ſeyn mußte, mit Gewalt fortgeſcheucht, bemaͤchtigte ſich meiner in Kurzem.— Es fing ſchon zu dunkeln an, als ein Geraͤuſch im Zim⸗ mer mich wieder erweckt. Zu meinem groͤßten Erſtaunen bemerke ich in der Naͤhe eine weiß verſchleierte Dame ſitzen. Sie bittet um Ver⸗ zeihung, wenn ſie geſtoͤrt habe. Ich erwiedere die Hoͤflichkeit mit der Frage nach ihren Befeh⸗ len.— Ich hoͤre, ſagt ſie, Sie ſuchen einen Gefaͤhrten zur Reiſe nach— z, und komme, mich nach den naͤhern Bedingungen zu erkun⸗ digen, falls es ihnen naͤmlich gleichguͤltig iſt, ob ein Mann oder eine Frau, die Ihnen uͤbrigens 56 in keiner Art laͤſtig zu werden denkt, dabei Ge⸗ ſellſchaft leiſter.“ „Sogleich fiel mir ein, daß ein das Haus mitbewohnender Fremder im Wochenblatte einen Geſellſchafter nach— z aufgerufen hatte und daß alſo hier ein Irrthum obwalte. Dieſe Auskunft gab ich der Dame. Sie entſchuldigte ihre Irrung mit Anſtand, und bat mich dann, auf meine hoͤfliche Erwiederung, beim Abſchied⸗ nehmen, daß ich ihr wenigſtens zu wiſſen thun moͤchte, wem ihr Verſehen eine ſo nachſichtvolle Aufnahme verdanke.“ W „Die Nennung meines Namens ſchien ſie zu verſteinern. Es ſtrebte ein Wort aus ihrem Munde, das lange den Weg nicht finden konnte. Schon machte ſie eine Bewegung, als ob ſie hin⸗ wegwolle. Aber der aͤngſtlich mir zugekehrten Miene halber, holte ich ſie zuruͤck.“ „Sie haben, ſagte ich, ein Begehren auf dem Herzen; eroͤffnen Sie mir's. Wenn ich dienen kann, ſo rechnen Sie darauf, wie auf meine aͤuſſerſte Diskretion.“ „Mit der Miene der groͤßten Beſcheidenheit antwortete ſie: Ihre Bereitwilligkeit, mein Herr, einer Unbekannten beizuſtehen, fordert meinen 57 Dank zu maͤchtig auf, als daß irgend ein Be⸗ denken mich von einer Warnung abhalten ſollte, die Ihnen Noth thut. Huͤten Sie ſich, Herr Wildenfels, vor— einer gewiſſen Dame, welche Sie heute Nacht auf dem Balle ſprechen werden.“— „Vor welcher Dame?“ fragte ich.— „Vor einer, auf die ſich Ihre Unterhaltung vorzuͤglich beſchraͤnken wird. Dieſe Dame— iſt durchaus nicht ſo, wie ſie Ihnen ſcheint, gar nicht, wie ſie ſcheint. Sie wuͤrden ſolche am beßten kennen lernen, wenn Sie den Vorwand einer Unpaͤßlichkeit zum oͤffentlichen Weg⸗ bleiben vom Balle benutzten, um jene Dame heim lich genauer beobachten zu koͤnnen.“ „Die Fremde gab mir deutlich genug zu verſtehen, daß Sie, Caͤcilie, diejenige waren, vor der ſie mich warnte.“ Hiier ſchien das Fraͤulein an der Wahrheit von Wildenfelſens Rede gaͤnzlich zu zweifeln. „Allerdings,“ fuhr er fort:„wird einem bei reifern Nachdenken der Glaube ſchwer, aber es iſt ſo. Sie nannte den geheimen Legation⸗ rath Stillburg, denſelben, der mir in den letzten Tagen von Ihrer Mutter und Ihnen ſelbſt ſo 58 geruͤhmt wurde; deſſen Figur und Betragen al⸗ lenthalben Aufſehen erregte. Sie und er ſollten — heimliche Zuſammenkuͤnfte in dem Hauſe haben, welches die Fremde bewohnte.“— „Und dergleichen Verworfenheit,“ fiel Caͤ⸗ cilie hoͤchſt indignirt ein:„konnten Sie einer Perſon zutrauen, an der Sie zuvor gewiß nur dann einige Zweideutigkeit wahrnahmen, wenn Ihr Auge von der thoͤrigſten Eiferſucht verblen⸗ det war?“ „ Cacilie,“ ſprach er:„ich weiß alles, was aͤber dieſen Punkt zu ſagen iſt. Aber ich lag eben ſo feſt in den Klauen des Argwohns, daß ich kein Ohr hatte als fuͤr die Einfluͤſterungen dieſes Daͤmons. Dazu kam noch, daß die hoͤl⸗ liſche Erſcheinung in Geſtalt einer Frau, in ih⸗ rem behutſamen Vortrage, in der ganzen Art ſich zu nehmen, eine eigene, argliſtige und uͤber⸗ zeugende Kunſt beſaß. Mein Herz war bereits voon dem Gifte der Bosheit dieſer Fremden voͤl⸗ lig erfullt, als ſie noch hinzufuͤgte: Wieder von jenem Balle anzufangen.— Den wird ſie— fiel ich ein— ſchwerlich beſuchen, da ich mich davon losgemacht habe.— Das grade— lachte die Frau— iſt ja der Wunſch dieſer 59& Dame geweſen. Auf meine Ehre, ſie wird ihn beſuchen. Was koͤnnte ihr wohl lieber ſeyn bei ſolch einem Balle, als des unbequemſten unter all' ihren Aufpaſſern entledigt zu werden. Sie wird nur eine deſto freundlichere Nacht dort zubringen.“— „D mein Gott, das Haar ſtraͤubt ſich mir noch jetzt empor, uͤber meine Wuth bei ſolcher Aeuſſerung. Sie erbot ſich darauf ſelbſt, mich unerkannt auf eine oberhalb dem Ballſaale an⸗ gebrachte Galerie zu bringen, wo Dienſtbotetz und andere gemeine Leute am Anſchauen der geputzten Taͤnzerinnen und Taͤnzer ſich zu er⸗ goͤtzen pflegen.“ Ddiie Zeit bis dahin war eine qualvolle Ewig⸗ keit. Und kaum bin ich endlich mit dem boͤſen Geiſte, der ſein reines Wohlwollen fuͤr mich mir immer auf's Anſchaulichſte zu machen verſtand, durch das unangenehme Gewuͤhl jener Galerie bis zur Bruſtlehne derſelben gelangt, ſo zeigt ſie mir wirklich gar nicht weit davon Stillburgen, wie er neben Ihnen ſaß und eine halbe Stunde lang nicht von Ihnen wich. Dazu wußte meine Fuͤhrerin mir, dem von der Eiferſucht ſchon Verzehrten, jede Ihrer Mienen, jede Oeff⸗ 60 nung Ihrer Lippen zu dem Nachbar heruͤber auf die teufliſchſte Weiſe zu erklaͤren und auf Ihre ſogenannten geheimen Zuſammenkuͤnfte mit dem Andern in Beziehung zu bringen.— Schweigend — denn ein Krampf ſchloß mir den Mund— ergriff ich die Hand der tuͤckiſchen Frau aufs hef⸗ tigſte und draͤngte mich ſo mit Gewalt durch die daruͤber unwillige Menge.— In der vollen Ueberzeugung von der Schuld der Geliebten beſchloß ich in meinem Wahnſinne, ſogl eich wahrzumachen, was meine eiferſuͤchtige Laune oft vorausverkuͤndigt. Schon ehe wir die Galerie beſuchten, hatte ich vorlaͤufig jenem Weibsbilde auf die baldige Reiſe mit mir ſelbſt Hoffnung gemacht, da der Mann an deſſen Stelle ſie mich beſuchte, mit einem Reiſegefaͤhr⸗ ten, wie ich gewiß wußte, bereits verſehen war. — Noch in der naͤmlichen Nacht reiſ'ten wir ab. In meinem großen, unbeſchreiblich großen Ungluͤcke betrachtete ich Bloͤdſinniger die Frau als meinen Schutzengel. Da es mir auf nichts ankam, als mich ſo weit als moͤglich von dieſer Stadt zu entfernen, ſo konnte ich ihre Abſicht nach—z zu gehen, ſehr leicht auch zu der mei⸗ nigen machen. Uebrigens betrug ſie ſich waͤh⸗ 61 rend der ganzen Reiſe mit ſo großer Zuruͤckhal⸗ tung, daß ich ihr durchaus nicht eine Abſicht auf meine Perſon zutrauen konnte. So viel ließ ſie mich nebenbei merken, daß in— z ihr Braͤuti⸗ gam bereits ihrer harre.“ „Die Vorſicht, die unglaubliche Schlauheit dieſer Perſon war Urſache, daß ich bis in voriger Woche ihre Ehrlichkeit nicht bezweifelt habe. Auf Einmal aber verſchwindet der Mann mit ihr, den ſie fuͤr ihren Braͤutigam ausgegeben. Er iſt mehrerer Betruͤgereien verdaͤchtig und ich werde von der Polizei ihrethalber, weil ſie meine Reiſegefährtin geweſen, befragt. Ich ſtaune uͤber Manches, was ich bei dieſer Gelegenheit vernehme. Ihre Flucht hatte uͤberhaupt auf Einmal einen Riß in das kuͤnſtliche Gewebe ge⸗ macht, wodurch ſie ihre an ſich raͤthſelhaften Schritte in einen anſtaͤndigen Zuſammenhang zu bringen wußte; wie ſie denn auch uͤber die Untreue meiner Geliebten mir fortdauernd die ſtaͤrkſten Beweiſe, in kleinen, mit wahrhaft hoͤl⸗ liſcher Geſchicklichkeit erfundenen Anekdoten, ge⸗ boten hatte.“— „ Jetzt zum Erſten Male erwachte halb in mir die Ahnung, wie ſehr ich betrogen ſeyn 62 eonnte, und ſo eilte ich hierher und— komme, wie ſchon erwaͤhnt, grade zu Ihrer Hochzeit mit Stillburg.“— „Mußte letztere mich nicht uͤberreden, daß, wie betruͤglich auch jener Teufel ſonſt gehandelt, die Beſchuldigung gegen Sie doch nicht grundlos geweſen ſeyn moͤchte?— Zerriſſen von ſo ſchreck⸗ licher Pein, nach kaum gefaßter neuer Hoffnung, wartete ich Ihre Trauung ab. Ich mußte Ihnen in's Geſicht ſehen. O mein Gott, in dieſem auch nicht eine Spur von Tuͤcke und Verrath. Davon uͤberzeugte ich mich nochmals in der Nacht.“ „Meine genauen Erkundigungen am Mor⸗ gen thaten mir vollends dar, welch eine entſetz⸗ liche Schuld gegen Sie ich auf mein Haupt ge⸗ laden hatte!— O Caͤcilie, mein von einem Ungeheuer Ihres Geſchlechts mit groͤßter Argliſt angefachter und genaͤhrter Wahnſinn hat mir Sie auf immer geraubt.“ „Und es iſt mir nur Recht geſchehen damit. Ich begehre das Gluͤck nicht, welches ich ver⸗ ſcherzte. Ich kann nicht begehren Ihr Gluͤck zu zerſtoͤren, das die ſchoͤnſte Buͤrgſchaft hat in dem herrlichen Charakter desjenigen, der bereits von — — den Geſetzen ſelbſt berechtigt worden, Sie fuͤr immer die Seinige zu nennen. Aber, Cacilie, nur Verzeihung, Verzeihung wegen einer Thor⸗ heit, die ja ohnehin den Tod, den langſamen Tod, durch Verzweiflung, uͤber mich ausſpricht. Caͤcilien, die von Wildenfelſens Rede auf's Furchtbarſte erſchuͤttert war, begannen die Fuͤße zu wanken. Die Wand, an welche ſie ſich lehnte, reichte bei dem Schwindel, der ihr Haupt faßte, nicht mehr hin, ſie aufrecht zu halten. Die von dan letzten, heftig ausgeſtoßenen Wor⸗ ten in's Zimmer gelockte Dienerin ſprang ihr zu Huͤlfe, waͤhrend Wildenfels einen Stuhl herbeiſchob.— „Hier meine Hand, Wildenfels,“ ſagte Caͤcilie mit ſchwacher Stimme:„daß ich Ihnen alles vergebe.“ 1 Und im tiefſten Schmerze druͤckte er die Hand an ſeinen Mund und eilte hinweg. Starr blieb Caͤcilie noch einen Augenblick. Als aber die Thuͤre den Scheidenden ihr verbarg, da zog das Uebermaas des innern Wehes ſie em⸗ por, mit ausgebreiteten Armen dem Hinweg⸗ geeilten nach. Doch ſchon in der Mitte des Zimmers wuͤrde 64 ſie kraftlos umgeſunken ſeyn, waͤre in der ſorg⸗ ſamen Dienerin ihr nicht ein Schutzengel ge⸗ folgt, welcher ſie aufrecht erhielt. „O Dorchen,“ rief ſie, krampfhaft an die Dienerin geſchmiegt:„ſo iſt es denn wahr, was ſeine Zuͤge ſchon in der Kirche mich uͤberreden wollten, daß er ſchuldlos iſt!“ Dorchen beſchwor ſie, ruhig zu werden. „Ruhig?“ ſprach ſie:„Nimmermehr werde ich das ſeyn koͤnnen, von nun an!“— 18. In Geſellſchaft des Vormundes trat die Mutter herein. „Da haben wir des Doktors ſchoͤne Maas⸗ regel!“ rief ſie aus.„Eine Kranke und ſolche Szenen! Armes, gutes Kind!“ Sie ſetzte ſich neben ſie auf das Sopha, wo⸗ hin Caͤcilie durch Dorchen geleitet worden war. „8 Mutter, Mutter, er iſt ſchuldlos!“ ſagte Caͤcilie, ihr Geſicht mit den Haͤnden bedeckend. „Schuldlos?“ rief der Miniſter und unter⸗ druͤckte ſeinen aͤuſſerſten Mismuth mit Muͤhe. Nur die Unerfahrenheit eines ſo unſchuldvollen 63 Herzens, wie das Deinige, gute Caͤcilie, kann dergleichen ſich uͤberreden laſſen. Ich will Dir die Sache beſſer erklaͤren: der naͤmliche verruchte Leichtſinn, der ihn hinwegfuͤhrte, hat ihn auch wieder zuruͤckgebracht in dieſe Stadt. Da findet er, daß Du einem Andern angehoͤrſt. Das entzuͤndet auf Einmal wieder Begierden in ſei⸗ nem verderbten Herzen. Daher der unverzeih⸗ liche Auftritt in der Kirche, daher die nachherigen Beſtrebungen und das jetzige Geſpraͤch.“ „Nein,“ entgegnete Caͤcilie:„er beſcheidet ſich deſſen, daß ich nicht die ſeinige werden kann, daß ich ihm fuͤr immer verloren ſeyn muß.“ „Er beſcheidet ſich deſſen ſcheinbar,“ ver⸗ ſetzte der Vormund heftig:„weil er damit den kraͤftigſten Angriff auf Dein von ſeiner vorgeblichen Unſchuld erſchuͤttertes Herz zu ma⸗ chen weiß!”“— „O theurer Mann!“ erwiederte Caͤcilie: „ſchwerlich wuͤrden Sie dieſe Argliſt ihm zu⸗ trauen, wenn Sie Zeuge geweſen waͤren“— „Ich bin es geweſen. Grade zu rechter Zeit fuͤhrte mich der Himmel vorhin kurz nach ſeiner Ankunft im Euer Haus. Deine Mutter war im Nebengemach. Dort entging uns kein 5 66 Wort. Laͤngſt ſchon wuͤrde ich hervorgebrochen ſeyn, wenn ſie nicht, unanſtaͤndige Szenen fuͤrchtend, den Zornigen zuruͤckgehalten haͤtte.“ Beſonders ließ ſich der Miniſter nun noch üͤber die Unwahrſcheinlichkeit des Vorgebens mit jener Weibsperſon aus. Er ſuchte Caͤcilien die Thorheit dieſer Erdichtung hauptſaͤchlich dadurch recht klar zu machen, daß ja gar nicht einmal ein hinreichender Beweggrund zur Handlung des argliſtigen Weibes wahrzunehmen war. Wiirklich ſchien er hiermit einigen Eingang in das Gemuͤth Caͤciliens zu finden; denn beim Abſchiede verſicherte ſie ihm:„Wie uͤbrigens die Sache auch ſtehe, moͤge Wildenfels Schuld ha⸗ ben oder nicht, ſo werde ſie doch gewiß ihrer, dem hoͤchſtedeln Stillburg am Altare und nach⸗ her gegebenen Zuſage nie vergeſſen.“ „Das glaubte ich von Deiner Rechtlichkeit vorausſehen zu koͤnnen!“ ſprach der Großoheim, ſie auf die Stirn kuͤſſend und die Mutter ſchloß, als er hinweg war, das geliebte Kind mit gro⸗ ßer Zaͤrtlichkeit in die Arme, bezeigte auch lange noch ihr außerordentliches Wohlgefallen an Cä⸗ ciliens wackerer Geſinnung. — 57 19. Banger Erwartung voll blieb der inzwiſchen unbemerkt eingetretene Stillburg in einiger Ent⸗ fernung ſtehen. Caͤcilie bemerkte ihn, trat ihm mit entgegen⸗ gebreiteten Armen naͤher und ſprach:„Hierher⸗ mein Theurer! Wo koͤnnte Dein Platz ſeyn, als an meiner Seite? Zwar ſollte ich zuͤrnen, daß Du die Bitte, um Dein Bleiben, nicht ſtatt finden ließeſt.“— „Sagte ich Dir nicht,“ erwiederte er, ſie umarmend:„daß mein volles Vertrauen an mmeiner Stelle zuruͤckbliebe? Du haſt Dich deſ⸗ ſen wuͤrdig erwieſen. Dein Großoheim hat mir ſolches ſo eben geruͤhmt. Von ihm iſt mir auch Wildenfelſens ſeltſame Ausrede hinter⸗ bracht worden.“ „So zweifelſt Du alſo ebenfalls, lieber Stillburg?“ „Ich zweifle, daß die Sache etwas anders ſey, als eine, nicht allzu ſinnreiche, Erdichtung und ſtimme dem voͤllig bei, was Dein Vor⸗ mund ſich als die Veranlaſſung zur Ruͤckkehr denkt.“— 5 68 Der Arzt kam. Jett, da alles einen recht gluͤcklichen Ausgang nehmen zu wollen ſchien, hielt die geheime Raͤthin die ihm zugedachten Vorwuͤrfe nicht nur voͤllig zuruͤck, ſondern ſie bejahte ſogar ſeine Frage:„ob es nun nicht beſ⸗ ſer ſey, daß man die Geſchichte auf Einmal ab⸗ gethan habe?“ Auch Stillburg druͤckte dem Ehrenmanne die Hand. S Es ſchien uͤberhaupt immer mehr, als ob nun bald alles im Reinen ſeyn wuͤrde. In der Daͤmmerung kam naͤmlich der Oheim noch ein⸗ mal. Sein Mangel an Athem haͤtte ſchon ver⸗ rathen, daß gewiß eine gute Nachricht den ſonſt ſo bedaͤchtigen Greis zu ſchnell die Treppe heraufgefuͤhtr habe, wenn auch ſeine Stirn we⸗ niger heiter geweſen waͤre. „Kinder!“ begann er:„Eure Beunruhi⸗ gungen werden nun aufhoͤren. Ich komme von einem Gewiſſen. Er hat mir die Hand gege⸗ ben, ſogleich abzureiſen und nie zuruͤckzukehren.“ Stillburgs Blick ſtreifte verſtohlen uͤber Caͤ⸗ ciliens Geſicht, als eben dieſe Kunde einen Krampf in ihm zu erzeugen ſchien. „Sein Bedienter holte die Poſtpferde,“ 69 ſprach der Miniſter weiter:„als ich ſeine Woh⸗ nung verließ.“ 3 „So,“ fiel Caͤcilie raſch ein:„ſo haben Sie ihn alſo zum Geſtaͤndniſſe ſeiner Schuld ge⸗ bracht?“ 4. „Gute Caͤcilie“— antwortete ihr Vor⸗ mund, mit einem leiſen Anhauche des Verdruſ⸗ ſes:„es bedarf nicht erſt eines Geſtaͤndniſſes, wo alles ſo klar am Tage liegt, wie hier. Wußte er doch nicht einmal eine beſtimmte Nachwei⸗ ſung von dem Treiben der Frau zu geben, die er als die Triebfeder ſeines Entweichens anfuͤhrt. Raͤthin Richter ſoll ſie ſich geheißen haben, wie er ſagt.— Ich ließ ihn merken, daß ich ſeine Eroͤffnungen mit angehoͤrt hatte, aber eben dar⸗ um nie an ſeine Entſchuldigungen glauben koͤn⸗ ne.— Und hierauf— ſagte er kein Wort. Er zuckte die Achſeln. Doch fand er ſelber ſeine baldige Abreiſe nothwendig.“— Ein unten auf der Straße ertoͤnendes Poſt⸗ horn machte, daß der Oheim freudig empor und nach dem Fenſter ſprang. „Nein,“ ſprach er, von dieſem zuruͤckkeh⸗ rend:„das iſt der Wagen des Oberſtallmei⸗ ſters.“ 8 70 Nicht lange nachher, als der Bediente die Lichter hereinbrachte, erſchien ein Billet an Caͤ⸗ cilien. Alle Geſichter verriethen die hoͤchſte Spannung; denn es war von Wildenfels. Stillſchweigend, aber mit großer Beſorgniß, reichte die geheime Raͤthin ihr ſolches. Der zit⸗ ternden Hand der Tochter fehlte die Kraft, es zu erfaſſen; es fiel ihr in den Schoos. „Nur aus ihrem Munde, Stillburg,“ ſyrach ſie:„will ich hoͤren, was er ſchreibt.“ Stillburg oͤffnete das Billet und las dann mit merklich bewegter Stimme: „Caͤcilie! Ich ſelbſt habe unſer Buͤndniß zerriſſen. Seine Erneuerung iſt unter jetzigen Umſtaͤnden nicht gedenkbar. Daß derjenige, der Ihnen alles ſeyn muß, ein Wuͤrdigerer iſt, als ich, darin finde ich noch den groͤßten Troſt. So eben verlaſſe ich dieſe Stadt fuͤr immer. Nur ein Wort noch von Ihnen, darum flehe ich, ein einziges Wort! Die Vergehung, de⸗ ren ich mich zeihen muß, war, ich wiederhole es hier, nur die Frucht der Bosheit jener Fremden und meiner Thorheit, aber nicht meines Her⸗ zens., Das iſt rein geblieben. Bei dem Er⸗ gruͤnder aller Herzen ſchwoͤre ich's Ihnen. Glau⸗ 21 ben Sie mir, Caͤcilie. Verſichern Sie mir's mit einem einzigen Worte, daß Sie nicht zwei⸗ feln an der Unſchuld meines Herzens. Nur durch die Kraft dieſer Verſicherung iſt mein arm⸗ ſeliges Leben aufrecht zu erhalten.“ 20. Nach einer ziemlichen Pauſe legte Stillburg ſchweigend den Brief auf Caͤciliens Schoos. Ihr Auge neigte ſich dahin. Es hing lange an den Schriftzuͤgen, mit denen der Zauber vergan⸗ gener Zeit in tauſend ſchoͤnen Bildern auf ein⸗ mal vor ihr aufſtieg und ihre Gefuͤhle beſeligte und zerriß.— Die bange, allgemeine Stille ward endlich durch die geheime Raͤthin unterbrochen. „Kind!“ ſprach ſie:„mein Rath waͤre, Du entſchloͤſſeſt dich zu der ihm erwuͤnſchten Be⸗ antwortung.“ „Auch dann,“ fragte Caͤcilie:„wenn ich nicht glauben koͤnnte an die Wahrheit ſeiner Be⸗ theuerung?“ „Wenigſtens,“ fiel der Miniſter ein:„wuͤr⸗ den die drei Worte: Ich glaube Ihnen! Nie⸗ mand Nachtheil bringen und Dich vermuthlich 7²2 einer zweiten Zuſchrift fuͤr immer uͤberheben, die außerdem ſchwerlich unterbleiben moͤchte.“ „Was meinen Sie, Stillburg?“ ſprach Caͤcilie, ſeine Hand ergreifend. „Einzig Ihnen uͤberlaſſe ich die Entſchei⸗ dung!“ antwortete er. Schon zweimal kurz nach einander hatte Caͤcilie ihm das, mehrere Tage vor der Trauung zugeſagte, bereits gelaͤufig wordene Du entzogen. Bewußtlos war es geſchehen. Jetzt aber, als damit gleichſam der Wiederhall ihrer Rede aus Stillburgs Munde zuruͤcktoͤnte, drang es ihr ſchmerzlich in's Innerſte. Thraͤnen fuͤllten ploͤtzlich ihre Augen und ſie ſprach, ſeine Hand erfaſſend:„Stillburg, bedenke, daß ich Dein Du durch nichts verſcherzt habe!“ „Caͤcilie,“ verſetzte er mit wahrhaft ruͤhren⸗ der Weichheit:„durfte ich mich wohl deſſen be⸗ dienen, da Du ſelbſt zu wiederholten Malen“— Mutter und Großoheim bekraͤftigten ſein Anfuͤhren und ſie ſagte feufzend:„dann ver⸗ zeihe mir, Theurer! Mein Mangel an Beſin⸗ nung iſt wohl kein Wunder. Rathe nur, was ich antworten ſoll. Oder noch beſſer: Geh Du ſelber, Stillburg, und ſprich mit ihm. Sieh⸗ ——— 73 ob Du Dich von ſeiner Unſchuld uͤberzeugen kannſt und dann, nur dann, ſichre ihm in mei⸗ nem Namen jenen Glauben zu.“ Der Miniſter fand dieſe Maasregel mit zu vielem Aufenthalte in einer Sache verbunden, die ſich auf dem von der Mutter angedeuteten Wege ganz kurz abthun laſſe. Die geheime Raͤthin ſprach noch eifriger gegen den Vorſchlag. Caͤcilie aber rief:„Auch hier will ich handeln, nicht wie es am vortheilhafteſten, nur wie es recht iſt und da ich in mein eigenes Urtheil uͤber Wildenfelſens Betheurung Mißtrauen ſetze, ſo bitte ich Dich, Stillburg, ſolches auf die angege⸗ bene Art zu leiten.“ 3 „Und welches iſt Dein Urtheil,“ fragte er: „darf ich das nicht wiſſen zuvor, Cecilie? „Nein, nein,“ ſprach ſie von der maͤchtig⸗ ſten innern Bewegung emporgeriſſen.„Gehen Sie aber, Stillburg, um Gotteswillen gehen Sie. Was Sie an ihm finden, Schuld oder Unſchuld, ich— unterſchreibe es.“ Heftig erſchrak ſie unmittelbar darauf vor dem neuen Vergeſſen des traulichen Du und entſchuldigte das Verſehen abermals mit ihrer graͤnzenloſen Zerſtreuung, indem ſie Stillburgen 74 aufs Zaͤrtlichſte in die Arme ſchloß. Er ging. Die Mutter ſeufzte. Der Großoheim ſchuͤttelte den Kopf. Ohne darauf zu merken, ergriff Caͤcilie Wil⸗ denfelſens Brief von Neuem. Die lieben Schriftzuͤge hatten vom Anfange ſogleich den Glauben an ihn in ihre Bruſt zuruͤckgefuͤhrt. Die Betonung der verſchiedenen Worte, wie Wildenfels ſie vor ihr ausſprechen wuͤrde, das Auge, die Zuͤge ſeines Geſichts dabei, das al⸗ les vergegenwaͤrtigte ſich ihr ſo lebendig, daß ſie, Mutter und Großoheim ganz vergeſſend, aus⸗ rief:„Ja, ich lege einen Eid ab darauf, daß es ſo iſt, wie er ſchreibt, daß Wildenfels un⸗ ſchuldig iſt./ Leiſe und theilnehmend ergriff da die Mut⸗ ter ihren Arm. Sie erſchrak heftig.„Und ge⸗ ſetzt,“ begann die geheime Raͤthin mit der ſanf⸗ keſten, liebreichſten Stimme— geſetzt, er waͤre unſchuldig, mein theures Kind“— „Ja wohl, dieſen Fall geſetzt,“ fiel der Vor⸗ mund ein, der waͤhrend Caͤciliens vorhergegan⸗ gener Vertiefung in den Brief mehrmals mit großer Haſt Tabak genommen hatte—„gehoͤrt doch auch zum Leben einige Klugheit und wer —,— ——— 75 einem Thoren, dem ausgemachteſten Thoren gleich handelt, wie jener Wildenfels, der kann's Niemand zuſchreiben, als ſich ſelbſt, wenn es ihm geht, wie es den Thoren in den meiſten Faͤllen gehet und gehen muß. Wollteſt Du lie⸗ ber den edeln, treflichen Stillburg, der immer ſich gleich, immer Deiner wuͤrdig handelte, fal⸗ len laſſen, als den, welcher ſelbſt einſieht, daß nur ſeine Thorheit es war, was ihn um Deinen Beſitz gebracht hat?“ „O mein Gott, nein!“ rief Caͤcilie:„wie moͤchte ich das vor meinem Gewiſſen verantwor⸗ ten?— Nein! Aber weh thun, recht bis in's Innerſte ſchmerzen, muß mich's doch, wenn der arme Wildenfels“— „Der arme Wildenfels!“— wiederholte ihr Großoheim erhitzt aufſpringend.„Wer ſeine Thorheit nicht zuͤgeln kann, der verarmt mit Recht! Und hier iſt es nicht Thorheit al⸗ lein; es iſt Ruchloſigkeit!“— Mit vielen Worten ſuchte er noch dieſe Be⸗ hauptung der Troſtloſen in's Licht zu ſetzen, konnte damit aber ihrem in aller Kraft zuruͤck⸗ gekehrten Glauben an Wildenfelſens Herzens⸗ guͤte nicht das mindeſte anhaben. 2 1. Stillburgs Stimme im Vorſaale lenkte ſo⸗ gleich die allgemeine Aufmerkſamkeit auf den Zuruͤckgekehrten. Sein Geſicht ſtand in Glut⸗ Sein Auge glänzte, wie der Stern der Liebe. „Nun, Stillburg, theurer Stillburg?