Jeih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 8 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 4 für wöchentli 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3 1I„— u—„— Ir 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mir Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer Vum Erſatz des Ganzen verp flichtet. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. NX==Eeeetee=ü=ee J==e Ve=S=e — † König Zeinrich VIII. und ſein Hof, oder: Katharina Parr. Hißſtoriſcher Woman von L. Mühlbach. Zweite, neu bearbeitete Ausgabe. Dritter Band. Berlin, 1858. Verlag von Otto Janke. Viertes Buch. Der Frauenkrieg. 6 I. Die Rache. Miß Holland, die ſchöne und vielbewunderte Ge⸗ liebte des Herzogs von Northumberland, war allein in ihrem prachtvoll geſchmückten Bondoir. Es war die Stunde, in welcher ſonſt der Herzog bei ihr zu ſein pflegte; ſie hatte ſich deshalb reizend geſchmückt und ſich in dieſes leichte und üppige Negligée gehüllt, welches der Herzog ſo ſehr liebte, weil es ſo ſchön die herrlichen Formen ſeiner Freundin hervorhob. Aber heute war der Erwartete nicht erſchienen; ſtatt ſeiner war ſoeben ſein Kammerdiener gekommen, und hatte der ſchönen Miß ein Schreiben des Lords gebracht. Dieſes Schreiben hielt ſie in den Händen, während ſie jetzt mit haſtigem Ungeſtüm in ihrem Boudoir auf und ab ging. Eine glühende Röthe flammte auf ihren Wangen und ihre großen, ſtolzen Augen ſchoſſen wilde Zornesblitze. Sie war verſchmäht, ſie, Lady Holland, mußte die Schmach erfahren, von ihrem Liebhaber verabſchiedet zu werden. Da, da in dieſem Brief, den ſie in der Hand hielt, und der ihre Finger wie glühendes Eiſen brannte, da ſtand es geſchrieben, daß er ſie nicht mehr ſehen wollte, daß er ihrer Liebe entſage, daß er ſie frei gebe. Ihre ganze Geſtalt bebte, als ſie dies dachte. Es war nicht der Schmerz der Liebenden, welcher ſie erzittern machte, es war der gekränkte Stolz des Weibes. Er hatte ſie aufgegeben. Ihre Schönheit, ihre Jugend hatte ihn, den Mann mit den weißen Haa⸗ ren, mit den welkenden Zügen nicht mehr zu feſſeln vermocht. Er hatte ihr geſchrieben, daß er nicht ihrer, ſon⸗ dern nur der Liebe überhaupt ſatt und müde ſei, daß ſein Herz alt und welk geworden, wie ſein Angeſicht, und daß in ſeiner Bruſt kein Raum mehr für die Liebe, ſondern nur noch für den Ehrgeiz ſei. War das nicht ein empörender, ein unerhörter Frevel? Das ſchönſte Weib Englands aufzugeben, um des nüchternen, kalten, ſtarren Ehrgeizes willen? Sie ſchlug den Brief noch einmal auf. Sie las dieſe Stelle noch einmal. Dann ſagte ſie zähneknir⸗ ſchend, mit Thränen des Zorns in den Augen: Er ſoll es mir büßen! Ich werde Rache nehmen für die⸗ ſen Schimpf! 1 Sie ſteckte den Brief in ihren Buſen und ſchlug an die ſilberne Glock. Mein Wagen ſoll vorfahren! befahl ſie dem ein⸗ tretenden Kammerdiener, der ſich ſchweigend wieder entfernte. Ich werde mich rächen! murmelte ſie, während ſie mit zitternden Händen ſich in den großen türkiſchen Shawl hüllte. Ich werde mich rächen, und beim ewigen Gott, es ſoll eine blutige und ſchnelle Rache ſein. Ich will ihm beweiſen, daß auch ich Ehrgeiz empfinde, und daß mein Stolz ſich nicht beugen läßt. Er will mich vergeſſen, ſagte er, oh ich werde ihn zwingen, an mich zu denken, und wär's auch nur, um mich zu verwünſchen! Mit haſtigem Schritt durcheilte ſie die glänzenden Gemächer, welche die Freigebigkeit ihres Geliebten ſo prächtig ausgeſtattet, und ging hinunter zu dem bereit ſtehenden Wagen. Zur Herzogin von Northumberland! ſagte ſie dem am Schlag ſtehenden Lakaien, indem ſie in den Wa⸗ gen ſtieg. Der Diener ſah ſie erſtaunt und fragend an. Zum Herzog von Northumberland, nicht wahr Mylady? Niicht doch, zur Herzogin! rief ſie ſtirnrunzelnd, indem ſie ſich in die Kiſſen zurücklehnte. Nach kurzer Zeit hielt der Wagen vor dem Palais der Herzogin, und Miß Holland trat mit ſtolzem Schritt und gebieteriſchen Mienen durch das Portal ein. Melden Sie mich ſofort der Herzogin! befahl ſie dem herbeieilenden Lakaien. 3 Ihren Namen, Mylady? Miß Arabella Holland. Der Diener fuhr zurück und ſtarrte ſie entſetzt an. Miß Arabella Holland? Und Sie befehlen, daß ich Sie der Herzogin melde? Ein verächtliches Lächeln umſpielte einen Moment die ſchmalen Lippen der ſchönen Miß. Ich ſehe, Ihr kennt mich, ſagte ſie, und es nimmt Euch ein wenig Wunder, mich hier zu ſehen. Wundert Euch immer⸗ hin, utar Freund, nur führt mich ſofort zur Her⸗ zogin Ich zweifle, ob ihre Lordſchaft heute Beſuche em⸗ pfängt, ſtammelte der Diener zögernd. Spo geht und fragt ſie, und damit ich ſogleich ihre Antwort erfahre, werde ich Euch begleiten! Sie winkte dem Diener gebieteriſch, ihr voran zu gehen, und er fand nicht den Muth, dieſer ſtolzen Schönheit zu widerſprechen. Schweigend durchwandelten ſie die Reihe der Prunk⸗ gemächer und ſtanden endlich vor einer mit Teppichen verhangenen Pforte. Hier muß ich Euch bitten, einen Augenblick zu verweilen, Mylady, ſagte der Diener, damit ich Euch der Herzogin, welche dort in ihrem Bondoir iſt, mel⸗ den kann. Nicht doch, ich werde dieſes Geſchäft ſelber über⸗ nehmen, ſagte Miß Holland, indem ſie mit kräftiger Hand den Diener zurückſchob und die Thür öffnete. Ddie Herzogin ſaß an ihrem Schreibtiſch, den Rücken der Thüre zugekehrt, durch welche Arabella eingetreten war. Sie wandte ſich nicht um, ſie hatte vielleicht das Oeffnen der Thür gar nicht gehört. Sie ſchrieb ruhig weiter. Miß Arabella Holland durchſchritt ſtolzen Schrittes das Gemach und ſtand jetzt dicht neben dem Stuhle der Herzogin. 3. Frau Herzogin, ich wünſchte mit Euch zu ſprechen, ſagte ſie kalt und ruhig. Ddie Herzogin ſtieß einen Schrei aus und blickte empor. Miß Holland! rief ſie entſetzt, ſich haſtig er⸗ hebend. Miß Holland! Ihr hier, bei mir, in meinem Hauſe? Was wollt Ihr hier? Wie dürft Ihr es wagen, meine Schwelle zu überſchreiten?— 1 Ich ſehe, Ihr haßt mich noch immer, Mylady! ſagte Arabella lächelnd. Ihr habt es mir immer noch nicht verziehen, daß der Herzog, Euer Gemahl, mehr Gefallen fand an meinem jungen, ſchönen Geſicht, als an Eurem alternden, daß ihm meine heitere, über⸗ müthige Laune mehr behagte, als Euer kaltes, vor⸗ nehmes Weſen. 7 4 Die Herzogin erbleichte vor Zorn, und ihre Augen ſchoſſen Blitze. Schweigt, Unverſchämte, ſchweigt, oder ich werde meine Diener rufen, um mich von Euch zu befreien! Ihr werdet ſie nicht rufen, denn ich bin gekommen⸗ wmich mit Euch zu verſöhnen und Euch Frieden anzu⸗ jeten. Frieden mit Euch! höhnte die Herzogin, Frieden mit dieſem ſchamloſen Weibe, welches mir den Gemahl, den Vater meiner Kinder ſtahl; welches mir die Schmach auferlegte, vor der ganzen Welt als die verſtoßene, verſchmähte Gemahlin dazuſtehen, und es zu dulden, daß man mich mit Euch verglich, um zu ermeſſen, wer von uns Beiden ſeiner Liebe würdiger ſei? Frieden mit Euch, Miß Holland, mit der frechen Buhlerin, welche in verſchwenderiſcher Ueppigkeit das Vermögen meines Gemahls verpraßt, und mit hohnlachendem Muthe das rechtmäßige Eigenthum meiner Kinder ſich raubt? Es iſt wahr, der Herzog iſt ſehr freigebig, ſagte Miß Holland gelaſſen. Er überſchüttet mich mit Bril⸗ lanten und mit Gold. 3 3 Und während deſſen muß ich faſt Mangel leiden, ſagte die Herzogin zähneknirſchend.* Mangel an Liebe vielleicht, Mylady, aber nicht Mangel an Geld; denn Ihr ſeid ſehr prächtig einge⸗ — 10— richtet, und man weiß, daß die Herzogin von Northum⸗ berland reich genug iſt, um die Kleinigkeiten entbehren zu können, welche ihr Gemahl mir zu Füßen legt. Beim Himmel, Mylady, ich würde es gar nicht der Mühe werth gehalten haben, mich darnach zu bücken, wenn ich unter dieſen Kleinigkeiten nicht auch ſein Herz geſehen hätte. Das Herz eines Mannes iſt es wohl werth, daß ein Weib ſich darnach bücke! Ihr hattet das verſäumt, Mylady, und deshalb verlort Ihr das Herz Eures Gemahls. Ich hob es auf. Das iſt das Ganze! Weshalb wollt Ihr mir ein Verbrechen daraus machen? Es iſt genug! rief die Herzogin. Es ziemt mir nicht, mit Euch Jn rechten, nur verlange ich zu wiſſen, was Euch den Muth giebt, zu mir zu kommen? Mylady, haßt Ihr nur mich, oder haßt Ihr auch den Herzog, Euren Gemahl? Sie fragt mich, ob ich ihn haſſe! rief die Herzogin mit einem wilden Hohngelächter. Ja, Miß Holland, ja! Ich haſſe ihn ſo glühend, als ich Euch verachte! Ich haſſe ihn ſo ſehr, daß ich mein ganzes Vermögen, daß ich Jahre meines Lebens darum geben würde, wenn ich ihn ſtrafen könnte für die Schmach, die er mir angethan. Dann, Mylady, werden wir uns bald verſtändigen, denn auch ich haſſe ihn, ſagte Miß Holland, indem ſie ſich ruhig in den ſammetnen Divan niedergleiten ließ, und lächelte, als ſie das ſprachloſe Erſtaunen der Herzogin gewahrte. Ja, Mylady, ich haſſe ihn, und ohne Zweifel noch glühender, noch gewaltiger als Ihr ſelber, denn ich bin jung und feurig, Ihr aber ſeid alt und habt Euch ſtets ein kaltes Herz zu bewahren gewußt. — 11— Die Herzogin zuckte zuſammen vor Zorn, aber ſie würgte ſchweigend den Tropfen Wermuth hinunter, mit welchem ihre boshafte Nebenbuhlerin ihr den Be⸗ cher der Freude kredenzte. Ihr haßt ihn, Miß Holland? fragte ſie freudig. Ich haſſe ihn, und ich bin gekommen, mich mit Euch gegen ihn zu verbünden. Er iſt ein Verräther, ein Treuloſer, Meineidiger, und ich will Rache neh⸗ men für meine Schmach! Ach, er hat Euch alſo auch verlaſſen? Er hat mich auch verlaſſen. Nun denn, gelobt ſei Gott! rief die Herzogin, und ihr Antlitz ſtrahlte vor Freude. Gott iſt groß und gerecht, und er ſtrafte Euch mit denſelben Waffen, mit denen Ihr ſündigtet! Um Euretwillen hat er mich verlaſſen, und um eines andern Weibes willen ver⸗ läßt er Euch. Nicht alſo, Mylady! ſagte Miß Holland ſtolz. Ein Weib, wie ich, wird nicht um eines Weibes willen verlaſſen, und wer mich liebt, wird keine Andere nach mir lieben. Da, leſet ſeinen Brief! Sie reichte der Herzogin den Brief ihres Ge⸗ mahls dar. und was wollt Ihr jetzt thun? fragte die Herzo⸗ gin, nachdem ſie geleſen. „Ich will mich rächen, Mylady! Er ſagt, daß er kein Herz mehr habe, um zu lieben, nun wohl, wir werden machen, daß er auch keinen Kopf mehr habe, um zu denken. Wollt Ihr meine Bundesgenoſſin ſein, Mylady? Ich will es ſein. 1 Und auch ich will es ſein, ſagte die Herzogin von — 12— Richmond, welche eben die Portidre öffnete und aus dem Nebengemach hervortrat. Kein Wort dieſer ganzen Unterredung war ihr ent⸗ gangen, und ſie begriff ſehr wohl, daß es ſich nicht um eine kleinliche Rache, ſondern um das Haupt ihres Vaters handle. Sie wußte, daß Miß Holland kein Weib ſei, welches, wenn es gereizt worden, mit einer Nadel ſticht, ſondern, welches nach dem Dolche greift, um ihren Feind tödtlich zu treffen.. Ja, auch ich will Eure Bundesgenoſſin ſein, rief die Herzogin von Richmond, wir ſind alle drei von denſelben Männern beſchimpft worden. Möge alſo auch unſere Rache eine gemeinſame ſein. Euch hat der Vater beleidigt, mich der Sohn. Nun wohl, ich werde Euch helfen, den Vater zu treffen, wenn Ihr mir dafür beiſtehen wollt, den Sohn zu vernichten. Ich werde Euch beiſtehen, ſagte Arabella lächelnd, denn auch ich haſſe dieſen ſtolzen Grafen Surrey, der mit ſeiner Tugend prunkt, als ſei es ein goldenes Vließ, welches Gott ſelber ihm auf die Bruſt geklebt. Ich haſſe ihn, denn er iſt mir ſtets nur mit ſtolzer Geringſchätzung begegnet, und er allein trägt die Schuld an dieſer Treuloſigkeit ſeines Vaters. Ich war zugegen, wie er den Herzog, unſern Va⸗ ter, mit Thränen beſchwor, ſich frei zu machen von Euren Banden und dieſe ſchmachvolle und entehrende Verbindung mit Euch aufzugeben, ſagte die junge Herzogin. Arabella erwiederte nichts. Aber ſie preßte die Hände feſt in einander und eine leichte Bläſſe über⸗ flog ihre Wangen. Und weshalb zürnſt Du Deinem Bruder? fragte die alte Herzogin ſinnend. — 13— Weshalb ich ihm zürne, fragt Ihr, meine Mutter? Ich zürne ihm nicht, ſondern ich verwünſche ihn, und ich habe mir ſelber geſchworen, nicht eher zu ruhen, als bis ich mich gerächt habe. Mein Glück, mein Herz und meine Zukunft lag in ſeinen Händen, und er hat dieſe koſtbarſten Güter ſeiner Schweſter ſchonungslos unter ſeine ſtolzen Füße getreten. Es lag an ihm, mich zu dem Weibe des Mannes zu machen, welchen ich liebe, und er hat es nicht gethan, obwohl ich wei⸗ nend und händeringend zu ſeinen Füßen lag. Aber es war ein großes Opfer, welches Du for⸗ derteſt, ſagte ihre Mutter. Er ſollte einem ungeliebten Weibe ſeine Hand reichen, damit Du die Gemahlin Thomas Seymour's werdeſt. Mutter, Ihr vertheidigt ihn, und doch iſt er es, welcher Euch täglich beſchuldigt und noch geſtern es ganz gerechtfertigt und natürlich fand, daß der Herzog Euch, unſere Mutter, verlaſſen hat. That er das? ſagte die Herzogin heftig. Nun wohl denn, hat er vergeſſen, daß ich ſeine Mutter bin, ſo werde ich vergeſſen, daß er mein Sohn iſt. Ich bin Eure Bundesgenoſſin! Rache für unſre gekränkten Her⸗ zen! Rache an Vater und Sohn! Sdie ſtreckte ihre beiden Hände aus, und die beiden jungen Frauen legten ihre Hände in die ihrigen. Rache an Vater und Sohn! wiederholten ſie Beide, und ihre Augen blitzten und Purpurröthe bedeckte ihre Wangen. Ich bin es müde, wie eine Einſiedlerin in meinem Palaſt zu leben und vom Hofe verbannt zu ſein durch die Furcht, meinem Gemahl dort begegnen zu können. Ihr ſollt ihm dort nicht mehr begegnen können Mutter, ſagte ihre Tochter lakoniſch. — 14— Man ſoll nicht über mich lachen und ſpotten kön⸗ nen, rief Miß Arabella. Und wenn man erfährt, daß er mich verließ, ſoll man auch zugleich wiſſen, wie ich mich dafür rächte. Thomas Seymour kann nicht mein Gemahl wer⸗ den, ſo lange Henry Howard lebt, denn er hat ihn tödtlich beleidigt, indem Henry die Hand ſeiner Schweſter ausſchlug. Vielleicht kann ich ſeine Ge⸗ mahlin werden, wenn Henry Howard nicht mehr iſt, ſagte die junge Herzogin. Laßt uns alſo über⸗ legen. Wie fangen wir es an, ſie ſicher und gewiß zu treffen? Wenn drei Frauen einig ſind, dürfen ſie ihrer That gewiß ſein, ſagte Arabella achſelzuckend. Wir leben, Gott ſei gelobt, unter einem edlen und hoch⸗ herzigen König, der das Blut ſeiner Unterthanen ſo gern ſieht, als den Purpur ſeines Königsmantels, und der noch niemals zurückgeſchreckt iſt, wenn es galt, ein Todesurtheil zu unterzeichnen. Aber diesmal wird er zurückſchrecken, ſagte die alte Herzogin. Er wird es nicht wagen, die edelſte und mächtigſte Familie ſeines Königreichs ihrer Häupter zu berauben. Gerade das Wagniß wird ihn reizen, lachte Lady Richmond, und je ſchwieriger es iſt, dieſe Häupter zu fällen, deſto ungeduldiger wird er darnach verlangen. Der König haßt ſie Beide, und er wird's uns danken, wenn wir ſeinen Haß in ſtrafende Gerechtigkeit ver⸗ wandeln. So laßt uns Beide des Hochverraths anklagen! rief Arabella. Der Herzog iſt ein Hochverräther, denn ich will und kann beſchwören, daß er oft genug den König einen blutgierigen Tiger, einen ſchonungsloſen Tyrannen genannt hat, einen Mann ohne Treue und — 15,— ohne Glauben, obwohl er damit coquettire, die Quelle und der Hort alles Glaubens zu ſein. Wenn er das geſagt hat und Ihr hörtet es, ſeid Ihr verpflichtet, es dem König anzuzeigen, wenn Ihr nicht ſelber zur Hochverrätherin werden wollt, rief die junge Herzogin feierlich. Und habt Ihr nicht bemerkt, daß der Herzog ſeit einiger Zeit daſſelbe Wappen führt, wie der König? fragte die Herzogin von Norfolk. Oh, ſeinem ſtolzen und rhrgeizigen Sinn genügt es nicht, der erſte Die⸗ ner dieſes Landes zu ſein, er ſtrebt darnach, ſein Herr und König zu ſein. Sagt das dem König und ſchon morgen fällt des Hochverräthers Haupt. Der König iſt eiferſüchtig auf ſein Königthum, wie es nur je ein Weib auf ihren Liebſten war. Sagt ihm, daß der Herzog ſein Wap⸗ pen trägt, und ſein Verderben iſt gewiß. Ich werde es ihm ſagen, Tochter. Des Vaters ſind wir gewiß, aber was haben wir für den Sohn? zewiß, 4 ir Ein ſicheres und unfehlbares Mittel, das ihn ſo gewiß in die Ewigkeit befördern ſoll, als des Jägers leine Kugel den ſtolzeſten Hirſch tödtet. Heinrich liebt die Königin, und ich werde dem König den Beweis davon liefern, ſagte die junge Herzogin. Gehen wir alſo zum König! rief Arabella un⸗ geſtüm. „Niicht doch! Das würde Aufſehen machen und könnte leicht unſern ganzen Plan vereiteln, ſagte die Herzogin von Richmond. Laßt uns zuerſt mit Graf Douglas ſprechen und ſeine Rathſchläge hören. Kommt, jede Minute iſt koſtbar! Wir ſind es unſerer Frauen⸗ — 16— ehre ſchuldig, uns zu rächen! Wir dürfen und wollen Diejenigen nicht ungeſtraft laſſen, die unſere Liebe verſchmähten, unſere Ehre kränkten und die heiligſten Bande der Natur mit Füßen traten! II. Die Anerkennung. Traurig und in ſich gekehrt ſaß Prinzeſſin Eliſa⸗ beth in ihrem Gemach. Ihre Augen waren von Thränen geröthet, und ſie drückte die Hand auf ihr Herz, als wolle ſie den Schmerzesſchrei deſſelben zu⸗ rückdrängen. Mit einem troſtloſen irren Blick ſchaute ſie im Zimmer umher, und die Oede deſſelben that ihr heute doppelt weh, denn ſie zeugte für ihre Verlaſſenheit, für die Schmach, die noch immer auf ihr ruhte. Denn wäre das nicht, ſo würde der heutige Tag für den ganzen Hof ein Tag der Freude, der Beglückwün⸗ ſchungen geweſen ſein. Es war heute Eliſabeths Geburtstag, heute vor vierzehn Jahren hatte Anna Boulen's Tochter das Licht der Welt erblickt. Anna Boulen's Tochter! Das war das Geheim⸗ niß ihrer Vereinſamung. Das war es, weshalb kei⸗ ner von den Damen und Herren des Hofes ſich ihres Geburtstags erinnerte, denn dies wäre zugleich eine Erinnerung an Anna Boulen geweſen, an die ſchöne und unglückliche Mutter Eliſabeths, welche ihre Größe und ihr Glück mit dem Tode hatte büßen müſſen. ——— ——— ——— — 12— Zudem hatte ja der König ſeine Tochter Eliſabeth einen Baſtard genannt und ſie feierlich der Thronfolge für unwürdig erklärt. Der Tag ihrer Geburt war alſo für Eliſabeth nur demüthigend und ſchmerzlich. Auf ihrem Divan leh⸗ nend gedachte ſie ihrer geſchmähten, frendloſen Ver⸗ gangenheit, ihrer öden, glanzloſen Zukunft. Sie war eine Prinzeſſin und beſaß doch nicht die Rechte ihrer Geburt, ſie war ein junges Mädchen und doch dazu verurtheilt, in trauriger Reſignation auf alle Freuden und alle Genüſſe der Jugend zu ver⸗ zichten, und ihr leidenſchaftliches, glühendes Herz zu ewigem Todesſchlafe zu verurtheilen. Denn als der Infant von Spanien um ihre Hand geworben, hatte Heinrich der Achte erklärt, der Baſtard Eliſabeth ſei eines fürſtlichen Gemahls nicht würdig. Aber, um auch andere Freier zurückzuſchrecken, hatte er laut und öffentlich erklärt, kein Unterthan dürfe ſo vermeſſen ſein, die Hand nach einer ſeiner königlichen Töchter auszuſtrecken, und derjenige, welcher es wage, ſie, zur Gemahlin zu begehren, ſolle als Hochverräther geſtraft werden. Eliſabeth war alſo dazu verdammt, unvermählt zu bleiben, und dennoch liebte ſie, und dennoch hegte ſie nur dieſen einen Wunſch, das Weib ihres Geliebten zu ſein, und ihren ſtolzen Titel einer Prinzeſſin mit dem Namen einer Gräfin Seymour vertauſchen zu können. Seit ſie ihn liebte, war eine nene Welt, eine neue Sonne in ihr aufgegangen, und vor dem ſüßen und bezaubernden Geflüſter ihrer Liebe hatten die ſtolzen und lockenden Stimmen ihres Ehrgeizes ſelbſt ver⸗ ſtummen müſſen. Sie dachte nicht mehr daran, daß Heinrich VIII. 3. 2 ſie niemals eine Königin ſein würde, es betrübte ſie nur, daß ſie nicht Seymour's Gemahlin ſein könnte. Sie wollte nicht mehr herrſchen, ſondern ſie wollte glücklich ſein. Ihr Glück aber ruhte in ihm allein, in Thomas Seymour. Das dachte ſie, als ſie an dem Morgen ihres Ge⸗ burtstages allein und einſam in ihrem Zimmer war, und ihre von Thränen gerötheten Augen, ihre ſchmerz⸗ lich zuckenden Lippen verriethen, wie viel ſie heute geweint, wie viel dieſes junge vierzehnjährige Mädchen ſchon gelitten hatte. Aber ſie wollte nicht mehr daran denken, ſie wollte den lauernden, überall ſpähenden, hämiſchen und bos⸗ haften Hofleuten nicht den Triumph gönnen, auf ihrem Antlitz die Spuren ihrer Thränen zu ſehen und ſich ihrer Schmerzen und ihrer Demüthigung zu freuen. Sie war eine ſtolze und entſchloſſene Seele; ie würde lieber geſtorben ſein, als das Mitleid und Bedauern der Höflinge angenommen haben. Ich will arbeiten, ſagte ſie. Die Arbeit iſt der beſte Balſam aller Schmerzen. Und ſie griff nach der kunſtvollen Seidenſtickerei, welche ſie für ihre arme, unglückliche Freundin Anna von Cleve, die verſtoßene Gemahlin Heinrichs, be⸗ onnen hatte. Aber die Arbeit beſchäftigte nur ihre Finger, nicht ihre Gedanken. Sie warf ſie weg und griff nach ihren Büchern. Sie nahm Petrarka's Sonnette, und ſeine Liebesklagen und Schmerzen feſſelten und bewegten ihr eigenes, liebekrankes Herz. Unter ſtrömenden Thränen und doch lächelnd und ſüßer Schwermuth voll las Eliſabeth dieſe edlen und zarten Poeſien. Es ſchien ihr, als habe Petrarka nur das geſagt, was ſie ſelber ſo heiß empfunden. Es waren ihre Gedanken, ihre Schmerzen. Er hatte ſie in ſeiner Sprache geſagt; ſie mußte ſie jetzt in der ihrigen wiederholen. Sie ſetzte ſich hin, und mit vor Begeiſterung zitternden Händen, mit fliegendem Athem, ganz erregt und glühend in freudiger Haſt, begann ſie eine Ueberſetzung der erſten Sonnette Petrarka's*). Ein lautes Klopfen unterbrach ſie, und in der haſtig geöffneten Thür ſah man jetzt die edle und liebliche Geſtalt Katharina's erſcheinen. Die Königin! rief Eliſabeth freudig. Ihr kommt in ſo früher Morgenſtunde zu mir? Und ſollte ich bis zum Abend warten, um meiner Eliſabeth zu ihrem Feſttag Glück zu wünſchen? Sollte ich erſt die Sonne untergehen laſſen an dieſem Tage, der England eine ſo edle und ſchöne Prinzeſſin ge⸗ geben? fragte Katharina. Oder dachtet Ihr vielleicht, ich wüßte es nicht, daß heute Euer Geburtstag iſt, und daß heute meine Eliſabeth aus den Kinderjahren aſs Ene ſtolze und hoffnungsreiche Jungfrau hervor⸗ geht Hoffnungsreich? ſagte Eliſabeth traurig. Die Tochter Anna Boulen's hat keine Hoffnungen, und wenn Ihr von meinem Geburtstage ſprecht, erinnert Ihr mich zugleich an meine geſchmähete Geburt! *) Eliſabeth, welche ſchon als zwölfjähriges Mädchen vier Sprachen ſprach, liebte es ſehr, Verſe zu machen und die Ge⸗ dichte fremder Autoren zu überſetzen. Aber ſie hielt dieſe Kunſt ſehr geheim, und ward ſtets ſehr unwillig, wenn Jemand zu⸗ fällig eines ihrer Gedichte ſah. Nach ihrem Tode fand man unter ihren Papieren namentlich viele Ueberſetzungen Petrarka'⸗ ſcher Sonnette, die aus ihrer früheſten Jugend herrührten. Leti. Vol, I. p. 150. 2* — 20— Sie ſoll nicht mehr geſchmähet ſein! rief Katharina, und indem ſie zärtlich, ihren Arm um Eliſabeths Nacken legte, reichte ſie ihr eine Pergamentrolle dar. Nehmt das, Eliſabeth, und möge dies Papier Euch die Verheißung einer freudvollen und glänzenden Zu⸗ kunft ſein! Auf meine Bitte hat der König dies Geſetz gegeben, und mir gönnte er daher die Freude, es Euch zu bringen. Eliſabeth öffnete das Pergament und las, und ein ſtrahlender Ausdruck breitete ſich über ihr Antlitz aus. Anerkannt! Ich bin anerkannt! rief ſie. Die Schmach meiner Geburt iſt von mir genommen! Eli⸗ ſabeth iſt kein Baſtard mehr, ſie iſt eine königliche Prinzeſſin! 4 Und ſie kann dereinſt eine Königin werden! ſagte Katharina lächelnd. Oh, rief Eliſabeth, nicht das iſt es, was mich ſo freudig erregt! Aber die Schmach iſt von mir ge⸗ nommen, und ich darf frei mein Haupt erheben und ohne Scham den Namen meiner Mutter nennen! Oh Mutter, meine Mutter! Jetzt darfſt Du ruhig ſchlafen in Deinem Grabe, denn es iſt kein entehrtes mehr! Anna Boulen war keine Buhlerin, ſie war König Heinrichs rechtmäßige Gemahlin, und Eliſabeth iſt ihres Königs rechtmäßige Tochter! Ich danke Dir, mein Gott, ich danke Dir! Und das junge, leidenſchaftliche Mädchen ſtürzte auf ihre Kniee nieder und hob ihre Hände und ihre Blicke zum Himmel empor. Geiſt meiner verklärten Mutter, ſagte ſie feierlich, ich rufe. Dich, komme her zu mir! Beſchatte mich mit Deinem Lächeln und ſegne mich mit Deinem Athem! Königin Anna von England, Deine Tochter — 21— iſt kein Baſtard mehr, und Niemand darf es mehr wagen, ſie zu beſchimpfen. Du warſt bei mir, wenn ich weinte und litt, meine Mutter, und oft in meiner Schmach und Demüthigung war es mir, als hörte ich Deine Stimme, welche mir Troſt zuflüſterte, als ſähe ich Deine himmlifchen Augen, welche Friede und Liebe in meine Bruſt ausſtrömten! Oh, bleibe jetzt auch bei mir, Mutter, jetzt, wo die Schmach von mir ge⸗ nommen iſt; bleibe bei mir in meinem Glück und hüte mein Herz, daß es ſich rein halte von Hochmuth und Stolz, und vemüthi bleibe in ſeiner Freude! Anna Boulen, ſie haben Dein ſchönes, unſchuldiges Haupt auf den Henkerblock gelegt, aber dies Perga⸗ ment ſetzt die Königskrone wieder auf daſſelbe, und wehe, wehe Denen, welche es wagen wollen, Dein Andenken nun noch zu beſchimpfen! Sie flog von ihren Knieen empor und ſtürzte zu der Wand dort drüben, an welcher ein großes Oel⸗ gemälde ſich befand, welches ſie ſelber als kleines Kind, mit einem Hunde ſpielend, darſtellte. Oh Mutter, Mutter! ſagte ſie. Dieſes Bild war das letzte irdiſche Ding, auf welches ſich Deine Blicke richteten, und dieſen gemalten Lippen Deines Kindes gabſt Du den letzten Kuß, den Deine grauſamen Henker Deinem lebenden Kinde nicht erlauben wollten. Oh laß mich dieſen letzten Kuß von jener Stelle forttrinken, laß mich mit meinem Munde die Stelle berühren, welche Deine Lippen geheiligt haben! Sie neigte ſich und küßte das Bild. Und nun ſteige hervor aus Deinem Grabe, meine Mutter, ſagte ſie feierlich. Ich habe Dich ſo lange verbergen, ſo lange umhüllen müſſen. Jetzt gehörſt Du wieder der Welt und dem Licht! Der König hat mich als ſeine rechtmäßige Tochter anerkannt, er wird es mir nicht weigern können, ein Bildniß meiner Mutter in meinem Zimmer zu haben. So ſprechend drückte ſie an einer in dem breiten Goldrahmen des Bildes angebrachten Feder, und plötzlich ſah man das Bild ſich bewegen und langſam wie eine Thür ſich öffnen, um ein anderes, darunter verborgenes Bild ſichtbar werden zu laſſen, welches die unglückliche Anna Boulen im vollen Glanz ihrer Schönheit im bräutlichen Schmuck darſtellte, wie Hol⸗ bein ſie auf des Königs, ihres Gemahls, Wunſch ge⸗ malt hatte. Wie ſchön und engelgleich dieſes Antlitz iſt! ſagte Katharina näher tretend. Wie unſchuldsvoll und rein dieſe Züge! Arme Königin, doch iſt es Deinen Fein⸗ den gelungen, Dich zu verdächtigen und Dich auf das Schaffot zu führen. Oh, wenn ich Dich anſehe, ſchaudert mir, und meine eigene Zukunft ſteigt als ein drohendes Geſpenſt vor mir empor. Wer kann ſich gefahrlos und ſicher glauben, wenn Anna Boulen nicht ſicher war, wenn ſie ſelbſt eines ehrloſen Todes ſterben mußte! Ach, glaubt mir nur, Eliſabeth, es iſt ein trauriges Glück, Königin von England zu ſein, und oft ſchon habe ich den Morgen gefragt, ob ich den Abend noch als Königin begrüßen werde. Aber nein, nicht von mir wollen wir in dieſer Stunde ſprechen, ſondern nur von Euch, Eliſabeth, von Eurer Zukunft und von Eurem Glück. Möge dies Pergament Euch willkommen ſein und all' die Wünſche verwirklichen, welche in Eurem Buſen ſchlummern. Einen großen Wunſch hat es mir ſchon erfüllt, ſagte Eliſabeth, immer noch mit dem Bilde beſchäftigt. Es geſtattet mir, das Bildniß meiner Mutter unver⸗ hüllt zeigen zu dürfen! Daß ich das einſt könnte, das war ihr letztes Gebet und der letzte Wunſch, den ſie John Heywood für mich aufgetragen. Ihm übergab ſie für mich dieſes Bild, er allein kannte das Ge⸗ heimniß deſſelben und hat es getreulich bewahrt. Oh, John Heywood iſt ein zuverläſſiger und treuer Freund, ſagte Katharina innig, und er war es, wel⸗ cher mir beiſtand, des Königs Gemüth unſerm Plan geneigt zu machen und ihn zur Anerkennung Eurer zu bewegen. Eliſabeth reichte ihr mit einem unausſprechlichen Ausdruck ihre beiden Hände dar. Euch danke ich meine Ehre und die Ehre meiner Mutter, ſagte ſie; ich werde Euch dafür wie eine Tochter lieben, und niemals ſollen Eure Feinde bei mir ein offenes Ohr und ein geneigtes Herz finden. Laßt uns Beide unter einander ein Schutz⸗ und Trutzbündniß ſchließen! Laßt uns treu zu einander halten, und die Feinde der Einen ſollen auch die Feinde der Andern ſein, und wo wir eine Gefahr ſehen, da wollen wir ſie gemein⸗ ſam bekämpfen, und mit treuem Schweſterauge wollen wir über uns wachen und uns einander warnen, wenn irgend ein zufälliger Lichtglanz uns den Feind erhellt, welcher im Dunkeln ſchleicht und mit ſeinem Dolch uns hinterrücks ermorden will. So ſei es! ſagte Katharina feierlich. Unzertrenn⸗ lich und treu wollen wir aneinander halten und uns lieben wie Schweſtern! „Und indem ſie einen innigen Kuß auf Eliſabeths Lippen drückte, fuhr ſie fort: Aber jetzt, Prinzeſſin, wendet Eure Blicke noch einmal jenem Pergament zu, von welchem Ihr nur erſt den Anfang geleſen. Glaubt mir nur, es iſt wichtig genug, daß Ihr es ganz zu Ende leſet, denn es enthält allerlei Beſtim⸗ — 24— mungen für Eure Zukunft und ſetzt Euch einen Hof⸗ ſtaat und ein Jahrgeld feſt, wie es einer königlichen Prinzeſſin würdig iſt. Oh, was kümmern mich dieſe Dinge! rief Eliſa⸗ beth fröhlich. Das geht meinen Haushofmeiſter an, und er möge ſich darnach richten. Aber da iſt noch ein anderer Paragraph, welcher Euch mehr intereſſiren wird, ſagte Katharina mit einem feinen Lächeln, denn er iſt eine neue und vollſtändige Ehrenerklärung für meine ſtolze und ehrgeizige Eliſa⸗ beth. Erinnert Ihr Euch noch der Antwort, welche Euer Vater dem König von Frankreich gegeben, als dieſer für ſeinen Dauphin um Eure Hand geworben? Ob ich mich ihrer erinnere! rief Eliſabeth mit ſchnell verdüſterten Zügen. König Heinrich ſagte, Anna Boulen's Tochter ſei nicht würdig, die Hand eines königlichen Prinzen zu empfangen. Nun denn, Eliſabeth, damit Eure Ehrenerklärung vollſtändig ſei, hat der König, indem er Euch Eure rechtmäßigen Titel und Ehren verleiht, feſtgeſetzt, daß Ihr nur einem ebenbürtigen Gemahl Euch vermählen, nur einem königlichen Prinzen die Hand reichen dürft, wenn Ihr Eure Rechte auf die Thronfolge Euch be⸗ wahren wollt! Oh gewiß, es konnte keinen voll⸗ ſtändigern Widerruf Eurer früheren Beleidigung geben, und daß der König darein willigte, dies zu thun, das verdankt Ihr der beredtſamen Fürſprache eines treuen und zuverläſſigen Freundes, das verdankt Ihr John Heywood. John Heywood! rief Eliſabeth mit bitterem Toue. Oh, ich danke Euch, Königin, daß Ihr es nicht wart, welche meinen Vater zu dieſem Ausſpruche beſtimmt. John Heywood hat es gethan, und Ihr nennt ihn meinen Freund? Ihr ſagt, daß er uns Beiden ein — 25— treuer und ergebener Diener ſei? Hütet Euch vor ſeiner Treue, Königin, und baut nicht auf ſeine Er⸗ ebenheit, denn ich ſage Euch, ſeine Seele iſt voll aſg, und indem er ſich in Demuth vor Euch zu ücken ſcheint, ſuchen ſeine Augen nur die Stelle an Eurer Ferſe, wo er Euch am ſicherſten und tödtlichſten treffen kann. O, eine Schlange iſt er, eine giftige Schlange, und mich hat er eben tödtlich und unheil⸗ bar getroffen! Aber nein, fuhr ſie energiſch fort, ich werde mich dieſer Hinterliſt nicht beugen, ich will nicht der Sclave dieſes unheilvollen Geſetzes ſein! Ich will frei ſein, zu lieben und zu haſſen, wie es mein Herz verlangt; ich will mich nicht in Ketten ſchlagen und mich nicht zwingen laſſen, Dem zu entſagen, welchen ich vielleicht liebe, und Jenem mich zu vermählen, welchen ich vielleicht verabſcheue. Mit dem Ausdruck feſter, energievoller Entſchloſ⸗ ſenheit nahm ſie die Pergamentrolle und reichte ſie Katharinen wieder dar. Nehmt dieſes Pergament wieder zurück, Königin, gebt es meinem Vater wieder, und ſagt ihm, daß ich ihm danke für ſeine vorſorgliche Güte, aber dem glän⸗ zenden Looſe entſagen will, welches dieſe Acte mir bietet. Ich liebe die Freiheit ſo ſehr, daß ſelbſt eine Königskrone mich nicht locken kann, wenn ich ſie mit gebundenen Händen und unfreiem Herzen empfan⸗ gen ſoll! „Armes Kind, ſeufzte Katharina, Ihr wißt alſo nicht, daß die Königskrone uns immer in Feſſeln ſchlägt und unſer Herz in eiſerne Klammern ein⸗ zwängt? Ach, Ihr wollt frei und doch eine Königin ſein! Oh glaubt mir, Eliſabeth, Niemand iſt we⸗ niger frei, als es die Könige ſind! Niemand hat weniger das Recht und die Macht, ſeinem Herzen leben zu können, als die Fürſten. Dann, rief Eliſabeth mit blitzenden Augen, dann entſage ich dem traurigen Glück, vielleicht einſt eine Königin ſein zu können. Dann nehme ich dies Ge⸗ ſetz nicht an, welches mein Herz lenken und meinen Willen beſtimmen will. Wie, die Tochter König Heinrichs von England ſollte ſich von einem elenden Streifen Pergament ihre Wege vorzeichnen laſſen, und ein Blatt Papier ſollte ſich zwiſchen mich und mein Herz legen können? Ich bin eine königliche Prinzeſſin, und deshalb will man mich zwingen, nur einem Königsſohn meine Hand zu geben? Ja, Ihr habt Recht, nicht mein Vater iſt es, welcher dies Ge⸗ ſetz gemacht hat, denn meines Vaters ſtolze Seele hat ſich ſelber niemals ſolchem Zwang der elenden Eti⸗ quette fügen wollen! Er hat geliebt, wo es ihm ge⸗ fiel, und kein Parlament, kein Geſetz hat ihn daran hindern können. Ich werde meines Vaters echte Tochter ſein. Ich werde mich dieſem Geſetz nicht fügen! Armes Kind, ſagte Katharina, Ihr werdet es dennoch wohl lernen müſſen, Euch zu fügen, denn man iſt nicht ungeſtraft eine Fürſtin. Niemand fragt darnach, ob unſer Herz verblutet. Sie ſchlagen einen Purpur darüber hin, und ob der mit unſerem Herzblut ſich röthet, wer ſieht und ahnt denn das? Sörſeid noch ſo jung, Eliſabeth, Ihr hofft noch ſo viel! Ich hoffe ſo viel, weil ich ſchon ſo viel gelitten habe. Man hat meine Augen ſchon ſo viele Thränen vergießen gemacht. Ich habe meinen Antheil an dem Schmerz und Jammer des Lebens ſchon in meiner Kindheit vorweg nehmen müſſen, jetzt will ich auch = 27— meinen Antheil an dem Glück und Genuß des Lebens ordern. Und wer ſagt Euch, daß Ihr den nicht haben werdet? Dies Geſetz drängt Euch ja keinen beſtimm⸗ ften Gemahl auf, es giebt Euch nur das ſtolze, einſt beſtrittene Recht, Euch unter den Königsſöhnen Euren Gemahl zu ſuchen! Oh, rief Eliſabeth mit blitzenden Augen, wenn ich wirklich einſt eine Königin ſein ſollte, ſo würde ich ſtolzer darauf ſein, einen Gemahl zu wählen, den ich zu einem König mache, als einen ſolchen, der mich zu einer Königin macht.*) Oh, ſagt ſelbſt, Katha⸗ rina, muß es nicht ein ſtolzes und ſchönes Glück ſein, dem, welchen man liebt, Glanz und Größe zu geben, in der Allmacht unſerer Liebe ihn hoch empor zu heben über alle anderen Männer, und unſere eigene Größe, unſere eigene Herrlichkeit demuthsvoll zu ſei⸗ nen Füßen niederzulegen, damit er ſich damit ſchmücke und zu ſeinem Eigenthum mache, was unſer iſt? Beim Himmel, Ihr ſeid ſtolz und ehrgeizig wie ein Mann, ſagte Katharina lächelnd. Die echte Toch⸗ ter Eures Vaters! So dachte Heinrich, als er Anna Boulen ſeine Hand reichte, ſo dachte er, als er mich ſelber zu ſeiner Königin erhob. Aber ihm ziemt es, ſo zu denken und ſo zu handeln, denn er iſt ein Mann! Er dachte ſo, weil er liebte, nicht weil er ein Mann war. Und auch Ihr, Eliſabeth, auch Ihr denkt ſo, weil Ihr liebt? Ja, ich liebe! rief Eliſabeth, indem ſie ſich mit *) Eliſabeth's eigene Worte. Leti Vol. II pag. 62. = 28— einer heftigen Bewegung in Katharina's Arme warf, und ihr erröthendes Antlitz an der Königin Buſen barg. Ja, ich liebe! Wie mein Vater liebe ich! Nicht achtend meines Ranges, meiner Geburt, ſondern nur fühlend, daß mein Geliebter mir ebenbürtig iſt an Adel der Geſinnung, an Geiſt und Edelmuth, daß er mir überlegen iſt in all' den großen und ſchönen Eigenſchaften, welche den Mann zieren ſollen und doch ſo Wenigen verliehen ſind. Urtheilt nun, Königin, ob dieſes Geſetz da mich glücklich machen kann. Der, welchen ich liebe, er iſt kein Fürſt, kein Königsſohn. Arme Eliſabeth! ſagte Katharina, das junge Mäd⸗ chen innig in ihre Arme ſchließend. Und weshalb beklagt Ihr mich, da es doch in Eurer Macht ſteht, mich glücklich zu machen? fragte Eliſabeth dringend. Ihr ſeid es geweſen, welche den König vermochte, mich von der Schmach zu erlöſen, welche auf mir ruhte, Ihr werdet auch die Macht über ihn haben, dieſe Clauſel zu beſeitigen, welche das Verdammungsurtheil meines Herzens enthält. Katharina ſchüttelte ſeufzend ihr Haupt. So weit reicht meine Macht nicht, ſagte ſie traurig. Ach, Eli⸗ ſabeth, warum hattet Ihr kein Vertrauen zu mir, warum ließet Ihr mich nicht früher wiſſen, daß Ihr eine Liebe hegtet, welche dieſem Geſetz da wider⸗ ſtrebt? Warum ſagtet Ihr Eurer Freundin nicht Euer gefährliches Geheimniß?— Eben weil es gefährlich iſt, verſchwieg ich es Euch, und eben deshalb nenne ich Euch auch jetzt nicht den Namen meines Geliebten. Durch mich, Königin, ſollt Ihr nicht Eurem Gemahl gegenüber zu einer ſchuld⸗ belaſteten Hochverrätherin werden, denn Ihr wißt wohl, daß er jedes ihm verhehlte Geheimniß als einen Hochverrath ſtraft. Nein, Königin, bin ich eine Ver⸗ brecherin, ſo ſollt Ihr nicht meine Mitſchuldige ſein. Ach, es iſt immer gefährlich, der Vertraute eines ſol⸗ chen Geheimniſſes zu ſein. Das ſeht Ihr an John Heywood. Er allein war mein Vertrauter, und er verrieth mich. Ich gab ihm ſelbſt die Waffen gegen mich in die Hände, und er kehrte ſie wider mich. Nein, nein, ſagte Katharina ſinnend, John Hey⸗ un iſt treu und zuverläſſig, und keines Verrathes ähig. Er hat mich verrathen! rief Eliſabeth heftig. Er wußte, er allein, daß ich liebe und daß mein Gelieb⸗ ter, obwohl von edler, doch nicht von fürſtlicher Ge⸗ burt iſt. Doch iſt er es geweſen, der den König, wie Ihr ſelber ſagt, bewogen hat, dieſen Paragraphen in die Succeſſtons⸗Acte hineinzubringen! Dann hat er ohne Zweifel Euch vor einem Irr⸗ thum Eures Herzens retten wollen! Nein, er hat die gefährliche Mitwiſſenſchaft dieſes Geheimniſſes gefürchtet und auf Koſten meines Her⸗ zens und meines Glückes hat er dieſe Gefahr von ſich abſchütteln wollen. Oh Katharina, Ihr aber, Ihr ſeid ein edles, ein großes und ſtarkes Weib, Ihr ſeid ſolcher kleinlichen Furcht, ſolcher niedrigen Berechnung nicht fähig, ſteht mir alſo bei, ſeid meine Retterin und Beſchützerin! Kraft jenes Schwurs, welchen wir vor⸗ her einander geleitat kraft jenes Handſchlags, den wir einander gegeben, rufe ich Euch an zu meiner Hülfe und zu meinem Beiſtand. Oh Katharina, gönnt mir dies ſtolze und beſeligende Glück, Den, welchen ich liebe, dereinſt vielleicht durch meinen Willen groß und mächtig machen zu dürfen, gönnt mir dieſe berau⸗ ſchende Freude, ſeinem Ehrgeiz mit meiner Hand zu⸗ gleich Macht und Glanz, vielleicht ſogar eine Krone „ bieten zu dürfen. Oh, Katharina, knieend beſchwöre ich Euch, ſteht mir bei, dieſes verhaßte Geſetz, welches mein Herz und meine Hand binden will, umzuſtoßen! Sdiiee hatte ſich in leidenſchaftlicher Erregung vor der Königin niedergeworfen und hob ihre Hände bit⸗ tend zu ihr auf. Katharina neigte ſich lächelnd zu ihr nieder und hob ſie in ihre Arme empor. Schwärmerin, ſagte ſie, arme junge Schwärmerin! Wer weiß, ob Ihr es mir eines Tages danken werdet, wenn ich mich Eurem Wunſche füge, und ob Ihr nicht einſt dieſe Stunde verwünſchen werdet, welche Euch vielleicht ſtatt des erhofften Glückes nur Enttäuſchung und Unglück gebracht hat! Und wenn dem ſelbſt ſo wäre! rief Eliſabeth ener⸗ giſch. Es iſt immer noch beſſer, ein ſelbſtgewähltes Unglück zu ertragen, als zu ſeinem Glück gezwungen zu werden. Sagt, Katharina, ſagt, wollt Ihr mir Euren Beiſtand verleihen? Wollt Ihr den König be⸗ wegen, dieſe verhaßte Clauſel zurückzunehmen? Wenn Ihr es nicht thut, Königin, ſo ſchwöre ich Euch beim Geiſt meiner Mutter, daß ich mich dem Geſetz nicht fügen werde, daß ich feierlich und vor aller Welt den drwachürn entſagen will, welche man mir bietet, daß ich— Ihr ſeid ein liebes, thörichtes Kind, unterbrach ſie Katharina, ein Kind, welches im jugendlichen Ueber⸗ muthe ſich vermeſſen möchte, Blitze des Himmels her⸗ nieder holen und vom Zeus den Donnerkeil borgen zu wollen. Oh, Ihr ſeid noch ſo jung und unerfahren, nicht zu wiſſen, daß das Schickſal unſeres Murrens und unſerer Seußzer nicht achtet, und trotz unſeres Sträubens und unſerer Weigerung, uns immer nur ſeine Wege, nicht die unſern führt. Ihr werdet das noch lernen müſſen, armes Kind! Aber ich will es nicht! rief Eliſabeth, mit dem ganzen Trotz eines Kindes auf den Boden ſtampfend. Ich will nicht ewig und immerdar das Opferlamm eines fremden Willens ſein, und das Schickſal ſelbſt ſoll mich nicht zu ſeiner Sclavin machen können! Nun, wir werden ja ſehen, ſagte Katharina lä⸗ chelnd. Wir wollen es wenigſtens dies Mal verſu⸗ chen, gegen das Schickſal zu kämpfen, und ich werde Euch beiſtehen, wenn ich es vermag. Und ich werde Euch dafür lieben, wie meine Mutter und meine Schweſter zugleich, rief Eliſabeth, indem ſie ſich mit Innigkeit in Katharina's Arme warf. Ja, ich werde Euch dafür lieben, und ich werde Gott bitten, daß er mir eines Tages Gelegenheit giebt, Euch meine Dankbarkeit zu beweiſen, und Euch Eure Großmuth und Güte zu lohnen! III. Intriguen. Seit einigen Tagen hatte das Fußleiden des Kö⸗ nigs ſich verſchlimmert, und zu ſeinem Zorn und Schmerz bannte es ihn als einen Gefangenen an ollſtuhl. Es war daher ſehr natürlich, daß der König finſter ur d mißmuthig war und die Blitze ſeines Zornes auf Alle diejenigen ſchlenderte, welche des traurigen Vor⸗ zugs genoſſen, in ſeiner Nähe zu ſein. Seine Schmer⸗ zen, ſtatt ſein Gemüth zu ſänftigen, ſchienen ſeine natürliche Wildheit nur noch zu ſteigern, und oft konnte man durch die Säle des Palaſtes von White⸗ hall das zornige Gebrüll des Königs und ſeine lauten, donnernden Scheltworte hören, welche jetzt Niemand mehr verſchonten und keines Ranges und keiner Würde mehr achteten. Graf Douglas, Gardiner und Wriothesly wußten dieſe zornige Stimmung des Königs ſehr wohl in ihrem Sinne auszubeuten, und dem ſchmerzbeängſteten König wenigſtens Eine Genugthuung zu verſchaffen, — die Genugthuung, auch Andere leiden zu machen. Niemals hatte man in England ſo viele Scheiter⸗ haufen geſehen, als in dieſen Tagen der Krankheit des Königs, niemals waren die Kerker ſo überfüllt ge⸗ weſen, niemals war ſo viel Blut gefloſſen, als wie es König Heinrich jetzt vergießen ließ*). Aber dieſes Alles genügte noch nicht, den Zorn und die Blutgier des Königs, ſeiner Freunde und Rathgeber und ſeiner Prieſter zu befriedigen. Es blieben noch zwei mächtige Stützen des Pro⸗ teſtantismus zurück, welche Gardiner und Wriothesly zu ſtürzen hatten, das war die Königin und der Erz⸗ biſchof Cranmer. Es waren noch zwei mächtige und gehaßte Feinde, welche die Seymours zu beſiegen hatten, das waren der Herzog von Norfolk und ſein Sohn, der Graf von Surrey. *) Während der Regierung des Königs, und auf Anſtiften ſeiner Prieſter wurden 2800 Perſonen verbrannt und hingerichtet, weil ſie nicht die vom König feſtgeſetzten Religionsſatzungen als di⸗ einzig richtigen und wahren anerkennen wollten. Leti, Vol. „ pag. 34. 