— —— ———— — b Leihbib deutſcher, Fengliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednſard Okkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 4 Teih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ angnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von p 7 jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.—. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.— 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. 3 1 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zuruͤckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Baͤrmann. 4 9* + Zweiter Theil. 4 Braunſchweig, Erſtes Kapitel. „ Ein Jeder ſchwatzt, ob leiſe nun, ob laut, Und Ungeduld aus Aller Blicken ſchau't; Es wälzt ſich das Gerücht von Ort zu Orte, Und man verſchlingt der Schau'rerzählung Worte. . Wer auch ſie mittheilt, hängt noch etwas d'ran, Wer auch ſie hört, verlängert ſie alsdann; Sie dringt in's Ohr und klingt im Mund' von Jedermann. Zum Glück für Lady Aſtell und ſehr zum Unglück für unſern gichtiſchen Freund am Bord des Terrific trat Sir Rigglesby Wipperſnap, ein ſehr alter Hof⸗ mann und großer Liebling beider gekrönten Häupter, zum Könige an eben dem Abend ein, als dieſer um vier Uhr wacker von einer gebratenen Hammelkeule, ohne jedoch deren Fett zu berückſichtigen, geſchmauſet hatte. Da Sir Rigglesby nimmer um ein Amt bat, auch nie dafür bekannt geworden war, eine andere Antwort als ein Echo gegeben zu haben, hatte er zu allen ſchickli⸗ chen Stunden freien Zutritt über die Hintertreppe. Sowohl königliche wie gemeine Seelen bedürfen der Erholung. Die Lichter brannten, das Wiſchiwaſchi der Tagsgeſchäfte war beſeitigt, und, gemäß königlichen Wunſches, nahm Sir Rigglesby ſeinen Sitz zur Whiſtpartie mit dem Strohmann ein, den Point zu einem Sir⸗Pence gerechnet. Nachdem er das erſte Der alte Commodore. Spiel verloren und bezahlt, und behauptet hatte, es f wäre unmöglich, gegen ſo vereinte Geſchicklichkeit auf⸗ zukommen, ſchaufelte er langſam, ſehr langſam die Kar⸗ ten zuſammen, als wollte er keinen zweiten Sir⸗Pence daran wagen, ſuchte dabei aber durch ſeine Rede die Aufmerkſamkeit des königlichen Ehepaares von der Langweiligkeit ſeines Zögerns abzulenken.*+ „Haben Majeſtät gehört— hihihi!— von den närriſchen Einfällen des— des— des Sir Octavius Bacuiſſart— anmaßenden Einfällen und— und— 4 »Gegeben, gegeben, Rigglesby! Hab' ſchon abge⸗ nommen, ſchon abgenommen.“« »Doch den Commodore noch nicht angenommen— hihihi!—'s iſt gottlos von mir, im Beiſein geheiligter Majeſtät zu witzeln— hoho— oh!« „Angenommen? nein! Kuxios das— was ſoll's,* was ſoll's?«* »Mit Verlaub, Majeſtät— ich hört's für gewiß«— und zur Königin gewendet fuhr er fort, als er ſah, daß ein klein wenig Schimpfen nicht übel aufgenommen werden würde:»Hihihi— ein höchſt gemeiner, ſchlecht⸗ erzogener, disloyaler Brutus, hat abermals gedroht— 4„ hoho— oh!— nach Hofe zu kommen— Angeſichts 8. aller Damen, hm— abſcheulich ohne— hoho!— ohne— höchſt unanſtändig!« Die vier königlichen Augen ſperrten ſich ausdrucks⸗ voll weit auf, und„Was? Wo? Wie? Wann?« er⸗ ſchollen in Einem Athem. ℳ »Nun, mit Majeſtäten Verlaub— er rühmt ſich hihihi!— eines Erbrechts unter Handveſte Heinrich's des Fünften, Ihres königlichen Ahnherrn«(eine echte Höflings⸗Uebertreibung),»nach Hofe kommen zu dür⸗ fen, wo Majeſtät auch Hof halten möge, oder wann eee. Der alte Commodore. 7 Majeſtaͤt zu Tafel ſitzen möge, und daß er ein Häpp⸗ chen von Majeſtäts beſtem Brote und ein Quartmaß beſtem Weine begehren dürfe—« „»Was, was, was? Mein Brot käuen? meinen Wein trinken? Unſinn, Rigglesby, Unſinn!“« „Ach, huldreiche Majeſtät,« verſetzte Rigglesby, in⸗ dem er pathetiſch ſeine Hand auf's Herz legte, und ei⸗ nen Seufzer mit einer Anſtrengung heraufzog, als hätte er einen vollen Eimer aus einem hundert Fuß tiefen Brunnen aufzuwinden—»Majeſtät wolle geruhen, mich zu verſtehen, wie er behauptet, das Recht zu uen— 24 ben, zwiſchen den Namenstagen des heil. Cuthbert Lindisfarne und des heil. Edmund zu Ihrer Maj zu kommen, und von dem 2 rote zu eſſen und it Weine zu trinken, die ſich auf der königlichen Speiſe⸗ tafel befinden, und ſolches Alles ſonder Erlanbniß noch Licenz— hoho— oh!l« » Nein, nein, nein, Rigglesby— ſplrs nicht, ſoll's nicht. Die De Courcy's kommen ſo ſchon herein mit dem Hut auf'm Kopf— auf'm Kopf; ſchlimm genug, ſchlimm genng; eſſen mein Brot und trinken meinen Wein! Nichts da, nichts da! und ſind nur Leibgardi⸗ ſten— Bogenſchützen⸗Officiere— nichts da!« »Ach, Sire! wollte Gott, das wär' das Schlimmſte an der Sache. Aber eben dieſer Baronet, dieſer Octa⸗ vius, der— der— der, ſagt er, ſei bere htigt, an je⸗ dem Tage zwiſchen Sonne und Mond während des Zeitraums zwiſchen beſagten Namenstagen des heil. Cuthbert von Lindisfarne und des heil. Edmund zu Hof zu kommen auf eine Weiſe— denken Sie nur— auf eine Weiſe, daß alle anweſenden Damen würden erröthen müſſen— o pfui!« Der alte Commodore. »Wie? müſſen? erröthen müſſen? und alle Da⸗ men? Das wär' abſcheulich, ganz abſcheulich!« »Möchte Ihre huldreiche Majeſtät ſich herablaſſen, zu errathen, wie er demnach zu kommen ſich berechtigt nennt—— hihihi— oh!« „Vielleicht ohne Schuhe und Strümpfe?« meinte der argloſe Monarch, während die Königin ihr Eſſig⸗ glas verlangte, und der junge Page der Königin mitt⸗ lerweile dem Ehrenfräulein den Arm zwickte, daß dieſe den leckerſten feinen Schrei ausſtieß, den man ſich nur denken kann. Es ſchien eine ſchauerliche Kriſis einzu⸗ treten, und Sir Rigglesbif ward mit jedem Momente feierlicher und wichtigthnender. Endlich ſprach er mit höchſt anmuthvollem Grauſen:„Mit Majeſtät allergnä⸗ digſtem Verlaub, er iſt rebelliſch genug, es zu wagen ſeine Frechheit noch höher zu treiben.« Die königlichen Lippen, durch deren Zucken die Welt zur Ehrfuncht geuöthigt ward, ließen es ſich gefallen, ſich zu einem wohlgeformten Kreiſe zu runden und den monarchiſchen Athem als ein leiſes Gepfeif hervorquil⸗ len zu laſſen, und obendrein als ein Gepfeif, das ziem⸗ lich luſtig klang. Daß das königliche Gemüth ſich ge⸗ kitelt fühlte, dürfen wir zu behaupten uns nicht an⸗ maßen; doch können wir ſolches von der königlichen Naſe wohl vermuthen, ſintemal dieſe eine ſtarke Rei⸗ bung von dem Zeigefinger der königlichen Rechte erlei⸗ den mußte. Der Königin mußte jedoch erſt noch Aufklärung werden. In ihrem prächtigen Deutſch⸗Engliſch, wel⸗ ches nachzuahmen wir viel zu loyal ſind, fragte ſie den Sir Rigglesby, wie denn jener barbariſche Commodore zu Hofe kommen wollte, da dieſer doch der geregelteſte, keuſcheſte und ſittigſte Hof in der ganzen Chriſtenheit * —j.—— —— — Der alte Commodore. 9 wäre? Nach einigen Umſchweifen im Vortrage ver⸗ ſtand Ihre Majeſtät die Königin endlich, daß ſeit der Zeit des fünften Harry das Haupt der Familie Ba⸗ cuiſſart ſich des Vorrechtes rühmte, nicht beengender als ein Officier vom Regiment der Hochſchotten geklei⸗ det an den Hof zu kommen; eines Vorrechtes, daß dem „ Baronet die Wahl ließ, ſich daſſelbe von der Krone — von Jahr zu Jahr abkaufen zu laſſen, oder demſelben, wenn er ſolchen Abkauf nicht geſtatten wollte, zu jeder 6 Zeit zwiſchen den beiden erwähnten Heiligentagen nach⸗ zuleben.— Irder, der nur die leiſeſte Ahnung von Philoſophie hat, muß einſehen, daß eine Nachricht, wie dieſe, für einen Hof eben dieſelbe Konvulſion iſt, die ein Berg bei einem Erdbeben erleidet. Es lag in ihr etwas Schauerliches, Unklares, Unbegreifliches. Die älteren Damen fühlten beſonders, wie das Haar ſich ihnen 1 ſteifte, und wie ihre hegeren Buſen ſich in ihren widerſpänſtigen Schnürleibern ſträubten. Die Neuigkeit flog, wie der Brand einer Zündruthe, durch jeglichen Korridor des Palaſtes. Köche, Küchenjungen und Küchenjungengehülfen empfingen die ſtaunenerregende Kunde und beſalbaderten ſie, bis ſie, mit Hülfe von Zuſätzen, Verdrehungen und Anmerkungen, als ſie die äußeren Schloßſchildwach erreichte, ſich zu der grauſen⸗ erweckenden Nachricht geftaket hatte, daß die Meuterei des Nore ſich erneuert hätte, und daß der fechtende alte Commodore um eine Bittſchrift wegen Abhülfe 5 von funfzehn Yards langen Uebelſtänden gegen Saint James an der Spitze ſeiner Kahnmatroſen, alleſammt in adamitiſchem Zuſtande, heranzöge. Nachdem dieß Gerücht ſeine Runde durch die Wacht⸗ ſtube gemacht hatte, kehrte es, wie es ſich geziemte, — 10 Der alte Commodore. um Vieles verbeſſert und berichtigt, wieder in den Pa⸗ laſt zurück, von welchem es zuerſt ausgegangen war, und lautete jetzt: die ganze Schiffsmannſchaft des Terrific⸗ raſe gegen den Palaſt heran, alle mit Kohlblättern um⸗ gürtet— das Warum und Wezhalb hievon müſſen wir den Naturaliſten zur Erklärung überlaſſen— und wollte bei Temple⸗Bar ſich mit dem Stadthahnspöbel vereini⸗ gen, der vor ihr ein in Blut getauchtes Kohlblatt auf einer dreißig Fuß langen Stange hertragen würde. Das waren fürwahr Zeiten entſetzlicher Aufregung! An alle dem beluſtigte unſer gefühlvoller Monarch ſich höchlich. Ihm ſchwebte eine Erinnerung vor, wie Sir Ockavius Bacuiſſart eines Tages den Sir Rigglesby, wegen einer von dieſem ihm geäußerten Dumnmdreiſtig⸗ keit, zu Portsmouth erſt mit einer Hand in die Goſſe ſtieß, und hinterdrein ihn wieder mit der andern Hand in die Höhe hakte—»wenn Hand das heißen kann, was doch nicht Hand iſt. Bevor alſo Seine Majeſtät wieder auf das ſeltſame Vorrecht des Commodore zu⸗ rückkam, von welchem derſelbe, nach Ausſage des Höf⸗ lings, Gebrauch machen wollte, mußte Letzterer ihm die Geſchichte von der Goſſe in Portsmouth erzählen. Der Speichellecker machte eben ſo viel Aufhebens davon, als der alte Commodore gemacht hatte, als er ihn aus dem Rinnſtein hervorholte. Der König war höchlich mit der Erzählung zufrieden, in gleich von Rigglesby nicht ein Gleiches geſagt werden kann; und die Whiſt⸗ partie nahm ein Ende, weil Fama all' ihre hundert Zungen in Bewegung geſetzt hatte. 7f — 8 Der alte Commodore. 11 Zweites Kapitel. „ Nennt mich einen Schurken, wenn Ihr mir nicht jederzeit willkommen ſeid, als mein beſter Freund.« „Maaß für Maaß.« »Es geht der Schmerz die eignen Wege, Wohnt bald als Schneck' im ſtillen Haus, Dringt bald in Gegners Luſtgehege, Bricht bald in bitt're Thränen aus; Doch bleibt er nun und immerdar, Wenn wahr er iſt, unwandelbar.« Anonymus.. Ich liebe die Konſtitution; ich ehre ihren Feudal⸗ Urſprung. Ihre Mangelhaftigkeiten ſind in meinen Augen Schönheitsfleckchen; ihr Moder iſt für mich die Quinteſſenz der füßeſten Düfte. Ich verehre die Lehens⸗ mannsdienſte, und finde Wonne in der ſpitzfindigen Aus⸗ zeichnung eines Edelmannes, eines Ritters und Frei⸗ ſaſſen. Als auf die he⸗ hobenſten Familien blicke auf diejenigen, die mit te werwuſtiche und unver⸗ äußerlichen Rechte bekleidet ſind, das Handtuch zu hal⸗ ten, während Seine Majeſtät ſich die königlichen Hände wäſcht. Beſonders aber thue ich das, wenn daran das andere zu beneidende Privilegium baumelt, nämlich der Beſitz von drei oder vier umfangreichen adeligen Gütern mit hoher und niederer Jagd. Kann das neugebackene Amerika irgend etwas ſo Glorreiches,⸗ 12 Der alte Commodorr.„ Würdevolles, Ehrfurchteinflößendes darſtellen, als eine von der urälteſten Zeit ſich herableitende Sitte, nach welcher es erlaubt iſt, des Königs Schlafgemach mit friſchen Binſen zu beſtreuen? Nein! ſolche und ähn⸗ liche Vorrechte ſind die Grundſteine, die Kyiſtallbaſis unſerer glorreichen Monarchie und unſerer unnachahm⸗ lichen Konſtitution, ſind die Bewunderung und der Neid uns umringender Natkonen. Ich darf mich dieſem Gegenſtande nicht länger hin⸗ geben; ich würde allzu beredt werden. Meine Beſchei⸗ denheit würde ſich verletzt fühlen, mich von jungen Par⸗ lementsmitgliedern in ihren Jungfernreden citirt oder vielmehr plagiirt zu ſehen. Ich uns innehalten.) Gegen Abend ward Seine huldreiche Majeſkäͤt der Aufregung inne, die, ſtets wachſend, ſich durch den Pa⸗ laſt verbreitete, und entſchloß ſich, zu unterſuchen, ob irgend ein Grund für ein ſo abgeſchmacktes Gerücht aufgefunden werden könnte. Gegen zehn Uhr, zu einer für einen ſo regelmäßig lebenden Mann überaus ſpäten Stunde alſo, ſchickte der König nach einem ſeiner ober⸗ ſten Heraldiker. Wer es war, der dieſem königlichen Auf⸗ rufe Folge leiſtete, weiß ich nicht, weiß nicht, ob's ein Wap⸗ Nuheruhd des Ordens vom Hoſenbande, ob's Rougecroir, s Norroy oder Clarencieur war. Gewiß aber war 21 ein Mann von reicher em und endloſem Work⸗ gepränge, und ſo Lateeeneas ederholungen, daß er bis zum Tode diejenigen Kreaturen auf Erden haßte, die nur einen eintönigen Laut hervorzubringen vermö⸗ gen, und mit ihm hartnäckig wetteiferten, immer Eins und daſſelbe lautwerden zu laſſen. Für einen ſolchen Mann war die Vorzeit die eigentliche Gottheit, und Alterthümlichkeit verlieh ihm den Ritus ſeiner Anbe⸗ tung. Ihm machte, ſag' ich, der König ſeine Beſorg⸗ ——, r ——17 Der alte Commodore. 13 niſſe kund, und befahl ihm, die Annalen der Vorrechte des Königshofes zu erforſchen, um zu entdecken, ob ein ſolches ad bonos mores ſo anſtoßendes Vorrecht eriſtirte oder nicht. Der Peamte im Wappenrock verſetzte allerſubmiſſeſt: daß, wenn ein ſolches Vorrecht eriſtirte, folglich zuge⸗ ſtanden und regiſtrirt worden wäre, es, wie es auch beſchaffen ſein möchte, auf keine Weiſe contra bonos mores ſein könnte. Was, was, was? Nicht? nicht wenn Einer das NRecht begehrt, in puribus natur—— »Majeſtät wolle geruhen! Es kann ſolches Recht höchſt beleidigend ſowohl gegen Ihre Majeſtät, als ge⸗ gen das Individunm ſein; dennoch muß es als der reinſte Weihrauchduft augeſehen werden, der Ihrer Majeſtät in Dero Charakter als der Quell aller Eh⸗ ren, als der Springbrunnen aller Ritterlichkeit und als der Lebensborn alles Adels dargebracht werden kann.« »Gut, gut.— Gehen und nachſehen.— Soll bei alledem das Recht nicht geltend machen— ſöll's nicht, ſoll's nicht!⸗ Der Hochgelahrte als Genealogiſt und der Allum⸗ faſſende in Etikette enthob ſich, nachdem er dieſe Aller⸗ höchſte Inſtruktion erhalten hatte. Seine großbritanniſche Majeſtät brachte eine hi unbehagliche Nacht hin, indem er während derete Aufhören träumte, er wäre nach und nach in die Ecke einer jeden Straße mekamorphoſirt worden, die ſich in ſeinen königlichen Städ⸗ ten London und Weſtminſter in der Linie von Charing⸗ Croß incluſive befinden. In Träumen giebt's ſeltſame Ideenverbindungen, und wohl hat Shakſpeare Recht, wenn er ſagt: „ Unruhig ſchlummert ein gekröntes Haupt, ⸗ 14 Der alte Commodore. ungeachtet der vielfältigen Tugendkräfte, die in einer baumwollenen Nachtmütze ſtecken. Früh am andern Morgen waren König und Wap⸗ penherold wieder beiſammen. Erſterer. zeigte ſich höchſt verdrießlich, Letzterer überaus verguügt; denn der He⸗ raldiker hatte eine wenigſteus dreihundert Jahre alte Handveſte entdeckt, laut welcher der König in ſeinem Jagdhauſe zu Falconditch dem Steward des Beſitzthums Treſtletree vierzig Schillinge jährlich zahlen ließ, damit der Eigner von Treſtletree für die Zeitfriſt Eines Jah⸗ res ſich der Anforderung und Ausübung ſeines Rechtes enthielte— ſeines Rechtes—— doch wir wollen das treffliche Latein hierherſetzen, in welchem jenes Recht abgefaßt worden war— des Rechtes:»intrandi in conspectu regis et suae reginae et suac regiae, do- minis proceribus presentibus, sine indusia, braceis, femoraliis, cuissibus aut ullis vestibus a puppi.« »„Bei meinen drei Königreichen!« rief Seine Maje⸗ ſtät mit Augen wie Leuchtkugeln,»von dem ganzen Wiſchwaſch verſteh' ich nichts, als die beiden letzten Worte»A Puppe,« die gewiß ſchwäbiſchen Urſprungs ſind— ja, ja, ja, ſchwäbiſch; und ein allerliebſtes Püpp⸗ chen mag der Kerl wohl ſein, wenn er——« »Allerſubmiſſeſt zu bemerken, und mit huldreichem königlichen Verlaub— d puppi iſt eine figürliche, für die porlica— hm! rae Redensart, und will heißen, daß wegen ei hochwichtigen Dienſtes, geleiſtet dem Könige Heinrich dem Fünften, geſegneten und glorreichen Andenkens, durch einen Urahn des Sir Octavius Bacuiſſart, kraft welchen Dienſtes dem jedes⸗ maligen Familienhaupte der Bacuiſſart's das Recht zu⸗ ſteht, in geziemenden Stunden in Ihrer Majeſtät Nähe, Palaſt und Hofhaltung zu kommen, ohne irgend — Der alte Commodore. 15 einen Gedanken von derjenigen Körperbekleidung zu tragen, durch welche einem Gentleman Knuieſchnallen nöthig gemacht werden dürften.« » Und iſt man der Meinung, daß ſolches Recht ein gutes Recht ſei?« »Sonder allen Zweifel iſt es das, Sire. Ihre Ma⸗ 5 jeſtät und Höchſtdero königliche Ahnen haben ſeit dreien Jahrhunderten jährlich vierzig Schillinge gezahlt, da⸗ mit ſothanes Recht nicht in Ausübung gebracht würde; und es ſteht in der Wahl des Sir Octavius, ob er in dieſem Jahre die vierzig Schillinge nehmen, oder ob, wenn Ihre Majeſtät zu Tafel ſitzen, er, um Allerhöchſt⸗ dero Brot zu eſſen und Allerhöchſtdero Wein zu trin⸗ ken, von der Hüfte abwärts ſo nackt wie eine Seejung. fer zu Hofe kommen will.« „Potz Fiſchchen! das könnte der alte Commodore? Wir wollen ein Wörtchen mit Mylord Staatskanzler reden.« »Wird ſonder Nutzen ſein, Majeſtaͤt. Das Recht des Baronets ſteht auf feſterer Grundlage als das Lan⸗ desgeſetz.⸗ „Durch einen Befehl des Staatsrathes wollen wir's dennoch über den Haufen werfen.« »Mit aller Submiſſion, Sire, muß ich bemerken, daß beſagtes Recht einen Fundamentaltheil der Konſti⸗ tution ausmacht.« 4 »Wir wollen dieß Recht kraft unſers königlichen Prärogativs unterdrücken,« ſagte der König und ſah dabei glorreich aus. »Allerſubmiſſeſt zu bemerken, Ihre Majeſtät wolle huldreichſt bedenken, wie Sie dann ebenſowohl daran denken könnten, die Thronfolge aufzuheben oder zu un⸗ terdrücken,« verſetzte der Verfechter des Alterthümlichen. — — Der alte Commodore. »Wir wollen uns eine Parlements⸗Akte verſchaffen, Mann, eine Parlements⸗Akte—« »Eine Parlements⸗Akte, Sire, iſt— eine Parle⸗ ments⸗Akte; doch bezweifle ich ſehr, daß ſelbſt dieſe—⸗ » Hinaus mit Dir, alter Narr! Eine Parlements⸗ Akte, Sir Moderig, vermag Alles; beſonders wenn et⸗ was mehr, als Gemein⸗Lächerliches, geſchehen ſoll.« Eine Stunde ſpäter ſagte der König zu der Köni⸗ gin:»Ich bin des Bedenkens geweſen, Madame, daß dieſer Sir Octavius Bacuiſſart ſich durchaus nicht als Officier und Gentleman benommen hat. Es ſteht ihm nicht zu, ein Loch in die Konſtitution dadurch machen zu wollen, daß er einen jungen Edelmann, einen von den Pfeilern des Staates, dahin bringt, ſich in's Meer zu ſtürzen und zu ertränken. Er ſoll abgeſetzt werden, gleich abgeſetzt, abgeſetzt werden.« »Wird er zu Hofe kommen?« »Wagt er es, in einem Zuſtande zu kommen, der die Hellebarden gegen ihn richten muß, ſo ſchwör' ich bei Dieſem und bei Dem, er ſoll angeſchnürt werden und ſelber ſeine ſechs Dutzend empfangen!« Das war edel geſprochen von dem Haupte einer be⸗ ſchränkten Monarchie! Ob dieſe Allerhöchſte Reſolution dem Commodore mitgetheilt ward, kann ha ſagen. Ich weiß nur, daß dieſer allſofort ſich abgeſetzt ſehen mußte, daß er die gegen die Lords der Admiralität ausgeſprochene Drohung niemals zur Ausführung brachte, daß er aber mit Gefühlen, die ſo kläglich ſein mochten, als die ei⸗ nes Miethkutſchengaules, der den ganzen Tag lang im Regen herumtraben muste, ſich hinab nach Treſtletree⸗ Hall begab, von des Königs Jagdſchloſſe Falconditch Der alte Commodore. ſeine vierzig Schillinge einzog, und nimmer und nimmer geneigt zu ſein ſchien, nach Hofe zu gehen. 1 Mit dem innigſten Bedauern muß ich jetzt meinem Leben als Hofmann Valet geben, und werde bloß noch ſagen, daß es lange, lange währte, ehe alle alten Wei⸗ ber in und um Saint James ſich von dem Schrecken erholen konnten, der ihnen durch des Commodore ange⸗ drohtes Kommen in naturalibus durch alle Glieder ge⸗ fahren war. Da wir der Hoffnung leben, daß gegenwärtig Alles, was ſich auf den alten Commodore bezieht, von höchſtem Intereſſe iſt, und wir den Wort⸗ ſchwall des Sir Moderig, des Wappenkönigs, nicht zu dem unſrigen zu machen gedenken, ſo wollen wir in Kürze erzählen, auf welche Weiſe die männlichen Re⸗ präſentanten der Familie Bacuiſſart zu dem ſonderbaren Rechte gelangten, den Bergſchotten in deren Kilts, oder Filibegs, oder kurzen Lendenſchürzen, nacheifern zu dürfen. Immer, wenn Ihr Euren Feind geſchlagen habt, iſt's am räthlichſten, deſſen eigenen Bericht von dem Hergange, ſobald Ihr deſſen habhaft werden könnt, als Thatſache anzunehmen; ich werde demnach keine neue Beſchreibung von der Schlacht von Azincourt verſuchen, ſondern nur ſo viel erwähnen, als davon, im Zuſam⸗ menhange mit der Geſchichte des ſonderbaren Privile⸗ giums unſers alten Commodore, zu erwähnen nöthig iſt. Napin erzählt uns, daß die Engländer»malades, pour la plüpart de la dyssentérie, qui les n'avait point quittez depuis leur départ d'Harfleur«*), waren la plüpart *)» Größtentheils krank am Rothlaufe, der ſie ſeit ihrem Abzuge von Harfleur nicht verlaſſen hatte.« 1 Der Ueberſ. Der alte Commodore. II. 2 3 18 d'entre-eux reduits 4 la nécessité de combattre tous nuds de la ceinture en bas à la cause de ceite leur maladie qui les presse.«*) So viel über den allgemeinen Zuſtand der Kämpfer; und jetzt müſſen wir Zuflucht zu dem alten Monſtrelet nehmen, inſofern derſelbe ſich auf den beſonderen An⸗ theil bezieht, welchen der berühmte Thomas Epinhen, der fechtende Ahnherr des fechtenden alten Commodore, an jenem unvergeßlichen Treffen nahm. Monſtrelet ſagt: 4 „»Et là se tiendrent tout coyement jusques à iant qu'il füt iemps de traire, et ious les autres Anglois Der alte Commodore. 4 demourérent avec leur roy; lequel tantost feit or- donner sa bataille par vn chevalier chenu de vieillesse, nommé Thomas Epinhen, meitant les archiers au front deuant, et puis les gensd'armes. Et apres feit. ainsi comme deux esles de gensd'armes et archiers, et le chevauls et bagages fut mis derriere lost. Les- quels archiers ficherent deuant eux chacun un pen- chon aiguisé à deux bouts; iceluy Thomas enhorta à ious generallement de par le dit roy d'Angleterre, qu'ils combattissent vigoureusement pour garantir leurs vies; et ainsi cheuauchant luy troisiesme par deuant la dicte bataille, apres qu'il eut feit lesdictes ordonnances jeita en bault un baston qu'il tenoit en sa main, en disant'néstroque,“ et descendit à pied comme estoit le roy, tous les autres: au jetter le dit baston tous les Anglois soubdainement feirent une tres grand criéc, dont grandement s'esmerveillirent *)»Die meiſten von ihnen in die Nothwendigkeit nerſetzt, wegen dieſer ihrer Krankheit vom Gürtel abwärts ganz nackt zu kämpfen.. Der Ueberſ. Der alte Commodore. 19 les Francois. Et quand lesdict Anglois veirent que les Francois ne les approchoient, ils allerent devers eus tout bellement par ordonnance, et derechef feirent un tres grand cry en arreslant et reprenant leur 4 alaine. Etl adonc les dessusdicts archiers abscons au- ½ dit pré, tirerent vigoureusement sur les Francois, en . eslevant comme les autres grand huce, et incon- tinent les dits Anglois approchans les Francois, pre- mierement leurs archiers, dont il y'en auoit bien treize mille, commencerent à tirer à la volée contre iceus Francois d'aussi loing qu'ils pouvoient lirer de toute leur puissance, desquels archiers la plus grand partie estoient sans armeures en leurs pourpointeaux, leurs chausses auallées ayans haches pendues à leur courroyes ou espées et si en y'auoit aucun lous nuds . pieds et sans chapperon*). Nachdem unſer Kriegs⸗Iſegrim Thomas dieſen guten Dienſt geleiſtet hatte, ward er, als das Handgemenge *) Obſchon heut zu Tage. das Ueberſetzen von Dramen und Komödien und Melodramen und Vandcvillen aus dem Franzöſiſchen bethätigt, wie jede unſerer ſchönen Leſerinnen 1 ſich, ſo ſie ſelbſt eben keine Luſt dazu verſpürt, obige hi⸗ ſtoriſche Stelle von der Handlangerin ihrer Modiſtin oder von dem Ladenburſchen ihres Parfümerie⸗Lieferanten würde vom Flecke weg überſetzen laſſen können, wollen wir, auf * dieſes Buches Titelblatte benannter Ueberſetzer vorliegen⸗ den unſterblichen Romans, doch aus Artigkeit gegen das ſchöne Geſchlecht uns nicht ſcheuen, uns jenen Franzöſiſch⸗ Ueberſetz⸗Handwerkern für ein Weilchen anzuſchließen, und 7 vorbeſagten Paſſus in deſſen deutſcher Bedeutung folgen⸗ dermaßen hierherſetzen: » Und hielten ſich dort fein ſticl, bis daß es Zeit wäre, loszuſchlagen, und alle übrigen Engländer blieben. bei ihrem Könige, welcher alsbald ſeine Heerſchaar durch 1 einen vom Alter eisgrauen Nitter, Namens Thomas. .. 2* Der alte Commodore. allgemeiner ward, durch das Drängen des Gefechtes der Stätte zugeſchoben, wo Heinrich ſelbſt ſtand und— um uns der hiſtoriſchen Redensarten zu bedienen, Wun⸗ der der Tapferkeit that.« Epinhen, befehligen läßt, ſo daß er die Bogenſchützen vorn in Front, und dann die Schwerreiterei aufſtellt. Und nachdem auf ſolche Weiſe zwei Flügel von Schwer⸗ reitern und Bogenſchützen gebildet waren, ſchaffte man die Gäule und das Gepäck hinter das Heer. Beſagte Bogenſchützen pflanzten einen an beiden Enden geſchärf⸗ ten Stecken vor ſich auf; und genannter Thomas er⸗ mahnte alleſammt im Namen des gedachten Königs von England, wie ſie tüchtig kämpfen möchten um ihres ei⸗ genen Lebens willen; und indem er alſo zum Dritten vor die beſchriebene Heerſchaar hintritt, warf er, nach⸗ dem er die erwähnten Befehle ertheilt hatte, einen Stab, den er in der Hand hielt, in die Höhe, rief da⸗ bei néstroque, und ſtieg dann vom Gaul und ſtand zu Fuße, wie der König ſtand, ſammt allen Uebrigen. Bei'm beſagten Stabaufwerfen erhoben alle Engländer plötzlich ein überlautes Geſchrei, worüber die Franzoſen ſich in nicht geringem Maße verwunderten. Und als die beſagten Engländer ſahen, wie die Franzoſen ihnen nicht naheten, liefen ſie, Befehls gemäß, ihnen ſchlank⸗ weg entgegen, und erhoben von Neuem ein überlautes Schreien, nachdem ſie ſtille geſtanden waren und Odem geſchöpft hatten. Und ſodann ſchoſſen die vorerwähnten, auf obenbeſchriebener Wieſe verſteckten Bogenſchützen kräftiglich auf die Franzoſen, indem ſie, gleich den Uebrigen, ein überlautes Schreien erſchallen ließen; und unmittelbar darauf näherten die gedachten Englaͤnder, die Bogenſchützen, deren wohl an dreizehntauſend ſein mochten, voran, ſich denen Franſchen, und ſchoſſen ge⸗ gen eben dieſe von ſo weit her, als ſie ſchießen konn⸗ ten aus aller Gewalt, und hatten beſagte Bogenſchützen zum größten Theil keine Rüſtung über ihren Wämm⸗ ſern, hatten ihre Hoſen von ſich gethan, und an ihren Gürteln Streitärte oder Degen hangen; auch waren Einige unter ihnen barfuß und ſonder Kopfbedeckung.“« Der alte Commodore. 21 Nun war dieſer Ahnherr der Bacuiſſarts, Sir Tho⸗ mas Epinhen, ein rauher und echter alter Englands⸗ ritter, der aus bloßer Liebe zum Kriege und aus An⸗ hänglichkeit an des Königs Perſon ſein ganzes vä⸗ terliches Erbe verkauft, auch ſich ſelber während des ganzen Feldzuges überaus tapfer bewieſen. Er hatte das Leiden Aller mitgetragen, und that, gleich dieſen— wie es bei Voltaire heißt—»ſein Beſtes, die gebilde⸗ teren Franzoſen in eine trübſelige Holterpolter⸗Flucht zu jagen. Ehe jedoch die Beſcheidenheit der Gallier ſo furchterlich geſtachelt ward, daß dieſe vor der Frechheit ihrer Gegner das Haſenpanier ergriffen, ward der rit⸗ terliche Heinrich ſelber zu Boden geworfen und von ei⸗ nem Feindeshaufen umringt. Seine Lage war gefähr⸗ lich, als glücklicherweiſe Sir Thomas Epinhen in das Handgendenge drang, ſich Bahn hieb, den hingeſtreckten König beſchritt, und, obzwar bewehrt und im Barett, doch keine Hoſen oder, wie ſie in der altnormänniſchen Sprache hießen, keine»cuishes« über ſeine Lenden ge⸗ zogen hatte. Obgleich die Majeſtät ſich daniedergeſtreckt wußte, war ſie doch keineswegs ſo ſehr verletzt oder ſo ſehr entmuthigt, daß ſie ſich durch das Lächerliche ihrer Lage nicht gekitzelt gefühlt hätte. Sobald der König aus dem Gewühl herausgehauen worden war und den tap⸗ fern Degen Thomas Epinhen umarmt hatte, fragte er froh gelaunt dieſen, wie er es gewagt hätte, die Maje⸗ ſtät von England mit ſo vieler Unwürdigkeit zu trak⸗ tiren. Als nun die Schlacht zu Ende kam und jegliche weitere Gefahr beſeitigt worden war, ließ der König ſeinen Befreier vor ſich beſcheiden, umarmte ihn noch⸗ mals Angeſichts des ganzen Hofes, und erkannte ihn öffentlich für ſeinen Lebensretter, und demnach, aller Der alte Commodore. Wahrſcheinlichkeit nach, für eine der nächſten Urſachen zu dem errungenen glänzenden Siege. Dieſes fand ſo unmittelbar nach dem Treffen Statt, daß Sir Thomas noch immer in ſeiner Sansculotten⸗Modetracht einher⸗ ging, und deßwegen eine Entſchuldigung ſtammelte, wo⸗ gegen jedoch der König einen feierlichen Eid ſchwur, daß er, nämlich Sir Thomas Epinhen, und deſſen Nachkommen für ewige Zeiten berechtigt ſein ſollten, ſo oft ſie es für dienlich erachten möchten, vor dem Könige von England, im Lager oder auf dem Schlacht⸗ felde, in Stadt oder zu Hof, in eben dem Anzuge er⸗ ſcheinen dürften, in welchem der Retter des Monarchen jetzt vor dieſem ſtand. Sofort befahl König Heinrich, dem Ritter eine Handfeſte darüber auszufertigen, in welcher überdieß dem tapfern Degen für ſich und ſeine Erben bis in die ſpäteſten Zeiten ſonderliche umfang⸗ reiche Ländereien und Landſchlöſſer verliehen wurden, unter denen Schloß Treſtletree eines der bedeutendſten war. Ferner ward dem Namen, den Sir Thomas der⸗ zeit führte, ein Beiname gegeben, ſo daß er während ſeines Lebens und in allen auf ihn bezüglichen Urkun⸗ den Sir Thomas Epinhen Bascuiſſarts, in witziger Anſpielung auf die Beſchaffenheit ſeines Anzuges in der denkwürdigen Schlacht von Agincourt, genannt ward. Endlich ward ihm noch geſtattet, auf der Außenſeite ſeines Schildes drei Stäbe zu zeigen, deren Träger ein bis zu den Hüften geharniſchter Ritter, von den Hüf⸗ ten an aber, in der Sprache der Wappenkunde ausge⸗ drückt, ein»alleigentlicher Menſch« ſein durfte, über welchem das Motto»Néstroque«* ſtand. *) Néstroque— Stock weg! Der Urſprung dieſer ietzt auf allen Gaſſen ſo pöbelhaft gemein gewo rdenen Der alte Commodore. 23 Im Verlaufe einiger Generationen fiel der Fami⸗ lienname Epinhen weg, und die Schreibung des Bei⸗ namens Bascuiſſart veränderte ſich in Bacuiſſart, welches letztere Wort auf See zur Zeit des alten Com⸗ modore gemeinhin in Backyſquirt verwandelt ward. Welche ferneren Umwandlungen der Name ſpäterhin er⸗ litten haben möchte, wenn männliche Erben vorhanden und dieſe Seefahrer geweſen wären, würde zu ergrübeln unnütz ſein, da derſelbe erloſch und in den Namen über⸗ ging, den die Familie—— doch ich darf der Geſchichte nicht vorgreifen. Nach Tobias Lumpkin's Weiſe hab' ich eine lange Kreuzfahrt gemacht, und den Leſer auf eben den Punkt zurückgeführt, von wannen er mit mir ausſegelte, als der alte Commodore ſein ſtentoriſches»Potz Wetter!« erſchallen ließ. Wir wollen nicht bei jenen Jahren verweilen, in denen bei dem Alten, nach deſſen Abſetzung vom Kom⸗ mando, Unthätigkeit und Krankheit folgten, ſondern bloß ſagen, daß er von Badeort zu Badeort als ein Märtyrer der Reue, des getäuſchten Ehrgeizes, der Redensart leitet ſich von jener Befehlshabergewalt des Ahnherrn unſeres alten Commo her. Wenn die Bo⸗ genſchützen zur Schlacht gingen, pflegten ſie in ſchräger Richtung lange ſpitzige Stäbe vor ſich aufzupflanzen, um mittelſt derſelben den Angriff der feindlichen Rciterei ab⸗ zuwehren, während ſie hinter denſelben ihre Bolzen ver⸗ ſchoſſen. Als Sir Thomas Epinhen ſah, daß die Franzo⸗ ſen zu höflich waren, um den Angriff zu beginnen, rief er ſeinen Mannen jenes»Stock weg!« zu— jenes „ Néstroque!« d. h.:»Werft die Stäbe weg und hur⸗ tig über den Feind her!« Aum. d. Verf. 24 Der alte Commodore. Langeweile, der Gicht und kauſend eingebildeter Uebel reiſete; daß er in faſt zur Gewohnheit werdende Trunk⸗ ſucht verfiel; daß ſeine rohen Sitten faſt jeden Beſu⸗ chenden von ihm entfernten, und daß er durch ſeine⸗ blinde Nachſicht und Affenliebe ſeine ſchöne Tochter zu 3 jenem verzogenen und faſt verderbten Geſchöpfe umge⸗ wandelt hatte, als welches wir ſie Eingangs unſerer Erzählung dem Leſer vorgeführt haben. Uns liegt jetzt nur ob, die ſyſtematiſche und beinahe wahnwitzige Verfolgung zu ſchildern, die Lady Aſtell gegen ihren Bruder walten ließ. Da Einer von jenen fürchterlichen Auftritten zu Beſchreibung ſolcher Verfolgung hinreichen wird, ſo wollen wir denſelben dem Leſer vor Augen ſtellen, und dann ſo ſchnell, als es uns möglich iſt, zu angenehme⸗ ren und luſtigeren Gegenſtänden übergehen. Die Geiſtesſtärke der auf ſo grauſame Weiſe kinder⸗ los gemachten Lady wurde durch dieſe Unthat gänzlich danieder geworfen; der Dame Gleichmuth ſchien gänz⸗ lich zerſtört worden zu ſein, und ihre Ueberſpanntheiten konnten jetzt faſt als Zeugnißablegung von Verſtandes⸗ zerrüttung angeſehen werden. Die Gefühle, welche Lady Aſtell gegen Sir Octavius Bacuiſſart hegte, konnte man nicht als Verlangen nach Rache deuten. Hätte man ſie deſſen angeklagt, ſo würde ſie ſolches ab⸗ geleugnet und den Verkläger mit Hohn zurückgewieſen haben. Sie nannte ihr Thun eine Vergeltungsübung, ein Erwecken der Rene, eine zeitliche Plage, um den Mörder ihres Sohnes vor ewiger Strafe zu bewahren; ſie wußte, daß dieß ihr Thun ihm unſägliche Marter bereitete; allein ſie vollführte daſſelbe als Mittel zu ſeiner Seelen⸗Erlöſung. Edelmüthig ertrug der alte ———n— ——————— Der alte Commodore 25 Commodore die Verfolgung, als Bruder, als Mann und als Chriſt. Lady Aſtell lebte in der ſtrengſten Zurückgezogenheit. Für Daviel Danvers hatte ſie bereits inſofern ge⸗ ſorgt, daß ſie ihm eine Jahrrente von achtzig Pfund ausſetzte und ihm ein Unterkommen als Midſhipman auf der Fregatte verſchaffte, die von ihrem Neffen, dem Kapitän Oliphant, befehligt ward. Da Daniel der verwaiſete Sohn eines im Treffen bei Bridport gefalle⸗ nen Officiers war, ſo bedünkte dieſe Beförderung und Unterſtützung ihn fürſtlich. Er konnte nun in Kleidung und Lebensweiſe es ſeinen Schiffsmaaten gleichthun, und diejenigen Ausgaben beſtreiten, zu denen junge Gentlemen im Flottendienſte gewiſſermaßen genöthigt ſind. Nachdem Lady Aſtell ſolchermaßen für den Freund ihres Sohnes geſorgt hatte, den ſie als eigenen Sohn geliebt haben würde, wenn ſie außer dieſem irgend Etwas hätte lieben können, befand ſie ſich, wie ſie es gewünſcht hatte, gänzlich allein, wollte nicht einmal den Gemeinde⸗ pfarrer ſehen, und verſchloß ſogar, zum erſten Male in ihrem Leben, ihre Thür vor dem ehrlichen Underdown. Ihre Dienerſchaft mußte ſich in die tiefſte Trauer kleiden. Ihr Wagen zeigte ſich ſchwarz und begräbniß⸗ artig, und ließ kein Wappen auf ſeinem Schlage wahr⸗ nehmen. In ihrem Leidtragen lag ein Schauerprunk; ſie bediente ſich nur der ſchwärzeſten Pferde, und kam aus ihrer grabähnlichen Klauſe nur dann hervor, wenn ſie zum einſamen Gebete in die Kirche ging, oder auf Verfolgung des alten Commodore auszog. Sie ſelbſt kleidete ſich in die tiefſte Trauer, und ihr weißes Witt⸗ wenſtirnband, durch welches ſie jegliches Haar auf ih⸗ rem Haupte vor den Augen der Menſchen verbarg, war das einzige Nichtſchwarze in ihrem Anzuge. So ange⸗ 26 Der alte Commodore. than, durchzog ſie in ihrer ſchwarzen Kutſche mit vier ſchwarzbehangenen Rappen, von ſtummen, ſchwarzgeklei⸗ deten Dienern begleitet, die Grafſchaft, und beſuchte die beiden einzigen Oerter, zu denen ſie ſich je⸗ mals begab,— nämlich die Gemeindekirche und Treſt⸗ letree⸗Hall. Dieſer Zug, der ſich jederzeit langſam und feierlich bewegte, hatte völlig das Anſehen eines Leichenzuges, nur daß die nickenden ſchwarzen Federbüſche auf den Köpfen der vier Rappen fehlten, und daß das bleiche, geſpenſtartige Weſen innerhalb des ſargartigen Wagens lebte und athmete. Der Commodore war kaum drei Tage lang ſeit ſei⸗ ner Ankunft in ſeiner Stammwohnung anweſend, als er an einem Nachmittage, voll Verdruſſes über ſeine Abſehung, voll Rene über ſein Thun an ſeinem unglück⸗ lichen Neßen, und jämmerlich in ſeinen Gliedern von der Gicht gequält, von ſeiner Rum⸗ und Waſſer⸗Miſchung mit einem Fluche auffuhr, indem er gewahrte, wie das, was er für einen Begräbnißzug hielt, die Allee zu ſeiner Behauſung herauffuhr. » Höll'— holla! Underdown— hoihoi! Feuer und Flamme! Sehen Sie's? Mich ſoll das Donnerw——, wenn Jeder windwärts auf dieſen armen, elenden, kläg⸗ lichen Leib losſtürmen darf, der einſt der fechkende Com⸗ modore hieß. Will ich doch notoriſch durch und durch verd— ſein, wenn da nicht der ſalbadrige Sohn eines meſſingenen Theekeſſels, der Pfarrer, ſich das Recht an⸗ maßt, über mein Gehöft, und gerade unter meinen Fen⸗ ſtern vorbeizufahren! O dieſe Gicht, dieſe infernal'ſche Gicht! Ich kann mich nicht rühren. Auf, Underdown, fahr' auf, Mann! Ruf'alle Diener, alle Reitknechte, alle Stallburſche, alle Beſenſtiele und Knittel zuſammen; Der alte Commodorc. 27 ſtell' Dich an ihre Spitze und jag' das freche Volk fort. Hurtig, ſonſt wird mein Gehöft zu'ner vollkommenen Heerſtraße gemacht, wo ich mein Kauröllchen'rum⸗ ſchmeißen kann!« »Werther Sir,“« verſetzte der Gelaſſene in ſeinem gewöhnlichen milden Tone,»Sie machen, daß ich am ganzen Leibe zittere. Das da iſt kein Leichenzug, Sir! Bedenken Sie Ihre Gicht, und das Elend, von wel⸗ chem unlängſt dieß Haus befallen ward. Mein theurer Commodore, hören Sie Ihren alten Freund, mäßigen Sie ſich— um meinetwillen thun Sie's— weil— weil mich dünkt, es komme Ihre Schweſter, die ſchwer heimgeſuchte Lady Aſtell, dahergefahren, um Ihnen ei⸗ nen Beſuch abzuſtatten.