“ fragte Caͤcilie. „Ich habe“ ſprach er zur geheimen Raͤthin: „ich habe Wildenfelſen hoch begluͤckt durch Caͤci⸗ liens Glauben an ſeine Unſchuld!“ „Ohne ſelbſt an dieſe zu glauben, Still⸗ burg?“ fragte Caͤcilie. „Nein!“ antwortete er feſt.„Auch ich bin uͤberzeugt von ihr, wie von meinem Leben. Es giebt eine Miene, einen Ton, den die fein⸗ ſten Betruͤger nicht nachmachen koͤnnen. Und den hatte Wildenfels bei der Verſicherung ſeiner Schuldloſigkeit.“ r. „Ol Ihr bloſen Gefuͤhlsmenſchen, daß Ihr immer Euerm ſo leicht zu irrenden Blicke mehr — der Miniſter verdruͤßlich, zog dann die geheime Raͤthin bei Seite und ſagte in's Ohr zu ihr: „Ich bin hier entbehrlich, wo mein Urtheil — trauet, als der Vernunft und Erfahrung!“ rief —— 277 nichts iſt, als ein leerer Schall. Macht, was Ihr wollt, Ihr Ueberklugen.“ Vergebens folgte ſie dem Hinwegeilenden hinaus in den Vorſaal. Stillburg ging der bald darauf wieder Her⸗ eintretenden entgegen und ſprach:„Mutter, als ich noch an der Freude genug hatte, worein Caͤ⸗ cilien die Blumen aus der Hand eines ihr Un⸗ bekannten verſetzten, da trug ich ſchon die Ah⸗ nung in mir, daß meine Wuͤnſche ſich nicht weiter erſtrecken duͤrften. Sie wiſſen, wie es dann zuging, daß ich die hoͤchſten Hoffnungen faßte. Aber mitten in dieſen erſchreckte mich haͤufig der Gedanke, daß Caͤciliens Herz nimmer mein gehoͤren werde. Mit Wildenfelſens Ruͤck⸗ kehr umwoͤlkten ſich meine heitern Ausſichten immer mehr. Nach ſeinem heutigen Briefe ging mir in Caͤciliens Benehmen das ganze Verſtaͤndniß uͤber unſer aller Zukunft auf.— Jetzt gilt es, gut zu machen, was aut gemacht werden kann. Willdenfels iſt unſchuldig, ich beſchwoͤre das und will mich weder ſeinem, noch Ihrer Tochter Gluͤcke in den Weg ſtellen.“— Der geheimen Raͤrhin vergingen die Sinne, ohne daß er's bemerkte. Er eilte hinweg, waͤh⸗ 275 rend Caͤcilie der Mutter Beiſtand zu reichen ſuchte. 22. Am folgenden Morgen wurde Stillburg zu dem, ihm beſonders gewogenen, Fuͤrſten geru⸗ fen. Der wichtige Auftrag, der ihm geſchah, zeugte vom groͤßten Vertrauen und erweckte die⸗ ſes auch in Stillburg gegen den Fuͤrſten, der ſich nach der ihm Angetraueten erkundigte. Stillburg offenbarte ihm die Lage der Umſtaͤnde. Der Monarch, von ſeiner Liebe und Aufopfe⸗ rung tief geruͤhrt, ſagte ihm die Gewaͤhrung der Bitte zu, daß er die Einleitung zur Scheidung ſelbſt treffen wolle. Mit dieſer Zuſage eilte Stillburg zur gehei⸗ men Raͤthin. Sein wohlwollendes Herz wußte ihr die Nothwendigkeit der Sache fuͤr das Heil ihrer Tochter einleuchtend zu machen, und ſchon den Tag nachher hatte Wildenfels wieder Zu⸗ tritt im Hauſe. Dafuͤr aber brach der Miniſter, aller dieſer Vorfaͤlle halber, gaͤnzlich mit demſelben, ließ Wil⸗ denfelſen nicht vor, ſchickte ſeine Briefe uneroͤf⸗ net zuruͤck und erklaͤrte feierlich, daß er in dieſer 5 79 Angelegenheit ſein Gewiſſen wenigſtens retten, und, wenn die Scheidung auch durch die fuͤrſtliche Vermittelung erfolge, nie, ſo lange noch ſeine Vormundſchaft uͤber Caͤcilien dauere, ſeinen Wil⸗ 3 len in ihr Eheband mit Wildenfels geben werde.— Umſonſt ſuchte ſelbſt der Fuͤrſt den Greis anders zu ſtimmen. Er behauptete auch hier handeln zu muͤſſen, wie er's fuͤr Pflicht achte. 23. Die Scheidung erfolgte. Stillburg zog ſich ganz in das fruͤhere Verhaͤltniß zuruͤck, wo ſein Daſeyn Caͤcilien nur durch Blumen und ge⸗ heimnißvolle Erfuͤllung manches Wunſches kund wurde. Er verſprach jedoch kuͤnftig auch wieder perſoͤnlich im Hauſe zu erſcheinen. Nach allem Anſcheine erfolgte die Trauung erſt in drei Jahren, weil Caͤcilie ſo lange noch unter der Vormundſchaft des Großoheims ſtand. Obſchon Wildenfels durch das, fuͤr eine Lei⸗ denſchaft, wie die ſeinige, gewiß ungeheure Miß⸗. geſchick, aus dem Stillburgs Entſagung allein ihn rettete, um Vieles gleichfoͤrmiger und beſſer in ſeinem Betragen geworden, ſo konnte ſich die 80 geheime Naͤthin doch noch immer nicht recht an ſeine Art gewoͤhnen und wuͤrde es vermuthlich ſehr gern geſehen haben, wenn die Verbindung ſich abermals zerſchlagen haͤtte. Dazu gab es jedoch wenig Ausſicht. Fortdauernd ſpuͤrte Wildenfels der Weibs⸗ perſon nach, deren Verlaͤumdung ihn beinahe um Caͤcilien gebracht hatte. Alles fruchtlos. Endlich einmal Abends auf der Straße ſieht er ploͤtziich eine Dame, um eine Ecke herumkom⸗ mend, heftig erſchrocken vor ſich ſtehen. So⸗ gleich ſteigt der Gedanke auf in ihm, daß ſie es ſeyn koͤnne und er ſtrebt, ihr in das verſchleierte Geſicht zu ſchauen. Ein aͤngſtliches Abwehren und Zuruͤckeilen muß ihn nur noch mehr reizen. Er erfaßt ſie und fragt:„Sind Sie nicht die Frau Raͤthin Richter?“ Ihre Stummheit macht ihm die Perſon noch verdaͤchtiger. Da tritt, wie eigends zu ihrer Entlarvung, der Voll⸗ mond aus der dicken Wolke, die ihn zuvor ver⸗ barg. Es iſt die Betruͤgerin. Vergebens ſucht ſie zu entrinnen. Wildenfels droht, Laͤrm zu machen, verſpricht aber auch, im Fall ſie mit ihm gehen und alles aufrichtig bekennen werde, ihr kein Hinderniß in den Weg zu le 4 81 24. Wildenfels erſchrak uͤber die Eroͤffnungen, welche ihm geſchahen von ihr ſowohl, als von der geheimen Raͤthin, zu welcher er ſich nachher mit ihr begab. Die ſogenannte Raͤthin Rich⸗ ter war in fruͤherer Zeit einmal Gouvernante im Hauſe der Schweſter der geheimen Raͤthin ge⸗ weſen. Am Nachmittage vor jenem Balle, nach welchem Wildenfels die Stadt verließ, hatte Cäaͤciliens Mutter die verwitwete Regierungs⸗ Direktorin Stillburg, welche ſie beſuchen wollen, nicht zu Hauſe getroffen. Wohl aber war dort jene vormalige Gouvernante, die damals als Wirthſchafterin bei der Stillburg lebte, mit Klagen uͤber das Unrecht, das ihr widerfahre, ihr ſogleich weinend zu Fuͤßen geſunken. Aus ihrer Rede ging hervor, daß die Direktorin ihr den Abſchied gegeben und das ploͤtzliche Verlaſ⸗ ſen ihres Hauſes ihr auferlegt hatte. Sie be⸗ ſchwor daher Caͤciliens Mutter, ihr, der Huͤlf⸗ loſen, wenigſtens auf kurze Zeit, Aufenthalt in ihrem Hauſe zu gewaͤhren. Ihre zahlloſen Thraͤnen gehoͤrten dazu, die geheime Raͤthin mit der unanſtaͤndigen Zudringlichkeit in dieſem An⸗ 6 „* 82 trage einigermaßen auszuſoͤhnen. Wenn aber auch das Geſuch abgeſchlagen wurde, ſo ver⸗ ſprach doch Caͤciliens Mutter, vom Mitleid uͤber⸗ waͤltigt, der Frau eine Unterſtuͤtzung, obſchon ſie recht gut wußte, daß ſie, ihrer ſteten Intri⸗ guen halber, zeither in keinem Hauſe lange ge⸗ duldet worden war. Um ſich der mitleidigen Dame noch angenehmer zu machen, fand ſich grade eine beſondere Gelegenheit. Der geheime Legationrath Stillburg, war wegen ſeiner Kenntniſſe ſowohl, als ſeines Vermoͤgens und Anſehens beim Fuͤrſten, ein Mann von Bedeu⸗ tung und erſt vor einer Stundé hatte die Frau ein Gedicht, Caͤcilie Aarau uͤberſchrieben, in ſeinem Zimmer am Boden gefunden. Un⸗ ſtreitig war es, wie er am Buͤreau geſeſſen, un⸗ bemerkt heruntergefallen. Sie holte dieſes Ge⸗ dicht herbei. Eine leidenſchaftlichere Vergoͤtte⸗ rung Caͤciliens, als ſolches enthielt, ließ ſich nicht denken. Die Schlaue mochte am Geſichte der leſenden geheimen Raͤthin abnehmen„ wie willkommen ihr die Geſinnung des jungen Mannes war. Hiervon angefeuert wußte ſie das Heil einer Verbindung zwiſchen ihm und — — —— 83 Caͤcilien ihr ſo klar vor Augen zu legen, daß die geheime Raͤthin ſich von dem Wunſche ih⸗ rer Moͤglichkeit recht gewaltſam erfaßt fuͤhlte. Daruͤber in dieſem heißen Augenblicke die Zwei⸗ deutigkeit der Perſon, welche ſie vor ſich hatte, ganz vergeſſend, war ſie ſchwach genug, ſich ſo weit herabzulaſſen, ihr die dermalige Lage der Sachen in ihrem Hauſe zu vertrauen und zu aͤußern, wie willkommen es ihr ſeyn wuͤrde, wenn der ihr ſo mißfaͤllige Wildenfels das un⸗ beſonnene Wort, einmal fuͤr immer fortzuge⸗ hen, wahr machen wollte. Und nach einer recht genauen Erkundigung uͤber alle Umſtaͤnde erbot ſich die Argliſtige, Wildenfelſen zum Verlaſſen der Stadt zu bewegen. Die geheime Naͤthin verlangte zwar zu wiſſen, auf welche Weiſe, al⸗ lein die Frau behauptete, daß ſie hieruͤber ſelbſt noch nicht mit ſich ganz im Klaren ſey, uͤbri⸗ gens doch nichts auf die Art, ſondern nur dar⸗ auf ankomme, daß der Zweck erreicht werde. Da eben der Wagen der Hauswirthin vorfuhr, ſo blieb keine Zeit mehr zu naͤhern Auseinan⸗ derſetzungen. Doch ſicherte die geheime Raͤthin der Frau, im Fal des Gelingens ihres Plans, 6* 384 eine bedeutende Summe zu, gab ihr auch den Theil davon, den ſie bei ſich hatte, zur Aufmun⸗ terung im Voraus. Der ausgebotene, aber wie die ſogenannte Naͤthin Richter ſchon weiß, ſeitdem an Mann gebrachte Platz in einem Reiſewagen nach— z, giebt derſelben Gelegenheit, unter dem Vor⸗ wande, das rechte Zimmer verfehlt zu haben, bei Wildenfelſen ihre Worte deshalb anzubringen und ihn dann durch die abſcheulichſten Erdichtun⸗ gen und die Fuͤhrung auf jenen Ball zur Ab⸗ reiſe mit ihr zu bewegen. Nur muͤtterlicher Schwaͤche und Kurzſichtig⸗ keit, ſo wie der ſchlauen Ueberredungsgabe jener Perſon, keinesweges aber eigentlicher Bosheit kann man es zuſchreiben, daß die geheime Raͤ⸗ thin einen ſo boͤſen Weg mit eingeſchlagen war. Sie hoffte Caͤcilien von einem Manne, an deſ⸗ ſen Hand ſie kein Gluͤck fuͤr das geliebte⸗Kind ſich einbilden konnte, zu einer Zeit zu befreien, wo gerade ein uͤberaus erwuͤnſchter Freier hervor⸗ treten zu wollen ſchien. Wildenfels, meinte ſie und ſuchte hiermit ihr Gewiſſen zum Schwei⸗ 85 gen zu bringen: Wildenfels werde ja wohl im Treiben der Welt die alte Liebe bald gaͤnzlich wieder vergeſſen. Als ſich nun nach ſeinem, aͤußerſt verdaͤchtig ausſehenden, Entweichen mit einer Weibsperſon, die muͤtterliche Hoffnung auf Stillburgs Bewerbung gar nicht verwirkli⸗ chen und letztere uͤberhaupt von keiner Heirath mehr wiſſen wollte, da ſchon fing die geheime Naͤthin an bitter zu bereuen, daß ſie auf ſo un⸗ rechtliche Mittel hatte eingehen koͤnnen und wuͤrde ſich unfehlbar zur gaͤnzlichen Herſtellung der Sache in den fruͤhern Stand entſchloſſen haben, wenn ſie nicht jetzt, bei reiferem Nach⸗ denken, das Licht, in dem ſie ihrer Tochter und Wildenfelſen erſcheinen mußte, allzuſehr davon zuruͤckgeſchreckt haͤtte. Spaͤterhin, als die ge⸗ wuͤnſchte Verbindung mit Stillburg doch noch zu Stande kam und Wildenfels gar nichts von ſich hoͤren ließ, waͤhnte ſie indeſſen wieder die angewendeten ſchlechten Mittel durch das dar⸗ aus hervorgegangene gute Werk entſchuldigt zu ſehen. Um ſo groͤßer war ihr Schauer bei Wilden⸗ felſens Ruͤckkehr. Die boshafte Art, mit wel⸗ „ 86 cher ihre Unterhaͤndlerin ihn zur Abreiſe bewogen hatte und die ſie, als er ſolche Caͤcilien vortrug, aus ſeinem Munde unſichtbar vernahm, vergroͤ⸗ ßerte ihn noch. Gleichwohl blieb, den gewoͤhn⸗ lichen Anſichten nach, unter damaligen Umſtaͤn⸗ den nichts zu wuͤnſchen uͤbrig, als die Aufrecht⸗ erhaltung des bereits an heiliger Staͤtte geweih⸗ ten Ehebandes und hieraus laͤßt ſich denn auch ihr nachheriges Benehmen und ihre Sehnſucht nach Wildenfelſens unverzuͤglicher Abreiſe leicht erklaͤren. „Vergeſſen wir,“ ſagte der Tonkuͤnſtler, nachdem er alles wußte und die Vermittlerin wieder entlaſſen war, zur geheimen Naͤthin: „vergeſſen wir alles und werden ſie meine Mut⸗ ter. Sie ſollen es, warlich, nicht zu bereuen haben.“ Zum Beweiſe, daß ſie gutmachen wollte, was gut zu machen war, fuhr die von ſeinem Zutrauen und ſeiner Verzeihung in eine ihr un⸗ gewoͤhnliche Waͤrme des Herzens verſetzte Mut⸗ ter Caͤciliens ſogleich mit ihm zum Miniſter und that ihm das ganze Suͤndenbekenntniß. Sein Unwwille uͤber ihre Intrigue beſchraͤnkte ſich auf einen Laut der Mißbilligung. Wlldenfel⸗ ſen aber zog er freundlich an ſein Herz. Tau⸗ ſendmal lieber iſt es mir, rief er aus: daß ich Unrecht gehabt habe mit meinem Argwohne ge⸗ gen Sie, als wenn hier das Recht auf meiner Seite geweſen waͤre. Jetzt kann auch der Vor⸗ mund mit gutem Gewiſſen ſeinen Willen in Ihren Verein mit der trefflichen Caͤcilie geben. 25. Der Umſtand, daß eben um dieſe Zeit ein fruͤher bereits von Wildenfelſen komponirtes Muſikſtuͤck des Landesfuͤrſten großen Beifall er⸗ hielt und der Tonkuͤnſtler in Kurzem zum Ka⸗ pellmeiſter ernannt wurde, konnte die Freude der geheimen Raͤthin nur erhoͤhen. Caͤciliens Zufriedenheit wurde jedoch immer maͤchtiger angegriffen durch die mit jedem Tage mehr abnehmende Geſundheit des edlen Still⸗ burg. So oft er mit dem Paare zuſammen⸗ kam, verſicherte er zwar, daß er durch die Her⸗ ſtellung des Verhaͤltniſſes zwiſchen Wildenfelſen und ihr zwiefach beruhigt ſeyn muͤſſe, einmal, 38 weil ja doch vom Anfange der Bekanntſchaft mit ihr, ſein hoͤchſter Wunſch ihr Gluͤck und dieſes gewiß nur an Wildenfelſens Hand zu er⸗ reichen geweſen und dann auch, weil er die Naͤhe des Endes ſeiner Tage immer ernſtlicher beſorge. Aber letzteres gerade, war, ſtatt des Troſtes, fuͤr Caͤcilien ein beſonders an ihrer Seele na⸗ gender Harm, und eben der Gedanke raubte ihr oft die Ruhe bei Tage und den Schlummer in der Nacht, daß ihrer Verbindung mit dem ge⸗ liebten Wildenfels das Grab ſolch eines Treffli⸗ chen zum Grundpfeiler dienen ſolle. Denn wie oft auch Stillburg verſichern mochte, er habe ſchon vor der Ruͤckkehr in die Reſidenz ſein Le⸗ ben durch eine merkliche Beaͤngſtigung am Her⸗ zen bedroht geglaubt, ſo meinte ſie doch, daß er einzig zur Befoͤrderung ihrer Ruhe den Urſprung dieſer Herzensangſt, der wohl erſt mit ihrem Verluſte moͤge entſtanden ſeyn, in eine fruͤhere Zeit zuruͤckverſetze.— Caͤciliens Verzweiflung an Stillburgs To⸗ destage konnte nur mit der verglichen werden, als ſie nach Wildenfelſens Ruͤckkehr von dieſem — — 89 fuͤr immer geſchieden und doch von deſſen Un⸗ ſchuld voͤllig uͤberzeugt war. Allein ihre Ver⸗ zweiflung ging ſchon am Tage nachher in ſtillen, aber den tiefſten, Schmerz uͤber. Hauptſaͤch⸗ lich zu ihrer Beruhigung, hatte naͤmlich der Sterbende die Oeffnung ſeines Leichnams ange⸗ ordnet. Bei dieſer fand ſich denn wirklich, daß er den Keim ſeines fruͤhen Todes Jahrelang in einem Polypen am Herzen mit ſich herumge⸗ tragen hatte. ι 26. Caͤcilie und Wildenfels ſind laͤngſt ein Paar, das in ſich ſelbſt und der Frucht ſeines Vereins, einem kraͤftigen Knaben, ſein Gluͤck findet⸗ Der Pfad durch mannichfache Leiden bis dahin und das erhebende Gefuͤhl des Beſitzes eines ſo theuern Weſens, wie die Gattin, zum Theil auch wohl mit die ihm durch die Kapellmeiſter⸗ ſtelle gewordene Anerkennung ſeines Talents, haben auf Wildenfelſens Charakter einen wun⸗ 2 dervollen Einfluß geaͤußert und gar manche, ſonſt mit Recht anſtoͤßige Ecke davon abgeſchliffen. Uebrigens lebt Stillburgs Name fortdauernd ſe⸗ 90 genreich in ihren Herzen und auf ihren Lippen, und wenn im Winter an ihren Fenſtern die Bluͤtenzeit der Hyacinthen eintritt, dann iſt es ihnen, als hauche ſein Geiſt die ſchoͤnen Duͤfte aus beſſerer Welt heruͤber und reiche ihnen ſeine unſichtbare Hand zur Buͤrgſchaft auf den ſeligen Wiederverein.— 1 —— — —— Anſtand, ſolche zu ſtoͤren.“ 91 Der geliebte Leichnam. I. Wie gewoͤhnlich, hatte der Kaufmann Meiler den Mittag mit ſeiner Tochter Ottilie allein zu⸗ gebracht. Nach einer langen Pauſe ſchob er ploͤtzlich ſeinen Stuhl zuruͤck und ſtand mit den Worten auf:„Kein Wunder, wahrlich, wenn man hier finſter und einſylbig wird. Die Stadt Paris mit ihren hohen, ſchwarzen Haͤuſern laͤßt einen ja des heitern Himmels gar nicht froh werden. Du biſt heute auch recht ſtumm ge⸗ weſen, mein Kind!“ „Ihr hoͤchſt ernſtes Geſicht, lieber Vater!“ verſetzte ſie laͤchelnd:„wies ja mein Geſchwaͤtz zuruͤck, noch ehe es mir die Lippe beruͤhrt hatte. Ich glaubte unter den Falten ihrer Stirn kauf⸗ maͤnniſche Spekulationen zu ſehen und nahm 2 92²2 „Mit den Spekulationen, liebe Ottilie, magſt Du nicht Unrecht haben. Nur waren es keine kaufmaͤnniſchen. Es waren Dinge, die ſich weit eher mit dem geſtrigen Balle, als mit dem Komptoir zuſammenreimen ließen.“ „Hm!“ laͤchelte Ottilie:„ſeit wenn, beſter Vater, draͤngen ſich denn die Baͤlle mit in den Kreis ihrer Spekulationen?“ „Das mag nun ſchon ziemlich zwei Jahre her ſeyn. Wirſt Du nicht ſiebzehn im kuͤnfti⸗ gen Monate?“ Ottilie bejahte ſchweigend. Da ward der Kaffee hereingetragen. „Nicht hier in die dumpfe Zimmerluft!“ ſagte Herr Meiler zum Bedienten.„Komm, Ottilie, wir trinken im Garten, in der Jasmin⸗ laube. Der milde Fruͤhling waltet dort unge⸗ hindert von Mauern und Schornſteinen.“ Dazu faßte er die Tochter beim Arme und der Bediente folgte ihnen die große, hallende Treppe hinab. „Unſer Haus“ ſagte der Kaufmann Mei⸗ ler:„hat ſeit dem Tode Deiner Mutter etwas wahrhaft Geſpenſtiſches angenommen. Da⸗ mals immerfort Geſellſchaft und Leben darin. 4 4 „— — — 93 Jetzt, in dieſer Oede, wird man nur von dem eigenen Athemzuge angeredet. Wie unerfreu⸗ lich! Haſt Du daran noch nie gedacht, Ot⸗ tilie?“ „Immer habe ich nur die theure Mutter, nie das Geraͤuſch vermißt, das doch eigentlich weit weniger auf die Rechnung der Verſtorbe⸗ nen kam, als auf die Ihrige, mein Vater.“ „Wahr iſt's,“ ſprach Herr Meiler:„ich gefalle mir unter vielen Menſchen und habe mich der gegenwaͤrtigen Einſamkeit nur darum gefuͤgt, weil Du vor drei Jahren, als Dei Mutter ſtarb, noch zu jung und unerfahren wa⸗ reſt, einem Hausweſen der vorigen Art nach⸗ druͤcklich vorzuſtehen. Aber, wollte ich mich auch ferner mit dem jetzigen Kloſterleben begnu⸗ gen, ſo ſagt es doch meinen Geſchaͤftsverhaͤltniſ⸗ ſen nicht einmal laͤnger zu. Mein neuer Aſſocis iſt noch unverheirathet, folglich ebenfalls außer Stande, Fremde bei ſich zu ſehen. Gleichwohl kann das unſer Handelshaus gar nicht umge⸗ hen, ohne ſich gehaͤſſigen Urtheilen auszuſetzen.“ Unter dieſen Reden war Herr Meiler mit ſeiner Tochter nach der Laube gekommen und hatte, weil der Bediente, neugierig, wie es 94 ſchien, ihnen immer naͤher getreten, das Letzte ihr ganz leiſe in's Ohr gefliſtert. „Wir beduͤrfen Seiner nicht weiter!“ ſagte der Hausherr, als Johann, nach dem Hinſetzen des Kaffee's, ſich noch verweilte. Dann aber fuhr er alſo fort:„Auf Dich, mein Kind, iſt daher meine ganze Hoffnung geſetzt, auf eine⸗ Veraͤnderung, Deinen Jahren und Verhaͤltniſ⸗ ſen gemaͤß.— Sey nicht unwillig uͤber dieſe offene Sprache, meine Ottilie. Es iſt ja Dein Vater, der ſie fuͤhrt und der gewiß nicht alſo ſprechen wuͤrde, ließe Dein Gluͤck ſich weniger mit ſeinem Wunſche vereinigen; ja, der zuver⸗ laͤſſig den Wunſch ganz aufgaͤbe, wenn durch deſſen Erfuͤlung Deinem Wohlſeyn die min⸗ deſte Stoͤrung erwachſen koͤnnte.— Seit lan⸗ ger Zeit ſchon, meine Theure, beobachte ich Dich, genauer, als Du es vermuthet haben magſt. Aber unter allen jungen Maͤnnern, mit denen wir zuſammengetroffen, iſt auch kein. Einziger, der ſich einer beſondern Auszeichnung von Dei⸗ ner Seite ruͤhmen darf. Alles wirbt um die Gunſt der kuͤnftigen Erbin meines ganzen Ver⸗ moͤgens; und gar mancher darunter, deſſen Aeußeres und Inneres Beruckſichtigung per⸗ 95 diente. Nach jedem Konzerte, nach jedem Balle hoffe ich Dein Herz nun endlich einmal, zu Gun⸗ ſten irgend eines liebenswuͤrdigen Mannes, auf⸗ wallen zu ſehen. Heute— ich will Dir's nur bekennen— hoffte ich das mehr als jemals und hielt, eben um Dir Zeit zu laſſen, uͤber Tiſche ſo ſehr an mich mit Sprechen. Umſonſt. Kaum, daß Du den Bal fluͤchtig erwaͤhnteſt und wenn ich das Geſpraͤch auf deſſen Vorzuͤge vor den fruͤhern hinleitete, unterſtuͤtzteſt Du zwar mein Lob, aber in einer ſo duͤrren Allge⸗ meinheit, daß mein Zweck dabei nicht im min⸗ deſten erreicht wurde.“ „Und warum, mein Vater,“ fragte die Hocherroͤthete, ohne das Auge nach ihm aufzu⸗ ſchlagen:„warum gerade heute ihre beſondere Hoffnung?“ „Weil— Herr Frelon, r mein neuer Geſell⸗ ſchafter, Dich vor Andren angezogen zu ha⸗ ben ſchien.“ „Das iſt auch der gaul geweſen, mein Va⸗ ter. Er tanzt beſſer, als alle Uebrige. Er iſt weniger als Viele, von dem rohen Tone der Zeit angeſteckt. Er urtheilt mit Geiſt und doch ohne Bosheit. Er traͤgr das Wohlgefallen an ſeiner 96 ſehr vortheilhaft gebilbeten Figur nicht ſo unaus⸗ ſtehlich zur Schau, als die Meiſten.“”“ Haͤtte Ottilie nur einen einzigen Blick auf⸗ geſchlagen nach dem Geſichte des Vaters, ſo wuͤrde ihr deſſen unverkennbares Entzuͤcken uͤber die Waͤrme ihres Urtheils nicht haben entge⸗ hen koͤnnen. 8 1 2* Die Tritte eines von der Seite her auf die Laube Zukommenden zogen Beider Aufmerken nach ſich hin. „Wie gerufen, wahrlich, wie gerufen!“ rief Herr Meiler, mit Haͤndeklatſchen vom Stuhle aufſpringend, als Frelon ſelbſt es war, welcher in die Laube trat. „Wirklich?“ fragte der junge Mann, mit einem Blicke auf Ottilien, welche ihn jetzt um keinen Preiß anſehen konnte, und die ſchwerlich ihr Bewußtſeyn behauptet haͤtte, waͤre ihr be⸗ kannt geweſen, daß Herr Frelon das ganze Ge⸗ ſpraͤch uͤber ihn mit angehoͤrt. „Ja, wirklich!“ bekraͤftigte der Hausherr. „Wir ſprachen eben vom geſtrigen Balle. Wir hatten ihn angenehmer gefunden, als die frů⸗ 97 hern Baͤlle iſeſes Winters und haͤtten gern Je⸗ mand hier gehabt, der unſer Urtheil widerlegt oder bekraͤftigt haͤtte.“ „Leider verſetzte der junge Mann:„kenne ich die fruͤhern nicht. Der geſtrige aber iſt mir der erſte und einzige, moͤchte ich ſagen, unter den vielen Baͤlleu geweſen, an denen meine Lei⸗ denſchaft fuͤr den Tanz je im Leben Antheil ge⸗ nommen hat. Ich habe nie getanzt, als ge⸗ ſtern. Denn nie zuvor habe ich das Gluͤck ge⸗ habt, mit Ihnen zu tanzen.“ Ottilien, an welche er ſich hierbei wendete, ſchien die aus ihrem Geſichte lodernde innere Glut verzehren zu wollen. Kaum, daß ſein Wort heraus war, fuͤhlte Frelon das Fade deſſelben und kam in Verlegen⸗ heit. Bei ſeiner großen Neigung fuͤr Ottilien, wuͤrde der Umſtand„ daß er ihr Urtheil uͤber ſeine Perſon mit angehoͤrt hatte, ihm freilich zur Entſchuldigung gereicht haben. Allein die⸗ ſes Umſtands konnte er unmoͤglich gegen Otti⸗ lien ſelbſt, hoͤchſtens konnte er deſſen in Geheim gegen Herrn Meiler, Erwaͤhnung thun. Dieß geſchah auch, als das Maͤdchen die er⸗ 7 ſte Gelegenheit ſich zu entfernen, wahrgenom⸗ men hatte. 