3 ³ — 33— Aber die verſchiedenen Parteien, welche wechſels⸗ weiſe das Ohr des Königs belagerten und beherrſchten, waren im ſeltſamen und unerhörten Widerſpiel zu⸗ gleich in erbittertſter Feindſchaft gegen einander ent⸗ brannt und ſtrebten darnach, einander aus der Gunſt des Königs zu verdrängen. Der papiſtiſchen Partei Gardiner's und des Gra⸗ fen Douglas mußte Alles daran liegen, die Seymours aus der Gunſt des Königs zu verdrängen und dieſe wiederum wollten vor allen Dingen die ihnen geneigte junge Königin in ihrer Macht eerhalten und den Pa⸗ piſten eins ihrer mächtigſten Oberhäupter, den Herzog von Norfolk vernichten. Die eine Partei beherrſchte das Ohr des Königs durch die Königin, die andere durch ſeinen Günſtling, den Grafen Douglas. Niemals war der König ſeiner Gemahlin gnädiger und geneigter geweſen, niemals hatte er mehr der Gegenwart des Grafen Douglas bedurft, als in dieſen agen ſeiner Krankheit und ſeiner Körperſchmerzen. Aber es gab noch eine dritte Partei, welche in der Gunſt des Königs eine wichtige Stelle einnahm, eine Macht, welche Jedermann fürchtete, und die ſich ganz unabhängig und frei von allen fremden Einflüſſen zu halten ſchien. Dieſe Macht, das war John Heywood, der Narr des Königs, der von dem ganzen Hofe ge⸗ fürchtete Epigrammiſt. 3 Nur eine Perſon hatte Einfluß auf ihn. John Heywood war der Freund der Königin. Für den Augenblick alſo ſchien es, als ob die gketzeriſche Par⸗ tei“, als deren Oberhaupt man die Königin betrach⸗ tete, die mächtigſte am Hofe ſei. 3 Es war daher ſehr natürlich, daß die Papiſten Heinrich VIII. 3. 3 einen glühenden Haß gegen die Königin hegten, ſehr natürlich, daß ſie immer neue Pläne und Ränke derben und vom Throne zu ſchmiedeten, ſie zu ver ſtürzen. Aber Katharina kannte ſehr wohl die Gefahr, welche ſie bedrohte, und ſie war auf ihrer Hut. Sie bewachte jeden ihrer Blicke, jedes ihrer Worte, und Gardiner und Douglas konnten nicht argwöhniſcher jeden Tag und jede Stunde die Lebensweiſe der Kö⸗ nigin prüfen, als ſie ſelber es that. Sie ſah das Schwert, welches täglich über ihrem Haupte hing, und Dank ihrer Klugheit und Beſon⸗ nenheit, Dank der ſtets beſonnenen Wachſamkeit und Liſt ihres Freundes Heywood, hatte ſie immer noch das Herniederfallen dieſes Schwertes zu vermeiden gewußt. Seit jenem verhängnißvollen Spazierritt in dem Wald von Epping Forreſt hatte ſie Thomas Seymour nicht wieder allein geſprochen, denn Katharina wußte ſehr wohl, daß überall, wohin ſie auch ihre Schritte wandte, irgend ein Späherauge ihr folgen, irgend eines Lauſchers Ohr verborgen ſein könne, welches ihre noch ſo leiſe geflüſterten Worte hören und dort ſie wiederholen könne, wo man ſie ihr zu einem To⸗ desurtheil ausdeuten möchte. Sie hatte alſo dem Glück entſagt, ihren Geliebten anders, als vor Zeugen zu ſprechen, und ihn anders zu ſehen, als im Beiſein ihres ganzen Hofes. Was bedurſte es auch für ſie der geheimen Zu⸗ ſammenkünfte, was fragte ihr reines und unſchuld⸗ volles Herz darnach, daß ſie nicht allein mit ihm ſein dnurfte? Immer doch durfte ſie ihn ſehen und ſich Muth und Freude aus dem Anblick ſeines ſtolzen und ſchönen Angeſichts trinken, immer doch durfte er neben ihr ſein, und ſie kounte der Muſik ſeiner Stimme horchen, und ihr Herz berauſchen an ſeiner ſchönen, klangvollen und friſchen Rede. Katharina, die Frau von achtundzwanzig Jahren, hatte ſich die Schwärmerei und Unſchuld eines jungen vierzehnjährigen Mädchens bewahrt. Thomas Sey⸗ mour war ihre erſte Liebe, und ſie liebte ihn mit jener Keuſchheit und unſchuldvollen Gluth, wie ſie eben nur der erſten Liebe eigen iſt. Es genügte ihr daher, ihn zu ſehen, ihm nahe zu ſein, zu wiſſen, daß er ſie liebe, daß er ihr treu ſei, daß ihr alle ſeine Gedanken, ſeine Wünſche gehörten, wie ihm die ihren. Und das wußte ſie. Denn immer doch blieb ihr der ſüße Genuß ſeiner Briefe, dieſer leidenſchaftlichen ſchriftlichen Bekenntniſſe ſeiner Liebe, und wenn ſie es ihm auch nicht ſagen durfte, wie heiß und glühend ſie dieſe Liebe erwiedere, ſo durfte ſie es ihm doch ſchreiben. John Heywood, der treue und verſchwiegene Freund war es, welcher die Briefe ihr brachte, und ihre Ant⸗ worten zu ihm hin trug, für dieſe gefahrvollen Bot⸗ ſchaften als Lohn ſich bedingend, daß Beide ihn als alleinigen Mitwiſſer ihrer Liebe betrachten, daß Beide die Briefe verbrennen ſollten, welche er ihnen gebracht. Er hatte Katharina nicht hindern können vor dieſer unſeligen Leidenſchaft, aber er wollte ſie mindeſtens vor den tödtlichen Folgen derſelben bewahren. Da er wußte, daß ihre Liebe eines Vertrauten bedürfe, hatte er dieſe Rolle angenommen, damit Katharina, in ihrem leidenſchaftlichen Ungeſtim und in der Argloſigkeit ihres unſchuldvollen Herzens nicht Andere zu Mit⸗ wiſſern ihres gefährlichen Geheimniſſes mache. John Heywood alſo wachte über der Sicherheit 3* — 36— und dem Glück Katharina's, wie dieſe über Thomas Seymour und ihren Freunden wachte. Er beſchützte und behütete ſie beim König, wie ſie Cranmer behü⸗ tete, und vor den ſtets ſich erneuernden Angriffen ſeiner Feinde ihn beſchützte. Das war es, was ſie der Königin niemals ver⸗ zeihen konnten, daß ſie den edlen und freiſinnigen Erzbiſchof von Canterbury, daß ſie Cranmer ihren Schlingen entzogen hatte. Mehr als einmal war es Katharina gelungen, ihre ränkeſüchtigen Pläne zu zer⸗ ſtören und die Netze zu zerreißen, welche Gardiner und Graf Douglas mit ſo ſchlauer und geſchickter Hand für Cranmer aufgeſtellt. Wenn man alſo Cranmer ſtürzen wollte, mußte man erſt die Königin ſtürzen. Dazu gab es ein wirk⸗ ſames Mittel, ein Mittel, um zugleich die Königin und die verhaßten Seymours, welche den Papiſten im Wege ſtanden, zu vernichten. Wenn ſie dem Könige beweiſen konnten, daß Ka⸗ tharina ein ſtrafwürdiges Liebesverhältniß mit Thomas Seymour hege, dann waren ſie Beide verloren, dann war die Macht und die Herrſchaft der Papiſten ge⸗ ſichert. Aber woher die Beweiſe nehmen dieſes gefährlichen Geheimniſſes, welches der ſchlaue Graf Douglas nur in den Augen Katharina's geleſen, und für welches er gar keinen andern Anhaltspunkt, als nur ſeine Ueberzeugung hatte. Wie ſollte man es anfangen, die Königin zu irgend einem unüberlegten Schritt, einem ſprechenden Zeugniß ihrer Liebe zu bewegen? Der König langweilte ſich ſo ſehr. Es wäre ſo leicht geweſen, ihn zu irgend einer grauſamen That, einem ſchnellen Todesurtheil zu bereden. — 37— Aber es war nicht das Blut der Seymours, nach welchem der König dürſtete. Das wußte Graf Dou⸗ glas ſehr wohl. Er, welcher Tag und Nacht den König beobachtete, er, welcher jeden ſeiner Seufzer, jedes ſeiner leiſe gemurmelten Worte, jedes Zucken ſeines Mundes, jedes Runzeln ſeiner Stirn prüfte und ſondirte, er wußte wohl, welche finſtern und blu⸗ tigen Gedanken die Seele des Königs bewegten, und welches das Blut war, nach dem ihn dürſtete. Das Blut der Howards wollte der königliche Tiger trinken, und daß ſie noch lebten in Geſundheit und Fülle und Glanz, während er, ihr König und Herr, einſam und trübe auf ſeinem Lager ſich wälzte in Qual und Schmerzen, das war der Wurm, welcher an dem Herzen des Königs nagte, welcher ſeine Schmerzen noch ſchmerzvoller, ſeine Qualen noch bohrender machte. Der König war eiferſüchtig. Eiferſüchtig auf die Macht und Größe der Howards. Es erfüllte ihn mit finſterm Haß, zu denken, daß der Herzog von Norfolk, wenn er durch die Straßen Londons ritt, überall von den Zurufen und dem Jubel des Volkes empfangen ward, während er, der König, ein Gefangener in ſeinem Palaſt war. Es war für ihn ein nagender Schmerz zu wiſſen, daß man Henry Howard, den Grafen Surrey, als den ſchönſten, größten Mann Englands pries, daß man ihn den edelſten Dichter, den größten Gelehrten nannte, während er, der König, doch auch ſeine Gedichte gemacht und ſeine gelehrten Abhandlungen, ja ſogar ein eigenes frommes Buch geſchrieben, das er für ſein Volk hatte drucken und ihm befehlen laſſen, es ſtatt der Bibel zu leſen*). *) Burnet Vol. I, pag. 95. Die Howards waren es, welche ihm überall den Ruhm ſtreitig machten. Die Howards verdrängten ihn aus der Gunſt ſeines Volkes, und uſurpirten die Liebe und die Bewunderung, welche dem König allein gebührte, und welche man niemand Anderem, als ihm zuwenden durfte. Er lag auf ſeinem Schmerzens⸗ lager, und ſein Volk würde ihn ohne Zweifel vergeſſen haben, wenn er es durch ſeine Blutgerüſte, ſeine Scheiterhaufen und Schafeotte nicht täglich an ſich er⸗ innert hätte; er lag auf ſeinem Schmerzenslager, während der Herzog ſich ſtrahlend und prächtig dem Volke zeigte, und es zur Begeiſterung hinriß durch die verſchwenderiſche und königliche Großmuth, mit der er ſein Geld unter das Volk ausſtreuete. Ja, der Herzog von Norfolk war des Königs ge⸗ fährlicher Rival. Die Krone war nicht ſicher auf ſeinem Haupte, ſo lange die Howards lebten, und wer konnte ermeſſen, ob dereinſt, wenn Heinrich die Augen ſchlöſſe, nicht die jubelnde Liebe des Volkes den Herzog von Norfolk, oder deſſen edlen Sohn, den Grafen von Surrey, ſtatt des rechtmäßigen Erben, ſtatt des kleinen Knaben Eduard, Heinrichs einzigen Sohn, auf den Thron beriefe? Wenn der König das dachte, hatte er ein Gefühl, als ob ein Feuerſtrom zu ſeinem Gehirn emporwirbele, und er ballte die Hände krampfhaft in einander, und ſchrie und brüllte, daß er Rache üben wolle. Rache an dieſen verhaßten Howards, welche ſeinem Sohn die Krone entreißen wollten. Cduard, der kleine unmündige Knabe, er allein war der gottgeweihete rechtmäßige Erbe der Königs⸗ krone. Es hatte ſeinem Vater ein ſo großes Opfer gekoſtet, ſeinem Volke dieſen Sohn und Nachfolger zu geben. Um es zu thun, hatte er ſein eigenes, geliebtes — 39— Weib, hatte er Jane Seymour hingeopfert, hatte er die Mutter tödten laſſen, um den Sohn, den Erben ſeiner Krone zu erhalten. Und das Volk dankte dem König nicht einmal für dieſes Opfer, welches der Gemahl Jane Seymour's ihm gebracht. Das Volk jauchzte dem Herzog von Norfolk entgegen, dem Vater dieſer ehebrecheriſchen Königin, welche Heinrich ſo ſehr geliebt, daß ihre Uutrene ihn wie ein vergifteter Dolchſtoß getroffen hatte. Dies waren die Gedanken, welche den König auf ſeinem Schmerzenslager beſchäftigten, und in welche er ſich mit allem Eigenſinn und allem Ingrimm eines Kranken hinein wühlte. Vir werden ihm dieſe Howards opfern müſſen! ſagte Graf Douglas zu Gardiner, als ſie eben wieder einem Wuthausbruch ihres königlichen Herrn zugehört hatten. Wenn wir endlich dahin wollen gelangen können, die Königin zu verderben, ſo müſſen wir zu⸗ erſt die Howards vernichtet haben. Der fromme Erzbiſchof ſah ihn erſtaunt und fra⸗ gend an.. Graf Douglas lächelte. Ihr ſeid zu erhaben und zu edel, Eminenz, um die Dinge dieſer Welt immer begreifen zu können. Euer Blick, welcher nur Gott und den Himmel ſucht, ſieht nicht immer die kleinlichen und erbärmlichen Dinge, welche hier unten auf der Erde vorgehen. . Oh doch, ſagte Gardiner mit einem grauſamen Lächeln. Ich ſehe ſie, und es entzückt mein Auge, wenn ich ſehe, wie die Rache Gottes hier auf Erden die Feinde der Kirche ſtraft. Errichtet alſo immerhin einen Scheiterhaufen oder ein Schaffot für dieſe — 40— Howards, wenn ihr Tod uns ein Mittel für unſere frommen und gottſeligen Zwecke ſein kann. Mein Segen und mein Beiſtand ſind Euch gewiß! Nur begreife ich nicht ganz, weshalb die Howards unſern Plänen, welche gegen die Königin gerichtet ſind, im Wege ſtehen können, da ſie doch zu den Feinden der Königin zählen und ſich zu der alleinſeligmachenden Kirche bekennen. Der Graf von Surrey iſt ein Abtrünniger, wel⸗ cher den Lehren Calvins ſein Ohr und Herz geöffnet hat! 4 So möge ſein Haupt fallen, denn er iſt ein Ver⸗ brecher vor Gott, und Niemand darf Mitleid mit ihm haben! Und was iſt es, was wir dem Vater zur Laſt legen?. Der Herzog von Norfolk iſt noch gefährlicher faſt als ſein Sohn, denn obwohl ein Katholik, hat er den⸗ noch nicht den rechten Glauben, und ſeine Seele iſt voll unheiligen Mitleids und voll ſchädlicher Milde. Er beklagt Diejenigen, deren Blut vergoſſen wird, weil ſie der Irrlehre der Baalsprieſter ſich ergeben, und uns Beide nennt er Bluthunde des Königs! Nun denn, rief Gardiner mit einem unheimlichen, finſtern Lächeln, wir wollen ihm beweiſen, daß er uns mit dem rechten Namen genannt hat, wir wollen ihn zerreißen! Zudem, wie geſagt, ſtehen die Howards unſern Plänen in Bezug auf die Königin entgegen, ſagte Graf Douglas ernſt. Des Königs Gemüth iſt ſo ganz erfüllt von dieſem einen Haß und dieſer einen iferſucht, daß darin kein Raum iſt für ein anderes Gefühl, für einen anderen Haß. Es iſt wahr, er unterſchreibt oft genug dieſe Todesurtheile, welche wir ihm vorlegen, aber er thut es ſo, wie der Löwe ganz — 41— achtlos und ohne Zorn die Mäuschen zerquetſcht, welche ſich zufällig unter ſeiner Tatze befinden. Wenn aber der Löwe ſeinesgleichen zerreißen ſoll, ſo muß man ihn zuvor in Wuth gebracht haben. Wenn er dann wüthend iſt, muß man ihm ſeine Beute laſſen. Die Howards ſollen ſeine erſte Beute ſein. Aber dann müſſen wir uns beſtreben, daß wenn der Löwe wieder ſeine Mähnen ſchüttelt, ſein Zorn Katharina Parr und die Seymours treffe! Der Herr unſer Gott wird mit uns ſein, und uns erleuchten, daß wir die rechten Mittel finden, ſeine Peinde ſicher zu treffen! rief Gardiner mit frommem ändefalten. Ich glaube die rechten Mittel ſind ſchon gefunden, ſagte Graf Douglas lächelnd, und noch ehe dieſer Tag ſich zu Ende neigt, werden die Pforten des Towers ſich öffnen, um dieſen ſtolzen und weichherzigen Herzog von Norfolk und dieſen abtrünnigen Grafen Surrey hindurch zu laſſen. Vielleicht ſogar mag es uns ge⸗ lingen, auf einen einzigen Schlag zugleich die Königin mit den Howards zu treffen. Seht, da hält eine Equipage vor dem großen Portal, und ich ſehe die Herzogin von Norfolk und ihre Tochter, die Herzogin von Richmond, welche aus dem Wagen ſteigen. Seht nur, ſie winken zu uns herauf. Ich habe verſprochen, dieſe beiden edlen und frommen Damen zum König zu führen, und ich werde es thun. Während wir dort ſind, betet für uns, Eminenz, daß unſere Worte wie gut gezielte Pfeile das Herz des Königs treffen, und dann zurückprallen auf die Königin und die Seymours! IV. Die anklage. Vergeblich hatte der König gehofft, ſeiner Schmerzen Herr zu werden, oder ihrer wenigſtens zu vergeſſen, indem er zu ſchlafen verſuchte. Der Schlaf hatte das Lager des Königs geflohen, und wie er jetzt trübe und matt, ſchmerzgeplagt auf ſeinem Rollſtuhl ſaß, dachte er mit finſterm Groll daran, daß der Herzog von Norfolk ihm erſt geſtern erzählt, er habe den Schlaf in ſeiner Gewalt, und könne ihn herbei rufen, wenn es ihm gut dünke. 1 Dieſer Gedanke machte ihn raſend vor Zorn, und zähneknirſchend murmelte er: er kann ſchlafen, und ich, ſein Herr und König, ich bin ein armer Bettler, welcher zu Gott vergeblich um ein wenig Schlaf, ein wenig Vergeſſen ſeiner Schmerzen empor winſelt! Aber dieſer verrätheriſche Norfolk iſt es, welcher mich verhindert zu ſchlafen. Die Gedanken an ihn halten mich wach und ruhelos. Und ich kann dieſen Ver⸗ räther nicht mit dieſen meinen Händen zermalmen, ich bin ein König, und doch ſo machtlos und ſchwach, daß ich kein Mittel finden kann, dieſen Verbrecher an⸗ zuklagen, und ihn ſeiner ſündigen und gottesläſter⸗ lichen Thaten zu überführen. Oh, wo finde ich ihn, dieſen treuen Freund, dieſen ergebenen Diener, der es wagt, meine unausgeſprochenen Gedanken zu ver⸗ ſtehen, und die Wünſche zu erfüllen, denen ich keinen Namen geben darf?. Wie er das eben dachte, öffnete ſich hinter ihm die Thür und Graf Douglas trat ein. Sein Antlitz war ſtolz und triumphirend, und eine ſo wilde Freude — 43— leuchtete aus ſeinen Augen, daß ſelbſt der König davon überraſcht ward. Oh, ſagte er mißmuthig, Ihr nennt Euch meinen Freund und Ihr ſeid heiter, Douglas, während Ener Fönig ein armer Gefangener iſt, den die Gicht mit ehernen Banden an dieſen Stuhl feſſelt. Ihr werdet geneſen, mein König, und aus dieſer Gefangenſchaft werdet Ihr hervorgehen als der glän⸗ zende und leuchtende Sieger, welcher mit ſeiner gott⸗ begnadigten Erſcheinung alle ſeine Feinde in den Staub tritt, welcher trinmphirt über alle Die, welche wider ihn ſind und ihren König verrathen möchten! Es giebt alſo ſolche Verräther, welche ihren König bedrohen? fragte Heinrich mit finſterm Stirnrunzeln. Ja, es giebt ſolche Verräther! Nenne ſie mir! ſagte der König zitternd vor lei⸗ denſchaftlicher Ungeduld. Nenne ſie mir, damit mein Arm ſie zermalme und meine ſtrafende Gerechtigkeit die Häupter der Schuldigen ereile! Es iſt überflüſſig ſie zu nennen, denn Ihr, König Heinrich, der Weiſe und Allwiſſende, Ihr kennt ihre Namen. 5 Und indem ſich Graf Douglas dichter an das Ohr des Königs neigte, fuhr er fort: König Heinrich, ich habe wohl ein Recht, mich Euren treueſten und ergebenſten Diener zu nennen, denn ich habe in Euren Gedanken geleſen. Ich habe den edlen Schmerz ver⸗ ſtanden, welcher Euer Herz durchwühlte und den Schlaf von Euren Augen und den Frieden aus Eurer Seele verſcheuchte. Ihr ſaht den Feind, welcher im Dun⸗ keln ſchlich, Ihr hörtet das leiſe Ziſchen der Schlange, welche ihren Giftſtachel nach Eurer Ferſe züngelte. Aber Ihr wart ſo ſehr der edle und unerſchrockene — 14.— König, daß Ihr ſelber nicht zum Ankläger werden, ja den Fuß nicht einmal zurückziehen wolltet, welchen die Schlange bedrohte. Groß und erbarmend, wie Gott ſelber, lächeltet Ihr Dem, von welchem Ihr wußtet, daß er Euer Feind. Ich aber, mein König, ich habe andere Pflichten, ich bin wie der treue Hund, der nur Auge hat für die Sicherheit ſeines Herrn, und Jeden anfällt, der ſie zu bedrohen kommt. Ich habe die Schlange geſehen, welche Euch tödten möchte, und ich will und werde ihr das Haupt zertreten! Und wie heißt die Schlange, von welcher Ihr ſprecht? fragte der König, und ſein Herz klopfte ſo ſtürmiſch, daß er es auf ſeinen zitternden Lippen fühlte. Sie heißt, ſagte Graf Douglas ernſt und feierlich, ſie heißt Howard! Der König ſtieß einen Schrei aus, und richtete ſich, ſeiner Gicht und ſeiner Schmerzen ganz ver⸗ geſſend, von ſeinem Stuhl empor. Howard, ſagte er mit einem grauſamen Lächeln, Du ſagſt, daß ein Howard unſer Leben bedrohe? Welcher iſt es? Nenne mir den Verräther! Ich nenne ſie Beide, Vater und Sohn! Ich nenne den Herzog von Norfolk und den Grafen von Surrey! Ich ſage, daß ſie Beide Hochverräther ſind, welche das Leben und die Ehre meines Königs bedrohen und mit gottesläſterndem Uebermuth ihre Hände ſelbſt nach der Krone auszuſtrecken wagen! Ach, ich wußte es, ich wußte es! ſchrie der König. Und das war es, was meine Nächte ſchlaflos machte, und wie glühendes Eiſen meinen Leib zerfetzte! Und indem er ſeine wuthblitzenden Augen auf Douglas heftete, fragte er mit grimmigem Licheln: — 145— Du kannſt es beweiſen, daß dieſe Howards Verräther ſind? Du kannſt es beweiſen, daß ſie nach meiner Krone trachten? Ich hoffe es zu können, ſagte Douglas. Zwar ſind es keine großen, überführenden Thatſachen— Oh, unterbrach ihn der König mit wildem Lachen, es bedarf keiner großen Thatſachen. Gieb mir nur einen kleinen Faden in die Hand, und ich will daraus einen Strick machen, der ſtark genug ſein ſoll, den Vater und den Sohn zu gleicher Zeit an den Galgen empor zu ziehen. Oh, für den Sohn giebt es der Beweiſe genug, ſagte der Graf lächelnd, und was den Vater anbetrifft, ſo will ich Euer Majeſtät für ihn einige Ankläger ſtellen, die wohl gewichtig genug ſein werden, auch den Herzog auf das Blutgerüſt zu bringen. Erlaubt Ihr mir, daß ich ſie Euch ſogleich bringe? Ja, bringt ſie, bringt ſie! rief der König. Jede Minute iſt koſtbar, welche die Hochverräther früher ihrer Strafe entgegen führen kann. Graf Douglas ſchritt der Thür zu, welche er öff⸗ nete. Drei verſchleierte Frauengeſtalten traten ſchwei⸗ gend ein und verneigten ſich ehrfurchtsvoll. Ach, flüſterte der König mit einem grauſamen Lä⸗ cheln, indem er wieder in ſeinen Stuhl zurückſank, es ſind die drei Parzen, welche den Lebensfaden der Howards ſpinnen, und ihn hoffentlich jetzt abreißen wollen. Ich will ihnen die Scheere dazu reichen, und wenn ſie nicht ſcharf genug iſt, ſo will ich ihnen mit meinen eigenen königlichen Händen behülflich ſein, den Faden zu zerreißen. Sire, ſagte Graf Douglas, indem auf einen Wink von ihm die drei Frauen ſich entſchleierten, Sire, die 46= Gattin, die Tochter und die Geliebte ſind gekommen, den Herzog von Norfolk des Hochverraths anzuklagen, die Mutter und die Schweſter ſind da, um den Grafen von Surrey eines ebenſo todteswürdigen Verbrechens zu zeihen! Nun wahrlich, rief der König, es muß eine ſchwere und gottesläſternde Sünde ſein, welche das Gemüth der edlen Frauen ſogar erzürnt, und ſie die Stimme der Natur verleugnen läßt! Es iſt auch eine ſolche, ſagte die Herzogin von Norfolk in feierlichem Ton, und indem ſie ſich dem Könige um einige Schritte näherte, fuhr ſie fort: Sire, ich klage den Herzog, meinen geſchiedenen Ge⸗ mahl, des Hochverrathes und des Treubruches gegen ſeinen König an. Er hat es gewagt, Euer eigenes königliches Wappen ſich anzueignen, und auf ſeinem Siegel und ſeiner Equipage und über dem Portal ſeines Palaſtes prangt das Wappen der Könige von England. Es iſt wahr! ſagte der König, welcher jetzt, da er des Unterganges des Howards ganz gewiß war, ſeine Ruhe und Beſonnenheit wieder gefunden hatte, und ganz wieder die Miene eines ſtrengen, unparteiiſchen Richters annahm. Ja, er trägt das königliche Wappen in ſeinem Schild, aber wenn wir uns recht entſinnen, fehlt doch darin die Krone und der Namenszug unſres Ahnen Eduard des Dritten. Er hat jetzt dieſe Krone und dieſen Namenszug ſeinem Wappen hinzugefügt, ſagte Miß Holland. Er ſagt, er ſei berechtigt dazu, denn, gleich dem Könige, ſtamme auch er in gerader Linie von Eduard dem Dritten ab, und alſo gebühre auch ihm das königliche Wappen. Wenn er das ſagt, iſt er ein Hochverräther, wel⸗ cher ſich anmaßt, ſeinen König und Herrn Seines⸗ gleichen nennen zu wollen, rief der König, welcher erröthete vor grimmiger Freude, ſeinen Feind jetzt endlich in ſeiner Gewalt zu haben. Er iſt auch ein Hochverräther, ſuhr Miß Holland ſort. Oftmals hörte ich ihn ſagen, er habe daſſelbe Recht auf den Thron von England, als Heinrich der Achte, und ein Tag könne kommen, wo er mit dem Sohne Heinrichs um dieſe Krone ringen möchte. Ach! rief der König, und ſeine Augen ſchoſſen ſo zornige Blitze, daß ſelbſt Graf Douglas davor er⸗ ſchrak, ach, er will mit meinem Sohn um die Krone von England ringen! Nun iſt es gut; denn jetzt iſt es meine heilige Pflicht als König und als Vater, dieſe Schlange zu zertreten, welche mich in die Ferſe ſtechen will, und kein Mitleid und kein Erbarmen darf mich nun noch zurückhalten. Und gäbe es keine andern Beweiſe ſeiner Schuld und ſeines Verbrechens, als dieſe Worte, welche er zu Euch geſprochen, ſo ge⸗ nügen ſie und werden wider ihn aufſtehen als die Pinlerahschle, welche ihn auf das Blutgerüſt führen ollen. 3 Es giebt aber noch andere Beweiſe, ſagte Miß Holland lakoniſch. „Der König mußte ſein Wamms öffnen. Es war ihm, als ob die Freude ihn erſticken würde. Nennt ſie! befahl er. Er wagt es, die Suprematie des Königs zu leug⸗ nen, er nennt den Biſchof zu Rom das alleinige Ober⸗ haupt und den heiligen Vater der Kirche. Ach, das thut er? rief der König lachend. Nun, wir werden ja ſehen, ob dieſer heilige Vater dieſen gläubigen Sohn von dem Schaffot erretten wird, wel⸗ ches wir ihm aufrichten wollen. Ja, ja, wir müſſen — 48— der Welt ein neues Beiſpiel geben unſerer nie zu be⸗ ſtechenden Gerechtigkeit, welche Jeden ereilt, wie hoch und mächtig er auch ſein, wie nahe er auch unſerm Throne ſitgen möge. Wahrlich, wahrlich, es thut unſerm Herzen weh, dieſe Eiche zu fällen, welche wir unſerm Thron ſo nahe geſtellt, damit wir uns an dieſelbe anlehnen, und uns an ihr ſtützen könnten; aber die Gerechtigkeit erheiſcht dieſes Opfer, und wir werden es bringen, nicht mit Zorn und mit Groll, ſondern nur genügend der heiligen und ſchmerzlichen Pflicht unſres Königthums! Wir haben dieſen Herzog ſehr geliebt, und es thut weh, die Liebe aus dem Herzen auszureißen! Und der König trocknete mit ſeiner von Juwelen blitzenden Hand aus ſeinen Augen die Thräne, welche nicht darin war. 6 Aber wie? fragte der König dann nach einer Pauſe, werdet Ihr den Muth haben, Eure Anklage öffentlich vor dem Parlament zu wiederholen, werdet Ihr, ſeine Gattin, und Ihr, ſeine Geliebte, öffentlich mit einem heiligen Eide die Wahrheit Eurer Ausſage beſchwören wollen? Ich werde es thun, ſagte die Herzogin feierlich, denn er iſt nicht mehr mein Gatte, nicht mehr der Vater meiner Kinder, ſondern nur noch der Feind meines Königs und es iſt meine heiligſte Pflicht, die⸗ ſem zu dienen. Ich werde es thun, rief Miß Holland mit einem bezaubernden Lächeln, denn er iſt nicht mehr mein Geliebter, ſondern nur ein Hochverräther, ein Gottes⸗ leugner, welcher frech genug iſt, dieſen Mann in Rom, welcher es gewagt hat, ſeinen Fluch gegen das erhabene Haupt unſres Königs zu ſchleudern, als das heilige Oberhaupt der Chriſtenheit anzuerkennen. Das iſt es ja, was dem Herzog mein Herz entriſſen, und was gemacht hat, daß ich ihn jetzt ſo glühend haſſe, als ich ihn einſt geliebt habe. Der König reichte den beiden Frauen mit einem gnädigen Lächeln ſeine beiden Hände dar. Sie haben mir heute einen großen Dienſt erwieſen, Myladies, ſagte er, und ich werde es Euch zu lohnen wiſſen. Ich werde Euch, Frau Herzogin, die Hälfte ſeiner Güter geben, als ob Ihr ſeine rechtmäßige Erbin und ſeine berechtigte Wittwe wäret; ich werde Euch, Miß Holland, alle die Güter und Schätze in unbeſtrittenem Beſitze laſſen, welche der verliebte Herzog Euch ge⸗ geben hat. Die beiden Damen brachen in laute Dankesäuße⸗ rungen und in enthuſiaſtiſches Entzücken über den freigebigen und großmüthigen König aus, welcher ſo gnädig war, ihnen zu geben, was ſie ſchon hatten, und ihnen zu verleihen, was ſchon ihr Eigenthum war. Nun, und Ihr ſeid ganz ſtumm, meine kleine Her⸗ zogin? fragte der König nach einer Pauſe, ſich an die Herzogin von Richmond wendend, welche ſich in eine Fenſterniſche zurückgezogen hatte. Sire, ſagte die Herzogin lächelnd, ich wartete nur auf mein Stichwort. Und dieſes Stichwort heißt? Henry Howard, Graf von Surrey! Majeſtät, Ihr wißt es, ich bin ein luſtiges und harmloſes Weib, und ich verſtehe mich beſſer darauf, zu lachen und zu ſcherzen, als viel ernſthafte Worte zu machen. Dieſe beiden edlen und ſchönen Damen haben den Herzog, meinen Vater, angeklagt, und ſie haben es auf eine ſehr würdige und feierliche Weiſe gethan. Ich will meinen Bruder Henry Howard anklagen, aber Ihr Heinrich VIII. 3 4 — 50— müßt Nachſicht haben, wenn meine Worte minder feierlich und erhaben klingen. Sie haben Euch geſagt, Sire, daß der Herzog von Norfolk ein Hochverräther und ein Verbrecher iſt, welcher den Papſt zu Rom, und nicht Euch, mein erhabener König, das Ober⸗ haupt der Kirche nennt. Nun, der Graf von Surrey iſt weder ein Hochverräther, noch ein Papiſt, und er hat weder verbrecheriſche Anſchläge auf den Thron von England gemacht, noch hat er die Suprematie des Königs geleugnet. Nein, Sire, der Graf von Surrey iſt kein Hochverräther und kein Papiſt! Die Herzogin ſchwieg und blickte mit einem ſcha⸗ denfrohen und neckiſchen Lächeln in die erſtaunten Ge⸗ ſichter der Anweſenden. Der König hatte die Stirn in finſtere Falten ge⸗ legt, und ſeine Augen, welche eben noch ſo heiter ge⸗ blickt, richteten ſich jetzt mit einem zürnenden Ausdruck auf die junge Herzogin. Weshalb, Mylady, ſeid Ihr alsdann hier erſchie⸗ nen? fragte er. Weshalb ſeid Ihr hierher gekommen, wenn Ihr mir weiter nichts zu ſagen habt, als was ich ſchon weiß, daß der Graf von Surrey ein ſehr loyaler Unterthan und ein Mann ohne allen Ehrgeiz iſt, welcher weder um die Gunſt des Volkes buhlt, noch daran denkt, ſeine verrätheriſchen Hände nach meiner Krone auszuſtrecken? Die junge Herzogin wiegte lächelnd ihr Haupt. Ich weiß nicht, ob er das Alles thut, ſagte ſie. Ich habe wohl gehört, daß er mit bitterm Hohnlachen ſagte, Ihr, mein König, wolltet der Beſchützer der Religion ſein, und wäret doch ſelber ganz ohne Religion und ohne Glauben, auch brach er neulich in bittere Ver⸗ wünſchungen gegen Euch aus, weil Ihr ihn ſeines Feldherrnſtabes beraubt, und ihn dem Grafen Hert⸗ — 51— ford, dieſem edlen Seymour gegeben. Auch meinte er, er wolle ſehen, ob der Thron von England ſo feſt und unerſchütterlich ſei, daß es ſeiner Hand und ſei⸗ nes Arms nicht bedürfe, um ihn zu ſtützen. Das Alles freilich hörte ich von ihm, aber Ihr habt Recht, Sire, es iſt unwichtig, es verdient gar nicht der Er⸗ wähnung, und deshalb mache ich es auch nicht zu einer Anklage wider ihn. Ah, Ihr ſeid immer eine tolle kleine Hexe, Ara⸗ bella! rief der König, welcher ſeine Heiterkeit wieder gefunden hatte. Ihr ſagt, Ihr wollt ihn nicht an⸗ klagen, und macht doch aus ſeinem Kopfe ein Spiel⸗ werk, das Ihr auf Euren purpurrothen Lippen ba⸗ lanciren laßt. Aber habt Acht, meine kleine Herzogin, habt Acht, daß dieſer Kopf nicht mit Eurem Lachen von Euren Lippen geſtoßen wird und zur Erde her⸗ niederrollt, denn ich werde ihn nicht feſthalten, dieſen Kopf des Grafen von Surrey, von dem Ihr ſagt, daß er kein Hochverräther ſei. Aber iſt es nicht eintönig und langweilig, wenn wir Vater und Sohn deſſelben Verbrechens anklagen? fragte die Herzogin lachend. Laßt uns ein wenig Ab⸗ wechſelung haben! Laßt den Herzog einen Hochver⸗ räther ſein; der Sohn, mein König, iſt ein noch viel ſchlimmerer Verbrecher! 5 „Giebt es denn noch ein ſchlimmeres und fluchwür⸗ digeres Verbrechen, als ein Verräther zu ſein an ſei⸗ nem Herrn und König, und von dem Geſalbten des Herrn ohne Ehrfurcht und Liebe zu ſprechen? Ja, Majeſtät, es giebt noch ein ſchlimmeres Ver⸗ brechen, und deſſen klage ich den Grafen von Surrey an. Er iſt ein Ehebrecher! Ein Ehebrecher? wiederholte der König mit dem 4* — 52— Ausdruck des Abſcheues. Ja, Mylady, Ihr habt Recht, dies iſt ein fluchwürdiges und unnatürliches Ver⸗ brechen, und wir werden es ſtrenge richten. Denn es ſoll nicht geſagt werden, daß die Ehrbarkeit und Tu⸗ gend keinen Beſchützer fände an dem König dieſes Landes, und daß er nicht ein zermalmender und ſtra⸗ fender Richter allen Denen ſein wird, welche es wagen, gegen die Sitte und Moral zu fündigen. Oh, der Graf von Surrey iſt ein Ehebrecher? Das heißt, Sire, er wagt es, mit ſeiner ſündigen Liebe ein tugendhaftes und keuſches Weib zu verfolgen, er wagt es, ſeine laſterhaften Blicke zu einer Frau zu erheben, welche ſo hoch über ihm ſteht, wie die Sonne über den Menſchen, und welche mindeſtens durch die Größe und Hoheit ihres Gemahls vor allen unlau⸗ kern Begierden und lüſternen Wünſchen geſichert ſein ſollte. Ah, rief der König unwillig, ich ſehe ſchon, wo das hinaus will. Es iſt immer dieſelbe Anklage, und jetzt ſage ich, wie Ihr vorher, laßt uns ein wenig Abwechſelung haben! Die Anklage habe ich ſchon oft gehört, aber immer fehlten die Beweiſe. Sire, dies Mal mag es ſein, daß wir die Beweiſe geben können, ſagte die Herzogin ernſt. Wollt Ihr wiſſen, mein edler König, wer die Geraldine iſt, an welche Henry Howard ſeine Liebeslieder richtet? Soll ich Euch den wahren Namen dieſer Frau ſagen, wel⸗ cher er im Beiſein Eurer geheiligten Perſon und Eures ganzen Hofes ſeine leidenſchaftlichen Liebesbe⸗ theuerungen und ſeine Schwüre ewiger Treue ſagt? Nun wohl, dieſe ſo angebetete, ſo vergötterte Geraldine — iſt die Königin! 4 Das iſt nicht wahr! rief der König, purpurroth vor Zorn, und ſeine Hände ballten ſich ſo feſt um die Armlehnen ſeines Rollſtuhls, daß dieſer krachte. Das iſt nicht wahr, Mylady! Es iſt wahr! ſagte die Herzogin ſtolz und keck. Es iſt wahr, Sire, denn der Graf von Surrey hat es mir ſelber geſtanden, daß es die Königin iſt, welche er liebt, und daß die Geraldina nur eine melodiſche Um⸗ ſchreibung der Katharina iſt. Er hat es Euch ſelber geſtanden? fragte der König mit keuchendem Athem. Ah, er wist es, die Ge⸗ mauin ſeines Königs zu lieben? Wehe über ihn, wehe! Er hob die geballte Fauſt drohend zum Himmel empor, und ſeine Augen ſchoſſen Blitze. Aber wie? ſagte er nach einer Pauſe, hat er uns nicht jüngſt ein Ge⸗ dicht an Geraldine vorgeleſen, in welchem er ihr dankt für ihre Liebe, und ſich für ihre ihm geſchenkten Küſſe zu ihrem ewigen Schuldner bekennt? Er hat Euch ein ſolches Gedicht an Geraldine vor⸗ geleſen, Majeſtät! Der König ſtieß einen leiſen Schrei aus und rich⸗ tete ſich in ſeinem Seſſel empor. Beweiſe, ſagte er mit unheimlicher, heiſerer Stimme, Beweiſe, oder ich bße Euch, Euer eigenes Haupt ſoll mir dieſe Anklage üßen! Dieſe Beweiſe, Majeſtät, werde ich Euch geben! ſagte Graf Douglas feierlich. Es beliebt Eurer Ma⸗ jeſtät, in der Fülle Eurer Milde und Eures Erbar⸗ mens an der Anklage der edlen Herzogin zweifeln zu wollen. Nun wohl, ich werde Euch den untrüglichen Beweis liefern, daß Henry Howard, Graf von Sur⸗ rey, wirklich die Königin liebt, und daß er es wirklich wagt, die Gemahlin des Königs als ſeine Geraldine zu lobpreiſen und anzubeten. Ihr ſollt mit Euren — eigenen Ohren hören, Sire, wie Graf Surrey der Königin ſeine Liebe ſchwört. Der Schrei, welchen der König jetzt ausſtieß, war ſo fürchterlich und zeugte von ſo viel innerer Qual und Wuth, daß er den Grafen verſtummen und die Wangen der Damen erbleichen machte.— Douglas, Douglas, hüte Dich, den Löwen zu rei⸗ zen! ſagte der König keuchend. Der Löwe könnte Dich ſelber zerreißen! In dieſer Nacht noch werde ich Euch den Beweis geben, welchen Ihr fordert, Sire, in dieſer Nacht noch ſollt Ihr hören, wie Graf Surrey, zu den Füßen ſei⸗ ner Geraldine ſitzend, ihr ſeine Liebe ſchwört. Es iſt gut! ſagte der König. In dieſer Nacht alſo! Wehe Dir, Donglas, wenn Du Dein Wort nicht löſen kannſt! Ich werde es, Majeſtät! Nur bedarf es dazu, daß Ihr die Gnade habt, mir zu ſchwören, daß Ihr mit keinem Seufzer, und keinem Athemzug Euch ver⸗ rathen wollt. Der Graf iſt argwöhniſch, und die Augſt des böſen Gewiſſens hat ſein Ohr geſchärft. Er würde an Eurem Seufzer Euch erkennen, und ſeine Lippen würden dieſe Worte und Bekenntniſſe nicht ſprechen, welche Ihr zu hören verlangt. Ich ſchwöre Euch, daß ich mit keinem Seufzer und keinem Athemzug meine Nähe verrathen will! ſagte der König feierlich. Ich ſchwöre Euch das bei der heiligen Mutter Gottes! Aber jetzt laßt es genug ſein! Luft, Luft, ich erſticke! Es ſchwindelt vor meinen Augen! Oeffnet die Fenſter, damit ein wenig Luft einſtröme! Ah, ſo iſt es gut! Dieſe Luft iſt wenig⸗ ſtens rein, und nicht verpeſtet von der Sünde und der Verleumdung! — 55— Und der König ließ ſich von Graf Douglas an das geöffnete Fenſter rollen, und athmete in langen Zügen dieſe reine friſche Luft ein; dann wandte er ſich mit einem anmuthigen Lächeln den Damen zu. Myladies, ſagte er, ich danke Ihnen! Sie haben Sich mir heute als treue und ergebene Freundinnen bewieſen! Ich werde mich deſſen ſtets erinnern, und bitte Sie, wenn Sie jemals eines Freundes und Be⸗ ſchützers bedürfen, ſich vertrauensvoll an mich zu wenden. Wir werden niemals vergeſſen, welch einen großen Dienſt Sie uns heute geleiſtet haben. Er nickte ihnen freundlich zu, indem er zugleich mit einem majeſtätiſchen Winken ſeiner Hand ſie ver⸗ abſchiedete und die Audienz beendigte.— Und jetzt, Douglas, rief der König ungeſtüm, al die Damen ſich entfernt hatten, jetzt ſoll es genug ſein an dieſer furchtbaren Marter!l Oh, Ihr ſagt, ich ſolle die Hochverräther, dieſe Surreys, ſtrafen, und Ihr legt mir ſelber die fürchterlichſten Folter⸗ qualen auf! Sire, es gab kein anderes Mittel, Euch dieſen Surrey zu überliefern. Ihr wünſchtet, daß er ein Verbrecher ſei, und ich werde Euch beweiſen, daß er es i iſt. Oh, ich werde alſo endlich ſein verhaßtes Haupt unter meine Füße treten können! ſagte der König zähnekuirſchend. Ich werde nicht mehr zu zittern ha⸗ ben vor dieſem heimtückiſchen Feinde, welcher unter meinem Volke mit ſeiner gleißneriſchen Zunge umher geht, während ich ſchmerzgeplagt in dem Kerker mei⸗ nes Krankenzimmers ſitze. Ja, ja, ich danke Euch, Douglas, daß Ihr ihn meinem Rächerarm überliefern wollt, und meine Seele iſt voll Freude und Heiter⸗ keit darüber. Ah, warum mußtet Ihr mir dieſe — 5e— ſchöne und erhabene Stunde trüben, warum war es nöthig, daß Ihr die Königin in dieſes traurige Ge⸗ webe der Schuld und des Verbrechens mit hinein webt? Ihr heiteres Lächeln und ihre ſtrahlenden Blicke ſind meinen Augen immer ein ſo lieber Genuß geweſen.