Leihbiblivthetk deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur . von Cduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ceih und geſebedingungen. 1 oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Cäution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt für wöchentlich 22Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf Monat; 1 W— Pf 1F W W— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmützte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 8 S—B ——— Noth aus Ueberfluß. Ein komiſcher Roman von Fr. Laun. Seitenſtuͤck zu dem Romane: der Liebhaber ohne Geld. —, Erſter Theil. Berlin, 1824. In der Schuͤppelſchen Buchhandlung. Saru 1 —— 1. Der bewuſte Herr. Dar kalte Herbſtabend drang empfindlich durch jedes Knopfloch meiner eleganten Som⸗ merkleidung. Neugierig ſteckte ich den Kopf in die ſtattliche Thuͤr des pallaſtartigen Ge⸗ baͤudes, worin ich geboren und erzogen wor⸗ den war. Seit langen Jahren hatte ich es gen J nicht geſehen. Aber der zu meinem luftigen Anzuge ſchlecht paſſende Zugwind, der mir entgegenkam, wuͤrde mich bald wieder hinaus⸗ geblaſen haben, wenn nicht ein wohlgenaͤhrter, 8 aus einem der Unterzimmer eben mit Pelzpi⸗ keſche und Muͤtze herauseilender Herr erſchie⸗ nen waͤre. Bitte tauſend Mal um Verzeihung— redete er mich an, den rechten ſeiner zwei L A 2 Pelzarme mir darbietend. Leider, muß man allerdings ſich und Andere vergeſſen uͤber dem ewigen Geſchaͤftstreiben. Nur geſchwind, mein armer Freund; denn es iſt hier kalt zum Ver⸗ zweifeln. Meinetwegen! dachte ich und ging mit ihm die hellerleuchtete, breite Treppe hinauf. Ob ich ſchon keine Silbe von dem Allen ver⸗ ſtand, ſo lachte mich doch das Komiſche des Abentheuers recht freundlich an. Gluͤck auf! hieß mein Wahlſpruch Es war mir ſchon ſo Vieles in meinem jungen Leben begegnet, daß mich nichts mehr leicht in Verlegenheit ſetzen konnte. Oben befahl mein, vor den Tuͤcken der Jahreszeit reichlich geſchuͤtzter Fuͤhrer einem mit Golde faſt uͤberdeckten Bedienten, die Frau vom Hauſe herzuzuholen. Die freund⸗ liche Dame, welche hierauf erſchien, war ſchwer⸗ lich aͤlter als einige und dreißig Jahre und von recht einnehmender Geſichtsbildung. Mein 2 —.— 7 — 3 Fuͤhrer ſagte zu ihr: das iſt der bewuſte Herr, um deſſen Namen ſie mich vorhin fragten. Nun mag er ihnen ſolchen ſelbſt mittheilen; denn er muß ihn doch wohl am beſten wiſſen. Uebrigens bin ich in acht Tagen laͤngſtens wieder zu Hauſe! Hiermit ſprang er, fuͤr ſeine Korpulenz fluͤchtig genug, die Treppe hinunter. 2. DOie Frage. Mein Abentheuerchen ließ ſich immer beſ⸗ ſer an.. Ich freue mich, ihre Bekanntſchaft zu machen, ſagte die Dame, deren Obhut ich uͤbergeben worden war. Und ſie ſagte das mit ſo grazioſer und verbindlicher Miene, daß mein Herz zu ihr wuchs und aufſchwoll, wie ein Schwamm im Waſſer. Ehrerbietig zog ich die zarte, von koſtbaren Ringen ſtrotzende Hand an meine Lippen. Drauf ſchob ſie mir A 2 4 ihren wohlabgerundeten Alabaſterarm unter meinen Arm. Der Bediente eilte uns voran, die Thuͤr des reichverzierten und erleuchteten Geſellſchaftzimmers aufreißend, wo die Augen aller Herren und Damen auf Einmal nach uns gerichtet waren. Jetzt muß ich denn doch wirklich um ih⸗ ren Namen bitten! ſagte ſie leiſe zu mir. Richter! antwortete ich. Herr Richter! ſprach ſie hierauf, von mir ablaſſend, zu der aus lauter ſolchen Perſonen beſtehenden Verſammlung, die ſchon in den Jahren viel Progreſſen gemacht hatten. Die Bitterkeit meines titelloſen Namens ſchien Manchem gar nicht uͤber den Gaumen zu wollen. Wo ſie konnten blickten ſie mich von der Seite an, ob mir nicht vielleicht aus der Phyſtognomie etwas Naͤheres uͤber meine Verhaͤltniſſe abzuſehen ſeyn moͤchte. Ich wollte auch ſogleich wetten, daß ich die einzige Ur⸗ ſache der uͤberaus langweiligen Wendung war, — — 5 welche der Thee nahm, wodurch noch am Ende die Frage entſtand, ob nicht vielleicht etwas zum Vorleſen Paſſendes im Hauſe vor⸗ handen ſey. 3. Der Liebhaber ohne Geld. Die Wirthin beſann ſich auf ein ſchon vor Monaten aus der Buchhandlung nebenan zum Anſehen uͤberſendetes Paͤckchen Buͤcher, das noch gar nicht aufgemacht war. Ein ein⸗ ziges darunter aber wuͤrde zum Vorleſen paſ⸗ ſend geweſen ſeyn. Allein erſtens hatte der Buchbinder noch keine Hand daran gelegt und ließ ſich daher, wie der verſicherte, der gewoͤhnlich das Vorleſeraͤmtchen zu verwalten ſchien, nicht bequem genug handhaben. Dann aber ſtieß auch hauptſaͤchlich ſein Titel: Der Liebhaber ohne Geld gewaltig zuruͤck. Einige behaupteten, der Liebhaber dieſer Art liefen gar zu viele in den bekannten fuͤnf 6 Welttheilen herum, als daß es noͤthig waͤre, ſie noch in Buͤchern abzuſchildern. Die Mehr⸗ heit ſtimmte ihnen lachend bei. Das nenne ich doch, ſich die Schriftſtel⸗ lerei leicht machen! rief einer aus. Wenigſtens— ſpoͤttelte eine Dame— laͤßt ſich dem Verfaſſer nicht vorwerfen, daß er Erwartungen durch den Titel erregt habe. 4. Warumnicht? Madam Nelz, die Wirthin, ſchien mich, den ihr von dem Gemal empfohlenen Unbe⸗ kannten, nicht fallen laſſen zu wollen. Ich merkte recht gut, daß ſie mich fuͤr die ſeltſa⸗ me Verwunderung, mit welcher die Andern mich von Zeit zu Zeit betrachteten, zuweilen durch ein freundliches Wort, oder einen wohl⸗ wollenden Blick aufmuntern zu muͤſſen glaub⸗ te. Auch jetzt fragte ſie mich: Was meinen ſie zu dem Titel, Herr Richter? Denn bis 7 zum Buche ſelbſt werden wir auf dem einge⸗ ſchlagenen Wege doch ſchwerlich gelangen. Meines Erachtens— antwortete ich— zieht den armen Liebhaber ſchon vom Titel des Buches aus das kleine Woͤrtlein Geld zu ſehr in's Gemeine hinunter. Ganz Recht— bekraͤftigte die Wirthin— wie die reinliche Hand oft vor dem Angrei⸗ fen der ſchmutzigen Muͤnzſorten zuruͤckſchau⸗ dert, ſo wollen auch Auge und Ohr auf dem Titel eines Romans gar nicht daran. War⸗ um haͤtte er nicht lieber der arme Liehhaber heißen koͤnnen? Die Bitie. Vielleicht— antwortete ein Herr vom alten Regime in der Eleganz— vielleicht weil man ſich darunter allzuleicht etwas Herz⸗ brechendes oder Ruppiges haͤtte denken koͤn⸗ nen. Genug, wir wiſſen doch ſo ziemlich durch das misfaͤllige Aushaͤngeſchild, daß der Verfaſſer ſeinen miſerabeln Helden ohnſtrei⸗ tig aus einer Verlegenheit in die andere ja⸗ gen wird, und das iſt eben ein Ungluͤck fuͤr Autor und Verleger, weil ſo der Titel die ganze Lektuͤre des Buches entbehrlich macht. Geldverlegenheiten ſind ja ohnehin etwas ganz Alltaͤgliches, und dieſes muß man, wo moͤg⸗ lich, unberuͤhrt laſſen. 3 Nur mit halbem Ohr hörte ich dies bei⸗ ber. Denn inzwiſchen hatte ſich die Frau vom Hauſe neben mich geſetzt, und was ſie mir nicht freundlich abgefragt, errathen. Die Augen aufgeweckter Damen gleichen der Wuͤn⸗ ſchelruthe; das Verborgenſte wiſſen ſie aus Menſchen herauszuziehen, auf deren Geſicht ſie Beſchlag legen. Madam Melz behauptete gradezu, daß ich ohnſtreitig die Geſellſchaft mit einer Geſchichtserzaͤhlung amuͤſiren koͤnne, und bat mich, es ja nicht zu unterlaſſen. Sie hatte dies aus einigen halben Worten von mir, bei Gelegenheit des durchgehechelten Buchtitels, aus meiner Miene, aus meinen heraufgezogenen Mundwinkeln, geſchloſſen. „Ihre eigne Verſicherung ſagte mir's. Und wie feſt auch das Siegel war, das die Mehr⸗ heit der Anweſenden durch herablaſſende Ge⸗ ſichter auf meinen Mund druͤckte, ſo loͤſte die Bitte der liebenswuͤrdigen Frau es doch ſo freundlich, daß ich gar nicht widerſtehen konnte. Allerdings mußte ihr daran liegen, den Abend etwas geniesbarer zu machen. Sie hatte bereits um's Wort fuͤr mich gebe⸗ ten, und als hierauf Alles maͤuschenſtill gewor⸗ den war, begann ich mein Werk; wobei ich nur noch bemerken will, daß die Ueberſchrif⸗ ten der nachfolgenden kleinen Kapitel, wegen der Uebereinſtimmung des Ganzen, erſt ſpaͤter hinzugekommen ſind. 8 10—; 6. Erziehungsmethode. Meine Damen und Herren— hub ich an— einen Liebhaber ſtießen ſie eben von ſich, weil er kein Geld hatte, ich erdreiſte mich da⸗ her, ihnen einen andern zuzufuͤhren, welcher offenbar zu viel Geld beſas. Was ſie aber vielleicht am allerwenigſten glauben werden, öhͤhnnte wohl der Umſtand ſeyn, daß dieſer Menſch durchaus kein andrer iſt, als ich ſel⸗ ber. Mieinen Vater hatte ich nie das Gluͤck zu kennen, weil er zu fruͤhzeitig die Welt ver⸗ ließ. An ſeiner Statt leitete ſein juͤngerer Bruder meine Erziehung. Ich ſollte das Mu⸗ ſter eines tugendhaften, ordentlichen, fleißi⸗ gen, geſcheidten und gelehrten Menſchen, und Gott weiß, was noch alles uͤberdies werden. Mein Onkel hatte in ſeiner kurzen Ehe gar keinen Sproͤßling erzielt, und mein Vater 11 auch Niemanden als mich producirt, auf den nun, ſo hoffte der Onkel, ſaͤmmtliche gute Qualitaͤten eines Dutzends zu pfropfen ſeyn muͤßten. Dabei ſollte ich ein eiſernes Kapi⸗ tal von Geſundheit mit in die Welt hinaus⸗ bekommen, um meine geiſtigen und ſittlichen Vorzuͤge deſto laͤnger leuchten zu laſſen und nebenbei dem Erloͤſchen unſeres Familienna⸗ mens durch Anlegung einer anſehnlichen Pflanzſchule junger Richter thunlichſt vorzu⸗ beugen. Unnoͤthige Vorſicht, da der Name Richter bekanntlich ſo verbreitet iſt, daß man beim Ableben jedes ſolchen vermuthlich bis kurz vor dem Erſcheinen des juͤngſten Tages wird ausrufen koͤnnen: Herr Richter iſt ge⸗ ſtorben, es leben die vielen Herren Richter! Wie griff aber mein Onkel die Ausfuͤh⸗ rung ſeines Planes an? Mit der groͤßten Sorgfalt. Tag und Nacht durfte ihm der Knabe nicht aus den Augen. Er ſpielte mit mir, lernte mit mir, ging, ritt und fuhr mit 12 mir aus, und um mir recht begreiflich zu ma⸗ chen, daß ich mich vor tauſenden von Kin⸗ dern zuſammennehmen muͤſſe, hoͤrte er nicht auf, mir vorzuſtellen, um wie viel beſſer ich es vor tauſenden haͤtte. 7. Fremdes Glück. Dieſes Beſſerhaben wollte mir aber gar nicht in den Kopf. Sah ich denn nicht klar, daß ein lappiger Bube unten auf der Straße, mit dem eben erbettelten Stuͤcklein Brod, ſo freudig herumhuͤpfte, als ob ihm das Eigen⸗ thum der ganzen Welt nicht zu beſtreiten ſey? Was gehoͤrte denn mir? Schickt ſich das? fragte der Onkel gleich, wenn ich einmal ei⸗ nen frohen Sprung that, den mein Tanz⸗ meiſter freilich nicht haͤtte loben koͤnnen, oder wenn ich, in meiner Unſchuld hin ein Ge⸗ ſicht ſchnitt, bei dem allerdings die Schoͤn⸗ 13 heitslinien ganz unberuͤckſichtigt geblieben waren. Ach, wie gluͤcklich ſchien mir dagegen der Junge der Obſthoͤckerin, an der Ecke des Hau⸗ ſes gegenuͤber. Der ſchnitt ungeſtraft ein Ge⸗ ſicht nach dem andern zu meinem Fenſter herauf. 8. Der Apfelbiß. Das eine Mal, als ich im Garten unter den Baͤumen einen Apfel gefunden hatte und eben hineinbeißen wollte, riß mir ihn der On⸗ kel mit großem Unwillen aus der Hand. Un⸗ terſtehe dir's nicht! ſprach er, zornig den Fin⸗ ger aufhebend. Und als ich daruͤber bitter⸗ lich weinte, ſchalt er: Ungezogener Knabe. Oben liegen die ſchoͤnſten Aepfel. Du aber willſt grade dieſen abgefallenen, wurmſtichigen. Wer weiß, was fuͤr ein giftiges Thier ihn ſchon benagte. Ich berief mich auf den kern⸗ 14 geſunden Gaͤrtnerjungen, den ich alle Tage ſolche Aepfel ſpeiſen ſah. Willſt alſo auch ſo ein ungezogener Wild⸗ fang ſeyn, wie der? Ach, ich haͤtte mein ganzes, wohlbereite⸗ tes Abendeſſen um die Erlaubnis zum Biſſe in den abgefallenen, wurmſtichigen Apfel ge⸗ geben! 9. Die Blumen des Lebens. Ohngefaͤhr auf gleiche Manier wurde ich auch ſpaͤterhin behandelt. Der Onkel ſelbſt zog mit mir auf die Univerſitaͤt. Er unter⸗ ließ nicht, mich im Weſentlichen, ganz denſel⸗ ben engen Verhaͤltniſſen einzupreſſen, als zeit⸗ her. Auch auf der Akademie wurde ein ei⸗ gentlicher Geſundheitscordon um meinen Geiſt und Koͤrper gezogen, damit ich vor allen Ue⸗ beln bewahrt ſeyn moͤchte. 4 Je weiter ich in Kenntniſſen vorſchritt, 15 deſto mehr machte mich auch mein Onkel auf die, mit Beendigung der Lehrjahre beginnen ſollende, gluͤcklichere Zeit aufmerkſam, wo mir an ſeiner Hand ſolche Blumenwege des Lebens zu durchwandeln vorbehalten waͤren, von de⸗ nen ich mir zeither nichts haͤtte traͤumen laſſen. Wieder an ſeiner Hand! Dieſer Beiſatz verbitterte mir den Genuß ſchon im voraus. Es hatte mir naͤmlich von einem gluͤcklichen Juͤnglingsalter ſchon mehr getraͤumt, als er ſich vorſtellen mochte. Darum hoffte ich, die ſchoͤnſten Blumen deſſelben ohne ihn weit eher zu finden, als an ſeiner uͤberaus bedenk⸗ lichen Hand. 10. Zu ſpäte Kur. Recht hatte der gute Mann indeſſen, daß er mir dieſe nicht auf Einmal entziehen wollte. Wenn er nur mit ſeiner ganzen Manier Recht 16 gehabt haͤtte! Das aber war ſchon darum ge⸗ wiß nicht der Fall, weil er die Moͤglichkeit voͤllig vergeſſen, daß der Tod ihm einen ge⸗ waltigen Strich durch die Rechnung machen köͤnnte. Und das geſchah wirklich. Achſelzu⸗ ckend weckte mich eines Morgens Louis, unſer Bedienter, mir zu berichten, daß ſein Zuſtand ihm aͤußerſt bedenklich vorkomme. 1 Ich eilte an ſein Bette. Er war eiskalt. Der herzugerufene Arzt erhoͤhete meinen — Schmerz noch durch die Verſicherung, daß er dem hier bereits eingetretenen Tode ganz ge⸗ wiß vorgebeugt haben wuͤrde, wenn man ein kleines halbes Stuͤndchen fruͤher nach ihm geſchickt haͤtte. Auch dann noch konnte der Doktor, wie ihm ſchon geſagt worden war, daß ſich der Onkel ganz geſund zu Bette ge⸗ legt und man erſt jetzt die traurige Entdek⸗ kung gemacht habe, ſeine Empfindlichkeit uͤber die zu ſpaͤt erhaltene Kunde nicht unter⸗ druͤcken. 41. —õ———— — ——— — 11. Die Mit⸗Leidtragenden. Es gab ein gewaltiges Aufſehen im phi⸗ loſophiſchen Hoͤrſaale, als ich zum erſten Male allein dort erſchien. Mein Onkel, der mir, wie ſchon erwaͤhnt, auch in den Kollegien al⸗ lezeit zur Seite ſaß, war, wenn einer der Nachbarn mich anredete, gewoͤhnlich mein Vormund geweſen. Um ſo neugieriger zeigte man ſich nun, zu erfahren, wer dasmal an meiner Stelle antworten wuͤrde. Als guter Anlaß zur Frage, diente die mehrtaͤgige Ab⸗ weſenheit und mein Traueranzug. Ich gab um ſo bereitwilliger den Herren Commilito⸗ nen Auskunft, je laͤnger mein Mund nach der ihm zeither entzogen geweſenen Freiheit zu ſprechen geduͤrſtet hatte. Damit inſinuirte ich mich ungemein. Meine Vermoͤgensumſtaͤnde waren bekannt genug; daher hing ſich mir beim Fortgehen I. 4 B 18 ein Mit⸗Leidtragender an den rechten, ein anderer an den linken Arm. Ganz von ſelbſt erfuͤllte ſich hiermit we⸗ nigſtens die erſte Haͤlfte eines meiner langge⸗ naͤhrten Wuͤnſche, auch einmal mit ein Paar Freunden gleichen Alters, Arm in Arm uͤber die Straße zu marſchiren und das Gaudea⸗ mus dazu zu ſingen. Letzteres verſcheuchte natuͤrlich der Todesfall. Meine neuen Freunde behaupteten, daß es in ſo betruͤbten Faͤllen keine beſſere Troͤ⸗ ſterin gaͤbe, als die reizende Natur. In den dumpfen Horſaͤaͤlen klammere ſich der Truͤb⸗ ſinn nur feſter an die bedraͤngte Bruſt. So wanderten wir denn ſtatt in ein zweites Collegium, grade zum Thore hinaus. Zwiſchen den aͤrmlichen Weiden, den ein⸗ zigen Naturſchoͤnheiten auf unſerm ganzen Wege, ſtimmten meine beiden Fluͤgelmaͤnner ein Lied zum Preiſe der reichen Natur an, waͤhrend ich mir Vorwuͤrfe machte, daß mein 4 — — —— y—— —— — 19 Herz wirklich viel zu großen Antheil an ihrer Froͤhlichkeit nahm, da mir doch in meinem Onkel, bei all ſeinen Eigenheiten, ein ſehr ſchaͤtzenswerther Mann geſtorben war. Aber die neue Freiheit war allzuſuͤß. 12. Die gewonnenen Brüder. Als wir im Wirthshauſe zu Nußdorf an⸗ kamen, deſſen Fenſter auf einen, nicht eben reinlich gehaltenen, Hof gingen und hier offen⸗ bar das Ziel unſerer Wanderung war, mußte ich mir freilich eingeſtehen, daß die Natur, die mich troͤſten ſollte, nicht eben ſehr troͤſt⸗ lich ausſah. Allein die Reuheit der Umge⸗ bung reizte mich doch, ob ich ſchon dem ſeli⸗ gen Onkel darin Gerechtigkeit widerfahren ließ, daß ſolch ein Treiben und ſolch ein Aufenthalt ein weit ſchlechterer Spaß war, als das Sitzen zu Hauſe im freundlichen Stu⸗ dierzimmer. Der Tabaknebel, der alles ver⸗ B 2 4 20 finſterte, geſtel mir auch nicht. Eben ſo we⸗ nig das uͤberaus ſchlechte Mittageſſen und noch viel weniger die Harfeniſtin, welche gegen Abend mit einem viel verſprechenden Gruße hereintrat. Mehr durch ihre Wohlbeleibt⸗ heit als durch ihr Klimpern und die kanni⸗ baliſche Stimme, welche es begleitete, bezau⸗ berte ſie meine Geſellſchafter, die inzwiſchen bis auf ein ganzes Dutzend angewachſen waren..„. Ach— dachte ich, beim Nachhauſegehen mit den neuen Freunden— warum ließ mich der gute Selige nicht in ſolche Geſellſchaft?— Ein einziges Mal nur wie heute, und meine Sehnſucht danach waͤre gewiß fuͤr immer ge⸗ ſtillt geweſen, ſtatt daß ſie bei ſeiner Art mich am Laufzaume zu halten, ewig neue Nahrung bekommen mußte! Am empfindlichſten bei der Sache war mir das, daß ich in den Zwoͤlfen, mit denen ich meinen Tag langweilig genug zugebracht, * 4 1 Q˖Q˖˖˖˖¶¶·Q·Q·¶··⅓½ 21 0 vermoͤge des Zutrinkens in einem nicht ſehr trinkbaren Gerſtenſafte, eben ſo viele Bruͤ⸗ der gewonnen hatte. 13. Meine Unterhaltung. Am folgenden Morgen vermied ich den Horſaal, wo man ſich das Rendez⸗vous ge⸗ geben, grade dieſer neuen Bier⸗Verwandt⸗ „ ſchaft wegen. Mittags ſpeiſete ich bei dem Univerſitaͤts⸗ rektor. Ein allerliebſter Mann. Nur daß er ſich des Laͤchelns und Kopfſchuͤttelns uͤber das Verfahren meines ſeligen Onkels mit mir durchaus nicht enthalten konnte. Die uͤberaus elegante Geſellſchaft, die ih⸗ ren Mittag bei ihm zubrachte, theilte mit ihm das Bedauern uͤber eine ſo unerhoͤrte Sklave⸗ rei, in der ich geſtanden haͤtte. Der Rektor ließ ein Woͤrtchen von meinem anſehnlichen Vermoͤgen fallen, und es war mir, als ob ich 22 5 unmittelbar darauf den freundlichen Wieder⸗ ſchein des Goldes, das er mir zuſchrieb, aus den Augen ſaͤmmtlicher Tiſchgaͤſte auf mich zuruͤckſtrahlen ſaͤhe. Beſonders lag zweien Damen, einer recht artigen Witwe und einem noch ganz jugend⸗ lichen Maͤdchen meine Unterhaltung am Herzen. 3 Von dieſem Tage an blieb mir faſt kei⸗ ner mehr fuͤr mich. Ich hatte wenig weiter zu thun, als vom Diner mich zum Souper zu begeben und wurde allmaͤhlig an den fei⸗ nen Tafeln der ganzen Stadt ſo einheimiſch, daß an die Studien kaum noch gedacht wer⸗ den konnte. 14. Gefahr der Erörterungen. Schon darum haͤtte ich beirathen moͤgen, damit ich ebenfalls Gelegenheit bekommen, meine zahlreichen Freunde und Freundinnen — 23 dann und wann in meinen vier Pfaͤhlen ver⸗ ſammelt zu ſehen. Aber auch noch aus vielen andern Urſachen. Beſonders lebte in dem ſplendiden Hauſe des Rektors eine ſechszehn⸗ jaͤhrige Urſache, deren huͤbſchen Augen meine Figur kein Misfallen zu erregen ſchien. Wer aber nur gewußt haͤtte, ob die gute Aufnah⸗ me, die ich bei ihr fand, wirklich meiner Per⸗ ſon oder nicht vielmehr meinem V Vermoͤgen galt? Zur naͤhern Eroͤrterung dieſer wichtigen Frage fehlte mir's jedoch an Zeit. Denn in wie vielen andern Haͤuſern gab es nicht aͤhn⸗ liche reizende Urſachen. Ich waͤre aus den Eroͤrterungen nicht wieder herausgekommen, wenn ich mich einmal auf dergleichen haͤtte einlaſſen wollen⸗ 15. Das Deſſert, als Herzensſchlüſſel. Dazu erſchien mir bei naͤherer Erwaͤgung die neue Freiheit zu koͤſtlich, um mich derſel⸗ 24 ben ſobald wieder zu begeben; eines fernern Grundes nicht zu gedenken, deſſen bei anderer Gelegenheit Erwaͤhnung geſchehen ſoll. und wirklich konnte ich bei meinen jetzigen Ver⸗ haͤltniſſen einmal wieder darum gebracht ſeyn,. ehe ich mich umſah. Aus einem Hauſe in das andere fliegend, ein Flug der mir durch die neuangeſchaffte, uͤberaus glaͤnzende Equipage ſehr erleichtert wurde, fand ich bald ein lie⸗ benswuͤrdiges Maͤdchen, bald eine anmuthvolle Witwe allein. Und iſt es nicht Pflicht in ſolchen Faͤllen, Pflicht ſogar gegen ſich ſelbſt, darzulegen, daß man nicht fuͤhllos ſey fuͤr Liebenswuͤrdigkeit und Anmuth? Ein Wort giebt dann das andere und wer iſt bei aͤhnli⸗ cher Gelegenheit ſeiner Worte immer ſo Mei⸗ ſter, um gewiß zu ſeyn, daß ihm nicht eins davon ganz unvermuthet den Verlobungsring an den Finger ſteckt? War ich doch ohnehin ſchon in mehrern Haͤuſern der permanente Nachbar einer Tochter oder Nichte geworden! 3 —. ₰ —— 3 2 5 Die Tafelfreuden ſind beſonders gefaͤhrlich. Beim Deſſert gehen nicht ſelten ein Paar Herzen auf, die außerdem einander ewig ver⸗ ſchloſſen geblieben waͤren, und die Folgen ſind dann leicht zu uͤberſehen. 16. Belagerung. Ich glaubte zunaͤchſt auf eine Ortsveraͤn⸗ derung denken zu muͤſſen. Wurde doch ohne⸗ hin mein Aufenthalt auf der Akademie mir ſeit den zwei Jahren, welche mein Onkel nun begraben lag, mit jedem Tage koſtſpieliger. Die zwoͤlf Bruͤder, welche mir der erſte Col⸗ legiumsbeſuch nach ſeinem Tode erwarb, wa⸗ ren noch die billigſten in ihren Anſpruͤchen auf meine Kaſſe. Weit angreifender fuͤr dieſe wur⸗ den die elegantern Herren Muſenſoͤhne, welche mir in den Haͤuſern vom guten Ton aufſtie⸗ ßen. Nebenbei verlangten Ungluͤckliche aller Art Aufhuͤlfe durch mich. Eine recht anſehn⸗ 26 liche Abtheilung darunter machte die bedraͤngte Weiblichkeit aus. Der einen ſollte ich Vor⸗ mund, der andern Anwald, der dritten Ge⸗ vatter, der vierten Rathgeber, der fuͤnften Erretter aus irgend einer Sklaverei werden. Zu der Zahl der letztern gehoͤrten allein drei recht huͤbſche Weiberchen, welche keinen hin⸗ reichenden Grund zur Scheidung von ihren Ty⸗ rannen hatten, und doch ſo gern einen gehabt haͤtten. Ach, ihr Flehen, daß ich ihnen einen Grund auffinden moͤchte, war von ſo ſchmach⸗ tenden Blicken begleitet, daß ich kaum zwei⸗ feln konnte, ſie wuͤrden, wenn ich als ihr Er⸗ löͤſer auftraͤte, mich zur Dankbarkeit mit der kaum freigewordenen Hand begluͤcken. Mit Einem Worte, ich war faſt von al⸗ len Seiten belagert, und bedroht. Dazu kam noch, daß ich fuͤr meine Perſon allein ſchon viel mehr bedurfte, als meine anſehnlichen Einkuͤnfte auf die Dauer dazu hergaven. 4 7. Prüfungen. Der Entſchluß zur Abreiſe war endlich gefaßt. Ganz im Stilen ſollte ſie geſchehen. Grade das aber, was ihr, meines Erachtens vorhergehen mußte, die Pruͤfungen meiner ju⸗ riſtiſchen Kenntniſſe, erzeugte in meinen Be⸗ kannten den Glauben, daß ich mehy als je⸗ mals daͤchte, einen feſten Standpunkt in der Welt einzunehmen. Man uͤberbot ſich daber im Wohlwollen gegen den Beguͤterten. Je mehr ich in der letzten Zeit die Stu⸗ dien vernachlaͤſſigt hatte, deſto beſſer kam mir jetzt die fruͤhere, nothgedrungene Anſtrengung darin zu ſtatten. Mit geringer Muͤhe berei⸗ tete ich mich auf die Pruͤfungen vor, welche uͤberaus gut von ſtatten gingen. 18. Der Ueberſchuß. Ueberzeugt, daß man am Tage nach der zweiten Pruͤfung in drei bis vier Haͤuſern eine foͤrmliche Brautwerbung von mir erwartete, hielt ich's fuͤr das Rathſamſte, ſtatt deſſen, Abſchiedskarten herumgeben zu laſſen. Ich ſelber war ſchon am Abende zuvor mit einem jener zwoͤlf Bruͤder, welcher Mehlwurm hieß, ausgewandert. Nicht ohne gute Urſache hatte ich mir grade dieſen Mehlwurm zum Ge⸗ faͤhrten gewaͤhlt. Ein Menſch, von jeher an ſehr eingeſchraͤnkte Vermoͤgensumſtaͤnde ge⸗ woͤhnt, wie er, der zugleich etwas gelernt hatte, mußte mir bei dem Vorſatze, das in der naͤchſten Zeit wieder zu erſparen, was ich in der letzten zu viel ausgegeben, ſehr will⸗ kommen ſeyn. Nach der Berechnung, welche er mir von der Fußreiſe durch Deutſchland machte, koſtete mir dieſe weniger als gar 29 nichts, und er wurde dabei noch umſonſt mit durchgeſchleppt. Die ganze Reiſe naͤmlich ließ ſich von dem Erloͤs aus meiner Equipage und dem andern uͤberftuͤſſigen Beſitze nicht nur beſtreiten, ſondern es blieb ſogar ein recht anſehnlicher Ueberſchuß, der mir eine huͤbſche Zeit nachher noch konnte wirthſchaf⸗ ten belfen. 