« 3 »Ha!« ſtöhnte der Commodore, indem er, ſonſt ein Held in den Schlachten ſeines Vaterlandes, vielleicht zum erſten Male in ſeinem Leben erblaßte. „Ja, ja, ſo iſt's,« fuhr Underdown fort, als im Lei⸗ chenzugsſchritt der Wagen unter dem Fenſter vor⸗ überkam. »Schafft mich fort!— Meine Krücken her und ſchafft mich fort. Will Niemand mich aufhiſſen und ſich mit mir davonmachen? Wo iſt der große vierſchrötige Kerl, William Butler? Der kann mich tragen. Ich will ſie nicht ſehen, kann ſie nicht ſehen— kann nicht!« »Ich aber kann's und will's!« rief Miß Rebekka. »Ja, ja, ich will! Wir wollen von dem armen Augu⸗ ſtus reden!« »Satau!« ſchrie der Vater, indem er ein unange⸗ brochenes Glas mit Arznei aufraffte, und es nach ſei⸗ ner Tochter geworfen haben würde, wenn die vermit⸗ telnde Hand des Freundes ihn nicht daran verhindert Der alte Commodore. 28 hätte. In dieſem Augenblicke öffnete ſich die Thür, und herein in das Gemach glitt die Schattengeſtalt der Schweſter des Commodore. „Es iſt nichts Lebendiges! Es iſt ein Geiſt! Sind wir nicht ledig dieſer ſchauerlichen Heimſuchungen bei hellem Sonnenſcheine? O Herr des Lebens, überhebe mich dieſes Anblickes!« und durch und durch erſchüttert, bedeckte der Commodore ſein Geſicht mit ſeinen Händen. Die nämliche Rebekka, die vorhin ſo eigenwillig mit ihrer Tante hatte reden wollen, huſchte kreiſchend in den fernſten Winkel des Zimmers, und blieb dort ſitzen, ihr Geſicht gegen die Wand gekehrt. Mr. Underdown wollte ſich der ſchauerlichen Erſchei⸗ nung nähern, allein dieſe winkte ihn mit ernſter Ge⸗ berde von ſich ab. Miß Mathilde ſaß bebend auf ih⸗ rem Armſtuhle, von dem ſie Schreckens halber ſich nicht erheben konnte, während ihr Schrecken jedoch zu mäch⸗ tig war, als daß ſie gehörig hätte in Ohnmacht ſinken können. Eine Todtenſtille trat ein, die nur durch Re⸗ bekka's Schluchzen im fernen Zimmerwinkel unterbro⸗ chen ward. 1 Underdown nahm zuerſt das Wort.»Lady Aſtell, a ſprach er in ſeinem mildeſten Tone,»wahrlich! dieß iſt nicht wohlgethan. Ungütig iſt es von Ihnen, unſere Bekümmerniß durch das noch zu erſchweren, was ich, ſo zu ſagen, für einen Theateraufzug anſehen muß. Nicht um mehr als tauſend Welten willen möcht' ich Ihnen wehe thun.— Ihr Schmerz iſt heilig vor mei⸗ nen Augen— o bitte, bitte! ſpotten Sie dieſes Schmer⸗ zes nicht ſo; entwürdigen Sie nicht ſich ſelbſt auf ſolche Weiſe. Sie ſind blaß— Sie ſind krank; Ihr Geſicht ſieht todtenähnlich aus. Sagen Sie mir, theure Lady, weiß Ihr Arzt um dieſe Ihre Beſuchabſtattung? Bei * — Der alte Commodore. 29 meinem Leben! er kann nichts davon wiſſen. Wollen Sie nicht zu mir reden? nicht zu mir, Ihrem alten, treuergebenen Freunde? Wollen Sie mich— wollen Sie uns Alle von ſich ſtoßen, ſo thun Sie es auf eine minder geſpenſtiſche— thun Sie es auf menſchliche Weiſe. Wollen Sie ſich nicht ſetzen? O, reden Sie zu mir!« Währeud dieſer Aurede blieb Lady Aſtell ſo regungs⸗ los, als ob ſie auf der Stelle, auf welcher ſie ſtand, in Stein verwandelt worden wäre.»Kein Geiſt des Lebens war in ihrem Auge.« Zweimal regten ſich ihre lautloſen Lippen; dann endlich hauchte die Dame lei⸗ denſchaftslos und empfindungslos die Worte aus: »Befehlt dem Manne dort mir in's Geſicht zu ſehen!« Der Commodore heftete jetzt einen Schreckensblick auf ſie, rang nach Redekraft, und ſtammelte dann: „Schweſter, ich habe ein ſchreckliches Unrecht an Dir begangen; doch nehme ich Gott zum Zeugen, daß ich unſchuldig an dem Tode des Jünglings bin. Ich that alles, was ein ſchwacher und alter Mann thun konnte, um ihm das Leben zu retten. Daß ich harſch gegen ihn war, ſehr harſch, tyranniſch harſch— wit Scham, mit aller Bitterkeit nimmerſterbender Reue bekenn' ich es; aber, o Agnes! iſt dieß ein Weg, auf welchem Bruder und Schweſter zuſammentreffen ſollten?« „» Gieb mir mein Kind!⸗ „»Warum willſt Du mir alſo meine wenigen übri⸗ gen Lebenstage verkürzen? Haſt Du der Rache nicht ſchon genng auf das Haupt des einen Dir übriggeblie⸗ benen Bruders gehäuft? Haſt Du nicht Schmach über mich gebracht, Angeſichts meines Monarchen? Haſt Du mich nicht in meiner Dienſtbeſtallung entehrt? mir nicht * 30 Der alte Eommodore. den einzigen Weg verrammelt, auf dem ich mich nütz⸗ lich erweiſen könnte? mich nicht des alleinigen Mittels beraubt, durch welches ich meine Schuld ſühnen könnte, indem ich den Reſt meines elenden Lebens im Dienſte für mein Vaterland dahingäbe? O Agnes, meine Schwe⸗ ſter! iſt dieß noch nicht geung?⸗ „Gieb mir mein Kind!« „»Ich wollte, ich könnte Dir's geben, und das mei⸗ nige dazu! Er iſt im Himmel— in Gottes heil'ger Hand. Auguſtus, blick' herab auf Deinen unglückſeli⸗ gen Oheim und richte zwiſchen mir und Deiner ſtein⸗ herzigen Mutter?« 1 „»Mein Kind— mein Kind— mein Kind!« „»Agnes, kann mein Tod Dich zufrieden ſtellen? Tauſendfacher Tod wäre dieſer Marter vorzuziehen. Vergieb mir, Agnes! Ich will vor Dir knieen— ich, der nimmer vor einem Sterblichen knieete. Nenne uur ——:— einmal mich im Tone früherer Zeiten Deinen Bruder, und ich will zu Dir hinkriechen und den Saum Deines Kleides küſſen. »Menſch mit einem Herzen von Erz in der Bruſt, ich komme, um mein Kind von Dir zu fordern. Horch auf! hier iſt meine Vollmacht dazu.« Und aus ihrem Buſengewande holte ſie den verhängnißvollen Brief her⸗ vor, und las ihn mit lauter Stimme. „»Du ſiehſt, daß ich nur der Stimme gehorche, die aus dem tiefen, ſturmdurchwühlten Grabe im Ocean erſchallt. Ich fordere mein Kind. Der Verderber er⸗ bebt vor der beraubten Mutter. Aber ich will wieder zu Dir kommen, und immer und immer wiederkommen. Ich habe nur Eine Forderung— mein Kind! Gieb mir mein Kind, Mörderl« Sie wendete ſich und ging von dannen, ohlle auf Der alte Commodore. 3¹ irgend einen der ſie umgebenden Perſonen und Gegen⸗ ſtände im geringſten zu achten. „Das iſt Irrſinn,« ſtöhnte der arme Underdown. »Mir bricht das Herz— helft mir zu Bette!« waren die einzigen Worte, die für mehrere Tage der beklagenswerthe alte Commodore hören ließ. Lady Aſtell kehrte wieder, und kehrte immer und immer wieder und that die nämliche eintönige, ſchauer⸗ liche Forderung. Nimmer wollte ſie einen Sitz ein⸗ nehmen, noch auf irgend eine der kleinen Höflichkeiten des geſelligen Lebens eingehen. Jeden Anderen, der nicht die eiſenfeſte Körperbeſchaffenheit ihres Bruders gehabt hätte, würde ſie durch ihr geſpenſterartiges Erſcheinen getödtet haben. Vieles und Manches ver⸗ ſuchte Octavius, um dieſen Beſuchen auszuweichen; je⸗ doch vergebens. Einmal, als er ſich weigerte den düſte⸗ ren Trauerzug in ſein Parkthor einfahren zu laſſen, blieb Lady Aſtell draußen acht Stunden lang bei dem entſetzlichſten Unwetter halten. Alle ihre Begleiter ſchienen mit eben demſelben mitleidsloſen Geiſte, wie ſie ſelbſt, begabt zu ſein. Reiter und Diener hielten ſich beinahe regungslos während all' jener Zeit an ihren Plätzen. Anfänglich verſammelten ſich die Dörfler zu Dutzenden, endlich zu Hunderten, um das Fuhrwerk der Dame; Alle wußten, weßhalb dieſe gekommen war, und das allgemeine Mitleid der rings umher Wohnen⸗ den ward ihr in Fülle zu Theil. Dieſe ihre hartnäckige Geduld trug endlich den Sieg davon. Das Ziſchen und Schimpfen des Pöbels drang endlich in's Herrn⸗ haus; die Thore deſſelben wurden geöffnet, und von mehreren Hunderten umſtanden, ſtieg die Dame wie gewöhnlich aus und trat in die Vorhalle von Treſt⸗ letree. 4 Der alte Commodore. Der Pöbel verlief ſich ohne weiter Lärm zu machen. Die Zuſammenkunft fand wie das vorigemal Statt. Lady Aſtell ließ nicht den mindeſten Verdruß darüber blicken, daß man ihr den Eintritt geweigert hatte; ſie beſchränkte ſich durchaus auf ihre Forderung und auf ihr. Vorleſen des Briefes. Von jenem Tage an ver⸗ ſchloß man ihr niemals wieder die Einfahrtpforte. Der alte Commodore machte noch Einen Verſuch, um dieſes lebendigen Geſpenſtes ledig zu werden, allein da dieſer ebenfalls mißglückte, ergab er ſich verzweif⸗ lungsvoll in ſein Schickſal. Er reiſete nämlich nach einem entlegenen Badeorte, allein, kaum war er drei Tage dort geweſen— ſiehe! ſo hielt auch der Trauer⸗ wagen vor ſeiner Thür. Wie gewöhnlich empfing Octa⸗ vius ſeine Schweſter und reiſete mit Poſthaſt nach Treſtletree⸗Hall zurück Es war am gerathenſten, den Skandal auf die möglich engſten Grenzen zu beſchrän⸗ ken. Dieſe Heimſuchungen fanden nicht nach regelmäßi⸗ ger Ordnung, wohl aber nach obſchwebendem Gemüths⸗ zuſtande der Lady Aſtell Statt. Bisweilen erhielt der Commodore zwei, ja drei raſch auf einander folgende Beſuche; dann verfloſſen Monate, ehe die Dame ſich ihm wieder zeigte. Zur Ehre des alten Commodore müſſen wir erwäh⸗ nen, daͤß, wenn man in ihn drang, er ſollte als der nächſte Verwandte ſeiner Schweſter, dieſe unter Staats⸗ genehmigung wie eine Wahnſinnige in Verwahrſam bringen laſſen, er ſolches Anſinnen ſo ernſt und ent⸗ ſchieden zurückwies, daß Niemand es wieder gegen ihn zu äußern wagte. So vergingen Jahre, bis zur Zeit, in welcher wir unſere Geſchichte in dem erſten Kapitel derſelben eröffneten. —— Der alte Commodore. 33 Drittes Kapitel. „ Guckend durch ihr Augenglas, Treiben Gecken ihren Spaß Mit dem alten Commodore; Schrei'n:„Ei, ſeht den Commodore, Seht den alten Commodore, Den brumm'gen alten Commodore, Den gicht'riſchen alten Commodore Hehehe! hehehe! Wißt, wißt! Kugeln haben, ſammt der Gicht, Ihn ſo kläglich zugericht't, Daß er nimmermehr ſeetüchtig iſt! α Altes Lied. „»Potz Wetter!« Von dieſem hochfliegenden Worte, wie von einem Abfahrtpunkt aus, wollen wir jetzt in See ſtechen, und unter vollen Segeln, bei günſtigem Winde und fördernder Strömung, Beiſatzſegel oben und unten, das Schiff unſerer Erzählung dahinſchießen laſſen. Nach dem Tage, an welchem Belky es ſo geiſtreich einzurichten gewußt hatte, daß der Kater den Käfig mit dem Papagei über den gichtkranken Fuß ihres Vaters ziehen und dieſem nebenbei mit ſeinen Klauen einige Schrammen beibringen mußte, war der alte Commodore jämmerlich herunter. Seit längerer Zeit hatte ſeine Schweſter ihm keinen Beſuch abgeſtattet, und er erwartete dieſen. Doktor Ginningham war täglich zu ihm gekom⸗ men, und erwartete dieſen ebenfalls, und mit demſelben einen derben Verweis wegen unverſchlungener Pillen, unge⸗ Der alte Commodore. II. 3 Der alte Commodore. ſchlürfter Latwerge und unbeobachteter Diät. Für⸗ wahr, als der Commodore ſich vom Bette erhob, ſteckte er voll von den unangenehmſten Erwartungen. Gegen elf Uhr Vormittags ward eine leiſe Entladung von Flüchen, wie das ferne Schießen eines Artillerieparks gehört, das die große Haustreppe hinunterrollte, dann plötzlich lauter wurde, bis die Thür des unteren auf den Garten hinausführenden Wohnzimmers aufgeriſſen ward, und der alte Commodore, zu beiden Seiten von einem Diener unterſtützt hineintrat. Der Tag war herzerheiternd ſchön, und im Zimmer tanzten die Son⸗ nenſtrahlen, als zitterten ſie freudevoll durch Blumen und Laubwerk, womit die Fenſter umwachſen waren. Schweſter Mathilde hielt den Vorſitz am Frühſtück⸗ tiſche, und Rebekka ſprang ohne weiteren Plan umher, um der Wildheit ihrer Stimmung Luft zu machen. Der alte Commodore ward unter gehöriger Förm⸗ lichkeit in ſeinen geräumigen, kiſſenreichen Lehnſtuhl geſetzt; ſeine Gichtpfühle ſchob man ihm ſorglich und behutſam unter den ihm ſchmerzenden Fuß, und ihm zur Rechten ward ſeine ungeheure runde Röllchenta⸗ backsdoſe geſtellt. Anfänglich, als er in den Seſſel ſank, ſah man ſein Geſicht zu jenem Ausdrucke hinauf⸗ geſchraubt, den die Mienen anzunehmen pflegen, wenn ſie verſuchen, die Bedeutungen heftiger körperlicher Schmerzen zu verbergen. Als das durch die mit dem Treppenſteigen verbundene Anſtrengung erzeugte Weh allmälig nachließ, und der luſtige Sonnenſchein über den glänzenden Apparat zur erſten Tagsmahlzeit hinhüpfte und neckiſch auf den ſchattigen Formen der Blätter und Blumen auf dem Teppiche ſpielte, als die duftige Luft durch die halbgeöffneten Fenſter ſich in das Zim⸗ mer ſtahl, als des Alten Auge auf die zarte und Nach⸗ Der alte Commodore. 35 hülfe erflehende Schönheit ſeiner Schweſter, vor Al⸗ lem aber auf die leibhaftige Verkörperung ſprudelnder Geſundheit, holder Lieblichkeit und zügelloſen Freudig⸗ keit ſeiner verzogenen Tochter ſiel— als der Commo⸗ dore dieß Alles ſah und fühlte, ließ das Grämliche in ſeinen Mienen nach, Frohſinn und Zärtlichkeit began⸗ nen ihre Wirkungen auf ſein Antlitz geltend zu machen, und der erſte Ausſtrom ſeiner neugeborenen Heiterkeit machte ſich in folgenden Worten Luft: »Welch'n Puppengeſicht für die Victoria! Waͤr' ich der König«—(vnden Gott ſegne!« ſetzte er nie⸗ mals mehr hinzu, ſeitdem er abgeſetzt war,) ich ließe das ſchönſte Linienſchiff bauen, das jemals auf den Waſ⸗ ſern ſchwamm, nennte es den Schönheits⸗Engel,“ und klappte die Figur meiner Becky in Lebensgröße unter'm Bugſpriet an. Komm hieher und küß' mich, Du kleine Wetterhere— heda! gieb Acht, daß Du nicht an mei⸗ nen Fuß ſtößeſt— Geh zu Stern von mir, kannſt Dich an meinen Steuerbaum halten«— er meinte da⸗ mit ſeinen plumpen Haarzopf—„und leg' Deine Arme um meinen Nacken. Das war'n ſchweres Anziehen — meinſt Du— huſſy!— der Alte habe kein Ge⸗ fübl in ſeinen Haarwurzeln? Hei! Du würdeſt doch Deinem Vater nicht um der Welt willen ein Leid zu⸗ fügen— oder würdeſt Du, Becky?« »Nur'n Bißchen, wenn er ungeberdig iſt. Aber heut wirſt Du'n guter Papa ſein, nicht wahr? und wirſt Alles thun, was ich Dir ſage. Es iſt Alles nur zu Deinem Beſten, d wir werden recht glücklich ſein. ⸗ „So, ſo, Becky; ſo ſoll der alte Rumpf alſo von der ſchlanken kleinen Nacht in's Schlepptau genommen werden— ſo, ſo!« „Das nenn' ich mir'nen guten Papa; das ſieht 3* 36 Der alte Commodore. ihm ganz ähnlich. O, hier im Hauſe würd' es wie im Himmel ſein, wenn Alle darin ſo thäten, wie ich ſage. Na, Vater, ſo bin ich alſo heute den ganzen Tag hin⸗ durch wirklich der alte Commodorek«— »Von Herzen gern!« antwortete der alte Herr wohlwollend.»Was meinſt Du dazu, Mathilde 2 »Octavius, ſie iſt des Hauſes Tyrannin ſeit— ſeit— ich weiß nicht, ſeit wie vielen Jahren, geweſen. Wollte ſie nur ein einzigesmal Mrs. Carpun, die berühmte Londoner Schneiderin, annehmen, nur meinen Rath über ihr Corſet befolgen, und mein Pimpernellenwaſſer gebrauchen— denn ſie hat eine garſtige Finne oben an der Stirn, und eine zweite droht hervorzubrechen— thäte ſie das, ſo würd' ich nichts weiter von ihr ver⸗ langen.⸗ » Und ich,« fiel Mr. Underdown, der mittlerweile mit einigen Geſchäftspapieren in der Hand hereingetre⸗ ten war,»würde nichts weiter von ihr verlangen, als daß ſie noch zwei Stunden mehr des Tages auf Leſen und Lernen verwendete, einen Franzöſiſchlehrer, einen Muſik⸗, einen Tanz⸗ und einen Zeichnen⸗Meiſter an⸗ nähme, und alsdann mir jeden Abend nur drei Stun⸗ den widmete, damit wir zu einer kleinen Einſicht in die Klaſſiker gelangten.« 3 »O Du Ungeheuer! O Du Tyrann! Aber ich bin jetzt der alte Commodore, und Jeder muß Alles thun, was ich haben will, und muß es allwege thun und überall thun, zum wenigſten da thun, wo ich zugegen bin! Und dann werden wir Alle recht glücklich ſein— Alle, weil ich befehle, daß Jeder glücklich ſein ſoll. Zuerſt alſo ſoll Vater keine Röllchen mehr käuen— drum fort mit ihnen,« und hinaus durch das Fenſter warf die Unbändige die Tabacksdoſe. 2₰ Der alte Commodore. 37 »Iſt das'ne Art mich glücklich zu machen. Du— Du— Du—? Hol' mir die Doſe wieder.« »Ich thu's nicht, und will doch den ſehen, der's thut! Ganz und gar überdrüſſig bin ich's, daß man mich Miß Backyſquirt nennt, bloß weil—« »Meine Doſe— huſſy!« ließ der Commodore ſich halb grunzend halb heulend vernehmen—»Underdown, haben Sie Mitleid mit'nem armen, lecken, entmaſte⸗ ten Fahrzeug! Steuern Sie'naus auf'n Grasplatz und lootſen ſie mir meine Tabacksdoſe herein.« „»Wenn er ſich's unterſteht!« ſagte die junge Erbin von Treſtletree⸗Hall. »Sie ſehen, Commodore, in welcher Lage ich mich befinde. Sie haben für heute das Commando abge⸗ geben. Der Ordre des befehlhabenden Offiziers mußte jederzeit Folge geleiſtet werden. Ueberdieß muß ich ge⸗ ſtehen, daß ich von Herzen wünſche, Sie möchten ab⸗ laſſen, das Kraut zu käuen, und ſich darauf beſchränken, es zu rauchen.« 4 „Rauchen ſoll er's eben ſo wenig!« fiel die beſonnene Tochter ein. »Nun, Matty, mein zarter Liebling,« begann der Commodore, indem er zu Schmeichelworten ſeine Zu⸗ flucht nahm,„tripple Du hinaus und hol' mir meine Doſe. Es thut meinem Herzen wohl, wenn ich ſehe, wie Deine allerliebſten Füßchen tip⸗tap, in Deinen niedlichen roſafarbenen Atlasſchuhen dahin ſchreiten.— Das ſind Füßchen! wie Jack ſagte, als der weiße Ele⸗ phant von Ceylon den Miſſethäter zu Tode ſtampfte.“« »So gefallen Dir wirklich meine Atlasſchuhe, lieber Bruder? Nun, Du weißt, daß die Edlen von Bacuiſ⸗ ſart von jeher durch Zartheit ihrer Hände und Füße berühmt waren.⸗ 38 Der alte Commodore. »Beſonders an den Häuptern ihrer Familie,« be⸗ merkte der alte Commodore, indem er ſchmerzlich erſt auf das eiſerne Hülfegeräth am Ende ſeines linken Arms und dann auf den ungeheuren Flanellwulſt blickte, wo⸗ mit ſein rechter Fuß umwickelt war.„»Nu, Matty, ſo gebrauch' denn Deine Händchen und Füßchen, um mir meine Doſe wieder zu verſchaffen.« »Ach! liebſter Bruder, Alles in der Welt, nur das nicht. Du weißt, ich kann wegen ihres abſcheu⸗ lichen Geruches die Doſe gar nicht anrühren, wenn ich es auch noch ſo gerne thun wollte. Auch weißt Du, daß Rebekka es nicht zugeben würde.⸗ »Ach! daran dacht' ich nicht,« ſagte der Baron, und ſank reſignirend in ſeinen Lehnſtuhl zurück. Mit ähnlichem gebieteriſchen Weſen vorenthielt Re⸗ bekka ihrem Vater deſſen Fingerhut voll Rum nach dem Frühſtück. Allein obſchon ſie allmächtig im Vorent⸗ halten war, wollte ihr das Geben doch durchaus nicht glücken, denn weder durch Schmeichel⸗ noch durch Schelt⸗ Worte konnte ſie den Vater zum Arzneinehmen be⸗ wegen.— »Was, um Himmelswillen, ſoll ich dieſen langen, geſegneten, ſonnenhellen Vormittag anfangen!« ſeufzte troſtlos der alte Gentleman, als der Frühſtücks⸗Ap⸗ parat fortgeſchafft ward.»Kein Prümtje, kein Pfeif⸗ chen, kein Grog— Entſetzlich!« »Sie werden wohlthun, recht aufmerkſam dieſe Pachtkontrakte und Gelddokumente zu leſen, bevor Sie ſte unterzeichnen,« ſagte Mr. Underdown, indem er dem Alten einen anſehnlichen Stapel Papiere und Per⸗ gamente unter die Augen ſchob. 4 „Lieber will ich mich kielholen laſſen, Downy. Haſt Der alte Commodore. 39 Du, Mann, Dich mit der Dirne da verſchworen, mich heute um's Leben zu bringen?« „»Wir Alle trachten, Dich glücklich zu machen, Va⸗ ter, wenn's denn auch nur für dieſen Einen Tag ge⸗ ſchehen kann. Na, jetzt thu gut, und Dir wird recht behaglich zu Muthe ſein.« »Mit Vergnügen, lieber Bruder,« ſiel Schweſter Thilde lispelnd ein, will ich Dir die Predigt gegen die Trunkfälligkeit vorleſen, die Doktor Durſtig am ver⸗ wichenen Sonntag hielt. ſchickte mir geſtern den Entwurf davon zu, za es ne herzlichen Gruß an Dich beſtellen.⸗ „Lieber will ich in der Dorfkirche mit meinem gicht⸗ lahmen Fuße die Blasbälge treten, während Satanas 'nen Spitzbubenmarſch auf der Orgel abtrommelt. Was, um Wetter, hat der Schlecker, der Durſtig, gegen die Trunkſucht zu predigen, wenn er ſchon bei ſeiner vier⸗ ten Flaſche benebelt wird? Er ißt niemals bei uns zu Mittage, ohne daß ich nicht ſeiner mich ſchämen müßte.« „Sei unbeſorgt, Vater; es wird Dir nicht an Un⸗ terhaltung fehlen. Wir bekommen Beſuch heute. Dok⸗ tor Ginningham und der Apotheker kommen gewiß; anch kommt Mr. Plumerſand, der dünne alte Herr, den Du nicht ausſtehen kannſt, und wie ich höre, bringt er drei modiſche junge Herren mit, die juſt bei ihm zum Beſuche ſind; da kannſt Du's Dir recht wohl ſein laſſen—«. »„Soll ich gepeitſcht werden— 1⸗ „»St, Bruder, St! Wenn wir aber ſo hübſche Geſellſchaft bei uns ſehen ſollen, ſo muß ich mich vor⸗ ſtellbar machen. Als Mr. Plumerſand vorigesmal hier war, wagte er die Andeut„ich finge an, ein wenig „ ₰ 40 Der alte Commodore. alt auszuſehen. Ich glaube wenigſtens, daß er der⸗ gleichen ſagen wollte, der alte Plumpdrein, als er von Matronenanmuth ſchwatzte. Und da möchte ich Dir nun, lieber Bruder, und auch Ihnen, Mr. Under⸗ down, eine Frage ſtellen, die dem Einen wie dem An⸗ dern albern vorkommen wird, die aber, wenn der Eine wie der Andere Alles wüßte, gar nicht albern, ſondern höchſt wichtig iſt. Erinnerſt Du Dich, Bruder, wie ich vor etwa zehn Tagen ausſah?⸗ »Nu, wie Vieles von einer Vielheit, dünkt mich; wie ein tüchtig kleines Fahrzeug für glattes Waſſer und gutes Wetter— wenn's auch ein wenig lavirt— immer ſchmuck von Takelwerk, flott von Wimpelbän⸗ dern—'n Bißchen wurmſtichig hie und da im Rumpfe, was jedoch nichts zu ſagen hat, und braucht nur hin und wieder'n Bißchen Wergſtopfen und einen neuen Farbenanſtrich; doch dieß Anſtreichen will ſich an uns armen Teufeln nicht mit Erfolg thun laſſen, wenn die Geſichtsfarbe anfängt zu ſchwinden und Grübchen zu Runzeln werden—« „»Was im Namen der Verwunderung ſchwatzeſt Du da zuſammen, Bruder? was haben ſchwindende Geſichts⸗ farbe und Runzeln mit mir und meiner Frage zu ſchaf⸗ fen?— Sie ſind ein gelehrter Mann, Mr. Under⸗ down, ſind ein viel ſchärferer Beobachter als mein Bru⸗ der— Erinnern Sie ſich, werther Sir, wie ich vor zehn Tagen ausſah?⸗ »Nun, ganz ſo, und inſofern ich darüber urtheilen kann, wie ſie heute ausſehen— ſchlank, hübſch, gutherzig und liebenswürdig.« »Herzlichen Dank! Nun aber ſprechen ſie offen— Meinen Sie nicht, daß ich heute viel jünger ausſehe, als ich damals ausſah?⸗ 4*⁴ 4 Der alte Commodore. 41 „Potz Hinterſtagen und Bilgenwaſſer! wie wollt'ſt Du das, Matty? Wird Jugend durch Alter erhöht? werden wir jünger, wenn wir älter werden? Schweſter, wo haſt Du den Unſinn aufgeſchaufelt?« „»Wie? Unſinn? wer ſprach denn eben mit Dir, Bruder? Mr. Underdown, beantworten Sie meine Frage. ⸗ „»Ja— nun— liebwertheſte Miß— ich ſehe in der That zwar keinen Unterſchied zwiſchen heute und vor zehn Tagen; jedoch, philoſophiſch zu reden, muß allerdings im Verlaufe von zehn Tagen ein Unterſchied eingetreten ſein, wenn auch mir, einem täglichen Umgangsgenoſſen, dieſer Unterſchied leicht bemerkbar er⸗ ſcheint; und ich brauche einer Dame von Einſicht nicht zu ſagen, daß ſolcher Unterſchied darin beſtehen muß, daß Sie heute gerade um zehn Tage älter, nicht aber um zehn Tage jünger als vor zehn Tagen ansſehen.⸗ »O du mein Himmel!« ſagte die Verblühende in etwas kreiſchendem Tone,»ſo fürchte ich denn, daß ich ſehr gottmißfällig bin, und der Segnung des Höchſten ermangle.⸗ „Kikelkakelkikakel!« rief der Commodore,»was für Ratten ſind Dir durch den Kopf gefahren, Schweſter?« „» Es ſollte mir in Wahrheit leidthun, wenn Sie das wirklich fürchteten!« ließ Mr. Underdown ſich gravitä⸗ tiſch vernehmen. »Sicherlich kommt es daher, daß ich nicht im Stande bin, ausfindig zu machen, wo Mary Balnum wohnt« »Immer dunkler und dunkler wird's! Was für n Wiſchiwaſchi bringſt Du vor, Matty? Was, im Namen des geſunden Menſchenverſtandes! hat Mary Balnum 8 42 Der alte Commodore. mit Deinem Jüngerwerden, mit Deinem Verlieren der Gnade Gottes zu ſchaffen 2« »Ich weiß nicht,« ſagte die Dame ſchmollend »Sag' mir, wer iſt Mary Balnum?« „Ich weiß nicht!« „»Zum Wetter, das iſt ja ſo irrführend wie ein falſches Maſtſignal! Erklär' uns die Sache!« »Ich weiß nichts davon; aber Schweſter Oliphant weiß d'rum.« ₰ „»Was weiß denn Schweſter Oliphant?« »Ha! es iſt ein großes Geheimniß— ein Geheim⸗ niß, ſich jünger zu machen.⸗ »Sag' nur, Matty, daß das ein Geheimniß für mich wäre! Kann's ein fehlend Aug' einſetzen? kann's mir die garſtige Narbe hier wegſchaffen? kann's mir fünf bewegbare Finger an meinen Stummel anheften?“ »Mein Geheimniß ſagt nicht, daß es irgend etwas dergleichen thun kann.«. »Na, ſo laß's hören, damit wir vernehmen, was es denn thun kann!« 6 „»Wie Du ſchwatzeſt, Bruder! Sagt' ich Dir nicht, es wär' ein Geheimniß? und noch dazu ein Geheimniß, das mich ſchweres Geld koſtete?« »Ich konnt's mir denken!« 4 »Und werth iſt's das ſchwere Geld. Ein deutſcher Fürſt erbte es in gerader Linie von der berühmten . Schönheit Ninon de l'Enclos. Er theilte es Keiner als mir und der Schweſter Oliphant mit. Nicht daß ich es juſt bedurft hätte; doch ſiehſt Du ein, daß es räthlich war, es einmal zu probiren. Es ſcheint leider nicht angeſchlagen zu haben— und das Warum davon möcht' ich gerne wiſſen?« » Wie können wir ein Warum ausmitteln, ohne ein v Der alte Commodore. 43 Woher zu wiſſen? Nicht einmal Underdown mit all ſeiner Mathematik und Algebra kann Dir ein Facit herausbringen, wenn Du ihm keine Proportionen an⸗ giebſt. ⸗ „»Das iſt freilich wohl wahr. So will ich denn das Geheimniß nicht als Geheimniß offenbaren, ſondern es ſo vorleſen, daß mein erforderliches Warum vielleicht erforſcht werde.« Aus dem verſteckteſten Fache ihres Schreibpultes hinter der Kaminſchirmwand holte Lady Mathilde ein Streiſchen hochduftendes Papier hervor, und las, wie folgt:. »Verjüngungsmittel der Madame Ninon de l'En⸗ clos: Nimm Schwefel.—« 3 »Thut pulveriſirt bisweilen innerlich gute Dienſte,⸗ unterbrach der Commodore. »Gummi Olibanum und Myrrhen, zwei Unzen von jedem. Ferner Bernſtein—e „»Iſt gut zu Tabackspfeifenſpitzen.« »— Sechs Drachmen, und anderthalb Quartier Roſenwaſſer, diſtillir' es mittelſt Nary Balnum, waſche Dich damit vor Schlafengehn und folgenden Morgens mit Gerſtenwaſſer, ſo wird es Dir unter der Seg⸗ nung Gottes ein verjüngtes Ausſehen verleihen.⸗ » Wie, Matty, kannſt Du dir nur einbilden, Du Alberne, daß Dn den Segen Gottes erlangſt, wenn Du das Geſicht Dir mit ſolchem koſtbaren Miſchmaſch be⸗ ſchmierſt?« Dieſe Rede war, wie ich wohl nicht erſt zu ſagen — brauche, ein reiner Ausſtrom der brüderlichen Liebe des alten Seemannes.»Du biſt von einem Hundsvott von Schwindler niederträchtig über's Ohr gehanen worden. Sicher trafſt Du den Gauner bei Schweſter Oliphant an. Ich dacht's wohl— und wie viele Guineen mag er Dir wohl dafür abgeluchſ't haben? O Matty, 44 Der alte Commodore. Matty, um Dich auf ſoche Weiſe betrügen zu laſſen, ſollteſt Du billig um Vieles jünger ausſehen als Du ausſiehſt!« „Ich werde nicht ſagen, was ich für das Geheimniß bezahlt,« verſetzte die empfindſame Dame, indem ſie beinahe weinte;»und bei alldem kann es doch ein gutes Recept ſein. Ich hätte nur die Schweſter fragen ſollen, wo dieſe Mary Baluum zu fiaden iſt; aber ich dachte, ich könnt's eben ſo gut ſelbſt diſtilliren.« „Soll ich das Recept nicht einmal ſehen?« ſiel Un⸗ derdown ein.»Sein Sie verſichert, daß ich mich des ſchätzbaren Geheimniſſes nicht bedienen werde.« „Recht gern, Mr. Underdown.⸗ »Ich danke Ihnen herzlich, und find' ich's probat, ſo wollen wir's an dem Commodore verſuchen. „Ich hoffe, Sie werden's probat finden.« Underdown las nun das Recept mit Bedacht, und blieb wunderſam ernſthaft, bis er an die Worte kam: „diſtillir' es mittelſt„Mariae Balneum*)«; allein auch bei dieſen zwängte er das ihm aufſteigende Lachen zurück, hüllte ſich von neuem in den Mantel der Ernſt⸗ haftigkeit, nahm ſchweigend ein Blatt Papier, ſchrieb die Erklärung der beiden ominöſen Worte darauf, falzte in daſſelbe das Recept, und überreichte es dann ehrer⸗ bietig der Dame. Dieſe aber, eitel Aufregung und unter ſchönerem Erröthen, als ſolches jemals durch ein Schminkläppchen *) Zu deutſch»Marienbad«— Ich will wünſchen, daß es meiner ſchönen Leſerin an keinem modernen Juvenal fehle, der ihr hier der Erklärung Erklärung gebe— ich bin dazu ein zu unwürdiger Lateiner. Der Ueberſ. — —— Der alte Commodore. 45 hervorgebracht werden konnte, erhob ſich in dem Wahne, der alte Hausfreund habe endlich die, ihrer Schweſter Agnes früher geleiſteten Schwüre vergeſſen, und ihr ſelber eine Liebeserklärung gemacht, und verließ hurtig das Zimmer, um den ſo artig übereichten Zettel draußen zu leſen. „Halloh! dahin ſauſ't ſie! Das war ſicher'ne Schön⸗ heitswäſche für ſie. Underdown Underdown! Sie al⸗ ter Schelm! Sie thun mehr dazu, ſie wieder jung zu machen— verſteht ſich, immer unter Gottes Seg⸗ nung— als irgend eine Mary Balnum, wer dieſe auch ſein mag. Werben Sie um ſtie, und gewinnen Sie ſie und führen Sie ſie heim— mir ſoll's von Herzen recht ſein; und wirklich könnte ſie ihre Tauſende nicht beſſer unterbringen. Gern auch will ich noch ein Paar Tauſende dazu legen, ohne daß dieſer kleine Lärm⸗ teufel d'runter leiden kann,« uns dabei hakte der Alte die Tochter zu ſich heran und klatſchte ihr'nen tüchti⸗ gen Schmatz auf die rechte Wange. »Siehſt Du wohl, Vater, wie munter Du biſt, wenn Du alles thuſt, was ich haben will. Jetzt mußt Du Dir all dieß abſcheuliche Eiſen abſchnallen und Deine Geſellſchaftshand mit dem ſaubern Waſchlederhandſchuh anſchrauben laſſen.— So, das nenn' ich'nen guten Papa! 1« »Alles was Du willſt, Bekky, nur gieb mir meine Prümtjedoſe.« Ferneres Beſprechen dieſes zarten Gegenſtandes konnte nicht ſtattfinden, denn herein traten Mr. Plu⸗ merſand und drei noch ziemlich junge, aber übertrieben herausgeputzte Gentlemen. »Ah, Sir Octavius,« dröhnte der Gaſt heraus, ves macht mich elend und melancholiſch, zu ſehen, wie 43 Der alte Commodore. Wahrheit in dem Gerüchte iſt, das wie ein Lauffeuer umgeht. Sie brechen ab— brechen erſichtlich ab.« „» Wer Ihnen das geſagt hat, iſt n infames Hunds⸗ vött'ſches Lügenmaul. Ich befinde mich durch und durch wohl, bis auf die vermal— Gicht, die, wie alle Welt weiß, eine heilſame Krankheit iſt.⸗ „»Wie? auch im Magen?« fragte einer von den jungen Schluckern, indem er den alten Seemann ſtark durch ſeine Lorgnette beäugelte. „»Wer ſpricht denn vom Magen, junger Burſch?« „»Junger Burſch, Sir Octavius? Ich habe einen Namen, den man, wenn er auch hier nicht bekannt iſt, doch in jeder feinen Geſellſchaft kennt. Ich heiße Mr. Steiflig, Sir Octavius.« „»Na, na, nichts für ungut, Mr. Zweipfennig,⸗ verſetzte der Commodore;»jeder Freund Mr. Plu⸗ merſand's iſt hier ebenſo willkommen als Mr. Plumer⸗ ſaud ſelber. Potz Fiſchchen! von meinem Abbrechen zu ſchnattern! Ich bin ein kerngeſunder Mann, jetzt.« »Nichts da, nichts da, Commodore— phthiſiſch, phthiſiſch! Glauben Sie einem aufrichtigen Freunde; das Pfeifen in Ihrer Bruſt bei jedem Odemzug, den Sie thun, iſt ein Schnitt in das Herz Ihrer guten Bekannten. Wir werden Sie nimmer wieder flott ſehen, Commodore.⸗ »Hören Sie, Mr. Plumerſand, das Alles mag wohl erwogen ſein— beſonders von Ihnen wohl er⸗ wogen geſprochen ſein; allein, Sir— hol' mich der T.. ll ich mag's nicht hören.⸗ „Wollt' ich Sie doch um Alles in der Welt willen nicht beleidigen„Sir Octavius; aber ſpüren Sie nicht zu Zeiten einen ganz kleinen, kleinen Schwindel— 2 Der alte Commodore. 47 „»Donnerwetter, Herr! was ſchwindeln Sie mir daher?« Während die beiden Alten ſo gegen einander rann⸗ ten, hatten die jungen Gentlemen ſich auf des Commo⸗ dore blinde Seite begeben, und ſchnitten dort ſo viele Fratzen als ein Stubenaffe, wenn ihn der Kitzel ſticht. Hauptſächlich fanden ſie ihren Spaß darin, die mehr energiſchen als anmuthigen Geberden unſeres reſpekta⸗ beln Helden nachzumachen. Mr. Underdown, als ob die ganze Unterhaltung durchaus nicht ſeiner Aufmerk⸗ ſamkeit werth wäre, ſchien emſig mit jenen Pergamen⸗ ten beſchäftigt zu ſein, durch welche Rechtsverweſer ſich zu Wohlſtand zu verhelfen wiſſen; doch hätte ein auf⸗ merkſamer Beobachter wohl wahrnehmen können, wie er über die Schriften hinweg einen ſpähenden Blick auf die Gruppen warf. 1 Wo aber war Miß Rebekka? Ueber die Maßen ge⸗ ſchäftig war ſie. Vergebens hatten die drei Stutzer ge⸗ ſucht, durch allerlei Künſte das ſchöne ausgelaſſene Mädchen in ihre Nähe zu bekommen, oder ſie in ein fortdauerndes Geſpräch zu verwickeln. Die Wetter⸗ dirne gab kurze abgebrochene Antworten, die überdieß— wir müuͤſſen's geſtehen, ſo lieb wir die Kleine auch haben, um einen halben Grad ſchlechter als impertinent waren; und hätte ſie den fehlenden halben Grad dazu gegeben, ſo würde die Kleine eben ſo witzig und ſtechend geweſen ſein, wie ein kleiner Autor es iſt, der ſo eben zu einem kleinen Rufe durch ein kleines Werk von ſehr kleinem Verdienſte gelangte, das von einer kleinen Coterie be⸗ lobhudelt ward. Rebekka war geſchäftig. Sie haßte dieſen Plumer⸗ ſand mit allem freimüthigen Haß eines offenen, geiſt⸗ reichen und heftigen Gemüthes, durch welchen Doktor handwurzel, dabei knollig und kurz, unanſehnlich ge⸗ 48 Johnſon zu der Aeußerung vermocht ward, daß ein guter Haſſer ihm überaus wohlgeſiele. Sie haßte ihn, weil er ihren Vater noch mehr neckte, als ſie ſelber es that. Sie haßte ihn auch, weil ſie ihn niemals hatte ein gut⸗ herzig Wort ausſprechen hören, niemals ihn hatte auf irgend ein Weiſe darnach ſtreben ſehen, durch ſeine Nähe einen einzigen Menſchen um einen einzigen Gedanken glücklicher zu machen. Dazu kam, daß ſie ſeine Sta⸗ chelzunge fürchtete; denn Plumerſand beſaß die Kunſt, ihre derbe und ſprudelnde Antwort mit einer ſarkaſti⸗ ſchen Sanftmuth hinzunehmen, ſie mit dem Gifte ſeines Hohnſpottes begeifern und ſie ihr dann gleich eben ſo vielen tödtlichen Pfeilen zurückzuſchnellen. So jung ſie auch noch war, wußte ſie doch, daß die Zunge gegen ihn zu gebrauchen, nicht die rechte Weiſe war, es ihm im Kampfe gleich zu thun. Nun war Mr. Plumerſand ein jungthuender alter Herr von achtundvierzig Jahren; ein Hageſtolz, in ho⸗ hem Grade eigenſüchtig, und, wie die meiſten Landedel⸗ leute, nichts weniger, als ununterrichtet. Er war ſo ſehr das Gegentheil vom Commodore, als zwei Men⸗ ſchen nur ſein können. Die Perſon des Commodore hab' ich bereits beſchrieben. Mr. Plumerſand war bei⸗ ſpiellos mager, und hatte an ſeinem ganzen Leibe nicht eine Narbe, die auch unr von einer Nadelſchramme hätte herrühren mögen. Dabei war er nimmer in Zorn, aber auch henfalls nimmer durchaus erfreut geſehen worden. Um dieſe Zeit trugen Gentlemen, die dreißig und darüber zählten, einen Zopf. In nichts aber wichen der Commodore und Mr. Plumerſand mehr von einander ab, als in ihren reſpektiven Zöpfen. Der des alten fechtenden Seemanns war ſo dick wie eine Manns⸗ Der alte Commodore. Der alte Commodore. 49 wickelt, ja gemeinhin von einem breiten, ſchmutzigen ſchwarzen Bande umrollt, ſteif hintenausſtehend; und glich, wenn eine meiner Leſerinnen jemals einen ſolchen Artikel ſah, wiewohl derſelbe zuverläſſig in jeder euro⸗ päiſchen Küche angetroffen werden mag, in nicht ge⸗ ringem Maße dem Stiel einer thönernen Schmorpfanne, der bekanntlich am äußerſten Ende am dickſten iſt. Der Commodore aber hielt große Stücke auf ſeinen Zopf. Das Hauptanhaͤngſel Mr. Plumerſand's hingegen war ein langer Reitpeitſchengegenſtand, an ſeiner Wur⸗ zel nicht ſonderlich dick, verdünnte er ſich auf ſeinem Wege über den platten Rücken immer mehr, und büßte alſo immer mehr an Schönheit des Umfangs, ungleich dem des Commodore, ein. Dieſer geliebte Zopf nun war mit ſtudirter Genauigkeit mittelſt eines glänzend ſchwarzen und überaus ſchmalen Bandes gewickelt, und zeigte einen Zoll hoch von ſeinem äußerſten Ende eine feine, zierliche Doppeltſchleife. Der nun noch übrige Zoll die⸗ ſes Zopfes war die Glorie Mr. Plumerſand's. Von allen ſeinen Füßen und Zollen, deren er, da er ein hochgewachſener Mann war, viele zählte, war dieſer Zoll es, auf den er den größten Werth legte. Ueppig guckten die weißen Haare aus dem ſie klemmenden Band⸗ gewinde hiehin und dorthin hervor, indem jegliches ſol⸗ cher Haare ſich in ſeiner eigenthümlichen Krümmung ſchlängelte. Das Haarbüſchelchen war ſo geſchicklich aufgekräuſelt, daß man es gar nicht für ein ſolches Büſchelchen halten konnte, ſondern es eher für eine durch eine Röhre von Elfenbein dringende Ausſtrömung von Glorie anſah, die ſich in Lichtſpirallinien ergoß. Das war Euch ein Zopf! und für Mr. Plumerſand war es ebenfalls einer; und nicht wenig ſtützte er auf ihn ſeine Bedeutendheit. Daß ſolch ein Zopf zum Op⸗ Der alte Commodore. II. 4 Der alte Commodore. fer werden mußte! und noch dazu durch einen kleinen un⸗ gezogenen Springinsfeld, wie Bekky Bakky! Sobald Miß Rebekka ſah, wie des langen Mr. Plu⸗ merſand's lange Beine hieher und ſein langer Zopf ſich dorthin ſchlenkerte, als er von ſeinem Pferde ſtieg, eilte ſie in den Stall(denn über das Schickſal des Plu⸗ merſandſchen Zopfes hatte ſie längſt ein Endurtheil ge⸗ fällt), und verſah ſich mit einem Paar wohl einge⸗ ſchmierten Fetthandſchuhen, und mittelſt dieſer mit einer klebrigen, aus Vogelleim und Schuſterpech gemiſchten Subſtanz. Der Inſtinkt, zu quälen, der dem weiblichen Buſen ſo eigen iſt, belehrte ſie über den Gebrauch jener Subſtanz. Sie betrat in eben dem Augenblick das denkwür⸗ dige auf den Grasplatz hinausführende Zimmer, in welchem Mr. Plumerſand und der alte Commodore ihre Spitz⸗ und Drohreden gegen einander answechſelten. Anfänglich ward jedoch wenig Notiz von ihr genommen, weil man zu ſehr mit dem Anstauſche verſteckt feind⸗ ſeliger Redensarten beſchäftigt war. So alſo ſtellte ſie ſich hinter die Lehne des Stuhls, auf welchem Mr. Plumerſand ſaß, brachte ihr apfelrundes Geſichtchen bei⸗ nahe in Berührung mit dem Antlitze des ſpitzfindigen Quälers, und ſchien dieſen durch ihr Lächeln aufzu⸗ muntern. Der alte Stutzer, ſtolz auf die Nähe ſo vieler jugendlicher Liebenswürdigkeit, ſcheuerte von Zeit zu Zeit ſeine hagere Backe, als geſchähe es zufällig⸗ an der flaumweichen Fülle, die ihm ſo verlockend nahe lag, und die kleine Verrätherin ſchien ſich durch dieſe ver⸗ ſtohlene Liebkoſung höchlich geſchmeichelt zu fühlen, wäh⸗ rend ſie eifrig beſchaftigt war, die vorerwähnte klebrige Ab⸗ ſchenlichkeit in die Endglorie jenes Zopfes zu kneten, dee den Glanzzoll des ſchleichenden verliebten alten Jungge⸗. Der alte Commodore. 