Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ Pfananahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens Ur bis Abended Uhr Feffenr lieh 9 2. Lesepreis. ei J Kückga e eines gelie henen luches wird jedem Lagls Pe. bezählt le Senee Hes ird won 3.(aution. Unbekannte Perſonen emüffen, bei Ent eines Buches, eine dem Werthe deſſelbe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet tne Ab t onnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: ——— auf 4 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Nt. 59 Pf. / gegennahme n entſprchende Summe 6 Bücher: 2 Mk.— Pf. 5. 3usRartige Abonnenten haben für Sin⸗ und ſeieſenin der Bücher auf ihre eigenen hſen und Keichr 6. Sel knenetaa Für beſe 7.— Dieſete 85 ae 1 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf au 5 das Weiterverleihen Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir g ee auch denir zu ſtehen haben. — 1 1 . 4. ines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4 . 8 b 1 12 Künig Beinrich VIII und ſein Hof, oder: Katharina Parr. — Hiſtoriſcher Moman von 3 L. Mühlbach. Zweite, neu bearbeitete Ausgabe. Zweiter Band. 5 Perlin, 1858. 4 Verlag von Otto Janke. Brittes Buch. Die Schleife der Königin, I. Der Freund der Rönigin. Graf Douglas, Gardiner und Wriothesly hatten den König in ſein Arbeitskabinet begleitet.. Der große Schlag ſollte endlich geſchehen, und der ſo lange vorbereitete und überlegte Plan der drei Feinde der Königin endlich zur Ausführung kommen. Als ſie daher dem Könige, welcher mit ungewöhn⸗ licher Lebhaftigkeit ihnen voranſchritt, folgten, wechſelten ſie noch einmal einen Blick des Einverſtändniſſes mit einander. Graf Douglas ſagte mit dieſem Blick: die Stunde iſt gekommen. Haltet Euch bereit! Und die Blicke ſeiner Freunde antworteten ihm: wir ſind bereit! John Heywood, welcher, hinter der Portidre ver⸗ borgen, Alles ſah und Alles beobachtete, konnte ſich eines leichten Schauers nicht erwehren beim Anblick dieſer vier Männer, deren finſtere und harte Züge jedem Lichtſtrahl des Erbarmens und der Gnade un⸗ zugänglich zu ſein ſchienen. Da war zuerſt der König, dieſer Mann mit dem Proteus⸗Angeſicht, durch welches Sturm und Son⸗ nenſchein, Gott und Teufel in jeder Minute neue Linien zogen, der eben ein gottbegeiſterter Schwärmer, dann ein blutgieriger Tyrann, eben ein empfindſamer Schöngeiſt, dann ein üppiger Schwelger ſein konnte. Der König, auf deſſen Treue Niemand, ſogar er ſel⸗ ber nicht, bauen konnte, der immer bereit war, wenn es ſeiner Laune oder ſeinem Vortheil gemäß war, ſeine treueſten Freunde zu verrathen, und Diejenigen heute auf das Blutgerüſt zu ſchicken, welche er geſtern noch geküßt und ſeiner unwandelbaren Liebe verſichert hatte. Der König, welcher ſich berechtigt hielt, ſeinen eigenen kleinlichen Gelüſten, ſeinen rachedurſtigen Trie⸗ ben, ſeinen blutgierigen Neigungen ungeſtraft folgen zu können, und der aus Eitelkeit fromm war, weil die Frömmigkeit ihm Gelegenheit gab, immer ſein eigenes Ich mit Gott zu indentificiren und ſich gewiſ⸗ ſermaſſen als den Schutzherrn Gottes zu betrachten. Da war Graf Douglas, der verſchlagene Höfling mit dem ſtets lächelnden Geſicht, der Jedermann zu lieben ſchien, weil er Alle haßte, der ſich den Anſchein vollkommener Harmloſigkeit gab und für alle Dinge, außer dem Vergnügen, gleichgültig ſchien, während er doch ganz insgeheim alle Fäden dieſes großen Netzes, mit welchem der Hof und der König ſelber umgeben war, in Händen hielt. Graf Douglas, den der König nur deshalb liebte, weil er ihn immer wie⸗ der den erhabenen und weisheitsvollen Oberprieſter der Kirche nannte, und der dennoch der Stellvertreter Loyola's und der treue und gläubige Anhänger dieſes Papſtes war, welcher den König als einen entarteten Sehn verdammt und dem Zorne Gottes überliefert atte... Da waren endlich die beiden Männer mit den finſtern tückiſchen Mienen, den unbeweglichen, mar⸗ mornen Geſichtern, welche niemals durch ein Lächeln, einen Freudenglanz erhellt wurden; welche immer ſtraften, immer verurtheilten, und deren Antlitz ſich nur dann erhellte, wenn der Todesſchrei eines Verur⸗ theilten oder das Angſtgeſtöhne eines Gefolterten an ihr Ohr ſchlug, und welche die Peiniger der Menſch⸗ heit waren, indem ſie ſich die Diener und Knechte Gottes nannten. Sire, ſagte Gardiner, als der König ſich langſam auf die Ottomane niedergelaſſen hatte, Sire, laſſet uns zuerſt den Segen Gottes, unſres Herrn, erflehen für dieſe Stunde der Berathung. Gott, welcher die Liebe iſt, aber auch der Zorn, er möge uns erleuchten und ſegnen! Der König faltete fromm ſeine Hände, aber es war uur ein Gebet des Zornes, welches in ſeiner Seele lebte. Gieb, o Gott, daß ich alle Deine Feinde ſtrafen und überall die Schuldigen zerſchmettern kann! mur⸗ melte er. Amen! ſagte Gardiner, indem er mit feierlichem Ernſt die Worte des Königs wiederholte. Sende uns den Blitzſtrahl Deines Zornes, betete Wriothesly, damit wir die Welt Deine Macht und Herrlichkeit erkennen lehren! Graf Douglas hütete ſich wohl, laut zu beten. Was er mit Gott zu beſprechen hatte, das durfte der König nicht hören. Gieb, o Gott, betete er in ſeinem Herzen, gieb, daß mein Werk gelingt und dieſe gefährliche Königin das Blutgerüſt beſteige, um meiner Tochter Platz zu machen, welche beſtimmt iſt, dieſen verbrecheriſchen und treuloſen König wieder in die Arme der heiligen Mut⸗ terkirche zurückzuführen! 3 Und jetzt, Mylords, jetzt ſagt mir, wie ſteht es in meinem Reiche und an meinem Hofe, rief der König aufathmend. Schlimm! ſagte Gardiner. Der Unglaube erhebt immer wieder auf's Neue ſein Haupt. Es iſt der Drache, dem, wenn man ihm ein Haupt abgeſchlagen hat, gleich wieder zwei an derſelben Stelle wachſen. Dieſe fluchwürdige Sekte der Reformiſten und Gottes⸗ leugner mehrt ſich mit jedem Tage, und unſere Kerker genügen nicht mehr, ſie zu faſſen, und wenn wir ſie auf die Scheiterhaufen ſchleppen, macht ihr freudiges und muthiges Sterben immer neue Proſelyten, und neue Abtrünnige. Ja, es ſteht ſchlimm, ſagte der Lordkanzler Wrio⸗ thesly, vergebens haben wir allen Denen, welche reuig und zerknirſcht zurückkehren, Gnade und Vergebung verſprochen; ſie hohnlachen unſerer Gnade und ziehen den martervollen Tod der königlichen Vergebung vor. Was nützt es, daß wir Miles Covordale, welcher ſich erfrecht hatte, die Bibel zu überſetzen, verbrannt haben, ſein Tod ſcheint nur die Sturmglocke geweſen zu ſein, welche andere Fanatiker erweckt hat, und ohne daß wir ahnen und berechnen können, woher alle dieſe Bücher kommen, überſchwemmen und überfluthen ſie das ganze Land, und wir haben jetzt ſchon mehr als vier Bibelüberſetzungen; das Volk lieſt ſie mit Be⸗ gierde, und der verderbliche Samen der Aufklärung und der Freidenkerei wuchert täglich kräftiger und ver⸗ derblicher um ſich. Nun, und Ihr, Graf Douglas? fragte der König, als der Lordkanzler jetzt ſchwieg. Dieſe edlen Herren haben mir geſagt, wie es in meinem Reiche ſteht. Ihr werdet mir berichten, wie es an meinem Hofe ausſieht! Sire! ſagte Graf Douglas langſam und feierlich, denn er wollte, daß jedes Wort ſich wie ein vergif⸗ teter Pfeil in die Bruſt des Königs einſenke, Sire, das Volk folgt nur dem Beiſpiel, welches der Hof ihm giebt. Wie könnt Ihr fordern, daß das Volk glaube, wenn es ſieht, wie Euer Hof ſelber des Glaubens ſpottet, und die Ungläubigen Helfer und Schutzherren am Hofe finden? Ihr klagt an, aber Ihr nennt keine Namen, ſagte der König ungeduldig. Wer wagt es, an meinem Hofe der Schutzherr der Ketzer zu ſein? Cranmer, der Erzbiſchof von Canterbury! ſagten die drei Männer, wie aus einem Munde. Das Loſungswort war geſprochen, die Standarte des blutigen Kampfes war aufgepflanzt. Cranmer? wiederholte der König ſinnend. Er iſt indeß mir immer ein treuer Diener und ſorgſamer Freund geweſen. Er war es, welcher mich einſt von dieſer unheiligen Ehe mit Katharina von Arragonien befreite, er war es auch, der mich vor Katharina Howard warnte und mir die Beweiſe ihrer Schuld brachte. Und welches Verbrechens klagt Ihr ihn an? Er leugnet die ſechs Artikel, ſagte Gardiner, deſſen tückiſches Geſicht jetzt von einem finſteren Haſſe flammte. Er verdammt die Ohrenbeichte und glaubt nicht, daß die freiwillig abgelegten Gelübde der Keuſchheit bin⸗ dend ſind.. „Wenn er das thut, ſo iſt er ein Hochverräther! rief der König, der es liebtè, die Ehrfurcht vor der Keuſchheit und Züchtigkeit immer gewiſſermaßen als einen heiligen Mantel über ſein eigenes laſtervolles und unkeuſches Leben zu legen, und den nichts mehr erbitterte, als einen Anderen auf dieſen Pfaden des Laſters zu begegnen, welche er ſelber, kraft ſeiner Kö⸗ nigsherrlichkeit und ſeiner Krone von Gottes Gnaden, ganz ungefährdet gehen konnte. 4 Wenn er das thut, ſo iſt er ein Hochverräther; mein Rächerarm wird ihn treffen! wiederholte der König noch einmal. Ich bin es, welcher die ſechs Artikel als heiliges Glaubens⸗Edict meinem Volke gegeben hat, und ich werde es nicht dulden, daß man dieſe einzig wahre und richtige Lehre angreife und verdunkle. Aber Ihr irrt Euch, Mylords! Ich kenne Cranmer, und ich weiß, daß er getreu iſt und gläubig. Und doch iſt er es, ſagte Gardiner, welcher dieſe Ketzer in ihrer Verſtocktheit und ihrer Halsſtarrigkeit beſtärkt, er, welcher macht, daß dieſe Verdammten nicht aus Furcht vor dem göttlichen Zorn wenigſtens zu Euch, ihrem Oberherrn und Oberprieſter zurückkehren. Denn er predigt ihnen, daß Gott die Liebe und das Erbarmen ſei, er lehrt ſie, daß Chriſtus in die Welt gekommen, um der Welt die Liebe und die Vergebung der Sünden zu bringen, und daß Diejenigen allein Chriſti rechte Jünger und Diener ſeien, welche ihm nacheiferten in Liebe. Sehet Ihr denn nicht, Sire, daß dies eine geheime und verſteckte Anklage gegen Euch ſelber iſt, und daß, indem er die verzeihende Liebe preiſt, er zugleich Euren gerechten und ſtrafenden Zorn verdammt und anklagt? Der König antwortete nicht ſogleich, ſondern blickte ernſt und nachdenkend vor ſich nieder. Der fanatiſche Prieſter war zu weit gegangen, und ohue es zu wiſ⸗ — 11— ſen, war er ſelber es geweſen, welcher in dieſem Augen⸗ blick den König anklagte. Graf Douglas fühlte das. Er las auf dem Antlitz des Königs, daß er ſich eben in einem jener Momente der Zerknirſchung befand, die ihn zuweilen überfielen, wenn ſein Geiſt eine unwillkürliche Einkehr in ſich ſelber hielt. Man mußte den ſchlummernden Tiger wecken, und ihm eine Beute zeigen, um ihn wieder blutdürſtig zu machen. Es wäre ſchön, wenn Cranmer nur die chriſtliche Liebe predigte, ſagte er. Dann wäre er nur ein treuer Diener ſeines Herrn und ein Nachfolger ſeines Königs. Aber er giebt der Welt ein verabſcheuenswürdiges Bei⸗ ſpiel eines ungehorſamen und treubrüchigen Dieners; er leugnet die Wahrheit der ſechs Artikel nicht mit Worten, ſondern mit Thaten. Ihr habt befohlen, daß die Prieſter der Kirche unverheirathet ſein ſollen. Nun denn, der Erzbifchof von Canterbury iſt ver⸗ mählt! Vermählt? rief der König mit zornflammendem Antlitz. Ach, ich werde ihn ſtrafen, dieſen Verbrecher an meinen heiligen Geſetzen! Ein Diener der Kirche, ein Prieſter, deſſen ganzes Leben nichts als ein hei⸗ liges Schauen, ein nie endendes Geſpräch mit Gott ſein ſollte, und deſſen erhabener Beruf es iſt, den fleiſchlichen Gelüſten und irdiſchen Wünſchen zu ent⸗ ſagen! Und er iſt vermählt! Ich werde ihn die ganze Strenge meines königlichen Zornes fühlen laſſen, er ſoll es jetzt an ſich ſelber erfahren, daß die Gerechtig⸗ keit des Königs unerbittlich iſt und jedesmal das Haupt des Schuldigen trifft, er ſei, wer er ſei. Eure Majeſtät iſt der Inbegriff der Gerechtigkeit und der Weisheit, ſagte Douglas, und Eure treuen — 12— Diener wiſſen ſehr wohl, daß, wenn die königliche Ge⸗ rechtigkeit zuweilen zögert, die ſchuldigen Verbrecher zu treffen, dies nicht mit Eurem Willen, ſondern durch Eure Diener geſchieht, welche ſich erdreiſten, den Arm der Gerechtigkeit aufzuhalten. Wann und wo wäre dies geſchehen? fragte Hein⸗ rich und ſein Antlitz glühte vor Zorn und Aufregung. Wer iſt der Verbrecher, den ich nicht geſtraft? Wo lebt in meinem Reiche ein Weſen, welches gegen Gott oder ſeinen König geſündigt hat, und das ich nicht zerſchmettert hätte? Srite⸗ ſagte Gardiner feierlich, Marie Askew lebt noch! Sie lebt, um Eurer Weisheit Hohn zu ſprechen, und Eurer heiligen Glaubenslehren zu ſpotten! rief Wriothesly. 1 Sie lebt, weil der Erzbiſchof Cranmer nicht will, daß ſie ſterbe, ſagte Douglas achſelzuckend. Der König brach in ein kurzes, hartes Gelächter aus. Ach, Cranmer will nicht, daß Marie Askew ſterbe! ſagte er höhniſch. Er will nicht, daß dies Mädchen, welches gegen ihren König und gegen Gott ſo furchtbar gefrevelr hat, geſtraft werde! Ja, ſie hat furchtbar gefrevelt, und dennoch ſind zwei Jahre vergangen ſeit ihrer Frevelthat, rief Gar⸗ diner. Zwei Jahre, welche ſie damit hingebracht hat, Gott zu verhöhnen und des Königs zu ſpotten. Ach, ſagte der König, wir hofften immer noch, dieſes junge, verführte Geſchöpf von den Wegen des Irrthums und der Sünde zurückzuführen auf den Pfad der Erkenntniß und der Reue. Wir wünſchten einmal unſerm Volke ein glänzendes Beiſpiel zu geben, wie wir Denen, welche bereuen und ihre Ketzerei ab⸗ — 43— ſchwören, gerne verzeihen und ſie wieder unſerer kö⸗ niglichen Gnade theilhaftig werden laſſen. Deshalb war es, daß wir Euch, Mylord Er biſchof, den Auf⸗ trag gaben, durch die Kraft Eures ebetes und Eure eindringlichen, überzeugenden Worte das arme Kind den Krallen des Teufels, welcher ihr Ohr beſtrickt, zu entreißen. Aber ſie iſt unbeugſam, ſagte Gardiner zähneknir⸗ ſchend. Vergebens habe ich ihr die Höllenqualen, welche ſie erwarten, wenn ſie nicht umkehrt zum Glau⸗ ben, geſchildert, vergebens habe ich ſie allerlei Mar⸗ tern und Pönitenzen unterzogen, vergebens habe ich einige andere Bekehrte zu ihr in das Gefängniß ge⸗ ſandt, und ſie Tage und Nächte unausgeſetzt bei ihr beten laſſen, ſie bleibt unbeugſam, hart wie Stein, und weder die Furcht vor der Strafe, noch die Aus⸗ ſicht auf Freiheit und Glück vermag dies Marmorherz zu erweichen.. Ein Mittel giebt es, welches man noch nicht ver⸗ ſucht hat, ſagte Wriothesly. Ein Mittel, welches in⸗ deß ein wirkſamerer Bußprediger iſt, als die begei⸗ ſtertſten Redner und die glühendſten Gebete, und welchem ich es verdanke, daß ich viele der verſtock⸗ reäen Ketzer zu Gott und dem Glauben zurückgeführt abe. Und dieſes Mittel iſt? Die Tortur, Majeſtät! Ach, die Tortur! wiederholte der König mit einem unwillkürlichen Schauder. „Alle Mittel ſind gut, welche zu dem heiligen Ziele führen! ſagte Gardiner mit andächtigem Händefalten. Man muß die Seele heilen, indem man dem Kör⸗ per Wunden ſchlägt! rief Wriothesly. 4 * — 14— Man muß dem Volke beweiſen, ſagte Douglas, daß der erhabene Sinn des Königs ſelbſt Derjenigen nicht ſchont, welche von einflußreichen und mächtigen Perſonen beſchützt wird. Das Volk murrt, daß man dies Mal die Gerechtigkeit nicht walten läßt, weil der Erzbiſchof Cranmer Marie Askew beſchützt, und weil die Königin ihre Freundin iſt. Die Königin iſt niemals die Freundin einer Ver⸗ brecherin! ſagte Heinrich heftig.. Vielleicht hält ſie Marie Askew nicht für eine Ver⸗ brecherin, erwiederte Graf Douglas mit einem leiſen Lächeln. Man weiß ja, daß Königin Katharina eine große Freundin der Reformation iſt, und das Volk, welches nicht wagt, ſie eine Ketzerin zu nennen, das Volk nennt ſie„die Proteſtantin“. Man meint alſo wirklich, daß Katharina es ſei, welche Marie Askew beſchützt und ſie vor dem Schei⸗ terhaufen behütet? fragte der König ſinnend. Man meint das, Majeſtät! Aber man ſoll ſehen, daß man ſich geirrt hat, und daß Heinrich der Achte es wohl verdient, der Hüter des Glaubens und der Oberherr ſeiner Kirche genannt zu werden, rief der König mit aufflammendem Zorn. Wann habe ich mich denn ſo langmüthig und ſo ſchwach im Strafen gezeigt, daß man glaubt, ich ſei ge⸗ neigt, zu vergeben und Milde zu üben? Habe ich nicht ſogar Thomas Morus und Cromwell, zwei berühmte und in gewiſſem Betracht edle und hochherzige Männer, das Schaffot beſteigen laſſen, weil ſie es wagten, mei⸗ ner Herrlichkeit zu trotzen, und ſich aufzulehnen gegen die Lehre und Satzung, die zu glauben ich ihnen an⸗ befahl? Habe ich nicht zwei meiner Königinnen, zwei ſchöne junge Weiber, an denen mein Herz noch Wohl⸗ — 45— gefallen fand, ſelbſt als ich ſie ſtrafte, auf das Blut⸗ gerüſt geſchickt, weil ſie meinen Zorn gereizt hatten? Wer will nach ſolchen gläuzenden Beiſpielen unſerer zerſchmetternden Gerechtigkeit es wagen, uns der Lang⸗ muth zu beſchuldigen? Damals, Sire, ſagte Douglas mit ſeiner ſanften und einſchmeichelnden Stimme, damals aber ſtand noch keine Königin an Eurer Seite, welche die Ketzer recht⸗ gläubige Leute nennt und die Hochverräther ihrer Freundſchaft würdigt. Der König runzelte die Stirn, und ſein zorniger Blick traf das freundliche und ergebene Antlitz des Grafen. Ihr wißt, ich haſſe dieſe verſteckten Angriffe, ſagte er. Wenn Ihr die Königin eines Verbrechens zeihen könnt, nun wohl, ſo thut es! Wenn Ihr es nicht könnt, ſo ſchweigt! Die Königin iſt eine edle und tugendhafte Dame, ſagte der Graf, nur daß ſie ſich zuweilen von ihrem hochherzigen Sinn verleiten läßt. Oder wie, Majeſtät, wäre es etwa mit Eurer Einwilligung geſchehen, daß Mylady, die Königin, einen Briefwechſel mit Marie Askew unterhält? Was ſagt Ihr da? Die Königin in einem Brief⸗ wechſel mit Marie Askew? rief der König mit don⸗ nernder Stimme. Dies iſt eine Lüge, eine ſchamloſe Lüge, welche man erſonnen hat, um die Königin zu ſtürzen, denn man weiß ſehr wohl, daß der arme König, welcher ſo oft getäuſcht, ſo oft hintergangen worden, endlich glaubt, in dieſer Frau ein Weſen ge⸗ funden zu haben, dem er vertrauen, an das er glau⸗ ben kann. Und man gönnt es ihm nicht, man will ihm dieſe letzte Hoffnung auch noch entreißen, damit ſein Herz ganz zu Stein erſtarre, und keine Regung — 16— des Erbarmens mehr Eingang zu ihm finde. Ach, Douglas, Douglas, hütet Euch vor meinem Zorn, wenn Ihr nicht beweiſen könnt, was Ihr da ſagt! Sire, ich kann es beweiſen! Denn Lady Jane hat Feſern ſelbſt ein Briefſchen von Marie Askew an die Königin übergeben müſſen. Der König ſchwieg eine Zeitlang und blickte finſter vor ſich nieder. Seine drei Vertrauten betrachteten ihn mit athemloſer, herzklopfender Spannung. Endlich hob der König ſein Haupt wieder empor und richtete ſeinen Blick, welcher jetzt ernſt und feſt war, auf den Lordkanzler hin. Mylord, Kanzler Wriothesly, ſagte er, ich bevoll⸗ mächtige Euch, Marie Askew in die Folterkammer zu führen und zu verſuchen, ob die Qualen, welche man dem Körper bereitet, vielleicht dieſe verirrte Seele wieder zur Erkenntniß zurückzuführen vermögen. My⸗ lord, Erzbiſchof Gardiner, ich gebe Euch mein Wort, daß ich Eure Anklage gegen den Erzbiſchof von Can⸗ terbury wohl beachten werde, und daß, wenn ich ſie gerechtfertigt finde, er ſeiner Strafe nicht entgehen ſoll. Mylord, Graf Douglas, ich werde meinem Volke und der ganzen Welt den Beweis liefern, daß ich immer noch der gerechte und ſtrafende Stellvertreter Gottes auf Erden bin, und daß keine Rückſicht meinen Zorn hemmen, kein Bedenken meinen Arm aufhalten kann, wenn er einmal hernieder fallen will, das Haupt eines Schuldigen zu treffen.— Und jetzt, meine Her⸗ ren, laßt uns dieſe Sitzung für beendigt erklären. Erholen wir uns ein wenig von den Anſtrengungen, und verſuchen wir es, auf eine kurze Stunde uns zu erheitern. Ihr ſeid entlaſſen, Mylords Gardiner und Wrio⸗ theslhy. Du, Douglas, wirſt mich in den kleinen Empfangsſaal begleiten. Ich will heitere und lachende Geſichter um mich ſehen. Rufe mir alſo John Hey⸗ wood, und wenn Du einigen Damen im Palaſt be⸗ gegneſt, nun wohl, ſo bitte ſie, uns ein wenig mit dieſem Sonnenglanz zu erhellen, von welchem Du ſagteſt, daß er den Frauen eigen iſt. Er lehnte ſich lachend auf des Grafen Arm und verließ wieder das Cabinet. Gardiner und Wriothesly ſtanden ſchweigend da und ſchauten dem König nach, welcher langſam und ſchwerfällig den anſtoßenden Saal durchſchritt, und eſe heitere und lachende Stimme bis zu ihnen her rang. Er iſt wie eine Wetterfahne, welche jeder Moment nach einer andern Seite dreht, ſagte Gardiner mit einem verächtlichen Achſelzucken. Er nennt ſich das rächende Schwert Gottes, und iſt doch weiter nichts als ein ſchwaches Werkzeug, welches wir nach unſerm Willen lenken und gebrau⸗ chen, murmelte Wriothesly mit einem heiſern Geläch⸗ ter. Armer, elender Thor, welcher ſich für ſo mächtig und ſtark hält, welcher vermeint, ein freier, ſelbſt⸗ regierender König zu ſein, und doch nur unſer Die⸗ ner und Knecht iſt. Das große Werk nähert ſich ſeinem Ziel, und eines Tages werden wir triumphiren. Mit Marie Askew's Tod iſt das Zeichen gegeben eines neuen Bundes, welcher England erretten und die Ketzer wie Staub unter unſern Füßen zerſtampfen wird. Und wenn wir endlich Cranmer geſtürzt und Katharina Parr auf das Schaffot geführt haben, ſo werden wir König Heinrich eine Königin geben, welche ihn wieder mit Gott und der alleinſeligmachenden Kirche verſöhnen ſoll. Heinrich VIII. 2. 38 — 18 Amen, ſo ſei es! ſagte Gardiner, und Arm in Arm verließen die Beiden das Cabinet. Eine tiefe Stille herrſchte jetzt in dieſem kleinen Raum, und Niemand ſah es, wie John Heywood jetzt hinter der Portidre hervortrat und ſich einen Augen⸗ nit ganz erſchöpft und matt in einen Seſſel gleiten ieß. Ich kenne jetzt alſo mindeſtens den Plan dieſer blutdürſtigen Tigerkatzen, murmelte er. Sie wollen Heinrich eine katholiſche Königin geben, und deshalb muß Cranmer geſtürzt werden, damit, wenn ſie die Königin dieſer mächtigen Stütze beraubt haben, ſie auch dieſe vernichten und in den Staub treten können. Aber, ſo wahr Gott lebt, dies ſoll ihnen nicht ge⸗ lingen! Gott iſt gerecht und er wird endlich dieſe Uebelthäter ſtrafen! Nun, und wenn es keinen Gott giebt, ſo werden wir es ein wenig mit dem Teufel verſuchen. Nein, ſie ſollen den edlen Cranmer und dieſe ſchöne, hochherzige Königin nicht verderben. Ich will es nicht, ich John Heywood, der Narr des Kö⸗ nigs. Ich werde Alles ſehen, Alles beobachten, Alles hören. Sie ſollen mich überall auf ihrem Wege fin⸗ den, und wenn ſie das Ohr des Königs vergiften mit ihren dämoniſchen Zuflüſterungen, ſo werde ich es wieder heilen mit meinen luſtigen Teufeleien. Der Narr des Königs wird der Schutzengel der Kö⸗ nigin ſein. II. John Heywood. Nach ſo vielen Sorgen und Aufregungen bedurfte der König eine Stunde der Erheiterung und des Amu⸗ ſements. Da die ſchöne junge Königin es fern von ihm auf der Jagd und in der Natur ſuchte, mußte Heinrich ſich ſchon begnügen, es für ſich allein und auf eine andere Weiſe als die Königin zu ſuchen. Ihn hinderte ſeine Schwerfälligkeit und die Laſt ſeines Fleiſches, außerhalb ſeiner Säle den Freuden des ebens nachzueilen; die Herren und Damen ſeines Hofes ſollten ſie ihm alſo dahin bringen, und die flatternde Göttin der Freude mit gebundenen Flügeln dem Rollſtuhl des Königs gegenüber ſtellen. Die Gicht hatte ihn heute wieder überwunden, den mächtigen König der Erde, eine ſchwere groteske Maſſe war es, welche da auf dem Lehnſtuhl ſaß. Aber die Höflinge nannten ihn doch einen ſchönen und bezaubernden Mann, und die Frauen lächelten ihm dennoch entgegen und ſagten ihm mit ihren Seuf⸗ zern und ihren Blicken, daß ſie ihn liebten, daß er für ſie immer noch der ſchöne und verführeriſche Mann ſei, wie vor zwanzig Jahren, als er noch jung, ſchön und ſchlank war. Wie ſie lächelten und ihn anblick⸗ ten! Wie Lady Jane, die ſonſt ſo ſtolze, ſo keuſche Jungfrau, ihn mit ihren glühenden Augen wie mit einem Netze umſtricken will; wie die Herzogin von Richmond, dieſes ſchöne und üppige Weib, bezaubernd lacht zu des Königs lüſternen Scherzen und zweideu⸗ tigen Wortſpielen. 