19. Mein Wohlſeyn. Unſer erſter Wanderungsabend hatte ei⸗ nen ganz eigenen Reiz fuͤr mich. Der durch⸗ lebte Tag war noch wohlfeiler geweſen, als mein Freund mir die Reiſetage im Durch⸗ ſchnitte verſprochen. Das ruͤhrte hauptſaͤch⸗ lich von dem großen Elende der Wirthshaͤu⸗ ſer her, in denen außer erheblichem Schmutze beinahe gar nichts zu haben war. Selbſt der ſehr maͤſige Mehlwurm verlor daruͤber die Geduld, waͤhrend ich, der Verwoͤhnte, die 30 Geringfuͤgigkeit der menſchlichen Beduͤrfniſſe pries und gar ſchon in Gedanken mit der kuͤnftigen Herausgabe eines Werkes mich be⸗ ſchaͤftigte, worin ich dem Schlemmer jedes Standes beweiſen wollte, daß die einfachſte Koſt nicht nur die wohlfeilſte, ſondern auch die beſte, und es offenbare Verruͤcktheit ſey, das Leckere in ſogenannten Leckerbiſſen zu ſu⸗ chen. Mehlwurm ſah mich mit großen Augen an und dampfte ſeinen Brieftabak verdruͤßlich vor ſich hin, weil das Bier, ſein gewoͤhnli⸗ cher Nektar, in dieſem Neſte vor Saͤure nicht zu genießen war. Ach, ich fuͤhlte mich ſo wohl bei dem klaren Brunnenwaſſer, als ich mich lange nicht, beim Ueberfluſſe der feinſten Weine gefuͤhlt hatte. 20. Bekannte. Leider, uͤberlebte die Maͤſigkeit meiner —xEx;— 31 Wuͤnſche kaum die erſten ſechs und dreißig Stunden. Als wir am folgenden Mittage an der Wirthstafel des fliegenden Drachen, 3 eines ausgezeichneten Gaſthofs in einer Mit⸗ telſtadt, ſaßen, war mein Syſtem vom Tage zuvor voͤllig wieder untergegangen. Ganz deutlich ſah ich, daß nichts, als ein verdor⸗ bener Magen mich darauf hingefuͤhrt hatte. Mein geſtriges Faſten ſetzte ihn und den Gaumen auf's Neue in ihre Rechte ein. Um ſo gelegener kam es mir, daß Mehl⸗ wurm, der Verwandte am Orte beſaß, den Tag dort zuzubringen wuͤnſchte. Ein gut eingerichteter Gaſthof gehoͤrt in vielen Gegenden ſo ſehr zu den Seltenhei⸗ ten, daß wenn der Reiſende einmal einen ſolchen gefunden hat, es um ſo wohlthaͤtiger auf ihn wirkt. Ein Paar, mir von den Horſaͤaͤlen der Akndemie vom Anſehen wohl⸗ bekannte junge Maͤnner ſchienen im fliegen⸗ den Drachen ganz einheimiſch. Je unzu⸗ 3²— gaͤnglicher ich vormals durch meinen ſteten Begleiter, den ſeligen Onkel, auch ihnen ge⸗ weſen war, um ſo angelegener ließen ſie ſichs ſeyn, meine naͤhere Bekanntſchaft zu machen. Der Zuſtand der Offenheit, worein eine Reihe bereits ausgeleert vor ihnen ſte⸗ hender Burgunderflaſchen ſie verſetzte, er⸗ laubte ihnen keine Zuruͤckhaltung, wie unſer erſtes Geſpraͤch ſie wohl erfordert haͤtte. 21. Brüderliche umarmung. In Kurzem ſagten ſie ganz unverholen ihre Meinung uͤber meinen vor dem Eſſen ſchon hinweggegangenen Reiſegefaͤhrten. Sie nannten ihn einen in der Hefe des Biers und der Geſellſchaft untergegangenen Schlin⸗ gel, mit dem man ſich nicht gemein machen muͤſſe. Ich gab ihnen die noͤthige Sparſam⸗ keit als meinen Beweggrund zur Verbindung mit ihm an. Spar⸗ —— 33 Sparſamkeit! rief da der eine, Diſtel mit Namen, das iſt ja eben das ſaubere Wort, welches uns einen eigenen Schwung ertheilt, weit hinaus uͤber die Glatzen der Philiſter. Eben weil wir das ganze Kapital unſerer Sparſamkeit unberuͤhrt laſſen wollen, wie einen Nothpfennig fuͤr das Alter, fuͤr die Zeit, wo einem ohnehin die Genuͤſſe ſchaal vorkommen, gleich einer Abends angebroche⸗ nen Flaſche Oeil de perdrix am folgenden Morgen, eben darum muͤſſen wir anjetzt ſo flott leben. Allerdings— ſprach der Andere, welcher Luft hieß— allerdings handeln wir wie die aͤchten Weiſen, indem wir uns durch eine freigebige Jugend die Mittel zur kuͤnftigen Verſchwendung gleichſam abſchneiden. Der Wirth kam inzwiſchen mit einer neuen Flaſche herbei. Ich mußte mittrinken und eine bruͤderliche Umarmung ſchloß die Szene.. 0.. C 34 Diſtel und Luft ſtanden mir, ihren Le⸗ bensgewohnheiten nach, allerdings naͤher, als ein Bier⸗ und Tabaksbruder, wie Mehl⸗ wurm, der ſich auch den ganzen Tag nicht wieder im fliegenden Drachen ſehen ließ. 22. Getäuſchte Erwartungen. Faſt haͤtte der Ball am Abende im Gaſt⸗ hofe, welchem die Bluͤte der Stadt beiwoh⸗ nen ſollte, ſeine beiden Unternehmer, meine zwei neuen berauſchten Herren Bruͤder, ganz eingebuͤßt. Luft zerfloß in Thraͤnen, waͤhrend Diſtel kaum aus dem Schlafe zu erwecken war, als Trompeten und Pauken ſchon die Eroͤffnungspolonaiſe verkuͤndigten. Uebrigens fehlte es dem Balle gar ſehr an gehofftem weiblichen Glanze. Den beiden Unterneh⸗ mern, welche ſich der Einladungen in Perſon unterzogen hatten, mochte ihr windiges Anſe⸗ hen in den Augen beſorgter Aeltern und — —— 35⁵ Vormuͤnder zu ſehr geſchadet haben. Denn von den friſchen, reizenden Bluͤmchen der Stadt war faſt gar nichts zu bemerken. Blos eine ziemliche Anzahl reichlich herausgeputzter Damen uͤber die Jahre der Bluͤthe weit hin⸗ aus, ſaßen da, zum Theil mit ſehr getaͤuſch⸗ ten Erwartungen. 23. Spielhaß. Bei dieſen Umſtaͤnden ließen die zwei Unternehmer auch, als ihr Rauſch wieder ver⸗ flogen war, den Ball Ball ſeyn und ſuchten mich ebenfalls dem Hazardſpiele zu gewinnen, welches in einem der Nebenzimmer getrieben wurde. Ich beharrte bei der Weigerung Theil zu nehmen, obſchon ſie meine Scheu vor die⸗ ſem koſtſpieligen Vergnuͤgen einen Ueberreſt aus dem ledernen Zeitalter nannten, in dem der Onkel meinen Jugendmuth unter ſeiner * C 2 36 Philiſterſcheere gehalten. In der That habe ich dem Spiele niemals einigen Reiz abge⸗ winnen koͤnnen, was theils von meinen au⸗ ßerordentlich guten Umſtaͤnden, theils auch davon herruͤhren mochte, daß der dritte Bru⸗ der meines Vaters ein Opfer deſſelben ge⸗ worden war. 24. Die umlagerte Witwe. Die Zeit bis zur Tafel nur einigermaſen auszufuͤllen, blieb mir nichts uͤbrig, als die Theilnahme am Tanze. Aber eine alte, dicke Frau, die ſich, wie ich hoͤrte, fuͤr eine junge, angenehme Witwe hielt, verfolgte mich der⸗ geſtalt mit ihren laͤſtigen Blicken, daß ich mich nach einiger Zeit an den Tiſch der Er⸗ friſchungen retirirte und die vom Tanze in mir erregte Glut mit Limonade auszugießen verſuchte. Auch hier aber hatte ich keine Ruhe⸗vor ihr. Sie ſetzte ſich neben mich, 37 ſich mit Vorwuͤrfen uͤberhaͤufend, daß ſie nicht ſchon lange meinem Beiſpiele gefolgt ſey. Tauſendmal ſchon— fuhr ſie fort— bereucte ich, der Einladung zu dieſem Balle nachgegeben zu haben. Ja, wenn's in unſe⸗ ver lieben Stadt auch ſo beſcheidne, zuruͤck⸗ haltende Maͤnner gaͤbe, wie ſie aus großen Staͤdten uns bisweilen die Ehre ihres Be⸗ ſuches vergoͤnnen. Aber nein! Bei uns iſt die Rohheit zu Hauſe. Wenn eine Witwe, noch nicht uͤber die Jahre hinaus iſt, und ein Paar Thaͤlerchen Vermoͤgen hat, ſo findet ſie ſich auch gewiß von der hieſigen Zudringlich⸗ keit ſtetz umlagert. Sehen ſie nur einmal! 25. Grimmige Blicke. Wirklich entdeckte ich einen Mann in der Raͤhe, zwiſchen vierzig und funfzig Jah⸗ ren, der ſeine ganze Aufmerkſamkeit auf die Frau richtete und mich offenbar zum Ziele ſeines Argwohnes genommen hatte. 3⁸ Da ſtieg denn mit Einem Mal die Luſt in mir auf, den Herrn wie die Dame, zum Beſten zu haben. Nicht, als ob ich dieſer irgend eine falſche Hoffnung auf meine Hand oder mein Herz ertheilt haͤtte. Es ließ ſich hier der Zweck mit weit geringern Mitteln erreichen. Ich durfte mich nur ihrem ewi⸗ gen Schwatzen mehr hingeben, als zeither. Ach— ſagte ſie, als es zu Tiſche ging — wer nur auch da in gute Nachbarſchaft geriethe! Ich erbot mich um ſo lieber, mich an ihre Seite zu ſetzen, da ihr Verfolger, ein Commiſſionsrath Wurz, wie ich hoͤrte, mir be⸗ reits die grimmigſten Blicke zuwarf und mich die Exploſion ſolch eines unverſtaͤndigen Grim⸗ mes unendlich erfreuen konnte. 26. Wohlthätiger Wetteifer. Bei Tafel ſaß er der dicken Frau, mei⸗ ner Nachbarin, unmittelbar gegenuͤber. 39 Ein Mitglied des Magiſtrats veranſtaltete eine wohlthaͤtige Sammlung. Vor dem Laͤrm, den Diſtel und Luft in meiner Naͤhe mach⸗ ten, hatte ich den angegebnen Zweck der Sammlung uͤberhoͤrt. Um ſo beſſer bemerkte ich, daß der, welcher mich fuͤr ſeinen Neben⸗ buhler hielt, bereits ſeinen Beitrag in einem ganzen Thaler neben den Teller gelegt hatte. Meine Nachbarin ſtieß mich an und ſag⸗ te: Richts als leidiges Großthun! Derglei⸗ chen kann ja wohl ein Anderer auch noch. Allerdings! ſprach ich und unmittelbar drauf legte ich das Doppelte ſeines Beitrags auf den Tiſch. Kaum bemerkte das unſer Vis⸗a⸗vis, ſo zog er ſchon ein Goldſtuͤck heraus. Ich verdoppelte auch dieſen Satz. So trieben wir's geraume Zeit, daß die allgemei⸗ ne Aufmerkſamkeit rege wurde, und der be⸗ reits in meiner Naͤhe ſtehende Einſammler, den reißenden Strom unſeres wohlthaͤtigen * 40— Wetteifers nicht zu hemmen, freundlichen Ge⸗ ſichts ſtill ſtehen blieb. 27. Genugthuung. Endlich, als meines Nebenbuhlers Boͤrſe erſchoͤpft ſeyn mochte, legte ich triumphirend noch ein halbes Dutzend Goldſtuͤcke zu der bereits ſehr anſehnlichen Summe. Hiermit waren unſre wechſelſeitigen Anſtrengungen augenſcheinlich geſchloſſen. Daher erſchien der Sammler, mir uͤberaus ehrerbietig den Teller zureichend, deſſen bis dahin ziemlich geringe Sammlung durch das nun von mir Hinzugefuͤgte auf ganz auſſerordentliche Weiſe vermehrt wurde. Mein Triumph dauerte jedoch nicht lange. Als der Sammler zu meinem Nebenbuhler kam, legte dieſer den von ihm Anfangs dazu hingelegten Thaler auf den Teller und ſleckte —x 41 das nachher herausgenommene Gold ſtillſchwei⸗ gend wieder in ſeinen gruͤnſeidenen Beutel. Dieſer ſo ganz unerwartete Ausgang er⸗ weckte einen Laut des Unwillens in meiner Nachbarin. Dafuͤr aber hatte mein Neben⸗ buhler die Genugthuung eines allgemeinen, nur hier und da gewaltſam verbiſſenen, La⸗ chens an der ganzen Tafel. 28. Peifa. Es war wahrhaft verdruͤßlich, fuͤr mein vieles Geld nun noch ausgelacht zu werden. Sogar der Gedanke des wohlthaͤtigen Zweckes den ich dabei befoͤrderte, konnte mich nicht lange troͤſten. Ich vernahm, daß die Samm⸗ lung nichts als ein Beitrag ſeyn ſollte, um der dortigen Scheibenſchuͤtzengilde ein geraͤu⸗ migeres Lokal fuͤr ihre gewoͤhnlichen Schmaͤuſe zu verſchaffen. Diſtel und Luft konnten ſich des lauten 4² Beifalls nicht enthalten. Diſtel brachte gar ſein volles Glas zu dem Commiſſionsrathe, mit ihm anzuſtoßen, wobei er, aus dem der Geiſt des Punſches zu ſprechen ſchien, folgen⸗ den Trinkſpruch von ſich gab: Es leben alle Muſenprieſter, Und auch daneben ſolche Philiſter, Die ſich gleich ihnen, mein Herr, ſo ſchön, Wie Burſchen, auf den Comment verſtehn! 29. r d ſt. Zu mir aber ſagte Luft nach aufgehobe⸗ ner Tafel: Bereue es nicht, Herr Bruder, daß du heute deine Sachen ſo dumm ge⸗ macht haſt. Es iſt kein Meiſter vom Him⸗ mel gefallen, und Lehrgeld muß jeder geben. Ein ander Mal wirſt du ſchon geſcheidter ſeyn. Uebrigens wollen wir den Alten krie⸗ gen, der dich ſo excellent anraͤucherte. Das wohlausgeſtopfte Wuͤrmlein ſeines Geldbeu⸗ r— 43 tels ſoll ſich ſchon verbluten. Er will naͤm⸗ lich ein Baͤnkchen legen. Es muͤßte ja kein Bischen Recht mehr in der Welt ſeyn, wenn ſolch ein Sappermenter beim Gluͤcke beſſer angeſchrieben ſtuͤnde, als ein alter Burſche, der nicht nur ſeine Studien abſolvirt, ſon⸗ dern auch perfekt ſpielen gelernt hat. Meine kopfloſen Anſtrengungen zum Be⸗ ſten der dortigen Schuͤtzenſchmaͤuſe, machten, daß ich die Freundlichkeit jedes Menſchen, der mich anſah, fuͤr ein verbluͤmtes Ausla⸗ chen hielt. Daher eilte ich um ſo mehr in die Einſamkeit meiner Wohnſtube, da meine korpulente Tiſchnachbarin mir die erlittene Kraͤnkung durch verdoppelte Zaͤrtlichkeit zu verguͤten trachtete, und gradezu meinte, daß wir den erſten Walzer mit einander tanzen muͤßten. — — 44 30. Der zutrauenvolle Brief. Schon fuͤrchtete ich am Morgen, daß das Billet auf dem Kaffeebrete von ihr herruͤhren moͤchte. Aber es war von Diſtel und Luft. Seiner Seltſamkeit wegen trage ich es noch hier in meiner Schreibtafel. Ich nahm es aus dieſer und las:„Lieb⸗ theuerſter Herr Bruder! Wir ſind zwei blut⸗ arme Teufel, und du biſt ein kleiner Kroͤſus. Wir wiſſen nicht, wo wir das noͤthige Geld hernehmen, Du weißt nicht, wo du das un⸗ noͤthige hinthun ſollſt. Mit Einem Worte, der verteufelte Unterſchied, welcher zwiſchen uns und dir ſtattfindet, veranlaßt uns, dir einen wohlgemeinten Rath zu geben. Trage — ſey ſo gut!— an unſerer Stelle das Reſt⸗ chen ab, das wir dem Wirthe dieſes Hauſes ſchuldig ſind. Da er, nach ſeiner ſteten Ver⸗ ſicherung, ein Mann von Ehre iſt, ſo duͤrfen wir die gerechte Hoffnung faſſen, daß er dich nicht ſtaͤrker prellen werde, als jeden Andern, das heißt, ganz gottlos! Zum Gluͤcke hat das bei einem reichen Kauze deines Schlages nichts weiter zu ſagen.“ „Die vergangene Nacht, die uns wieder flott machen ſollte, hat es gethan, nur nicht auf die erwuͤnſchte Weiſe. Erinnerſt du dich noch, wie wir den alten Philiſter ausziehen wollten, der aus dir einen ſo großmuͤthigen Wohlthaͤter am hieſigen Schießhauſe zu bil⸗ den verſtand? Das Blaͤttchen wendete ſich aber. Der Patron hat uns ſo ſehr das Fell uͤber die Ohren gezogen, daß der Wirth uns zuverlaͤſſig feſthielte, wenn wir uns nicht zu ſalviren wuͤßten. Wir ſind naͤmlich geſonnen unſichtbar zu werden und denken, zu der Zeit, wo du dieſes lieſeſt, ohnſtreitig ſchon meilen⸗ weit von deinem bruͤderlichen Herzen zu ſeyn.“ Zum Beweiſe, daß wir unſer ganzes Zutrauen auf dich ſetzen, vermachen wir dir auch noch durch dieſen unſern hieſigen letzten 46 Willen ein allerliebſtes Maͤdchen, die ſieb⸗ zehnjaͤhrige Mamſell Ida Baſeler, der Kriegs⸗ kommiſſaͤrswitwe dieſes Namens eheleibliche Tochter. Sie wuͤrde eine ſteinreiche Parthie geworden ſeyn, wenn der Friede nicht ihrem Vater viel zu zeitig gekommen waͤre. Er iſt auch aus purer Aergernis daruͤber aus der Welt gegangen. Als Mamſell Ida vor'm Jahre zum Beſuch einer kranken Tante mit ihrer Mutter in Goͤttingen war, wo wir nach dem Examen uns aufhielten, lernten wir das Maͤdchen kennen und verliebten uns gleich alle Beide deſperat in ſie. Einzig ihr zu Liebe reiſeten wir in das hieſige verwuͤnſchte Neſt. Auch der Ball war nur ihretwegen von uns angeſtellt. Aber die Mutter erklaͤrte uns geſtern Morgen rund heraus, daß wir Leichtfuͤße waͤren und ſie nebſt der Tochter nicht nur den Ball nicht beſuchen, ſondern uns auch die Thuͤr ihres Hauſes verſchließen werde. Unſre Verzweiflung hieruͤber ganz al⸗ 47 lein ſchleuderte uns geſtern Mittag eine Fla⸗ ſche Burgunder nach der andern zu. „In der Nacht nun ſollte es mit der Fortuna verſucht, und wenn dann, wie wir feſt uͤberzeugt waren, der Verſuch guͤnſtig ausfiel, am heutigen Morgen zur Frau Kriegs⸗ kommiſſaͤrin gegangen und dieſe gefragt wer⸗ den, welchem von uns beiden ſie die Tochter geben wolle. Leider aber hat uns die Fortu⸗ na, dieſer abſcheuliche Wechſelbalg, auf das Heilloſeſte gemishandelt.“ „Sey du barmherzig, Alter! Bezahle das Reſtchen fuͤr uns und heirathe, zum Dank erlauben wir Dir's, die allerliebſte Ida da⸗ fuͤr!“ „Diſtel, Luft.“ 31. Angenehme Erſcheinung. Hatte mich der unverſchaͤmte Brief ſchon toll gemacht, ſo that es erſt die ungeheure 48 Nechnung, welche mir ein Stuͤndchen ſpaͤter der Wirth mit der Bemerkung zuſchickte, daß ein im Zimmer meiner verſchwundenen Freun⸗ de mit aufgefundener Zettel ihm ſeine Be⸗ zahlung durch mich verheiße. Feſt entſchloſſen, nicht das Mindeſte fuͤr die Leichtſinnigen zu thun, wollte ich eben zum Gaſtwirth, ihm ſolches zu erklaͤren, als an meine Thuͤr geklopft wurde.. Ein junges Maͤdchen war die Eintreten⸗ de. Die Schuͤchternheit, mit der ſie, ohnge⸗ achtet meiner Bitte Platz zu nehmen, an der Thuͤr ſtehen blieb, der ſchoͤne Wuchs, die an⸗ genehme Geſichtsbildung und beſonders ihre tiefniedergeſchlagenen Augen, ſcheuchten ſo⸗ gleich jeden Verdacht gegen ihre Sittlichkeit, der bei ſolch einem Beſuche im Gaſthofe, in dem Fremden dem er galt, wohl aufſteigen konnte, himmelweit hinweg. Mein Name— begann ſie— iſt Ida Baſeler. Ein Paar Herren, welche hier ge⸗ wohnt — 49 wohnt haben, erſuchen mich in gegenwaͤrti⸗ gem Billet, ſie um Verwendung anzuſprechen. Der Gang hierher, ich verſichere ihnen, iſt mir blutſauer geworden! Bei den Worten oͤffneten ſich ihre Augen und leuchteten ſo klar, daß ich die ſchoͤne Wahrheit dieſer Verſicherung mit den meini⸗ gen tief unten in ihrem reinen Herzen zu er⸗ blicken glaubte. Aber ſchnell wie ein Blitz ging der Blick dahin. Da ſie durchaus nicht von der Thuͤr hinwegzubringen war, ſo rannte ich nur gleich mit dem naͤchſten Stuhle zu ihr, daß ſie darauf Platz naͤhme. Denn all ihre Glieder zitterten; das Stehen mußte ihr ſchwer fallen. Als ſie ſich ſetzte, zeigte ihre Miene, daß ſie meine wohlwollende Geſinnung nicht ver⸗ kannte. 32. 7 Hinweiſung. Meine gute Mutter— ſprach ſie— hatte ganz Recht, daß ſie den Herren Diſtel und Luft unſer Haus verbot. Was ſollte die Stadt von ihr und mir denken, wenn ſie den leicht⸗ ſinnigen Menſchen den Zutritt geſtattet haͤtte. Gleichwohl dauern ſie mich, wegen ihrer Her⸗ zensguͤte. Haben ſie das Billet geleſen? Meine Augen waren viel zu ſehr durch das mitleidige Kind beſchaͤftigt geweſen, als daß ich es zur Lektuͤre des Billets haͤtte brin⸗ gen koͤnnen. Jetzt erſt las ich's. Diſtel und Luft druͤckten darin die Beſorgnis aus, daß wenn ich nicht die Rechnung berichtigte, der Wirth ſie in den Zeitungen blosſtellen und dadurch ihrem kuͤnftigen Fortkommen hinder⸗ lich werden moͤchte. Ich ſuchte auszukundſchaften, ob Ida ei⸗ nen der beiden Verſchwundenen beſonders in 51 ihr Herz geſchloſſen habe. Es war mir, als ob es Diſtel ſey. Ich ſchloß das wenigſtens daraus, daß ſie Luften fuͤr Diſtels Verfuͤhrer betrachtete. In der Nachſchrift war Ida noch auf etwas Angenehmes hingewieſen, das ich ihr vielleicht zu ſagen haͤtte. 33. Der Eiertanz. Was konnte dies ſeyn, als der Heiraths⸗ antrag, auf welchen der Brief an mich deu⸗ tete? So huͤbſch aber auch das Maͤdchen war, fo wuͤrde ich ihn, eben weil ich ihr Herzchen durch Diſteln verwundet glaubte, durchaus nicht uͤber mein Herz haben bringen koͤn⸗ nen. Dazu iſt es immer noch zweierlei, ein Maͤdchen huͤbſch, gut, ſittſam, artig finden und Luſt haben, daſſelbe zu heirathen. Ich aͤußerte daher, daß das verheißene Angenehme ohnſtreitig in nichts weiter beſtehe, als in D 2 5² meiner Verſicherung, die Rechnung der Ent⸗ wichenen zu berichtigen. Der Dank aus dem feuchten Auge der lieblichen Ida floß mir ſo wohlthätig in's Herz, daß ich mich, keinesweges zwar zu dem Anerbieten meiner Hand, aber doch zu der Warnung berufen fuͤhlte, ſie ja nicht einem der Leichtſinnigen, fuͤr die ſie ſich verwendete, anzuvertrauen, ſo lange nicht ſeine gaͤnzliche Aenderung unlaͤugbar erfolgt ſeyn wuͤrde. uUnd es lag ein ſo heiliger Ernſt in den Worten und der Miene, womit ſie das ge⸗ lobte, daß mein Herz davon noch maͤchtiger erfaßt wurde, als zuvor. Es zog mich auch, als Ida fortging, recht gewaltſam ihr nach, bis an die Treppe, und als der weiße Lichtſchein ihres Roͤckchens von der Kruͤmmung der Wendeltreppe verſchlun⸗ gen worden war, eilte ich zuruͤck an's Fenſter meines Zimmers und ſah mit vielem Wohlge⸗ fallen, wie ſie, bei dem erſchrecklichen Stra⸗ — 53 ßenſchmutze die hervorragenden Steine mit ihrem Schuhſpitzchen zu gewinnen trachtete, und ſo dem Auge der Menſchen einen unge⸗ woͤhnlich großen Theil vom Schnee ihrer Struͤmpfe Preis gab, eben um dieſen unbe⸗ fleckt zu erhalten. Aufrichtig zu ſeyn, ſo holten ihre, wie im kuͤnſtlichen Eiertanze uͤber die Steine leicht hinſchwebenden, Fuͤßchen das Wenige von meinem Herzen noch nach, was ihre feuchten Augen mir uͤbrig gelaſſen hatten. Unterbrechung. Ein Laut des Lachens, welcher der neben dem Erzaͤhler ſitzenden Wirthin des Thees entſchluͤpfte, fand ein ſo vielſtimmiges Echo in der Geſellſchaft, daß ich aufmerkſamer auf dieſe und durch die vielen ſpoͤttiſch verzoge⸗ nen Geſichter und das Ziſcheln zwiſchen ei⸗ nem und dem andern, irre wurde. 54 Nur huͤbſch fortgefahren, mein Herr, ſprach die angenehme Frau vom Hauſe. Wer ſaͤhe nicht ſchon ihre fruͤhere Standhaftigkeit an der Glorie ſcheitern, in der ihnen dieſe Fuͤßchen erſchienen? Wer ſäͤhe nicht ſchon, daß ſie doch noch von der wohlfeilen Groß⸗ muth jenes Leichtfußes, der das Maͤdchen oh⸗ nehin nicht bekommen haͤtte, Gebrauch ma⸗ chen und dieſe Ida in ihrer Behauſung auf⸗ ſuchen? 35. Die blos rathende Stimme. Leider— antwortete ich laͤchelnd— bin ich genothigt, ſie hier eines Irrthums zu zei⸗ hen. Nichts weniger, als das, was ſie vor⸗ ausſetzen. So ſehr es auch meinem zeithe⸗ rigen Lebenslaufe, den ich ſo eben vor ihnen aufrolle, grade an dem, was man Grundſaͤtze nennt, im Allgemeinen fehlen moͤchte, ſo giebt es doch Einen Punkt, in dem ich einer 55⁵. gewiſſen Feſtigkeit mich ruͤhmen kann, und das iſt grade der, der fuͤr die Jugend ſonſt ſo leicht die allergefaͤhrlichſte Klippe wird. Die misrathenen Ehen waren naͤmlich in unſerer Familie in allen Arten und Graden zu Hauſe. Von Kindesbeinen an hatte ich ſo viel Schauerliches daruͤber gehoͤrt, daß mir dies allmaͤhlig gleichſam in's Blut uͤberging. Auſſerdem haͤtte ich doch vielleicht in der letzten Zeit auf der Univerſitaͤt ſchon, mich auf ein feſtes Buͤndnis eingelaſſen. Allein jedes recht ſchoͤne, und angenehme Maͤdchen weckte den Schauer vor dem, wohin der naͤ⸗ here Verein mit ihm fuͤhren koͤnne, dergeſtalt in mir, daß ich recht ernſtlich auf meiner Hut war. Nicht aber als ob ich dadurch nach und nach gar die Verſteinerung meines Herzens bewirkt haͤtte. Es wurde jedoch mein feſter Vorſatz, nur nach der reiflichſten Ue⸗ berlegung erſt, zu waͤhlen und dem Herzen 56 blos eine rathende, keinesweges aber eine entſcheidende, Stimme zuzugeſtehen. 36. Sypyaziergang. Die Guͤte mit der ſie mich anhoͤren, mei⸗ ne Damen und Herren, giebt mir den Muth ganz offen zu ſeyn und ihnen ſogar noch eine kurze Ruͤckkehr in meine fruͤhere Zeit anzu⸗ ſinnen. Schon als mein Onkel noch lebte, fing mein Herz einsmals an, ſtaͤrker als je zuvor ſich mir zu vernehmen zu geben. Es war bei einem Spaziergange. Waͤhrend er in dem Dorfwirthshauſe, wo wir Kaffee tran⸗ ken, bei einer Pfeife Tabak ſich durch die Fen⸗ ſterſcheiben die ſchoͤne Gegend anſah, war ich in dieſe ſelbſt ein wenig, doch nur ſo weit hineingegangen, als ſein Auge mich erreichen konnte; denn auch nur einen Schritt weiter haͤtte ich nicht gedurft. 3 37. Allerlei Annehmlichkeiten. Als ich nun an dem klaren Forellenfluͤß⸗ chen, einer Schildwache gleich, hin und her ſpaziere, mich der Blumen und Berge ſtill er⸗ freuend, welche in der engen Graͤnze des mir erlaubten Gebietes lagen, da zieht auf Ein⸗ mal ein kleiner Kranz noch lebendigerer „Blumen auf der anderen Seite des Fluſſes, meine Blicke on. Unſtreitig wollten die jun⸗ gen Frauenzimmer uͤber das Waſſer heruͤber, daher verweilte ich ein wenig an dem Stege, den ſie paſſiren mußten. Einige darunter ſahen allerliebſt aus. Und wie huͤbſch ließ ſchon der Erſten die Furcht beim Betreten des Steges. Wie angenehm klang der Schrei, den ſie uͤber ſeine Beweglichkeit ausſtieß, wie reizend zit⸗ terte das junge Herzchen unter dem Flortuche beim Weiterſchreiten, und wie freundlich er⸗ griff 1 Jauchzen, als mit ihrem Be⸗ 58 treten des Feſtlandes jener Traum von Ge⸗ fahr verrann. 38.. Die kreiſchende Mamſell. Die zwei ihr folgenden Andern, befrie⸗ digten lange nicht ſo, als die Erſte. Denn da ſie das angenehme Beiſpiel der uͤberſtan⸗ denen Gefahr vor ſich hatten, ſo war ihre Furcht weit geringer, und dann ſahen ſie auch nicht halb ſo huͤbſch aus. Nun ſollte die Reihe an eine Vierte kommen, die Mam⸗ ſell, wie ich ſie bald darauf nennen hoͤrte. Fuͤr dieſe ſchon etwas aͤltliche, dicke Perſon aber, war der lockere Steg nicht gemacht. Sie hatte ſeine Mitte noch kaum erreicht, als er umſchlug und ſie im Waſſer ſtand. Wie ein Pfau kreiſchte ſie auf, und drei Ge⸗ ſichter vom dieſſeitigen und zwei vom jenſe i⸗ tigen Ufer, waren auf ſie gerichtet, waͤhrend* ich in's Waſſer ſprang und die Erſchrockene heruͤbertrug. 59 39. Die reizende Flaumfeder. Die ſchlankeſte und ſchoͤnſte von Allen aber, war eben noch jenſeits und durch das Ungluͤck mit dem Stege, nebſt dem Dienſt⸗ maͤdchen, das ihr folgte, ganz von uns abge⸗ ſchnitten. Auf der Stelle erbot ich mich, der Schoͤ⸗ nen den Dienſt zu leiſten, welchen ich der „Mamſell“ geleiſtet hatte. Aber ſo gedul⸗ dig dieſe auch die Sache an ſich ſelber gelit⸗ ten, ſo ſehr proteſtirte ſie gegen mein jetziges Erbieten. Ich koͤnnte mir Schaden thun, ſagte ſie. Schaden thun? Ich wuͤrde haben lachen muͤſſen, wenn ich mich nicht zu ſehr geargert haͤtte. Mit ihr verglichen, war das Maͤdchen eine Flaumfeder gegen einen Blei⸗ klumpen. Die haͤtte ich durch die ganze Welt tragen koͤnnen und gern tragen koͤnnen! Die Mamſell beharrte indeſſen darauf⸗ daß mit dem Tragen nichts ſey. Daher 6⁰ ſuchte ich den Steg wieder zurecht zu legen, und ging der durch den Vorfall aͤuſſerſt furchtſam gewordenen auf ihm entgegen, ihr die Hand zureichend. Anfangs war ſie ſo in Angſt, daß ſie ſolche wieder mit Gewalt zu⸗ ruͤckzog und dabei den Handſchuh im Stiche ließ. Mein Zureden aber und meine treu⸗ herzige Verbuͤrgung der vollkommenen Fe⸗ ſtigkeit des Steges machte doch, daß ſie ſich noch entſchloß, mich zum Fuͤhrer anzunehmen. 