51 ſellen abgab. Als dieß gehörig in's Werk gerichtet war, flüſterte ſie ihm zu:»Geben Sie's dem Papa tüchtig!« Dann ſchlüpfte ſie zum Zimmer hinaus, ent⸗ ledigte ſich ihrer Handſchuhe und kehrte, noch ehe man ſie vermißte, und zwar, wenn man bedenkt, was für ein Ausbund ſie war, mit wunderſam ſauberen Händen wieder zurück. Man kann dieß für ein gegen Mr. Plumerſand ge⸗ richtetes grauſames Verfahren anſehen; doch lag darin nichts weiter, als»legem talionis,« denn Mr. Plumer⸗ ſand hatte an dieſem Morgen die drei Stadtlümmel bloß mitgebracht, damit ſie ihm helfen ſollten, den alten Commodore zu ſchrauben. Daß ſie dieſen bereits er⸗ zürnt hatten, und zwar recht bald erzürnt hatten, wiſſen wir, und wie es ihnen mit ihrem liebenswür⸗ digen Vorhaben ferner glückte, wird uns nach kur⸗ zer Friſt einleuchten. Aber, horch! an der Thür hält ein Wagen ſtill— draußen giebt's Getös, wodurch ir⸗ gend etwas Wichtiges angekündigt wird, und allerdings kam eine Perſon von Wichtigkeit an, und zwar der Doktor Ginningham— doch nein, theurer Doktor, bei jeglichem Haar Deiner kunſtreich tuppirten Perrücke! wir wollen Dir nicht die Unehre anthun, Deine phyſi⸗ ſche und moraliſche Würde am Schwanzende eines Ka⸗ pitels zu beſchreiben. 4* Der alte Commodore. Viertes Kapitel. „»Wien leckes Schiff lieg' erbärmlich ich hier, Kein Tauwerk zur Hand mir, kein Ruder, Von Mannſchaft verlaſſen, und der Doktor iſt ſchier Hans Langohr's leibhaftiger Bruder. Während ich ſeine Pillen muß ſchlucken, Läßt er freien Lauf ſeinen Mucken, Und quält mich, den Commodore. Schlimm Ding das, Commodore! Still, ſtill doch, Commodore! 4 Mußt nicht ſchmeicheln, Commodore! St! St Denn Kugeln haben, ſammt der Gicht, Dich ſo erbärmlich zugericht't, Daß Du nimmer ſeetüchtig biſt.« Parodie eines alten Liedes. Doktor Ginningham war ein Mann von großer Praris, folglich prakticirte er bei großen Herren und Damen. Er hatte ſowohl eine große Seele, als einen großen Körper, allein dieſe große Seele hielt nur Eine große Idee gefaßt, nämlich die ſeines an Seele und Körper großen Selbſts. Ein Menſch aber, der ganz und gar von einer einzigen Idee durchdrungen iſt, zeigt ſich jederzeit als ein Schwätzer. Wirklich ſchwatzte un⸗ ſer Doktor ſo ſchnell und ſo anhaltend, daß, wenn es ſich überhaupt nur mit der Chronologie in Einklang bringen ließe, man von ihm behaupten könnte, irgend Einer habe ihm einen Ziegelſtein vom Thurme zu Ba⸗ bel an den Kopf geworfen und ihm den Schädel zer⸗ ſchlagen. Nun iſt es ſehr möglich, daß Jemand unauf⸗ „ Der alte Commodore. 53 hörlich ſchwatzt, ohne eine einzige Idee zu haben; doch weiß Jeder, daß ohne Worte niemals geſchwatzt wer⸗ den kann. Die Worte einer Sprache aber ſind nicht unzählig, nicht un endlich; Doktor Ginningham's red⸗ neriſche Darſtellungen aber waren ohne Ende. So alſo ſah er ſich in eine Endloſigkeit von Wiederholungen hineingezwungen, und gewann durch lange Wiederholung dieſe ſo lieb, daß er jedes Echo beneidete und anfein⸗ dete, weil dieſes ihm eines ſeiner geheiligteſten Rechte— das Recht des Wiederholens— zu verkümmern trach⸗ tete. Hörte man ihm geduldig etwa drei Stunden lang zu, ſo begehrte er unerbittlich noch eine vierte Stunde Zuhörens, ganz nach dem Prinzip jenes Bett⸗ lers, der die Mildherzigen bloß deßhalb auflehete, weil er bei jeder Tagsmahlzeit vier Pfund Brot zu verzeh⸗ ren haben mußte. Ueberdieß bleibt es wunderſam genug, daß der ge⸗ lehrte Doktor Ginningham mit ſeiner alleinigen ihn ganz und gar beherrſchenden Idee dennoch eine Art von Erfindung, nämlich die gemacht hatte, Nichts über Jegliches zu ſprechen, und ſein Geſpräch nimmer zu Ende zu bringen.— Mit ſeiner»Redefreiheit« war er wirklich ein bewundernswürdiger Mann. Auffallend lang gewachſen, ſchwatzte er gern ſtehend. Seine Perrücke war ſtets in ein Weiß hineingepudert, das ſo fleckenlos war, als irgend ein Ding auf dieſer ſudelhaft fleckigen Welt es ſein zu wollen ſich irgend anmaßen kann. Die Perrücke zeigte ſyſtematiſch geord⸗ nete Locken. Der Doktor verſchmähete die übliche Tracht ſeines Standes, ging daheim gewöhnlich in ei⸗ nem großgeblümten Schlafrock aus reichem Brocat, au⸗ ßerhalb des Hauſes in braunem Staatsrocke mit Sil⸗ berſchnüren und Stahlknöpfen einher. Er trug keuſch 1 54 Der alte Commodore. hervorguckende, aber faltenreiche Manſchetten, und ei⸗ nen gewichtigen Rohrſtock mit Goldknopf, und war gewiſſenhaft bemüht, dieſen Stock ſtets in perpendikulä⸗ rer Richtung zu halten. Nie ſah man ihn den Stock ſchleppen oder ſchwenken oder überſchwingen. Schwieg der Doktor, welches höchſt ſelten der Fall war, ſo ſchien der Rohrſtock ihm ſenkrecht von der Naſe herab⸗ zuhängen; ſprach er, ſo ward die glorreiche Stütze mit⸗ telſt energiſcher Geberde vorgerückt, und feſt um ihre Mitte herum gefaßt. Außer dem ihm zuſtehenden Pri⸗ vilegio, alle Kranken des Landadels im Umkreiſe von zwanzig Halbſtunden Weges zu Tode zu würgen, genoß er des Beſitzes eines anſehnlichen Privatvermögens, und hatte zum Paraſiten den allerunterthänigſten Ortsapo⸗ theker, der der ſchweigſamſte Menſch ſeiner Zeit war. Indem er auf Armes Länge ſein Rohr vorgeſtreckt hielt, trat er ein, und ihm folgte der beſagte Apotheker, Mr. Calumbo. Sofern Geräth und anweſende Perſo⸗ nen es ihm irgend geſtatteten, drang Doktor Ginning⸗ ham bis in die Mitte des Zimmers vor, und ließ ſei⸗ nen Redefluß ſtrömen: »Ich grüße Alle. Commodore— nicht geſprochen! Ich darf nicht leiden, daß Sie ſprechen; es iſt ſchlim⸗ mer mit Ihnen geworden— ich ſeh's! Eine Kompli⸗ kation von Krankheiten; ein Acceß von Pyrexia gegen unſern Patienten! und das in dieſem Augenblick!— Kein Wort, Calumbo! Aufgehorcht! Haben Sie ge⸗ ſchuͤttet— ſchütteten Sie geſtern Abend eine Salmiak⸗ auflöſung in die Opiumtinktur?— Still!— ſchütte⸗ ten Sie dazu das Krauſemünzwaſſer— ich ſage, ſchüt⸗ teten Sie geſtern Abend—— »Ja, und zwar—« »Kein Work! Still, Commodore! Ihr Fall iſt —,— Der alte Commodore. 5⁵ kitzlich— ſehr kitzlich. Ich ſchmeichle nie— wozu ſollt' ich's auch? Nicht mehr, Commodore, werden Sie Theil nehmen'an Krieges Pomp und glorreichem Er⸗ folge.· Für Sie iſt Othell's Beſchäftigung dahin.— Nicht geſprochen, Commodore! Bin ich nicht Ihr ärzt⸗ licher Rathgeber? Bin ich es nicht, Sir Octavius? Sie wieder zur See gehen? Hoho! Nimmer! Nah⸗ men Sie die Pulver gegen den Rheumatismus? den Pottaſchenertrakt gegen die Magenbeſchwerden? Nicht daß ich glaube, es würde ſonderlich wirken— nichts wird bei Ihnen ſonderlich wirken, denn Ihre Lebens⸗ kräfte ſind abſorbirt— abſorbirt ſind Ihre Lebenskräfte. Kugeln und die Gicht haben das Ihrige an Ihnen ge⸗ than, Commodore.— Ihre Zeit iſt geweſen. Unſer⸗ eins aber hat einen Ruf aufrecht zu erhalten, und deß⸗ halb müſſen Sie'secundum artem’ behandelt werden.« »Wenn es mir erlaubt würde, eine beſcheidene Be⸗ merkung zu inſinui——« »Nichts kann Ihnen erlaubt werden, Mr. Plumer⸗ ſand, nichts. Die Zeit iſt koſtbar. Zur Zeit ſollte bil⸗ lig immer nur Einer reden.— Die Reihe wird auch an Sie kommen. Vor der Hand muß ich Sie vor'm Reden bewahren, Sie ſchwatzen ſich ſonſt ein Aſthma an den Hals— ja, Sir, ein Aſthma, ſobald Sie bei fortgeſetzter Rede beharren.— Wie geht's mit unſerm Podagra, Commodore? Schon gut, nur geſchwiegen— wir müſſen mit dem Colchicum fortfahren. Pro re nata sumendus.« 1 »Donnerw—!« brüllte der Commodore, und ließ da⸗ bei Alles, was auf dem Tiſche ſtand, durch einen ge⸗ waltigen Fauſtſchlag auf dieſen, erdröhnen—»Don⸗ nerw—! ich will in meinem eigenen Hauſe das Maul 56 Der alte Commodore. frei haben. Das iſt ja ſtinkende Meuterei! Rebekka, komm hinter Mr. Plumerſand's Stuhle weg!« »Ich will nicht, Vater!—'s iſt ſo'n ſchmucker Herr, der Plumerſand, und ſpricht ſo liebfreund⸗ lich, und wünſcht nichts mehr, als Dich angenehm zu unterhalten, Papa. Und dann die ſchmucken jungen Herren dort links— Du ſiehſt ſie jetzt nicht— die haben Dir die ganze Zeit ſo ſchnurrige Geſichter ge⸗ ſchnitten, daß es ihnen beinahe geglückt iſt, wie drei Affen auszuſehen. Du glaubſt nicht, Papa, wie ſehr dadurch ihr natürlicher Geſichtsausdruck verbeſſert ward. Noch'umal ſo, Gentlemen!« »Ja, liebe Miß Bekky, wenn Sie hieherkommen und ſich zu uns ſetzen wollen,« ſagte der Geſchniegeltſte von den drei Eſeln—»wir haben ganz was Putziges Ihnen zu zeigen.— Oder haben wir nicht, Bob? ⸗ »Wie? noch etwatz Putzigeres, als Ihre Fratzen⸗ geſichter, oder als Ihres Freundes Bob krumme Beine? O, dann will ich gern hinkommen.« Damit hüpfte ſie durch das Zimmer zu den drei Gecken hin. Der Leſer wolle nicht glauben, daß unterdeſſen der Doktor geſchwiegen hätte; o nein! In gewaltigem Wortſchwall erklärte er dem gelaſſenen Mr. Under⸗ down die beiden entgegengeſetzten Syſteme, unter wel⸗ chen die damalige mediciniſche Welt im Streite rang. »„Blut laſſen! Blut laſſen! ſagen die Kliniker,« gurgelte der Doktor, indem er dazu gravitätiſch mit ſeinem Rohrſtock accompagnirte—»Blut laſſen, bis die Gefahr des Blutlaſſens größer, als die Gefahr der Krankheit, wird. Stärkungsmittel! Stärkungsmittel!“ ſchreien die Browniſten. Der Menſch iſt ein Herd— tragt Brennſtoff zu, daß die Gluth um ſo heller auflo⸗ dere— Opium und Branntwein— echte Specifica!« — Der alte Commodore. 57 »Doktor Ginningham, Doktor Ginningham! werd' ich in meinem eigenen Hauſe zu Worte kommen?« »Ja, mit Mäßigung, ſobald ich ausgeredet haben werde. Nun ſind die Verdienſte der Kliniker—« „»Wenn Er wird aus geredet haben! Dann giebt's keine Hoffnung hier. Na! ſoll's denn eine Lungen⸗ probe gelten, ſo wollen wir ſie verſuchen.« Indem er nun ſeine rechte Hand röhrenartig gekrümmt an den Mund legte, brüllte er mit ſo ſchrecklich lauter Stimme, daß ſchier das Haus davon erbebte:»Mannſchaft vrauf und d' Kriegsartik'l verleſen!« Die verdummten Gäſte ſchwiegen einige Sekunden lang, dann brachen Alle, mit Ausnahme des Sohnes Aeſkulaps und deſſen Paraſiten, in ein ſchallendes Ge⸗ lächter aus. »Wird's mir jetzt erlaubt ſein, zu ſprechen, Gentle⸗ men? Sie ſehen, es ſteckt noch einige Fechtkraft im alten Commodore. Jetzt, Doktor, ſagen Sie mir rund heraus und ohne alle dumme Querſegelei— können Sie mich noch wieder zur Dienſttüchtigkeit kalfatern oder nicht?« „»Nun denn, rund herausgeſprochen— nimmer! Nicht neunmonatliches Leben ſteckt mehr in Ihnen!« »Dann, Gott verd— mich! ſo will ich flott ſterben.⸗ »Sie werden zu viel ſprechen. Laſſen Sie ſich jetzt von mir einige Fragen vorlegen. Sagt' ich, nicht neunmonatliches Leben ſteckt mehr in Ihnen, ſo meint' ich ſolches nur inſofern, als wenn Sie fortführen, alle Regeln des Verhaltens, die ich Ihnen gebe, in den Wind zu ſchlagen, und keins der Medicamente einzu⸗ nehmen, die ich Ihnen verordne, und die mein guter Freund hier Ihnen zugängig macht.« „»Wohlan, wenn ich Ihnen nun unbedingt gehorche, 58 Der alte Commodore um wie viel länger als neun Monate kann ich dann hoffen, über Waſſer zu bleiben?« »Vielleicht um Einen Monat.« »Schön'n Dank!— Bekky, klingle, und laß mir Rum und Waſſer bringen.«“ »Ich allein befehle heute, Vater. Du bekommſes nicht. Hörſt Du's?« »Wie, Sir Octavius? Was haben Sie im Sinne? Sie verfahren gegen meine Verordnung— Sie trin⸗ ken gegen meine Verordnung— Sie ſprechen gegen meine Verordnung. Iſt dieß die Manier, ihren ärzk⸗ lichen Rathgeber zu behandeln? Eine freche Beleidi⸗ gung iſt's, und vollends gegen mich, einen Mann, der liegende Gründe hat. Stellen wir, Calumbo, dieſem beleidigenden alten Gentleman einige Fragen, und ent⸗ heben wir uns ſodann;— wir wollen von ihm ablaſ⸗ ſen, Calumbo, wie von einem denkwürdigen Opfer eige⸗ ner Hartnäckigkeit!— Sir Octavius, Sie verwerfen den Rath, den ich Ihnen bei meinen vervielfachten Viſiten ertheile?« »Ich bezahle ihn,« knurrte der Commodore. „»Gut, ganz gut, das heißt inſofern! Sie nehmen alſo niemals die Arzneien ein, die Ihnen in Fülle zu⸗ zuſenden ich meinem Calumbo hier Weiſung gebe?« »Ich bezahle ſie.« »Wiederum gut, jedoch nur gut in partieller Hin⸗ ſicht. Jetzt ſag' ich Ihnen, daß ein Hunderttheil jener Arzneien Ihnen mehr gutgethan haben würde, als das Ganze, wenn Sie dabei meinen diätetiſchen Vorſchrif⸗ ten gefolgt wären. Sie beſchweppen ſich mit Rum und Waſſer— Sie eſſen geſalzenes Fettfleiſch— und be⸗ zahlen auch dafür. Kein Work geſprochen! Sind Sie mein Patient, ſo gehorchen Sie und hören Sie Der alte Commodore 59 mich an;— wenn nicht, ſo überantwort' ich Sie Ih⸗ rem Grog und Ihrem Grabe— ich, Doktor Gin⸗ ningham.⸗ „»Hätt' ich ihn nur auf blauem Waſſer!« Da das Sprechen dem Doktor nothwendig, und ein Zuhörer, obwohl nicht ſolch ein sine qua non, höchſt annehmlich war, wendete er ſich wieder zu Mr. Under⸗ down und fuhr in ſeinen abgeſchmackten Prunkreden gegen und über den Patienten fort, während Mr. Plu⸗ merſand dieſe Gelegenheit wahrnahm, und den alten Commodore mit ſeinen geiſtigen Torturzangen zwickte. »Werther Sir Octavius,« begann er,»haben Sie die Neuigkeit— die ſo glorreiche Neuigkeit gehört? Es wird Ihnen unbändiges Vergnügen machen, ſie zu hören. Der glänzendſte Flottenſieg, deſſen man ſich erinnern kann, iſt erfochten worden—« „ Hagelſchlag und Donnerwetter! ich bin durch und durch Aufmerkſamkeit.« »Jammerſchade, daß Sie jetzk nicht flott ſind, Com⸗ modore! Aber die Aerzte alle ſagen ja, daß Sie ein gelieferter Mann— eine bloße Ruine— ein elendes Wrack ſind, und am Geiſte gleichen Verfall erleiden—« »Lügenmäuler ſagen das! Wie können Sie ſich unterſtehen, Sir—« »Bedenken Sie, werther Nachbar und Commodore— ich ſage das nicht.“« »Wollt's Ihnen auch nicht gerathen haben.« »Allein alle Welt ſagt, daß Sie nimmermehr wie⸗ der flott werden— und Ihre Gicht ſcheint eben ſo un⸗ bezwinglich, als Ihr Wohlbehagen an Rum und Waſſer zu ſein, und Ihr Rheumatismus klebt Ihnen ſo hart⸗ näckig an, als Ihr Guſto des Tabackkäuens. Ich ſage nichts, aus hoher Rückſicht gegen Sie, nichts von der 60 abſonderlichen Kreuz⸗ und Querwunde, die Sie am Kopfe haben. Aber möchten Sie wirklich, unter allen und jeglichen Umſtänden, wieder zu Commando gelan⸗ gen? wie?« 3 „Ob ich's möchte? Der Himmel weiß, wie inbrün⸗ ſtiglich ich's wünſche. Die See, die blaue, die offene See würde mir ein Paradies ſein. Bin ich nicht auf höchſt verdächtige Weiſe meines Dienſtes enkſetzt wor⸗ den? Werd' ich am Strand nicht von einer herzlich ge⸗ liebten Schweſter verfolgt, die das Land nicht viel beſſer als eine Unſinnige durchſtreicht? Was hat der Strand mir weiter zu geben, als Ueberdruß, Ekel und Elend? Die See, Sir, würde mich heilen; daß ſie mir fehlt, und ſonſt nichts, das iſt's, wodurch ich zu dem elenden, tölpeſchen Vieh gemacht ward, das ich zu ſein ſcheine. Die blaue, offene, ſchillernde See war, ſo zu ſagen, meine Wiege, war der Spielplatz meiner Ju⸗ gend, war das Jagdrevier meines männlichen Alters; die See allein kaun Troſt meinen alten Tagen geben; die See iſt das rechte kühle Grab für dieſen zerfetzten Leichnam, wenn die Seele ihn freudvoll verlaſſen haben wird. Und dennoch fragen Sie mich, ob ich erneuertes Commando wünſche? Zeigen Sie ſich als Mann, Sir, und ſpotten Sie meiner nicht länger.“ Dieß Alles ward mit einer beiſpielloſen Energie und einer ſo natürlichen Würde geſprochen, daß Alle im Zimmer, bis auf den geſchwätzigen Doktor, ver⸗ ſtummten. Rebekka, in beiden Augen dicke Thränen, ſchlich ſich zum Vater hin, küßte verſtohlen deſſen ge⸗ bräunte Hand und flüſterte ihm in's Ohr:„»Biſt doch bei alldem ein lieber, edler Vater!« Der unerwartete Ausbruch der innerſten Gefühle des kriegsvernarbten, durchwetterten alten Seemannes Der alte Commodore. — Der alte Commodore. 61 erzeugte eine ziemlich unbeholfene Pauſe, die von Mr. Plumerſand freundwilligſt benutzt ward, um ſein Gift zu ſammeln, daß er alsdann in die Ohren ſeines Opfers auf folgende Weiſe ergoß: »Sie haben überaus edle Geſinnungen ausgeſpro⸗ chen, Commodore,« begann er,»die Ihnen unendliche Ehre machen. Jedoch was ſind Worte? Thaten ſind's, auf die es bei Ihnen ankommt, um Sie mit Ihrem Könige und Ihrem Vaterlande wieder in's rechte Gleis zu bringen. Erwäge ich nun aber Ihres Leibes ge⸗ ſchwächten Zuſtand und andere ſich damit verknüpfende Umſtände, ſo fürcht' ich, die Gelegenheit zu ſolchen Thaten werden Ihnen nimmermehr geboten werden. Es thut mir leid— herzlich leid— uns Allen thut es leid— aber, iſt's nicht wahr?« „Hm, ich fürcht' es iſt wahr.« »„Wohlan! dennoch giebt's Troſt für Sie. Jeuer wackere Kapitän, der nach Ihnen das Commando über das fliegende Geſchwader erhielt— jener Brave, den Sie ſo ſehr bewundern, und den Sie inniglich lieben ſollten,— eben er iſt's, der jenen Sieg erfochten hat, von deſſen Berichterſtattung ganz London wiederhallt. Ich ergzielt die Zeitung heute früh durch einen Extra⸗ boten. Ich leſe darin, daß es heute allgemeine Illu⸗ mination in London geben wird; folglich werden Sie heute Treſtletree⸗Hall glänzend erleuchten. Die Graf⸗ ſchaft erwartet es. Soll ich Ihnen den Zeitungsbericht vorleſen? Ich weiß zum Voraus, daß Sie ihn mit un⸗ ausſprechlicher Freude anhören werden!« Der gelaſſene Underdown ſtand plötzlich von ſeinem Stuhle auf, ſtellte ſich dicht vor den Quäler hin und blickte ihm feſt in's Geſicht; allein auf dieſem Geſichte ſtand nichts zu leſen, woraus auch der krittlichſte Zwei⸗ 62 Der alte Commodore. kämpfler Urſache zum Hader hätte herleiten können. Eitel Läͤcheln, eitel Artigkeit, eitel Heiterkeit wies ſich auf dieſem Geſichte. Der milde, treuergebene Haus⸗ freund hörte auf, ſeine rechte Hand zur Fauſt zu ballen, wendete ſich zu dem Commodore, blickte ihn mit faſt weiblicher Innigkeit an, und fragte ihn in rührendem Tone, indem er ihm die Hand auf die Schulter legte: „»Sie freuen ſich dieſes Sieges, mein Freund?« „»So thu' ich, und von Herzen. Laſſen Sie das Haus heute Abend Eine Lampen⸗ und Lichtergluth ſein. Sagen Sie meinem Steward, daß er Tiſche auf die Wieſe ſtellt und mit meinem Biere ſo freigebig um⸗ geht, als ob's Waſſer wäre. Laden Sie meine Dörfler ein und ſorgen Sie, daß Keiner von meiner Thür ge⸗ wieſen werde. Jetzt, Mr. Plumerſand, will ich Sie bitten, mir die Siegesnachricht vorzuleſen.⸗ „»Glorwürdiger Papa! Glorwürdiger Papa!« ſchrie Bekky, und hüpfte wie toll vor Freude im Zimmer herum. Das gänzliche Mißlingen der Bosheitsabſicht Mr. Plumerſand's ließ dieſen ein Geſicht ziehen, als ob er Arſenik verſchluckt hätte; dennoch that er, wie der Commodore ebegehrt hatte. Dieſer Tag nun, der ſo friedlich und unerheblich, ja faſt ohne alle Vorandeutungen begonnen hatte, war auserſehen, in dem Leben des alten Commodore eine denkwürdige Epoche abzugeben. Mehr als einmal ſchon hat perſönlicher Hader in den beſten und nachgeſuchteſten Geſellſchaftszimmern ſtattgefunden. Der Leſer kennt bereits den Zuſtand der Unordnung, den der Commodore in ſeinem Hausweſen walten ließ; auch kennt der Leſer die Unbändigkeit, der, durch Umſtände dazu geleitet, die einzige und ver⸗ ——— ——— Der alte Commodore. 63 zogene Tochter des Commodore ſich hingegeben hatte; der Leſer kann ſich alſo nicht wundern, wenn etwas einem Handgemenge Aehnliches im Geſellſchaftszimmer eines engliſchen Baronets vorfallen möchte, ſobald wir erwägen, welche reizbare Naturen ſich hier verſammelt fanden, wie ihnen die Kenntniß der Geſellſchaftsge⸗ bräuche abgingen und wie vor Allem durchaus an kein Begegnen und Vermengen ihrer gegenſeitigen Neigun⸗ gen zu denken war. Die drei Stutzer, die unter der freundlichen Aegide Mr. Plumerſand's mitgekommen waren, um zu necken, hatten bis jetzt noch keines errungenen ſonderlichen Triumphes ſich rühmen können. Einer unter ihnen, der ein mittelmäßiges Talent zum Zerrbildzeichnen be⸗ ſaß, hatte ſich eine Zeitlang anglegentlich damit be⸗ ſchäftigt, von unſerem alten Seehelden eine nicht nur verletzende, ſondern wirklich beleidigende Karrikatur zu entwerfen. Dieſe war eben vollendet worden, als Mr. Plumerſand mit dem Vorleſen des Siegesberichtes fer⸗ tig war. Die drei kichernden Stutzer, die— mit Leid⸗ weſen ſagen wir's— zu ſehr durch Rebekka's Leicht⸗ ſinn aufgemuntert wurden, winkten die Tochter des Hauſes zu ſich, und der Zeichner, in der Gluth ſeines Künſtlerdünkels, wies ihr verſtohlen die von ihm ent⸗ worfene Skizze. Einen Moment lang erglühte ſie voll Unwillens, und verſetzte im nächſtfolgenden Augenblicke dem Bildner des gichtiſchen Commodore eine ſo un⸗ zweideutige und klatſchende Maulſchelle, wie ſie jemals in Zimmer oder Saal erſchollen ſein mag; gab ſie, ſag' ich, mit der Derbheit einer Milchmagd und mit der Behendigkeit einer Colombine. Der Empfänger ſchwieg, weil ihn das Maul kläͤglich ſchmerzte, die bei⸗ den Anderen aber, von denen der Eine aufſprang, 64 Der alte Commodore. ſchrieen durcheinander:»Verdammt! Eune Beleudi⸗ gung— An'nem Frauenzümmer können wür nüch Genuchthunk nehmen!— Olle Deubel! Verdammt!— Commodore, hür üs unſre Karte— Verdammt!« „»Schlag' ſie nieder, Vater! nieder ſchlag' ſie mit der Krücke! Schau', was für'n Schandſpiel ſie mit Dir auf dieſem Papier getrieben haben.“ Verdammt und Olle Deubel, unterſtützt von ihrem Freunde Blatternarb, fingen an ſich zur Thür hin zu bewegen, um, wie Shakſpeare ſich ausdrückt, dem „Pfiff und Wind« der Krücke des alten Seedegens auszuweichen, wurden aber daran von Mr. Underdown gehindert, der ihnen mit den Worten in den Weg trak: „Ich bin über die Maße aufgeregt, Gentlemen— Sie ſehen, daß ich am ganzen Leibe zittere. Auftritte die⸗ ſer Art machen mich gänzlich muthlos; warum aber wollen Sie, daß ich ſo meine Schwäche zur Schau trage, und warum auferlegen Sie mir die Nothwendig⸗ keit, Sie, Einen nach dem Anderen, bei der Naſe vor mei⸗ nen ehrenwerthen Freund hinzuziehen, damit Sie ein⸗ zeln und geſondert ihn wegen der unrerzeihlichen Drei⸗ ſtigkeit, womit Sie ihn zum Geſpötte ſeiner eigenen Tochter haben machen wollen, demüthiglich um Ver⸗ zeihung bitten? Sie, Doktor Ginningham, ſtellen ſich mit Ihrem Stock vor die Thür und wahren den Aus⸗ gang.«. „»Verdammt!« »Olle Deubel!« „Wohlan Sir! Bei Ihnen hab' ich anzufangen,« fuhr Underdown fort, und griff nach der Naſe des Kar⸗ rikaturzeichners. „Laſſen Sie die Gecken, Underdown,« ſagte der Commodore, gutmüthig.»Die Skizze verräth wirklich Der alte Commodore. 65 einiges Talent, obſchon man mich in ihr mit den un⸗ teren Anhängſeln hätte verſchonen können.« »Die Sache geht jetzt mich an. Commodore,“ ver⸗ ſetzte der ſauftmüthige Underdown.—„»Na, Sir, ſind Sie bereit?« Da der Gefragte bereit war, und da die beiden Anderen ebenfalls bereit waren, brachten alle Drei ihre Abbitte vor, und bekräftigen»beu ührer Oehre,« daß ſte es nicht böſe gemeint hätten, und ſo wurde für ein Weilchen ein hohler und ſchaler Friede proklamirt, und alle Gäſte ſtanden im Begriff ſich zu entfernen, ſonder Zweifel um in der Provinzſtadt zu prahlen, wie luſtig⸗ lich ſie das Meervieh, den fechtenden alten Commodore gehohnneckt hätten, als Alle plötzlich am Weggehen durch Neugier gehindert wurden, was doch wohl die ſo eben vom Diener hereingereichte ungeheuer große De⸗ peſche, mit dem rieſigen Siegel, mitbrächte, auf welcher ſich das Admiralitätswappen zeigte.— Alle ſtanden ſtill— Aller Augen hafteten an dem alten Com⸗ modore. »Mit Ihrer Erlaubniß, Gentlemen,“« ſagte dieſer mit einem leiſen Beben in der Stimme, indem er mit ſeinem Stummel das Dokument auf den Tiſch klemmte, mit der rechten Hand das Siegel löſete und mit wenig Reſpekt gegen des Admiralitätsſchreibers geübter Falz⸗ kunſt den Umſchlag der Depeſche zerriß. Der Kern derſelben war klein und gedrängt. Das eine Auge des alten Seehelden funkelte, ſeine Stirn röthete ſich, ſein Armſtummel wackelte in der Luft hin und her, und ſeine wetterzerfurchten Wangen verzogen ſich zu einem ganz abſonderlich geheimuißvollen Lächeln. Die Umſte⸗ henden konnten bei alldem nicht erkennen, ob der wür⸗ dige alte Gentleman unter einem Parorismus der Der alte Commodore. II. 8 5 — 66 Der alte Commodore. Frende oder des Schmerzes rang, noch ob das Schrei⸗ ben ihm gute oder böſe Kunde überbracht hatte. Endlich klatſchte er den Brief platt auf den Tiſch, und legte ſeine offene Hand feſt auf denſelben. Sein Auge blinzelte im Zimmer umher, und jetzt konnte ſein Geſichtsausdruck keinem Zweifel mehr unterliegen— der Blick des Alten war voll Extaſe, und fiel zunächſt auf Rebekka, die ſich ihm genähert hatte. Er zog die Tochter an ſeine Bruſt, gab ihr einen freundlichen war⸗ men Kuß und ſprach:„Gott ſegne Dich, mein Kind!« Achtlos gegen ſeine Gicht, uneingedenk ſeines Rheu⸗ matismus und voll Verachtung gegen alles Einwick⸗ lungsgewöll ſprang er auf, ſtand auf beiden Füßen da, warf ſeine Krücken von ſich, wodurch Mr. Plumerſand eine Schmarre am Schienbein davontrug, erhob ſeine Stimme und ſchrie: „»Eins— zwei— drei— hurrah! Jetzt bin ich wieder ein ganzer Mann— bin luſtig, bin wieder jung— ja, Ihr Hundsvötter! jung bin ich wieder. Wer wirft die Salbenkrücke dem Calumbo an den Kopf? Underdown, Horaz Underdown, ſchmeißen Sie dem Doktor das Colchicum in's Geſicht! Wer braucht Arznei? Ich nicht! Hurrah, Jungens! der alte Com⸗ modore iſt wieder außer Werft— von oben bis unten getakelt— Raagen gebraſſt— jeglich Tau angeholt— fliegende Wimpel! Champagner herauf—'n Dutzend Flaſchen auf'nmal! Thüren verwahrt, keine Seele hier darf ihr Tauende glitſchen laſſen.— Zechen wollen wir — ein ganz klein wenig bezechen wollen wir uns— ſo wollen wir. Freunde! Und nun noch'umal: Eins — zwei— drei— hurrah! Der alte Commo⸗ dore iſt wieder eingeſetzt! Keiner von Allen, mochten auch Uebelwollende und Der alte Commodore, 67 Mißgünſtige unter ihnen ſein, konnte das Hurrah ver⸗ weigern; neunmal ward's wiederholt, und der gravitä⸗ tiſche Doktor, der für dießmal ſeine Gravität bei Seite ſetzte, taktirte den Hurrahruf durch Aufheben und Sen⸗ ken ſeines goldbeſchlagenen Rohrſtockes. Die Nachricht ver⸗ breitete ſich wie die Cholera morbus; zuerſt packte ſie die Dienerſchaft des Hauſes, und daun die Dorfbewohner; und da der Tag einen Tag ungebundener Freude abgeben zu wollen ſchien, füllte der Grasplatz vor dem Gartenzimmer ſich mit allen luſtigen Kerlen und deren Weibern und Kin⸗ dern rings umher; und während drinnen der Champagner ſeinen flotten Umgang hielt, ward draußen mit freige⸗ bigen Händen Bier geſchenkt, ſo daß die Krüge von Munde zu Munde der ungebetenen Gäſte gingen. Es war ein trockener Sommermorgen, und gute Nach⸗ richt macht ſprichwortsweiſe durſtig. Zudem ſind arme Leute vorſichtig, und krinken gern zum Voraus, um künftigem Durſte, wenn möglich, vorzubeugen. Vergebens verſuchte Doktor Ginningham jetzt das Wort zu führen, und ebenfalls vergebens gebot er ſei⸗ nem Patienten zu ſchweigen. Ungehört und unbeachtet faſelte er mit gelahrter Wichtigthuerei über Andrang des Blutes zu Kopfe, unbeachtet und ungehört blieb ſeine düſtere Beredtſamkeit über'phrenitis,«'mania“ und 'synocha.ö Der alte Commodore verſicherte fluchend, er wäre jetzt vollkommen wieder hergeſtellt, and um dieß zu beweiſen, beſtand er darauf, daß er tanzen wollte, und daß alle ſeine Gäͤſte der Reihe nach mit ihm tanzen ſollten. Dabei machte der Baronet ſich tauſenderlei Ueberſpanntheiten ſchuldig, und wies ſich wüthend är⸗ gerlich, wenn Dieſer oder Jener ihm ſein Champagner⸗ glas wegſtibitzt hatte. Ein Nachfrühſtück ward hereingeſchafft und ver⸗ 5* Der alte Commodore. 68 ſchmauſ't— Brot, Kaͤſe und kaltes Fleiſch wurden draußen vertheilt. Die Nachfrühſtücks⸗Ueberbleibſel wurden wieder abgetragen, dennoch wollte Sir Octa⸗ vius ſeine Gäſte noch nicht von ſich laſſen. Endlich be⸗ ſchloß das wilde Gelag ſich auf die lächerlichſte Weiſe von der Welt— Sterne, daß ich Deinen Witz— Rabelais, daß ich Deinen Humor hätte, um den Aus⸗ gang dieſes Gelages zu beſchreiben. Ich, der ehemalige Seemann, ſah ihn mit an, denn ich trat ein, als man inmitten jener Orgien war. Schallendes Gelächter und Freudengeſchrei begrüß⸗ ten mein Eintreten. Alle ſtanden um den Tiſch herum, an dem oberen Ende deſſelben der Commodore, am un⸗ teren Mr. Underdown. Durch die Krümmung von des Commodore's linken Arm guckten Kopf und Schultern der lieblichen Rebekka hervor, deren merkwürdig ſchö⸗ nes Geſichtchen ganz eigentlich vom Rauſche der Luſt, und— muß ich's ſagen? auch vom Rauſche des Cham⸗ pagners erglühete. Des Weines Tollheit ſchien ihren Zügen Seele zu verleihen. O wie verſchieden war jener Blick der Begeiſterung von der aufflackernden Luſtigkeit, die durch gemeine Trunkenheit gewaltſam „herbeigezwungen wird! Das Mädchen ſchien eine Bacchantin zu ſein, allein ihr Becher überſchüttete nicht vom Betäubungstrank irdiſchen Weines, ſondern über⸗ ſprudelte von reinem Himmelsnektar. Alle ſtanden ſo; der Doktor ſchwatzte, und ſchob da⸗ bei, wie gewöhnlich, ſeinen Rohrſtock bald rückwärts, bald vorwärts in immer perpendikularer Richtung. Er erörterte, warum dieſe funfzehnte Geſundheit nicht bei randvollem Glaſe ausgebracht werden ſollte, ſintemal er noch nicht zu Mittage gegeſſen, überdieß der Patien⸗ ten noch viele zu beſuchen hätte, und gab des Ferneren Der alte Commodore. 69 als Grund an, daß er nicht randvoll mehr trinken wollte. Da nun dieſe beſondere Geſundheit, gleich jeder anderen, die getrunken worden war, für die beſonderſte und wichtigſte aller jemals ausgebrachten oder jemals noch auszubringenden Geſundheiten angeſehen ward, und da ſie dem Helden vom Nil gelten ſollte, ſo be⸗ ſtand der alte Commodore darauf, daß ſie ohne alle geiſtliche oder körperliche Zurückhaltung randvoll und bis auf den letzten Tropfen getrunken werden müßte. Hochberedt verfocht der Doktor noch immer ſeine Verweigerung. »Nun denn, Bekky, mein Puutjen,« ſagte der Ba⸗ ronet—»Du ſiehſt doch dort den Doktor und ſiehſt das Glas in ſeiner Hand, ſiehſt auch die ſchöngelockte, wohlgepuderte Perrücke auf dem Oberſtübchen jenes Doktors. Jetzt paſſ' auf, Schmuckchen; wenn Du, be⸗ vor Du hundert zählen kannſt, nicht ſiehſt, daß jenes Glas bis an den Rand mit Wein gefüllt, und beſagter Wein durch den untern Theil jener weißbekrönten Hohl⸗ heit, die der Mann da mit dem Rohrſlock einen Kopf nenut, hinunter gegoſſen ward, ſo zerr' mir ihm die Perrücke ab und wirf ſie zum Fenſter hinaus.« „» Ueberaus herablaſſend ſchritt Plumerſand zu der auf den Grasplatz führenden Glasthür und öffnete ſie— wie freundlich war es doch von Mr. Plumerſand, die unheilſtif⸗ teude Luſtigkeit anderer Leute zu fördern! Ach, mein lieber Mr. Plumerſand, es giebt ein altes Sprichwort, das da ſagt: ˙Wer da Glasfenſter führt, der bringe nicht das Steinwerfen in die Mode. In dieſem Augen⸗ blicke Ihrer Dienſtfertigkeit, Mr. Plumerſand, ahneten Sdie nichts von dem furchtbaren Ritt, den Sie nach we⸗ nigen Minuten nothgedrungen zu unternehmen haben würden.“ 70 Der alte Commodore. Die neckſüchtige Rebekka wußte dießmal einer ganz beſonderen Methode des Zählens nachzugehen. »„Ich will nicht mehr trinken, Calumbo,« prahlte der Doktor weiter.»Schon flirren mir muscae voli- tantes vor den Augen.— Gehen Sie nach Hauſe, Calumbo, und das gleich, und bereiten Sie mir eine Salzlatwerge mit einer Unze Moſchuseſſenz und dreißig Tropfen Schwefeläther— gern ſchrieb ich's Retept auf, aber meine Hand iſt wahrhaftig unſtät— will nicht mehr trinken. »Zehn, zwanzig, dreißig, vierzig, funfzig, ſechzig, ſiebenzig, achtzig, neunzig, hundert!« ließ Bekky Bakky ſich vernehmen, und war hingerannt und hatte richtig die Perrücke herunter. „»De veritate! meine Perrücke iſt fort! Calumbo, Calumbo, wo iſtm eine Haarhaube?« Allein ehe noch auf dieſe ſehr natürliche Frage eine Antwort erfolgen konnte, weil heulendes Gelächter ringsum erſcholl, flüchtete Rebekka ſich hinter Mr. Plu⸗ merſand; als ſuchte ſie Schutz gegen das ziemlich wan⸗ kende Nachſetzen des kahlköpfigen Medikers. 4 »Laſſen Sie ihn nicht mich anrühren, Mr. Plu⸗ merſand, bitte, bitte— bleiben Sie ja vor mir ſtehen— ſo recht, Sie guter lieber Mr. Plumerſand.« »Nichts ſoll er Dir anhaben; ich ſtehe feſt, mein Kindchen. Er muß ſo gut als wir Alle einen Spaß vertragen. Mich dünkt, er ſieht wunderſam weiſe, wenn auch verwettert drollig, ohne ſeine Perrücke aus.« Mittlerweile knetete die gottloſe Dirne auf das ſorglichſte die gepuderten Locken der Haarhaube, in die ſie mit ihrer einen Hand gefahren war, feſt mit dem Vogel⸗ leim und Schuſterpech zuſammen, ſo daß die Perrücke des Doktors und der Zopf des heimtückiſchen Gaſtes ſo in⸗ Der alte Commodore. 71 nig mit einander zuſammen gegeben wurden, als waͤren ſie durch das Band der Ehe verbunden, das bekanntlich in chriſtlichen Landen nur der Tod zu löſen vermag. Die Ope⸗ ration war von ebenſo kurzer Dauer, als ſie mit glorreichem Erfolge gekrönt ward. Der geſchlungene Knoten war ein gordiſcher— nur ein Schwerthieb hätte ihn löſen können. „Da, da, Doktor! Da hängt Ihre Perrücke; neh⸗ men Sie ſie hin!« jauchzte Bekky Bakky. Mr. Plumerſand wendete ſich um, um hinter ſich zu blicken— und ſiehe da! da hing der ſchneeweiße Appen⸗ dir und baumelte anmuthig über ſeines langen Rückens Untertheil hinab. Die muntere Laune der Geſellſchaft kannte jetzt keine Greuzen, waͤhrend der hocherzürnte Doktor ſchmach⸗ voll verhunztes Latein von ſich ſpie, dem Nachbar Plu⸗ merſand alle nur denkbaren Recepte von widrigſchme⸗ ckenden Medikamenten in den Hals hineinfluchte, und da⸗ bei begann, an ſeiner Haarhaube zu zerrren. Plumer⸗ ſand erbleichte von Ingrimm, und der Kampf ward nun beiderſeitig. 3 4* Die Verknüpfung war jedoch unauflöslich. Da der Doktor von Beiden bei weitem der Stärkere war, be⸗ ſchloß er, daß ſeine Perrücke, wenn auch lockenzerſtört, doch übrigens unverletzt bleiben ſollte; ſo ſchrie er denn luſtig nach einer Scheere, um, wie er laut und offen eingeſtand, ſeinem Gegner, Mr. Plumerſand, den Zopf wegzuknippſen. Und mit welcher liebenswürdigen Behändigkeit ver⸗ ſah Miß Rebekka Bacuiſſart den Doktor mit dem er⸗ ſehnten Schneiderwerkzeug!— Liebliches Kind, die Bekky Bakkyl« Jetzt hatte Mr. Plumerſand zur Genüge. Als vor⸗ beſonnener Mann hatte er ſelber die Glasthür geöffnet, 72 Der alte Commodore. um die Perrücke des Doktors hinausfahren zu laſſen, und wie vom Sturmwinde gejagt fuhr dieſe jetzt hin⸗ aus— ward gleichſam von ſchauerlichem Zugwinde hinausgeholt! Die blitzende forſex in der Hand, jagte der Doktor hinterdrein— der genoſſene Champagner ſtellte ſo Verfolgten wie Verfolger als um ſo glorrei⸗ cheren Läufer dar. Die ganze Geſellſchaft folgte nach— weite Aus⸗ ſicht über die Rennbahn war vorhanden; ſo alſo, wie es bei Engländern ſich wohl von ſelbſt verſtand, begann man zu wetten, inſofern man vor Gelächter dazu kom⸗ men konnte. Wenig bekümmert um ſeine Gicht, ſchob der Com⸗ modore ſich ebenfalls auf den Grasplatz, ohne dabei ſeiner Krücken zu bedürfen, hinaus, ſank auf einen Gartenſtuhl, bekam ſchier Zuckungen vor Lachen, und ſchrie zwiſchendurch:»Ehrliche Wette gehalten, Gentle⸗ men!« Eine nicht geringe Anzahl Herren und Damen aus der Nachbarſchaft, die mittlerweile gekommen wa⸗ ren, ihre Glückwünſche abzuſtatten, nahmen jetzt Theil an der Perrückenjagd, und nimmer iſt ein Wettrennen luſtiger angeſchauet worden. Zunächſt mußten Verfolgter und Verfolger ſich durch die Gruppen von Männern, Weiber und Kindern hin⸗ durch arbeiten, die ſich auf dem Raſen geſammelt hat⸗ ten. Als dieß geſchehen war, begann eigentlich das Wettrennen. Jetzt ging's Halten und Gegenhalten los, daß das Geſchrei davon die Luft umher erdröh⸗ nen machte.»Kahlkopf ſiegt!«—»Nein, Zopf ge⸗ winnt!“—„»Zwei gegen Eins anf den Langbein!«— »Soll gelten!«—»Drei. gegen Vier auf den Pillen⸗ dreher!«—»Angenommen!«—„»Links gerichtet, Squire— vor ihm kommt'n Graben!«»Lauft ihm Der alte Commodore. 73 quer, Doktor— ſo»rüber muß er lenken!“ und bei dieſer Ermunterung lachte Alles, und klatſchte in die Hände und jauchzte, daß der tollmuntere Auftritt im⸗ mer tollmunterer ward. Drollig wohl war's anzuſchauen, wie der kahl⸗ köpfige Doktor in ſeinem Staatsrocke dahin rannte; drolliger aber, ungleich drolliger zeigte ſich der fliegende Perrückenträger. Bald ſtrich weit hinter ihm aus das weiße Anhängſel— bald ſchlenkerte es ihm um die Rippen herum, und beſtäubte ihm den Rücken und die Hüften mit Puder.— Bald verloren die Wettrenner ſich zwiſchen Geſträuchen— bald waren ſie voll in Sicht auf der fernen Wieſe— bald wieder ſah man ſir nur theilweiſe zwiſchen Baumſtämmen dahinhuſchen. Beide Renner waren zu anhaltendem Wettlauf einan⸗ der werth. Wies Plumerſand ſich behender, ſo zeigte der Doktor ſich athletiſcher, ſo daß die Jagd endlich zu Gunſten des Verfolgers ausfallen zu wollen ſchien. Allein den Gejagten ergriff ein glücklicher Gedanke. Sein Leben an ſeinen Zopf zu ſetzen, war nun einmal ſein feſter Vorſatz, denn— ſo dachte er— wenn er auch die Schmach, denſelben zu verlieren, überleben und ſich über das Hohngeſpött der ganzen Grafſchaft hin⸗ wegſetzen könnte, ſo würde ihm von der Spanne dieſes Erdenlebens doch viel zu wenig noch zugemeſſen übrig bleiben, als daß er Hoffnung hegen dürfte, ſein Zopf würde ihm wieder zu der jetzigen glorreichen Länge wachſen.