3. Durch Frelons Vater wußte Herr Meiler bereits von dem Wunſche des jungen Mannes, Ottiliens Hand zu erhalten und es haͤtte ihm kaum etwas Gelegeners begegnen koͤnnen, als die Heirath ſeiner Tochter mit ſeinem neuen Aſ⸗ ſocié. Daher wuͤrde ihm jenes breite Kompli⸗ ment, auch ohne die Erklaͤrung von deſſen Ur⸗ ſprunge, nicht zuwider geweſen ſeyn. Arm in Arm gingen ſie Beide im Garten auf und ab. Der junge Mann gefiel dem aͤl⸗ tern immer mehr. Ihre Anſichten nicht nur vom Handel, ſondern auch vom Leben trafen aͤberall zuſammen. Frelon war ganz die Per⸗ ſon, welche nach Meilers Ableben deſſen Hand⸗ lung auch allein, im Geiſte des jetzigen Vorſte⸗ hers derſelben, fortſetzen konnte. Im Freuden⸗ rauſche daruͤber ſchloß der Hausherr ſeinen Ge⸗ ſellſchafter in die Arme.„Wir muͤſſen einan⸗ der noch naͤher kennen, bei Gott, das müuͤſſen wir!“ rief er aus, ergriff dann Frelons Arm und zog ihn mit ſich ſchleunigſt fort in's Hauss in Ottiliens Zimmer.„ 99 „Ottilie!“ ſagte der Vater zu der vom Naͤh⸗ rahmen Aufſtehenden:„ich weiß, daß Deiner Scharfſicht die Vorzuͤge unſers wackern Freun⸗ des nicht entgangen ſind. Mir ſind ſie es auch nicht. So eben hat er mir ein Verlangen mit Waͤrme wiederholt, von dem ſein wuͤrdiger Va⸗ ter mich noch geſtern unterrichtete. Er hat um Deine Hand angehalten.“ „Ja, Ottilie!“ fiel Frelon, dieſe erfaſſend ein:„wenn kein fruͤheres Band ſich meiner un⸗ bezwinglichen Sehnſucht entgegenſtellt, ſo goͤne nen Sie mir ihr Herz.“ Ottilie wollte ſprechen. Sie wollte fuͤr den ſo wichtigen Schritt ſich wenigſtens eine kurze Bedenkzeit erbitten. Als ſie aber den erſten Blick vom Boden auf ſeine Augen that, da ging der Vorſatz im Feuer dieſer Augen unter. Wie eine kalte Todtenhand haͤtte ja das bedaͤch⸗ tige Wort an das liebentflammte Herz greifen muͤſſen. Solch ein Weh konnte die zartfuͤh⸗ kende, weiche Seele dem ausgezeichneten Manne unmoͤglich zufuͤgen. Und wie ihr Blick wieder zu Boden ſank, ſo tegte ſich ihre Hand dankbar in Frelons Hand und dieſer rief aus:„Das war Erhoͤrung!“ 7*† 100 Zugleich druͤckte er ihre Hand an ſeine Lippen und der dabeiſtehende Vater ſprach ſtammelnd vor Freude ſeinen Segen aus uͤber die Ver⸗ bindung. 4. Ottilie wußte nicht, wie ihr geſchehen wan, und als ſie Abends allein auf ihrem Zimmer naͤh⸗ te, da fielen Thraͤnen auf ihren Rahmen. So ausgezeichnet auch Frelon in vieler Hinſicht ihr ſchien, konnte ſie ſich doch nicht recht in das kuͤnftige, genaue Verhaͤltniß mit ihm hineinden⸗ ken. Von Jugend auf lebte zwar ihr Vater in Paris, wo ſie geboren war. Auch kannte ſie noch keine Stadt, als dieſe. Gleichwohl ſuchte ſie von jeher ihren deutſchen Urſprung geltend zu machen; was vielleicht hauptſaͤchlich mit von den Aeußerungen ihrer verſtorbenen Mutter her⸗ ruͤhrte, welche, ſelbſt eine Deutſche, das Pariſer Leben nicht gewohnt werden konnte und gewiß ihren Tod der Unbehaglichkeit verdankte, unter einem, ihrer Sinnesart ganz fremden Volke ihre Tage zubringen zu muͤſſen.. Die herzliche Freude ihres Vaters beim Abendtiſche, ſchien bald den Quell von Ottiliens —— —— 101 Thraͤnen austrocknen zu wollen. Ottilie fing an, ſie Grillen zu nennen und wenn ſchon die halb ſchlaflos zugebrachte Nacht ihre Zukunft mit dem Gatten franzoͤſiſchen Herkommens ſehr von der Schattenſeite zeigte, ſo ſchwanden doch im lichten Morgenſtrahle auch dieſe Schatten, gleich den uͤbrigen Nebeln. Das Geruͤcht vergaß nicht, ſeine Stimme ertoͤnen zu laſſen. Freunde und Freundinnen kamen, Ottilien gluͤcklich zu preiſen und je we⸗ niger in vielen Freundinnen der Neid zu verken⸗ nen war, deſtomehr erhob ſich Ottiliens Hoff⸗ nung auf eine gluͤckliche Zukunſt, zumal, da ihr Vater in dem Gedanken daven ſchon jetzt von Neuem auflebte Mit beſonderer Thaͤtigkeit nahm er ſich der neuen Einrichtung an. Die ſchoͤnſten Tapeten, das koͤſtlichſte Geraͤth mußte dem kuͤnftigen Ehe⸗ paare werden. Denn daß dieſes in ſeinem Hauſe bliebe, war eine Hauptforderung, welche auch Frelon ſehr gern einging, da er nirgend mehr Bequemlichkeit haͤtte finden koͤnnen. In eins der Zimmer ſollte das uͤberaus aͤhnliche Portraͤt der verſtorbenen Hauswirthin kommen. Halb und halb hatte Herr Meiler 102 das in einer froͤhlichen Aufwallung Ottilien zu⸗ geſagt. Allein es reuete ihn wieder und ſo be⸗ hauptete er ſpaͤterhin, als ſeine Tochter aus der halben Zuſage eine ganze machen wollte, daß er das Portraͤt in ſeinem Zimmer nicht ent⸗ behren koͤnne und die Luͤcke, welche das Hinweg⸗ nehmen deſſelben dort verurſachen wuͤrde, ſeinem Herzen unertraͤglich fallen muͤſſe. Gleichwohl haͤtte er auch den Wuͤnſchen ſei⸗ ner geliebten Ottilie gerne nachgegeben. Halt, dachte er, als eines Abends in einer Geſellſchaft das beſondere Gluͤck eines eben in Paris anwe⸗ ſenden deutſchen Malers im Treffen geruͤhmt wurde, der koͤnnte eine Kopie abnehmen! 5. Am folgenden Morgen eilte Herr Meiler zu dem Kuͤnſtler. Dieſer uͤbernahm auch den Auftrag und fuͤhrte ihn, unerachtet das Origi⸗ nalgemaͤlde von Seiten der Kunſt nicht zu prei⸗ ſen war, auf eine uͤberraſchend gluͤckliche Weiſe aus. Ottilie behauptete gradezu, daß die Ko⸗ pie der geliebten Verſtorbenen noch weit aͤhnli⸗ cher ſaͤhe, als das Bild von der ſie genommen worden. Es konnte auch wohl ſeine Richtigkeit —-— ———— 103 haben, weil der geſchickte Kuͤnſtler die vorgezeich⸗ neten Zuͤge in Ordnung zu bringen geſucht hatte. Jetzt ruhete Ottilie nicht, bis der Vater ſich gleichfalls von dem jungen Deutſchen darſtellen ließ. Eine frappante Aehnlichkeit ze zeichnete die⸗ ſes Bild, wie das erſte aus. Der Braͤutigam begehrte nun, Ottilien ge⸗ malt zu ſehen. Allein ſie wuͤnſchte, daß er zu⸗ vor einen Verſuch an ſeinem Geſichte moͤchte machen laſſen. Ein vielleicht ganz unaͤhnliches Bild, wie ſie deren ſo oft geſehen, ſey ihr durch das beſchwerliche Sitzen allzutheuer erkauft. Sie bemerkte ſehr richtig, daß dieſe Unaͤhnlichkeit hauptſaͤchlich bei jungen Frauen, wegen der min⸗ dern Beſtimmtheit ihrer Geſichtsüinien, ſtatt finde. Frelons Portraͤt ſolle des Malers letzte und freilich auch ſchwerſte Probe ſeyn. Gelinge ihm dieſes Bild, dann werde ſie ihr Geſicht der Lein⸗ wand gewiß nicht entziehen. Und der Maler legte die Probe auf die be⸗ friedigendſte Weiſe ab. Frelon ſaß, wie im Le⸗ ben, vor ſeinem Schreibtiſche auf dem Bilde dargeſtellt, als ſinne er eben einem wichtigen Plane nach. 104 Jetzt war es an Ottilien, ihre recht große Scheu vor dem Sitzen ernſtlich zu bezwingen. Sie fuͤhlte das und aͤußerte darum auch, als die Staffelei am Tage zuvor in ihr Zimmer ge⸗ bracht wurde, gegen Niemand, als gegen ihr Maͤdchen, die Furcht vor der Zeit, wenn ſie nun dem fremden Menſchen gegenuͤberſitzen und er ſie Stunden lang mit ſeinem Auge verfolgen wuͤrde. Sie behauptete, ihr Bild werde gewiß von den vieren das erſte ſeyn, welches ihm nicht gelinge, weil ſein ewig wiederkehrender Blick ih⸗ rem Geſichte unfehlbar jede freie Regung be⸗ nehmen und ihm einen ganz fremden Charab⸗ ter ertheilen muͤſſe. Waͤhrend des Nachmittags fing ſie eine Ar⸗ beit nach der andern an. Bei keiner konnte ſie bleiben. Endlich ward ſie von innerer Angſt in den Garten getrieben. Aber auch die Luft, auf deren Wohlthaͤtiges ſie ſehr gerechnet hatte, bot ihr keine Linderung.. Seltſam beengt und betroffen fuͤhlte ſie ſich, als ihr jetzt, wie ſie eben unter der langen, ſchoͤ⸗ nen Laubwoͤlbung daher wandelte, ein junger, unbekannter Mann entgegen kam. Er blieb ſtehen, ſo halb er ſie von weitem r 105 anſichtig wurde. Dann aber ſetzte er ſeinen Schritt weiter fort und ſo gerade und ſchnell nach ihr hin, als habe er eine Anrede im Sinne. Er zog jedoch nur den Hut und ging voruͤber. Wer er ſey, wohin er wolle, was er im Garten fuche, dieſe ihr voͤllig unklaren Umſtaͤnde mach⸗ ten, daß ſie ſich nach ihm umſah. Und in demſelben Augenblicke warf er gleich⸗ falls einen Blick hinter ſich. Ja, er ſchien um⸗ kehren und die vorhin verſäͤumte Anrede nach⸗ holen zu wollen. Schnell bog ſie in einen Seitengang und eilte dann aus dem Garten hinauf in ihr Zim⸗ mer. Dieſes verſchloß ſie, nachdem ſie ihrem Maͤdchen geſagt hatte, daß ſie fuͤr Niemand zu Hauſe ſey. Eine halbe Stunde nachher fragte ſie,„ob Jemand da geweſen?“„Keine Seele!“ Der böſe, folgende Vormittag war aus ihren Gedan⸗ ken verſchwunden. Dagegen ſtanden die gro⸗ ßen blauen Augen des jungen Mannes im Gar⸗ ten, immer vor ihrem Geiſte.„Wer er nur ſeyn mag?“ Dieſe ihren Buſen fortdauernd heftig bewegende Frage haͤtte ſie ſo gern an ir⸗ gend Jemand gerichtet. Aber hierzu fehlte ihr 106. der Muth. Nicht einmal davon vermochte ſie zu ſprechen, daß ihr ein Unbekannter im Gar⸗ ten begegnet ſey. 6. Erſt am Morgen ſelbſt, als die Staffelei aus dem Winkel, worein ſie verwieſen geweſen, in die Mitte des Zimmers geſetzt worden, erſt da uͤberſiel ſie aufs Neue die Angſt vor dem, was ihr bevorſtand, und als ſie des Malers Tritt auf dem Saale vernahm, zugleich mit der Gedanke:„wie, wenn ein Paar ſolche blaue Augen es waͤren, welche von der Staffelei ohne Aufhoͤren nach mir heruͤber ſchauten? Und der eintretende Maler war in der That der Unbekannte von geſtern. Die Szene des Gartens wiederholte ſich. Der von Herrn Meiler eingefuͤhrte Kuͤnſtler blieb erſtarrt in der Thuͤre ſtehen. Ottilie er⸗ blaßte und verſteinerte, wie er. .„Meine Tochter,“ ſprach der Vater,, dem es auffiel, halb unwillig:„ſey nur kein Kind⸗ und fuͤrchte Dich nicht vor ganz gewoͤhnlichen Dingen! Herr Wernhold hat mir auch kein haͤufiges und langes Sitzen zugemuthet. Uebri⸗ 107 gens gewoͤhnt man ſich bald an den, fuͤr jeden, der den Muͤßiggang haßt, Anfangs gewiß nicht ſehr erfreulichen Zuſtand.— Dir, hoͤre ich ſchon, wird er ſo eben um Vieles erleichtert wer⸗ den!“ ſagte er noch mit Laͤcheln und ging, waͤh⸗ rend Ottiliens Braͤutigam hereintrat. „Erleichtert!“ dachte ſie, den Blick zum Himmel gerichtet. Der Maler machte inzwiſchen ſchweigend Vorbereitungen zum Anfange ſeines Werks. Frelon ſuchte die, uͤber ein an Beſinnungloſig⸗ keit graͤnzendes Kopfweh Klagende vergebens zu beruhigen. Die Situation, in welcher ſie gemalt wer⸗ den ſollte, war zuvor nicht beſprochen worden. Um nun ihr Auge ſo wenig als moͤglich dem des Malers begegnen zu laſſen, ſchlug Ottilie vor, daß ſie vertieft in das Leſen eines Buchs oder in eine weibliche Arbeit— beides ſey ihr gleichviel — dargeſtellt zu ſeyn wuͤnſche. Der Maler druͤckte weder Beifall noch Miß⸗ billigung aus. Deſto heftiger ſtritt der Verlobte gegen den Vorſchlag.„Das hieße,“ ſagte er: „dem Kuͤnſtler freilich ſein Werk erleichtern, aber ihn auch eines großen Triumphs berauben. 108 Denn auf ſolche Weiſe wäre er ja nicht im Stande, ſein Gluͤck an der Nachbildung Ihrer Augen zu verſuchen. Es hieße, uns insge⸗ ſammt um einen großen Vorzug des Gemaͤldes recht muthwillig bringen. Meinen Sie nicht, lieber Wernhold?“ Ohne ſich auf die Frage einzulaſſen, ver⸗ ſetzte der Maler:„Meines Erxachtens gaͤbe uͤber⸗ haupt ein bloßes, ruhiges Daſeyn die paſſendſte Situation fuͤr diee Dame. Immer wird man der Schoͤnheit etwas entziehen muͤſſen, wenn man ſie anders darſtellen will, als in einer Naihe mit Bewußtſeyn!“ „Vollkommen richtig!“ rief Frelon, indem Ottiliens zuvor ſo bleiches Geſicht, auf einmal wie in den Roſenſchein des Morgens getaucht erſchien. Sie ſank zuruͤck in den Stuhl, der bereits ihretwegen hingeſetzt war. „Dieſe Stellung hat die Natur ſelbſt gege⸗ ben!“ fuhr nunmehr der Maler fort.„Ich moͤchte nur noch um das Auge bitten.“ „Gott!“ rief ſie mit ſchmerzlicher Ungeduld aus, nahm aber alle Faſſung zuſammen, um dem Verlangen Genuͤge zu leiſten, weil ſie wohl 109 faͤhlte, daß ihr Betragen beiden Maͤnnern gar leicht ganz linkiſch erſcheinen koͤnne. Bei dem Ausrufe hatte ſich ihre Lage, ihr ſelbſt unbewußt, geaͤndert, ſo daß der Maler ge⸗ noͤthigt war, ſie etwas zu richten. Als jetzt ganz unwillkuͤhrlich ihr Blick uͤber ſein Geſicht leicht hinſtreifte, da ſtand auch die⸗ ſes in der hoͤchſten Glut. Dazu blitzten ſeine blauen Augen ſo unruhig, wie der Fruͤhlings⸗ himmel aus ſturmbewegtem Strome. Frelon hatte nur Auge fuͤr des Malers Vor⸗ haben, nicht fuͤr das, was in ihm und in ſeiner Verlobten vorging.„Recht ſchoͤn ſo!“ ſagte er, als die koͤrperliche Richtung geſchehen war. In demſelben Momente kam eine Freun⸗ din, ihr durch ihre Gegenwart das Sitzen zu erleichtern. Ach! als Ottilie geſtern dieſerhalb eine ſchriftliche Bitte an ſie abſendete, wuͤnſchte ſie nur einigen Schutz gegen die Langeweile. Von der war nicht mehr die Rede. Woher aber den Schutz nehmen, deſſen ſie nun ſo ſehr bedurfte?— 4 7. Frelon ward abgerufen. Ottiliens Freun⸗ din fing manches Geſpraͤch an. Aber an der 110 kurzen, trockenen Antwort zerſprang ein jedes, wie Glas. „Vielleicht ſtoͤre ich mit meinen vielen Fra⸗ gen?“ ſprach die Freundin endlich in einiger Verlegenheit. „Keinesweges!“ antwortete der Kuͤnſtler. „Die beſeelte Ruhe, welche ich fuͤr meine Darſtel⸗ lung ſuche, finde ich beſſer aus den leicht beweg⸗ ten Zuͤgen heraus, als aus abſichtlichem Unter⸗ druͤcken aller Bewegung; was immer etwas Steifes und Lebloſes erzeugen muß. Faſt aber“ fuhr er fort:„fuͤrchte ich heute zur Un⸗ zeit begonnen zu haben. Mamſell Meiler ſchei⸗ nen wenig aufgelegt, ſich malen zu laſſen. Das beunruhigt mich. Es iſt ein großer Vor⸗ theil fuͤr den Kuͤnſtler und ſein Werk, wenn die darzuſtellende Perſon ſelbſt mit Liebe zu dem Vorhaben ſich anſchickt und weder durch Kraͤnk⸗ lichkeit noch ſonſt, irgend etwa einen Widerwil⸗ ken dagegen mitbringt. Ich kam auch geſtern Nachmittag einzig hierher, Sie durch ihren Herrn Vater fragen zu laſſen, ob es Ihnen heute noch gefaͤllig ſey. Man ſagte mir, daß ich ihn viel⸗ keicht im Garten faͤnde. Er war nicht da und 111 Sie, die ich fand, hatte ich noch nicht die Ehre zu kennen.“ 6 Die letzten Worte kamen ſo gezwungen her⸗ aus, wie ſein Benehmen von geſtern im Gar⸗ ten, wo er offenbar auf Ottilien zugegangen war und ſie dann doch nicht angeredet hatte. „Wirklich,“ ſagte die Freundin:„wirklich ſiehſt Du heute ſehr krank aus, meine Liebe.“ „KLeider fuͤhle ich auch, daß ich's bin!“ „Dann daͤchte ich,“ ſagte der Maler:„wir derſchoͤben die Sache bis zu einer gelegneren Stunde!“ „Wenn es Ihnen ſo gefaͤllig waͤre!“¹ ſprach Ottilie, wie neugeboren, ſich vom Sitze erhebend. „Mir ſelbſt,“ fuͤgte der Maler hinzu:„ſind Hand und Geiſt heute wie gelaͤhmt und dann iſt's beſſer, die Arbeit auszuſetzen. Denn wer zur boͤſen Stunde ruht, dem iſt die gute dop⸗ pelt gut. Ein Wort des Meiſters, das jeder Kuͤnſtler immer vor Augen haben ſollte. 82* Beide„Bräutigam und Vater, waren un⸗ willig, daß an dem Bilde Mittags noch nichts mehr zu ſehen war, als der fluͤchtige Umriß des 112 Ganzen und der Anfang t der Geſähtszeichnug mit weißer Kreide. Ottilie entſchuldigte den Maler mit dem, was er von ſeiner wenigen Faͤhigkeit zum Ar⸗ beiten geſagt hatte. „Traͤgheit, weiter nichts, liebe Ottilie!“ rief Frelon:„eine Traͤgheit, wohin der Menſch ſich ſo gern neigt, der aber Niemand Raum in ſich geben ſoll!— Sie wiſſen ſelbſt, lieber Vater, wie oft einem ein boͤſer Geiſt gleichſam bei der Arbeit die Feder aus der Hand nehmen und uns uͤberreden will, man muͤſſe eine beſſere Zeit ab⸗ warten. Gaͤbe man der feindlichen Einfluͤſte⸗ rung nach, ſo wuͤrden unſere Geſchaͤfte einen ſehrn ſchlechten Gang nehmen.“ „Ja wohl!“ antwortete der Hauswirth⸗ „Solch ein Kuͤnſtler ſollte Poſttage haben, wie wir, wo die Arbeit fertig werden muß! Die Thaͤtigkeit wuͤrde ſich dann ſchon finden.“ „Aber, lieber Vater,“ entgegnete Ottilie: brächte denn die ſo ſehr von einander abwei⸗ chende Natur der Geſchaͤfte nicht auch einen Un⸗ ſchied hervor?“ „Ganz und gar nicht! 19 antwortete der Va⸗ ter, waͤhrend Frelon mit einem Läͤcheln, das * 113 ſine Robe billigte, Oktiliens Hand ergriff.— „Das iſt freilich die ewige Ausflucht der Maler und ihres Gleichen. Allein Arbeit, ſage ich, iſt Arbeit. Der Eine hat ſich an dieſe, der An⸗ dere an jene gewoͤhnt und Gewohnheit iſt die zweite Natur.“ Der Maler hatte ſchon fruͤh, auf Herrn Meilers Einladung, den Abend mit ihnen zuzu⸗ bringen verſprochen, ließ ſich aber, zu Ottiliens großer Beruhigung, entſchuldigen. 4 9. Am folgenden Morgen, ſehr zeitig, fuhr Herr Meiler zu ihm.„Schaͤtzchen,“ begann er: „Sie haben uns geſtern zweimal unſere Freude verdorben. Erſtens hofften wir das Portraͤt ſchon vorgeruͤckt zu ſehen und dann ließen Sie uns auch Abends im Stiche!— Dieſen Vor⸗ mittag werden Sie doch wohl fortfahren mit dem Bilde?“ „Gewiß wuͤrde ich's, wenn's nur einiger⸗ maßen gehen wollte.“ „Ach, es geht, lieber Wernhold, ihre Ge⸗ ſchicklichkeit kann das immer.“ d 114 „Leider, Herr Meiler, kann ich Ihnen nicht beiſtimmen.“ „Kein Streit daruͤber. Sie werden aber bil⸗ lig finden, daß ich Sie erſuche, die Arbeit mor⸗ gen gewiß und ohne Ruͤckſicht auf Ihre Stim⸗ mung fortzuſetzen; zumal wenn ich verſichere, daß ich zufrieden ſeyn werde, wie das Portraͤt auch ausfallen mag. Denken Sie ſich nur ſelbſt, außer meinem ſehnlichen Wunſche, das Bild bald an der ihm beſtimmten, leeren Stelle zu ſehen, auch noch das Unannehmliche, den Anfang davon, nebſt der Staffelei, immer vor Augen zu haben. In einem nur leidlich geordneten Hauſe, muß ja dergleichen uͤberall im Wege ſtehen, oder doch das Auge beleidigen.“ Der Maler erbot ſich, Leinwand und Staf⸗ felei holen zu laſſen. Doch Herr Meiler ſagte: „Nein, damit waͤre dem leeren Flecke an der Wand noch immer nicht abgeholfen. Kurz, lieber Wernhold, wenn ich Ihr Widerſtreben nicht einer Abneigung gegen mich und mein Haus zuſchreiben ſoll, die ich gewiß nicht ver⸗ dient habe, ſo verſprechen Sie mir, morgen Vormittag zu kommen. Ich rechne auf Siel“ — 1 NV 8 — Nenen nf 115 Hiermit verlies Herr Meiler den Kuͤnſtler, welcher wohl aus dieſen Reden abnehmen konn⸗ te, wie unempfaͤnglich der Mann fuͤr alle fer⸗ nere Bitten um Aufſchub geweſen ſeyn wuͤrde.— 10. Ottilie erſchrak, als ihr Vater uͤber Tiſche vom morgenden Vormittag ſprach. Sie nahm den Vorwand der Kraͤnslichkeit und ſagte, daß ſie nicht ſo ausſehe, um dem Maler. Neigung zu ſeiner Arbeit einzufloͤßen.„Es fragt ſich“ fuhr ſie fort:„ob es nicht viel beſſer gethan waͤre, letztere noch eine Zeitlang auszuſetzen?“. „Nein!“ ſprach Herr Meiler ungeduldig: „Ich haſſe das Troͤdeln und Zaudern in allen Dingen. Das Angefangene muß Fortgang und Ende gewinnen. Mein und Frelons Por⸗ traͤt ſind ſpielend fertig geworden. Nur dieſem ſtellen ſich wunderliche Hinderniſſe von allen Sei⸗ ten entgegen. Sie zu bezwingen, dazu gehoͤrt nichts, als ein feſter Wille.“ Ottilien grauete vor dem Lichte des folgen⸗ den Morgens. Anfangs hatte ſie Luſt, das Bette den ganzen Tag zu huͤten. Es war auch kein leerer Vorwand, wenn ſie Unpaͤßlichkeit zu 8 8* 116 ihrer Entſchuldigung nahm. Das aber ſchuͤtzte ſie doch nur vor dem Sitzen des einen Tages. Es zog ihr obendrein finſtre Geſichter von Sei⸗ ten des Vaters zu, der unfehlbar Alles auf Rechnung hartnaͤckiger Maͤdchenlaune geſetzt haͤtte. Sie ſtand auf und zog die Kleidung an, welche zu ihrem Portraͤt noͤthig war. Auch mit dieſem Geſchaͤft kam ſie ſchwer zu Stande. Nirxgend reichten ihre und ihrer Die⸗ nerin gemeinſchaftliche Bemuͤhungen hin. Da⸗ her war ſie noch nicht ganz fertig, als der Kuͤnſt⸗ ler gemeldet wurde. II. „Ich bedaure,“ begann ſie, bei ſeinem Ein⸗ treten:„daß mein Geſicht in dieſen Tagen Ih⸗ nen unwuͤrdiger, als gewoͤhnlich zu einer Dar⸗ ſtellung vorkommen muß. Mein Vater allein iſt Urſache, daß ich Sie nicht um Aufſchub er⸗ ſuche.“. „Wenn ſchon“ erwiederte der Maler hoch⸗ erroͤthend:„der Grund, den Sie dem Aufſchube unterlegen, leicht zu beſtreiten ſeyn wuͤrde, ſo hat doch Ihr Herr Vater auch den gewiß — — — 117 wichtigen Grund, meine jetzige Unfäͤhigkeit zu Ausfuͤhrung des Vorhabens nicht gelten laſſen. Verzeihen Sie daher, daß ich Sie be⸗ muͤhe, ſich mir gegenuͤber zu ſetzen in einem Augenblicke, wo Hand und Kreide und Pinſel mir ſo widerſpenſtig ſind, als ich ſie in meiner erſten Schuͤlerzeit kaum gefunden habe.“ Aengſtlich blickte Ottilie der Dienerin nach, welche eine zum Kopfſchmuck noch erforderliche Brillantennadel zu holen hinauseilte. Ihres Herzens weniger ſicher, als jemals, haͤtte ſie das Maͤdchen gern zuruͤckgerufen. Gleichwohl ſah es ihr wie eine Beleidigung des Mannes aus, den ſie unter allen Menſchen zuletzt belei⸗ digt haben wuͤrde. Der Kuͤnſtler trat ihr, die ſich niedergelaſ⸗ ſen naͤher.„So!“ ſagte er, ihrem Geſichte und ihrer Hand die gehoͤrige Richtung gebend. „Nein, ſo!“ fuͤgte er dann hinzu. Dabei fiel er ihr zu Fuͤßen und druͤckte ihre Hand an ſei⸗ nen Mund. Ehe ſie aber dazu kam, den Stuhl zuruͤck⸗ zuſchieben und aufzuſtehen, hatte er ſchon den Hut ergriffen und war davon geeilt. 118 Das zuruͤckkehrende Dienſtmaͤbchen begeg⸗ nete ihm in der Thuͤre. Sie ſah dem Aechzen⸗ den lange erſtaunt nach. Er eilte uͤber den Saal, die Treppe hinunter. „Jeſus Maria, Sie bluten ja!“ rief die Dienerin aus.„Ihr Kleid iſt voll von Blut!“ Jetzt erſt ward Ottilie gewahr, daß Wern⸗ hold beim Abſchiede ihr im Kuſſe die Hand ver⸗ wundet. Das Ueberraſchende des Ereigniſſes heatte ſie nicht zum Bewußtſeyn des Schmerzes kommen laſſen. „Es iſt nichts!“ antwortete Ottitie.„Ein Nagel an der Staffelei hat dieſe Wunde verur⸗ ſacht.“ Ottilie wußte lange nicht, was ſie thun und wie ſie ſich benehmen ſollte. Es ſtuͤrmte ihr in der Bruſt, wie noch nie. Es drohte, die⸗ ſe zu zerſprengen. Endlich ſagte ſie zu ihrer uͤber alles Vorgegangene hoͤchſtbefremdeten Dienerin: „Ich bin krank, recht krank.“— Dazu warf ſie die Oberkleider ab und ſich ſelbſt aufs Bette. 12. „Ein Brief an den Herrn!“ Mit dieſen Worten trat eine Stunde ſpaͤter das Dienſt⸗ 8 — 119 maͤdchen herein.„Der Mann gab ihn mir, der die Malerſachen herbrachte.“ „Lege den Brief nur auf den Tiſch,“— befahl Ottilie. „Nicht in des Herrn Zimmer?“. „Nein! vermuthlich kommt er hieher zuerſt.“ So geſchah es auch. „Nun?“— brummte er, weil er das ange⸗ fangene Bild noch ganz im geſtrigen Zuſtande vorfand.