40. Zudringlichkeit. Hoͤrſt du denn gar nicht mehr? ſo ſagte, als ich eben ihren Dank in Empfang nahm, mein herbeigekommener Onkel, behauptend, daß er ſich faſt die Hand am Fenſter ent⸗ zweigeklopft und dann heiſer gerufen habe. Als nun die dicke Mamſell, nach der Verſicherung ihrer beſondern Obligation, uns mit den Ihrigen verlaſſen hatte, fuhr er fort: 61 Was das fuͤr Einfaͤlle ſind, dieſen alten Ele⸗ phanten auf den Arm zu nehmen. Du kannſt dir ja etwas im Leibe zerſprengen. Auch nachher: Was fuͤr Beruf hatteſt denn du gra⸗ de, einer ganz fremden Perſon den Steg zu legen? Sie wuͤrde ſchon ebenfalls heruͤberge⸗ kommen ſeyn. In ſolchen Pfuͤtzchen ertrinkt Niemand. Und wer weiß, haͤtteſt du dir nicht einfallen laſſen, den Leuten noch das Geleit zu geben, wenn ich nicht gekommen waͤre? Das aber nennt man unſchickliche Zudring⸗ lichkeit. Sieh nun wieder einmal hieraus, wie noͤthig es iſt, dich immerfort im Auge zu behalten. 41. Die Religuie. Ich mußte mir ganz eigentlich Gewalt anthun, um nur ſolche offenbare Unarten des Mannes nicht unartig von mir zu weiſen. Eben jetzt gar nicht wiſſend, wo ich dieſe Maͤ⸗ 6² ſigung hernehmen ſollte, fuhr ich grimmig in meinen Buſen. Etwas Ledernes, das ich hier ergriff, kuͤhlte meine Hitze auf Einmal ganz gewaltig. Denn im Augenblicke fiel mir ein, daß es der Handſchuh des Maͤdchens war, der ich den Steg gelegt hatte. Ich war mit dem in meiner Hand beim Wegziehen der ih⸗ rigen zuruͤckgebliebenen Anzugsſtuͤcke in der Eil unter meine Weſte gefahren. 42. Ich denke dein! Das Befuͤhlen dieſes angenehmen Futter⸗ als, rief mir die kleine, rundliche Hand, de⸗ ren Angſt vor Kurzem noch in der meinigen zitterte, ſo gut in's Gedaͤchtnis, daß ich bald gar keinen Sinn mehr fuͤr etwas Anderes, und alſo auch kein Ohr behielt fuͤr die fort⸗ dauernden Lebensregeln meines Onkels. In dem einen der Finger fand ſich ſogar etwas Hartes, das ich im erſten einſamen Augenbli⸗ — 63 cke, den ich mir auf der Stelle verſchaffte, naͤ⸗ her unterſuchen mußte. Es war ein gewoͤhn⸗ licher Badering mit der Inſchrift: Ich denke dein!— Damit er ja nicht verloren ginge, ſteckte ich ihn in meine Weſtenkaſche, dem Handſchuh aber raͤumte ich ſeinen vorigen Platz wieder ein. 43. Vergeßlichkeit. Als ich zum Onkel zuruͤckkam, war ſchon das Dienſtmaͤdchen der Mamſell da. Athem⸗ los fragte die Kleine, ob ich vielleicht den Handſchuh der einen jungen Dame an mich genommen? Es war nicht meine Abſicht geweſen, die Reliquie fuͤr mich zu behalten, aber ſo gar ſchnell hatte ich doch nicht gefuͤrchtet, darum zu kommen. Und wenn nur wenigſtens die Beſitzerin mir ſie abgefordert, daß ich ſie noch einmal geſehen haͤtte. 64— Mein Entſchluß war daher auf der Stelle gefaßt; ich lieferte zwar den Handſchuh, aber nicht den Ring mit aus, nach dem ohnehin keine Frage geſchah. Der Ring hatte uͤbri⸗ gens, da er aus Roßhaaren beſtand, nur ei⸗ nen relativen Werth. Kaum eilte das Dienſtmaͤdchen mit dem Handſchuhe hinweg, als der Onkel auch ſchon wieder zu einem neuen Examen ſchritt. Ich ſollte ihm ſagen, warum ich den Handſchuh nicht fruͤher, von freien Stuͤcken, abgegeben haͤtte. Als ich nun mein Vergeſſen vorſchuͤtz⸗ te, wollte er wiſſen, warum ich, bei meinem ſonſt ſo vortrefflichen Gedaͤchtniſſe, grade das⸗ mal ſo vergeßlich geweſen ſey. unſtreitig mochte er in meinem Auge ein zu ſtarkes Attachement an jene Schoͤne wahr⸗ genommen haben. 44. Ein leidiger Tröſter. Eine Woche ſpaͤter fand ich das reizende Kind — 65 Kind wieder und zwar juſt am Tage nach meines Onkels Tode, einmal gegen Abend. Sie trat aus einem Schnittwaarengewoͤlbe, und ſah, meinem damaligen Auge nach, um Vieles intereſſanter aus, als das erſte Mal. So voll ich aber auch eben den Kopf hatte, ſo trieb es mich dennoch zu verweilen und ihr meine Veruntreuung ihres Eigenthums ein⸗ zugeſtehen. Die Huld war groß, womit die Erroͤ⸗ thende ihre Freude bezeigte, dieſe unbedeu⸗ tende kaum von ihr vermißte Kleinigkeit bei mir in ſo gutem Andenken zu wiſſen. Da kam eine andere Dame aus dem Waarengewoͤlbe ſchleunig heraus, ſie, eines guten Raths wegen, dahin zuruͤckzuholen. Mich aber nahm mein voruͤbergehender Beicht⸗ vater bei der Hand, mir Troſt zuzuſprechen uͤber den Verluſt des guten Oheims. Wer troͤſtete mich aber daruͤber, daß dieſer leidige Troͤſter mich am Arme aͤmſig I. E 66 um die Ecke der Straße herumzog? Denn als ich nach einer Viertelſtunde— ſo lange dauerte naͤmlich ſeine Oration uͤber die Vor⸗ zuͤge des Verſtorbenen, die er wegen des ein⸗ gefallenen Platzregens auf dem Gottesacker nur halb hatte beendigen koͤnnen— nach dem Waarengewoͤlbe zuruͤckkehrte, hatte der Kaufmann ſchon Feierabend gemacht und es zugeſchloſſen. In der Folge war mir indeſſen dieſe Unterbrechung nicht unlieb. Wer weiß, wo⸗ zu es bei meiner damaligen Waͤrme fuͤr die Schoͤne gediehen, und ob ich nicht ihretwe⸗ gen meiner gewohnten Ueberlegung in Hei⸗ rathsſachen untren geworden waͤre? Seitdem iſt ſie mir auch kein einziges Mal wieder vorgekommen. 45. Das Heirathsbüchlein. „Nach dieſer Dame machte ich nach und — 67 nach mit mehrern andern Bekanntſchaft, welche bei meiner kuͤnftigen Verheirathung in beſondere Betrachtung gezogen werden ſollten. Ich hielt daruͤber ſogar ein be⸗ ſonderes Denk⸗Wahl⸗ und Heirathsbuͤchlein. Beim Verlaſſen der Univerſitaͤtsſtadt ſtand ſchon ein ganzes Halbdutzend recht angeneh⸗ mer Daͤmchen darin. Aber obſchon unter den fuͤnf letzten eine mit ein Paar ſchwarzen Augen ſich befand, vor denen man allen Re⸗ ſpekt haben konnte, und eine mit blauen, die wahrlich auch nicht zu verachten waren, ob⸗ ſchon die dritte und vierte bei recht angeneh⸗ mer Figur und Geſichtsbildung ganz Herz und Seele zu ſeyn ſchienen, obſchon die fuͤnfte gar mit dieſen ſchoͤnen Vorzuͤgen noch einen Geiſtesreichthum verband, wie er nicht alle Tage anzutreffen iſt, und ich das bei jeder mit Vor⸗ und Zunamen, Straße und Haus⸗ nummer hinlaͤnglich bezeichnet und auseinan⸗ der geſetzt hatte, ſo ertappte ich mich, wenn E 2 68 ich zu dem Buche griff, doch damals biswei⸗ len uͤber einer groben Partheilichkeit fuͤr die erſte, oder diejenige, deren Ring ich aufbe⸗ wahrte. 46. Fünf Figurantinnen. Ida erhielt den ſiebenten Platz in mei⸗ nem Heirathsbuͤchlein. Wie die Sachen ſtan⸗ den, konnte ich allerdings wenig darauf rech⸗ nen, daß ſie mir jemals zu Theil werden wuͤrde. Allein gewiß wußte man's doch nicht. Und bei den Andern konnte man's ja eben ſo wenig wiſſen. Denn da ich noch ge⸗ gen keine Einzige irgend eine Erklaͤrung ge⸗ than hatte, ſo mußte ich im Voraus auf einen ziemlichen Abgang der verzeichneten Maͤdchenanzahl durch Verheirathungen, Ver⸗ liebungen, ja wohl gar durch Todesfaͤlle u. ſ. w. bis zu der kuͤnftigen Zeit rechnen, wo es mit mir ernſtlich zum Heraustreten 69 aus dem eheloſen Stande kommen ſollte. Erſt in einigen Jahren naͤmlich dachte ich dieſe Veraͤnderung vorzunehmen. Indeß war Ida wenigſtens eben ſo gut in dem Buͤch⸗ lein mit aufzufuͤhren, als die Namenloſe, von der es zweifelhaft blieb, ob ich ihre Spur je wiederfinden wuͤrde.. Mein Herz klagte dabei hauptſaͤchlich dar⸗ uͤber, daß grade die beiden, fuͤr die es ſich am meiſten, oder vielmehr einzig intereſſirte, ihm die allerungewiſſeſten ſeyn mußten. Denn wirklich ſing Ida an, der Namenloſen den Rang ſtreitig zu machen, und wenn mei⸗ ne Vernunft nicht kuͤnftig ein recht kraft⸗ volles Wort dazwiſchen ſprach, ſo ſtanden die andern fuͤnf lieblichen Blumen, gleich zweck⸗ loſen Figurantinnen in einem Spektakelſtuͤcke da. Das aͤnderte ſich jedoch, wie der Fort⸗ gang meiner Geſchichte bald darlegen wird⸗ Die Rechnung fuͤr die beiden in der 7⁰0 Nacht Entwichenen war, auch nachdem ſich der Wirth zu einer ſtarken Ermaͤſigung hatte verſtehen muͤſſen, noch immer enorm. 47. Erleichterte Wanderſchaft. Der gute Morgen erſtarb dem voͤllig rei⸗ ſefertig im fliegenden Drachen wieder eintref⸗ fenden Mehlwurm auf der Zunge, als er den einen Pfeilertiſch voller Goldſtuͤcke und die wohlausgeſtopft geweſene lederne Geldkatze, die er ſelbſt um den Leib geſchnallt zu tragen uͤber ſich genommen hatte, ſehr abgemagert daneben liegen ſah. Mißmuthig bat ich, mich mit Verwunderung und Fragen zu verſchonen, die mich nur mehr erbittern, aber nichts in der verdruͤßlichen Sache aͤndern koͤnnten. Die frugale Koſt, waͤhrend unſerer nun⸗ mehrigen Wanderung wollte meinem, in vo⸗ riger Nacht von Neuem verwoͤhnten Gaumen gar nicht ſo behagen, als am erſten Tage der —— 71 * Fußreiſe. Mehlwurmen hingegen, dem Traͤ⸗ 4 ger der Katze, mußte wenigſtens das Wandern weit leichter, als Anfangs vorkommen, wo er haͤufig verſicherte, daß die Laſt des vielen Gol⸗ des ihm recht zu ſchaffen mache. Durch den ſtarken Regen der Nacht war die Straße aͤußerſt ſchmutzig geworden. Mehl⸗ wurm meinte jedoch, das ſey noch lange nichts; er habe ſchon viel heilloſere Wege ge⸗ macht. Ein Wanderer muͤſſe auf dergleichen gefaßt ſeyn. — 48. Die reizende Zukunft. Wollte ich nicht als Weichling erſcheinen, ſo mußte ich ſchon den ungeheuern Schmutz mit durchwaten. Mehlwurm war in ſolchen Faͤllen unverwuͤſtlich. Einen recht heftigen Gewitterregen, der gegen Mittag einſiel, nann⸗ te er die Wuͤrze einer Fußreiſe und beſchrieb den Augenblick, wo wir in einem Dorfwirths⸗ 7² hauſe angelangt, die Roͤcke an den warmen Ofen haͤngen und ſelbſt auf der Ofenbank ſitzen wuͤrden, ſo reizend, daß ich immer ſehn⸗ ſuchtsvoller in den dicken Regen hineinſah, um nur endlich das Dach zu erblicken, unter welchem die wohlthaͤtige Ofenbank ſich befand. Aber erſt lange, nicht einmal ein Baum jn der Naͤhe und dann, als welche kamen, kein Gedanke, uns durch ſie vor dem fortdauern⸗ den furchtbaren Guſſe auch nur ein wenig zu ſichern. Denn jeder tropfte bereits ſo, daß wenn der Fußſteig unter ihm hinweg⸗ fuͤhrte, man allezeit froh war, dergleichen in dieſem Zuſtande uͤberaus laͤſtige gruͤne Daͤ⸗ cher nicht mehr uͤber dem Haupte zu haben. 4909. Die reizloſe Gegenwart. Durch und durch naß erreichten wir endlich eine Schenke. Leider aber war der Aufenthalt in dieſem Neſte lange nicht ſo 73 angenehm, als Mehlwurms Beſchreibung der unſer in ſolch einem Hauſe harrenden Ge⸗ nuͤſſe. Schon in der Thuͤr mußte ich vor dem erſtickenden Qualme wieder umkehren, den die, des Viehfutters halber, bei einer Waͤrme von zwanzig Graden, ſtarkgeheizte Stube uns entgegen dampfte, einem Qualme, der durch die Wolke eines furchtbaren Kna⸗ ſters und beſonders durch die vielen, rings um das Lattengelaͤnder des Ofens zum Trock⸗ nen haͤngenden Anzugsſtuͤcke und die Menge der halbnackt ausgezogenen Eigenthuͤmer der⸗ ſelben, betraͤchtlich verſtaͤrkt und fuͤr jede wohlorganiſirte Naſe hoͤchſt penibel wurde. Mein Entſchluß war gefaßt, eher drau⸗ ßen im Regen zu ertrinken, als einen Fuß in das peſtartige Miasma dieſes mit Menſchen uͤberfuͤlten Raumes zu ſetzen. Mehlwurm jedoch machte einen Verſuch, fuͤr ſeinen triefenden Rock wenigſtens ein Plaͤtzchen auszufinden. Umſonſt. 50. Das Gutmeinen. Ein Streit, der ſich ſo eben um die Trockenanſtalt entzuͤndete, trieb ihn ſchleunig wieder zu mir auf den Flur heraus. Es war die hoͤchſte Zeit geweſen. Unmittelbar darauf fluͤchteten alle Neutralen vor den eben gezo⸗ genen Bankbeinen. Unter andern kam auch eine in rothen Scharlach mit Gold gekleidete große, dicke Figur, die, wenn ſie keinen Weiberrock angehabt haͤtte, um ſo mehr fuͤr einen Mann wuͤrde haben gelten koͤnnen, da ſie zwei Piſtolen in einem lichtgelben Guͤrtel und einen dunkelblauen Mannsmantel trug. Sogar der Schnurrbart fehlte nicht an der ſeltſamen Perſon zwiſchen dreißig und vier⸗ zig Jahren und die Stimme ſtrafte den ſehr maͤnnlichen, determinirten Blick aus den ſchwarzen, brennenden Augen keinesweges Luͤgen. — 75 Sie ſchenkte mir eine beſondere Aufmerk⸗ ſamkeit und ſagte dann, mit der Hand mich in die Backen kneipend: Armes Juͤngelchen! Haſt du dein Naͤschen auch in das entſetzli⸗ che Wetter ſtecken muͤſſen? Komm mit mir, ich will dir ein Dach ſchaffen. Der Zug— wind hier im Flur iſt fuͤr dein milchweißes Haͤlschen wenig gemacht. Komm, komm, ich meine es gut mit dir! 51. d b d a ch. Das letzte Wort mehrte meinen, gleich Anfangs aufſteigenden Widerwillen gegen die⸗ ſe Perſon dergeſtalt, daß ich die Hand, mit der ſie meinen Arm faßte, recht gewaltthaͤtig von mir losmachte. Juͤngelchen— ſagte ſie kopfſchuͤttelnd— unter Umſtaͤnden wie hier, weiſet man ein ſo freundliches Anerbieten nicht zuruͤck, wenn man klug iſt. Schießt denn nicht eben der 76 Regen herab, wie ein maͤchtiger Waſſerfall? Hier im Flure erkrankſt du ja. Verſchmaͤhe mein Obdach nicht, wenn du dich ſelber nur ein Bischen lieb haſt. Mehlwurm ſchien die Sache beſſer zu wuͤrdigen. Er fragte, wo das Obdach ſey? Gehoͤrſt du zu dem? erkundigte ſich die Frau und fuͤgte auf ſein Beiahen mit einer leichten Kopfbewegung hinzu: Kannſt auch mitkommen, junger Menſch. 52. Das Kätzchen. Da er ſehr bereitwillig dazu war, ſo wi⸗ derſtrebte ich ebenfalls nicht laͤnger und ſie fuͤhrte uns nach einem mitten im Hofe ſte⸗ henden Wagen, denen aͤhnlich, worin die pol⸗ niſchen Juden ihre Meßreiſen zu verrichten pflegen. Nur ſchnell, ſchnell hinein! Mit dieſen Worten ergriff die Frau meinen Arm zuerſt 77 und ſchob mich vom Vorderrade, auf dem ich noch mit dem einen Fuße ſtand, vollends un⸗ ter die Leinwanddecke. Dadurch dringt kein Tropfen!— ſprach ſie auf letztere zeigend. Wollte Gott, ich haͤtte ſie in der vorigen abſcheulichen Nacht ſchon gehabt, ſo wuͤrde mein Kaͤtzchen ſich nicht er⸗ kaͤltet haben. Es ſchlaͤft jetzt aber recht ſanft. Gott gebe nur, daß der Laͤrm drin in der Stube das Thierchen nicht aufweckt. Wenig⸗ ſtens iſt dieſe Klinke von der Schlafkammer in der ſie liegt, eine wahre Beruhigung fuͤr mich. Ich habe ſie heimlich abgezogen. So kann doch wenigſtens die Schlaͤgerei nicht bis da hinein. 53. Die Waffe. Inzwiſchen wurde der Laͤrm immer tol⸗ ler. Mancher blutige Kopf kam an den Wa⸗ gen, um vor dem fernern Andringen der Fein⸗ 4 78 de geſichert zu ſeyn. Allein gleich der Heldin Bobelina vertheidigte dieſen das Mannweib, mit der Klinke auf jeden einhauend, der ihrer Verſicherung nicht glauben wollte, daß kein Raum mehr darin vorhanden ſey. Die Klinke! Die Klinke! riefen jetzt meh⸗ rere der Angreifenden erbittert, als ſie ſolche erblickten. Her damit! Sie gehoͤrt gewiß an die Kammerthuͤr. Und che ſie ſich's verſah, hatte die Uebermacht, zu deren Bekaͤmpfung wir uns, Mehlwurm und ich, eben mit an⸗ ſchickten, ihr die zeitherige Waffe aus den Haͤnden gewunden. 54. Die Gerufene. Gott im Himmel, mein Maikaͤtzchen! rief da die Frau mit dem Begehren, daß wir den Wagen gut vertheidigen ſollten, von ihm ſchleunigſt hinunter, nach einem Fenſter des Hofes eilend. —— 79 Im Nu hatte ſie dieſes eingedruͤckt. Komm, Kaͤtzchen, allerliebſtes Kaͤtzchen! rief ſie, und wie ſtaunten wir, als einen Augen⸗ blick nachher die Gerufene auf dem Fenſter⸗ brete, nichts weniger war, als eine Katze, ſon⸗ dern ein ſchlankes, etwa funfzehnjaͤhriges Maͤd⸗ chen, in den feinſten Battiſt von einer blen⸗ denden Weiße gekleidet. Mein herzliebes Maikaͤtzchen! rief die Al⸗ te, ſchnell ihren Mantel um ſie wickelnd und, die geliebte Laſt auf dem Arme, dem Wagen zueilend. 55. Zärtlichkeiten. So wunderbar war im ganzen Leben mein Inneres noch von keinem Geſichte be⸗ wegt worden, als von den Zuͤgen dieſes gra⸗ ziͤſen Geſchoͤpfes, von der wahrhaft zauberi⸗ ſchen Stille und Klarheit der Augen und dem lichtblonden Lockenkoͤpfchen. 8⁰— Die Zaͤrtlichkeit, mit der ſich die unend⸗ lich Reizende an die Frau anſchmiegte, hatte fuͤr mich etwas Schauerliches. Der Kontraſt zwiſchen beiden war allzuſchreiend. Das Maͤd⸗ chen ſah in dieſer Situation aus, wie dicht an einem Abgrunde ſuͤß ſchlummernd, ſie ſah aus, wie die Unſchuld, welche nicht ahnt, daß der Arm der Schuld ſie bereits umfangen haͤlt. So, mein Kind, ſo! ſagte die Alte, dem zarten Maͤdchen auf einem Kiſſen einen guten Platz in des Wagens Hintergrunde bereitend. Dort, Maikaͤtzchen, wirſt du am beſten vor dem boͤſen Regen geſichert ſeyn.— Und ihr beiden— ſprach ſie dann zu uns— ruͤckt mir mit euern naſſen Kleidern nicht allzuna⸗ he an ſie hinan. Zugleich langte ſie aus ei⸗ nem Kaſten einen großen koſtbaren Shawl hervor, das Maͤdchen darein zu huͤllen, nach⸗ dem ſie den blauen Mantel ſelbſt wieder um⸗ genommen hatte.— Schlaf immer, Kaͤtzchen, ſchlafe! 81¹ ſchlafe! ſagte ſie dazu. Die Nacht war zu rauh und ſchlaflos. Erweckte dich der Laͤrm, wie du dort in der Kammer lageſt? Ja, ja, ich ſehe dir's an. Solch vohes Jahrmarkt⸗ geſindel iſt freilich keine Umgebung fuͤr mei⸗ ne zarte Lesbig. 56. Erzählung des Vorgangs. In ſolcher Art unterhielt ſich die Alte noch lange Zeit mit dem ſchoͤnen Kinde. Dieſes erzaͤhlte drauf, daß man die Thuͤr ihrer Kammer ſchon mit der Art habe ein⸗ ſchlagen wollen, als die Klinke nirgends zu finden war. Sie ſey ſchon ſelber im Begriff geweſen, die Flucht aus dem Fenſter zu ver⸗ ſuchen, als dieſes eingedruͤckt wurde. Das Eindruͤcken habe ſie Anfangs faſt zu Tode geaͤngſtigt, weil ſie geglaubt, die Raufer waͤ⸗ ren es, welche von da hereinwollten. Ich alter Dummkopf!— ſprach da die 1. F 82 Frau, Lesbien ſtreichelnd— daß ſogar ich dich erſchrecken mußte! Dank dem Himmel, daß du nun wenigſtens jetzt geborgen biſt. Ja— wendete ſie ſich dann zu mir— ſtaune nur immer, Juͤngelchen, uͤber das liebe, ſuͤße Kindlein. Das iſt kein Geſicht, wie ſie hier zu Lande ſo haͤuſig vorkommen, gedunſen und kraͤnklich ausſehend, gleich ei⸗ ner gelblichten wieder aufgeblaſenen Stachel⸗ beerſchaale; da iſt Schoͤnheit und Friſche und Jugendmuth.— Hu, uͤber den Sturm wieder einmal! Friere mir ja nicht, Lesbchen. Beſſer, ich werfe dir noch einen Shawl uͤber. Da, da! Sogleich war hierzu ein ungleich ſchoͤ⸗ nerer, als der ſchoͤne erſte bei der Hand. 57. Heiligkeit der unſchuld. Mehlwurmen, am Auge ſah ich's ihm an,— ging es grade wie mir. Bald konn⸗ 83 ten ſeine Blicke gar nicht ablaſſen von Les⸗ biens herrlichem Geſichtchen und dem friſchen, ſaftreichen Fleiſche, worauf die Roſenwange, wie das Lilienhaͤndchen, hindeutete, bald ſie⸗ len ſie auf die Wohlhabenheit, welche die Koſtbarkeit der perſiſchen Shawls verkuͤndig⸗ te, bald mußten ſie wieder eine Zeitlang, gleichſam wider Willen, verweilen auf dem Weſen, deſſen zarte Sorgfalt fuͤr die junge, ſuͤße Perſon von ſeinem rohen Dragonerge⸗ ſicht grade ſo ſeltſam abſtach, als dieſes von dem zarten Geſchoͤpfchen ſelbſt. Die heilloſen Fliegen! ſprach die Alte, als die Grazie bald darauf wirklich im Schlummer verſunken war, dazu ſuchte ſie verdruͤßlich in allen Winkeln des Wagens, bis ſich endlich ein Spitzenſchleier vorfand, den ſie zum Schutz vor den gefluͤgelten Stoͤren⸗ frieden uͤber das Geſicht der Schlummernden breitete. Von nun an war es, als banne eine un⸗ F 2 84 ſichtbare Gewalt meine ganze Sehkraft nach jenem Geſichte hin, dem die Heiligkeit der Unſchuld einen noch hoͤhern Reiz verlieh, als ſelbſt ſeine Schoͤnheit. Schade, daß das Fen⸗ ſterchen hinten im Wagen, von dem die ganze Beleuchtung deſſelben herruͤhrte, ſo ſehr klein war. Im vollen Lichte haͤtte die Schlafende noch ganz anders ausſehen muͤſſen. 58. Mittagsbrod. Gelt— ſo erſchreckte mich, den in das Geſicht Vertieften, die Alte, indem ihre Hand die meinige wie der Tiger ſeine Beute, haſtig erfaßte— gelt, jetzt gefaͤllt es dem Juͤngel⸗ chen bei unſer einem. Kann dir's nicht ver⸗ denken; bin ich doch ſelber in das Engelsge⸗ ſichtchen vernarrt. Uebrigens wirſt du nicht uͤbel thun, wenn du, wie wir, die Reiſe fuͤr heute einſtellſt und hier uͤbernachteſt. Biſt ohnehin wenig geſchaffen fuͤr Anſtrengungen, 85 wie du eben gemacht haſt. Die eingetretene Heiſerkeit giebt das ſchon zu erkennen. Wirklich war ich nicht mehr im Stande ein lautes Wort hervorzubringen. Der Regen hatte etwas nachgelaſſen. Die von einem Viehmarkte gekommene Mehr⸗ heit der in dieſer Schenke ſich Aufhaltenden zog die eingekauften Thiere aus dem Stalle und entfernte ſich, ſo geſchwind als moͤglich, aus dem ſehr unheimlich gewordenen Hauſe. Von den eigentlichen Klopffechtern waren nur die krank Geſchlagenen noch zuruͤck und ſehr demuͤthig und abgeneigt, die bereueten Vor⸗ faͤlle zu wiederholen. Als daher Lesbiens Schlaͤfchen voruͤber war, begaben wir uns hin⸗ ein zu den Wirthsleuten, die ſich wegen der vorgefallenen Exceſſe ſehr entſchuldigten und uns durch große Bereitwilligkeit und ein leid⸗ liches, der langen Verzoͤgerung halber nur um ſo ſchmackhafter gewordenes Mittagsbrod, die unruhige Zeit wieder vergeſſen zu machen ſuchten. 86 59. Mehlwurms Antrag. Das Stuͤndchen bei Tiſche war mir ſchon an ſich beſonders reizend. Lesbia ſcherzte noch ganz wie ein Kind. Ohne Aufhoͤren neckte ſie mich, waͤhrend Mehlwurm vergebens trach⸗ tete, ſich auch einiges Aufmerken von ihr zu erwerben. Was? fragte ſie zuweilen mit recht un⸗ artigem Verdruſſe, nachdem er wiederholt laut und deutlich die Rede an ſie gerichtet hatte, und ſah dann wieder ſchnell von ihm weg, ohne ſeine Antwort zu beachten. Dazu fletſch⸗ te die Alte, der an Lesbien auch die Unarten geſielen, ihre Zaͤhne. Kein Wunder, wenn der arme Mehlwurm dieſe Art der Unterhaltung ſatt bekam und bei dem nun eingetretenen heitern Himmel auf die Fortſetzung unſerer Wanderung an⸗ trug. 3 87 60. Ihr Begehren. Ei ſo gehe doch, Buͤbchen— ſagte die Alte zu ihm— geh du allein. Der bleibt mit uns die Nacht hier, das ſehe ich ſchon. Wir drei, mein Kaͤtzchen, ich und er, ſind of⸗ fenbar an einander gebunden. Ich bin ihm gut. Er freilich mir nicht. Aber er iſt dem Maikaͤtzchen gut, und bleibt der Kleinen we⸗ gen. Er bleibt inzwiſchen doch, und weiter verlange ich nichts von ihm. Bleiben aber, Liebchen, nicht wahr, das muß er? Ja, das begehre ich! ſprach die Reizen⸗ de, mit ſolch einer zauberiſchen Miene und Handreichung, daß mir das irdiſche Jammer⸗ thal ploͤtzlich wie der Himmel ſelber vorkam. Nun, nun— ſprach die Alte, als Mehl⸗ wurm hier ſeinen Verdruß uͤber die Verhaͤlt⸗ niſſe nicht bergen konnte— auch gegen dich habe ich nichts, wenn du bleiben willſt. Dro⸗ 88 ben ſind zwei Stuben, da ſchlafen wir, in der einen ich und Maitkatzchen, in der andern du und er. 61. Ernſte Warnung. So geſchahe es denn auch. Hbore— ſprach die Alte, Ranthia mit Namen, da Mehlwurm die Geldkatze ab⸗ ſchnallte und die Goldſtuͤcke darin zaͤhlte, mich und ihn bei Seite ziehend— das iſt eine ganz einfaͤltige Maasregel nuf der Land⸗ ſtraße, unter fremden Leuten. Gold und Silber wirkt magnetiſch auf Augen und Haͤn⸗ de der Meiſten. Solche Zaͤhlungen muͤſſen ganz in der Stille geſchehen.— Sorge nicht— antwortete Mehlwurm lachend— in dieſem Punkte bin ich ein Dra⸗ che, ſo gut wie du, und werde das Gold ſchon zu bewahren wiſſen. Jedes Stuͤck wuͤrde dem, der es aus dieſer Katze zu entwenden — 89 verſuchte, gewiß mehr Ungemach an ſeinem Leibe bereiten, als ſolches werth waͤre! Sey wenigſtens auf deiner Hut! Viel⸗ maul! ſprach die Alte, ſich verdruͤßlich von ihm abwendend. In der Nacht— fuhr ſie dann, zu ihm zuruͤckgekehrt, gutmuͤthig fort— in der Nacht geſchehen bisweilen Dinge, die Jugend und Unerfahrenheit ſich nicht traͤu⸗ men laſſen. Mehlwurm lachte noch uͤber die ernſte Miene bei ihrer Warnung, als wir ſchon in unſerer Stube zu Bette gingen, nachdem er beide Chuͤren verſchloſſen und die Geldkatze unter ſeinem Kopfe liegen hatte. 62. 8 Oie Wette. Nun, Juͤngelchen— fragte die Alte fruͤh beim Kaffee, den wir in der Stube der beiden Frauenzimmer einnahmen— kein 90 Abentheuerchen gehabt? Euer Gold richtig beiſammen behalten? Wie anders?