* Der Doktor war im Nachſetzen von ähnlichen Ge⸗ danken beſeelt. Lächerlichbeit drohte beiden Theilen in gleichem Maaße; und was konnte im vorliegenden Falle ſchlimmer ſein, als ſich lächerlich zu machen? Der ein⸗ zige Weg, aus dieſer Lage herauszukommen, war der, Der alte Commodore. ſiegreich aus ihr hervorzugehen. Ginningham durfte ſeine Perrücke eben ſo wenig, als Plumerſand ſeinen Zopf im Stiche laſſen! Er hatte nicht bloß einen *Lockenraube, er hatte einen Zopfraub im Großen zu begehen! So mächtig angeregt rannten Verfolgter und Verfolger in unabläſſigem Eifer. 8 Der Mann, der ſich widerrechtlich, jedoch abſichts⸗ los, der Perrücke bemächtigt hatte, erreichte endlich das äußerſte Parkthor, an welchem die vier Pferde, jedes derſelben von einem kleinen Jungen gehalten, ſtanden, auf denen Mr. Plumerſand und die drei Stutzer nach Treſtletree⸗Oall gekommen waren. Hier galt kein Fra⸗ gen! Plumerſand ſprang auf den erſten beſten Gaul und fort! und der Doktor in ſeidenen Beinkleidern ſchwang ſich in den Sattel eeines zweiten Thiers und hinterdrein! fort und hinterdrein! Fort und hinterdrein gings den Hügelrücken hinan, quer über die Heerſtraße, der Wallgrenze entlang, weg über die Gemeindewieſe. Die Perrücke ſtrömte jetzt ſtatt⸗ lich hintenaus, gleich dem Schwanze eines Kuabendrachen, an deſſen äußerſtem Ende ein Papierklümpchen wehet⸗ Furcht und Wuth und Wein(ja, ja, beſonders der Wein!) khaten jetzt ihr Aeußerſtes an den Beiden. Beide ſpürten eine wilde, kitzelnde Aufregung. Vor⸗ wärts treiben und ſchreien ſie ihre ſchon ermüdenden Thiere durch ein lautes, höchſt unanſtändiges Gebrüll. Wieder befinden ſie ſich auf der Landſtraße. Die Thiere wollen oder können nicht mehr über Hinderniſſe hin⸗ wegſetzen— geradeaus traben ſie dem Marktflecken zu, wo eben Markttag iſt— ſie traben durch die ſich thei⸗ lende und kreiſchende Menge— andere Reiter, die die Urſache dieſes ſeltſamen Schauſpiels nicht wiſſen, traben hinterdrein. Gilpin's Wettritt iſt merkwürdig, höchſt * —t —t Der alte Commodore. 75 merkwürdig, aber wie unendlich weit würde er von die⸗ ſem Zopf⸗ und Perrückenritt übertroffen werden, wenn es nur einen Cowper gäbe, der ihn beſänge! Der abgehetzte und durch das ihn umringende Ge⸗ töſe protzig gemachte Gaul Plumerſand's will endlich der ſchwachen Hand ſeines Reiters nicht mehr gehor⸗ chen; er ſetzt aus, galoppirt vom Heerwege ab, und plumpt bis an den Sattelbug in eine ſchlammige, mo⸗ raſtige Pferdeſchwemme. Der Doktor und die ihm fol⸗ genden Reiter lenken ſeitab, und machen alleſammt Halt am Rande des Sumpfes, wo ſie dem Perrücken⸗ träger mit dem Zopfe zurufen, herauszukommen. Des Roſſes Hufe aber ankern feſt in dem ſchlammigen Grunde, und mit ihnen ankert bis an die Rippen in Koth und Waſſer der unglückliche Plumerſand, da, wo ihm Zeit und Gelegenheit wird, ſich abzukühlen. Die Perrücke iſt nichts mehr, als ein ſchlamm⸗durchleckter, ſudelhafter Haarwulſt— ſie hat ihr rettungsloſes Verderben ge⸗ funden. Die Menge umher ſchaute jetzt den Doktor an, als heiſchte ſie Erklärung von ihm. Dieſer ſaß ſtill auf ſeinem keuchenden Thiere. Beſonnen blickte er umher, holte, bevor er ſprach, ein ſeidenes Schnupftuch aus ſei⸗ uer Taſche, band es über ſeinen kahlen Schädel hin unter dem Kinne zu, nahm eine Priſe Taback, und ließ ſich dann zur Rede herab: »Gentlemen!« ſprach er,»ich bin der Doctor Gin⸗ ningham aus**r in der Grafſchaft Hertfortſhire.« Bei dieſer gravitätiſchen Ankündigung zogen meh⸗ rere der Umſtehenden den Hut, denn bisher konnten ſie in der erhitzten, kahlköpfigen und kothbeſpritzten Geſtalt vor ihnen nichts weniger als den berühmten und reich⸗ bemittelten Arzt erkennen. Der alte Commodore. »Gentlemen,« fuhr dieſer fort:»jenes beſudelte Ding, das da über den Rücken jenes beſudelten Man⸗ nes in jener Sudellache baumelt, iſt meine Perrücke. Wer ſie ſich holen will, mag ſie als ſein Eigenthum betrachten. Bringt den Mann da zum Schweigen! er will ſich abgeſchmackt benehmen. Laufe Einer in's Wirths⸗ haus zur Krone, und beſtelle mir eine Chaiſe mit Vie⸗ ren— eine Chaiſe mit Vieren für mich, den Doktor Ginningham. Das Individnum dort in der Pfütze und ohne Hut wird ſonder Zweifel zu gehöriger Zeit aus ſeiner jetzigen Bedrängniß erlöſet werden. Laßt ihn von verſtändigen Leuten zu Bette bringen; ich will ihm jetzt etwas verſchreiben.« Nicht im mindeſten durch das Lachen und Jauchzen des Pöbels geſtört, zog er jetzt ſeine Brieftaſche hervor und ſchrieb flugs ein Recept und ausführliche Verhal⸗ tungsregeln nieder, die er den Händen eines der Um⸗ ſtehenden anvertrauete, der am reſpectabelſten ausſehen mochte. »Beſorgen Sie's, mein Freund,“« fuhr er zu dieſem fort,»aber ſprechen Sie nicht. Sollte das Fieber bei jenem beſudelten Manne Ueberhand nehmen, ſo bewirken Sie, daß ihm mindeſtens vierzehn Unzen Blut abgezapft werden. Wo iſt hier Jemand, der nach der Krone läuft? Laſſen Sie nach meinem Pferde, ſo wie nach dem Gaul in der Lache ſehen, laſſen ſie ſorgfältig danach ſehen und zwar auf meine, auf Doktor Ginningham's Koſten. Können die Thiere wieder ordentlich laufen, ſo ſchicken ſie ſie zurück an meinen ſehr werthen Freund, aber höchſt halsſtarrigen Patienten, Sir Octavius Bacuiſſart zu Treſtletree⸗Hall. Gentlemen, ich danke ihnen Allen für die ſchweigſame Aufmerkſamkeit, womit Sie mich ange⸗ hört haben; ſie zeigt von einer wohlbedächtigen und * Der alte Commodore. 77 aufgeklärten Zuhörerſchaft.— Hierher den Wagen! So iſt's gut. Nachdem Sie, werthe Freunde, mir ſo freund⸗ lich beigeſtanden haben, leiſten Sie auch weinem Reiſe⸗ gefährten einigen Beiſtand, ich bitte darum. Ich wün⸗ ſche Ihnen Allen einen guten Tag.“ Und indem er in die Chaiſe ſtieg, ſetzte er hinzu: »Kutſcher,'ne Ertra⸗Halbkrone, wenn Du gut fährſt — fort, nach**☛**« Dahin rollte der glorreiche Redner, der unermüd⸗ liche Rennreiter, der unerſchütterliche Stoiker, und ihm nach hallte Lachen und Jubeln der Zuhörerſchaft! Da⸗ hin rollte er, um ſich eine neue Perrücke zu beſorgen, und zur Eſſenszeit wieder in Treſtletree⸗Hall zu ſein. Was Mr. Plumerſand betrifft, ſo laſſen wir ihn in der Pferdeſchwemme, ſchwarz und regungslos und ſchweig⸗ ſam, wie die Statüe zu Pferde auf Charing⸗Croß. Wir wollen nicht einmal kundthun, wie er herausgeholt ward, ſondern ihn voll Ekels in ſeinem Sumpfe ſtecken laſſen.— Ein wohlverdientes Schickſal für Einen, der den alten Commodore hat necken und hecheln wollen. Merkt's Euch, Ihr Recenſenten! * —O —— Der alte Commodore. Fuͤnftes Kapitel. „»Der Brennſtoff, der die Rache nährt, verzehrt oft Den Altar, der die Höllenflamme trägt, Und oft den Prieſter, der das Amt verwaltet.« Altes Schauſpiel. Die Fahrt des Doktors ging ſo hurtig von Statten, daß dieſer, kalt wie eine Gurke, und mit einer wenn möglich noch weißer gepuderten und noch zierlicher ge⸗ lockten Perücke, als die geweſen war, der er meilenweit nachgeſetzt hatte, eine volle halbe Stunde vor dem Mit⸗ tagseſſen unter die zahlreichen Gäſte trat, die der alte Commodore haſtig geladen hatte, um jenen wirklich glorreichen Sieg auf See und ſeine eigene Wiederbe⸗ ſtallung mit ihm zu feiern. Die Geſellſchaft war eitel Herzlichkeit, Wohlwollen und Freudigkeit. Des Doktors Eintritt ward jubelnd begrüßt. Der Doktor aber wurde zur Stelle von einem An⸗ blick„backgeholt,«(ein Seeausdruck, der uns hier wohl verſtattet ſein dürfte), bei welchem ſich Erſtaunen und Grauſen ſeiner bemächtigten. O beiſpiellos freche An⸗ maßung! da ſtand der bisher ſchweigſam geweſene Schmarotzer, auch»Paraſit« oder»Schatten« zu nen⸗ neude Apotheker Calumbo, und redete, redete nicht bloß, ſondern redete ſogar energiſch, und erzwang dieſe Energie durch perpendiknlares Vorſetzen und Zurück⸗ ſtellen des goldknopfigen Rohrſtockes, des dreifach gehei⸗ ligten Scepters des Doktors Ginningham ſelbſt! Er ſpielte gleichſam den Arzt'in petto.’ Er hatte dem eintretenden Doktor den Rücken zugekehrt, ſo daß er — * „ * Der alte Commodore. 81 ſchon deßhalb, mehr aber noch ſeines Redeeifers wegen, den Medikus nicht gewahrte. Der Doktor ſprach zu Keinem, ſondern trat vor; dennoch ſah und hörte der redſelige Apotheker ihn noch immer nicht. Dieſer hatte ſich vertieft in einer Diſſer⸗ kation über die Sonnenneigung— groß war die Fin⸗ ſterniß, welche über ihn hereinbrach. Der Mann des Diploms riß das goldknopfige Rohr aus der Hand des Redners; dieſer verſtummte augenblicklich— die Kraft des Wiſſens und die Schönheit der Beredtſamkeit waren von ihm gewichen; er war nichts mehr als ein ſchweigſa⸗ mer Stämpfel zum Zerreiben der Droguen, die ein Grö⸗ ßerer als er verſchrieb. Doktor Ginningham war wie⸗ der er ſelbſt— er konnte verſchreiben— Himmel! wie konnte er verſchreiben! Dieſe kleine Pantomime diente nicht wenig zu all⸗ gemeiner Luſterhöhung. Vergebens aber befahl der Arz⸗ neigelehrte jedem von Allen als ſeinen derzeitigen oder einſtigen Patienten ſich dem Schweigen zu überantwor⸗ ten; Alle waren viel zu luſtig und guter Dinge, als daß ſie den Doktor allein das Wort hätten führen laſ⸗ ſen können. Dennoch wußte inmitten dieſer Fröhlich⸗ keit und Verwirrung der Commodore durch alle Töne und Laute hindurchzudringen und eine verlangte Ant⸗ wort von dem Doktor zu erhalten.„Bootsmann's⸗Maat, aho⸗i!« heulte die Stentorſtimme des alten Seebären. » Pfeif' alle Mann zum Schweigen!« Nachdem er hier⸗ auf ein ſchrillendes Pfeifen hatte hören laſſen, brüllte er noch lauter:»Stille vorn und hinten!« Und ſolche Stille erfolgte. 3 »Jetzt, Doktor! wo blieb der Gejagte?« fragte Sir Octavius. »Bis an die Rippen in der Pferdeſchwemme.« 80 Der alte Commodore. „ Und die Perrücke?«. „Baumelnd am Zopfende des widerwärtigen Man⸗ nes. Fahre ſie dahin! Er mußte grimmig dr'um rei⸗ ten; er habe ſie— verſudelt iſt die Perrücke; ſit ſei des Beſudelten beſudeltes Eigenthum!« Wir brauchen die fernere Feſtlichkeit dieſes Abends nicht zu ſchildern, noch ein Verzeichniß der Weinfla⸗ ſchen, die innen, und der Bierkrüge, die außerhalb des Hauſes geleert wurden, aufzunehmen. Die Illumina⸗ tion, rückſichtlich der kurzen Zeitfriſt, die man zu ihrer Verauſtaltung gehabt hatte, war höchſt auſehnlich, und hätte auch die Anzahl der ſehr bunten Lampen größer ſein können, ſo ward dieſer Mangel doch von Keinem wahrgenommen, indem, als die Flämmchen brannten, manche von denen, die zu ihnen aufblickten, doppelt, ja ſo vervielfältigt ſahen, daß Mehreren die Lichter bis in den Himmel hinaufzureichen und mit den Sternen ſich zu vermengen ſchienen, ſo daß Etliche der Gäſte, er⸗ ſtaunt über dieß Wunder, zu Boden ſanken, und näch⸗ ſten Tages bei Sonnenſchein in feſtem Schlaf liegend gefunden wurden. Tages nach dieſer Feier ſtieg der alte Commodore als ein anderer, und bei weitem anderer Mann in das Wohnzimmer hinab. Auf ſeiner hohen männlichen Stirn thronte wieder die ehemalige Ruhe, ſein Auge leuchtete wieder in früherem Feuer, und alle ſeine Mie⸗ nen, die durch Langeweile erſchlafft oder durch Kritt⸗ lichkeit verzerrt geweſen waren, hatten ihr natürliches Gepräge der Energie wieder angenommen. Freilich war ſeine Gicht nicht geheilt, allein ſie ſchmerzte ihn ungleich weniger, und alle ſein übriges Wehe war mit jener ſchlimmſten aller Krankheiten, der ſeelenerſchlaf⸗ fenden Apathie, gänzlich von ihm gewichen. Die Um⸗ Der alte Commodore. 81 wandlung des äußeren Menſchen war ſo erſichtlich an ihm, daß Rebekka in dem Augenblicke, in welchem er eintrat, laut ausrief:»Hilf Gott, Papa! was haſt Di mit Dir ſelber vor?« »Ich beſſerte mich in vielen Stücken, liebe Bekky, und will bemüht ſein, mich in allen zu beſſern. Mein lieber Horaz,« fuhr er zu Underdown fort,»wir ſind, wie Narren, in Verzückung. Beſchauen Sie dieß ſchöne Geſchöpf, den mir koſtbarſten Pulsſchlag meines Her⸗ zens, wie es jeht eben zur Jungfrau reifen will. O Horaz, mein Freund, ſage mir— iſt dieſe Bekky⸗Bakky wohl, was ſie ſein ſollte, was ſie ſein könnte?« »Was ſoll denn jetzt von mir Rede ſein, Vater? ⸗ Mr. Underdown ſchüttelte wehmüthig den Kopf. »Die Schuld iſt mein, ja mein, geliebtes Töchter⸗ chen. Lieber Underdown, ich verſtehe mich nicht dar⸗ auf— ermahnen Sie ſie tüchtig über ihr geſtriges un⸗ anſtändiges Benehmen.«. »Mik nichten, wir Alle nahmen Theil an dem Schwanke, und Mr. Plumerſand's gallſüchtige Anzapfun⸗ gen verdienten reichlich das Geſchehene, wiewohl es mich bekümmerk, daß unſere hübſche kleine Rebebkka— Miß Bacuiſſart, hätt' ich ſagen ſollen— dabei ein ſo vielthätiges Werkzeug abgab. Indeſſen war es eine Stunde ausſchweifender Luſtigkeit, und da mag es un⸗ gerügt ſo hingehen. Bei alledem gilt's, uns einen Cha⸗ rakter des geziemenden Anſehens beizulegen, und das recht bald. Zunächſt alſo, wie lautet die Ordre, Sir Octavins, die Sie empfingen?« »Ich habe mich ſofort nach Plymouth zu begeben, und unverzüglich das Kommando über die hier ad mar- sinem benannten Schiffe zu übernehmen— iſt'n ſtattliches Geſchwader.« Der alte Commodore. II. 6 82² Der alte Commodore. Mit dieſen Worten reichte der Commvdore dem Hausfreunde das amtliche Schreiben hin.— »Ja, ja,« ſagte dieſer,„ich ſeh's! Und ein luſtiges Poſtſcriptum ſehe ich auch hier, von der Hand des⸗er⸗ ſten Lords der Admiralität geſchrieben. Uebrigens iſt es in recht freundſchaftlichen Ausdrücken abgefaßt.« „O laſſen ſie mich ſehen, hurtig, hurtig!“« ſagte das lebhafte Mädchen. „Sie würden es doch nicht verſtehen, Miß Rebekka, auch wenn Sie es läſen. Es iſt Ihrem Vater die Weiſung gegeben, daß, ſo oft er ſich Seiner Majeſtät vorſtellt oder an den Hof des Königs kommt, man von ihm erwartet, er werde ſich jedesmal in voller, und durchaus vollſtändiger Uniform zeigen.“ „Ei, ſieht mein Vater doch in ſeinem goldbeſchnür⸗ ten Rocke, mit ſeinem dreiſpitzigen Hute und ſeinem langen Degen an der Seite am beſten aus, wenn er nämlich ſeine Viſitenhand mit dem weißen Handſchuh anſchraubt. O, er iſt ein ſchmuck ausſehender Mann, und ſeine Narben ſtehen ihm ſchön. Der erſte Lord hätte nicht nöthig gehabt, meinem Vater zu ſagen, wie er ſich kleiden ſoll. Das kommt ſehr aumaßend heraus, ſollt' ich meinen.« » Nun, Bekkylieb, wenn Du'n gutes Mädchen ſein und Dich bemühen willſt, ein wohlerzogenes Frauen⸗ zimmer zu werden, ſo will ich mich, und Dich ebenfalls, ſo lange Du lebſt ſo hübſch kleiden, als es Dir gefal⸗ len mag.“ „O, der liebe Papa!“ rief ſie und küßte ihn zu wiederholten Malen.„»Und nun will ich Dich auch um recht was Schönes bitten. Sieh, Papa, ich will jetzt auf meine Ausbildung bedacht ſein. Ich ſehe ſo wenige Leute, und fürchte, daß ich ein wenig linkiſch 7 Der alte Commodore. und unbeholſen bin. Den Fehler möcht' ich nun gern ablegen. Willſt Du mir dabei helfen?« »Ein liebes Kind, die Kleine! Freilich will ich; was kann ich meinem blühenden, helläugigen Mädchen verſagen?«. »Ich wußt's wohl! Und weil ich mich ausbilden will, ſo nimm mich mit auf See.« Sir Octavius und Mr. Underdown pfiffen Beide al⸗ len Ernſtes, aber in ganz verſchiedenen Tönen. Miß Mathilde, die kurz vorher eingekreten war, focht mit ihren Armen in der Luft umher und klingelte nach ih⸗ rem ungariſchen Waſſer.»Eau de Cologne“« hatte ſich zu den Landhäuſern Englands damals noch keine Strömung gebahnt. »Dich mit auf See nehmen!« ſagte endlich der Va⸗ ter;» wozu das, mein Kind?« »Um meine Erziehung zu vollenden,« autwortete Bekky⸗Bakky, und machte ihm einen ſo zierlichen Knix, als ſie ſeit langer Zeit ſich nicht herabgelaſſen hatte, ihn zu machen. „»Biſt Du toll, Bekky?« »O nicht doch, Vater. Ich erinnere mich wohl an das, was Du über den armen Auguſtus ſagteſt. ⸗ Alle Freudigkeit des Commodore war mit Einem⸗ male dahin. »Still! ſtill!« wollte der gutherzige Underdown be⸗ ſchwichtigen; allein das junge Dämchen plapperte fort: » Und weil ich für Dich ſorgen muß, Papa; weil ich Dich hindern muß, die Midſhipmen peitſchen zu laſ⸗ ſen. Wie könnteſt Du das Herz dazu haben, wenn ich bei Dir bin?« »Komm her zu mir, mein Kind!« rief der Commo⸗ dore.»Ich glaubte nicht, daß Du an einem für mich 6* — Der alte Commodore. ſo freudenreichen Tage mich ſo elend machen könnteſt. Aber es iſt ſchon recht; es iſt ein Schlag von zarter Hand, den ich verdiene. Hör' mich an, Rebekka. Ich will nie wieder einen jungen Gentleman peitſchen laſſen, will auch keinen anderen Mann wieder peitſchen laſſen, wohlverſtanden, wenn mir ein anderer Ausweg übrig bleibt. Ich bin jetzt ein klügerer Mann, und werde ich durch theuer erkaufte Weisheit kein beſſerer Maun, ſo will ich den Haß meines eigenen Kindes verdient ha⸗ ben, welches Gott in Gnaden verhüten möge. Ich habe Dich herzlich lieb, Rebekka, und Du weißt das; aber mit auf See darf ich Dich nicht nehmen, auch würde ich wenig Liebe und Achtung für Dich hegen, wenn ich Dich mitnähme, vorausgeſetzt, daß ich es dürfte.« „So willſt Du keinen Midſhipman mehr peitſchen laſſen, Vater? keinen?« „Keinen, Du kleine Here. Ich hoffe, Underdown, ich bin ein anderer Menſch geworden.“ »So gehe ich alſo mik Ihnen?« ſag gte der Freund voll Herzlichkeit. „Das weiß ich kaum. Ich hatte ſo meine Ge⸗ danken, Sie hier zu laſſen, und über Bekky zu wa⸗ chen. Indeſſen iſt Mrs. Oliphant das, was die Welt eine verſtändige Frau nennt. Wir müſſen wirk⸗ lich daran denken, aus dieſem derzogenen Kinde ein ar⸗ tiges Frauenzimmer zu machen.⸗ So ward denn hin⸗ und hergeſprochen, und endlich aus⸗ gemacht, Mr. Underdown ſollte dem Commodore nach Ply⸗ month folgen, ſobald binnen wenigen Tagen Mrs. Oliphan ſich gehörig in Treſtletree⸗Hall eingerichtet haben würde⸗ Gegen Abend nahm der Commodore den herzlichſten Abſchied von ſeiner ſchluchzenden Tochter, die jegliche Art von Beſſerung gelobte. Der alte Commodore. Es war ein Glück, daß Sir Octavius ſich noch an demſelben Tage entfernte, denn am nächſtfolgenden Mor⸗ gen erſchien abermals Lady Aſtell in ihrem gewohnten Traueraufzuge, um von dem Commodore ihren Sohn zurückzufordern. Wie gewöhnlich, ward ihr jegliche Hochachtung erwieſen. Sie ſah ſich von Underdown empfangen, und auch Rebekka war zugegen, welches bis⸗ her ſelten ſtattgefunden hatte. Ihrer Gewohnheit nach ſtand Lady Aſtell todten, untheilnehmenden Blickes mitten im Zimmer. Mit er⸗ ſichtlichem Widerwillen bebte ſie jederzeit vor jeglicher Annäherung zu den im Leben üblichen Höflichkeiten zu⸗ rück. Den herzlich gemeinten Fragen Underdown's ver⸗ lieh ſie keine Antwort, wohl aber verlangte ſie, nach geziemender Pauſe, den Mörder ihres Sohnes zu ſehen. Vergebens verſicherte man ihr, daß Sir Octavius ab⸗ gereiſet ſei. Sie hielt dieſe Verſicherung für Ausflucht der Furcht ihres Bruders vor ihr, und nahm zu ihrem Gewohnheitsmittel in ſolchen Fällen, zur Geduld näm⸗ lich, ihre Zuflucht. Rebekka's Scheu vor der Tante hatte ſich inzwiſchen bedeutend vermindert. Das Mädchen hatte von Lady Aſtell's Benehmen mit mitleidsvollem Tadel reden hö⸗ ren, und vernommen, wie man jenes Benehmen, im mildeſten Lichte betrachtet, für Anfall von Wahnwitz hielt. Dazu kam, daß Lady Aſtell's Weſen jegliches vertrauliches Annähern von Seiten ihrer Nichte zurück⸗ ſchreckte; auch war Letztere zu hochgeſinut, um ſolches Annähern auch nur zu verſuchen. Wenn nun aber Rebekka ſich auch nicht von Zuneigung zu der aufdring⸗ lichen Tante durchdrungen fühlte, ſo erglühete ſte doch von Unwillen, als ſie vernahm, wie ihr ſaufter und zart⸗ Der alte Commodore. 86 fühlender Freund ſchweigend für einen Lügner geſchol⸗ ten ward.* Aergerlich endlich, ſo ärgerlich, daß ſie es nicht mehr ertragen konnte, ging ſie plötzlich auf ihre Tante zu und fragte:»Nun, Lady Aſtell, darf man fragen, wann Sie wieder gehen?« „Sobald, Miß, als ich den— Ihren Vater meine ich, geſehen haben werde.« »Hörten Sie nicht, daß er geſtern Abend nach Ply⸗ mouth abreiſete?« „So jung— ſo ſchön— und ſo verlogen!« »Mir das, Lady Aſtell? Wie unterſtehen Sie ſich ſolches, Madame? Wann haben Sie mich einer Lüge zeihen können? Was Sie meinem Vater ſagen möch⸗ ten, ſagen Sie mir. Reden Sie, Mylady, und enthe⸗ ben Sie ſich dann. Ich bedarf dieſes Zimmers.« „»O Rebekka, benehmen Sie ſich nicht ſo gegen Ihre Tanute,« ſiel Underdown ein;»hedenken Sie, was dieſe Dame litt, und wie freundlich ſie früher gegen Sie war. Ehren und bemitleiden Sie ſie.« „Ich bemitleide ſie. Warum aber beſchuldigt ſie uns des Lügens?« »Ich warte auf den Commodore,« war die einzige Bemerkung, die Lady Aſtell zu machen ſich herabließ. »Feierlich verſichere ich Ihnen,« ſagte Underdown, „daß Ihr Bruder jetzt meilenweit von hier iſt.« „»Was Sie da ſagen, nennen Sie vielleicht einen frommen Betrug?« „Ich nehme Gott zum Zengen, daß ich wahr ſpreche!« verſetzte der Dame ehemaliger Anbeter mit aller Feierlichkeit eines Eidleiſtenden. »So muß ich ihm nachſetzen!« »Halt!« kreiſchte Miß Rebekka.»Laſſen Sie ſich v — v Der alte Commodore. 37 geſagt ſein, Lady, daß Ihnen das zu nichts helfen würde. Mein Vater iſt Ihrer Barbarei entronnen. Er befindet ſich wieder an ſeinem rechten Platze, führt wieder das Kommando eines ſtattlichen Schiffes.“« »Wie? kann das wahr ſein? Will er neue Mord⸗ thaten verüben?« »Lady Aſtell, ich will meinen Vater nicht als einen Mörder geſchmäht wiſſen. Ich ſage Ihnen dieß mit Gelaſſenheit. Uebrigens ſollt' ich nicht auf Worte ach⸗ ten, die nur in ein Krankenhaus für Wahnſinnige ge⸗ hören.« »Pfui, Rebekka! pfui!« rief Underdown, indem er ärgerlich aufſeand. Seit Jahren zum erſten Male verrieth Lady Aſtell einige Rührung. Das Blut drang ihr in die marmor⸗ weißen Wangen, und verſchwand wieder eben ſo ſchnell aus denſelben. Dann überzog ſich ihre Stirn mit einer tiefen Röthe, während der untere Theil ihres Geſichtes bleich blieb. Sie ſtrebte, ein ihr überkommenes Zittern zu verbergen. Sie litt zum Erbarmen, verſuchte zwei⸗ mal, zu reden, ohne daß es ihr gelang; endlich wurden ihre Worte hörbar, aber es waren nicht mehr kalte und leidenſchaftliche Worte, gleich denen, in denen ſie ihre Schauerforderung laut werden zu laſſen pflegte. Bebend und in Thränen ſprach ſie, indem ſie ſich zu Underdown wendete:»Iſt's wahr, Horaz? hält die Welt mich für wahnwitzig?« Underdown antwortete nicht, ſondern begrub ſein Geſicht in ſeine Hände. »Ja wohl,“« ſeufzte Lady Aſtell—»ja wohl gilt es dieſer verderbten Welt für Wahnwitz, wenn man wie eine Mutter fühlt! O Auguſtus, wie bald haben ſie Alle Dich vergeſſen!« 3 88 Der alte Commodore. »Das haben wir nicht!« rief Rebekka, und war im Begriff, ihre Tante zu umhalſen und um Vergebung zu bitten. Allein Lady Aſtell, welche fühlte, wie alle ihre Standhaftigkeit von ihr weichen wollte, wendete ſich haſtig ab und begab ſich von dannen. Zwiſchen Mr. Underdown und der Tochter des Hauſes trat eine minutenlange Pauſe ein, dann ſagte Erſterer:»Rebekka, Sie haben ſich der Grauſamkeit ſchuldig gemacht, doch ſollt ich meinen, daß Sie Gutes dadurch bewirkten. Sie gaben der unglücklichen Lady Aſtell eine andere Geiſtesrichtung und einen ungleich heilſameren Ideengang. Möge es zu ihrem Heile min⸗ deſtens ihr zu einiger Annäherung zur Heiterkeit gerei⸗ chen. Kommt Lady Aſtell wieder hierher, Miß, ſo ei⸗ len Sie ihr enkgegen und umarmen Sie ſie. Welch' edle Seele iſt hier verderbt worden!« „»Sie wiſſen, daß ich ein gutes Mädchen werden, daß ich Alles lernen und mich zu einem gebildeten Frauenzimmer machen will. Ich werde alſo genau ſo thun, wie ſie ſagten. Bei alledem hab' ich Tante Aſtell herzlich lieb, aber es iſt grauſam, von ihr zu ſagen, es denke Niemand, außer ihr, mehr an den armen Augu⸗ ſtus. Ich hoffe, ſie kommt wieder, und dann will ich verſuchen, eine liebherzige Tante aus ihr zu machen.« Aber Lady Aſtell kam nicht wieder, und ſo zer⸗ floſſen des Mädchens Pläne, die Dame umzuwandeln, in Nichts. ,= Der alte Commodore. 89 Sechſtes Kapitel. „Fregatte war ſo ſtramm und ſchön, . Wie je man ſie ſah durch den Sprudel gehn, Oder ſieggeſchmückt im Kampfe ſtehn, Die trotzige Belladonna!« Altes Seeſchlachtlied. Bißher haben wir uns dem alten Commodore ziem⸗ lich näͤhe gehalten. Wir müſſen uns jetzt erlauben, ihn, während er zur Poſt nach Plymouth reiſ't, um ſein glühend zurückerſehntes Kommando wieder anzutreten, zu verlaſſen, und uns in eine ſtille Meeresbucht an der Südweſtküſte von England zu begeben. Wir halten daſelbſt einen Augenblick an, beſchauen die liebliche Gegend umher, und führen alsdann in der Perſon des jugendlichen Kapitäns einer ſchmucken Fregatte einen anderen Seemann vor. Da ſchwimmt die Fregatte an einem einzigen Anker, den Schnabel kanalabwärts gerichtet, und reitet wegen der ſtarken Fluthſtrömung am tüchtigen Klüfentaue auf ein Halbſtündchen Ruderfahrt von der Küſte entfernt. Sie iſt eine überaus ſchöne Fregatte, lang, und ſitt ziemlich platt auf dem Waſſer, aber geht dennoch ſo ſteif unter Segel, daß es wahrlich heftig blaſen muß, ehe ſie ihre Unterdeckkanonen nicht mehr ſpielen zu laſ⸗ ſen vermag. Ihr Kapitän und alle ihre Mannſchaft haben längſt gewünſcht, einem franzöſiſchen Zweidecker zur Zeit des Sturmes zu begegnen, bei welchem der Der alte Commodore. 90 Feind genöthigt ſein möchte, ſeine Schießluken im un⸗ tern Deck zu ſchließen. Wäre dies geſchehen, ſo würde die kleine trotzige Belladonna“ gewiß ein gutes Zeug⸗ niß von ſich ſelber abgelegt haben. Ihre Maſten ſind ſtattlich, und ſpreizen ſich viel⸗ leicht nur ein wenig zu ſehr hinterwärts. Ihre Segel ſind ſo genau und ſauber eingerefft, daß ſie wie weiß gemalte Streifen an den Ragen ausſehen, nur daß in der Mitte das Ziehtau einen dunkeln Punkt abgiebt. Von Blöcken ſieht man nichts auf und an ihr, und je⸗ des Tau an ihr iſt ſo ſtramm geſpannt, wie eine Har⸗ fenſaite. Dazu iſt ſie hübſch bemahlt. Fürwahr, ſie hat das Anſehen einer fürſtlichen Yacht, und zeigte ſie nicht ihre ſich ſträubenden Kanonenreihen, ſo ſollte man ſie ſchier für ein ſtattliches Prunkſchiff halten, das nur dahingelegt ward, damit köſtlich geputzte Damen auf ihr eine Luſtfahrt über einen ſpiegelebenen See machen möchten. In Stille und Schönheit liegt die Fregatte da auf dem glatten Blau, das unter ihr wie ein umgekehrter Himmel erſcheint. Auch iſt die Landſchaft am Ufer die⸗ ſer Seeausſicht keineswegs unwürdig. Die beiden Hör⸗ ner der langen und nur ſchwach gezahnten Bucht en⸗ digen leiſe in dem Azur der Ferne, und kann eins von ihnen bis zu einem verfallenen Schloſſe verfolgt werden, das durch manche Oeffnung, die einſt ihm Fenſter oder Schwibbogenportal war, die warmen Sonnenſtrahlen hindurchſcheinen läßt. Das andere Horn der Bucht zeigt ſich nicht ſo maleriſch, jedoch heiterer. Es erhebt ſich höher, als jenes, und iſt mit Gehölz bekrönt, aus welchem heraus ein großes, jedoch nur theilweiſe zu er⸗ blickendes Landhaus ſchimmert, das allen Glanz jüngſt ihm gewordener Auffriſchung an ſich ſchauen läßt. Das * „— Der alte Commodore. 91 kieſelreiche Ufer entlang dieſer Bucht iſt binnen Landes von Feldern und Obſtgärten, Geſträuchen und grünen⸗ den Wieſen begränzt, und die ganze Landſchaft erſcheint in der Glorie eines engliſchen Junius. Wohl mögen wir fragen, ob in jenem großen, in ſeiner Stille ſo majeſtätiſch daliegenden Schiffe ſich et⸗ was Lebendes beſindet. Horch! ein nicht unangenehm klingendes ſchrillendes Pfeifen hallt über die Waſſer daher, und dem Pfeifen folgt der Ton einer rauhen Stimme; allein welche Worte dieſe Stimme laut wer⸗ den läßt, kann in der weiten Ferne, die zwiſchen Fre⸗ gatte und Ufer ſich dehnt, nicht vernommen werden. Jetzt pfeift's wieder, und, wie durch unſichtbare Reg⸗ ſamkeit bewegt, erhebt ſich ein großes Boot auf der Fregatte, ſchwebt eine halbe Minute lang, und ſenkt ſich alsdann mit ſchwachem Geplätſcher ſeittängs in das Waſſer. Es iſt ein Vergnügen, dergleichen an einem ſtillen Sommernachmittage mit anzuſehen. Dreizehn ſauber gekleidete Geſtalten poltern nun in die Barke hinunter. Am Ruder derſelben ſteht flugs der Hochbootsmann, und im Takte ſtellen alle Ru⸗ der ſich in die Höhe! Eine Geſtalt, noch flinker als die Uebrigen, tritt zu des Bootes Hinterbank, über die er den weiten Bootsmantel breitet. Es pfeift wieder; und jetzt gleitet ein junger athletiſch gebauter Maun durch die Seitentaue, und iſt augenblicklich unten im Kahne. Die beiden Bugmänner ſtoßen ab, auf ein Signal fallen die Ruder ins Waſſer, und das Boot ſchießt landwärts durch die See. Der Athletiſche mit dem vorn und hinten goldbeſchnürten Hute iſt Sir Oliver Oliphant, der Neffe des Sir Octavins Bacuiſ⸗ ſart, ein Poſtkapitän im Flottendienſt, und älteſter Sohn des verſtorbenen reichen Kaufmannes dieſes Na⸗ 92 Der alte Commodore. mens. Er hat ein überaus hübſches Geſicht, obwohl man auf dieſem einen melaucholiſchen Zug des Denkens wahrnimmt. Man ſieht ſofort, daß Sir Oliphant brav, edelherzig und gutmüthig iſt, ſo daß er, wenn nicht einen höchſt geiſtvollen, doch einen trefflichen Geſellſchaf⸗ ter abgiebt. Er kann ſicher ſein, den Damen ganz be⸗ ſonders zu gefallen. Ein ganz klein wenig iſt er ſich dieſer ſeiner Vorzüge wohl bewußt. Bisweilen, wenn er die grauköpfigen unter ihm dienenden Officiere er⸗ lickt, wundert er ſich ſelber über das Begünſtigende ſeiner Stellung; indeſſen iſt er ein braver Junge, und muß demnach nicht allzuſehr bekrittelt werden. In der Munterkeit der Jugend entſpringt er ſeinem Kahne, und ihm folgt ſein Begleiter, ein Miſchling von Matroſen und Diener. Dieſer Diener hatte ſich in eine Art von Ruf gebracht, weil er verſuchte, für einen Witzkopf zu gelten. Sein Herr, der Kapitän Oliphant, hatte ihn über die Maßen gern. In gleichem Maße haßte ihn der alte Commodore. So oft Peter Drivel, wie er ſich nannte, dem alten Seemanne in den Schuß kam, warf dieſer das Erſte, was er faſſen konnte, nach ſeinem Kopfe. Dieß trug ſich jedoch nicht oft zu, denn Kapitän Oliphant legte gern, wie ſchon bemerkt ward, ſo breiten Waſſerraum als möglich zwiſchen ſich und Sir Octavins. Peter nahm ſolches Bombardiren in⸗ zwiſchen nicht übel auf, denn der Commodore traf ihn niemals; um aber das Feuer zurückzugeben, ließ Peter dann irgend einen Witz vom Stapel laufen, und ver⸗ ſchwand. Jetzt liegt mir die ſchmerzliche Pflicht ob, zu berich⸗ ten, daß weder Peter Drivel, noch Kapitän Oliver Oliphant, noch Kapitän Oliver Oliphant's Langbvot, noch deſſen Fregatte das Geringſte da zu ſchaffen hatten, Der alte Commodore. 93 wo ſie ſich an jenem lieblichen Juniusnachmittage be⸗ fanden. Alleſammt hätten ſie weit, weit von dort, hãt⸗ ten im Schlunde des Kanals ſtecken ſollen. Tags zu⸗ vor jedoch harte Kapitän Oliphant höchſt liebfreundlich ſeinen Steuermann, ohne daß dieſen die Reihe dazu ge⸗ troffen hatte, an ſeine Tafel geladen, und an dieſer ihn unter Auderem gefragt, ob er nicht ebeufalls meinte, die Untertakelung der Fregatte bedürfe einer weſent⸗ lichen Ausbeſſerung. Der Steuermann meinte dieß nun allerdings. So ließ man die trotzige Belladonna auf ihren derzeitigen Ankerplatz laufen, damit ihr Unter⸗ takelwerk ausgebeſſert würde. Warum dieß eigentlich geſchah, weiß ich nicht zu ſagen. Dagegen aber weiß ich zu ſagen, daß zu Jaſpar⸗ Hall eine junge Dame wohnte, die den romantiſch klin⸗ genden Namen Roſa führte, und daß Jaſpar⸗Hall nur eine kurze Strecke Weges von der Bucht entfernt war, in welcher das Boot den Kapitän und deſſen getreuen Dienſtmaun an Land ſetzte. Es war ein ſchöner, breiter, offener Heerweg, der zu Jaſpar⸗Hall führte; allein Kapitän Oliphant hatte einen Widerwillen gegen offene Heerſtraßen; ihm wa⸗ ren weite Ausſichten langweilig geworden, da er deren zur Genüge auf See gehabt hatte. Er bedurfte länd⸗ licher Gruppen, und ſchlug demnach ſeinen Pfad über einen ſchmalen Krummweg ein, um dem Landhauſe nä⸗ her zu kommen. Seinen Eintritt in daſſelbe wollte er durch Umſtände beſtimmen laſſen. Es hatten aber auch Andere, außer uns, die Ankunft der Fregatte auf der Höhe wahrgenommen, ja dieſelbe ſogar, wie wir fürch⸗ ten, erwartet. Als Kapitän Oliphant die Bucht klar gemacht hatte, und er und ſein Begleiter ſich mitten auf den Win⸗ 94 Der alte Commodore. dungen des Krummweges befanden, war Peter, ein äußerſt romanhaft geſtimmter Burſch, ein Streckchen zurückgeblieben, um der unſchuldigen Beluſtigung ſich hinzugeben, einen Strauß aus wilden Blumen zu win⸗ den. Sein Herr fand an dieſem Hange zum Bokaniſi⸗ ren juſt jetzt kein Behagen, rief daher mit lauter Stimme ſeinem ſtudirenden Dienſtmanne zu:»Heda, Peter! Peter Drivel, ſag' ich! Lug' aus, Burſch! Ziemt Dir's auch, Dich wach in meinem Fahrſtrich zu halten, ſo ſollteſt Du doch immer auf Zuſpruchsweite lie⸗ gend zu finden ſein.« Bei dieſem paſſenden, nantiſch in Worte gebrachken Vorwurfe ſchob Peter ſich nahe zu ſeinem Gebieter hin und ſpitzte die Ohren. Seine Witzhaſcherei befiel ihn, und er antwortete laut:»„Ja, ja, Sir!« und indem er, nach Weiſe der Witzköpfe, that, als habe er den Gebieter nicht recht verſtanden, ſetzte er, obſchon ſeines Herrn Spazierſtöckchen ihn eines Klügeren hätte beleh⸗ ren ſollen, ſein Steckenpferd in Bewegung, und fragte: „Wie, Sir? ſagten Sie, es könnte Niemand wachend lügen, wenn Sie ihm zurufen?« Dadurch kam jedoch des Burſchen Kopf in Gefahr, denn das Spazierſtöckchen ziſchte über demſelben. „»Halunke Du!« ſagte Sir Oliphant,»kann denn ich ſo wenig, als der alte Commodore, Dir die abſcheu⸗ liche Sucht, nach Wit zu jagen, vertreiben? Donner noch'nmal, Dein Geſchwätz mit Witworten aufzu⸗ takeln iſt faſt eben ſo ſchlimm, als bei jeder Alltags⸗ angelegenheik eine Breitſeite von techniſchen Aus⸗ drücken abzuknallen. Ich haſſe dergleichen. Indeſſen will ich jetzt nichts weiter darüber ſagen, Peter; wir haben an andere Dinge zu denken. Es iſt höchſte Zeit für uns, zu merken, wo's Land liegt, unſere Tacks 7 .i— Der alte Commodore. 95⁵ an Bord zu klappen und nach Jaſpar⸗Hall Segel zu machen.“« »Mit Verlaub, Sir,“« ſagte Peter ſchelmiſch blickend, »wenn Sie von Tacks anklappen ſprechen, ſo taxireu Sie ſelber erſt—« »Schon wieder Witzelei, Du unzuverbeſſernder Ha⸗ lunke? Wenn Du Deine Zunge nicht bald vor Auker legſt und Deiner Impertinenz einen Stopfer anklappſt, ſo—— Himmel und Erde! wann werde ich ſelbſt dieſe nautiſche Gewohnheit ablegen?« Der liebenswürdige Kapitän ſchämte ſich nämlich, daß er gewöhnlich die Sprache des Hinterdecks und des Vorderkaſtells redete, und da eine gewiſſe Dame ihn mehreremale darüber ausgelacht hatte, that er ſein Möglichſtes, um ſie zu vermeiden. Daß dieß ihm miß⸗ lang, gefiel ihm keineswegs, während es ſeinem Dienſt⸗ manne Peter ſehr behagte. »Wann,“« rief er alſo energiſch—»„wann werd' ich dieſe nautiſche Gewohnheit ablegen?« »Nimmer legt man eine Gewohnheit ab, ſo lange man an ihr herum nautſcht*),« wortwitzelte der un⸗ heilbare Peter halblaut vor ſich hin. „»Häßliche Gewohnheit,« fuhr der Kapitän fort, der Peters Einwurf nicht gehört hatte—»häßliche Ge⸗ wohnheit, meine Reden mit Schiffsausdrücken zu ſpicken. ⸗ *) Nautſchen, auch nuutſchen, iſt ein norddeutſches Provinzialwort, und entſpricht ſo ziemlich dem Schrift⸗ deutſchen» ſaugen« oder» ſchmatzen.« Im Original ſteht das Wortſpiel»nautical habit« und»naughty habit. a Kann irgend ein geehrter Herr Recenſent mir beſſer aus der Klemme helfen, als ich mir hier herauszuhelfen rang, ſo reiche er mir die Ueverſetzer⸗Bruderhand, und— vsoyons amis, Cinna! a 3 Der Ueberſ. * 96 Der alte Commodore. Zu dem Diener gewendet ſprach er dann:» Peter, mein Junge, ein für allemal achte mehr auf den Sinn als auf di. Worte deſſen, was ich Dir mittheilen möchte. Ich ernenne Dich hiemit zu einer Art von Cen⸗ ſor——& »Ja, ja, Sir; ich ſoll aufpaſſen, ob Nonſens o'r Deckſprache in Ihrem Munde——« »Nal“« fiel der Kapitän reſiguirt ein,»ich glaube, *s iſt eine Krankheit, die der arme Schlucker nicht los⸗ werden kann, Ich wills geduldig ertragen, wenn er wortwigelt. Peter, ſag' ich, Du ſollſt einen Cenſor meiner Reden ſo abgeben, daß, wenn Du merkſt, daß ich mich in ſchiſtsſprichwörtliche Redeusarten verlaufen will, Du mich zeitig dadurch warnſt, daß Du recht hörbar'hem! hem!“ rufſt, worauf ich alsdann wie auf 'nen Signalſchuß achten und auf anderen Tack herumlegen will.« „Hem! hem!! hem!!!« krächzte Peker mit gebüh⸗ render Salbung. »Hol's der Geier!« ſagte der verdrießliche Gebieter, vich ſeh's ein, ich werde dem Burſchen Gelegenheit geben, ſich die Kehle rein zu halten, und ſeine Pfeife wird bald den Hochbootsmannsruf übergellen.« „»Hem! hem!! hem!!1« ließ der getreue Mentor, dem ſein neues Amt ganz beſonders gefiel, abermals ver⸗ nehmen. »Nein, Peter,“« entgegnete ihm der junge Schiffs⸗ hauptmann im Tone erunſten Ermahnens,»dießmal warnteſt Du mit Unrecht; was ich ſagte, war bloß ein Vergleich, durch den ich Dir ein Kompliment machte. Aber wer kommt dort herüber? Schau,'s iſt unſer alter Bote, der Pächter Drag. Jetzt werden wir in den Stand geſetzt werden, zu erkennen, wie die Sachen — Der alte Commodore. 97 im Hauſe ſtehen, und können demnach unſern Cours ſo ſteuern.— »Hem! hem! hem!« ſchnurrte Peter, ſo laut er konnte; doch war dieß noch nicht das Schlimmſte. Links und rechts, am Wege hinter den Hecken, wurde das»Hem! hem!