— Da rief Ottilie aus dem Bette im anſtoßen⸗ den offenen Schlafkabinet:„Lieber Vater!“ Das Mitleid verdraͤngte ſeinen Unwillen; er eilte zur geliebten Tochter. Ganz offenbar lag ſie in Fieberhitze. „Mein Gott,“ rief er:„was iſt dir doch ſo ploͤtzlich widerfahren?“ „ Nicht ploͤtzlich, mein Vater. Dieſe Krank⸗ heit iſt mir ſchon mehrere Tage nachgegangen.“ „Der Maler konnte alſo gar nicht fort⸗ fahren?“ Ottilie antwortete mit Kopfſchuͤtteln. „Aber hier geweſen iſt er doch?“ Sie machte eine bejahende Bewegung. 120 „Es hat auch Jemand einen Brief ge⸗ bracht!“— ſagte ſie, nach dem Tiſche im Ne⸗ benzimmer zeigend. Herr Meiler ging und riß den Brief begie⸗ rig auf. Ottilie, welche gewuͤnſcht hatte, ihn beim Leſen deſſelben zu beobachten, um ſo vielleicht am beßten den Inhalt des Briefes zu erfahren, verwendete kein Auge von ihrem Vater. Die⸗ ſer ſchuͤttelte dabei mehrmals den Kopf und ſteckte endlich das Papier unter lautem Lachen ein. Das ſchnitt der Kranken in's Herz Etwas Laͤcherliches konnte der Maler doch wohl nicht geſchrieben haben. Oder war der Brief von einem Andern, und hatte ihre Dienerin den Ueberbringer etwa nur verkannt? In tiefen Gedanken ging Herr Meiler auf und nieder. Ein paarmal riß er das Taſchen⸗ tuch heraus, ſich den Schweis von der Stirne zu wiſchen. Das Letztemal flatterte, ohne daß er's bemerkte, der Brief aus ſeiner Taſche. Unmittelbar nachher nahm er Hut und Stock und ging. Ottilie ſtand auf und nahm den Brief zu ſich. Er lautete: 121 „Mein Herr! damit Sie nicht weiter in mich dringen, das angefangene Portraͤt zu vol⸗ lenden, muß ich Ihnen geſtehen, daß ich der Sache durchaus nicht gewachſen bin. Der Weg des Malers vom Auge in die Hand iſt bekannt⸗ lich lang und ſchwierig. Das Beßte geht dar⸗ auf verloren. Mir aber iſt bei dieſem Bilde der ganze Weg verloren gegangen. Was mein Auge an Ihrer Tochter geſehen, iſt mir in's Herz gefallen. Das iſt daher der treueſte Spie⸗ gel ihrer Reize, wie ihrer Huld geworden. Doch die Bruͤcke von hieraus bis zur Hand iſt voͤllig abgebrochen. Mit Einem Worte: ich liebe Ihre Tochter, wie ich nie liebte, wie ich nie lie⸗ ben werde, kurz, ſo wie man nur einmal in ſeinem ganzen Leben liebt. Aus dieſem Grun⸗ de fuͤhle ich mich ganz unfaͤhig, ſie zu malen.“ Ottilie las den Brief. Sie las ihn wieder. Ihr Auge konnte ſich nur ſchwer von ſeinen Schriftzuͤgen trennen. 13. Herr Meiler war inzwiſchen in Wernhold Wohnung geeilt. 3 1 122 Als auf mehrmaliges Pochen an des Ma⸗ lers Thuͤre keine Antwort erföolgte, oͤffnete er und ging hinein Wernhold ſaß, den Kopf in der flachen Hand haltend, in einem Winkel. „Gutes, liebes Schaͤtzchen!“— begann er im Eintreten, und der bis dahin nichts von der Auſſenwelt Wahrnehmende ſprang erſchrocken empor. „Nun, nun,“ fuhr Herr Meiler zuruͤckwei⸗ chend fort:„wir Beide brauchen ja keine Furcht vor einander zu haben. Sie ſind aber ein ku⸗ rioſer Mann uͤberhaupt. So eben ſehe ich das wieder aus Ihrem Briefe. Ehrlich geſtanden, faſſe ich den Inhalt nicht recht. Grade, daͤch⸗ te ich, muͤßten Sie, wenn Sie meiner Tochter ſo gut ſind, wie Sie ſagen, ein recht vorzuͤgliches Bild von ihr liefern koͤnnen. Wiſſen Sie denn nicht, daß die Liebe dem Kuͤnſtler am beßten in die Hand arbeitet?“ „Die gluͤck liche Liebe vielleicht!“— ant⸗ wortete der Maler. „Sie ſind kurios, ich wiederhole es!“ ergeg⸗ nete Herr Meiler Kopfſchuͤttelnd:„daran iſt aber freilich Ihre Jugend ſchuld. Bin auch jung geweſen und weiß das; auch ſo kurios. Dachte 123 zuweilen, ich muͤſſe in's Gras beiſſen, wenn dieſes oder jenes Maͤdel nicht mein werden konn⸗ te. Und ich lebe heute noch. Wenn man zehn⸗ bis zwoͤlfmal in demſelben Zuſtande geweſen, und doch, Gott ſey Dank, gluͤcklich am Leben geblieben iſt, dann uͤberzeugt man ſich immer feſter, daß es viel zu viel huͤbſche Maͤdchen auf der Welt gibt, um ſich einer einzigen halber in's Grab zu haͤrmen. Schlagen Sie ſich das Ding aus dem Sinne. Sie ſehen ja, daß meine Tochter die Braut eines Andern iſt. Da Sie ein rechtlicher Mann ſind, was bei aller Seltſamkeit Ihr Brief bezeugt, ſo wird dies das beßte Daͤmpfungsmittel fuͤr Ihre Triebe ſeyn. Uebrigens will ich das Meinige auch thun. Da⸗ mit Ihr Herz nicht einmal mit dem Kopfe da⸗ von renne, ſoll immer Jemand zugegen ſeyn, wenn Sie meine Ottilie malen. Malen aber muͤſſen Sie das Maͤdel durchaus.“ „Mein Herr,“ antwortete der Kuͤnſtler:„ich muß den Streit daruͤber aufgeben, da ich Sie ſo wenig verſtehe, als Sie mich. Nur ſo viel bitte ich jetzt, ſtelen Sie dem Braͤutigam die Sache vor. Kann auch er es verlangen unter die⸗ ſen Umſtaͤnden das Portraͤt Ihrer Tochter durch mich gefertigt zu ſehen, ſo will ich den Verſuch wagen.“ „Wohl,“ ſagte der Kaufmann:„noch heuis ſollen Sie Antwort haben.“ 3 14. 1 Herr Meiler ſetzte ſich nicht gern zu Tiſche, wenn er noch ein Geſchaͤft im Kopfe hatte, das zuvor abzuthun geweſen waͤre. Daher fuhr er ſogleich zu Frelon, der eben im Begriff ſtand⸗ den Mittagstiſch außer dem Hauſe aufzuſuchen. „Ich halte Sie auf,“ begann er:„aber ich kann nicht helfen. Ich habe da einen Brief, den ich Ihnen mittheilen muß, weil er Sie faſt noch naͤher angeht, als mich.“ Nachdem er in allen Taſchen vergebens nach dem Briefe geſucht hatte, ſagte er:„So muß ich ihn doch irgendwo liegen gelaſſen haben?— Uebrigens iſt die Sache auch ohne den 1huiß abzuthun.“. Er erzaͤhlte, und zwar immer munterer und ſarkaſtiſcher, je weiter er in die Geſchichte hin⸗ einkam. Frelon bezeigte laͤchelnd ſeine Verwunderung. Obſchon leidenſchaftlich fuͤr Ottiliens Jugend⸗ 125 Schoͤnheit, und Vermoͤgen, konnte er ſich doch weit beſſer in die weltklugen Anſichten ſeines kuͤnftigen Schwiegervaters, als in die gluͤhen⸗ den, verzehrenden Gefuͤhle des Malers denken. Seiner koͤrperlichen Vorzuͤge ſich obendrein be⸗ wußt, hatte er nicht die mindeſte Furcht vor dem Nebenbuhler. „Ich bin ganz Ihrer Meinung,“ ſagte Fre⸗ lon.„Es wuͤrde eine Art von Uebelſtand ge⸗ ben, wenn wir dieſes Bild von einem Andern wollten fertigen laſſen. Auch koͤnnten wir in Abſicht auf die Aehnlichkeit allzuviel einbuͤßen. Denn ich habe noch keinen Maler gefunden, dem ſie alſo gegluͤckt waͤre, als dieſem jungen Deutſchen. Ich ſelbſt will beim Malen zuge⸗ gen ſeyn, damit er um ſo weniger beſorgen duͤr⸗ fe, aus ſeinem Gleiſe zu gerathen.“ „Thun Sie mir den Gefallen, ihm das mit zwei Worten zu melden, lieber Frelon.“ Dieſer verſprach es ſogleich zu thun, und Herr Meiler eilte in ſeinen Wagen, zufrieden, das Geſchaͤft, wie er meinte„ nun recht gluͤck⸗ lich abgethan zu haben. Der vermißte Brief machte ihm indeſſen einige Sorge. Im Wagen fand er ſich nicht. 126 Wenn er nur Ottiliens Augen entgangen iſt!— dachte er. Das ſchien ihm ſo wie er nach Hau⸗ ſe kam. Ottilie hatte es naͤmlich fuͤr das Beßte gehalten, den Brief wieder dahin zu legen, wo ſie ihn weggenommen. Er entdeckte ihn ſo⸗ gleich, ſteckte ihn zu ſich und ging an das Bet⸗ te der Tochter, ſich zu erkundigen, ob ihr noch nicht beſſer ſey. „Noch immer nicht!“— antwortete ſie. Der Arzt war gerufen worden. Nachdem er den Zuſtand der Kranken auf die gewoͤhnliche We ſe unterſucht hatte, troͤſtete er, daß zwar ein wenig Fieber da ſey, die Säche aber von kei⸗ nen Folgen ſcheine. „So koͤnnte ſie vielleicht morgen wieder das Bette verlaſſen?“ fragte er. „Ich habe gar keinen Zweifel,“ antwortete der Arzt:„wahrſcheinlich iſt das ganze Uebel nichts weiter als eine leichte Anwandlung geweſen.“ Wirklich fuͤhlte ſich Ottilie ſchon jetzt koͤrper⸗ lich wohl genug. Gern haͤtte ſie erfahren, was auf Wern⸗ holds Brief geſchehen ſey, oder noch geſchehen ſolle. Sie begann auch, als nach dem Eſſen der Vater in ihr Zimmer trat, wo ſie ſchon wie⸗ — — 5 127 der am Rahmen ſaß, von dem Malen und ih⸗ rer Abneigung davor zu ſprechen. „Ja,“ verſetzte Herr Meiler:„das Sitzen iſt freilich eine kleine Unbequemlichkeit, die ſich jedoch, um des angenehmen Zweckes willen, woh! vergeſſen aͤßt. Der morgende Vormittag und dann vielleicht noch einer, ſo biſt Du dieſer Muͤ⸗ he auch uͤberhoben.“ Ottilien ſank die Nadel aus der Hand.„Al⸗ ſo doch?“ fragte ſie ſich, als der Vater wie⸗ der hinweg war.„Nach dieſem Briefe alſo den⸗ noch?"“ Ob Wernhold ſeinen, im Briefe mitge⸗ theilten Entſchluß geaͤndert, oder ob ein anderer ſein kaum begonnenes Werk beendigen ſolle 2 das waren die Fragen, von denen ſie den Tag uͤber und waͤhrend der ganzen Nacht gepeiniget wurde. Bei dem Vater war es ihr unmoͤglich gewe⸗ ſen, Erkundigung daruͤber einzuziehen, und wenn auch ihr Dienſtmaͤdchen vom Kutſcher ſo viel herausgebracht hatte, daß der Hausherr vor Tiſche von Wernhold zu Frelon gefahren war, ſo ließ ſich daraus nur der Schluß ziehen, daß 128 man, in Folge des Briefs, irgend ein Abkom⸗ men getroffen hatte. Aber welches? Der Beantwortung dieſer Frage halber konnte Ottilie dasmal den Augenhid d des Mor⸗ gens kaum erwarten. 15. Frelon erſchien. Er machte dem zugleich eintretenden Vater ſanfte Vorwuͤrfe, daß er jetzt von der geſtrigen Unpaͤßlichkeit ſeiner Braut das erſte Wort hoͤren muͤſſe. Er bezeigte große Theilnahme an der noch fortdauernden Schwaͤ⸗ che, woruͤber ſie klagte. Da ging die Thuͤre auf. Ottilie, den Blick zu ihr gewendet, gab einen Laut des Entſetzens von ſich. Gehoͤrte die hereinſchwankende Ge⸗ ſtalt, das bleiche Todtengeſicht, Wernhoiden ſelbſt oder ſeinem Schatten? Der durch das, trotz ſeiner Vorſtellung ihm 1 geſchehene Anſinnen, empoͤrte Wernhold, ging mit einer abſchreckend kalten Verneigung an den beiden Maͤnnern voruͤber, um Ottilien ſeine ungeheuchelte Ehrerbietung zu bezeigen Ohne ein Wort von ſich zu geben, legte er Hut und 129 Stock ab, nahm auch alſo dem Diener, der ſeiner im Vorſaale gewartet hatte, Palette und Pinſel aus der Hand. Jezt zum erſtenmale begriffen vielleicht die beiden Kaufleute, daß ſie mit dem Zwange, den ſie dem jungen Manne auferlegt, Richt wohl gethan hatten. Sie blickten einander ſie blick⸗ ten Ottilien an, welche, ihr Auge auf den Kuͤnſtler gerichtet, offenbar fuͤr alles Andere kei⸗ nen Sinn hatte; welche, in der Pein ihres eigenen Herzens, die ſeinige doppelt fuͤhlen mochte. Zum erſtenmale las Wernhold beſtimmt aus ihrem Blicke, daß ſie ihn liebte und wie ſehr ſie ihn liebte. „Ottilie,“ begann er nunmehr:„ich ſoll Sie malen; ob ich ſchon geſtanden habe, daß ich's nicht vermag. Man dringt auf die Erfuͤllung meiner Zuſage, zu einer Zeit gegeben, wo ich Sie noch nicht kannte. Ungeachtet meiner gruͤndlichſten Gegenvorſtellungen dringt man darauf, wie auf die Erfüllung eines ganz ge⸗ meinen Vertrags. Ich werde thun„ was mei⸗ ne Kraͤfte geſtatten. Verzeihen Sie nur, wenn ich den Zaubergeiſt verfehle, der ihre Zuͤge wun⸗ 9 4 130 derbar belebt, wenn die Farben todt bleiben un⸗ ter meiner zitternden Hand.“ „Herr Wernhold, das Alles iſt ganz wider die Abrede!“— ſprach der Hausherr aufſtehend. „Es ſtimmt,“ fuͤgte der Braͤutigam hinzu: nes ſtimmt durchaus nicht mit der Rechtlichkeit, in deren Schein Sie Ihr Thun zu verhuͤllen ſuchen.“ Darauf erwiederte der Kuͤnſtler mit Hef⸗ tigkeit: „Ueber Euch ſelbſt dieſe Vorwüͤrfe! Wußtet Ihr nicht, daß eure kuͤnſtlichen Rechnungsexem⸗ pel ein Raub der Flamme werden koͤnnten? Muthwillig habt Ihr dieſe in's eigene Haus geleitet.“ „Junger Mann!“ hob hier der Hausherr an:„wollen Sie mit einemmale den Ruf ſtrenger Sittlichkeit zerſtoͤren, der Ihnen mehr noch, als Ihre Kunſt, den Weg bahnte in viele der erſten Haͤuſer hieſiger Stadt?“ „Ich will nichts zerſtoͤren,“ ſagte der Ma⸗ ler:„als mich ſelbſt.“ Hierbei bickte ſein Augei im tiefſten Schmer⸗ ze uͤber Ottilien hin zum Himmel auf. 131 Er ſprach das ſo leiſe, daß Niemand außer ihr es vernommen hatte. Sie fuͤhlte ſich ge⸗ troffen davon, wie von einem Blitzſtrahl. Wernhold war in einem Sprunge aus dem Zim⸗ mer, waͤhrend Vater und Braͤutigam der bewußt⸗ los Umſinkenden zu Huͤlfe eilten. 16. „Wo iſt er?“ ſo hieß das erſte Wort der wieder Erwachenden.„Ich muß zu ihm!“ „Ottilie!“ riefen Beide zugleich heftig er⸗ ſchrocken und ſie zuruͤckhaltend. „Wohlan,“ ſprach ſie:„ich ergebe mich fer⸗ ner in die Zukunft, die mir beſtimmt worden, aber nur dann, wenn Wernhold die furchtbare Drohung nicht erfuͤllt.“. Beide Maͤnner begehrten zu wiſſen, was das fuͤr eine Drohung ſey. Sie ſagte hierauf die Worte, nach denen der Maler das Zimmer verlaſſen hatte. Dann fuhr ſie in einer Art von Begeiſterung fort:„Geht und nehmt ihm den frevelhaften Vorſatz aus der Seele. Sein Tod wuͤrde mir das Zeichen ſeyn, den Schleier zu ergreifen, und lebenslang in einſamer Zelle fuͤr ſein ewiges Heil zu beten.“ 9* 132. Auf das Tiefſte erſchuͤttert, ſahen die bei⸗ den Maͤnner ſich an, indeß Ottilie auf ein in der Naͤhe liegendes Papier zwei Zeilen ſchrieb, und ſie ihrem Vater in die Hand gab.„Eilen Sie zu ihm, mein Vater, mit dieſen Zeilen. Vielleicht haben Sie Kraft genug, das zu ver⸗ hindern, was uns Allen das Leben verleiden muͤßte.“ Der Zettel lautete:„Wernhold! Es giebt ein Wiederſehen jenſeit des Grabes. Verſcher⸗ zen Sie es nicht durch vorzeitiges Hinuͤbereilen!“ „Ottilie!“ Herr Meiler zeigte die Schrift dem Braͤutigam. Bei allem Schmerz uͤber die Ereigniſſe konnte dieſer doch ein Laͤcheln hierbei kaum unterdruͤcken. Sein Glaube reichte nicht bis zu dieſem Jenſeit. Darum gab er auch durch eine bejahende Bewe⸗ gung zu verſtehen, daß Ottiliens Verlangen an ihm kein Hinderniß finde. 17. Der Hausherr nahm den Zettel und fuhr nach der Wohnung des Malers. Beim Aus⸗ ſteigen ſah er dieſen haͤnderingend am Fenſter ſtehen. Er eilte die Treppe hinauf. Die Thuͤ⸗ 13³ re war abgeſchloſſen.„Herr Wernhold!“ rief er. Keine Antwort.„Ich muß nothwendig mit Ihnen ſprechen.“ Abermals kein Laut. „Ich komme mit einer Bitte von meiner Ot⸗ tilie!“ Alsbald eilte auf dieſes Wort der Maler zur Thuͤre und oͤffnete;„Keine Taͤuſchung,“ rief er dem Kommenden entgegen.„Ich ſtehe an der Graͤnze des Landes, wo alle Taͤuſchung auf⸗ hoͤrt. Eben flehte ich noch um Verzeihung des freiwilligen Uebertritts.“ „Grade von ſo ſchrecklicher That will meine Tochter Sie abmahnen!“ ſprach Herr Meiler, ihm den Zettel uͤbergebend. „Ja,“ rief Wernhold, indem er dieſen an ſeine Lippen druͤckte:„das hat ſie geſchrieben. Obſchon mein Auge ihre Schriftzüͤge nicht kennt, ſo fuͤhlt doch mein Herz, daß ſie von ihr ſind.“ Zugleich nahm er ein Tuch, welches er vor dem Oeffnen der Thuͤre uͤber den Tiſch ge⸗ worfen haben mochte, hinweg, und es kam eine aufgeſchlagene Bibel nebſt einem Piſtol zum Vorſchein. Letzteres ergriff er, warf es auf's heftigſte wider die Wand und ſprach, als es ent⸗ zwei ſprang: 134 „Sagen Sie Ottilien, daß, ſo wahr dieſes Todeswerkzeug gebrochen iſt, ich nun nimmer Hand an mein Leben legen werde.“ Herr Meiler ließ ihm vor dem Scheiden noch einige Troſtgruͤnde zuruͤckk. Der Maler hoͤrte nicht darauf. Sein Auge berauſchte ſich fortdauernd in den Zeilen, durch welche die Ge⸗ liebte ſeine Rettung bewirkt hatte. 18. Bei jedem Wagengeraͤuſch war Ottilie von innerer Angſt nach dem Fenſter getrieben wor⸗ den. Endlich kam der Vater mit ſeiner frohen Nachricht. Sie fiel auf die Kniee nieder, dem Himmel den ſtillſten und reinſten Dank darbie⸗ tend, wie er in Perlen uͤber ihr Geſicht rollte. Frelon und ihr Vater fuͤhlten ſich geborgen, die ploͤtzlich uͤber ihrem Haupte aufgethuͤrmten Gewitterwolken ſo gluͤcklich wieder zerſtreut zu haben. Man ſchaffte nun die Staffelei und das an⸗ gefangene Bild hinweg, um alle Erinnerung an den Vorfall moͤglichſt zu verwiſchen und zu ver⸗ meiden. 3— — 135 Aber Ottiliens Frohſinn konnte nicht von Dauer ſeyn. Der Gedanke, daß durch eine 3 Verbindung zwiſchen ihr und Wernhold zwei Menſchen gewiß uͤberaus gluͤcklich, durch ihre Heirath mit Frelon hingegen zwei Menſchen hoͤchſt ungluͤcklich werden muͤßten, verfolgte ſie dergeſtalt, daß ſie, durchdrungen von deſſen Wahrheit, auch ihren Vater zu uͤberzeugen hoff⸗ te. Vergebliche Hoffnung. Er ward hoͤchſt unwillig uͤber eine Vorſtellung, welche ſeiner Aeuſſerung nach, von einem Wankelmuthe und einer Wortbruͤchigkeit zeugte, die in der ſtets rechtlich zu handeln gewohnten Familie ſonſt niemals einheimiſch geweſen waͤren. Von Frelon, wußte Ottilie, war keine an⸗ dere Ausſicht der Sache zu erwarten, daher blieb der Huͤlfloſen nichts uͤbrig, als ſich i in ihr duͤſteres Geſchick zu ergeben. 19. Ein halbbewußtloſer Zuſtand erleichterte Ot⸗ tilien die Trauhandlung. Sie wußte, daß ſie Ja ſagen mußte, und ſagte es. Aber es war das Ja, wie man's einem Kinde einzulernen pflegt. In dem Augenblicke, als ſie es bebend 136 von ſich gab, wußte ſie nicht, welche Centnerlaſt fuͤr ihr ganzes Leben an dem winzigen Woͤrt⸗ chen hing. Doch waͤhrend des Reſts dieſes Ta⸗ ges erwachte ihre Seele immer mehr aus der fruͤhern Dumpfheit. Die Pracht der Hochzeit war dem Vermoͤ⸗ gen ihres Vaters angemeſſen. Mit welchem Gefuͤhle ſah die bleiche Ottilie das geſchmuͤckte Getuͤmmel um ſich herumtaumeln an dem Ta⸗ ge, der ihrem Herzen die toͤdtlichſte Wunde ſchlug! Der Vater kam auf ſie zu und bat um Got⸗ teswillen, daß ſie nur einigen Antheil zeigen⸗ ſolle an der allgemeinen Luſt, die ja doch haupt⸗ ſaͤchlich ihr zu Ehren ſich aͤuſſere. Es war ihr zu verſchiedenenmalen, als muͤſſe nun endlich eine bleiche Geſtalt der Verzweiflung hereintre⸗ ten, welcher Alles Platz machen, welche Nie⸗ mand willkommen heißen werde, als ſie; als muͤſſe dieſe Geſtalt ſie wegnehmen aus dem un⸗ erfreulichen Feſte und dann mit ihr in das Frie⸗ densland des Todes eilen.— Aber das Getuͤmmel verſchwand allmaͤhlig und die rettende Geſtalt war ausgeblieben. . 137 Ottilie war es nicht allein, welche alſo litt. Unten auf der Straße wankte, in einen Man⸗ tel dicht verhuͤllt, Wernhold hin und her. Sein Zuſtand war Hoͤllenqual. Jeder herunterſchal⸗ lende Ton der Muſik durchſchnitt ſein Herz ohne es zu zerſtoͤren. Er ging erſt, als der letzte Wagen abgefahren und das Meilerſche Haus geſchloſſen war. Noch ungewiß, ob in den Fluß oder in ſeine Wohnung, gedachte er der Troſt⸗ worte Ottiliens. Er trug ſie auf der bloßen Bruſt. Er zog ſie hervor. Er las ſie beim La⸗ ternenſcheine. Wunderbar fuͤhlte er ſich geſtaͤrkt und erhoben, und eilte nach Hauſe. 20. In Paris hatte Wernhold nichts weiter zu ſuchen. Allein eine Menge uͤbernommener Auf⸗ traͤge feſſelte ihn noch fuͤr einige Zeit an dieſe Stadt. Nach drei Monaten war Alles abge⸗ than. Nun haͤtte er ſeine Reiſe nach England antreten koͤnnen, wohin ſchon ſehr lange ſeine Abſicht gegangen war. Doch jetzt fuͤhlte er, daß eine Art von Zauber ihn feſthielt in einer Stadt, die das Grab aller ſeiner Wuͤnſche und Hoff⸗ nungen geworden war. 138. Uebrigens vermied er ernſtlichſt, Ottilien zu ſehen. Er vermied uͤberhaupt Alles, was nicht zu ſeiner Kunſt gehoͤrte. Wiſſen jedoch mußte er, daß und wie Ottilie lebe. Zu dieſem Zwecke gewann er den Thuͤrſteher, und erhielt von ihm taͤglich mehreremale die gewuͤnſchten Nachrichten. Waͤre ſeine Liebe blos eigennutzig geweſen, ſo haͤtte ſein Herz mit ihnen zufriedener ſeyn koͤnnen. Aus Allem, was er durch ſeinen Kund⸗ ſchafter vernahm, ergab ſich naͤmlich, daß ein heimlicher Unfriede Ottiliens Bruſt belaſte; daß ſie mitten in den gluͤcklichſten aͤuſſeren Verhaͤlt⸗ niſſen, ſich offenbar ungluͤcklich fuͤhlen muͤſſe. Aber ſein Hauptbeduͤrfniß war Ottilſens Zufrie⸗ denheit. Dem Thuͤrſteher kounte der ſchlimme Ein⸗ druck ſeiner Nachrichten auf den jungen Mann nicht entgehen. Er hatte inniges Mitleid mit ihm. Als daher Ottilie gar bettlaͤgerig gewor⸗ den war, verhehlte er es ihm lange Zeit. End⸗ lich ließ ſich das nicht mehr thun. Denn die Aerzte und Alle im Hauſe erwarteten ihren Hin⸗ tritt in jedem Augenblicke. Der verzweifelnde Vater kam nicht weg von ihrem Lager. Er fuͤhlte jetzt zum erſtenmale, 139 was er gethan, als er auf ihre Ehe mit Frelon beſtanden.. Frelon war der Einzige, der keine Ahnung hatte von der geheimen Urſache des Zuſtandes ſeiner Gattin. Denn da ſie niemals den deut⸗ ſchen Maler zu erwaͤhnen pflegte, ſo fiel auch er nicht auf den Gedanken an ihn. Ueberhaupt ließen ſeine Gefuͤhle ihn ſchwerlich zu dem Glau⸗ ben kommen, daß eine Frau in ſo guͤnſtigen Gluͤcksumſtaͤnden, wie die ſeinige, der Harm um einen Andern auf's Krankenlager werfen koͤnne. Ein heimlicher Liebeshandel mit einem ſolchen wuͤrde ihm wahrſcheinlicher geweſen ſeyn. Daß aber dieſer nicht ſtatt fand, davon mußte ihn wohl das uͤberaus eingezogene, von ihm in den erſten Monaten gepruͤfte Leben ſeiner Gat⸗ tin uͤberzeugen. Aus dieſem Grunde hielt er ihre Krankheit fuͤr nichts, als einen ungluͤckli⸗ chen Zufall. Es war natuͤrlich, daß Niemand darauf ausging, ihm dieſe Ueberzeugung zu rauben. 3. Der Thuͤrſteher zitterte, als er eines Abends dem Liebenden die Todespoſt bringen mußte. 140 Vergebens ſuchte er nach einer Einleitung. Wernholds Auge drang in die Seele des ge⸗ beugten Mannes und rief:„unfehlbar iſt ſie nicht mehr!“. Schmerzlich zuckte der Portier die Achſeln. Aber Wernhold war davon weit weniger, als von den zeitherigen Nachrichten erſchuͤttert. Er ſagte:„Weine nicht, Alter, daß ihr endlich wohl geworden. Oder“ fuhr er ploͤtzlich zu⸗ ruͤckſchaudernd fort:„oder glaubſt Du vielleicht nicht, daß es ein Jenſeit giebt? O glaube doch daran, Alter, ich bitte Dich um Gotteswillen! Was haͤtte dein Silberhaar noch zu hoffen, wenn Dir der Tod kein neues Leben aufſchloͤſſe?“ „Ja wohl, guter Herr!“ verſetzte der Thuͤr⸗ ſteher.„Auch hat mein Glaube niemals ge⸗ wankt und mir auf den ſchwierigſten Lebenspfa⸗ den immer kraͤftig die Hand gereicht.“ „Dank Dir, wackerer Greis!“ rief Wern⸗ hold, ihn heftig an ſich ziehend.„Und nun nimm meine letzte Verſicherung, daß ich Dir gern die wenigen, uͤbrigen Tage ſo leicht als moͤglich machen moͤchte.“ Dabei nahm er eine Handvoll Gold aus ſei⸗ nem Schreibtiſche, und reichte es dem Alten. 14* „Ich bedarf ja deſſen nicht, guter Herr! Haben Sie mich doch ſchon zeither reichlicher be⸗ ſchenkt, als ich's haͤtte zugeben ſorllen. Meine Kinder freilich, meine noch ganz unerzogenen⸗ vaterloſen Enkel.