— antwortete Mehlwurm ſpoͤttiſch. Wir haͤtten es ſelbſt aus dem Fen⸗ ſter werfen muͤſſen, und ſo toll ſind wir, Gott Lob, noch nicht. Den Tauſendkuͤnſtler moͤchte ich ſehen, der mir die Katze unter dem Kopfe wegnehmen wollte. Seine Fin⸗ ger wuͤrden ihm weh genug gethan haben. Hm— verſetzte die Alte— Rotomonta⸗ den ſind mir weiter nichts als eben Roto⸗ montaden. Wo iſt die Katze? Ich weiß ſo gut wie du, was ſie geſtern Abend enthielt. Wetteſt du um den Reſt des Inhalts, wenn die Haͤlfte vielleicht daran fehlen ſollte? Den wette ich, ja ja! ſprach er freudig, die bereits umgeſchnallte Katze auf der Stelle wieder von ſich thuend. Wenn aber ein jun⸗ ger Menſch ſo dreuſt ſeyn darf, einer alten Frau einen heilſamen Rath zu geben, ſo bitte ich dich, Ranthia, wirf auch du dein Geld 91 ſo wenig zum Fenſter hinaus, als wir es in voriger Nacht gethan haben, oder mit andern Worten: Stehe von deiner Wette ab, die nur ungluͤcklich ausfallen kann fuͤr dich. Pralhans— verſetzte das Mannweib— waͤge nur einmal den wahrlich nicht mehr uͤherfuͤllten Schlauch auf der Hand und gieb ihn dann ohne Umſtaͤnde her. Unſrer Wette nach, iſt der Reſt mein! Wirklich fing Mehlwurm an zu ſtutzen, als er, dieſer Rede gedenkend, die Katze ver⸗ ſuchte. 4 Beim Zaͤhlen bewaͤhrte ſich die hier eben in ihm aufſteigende Ahnung zu ſeinem und meinem Erſchrecken. Die Hexe hatte Recht gehabt; grade die Haͤlfte der darin enthalten geweſenen Summe fehlte. Lesbia und die Alte lachten um die Wette uͤber meine und Mehlwurms große Augen. 9²³ 63. Eröffnung. Nun— ſagte Kanthia endlich— damit du nicht ſchlimmer denkſt von mir, als Noth thut, ſo ſollſt du das Fehlende ſogleich wie⸗ der haben. Hiermit holte ſie ſolches herzu und Mehl⸗ wurm ſagte, es dankbar in Empfang neh⸗ mend, mit vieler Freundlichkeit: Es iſt mir um ſo erfreulicher, dich ſo honett zu ſinden, da das Geld nicht mein, ſondern dem da zu⸗ gehoͤrt. Ob ich das nicht gleich gedacht habe! rief die Frau. Du, in deiner groben Kleidung, mit deiner unfeinen Art und Weiſe, ſaheſt mir gar nicht aus, wie ein Beſitzer von Goldſtuͤcken. Es ſcheint— fuhr ſie zu mir gewendet fort— als habe das Gluͤck dich nicht ganz ſtiefmuͤtterlich bedacht? Auf ihr Verlangen erdͤffnete ich ihr dar⸗ I 93 auf die ohngefaͤhre Beſchaffenheit meiner Um⸗ ſtaͤnde. 64. Verkaufsanerbieten⸗ Ei— ſagte ſie da, kopfſchuͤttelnd— Juͤn⸗ gelchen, bei ſolchen Gluͤcksgaben darf man kein Filz ſeyn und in einem Wetter, wie euer elendes Klima es nur zu haͤufig darbietet, im Schmutze der Landſtraßen herumwaten, um von einem Orte zum andern zu kommen. Ue⸗ berhaupt ſollteſt du drauf denken, eine gluͤck⸗ lichere Gegend, einen heiterern Himmel zu gewinnen. Sollteſt mit mir und Maikaͤtzchen die Reiſe machen in die Schatten des Oel⸗ baums und die ſuͤßduftenden Waͤlder mit ih⸗ ren herrlichen Goldfruͤchten„ wo auch die Menſchen beſſer gedeihen, als hier. Denn der hieſige Sommer iſt viel zu kurz und ge⸗ ring, um ſich von der langen Drangſal eines abſcheulichen Winters gehoͤrig zu erholen. 94—— Aus Mehrerm, was ſie noch uͤber den Gegenſtand ſprach, glaubte ich ſchließen zu koͤnnen, daß ſie Griechenland meine. und— fuhr ſie, mich bei Seite ziehend fort— waͤre jenes himmliſchen Geſchoͤpfchens Geſellſchaft nicht ſchon allein ſolch eine Reiſe werth? Oder willſt du mir Matkaͤtzchen ab⸗ kaufen, um ſie fuͤr immer bei dir zu behal⸗ ten? fuͤgte ſie laͤchelnd hinzu. 65. Kein Recht. Als ich ſtutzte, nannte ſie eine uͤberaus hohe Summe, wofuͤr ſie das Maͤdchen mir uͤberlaſſen wolle, und hielt dazu ihre hellfun⸗ kelnden Augen dicht an mein Geſicht. Panthia— ſprach ich— wenn ich das Kind nach acht Tagen noch ſo gut und rein finde, wie mir ſolches jetzt erſcheint und es dann mein werden will, ſo ſollſt du mehr ha⸗ ben, als das fuͤr deine Lesbia. Gern gehe — 95 ich daruͤber hin, daß dir kein Recht zuſteht ſie zu verhandeln, wie eine lebloſe Sache. Kein Recht? rief die Alte erhitzt. Wie ihr armen Abendlaͤnder euch dies einbildet. Lesbia iſt mein, im ganz eigentlichen Sinne des Worts. Ich habe ſie mit eigener Lebens⸗ gefahr aus den Flammen gerettet. Und ſie iſt gern mein, mit Leib und Seele. Du wirſt Gelegenheit finden, ſie daruͤber zu befragen. Lesbia naͤherte ſich und ſagte Fanthien etwas in's Ohr, worauf dieſe uns in unſre Stube zu gehen bat, weil ihr Kaͤtzchen ſich anzukleiden wuͤnſche. 66. Scheiden. Seit dem Fehlen der Goldſtuͤcke hatte Mehlwurm faſt nichts gethan, als Panthien furchtſamen Blickes angeſehen und beobach⸗ tet. Hoͤre— ſprach er nun, wie wir allein 96 waren— das iſt mir wahrlich, außer dem Spaße. Ich bin doch, ſelbſt im Schlafe, wachſam wie ein Haſe, der ſolche Geſchaͤfte mit offenen Augen abzuthun weiß. Gleich⸗ wohl hat dieſe Perſon das Gold aus der Katze genommen. Mir unter dem Kopfe weg, uͤberlege das nur. Schon daß ſie ohne alles Geraͤuſch die verſchloſſene Thuͤr oͤffnen konn⸗ te, iſt ein Naͤthſel, meines Erachtens einzig durch das Wort Hererei zu loͤſen. Ja, Rich⸗ ter, ich ſelbſt zucke die Achſeln uͤber mich, in⸗ dem ich's behaupte, aber das iſt wahrlich eine Hexe, deren Verfahren in dieſer Nacht ſchon allein dem verruchten Herenverbrenner Carp⸗ zow den Sieg uͤber den edeln Thomaſius zu⸗ erkennt. Ueberhaupt— fuhr er fort— ſieht nicht die ganze abentheuerliche Verbindung der alten Furie, mit dem zarteſten Weſen, das ich jemals geſehen, wie ein leidiges Teu⸗ felsblendwerk aus? Grade heraus zu reden, mich duldet die immer zunehmende innere Unruhe — * 97 Unruhe gar nicht laͤnger in ſolcher Gemein⸗ ſchaft. Um uns, wo moͤglich, von den Ko⸗ bolden loszumachen, daͤchte ich, wir ſchnuͤrten ganz heimlich die Buͤndel und ſetzten unſern Stab, ohne Abſchied zu nehmen weiter, gin⸗ gen ſogar— um nur nicht wieder mit dem ſaubern Paͤaͤrchen zuſammenzutreffen, ein Stuͤck des geſtrigen Weges zuruͤck. Unrecht konnte ich ihm kaum geben we⸗ gen dieſes Vorſchlages. Die Verbindung mit ſo raͤthſelhaften Perſonen duͤnkte mich auch gefaͤhrlich; dennoch fuͤhlte ich mich in Lesbiens Reize viel zu tief verſtrickt, um die Vernunft anzuhoͤren. Ich glaubte unmoͤglich mich von den beiden Weibern trennen und Mehlwurm glaubte nicht weiter mit ihnen beiſammen bleiben zu koͤnnen. So ſchieden wir denn, nachdem ich die Haͤlfte meiner Baarſchaft dem dafuͤr ſehr Dankbaren zu ſeiner Fortwanderung uͤberlaſſen und er mit aufrichtiger Ruͤhrung und Herzlichkeit ge⸗ I. G 98— wuͤnſcht hatte, daß ich baldmoͤglichſt von mei⸗ ner Verblendung zuruͤckkommen und nur ja kein Opfer derſelben werden moͤchte. 67. Enorme Theurung. Panthia klatſchte in die Haͤnde, als ſie nach der Ruͤckkehr in mein Gemach, von Mehlwurms Entfernung vernahm. Sieh, Kindchen— ſagte ſie zu mir— nun erſt habe ich ein Herz, dich zu bitten, uns auf der Reiſe Geſellſchaft zu leiſten. Das Buͤrſch⸗ chen konnte vielleicht recht gut ſeyn, aber es war uns unnuͤtz, und ich halte es fuͤr Thor⸗ heit, auf Reiſen und uͤberhaupt im Leben, ſich mit unnuͤtzen Dingen und Leuten zu be⸗ laſten. Du biſt ſchon eher ein Menſch den wir brauchen koͤnnen. Unſer Waͤgelchen iſt wie fuͤr dich mit eingerichtet. Wenn dir's zu gering ſeyn ſollte, ſo haͤlt dich kein Menſch ab, ein beſſeres anzuſchaffen. Geſchieht dies — 99 3 aber, dann wirſt du ſehen, daß ich mich auch darein zu finden weiß.. Der Vorſchlag ſagte mir zu. Mit der Fußreiſe war ich ohnehin zu ſchlecht ange⸗ kommen, um ihr Geſchmack abzugewinnen. Statt einer mir dabei von Mehlwurmen vor⸗ geſpiegelten, ungeheuern Wohlfeilheit mich zu erfreuen, hatte ich ihre Theurung enorm ge⸗ funden. Das lag allerdings nicht an der Fußreiſe ſelbſt, ſondern an meinem unklugen Benehmen, das mir im Wagen eben ſo koſt⸗ ſpielig geworden ſeyn wuͤrde. Aufrichtig zu geſtehen, war ſie mir auch zu unbequem. Zwar hatte ein Trank, den Fanthia mir am Abend vor Schlafengehen bereitete, meine Heiſerkeit ziemlich wieder hinweggenommen, ſie wuͤrde aber vermuthlich ſich von Neuem eingeſtellt haben, wenn ich auf der, uͤberdies noch ſehr naſſen Straße, die Wanderung haͤtte fortſetzen wollen. Auch Lesbia war voͤllig hergeſtellt. G 2 100 68. Argnsaugen. Im Wagen wurde mir der Platz hinter Panthien eingeraͤumt, welcher die Schoͤne zur Linken ſaß. Hinter dieſer hatte man einen Kaſten mit Sachen aufgeſtellt, aller⸗ dings eine etwas unbegueme Nachbarſchaft fuͤr mich. Deſto erfreulicher fand ich die Ausſicht zur Seite auf Lesbiens milchweißen Nacken und ihr vom Sonnenſtral umſpieltes goldenes Haar. Nicht ſelten blickte ihr Au⸗ ge freundlich zuruͤck zu mir. Das Jung⸗ fraͤuliche in ihm hatte etwas ſo Erquichendes, daß ich das Eine Mal, wie gezwungen war⸗ ihr Haͤndchen zu erfaſſen und es an meine Lippen zu preſſen. Aber die Amazone hatte Argusaugen. Waͤhrend ich ſie mit Baͤndi⸗ gung der Roſſe ſattſam beſchaͤftigt glaubte, war ihr auch das nicht entgangen und ſie ſagte: Juͤngelchen, Juͤngelchen. Mußt nicht . 10I alles zum Munde fuͤhren, wie ein unverſtaͤn⸗ diges Wickelkind. Dergleichen Haͤndchen, ſo an die Lippen gezogen, verurſachen oͤfters ein unbaͤndiges Herzdruͤcken. . 69. Der bittere Groll. Die Alte drehte dabei den Kopf ganz nach mir und machte ein Paar Augen, ſo un⸗ ausſtehlich durch Stolz und Hohn, daß mit der Muthloſigkeit, worein ich verſenkt wurde, auch ein bitterer Groll in meinem Herzen gegen ſie erwuchs. Lesbiens Guͤte und Auf⸗ munterung gehoͤrte dazu, daß er nicht weiter um ſich fraß. Die Amazone ſuchte ehenfalls einzulenken. So geſchah es denn, nach manchem Wor⸗ te und Wagenſtoße, der bei dem ſchlechten Wege dem ſchoͤnen Kinde Schreie abpreßte, die nicht nur in meiner, ſondern auch in der Bruſt der Roſſelenkerin große Theilnahme 2 102 fanden, von mir der Vorſchlag, in der be⸗ nachbarten Stadt Neuenhauſen einen beque⸗ men Wagen zu erkaufen. 70. Der Elephant, An Ort und Stelle angelangt, begab ich mich ſogleich in eine beruͤhmte Wagenfabrik. Ein ohngefaͤhrer Ueberſchlag des zu einer ſchoͤnen Equipage noͤthigen Geldbeduͤrfniſſes, ſagte mir noch zu rechter Zeit, daß ich zuvor nach Hauſe um einen Creditbrief ſchreiben muͤſſe, da ich bis zu dem erſten, den ich un⸗ terweges gelten machen konnte, noch mehr als vierzig Meilen zu reiſen hatte. Bei der Ab⸗ reiſe war auch dieſer von mir fuͤr ganz unnuͤtz geachtet, und mir von dem Banquier auf den Fall nicht vorherzuſehender Reiſeausgaben und Unfaͤlle, gleichſam aufgedrungen wor⸗ den. Aus meinem nunmehrigen Briefe erſah der Mann am beſten, wie ſehr er Recht ge⸗ habt hatte und ich Unrecht. —— 1⁰3 Unſer Abtreten in Neuenhauſen erfolgte, nach einem langen Gebrauche Panthiens, in einem Gaſthofe der Vorſtadt; der Elephant hieß er. Dort ſollte die Verwandlung vor ſich gehen, in der wir dann unter dem Vor⸗ geben der Weiterreiſe fortfahren und das an⸗ geſehenſte Hotel der Stadt ſelbſt zu unſerm Aufenthalte zu erwaͤhlen gedachten. 71. Meindeufel. Waͤhrend am folgenden Morgen die Al⸗ te, wie ich aus allen Voranſtalten und der ſorgfaͤltigſten Ausfuͤllung des Schluͤſſelloches und jedes Ritzchens der Thuͤr, welche meine Stube von der ihrigen ſchied, gemerkt hatte, mit einem Bade fuͤr Lesbien beſchaͤftigt war, nahm ich mein Denk⸗ und Wahlbuͤchlein zur Hand, um auch dieſe ihm einzuverleiben. Aber der Dunſt des heißen Badewaſſers, das man im naͤmlichen Augenblicke durch 1⁰ meine Stube nach der ihrigen trug, brachte mit Einem Male mein Blut ſelber zum Sie⸗ den. Den Namen Lesbig hatte ich eben ein⸗ geſchrieben. Die Hand zitterte mir dabei je⸗ doch ſo, daß ich keinen leſerlichen Buchſtaben haͤtte hinzufuͤgen koͤnnen. Dabei verbrannte die eben in meinem Hirne ſtattfindende Ent⸗ zuͤndung jeden Gedanken ſchon im Entſtehen. Ich hoͤrte und ſah nichts mehr, als die Kan⸗ nen heißen Waſſers, welche im Nebenzimmer ausgegoſſen wurden. Ja, ich ſah ſie auch, es iſt buchſtaͤblich wahr. Der Ton des Aus⸗ gießens machte mich ſogar zum magnetiſchen Hellſeher, und ich moͤchte hinzufuͤgen, auch Hellhoͤrer. Denn nun hoͤrte und ſah ich Al⸗ les, was in dem ſo wohlzugemachten und ver⸗ ſtopften Rebenzimmer vorging, bis auf die ge⸗ ringſte Kleinigkeit. Das Dienſtmaͤdchen, welches jetzt mit den leeren Kannen zuruͤckkehrte, blieb, nach⸗ dem der Riegel des Nebenzimmers hinter ihr 105 zugeſchoben war, einen Augenblick ſtaunend vor mir ſtehen. Das Beduͤrfnis nach Lebens⸗ luft von auſſen, welche mir durch den innern Brand ganz verloren gegangen, hatte mir gewiß den Mund ſo weit aus einandergeriſ⸗ ſen, wie einem Beſeſſenen der Teufel, wenn er ihm ausgetrieben wird. Mein Teufel aber ſaß leider, feſt in mir. Ich fuͤhlte ſein furcht⸗ bares Wirken in den Tropfen, welche wie hoͤlliſches Feuer uͤber meine Stirn auf's Pa⸗ pier floſſen. Mein Aechzen und das Lachen war eins, mit dem die Waſeertraͤgerin, noch ſo lange als ſie konnte nach mir zuruͤckblik⸗ kend, ſich jetzt ſchleunigſt entfernte. 72. Rettung des Wahlbüchleins. Lesbia! ſtammelte ich, das Buch zuſchla⸗ gend, einſteckend und nach dem Fenſter ſprin⸗ gend. Bei ihren Vorgaͤngerinnen hatte ich immer mit vieler Umſtaͤndlichkeit die Eigen⸗ 106 heiten dieſer Damen aus einander geſetzt, we⸗ nigſtens diejenigen, die mir von ihnen be⸗ kannt worden waren. Hier war das im jet⸗ zigen Augenblicke ganz unmoͤglich. Vor dem Fenſter, zu dem mein gluͤhender Kopf hinausfuhr, lebte ſich's noch am ertraͤg⸗ lichſten. Da guckten auch neue Keime von Gedanken unter der Lava der verbrannten wieder hervor. Beſonders bildete ſich der im⸗ mer mehr aus, daß ich mit dem Namen Les⸗ big voͤllig genug von ihr in's Buch getragen hatte. Denn beim Anblicke dieſes Namens ſtieg das in mein Herz verſchloſſene Bild von ihr und ihrer Art und Weiſe, gewiß allezeit ſo lebendig vor meinem Geiſte auf, als haͤtte ſie ſelbſt mir vor Augen geſtanden. Genau genommen, wuͤrde es ſogar dieſer Namensaufzeichnung nicht bedurft haben. Denn wozu erſt das Aufmerkſammachen auf einen Gegenſtand, dem mein Sinn ohnedies ſtets zugekehrt war? 8 5 * 8 —— 107 Wozu jetzt noch das ganze Buch? Schon ſtand ich wirklich im Begriff, es zu zerreißen. Das Wiederaufſchieben des Riegels im Ne⸗ benzimmer rettete es jedoch. 73. Der erſte Platz. Ich ſteckte das Buch wieder in die Ta⸗ ſche, als die Alte hereintrat. Ihr verſchmitz⸗ tes Auge ſchien meinen Zuſtand ziemlich zu durchſchauen. Welch köͤſtliche Duͤfte? rief ich, mehr um die Rede auf etwas Anderes zu leiten, als der Sache halber, die uͤbrigens ihre Richtig⸗ keit hatte. Denn Kanthia brachte wirklich einen ſeltenen Wohlgeruch mit ſich. Ja— verſetzte ſie— davon verſteht ihr nichts, ihr armſeligen Abendlaͤnder, was nach dem Bade wohlerzogener Jungfrauen Gebrauch iſt. Nachdem ich ihr mit Salben gedient ha⸗ be, wie ſich's gebuͤhrt, ruht ſie eben aus. Ei⸗ 1⁰8 ne koͤſtlichere Salbung, denke ich, wird ihrer Zukunft noch harren. Du mußt wiſſen, daß mein Vorhaben iſt, ſie irgend einem gewalti⸗ gen Herrn zuzufuͤhren. Ihre Schoͤnheit, das unendlich Suͤße einer gaͤnzlichen Unerfahren⸗ heit, das, wie der feinſte Roſenduft zwiſchen ihren Lippen hervorhaucht und aus dem blau⸗ en Himmelsſcheine des Auges blickt, das ver⸗ buͤrgt ihr ein Geſchick, welches ſie in euern ungluͤcklichen Gegenden doch nie erreichen xoͤnnte; es verbuͤrgt ihr, hoffe ich, den erſten Platz unter den Weibern eines morgenlaͤndi⸗ ſchen Herrſchers. 74. Der wichtige Beruf. Ich erſtarrte. Satan— rief ich, ihre beiden Arme mit Wuth erfaſſend— ſo koͤnn⸗ teſt du wirklich dem engelreinen Weſen—— ⸗ Auf hohem Throne ein wuͤrdiges Loos bereiten! unterbrach ſie mich. Das koͤnnte 8 109 ich ſchon. Die Anſtalt dazu iſt auch vorlaͤu⸗ fig getroffen. Und Lesbiens cigener Wille— fragte ich— duͤnkt dich gar keiner Beruͤckſichtigung werth? Wohl duͤnkt er mich das. Aber ſie ver⸗ traut meiner Kenntnis der Umſtaͤnde, welche dir und euch Abendlaͤndern uͤberhaupt, gaͤnz⸗ lich abgeht. Sie rechnet ſo feſt auf mein unbegraͤnztes Wohlwollen fuͤr ſie, um gewiß gern all ihr Gluͤck in meine Haͤnde zu le⸗ gen. Um das du ſonach— ſchalt ich— die arme Unerfahrene auf das ſchaͤndlichſte betruͤ⸗ gen koͤnnteſt? Sie entgegnete: Betruͤge dich nicht ſelbſt mit einem Glauben, der einzig auf deine Un⸗ wiſſenheit ſich gruͤndet. Oder iſt es wirklich ein ſo veraͤchtlicher Beruf, das Herz eines Beherrſchers der Glaͤubigen zum Heile der von ihm Beherrſchten lenken zu koͤnnen? 75. Offenbarer Plan. Weib— rief ich hoͤchſtergrimmt— biſt du ſo wenig Chriſtin, um—— Vielmehr— fiel ſie ein— bin ich es in ſolchem Grade, um den Geiſt des Chriſten⸗ thums, ſeinem Namen weit vorzuziehen. Wie dann, wenn ein ſogenannter Glaͤubigenbeherr⸗ ſcher durch Lesbien zu chriſtlicher Geſinnung gebracht werden koͤnnte? Was wuͤrde auf den Namen ankommen? Und wer weiß denn, ob auf dieſem Wege nicht endlich auch der Na⸗ me— auf welchen ihr Hieſigen doch das Mei⸗ ſte euch einbildet— von ihm angenommen wuͤrde? Fanthia— ſprach ich— ſo lockend das klingt, ſo furchtbar iſt die Sache. Um der Moͤglichkeit ſolch eines Erfolgs willen, koͤnn⸗ teſt du alſo das ganze Gluͤck eines Maͤdchens wie dieſe Lesbia, auf ein furchtbares Spiel ſetzen? — 111 Als ob nicht— entgegnete ſie— ſchon jede gemeine Heirath ſolch ein Spiel waͤre. Nur daß bei ihr kein großer Gewinn zu hof⸗ fen ſteht, wie dort. Panthia vertheidigte den Satz mit dem groͤßten Eifer. Es blieb mir gar kein Zwei⸗ fel an ihrer Abſicht, Lesbien wirklich einen ausgezeichneten Platz in irgend einem vorneh⸗ men Harem, und wo moͤglich, in dem des Großherrn zu verſchaffen. 76. „Steigen des Werthes. Weißt du auch— ſprach ich da— daß du mir ſie verkaufen wollteſt, daß du ſchon eine gewiſſe Summe fuͤr das liebliche Kind begehrteſt? Weiß es recht wohl— antwortete ſie ſpoͤttelnd. Damals haͤtteſt du ſie auch dafuͤr erhalten. Heute aber— das iſt ſo meine Art— muͤßteſt du den Preis wenigſtens zehn⸗ fach erhoͤhen. 11²— Ich ſchalt ſie eine elende Menſchenhaͤnd⸗ lerin. Darauf ſagte ſie mit Lachen: Mache dir Luft mit Schimpfreden, ſo viel du willſt. Ich weiß, warum ich's thue, und daß es mir keine Schande bringt bei mir ſelber. Ihr Andern koͤnnt mich nicht beurtheilen; zumal ihr im Abendlande, denen der rechte Tag nimmer aufgehen wird, ob eure Thor⸗ heit gleich ſchon jetzt in der Herrlichkeit des klaren Himmels zu thronen und allen Voͤl⸗ kern der Erde an Weisheit voranzuleuchten meint. Zehnfach mehr alſo! dafuͤr ſollſt du das Malkaͤtzchen haben; aber nur heute noch. Wenigſtens zeige ich mich hier billiger, als jene roͤmiſche Sibylle, die ein Buch nach dem andern in's Feuer warf, weil die Weisheit darin dem Kaufluſtigen zu theuer vorkam, und Trotz dem dadurch verminderten Werthe, im⸗ mer auf demſelben Preiſe beſtand. Denn wenn ich auch die Forderung fuͤr Malkaͤtzchen erhoͤhe, ſo bleiht doch der Werth der Waare unver⸗ — 113 unveraͤndert, ja will ich ihre Reize in An⸗ ſchlag bringen, ſo nimmt er ſogar mit jedem Tage zu. 71. Zuſicherung. Lesbia trat herein. Der Schnee des ein⸗ fachſten weißen Kleides ſtand ſo herrlich zu der lockenden Friſchheit ihrer Haut, zu dem frohen Gruße, den das blaue Auge darbot. Jetzt iſt mir wieder recht wohl! rief ſie aus. Das von dem maͤchtigen Wonnegefuͤhle des jungen Lebens durchſtroͤmte Wort ſloß wie ein Laut aus unſichtbarem, uͤberirdiſchem Saitenſpiele zwiſchen den ſchmalen Roſen⸗ lippen hervor, von einem Blicke begleitet, der zugleich die bezauberndſte Genuͤgſamkeit mit dem Schatze der Unſchuld in ihrer Bruſt und die voͤllige Unbekanntſchaft mit allen Genuͤſſen darbot, die uͤber dem Kreiſe der Kindheit hinausliegen. Das Wort ſprach I. H 114 jenes ſuͤße Wohlgefallen am bloßen Athmen, das man hauptſaͤchlich in klaren, milden Wintertagen, oder nach erſt uͤberſtandener ſchwerer Krankheit empfindet, in der entzuͤk⸗ kendſten Reinheit aus. Es nahm mit Ei⸗ nem Male mein ganzes Herz ein. Und als nun gar dieſes Wunderbild der Unſchuld mit der ſeelenvollſten Miene mir die Hand zu⸗ reichte, da war es um all mein ferneres Er⸗ waͤgen geſchehen. Die ungeheure Summe, welche die Alte fuͤr das ſchoͤne Kind begehrt hatte, erſchoͤpfte ziemlich mein ganzes Vermoͤ⸗ gen. Aber jetzt fehlte mir alle Kraft zur ge⸗ hoͤrigen Erwaͤgung. Kaum war Lesbia wie⸗ der weg von mir nach dem Fenſter gehuͤpft, ſo zog ich Panthien in den am weiteſten da⸗ von entfernten Theil der Stube und ſprach: Ja, Weib, du ſollſt haben, was du verlangſt. Das Kind muß mein werden! 78. Kurioſe Prätenſion. Hm— verſetzte die Alte— gemach, nur gemach. Bevor es dazu kommt, giebt es noch manche Bedingung, unter der allein es ge⸗ ſchehen kann. Machſt du dich auch anhei⸗ ſchig, ſie nach den Braͤuchen deiner Kirche zur Gattin zu nehmen, ſobald es Zeit ſeyn wird? Das erſte— antwortete ich— verſteht ſich von ſelbſt. Was aber bedeutet die Ein⸗ ſchraͤnkung wegen der Zeit? Das will ich dir erzaͤhlen— ſprach Pan⸗ thia. Zuvoͤrderſt muß ich mit ihr nothwen⸗ dig nach Griechenland. Sehen wenigſtens ſoll ſie die herrliche Natur, wohin ſie gehoͤrt, und dann beurtheilen, ob ſie ſolche fuͤr eine ſo karge, gleich der eurigen, vergeſſen kann. Ferner darf ſie noch keinesweges gebunden ſeyn an dich, vielmehr ein ganzes Jahr lang die Wahl ihr freiſtehen zwiſchen dir, und je⸗ dem Andern, der ihr vielleicht beſſer gefiele. H 2 116 Und— verſetzte ich unwillig— auf der⸗ gleichen Ungewisheit hin ſollte ich wohl gar einer Menſchenhaͤndlerin, wie du biſt, jene gewaltige Summe anvertrauen? Schmaͤhe, wie du willſt, du haſt ſchon meine Erlaubnis dazu. Was aber jene Sum⸗ me betrifft, ſo begehre ich ſolche nicht vor unſerer Ankunft in Griechenland. Ausweiſen nur mußt du dich jetzt ſchon vollſtaͤndig, daß du auch wirklich der Mann biſt, der ſie zah⸗ len kann.— Das war mir das Leichteſte.— Uebrigens— fuhr ſie fort— erlaube ich dir, unſer Begleiter zu werden, auf der Reiſe uͤber das Meer. Nur mußt du, da unſere jetzige Art des Fortkommens dir nicht behagt, die Koſten zu einer andern hergeben. Denn zu groͤßerm Aufwande reichen meine Kraͤfte nicht hin. Binden will ich dich darum je⸗ doch keinesweges ſchon jetzt an mein Kätzchen, ſo wenig, als du dieſes ſchon jetzt fuͤr an dich gebunden betrachten darfſt. Kannſt auch noch 117 alle Tage zu jeder Stunde abſpringen von uns, ohne Vorwuͤrfe zu befuͤrchten. Behalte ich mir doch, Namens meiner Pflegebefohlnen ein Gleiches gegen dich vor, wenn ſich an deiner Perſon, oder an deinem Wandel, Din⸗ ge zeigen, welche mir nicht anſtehen. Eine Hauptſache uͤbrigens iſt noch das, daß du Les⸗ bien nie allein heirathen kannſt, ſondern mich zugleich mitnehmen mußt. 79. Die bloſe Zugabe. Dieſe Praͤtenſion hemmte auf Einmal den Kreislauf meines Blutes. Unſtreitig haͤtte ich damals mein letztes Scherflein um des Maͤdchens Beſitz gegeben. Aber um dieſen enormen Preis war er mir doch zu theuer. Nachdem ſich Ranthia ziemlich lange an der aͤuſſerſten Verlegenheit geweidet hatte, die mein entſeeltes Geſicht, meine erblaßten Lip⸗ pen ausſprachen, ſo ſagte ſie laͤchelnd: Mis⸗ 118 verſtehe mich nicht, drolliges Juͤngelchen. Nicht zur Frau ſollſt du mich nehmen, ſondern als bloſe Zugabe im Hauſe behalten. Denn ich habe es dem Himmel gelobt, mein ganzes Leben lang nie freiwillig das geliebte Maikaͤtz⸗ chen zu verlaſſen. 80. Lesbia's Unbefangenheit. So ließ ſich denn freilich die Sache ſchon eher hoͤren. Das Verlangen ſchien mir ſogar nur Kleinigkeit, ein wahres Nichts, nachdem ich es von jener andern Seite betrachtet hatte. Das Alles war in der Stille verhandelt worden, waͤhrend Lesbia vom Fenſter aus ſich an dem bunten Gewuͤhl auf der Straße er⸗ goͤtzt zu haben ſchien. Sieh doch, Muͤtterchen, ſieh! rief ſie jetzt, Panthien zum Fenſter winkend. Ein Trupp ſogenannter engliſcher Bereuter in muntre Farben, zum Theil recht praͤchtig gekleidet⸗ —— 119 zog bei Trompeten⸗ und Paukenſchalle auf ihren Pferden voruͤber und gruͤßte herauf. Ei, Mutter, was widerfaͤhrt dir? fragte Lesbia, als die Alte, zwiſchen ihr und mir hindurch ſchauend, mit einem Schmerzenslaute das Fenſter wieder verließ. Panthia gab ploͤtzliches Seitenſtechen zur Urſache an, aber ihr ganzes Benehmen deu⸗ tete offenbar auf Schreck hin. Sie eilte auch, als der Zug beim Hauſe voruͤber war, noch einmal an das zweite Fenſter und ſchauete mit einem ſichtbaren Gemiſch von Furcht und Neugier hinaus. Je mehr ich mich zuſammennahm um das zu verheelen, was mir aufiiel, deſto beſſer konnte ich beobachten, daß Ranthia den gan⸗ zen Tag uͤber ſich in einer ganz eigenen Un⸗ ruhe und Zerſtreuung befand. Auch ſah ich deutlich, wie am Abende auf ihre Nachfrage, ob die Kunſtreiter bereits lange da waͤren, die Antwort, daß ſie ſchon die letzte Darſtellung 120 gegeben, ihr die Lebensgeiſter maͤchtig em⸗ porhob. Daß Lesbia mit dem hier obwaltenden Geheimniſſe nicht im mindeſten vertraut war, erhellte aus der gluͤcklichſten Unbefangenheit des lieblichen Maͤdchens. 