« von luſtig klingenden Stimmen wiederholt. Herr und Diener ſahen einander für ein Weilchen in ſchweigſamem Erſtaunen an, und brachen alsdaun Beide in ein lautes Gelächter aus. Dennoch geſiel dem Kapitän das»Hem! hem!!« hinter den He⸗ cken nicht ſo ganz. „Spring nüber, Peter,« ſagte er,» und ſieh zu, wer uns ſo zu necken wagt.« Während nun Peter zwiſchen und hinter den He⸗ cken umherſucht, und der ſchmucke Kapitän nicht weiß, ob es klüger für ihn gethan iſt, geradezu nach Jaſpar⸗ Hall hinaufzugehen, oder einen Späher dahin voraus⸗ zuſchicken, wollen wir dem Leſer das Hem⸗hem⸗Ge⸗ heimniß hinter den Büſchen und ſonſtiges Dunkle, das er zu begreifen hat, aufklären. Die Dame mit dem romantiſchklingenden Namen Roſa Belmont hatte näm⸗ lich die'trotzige Belladonua“ ankern ſehen, war vom ſchönen Wetter dazu angelockt, über eine grüne Wieſe hinab zur Bucht zu ſchlendern, um dort das ſchöne Schiff noch beſſer in Augenſchein zu nehmen; wenig⸗ ſtens wiſſen wir keinen anderen Grund ihres Spazier⸗ ganges auszumitteln. Sie nahm auf dem Wege ihre Kammermagd Lenore, Dobſon, eine junge Dirne, mit, die erſt kürzlich in dieſen ihren Dienſt getreten war. Da beide Frauenzimmer nun die Fußwege beſſer kannten, als es mit den beiden Flottengentlemen— denn Peter Drivel hielt ſich nie für etwas Anderes, als für einen Gentleman— der Fall war, ſo wurden Der alte Commodore II. 7 98 Der alte Commodore⸗ Letztere bald von den dabei unerſpäht gebliebenen Mäd⸗ chen entdecke. Roſa und deren Begleiterin ſchlender⸗ ten hinter den Büſchen neben den jungen Männern hin, und hörten ihr ganzes, von uns bereits ver⸗ nommenes Geſpräch über Cacoethes(d. h. üble Ge⸗ wohnheit, meine ſchöne Leſerin) mit an, und leiſteten, da ſie mildherzig und von chriſtlicher Geſinnung waͤ⸗ 3 ren, unſerm Peter nach beſten Kräften Beiſtand, als der ehrliche Burſche ſein Mentoramt hinſichtlich ſeines Gebieters Redeweiſe verwaltete.. Mittlerweile war ein ziemlich tölpiſch ausſehender, ältlicher Bauer zu dem Kapitän herangeſchritten, machte jetzt dieſem einen Kratzfuß, indem er linkiſch genug ſeinen Hut zog, ging mit demſelben bei Seite und begann ein ernſthaftes Geſpräch mit ihm, ſo daß Beide unſern Peter, der nichts hinter den Hecken des— Krummweges hatte erſpähen können, ſtehen und über neue Witzworte brüten ließen. Siebentes Kapitel. „Ihr Götter— ol vernichtet Raum und Zecit, Und macht ſo zwei Verliebte glücklich!« Da es allen Anſchein hat, als ſtänden wir am Ein⸗ gange einer Liebesgeſchichte, ſo iſt es nöthig, daß meine Freunde, die Leſer, mit allen intereſſauten Nebenumſtäu⸗ den bekannt gemacht werden. — —:— 8 Der alte Commodore. 99 Roſa Belmont war, mit Einem Worte, ein ſchönes Mädchen, ſo daß, um ſie zu ſchildern, wir von Sam⸗ metwangen und Roſenteint und Rabenhaar viel ſalba⸗ dern könnten, wenn wir Luſt dazu hätten— dennoch müſſen wir ein wenig der Schönen Augen beſchreiben. Es war nämlich faſt unmöglich einen philoſophiſchen Blick auf dieſe Augen zu werfen. Selten waren ſie ganz geöffnet, denn die langen Wimpern hielten den Blick verſchleiert und minderten wohlwollend deren Feuer vor denen des Beſchauers. Dabei ließ Roſa Belmont in allen ihren Bewegungen die Wärde des Denkens durchblicken; ja, ſie ſelbſt pflegte zu ſagen, daß ſie durchaus Seele wäre, und wirklich ward ſie zur Stunde nicht gewahr, wie richtig dieſe ihre Be⸗ merkung über ſich ſelbſt war. Sie hatte um dieſe Zeit beinahe das Alter ihrer Mündigkeit erreicht; ſo daß die Vormundſchaft, die unſer bekannter Mr. Plumerfand über ſie führte, bin⸗ nen wenigen Monaten ihre Endſchaft erreichen mußte. Dann wurde ſie alleinige Herrin von Jaſpar⸗Hall, einem etwas verſchuldeten Gütchen, das jedoch noch immer eine mäßige Unabhängigkeit ſicherte, und bei einigen Jahren Sparſamkeit unverſchuldet und ſodann von an⸗ ſehnlichem Werthe war. Dieß verheißungsvolle Gütchen und dieſes bezau⸗ bernde junge Mädchen für ſich zu behalten, war Abſicht Mr. Plumerſand's. Um dazu deſto leichter zu gelangen, hatte er Roſa in ſtrenger Abgeſchiedenheit erziehen laſ⸗ ſen, und Alles gethan, um ihrem Gemüth eine roman⸗ hafte Richtung zu geben. Was das Romanhafte betraf, ſo war ihm dieß wunderlich gelungen; ſo daß in Folge ſeiner Aufmerkſamkeiten gegen ſie, der Lehren, die er ihr fortwährend ertheilte, und der Zurückgezogenheit, in 7* 100 Der alte Commodore. der er ſie hielt, die junge Dame, die natürlich keine Gelegenheit hatte, Vergleichungen anzuſtellen, den ält⸗ lichen Herrn, um die Lücke in ihrer Imagination aus⸗ zufüllen, zum Liebhaber angenommen hatte. Dieß war jedoch ein tiefes Geheimniß, um welches nur die beiden dabei Betheiligten wußten. Mr. Plumerſand war ein pfiffiger, ſich einſchmei⸗ chelnder, und, obwohl ſein Haar ergraute, keineswegs übeler Mann. Er fürchtete der Welt Meinungen; ſprach ſelten von ſeiner Mündel, und hatte dieſe in Frankreich erziehen laſſen. Da Roſa in jenem Lande geſehen hatte, wie man dort gemeinhin über junge Mädchen verfügte, da ſie ferner durch Quartalviſiten ihres Verehrers ſich geſchmeichelt fühlte, und überdieß ſich einbildete, es ſei in dieſem alle Gutherzigkeit ent⸗ halten, deren die menſchliche Natur ſich rühmen kann, ſo war Roſa mit ihren Ausſichten in die Zukunft recht wohl zufrieden. Hinſichtlich Mr. Plumerſand's, ſo nannte Jeder ihn einen ſorglichen und freundlichen Vormund, der durch⸗ aus nicht aufdringlich und allweg höchſt rückſichtneh⸗ mend wäre. Niemand aber wußte, wenn er Mr. Plu⸗ menſand ſo loben hörte, daß dieſer auf ſchändliche Weiſe die Eitelkeit und Unerfahrenheit eines ſiebenzehn⸗ jährigen Kindes ſich inſofern zu Nutzen machte, als er Roſa dahin verblendete, ihm zu verſprechen, ihn zu ehe⸗ lichen, ſobald ſie das Alter ihrer Volljährigkeit erreicht haben würde. Als eine Unmündige wollte er ſie nicht ehelichen— er nicht! Das hätte in Bezug auf das Landesgeſetz und auf ſeinen Ruf gefährlich werden kön⸗ nen. Er hatte jedes ihm zu Gebote ſtehende Mittel angewendet, um ſeiner Mündel ein hochſtrebendes ro⸗ mantiſches Gefühl einzuflößen, und ſchon ſagten wir, — ,— re —,— Der alte Commodore. 101 daß ihm dieß wunderſamlich gelungen war. Könnte diejenige, deren Seele von den Thorheitsbegriffen ewi⸗ ger Liebe vollgepfropft war, wohl ihren geleiſteten Treuſchwur brechen? Nimmermehr! dachte Mr. Plu⸗ merſand. Indeſſen hat Romantik ihre eigene Ausle⸗ gung, wenn es Herzensbündniſſe betrifft, ſo daß ſie dieſe bisweilen als nachtheilig für die Intereſſen des über⸗ reifen Alters und der Doppelzüngigkeit deutet. Mr. Plumerſand's Landgut und Wohnung befanden ſich in der Nähe von Treſtletree⸗Hall. Von allen ſei⸗ nen Nachbarn ward er als ein eingefleiſchter Hageſtolz angeſehen, und ſeine Beſuche in Frankreich ſchrieb man der pflichtgemäßen Sorgfalt für das Wohl ſeiner Mün⸗ del zu. Jetzt, da dieſe ihr zwanzigſtes Jayr zurückge⸗ legt hatte, hielt er es für zeitgemäß, ſie ein wenig mehr unter ſeine unmittelbare Aufſicht zu ſtellen. So ließ er Jaſpar⸗Hall in Ordnung bringen, verſah ſich für Roſa mit einer Ehrenhüterin in Geſtalt einer wohlbe⸗ leibten und von ihm abhängigen Couſine, und holte dann ſeine Mündel nach England herüber, wo er ſie in ihrem Vaterhauſe einrichtete, das auf der Küſte von Cornwall, wie er dachte, einſam genug lag, um ihn gegen jede möglich denkbare Nebenbuhlerſchaft zu ſichern. Sobald Roſa gebührend unter Obhut der Miß Dred⸗ gely gebracht worden war, ſtattete Mr. Plumerſand ihr einen einzigen kurzen und zärtlichen Beſuch ab, und lieb Roſa ſpürte, daß der Beſuch ihr mehr wegen ſeiner Kürze, als um ſeiner Zärtlichkeit willen behagt hatte. Ihr kam der Gedanke, ihr Liebhaber ſähe doch verwettert alt aus, und es bemächtigte ſich ihrer ein entſetzlicher Widerwille gegen lange Dünnzöpfe. Bei alledem hegte ſie hochherzige Grundſätze, und obſchon es ihr kalt über den Rücken lief, wenn ſie des Vertra⸗ ——:——— ———— 102 Der alte Commodorc. ges gedachte, zu welchem ſie ſich hatte verlocken laſſen, ſo war ihr bis jetzt doch noch nicht in den Sinn ge⸗ kommen denfelben zu brechen. Mr. Plumerſand war zu vorſichtig und hegte zu viele Hochachtung gegen äußeren Schein, um lange zu zögern; er begab ſich in ſeine Wohnung und lief da⸗ ſelbſt Gefahr ſeinen Zopf einzubüßen. Zwar leitete er 7 aus dieſem Ergebuiß keine phyſiſchen übeln Folgen für ſich her, gllein die moraliſchen Folgen, die ſich ihm darans eutwickelten, waren ihm im höchſten Grade är⸗ gerlich. Die Nachbarſchaft ward ihm ein Gräuel. Er ſehnte ſich danach, ſie für immer zu meiden, und bei den Liebkoſungen ſeiner jugendlichen und wunderſchönen Braut alle Erinunerungen an die Perrückenjagd von ſich abzuthun. Die Leute wunderten ſich nicht, als ſein Haus und ſeine Ländereien zum. Verkauf angeſchlagen wurden. In der Abgeſchiedenheit des Kloſters, worin Roſa bisher ihre Tage hatte verleben müſſen, war ihr kaum etwas zu Geſichte gekommen, das auf den Rang oder das Benehmen eines Gentlteman hätte Anſpruch machen können. In der üppigen Indolenz und Zurückgezogen⸗ heit von Jaſpar⸗Hall aber hatten alle ihre romantiſchen Ideen ſich zu dem Gefühl vollkommener Schwärmerei geſteigert. Sie erhielt jedes Buch, welches ſie ver⸗ langte, und die wilden Thaten des Ritterthums, und die überſpannte Moralität, bisweilen auch Immoralilät, franzöſiſcher Romanſchreiber, verſahen ſie mit Atzung für ihre Schlummerträume und für das Denken ihrer Stunden des Wachens. Nun hatte Kapitän Oliphant dieſe romanſüchtige Schöne zweimal zuvor geſehen. Sofort war ſie ihm als das ſchönſte Frauenzimmer auf Erden erſchienen; — Der alte Commodore 103 und da er, der wenig achtſam gegen ſeine Empfindun⸗ gen war, dieß fühlte, ſo war das ein Beweis, daß er verliebt ſein mußte. Er traf die Schöne auf folgende ſonderbare Weiſe: Etwa einen Monat früher, als zur Zeit, von der wir Eingangs dieſes Kapitels redeten, hatte die Belladonna“ ſich kanalaufwärts zu arbeiten. Eine Windſtille trat ein, und da ſie die Strömung gegen ſich hatte, mußte ſie ſich vor Anker legen, und that das ſo ziemlich auf eben der Stelle, auf welcher wir ſie als jetzt liegend vermuthen müſſen. Dliver Oli⸗ phant war ein luſtiger Geſell; zwar machte er keine Anſprüche auf Witz, oder auf Gelehrſamkeit, oder auf Sentimentalität, allein ihm behagte ein Spaß. Der Nachmittag war ſchön, und das luſtige England in ſeinem Frühlingsſchmucke ſah bezaubernd verlockend für die ſonnenverbrannten, inwendig und auswendig wohl⸗ geſalzenen Midſhipmen aus. Im Trupp alſo baten ſie den erſten Lieutenant um Urlaub an Land gehen, und ihre Beine ein wenig ſtre⸗ cken und etwas Gras eſſen zu dürfen. Dem war je⸗ doch der Erſte pflichtgemäß entgegen. Man hatte drin⸗ gend kanalaufwärts Segel zu machen, und die Brieſe konnte doch auſplatzen, und wie viele ſchätzbare Zeit dürfte dann mit ihrem Wiedereinſchiffen und dem Boot⸗ aufhiſſen verloren gehen! Daniel Danvers jedoch, der noch immer Midſhipman unter Kapitän Oliphant war, obſchon er bereits ſeit drei Jahren ſein Examen be⸗ ſtanden hatte, bat um Vergunſt, bemerken zu dürfen, „daß er ſeines Wiſſens behaupten könnte, es würde mittlerweile keine Brieſe aufplatzen.« Da dieſe Behauptung jedoch durchaus nicht haltbar zu ſein ſchien, ſo wurden die Bürſchchen abgewieſen. Der Kapitän, der nicht fern ſtand, und den des kleinen 104 Der alte Commodore. Daniels Dreiſtigkeit beluſtigte, berief herablaſſend die Bittſteller zu ſich und ſagte ihnen, wie er nichts dawi⸗ der hätte, daß ſie, verſteht ſich, unter Mr. Jackſon's Urlaub, bis Sonnenuntergang an's Land gingen, um Fangball auf dem Uferkies zu ſpielen, vorausgeſetzt, daß ſie ſelbſt das Boot ruderten und ihr Ehrenwort gaben, nicht weiter als bis Hochwaſſerzeichen landein⸗ wärts zu gehen, auch ſcharf nach etwaigem Zurückruf⸗ ſignal auslugen wollten. 4 1 Das war mehr, als die Herrchen erwartet hatten. Sie gaben ihr Ehrenwort, und Bälle, Schlagnetze und Standſtangen wurden in's Boot geworfen, und dann ging's über Seite. Ihr munterer Kapitän, der Luſt hatte, zu ſehen, wie ſie's anfangen würden, Fangball auf dem Uferkies zu ſpielen, ſprang mit ihnen in's Boot, und die Middies ruderten lachend zu Strande. Die Standſtaugen wurden eiſtgeſenkt, die Lugmän⸗ ner ausgeſtellt, und dem Kapitän behagte des Völk⸗ chens Luſtigkeit.* Schwer Stück Arbeit iſt's Fangballſpiel auf Ufer⸗ kies; die Ballſchläger ſtrauchelten und purzelten hin, zerriſſen ſich das Schuhleder, aber jauchzten und lach⸗ ten dabei, wie eben ſo viele wilde Waldburſche. Oft nun flog der Ball in's Meer, und wie Pudel liefen die Middies dann hinterdrein, um ihn wieder heraus⸗ zuholen. Es war ein Vergnügen, das ſich mit ſchwerer Körperanſtrengung verknüpfte. Als nun eben der Spaß ſeine höchſte Höhe erreicht hatte, und der Kapitän aus Leibeskräften ſchrie, kam Roſa, von ihrer Zofe, Lorchen, begleitet, des Wegs herſpaziert, in erhabene Betrachtung der»Neuen He⸗ loiſes verſenkt, die ſie in ihrer Hand hielt. Schon hatte ſie gebührend die Lüfte, die Erde und die Waſſer — N ——— Der alte Commodore. 105 und den ſchwachen Kahn auf den Waſſern angeredet, auch etwas höchſt Rührendes über diejenigen geſagt, die auf Schiffen über das bodenloſe Meer wogen, als ſie plötz⸗ lich auf einige Helden eben dieſes Meeres ſtieß. Da ſah ſie ſie in geringer Entfernung, und hörte, wie ſie lachten und ſchrieen wie die tollſten Tollköpfe. Es war dieß eine freudvolle Scene, die jedoch nicht das mindeſte Romantiſche in ihrem Anblicke darbot. Manche von denen, die»auf Schiffen über das bodenloſe Meer wogen,« hatten Rock und Weſte ausgezogen, und ihnen entſchlüpften dann und wann Kraftworte, die ſeltſam⸗ lich wie ein Gefluch klangen. Kapitän Oliphant, ohne Rock und Weſte, ſtand in maleriſcher Stellung das Schlagnetz hoch erhoben da; ſein Kopf war ein wenig zurückgelehnt und auf ſei⸗ nem edlen, bräunlichen Antlitze lächelten Geſundheit und frohe Laune in ſchönſter Fülle. Roſa geſtand ſich, daß ſie nie zuvor etwas ſo Schönes geſehen hätte, und ihr entſetzlicher Widerwille gegen runze⸗ lige Männergeſichter und Dünnzöpfe ſtieg nur um ſo höher in ihr. Während ihres ſchweigſamen Hinüber⸗ ſtarrens hatte ſie, ohne daß ſie es wußte, die»Neue Heloiſe« in den Sand fallen laſſen. Die Spielenden, die es ſich nicht einfallen ließen, von ſolchem lieblichen Weſen beobachtet zu ſein, tobten fort— huſch! flog der Ball wieder in übergreifenden Bogen, von faſt ſimſoniſcher Kraft geſchleudert, in die See, und die Burſche hinter ihm drein, die dann bald darin, wie in ihrem eigenen Elemente, herumplät⸗ ſcherten. »Vermöchte Ruben Plumerſand wohl ein Gleiches zu thun?« ſagte Roſa zu ſich ſelbſt, und ſeufzte. 106 Der alte Commodore. Mittlerweile drang Oliphant's mächtige, jedoch höchſt melodiſche Stimme gleich dem Schalle einer Drommetenharmenie in Roſa's davon entzückt werden⸗ des Ohr..— „Jungens!« rief er,»es iſt mein unwiderruflicher Befehl, daß jeder von Euch, der nicht fix ſchwimmen kann, aus dem Waſſer wegbleibt!« Allein die wohlwollende Ordre ward zu ſpät er⸗ theilt. Einer von den Junkern, der zufällig ſich dem Balle am nächſten befand, war, von ſeinem Eifer ge⸗ trieben, zu weit gewatet. Die Grundſtrömung hatte ihn von den Beinen gebracht, und er ging plöglich un⸗ ter. Das Boot, das ein wenig abſeiks an einem Ufer⸗ anker lag, und in welchem ſich einer der Midſhipman als Lugmann befand, holte ſofort heran, allein ehe es ſich zur Stelle puddeln konnte, avar Kapitän Oliphant ſchon in die See geſprungen, hatte ſich untergetaucht und war jetzt ebenfalls verſchwunden. Von der Wieſe herüber erſcholl jetzt ein Gekreiſch, das jedoch von Kei⸗ uem beachtet ward. Oliphant war bald wieder über Waſſer. In ſeinen Armen trug er den bewußtloſen unfreiwilligen Taucher hurtig zu Strande. »Wir müſſen zum nächſten Hauſe laufen und Hülfe ſchaffen!« rief der Kapitän mit ſeiner leichenſchweren Laſt. »In mein Haus! in mein Haus!“« ſagte Roſa Bel⸗ mont, die hurtigen Schrittes uferwärts kam. »In's Boot geſprungen und den Arze herübey ge⸗ holt!« Wunderſam flink geht's auf einem Kriegsſchiffe her. Der letztere Befehl des Kapitäns war überflüſſig. Der — Der alte Commodore. 107 Signalmann am Bord, der auszulugen hatte, rappor⸗ tirte flugs den Unfall am Strande; das Rundboot mit dem Arzte und deſſen Nothapotheke wurden unverzüglich hinuntergehiſſet, und mußte mit Windeseile ſtrandwärts ſchieben. Der Kapitän, der noch immer den Beſinnungsloſen trug, rannte aus Leibeskräften dem Landhauſe Miß Roſa Belmont's zu, und ließ die Meiſten ſeines Ge⸗ folges, unter denen Roſa ſelber ſich befand, weit hinter ſich zurück. Roſa verlor ſich in Bewunderung alles deſſen, was ſie ſah. Solche Herzhaftigkeit, ſolche Rührigkeit war ihr noch niemals vorgekommen— un⸗ ter ihren Augen ward ein Roman geſpielt, ein Roman, der ihr beſſer geſiel, als alle, die ſie jemals, die»Neue Heloiſe« nicht ausgenommen, geleſen hatte. Der Arzt kam ſo hurtig herüber, daß er zu gleicher Zeit mit Miß Belmont und deren Dienerin, der Erſte⸗ ren Haus betrat. Der junge Gentlemen ward bald wieder hergeſtellt; Erfriſchungen wurden in Fülle ge⸗ reicht, und nach einem nicht kleinen Schwall von hoch⸗ fliegenden Komplimenten nahmen die Seeleute Abſchied, um ſich au Bord ihres Schiffes zu begeben, indem die Meiſten von ihnen bis auf die Haut durchnäßt waren. Kouſine Dredgely war eitel Behändigkeit und Ge⸗ fälligkeit, und hätte bald den argen Schniher begangen, die geſammte Boots⸗Mannſchaft einzuladen, mit ihr und ihrer Pflegebefohlenen zu Mittag zu eſſen; einen Verſtoß gegen Mädchenſitte, den ihre Pflegbefohlene ihr gewiß gern, Mr. Plumerſand jedoch nun und nim⸗ mer verziehen haben würde. Der Kapitän war der Letzte welcher ging. Wie ſo unnöthig lange behielt er das zarteſte und weißeſte aller Händchen in ſeiner männlichen Hand! 108 Der alte Commodore. „O Kapitän Oliphant, ſoll ich nimmer erfahren, ob Sie ſich bei Vollführung einer der heldenmüthigſten Thaten erkälteten oder nicht?« „Ich will ſelbſt herüber kommen und es Ihnen ſagen, ſchöne Miß Roſa.« Und noch an demſelben Abend ereignete es ſich, durch bloßen Zufall, daß die hochgeſinnte Miß Roſa Belmont und der ritterliche Kapitän Oliver Oliphant bei Mondſchein an der Uferbucht ſpazieren gingen. Miß Dredgely aber wußte davon nichts. Bei einer auſehnlichen Portion Dreiſtigkeit einer⸗ ſeits und einem ſtarken Anfluge von umnantiſchem Auf⸗ ſchwunge andererſets iſt's wundervoll, wie raſch eine Liebesgeſchichte gedeihet!— Alles eitel Frucht, mein lieber Mr. Plumerſand, von dem Baume, den Sie ſel⸗ ber pflanzten. Achtes Kapitel. „Lieb' herrſcht im Hain, am Bord, im Hofgewimmel, Beherrſcht die Heil'gen, wie das Weltgetümmel; Denn Himmel iſt die Lieb, und Lieb' iſt Himmel.“« Wir müſſen noch länger den Kapitän Oliphant und Peter auf der Ebene ſtehen laſſen, und zwar, den Ei⸗ nen, wie er mit dem Pachter Dray ſich beſpricht, und den Anderen, wie er darüber grübelt, wie viele Wite möglicher Weiſe wohl in einem Kalbskopfe ſtecken kön⸗ nen. Wir haben ſchlechterdings den Leſer noch etwas Der alte Commodore. 109 näher mit dem Stande der Dinge in Jaſpar⸗ Hall be⸗ kannt zu machen. Kouſine Dredgely ſchrieb von Kapitän Oliphant's Abentenern einen flammenden Bericht an Mr. Plumer⸗ ſand, wofür ſie beiſpiellos ausgehunzt ward, und den gemeſſenen Befehl erhielt, keinem Meuſchen eher Zu⸗ tritt auf dem Gütchen zu geſtatten, als bis Mr. Plu⸗ merſand ſelbſt an Ort und Stelle erſchienen ſein würde. Auf des ältlichen Gentlemans beiläufiges Verlangen ward dieß als ein ergebenſter Wunſch dem Fräulein Belmont eröffnet, wodurch denn der Letzteren Wider⸗ wille gegen Dünnzöpfe ſeinen höchſten Gipfel hätte er⸗ klimmen mögen. Etwa vierzehn Tage nach ſeinem erſten Mondſchein⸗ ſpaziergange am Ufer, trachtete der Kapitän nach einem zweiten Zuſammentreffen mit Miß Roſa, welches ihm auch gelang, von welchem jedoch Kouſine Dredgely ſo oder ſo Wind bekam. Eine dritte Zuſammenkunft hatte ſonder Verzug ſtattzufinden; wir wollen daher zu Oli⸗ phant und dem Pachter Drag zurückkehren.. Der Kapitän bearbeitete Letzteren, um aus ihm her⸗ auszubringen, ob irgend ein anderes Mannsgeſchöpf, außer ihm, ſich jemals dem Fräulein Belmont ange⸗ nehm zu machen geſucht hatte; Miß Roſa aber, und ihre Zofe lauſchten mittlerweile, und der frohherzige Seemann ſchloß auf folgende Weiſe ſeine Kernfrage: „Na, Pachter, ſo gieb uns alſo flugs Rapport, ob die Küſte hier klar iſt; ſag' an, ob kein Feind, kein langer Strandläufer in Sicht kam? Das war zu viel für Peter— er krähete»Hem! hem!! hem!111« »Hem! hem!! hem!llla erſcholl 18 vom Wieſenwege hinter der Hecke her. Der alte Commodore. Den Kapitän verdroß dieß jetzt allzuſehr.»Hol der T.. l Eure Hem!« rief er. Peter ließ ſich jedoch nicht ſchrecken.»Ig, ja, Sir, ich glaub's wohl, daß Sie's nicht leiden wollen, wenn man Ihre Redeweiſe in die geziemenden Schranken der Bedachtſamkeit hinein gehemmt wiſſen möchte.« Dieſe Worte waren ziemlich gefahrbringend. Der Gebieter brach auf's Neue los.»Daß Dich über den Schlingel!« rief er,„der Halunke wird mir noch alle Geduld und ſich ſelber um ſein gutes Dienſtamt weg⸗ witzeln!« Der Wörtkermörder nahm ſich dieſen Ausſpruch zu Herzen; ehrerbietig legte er die Hand an den Hut und zog ſich zurück, indem er vor ſich hinmurmelte:»Meint's der Kapitän im Spaß, ſo iſt's ſchlimm, meint er's im Ernſt, ſo iſt's noch ſchlimmer.⸗ Von Drag erfuhr jetzt Oliphant, daß ein Gerücht gehe, Mr. Plumerſand behabe ſich allzu ſuͤßlich gegen ſeine Mündel, und Miß Dredgely ſei wohl nichts wei⸗ ter, als eine von ihm in's Haus gebrachte Spionin, 110 die des Fräuleins Handlungen ſcharf zu beobachten hätte. „Schwergeſchütz und Gürtelwaffen!« donnerte der Kapitän;»bläſ't der Wind aus dem Loche?« *Hennt hem! hem!« ließ Peter ſich in ſehr gemä⸗ ßigten Lauten vernehmen. »Hem! hem!! hem!!!« ſagten Roſa und ihre Zofe, indem ſie unmäßig lachten. »Hier ſind wir, Kapitän Oliphant,« fuhr Roſa fort,»Sie kennen doch das alte Lied von dem Manne, der ſo wunderſam weiſe war, und doch ſich beide Augen auskratzte, als er durch eine lebendige Hecke drang. ———— Der alte Commodore. 111 „»Mein Herz, mein Leben, mein Kompaß, meine— dieſe Hecke iſt jnſt ſo dornig nicht, meine theuerſte Roſa. ⸗ Peter hätte gern gewitelt, aber er wußte nicht über ſeines Kapitäus Scherz und Ernſt mit ſich in's Reine zu kommen. Mittlerweile drang der Kapitän wirklich durch die Hecke, ohne mehr als ſeinen Hut dabei einzubüßen— ſein Herz hatte er ſchon bei der erſten Zuſammenkunft mit Roſa eingebüßt. „»He, Peter!“ rief er,»lang' mir meinen Hut her⸗ über, und dann brich ebenfalls durch. ⸗ „»Das Letztere wird nicht gehen, Sir,« verſetzte der Witzjäger,„die Gründe dagegen ſind allzu ſpitzig. ⸗ »Lauf hinten weg, Lore, zum Steg, undz bringe ſo den jungen Mann hieher zu ſeinem Kapitän.« Arm in Arm gingen Roſa und Oliphant dem Land⸗ hauſe zu, ſchritten jedoch dabei immer hart am ſchatti⸗ gen Heckengange hin. »Hieher, junger Mann, über den Steg!« ſagte Lore, indem ſie ſich unſerem Peter vorſtellte. »Hübſches Mädchen, wenn auch etwas bäueriſch!⸗ dachte Peter, und fragte dreiſt:»Haſt D' ſchon einen Liebſten, Lore?« Er gab ſich dabei eine Gönnermiene. „ Schönen Dank, Sir, für die Frage; o ja,'s iſt kein Geheimniß, denn die ganze Gegend weiß d'rum.«⸗ » So biſt Du geſegnet mit Vertrauten. Und wie heißt denn der glückſelige Burſch?« »Hm, hier herum nennen ſie'n den wilddieb'ſchen Jack; aber's iſt lauter Verleumdung, wie Sie leicht denken können. ⸗ „»Lore, hübſche Lore, wenn Du'nen Wilddieb zum Liebſten haſt, kann's Dich unmöglich verdrießen, wenn ich ein wenig in ſeinem Reviere wilddiebe.⸗ 112 Der alte Commodore. »Was meint er, Musje Plumpmichel?« ſagte die Zofe, und rümpfte das Näschen. „»Nichts, als daß ich Dir nur ein Pröbchen von meiner Jagdmanier geben will,« und dabei ſchuappte er nach einem Kuſſe von Loreus derben Lippen, erhielt aber dafür eine ſo derbe cornwalliſche Apoſtrophe in's Geſicht, daß er doppelt ſah. Anfänglich mochte er ein wenig ergrimmt über Lorchens Manier des Abwehrens ſein, rieb jedoch ſeine Wange, und legte in Geſtalt ei⸗ nes Wizes eine Salbe darauf, ſo daß Alles wieder gut war. „»Hieher hätteſt Du⸗ Deine Löſchmaſchine leiten ſol⸗ len,« ſagte er, indem er mit boshaftem Weſen ſie an⸗ ſah und beide Hände an ſein Herz drückte,»denn hier, o Lore, Lore! hier loderſt Du.« „»Musje Plumpmichel möge einſehen, daß unſer Eins Speiſe für Höhere, als für ihn iſt,« verſetzte die ſpröde Dirne;„ſteck er ſeine garſtige Naſe in das Gleis dieſes ſchmalen Fußwegs, und laß er rechtſchaffene Mädchen gehn.« „Speiſe für Höhere! Ei ſeht doch, wie hochnaſig — uUnd was für Fäuſte ſie hat!« knurrte Peter vor ſich hin, indem er hinter der ſchnippiſchen Führerig her und dem Hauſe zu ſchritt. Aus gewiſſen, höchſt dringenden Urſachen waren Miß Belmont und Kapitän Oliphant immer rund herum um das Buſchwerk gewandelt, ohne ſo eigentlich dem Hauſe zu Geſichte zu kommen. Ihr Geſpräch war aber auch von beſonderer Natur. Bisher hatte Oli⸗ phant die junge Dame ziemlich ernſt in ihrem Weſen, ziemlich erhaben, ja hochtrabend in ihren Geſinnungen und prunkberedt in ihren Aeußerungen geſunden. Bei dieſem, ſeinem dritten Zuſammentreffen mit ihr, charak⸗ 4 Der alte Commodore. 113 teriſirte ſie ſich, indem ſie ihn ſcherzhaft neckte, und ihn zuerſt mit den Worten aus einem Ammenmärchen anredete. Der Kapitän lenkte das Geſpräch auf dieſe ihre Umwandlung, und machte ſie darauf aufmerkſam, wie ſolche kindliche Fröhlichkeit ihr unweit beſſer, als jenes eruſte Weſen ſtände. Bei dieſer Bemerkung aber erröthete das Dämchen, und ihre muntere Laune ver⸗ ſchwand augenblicklich. Den jungen Schiffshauptmann betrübte dieß, und er wußte nicht was er ſagen ſollte. Bis jetzt verſtand er beſſer ſeine Kanonen zu richten, als ein verkehrt erzogenes und überbildetes Frauenzim⸗ mer dahin zu lenken, von dem zu reden, was ihr ſchwer am Herzen lag; hatte aber deſſenungeachtet ſchon be⸗ merkt, daß Roſa von irgend einem Geheimniſſe gedrückt ward. Kapitän Oliphant wußte, daß, nach Weltgebräuchen zu urtheilen, Miß Roſa Belmont ſich ſehr ungeziemend benahm. Das arme, verkehrt ergogene Maͤdchen ahnete jedoch nicht das Mindeſte davon. In dem ganzen Aben⸗ teuer lag für ſie etwas köſtlich Romantiſches, und ſo nahm ihr Gewiſſen nicht das geringſte Tadelunswerthe hinſicht⸗ lich ihres Betragens darin wahr. Sie hatte ſich ſelbſt, oder richtiger geſagt, Mr. Plumerſand hatte aus eigen⸗ ſüchtigen Abſichten ihren Codex von Recht und Unrecht entworfen, und ſie fühlte daher nicht den leiſeſten inne⸗ ren Vorwurf darüber, daß ſie einem ihr faſt fremden und dabei merkwürdig hübſchen jungen Offizier ſolche ge⸗ heime Zuſammenkünfte geſtattete. Als aber dieſer junge Offizier jetzt bemüht war, ihr das Geheimniß ihres von Plumerſand ihr hinterliſtig abge⸗ nommenen Verſprechens abzulocken, ein Geheimniß, das zu enthüllen ihr zum Verdienſte gereicht haben würde, bebte ſie vor der Forderung mit einem abſchreckenden Ge⸗ Der alte Commodore. II. 8 114 Der alte Commodore. fühle, daß ſchon bloßes Anhören derſelben ein Verbre⸗ chen wäre, zurück. Als das arme Mädchen dem Kapitän von des Him⸗ mels Bläue, vom Wolkenbaldachin, von der unbeſchreib⸗ lichen Wonne einer freiwilligen Glücksaufopferung, de⸗ ren Qualen Entzücken wären, und von der unzuerforſchen⸗ den Tiefe unausſprechlicher und unenthüllbarer Gefühle vorſchwatzte, glaubte er die Schöne ſo ziemlich zu ver⸗ ſtehen; als er dieſer jedoch vorſchlug, in's Haus zu gehen, und ſie dieß freimüthig mit den Worten ab⸗ lehnte:»ſie möchte lieber in der Laube bleiben, in wel⸗ cher ſie ſich eben jetzt mit ihm befand, und daß ſie arg⸗ wöhnte, Miß Dredgely wäre ihre boshafte Feindin, wäre eine am Buſen der Unſchuld erwärmte Schlange,«⸗ da wurde Oliver Oliphant ganz und gar verdutzt. Unwiſſender Seekapitän, der er war, konnte es ihm nicht einfallen, daß geheimes Stelldichein und ſorgloſes Hineinſtürzen in Verſuchungen den Zöglingen der Ro⸗ mantik etwas Gewöhnliches ſind, daß ſie jedoch mit Grauſen auf die Enthüllung eines ihnen aufgebürdeten Geheimniſſes blicken. „»Aber warum, ſchöne Roſa,« fragte der Kapitän »argwöhnen Sie, daß jene Dame ihre Feindin iſt?« „Ich glaube, ſie ſteht in einem geheimen Briefwech⸗ ſel mit Mr. Plumerſand.« »Plumer— Plumerſand? wer iſt Mr. Plumerſand?⸗ „Mein Vormund,“« antwortete Miß Roſa, und ſetzte mit einem ehrlichen Seufzer(nicht alle Seufzer ſind ehrlich) hinzu:»und vielleicht mein—« „Was vielleicht?« „O das böſe Geheimniß! gleich einem verzehrenden Geier wäre es beinahe dem Herzen entſchlüpit, an wel⸗ chem es ſchonungslos nagt!« — —— —,— Der alte Commodore⸗ 115 „So laſſen Sie's fliegen, damit Sie flugs deſſelben ledig und los werden!« »Nimmer, nimmer!“« ſagte ſie, und kreuzte ihre Hände über ihren wallenden Buſen, während ſie den vollen, blendenden Glanz ihrer Angenſtrahlen auf den armen Kapitän fallen ließ, deren Wirkung dieſer ſpäter⸗ hin ſo beſchrieb, als wären ihm, der Himmel weiß wie viele, Musketenſchüſſe mit einem Male durch alle Glie⸗ der geflogen.»Dieſe Harpye des Herzens, dieſes glu⸗ tenkrallige Geheimniß ſoll ſeinen lebendigen Kerker zer⸗ fleiſchen und mit demſelben ſterben.« Die Metapher war zuverläſſig nicht ſo gut, als der Rednerausdruck ſtark war; der argloſe Seemann konnte ſie nicht verſtehen; jedoch ſein eigenes Herz, um uns einer alltäglichen Redensart zu bedienen, ſteckte ihm im Halſe, als er ſah, wie die Blitzaugen des Mädchens ſich mit blanken unzurückhaltenden Thränen füllten, in⸗ dem Roſa ausrief:»Ach! mein Frieden iſt fuͤr immer dahin; ich wollte, daß ich bald, recht bald ſtürbe!«⸗ Und nun brach das Däaͤmchen in ein überaus roman⸗ tiſches jungfräuliches Weinen aus— ſie ſchluchzte, daß es weithin ſchallte. 8 Wer kann unn ein Mädchen ſo weinen ſehen, ohne ſeinen Arm um ihre Hüfte zu ſchlingen, und ihrem ge⸗ ſenkten Köpfchen ſeine Schulter zum Pfühle zu geben? Ohne daran zu denken, folgte der Kapitän dieſem rein⸗ natürlichen Impulſe. »Wie? Roſa? Theure Roſa? ⸗ »Nimmer!“« und der Thrünegnuelt ergoß ſic in er⸗ neuerter Strömung. »Ja, theure Roſa, ich will dieß ſchreckliche, dis fel⸗ ternde Geheimniß wiſſen.⸗ 8* 116 Der alte Commodore. „»Nimmer, nimmer, nimmer!« erſcholl's unter wach⸗ ſendem Schluchzen. »Dein Vormund iſt in daſſelbe verwickelt?« »Er iſt's.« „» Er iſt— Dein Liebhaber?« »Er— er—r— r iſt's,« antwortete Roſa, faſt konvulſiviſch ſchluchzend. „» Er iſt ein Böſewicht.« „»Er— er— r— r iſt's.« » Und Du haſſeſt ihn?« »Aus— s— Her— Herz— z— ens Gru— und,“ ſchluchzte mühevoll die jugendliche Schöne. »Nun denn, mein Röschen, ſo laß mich dieſe Dia⸗ manten aus Deinen Augen wegküſſen, damit ich dieſe ſchönen Augen wieder zu ſehen bekomme. Dieſer Plu⸗ merſand— kenn' ich doch den Schleicher!— hat Deine Jugend und Unerfahrenheit gemißbraucht, hat Dir ir⸗ gend ein Verſprechen entlockt, und Dir das Geheimhal⸗ ten deſſelben aufgedrungen. Du wirſt ihn heirathen, ſobald Du mündig ſein wirſt. He! iſt das nicht das Geheimniß, mein klaräugiges Engelsbild?« „Das— iſt— iſt's— s— s— Geheim— m— niß— Ich will's—s— s nim——m— mer—m- mehr ent⸗ t—t— decken,« ſchluchzte das Dämchen weiter. Man muß geſtehen, daß Kapitän Oliphant, obſchon kein hochgelahrter Mann, ein ganz beſonderes Talent beſaß, Geheimniſſe zu entreißen, die'wie verzehrende Geier an den Herzen nagten, in denen ſie eingekerkert waren. Er aber wußte das nicht, ſonſt würde er ſich wohl nicht wenig darauf zu Gute gethan haben. »Du denkſt alſo doch nicht, Roſa, Dein gegebenes Verſprechen zu halten?« Dieſe Frage zu rechter Zeit vermehrte das Ge⸗ 1 —— 1 Der alte Commodore. 117 ſchluchze, und erzeugte die holdeſte aller Nichtigkeiten in einem ſchönen Munde, nämlich die Worte:»Ich weiß es nicht.« „»Ich aber weiß es, und weiß es obendrein genau. Du wirſt den alten Pavian zum Teufel jagen.« O pfui, Kapitän Oliphant! ſchickt es ſich, eine ver⸗ feinerte Dame ſo unfein anzureden? Moraliſch betrach⸗ tet thaten ſie gewiß Unrecht daran, doch hinſichtlich der Wirkung vollkommen Recht, denn Ihre Anrede ließ auf dem Antlitze des ſchönen Mädchens das Frühroth eines Lächelns heraufſteigen. »O Roſa,“« fuhr der Kapitän mit Zärtlichkeit fort, »Du lächelſt über mich und meine derbe Redeweiſe; dennoch, theure Roſa— den theuer wirſt Du mir im⸗ mer bleiben— dennoch will ich ſchlankweg zu Dir ſpre⸗ chen, und Du erzeige mir wenigſtens die Freundſchaft, mich ſchlankweg zu verſtehen. Ehe ich noch mehr über Dich erfahre, ehe ich ein Wort über Dein Vermögen oder Deine Erwartungen vernehme, biete ich Dir flugs die Hand eines ehrlichen, offenen Semannes dar.« »O Kapit— pit— än— das ko— o— iumt ja ſo haſt— ſt— ſtig,« meinte Roſa, bei der das Schluchzeu ſich wieder eingeſtellt hatte. »Nicht im Geringſten, Roſa. Iſt der Wind günſtig, ſo werden flugs die Kapſtangen geſchifft.« 1 »Hem! hem!! hemm!!!« ward von einem Unge⸗ ſehenen deutlich gerufen, ſo daß die beiden Liebenden aus ihrer ziemlich lehnenden Stellung in eine mehr ſtehende zurückfuhren, während dabei das Schluchzen der Dame durch eine Art von Kichern erſtickt, des tapfern Kapi⸗ täns Galle aber wunderſamlich aufgewühlt ward. »Ich will dem witzhaſchenden Halunken alle Kno⸗ ————— 4 118 Der alte Commodore. chen im Leibe zerſchlagen! Fand jemals eine Unter⸗ brechung in ſolchem Augenblicke Statt?« »Nun denn,“ ſagte Roſa zwiſchen Lachen und Wei⸗ nen—»da vermöge der wundervollen Sympathie, die zwiſchen zweien verwandten Seelen obwaltet— einer Sympathie, von der jedes Glied ſeit Ewigkeiten her in den ätheriſchen Glühofen geworfen ward, in welchem unſere edelſten Regungen, unſere höchſten Beſtrebungen, unſere irdiſchen und himmliſchen Hoffnungen mit einander verſchmolzen werden—« »Liebſte Roſa, von dem Allen verſtehe ich kein Wort.“« »Ach, lieber Herr Kapitän, es geht mir eben ſo mit Ihren Kappen und Stangen,“ verſetzte die junge Dame verſchmitzt genug;»Sie aber haben noch nicht gehörig gelernt, wie man die zarteſten Abſchattun⸗ gen einer zitternden Regung ausdrückt, und wie man die träumeriſchen Anmahnungen des Herzens in ſeelen⸗ ausathmende Worte faßt. Laſſen Sie uns jetzt in's Haus gehen.« A 3 „»Von ganzem Herzen. Mir behagt ein ehrlicher Seezug. Roſa, ich habe mich Dir zum Liebſten erklärt, und hat ein redlicher Mann ſeinem Maädchen ſolche Erklärung gegeben, ſo iſt er nicht eher ganz glücklich, als bis alle Welt darum weiß. Roſa, nimmſt Du unnch zu Deinem Liebſten an?« „»„Meine Verpflichtung gegen meinen Vormund——« „»War ein Betrug, eine Schändlichkeit, die ſich we⸗ der mit dem Landesgeſetze, noch mit der allergewöhn⸗ lichſten Ehrlichkeit verträgt. Weg damit!« „Würde die Neue Heloiſe“ihre Verpflichtung ge⸗ brochen haben?« „»Was für'n neu vomStapel gelaufenes Schiff iſt Der alte Commodore. 119 dieſe Heloiſe? Brich jedenfalls jene Verpflichtung, Roja.«* » Komm'ich ihr nach, ſo bricht mir das Herz; komm' ich ihr nicht nach, ſo büße ich alle Glorie der Selbſt⸗ aufopferung und des Sterbens am Fuße des Hochaltars der Grundſätze ein.« »Ich muß ſagen, lieb Röschen, daß Du mit Dei⸗ nem Herauslantſchen hochklingender Worte ſogar dem Pfarrherrn zu rathen aufgiebſt. Ich kann keine Glorie im Sterben, außer dem Sterben für's Vaterland, aus⸗ findig machen; vollends aber keine Glorie, ſondern verd— Schande finde ich darin, wenn man einem Schwindler und Halunken helfen will, ihm ſeine erſchwindelte Beute zu ſichern.« »Sie ſtellen die Sache in ein ſchauerlich helles Licht, Kapitän Oliphant; aber fahren Sie nur fort.« „»Das heißt, wie'u verſtändiges Mädchen ſprechen. Nun, ich trage Dir nochmals meine Hand an, und will Dir ſofort Gutes und Schlechtes nennen, was an mir iſt. Ich beſitze ein reines, unverkümmertes Einkommen von tauſend Pfund jährlich, das nach dem Tode meiner Mutter, die Gott noch viele, viele Jahre am Leben laſſen wolle, ſich verdreifachen mag. Von mütterlicher Seite iſt meine Familie von hoher Abkunft, und— worauf ich als auf meinen größten Ruhm blicke— ich ſelbſt— was meiner Ueberzeugung nach für eine Her⸗ zogin nicht zu gering ſein dürfte— ich bin ein Poſt⸗ kapikän in Seiner Majeſtät königlicher Marine.⸗ » Unter allen Liebeserklärungen, die ich jemals in meinen Büchern las, iſt dieſe die ſonderbarſte. Wann wird der Menſch vor mir niederknien. Ich will auf jenen Grasplatz gehen; dort iſt keine Seele in der Nähe, lund der Raſen iſt fein glatt und ſauft.« Miß 120 Roſa ſprach dieß nicht, ſondern dachte es bloß, und ver⸗ neigte ſich. »Nun, meine liebe Roſa, habe ich Dir das Beſte von mir geſagt; ſo iſt nichts billiger, als daß Du auch das Schlimmſte höreſt. Um Alles in der Welt möcht' ich nicht unter falſcher Flagge ſegeln.« »Was wird nun kommen?« ſagte die Dame zu ſich ſelbſt, verbeugte ſich abermals, und ſtand ſtill, indem ſie den Grasplatz erreicht hatte. „Zuvoͤrderſt iſt meine Erziehung, die durchaus ſee⸗ männiſch vorgenommen ward, das, was man im Allge⸗ gemeinen höchſt vernachläſſigt nennen möchte. Sodann bin ich nur der Sohn eines Gewürzhändlers, und viel⸗ leicht gefällt Dir mein Taufname nicht; denn ich heiße ſchlechtweg Oliver, und die mich lieb haben, nennen mich abgekürzt Noll. Roſa Belmont, willſt Du mich Noll nennen?« »Noll!« ſagte Miß Roſa lachend, meinte es folglich damit nicht, wie mit einer Bejahung. „Herzensdank von einem ehrlichen Seemanne!