2* — 20— Armer König, dem ſeine Beleibtheit verbietet zu tanzen, wie er es einſt ſo gern und mit ſo vielem Geſchick gethan! Armer König, dem ſein Alter ver⸗ bietet zu ſingen, wie er es einſt zum Entzücken ſeines Hofes ſo gern gethan! Aber immer doch giebt es noch ſchöne, köſtliche und genußreiche Stunden, wo der Menſch noch ein wenig wieder auflebt in dem König, wo die Jugend noch einmal wieder die Augen aufſchlägt in ihm ſelber un n anlächelt mit einigen holden und ſeligen reuden. Der König hat mindeſtens noch Augen, um die Schönheit zu ſehen, ein Herz, um ſie zu empfinden. Wie ſchön Lady Jane iſt, dieſe weiße Lilie mit den dunklen Sternenaugen, wie ſchön Lady Richmond, dieſe volle Purpurroſe mit den weißen Perlenzähnen! Unr ſie lächeln ihm Beide, und wenn der König ihnen ſchwört, daß er ſie liebe, ſo ſchlagen ſie ver⸗ ſchämt die Augen nieder und ſeufzen. Seufzt Ihr, Jane, weil Ihr mich liebt? Oh Sire, Ihr ſpottet meiner. Es wäre ein Ver⸗ brechen, wenn ich Euch liebte, denn Königin Katha⸗ rina lebt. Ja, ſie lebt! murmelte der König und ſeine Stirn verfinſterte ſich, und das Lächeln verſchwand einen Augenblick von ſeinen Lippen. Lady Jane hatte einen Fehler begangen. Sie hatte den König an ſein Weib erinnert, als es noch zu früh war, zugleich um ihren Tod zu bitten. John Heywood las das auf dem Angeſichte ſeines königlichen Herrn und beſchloß Vortheil davon zu ziehen. Er wollte die Aufmerkſamkeit des Königs zer⸗ ſtreuen und von den ſchönen, verführeriſchen Damen ablenken, welche ihn umgaukelten mit ihrer bezaubern⸗ den Anmuth. Ja, die Königin lebt! ſagte er freudig. Und ge⸗ lobt ſei Gott dafür! Denn wie langweilig und ernſt⸗ haft würde es an dieſem Hofe ſein, wenn wir nicht unſere ſchöne Königin hätten, welche ſo weiſe iſt, wie Methuſalem, und ſo unſchuldig und gut wie ein neu⸗ gebornes Kind. Nicht wahr, Lady Jane, Ihr ſagt foſt mir, gelobt ſei Gott, daß Königin Katharina eebt! Ich ſage es mit Euch! ſagte Jane mit ſchlecht ver⸗ hehltem Aerger. Und Ihr, König Heinrich, ſagt Ihr's nicht auch? Natürlich, Narr! Ach, warum bin ich nicht König Heinrich! ſeufzte John Heywood. König, ich beneide Euch nicht um Eure Krone und Euren Königsmantel, nicht um Eure Hofleute und Euer Geld, ich beneide Euch nur darum, daß Ihr ſagen könnt, gelobt ſei Gott, daß mein Weib noch lebt! während ich immer nur die eine Phraſe kenne: Gott ſei's geklagt, mein Weib lebt noch! Ach es iſt ſehr ſelten, König, daß ich einen Ehemann gehört habe, welcher anders geſprochen hätte! Ihr ſeid auch darin, wie in allen andern Dingen eine Aus⸗ nahme, König Heinrich, und Euer Volk hat Euch nie glühender und aufrichtiger geliebt, als da Ihr ſagt: ich danke Gott, daß meine Gemahlin lebt! Glaubt mir, Ihr ſeid vielleicht an Eurem Hof der einzige Mann, der's nachſpricht; ſo gern ſie ſonſt Eure Pa⸗ pageyen ſind und nachbeten, was der Herr Ober⸗ prieſter ſagt! Der einzige Mann, der ſein Weib liebt! ſagte Lady Richmond. Seht doch den groben Schwätzer! — 22— Ihr glaubt alſo nicht, daß wir Frauen es verdienen, geliebt zu werden? Ich bin davon überzeugt, daß Ihr's nicht thut! Und wofür haltet Ihr uns denn? Für Katzen, welche Gott, da er keine Katzenfelle mehr übrig hatte, in eine glatte Haut ſteckte! Hütet Euch, John, daß wir Euch nicht unſere Krallen zeigen! rief die Herzogin lachend. Thut's immerhin, Mylady! Ich werde dann ein Kreuz ſchlagen und Ihr verſchwindet. Denn Ihr wißt wohl, die Teufel können den Anblick des heiligen Kreuzes nicht vertragen. Und Ihr ſeid Teufel.— John Heywood, welcher ein ausgezeichneter Sän⸗ ger war, griff nach der Mandoline, die neben ihm lag, und begann zu ſingen. Es war ein Lied, wie es nur in jener Zeit und an Heinrichs zugleich üppigem und frömmelndem Hofe möglich war. Ein Lied, voll der üppigſten An⸗ ſpielungen, der beleidigendſten Scherze gegen die Mönche und Weiber zugleich, ein Lied, welches den König lachen, und die Damen erröthen machte, und in dem John Heywood all' ſeinen heimlichen Zoru gegen Gardiner, den ſchleichenden, heuchleriſchen Pfaffen, und gegen Lady Jane, die falſche und heimtückiſche Freundin der Königin, in glühenden Dithyramben ausgeſtrömt hatte. Aber die Damen lachten nicht, ſie ſchleuder ten flammende Blicke auf John Heywood hin, und Lady Richmond forderte ernſt und entſchieden die Beſtrafung ben Verräthers, welcher es gewagt, die Frauen zu äſtern. Der König lachte noch mehr. Der Zorn der Damen war ſo unendlich beluſtigend.. 1 23— Sire, ſagte die ſchöne Richmond, er hat nicht uns, er hat das ganze Geſchlecht beleidigt, und im Namen unſers Geſchlechts fordere ich Rache für dieſen Schimpf! Ja, Rache! rief Lady Jane glühend. Rache! wiederholten die übrigen Damen. Seht doch, welche frommen und ſanftmüthigen Tauben Ihr ſeid! rief John Heywood. Der König ſagte lachend: Nun wohl, Ihr ſollt Euren Willen haben, Ihr ſollt ihn züchtigen! Ja, ja, peitſcht mich mit Ruthen, wie man einſt den Meſſias peitſchte, weil er den Phariſäern die Wahrheit geſagt. Seht da, ich ſetze ſchon die Dornen⸗ krone auf. 3 Er nahm mit einer ernſthaften Miene das Sammet⸗ baret des Königs und ſetzte es auf. ga, peitſcht ihn, peitſcht ihn! rief der König lachend, indem er auf die rieſenhaften Vaſen von hhineſiſchen Porzellan deutete, welche ungeheure Büſchel Roſen enthielten, an deren langen Stielen ein wahrer Wald drohender Stacheln ſich erhob. Kehrt die großen Bouquets um, nehmt die Roſen in die Hand und peitfcht ihn mit den Stielen! ſagte der König und ſeine Augen leuchteten in einer grau⸗ ſamen Freude, denn die Scene verſprach allerdings intereſſant zu werden. Die Roſenſtiele waren lang und hart, und die Stacheln daran ſpitz und ſcharf wie Dolche. Wie gut ſich das in ſein Fleiſch einbohren müßte, und wie er ſchreien und ſein Geſicht verzerren würde, der gute Narr! Ja, ja, er ſoll den Rock ausziehen, und wir wollen ihn peitſchen! rief die Herzogin von Richmond, und die Frauen riefen es ihr nach, und wie Furien ſtürzten ſie auf John Heywood zu und zwangen ihn, — 24— das ſeidene Oberkleid abzulegen. Dann eilten ſie zu den Vaſen und riſſen die Roſenbüſchel heraus, und ſuchten ſich mit geſchäftiger Hand die längſten und ſtärkſten Stiele aus, und jubelten laut, wenn die Stacheln recht groß und ſcharf waren, und ſich alſo üche tief in das Fleiſch ihres Beleidigers einbohren würden. Das Lachen, das Beifallsrufen des Königs be⸗ geiſterte ſie immer mehr, machte ſie immer aufgeregter und wilder. Ihre Wangen glühten, ihre Augen blitz⸗ ten, ſie glichen den Bacchantinnen, welche mit ihrem Evoe, Evoe! den Gott der tollen Fröhlichkeit um⸗ kreiſen. 1 Noch nicht! Schlagt noch nicht! rief der König. Ihr müßt Euch erſt ſtärken zur Anſtrengung, und Euren Arm befeuern zum kräftigen Hieb! 5 „Er nahm den großen goldenen Humpen, welcher vor ihm ſtand und kredenzte ihn Lady Jane. Trinkt, Mylady, trinkt, damit Euer Arm ſtark werde! 3 Und ſie tranken Alle, und drückten mit einem be⸗ geiſterten Lächeln ihre Lippen auf die Stelle, welche der Mund des Königs berührt hatte, und nun flamm⸗ ten ihre Augen noch höher auf, und ihre Wangen glühten feuriger. „Ein wunderbarer und pikanter Anblick war es, dieſe ſchönen, von Schadenfreude und Rachedurſt glü⸗ henden Frauen zu ſehen, welche Alle ihrer vornehmen Allüren, ihrer ſtolzen und bochmüthigen Mienen ſich für einen Moment entäußert hatten, um ſich in üppige Bacchantinnen zu verwandeln, die den Frevler züch⸗ tigen wollten, der ſie Alle ſo oft und ſo bitter mit ſeiner Zunge gegeißelt hatte! 6 — 25— Ach, ich wollte ein Maler wäre hier, ſagte der König. Er ſollte uns ein Bild malen, wie die keuſchen Nymphen der Diana den Actäon verfolgen. Du biſt Actäon, John! Aber ſie ſind nicht die keuſchen Nymphen, König, nein, durchaus nicht, rief Heywood lachend, und zwi⸗ ſchen dieſen ſchönen Frauen und der Diana finde ich keine Aehnlichkeit, ſondern nur einen Unterſchied. Und worin beſteht der Unterſchied, John? Darin, Sire, daß die Diana ihr Horn an der Seite trug, dieſe ſchönen Damen es aber ihre Männer auf der Stirn tragen laſſen! Ein lautes Gelächter der Männer, ein Wuthge⸗ ſchrei der Damen war die Antwort auf dies neue Epigramm John Heywoods.— Sie ſtellten ſich in zwei Reihen auf und bildeten ſo eine Gaſſe, durch welche John Heywood hindurch gehen ſollte. Kommt, John Heywood, kommt und empfangt Eure Strafe! Und ſie hoben ihre dornigen Ruthen drohend em⸗ por und ſchwangen ſie mit zürnenden Geberden hoch über ihren Häuptern. Die Scene begann allerdings für John ſehr pikant zu werden, denn dieſe Ruthen hatten ſehr ſpitze Dornen, und nur ein feines Batiſthemde bedeckte ſeinen Rücken. Er näherte ſich indeß mit beherztem Schritt dieſer verhängnißvollen Gaſſe, durch welche er hindurch ſchreiten ſollte. Schon ſah er die Ruthen nach ſich zücken, und es war ihm, als bohrten ſich die Dornen ſchon in ſeinen Rücken ein. — 26— Er blieb ſtehen, und wandte ſich lachend nach dem König um. Sire, da Ihr mich verurtheilt habt, von den Händen dieſer Nymphen zu ſterben, ſo fordere ich auch das Recht jedes Verurtheilten: eine letzte Gnade. Die wir Euch bewilligen, John! Ich fordere, daß ich dieſen holden Frauen eine Bedingung ſtellen kann, eine Bedingung, um mich peitſchen zu können. Wollt Ihr mir das bewilligen, Majeſtät? Ich bewillige es! Und Ihr gebt mir Euer feierliches Königswort, daß dieſe Bedingung treulich gehalten und erfüllt werden ſoll? Mein feierliches Königswort! Nun denn, ſagte John Heywood, indem er in die Gaſſe hineinſchritt, nun denn, Myladies, meine Be⸗ dingung iſt dieſe: Diejenige von Euch, welche die meiſten Liebhaber gehabt, und ihren Mann am öfter⸗ ſten gekrönt hat, die ſoll den erſten Schlag auf meinen Rücken thun!*). Eine tiefe Stille trat ein. Die erhobenen Arme der ſchönen Frauen ſenkten ſich, die Roſen entfielen ihren Händen und glitten zur Erde nieder. Eben noch ſo blutdürſtig und rachegierig, ſchienen ſie jetzt die ſanfteſten, mildeſten Weſen geworden zu ſein. Aber hätten ihre Blicke tödten können, ſo würde das Feuer derſelben ſicher den armen John Heywood verbrannt haben, welcher ſie jetzt mit ſo übermü⸗ thigem Hohnlachen anſah und ſich mitten in ihre Reihe ſtellte. *) Flögel's Geſchichte der Hofnarren p. 399. — 22— Nun, Myladies, Ihr ſchlagt ihn nicht? fragte der König. Nein, Majeſtät, wir verachten ihn zu ſehr, um ihn ſelber züchtigen zu wollen, ſagte die Herzogin von Richmond. Auf dieſe Weiſe alſo würde Euer Feind ungeſtraft Euch beleidigt haben? fragte der König. Nein, nein, Myladies, man ſoll nicht ſagen, daß es einen Men⸗ ſchen in meinem Reiche giebt, dem ich eine wohlver⸗ diente Strafe erlaſſen hätte! Wir wollen ihm dafür eine andere Strafe auferlegen. Er nennt ſich einen Dichter und hat ſich oft gerühmt, daß er ſo ſchnell wie ſeine Zunge auch ſeine Feder laufen laſſen könnte! Nun denn, John, beweiſe uns alſo, daß Du kein Lügner biſt! Ich befehle Dir, zu dem großen Hoffeſte, welches in einigen Tagen ſtattfindet, uns ein neues Interlude zu ſchreiben, und zwar eins, hörſt Du, John, welches im Stande iſt, den größten Murrkopf fröhlich zu machen, und über welches dieſe Damen ſo herzlich lachen müſſen, daß ſie darüber ihres Zornes ganz vergeſſen! Oh, ſagte John kläglich, welch' ein zweideutiges, liederliches Gedicht wird das ſein müſſen, wenn dieſe Damen ſich daran erheitern und darüber lachen ſollen. Mein König, wir müſſen alsdann, dieſen lieben Damen zu gefallen, ein wenig unſerer Keuſchheit und Sitt⸗ ſamkeit und unſerer jungfräulichen Schüchternheit ver⸗ geſſen, und es verſuchen, in dem Geiſt der Damen, das heißt, ſo ſchlüpfrig als möglich, zu ſprechen. Ihr ſeid ein Elender! ſagte Lady Jane. Ein ge⸗ meiner, heuchleriſcher Narr! Graf Douglas, Eure Tochter ſpricht mit Euch, ſagte John Heywood ruhig. Sie ſchmeichelt Euch ſehr, Eure zärtliche Tochter. — 28— Nun alſo, John, fragte der König, Du haſt meinen Befehl vernommen und wirſt ihn erfüllen? In vier Tagen ſollte dieſes Feſt ſein, ich ſchiebe es noch auf zwei weitere Tage hinaus. In ſechs Tagen alſo haſt Du uns ein neues Interlude zu ſchreiben. Und wenn er's nicht thut, Myladies, ſo ſollt Ihr ihn peitſchen, und zwar ohne Bedingung, bis auf's Blut! Jetzt vernahm man von außen her eine Fanfare und das Geräuſch vieler Hufſchläge. Die Königin kommt zurück, ſagte John Heywood mit freudeſtrahlendem Angeſicht, indem er ſeinen Blick voll lächelnder Schadenfreude auf Lady Jane heftete. Es wird Euch nun nichts weiter übrig bleiben, als Eurer Gebieterin über die große Treppe pflichtſchul⸗ digſt entgegen zu gehen, denn wie Ihr vorher ſo weiſe ſagtet, die Königin lebt noch! Ohne eine Antwort abzuwarten, ſprang John Heywood fort, und ſtürzte durch die Vorſäle und die Treppe hinunter, der Königin entgegen.— Lady Jane ſah ihm mit einem finſtern Zornesblicke nach, und wie ſie ſich dann langſam der Thür zuwandte, um der Königin entgegen zu gehen, murmelte ſie leiſe zwiſchen ihren zuſammengepreßten Lippen: der Narr muß ſterben; denn er iſt der Freund der Königin! III. Der Vertraute. Die Königin ſchritt eben die Stufen der doßen Freitreppe hinauf und begrüßte John Heywood mit einem freundlichen Lächeln. 3 — 29— Mylady, ſagte er laut, ich habe Euch im Namen Sr. Majeſtät einige geheime Worte zu ſagen! Geheime Worte! wiederholte Katharina, indem ſie auf der Plattform des Schloſſes ſtehen blieb. Nun denn, tretet zurück, meine Herren und Damen, wir wollen den geheimnißvollen Boten Sr. Majeſtät em⸗ pfangen. Das königliche Gefolge zog ſich ſchweigend und ehr⸗ erbietig in die große Vorhalle des Schloſſes zurück, während die Königin mit John Heywood allein auf der Plattform zurück blieb. Nun ſprecht, John! Königin, achtet wohl auf meine Worte und ſchreibt ſie tief in Euer Gedächtniß ein! Man hat gegen Euch ein Complott geſchmiedet, und in einigen Tagen, an dem großen Hoffeſte, ſoll es reif ſein zur Ausführung. Achtet daher auf jedes Wort, welches Ihr ſprecht, auf jeden Eurer Gedanken ſogar! Hütet Euch vor jedem gefährlichen Schritt, denn Ihr könnt gewiß ſein, daß immer ein Lauſcher hinter Euch ſteht! Und wenn Ihr zu irgend einer Sache eines Vertrauten bedürft, ver⸗ traut Euch Niemand an, als mir! Ich ſage Euch, eine rede Gefahr ſteht Euch bevor, und nur durch Klug⸗ ben und Beſonnenheit werdet Ihr derſelben entgehen önnen. Diesmal lachte die Königin nicht über die warnende Hee des Freundes. Sie blieb ernſt, ſie zitterte ogar. Sie hatte ihre ſtolze Sicherheit und ihre heitere Zuverſicht verloren,— ſie war nicht mehr ohne Schuld, ſie hatte ein gefährliches Geheimniß zu be⸗ wahren, ſie empfand alſo Furcht vor der Entdeckung, und ſie zitterte nicht bloß für ſich, ſondern auch für ihn, welchen ſie liebte. — 30— Und worin beſteht dieſes Complott? fragte ſie bebend. Noch kenne ich es nicht, ich weiß nur, daß es exiſtirt. Aber ich werde es erforſchen, und wenn Eure Feinde Euch mit Späheraugen umlauſchen, nun wobl, ſo werde ich Spioniraugen haben, um ſie zu beob⸗ achten. Und bin ich es allein, welche ſie bedrohen? Nein, auch Euren Freund, Königin. Katharina erbebte. Welchen Freund, John? Den Erzbiſchof Cranmer. Ach, den Erzbiſchof! wiederholte ſie aufathmend. Und das iſt Alles, John? Und nur mich und ihn verfolgt ihre Feindſchaft? Nur Euch Beide! ſagte John Heywood traurig, denn er hatte das freudige Aufathmen der Königin ſehr wohl verſtanden, und er wußte, daß ſie für einen Andern gezittert habe. Aber erinnert Euch Königin, daß das Verderben Cranmers zugleich Euer eigenes wäre, und daß, wie Ihr den Erzbiſchof beſchützt, er auch Euch beim König beſchützt, Euch, Königin, und Eure Freunde! Katharina zuckte leiſe in ſich zuſammen, und der Purpur ihrer Wangen ward dunkler. Ich werde mich immer deſſen erinnern und ihm und Euch ſtets eine treue und wahrhafte Freundin ſein, denn Ihr Beide, nicht wahr, Ihr ſeid meine einzigen Freunde? Nein, Majeſtät, ich ſprach Euch noch von einem Dritten, von Thomas Seymour. O der! rief ſie mit einem ſüßen Lächeln. Dann ſagte ſie plötzlich leiſe und eilig: Ihr ſagtet, ich ſolle — 31— Niemand hier vertrauen, als Euch, nun wohl, ich will Euch einen Beweis meines Vertrauens geben. Erwartet mich heute Nacht um die zwölſte Stunde im grünen Gartenſaal. Ihr ſollt mein Begleiter ſein auf einer gefährlichen Wanderung. Habt Ihr Muth, John? Muth, um für Euch zu ſterben, Königin! So kommt, aber nehmt Eure Waffen mit! Zu Befehl! Und iſt das Alles, was Ihr mir heute zu befehlen habt? Alles, John! Nur, fügte ſie zögernd und mit einem leiſen Erröthen hinzu, nur kanuſt Du, wenn Du zufällig dem Grafen Sudley begegueſt, ihm ſagen, daß ich Dir Grüße für ihn aufgetragen. Ohl ſeufzte John Heywood traurig. Er iſt heute mein Lebensretter geweſen, John, ſagte ſie, gleichſam ſich entſchuldigend. Es ziemt ſich nſ wohl, daß ich ihm dankbar ſei.⸗ Und ihm freundlich winkend, ſchritt ſie in das Portal des Schloſſes. Nun ſage man noch, daß der Zufall nicht der ſchadenfrohſte und boshafteſte aller Teufel iſt! mur⸗ melte John Heywood. Gerade Denjenigen, welchen die Königin am meiſten fliehen ſollte, wirft dieſer Teufel Zufall ihr in den Weg, und macht, daß ſie dem Liebhaber zugleich noch dankbarlichſt verpflichtet ſein muß. Oh, oh, er hat ihr alſo das Leben ge⸗ rettet. Wer weiß aber, ob er nicht eines Tages Schuld ſein wird, daß ſie es verliert. Er ſenkte traurig ſein Haupt auf ſeine Bruſt, als er plötzlich hinter ſich eine Stimme hörte, welche leiſe ſeinen Namen rief, und als er ſich umwandte, ſah er — 32— die junge Prinzeſſin Eliſabeth, die mit haſtigen Schritten auf ihn zueilte. Sie war ſehr ſchön in dieſem Augenblick. Ihre Augen leuchteten in einem leidenſchaftlichen Feuer, ihre Wangen glühten, und um ihre ſchmalen purpur⸗ rothen Lippen ſpielte ein leiſes, glückliches Lächeln. Der Mode jener Zeit gemäß, trug ſie ein engan⸗ ſchließendes, bis zum Halſe hinaufgehendes Gewand, welches genau die zarten Linien ihrer ſchlanken und jugendlichen Formen wiedergab, während der breite, aufſtehende Kragen die etwas zu große Länge ihres Halſes verhüllte und ihr friſches, faſt noch kindiſches Geſicht wie aus einem Piedeſtal hervorſteigen ließ. Zu beiden Seiten ihrer hohen, gedankenreichen Stirn fielen hellblonde Locken in üppigſter Fülle nieder; ihr Haupt war bedeckt mit einem ſchwarzen Sammetbaret von dem eine weiße Feder ſich bis auf die Schulter niederſenkte. 3 Es war eine durchauns anmuthige und liebliche Erſcheinung, voll Adel und Grazie, voll Feuer und Energie, und doch, trotz ihrer Jugendlichkeit einer ge⸗ wiſſen Hoheit und Würde nicht entbehrend. Eliſabeth, obwohl faſt noch ein Kind, und vom Unglück vielfach gebeugt und gedemüthigt, war dennoch immer die echte Tochter ihres Vaters geblieben, und obwohl Heinrich ſie für einen Baſtard erklärt und von der Thronfolge ausgeſchloſſen hatte, trug ſie doch den Stempel ihres königlichen Blutes auf der hohen, ſtolzen Stirn, in den ſcharfen, blitzenden Augen. Wie ſie jetzt vor John Heywood ſtand, war ſie indeß nicht die ſtolze, gebieteriſche Prinzeſſin, ſondern nur die ſchüchterne, erröthende Jungfrau, welche zagt, ihr erſtes Mädchengeheimniß fremden Ohren anzuver⸗ — 33— trauen, und nur mit zitternder Hand es wagt, den Schleier fortzuziehen, welcher ihr Herz verhüllt. John Heywood, ſagte ſie, Ihr habt mir oft geſagt, daß Ihr mich liebt, und ich weiß, daß meine arme und unglückliche Mutter Euch vertraute und Euch als Zeugen ihrer Unſchuld anrief. Ihr konntet damals die Mutter nicht retten, wollt Ihr aber jetzt der Tochter Anna Boulen's dienen, und ihr ein treuer Freund ſein? „Ich will es, ſagte Heywood feierlich, und ſo wahr ein Gott über uns iſt, Ihr ſollt mich niemals als einen Verräther finden. Ich glaube Euch, John, ich weiß, daß ich Euch vertrauen darf. Hört alſo, ich werde Euch jetzt mein Geheimniß ſagen, ein Geheimniß, welches, außer Gott, Niemand kennt, und deſſen Verrath mich auf das Schaffot führen könnte. Wollt Ihr mir alſo ſchwören, Niemand, unter welchem Vorwande und aus welcher Abſicht es auch ſei, auch nur ein Wort von dem zu verrathen, was ich Euch jetzt ſagen werde, wollt Ihr mir ſchwören, ſelbſt auf Eurem Sterbebette dieſes Geheimniß Niemand anzuvertrauen, und ſelbſt in der Beichte es nicht zu verrathen? Nun, was das anbetrifft, Prinzeſſin, ſagte John lachend, ſo ſeid Ihr vollkommen ſicher. Ich beichte niemals, denn die Beichte iſt eine würzige Speiſe des Pfaffenthums, an welcher ich mir ſeit lange den Magen verdorben habe, und was mein Sterbebette anbelangt, ſo kann man unter der geſegneten und frommen Re⸗ gierung Heinrichs des Achten durchaus nicht wiſſen, ob man eines ſolchen auch wirklich theilhaftig wird, oder ob man nicht die weit ſchnellere und bequemere Reiſe in die Ewigkeit mit des Henkers Hülfe macht. Heinrich VIII. 2. 