„, eee Sire, ich ſage ja nicht, daß die Königin ſchuldig ſei. Nur gab es kein anderes Mittel, Euch die Schuld des Grafen Surrey zu beweiſen, als daß Ihr ſelber das Geſtändniß ſeiner Liebe zur Königin hörtet. Und ich will es hören! rief der König, welcher jetzt ſchon dieſe empfindſame Regung ſeines Herzens überwunden hatte. Ja, ich will die volle Ueberzeu⸗ gung von Surrey's Schuld haben, und wehe der Kö⸗ nigin, wenn ich auch ſie ſchuldig finden ſollte! Dieſe Nacht alſo, Graf! Aber bis dahin Schweigen und Geheimniß! Wir wollen Vater und Sohn in der⸗ ſelben Stunde ergreifen und verhaften laſſen, denn die Verhaftung des Einen möchte ſonſt leicht dem Andern zur Warnung dienen, und er könnte unſerm gerechten Zorn entfliehen. Ah, ſie ſind ſo ſchlau, dieſe Howards, und ihr Herz iſt ſo voll Liſt und Tücke! Aber jetzt ſollen ſie uns nicht mehr entgehen, jetzt ſind ſie unſer! Wie es mir wohl thut, das zu denken, und wie friſch und leicht mein Herz hüpft! Es iſt, als ob ein neuer Lebensſtrom durch meine Adern brauſte und neue Kraft durch mein Blut ſich ergöſſe. Oh, es waren dieſe Howards, welche mich krank ge⸗ macht! Ich werde wieder geſunden, wenn ich ſie im Tower weiß. Ja, ja, mein Herz hüpft vor Freude, und dies ſoll heute ein glücklicher und geſegneter Tag ſein. Ruft mir die Königin her, daß ich mich noch einmal an ihrem roſigen Antlitz erfreue, bevor ich es erbleichen mache vor Entſetzen. Ja, die Königin ſoll kommen und ſie ſoll ſich ſchmücken; ich will ſie noch — 57 einmal im vollen Glanz ihrer Jugend und ihres Kö⸗ nigthums ſehen, bevor ihr Stern verdunkelt. Ich will mich noch einmal mit ihr freuen, bevor ich ſie weinen mache. Ach, weißt Du, Douglas, daß es kein pikan⸗ teres, kein teufliſcheres und himmliſcheres Vergnügen giebt, als eine ſolche Perſon zu ſehen, die noch lächelt und arglos iſt, während ſie ſchon verurtheilt iſt; die ſich noch das Haupt mit Roſen ſchmückt, während der Henker ſchon das Beil ſchärft, welches dies Haupt fällen ſoll; die noch auf eine Zukunft und auf Freude und Glück hofft, während die Uhr ihres Lebens ſchon abgelaufen iſt, während ich ihr ſchon geboten habe, ſtille zu ſtehen, und hernieder zu ſteigen in das Grab. Rufet mir alſo die Königin, und ſagt ihr, daß wir fröhlich ſind und mit ihr ſcherzen und lachen wollen! Nuft alle Damen und Herren unſeres Hofes, und laßt die Königsſäle öffnen und widerſtrahlen im Glanz der Lichter und laßt uns Muſik haben, laute ſchmet⸗ ternde Muſik, denn wir wollen uns heute mindeſtens einen luſtigen Tag machen, da es denn ſcheint, als ob wir eine trübe und unglückliche Nacht haben werden. Ja, ja, einen luſtigen Tag wollen wir haben, und nachher komme, was kommen mag. Die Säle ſollen widerhallen von Lachen und Freudigkeit, und nichts als Jauchzen und Luſt ſoll man hören in der großen Kö⸗ nigshalle. Und ladet mir auch den Herzog von Nor⸗ folk ein, meinen edlen Vetter, der mein königliches Wappen mit mir theilt. Ja, ladet ihn ein, damit ich mich noch einmal an ſeiner ſtolzen und impoſanten Schönheit und Erhabenheit erfreue, bevor dieſe hehre Sonne erliſcht und uns in Nacht und Finſterniß zurück läßt. Dann ladet mir auch Wriothesly, den Großkanzler ein, und laßt ihn einige tapfere und brave Soldaten unſerer Leibgarde mitbringen. Sie ſollen des edlen Herzogs Gefolge ſein, wenn er unſer — 58— Feſt verläßt und heimwärts gehen will; heimwärts, wenn auch nicht in ſeinen Palaſt, doch in den Tower und in das Grab. Geht, geht, Douglas, und beſorgt mir das Alles! Und ſendet mir gleich meinen luſti⸗ gen Narren John Heywood her. Er ſoll mir die Zeit verkürzen, bis das Feſt beginnt, er ſoll mit mir lachen und fröhlich ſein. 3 Ich werde gehen und Eure Befehle erfüllen, Sire, ſagte Graf Douglas. Ich werde das Feſt anordnen, und Eure Befehle der Königin und Eurem Hofe mit⸗ theilen. Und zu allererſt werde ich Euch John Hey⸗ wood ſenden. Aber verzeiht, Majeſtät, wenn ich es wage, Euch zu erinnern, daß Ihr mir Euer königliches Wort gegeben, unſer Geheimniß mit keiner Sylbe und keinem Seufßzer ſelbſt zu verrathen. Ich gab mein Wort und ich werde es erfüllen! ſagte der König. Geht jetzt, Graf Douglas, und thut, was ich Euch geheißen habe! Ganz erſchöpft von dieſem Paroxismus ſeiner grau⸗ ſamen Freude ſank der König in ſeinen Seſſel zurück und rieb ſich ächzend und ſtöhnend das Bein, deſſen ſtechende Schmerzen er einen Moment vergeſſen hatte, welche ihn aber jetzt mit um ſo grauſamerer Wuth an ihre Gegenwart gemahnten. Ach, ach, ächzte der König. Er rühmte ſich, ſchla⸗ fen zu können, wann es ihm beliebe. Nun, dies Mal werden wir es ſein, welche den ſtolzen Herzog in den Schlaf lullen. Aber es wird ein Schlaf ſein, aus welchem er nicht wieder erwachen ſoll!— Während der König ſo klagte und litt, durcheilte Graf Douglas mit raſchem, feſtem Schritt die Reihe der königlichen Gemächer. Ein ſtolzes, triumphirendes Lächeln umſpielte ſeine Lippen, und ein freudiger Sie⸗ gesausdruck blitzte aus ſeinen Augen. — 59— Triumph, Triumph, wir werden ſiegen! ſagte er, als er jetzt in das Zimmer ſeiner Tochter trat und Lady Jane ſeine Hand darreichte. Jane, wir ſtehen endlich am Ziel, und bald wirſt Du König Heinrichs ſiebente Königin ſein! Lady Jane's bleiche farbloſe Wangen überflog einen Moment ein roſiger Schimmer, und ein Lächeln um⸗ ſpielte ihre Lippen, ein Lächeln, welches indeß trauri⸗ ger war, als es lautes Schluchzen hätte ſein können. Ach, ſagte ſie leiſe, ich fürchte nur, daß mein armer Kopf zu ſchwach ſein wird, um eine Königskrone zu tragen! Muth, Muth, Jane, richte Dein Haupt empor und ſei wieder eine ſtarke, ſtolze Tochter!. „Ich leide nur ſo ſehr, mein Vater, ſeufzte ſie. Es iſt die Hölle, welche in mir brennt! Aber bald, Jane, bald ſollſt Du wieder die Wonne des Himmels empfinden! Ich hatte Dir verboten, Henry Howard ein Rendezvous zu geben, weil es uns Gefahr bringen konnte. Nun denn, jetzt ſoll Deinem Vrilſchen Herzen Genüge werden! Heute Nacht ſollſt u Deinen Geliebten wieder umarmen können! Oh, murmelte ſie, er wird mich wieder ſeine Ge⸗ raldine nennen, und nicht ich, ſondern die Königin wird es ſein, welche er in meinen Armen küßt! Ja, heute noch wird es ſo ſein, Jane, aber ich ſchwöre Dir, daß es heute das letzte Mal iſt, daß Du ihn ſo empfangen mußt! Das letzte Mal, daß ich ihn ſehe? fragte Jane mit dem Ausdruck des Entſetzens. Nein, Jane, nur das letzte Mal, daß Henry Hanurd in Dir die Königin, und nicht Dich ſelber iebt 4 O, er wird mich niemals lieben! murmelte ſie traurig. Er wird Dich lieben, denn Du wirſt es ſein, welche ihm das Leben rettet! Eile alſo, Jane, eile! Schreibe ſchnell an ihn eins dieſer zärtlichen Brief⸗ chen, welche Du ſo meiſterhaft dichteſt, lade ihn ein zu einem Rendezvons auf heute Nacht um die ge⸗ wohnte Zeit und Stunde. O, ich werde ihn endlich wieder haben! flüſterte Lady Jane, und ſie trat zum Schreibtiſch und begann mit zitternder Hand zu ſchreiben. Plötzlich aber hielt ſie inne und blickte ihren Vater ſcharf und argwöhniſch an. Ihr ſchwört mir, mein Vater, daß ihn keine Ge⸗ fahr bedroht, wenn er kommt? Ich ſchwöre Dir, Jane, daß Du es ſein ſollſt, welche ihm das Leben rettet! Ich ſchwöre Dir, Jane, daß Du Rache nehmen ſollſt an der Königin, Rache für all die Qual, die Demüthigung und Verzweiflung, welche Du durch ſie erduldet haſt. Heute noch iſt ſie Königin von England! Morgen wird ſie nichts weiter ſein, als eine Verbrecherin, welche der Stunde ihrer Hinrichtung in den Gefängniſſen des Towers ent⸗ gegenſeufzt, und Du wirſt Heinrichs ſiebente Köni⸗ gin ſein! Schreibe alſo, meine Tochter, ſchreibe! Und möge die Liebe Dir die rechten Worte dictiren! V. Das Todtenfeſt. Seit langer Zeit hatte man den König nicht ſo heiter geſehen, als an dem heutigen Feſtesabend, ſeit langer Zeit war er nicht ſo ganz nur der zärtliche Gemahl, der harmloſe Geſellſchafter, der heitere Lebe⸗ mann geweſen. Die Schmerzen ſeines Beines ſchienen verſchwun⸗ den zu ſein, and ſelbſt die Schwere ſeines Körpers ſchien ihn heute weniger als ſonſt zu beläſtigen, denn öfter als einmal richtete er ſich von ſeinem Rollſtuhl empor und wandelte einige Schritte durch den glän⸗ zend erleuchteten Saal, in welchem die Damen und Herren ſeines Hofes in feſtlicher Toilette auf⸗ und webexidogten, in welchem Muſik und luſtiges Lachen ertönte. Wie zärtlich er ſich heute gegen ſeine Gemahlin bezeigte, mit welcher außerordentlichen Gunſt er dem Herzog von Norfolk begegnete, mit welcher lächelnden Aufmerkſamkeit er dem Grafen von Surrey zuhörte, als dieſer, auf des Königs Wunſch einige nene Son⸗ nette an Geraldine vortrug!. Dieſe auffallende Bevorzugung der edlen Howards entzückte die katholiſche Partei des Hofes, und erfüllte ſie mit neuen Hoffnungen und neuer Zuverſicht. Aber Einer war da, welcher ſich von dieſer Maske nicht täuſchen ließ, die König Heinrich heute über ſein zorniges Geſicht gelegt.. John Heywood glaubte weder an die Heiterkeit, noch an die Zärtlichkeit des Königs. Er kannte den — 662— König, er wußte, daß Diejenigen, welchen er am freundlichſten war, oft am meiſten von ihm zu fürch⸗ ten hatten. Er beobachtete ihn daher und er ſah unter der Maske dieſer Freundlichkeit des Königs wahres zorniges Angeſicht zuweilen mit einem haſtigen, ſchnellen Blick hervorleuchten. Die rauſchende Muſik und die tobende Freude täuſchten John Heywood nicht mehr! Er ſah den Tod, welcher hinter dieſem glänzenden Leben ſtand, er roch den Verweſungsdunſt, welcher ſich unter dem Duft dieſer ſchimmernden Blumen barg.. John Heywood lachte nicht mehr und plauderte nicht mehr. Er beobachtete. Zum erſten Male ſeit langer Zeit bedurfte der König heute nicht des anregenden Scherzes und des ſtachelnden Witzes ſeines Narren, um heiter und guter Laune zu werden. 3 Der Narr hatte alſo Zeit und Muße, ein ver⸗ nünftiger und beobachtender Menſch zu ſein, und er benutzte ſeine Zeit. 3 Er ſah die Blicke des Einverſtändniſſes und der triumphirenden Sicherheit, welche Graf Douglas mit Gardiner wechſelte, und es machte ihn mißtrauiſch, zu gewahren, daß dieſe ſonſt ſo eiferſüchtigen Günſt⸗ linge des Königs gar nicht beunruhigt ſchienen von der auffallenden Gunſt, deren ſich heute Abend die Howards erfreuten! Einmal hörte er, wie Gardiner Wriothesly im Vorbeigehen fragte:„Und die Soldaten des Towers?“ und wie dieſer eben ſo lakoniſch erwiederte:„Sie ſtehen neben der Kutſche und warten.“ Es war alſo ganz klar, daß man noch heute Je⸗ mand verhaften wollte. Es befand ſich alſo unter den lachenden, geputzten und ſchäkernden Gäſten dieſes Feſtes Einer, welcher heute noch, wenn er dieſe Glanz und Luſt ſtrahlenden Säle verließ, die dunklen und traurigen Kammern des Towers erblicken ſollte. Nur fragt es ſich, wer dieſer Eine war, für den das glänzende Luſtſpiel dieſes Abends ſich zu einem ſo trüben Drama verwandeln ſollte? John Heywood fühlte ſein Herz von einer uner⸗ klärlichen Bangigkeit zuſammengeſchnürt, und dieſe auffallende Zärtlichkeit des Königs gegen ſeine Ge⸗ mahlin erſchreckte und entſetzte ihn. So wie er Katharina jetzt anlächelte, ſo wie er jetzt ihre Wange ſtreichelte, ſo hatte er Anna Boulen gelächelt, in derſelben Stunde, in welcher der König den Befehl zu ihrer Verhaftung unterzeichnete; ſo hatte er die Wange Buckingham's geſtreichelt, an dem⸗ ſelben Tage, an welchem der König ſein Todesurtheil beſtätigte. Es grauete dem Narren vor dieſem glänzenden Feſt, vor der rauſchenden Muſik und der tollen Fröhlichkeit des Königs. Es grauete ihm vor den lachenden Geſichtern und den leichtſinnigen Scherzen, die von allen dieſen fröhlichen Lippen ſprudelten. Mein Gott, ſie lachten, und der Tod war mitten unter ihnen; ſie lachten, und die Pforten des Towers waren ſchon geöffnet, um einen dieſer fröhlichen Gäſte des Königs einzulaſſen in dieſes Haus, welches man in jenen Tagen Heinrichs des Achten nur wieder ver⸗ luß⸗ um das Schaffot oder den Scheiterhaufen zu be⸗ eigen! Wer war der Verurtheilte? Wen erwarteten die Soldgten des Towers unten an der Kutſche? John — 64— Hehhdad zerquälte ſein Gehirn vergeblich mit dieſer rage. Nirgends zeigte ſich eine Spur, welche ihn auf den rechten Weg hätte führen können, nirgends ein Faden, der ihn durch das Labyrinth dieſer Schreck⸗ niſſe geleiten konnte! Wenn man den Teufel fürchtet, thut man gut, ſich unter ſeinen nächſten Schutz zu ſtellen, murmelte John Heywood, und er ſchlich traurigen und ver⸗ zagten Herzens hinter den Thronſeſſel des Königs und kauerte ſich neben demſelben am Boden nieder. John Heywood hatte eine ſo kleine winzige Geſtalt, und der Thronſeſſel des Königs war ſo groß und breit, daß er den kleinen zuſammengekauerten Narren ganz und gar verbarg. Niemand hatte darauf geachtet, daß John Hey⸗ wood dort hinter dem König verborgen war, Niemand ſah ſeine großen, ſcharfen Augen, welche hinter dem Throne hervorlugten und den ganzen Saal über⸗ ſchauten und überwachten. John Heywood konnte Alles ſehen, Alles hören, was in der Nähe des Königs vorging, er konnte Jeden beobachten, welcher der Königin ſich näherte. Er ſah auch Lady Jane, welche neben dem Seſſel der Königin ſtand. Er ſah, wie der Graf Douglas ſich ſeiner Tochter näherte, und wie ſie tödtlich er⸗ blaßte, als er auf ſie zuſchritt. John Heywood hielt ſeinen Athem an und lauſchte. Graf Douglas ſtand neben ſeiner Tochter und nickte ihr mit einem eigenthümlichen Lächeln zu. Geh jetzt, Jane, ſagte er, geh und wechſele Deine Kleider. Es iſt Neu. Sieh nur, wie ungeduldig und ſehn⸗ ſuchtsvoll Henry Howard ſchon herüberſchaut, und — 65— mit welchen ſchmachtenden und verliebten Blicken er der Königin zu winken ſcheint. Geh alſo, Jane, und gedenke Deines Verſprechens. Und werdet auch Ihr, mein Vater, Eures Ver⸗ ſprechens gedenken? fragte Lady Jane mit zitternden Lippen. Wird keine Gefahr ihn bedrohen?. Ich werde es, Jane! aber jetzt eile Dich, mein Tochter, und ſei klug und geſchickt. Lady Jane verneigte ſich und murmelte einige un⸗ verſtändliche Worte. Dann näherte ſie ſich der Kö⸗ nigin und bat um die Erlaubniß, das Feſt zu ver⸗ ſabe weil ein heftiges Unwohlſein ſie plötzlich be⸗ allen. Lady Jane'’s Antlitz war ſo bleich und todesmatt, daß die Königin wohl an das Unwohlſein ihrer erſten Kammerdame glauben konnte, und ihr geſtattete, ſich zurückzuziehen. Lady Jane verließ den Saal, die Königin ſetzte ihr Geſpräch mit Lord Hertford, der neben ihr ſtand, weiter fort. 4 Es war ein ſehr lebhaftes, ſehr eifriges Geſpräch, und die Königin achtete daher nicht auf das, was um ſie her geſchah, und ſie hörte nichts von dem Geſpräch zwiſchen dem König und Graf Douglas. John Heywood, welcher noch immer hinter dem Thronſeſſel des Königs kauerte, beachtete Alles, und hörte jedes Wort dieſes leiſe geflüſterten Geſprächs. Sire, ſagte Graf Douglas, es iſt ſpät und die Mitternachtsſtunde naht heran. Wolle es Ew. Ma⸗ jeſtät gefallen, das Feſt zu ſchließen. Denn Ihr wißt wohl, daß wir um Mitternacht drüben in dem grünen Gartenſaal ſein müſſen, und es iſt ein weiter Weg bis dahin. Heinrich VIII. 3. 5 — 66— Ja, ja, um Mitternacht! murmelte der König, um Mitternacht iſt der Carneval zu Ende, und wir wer⸗ den die Masken herunterreißen und den Verbrechern unſer zürnendes Antlitz zeigen! Um Mitternacht müſſen wir drüben im grünen Saal ſein. Ja, Dou⸗ glas, wir müſſen uns eilen, denn es wäre grauſam, den zärtlichen Surrey noch länger warten zu laſſen. Wir wollen ſeiner Geraldine alſo die Freiheit geben, das Feſt zu verlaſſen, und wir ſelber müſſen unſern Weg antreten. Ach, Douglas, es iſt ein ſchwerer Weg, den wir zu wandeln haben, und die Eumeniden und Rachegötter werden uns dazu die Fackeln tragen. An's Werk denn, an's Werk! Der König erhob ſich von ſeinem Seſſel und trat zur Königin, der er mit einem zärtlichen Lächeln ſeine Hand darreichte. Mylady, es iſt ſpät, ſagte er, und wir, der wir der König ſo vieler Unterthanen ſind, wir ſind doch auch wieder der Unterthan eines Königs: das iſt der Arzt, und wir müſſen ihm gehorchen. Er hat be⸗ fohlen, daß ich vor Mitternacht das Lager ſuchen ſoll, und ich gehorche, wie ein loyaler Unterthan es thun muß. Wir wünſchen Euch alſo eine gute Nacht, Kathi, und mögten Eure ſchönen Augen morgen auch ſo ſternengleich glänzen, wie ſie es heute thun. Sie werden morgen glänzen, wie heute, wenn mein Herr und Gemahl mir morgen noch ſo gnädig iſt, wie heute, ſagte Katharina ganz arglos und un⸗ befangen, indem ſie dem Könige ihre Hand darreichte. Heinrich warf auf ſie einen mißtrauiſchen, for⸗ ſchenden Blick, und ein eigenthümlicher, ſchadenfroher Ausdruck zeigte ſich in ſeinen Mienen. Glaubt Ihr denn, Kathi, daß wir Euch jemals ungnädig ſein könnten? fragte er. Ich denke daran, ſagte ſie lächelnd, daß auch die Sonne nicht immer ſcheint, und daß ihrem Glanze immer eine dunkle Nacht folgt. Der König antwortete nicht. Er ſah ihr ſtarr in’s Geſicht, und ſeine Züge nahmen plötzlich einen milderen Ausdruck an. Vielleicht hatte er Mitleid mit ſeinem jungen Weibe, vielleicht empfand er Erbarmen mit ihrer Jugend und ihrem zauberhaften Lächeln, welches ſo oft ſein Herz erquickt und erfriſcht hatte. Graf Douglas mindeſtens fürchtete es. Sire, ſagte er, es iſt ſpät. Die Mitternachts⸗ ſtunde naht heran. laſſen, und es ſoll mir lieb ſein, wenn meine Gäſte das ſchöne Feſt noch bis zum Morgen ausdehnen wollen. Bleibt Alle hier! Niemand begleitet mich als Douglas. 3 Und Dein Bruder, der Narr! ſagte John Hey⸗ wood, welcher lange ſchon aus ſeinem Verſteck her⸗ vorgekommen war und jetzt neben dem König ſtand. Ja, komm Bruder Heinrich, laß uns dieſes Feſt ver⸗ laſſen! Es ziemt ſich nicht für Weiſe unſerer Art, dem Feſte der Thoren noch länger unſere Gegenwart zu gönnen. Komm auf Dein Lager, König, und ich will Dein Ohr einſchläfern mit den Sprüchen meiner Weisheit, und Deine Seele erquicken mit dem Manna meiner Gelehrſamkeit. Während John Heywood ſo ſprach, war es ihm nicht entgangen, daß die Züge des Grafen ſich plötz⸗ 5* — 68— lich verfinſterten und ſeine Stirn ſich in düſtere Falten egte. Spare Dir für heute Deine Weisheit, John, ſagte der König, denn Du würdeſt ſie doch nur tauben Ohren predigen. Ich bin müde, und es verlangt mich nicht nach Deiner Gelehrſamkeit, ſondern nach dem Schlaf. Gute Nacht, John! Der König verließ den Saal, auf den Arm des Grafen Douglas geſtützt. Graf Douglas will nicht, daß ich den König be⸗ gleite, flüſterte John Heywood. Er fürchtet, daß der König mir ein wenig ausplaudere von dieſem Teu⸗ felsſpuk, den ſie um Mitternacht beginnen wollen. Nun, ich nenne den Teufel ſo gut meinen Bruder, als den König, und mit ſeiner Hülfe werde ich auch um Mitternacht im grünen Saale ſein. Ah, die Kö⸗ nigin bricht auf, und dorr verläßt der Herzog von Norfolk den Saal. Es verlangt mich ein wenig, zu ſehen, ob der Herzog glücklich und ungefährdet von dannen geht, oder ob die Soldaten, welche neben der Kutſche ſtehen, wie Wriothesly ſagte, vielleicht für heute Nacht die Leibgarde des Herzogs ſein werden. Mit der Schnelligkeit einer Katze aus dem Saale ſchlüpfend, gelangte John Heywood noch vor dem Herzog in die Vorzimmer und eilte hinaus, bis zu dem äußerſten Portal, vor welchem die Wagen auf⸗ gereiht ſtanden. John Heywood lehnte ſich an eine Säule und wartete.— Wenige Minuten und die hohe und ſtolze Geſtalt des Herzogs erſchien in der Vorhalle, und der vorübereilende Laufer rief den Wagen des Herzogs. Der Wagen rollte vor, der Schlag ward geöffnet. Zwei Männer, in ſchwarze Mäntel gehüllt, ſaßen — 69— neben dem Kutſcher, zwei andere ſtanden hinten auf dem Bediententritt, während ein fünfter neben dem geöffneten Wagenſchlag ſich befand. Der Herzog gewahrte ihn erſt, als ſein Fuß ſchon den Tritt des Wagens berührte. 3 Das iſt nicht meine Equipage, das ſind nicht meine Leute! ſagte er, und er verſuchte zurückzutreten. Aber der vermeintliche Bediente drängte ihn ungeſtüm hinein in den Wagen und ſchlug die Thür zu. Vorwärts! befahl er. Der Wagen vpollte fort. Einen Augenblick ſah John Heywood noch das bleiche Geſicht des Herzogs an dem geöffneten Wagenfenſter erſcheinen, und es ſchien ihm, als ob er hülferufend ſeine Arme ausſtreckte,— dann war der Wagen in der Nacht verſchwunden. Armer Herzog! murmelte John Heywood. Die Pforten des Towers ſind ſchwer, und Dein Arm wird nicht ſtark genng ſein, ſie wieder zu öffnen, wenn ſie ſich einmal hinter Dir geſchloſſen haben. Aber es nützt nichts, jetzt noch an ihn zu denken. Die Köni⸗ gin iſt auch in Gefahr. Fort alſo zur Königin! Miit geflügeltem Fuß eilte John Heywood zurück in das Schloß. Ueber Gänge und Corridore ſchlüpfte er eilig dahin.. Jetzt ſtand er auf dem Corridor, der zu den Ge⸗ mächern der Königin führte. Ich werde heute Nacht ihre Wache bilden, mur⸗ melte John Heywood, indem er ſich in einer der in dem Corridor befindlichen Niſchen verbarg. Der Narr wird mit ſeinen Gebeten den Ten⸗ felsſpuk von der Thür ſeiner Heiligen fern hal⸗ ten und ſie beſchützen vor den Fallſtricken, welche — 70— der fromme Biſchof Gardiner und der ſchlaue Höfling Douglas um ihre Füße legen wollen. Meine Köni⸗ gin ſoll nicht fallen und zu Grunde gehen! Noch lebt der Narr, um ſie zu ſchützen! VI. Die Rönigin. Von der Niſche aus, in welche John Heywood ſich verſteckt hatte, konnte er den ganzen Corridor und alle die Thüren, welche auf denſelben ausmündeten, überſchauen, Alles ſehen, Alles hören, ohne ſelbſt ge⸗ ſehen zu werden, denn der hervorſpringende Pfeiler der Mauer beſchattete ihn vollkommen. John Heywood alſo ſtand und horchte. In dem Corridor war Alles ſtill. Von fernher vernahm man dann und wann den gedämpften Schall der Muſik, und das verworrene Geränſch vielfacher Stimmen drang aus den Feſtſälen an das Ohr des Lauſchers herüber. Das war das Einzige, was John Heywood ver⸗ nahm, ſonſt war Alles ſtill. Aber dieſe Stille dauerte nicht lange. Der Cor⸗ Tder erhellte ſich, raſch herannahende Fußtritte er⸗ tönten. Es waren die goldbetreßten Lakaien, welche die großen ſilbernen Armleuchter trugen und der Königin vorleuchteten, die im Gefolge ihrer Damen den Corri⸗ dor durchſchritt. 7 = 21— Sie ſah wunderſchön aus! Der Glanz der ihr vorgetragenen Kerzen beleuchtete ihr Antlitz, welches in Heiterkeit ſtrahlte. Wie ſie an dem Pfeiler vor⸗ überging, hinter welchem John Heywood ſtand, ſprach ſie in unbefangener Fröhlichkeit mit ihrer zwei⸗ ten Ehrendame, und ein heiteres und friſches Lachen tönte von ihren Lippen, welches die beiden Reihen ihrer blendend weißen Zähne ſehen ließ. Ihre Augen glühten, ihre Wangen waren von einem öſtlichen Roth überhaucht, wie Sterne ſo hell funkelten die Brillanten des Diadems, das ihre hohe Stirn be⸗ kränzte, wie flüſſiges Gold ſtrahlte ihr goldbrokatenes Kleid, deſſen lange mit ſchwarzem Hermelin verbrämte Schleppe zwei liebliche Pagen ihr nachtrugen. An der Pforte ihres Schlafzimmers angelangt, ent⸗ ließ die Königin ihre Pagen und Lakaien, und nur die Ehrendame durfte mit ihr die Schwelle ihres Ge⸗ maches überſchreiten. Die Pagen ſchlüpften in harmloſem Geplauder den Corridor und die Treppe hinunter, dann kamen die Lakaien, welche die Armleuchter getragen. Auch ſie verließen den Corridor. Jetzt war wieder Alles ſtill. John Heywood ſtand noch immer und lauſchte, feſt entſchloſſen, die Königin noch dieſe Nacht zu ſprechen, und müßte er ſie ſelber aus dem Schlaf wecken. Nur wollte er noch warten, bis auch die Ehrendame die Zimmer der Königin ver⸗ laſſen habe. Jetzt öffnete ſich die Thür und die Ehrendame trat heraus. Sie ging über den Corridor nach jener Seite hin, wo ſich ihre eigenen Gemächer befanden. John Heywood hörte ſie die Thür öffnen und dann von innen den Riegel vorſchieben. — 22— Nun, nur noch eine kurze Zeit, und ich werde zur Königin gehen, murmelte John Heywood. Eben wollte er ſeinen Schlupfwinkel verlaſſen, als er ein Geräuſch vernahm, als ob eine Thür langſam und vorſichtig geöffnet werde. John Heywood kauerte ſich dicht hinter den Pfeiler zurück und hielt den Athem an, um zu lauſchen. Ein heller Lichtſchein fiel über den Corridor, ein Gewand rauſchte näher und näher. John Heywood ſchaute erſtaunt und entſetzt auf die Geſtalt hin, welche eben an ihm vorüberrauſchte, ohne ihn zu ſehen. Dieſe Geſtalt, es war Lady Jane Douglas. Lady Jane, welche das Feſt wegen ihres Unwohl⸗ ſeins verlaſſen, um ſich zur Ruhe zu begeben. Jetzt, da Alle ruhten, wachte ſie, da Alle die Feſtgewänder ablegten, hatte ſie ſich damit geſchmückt. Gleich der Königin trug ſie ein goldbrokatenes, mit Hermelin verbrämtes Kleid, und gleich ihr ſchmückte ein Diadem von Brillanten Lady Jane's Stirn. Jetzt ſtand ſie vor der Thür der Königin und lauſchte. Dann flog es wie ein wildes Hohnlachen über ihr todtenbleiches Angeſicht, und ihre dunkeln Augen blitzten höher auf. Sie ſchläft, murmelte ſie. Schlafe nur, Königin, ſchlafe, bis wir kommen werden, Dich zu wecken! Schlafe, damit ich für Dich wachen kann! Sie hob den Arm drohend gegen die Thür und ſchüttelte wild ihr Haupt. Ihre angen, ſchwarzen Locken umringelten und umtanzten ihre finſtere Stirn, wie die Schlangen der Erinnyen; und bleich und farblos, und dämoniſch ſchön, wie ſie war, glich ſie — ganz und gar der Rachegöttin, welche in hohnlachen⸗ dem Triumph ſich anſchickt, ihr Opfer unter ihre Füße zu treten. Mitt einem leiſen Lachen ſchlüpfte ſie jetzt den Cor⸗ ridor hinunter, aber nicht zu jener Treppe dort, ſon⸗ dern weiter hinab, bis zu dem Ende, wo an der Wand das lebensgroße Bild Heinrich des Sechsten hing. Sie drückte an der Feder, das Bild flog auf, und durch die hinter demſelben verborgene Thür verließ Lady Jane den Corridor. Sie geht in den grünen Saal zum Rendezvous mit Henry Howard! flüſterte John Heywood, welcher jetzt hinter dem Pfeiler hervortrat. Oh, jetzt begreife ich Alles, jetzt iſt mir dieſe ganze teufliſche Intrigue klar. Lady Jane iſt die Geliebte des Grafen Surrey, und man will den König glauben machen, daß es die Königin ſei. Ohne Zweifel iſt dieſer Surrey mit im Complott, und vielleicht wird er Jane Donglas mit dem Namen der Königin nennen. Man wird ſie den König nur einen Moment ſehen laſſen. Sie trägt ein goldbrokatenes Kleid und ein brillantenes Diadem wie die Königin, und damit hoffen ſie Heinrich zu täu⸗ ſchen! Sie hat ganz die Geſtalt der Königin, und Jedermann kennt dieſe erſtaunenswürdige Aehnlichkeit und Gleichheit der Stimme Lady Jane's mit der der Königin! Oh, oh, es iſt ein ziemlich ſchlauer Plan! Aber er ſoll Euch doch nicht gelingen und Ihr ſollt doch nicht den Sieg davon tragen. Geduld, nur Ge⸗ duld! Auch wir werden im grünen Saale ſein, und der königlichen Doppelgängerin werden wir die echte Königin gegenüber ſtellen! Haſtigen Schrittes verließ auch John Heywood den Corridor, welcher jetzt einſam war und ſtill, denn die Königin hatte ſich zur Ruhe begeben. —, Ja, die Königin ſchlief, und dennoch hatte man dort drüben im grünen Saal Alles zu ihrem Empfang vorbereitet. Es ſollte ein ſehr glänzender und außerordentlicher Empfang ſein, denn der König hatte ſich in eigener Perſon nach jenem Flügel des Schloſſes begeben, und der Ober⸗Ceremonienmeiſter, Graf Douglas, hatte ihn begleitet. Dem König war dieſe Wanderung, die er zu Fuß hatte machen müſſen, ſehr beſchwerlich geweſen, und dieſe Beſchwerde hatte ihn nur noch ingrimmiger und gereizter gemacht, und die letzte Spur von Erbarmen für ſeine Königin war aus des Königs Bruſt geſchwun⸗ den; denn um Katharina's willen hatte er dieſen weiten Weg bis zum grünen Saal gehen müſſen, und mit einer grimmigen Freude dachte Heinrich nur daran, wie furchtbar ſeine Strafe für Heury Howard und auch für Katharina ſein ſolle. Jetzt, da Graf Douglas ihn hierher geführt, zwei⸗ felte der König gar nicht mehr an der Schuld der Königin. Es war keine Anklage mehr, es war ein Beweis. Denn nimmermehr würde Graf Douglas es gewagt haben, ihn, ſeinen König hierher zu führen, wenn er nicht gewiß war, daß er die untrüglichen Beweiſe ihm hier geben würde. Der König alſo zweifelte nicht mehr; Henry Ho⸗ ward war endlich in ſeiner Gewalt und konnte ihm nicht mehr entrinnen. Er war alſo endlich gewiß, dieſe beiden gehaßten Feinde auf das Blutgerüſt brin⸗ gen zu können und ſeinen Schlaf nicht mehr beun⸗ ruhigt zu fühlen durch den Gedanken an ſeine beiden mächtigen Rivalen. Der Herzog von Norfolk hatte ſchon die Pforten —— des Towers überſchritten, und bald mußte ſein Sohn ihm dahin folgen. Bei dieſem Gedanken empfand der König ein ſo wildes, blutgieriges Entzücken, daß er darüber ganz vergaß, wie dieſes ſelbe Schwert, welches Henry Howard's Haupt treffen ſollte, auch auf ſeine Königin gezückt war. Sie ſtanden jetzt im grünen Saal, und der König lehnte ſich keuchend und ächzend auf den Arm des Grafen. Der große weite Saal mit ſeinen alterthümlichen Meublen und ſeiner verblichenen Herrlichkeit, ward in der Mitte nur trübe und ſpärlich von den beiden Wachskerzen des Armleuchters erhellt, den Graf Douglas mitgebracht, während er ſich weiterhin in tiefes Dunkel hüllte, und durch dieſes Dunkel dem Auge in unbegrenzter Länge ſich auszudehnen ſchien. Dort drüben durch jene Thüre kommt die Königin, ſagte Douglas, und er erſchrak ſelbſt vor dem lauten Klang ſeiner Stimme, welche in der großen, öden Halle eine ſchauerliche Fülle bekam. Und dies da iſt der Eingang Henry Howards. Oh, er kennt dieſen Weg ſehr genau, denn er hat ihn oft genug ſchon in ſchwarzer Nacht zurückgelegt, und ſein Fuß ſtrauchelt über keinen Stein des Anſtoßes mehr! 3 Er wird aber vielleicht auf dem Blutgerüſt ſtrau⸗ cheln! murmelte der König mit einem grauſamen Lachen. Jetzt erlaube ich mir nur noch eine Frage, ſagte Douglas, und der König ahnte nicht, wie ſtürmüſch des Grafen Herz bei dieſer Frage klopfte. Genügt es Ew. Majeſtät, den Grafen und die Königin beide zum Rendezvous erſcheinen zu ſehen? Oder verlangt Ihr — 476— auch ein wenig von den zärtlichen Betheuerungen des Grafen mit anzuhören? Nicht ein wenig, ſondern Alles will ich hören! ſagte der König. Ach, laſſen wir doch den Grafen ſein Schwanenlied ſingen, bevor er hinab taucht in das Meer von Blut! Dann, ſagte Graf Douglas, dann müſſen wir dieſes Licht auslöſchen, und Ew. Majeſtät muß ſich genügen laſſen, die Schuldigen nur zu hören, nicht auch zu ſehen! Wir werden uns alsdann in das Boudoir hier begeben, das ich zu dieſem Zweck ge⸗ öffnet habe und in welchem ſich ein Lehnſtuhl für Ew. Majeſtät befindet. Wir werden dieſen Stuhl neben der geöffneten Thür hinſtellen, und alsdann wird Ew. Majeſtät jedes Wort ihres zärtlichen Geflüſters ver⸗ nehmen können.. Aber wie werden wir zuletzt zu dem Anblick des holden Liebespaares gelangen und ihnen die drama⸗ tiſche Ueberraſchung unſerer Gegenwart verſchaffen können, wenn wir dieſes einzige Licht hier auslöſchen? Sire, ſobald der Graf Surrey eingetreten iſt, wer⸗ den zwanzig Mann von der königlichen Leibwache jenes Vorzimmer, welches der Graf paſſiren muß, be⸗ ſetzen, und es bedarf nur eines Rufes von Euch, um ſie mit ihren Fackeln in den Saal treten zu laſſen. Auch habe ich Sorge getragen, daß vor der geheimen Hinterpforte des Palaſtes zwei Kutſchen bereit ſtehen, deren Führer die Straße, welche zum Tower führt, ſehr genau kennen! Zwei Kutſchen! ſagte der König lachend. Ach, ach, Douglas, wie grauſam wir ſind! Das zärtliche Liebespaar auf dieſer Fahrt zu trennen, welche doch ihre letzte ſein wird! Nun, vielleicht können wir ſie dafür entſchädigen und dieſen Turteltauben geſtatten, 7 — 77— den letzten Weg, den Weg zum Scheiterhaufen ge⸗ meinſam zurückzulegen. Nein, nein, wir wollen ſie im Tode nicht trennen! Sie ſollen zuſammmen ihr Haupt auf das Schaffot legen dürfen! Der König lachte ganz vergnügt über ſeinen Scherz, während er, auf des Grafen Arm gelehnt, nach dem kleinen Boudoir dort drüben ging und auf dem, neben der Thür aufgeſtellten Armſeſſel Platz nahm. Jetzt müſſen wir das Licht auslöſchen, und es möge Ew. Majeſtät gefallen, ſchweigend der Dinge zu harren, welche da kommen werden. „Der Graf löſchte das Licht aus, und eine tiefe Finſterniß, eine grabesähnliche Stille trat jetzt ein. Aber dies dauerte nicht lange. Ganz deutlich ver⸗ nahm man jetzt das Geräuſch von Schritten, ſie kamen näher und näher,— jetzt hörte man eine Thür ſich öffnen und wieder ſchließen, und es war, als ob Je⸗ mand leis auf den Zehen im Saale dahin ſchliche. Henry Howard! flüſterte Douglas. Der König vermochte kaum, den Schrei wilder Schadenfreude zurückzuhalten, der ſich auf ſeine Lippen drängte. Der verhaßte Feind war alſo in ſeiner Gewalt, er war des Verbrechens überführt, er war rettungslos verloren. Geraldine! flüſterte eine Stimme, Geraldine! Und als habe ſein leiſer Ruf ſchon genügt, die Geliebte herbeizuziehen, öffnete ſich hier, ganz in der Nähe des Boudoirs die geheime Thür; man hörte ganz deutlich das Rauſchen eines Gewandes und den Schall von Fußtritten. Geraldine! wiederholte Graf Surrey. — 78— Hier bin ich, mein Henry! Mit einem Ausruf des Entzückens ſtürzte das Weib vorwärts, dem Schall der geliebten Stimme nach. Die Königin! murmelte Heinrich, und wider ſeinen Willen fühlte er ſein Herz von einem bittern Weh erfaßt. Er ſah mit ſeinem innern Auge, wie ſie ſich um⸗ ſchlungen hielten, er hörte ihre Küſſe und das leiſe Geflüſter ihrer zärtlichen Betheuerungen, und alle Qualen der Eiferſucht und des Zornes erfüllten ſeine Seele. Aber der König gewann es doch über ſich zu ſchweigen, und ſeine Wuth in ſich hinein zu freſſen. Er wollte Alles hören, Alles wiſſen! Er faltete ſeine Hände krampfhaft in einander, und preßte die Lippen feſt zuſammen, um ſeinen keu⸗ chenden Athem zurückzuhalten. Er wollte hören. Wie glücklich ſie Beide waren! Henry hatte ganz vergeſſen, daß er gekommen, um ihr Vorwürfe zu machen über ihr langes Schweigen, ſie dachte nicht daran, daß dies das letzte Mal ſein ſollte, wo ſie den Geliebten ſehen konnte. Sie waren bei einander, und dieſe Stunde gehörte ihnen. Was kümmerte ſie die ganze Welt, was frag⸗ ten ſ darnach, ob nachher ſie Unheil und Verderben edrohe.. Sie ſaßen nebeneinander auf dem Divan, der anz in der Nähe des Bondoirs ſich befand. Sie üherten und lachten, und Henry Howard küßte die Thränen fort, welche das Glück der Gegenwart ſeine Geraldine vergießen machte. Er ſchwur ihr ewige, nie ändernde Liebe. Sie trank in ſeligem Schweigen die Muſik ſeiner Worte, — 60— und dann erwiederte ſie mit jauchzender Luſt ſeine Lie⸗ besſchwüre. Der König war kaum noch im Stande, ſeine Wuth zurückzuhalten. Das Herz des Grafen Douglas hüpfte vor Ge⸗ nugthuung und Zufriedenheit. Ein Glück, daß Jane Auneh Anweſenheit nicht ahnt, dachte er, ſie würde ſonſt zurückhaltender und weniger glühend geweſen ſein, und das Ohr des Königs würde weniger Gift geſogen haben. Lady Jane dachte gar nicht an ihren Vater, ſie erinnerte ſich kaum noch, daß dieſe Nacht noch ihre gehaßte Rivalin, die Königin, vernichtet würde. Henry Howard hatte ſie nur ſeine Geraldine ge⸗ nannt. Jane vergaß es ganz, daß nicht ſie es war, welcher ihr Geliebter dieſen Namen gegeben. Aber er ſelber erinnerte ſie endlich daran. Weißt Du, Geraldine, ſagte Graf Surrey, und ſeine Stimme, welche bis dahin ſo heiter und friſch geweſen, war jetzt trübe, weißt Du, Geraldine, daß ich an Dir gezweifelt habe? Oh, dies waren furcht⸗ bare, entſetzensvolle Stunden, und in der Qual meines Herzens faßte ich endlich den Entſchluß, zum König zu gehen, und mich ſelber dieſer Liebe anzuklagen, welche mein Herz verzehrte. Oh, fürchte nichts! Ich hätte Dich nicht angeklagt, ich würde dieſe Liebe ſelbſt verleugnet haben, welche Du mir ſo oft und mit ſo entzückungsvoller Wahrheit geſchworen! Ich würde es gethan haben, um zu ſehen, ob meine Geraldine endlich den Muth und die Kraft gewinnen könne, ihre Liebe offen und frei zu bekennen, ob ihr Herz dieſe eiſernen Bande zu ſprengen vermöchte, welche die trüglichen Geſetze der Welt um daſſelbe gelegt, ob — 80— ſie ſich zu ihrem Geliebten bekennen würde, wenn er für ſie in den Tod gehen wollte. Ja, Geraldine, ich wollte es thun, um endlich zu wiſſen, welches Gefühl in Dir ſtärker iſt, die Liebe oder der Stolz, und ob Du alsdann noch die Maske der Gleichgültigkeit Dir bewahren könnteſt, wenn der Tod über dem Haupt Deines Geliebten ſchwebte. Oh Geraldine, ich würde es ſchöner finden, mit Dir vereint zu ſterben, als dieſes Leben des Zwanges und der verhaßten Etiquette noch länger ertragen zu müſſen! Nein, nein, ſagte ſie erbebend, wir wollen nicht ſterben! Mein Gott, das Leben iſt ja ſo ſchön, wenn Du an meiner Seite biſt, und wer weiß, ob uns nicht noch eine beglückende und ſelige Zukunft er⸗ wartet! Oh, wenn wir ſtürben, wären wir dieſer ſeligen Zukunft gewiß, meine Geraldine! Dort droben giebt es für uns keine Trennung und kein Entſagen mehr, dort droben biſt Du mein, und die bluttriefende Ge⸗ ſtalt Deines Gemahls ſteht nicht mehr zwiſchen uns! Sie ſoll es auch hier auf Erden nicht mehr, flü⸗ ſterte Geraldine. Komm, mein Geliebter, laß uns fliehen, weit weithin, wo man uns nicht kennt, wo wir all dieſen verhaßten Glanz von uns werfen kön⸗ nen, um nur uns und unſerer Liebe zu leben! Sie ſchlang ihre Arme um den Geliebten, und in der Extaſe ihrer Liebe hatte ſie ganz vergeſſen, daß ſie ja nimmer daran denken durfte, mit ihm zu fliehen, daß er nur ihr gehörte, ſo lange er ſie nicht ſah. Eine unerklärliche Angſt bewältigte ihr Herz, und über dieſer Angſt vergaß ſie Alles, ſelöſt die Königin, und die Rache, die ſie ſich gelobt. — 81— Sie erinnerte ſich jetzt der Worte ihres Vaters, und ſie zitterte für das Haupt ihres Geliebten. Wenn ihr Vater ihr nun nicht die Wahrheit ge⸗ ſagt, wenn er nun doch, um die Königin zu verderben, Henry Howard geopfert hätte. Wenn ſie nicht im Stande wäre, ihn zu retten, und er durch ihre Schuld dem Blutgerüſt verfallen wäre! Aber dieſe Stunde gehörte ihr noch, und ſie wollte ſie benutzen. Sie klammerte ſich feſt an ſeine Brnſt, ſie zog ihn mit unwiderſtehlicher Gewalt an ihr Herz, welches jetzt nicht mehr zitterte vor Liebe, ſondern vor namen⸗ loſer Angſt.. Laß uns fliehen! Laß uns fliehen! wiederholte ſie athemlos. Sieh, dieſe Stunde iſt noch unſer, laß ſie uns benutzen, denn wer weiß, ob die nächſte uns noch gehören wird! Nein, ſie wird Euch nicht mehr gehören, ſchrie der König, indem er wie ein gereizter Löwe von ſeinem Seſſel emporſprang. Eure Stunden ſind gezählt, und die nächſte ſchon gehört dem Henker! Ein gellender Schrei tönte von Geraldine's Lippen. Dann hörte man einen dumpfen Fall. Sie iſt ohnmächtig geworden, murmelte Graf Douglas. 3 Geraldine, Geraldine, meine Geliebtel rief Henry Howard. Mein Gott, mein Gott, ſie ſtirbt, Ihr habt ſie getödtet! Wehe über Euch! Wehe über Dich ſelber! ſagte der König feierlich. Herbei mit Licht, herbei Ihr Leute! Die Thür des Vorſaals öffnete ſich, und vier Soldaten mit Fackeln in den Händen erſchienen in derſelben. 