⸗ ſagte Oliphant, indem er das Mädchen an ſich zog, und ihr einen herzlichen Kuß gab;»Roſa, meine liebe, liebſte Roſa!« Obgleich Roſa mit ihm inmitten des Grasplatzes ſtand, dachte ſie doch durch irgend ein Walten des Fatums mit keinem Gedanken mehr an das Niederknien, denn indem ſie liebreich ihre Hand in die ſeinige legte, ſagte ſie:»Wir wollen in's Haus gehen, und der Kouſine Alles ſagen.« „Liebte meine Roſa jemals den langzöpfigen Pa⸗ vian?« fragte Oliphant. »Ja, Oliver— Noll wollt' ich ſagen— ich glaubte ehemals, daß ich ihn liebte.« 4 Der alte Commodore. — — Der alte Commodore. 121 » Ganz die ehrliche Antwort, die ich erwartete,« verſetzte er, indem er die Geliebte an ſich drückte. So ward um Roſa Belwont gefreit, und ſo ward ſie gewonnen. Vorlauter Alter, der ich bin, daß ich das Wie be⸗ ſchrieb! Welcher Romanſchreiber unterſteht ſich, eine Liebesſcene bis in ihre Einzelnheiten auszumalen? Fin⸗ den wir nicht immer, wie der Autor ſich hinter Aus⸗ flüchte verſchanzt, wie z. B.:»Was ſie ſprachen war zwar höchſt intereſſant für ſie Beide, würde jedoch dem Leſer u. ſ. w.« Ich jedoch, in dem Stumpfſinne des Greiſenalters, habe Alles hergeplärrt, was jene Beiden ſagten, bloß weil es ihnen intereſſant war, und weil ich, albern genug, mir einbildete, es müſſe, eben weil es ihnen intereſſant war, auch intereſſant für Andere ſein. Wie geſchwätzig ich bin! Verzeihe, lieber Leſer, und— lies weiter! Neuntes Kapitel. »Diejenigen, denen ein Witz zuwider iſt, ſind entweder zu dumm, einen zu machen, oder zu grämlich, um einen zu verſtehen.« Mundungus. Miß Belmont'’s Argwohn war völlig gegründet. Couſine Dredgely hatte ihrem Vetter Plumerſand Alles geſchrieben, was ſie über die Zuſammenkünfte des Mäd⸗ chens mit dem jungen Kapitän wußte, und hatte noch 122 Der alte Commodore. mehr geſchrieben, als ſie wußte; nicht daß ſie häͤtte verleumden wollen, ſondern bloß, um ihren Ruf als Korreſpondenzführerin zu bethätigen. Womit hätte ſie ſonſt auch ihre drei Briefbogenſeiten anfüllen ſollen? Als Mr. Plumerſand dieſe unwillkommenen Zeitun⸗ gen erhielt, flickte er am Ende ſeines Zopfes herum, und bemühete ſich auf alle ihm nur mögliche Weiſe, die daran eingebüßten anderthalb Zoll zu erſetzen. Jetzt jedoch bemächtigten wichtigere Angelegenheiten ſich ſei⸗ ner an Auffaſſungsgabe reichen Seele. Er beſtellte Poſtpferde, und reiſete mit verſtändiger Schnelligkeit bis zu dem kleinen Wirthshauſe in dem Fiſcherdorfe unweit Jaſpar⸗Hall. Er wollte ſich ſeiner künftigen Ehehälfte nicht eher vorſtellen, als bis er allen Bei⸗ ſtand herbeigerufen hatte, den die Kunſt gewähren kann, um die Verwüſtungen zuzudecken, die durch achtundvierzig Jahre an einem ohnehin nicht ſchö⸗ nen Körper angerichtet waren. Als er mit ſeiner lang⸗ weiligen Toilette beſchäftigt war, bemerkte er das Boot der Fregatte am Strande, und unfern deſſelben auch deſſen Mannſchaft auf dem Kiesufer ſtehen. Er ſchnitt ſich mit ſeinem Raſirmeſſer; endlich ward er fertig, hatte endlich ſich nach beſtem Vermögen und Ermeſſen— verjüngt, und ſchritt zu eben der Stunde, in welcher Miß Dredgely ſich durch Roſa's und des Kapitäns Geſtändniſſe in Erſtaunen verſetzen ließ, der Seekante zu, um den Zuſtand der Aecker und Wieſen zu über⸗ ſchauen. Unheilbringende Wanderung! Zwei Mann befanden ſich im Boote, um es flott zu erhalten; die übrige Mannſchaft und der Hochboots⸗ mann ſchlenderten in der Bucht umher, und ſammelten Steinchen auf, die ſie über die Waſſerfläche tanzen lie⸗ Der alte Commodore. 123 ßen, oder trieben ſonſt Späßchen des Müßigganges oder— der Langenweile. Der Menſch kann beſchäftigt und doch müßig ſein— es giebt ſogar geſchäftige Mü⸗ ßiggänger. Sie können mir's glauben, meine Herren Recenſenten! Als Exempel davon möge die Zeit die⸗ nen, die Sie dabei zubringen möchten, dieſe meine wahre Geſchichte der Lügenhaftigkeit zu zeihen. Be⸗ lauſchen wir, lieber Leſer, aus Mangel an beſſerer Be⸗ ſchäftigung, die Geſpräche jener Bootsmannſchaft. »Ich frag' Dich, Bill, was meinſt Du, ob der Ka⸗ pitän bald runter kommen wird?« »Nichts da, Bob, der kommt Dir in den erſten Stunden noch nicht in Sicht.« Die Hoſen wurden aufgehitſcht, das Prüntje ward umgedreht, und Stille herrſchte wieder. „Bootsm'nn, mein Jungelchen,“« ſagte ein breiter, branntweinsgeſichtiger Kerl,»meinſt D' wohl, daß hier „rum's'nen Schnapsladen giebt?« »Ne, da is beener näher, als der in dem Neſte, das ſie'n Dorf nennen duhen. Ooch hat d'r Kap'tän g'ſagt, daß wir's Boot nich verlaſſen ſoll'n.« s»Nu, nu!« entgegnete der Breitſchulterige,»Glück dem Kap'tän! und d'rum, Bootksm'nn, laß mich nuͤber zu den Häuſern un'ne Kanne Grog holen, damit wir ſeine Geſundheit trinken, und ſo zeigen, wie wir ſeine Order ſpektiren.⸗ „So?« verſetzte der Hochbootsmann mit ſteinernem Blicke.»Jetzt will'ch Euch meine Meenung frund⸗ lich ſagen, Schüſſelmaate. Geht Eener hier vom Boot weg, ſo will'ch ihn hier uf'n Kies nidderſchlagen, und ſo lang' Du da mir mal'ne Rudderſtange her. Unſer Kapytän ſtellt ſein Dage keenen Mariner mit ufgepflanz⸗ den Bang'nett in's Schiff, uns vom Ausreißen abzu⸗ Der alte Commodore. ſchrecken; nich'nmal'nen Offzier mit'nem Kurzdegen ſtellt er hin, und ſo halt' ich denn uf Ehre— verſtan⸗ den? Ehre lieb' ich, Zwank haſſ' ich, verſtanden? So alſo ſoll keen Satan von hier furt, oder ich ſchlag'n zu Grund un Boden— verſtanden?« »Was fangen wir aber derweil' an?« fragte ein Anderer. »Bootsm'nn ſoll ſich angenehm machen, ſoll uns Eins ſingen,“« ſagte ein Dritter. »Das will ich duhen, Ihr Feurrfreſſer,« ſagte der Bootsmann, und indem er die Raderſtange, die der im Boote ihm gereicht hatte, zwiſchen die Beine ſteckte, ſo wie wohl ein kleiner Junge auf Großvaters ſpani⸗ ſchem Rohre Steckenpferd reitet, begann er in klägli⸗ chem Tone folgendes Liedchen herzuleiern. Wie Jack an ſo hellem Sonnentage eine ſo jammervolle Melodei anſtimmen konnte, vermag er allein aufzuklären; uns iſt's nicht möglich. Jack fing an: Hört! Eenes Dages, als ich ging ſpazieren Die grüne lange, lange Wieſ' entlang, Thät mir's Geſchick'ne Dirn“ entgegenführen, Die zu mir ſprach— o Jott, wie ſchön das klang—— »Halloh!« ſchrie einer von den Uebrigen,»daß Dir das Donnerwetter in den Singſang ſchlägt! Klingt's doch, wie'n alter Dudelſack, wenn er Bauchgrimmen hat!« »Na, na, Schiffsmaate,« verſetzte der Hochboots⸗ mann, wenn Euch mein Singen nich g'fällt, ſo könnt''ch Euch Eens feifen——« Was der ſpracherfahrene Hochbootsmann ſonſt noch geſagt haben möchte, müſſen wir dem Muthmaßen klü⸗ gerer Leute anheimſtellen, denn in dieſem Augenblicke trat Mr. Plumerſand um die Ecke der ſteingehäuften — — Der alte Commodore. 125 Scheidewand, die zwiſchen Bucht und Wieſe aufgerich⸗ tet ſtand, und zeigte ſich ſo der Bootsmannſchaft, die zuverläſſig ihr Verwundern an ihm hatte. Als der ehrſame Junggeſell elf tüchtige Kerle auf dem Uferkieſe und noch ein paar im Boote zur Hand ſah, und ge⸗ wahrte, wie alle Dreizehn es darauf anlegten, ihn zur Zielſcheibe ihres Spottes zu machen, nahm er doch An⸗ ſtand, weiter vorzugehen, ſo gern er auch irgend etwas Neues vernommen hätte. Keinen beſſeren, das heißt keinen grauſameren Necker gab es, als Mr. Plumer⸗ ſand ſelbſt; jedoch war er ſeiner Kunſt nur bei kaltem Blute, nur in ſtiller Weiſe mächtig, und mußte ange⸗ ſehene Leute haben, die er bearbeitete. Die Leute hier vor ihm verachtete er, während er ſie fürchtete. „Booksm'nn,« ließ einer von den Matroſen ſich vernehmen,»„was für'ne ſpindelbein'ge Landkrabbe kommt daher! Mein' Seel' er watſchelt wie'ne Ente, die über's Lukengitter will!« Inzwiſchen hatte Mr. Plumerſand einen edelmüthigen Vertreter.»Na, na, Bill,« verſetzte Jenem Einer Namens Oakley, der umherrollte wie eine holländiſche Schuite an der Seehundsbank, indem er auf dem Ufer⸗ kieſe hin und her trabte—»hauen nich über die Schnur', Kerl! Er kann nich ſo, wie wir, gehen— denn ſieh nur— es is ſo ſein Unglück, Du? wie kannſt D' von ihm erwarten, daß er or'n'lich gehen ſoll, da er ſein' Lebstage nich uf See war? Der arme Kerl dauert mich.« Oakley ſprach dieß laut, damit Mr. Plumerſand ihn hören möchte, und erwartete von dieſem, weil er ihn ſo ritterlich vertheidigt hatte, wenn nicht einen Schilling, doch mindeſtens einen Dank. Mr. Plumer⸗ 126 Der alte Commodore. ſand ließ es jedoch am Schillinge wie am Dank fehlen, und trat vor. »Haſt Recht, Oakley,« ſprach ein Anderer;»aber ſieh nur hin, wie er ſich hier Weg ſucht, wie'n Hahn in Seidenſtrümpfen, der durch den Sauſtall marſchirt.«⸗ »Na, na, Jungens!« nahm der Hochbootsmann das Wort;»Ihr wißt, daß Kap'täns Order will, wie wir allzeit fein höflich gegen Kre'turen ſein ſollen, die wir am Land ufgabeln.« »Nu ja, aber er ſieht doch aus, wie'n dummer ver⸗ trockneter Strandfiſch— das is g'wiß!⸗ »Schon widder? ſchon widder?« ſagte der Hoch⸗ bootsmann neckiſch ermahnend.»Ich ſag's Euch, ſollt' ſich's zutragen, daß er ſich an ſeiner Schpitſchifikatſchjon zum Narren macht, ſo hütet Euch, Ihr greinenden Hunde, daß Ihr nicht lacht; denn wie hätt' Er'ne Erziehung g'nießen können?« »Gewiß nich, denn er hat ſein Lebstag nich die Linje gepaſſirt.« 7 Mr. Plumerſand hörte dieſe Anzapfungen.— An⸗ zapfungen ſo voll ehrlichen Mitleidens, denen er jedoch keine Ahnung von dem Dank zollte, den ſie verdienten. Indem er ſich in ſeine koſtbarſte Stellung warf, ſchritt er buchtabwärts, ſtellte ſich zwiſchen die Matroſen, und nahm mit großer Würde eine Priſe Taback. Die mei⸗ ſten der Matroſen tippten an ihren Hut, allein die Grimaſſen, die ſie dabei Einer dem Andern machten, wollten wenig zu jenem Reſpektzeichen paſſen. Mr. Plumerſand wollte ſich zuthulich zeigen, that jedoch gleich Eingangs ſeiner Rede einen entſetzlichen Mißgriff. »Gemeiner Matros,“ ſprach er, indem er ſich an den ungeſchlachten Hochbootsmann wendete,»wem ge⸗ hört denn die Schaluppe da?⸗ Der alte Commodore. 127 Dieß war ſchier zu viel für den Hochbooksmann, um ſo mehr, da die übrige Manuſchaſe lauter noch, als zuvor, lachte. »Greint nicht, Ihr Hunde, inndern tippt vor ihm an'n Hut. Da, Oakley, nimm mir's Rudder ab, ſonſt ſchlag' ich den Gentleman hol' mich der Deubel uf'n Kies nidder!« Nachdem er ſich ſo des Verſuchers entledigt hatte, wendete er ſich wieder zu Plumerſand und fuhr fort: „»Gemeener Matros, Sir?« ſchrie er.»Sagte der Härre gemeener Matros? Kräuſ'le mir die Per⸗ rücke, Härre, was meent der Härre damit?« Zu den Schiffsgenoſſen ſagte er dann:»Der arme Hächt is zu dumm.« Wieder zu dem erſtaunten Landtreter gekehrt, legte er mit erzwungenem Reſpekt die Hand an den Hut, und ſprach:»Verlaub, Härre,'s giebt keenen gemeenen Matroſen in der brit'ſchen Flotte. Wir Alle ſind ungemeene, ganz ungemeene Jungens! Sieht der Härre da dieſe Bootsmannſchaft— unſer Drei⸗ zähne? Na, ſtell' der Härre uns Sechs'nzwanzig ent⸗ gegen— was für Volk's ooch is, franſches, holländ'⸗ ſches, dän'ſches oder ſpan'ſches, uns is's all Eens— un walken wir ihnen nich's Fell ab, ſo will ich unge⸗ meen verd— werden! Gemeener Matros! Nu ſeh' mir⸗Eener, was für'n Getakel der an'm Maſt hatl« Ein wenig verdutzt durch dieſen Ausbruch des Un⸗ willens, verſuchte Plumerſand, ſich wichtig zu machen, und fragte:»Was fällt ihm ein, Freund, daß er An⸗ geſichts meiner ſo in Zorn geräth?« »Gemeener Matros! Donner un ˙s Wätter! Keenen Vordermaſtmann giebt's uf der Kanalflotte, aus dem nich'n Offzier werden könnt', ſobald nur die rechte 128 Der alte Commodore. Vakanz eintritt. Gemeener Matros! un das von ſo 'ner Landkrabbe— ſo Eener!« Oakley, den es höchlich beluſtigte, zu ſehen, wie der Hochbooksmann ſich in einen Aerger hineinarbeitete, dem der Aerger. Mr. Plumerſand's jetzt völlig gleich⸗ kam, konnte es nicht laſſen, jetzt, um uns ſeines eigenen Ausdrucks zu bedienen, ſein Ruder einzuſchieben.„ Aerg're Dich nich, Hochbootsm'nn,“« ſagte er,»is es doch lau⸗ ter Dummheit von ihm. Der Gentleman muß mit Reſpekt behandelt werden.« Damit ging er frech auf Plumerſand zu, tippte vor demſelben an ſeinen Hut, beguckte ihn vom Wirbel bis zur Sohle, und warf ſein Prüntje aus einer Backenhöhlung in die andere. Als er ſich an dem Umfange des Gegenſtandes ſeiner Neu⸗ gier ſattgeſehen hatte, drehte er ſich auf dem Abſatze herum, und ſpuckte dabei mit der großten Kaltblütigkeit den Kautaback auf die vorerwähnten ſeidenen Strümpfe, unterließ jedoch nicht, zu gleicher Zeil an den Hut zu tippen. 4 »Ich ſage, Matrolenkerl,« ſchrie der nun vollkom⸗ men beſtempelte Neuigkeitenerforſcher,»er hat meine Strümpfe beſudelt. Ich ſehe das als eine vorſätzliche Beleidigung an, und verlange, daß er mir Abbitte thut und meine Strümpfe abwiſcht.« »He, Sir, um Verzeihung, wenn Ihnen'n Streif⸗ ſchuß quer über— hahaha! ich muß's ja wohl Beine nennen!— alſo quer über die Beine ging.« Zu dem nächſtſtehenden Kameraden gewendet, fuhr er dann fort: „»Augen aufgeſperrt, Bob, ſind des Kerls Spazierhölzer nich'n Paar Handſpeichen, über un über in weiße Seide gewickelt?« »Unerträglich!« ließ Plumerſand ſich vernehmen. „Ich werde dieſe Eure Frechheit Eurem Befehlshaber R Der alte Commodore. 129 hinterbringen!« und indem er auf die Fregatte hin⸗ üͤberdeutete, fragte er:»Wer führt die Oberaufſtcht in jenem Schiffe? was hat es, wie ich wohl fagen mag, unter meinen Fenſtern zu ankern? Man verſehe mich mit einer kategoriſchen Antwort!“ Da Mr. Plumerſand den Hochbootsmann ebenſo⸗ wohl nach den Namen der Berge im Monde hätte fra⸗ gen können, ſo ward ihm keine weitere Entgegnung, als ein mürriſches:»Ich weeß nich, Härre. ⸗ Oakley aber, den der Spaß kitzelte, und der gern einen tüchtigen Streit vor ſich gehen ſehen wollte, in⸗ dem er merkte, daß der Hochbootsmann eben ſo wenig, als er ſelber, von Plumerſand's Frage verſtand, fuhr mit den Worten drein:„» Na, Tom! ſiehſt Du's denn nich ein, daß er in ſeinem ausländiſchen Geſchnader Dich gottsläͤſterlich ſchimpft?« »Daß Dich der Pfeifer! will er dahinaus?« rief der Hochbootsmann, den der»gemeine Matros« noch immerfort wurmte, und der deßhalb ſich von Neuem erhitzte;»will Er da'naus, Er ſpitznaſ'ger, perg'ment⸗ g'ſicht'ger, gloßaͤugiger Hundsfott, Er?« »Wie unterſteht Er ſich's,« verſetzte Mr. Plumer⸗ ſand krächzend,»einen Gentleman und eine Magiſtrats⸗ perſon ſo zu ſchimpfen? Weiß Er, wer ich bin. Ich bin Mr. Plumerſand, und kraft des Rechts meiner Mündel Herr von dieſer Küſte. Ja, Er giftiger Kerl, ich bin Eigenthümer der Kieſelſteine hier, auf de⸗ nen Er ſteht, denn Er ſteht oberhalb des Hochwaſſer⸗ zeichens. Jetzt, Du Kerl,« und dabei packte er einen von der Schiffsmannſchaft,„da ich mit zum Friedens⸗ gericht gehöre, nehm' ich Dich in Verhaft, als Selbſt⸗ euge, wie Du den Strandfrieden brachſt, Du, Du, Du ſchandmäuliger Schiffsknecht!« Der alte Commodore. II. 9 130 Der alte Commodore. Zu ſeinem Unglück hatte er den derbſten Kerl des ganzen Trupps gefaßt, der ſo feſt und unbeweglich, wie ein Urfelſen in Sandtiefen, ſtand. Vergebens trachtete Plumerſand, ihn von der Stelle zu bringen, ja ihn nur zu bewegen. Da er ſich jedoch als eine Magiſtrats⸗ perſon angekündigt hatte, war dadurch den Matroſen einige Scheu eingeflößt worden, indem ſie eine eben ſo unerklärbare Ehrfurcht als Antipathie vor dem Landes⸗ geſetze haben. G Der feſtgehaltene Matroſe ſagte endlich:»Hoch⸗ bootsmann, ſoll ich ihn hinſchmeißen?« „Ne, wahr' Dich vor'm Geſetz.« »Soll'ch ihn abſchütteln?« 3 I„Ne, wahr Dich vor'm Geſetz.« 1 „Hinauf mit mir in's Haus, Du läſterzuͤngiger Ge⸗ ſell. Dort ſoll Dir Dein Paß ſchon geſchrieben wer⸗ den!« Und Plumerſand zog und zerrte, bewegte aber nichts, als ſich ſelbſt. „Nichts da, Mr. Plumpamſtrand,“« ſiel der Hoch⸗ bootsmann ein, indem er an den Hut tippte;» der Mann da is Steuerbordruderer, und darf abſtut nichs Boot verlaſſen. Order muß parirt werden. Doch is das keen Grund, daß der Härre ihn zerren mag, wenn's dem Härren Schpaß macht. Jack, laß Dich nich vor Gericht ſchleppen; ſteh feſt— der Dünnbeen kann Dir niſcht, gar niſcht anhaben!“ 4 „Kann er mich vor G'richt ſchleppen, wenn ich paffe? ⸗ „Nich doch, daß ich nich wüßte.“ „So reck' ne Hand her, Frank Funnel, und leih uns Deine Pfeife.« 1 Die wohlgeſtopfte brennende Pfeife ward von Frank Funnel dem Gefangenen in's Maul geſteckt, ſo daß die⸗ 1 3 ſer grimmig anfing zu paffen, und der ehrſamen Magi⸗ 4 Der alte Commodore. 131 ſtratsperſon den Dampf in Augen, Naſe und Mund blies. Dem war nicht Widerſtand zu leiſten. Plumer⸗ ſand ließ ſeine ohnmächtige Hand vom Bruſtwamms des Matroſen ab, und erſtickte faſt in einem heftigen Huſtenanfalle. Als er wieder Rede gewinnen konnte, gab er ſeinem Grimme Luft, vergaß aber dabei, daß der Kapitän der vor ihm ſtehenden Leute, mochte er ſein, wer und wie er wollte, eben derjenige war, den er in dem, was ihn am nächſten anging, am meiſten zu fürchten hatte. »Abſcheuliche Frechheit!« ſchrie er.»Da haben wir den Rebellengeiſt der unteren Stände. Euer Ka⸗ pitän ſoll mich rächen, ſoll Euch Mann nach Mann bis auf den Tod peitſchen laſſen.« „»Hohoho! Schnickſchnack! Kapytän Oliphant peitſcht keenen honneten Matroſen wegen ſo'nen Krimskrams.« Mr. Plumerſand empfing dieſe wohlmeinende Auskunft von dem Hochbootsmann. »Dann iſt er ein eben ſolcher Halunke, wie Jeder von Euch einer iſt!« Das war von Seiten Mr. Plumerſand's eine höchſt unbedachte Rede, die ſich durchaus nicht mit ſeiner ge⸗ wöhnlichen Vorſicht vertrug. Als der Hochbootsmann ſie vernahm, rieb er ſich in nicht geringer Freudigkeit die Hände, und ſchrie:»Nu, Jungens, is ˙s Geſetz uf unſ'rer Seite! Er hat ſchlecht vom Kap'tän geſchpro⸗ chen— nehmt'n in G'wahrſam! Mr. Plumpamſtrand, der Haͤrr' is unſer'reſtant.« Plumerſand ward fiugs gepackt, und auf eine Weiſe feſtgehalten, daß er wie in einer Schraube ſteckte. »Aha, Mr. Plumphand,« fing der Matros, den der unglückliche Gentleman vorhin hatte fortſchleppen wol⸗ 9* 132 Der alte Commodore. len, an,»jetzt wird's bös um Ihn ausſehen— ſchnur⸗ ſtrackſige Menterei das, den Kap'tän zu ſchimpfen.«⸗ Mußte Mr. Plumerſand auch regungslos bleiben, ſo war er doch nicht ſprachlos. Er ließ die Meeres⸗ bucht von ſeinem Noth⸗ und Hülfegeſchrei:»John Tring, der Conſtabel! Thoms Prutz, der Dorfvogt! Mord! Mord!“«erſchallen. Wir müſſen ihn jetzt für ein Weilchen in ſeiner un⸗ behaglichen Lage laſſen, und zu Kapitän Oliphant und Miß Belmont zurückkehren. Ihrem Vornehmen gemäß waren Beide in's Haus gegangen, und hatten der Kou⸗ ſine Dredgely von ihrer Verlobung Mittheilung ge⸗ macht. Die verſchmitzte Dame war eitel Erſtaunen, ſtammelte, wie ſie nichts dazu thun könnte, wie das Pärchen nicht ſo haſtig zu Werke gehen, ſondern die Ankunft des Herrn Plumerſand erwarten möchte, den ſte allſtündlich erwartete. Dann ſchwatzte ſie ein Brei⸗ tes von dem Unſchicklichen in ſolcher Haſt und von dem Ungebührlichen geheimer Zuſammenkünfte, und ſchloß ihre ihr halb in der Kehle ſtecken gebliebene Rede mit der Verwahrung, daß ſie für ihre Perſon bei dieſer Sache ihre Hände in Unſchuld waſchen würde. Gegen dieß Alles zeigte Roſa ſich höchſt majeſtä⸗ tiſch und vielſylbig, der Kapitän überaus aufgeräumt. Endlich ließ die Dame, bis an den Hals voll tugend⸗ ſamen Unwillens, die Liebenden allein beiſammen, um für ſich zu überlegen, ob ſie mit dieſen Partei gegen den Mann nehmen ſollte, der ſie in ihr bisheriges an⸗ genehmes Verhäͤltniß eingeſetzt hatte. Dieſes, eine Stunde lange, ruhigere Geſpräch zwi⸗ ſchen Roſa und dem Kapitän hatte auf den jungen Of⸗ ficier eine wundervolle Wirkung. Hatte er zuvor Roſa Belmont wegen ihrer entzückenden Schönheit und der —/ A———— — Der alte Commodore⸗ 133 Zartheit ihres Weſens geliebt, ſo betete er ſie jetzt an, als er zu völliger Kenntniß von ihrer außerordentlichen Geiſtesbildung gelaugte. Sogar über wiſſenſchaftliche, mit der Seefahrtkunde ſich verknüpfende Gegenſtände, inſofern dieſe die Philoſophie der Aſtronomie betrafen, fand er, daß ſie ihm bei weitem überlegen war. Sie ſprach Franzöſiſch, Italieniſch und Eungliſch vollkommen, verſtand Deutſch zu leſen, und war im Latein wohl er⸗ fahren— Alles Folge ihrer genoſſenen Kloſtererziehung. Auch ſpielte ſie verſchiedene Inſtrumente, und ihre Zeichnungen waren von der Art, daß ſie manchem Zeichnenlehrer einen Seufzer entlockt haben würden. Der Unterricht, den ſie überhaupt erhalten hatte, war gründlich, und es war ihre alleinige Lebensbeſchäftigung geweſen, unter der tüchtigſten Anleitung das zu wer⸗ den, was ſie war. Sie war in keinem Stücke ober⸗ flächlich, außer in der Moral ihrer Erziehung. Iſt aber dieſe Moral nicht faſt Alles? Allerdings, Jedoch in einer Perſon von Roſa's Hinneigung zur Tugend mußte deren Charakter bald anfangen, ja hatte bereits begonnen, den falſchen An⸗ ſtrich von Romantik und der Kränklichkeit einer ver⸗ kehrten Empfindſamkeit abzuſtreifen. Ihr Vormund hatte ſeit Jahren danach getrachtet, ſie von dem rech⸗ ten Wege weiblicher Würde abzulenken, und hatte ihr Köpfchen mit chimäriſchen Begriffen von Liebe, Beſtän⸗ digkeit und unwandelbaxer Treue angefüllt. Sie fing jetzt an, die Täuſchungen wahrzunehmen, womit ſie ſich umringt hatte, und die Schwärze der Bosheit zu er⸗ kennen, durch welche jene Täuſchungen hervorgebracht wurden. Der arme Kapitän nahm ſich neben ihr als einen bäuriſchen, ja plumpen Geſellen wahr. Er lauſchte ih⸗ 134 Der alte Commodore. ren Worten mit Ehrerbietung, und ſo oft ſie ſprach, that er das feierliche Gelübde, durch eifriges Studium ſich ihrer immer würdiger zu machen. Jedoch neben dieſem Gefühle von Selbſtdemüthigung hegte er nur um ſo lebhafteren Widerwillen gegen Roſa's unwürdigen Vor⸗ mund, der, wenn der Ausdruck geſtattet wird, ſie gei⸗ ſtig entehrt hatte. Eifrig erſehnte Oliphant eine Gele⸗ genheit, dieſen Widerwillen an dem Gegenſtande deſſel⸗ ben auszulaſſen⸗ Wie eingenommen der Kapitän von Roſa ſein mochte, hatte er dennoch über ſie ſeine Bootsmann⸗ ſchaft nicht vergeſſen. Er ſchlug der Geliebten vor, mit ihm an den Strand zu gehen, wo er wußte, daß ſeine gehorſamen Untergebenen ſeiner harrten; ließ ſich jedoch nicht träumen, womit dieſe zur Zeit beſchäftigt waren. 3u lange haben wir Peter Drivel aus den Augen gelaſſen, der die derbe Lore bald aus den Augen verlor. Der ehrliche Burſch war vormals Factotum eines witzi⸗ gen Kopfes geweſen, der ihn faſt verhungern ließ; allein ehe dieſe Auszehrung ihn wirklich hinraffte, ließen die Buchhändler den Witzkopf verhungern, und retteten ſo unſerm Peter das Leben. Bei alledem ſtand es doch ſo übel um ihn, daß er Dienſte auf einem Schiffe nehmen mußte, voll Trauer über das Abſterben ſeines bisheri⸗ gen Brotherrn und voll Leere in ſeinem Magen. Der Letzteren half der König bald ab, und Erſtere erleich⸗ terte ſich ihm durch die Zeit und durch den geſegneten Gedanken, daß der Mantel der Begeiſterung, durch den ſein Herr des Hungertodes geſtorben war, ſich auf ſeine, nämlich auf unſers Peter Drivels, Schultern ge⸗ ſenkt hatte. 3 Peter Drivel ward bald auf die'trotzige Bella⸗ —— ———— 2 2.,—,:——,ñ— —x Der alte Commodore. 135 donna’ verſetzt; da aber am Bord eines Kriegsſchiffes ſehr wenige Witzköpfe ihr Feld ſinden, ſo fand Peter ſich in nichts Wenigerem, als in ſeinem Elemente. An⸗ ſtatt den Nutzen der Blöcke und Segellinnen und Klü⸗ ſen kennen zu lernen, verſuchte er, dieſelben zu be⸗ witzeln, und erhielt dafür Begrüßungen mit dem Tau⸗ endchen und dem Hochbootsmannsſtocke. Der Kapitän, der hievon eines Tages Augenzeuge war, rettete ihn von einer derberen Tracht Schläge, fühlte ihm auf den Zahn, und merkte bald, daß Peter ſich beſſer zum Die⸗ ner als zum Beſaan⸗Topmann eignete. Sofort gab er ihm Beſchäftigung, indem er ihn zu einem Müßiggän⸗ ger, nämlich zu ſeinem Leibdiener und ſogenannten Kuo⸗ chenpolirer Nummer Zwei machte, denn des Kapikäns Steward wird gemeinhin Knochenpolirer Nummer Eins genannt, und gewöhnlich Miſter“ titulirk. Dieſer unſer und des Kapitäus Oliphant Peter nun ſtreifte in der Umgegend des Herrenhauſes von Jaſpar⸗ hall umher, ſann über allerlei Wörter nach, indem er dann und wann aus ſeiner Taſche ein wohl abgegriffe⸗ nes Exemplar von des berühmten Dilworth's Buchſta⸗ birfibel, dem Schrecken unartiger kleiner Schulbuben, hervorholte. Schon hatte er drei neue Wortwitze zu⸗ ſammengeſtoppelt, und grübelte nun darüber nach, wie er ſich drei Gelegenheiten verſchaffen könnte, um jene Witze wirkſam und erfolgreich loszulaſſen, als der ma⸗ gere Pächter Drag ihm über den Weg laufen wollte. An ihn klammerte er ſich an; ihn wollte er, voll Ehr⸗ begier, jetzt in Erſtaunen ſetzen. In der einen Hand die Univerſal⸗Buchſtabirfibel, die andere Hand an den Kragen des Kittels gelegt, den der Pächter trug, damit dieſer ihm nicht entwiſchen möchte, begann er, zu Drag's größtem Widerwillen, 136 Der alte Commodore. die Einleitung zum Loslaſſen ſeiner Witze. Wie geht's wohl zu, daß Witzbolde von Profeſſion beinahe aus⸗ ſchließlich das Vorrecht haben, allgemein widerwärtig zu ſein? Während Peter's Demonſtrationen kamen Beide buchtabwärts, ſo daß Mr. Plumerſand ſie erblicken und hören konnte. Plumerſand befand ſich noch im Ge⸗ wahrſam der Bootsmannſchaft, und fuhr fort, von Zeit zu Zeit nach Conſtabel und Dorfvogt und»Mörder! Mörder! Pächter Drag!« zu ſchreien. Nun war Drag einer von Plumerſand's, oder doch von deſſen Mündel, Miß Belmont's, Pächtern. Drag wollte daher dem Rufenden zu Hülfe eilen; Peter hielt ihn jedoch bei'm Kragen zurück. »Halt ſtill, Pächter,« rief er;„hör' zu! Die ge⸗ ſammte Wiſſenſchaft des Witzreißens, ſo wie dieſes jetzt in den beſten Cirkeln praktiſirt wird, und die ein⸗ zige Art deſſelben, die jetzt unter den Schriftgelehrten als gültig anerkannt wird, beſteht in——« „»Laſſen S' mich los! Seh'ch doch, wie der Squire ſich mit den Matroſen'rumſchlägt! Helf' mir der Hei⸗ land, wie er Mord ſchreit!« »Steh doch ſtill, Kerl; haſt ja Zeit genug. Schreit Einer Mord, ſo kannſt Du aus ſeinen eigenen Worten abnehmen, daß er noch nicht ermordet iſt. Die ganze Wiſſenſchaft des Witreißens ſteckt jetzt in dieſem klei⸗ nen Buche. Mein Brotherr, der jetzt im Himmel iſt, offenbarte mir das unſchätzbare Geheimniß.« »Drag, Du Hundsfott!“« ſcholl es von der Bucht herüber;»Du ſiehſt, wie Dein Gutsherr hier umge⸗ bracht wird— lauf zum Conſtabel— Mord! Mord!« Vorleſer finden kein Behagen an Unterbrechungen. Peter wendete ſich einen Augenblick lang zu Mr. Plu⸗ Der alte Commodore. 137 merſand, drohete ihm mit der Hand und ſagte:»Daß Dir das Aſthma in die Lunge fahre! Kannſt Du kei⸗ nen Augenblick ruhig ſein? Haſt Du Dich dem Päch⸗ ter deutlich gemacht, ſo laß mich daſſelbe thun. Drag, paß auf! Lerne, daß Worte von gleichem und ähn⸗ lichem Klange, aber von verſchiedener Bedeutung, die alleinige Fundgrube heutigen Modewitzes ſind. Drag⸗ lerne dieſe Homonymen in dieſem Büchlein auswendig, und merk' auf, wie Du dadurch in zwei Minuten Ei⸗ nem Eins anzuhängen vermagſt; thu's dann, Drag, und Deine Siegestrophäen ruhen dann auf den Spalten oder Säulen dieſer Buchſtabirfibel. Kauf Dir ſolche Fibel und trag' ſie in der Taſche, ſo trägſt Du den ge⸗ ſammten Nationalwitz mit Dir herum— gelt! das will 'was ſagen. Aber, Pächter, Du glotzeſt mich ja an, daß ich fürchten muß, Du ſeiſt auf ewig zum Witrreißen verdorben.« »Nu— huk! Du haſt mich ja beinahe erwürgt! Laß mich los, ſag' ich!« »„Kerl, warum haſt D' das nicht gleich geſagt— ſieht der Burſch doch aus, wie ein kolleriger Puter⸗ hahn!« Zu Mr. Plumerſand, dem das unvergleichliche Paar jetzt ganz nahe gekommen war, gewendet, ſagte Peter dann:»So, Sir, jetzt hab' ich mich erplicirt— jetzt laſſen Sie hören, was wir für Sie thun können.⸗ Es währte ein Weilchen, ehe Plumerſand vor Aer⸗ ger zur Sprache kommen konnte; endlich ſprudelte er heraus:»Pächter Drag, Ee iſt Zeuge, wie man mich, eine Magiſtratsperſon, hier gewaltſam zurückhält; iſt Zeuge, wie man mich antaſtet— warum kam Er, als Er mein Leben gefährdet ſah und als Er mich Mord ſchreien hörte, mir nicht zu Hülfe, warum—« Drag wollte ſich vertheidigen, Peter ſchrie dazwi⸗ 138 Der alte Commodore. ſchen, die Matroſen lachten, Plumerſand ward immer zorniger— Eins redete auf das Andere los— man konnte Keinen von Allen verſtehen, und die Verwir⸗ rung war auf's Höchſte geſtiegen, als Kapitän Oliphant und Miß Belmont Arm in Arm um den Steinwall herumkamen, und ſich plötzlich mitten in die Gruppe der Zankenden und Hadernden verſetzt ſahen. Durch dieß unerwartete Kommen ſteigerte ſich je⸗ doch, wenn möglich, die Verwirrung nur noch mehr. Roſa, nicht wenig verlegen, ſagte endlich zwiſchen Lachen und Zittern, indem ſie ſich zu ihrem Geliebten wen⸗ dete:»Erlauben Sie mir, Ihnen den Mann vorzu⸗ ſtellen, der noch wenige Monate lang mein Vormund iſt— den Herrn Plumerſand.« »Ich habe den Mann wohl ehedem ſchon einmal geſehen,« entgegnete Oliphant.»Laßt ihn los, meine Jungen— Mr. Plumerſand, wie ich ſehe.« „» Sie haben die Mehrzahl auf Ihrer Seite, Sir,« verſetzte Plumerſand.»Wenn Sie, wie ich aus Ihrer Uniform ſchließe, der kommandirende Officier dieſer Leute ſind, ſo habe ich mich bei Ihnen über eine der ſchwer⸗ ſten Verletzungen zu beklagen, die jemals an der Frei⸗ heit eines gnterthans dieſes Landes und an der Perſon eines Gerichtsbeiſitzers verübt ward. Indeſſen werd' ich dieſe Uebelthäter nicht Ihrem Gefühle von Recht und Unrecht überlaſſen, Sir— es möchte allem Ver⸗ muthen nach mir dadurch kein Recht werden. Sie aber, Miß Roſa, würden beſſer thun, wenn Sie ſich in Ihre Zimmer zurückzögen— Sie ſollten es nicht mit anſehen, wenn Ihrem Vormunde ſo ſchändlich mitge⸗ ſpielt wird. Ihr eigenes Zartgefühl, Roſa, ſollte Sie anregen, ſich zu entfernen.«* „» Thu das, meine Beſte,« ſagte der. Kapitän;»eut⸗ —.— —4 j 2 Der alte Commodore. 139 ferne Dich jedoch nicht zu weit; Peter ſoll zu Deinem Dienſte bleiben.“ Miß Belmont, der Peter folgte, enkfernte ſich etwa hundert Ellen weit von der Stelle, ſo daß ſie mit ih⸗ rem Begleiter zwar nicht hören, aber doch fehe konnte, was vorging. „»Meine Beſte? Du? und Dich?« widerholte Plu⸗ merſand voll Unwillen.»Ich ſehe, hier giebt es Vie⸗ les abzuſtellen— ich bin höchſt nachläſſig in meiner Pflicht, als Vormund dieſer jungen Perſon, geweſen.“ „Sehr wahr, Sir!« fiel Oliphant ein. 1 „Dieſe Unterbrechungen, Sir, werden zu keinem ge⸗ genſeitigen Verſtändniſſe führen. Bis jetzt erinnere ich mich ihrer noch nicht. Wollen Sie mich mit Nennung Ihres Namens beehren?« »Nur allzu ſehr wünſch' ich, daß Sie ihn kennen mögen. Ich bin der Kapitän Oliver Oliphant, von Seiner Majeſtät Fregatte„Belladonna,“ und Neffe Ihres Nachbars auf Treſtletree⸗Hall, des Sir Octavius Bacuiſſart.« »Ah ſo! des Gewürzkrämers Sohn.« Plumerſand ete dieß mit einem emphatiſchen Hohnlächeln, das er gegen die Schiffsmannſchaft richtete. » Ganz recht, Sir; des Gewürzhändlers Sohn. Und was haben Sie mir nun zu ſagen, Sir?« »Daß ich, als Magiſtratsperſon, Ihren Beiſtand fordere, jene Kerle ſo lange feſtzuhalten, bis ich die Dorfwächter herbeiſchaffe; daß ich ſie für die Nacht in's Loch ſtecke, weil ſie den Frieden am Strande ge⸗ brochen und ſich feindlicher Angriffe auf meine Perſon erfrecht haben. Ich verfahre hierin nur geſetzlich⸗ Als Officier Seiner Majeſtät ſind Sie verpflichtet, der Civilgewalt beizuſtehen. Ich fertige ſodann den Be⸗ 140 Der alte Commodore. richt aus, und ſchicke die Uebelthäter morgen in's Graf⸗ ſchaftsgefängniß zum Verhör.« »Und was dann?« 8 Wohl mochte der Kapitän dieß fragen. Seine Leute ſtanden ſtumm da, und erſtaunten ſo ſehr, daß ſie ver⸗ gaßen, ihren Kautaback herumzuwerfen. Bei alledem trugen ſie ſämmtlich lebhaftes Verlangen, dreinzu⸗ reden.— „So viel, Sir, hatte ich Ihnen im Charakter einer Magiſtratsperſon, als Repräſentant Seiner Majeſtät und als Beiſitzer im Friedensgericht zu ſagen. Jetzt, Kapitän Oliphant, hören Sie mich im Charakter eines Gentleman.« »Mich ſoll doch verlangen, wie Sie den ſich anma⸗ ßen werden.« »Sir, hier iſt von keiner Anmaßung die Rede. Ich bin Gentleman von meinem Vater her. Können Sie das auch ſagen?« »Mehr, unendlich mehr! Ich leite mich als Gent⸗ leman von meinem König her, und habe mich niemals deſſen unwürdig betragen. Können Sie das auch ſagen?« »Als Gentleman, Sir, ſag' ich Ihnen,« verſetzte Plumerſand,»daß Sie ſich entwürdigten, indem Sie Ihre Pflicht verabſäumten; eine Pflicht, wofür die Nation Sie reichlich bezahlt; eine Pflicht, die Sie, ſag' ich, verabſäumten, indem Sie hier am Strande herumſchlenderten, um geheimen Umgang mit einem ju⸗ gendlichen, ſchüchternen und unerfahrenen Mädchen zu pflegen.⸗ Man muß geſtehen, daß dieß eine derbe Wahrheit war, und daß Plumerſand eine ſtachlichte Zunge im Der alte Commodore. 141 Munde hatte. Für ein Weilchen war dem Kapitaͤn gar nicht wohl zu Muthe. „Das Repariren des Untertakelwerks—« fing er an, hielt jedoch ſofort inne, indem er einſah, wie lächer⸗ lich es ſein würde, wenn er einen nautiſchen Vorwand wegen ſeines Erſcheinens auf dieſem beſonderen Küſten⸗ punkte geltend machen wollte. „Ich weiß nicht,« ſprach Plumerſand weiter,„was für eine Entſchuldigung Sie vorbringen wollten; doch ſehe ich deutlich, daß Sie ſich derſelben ſchämen.“⸗ »Ich ſchäme mich vor nichts, Sir, und wollte keine Entſchuldigung gegen Sie vorbringen.“ „Gleichviel. Dort aber liegt Ihr Schiff ſtill; ich ſehe keinen Mann ſich auf demſelben regen.“ „»Weil's Jedem übel bekommen würde, wenn er es thaͤte. ⸗ »So alſo wird der Dienſt, den Sie dem Vater⸗ lande ſchuldig ſind, vernachläſſigt, damit die Unſchuld verführt werde!« »Sind Sie zu Ende?« fragte der Kapitän, und murmelte dann etwas Unverſtändliches zwiſchen den Zähnen. 8 »Ich habe als Magiſtratsperſon und Gentleman zu Ihnen geredet,“« ſagte Plumerſand;»jetzt hab' ich als Miß Belmont's Vormund mit Ihnen zu verhandeln. Ich rathe Ihnen, dieſe Gegend nicht mehr zu beſuchen. Laſſen Sie ſich hier wieder blicken, ſo verſchaffe ich mir vom Lord Kanzler einen Verhaftsbefehl, und arretire Sie. Ich bin zu Ende. Jetzt, Drag, geh' hinauf in's Dorf und hole mir Tring und Prutz, damit wir jene Burſche in's Loch legen laſſen.« Bisher hatte Kavitän Oliphant ſo ziemlich ſeine Faſſung behalten, hatte dem Aufwallen ſeines Zornes 142 Der alte Commodore. Einhalt gethan, und wollte eben eine ernſte Antwort abgeben, als der Hochbootsmann zu ihm trat, ſeinen Hut in der Hand hin und her drehete, und ſagte: »Mit Verlaub, Sir, als Sie weg waren, ſagte dieſer Menſch da, Sie wären n Halunke, und darauf haben wir'n mit aller Höflichkeit feſtgehalten.« Das war ein Tropfen Galle zu viel! Die Philip⸗ pika, die Oliphant wider ſeinen Gegner auf der Zunge hatte, ward vergeſſen; denn indem er die Fauſt ballte und dicht vor Plumerſand hintrat, ſchrie er mit einer Donnerſtimme:»Herr, unterſtanden Sie ſich, mich ei⸗ nen Halunken zu nennen?« »Ich unterſtand mich, was jeder Gentleman ſich unterſtehen darf, und was ich zu thun wagte, das wag' ich auch einzugeſtehen. Dennoch ſagt' ich nicht, daß Sie wirklich ein Halunke wären, ſondern ich ſagte, Sir, daß, wenn Sie dieſe Kerle wegen deren Gering⸗ ſchätzung gegen mich nicht peitſchen ließen, Sie ein Halunke wären, und das wiederhol' ich.« »Ich will dieſe Männer aber wegen deren Gering⸗ ſchätzung gegen Sie nicht peitſchen laſſen.« » Und ich will nicht ſo angefahren ſein. Ich danke Gott, daß ich nicht zu Ihrer Mannſchaft gehöre.« »Dafür dank' ich Gott ebenfalls. Ich werde meine Leute nicht peitſchen laſſen. Widerrufen Sie alſo, oder thun Sie, was Sie müſſen.« » Ahal ich ſoll mich mit Ihnen ſchlagen,« fiel Plu⸗ merſand mit ſtechendem Hohnlächeln ein,»ſoll Ihnen Ge⸗ legenheit geben, ein Gewerbe zu üben, zu welchem Sie erzogen worden ſind. Wie, Sir? Meinen Sie, Sir, ich hätte Luſt, den Narren zu ſpielen, weil Sie Luſt haben, einen Lärmer abzugeben? Sparen Sie Ihren Muth, bis es gegen die Feinde Ihres Vaterlandes ——— Der alte Commodore. 143 geht. Kommt's dazu, ſo möchten Sie vielleicht finden, daß Sie keinen zu verſchleudern haben.« „»Elender Wurm, Du zwingſt mich, Dir einen Fuß⸗ tritt zu geben.« „Zurück, ſag' ich. Das dürfen Sie nicht, Kapitän Oliphant. Wie? umſtanden von Ihrer Bootsmann⸗ ſchaft, und unter den Kanonen Ihres Schiffes, könnten Sie einen unbewaffneten ältlichen Gentleman angrei⸗ fen, wie ich Einer bin? Thun Sie's, Sir,— und wer würde dann der Feigherzige ſein?« Das Murmeln der Matroſen wuchs jetzt zu lautem Geſchrei an, und faſt mit Thränen in den Augen ver⸗ langten ſie die Erlaubniß, dem Frechen die giftige Zunge auszuſchneiden. Der Lärm dieſes erneuerten Gezänks drang zu der Stelle, wohin Roſa und Peter ſich zurückgezogen hatten. Dieſe waren jedoch, wie geſagt, zu weit entfernt, als daß ſie die Worte, welche geſprochen wurden, hätten unterſcheiden können. Peter Drivel wortwitelte mitt⸗ lerweile ſo, daß Roſa ihn mit der Entgegnung unter⸗ brach:»Genug, Sir; ich kann Ihre Späßchen nicht länger anhören, denn ich bin zu beunruhigt über das, was bei'm Boote vorgeht. Laſſen Sie uns hineilen.“ Dieß thaten ſie, und fanden, daß der brave Kapitän ſich in ſo weit herabgeſtimmt hatte, daß er eine zuſam⸗ menhängende Rede ſprechen konnte. »Ich that Unrecht,« ſagte er,»ärgerlich über einen Gegenſtand zu werden, der ſo tief unter der Beachtung eines redlichen Mannes ſteht. Aus Gerechtigkeit gegen mich ſelbſt will ich Ihnen in den dreien Eigenſchaften antworten, die Sie ſich angemaßt haben, nämlich als Magiſtratsperſon, als Gentleman und als Vormund. 