“ „Wohl, ſo gieb ihnen dies. Ich bedarf deſſen weniger als Du, dazu wird es das Letzte⸗ mal ſeyn, daß wir uns ſehen.“ „Ach Gott!“ rief der Thuͤrſteher bekuͤm⸗ mert.„Sie wollen doch nicht etwa— das alte Haar ſteigt mir ſchon empor bei dem Gedanken!“ „Nein, Alter; ich verſtehe Deine Beſorgniß. Ich werde nicht Hand anlegen an mein Leben, ſo elend es ſich auch noch hinziehen moͤchte ⸗ Eine Schrift hier auf meiner Bruſt verbeut es mir, deren durch die Zeit unleſerlich gewordene Buchſtaben ewig dauernd in mein Herz gegra⸗ ben ſind. Wann wird ſie zur Ruhe gebracht?“ „Morgen Abend!“ 224 Wernbhold hatte ſich lange nach nichts alſo geſehnt, als nach dieſem Abende. Als er end⸗ lich erſchien, ſteckte er viel Geld zu ſich, nahm den Mantel um und miſchte ſich unter das Volk, 7 14 welches vor Meilers Hauſe die Trauerleute um⸗ wimmelte. Schon brannten die Fackeln. Schon ſchlich der lange, ſchwarze Zug in ihrem Scheine nach dem Gottesacker. Wernhold folgte, mitten unter der Menge, dahin, dann aber ſonderte er ſich von dieſer und ſtarrte, gelehnt an ein Grab⸗ mal, nach der Gruft, bis die Beiſetzung vor⸗ uͤber war und das Volk ſich verlaufen hatte. Als kein fremder Fußtritt, kein Athemzug mehr die ſchauerliche Staͤtte belebte, und der hier hauſende Todtengraͤber, nachdem er des Gottackers eiſernes Thor zugeſchlagen, und hier⸗ mit alles Menſchenleben fuͤr die ganze Nacht von ſeinem ſtillen Gebiete ausgeſchloſſen zu ha⸗ ben glaubte, in ſein Haͤuschen zuruͤckeilte, da verließ Wernhold den Platz am Leichenſteine und ging nach dem Fußſteige des Mannes hin. „Wer da?“— rief der bei den Todten Wohnende, und die Stimme bebte ihm ſelbſt, als ſein Ohr den naͤher Heranſchreitenden ver⸗ nahm, dazu hielt er ſeine Laterne nach der Ge⸗ gend des Geraͤuſches hin. „Ein Ungluͤcklicher,“ antwortete Wernhold: „der bei den Todten allein ſein Heil ſuchen kann.“ * * 143 Befremdet uͤber das Wort, aber auch zu⸗ gleich getroͤſtet, weil es offenbar keinem Schat⸗ ten angehoͤrte, erwartete ihn der Todtengraͤber. „Mann des Todes,“ ſprach Wernhold: „Du mußt mit mir gehen zu derjenigen, welche eben zur Ruhe gebracht worden. Du mußt mir ihre Gruft aufſchließen, damit ich ſie nochmals ſehe.“ „Herr,“ antwortete der Todtengraͤber: zlaſſet die Gebeine der Entſchlafenen in Frieden ruhen, wenn Euch einſt ein Gleiches wiederfah⸗ ren ſoll.“ „Oeffne mir die Gruft!“ rief Wernhold: „Aus Erbarmen oͤffne ſie mir. Vielleicht iſt grade mein Anſchauen der Erblichenen noch noͤ⸗ thig zu ihrer Ruhe. Siehe mir in's Geſicht, Mann des Todtes. Kein Frevel iſt die Urſache zu meinem Begehren. Komm! Ein reichlicher Lohn ſoll Deiner Muͤhe folgen.“ Mehr vielleicht noch von dem Golde, das in Wernholds Hand glaͤnzte, als aus Erbarmen, gab der Todtengraͤber der Forderung nach. Die Thuͤre der Gruft ward aufgethan. Der Todtengraͤber ſtieg hinab und oͤffnete den Deckel des Sarges. 144 „Ottilie!“ rief da Wernhold mit nach ihr ausgebreiteten Armen.„Der Himmel hatte Dich mir fuͤr das Leben beſtimmt, aber die Welt draͤngte ſich zwiſchen uns. Da kam der Tod, Dich zu erloͤſen von der falſchen Beſtim⸗ mung.“ 7 „Herr,“ ſprach der Todtengraͤber zaghaft: „maͤßiget Euer Trauern, auf daß Niemand arg⸗ wohne, was hier vorgefallen. Es waͤre mein Ungluͤck fuͤr immer, wenn es herauskaͤme.“ „Wohlan,“ ſprach Wernhold:„ich will Dich ſicher ſtellen gegen das, was du Ungluͤck nenneſt. Sieh hier dieſes Gold. Es ſoll Dein, aber die Leiche muß dafuͤr mein werden.“ „Mann,“ rief Wernhold: als der Todten⸗ gräber unentſchloſſen vor ihm ſtand:„Dein Amt iſt durch das Oeffnen dieſes Sarges ſchon jetzt verwirkt. Deine Freiheit zugleich; vielleicht auf lange Zeit. Fuͤge Dich drum in meinen Wil⸗ len. Der Allwiſſende iſt mein Zeuge, daß kei⸗ ne Bosheit, kein Frevel irgend einer Art mich anreizen zu der That!“ Der Todtengraͤber wendete noch Einiges we⸗ gen der Gefahr des Fortſchaffens ein. . 145 „Das ſey meine Sorge!“ ſprach Wern⸗ hold:„Nie, nie werde ich Dich verrathen, ſon⸗ dern Alles auf mich allein nehmen. Wer dem Tode in's Auge ſieht, wie ich, für den ſind die Ge⸗ fahren ausgeſtorben.“ 23 Alles ließ ſich guͤnſtig an fuͤr das Unterneh⸗ men. Der Todtengraͤber eilte voraus nach dem Pfoͤrtchen, durch welches er aus dem Kirchhofe unter die Menſchen zu gehen pflegte. Er horch⸗ te, und als drauſſen kein Laut ſich regte, wink⸗ te er Wernholden, der ihm, den mit dem Lei⸗ chentuche verhuͤllten Koͤrper Ottiliens auf der Schutter tragend, gefolgt war⸗ Ein eingefallener Regenguß machte die Straßen ſehr einſam, und ohne daß irgend ein Voruͤbergehender auf den jungen Mann aufge⸗ merkt haͤtte, gelangte er in ſeine nahgelegene Behauſung zu dem Diener, auf deſſen Treue und Verſchwiegenheit er bauen konnte. Sein Plan war abentheuerlich, hoͤchſt aben⸗ theuerlich. Aber welch ein Abentheuer duͤnkt einer Liebe, wie der ſeinigen, in dieſem Falle zu groß! Er dachte Ottiliens Leichnam nach der 0 146 Weiſe der Aegyptier einzubalſamiren, um ihn dann als ein Heiligthum mit hinweg nach Eng⸗ land zu nehmen. Bei ſeinem gruͤndlichen Stu⸗ dium des Alterthums war er naͤmlich den Speze⸗ reien auf die Spur gekommen, durch welche jenes Volk die Leichname ihrer Todten Jahrhunderte lang der Verweſung entzogen hatte. Sie waren ſchon durch ſeinen Diener herbeigeſchafft. Als aber jetzt zur That geſchritten werden ſollte, fand ſich das groͤßte Hinderniß in ſeinem eigenen Herzen. Wie waͤre es moͤglich geweſen, Hand anzulegen an ſein Heiligſtes auf der Welt?„Nein!“ rief er aus:„nimmermehr! Ein Thor bin ich geweſen, ein heilloſer Thor, daß ich dies nicht vorausſehen konnte. Ich ha⸗ be Ottilien der geweihten Stäͤtte ihres Schlum⸗ mers entriſſen, ohne eine andere fuͤr ſie finden zu koͤnnen!“ Verzweifelnd ſtuͤrzte er neben dem Sopha zu Boden, auf welches der Leichnam gelegt worden war. Umſonſt ſuchte der theilnehmende Diener ihn durch Zureden zu beſaͤnftigen. Sein Wort konnte um ſo weniger Eindruck machen, da auch er nicht wußte, was nun werden ſollte, und den einzigen Vorſchlag, die Leiche wieder * 147 zuruͤck in die Gruft zu ſchaffen, zu wagen an⸗ ſtand. Endlich gerieth noch Wernhold ſelbſt auf dieſen Gedanken und ſprang, ermuthigt davon, empor.„Ja,“ ſprach er:„ſie ſoll zuruͤck an ihren ſtillen Wohnplatz, bleike Du inzwiſchen bei ihr. Ich ſelbſt will eilen, den Todtenaraͤ⸗ ber herauszupochen und ihn auf ihre Ruͤckkehr vorzubereiten, damit kein Hinderniß die Sache erſchwere oder gar verrathe. Mein weſentlicher Aufenthalt ſoln kuͤnftig an ihrer Gruft ſeyn, ſo lange, bis das Leben ſeine ungerechten Anſpruͤ⸗ che aufgiebt auf den, der ja doch dieſer Todten allein angehoͤrt.“ 24. Schon hatte der Ungluͤckliche den Mantel umgeworfen, und den Hut ergriffen, da rief der Diener aus:„Herr, ich weiß nicht, ob ich recht ſehe. Es war mir, als finde ſich einige Regung in dem Leichnam.“ „ Gott, heiliger Gott, ſie lebt!“ rief Wernhold, als auch er es wahrnahm. Er ſank vor Freude ſinnlos zu Boden. Bei der Ruͤckkehr ſeines Bewußtſeyns zoͤger⸗ te er aufzuſtehen, um den Glauben, weicher 3 10* 148 ihm daſſelbe geraubt nicht zerſtoͤrt zu ſehen. Al⸗ lein die Wahrheit jenes Glaubens bewaͤhrte ſich. Schon waren Ottiliens Augen aufgeſchlagen. Sprachlos ſtarrte Wernhold hinein in dieſ ſeine Seligkeit. Nur mit der groͤßten Anſtren⸗ gung bezwang er den Ausbruch ſeines Ent⸗ zuͤckens. Aber die Furcht, ſtoͤrend oder gar zerſoͤrend einzuwirken in die allmaͤhlige Ent⸗ wickelung der ſo lange gaͤnzlich gehemmt gewe⸗ ſenen Lebenskraͤfte, brachte ihn doch zu dieſer ſchweren Entſagung. 3 Bald durfte auch ſeine Furcht hieruͤber'ſchwei⸗ gen. Ottilie fing an zu ſprechen. Die Gluͤck⸗ lichen theilten einander das Vorgefallene mit. 4 Die Scheintodte hatte bis zu ihrer Beiſetzung in der Gruft Alles mit angehoͤrt, ohne einer Re⸗ gung faͤhig zu ſeyn. Wie an ihrem traurigen Hochzeittage, war der Gedanke in ihrer Seele geweſen, ihr Retter muͤßte noch erſcheinen in Wernhold. Und ſo war es auch endlich geſchehen, wenn ſchon erſt, nachdem ſie in der kalten Abend⸗. luft ihr Bewußtſeyn gänzlich eingebuͤßt hatte. O wie mancher Ungluͤckliche mag damals wo man in Paris die Menſchen ſo fruͤh, ge⸗ meiniglich ſchon vier und zwanzig Stunden nach — 149 ihrem ſcheinbaren Ableben, begrub, ein ſchau⸗ derhaftes Wiedererwachen im verſchloſſenen Schooße der Erde gefunden haben!— 25. Wernhold hatte Ottilien von den Todten zuruͤckgeholt. Frelon ſchien ihm nicht den min⸗ deſten Anſpruch mehr auf ſie zu haben. Ottilie war ſeiner Meinung. Beide hielten den Vor⸗ fall fuͤr einen der ſo ſeltenen Triumphe, welche der Liebe uͤber die Konvenienz und manche an⸗ dere wunderliche Einrichtung der Menſchen ver⸗ ſtattet worden. Paris und Frankreich mußte freilich verlaſſen werden. Weit entfernt von allem Argwohne gelang⸗ ten ſie auch, unmittelbar auf Ottiliens voͤllige Herſtellung, nach Calais und von da uͤber den Kanal. In London wurde der Bund ihrer Herzen durch Prieſterſegen geheiligt. Wern⸗ holds ausgezeichnetes Talent fand dort die guͤn⸗ ſtigſte Aufnahme, die ehrenvollſte Anerkennung. Es wuͤrde kein gluͤcklicheres Paar auf der Welt gegeben haben, haͤtte Ottilien die Letheſchale gereicht werden koͤnnen. So aber verfolgte ſie in jeder einſamen Minute der Gedanke an den Harm ihres Vaters uͤber das Ungluͤck, dem er 150 ſie durch die Ehe mit Frelon geweiht zu haben fuͤhle. Oft in der vorletzten Zeit war ſie Zeu⸗ gin dieſes Harms geweſen. An ihrem ſoge⸗ nannten Sterbebette hatte ſich der Troſtloſe ein⸗ mal ganz daruͤber ausgeſprochen. Welche Pein mußte das Loos des ungluͤcklichen Mannes jetzt ſeyn, nach ihrem vermeinten Tode! Wernhold fuͤhlte zu zart, als daß ſie ihm ihren heinlichen Kummer lange haͤtte entziehen koͤnnen. Vergebens ſuchte er zu troͤſten. Otti⸗ lie behauptete endlich gradezu, daß ohne das Wiederſehn ihres Vaters kein Gluͤck, kein Frie⸗ de fuͤr ſie auf der Welt ſich denken laſſe. Wernhold, um ſo mehr entſchloſſen, Alles zu thun, was zu ihrer Beruhigung dienen konn⸗ te, da grade ihre Niederkunft nahe war, ſagte hierauf:„Wohlan, mein theures Herz, ſobald Deine Umſtaͤnde es geſtatten, fuͤhre ich Dich zu⸗ ruͤck in dein Vaterland. Paris iſt zu groß, als daß wir, deren Gluͤck die Auſſenwelt nicht ver⸗ mehren kann, kein ruhiges Plaͤtzchen darin fin⸗ den ſollten. Die feierlich, vor mehr als tau⸗ ſend Zeugen Begrabene wird ja doch Nie⸗ mand mehr unter den Lebenden ſuchen! Mein zeitheriger Erwerb macht, daß ich eine Zeitlang leben kann mit Dir, ohne auf neuen denken zu dearfen, und das gerade wird meiner Kunſt foͤr⸗ deerlich ſeyn.“ Ottilie fiel dem geliebten Gatten dankbar † um den Hals. Das vorhabende Gluͤck ſchien ihr aber bei naͤherer Betrachtung ſo groß, daß ſie ſchon am Erreichen deſſelben verzweifelte. Sie beſorgte, entweder das Wochenbette nicht zu uͤberſtehen, oder ihren Vater nicht mehr am Leben zu finden, oder irgend ein anderes Hin⸗ derniß auf dem Wege dahin anzutreffen. Ihre hauptfaͤchlichſte Furcht, das Wochen⸗ bett, uͤberſtand ſie jedoch gluͤcklich. Wernholds Ebenbild laͤchelte ſie in einem kraͤftigen Knaben an, deſſen Geſundheit ſo feſt ſchien, wie die ih⸗ rige, ſo daß die Ueberfahit, recht bald ſtatt fin⸗ den konnte. 7 2656 3 3 Das Geburtland iſt fuͤr jeden, nach eini⸗ ger Abweſenheit dahin Zuruͤckkehrenden der Him⸗ 1 mel, wenn er ein fuͤhlendes Herz, ein ruhiges Gewiſſen hat. Ottilie breitete die Arme ſchon vom Schiffe aus nach der Heimath ihrer Wuͤn⸗ ſche hin. Sie jauchzte beim erſten Tritt auf den vaterlaͤndiſchen Boden. Was ſie hier ge⸗ 152 litten, war Alles zuruͤckgedraͤngt in eine undeut⸗ liche Nebelferne. Dagegen huͤpften die froͤhli⸗ chen Bilder ihrer Kindheit in zauberiſchem Lich⸗ te um ſie her. Sie wurden immer lebendiger, je naͤher ſie der ungeheuren Stadt kamen, wel⸗ che das Ziel ihrer Reiſe war. Da Wernholds alter Diener in London ſein Grab gefunden, ſo war Niemand mitgenom⸗ men worden, als eine Waͤrterin fuͤr den Klei⸗ nen, die keine Ahnung von ihren fruͤhern Ver⸗ haͤltniſſen hatte, auch nicht einen franzoͤſiſchen Laut verſtand. Sie ſtiegen ab in einem von Ottiliens Va⸗ ter und deren vormaligem Gatten weit entfern⸗ ten Viertheile der Stadt, wo Wernhold ſo gluͤck⸗ lich war, ein in der Mitte eines angenehmen Gartens gelegenes Haͤuschen zu finden, welches ihm und ſeiner Gattin wie gemacht fuͤr ihre Be⸗ duͤrfniſſe und ihr Gluͤck erſchien. Ottiliens Lieblingswunſch, der Wunſch, deſſen Erfuͤllung ihrer Ruhe ein dringendes Be⸗ duͤrfniß war, fand ſich wirklich erfuͤllt; ihr Va⸗ ter war noch am Leben. Wernhold hatte ſelbſt dieſe Nachricht eingezogen. Unſchluͤſſig, auf welche Weiſe man ſich ihm naͤhern ſolle, uͤber⸗ . 153 ſegte man hin und her. Ein Brief haͤtte den Vater vor Zeugen treffen und das Geheimniß, wo nicht ganz verrathen, doch auf irgend eine Weiſe gefaͤhrden koͤnnen. Noch weniger rath⸗ ſam ſchien Beiden die Anwendung eines frem⸗ den Unterhaͤndlers. Gleichwohl fuͤrchtete Ottilie einen allzugroßen und erſchuͤtternden Eindruck auf ihren Vater zu machen, wenn ſie ohne alle Einleitung ſich ihm zeigte. Schon der Anblick Wernholds mußte, nach ihrer Meinung, ſehr ſtoͤrend auf ſeine Ruhe einwirken Indeſſen ward man am Ende doch einig, daß die Einlei⸗ tung immer am beßten und ſicherſten durch ihn geſchehen koͤnne. 5 27* Noch an demſelben Abende ging Wernhold in das Meilerſche Haus. Es erſchuͤtterte ihn heftig, als beim Hinaufſteigen grade Frelon her⸗ untergeleuchtet wurde. Er erkannte ihn an der Stimme, ehe er ihn noch ſah. Aber ſeinem Fuße fehlte die Kraft zur Ruͤckkehr. Er zog vor, bei ihm voruͤberzugehen, weil er ſo weni⸗ ger verdaͤchtig zu werden fuͤrchtete. In ſeinen Mantel aber huͤllte er ſich doch dergeſtalt, daß Fre⸗ 154 lon aufmerkſam wurde und ihm die Treppe hin⸗ auf noch lange nachblickte. Frelon ſah uͤbrigens aͤuſſerſt blaß und kraͤnklich aus. „War das nicht der Maler, der ſeinen Herrn und mich abgebildet hat?“ hoͤrte Wern⸗ hold halblaut, aber deutlich genug, den Hinun⸗ tergehenoen fragen. Der Bediente entſchuldig⸗ te ſich mit der Unwiſſenheit, weil zur Zeit ſei⸗ nes Eintritts in den Meilerſchen Dienſt, dieſe Bilder ſchon fertig an der Wand gehangen. „Willkommen!“ rief der Kaufmann Mei⸗ ler Wernholden entgegen, der ſich unter ſeinem Namen hatte melden laſſen. Heftig zitternd reichte er ihm dabei die Hand. Auch uͤbergoß ploͤtzlich eine grauweiße Leichenfarbe ſein ganzes Geſicht. Ueberhaupt hatte er fuͤr die kurze Zeit, daß ſie einander nicht geſehen, wohl um zehn Jahre gealtert. „Lieber Wernhold,“ begann er endlich: „Sie waren hoͤchſt beklagenswerth, Sie und meine gute, ſelige Ottilie. Beide waret Ihr's durch mich. Darum wird Ihnen die Zeit den Harm wieder abnehmen, wenn es nicht ſchon geſchehen iſt. Aber der Harm uͤber nicht mehr zu loͤſende Schud iſt ein unvergaͤngliches Leid. Den 6 155 nimmt keine Zeit, keine Ewigkeit von mir. Se⸗ hen Sie Wernhold, ſo jammere, ſo zittere ich immer, wenn ich allein bin!“ „Armer Mann!“ ſprach der Kuͤnſtler, ihm die Hand druͤckend.„Wie aber, wenn ich es waͤre, der Ihren Harm beſchwoͤren, der die Ru⸗ he zuruͤckfuͤhren koͤnnte in Ihr krankes Herz?“ „Nein, guter Wernhold, die Todten kehren nicht wieder!“ „Die Todten— nicht, aber:— theu⸗ rer Mann, eben der Schmerz, der Sie nieder⸗ beugt, giebt Ihnen eine der erſten Stellen in meinem Herzen. Es gilt aber hier ein Geheim⸗ niß, eine Sache, die nie uͤber Ihre Lippen kom⸗ men darf. Schwoͤren Sie mir, das Geheim⸗ niß zu bewahren, und ich verbuͤrge Ihnen die groͤßte Linderung ihres peinlichen Zuſtandes.“ „Wernhold,“ entgegnete der Gebeugte:„kei⸗ ne leeren Troſtesworte! Ich bin ſchwach gewor⸗ den an Leib und Seele, aber doch nicht ſchwach genug, um nach Ottiliens Tode noch auf eine ruhige Lebensſtunde zu rechnen.“ „Wie aber, Vater, wenn Ottilie nicht geſtorben waͤre?“ 136 Der junge Mann ſah ihm dazu ſo feſt in's Geſicht, daß Meiler ihn anſtarrte und ſich uͤber die Stirne ſtrich, als ob er fuͤrchte, in Wahn⸗ ſinn verfallen zu ſeyn. „Ja, Vater! Ottilie iſt gerettet; ſie lebt. Das Grab hat Ihre Schuld geloͤßt. Die Sie mir vorenthielten, habe ich durch das Grab er⸗ halten. Ein bloßer Scheintod.“— Dieſes Wort gehoͤrte dazu, der Aufrichtig⸗ keit im Geſicht des Troͤſters Beſtaͤtigung zu ver⸗ leihen. Wernhold erzaͤhlte. Die Freude wirkte laͤhmend nach ſo tiefer Verzweiflung auf den Hausherrn. Er ſank nieder auf einen Seſſel. Doch ließ er Wernholds Hand nicht aus der ſeinigen. 3 Während Wernhold die Luͤcken in ſeiner vorigen Erzaͤhlung ausfuͤllte, ermannte ſich der gleichſam Neugeborne, raffte ſich auf und be⸗ ſchwor am Halſe des Schwiegerſohns, die treue⸗ ſte Bewahrung des Geheimniſſes. Darauf ging er mit Wernhold hinweg. Auf einer der naͤchſten Straßen ſtiegen ſie in einen Miethwagen und fuhren zu Ottilien, de⸗ ren Seligkeit, wie die ihres Vaters, uͤber alle Beſchreibung ging. 157 Von Frelon war die Rede nur beilaͤufig Er war kaum erſt von einer ſchweren Krankheit ge⸗ neſen, und die Aerzte fuͤrchteten ſehr, daß der Schlag, welcher ihn getroffen, mit verſtaͤrkter Macht zuruͤckkehren und ihn dann gar hinweg⸗ raffen moͤchte. Bis tief in die Nacht blieben die Wieder⸗ vereinten beiſammen. 23. Am folgenden Morgen fuhr Herr Meiler erſchrocken von ſeinem Fruͤhſtuͤck auf, als ſein Hausgenoſſe, Frelon, der doch gar kein ſeltener Beſuch war, in's Zimmer trat. Aber wie ſehr hatte ſich auch das Verhaͤltniß zwiſchen den bei⸗ den Maͤnnern ſeit geſtern geaͤndert. „Lieber Vater,“ begann der Hausgenoſſe und Handlungstheilhaber:„diesmal iſt's Neu⸗ gier, was mich ſo fruh ſchon zu Ihnen fuͤhrt. Ein Mann, der, wie es ſchien, abſichtlich ſein Geſicht in dem Mantel verbarg, begegnete mir ge⸗ ſtern Abend hier auf der Treppe. Ich hielt ihn fuͤr den naͤmlichen Maler, der uns das Bild⸗ niß unſerer Verewigten ſchuldig blieb. Iſt er etwa hier geweſen?“ 158 „Ja wohl,“ antwortete Herr Meiler, mit groͤßter Muͤhe ſeine Faſſung behauptend.„Nach langer Abweſenheit von Paris hat er geglaubt, mich beſuchen zu muͤſſen.“ „Und wo hat er ſich aufgehalten bis jetzt?“ „Jenſeit des Kanals. In London, wenn ich nicht irre.“ „Hm! das traͤfe!— Iſt er verheirathet?“ „Kann nicht ſagen.“ „Schon vor mehreren Monaten kam einer meiner Freunde aus London zuruͤck, welcher mich verſicherte, waͤre er nicht ſelbſt bei dem Begraͤb⸗ niſſe unſerer Seligen zugegen geweſen, ſo haͤtte er darauf geſchworen, daß ſie ihm in London begegnet ſey. Auf naͤhere Erkundigung wiſſe er jedoch, daß dieſe Frau einen deutſchen Maler zum Gatten habe. Er hate ſich des Letztern Namen aufgezeichnet, der Seltſamkeit, der ſo großen Aehnlichkeit wegen, und richtig, es war Wernhold, mit dem wir jene befrembliche Sce⸗ ne erlebten. Wird er hier in Paris verweilen?“ „Vermuthlich iſt er ſchon wieder abgereiſt! antwortete der außerſt Betroffene. 1 Zum Gluͤck ſchrieb Frelon dieſe Betroffen⸗ heit auf Rechnung des gepeinigtsi Baterher⸗ 159 zens, welches ſchon ſeither durch die geringſte Erinnerung an die fuͤr abgeſchieden Geachtets, immer ſchmerzlich verwundet worden. G „Schade, ewig Schade!“ rief Frelon aus: „denn aufſuchen haͤtte ich ihn muͤſſen; hoͤren wenigſtens haͤtte ich muͤſſen, wie er zu dem Eben⸗ bilde unſerer Ottilie gekommen, wenn er ſie hier nicht ſelbſt bei ſich gehabt. Ich bedaure ſehr, daß ich ihn geſtern Abend nicht anredete. Sie haͤt⸗ ten aber nur auch ſehen ſollen, wie ſcheu und abſichtlich er mir ſein Geſicht entzog.“ Als Frelon ihn verlaſſen hatte, ging der wuͤrdige Alte lange troſtlos auf und nieder. Wie leicht konnte der Zufall Wernholden und ſeinen vorigen Schwiegerſohn zuſammenfuͤhren; wie leicht bei dieſer Neugier des Letztern, Alles ent⸗ deckt werden, wenn das Zuſammentreffen ſtatt fand!— 29. Herr Meiler ging aus. Er nahm unterwe⸗ ges wieder einen Fiaker und fuhr damit in ſei⸗ ner Kinder Wohnung. Die Nachricht, welche er brachte, ſetzte Ottilien mehr in Schrecken, als Wernholden. Dieſer ſagte:„Nun denn, ich 160 nehme den aͤußerſten Fall an, wenn es, was ſehr unwahrſcheinlich iſt, bei unſerer Eingezogen⸗ heit, wenn es zur Entdeckung käͤme, wie moͤch⸗ te nicht das Recht auf unſerer Seite ſeyn und alle Anſpruͤche des erſten Gatten ſogleich zuruͤck⸗ weiſen? Das Mittel dazu, der Prozeß, iſt das Schlimme; keinesweges das Urtel; das muß zu unſern Gunſten ausfallen. Herr Frelon hat ſeine Gattin begraben laſſen. Ein Anderer nimmt ſie als eine Todte. Der Gott der Liebe fuͤhlt Mitleid mit ſeiner gluͤhenden Leidenſchaft und haucht der Todten neues Leben ein. Die erſte Ehe iſt durch das Begraͤbniß geloͤſ't. Sie iſt ohne Kinder. Die zweite, durch wechſelſei⸗ tige Liebe geheiligte Verbindung, iſt mit einem Kinde geſegnet. Welcher Richtet koͤnnte da wohl fuͤhllos genug ſeyn, Ottiliens zweite Ehe, zur Erhaltung der erſten vernichten zu wollen?“ Wernhold ſprach noch viel uͤber den Gegen⸗ ſtand. Er fuhrte unter andern auch den Zettel an, in welchem Ottilie ihn auf das Wiederſe⸗ hen jenſeit des Grabes verwieſen hatte. Der Zettel war mit Frelons Bewilligung an ihn ab⸗ gegangen und dieſes Jenſeit bereits erfolgt. Denn Ottilie war ſchon wirklich begraben geweſen.— 161 Wernholds warmes Gefuͤhl ſprach dabei ſo uͤber⸗ zeugend, daß Beiden, Ottilien und deren Va⸗ ter, ſeine Vorſtellungen voͤllig einleuchteten und Beide viel ruhiger wurden, als zuvor. Gleich⸗ 4 wohl bewog der Vater Wernholden zur Annah⸗ me eines andern Namens fuͤr die naͤchſte Zeit, wegen ſeiner engen Geſchaͤftsverbindung mit Frelon. 3C. 8 Anfangs kam der Großvater woͤchentlich nur zweimal, aber ſtets in einem Miethwagen, nie mit der eigenen Equipage zu ſeinen Kindern. Doch fuͤr die lange Entbehrung der geliebten Tochter, fuͤr die bittere Verzweiflung uͤber ihren Verluſt, glaubte er bald eine reichere Entſchaͤdigung ſich erlauben zu koͤnnen. Daher brachte er in der Folge alle Abende bei Wernholds zu, und war nie gluͤcklicher, als wenn er zeitig genug kam, um die Augen des kleinen Enkels noch offen zu finden und ihn in ſeinen Armen zu wiegen. Im Hauſe fing ſeine veraͤnderte Lebensweiſe an aufzufallen. Sonſt war der Mann Abends nicht aus dem Zimmer zu bringen geweſen. Jetzt fand ihn Niemand mehr zu Hauſe. 