15 Heinrich VIII. 3Z3Z. 68 — 22— Zündet die Lichter an und beſetzt die Thür! ſagte der König, deſſen geblendete Augen noch nicht dieſen hellen Lichtglanz zu ertragen vermochten, der den Saal jetzt plötzlich durchſtrömte. Die Soldaten gehorchten ſeinem Befehl. Eine Pauſe trat ein. Der König hatte die Hand vor die Augen gelegt und rang nach Athem und Faſſung. Als er endlich die Hand herabgleiten ließ, hatten ſeine Züge einen vollkommen ruhigen, faſt heitern Ausdruck angenommen. Mit einem raſchen Blick überflog er den Saal. Er ſah die Königin in ihrem goldflimmernden Ge⸗ wande, er ſah, wie ſie am Boden lag, lang hinge⸗ ſtreckt, das Antlitz der Erde zugekehrt, bewegungslos und ſtarr.. Er ſah Henry Howard, welcher neben ſeiner Ge⸗ liebten knieete und mit aller Angſt und Qual eines Liebenden um ſie beſchäftigt war. Er ſah, wie er ihre Hand an ſeine Lippen drückte, wie er ſeine Hand an ihr Haupt legte, um es vom Boden aufzurichten. Der König war ſprachlos vor Wuth, er konnte nur den Arm erheben, um die Soldaten zu ſich heran zu winken, und auf Henry Howard hindeuten, dem es noch immer nicht gelungen war, das Haupt der Königin vom Boden außzurichten. Verhaftet ihn! ſagte Graf Douglas, dem ſtummen Winken des Königs Worte leihend. Im Namen des Königs verhaftet ihn, und führt ihn in den Tower! „Ja, verhaftet ihn, ſagte der König, und indem er mit jugendlicher Haſt auf Henry Howard hinſchritt, und ſeine Hand ſchwer auf ſeine Schulter fallen ließ, fuhr er mit einer ſchauerlichen Ruhe fort: Henry Howard, Dein Wunſch ſoll erfüllt werden, Du ſollſt — 33— das Schaffot beſteigen, nach welchem es Dich ſo ſehr verlangt! Das edle Antlitz des Grafen blieb ruhig und un⸗ bewegt, ſein helles ſtrahlendes Auge begegnete furcht⸗ los dem zornblitzenden Auge des Königs. Sire, ſagte er, mein Leben iſt in Eurer Hand, und ich weiß ſehr wohl, daß Ihr deſſen nicht ſchonen werdet! Auch bitte ich nicht darum! Nur ſchont dieſer edlen und ſchönen Frau, deren einziges Ver⸗ brechen es iſt, daß ſie der Stimme ihres Herzens folgte! Sire, ich allein bin der Schuldige! Straft mich alſo, martert mich, wenn es Euch beliebt, aber ſeid barmherzig für ſie! Der König brach in ein lautes Lachen aus. Ach, er bittet für ſie! ſagte er. Dieſer kleine Graf Surrey vermißt ſich zu denken, daß ſeine empfindſame Liebes⸗ klage Einfluß üben könne auf das Herz ſeines Rich⸗ ters! Nein, nein, Heury Howard, Ihr kennt mich beſſer! Ihr ſagtet ja, ich ſei ein grauſamer Mann, und es klebe Blut an meiner Krone! Nun wohl, es gelüſtet uns, einen neuen Blutrubin in unſere Krone zu ſetzen, und wenn wir ihn aus Geraldine's Herz⸗ blut nehmen wollen, werden Eure Sonnette uns nicht daran hindern, mein kleiner guter Graf. Das iſt Alles, was ich Euch zu erwiedern habe, und ich denke, es wird das letzte Mal ſein, daß wir uns anf Erden begegnen! Dort droben werden wir uns wieder ſehen, König Heinrich von England! ſagte Graf Surrey feierlich. Dort droben wird Heinrich der Achte nicht mehr der Richter, ſondern der Verurtheilte ſein, und Eure blut⸗ gierigen und fluchbeladenen Thaten werden wider Euch zeugen!* Der König lachte. Ihr benutzt Euren Vortheil, 6* — 81— ſagte er. Weil Ihr nichts mehr zu verlieren habt, und das Schaffot Euch ſicher iſt, kommt es Euch nicht darauf an, das Maaß Eurer Sünden noch ein wenig zu ſteigern, und Euren von Gott Euch angeſtammten König zu läſtern! Aber Ihr ſolltet bedenken, Graf, daß es vor dem Schaffot noch die Folter giebt, und wie es ſehr wohl möglich iſt, daß man dem edlen Grafen Surrey dort eine peinliche Frage vorlegen möchte, an deren Beantwortung die Qualen ihn ver⸗ hindern könnten. Fort jetzt mit Euch! Wir haben einander auf Erden nichts mehr zu ſagen! Er winkte den Soldaten, welche ſich dem Grafen näherten. Als ſie ihre Hände nach ihm ausſtreckten, ſah er ſie mit ſo ſtolzen und gebieteriſchen Blicken an, daß ſie unwillkürlich einen Schritt zurück wichen. Folgt mir! ſagte Henry Howard ruhig, und ohne den König auch nur noch eines Blickes zu würdigen, ſchritt er hochaufgerichteten Hauptes der Thüre zu. Geraldine lag noch immer, das Antlitz dem Boden zugekehrt, an der Erde. Sie bewegte ſich nicht, ſie ſchien von einer tiefen Ohnmacht befallen. Nur als die Thür mit einem dumpfen Geräuſch ſich hinter dem Grafen Surrey ſchloß, vernahm man ein leiſes Wimmern und Aechzen, wie es in der letzten Stunde ſich aus der Bruſt der Sterbenden empor zu ringen pflegt. Der König achtete nicht darauf. Er blickte mit finſtern, zornſprühenden Augen immer noch nach der Thüre hin, durch welche Graf Surrey gegangen war. Er iſt unbeugſam, murmelte er, ſelbſt die Folter ſchreckt ihn nicht, und in ſeinem gottesläſterlichen Hoch⸗ muth ging er in der Mitte der Soldaten, nicht wie ein Gefangener, ſondern wie ein Befehlshaber einher. — 85— Oh, dieſe Howards ſind dazu auserſehen, mich zu martern, und ſelbſt ihr Tod wird mir kaum eine Ge⸗ nugthuung ſein! Sire, ſagte Graf Douglas, welcher den König mit ſcharfem, durchbohrendem Auge beobachtet hatte, und wußte, daß der König jetzt auf jenem Gipfelpunkt des Zornes angelangt war, wo er vor keiner Gewalt⸗ that und keiner Grauſamkeit mehr zurückſchreckte, Sire, Ihr habt den Grafen Surrey in den Tower geſandt. Was aber ſoll mit der Königin geſchehen, welche dort ohnmächtig am Boden liegt? Der König fuhr aus ſeinem Sinnen empor, und ſeine von Blut unterlaufenen Augen richteten ſich nach der bewegungsloſen Geſtalt Geraldine's mit einem ſo finſtern Ausdruck des Haſſes und der Wuth, daß Graf Douglas ſich frohlockend ſagte: Die Königin iſt verloren! Er wird unerbitt⸗ lich ſein! 3 Ach, die Königin! rief Heinrich mit einem wilden Lachen. Ja wahrlich, ich vergaß die Königin! Ich dachte nicht an dieſe reizende Geraldine! Aber Du haſt Recht, Douglas, wir müſſen an ſie denken, und uns ein wenig mit ihr beſchäftigenn Sagteſt Du nicht, daß eine zweite Kutſche bereit ſei? Nun denn, wir wollen Geraldine nicht hindern, ihren Geliebten zu begleiten. Sie ſoll ſein, wo er iſt. Im Tower und auf dem Schaffot! Wir wollen alſo dieſe empfindſame Dame wecken und ihr den letzten Ca⸗ valierdienſt erweiſen, indem wir ſie an ihren Wagen führen! Er wollte ſich der am Boden liegenden Geſtalt der Königin nähern. Graf Douglas hielt ihn zurück. Sire, ſagte er, es iſt meine Pflicht als Euer treuer — 36— Unterthan, welcher Euch liebt, und für Euer Wohl⸗ ergehen zittert, es iſt meine Pflicht, Euch anzuflehen, daß Ihr Eurer ſchonen und Eure koſtbare und ange⸗ betete Perſon bewahren möget vor dem Giftſtachel des Zorns und des Kummers! Ich beſchwöre Euch alſo, würdigt dieſe Frau, welche Euch ſo tief beleidigte, keines Blickes mehr; befehlt mir, was ich mit ihr thun ſoll, und erlaubt mir zu allererſt, daß ich Euch in Enre Gemächer begleiten darf! Du haſt Recht, ſagte der König, ſie iſt es nicht werth, daß mein Auge noch einmal auf ihr ruhe, und ſelbſt meinem Zorn iſt ſie zu gering! Wir wollen die Soldaten rufen, daß ſie dieſe Hochverrätherin und Ehebrecherin in den Tower führen, wie ſie es ihrem Buhlen gethan! Doch dazu bedarf es noch einer Förmlichkeit, Sire; die Königin wird nicht ohne einen ſchriftlichen, unter⸗ ſiegelten Befehl des Königs in den Tower eingelaſſen! So werde ich dieſen Befehl ausfertigen! Sire, in jenem Kabinet dort befindet ſich das nöthige Schreibgeräth, wenn es Ew. Majeſtät ge⸗ fällig iſt! Der König lehnte ſich ſchweigend auf des Grafen Arm und ließ ſich von ihm wieder in das Kabinet geleiten. Graf Douglas ordnete mit geſchäftiger Eilfertigkeit das Nöthige an. Er vollte den Schreibtiſch zu dem Könige hin, er legte das große weiße Blatt Papier zurecht und ſchob die Feder in des Königs Hand. Was ſoll ich ſchreiben? fragte der König, den die Anſtrengung der nächtlichen Wanderung und des Zornes und Aergers endlich zu erſchöpfen begann. Einen Verhaftsbefehl für die Königin, Sire! w me — 37— Der König ſchrieb. Graf Douglas ſtand hinter ihm mit geſpannter Aufmerkſamkeit, in athemloſer Er⸗ wartung, die Blicke feſt auf das Papier gerichtet, über welches die weiße, fleiſchige, mit funkelnden Brillant⸗ ringen geſchmückte Hand des Königs in eiligen Schrift⸗ zügen dahin glitt. Er ſtand alſo endlich am Ziel. Wenn er dies Papier, welches der König da ſchrieb, endlich in der Hand hielt, wenn er alsdann Heinrich bewogen hatte, in ſeine Gemächer zurückzukehren, bevor die Verhaf⸗ tung der Königin erfolgt war, ſo hatte er geſiegt. Nicht dieſes Weib dort würde er alsdann verhaften, ſondern mit dem Verhaftsbefehl in der Hand würde er zu der wirklichen Königin gehen, und ſie in den Tower führen. Die Königin, einmal im Tower, konnte ſich nicht mioh rechtfertigen, denn der König würde ſie nicht r ſehen, und wenn ſie vor dem Parlament ihre Unſchuld mit noch ſo heiligen Eiden betheuerte, ſo mußte doch das Zeugniß des Königs ſie überführen, denn er ſelber hatte ſie mit ihrem Buhlen überraſcht. Nein, es gab kein Entrinnen mehr für die Köni⸗ gin. Es war ihr einmal gelungen ſich zu reinigen von der Anklage, und mit einem widerlegenden Alibi ihre Unſchuld zu beweiſen. Diesmal aber war ſie etungälös verloren, und kein Alibi konnte ſie mehr efreien. Der König hatte das Werk vollendet und ſtand auf, während Donglas auf ſeinen Befehl ſich damit beſchäftigte, das königliche Inſiegel unter das verhäng⸗ nißvolle Papier zu ſetzen. Von dem Saale her vernahm man ein leiſes Ge⸗ ranſch, wie als ob ſich ein Menſch dort vorſichtig ewege. — 88— Graf Douglas achtete nicht darauf, er war eben dabei, das Petſchaft feſt auf das ſchwimmende Siegel⸗ lack zu drücken. Der König hörte es und vermeinte, es ſei Geral⸗ dine, welche ſo eben von ihrer Ohnmacht erwache, und ſich aufrichte. Er trat in die Thür des Saales und blickte nach jener Stelle hin, wo ſie gelegen. Aber nein, ſie hatte ſich noch nicht aufgerichtet, ſie lag noch immer lang hingeſtreckt am Boden. Sie wacht; aber ſie giebt ſich noch den Anſchein der Ohnmacht! dachte der König, und er wandte ſich zu Douglas hin. 3 Wir ſind zu Ende, ſagte er, der Verhaftsbefehl iſt ausgeſtellt, und das Urtheil über die ehebrecheriſche Königin iſt geſprochen. Wir ſagen uns los von ihr auf immerdar, und niemals ſoll ſie unſer Antlitz wieder ſchauen, noch unſere Stimme wieder hören. Sie iſt eine Verurtheilte und Verdammte, und die königliche Gnade hat nichts mehr zu ſchaffen mit dieſer Sün⸗ derin. Fluch über die Ehebrecherin, Fluch über das ſchamloſe Weib, welches ihren Gemahl betrog und einem hochverrätheriſchen Buhlen ſich ergab! Wehe ihr, und Schmach und Schande bezeichne auf ewig ihren Namen, den— Plötzlich ſtockte der König und horchte. Das Ge⸗ räuſch, welches er vorher ſchon vernommen, hatte ſich jetzt lauter und lebhafter wiederholt; es kam näher und näher. Und jetzt öffnete ſich die Thür, und eine Geſtalt trat herein, eine Geſtalt, welche den König erſtarren machte vor Staunen und Verwunderung. Sie kam näher und näher, leicht, anmuthig und jugendfriſch — 89— Ein goldbrokatenes Kleid umhüllte ſie, ein Brillant⸗ diadem blitzte auf ihrer Stirn, und heller noch als die Brillanten ſtrahlten ihre Augen. Nein, der König täuſchte ſich nicht. Es war die Königin. Sie ſtand vor ihm, und doch lag ſie noch immer bewegungslos und ſtarr dort drüben am Boden. Der König ſtieß einen Schrei aus, und taumelte erbleichend einen Schritt zurück. Die Königin! rief Graf Douglas entſetzt, und er zitterte ſo heftig, daß das Papier in ſeiner Hand kni⸗ ſterte und flatterte. Ja, die Königin! ſagte Katharina mit einem ſtolzen Lächeln. Die Königin, welche kommt mit ihrem Ge⸗ mahl zu zürnen, daß er, dem Befehl ſeines Arztes zuwider, in ſo ſpäter Nachtſtunde noch dem Schlum⸗ mer ſich entzieht! Und der Narr! ſagte John Heywood, indem er mit komiſchen Pathos hinter der Königin hervortrat. Der Narr, welcher kommt, um Graf Douglas zu fra⸗ gen, wie er es wagen durfte, John Heywood ſeines Amtes zu entſetzen, und bei Heinrich die Stelle eines Hofnarren zu uſurpiren und ſeiner allergnädigſten Majeſtät allerlei alberne Schwänke und Faſtnachts⸗ ſpäße vorzugaukeln? Und wer, fragte der König mit vor Wuth zittern⸗ der Stimme, ſeine flammenden Blicke mit zerſchmet⸗ terndem Ausdruck auf Douglas heftend, wer iſt denn jenes Weib dort? Wer hat es gewagt, mit ſo fluch⸗ würdiger Mummerei den König zu täuſchen und die Königin zu verläumden? Sire, ſagte Graf Douglas, welcher ſehr wohl wußte, daß von dem jetzigen Moment ſeine und ſeiner Tochter Zukunft abhängig ſei, und dem dieſes Be⸗ — 90— wußtſein ſchnell ſeine Faſſung und Ruhe wieder ge⸗ eben, Sire, ich flehe zu Ew. Majeſtät um einen oment einer geheimen Erklärung, und es wird mir vollſtändig gelingen, mich zu rechtfertigen! Bewillige ihm das nicht, Bruder Heinrich, ſagte John Heywood, er iſt ein gefährlicher Taſchenkünſtler, und wer weiß, ob er nicht noch in dieſem geheimen Zwiegeſpräch Dich überzeugt, daß er der König, und Du nichts weiter biſt, als ſein ſpeichelleckeriſcher, we⸗ delnder, heuchelnder Diener, der Graf Archimbald Donuglas! Mein Herr und Gemahl, ich bitte Euch, die Recht⸗. fertigung des Grafen zu hören, ſagte Katharina, in⸗ dem ſie dem König mit einem bezaubernden Lächeln die Hand darreichte. Es wäre grauſam ihn ungehört zu verdammen! Ich will ihn hören, aber es ſoll in Deiner Ge⸗ genwart geſchehen, Kathi, und Du ſelber ſollſt ent⸗ ſcheiden, ob ſeine Rechtfertigung genügend iſt. Nicht doch, mein Gemahl, ſagte Katharina, laßt mich der Intrigue dieſer Nacht ganz fremd bleiben, damit nicht Groll und Zorn mein Herz erfülle und mir die heitere Zuverſicht raube, der ich bedarf, um inmitten meiner Feinde glücklich und lächelnd an Eurer Seite weiter gehen zu können! Du haſt Recht, Kathi, ſagte der König ſinnend, Du haſt viel Feinde an unſerm Hofe, und wir müſ⸗ ſen uns ſelber anklagen, daß es uns nicht immer ge⸗ lingt, ihren hämiſchen Zuflüſterungen unſer Ohr zu verſchließen und uns rein zu erhalten von dem Gift⸗ hauch ihrer Verleumdung. Unſer Herz iſt immer noch zu arglos, und wir können es immer noch nicht be⸗ reifen, daß die Menſchen eine ekle, verderbte Race nd, die man unter ſeine Füße treten, aber niemals — 31— an ſein Herz nehmen ſoll. Kommt, Graf Douglas, ich will Euch hören; wehe Euch aber, wenn Ihr Euch nicht zu rechtfertigen vermögt! Er trat in die große Fenſterniſche des Boudoirs zurück. Graf Douglas folgte ihm dahin und ließ die ſchweren Sammetvorhänge hinter ihnen zufallen. Sire, ſagte er keck und entſchloſſen, es handelt ſich jetzt darum, welchen Kopf Ihr lieber dem Henker übergeben wollt, den meinen, oder den des Grafen Surrey. Zwiſchen Beiden habt Ihr die Wahl! Er⸗ kennt Ihr es an, daß ich es gewagt, Euch einen Mo⸗ ment zu täuſchen, nun, dann ſendet mich in den Tower, und gebt den edlen Henry Howard frei, da⸗ mit er fernerhin Euren Schlaf beunruhige und Eure Tage vergifte, damit er ferner um die Liebe des Vol⸗ kes buhle und vielleicht dereinſt Eurem Sohn den Thron raube, welcher ihm gebührt. Hier iſt mein Haupt, Sire, es iſt dem Henkerbeil verfallen, und Graf Surrey iſt frei! 3 Nein, er iſt nicht frei, und ſoll es niemals wer⸗ den! ſagte der König zähneknirſchend. Dann, mein König, bin ich gerechtfertigt, und ſtatt mir zu zürnen, werdet Ihr mir danken! Es iſt wahr, ich ſpielte ein Angie Spiel, aber ich that es im Dienſt meines Königs, ich that es, weil ich ihn liebte, und weil ich auf Eurer hohen umwölkten Stirne die Gedanken geleſen, welche meines Gebieters Seele um⸗ nachteten und den Schlaf ſeiner Nächte ſtörten. Ihr wolltet Henry Howard in Eurer Gewalt haben, und dieſer ſchlaue und heuchleriſche Graf wußte ſeine Schuld ſo ſicher unter der Maske der Tugend und Erhaben⸗ heit zu verbergen. Ich aber kannte ihn, und hinter der Maske hatte ich ſein von Leidenſchaft und Ver⸗ brechen verzerrtes Angeſicht geſehen. Ich wollte ihn — 92— entlarven, aber dazu bedurfte es, daß ich erſt ihn, und dann ſogar auf eine Stunde Euch ſelber täuſchte. Ich wußte, daß er in verbrecheriſcher Liebe für die Königin glühte, und die Raſerei dieſer Leidenſchaft wollte ich benutzen, um ihn ſicher und unvermeidlich der wohlverdienten Strafe entgegen zu führen. Aber die reine und erhabene Geſtalt der Königin wollte ich nicht hineinziehen in dieſes Netz, mit welchem wir den Grafen Surrey umſpinnen wollten. Ich mußte alſo für ſie eine Stellvertreterin ſuchen, und ich that es. Es giebt an Eurem Hofe eine Frau, deren gan⸗ zes Herz, nächſt Gott, nur dem König gehört, und welche ihn ſo ſehr anbetet, daß ſie in jeder Stunde bereit wäre, ihr Herzblut, ihr ganzes Daſein, ja ihre Ehre ſelbſt, wenn es ſein muß, dem König freudig hinzuopfern, eine Frau, Sire, welche lebt von Euremt Lächeln, und zu Eunch betet, wie zu ihrem Heiland und Erlöſer, eine Frau, welche Ihr, wie es Euch gefällt, zu einer Heiligen und zu einer Buhlerin machen könnt, und die, um Euch zu gefallen, eine ſchamloſe Phryne oder eine keuſch verhüllte Nonne ſein würde. Nennt mir ihren Namen, Douglas, ſagte der Kö⸗ ag nennt ihn mir! Es iſt ein ſeltenes und koſtbares Glück ſo geliebt zu werden, und es wäre ein Frevel, dieſes Glück nicht genießen zu wollen! Sire, ich werde Euch ihren Namen ſagen, wenn Ihr mir zuvor verziehen habt, ſagte Douglas, deſſen Herz vor Freude hüpfte, und der ſehr wohl begriff, daß der Zorn des Königs ſchou beſänftigt, und die Gefahr faſt ſchon beſiegt ſei. Zu dieſer Frau ſagte ich:„Ihr ſollt dem König einen großen Dienſt er⸗ weiſen, Ihr ſollt ihn erlöſen von ſeinem mächtigſten und gefährlichſten Feind! Ihr ſollt ihn von Henry — 93— Howard erretten!“— Sagt mir, was ich thun muß! rief ſie mit freudeſtrahlenden Blicken.—„Henry Howard liebt die Königin. Ihr müßt für ihn die Königin ſein! Ihr müßt ſeine Briefe empfangen, und ſie im Namen der Königin erwiedern, Ihr müßt ihm nächtliche Rendezvous geben, und, begünſtigt von dem Dunkel der Nacht, ihn glauben machen, daß es die Königin ſei, welche er in ſeinen Armen hält. Er muß überzeugt ſein, daß die Königin ſeine Geliebte iſt, und in ſeinen Gedanken, wie in ſeinen Thaten muß er dem König als ein Hochverräther und Ver⸗ brecher hingeſtellt werden, deſſen Haupt dem Henker⸗ beil verfallen iſt. Eines Tages werden wir den König Zeuge ſein laſſen eines Rendezvous, welches Henry Howard mit der Königin zu haben glaubt, und es wird dann in ſeiner Macht ſtehen, ſeinen Feind zu ſtrafen für ſeine verbrecheriſche und todes⸗ würdige Leidenſchaft!“— Und als ich ſo zu der Frau geſprochen, Sire, ſagte ſie mit einem traurigen Lä⸗ cheln: es iſt eine ſchmachvolle und entehrende Rolle, welche Ihr mir auferlegt, aber ich übernehme ſie, denn Ihr ſagt, daß ich dem König dadurch einen Dienſt erzeige. Ich werde mich für ihn entehren, aber er wird mir vielleicht dafür ein gnädiges Lä⸗ eln gewähren, und dann werde ich überreich belohnt eein! Aber dieſe Frau iſt ein Engel! rief der König er⸗ glühend. Ein Engel, vor welchem wir niederknieen und ſie anbeten ſollten, Douglas. Nennt mir ihren Namen, Douglas!— Sdirre, ſobald Ihr mir verziehen habt! Ihr kennt jetzt meine ganze Schuld und mein ganzes Verbrechen. Denn, wie ich jener edlen Frau es geheißen, ſo ge⸗ ſchah es, und Henry Howard iſt in den Tower ge⸗ — 94— gangen, in dem feſten Glauben, daß es die Königin ſei, welche er eben noch in ſeinen Armen gehalten. Weshalb aber ließet Ihr auch mich in dieſem Glauben, Douglas? Weshalb erfülltet Ihr auch mein Herz mit Zorn gegen die edle und tugendhafte Königin? Sire, ich durfte Euch dieſe Täuſchung nicht offen⸗ baren, bevor Ihr nicht Surrey verurtheilt hattet, denn Euer edler und gerechter Sinn würde ſich geſträubt haben, ihn wegen eines Verbrechens zu ſtrafen, wel⸗ ches er nicht begangen hatte, und in Eurem erſten Zorn würdet Ihr auch dieſe edle Frau beſchuldigt haben, welche ſich für ihren König opferte.. Es iſt wahr, ſagte der König, ich würde dieſes edle Weib verkannt haben, und ſtatt ihr zu danken, würde ich ſie zerſchmettert haben. 3 Deshalb, mein König, ließ ich es ruhig geſchehen, daß Ihr den Verhaftsbefehl gegen die Königin auf⸗ ſetztet. Aber erinnert Euch wohl, Sire, daß ich Euch bat, in Eure Gemächer zurückzukehren, bevor die Kö⸗ nigin verhaftet werde. Nun wohl, dort hätte ich Euch das ganze Geheimniß enthüllt, welches ich Euch im Beiſein jener Frau nicht ſagen konnte. Denn ſie würde ſterben vor Scham, wenn ſie ahnte, daß Ihr um ihre ſo heldenmüthig verſchwiegene, ſo reine und aufopfernde Liebe zu dem König wüßtet! Sie ſoll es niemals erfahren, Douglas! Aber befriedige endlich mein Verlangen, ſage mir ihren Namen! „Sire, Ihr habt mir alſo verziehen? Ihr zürnt mir nicht mehr, daß ich es gewagt, Euch zu täu⸗ ſchen?. Ich zürne Dir nicht mehr, Donglas, denn Du 5 f — 95— haſt recht gehandelt; es war ein eben ſo ſchlauer als verwegener Plan, den Du erſonnen und mit ſo glück⸗ lichem Erfolge ausgeführt! Ich danke Ench, Sire, und ich werde Euch jetzt den Namen ſagen. Jene Frau, Sire, welche auf mei⸗ nen Wunſch ſich dieſem verbrecheriſchen Grafen zum Opfer hingab, welche ſeine Küſſe, ſeine Umarmungen und Liebesſchwüre duldete, um ihrem König einen Dienſt zu erweiſen, jene Frau war meine ochter, Lady Jane Douglas! Lady Jane? rief der König. Nein, nein, dies iſt eine neue Täuſchung. Dieſe ſtolze, keuſche und un⸗ nahbare Lady Jane, dieſes wundervolle ſchöne Mar⸗ morbild hätte alſo wirklich ein Herz in ihrer Bruſt, und dieſes Herz gehörte mir? Lady Jane, die reine und keuſche Jungfrau hätte mir dies ungeheure Opfer gebracht, dieſen verhaßten Surrey zu ihrem Liebhaber zu machen, um ihn als eine zweite Delila in meine Hand zu liefern? Nein, Douglas, Du belügſt mich, Lady Jane hat das nicht gethan! Gefalle es Eurer Majeſtät ſelber hinzugehen und jenes ohnmächtige Weib, welches für Henry Howard die Königin war, zu betrachten. Der König antwortete ihm nicht, ſondern ſchlug den Vorhang zurück und trat wieder in das Kabinet, in welchem die Königin mit John Heywood ſeiner harrte. Heinrich achtete ihrer nicht, er durchſchritt mit ju⸗ gendlicher Haſt das Kabinet und den Saal. Jetzt ſtand er neben der noch immer am Boden liegenden Geſtalt Geraldine's. Sie war nicht mehr ohnmächtig, ſie hatte lange ſchon ihr Bewußtſein wieder gefunden, und es waren — 96— furchtbare Qualen und Martern, welche ihr Herz zer⸗ riſſen. Henry Howard war dem Henkerbeil verfallen, und ſie war es, welche ihn verrathen. Aber ihr Vater hatte ihr geſchworen, daß ſie den Geliebten erretten ſolle. Sie durfte alſo nicht ſterben. Sie mußte leben, um Henry Howard zu befreien. Es brannte wie Höllenfeuer in ihrem armen Her⸗ zen, aber ſie durfte dieſer Schmerzen nicht achten, ſie durfte gar nicht an ſich denken, nur an ihn, an Henry Howard, den ſie befreien, den ſie vom Tode erretten mußte. Für ihn ſandte ſie ihre heißen Gebete zu Gott em⸗ por, um ihn zitterte ihr Herz in Angſt und Qual, als der Köuig jetzt zu ihr trat, und, ſich zu ihr her⸗ niederneigend, ihr mit einem ſeltſamen, forſchenden und lächelnden Ausdruck zugleich in die Augen ſchaute. Lady Jane Douglas, ſagte er dann, indem er ihr die Hand darreichte, erhebt Euch von der Erde und erlaubt Eurem König, Euch ſeinen Dank zu ſagen für Euer erhabenes und wunderbares Opfer! Wahrlich, es iſt ein ſchönes Loos, König zu ſein, denn man hat alsdann wenigſtens die Macht, die Verräther zu be⸗ ſtrafen und Diejenigen zu belohnen, welche uns dienen. Ich habe heute das Eine gethan, und werde auch das Andere nicht verſäumen. Steht alſo auf, Lady Jane, es ziemt ſich nicht für Euch, auf den Knieen vor mir zu liegen! Oh, laßt mich knieen, mein König, ſagte ſie leiden⸗ ſchaftlich, laßt mich Euch anflehen um Gnade, um Er⸗ barmen! Habt Mitleid, König Heinrich, Mitleid mit dieſer Angſt und Qual, welche ich erdulde. Es iſt nicht möglich, daß dies Alles Wahrheit ſei, daß dieſes — 97— Gaukelſpiel in ſo furchtbaren Ernſt ſich umwandeln ſoll! Sagt mir, König Heinrich, ich beſchwöre Euch bei den Qualen, die ich um Euretwillen erdulde, ſagt mir, was wollt Ihr mit Henry Howard thun? Wes⸗ halb habt Ihr ihn in den Tower geſandt? Um den Hochverräther zu ſtrafen, wie er es ver⸗ dient, ſagte der König, und ſein finſterer und zorni⸗ ger Blick flog hinüber zu Douglas, welcher ſich auch ſriner Tochter genähert hatte, und jetzt dicht neben ihr ſtand. Lady Jane ſtieß einen herzzerreißenden Schrei aus und ſank wieder ganz erſchöpft in ſich ſelber zuſammen. Des Königs Stirn verfinſterte ſich. Es iſt mög⸗ lich, ſagte er, und ich glaube es faſt, daß ich heute Abend vielfach getäuſcht worden bin, und daß man auch jetzt wieder meiner Argloſigkeit geſpottet hat, um mir ein allerliebſtes Märchen aufzubinden. Indeſſen habe ich mein Wort gegeben, zu verzeihen, und es ſoll nicht geſagt werden, daß Heinrich der Achte, wel⸗ cher ſich der Schirmherr Gottes nennt, jemals ſein Wort gebrochen, noch auch Diejenigen geſtraft hätte, denen er Strafloſigkeit zugeſichert. Mylord Douglas, ich werde mein Verſprechen er⸗ füllen! Ich verzeihe Euch! Er reichte dem Grafen die Hand dar, welche dieſer inbrünſtig an ſeine Lippen drückte. Der König neigte ſich näher zu ihm. Douglas, flüſterte er, Du biſt klug wie eine Schlange, und ich durchſchaue jetzt Dein künſtliches Gewebe! Du wollteſt Surrey verderben, aber die Königin ſollte mit in den Abgrund verſinken. Weil ich Dir den Surrey verdanke, verzeihe ich Dir, was Du der Königin gethan. Hüte Dich aber, hüte Dich, daß ich Dich nicht noch einmal auf demſelber⸗ Wege treffe; verſuche es nicht, mit einem Blick, eine m Heinrich VIII. 3. 3 47 4 — 98— Wort, ja mit einem Lächeln nur die Königin jemals wieder verdächtigen zu wollen! Der leiſeſte Verſuch würde Dir das Leben koſten! Das ſchwöre ich Dir bei der heiligen Mutter Gottes, und Du weißt, daß ich dieſen Schwur noch niemals gebrochen habe! Was Lady Jane anbetrifft, ſo wollen wir es ihr nicht ge⸗ denken, daß ſie den Namen unſerer erlauchten und tugendhaften Gemahlin gemißbraucht hat, um dieſen lüſternen und verbrecheriſchen Grafen in das Netz zu ziehen, welches Ihr ihm aufgeſtellt. Sie hat Euren Befehlen gehorcht, Douglas, und wir wollen jetzt nicht entſcheiden, welche andere Motive ſie ſonſt noch zu dieſer That getrieben. Das möge ſie mit Gott und ihrem Gewiſſen abmachen, uns ziemt es nicht, darüber zu entſcheiden. Aber mir ziemt es vielleicht, mein Gemahl, zu fragen, mit welchem Recht Lady Jane Douglas es gewagt, in dieſem Aufzug hier zu erſcheinen, und ge⸗ wiſſermaßen ein Conterfei von ihrer Königin abzu⸗ geben? fragte Katharina mit ſtrengem Ton. Mir iſt es wohl erlaubt zu fragen, was meine Ehrendame, welche krank den Feſtſaal verließ, jetzt auf einmal ſo geſund gemacht hat, daß ſie zur Nachtzeit im Schloſſe umherſchweift, und zwar in einem Anzug, der dem meinen zum Verwechſeln ähnlich ſieht. Sire, war dieſer Anzug vielleicht eine klug berechnete Liſt, um wirklich eine Verwechſelung zu ſpielen? Ihr ſchweigt, mein Herr und König? Es iſt alſo wahr, man hat hier eine fürchterliche Intrigue gegen mich ſpielen wol⸗ len, und ohne den Beiſtand meines treuen und red⸗ lichen Freundes, John Heywood, welcher mich hierher geführt, würde ich ohne Zweifel jetzt verurtheilt und verloren ſein, wie es der Graf von Surrey iſt. Ah, John, Du warſt es alſo, welcher ein wenig —y— — 99— Licht in dieſes Dunkel brachte? rief der König mit einem heitern Lachen, indem er ſeine Hand auf Hey⸗ woods Schulter legte. Nun wahrlich, was die Wei⸗ ſen und die Klugen nicht ſahen, das hat der Narr durchſchaut! König Heinrich von England, ſagte John Heywood feierlich, Viele nennen ſich Weiſe, und ſind doch Nar⸗ ren, und Viele nehmen nur deshalb die Maske der Narrheit vor, weil es dem Naxren allein erlaubt iſt, ein Weiſer zu ſein! Kathi, ſagte der König, Du haſt Recht, es war für Dich heute eine ſchlimme Nacht, aber Gott und der Narr haben Dich und mich errettet! Wir wollen Beiden dafür dankbar ſein! Aber es iſt gut, wenn Du thuſt, wie Du es zuvor gewollt, und nicht mehr fragſt und forſcheſt nach den Räthſeln dieſer Nacht. Es war tapfer von Dir, daß Du hier⸗ her kamſt, und wir werden deſſen eingedenk ſein. Komm, meine kleine Königin, gieb mir Deinen Arm und führe mich in meine Gemächer. Ich ſage Dir, Kind, es macht mir Freude, mich auf Deinen Arm— lehnen zu können und Dein liebes und friſches Geſicht zu ſehen, das von keiner Furcht und keiner Gewiſſens⸗ angſt gebleicht iſt. Komm, Kathi, Du allein ſollſt mich geleiten, und Dir allein will ich mich anver⸗ trauen! Sire, Du biſt zu ſchwer für die Königin, ſagte der Narr, indem er ſeinen Nacken unter den andern Arm des Königs lehnte. Laß mich die königliche Laſt mit ihr theilen! Aber bevor wir gehen, ſagte Katharina, habe ich nach kin Bitte, mein Gemahl! Werdet Ihr ſie er⸗ en 7 ½ — 100— Ich werde Alles erfüllen, was Du bitten magſt, vorausgeſetzt, daß Du nicht fordern willſt, ich ſolle Dich in den Tower ſchicken! Sire, ich wünſche, meine Ehrendame, Lady Jane Douglas, aus ihrem Dienſt zu entlaſſen, das iſt Alles, ſagte die Königin, indem ihre Blicke mit einem ver⸗ achtenden und doch zugleich ſchmerzvollen Ausdruck nach der am Boden liegenden Geſtalt, ihrer einſtigen Freundin, hernieder ſchweiften.— Sie iſt entlaſſen! ſagte der König. Du wirſt Dir morgen eine andere Ehrendame wählen! Komm, Kathi! Und der König, auf ſeine Gemahlin und John Heywood geſtützt, verließ langſamen und ſchwerfälligen Schrittes das Gemach. Graf Douglas blickte ihnen mit einem finſtern ge⸗ häſſigen Ausdruck nach; als ſich die Thür hinter ihnen geſchloſſen, hob er den Arm drohend gen Himmel em⸗ por, und ſeine zitternden Lippen ſtießen wilde Flüche und Verwünſchungen aus. Beſiegt! Abermals beſiegt! murmelte er zähne⸗ „ knirſchend. Gedemüthigt von dieſem Weibe, welches ich haſſe, und die ich dennoch verderben will! Ja, ſie hat dies Mal geſiegt, aber wir werden den Kampf auf's Neue beginnen, und unſere vergifteten Waffen werden dennoch zuletzt ſie treffen! Plötzlich fühlte er eine Hand ſich ſchwer auf ſeine Schulter legen, und ein Paar glühende, flammen⸗ ſprühende Augen ſahen ihn an. Vater, ſagte Lady Jane, indem ſie drohend ihre Rechte gen Himmel ſchleuderte, Vater, ſo wahr ein Gott über uns iſt, ich klage Euch ſelber beim König als einen Hochverräther an, ich verrathe ihm alle — 101— Eure fluchwürdigen Intriguen, wenn Ihr mir nicht helft, Henry Howard zu befreien! Ihr Vater blickte mit einem faſt wehmüthigen Ausdruck in ihr marmorbleiches, ſchmerzlich zuckendes Angeſicht. Ich werde Dir helfen! ſagte er. Ich werde es thun, wenn auch Du mir helfen und meine Plane fördern willſt! Oh, rette nur Henry Howard, und ich will mich dem Teufel mit meinem Herzblut verſchreiben! ſagte Jane Douglas mit einem ſchauerlichen Lächeln. Rette ihm das Leben, oder wenn Du das nicht vermagſt, ſo verſchaffe mir wenigſtens das Glück, mit ihm ſter⸗ ben zu können! VII. Die Enttäuſchung. Das Parlament, welches ſeit lange ſchon es nicht mehr wagte, dem Willen des Königs zu widerſtehen, das Parlament hatte ſeinen Spruch gefällt. Es hatte den Grafen von Surrey des Hochverrathes angeklagt, und auf das alleinige Zeugniß ſeiner Mutter und ſeiner Schweſter war er der Majeſtätsbeleidigung und des Hochverraths ſchuldig erklärt worden. Einzelne Worte des Mißmuths über ſeine Zurückſetzung im Dienſt, einzelne klagende Bemerkungen über die vielen Hinrichtungen, welche den Boden Englands mit Blut überſchwemmten, das war Alles, was die Herzogin von Richmond gegen ihn hatte anführen können; daß er, wie ſein Vater, das Wappen der Könige von Eng⸗ — 102— land geführt, das war der kinzige Beweis der Hoch⸗ 8 verrätherei geweſen, deſſen ſeine Mutter, die Herzogin von Norfolk ihn zu beſchuldigen vermochte.—*) Dieſe Anklagen waren ſo geringfügiger Art, daß das Parlament wohl erkannte, ſie ſenn kein Grund, ſondern nur ein Vorwand ſeiner Verhaftung. ⸗Nur ein Vorwand, durch welchen der König ſeinem ⸗— Jeſchmeidigen und zitternden Parlament ſagte: dieſer Mann iſt unſchuldig; aber ich will, daß Ihr ihn verurtheilt, und deshalb werdet Ihr die AÄnklage als genügend erachten! Das Parlament hatte nicht den Muth gehabt, dem Willen des Königs zu widerſtehen. Dieſe Herren vom Parlamente waren nichts weiter als eine Heerde Schafe, welche in zitternder Angſt vor den ſcharfen Zähnen des Hundes genau die Straße gehen, welche der Hund ihnen angewieſen... Der König wollte, daß ſie den Grafen Surrey verurtheilen ſollten, und ſie verurtheilten ihn. Sie riefen ihn vor ihren Richterſtuhl, und es war vergeblich, daß er ihnen ſeine Unſchuld in flammender, begeiſterter Rede bewies; dieſe edlen Herren des Par⸗ laments wollten nicht ſehen, daß er unſchuldig ſei. Freilich, es gab doch noch Einige, welche ſich ſchämten, ihr Haupt ſo unbedingt zu beugen unter des Königs Scepter, das von Blut triefte, wie das Beil eines Henkers. Es gab noch Einige, welchen die Anklage nicht genügend deuchte, aber ſie wurden überſtimmt, und um dem Parlament ein warnendes Beiſpiel zu geben, ließ der König noch an demſelben 3 Tage dieſe Widerſpenſtigen verhaften und irgend eines *) Tytler pag. 402.— Burnet Vol. I pag. 95. — — 103— beliebigen Verbrechens anklagen. Denn dieſes von der Grauſamkeit und der wilden Barbarei des Königs geknechtete Volk war ſo ſehr ſchon entartet und in fenen Selbſtbewußtſein entwürdigt, daß man immer und ohne Mühe Menſchen fand, welche, um dem Kö⸗ nig und ſeiner Blutgier und frommen Heuchelei ge⸗ fällig zu ſein, zu Denuncianten ſich erniedrigten, und Diejenigen eines Verbrechens anklagten, welche das finſtere Stirnrunzeln des Königs ihnen als Verbrecher. bezeichnet hatte. Das Parlament alſo hatte den Grafen Surrey zum Tode verurtheilt, und der König hatte das Urtheil unterzeichnet. In der Frühe des nächſten Morgens ſollte er hin⸗ gerichtet werden, und im Hofe des Towers waren die Arbeiter ſchon damit beſchäftigt, das Schaffot zu er⸗ richten, auf welchem das Haupt des edlen Grafen fallen ſollte. Henry Howard war allein in ſeinem Gefängniß. Er hatte abgeſchloſſen mit dem Leben und den irdi⸗ ſchen Dingen. Er hatte ſein Haus beſtellt und ſein Teſtament gemacht, er hatte ſeiner Mutter und Schweſter geſchrieben, und ihnen ihren Verrath und ihre Anklage verziehen, er hatte an ſeinen Vater einen Brief gerichtet, in welchem er ihn in eben ſo edlen als rührenden Worten zur Standhaftigkeit und Ruhe ermahnte und ihn bat, nicht um ihn zu weinen, denn der Tod ſei ſein Wunſch, und das Grab die einzige Zuflucht, nach welcher es ihn verlange. Er hatte alſo, wie geſagt, abgeſchloſſen mit dem Leben, und die irdiſchen Dinge kümmerten ihn nicht mehr. Kein Bedauern und kein Bangen war in ihm. Das Leben hatte ihm nichts mehr zu wünſchen ge⸗ — 104— laſſen, und er dankte es dem Könige faſt, daß er ihn ſo ſchnell von dieſer Laſt des Daſeins befreien wollte. Die Zukunft hatte ihm nichts mehr zu bieten, warum alſo ſollte er ihrer begehren? Warum ver⸗ langen nach einem Leben, welches für ihn doch nur ein vereinſamtes, ödes und düſteres ſein konnte? Denn Geraldine war für ihn verloren! Er kannte ihr Schickſal nicht, und keine Kunde von ihr war durch die öden Kerkermauern zu ihm gedrungen. Lebte die Königin noch, oder hatte der König in ſeinem Zorn ſie in jener Nacht noch ermordet, als Henry in den Tower geführt ward, und ſein letzter Blick die Ge⸗ liebte ohnmächtig und ſtarr zu den Füßen des Ge⸗ mahls liegen ſah? Was war aus der Königin, aus Henry Howards geliebter Geraldine geworden? Er wußte nichts von ihr. Er hatte vergeblich auf irgend ein Zeichen, eine Nachricht von ihr gehofft, aber er hatte es nicht ge⸗ wagt, irgend Jemand um ihr Schichſal zu befragen. Vielleicht hatte der König darauf verzichtet, auch ſie zu ſtrafen. Vielleicht war ſeine Mordluſt damit be⸗ friedigt, Henry Howard zu tödten, und Katharina entging dem Schaffot. Es hätte alſo verderblich für ſie ſein können, wenn er, der Verurtheilte, nach ihr fragte. Oder wenn ſie vor ihm hingegangen war, ſo war er ja gewiß, ſie dort droben wieder zu finden, und in dem Jenſeits auf ewig und immerdar mit ihr vereinigt zu werden. Er glaubte an ein Jenſeits, denn er liebte, und der Tod ſchreckte ihn nicht, denn nach dem Tode kam das Wiederſehen mit ihr, mit Geraldine, welche ihn entweder da oben ſchon erwartete, oder bald ihm nach⸗ folgen würde. Das Leben hatte ihm nichts mehr zu bieten, der — — 105— Tod vereinigte ihn mit ſeiner Geliebten. Er begrüßte den Tod als ſeinen Freund und Erlöſer, als den Prieſter, der ihn mit Geraldine vereinigen ſollte. Er hörte die große Thurmuhr des Gefängniſſes, welche mit dröhnendem Schlag die Stunde verkündete, und jede ablaufende Stunde begrüßte er mit freudi⸗ gem Herzſchlag. Der Abend kam, und tiefe Nacht ſenkte ſich hernieder. Die letzte Nacht, welche ihm noch beſchieden war. Die letzte Nacht, welche ihn von Geraldine trennte. Der Schließer öffnete die Thür, um dem Grafen Licht zu bringen und nach ſeinen Befehlen zu fragen. Sonſt hatte des Königs beſonderer Befehl, ihm in ſeinem Gefängniß das Licht entzogen, und er hatte dieſe ſechs langen Abende und Nächte ſeiner Kerker⸗ haft in Finſterniß verlebt. Heute aber wollte man ihm Licht geben, heute wollte man ihm Alles gewäh⸗ ren, deſſen er noch begehren möchte. Das Leben, welches er in einigen Stunden verlaſſen mußte, ſollte ſich für ihn noch einmal mit allen Reizen und allen Genüſſen ſchmücken, die er von ihm fordern wollte. Henry Howard hatte nur zu wünſchen, und der Ker⸗ kermeiſter war bereit, ihm Alles zu gewähren. Aber Henry Howard wünſchte nichts; er forderte nichts, als daß man ihn allein laſſe, als daß man dieſes Licht, welches ihn blendete, und welches ſeinen entzückenden Träumen die enttäuſchende Wirklichkeit entgegen ſtellte, aus ſeinem Gefängniß entferne. Der König, welcher ihm eine beſondere Strafe hatte auferlegen wollen, indem er ihn zur Finſterniß verurtheilte, der König war ihm wider ſeinen Willen dadurch zum Wohlthäter geworden. Denn mit der Finſterniß kamen die Träume und die Phantaſien. Mit der Finſterniß kam Geraldine. — 106— Wenn Nacht und Schweigen ihn rings umgab, dann ward es Licht in ihm, und ein bezauberndes Flüſtern und eine ſüß verlockende Stimme ertönte in ihm. Die Pforten ſeines Gefängniſſes ſprangen auf, und auf den Schwingen des Gedankens entſchwebte Henry Howard dieſem dunklen, öden Raum. Auf den Schwingen des Gedankens kam er zu ihr, zu ſeiner Geraldine. Sie war wieder neben ihm in dem großen, ſchwei⸗ genden Saal. Die Nacht legte ſich wieder, wie ein ſüß verſchwiegener, ſegnender und verhüllender Schleier über ſie Beide hin und ſchützte ihre Umarmungen und ihre Küſſe. Die Einſamkeit ließ ihn wieder die holde Muſik ihrer Stimme vernehmen, welche für ihn ſo bezaubernde Melodien der Liebe und des Ent⸗ zückens ſang. k Henry Howard mußte allein ſein, damit er ſeine Geraldine hören könne, es mußte tiefe Finſterniß ihn umgeben, damit ſeine Geraldine zu ihm komme. Er forderte alſo für ſeine letzte Nacht weiter nichts, als daß man ihn allein und ohne Licht laſſe.— Der Kerkermeiſter löſchte das Licht aus und verließ das Gefängniß, aber er ſchob nicht dieſe großen eiſernen Riegel vor die Thür, er legte nicht das große Schloß davor, ſondern er lehnte die Thür nur leiſe an und ließ nicht einmal die Klinke in das Schloß fallen. Henry Howard achtete nicht darauf. Was küm⸗ merte es ihn, ob dieſe Pforte verſchloſſen war, ihn, welcher nicht den Wunſch mehr hatte nach dem Leben und der Freiheit! 