81. Der Hanswurſt. Acht Tage waren wir im Gaſthofe zum Elephanten, als die einſt Abends eintreffenden Wechſel, nach denen ich geſchrieben, mich auf Einmal in Stand ſeßzten, das Vorhaben ei⸗ ner gaͤnzlichen Veraͤnderung unſerer zeitherigen Art und Weiſe auszufuͤhren.. Die Schnelligkeit, in der die große Um⸗ wandlung in der bedeutenden, mit Magazinen aller Arten von Luxusartikeln uͤberhaͤuften Stadt geſchehen konnte, gewaͤhrte der Sache einen eigenen Reiz fuͤr mich. Am folgenden Morgen ſchon, recht fruͤh, 181 hatte ich, unter dem Beiſtande des Wagenver⸗ kaͤufers, auch vier ſtattliche Goldfuͤchſe an mich gebracht und ſendete die ganze Equipage nebſt Kutſcher und Bedienten, die ſogleich auch gemiethet und im naͤchſten Moͤbelmagazin ge⸗ kleidet worden waren, nach dem Elephanten hinaus, waͤhrend ich mehrere Nothwendigkei⸗ ten zum eleganten Reiſeleben fuͤr mich und die beiden Frauenzimmer zuſammenkaufte und beſtellte. Panthia, ich geſtehe es, blieb mir ein Stein des Anſtoßes. Wenn ſie ſich vermuth⸗ lich auch dazu verſtand, ihren abentheuerlichen Scharlachrock und die Piſtolen im Guͤrtel, nebſt dem maͤnnlichen Mantel abzulegen, ſo konnte ich mir doch das ſchnurrbaͤrtige Ge⸗ ſicht in einem gewaͤhlten Frauenanzuge noch viel weniger denken, als in ihrem zeitherigen. Mußte es nicht immer, auch aus den koſtbar⸗ ſten und anſtaͤndigſten Kleidern, herausſchauen, wie der Hanswurſt aus dem Puppentrauer⸗ 122 ſpiele? Das Beſte war vielleicht, darauf an⸗ zutragen bei ihr, daß ſie ſich zur Mannstracht entſchloͤſſe. 82. Aeuſſere Verwandlung. Im Nachdenken, wie ich die Nothwen⸗ digkeit ſolch einer Maasregel der im Ganzen ſehr halsſtarrigen Perſon einleuchtend machen wollte, ohne dabei ihre, noch immer nicht ganz erſtorbene Eitelkeit zu verletzen, ging ich im Elephanten, aus dem Stalle, wo ich eben unterſucht hatte, ob auch in meiner Abweſen⸗ heit die neuen Pferde wohl verſorgt und ab⸗ gewartet worden, nach meiner Stube hinauf. Was aber gab es hier? Offenbar hatte man ſie fremden Damen eingeraͤumt, deren eine, den Eintretenden nicht bemerkend, im Fenſter lag, waͤhrend die andere, wie erſtaunt uͤber den Unbekannten, der ohne Umſtaͤnde ſich erlaubte, eine Wohnung vornehmer Frau⸗ en zu betreten, mir langſam entgegen trat. 1 123 Aeuſſerſt betroſſen ſtand ich da. Sie blieb ebenfalls in einiger Entfernung ſtehen, bis jetzt auf Einmal das Daͤmchen im Fen⸗ ſter den Kopf wieder hereinſteckte, und ſich umkehrte. Es war Lesbia, im Anzuge einer jungen Modedame. Sie diente zugleich zum Kommentar der mir bis dahin voͤllig unver⸗ ſtaͤndlich geweſenen Andern. 83. Andere Sitten. Im erſten Augenblicke war ich faſt mehr erfreut uͤber die Aeltliche, als uͤber die junge Schoͤnheit. Denn was ich mir gar nicht hatte vorſtellen koͤnnen, ſah ich hier ploͤtzlich mitten in der Wirklichkeit vor mir, Fanthien naͤmlich, ohne die mindeſte Spur von einem Barte und uͤberhaupt mit ſo vornehmem An⸗ ſtande, daß ſich aus ihrer jetzigen Erſcheinung die Grundzuͤge der verſchwundenen Amazone nur mit vieler Muͤhe herausſtudiren lieſſen. 124— Einzig ein Richts hatte mir ſonach fruͤher Unruhe gemacht. Ich konnte mich nicht ent⸗ halten, ihr mit vieler Freundlichkeit eine Hand zuzureichen. Aber ſie zog ihre Hand lachend zuruͤck und ſprach: Faſt ſcheint es, Juͤngel⸗ chen, als geſielc ich dir ſo um vieles beſſer? Meinetwegen. Doch mit dem vertraulichen Haͤndegeben iſt es nun aus. Das ging ſchon an in meinem vorigen Zuſtande, der gewiſſer⸗ maſen Alles erlaubte; Alles— fuͤgte ſie leiſe hinzu, als ein Geraͤuſch auf der Straße Les⸗ bien nach dem Fenſter zog— nur kein Aerger⸗ nis fuͤr jene Unſchuld.— Ihre neue Ein⸗ richtung— fuhr ſie fort— ich ſage ihre, weil auch unſer Du mit den neuen Kleidern untergegangen iſt, ihre neue Einrichtung ſtellt uns auf Einmal unter die Geſetze der anſtaͤn⸗ digen Lebensweiſe. Die Erwachſenen richten ſo gut, wie die Kinder, ihre Aufmerkſamkeit am liebſten auf glaͤnzende Gegenſtaͤnde. Ver⸗ folgt nun von den Blicken der Menſchen, — 125 muͤſſen wir uns darauf vorbereiten, nie mehr oͤffentlich unſere Sitten im Negligee zu zeigen. Ich muß, meinen Jahren nach, ſowohl fuͤr ſie, als jene dort eine Reſpektsperſon vorſtellen. 84. Mode und Natur. Mehreres praͤchtige Geraͤth, welches jetzt anlangte, ſetzte dieſer Inſtruktionsſzene ein Ziel. Schon vom Fenſter aus hatte Lesbia die ſchoͤnen Sachen geſehen. Sie gerieth im Beiſeyn der Traͤger und eines Kellners auſſer ſich vor Freude uͤber die zierliche Reiſetoilette von glaͤnzendem Akajouholze, ſo daß Panthia, nicht ohne den Anſtrich eigentlicher Gravitaͤt, ſie in franzoͤſiſcher Sprache, alſo anredete: Mein Kind, was werden dieſe Leute von dei⸗ nem Benehmen ſagen? Lesbia erſchrak ganz daruͤber. Als wir uns wieder allein befanden, kam es heraus, daß die Alte das Maͤdchen vor mei⸗ 126 ner Ankunft ſchon ebenfalls von dem unter⸗ richtet hatte, was ihrem Betragen kuͤnftig Noth thue, und daß Lesbia ſolches ſelbſt einge⸗ ſehen. Aber— ſagte ſie jetzt— im Grunde war es doch beſſer zeither, wo ich ganz ſeyn durfte, wie ich bin. Ich konnte meine Billigung ihres, recht aus Herzensgrunde kommenden, Ausrufs nicht zu⸗ ruͤckhalten. Ja, ich geſtand ſogar, daß ihr jetziger, koſtbarer Anzug mir weniger gefiele, als der fruͤhere, gewiſſermaſen idealiſche, an dem einzig die Feinheit des Stoffes ſich aus⸗ zeichnete, und die hoͤchſte Einfachheit zu fin⸗ den war. Ganz Recht— ſprach die Alte— zu ih⸗ rer vorigen Kleidung hatte, genau genommen, Niemand, als die Natur den Schnitt herge⸗ geben. Die jetzige aber iſt ein Machwerk der Mode. Das muß indeſſen ſeyn unter den eingetretnen Umſtaͤnden. Wir muͤſſen uns in die Gewohnheiten der Leute fuͤgen, die in ſo lganzvollen Equipagen zu ſitzen pflegen. 71 85. Verſchleierun g. Den Mittag brachten wir noch im Ele⸗ phanten zu. Dann ſollte, wie wir dort ſag⸗ ten, die Reiſe weiter gehen. Wir dachten aber, wie ſchon bemerkt worden, vor der Hand nur bis in den erſten Gaſthof der Stadt, das Hotel de Boſton, zu fahren. Es war merkwuͤrdig, wie konſequent die Amazone in dem jetzigen Anzuge das Anſehen einer Dame vom Stande zu behaupten wuß⸗ te. Daß Wuͤrde und Bildung bei ihr nur in der Oberflaͤche ſaß, war mir gar nicht zweifelhaft. Allein ſie wußte die innern Maͤn⸗ gel ſo gut zu verſchleiern, wie eine Menge wirklicher Damen von vornehmer Herkunft, die, wie man ſagt, oft von Kindesbeinen an, eigentlich nichts gethan haben ſollen, als ſich dieſe Verſchleierung ihres hohlen Weſens an⸗ gelegen ſeyn zu laſſen. Der einzige wahrhaf⸗ 128— te Widerſpruch, gegen den erhoͤheten Platz, den ſie nun einnahm, wuͤrde von den unfei⸗ nen, harten, rothen Haͤnden geſchehen ſeyn. Allein ſie war ſich deren zu gut bewuſt, um nicht durch ſtetes Tragen der eleganteſten Handſchuh auch dieſem Mangel abzuhelfen. 86. Höfliche Bitte. Wirth und Kellner ſchuͤttelten merklich den Kopf bei dem Kontraſte des polniſchen Judenwagens, in dem wir anlangten und der, um einen Pappenſtiel verkauft, noch im Hofe ſtand, mit der herrlich lackirten, uͤberall von praͤchtiger Silberplattirung ſtralenden, gruͤ⸗. nen Kutſche, worein wir eben ſtiegen und den muntern Goldfuͤchſen vor derſelben. Jeder Voruͤbergehende ſchien neugierig auf die vor⸗ nehmen Reiſenden, welche zu dem Wagen paß⸗ ten, ſo daß wir große Noth hatten, um nur durch die bunte Menge alter und junger Gaf⸗ fer 129 fer zu dringen. Viele davon, man ſah es an der Naſeweisheit ihrer forſchenden Mienen, mochten bereits durch Kellner oder Hausknech⸗ te von unſerer ploͤtzlichen Metamorphoſe ge⸗ hoͤrt haben. Als wir ſchon im Wagen ſaßen, ſprang noch ein Gend'arm heran, hoͤflich bit⸗ tend, am Ausgangsthore ein wenig zu verwei⸗ len. Warum? fragte ich. Einer Kleinigkeit wegen! hieß die Antwort. Dieſe Kleinigkeit wird ſich wohl auch ohne uns abmachen laſſen! dachte ich und befahl fortzufahren. Ich freuete mich an Lesbiens froher Auf⸗ wallung uͤber die weit groͤßere Annehmlich⸗ keit in dem bequemen, glaͤnzenden Wagen, als in dem zeitherigen Fuhrwerke. Die Schnelle der muthigen Pferde brachte uns zum Gluͤck den laͤſtigen Gaffern bald aus den Augen. 1 3 130 S7. Ruhiges Abwarten. Erſt vor dem Hotel de Boſton fiel mir ein, daß ich mit der zu fruͤhzeitigen Annahme des Bedienten und Kutſchers einen dummen Streich gemacht hatte. Weit geſcheidter waͤ⸗ re es geweſen, in einem Fiaker dorthin zu fahren. Von hier aus haͤtte ſich die Equipa⸗ ge anſchaffen laſſen, ohne daß es auffiel, ſtatt daß nunmehr Kutſcher und Bedienter, im Elephanten ohnſtreitig von Allem unterrichtet, die Nachricht unſerer ploͤtzlichen eigenmaͤchti⸗ gen Standeserhoͤhung ſicher bald unter die Leute brachten. Auch Nanthia machte ſich Vorwuͤrfe, dieſe allerdings gar nicht unwich⸗ tige Sache uͤberſehen und uns ſo großen Schaden in der Meinung vieler Menſchen gethan zu haben. Es war indeß einmal geſchehen, und vor der Hand nichts weiter anzufangen, als die moͤglichen Folgen in Ruhe abzuwarten. 88. Verlegene Verb eugung. Unſere Zimmer im erſten Stocke des an⸗ ſehnlichen Hauſes paßten zu dem Glanze der Equipage. Sie wurden, wie ich ſpaͤterhin vernahm, gewoͤhnlich fuͤr ganz vornehme Fremde aufbewahrt. Der hoͤchſt elegante Kellner wollte daher auch lange nicht den Namen Richter, den er Kutſcher und Bedien⸗ ten nicht geglaubt hatte und mir daher mit vielen Umſtaͤnden abfragte, auf ſeinen Zettel ſchreiben. Als ich ihn aber ganz ernſtlich bat, mich nicht in Verdacht eines hoͤchſt un⸗ zeitigen Scherzes mit ihm zu ziehen, ſo be⸗ merkte ich ein recht deutliches Naſeruͤmpfen an dem Menſchen. Dabei erſchrak er derge⸗ ſtalt uͤber den Misgriff, den er mit uns ge⸗ than, daß es ihm,(wie einer Opernſaͤngerin die uͤble Laune,) auf die Stimme ſiel und er in einem katarrhaliſch leiſem Tone ſagte: J 2 132— Oder vielleicht convenirten ihnen ein Paar Zimmer im zweiten Stocke beſſer? Wir bleiben, wo wir ſind! antwortete ich und der beſtimmte Verdruß in dieſen Worten machte, daß er ſich mit einer verle⸗ genen Verbeugung zuruͤckzog. 89. Vorſichtsmaasregeln. Lesbig's freudenvolles Herumhuͤpfen zwi⸗ ſchen den ſchoͤnen Truͤmeaux, welche ihre rei⸗ zende Geſtalt vervielfaͤltigten, ergoͤtzte mich noch, als ein ungeſtuͤmes Pochen an die Thuͤr mich in Wallung brachte. Ich eilte zu oͤffnen. Aber der lange, hagere Urheber der Sache, hatte das ſchon bewirkt, als ich an⸗ kam und unter ſeinen ſchwarzen, buſchigen Augenbraunen ſchweiften finſter inquiſitori⸗ ſche Blicke von mir nach Ganthien und der reizenden Lesbia, welche neugierig in ſeine Naͤhe trat. 133 Ich habe mit ihnen zu ſprechen, mein Herr! begann der Mann, offenbar meine Ab⸗ ſonderung von den Uebrigen verlangend und ich ging dem, ſeiner ganzen Weiſe nach auf Artigkeit keinen Anſpruch Habenden, in das Nebenzimmer voran.— Wozu das? fragte ich, als er, bevor er mir folgte, die Thuͤr zu der er hereingetreten war, mit dem daran ſteckenden Schluͤſſel verſchloß und dieſen zu ſich nahm. Aus bloßer Vorſicht! antwortete er. 90. Berhaften Mein Herr— fing er auf meinem Zim⸗ mer an— warum haben ſie im Gaſthofe zum Elephanten geſagt, ſie wuͤrden die Stadt verlaſſen? Weil es mir grade nicht anders geftel! antwortete ich aufgebracht. Wiſſen ſie— fuhr er mit hoch ergkuͤhen⸗ dem Geſichte fort— wiſſen ſie, wer ich bin? 134 Ohngefaͤhr! antwortete ich. Ein Menſch, der kein Recht hat, mich in ſolch einer gleich⸗ guͤltigen Sache zur Rede zu ſtellen. Warum— erwiederte er im hoͤchſten Grimme— warum ſagten ſie dem Gend'arm, der ſie zum Warten am aͤuſſern Thore be⸗ ſchied.——— Beſchied! unterbrach ich ihn. Ich ha⸗ be keine Beſcheide durch Gensd'armen zu be⸗ fuͤrchten, denke ich.— Das wird ſich finden!— fuhr er mit eingebiſſener Lippe fort. Warum entdeckten ſie wenigſtens dieſem Gend'arm nicht, daß ſie in der Stadt noch verweilen wollten? Weil er mich vor dem Gaſthofe zum Ele⸗ phanten darum fragte, und ich es dort zu verheimlichen dachte. Es war— verſetzte er— hoͤchſt unſchick⸗ lich, mich, den Polizeikommiſſar, drauſſen vor dem Thore vergebens warten zu laſſen. Warum— ſprach ich hiergegen— moͤch⸗ 135 te ich mit groͤßerm Rechte fragen, warum giebt die hieſige Polizei denen, mit welchen ſie zu ſprechen wuͤnſcht, ein Rendez⸗vous vor dem aͤuſſern Thore? Aus Schonung, lediglich aus Schonung, mein Herr. Wie, wenn ich ſie ſogleich dort am Wagen, der von einer Menge Volk um⸗ geben war, haͤtte verhaften laſſen? Verhaften! rief ich empoͤrt. 91. Vermeidung alles Ueberfluſſes. Und das aus mehr, als Einem Grunde. Iſt doch das allein ein hinlaͤnglicher, daß ihr Paß noch nicht einmal auf der Polizei ſicht⸗ bar geworden iſt. Allerdings hatte ich vergeſſen, ihn hinzu⸗ ſchicken. Ich geſtand dieſes Verſehen ein, aͤu⸗ ßerte aber zugleich, daß dem Verhaften wohl ein Erinnern haͤtte vorangehen muͤſſen. Hier kommt— verſetzte er— mehr zu⸗ 136 ſammen, als daß dies erſt noͤthig geweſen waͤ⸗ re. Oder ſollte die Geſellſchaft einer durch Steckbriefe verfolgten Zigeunerin kein guͤlti⸗ ger Grund fuͤr die Polizei ſeyn, ſich ihrer Perſon auch mit zu verſichern? Das ſchlug auf Einmal meinen ganzen Muth nieder. Wohl war es hoͤchſt unbeſon⸗ nen geweſen, mich mit einer unbekannten Perſon, wie dieſe Fanthia, einzulaſſen. Was ich eben von ihr hoͤrte, hatte auch ſo ſehr das Gepraͤge des Wahrſcheinlichen, daß ich in jeder Ruͤckſicht zu beklagen war. Waͤre nur Lesbia nicht geweſen! Ich gab auch geradezu dem Kommiſſar einen Finger⸗ zeig auf dieſen Beweggrund zu meiner Ge⸗ meinſchaft mit den Leuten und fuͤgte hinzu, daß ich die Unſchuld des Maͤdchens beſchwoͤ⸗ ren wolle.— Unſchuld! Beſchwoͤren! ſpotte⸗ te er. Sorge doch der Herr zunaͤchſt fuͤr den Beweis der eigenen Unſchuld. Das Beſchwoͤ⸗ ren allein wird dieſen nicht einmal fuͤhren koͤn⸗ 137 nen. Doch zu Vermeidung alles Ueberfluſ⸗ ſes, verlange ich, daß ſie auf der Stelle mir folgen. Eine Saͤnfte wartet bereits unten im Hauſe. 92. Spottſchlechte Augen. Seine„mit Steckbriefen verfolgte Zigeune⸗ rin“ hatte mich zahm gemacht, wie ein Schoos⸗ huͤndchen. Ich fuͤgte mich in ſein Verlangen. Nur beſchwor ich ihn, daß der engelreinen Lesbia ja nichts widerfahren moͤchte. Er . verſicherte, daß ſie, ſo gut, wie ich, bis zum vollſtaͤndigen Beweiſe unſerer Nichttheilnah⸗ me an den Vergehungen der Alten, vor je⸗ dem, nicht in den Umſtaͤnden ſolcher Verhaf⸗ tungen liegenden Uebel, geſichert waͤre. Wie groß war der Oberkellner gegen mich geworden, als ich im Flur bei ihm voruͤber in die geoͤffnete Saͤnfte ging. Als ſie ſchon zugemacht war, vernahm ich ſeine lauten Ge⸗ 138— wiſſensbiſſe daruͤber, daß er dieſes Eine Mal ſo ſpottſchlechte Augen gehabt habe, um das Bettelvolk unter dem falſchen Prunke nicht ſogleich gewahr zu werden. 93. Verwechſelung. So anſtaͤndig auch das Behaͤltnis war, worein man mich brachte, ſo fehlten mir doch Schlaf und Ruhe die ganze Nacht. Und zu den heftigſten Vorwuͤrfen uͤber mein leichtſin⸗ niges Buͤndnis mit ganz unbekannten Leuten, ſchon durch die vielen Widerſpruͤche in der aͤußern Erſcheinung uͤberaus verdaͤchtig, mich eingelaſſen zu haben, geſellte ſich meine Lei⸗ denſchaft zu Lesbien, deren Gewalt mir um ſo empfindlicher wurde, je mehr ich einſah, daß ich ihr unter ſolchen Umſtaͤnden durch⸗ aus entſagen muͤſſe. Am folgenden Vormittage trug man 1 mich in einer Saͤnfte zum Polizeidirektor. Zum 139 Gluͤck war er kein zu einem Fache, wie die⸗ ſem ſo wenig geeigneter Mann, als der auf⸗ brauſende Commiſſar, der mich verhaftete. Er ging mit Artigkeit, Anſtand und Ruhe zu Werke. Bald ergab ſich, daß ein vor Kur⸗ zem in der Stadt geſchehener großer Betrug den erſten Anlaß zur polizeilichen Aufmerkſam⸗ keit auf diejenigen Perſonen gegeben habe, die ſo auffallend und ploͤtzlich aus geringen Verhaͤltniſſen heraus in entgegengeſetzte, glaͤn⸗ zende getreten waren. Dieſen Verdacht hat⸗ „te ein Steckbrief, der ſich gegen Ranthien vorgefunden, natuͤrlich um Vieles vermehrt, weil man indeß noch immer an die Moͤglich⸗ keit glaubte, daß jener Verdacht ungegruͤndet, auch ich lediglich durch Lesbia's Rcize in die⸗ 5 ſes Verhaͤltnis gerathen ſeyn koͤnne, dachte man mich mit beſonderer Delifateſſe zu be⸗ handeln. Dem hatte ſich inzwiſchen die Hitze des Commiſſars entgegengeſtemmt. Der Polizeidirektor eroͤffnete mir hierauf 14⁰ freundlich, daß, da die Urheber jenes Betrugs in der letzten Nacht entdeckt worden, ich nach dem was er eben uͤber meine Perſon durch mich ſelbſt vernommen und was er aus mei⸗ nen Papieren erſehen, ſo gut wie frei zu be⸗ trachten waͤre. Meine Entlaſſung wuͤrde ſo⸗ gleich erfolgen, wenn nicht wegen der Zigeu⸗ nerin und des mit ihr ziehenden Maͤdchens noch einige Fragen an mich von Seiten der Polizei geſchehen muͤßten. Kaum aber war ich in meinen Gewahrſam zuruͤckgekehrt, als ich auch von dieſem ganz losgeſprochen und in Freiheit geſetzt wurde. Dieſe wuͤrde mir freilich bei meiner Leiden⸗ ſchaft nur ganz gleichguͤltig geweſen ſeyn, haͤtte ich nicht zu gleicher Zeit erfahren, daß ich im Hotel de Boſton auf Lesbia's Wieder⸗ finden rechnen koͤnne. Es habe ſich naͤmlich ergeben, daß Santhia keinesweges die in je⸗ nem Steckbriefe bezeichnete Perſon ſey, ſondern derſelben nur uͤberaus aͤhnlich ſehe. 141 94. Armer Mann. Meine Freude ſtieg mit jedem Schritte nach dem Hotel de Boſton. Die offenbare Verlegenheit des Oberkellners, der in der Hausthuͤr ſtand, mochte wohl von der Ver⸗ muthung herruͤhren, daß ich ſeine wegwerfende Bemerkung, als ich am Tage zuvor in die Saͤnfte mich ſetzte, vernommen haben moͤchte, was auch da gewis ſeine Abſicht geweſen war. Er hatte nichts zu beſorgen. In ſolch einem Rauſche des Frohſinns vergiebt man gern! Er druͤckte das groͤßte Bedauern aus, daß in ſeiner zufaͤlligen Abweſenheit dieſen Morgen, mein geſtriges Quartier, einem Fuͤr⸗ ſten, deſſen Name mir wieder entfallen iſt, eingeraͤumt worden ſey, und ich folgte meinem eiligen Fuͤhrer nach einer Wohnung im zwei⸗ ten Stocke, wo ich, wie er zugleich berichtete, beide Damen ſchon antreffen wuͤrde. Ich 14² verbat mir ſein Thuͤroffnen und ſeine weitere Begleitung uͤberhaupt, nachdem er mir die Nummer angezeigt hatte. Es haͤtte mich zu ſehr aͤrgern muͤſſen, wenn die gemeine Neu⸗ gier Zeugin ſolch eines frohen Wiederſehens geworden waͤre. Letzteres uͤbertraf meine Erwartung bei weitem. Lesbia war gerade allein im Zim⸗ mer. Sie eilte auf den Eintretenden zu. Armer Mann! rief ſie dazu aus. 95. Wiederholtes Bedauern. In meinem ganzen Leben war ich nicht reicher geweſen, als jetzt, wie ſie mich arm nannte. Dieſer Ton und beſonders dieſer Blick dabei! Die hoͤchſte Freude und das in⸗ nigſte Mitleid, die ſich darin getheilt hatten, umfingen mein Herz. Eine unſichtbare Ge⸗ walt noͤthigte mich, ihre Arme zu ergreifen, der Seele naͤher zu kommen, die in dem weit⸗ — 143 geöffneten, hervlichen Auge des hocherroͤthen⸗ den Maͤdchens zitterte. Ach, ich war ein Thor, ein unbeſchreib⸗ licher Thor in dieſem Momente. Ich ſah den Himmel auf ihren Lippen ſtralen und wagte doch nicht, mich durch die meinigen in ihn hineinzuſchwingen. Ich fuͤrchtete, das heilige Gebiet der Unſchuld zu verletzen und von der in den tiefſten Winkeln des menſch⸗ lichen Herzens bruͤtenden daͤmoniſchen Kraft uͤber die Schranken hinausgedraͤngt zu wer⸗ den. Nur die Stirn hauchten ihr meine be⸗ benden Lippen leiſe an. Armer Mann! wiederholte die Gluben⸗ de— wir allein ſind Schuld an der Verle⸗ genheit, in welche du gerathen biſt. Um ſo gluͤcklicher aber fuͤhle ich mich auch nun, da du uns zuruͤckgegeben biſt und ich dir mein Bedauern aͤuſſern kann. 144— 96. Der beſondere Gruß. Kinder! ſprach die wieder hereintretende Xanthia, den Finger aufhebend, als ſie uns ſo mit einander ſtehen ſah. Bei naͤherer Beobachtung nahm jedoch die Erfahrungsrei⸗ che ihre Drohung ſogleich wieder zuruͤck. Nein, nein— ſagte ſie— ihr ſeyd beide gut! Darauf beklagte ſie ebenfalls meine Mitverflech⸗ tung in ein ungluͤckliches Geſchick, das ſchon mehrmals ſie betroffen. Es gaͤbe naͤmlich in der That eine Perſon von auffallender Aehn⸗ lichkeit mit ihr. Durch den Bart und den abentheuerlichen Anzug habe ſie ſich fruͤher beſtrebt, dem Signalement der Andern, das in den Haͤnden faſt aller Obrigkeiten ſey, un⸗ aͤhnlich zu werden, aber nicht immer mit Erfolg. In der jetzigen vornehmen Tracht wuͤrde es ihr vielleicht eher gelungen ſeyn, wenn nicht die große Unvorſichtigkeit im Gaſthofe zum Ele⸗ phan⸗ 145 phanten urploͤtzlich aus einem Stande in den andern ſo auffallend uͤberzuſpringen, Verdacht erregt und dieſer durch den Gedanken an die fruͤher vorgefallenen Betruͤgereien Ande⸗ rer nicht verſtaͤrkt worden waͤre. Sie geſtand offen, daß ſie mir gewiß von der ſchnellen Verwandlung in dortiger Stadt wuͤrde abge⸗ rathen haben, wenn ihre allen Tadel verdie⸗ nende Eitelkeit nicht einen beſondern Ge⸗ nuß darin gefunden haͤtte, im Gaſthofe zum Elephanten durch das neue Verhaͤltnis zu imponiren. 97. Verleideter Aufenthalt. Nanthia beklagte, wie ſie ſagte, den haͤß⸗ lichen Vorfall um ſo mehr, da das Heraus⸗ wickeln aus demſelben ihr die ganze, noch uͤbrige Baarſchaft gekoſtet habe. Ich fragte, wie das nur moͤglich ſey.— Lieber Rich⸗ ter, hieß die Antwort, ſie ſind noch zu ſehr I. K 146— Neuling in der Welt, um dergleichen zu be⸗ greifen. Haͤtte ich's auf den Erweis meiner Unſchuld ankommen laſſen, ſo waͤre ich ver⸗ muthlich aus einem Verhoͤr in das andere ge⸗ ſchleppt und Monate hindurch, ja vielleicht noch laͤnger gequaͤlt und geaͤngſtet worden, und haͤtte am Ende auch die aufgelaufenen Koſten blos darum bezahlen muͤſſen, weil ich das Ungluͤck habe, der andern aͤhnlich zu ſe⸗ hen, die man in meiner Perſon feſtzunehmen glaubte. Abgerechnet, daß meine arme Les⸗ bia, waͤhrend der Zeit ein abſcheuliches Leben gehabt, wuͤrde gewiß nicht nur das aufgegan⸗ gen ſeyn, was mir meine Freiheit jetzt koſtet, ſondern vermuthlich auch alle meine und ih⸗ re Sachen dazu. Statt deſſen bediente ich mich des Weges der Beſtechung, der in die⸗ ſem Falle beſonders auch das Gute hat, daß die Menge ſchoͤner Zeit gewonnen wird, wel⸗ che an die abſcheuliche Unterſuchung verloren gegangen waͤre. Uebrigens iſt mir durch die⸗ 147 ſes Ereignis der hieſige Aufenthalt dergeſtalt verleidet, daß ich nunmehr nichts ſehnlicher wuͤnſchen kann, als die baldigſte Abreiſe. Fanthia hatte Recht. Eine Erfahrung, wie die hier gemachte, laͤßt der immer regen Verlaͤumdung zu vielen Spielraum. Etwas — heißt es— muß doch wohl an dem Ver⸗ dachte gegen die Perſonen geweſen ſeyn, wel⸗ che ſo plotzlich eingezogen wurden. Wir ſetz⸗ ten daher unſere Abreiſe ſchon auf den fol⸗ genden Morgen feſt. 98. Anklage und Entſchuldigung. Die Hauswirthin konnte hier ihre Verwun⸗ derung nicht bergen, daß die Nacht des Nach⸗ denkens in meiner Haft ſo wenig von Fol⸗ gen geweſen war. Oder— fuhr ſie fort— vergaßen ſie blos, uns die Aufſchluͤſſe mitzu⸗ theilen, welche ſie den beiden raͤthſelhaften Frauenzimmern uͤber ihre Herkunft und Schick⸗ K 2 148— ſale zuvor abfragten, ehe ſie ſich zu einer fer⸗ nern Verbindung ganz in der fruͤhern Art entſchloſſen? Leider, Madam— antwortete ich— be⸗ ruͤhren ſie hier einen Punkt, der meiner Hand⸗ lungsweiſe allerdings uͤberaus wenig Ehre bringt. Ich erhielt nicht nur nicht den min⸗ deſten Aufſchluß uͤber ſo manche, mir in je⸗ ner gedankenvollen Nacht erſchienene große Seltſamkeit, ſondern, was noch weniger zu entſchuldigen iſt, ich blieb darum auch ganz unbekuͤmmert.