3 — 34— Oh, ſeid ernſthaft, John, ich bitte Euch! Laßt die Narrenmaske, unter welcher Ihr Euer ernſtes und gutes Geſicht verbergt, jetzt nicht auch mir daſſelbe verhüllen. Seid ernſthaft, John, und ſchwört mir, daß Ihr mein Geheimniß bewahren wollt. Nun denn, ich ſchwöre es Euch, Prinzeſſin, ich ſchwöre Euch bei dem Geiſte Eurer Mutter, kein Wuri von dem zu verrathen, welches Ihr mir ſagen werdet. Ich danke Euch, John. Jetzt neigt Euch näher zu mir heran, damit nicht die Luft irgend Eins meiner Worte auffange und es weiter trage. John, ich liebe! Sie ſah das halb überraſchte, halb ungläubige Lächeln, welches John Heywood's Lippen umſpielte. Ach, fuhr ſie heftiger fort, Ihr glaubt mir nicht. Ihr denkt an meine vierzehn Jahre, und Ihr meint, das Kind wiſſe noch nichts von den Gefühlen der Jungfrau? Aber erinnert Euch, John, daß diejenigen Mädchen, welche unter einer heißen Sonne leben, früh gereift werden von den glühenden Strahlen, und ſchon Weiber und Mütter ſind, während ſie noch träumende Kinder ſein ſollten. Nun wohl, auch ich bin die Tochter einer heißen Zone, nur daß meine Sonne nicht die des Glückes geweſen, und daß es der Schmerz und das Unglück war, welches mein Herz gereift. Glaubt mir, John, ich liebe! Ein glühendes, verzehrendes Feuer tobt in mir, es iſt meine Wonne und meine Qual zugleich, mein Glück und meine Zu⸗ kunft. Der König hat mir eine glänzende und ruhm⸗ volle Zukunft gergubt, ſo gönne man mir alſo min⸗ deſtens eine glückliche. Da ich niemals eine Königin ſein ſoll, ſo will ich mindeſtens ein glückliches und geliebtes Weib ſein. Und wenn ich denn verdammt — 35— bin, in der Dunkelheit und Niedrigkeit zu leben, ſo ſoll man es mir mindeſtens nicht verwehren, mir dieſe dunkle und ruhmloſe Exiſtenz mit Blumen zu ſchmücken, welche nicht zu den Füßen des Thrones gedeihen, und ſie wie mit Sternen zu erleuchten, welche glänzender ſind, wie der Glanz der ſtrahlendſten Königskrone! Oh, Ihr irrt Euch über Euch ſelber! ſagte John Heywood traurig. Ihr wählt nur das Eine, weil Euch das Andere verſagt iſt, Ihr wollt nur lieben, weil Ihr nicht herrſchen könnt, und da Euer Herz, welches dürſtet nach Ruhm und Ehre, keine andere Befriedigung finden kann, ſo wollt Ihr ſeinen Durſt mit einem andern Trank ſtillen, und wollt ihm die Liebe als Opium darreichen, mit welchem es ſeine brennenden Schmerzen zur Ruhe lullt. Glaubt mir, Prinzeſſin, Ihr kennt Euch ſelbſt noch nicht! Ihr ſeid nicht gebsren, um nur eine liebende Gattin zu ſein, und Eure Stirn iſt viel zu hoch und ſtolz, um nur eine Myrthenkrone zu tragen. Ueberlegt daher wohl, was Ihr thut, Prinzeſſin! Laßt Euch nicht hin⸗ reißen von dem leidenſchaftlichen Blut Eures Vaters, das auch in Euren Adern tobt. Bedenkt Euch wohl, ehe Ihr handelt! Noch ſteht Euer Fuß auf einer Stufe des Throns. Zieht ihn nicht freiwillig zurückl Behauptet Euren Platz, dann bringt der nächſte Schritt Euch wiederum eine Stufe vorwärts. Entſagt nicht freiwillig Euren gerechten Anſprüchen, ſondern harret aus in Geduld, bis der Tag der Vergeltung und der Gerechtigkeit kommt. Nur macht es nicht ſelber un⸗ möglich, daß Euch alsdann eine volle und glänzende Genugthuung werde. Prinzeſſin Eliſabeth kann immer noch eines Tages Königin werden, vorausge⸗ ſetzt, daß ſie ihren Namen nicht für einen minder glorreichen und hohen eingetauſcht habe. 3* — —; —; — —— John Heywood, ſagte ſie mit einem reizenden Lä⸗ cheln, ich ſagte Dir ja, daß ich ihn liebe. Nun, ſo liebt ihn immerhin, aber thut's in der Stille und ſagt es ihm nicht, ſondern lehrt Eure Liebe die Reſignation. John, er weiß es ſchon! Ach, arme Prinzeſſin, Ihr ſeid doch noch ein Kind, welches mit lächelndem Muth in das Feuer greift und ſich die Hände verwundet, weil es nicht weiß, daß das Feuer brennt. Laß es brennen, John, brennen, und mögen die Flammen über mein Haupt zuſammenſchlagen. Beſſer doch, im Feuer zu verglühen, als an tödtlicher Kälte langſam und ſchauerlich hinzuſterben! Ich liebe ihn, ſag' ich Dir, und er weiß es ſchon. Nun, ſo liebt ihn, aber heirathet ihn wenigſtens nicht! rief John Heywood mürriſch. Heirathen! rief ſie erſtaunt. Heirathen! Mein Gott, daran dachte ich noch nicht. Sie ſenkte ihr Haupt auf ihre Bruſt und ſtand ſchweigend und ſinnend da. Ich fürchte ſehr, ich habe da einen dummen Streich gemacht! murmelte John Heywood. Ich habe ihr einen neuen Gedanken eingeflößt. Ach, ach, König Heinrich hat ſehr wohl gethan, mich zu ſeinem Narren zu ernennen. Juſt, wenn wir uns dünken am weiſeſten zu ſein, ſind wir die größeſten Narren! John, ſagte Eliſabeth, indem ſie das Haupt wieder aufrichtete und John mit glühenden Blicken anlächelte, John, Du hatteſt ganz Recht, wenn man ſich liebt, muß man ſich heirathen. Aber ich ſagte juſt das Gegentheil, Prinzeſſin! Es iſt gut! rief ſie entſchieden. Dies Alles gehört der Zukunft an, wir wollen uns mit der Gegenwart beſchiigen⸗ Ich habe meinem Geliebten eine Zu⸗ ſammenkunft verſprochen. Eine Zuſammenkunft? rief John Heywood erſtaunt. Ihr werdet nicht ſo tollkühn ſein, Euer Verſprechen zu erfüllen. John Heywood, ſagte ſie faſt feierlich, König Hein⸗ richs Tochter wird niemals ein Verſprechen geben, ohne es zu erfüllen. Im Guten, wie im Schlimmen werde ich immer mein gegebenes Wort halten, und könnte es auch mir ſelber zum höchſten Unglück und Verderben gereichen. John Heywood wagte nicht mehr zu widerſprechen. Es lag in dieſem Moment etwas eigenthümlich Hohes, Stolzes und wahrhaft Königliches in ihrem Weſen, welches ihm imponirte und vor welchem er ſich beugte. Ich habe ihm eine Zuſammenkunft bewilligt, denn er wünſchte ſie, ſagte Eliſabeth, und John, ich will es Dir geſtehen, mein eigenes Herz ſehnte ſich darnach. Suche alſo nicht, meinen Entſchluß wankend zu machen, er ſteht felſenfeſt. Wenn Du aber mir nicht beiſtehen willſt, ſo ſage es, und ich werde dann nach einem andern Freunde mich umſehen, nach einem Freunde, welcher mich genug liebt, um ſeinen Bedenken Schwei⸗ gen außzuerlegen. Aber welcher vielleicht hingeht und Euch verräth, Prinzeſſin. Nein, nein, iſt es einmal beſchloſſen und unabänderlich, ſo ſoll Niemand als ich Euer Ver⸗ trauter ſein. Sagt mir alſo, was ich thun ſoll, und ich werde Euch gehorchen.. Du weißt, John, daß meine Gemächer auf jenem Flügel dort liegen, welcher den Garten begrenzt. Nun — 38— habe ich in meinem Toilettenzimmer hinter einem der großen Wandgemälde eine Thür entdeckt, welche in einen einſamen, finſtern Corridor führt. Von dieſem Corridor gelangt man in jenen Thurm dort drüben. Er iſt unbewohnt und öde. Niemand denkt daran, dieſen Theil des Schloſſes jemals zu betreten, und eine Grabesſtille herrſcht in den Gemächern, welche indeß mit wahrhaft königlichem Glanze ausgeſtattet ſind. Dort will ich ihn empfangen!. Aber wie ſoll er dorthin gelangen? Oh, ſeid unbeſorgt, ich habe ſeit vielen Tagen darüber nachgedacht, und während ich meinem Ge⸗ liebten immer wieder die erflehte Zuſammenkunft ver⸗ weigerte, bereitete ich in der Stille Alles dazu vor, um ſie ihm eines Tages gewähren zu können. Heute iſt dieſes Ziel erreicht, und heute habe ich endlich ſeinen Wunſch erfüllt, ganz freiwillig und unaufge⸗ fordert, weil ich ſah, daß er nicht mehr den Muth hatte, auf's Neue zu bitten. Hört denn, von dem Thurme führt eine Wendeltreppe hinunter zu einer kleinen Thür, durch welche man in den Garten ge⸗ langt. Ich habe einen Schlüſſel zu dieſer Thür. Hier iſt er. Im Beſitz dieſes Schlüſſels hat er nichts weiter u thun, als am Abend, ſtatt das Schloß zu verlaſſen, im Park zurückzubleiben, und vermöge dieſes Schlüſſels wird er zu mir gelangen, denn ich werde ihn in dem großen Thurmzimmer erwarten, welches der Aus⸗ mündung der Treppe gerade gegenüber liegt. Hier nehmt den Schlüſſel, und gebt ihn ihm, und wieder⸗ holt ihm Alles, was ich Euch geſagt habe. Gut, Prinzeſſin! Es bleibt nur noch die Stunde zu Weſeiniinen⸗ in welcher Ihr ihn dort empfangen wollt. 1 Die Stunde, ſagte ſie, indem ſie ihr erröthendes — 39— Antlitz abwandte. Ihr werdet begreifen, John, daß es nicht thunlich iſt, ihn dort am Tage zu empfangen, weil es für mich am Tage keinen einzigen unbe⸗ wachten Augenblick giebt. Ihr werdet ihn alſo in der Nacht empfangen! ſagte Heywood traurig. Um welche Stunde? Um Mitternacht! Und jetzt wißt Ihr Alles und ich bitte Euch, John, eilt, und bringt ihm meine Botſchaft, denn ſeht, die Sonne ſinkt, und bald wird es Nacht ſein. Sie nickte ihm lächelnd zu und wandte ſich, um zu gehen. Prinzeſſin, das Wichtigſte habt Ihr noch vergeſſen. Ihr habt mir noch nicht ſeinen Namen geſagt. Mein Gott, und Ihr errathet ihn nicht? John Heywood, welcher ſo ſcharfe Augen hat, ſieht nicht, daß es an dieſem Hofe nur einen Einzigen giebt, welcher es verdient, von einer Tochter des Königs geliebt zu werden. Und dieſer Einzige heißt? Thomas Seymour, Graf Sudley! flüſterte Eliſa⸗ beth, indem ſie ſich raſch umwandte und in das Schloß eintrat. Oh, Thomas Seymour! ſagte John Heywood ganz entſetzt. Wie gelähmt vor Schreck blieb er unbeweglich ſtehen, und ſtarrte zum Himmel empor, und wieder⸗ holte immer wieder: Thomas Seymour! Thomas Seymour! Er iſt alſo ein Zauberer, welcher allen Weeiibern Liebestränke einflößt und ſie bethört mit ſeinem ſchönen und kecken Angeſicht. Thomas Sey⸗ mour! Die Königin liebt ihn, die Prinzeſſin liebt ihn, und da iſt noch dieſe Herzogin von Richmond, welche durchaus ſein Weib werden will! So viel — 40— aber ſteht feſt, daß er ein Verräther iſt, welcher Beide betrügt, weil er Beiden dieſelben Liebesbekenntniſſe gemacht. Und da iſt wieder dieſer Kobold, der Zufall, welcher macht, daß ich der Vertraute dieſer beiden Frauen ſein muß. Aber ich werde mich wohl hüten, meine beiden Beſtellungen an dieſen Zauberer auszu⸗ richten. Mag er immerhin der Gemahl der Prin⸗ zeſſin werden, vielleicht wäre dies das ſicherſte Mittel, die Königin von ihrer unglückſeligen Liebe zu befreien. Er ſchwieg und ſtarrte ſinnend noch immer zum Himmel empor. Ja, ſagte er dann ganz freudig, ſo ſoll es ſein! Ich will die eine Liebe durch die andere bekämpfen. Für die Königin iſt es gefährlich, ihn zu lieben. Ich werde die Sache alſo ſo führen, daß ſie ihn haſſen muß. Ich werde ihr Vertrauter bleiben. Ich werde ihre Briefe, ihre Beſtellungen empfangen, nur daß ich ihre Briefe verbrennen und ihre Beſtellun⸗ gen nicht ausrichten werde. Ich darf ihr nicht ſagen, daß der treuloſe Thomas Seymour ſie verräth, denn ich habe der Prinzeſſin mein feierliches Wort gegeben, ihr Geheimniß Niemand ahnen zu laſſen, und ich werde und muß Wort halten. Lächle und liebe alſo, träume den ſüßen Traum Deiner Liebe weiter, Kö⸗ nigin, ich wache für Dich, und ich werde dieſe dunkle Wolke an Dir vorüber führen. Sie mag vielleicht Dein Herz treffen, aber Dein edles und ſchönes Haupt, das mindeſtens ſoll ſie nicht zerſchmettern können, das— Nun, was ſtarrt Ihr denn zum Himmel empor, als läſet Ihr dort ein neues Epigramm, mit welchem Ihr den König lachen und die Pfaffen wüthend machen wollt? fragte eine Stimme neben ihm, und eine Hand legte ſich ſchwer auf ſeine Schulter. John Heywood ſah ſich gar nicht um, er blieb un⸗ — 41— verändert in ſeiner Stellung, und ſtarrte unverwandt zum Himmel empor. Er hatte die Stimme Deſſen, welcher ihn angeredet, ſehr wohl erkannt, er wußte ſehr gut, daß der, welcher neben ihm ſtand, Niemand anders war, als der tollkühne Zauberer, den er eben im Innerſten ſeines Herzens verwünſchte, Niemand anders als Thomas Seymour, Graf von Sudley. Sagt, John, iſt's wirklich ein Epigramm? fragte Thomas Seymour wieder. Ein Epigramm auf das heuchleriſche, lüſterne und ſcheinheilige Pfaffengeſindel, das mit gottesläſterlicher Heuchelei um den König herum fuchsſchwänzelt und immer zuſchaut, wie es einem von uns ehrlichen und braven Männern eine Falle ſtellen kann. Iſt's das, welches Euch der Himmel eben offenbart? Nein, Mylord, ich ſehe nur nach einem Habicht, welcher dort oben in den Wolken ſteht. Ich ſah ihn auffliegen, Graf, und denkt nur das Wunder, er hatte in jedem ſeiner Fänge eine Taube. Zwei Tauben für einen Habicht. Iſt das nicht zuviel, und ganz der Natur und dem Geſetz zuwider? „Der Graf warf auf ihn einen durchbohrenden, mißtrauiſchen Blick. Aber John Heywood blieb voll⸗ kommen ruhig und unbefangen und ſah immer nach den Wolken empor. Wie dumm ſolch ein Thier iſt, ſagte er, und wie ſehr ſeine Lüſternheit ihm ſelber zum Nachtheil wird. Denn da er in jeder Kralle eine Taube hält, wird er keine von ihnen genießen können, weil er keine Kralle frei hat, um ſie zu zerreißen. Sobald er die Eine genießen will, wird ihm die Andere entſchlüpfen, wenn er nach dieſer greift, wird die Andere von dannen fliegen, und ſo wird er zuletzt gar nichts & — 12— haben, weil er zu raubgierig war, und mehr haben wollte, als er brauchen kann. Und nach dieſem Habicht ſchaut Ihr zum Himmel? Aber Ihr täuſcht Euch vielleicht, und der, den Ihr ſucht, iſt gar nicht dort oben, ſondern hier unten, und vielleicht gar in Eurer Nähe? fragte Thomas Sey⸗ mour bedeutungsvoll. Aber John Heywood wollte ihn nicht verſtehen. Nicht doch, ſagte er, noch fliegt er, aber es wird nicht mehr lange dauern. Denn ich ſah ſchon den Beſitzer des Taubenſchlags, von welchem der Habicht die beiden Tauben geſtohlen hat. Er führte eine Waffe bei ſich, und er wird dieſen Habicht, ſeid deſſen gewiß, er wird ihn tödten, weil er ihm ſeine Lieblings⸗ tauben geraubt. Genug, genugl rief der Graf ungeduldig. Ihr wollt mir eine Lehre geben, aber Ihr ſollt wiſſen, daß ich von einem Narren keinen Rath annehme, und wäre er auch der weiſeſte. Daran thut Ihr Recht, Mylord, denn nur die Narren ſind ſo närriſch, auf die Stimme der Weis⸗ heit zu hören. Jeder iſt übrigens ſeines Glückes Schmied, und jetzt, mein weiſer Herr, will ich Euch einen Schlüſſel geben, den Ihr Euch feleſt geſchmiedet habt, und hinter welchem Euer Glück ſteckt. Da, nehmt dieſen Schlüſſel, und wenn Ihr heute um Mitternacht durch den Garten zu jenem Thurm dort drüben ſchleicht, ſo wird dieſer Schlüſſel Euch die Thür deſſelben öffnen, und Ihr könnt alsdann ohne Bedenken die Wendeltreppe hinauf fliegen und die Thür öffnen, welche der Treppe gegenüber liegt. Hinter derſelben findet Ihr das Glück, welches Ihr Euch ſelbſt geſchmiedet habt, Herr Grobſchmied, und — 13— welches Euch mit heißen Lippen und weichen Armen willkommen heißen wird. Und ſomit Gott befohlen, Mylord, ich muß eilen nach Hauſe zu kommen, um über das Luſtſpiel nachzudenken, welches mir der König befohlen hat zu ſchreiben. Aber Ihr ſagt mir nicht einmal, von wem dieſe Botſchaft kommt? ſagte Graf Sudley, ihn zurück⸗ haltend. Ihr ladet mich zu einem Rendezvous und gebt mir einen Schlüſſel, und ich weiß nicht, wer mich dort in jenem Thurm erwarten will. „Oh, Ihr wißt es nicht? Es giebt alſo mehr als Eine, welche Euch dort erwarten könnte? Nun denn, es iſt die jüngſte und kleinſte der beiden Tauben, welche Euch den Schlüſſel ſendet. Die Prinzeſſin Eliſabeth? 3 Ihr habt ſie genannt, nicht ich! ſagte John Hey⸗ wood, indem er ſich von der Hand des Grafen los⸗ machte und eiligſt über den Hofplatz ging, um ſich nach ſeiner Wohnung zu begeben. Thomas Seymour ſah ihm mit einem düſtern Blick nach, und richtete dann ſein Auge langſam auf den Schlüſſel, den Heywood ihm gegeben. Die Prinzeſſin alſo erwartet mich, flüſterte er leiſe. Ach, wer in den Sternen zu leſen vermöchte, wer wiſſen könnte, wo die Krone hinrollen wird, wenn ſie von König Heinrichs Haupt niederrollt. Ich liebe Katharina, aber noch mehr liebe ich den Ehrgeiz, und wenn er es verlangt, muß ich ihm mein Herz zum Opfer bringen! IV. gammer Jurton'’s Radel. Langſam und in finſtere Gedanken verloren, ſchritt John Heywood ſeiner Wohnung zu. Dieſe Wohnung lag in dem zweiten, dem innern Hofe des großen Pa⸗ laſtes von Whitehall, auf dem Flügel des Schloſſes, welcher alle Wohnungen der königlichen höhern Diener umfaßte. Alſo auch die des königlichen Narren, denn der Narr des Königs war damals eine ſehr wichtige und angeſehene Perſon, die im Rang einem königli⸗ chen Kammerherrn gleich ſtand. John Heywood durchſchritt eben dieſen zweiten Hof, als plötzlich laute zankende Stimmen und der helle und den hineliche Klang einer Ohrfeige ihn aus ſeinem Nachdenken ſtörten. Er blieb ſtehen und horchte. Sein vorher ſo ernſtes Geſicht hatte jetzt ſeinen gewohnten heitern und ſchlauen Ausdruck wieder an⸗ genommen, ſeine großen Augen leuchteten wieder in zumor und Schadenfreude. Es iſt ſchon wieder meine ſüße, liebreizende Haus⸗ hälterin, die Gammer Gurton, ſagte John Heywood lachend, und ſie zankt ſchon wieder mit dieſem armen, langbeinigen, triefäugigen, vortrefflichen Hodge, meinem Diener. Ah, ah, geſtern überraſchte ich ſie, wie ſie ihm einen Kuß applicirte, wobei er ein ſo weiner⸗ liches Geſicht machte, als ob eine Biene ihn eſechen habe. Heute höre ich, wie ſie ihm eine rfeige Febt. Vielleicht lacht er jetzt, und denkt, es iſt ein oſenblatt, welches ihm die Wange kühlt. Der Hodge — 45— iſt ein ſo wunderlicher Kauz! Aber wir wollen einmal ſehen, was es heute giebt und welche Poſſe heute auf⸗ geführt wird. Er ſchlich ſich leiſe die Treppe hinauf und öffnete die Thür ich ſe Zimmers, welche er raſch und leiſe wieder hinter ſich in's Schloß drückte. Frau Gammer Gurton, welche ſich im Neben⸗ zimmer befand, hatte nichts gehört, nichts geſehen, und wäre der Himmel in dieſem Moment eingeſtürzt, ſie würde es kaum bemerkt haben, denn ſie hatte nur Auge und Sinn für dieſen langen, ſchmächtigen, vor Angſt zitternden Burſchen, welcher ihr gegenüber ſtand, und ſie aus großen waſſerblauen Augen an⸗ glotzte. Ihre ganze Seele lag in ihrer Zunge, und die Zunge bewegte ſich wie ein Mühlrad ſo ſchnell, ſie rollte, wie ein Donner ſo mächtig. Wie konnte alſo Frau Gammer Gurton wohl Zeit und Ohren haben, ihren Herrn zu hören, welcher leiſe in ſein Zimmer gekommen, und leiſe zu der nur an⸗ gelehnten Thür geſchlichen war, welche ſein Gemach von dem der Haushälterin trennte. Wie, ſchrie Frau Gammer Gurton, Du blöder Schuft, Du willſt mich glauben machen, die Katze ſei es geweſen, welche meine Nähnadel fortgebracht. Als wenn meine Nähnadel eine Maus wäre, und nach Speck röche, Du dummer triefäugiger Narr! „Ach, Ihr nennt mich einen Narren, rief Hodge mit einem Lachen, welches machte, daß ſein Mund eine angenehme Linie durch ſein Geſicht von einem Ohr zum andern Ohr zog, Ihr nennt mich einen Narren, welches eine große Ehre für mich iſt, denn alsdann bin ich der würdige Diener meines Herrn. Und was das Triefängige anbetrifft, ſo muß das — 46— daher kommen, weil ich den ganzen Tag nichts vor die Augen bekomme als Euch, Gammer Gurton, Euch mit Eurem Vollmondsgeſicht, Euch, wie Ihr gleich einer Fregatte durch die Stube ſegelt, und mit dem Enterhaken Eurer Hände Alles zertrümmert, außer Euren eigenen Spiegel. Das ſollſt Du mir büßen, Du zweideutiger, fa⸗ denſcheiniger Lümmel! ſchrie Frau Gammer Gurton, indem ſie mit geballter Fauſt auf Hodge zuſprang. Aber der ſchlaue Diener John Heywoods hatte dies vorhergeſehen; er war ſchon unter den großen Tiſch geſchlüpft, welcher in der Mitte des Zimmers ſtand. Als die Haushälterin dennoch herbeiſtürzte, um ihn aus ſeiner improviſirten Feſtung hervorzu⸗ holen, kniff er ſie ſo beherzt in's Bein, daß ſie mit einem Schrei zurückſprang, und ganz ſchmerzbewältigt in den lederbezogenen Rieſenlehnſtuhl ſank, welcher neben ihrem Nähtiſch am Fenſter ſtand. „Du biſt ein Ungeheuer, Hodge, ächzte ſie matt. Ein herzloſes, abſcheuliches Ungeheuer. Du haſt mir meine Nähnadel geſtohlen, Du allein. Denn Du wußteſt ſehr wohl, daß es meine letzte war, und daß, wenn ich ſie nicht habe, ich erſt zum Kaufmann gehen muß, um mir Nähnadeln zu kaufen. Und das willſt Du bloß, Du wetterwendiſches Thier, Du willſt nur, baß. ich ausgehe, damit Du Zeit haſt, mit Tib zu äkern. Tib? Wer iſt Tib? fragte Hodge, indem er ſeinen langen Hals unter dem wihc hervorreckte, und Frau Fafnner Gurton mit gut geheucheltem Erſtaunen an⸗ glotzte. Nun fragt mich dieſe Fiſchotter gar noch, wer Tib iſt! ſchrie die erboste Frau. Nun denn, ich will's Dir ſagen. Tib iſt die Köchin vom Haushofmeiſter — 47— da drüben. Ein ſchwarzäugiger, alſcher, coquetter kleiner Satan, welche ſchlecht und erbärmlich genu iſt, einer ehrbaren und tugendhaften Frau, wie i bin, ihren Liebhaber wegzufiſchen, einen Liebhaber, welcher ein ſo erbärmliches, kleines Ding iſt, daß man denken ſollte, Niemand außer mir könnte ihn ſehen und ausfindig machen, und ich hätt's auch nicht ge⸗ than, wenn ich nicht ſchon ſeit vierzig Jahren meine Augen an's Suchen gewöhnt hätte, und ſeit wienſi Jahren umher ſchaute nach dem Manne, der endli⸗ mich unter die Haube bringen und eine reſpectable Mißtreß aus mir machen ſollte. Da ſind denn nun zuletzt meine Augen auf dieſem Geſpenſt von einem Mann haſften geblieben, und weil ich Nichts fand, habe ich endlich Dich entdeckt, Dich, Du Spinnenge⸗ webe von einem Manne! Was, Ihr nennt mich ein Spinnengewebe? ſchrie Hodge, indem er unter dem Tiſch hervor kroch und ſich drohend in ſeiner ganzen Länge vor Gammer Gurton's Lehnſtuhl hinſtellte. Ihr nennt mich ein Spinnengewebe? Nun, ich ſchwöre Euch, daß Ihr nun und nimmermehr die Spinne ſein ſollt, welche in dieſem Gewebe wohnt. Denn Ihr ſeid eine Kreuz⸗ ſpinne, eine abſcheuliche, dicke, alte Kreuzſpinne, für welche ein Spinnengewebe, wie Hodge es iſt, viel zu fein, und viel zu zierlich iſt. Seid daher ruhig, Kreuz⸗ ſpinne, und zieht anderswo Eure Netze aus! In meinem Netz olle Ihr nicht wohnen, ſondern Tib. Denn ja, ich kenne Tib. Es iſt ein liebes reizendes Kind von vierzehn Jahren, ein Kind, ſo raſch und und flink wie ein Zicklein, mit Lippen ſo roth wie die Corallen, welche Ihr um Euren fetten Wulſt von Hals tragt, mit Augen, welche noch heller als Eure Naſe glänzen, und mit einer Geſtalt ſo ſchlank und — 48— zierlich, daß man ſie aus einem Eurer Finger ſchnitzen könnte. Ja, ja, ich kenne Tib, ſie iſt ein zärtliches gutes Kind, welche niemals ſo hartherzig ſein würde, den Mann zu ſchimpfen, welchen ſie liebt, und nie⸗ mals ſo kleinlich und erbärmlich denken könnte, einen Mann, welchen ſie nicht liebt, heirathen zu wollen, bloß weil er ein Mann iſt. Ja, ich kenne Tib, und jetzt gleich will ich zu ihr gehen, und ſie fragen, ob ſie einen guten, ehrlichen Burſchen heirathen will, der zwar etwas mager iſt, aber ohne Zweifel fetter werden wird, wenn er eine andere Koſt bekommt, als dieſen magern, abſcheulichen Fraß, den ihm Frau Gammer Gurton giebt, einen Burſchen, der zwar triefäugig iſt, aber bald von dieſer Krankheit geneſen wird, wenn er Gammer Gurton nicht mehr ſieht, welche auf ſeine Augen wie ſtinkende Zwiebeln wirkt, und macht, daß ſeine Augen immer roth ſind und immer weinen. Lebt wohl, alte Zwiebel, ich gehe zu Tib! Aber Frau Gammer Gurton wirbelte wie ein Kräuſel von ihrem Lehnſtuhl empor und zu Hodge hin, den ſie beim Rockſchoß faßte, und ihn zum Bleiben bannte. Wage es einmal zu Tib zu gehen! Wage es, dieſe Thür zu überſchreiten, und Du ſollſt ſehen, daß die ſanfte, friedfertige und geduldige Gammer Gurton ſich in eine Löwin verwandeln wird, wenn man ihr das heiligſte, und theuerſte Beſitzthum, ihren Mann entreißen will. Denn Du biſt mein Mann, inſofern asr 19 Dein Wort habe, daß Du mich heirathen willſt. Aber ich habe Dir nicht geſagt, wann und wo ich's thun will, Gammer Gurton, und ſo kannſt Du warten bis in alle Ewigkeit, denn erſt im Himmel will ich Dein Mann werden. 