144 Der alte Commodore. Nicht gleich Ihnen habe ich Maulleder— die Gabe der Redegewalt, ſollt' ich ſagen— um ein Geſpinnſt abzuwickeln, das heißt um e Sache wie'n Advokat zu verhandeln. Als Magiſtratsperſon ſag' ich Ihnen, daß, kraft meines Patentes, ich auch ein Machthaber bin, und deßwegen nicht an Ihrem eigenmächtigen Ver⸗ fahren Theil nehmen will. Wäre dieß auch an ſich ſelber recht, ſo würde es doch dem Dienſte von Seiner Majeſtaͤt Flotte ſo hinderlich werden, daß Sie gar nicht bei demſelben beharren dürfen. Es ergiebt ſich, daß Sie den Hader anfingen. Sie können dieſe Männer, und mich, und meine geſammte Bordmannſchaft, wenn Sie wollen, bei der Quartalſeſſion vorladen, und ſo ſich für Ihr Leben lang lächerlich machen. Und ſomit bei⸗ gelegt und Anker in'n Grund!«— Wir laſſen die »Hem's!“ des aufmerkſamen Peter hier weg.—»Als Gentleman,« fuhr Oliphant fort,»ſage ich Ihnen bloß, daß, wenn Sie beleidigen, Sie auch der Folgen davon ſich gewärtig zu halten haben. Als Vormund aber tritt vor, Menſch falſcher Seele und planmäßiger Bos⸗ heit, und erkenne Dich ſelbſt! Darf ein rechtſchaffener Vormund ſo auf ſeiner Muͤndel Einbildungskraft wir⸗ ken? Darf er ihr, die noch ein halbes Kind iſt, von einer Leidenſchaft verſchwatzen, von der ſie in ihrem G Alter noch nichts zu verſtehen vermag? Darf er ſie in eine Verpflichtung hineinſchwindeln, ehe ſie noch im 3. Stande iſt, die eigentliche Bedeutung der Worte jener Verpflichtung zu faſſen? Schickt ein rechtſchaffener Vormund ſeine Pflegbefohlene in die Einſamkeit und Abgeſondertheit eines ausländiſchen Kloſters, wo ihr kein Moralunterricht wird, und wo Religionslehre ih⸗ rer Familie und ihrem Lande fremd iſt? Umgiebt ein redlicher Vormund ſeine Mündel mit dem giftigen Un⸗ Der alte Commodore. 145 rathe franzöſiſcher Romane? Darf ein ehrlicher Vor⸗ mund—« Allein um dieſe Zeit hatte der Gentleman, zu deſ⸗ ſen Heile Oliphant's Beredtſamkeit ſich in Bewegung erhielt, höchſt undankbar ſich ſchon zu weit davon ge⸗ macht, um das Ende der Rede hören zu können. Plu⸗ merſand ſah ein, wie das ſchlaue Spiel, das er ſeit Jahren getrieben hatte, ihm in einem einzigen Augen⸗ blicke verloren gegangen war. Er entwich in ſeine ein⸗ ſame Wirthshausſtube, legte ſeine Reiſekleider wieder an, fuhr ab, und begrub ſich in irgend einen dunkeln Winkel London's, um ſich auf's Bitten und Komplot⸗ tiren, wenn Beides aber fehlſchlagen würde, auf Rache zu legen. Alles war jetzt Sonnenſchein. Die Bootsmannſchaft rief ihr Hurrah, als Plumerſand unter Segel ging. Peter hm'te und witzelte wechſelsweiſe. Der Kapitän und Miß Belmont gingen hinauf zu Jaſpar⸗Hall, wo ihnen Miß Dredgely ein Mittagseſſen auftragen und als Ehrenhüterin dabei präſidiren mußte. Die Boots⸗ mannſchaft erhielt einiges Geld, und begab ſich in das Wirthshaus, von dem Mr. Plumerſand ſo eben abge⸗ fahren war, nahm dort eine derbe Mahlzeit, die aus Bohnen und Schinken und Whisky⸗Grog beſtand, zu ſich, und war dabei luſtig und guter Dinge. Peter Drivel ſchmauſ'te und zechte mit. Der alte Commodore. II. 10 1 Der alte Commodore. Zehntes Kapitel. „ Der treuen Liebe Strom fließt immer ſanfl. a Shakſpeare. Eine Stunde bis zum Heranbrechen des Abends mochte noch übrig ſein, als ein Kanonenſchuß von der Fregatte zu dem friedlichen Ufer herüberdonnerte, und am Maſte das Signal zur Rückkehr des Bootes flat⸗ terte. Auf der Höhe aber erblickte man ſechs edle Li⸗ nienſchiffe, von denen das größte den Wimpel des Com⸗ modore lang herabflattern ließ, majeſtätiſch daherſegeln. Es war eine Brieſe aufgeſprungen, die Fregatte hatte ihre Nummer gezeigt, und es ward ihr das Signal ge⸗ geben, Anker zu lichten und ſich den Linienſchiffen an⸗ zuſchließen. Einer der ſchnellfüßigſten Burſche, die im Wirths⸗ hauſe zum Pfluge“ an der Mahlzeit der luſtigen Boots⸗ mannſchaft hatten Theil nehmen dürfen, ward nach Jaſpar⸗Hall entſendet, um den Kapitän von den Ergeb⸗ niſſen auf der Höhe in Kenntniß zu ſetzen. Gut war's, daß man dieſen verſtändigen Schritt that, denn Oli⸗ phant befand ſich zur Stunde in jenem glückſeligen Zu⸗ ſtande des Vergeſſens aller Flottenangelegenheiten, ſo daß es ihm gar nicht einfiel, wie es ein Ding gäbe, das man ein Schiff von achtundreißig Kanonen nennen könne. Die'Jungens“ von der ˙Belladonna“ tranken ihr letztes Glas ehrerbietig auf ihres Kapitäns Geſundheit — Der alte Commodore⸗ 147 aus, und beſchloſſen ihr Mahl mit einem derben Ma⸗ troſenliede. Unter Hurrahgeſchrei eilten ſie dann zur Bucht, der in denſelben Augenblicken auch Kapitän Oli⸗ phant, von Miß Belmont begleitet, entgegenſchritt. Keiner von den wackeren Bootsleuten war trunken, wenn auch zwei oder drei der Schwächeren unter ihnen ein wenig benebelt ſein mochten. Als das Boot ſich ſeitlängs der Belladonna' gelegt hatte, war es bald aufgehiſſt, und alle Segel wurden angeſetzt, um das Geſchwader einzuholen, das nur noch halben Rumpfes am Horizont ſichtbar war. Kapitän Oliphant, der nicht hoffte, heute Abend noch ſeinen Kommandirenden zu erreichen— von dem er über⸗ dieß nicht wußte, wer derſelbe war— befahl ſtrenges Auslugen, und zog ſich, in ihm ſehr ungewöhnlicher Ge⸗ müthsſtimmung, als ein tief nachdenkender Mann, in ſeine Kajüte zurück. Seine grell in die Augen ſprin⸗ genden Mängel, die er jetzt zum erſten Male erkannte, ſchreckten ihn in eine ernſte und ihm heilſame Demüthigung hinein. Wir laſſen ihn in tiefem Nachdenken über die geiſtigen und körperlichen Trefflichkeiten Roſa Belmont's, und wie er überlegt, ob er ſich nicht für eine Zeitlang vom Kommando abſetzen laſſen ſolle, um drei oder vier Jähr⸗ chen in Orford oder Cambridge zu verſtudiren. Hätte er dieß gethan, ſo würde Roſa ihn nicht halb ſo gern leiden mögen. Sobald Plumerſand, voll von den ſchlimmſten Lei⸗ denſchaften, durch welche die Menſchennatur entwürdigt wird, ſich wieder in London befand, begab er ſich zu ſeinem Rechtsanwalt, einem Manne, der ſein Vertrauen beſaß, und der eben deßhalb bereit war, alle Schleich⸗ wege der Juſtiz zu beſchreiten, um ſeinem Clienten in Erreichung irgend eines Zweckes zu helfen, wie verfäng⸗ lich dieſer auch immer ſein mochte. 10* Der alte Commodore. Ehe jedoch der Anwolt Scharffus ſeine Hetzjagd ge⸗ gen Kapitän Oliphant beginnen ſollte und wollte, be⸗ ſchloß Mr. Plumerſand, bevor er als Streiter aufträte, es nochmals mit dem Charakter des Liebenden zu ver⸗ ſuchen. Den Anfang dazu machte er mit einer Zuſchrift — mit einem Liebesbriefe; ja, im achtundvierzigſten Jahre ſetzte Ruben Plumerſand ſich in einem dunſtigen Kaffee⸗ hauſe zum Abfaſſen eines Liebesbriefchens hin. Ich beklage ihn. Als ich ſelber jung war, und mich 148 genöthigt ſah, an meine Seraphine, meine Adeline. und meine Adelgunde zu ſchreiben— denn dieſe drei Schönen waren die Gegenſtände meiner Liebe in jugend⸗ lichen Tagen— wenn ich an Eine von dieſen Dreien ſchrieb, ſo ſtiegen zu Millionen, gleich Mücken, die im Abendſonnenſtrahle tanzen, die Gedanken vor meiner Seele auf, und die ſchleichende Feder ſtolperte, wie ein Krüppel an der Krücke hinter ihnen her. Gegen einen hingeſchriebenen Gedanken, wurden fünfhundert wegmo⸗ nologiſirt, ohne von den ſchweigſamen Wunden beachtet zu werden. Das waren glorreiche Zeiten für Liebes⸗ abenteuer! Jedoch ach! nachdem meine Seraphine ſich mit der Armuth und dem dritten Sohne eines Edel⸗ manns, in deſſen Hauſe ſie Töchtererzieherin geweſen war, vermält hatte; als Adeline, eine reiche Erbin, die Gattin ihres eigenen Haushofmeiſters geworden, und als endlich ich im zweinndvierzigſten Lebensjahre ein Glückwunſchſchreiben an Adelgunde abzufaſſen hatte, weil ſie die Gemahlin eines deutſchen Freiherrn ward — ach! wie fürchterlich war es, mir in jenem reifen Alter in Liebesangelegenheiten Briefe ſchreiben zu müſ⸗ ſen. Dennoch that ich es. Nachdem ich ſelbſt auf ſolche Weiſe ſolches Elend gefühlt hatte, beklagte ich unſeren Plumerſand, wie bös † — —— —y—— Der alte Commodore. 149 er auch ſein mochte, daß er zuletzt ſich gezwungen ſah, zu verſuchen, ob er durch die Beredtſamkeit der Schreibfeder ein Herz würde wiedererlangen können, das er, freilich höchſt albern, ſchon als ſein ewiges Eigenthum betrach⸗ hatte. Der Leſer fehe ſelbſt, wie Plumerſand ſich ver⸗ nehmen ließ, denn ich habe eine Abſchrift jenes Briefes hier vorzulegen: »Roſa, »Ich gleiche Einem, der auf einen Haufen Flug⸗ ſands ſteht. Während mir zu Haupten der Sturm heult, während links und rechts die Wogen gleich Ungeheuern der Tiefen auf mich eindringen, um mich zu verſchlingen, glitſcht unter mir der Boden aus, und ein unvermeidliches, ſchreckliches und unverdientes Ende harret meiner. „» Und ich erleide dieß— ich, der ich thöricht und irrig all mein Glück in dieſer Welt auf die Sandbank Deiner Grundſätze erbauete. O, Roſa, Du darfſt, Du kannſt nicht ſo mich zu Grunde richten! Denke nicht, ich ſei alt— Du würdeſt Dich täuſchen; denn die Sitten der Welt, ja, und auch die Stimme der Natur erheiſchen, daß auf Seiten des Gatten ſich einige Jahre der Erfahrung mehr befinden. Die Ju⸗ gend iſt, wie ſchon das Sprichwort ſagt, blind; und wo der Blinde die Blinde leitet, wird da nicht das Verderben gemeinſam ſein? »So Du aber mich täuſcheſt, Roſa— o, dann bin ich allerdings alt— dann werde ich auf dieſer Welt nichts weiter zu thun haben, als mich auf mein Sterben vorzubereiten. Als vor vier Jahren Du eine holde Miſchung von Unſchuld und Liebe an meinem Buſen lagſt, als Du die Silberlampe der Nacht und die zahlloſe Schaar der himmelbeſäenden Sterne zu — — 50 Der alte Commodore. Zengen nahmeſt, daß ich, ich allein Dein Herz, und zu ſchicklicher Zeit auch Deine liebe, liebe Hand beſi⸗ teen ſollte— da warſt Du gerecht, aufrichtig und ed⸗ len Gemüthes. Als die Gelübde, die wir damals für unauflöslich hielten, noch um ſo bindender durch den Schwur gemacht worden, das heiligſte aller Geheim⸗ niſſe ſo lange vor den Augen und Ohren der Welt zu bergen, bis wir uns dieſer als Mann und Weib würden zeigen können— als jene Gelübde, frage ich, von Deinen ſchönen Lippen, mit dem Anſcheine aller Aufrichtigkeit einer Heiligen, und mit aller Innigkeit einer Treuliebenden ausgeſprochen wurden— wurden ſie, frag' ich, darum ausgeſprochen, daß ſie ſchmach⸗ voll und widerwärtiglich gebrochen werden ſollten, da⸗ mit mein vertrauendes Herz ebenfalls brechen möchte? »Inzwiſchen will ich glauben, ja ich glaube es wirklich, daß Du durch die Ränke eines Menſchen, der— nicht Anſtand nehm' ich es zu ſagen— der in den Künſten der Verführung erfahren iſt, in eine Falle gelockt wurdeſt. Und indem ich dieß glaube, vergeb' ich Dir; jedoch unſer feierlicher, von der Liebe nieder⸗ geſchriebener Vertrag iſt, wenn gleich kein Geheimniß mehr, dennoch bindend für uns. Nimmer werd' ich den Forderungen deſſelben entſagen— nimmer! »Als Dein Herz noch unverderbt, als Deine Seele noch rein wie das durchſichtige Blau über Dir war, in welches Du ſo gern blickteſt— damals geſtan⸗ deſt Du mir, daß Du mich liebteſt, daß ich Dein Hoffen, Dein Vertrauen, Deine Glückſeligkeit wäre! Was hab' ich ſeitdem begangen, wodurch ich dieſe be⸗ ſeligenden Auszeichnungen hätte verſcherzen können? Bin ich ein unfreundlicher, barſcher Vormund gewe⸗ ſen? Erforſche Dein Gedächtniß, blicke zurück in Deine — —— Der alte Commodore. 151 früheſte Kindheit, und dann frage Dich, welcher Kum⸗ mer Dir nicht von mir geſtillt, welche Freude Dir nicht von mir bereitet, welcher Wunſch Dir nicht von von mir befriedigt ward? Hätte ein Vormund, ein Bruder, ein Vater freundlicher und zaͤrtlicher als ich gegen Dich ſein können? Iſt's, weil mein Haar ein wenig grauer ward, oder weil die Zeit die Geſchichte von drei oder vier Jahren mehr mir in's Antlitz zeich⸗ nete? O Nichtigkeit der Nichtigkeiten! Welcher Mann, und wäre er der ſchönſte aller Jünglinge Englands, würde wohl wünſchen, bloß um ſeines Aeußeren wil⸗ len geliebt zu werden? »Weißt Du nicht, Roſa, daß mir als Deinem Vormunde das Recht zuſteht, Dich hinzuführen, wo⸗ hin es mir beliebt? Daß ich Dich hundert Meilen weit wegbringen kann, von dem Gegenſtande Deiner kindiſchen, und wie ich hoffe, Deiner vorübergehenden Verblendung? Allein könnte ich dieß wohl oder ir⸗ gend Etwas thun, wodurch ich Strenge gegen meine Roſa zeigte? Nimmer! »Du haſt Dich nicht geändert. Du biſt edlen Ge⸗ müthes, und deßhalb kannſt Du Dich gar nicht än⸗ dern. Du biſt zur Glückſeligkeit geſchaffen, und Fülle von Glückſeligkeit ſcheint für Dich bereitet zu ſein. Wo Du weilſt, wohin Du Dich wendeſt, trägt Deine Umgebung das Gewand des Frühlings, und Kummer und Weh ſcheinen nimmer in Deiner Nähe weilen zu können; dennoch wird bei allen Deinen Vorzügen keine Glückſeligkeit Dir nach irgend einem Weſen zu Theile werden, ſobald ſie nicht mittelſt des Lichtes der Grund⸗ ſatzfeſtigkeit geſucht wird. „»Löſcheſt Du in Deinem Buſen jenes Himmelslicht aus, und ſucheſt alsdaun nach Glückſeligkeit, ſo ſage Der alte Commodore⸗ ich Dir, daß ſie Dir weder durch Ingend, noch durch Schhönheit, noch durch Reichthum verliehen werden wird. Der Frühling mit ſeinen holden Blüthen, der Sommer mit ſeinem heiteren Sonnenſchein, der Herbſt in ſeinem glorreichen Ueberfluſſe und der Winter mit ſeiner Erndte von fröhlichen Herzen— ſie Alle, Alle werden Dir Glückſeligkeit weigern. »Die Erde wird ſie Dir nicht bieten, und der Himmel wird ſie Dir weigern; denn wie, o Roſa! könnteſt Du Gnade an den Stufen des Guadenſitzes erflehen, wenn Du vorſätzlich und treulos trachteſt, Deinen älteſten, beſten, Deinen einzigen Freund, durch das Brechen einer heiligen Zuſage, und durch Verle⸗ tzung Deiner Grundſatzfeſtigkeit zu Grunde zu richten? Solches Brechen und Verletzen iſt ſchmähliches Thun für einen Jeden und eine Jede; allein für ein hochge⸗ bildetes und engelartiges Mädchen wie Du biſt, iſt es zuverläſſig empörend. »Schreibe mir nur, um mir zu ſagen, daß die Binde des Irrthums von Deinen Augen fiel, und daß Du das wieder ſuchſt, was mit Deiner Ehre und unſer Beider Glückſeligkeit verträglich iſt, ſo wird der jetzt Dich ermahnende, ſchwer am Herzen erkrankte Vormund zu Deinen Füßen eilen, ſich für Deinen beglückten Geliebten und baldigen Dir innig ergebe⸗ nen, ſtets nachſichtigen Gatten erklären. »Bis ich Deine Antwort erhalte, zähle ich die Stunden an den Pulsſchlägen meines Herzens ab, das ach! jetzt nur dem Elende klopft. »Dein bangender Geliebter, »Ruben Plumerſand.⸗ »Aus dem Wirthshauſe zum Saraeenenkopf“ in London.« —õ— Der alte Commodore. 153 Mich dünkt, dieſe Epiſtel war, für einen Funfziger nicht übel; denn beſſeren leidenſchaftlichen Unſinn hätte ich ſelbſt in meinem fünfundzwanzigſten, wenn vielleicht auch in meinem neunzehnten Jahre nicht auftreiben. können. Dennoch ſchämte Mr. Plumerſand ſich nicht, ſein Schreiben mit geziemender Gravität zu verſtegeln, und es noch an demſelben Abend mit dem Strandboten nach Jaſpar⸗Hall zu verſchicken. Bin ich auch nicht glücklich im Erzählen einer Lie⸗ besgeſchichte, ſo will ich doch, da ich einmal ſo weit kam, daß ich Mr. Plumerſand's Epiſtel mittheilte, auch ein Pröbchen von Miß Belmont's Briefſtyl hier einflie⸗ ßen laſſen. Roſa's Antwort ließ ſich folgendermaßen vernehmen: „Lieber Ruben⸗— dieß ward jedoch ausgekratzt; das alsdann hingeſchriebene »Werther Sir, G hatte gleiches Schickſal, ſo daß nichts ſtehen blieb, als: »Hochzuverehrender Herr Vormund, »Die Untheilbarkeit des Gedankens hat von früheſter Zeit her den Scharfſinn der Metaphyſiker beſchäftigt ge⸗ halten; die Unvertilgbarkeit des Gedankens hat eben⸗ falls der Zweifel viele unter den Gelehrten erweckt; allein ob Leidenſchaft ſich aus dem Denken erzeugt, oder nur mit demſelben zuſammenhängt, oder aber gar nichts damit zu ſchaffen hat— welcher letzteren Meinung ich beizupflichten ſehr geneigt bin— iſt eine Sache, über die ich fortwährend zu blügeln habe. In jenem gelehrten Werke über die Myſterieu der Roſen⸗ kreuzer, welches Sie mir ſo angelegentlich empfahlen, finde ich deutlich den Grundſatz ausgeſprochen, daß der Mann— ich bediene mich hier des termini ge- neris“— von der Natur vier Stufen des Alters an⸗ 154 Der alte Commodore. gewieſen erhielt, auf deren jeder er eine verſchiedene Individualität zeigt. Jean Jacques Rouſſeau hat dieß beſtätigt. Später werden wir erkennen, was Diderot und Voltaire darüber geſagt haben. »Nun liegt es kraft dieſer und anderer trefflicher Gewährsmänner, am Tage, daß der Jüngling nicht für das Thun ſeiner Kindheit, das Mannesalter nicht für das Thun ſeiner Jünglingszeit, der Greis nicht für das Thun ſeiner männlichen Stufenjahre verant⸗ worklich ſein kann, ſintemal auf jeder der genannten Stufen die Identität des Individuums ſich hat än⸗ dern oder umwandeln müſſen. „Jetzt, verehrter Herr Vormund, werden Sie ſe⸗ hen, wie logiſch ich folgere. Iſt auch das eine Stu⸗ fenalter nicht verantwortlich für das Thun eines an⸗ dern, ſo ſoll doch jede Stufe trachten, die Irrthümer der vorhergehenden abzuſtreifen. Denn behauptet nicht Hobbes, der Menſch ſei ein in Fortbildung begriffenes Thier? Jetzt zu meiner Deduction: »Als ich ein Kind war, ließen Sie mich wähnen, ich ſei verliebt in Sie, weil Sie mir ſagten, Sie waͤren verliebt in mich. Sehr gut; und dann ließen Sie, weil Sie mir ſagten, daß die, welche einander liebten, auch Alles für einander thun müßten, mich ſchwören— ich glaube, Sie haben Recht, wenn Sie bemerken, daß ich bei'm Monde ſchwur— dann ließen Sie, ſag' ich, mich ſchwören, Sie zu heirathen ſobald ich mündig ſein würde, bis dahin aber die Sache gehyeim zu halten. In dem Allen, geehrter Herr Vormund, war nun nach unſeren Grundſätzen, durchaus nichts Unrechtes; denn in allen ſranzöſiſchen Romanen, die zu leſen Sie mir ſo dringend anriethen, habe ich ähnliche Beiſpiele gefunden. Da ich jedoch Der alte Commodore. ſeit Kurzem aus dem Kindesalter in das Jugendal übertrat, betrachte ich die Handlungen desjenigen I⸗ dividuums, das mich als Kind darſtellte, nicht meh als geltend, wohl aber muß mein Ingendalter Alles anfbieten, um Thorheiten und Irrthümer meiner Kin⸗ derjahre wenn möglich zu beſeitigen und wieder gut zu machen; namentlich aber die Thorheit, daß ich je⸗ mals in einen Mann verliebt war, der alt genug iſt, mein Großvater zu ſein. Dennoch ſehe ich mich nicht mehr zu einem Bündniſſe verpflichtet, in das ich in meiner Identität als Kind etwa mich eingelaſſen ha⸗ ben mag. » Dieß iſt Logik; und gelegentlich will ich ſie Ihnen durch Citate aus franzöſiſchen Autoren bekräf⸗ tigen. Jetzt erſt weiter in meinem Texte. Das In⸗ dipiduum der Identität meiner Kindheit hegte keine Ab⸗ neigung gegen längliche Geſichter, haſengraue Haare und lange Dünnzöpfe; beſonders nicht gegen letztere; denn jenes Individuum zupfte gern an letzteren, und hing ihnen Sägemännchen und Springteufelchen an — Spielereien, vor deuen mein Jugendalter einen ganz entſetzlichen Abſcheu hat. Vielleicht daß in mei⸗ nem Greiſenalter, falls wir Beide ſo lange leben, mir das Spielen mit ſolchen Schnurrpfeifereien wieder Spaß macht; ſollten wir dann Beide noch unverehe⸗ licht ſein, ſo könnte ich, oder philoſophiſcher geſprochen, ſo könnte das Individuum meiner Identität alsdann wohl geneigt ſein, auf das Eheverſprechen in den Kin⸗ derjahren wieder zurückzukommen; jedoch verſtehen Sie mich recht— eher niemals! „»Sie ſehen, verehrter Herr Vormund, welche Mi)he ich mir gegeben habe, mir jene Grundſatzfeſtig⸗ keit anzueignen, die Sie mir durch den Curſus fran⸗ Der alte Commodore. zöͤſtſcher Lectüre, welchen Sie im Kloſter mich durch⸗ machen ließen, einzuflößen befliſſen waren. »Ich gehe jetzt zu der Untheilbarkeit und Unver⸗ tilgbarkeit des Gedankens über, inſofern ich ſolches auf obige Darlegung anzuwenden habe, und werde, da ich vermuthe, daß Ihnen der Voltaire nicht zur Hand iſt, Ihnen aus dem achten Bande von deſſen „oeuvres complètes“ einige Seiten hier—— Welche Seiten dieß ſein ſollten, kann unmöglich ge⸗ ſagt werden, indem Obenſtehendes der einzige übrigge⸗ bliebene Theil jener logiſch und argumentativiſch abge⸗ faßten Epiſtel iſt; denn als Mr. Plumerſand dieſe bis zu Ende der mitgetheilten Worte geleſen hatte, riß er ſie ärgerlich in zwei Hälften, und warf ſie in die Kaminaſche. Durch einen der glücklichen Zufälle die ſich biswei⸗ len ereignen, ward obiges Fragment vor dem Unglücke bewahrt, in den Kehrig zu gerathen, ſo daß zu hoffen ſteht, es werde mit dieſer auffallend wahrhaftigen Ge⸗ ſchichte des alten Commodore, als ein Pröbchen von Miß Roſa's Schriftſtellertalent auf die Nachwelt über⸗ gehen. 8 Da Mr. Plumerſand durch dieſe Mittheilung ſich überzeugt hielt, daß des Bittens Künſte gänzlich erfolg⸗ los angewendet werden würden, beſchloß er, ſtatt den Fuchsſchwanz zu ſtreicheln, mit der Keule dreinzuſchla⸗ gen. Damit ihm dieß recht wirkſam gelingen und zu 3 gleicher Zeit geſetzmäßig geſchehen möge, begab er ſich ſonder Verzug zu ſeinem Freunde Mr. Scharrfus; und da er ſich in keiner ſchlechteren Geſellſchaft befinden kann, wollen wir ihn herzlich gern in derſelben laſſen. Der alte Commodore. 157 Elftes Kapitel. *» Geheimnißvoll verhehlt der gute Greis Des Freundes Schuld, und tadelt ihn verhehlend. ⸗ Altes Schauſpiel. Beklagenswerth iſt es, daß ein Romanſchreiber nicht drei oder vier Ergebniſſe zu gleicher Zeit erzählen, ſei⸗ nen Leſern nicht die geringfügige Gabe der Allenthal⸗ benheit ertheilen kann. Ich rühme mich nicht; ich bin ein durchwetterter, hochbetagter Seemann. Ich ver⸗ ſtehe mich gar nicht auf die Kunſt der Schrittſtellerei; mir bleibt, meine Vorfälle unter die Augen zu legen, kein anderes Mittel, als das der Katze, wenn ſie ihre Jungen von einem Orte an den anderen gebracht wiſſen will. Einzeln nimmt ſie zwiſchen die Zähne und ſchleppt ſie hin wohin ſie ſollen; juſt ſo mach' ich's mit den Helden meiner Geſchichte. Waäͤhrend ich die Liebesgeſchichte des Neffen vor des Leſers Augen führte, habe ich den Oheim, den grimmen alten Commodore weit hinter mir gelaſſen.— Holen wir ihn nach, ſo gut es gehen will! Sir Octavius Bacnuiſſart begab ſich in aller Haſt nach Plymouth. Dort angelangt, machte er dem Ad⸗ miral ſeine Aufwartung, empfing ſein Patent und ſeine Jaſtructionen, begab ſich ſodann an Bord des Douner⸗ keils“ und hiſſete ſeinen breiten Wimpel auf. Schon bei dem bloßen Gerüchte von ſeiner Wiederanſtellung waren die Donnerkeilerer wie verdonnert. Die Offi⸗ ziere ſuchten um Erlaubniß nach, ſich verſetzen zu laſſen, 158 Der alte Commodore. und die Matroſen verſuchten ſich ohne Erlaubniß zu ver⸗ ſetzen. Von den Midſhipmen aber konnke mit Wahr⸗ heit bildlich geſagt werden, daß ſie ſich in Sacktuch hüllten, und ihr Haupt mit Aſche beſtreuten; ſchwer⸗ müthig ſaßen ſie hinter ihrem Grog, und begannen den Schmerzensgrad zu kalkuliren, zu welchem die Wirkun⸗ gen der Katze mit neun Schwänzen ſich wohl ſteigern könnte, ſobald ſie zartes und jugendliches Fell berührte. Es war ſogar ein ganz klein wenig Rede von Ueberbord⸗ ſpringen. Der»Donnerkeil“ aber war der ſchönſte Zweidecker der Flotte. Man hielt ihn für ein Achtzigkanonen⸗ ſchiff, doch führte er weit mehr als achtzig Geſchütz⸗ ſtücke. Jeder der zu ihm gehörte, war ſtolz darauf, wähnend, ihm ſelber ſei eines Donnerkeils Ge⸗ walt beigegeben. Dieſe Erwägung ließ Offiziere und Mannſchaft den Gedanken faſſen, den alten Commodore gelegentlich auf die Probe zu ſtellen, und dieß um ſo mehr, da ſie ſahen, daß Mehrere vom„Terrific“, eben die, welche der alte Commodore von der Meuterei da⸗ durch zurückgehalten hatte, daß er ſie peitſchen ließ, freiwillig ſich wieder unter ihren ehemaligen Befehls⸗ haber geſtellt hatten. Sir Octavius hatte ſeinen erſten Beſuch am Bord gemacht, ſich allen ſeinen Offizieren gezeigt, die Mann⸗ ſchaft frohgelaunt angegrinſet, und das Schiff von hin⸗ ten bis vorn durchſucht. Er kehrte in's Wirthshaus am Strande zurück, und ließ den Donnerkeilerern Stoffs genng zum Nachdenken. Sie ſahen ſofort ein, daß mit dem Alten kein Späßchen vorzunehmen ſein würde; doch hatte dieſer im Ganzen einen ziemlich günſtigen Eindruck auf ſie Alle gemacht.. Nach einigen Tagen kam der geduldige Mr. Under⸗ Der alte Commodore. 1359 down zu ſeinem Freunde Sir Octavius, und berichtete, wie Mrs. Oliphant und eine von deren Töchtern, dem Anſcheine nach eine ſehr gebildete junge Dame, ſich behag⸗ lich in Treſtletree⸗Hall eingerichtet hätten, und wie Miß Rebekka das feierliche Verſprechen abgelegt hätte, ihre Stallbekanntſchaften aufzugeben, ihre Lehrſtunden fleißig zu betreiben und ihr Weſen von Grund aus zu beſſern. Das Alles war für den Vater höchſt erquicklich. Die Kunde von Mr. Underdown's Ankunft gelangte bald an Bord des Donnerkeils, wo dieſelbe nicht wenig Freude erregte, weil man des ehrlichen Underdown muthvolle Gelaſſenheit, kluges beſonnenes Weſen und überquillende Menſchenfreundlichkeit durch die vom Ter⸗ rific⸗ zur Genüge kennen gelernt hatte. Des Commodore Geſundheit war ganz eigentlich wiederhergeſtellt. Das Bewußtſein, wieder nütlich werden zu können, ſeine Rührigkeit des Geiſtes und Kör⸗ pers, ſeine ſich ſelbſt auferlegte Mäßigkeit, vor Allem aber Hoffnung auf ein baldiges glorreiches Gefecht hatten dem Alten, wie es ſchien, etliche ſeiner beſten Jahre zurückgegeben. Allerdings hatte er auch Momente, ja, Stunden der Angſt, wenn wieder ſeinen Willen die Erinnerung ihm den ertrinkenden Neffen Auguſtus und deſſen düſtere, geſpenſterartige Mutter vor das geiſtige Auge führte. Sünden erheiſchen ihre Büßung, auch wenn die Fluth unſers ſonſtigen Wohlſeins auf die höchſte Höhe geſtiegen ſein mag. Nachdem der Commodore ſich etwa vierzehn Tage lang zu Plymouth aufgehalten hatte, erſchien er an einem ſchönen Sonntagmorgen mit Underdown am Bord. Sein breiter Wimpel ward aufgehiſſet, dem Ge⸗ ſchwader Signal gegeben Anker zu lichten, und eine Stunde vor Mittag ſegelte man in trefflicher Ordnung 160 Der alte Commodore. den Kanal hinab. Alles am Bord des Donnerkeils war ſchmuck, und nachdem der Commodore von Stern zu Schnabel das Schiff nochmals durchmuſtert hatte, äußerte er gegen den Kapitän laut und öffentlich ſeine Zufriedenheit mit Schiff und Mannſchaft; ein Lob das, Allen höchſt erfreulich ſein mußte, indem es aus dem Munde eines ſo überaus wohlerfahrnen Seemanns kam, wie der alte Commodore war. Kapitän Edward Egerton— denn auf dieſer Fahrt hatte der alte Commodore es nicht verſchmäht, einen Kapitän unter ſich zu haben— war ein Mann von feinem Benehmen, etwa vierzig Jahre alt, ein wacke⸗ rer Offizier und ein braver Seemann, der vielleicht ein wenig zu ſtreng auf Mannszucht hielt. Die Welt ſteckt voll von Widerſprüchen, und ſo haben wir nicht Un⸗ recht, wenn wir behaupten, daß Gerechtigkeit in ihr bisweilen ſehr ungerechterweiſe gehandhabt wird; das heißt, es können Beſtrafungen ſtreng nach dem Geſetze und doch dabei auf überaus ſchändliche Weiſe angewen⸗ det werden. Davon verſtand Kapitän Egerton jedoch nichts. Es gab Kriegsartikel, geſchriebene Inſtructionen und das Herkommen auf der Flotte. Dieſe waren der Mann⸗ ſchaft eben ſo genau als ihm bekannt. Wurden die⸗ ſelben von der Erſteren verletzt, ſo war dieſe, nicht er es, wodurch die neunſchwänzige Katze in Bewegung ge⸗ ſetzt ward. Er war bloß ein Werkzeug, ein Automat, das die grauſame Maſchine ihr Thun vollführen ließ. So folgerte Kapitän Egerton, beklagte dabei die Ver⸗ blendung der brittiſchen Matroſen, nanute ſich einen höchſt menſchenfreundlichen Mann, und ließ darauf los peitſchen. Bei den beßten Abſichten und den wohlwollendſten Der alte Commodore. 161 Geſinnungen war er auf ſolche Weiſe ein größerer Ty⸗ rann, als der Commodore es jemals in ſeiner ärgſten Tyrannei hätte ſein können. Im Ganzen war Straf⸗ vollſtreckung auf dem Donnerkeil“ an ſich fürchterlich; in Einer Hinſicht jedoch gewahrte die Mannſchaft dieß. nicht, denn Kapitän Egerton gerieth nie in Hitze wenn er ſtrafte; dennoch fand täglich Beſtrafung Statt. Die Katze wirbelte dann entſetzlich um ſich herum, aber Ka⸗ pitän Egerton ließ dieß mit ſolchem Widerwillen ge⸗ ſchehen, redete dem armen Gepeitſchten ſo viel von Be⸗ kümmerniß über deſſen arges Verſehen vor, legte ſo⸗ deutlich dar, wo und wie die Kriegsartikel verletzt oder gegen welches Flottenherkommen geſündigt worden war, daß ſein Volk die Achſeln zuckte, nichts dagegen einzuwen⸗ den wußte und die Schlußfolge zog, Kapitän Egerton müſſe doch wirklich der liebe, mitleidige Mann ſein, für den er ſich ausgab. 3 Dieſer liebe Mann aber hegte bei den beſten Ab⸗ ſichten den eingewurzelten Irrthum, die Strafe wäre des Verbrechens Ende, und müßte es ſein; nicht aber betrachtete er ſie als ein Mittel, um jenem Ende fer⸗ nerhin vorzubeugen. Wie wenige Schiffskapitäne ſahen vormals dieſen Irrthum ein! Wenn man unter einer Schiffsmannſchaft von fünfhundert Köpfen fand, daß deren funfzig regelmäßig wegen Trunkenheit gepeitſcht wurden, und daß deſſen ungeachtet dieſes Laſter ſich unter dem Volke vermehrte, anſtatt ſich zu vermindern; ſo hätte jene beſondere Art von Strafe eingeſtellt wer⸗ den müſſen, denn ſie erreichte offenbar ihren Zweck nicht.. 9 829 Der alte Commodore hatte weit klarere Anſicht von der Sache, obwohl zu Anfange ſeiner Laufbahn ſein Zornmuth ihn oft verhindert hatte jener Anſicht gemäß Der alte Commodore. II. 11 162 Der alte Commodore. zu verfahren. Jetzt hatte er für die Donnerkeilerer eine kleine Ueberraſchung zur Hand. Es war Zeit zum Mittagseſſen zu pfeifen. „»Soll's an's Abſtrafen gehen, bevor wir zum Eſſen pfeifen, Sir Octavius? Wir haben eine lange ſchwarze Liſte,« ſagte Kapitän Egerton. „Laſſen Sie mich doch das Papier ſehen, während Sie die Mannſchaft heraufrufen,« antwortete der Com⸗ modore. 14 Die Mannſchaft kam herauf, und die Gefangenen wurden vorgeführt. Wie gewöhnlich waren das Haupt⸗ vergehen Trunkfälligkeit und daraus hervorgegangene Pflichtvernachläſſigung oder Dumdreiſtigkeit geweſen. Der alte Commodore las mit lauter Stimme das Regiſter ab, und ließ Jeden, deſſen Name dar auf befind⸗ lich war, vortreten. „»Hört, meine Jungen,« ſprach er dann»es iſt Euer Glück, daß ich mich juſt an'nem Sonntag eingeſchifft habe. Verſteht mich, ich laſſe nicht gern im Strafen nach, bin aber doch leicht zu handhaben. Um des ge⸗ geißelten und gekreuzigten Begründers unſerer Religion willen wollen wir am Sonntag nicht auspeitſchen laſſen; es möchte, wenn wir's thäten, dem Erlöſer mißfällig ſein.⸗ Die Männer ſtanden ſtarr vor Erſtaunen, und als der Alte bei Nennung des heiligen Namens ſeinen Hut lüftete, und die ſchaurigen Zeichen von dem Klingen⸗ hiebe des Feindes zeigte, kam, zum erſten Male ſeit Monaten, ein religiöſer Schauer über die Mannſchaft. »Nun, meine Männer,“ fuhr er fort,„da ich ban⸗ ges Erwarten für faſt eben ſo ſchmerzvoll als die Katze erachte, ſo kann ich nichts Eiligeres thun, als den Ka⸗ pitän Egerton bitten, mir zu erlauben, dieſe Liſte zu zerreißen.«“ Indem er dieß that, und ſie dann über Der alte Commodore. 163 Gangweg in die See warf, ſetzte er hinzu,»und möge ihr Verzeichniß ſo aus unſerem Gedächtniß wegge⸗ ſchwemmt werden, wie der Wind dieſe Papierſtreifen verweht! Ihr Alle aber müßt bedenken, daß ich mei⸗ nem Vaterlande ſchon diente, ehe noch die Meiſten von Euch auf der Welt waren. Ich ſage das nicht mir zum Prunke, ſondern Euch einleuchtend zu machen, daß ich meine Pflicht kenne, und Euch zu Erfüllung Eurer Pfiicht anzuhalten weiß. Ich kann Euch handhaben, und ſage Euch nochmals, daß auch ich leicht zu hand⸗ haben bin. Ich gebe ſelten Pardon, laſſe mir aber auch Zeit, nach Strafbaren zu ſuchen. Darnach thut. Zeigt mir, Ihr Leute, den echten Geiſt brttiſcher Matroſen, und ich will Euch die Nachſicht und Liebe eines Vaters zeigen. Ich denke das ſchwarze Regiſter fortan ſelbſt zu führen, und will hoffen, es habe, noch ehe ich deſſen erſte Seite voll ſchreiben konnte, mit meinem Commando ein Ende. Jetzt poltert hinunter zu Eurem Eſſen und Eurem Grog; bedenkt aber, daß eine ernſte Hand über Euch iſt, die jedoch niemals ſtrafend auf Euch fallen wird, ſo lange Ihr nicht ſelber Strafe über Euch bringt; daun aber— hütet Euch!« Die Mannſchaft war, um uns ihres eigenen Aus⸗ drucks zu bedienen, backgetrieben. Solches Verzeihen im Großen machte ihnen beinahe die Menſchenfreundlich⸗ keit, aus welcher es hervorgegangen war, verdächtig. Dem mochte übrigens ſein wie ihm wollte, ſo ver⸗ zehrte an dem Tage doch keine glücklichere Mannſchaft, ſo Offiziere wie Matroſen, als die vom„Donnerkeil“, ihr Mittagseſſen. Der Commodore hielt ſtrenge Aufſicht über die Mannszucht ſeines Geſchwaders. Er pflegte von Schiff zu Schiff zu fahren, und die Tüchtigkeit der Männer 11* 164 Der alte Commodore. bei den Kanonen zu prüfen, ihre Vorkehrungen zu et⸗ waigem Gefecht in Augenſchein zu nehmen, der Mann⸗ ſchaft väterlich zuzuſprechen, und gewöhnlich die Straf⸗ liſten zu ſehen, die er dann entweder gänzlich tilgte, oder den Verurtheilten eine andere Strafe als die des Auspeitſchens zuerkannte. Nach einem kurzen Zeitraume von dreien Wochen hatte der alte Commodore Mannſchaft und Officiere durch ſein unerwartetes Benehmen ſo myſtificirt und ſo, faſt wider ihren Willen, glücklich gemacht, daß ſie anfingen zu fürchten, die mit ihm vorgegangene mora⸗ liſche Umwandlung würde ihn hindern, bei vorkommen⸗ der Gelegenheit ſich als der ehemalige Fechter zu zeigen. Dieſe Meinung bewies zur Genüge, wie abgeebbt damals das moraliſche Gefuͤhl bei der Flottenmannſchaft im Allgemeinen war. Nur Unwiſſenheit und Vorurtheil konnten die Meinung erzeugen, daß Grauſamkeit ſich mit Muth verſchwiſtern müßte, und daß zu wenig Rück⸗ ſicht auf die Wohlfahrt der Untergebenen, große Fähig⸗ keit zu Vertilgung eines Feindes vorausſetzen ließe. Dieſen Irrthum zu verſcheuchen, war rbenfals Ab⸗ ſicht des alten Commodore. Sein kleines aber tgpferes Geſchwader rbefand ſich bereits in der beſten Ordnung zum Kampfe, als der Commodore, der dem Orte ſeiner Beſtimmung zuſegeln ließ, die Belladonna’ träge vor Anker, ſo zu ſagen, unter den Fenſtern von Jaſpar⸗Hall liegen ſah. Auf ſeine Bitte war die Fregatte ſeinem Geſchwader zuge⸗ ſellt worden, und ſicherlich hatte er nicht erwartet, ſie ſo zu finden, wie er ſie fand, und wie wir es dem Leſer beſchrieben; denn Sir Octavius glaubte nicht anders, als ſein Neffe würde jeden Kahn außfs Korn nehmen, der ſich in der Kanabmöndung haͤtte mögen blicken laſſen. Der alte Commodore. 165 Inzwiſchen würde des alten Commodore Verwunderung über das träge Ankern der Belladonna' nicht ſo groß geweſen ſein, wenn er gewußt hätte, in welchem man⸗ gelhaften Zuſtande ſich deren unteres Takelwerk befand. Die ganze Sommernacht hindurch ſegelte Kapitän Oliphant dem Geſchwader nach, und am folgenden Mor⸗ gen um acht Uhr ſtrich die Belladonna dicht unter des Commodore's Lee. Dem Kapitän ward das Signal ge⸗ geben, an Bord zu kommen. Oliphant war in ſeinem Gig bald ſeitlängs des Don⸗ nerkeils⸗ und mit wenigen raſchen Jünglingsſprüngen auf dem Hinterdecke. Der Anblick hier ließ ihn drei Schritte zurückweichen. Er hatte gedacht, es wäre auf ein Alleingeſpräch mit dem Commodore abgeſehen gewe⸗ ſen, und gab alſo nicht darauf Acht, daß ſein Ausruf der Betroffenheit:»Bei Allem, was häßlich iſt— mein liebwerther Herr Onkel!« von der ganzen Schiffsmann⸗ ſchaft hörbar ward. Sir Octavius bohrte den Blick ſeines einen Auges in Oliver's Geſicht, das eine höchſt verduzte Miene zeigte, und focht fürchterlich mit ſeiner Eiſenfauſt in der Luft herum, während er feſt aufrecht, ohne eine Spur von ſeinem Gichtübel zu zeigen, vor ſeinem Neſſen ſtand. Kapitän Oliphant zog ſeinen Hut ab, und hatte noch nie in ſeinem Leben eine ſo tiefe ehrerbietige Verbeu⸗ gung gemacht, als er ſie jetzt vor ſeinem grimmen, al⸗ ten Oukel machte. Der Sturm bricht los, dachten Alle, und Manche, die der Familiengruppe nahe ſtanden, mur⸗ melten ſogar:»Der alte Burſche wird wieder er ſelbſt!⸗ »Na?“« war der mürriſche, einſylbige Gruß des Ober⸗ commandirenden. 4 »Da!« ſagte der kecke Neffe, der ſich ein wenig von 166 Der alte Commodore. ſeiner Ueberraſchung erholt hatte, und nun die Hand hinſtreckte, um des Oheims Hand zu ſchütteln. »Nein!« war des Oheims Entgegnung, der ſich wen⸗ dete, ſo daß der junge Kapitän, lächerlich genug, ſtatt der lebenden Rechten, die eherne Hakenfauſt des Alten ergriff. »Ich will hoffen, daß ich Sie nicht beleidigte, Sir Octavius?« ſagte der Neffe, der mit einigem Stolze zurücktrat, und das kalte Eiſen losließ, als ob er ſich daran gebrannt hätte. »Hieher,« ſagte der Alte, und hakte den Jungen bei'm Kragen immer weiker weg bis unter den Vor⸗ ſprung der Puppe, ſo daß das Geſpräch der Beiden den Umſtehenden unvernehmbar ward.»Warum lag man denn geſtern außerhalb ſeiner Station, und das zumal in dieſen kritiſchen Zeitläufen?« »Sir Octavius, der Steuermann der Belladonna“, war der Meinung, ihr müßte das untere Takelwerk ſtaffirt werden, wenn ſie bei hochgehender See nicht ihre unteren Maſten einbüßen ſollte.« »Hm! unteres Takelwerk! ſchlechte Entſchuldigung das! Du junger Schlucker biſt hinter'ner Dirne her⸗ geweſen. Solches wird aber weder von Seiner Maje⸗ ſtät Dienſtordnung, noch von mir geſtattet— weiß man das? Und jetzt, da wir der Kajüte ſo nahe ſind, magſt Du mit mir eintreten, die Thür hinter uns zumachen, und mir friſchweg Alles haarklein erzählen.