— Und doch haͤtte mich eine Aeuſſerung Ranthiens, die meines Wiſſens noch nicht von mir angefuͤhrt wurde, zu recht genauen Erkundigungen anſpornen ſollen. Sie geſtand naͤmlich bei Gelegenheit ihrer Entſchuldigung der Art, wie ſie ihre Freiheit wiedererkauft, daß es in ihrem fruͤhern Leben Ereigniſſe gaͤbe, welche ſie jeder Polizei durch⸗ aus vorzuenthalten habe, und die gleichwohl, wenn man ihr uͤber daſſelbe Rechnung abfor⸗ 149 dere, gar nicht zu verſchweigen waͤren, ohne ſolche Luͤcken zu veranlaſſen, wodurch ſie noth⸗ wendig verdaͤchtig werden muͤſſe. O meine Thorheit war unbeſchreiblich groß! Wer konnte das beſſer fuͤhlen, als ich, in dieſem Augenblicke? Allein die Szene des Wiederſehens der reizenden Lesbia hatte mit der Gewalt des maͤchtigſten Zaubers auf mich eingewirkt. Ich lebte gar nicht mehr, wenn ich das Licht ihres Auges entbehren mußte. Es duͤnkte mich Nothwendigkeit, immer um ſie zu ſeyn. Daher fuͤrchtete ich denn ſogar durch irgend einen, nachtheilig auch auf meine hohe Idee von ihr vielleicht zuruͤckfallenden Aufſchluß, zur Aufgebung der Gemeinſchaft mit ihr genoͤthigt zu werden. Uebrigens frage ich jeden, der die Leiden⸗ ſchaft der Liebe aus eigener Erfahrung kennt, ob er an meiner Stelle, mit meiner graͤnzen⸗ loſen Verblendung, anders wuͤrde gehandelt haben. 150 99. Art zu leben. Eine vierzehntaͤgige Reiſe mit den bei⸗ den Frauen hatte meine Glut nur peinlicher gemacht. Das Aufſehen, welches Lesbiens Reize allenthalben erregten, verletzte mein Herz noch von einer andern Seite. In je⸗ dem jungen, liebenswuͤrdigen Manne, deſſen Blicke im Theater, oder in oͤffentlichen Kon⸗ zerten nach ihr hinfunkelten, fuͤrchtete ich auf einen Nebenbuhler zu ſtoßen. Die Unbefan⸗ genheit, womit ihr Auge die fremden Blicke aufnahm, kam mir nicht ſelten als eine Er⸗ wiederung vor. Geſellſchaften vermieden wir. Kanthia mochte unter anderm auch wohl darum nichts von ihnen wiſſen, weil ſie doch fuͤhlte, bei aller uͤbrigen Menſchenkenntnis, mit dem Tone der feinen Welt im ſtundenlangem Umgange nicht gehoͤrig fortkommen zu koͤnnen. Eine 4 151 anſtaͤndige Haltung zwar wußte ſie ihrer Per⸗ ſon zu geben. Aber zum fortlaufenden Ge⸗ ſpraͤche fehlten ihr die noͤthigen Voruͤbungen und Kenntniſſe. 100. Der Millionär. Im Hotel von London zu— g wohnte unmittelbar neben unſern Zimmern ein hoch⸗ bejahrter Mann. Der Wirth und ſeine Leu⸗ te, wenn ſie von ihm ſprachen, nannten ihn nur den Millionaͤr. Er war ein Plantagen⸗ beſitzer aus Weſtindien und uͤberaus finſter und wortkarg gegen Jedermann. Eines Abends bei der Heimkehr von ei⸗ ner kleinen Spazierfahrt, begegnete er uns im Flure des Gaſthofs. Ganz wider ſeine Ge⸗ wohnheit blieb er ſtehen. Lesbia war es, die ſeinen Blick feſſelte. An Ruͤckſichten nicht gewoͤhnt, fragte er, waͤhrend wir die Treppe hinaufgingen, wer wir waͤren, und wunderte 152 ſich nicht wenig, als er von unſerer Nach⸗ barſchaft hoͤrte. Am folgenden Vormittage ſchon machte er uns ſeinen Beſuch. Er entſchuldigte ſich, kein Menſch begriff warum, daß es nicht ſchon fruͤher geſchehen war, und nahm dann neben Lesbien Platz, der er jedoch ſehr zuwider ſchien. Seine langjaͤhrige Erfahrung, daß ein ſo vermoͤgender Mann, wie er, allenthal⸗ ben guͤnſtige Aufnahme zu finden pflegt, mochte ihn fuͤr des Maͤdchens Abneigung ganz blind gemacht haben. Er ſcherzte daruͤ⸗ ber, wie uͤber kindiſche Schuͤchternheit und Panthia that Alles, ihn in dieſer Anſicht zu beſtaͤrken. Drauf bat er, daß wir auf den Nachmit⸗ tag mit ihm ſpazieren fahren moͤchten und ſogleich ergriff Ranthia das Wort, ihm unſe⸗ re Zuſage zu ertheilen. 1⁵53 101. Das kfehlte noch. Warum nur das, Muͤtterchen? fragte, als er hinweg war, Lesbia mit nicht unter⸗ druͤcktem Unwillen. Der finſtere Geiſt, der mitten durch die Freundlichkeit dieſes Alten hindurchblickt, wird uns den ganzen, ſchoͤnen Nachmittag verderben. Biſt ein Kind, Matkaͤtzchen! ſchmeichelte ihr Fanthia. Haſt, allem Anſcheine nach, noch eine lange Bahn zu durchlaufen und mußt die Roſen an deinem Wege nicht ab⸗ ſichtlich zertreten. Das Gluͤck iſt ein eitles, rachſuͤchtiges Geſchoͤpf. Es verſucht, wen es liebt, unter tauſend Geſtalten. Wer ihm unter einer die Thuͤr weiſt, den laͤßt es das zuwei⸗ len lebenslang abbuͤßen. Wie, wenn der alte Mann dich zur Erbin, oder wenigſtens Miter⸗ bin, ſeines großen Vermoͤgens einſetzte. Er ſoll allein hier im Gaſthofe ein recht ſchoͤnes Bischen in blankem Golde bei ſich haben. 1⁵4 Mein Naſeruͤmpfen machte, daß ich nun an die Reihe kam. Sie ſprach: Werden ſie mir etwa eiferſuͤchtig auf den zahnloſen Alten, Herr Richter? Das fehlte noch! Aehnlich ſaͤhe es ihnen ſchon. Dasmal war ich's jedoch wirklich nicht. Weniger vielleicht, weil der Alte in der That kein Gegenſtand dazu ſeyn konnte, als wegen der auffallenden Abneigung des Maͤdchens ge⸗ gen ihn. Ich theilte nur Lesbiens Meinung, daß Herr Lelong, ſo hieß er, uns den Tag uͤber ſehr zur Laſt fallen werde. 102 Seine Erbin. Das war auch der Fall. Seine offenba⸗ re Scheu vor den Menſchen, ſchien in dem Bewuſtſeyn zu liegen, daß er ihnen nie wohl⸗ gewollt hatte. Mit beſonderer Erbitterung ſprach er von den Sklaven ſeiner Pflanzungen 155 in Weſtindien. Sein Leben vor ihnen dort nirgend mehr geſichert glaubend, hatte er ſich endlich nach Europa eingeſchifft. Welche Grauſamkeit mochte der weiße Tiger an den ungluͤcklichen Schwarzen veruͤbt haben, ehe es bis dahin gekommen war! Lesbia, die Verhaͤltniſſe jener Herren zu ihren Sklaven nicht kennend, wandelte grade bei ſeiner Darſtellung der Angſt, in welcher er immer vor den Boͤſewichtern, wie er ſie gewoͤhnlich nannte, geſchwebt hatte, das Mit⸗ leid mit dem ohnfehlbaren Peiniger derſel⸗ ben an. Waͤhrend ſie im Spazierengehen durch ein Luſtwaͤldchen, wo wir uns eben be⸗ fanden, immer aufmerkſamer auf den Alten wurde, konnte ich mich nicht enthalten, Fan⸗ thien bei Seite zu ziehen und ihr meine An⸗ ſicht von ſeinen Mittheilungen zu eroͤffnen. Abſichtlich hielt ſie mich hierauf von Les⸗ bien und Lelong zuruͤck, um, wie ſie ſagte, meine Vorſtellungen zu berichtigen. Laſſen 156 ſie das doch! ſprach ſie. Zwar glaube ich ſelber, daß ſie Recht haben mit dem Men⸗ ſchen. Wer aber ſchon ſo den Kopf ſchuͤttelt wie der, kann unmoͤglich den Gukuk noch lange ſchreien hoͤren, und wie geſagt, wenn unſer Kaͤtzchen ſeine Erbin wuͤrde, ſo koͤnnte das ihnen doch ſo wenig ſchaden, als ihr ſelbſt. 103. Mögliche Hind erniſſe. Stolz erwiederte ich, daß meine Habe zu einer glanzvollen Zukunft fuͤr Leshien und uns Alle, ja fuͤr noch viel Mehrere, ausreichte. Pochen ſie mir nicht allzuſehr auf ihr blankes Gold, Herr Richter. Dergleichen rinnt einem oft aus der Hand, wie Waſſer, das ein Durſtiger mit ihr aus dem Brunnen ſchoͤpft, ſo daß er wenig davon zum Munde bringt. Zumal— hier ſtreichelte ſie mich— wenn es einer ſo groß anfaͤngt, wie du 1⁵⁷ Naͤrrchen! Geld Herr Richter, kann man nicht genug einſammeln. Ueberdies— ſo fuhr ſie, die Arme in die Seite ſtemmend, fort— wiſſen Sie denn ſchon ganz gewiß, daß Lesbia die Ihrige wer⸗ den wird. Dazwiſchen kann ſich noch gar manches Hindernis ſtellen. Und muß ich, ih⸗ re treue Pflegemutter, daher nicht um ſo lie⸗ ber ſehen, wenn der Himmel ihr ſo vielleicht ein von ihnen und jedem Andern unabhäͤngi⸗ ges Vermoͤgen zufuͤhrt?— 104. Abſonderung.⸗ Dergleichen Vorſtellungen mußten mich wohl immer mehr verſtimmen Auch Lesbia machte mich verdruͤßlich mit ihrer zunehmen⸗ den Theilnahme an dem Alten, fuͤr welchen Panthia die Zaͤrtlichkeit gar nicht mehr maͤſi⸗ gen konnte. Der alte Herr ladete uns nach der Ruͤck⸗ 158 kehr zur Begleitung auf den folgenden Tag ein, an dem er eine Geſchaͤftsreiſe vorhatte. Abermals ſagte Ranthia in unſerm Namen zu. Ich aber entſchuldigte mich mit noͤthiger . Arbeit. Lesbia hielt das fuͤr Eiferſucht und that boͤſe daruͤber. Recht ſo!— ſagte Kanthia zu ihr, ſo, daß es mir nicht entgehen konnte. Ich ſtand den ganzen Abend, an dem ich mich abſicht⸗ lich einſam auf meinem Zimmer hielt, um ſo furchtbarer aus, da ich im Nebengemache bald das Maͤdchen, bald Ranthien, laut auf⸗ lachen hoͤrte, bald auch beide zugleich. Ganz offenbar galt das mir und meinem Benehmen. 105. Erſchreckon. Waͤhrend der erſten, groͤßten Nachthaͤlfte floh mich der Schlaf gaͤnzlich, dafuͤr aber wich er dann auch nicht eher wieder von mir, als bis die Sonne ſchon recht hoch am Himmel ſtand. . 159 Meine Nachbarinnen waren laͤngſt mit dem alten Plantagenbeſitzer fortgefahren. Erſt Nachmittags kehrten ſie zuruͤck; allein. Es aͤrgerte mich ſehr, daß ſie nicht, wie ſonſt, durch mein Zimmer in das ihrige gingen, ſon⸗ dern die aͤuſſere Thuͤr zu letzterm benutzten. Das Lachen vom Abende kehrte wieder. Endlich hoͤrte ich weggehen. Die Daͤmme⸗ rung begann ſchon. Wohin ſie nur noch ſo ſpaͤt wollten! Das ließ ſich vielleicht erfor⸗ ſchen. Ich ſchloß daher mein Zimmer ab und eilte die Treppe hinunter. Zu nahe woll⸗ te ich ihnen aber doch nicht kommen, daß ſie meine Abſicht nicht erriethen. An der Haus⸗ thuͤr verweilte ich daher und ſteckte, den uͤbri⸗ gen Koͤrper mit Anſtrengung zuruͤckgehalten, nur den Kopf ein wenig hinaus, fuͤr das Er⸗ ſte zu ſehen, ob ſie den Weg rechts oder den zur Linken einſchlugen. Ich erſchrak ordent⸗ lich, als ich Kanthien allein erblickte. 160 106. Das treffliche Zeichen. Die mochte hingehen, wohin ſie wollte, da ſonach Lesbia noch zu Hauſe war. Auf der Stelle kehrte ich in meine Wohnung zuruͤck. Auf der Treppe begegnete mir ein Kell⸗ ner. Eben fragte mich— ſprach er— die Mamſell, ob ſie weggegangen waͤren, mein Herr. Soll ich vielleicht von ihrer Ruͤckkehr Nachricht geben?— Nein!— antwortete ich, Stille gebietend. Mit ſorgfaͤltigſter Behutſamkeit ging ich auf den Zehen bis zu meiner Stube, ſchloß mit der groͤßten Vorſicht auf und freuete mich ſehr, daß dies mir nicht nur ohne alles Ge⸗ raͤuſch gelungen war, ſondern auch nicht das mindeſte Thuͤrknarren meine Ruͤckkehr verra⸗ then hatte. Es ſchien mir ſehr viel darauf anzukom⸗ men, wie Lesbia ſich jetzt allein, zu einer Zeit ver⸗ V 161 verhielt, in der ſie mich abweſend glaubte. Lachte ſie auch wie vorhin und geſtern Abend, dann konnte ich ſie gradezu aufgeben; denn dann machte ſie ſich zuverlaͤſſig nichts aus mir. Ließ ſie aber vielleicht gar Seufzer vernehmen, o ſo waͤre das ein treffliches Zeichen geweſen. 107. Wie zwecklos! Bekanntlich— das ſiel mir grade ein!— pflegen Verliebte, die ſich allein glauben, die Gefuͤhle ihres Herzens gern in Monologen auszuhauchen. Ach, dachte ich, waͤre doch ein ſolcher meinem Ohre beſcheert, ein Mo⸗ nolog aus dem ihre wahre Zuneigung zu mir deutlich hervorginge. Mochte ſie auch dabei ſchimpfen auf mich, wegen meines geſtrigen Benehmens, ſo viel ſie wollte. Je mehr ſo⸗ gar, je beſſer. Konnte doch jedes Schimpf⸗ wort mehr, auch fuͤr einen Beweis mehr gel⸗ ten, daß ſie mir gut war. I.§ 162 Ganz leiſe ſtellte ich mich dicht an die Thuͤr zwiſchen unſern Zimmern. Weder Mo⸗ nolog, noch Lachen. Sie ging hin und her, wie es ſchien mit etwas beſchaͤftigt. Dann und wann hoͤrte ich klingeln. Ich konnte aber nicht recht wegbekommen, ob es in ih⸗ rem Gemache oder in dem auf der andern Seite war. Jetzt ſprach ſie wirklich mit ſich, aber ſo leiſe, daß ich gleich haͤtte verzweifeln moͤgen. Wie zwecklos, ſagte ich bei mir ſelbſt⸗ ſo uͤbertrieben leiſe zu ſprechen, wenn man ſich doch allein glaubt!— 108. Bravo, mein Herr! Wie Harthoͤrige bisweilen dem Ohrenfeh⸗ ler durch das Auge nachzuhelfen wiſſen, ſo meinte auch ich vielleicht ihre leiſen Worte eher zu vernehmen, wenn ich die Bewegung ihrer Lippen dazu beobachten konnte. Die Daͤmmerung hatte aber freilich ſchon derge⸗ —— — hielt.— ——ʃ;—ͦ——— ſtalt uͤberhand genommen, daß, wenn noch kein Licht in ihrem Zimmer war, von dieſer Seite wieder ein Hindernis eintrat. Ein lautes Lachen, das ſie jetzt aufſchlug, ſchnitt mir durch die Seele. Bravo, mein Herr— rief ſie aus— das war getroffen! Mein Auge ſtarrte in's Schluͤſſelloch, ehe ich ſelber es wußte. Bis dahin hatte ich noch geglaubt, daß ich der Herr waͤre, den ſie aus⸗ lachte und von dem ſie ſprach. Es ließ ſich, mit einiger Anſtrengung ſogar da eine troͤſtli⸗ che Deutung herausfinden. Was aber nun, da ich jetzt, bei allem eingetretenen Dunkel doch ganz deutlich wahrnehmen konnte, daß keinesweges der von ihrer Phantaſie nur her⸗ bei beſchworne Geiſt eines Abweſenden, ſon⸗ dern ein junger Elegant leiblich vor ihr ſtand. Es ſchien die ihm herausgezogene Taſchenuhr zu ſeyn, welche ſie triumphirend hoch empor L 2 164 109. Der unverſchämte Elende. Bei dem Wahnſinne, worein dieſe ſo ganz unerwartete Erſcheinung mich verſetzte, war es wohl nicht zu verwundern, daß ich ploͤtzlich die Thuͤr aufriß und in's Nebenzimmer zur gaͤnzlichen Entlarvung der nur ſcheinbar ſo Schuldloſen ſtuͤrzte. Der Schrecken daruͤber entriß ihr einen Schrei, die Uhr ſchluͤpfte ihr aus der Hand und ſie ſelbſt ſtuͤrzte zu Boden. Wie Schuppen fſiel mir's auf Einmal von den Augen, daß meine eben begangene Hand⸗ lung gar nicht zu entſchuldigen war. Was hatte ich denn durch das Schluͤſſelloch geſe⸗ hen? Sie im Geſpraͤch mit einem jungen Manne. Das war kein Schelmenſtreich. Am allerwenigſten, als jetzt die Art des Geſpraͤchs ſich mir mehr vergegenwaͤrtigte. Sie hatte eine Uhr mit den Worten hochemporgehalten: Bravo, mein Herr; das war getroffen! Auch 8 165 dem Tone nach konnte dieſer Ausruf eher fuͤr bloſen Scherz, als fuͤr irgend ein geheimes Einverſtaͤndnis zwiſchen ihr und dem Herrn gelten. Nichts, durchaus nichts, deutete auf eine unanſtaͤndige Vertraulichkeit mit ihm, als— unmittelbar nachdem ich jetzt uͤber mein ploͤtzliches Hervorbrechen in tiefe Be⸗ ſchaͤmung gerathen war, ſiel mir dieſes ein— als der Hut, den der Menſch in ihrem Zim⸗ mer, wie ein Handwerksgeſell unter ſeines Gleichen, auf dem Kopfe behalten hatte. Das war allerdings eine, jedem Geſitteten ganz un⸗ verzeihliche Ungezogenheit. Und mit einem der ſie begangen, konnte Lesbia zu ſcherzen ſich herablaſſen! Mein Blick ſuchte in dieſem Momente unwillkuͤhrlich die Gegend auf, wo er vorhin geſtanden hatte. Die Furcht vor dem ſo ploͤtzlich Hereinbrechenden ſchien ihn an der Stelle eingewurzelt zu haben. Les⸗ biens Schrei, ihr offenbar bewuſtloſes Hinſin⸗ ken vor einem Menſchen, dem der Elende 166 unmoͤglich etwas Gutes gegen ſie zutrauen konnte, forderten ihn nicht einmal zu ihrem Beiſtande guf?— 110. Aufſchluß. All dieſe Vorſtellungen waren das ſchnelle Werk einiger Augenblicke. Lesbia kam ſogleich wieder zu ſich. Gott, was bin ich erſchrocken! rief ſie aus. Ich hatte ſie ausgehen ſehen und nun wuͤthen ſie ploͤtzlich zur Thuͤr herein. Ich hoͤrte ſie ſprechen mit einem Herrn! Aha! rief ſie, ſogleich in ihre gewoͤhnliche frohe Laune uͤbergehend, und da befſiel ſie die Eiferſucht? Von nun an war der laute Strom ihres Lachens gar nicht mehr zu daͤmmen. Inzwi⸗ ſchen hatte ich mich dem regungsloſen Frem⸗ den genaht und gefunden, daß durchaus kein Leben in ihm, daß er nichts war, als eine ganz modern gekleidete, hoͤlzerne Gliederpuppe. 111. Mislingende Verſuche. Das vorhin vernommene Klingeln, ruͤhrte, wie ich merkte, ebenfalls von dieſer Puppe her. Schon die leiſeſte Beruͤhrung derſelben brachte den Klang hervor. Lesbia hieß mir ſodann dem Gliedermanne das Taſchentuch herausziehen, ohne ein Klin⸗ geln zu veranlaſſen. Vergebens wiederholte ich den Verſuch viele Mal. Ich betrachte— ſprach das Maͤdchen— die Sache als ein Spiel in einſamen Stunden, wenn ich zum Lernen grade nicht aufgelegt bin. Das Taſchentuch herausziehen, ohne den mindeſten Klang zu veranlaſſen, ſehen ſie wohl, daß das mir Kleinigkeit iſt⸗ Wirklich gelang ihr dieſes Kunſtſtuͤckchen ein Paar Mal hintereinander. Aber— fuhr ſie fort— der Uhr ſich ſo leiſe zu bemaͤchtigen, hat viel groͤßere Schwie⸗ 168 rigkeiten. Auch brachte ich es vorhin zum erſten Male ſo weit. Das war der Grund zu mei⸗ ner Freude. Seltſame Erfindung! rief ich und bald beſchaͤftigte uns das wunderliche Spiel gemein⸗ ſchaftlich dergeſtalt, daß wir daruͤber das Hereinbringen der Lichter durch die offene Zwiſchenthuͤr meines Zimmers gar nicht inne geworden waren. Lesbia lachte recht herzlich uͤber meine ſtets mislingenden Verſuche. 412. Zeitvertreib. Nanthia hatte bereits mehrere Mal frucht⸗ los an der verriegelten Thuͤr geklinkt, und trat jetzt ebenfalls durch mein Zimmer herein. Was iſt das? rief ſie mit einem, Zorn und Schrecken zugleich verkuͤndenden, Geſichte. Nicht boͤſe, Muͤtterchen! bat Lesbia, ſie freundlich ſtreichelnd. Du wareſt fortgegangen 8 169 und er auch. Ich hatte ihn nicht nur ſein Zimmer verſchließen hoͤren, ſondern auch nach⸗ her vom Kellner erfahren, daß er ihm begeg⸗ net ſey. Da verfiel ich aus Langerweile auf dieſes Spiel. Und wie du mir geboteſt, ver⸗ gas ich auch nicht unſere Thuͤr zu verriegeln. Die andere aber, glaubte ich, weil er weg war, offen laſſen zu duͤrfen. Er muß indeſſen in aller Stille wieder aufgeſchloſſen haben. Denn wie ich eben frohlocke, daß mir das Heraus⸗ ziehen der Uhr voͤllig gelungen iſt, uͤberfaͤllt er mich ploͤtzlich durch dieſe Thuͤr. Er kann ja wohl davon wiſſen, gute Kanthia, nicht wahr? Recht war es der Frau nicht, das ſah man aus der Sorge in ihrer Miene und der langen Verzoͤgerung der Antwort, mit der ſie ſich an mich ſelbſt wendete: Sie muͤſſen nun ſogar mehr von der Sache erfahren. Der ei⸗ gentliche Zweck ſolcher Puppen ſcheint ihnen noch unbekannt zu ſeyn. Auſſerdem erſchraͤ⸗ 170 ken ſie vielleicht daruͤber. Der Zufall koͤnnte ſie aber heute oder morgen davon unterrich⸗ ten und dadurch ein unverdienter Schatten auf Lesbien und hauptſaͤchlich auf mich fallen. Nach dieſer Einleitung erzaͤhlte ſie mir, daß dergleichen Puppen aus den geheimen Hochſchulen der Beutelſchneider zu London und Paris herſtammten und von dort auch anderwaͤrts bei dieſer Gilde in Cours gekom⸗ men waͤren. Durch Zufall, ſagte ſie, ſey ſie in Beſitz der Puppe gelangt. Zum Scherz habe ſie ſolche vor einiger Zeit mit Modeklei⸗ dern verſehen und in Lesbiens Zimmer ge⸗ ſtellt; worauf dann manchmal zum Zeitver⸗ treibe das Spiel mit ihr verſucht worden; wie ſich denn Andere aus demſelben Grunde mit dem ſogenannten Grillen⸗ oder Feder⸗ ſpiele beſchaͤftigten. 413. Vergnügter Abendſchluß⸗ Muͤtterchen iſt gar geſchickt in ſolchen 171 Kuͤnſten! ſagte Lesbia. Wiſſen ſie noch da⸗ mals in dem Gaſthofe, wo die Schlaͤgerei war, wie ſie ihrem garſtigen Reiſegefaͤhrten die Geldkatze unter dem Kopfe weggenommen und auch wieder darunter geſteckt hatte? Mir— fiel Ranthia ein— kam es dabei ein⸗ zig darauf an, euch Vorſicht zu lehren, die auf Reiſen beſonders Noth thut.— Von ihnen, Herr Richter— fuhr die Frau fort, die Puppe hinwegraͤumend— von ihnen koͤnnen wir wohl erwarten, daß ſie die Sache fuͤr ſich behalten werden. Bis wir auf heimathlichem Boden wieder feſten Fuß gefaßt und Legitimation er⸗ langt haben, koͤnnen wir nur durch Behut⸗ ſamkeit aller Art uns ſicher ſtellen. Der Abend ſchloß noch recht vergnuͤgt mit allerlei Scherzen uͤber meine Eiferſucht auf den alten Millionaͤr und dann ſogar auf eine hoͤlzerne Puppe. 172 114. Betrachtungen und Freude. Aber in der einſamen Nacht raubte mir der wahrhaft melancholiſche Nachklang des hauptſaͤchlichſten Gegenſtandes dieſer Scherze faſt den ganzen Schlaf. Warf nicht der Be⸗ ſitz ſolch einer Puppe ein hoͤchſt nachtheiliges Licht auf Perſonen, deren Verhaͤltniſſe ohne⸗ hin in die raͤthſelhafteſten Schleier gehuͤllt waren? Dergleichen Dinge als Spiel zu ge⸗ brauchen, war, wenn nicht gradezu unerlaubt, was wohl keinesweges anzunehmen iſt, aber doch gewiß uͤberaus undelikat. Ein Sinn fuͤr das Schickliche mußte das auch als bloſen Zeitvertreib verwerfen, was zur Uebung und Vervollkommnung in einem der veraͤchtlichſten Verbrechen erſonnen war. Nach langem Ringen mit der Schwere dieſes, gewiß nicht unwichtigen Gedankens, verſiel ich, als ſchon der Schein des Morgens — 173 zu den Fenſtern herein drang, und die ſchwarze Farbe der Nacht in meiner Phantaſie mil⸗ derte, auf die Frage, wie ich grade feinen Sinn bei einer Frau ſuchen koͤnne, deren Verhaͤltniſſe wenigſtens, warlich nicht darauf hinwieſen? Ich ſchalt mich einen Thoren, wegen der Sorge, die ich mir in dieſer Hin⸗ ſicht gemacht hatte, ſchlief dann noch recht ruhig und freuete mich am folgenden Mor⸗ gen, daß mein Verhaͤltnis mit den beiden Frauenzimmern wieder voͤllig das alte gewor⸗ den war. 115. Misvergnügen. Die ſchoͤne Gegend erzeugte den Wunſch in mir, mich wo moͤglich dort anzukaufen. Ich theilte ihn Panthien mit und der Vor⸗ ſchlag gefiel auch ihr. Sie konnte die Lage einiger ein Paar Meilen entfernter Guͤter, bei denen ſie auf einer fruͤhern Reiſe vorbei⸗ 174 gekommen, nicht genug ruͤhmen. Sie laͤugne nicht, ſagte ſie, daß ſie dort bei ſo vielen rei⸗ zenden Naturgegenſtaͤnden eine eigene Luſt an⸗ gewandelt haͤtte, und daß ſie eher, als irgend⸗ wo anders im Abendlande, ſich in dieſen an⸗ muthvollen Bergen gluͤcklich fuͤhlen wuͤrde. Nachdem ich Nachricht uͤber einige in der Gegend wirklich zu Kauf ausgebotene Guͤter eingezogen hatte, entſchloß ich mich zu einer Reiſe. Kanthia verſicherte zu ernſtlich und wahrhaft, wie es mir wenigſtens ausſah, daß es ihr große Freude machen wuͤrde, dort kuͤnf⸗ tig auf einem ſtattlichen Gute mit Lesbien und mir ihre Tage zuzubringen, und daß ein ſolcher Ankauf mir die erſte ſichere Buͤrgſchaft auf den baldigen Beſitz des Maͤdchens ge⸗ waͤhre. Sie gelobte mit Lesbien meiner im Hotel von London zu warten. Sehr misvergnuͤgt kehrte ich, erſt nach fuͤnf Tagen von meiner Reiſe zuruͤck. In ei⸗ nem recht weitem Kreiſe hatte ich mich, in — — 175 Geſellſchaft eines erfahrenen Landwirths um⸗ geſehen. Leider waren mehrere, uͤberaus ſchoͤne Beſitzungen unmittelbar zuvor ſchon durch Kauf an neue Herren uͤbergegangen, und von denjenigen, welche noch verkauft werden ſoll⸗ ten, befriedigte keine einzige meine Wuͤnſche auch nur einigermaſen. Nichts, als die Hof⸗ nung brachte ich mit zuruͤck, daß ein Paar alte Gutsbeſitzer bald vielleicht durch den Tod genoͤthigt werden koͤnnten, ihre Guͤter Erben zu uͤberlaſſen, welche nur darauf warteten, ſie in Geld zu ſetzen. 410. Die Taſſe Chokolade. Der Gedanke, Lesbien wiederzuſehen, blieb mein einziger Troſt. Wie aber wurde dieſer mir entriſſen? Mein Herr— ſo ſagte, als ich vor dem Hotel von London ausſtieg, der herantretende Wirth— ſie wiſſen, wie es ſcheint, noch gar nichts? 176 Sein beſtuͤrztes Geſicht prophezeihte deut⸗ lich, daß das, was ich erfahren ſollte, unmoͤg⸗ lich etwas Erwuͤnſchtes ſeyn konnte. So haben alſo— fuhr er fort— weder Briefe noch Boten, die nach ihnen ausgeſen⸗ det wurden, ſie angetroffen?— Belieben ſie doch einen Augenblick in dieſes Kabinet her⸗ einzutreten. Hier eroͤffnete er mir, daß vor zwei Ta⸗ gen die beiden Frauenzimmer, mit denen ich angekommen, eingezogen worden. Ich ent⸗ ſetzte mich vollends, als er hinzufuͤgte, die Alte werde fuͤr eine ſehr gefaͤhrliche Perſon betrachtet, und das junge Maͤdchen habe ſich, vermuthlich auf ihr Anſtiften, eines auſſeror⸗ dentlichen Verbrechens ſchuldig gemacht. Ohnſtreitig, weil das Eis das hiermit den umlauf meines Blutes gehemmt und meinem Geſichte eine wahre Todtenfarbe mitgetheilt hatte, fuͤgte der Mann noch hinzu: Ich be⸗ klage von ganzem Herzen. Der —.— 177 Der Athem fehlte mir zur Frage nach dem Verbrechen, welches Lesbia begangen haben ſollte, aber mein Auge verrieth ihm, daß ich durch die Nennung deſſelben ſchwerlich un⸗ gluͤcklicher werden koͤnnte, als ich ſolches ſchon war. Unſer Millionaͤr— ſprach er mit Ach⸗ ſelzucken und zoͤgernd— Herr Lelong, iſt an einer Taſſe Chokolade geſtorben, welche die junge Perſon ſelbſt zubereitet und ihm uͤber⸗ reicht hatte. 117. Warnung. Gerechter Abſcheu durchzitterte alle meine Nerven. In einem Augenblicke, wo mir das Leben ſelbſt die groͤßte Laſt und die Achtung der Menſchen, zu denen ja auch Lesbia gehoͤrte, etwas voͤllig Gleichguͤltiges daͤuchte, haͤtte der Stadtrichter, der mich zu ſich holen ließ, ſeine Theilnahme mir erſparen koͤnnen. Er hatte bereits naͤhere Nachforſchungen nach meiner I. M 178 Perſon gemacht, die zu meinem Vortheil aus⸗ ſielen. Ich ſollte nur noch Auskunft uͤber die Verbrecherinnen geben. Gewiſſenhaft beantwortete ich jede ſeiner Fragen. Endlich entließ er mich mit den Worten: Ich kann ihnen nur Gluͤck wuͤnſchen zu einem Umſtande, der mich wegen der moͤg⸗ lichen Folgen in ganz eigentliche Betruͤbnis verſetzt. Unter Beiſtand des Gefangenwaͤrters ſind in voriger Nacht die beiden Verbreche⸗ rinnen entflohen. Der Treuloſe iſt ihnen ge⸗ folgt und bei allen zur Wiedererlangung der hoͤchſt gefaͤhrlichen Perſonen genommenen Maasregeln, muß man doch fuͤrchten, daß ihre Verſchlagenheit die darauf verwendete Sorgfalt vereiteln werde. Uebrigens, junger Mann, beherzigen ſie die wohlgemeinte War⸗ nung: Laſſen ſie ſich nie wieder von Reizen blenden, wenn ſie ſolche in ſo verdaͤchtiger Um⸗ gebung antreffen. Waͤre es weniger klar ge⸗ worden, daß ihre. Verbindung mit dieſen höͤchſt ———QO—:ᷓͥ;ꝑ— 179 ſtrafbaren Perſonen einzig von der Leidenſchaft fuͤr eine, allerdings nicht gewoͤhnliche, Schoͤn⸗ heit herruͤhrte und haͤtte man nicht ganz zu⸗ faͤllig recht genaue Nachweiſungen uͤber ihr Leben und all' ihre Verhaͤltniſſe bekommen, ſo wuͤrden ſie jetzt, einzig durch ihre Gemein⸗ ſchaft mit den Leuten, in einen haͤßlichen Pro⸗ zeß verwickelt worden ſeyn. Uebrigens mußte ich ihm im Stillen mein Ehrenwort verpfaͤnden, daß ich die Stadt nicht eher verlaſſen wolle, als bis er mir dazu ausdruͤcklich Erlaubnis gebe, weil doch wohl noch Fragen in jener entſetzlichen Angelegen⸗ heit an mich zu richten waͤren, beſonders im Fall es gelaͤnge, die Entflohenen einzuholen und zuruͤckzubringen. 