11 — 9————— O[O— 162 Das Geſinde wollte doch auch wiſſen, was das zu bedeuten habe. Man beobachtete. Man ſchlich ihm mehrmals nach bis zu dem Fiaker. Die Miethkutſcher wußten ſeinen Weg bald aus⸗ wendig, ſo daß er kein Wort mehr zu ſagen brauchte, wenn er einſtieg. Daher kam es denn auch bald im ganzen Hauſe herum, daß der Herr ſeine Abende in einem einſamen Garten⸗ hauſe zubringe. In den, dieſem nahegelegenen, Haͤuſern fiel die Sache gleichfalls auf, und man ziſchelte ſich wenig Gutes von dieſen Beſuchen in's Ohr. Der bejahrte Mann ſollte eine geheime Lieb⸗ ſchaft mit der jungen, ſchoͤnen Frau irgend eines Abentheurers unterhalten, von dem kein Menſch wiſſe, was eigentlich ſein Treiben ſey. Das Alles war um ſo ſeltſamer, da Herr Meiler nie in ſeinem Leben einen Hang zur Ausſchweifung bewieſen hatte. Indeß entſchul⸗ digten ihn die Meiſten doch damit, daß un⸗ 3 fehlbar Alles dem Verluſte ſeiner innigſtgelieb⸗ ten Tochter zuzuſchreiben ſey, und daß er, um nur einigermaßen ſich zu zerſtreuen, dieſe Le⸗ bensart ergriffen habe, welche mit ſeinem Cha⸗ * 163 rakter, wie mit ſeinen Jahren, in ſo auffallen⸗ dem Widerſpruche ſtehe. 31. Das Herz blutete dem wackern Manne, als ihm dieſes Geruͤcht zufaͤllig zu Ohren kam. Die Ehre ſeiner Tochter, ſeines Schwiegerſohns, war, durch ihn ſelbſt bloßgeſtellt. Jetzt, meinte er koͤnnte ſein und Frelons Verhaͤltniß nicht fer⸗ ner geſchont, es maͤſſe das faͤlſchlich fuͤr licht⸗ ſcheu geachtete Geheimniß an den Tag gezogen, und ſo die Rechtfertigung dreier Menſchen be⸗ wirkt werden, welche ſich keiner Vergehung be⸗ wußt waren. Je laͤnger ſein taͤglicher Umgang mit dem Paare gedauert hatte, deſto feſter war er von Wernholds Meinung uͤberzeugt worden, daß die Ungerechtigkeit ſelbſt da zu Gericht ſitzen muͤſſe, wo ſeine Tochter nicht Wernholden, ſon⸗ dern Frelon zugeſprochen wuͤrde. Um indeſſen ganz ſicher zu gehen, fuhr er eines Morgens zu einem der beruͤhmteſten und rechtlichſten Sachwalter der Stadt, den er oft ſchon in ſeinen Angelegenheiten zu Rathe gezo⸗ gen hatte. Er erzaͤhlte ihm die Geſchichte Ot⸗ 11 6 164 tiliens, als eine nur inſofern ihn angehende Be⸗ gebenheit, weil der Vater der durch die Gruft von ihrem erſten Gatten Geſchiedenen, ein guter Bekannter von ihm ſey. Aber der Rechtsgelehrte, der aus der un⸗ willkuͤhrlichen Waͤrme, womit der Erzaͤhler die Sache der zweiten Ehe verfocht, wohl abnahm, wen er vor ſich hatte, gab ihm achſelzuckend einen hoͤchſt niederſchlagenden Beſcheid. „So waͤren denn,“ rief der Erbleichende aus:„unſere Geſetze nichts weiter, als ein jaͤmmerlicher, ein fluchwuͤrdiger Deckmantel des heilloſeſten Unrechts, da ſie Entſcheidungen ge⸗ ben, die allen menſchlichen Gefuͤhlen Trotz und Hohn ſprechen!“ „Sie irren,“ verſetzte der theilnehmende Rechtsfreund.„Der vorliegende Fall gehoͤrt freilich zu denjenigen, wo das Geſetz dem Ge⸗ fuͤhle nicht beiſtehen kann, ſo maͤchtig auch die Stimme des letztern an jede Menſchen⸗ bruſt anſchlaͤgt. Allein der erſte Gatte darf auch Anſpruch auf das neue Leben ſeiner Gattin „machen. Das Grab, ohne den wirklich erfolg⸗ ten Tod, konnte das Sakrament der Ehe nicht aufloͤſen. Es war immer eine Vergehung, eine ſchwere Vergehung, was das Wiederaufleben der Begrabenen veranlaßte. Daß dieſe Verge⸗ hung gluͤckliche Folgen hatte, kann unmoͤglich dem zu gut kommen, der die Vergehung be⸗ ging. Was darauf folgte aber, die zweite Ehe,. iſt ein Verbrechen, da die erſte nicht geloͤſet war, auch nach den Geſetzen unſerer Kirche nicht geloͤſ't werden kann.“ „Ihrer Kirche!“ rief der Tieferſchuͤtterte heftig.„Sie vergeſſen, daß die Frau eine Pro⸗ teſtantin iſt, wie ihr erſter Gatte.“ „Armer Mann,“ ſprach der Anwald fort⸗ dauernd mit großer Gelaſſenheit und inniger Theilnahme:„Sie vergeſſen vielleicht, daß Sie mir weder den Vater, noch einen der Gatten genannt haben. Daß dieſe, auf die mich ihre Leidenſchaft ſchlieſſen ließ, der proteſtantiſchen Kirche zugethan ſind, bedachte ich freilich nicht ſogleich. Indeſſen wird auch das in der Haupt⸗ ſache, und ohne den freiwilligen Zu⸗ ruͤcktritt des erſten Gatten, ſchwerlich eine Aenderung bewirken. Der troſtloſe Vater ſah jetzt, daß ſeine Lei⸗ denſchaft Alles verrathen hatte. Er beſchwor den Mann, das Geheimniß in ſeiner Bruſt zu 166 bewahren, fuͤhrte uͤbrigens noch zuletzt, als einen Beweis fuͤr die Guͤltigkeit der zweiten Ehe, den mit Frelons Zulaſſung abgeſendeten Zettel an, wodurch Wernhold auf das Wiederſe⸗ hen jenſeit des Grabes vertroͤſtet wurde. „Beßter Mann,“ rief der Rechtskundige: „die Sophiſtereien der Leidenſchaft werden vor keinem Tribungle zu Beweiſen dienen. Das Jenſeit, von dem auf jenem Zettel die Rede war, kann nur von der Ewigkeit zu verſtehen ſeyn. Kein Unbefangener wird ihm eine ande⸗ re Erklaͤrung geben. Und ich ſetze den, ſehr unglaublichen, Fall, der Richter wollte ſich wirk⸗ lich Ihre Auslegung des Wortes Jenſeit ge⸗ fallen laſſen, ſo koͤnnte er doch unmoͤglich die Worte: Wiederſehen und Beſitz fuͤr gleichbedeutend erklaͤren.“ „Nun, denn,“ ſagte der Niedergeſchlagene: „ſo ſuchen Sie bei Frelon den Antrag auf ſeinen Zuruͤcktritt behutſam einzuleiten. Es iſt ja kaum moͤglich, daß der Mann auf den Wieder⸗ beſit meines Kindes beſtehen kann, ſobald er von Ottiliens entſchiedener Neigung fuͤr den unterrich⸗ tet wird, welcher ſie im eigentlichen Verſtande 167 den Armen des Todes abgerungen hat.“ „Ich ſelbſt ſollte das meinen!“ erwiederte der Rechtsgelehrte. Uebrigens bat er noch um einige Tage Zeit, das rechte Angreifen der ſchwierigen Sache in ſorgfaͤltige Ueberlegung zu ziehen.— 32. Mit Wernholds Bewilligung war Herr Mei⸗ ler zu dem Rechtsfreunde gegangen. Er ſah voraus, daß ſie auf den Erfolg aͤuſſerſt geſpannt ſeyn wuͤrden. Um das Paar nicht zu erſchrecken, nahm er ſich daher vor, von dem, was ihm uͤber den ungluͤcklichen Gang der Angelegenheit, im Fall eines Prozeſſes, geſagt worden, nichts zu aͤuſſern, ſondern nur im Allgemeinen zu ſa⸗ gen, daß der Rechtsgelehrte ihm guten Troſt ge⸗ geben, zuvoͤrderſt aber den Verſuch einer Unter⸗ handlung vorgeſchlagen habe, um ſo alle un⸗ noͤthige Oeffentlichkeit moͤglichſt zu vermeiden. Als Herr Meiler dieſes Abends ausgefuͤhrt hatte, fiel Ottilie tiefgeruͤhrt ihm um den Hals und rief:„Gott ſey Dank, mein Vater, daß Sie der Hoffnung auf die Fortdauer und Feſtſtel⸗ . 1 168 lung meines Gluͤckes durch Ihr jetziges Wort die rechte Kraft verliehen haben. Denn ich will Ihnen nur geſtehen, und Dir, mein Wern⸗ hold, auch, was zeither recht oft zum nagenden Wurm an meiner Zufriedenheit geworden iſt. Dieſe Heimlichkeit naͤmlich, dieſes Verſtecken unſeres reinen, unſtraͤflichen Wandels vor der Welt. Mußte es mir nicht vorkommen, als ob unſer ganzes Daſeyn allein ſchon Suͤnde ſey, da wir nur verborgen vor unſern Mitbuͤrgern, unter dem ſchauerlichen Schutze eines falſchen Namens, hier zu leben wagten?— Und das war noch nicht mein groͤßter Kummer. Wie aber, dachte ich oft, wie wenn die Umſtaͤnde auch dieſe Verborgenheit nicht laͤnger geſtatteten? Wenn irgend ein Zufall unſern eigentlichen Na⸗ men an's Licht zoͤge, und wir vielleicht wieder hinuͤber muͤßten uͤber das Meer, Zuflucht zu ſu⸗ chen in dem Lande, das uns fruͤher eine Frei⸗ ſtaͤtte darbot? O mein theurer Gatte, zuͤrne mir nicht, wenn ich Dir zum erſtenmale das Geſtaͤndniß thue, daß ich weit lieber unter der Erde meines heitern Geburtslandes den Todes⸗ ſchlaf ſchlummern, als in jenen Regionen des ewigen Nebels mein Leben fortfuͤhren moͤchte, 169 Nicht aus Abneigung vor den edeln Bewohnern der, in mannichfacher Hinſicht herrlichen Inſel. Aber nimmermehr wuͤrde ich mich an die dorti⸗ gen Sitten und Gewohnheiten gewoͤhnen, ja nicht einmal in dem mir ſo lieben Deutſchlan⸗ de; mit einem Worte, nirgend wuͤrde mir voll⸗ kommen wohl werden koͤnnen, als in dem Lan⸗ de, das meiner Kindheit laͤchelte.“ „O meine theure Ottilie,“ rief Wernhold aus:„vergebens meinteſt Du mir zeither Deinen Widerwillen vor dem Aſyl unſerer Liebe verborgen zu haben. Ich bemerkte Dein Seufzen gar oft im Stillen. Wohl uns daher, daß wir Hoff⸗ nung haben, nun bald in dieſer geliebten Stadt aller Welt unter die Augen gehen zu duͤrfen! Auch ich laͤugne nicht, daß mich der jetzige Zu⸗ ſtand bisweilen niederbeugte.“ Dieſe und aͤhnliche Aeuſſerungen erſchwerten dem liebenden Vater das Herz zwiefach; ein⸗ mal, weil die Zuverſicht, mit der er den glüͤck⸗ lichen Ausgang ihrer Angelegenheiten verkuͤn⸗ digt hatte, auf nichts, als ſeiner Hoffnung des Gelingens der mit Frelon anzuknuͤpfenden un⸗ terhandlung und auf dem Wunſche beruhte, die Seinigen bei Muth und Faſſung zu erhalten, 170. und dann, weil es nichts weniger als ausge⸗ macht war, daß das Paar nie wieder das Eiland werde aufſuchen muͤſſen, welches ſeine geliebte Tochter mehr ſcheuete, als den Tod. Je ſchwerer es ihm ward, ſich wirklich in die gluͤckliche Stimmung ſeiner Lieben zu ver⸗ ſeten, deſto eher ſchied er dasmal von ihnen, 33. Frelon machte ſich inzwiſchen ganz eigene Ge⸗ danken. Auch er hatte natuͤrlich von der Auslegung gehört, welche die Abaͤnderung der Lebensweiſe ſeines Handlungstheithabers erfuhr. Noͤglich konnte es freilich ſeyn, daß die Auslegung rich⸗ tig war. Allein die jetzige ſtete Heiterkeit des Mannes blieb Herrn Frelon unerklaͤrbar. Eine Zerſtreuung der Art, wie man ſie ſeinem Schwiegervater andichtete, konnte einen, ſonſt immer ſo beſonnenen Mann hoͤchſtens in den Augenblicken, wo ſie wirklich Statt fand, zum Vergeſſen ſeiner felbſt bringen. Aber um einen ruhigen Lichtglanz auf einmal uͤber ſein ganzes Leben zu verbreiten, dazu reichte ſie ſchwerlich hin. Ja, ſie waͤre vielmehr unfehl⸗ 4 ————†;, ———— —xE— ₰ 171 bar ſeiner Ruhe im Allgemeinen hinderlich ge⸗ weſen. Im Nachdenken daruͤber fiel Frelon der Abend ein, an dem er Wernholden auf der Treppe begegnete, und daß von dieſer Zeit an das Aufhoͤren der Betruͤbniß des Hausherrn um ſeine Tochter angegangen ſey. Wernhold war zuvor in London geweſen und dort mit einer Frau geſehen worden, ſeiner verſtorbenen zum Verwechſeln aͤhnlich. Die Erzaͤhlung dieſes Um⸗ ſtandes hatte einen auffallenden Eindruck auf Ottiliens Vater gemacht.— Das Alles zuſam⸗ men bewog Herrn Frelon, das Haus gleichfalls auszuſpuͤren, wo Herrn Meilers Liebſchaft woh⸗ nen ſollte. Dieſes wurde ihm leicht. Er ging daher eines Tages gradezu in den Garten, fragte den Gaͤrtner nach dem Maler Wernhold, hoͤrte aber, daß einer dieſes Na⸗ mens ſich hier nicht aufhalte. Herr Frelon verweilte laͤnger, als nöthig ge⸗ weſen waͤre, um vielleicht von den uͤbrigen Be⸗ wohnern Jemand wahrzunehmen. Vergebens. Darauf fiel ihm ein, das Haus eines ſeiner Bekannten in der Nachbarſchaft zu beſuchen, 1722 von welchem aus der Garten ſich, mit Huͤlfe eines guten Glaſes, ganz uͤberſehen ließ. Und ſiehe da, von hieraus erblickt er wirk⸗ lich ein Frauenzimmer im Garten, das er fuͤr ſeine verſtorbene Gattin erkennt. Bald darauf ſieht er auch einen Mann ihr entgegenkommen; Wernholden, offenbar Wernholden. Nur mit Muͤhe widerſteht er ſeinem in⸗ nern Drange, ſogleich zu dem Paare zu eilen. Um ganz ſicher zu gehen, faͤhrt er nach dem Begraͤbnißplatze. Er begehrt das Aufſchlieſſen ſeiner Gruft von dem Tobtengraͤber. Der Er⸗ ſchrockene fuͤgt ſich in ſein Begehren. Als der Sarg Ottiliens leer gefunden wird, will der Todtengraͤber die Sache auf Diebe ſchieben, wel⸗ che unfehlbar die Leiche ihrer Ringe haͤtten be⸗ rauben wollen. Allein ſein bleiches Geſicht, die lallende Zunge, ſein heftiges Zittern verrathen ihn dergeſtalt, daß der Griff, welchen der Zor⸗ nige nach ſeiner Bruſt thut, ihn ſogleich auf die Kniee niederwirft und zum Bekenntniſſe des ganzen Vorfalls am Begraͤbnißabende noͤthigt. Deer Zuſammenhang der Dinge liegt jetzt ohne Schleier vor dem Gluͤhenden. Er verlaͤßt den Gottesacker und faͤhrt grade zuruͤck nach 173 Wernholds Wohnung. Zum Ungluͤck iſt dieſer nicht zu Hauſe. Ottilie ſtoͤßt einen durchdringenden Schrei aus, als ſie ihren vormaligen Gatten in's Zim⸗ mer treten ſieht. Er ergreift die Bewußtloß⸗ Niedergeſunkene. Ohne irgend ein Hinderniß traͤgt er ſie durch den Garten in ſeinen Wagen, und befiehlt dem Kutſcher, nach Hauſe zu fahren. 3 1 Die Bewegung des Fahrens bringt Ottilien zur Beſinnung.„Keinen Laͤrm, Madam!“ tuft Frelon, als Sie nach ihrem Gatten, nach ihrem Kinde, nach Huͤlfe uͤberhaupt, ſchreit.— „Keinen Laͤrm,“ wiederholt er:„um Ihrer ſelbſt willen. Die Geſetze ſchuͤtzen nur das Recht. Sie ſtrafen das Verbrechen!“ Da verſinkt Sie auf's Neue in die vorige Ohnmacht und wird noch bewußtlos in Frelons Wohnung getragen. Der Anwald, der im Namen des Herrn Meiler mit dem Ankommenden unterhandeln ſoll, wartet ſchon auf ihn. Er erraͤth, was vor⸗ gefallen ſeyn mag, und ſo erſchrocken er auch daruͤber iſt, thut er doch Herin Frelon ſeinen Auftrag kund. 1 174 „Unterhandeln?“ rief dieſer:„das heißt hier ſo viel, als taͤuſchen, nicht wahr? So eben habe ich die paſſendſte Unterhandlung in dieſer Sache ſchon gepflogen.“ Ottilie ſchauerte zuſammen, als ſie in dem ihr ſo wohlbekannten Zimmer zum neuen Leben erwachte. euch doch und gebt der Mutter ihr Kind zuruͤck!“ Frelon— man ſah das: hatte in Beziehung auf bieſes Kind ein ſchreckliches Wort auf der Zunge, aber der qualvolle Zuſtand Ottiliens draͤngte es doch zuruͤck.“ Der Anwald, wohl einſehend, daß das nicht der Zeitpunkt zu den, duich das eben er⸗ jebte Ereigniß ohnehin ſehr erſchwerten Unter⸗ handlungen ſey, ging fort und zu Herrn Meiler. Halb wahnſinnig uͤber ſeinen Bericht eilte dieſer heruͤber in Frelons Wohnung. Die furchtbaren Beſchuldigungen, welche Frelon gegen ihn ausſtieß, gingen voruͤber an ſeinem Ohre. Ottiliens graͤnzenloſes Ungluͤck nahm ihm Sinne und Geiſt gefangen. „Mein Kind, Vater!“ rief ſie mit hohler Stimme:„meinen Gatten!“ —— ——— r——· „Mein Kind!“ flehte Sie:„O erbarmt ———ÿͦÿ——— 173 Sogleich ſchickte Herr Meiler nach Beiden. Das Kind ward gebracht. Wernhold ſtuͤrzte zu⸗ gleich mit herein. Er hatte Piſtolen bei ſich. „Du oder ich!“ rief er aus: eine davon Frelon zureichend. Herr Meiler und ſein Bedienter ſprangen dazwiſchen. „Sie vergeſſen,“ ſprach Frelon:„daß Sie nicht auf der Schaubuͤhne ſtehen?“ „Herr Frelon, ein Wort mit Ihnen al⸗ lein!“— ſagte Ottiliens Vater. „Ich bin zu Dienſten!“ antwortete jener: einem ſeiner Leute heimlich gebietend, ein wachſames Auge auf Ottilien zu haben. „Mein theurer Vater,“ ſo begann Frelon, nachdem er mit dem Hausherrn in ein abgeſon⸗ dertes Gemach getreten war und die Thuͤre hin⸗ ter ſich zugemacht hatte:„verzeihen Sie, wenn meine Hitze Ihnen vorhin wehe gethan. Was ſie geſprochen hat, weis ich nicht, aber ich be⸗ reue ſehr, daß ich ſie zum Worte kommen ließ. Bei kaͤlterm Blute kann i mir den Vater ganz ganz. denken, der unverhofft, wie Sie, die beweinte Tochter wieder findet. Ich kann mir denken 2 5 7 176 daß ſolch ein ſeltenes Gluͤck ihn auch nachſichtig machen kann fuͤr die Schuld der Tochter. „Herr Frelon,“ verſetzte der Andere finſter: „was nennen Sie Schuld?“ „Jede Abweichung von dem, was Recht iſt. Ich, ich war Ottiliens rechtmaͤßiger Gatte. Wenn der hoͤchſt beklagenswerthe Fall eines le⸗ bendigen Begraͤbniſſes vorkommen konnte, ſo iſt der ungluͤckliche Gebrauch der allzufruͤhen Bei⸗ ſetzung daran Ürſache, nicht ich, der Ihre Toch⸗ ter liebte, der ihr nie einen Beweiß vom Ge⸗ gentheil gab. Mußte ſie, wenn keine ſtrafbare Leidenſchaft ſie blendete, nicht, ſtatt in die Ar⸗ me des gluͤcklichen Frevlers, zuruͤckkehren zu ih⸗ rem rechtmaͤßigen Gatten?“ „Sehen Sie wenigſtens daraus,“ entgegne⸗ te Herr Meiler:„daß der, den Sie einen Frev⸗ ler nennen, dem Herzen meiner Tachi gewiß naͤher ſtand, als Sie.“ „Und Sie, Herr Meiler, Sie, der Mann, deſſen reifen Jahren man zutrauen duͤrfte, daß er der Herrſchſucht der Gefuͤhle laͤngſt entwachſen ſey, Sie wollten wirklich eine ernſte Ruͤckſicht auf ſo etwas nehmen? Nur ſehr wenig Men⸗ ſchen ſind noch gluͤcklich geworden durch blinde 177 Leidenſchaft, und daß Sie dem ſchwankenden Strome der Gefuͤhle ſich uͤberlaſſen haben. „Mein Herr,“ verſetzte Meiler:„wie Sie auch davon urtheilen moͤgen, die Umſtaͤnde ſind ſo, daß meine Tochter von Wernhold nicht laſ⸗ ſen kann. Das Kind haben Sie doch bemerkt.“ „Leider, allerdings! das Kind aͤndert nichts, wenn ich nichts aͤndern will. Meine Ehe mit Ottilien iſt auf unſer beiderſeitiges ganzes Leben geſchloſſen; eine geſetzliche Scheidung hat auch nicht ſtatt gefunden, folg⸗ lich war jede anderweite Ehe, von ihr eingegan⸗ gen, ſchon nichtig an ſich ſelbſt, und das Kind, von dem die Rede iſt, iſt ein uneheliches. Maͤßigen Sie ihre Geberde, lieber Vater. We⸗ der Sie, noch Ihre Tochter, wollte ich beleidi⸗ gen. Aber da Sie den einzig wahren Stand der Dinge ganz zu verkennen ſcheinen, ſo muß⸗ te ich ihn Ihnen vor Augen legen. Uebrigens verzeihe ich Ottilien; ich verzeihe ihr Alles. Aber ich verlange, daß ſie meine Gattin ſey, nach wie vor. Und das, daͤchte ich, ware ein Verlangen, billiger, als man es von einem alſo Gemißhandelten erwarten koͤnnte.“ „„Herr Frelon,“ erwiederte ſein Gegner: 12 „ich hoffe wenigſtens, daß Sie unter den hier eintretenden Umſtaͤnden eine Scheidung fuͤr die einzige, ertraͤgliche Auskunft halten werden.“ „Hoffen Sie das nicht. Niemals habe ich ihrer Tochter Urſache gegeben auf Scheidung zu klagen. Darum gehoͤrt ſie mein, und ſoll mein bleiben, ſo lange ich lebe. Oder wollen Sie Klage erheben? Wohl, ſo mag das Gericht ent⸗ ſcheiden, wer Recht hat, ich oder Sie.“ „Bis dahin aber, wo ſoll bis dahin meine Tochter bleiben?“ „Bei Ihnen, wuͤßte ich nicht, wie wenig Sie, von Leidenſchaft geblendet, in dieſer An⸗. gelegenheit mein Recht und Ihre Pflicht erken⸗ nen. Sie mag dieſe Zimmer hier inne behal⸗ ten, bis auf die Klage, welche Sie, oder Otti⸗ lie, gegen mich erheben wollen, der richterliche Ausſpruch erfolgt iſt.“ „Als Gefangene wollten Sie alſo bis da⸗ hin mein armes, ungluͤckliches Kind behandeln?“ „Das will ich gar nicht, wenn ſie ſelbſt es nicht will. Sie kann mit in meinen Zimmern leben. Denn die Frau gehoͤrt zu ihrem Manne. Oder koͤnnten Sie nun gar Ihre Unbiligkeit ſo weit treiben, um mein Zartgefuͤhl zu ſchelten, 179 welches allein es iſt, was Ihrer verirrten Toch⸗ ter, bis zu ausgemachter Sache von mir abgeſon⸗ derte Zimmer anweiſ't?— Verwahrung iſt noth⸗ wendig bei den Umſtaͤnden und Geſinnungen, die mir feindlich gegenuͤber ſtehen. Ich muß verhin⸗ dern, daß meine Gattin, von Leidenſchaft be⸗ thoͤrt, zum zweitenmale nach England fluͤchtet, wo ſie mir diesmal gewiß verloren ſeyn wuͤrde. Das Kind mag bei ihr bleiben. Sehen Sie daraus, wie nachſichtig, wie leidend ich mich in der Sache zu verhalten denke.“ Herr Meiler wußte nicht mehr zu antwor⸗ ten, nicht mehr ſich zu benehmen. Die kalte, ruhige Beſonnenheit in Frelons Rede war ihm weit unertraͤglicher, als ſeine Hitze. Beide kehrten zu den Uebrigen zuruͤck. Ot⸗ tilie und Wernhold waren außer ſich uͤber das Reſultat der Beſprechung. „Morgen fruͤh ſehe ich Dich wieder, mein Kind!“— ſagte Herr Meiler im Fortgehen troͤſtend zu Ottilien. 4 „Beſuchen Sie meine Gattin, ſo oft Sie wollen, lieber Vater,“ fiel Herr Frelon ein. „Nur die wenige Zeit nicht, in der nothwendige Geſchaͤfte mich abhalten, Sie einzufuhren.“ 12* 180 Wernhoèd blieb lange auf dem Zimmer ſei⸗ nes Schwiegervaters. Sie erwogen die be⸗ denkliche Angelegenheit von allen Seiten. Kein Ausweg, als durch Unterhandlung. Sie eilten mit einander zu dem Rechtsfreunde, der ihnen mit Hand und Mund das Moͤgliche verſprach; zumal da Herr Meiler ihm den Wink gab, wenn vielleicht durch große Summen eine Sin⸗ nesaͤnderung des fuͤr geitzig allgemein anerkann⸗ ten Frelon zu bewirken ſeyn wuͤrde, in ſeinem Namen Alles zu bewilligen. 34 d Acht Tage dauerten bereits die Traktaten. Aber vergebens hatte der Anwald große Ent⸗ ſchaͤdigung geboten. Vergebens hatte Otti⸗ lien und Wernhold ihre blutenden Herzen in Briefen vor Frelon ausgeſchuͤttet. Er blieb un⸗ erſchuͤtterlich. Mit ſtets gleicher Kaͤlte antwor⸗ tete er, daß der Sturm in ihren Briefen und die ruhigen Gruͤnde in den ſeinigen dem Unbefan⸗ genen am beßten beweiſen koͤnnten, wer Recht und wer Unrecht habe. Da ſie auf dieſe Weiſe nicht leicht zum Ziele kommen wuͤrden, ſo hiel⸗ te er's fuͤr das, beiden Theilen Rathſamſte und 1 Erſprießlichſte, wenn ſeine Gegner Klage erhs⸗ ben, damit nur eine rechtliche Entſcheidung er⸗ folgen koͤnne. Der Sachwalter bat ſie um Gottes⸗, um ihrer Ruhe willen, es darauf nicht ankommen zu laſſen. Lieber wolle er ſeine Verſuche, auf den offenbaren Geiz des Herrn Frelon zu wir⸗ ken, noch fortſetzen. Die Haͤlfte ſeines ganzen Vermoͤgens hatte Herr Meiler ihm ſchon bieten laſſen fuͤr ſeine Tochter. Vergebens. Endlich erklaͤrte ſich der Hart⸗ naͤckige doch dahin, daß er zuruͤcktreten wolle, wenn Herr Meiler all ſein Eigenthum in ihrer gemein⸗ ſchaftlichen Handlung ihm uͤberlaſſe. Gemein⸗ ſchaftlich ferner mit einander zu handeln ſey, ſchrieb Frelon, ihm, nach Aufloͤſung des Bandes zwi⸗ ſchen Ottilien und ihm, unmoͤglich. Gleich⸗ wohl koͤnne er ſich auch nicht entſchließen, den zeithe gen Handlungfonds auf die Haͤlfte her⸗ abſchmelzen, und ſich in ſeinen Geſchaͤften ohne ſeine Schuld beſchraͤnkt zu ſehen. „Nein, nein!“ rief Meiler, als dieſer Brief anlangte:„dieſes Verlangen iſt allzu⸗ ruchlos. Außer dem unfruchtbaren Steinhau⸗ fen, den ich bewohne, habe ich nichts, was nicht in meinem Handelsgeſchaͤfte laͤge. Soll ich, nach ſo vieler Muͤhe und Arbeit, nach ſo mancher ſchlafloſen Nacht, endlich als ein Bett⸗ ler aus der Handlung treten, deren anſehnlichen Ruf mein Vater ſchon begruͤndet? Nimmer⸗ mehr!“ Allein ſo unglaublich groß auch ſeine fernern Erbietungen an Frelon waren, ſo beharrte letz⸗ terer doch mit der gewoͤhnlichen Kaͤlte darauf, daß dies das einzige Mittel ſey zu einem Ver⸗ gleiche in dieſer Angelegenheit. Auſſerdem muͤſ⸗ ſe er darauf dringen, daß nun endlich die ge⸗ richtliche Klage gegen ihn erhoben werde, weil der jetzige ungewiſſe Zuſtand ihm uͤberaus laͤſtig falle.