« Kapitän Oliphant hatte freilich Vieles zu erzählen, fürchtete aber, von dieſem Vielen würde Vieles ſeinem Zuhörer durchaus nicht behagen, und wußte daher nicht, wo er anfangen ſollte. »Neffe,« fuhr der Onkel fort,»ich kann Dir ſagen, daß Du einen herzlich dummen Streich machteſt. Wir ——y— —— Der alte Commodore 167 8 haben gute Ferngläſer am Bord, und wenn Du uns auch nicht geſehen haſt, ſo waren doch jenes Haus und jene Gartenanlagen, und eine weißgekleidete Dame, am Arm eines Herrn, mit dreieckigem, goldbeſchnürtem Hute, uns vollkommen ſichtbar. Kapitän Egerton komman⸗ dirte nur allzu gern Deine Fregatte, und glaube mir, es ſind allerlei ſchlimme Bemerkungen auf Deine Koſten gemacht worden. Verſteh' mich alſo, Noll; ich muß Dir'nen Verweis geben. Es verſteht ſich, daß Du bei mir frühſtückſt, und daß wir hinterdrein ein Privatge⸗ ſpräch abzuhalten haben. Underdown iſt bei mir.«⸗ »Es wird mich freuen, ihn zu ſehen, Onkel.« »Schoön gut. Das untere Takelwerk ſtaffiren! ei, ſeh' mir Einer! Klingle doch'nmal.— Steward, mei⸗ nen Empfehl an Kapitän Egerton und alle Officiere der Morgenwache, und es würde mir eine Ehre ſein, ſie bei mir zum Frühſtücke zu ſehen. Ah! da kommt Under⸗ down, und ſieht ſo ernſthaft aus, wie Einer, der ſich verheirathen will.« Die Zuſammenkunft zwiſchen Kapitän Oliphant und Horaz Underdown war herzlich; und da Beide einander viel zu ſagen hatten, ſchritten ſie auf dem Spiegelgange abgeſondert hin und her, während des Commodore's Gäſte ſich in der Vorderkajüte zum Frühſtücke verſam⸗ melten. Als man insgeſammt am Tiſche Platz genommen hatte, ſagte, ein wenig zu Oliphant's Verwunderung, der Commodore zu Egerton:»Kapitän, ich wollte dem Befehlshaber der Belladonna“ ein wenig den Tert le⸗ ſen, allein er hat mir zur Genüge die Urſache dargelegt, weshalb er geſtern den größten Theil des Tages vor Anker legte— es geſchah aus Rückſichten von höchſt geheimer Natur, durch deren Veröffentlichung die dabei 168 Der alte Commodore. betheiligten hohen Parteien compromittirt, und dadurch zu Unterhandlungen von höchſt bedenklichen Folgen ver⸗ leitet werden könnten.« Alſo erwartete Sir Oliphant wohl irgend eine ge⸗ heime Miſſion oder irgend einen bedeutenden Spion an Bord, Commodore?« entgegnete Egerton.»Nichts für mich dergleichen; ich halt's mit offenem Gefecht, Com⸗ modore. Was für'ne Art von Geſell iſt denn die ge⸗ heime Perſon, Kapitän Oliphaut— haben Sie ſie ſchon am Bord?« »Ich kann nicht ſagen,« verſetzte der Gefragte,» daß ſie ſich bereits am Bord der Fregatte befindet, doch hoffe ich, daß es bald der Fall ſein wird. Auch muß ich bemerken, wenn gleich ich es nicht bemerken ſollte, daß die Perſon, auf welche anzuſpielen der Commodore die Güte hatte, eine überaus rechtſchaffene Perſon iſt, die beſpötteln zu hören ich mich nicht ſonderlich geneigt fühle.« »Ganz recht,“« fiel einer der Lieutenante ein;„ſie mag zum Wohl des Landes irgend eine ſchmutzige Hand⸗ lung zu vollführen dienen; indeſſen heiligt der Zweck die Mittel. Wie ſieht die in Rede ſtehende Perſon denn ſo ungefähr aus?« »Ei, ganz ſtattlich,« nahm Sir Octavius das Wort —» beſonders rückſichtnehmend iſt ſie gegen ihr unteres Takelwerk.“« Der Neffe wunderte ſich über die Jocuslaune ſeines ehemals ſo kruſtigen Oheims. Als er zum Donnerkeil⸗ heute früh herüberruderte, glaubte er ſeinen gichtbrüchi⸗ gen Onkel zu Treſtletree⸗Hall, zur Qual aller Bewoh⸗ ner des Hauſes, und fand ihn nun hier in Geſundheit und Commando, wie er begangene Unbeſonnenheiten vertuſchte und den muntern Wirth ſpielte. Er ſegnete Der alte Commodore. 169 im Herzen dieſe Umwandlung, zweifelte jedoch an deren Dauer. Das Frühſtück ward unter Fröhlichkeit verzehrt, die Geſellſchaft, die des Guten reichlich zu ſich genommen und es dabei an Höflichkeitsreden nicht hatte fehlen laſ⸗ ſen, brach auf, und Oheim und Neffe nebſt dem gemüth⸗ lichen Underdown, begaben ſich mitſammen, um nicht geſtört zu werden, in die Hinterkajüte. Viel Feierliches ließ nun Sir Octavius in ſeinem Weſen blicken, und begann die Unterredung damit, daß er ſeines Neffen ganze Aufmerkſamkeit erbat. Dann fuhr er fort: »Bisher, Oliver, haſt Du Dich nicht ſonderlich um meine Freundſchaft beworben. Zweifelsohne war das meine Schuld, und ich geſteh' es; fährſt Du aber in ſolchem Benehmen fort, ſo wird die Schuld auf Deiner Seite ſein.«.. Kapitän Oliphant verſprach Alles und Jedes. „»Nun, Oliphant,« ſagte der Commodore,»in mei⸗ nen Jahren iſt es natürlich, für Diejenigen, welche nach uns kommen müſſen, unſere Anordnungen zu treffen. Meinem theuren Freunde Underdown hab' ich's zu dan⸗ ken, daß, trotz meiner Achtloſigkeit und meiner Abnei⸗ gung gegen jegliches Geldgeſchäft, meine Güter ſich wun⸗ derſam verbeſſerten, und meine Einkünfte ſich ſchier ver⸗ doppelten. Wer wird, nach meinem Hintritte, deß Allen ſich zu erfreuen haben, Noll? wer, da der arme Augu⸗ ſtus jetzt im Himmel iſt? Jenes entſetzliche Ergebniß, das anfänglich mich in thieriſchen Stumpfſinn verſetzte, der jahrelang anhielt, hat mir allendlich die Augen ge⸗ öffnet, und mir gezeigt, wie ich ſo wenig meinem Le⸗ benszwecke entſprach, indem ich durchaus nur mir ſelber lebte. Du wunderſt Dich, mich ſo reden zu hören— 170 Der alte Commodore. mich, der ich ehemals nur wegen meiner Rauhheit und meiner Selbſtbefriedigung berüchtigt war? Aber nach⸗ dem ich Denen, die mit mir lebten, Elend und Weh genug bereitete, will ich trachten, das wenige Gute, das in mir iſt, zu deren Glückſeligkeit zu verwenden. Meine Sitten kann ich vielleicht nicht mehr ändern, wohl aber meine Vorſätze—« „Ihre Sitten, Commodore? Wie? Hörte ich Sie doch nie zuvor ſo wie jetzt als Mann von feinem Ge⸗ fühle reden!« »Dein Compliment, Neffe, gereicht mir zum bitter⸗ ſten Vorwurfe; doch gleichviel, Junge! ich hab' ihn ver⸗ dient. Wohlan, Noll, gleich nach dem Treffen— denn ein Treffen muß uns werden!— wünſch' ich, daß Du Dich vom Dienſte zurückziehſt.« »Wie, Commodore? Ich ſoll den Dienſt aufgeben? Eher mein Leben, als meine Ehre!« »Hören Sie unſeren Freund zu Ende,« ſprach der Mann der Gelaſſenheit dazwiſchen.»Er hat gewichtige Gründe zu ſeinem Anliegen.“« »Ja, gieb den Dienſt auf, Oliver;« fuhr der Com⸗ modore fort,»geh hin und wohne bei Becky und trachte ſie zu lieben; und, Noll, Du magſt ſie nun heirathen oder nicht, ſo hat Underdown doch Documente in den Händen, die Dir darthun werden, daß hinſichtlich der Geldmittel es Wenige geben dürfte, die Dich nicht be⸗ neideten.⸗ „ Gott ſteh' mir bei,« ſagte der junge Flottenkapitän heftig erſchüttert;—»Onkel, geben Sie mir die Hand, die Sie auf dem Hinterdecke mir verweigerten. Wie ſehr hab' ich Ihr edles Herz mißverſtanden! Aber ich werde backgetrieben; ich liege im Eiſen, und mir fehlt Der alte Commodore. 171 die Kraft zum Herumbraſſen. Onkel, Onkel, warum kannte ich Sie ſo nicht früher?« G „Lerne mich jetzt kennen, und liebe mich, ſo ſehr Du's kannſt. Ich war ein großer Sünder— vielleicht wäre Halunke hier das richtigere Wort. Aber Dein edelmüthiges Benehmen thut mir wohl, Noll. Was nun Becky betrifft, ſo kann ich Dir nicht ſagen, und keines Menſchen Mund, ja, keines Engels Zunge kann's Dir ſagen, wie lieb ich die Dirne habe— lieb vielleicht wegen ihrer ſchlimmſten Fehler, wegen ihrer Launen, ihres Eigenſinns, ihrer Keckheit. Oliver, iſt ſie nicht ſchön, meine Becky?« »Sehr, ſehr ſchön.⸗ „ Und liebfreundlich, und edelſinnig— Gott ſegne ſie! Gott ſegne ſie!« „Sie iſt ganz ſo, wie Sie ſagen,« ſiel Underdown ein, ves war Ihnen nicht möglich, ſie gänzlich zu verderben.⸗ »So wie Ihnen nicht, ſie gänzlich vollkommen zu machen— he, Horaz? Dießmal hab' ich Ihnen Eins angewiſcht!— Oliver, Oliver, ſieh' zu, daß Du meine Tochter lieben kannſt.« „» Ich liebe ſie ſchon, habe ſie von jeher geliebt.⸗ „»Dank Dir! und könnteſt Du, wenn wir ſie zu ei⸗ ner verſtändigen Jungfrau heran gebildet haben, ſie hei⸗ rathen und auch dann noch lieben? Beſinn' Dich wohl, ehe Du antworteſt, denn all' mein Glück und ein gro⸗ ßer Theil von Rebekkens Wohlergehen hängt davon ab.⸗ »Sagen Sie nicht, all' Ihr Glück, Oheim; nicht all' Ihr Glück! Hätten Sie vor einem Monate, nur vor einem kurzen Monate ſo zu mir geſprochen, ſo würde ich Ihnen knieend für all' dieſe Ihre Liebfreund⸗ lichkeit gedankt haben, denn Reberka iſt höchſt liebens⸗ 172 Der alte Commodore. würdig und gewiß reich an Herzensgüte; aber— ich liebe ſchon.« 3 6 t Der alte Mann ſank betrübt in ſeinen Stuhl zurück; endlich murmelte er:»O wie ſo ſchwer, wie zu ſo wie⸗ derholten Malen iſt Auguſtus ſchon gerächt worden!« »Das war nicht die Bemerkung eines Chriſten, Com⸗ modore,« ſagte Underdown.»Leben Sie und handeln Sie nach Ihren jetzigen Grundſätzen, und Ihre letzten Lebensjahre werden glänzend im Abendſcheine der Glück⸗ ſeligkeit verrinnen. Auguſtus iſt bei Gott, und von dort⸗ her kann ſo Verächtliches, wie die Rache es iſt, nim⸗ mermehr ausſtrömen. Sprechen Sie weiter, Oliphant; erzählen Sie uns Ihre Herzensgeſchichte, damit wir über Ihren Glückszuſtand und den unſerigen urtheilen können.« 1 Unter Einmiſchung mancher ſeemänniſcher Redens⸗ arten, in denen das»Hem! Hem!« Peter Drivels ihn nicht zu unterbrechen vermochte, beſchrieb nun Oliphant ſeine Erlebniſſe mit Roſa Belmont. Er prieß ihre Schön⸗ heit, ihre zarte, hohe Stirn, ihr majeſtätiſches Antlitz, ihre weißen Händchen und jene tiefen Bronnen des Ge⸗ fühls, ihre nie genügend zu beſchreibenden mauriſchen Augen. Beredter aber noch gab er ſich über ihre Schwär⸗ merei, ihre Talente. Seiner Meinung nach konnten ſolche Körpevreize und ſolche Geiſtesbildung nur durch ein Wunder vereinbart worden ſein; und als er in Dar⸗ legung ſeiner Liebesgeſchichte kaum ſo weit, als wir deſſen hier gedachten, gekommen war, hatte der alke Commodore ihm ſchon die Täuſchung verziehen, die in Bezug auf Rebekka ihm durch den Jüngling bereitet worden war. 284 Mr. Underdown hövte das Alles mit ſtummer, in ſich verſunkener Aufmerkſamkeit an. harg iric Der alte Commodore. 173 Oliphant ſprach nun von der vernachläſſigten Mo⸗ ralerziehung Roſa's, und äußerte die Beſorgniß, wie das Mädchen durch das Leſen franzöſiſcher Romane ihre Religionserkenntniß vernachläſſigt haben dürfte, und ließ in dieſer Hinſicht dann ſeinen Unwillen gegen des geizigen Plumerſand ſchändliche Ränke mit ſolchem Ei⸗ fer aus, daß ſeine Zuhörer mit Schrecken von ihren Sitzen auffuhren, und daß der ſonſt ſo ſtreng gemäßigte Underdown beinahe einen Fluch hätte über die Lippen gehen laſſen. Der alte Commodore aber ſchimpfte und vermale⸗ deite ſo entſetzlich, daß der Hall davon auf dem Hinter⸗ decke vernommen werden konnte; welches einen ſonſt beliebten Schalk von Midſhipman bewog zum Kapitän Egerton zu gehen und zu rapportiren,»der alte fech⸗ tende Commodore wäre wieder auf Deck gekommen;⸗ und als er um nähere Erklärung dieſer Meldung er⸗ ſucht ward, den Kapitän, ohne zu fürchten zu Maſt ge⸗ ſchickt zu werden, an den Ort zu führen, wo das unter⸗ irdiſche Donnerwetter über Waſſer zu vernehmen war. Wir wollen glauben, daß des jungen Burſchen Dumnmdreiſtigkeit um des Scherzes willen, der darin lag, Verzeihung erhielt, oder daß, wenn Strafe erfolgte, dieſe aus gleichem Grunde mit Selbſtgefälligkeit hiuge⸗ nommen ward. Unter den in der Kajüte Befindlichen, kamen jetzt die Drohungen Plumerſands und das Verfahren zur Sprache, zu welchem Letzterer allem Vermuthen nach ſchreiten würde. Oliphant wünſchte von Herzen am Lande ſein zu können. Er zweifelte nicht au Roſa's. Zuneigung, allein er hegte peinliche Furcht, ihre Uner⸗ fahrenheit und ihr ſchwärmeriſcher Sinn möchten ſie zu irgend einem excentriſchen Schritte verleiten, durch den 174 Der alte Commodore. der gute Name ſeiner künftigen Gattin eben nicht an hellem Klange gewinnen dürfte. In Fällen, wie der vorliegende einer war, hatte Mr. Underdown gemeiniglich die Rolle des Mentor bei allen Telemachen ſeiner Bekanntſchaft zu ſpielen; und ehe Oliphant noch zu Ende war, hatte er ſich ſchon bedacht, was in der Sache zu thun ſein möchte. »Commodore,“« ſagte er ein wenig neckend,»was würde wohl die Hinterdeckswache denken, wenn ſie ei⸗ nige von Ihren jüngſten Erxploſionen gehört hätte?« »Daß ich, Gott verd— mich!'n honnetter Kerl bin, ſobald ſie nämlich auch die hundsvöttiſche Urſache meines Fluchens zu wiſſen bekamen. Möge Satanas, bewaffnet mit—— »St!« ſagte Underdown, indem er ſeine Hand auf den fluchſchwangeren Mund legte,»Octavius, Sie hal⸗ ten nicht das Verſprechen, das Sie erſt kürzlich mir ſo feierlich ablegten.« »Hm, Horaz, vergieb mir. Ich bin'n alter Narr, und das iſt's Alles. Dieſer Plumerſand aber iſt'n Kerl, der den Engel Gabriel inmitten ſeines Morgen⸗ geſanges zum Fiuchen bringen könnte.« »Sie ſprechen noch immerfort gottlos, Commodore. Laſſen Sie mich jetzt lieber fragen, und zwar frag' ich ſehr ernſtlich in Bezug auf Ihr ferneres Thun, welche Meinung Sie wirklich von dem Charakter dieſer Roſa Belmont hegen?« 8* »Keine andere, Horaz, als daß das Mädchen wie meine Tochter ein verzogenes Kind iſt; ſie, weil ſie zu viel Erziehung, meine Becky aber zu wenig erhielt.« »Da haben Sie zum Theil Recht. Sie wollten ſa⸗ gen, Roſa ward auf Koſten ihrer moraliſchen Erziehung mit zu vielen Talenten vollgeſtopft, und muß demnach ³ * Der alte Commodore. 175 Vieles verlernen oder umlernen, wäͤhrend Rebekka noch Vieles zu lernen hat, was ſie früher nicht hat lernen wollen. Wie ſehr würden die beiden Mädchen eine die andere verbeſſern können!« »Sehr!« ſagte der Commodore. »Herrlich wär's, wenn ſie mitſammen wohnen und leben könnten! Eine nähme dann die Andere wechſels⸗ weiſe in's Schlepptau, bis ſie zuletzt Beide als die ſtattlichſten Fahrzeuge von der Welt neben einander hinſegelten,« meinte Kapitän Oliphant, und ſetzte hin⸗ zu—»Verd—, wo iſt Peter Drivel?« Da er das Letztere gedämpften Tones ſprach, erhielt er, weil man der Worte icht achten konnte, keine Antwort darauf. »Hören Sie mich an, Commodore,« nahm Under⸗ down das Wort mit einem entſchiedenen Tone, den er nur in jenen ſeltenen Fällen hören ließ, in denen er entſchloſſen war, jegliche Widerrede zunicht zu machen. »Was ich zu ſagen habe, bezweckt unſer Aller Wohler⸗ gehen. Sie müſſen mich ſogleich an Land ſetzen. Es ſind mehrere Kauffahrer, die den Kanal hinaufſegeln in Sicht— der eine iſt hierbei ſo gut als der andere.“ »Wie, Horaz? Du willſt von mir gehen?« ſagte der Commodore niedergeſchlagen.»Da gerathe ich wie⸗ der in meine verfl— Leidenſchaftlichkeit, kehre das In⸗ nere des Schiffs nach außen, und bündele alle meine gu⸗ ten Vorſätze über Bord.« »Das glaub' ich nicht, Commodore; denn glaubt' ich's, ſo würde ich lieber mein Leben hingeben, als mich von Ihnen entfernen. Sie wiſſen nicht, und kein Menſch ſoll's vor meinem Tode wiſſen, welchen innigen Antheil ich daran nehme, daß Sie fortan nur dem Edeln und Heldenmüthigen in ihrem Charakter gemäß leben.⸗ 76 Der alte Commodore. »Was ſoll das heißen?« 1 „»Das war nur ſo eine beiläufige Bemerkung⸗ Sir Oetavius. Was ich eigentlich fragen wollte, iſt, Sir Oliphant, ob Sie nicht irgend ein Liebeszeichen von Ihrer Herzenskönigin beſitzen, durch welches Sie mich bei ihr beglaubigen können?«. Der Kapitän erröthete bis an die Ohren.»Ich kann ja an ſie ſchreiben— kann ich nicht?« ſagte er gegenfragend, und ſah liebenswürdig verlegen aus. »Freilich können und mögen Sie das. Aber kennt ſie Ihre Handſchrift. Es darf kein Mißgriff in der Sache gethan werden. Plumerſand iſt ein verſchmitzter Gegner.« »Das iſt er! Ich weiß nicht, ob Miß Roſa meine Handſchrift kennt, indem ich niemals an ſie ſchrieb. Auch iſt ſie ſo gelehrt, daß ich faſt mich fürchte an ſie zu ſchreiben.« »Ganz ſo dacht' ich mir's. Bei alldem, Kapitän, müſſen Sie mir Beglaubigung ſchaffen, daß ich für Sie handle. Heraus damit, junger Mann! ſchämen Sie ſich deſſen nicht! Ihr Liebeszeichen! her damit!« Wie ein Schuljunge, der bei der Aepfelmauſerei er⸗ tappt ward, holte Oliphant unter ſeiner Weſte einen verwelkten Blumenſtrauß hervor. „»Dieß gab ſie mir geſtern Abend,“« ſagte er. „Potztauſend! was ſoll ich damit anfangen? Wie kann ich die Echtheit dieſes Plunders beweiſen? Und was wird der Kram nach zwei oder drei Tagen ſein, bevor ich Roſa werde ſprechen können?« „»Laſſen Sie mich Sie bitten, mir meinen Plunder zurückzugeben,« verſetzte Oliver.»Hätten Sie die Hdand geſehen, die dieſe Blumen pflückte, oder die Augen ger ſehen, die auf dieſelben blickten, ſo würden Sie dieſe ——J— Der alte Commodore. 177 ſchönen Töchter Florens nicht mit dem Schimpfnamen Plunder, belegen.« »Dergleichen hab' ich aber nicht geſehen. Oliphant, beſitzen Sie wirklich nichts, was dem Dämchen gehörte, — gar nichts? Nun, ſo ſagen Sie mir irgend eine 1 kleine Rede, die zwiſchen Ihnen und ihr vorftel, an der ſie die Echtheit meiner Sendung erkennen kann; ſo daß ich ihr z. B. ſage:„Miß, der Gentleman, der das und das zu Ihnen ſprach, und dem Sie das und das erwiederten⸗— Je zaͤrtlicher es klingt, deſto beſſer wird's ſein.« »Underdown, Sie werden immer quälender. Ich habe allerdings etwa von Roſa Belmont— aber— aber— ich ſtahl's ihr aus dem Arbeitskörbchen weg, als ſie ſeitwärts blickte.« »Und nun wird ſie hinterdrein ihre Magd derum weggejagt haben! Was iſt's, Kapitän? Ihr Schnupf⸗ tuch?« „»Nein. »Nun, bei aller Verwunderung der Welt!« ſagte der Commodore,»was kann es denn ſein? doch kein Beſaanſegel——« „» Es war ihr ſeidener Strumpf, in den ſie ihren Namen zeichnen wollte.« »Hui!« pfiff der Commodore,»potz blauer Dunſt und Schwefelflammen! Da wird das Haus durchſtö⸗ bert, die Dienerſchaft verdächtigt und Lärm ſonder Gleichen gemacht worden ſein, bloß weil Du einen Strumpf mauſeteſt, der am Ende zu klein iſt, als daß Du ihn tragen könnteſt!« »Tragen, Commodore? Welche Idee von Ihnen? Meinen Sie, ich könnte mich einer gemeinen Dieberei ſchuldig machen?⸗ Der alte Commodore. II. 12 — 178 Der alte Commodore. „Doch ſieht das, was Sie thaten, dem ziemlich ähnlich, Oliphant.— Wo iſt das corpus delicli?« fuhr Underdown fort. „»Hier,« ſagte der Langfingerer, und holte aus ſei⸗ nem Buſen das Seidenſtrümpfchen hervor, in welchem die ſaubere Einzeichnung der Buchſtaben R. O. S. und eines halben A., Zeugniß von der jungen Dame Fer⸗ tigkeit in Nadelarbeiten ablegte. „Na, Du biſt mir'n feiner Geſell,« ſagte der Com⸗ modore, den des Neffen Verlegenheit höchlich ergötzte. „Mauſeſt Du da verſtohlen aus Handkörbchen! Hätt'ſt Du doch nur geradezu ein Hemd von der Waſchleine gediebt, oder ſonſt'was öffentlich genommen— Pfui über Dich.« „Der Strumpf genügt,“ ſagte Underdown trocken. »„Ich werde jett zu ihr ſagen müſſen, der junge Herr, der unlängſt dieſes Seidenſtück ans Ihrem Arbeitskorbe ſtibitzte, beauftragte mich’—« „» Sie machen's zu arg; ich werde wirklich ärger⸗ lich werden,« ſiel ihm der Kapitän ein.»Sie ſpot⸗ ten meiner beſten Gefühle. Geben Sie mir das Kleinod zurück.« »Wohl dürft' ich das thun, denn es würde mir ſchwieriger werden es zurückzugeben, als es Ihnen ward, daſſelbe ſich zuzueignen. Iſt Ihr Zartgefühl durch dieſe Bemerkung beſchwichtigt?« Endlich ward denn beſchloſſen, daß Mr. Underdown ſich des Eheſten nach Jaſpar⸗Hall begeben, und daß Peter Drivel ihn begleiten ſollte, weil Miß Belmont dieſen recht wohl kannte.⸗ Underdown woollte ſich als⸗ dann der jungen Dame vorſtellen, ſie darauf aufmerk⸗ ſam machen, daß ſie über achtzehn Jahre zählte, ſich alſo bei'm Lord Kanzler einen anderen Vormund erbit⸗ Der alte Commodore. 179 ten könnte, und daß Sir Octavius Bacuiſſart und Mr. Horaz Underdown während der wenigen Monate, die noch an ihrer Volljährigkeit fehlten, Bürge für ſie ſein würden. Ihr ſollte Wohnung zu Treſtletree⸗Hall, und ein ſo großer Geſellſchaftskreis, als die Familie daſelbſt ihn aufbringen konnte, angeboten werden. Der Commodore und deſſen Neffe ſtimmten von Her⸗ zen in dieſen Plan ein, und dankten innig dem, der den⸗ ſelben entworfen hatte. Bald nachher konnte ein nach Plymouth ſegelndes Schiff angerufen werden; Under⸗ down und Peter Drivel beſtiegen daſſelbe, während Oli⸗ phant ſich an Bord ſeiner Fregatte begab, und das ganze Geſchwader ſegelte dann ſeiner ferneren Beſtim⸗ mung entgegen. Zwoͤlftes Kapitel. »Der Liebe Fackel gleicht dem Talglicht nicht, Das, wenn man's umkehrt, ausliſcht ſonder Weilen; D'rum ſeid behutſam mit dem Fackellicht, Wenn Ihr, es auszulöſchen, möchtet eilen! Kehrt Ihr die Fackel um bloß, ſo erkennt Ihr, daß ſie nicht erloſch; nein, daß dem Haß ſie brennt.« Snips»Vorleſungen über die Liebe.« Während der alte Commodore, durch irrige Kunde getäuſcht, den entronnenen Feind nordwärts ſucht, und mittlerweile ſein ganzes Geſchwader durch menſchen⸗ freundliches Thun in Erſtaunen ſetzt, auch durch ſeine nautiſchen Kenntniſſe und ſeine vielfachen Exfahrungen 12* 6 180 Der alte Commodore. jedem der Schiffe unter ſeinem Kommando von unaus⸗ ſprechlichem Nutzen wird, müſſen wir uns nach Mr. Plumerſand umſehen. Dieſer Ehrenmann ward längſt für mich, den alten ſchriftſtellernden Seemann, ein Gegenſtand des Mitlei⸗ dens, und zwar des innigſten Mitleidens, wie ich wohl ſagen mag. Ich bot ihm einmal meinen trefflichſten Rath an, jedoch die Art und Weiſe, wie er denſelben aufnahm, zeigte nicht halb ſo viel Dankbarkeit, als ich Beredtſamkeit in meinen Vortrag an ihn gelegt hatte. „Merken Sie denn nicht, mein ſcharfunterſcheiden⸗ der Herr,« ermahnte ich ihn eines Tages,»daß Sie zuverläſſig ein moraliſcher Skorpion, und zehnmal ſchlim⸗ mer als ein animaliſcher Skorpion ſind? Denn dieſer, wenn er den Stachel in ſein eigenes Herz bohrt, und ſo am eigenen Gifte ſtirbt, häuft nicht ſelbſt, wie Sie es in der Raſerei Ihrer Thorheit thun, den Feuerkreis um ſich her. Sie aber häufen ein ſolches Feuer durch Ihre Bosheit, ihre ſtechenden Bemerkungen und hinter⸗ liſtigen Anzapfungen auf. Sie können aber nicht ent⸗ rinnen; ihnen bleibt nichts übrig, als das Schickſal des armen animaliſchen Skorpions, ſobald Sie nicht be⸗ reuen, und zwar recht bald und recht ernſtlich bereuen. ⸗ Der Leſer wird ſich wundern, wenn er findet, daß dieſe wohlgemeinte, und wie mich dünkt, weder übel ausgedrückte noch übel angewendete Ermahnung höchſt unhöflich aufgenommen ward. »Kapitän Dribble,« ſagte Plumerſand,»Sie ſind ein Narr, ein alter ekelhafter Auswuchs, der von dem Baume des politiſchen Staatskörpers abgeknippt wer⸗ den ſollte. Sie werden Kapitän genannt, und dienten doch in dieſer Eigenſchaft Niemandem als nur ſich ſelbſt; Sie ſind ein Penſionirter, alſo eine Raupe, ein Nage⸗ — Der alte Commodore. 181 thier, das nichts thut, als die mühvoll errungenen Früchte des Fleißes Anderer zu verſchlingen. Der Nutzen, den Sie der menſchlichen Geſellſchaft bringen, macht Sie durchaus untauglich zum Leben. Sagen Sie mir doch, Sir, was thun Sie, was thaten Sie jemals für das öffentlich Ihnen dargereichte Brot, womit Sie ſich ſättigen?« Es verſteht ſich, daß ich einem Manne, wie Mr. Plumerſand, nichts von meinen erhaltenen Wunden, nichts von der Musketenkugel, ſagen konnte, die mir durch den Lungenflügel gefahren war; wohl aber hob ich meine Augen auf und blickte ihm mild in's Ange⸗ ſicht. Der Stachel war in ſeinem Herzen, im Herzen des Mannes mit der gottloſen Zunge, während au meinem Geſichte die Glut der Glückſeligkeit wallte. Ja, ich bemitleidete Mr. Plumerſand in ſo hohem Grade, daß ich ihn beinahe liebte, doch hütete ich mich von Stunde an ihm meinen heilſamen guten Rath je⸗ mals wieder zu ertheilen. Um dieſe Zeit unſerer Geſchichte bedurfte er jedoch ſolchen Rathes gar ſehr, und zu ſeinem zeitlichen, ja zu ſeinem ewigen Heile würde er beſſer gethan haben, wenn er um guten Rathes willen zu mir, dem alken penſionirten Seemann, gekommen wäre, als daß er ſich in die Schauerſpelunke alles Unheils, in die Schreib⸗ ſtube des Advokaten Scharrfus begab. Der Lohn, den dieſer Rechtsverdreher für ſeine Rathſchläge erhielt, wog ſchwer, ſehr ſchwer, als Mr. Plumerſand ihn in der Hand hielt; Plumerſand aber fühlte ihn zur Zeit nicht; wohl aber laſtete er ihm ſchwer auf der Bruſt, als er zwei ſchnell verflogene Jahre nachher reuig und ſeeleuerbebend auf ſeinem Ster⸗ bebette ächzte. 3 e 8* 182 Der alte Commodore. Die Berathſchlagung währte bis Mitternacht hinter verriegelter und verſchloſſener Thür, und am anderen Morgen fand des Rabuliſten Faktotum, daß viel Wein getrunken und verſchüttet worden war. Mehrere Dä⸗ monen waren Beiſitzer jener Berathung— als der der Habgier, des Geizes, des Weltnutzens, der Prunkſucht und der Wolluſt; doch dünkt mich, der Dämon des Hochmuthes führte am lauteſten das Wort, und praſi⸗ dirte ſo lange, bis der böſe Geiſt, der des Weines Seg⸗ nung in Gluthenfeuer verwandelt, den Thron beſtieg. Das Reſultat der Berathung in jener Nacht der Sünde war, daß am folgenden Tage eine Klage gegen Kapi⸗ tän Oliphant bei der Admiralität in gehöriger Form anhängig gemacht, und bei dem Friedensgericht ein Be⸗ fehl gegen ihn ausgewirkt ward, daß er Jaſpar⸗Hall nicht betreten dürfe, bei u. ſ. w. u. ſ. w. Das Alles waren jedoch mehr Aufſprudelungen der Rache, als Förderungsmittel der Abſichten Plumerſands. Dieſem war es nothwendig, ſich der Perſon Roſa Belmonts zu bemächtigen, um dieſelbe gänzlich von allem Umgang mit der Welt abzuſondern, und in ſolcher Abgeſondert⸗ heit ſo auf ihren Romanſinn, auf ihre verkehrten Grund⸗ ſätze oder auf ihren Schrecken zu wirken, daß die Ver⸗ helichung, gleich nach des Mädchens Gelangen zur Volljährigkeit ſtattfinden könnte. Bis zu jenem Zeit⸗ punkte waren noch fünf Monate hin, nach der Mei⸗ nung des gelahrten Scharrfus alſo überflüſſige Zeit, um Alles in's Werk zu richten. Da inzwiſchen es außer Zweifel war, daß ſein Nebenbuhler ſich auf See befand, ihm alſo zu Jaſpar⸗Hall nicht perſönlich in's Gehäg ge⸗ hen konnte, Roſa's verkehrte Grundſätze auch noch kei⸗ neswegs vertilgt waren, ſo nahm Plumerſand die Sache ziemlich gelaſſen, und verwendete ſeine Muße haupt⸗ Der alte Commodore. 183 ſaͤchlich dazu, vor der Hand die beſten Künſtler aufzu⸗ treiben, die ſeinen äußeren Menſchen herausputzen und neu ſtaffiren möchten. Seiner ernſten Erwägung bot ſich ein höchſt lächer⸗ licher, zugleich aber höchſt wichtiger Punkt dar. Miß Roſa hatte deutlich ihren Widerwillen gegen Dumm⸗ köpfe ausgeſprochen. Beſaß er Beredtſamkeit und ein⸗ nehmendes Weſen genug, nicht nur des Mädchens Wi⸗ derwillen gegen ihn ſelbſt, ſondern auch gegen ſeinen Zopf, zu überwinden? Das war ein kizlicher Punkt, und thöricht dürfte es ſein, wollte er ſich bequemen, eine gedoppelte mühevolle Arbeit zu übernehmen. Er mußte ſich hierüber Raths erholen, und begab ſich zu einem Modefriſeur in Saint James. Es war zur Zeit einer für das Perrückenweſen höchſt wichtigen Epoche. Der Kampf deſſelben war im Gange, ja war auf ſeiner höchſten Höhe— es war ein Kampf zwiſchen dem natürlichen Krauskopfe und dem künſtlichen Lockenwulſte. Faſt alle Jüngeren hatten ſich zu derjenigen Partei geneigt, die das Haar'au naturel“ trug; ſie Alle faſt hatten, außer bei einigen außeror⸗ dentlichen Gelegenheiten, den Puder gänzlich verbannt. Perſonen mittleren Alters ſchwankten zwiſchen beiden Arten von Hauptſchmuck, während die Hochbetagten— wie das Alter gemeiniglich thut— den alten Gebräu⸗ chen anhingen. König und Hof entſchieden ſich für die Perrücken, die mehr oder minder bezopft, mehr oder minder lockig waren; immer aber durften es nur Perrücken ſein, die ſich im Glanze der Königswürde ſonnten. Die jüngeren Prinzen hatten inzwiſchen angefangen, ihr eigenes Haar, und dieß ohne allen anderen Schmuck, als den, zu tra⸗ gen, den die Natur ihnen gewährt hatte. Dieſe Neue⸗ Der alte Commodore. rung war fürchterlich; maͤchtig wurden durch ſte tau⸗ ſend Perrückenköpfe und Köpfe unter Perrücken erſchüt⸗ tert. Die Brüderſchaft der Bartſcheerer und Haar⸗ kräuſeler xang die Hände, oder hielt verzweiflungsvoll den Puderquaſt und die Brennzange empor, und geſtürzt lagen ihre Laren, in Geſtalt naſengeſchundener Per⸗ rückenköpfe; und von dem Stoße, den das Perrücken⸗ weſen um jene Zeit erhielt, hat es bis zur Stunde ſich noch nicht wieder erholen können. O, wie ſind die Maͤchtigen ſo tief gefallen! Dufthändler und Bart⸗ philoſophen haben die Trümmer des Perrücken⸗ und Haarkräuſeler⸗Reiches unter ſich getheilt, allein die amt⸗ liche Würde der Wiſſenſchaft iſt für immer dahin. Noch immer nur mit ſich ſelber zu Rathe gehend, guckte Plumerſand in die elegankeſten und beſuchteſten Haarkräuſelerladen; er ſuchte ein Geſicht, das ermuthi⸗ gend ausſähe, eine Bude, die kundenleer ſein möchte. Allein die Modelokale der Hauptſtadt wollten ihm die⸗ ſen erſehnten Doppelvortheil nicht bieten. Endlich ge⸗ rieth er in eine nicht zu nennende Gaſſe, die; je nach⸗ dem die Jahreszeit es geſtattete, mit Grünhökern, Koh⸗ lenhändlern und Auſternverkäufern angefüllt war. Es mangelte hier nicht an Barbierſtuben, wohl aber man⸗ gelte es dieſen an Zuſpruch. In einer derſelben erſpä⸗ hete er einen magern, jedoch ziemlich gebieteriſch ausſe⸗ henden Mann, der zwar gebeugt, jedoch weniger vom Alter, als vielmehr von ſeinem Gewerbe gebeugt er⸗ ſchien, und ein ungeheures Raſirmeſſer auf ellenlangem eingeſchmierten Lederriemen ſtrich. Mr. Plumerſand erkannte ſofort, daß er vor keinem gewöhnlichen Manne ſtand. Mit der anmuthigen Leich⸗ tigkeit eines Hofherrn ließ der Barbier ſeinen Streich⸗ riemen ſinken, und machte eine Verbeugung, in der — 1 — — Der alte Commodore. 185 man die größte Höflichkeit und nicht die geringſte Spur von Kriecherei hätte erblicken mögen; mit einem wei⸗ ßen Battiſttuche ſtäubte er leiſe ſeinen beſten Stuhl im Laden ab, und bot dieſen ſeinem hereingetretenen Kun⸗ den. Wohl hätte Mr. Plumerſand auf dem bequemen Seſſel ſich behaglich fühlen ſollen; dennoch fühlte er ſich höchſt unbehaglich. Da ſtand der weißbekleidete älkliche Bartphiloſoph— nicht vor ihm, ſondern ein wenig ſeitwärts von ihm, die Arme über ſeine Bruſt gekreuzt, ſeine milden Augen auf ihn herabgeſenkt, und wartete geduldig, bis der Sitzende ſprechen würde, und wie ſtark auch ſeine Geduld auf die Probe geſtellt ward, obſiegte ſie dennoch. »Ich kam—« begann Mr. Plumerſand, und machte dann eine lange Pauſe. Der Dienſtwillige machte, wenn Raum mit Zeit verglichen werden kann, eine eben ſo lange Verbeugung. »Sie ſind überaus höflich gegen ihre Kunden,« fuhr der Sitzende fort. „»Ihrer ſind wenige,« verſetzte der Stehende;»und Sie, Sir, ſind heute der Erſte, der mich beehrt, und es iſt doch ſchon zwölf Uhr. Wenn Sie mich ſo glück⸗ lich machen wollten, Sir, mir Ihre fernere Kundſchaft zuzuwenden—« Dieß ward im ſanfteſten Tone von der Welt und mit einem ſtark franzöſiſchen Accente geſprochen. Mr. Plumerſand betrachtete noch aufmerkſamer den Stehen⸗ den, und konnte nicht länger daran zweifeln, es mit ei⸗ nem gebildeten Manne, oder, wie der Engländer ſich ausdrückt, mit einem Gentleman zu thun zu haben. »Wie kommt's denn,« ſagte er, indem er umher⸗ blickte,»daß in einem ſo ſaubern und wohlgelegenen 186. Der alte Commodore. Lokale, wie dieß hier iſt, ein ſo höflicher und zuvorkom⸗ mender Haarkünſtler ſo wenige Kunden hat?« „Bloß, Sir, weil ich ein Ausländer und„refugié,: bin. Unter den Leuten, die in dieſer Stadtgegend woh⸗ nen und verkehren, iſt dieſer Umſtand mir eben ſo mch⸗ theilig, als er in einem anderen Quartiere mir zur Empfehlung gereichen würde.« „Wozu aber überhaupt dieß Geſchäft treiben? Un⸗ ſere Regierung hat ſich gegen Perſonen ihrer Art höchſt liberal gezeigt.«⸗ »Ach, mein werther Sir, durch die allzu große Gut⸗ müthigkeit des einzigen. Sprößlings meiner Familie habe ich auf höchſt unſchuldige Weiſe die Gunſt der Regierung verſcherzt. Wir wurden angeklagt, einen Spion verſteckt gehalten zu haben.« »Wie? und dem war ſo, mein Lieber?« fragte Mr. Plumerſand haſtig. »Mon Dieu! wie können Sie das glauben? Der junge Mann, dem wir Zuflucht gewährten, war nichts weniger, als ein Spion, wenngleich er unſchuldig in Verwickelung gerathen war; in Verwickelung von ſo peinlicher Art, daß er, um ſeine höchſt ehrenwerthe und ausgezeichnete Familie nicht mit in ſeine Mißhelligkeiten zu ziehen, er lieber ein Ausgeſtoßener und Irrwanderer bleiben will, als Schritte thun, die ihn zuverläſſig An⸗ geſichts ſeines Vaterlandes rechtfertigen würden.« 3 » Und ſein Name— ei, ei! ſein Name?« »Den darf ich ihnen nicht nennen. Auch habe ich mich wenig in ſeine Angelegenheiten gemiſcht. Uebri⸗ gens befindet er ſich jetzt in Sicherheik.« „»Wenn er unſchuldig iſt, ſo freut es mich.⸗ »Plait-il, Monsieur? Was befehlen Sie?« »Ich weiß es ſelbſt nicht recht. Mich dünkt, ich „ Der alte Commodore. 187 trat herein, um die außerordentliche Nettigkeit dieſes adens zu bewundern, vielleicht um nach Etwas zu fra⸗ gen; vielleicht auch trieb mich ein Wunſch an, einem Unglücklichen zu dienen.« »Sie erzeigen mir große Ehre. Ich wunderte mich, als Sie eintraten; denn'votre chevelure est tout-aà-fait comme il faut.’ Gewiß ſind Sie ein menſchenfreund⸗ licher Arzt— haben von der Krankheit meiner pauvre Rosalie“ gehört. Ich will Ihren Kopf wochenlang, ja mondenlang bedienen, und noch mehr Dankhbarkeit zei⸗ gen, quand le bon temps reviendra.« »Iſt Ihre Roſalie die Dame, welche jenem jungen Manne zu ſeiner Flucht verhalf?« Dieſe Frage machte den Franzoſen ein wenig betrof⸗ fen. Er fing an, zu argwöhnen, der kattlich Ausſe⸗ hende vor ihm wäre ein geheimer Polizeiagent; denn dieſer bedurfte offenbar keines Beiſtandes von der ton⸗ ſoriſchen Kunſt, fragte dagegen überaus verfänglich. 8 Nach einer für den Einen peinlichen, für den An⸗ dern höchſt unzuſagenden Pauſe krümmte der refugié ſich in eine Verbeugung, ſo daß man ihn hätte für ein lebendiges Fragezeichen anſehen mögen, welches ziemlich deutlich zu ſprechen ſchien:»Und was weiter?« Dann ſtreckte der alte Friſeur ſich hoch in die Höhe, als wollte er ſagen:»Ich bin auf meiner Hut.« Da je⸗ doch dieſe Pantomimen keine ſchlichte Antwort auf Plu⸗ merſand's Frage gaben, ward dieſelbe wiederholt, doch geſchah es mit dem Zuſatze, daß ſie aus keiner feind⸗ ſeligen Abſicht geſtellt ward, und daß der'maitre perruquier’“ es mit einem Manne von dem unbeſchol⸗ tenſten Ehrgefühle zu thun hätte. Dieß genügte dem „coëfleur,“ und er bejahete die Frage. Mr. Plumer⸗ fand wünſchte jetzt nichts lebhafter, als die Perſon zu 188 Der alte Commodore⸗ ſehen, die eine ſo abenteuerliche Rolle durchgeführt hatte, und dieſer Mann von unbeſcholtenſtem Ehrge⸗ fühle“ erklärte alsdann, daß es ihm eine Freude ſein würde, der jungen Dame den Puls zu fühlen und ein Recept zu verſchreiben, wodurch er alſo hinterliſtig ſich für einen Arzt ausgab. Monſieur Florentin, ſo hieß der Emigrirte, wußte nicht Dankesworte genug zu finden. Er führte den ſtattlichen Herrn eine ſchmale und dunkle Treppe hinan, öffnete daſelbſt eine Thuͤr, und ſtellte den vermeinten Arzt einer ſchönen, wunderſchönen, jetzt jedoch ſehr kränklich ausſehenden jungen Dame vor. Mr. Plumerſand war in gewiſſem Grade ſchußfeſt gegen das Pfeilgeſchoß weiblicher Reize. Stundenlang hatte er die Körperſchönheit ſeiner Mündel betrachtet, und gleichſam in deren Anblicke geſchwelgt; jetzt jedoch ſtand eine Schönheit von ganz anderer Gattung vor ihm; eine Schönheit, für die das Herz ſofort erſeufzte und erwarmte; eine Schönheit, die den Geiſt, wider deſſen Willen, von den Genüſſen der Erde abzieht, und die den, der ſie beſchauet, an Wiederauferſtehung der Geiſter und an einen Zuſtand des Daſeins glauben läßt, in welchem der Wurm, Krankheit genannt, keine Atzung finden kann. Roſalie war ſchlank gewachſen, und erſchien, wenn ſie ſtand, ein wenig gebückt. Dieſe Gebücktheit war ihr jedoch nicht natürlich, ſondern rührte theils von ihrem beſtändigen Hinneigen über ihren Stickrahmen, und theils und hauptſächlich vom Unwohlſein und jener Herzensbetrübniß her, die uns erfaßt, wenn alle Hoff⸗ nung, die uns an die Erde feſſelt, von uns ſchied, ſo daß wir uns dem Boden zuneigen, in welchem wir ru⸗ hen und unſers Elendes entladen ſein möchten. —— Der alte Commodore. 189 Roſaliens Geſicht zeigte eine Bläſſe, die man nur mit Trauern anblicken konnte; ihre Lippen waren blut⸗ los, und in ihren Schläfen ſah man jene Vertiefungen, die mit Recht die Gräber der Hoffnung genannt wer⸗ den. Deſſenungeachtet war ihr Geſicht nicht verfallen, ſondern zeigte ein vollkommenes Langrund in den lieb⸗ lichſten Umriſſen. In ihren großen, dunkelbraunen Au⸗ gen lag ein Ausdruck der tiefſten Schwermuth. Das Geſicht würde ein edles Monument ſtillen, wandelloſen Kummers abgegeben haben, wenn auf deſſen Oberlippe nicht ein krampfhaftes Zucken, das von unausſprechba⸗ rem Weh zeugte, wahrzunehmen geweſen wäre. Dort, auf jenem kleinen Raume, befand ſich das Gefilde, auf welchem der Heldenmuth ſchweigſamen, jedoch unauf⸗ hörlichen Duldens, und der Trieb, den Seufzer des Kummers und das Aechzen der Verzweiflung laut wer⸗ den zu laſſen, ihren ſchaurigen Kampf beſtanden. »Roſalie, mein Kind,« ſagte der Vater Florentin, „hier iſt ein freundlicher Arzt, der Dir wohlwill.⸗ Und als er dieſe Worte geſprochen hatte, verbeugte er ſich und verließ das Zimmer. Ende des zweiten Theils. ——— ſiſſfſſſſſſ ſiſſſſſſſinſſfſſſſiſ 9 10 1 3 14 15 16 6 7 8