3 Er lehnte ſich zurück auf ſeinen Seſſel und träumte mit offenen Augen. Drunten in dem Hofe arbeitete man an dem Schaffot, welches Henry Howard, ſo⸗ — oe — 107— bald der Tag graute, beſteigen ſollte. Das dumpfe Geräuſch der Hammerſchläge drang an ſein Ohr, dann und wann ließen die Fackeln, welche den Arbeitern zu ihrem traurigen Werke leuchteten, einen bleichen Lichtſchimmer in den Kerker hinaufleuchten, der mit geiſterhaften Formen an den Wänden dahin tanzte. Es ſind die Geiſter aller Derer, welche Heinrich getödtet hat, dachte Henry Howard, ſie ſammeln ſich um mich, wie die Willy's, ſie tanzen mit mir den Todtenreigen, und in wenigen Stunden werde ich für immer der ihrige ſein! Das dumpfe Geräuſch der Hämmer und Sägen tönte fort und fort, und Henry Howard verſank immer tiefer in ſich ſelbſt. Er dachte, er fühlte und wollte nichts mehr als Geraldine. Seine ganze Seele faßte ſich zuſammen in dieſem einzigen Gedanken an ſie. Es war ihm, als könne er ſeinem Geiſt gebieten, ſie zu ſehen, als könne er ſeinen Sinnen befehlen, ſie zu empfinden. Ja, ſie war da, er fühlte ſie, er wußte ſie. Er lag wieder zu ihren Füßen, und lehnte ſein Haupt an ihre Kniee, und horchte wieder dieſen bezaubernden Offenbarungen ihrer Liebe. Ganz der Gegenwart, dem Sein entrückt, ſah und empfand er nur ſie. Das Myſterium der Liebe war vollbracht, und unter den Schleiern der Nacht war Herdldiin wieder zu ihm hergeſchwebt, und er zu ihr hin. Ein ſeliges Lächeln umſpielte ſeine Lippen, welche entzückte Worte der Begrüßung ſtammelten. In einer wunderbaren Hallucination befangen, ſah er die Ge⸗ liebte ſich ihm nahen; er breitete die Arme aus, ſie zu umfangen, und es weckte ihn nicht, als er, ſtatt ihrer, nur die leere Luft fühlte. — 108— Warum entſchwebſt Du mir wieder, Geraldine? fragte er leiſe. Warum entziehſt Du Dich meinen Armen, um mit den Willy's den Todtentanz 5 wir⸗ beln? Komm, Geraldine, komm, meine Seele glüht nach Dir, mein Herz ruft Dich mit ſeinem letzten, ſtockenden Schlag. Komm, Geraldine, oh, komm! Was war das? Es war wie als ob die Thür ſich leiſe öffnete, und leiſe wieder die Klinke geſchloſſen würde. Es war, als ob ein Fuß leiſe über den Boden dahinſchwebte, als ob die Form einer menſchlichen Geſtalt einen Moment den flackernden Lichtſchein be⸗ ſchatte, der die Wände umtanzte. Henry Howard ſah es nicht. Er ſah nichts, als ſeine Geraldine, welche er mit ſo viel Inbrunſt und Sehnſucht herbeiwünſchte. Er breitete ſeine Arme aus, er rief ſie mit aller Gluth, allem Enthuſiasmus eines Liebenden. Jetzt ſtieß er einen Schrei des Entzückens aus. Sein Gebet der Liebe war erfüllt. Der Traum war zur Wahrheit worden. Seine Arme umfingen nicht mehr die leere Luft, ſie drückten das Weib, welches er liebte, und für welches er ſterben ſollte, an ſeine Bruſt. Er preßte ſeine Lippen auf ihren Mund, und er erwiederte ihre Küſſe, er ſchlang ſeine Arme um ihre Geſtalt, und ſie drückte ihn feſt, feſt an ihren Buſen. War dies Wirklichkeit? Oder war es der Wahn⸗ ſinn, welcher zu ihm herankroch und ſein Gehirn packte und ihn täuſchte mit ſo bezaubernden Phan⸗ taſieen? Henry Howard ſchauderte, wie er das dachte, und auf ſeine Kniee niederſtürzend, rief er mit vor Angſt und Liebe zitternder Stimme: Geraldine, habe G ⸗ — —e — 109— barmen mit mir! Sage mir, daß dies kein Traum iſt, daß ich nicht wahnſinnig bin! Daß Du es wirk⸗ lich biſt, Du Geraldine, Du, die Gemahlin des Kö⸗ nigs, deren Kniee ich jetzt umfange! Sprich, oh ſprich, meine Geraldine! Ich bin es! flüſterte es leiſe. Ich bin Geraldine, bin das Weib, welches Du liebſt, und der Du ewige Treue und ewige Liebe geſchworen! Henry Howard, mein Geliebter, ich mahme Dich jetzt an Deinen Schwur! Dein Leben gehört mir, das haſt Du mir gelobt, und ich komme jetzt, mein Eigenthum von Dir zu fordern! Ja, mein Leben gehört Dir, Geraldine! Aber es iſt ein armſeliges, trauriges Eigenthum, welches Du nur noch wenige Stunden Dein nennen wirſt! Sie ſchlang ihre Arme feſt um ſeinen Nacken, ſie zog ihn empor an ihr Herz, ſie küßte ſeinen Mund, ſeine Augen. Er fühlte ihre Thränen, welche wie heiße Quellen ſein Geſicht überrieſelten, er hörte ihre Seufzer, welche wie Todesächzen ſich ihrer Bruſt ent⸗ rangen. Du darfſt nicht ſterben! murmelte ſie unter Thrä⸗ nen. Nein, Henry, Du mußt leben, damit auch ich leben kann, damit ich nicht wahnſinnig werde vor Schmerz und Gram um Dich! Mein Gott, mein Gott, fühlſt Du denn nicht, wie ich Dich liebe, weißt Du denn nicht, daß Dein Leben mein Leben, und Dein Sterben mein Sterben iſt?— Er lehnte ſein Haupt an ihre Schulter, und ganz trunken von Glück, hörte er kaum, was ſie ſprach. Sie war wieder da. Was kümmerte ihn alles Uebrige. Geraldine, flüſterte er leiſe, weißt Du noch, wie — 110— wir uns zuerſt begegneten? Wie unſere Herzen ſich „ zu einem Schlag vereinten, wie unſere Lippen in einander wurzelten zu einem Kuß? Geraldine, mein Weib, meine Geliebte, wir ſchwuren uns damals, daß nichts uns trennen könne, daß unſere Liebe das Grab überdauern ſolle! Geraldine, gedenkſt Du noch daran? Ich gedenke daran, mein Henry! Aber Du ſollſt noch nicht ſterben, und nicht im Tode, ſondern im Leben ſoll ſich Deine Liebe mir bewähren! Ja, leben wollen wir, leben! Und Dein Leben ſoll mein Leben ſein, und wo Du biſt, da werde auch ich ſein! Henry, gedenkſt Du daran, daß Du mir dies mit feierlichem Eide gelobt? Ich gedenke daran, aber ich kann Dir mein Wort nicht erfüllen, meine Geraldine! Hörſt Du, wie ſie da unten ſägen und hämmern? Weißt Du, was das bedeutet, Theuerſte? Ich weiß es, Henry! Es iſt das Blutgerüſt, wel⸗ ches ſie da unten bauen. Das Blutgerüſt für Dich und mich. Denn auch ich werde ſterben, Henry, wenn Du nicht leben willſt, und das Beil, welches Deinen Nacken ſucht, es ſoll auch den meinen finden, wenn Du nicht willſt, daß wir Beide leben! Ob ich es will! Aber wie können wir es, Ge⸗ liebte? Wir können es, Henry, wir können es! Alles iſt bereit zur Flucht! Es iſt Alles geordnet, Alles vor⸗ bereitet! der Siegelring des Königs hat mir die Pforten des Towers geöffnet, und die Allmacht des Goldes hat mir Deinen Kerkermeiſter gewonnen. Er wird es nicht ſehen, wenn ſtatt Einer Perſon zweie dieſen Kerker verlaſſen; unangefochten und ungehindert werden wir Beide nur auf ihm bekannten Wegen, über geheime Corridore und Treppen den Tower ver⸗ — 4111— laſſen und jenes Boot beſteigen, das füͤr uns bereit liegt, um uns zu einem Schiffe hinzubringen, welches ſegelfertig im Hafen liegt, und das, ſobald wir es be⸗ ſtiegen haben, die Anker lichtet und mit uns hinaus fährt in das Meer. Komm, Henry, komm! Lege Deinen Arm in den meinen, und laß uns dieſen Kerker verlaſſen! Sie ſchlang ihre beiden Arme um ſeinen Nacken und zog ihn vorwärts. Er drückte ſie feſt an ſein Herz und flüſterte: ja, komm, komm, meine Geliebte! Laß uns fliehen! Dir gehört mein Leben, Dir allein! Er hob ſie empor in ſeine Arme, und eilte mit ihr der Thür zu. Haſtig mit dem Fuß ſtieß er ſie auf und eilte vorwärts den Corridor hinunter. Aber nur bis zu der erſten Biegung deſſelben gelangt, tau⸗ melte er entſetzt zurück. Vor der Thür ſtanden Soldaten mit geſchultertem Gewehr, da ſtand auch der Lieutenant des Towers, und zwei Diener mit brennenden Lichtern hinter ihm. Geraldine ſtieß einen Schrei aus und zog mit angſtvoller Haſt den dichten Schleier, der von ihrem Haupte geglitten war, wieder zuſammen. Auch Henry Howard hatte einen Schrei ausge⸗ ſtoßen, aber nicht über die Soldaten und die vereitelte Flucht. Seine weitaufgeriſſenen Augen ſtarrten auf dieſe jetzt ſo dicht verhüllte Geſtalt an ſeiner Seite. Es war ihm geweſen, als ſei da einem Geſpenſt gleich, ein fremdes Antlitz neben ihm aufgetaucht, als ſei es nicht das geliebte Haupt der Kör igin geweſen, welches da auf ſeiner Schulter ruhte. Nur wie eine Viſion, wie ein Traumbild hatte er dies Antlitz ge⸗ ſehen, aber er wußte es ganz gewiß, es war nicht — 112— ihr Antlitz geweſen, nicht das Antlitz ſeiner Ge⸗ raldine. Der Lieutenant des Towers winkte ſeinen Dienern, und ſie trugen die brennenden Kerzen in das Gefäng⸗ niß des Grafen. Dann reichte er Henry Howard die Hand und führte ihn ſchweigend in den Kerker zurück. Henry Howard ſträubte ſich nicht, ihm zu folgen, aber ſeine Hand hatte Geraldine's Arm gefaßt, und er zog ſie mit ſich fort; ſein Auge ruhte mit durch⸗ bohrendem Ausdruck auf ihr und ſchien ihr zu drohen. Sie waren jetzt wieder in dem Gemach, welches ſie vorher mit ſo ſeligen Hoffnungen verlaſſen hatten. Der Lieutenant des Towers winkte den Dienern hinauszugehen, dann wendete er ſich mit feierlichem Ernſt an Graf Surrey. Mylord, ſagte er, es iſt auf des Königs Befehl, daß ich Euch dieſe Lichter bringe! Se. Majeſtät wußte Alles, was dieſe Nacht hier geſchah. Er wußte, daß man einen Plan entworfen, Euch zu retten, und wäh⸗ rend man ihn zu täuſchen glaubte, iſt man ſelber ge⸗ täuſcht worden. Man hat den König unter allerlei liſtigen Vorſpiegelungen zu bewegen gewußt, daß er einem ſeiner Lords ſeinen Siegelring gegeben. Aber Se. Majeſtät war ſchon gewarnt, und er wußte ſchon, daß es nicht ein Mann ſei, wie man ihn glauben machen wollte, ſondern eine Frau, die nicht kam, um Abſchied zu nehmen, ſondern um Euch aus dem Kerker zu befreien. Mylady, der Kerkermeiſter, welchen Ihr K9 beſtechen vermeintet, war ein treuer Diener des Königs, er verrieth mir Euren Plan, und ich war es, welcher ihm befahl, ſich den Anſchein zu geben, als begünſtige er Euer Werk. Ihr werdet den Grafen —— — 113— Surrey nicht befreien können, aber wenn Ihr es be⸗ fehlt, werde ich ſelber Euch das Geleite geben bis zu dem Schiffe, das für Euch ſegelfertig im Hafen liegt. Niemand wird Euch hindern, Mylady, es zu beſteigen. Nur müßt Ihr es allein beſteigen; Graf Surrey dar f Euch nicht begleiten!— Mylord, die Nacht iſt bald zu Ende, und Ihr wißt, daß es Eure letzte Nacht ſein wird. Der König hat befohlen, daß ich dieſe Dame nicht hindern ſoll, wenn ſie dieſe Nacht bei Euch in Eurem Gemach zubringen will, aber ſie darf es nur dann, wenn bie Lichter brennend in Eurem Gemache bleiben. Das iſt der ausdrückliche Wille des Königs und dies ſind ſeine eigenen Worte:„Sagt dem Grafen Surrey, daß ich ihm erlaube ſeine Geraldine zu lieben, aber daß er ſeine Augen öffnen ſoll, um zu ſehen! — Damit er ſehen könne, werdet Ihr ihm Licht geben, und ich befehle ihm, es nicht auszulöſchen, ſo lange Geraldine bei ihm iſt. Er möchte ſie ſonſt verwechſeln mit einer andern Frau; denn in der Finſterniß kann man ſelbſt eine Gauklerin nicht von der Königin un⸗ terſcheiden!“— Ihr habt jetzt zu beſtimmen, Mylord, ob dieſe Dame bei Euch bleiben, oder ob ſie gehen, und das Licht ausgelöſcht werden ſoll! Sie ſoll bei mir bleiben, und ich bedarf ſehr des Lichtes! ſagte Graf Surrey, und ſein durchbohrender Blick ruhte unverwandt auf der verhüllten Geſtalt, welche bei ſeinen Worten wie in Fieberſchauern er⸗ ebte. Habt Ihr noch ſonſt einen Wunſch, Mylord? Keinen, als daß man mich allein laſſe mit ihr! Der Lieutenant verneigte ſich und verließ das Zimmer. 7 Sie waren jetzt wieder allein und ſtanden ſich ſchweigend gegenuͤber. Man hörte das ſtürmiſche Heinrich VIII, 3. 8 Klopfen ihrer Herzen und die angſtvollen Seufzer, die von Geraldinens zitternden Lippen tönten. Es war eine furchtbare, entſetzensvolle Pauſe. Ge⸗ raldine würde mit Freuden ihr Leben hingegeben haben, hätte ſie dafür dieſes Licht verlöſchen, und in undurchdringliche Finſterniß ſich hüllen können. Aber Graf Surrey wollte ſehen. Er trat zu ihr heran mit zürnendem ſtolzen Blick, und wie er mit gebieteriſchem Winken den Arm erhob, ſchauderte Ge⸗ raldine in ſich zuſammen und neigte demuthsvoll ihr Haupt. Entſchleiere Dein Antlitz! ſagte er mit dem Ton eines Gebieters. Sie bewegte ſich nicht. Sie murmelte ein Gebet, dann hob ſie ihre gefaltenen Hände zu Henry empor und ächzte ganz leiſe: Gnade! Gnade! Er ſtreckte die Hand aus und faßte den Schleier. linader wiederholte ſie noch flehender, noch angſt⸗ voller. Aber er war unerbittlich. Er riß den Schleier von ihrem Angeſicht und ſtarrte ſie an. Dann tau⸗ melte er mit einem wilden Schrei zurück und bedeckte ſich das Geſicht mit ſeinen Händen. Jane Douglas wagte nicht zu athmen, oder ſich zu regen. Sie war marmorbleich, ihre großen bren⸗ nenden Augen waren mit einem unausſprechlichen Ausdruck des Flehens auf ihren Geliebten gerichtet, welcher ſchmerzzerbrochen und mit verhülltem Haupt ihr gegenüber ſtand. Sie liebte ihn mehr als ihr Leben, mehr als ihre Seligkeit, und doch war ſie es geweſen, welche ihm dieſe qualvolle Stunde bereitet atte. —.,— ë³ — — 115— Endlich ließ Graf Surrey die Hände von ſeinem Antlitz gleiten und ſchleuderte mit einer wilden Be⸗ wegung die Thränen aus ſeinen Augen fort. Als er ſie anblickte, ſank Jane Douglas ganz un⸗ willkürlich auf ihre Kniee nieder und hob ihre Hände flehend zu ihm empor. Henry Howard, flüſterte ſie leiſe, ich bin es, bin Deine Geraldine! Mich haſt Du geliebt, meine Briefe haſt Du mit Entzücken ge⸗ leſen, und oftmals haſt Du mir geſchworen, daß Du mehr noch meinen Geiſt liebteſt, als meine Erſchei⸗ nung, und oftmals hat es mein Herz mit Entzücken erfüllt, wenn Du mir ſagteſt, Du würdeſt mich lieben, wie immer mein Geſicht ſich auch verwandeln möge, wie immer Alter oder Krankheit meine Züge verän⸗ dern möchten. Entſinnſt Du Dich, Henry, wie ich Dich einſt fragte, ob Du aufhören würdeſt, mich zu lieben, wenn nun Gott plötzlich eine Maske vor mein Antlit legte und meine Züge unkenntlich machte? Du antworteteſt mir:„Ich würde Dich dennoch an⸗ beten und lieben, denn was mich an Dir entzückt, das iſt ja nicht Dein Angeſicht, das biſt Du ſelbſt, Du ſelbſt mit Deinem herrlichen Sein und Weſen, das iſt Dein Geiſt und Dein Herz, welche niemals wandeln können, welche klar und ſtrahlend, wie ein heiliges Buch vor mir liegen!“— Das haſt Du mir damals geantwortet, indem Du mir ſchwurſt mich ewig zu lieben. Henry Howard, ich mahne Dich jetzt an Deinen Schwur! Ich bin Deine Geraldine, es iſt derſelbe Geiſt, daſſelbe Herz, nur daß Gott eine Maske vor mein Angeſicht gelegt hat! Graf Surrey hatte ihr mit geſpannter Aufmerk⸗ ſamkeit, mit ſteigendem Entſetzen zugehört. Sie iſt es! Iſt es wirklich! rief er, als ſie jetzt ſchwieg. Es iſt Geraldine! 8* — 116— Und ganz überwältigt, ganz ſprachlos vor Schmerz ſank er auf einen Seſſel nieder. Geraldine flog zu ihm, ſie kauerte ſich zu ſeinen Füßen nieder, ſie faßte ſeine herabhängende Hand und bedeckte ſie mit Küſſen, und unter ſtrömenden Thränen, oft unterbrochen von ihren Seufzern und ihrem Schluch⸗ zen, erzählte ſie ihm die traurige und unheilsvolle Geſchichte ihrer Liebe, enthüllte ſie vor ihm das ganze Gewebe der Liſt und des Betrugs, welches ihr Vater über ſie Beide ausgeſpannt. Sie ließ ihr ganzes Herz offen und unverhüllt vor ihm liegen, ſie ſprach ihm von ihrer Liebe, von ihren Qualen, von ihrem Ehrgeiz und von ihren Gewiſſensbiſſen. Sie klagte ſich an, aber ſie entſchuldigte ſich mit ihrer Liebe, und unter ſtrömenden Thränen ſeine Kniee umklammernd, flehte ſie zu ihm um Erbarmen, um Verzeihung. Er ſtieß ſie ungeſtüm von ſich und ſtand auf, um ihrer Berührung zu entfliehen. Sein edles Antlitz glühte in Zorn, ſeine Augen ſchoſſen Blitze, ſein lang herabwallendes Haar umſchattete ſeine hohe Stirn und ſein Antlitz wie mit einem dunklen Schleier. Er war ſchön in ſeinem Zorn, ſchön, wie der Engel Mi⸗ chael, welcher den Lindwurm unter ſeine Füße tritt. Und ſo beugte er ſein Haupt zu ihr nieder, ſo ſah er ſie an mit ſeinen flammenden, verachtenden Blicken. Ich Dir verzeihen? ſagte er. Niemals wird das geſchehen! Ha, Dir ſollte ich verzeihen, Dir, welche aus meinem ganzen Leben eine lächerliche Lüge ge⸗ macht, und das Trauerſpiel meiner Liebe in eine ekle Farce verwandelt hat? Oh Geraldine, wie habe ich Dich geliebt, und jetzt biſt Du für mich ein wider⸗ liches Geſpenſt geworden, vor dem meine Seele ſchau⸗ dert und das ich verfluchen muß! Du haſt mein Le⸗ ben zerbrochen, und ſelbſt meinem Sterben haſt Du — 117— die Weihe genommen, denn jetzt iſt es nicht mehr das Märtyrerthum meiner Liebe, ſondern nur die wilde Verſpottung meines leichtgläubigen Herzens. Oh Ge⸗ raldine, wie ſchön wäre es geweſen, für Dich zu ſterben. In den Tod zu gehen mit Deinem Namen auf den Lippen. Dich zu ſegnen, Dir zu danken für mein Glück, indem das Beil ſchon gezückt war, mein Haupt zn treffen! Wie ſchön, zu denken, daß der Tod uns nicht trennt, ſondern nur der Weg iſt zum ewi⸗ gen Vereinen, daß wir uns hier nur einen kurzen Moment verlieren ſollten, um uns dort droben wie⸗ derzufinden für immerdar! Geraldine wand ſich wie ein zertretener Wurm zu ſeinen Füßen, und ihr Jammergeſtöhn und ihr erſticktes Wimmern waren die herzzerreißende Beglei⸗ tung ſeiner traurigen Worte. Aber das iſt jetzt Alles vorbei! rief Henry Howard, und ſein Antlitz, welches zuvor gezuckt in Schmerz und Qual, glühte jetzt wieder vor Zorn. Du haſt mir mein Leben und mein Sterben vergiftet, und ich werde Dir dafür fluchen, und mein letztes Wort wird eine Verwünſchung ſein für die Gauklerin Geraldine! Habe Erbarmen! ſtöhnte Jane. Tödte mich, Henry, zertritt mein Haupt unter Deinen Füßen, nur laß dieſe Marter enden! Nein, kein Erbarmen! ſchrie er wild, kein Erbar⸗ men mit dieſer Betrügerin, welche mir mein Herz geſtohlen und ſich wie ein Dieb in meine Liebe ein⸗ geſchlichen hat! Stehe auf und verlaſſe dieſes Ge⸗ mach, denn mir graut vor Dir, und wenn ich Dich anſehe, fühle ich nur, daß ich Dir fluchen muß! Ja, Fluch über Dich und Schande, Geraldine, Fluch über die Küſſe, die ich auf Deine Lippen gedrückt, über die Thränen des Entzückens, die ich an Deinem Buſen geweint! Wenn ich das Schaffot beſteige, werde ich Dir fluchen, und mein letztes Wort wird ſein: Wehe über Geraldine! Denn ſie iſt meine Mörderin! Er ſtand mit hoch empor gehobenem Arm, ſtolz und groß in ſeinem Zorn vor ihr da. Sie fühlte den zerſchmetternden Blitz ſeiner Augen, obwohl ſie es nicht wagte, zu ihm empor zu ſehen, ſondern wim⸗ mernd und zuckend zu ſeinen Füßen lag, und ihr Antlitz in ihren Schleier hüllte, als ſchaudere es ſie vor ihrem eigenen Bilde. 8 Und dies ſei mein letztes Wort an Dich, Geral⸗ dine, ſagte Henry Howard hochaufathmend: Gehe hin unter der Laſt meines Fluches, und lebe, wenn Du kannſt! Sie enthüllte ihr Haupt und hob ihr Antlitz zu ihm empor. Ein veräͤchtliches Lächeln zuckte um ihre todesbleichen Lippen. Leben? ſagte ſie. Haben wir nicht geſchworen, mit einander zu ſterben? Dein Fluch entbindet mich nicht von meinem Schwur, und wenn Du hinabſteigſt in Dein Grab, wird Jane Douglas an dem Rand deſſelben ſtehen und ſo lange jammern und flehen, bis Du ihr ein wenig Platz macheſt da unten, bis ſie Dein Herz erweicht hat, und Du ſie wieder als Deine Geraldine in Dein Grab aufnimmſt. Oh Henry! Im Grabe trage ich nicht mehr das Antlitz von Jane Douglas, dieſes verhaßte Antlitz, das ich mit meinen Nägeln zerreißen möchte. Im Grabe bin ich wieder Geraldine. Da ſchmiege ich mich wieder an Dein Herz, und Du wirſt wieder zu mir ſagen:„ich liebe nicht Dein Antlitz und die äußere Geſtalt! Ich liebe Dich ſelbſt, ich liebe Dein Herz und Deinen Geiſt, und der kann nimmer wechſeln und nimmer anders werden!“ Schweig, ſagte er rauh, ſchweig, wenn Du nicht — 119— willſt, daß ich wahnſinnig werden ſoll! Wirf mir nicht meine eigenen Worte in's Antlitz; ſie beſudeln mich, denn die Lüge hat ſie entweiht und in den Schmutz getreten. Nein, ich werde Dir nicht Platz machen in meinem Grabe, ich werde Dich nicht wieder Geraldine nennen. Du biſt Jane Dolehlas, und ich haſſe Dich, und ich ſchleudere meinen Fluch auf Dein verbrecheriſches Haupt! Ich ſage Dir— Plötzlich verſtummte er, und ein leiſes Zucken durchrieſelte ſeinen Körper. Jane Douglas ſtieß einen gellenden Schrei aus und flog von ihren Knieen empor. Der Tag war angebrochen, und von dem Thurm des Gefängniſſes hernieder tönte der unheimliche, wim⸗ mernde Schlag der Sterbeglocke. Hörſt Du, Jane Douglas? ſagte Surrey. Dieſe Glocke ruft mich zum Tode, und Du biſt es, welche mir meine letzte Stunde vergiftet hat. Ich war glück⸗ lich, als ich Dich liebte, ich ſterbe in Verzweiflung, denn ich verachte und ich haſſe Dich! „Nein, nein, Du darſſt nicht ſterben! rief ſie, in leidenſchaftlicher Angſt ſich an ihn anklammernd. Du darfſt nicht in das Grab gehen mit dieſem wilden Fluch auf den Lippen! Ich kann nicht Deine Mör⸗ derin ſein! Oh, es iſt nicht möglich, daß ſie Dich, den ſchönen, den edlen und tugendhaften Grafen Surrey tödten wollen. Mein Gokt, was thateſt Du denn, um ihren Zorn zu reizen? Du biſt unſchuldig, und ſie wiſſen es, ſie können Dich nicht tödten, denn es wäre ein Mord! Du haſt nichts begangen, nichts verſchuldet, kein Verbrechen haftet an Deiner edlen Geſtalt. Es iſt ja kein Verbrechen, Jane Douglas zu lieben, und mich haſt Du geliebt, mich allein. — 120— Nein, nicht Dich, ſagte er ſtolz, ich habe nichts zu ſchaffen mit Lady Jane Douglas. Ich liebte die Kö⸗ nigin und ich glaubte an ihre Gegenliebe. Das iſt mein Verbrechen! Die Thür öffnete ſich, und in feierlichem Schwei⸗ gen trat der Lieutenant des Towers mit dem Prieſter und dem Chorknaben ein. In der Thür ſah man das leuchtende rothe Gewand des Scharfrichters, der mit ruhigem und theilnahmloſem Geſicht auf der Schwelle ſtand. Es iſt Zeit! ſagte der Lordlieutenant feierlich. Der Prieſter murmelte ſeine Gebete, und die Chor⸗ knaben ſchwenkten ihre Rauchgefäße. Draußen wim⸗ merte die Todtenglocke fort und fort, und vom Hofe her vernahm man das Gemurmel des Volkes, welches, neugierig und blutdürſtig wie es immer iſt, herbei geſtrömt war, um mit lachendem Munde den Mann bluten zu ſehen, der geſtern noch ſein Liebling ge⸗ weſen. 5 Graf Surrey ſtand einen Moment ſchweigend da. Es arbeitete und zuckte in ſeinen Zügen, und eine tödtliche Bläſſe bedeckte ſeine Wangen. Er zitterte nicht vor dem Tode, aber vor dem Sterben. Es war ihm, als fühle er das kalte, breite Beil ſchon in ſeinem Nacken, welches jener furchtbare Mann dort in der Hand hielt. Oh, auf dem Schlacht⸗ feld zu ſterben, welch ein Glück wäre das geweſen. A dem Schaffot zu enden, welch eine Schmach war ies. Henry Howard, mein Sohn, biſt Du bereit zu ſterben? fragte der Prieſter. Haſt Du Dich mit Dei⸗ nem Gotte verſöhnt? Bereueſt Du Deine Sünden und erkenneſt Du den Tod als Deine gerechte Buße — 121— und Strafe? Verzeiheſt Du Deinen Feinden und geheſt hin in Frieden mit Dir und den Menſchen? Ich bin bereit zu ſterben, ſagte Surrey mit einem ſtolzen Lächeln. Die andern Fragen, mein Vater, werde ich dort droben meinem Gotte beantworten! Geſteheſt Du ein, daß Du ein ſchlimmer Hoch⸗ verräther warſt, und bitteſt Du Deinen edlen und gerechten, Deinen erhabenen und guten König um Verzeihung für die gottesläſterliche Beleidigung ſeiner geweiheten Majeſtät? Graf Surrey ſah ihm feſt in die Augen. Wißt Ihr, welches Verbrechens ich angeklagt bin? Der Prieſter ſchlug die Augen nieder und mur⸗ melte einige unverſtändliche Worte. Henry Howard wandte mit einer ſtolzen Bewe⸗ gung ſeines Hauptes ſich von dem Prieſter an den di ieutenant des Towers. 3 Kennt Ihr mein Verbrechen, Mylord? fragte er. Aber auch der Lordlieutenant ſenkte die Augen und blieb ſtumm.. Henry Howard lächelte. Nun denn, ich will es Euch ſagen: ich habe, wie es mir als dem Sohn meines Vaters geziemt, das Wappen unſeres Hauſes auf meinem Schilde und über dem Portal meines Schloſſes getragen, und es hat ſich gefunden, daß der König mit uns daſſelbe Wappen trägt. Das iſt mein Hochverrath! Ich habe geſagt, daß der König ſich in manchem ſeiner Diener täuſcht und oft ſeine Günſt⸗ linge zu hohen Ehren fördert, die ſie nicht verdienen. Das iſt meine Majeſtätsbeleidigung, und das iſt es, wofür ich jetzt mein Haupt auf den Block legen * — 122— werdet!*) Aber beruhigt Euch, ich werde ſelber meine Verbrechen noch um eines vermehren, damit ſie ſchwer genug werden, um dem gerechten und großmüthigen König ſein Gewiſſen leicht zu machen: ich habe mein Herz an eine elende und verbrecheriſche Liebe hinge⸗ geben, und die Geraldine, die ich in manchem Ge⸗ dicht beſungen und vor dem König ſelbſt gefeiert habe, war nichts als eine elende kokette Buhlerin! Jane Douglas ſtieß einen Schrei aus und ſank wie vom Blitz getroffen zur Erde nieder. Bereueſt Du dieſe Sünde, mein Sohn? fragte der Prieſter. Wendeſt Du Dein Herz ab von dieſer fün⸗ digen Liebe, um es zu Gott zu wenden? Ich bereue dieſe Liebe nicht nur, ſondern ich ver⸗ wünſche ſie! Und jetzt, mein Vater, laßt uns gehen, denn Ihr ſeht wohl, Mylord wird ungeduldig.— Er denkt daran, daß der König keine Ruhe finden wird, bevor die Howards nicht auch zur Ruhe ge⸗ gangen ſind. Ach, König Heinrich, König Heinrich! Du nenneſt Dich den mächtigen König der Welt, und zitterſt doch vor dem Wappen Deines Unterthanen! Mylord, wenn Ihr heute zum König kommt, ſo grüßt ihn von Henry Howard und ſagt ihm, ich wünſche, daß ihm ſein Bett ſo leicht ſein möge, als es mir das Grab ſein wird. Jetzt kommt, meine Herren! Es iſt Zeit! Mit ſtolz gehobenem Haupt und ruhigem Schritt wandte er ſich der Thür zu. Aber jetzt flog Jane *) Dieſe beiden unbedeutenden Anklagen waren die einzigen Punkte, welche man wider den Grafen Surrey ausfindig machen konnte, und auf dieſe von ſeiner Mutter und Schweſter ange⸗ brachte Denunciation ward er hingerichtet. Tytler, pag. 492. — Burnet Vol. I p. 75.— Leti. Vol. I pag. 108. *£ — e- — 123— Douglas von der Erde empor, jetzt ſtürzte ſie zu Henry Howard hin und klammerte ſich mit aller Ge⸗ walt der Leidenſchaft und des Schmerzes an ihn an. Ich laſſe Dich nicht! rief ſie athemlos, todtesbleich. Du darfſt mich nicht verſtoßen, denn Du haſt ge⸗ ſchworen, daß wir mit einander leben und ſterben wollen! Er ſchleuderte ſie in wildem Zorn von ſich und richtete ſich groß und drohend vor ihr empor. Ich verbiete Dir, mir zu folgen! rief er gebiete⸗ riſch. Sie taumelte zurück an die Wand und ſeh ihn zitternd und athemlos an. 4 Er war immer noch der Herr über ihre Seele, ſie war ihm immer noch unterthan in Liebe und Gehor⸗ ſam. Sie fand daher nicht den Muth in ſich, ſeinem Befehl zu trotzen. Sie ſah, wie er das Gemach verließ und mit ſeinem ſchauerlichen Gefolge den Corridor hinabging, ſie hörte, wie ihre Schritte allmälig verhallten, und wie dann plötzlich drunten im Hofe dumpfes Trom⸗ melgewirbel ertönte. Jane Douglas ſank auf ihre Kniee nieder, um zu beten, aber ihre Lippen zitterten ſo ſehr, ſie konnte keine Worte finden für ihr Gebet. Unten verſtummte das Trommelgewirbel und nur die Sterbeglocke wimmerte noch fort und fort. Sie hörte eine Stimme, welche laute, kräftige Worte ſprach. Es war ſeine Stimme, es war Henry Howard, welcher ſprach. Und wieder jetzt dumpfer Trommel⸗ wirbel, welcher ſeine Stimme überdeckte. „Er ſtirbt, er ſtirbt, und ich bin nicht bei ihm! rief ſie mit kreiſchendem Ton, und ſie raffte ſich * — 124— empor, und wie von der Windsbraut getragen, ſtürzte e aus dem Gemach, den Corridor und die Treppen inunter. Da ſtand ſie auf dem Hof. Dort drüben, in der Mitte dieſes von Menſchen angefüllten Platzes, die ſchauerliche, ſchwarze Maſſe, das war das Schaffot; dort droben ſah ſie Ihn liegen auf ſeinen Knieen. Sie . ſah das Beil in des Scharfrichters Hand, ſie ſah, wie er es erhob zum verhängnißvollen Schlag. Sie war kein Weib mehr, ſondern eine Löwin! Kein Tropfen Blutes war in ihren Wangen. Ihre Nüſtern flogen und ihre Augen ſchoſſen Blitze. Sie zog den Dolch hervor, den ſie in ihrem Buſen verborgen gehalten, und machte ſich Bahn durch die entſetzte, ſcheu zurückweichende Menge. 3 Mit einem Sprung war ſie die Stufen des Schaf⸗ fottes hinauf geeilt. Jetzt ſtand ſie oben, neben ihm, dicht neben dieſer knieenden Geſtalt. Es blitzte durch die Luft, ſie hörte ein eigenthüm⸗ liches Sauſen, dann einen dumpfen Schlag. Ein rother, dampfender Blutſtrahl brauſte in die Höhe und bedeckte Jane Douglas mit ſeinen purpurnen Fluthen. Ich komme, Henry, ich kommel rief ſie mit einem wilden Jauchzen. Ich werde im Tode bei Dir ſein! Und wieder blitzte es durch die Luft. Es war der Dolch, den Jane Douglas in ihr Herz ſtieß! Sie hatte gut getroffen! Kein Laut, kein Aechzen drang über ihre Lippen. Mit einem ſtolzen Lächeln ſank ſie neben der verſtümmelten Leiche ihres Gelieb⸗ — 125— ten zuſammen, und dem entſetzten Scharfrichter ſagte ſie mit ihrer letzten hinſterbenden Kraft: Laßt mich ſein Grab mit ihm theilen! Henry Howard, im Leben und im Sterben bin ich bei Dir! X. Neue Intriguen. Henry Howard war todt, und jetzt hätte man meinen ſollen, der König könne zufrieden und ruhig ſein, und der Schlaf würde ſeine Augenlider nicht mehr fliehen, da Henry Howard, ſein größter Rival, ſeine Augen auf immer geſchloſſen hatte, da Henry Howard nicht mehr da war, ihm ſeine Krone zu ſteh⸗ len, mit dem Glanz ſeiner Thaten die Welt zu er⸗ füllen, und mit ſeinem Dichterruhm das Genie des Königs zu verdunkeln. Aber der König war noch immer nicht zufrieden, der Schlaf floh noch immer ſein Lager. Das macht, ſein Werk war nur erſt halb voll⸗ endet, Henry Howard's Vater, der Herzog von Nor⸗ folk, lebte noch; das machte, der König mußte immer an dieſen mächtigen Rivalen denken, und dieſe Ge⸗ danken verjagten den Schlaf von ſeinen Augenlidern; ſeine Seele war krank an den Howards, deshalb litt ſein Körper an ſo furchtbaren Schmerzen. Wenn der Herzog von Norfolk ſeine Augen ge⸗ ſchloſſen im Tode, dann würde auch der König ſie wieder ſchließen können zum ergnicklichen Schlafe! Aber dieſer Pairshof, und nur von einem ſolchen — 126— konnte der Herzog gerichtet werden, dieſer Pairshof war ſo langſam und bedächtig, er arbeitete lange nicht ſo ſchnell und war lange nicht ſo dienſtbereit, wie das Parlament, welches Henry Howard ſo ſchnell ver⸗ urtheilt hatte. Warum mußte der alte Howard einen Herzogstitel führen, warum war er nicht, wie ſein Sohn, nur ein Graf, damit das gehorſame Parlament ihn verurtheilen konnte. Das war der nie erlöſchende Kummer, der nagende Schmerz des Königs, das machte ihn raſend vor Wuth und erhitzte ſein Blut, und vermehrte dadurch die Schmerzen ſeines Leibes. Er raſte und tobte vor Ungeduld; durch die Hallen des Palaſtes tönte ſein wildes Schelten; es machte Jeden zittern und erbeben, denn Niemand war ſicher, daß er es nicht ſei, der heute der königlichen Wuth zum Opfer fallen müſſe, Niemand konnte wiſſen, ob die ſtets ſich ſteigernde Blutgier des Königs nicht heute ihn verurtheilen werde. Mit der eiferſüchtigſten Strenge wachte der König von ſeinem Krankenlager aus über ſeiner königlichen Würde, und das kleinſte Fehlen dagegen konnte ſeinen Zorn und ſeine Blutgier reizen. Wehe Denen, welche jetzt noch behaupten wollten, der Pabſt ſei das Ober⸗ haupt der Kirche! Wehe Denen, welche Gott allein den Herrn der Kirche zu nennen wagten und nicht den König als den heiligen Schirmherrn der Kirche verehrten! Die Einen wie die Andern waren Hoch⸗ verräther und Sünder, und er ließ die Proteſtanten, wie die Katholiken hinrichten, gleichviel wie nahe ſie ſeiner eigenen Perſon ſtanden, und wie innig er ihnen ſonſt verbunden ſein mochte. Wer es daher vermeiden konnte, hielt ſich fern von der gefürchteten Perſon des Königs, und wen — — — 127— ſein Dienſt in ſeine Nähe bannte, der zitterte für ſein Leben und befahl Gott ſeine Seele. .Es gab nur noch vier Menſchen, welche den Kö⸗ nig nicht fürchteten, und welche ſicher zu ſein ſchienen vor ſeinem zerſchmetternden Zorn. Das waren die Koͤnigin, welche ſeiner pflegte mit hingebender Sorg⸗ falt, John Heywood, der mit nie ermüdendem Eifer Katharina in ihrer ſchwierigen Aufgabe unterſtützte, und dem es noch zuweilen gelang, dem König ein Lächeln abzugewinnen; das waren ferner Gardiner, der Erzbiſchof von Wincheſter und Graf Douglas. Lady Jane Douglas war todt; der König hatte daher ihrem Vater verziehen und dem tiefgebeugten Grafen ſich wieder gnädig und freundlich gezeigt. Zudem war es dem leidenden König ein ſo wohl⸗ thuendes und erquickliches Gefühl, Jemand in ſeiner Nähe zu haben, der mehr noch litt, als er ſelber; es tröſtete ihn, zu wiſſen, daß es noch entſetzens⸗ vollere Schmerzen geben könne, als dieſe Schmerzen des Körpers, an denen er ſelber darnieder lag. Graf Douglas litt an dieſen Schmerzen, und der König ſah mit einer Art Freude, wie ſein Haar täglich mehr ergrauete und ſeine Züge ſchlaffer und hinfälliger wurden. Douglas war jünger als der König, und doch wie alt und grau war ſein Antlitz neben dem wohlgenährten, blühenden Antlitz des Königl! Hätte der König bis auf den Grund ſeiner Seele ſchauen können, er würde weniger Mitleid gehabt haben mit dem Kumnier des Grafen Douglas. Esrr hielt ihn nur für einen zärtlichen Vater, wel⸗ cher um den Tod ſeines einzigen Kindes trauerte. Er ahnte nicht, daß es weniger der Vater ſei, welchen Jane's Tod ſchmerzlig getroffen, als der ehrgeizige Mann, der fanatiſche Katholik, der begeiſterte Jünger — 128— Loyola's, welcher mit Entſetzen alle ſeine Pläne ſchei⸗ tern und den Moment herannahen ſah, wo er dieſer Macht und dieſes Auſehens entkleidet werden würde, walche er in dem geheimen Bunde der Jünger Jeſu genoß. Für ihn war es daher weniger die Tochter, welche er betrauerte, als die ſiebente Gemahlin des Königs, und daß Katharina, und nicht ſeine Toch⸗ ter, nicht Jane Douglas die Krone trug, das war es, was er der Königin niemals verzeihen konnte. Er wollte Jane's Tod rächen an der Königin; er wollte Katharina ſtrafen für ſeine vereitelten Hoff⸗ nungen, für ſeine durch ſie zertretenen Wünſche. Aber Graf Douglas durfte es nicht wagen, ſelber noch einen Verſuch zu machen, das Gemüth des Kö⸗ nigs gegen ſeine Gemahlin einzunehmen. Heinrich hatte es ihm bei der Strafe ſeines Zornes unterſagt, er hatte ihn mit drohenden Worten gewarnt vor einem ſolchen Verſuche, und Graf Douglas wußte ſehr wohl, daß König Heinrich unbeugſam ſei in ſeinen Beſchlüſſen, wenn es galt, eine angedrohete Strafe zu vollſtrecken. Doch was Douglas ſelber nicht wagen durfte, das konnte Gardiner wagen. Gardiner, welcher, Dank der kränklichen Launenhaftigkeit des Königs, ſeit eini⸗ gen Tagen wieder ſo unbedingt die Gunſt des Königs genoß, daß der edle Erzbiſchof Cranmer den Befehl erhalten, den Hof zu verlaſſen und auf ſeinen Bi⸗ ſchofsſitz nach Lambeth zurückzukehren. Katharina hatte ihn mit banger Ahnung ſcheiden ſehen, denn Cranmer war ihr immer ein Freund und eine Stütze geweſen; ſein mildes, klares Antlitz war ihr inmitten dieſes ſturmbewegten, von Leidenſchaften — 129— gepeitſchten Hoflebens immer wie ein Stern des Frie⸗ dens erſchienen, und ſeine ſanften und edlen Worte hatten ſich immer wie ſänftigender Balſam auf ihr armes, zuckendes Herz gelegt. Sie fühlte, daß ſie mit ſeinem Scheiden ihren edelſten Halt, ihren kräftigenden Beiſtand verlor, und daß es nur noch Feinde und Widerſacher ſeien, welche ſie umgaben. Wohl hatte ſie noch John Heywood, den treuen Freund, den unermüdlichen Diener, aber ſeit Gar⸗ diner ſeinen finſteren Einfluß über das Gemüth des Königs übte, durfte John Heywood ſich kaum in Heinrichs Nähe wagen. Wohl hatte ſie auch Thomas Seymour, den Geliebten; aber ſie fühlte und wußte, daß ſie überall von Spähern und Lauſchern umgeben ſei, und daß es jetzt weiter nichts bedürfe, als eines Zuſammenſeins mit Thomas Seymour, einiger zärt⸗ lichen Worte, vielleicht ſogar nur eines Blickes voll Einverſtändiſſes und Liebe, um ihn und ſie dem Schaffot zu übergeben. Sie zitterte nicht für ſich, ſondern für ihren Ge⸗ liebten, das machte ſie vorſichtig und beſonnen, das gab ihr den Muth, Tbomas Seymour immer nur ein kaltes, ernſtes Geſicht zu zeigen, ihm niemals anders zu begegnen, als im Kreiſe ihres Hofes, ihm niemals zu lächeln, ihm niemals die Hand zu reichen. Sie war jedoch ihrer Zukunft gewiß. Sie wußte, in Tag kommen ai an welchem der Tod znigs ſie von ihrer belaſtenden Herrlichkeit und Heinrich VIII. 2. 9 — 130— Sie wartete auf dieſen Tag wie der Gefangene auf die Stunde ſeiner Erlöſung, aber gleich dieſem, wußte ſie, daß ein vorzeitiger Verſuch, ihrem Kerker zu entrinnen, ihr nur Verderben und Tod, und nicht die Freiheit bringen werde. Sie mußte geduldig ſein und warten, ſie mußte jedem perſönlichen Verkehr mit dem Geliebten ent⸗ ſagen, und ſelbſt ſeine Briefe konnte ihr John Hey⸗ wood nur noch ſelten und nur mit der größten Vor⸗ ſicht bringen. Wie oft hatte John Heywood ſie nicht ſchon beſchworen, auch dieſen Brieſwechſel aufzugeben, wie oft hatte er ſie nicht mit Thränen in den Augen angefleht, dieſer Liebe zu entſagen, welche eines Tages ihr Verderben und ihr Tod ſein könne. Katharina lachte zu ſeinen dunkeln Vorahnungen, und ſeinen finſteren Prophezeihungen ſtellte ſie die zukunftgewiſſe Tapferkeit, den freudigen Muth ihrer Liebe entgegen. Sie wollte nicht ſterben, denn das Glück und die Liebe harrten ihrer; ſie wollte dem Glück und der Liebe nicht entſagen, weshalb hätte ſie ſonſt dieſes Leben ertragen ſollen, dieſes Leben der Gefahr, der Entſagung, der Feindſchaft und des Haſſes. Sie wollte aber leben, um dereinſt glücklich zu ſein. Dieſer Gedanke machte ſie tapfer und ent⸗ ſchloſſen; er gab ihr den Muth, ihren Feinden mit heiterer Stirn und lächelndem Munde zu trotzen, er befähigte ſie, mit glänzendem Auge und roſigen Wan⸗ gen an der Seite ihres gefürchteten und ſtrengen Ge⸗ mahls zu ſitzen, und mit heiterem Witz und un ſchöpflichem Frohſinn den Groll von ſeiner Stir den Mißmuth aus ſeiner Seele hinwegzuſcherzen. Aber gerade weil ſie das konnte, war ſie für Douglas und Gardiner eine gefährliche Gegnerin, gerade deshalb mußte es ihr höchſtes Beſtreben ſein, — 131— dieſes junge, ſchöne Weib zu verderben, das ihnen zu trotzen und ihren Einfluß auf den König zu ſchwächen wagte. Nur wenn es ihnen gelang, das Gemüth des Königs immermehr zu verdüſtern, nur wenn ſie ihn ganz wieder mit fanatiſchem Glaubenseifer erfüll⸗ ten, nur dann konnten ſie hoffen, ihr Ziel zu errei⸗ chen, dieſes Ziel, welches war: den König als zer⸗ knirſchten, reuigen und demüthigen Sohn der allein⸗ ſeligmachenden Mutterkirche wieder zuzuführen, und aus dem ſtolzen, eitlen und herrſchſüchtigen Fürſten wieder einen gehorſamen und unterwürfigen Sohn des Pabſtes zu machen. Der König ſollte dieſem eitlen und gottesläſterlichen Hochmuth entſagen, ſelber das Oberhaupt ſeiner Kirche ſein zu wollen, er ſollte dem Geiſt der Neuerung und der Ketzerei ſich abwenden und wieder ein gläubiger und frommer Katholik werden. Aber um dieſes Ziel erreichen zu können, mußte Katharina von ihm entfernt werden, mußte er nicht mehr ihr roſiges und ſchönes Angeſicht ſehen, und nicht mehr von ihrem ſinnigen Geſpräch und ihrem ſcharfen Geiſt ſich zerſtreuen laſſen. Wir werden es nicht vermögen, die Königin zu ſtürzen, ſagte Graf Douglas zu Gardiner, als ſie Beide im Vorſaal des Königs ſich befanden und das heitere Geplauder Katharinaſs und das fröhliche Lachen des Königs aus dem anſtoßenden Zimmer deſſelben den hertönte. Nein, nein, Gardiner, ſie iſt zu g und zu ſchlau. Der König liebt ſie ſehr, und hm eine ſo angenehme und erfriſchende Zer⸗ erade deshalb müſſen wir ſie ihm entziehen, ſagte Gardiner mit finſterem Stirnrunzeln. Er ſoll ſein Herz von dieſer irdiſchen Liebe abwenden, und erſt 9* — 132— wenn wir dieſe in ihm ertödtet haben, wird dieſer wilde und hochmüthige Mann zerknirſcht und demüthig zu uns und zu Gott zurückkehren. Aber wir werden ſie nicht ertödten können, Freund. Es iſt eine ſo heiße und eigennützige Liebe. Um deſto größer wird der Triumph ſein, wenn es unſern heiligen Ermahnungen gelingt, ſein Herz zu rühren, Douglas. Es iſt wahr, er wird ſehr viel leiden, wenn er dieſe Frau aufgeben muß. Aber gerade des Leidens bedarf er, um zerknirſcht zu wer⸗ den zur Reue. Sein Gemüth muß erſt ganz ver⸗ düſtert werden, damit wir es erhellen können mit dem Licht des Glaubens, er muß erſt ganz vereinſamt und troſtlos gemacht werden, um in zur heiligen Gemeinſchaft mit der Kirche zurückzuführen und ihn für den Troſt des alleinſeligmachenden Glaubens wie⸗ der zugänglich zu finden. Ach, ſeufzte Douglas, ich fürchte, daß dies ein vergebliches Streben ſein wird. Der König iſt ſo eitel auf ſein ſelbſtgegründetes Oberprieſterthum! Aber er iſt ein ſo ſchwacher Menſch, ein ſo gro⸗ ßer Sünder, ſagte Gardiner mit einem kalten Lächeln. Er zittert ſo ſehr vor dem Tode und dem Gerichte Gottes, und die heilige Mutterkirche kann ihm Ab⸗ laß geben für ſeine Sünden, und mit ihren heiligen Sacramenten ihm das Sterben erleichtern. Er iſt ein arger Sünder, und er hat Gewiſſensbiſſe! 8 iſt es, was ihn wieder in den Schooß der kath Kirche zurückführen wird. Aber wann wird dies geſchehen? Der K i krank, und jeder Tag kann ſeinem Leben ein Ziel ſetzen. Wehe uns, wenn er ſtirbt, bevor er die Macht in unſre Hände gegeben und uns zu ſeinen Teſtaments⸗ — 133— vollſtreckern ernannt hat. Wehe uns, wenn die Kö⸗ nigin zur Regentin ernannt wird und der König die Seymours zu ihren Miniſtern erwählt. Oh, mein weiſer und frommer Vater, das Werk, welches Ihr thun wollt, muß bald gethan werden, oder es wird immer unvollendet bleiben müſſen! 