118. Zuverläſſig nicht. Glaubten ſie wohl, meine Damen und Herren, daß die Moͤlichkeit des letztern ein M 2 8½ 180 Grund war, der mir das laͤngere Verweilen in einer Stadt wuͤnſchenswerth machte, wo ich ſo große Unannehmlichkeiten erlitten. Bei meiner noch immer fortdauernden Verblendung war das kein Wunder. Die klaren, ſtillen, rei⸗ nen Augen Lesbiens ſchwebten mir noch in ihrem ganzen, lebendigen Farbenglanze vor. Panthia ja, die konnte ſchuldig ſeyn, aber ſie? Zuverlaͤſſig nicht/ meinte ich. Eben die Schuld der Frau hatte das nicht ſelbſtſtaͤndige, willen⸗ loſe, aber ganz unſchuldige Kind mit hinweg⸗ geſchleppt. Lesbiens Unſchuld mußte an den Tag kommen, wenn man ihrer ſich bemaͤch⸗ tigte und ſie mit vor Gericht geſtellt wurde. nebrigens gab mir der Stadtrichter noch zu verſtehen, daß grade mein fortdauernder, voͤllig frei ſcheinender, Aufenthalt in— g jeden Verdacht gegen mich widerlegen wuͤrde. — 181 119. Eröffnungen. So fand ich es auch wirklich. Im Hotel von London, wo ich wohnen blieb, bezeigte mir der Wirth ſein innigſtes Bedauern wegen des erlebten Ungluͤcks mit Perſonen, die mei⸗ ner Guͤte ſo unwerth geweſen waͤren. Jedes im Hauſe wußte jetzt Uebles von Panthien und ihrem Pfleglinge zu ſprechen. Vor Allen aber der Oberkellner. Durch die⸗ ſen, des Hausherrn volles Vertrauen genie⸗ ßenden Menſchen erfuhr ich Dinge, unter an⸗ dern auch von Lesbien, vor denen ich zuruͤck⸗ bebte. Ihre Unſchuld war, wie ich nach und nach hoͤrte, durchaus nichts, als die boshaf⸗ teſte, teufliſcheſte Maske geweſen. Ein Liebha⸗ ber nach dem andern, hatte ſich, von der kuppelnden Fanthia beguͤnſtigt, in meiner Ab⸗ weſenheit bei ihr eingefunden. Der Oberkell⸗ ner war einſt ſogar ſelbſt Zeuge, wie ſie uͤber 182 mein Zutrauen in ihre Ehrlichkeit vor Lachen kaum zu ſich ſelbſt kommen konnte. Wuͤßte der Menſch, dachte ich, wie tief er mir mit ſeinen Eroͤffnungen in's Herz ſchnitt, vielleicht wuͤrde er ſie doch unterlaſſen. Und vielleicht auch nicht, aus Wohlwollen nicht. Denn grade ſo grauſame Wunden gehoͤren dazu, mich von den Reizen des Maͤdchens zu befreien, die mein ganzes Weſen umſtrickt halten! 120. Das ausgeſtorbene Herz. Obſchon ſeit jener abſcheulichen Geſchichte viele Monate vergangen waren, ſo konnte ich doch noch immer nicht die Erlaubnis zum Verlaſſen einer Stadt erhalten, wo ich die furchtbarſte Seelenpein erlebt hatte. Uebri⸗ gens glaubte gewiß ſchon darum ſo leicht Nie⸗ mand, daß mein Aufenthalt in— g ein er⸗ zwungener war, da der Stadtrichter im freund⸗ 183 lichſten Vernehmen mit mir ſtand, und ich den Zutritt in ſeinem Hauſe offenbar mehr, als den in vielen andern benutzte. Neben der innern Noth durch die voͤllige Zerſtoͤrung des Glaubens an die Guͤte der Menſchennatur auf eine recht lange Zeit, nahm auch meine aͤußere mit jedem Tage zu. Je mehr meine gluͤcklichen Vermoͤgensumſtaͤnde und die Art, wie Ranthia und ihr Zoͤgling ſolche zu benutzen gewußt hatten, bekannt wurden, deſto mehr Menſchen fanden ſich auch auf gleiche oder aͤhnliche Weiſe, Nutzen von mir zu ziehen. Das Elend, wirkliches und ſcheinbares, ſchrie in allen moͤglichen Geſtal⸗ ten zu mir um Huͤlfe. Immer war meine Thuͤr mit dergleichen Bittenden umlagert. Ach, zuweilen haͤtte ich nur ſogleich meine ganze Habe von mir thun moͤgen, weil ich vorausſah, auſſerdem nie wieder einige Ruhe zu erhalten, da mir der barſche Ton, der in der Regel dazu gehoͤrt, um ſolche Zudring⸗ 184 lichkeiten von ſich zu entfernen, durchaus ab⸗ ging. Nach einem Jahre endlich durfte ich die Stadt verlaſſen. Manches ſchoͤne Maͤdchen, manche reizende Witwe ſah es vielleicht un⸗ gern, daß ein junger Mann, mit ſolch einer anſehnlichen Equipage ſich dazu entſchließen konnte. Allein mein Herz ſchien damals voͤl⸗ lig ausgeſtorben. Lesbia hatte gar zu uͤbel damit gewirthſchaftet, als daß ich mich zum Eheſtande haͤtte entſchließen ſollen. Ich rei⸗ ſete unverzuͤglich ab. 121. Die rechtſchaffenen Zöllner. Ob es vielleicht beſſere Menſchen in Frank⸗ reich gab? Ich glaubte es nicht; ſchlechter aber, als ich ſie in Deutſchland gefunden, konnten ſie doch auch nicht ſeyn. Ich war hoͤchſt ungerecht. Der Maasſtab der aͤuſſer⸗ ſten Schlechtigkeit war Lesbia und dieſe offen⸗ 185 bar keine Deutſche. Bei meiner Gemuͤths⸗ ſtimmung aber, macht man ſich kein Gewiſſen, in ſolchen Dingen auch ungerecht zu ſeyn. Ja, man weiß nicht einmal, daß man es iſt. Genug, ein Jahr ſpaͤter konnte auch ich ſagen, ich bin in Frankreich geweſen, ich habe die Schoͤnheit ſeiner mittaͤglichen Provinzen, die Reize ſeiner Hauptſtadt genoſſen. Ge⸗ noſſen? Ach ja; wenn man naͤmlich ein ſeelenloſes Herumtreiben wie Viele, ſich fuͤr Genuß anrechnen will. In Einer Hinſicht je⸗ doch ging es mir ſicher ganz anders, als den Meiſten. Ich hatte weit weniger ausgegeben, als ich auszugeben gedacht, und brachte, da ich zufaͤllig in Paris eine große Auszahlung in Golde empfing, meine anſehnliche Scha⸗ tulle beinahe voll gefuͤllt zuruͤck. An der Graͤnze gefragt, ob ich Gold bei mir füͤhre, meinte ich, was geht euch, Naſe⸗ weiſe, das an und ſagte verdruͤßlich nein! Meine Miene mochte jedoch aufrichtiger ſeyn, 186 als mein Wort. Genug, man ſuchte nach, und ich hatte, wie mir ſpaͤterhin verſichert wurde, vom groͤßten Gluͤcke zu ſagen, daß ich an ſo rechtſchaffene Zoͤllner gerathen war; weil mir mein vieles Geld nicht konfiscirt wurde. Sie nahmen mir ſolches zwar ab, aber bei den guten Wechſeln auf deutſche Haͤuſer, die ich dafuͤr erhielt, brauchte ich das damals nicht ſonderlich zu bedauern. 422. Der Auftrag. In— n am Rheine, wo ich zum erſten Male wieder auf deutſchem Boden zu ſchla⸗ fen gedachte, tauſchte ich die Papiere wieder in Gold um, und der ganzen fruͤhern Unvor⸗ ſichtigkeit war abgeholfen. Es geſiel mir der⸗ geſtalt in der Stadt, daß ich eine oder ein Paar Wochen da verweilen wollte. Kleine Fahrten auf dem herrlichen Strome dienten mir zur beſondern Ergoͤtzlichkeit. —O-— 187 Eben ſaß ich am ſechſten Abende in ei⸗ nem Pavillon des zu meiner Wohnung gehoͤ⸗ renden Gartens, um mit Huͤlfe der Charte meinen Plan zu einer groͤßern Rheinfahrt zu entwerfen, als an die Thuͤr gepocht wurde. Der mir unbekannte Reiſende fragte mich um meinen Namen und meine Geſchaͤfte. Je⸗ ner ließ ſich eher angeben als dieſe. Denn vor der Hand war mein einziges Geſchaͤft, mir die Zeit zu vertreiben. Der Fremde fragte weiter, ob ich nicht vor ſechs Tagen in der Equipage, die er be⸗ ſchrieb, aus Frankreich hier angelangt ſey.— Alles richtig.— Dann ſprach er— habe ich einen Auftrag an ſie und erkundige mich jetzt, ob es ihnen gefaͤllig iſt, ſich in meinen Wa⸗ gen mitzuſetzen, oder in dem ihrigen zu fah⸗ ren. Auf meine Aeußerung, daß ich nicht wiſſe, wie das zu verſtehen ſey, da ich vor der Hand uͤberhaupt keine Luſt haͤtte, mich ei⸗ nes Wagens zu bedienen, vielmehr, was die 188 Charte auf dem Tiſche noch beweiſe, eben eine kleine Berechnung zu einer Rheinfahrt vorhabe, meinte er achſelzuckend, ich wuͤrde dieſe doch wohl ein wenig aufſchieben muͤſſen. 123. Zaghaftigkeit der Töne. Bei der eintretenden Daͤmmerung ſchien bis dahin die Charte ſeinem Auge entgangen zu ſeyn. Eiligſt trat er naͤher und nahm ſie in die Hand. Was bedeutet— fragte er— das rothe Unterſtreichen der Orte? Befremdet uͤber dergleichen unſchickliche Neugier, antwortete ich: Dinge, die mich ganz allein angehen. Sol ſagte er und es ward mir recht un⸗ heimlich bei ſeinem durchbohrenden Blicke. Das wird ſich gelegentlich ausweiſen— fuͤgte er dann bedeutungsvoll hinzu, meine auf Leinwand gezogene Charte in die gewoͤhnlichen 189 Bruͤche legend und damit ſchnell in die Bruſt⸗ taſche fahrend. Welch unerhoͤrtes Benehmen! rief ich entruͤſtet. Was gehen ſie meine Bemerkun⸗ gen auf dieſer Charte, was geht ſie die Charte an? Glauben ſie, es ſey hier kein Recht zu finden, daß ſie ſo—— auffallend(ich un⸗ terdruͤckte das paſſendere Wort) ſich bench⸗ men koͤnnen? Meine Perſon ſelbſt— antwortete er— kann ihnen den Beweis fuͤr das hieſige Recht abgeben. Haben ſie nur die Guͤte mir zu folgen. Auf den Fall, daß ſie die eigene Equi⸗ page nicht vorziehen ſollten, ſteht mein Wa⸗ gen zu unſerer ſchleunigen Abreiſe ſchon vor dem Hauſe. Vor Verbluͤffung uͤber ſolch ein Anſinnen nicht wiſſend, ob ich den Unbekannten bei der Bruſt packen oder mich ihm durch die Flucht entziehen, oder nur um Huͤlfe hinausrufen ſollte, oͤffnete ich die Thuͤr des Pavillons. Da 190 vergaßen meine Fuͤße ganz, daß ſie mich fort⸗ tragen koͤnnten; kein Ton wagte ſich aus meinem Munde vor der unendlichen Ruhe, mit der, hoͤchſt unerwartet, ein Paar hier wartende baumlange Gensd'armen mich in's Auge faßten. 424. Der Menſchenfreund. Der zudringliche Geſellſchafter, der meine Charte an ſich genommen, mochte auf meinem Geſichte leſen, was in mir vorging. Nur Muth gefaßt, mein Herr Richter— ſprach er.— Es kruͤmmt ihnen keiner dieſer Rieſen ein Haar, wenn ſie ſich in das Unvermeidliche zu fuͤgen wiſſen. Uebrigens iſt mein Wagen bequem, der Weg trocken und gleich, wie eine Tenne und die warme, ſtille, heitre Luft ver⸗ ſpricht uns eine Sommernacht, die man gar nicht beſſer hinbringen koͤnnte, als auf der Reiſe.— Fuͤr's Erſte bitte ich nur, mich in ihre Wohnung zu fuͤhren. — ᷣ———V—ꝛ—ꝛʒÿ— 191 Seine beiden Helfershelfer waren An⸗ triebs genug, zur Gewaͤhrung dieſer Bitte. Es ging dort uͤber meine Sachen und haupt⸗ ſaͤchlich die Papiere her. Meiner Brieftaſche raͤumte er den Platz neben der Landcharte ein. Durch zu viele Kleidungsſtuͤcke, meinte er, wuͤrden wir uns nur das Fortkommen er⸗ ſchweren. Auch gehe ja die Reiſe nicht aus der Welt.— Zu verſtimmt uͤber ein Geſchick, das ich auch gar nicht verdient zu haben glaubte und das ſich weder durch meine heiligſten Verſiche⸗ rungen, daß hier in der Perſon ein Misgriff geſchehe, verhindern, noch auch nur erfahren ließ, welches ſein Ziel ſeyn werde, that ich den Mund nicht mehr auf. Die beſtuͤrzten Geſichter meiner Wirths⸗ leute weiſſagten wenig Erfreuliches. Die juſt nicht uͤberaus haͤßliche Magd, welche mir zum Wagen leuchtete, entließ mich uͤbrigens, waͤhrend der Kommandeur der beiden Gens⸗ 19² d'armen ſie in die Wange knipp, mit dem Troſte, daß ich mich vor dem Herrn nicht zu fuͤrchten brauche. Sie kenne ihn genau, er ſey ein Menſchenfreund. 125. Reiſeannehmlichkeiten. Ach, die Menſchenfreundlichkeit meines Nachbars im Wagen brachte mich faſt zur Verzweiflung. Durch allerlei, zum Theil ſehr unanſtaͤndige Spaͤße, uͤber welche die zwei Rieſen, ſo den Ruͤckſitz einnahmen, aus dem lauten Wiehern nicht herauskamen, glaubte er mich aufheitern zu muͤſſen. Als das nun durchaus nicht anſchlagen wollte, ſagte er: Nun, ſo laßt uns traurig ſeyn mit den Trau⸗ rigen. Drauf ermunterte er die Gensd'ar⸗ men, als vormalige Krieger, zum Singen al⸗ ter, weinerlicher Soldatenlieder. Sie ließen ſich auch erbitten. Ihre Geſaͤnge hatten meh⸗ rentheils den Abſchied eines ſolchen zum Ge⸗ gen⸗ ——— 193 genſtande, der eben erſchoſſen, oder gehangen werden ſollte. Das Schauerliche der Lieder, zumal bei meinem ſo ganz ungewiſſen Zuſtande, wurde noch vermehrt durch die duͤnne, weinerliche Fiſtelſtimme, welche mit den ungeheuern Koͤr⸗ pern der Leute den gewaltigſten Kontraſt bil⸗ dete. 426. Zuſage der Erleichterung. So ſchnell die Extrapoſt ging, die uns fortbrachte, ſo dauerte die Reiſe doch nicht nur die Nacht, ſondern auch den ganzen fol⸗ genden Tag. Abends ziemlich ſpaͤt wurde ich in das Amthaus zu G— gebracht. Es nahm mich Wunder, daß der dicke alte Mann, vor den ich eine Stunde nach der Ankunft ge⸗ fuͤhrt wurde, ganz allein, und nicht einmal ein Zeuge bei der Hand war. Aus ſeiner Anrede konnte ich ſchließen, daß ein ſchwerer I. N 194 Verdacht auf mir laſtete. Je ſchwerer, je beſſer, meinte ich, weil ich ſo um ſo gewiſſer auf einen bloßen Irrthum ſchließen konnte, der mich hierher gebracht habe. Ich gab letz⸗ teres auch dem Anredner zu erkennen. Allein er ſchuͤttelte den Kopf, als ob das gar nicht moͤglich ſey, und bat mich ſehr, daß ich mir die Sache nicht durch ganz zweckloſes Laͤug⸗ nen erſchweren moͤchte. Man wiſſe genau, ſagte er, daß ich der Mitwiſſer nicht nur, ſon⸗ dern einer der thaͤtigſten Theilnehmer eines Komplotts ſey, das die Fackel des Aufruhrs in einem benachbarten großen Reiche wieder anzuͤnden ſolle. Meinem Schickſale wuͤrde große Erleichterung widerfahren, wenn ich, bevor noch von Amtswegen die erforderlichen Fragen an mich geſchaͤhen, ein reuiges Be⸗ kenntnis freiwillig und ohne alle Ruͤckſicht ablegen wollte. 127. Einfalt und Bosheit. Als ich mit nichts, als mit einem ver⸗ druͤßlichen Kopfſchuͤtteln antwortete, ſo ſprach er: Wenn auch aus ihren Papieren, welche hier vor mir liegen, durchaus keine Beſchul⸗ digung gegen ſie die volle Beſtaͤtigung findet, wenn auch darin mit einer faſt unerhoͤrten Argliſt, jedes Wort vermieden iſt, was ſie kom⸗ promittiren koͤnnte, o ſo habe ich doch einen Beweis in meiner Hand, fuͤr den ganzen Frevel, einen Beweis, um ſo unwiderlegbarer, da ſie mitten in Fortſetzung des Frevels be⸗ troffen worden ſind? Oder wollen ſie viel⸗ leicht auch das laͤugnen, daß der Mann, der ſie verhaftete, ſie uͤber dieſer Charte, ihre hoͤl⸗ liſchen Plane bruͤtend, gefunden hat? Nachdem ich mich uͤberzeugt hatte, daß es wirklich meine Rheincharte war, die er in der Hand hielt, ſagte ich: Allerdings traf N 2 „ 196 man mich mit dieſer Charte beſchaͤftigt. Wie kann aber— fragte ich, vor Entruͤſtung mei⸗ ner nicht mehr maͤchtig— wie kann Einfalt oder Bosheit das Bruͤten hoͤlliſcher Plane aus meiner unſchuldigen Beſchaͤftigung mit dieſer Charte gedeutet haben? 128. Die Notabene. Nicht Einfalt und Bosheit, mein Herr — fuhr er heftig auf— aber die Gerechtig⸗ keit, in deren Hauſe ſie ſich eben befinden. Sie iſt es, die ſie fragt: ſind die rothen Striche, mit denen ſie ſo viele Staͤdte verſe⸗ hen haben, auch ſo unſchuldig als ihre Be⸗ ſchaͤftigung?— In's Geſicht ſage ich ihnen, dieſe rothen Striche deuten auf das Blut, das in jenen ungluͤcklichen Orten vergoſſen werden ſoll. Dieſen Weg ſoll die Rebellion einſchlagen. Oder koͤnnen ſie laͤugnen, daß es — —j——— 197 die grade Straße in jenes Reich iſt, welche ſte bezeichnet haben? Aber, mein Gott— entgegnete ich— es iſt ia eben ſo gut der Weg aus jenem Rei⸗ che heraus, mein Weg, den ich eben erſt gereiſet bin. Ich bemerkte mir nur die Orte, wo ich mich zu Nacht aufhielt. O die Ausreden, freilich, die fehlen nicht, das weiß man ſchon, darauf ſind Leute ihres Schlages eingeuͤbt. Und ſagen ſie mir doch, was bedeuten dieſe Notabene, heh? Dinge— antwortete ich— die ſie we⸗ nigſtens nicht zu wiſſen brauchen. 129. Nochmaliger Verſuch der Güte. Sie haben gewiſſermaſen Recht! verſetzte er, mit dem bitterſten Ingrimme. Ich brauche das gar nicht erſt durch ſie zu erfahren. Ich weiß, daß das eine dieſer Notabene den har⸗ ten Stand bedeutet, den der Aufruhr vor je⸗ 198 ner, durch muſterhafte Treue ſo ausgezeichne⸗ ten Feſtung ſinden wird. Das andere Nota⸗ bene ſpricht grade das Gegentheil aus Das zeigt einen Platz an, voller Pulver und un⸗ terirdiſcher Minen, nur auf den Funken von auſſen wartend, um zu einem verheerenden Vulkane zu werden. Als ich bei dieſen Reden finſter vor mich hin ſah, ſchien er zu meinen, daß dies wohl der Anfang zu meiner Sinnesaͤnderung ſeyn koͤnne, verſuchte nochmals die Guͤte und be⸗ ſchwor mich um ein freiwilliges Bekenntnis. Des Benehmens vollig ſatt, begehrte ich jedoch erſt in der Ordnung um Alles, was man mich zu fragen habe, befragt und dann in Ruhe gelaſſen zu ſeyn. 130. Erläuterungen. Bei allem Leidlichen meiner Haft mußte mir doch die ſo ganz regelloſt und ungehoͤrige V . 199 Procedur bange machen. Wenn morgen in derſelben Weiſe verfahren wurde, dann konnte ich als aller moͤglichen Schuld uͤberwieſen, verurtheilt werden, wozu es den Herren be⸗ liebte, welche hier zu gebieten hatten. Zum Gluͤcke war das nicht alſo. Der Menſch, mit dem ich es geſtern zu thun ge⸗ habt, war ein Pinſel von Amtsregiſtrator, ein altes Inventarienſtuͤck, das in ſeiner lang⸗ jaͤhrigen Dienſtzeit, durch die eingeſammelte Erfahrung und ein gutes Gedaͤchtnis dem Amte ganz unentbehrlich geworden und daher ſich oftmals Anmaſungen erlaubte, die ihm gar nicht zukamen. So hatte er denn ſeinen Scharfſinn an mir zeigen und ſich damit her⸗ vorthun wollen, mir das Geſtaͤndnis der Schuld noch vor dem Verhoͤre abgelockt zu haben. Nach wenigen Fragen des ſehr verſtaͤn⸗ digen Fuͤhrers der Unterſuchung fand ſich ſchon, daß ich wirklich gar nicht der Mann war, den man ſuchte. Ein Anderer meines 200 vielverbreiteten Namens hatte ſich im Nach⸗ barlande gefaͤhrlicher Verbindungen verdaͤch⸗ tig gemacht. Dem unbeſtimmten Signale⸗ ment meines Paſſes nach, konnte ich leicht mit Vielen verwechſelt werden. Das alles jedoch wuͤrde gar nicht geſchehen und ich ge⸗ wiß ungehindert weiter gereiſet ſeyn, wenn kein beſonderer Umſtand mir geſchadet haͤtte. Die vielen von mir auf Einmal in Umlauf geſetzten Wechſel naͤmlich, welche ich auf der Graͤnze gegen mein baares Geld erhielt, hat⸗ ten Verdacht gegen mich erregt. 431. Die kurioſen Fragen. Der Richter verwies uͤbrigens in meinem Beiſeyn dem alten Inquiſitor von geſtern ſein Verfahren und behandelte mich uͤberhaupt nur in Einer Ruͤckſicht weniger artig, als ich wohl zu wuͤnſchen Urſache zu haben glaubte. Ich mußte naͤmlich die Koſten der Reiſe und — —— 201 alles dabei erforderlichen Aufwandes, ſo wie auch der Gerichtsgebuͤhren tragen. Auf meine Verwunderung hieruͤber, fragte er mich laͤ⸗ chelnd, wem ſie wohl ſonſt anzuſinnen ſeyn ſollten und fuͤgte freundlich hinzu, daß ich den Verdacht durch die vielen Wechſel ſelbſt auf mich geladen und wenigſtens in dieſer Hin⸗ ſicht nicht ganz ſchuldlos zu nennen ſey. Da⸗ bei pries er mich gluͤcklich, daß mir, allem Anſcheine nach, dieſe Ausgabe keine Stoͤrung verurſache und wollte zuletzt noch durch mich wiſſen, wie dagegen ein Anderer thun ſolle, der in einem falſchen Verdachte gleich mir, ſo lange verhaftet bliebe, bis er die Koſten abgetragen, die er aus eigenen Mitteln nicht beſtreiten koͤnne? Wie ſolch ein Anderer thun ſolle, wußte ich freilich nicht. Am beſten kaufte ich mich uͤbrigens von allen ſolchen Fragen dadurch los, daß ich mich in die Verurtheilung zu den Koſten fuͤgte. 202—— 132. Die glückliche Honigſammlerin. Aus einem Fenſter ohne Eiſenſtaͤbe nahm ſich mein jetziger Interimsaufenthalt recht nett und angenehm aus. Nicht viel uͤber die andern weit hervorragende Haͤuſer, aber viel Reinlichkeit in dieſen und den weiten freund⸗ lichen Straßen. Der Sonntag machte mir die Stadt beſonders lieb. Nach altem, gu⸗ ten Herkommen ſtroͤmte Alt und Jung, Vor⸗ nehm und Gering zur nahgelegenen Kirche. Der Geſang aus derſelben, ſo ſehr er mir auch das Ohr zerſchnitt, erhob doch mein Herz dergeſtalt, daß ich mich ſelber zu den Andaͤchtigen hinuͤbergezogen fuͤhlte. Waͤhrend der Predigt, der es hauptſaͤch⸗ lich an einem guten Prediger fehlte, ſank mein Geiſt aus den hoͤhern Regionen, wo⸗ hin die laute Andacht der Verſammlung ihn hinaufgeſchwungen, wieder herab auf das an⸗ 2⁰3 ſehnliche Beet weiblicher Blumen, welches ſich in der Mitte derſelben ausbreitete. Schon waͤhrend des Geſanges war dann und wann mein Blick aus dem Himmel, nach dem mein Geſicht ſich damals richtete, heruntergeglitten, um manche anmuthige Entdeckung zu machen. Jetzt ward er hier voͤllig einheimiſch, flatterte gemaͤchlich, wie die Biene von einer dieſer Blumen zur andern, nippte bald am Glanze eines ſchoͤnen Auges, oder an den Roſen ju⸗ gendlicher Lippen, oder an ſonſtigen Herrlich⸗ keiten, welche ſich vor ihm aufthaten, bis auf Einmal eine ganz andere Biene, als ich, ein beſonders gutes, andaͤchtiges Geſicht, ihn feſt⸗ hielt, das ſelbſt aus den geringen Worten und Gedanken des Predigers offenbar den Ho⸗ nig zu ziehen wußte, der meinem Herzen voͤl⸗ lig entgangen war. 133. DOer Geiſft. Seit der ungluͤcklichen Kataſtrophe mit 2⁰⁴—— Lesbien hatte ich kein Maͤdchen und keine Frau ſo theilnehmend betrachtet, als dieſe. Der Stral ihres frommen, voll Ergebung nach dem Prediger hingerichteten Auges verſchoͤ⸗ nerte nun auch mir ſeine Rede um Vieles. Das Wunder von der Hochzeit zu Kanaan wiederholte ſich deutlich vor meinen Blicken. Sie ſchwelgten ordentlich in der Art und Weiſe, wie dieſe Andaͤchtige Waſſer in Wein zu verwandeln wußte. Es war mir als muͤſſe ich nothwendig das Wunder in der Naͤhe beſchauen. Zwar dauerten mich die Zuhoͤrer auf der Emporkir⸗ che unter denen ich ſtand, als ich mich zur Thuͤr hinausdraͤngte. Beſonders beklagte ich den Einen, welcher die Predigt nachſchrieb, und ganz in Verzweiflung gerieth, wie er bei dem Chok, den mein Durchmarſch verur⸗ ſachte, ſeinen Bleiſtift verlor; aber der Geiſt trieb mich, gleich der Jungfrau von Orleans. 134. Die tröſtliche Sage. Erſt als ich unten im Schiff der Kirche, dicht neben dem Ziele meines Strebens ſtand, glaubte ich eine hoͤhere Leitung darin zu ent⸗ decken. Denn ganz deutlich ſah ich, daß die Andaͤchtige eine, der in mein, ſeit der Be⸗ kanntſchaft mit Lesbien, nicht fortgeſetztes Wahl⸗ und Heirathsbuͤchlein notirten Damen war, und zwar die eine der zwei vorzuͤglich⸗ ſten Nummern, naͤmlich Ida, die vormalige Geliebte des leichtfuͤßigen Diſtel. Wenn die, fuͤr mich in dieſem Falle ſehr troͤſtliche, Sage Grund hatte, daß unverhei⸗ rathete Damen in der Regel aͤndaͤchtiger ſind, als verheirathete, ſo ſtand mir noch immer das Thor zu einer wonnereichen Zukunft an ihrem Arme offen. Wenigſtens war ſie ge⸗ wiß die andaͤchtigſte unter allen ihren Nach⸗ barinnen. Und was ihr Aeuſſeres anlangte, 2⁰6 ſo kam mir das auch noch viel intereſſanter als ehemals vor. 135. Der Mehlthau. Meine Hoffnung vergroͤßerte ſich gewal⸗ tig, als das Geraͤuſch durch ein dicht neben mir herunterfallendes Geſangbuch, Ida's Ge⸗ ſicht unwillkuͤhrlich nach dem Pfeiler heruͤber⸗ zog an dem ich ſtand. Ihre offenbare Freude, als ſie mich erblickte, die Art ihres Erwie⸗ derns meiner ehrerbietigen Begruͤſſung, der Mehlthau, welcher aus meinen Blicken auf ihre Andacht gefallen ſchien, erhoben meinen Muth außerordentlich. Ja, ſagte ich da zu mir, es giebt noch Maͤdchen und Frauen, die einen Mann begluͤcken koͤnnen. Man muß nur kein Thor ſeyn und ſie unter den Land⸗ ſtreicherinnen ſuchen wollen. Die warnenden Beiſpiele vor allem ſchnellen Zufahren in Heirathsſachen, welche mir die Geſchichte — ———— — 207 meiner Verwandten an die Hand gab, ver⸗ ſchwanden in dieſem Momente gaͤnzlich aus meinen Augen, vor der Erinnerung an die ſuͤße Andacht, welche ich vorher an Ida wahr⸗ genommen und der in ihr ſichtbar eingetrete⸗ nen Unruhe, vurch welche dieſe Andacht ge⸗ ſtoͤrt worden war. 136. Die größten Hoffnungen. Zum Ungluͤck befand ſich zwiſchen ihr und mir noch eine uͤberaus dicke Scheidewand von Frau. Auch dieſe aber wußte ſie, nach wieder anhebendem Geſange zu umſchiffen, als ich den neben mir haͤngenden Hut ergriff, um ſpaͤterhin beim Schluſſe der Kirche, im Hinausgehen durch nichts gehindert zu wer⸗ den, ihr auf dem Fuße zu folgen. Ich habe doch— fragte ſie mich hinter dem fetten Nuͤcken ihrer Nachbarin herum— ich habe doch nachher das Vergnuͤgen, ein Wort mit 2⁰8— ihnen zu ſprechen? Ich fluͤſterte zuruͤck, daß ich einzig die⸗ ſes Gluͤckes halber in ihre Naͤhe getreten ſey.