3 — 19— Das iſt eine abſcheuliche, heimtückiſche Lüge! ſchrie Frau Grammer Gurton. Eine nichtswürdige Lüge, ſage ich! Denn haſt Du nicht ſo lange vor mir ge⸗ flennt und gebettelt, bis ich Dir verſprechen mußte, ein Teſtament zu machen, und darin Hodge, meinen lieben Ehemann, zum alleinigen Erben all' meines Habs und Guts einzuſetzen, und ihm Alles zu hinter⸗ laſſen, was ich in meinem tugendhaften und arbeit⸗ ſamen Leben geſammelt habe? Aber Du haſt es nicht gemacht, das Teſtament, Du biſt wortbrüchig geweſen, und alſo werde ich es auch ſein. Ja, ich habe es gemacht, Du Windſpiel. Ich habe es gemacht, und juſt heute wollte ich mit Dir zum Friedensrichter gehen, und es unterzeichnen laſſen, und. morgen wollten wir alsdann uns trauen laſſen. Du haſt das Teſtament gemacht, Du allerliebſte Weltkugel? ſagte Hodge zärtlich, indem er verſuchte, mit ſeinem langen, ſpindeldürren Arm die Rieſentaille ſeiner Geliebten zu umſchlingen. Du haſt das Teſta⸗ ment gemacht und mich zu Deinem Erben eingeſetzt? Komm denn, Gammer, komm und laß uns zum Frie⸗ densrichter gehen! Aber ſiehſt Du denn nicht, ſagte Gammer Gurton mit einem zärtlichen Katergeſchnurre, ſiehſt Du denn nicht, daß Du mir die Halskrauſe zerdrückſt, wenn Du mich ſo umarmſt? Laß mich alſo los und hilf mir ſchnell die Nähnadel ſuchen, denn ohne die Nähnadel können wir nicht zum Friedensrichter gehen. Was, ohne die Nähnadel nicht zum Friedens⸗ richter? 3 Nein, denn ſieh nur dieſes Loch, welches mir Gib, die Katze, vorher in meine ſchönſte Haube geriſſen hat, Heinrich VIII. 2. 4 3 — 350— als ich die Haube aus dem Kaſten geholt und auf den Tiſch gelegt hatte. Ich kann doch mit ſolchem Loch in der Haube nicht zum Friedensrichter gehen! Suche alſo, Hodge, ſuche, damit ich meine Haube flicken, und mit Dir zum Friedensrichter gehen kann! Herr Gott, wo iſt ſie nur, die unglückliche Nadel! Ich muß ſie haben, ich muß ſie finden, damit Gam⸗ mer Gurton ihr Teſtament zum Friedensrichter tra⸗ gen kann! Und Hodge ſuchte in raſender Verzweiflung am Fußboden umher nach der verlorenen Nadel, und Gammer Gurton ſchob die große Brille auf die roth⸗ glühende Naſe und ſpähete auf dem Tiſch umher. So eifrig war ſie im Suchen, daß ſie ſogar ihre Zunge ein wenig in Ruhe legte, und eine eſe Stille im Zimmer herrſchen ließ. Plötzlich ward dieſe Stille durch eine Stimme un⸗ terbrochen, welche vom Hofe her ertönte. Es war eine feine, liebliche Stimme, welche rief: Hodge, lie⸗ ber Hodge, biſt Du da? Komm doch ein wenig zu mir in den Hof! Ich habe Luſt, ein wenig mit Dir zu lachen! 4 Es war, als ob ein electriſcher Schlag mit dieſer Stimme durch das Zimmer führe, und Beide, Gam⸗ mer Gurton und Hodge, zu gleicher Zeit getroffen ätte. Beide zuckten ſie zuſammen und ſtanden, im Su⸗ chen inne haltend, wie erſtarrt, ganz unbeweglich da. „Hodge beſonders, der arme Hodge, war wie vom Blitz getroffen. Seine großen waſſerblauen Augen ſchienen aus ihren Höhlen hervortreten zu wollen, ſeine langen Arme hingen ſchlotternd und klappernd, wie die Dreſchflegel hernieder, ſeine halb eingeknickten — 51— Knie ſchienen ſchon in der Erwartung des heranna⸗ henden Sturmes zuſammenbrechen zu wollen. Dieſer Sturm ließ in der That nicht lange auf ſich warten. „ Das iſt Tib! ſchrie Frau Gammer Gurton, wie eine Löwin auf Hodge zuſpringend, und ihn mit bei⸗ den Armen an den Schultern packend. Das iſt Tib, Du fadenſcheiniges, erbärmliches Windſpiel! Nun, hatte ich alſo nicht Recht, wenn ich Dich einen treu⸗ loſen nichtswürdigen Schuft nannte, welcher die Un⸗ ſchuld nicht ſchont, und die Herzen der Weiber zer⸗ bricht, wie Zwieback, den er zu ſeinem Behagen zir⸗ unterſchluckt? Hatte ich nicht Recht, zu ſagen, daß Du nur auf mein Ausgehen lauerſt, um hinüber zu gehen zu Tib, und mit ihr zu ſchäkern? Sodge, mein lieber, vielgeliebter Hodge, rief die Stimme da unten, und diesmal lauter, noch zärtlicher. Hodge, ſo komme doch endlich zu mir in den Hof, wie Du es mir verſprochen, komm und hole Dir ben Kuß, um den Du mich heute Morgen gebeten haſt! Ich will eine verdammte Fiſchotter ſein, wenn ich ſie gebeten habe, und auch nur ein Wort von dem verſtehe, was ſie ſagt, ſagte Hodge ganz verblüfft und zitternd. Ach, Du verſtehſt nicht ein Wort von dem, was ſie ſagt? ſchrie Gammer Gurton. Nun, ich verſtehe es aber. Ich verſtehe, daß Alles zwiſchen uns aus und vorbei iſt, und daß ich mich losſage von Dir, Du Moloch Du! Ich verſtehe, daß ich nicht hingehen und mein Teſtament machen will, um Deine Frau zu werden, und über dieſes Knochenſtück von Gemahl 4*⅝ — 52— mich todt zu ärgern, damit aus Dir ein lachender Erbe werde. Nein, nein, es iſt vorbei! Ich gehe nicht zum Friedensrichter, und ich zerreiße mein Te⸗ ſtament!. Ach, ſie zerreißt ihr Teſtament! heulte Hodge. Und alſo habe ich mich umſonſt gequält, umſonſt das ſchauderhafte Glück ertragen, von dieſem alten Uhu geliebt zu werden! Oh, oh, ſie will kein Teſtament machen, und Hodge wird der jämmerliche Kerl bleiben, der er immer war! b Gammer Gurton lachte höhniſch. Ach, Du ſiehſt alſo endlich ein, welch ein erbärmlicher Wicht Du biſt, und wie ſehr ſich eine noble und hübſche Perſon, wie ich es bin, herabläßt, wenn ſie ſich entſchließt, ein ſolches Unkraut aufzuleſen und zu ihrem Mann zu machen! Ja, ja, ich ſehe es ein! ſagte Hodge weinerlich. Und ich bitte Euch, leſt mich auf, und nehmt mich, und vor allen Dingen macht Euer Teſtament! Nein, ich will Dich nicht nehmen, und ich will nicht mein Teſtament machen! Es iſt vorbei, ſage ich Dir, und Du kannſt jetzt immerhin zu Tib gehen, welche Dich ſo zärtlich gerufen hat. Aber zuerſt gieb mir meine Nähnadel wieder, Du Elſter Du! Gieb her meine Nähnadel, welche Du mir geſtohlen haſt, jetzt nützt ſie Dir nichts mehr, denn es iſt nicht nöthig, daß ich ausgehe, damit Du zu Tib gehen kannſt. Wir haben nichts mehr mit einander zu theilen, und Du kannſt gehen, wohin Du willſt. Meine Näh⸗ nadel, ſage ich, meine Nähnadel, oder ich hänge Dich als Vogelſcheuche auf meinem Erbſenfeld aus, daß die Spatzen vor Angſt davon fliegen ſollen. Meine Näh⸗ nadel, oder— Sie hob die geballte Fauſt drohend gegen ihn em⸗ — 53— por, überzeugt, daß Hodge dies Mal, wie immer, vor dieſer drohenden Waffe ſeiner eiferſüchtigen und em⸗ pfindſamen Geliebten ſich unter das Bett, oder unter den Tiſch flüchten würde. Aber dies Mal hatte ſie ſich geirrt. Hodge, wel⸗ cher ſah, daß Alles verloren ſei, fühlte endlich ſeine Geduld erſchöpft und ſeine Furcht verwandelte ſich jetzt in eine verweiflungsvolle Wuth. Das Lamm hatte ſich in einen Tiger verwandelt, und mit Tiger⸗ wuth ſtürzte er auf Gammer Gurton hin, ihre Fauſt bei Seite ſchleudernd, und mit einem derben Schlag ihre eigene Wange treffend. Das Signal war gegeben und der Kampf begann, von beiden Seiten mit gleicher Erbitterung, gleicher Kraft geführt, nur daß Hodge's lnorhige Hand weit empfindlicher die Fleiſchmaſſe der Frau Gammer Gur⸗ ton traf, und immer gewiß war, irgend einen Punkt dieſer großen Maſſe zu treffen, während Gammer Gurton’'s weiche Hand ſelten dieſe ſchmale, fadenſchei⸗ nige Geſtalt, welche geſchickt jeden Schlag parirte, zu treffen wußte. Haltet ein, Ihr Narren, ſchrie plötzlich eine Sten⸗ torſtimme, ſeht Ihr denn nicht, Ihr Kobolde, daß Euner Herr und Meiſter da iſt? Ruhe, Ruhe alſo, Ihr Teufel, und ſchlagt Euch nicht, ſondern liebet Euch unter einander! Es iſt der Herr! rief Gammer Gurton, ganz zer⸗ knirſcht ihre Fauſt ſinken laſſend. Jagt mich nicht aus dem Dienſt, Herr, jammerte Hodge, verſtoßt mich nicht, weil ich die alte Hexe end⸗ lich einmal durchgebläut habe. Sie hat es ſeit lange verdient, und ſelbſt ein Engel muß endlich bei ihr die Geduld verlieren.. — 54— Ich Dich aus dem Dienſt jagen? rief John Hey⸗ wood, indem er ſich die vom Lachen feuchten Augen trocknete. Nein, Hodge, Du biſt eine wahre Perle, eine Fundarube von Spaß und Luſtigkeit, und Ihr habt mir Beide, ohne es zu wiſſen, den köſtlichſten Stoff zu einem Stück gegeben, welches ich auf Befehl des Königs in ſechs Tagen ſchreiben muß. Ich bin alſo Euch Dank ſchuldig und dieſen Dank will ich denn allſogleich abtragen. Hört mich wohl an, mein verliebtes, zärtliches Taubenpaar, und merkt, was ich Euch zu ſagen habe. Man kann nicht immer den Wolf an ſeinem Fell erkennen, denn er zieht zuweilen einen Schafspelz an, auch kann man⸗nicht immer den Menſchen an ſeiner Stimme erkennen, denn er borgt ſie ſich zuweilen von ſeinem Nächſten. So kenne ich zum Beiſpiel einen gewiſſen John Heywood, welcher ganz genau die Stimme einer gewiſſen kleinen Tib nachahmen kann, und genau ſo ſüß, wie ſie ſelber, zu flöten verſteht:„Hodge, mein vielgeliebter Hodge!“ Und er wiederholte ihnen genau und mit demſelben Ton und Ausdruck die Worte, welche die Stimme vorher gerufen. Ach, Ihr waret es, Herr? rief Hodge mit einem grinſenden Lachen. Die Tib da auf dem Hofe, die Tib, um welche wir uns geprügelt haben?— Die Tib war ich, Hodge, ich, welcher Eurem gan⸗ zen Gezänk beigewohnt hatte, und welcher es unge⸗ heuer ſpaßhaft fand, Euch die Stimme der Tib wie einen Kanonenſchlag mitten in Euren verliebten Kampf hineinzudonnern! Ach, ach, Hodge, das war eine gute Bombo, nicht wahr, und wie ich ſagte:„Hodge, mein vielgeliebter Hodge!“ fielſt Du wie eine Kornähre um, welche ein Miſtkäfer mit ſeinem Athem angeweht. Nein, nein, meine würdige und tugendhafte Frau — 5 5— Gammer Gurton, es war nicht Tib, welche den ſchö⸗ nen Hodge rief, vielmehr ſah ich die Tib ſchon, als Euer Streit begann, durch das Hofthor fortgehen. Es war nicht Tib, ſchrie Gammer Gurton ganz erührt und liebeſelig. Es war nicht Tib, und ſie iſt nicht einmal im Hofe, und Hodge konnte alſs nicht einmal zu ihr hinunter gehen, während ich nach Näh⸗ nadeln zum Kaufmann ging. Oh Hodge, Hodge, wirſt Du mir das verzeihen, wirſt Du die harten Worte vergeſſen, welche ich in der Wuth meines Schmerzes geſprochen, und wirſt Du mich wieder lieben können? Ich werde es verſuchen, ſagte Hodge gravitätiſch, und ohne Zweifel wird es mir gelingen, vorausge⸗ ſetzt, daß Ihr gleich heute zum Friedensrichter geht und Euer Teſtament macht. „Ich mache mein Teſtament, und morgen gehen wir zum Prieſter, nicht wahr mein Engel? Ja, morgen gehen wir zum Prieſter! knurrte Hodge, indem er ſich mit einer fürchterlichen Grimaſſe hinter den Ohren kratzte. Und nun komm, mein Engel, und gieb mir einen Kuß der Verſöhnung! Sie breitete die Arme aus und da Hodge nicht zu ihr kam, ſondern unbeweglich und ſteif auf ſeiner Stelle blieb, ging ſie zu Hodge, und ſchloß ihn zärt⸗ lich an ihr Herz. 4 Plötzlich ſtieß ſie einen Schrei aus und ließ Hodge los. Sie hatte da an ihrem Buſen einen fürchterlichen Schmerz gehabt, es war, als ob ein kleiner Dolch ſich in ihre Bruſt gebohrt. 4 Und da war ſie, die verlorne Nähnadel, und Hodge war alſo unſchuldig und rein wie der junge Tag. — 56— Er hatte nicht die Nähnadel muthwillig entwandt, damit Frau Gammer Gurton gezwungen ſei, ihr Haus zu verlaſſen, um beim Kaufmann neue Näh⸗ nadeln einzuholen, er hatte nicht zu Tib gehen wollen, denn Tib war nicht einmal im Hofe, ſondern fortge⸗ gangen. O Hodge, Hodge, guter Hodge, Du unſchuldige Taube, wirſt Du mir verzeihen? Kommt zum Friedensrichter, Gammer Gurton, und ich verzeihe Euch! Sie ſanken ſich zärtlich in die Arme, ganz ihres Herrn vergeſſend, der noch immer neben haen ſtand und ihnen lachend und kopfnickend zuſchaute. Da hätte ich alſo den ſchönſten und herrlichſten Stoff zu meinem Stücke gefunden, ſagte John Hey⸗ wood, das verliebte Paar verlaſſend, und ſich in ſein Zimmer begebend. Gammer Gurton hat mich ge⸗ rettet, und König Heinrich wird nicht die Freude ha⸗ ben, mich von den höchſt tugendreichen und höchſt minnegleichen Damen ſeines Hofes gepeitſcht zu ſehen. An's Werk denn, gleich an's Werk! Er ſetzte ſich au ſeinen Schreibtiſch und griff nach Papier und Feder. Aber wie? fragte er plötzlich zaudernd. Das iſt allerdings ein koſtbarer Stoff zu einem Stück, doch nun und nimmermehr wird ein Interlude daraus! Wie mache ich's nur? Den Stoff ganz fallen laſſen, und wiederum die Mönche foppen und der Nonnen ſpotten? Das iſt ſo alt und abgebraucht! Ich will etwas Neues ſchreiben, ganz etwas Neues und Etwas, was den König ſo luſtig machen ſoll, daß er einen ganzen Tag kein Todesurtheil unterſchreibt. Ja, ja, — 57— ein luſtiges Spiel ſoll's werden und alſo nenne ich es kühn und beherzt ein Luſtſpiel! Und er griff nach der Feder und ſchrieb: Gam⸗ mer Gurton's Nähnadel, ein recht niedliches, gefälliges und tolles Luſtſpiel.*) 3 Und ſo entſtand das erſte engliſche Luſtſpiel durch John Heywood, den Narren des Königs Heinrich.*) ——ʃ——————— V. Lady Jane. Allles ſchlief im Palaſte zu Whitehall. Selbſt die Diener des Königs, welche im Vorzimmer des Schlaf⸗ gemaches die Wache hatten, waren längſt entſchlum⸗ mert, denn der König ſchnarchte ſchon ſeit mehreren Stunden, und dies majeſtätiſche Geräuſch war den Bewohnern des Palaſtes die freudevolle Kunde, daß ſie für eine ſchöne Nacht des Dienſtes überhoben und freie Menſchen ſein könnten. Auch die Königin hatte ſich lange ſchon in ihre Gemächer zurückbegeben, und ihre Damen ungewöhn⸗ *) Gammer Gurton's Needle, a right pitty pleasant and merry Comedy. **) Dieſes Luſtſpiel ward zuerſt gedruckt im Jahre 1661, wurde aber ſchon hundert Jahre früher aufgeführt im Christs⸗ College in Cambridge. Der Autor deſſelben iſt nicht mit Be⸗ ſtimmtheit angegeben, jedoch iſt es wahrſcheinlich, daß es John Bywaod den Epigrammiſten und Hofnarren des Künias zum erfaſſer hatte. Siehe darüber: Dramaturgie, oder Theorie und Geſchichte der dramatiſchen Kunſt. Von Theodor Mundt. Feſter rnd. Pag. 309. Flögel: Geſchichte der Hofnarren. ag. 399. 58— lich früh entlaſſen. Sie fühle ſich ermüdet von der Jagd, ſagte ſie, und bedürfe ſehr der Ruhe. Man ſolle daher nicht wagen, ſie zu ſtören, es ſei denn, daß der König es befehle. Aber der König, wie geſagt, ſchlief, und die Kö⸗ nigin hatte daher nicht nöthig, eine Störung ihrer nächtlichen Ruhe zu befürchten. 4 Tiefes Schweigen herrſchte im Palaſt. Leer und öde waren die Corridore, ſchweigend alle Gemächer. Plötzlich ſchwankte leis und vorſichtig eine Geſtalt durch den langen matterleuchteten Corridor daher. Sie war in einen ſchwarzen Mantel gehüllt, ein Schleier barg ihr Angeſicht. Kaum mit den Füßen den Boden berührend ſchwebt ſie dahin und ſchlüpft eine kleine Treppe hinunter. Nun macht ſie Halt und lauſcht. Nichts iſt zu hören, Alles iſt geräuſchlos und ſtill. Weiter denn. Nun beflügelt ſie den Schritt. Denn hier iſt ſie ſicher, nicht gehört zu werden. Es iſt der unbewohnte Flügel des Schloſſes von Whitehall. Nie⸗ mand belauſcht ſie hier. Weiter alſo, weiter, jenen Corridor hinunter, jene Treppe abwärts geſtiegen. Da ſteht ſie ſtill vor die⸗ ſer Thür, welche in den Gartenſaal führt. Sie legt das Ohr an die Thür und lauſcht. Dann klopft ſie drei Mal in die Hände. Der Schall findet hinter der Thür ein Echo. Oh, er iſt da, er iſt da! Vergeſſen ſind nun die Sorgen, vergeſſen die Schmerzen und Thränen. Er iſt da! Sie hat ihn wieder! Sie reißt die Thür auf. Wohl iſt es dunkel in dem Gemach, aber ſie, ſie ſieht ihn, denn das Auge — 59— der Liebe durchleuchtet die Nacht und wenn ſie ihn nicht ſieht, ſo fühlt ſie doch ſeine Nähe. Sie ruht an ſeinem Herzen, er drückt ſie feſt au ſeine Bruſt. Eins an das andere gelehnt, tappen ſie vorſichtig durch das dunkle, öde Gemach, bis zu dem Divan dort drüben, und Beide, in ſeliger Umſchlin⸗ gung, ſinken ſie nieder auf die Polſter. Endlich habe ich Dich wieder! Und meine Arme umfaſſen wieder dieſe Göttergeſtalt und meine Lippen drücken wieder dieſen purpurnen Mund! Oh meine Geliebte, welch' eine ewig lange Trennung war dies! Sechs Tage! Sechs qualvolle, lange Nächte! Haſt Du nicht gefühlt, wie meine Seele nach Dir ſchrie und bangte, wie ich die Arme in die Nacht hinſtreckte, und ſie troſtlos, ſchmerzdurchſchauert wieder ſinken ließ, weil ich nichts faßte, nichts als die kalte, öde Nacht⸗ luft? Haſt Du nicht gehört, Geliebte, wie ich Dich rief mit meinen Seufzern, mit meinen Thränen, wie ich in glühenden Dithyramben Dir meine Sehnſucht, meine Liebe, mein Entzücken ausſtrömte? Und Du, Du Grauſame, bliebſt immer kalt und immer lächelnd. Deine Augen flammten immer in dem Stolz und der Hoheit einer Juno, die Roſen Deiner Wangen ſind nicht um einen Hauch gebleicht! Nein, nein, Du haſt Dich nicht nach mir geſehnt, Dein Herz hat dieſe ſchmerzensvolle, ſelige Qual nicht empfunden, Du biſt vor allen Dingen und zuerſt die ſtolze, kalte Kö⸗ nigin und dann erſt, dann erſt die Liebende! Wie ungerecht und wie hart Du biſt, mein Henry! flüſterte ſie leiſe. Ach, ich habe wohl gelitten und vielleicht ſind meine Schmerzen grauſamer und bitterer geweſen, als die Deinen, denn ich, ich mußte ſie nach innen freſſen laſſen. Du durfteſt ſie ausſtrömen, Du durfteſt Deine Arme nach mir ausſtrecken, Du durf⸗ — 60— teſt ſchreien, durfteſt ſeufzen. Du warſt nicht, wie ich, verdammt zu lächeln und zu ſcherzen, und mit an⸗ ſcheinend aufmerkſamem Ohr all dieſen oft gehörten, immer wiederkehrenden, lobpreiſenden und anbetenden Phraſen meiner Umgebung zuzuhören. Du warſt min⸗ deſtens frei, um zu leiden! Ich nicht! Es iſt wahr, ich habe gelächelt, aber unter Todesqualen, es iſt wahr, meine Wangen ſind nicht gebleicht, aber die Schminke war der Schleier, welchen ich über ihre Bläſſe gelegt habe. Und dann, Henry, inmitten meines Schmerzes und meiner Sehnſucht hatte ich auch einen ſüßen Troſt, Deine Briefe, Deine Gedichte, welche wie der Himmelsthan ſich auf meine kranke Seele legten, und ſie immer wieder geſunden machten zu neuen Qualen und zu neuem Hoffen! Oh wie liebe ich ſie, dieſe Ge⸗ dichte, in welcher edlen und bezaubernden Sprache ſie mir Deine Liebe und unſer Leiden wiederklingen! Wie fliegt ihnen immer meine ganze Seele entgegen, wenn ich ſie empfange, und wie drücke ich tauſend und tauſend Mal meine Lippen auf das Papier, wel⸗ ches mir Deinen Hauch, Deine Seufzer entgegen zu ſtrömen ſcheint! Wie liebe ich die gute, treue Jane, die verſchwiegene Botin unſerer Liebe! Wenn ich ſie in mein Zimmer treten ſehe, mit dieſem weißen Blatt in der Hand, dann iſt ſie mir die Taube mit dem Oelblatt, welche den Frieden und das Glück bringt, und ich ſtürze ihr entgegen und drücke ſie an meine Bruſt, und gebe ihr all' die Küſſe, welche ich Dir eben möchte und fühle, wie arm ich bin und macht⸗ os, weil ich ihr das Glück doch nicht vergelten kann, welches ſie mir bringt. Ach Henry, wie viel Dank ſind wir der armen Jane ſchuldig! Weshalb nennſt Du ſie arm, da ſie in Deiner Raͤhe, ſein, Dich immer ſehen, Dich immer hören ann 3 b — 61— Ich nenne ſie arm, weil ſie nicht glücklich iſt! Denn ſie liebt, Henry, ſie liebt bis zur Verzweiflung, bis zum Wahnſinn, und ſie wird nicht geliebt! Sie vergeht vor Gram und Schmerz, und ringt ſich die Hände wund in unermeßlichem Weh. Haſt Du es nicht geſehen, wie bleich ſie iſt, und wie ihre Augen täglich trüber werden? Nein, ich habe es nicht geſehen, denn ich ſehe nichts als Dich, und Lady Jane iſt für mich ein todtes Bild, wie alle andern Frauen. Aber wie? Du zitterſt und Deine Geſtalt zuckt wie im Krampf in meinen Armen? Und was iſt das? Du weinſt? Oh, ich weine, weil ich ſo glücklich bin, ich weine, weil ich daran dachte, wie fürchterlich das Leiden ſein muß, ſein Herz ganz hinzugeben und nichts dafür zu empfangen, nichts als den Tod! Arme Jane! Was kümmert ſie uns! Wir, wir lieben uns! Komm Geliebte, laß mich die Thränen von Deinen Wangen küſſen, laß mich dieſen Nektar trinken, daß er mich begeiſtere und zu einem Gott verkläre! Weine nicht mehr, nein, weine nicht, oder wenn Du's thun willſt, ſo ſei es nur im Uebermaß des Entzückens und weil das Wort, und weil die Bruſt zu arm iſt, all' dieſe Seligkeit zu faſſen! 1 3 Ja, ja, laß uns jauchzen vor Glück, laß uns ver⸗ gehen in Seligkeit! rief ſie leidenſchaftlich, indem ſie ſich Fuü einer raſenden Gewalt an ſeine Bruſt warf. Nun ſchwiegen ſie Beide, nun ruhten ſie ſtumm eins an des andern Herzen. 5 Oh, wie jüß. dieſe Stille, wie entzückend dieſe lautloſe, ſelige Nacht! Wie die Bäume da draußen murmeln und rauſchen, als ſängen ſie den Liebenden — 62— ein himmliſches Schlummerlied, wie neugierig die blaſſe Mondesſichel durch die Fenſter hereinſchaut, als ſuche ſie die Zwei, deren ſeliger Vertrauter ſie iſt. Aber das Glück iſt ſo ſchnell beſchwingt, und die Zeit fliegt ſo raſch, wenn die Liebe ihre Gefährtin iſt. Sie müſſen ſchon wieder ſcheiden, ſchon wieder Abſchied nehmen. Noch nicht, Geliebte! Bleibe noch! Sieh', es iſt noch finſtere Nacht und horch, dort ſchlägt die Schloß⸗ uhr erſt die zweite Stunde. Nein, geh noch nicht! Ich muß, Henry, ich muß! Die Stunden ſind vorüber, wo ich glücklich ſein darf! Oh, Du kalte, ſtolze Seele! Sehnt ſich dies Haupt ſchon wieder nach der Krone und kannſt Du's nicht mehr erwarten, daß der Purpur wieder über Deine Schultern fällt? Komm, laß mich Deine Schulter küſſen und nun denke, Holde, daß meine purpurrothen Lippen auch ein Purpur ſind! Und ein Purpur, um den ich freudig meine Krone und mein Leben gebe! rief ſie ganz begeiſtert, indem ſie ihn in ihre Arme ſchloß. Liebſt Du mich alſo? Liebſt Du mich wirklich? Ja, ich liebe Dich! Kannſt Du's mir ſchwören, daß Du Niemand liebſt, Niemand außer mir? Ich kann's Dir ſchwören, ſo wahr ein Gott über uns iſt und meinen Schwur hört! Sei geſegnet dafür, Du Holde, Einzige,— o, wie nenne ich Dich nur, Dich, deren Namen ich nicht nennen darf! O weißt Du, daß das grauſam iſt, nicht einmal den Namen der Geliebten zu nennen? Nimm dies Verbot zurück, gönne mir das ſchmerzlich ſüße Glück, Dich mindeſtens bei Deinem Namen rufen zu können! Nein, ſagte ſie ſchaudernd, weißt Du denn nicht, daß die Nachtwandler aus ihren Träumen erwachen, wenn ſie bei ihrem Namen gerufen werden? Ich bin eine Nachtwandlerin, welche mit lächelndem Muth auf ſchwindelnden Höhen umherſchwebt; rufe mich bei meinem Namen und ich werde erwachen und ſchau⸗ dernd in den Abgrund hinunter ſtürzen! Ach, Henry, ich haſſe meinen Namen, denn er wird von andern Lippen als den Deinen ausgeſprochen! Für Dich will ich nicht heißen, wie mich die andern Menſchen nennen! Taufe mich, mein Henry, gieb mir einen andern Na⸗ men, einen Namen, der unſer Geheimniß iſt und den Niemand kennt, außer uns! So nenne ich Dich Geraldine, und als Ge⸗ raldine will ich Dich preiſen und loben vor aller Welt, will ich Dir, all' dieſen Spähern und Lauſchern zum Trotz, immer wiederholen, daß ich Dich liebe, und Niemand, ſelbſt der König nicht, ſoll mir's verwehren können! Scttll, ſagte ſie zuſammen zuckend, ſprich nicht von ihm! Oh, ich beſchwöre Dich, mein Henry, ſei vor⸗ ſichtig, denke, daß Du mir geſchworen haſt, immer an die Gefahr 8 denken, die uns Beide bedroht und ohne Zweifel uns zerſchmettern wird, wenn Du nur mit einem Laut, einem Blick, einem Lächeln dieſes ſüße Geheimniß verräthſt, welches uns Beide verbin⸗ det. Weißt Du noch, was Du mir geſchworen haſt? Ich weiß es! Aber es iſt ein unnatürliches, dra⸗ koniſches Geſetz. Wie, ſelbſt wenn ich allein mit Dir bin, ſoll ich nicht einmal wagen dürfen, Dich anders als mit jener Ehrfurcht und zrückhaltung anzureden, wie ſie der Königin gebührt? Selbſt wenn uns Nie⸗ — 61— mand hören kann, ſoll ich mit keiner Sylbe, keiner noch ſo leiſen Andeutung an unſere Liebe Dich er⸗ innern dürfen? Nein, nein, thue es nicht, denn dieſes Schloß hat überall Aug' und Ohr, und überall ſind Späher und Lauſcher hinter den Tapeten, hinter den Vorhängen, überall, überall haben ſie ſich verborgen und lauern auf jede Miene, auf jedes Lächeln und überwachen jedes Wort, ob es ſich nicht verdächtigen laſſe. Nein, nein, Henry, ſchwöre mir bei unſerer Liebe, daß Du niemals, außer hier, in dieſem Zimmer, mit mir an⸗ ders als mit Deiner Königin ſprechen willſt! Schwöre mir, daß Du da draußen nur für mich der ehrfurchts⸗ volle Diener Deiner Königin und zugleich der ſtolze Graf und Lord ſein willſt, von dem man ſagt, daß nie ein Weib es vermocht, ſein Herz zu rühren. Schwöre mir, daß Du mit keinem Blick und keinem Lächeln, mit keinem noch ſo leiſen Druck der Hand verrathen willſt, was außer dieſem Zimmer für uns Beide ein Verbrechen iſt. Dieſes Zimmer ſei der Tempel unſerer Liebe; aber einmal über die Schwelle deſſelben Hinmsxetteden, wollen wir die ſüßen My⸗ ſterien unſeres Glückes nicht entweihen, indem wir auch nur einen Strahl davon vor unheiligen Augen ſehen laſſen! Soll es ſo ſein, mein Henry Nun ja, es ſoll ſo ſein! ſagte er mit trüber Stimme, obwohl ich Dir bekennen muß, daß mich dieſe fürchterliche Täuſchung oft faſt bis zum Tode martert. O. Geraldine, wenn ich Dich da draußen ſehe, wenn ich gewahre, mit welchem eiskalten, un⸗ bewegten Auge Du meinem Blick begegneſt, ſo fühle ich es wie einen Krampf in meinem Herzen und ich ſage mir: dies iſt nicht meine Geliebte, nicht das zärt⸗ liche, leidenſchaftliche Weib, welches ich zuweilen im —— Dunkel der Nacht in meine Arme ſchließe; dies iſt Katharina die Königin, aber nicht meine Geliebte! So kann ein Weib ſich nicht verſtellen, ſo weit geht die Kunſt nicht, daß ſie die ganze Natur, das innerſte Sein und Weſen eines Menſchen verleugnen könnte! Oh, es hat Stunden gegeben, ſchauerliche, entſetzens⸗ volle Stunden, wo mir ſchien, als ob dies Alles nur eine Täuſchung, eine Myſtification ſei, als ob irgend ein böſer Dämon nächtlich die Geſtalt der Königin annähme, um mich armen, wahnſinnigen Schwärmer mit einem Glück zu umgaukeln, welches nicht wirklich iſt, ſondern nur in meiner Einbildung lebt! Dann fühle ich bei dieſem Gedanken eine wahnſinnige Wuth, eine zerſchmetternde Verzweiflung, und ich möchte, nicht achtend meines Schwurs, und ſelbſt der Gefahr, welche Dich bedroht, zu Dir hinſtürzen und vor all⸗ dieſem Hofgeſchmeiß und vor dem König ſelbſt Dich fragen: Biſt Du wirklich, was Du ſcheinſt? Biſt Du Katharina Parr, König Heinrichs Gemahlin, nichts mehr, nichts Anderes, als nur das? Oder biſt Du meine Geliebte, das Weib, welches mein iſt mit jedem Gedanken und jedem Athemzug, welches mir eine ewige Liebe, eine unerſchütterliche Treue gelobt hat, und die ich der ganzen Welt und dem König zum Trotz als mein Beſitzthum an mein Herz drücke? Unglücklicher, wenn Du das jemals wagſt, giebſt Du uns Beiden den Tod! Sei's darum! Im Tode wenigſtens wärſt Du mein und Niemand dürfte es mehr wagen, uns zu trennen, und Deine Augen würden mich nicht ſo kalt und fremd mehr anſehen, wie ſie es jetzt oft thun! Oh, ich beſchwöre Dich, ſieh mich niemals an, wenn es nur mit dieſen kalten, ſtolzen Blicken ſein kann, welche mein Herz erſtarren machen! Wende Deine Heinrich VIII. 2. 