4 Es ſoll noch heute gethan werden, ſagte Gardiner feierlich, und indem er ſich dichter an des Grafen Ohr neigte, fuhr er fort: wir haben die Königin in Zuverſicht und Selbſtvertrauen eingelullt, und daran ſoll ſie noch heute zu Grunde gehen. Sie vertraut ſo feſt auf ihre Macht über das Gemüth des Königs, daß ſie oft ſogar den Muth findet, ihm zu wider⸗ ſprechen, und ſeinem Willen den ihren entgegen zu ſetzen. Das ſoll noch heute ihr Verderben ſein! Denn merket wohl auf, Graf: der König iſt jetzt wieder wie ein Tiger, welcher lange gefaſtet hat. Es dürſtet ihn nach Blut! Die Königin hat einen Widerwillen vor Menſchenblut, und es grauet ihr, wenn ſie von Hin⸗ richtungen hört. Man muß alſo machen, daß dieſe widerſtrebenden Neigungen einander berühren und bekämpfen. Oh, ich verſtehe jetzt, flüſterte Douglas, und ich beuge mich in Ehrfurcht vor der Weisheit Eurer Eminenz. Sie wollen Beide ſich bekämpfen laſſen mit ihren eigenen Waffen. Ich will ſeiner Blutgier eine willkommene Beute und ihrem albernen Mitleid Gelegenheit geben, m König um ſeine Beute zu kämpfen. Meint t, Graf, daß dies ein beluſtigendes und herz⸗ eendes Schauſpiel geben wird, zu ſehen, wie der Tiger und die Taube mit einander ringen? Und ich ſage Euch, der Tiger dürſtet ſo ſehr nach Blut. Blut iſt der einzige Balſam, welchen er auf ſeine ſchmer⸗ — 134— zenden Glieder legt, und von welchem er vermeint, daß er ſeinem gequälten Gewiſſen und ſeiner Todes⸗ furcht allein Frieden und Muth zurückgeben könne. Ach, ach, wir haben ihm geſagt, daß mit jeder neuen Ketzerhinrichtung ihm eine ſeiner großen Sünden ge⸗ tilgt werden würde, und daß das Blut der Calviniſten dazu diene, einige ſeiner ſchlimmen Thaten aus ſeinem Schuldbuch auszuwaſchen. Er möchte ſo gerne rein und ohne Schuld vor den Richterſtuhl ſeines Gottes hintreten können, er bedarf alſo ſehr vielen Ketzer⸗ blutes. Aber horcht, da ſchlägt die Stunde, welche mich in das königliche Gemach ruft. Es iſt nun genug mit dem Lachen und den Plaudereien der Kö⸗ nigin. Wir wollen es jetzt verſuchen, das Lächeln auf ewig von ihrem Angeſicht zu verbannen. Sie iſt eine Ketzerin, und es iſt ein frommes und Gott wohl⸗ gefälliges Werk, wenn wir ſie in's Verderben ſtürzen! Möge Gott mit Euch ſein, Eminenz, und in ſeiner Gnade Euch beiſtehen, daß Ihr dieſes erhabene Werk vollbringen könnt! Gott wird mit uns ſein, mein Sohn, denn für ihn iſt es, daß wir arbeiten und uns mühen, zu ſei⸗ ner Ehre und zu ſeinem Preiſe führen wir dieſe irr⸗ gläubigen Ketzer auf die Scheiterhaufen und laſſen die Luft wiederhallen von dem Wehegeſchrei der Gefolter⸗ ten und Gemarterten! Das iſt eine Muſik, welche Gott wohlgefällig iſt, und die Englein im Himm werden triumphiren und ſich freuen, wenn aut ketzeriſche und ungläubige Königin Katharin Muſik der Verdammten wird auſtimmen müſſe— Ich gehe jetzt zum heiligen Werke der Liebe und des göttlichen Zornes. Betet für mich, mein Sohn, daß es gelingen möge. Bleibet hier im Vorzimmer und ſeid meines Rufes gewärtig; vielleicht werden wir — 135— Eurer bedürfen. Betet für uns und mit uns. Ach, wir ſind dieſer ketzeriſchen Königin noch Revanche ſchuldig für Marie Askew. Heute werden wir ſie ihr geben. Damals klagte ſie uns an, heute werden wir ſie anklagen, und mit uns iſt Gott und die Schaar ſeiner Heiligen und Engel! Und der fromme und gottgeliebte Prieſter bekreu⸗ zigte ſich und durchſchritt mit demüthig geſenktem Haupte und einem ſanften Lächeln um die ſchmalen, blut⸗ loſen Lippen den Saal, um ſich in das Gemach des Königs zu begeben. IX. Der Rönig und der Prieſter. Gott ſegne und erhalte Ew. Majeſtät, ſagte Gar⸗ diner, als er zum König eintrat, welcher eben mit der Königin am Schachbrett ſaß, und mit gerunzelter Stirn und zuſammengekniffenen Lippen das Spiel überſchauete, welches für ihn nicht günſtig ſtand, und ihn mit einem baldigen Schachmatt bedrohte. Es war nicht weiſe von der Königin, den König gewinnen zu laſſen, denn der abergläubiſche und ſlchtige Sinn des Königs ſah in einer ſolchen ge⸗ unenen Schachparthie immer zugleich einen Angriff auf ſeine eigene Perſon, und Der, welcher es gewagt, ihn im Schach zu beſiegen, war für Heinrich immer eine Art Hochverräther, welcher das Königthum be⸗ drohte und vermeſſen genug war, die Hand nach der Krone auszuſtrecken. — 136— Die Königin wußte das ſehr wohl, aber— Gar⸗ diner hatte Recht— ſie war zu vertrauensvoll. Sie glaubte ein wenig an ihre Macht über den König, ſie vermeinte, er werde bei ihr eine Ausnahme machen. Und es war ſo langweilig, in dieſem Spiel immer der verlierende und unterliegende Theil ſein zu müſſen, den König immer als den triumphirenden Sieger er⸗ ſcheinen zu laſſen und ſeinem Spiel Lobſprüche zu ſpenden, welche er nicht verdiente. Katharina wollte ſich einmal den Triumph gönnen, ihren Gemahl be⸗ ſiegt zu haben. Sie kämpfte mit ihm Mann gegen Mann, ſie reizte ihn durch immer erneuerte Angriffe, ſie erbitterte ihn durch die immer näher heranrückende Gefahr. Der König, welcher anfangs heiter geweſen und gelacht hatte, wenn Katharina ihm einen ſeiner Offi⸗ ziere genommen, der König lachte jetzt nicht mehr. Es war kein Spiel mehr, es war ein ernſthafter Kampf, und der König rang mit ſeiner Gemahlin in leidenſchaftlichem Eifer um den Sieg. Katharina ſah nicht einmal die Wolken, welche ſich auf der Stirn des Königs aufthürmten. Ihre Blicke waren nur auf das Schachbrett gerichtet, und athem⸗ los vor Erwartung, und glühend vor Eifer überlegte ſie den Zug, den ſie thun wollte. Aber Gardiner hatte ſehr gut den geheimen Zorn des Königs verſtanden, und er begriff, daß ihm die Situation günſtig ſei. Mit leiſem, ſchleichenden Tritt näherte er ſich dem König und überſchaute, hinter ihm ſtehend, das Spie In vier Zügen ſeid Ihr matt und todt, mein Ge⸗ mahl! ſagte die Königin mit einem heitern Lachen, indem ſie ihren Zug that.. — 137— Des Königs Stiru zog ſich noch finſterer zuſam⸗ men und er preßte die Lippen heftig aufeinander. Es iſt wahr, Majeſtät, ſagte Gardiner, Ihr werdet bald erliegen müſſen! Euch droht Gefahr von der Kö⸗ nigin! Heinrich zuckte zuſammen und wandte ſein Antlitz mit einem fragenden Ausdruck nach Gardiner um. In ſeiner gereizten Stimmung gegen die Königin traf ihn dieſes zweideutige Wort des ſchlauen Prieſters mit doppelter Schärfe. Gardiner war ein ſehr geſchickter Jäger, ſchon der erſte Pfeil, welchen er abgeſchoſſen, hatte getroffen.— Aber auch Katharina hatte ihn ſchwirren gehört. Die langſamen, zweideutigen Worte Gardiners hatten ſie aus ihrer Argloſigkeit empor geſchreckt, und wie ſie jetzt in das glühende, gereizte Geſicht des Königs ſah, begriff ſie ihre Unvorſichtigkeit. Aber es war zu ſpät, ſie wieder gut zu machen. Das Matt des Königs war unvermeidlich, und Hein⸗ rich hatte es ſchon ſelber bemerkt. Es iſt gut! ſagte er heftig. Ihr habt gewonnen, Katharina, und bei der heiligen Mutter Gottes, Ihr könnt Euch des ſeltenen Glückes rühmen, Heinrich von England beſiegt zu haben! Ich werde mich deſſen nicht rühmen, mein Ge⸗ mahl! ſagte ſie lächelnd. Ihr habt mit mir geſpielt, wie der Löwe mit dem Hündchen, welches er nur um deswillen nicht zertritt, weil er Mitleid mit ihm hat, und weil's ihm leid thut um das armſelige, kleine Geſchöpf. Löwe, ich danke Dir! Du biſt heute groß⸗ müthig geweſen! Du haſt mich gewinnen laſſen! Des Königs Züge erheiterten ſich ein wenig. Gar⸗ — 138— diner ſah es, er mußte Katharina verhindern, ihren Vortheil weiter zu verfolgen. Die Großmuth iſt eine erhabene, aber eine ſehr gefährliche Tugend, ſagte er ernſt, und die Könige vor allen Dingen dürfen ſie nicht üben, denn die Großmuth verzeiht begangene Verbrechen, und die Könige ſind nicht da, um zu verzeihen, ſondern um zu ſtrafen. Ob, nicht doch, ſagte Katharina, großmüthig ſein zu können, iſt der edelſte Vorzug der Könige, und da ſie die Stellvertreter Gottes auf Erden ſind, müſſen ſie auch Erbarmen und Gnade üben, wie Gott ſelber! Des Königs Stirn verdunkelte ſich wieder, und ſeine finſtern Blicke ſtarrten auf das Schachbrett hin. Gardiner zuckte die Achſeln und erwiederte nichts. Er zog eine Rolle Papier aus ſeinem Talar hervor und reichte ſie dem König dar. 3 Sire, ſagte er, ich hoffe, daß Ihr die Anſicht der Königin nicht theilt! Sonſt würde es ſchlimm ſtehen um die Ruhe und den Frieden dieſes Landes. Die Menſchheit kann nicht durch die Gnade, ſondern nur durch die Furcht regiert werden. Ihr haltet das Schwert in Händen, Majeſtät! Wenn Ihr zaudert, es auf die Uebelthäter niederfallen zu laſſen, werden ſie es bald Euren Händen entwinden, und Ihr werdet machtlos ſein! Das ſind ſehr grauſame Worte, Eminenz! rief Katharina, welche ſich von ihrem großmüthigen Herzen hinreißen ließ, und ahnte, daß Gardiner gekommen ſei, den König zu irgend einem harten und blutigen Urtheilsſpruch zu bewegen. Sie wollte ſeiner Abſicht zuvorkommen, ſie wollte — 139— den König zur Milde bewegen. Aber der Moment war ihr ungünſtig. Der König, den ſie eben erſt durch ihren Sieg über ihn gereizt hatte, fühlte ſeinen Aerger ſich ſteigern durch den Widerſpruch, den ſie dem Erzbiſchof ent⸗ gegenſetzte, denn dieſer Widerſpruch war zugleich gegen ihn ſelber gerichtet. Der König war gar nicht ge⸗ neigt, Gnade zu üben, es war daher eine ſehr frevel⸗ hafte Meinung der Königin, die Gnade als das höchſte Privilegium der Fürſten zu preiſen. Er nahm mit einem ſtummen Neigen des Kopfes die Papiere aus Gardiners Händen und öffnete ſie. Ach, ſagte er, ſie durchblätternd, Ihr habt Recht, Emi⸗ nenz, die Menſchen verdienen es nicht, daß man Gnade an ihnen übt, denn ſie ſind immer bereit, ſie zu mißbrauchen. Weil wir ſeit einigen Wochen keine Scheiterhaufen angezündet und keine Schaffote errichtet haben, vermeinen ſie, daß wir ſchlafen, und beginnen ihr hochverrätheriſches und unheilvolles Treiben mit verdoppelter Wuth, und heben ihre ſündigen Fäuſte wider uns, um unſrer zu ſpotten. Da ſehe ich die Anklage wider Einen, welcher ſich vermeſſen hat zu ſagen, es gäbe keinen König von Gottes Gnaden, und der König ſei ebenſowohl ein jammervoller, ſündiger Menſch, wie der niedrigſte Bettler. Nun, wir wollen dieſem Manne Recht geben, wir wollen ihm kein König von Gottes Gnaden ſein, ſondern ein König von Gottes Zorn! Wir wollen ihm zeigen, daß wir noch nicht ganz dem niedrigſten Bettler gleichen, denn wir beſitzen mindeſtens noch Holz genug, um für ihn einen Scheiterhaufen aufzurichten! Und indem der König ſo ſprach, brach er in ein lautes Lachen aus, in welches Gardiner bereitwillig mit einſtimmte. — 140— Da ſehe ich die Anklage zweier Andern, welche die Suprematie des Königs leugnen, fuhr Heinrich, immer noch in den Papieren blätternd, fort. Sie ſchelten mich einen Gottesläſterer, weil ich es wage, mich den Stellvertreter Gottes, das ſichtbare Ober⸗ haupt der heiligen Kirche zu nennen; ſie ſagen, nur Gott ſei ſeiner Kirche Herr, und Luther und Calvin ſeien erhabenere Stellvertreter Gottes als der König. Wahrlich, wir müßten unſer Königthum und unſre uns von Gott verliehene Würde ſehr gering halten, wenn wir dieſe Frevler nicht beſtrafen wollten, welche in unſerer geheiligten Perſon Gott ſelber zu läſtern wagen! Der König blätterte weiter in den Papieren, plötz⸗ lich übergoß eine dunkle Zornesröthe ſein Antlitz und ein wilder Fluch tönte von ſeinen Lippen. Er warf die Papiere auf den Tiſch und ſchlug mit der geballten Fauſt darauf. Sind, denn alle Teufel losgelaſſen? ſchrie er zornig, flammt denn die Empö⸗ rung in meinen Landen ſo wild empor, daß wir ſie nicht mehr zu bändigen vermögen? Da hat ein fa⸗ natiſcher Ketzer auf offener Straße das Volk gewarnt, dieſes heilige Buch zu leſen, welches ich ſelber als ein wohlmeinender und vorſorglicher Vater und Erzieher für mein Volk geſchrieben, und es ihm gegeben habe, damit es ſich daran erbauen und erheben möge. Und dieſes Buch hat jener Verbrecher dem Volke gezeigt und zu ihm geſagt:„Das Buch des Königs nennt Ihr es, und Ihr habt Recht, denn es iſt ein verbre⸗ cheriſches Buch, ein Werk der Hölle, und der Teufel iſt des Königs Gevattersmann!“ Ach, ich ſehe es wohl, wir müſſen dieſem erbärmlichen, hochverräthe⸗ riſchen Geſindel wieder unſer ernſtes und zorniges Antlitz zeigen, damit es wieder an den König glaube. — 141— Es iſt eine jammervolle, ekle und verächtliche Maſſe, dieſes Volk! Nur wenn es zittert und die Peitſche fühlt, iſt es gehorſam und demüthig; nur wenn man es in den Staub tritt, erkennen ſie es an, daß wir ihr Herr ſind, und wenn wir ſie foltern und ver⸗ brennen laſſen, haben ſie Reſpect vor unſerer Herr⸗ lichkeit. Man muß ihnen alſo das Königthum in ihren Körper einbrennen, damit ſie es als eine Wahr⸗ heit empfinden. Und beim ewigen Gott, das wollen wir! Gebt mir eine Feder her, daß ich dieſe Urtheile unterzeichne und beſtätige. Aber tränkt die Feder gut, Eminenz, denn es ſind acht Urtheile und ich muß achtmal meinen Namen ſchreiben. Ach, ach, es iſt ein hartes und angreifendes Geſchäft, ein König zu ſein, und kein Tag geht vorüber ohne Mühſal und Arbeit! Gott unſer Herr wird Euch dieſe Arbeit geſegnen! ſagte Gardiner feierlich, indem er dem König die Feder darreichte. Heinrich ſchickte ſich an zu ſchreiben, als ſich Ka⸗ tharina's Hand auf die ſeine legte und ihn zurückhielt. Unterſchreibt nicht, mein Gemahl, ſagte ſie mit flehender Stimme. Oh, ich beſchwöre Euch bei Allem, was Euch heilig iſt, laßt Euch nicht hinreißen von Eurem augenblicklichen Mißmuth, laßt den beleidigten Menſchen nicht mächtiger in Euch ſein, als den ge⸗ rechten König. Laßt die Sonne untergehen und auf⸗ gehen über Eurem Zorn, und erſt, wenn Ihr ganz ruhig, ganz gelaſſen ſeid, dann richtet über dieſe An⸗ geklagten. Denn, überlegt es wohl, mein König und Gemahl, es ſind acht Todesurtheile, welche Ihr da unterzeichnen wollt, und mit dieſen wenigen Feder⸗ ſtrichen wollt Ihr acht Menſchen dem Leben, der Fa⸗ milie und der Welt entreißen, wollt Ihr der Mutter ihren Sohn, der Gattin den Gatten, den unmündigen — 142— Kindern den Vater nehmen! Ueberlegt es, Heinrich, es iſt eine ſo ſchwere Verantwortung, welche Gott in Eure Hand gelegt, und es iſt vermeſſen, wenn man ſich nicht in heiligem Ernſt und ungetrübter Geiſtes⸗ ruhe dazu ſammeln will! Nun, bei der heiligen Mutter! rief der König, heftig auf den Tiſch ſchlagend, ich glaube gar, Ihr wagt es, die Hochverräther und Läſterer ihres Königs zu vertheidigen! Ihr habt alſo nicht gehört, weſſen man ſie anklagt? Ich habe es gehört, ſagte Katharina, immer mehr erglühend; ich habe es gehört, und ich ſage dennoch: unterſchreibt dieſe Todesurtheile nicht, mein Gemahl! Es iſt wahr, dieſe Armen haben ſchwer gefehlt, aber ſie fehlten menſchlich. So laßt denn auch Eure Strafe menſchlich ſein. Es iſt nicht weiſe, König, eine ge⸗ ringe Beleidigung Eurer Majeſtät gleich ſo bitter rächen zu wollen! Ein König muß erhaben ſein über die Läſterung und Verleumdung, gleich der Sonne muß er leuchten über den Gerechten und den Unge⸗ rechten, deren Keiner ſo mächtig iſt, daß er ihren Glanz trüben und ihre Herrlichkeit verdunkeln kann. Straft die Uebelthäter und Verbrecher, König, aber ſeid erhaben und großmüthig gegen Diejenigen, welche Eure Perſon beleidigt haben! Der König iſt keine Perſon, die man beleidigen kann! ſagte Gardiner. Der König iſt eine erhabene Idee, ein machtvoller, weltumfaſſender Gedanke. Wer den König beleidigt, der hat nicht eine Perſon belei⸗ digt, ſondern das von Gott eingeſetzte Königthum, den Univerſalgedanken, der die ganze Welt zuſam⸗ menhält!.. 3 Wer den König beleidigt, der hat Gott beleidigt! ſchrie der König, und wer an unſere Krone greift und . 143— uns läſtert, dem ſoll die Hand abgeſchlagen und die Zunge ausgeriſſen werden, wie man es den Gottes⸗ leugnern und den Vatermördern thut! Nun, ſo ſchlagt ihnen die Hand ab, ſo verſtümmelt ſie, aber tödtet ſie nicht! rief Katharina leidenſchaftlich. Prüfet wenigſtens, ob ihr Verbrechen ſo ſchwer iſt, wie man Euch glauben machen will, mein Gemahl. Oh, es iſt jetzt ſo leicht, als Hochverräther und Got⸗ tesleugner angeklagt zu werden, es genügt dazu eines unvorſichtigen Wortes, eines Zweifels, nicht an Gott, aber an ſeinen Prieſtern und an dieſer Kirche, welche Ihr aufgerichtet, mein König, und deren ſtolzer und eigenthümlicher Bau Vielen noch ſo neu und unge⸗ wohnt iſt, daß ſie ſich zweifelnd fragen, ob das eine Kirche Gottes oder ein Palaſt des Königs ſei, und daß ſie in ſeinen labyrinthiſchen Gängen ſich verlieren und verirren, ohne den Ausgang finden zu können! Hätten ſie den Glauben, ſagte Gardiner feierlich, ſo würden ſie ſich nicht verirren, und wäre Gott mit ihnen, ſo würde ihnen der Ausgang nicht verſchloſſen ein! Oh, ich weiß es wohl, Ihr ſeid immer unerbitt⸗ lich! rief Katharina zürnend. Aber es iſt auch nicht zu Euch, daß ich um Gnade bitte, ſondern zu dem König, und ich ſage Euch, Herr Erzbiſchof, es wäre Euch beſſer, und eines Prieſters der chriſtlichen Liebe würdiger, wenn Ihr Eure Bitten mit den meinigen vereintet, als daß Ihr das edle Herz des Königs zur Härte ſtimmen wollt. Ihr ſeid ein Prieſter, und Ihr habt es an Eurem eigenen Leben erfahren, daß es viele Wege ſind, welche zu Gott führen, und daß wir allzumal zweifeln und irren, welches der rechte ſei! Wie? ſchrie der König, indem er ſich von ſeinem Sitz erhob und Katharina mit zürnenden Blicken an⸗ — 144— ſah. Ihr meint alſo, daß die Ketzer auch auf einem Wege ſich befinden mögen, welcher zu Gott führt? Ich meine, rief ſie leidenſchaftlich, daß man auch Jeſum Chriſtum einen Gottesleugner genannt und ihn hingerichtet hat. Ich meine, daß Stephanus von Paulus geſteinigt worden iſt, und daß man dennoch jetzo Beide als Heilige verehrt und zu ihnen betet. Ich meine, daß Sokrates nicht deswegen verdammt ſein wird, weil er vor Chriſtus lebte, und alſo ſich nicht zu ſeiner Religion bekennen konnte, und daß Horaz und Julius Cäſar, Phidias und Plato doch große und edle Geiſter genannt werden müſſen, wenn ſie auch Heiden waren! Ja, mein Herr und Gemahl, ich meine, daß es wohl geziemend iſt, Milde zu üben in Sachen der Religion, und daß man nicht mit Ge⸗ walt den Glauben als eine Laſt aufzwängen, ſondern darh eberzengung ihn als eine Wohlthat verleihen ollte! Ihr haltet alſo dieſe acht Angeklagten nicht für todeswürdige Verbrecher? fragte Heinrich mit erkün⸗ ſtelter Ruhe und mühſam bewahrter Faſſung. Nein, mein Gemahl! Ich halte ſie für arme, irrende Menſchen, welche den rechten Weg ſuchen, ihn gerne wandeln möchtenz, und darum überall zweifelnd fragen: iſt das der rechte Weg? Es iſt genug! ſagte der König, indem er Gardiner zu ſich heran winkte, und auf ſeinen Arm gelehnt, einige Schritte durch das Gemach that. Sprechen wir nicht mehr von dieſen Dingen; ſie ſind zu ernſt, um ſie im Beiſein unſerer jungen und fröhlichen Königin entſcheiden zu wollen. Das Herz der Pranen iſt immer zur Milde und Vergebung geneigt. Das hättet Ihr bedenken, Gardiner, und nicht in Gegenwart der Königin von dieſen Dingen ſprechen ſollen! — 145— Sire, es war indeß die Stunde, welche Ihr zur Berathung über dieſe Dinge feſtgeſetzt! War es die Stunde? rief der König lebhaft. Nun, dann thaten wir Unrecht, ſie noch andern Dingen als den ernſten Geſten zu widmen, und Ihr werdet mir verzeihen, Königin, wenn ich Euch bitte, mich mit dem Erzbiſchof allein zu laſſen. Die Staatsgeſchäfte dürfen nicht aufgeſchoben werden! Er reichte Katharinen die Hand dar und geleitete ſie mühſam, aber mit lächelndem Angeſicht bis zur Thür. Als ſie ſtehen blieb, und ihm mit fragendem und lächelndem Ausdruck in die Augen ſah, und die Lippen öffnete um zu ſprechen, machte er eine unge⸗ duldige Bewegung mit der Hand und zog die Stirn in finſtere Falten. Es iſt ſpät, ſagte er haſtig, und wir haben Staats⸗ geſchäfte. Katharina wagte nicht zu ſprechen, ſie verneigte ſich ſchweigend und verließ das Gemach. Der König ſah ihr mit finſterer Stirn und zornigen Blicken nach. Dann wandte er ſich zu Gardiner um. Nun? fragte er, was denkt Ihr von der Kö⸗ nigin? Ich denke, ſagte Gardiner ſo langſam, ſo bedächtig, daß jedes Wort Zeit hatte ſich wie ein Nadelſtich in des Königs empfindliches Herz einzubohren, ich denke, daß ſie Diejenigen nicht für Verbrecher hält, welche das heilige Buch, das Ihr geſchrieben, ein Werk der Hölle nennen, und daß ſie ſehr viel Sympathieen hat für dieſe Ketzer, welche Eure Suprematie nicht aner⸗ kennen wollen! 8 Bei der heiligen Mutter, ich glaube, ſie würde ſelber ſo ſprechen, und ſich zu meinen Feinden beken⸗ Heinrich VIII. 3. 10 nen, wenn ſie nicht meine Gemahlin wärel rief der König, in deſſen Innerem der Zorn ſchon wie die Lava in einem Vulkan zu brauſen begann. Sie thut es ſchon, obwohl ſie Eure Gemahlin iſt, Sire! Sie vermeint, ihre erhabene Stellung mache ſie ſtraflos und ſchütze ſie vor Enrem gerechten Zorn, deshalb thut ſie, was Niemand ſonſt zu thun wagt, und ſpricht, was in dem Munde jedes Andern der ſchwärzeſte Hochverrath ſein würde! Was thut ſie, und was ſpricht ſie? rief der König. Zaudert nicht, Eminenz, es mir zu ſagen! Es ziemt ſich wohl für mich, zu wiſſen, was meine Gemahlin thut und ſpricht! Sire, ſie iſt nicht bloß die geheime Beſchützerin der Ketzer und Reformirten, ſondern ſie iſt ihre Glau⸗ bensgenoſſin. Sie horcht ihren Irrlehren mit eifrigem Gemüth und läßt die gottverdammten Prieſter dieſer Secte in ihre Gemächer kommen, um ihren fanatiſchen Reden und ihren hölliſchen Inſpirationen zuzuhören. Sie ſpricht von dieſen Ketzern als von den wahren Gläubigen und Chriſten, und nennt Luther das Licht, welches Gott in die Welt geſandt, um die Dunkelheit und die Lüge der Kirche zu durchleuchten mit dem Glanz der Wahrheit und der Liebe; denſelben Luther, Sire, welcher es gewagt, Euch ſo ſchmachvolle und beleidigende Briefe zu ſchreiben, und Eures König⸗ thums und Eurer Weisheit in ſo brutaler Weiſe zu ſpotten. Sie iſt eine Ketzerin, damit iſt Alles geſagt! ſchrie der König.— Der Vulkan war reif zu einer Erup⸗ tion, und die kochende Lava mußte endlich einen Aus⸗ fluß haben. Ja, ſie iſt eine Ketzerin! wiederholte der König, — 147— und wir haben doch geſchworen, dieſe Gottesleugner in unſern Landen zu vertilgen! Sie weiß ſehr wohl, daß ſie ſicher iſt vor Eurem Zorn! ſagte Gardiner achſelzuckend. Sie trotzt darauf, daß ſie die Königin iſt, und daß in dem Herzen ihres erhabenen Gemahls die Liebe mächtiger iſt, als der Glaube!. Es ſoll Niemand vermeinen, daß er ſicher iſt vor meinem Zorn, und Niemand ſoll trotzen auf die Si⸗ cherheit, welche ihm meine Liebe Peiefürtt Sie iſt ein ſtolzes, übermüthiges und keckes Weib! rief der König, deſſen Blicke eben wieder auf dem Schachbrett hafteten, und deſſen Groll noch geſteigert ward durch die Er⸗ innerung an das verlorene Spiel. Sie wagt es, uns zu trotzen und einen Willen zu haben außer dem unſern. Bei der heiligen Mutter, wir wollen es ver⸗ ſuchen, ihren Trotz zu brechen und ihren ſtolzen Nacken zu beugen unter unſern Willen. Ja, ich will der Welt zeigen, daß Heinrich von England immer noch der Unerſchütterliche, der Unbeſtechbare iſt. Ich will den Ketzern ein Zeugniß geben, daß ich in Wahr⸗ heit der Beſchützer und Schirmherr des Glaubens und der Religion in meinen Landen bin, und daß Nie⸗ mand zu hoch ſteht, um nicht von meinem Zorn ge⸗ troffen zu werden, und das Schwert der Gerechtigkeit auf ſeinem Nacken zu fühlen. Sie iſt eine Ketzerin, und wir haben geſchworen mit Feuer und Schwert die Ketzer zu vernichten. Wir werden unſern Schwur halten.— Und Gott wird Euch ſegnen mit ſeinem Segen, er wird eine Glorie des Ruhms um Euer Haupt legen, und die Kirche wird Euch preiſen als ihren glorreichſten Hirten, ihren erhabenen Oberherrn. Sei es ſo! ſagte der König, indem er mit jugend⸗ 10 — 148— licher Haſt das Zimmer durchſchritt, und, zu ſeinem Schreibtiſch tretend, mit raſcher und flüchtiger Hand einige Zeilen aufſchrieb. Gardiner ſtand in der Mitte des Zimmers mit gefaltenen Händen, und ſeine Lippen murmelten ein halblautes Gebet, während ſeine großen flammenden Augen mit nengierigem und durchbohrendem Ausdruck auf den König geheftet waren. Hier, Eminenz, nehmt dieſes Papier, ſagte der König dann, nehmt und ordnet alles Nöthige an. Es iſt ein Verhaftsbefehl, und noch ehe die Nacht hereinbricht, ſoll die Königin im Tower ſein! In Wahrheit, der Herr iſt mächtig in Euch! rief Gardiner, indem er das Papier nahm, die heiligen Heerſchaaren ſingen ihr Hallelujah und ſchauen mit Entzücken auf den Helden hernieder, der ſein eigenes Herz überwand um Gott und der Kirche zu dienen! Nehmt und eilt Euch! ſagte der König haſtig. In einigen Stunden muß Alles gethan ſein. Gebt dem Grafen Douglas dies Papier, und heißt ihn damit zum Lordlieutenant des Towers gehen, damit er ſelber mit den Trabanten ſich her verfüge. Denn immer doch iſt dieſe Frau eine Königin, und ſelbſt in der Verbrecherin noch will ich die Königin anerkennen. Der Lordlieutenant ſelber muß ſie in den Tower ge⸗ leiten. Eilt alſo, ſage ich! Aber hört, bewahrt dieſes Alles als ein Geheimniß und laßt Niemand davon etwas erfahren, bevor der Moment der Entſcheidung gekommen iſt. Es könnte ſonſt ihre Freunde gelüſten bei mir um Gnade für dieſe Sünderin zu flehen, und ich verabſcheue dieſes Gewinſel und dieſen Jammer. Schweigt alſo, denn ich bin müde und bedarf der Ruhe und des Schlafes. Ich habe, wie Ihr ſagt, ſo eben ein Gott wohlgefälliges Werk gethan, vielleicht — 149— ſendet mir Gott dafür zum Lohn den ſtärkenden und kräftigenden Schlaf, nach welchem ich ſchon ſo lange vergeblich verlange! Und der König ſchlug die Vorhänge von ſeinem Ruhebett zurück und legte ſich, von Gardiner unter⸗ ſtützt, auf die ſchwellenden Polſter. Gardiner ſchloß die Vorhänge wieder und ſchob das verhängnißvolle Papier in ſeine Taſche. Selbſt in ſeinen Händen ſchien es ihm nicht ſicher genug. Wie? Konnte nicht irgend ein neugieriges Auge ſich darauf heften, und den Inhalt deſſelben errathen? Konnte nicht irgend ein frecher, unverſchämter Freund der Königin ihm dieſes Papier entreißen, und es ihr hinbringen und ſie warnen? Nein, nein, es war nicht ſicher genug in ſeinen Händen, er mußte es in der Taſche ſeines Talars bergen. Dort konnte Nie⸗ mand es finden, Niemand es entdecken. Dort alſo verbarg er es. In dem großen faltigen Talar war es ſicher, und nachdem er ſo das koſtbare Papier verſteckt, verließ er ſchnellen Schrittes das Ge⸗ mach, um dem Grafen Douglas das herrliche Reſultat ſeines Bemühens zu verkünden. Nicht ein einziges Mal ſchauete er zurück. Hätte er es gethan, er würde wie ein Tiger auf ſeine Beute zurückgeſprungen ſein in dieſes Gemach, er würde wie der Habicht auf die Taube ſich auf jenes weiße Stück Papier geſtürzt haben, welches dort am Boden lag, grade auf der Stelle, wo Gardiner vorher geſtanden, als er den vom König geſchriebenen Verhaftsbefehl in ſeine Taſche geſchoben. Ach, ſelbſt der Talar eines Prieſters iſt nicht immer dicht genng, um ein gefährliches Geheimniß verhüllen zu können, und ſelbſt die Taſche eines Erzbiſchofs kann zuweilen durchlöchert ſein.. — 150— Gardiner ging mit dem ſtolzen Bewußtſein von hinnen, den Verhaftsbefehl in ſeiner Taſche zu haben, und dies verhängnißvolle Papier lag inmitten dieſes königlichen Zimmers am Boden. Wer wird kommen es aufzuheben? Wer wird der Mitwiſſer dieſes gefährlichen Geheimniſſes werden, wem wird dieſes ſtumme Papier die entſetzliche Kunde entgegen ſchreien von der in Ungnade gefallenen Kö⸗ nigin, welche heute noch als Gefangene in den Tower geſchleppt werden ſoll? Alles iſt ſtill und einſam in dem königlichen Ge⸗ mach. Nichts regt ſich, ſelbſt nicht einmal die ſchweren Damaſtvorhänge des königlichen Ruhebettes. Der König ſchläft. Auch der Aerger und der Zorn ſind ein gutes Schlaflied; ſie haben den König ſo aufgeregt, ſo abgeſpannt, daß er wirklich einge⸗ ſchlafen iſt vor Ermattung. Ach, der König hätte ſeiner Gemahlin dankbar ſein ſollen, denn der Aerger über die verlorene Schach⸗ parthie, der Zorn über Katharina's ketzeriſche Geſin⸗ nung, das hat ihn ermattet, das hat ihn in Schlaf gelullt. Der Verhaftsbefehl liegt noch immer am Boden. Jetzt öffnet ſich ganz leiſe, ganz vorſichtig die Thür. Wer iſt es, der es wagen darf, ungerufen und unge⸗ meldet in das Zimmer des Königs einzutreten? Es giebt nur drei Perſonen, welche das wagen dürfen: die Königin, Prinzeſſin Eliſabeth und John Heywood der Narr. Wer von den Dreien iſt es? Es iſt Prinzeſſin Eliſabeth, welche kommt, ihren königlichen Vater zu begrüßen. Jeden Vormittag um dieſe Stunde hatte ſie den König in ſeinem Zim⸗ mer getroffen. Wo war er denn heute?— Wie ſie fragend und erſtaunt im Zimmer umher blickte, fiel ihr Auge auf dieſes Papier, welches dort am Boden lag. Sie hob es auf und betrachtete es mit kindiſcher Neugierde. Was konnte dieſes Papier enthalten? Sicher war es kein Geheimniß, denn ſonſt würde es nicht hier am Boden liegen. Sie öffnete es und las. Ihr ſchönes Antlitz drückte Entſetzen und Erſtaunen aus, und ein leiſer Aufſchrei entfuhr ihren Lippen. Aber Eliſabeth hatte eine ſtarke und entſchloſſene Seele, und das Unerwartete und Ueberraſchende trübte nicht ihren hellen Blick und verdunkelte nicht ihren ſcharfen Geiſt. Die Königin war in Gefahr. Die Königin ſollte verhaftet werden. Das ſchrie ihr dieſes fürchterliche Blatt in's Ohr, aber ſie durfte ſich nicht davon betäuben laſſen, ſie mußte handeln, ſie mußte die Königin warnen. Sie barg das Papier in ihrem Buſen, und leicht wie ein Zephyr ſchwebte ſie wieder aus dem Gemach. Mit blitzenden Augen, die Wangen geröthet vom eiligen Lauf, trat Eliſabeth zu der Königin ein; mit leidenſchaftlichen Ungeſtüm ſchloß ſie ſie in die Arme und küßte ſie zärtlich. Katharina, meine Königin und meine Mutter, ſagte ſie, wir haben geſchworen, einander beizuſtehen und zu beſchützen, wenn Gefahr uns bedroht. Das Schickſal iſt mir gnädig, denn es giebt mir die Mittel in die Hand, meinen Schwur heute ſchon zu erfüllen. Nehmt dieſes Papier und lefet! Es iſt ein vom König ſelber ausgefertigter Verhaftsbefehl gegen Euch. Wenn Ihr geleſen habt, dann laßt uns überlegen, was zu thin iſt, und wie wir die Gefahr von Euch abwenden önnen. Ein Verhaftsbefehl! ſagte die Königin ſchaudernd, als ſie geleſen. Ein Verhaftsbefehl, das heißt ein To⸗ — 152— desurtheil! Denn einmal die Schwelle dieſes fürch⸗ terlichen Towers überſchritten, heißt ihn niemals wieder verlaſſen ſollen, und wenn eine Königin verhaftet und angeklagt worden, ſo iſt ſie auch ſwon verurtheilt. Oh mein Gott, Prinzeſſin, begreift Ihr das, ſterben u ſollen, während das Leben noch friſch und glühend in unſern Adern pocht? In den Tod gehen zu müſſen, während uns die Zukunft noch mit tauſend Hoffnungen, mit tauſend Wünſchen lockt? Mein Gott, in das öde Gefängniß und in das dunkle Grab herniederſteigen zu ſollen, während die Welt uns grüßt mit ihren lockenden Stimmen, und der Frühling kaum in unſerm Herzen erwacht iſt? Ströme von Thränen entſtürzten ihren Augen, und ſie barg ihr Geſicht in ihren zitternden Händen. Weint nicht, Königin, flüſterte Eliſabeth, ſelber zit⸗ ternd und todesbleich. Weint nicht, ſondern überlegt was zu thun iſt! Mit jeder Minute wächſt die Gefahr; jede Minute bringt das Unheil näher heran! Ihr habt Recht, ſagte Katharina, indem ſie ihr Haupt wieder emporrichtete und die Thränen aus ihren Augen fortſchüttelte. Ja, Ihr habt Recht, es iſt nicht Zeit zum Weinen und Klagen. Der Tod ſchleicht zu mir heran, ich aber, ich will nicht ſterben. Noch lebe ich, und ſo lange ein Athemzug in mir iſt, will ich kämpfen gegen den Tod. Gott wird mir bei⸗ ſtehen, Gott wird mir helfen, daß ich auch dieſe Weßahr⸗ beſiege, wie ich es ſchon ſo mancher andern gethan Aber was wollt Ihr thun? Was könnt Ihr be⸗ ginnen? Ihr kennt die Anklage nicht! Ihr wißt nicht, wer Euch angeklagt, noch weſſen man Euch be⸗ ſchuldigt! 3 Doch ich ahne es! ſagte die Königin ſinnend. Wenn ich mir jetzt des Königs zorniges Geſicht und das hämiſche Lächeln dieſes heimtückiſchen Prieſters verge⸗ genwärtige, ſo glaube ich die Anklage zu kennen. Ja, jetzt iſt mir Alles klar. Ah, die Ketzerin iſt es, welche ſie zum Tode verurtheilen möchten. Nun wohl, mein Herr Erzbiſchof, noch lebe ich, und wir wollen ſehen, wer von uns Beiden den Sieg erlangen wird! Mit ſtolzem Schritt und glühenden Wangen eilte ſie der Thür zu. Eliſabeth hielt ſie zurück. Wohin geht Ihr? fragte ſie erſtaunt. Zum König! ſagte ſie mit einem ſtolzen Lächeln. Hat er den Erzbiſchof gehört, ſoll er jetzt auch mich hören. Des Königs Sinn iſt wankelmüthig und leicht umgeſtimmt. Wir wollen jetzt ſehen, welche Liſt ſtärker iſt, die Liſt des Prieſters, oder die Liſt des Weibes. Eliſabeth, betet für mich, ich gehe zum König, und entweder ſeht Ihr mich frei und glücklich oder nie⸗ mals wieder! Sie drückte einen leidenſchaftlichen Kuß auf Eliſa⸗ beth's Lippen und verließ eiligſt das Gemach. X. Das Schachſpiel. Seit manchem Tage war es dem König nicht ſo wohl geweſen, wie heute, ſeit langer Zeit hatte er ſich nicht eines ſo erquicklichen Schlafs erfreut, wie an dieſem Tage, an welchem er den Verhaftsbefehl gegen die Königin unterzeichnet hatte. Aber daran dachte er gar nicht, die Erinnerung daran ſchien der Schlaf ganz aus ſeinem Gedächtniß verwiſcht zu haben. Wie — 154— eine Anekdote, welche man flüchtig und lächelnd an⸗ hört und ſchnell wieder vergißt, ſo war ihm die ganze Begebenheit wieder entſchwunden. Es war eine Anekdote des Augenblicks, ein flüchtiges Intermezzo, weiter nichts. Der König hatte gut geſchlafen, und alles Andere kümmerte ihn nicht. Er dehnte und ſtreckte ſich auf ſeinem Ruhebett, und dachte mit Entzücken daran, wie ſchön es ſein würde, wenn man jeden Tag ſo ſüß und erquicklich ruhen könne, und wenn keine böſen Träume und keine Furcht den Schlaf von ſeinen Augen verſcheuchen möchten. Er fühlte ſich ſehr heiter, ſehr aufgeräumt, und wer jetzt gekommen wäre, den König um eine Gnade zu bitten, dem würde er ſie gewährt haben in der erſten Freude nach ſo ſtärken⸗ dem Schlaf. Aber er war allein, Niemand war bei ihm, er mußte ſein gnädiges Gelüſte unterdrücken. Doch nein. War's nicht, als ob ſich hinter den Vor⸗ hängen etwas regte und athmete? Der König ſchlug die Vorhänge zurück, und ein ſanftes Lächeln überflog ſeine Züge, denn vor ſeinem Bett ſaß die Königin. Sie ſaß da mit roſigen Wan⸗ gen und leuchtenden Augen und begrüßte ihn mit einem ſchalkhaften Lächeln. Ach, Kathi, Ihr ſeid es! rief der König. Nun begreife ich erſt, wie es kam, daß ich ſo feſt und er⸗ quicklich geſchlafen! Ihr ſtandet als mein guter Engel neben mir und verſcheuchtet die Schmerzen und die böſen Träume von meinem Lager! Und wie er das ſagte, ſtreckte er die Hand aus und ſtreichelte zärtlich ihre ſammtene Wange. Er dachte gar nicht daran, daß er dieſes liebreizende Haupt ſchon gewiſſermaßen dem Schaffot verlobt hatte, und daß in wenig Stunden ſchon dieſe glänzenden Augen ——OOOO— — 155— nichts mehr ſchauen ſollten als die Nacht des Kerkers. Der Schlaf, wie geſagt, hatte die Erinnerung daran auch in Schlaf gelullt, und die böſen Gedanken waren noch nicht wieder wach in ihm geworden. Einen Ver⸗ haftsbefehl oder ein Todesurtheil zu unterzeichnen war dem König etwas ſo Alltägliches und Gewöhn⸗ liches, es machte gar keine Epoche in ſeinem Leben und belaſtete ihn weder mit Gewiſſensangſt, noch machte es ſein Herz ſchaudern und erzittern. Aber Katharina dachte daran, und wie die Hand des Königs ihre Wange ſtreichelte, war es ihr, als ob der Tod ſie eben berühre, um ſie nimmer wieder frei zu geben. Indeß, ſie überwand dieſes augen⸗ blickliche Grauen und hatte den Muth, ihre heitere und harmloſe Miene zu bewahren.. Ihr nennt mich Euren guten Engel, mein Gemahl, ſagte ſie lächelnd, aber ich bin doch weiter nichts, als Euer kleiner Kobold, der um Euch herum rumort und Euch zuweilen lachen macht mit ſeinen Neckereien. Und ein herziger kleiner Kobold biſt Du, Kathi, rief der König, der mit wahrem Vergnügen immerfort das roſige und friſche Antlitz ſeiner Gemahlin be⸗ trachtete. 3 So will ich mich denn auch heute als Euer Ko⸗ bold bewähren, und Euch keine Ruhe mehr gönnen auf Eurem Lager, ſagte ſie, indem ſie tändelnd ver⸗ ſuchte, ihn empor zu ziehen. Wißt Ihr, mein Ge⸗ mahl, weshalb ich herkam? Ein Schmetterling hatte bei mir an's Fenſter geklopft. Denkt doch nur, ein Schmetterling im Winter, das bedeutet, daß der Winter diesmal Frühling iſt, und daß der Wettermacher da droben den Januar mit dem März verwechſelt hat. Der Schmetterling hat uns gerufen, König, und ſeht nur, die Sonne nickt dort in's Fenſter herein, und — 156— * ſagt, wir ſollen nur kommen, ſie habe uns drunten im Garten ſchon die Wege getrocknet und ein wenig Gras auf den Plätzen hervorgernfen. Auch ſteht Euer Rollſtuhl ſchon bereit, mein Herr und Gemahl, und Euer Kobold, wie Ihr ſeht, hat ſich ſchon mit Pelz verbrämt und ſich geharniſcht gegen den Winter, welcher indeß nicht da iſt! Nun ſo hilf mir, mein allerliebſter Kobold, daß ich aufſtehen und den Befehlen des Schmetterlings, der Sonne und meiner lieblichen Gemahlin gehorchen kann! rief der König, indem er ſich langſam, ſeinen Arm um Katharina's Nacken gelegt, von dem Ruhe⸗ bett erhob. Sie war mit geſchäftiger Eilfertigkeit um ihn be⸗ müht, ſie legte ihre Arme zärtlich auf ſeine Schulter und ſtützte ihn, und ſchob ihm die goldene Kette zu⸗ recht, welche ſich auf ſeinem Wamms verſchoben hatte, und fältete ſchäkernd an der Spitzenkrauſe, die ſeinen Hals umgab. Befehlt Ihr, mein Gemahl, daß Eure Diener kommen? Der Herr Ceremonienmeiſter, welcher ohne Zweifel im Vorſaal Eures Winkes harrt, der Herr Erzbiſchof, der mir vorher ein ſo finſteres Geſicht ge⸗ macht? Aber wie, mein Gemahl, auch Euer Antlitz verfinſtert ſich jetzt? Wie, hat Euer Kobold vielleicht mirder irgend etwas geſagt, was Euch verſtimmen kann Nicht doch! ſagte der König düſter, aber er ver⸗ mied es, ihrem lächelnden Blick zu begegnen, und ihr in das reizende roſige Antlitz zu ſchauen. Die böſen Gedanken waren wieder wach in ihm geworden, und er erinnerte ſich jetzt des Verhaftsbe⸗ fehls, den er Gardiner gegeben. Er erinnerte ſich und er bereuete. Denn ſie war ſo ſchön und lieblich, — 157— ſeine junge Königin, ſie verſtand es ſo gut, die Sor⸗ gen von ſeiner Stirn zu ſchäkern und den Mißmuth aus ſeiner Seele zu verſcheuchen. Sie war ein ſo angenehmer und friſcher Zeitvertreib, ein ſo eranick⸗ liches Mittel, die Langeweile zu vertreiben. Niicht um ihretwillen bedauerte er, was er gethan, ſondern nur um ſeiner ſelbſt willen, nur aus Egois⸗ mus bereuete er, dieſen Verhaftsbefehl gegen die Kö⸗ nigin erlaſſen zu haben.