— Der ſchoͤne Augenblick dieſes Geſpraͤchs erſchien. Der Sturm, den ich mit Fragen auf ſie lief, wie ſie in dieſe Stadt gekommen, in welchen Verhaͤltniſſen ſie ſich hier befinde und dergleichen mehr, machte, daß ſie laͤchelnd aͤuſſerte, der kurze Weg von der Kirche bis in ihre Behauſung reiche nicht hin zur vollſtaͤn⸗ digen Beantwortung; daher bitte ſie mich, ſie in ihr Quartier zu begleiten. Je naͤher wir dieſem kamen, deſto hoͤher ſtiegen auch meine Hoffnungen. 137. Der ewige Refrain. Aber mit ihren hoͤchſtem Stande, als wir naͤmlich, zuſammen die Treppe hinaufgeſtiegen in —— 209 in das kleine Wohnzimmer eintraten, kam auch zugleich ihr tiefer Fall. Richter! ſo rief voller Freude Jemand vom Arbeitstiſche aufſpringend. Unmittelbar darauf erſtarrte ich faſt an Seele und Leib, in Diſtels Armen. Ach, all der ſchoͤne Schwall von Dank und Freude reichte nicht hin, mir die Hoff⸗ nungen vergeſſen zu machen, mit denen ich dieſes Haus betreten hatte, und die nun fuͤr immer zertruͤmmert lagen. Ach— ſo hieß Ida's ewiger Refrain— waͤren ſie damals nicht ſo guͤtig geweſen, ſo wuͤrden ohnſtreitig Steckbriefe meinen nun⸗ mehrigen guten Mann verfolgt, und fuͤr im⸗ mer zu Grunde gerichtet haben. 138. Fernerer Zuſtand der Dinge. Die Mutter kam ebenfalls aus dem Ne⸗ bengemache, mir, als dem allgemeinen Wohl⸗ I. O 210— thaͤter ihren Dank darzubringen. Auch nach ihrem Zeugniſſe war Diſtel ein ganz anderer Menſch geworden. Aber erſt nach manchem bittern Leiden, nach dem groͤßten Elende. Er erzaͤhlte darauf ſelbſt in der Kuͤrze ſeine Geſchichte und wie mitten im Strudel des wuͤſten Lehens ihm immer Ida's Bild vorgeſchwebt hatte, bis es ihm endlich gelun⸗ gen war, durch ſeine Liebe zu ihr wieder im Reiche der Ordnung einheimiſch zu werden. Er bekleidete jetzt einen geringen Sekretaͤrpo⸗ ſten, hatte aber durch unermuͤdeten Fleiß be⸗ reits das Verſprechen auf baldigſte Verſetzung in eine hoͤhere Stelle erhalten. 139. um ſo beſſer. Wahrlich, ich hatte recht zu thun, den Dank auch nur auf eine leidliche Art hinzu⸗ nehmen, mit dem er mich wiederholt dafuͤr uͤberſchuͤttete, daß ich damals von ſeiner Er⸗ V V — 211 laubnis, Ida zu heirathen, keinen Gebrauch gemacht. Im Laufe des Tiſchgeſpraͤchs— denn ich mußte durchaus bleiben— das ich durch Wein aus meinem Keller, wie ich den Keller meines Gaſthofs titulirte, nicht fruchtlos zu beleben verſuchte, geſtand mir Ida ſogar, daß ſie, ſchon ihrer Mutter halber, damals zuge⸗ griffen haben wuͤrde, wenn ich ihr meine Hand geboten haͤtte. Denn auch ihr waͤre der Muth zum fernern Glauben an Diſtels Aenderung bereits verloren geweſen. Um ſo beſſer ſei es, ſchloß ſie, daß Alles nach hoͤherer Fuͤgung endlich doch noch ſo habe kommen muͤſſen. 140. Die Thräne. Ach, beim Anblick der lieblichen Frau und bei ihrer verſtaͤndigen Rede, mußte mir dieſes„Beſſer” wohl, gleich einer widerſpaͤn⸗ ſtigen Fiſchgraͤte im Halſe ſtecken bleiben. O 2 212 Die drei Glaͤſer Champagner, die ich unmit⸗ telbar nach einander hinterſtuͤrzte, ſollten es offenbar hinunterſchwemmen, ohne daß es mir ſelbſt bewußt war. Ich handelte aus Inſtinkt; denn mir ward in der That wohler darauf. Die Thraͤ⸗ ne, welche laͤngſt mein Auge nur mit Muͤhe zuruͤckhielt, brach dadurch zwar hervor, aber ſie war zur Freudenthraͤne geworden. Feurig ergriff ich Diſtels und Ida's Hand und ſprach mit Innigkeit: Seyd gluͤcklich! 141. Verblendung. Uebrigens konnte ich, wenn ich Ida's ganze Perſon jetzt in's Auge faßte, mich nicht genug verwundern uͤber meine Verblendung, daß ich, Trotz dem noch im Ganzen wie fruͤ⸗ her ausſehenden Geſichtchen, ihrer außeror⸗ dentlich veraͤnderten Leibesgeſtalt, ſogar als ich mit ihr die Kirche verließ, den Mangel 213 alles Maͤdchenhaften nicht angemerkt hatte, der ſchon allein geeignet war, mir das Grund⸗ loſe jener troͤſtlichen Sage und meiner Hoff⸗ nungen zu widerlegen. Daß er groß geweſen ſeyn muß, leuchtet daraus ziemlich klar her⸗ vor, weil ſchon am folgenden Morgen ganz fruͤh eine Wehmutter von Diſteln geſendet, mich aus den Federn pochte, wegen der Nach⸗ richt, daß der grundguͤtige Gott in der ver⸗ gangenen Nacht, ihn, durch ſeine, den Um⸗ ſtaͤnden nach, ſich uͤberaus wohl befendende Frau, mit einem muntern Soͤhnlein erfreuet habe. 142. Das wahre Verhältnis. Diſtel war auſſer ſich vor Luſt uͤber die Vaterſchaft. Dieſe nur, meinte er, haͤtte ſein Gluͤck vergroͤßern koͤnnen. Die mit derſelben jeden Tag wachſende Sorge kam ihm in keine Betrachtung. Und das gar nicht aus Leicht⸗ 214— ſinn, ſondern weil ſeine Frau ihm die Wahr⸗ heit zur feſten Ueberzeugung gemacht hatte, daß Ueberfluß kein Gluͤck und Entbehrung kein Ungluͤck iſt, und die Beduͤrfniſſe des Menſchen in dem Grade abnehmen, als er den Zweck ſeines Daſeyns beſſer verſtehen lernt. Diſtel fand kein Aufhoͤren in der Schil⸗ derung des Heils, das ihm durch dieſe Frau widerfahren war. Er hatte, wie er ſelbſt ſag⸗ te, vor einem ſchauderhaften Abgrunde geſtan⸗ den und einzig der Gedanke an ſie war end⸗ lich ſein Retter geweſen. Luft hingegen war, wie er ſehr fuͤrchtete, durch fortdauernden Leichtſinn bereits ſo gut als zerſchmettert. Wegen Entfuͤhrung der Tochter eines vorneh⸗ men Mannes war er auf alle Weiſe verfolgt worden. Kein Menſch wußte, wo das un⸗ gluͤckliche Paar hingekommen. Mir zu Ehren wurde die Kindtaufe fruͤ⸗ her vorgenommen, als ſonſt geſchehen waͤre. 0 215 So gerieth ich denn wenigſtens als Pathe ihres Kindes in ein naͤheres Verhaͤltnis mit der verehrungswerthen Mutter, welche im Kindbette, die liebenden Blicke auf ihren Klei⸗ nen gerichtet, einen ganz eigenen Reiz fuͤr mich gewann. 143. Heirathsreiſſe. Staͤrker als jemals fuͤhlte ich durch ſie den Appetit nach dem heiligen Eheſtande ge⸗ weckt. Es war ja— ſagte ich mir— die groͤßte Thorheit geweſen, mich durch das an Lesbien Erlebte von ihm abhalten zu laſſen. Jetzt nahm ich mir denn auch vor, meine Augen vor der Hand abſichtlich gegen neue Frauenreize zu verſchließen und wo moͤglich nur eine Wahl unter den bereits aufgezeich⸗ neten zu treffen. Waͤhrend meines Umganges mit Lesbien haͤtte ich nimmermehr geglaubt, daß ich auf jenes Buͤchlein wieder zuruͤckkom⸗ men wuͤrde. 3 216— Sobald meine Equipage, nach der ich ge⸗ ſchrieben, aus— n anlangte, trat ich meine ganz eigentliche Heirathsreiſe an. Allein lei⸗ der war ſie ohne allen Erfolg. Zwar fand ich von den fuͤnf uͤbrigen in dem Buche Ver⸗ zeichneten vier wieder auf, allein eine davon war verheirathet, die andere ſtand in einem, wiewohl geheimen, doch ſtadtkundigen Ver⸗ haͤltniſſe mit einem vornehmen Herrn, die dritte aber ſchien mir waͤhrend der drei Jahre, daß ich ſie nicht geſehen, im Aeußern ſo ſehr zuruͤck⸗ gegangen, daß ich ſie kaum wiedererkannt haͤtte. Die vierte war als Braut eines An⸗ dern geſtorben und die fuͤnfte nirgends aufzu⸗ finden. 144. Die Fünfte. und gewiß ließ ich es nicht an fleißigem Suchen fehlen. Denn grade dieſe duͤnkte mich, naͤchſt der nunmehrigen Madam Diſtel die — 217 wuͤnſchenswertheſte von allen. Es war naͤm⸗ lich die, welche unter dem Namen der Na⸗ menloſen in meinem Gedaͤchtniſſe die uͤbrigen Ausgezeichneten von jeher uͤberſtralte, wenn ich Lesbien ausnehme, die natuͤrlich nicht mehr in Betracht kam, deren Namen ich auch mit rother Tinte foͤrmlich ausgeſtrichen hatte. Die Namenloſe und ihr Anhang, die dicke Mamſell nebſt den Uebrigen, war wie aus der Welt verſchwunden. Wenigſtens konnte mir in der ganzen Univerſitaͤtsſtadt kein Menſch Auskunft uͤber ſie ertheilen, ob ich ſchon in meiner Beſchreibung ihrer ſelbſt und der Um⸗ gebung gewiß recht genau verfuhr, und die Mamſell, welche mein ſeliger Onkel ſchon mit dem Titel eines alten Elephanten bezeichnete, ſo viel Eigenthuͤmliches hatte, daß man wohl glauben konnte, es muͤßten ſich die Leute bei der Beſchreibung ihrer entſinnen. Ein einzi⸗ ger erinnerte ſich dieſer Geſtalt, und das war 218 der Wirth jener Dorfſchenke, in deren Naͤhe ich ihr den Uebergang uͤber den Fluß erleich⸗ tert hatte. Die Szene, deren er neben dem ſeligen Onkel vom Fenſter aus Zeuge geweſen, ſchwebte ihm, ſeiner Verſicherung nach, noch ſo ganz vor Augen, daß er, wenn er zu ma⸗ len verſtuͤnde, ſie ſogleich abmalen, und da⸗ bei beſonders auch die große, dicke Madam gewiß ganz nach dem Leben wiedergeben woll⸗ te. Aber weder dieſe, noch eins ihrer Maͤd⸗ chen ſey ihm je wieder vorgekommen. 145. Die theure Lehre. Uebrigens nahm ich mir aus der traurigen Gewißheit, fuͤnf heirathbare Subjekte, als ſolche, in ſo kurzer Zeit nicht wiedergefunden zu haben, ſo viel ab, daß die Maasregel mit Haltung eines Heirathsleitfadens, wie mein Buͤchlein war, keine gute genannt werden konnte, und beſchloß, Trotz dem, was die un⸗ 219 gluͤcklichen Erfahrungen meiner Verwandten im Eheſtande Abſchreckendes fuͤr mich haben mußten, nun naͤchſtens einmal mit einer jun⸗ gen Dame von gutem Rufe und wenigſtens leidlichem Ausſehen, Bekanntſchaft und ihr dann, wenn ſie mir ſonſt geſtel, meinen An⸗ trag zu machen. Wagen gewinnt, heißt es in der Welt. Aber freilich es verliert auch! Das iſt dann ein Ungluͤck. Wenigſtens war ich uͤberzeugt, daß ich mich ſicher nie wieder dadurch ſelber in den gewiſſen Verluſt ſtuͤrzen wuͤrde, daß mein Herz ſich an eine Landſtrei⸗ cherin wendete. Das war uͤbrigens die ein⸗ zige, wichtige Lehre, die ich aus meiner zeit⸗ herigen Erfahrung gezogen und wahrlich theuer genug bezahlt hatte. 146. Der dumme Einfall. Zu— w, im Gaſthofe zum goldenen Spo⸗ ren ſann ich, nachdem mein neuer Wagen 22⁰0 aus Lyon endlich angekommen war, daruͤber nach, welchen Weg ich nun einſchlagen woll⸗ te. Der Koffer ſtand gepackt da; denn fort mußte ich. Die ewigen Fragen, wo ich den koſtbaren Wagen her haͤtte, was er zu ſtehen komme, welches der billigſte Weg ſey, ihn zu erhalten und ſo weiter, war ich allzuſatt. Eben brachte der Wirth ſelber mir die ver⸗ langte Rechnung. Ach— ſagte der Menſch, nachdem wir mit einander fertig waren— ſie haben nun Alles, gnaͤdiger Herr. Letzteres Praͤdikat, be⸗ merke ich beilaͤufig, verſchaffte mir meine Equipage und das Geld, das ich aufgehen ließ, faſt allenthalben. Alles haben ſie, nur Eine Zierde fehlt ihnen noch. Auf meine Frage, aͤuſſerte er, daß ſich auf dem koͤſtlichen Wagen nichts ſo herrlich ausnehmen wuͤrde als—— ein Mohr. Ich lachte ihm in's Geſicht uͤber den ganz unerwarteten, dummen Einfall. Die 221 weißen Bedienten— ſagte ich— machen mir ſchon Noth genug!— Eben darum— verſetzte er— ich wuͤßte ihnen einen zu empfehlen, ein wahres Muſter von Gutmuͤthigkeit und Rechtſchaffenheit, und dabei einen Mohren, ſchoͤn wie mir im Leben noch keiner vorgekommen iſt, ſo viel deren auch ſchon im goldenen Sporen mitlogirt ha⸗ ben, ſeitdem ich ihn beſitze. Und gnaͤdiger Herr, wenn ſie Alles wuͤßten, wenn ſie wuͤß⸗ ten, wie es dieſem ungluͤcklichen Schwarzen ergangen iſt, wie er eben im Begriff ſtand, ſich das Leben zu nehmen, als ich noch zu rech⸗ ter Zeit dazu kam und ihn rettete.—— 147. Treue noch im Tode. Erſchuͤttert von dieſem Umſtande, unter⸗ brach ich ihn: Ermorden wollte ſich der Menſch? Ja wohl! Und warum? 2²⁸ Aus Mangel, aus druͤckendem Mangel. 4 Zwar faͤnde er auf jeden Fall ſogleich ein Un⸗ terkommen, ja das beſte, denn er iſt ein Wun⸗ der von ſchoͤnem Wuchſe. Aber er hat ja, leider, eine Frau? Auch eine Mohrin? fragte ich. Und eine, ich ſage ihnen, die ihm an Schoͤnheit nichts nachgiebt!— Gnaͤdiger Herr, nehmen ſie ſich der armen, verlaſſenen Leute an; ich bitte ſie. Sie koͤnnen es ja. Warum ſollten ſie es nicht? Aber, mein Gott, ich werde mich ja nicht mit einer ganzen Mohrenfamilie belaſten ſol⸗ len! rief ich unwillig werdend. Und doch— wendete er ein— wuͤrden ſie es ganz gewiß, wenn ſie geſehen haͤtten, 1 wovon ich Zeuge geweſen bin. Unbemerkt von dem ſchwarzen Ehepaar hielt ich mich vorhin im Gartenhauſe auf. Da hoͤre ich auf Ein⸗ mal in der Naͤhe franzoͤſiſch ſprechen, gehe an's Fenſter und entdecke die beiden afrikani⸗ 1 4 — 223 ſchen Landskinder am großen Teiche. Als ich ſie dort ſich einmal uͤber das andere umar⸗ men und wieder umarmen ſah, da ſchoß mir gleich das Blatt. Dann befeſtigte ſich auch wirklich der Mann mit Stricken an die in⸗ nigſtgeliebte Frau und jetzt hatte ich voͤllig genug. Das war denn doch deutlich, daß die⸗ jenigen, welche das Leben mit Trennung be⸗ drohte, im Tode wenigſtens vereinigt bleiben wollten. Natuͤrlich eilte ich dann hinaus und kam ſo der Ausfuͤhrung des entſetzlichen Ent⸗ ſchluſſes zuvor. Aber auf wie lange? fuͤgte er hinzu. Wenn ſich kein Menſch, der durch Vermoͤgen gewiſſermaaßen dazu berufen iſt, ihrer annimmt, ſo werden ſie nur allzubald auf den Vorſatz zuruͤckkommen. Wirklich war ich ſo geruͤhrt von dem Um⸗ ſtande, daß ich den Mohren zu ſprechen ver⸗ langte, da er, wie ich hoͤrte, ſich mit der franzoͤſiſchen Sprache gut zu behelfen wußte, 224 ja auch ſogar ſchon im Deutſchen zur Noth ſich auszudruͤcken verſtand. 148. Grauſamkeiten und Mitleid. Der Menſch kam. Sein vortheilhafter Wuchs und die fuͤr einen Mohren uͤberaus edle Geſichtsbildung empfahlen ihn. Ich er⸗ kundigte mich nach ſeinen Schickſalen. Sie waren namenlos ſchrecklich. Durch den Skla⸗ venhandel nebſt vielen andern der Geburtsge⸗ gend entriſſen, hatte er in der erſten Zeit ſei⸗ ner gezwungenen Seereiſe immer vom Ver⸗ decke des Schiffs nach der Heimath ſich hin⸗— gekehrt und den Namen ſeiner geliebten Elka ſchmerzlich ausgerufen. Als aber einſt ſeine Sehnſucht nach der Verlorenen ſo ſtark ge⸗ worden war, daß er den Gedanken einer im⸗ mer zunehmenden Entfernung von ihr nicht mehr aushalten konnte, und daher einen Sprung in die Wogen wagte, ſo ward er wie⸗ — 225 wieder ergriffen, erfuhr eine furchtbare Be⸗ handlung und durfte nie mehr aus dem un⸗ tern Schiffsraume hervor. Ein noch ſchreck⸗ licheres Loos theilte er dann mit den uͤbri⸗ gen Afrikanern, als zwei große Schiffe in ei⸗ niger Ferne bemerkt wurden. Der Fuͤhrer des ſeinigen glaubte ſie fuͤr ſolche zu erken⸗ nen, die gegen den verbotenen Sklavenhandel gerichtet waͤren. Er bot alle Kraͤfte auf, ſich ihnen zu entziehen. umſonſt; ihre Geſtalten wurden immer deutlicher, ſie naͤherten ſich offenbar. Um nun die ungluͤcklichen Schwar⸗ zen dem Auge der Ankommenden, auch wenn das Schiff einer Viſitation unterlaͤge, zu ent⸗ ziehen, wurden ſie in leere Faͤſſer geſteckt und ſo in den tiefſten Schiffsraum geworfen. Wirk⸗ lich viſitirte man das Schiff und fand die Un⸗ gluͤcklichen nicht. Nach voruͤbergegangener Gefahr ergab ſich, daß ſo zwei Drittheile der in Faͤſſer geſpuͤndeten Sklaven umgekommen waren. Lelio gehoͤrte zu den am Leben Ge⸗ I. P 226 bliebenen. Seine Schilderung des nachher Er⸗ littenen war furchtbar. Mit deſto groͤßerer Suͤßigkeit erinnerte er ſich des Augenblickes, wo er, in einer Kaffeepflanzung arbeitend, auf einmal ſeine geliebte Elka wiederfand, die ſeit⸗ dem ebenfalls ein Raub des Sklavenhandels geworden. Leider aber war die eben zu Schiff Angelangte fuͤr eine weit entferntere Pflan⸗ zung beſtimmt. In ſeinem Leben wuͤrde er ſie ſchwerlich wiedergeſehen haben. Da wag⸗ ten denn, nach kurzer Beſprechung, in der Nacht die Liebenden Alles, und Alles gelang. Sie flohen nach einem ſegelfertigen franzoſi⸗ ſchen Schiffe. Obſchon noch nicht im Stan⸗ de, ſich in einer europaͤiſchen Sprache auszu⸗ druͤcken, wußten ſie doch durch Geberden ihr Schickſal ſo ruͤhrend zu ſchildern, daß der un⸗ gewoͤhnlich menſchenfreundliche Schiffspatron ſich ihrer annahm. So liefen ſie endlich in den Hafen von Toulon ein. Dort, und uͤberhaupt in Frankreich, wuͤr⸗ 227 den ſie weit beſſer fortgekommen ſeyn, wenn ſie zur Trennung zu bewegen geweſen waͤren. Aber eher untergehen, als das, war ihr Wahlſpruch. Ein Jahr lang hatten ſie ſo des Lebens Muͤhen mit einander getheilt und in der fran⸗ zoͤſiſchen Sprache ſich auszudruͤcken gelernt. Drauf nahm eine Deutſche, welche ſie in den Baͤdern von Barrege kennen lernte, ſie mit zuruͤck in ihren Wohnort. Aber der ſchnelle Tod der trefflichen Frau raubte ihnen von Neuem alle Ausſicht auf gutes Fortkommen. Seitdem hatten ſie ſechs ganze Monate groͤß⸗ tentheils mit Kummer und Elend gekaͤmpft und endlich, wie ſchon erwaͤhnt wurde, keinen Rath weiter gewußt, als einen freiwilligen, gemeinſchaftlichen Tod. Wer haͤtte von einer ſo maͤchtigen Liebe und Treue nicht geruͤhrt, von dem grauſa⸗ men Schickſale, das ſie verfolgte, nicht er⸗ ſchuͤttert werden ſollen? Wer ſollte ſich ſol⸗ P 2 228 cher Menſchen wohl annehmen koͤnnen, was mir auch der Gaſtwirth, nicht allzufein, zu verſtehen gab, wenn Leute in meinen Umſtaͤn⸗ den ſie von ſich wieſen? Fuͤr offenbare Schaͤnd⸗ lichkeit wuͤrde ich das gehalten und mich ſelbſt verachtet haben, haͤtte mein Mitleid hiervon ſich nicht zu ihrer Rettung hochaufgeregt ge⸗ fuͤhlt.— 149. Das Pikante. Auch die Frau mußte herzu. Je mehr ſie mich aber durch ihre Riedlichkeit und beſon⸗ ders durch recht ſittlichen Anſtand intereſſirte, deſto weniger durfte ich mich, bei meinem Junggeſellenleben zu ihrer Annahme in's Haus verſtehen. Ohne allen Zweifel haͤtte die Ver⸗ laͤumdung mir die junge, anmuthige Schwar⸗ ze fuͤr nichts weiter, als eine gegen den An⸗ ſtand ſtark verſtoßende, Caprice angerechnet. Ich ſtellte den Eheleuten das vor. Sie 229 waren wirklich ſo vernuͤnftig es einzuſehen und ſich auf ein kuͤnftiges Beiſammenſeyn in meinem Hauſe vertroͤſten zu laſſen. Das hieß, wenn ich verheirathet ſeyn wuͤrde. Es gab dann auch einen recht ſchicklichen Platz fuͤr Elka darin. Ihrer Verſicherung nach, hatte ſie naͤmlich ſchon die Stelle der Kam⸗ merfrau bei ihrer verſtorbenen deutſchen Goͤn⸗ nerin zu deren groͤßten Zufriedenheit verrich⸗ tet, und eine niedliche Schwarze im Dienſte, war, meines Erachtens, ein Gedanke, der et⸗ was Pikantes fuͤr meine kuͤnftige Frau haben mußte. Vor der Hand wurde ausgemacht, daß Lelio bei mir blieb und ſeine Frau allezeit mit der Poſt dahin reiſete, wohin ich mich zu ge⸗ hen entſchloß. Er konnte ſie dann in ihrer Wohnung aufſuchen, oder allenfalls gar in dieſer mit ihr bleiben. In die meinige aber durfte die wirklich allzu appetitliche Mohrin durchaus keinen Schritt ſetzen. 23⁰— 150.. unausſtehlicher Argwohn. Die noͤthige, beſſere Bekleidung des ziem⸗ lich abgeriſſenen Negerpaares verzoͤgerte mei⸗ ne Abreiſe noch um einen Tag, da grade kein Kleidermagazin in der Stadt war, das mir einen Anzug dargeboten haͤtte, wie ich ihn den Leuten wuͤnſchte. Und haͤtte auch die Livree meiner andern zwei Bedienten fuͤr den b neuen Wagen noch uͤbel und boͤſe gepaßt, ſo 3 ſchien mir doch die hinzugefuͤgte Pracht eines Schwarzen ein Mehreces zu erheiſchen. Da⸗ her ließ ich ihnen ebenfalls breiteres Gold auf die gruͤnen Roͤcke ſetzen. Und als das Al⸗ les fertig war, behauptete der Wirth, daß, wenn ich ihm ein Wort hineinzureden verſtat⸗ ten wollte, er mir gradezu ſagen wuͤrde, wel⸗ ches recht weſentliche Stuͤck zu einer voͤlligen 1 Uebereinſtimmung und Abrundung des koſtba⸗ ren Ganzen immer noch ermangele. Auch 231 den Vorreiter, in dem dieſes beſtand, wie er mir mit vorgehaltener Hand laut in's Ohr ſagte, ließ ich mir, gutmuͤthig genug, auf⸗ ſchwatzen, obſchon ich ziemlich gut merken konnte, daß der Wirth es hauptſaͤchlich darum that, weil er ſo zugleich ein ſchoͤnes Pferd fuͤr einen, auch nicht unſchoͤnen, Preis an mich los wurde. Die Beſorgung dieſer Sache verlaͤngerte meinen Aufenthalt noch um drei Tage und dann ſtieß es ſich wieder an einen Paß fuͤr die naͤchſtens mit der Poſt abgehende Mohrin. Sie und ihr Mann, der durch die Reiſe als mein Diener geſichert war, hatten naͤmlich, wie er ſagte, ihren gemeinſchaftlichen Paß, auf daß kein Misbrauch damit nach ihrem in⸗ tendirten Selbſtmorde geſchehen moͤchte, gra⸗ dezu in's Feuer geworfen. Der Paß fuͤr die arme Frau machte mir mehr Gaͤnge nach der Poltizei, als ich geglaubt haͤtte. Ich aͤrgerte mich uͤber den unausſteh⸗ 232 lichen Argwohn der Menſchen, die durch ſte⸗ ten nothgedrungenen Verkehr mit Betruͤgern, ſelbſt verdorben, allenthalben nichts als Trug und Hinterliſt ſehen wollen. Sie geſtanden mir den Paß fuͤr die Schwarze nicht eher zu, als bis ich ſie genau zu kennen erklaͤrte und mich fuͤr allen etwa daraus erwachſenden Scha⸗ den zu haften verpflichtete. 151. Ab⸗ und Einfahrt. Auf die inſtaͤndige Bitte des Gaſtwirths, der, da ich einmal die Reiſe mit eigenen Pfer⸗ den der Extrapoſt vorzog, mich in vollem Glanze von ſeinem Hauſe abfahren zu ſehen wuͤnſchte, wurde Alles ſo eingerichtet, als ob die Fahrt eher einen Prachtaufzug als eine Reiſe bedeutet haͤtte. Der Vorreiter in der neuen reichen Livree gab ſich Muͤhe durch die Courbetten ſeines Pferdes ein Specimen der Reitkunſt abzulegen. Der Kutſcher ließ ſein * 233 Geſpann ebenfalls mit vielem Geraͤuſch einen angeſtrengten Schritt gehen. Alle Menſchen auf der Straße ſtanden ſtill. Aber Vorreiter und Kutſcher ſchienen damit einzig fuͤr den Schwarzen hintenauf gearbeitet zu haben Ih⸗ rer, die doch die Aufmerkſamkeit zuerſt erregt hatten, wurde bald gar nicht weiter gedacht. Ein Mohr, ein Mohr! hieß es und der Ju⸗ bel der nachrennenden Straßenbrut war auſ⸗ ſerordentlich. Natuͤrlich ließ ich ſchon im Gaſthofe des naͤchſten Dorfes den uͤberfluͤſſigen Glanz ſchwin⸗ den und die Dienſtleute ihre Neiſeroͤcke her⸗ vorſuchen. Als aber nach der erſten Tagereiſe die kleine Reſidenz des Fuͤrſten von Immerhau⸗ ſen von den Stralen der Abendſonne verklaͤrt vor mir lag, ſiel es mir doch ein, das Gold meiner Leute auch etwas mit im Sonnen⸗ ſcheine ſpielen zu laſſen. Ich befahl daher 234 dieſelbe Einrichtung herzuſtellen, welche bei unſerer Abfahrt am Morgen aus— w, ſiatt⸗ gefunden hatte. Wie der Blitz war man fer⸗ tig damit. 152. Gefährliche Ehrfurcht. Das Aufſehen in der großen Stadt— w, ließ ſich wenigſtens erklaͤren. Der Eindruck aber, den meine Equipage in Immerhauſen hervorbrachte, war ganz raͤthſelhaft. Vivat hoch! ſchrie eine Parthie Menſchen, welche der Feierabend aus dem Thore gelockt haben mochte und ſchwenkte die Huͤte und be⸗ gleitete den Wagen, waͤhrend mehrere Andere dem eine feierliche Langſamkeit beobachtenden Vorreiter voranliefen und freudenvolle, aber nicht deutlich bis zu meinem Ohre dringende Laute ausſtießen. Im Thore ſtand bereits ein alter, kleiner, 235 dicker Mann, in rothen Beinkleidern und apfelgruͤnem Rocke, etwas aufgebracht, wie es ſchien, uͤber die untergehende Sonne, de⸗ ren Stral er fruchtlos mit der kleinen Hand von ſeinem, bereits geblendeten Auge abzu⸗ halten ſuchte. Ohne allen Zweifel der Thor⸗ ſchreiber. Statt aber ſich nach meinem Na⸗ men zu erkundigen, waͤre er faſt vor Ehrfurcht uͤber den eigenen Bauch gefallen. Ich fragte nach dem anſtaͤndigſten Gaſthofe und ſogleich erboten ſich ein Paar athemlos herzueilende Bediente zu meiner Begleitung. 153. Seltſames Fuhrwerk. Was ſoll das ſeyn? rief ich, als jetzt ein Haufe heranſtuͤrzte, mir die Pferde auszuſpan⸗ nen. Aber trotz meines ernſthaften Verbots wurden ſie hinweggenommen und ich an ih⸗ rer Statt von Menſchen weiter gezogen. Das 236 komiſche Misverſtaͤndnis, wodurch dies Alles veranlaßt ſeyn mußte, fing an, mir zu beha⸗ gen. Die Begruͤßungen und Lebehoch zu bei⸗ den Seiten des Wagens, die an den mit freu⸗ digen Geſichtern angefuͤllten Fenſtern flattern⸗ den, weißen Tuͤcher verlangten, meines Er⸗ achtens, Erwiederung, auch wenn ich nicht wußte, wie unſereins dazu kam. Daß ich da⸗ bei herzlich lachen mußte, rechnete man mir, ich vernahm es deutlich, fuͤr ein Zeichen be⸗ ſonderer Gnade und der tiefſten Herablaſ⸗ ſung an. Was auch das Ende dieſer Abſurditaͤt war, ich glaubte es darauf ankommen laſ⸗ ſen zu koͤnnen, da ich mich offenbar in ſehr wohlwollenden Haͤnden befand. Vor dem bunten Durcheinander, das ſich ehrerbietig, neben meinem Wagen herbe⸗ wegte, war ich nicht zur Betrachtung der — ——C———B—Pn’ 237 Haͤuſer des kleinen Platzes gelangt, uͤber den das ſeltſame Fuhrwerk ſo eben kam und wur⸗ de an dem jetzt eintretenden Dunkel meine Ankunft im Flure des Gaſthofs erſt inne. Ende des erſten Theils. 4 Gedruckt bei Johann Friedrich Starcke. 88 raansranwunMunrErMErVIE Ffſfſſſſ ennnanaasganmnngingſennalnaglanſamianeintiteſſnſntaldiſafläihei 9 11 12 13 14 15 16 17 18 19