5 4 *& — 66— Augen weg von mir und ſprich zu mir mit abge⸗ wandtem Geſicht. Dann werden die Menſchen ſagen, daß ich Dich haſſe, Henry! Es iſt angenehmer, wenn ſie ſagen, daß Du mich verabſcheueſt, als wenn ſie ſehen, daß ich Dir ganz gleichgültig, daß ich Dir nichts bin, als der Graf von Surrey, Dein Ober⸗Kammerherr. Nein, nein, Henry! Sie ſollen ſehen, daß Du mir mehr biſt, als nur das. Ich will Dir vor dem ganzen verſammelten Hofe ein Zeichen meiner Liebe geben. Wirſt Du dann glauben, Du lieber, thörichter Schwärmer, daß ich Dich liebe und daß es kein Dä⸗ mon iſt, welcher hier in Deinen Armen ruht und ſchwört, daß er nichts liebt als Dich? Sage, wirſt Du mir dann glauben? Ich werde Dir glauben! Aber nein, es bedarf keines Zeichens und keiner Verſicherungen. Ich weiß es ja, ich fühle ja die ſüße Wirklichkeit, welche ſich warm und beglückend an meine Seite ſchmiegt, und nur das Uebermaaß des Glückes iſt es, welches mich ungläubig macht. Ich will Dich gläubig machen und Du ſollſt nicht mehr zweifeln, ſelbſt in der Trunkenheit des Glückes nicht. Höre alſo! Der König will, wie Du weißt, ein großes Turnier und Dichterfeſt geben. und in einigen Tagen wird es ſtattfinden. Nun denn, bei dieſem Feſte werde ich Dir öffentlich, im Beiſein des Königs und des Hofes eine Schleife geben, die ich an meiner Schulter trage, und in deren ſilberner Franſe Du einen Brief von mir finden ſollſt. Wird das Dich befriedigen, mein Henry? Und Du fragſt noch, Geliebte? Du fragſt, wenn — 67— Du mich ſtolz und glücklich machen willſt vor allen Andern Deines Hofes? Er drückte ſie feſt an ſein Herz und üie ſie. Aber plötzlich zuckte ſie in ſeinen Armen und ſchreckte wild empor. Es wird Tag, es wird Tag! Sieh, dort zieht ſchon ein röthlicher Streifen über das Gewölk. Die Sonne kommt, der Tag kommt, und ſchon beginnt es zu dämmern. Er verſuchte noch, ſie zu halten, aber ſie riß ſich leidenſchaftlich los, und hüllte ihr Haupt wieder in den Schleier ein. Ja, ſagte er, der Tag bricht an und es wird licht! So laß mich alſo mindeſtens einen Moment Dein Antlitz ſehen. Meine Seele dürſtet darnach, wie die verſengte Erde nach dem Thau. Komm, hier am Fenſter iſt's hell. Laß mich Deine Augen ſehen. Sie riß ſich heftig los. Nein, nein, Du mußt fort! Horch, ſchon drei Uhr! Schon wird es lebendig im Schloß! War es nicht, als ob ein Menſch an der Thür hier vorüberging? Eile, eile, wenn Du nicht willſt, daß ich vor Angſt ſterben ſoll! „Siie warf ihm ſelbſt den Mantel über, ſie drückte ihm den Hut über die Stirn, dann ſchlang ſie noch einmal die Arme um ſeinen Nacken, und preßte einen glühenden Kuß auf ſeine Lippen. Lebe wohl, mein Geliebter, lebe wohl Heury Ho⸗ ward. Wenn wir uns heute wieder ſehen⸗ biſt Du der Graf von Surrey, und ich die Königin, nicht Deine Geliebte und nicht das Weib welches Dich liebt! Das Glück iſt aus und das Leiden erwacht wieder. Lebewohl! Sie öffnete ſelbſt die Glasthür und ſchob den Ge⸗ 5* . — 68— liebten hinaus. Lebewohl Geraldine, gute Nacht, meine Geliebte! Der Tag kommt, und ich grüße Dich wieder als meine Königin, und ich werde wieder die Qual Deiner kalten Blicke und Deines ſtolzen Lächelns zu ertragen haben! VI. Der general Loyola's. Sie ſtürzte zum Fenſter hin, und ſchaute ihm nach, bis er verſchwunden war, dann ſtieß ſie einen tiefen Schmerzensſchrei aus, und ganz übermannt von ihrer Qual ſank ſie auf ihre Kniee nieder, weinend und klagend und die Hände zu Gott empor ringend. Eben noch ſo glücklich und freudevoll, war ſie jetzt voll Jammer und Schmerz, und bittre Klageſeufzer bebten von ihren Lippen.. Oh, oh, jammert ſie ſchluchzend, welche furchtbare Qualen ſind dies, und welch ein verzweiflungsvoller Schmerz zerfleiſcht mir die Bruſt! Ich habe in ſeinen Armen gelegen, ich habe ſeine Liebesſchwüre empfan⸗ gen, ſeine Küſſe geduldet und dieſe Schwüre ſind nicht mein und dieſe Küſſe hat er nicht mir gegeben. Er küßt mich und liebt in mir nur Die, welche ich haſſe, er ſchwört in meine Hände die Liebe, welche er ihr eweiht, er denkt und fühlt nur ſie, nur ſie allein. elch eine furchtbare Marter iſt dies! Unter ihrem Namen geliebt zu werden, unter ihrem Namen die Liebesſchwüre zu empfangen, die doch nur mir, mir allein gehören! Denn mich liebt er, mich ganz allein! — 69— Meine Lippen ſind es, welche er küßt, meine Geſtalt iſt es, welche er umfängt, an mich ſind ſeine Worte, ſeine Briefe gerichtet und ich bin es, welche ſie beant⸗ wortet. Er liebt mich, nur mich und glaubt doch nicht an mich! Ich bin ihm nichts, als ein todtes Bild, wie alle andern Frauen.— Dies hat er mir geſagt und ich bin nicht wahnſinnig geworden, und ich habe den grauſamen Muth gehabt, die Thränen, welche die Verzweiflung mir ausgepreßt, für Thränen des Entzückens auszugeben. Oh ſchmachvoller, ſchauerlicher Spott des Schick⸗ ſals, zu ſein, was ich nicht bin und nicht zu ſein, was ich bin. Und mit einem gellenden Weheſchrei zerraufte ſie ſich das Haar, ſchlug ſie mit den Fäuſten an ihre Bruſt und weinte und jammerte laut. Sie hörte nichts, ſie ſah nichts, ſie fühlte nichts, als ihren unnennbaren, verzweiflungsvollen Schmerz. Sie zitterte nicht einmal für 44 ſelber, ſie dachte gar nicht daran, daß ſie verloren ſein würde, wenn man ſie hier fände. Und doch hatte ſich dort drüben leiſe und geräuſch⸗ los eine Thür geöffnet und ein Mann war ein⸗ getreten.— Er ſchloß die Thür hinter ſich und ſchritt auf Lady Jane zu, welche immer noch am Boden lag. Er ſtand hinter ihr, während ſie ihre verzweiflungsvolle Klage ausſtieß, er hörte jedes Wort ihrer zitternden Lippen; ihr ganzes ſchmerzvoll zuckendes, qualenzerriſſenes Herz lag enthüllt vor ihm und ſie wußte es nicht. Jetzt beugte er ſich zu ihr nieder und berührte leicht mit der Hand ihre Schulter. Sie zuckte von dieſer Berührung zuſammen, als habe ein Schwert⸗ — 70— ſtreich ſie getroffen und ihr Schluchzen verſtummte ſofort. Eine ſchauerliche Pauſe trat ein. Das Weib lag unbeweglich, athemlos am Boden, und unbeweglich, hoch und kalt, wie eine Geſtalt von Erz, ſtand der Mann neben ihr. Lady Jane Douglas, ſagte er dann ernſt und feierlich, ſtehet auf! Es ziemt ſich nicht für die Tochter Eures Vaters auf den Knieen zu liegen, wenn es nicht Gott iſt, vor dem Ihr knieet. Ihr aber knieet nicht vor Gott, ſondern vor dem Götzenbilde, welches Ihr Euch ſelber geſchaffen und welchem Ihr einen Tempel errichtet habt in Eurem Herzen. Dieſes Götzenbild heißt:„Euer perſönliches Ungli(cck“. Es ſtehet aber geſchrieben:„Ihr ſollt keine andern Götter haben neben mir“. Drum ſage ich Euch noch einmal: Lady Jane Douglas, ſtehet auf von Euren Anſden, denn es iſt nicht Euer Gott, vor dem Ihr nieet. 1 Und als ob dieſe Worte eine magnetiſche Kraft auf ſie ausübten, hob ſie ſich langſam vom Boden empor und ſtand jetzt ernſt und kalt, wie ein Mar⸗ morbild, vor ihrem Vater da.. Werfet von Euch die Schmerzen dieſer Welt, welche Euch belaſten und Euch hindern an dem heiligen Werk, welches Gott Euch auferlegt! fuhr Graf Douglas mit ſeiner ehernen, feierlichen Stimme fort. Es ſtehet geſchrieben:„Kommet her zu mir, Ihr Mühſeligen und Beladenen, ich will Euch erretten, ſpricht unſer Gott“.— Du aber, Jane, Du ſollſt Deine Mühſal niederwerfen zu den Füßen des Thrones und Deine Laſt ſoll Dir zu einer Krone werden, welche Dein Haupt verklären ſoll! — — 71— Er legte ſeine Hand auf ihr Haupt, ſie aber ſchüt⸗ telte ſie wild von ſich fort. 8 Niein, rief ſie mit ſtotternder, ſchwerer Zunge, wie in einem Traum befangen. Fort mit dieſer Krone! Ich will keine Krone, über welche die Teufel ihren Segen geſprochen, ich will keinen Königspurpur, wel⸗ cher mit dem Blute meines Geliebten gefärbt iſt. Sie iſt noch im Delirium ihres Schmerzes, mur⸗ melte der Graf, indem er das bleiche, bebende Weib betrachtete, welches jetzt wieder in die Knie geſunken war und mit wirren, weit aufgeriſſenen Augen vor ſich hinſtarrte. Aber des Grafen Blicke blieben kalt und unbewegt, und nicht das leiſeſte Mitleid regte ſich in ihm für ſeine arme, ſchmerzdurchwühlte Tochter. Stehe auf, Jane, ſagte er hart und eiſern. Die Kirche befiehlt Dir durch meinen Mund ihr zu dienen, wie Du gelobt es zu thun, das heißt, mit freudigem Herzen und gottvertrauendem Sinn, das heißt, mit lächelnder Lippe und klarem, leuchtendem Blick, wie es glaubensbegeiſterten Jüngern geziemt und wie Du es geſchworen haſt in die Hände unſers Herrn und Meiſters Ignaz von Loyola. Ich kann nicht! Ich kann nicht, mein Vater! wim⸗ merte ſie leiſe. Ich kann nicht freudigen Herzens ſein, wenn dies Herz zerfleiſcht wird von dem wilden Eber der Verzweiflung, ich kann meinem Blick nicht ebieten zu glänzen, wenn meine Augen verdunkelt ind von den Thränen des Schmerzes. Oh habt Er⸗ barmen, habt Mitleid! Erinnert Euch, daß Ihr mein Vater, daß ich Eure Tochter bin, die Tochter eines Weibes, welches Ihr geliebt habt und welche im Grabe keine Ruhe finden würde, wenn ſie wüßte, wie Ihr mich martert und quält. Meine Mutter, meine Mutter, wenn Dein Geiſt mir nahe iſt, ſo komm und beſchütze —-— 72— mich! Lege Deine milden Blicke beſchattend über mein Haupt und hauche einen Athemzug Deiner Liebe in das Herz dieſes grauſamen Vaters, welcher ſein Kind auf dem Altare ſeines Gottes opfern will. Gott hat mich gerufen, ſagte der Graf, und wie Abraham werde auch ich zu gehorchen wiſſen. Aber nicht mit Blumen will ich mein Opfer ſchmücken, ſondern mit einer Königskrone, nicht das Meſſer will ich in ſeine Bruſt bohren, ſondern einen goldenen Scepter will ich in ſeine Hand legen und ſagen: Du biſt eine Königin vor den Menſchen, aber ſei eine treue und gehorſame Dienerin vor Gott. Du haſt Allen zu gebieten. Dir aber gebietet die heilige Kirche, deren Dienſt Du Dich geweiht und welche Dich ſegnen wird, wenn Du treu biſt, welche mit ihrem Fluch Dich zerſchmettern wird, wenn Du es wagſt, Verrath an ihr zu üben. Nein, Du biſt nicht meine Tochter, ſondern die zu heiligem Dienſt geweihte Prieſterin der Kirche, nein, ich habe kein Mitleid mit Deinen Thrä⸗ nen und dieſen Schmerzen, denn ich ſehe dieſer Schmerzen Ende, und ich weiß, daß dieſe Thränen ſich als Perlendiadem um Deine Schläfe legen werden. Lady Jane Douglas, der heilige Loyola iſt es, welcher Euch durch meinen Mund ſeine Befehle ſendet. Ge⸗ horcht alſo, nicht weil ich Euer Vater, ſondern weil ich der General bin, dem Ihr Gehorſam und Treue geſchworen, bis an Eures Lebens Ende. So tödtet mich, mein Vater! ſagte ſie matt. Laßt dieſes Leben enden, welches für mich nur eine Qual, eine fortgeſetzte Marter iſt. Straft mich für meinen Ungehorſam, indem ihr Euren Dolch tief in meine Bruſt ſenkt, ſtraft mich, indem Ihr mir die Ruhe des Grabes gönnt. Arme Schwärmerin, ſagte der Vater, glaubſt Du, wir würden ſo thöricht ſein, Dich ſo leichter Strafe zu unterwerfen? Nein, nein! Wenn Du es wagſt, Dich in frevelndem Ungehorſam aufzulehnen gegen meine Befehle, ſo wird Deine Buße fürchterlich und Deine Strafe ohne Ende ſein. So werde ich nicht Dich tödten, ſondern Den, welchen Du liebſt, ſo wird es ſein Haupt ſein, welches fällt und Du wirſt ſeine Mörderin ſein. Er wird ſterben auf dem Schaffot und Du— Du wirſt leben in der Schande. Oh, ſchauderhaft! ächzte Jane, indem ſie ihre Hände vor ihr Antlitz ſchlug.. Ihr Vater fuhr fort: Thörichtes, kurzſichtiges Kind, welches glaubte mit dem Schwerte ſpielen zu können, und nicht ſah, daß dieſes Schwert mit zweiſchneidiger Klinge ſie ſelber treffen könne. Du wollteſt die Die⸗ nerin ſein der Kirche, um dadurch die Herrin der Welt zu werden. Du wollteſt die Glorie Dir ver⸗ dienen, aber dieſe Glorie ſollte mit ihren Flammen⸗ ſtrahlen Dein eigenes Haupt nicht verſengen. Thö⸗ richtes Kind! Wer mit den Flammen ſpielt, wird von den Flammen verzehrt werden. Wir aber, wir durchſchaueten Deine Gedanken und Dein Dir ſelber unbewußtes Wollen, wir ſahen hinein in die Tiefe Deines Weſens und als wir darin die Liebe fanden, haben wir die Liebe benutzt zu nnſern Zwecken und Deinem eigenen Heil. Was klagſt Du alſo und warum weinſt Du? Haben wir Dir nicht erlaubt zu lieben? Haben wir Dich nicht ermächtigt, Dich ganz dieſer Liebe hinzugeben? Nennſt Du Dich nicht das Weib des Grafen Surrey, und kannſt mir doch nicht den Prieſter nennen, der Euch getrauet hat? Lady Jane, Pehorche, und wir gönnen Dir das Glück Deiner iebe, wage es, Dich wieder uns aufzulehnen, und Schmach und Schande komme über Dich, und ver⸗ — 111— ſpoßen, verhöhnt ſollſt Du da ſtehen vor aller Welt, Du, die Buhlerin, die— ſteh Haltet ein, mein Vater! rief Jane, indem ſie heftig vom Boden emporſprang. Haltet ein mit Euren fürchterlichen Worten, wenn Ihr nicht wollt, daß die Scham mich tödten ſoll. Nein, ich unterwerfe mich, ich hehorche Ihr habt Recht, ich kann nicht mehr zurück! Und weshalb wollteſt Du auch? Iſt es nicht ein ſchönes und genußvolles Leben? Iſt es nicht ein ſeltenes Glück, ſeine Sünde zur Tugend verklärt zu ſehen und den irdiſchen Genuß zu einem himmliſchen Verdienſt ſich anrechnen zu können? Und was klagſt Du denn, daß er Dich nicht liebt? Er liebt Dich ja, ſeine Liebesſchwüre tönen noch in Deinen Ohren wieder, Dein Herz zittert noch von dem genoſſenen Glück. Was thut's, wenn Surrey das Weib, welches er in ſeine Arme ſchließt, mit ſeinem innern Auge anders ſieht als Dich? In Wirklichkeit liebt er doch nur Dich allein, ob Du für ihn Katharina Parr oder Jane Douglas heißeſt, das gilt ganz gleich; wenn Du nur ſeine Geliebte biſt. Aber ein Tag wird kommen, wo er den Irrthum erkennt, und wo er mir fluchen wird. Dieſer Tag wird nicht kommen. Die heilige Kirche wird das zu verhüten wiſſen, wenn Du Dich ihrem Willen beugſt, und ihr gehorchſt. Ich beuge mich! ſeufzte Lady Jane. Ich werde gehorchen, nur verſprecht mir, mein Vater, daß ihm nin Leider geſchehen ſoll, daß ich nicht ſeine Mörderin werde. Nein, ſeine Retterin und Erlöſerin ſollſt Du wer⸗ den. Nur mußt Du genau Alles erfüllen, was ich — 75— Dir uſtrade Zu allererſt alſo ſace mir den Erfolg Eurer heutigen Zuſammenkunft. Er zweifelt nicht, daß Du die Königin biſt? Nein, er glaubt es ſo feſt, daß er die Hoſtie darauf nehmen würde. Das heißt, er glaubt es jetzt, weil ich ihm verſprochen, ihm öffentlich ein Zeichen zu geben, woran er erkennen ſoll, daß es die Königin iſt, welche ihn liebt. Und dieſes Zeichen? fragte der Graf mit freude⸗ ſtrahlenden Blicken. Ich habe ihm verſprochen, daß die Königin ihm beim großen Turnier eine Schleife geben ſoll, und duß er in dieſer Schleife ein Billet von ihr finden wird. Ach, der Gedanke iſt bewunderungswürdig! rief Lord Douglas, und nur ein Weib, welches ſich rächen will, kann ihn erſinnen. Somit alſo wird die Köni⸗ gin ihre eigene Anklägerin werden und uns ſelbſt die Beweiſe ihrer Schuld in die Hände geben. Die ein⸗ ige Schwierigkeit bleibt noch, die Königin, ohne ihren Verdacht zu erwecken, dahin zu leiten, daß ſie dieſe Schleife trägt und ſie an Surrey giebt. Sie wird es thun, wenn ich ſie darum bitte, denn ſie liebt mich, und ich werde es ihr ſo darſtellen, daß ſie es mir als einen Liebesdienſt erweiſt. Katharina iſt gutmüthig und gefällig und nicht im Stande, eine Bitte aeſchlagen. Und ich werde den König benachrichtigen, das heißt, ich werde mich wohl hüten, dies ſelbſt zu thun, denn immer bleibt es gefährlich, zu einem hungrigen Tiger in den Käfig zu gehen, und ihm ſeine Nahrung zu bringen, weil er ſehr leicht in ſeinem Heißhunger mit — 76— dem dargereichten Fleiſche unſere eigene Hand ver⸗ ſchlingen möchte. Aber wie? fragte ſie mit dem Ausdrucke des Ent⸗ ſetzens. Wird er ſich begnügen, Katharina allein zu ſtrafen, wird er nicht auch ihn zerſchmettern, ihn, den er für ihren Liebhaber halten muß? Er wird es thun. Aber Du ſelbſt wirſt ihn er⸗ retten und befreien. Du wirſt ihm ſein Gefängniß öffnen und ihm die Freiheit geben, und er wird Dich lieben, Dich, ſeine Lebensretterin! Vater, Vater, es iſt ein gewagtes Spiel, was Ihr da ſpielt, und es kann kommen, daß Ihr dadurch zum Mörder Eurer enen Tochter werdet. Denn, hört wohl, was ich Euch ſage: Wenn ſein Haupt fällt, gebe ich mir ſelber den Tod; wenn Ihr mich zu ſeiner Mörderin macht, werdet Ihr dadurch der meine, und ich werde Euch fluchen und in die Hölle verwünſchen. Was kümmert mich eine Königskrone, wenn ſie mit Henry Howard's Blut befleckt iſt; was frage ich nach Ruhm und Ehre, wenn Er nicht da iſt, meine Größe zu ſehen, und ſeine ſtrahlenden Blicke mir nicht meine Krone wiederſpiegeln können? Schützt daher ihn, be⸗ wahrt ſein Leben, wie den Apfel Eures Auges, wenn Ihr wollt, daß ich die Königskrone annehme, welche Ihr mir bietet, damit der König von England auf's Neue ein Vaſall der Kirche werde! Und damit die ganze fromme Chriſtenheit Jane Douglas preiſe, die fromme Königin, der das heilige Werk gelungen, den rebelliſchen und abtrünnigen Sohn der Kirche, Heinrich den Achten, reumüthig zurückzu⸗ führen zu dem heiligen Vater in Rom, dem alleinigen geweihten Oberherrn der Kirche. Auf, auf, meine — 72— Tochter, verzage nicht! Dir winkt ein hohes Ziel und ein ſtrahlendes Glück erwartet Dich! Die heilige Mutterkirche wird Dich ſegnen und loben, und Hein⸗ rich der Achte wird Dich Pn Königin nennen. VII. Die gefangene. Noch immer war Alles ruhig und ſtill im Palaſt Whitehall. Nichts regte ſich und Niemand hatte es gehört, wie Lady Jane Douglas ihr Gemach verlaſſen und den Corridor hinunter geſchlüpft war. 4 Niemand hat's gehört, und kein Auge iſt wach, und keines ſieht, was jetzt im Zimmer der Königin geſchieht. Sie iſt allein, ganz allein. Die Dienerinnen ſchlafen Alle in ihren Gemächern, die Königin hat die Thüren des Vorſaals ſelbſt von innen verriegelt, und keine andere Thür führt in ihr Boudoir und ihr Schlafgemach als nur durch dieſen Vorſaal. ſih Sie iſt alſo vollkommen abgeſchloſſen, vollkommen ſicher. Jetzt hüllt ſie ſich raſch und eilig in einen langen ſchwarzen Mantel, deſſen Kapuze ſie tief über ihren Kopf und ihre Stirn zieht, und welcher ganz und gar ihre Geſtalt verhüllt und verbirgt. Und nun drückt ſie an einer, in dem Rahmen eines Bildes angebrachten Feder. Das Bild ſpringt zurück und läßt einen Ausgang ſehen, durch welchen ganz bequem eine Perſon hindurch gehen kann. — 78— Katharina thut es. Dann ſchiebt ſie vorſichtig von außen das Bild wieder zu und geht im Innern der ausgehöhlten Wand eine Zeit lang fort, bis ſie an der Wand tappend, endlich wieder an einen dort angebrachten Knopf faßt. Sie drückt daran, und jetzt öffnet ſich zu ihren Füßen eine Fallthür, durch welche ein ſchwaches Licht eindringt und die ſchmale kleine Treppe ſichtbar werden lügt, welche ſich da befindet. Katharina betritt dieſelbe und ſteigt mit beflügeltem Fuß die Stufen hinunter. Jetzt, am Fuße der Treppe drückt ſie wieder an einer geheimen Feder, und wieder öffnet ſich eine Thüͤr, durch welche die Königin in einen großen Saal eintritt. Oh, flüſtert ſie aufathmend, endlich der grüne Gartenſaal. durchſchreitet ihn raſch und öffnet eine nächſte 1 r. John Heywood? Königin, hier bin ich! Still, ſtill, ganz leiſe, damit die Wache, welche dicht hinter der Thür auf und ab geht, uns nicht hört. Kemfpt wir haben noch einen weiten Gang, laßt uns eilen 3 4 Wieder drückt ſie an einer in der Wand ange⸗ brachten Feder, und wieder öffnet ſich eine Thür. Aber bevor Katharina dieſe ſchließt, nimmt ſie die auf dem Tiſch befindliche brennende Lampe, welche ihnen den dunklen und ſchweren Weg erleuchten ſoll, den ſie jetzt zu durchwandern haben. Jetzt ſchließt ſie hinter ihnen die Thür, und ſie betreten einen langen, dunklen Corridor, an deſſen Ende ſich abermals eine Treppe befindet, welche ſie Beide hinunter gehen. Unzählige Stufen führen — 79— ſie hinab, und allgemach verdickt ſich die Luft, die Stufen werden feucht. Eine Grabesſtille umgiebt ſie. Kein Laut des Lebens, nicht das geringſte Geräuſch iſt jetzt noch vernehmbar. Sie ſind in einem unterirdiſchen Gang, der ſich in unabſehbarer Länge vor ihnen ausdehnt. Katharina wendet ſich zu John Heywood um, die Lampe beleuchtet ihr Geſicht, welches bleich iſt, aber einen feſten und entſchloſſenen Ausdruck zeigt. John Heywood, überlegt's Euch noch! Ich frage nicht, ob Ihr Muth habt, denn das weiß ich. Ich will nur wiſſen, ob Ihr dieſen Muth für Eure Kö⸗ nigin anwenden wollt? Nein, nicht für die Königin, aber für die edle Frau, welche meinen Sohn errettet hat. Ihr müßt heut alſo mein Beſchützer ſein, wenn es Gefahren für uns giebt. Doch ſo Gott will, blei⸗ ben wir ungefährdet. Laßt uns gehen! Rüſtig geht es vorwärts, ſchweigend den Gang hinauf.. Endlich kommen ſie zu einer Stelle, wo der Gang ſich mehr erweitert und zu einem kleinen offnen Ge⸗ mach ſich ausdehnt, an deſſen Seitenwänden einige Sitze angebracht ſind. Wir haben jetzt die Hälfte des Weges zurückge⸗ legt, ſagte Katharina, und hier wollen wir ein wenig ruhen! „Sie ſtellte die Lampe auf den kleinen Marmor⸗ tiſch in der Mitte des Ganges und ſetzte ſich, indem ſie John Heywood bedeutete, neben ihr Platz zu nehmen. Ich bin hier nicht die Königin, ſagte ſie, und Ihr — 80=— nicht der Narr des Königs, ſondern ich bin ein armes ſchwaches Weib, und Ihr ſeid mein Beſchützer. Ihr habt alſo wohl das Recht neben mir zu ſitzen. Aber John ſchüttelte lächelnd das Haupt und ſetzte ſich zu ihren Füßen nieder. Heilige Katharing, Ret⸗ terin meines Sohnes, ich liege zu Deinen Füßen und ſage Dir mein Dankgebet. Kennſt Du dieſen unterirdiſchen Gang, John? fragte die Königin. John Heywood lächelte traurig. Ich kenne ihn, Königin. Ach, Du kennſt ihn? Ich glaubte, er ſei ein Ge⸗ heimniß der Könige. Dann werdet Ihr begreiflich finden, Königin, daß der Narr ihn kennt. Denn der König von England und der Narr ſind Zwillingsbrüder. Ja, Königin, ich kenne dieſen Gang und bin ihn einſt in Schmer⸗ zen und in Thränen gewandelt. Wie? Ihr ſelbſt, John Heywood? Ja, Königin, und jetzt frage ich Euch, kennt Ihr die Geſchichte dieſes unterirdiſchen Ganges? Ihr ſchweigt? Nun, wohl Euch, daß Ihr ſie nicht kennt! Es iſt eine lange und blutige Geſchichte, und wenn ich ſie Euch ganz erzählen ſollte, würde dieſe Nacht zu kurz dazu ſei. Als dieſer Gang gebant ward, war Heinrich noch jung und beſaß noch ein Herz. Er liebte damals nicht bloß ſeine Frauen, ſondern ſogar ſeine Hrea und Diener, beſonders Cromwell, den allmächtigen Miniſter. Der wohnte damals in White⸗ hall, und Heinrich in den königlichen Gemächern des Towers. Aber Heinrich hatte immer Sehnſucht nach ſeinem Günſtling, und ſo überraſchte ihn eines Tages Cromwell mit dieſem unterirdiſchen Gang, zu deſſen — 31— Bau er ein ganzes Jahr lang Hunderte von Menſchen angeſtellt hatte. Ach, ach, der König war damals ſehr gerührt und dankte ſeinem allmächtigen Miniſter mit Thränen und Umarmungen für dieſe Ueberraſchung. Es verging faſt kein Tag, ohne daß Heinrich durch dieſen Gang zu Cromwell ging. So ſah er denn mit jedem Tage, wie der Palaſt von Whitehall immer herrlicher und glänzender wurde, und wenn er dann zurückkehrte in den Tower, fand er, daß dieſe Woh⸗ nung durchaus nicht eines Königs würdig ſei, ſon⸗ dern daß ſein Miniſter weit prachtvoller wohne, wie der König von England. Das, Königin, war die Urſache von Cromwell's Fall!