— Katharina beobachtete ihn, ihr von innerer Furcht geſchärfter Blick las die Ge⸗ danken auf ſeiner Stirn und verſtand den Seußzer, der unwillkürlich ſeiner Bruſt entſtieg. Sie faßte wieder Muth; es konnte ihr noch gelingen, das Schwert, welches über ihrem Haupte hing, hinweg zu lächeln. Kommt, mein Herr und Gemahl, ſagte ſie heiter, die Sonne winkt uns und die Bäume ſchütteln un⸗ willig ihr Haupt, daß wir noch nicht da ſind! Ja, komm, Kathi, ſagte der König, ſich gewaltſam aus ſeinem Sinnen emporraffend, komm, wir wollen hinunter gehen in Gottes freie Luft. Vielleicht iſt er dort uns näher und erleuchtet uns mit guten Ge⸗ vunen und heilbringenden Entſchlüſſen. Komm, athi! Die Königin reichte ihm den Arm, und auf ihn geſtützt, ging der König einige Schritte vorwärts. Plötzlich aber ſtand Katharina ſtill, und als der König ſeine fragenden Blicke auf ſie richtete, erröthete ſie und ſchlug die Augen nieder. Nun? fragte der König. Warum zauderſt Du? Sire, ich überlegte mir Eure Worte, und was ihr von der Sonne und den heilbringenden Ent⸗ J 1 ſchlüſſen geſagt, das hat mein Herz gerührt und mein — 158— Gewiſſen aufgeſchreckt. Mein Gemahl, Ihr habt Recht, Gott iſt da draußen, und ich darf es nicht wagen, die Sonne, welche das Auge Gottes iſt, anzuſehen, bevor ich nicht gebeichtet und die Abſolution empfan⸗ gen habe. Sire, ich bin eine große Sünderin, und mein Gewiſſen läßt mir keine Ruhe! Wollt Ihr mein Beichtvater ſein und mich anhören? Der König ſeufzte. Ach, dachte er, ſie eilt ſelber in ihr Verderben, und durch das eigene Bekenntniß ihrer Schuld wird ſie es mir unmöglich machen, ſie für ſchuldlos zu halten! Sprecht! ſagte er laut. Zuerſt, flüſterte ſie mit niedergeſchlagenen Augen, zuerſt muß ich Euch bekennen, daß ich Euch heute be⸗ trogen habe, mein Herr und König; die Eitelkeit und der ſündige Hochmuth verlockten mich dazu, und der kindiſche Zorn ließ mich vollbringen, was die Eitelkeit mir zugeflüſtert. Aber ich bereue, mein König, ich berene aus tieſſter Seele, und ich ſchwöre Euch, mein Gemahl, ja, ich ſchwöre Euch bei Allem, was mir heilig, es iſt das erſte und einzigſte Mal, daß ich Euch betrog, und niemals werde ich es wieder wa⸗ gen, denn es iſt ein unheimliches und ſchauerliches Gefühl mit ſchuldbewußtem Gewiſſen vor Euch zu ſtehen!. Und worin betrogt Ihr uns, Kathi? fragte der König und ſeine Stimme zitterte. Katharina zog aus ihrem Kleide eine kleine Rolle Papier hervor, und reichte ſie, ſich demüthig neigend, dem König dar. Nehmt und ſeht ſelbſt, mein Ge⸗ mahl! ſagte ſie. Der König öffnete mit haſtigen Händen das Pa⸗ pier und blickte dann ganz erſtaunt bald den Inhalt deſſelben, bald das erröthende Geſicht der Königin an. Wie? ſagte er. Einen Pion vom Schachbrett gebt Ihr mir? Was bedeutet dies? Das bedeutet, ſagte ſie mit ganz zerknirſchtem Ton, das bedeutet, daß ich Euch denſelben geſtohlen und Euch dadurch um den Sieg betrogen habe. Oh, ver⸗ zeiht mein Gemahl, aber ich konnte es nicht länger ertragen, immer zu verlieren, und ich fürchtete, Ihr würdet mir nicht mehr das Glück gönnen mit Euch zu ſpielen, wenn Ihr inne würdet, welch' ein ſchwa⸗ cher und verächtlicher Gegner ich ſei. Und ſeht, dieſer kleine Pion war mein Feind, er ſtand meiner Köni⸗ gin zur Seite und bedrohte mich mit Gardez, während der König Schach von Eurem Laufer hatte. Ihr wolltet eben dieſen Zug mit dem Pion thun, welcher mein Verderben war, da trat der Erzöiſchof Gardiner ein. Ihr wandtet Euer Auge zu ihm hin und be⸗ grüßtet ihn, Ihr ſaht nicht auf das Spiel— Oh mein Herr und Gemahl, die Verſuchung war zu lockend und zu verführeriſch, und ich unterlag ihr. Ich nahm leiſe den Pion vom Brette fort und ließ ihn in meine Taſche gleiten. Als Ihr wieder auf das Spiel blicktet, ſchient Ihr anfangs verwundert, aber Euer großmüthiger und erhabener Sinn errieth nicht meine ſchlechte That; ſo ſpieltet Ihr arglos weiter, und ſo gewann ich die Schachparthie. Oh mein König, werdet Ihr mir verzeihen und mir nicht zürnen? Der König brach in ein lautes Gelächter aus und blickte mit zärtlichem Ausdruck auf Katharina hin, welche mit niedergeſchlagenen Augen, verſchämt und erröthend vor ihm ſtand.— Dieſer Anblick verdop⸗ pelte nur ſeine Luſtigkeit und ließ ihn immer wieder von Neuem laut auflachen. 1 — 160— Und das iſt Euer ganzes Verbrechen, Kathi? fragte er endlich, ſich die Augen trocknend. Ihr habt mir einen Pion geſtohlen, dies iſt Euer erſter und einziger Betrug? Iſt er nicht ſchon groß genug, Sire? Habe ich ihn nicht entwandt, weil ich ſo hochmüthig war, Euch eine Parthie Schach abgewinnen zu wollen? Kennt nicht jetzt der ganze Hof ſchon mein ſtolzes Glück und weiß, daß ich heute Siegerin geweſen bin, während ich doch nicht verdiene es zu ſein, während ich Euch ſo ſchmachvoll betrog? Nun wahrlich, ſagte der König feierlich, wohl den Männern, welche von ihren Weibern nicht ſchlimmer betrogen werden, als Du es heute mir gethan, und wohl den Frauen, deren Beichte ſo rein und unſchulds⸗ voll iſt, als es heute die Deinige geweſen! Schlage die Augen nur wieder empor, meine Kathi, die Sünde iſt Dir verziehen, und ſie wird Dir von Gott und Deinem König als eine Tugend angerechnet werden! Er legte, wie zum Segen, ſeine Hand auf ihr Haupt und ſah ſie lange und ſchweigend an. Dann ſagte er lachend: Auf dieſe Weiſe alſo, meine Kathi, wäre ich heute der Sieger geweſen und hätte dieſe Schachparthie nicht verloren? Nein, ſagte ſie traurig, ich hätte ſie verlieren müſſen, wenn ich dieſen Pion nicht ſtahl. Der König lachte wieder. Katharina ſagte ernſt⸗ haft: Glaubt mir nur, mein Gemahl, der Erzbiſchof Gardiner, der allein trägt die Schuld an meinem all. Weil er zugegen war, wollte ich nicht verlieren. s empörte meinen Stolz, zu denken, daß dieſer ſtolze und übermüthige Prieſter Zeuge meiner Nieder⸗ lage ſein ſollte. Ich ſah ſchon im Geiſte das kalte und verächtliche Lächeln, mit welchem er zu mir, der — 161— Beſiegten, hernieder ſehen würde, und mein Herz bäumte ſich empor bei dem Gedanken, vor ihm gede⸗ müthigt zu werden. Und da bin ich denn jetzt bei dem zweiten Theil meiner Schuld, welche ich Euch hente beichten will, angelangt. Sire, ich muß Euch eine andere große Schuld bekennen: ich habe mich heute ſchwer gegen Euch vergangen, indem ich Euch widerſprach und mich auflehnte gegen Eure frommen und weiſen Worte. Ach, mein Gemahl, es geſchah nicht, um Euch zu trotzen, ſondern nur um den ſtolzen Prieſter zu ärgern und zu kränken. Denn ich muß es Euch geſtehen, mein König, ich haſſe dieſen Erz⸗ biſchof von Wincheſter, ja, mehr noch, ich habe Furcht vor ihm, denn mein ahnendes Herz ſagt mir, daß er mein Feind iſt, daß er jeden meiner Blicke, jedes meiner Worte belauert, um daraus eine Schlinge machen zu können, mich zu erwürgen. Er iſt das böſe Fatum, welches hinter mir herſchleicht und mich eines Tages gewiß zerſchmettern würde, wenn Eure ſegnende Hand und Euer allmächtiger Arm mich nicht ſchützten. Oh, wenn ich ihn ſehe, mein Gemahl, möchte ich mich immer gleich an Euer Herz flüchten und zu Euch ſagen: ſchützt mich, mein König, und habt Erbarmen mit mir. Glaubt an mich und liebet mich, denn wenn Ihr es nicht thut, bin ich verloren! Der böſe Feind iſt da, mich zu verderben! Und indem ſie ſo ſprach, ſchmiegte ſie ſich innig an des Königs Seite und blickte, den Kopf an ſeine Bruſt gelehnt, mit dem Ausdruck zärtlichen Flehens und rührender Hingebung zu ihm empor. Der König neigte ſich zu ihr nieder und küßte ſie auf die Stirn. Oh sancta simplicitas, murmelte er leiſe, ſie weiß nicht, wie nahe ſie der Wahrheit iſt, und wie ſehr ſie Recht hat mit ihren ſchlimmen Ah⸗ Heinrich VIII. 3. 11 1 ⸗ — 162— nungen! Laut fragte er dann: Du glaubſt alſo, Kathi, daß Gardiner Dich haßt? 1 Ich glaube es nicht, ich weiß es! ſagte ſie. Ueberall verwundet er mich, wo er kann, und wenn ſeine Ver⸗ wundungen auch nur mit Nadeln geſchehen, ſo kommt das nur daher, weil er fürchtet, Ihr würdet es ge⸗ wahren können, wenn er den Dolch auf mich zückt, während Ihr die Nadel nicht bemerken könnt, mit der er mich heimlich verwundet. Und was war denn ſein heutiges Kommen anders als ein neuer Angriff gegen mich? Er weiß es wohl, und ich habe niemals ein Geheimniß daraus gemacht, daß ich eine Feindin bin dieſer katholiſchen Religion, deren Papſt es gewagt hat gegen meinen Herrn und Gemahl den Bannſtrahl zu ſchleudern, und daß ich mit lebhafter Theilnahme mich zu unterrichten ſuche über die Lehre und Religion der ſogenannten Reformirten. Sie ſagen, Du ſeieſt eine Ketzerin! ſagte der Kö⸗ nig ernſt. 1 Gardiner ſagt das! Aber wenn ich es bin, ſeid Ihr es auch, mein König, denn Euer Glaube iſt der meinige. Wenn ich es bin, ſo iſt es auch Cranmer, der edle Biſchof von Canterbury, denn er iſt mein geiſtlicher Berather und Beiſtand. Aber Gardiner will, daß ich eine Ketzerin ſei, und er will, daß ich auch Euch ſo erſcheine. Seht, mein Gemahl, deshalb war es, daß er Euch vorher jene acht Todesurtheile vorlegte. Es waren nur acht Ketzer, welche Ihr ver⸗ urtheilen ſolltet, kein einziger Papiſt war darunter, und doch weiß ich, daß die Gefängniſſe voll ſind von Papiſten, welche in dem Fanatismus ihres verfolgten Glaubens eben ſo ſtrafwürdige Worte geſprochen ha⸗ ben, wie jene Unglückliche, die Ihr heute mit einem — 163— Federſtrich vom Leben in den Tod ſchicken ſolltet. Sire, ich würde Euch eben ſo heiß, eben ſo flehentlich gebeten haben, wenn es Papiſten waren, welche Ihr zum Tode verurtheilen ſolltet, aber Gardiner wollte einen Beweis für meine Ketzerei, und deshalb wählte er acht Ketzer, für welche ich mich auflehnen ſollte gegen Euer hartes Gebot! Es iſt wahr, ſagte der König ſinnend, kein einziger Papiſt war darunter! Aber ſage mir, Kathi, biſt Du wirklich eine Ketzerin und Deines Königs Wider⸗ ſacherin? Sie ſah ihm mit einem ſüßen Lächeln tief in die Augen und kreuzte demüthig ihre Arme über ihrer ſchönen Bruſt. Eure Widerſacherin? flüſterte ſie. Seid Ihr nicht mein Gemahl und mein Herr? Iſt nicht das Weib gemacht, um dem Manne unterthänig zu ſein? Der Mann iſt geſchaffen nach dem Bilde Gottes, und das Weib nach dem Bilde des Mannes! So iſt das Weib nur des Mannes zweites Ich, und er muß ſich ihrer erbarmen in Liebe, und er muß ihr geben von ſeinem Geiſt, und ihr Verſtand von ſeinem Verſtande einflößen. Eure Pflicht alſo iſt es, mich zu unterrichten, mein Gemahl, und die meinige, von Euch zu lernen. Und von allen Frauen der Welt iſt dieſe Pflicht Keiner ſo leicht gemacht, wie mir, denn Hott war mir gnädig und gab mir zum Gemahl einen König, deſſen Klugheit, Weisheit und Gelehr⸗ ſamkeit das Staunen der ganzen Welt iſt*). Welch' eine ſüße kleine Schmeichlerin Du biſt, 9 Der Königin eigene Worte, wie ſie von allen Geſchichts⸗ ſchreibern wiedergegeben werden. Siehe darüber: Burnet Vol. I, pag. 84.— Tytler pag. 413.— Larrey: Histoire d'Angleterre Vol. II, pag. 201.— Leti Vol. I, pag. 154. 11* — 164— Kathi, ſagte der König lächelnd, und mit welcher be⸗ zaubernden Stimme Du uns die Wahrheit verbergen willſt! Die Wahrheit iſt, daß Du ſelber eine ſehr ge⸗ lehrte kleine Perſon biſt, welche gar nicht nöthig hat, von Andern etwas zu lernen, ſondern wohl im Stande wäre, Andere zu unterrichten*)! Oh, wenn dem ſo iſt, wie Ihr ſagt, rief Katha⸗ rina, nun ſo möchte ich die ganze Welt lehren, meinen König ſo zu lieben, wie ich es thue, und ihm ſo un⸗ terthan zu ſein in Demuth, Treue und Gehorſam, wie ich es bin! Und indem ſie ſo ſprach, ſchlang ſie ihre beiden Arme um des Königs Nacken und lehnte ihr Haupt mit einem ſchmachtenden Ausdruck an ſeine Bruſt. Der König küßte ſie und drückte ſie feſt an ſein Herz. Er dachte gar nicht mehr daran, daß eine Ge⸗ fahr über dem Haupte Katharina's ſchwebte, er dachte nur, daß er ſie liebe, und daß es ein ſehr ödes, ſehr langweiliges und trauriges Leben ſein würde, ohne ſie. Und jetzt, mein Gemahl, ſagte Katharina, ſich ſanft von ihm losmachend, jetzt, da ich Euch ge⸗ beichtet und von Euch die Abſolution empfangen habe, jetzt laßt uns hinunter gehen in den Garten, damit Gottes leuchtende Sonne friſch und fröhlich in unſer Herz hinein glänze. Kommt mein Gemahl, Euer Rollſtuhl ſteht bereit, und die Fliegen und Schmetter⸗ linge, die Bienen und Mücken haben ſich ſchon eine Hymne eingeübt, mit welcher ſie Ench begrüßen wollen, mein Gemahl! Sie zog ihn lachend und ſchäkernd fort bis zum *) Des Königs eigene Worte. Hiſtoriſch. — 165— Nebengemach, wo die Hofleute und der Rollſtuhl be⸗ reit ſtanden, und der König beſtieg ſeinen Triumph⸗ ſtuhl und ließ ſich über die mit Teppichen belegten Corridore und die in breite, ſchräge Auffahrten von Marmor verwandelten Treppen hinunterrollen in den Garten. Die Luft war ſo winterlich friſch und doch ſo früh⸗ lingswarm. Das Gras begann ſchon als ein fleißiger Weber einen Teppich zu weben über die ſchwarzen Flächen der Square's, und hier und da lugte ſchon neugierig und verſchämt ein Blümchen hervor und ſchien erſtaunt zu lächeln über ſein eigenes verfrühtes Daſein. Die Sonne ſchien ſo warm und hell, der Himmel war ſo blau, und neben dem König ging Katharina mit ſo roſigen Wangen und ſo glänzenden Augen. Dieſe Augen waren immer auf ihren Gemahl gerichtet, und ihr holdes Geplauder war dem König wie melodiſcher Vögelgeſang und machte ſein Herz hüpfen vor Vergnügen und Luſt. Aber wie, welch' ein Geräuſch übertönte auf einmal Katharinens ſüßes Geplauder, und was war es, was dort aufblitzte am Ende jener großen Allee, in welcher ſich eben das kö⸗ nigliche Paar mit ſeinem Gefolge befand? Es war das Geräuſch von aufmarſchirenden Sol⸗ daten, und glänzende Helme und Panzer blitzten im Sonnenſchein.. Ein Trupp Soldaten beſetzte den Ausgang der Allee, ein anderer bewegte ſich in geſchloſſenen Glie⸗ dern vorwärts; an ihrer Spitze ſah man Gardiner und Graf Douglas einherſchreiten, und ihnen zur Seite den Lieutenant des Towers. Dees Königs Antlitz nahm einen düſtern und zor⸗ nigen Ausdruck an, und ſeine Wangen übergoſſen ſich mit Purpurröthe. Er erhob ſich mit jugendlicher Haſt — 166— von ſeinem Rollſtuhl und blickte hochaufgerichtet, mit flammenden Augen dem Zuge entgegen. Die Königin faßte ſeine Hand und drückte ſie an ihre Bruſt. Ach, flüſterte ſie leiſe, ſchützt mich, mein Gemahl, denn die Furcht überwältigt mich ſchon wieder. Es iſt mein Feind, es iſt Gardiner, welcher kommt, und ich zittere! Du ſollſt nicht mehr zittern vor ihm, Kathi! ſagte der König. Wehe Denen, welche es wagen, die Ge⸗ mahlin König Heinrichs zittern zu machen! Ich werde mit Gardiner ſprechen. Und die Königin faſt unſanft bei Seite ſchiebend, ging der König, der in der heftigen Aufregung des Zornes gar nicht der Schmerzen ſeines Fußes achtete, mit ſchnellem Schritt dem ſich nähernden Zuge ent⸗ gegen. Mit einem Wink befahl er ihnen anzuhalten, und rief Gardiner und Douglas zu ſich heran. Was wollt Ihr hier, und was bedeutet dieſer ſeltſame Aufzug? fragte er mit rauhem Ton. Die beiden Hofleute ſtarrten ihn mit entſetzten Blicken an und wagten nicht, ihm zu antworten. Nun? fragte der König mit immer ſteigendem Zorn, werdet Ihr mir endlich ſagen, mit welchem Recht Ihr es wagt, mit einer bewaffneten Schaar in meinen Garten einzudringen, in derſelben Stunde zumal, in welcher ich mit meiner Gemahlin mich in demſelben befinde? Wahrlich, es giebt keine ausrei⸗ chende Entſchuldigung für eine ſolche gröbliche Ver⸗ letzung der Ehrfurcht, welche Ihr Eurem König und Herrn ſchuldig ſeid, und es nimmt mich Wunder, Herr Ober⸗Ceremonienmeiſter, daß Ihr dieſe Un⸗ ziemlichkeit nicht zu hindern ſuchtet! — 167— Graf Douglas murmelte einige Worte der Ent⸗ ſchuldigung, die der König nicht verſtand, oder nicht verſtehen wollte. Die Pflicht eines Ober⸗Ceremonienmeiſters iſt es, ſeinen König zu ſchützen vor jeder Unbill, und Ihr, Graf Douglas, führt ſie mir ſelber entgegen! Viel⸗ leicht wolltet Ihr mir dadurch beweiſen, daß Ihr Eures Amtes überdrüſſig ſeid. Nun denn, Mylord, ich entlaſſe Euch deſſelben, und damit Eure Gegen⸗ wart mich nicht erinnere an die Unannehmlichkeiten dieſes Morgens, werdet Ihr den Hof und London verlaſſen! Lebt wohl, Mylord! Graf Douglas wankte erbleichend und zitternd einige Schritte zurück und ſah den König mit erſtaun⸗ ten Blicken an. Er wollte ſprechen, aber der Kö⸗ nig winkte gebieteriſch mit der Hand und hieß ihn ſchweigen. Und jetzt zu Euch, Herr Erzbiſchof! ſagte der Kö⸗ nig, und ſeine Augen wanden ſich mit einem ſo zor⸗ nigen und verachtenden Ausdruck auf Gardiner hin, daß dieſer erbleichend die Blicke zu Boden ſenkte. Was bedeutet dieſes ſeltſame Gefolge, mit welchem der Prieſter Gottes heute ſeinem königlichen Herrn naht, und in welchem Drange chriſtlicher Liebe wollt Ihr heute eine Hetzjagd in dem Garten Eures Kö⸗ nigs halten?. Sire, ſagte Gardiner außer ſich, Ew. Majeſtät weiß wohl, weshalb ich komme; es geſchieht auf Ew. Majeſtät Befehl, daß ich mit Graf Douglas und dem Lieutenant des Towers kam, um— Wagt es nicht, weiter zu reden! ſchrie der König, den es wüthend machte, daß Gardiner ihn nicht ver⸗ ſtehen und nicht die veränderte Sinnesart des Königs — 168— begreifen wollte. Wie, Ihr wagt es, zu prunken mit meinen Befehlen, während ich voll gerechten Erſtau⸗ nens Euch um die Urſache Eures Erſcheinens befrage? Das heißt, Ihr wollt Euren König und Herrn der Lüge zeihen, Ihr wollt Euch entſchuldigen, indem Ihr mich anklagt. Ach, mein würdiger Herr Erzbiſchof, diesmal ſeid Ihr geſcheitert mit Eurem Plan, und ich verleugne Euch und Euer thörichtes Beginnen. Nein, es giebt Niemand hier, den Ihr verhaften ſollt, und bei der Mutter Gottes, wären Eure Augen nicht blind, ſo würdet Ihr geſehen haben, daß bier, wo der König mit ſeiner Gemahlin luſtwandelte, Niemand ſich auf⸗ halten konnte, den jene Häſcher zu ſuchen hatten! Die Nähe der königlichen Majeſtät iſt wie die Nähe Gottes, ſie ſpendet Glück und Frieden um ſich her, und wen ihre Glorie berührt, der iſt von ihr geheiligt und begnadigt! Aber Majeſtät, ſchrie Gardiner, den der Zorn und die getäuſchte Hoffnung alle Rückſichten vergeſſen ließ, Ihr wolltet, daß die Königin verhaftet werde, Ihr ſelber gabt mir den Befehl dazu, und jetzt, da ich komme, Euren Willen zu vollſtrecken, jetzt verleugnet Ihr mich! Der König ſtieß einen Schrei der Wuth aus, und ging mit aufgehobenem Arm einige Schritte auf Gar⸗ diner zu. Aber plötzlich fühlte er ſeinen Arm zurückgehalten. Es war Katharina, welche zu dem König herangeeilt war. Oh, mein Gemahl, flüſterte ſie leiſe, was im⸗ mer er auch gethan haben mag, ſchont ſeiner! Immer doch iſt er ein Prieſter des Herrn, und ſo möge ſein heiliges Gewand ihn ſchützen, wenn vielleicht auch ſeine Thaten ihn verdammen!. Ach, Du bitteſt für ihn? rief der König. Wahr⸗ — 169— lich, mein armes Weib, Du ahnſt nicht, wie wenig Grund Du haſt, Dich ſeiner zu erbarmen, und mich um Gnade für ihn zu bitten*). Aber Du haſt Recht, wir wollen in ihm den Prieſterrock ehren und nicht mehr daran gedenken, welch ein hochmüthiger und ränkeſüchtiger Mann da drinnen ſteckt. Aber hütet Euch, Prieſter, mich noch einmal daran zu erinnern. Mein Zorn würde Euch dann unvermeidlich treffen, und ich würde für Euch ſo wenig Gnade haben, wie Ihr ſagt, daß ich ſie für andere Uebelthäter zeigen darf. Und weil Ihr denn ein Prieſter ſeid, ſo laßt Euch durchdringen von dem Ernſt Eures Amtes und der Heiligkeit Eures Berufes. Zu Wincheſter iſt Euer Biſchofsſitz, und ich denke, Eure Pflichten rufen Euch dorthin. Wir bedürfen Eurer nicht mehr, denn der edle Erzbiſchof von Canterbury kehrt zu uns zu⸗ rück und wird bei uns und der Königin die Pflichten ſeines Amtes zu erfüllen haben. Lebt wohl! Er wandte Gardiner den Rücken und kehrte, auf Katharina's Arm geſtützt, zu ſeinem Rollſtuhl zurück. Kathi, ſagte er, es ſtand eben eine trübe Wolke an Eurem Himmel, aber Dank Enrem Lächeln und Eurem unſchuldsvollen Angeſicht, iſt ſie ſchadlos vor⸗ übergezogen. Uns will bedünken, als wären wir Euch noch beſonderen Dank dafür ſchuldig, und wir möchten Euch das gern durch irgend einen Liebesdienſt beweiſen. Giebt es nichts, was Euch eine beſondere Freude machen könnte, Kathi? Oh doch, ſagte ſie mit Innigkeit. Zwei große Wünſche brennen in meinem Herzen. So nennt ſie, Kathi, und bei der Mutter Gottes, *) Des Königs eigene Worte. Siehe Leti Vol. I pag. 132. — 170— wenn es einem König gegeben iſt, ſie zu erfüllen, ſo werde ich es thun! Katharina faßte ſeine Hand und drückte ſie an ihr Herz. Sire, ſagte ſie, man wollte heute acht Todes⸗ urtheile von Euch unterzeichnet haben. Oh, mein Gemahl, macht aus dieſen acht Verbrechern acht ſelige, dankbare Unterthanen, lehrt ſie dieſen König, den ſie geläſtert haben, lehrt ſie ihn lieben, lehrt ihre Kinder, ihre Gattinnen und Mütter für Euch beten, indem Ihr dieſen Vätern, dieſen Söhnen und Gatten Leben und Freiheit zurückgebt und groß und gütig, wie die Gottheit, ſie begnadigt. So ſoll es ſein! rief der König heiter. Unſere Hand ſoll heute keine andere Arbeit haben, als in der Euren zu ruhen, und wir wollen es ihr erſparen, dieſe acht Federzüge zu thun. Die acht Uebelthäter ſind begnadigt, und ſie ſollen noch heute frei ſein! Katharina drückte mit einem Ausruf des Ent⸗ zückens Heinrichs Hand an ihre Lippen, und ihr Ant⸗ litz leuchtete vor reinem Glück. Und Euer zweiter Wunſch? fragte des König. Mein zweiter Wunſch, ſagte ſie lächelnd, der bittet auch um Freiheit für einen armen Gefangenen, um Freiheit für ein Menſchenherz, Sire! Der König lachte. Ein Menſchenherz? Läuft denn das ſo auf der Straße umher, daß man es ein⸗ fangen und einen Gefangenen daraus machen konnte? Sire, Ihr ſuchtet es auf und habt es verhaftet im Buſen Eurer Tochter. Eliſabeths Herz wollt Ihr in Feſſeln legen, und mit einem unnatürlichen Geſetz wollt Ihr ſie zwingen, der Freiheit ihrer Wahl zu entſagen! Oh Sire, nicht die Prinzeſſin, aber mich hat dies Geſetz ſchmerzlich getroffen. Denkt nur, — 171— einem Frauenherzen gebieten zu wollen, bevor es lie⸗ ben möchte, erſt nach dem Stammbaum zu fragen, und erſt das Wappen anzuſehen, ehe man den Mann betrachtet! Oh Frauen, Frauen, wie thörichte Kinder ſeid Ihr doch! rief der König lachend. Es handelt ſich um Throne, und Ihr denkt an Eure Herzen! Aber kommt, Kathi, Ihr ſollt mir das noch weiter er⸗ klären, und unſer Wort werden wir nicht zurückneh⸗ men, denn wir haben es Euch aus freiem und freu⸗ digem Herzen gegeben. Er nahm den Arm der Königin, und auf ihn ge⸗ ſtützt, wandelte er langſam mit ihr die Allee hinauf. In ſchweigender und ehrfurchtsvoller Entfernung folg⸗ ten ihnen die Damen und Herren des Hofes, und Niemand ahnte, daß dieſe Frau, welche ſo ſtolz und prächtig dahin ſchritt, ſoeben erſt einer drohenden Todesgefahr entgangen ſei, daß dieſer Mann, welcher mit ſo hingebender Zärtlichkeit ſich auf ihren Arm ſtützte, vor wenig Stunden erſt ihr Verderben be⸗ ſchloſſen hatte*) Und während ſie Beide vertraulich plaudernd durch die Alleen wandelten, verließen zwei Andere geſenkten Hauptes und bleichen Angeſichtes das königliche Schloß, welches für ſie von nun an das verlorene Paradies ſein ſollte. Finſterer Groll und wüthender Haß waren in ihren Herzen, aber ſie mußten es doch ſchweigend ertragen, ſie mußten lächeln und harmlos ſcheinen, um nicht der Schadenfreude des Hofes ein willkommenes Feſt zu bereiten. Sie fühlten die bos⸗ *) Dieſe ganze von Gardiner gegen die Königin angeſtiftete Intrigue iſt bis in die kleinſten Details hiſtoriſch wahr und findet ſich in allen Geſchichtswerken gleichlautend erzählt. — 172— haften Blicke aller dieſer Hofleute, obwohl ſie mit ge⸗ ſenkten Augen an ihnen vorübergingen, ſie meinten ihr hämiſches Flüſtern, ihr ſpöttiſches Lachen zu hören, und es bohrte ſich wie Dolchſtöße in ihr Herz ein.. Endlich hatten ſie's überwunden, endlich lag der Palaſt hinter ihnen, und ſie waren nun wenigſtens frei, um dieſe Qual, die ſie verzehrte, in Worten auszuſtrömen, frei, um in bittere Verwünſchungen, in Fluͤche und Klagen ausbrechen zu können. Verloren! Es iſt Alles verloren! ſagte Graf Dou⸗ glas dumpf in ſich hinein. Ich bin geſcheitert mit all' meinen Plänen. Ich habe der Kirche mein Leben, mein Vermögen, ja, meine Tochter ſogar geopfert, und es iſt Alles umſonſt geweſen. Als ein Bettler ſtehe ich jetzt vereinſamt und ohne Troſt auf der Straße, und die heilige Mutterkirche wird des Soh⸗ nes, der ſie liebte und ſich ihr opferte, nicht mehr achten, denn er war unglücklich und ſein Opfer iſt vergeblich geweſen. Verzaget nicht! ſagte Gardiner feierlich. Es ziehen Wolken herauf, aber ſie zerſtreuen ſich wieder, und nach dem Tage des Gewitters kommt wieder der Tag des Lichts. Auch unſer Tag wird kommen, mein Freund. Wir gehen jetzt von hinnen, das Haupt mit Aſche beſtreut und gebengten Herzens, aber, glaubt mir, einſt werden wir wieder kommen mit leuchten⸗ dem Angeſicht und frohlockenden Herzens, und das flammende Schwert des göttlichen Zornes wird in unſeren Händen leuchten und ein Purpur wird uns umwallen, gefärbt in dem Blute der Ketzer, die wir Gott unſerem Herrn zum wohlgefälligen Opfer dar⸗ bringen. Gott ſpart uns auf für eine beſſere Zeit, und unſere Verbannung, glaubet mir, Freund, iſt — 173— nur eine Zuflucht, welche Gott uns bereitet hat für dieſe ſchlimme Zeit, welcher wir entgegen gehen. Ihr ſprecht von einer ſchlimmen Zeit, und dennoch hofft Ihr, Eminenz? fragte Douglas düſter. Und dennoch hoffe ich! ſagte Gardiner mit einem ſeltſamen und ſchauerlichen Lächeln, und ſich näher zu Douglas hinneigend, flüſterte er: der König hat nur noch wenige Tage zu leben. Ex ahnt nicht, wie nahe er ſeinem Tode iſt, und Niemand hat den Muth, es ihm zu ſagen, aber ſein Arzt hat es mir vertraut. Die Kräfte ſeines Lebens ſind aufgezehrt, und der Tod ſteht ſchon vor ſeiner Thür, um ihn zu erwürgen. Und wenn er todt iſt, ſagte Graf Douglas achſel⸗ zuckend, wird ſein Sohn Eduard König werden, und dieſe ketzeriſchen Seymours werden das Ruder des Staates lenken! Nennt Ihr das eine Hoffnung, Eminenz? Ich nenne es ſo. Ihr wißt alſo nicht, daß Eduard, ſo jung er iſt, dennoch ein fanatiſcher Anhänger der ketzeriſchen Lehre iſt und zugleich ein wüthender Widerſacher der allein⸗ ſeligmachenden Kirche? Ich weiß es, aber ich weiß auch, daß Eduard ein ſchwacher Knabe iſt, und es geht eine heilige Prophe⸗ zeiung durch unſere Kirche, welche verkündet, daß ſein Reich nur von kurzer Dauer iſt. Gott allein weiß, wie ſein Tod ſein wird, aber die Kirche hat ſchon oftmals ihre Feinde eines plötzlichen Todes ſterben ſehen; der Tod iſt oftmals ſchon der wirkſamſte Ver⸗ bündete der heiligen Mutterkirche geweſen. Glaubet alſo, mein Sohn, und hoffet, denn ich ſage Euch, Eduards Herrſchaft wird von kurzer Dauer ſein! Und — 174— nach ihm wird ſie den Thron beſteigen, dieſe edle und fromme Maria, die ſtrenggläubige Katholikin, welche die Ketzer ſo ſehr haßt, als Eduard ſie liebt. Oh Freund, wenn Maria den Thron beſteigt, dann werden wir aus unſerer Erniedrigung hervorgehen und unſer wird die Herrſchaft ſein. Dann wird ganz England wie ein einziger großer Tempel werden, und die Altäre ſind die Sgentedhaſſen, auf denen wir die Ketzer verbrennen, und ihr Wehegeſchrei, das ſind die heiligen Pſalmen, die wir anſtimmen laſſen zur Ehre Gottes und der heiligen Kirche. Hoffet auf dieſe Zeit, denn ich ſage Euch, ſie wird bald herbeikommen! Wenn Ihr es ſagt, dann wird es ſich erfüllen, Eminenz, ſagte Douglas bedeutungsvoll. Ich werde alſo hoffen und warten; vor den ſchlimmen Tagen werde ich mich nach Schottland retten und der guten harren! Und ich gehe, wie dieſer König von Gottes Zorn es befohlen ane auf meinen Biſchofsſitz. Der Zorn Gottes wird Heinrich bald von hinnen rufen. Möge ſeine Todesſtunde eine qualvolle ſein, und möge der Fluch des, heiligen Vaters ſich an ihm bewähren und erfüllen! Lebt wohl, wir gehen mit der uns aufge⸗ drungenen Friedenspalme, aber wir werden wieder⸗ kehren mit dem flammenden Schwert, und das Blut der Ketzer wird von unſeren Händen herniederträufeln! Sie reichten ſich noch einmal die Hände, dann gingen ſie ſtumm von dannen, und ehe noch der Abend hereinbrach, hatten ſie Beide London ver⸗ laſſen*). *) Gardiners Prophezeiung erfüllte ſich bald. Wenige age 5 nachdem Gardiner in Ungnade gefallen war, ſtarb Hein⸗ Achte, und ſein unmündiger Sohn Eduard beſtieg den Thion; 8 — 175— Kurze Zeit nach dieſer verhängnißvollen Prome⸗ nade im Garten von Whitehall betrat die Königin die Gemächer der Prinzeſſin Eliſabeth, welche ihr mit freudigem Unheſtüm eentgegeneilte und ſie ſtürmiſch in ihre Arme ſchloß. Gerettet! flüſterte ſie. Die Gefahr iſt überwun⸗ den, und Ihr ſeid wieder die mächtige Königin, die angebetete Gattin! Und Euch danke ich es, daß ich es bin, Prinzeſſin! Ohne dieſen Verhaftsbefehl, den Ihr mir brachtet, war ich verloren. Oh Eliſabeth, welche Marter aber war dies! Zu lächeln und zu ſcherzen, während mir das Herz zitterte vor Angſt und Entſetzen, harmlos und unbefangen zu ſcheinen, während es mir war, als hörte ich in der Luft ſchon das Sauſen des Beils, welches meinen Nacken treffen ſollte! Oh, mein Gott, aber ſeine Herrſchaft war von kurzer Dauer. Nach einer kaum ſechsjährigen Regierung ſtarb er als ein Jüngling von ſechszehn Jahren, und ſeine Schweſter Maria, genannt die katholiſche, beſtieg den Thron. Ihre erſte That war, Gardiner, welcher unter Eduards Herrſchaft als Gefangener im Tower geſeſt zu befreien, und ihn zu ihrem Miniſter, ſpäter zum Staat anzler zu ernennen. Er war einer der wüthendſten Verfolge der Reformirten; einmal ſagte er im Staatsrath, im Beiſein der bigotten Königin:„Dieſe Ketzer haben eine ſo ſchwarze Seele, daß man ſe nur in ihrem eigenen Blute rein waſchen kann!“— Er war es auch, welcher die Königin zu den ſtrengen und gehäſſigen Maßregeln gegen die Prinzeſſin Eliſabeth an⸗ trieb und bewirkte, daß dieſe abermals für einen Baſtard und der Thronfolge für unwürdig erklärt ward. Als Maria ſtarb, hielt Gardiner in der Kapelle von Weſtminſter, wo ſie beige⸗ ſetzt ward, das Todtenamt im Beiſein ihrer Nachfolgerin, der Königin Eliſabeth. Gardiners Rede war eine begeiſterte Lob⸗ rede der verſtorbenen Königin, als deren beſonderes Verdienſt er es hervorhob, daß ſie die Ketzer ſo glühend gehaßt und ſo viele hatte hinrichten laſſen. Er endigte mit einer Schmährede auf die Proteſtanten und ſchonte dabei der jungen Königin ſo wenig, und ſprach von ihr in ſo beleidigenden Ausdrücken, daß er noch denſelben Tag verhaftet ward. Leti, Vol. I. p. 314. die Qualen und die Angſt eines gauzen Lebens habe ich in dieſer einen Stunde durchlaufen, meine Seele iſt davon matt gehetzt bis zum Tod, und meine Kraft iſt erſchöpft. Ich möchte weinen, immerfort weinen über dieſe armſelige, trügeriſche Welt, in welcher es nicht genügt, das Rechte zu wollen und das Gute zu thun, ſondern in der man heucheln und lügen, be⸗ trügen und ſich verſtellen muß, wenn man nicht dem Böſen und dem Unheil zum Opfer fallen will! Aber ach, Eliſabeth, ſelbſt meine Thränen darf ich nur nach innen weinen, denn eine Königin hat nicht das Recht, traurig zu ſein, ſie muß immer heiter, immer glücklich und zufrieden ſcheinen, und nur Gott und die ſtille, verſchwiegene Nacht kennt ihre Seufzer und Thränen! Und auch mich dürft Ihr ſie ſehen laſſen, Köni⸗ gin, ſagte Eliſabeth innig, denn Ihr wißt es wohl, daß Ihr mir vertrauen und auf mich bauen dürft. Katharina küßte ſie innig. Ihr habt mir heute einen großen Dienſt erwieſen, und ich bin nicht ge⸗ kommen, um Euch nicht nur mit tönenden Worten, ern auch mit Thaten zu danken, ſagte ſie. Eli⸗ h, Euer Wunſch wird ſich erfüllen, der König wird das Geſetz zurücknehmen, welches Euch zwingen ſollte, nur einem ebenbürtigen Gemahl Eure Hand zu reichen. Oh, rief Eliſabeth mit flammenden Augen, ich werde alſo einſt vielleicht Den, welchen ich liebe, zu einem König machen können! Katharina lächelte. Ihr habt ein ſtolzes und ehr⸗ geiziges Herz, ſagte ſie. Gott hat Euch mit außer⸗ ordentlichen Fähigkeiten begabt, pflegt ſie, Eliſabeth, und ſucht ſie zu mehren, denn mein ahnendes Herz ſagt mir, daß Ihr dazu beſtimmt ſeid, einſt Königin — 177— von England zu werden*). Aber wer weiß, ob Ihr alsdann noch wünſchen werdet, den, welchen Ihr jetzt liebt, zu Eurem Gemahl zu erheben. Eine Königin, wie Ihr es ſein werdet, ſieht mit andern Augen, als das junge unerfahrene Mädchen. Ich hatte vielleicht nicht Recht gethan, den König zu dieſer Abänderung des Geſetzes zu bewegen, denn ich kenne den Mann nicht, welchen Ihr liebt, und wer weiß, ob er es würdig iſt, daß Ihr ihm Euer ſo unſchuldiges und reines Herz gegeben! Eliſabeth ſchlang ihre beiden Arme um Katharina's Nacken und ſchmiegte ſich zärtlich an ſie. Oh, ſagte ſie, er wäre es ſelbſt werth von Euch geliebt zu wer⸗ den, Katharina, denn er iſt der edelſte und ſchönſte Cavalier der ganzen Welt, und wenn er auch kein König iſt, ſo iſt er doch eines Königs Schwager, und wird dereinſt eines Königs Oheim ſein! Katharina fühlte es wie einen Krampf in ihrem Herzen, und ein leiſes Zittern durchflog ihre Geſtalt. Und ſoll ich ſeinen Namen nicht erfahren? fragte ſie. Ja, jetzt will ich ihn Euch ſagen, denn jetzt iſt keine Gefahr mehr dabei, ihn zu wiſſen. Der, welchen ich liebe, Königin, er heißt Thomas Seymour! Katharina ſtieß einen Schrei aus und drängte Eliſabeth heftig von ihrem Herzen weg. Thomas Seymour? rief ſie mit drohendem Ton. Wie, Ihr wagt es, Thomas Seymour zu lieben? Und weshalb ſollte ich es nicht wagen? fragte das junge Mädchen erſtaunt. Weshalb ſollte ich ihm mein Herz nicht geben, da ich, Dank Eurer Fürſprache, nicht mehr gehalten bin, einen ebenbürtigen Gemahl *) Katharina's eigene Worte. Siehe Leti, Vol. I. pag. 172. Heinrich VIII. 3. 12 — 178— zu wählen? Iſt Thomas Seymour nicht einer der Erſten dieſes Landes? Blickt nicht ganz England auf ihn mit Stolz und Zärtlichkeit, fühlt ſich nicht jedes Weib geehrt, das er eines Blickes würdigt, lächelt der König ſelber nicht und fühlt ſich vergnügteren Herhens, wenn Thomas Seymour, dieſer junge und ſtarke, kühne und lebensmuthige Held an ſeiner Seite ſteht? Ihr habt Recht! ſagte Katharina, welcher jedes dieſer begeiſterten Worte wie ein Dolchſtoß das Herz zerriß, ja, Ihr habt Recht, er iſt es werth von Euch geliebt zu werden, und Ihr konntet keine beſſere Wahl treffen! Es war nur das erſte Erſtaunen, was mich die Dinge anders ſehen ließ, als ſie ſind. Thomas Seymour iſt der Bruder einer Königin, weshalb ſollte er nicht auch der Gemahl einer königlichen Prinzeſſin ſein können? Eliſabeth barg ihr lächelndes Antlitz mit einem verſchämten Erröthen an Katharina's Bruſt. Sie ſah nicht, mit welchem Ausdruck des Entſetzens und der Qual die Königin ſie betrachtete, wie ihre Lippen ſich krampfhaft auf einander preßten, und ihre Wangen ſich mit Todesbläſſe bedeckten. und Er? fragte ſie leiſe. Liebt Thomas Sey⸗ mour Euch? Eliſabeth richtete ihr Haupt empor und ſah die Fragende erſtaunt an. Wie? ſagte ſie. Iſt es denn möglich, daß man lieben kann, wenn man nicht ge⸗ liebt wird? Ihr habt Recht! ſeufzte Katharina. Man muß ſehr demüthig und ſehr matt geworden ſein, um dies zu können!. Mein Gott, wie bleich Ihr ſeid, Königin! rief —-— 179— Eliſabeth, welche jetzt erſt das bleiche Antlitz Katha⸗ rinens bemerkte. Eure Züge ſind entſtellt, Eure Lippen zittern. Mein Gott, was bedeutet dies? Es iſt nichts! ſagte Katharina mit einem qual⸗ vollen Lächeln. Die Aufregungen und das Entſetzen die⸗ ſes Tages haben meine Kraft erſchöpft. Das iſt Alles! Zudem bedroht uns ein neues Leid, welches Ihr noch nicht einmal kennt. Der König iſt erkrankt. Ein plötzlicher Schwindel erfaßte ihn und ließ ihn faſt leblos an meiner Seite niedergleiten. Ich kam zu Euch, um Euch die Botſchaft des Königs zu bringen, jetzt ruft mich die Pflicht an das Krankenbett des Gemahls. Lebt wohl, Eliſabeth! Sie winkte ihr mit der Hand den Abſchiedsgruß zu und verließ mit eiligem Schritt das Gemach. Sie fand den Muth in ſich, ihre Seelenqual zu verbergen und ſtolz und hochaufgerichtet durch die Säle zu gehen. Den ſich vor ihr neigenden Hofleuten wollte ſie die Königin ſein, und Niemand ſollte ahnen, welche Qual ſie wie mit Feuerflammen durchwühlte. Aber endlich in ihrem Bondoir angelangt, endlich ſicher, von Nie⸗ mand belauſcht und beobachtet zu werden, war ſie nicht mehr die Königin, ſondern nur noch das ſchmerzzer⸗ riſſene, leidenſchaftliche Weib. Scie ſank auf ihre Kniee nieder und rief mit einem herzzerreißenden Weheſchrei: Mein Gott, mein Gott, gieb, daß ich wahnſinnig werde, damit ich nicht mehr weiß, daß Er mich verlaſſen hat! 12* Die Rataſtrophe. Nach Tagen geheimer Qual und verborgener Thränen, nach Nächten ſchluchzender Pein und jam⸗ mernden Kummers war Katharina endlich zur Ruhe gekommen in ſich ſelber, hatte ſie endlich einen feſten und entſcheidenden Entſchluß gefaßt. Der König war krank bis zum Tode, und wie viel ſie auch durch ihn gelitten und geduldet hatte, immer war er doch ihr Gemahl, und ſie wollte nicht als eine Meineidige und eine Betrügerin an ſeinem Sterbebett ſtehen, ſie wollte nicht vor dem brechenden Blicke des ſterbenden Königs die Augen zu Boden ſenken müſſen. Sie wollte ihrer Liebe entſagen, dieſer Liebe, welche indeß ſo rein und ſo keuſch, wie das Gebet einer Jungfrau geweſen, dieſer Liebe, welche wie die Mor⸗ genröthe ſo unnahbar fern und doch ſo groß und leuchtend über ihr geſtanden, und ihr den dunklen min ihres Lebens mit himmliſchem Lichte durchſtrahlt atte. Sie wollte das ſchwerſte Opfer bringen, ſie wollte ihren Geliebten einer Andern geben. Eliſabeth liebte ihn. Katharina wollte nicht erforſchen und ergründen, ob Thomas Seymour ſie wieder liebe, und ob die Schwüre, welche er ihr, der Königin geleiſtet, wirklich nichts weiter geweſen als ein Traumbild, eine Lüge. Nein, ſie glaubte es nicht, ſie glaubte nicht, daß Thomas Seymour des Verrathes, der Doppelzüngig⸗ keit fähig ſei. Aber Eliſabeth liebte ihn, und ſie war jung und ſchön, und eine große Zukunft lag vor ihr. Katharina liebte Thomas Seymour ſtark genug, um — 181— ihn dieſer Zukunft nicht entziehen zu wollen, ſondern ſich ſelber dem Glück ihres Geliebten freundig zum Opſer darzubringen. Was war ſie, das in Schmerz und Leid gereifte Weib, gegen dieſe junge, lebensfriſche Blüthe Eliſabeth? Was hatte ſie dem Geliebten weiter zu bieten, als ein Leben der Zurückgezogenheit, der Liebe und des ſtillen Glückes? Wenn der König einmal todt war und ſie frei machte, beſtieg Eduard der Sechste den Thron, und Katharina war dann nichts mehr, als die vergeſſene und bei Seite geſcho⸗ bene Wittwe eines Königs, während Eliſabeth, die Schweſter des Königs, Dem, welchen ſie liebte, vielleicht eine Krone als Mitgift darzubringen hatte. Thomas Seymour war ehrgeizig, das wußte Ka⸗ tharina. Ein Tag konnte kommen, wo er es bereuete, ſtatt der Wittwe eines Königs nicht die Erbin eines Thrones gewählt zu haben. Katharina wollte dieſem Tage zuvorkommen. Sie wollte freiwillig den Geliebten an Prinzeſſin Eliſabeth abtreten. Sie hatte ihrem Herzen dies Opfer abge⸗ rungen, ſie hatte ihre Hände feſt auf dieſes Herz ge⸗ preßt, um nicht zu hören wie es klagte und weinte. Sie ging zu Eliſabeth und ſagte zu ihr mit einem ſüßen Lächeln: Heute werde ich Euch den Geliebten zuführen, Prinzeſſin! Der König hat ſein Verſprechen erfüllt, er hat heute mit ſeiner letzten, hinſterbenden Kraft dieſe Acte unterzeichnet, welche Euch die Freiheit giebt, Euren Gemahl nicht nur aus den Reihen der Fürſten zu wählen, und in Eurer Wahl Eurem Herzen zu folgen. Ich werde dieſe Acte Eurem Geliebten geben und ihn ſelber meines Beiſtandes und meiner Hülfe verſichern. Der König iſt heute ſehr leidend und ſein Bewußtſein ſchwindet mehr und mehr. Seid aber gewiß, wenn er im Stande iſt, mich zu hören, 8 werde ich all' meine Ueberredungskraft darauf verwen⸗ den, ihn Euren Wünſchen geneigt zu machen und ihn zu bewegen, daß er ſeine Einwilligung zu Eurer Ver⸗ mählung mit Graf Sudley gebe. Ich gehe jetzt den Grafen zu empfangen. Verweilt alſo in Eurem Zim⸗ mer, Prinzeſſin, denn bald wird Seymour kommen, Euch die Acte zu bringen! Während ſie ſo ſprach, war es ihr, als ob ihr Herz von glühenden Dolchen durchbohrt würde, als ob ein zweiſchneidiges Schwert ihre Bruſt durch⸗ wühle. Aber Katharina hatte eine ſtarke und muthige Seele, ſie hatte ſich geſchworen, dieſe Qual bis an's Ende zu ertragen, und ſie ertrug ſie. Kein Zucken ihrer Lippen, kein Seufzer, kein Auſſchrei verrieth dieſe Pein, welche ſie erduldete, und wenn ihre Wange auch farblos und ihr Auge auch trübe war, ſo war das daher, weil ſie die Nächte wachend am Kranken⸗ bett ihres Gemahls zubrachte, und weil ſie trauerte um den ſterbenden König. Sie hatte den Heroismus, dieſes junge Mädchen zärtlich zu umarmen, welcher ſie eben ihre Liebe zum Opfer darbringen wollte, und mit einem Lächeln den begeiſterten Worten der Dankbarkeit, des Entzückens und des erwartungsvollen Glückes zuzuhören, welche Eliſabeth an ſie richtete.. Mit thränenloſem Auge, mit feſtem Schritt kehrte ſie in ihre Gemächer zurück, und ihre Stimme zitterte gar nicht, als ſie dem dienſtthuenden Kammerherrn efahl, den Ober⸗Stallmeiſter Grafen Sudley zu ihr zu rufen. Nur hatte ſie ein Gefühl, als ob ihr Herz zerbrochen und zermalmt ſei, und ganz leiſe, ganz er⸗ geben flüſterte ſie: Ich werde ſterben, wenn er fort gegangen iſt! Aber ſo lange er da iſt, will ich leben, und er ſoll nicht ahnen, was ich leide! — 183— Und während Katharina ſo furchtbar litt, jauchzte Eliſabeth vor Wonne und Entzücken, denn endlich jetzt ſtand ſie am Ziel ihrer Wünſche, und heute noch ſollte ſie ihres Geliebten Braut werden. Oh mein Gott, wie langſam und träge dieſe Minuten dahin krochen, wie viel Ewigkeiten ſie noch zu durchharren hatte, bevor er kommen würde, er, ihr Geliebter und bald ihr Gemahl! Ob er ſchon bei der Königin war? Ob ſie ihn ſchon erwarten durfte? Sie ſtand wie gebannt am Fenſter und blickte hinüber nach dem Hofe. Dort drüben durch jenes große Portal mußte er kommen, dort durch jene Thür mußte er gehen, um in die Ge⸗ mächer der Königin zu gelangen. Sie ſtieß einen Schrei aus, und eine glühende Röthe überflog ihr Angeſicht,— dort, dort war er. Dort hielt ſeine Equipage, ſeine goldbetreßten Lakaien öffneten den Schlag und er ſtieg aus. Wie ſchön er war und wie prächtig anzuſchauen! Wie edel und ſtolz ſeine hohe Geſtalt, wie regelmäßig ſchön ſein friſches, jugendliches Angeſicht! Wie keck das über⸗ müthige Lächeln ſeines Mundes, und wie ſeine Augen flammten und blitzten und leuchteten in Uebermuth und Jugendluſt! Einen Moment flogen ſeine Blicke zu Eliſabeths Fenſtern empor. Er grüßte ſie, dann trat er in die Thür, welche zu dem von der Königin bewohnten Flügel des Schloſſes von Whitehall führte. Eliſabeth's Herz klopfte ſo heftig, daß ſie ſich faſt er⸗ ſticken fühlte. Jetzt mußte er die große Treppe er⸗ reicht haben, jetzt war er oben, jetzt betrat er die Zimmer der Königin, durchſchritt er das erſte, das zweite, das dritte Gemach. Im Vierten erwartete ihn Katharina. Oh mein Gott, Eliſabeth hätte ein Jahr ihres — 184— Lebens darum geben mögen, zu hören, was Katharina ihm ſagen, und was er erwiedern würde auf die über⸗ raſchende Botſchaft; ein Jahr ihres Lebens, um ſein Efcen, ſein Erſtaunen und ſeine Freude ſehen zu önnen. Er war ſo ſchön, wenn er lächelte, ſo bezaubernd, wenn ſeine Augen flammten in Liebe und Luſt. Eliſabeth war ein junges, ungeſtümes Kind. Sie hatte ein Gefühl, als müſſee ſie erſticken in der Qual der Erwartung, ihr Herz klopfte auf ihren Lippen, ihr Athem ſtockte in ihrer Bruſt. Sie war ſo unge⸗ duldig auf das Glück. Wenn er nicht bald kommt, ſterbe ich, murmelte ſie. Oh, wenn ich ihn nur wenigſtens ſehen könnte, oder nur hören!