— Ja, er hatte ſogar gegen den Sach⸗ walter gradezu darauf hingedeutet, daß wenn Nichts geſchehe und Vater und Tochter ſich auch nicht fuͤgen wollten in das, was Recht ſey, er ſelbſt genoͤthigt waͤre, Ottilien, ſeine Gattin, wegen des Verbrechens der doppelten Ehe gerichtlich zu belangen. Unter dieſen Umſtaͤnden beſtuͤrmten Wern⸗ hold und Ottilie Herrn Meiler ſo lange, bis er ſich endlich entſchloß, der ungeheuern Forderung nachzugeben. 183 „Dieſe Sache iſt mein Tod!“— ſagte er, als er dem Anwalt die Vollmacht zum Abſchluſſe gab.„Allein ich muß mich dazu entſchlieſſen.— Machen Sie nur, daß der bos⸗ hafte, niedrige Frelon gewiß auf die Scheidung von meiner Tochter antraͤgt. Denn wenn ich mich auch zu ſeinem unerhoͤrten Verlangen ſchon jetzt ſchriftlich verbinden will, ſo kann doch die Uebergabe erſt nach erfolgter Scheidung ge⸗ ſchehen.“ Der Rechtsgelehrte erwiederte, daß ſich das von ſelbſt verſtehe. 35. Alles hatte inſofern bald einen ſehr gluͤckli⸗ chen Ausfall, daß die Scheidung wirklich erfolg⸗ te und das Paar von Neuem prieſterlich einge⸗ ſegnet wurde. Aber dem Gluͤcke der Liebenden ſtand, auch nach Beſiegung ſo mannichfacher Hinderniſſe, noch immer des Vaters Truͤbſinn ſtoͤrend gegen⸗ uͤber. Der Kaufmann, der die ganze Lebens⸗ zeit geſonnen hatte, ſeinen Beſitz zu vermehren, konnte ſich an den erlittenen Verluſt durchaus nicht gewoͤhnen. Vielmehr war es augenſchein⸗ 184 lich, daß der nagende Kummer daruͤber ſein Leben untergrub. Ottilie machte ſich die ſchrecklichſten Gedan⸗ ken, und Wernhold war fruchtlos bemuͤht, ihr die Vorſtellung aus der Seele zu reden, daß ſie gewiſſermaßen die Moͤrderin ihres Vaters ſey. Die Abende, welche das Paar gemeiniglich mit dem Vater zubrachte, zogen ſich in der Re⸗ gel recht duͤſter und unfreundlich hin. Ein ſol⸗ cher Abend, an dem es durchaus zu keinem lau⸗ ten Worte kommen wollte, war es, als Herr Meiler hinausgerufen wurde, und nur auf einen Augenblick wieder hereinkam, um mit den Wor⸗ ten, daß er bald zuruͤckkehren werde, Hut und Stock zu holen. Vergebens zerbrach man ſich den Kopf uͤber den Zweck ſeines ſo ſpaͤten Ganges. 36. Des Vaters Geficht war lange nicht ſo freundlich geweſen, als nach ſeiner Ruͤckkehr. Frelon hatte ihn beſchwoͤren laſſen um einen Be⸗ ſuch an ſeinem Krankenbette. Der Schlag, welcher ihn ſchon einmal getroffen, hatte ſich wiederholt. Mit dem herannahenden Tode war 185 ſein Gewiſſen erwacht. Es hatte ihn angetrie⸗ ben, das mit Unrecht an ſich gezogene Gut zu⸗ ruͤckzuerſtatten.— Nachdem dies am folgenden Tage in der gehoͤrigen Form geſchehen war, hatte die zuvor von finſtern Phantaſien gequaͤlte Seele des Ster⸗ benden ſich auf einmal beruhigt, und ihr Ab⸗ ſcheiden kein Hinderniß weiter gefunden. Jetzt endlich ebnete ſich die zeither im Gan⸗ zen hochaufwogende Bahn der Liebenden zum blauen, herrlichen Spiegel, der ihnen ihre trü⸗ be Vergangenheit i im Glanze der Verklaͤrung zu⸗ ruͤckwarf. Ein Jenſeit des Grabes war ihnen ſchon geworden, und daß das hoͤhere Jenſeit ſie einmal kuͤnftig wieder vereinigen muͤſſe, dafuͤr buͤrgten ihnen die gluͤhenden Herzen. Gewiß wuͤrde dieſe der Schmerz in demſelben Augen⸗ blicke zerriſſen haben, wo ſie den Glauben an die Ewigkeit der Liebe verloren haͤtten. 4 Der Fund im Schnee I. Stiu breitete der Abend ſeinen Roſenſchleier uͤber die ruſſiſchen Schneegefilde, in denen ſeit wenigen Tagen Hunderttauſende erſtarrt wa⸗ ren fuͤr immer. Ruher ſanft, ſchien er ſagen zu wollen. Wo haͤttet ihr und Europa wohl Ruhe gefunden, waͤre der Winter nicht mit all ſeinen Schrecken ſo eilig herbeigekommen, um dem Uebermuthe zu zeigen, daß er nicht Herr ſey der Welt, ſondern derend, welcher ihn nun gerichtet hat? 4 5 Willanow uͤberſchauete vom Fenſter ſeines wohlgebauten Landſitzes die ganze Flaͤche. Der erhebende Gree. aus dem Tode immer wieder das Leben ſchoͤner zu erſtehen pflege, ſpielte freundlich mit ſeinen Geſichtszuͤgen. Ein — . 49, Jahr war es, daß ihm die geliebte Genoſſin ſeines Gluͤckes begraben worden, daß mit ihr ſein ſchoͤnſter, eigenſter Beſitz ihm verloren ging. Vielleicht haͤtte er ſich ſelbſt daruͤber fuͤr immer verloren, waͤren nicht ſeitdem dem ganzen Rei⸗ che jene harten Pruͤfungtage gekommen. Sie riſſen ihn empor aus der fruͤhern Antheillo⸗ ſigkeit an allem, was geſchah. Die Pflicht rief ihn auf, in ſo gefahrvoller Zeit das Heil ſeiner Unterthanen moͤglichſt zu ſchuͤzen und zu bewahren. Je mehr er die Schwaͤche der Men⸗ ſchenhand erkannte, deſto raſtloſer ward ſein Eifer, und als er ſchon an Allem verzweifeln wollte, da rief der Himmel, mitten aus der fruͤhzeitigen Strenge des Winters ſelbſt, einen alles erneuenden Fruͤhling hervor. Aber ſeine Heiterkeit ging bald wieder in dem Gefuͤhle der Wehmuth unter. Beim Her⸗ annahen der nun verſchwundenen Schrecken hat⸗ te er oft der Vorſehung gedankt, daß er ſeine theure Marie ſolche nicht mit erleben laſſen. Und nun? O Gott, wie ganz anders, wie viel hoͤher wuͤrde dieſer Augenblick geweſen ſeyn, wenn die Tieffuͤhlende neben ihm geſtanden haͤtte!— 188 Der Schmerz, daß es nicht alſo war, draͤngte den Einſamen hinweg vom Fenſter, ja ſogar aus dem Hauſe hinaus. Nur, um ſich etwas zu thun zu machen, ging er nach der Wohnung des Verwalters, in Geſchaͤften, welche recht gut bis zum folgenden Tage haͤtten warten koͤnnen. Unterweges vernahm er Laͤrm in einem Hauſe und bewogen hiervon, ſah er durch die Fenſter meh⸗ rere Perſonen um einen, vermuthlich drauſſen auf⸗ gefundenen, Leichnam beſchaͤftigt. Sein Men⸗ ſchengefuͤhl zog ihn in das Haus. Es war, wie er nun bemerkte, allem Anſcheine nach der Koͤr⸗ per einer Dame, welche das Schickſal des fran⸗ zoͤſich⸗- deutſchen Heeres getheilt hatte. Noch in der Todesblaͤſſe waren hohe Reize dieſem jugendlichen Geſichte eigen. Dazu gab ihre Kleidung einen, wo nicht vornehmen, doch ge⸗ bildeten Stand zu erkennen. Beim Eintritte des Gutsherrn ſchloß ſich zwar der Mund der Umſtehenden auf einmal⸗ Allein die zornigen Mienen ließen ſich nicht ſo⸗ bald in's Gleichmaas bringen. Es konnte Wi⸗ lanow nicht lange verborgen bleiben, worauf es ankam. Zwei Weiber verſchiedener Familien, —— 189 hatten den Leichnam gemeinſchaftlich drauſſen im Schnee gefunden, und als man die Kleidung⸗ ſtuͤcke theilen wollte, entſtand ein Streit daruͤber, wem dieſes oder jenes fuͤr ſeine Muͤhe gebuͤhre. Unmuthig uͤber die Fuͤhlloſigkeit der Hab⸗ ſucht, ſprach der Gutsherr: Vor allem fragt ſich's zuerſt, ob auch kein Verſuch unterlaſſen worden, den Koͤrper wieder in's Leben zu bringen? Das Staunen der Leute uͤber dieſe, doch ſo natuͤrliche, Frage gab zu erkennen, daß ſie an dergleichen gar nicht gedacht hatten. Darauf befahl Willanow: Augenblicklich ſchafft den Leichnam aus dieſer eiskalten Stube, hinuͤber in die geheizte! Zugleich ſchickte er nach ſeiner Schweſter Pauline und ließ auch die Frau des Verwalters herbeirufen.— Die Leute, welche die Dame aufgefunden, waren beſſer, als es geſchienen hatte. Sie be⸗ zeigten offenbare Freude, als durch die unter⸗ nommenen Belebungsverſuche die Erſtarrte ſich in der That zu regen anfing. Doch ſchloß ſie die Augen, nachdem ſie ſolche aufgethan, recht bald wieder. Es ſchien, als ziehe ſie den Tod einem Daſeyn in ſo fremder Umgebung vor. 190 Mit dem voͤllig zuruͤckgekehrten Leben und Bewußtſeyn ſah ſie wohl, daß es wenigſtens keine feindliche Fremde war, in der ſie ſich wiederfand. Lauter Wohlwollen vielmehr und Liebe fuͤr ſie auf allen Geſichtern. Wie haͤtte auch gegen ein Auge und eine Miene, den ih⸗ rigen gleich, in menſchlich fuͤhlenden Herzen, ohne alle ſonſtige Veranlaſſung, Haß oder Ab⸗ neigung entſtehen koͤnnen! Waͤhrend der Zeit war es Nacht geworden, und damit die zarte, kaum dem Leben zuruͤck⸗ gegebene Frau von den drauſſen herrſchenden Eiswinden nicht beruͤhrt werde, ließ der Guts⸗ herr ſie in ſeiner Saͤnfte hinuͤber nach ſeinem Hauſe holen. Hier wurde ihr ſogleich ein Wohnzimmer an⸗ gewieſen und wiewohl ein tiefer Schmerz in ih⸗ rem ſchoͤnen dunkelblauen Auge, ein Schmerz, der alle Fragen der Neugier abhielt, ihrem Be⸗ nehmen etwas Befangenes ertheilte, ſo gab ſie doch zu erkennen, wie ſehr ſie das ihr bewieſene Wohlwollen zu wuͤrdigen verſtand.— Mit Schauder hoͤrte ſie die Erzaͤhlungen von der Schlacht bei Kaluga, welche ihr Gemahl un⸗ fehlbar mitgefochten hatte. Sie erkundigte ſich, — — 191 ob wohl Nachricht von Kriegern zu erhalten ſey in dieſem unermeßlichen Reiche. „Gewiß!“ troͤſtete ſie der Hausherr.„Die Petersburger Zeitung findet faſt uͤberall gebahn⸗ te Wege. Wollen Sie mir den Namen der Perſonen mittheilen, um die es Ihnen zunaͤchſt zu thun iſt, ſo ſoll die erſte Poſt Ihre Frage mit nach Petersburg nehmen. Ein Major in** ſchen Dienſten, Namens Reinberg, iſt mein Gatte. „Waͤre es Ihnen vielleicht gefaͤllig, ſelbſt die naͤhern Umſtaͤnde aufzuzeichnen?“ Dies geſchah. Die Frage nach ſeinem Auf⸗ enthalte und die Angabe des ihrigen war der weſentliche Inhalt des fuͤr die Zeitung beſtimm⸗ ten Zettels.— Willanow und feine Schweſter Pauline blie⸗ ben noch eine geraume Zeit beiſammen, als die Fremde ſchon in ihr Schlafzimmer gegangen war. 7 Beider Urtheile uͤber die neue Bekannte ſtimmten ziemlich zuſammen. Die leichte Gra⸗ zie, welche ſie auch im tiefen Schmerze nicht verließ, hatte gemacht, daß man ſie Anfangs fuͤr eine Franzoͤſin gehalten. Auch ſprach Frau 192 von Reinberg das Franzoͤſiſche mit ſo viel Ge⸗ laͤufigkeit, daß das dieſer Meinung keinen An⸗ ſtoß entgegen ſetzen konnte. Gleichwohl war Willanow, wie ſeine Schweſter, durch ihr gan⸗ zes Benehmen wieder irre geworden an ihrer Herkunft. Jetzt freuten ſie ſich herzlich, daß die Hausgenoſſin der ihnen liebern, deutſchen Na⸗ tion angehoͤrte, und gaben einander die Hand, gewiß alles zu verſuchen, um die, dem Anſchei⸗ ne nach ſo wuͤrdige, als ſchoͤne Frau mit ihrem Geſchicke wieder zu befreunden. 2⸗ Pauline war von derſelben Groͤße, als die neue Bekannte. Um ſo beſſer konnte ſie dafuͤr ſorgen, daß dieſe mit Anzug und Waͤſche aller Art recht reichlich verſehen wurde. Daher ſag⸗ te auch am folgenden Morgen die Fremde, als ſie in Paulinens Zimmer trat:„Sie verpflichten das Herz der Ihnen Unbekannten auf ſo viel⸗ fache Weiſe, daß mich die ganze Nacht uber, meine geſtrige Verſchloſſenheit, wie eine ſchwere Schuld gepeiniget hat. Wiſſen Sie doch noch gar nicht, ob Ihre Wohlthaten keine Unwuͤrdige getroffen haben!“ 4 193 Auf Paulinens Geſichte glaͤnzte bereits die Ueberzeugung vom Gegentheile. Aber Frau von Reinberg ließ dieſe nicht zum Worte kommen. „Der Schein,“ fuhr ſie fort: nſpielt eine zu große Rolle in der Welt, als daß ich nicht um mein ſelbſt willen wuͤnſchen ſollte, Ihnen wenig⸗ ſtens den Theil meiner Geſchichte zu geben, der ſich auf meiner Reiſe in ihr Land, auf dieſe hoͤchſt ungluͤckliche Reiſe, mit bezieht. Sie wiſ⸗ ſen bereits, daß mein Gatte Major in** ſchen Dienſten iſt. In den beiden letzten Drittheilen unſerer ſechsjaͤhrigen Ehe habe ich ihn gleichſam nur auf den Raub geſehen.⸗ Kriege und darauf Bezug nehmender Wechſel der Standquartiere war die Urſache. Zum Gluͤck beſaß ich einen Sohn von ihm!“ Hier hielt die Majorin tieferſeufzend inne. Erſt nach einer ziemlich großen Pauſe war ſie wieder ſo weit geſammelt, um alſo fortfahren zu koͤnnen.„Dieſer Sohn, das ganze Ebenbild ſeines Vaters, war naͤchſt den Briefen meines Gatten der einzige Troſt in meiner Einſamkeit, die ich faſt niemals verließ, weil alle Zer⸗ ſtreuug, in der ich meinen Gemahl entbehrte, 2 2 13. 194 mir, ſtatt den Sinn zu erheitern, nur unend⸗ liche Betruͤbniß erregte. Denken Sie ſich meinen Schrecken, wenn Sie koͤnnen, als nach meinem kurzen Aufent⸗ halte in der Heimath, mein Gemahl zum Zu⸗ ge nach Rußland befehliget wurde. 1 Die Generalin, meine Tante, beſuchte mich eben, als ich, kraftloß geworden durchdieſe Nach⸗ richt, auf das neben mir ſtehende Bette geſun⸗ ken war. Sie hatte ſich entſchloſſen, ihren Gemahl zu begleiten und bot mir Platz fuͤr mich und mei⸗ nen Sohn in ihrem geraͤumigen Wagen an. Das Wort rief mich alsbald herauf aus meinem tiefen Kummer. Am Halſe der guten Tante brach mein Dank in Freudenthraͤnen aus. Aber damit war die Schwierigkeit noch nicht be⸗ zwungen. Als mein Gatte von der Parade nach Hauſe kam und ich ihm meinen Wunſch, ihn im Wagen der Generalin zu begleiten, mit⸗. theilte, mißbilligte er dieſen Wunſch durchaus. 1 Von den großen Hinderniſſen des Fortkommens 3 in dieſem Reiche unterrichtet, ſprach er, daß das 1 mich ſelbſt und unſern Max muthwillig in Ge⸗ fahr bringen heiße. Ach! ich hatte kein Ohr fuͤr ſeine Gruͤnde, daher kraͤnkte ſeine Miäfnumn 195 mich um ſo tiefer. Sie quaͤlte mich zwiefach, da ich ſie einer Abnahme ſeiner Liebe zuſchrieb. Es entſtand der erſte Unfriede zwiſchen uns, der den Tag uͤb rlebte, ja ſich bis üͤber die dritte Nacht heruͤberzog. Nun aber vermochte ich den Zuſtand nicht laͤnger zu ertragen. Ich aͤußerte gegen meinen Gemahl, daß ich mich gern fuͤ⸗ gen werde in ſeinen Willen; das aber eben griff ſeinen Widerſtand weit heftiger an, als mein Trotz. Zum Ungluͤck erſchien die Tante grade in dieſem Augenblicke. Sie hoͤrte, wovon die Rede war. Sie ſchalt freundlich meinen Gat⸗ ten, daß er mir meine Freude ſo habe verderben wollen, und nun ward alles feſt beſchloſſen: ich nahm mit meinem fuͤnfjaͤhrigen Max Antheil an dem Zuge im Wagen der Generalin. Wie gar manchmal haben wir, die Tante und ich, ſchon auf dem Einmarſche, wo doch alles ſcheinbar gut fuͤr das franzoͤſiſch⸗deutſche Heer von ſtatten ging, an meines Reinberg Warnung gedacht, und uns zuruͤckgewuͤnſcht in das Vaterland! War es doch grade, als ob unſere Maͤnner hunderttauſend Meilen von uns geweſen waͤren, ſo wenig konnten wir ihrer Ge⸗ ſellſchaft genießen! Mit dem Gedanken an 13* 196 ſie mußten wir uns begnuͤgen, wie es in der Heimath der Fall geweſen waͤre! Denn der Ge⸗ danke fliegt eben ſo leicht durch das Unermeßliche, als durch den Raum weniger Sekunden. Ich darf die Kriegsereigniſſe uͤbergehen, da Sie Zeuge derſelben geweſen ſind. Ich brauche Ihnen keine Schilderung der Noth zu machen, die uns in dem brennenden Moskau heimſuch⸗ te. Alles aber nichts gegen den Augenblick des Scheidens von meinem Gatten, deſſen Regi⸗ ment unter denen war, welche Befehl erhielten, in die Gegend Kaluga's zu ziehen. Auf ſeinem bleichen, verſtoͤrten Geſichte las meine innere Angſt, daß wir uns entweder nie, oder doch gewiß nicht ſo wieder ſehen wuͤrden, nicht mit dem lieben Kleinen, welcher von des Vaters Hand nicht laſſen wollte. Oft ſchon war Reinberg aus meinen Armen in den Krieg gegangen, ſelbſt waͤhrend dieſes Feldzugs, aber immer troͤſtend, nie des Trafes beduͤrftig, wie dieſes Mal. Mehrere Tage ſpaͤter folgten ich und Mar im Wagen der Tante den fortziehenden Krie⸗ gern. Wir waren mit Pelzen und aͤhnlichen Schutzmitteln gegen einen ſtrengen deu fe n 4 — 197 Winter hinreichend verſehen, aber wider die hieſige, ſchneidende Kaͤlte war das alles nichts⸗ Beſonders angegriffen davon ward mein kleiner Max. Und doch nirgend eine Huͤtte, wo er unterzubringen geweſen waͤre. Nichts als knar⸗ render Schnee allenthalben, ſo weit das Auge reichte. Mit jedem Tage ward mein Kleiner mehr angegriffen davon. Da erſcholl der Ruf von der verlornen Schlacht bei Kaluga. Alles ſuchte durch die Flucht der Gefangenſchaft zu entrinnen. Es war entſetzlich, wie die halb⸗ verhungerten Krieger in Bettlerlumpen uͤber die Schneefelder kraftlos taumelten, und zum Theil in Wahnſinn und Gotteslaͤſterung ausbrachen. Alle Augenblicke mußten wir eines Anfalls von ihnen gewaͤrtig ſeyn, weil der Mangel an Le⸗ bensmitteln immer druͤckender wurde. Endlich kam es auch zu einem Angriff. Man begehrte, daß wir auf der Stelle den Wagen raͤumen und die Pferde, nebſt allem Mundvorrathe abtreten ſollten. Vergebens herief ſich die Generalin auf den ausgezeichneten Poſten ihres Gemahls. Die Verzweiflung lachte hoch auf, daß man hier, wo die Noth alles gleich gemacht hatte, auf ſolche Anſpruͤche ſich berufen konnte! Vergebens 4½ 198 zeigte die ungluͤckliche Mutter auf die Augenver⸗ drehung ihres ſterbenden Kines. Oho! rief einer, dem Kinde wird das Leben weit leichter gemacht, als uns Andern. Es iſt, allem Anſchei⸗ ne nach, bald damit fertig! Wir mußten aus dem Wagen, und von den ausgeſpannten Pferden wurde eins hierhin, das andere dorthin geſpornt, und ſo gejagt, daß ſie wegen der ſchlechten Fuͤtterung in den letzten Tagen, unfehlbar bald liegen geblieben ſind. Unſer zeitheriger Kutſcher ſuchte ſich eiligſt aus dem Staube zu machen. Wo die Noth ſo dringend ſpricht, wie hier, da bleiben nur ſehr erhabene Seelen ihren Pflichten getreu. Mein Kind uͤberlebte die Wanderung, auf welcher die Generalin mir es von Zeit zu Zeit vom Arme nahm, nur wenige Stunden. Die Tante ſelbſt war ſo angegriffen, daß, als ich, auf ihr dringendes Verlangen, Maxen, von dem mein Mutterherz die Trennung kaum den⸗ ken konnte, endlich ſeufzend im Schnee begrub, ſie ſich dazu niederſetzen mußte.“ Hier abermals eine große Pauſe, in welcher der Wiederſchein der Leiden, mit denen die Un⸗ 4 „ 199 gluͤckliche zu kämpfen hatte, die Zuhoͤrerin hef⸗ tig erſchuͤtterte. „Daruͤber,“ ſo fuhr die Majorin endlich mit ſchwacher Stimme fort:„daruͤber war der Abend hereingebrochen. Ich wußte nicht, was aus meiner Tante werden ſollte, die keinen Schritt weiter konnte. Da entdeckte ich mit⸗ ten aus dem Schnee heraus den matten Schim⸗ mer eines Lichtes. Das mußte eine im Schnee ganz vergrabene Huͤtte ſeyn. Beka‚nntlich war Lebensgefahr dabei, ſich einer ſolchen Huͤtte zu nahen. Allein das Wort Gefahr war mir ein leerer Laut, wie das Wort Leben, ſeit⸗ dem der Tod meinen Sohn geraubt hatte. Icheilte nach der Huͤtte. Keins von den Leuten darin, ſechs an der Zahl, halb Maͤnner, halb Frauen, keins ver⸗ ſtand mich. Keines wollte mir wohl. Das ſagten die feindlichen Mienen, welche in meinen Blicken wurzelten. Aber mein unendlicher Schmerz fand zuletzt doch, ſelbſt durch ihren Widerwillen gegen die Bedraͤnger ihres Landes hindurch, einen Weg zu ihrem Herzen. Ich deutete mit der Hand hinaus und eine Frau und ein Mann wurden meine Begleiter zu der Generalin, wel⸗ che bereits in voͤllige Ohnmacht verfallen war. . 200 Auf mein Flehen hob das Paar die ſchon ganz Erſtarrte empor und ſchleppte ſie hinein. Das Mitleid war nicht ausgeſtorben. Alles beeiferte ſich, die Bewußtloſe wieder in's Leben zu bringen. Es gelang auch in der That. Lei⸗ der nur nicht auf lange Zeit. Um Mitternacht ward den Leuten durch einen Boten ein auſſeror⸗ dentlicher Schwarm Franzoſen angekuͤndigt, wel⸗ che, um nicht durch Mord oder Hunger und Kaͤlte vereinzelt umzukommen, ſich verbunden hatten, und uͤberall, wo die Verzweiflung ſie hintrieb, alles raubten, oft ſogar auch toͤdteten. Daher zogen wir fort mit den Bewohnern der Huͤtte. Ein ſeltener Adel des Herzens erhob dieſe Leu⸗ te weit uͤber ihre geringen Verhaͤltniſſe. Von ſol⸗ chem Stande waͤre zu erwarten geweſen, daß er in ſo großem Bedraͤngniſſe uns, die Schuldloſen mit den Schuldigen vermengen, daß er uns entgelten laſſen moͤchte, was diejenigen thaten, zu deren Parthei wir, wenigſtens in politiſcher Hinſicht, gezaͤhlt werden mußten. Aber, nein, nur unſre Huͤlfloſigkeit beruͤckſichtigten die wackern Leute. Ja, einer davon war ſo gut, meine Tante, die am Ende gar nicht weiter konnte, in das 201 anſehnliche Dorf zu tragen, wo ein ſcheinbarer Ruhepunkt uns erwartete. Hier aber waren die Menſchen bei Weitem nicht ſo gut. Wen ich anſah, der hatte wenig⸗ ſtens einen Fluch, oder ein Schimpfwort auf der Lippe. Sie machten unſern Schuͤtzern of⸗ fenbare Vorwuͤrfe, daß ſie ſich mit uns befaßt, daß ſie uns nicht umgebracht hatten. Einer, ein Greis, deſſen ſchreckliche Augenbraunen mir immer vorſchweben werden, zog ein Meſſer her⸗ vor und zuckte es nach dem Buſen meiner Tan⸗ te. Sein heiſer ausgeſprochenes Wort ſchien zu ſagen, daß es ja noch immer Zeit ſey. Allein unſere Freunde nahmen ſich der Verlaſſenen auf's Thaͤtigſte an. Mit dem Tode der Generalin, der noch in dieſer Nacht erfolgte, ſtand ich voͤllig allein in den Eisfeldern Rußlands. Tauſendmal wein⸗ te ich die Frage zum Himmel hinauf, ob ich denn wirklich ſogar viel verbrochen, daß mir die Wohlthat nicht haͤtte werden koͤnnen, zur Sei⸗ te meines innigſtgeliebten Max zu ſterben? Mei⸗ ne jetzigen Beſchuͤtzer deuteten mir nach Tages Anbruche durch ruͤhrende Geberden an, daß ich allein wuͤrde weiter wandern muͤſſen, weil ſie 202 im Verein mit mehreren Bewaffneten aus dem Dorfe in die verlaſſene Huͤtte zuruͤckkehrten, und weder die, ſo mit ihnen gingen, noch auch die Bleibenden mein Daſeyn ſich laͤnger gefallen laſſen wollten. Nachdem ſie mich noch mit et⸗ was Brod verſehen, zeigten ſie auf den Weg, den ich zu nehmen haͤtte. Es war ein ſchreckliches Gefuͤhl, das einzi⸗ ge Leben zu ſeyn, in einer ſo weiten, unabſehli⸗ chen Schneewuͤſte! Auf der ganzen vor mir aus⸗ gebreiteten Flaͤche an keine Huͤtte zu denken und nach den Menſchen des Dorfes, das ich verlaſ⸗ ſen, ſah ich gerne nicht zuruͤck, weil ich waͤh⸗ rend unſeres naͤchtlichen Aufenthalts die ſchreckli⸗ che Geſinnung der dortigen Einwohner kennen gelernt hatte. Meine Einſamkeit in dieſer bahnloſen Einoͤ⸗ de, die gar keinen Pfad wuͤrde gehabt haben, haͤtte der Schnee nicht durch ſtarken Froſt eine dicke Eisrinde erhalten, begann mir, da es nun einmal gelebt ſeyn ſollte, noch troͤſtend zu wer⸗ den. Weit ſchrecklicher waͤre es ja geweſen, wenn die Fluͤchtlinge des franzoͤſiſch⸗ deutſchen Heeres mit mir einen Weg gehabt haͤtten! Un⸗ fehlbar wuͤrden ſie mir meine warmen Kleider, 20 deren ſie auch bedurften, geraubt und mich im ſchrecklichſten Zuſtande hier zuruͤckgelaſſen haben! Der Mittag war laͤngſt voruͤber. Die Kraͤfte der Wanderin ermatteten mehr und mehr. Wenn nun die Nacht mich noch fand in dieſer unbebaueten Schnee⸗Ebene? 