— Der König wollte Whitehall haben! Der ſchlaue Cromwell merkte es und ſchenkte ihm ſein Kleinod, ſeinen Palaſt, an deſſen Bau und Ausſchmückung er zehn Jahre gearbeitet hatte. Heinrich nahm die Schenkung an, aber nun war Cromwell's Fall unwiderruflich. Der König konnte es natürlich nie vergeben, daß Cromwell es gewagt hatte, ihm ein Geſchenk anzubieten, welches ſo koſtbar war, daß Heinrich es nicht erwiedern konnte, oder wollte. Er blieb alſo Cromwell's Schuldner, und da ihn das peinigte und ärgerte, ſo ſchwur er Cromwell's Verderben. Als Heinrich in Whitehall einzog, war es beſchloſſen, daß Cromwell das Schaffot beſteigen mußte. Ach, der König iſt ein ſo ſparſamer Baumeiſter. Ein Palaſt koſtet ihm nichts als einen Kopf ſeines Unterthanen. Mit Cromwell'’s Kopf be⸗ Wi er Whitehall, und um Hampton⸗Court ſtarb olſey. Doch nicht auf dem Schaffot, John? Ob nein, Heinrich zog es vor, ihm bloß das Herz und nicht den Hals zu brechen. Erſt ließ er ſich von Wolſey dieſes wundervolle Luſtſchloß, Hampton⸗Court Heinrich VIII. 2. 6 — 882— mit allen ſeinen Schätzen ſchenken, dann entſetzte er ihn ſeiner hohen Aemter und trieb ihn aus allen ſeinen Würden aus. Zuletzt ſollte er als Gefangener in den Tower wandern, aber er ſtarb auf dem Wege dahin. Nein, Ihr habt Recht! Wolſey ſtarb nicht auf dem Schaffot, er ward viel langſamer, viel grauſamer hin⸗ gerichtet. Man tödtete ihn nicht mit dem Schwert, ſondern mit Nadelſtichen! Sagtet Ihr nicht, John, daß Ihr ſelbſt einmal ſchon dieſen Weg gegangen? Wohl, Königin, und es geſchah, um von dem edelſten der Männer, dem treueſten der Freunde, Ab⸗ ſchied zu nehmen, von Thomas Morus! Ich bat und flehte ſo lange zu Cromwell, bis er Mitleid hatte mit meinem Schmerz und mich durch dieſen Gang zu Thomas Morus gehen ließ, um wenigſtens den Segen und den letzten Liebeskuß dieſes Heiligen zu empfangen. Ach, Königin, ſprechen wir nicht mehr davon! Von jenem Tage an bin ich ein Narr ge⸗ worden, denn ich ſah ein, daß es ſich nicht der Mühe verlohnte, in dieſer Welt ein ernſthafter Mann zu ſein, wenn ſolche Männer wie Morus als Verbrecher hingerichtet würden.— Kommt Königin, laßt uns weiter gehen!. Ja, weiter, John! ſagte ſie aufſtehend. Aber wißt Ihr denn, wohin wir gehen? Ach, Königin! Kenne ich Euch denn nicht? Und ſaßte ich Euch nicht, daß morgen Marie Askew ge⸗ foltert werden ſoll, wenn ſie nicht widerruft. „Ich ſehe, daß Ihr mich verſtanden habt, ſagte ſie, im diteitlich zunickend. Ja, ich gehe zu Marie kew! Aber wie werdet Ihr, ohne geſehen und entdeckt zu werden, ihren Kerker ausſindig machen? John, auch die Unglücklichen haben Freunde, ja ſelbſt die Königin beſitzt deren einige! Und ſo hat es der Zufall, oder vielleicht auch Gottes Wille ſo ge⸗ fügt, daß Marie Askew gerade in jenem kleinen Zim⸗ mer wohnt, in welches dieſer geheime Gang ausmündet. Iſt ſie allein in dieſem Zimmer? Ja, ganz allein. Die Wache ſteht außen vor der Thür. Aber wenn ſie Euch hört, und die Thür öffnet? So bin ich ohne Zweifel verloren, wenn Gott mir nicht beiſteht. „Sie gingen ſchweigend weiter, Beide zu ſehr mit ihren eigenen Gedanken beſchäftigt, um ſich durch Ge⸗ Jpräche unterbrechen zu mögen. Aber dieſer lange, weite Weg ermüdete Katharina endlich. Sie lehnte ſich ermattet an die Mauer. Wollt Ihr mir eine Gnade erzeigen, Königin? fragte Heywood. Erlaubt, daß ich Euch trage. Eure kleinen Füße tragen Euch nicht mehr, macht mich zu Euren Füßen, Majeſtät! Sie weigerte es ihm mit einem freundlichen Lächeln. Nein, John, dies iſt die Leidensſtation einer Heiligen, und Ihr wißt, die muß man im Schweiße ſeines An⸗ geſichts und auf den Knien durchwallen. Oh, Königin, wie edel und wie muthig Ihr ſeid! rief John Heywood. Ihr thut das Gute ohne Prunk, und ſcheuet keine Gefahr, wenn es gilt, ein edles Werk zu thun. 3 Doch, John, ſagte ſie mit einem bezaubernden Lächeln, ich ſcheue die Gefahr, und darum eben bat 6 ½⅔ — 84— ich Euch, mich zu begleiten! Mir graut vor dem langen, öden Wege, vor der Dunkelheit und vor der Grabesſtille dieſes Ganges. Ach, John, ich dachte mir, wenn ich hier allein ginge, würden die Schatten Anna Boulen's und Katharina's durch mich, welche ihre Krone trägt, aus ihrem Schlaf geweckt, zu mir heran ſchweben, um mich bei der Hand zu faſſen, und zu ihren Gräbern hinzuführen, um mir zu zeigen, daß für mich auch noch Platz dort ſei. Ihr ſeht alſo, daß ich gar nicht muthig, ſondern ein feiges und zitterndes Weib bin. Und dennoch ginget Ihr, Königin? Ich rechnete auf Euch, John Heywood. Es war meine Pflicht, dieſen Gang zu wagen, um vielleicht das Leben des armen, ſchwärmeriſchen Mädchens zu erretten. Denn es ſoll nicht geſagt werden, daß Ka⸗ tharina ihre Freunde im Unglück verläßt, und daß ſie zurückbebt vor der Gefahr. Ich bin nur ein armes, ſchwaches Weib, das nicht mit den Waffen ſeine Freunde vertheidigen kann, und darum muß ich meine Zuflucht zu andern Mitteln nehmen. Aber ſeht, John, hier theilt ſich der Weg! Ach, mein Gott, ich kenne ihn nur aus den Schilderungen, die man mir gemacht, aber dies ſagte mir Niemand! John, wohin müſſen wir uns jetzt wenden? Hierher, Königin, und hier ſind wir am Ziel! Jener Weg dort führt zur Folterkammer. Das heißt zu einem kleinen, vergitterten Fenſter, durch welches man die Folterkammer überſchauen kann. Wenn Kö⸗ nig Heinrich beſonders guter Laune war, begab er ſich mit ſeinem Freunde an jenes Gitter, um ſich ein wenig an den Qualen der Verdammten und Gottesläſterer u erluſtigen. Denn Ihr wißt wohl, Königin, nur folcgen, welche Gott geläſtert oder König Heinrich nicht — 85— als den Papſt ihrer Kirche anerkannt haben, wird dort die Ehre der Folter zu Theil. Aber ſtill, da ſind wir an der Thür! Und hier iſt die Feder, welche ſie öffnet. Katharina ſtellte ihre Lampe auf den Boden und drückte an der Feder. Die Thür drehte ſich langſam und ohne Geräuſch in ihren Angeln, und leiſe, wie die Schatten, traten die Beiden ein. Sie befanden ſich jetzt in einem kleinen, runden Gemach, welches urſpünglich mehr eine in der Mauer des Thurmes angebrachte Niſche, als ein Zimmer ge⸗ weſen zu ſein ſchien. Nur durch eine ſchmale, ver⸗ diterts Oeffnung in der Mauer drang ein wenig uft und Licht in dieſen Kerker ein, deſſen kahle öde Wände die Steine des Gemäuers ſehen ließen. Kein Stuhl, kein Tiſch befand ſich in dem ganzen Raum, nur dort in jenem Winkel an der Erde hatte man etwas Stroh aufgehäuft. Auf dieſem Stroh lag ein zartes bleiches Weſen; die eingefallenen, hagern Wan⸗ gen durchſichtig weiß, wie Alabaſter, die Stirn ſo rein und klar, ſo friedensvoll das ganze Angeſicht, die bloßen, magern Arme über den Kopf zurückge⸗ worfen, die Hände über ihrer Stirn gefaltet, den Kopf ſeitwärts geneigt im ſtillen, friedlichen Schlum⸗ mer, die zarte, feine, in ein langes ſchwarzes Gewand eingehüllte Geſtalt ſanft hingeſtreckt, und ein Lächeln auf den Lippen, wie es nur die Glücklichen kennen. Das war Marie Askew, die Verbrecherin, die Verdammte. Marie Askew, die nur deshalb eine Gottesleugnerin war, weil ſie nicht an die Erhaben⸗ heit und Gottähnlichkeit des Königs glaubte, und ihre kigene, freie Seele nicht der des Königs unterordnen wollte. — 86— Sie ſchläft! flüſterte Katharina tief bewegt. Ganz unwillkürlich faltete ſie, an das Lager der Dulderin tretend, ihre Hände, und ein leiſes Gebet zitterte auf ihren Lippen. So ſchlafen die Gerechten! ſagte Heywood. Die Engel tröſten ſie im Schlummer, und der Athem Goktes weht ihnen Kühlung zu. Armes Mädchen, wie bald, und ſie werden dieſe edlen, ſchönen Glieder verrenken, und Dich martern zur Ehre Gottes, und ſie werden dieſen Mund, welcher jetzt ſo friedlich lä⸗ chelt, zu Jammertönen öffnen! Nein, nein, ſagte die Königin haſtig. Ich bin ge⸗ kommen, ſie zu retten, und Gott wird mir beiſtehen, daß ich es kann. Ich darf ihres Schlummers nicht mehr ſchonen, ich muß ſie wecken. Sie neigte ſich nieder und drückte einen Kuß auf des jungen Mädchens Stirn. Marie, erwache, ich bin da! Ich will Dich retten, und Dich befreien. Marie, Marie, erwache! Sie ſchlug langſam ihre großen glänzenden Augen auf und nickte Katharinen einen Gruß entgegen. Katharina Parr! ſagte ſie lächelnd. Ich erwartete nur einen Brief von Euch, und Ihr kommt ſelbſt? Man hat die Wachen abgelöſt, und die Schließer gewechſelt, Marie, denn man hatte unſere Correſpon⸗ denz erforſcht. Ach, Ihr werdet mir alſo künftig nicht mehr ſchrei⸗ ben! Und doch waren Eure Briefe mein einziger Troſt, ſeufzte Marie Askew. Aber auch das iſt gut, und vielleicht wird es mir den Weg, den ich zu wan⸗ deln habe, nur noch leichter machen! Das Herz muß ſich frei machen von allen irdiſchen Banden, damit —— — 87— die Seele frei und leicht die Schwingen rege und zu Gott zurückkehre. Höre, Marie, höre! ſagte Katharina leiſe und eilig. Dir droht eine furchtbare Gefahr! Der König hat den Befehl gegeben, Dich durch die Tortur zum Wi⸗ derruf zu bewegen. Nun, und was weiter? fragte Marie mit lächeln⸗ dem Antlitz. Unglückliche, Du weißt nicht, was Du da ſagſt! Du weißt nicht, welche fürchterliche Qualen Dir be⸗ vorſtehen! Du kennſt nicht die Gewalt der Schmer⸗ zen, welche vielleicht ſogar noch mächtiger ſind als der Geiſt, und ihn beſiegen können. Und wenn ich ſie nun kennte, was hülfe es mir? fragte Marie Askew. Du ſagſt, ſie wollen mich fol⸗ tern, nun wohl, ich werde es ertragen müſſen, denn ich habe keine Macht, ihren Willen umzuändern! Doch, Marie, doch, Du haſt die Macht! Wider⸗ rufe, was Du geſagt haſt, Marie! Erkläre, daß die Erkenntniß über Dich gekommen iſt, und daß Du ein⸗ ſiehſt, Du habeſt Dich getäuſcht! Sage, daß Du den König anerkennen willſt als den Herrn der Kirche, daß Du die ſechs Artikel beſchwören und nimmermehr glauben willſt an den Papſt zu Rom. Ach, Marie, Gott ſieht ja in Dein Herz und kennt Deine Gedan⸗ ken. Du haſt nicht nöthig, ſie mit Deinen Lippen zu verkünden. Er hat Dir das Leben gegeben, und Du darfſt es nicht von Dir werfen, Du mußt es zu er⸗ halten ſuchen, ſo lange Du kannſt. Widerrufe alſo! Es iſt wohl erlaubt, Diejenigen zu täuſchen, welche unſere Mörder ſein wollen. Widerrufe alſo, Marie, widerrufe! Wenn ſie in ihrem ſtolzen Uebermuth von Dir fordern, daß Du ſageſt, was ſie ſagen, ſo denke, — 83— daß ſie Wahnſinnige ſind, denen man äußerlich Recht giebt, damit ſie nur nicht raſen. Was liegt daran, ob Du ſagſt, daß der König der Kirche Oberherr ſei? Gott ſieht von ſeinen Himmeln hernieder und lächelt zu dieſem kleinlichen irdiſchen Streit, der nicht ihn, nur die Menſchen angeht. Laß die Gelehrten und die Theologen ſtreiten, wir Frauen haben nichts damit zu ſchaffen. Wenn wir nur an Gott glauben und in in uns tragen, die Form, in der wir's thun, gilt gleich. Hier aber handelt es ſich nicht um Gott, ſon⸗ dern nur um äußerliche Glaubensſatzungen. Was kümmern dieſe Dich, was haſt Du zu ſchaffen mit den Streitigkeiten der Prieſter? Widerrufe alſo, armes ſchwärmeriſches Kind, widerrufe! Marie Askew hatte ſich, während Katharina leiſe und mit fliegendem Athem ſo ſprach, langſam von ihrem Lager erhoben, und ſtand jetzt, wie eine Lilie ſo ſchlank und zart, der Königin gegenüber. Ihr edles Antlitz drückte eine tiefe Entrüſtung aus. Ihre Augen ſchoſſen Blitze, und ein verächtliches Lä⸗ cheln ſtand auf ihren Lippen. 3 Wie? Ihr könnt mir ſo rathen? ſagte ſie. Ihr könnt wollen, daß ich meinen Glauben verleugnen und meinen Gott abſchwöre, nur um den irdiſchen Schmer⸗ zen zu entgehen? Und Eure Zunge ſträubt ſich nicht, dies un anſehechen, und Euer Herz erbebt nicht vor Scham, indem Ihr's thut? Seht dieſe Arme an! Was ſind ſie werth, daß ich ſie Gott nicht opfern ſollte? Seht dieſe ſchwachen Glieder! Sind ſie ſo koſtbar, daß ich, einem eklen Geizhals gleich, ihrer ſchonen ſollte? Nein, nein, Gott iſt mein höchſtes Gut, nicht dieſer ſchwache, zerfallende Körperl Für Gott gebe ich ihn hin! Ich ſollte widerrufen? Niemals! Der Glaube läßt ſich nicht in dies oder jenes Gewand -— 89— einhüllen, er muß nackt ſein und faltenlos. So ſei der meine. Und wenn ich alſo auserſehen bin, ein Zeichen des reinen Glaubens zu werden, der ſich ſelbſt nicht leugnet, und ſich ſelbſt bekennt, nun denn, ſo gönnt mir dieſen Vorzug. Viele ſind berufen, aber Wenige ſind auserkoren. Wenn ich eine der Aus⸗ erkorenen bin, ſo danke ich Gott dafür und ſegne die armen, irrenden Menſchen, die mich durch Folterqua⸗ len dazu machen wollen. Ach glaubt mir, Katharina, ich freue mich auf das Sterben, denn es iſt ein trau⸗ riges, ödes und derzieifinnedolles Ding um das Leben! Laßt mich ſterben, Katharina, ſterben, um einzugehen zur Seligkeit! — Aber, armes bejammernswerthes Kind! Dies iſt mehr als Sterben, dies iſt die Oual der Erde, welche Dich bedroht! Oh bedenke, Marie, daß Du nur ein ſchwaches Weib biſt! Wer weiß, ob die Folter Dei⸗ nen Geiſt nicht doch beſiegt. Und ob Du, mit zerriſ⸗ ſenen Gliedern nicht endlich in der Raſerei des Schmer⸗ zes doch dahin gebracht wirſt, zu widerrufen und Deinen Glauben abzuſchwören! Wenn ich das thun könnte, rief Marie Askew mit flammenden Blicken, glaubt mir, Königin, daß ich, wieder zur Beſinnung gekommen, mir ſelber den Tod geben würde, um mich zur Strafe meines Widerrufs der ewigen Verdammniß zu überliefern! Gott hat befohlen, daß ich ein Zeichen werde des rechten Glau⸗ bens. Sein Befehl werde erfüllt! Nun wohl, ſo ſei es, ſagte Katharina entſchloſſen. Widerrufe nicht, aber rette Dich vor Deinen Henkern! Ich, Marie, ich will Dich retten! Ich kann's nicht ertragen und nicht denken, daß dieſe edle holde Geſtalt dem ſchnöden Irrwahn der Menſchen geopfert werden ſoll, daß man zur Ehre Gottes ein edles Ebenbild deſſelben Gottes martern will! Oh komm, komm, ich will Dich retten! Ich, die Königin! Gieb mir die Hand! Folge mir aus dieſem Kerker! Ich weiß einen Weg, der Dich von hier fort führt, und ich werde Dich ſo lange in meinen eigenen Zimmern berbeigen, bis Du Deine Flucht ungefährdet fortſetzen annſt. Nein, nein, Königin, nicht Ihr ſollt ſie bei Euch verbergen! ſagte John Heywood. Ihr habt mich be⸗ gnadigt, Euer Vertrauter ſein zu dürfen, gönnt mir nun auch einen Antheil an Eurem edlen Werk! Nicht bei Euch ſoll Marie Askew eine Zuflucht finden, ſondern bei mir. Oh kommt, Marie, folgt Euren Freunden! Das Leben iſt es, welches Euch ruft, welches Euch die Pforten öffnet und Euch mit tau⸗ ſend Namen zu ſich rufen will! Hört Ihr ſie nicht, all' dieſe ſüßen und lockenden Stimmen, ſeht Ihr ſie nicht, all; dieſe edlen, lächelnden Geſichter, wie ſie Euch grüßen und winken? Marie Askew, es iſt der edle Gemahl, der Euch ruft! Ihr kennt ihn noch nicht, aber er wartet auf Euch, da draußen in der Welt! Marie Askew, es ſind Eure Kinder, welche nach Euch ihre zarten Arme ausſtrecken. Ihr habt ſie noch nicht geboren, aber die Liebe hält ſie in ihren Armen und wird ſie Euch entgegen führen. Es iſt das Weib und die Mutter, welche die Welt noch von Dir zu fordern hat, Marie. Du darfſt Dich dem heiligen Beruf, den Gott Dir gegeben hat, nicht ent⸗ ziehen! Komm alſo, und folge uns, folge Deiner Königin, welche das Recht hat, ihrer Unterthanin zu gebieten. Folge dem Freunde, welcher ſchwört, daß er über Dir wachen, und Dich beſchützen wird wie ein Vater! Vater im Himmel, beſchütze mich! rief Marie As⸗ — 91— kew, auf ihre Kniee niederfallend und ihre Hände emporſtreckend. Vater im Himmel, ſie wollen Dir Dein Kind entreißen und mein Herz Dir entfremden! Sie führen mich in Verſuchung und verlocken mich mit ihrer Rede! Beſchütze mich, mein Vater, mache mein Ohr taub, daß ich ſie nicht höre! Gieb mir ein Zeichen, daß ich Dein bin, daß Niemand mehr Gewalt über mich hat, als Du allein! Ein Zeichen, Vater, daß Du mich rufſt! Und als habe Gott wirklich ihr Gebet erhört, ver⸗ nahm man jetzt ein lautes Klopfen an der äußern Thür, und eine Simme rief: Marie Askew, wache auf und halte Dich bereit! Der Großkanzler und der Erzbiſchof von Wincheſter kommen Dich abzuholen! Ach, die Folter! ächzte Katharina, indem ſie ſchau⸗ dernd ihre Hände vor ihr Antlitz ſchlug. Ja, die Folter! ſagte Marie mit einem ſeligen Lächeln. Gott ruft mich! John Heywood hatte ſich der Königin genähert und faßte heftig ihre Hand. Ihr ſeht, es iſt umſonſt, ſagte er dringend. Eilt alſo, Euch ſelbſt zu retten! Eilt, dieſes Gefängniß zu verlaſſen, bevor die Thür ſich dort öffnet. Nein, ſagte Katharina feſt und entſchieden, nein, ich bleibe! Sie ſoll mich nicht an Muth und Seelen⸗ deüße übertreffen. Sie will ihren Gott nicht ver⸗ eugnen, nun denn, auch ich werde von meinem Gott ein Zeugniß geben. Ich werde meine Augen nicht ſchamvoll vor einem jungen Mädchen zu Boden ſchla⸗ gen; gleich ihr werde ich frei und offen meinen Glau⸗ ben bekennen, gleich ihr werde ich ſagen: Gott allein iſt ſeiner Kirche Herr, Gott— Draußen ward es lebendig, man hörte einen Schlüſſel im Schloß drehen. Königin, ich beſchwöre Euch, flehete John Hey⸗ wood, bei Allem, was Euch heilig iſt, bei Eurer Liebe, kommt, kommt! Nein, nein! rief ſie heftig. Aber jetzt faßte Marie ihre Hand, und den andern Arm gen Himmel ſtreckend, ſagte ſie mit lauter gebie⸗ teriſcher Stimme: Im Namen Gottes befehle ich Dir, mich zu verlaſſen! Während Katharina ganz unwillkürlich urückwich, ſchob ſie John Heywood nach der geheimen Thür, und faſt mit Gewalt ſie hinaus drängend, zog er hinter ihnen Beiden die Thür zu. Eben als die geheime Thür ſich ſchloß, öffnete ſich dort drüben die andere. Mit wem ſpracht Ihr? fragte Gardiner, mit ſcharfen Blicken umher ſpähend. Mit dem Verſucher, der mich von Gott abwendig machen wollte, ſagte ſie. Mit dem Verſucher, der bei dem Herannahen Eurer Schritte mein Herz mit Furcht bethören und mich überreden wollte, zu widerrufen! Ihr ſeid alſo feſt entſchloſſen, Ihr widerruft nicht? fragte Gardiner, und eine wilde Freude leuchtete in ſeinem bleichen, harten Antlitz auf. Nein, ich widerrufe nicht! ſagte ſie ſtrahlenden, lächelnden Angeſichtes. „So führe ich Dich im Namen Gottes und des Königs in die Folterkammer! rief der Kanzler Wrio⸗ thesly, indem er vortrat und ſeine Hand ſchwer auf Mariens Schulter fallen ließ. Du haſt die warnende und rufende Stimme der Liebe nicht hören wollen, — 93— ſo werden wir denn jetzt verſuchen, Dich mit der Stimme des Zornes und der Verdammniß aus Dei⸗ nem Irrſinn zu wecken! Er winkte den Folterknechten, welche hinter ihm in der geöffneten Thür ſtanden, und befahl ihnen, ſie zu ergreifen und in die Folterkammer zu führen. Marie wehrte ſie lächelnd zurück. Nicht doch! ſagte ſie. Der Heiland ſelber ging zu Fuß und trug ſein Kreuz zum Richtplatz hin. Ich werde ſeine Wege wandeln. Zeigt mir den Weg, ich folge Euch. Aber Keiner wage es, mich zu berühren. Ich will Euch zeigen, daß ich nicht gezwungen, ſondern freudig und frei den Weg der Whrderden wandle, die ich erdulden ſoll, um meines Gottes willen. Juble, meine Seele, ſinge, meine Lippe, denn der Bräutigam iſt nahe, und das Feſt ſoll beginnen! Und mit jauchzenden Tönen begann Marie Askew ein geiſtliches Lied zu ſingen, das noch nicht verſtummt war, als ſie ſchon die Folterkammer betreten hatte. VIII. Prinzeſſin Eliſabeth. Der König ſchläft. Mag er ſchlafen! Er iſt alt und hinfällig und Gott hat den ruheloſen Te n mit dem flackernden, nimmer raſtenden, nimmer zu⸗ friedenenen Geiſte hart Gekraft indem er ſeinen Kör⸗ per feſſelte und den Geiſt zum Gefangenen ſeines Körpers machte, indem er den, nach dem Unermeß⸗ lichen ſtrebenden ehrgeizigen König zu dem Sclaven ſeines Fleiſches machte. Wie hoch auch ſeine Gedanken fliegen, der König bleibt doch ein ſchwerfälliges, ge⸗ bundenes, kraftloſes Menſchenkind; wie ſehr ihn auch ſein Gewiſſen plagt mit Unruhe und Angſt, er muß doch ruhig ſein und ausharren, er kann ſeinem Ge⸗ wiſſen nicht entlaufen, Gott hat ihn gefeſſelt durch das Fleiſch. Der König ſchläft! Aber die Königin nicht, und Bane Douglas nicht, und auch Prinzeſſin Eliſabeth nicht. 