— Plötzlich ſtockte ſie, ihre Augen blitzten höher auf, und ein bezauberndes Lächeln flog durch ihre Züge. Ja, ſagte ſie, ich will ihn ſehen und ich will ihn hören. Ich kann es, und ich will es! Ich habe den Schlüſſel, welchen mir die Königin gegeben, und der dieſe Thür öffnet, welche meine Zimmer von den ihrigen trennt. Mit dieſem Schlüſſel gelange ich in ihr Schlafzimmer, und neben dem Schlafzimmer befindet ſich ihr Bondoir, in welchem ſie ohne Zweifel den Grafen empfangen wird. Ich werde ganz leiſe eintreten und, mich henter der Por⸗ tieère, welche das Schlafzimmer von dem Bondoir trennt, verbergend, werde ich ihn ſehen und Alles hören können, was er ſpricht! Sie lachte laut und fröhlich auf, wie ein Kind, und ſprang zu dem Schlüſſel hin, der auf ihrem Schreibtiſch lag. Wie eine Siegestrophäe ſchwang ſie ihn hoch empor in ihrer Hand und rief: ich werde ihn ehen!. 3 — 185— Dann verließ ſie leicht und fröhlich und ſtrahlen⸗ den Anges das Zimmer. Sie hatte richtig vermuthet. Katharina empfing den Grafen in ihrem Boudoir. Sie ſaß auf dem Divan, welcher der Thür gegenüber lag, die in den großen Empfangſaal führte. Dieſe Thür war geöffnet, und Katharina konnte daher dieſen großen Raum ganz überblicken. Sie konnte den Grafen ſehen, wie er denſelben durchſchritt, ſie konnte noch einmal mit ſchmerzlich ſüßem Entzücken ſich ſeiner ſtolzen Schön⸗ heit freuen und ihre Blicke mit Liebe und Anbetung auf ihm ruhen laſſen. Aber endlich überſchritt er die Schwelle des Bou⸗ doirs, und nun war es zu Ende mit ihrem Glück und ihrem ſüßen Traum, zu Ende mit ihren Hoff⸗ nungen und ihrem Entzücken. Sie war nichts mehr, als die Königin, die Ge⸗ mahlin eines ſterbenden Königs. Nicht mehr die Ge⸗ liebte des Grafen Seymour, nicht mehr ſeine Zukunft und ſein Glück. Sie hatte den Muth ihn mit einem Lächeln zu begrüßen, und ihre Stimme zitterte nicht, als ſie ihm befahl, die in den Saal führende Thür zu ſchließen und die Portisre hernieder zu laſſen. 8 Er that es, indem er ſie mit erſtaunten Blicken anſah. Er begriff nicht, daß ſie es wagte, ihm dieſes Rendezvous zu geben; denn immer noch lebte der König, und ſelbſt mit ſeiner nur noch lallenden Zunge konnte er ſie Beide zerſchmettern. Warum wartete ſie nicht bis morgen. Morgen ſchon konnte der König geſtorben ſein, und alsdann konnten ſie ohne Zwang und ohne Gefahr ſich ſehen. Alsdann war ſie ſein, und Nichts konnte ſich mehr — 186— hemmend zwiſchen ihr Glück ſtellen. Jetzt, wo der König dem Tode nahe war, jetzt liebte er nur noch ſie, nur noch Katharina. Sein Ehrgeiz hatte über ſein Herz entſchieden, der Tod war der Richter ge⸗ worden über Seymours Doppelliebe und Tein ge⸗ theiltes Herz, und mit König Heinrichs Sterben war auch Eliſabeths Stern erblichen. Katharina war die Wittwe eines Königs, und ohne Zweifel hatte dieſer zärtliche Gemahl ſein junges angebetetes Weib zur Regentin ernannt während der Minderjährigkeit des Prinzen von Wales. Katharina würde alſo noch fünf Jahre der unbeſchränkten Herr⸗ ſchaft, der königlichen Autorität und Machtvollkom⸗ menheit haben. Wenn Katharina ſeine Gemahlin war, ſo würde er, Thomas Seymour, alſo dieſe Macht mit 4 ihr theilen, und der königliche Purpurmantel, welcher 1 auf ihren Schultern ruhte, würde auch ihn mit über⸗ decken, und er würde ihr helfen dieſe Krone zu tragen, die ohne Zweifel zuweilen ihre zarte Stirn bedrücken möchte. Er würde in Wahrheit der Regent ſein, und Katharina würde es dem Namen nach ſein. Sie, die Königin von England, und er, der Kön,s dieſer Königin. Welch' ein ſtolzer, berauſchender Gedanke — war dies, und welche Plane, welche Hoffnungen waren nicht daran zu knüpfen. Fünf Jahre der Herrſchaft, war das nicht eine Zeit, lang genug, um den Thron dieſes königlichen Knaben zu unterhöhlen und ſeine Autorität zu untergraben? Wer konnte ermeſſen, ob das Volk, einmal gewöhnt an die Regentſchaft der Königin, es nicht vorziehen möchte, unter ihrem Scepter zu bleiben, ſtatt dieſem ſchwachen Jüngling ſich anzu⸗ vertrauen? Man mußte, das Volk zwingen ſo zu denken, und Katharina, die Gemahlin Thomas Sey⸗ mours, zu ſeiner regierenden Königin zu machen. —— —,———— — 187— Der König war krank bis zum Tode, und Katha⸗ rina war ohne Zweifel die Regentin, vielleicht dereinſt die ſouveräne Königin. Prinzeſſin Eliſabeth war nur eine arme Prin⸗ zeſſin, ganz ohne Ausſicht auf den Thron, denn vor ihr kam Katharina, kam Eduard und endlich noch Maria, Eliſabeth's ältere Schweſter. Eliſabeth hatte gar keine Ausſicht auf die Krone, und Katharina die allernächſte, die allerbegründetſte. Das überlegte Thomas Seymour, als er die Ge⸗ mächer der Königin durchſchritt, und als er zu ihr eintrat, hatte er ſich ſelber ganz überzeugt, daß er nur die Königin liebe, daß nur ſie es ſei, welche er immer geliebt habe. Eliſabeth war vergeſſen und verachtet. Sie hatte keine Ausſicht auf den Thron. Weshalb alſo ſollte er ſie lieben?— Die Königin, wie geſagt, befahl ihm, die Thür des Bondoirs, welche in den Empfangsſaal führte, zu ſchließen und die Portidre niederzulaſſen. In dem⸗ ſelben Moment als er es that, bewegte ſich auch dort drüben die Portidre, welche von dem Boundoir in das Schlafzimmer führte,— vielleicht hatte es nur der Zugwind der ſich ſchließenden Thür gethan. Weder die Königin, noch Seymour achteten darauf. Sie waren Beide zu ſehr mit ſich ſelber beſchäftigt; ſie ſahen nicht, wte die Portidre wieder und wieder leiſe bebte und zitterte, ſie ſahen nicht, wie ſie ſich leiſe in der Mitte ein wenig öffnete; ſie ſahen auch nicht die lühenden Augen, die plötzlich durch die Spalte der ortière hervorſchauten, und ahnten nicht, daß es Prinzeſſin Eliſabeth war, welche da hinter den Vor⸗ hang getreten war, um beſſer hören und ſehen zu können, was in dem Boudoir geſchah. — 188— Die Königin war aufgeſtanden und dem Grafen einige Schritte entgegen gegangen. Wie ſie ihm jetzt gegenüber ſtand, wie ihre Blicke ſich begegneten, fühlte ſie ihren Muth ſinken und ihr Herz brechen. Sie mußte die Blicke zu Boden ſenken, um ihn die Thränen nicht ſehen zu laſſen, die unwillkürlich in ihre Augen empor ſtiegen. Mit einem ſtummen Gruße reichte ſie ihm die Hand dar. Thomas Sey⸗ mour drückte ſie heftig an ſeine Lippen und ſah ihr mit einer leidenſchaftlichen Zärtlichkeit in's Angeſicht. Sie mußte all' ihre Kraft zuſammenraffen, um ihr Herz nicht ſich verrathen zu laſſen. Mit einer haſti⸗ gen Bewegung entzog ſie ihm ihre Hand und nahm von dem Tiſch die Papierrolle, welche die vom Könige unterzeichnete neue Succeſſions⸗Acte enthielt. Mylord, ſagte ſie, ich habe Euch herberufen, weil ich Euch einen Auftrag ertheilen möchte! Ich bitte Euch, dieſes Pergament zu der Prinzeſſin Eliſabeth tragen und es ihr übergeben zu wollen! Aber bevor Ihr das thut, will ich Euch mit ſeinem Inhalt bekannt machen. Dieſes Pergament enthält ein neues vom Könige ſanctionirtes Geſetz über die Succeſſion. Kraft deſſen ſind die königlichen Prinzeſſinnen nicht mehr genöthigt, einem ſouverainen fürſtlichen Gemahl ſich zu verbinden, wenn ſie ihre Erbanſprüche auf den Thron ungeſchmälert ſich bewahren wollen. Der König giebt den Prinzeſſinnen das Recht, ihrem Herzen zu folgen, und ihre Suecceſſions⸗Anſprüche ſollen nicht darunter leiden, wenn der von ihnen gewählte Gemahl auch kein Fürſt und König iſt. Das, Mylord, iſt der Inhalt dieſes Pergamentes, welches Ihr der Prin⸗ zeſſin bringen ſollt, und ohne Zweifel werdet Ihr es mir danken, daß ich Ench zum Boten dieſer frohen Nachricht erwählte! —— ——— — 189— 2 Und weshalb, fragte er erſtaunt, weshalb glaubt Ihr, Majeſtät, daß mich dieſe Nachricht mit beſonderem Dank erfüllen ſollte? Sie nahm alle ihre Kraft zuſammen, ſie betete zu ihrem eigenen Herzen um Stärke und Selbſtbeherr⸗ ſchung. Weil die Prinzeſſin mich zur Vertrauten ihrer Liebe gemacht hat, und weil ich daher dieſes zarte Band kenne, welches Euch an ſie bindet! ſagte ſie leiſe, und ſie fühlte, wie alles Blut ihren Wangen entwich. Der Graf ſah ihr mit ſtummen Erſtaunen in's Angeſicht, dann ließ er ſeine Blicke fragend und for⸗ ſchend in dem ganzen Zimmer umher ſchweifen. Man belauſcht uns alſo? fragte er leiſe. Wir ſind nicht allein? Wir ſind allein! ſagte Katharina laut. Niemand kann uns hören, und nur Gott iſt der Zeuge unſerer Unterredung. 5 „Eiliſabeth, welche hinter der Portière ſtand, fühlte ihre Wange erglühen vor Schaam, und ſie fing an, zu bereuen, was ſie gethan. Aber ſie war dennoch wie gebannt an dieſe Stelle. Es war gewiß kleinlich und einer Prinzeſſin unwürdig, zu lauſchen, aber ſie war zu dieſer Stunde nur ein junges Mädchen, wel⸗ ches liebte und welches den Geliebten beobachten wollte. Sie blieb alſo; ſie legte ihre Hand auf ihr angſtvoll klopfendes Herz und murmelte in ſich hin⸗ ein: Was wird er ſagen? Was bedeutet dieſe Angſt, welche mich befällt? Nun, ſagte Thomas Seymour mit ganz verän⸗ dertem Ton, wenn wir allein ſind, ſo möge denn dieſe Maske fallen, welche mein Antlitz verhüllt, ſo — 190— möge denn der Panzer zerſprengen, welcher mein Herz zuſammenſchnürt! Sei mir gegrüßt, Katharina, mein Stern und meine Hoffnung! Niemand, ſagſt Du, hört uns, als Gott„allein, und Gott kennt unſere Liebe, und er weiß, mit welcher Sehnſucht und wel⸗ chem Entzücken ich dieſer Stunde entgegengeſeufzt habe, dieſer Stunde, welche mich endlich wieder mit Dir vereint! Mein Gott, es iſt eine Ewigkeit her, ſeit ich Dich nicht geſehen, Katharina, und mein Herz 1 dürſtet nach Dir, wie ein Verſchmachtender nach einem Labetrunk. Katharina, meine Geliebte, geſegnet ſeieſt Du, daß Du mich endlich zu Dir rufſt! Er breitete die Arme nach ihr aus, aber ſie wehrte ihn heftig zurück. Ihr irrt Euch in dem Namen, Graf, ſagte ſie bitter. Ihr ſagt Katharina, und meint Eliſabeth! Die Prinzeſſin iſt es, welche Ihr liebt, Eliſabeth gehört Euer Herz, und ſie hat Euch ihr Herz geweiht. Oh, Graf, ich werde dieſe Liebe begünſtigen, und ſeid gewiß, ich werde nicht nachlaſſen mit Bitten und Flehen, bis ich den König Euren Wünſchen ge⸗ neigt gemacht, bis er ſeine Einwilligung gegeben zu Eurer Vermählung mit der Prinzeſſin Eliſabeth! Thomas Seymour lachte. Es iſt eine Maskerade, Katharina, und Ihr tragt noch immer eine Maske vor Eurem ſchönen und holden Angeſicht! Oh weg mit dieſer Maske, Königin! Ich will Dich ſchauen, wie Du biſt, ich will wieder Dein eigenes ſchönes Selbſt, ich will das Weib ſehen, welches mir gehört, und welches geſchworen, Mein zu ſein, und welches mit tauſend heiligen Eiden gelobt, mich zu lieben, mir treu zu ſein und mir zu folgen als ihrem Gemahl und ihrem Herrn. Oder wie, Katharina, hätteſt Du Deiner Schwüre vergeſſen, wärſt Du Deinem Herzen untren geworden? Willſt Du mich von Dir ſtoßen, und wie — 191— ein Spielball, deſſen Du ſelber überdrüſſig geworden, mich einer Andern hinwerfen? Oh ich, ſagte ſie ganz unbewußt, ich kann niemals vergeſſen und niemals untreu den! Nun denn, meine Katharina, Du Braut und Weib meiner Zukunft, was ſprichſt Du mir denn von Eli⸗ ſabeth? Von dieſer kleinen Prinzeſſin, welche, wie die Blüthenknospe der Sonne, der Liebe entgegenſeufzt, und den Erſten, welchen ſie auf ihrem Wege findet, für die Sonne hält, nach welcher ſie ſchmachtet. Was kümmert uns Eliſabeth, meine Katharina, und was haben wir zu ſchaffen mit dieſem Kinde in dieſer Stunde des langerſehnten Wiederſehens? Oh, er nennt mich ein Kind! murmelte Eliſabeth. Ich bin ihm nichts als ein Kind! Und ſie drückte ihre Hände auf ihren Mund, um ihren Schrei des Zornes und Schmerzes zu unterdrücken, und es nicht hören zu laſſen, daß ihre Zähne, wie im Fieberfroſt, auf einander ſchlugen.. Thomas Seymour zog mit einer unwiderſtehlichen Gewalt Katharina in ſeine Arme. Entziehe Dich mir nicht länger, ſagte er mit zärtlichem Flehen. Die Stunde iſt da, welche endlich über unſer Daſein ent⸗ ſcheiden ſoll! Der König liegt im Sterben, und meine Katharina wird endlich frei ſein, frei um ihrem Herzen zu folgen. In dieſer Stunde erinnere ich Dich an Deinen Schwur! Gedenkſt Du noch jenes Tages, wo Du mich auf dieſe heutige Stunde angewieſen haſt, weißt Du noch, Katharina, wie Du Dich mir zum Weibe gelobt und mich angenommen haſt zum Herrn Deiner Zukunft? Oh, meine Geliebte, dieſe Krone, welche Dein Haupt belaſtete, wird endlich von Dir genommen werden. Jetzt ſtehe ich noch vor Dir als Dein Unterthan, aber in wenig Stunden wird es Dein Herr und Dein Gemahl ſein, welcher vor Dir ſteht, und er wird Dich fragen: Katharina, mein Weib, haſt Du mir die Treue gehalten, welche Du mir ge⸗ ſchworen? Biſt Du keine Meineidige geworden an Deinen Gelübden und an Deiner Liebe? Haſt Du meine Ehre, welche auch Deine Ehre iſt, rein bewahrt vor jedem Flecken, und kannſt Du mir ſchuldlos in's Auge ſehen? Er ſah ſie an mit ſtolzen, flammenden Augen, und vor ſeinen gebieteriſchen Blicken ſchmolz ihre Stärke und ihr Stolz hinweg, wie das Eis vor dem Sonnen⸗ glanz. Er war wieder der Herr, welcher ihrem Her⸗ zen zu gebieten hatte, und ſie wieder die demüthige Magd, deren ſüßeſtes Glück es iſt, ſich zu unterwer⸗ fen und zu beugen unter dem Willen des Geliebten. Ich kann Dir frei in's Auge ſehen, murmelte ſie, und keine Schuld belaſtet mein Gewiſſen. Ich habe nichts geliebt als Dich, und nur Gott wohnte neben Dir in meinem Herzen. Sie lehnte ganz überwältigt, ganz glückestrunken ihr Haupt an ſeine Schulter, und wie er ſie in ſeine Arme ſchloß, wie er ihre nicht mehr widerſtrebenden Lippen mit Küſſen bedeckte, da fühlte ſie nur noch, daß ſie ihn unausſprechlich liebe, und daß es für ſie kein Glück gähe, außer bei ihm. 3 Es war ein ſüßer Traum, ein Moment des köſt⸗ lichſten Entzückens. Aber es war nur ein Moment. Eine Hand legte ſich ungeſtüm auf ihre Schulter, eine heiſere, zornige Stimme rief ihren Namen, und wie Katharina aufſchaute, begegnete ſie den wilden Blicken Eliſabeth's, welche mit todesbleichen Wangen, mit zitternden Lippen, mit fliegenden Nüſtern vor ihr ſtand, und deren Augen Flammen des Zorus und des Haſſes ſprüheten. — 193— Das iſt alſo der Liebesdienſt, den Ihr mir ge⸗ ſchworen? ſagte ſie zähneknirſchend. Ihr ſtehlt Euch in mein Vertrauen, und mit hohnlächelndem Munde erſpäht Ihr die Geheimniſſe meines Herzens, um hin⸗ zugehen und ſie Eurem Buhlen zu verrathen? Um in ſeinen Armen dieſes beklagenswerthen Mädchens zu ſpotten, welches einen Moment ſich von ihrem Herzen betrügen ließ und einen Verbrecher für einen edlen Menſchen hielt? Wehe, wehe Euch, Katharina, denn ich ſage Euch, ich werde kein Mitleid haben mit der Ehebrecherin, welche meiner ſpottete und meinen Vater betrog! Sie war raſend, außer ſich vor Zorn, ſie ſchleu⸗ derte die Hand fort, welche Katharina auf ihre Schulter legte, und wie eine gereizte Löwin ſprang ſie zurück vor der Berührung ihrer Feindin. Das Blut ihres Vaters tobte und brauſte in ihr, und, Heinrich des Achten ächte Tochter, barg ſie in ihrem Herzen nur blutgierige und rachſüchtige Ge⸗ danken. 1 Sie ſchleuderte auf Thomas Seymour einen Blick finſtern Zornes, und ein verächtliches Lächeln um⸗ ſpielte ihre Lippen. Mylord, ſagte ſie, Ihr habt mich ein Kind genannt, welches ſich leicht täuſchen läßt, weil es ſo ſehr der Sonne und dem Glück ſich ent⸗ gegen ſehnte. Ihr habt Recht, ich war ein Kind, und ich war thöricht genug, einen elenden Lügner für einen Edelmann zu halten, der des ſtolzen Glückes werth ſei, von der Tochter eines Königs geliebt zu werden. Ja, Ihr habt Recht, das war ein kindiſcher Traum. Dank Euch, bin ich jetzt aus demſelben erwacht, und Ihr habt das Kind zu einer Frau gereift, welche ihre Jugendthorheit belacht und heute das verachtet, was ſie geſtern anbetete. Ich habe nichts zu ſchaffen mit Heinrich VIII. 3. 13 — 194— Euch, und ſelbſt meinem Zorn ſeid Ihr zu gering und zu verächtlich. Aber ich ſage Euch, Ihr habt ein gefährliches Spiel geſpielt und Ihr werdet es ver⸗ lieren! Ihr warbt um eine Königin und eine Prin⸗ zeſſin, und Ihr werdet Beide nicht erlangen, die Eine nicht, weil ſie Ench verachtet, die Andere nicht, weil ſie auf das Blutgerüſt ſteigt! Sie wollte mit einem wilden Lachen der Thür zueilen, aber Katharina hielt ſie mit kräftiger Hand zurück und zwang ſie zu bleiben. Was wollt Ihr thun? fragte ſie ganz ruhig und gelaſſen. Was ich thun will? fragte Eliſabeth, und ihre Augen blitzten wie die einer Löwin. Ihr fragt mich, was ich thun will? Zu meinem Vater will ich gehen und ihm ſagen, was ich hier geſehen! Er wird mich anhören, und ſeine Zunge wird noch Kraft genug haben, für Euch ein Todesurtheil auszuſprechen! Oh, meine Mutter ſtarb auf dem Blutgerüſt, und ſie war doch unſchuldig. Wir werden doch ſehen, ob Ihr dem Blutgerüſt entgehen werdet, Ihr, die Ihr ſchul⸗ dig ſeid! Nun denn, ſo geht zu Eurem Vater, ſagte Katha⸗ rina, geht und klagt mich an. Aber zuvor ſollt Ihr mich hören. Ich wollte dieſem Manne, welchen ich liebte, entſagen, um ihn Euch zu geben. Ihr hattet mit dem Geſtändniß Eurer Liebe mein Glück und meine Zukunft zerbrochen, aber ich zürnte Euch nicht, ich begriff Euer Herz, denn Thomas Seymour iſt es werth, geliebt zu werden. Aber Ihr habt Recht, es war für die Gemahlin des Königs eine ſündige Liebe, wie unſchuldig und rein ſie auch immer ſein mochte. Deshalb wollte ich ihr entſagen, deshalb wollte ich, auf das erſte Geſtändniß von Euch, ſchweigend mich ſelber zum Opfer bringen. Ihr ſelber habt das jetzt —— — 195— unmöglich gemacht! Geht denn hin und verklagt uns bei Eurem Vater, und fürchtet nicht, daß ich mein Herz verleugnen werde. Jetzt, da die Entſcheidung gekommen iſt, ſoll ſie mich gefaßt finden, und auf dem Blutgerüſt werde ich mich noch ſelig preiſen, denn Thomas Seymour liebt mich! Ja, er liebt Euch, Katharina! rief er, ganz über⸗ wältigt und bezaubert von ihrer edlen, majeſtätiſchen Haltung. Er liebt Euch ſo heiß und glühend, daß der Tod mit Euch ihm ein beneidenswerthes Loos dünkt, und daß er es mit keinem Thron und keiner Krone vertauſchen möchte. Und indem er ſo ſprach, legte er ſeine Arme um Herharinde Nacken, und zog ſie ſtürmiſch an ſein erz. Eliſabeth ſtieß einen wilden Schrei aus und ſprang der Thür zu. Aber welch' ein Geräuſch war es, was plötzlich ſich näherte, was wie eine wilde Woge plötz⸗ lich heranbrauſte und die Vorzimmer und die Säle erfüllte? Was riefen dieſe kreiſchenden, entſetzten Stimmen, was ſchrieen ſie nach der Königin und dem Arzt und dem Prieſter? Eliſabeth hielt in ihrem Lauf inne und horchte. Thomas Seymour und Katharina ſtanden Arm in Arm geſchlungen neben ihr; ſie hörten kaum, was ge⸗ ſchah, ſie ſahen einander an und lächelten und träum⸗ ten von der Liebe und dem Tod, und der Ewigkeit ihres Glückes. Da flog die Thür auf, da ſah man das bleiche Geſicht John Heywood's, da waren die Ehrendamen und die Hofbeamten, und Alle ſchrieen und Alle jam⸗ merten: Der König ſtirbt! Ein Schlag hat ihn ge⸗ troffen! Der König liegt im Sterben! 13* 1 — 196— Der König ruft Euch! Der König verlangt in den Armen ſeiner Gemahlin zu ſterben! ſagte John Heywood, und indem er Eliſabeth, welche heftig vor⸗ wärts drängte, ruhig zur Seite und von der Thür fort ſchob, fügte er hinzu: Der König will Niemand mehr ſehen, als den Prieſter und ſeine Gemahlin, und mich hat er beauftragt, die Königin zu rufen! Er öffnete die Thür, und durch die Reihen der weinenden und jammernden Hofbeamten und Diener ſchritt Katharina dahin, um ſich an das Sterbebett ihres königlichen Gemahls zu begeben. XII. Le roi est mort, vive la reine! König Heinrich lag im Sterben; dieſes Leben voll Sünde, voll Blut und Verbrechen, voll Verrath und Hinterliſt, voll Heuchelei und betender und händefal⸗ tender Grauſamkeit, es war endlich ausgelebt; dieſe Hand, welche ſo viele Todesurtheile unterzeichnet hatte, ſie ballte ſich jetzt zuſammen in dem letzten Todes⸗ krampf, ſie war erſtarrt, in demſelben Moment, in welchem der König das Todesurtheil für den Herzog von Norfolk unterzeichnen wollte*)! Und der König ſtarb mit dem nagenden Bewußtſein, dieſen Feind, den er haßte, nicht mehr erwürgen zu können; der mächtige König war jetzt nichts mehr als ein ſchwa⸗ cher, ſterbender Greis, der nicht mehr im Stande war, *) Hiſtoriſch. —. — — 197— die Feder zu halten, und dieſes Todesurtheil zu unter⸗ zeichnen, das er ſo lange erſehnt und erhofft hatte. Jetzt lag es vor ihm, und er konnte es nicht mehr benutzen. Gott hatte in ſeiner Weisheit und ſeiner Gerechtigkeit über ihn die ſchwerſte und entſetzlichſte Strafe verhängt, er hatte ihm das Bewußtſein ge⸗ laſſen, er hatte ihn nicht an ſeinem Geiſte, ſondern nur an ſeinem Körper gelähmt, und dieſe unbeweg⸗ liche, ſtarre, erkaltende Maſſe, welche da auf dem Ruhe⸗ bett von goldverbrämtem Purpur lag, das war der König. Ein König, den die Gewiſſensangſt nicht ſterben ließ, und der jetzt ſchauderte und ſich entſetzte vor dem Tode, in den er ſo viele ſeiner Unterthanen mit ſchonungsloſer Grauſamkeit gejagt. Katharina und der Erzbiſchof von Canterbury, der edle Cranmer, ſtanden an ſeinem Lager, und während er in krampfhafter Angſt Katharinens Hände umklam⸗ mert hielt, horchte er den frommen Gebeten, welche Cranmer über ihn ausſprach. 4 Einmal fragte er mit lallender Zunge:„Mylord, was iſt denn dies für eine Welt, wo Diejenigen, welche die Andern zum Sterben verurtheilen, ver⸗ dammt ſind, auch zu ſterben*)?“ Und wie der fromme Cranmer, gerührt von den Qualen und der Betriſſeusanſt welche er in den Blicken des Königs las, und voll Mitleid mit dem ſterbenden Tyrannen, ihn zu tröſten ſuchte und zu ihm Jerech von der Gnade Gottes, welche jedes Sünders ſich erbarmt, da ächzte der König:„Nein, nein! Keine Gnade für Den, welcher keine Gnade kannte!“ Endlich war dieſer furchtbare Kampf des Todes mit dem Leben beendigt, und der Tod hatte das Leben *) Des Königs eigene Worte. Leti, Vol. I pag. 16. — 198— beſtegt. Der König hatte auf Erden die Augen ge⸗ ſchloſſen, um da droben als ſchuldbelaſteter Sünder vor Gott ſie wieder zu öffnen. Drei Tage verſchwieg man ſeinen Tod; man wollte erſt Alles geordnet, erſt die Lücke ausgefüllt haben, die durch ſeinen Tod entſtehen mußte; man wollte, wenn man dem Volke von dem verſtorbenen König ſprach, ihm auch zugleich ſchon den lebenden König zeigen, und da man wußte, daß das Volk nicht weinen würde über den Todten, ſollte es ſich freuen über den Lebendigen; da es keine Trauerpſalmen anſtimmen würde, ſolli⸗ es Jubelhymnen ertönen laſſen. Am dritten Tage öffneten ſich die Thore von Whitehall, und ein finſterer Trauerzug bewegte ſich durch die Straßen Londons. In dumpfem Schweigen ſah die Bevölkerung ihn vorüberziehen, den Sarg des Königs, vor dem ſie ſo ſehr gezittert, und für den ſie jetzt kein Wort der Trauer und des Bedauerns hatte, keine Thränen für einen Todten, der ſiebenunddreißig Jahre lang ihr König geweſen war. Nach Weſtminſter Abtei fuhren ſie den Sarg zu dem koſtbaren Grabmal, welches Wolſey dort für ſeinen königlichen Herrn hatte bauen laſſen. Aber der Weg war lang, und die ſchwarzbehangenen Pferde, welche den Leichenwagen fuhren, mußten oft keuchend inne⸗ halten und ausruhen. Und plötzlich, wie der Wagen auf einem der großen Plätze ſtille hielt, ſah man aus dem Sarge des Königs Blut hervorquellen. Es floß in purpurnen Wellen herunter und übergoß die Steine der Straße. Das Volk ſtand ſchaudernd umher und ſah das Blut des Königs fließen, und dachte daran, wie viel Blut er an derſelben Stelle hatte vergießen laſſen, denn der Sarg ſtand auf dem Platze, wo man 1 — — — — 199— die Hinrichtungen vorzunehmen pflegte, und wo man die Schaffote und Scheiterhaufen errichtete. Wie das Volk ſtand und auf das Blut ſchaute, welches aus dem Sarge des Königs floß, ſprangen aus der Menge des Volkes zwei Hunde hervor, und mit lechzender Zunge leckten ſie das Blut König Hein⸗ rich des Achten. Das Volk aber floh ſchaudernd und entſetzt nach allen Seiten und erzählte ſich unterein⸗ ander von dem armen Prieſter, der hier auf dieſer ſelben Stelle vor wenig Wochen hingerichtet worden, weil er den König nicht als den Oberherrn der Kirche und den Statthalter Gottes anerkennen wollte; von dieſem Unglücklichen, welcher dem König fluchte und auf dem Schaffot ſagte:„mögen einſt die Hunde das Blut dieſes Königs trinken, welcher ſo viel unſchuldiges Blut vergoſſen hat“.— Und jetzt hatte der Fluch des Sterbenden ſich erfüllt, und die Hunde hatten das Blut des Königs getrunken*). Als der finſtere Trauerzug den Palaſt von White⸗ hall verlaſſen hatte, als die Leiche des Königs nicht mehr die Säle mit ihrem ſchauerlichen Verweſungs⸗ geruch verpeſtete, und der Hof ſich anſchickte, dem Knaben Eduard als dem neuen König zu huldigen, trat Thomas Seymour, Graf von Sudley in das Gemach der jungen königlichen Wittwe. Er kam im feſtlichen Trauergewande, und ſein älterer Bruder, Eduard Seymour und der Erzbiſchof von Canterbury, Cranmer, gingen ihm zur Seite. Katharina hieß ſie erröthend und mit einem ſüßen Lächeln willkommen. Königin, ſagte Thomas Seymour feierlich, ich komme heute, Euch an Euer Gelübde zu mahnen! *) Hiſtoriſch. Siehe Tytler, pag. 481, — 200— Oh, ſchlagt Eure Augen nicht nieder, und erröthet nicht vor Schaam. Der edle Erzbiſchof kennt Euer Herz, und er weiß, daß es rein iſt, wie das Herz einer Jungfrau, und daß niemals ein unkeuſcher Ge⸗ danke Eure klare Seele befleckte, und mein Bruder würde nicht hier ſein, wenn er nicht Glauben und Ehrfurcht hätte, einer Liebe gegenüber, welche ſich in Stürmen und Gefahren ſo treu und unerſchütterlich bewährt hat. Ich habe dieſe beiden edlen Freunde zu meinen Brautwerbern gewählt, und in Ihrem Beiſein will ich Euch fragen: Königin Katharina, der König iſt todt, und keine Feſſeln binden mehr Euer Herz, wollt Ihr es mir jetzt zu eigen geben? Wollt Ihr mich annehmen zu Eurem Gemahl und mir Euren Königstitel und Eure erhabene Stellung zum Opfer darbringen?. Sie reichte ihm mit einem bezaubernden Lächelu die Hand dar. Ihr wißt wohl, flüſterte ſie, daß ich Euch nichts opfere, ſondern Alles von Euch empfange, was ich erhoffe von Glück und Liebe. So werdet Ihr alſo im Beiſein dieſer beiden Freunde mich als Euren zukünftigen Gemahl anneh⸗ men und mir das Gelübde Eurer Treue und Liebe geben? Katharina zitterte und ſchlug mit der Verſchämt⸗ heit eines jungen Mädchens die Augen nieder. Mein Gott, flüſterte ſie, ſeht Ihr denn nicht meine Trauer⸗ kleider? Ziemt es ſich denn, an das Glück zu denken, während die Trauerklänge kaum verhallt ſind? Königin Katharina, ſagte Erzbiſchof Cranmer, laſſet die Todten ihre Todten begraben! Auch das Leben hat ſeine Rechte, und der Menſch ſoll ſeine Anſprüche auf das Glück nicht aufgeben, denn es iſt ein heiligſtes Beſitzthum. Ihr habt viel geduldet und *— — 201— viel gelitten, Königin, aber Euer Herz blieb rein und ohne Schuld, deshalb dürft Ihr jetzt mit ungetrübtem Gewiſſen auch das Glück willkommen heißen! Zaudert nicht damit! Im Namen Gottes bin ich gekommen, Eure Liebe zu ſegnen und Eurem Glücke die heilige Weihe zu geben. 3 Und ich, ſagte Eduard Seymour, ich habe meinen Bruder um die Ehre gebeten, ihn begleiten zu dürfen, um Euch zu ſagen, Majeſtät, daß ich die hohe Ehre wohl zu würdigen weiß, welche Ihr unſerer Familie erzeigt, und daß ich als Euer Schwager immer ein⸗ gedenk ſein werde, wie Ihr einſt meine Königin, und ich Euer Unterthan war. Ich aber, rief Thomas Seymour, ich wollte nicht zaudern, zu Euch zu kommen, um Euch zu zeigen, daß nur die Liebe mich zu Euch führt, und daß keine andere Nebenrückſichten mich leiten konnten. Noch iſt das Teſtament des Königs nicht eröffnet, und ich kenne ſeinen Inhalt nicht. Wie es aber auch über uns Alle entſcheiden möge, es wird mir das Glück Eures Beſitzes nicht verringern oder vergrößern kön⸗ nen. Was Ihr auch ſein möget, Ihr werdet für mich immer nur das angebetete Weib, die heißgeliebte Ge⸗ mahlin ſein, und nur um Euch deſſen zu vergewiſſern, bin ich heute ſchon gekommen. Katharina reichte ihm mit einem bezaubernden Lächeln die Hand. Ich habe nie an Euch gezweifelt, Seymour, flüſterte ſie, und niemals liebte ich Euch heißer, als da ich Euch entſagen wollte. Sie neigte ihr Haupt an des Geliebten Schulter, und Thränen des reinſten Glückes benetzten ihre Wangen. Der Erzbiſchof von Canterbury legte ihre Hände in einander und ſegnete ſie ein zu Verlobten, und der ältere Seymour, Graf Hertford, neigte ſich — 202— vor ihnen und begrüßte ſie als ein verlobtes Braut⸗ paar. An demſelben Tage noch ward das Teſtament des Königs eröffnet. In der großen goldenen Königs⸗ halle, in welcher ſo oft König Heinrichs fröhliches Lachen und ſeine donnernde Zornesſtimme erſchallte, las man jetzt ſeine letzten Befehle. Der ganze Hof war verſammelt, wie ſonſt zu den fröhlichen Feſten, und Katharina ſaß noch einmal auf dem königlichen Throne, aber ihr zu Seite nicht mehr der gefürchtete Tyrann, der blutgierige König Heinrich der Achte, ſondern der arme bleiche Knabe Eduard, der von ſeinem Vater weder die Energie, noch den Geiſt, ſon⸗ dern nur die Blutgier geerbt hatte und die fröm⸗ melnde Heuchelei. Ihm zur Seite ſtanden ſeine Schweſtern, die Prinzeſſinnen Maria und Eliſabeth, Beide bleichen und vergrämten Angeſichtes, aber bei Beiden war es nicht der Vater, um den ſie trauerten. Maria, die bigotte Katholikin, ſah mit Entſetzen und bitterm Schmerz die Tage der Trübſal herein⸗ brechen über ihre Religion, denn Eduard war ein fanatiſcher Widerſacher der katholiſchen Religion, und ſie wußte, daß er das Blut der Papiſten mit ſcho⸗ nungsloſer Grauſamkeit vergießen würde,— deshalb war es, daß ſie trauerte. Aber Eliſabeth, dieſes junge Mädchen mit dem glühenden Herzen, ſie dachte weder an ihren Vater, noch an die bedrohte Kirche, ſie dachte nur an ihre Liebe, ſie fühlte nur, daß ſie um eine Hoffnung, um eine Illuſion ärmer geworden, daß ſie aus einem ſüßen und bezaubernden Traum zu der rauhen und nüchternen Wirklichkeit erwacht war. Sie hatte ihre erſte Liebe aufgegeben, aber ihr Herz blutete, und die Wunde ſchmerzte noch. — 203— Das Teſtament war verleſen. Eliſabeth blickte hinüber zu Thomas Seymour während dieſer feier⸗ lichen bedeutungsvollen Vorleſung. Sie wollte auf ſeinem Antlitz den Eindruck leſen, den dieſe ernſten und zukunftsvollen Worte auf ihn machten, ſie wollte in den Tiefen ſeiner Seele forſchen und die geheimen Gedanken ſeines Herzens ergründen. Sie ſah, wie er erbleichte, als nicht die Königin Katharina, ſondern ſein eigener Bruder, Graf Hertfort, zum Regenten ernannt ward während der Minderjährigkeit Eduards, ſie ſah den finſtern, faſt zornigen Blick, den er auf die Königin hinſchleuderte, und mit einem grauſamen Lächeln murmelte ſie:„Ich bin gerächt! Er liebt ſie nicht mehr!“ Auch John Heywood, welcher hinter dem Thron⸗ ſeſſel der Königin ſtand, hatte dieſen Blick Thomas Seymour's wahrgenommen, aber nicht, wie Eliſabeth, mit frohlockendem, ſondern mit tief trauerndem Her⸗ zen, und er ſenkte ſein Haupt auf ſeine Bruſt und murmelte:„Arme Katharina! Er wird ſie haſſen, und ſie wird ſehr unglücklich ſein.“ Aber noch war ſie glücklich. Ihr Auge rrahite in reinem Entzücken, als ſie vernahm, daß ihr Ge⸗ liebter, kraft des königlichen Teſtamentes, zum Groß⸗ Admiral von England und zum Vormund des jungen Königs ernannt ward. Sie dachte gar nicht an ſich, ſondern nur an ihn, an ihren Geliebten, und es er⸗ füllte ſie mit der ſtolzeſten Genugthuung, ihn mit ſo hohen Ehrenſtellen und Würden bekleidet zu ſehen. Arme Katharina! Ihr Auge ſah nicht die trübe Wolke, die immer noch auf der Stirn ihres Geliebten lagerte. Sie war ſo glücklich und ſo arglos und ſo wenig ehrgeizig. Für ſie gab es nur dieſes eine — 204— Glück, ihrem Geliebten angehören, die Gemahlin Thomas Seymour's ſein zu dürfen. Und dieſes Glück ſollte ihr werden. Dreißig Tage nach dem Tode König Heinrich des Achten ward ſie die Gemahlin des Groß⸗Admirals Thomas Seymour, Grafen von Sudley. Der Erzbiſchof Cranmer ſegnete in der Kapelle von Whitehall ihre Ehe ein, und der Lord Protector, jetzt Herzog von Sommerſett, ſonſt Graf von Hertfort, Thomas Seymour's Bruder, war der Zeuge dieſer Trauung, welche man indeß noch als ein Geheimniß behandelte, und von der Niemand weiter Zeuge ſein ſollte. Als man indeß ſich zur Trauung in die Kapelle begab, trat Prinzeſſin Eliſa⸗ beth in derſelben der Königin entgegen und reichte ihr die Hand. Es war das erſte Mal, daß ſie ſich begegneten, ſeit jenem fürchterlichen Tage, an welchem ſie ſich als Feirinden einander gegenüber ſtanden, das erſte Kal, daß ſie ſich wieder Aug' in Auge ſahen. Eliſabeth hatte ihrem Herzen dieſes Opfer abge⸗ rungen, ihre ſtolze Seele bäumte ſich auf bei dem Gedanken, daß Thomas Seymour vermeinen könne, ſie trauere noch um ihn, ſie liebe ihn noch. Sie wollte ihm zeigen, daß ihr Herz ganz geneſen ſei von dieſem erſten Traum ihrer Jugend, daß gar kein Be⸗ dauern und kein Schmerz in ihr ſei. Sie begrüßte ihn mit einem ſtolzen und kalten Lächeln und reichte Katharinen die Hand. Königin, ſagte ſie, Ihr ſeid mir ſo lange eine gütige und treue Mutter geweſen, daß ich wohl noch einmal das Recht, Eure Tochter zu ſein, beanſpruchen darf. Laßt mich daher als Eure Tochter der feier⸗ lichen Handlung, welche Ihr vorhabt, beiwohnen — 205— und vergönnt mir, an Eurer Seite zu ſtehen und für Euch zu beten, während der Erzbiſchof die heilige Handlung vornimmt und aus der Königin eine Grä⸗ fin Sudley macht. Möge Gott Euch ſegnen, Katha⸗ rina, und Euch all das Glück geben, deſſen Ihr würdig ſeid!— Und Prinzeſſin Eliſabeth knieete an Katharinens Seite, als der Erzbiſchof ſie einſegnete zu dem neuen Ehebunde, und während ſie betete, glitt ihr Auge wieder hinüber zu Thomas Seymour, welcher dort drüben neben ſeinem jungen Weibe ſtand. Katha⸗ rinens Antlitz ſtrahlte in Schönheit und Glück, aber auf Thomas Seymour's Stirn lagerte noch immer die Wolke, welche ſich an jenem Tage darüber hinge⸗ ſenkt, als das Teſtament des Königs eröffnet ward, dieſes Teſtament, welches die Königin Katharina nicht zur Regentin machte und damit Thomas Sey⸗ mour's ſtolze und ehrgeizige Plane vernichtete.— Und dieſe Wolke blieb auf der Stirn Thomas Seymour's. Sie ſenkte ſich tiefer und immer tiefer herab, ſie überſchattete bald Katharinens Liebesglück, und weckte ſie aus dem kurzen Traum ihrer Seligkeit. Was ſie gelitten, wie viel ſie erduldet an geheimer OQual und verſchwiegenem Weh, wer kann das wiſſen und ermeſſen wollen? Katharina hatte eine ſtolze und keuſche Seele; ſie verhüllte ſich züchtig vor der Welt mit ihren Schmerzen und mit ihrem Gram, wie ſie es mit ihrer Liebe einſt gethan. Niemand ahnte, was ſie litt und wie ſie rang mit ihrem zertretenen Herzen. Sie klagte niemals, ſie ſah Blüthe nach Blüthe abfallen von ihrem Leben, ſie ſah das Lächeln ver⸗ ſchwinden von dem Antlitz ihres Gatten, ſie hörte ſeine anfangs ſo zarte Stimme ſich allmälig verhärten — 206— zu rauheren Klängen, ſie fühlte ſein Herz mehr und mehr erkalten und ſeine Liebe ſich in Gleichgültigkeit, vielleicht in Haß ſogar verwandeln.— Sie hatte ihrer Liebe ihr ganzes Herz zu eigen gegeben, aber ſie fühlte Tag um Tag, und Stunde um Stunde, wie das Herz ihres Gemahls mehr und mehr erkaltete. Sie fühlte es mit furchtbarer, herz⸗ zerreißender Gewißheit: Sie war ſein mit ihrer gan⸗ zen Liebe. Aber er war nicht mehr der Ihre. Und ſie zermarterte ihr Herz, um zu erforſchen, weshalb er ſie nicht mehr liebe, was ſie verbrochen, daß er ſich von ihr gewendet. Seymour hatte nicht den Zartſinn und die Großmuth, ihr ſein Inneres zu verhüllen, und endlich begriff ſie, weshalb er ſich von ihr gewendet. 3 Er hatte gehofft, daß Katharina die Regentin von England, daß er alſo der Gemahl der Regentin ſein werde. Daß ſie es nicht geworden, daran war ſeine Liebe geſtorben. Katharina fühlte das, und ſie ſtarb daran. Aber nicht plötzlich, nicht auf einmal erlöſte ſie der Tod von ihren Schmerzen und Folterqualen. Sechs Monate hatte ſie mit ihnen zu leiden und zu ringen. Nach ſechs Monaten ſtarb ſie. Unheimliche Gerüchte verbreiteten ſich bei ihrem Tode, und nie ging John Heywood an dem Grafen Seymour vorüber, ohne daß er mit einem zornigen Blick ihn anſchauete und ſagte: Ihr habt die ſchöne Königin ermordet! Leugnet es, wenn Ihr könnt! Thomas Seymour lachte und hielt es nicht der Mühe werth, ſich gegen die Anſchuldigungen des Narren zu vertheidigen. — 207— Er lachte, obwohl er die Trauerkleider um Katha⸗ rina noch nicht abgelegt hatte. Mit dieſen Trauerkleidern wagte er es, zur Prin⸗ zeſſin Eliſabeth zu gehen, um ihr glühende Liebe zu ſchwören und um ihre Hand zu werben. Aber Eliſabeth wies ihn mit ſtolzer Verachtung und Kälte zurück, und gleich dem Narren ſagte auch die Prinzeſſin: Ihr habt Katharina ermordet! Ich kann nicht die Gemahlin eines Mörders ſein! Und Gottes Gerechtigkeit ſtrafte den Mörder der unſchuldigen und edlen Katharina, und kaum drei Monate nach dem Tode ſeiner Gemahlin mußte der Groß⸗Admiral das Schaffot beſteigen, und ward als Hochverräther hingerichtet. Auf den Wunſch Katharina's hatte man ihre Bücher und Papiere ihrem treuen Freunde John Heywood gegeben, und dieſer unterzog ſich mit der treueſten Sorgfalt der Durchſicht derſelben. Er fand unter ihren Papieren viele von ihr ſelbſt geſchriebene Blätter, viele Verſe und Gedichte, welche die Traurigkeit ihres Gemüthes athmeten. Katharina hatte ſie ſelbſt zu einem Buch zuſammengeſtellt, und mit eigener Hand hatte ſie dieſem Buch den Titel gegeben:„Schmer⸗ zensklage einer Sünderin.“ Katharina hatte viel geweint, indem ſie dieſe „Schmerzensklagen“ geſchrieben, denn an vielen Stellen war das Manuſcript unleſerlich, und ihre Thränen hatten die Schriftzüge verlöſcht. John Heywood küßte die Stellen, wo die Spur ihrer Thränen zurückgeblieben, und flüſterte: Die Sünderin hat ſich in ihren Schmerzen verklärt zu einer Heiligen, und dieſe Gedichte ſind das Kreuz und Denkmal, das ſie ſich ſelber auf ihr Grab be⸗ reitet hat. Ich will dieſes Kreuz aufrichten, damit die Guten ſich an ihm tröſten, die Böſen vor ihm fliehen. Und er that es. Er ließ die Schmerzens⸗ klagen einer Sünderin drucken, und dieſes Buch war Katharina's ſchönſtes Denkmal. Druck von Trömner& Dietrich(früher Hotop) in Caſſel. Geegdäunnanuaunnaunnnunnunn 11 13