3 Der gruͤne Hoffnungſchimmer des Landes, welches der Schiffer nach langem fruchtloſen Sehnen endlich erblickt, kann ihn kaum ſo be⸗ ſeligen, als mich das neue Dach Ihres Hauſes aus weiter Ferne, welches mir das Daſeyn von Menſchen verkuͤndigte. Mochten dieſe mir den Tod geben! Ich wuͤrde ja mein Leben gewiß ſchon am Morgen freiwillig verlaſſen haben, haͤtte mein Gefühl ſich nicht gegen die Suͤnde des Selbſtmordes zu maͤchtig aufgelehnt. Ach Gott, wie weit war es bis zu dieſem Dorfe! Die Nacht kam daruͤber heran und wenn auch ferne Lichter mir zu Leitſternen wurden„ſo fand ſich endlich doch meine Kraft dergeſtalt erſchoͤpft, daß ich nothwendig von Zeit zu Zeit ausruhen mußte. Die Gefahr dieſes Ausruhens fuͤr eine ſo Ermattete, in ſo ſchneidender Kaͤlte, nicht ver⸗ kennend, raffte ich, wenn der Schlaf meiner 204 Meiſter werden wollte, mich mehrmals mit Ge⸗ walt empor. Ich ging wieder ein paar Schrit⸗ te durch die Nacht und ſank dann von Neuem zu Boden. Das wiederholte ſich den ganzen folgenden Tag bis zur Abenddaͤmmerung un⸗ zaͤhlige Mal. Endlich muß mich doch der Schlaf uͤberwaͤltigt und der Erſtarrung des Todes zuge⸗ fuͤhrt haben, dem ich durch zwei treffliche Men⸗ ſchen wieder entriſſen wurde. Was aber ſoll ich im Leben? moͤchte ich fragen, da mir das Ge⸗ fuͤhl immer zurufen wird: Du, du biſt die Urſache zu dieſer unſeligen Reiſe, die Urſache zu dem Tode deines eigenen Kindes geweſen!“ Pauline ſuchte alle Troſtgruͤnde auf, eine ſo duͤſtre Vorſtellung ihr aus der Seele zu reden. Willanow, der jetzt gleichfalls dazu kam, und die Geſchichte hoͤrte, that das ſeinige auch, mit dem redlichſten Willen. Beide ſahen jedoch bald, daß das ſturmbe⸗ wegte Herz der armen Frau in dieſem Momen⸗ te noch ſchwerlich zu einer klaren Anſicht der Dinge gelangen wuͤrde. 3 Willanow zeigte ihr die Notiz fuͤr ihren Gat⸗ ten, welche fuͤr die Petersburger Zeitung be⸗ ſtimmt war. Sie dankte ihm herzlich dafuͤr 205 und ſogleich ſendete er den Zettel mit einem Bo⸗ ten auf die naͤchſte Poſt. 3. Die neue Bekannte wurde dem Gutsbeſißer und ſeiner Schweſter mit jedem Tage lieber. Es war ihre einzige Freude, daß man ſie an den wirthſchaftlichen Verrichtungen Theil neh⸗ men ließ. Es war ihr ſuͤßeſter Troſt, daͤß ſie in Willanow ihres Gleichen, einen Gatten fand, der ebenfalls wie ſie, ſein Theuerſtes auf der Welt verloren hatte. Er ſuchte ihr oft in's Licht zu ſtellen, daß eihre Hoffnung noch gar nicht dahin, daß das Leben ihres geliebten Ge⸗ mahls nicht unwahrſcheinlicher ſey, als ſein Tod. Darauf aber fing ſie gewoͤhnlich von ihrem Kinde an, fuͤr deſſen Moͤrderin ſie ſich fort⸗ dauernd betrachtete und meinte, daß er von die⸗ ſem nagenden Gefuͤhle gar keinen Begriff haben koͤnne. Willanow vermied daher den Umſtand, daß ſie gluͤcklicher ſey, als er, ferner herauszu⸗ heben. Er beſchraͤnkte ſich auf die Schilderung mancher haͤuslichen Kleinigkeit, welche ihm durch die verlorene geliebte Gattin theuer geweſen war. 2⁰6 Philippine, ſo hieß die Majorin, dachte ſich ganz in dieſe Schilderungen hinein. Sie legte ihm aͤhnliche Gemaͤhlde ihres verſchwundenen Gluͤckes vor, und wenn die gewoͤhnlich gegen⸗ waͤrtige Pauline, noch unvermaͤhlt, die Innig⸗ keit der Verhaͤltniſſe und der aus dieſer eben, flie⸗ ßenden Reize an ſich bedeutungloſer Vorfaͤlle, nicht ganz durchdrang, ſo fuͤhlte ſie doch ganz, wie gluͤcklich die Beiden durch ſolch ein Herum⸗ wandeln in dem ſtillen Luſthaine der Vergangen⸗ heit wurden und freuete ſich dieſes ihres einzigen Gluͤckes. 4. Philippinens Bekanntmachung war zu drei verſchiedenen Malen in der Petersburger Zei⸗ tung abgedruckt worden; aber vergebens. Auch aus Deutſchland, wohin ſie an die Verwand⸗ ten ihres Gatten haͤufig zu ſchreiben pflegte, nicht die geringſte Nachricht. So verſtrichen anderthalb Jahre. In Folge der großen politiſchen Ereigniſſe kehrten die in Rußland Gefangenen nach ihrer Heimath zuruͤck. Und nun, als Willanow tauſend Nachforſchungen in Rußland wegen 207 des Majors Reinberg gehalten, bringt eines Abends der Bote einen Brief aus Deutſch⸗ land mit ſchwarzem Siegel. Der Gedanke an ſeinen moͤglichen Inhalt krampft Philippi⸗ nen die Bruſt zuſammen. Sie ſieht die beiden Freunde, die grade bei ihr ſind, ſtarren Auges an, ob auch ſie wohl eine dunkle Ahnung ha⸗ ben moͤchten. Der Brief faͤllt noch uneroͤffnet aus ihrer heftig zitternden Hand. Sie hebt ihn auf und bittet Paulinen, ihn ihr zu leſen. Die Verwandlung des Geſichts der Leſerin, verkuͤndet ihr alles. Ehe Pauline den Mund oͤffnen kann, greift Philippine nach dem Briefe. Aber die Kraͤfte verſagen ihr; ſie ſinkt bewußt⸗ los neben der Freundin nieder. 1 Wirklich ſagte der Brief, was ein kurz dar⸗ auf folgender beſtaͤtigte, daß ihr Gemahl in der Schlacht bei Kaluga geblieben ſey. Vergebens werden lange alle Troſtgruͤnde an der auf's Tiefſte Gebeugten verſucht. Sie iſt fuͤr jedes irrdiſche Heil unempfaͤnglich. Sie betrachtet ſich als eine Pflanze, die mit der Wurzel ausgeriſ⸗ ſen, nur dann erſt wieder Theil haben koͤnne an der muͤtterlichen Erde, wenn ſie ganz in den Schoos derſelben verſenkt ſeyn wuͤrde. 208 Ein wuͤrdiger Geiſtlicher der griechiſchen Kir⸗ che, welcher zuweilen den Gutsherrn beſuchte, gewann endlich mit ſeinen nachdruͤcklichen Vorſtellungen gegen ihr Widerſtreben der ewigen Weißheit, durch welche ſie offenbar noch an das Leben gewieſen ſey, die meiſte Gewalt uͤber ihr wundes Herz. Er brachte es dahin, daß ſie wieder umgaͤnglich wurde. Es gab jetzt Augen⸗ blicke, in denen ſie der Gedanke erſchuͤtterte, wenn nun ihr Gemahl zuruͤckgekehrt waͤre, und ſie ihm das Kind ihrer zaͤrtlichſten Liebe nicht vorzeigen koͤnne; wenn ihr bleiches Geſicht ewig das Geſtaͤndniß ausgeſprochen haͤtte, daß die unuͤberlegte Reiſe, welche er widerrathen, an dem Tode des geliebten Max Urſache ſey? J. Die Majorin hatte wiederholt ernſte An⸗ ſtalt zur Ruͤckkehr in ihr Vaterland gemacht. Allein die neue Freundin Pauline, war ihr ſo lieb geworden, daß die Trennung ihr uͤberaus ſchmerzlich fiel. Bemittelte Verwandte hatte ſie nicht in Deutſchland, ja Verwandten ihres ver⸗ ſtorbenen Gemahls waren ſogar, zum Theil, in recht druͤckenden Umſtaͤnden. Daher fehlte ihr 209 im Vaterland ein anſtaͤndiger Platz, weil die Penſion, auf welche ſie rechnen konnte, nicht ſo viel betrug, um ihr ein Zuſammenſeyn mit den prachtliebenden Ihrigen, auf eigene Koſten, zu geſtatten. Heirathen haͤtte ſie muͤſſen. Denn uͤberaus reizend, wie ſie noch immer war, uͤber⸗ aus einnehmend durch vielſeitige Bildung, durch einen reichen und anmuthigen Geiſt, dazu in Verbindung mit den vornehmſten Familien, konnten die Antraͤge wuͤrdiger Bewerber ſchwer⸗ lich ausbleiben. Dagegen aber lehnte ſich fort⸗ dauernd ihr Herz auf, welches noch mit der heißeſten Liebe an dem verſtorbenen Gatten hing. Um dieſe Zeit war es, daß ein Freund des Gutsbeſitzers, ein rußiſcher General, in Fami⸗ lienangelegenheiten nach der Heimath zuruͤckkehr⸗ te und ſeinen Weg abſichtlich durch Willanows Beſitzungen nahm. Schon fruͤher hatte derſelbe ein großes Intereſſe fuͤr Paulinen gezeigt und bemerkt, daß auch ſie ihm nicht abgeneigt ſchien. Nur die damalige, betruͤbte Lage ſeines Vater⸗ landes durch die ſchrecklich darin hauſenden Fein⸗ desheere hatte ihn abgehalten, ihr das Wort zu geſtehen, das er an ſie auf ſeinem Herzen trug⸗ 14 210 Jetzt geſchah es. Die Verlobung ward gefeiert, ehe er auf ſeine Guͤter reiſete. Nicht lange ließ ſeine Sehnſucht ihn auf dieſen verweilen. Er kehrte zuruͤck zu Paulinen. Nur eine Familien⸗ trauer gebot ihm noch, der Vermaͤhlung eini⸗ gen Anſtand zu geben.— Wenn auch Philippine fuͤr das Gluͤck ihrer Freundin die beßten Wuͤnſche in ihrem Buſen hegte, ſo uͤberlief ſie doch auch bei dem Gedan⸗ ken an die immer naͤher ruͤckende Trennung ein heftiges Grauen. Zwar hatte die Verlobte ſie gebeten, ihr in ihre kuͤnftige Heimath zu folgen, aber konnte ſie das wohl ohne Bedenken thun, da ſie in der letzten Zeit die Aufſicht uͤber die Wirthſchaftſachen auf Willanows Gute allein verwaltet, da Willanow haͤufig verſichert hatte, daß ihr ſtilles Trauerleben das einzige ſey, wor⸗ an ſein in gleicher Trauer befangenes Herz ſich ſchlieſſen moͤge? Am Ende entſchloß ſie ſich noch zu einer Partheiloſigkeit„ welche zwar beide, Bruder und Schweſter, betruͤben„ aber doch auch erfreuen mußte: ſie faßte naͤmlich den Vor⸗ ſatz, in ihr Vaterland zu reiſen. 4 3 211 Eines Abends that ſie dieſen Beſchlus Wil⸗ lanow und Paulinen mit ſolcher Feſtigkeit kund, daß ſie dagegen nichts einzuwenden wagten. Das Zartgefuhl von Beiden trug Bedenken, das ihren Anſpruͤchen auf Philippinens Erkenntlichkeil ver⸗ danken zu wollen, was ſie ſo gern der freien Neigung derſelben ſchuldig geworden waͤren. Wie die Sachen ſtanden, ſo reiſete die Ma⸗ jorin an demſelben Morgen nach Deutſchland, an welchem Pauline ihrem Gatten auf ſeine Guͤter folgte. 5. Die jetzt oft eintretende Abſonderung des Brautpaares von Willanow und Philippinen lag in den Verhaͤltniſſen. Dadurch mußten die bei⸗ den letztern weit mehr, als zuvor in Geſpraͤche unter vier Augen gerathen. Dieſe Geſpraͤche haͤtten kaum inniger ſeyn koͤnnen. Aber die Zartheit der Geſinnung in Willanow ſowohl, als in Philippinen, trat der Zaͤrtlichkeit uͤberall in den Weg. Eines Abends fand ſich indeſſen ploͤtzlich eine Verſoͤhnung zwiſchen dieſer, hier einander immer 14* ☛—— 212 widerſtrebenden Eigenſchaften. Es war der Abend, wo Pauline achtzehn Jahre alt gewor⸗ den.„Immer wie heute, ſo gut und lieb und treu?“ ſprach der General uͤber Tiſche, ſein Glas an Paulinens Glas ſtoßend.„Immer alſo!“ erwiederte Pauline mit Feuer. Darauf wendete ſich ihr Verlobter herum mit ſeinem neugefuͤllten Glaſe zu den andern beiden. Aber er ging ſogleich von ſeinem Vorſatze ab und ſetz⸗ te es nieder, als er in Willanow's Auge einen feuchten Glanz entdeckte, der offenbar nicht der freudigen Theilnahme angehoͤrte. Doch aͤuſſerte er kein Wort, wendete ſich aber, geſtoͤrt in ſei⸗ nem Frohſinne, wieder zu ſeiner Verlobten. Philippinen war Willanow's Thraͤne ſo we⸗ nig, als des Generals Bewegung entgangen. Es ergriff ihr weiches Herz mit großer Gewalt. Sie hatte Willanow's Zuneigung zu ihr und ſei⸗ ne Abſichten auf ſie, laͤngſt errathen koͤnnen, und nur, um ſich ſelbſt zu taͤuſchen, ihr Auge davon abgetvendet. Gefoltert jetzt ploͤtzlich von dem Gedanken, den in Gram zu verſenken, dem ſie die Ruͤckkehr in's Leben ſchuldig war, 213 fragte ſie, mit großer Innigkeit ſeine Hand er⸗ faſſend:„Was fehlt Ihnen, Willanow?“ Zum erſten Male glaubte er mehr als den zeitherigen Antheil in ihrem Auge, in ihrem Thun zu ſehen, und er antwortete ſchnell:„Sie fehlen mir, Phillippine, Siel“ Er ſagte das ſo ruͤckſichtlos laut, daß das liebende Paar hoͤchſt aufmerkſam wurde. Philippinens Geſicht neigte ſich mit unge⸗ meinem Wohlwollen zu ihm hinuͤber. „Dem Himmel ſey Dank! nun werden wir Dich doch nicht Deinem Vaterlande wieder ab⸗ treten duͤrfen?“— rief Pauline, zu ihr eilend und ſich an ihr Geſicht ſchmiegend, und der Gene⸗ ral ſprach, indem er ſein Glas heftig zwiſchen die Glaͤſer der Wittwe und Willanow ſtieß: „Immer wie heute, ſo gut und lieb und treu!“ So war denn auf einmal das Band um die Beiden geſchlungen, deren Lebensweg noch wenig Augenblicke zuvor ſich fuͤr immer trennen zu wollen geſchienen hatte. Statt Einer Ver⸗ maͤhlung fanden in Kurzem deren zwei ſtatt und die Petersburger Zeitung gab bald darauf durch die Art, wie Willanow ſeine zweite Vermaͤhlung 214 darin anzeigte, den Beweis, daß er ganz trun⸗ ken von ſeinem neuen Gluͤcke war. Seine Unterthanen jauchzten, daß mit die⸗ ſer Hochzeitfeier ihrem ſeit einiger Zeit ſehr duͤ⸗ ſtern, in ſich gekehrten, Herrn ein neuer Stern des Heils aufgegangen war. 7. Die Kraft des Wortes: Immer wie heute, ſo gut und lieb und treu! bewaͤhrte ſich an Wil⸗ lanow und ſeiner Gattin. Haͤtte Philippinen der Gedanke an Reinberg und hauptſaͤchlich an das auf ſo ſchreckliche Weiſe verlorene Kind aus der Seele genommen„ haͤtte der Vorwurf„ das Leben des Letztern durch die Reiſe ſelbſt verwahr⸗ loſet zu haben, zum Schweigen gebracht wer⸗ den koͤnnen, ſo wuͤrde ſie gewiß eine der gluͤck⸗ lichſten Frauen geweſen ſeyn. So aber ſtieg oft mitten in den heiterſten Augenblicken das Ge⸗ ſpenſt des geliebten Max in ihrer Phantaſie auf und ſie hatte dann nur zu thun, daß es nicht auch heraustrat und die Ruhe des Gatten mit vergiftete. 215 Gaͤnzlich jedoch konnte dieſem die Urſache des zuweilen ihr ſchoͤnes Auge truͤbenden Nebels nicht entgehen. Um ſo gluͤcklicher fuͤhlte er ſich durch ihre neue Hoffnung auf Muttergluͤck. Er glaubte, daß der kuͤnftige Erſatz des verlorenen Kindes, den Verluſt des letztern Philippinen min⸗ der fuͤhlbar machen werde. Er fuͤhlte ſich dop⸗ pelt gluͤcklich durch dieſe Hoffnung, weil ſie in ſeiner erſten Ehe ihm nie geleuchtet hatte. Aber auch jetzt ging dieſe Hoffnung wieder zu Grunde. Er dankte noch dem Himmel, daß die Krankheit, in der es geſchah, Philippinen nicht gar das Leben gekoſtet. Denn mehrere Ta⸗ ge lang hatte der herbeigeholte Arzt ſelbſt ſie ſchon voͤllig aufgegeben gehabt. 8. Eines Nachmittags, als Willanow in Ge⸗ ſchaͤften auf ein nahes Gut geritten war, ließ ein eben erſt gekommener** er Offizier, der genaueſte Freund ihres perſiprhenen Gemahls, ſich anſagen. Die Freude war groß von beiden Seiten bei dieſem Wiederſehen. Es war erſt lange, als 216 koͤnne Hauptmann Huldſtein nicht daran glau⸗ ben, daß ſie es wirklich ſey. Nach der Schlacht bei Kaluga, in der er gefangen worden, hatte man ihn nebſt mehreren Andern grade an dem Tage durch das Gut gefuͤhrt, wo Philippine hier erſtarrt im Schnee gelegen. Huldſtein hat⸗ te ſie ſogleich fuͤr die Gattin ſeines gebliebenen Freundes erkannt. Aber ſein Antrag, Wie⸗ derbelebungverſuche anzuſtellen, war verworfen worden.„Dieſe gehoͤrt offenbar ſchon den Tod⸗ ten an!“ hatte der Offizier geſagt, welcher den Transport der Gefangenen beſorgte.—„Wir aber haben noch einen weiten Weg vor uns.“ Dieſer Umſtand, meinte Huldſtein, ſey auch, wahrſcheinlich mehr, als ſein dringendes Vorſtellen, Urſache geweſen, daß es nicht zuge⸗ laſſen worden, die Erſtarrte ihres Anzugs zu berauben. Philippine erzaͤhlte ihm hierauf die Art ih⸗ rer Rettung durch Willanow und ihre Begeben⸗ heiten uͤberhaupt. Sodann kam Huldſtein auf ſeine Geſchichte zuruͤck. Er hatte einen entſetzli⸗ chen Marſch bis weit hinaus in die aſiatiſchen Provinzen auszuſtehen gehabt. 217 „Und grade dort”“ ſprach er weiter:„ſing es wieder an, mir wohl zu gehen. Eim ganz unerwartete Freude empfing mich an meinem neuen Aufenthaltsorte, als ich in die mir be⸗ ſtimmte Wohnung trat. Ein Freund, den ich in der Schlacht bei Kaluga fallen ſehen, den ich am Tage nachher auf einem Wagen voll zu begrabender Todten wieder erkannt hatte, dieſer Freund reichte mir die Hand von ſeinem Kran⸗ kenlager entgegen.“ „Nach unſern wechſelſeitigen Freudenser⸗ gießungen war das erſte Wort des, als er eben hatte begraben werden ſollen, wieder in's Leben Zuruͤckkehrten, ob ich nichts wiſſe von dem Schickſal ſeiner Gattin?“ Was nach Huldſteins Erwaͤhnung der Schlacht von Kaluga in ſeiner Erzaͤhlung folgte, hatte Philippine alles uͤberhoͤrt.„Verzeihen Sie, Kapitaͤn,“ rief ſie:„wenn ich Ihre Rede un⸗ terbreche. Sie ſind mit in jener ſchrecklichen Schlacht geweſen. Haben Sie vielleicht etwas von den letzten Augenblicken meines Reinberg in Erfahrung gebracht?“ 218 1 „Ja wohl! Von ſeinem letzten Augenblick in dieſer Schlacht, wie von ſeinem nach⸗ herigen Leben!“— ſprach Huldſtein, mit feſtem Blicke in ihr Auge.„Reinberg iſt eben der Freund, den ich in Europa verlor, und in Aſien lebend wieder fand. Ja, er iſt ſeitdem voͤllig hergeſtellt worden.“ „Reinberg, mein Reinberg lebt!“ rief Philippine. Aber das Entzuͤcken, welches ſie dabei vom Sitze empor gehoben hatte, ging ploͤtlich unter in dem, was ſeitdem geſchehen war.„Er lebt!“ wiederholte ſie:„und ich“— dazu ſchlug ſie ſich vor die Stirn. Huldſtein ſchwieg. „!“ rief ſie bald darauf ſchmerzlich:„wie hat er ſeine ihn ſo zaͤrtlich liebende Gattin alſo vergeſſen koͤnnen!“ „Vergeſſen?“ erwiederte Huldſtein:„ſagte ich nicht, daß ſeine erſte Frage bei unſerm Wie⸗ derſehen Sie betraf? Leider mußte ich ihm ſtatt Troſtes und Hoffnung die Poſt ihres Todes bringen. Denn wie konnte ich unter den, Ih⸗ nen mitgetheilten Umſtaͤnden, wie konnte ich den Gedanken Ihrer Rettung in meiner Seele ☛— 219 hegen? Sein Wundfieber verſtaͤrkte ſich auch durch meine Nachricht offenbar.“ „Spaͤterhin aber,“ ſprach Philippine ſeuf⸗ zend:„hat er meiner gleichwohl vergeſſen koͤnnen!“ „Wie ſo, gnaͤdige Frau? Grade vielmehr, weil er ſeit der Nachricht von Ihrem Verluſte nicht zuruͤck wollte nach Europa, blieb er, wo er nun einmal hingerathen war, den Unterhalt eines ihm ganz gleichguͤltig gewordenen Lebens, durch Unterrichtgeben in der Mathematik gewin⸗ nend.“ „unſtreitig,“ fuhr Philippine fort:„ſind ihm doch die Zeitungen mit meinem wiederhol⸗ ten Aufrufe, und der Anzeige meines Aufent⸗ halts zu Geſichte gekommen?“ „Das ſind ſie, gnaͤdige Frau. Aber, lei⸗ der, iſt der Weg von Petersburg bis zu ſeinem Wohnorte ſo weit, daß nur ganze Jahrgaͤnge von Zeitungen abgeſendet werden. So hat er denn auch zugleich mit jenem Aufrufe, der ihn unendlich begluͤckte, die Bekanntmachung Ihrer zweiten Vermaͤhlung erhalten. Was er bei letz⸗ terer empfunden, bedarf meiner Schilderung 220 nicht. Ich ſelbſt mußte ihm dieſen Dolchſtich in's Herz geben, weil er ganz trunken vor Freu⸗ de uͤber Ihren Aufruf, ſogleich nichts weiter von den uͤbrigen Zeitungblaͤttern wiſſen und ſeine Verhaͤltniſſe aufgeben wollte, um nur zu Ih⸗ nen hereilen zu koͤnnen.“ „O Gott, Gott!“ ſeufzte Philippine haͤn⸗ deringend:„wodurch verdiente ich, daß Du al⸗ ſo die ganze Schale Deines Zorns uͤber mich ausſchuͤtteſt, daß Du mich in ein unabſehli⸗ ches Meer der Verzweiflung hinabſtoͤßeſt, aus dem keine Rettung iſt, keine, als durch den Tod. Ja, durch dieſen allein! O vergieb mir, wenn ich fruͤher gehe, als Du mich rufeſt. Ich wuͤrde ja doch nur dem Trefflichen, der mich von Tode errettete, ein Leben geben koͤnnen, aͤr⸗ ger, als der Tod, da meine Gedanken fort⸗ dauernd in Aſien ſeyn muͤßten bei dem Gelieb⸗ ten meiner Seele!“ Ein wie ein tiefer Seufzer tönender Laut er⸗ klang aus der nur durch eine Tapetenthuͤre von dem Zimmer geſchiedenen Garderobe ihres Gat⸗ ten, und erregte Beider Aufmerkſamkeit. Gleich⸗ —.——q 221 wohl fehlte Philippinen in dieſer Stimmung Muth und Sinn, der Urſache nachzuſpuͤren. „Und“ fuhr ſie fort, die Beruhigungs⸗ gruͤnde, welche Huldſteinen auf der Lippe ſchweb⸗ ten, nicht anerkennend:—„und wenn nun ſo⸗ gar der ſchreckliche Schritt meiner zweiten Ver⸗ maͤhlung nicht geſchehen waͤre, wie haͤtte ich auch dann meinem Reinberg unter die Augen treten, wie haͤtte ich den ewigen Vorwurf: Du, Du haſt mir mein Liebſtes, den eigenen Sohn geopfert, wie haͤtte ich den ertragen wollen?“ „Nie,“ fiel der Haupmann ein:„nie wuͤr⸗ de er Ihnen dieſen Vorwurf haben machen koͤn⸗ nen.“— „Nicht machen wollen;“ unterbrach ihn die Leidende heftig:„aber wuͤrde nicht jeder ſei⸗ ner mildeſten Blicke mein Genäſſen unheilbar verwundet haben?“ „Wenn aber nun auch Ihr Sohn, gnaͤdige Frau, ihr Max, noch am Leben waͤre?“ Auf dieſes Wort ſtarrte ſie ihn an, wie der Wahnſinn.“ „Und es iſt wirklich ſo!“ ſprach der Haupt⸗ mann:„Die ſeltſame Verkettung der Umſtaͤnde 222 zu vollenden, muß Reinbergs Schlitten„ auf ſeinem Transport als Gefangener, an einem einſamen Hauſe halten, wo mehrere Perſonen um einen Knaben beſchaͤftigt ſind, der eben aus dem Schnee gegraben worden. Grade der Schnee, worunter der vermeinte Todte gelegen, hat ihn warm und beim Leben erhalten, ſo daß der Begleiter Ihres Gatten, ein ſehr milder, trefflicher Mann, die Freude des Verwundeten theilend, der ſo unverhofft ein geliebtes Kind wieder findet, dieſes auf ſein Verlangen ihm gern zugeſellt, auch Anſtalt trifft, daß es mit einem Pelze wohl verſehen wird, deſſen Man⸗ gel vermuthlich ſeinen Scheintod bewirkt hatte. „O habe Dank, Du ewiger Vater!“ rief Philippine auf ihre Kniee ſinkend, die Haͤnde hoch zum Himmel erhoben.„Vergieb, daß ich murren konnte, gegen Dich, der Du alſo mei⸗ ne groͤßte Schuld gelöͤſet haſt!“. „und Reinberg,“ fragte Philippine nach einer langen Pauſe, in welcher ſie haſtig auf und nieder ging:„iſt er denn recht zufrieden im Beſitze des Kindes?“ — 223 Achſelzuckend antwortete Huldſtein:„Er ſcheint den Gedanken unertraͤglich zu finden, die Mutter deſſelben als Gattin eines Andern zu ſehen.“ In dieſem Augenblicke trat ein Diener mit mit nachfolgendem Billet an die Frau vom Hauſe herein. „Philippine! ohne es zu wollen, iſt mein Ohr, als ich vorhin bei meiner Heimkehr die Kleider wechſelte, Zeuge geworden von einem Ereigniſſe, das mich ſogleich zu meiner Schwe⸗ ſter Pauline treibt. Leben Sie gluͤcklich, Philip⸗ pine! Reinbergs Nechte ſind fruͤher geweſen, als die meinigen. Die meinigen beruheten auf der falſchen Vorausſetzung ſeines Todes. Sein Leben loͤſet unſer Eheband. Ich werde darauf antragen, daß dieſe Aufloͤſung Bekraͤftigung durch die Geſetze des Lanbes erhalte. Die Um⸗ ſtaͤnde ſind alſo, daß Ihr Beſitz mir keinen Troſt mehr gewaͤhren koͤnnte. Der einzige, noch moͤg⸗ liche Tyoſt fuͤr mich, iſt eine recht baldige Nach⸗ richt von Ihrem Gluͤcke mit Reinberg.“ „Willanow.“ 224 „Hier, Huldſtein,“ rief ſie und die Thraͤ⸗ nen ſtuͤrzten mit Gewalt uͤber ihre Wange: „dieſe Zeilen moͤgen Sie den Edeln ganz ken⸗ naen lehren, deſſen Lebensgluͤck ich geworden war.“ Athemlos eilte ſie hinaus, um Willanow noch ein Lebewohl! zuzurufen. Aber ſie kam nicht weit. Der ſchon anweſende Reinberg, von Willanow ſelbſt, der ihn im Flur angetroffen und geſprochen, ihr zugeſendet, begegnete ihr auf der Treppe. Er hatte den kleinen Max an der Hand. „Mein Sohn! Mein Gatte!“ rief ſie, ihre Arme nach beiden liebend ausſtreckend, waͤhrend der Wagen des Hinwegeilenden ſchon aus dem Thore des Hofraums rollte.— 1 —— ſſſſnennſnſnſnnſnſſſnfffſſſfſnſſſſſſſſnnſniſn LII 9 11 12 13 iiſlimt 14 15 16 17 18 76 4 3“ —“