3 Sie hatte mit hochklopfendem Herzen gewacht; ſie war ruhelos und in ſeltſamer Befangenheit in ihrem Zimmer auf und ab gegangen, der Stunde harrend, welche ſie zum Rendezvous beſtimmt hatte. Jetzt war dieſe Stunde da. Eine glühende Purpurröthe überflog das Antlitz der jungen Prinzeſſin, und ihre Hand zitterte, als ſie das Licht nahm und die geheime Thür zu dem Corridor öffnete. Einen Moment ſtand ſie zögernd ſtill, dann ſchämte ſie ſich ihrer Unent⸗ ſchloſſenheit und ging über den Corridor dahin und die kleine Treppe hinauf, die in das Thurmzimmer führte. Mit einer haſtigen Bewegung ſtieß ſie die Thür auf und trat in das Zimmer. Sie war am Ziel und Thomas Seymour iſt ſchon da. Wie ſie ihn ſah, überkam ſie ein unwillkürliches Bangen, und zum erſten Mal ward ſie ſich jetzt ihres gewagten Schrittes bewußt. Als Seymour, der junge, feurige Mann, ihr mit idenſchaftlicher Begrüßung nahete, trat ſie ſcheu zu⸗ und wehrte ſeine Hand von ſich. Wie, Ihr wollt mir nicht vergönnen, Eure Hand zu küſſen? fragte er, und ſie glaubte auf ſeinem Ant⸗ litz ein leiſes, ſpöttiſches Lächeln zu gewahren. Ihr macht mich zu dem Glücklichſten der Sterblichen, in⸗ — 35— dem Ihr mich zu dieſer Zuſammenkunft ladet, und jetzt ſteht Ihr mir ſtreng und kalt gegenüber, und ich darf Euch nicht einmal in meine Arme ſchließen, Eliſabeth? Eliſabeth! Er hatte ſie bei ihrem Vornamen ge⸗ nannt, ohne daß ſie ihm dazu die Erlaubniß gegeben. Das beleidigte ſie, inmitten ihrer Verwirrung, das rief den Stolz der Prinzeſſin wach, und ließ ſie er⸗ kennen, wie ſehr ſie ihrer Würde müſſe vergeſſen haben, wenn ſogar Andere dieſelbe vergeſſen könnten. Sie wollte ſich dieſelbe wiedererobern. Sie hätte in dieſem Augenblicke ein Jahr ihres Lebens darum gegeben, wenn ſie dieſen Schritt nicht gethan, wenn ſie den Grafen nicht zu dieſem Rendezvous gerufen. Sie wollte verſuchen, in ſeinen Augen die verlo⸗ rene Poſition wieder zu erobern, und wieder für ihn die Prinzeſſin zu werden. Der Stolz in ihr war noch mächtiger als die Liebe. Sie meinte, der Liebhaber ſolle ſich zugleich vor ihr beugen, als ihr begnadigter Diener. Graf Thomas Seymour, ſagte ſie daher eruſt, Ihr habt uns oft um eine geheime Unterredung gebeten, wir bewilligen ſie Euch jetzt! Sprecht alſo! Welch ein Anliegen habt Ihr uns vorzutragen? 3 Und mit einer gravitätiſchen Miene ſchritt ſie auf einen Lehnſtuhl zu, in welchen ſie ſich langſam und feierlich niederließ wie eine Königin, welche ihren Va⸗ ſallen Audienz ertheilt. Armes unſchuldiges Kind, welches ſich in unbe⸗ wußtem Bangen hinter ihre Hoheit, wie hinter einen Schild verſchanzen wollte, der ihre jungfräuliche Angſt und mädchenhafte Beklommenheit verbergen ſollte! Aber Thomas Seymonr errieth ſie doch, und ſein — 96— ſtolzes und kaltes Herz empörte ſich dagegen, daß die⸗ ſes Kind ihm zu trotzen verſuchte. Er wollte ſie demüthigen, er wollte ſie zwingen, ſich vor ihm zu beugen und um ſeine Liebe, wie um ein Gnadengeſchenk zu flehen. Er verneigte ſich daher tief vor der Prinzeſſin und ſagte ehrfurchtsvoll: Hoheit, es iſt wahr, ich habe Ench oft um eine Audienz gebeten, aber Ihr habt ſie mir ſo lange verweigert, daß ich zuletzt nicht mehr den Muth fand, ſie zu begehren, und meine Wünſche ſchweigen ließ und mein Herz verſtummen machte. Sucht daher jetzt, wo dieſe Schmerzen überwunden ſind, nicht, dieſelben wieder zu erwecken. Mein Herz ſoll todt, meine Lippe ſtumm bleiben. Ihr habt es ſo gewollt, und ich habe mich Eurem Willen unter⸗ worfen. Lebt alſo wohl, Prinzeſſin, und mögen Eure Tage glücklicher und heiterer ſein, wie die des armen Thomas Seymour! Er verneigte ſich tief vor ihr und ging dann lang⸗ ſam der Thür zu. Schon hatte er ſie geöffnet und wollte hinaus treten, da legte ſich plötzlich eine Hand auf ſeine Schulter und zog ihn mit heftigem Ungeſtüm zurück in das Gemach.. Ihr wollt gehen? fragte Eliſabeth mit fliegendem Athem und zitternder Stimme. Ihr wollt mich ver⸗ laſſen, und, meiner ſpottend, wollt Ihr vielleicht jetzt zur Herzogin von Richmond, Eurer Geliebten, gehen, und ihr mit Hohnlachen erzählen, daß Prinzeſſin Eli⸗ ſabeth Euch eine Zuſammenkunft bewilligt, und daß Ihr ihrer geſpottet habt? Die Herzogin von Richmond iſt nicht meine Ge⸗ liebte! ſagte der Graf ernſt. — 97— Nein, nicht Eure Geliebte, aber ſie wird ſehr bald Eure Gemahlin ſein! Sie wird niemals meine Gemahlin werden! Und weshalb nicht? Weil ich ſie nicht liebe, Prinzeſſin! Ein Strahl der Freude flog über Eliſabeths blei⸗ ches, erregtes Angeſicht. Weshalb nennt Ihr mich Prinzeſſin? fragte ſie. Weil Ihr als Prinzeſſin gekommen ſeid, Eurem armen Diener eine Audienz zu bewilligen. Ach, es hieße aber Eure fürſtliche Gnade zu ſehr mißbrauchen, wollte ich dieſe Audienz noch länger ausdehnen. Ich ziehe mich daher zurück, Prinzeſſin! Und er näherte ſich wieder der Thür. Aber Eli⸗ ſabeth ſtürzte ihm nach, und mit beiden Händen ſeine Arme packend, ſtieß ſie ihn wild zurück. Ihre Augen ſchoſſen Blitze, ihre Lippen zitterten, eine leidenſchaftliche Gluth ſprach aus ihrem ganzen Weſen. Jetzt war ſie die ächte Tochter ihres Vaters, rückſichtslos und leidenſchaftlich in ihrem Zorn, zer⸗ ſchmetternd in ihrer Wildheit. Du ſollſt nicht gehen, murmelte ſie mit feſt aufeinander gepreßten Zähnen. Ich will nicht, daß Du gehſt! Ich will nicht, daß Du länger mit dieſem kalten. lächelnden Geſicht mir gegenüber ſtehſt! Schilt mich, mache mir die heftigſten Vor⸗ würfe, weil ich es gewagt, ſo lange Dir zu trotzen, fluche mir, wenn Du es kannſt. Nur nicht dieſe lächelnde Ruhe. Sie tödtet mich, ſie bohrt ſich, wie ein Dolch in mein Herz ein. Denn Du ſtehſt es wohl, ich habe nicht mehr die Kraft, Dir zu wider⸗ ſtehen, Du ſiehſt es wohl, daß ich Dich liebe. Ja, ich liebe Dich, mit Entzücken und Verzweiflung, mit Heinrich VIII. 2. 7 — 98— Luſt und Entſetzen; ich liebe Dich, wie meinen Dämon und meinen Engel, ich zürne Dir, weil Du ſo ganz den Stolz meines Herzens gebrochen, ich fluche Dir, weil Du mich ganz zu Deiner Sclavin gemacht, und im nächſten Moment falle ich auf meine Kniee und flehe zu Gott, daß er mir dieſen Frevel gegen Dich vergeben möge. Ich liebe Dich, ſage ich, nicht wie ddieſe weichmüthigen, ſanften Frauen lieben, mit einem KLächeln auf der Lippe, ſondern mit Wuth und Ver⸗ zweiflung, mit Eiferſucht und Zorn. Ich liebe Dich ſo, wie mein Vater Anna Boulen liebte, welche er in dem Haß ſeiner Liebe und dem grauſamen Zorn ſeiner Eiferſucht auf das Schaffot ſteigen ließ, weil man ihm geſagt, ſie ſei ihm ungetren. Ach, hätte ich die Macht, ich würde thun, wie es mein Vater ge⸗ than, ich würde Euch ermorden, wenn Ihr es wagen 3 wolltet, mich einſt nicht mehr zu lieben. Und jetzt, Thomas Seymour, jetzt ſagt, ob Ihr den Muth habt, mich verlaſſen zu wollen? Sie ſah bezaubernd aus in dieſer flammenden Gewalt ihrer Leidenſchaft, ſie war ſo jung, ſo glühend; und Thomas Seymour war ſo ehrgeizig! In ſeinen Augen war Eliſabeth nicht bloß das ſchöne, reizende Mädchen, welches ihn liebte, ſie war mehr als das: ſie war die Tochter Heinrichs des Achten, die Prin⸗ zeſſin von England, vielleicht einſt die Erbin des Thrones. Freilich hatte ihr Vater ſie enterbt, und durch eine Parlamentsacte ſie der Thronfolge für un⸗ würdig erklärt*). Aber Heinrichs ſchwankender Sinn konnte ſich wenden, und die verſtoßene Prinzeſſin konnte einſt Königin werden. Daran dachte der Graf, als er Eliſabeth anſchaute, * Burnet Vol. I pag. 138. — 99— als er ſie ſo reizend, ſo jung und ſo glühend von Leidenſchaft ſich gegenüber ſah. Daran dachte er, als er ſie jetzt in ſeine Arme ſchloß und einen flammen⸗ den Kuß auf ihre Lippen preßte. Nein, ich werde nicht gehen, flüſterte er. Ich werde niemals mehr von Deiner Seite weichen, wenn Du nicht willſt, daß ich gehe. Ich bin Dein! Dein Sclave, Dein Vaſall, und ich will niemals etwas Anderes ſein, als nur Dies. Mögen ſie mich ver⸗ rathen, mag Dein Vater mich als einen Hochverräther ſtrafen, ich werde dennoch jauchzen vor Glück, denn Eliſabeth liebt mich, und es wird für Eliſabeth ſein, daß ich ſterbe! Du ſollſt nicht ſterben! rief ſie, ſich feſt an ihn anklammernd. Du ſollſt leben, an meiner Seite leben, ſtolz, groß und glücklich! Du ſollſt mein Herr ſein und mein Gebieter, und wenn ich einſt Königin bin, und ich fühle hier in meinem Kopf, daß ich es werden muß, dann wird Thomas Seymour der König von England ſein. Das heißt, in der Stille und dem Geheimniß Deines Gemaches würde ich es vielleicht ſein! ſagte er ſeufzend. Aber da draußen vor der Welt werde ich doch immer nur der Diener, und wenn es hoch kommt, der Günſtling genannt werden.: Niiemals, niemals, das ſchwöre ich Dir! Sagte ich Dir nicht, daß ich Dich liebe? Aber die Liebe der Frauen iſt ſo wandelbar! Wer weiß, wie lange Du den armen Thomas Seymour ſchon unter Deine Füße getreten haben wirſt, wenn einſt die Krone Deine Stirn ziert?. „Sie blickte ihn faſt entſetzt an. Kann denn Dies ſein? Iſt es möglich, daß man vergißt und verläßt, was man einmal liebte? 3 72 — 100— Du fragſt, Eliſabeth? Hat nicht Dein Vater ſchon die ſechste Gemahlin? Es iſt wahr! ſagte ſie, indem ſie traurig ihr Haupt auf ihre Bruſt fallen ließ. Aber ich, ſagte ſie nach einer Pauſe, ich werde darin nicht meinem Vater gleichen. Ich werde Dich ewig lieben! Und damit Du eine Bürgſchaft habeſt meiner Treue, biete ich mich Dir zu Deinem Weibe an. Er ſah erſtaunt und fragend in ihr erregtes, glü⸗ hen Angeſicht. Er verſtand ſie nicht. jie aber fuhr leidenſchaftlicher fort: Ja, Du ſollſt mein Herr ſein und mein Gemahl! Komm, mein Geliebter, komm! Ich habe Dich nicht gerufen, damit Du die ſchmachvolle Rolle des heimlichen Ge⸗ liebten einer Prinzeſſin auf Dich nähmeſt. Ich habe Dich gerufen, damit Du mein Gemahl werdeſt. Ich will, daß ein Band uns Beide vereine, welches ſo un⸗ auflöslich iſt, daß nicht einmal der Zorn und der Wille meines Vaters, ſondern nur der Tod es zer⸗ reißen kann. Ich will Dir ein Zeugniß geben meiner Liebe und meiner Hingebung, und Du ſollſt erkennen müſſen, daß ich Dich wahrhaft liebe. Komm, mein Geliebter, damit ich Dich bald als meinen Gemahl begrüßen kann! Er ſah ſie wie erſtarrt an. Wohin willſt Du mich führen? In die Hauskapelle! ſagte ſie arglos. Ich habe Cranmer geſchrieben, mich dort bei Tagesanbruch zu erwarten. Eilen wir alſo! Cranmer! Du haſt dem Erzbiſchof geſchrieben? rief Seymour entſetzt. Wie, was ſagſt Du, Cranmer erwartet uns in der Hauskapelle? 4 — — 101— Ohne Zweifel erwartet er uns, da ich ihm ge⸗ ſchrieben habe, es zu thun. ge Und was ſoll er? Was willſt Du von ihm? Sie ſah ihn erſtaunt an. Was ich von ihm will? Nun, daß er uns vermähle! 5 Der Graf taumelte wie betäubt zurück. Und haſt Du ihm das auch geſchrieben? Nicht doch, ſagte ſie mit einem reizenden Kinder⸗ lächeln, ich weiß ſehr wohl, daß es gefährlich iſt, dem Papier ſolche Geheimniſſe anzuvertrauen. Ich ihm nur geſchrieben, in ſeiner Amtstracht zu komme weil ich ihm wichtige Geheimniſſe beichten müſſe. Ach, Gott ſei gelobt! Wir ſind nicht verloren! ſeufzte Seymour. Aber wie, ich verſtehe Dich nicht? fragte ſie. Du 3 reichſt mir nicht die Hand? Du eilſt nicht, mich in die Kapelle zu führen? Sage mir, ich beſchwöre Dich', ſage mir nur dies Eine: Haſt Du dem Erzbiſchof jemals von Deiner, nein, von unſerer Liebe geſprochen? Haſt Du ihm jemals nur eine Sylbe verrathen von Dem, was unſere Herzen bewegt? Sie erröthete tief unter ſeinen feſt auf ſie gerich⸗ teten Blicken. Schilt mich, Seymour, flüſterte ſie. Aber mein Herz war ſchwach und zaghaft, und ſo oft ich auch es verſuchte, die heilige Pflicht zu erfüllen, und treu und offen dem Erzbiſchof Alles zu beichten, ich vermochte es nicht! Das Wort erſtarb auf meinen Lippen, und es war, als ob eine unſichtbare Macht 8 meine Zunge lähmte.— So alſo weiß Cranmer niehts? Nein, Seymour, noch weiß er nichts! Aber jetzt * — 102— ſoll er Alles erfahren, jetzt wollen wir vor ihn hin⸗ treten und ihm ſagen, daß wir uns lieben, und ihn durch unſere Bitten zwingen, daß er unſern Bund ſegne und unſere Hände in einander lege. 3 Unmöglich! rief Seymour. Nimmer kann das ge⸗ ſchehen! Wie? Was ſagſt Du da? fragte ſie erſtaunt. Ich ſage, daß Cranmer niemals ſo unſinnig, ja ſo verbrecheriſch ſein wird, Deinen Wunſch zu er⸗ füllen. Ich ſage, daß Du niemals meine Gemahlin werden kannſt. Sie ſah ihm voll und groß in's Angeſicht. Haſt Du mir denn nicht geſagt, daß Du mich liebſt? fragte ſie. Habe ich Dir nicht geſchworen, daß ich Dich wieder liebe? Müſſen wir uns alſo nicht heirathen, um den Bund unſerer Herzen zu heiligen? Seymour ſenkte vor ihren reinen unſchuldigen Blicken das Auge zu Boden und erröthete vor Scham. Sie verſtand dieſes Erröthen nicht; ſie hielt ihn, weil er ſchwieg, für überwunden.. 3 Komm, ſagte ſie, komm, Cranmer erwartet uns! Er richtete den Blick wieder empor und ſah ſie entſetzt an. Du ſiehſt alſo nicht, daß dies Alles nur ein Traum iſt, der niemals Wirklichkeit werden kann? Du fühlſt nicht, daß dieſe köſtliche Phantaſie Deines edlen und großen Herzens niemals ſich realiſiren wird? Wie? Kennſt Du Deinen Vater denn ſo wenig, daß Du nicht weißt, er würde uns Beide ver⸗ nichten, wenn wir es wagen wollten, ſo ſeiner väter⸗ lichen und ſeiner Königlichen Autorität zu ſpotten. Deine Geburt würde Dich nicht ſichern vor ſeiner zerſchmetternden Wuth, denn Du weißt wohl, er iſt unbeugfam und rückſichtlos in ſeinem Zorn, und die —,—. — — 103— Stimme des Blutes klingt in ihm nicht ſo laut, daß ſie von dem Donner ſeines Zornes nicht übertönt werden könnte. Armes Kind, Du haſt das ſchon er⸗ fahren! Erinnere Dich daran, mit welcher Grau⸗ ſamkeit er an Dir ſchon die vermeintliche Schuld Deiner Mutter gerächt hat, wie er ſeinen Zorn gegen dieſe auf Dich übertrug. Erinnere Dich, daß er Deine Hand dem Dauphin von eha verwei⸗ gerte, nicht, um Deines Glückes willen, ſondern weil ien Stellung oulen's könne eerden*). Und Zornes de en er ſagte, Du ſeieſt einer ſolchen erha nicht werth. Der Baſtard Anna nimmermehr Königin von Frankreich nach ſolchen Beweiſen ſeines grauſan Dich willſt Du es wagen, i Inſult in's Antlitz zu ſchleube n 2 den Unterthan, den Diener als ſeinen kennen? Oh, dieſer Diener iſt indeſſen der Bruder einer Königin von England! ſagte ſie ſchüchtern. Mein Vater hat Johanna Seymour zu heiß geliebt, als daß er ihrem Bruder nicht verzeihen ſollte. 2 Ach, ach, Du kennſt Deinen Vater uicht! Er hat kein Herz für die Vergangenheit, oder wenn er's hat, ſo iſt es nur, um eine Beleidigung, eine Schuld zu rächen, aber nicht um die Liebe zu belohnen. König Heinrich wäre fähig, die Tochter Anna Boulen's zum Tode zu verurtheilen, die Brüder Katharina Howard's auf das Schaffot und in in die Folterkammer zu ſchicken, weil dieſe beiden Königinnen ihn einſt ge⸗ kränkt und ſein Herz verwundet haben; er würde aber auch nicht das kleinſte Vergehen mir um deshalb ver⸗ zeihen, weil ich der Bruder einer Königin bin, welche ihn zu zwingen, Sohn anzuer⸗ *) Tytler. fürchterlichen — 104— ihn treu und zärtlich bis zu ihrem Tode geliebt hat, Aber ich ſpreche nicht von mir, ich bin ein Krieger und habe dem Tod zu oft in's Antlitz geſchaut, als daß ich ihn jetzt fürchten ſollte. Ich ſpreche nur von Dir, Eliſabeth! Du darfſt ſo nicht untergehen. Dieſes edle Haupt ſoll nicht auf den Block gelegt werden. Es iſt beſtimmt eine Königskrone zu tragen. Ein höheres Glück noch als die Liebe erwartet Dich, der Ruhm und die Macht! Ich darf Dich dieſer ſtolzen Zukunft nicht entziehen. Die Prinzeſſin Eliſabeth, wenn auch geſchmäht und verſtoßen, kann immer einſt noch den Thron von England beſteigen. Die Gräfin Seymour niemals, ſie enterbt ſich ſelbſt. Folgt alſo Eurer hohen Beſtimmung. Graf Seymour tritt zu⸗ rück vor einem Thron. Das heißt, Ihr verſchmäht mich? fragte ſie, zornig mit dem Fuß auf den Boden ſtampfend. Das heißt, der ſtolze Graf Seymour hält den Baſtard zu gerin für ſeine Grafenkrone! Das heißt, Ihr liebt mich nicht! Nein, es heißt, ich liebe Dich mehr als mich ſelbſt, beſſer und reiner, als irgend ein Mann Dich lieben kann, denn dieſe Liebe iſt ſo groß, daß ſie meinen Egoismus und meinen Ehrgeiz ſchweigen macht und mich nur an Dich und Deine Zukunft denken läßt. Ach, ſeufzte ſie traurig, wenn Du mich wahrhaft liebteſt, würdeſt Du nicht überlegen, würdeſt die Ge⸗ fahr nicht ſehen und den Tod nicht fürchten. Du würdeſt nichts denken und nichts wiſſen, als die iebe. Weil ich die Liebe denke, denke ich an Dich, ſagte Seymour. Ich denke, daß Du groß, mächtig und ſtrahlend über die Welt dahin gehen ſollſt, und daß ich Dir dazu meinen Arm leihen will. Ich denke — 105— daran, daß meine Königin der Zukunſt eines Feld⸗ herrn bedarf, der ihr den Sieg erkämpft, und daß ich dieſer Feldherr ſein will. Wenn aber dieſes Ziel er⸗ reicht iſt, wenn Du die Königin biſt, dann haſt Du die Macht, aus Deinem Unterthan Deinen Gemahl zu machen, dann ruht es in Deinem Willen, mich zu dem ſtolzeſten, dem glücklichſten und beneidenswertheſten aller Menſchen zu erheben. Reiche mir alsdann die Hand, und ich werde Gott preiſen und danken, daß er mich ſo begnadigt, und mein ganzes Daſein wird aufgehen in dem Streben, Dir das Glück zu geben, welches Du ſo ſehr berechtigt biſt zu fordern. Und bis dahin? fragte ſie traurig. Bis dahin wollen wir ausharren und uns lieben! rief er, indem er ſie zärtlich in ſeine Arme drückte. Sie wehrte ihn ſanft zurück. Wirſt Du auch bis dahin mir treu ſein? Treu bis in den Tod! Sie haben mir geſagt, daß Du Dich mit der Grä⸗ fin Richmond vermählen würdeſt, um endlich dem langen Haß der Howard's und Seymour's dadurch ein Ende zu geben. Thomas Seymour runzelte die Stirn und ſein Antlitz verfinſterte ſich. Glaube mir, dieſer Haß iſt unbeſiegbar, ſagte er, und kein Ehebündniß könnte ihn hinwegwaſchen. Er iſt eine langjährige Erbſchaft unſerer Familien, und ich bin feſt entſchloſſen, dieſer Erbſchaft nicht zu entſagen. Ich werde eben ſo wenig die Herzogin von Richmond heirathen, als Henry Howard meine Schweſter, die Gräfin von Shrewsbury. Schwöre mir das! Schwöre mir, daß Du die Wahrheit ſagſt, und daß dieſe ſtolze und coquette Her⸗ — 106— zogin niemals Deine Gemahlin werden ſoll. Schwöre es mir, bei Allem, was Dir heilig iſt! Ich ſchwöre es Dir bei meiner Liebe! rief Thomas Seymour feierlich. Ich werde alſo mindeſtens einen Kummer weniger haben, ſeufzte Eliſabeth. Ich werde nicht nöthig he ben, eiferſüchtig zu ſein. Und nicht wahr, ſagte ſie dann, nicht Haßre wir werden uns oft ſehen? Wir werden Beide treu und heilig das Geheimniß dieſes Thurmes bewahren, und nach den Tagen voll Ent⸗ beheun und Täuſchung werden wir hier Nächte voll ſeliger Luſt und ſüßen Entzückens feiern. Aber wes⸗ halb lächelſt Du, Seymour? Ich lächele, weil Du ſo rein und ſchuldlos biſt wie ein Engel, ſagte er, indem er ehrfurchtsvoll ihre Hand küßte. Ich lächele, weil Du ein erhabenes, gött⸗ liches Kind biſt, welches man auf den Knien verehren, und zu welchem man beten muß, wie zu der keuſchen Göttin Veſta! Ja, mein holdes, geliebtes Kind, wir wollen hier, wie Du ſagſt, Nächte voll ſeliger Luſt durchleben, und möge ich verworfen und verdammt ſein, wenn ich jemals fähig wäre, dieſes ſüße und unſchuldsvolle Vertrauen, mit welchem Du mich be⸗ guadigſt, zu verrathen und Deine Engelsreinheit zu trüben! Ach wir werden ſehr glücklich ſein, Seymour! ſagte ſie lächelnd. Nur Eins fehlt mir! Eine Freun⸗ din, welcher ich mein Glück ſagen, zu welcher ich von Dir ſprechen könnte. Oh, oft iſt es mir, als müßte dieſe Liebe, welche ſich immer verbergen, immer ver⸗ ſchließen muß, endlich meine Bruſt zerſprengen, als müſſe ſich dieſes Geheimniß mit Gewalt Bahn brechen und wie ein Sturmwind über die ganze Welt dahin — 107— brauſen. Seymour, mir fehlt eine Vertraute meines Glückes und meiner Liebe. Hüte Dich wohl, eine ſolche ſuchen zu wollen! rief Seymour angſtvoll. Ein Geheimniß, welches Drei wiſſen, iſt keins mehr, und eines Tages würde Deine Vertraute uns verrathen. Nicht doch, ich kenne eine Frau, welche deſſen nicht fähig wäre, eine Frau, welche mich genugſam liebt, um mein Geheimniß treu, wie ich ſelber, zu bewahren, eine Frau, welche mehr als nur die Vertraute, welche die Beſchützerin unſerer Liebe ſein könnte. Oh glaube mir, wenn wir ſie für uns gewinnen köunten, dann würde unſere Zukunft eine beglückte und geſegnete ſein, und leicht möchte es uns alsdann gelingen, die Zuſtimmung des Königs zu erhalten, um uns zu ver⸗ mählen. Und wer iſt dieſe Frau? Es iſt die Königin. Die Königin? ſchrie Thomas Seymour, mit ſol⸗ chem Ausdruck des Entſetzens, daß Eliſabeth erzitterte, die Königin Deine Vertraute? Aber das iſt unmög⸗ lich! Das hieße uns Beide rettungslos in's Verderben ſtürzen. Unglückliches Kind, hüte Dich wohl, auch nur mit einem Wort, einer Sylbe Deines Verhält⸗ niſſes zu mir zu gedenken, hüte Dich wohl, nur mit der leiſeſten Andeutung ihr zu verrathen, daß Thomas Seymour Dir nicht gleichgültig iſt! Ach, ihr Zorn würde Dich und mich zerſchmettern! Und warum glaubſt Du das? fragte Eliſabeth finſter. Warum meinſt Du, daß Katharina in Zorn aufbrauſen ſollte, weil der Graf Seymour mich liebt? Oder wie? Iſt ſie es vielleicht, welche Du liebſt, unnd Du wagſt daher nicht, ihr zu bekennen, daß Du — 108— auch mir Deine Liebe geſchworen? Ach, ich durch⸗ ſchaue jetzt Alles, ich erkenne Alles! Du liebſt die Königin, ſie allein! Deshalb willſt Du nicht mit mir in die Kapelle gehen, deshalb ſchwöreſt Du, die Herzogin von Richmond nicht heirathen zu wollen, und deshalb, oh meine Ahnung trog mich nicht, des⸗ halb heute dieſer wahnſinnige, tolle Ritt in Epping⸗ Foreſt. Ach, das Pferd der Königin mußte allerdings raſend werden und durchgehen, damit der Herr Ober⸗ Stallmeiſter ſeiner Gebieterin folgen und ſich mit ihr in das Dickicht des Waldes verlieren konnte!— Und jetzt, ſagte ſie mit zornblitzenden Augen, die Hand gleichſam beſchwörend zum Himmel erhebend, jetzt ſage ich zu Dir: hüte Dich! Hüte Dich, Seymour, auch nur mit einem Wort und einer Sylbe Dein Geheimniß zu verrathen, denn dieſes Wort würde Dich zerſchmet⸗ tern! Ja, ich fühle es, daß ich kein Baſtard, daß ich die ächte Tochter meines Vaters bin, ich fühl's an dieſem Zorn und dieſer Eiferſucht, welche in mir tobt! Hüte Dich, Seymour, denn ich werde hingehen, Dich beim König anzuklagen, und das Haupt des Verrä⸗ thers wird auf dem Blutgerüſt fallen!. Sie war außer ſich. Sie ging mit geballten Fäu⸗ ſten und drohenden Mienen im Zimmer auf und ab. Thränen entſtürzten ihren Augen, aber ſie ſchüttelte ſie aus ihren Wimpern fort, daß ſie wie Perlen um ſie her ſpritzten. Die heftige und unbändige Natur ihres Vaters regte ſich in ihr und ſein Blut tobte in ihren Adern auf. Aber Thomas Seymour hatte ſchon ſeine Faſſung und Ruhe wieder gewonnen. Er näherte ſich der Prinzeſſin und ſchloß die Widerſtrebende in ſeine ſtar⸗ ken Arme. Thörin! ſagte er unter Küſſen. Süße, holde Thö⸗ — 109— rin, wie ſchön biſt Du in Deinem Zorn, und wie liebe ich Dich deshalb. Der Liebe ziemt die Eifer⸗ ſucht, und ich beklage mich deshalb nicht, obwohl Du ungerecht und grauſam gegen mich biſt. Die Königin iſt ein viel zu kaltes, ſtolzes Herz, als daß jemals ein Mann ſie lieben könnte. Ach, dies nur zu denken, iſt ſchon ein Verrath an ihrer Tugend und Ehrbarkeit, und ſicherlich hat ſie es um uns Beide nicht verdient, daß wir ſie ſchmähen und beſchimpfen. Sie iſt die Erſte, welche immer gerecht gegen Dich war, und mir iſt ſie ſtets nur eine gnädige Herrin geweſen! Es iſt wahr, murmelte Eliſabeth ganz beſchämt, ſie iſt mir eine treue Freundin und Mutter, und ihr danke ich meine jetzige Stellung an dieſem Hofe. Dann, nach einer Pauſe, ſagte ſie lächelnd und dem Grafen ihre Hand darreichend: Du haſt Recht, es wäre ein Verbrechen, ihr zu mißtrauen, und ich bin eine Thörin. Vergiß es, Seymour, vergiß mei⸗ nen albernen und kindiſchen Zorn, und ich verſpreche Dir dafür, unſer Geheimniß Niemand zu verrathen, auch der Königin nicht. Du ſchwörſt es mir? Ich ſchwöre es Dir. Und ich ſchwöre Dir mehr als das: ich will niemals wieder eiferſüchtig auf ſie ſein. Dann thuſt Du nur Dir ſelber und auch der Königin genug, ſagte der Graf lächelnd, indem er ſie wieder in ſeine Arme zog. Aber ſie wehrte ihn ſanft zurück. Ich muß jetzt fort. Der Morgen bricht an, und der Erzbiſchof er⸗ wartet mich in der Hofkapelle. 3 Und was wirſt Du ihm ſagen, Geliebte? Ich werde ihm beichten! — 110— Wie? Du wirſt ihm alſo dennoch unſere Liebe verrathen? Oh, ſagte ſie mit einem bezaubernden Lächeln, das iſt ein Geheimniß zwiſchen uns und Gott, und nur dem allein können wir es beichten, weil nur Er allein uns davon abſolviren kann. Lebe alſo wohl, Sey⸗ mour, lebe wohl, und denke mein, bis wir uns wie⸗ derſehen! Aber wann, ſage, wann werden wir uns wieder ſehen? Wenn es eine Nacht iſt, wie die heutige, Geliebte, wenn der Mond nicht am Himmel iſt. Oh, dann möchte ich wünſchen, daß alle Woche Mondwechſel wäre, ſagte ſie mit der reizenden Un⸗ ſchuld eines Kindes. Lebe wohl, Seymour, lebe wohl, wir müſſen ſcheiden. Sie ſchmiegte ſich an ſeine hohe, feſte Geſtalt wie die Liane den Eichenſtamm umrankt. Dann ſchieden ſie. Die Prinzeſſin ſchlüpfte leiſe und ungeſehen wie⸗ der in ihre Gemächer und von dort in die Hofkapelle; der Graf ging die Wendeltreppe wieder hinab, die zu der geheimen Gartenthür führte.. Unbemerkt und ungeſehen kehrte er in ſeinen Pa⸗ laſt zurück; ſelbſt ſein Kammerdiener, welcher im Vor⸗ zimmer ſchlief, ſah es nicht, wie der Graf leiſe auf den Zehen an ihm vorüberſchlich und ſich in ſein Schlafgemach begab. Aber in ſeine Bugen kam in dieſer Nacht kein Schlaf, und ſeine Seele war ruhelos und voll wilder Qual. Er zürnte mit ſich ſelber und klagte ſich des Verrathes und des Treubruchs an; und dann ſuchte er doch wieder voll ſtolzen Hochmuthes ſich ſelber zu entſchuldigen und ſein Gewiſſen, welches zu Gericht über ihm ſaß, zum Schweigen zu bringen. — 111— Ich liebe ſie, ſie allein! ſagte er zu ſich ſelber, Katharina beſitzt mein Herz, meine Seele, ihr bin ich bereit, mein ganzes Leben zu weihen. Ja, ich liebe ſie! Ich habe es ihr heute geſchworen, und ſie iſt mein für alle Ewigkeit! Und Eliſabeth? fragte ſein Gewiſſen. Haſt du nicht auch ihr Treue und Liebe zugeſchworen? Nein! ſagte er. Ich habe nur ihre Schwüre an⸗ genommen, ich habe ſie nicht erwiedert, und als ich ihr gelobte, die Herzogin Richmond nicht zu heirathen, als ich ihr dies„bei meiner Liebe“ ſchwur, da dachte ich nur an Katharina, an dieſes ſtolze, ſchöne, lieb⸗ reizende, zugleich jungfräuliche und üppige Weib, nicht aber an dieſes junge, unerfahrene, wilde Kind, an dieſe reizloſe, kleine Prinzeſſin! Aber dieſe Prinzeſſin kann einſt eine Königin wer⸗ den, flüſterte ſein Ehrgeiz. Das iſt indeſſen ſehr zweifelhaft, antwortete er ſich ſelbſt. Gewiß aber iſt, daß Katharina einſt Regentin wird, und bin ich alsdann ihr Gemahl, ſo bin ich der Regent von England. Das war das Geheimniß ſeiner Zweideutigkeit und ſeines doppelten Verrathes. Thomas Seymour liebte nichts als ſich ſelbſt, nichts als ſeinen Ehrgeiz. Er wäre im Stande geweſen, ſein Leben für eine Frau zu wagen, aber für den Ruhm und die Größe würde er freudig dieſe Frau geopfert haben. 4 Für ihn gab es nur ein Ziel, ein Streben: groß und mächtig zu werden vor allen Großen des Reiches, der erſte Mann in England zu ſein. Um dies Ziel zu erreichen, würde er kein Mittel geſcheut, vor keinem Verrath und keiner Sünde zurück gebebt ſein. Gleich den Schülern Loyola's ſagte er entſchul⸗ — 112— digend zu ſich ſelber: der Zweck heiligt die Mittel. Und nun war ihm jedes Mittel recht, welches ihn zum Zweck, das heißt, zu Hoheit und Glanz führen konnte. Er war feſt überzeugt, daß er die Königin glühend liebe, und in ſeinen edleren Stunden liebte er ſie wirklich.— Von dem Moment abhängig, ein Sohn der Stunde, wechſelten in ihm Empfinden und Wollen mit Blitzesſchnelle, und immer war er ganz und gar das, womit ihn der Moment durchglühte. Wenn er daher der Königin gegenüber ſtand, log er nicht, wenn er ihr ſchwur, daß er ſie leidenſchaft⸗ lich liebe. Er liebte ſie wirklich, doppelt heiß, da ſie ſich ihm gewiſſermaßen mit ſeinem Ehrgeiz identificirt hatte. Er betete ſie an, weil ſie das Mittel war, welches ihn zu ſeinem Zwecke führen konnte, weil ſie das Scepter von England einſt in ihren Händen hal⸗ ten würde. Und an dem Tage, wo dies geſchah, wollte er ihr Geliebter, und ihr Herr ſein. Sie hatte ihn zu ihrem Herrn angenommen, und er war jetzt ſeiner einſtigen Herrſchaft ganz gewiß. 4 Er liebte alſo die Königin, aber ſein ſtolzes und ehrgeiziges Herz konnte niemals ſo ganz von einer Liebe beſeelt ſein, daß nicht noch Raum darin ge⸗ weſen wäre für eine zweite, vorausgeſetzt, daß dieſe zweite Liebe eine günſtige Chance für die Erreichung ſeines Lebensziels dargeboten hätte. Prinzeſſin Eliſabeth hatte dieſe Chance. Und wenn die Königin gewiß einſt die Regentin von England werden mußte, ſo konnte doch Eliſabeth einſt vielleicht deſſen Königin werden. Allerdings war es bis jetzt nur ein Vielleicht, aber man konnte dazu thun, aus dieſem Vielleicht eine Wirklichkeit zu machen.— Zu⸗ dem liebte ihn dieſes junge, leidenſchaftliche Kind, und — 113— Thomas Seymour war ſelber zu jung, und zu leicht erregbar, um eine Liebe verſchmähen zu können, welche ſich ihm mit ſo lockenden Verheißungen und glänzen⸗ den Zukunftsträumen darbot. Dem Mann ziemt es nicht, nur der Liebe zu leben, ſagte er zu ſich ſelber, als er jetzt der Begebenheiten dieſer Nacht gedachte. Nach dem Höchſten muß er ſtreben, und das Größte muß er erreichen wollen, und kein Mittel, dieſes Ziel zu erreichen, darf er unbe⸗ nutzt laſſen. Zudem iſt mein Herz groß genug um einer zwiefachen Liebe zu genügen. Ich liebe ſie Beide, dieſe ſchönen Frauen, welche mir eine Krone entgegen tragen. Möge das Schickſal entſcheiden, welcher von Beiden ich einſt angehören ſoll! IX. Henry Howard, graf von Surrey. Das ſo lang erwartete, große Hoffeſt ſollte endlich heute ſtattfinden. Die Ritter und Lords bereiteten ſich zum Turnier, die Dichter und Gelehrten zum Dichterfeſt. Denn Beides wollte der ſchöngeiſtige und tapfere König heute in dieſem Feſte vereinigen, um der Welt das ſeltene und große Beiſpiel zu geben, daß es einen König gebe, welcher alle Tugend und alle Weisheit ſein eigen nenne, welcher ein ebenſo großer Held, als Gottgelahrter, ein eben ſo großer Dichter, als Weltweiſer und Gelehrter ſei. Die Ritter ſollten kämpfen zur Ehre ihrer Dame, die Dichter ſollten ihre Lieder ſingen, und John Hey⸗ wood ſeine luſtigen Farcen vortragen; ja ſelbſt die Heinrich VIII. 2. 8 — 114— großen Gelehrten ſollten Theil haben an dieſem Feſt, denn der König hatte eigens zu demſelben ſeinen frü⸗ heren Lehrer in der griechiſchen Sprache, den großen Gelehrten Croke, dem das Verdienſt gebührt, die ge⸗ lehrte Welt in Deutſchland ſowohl, wie in England zuerſt wieder mit den griechiſchen Dichtern bekannt ge⸗ macht zu haben, und welcher damals Profeſſor der Univerſität in Cambridge war,*) von dort nach Lon⸗ don kommen laſſen. Er wollte ſeinem ſtaunenden Hofe mit Croke einige Scenen des Sophocles vortra⸗ gen, und wenn auch freilich Niemand da ſein mochte, welcher die griechiſche Sprache verſtand, ſo mußten ſich ohne Zweifel doch Alle an der wundervollen Muſik des Griechiſchen und an der ſtaunenswerthen Gelehrſamkeit des Königs entzücken können. Ueberall bereitete man ſich vor, traf man ſeine Anordnungen, machte man ſeine Toilette, ſei's die Toilette des Geiſtes, oder die des Körpers. Auch Henry Howard, Graf von Surrey, machte die ſeinige, das heißt, er hatte ſich in ſein Cabinet zurückgezogen und war damit beſchäftigt, die Sonnette zu feilen, welche er heute vorzutragen gedachte, und in welchen er die Schönheit und die Anmuth der ſchönen Geraldine pries.— Er hatte das Papier in der Hand, und lag auf der ſeruitten Ottomane, die vor ſeinem Schreibtiſch ſtand. 8 Wenn Lady Jane Douglas ihn jetzt geſehen hätte, würde ein ſchmerzvolles Entzücken ſie erfüllt haben, zu gewahren, wie er, das Haupt in die Polſter zurück⸗ gelehnt, die großen blauen Augen träumeriſch zum y) Tytler, pag. 207. — 115— Himmel emporgewandt, lächelte und leiſe Worte flüſterte. Er war ganz verſenkt in ſüße Rückerinnerungen, er dachte an dieſe entzückensvollen, ſeligen Stunden, welche er vor wenigen Tagen mit ſeiner Geraldine verlebt, und indem er daran dachte, betete er ſie an, wiederholte er ihr im Geiſt auf's Neue die Schwüre ewiger Liebe, unverbrüchlicher Treue.. Sein ſchwärmeriſches Gemüth war ganz erfüllt von ſüßer Schwermuth, und ganz trunken fühlte er ſich von dem zauberhaften Glück, welches ſeine Geral⸗ dine ihm dargeboten. Sie war ſein, endlich ſein! Nach ſo langen, ſchmerzvollen Kämpfen, nach ſo bitterer Entſagung und ſo trauriger Reſignation war endlich das Glück für ihn aufgegangen; das nie Geahnte war endlich doch Wahrheit geworden. Katharina liebte ihn, ſie hatte ihm mit heiligen Eiden geſchworen, daß ſie eines Tages ſeine Gemahlin werden wolle, daß ſie ſein Weib werden wolle vor Gott und den Menſchen. Wann aber kann der Tag kommen, an welchem er ſie der Welt als ſeine Gemahlin zeigen darf? Wann wird ſie endlich befreit werden von der Laſt ihrer Kö⸗ nigskrone, wann werden dieſe goldenen Ketten endlich von ihr abfallen, welche ſie an den tyranniſchen, blut⸗ dürſtigen Gemahl, den grauſamen und hochmüthigen König binden? Wann wird Katharina endlich auf⸗ hören, Königin zu ſein, um Lady Surrey zu werden? Seltſam! Wie er das ſich fragte, überlief ihn ein Schauder, und ein unerklärliches Grauen beſchlich ſeine Seele. 4 Es war ihm, als flüſtere eine Stimme ihm zu: 3 34 — 116— „Du wirſt dieſen Tag niemals erleben! Der König, ſo alt er iſt, lebt dennoch länger als Du! Bereite Dich vor auf das Sterben, denn der Tod iſt nahe ſchon vor Deiner Thür!“— Und es war nicht das erſte Mal, daß er dieſe Stimme vernahm. Oft ſchon hatte ſie zu ihm geſpro⸗ chen, und immer mit denſelben Worten, derſelben Warnung. Oft in ſeinen Träumen war es ihm ge⸗ weſen, als fühle er einen ſchneidenden Schmerz an ſeinem Halſe, und er hatte ein Schaffot geſehen, von welchem ſein eigenes Haupt hernieder rollte. Henry Howard war abergläubiſch, denn er war ein Dichter, und dieſen iſt es gegeben, einen geheim⸗ nißvollen Zuſammenhang zwiſchen der ſichtbaren und unſichtbaren Welt zu ahnen, zu glauben, daß über⸗ natürliche Kräfte und unſichtbare Geſtalten den Men⸗ ſchen umgeben und ihn entweder beſchützen, oder auch ihn verdammen.* Es gab Stunden, in denen er an die Wahrheit ſeiner Träume glaubte, in denen er nicht zweifelte an dieſem trüben und grauenvollen Schickſal, welches ſie ihm verkündeten. Früher hatte er ſich mit lächelnder Reſignation dar⸗ ein ergeben, aber jetzt, ſeit er Katharina liebte, ſeit ſie ihm angehörte, jetzt wollte er nicht ſterben, jetzt, wo das Leben ihm ſeine entzückendſten Genüſſe, ſeine be⸗ ranſchenden Freuden geboten, jetzt wollte er es nicht laſſen, jetzt graute ihm vor dem Sterben. Er war daher vorſichtig und beſonnen, und, des Königs heim⸗ tückiſchen, wilden und eiferſüchtigen Charakter kennend, war er immer ſorgſam bemüht geweſen, Alles zu ver⸗ meiden, was ihn reizen, was die königliche Hyäne aus ihrem Schlummer erwecken könnte.— — 117.— Aber es ſchien ihm, als ob der König auf ihn und ſeine Familie ſeinen beſonderen Groll gerichtet, als ob er es ihnen nimmer vergeben könnte, daß die Ge⸗ mahlin, welche er zumeiſt geliebt, und die ihn am bitterſten gekränkt, aus ſeinem Stamm entſproſſen ſei. In jedem Blick, in jedem Wort des Königs, fühlte und empfand Henry Seymour dieſen heimlichen In⸗ grimm des Königs, er ahnte, daß Heinrich nur auf den günſtigen Moment laure, um ihn packen und erwür⸗ gen zu können. Er war daher auf ſeiner Hut. Denn jetzt, wo Geraldine ihn liebte, gehörte ſein Leben nicht ihm allein mehr an, ſie liebte ihn, ſie hatte ein Recht auf ihn, ſeine Tage waren daher geheiligt vor ihm ſelber. Er hatte alſo zu allen dieſen kleinlichen Kränkun⸗ gen und Tracaſſerien des Königs geſchwiegen, er hatte es ſogar ohne Murren und ohne eine Genugthuung zu fordern, hingenommen, daß der König ihn plötzlich von der Armee, welche gegen Frankreich kämpfte, und deren Befehlshaber er geweſen, zurückgerufen und an ſeiner Statt den Lord Hertfort, Grafen von Sudley, zur Armee, welche vor Boulogne und Montreuil la⸗ gerte, geſchickt hatte. Er war ſtill und ohne Groll in ſei⸗ nen Palaſt zurückgekehrt; und da er nicht mehr Feldherr und Krieger ſein konnte, war er wieder ein Gelehrter und Dichter geworden. Sein Palaſt war jetzt wieder der Sammelplatz der Gelehrten und Schriftſteller Eng⸗ land's, und mit wahrhaft fürſtlicher Freigebigkeit war er ſtets bereit, dem unterdrückten und geſchmäheten Talent hülfreich zu ſein, dem verfolgten Gelehrten ein Aſyl in ſeinem Palaſt zu gewähren. Er war es, welcher den Gelehrten Fox vom Hungertode errettete und ihn in ſein Haus aufnahm, wo Horatius Ju⸗ nius ſchon als ſein Arzt, und der ſpäter ſo berühmte — 118— Dichter Churchyard als ſein Page Aufnahme ge⸗ funden.*) Die Liebe, die Künſte und die Wiſſenſchaften mach⸗ ten die Wunden verharrſchen, welche der König ſeinem Ehrgeiz geſchlagen, und jetzt empfand er keinen Groll mehr, jetzt dankte er dem König faſt. Denn ſeiner Zurückberufung allein verdankte er ſein Glück, und Heinrich, welcher ihn kränken wollte, hatte ihm ſein ſüßeſtes Glück gegeben. „Er lächelte jetzt, wie er daran dachte, daß Hein⸗ rich, welcher ihm den Feldherrnſtab genommen, ihm dafür, ohne es zu wiſſen, ſeine eigene Königin ge⸗ geben, und ihn erhöht hatte, als er ihn demüthigen wollte. Er lächelte und nahm wieder das Gedicht zur Hand, mit welchem er heute beim Hoffeſte die Ehre und das Lob ſeiner Geliebten, der ſchönen, unbekann⸗ ten, von Niemand geahnten Geraldine, beſingen wollte. Die Verſe ſind hart, murmelte er, dieſe, Sprache iſt ſo arm! Sie vermag nicht all' dieſe Fülle von Anbetung und Entzücken auszudrücken, welche ich empfinde. Petrarka war darin glücklicher. Seine ſchöne, weiche Sprache klingt wie Muſik und iſt ſchon ganz von ſelbſt die harmoniſche Begleitung ſeiner Liebe. Ach, Petrarka, ich beneide Dich und möchte doch Dir nicht gleichen. Denn Dein Loos war ein trauriges und bitterſüßes. Laura hat Dich nie geliebt, und ſie war Mutter von zwölf Kindern, von denen kein ein⸗ ziges Dir gehörte. Er lachte im Gefühl ſeines eigenen, ſtolzen Liebes⸗ *) Nott's life of the earl of Surrey. — 119— glückes und griff nach Petrarka's Sonnetten, welche neben ihm auf dem Tiſche lagen, um ſein neues Sonnett mit einem ähnlichen Petrarka's zu ver⸗ gleichen. So vertieft war er in dieſe Betrachtungen, daß er gar nicht bemerkte, wie hinter ihm die Portidre, welche die Thür verhüllte, zurückgeſchlagen ward, und ein wundervolles, junges Weib, ſtrahlend von Brillan⸗ ten und funkelndem Geſchmeide, in ſein Kabinet eintrat. Sie ſtand einen Augenblick auf der Schwelle ſtill, und betrachtete lächelnd den Grafen, der immer noch in ſeine Lectüre vertieft war. Sie war von einer impoſanten Schönheit, ihr großes Auge flammte und glühte wie ein Vulkan, ihre hohe Stirn ſchien ganz dazu eſtimmt eine Krone zu tragen, auch war es eine Herzogskrone, welche auf ihrem ſchwarzen Haare prangte, das ſich in langen Locken bis auf ihre vollen, üppigen Schultern nieder⸗ ringelte. Ihre große und majeſtätiſche Geſtalt war in ein weißes Atlasgewand gekleidet, das reich mit Her⸗ melin und Perlen verbrämt war; zwei Agraffen von koſtbaren Brillanten hielten auf ihren Schultern den kleinen Halbmantel von purpurrothem, hermelinbeſetz⸗ tem Sammet feſt, de Gihren Rücken bedeckte, und bis zu der Hälfte ihrer Figur hinabfiel. So erſchien die Herzogin von Richmond, die Wittwe von König Heinrichs natürlichem Sohn Henry Richmond, die Schweſter des Lord Henry Ho⸗ ward, Grafen von Surrey, und die Tochter des edlen Herzogs von Norfolk. Seit ihr Gemahl geſtorben und ſie als zwanzig⸗ jährige Wittwe zurückgelaſſen, bewohnte ſie den Palaſt ihres Bruders und hatte ſich unter ſeinen Schutz ge⸗ — 120— ſtellt, und in der Welt nannte man ſie„das zärtliche 3 Geſchwiſterpaar.“ Ach, wie wenig wußte die Welt, welche gewohnt iſt, immer nach dem Schein zu urtheilen, von dem Haſſen und dem Lieben dieſer Beiden; wie wenig ahnte ſie die wahren Empfindungen der Geſchwiſter! Henry Howard hatte ſeiner Schweſter ſeinen Palaſt zur Wohnung angeboten, weil er hoffte, vielleicht durch ſeine Nähe ihrem ſprudelnden und üppigen Na⸗ turell eine Feſſel anzulegen, welche ſie nöthigen ſollte, die Schranken der Sitte und des Herkommens nicht zu überſchreiten; Lady Richmond hatte dieſes Aner⸗ bieten ſeines Palaſtes angenommen, weil ſie es mußte, weil der geizige und karge König der Wittwe ſeines Sohnes nur ein geringes Jahrgeld gab, und ſie ihr eigenes Vermögen verſchwendet und mit vollen Hän⸗ * den an ihre Liebhaber hingegeben hatte.„ Henry Howard hatte ſo gehandelt, um der Ehre ſeines Namens willen, aber er liebte ſeine Schweſter nicht, ſondern er verachtete ſie. Die Herzogin von Richmond aber haßte ihren Bruder, weil ihr ſtolzes Herz ſich von ihm gedemüthigt und zur Dankbarkeit verpflichtet fühlte. 3 Aber ihr Haß und ihre Verachtung war ein Ge⸗ heimniß, das ſie Beide im Grunde ihres Herzens be⸗ wahrten, und das ſie kaum ſich ſelber zu geſtehen wagten. Beide hatten ſie dies ihr innerſtes Empfinden mit dem Anſchein der Liebe verhüllt, und nur zu⸗ weilen verrieth ſich Einer dem Andern durch irgend ain leicht hingeworfenes Wort, einen unbeachien ick. Pruder und Schweſter. Leiſe auf den Fußſpitzen ſchlich die Herzogin zu ihrem Bruder hin, der ſie noch immer nicht emerkte. Der dicke türkiſche Fußteppich machte ihre Schritte un⸗ hörbar, ſie ſtand ſchon hinter dem Grafen und er hatte ſie noch nicht gewahrt. Jetzt neigte ſie ſich über ſeine Schulter und rich⸗ tete die funkelnden Augen auf das Papier in ihres Bruders Hand. Dann las ſie mit lauter klangvoller Stimme die Ueberſchrift deſſelben:„Klagelied, weil Geraldine ſich dem Geliebten immer nur umhüllt von einem Schleier zeigt.⸗ Ach, ſagte die Herzogin lachend, jetzt habe ich alſo Dein Geheimniß belauſcht und Du mußt Dich mir auf Gnade und Ungnade ergeben. Du liebſt alſo und Geraldine heißt die Auserkorne, an welche Du Deine Gedichte richteſt? Ich ſchwöre Dir, mein Bruder, Du ſollſt mir dies Geheimniß theuer be⸗ zahlen. Es iſt gar kein Geheimniß, Schweſter, ſagte der Graf ruhig lächelnd, indem er ſich von dem Divan erhob und die Herzogin begrüßte. Es iſt ſo wenig ein Geheimniß, daß ich ſogar heute Abend beim Hof⸗ feſt dieſes Sonnett vortragen werde. Ich werde alſo Deiner Verſchwiegenheit nicht bedürfen, Roſabella. Alſo die ſchöne Geraldine zeigt ſich Dir immer nur in einem dunklen Schleier, ſchwarz wie die Nacht, *) Sonnett von Surrey. Siehe Nott's üfe and works of Surrey. ſagte die Herzogin nachdenkend. Aber ſage mir, Bru⸗ der, wer iſt denn die ſchöne Geraldine? Ich kenne am Hofe nicht eine einzige Dame, welche dieſen Namen trägt. 3 Daraus erſiehſt Du alſo, Schweſter, daß das Ganze nur eine Fiction iſt, ein Hirngebilde meiner Phantaſie. Nicht doch, ſagte ſie lächelnd, man ſchreibt nicht ſo glühend und ſo begeiſtert, wenn man nicht wirklich ver⸗ liebt iſt. Du beſingſt Deine Geliebte und giebſt ihr einen andern Namen. Das iſt ſehr einfach! Leugne es nicht, Henry, denn ich weiß es doch, daß Du eine Geliebte haſt. Es ſteht in Deinen Augen zu leſen. Und ſieh, um dieſer Geliebten willen bin ich zu Dir gekommen. Es ſchmerzt mich, Henry, daß Du kein Vertrauen zu mir haſt und mir keinen Antheil gönnſt an Deinen Freuden und Schmerzen. Du weißt alſo nicht, wie zärtlich ich Dich liebe, mein theurer, edler Bruder? Sie legte zärtlich ihren Arm um ſeinen Nacken und wollte ihn küſſen. Er bog ſein Haupt vuritd, und ſeine Hand an ihr roſiges, rundes Kinn legend, ſah er ihr prüfend und lächelnd in die Augen. Du willſt etwas von mir, Roſabella! ſagte er. Ich habe mich noch niemals Deiner Zärtlichkeit und Schweſterliebe zu erfreuen gehabt, außer wenn Du meiner Dienſte bedurfteſt. Wie mißtrauiſch Du biſt! rief ſie mit einem rei⸗ zenden Schmollen, indem ſie ſeine Hand von ihdem Geſichte losſchüttelte. Ich bin aus ganz uneigennütziger Theilnahme gekommen, theils um Dich zu warnen, Henry, theils um zu erforſchen, ob Deine Liebe zu⸗ fällig ſich auf eine Dame geheftet, welche meine War⸗ nung unnöthig machte. — 123— Du ſiehſt alſo wohl, daß ich Recht hatte, Roſabella, und daß Deine Zärtlichkeit nicht zwecklos war. Nun alſo, Du wollteſt mich warnen? Ich wüßte indeſſen nicht, in wiefern ich einer Warnung bedürfen könnte. Doch, Bruder! Denn gewiß wäre es ſehr gefähr⸗ lich und unheilvoll für Dich, wenn Deine Liebe zu⸗ fällig nicht mit den Befehlen des Königs übereinſtim⸗ mend wäre. Ein flüchtiges Erröthen flog über Henry Howards Angeſicht, und ſeine Stirn verfinſterte ſich. Mit den Befehlen des Königs? fragte er erſtaunt. Ich wüßte nicht, daß Heinrich der Achte über mein Herz gebieten könnte. Und jedenfalls würde ich ihm dieſes Recht niemals zugeſtehen. Sage alſo ſchnell, Schweſter, was iſt es? Was bedeutet es mit dieſem Befehl des Königs, und welch' einen Heirathsplan habt Ihr Weiber wiederum erſonnen? Denn ich weiß wohl, daß Du und meine Mutter vor dem Ge⸗ danken keine Ruhe habt, mich immer noch unvermählt zu ſehen! Ihr wollt mir durchaus das Glück der Ehe gönnen, und mir ſcheint indeſſen doch, daß Ihr Beide hinlänglich erfahren habt, daß dieſes Glück nur ein imaginaires und die Ehe in Wirklichkeit zum Min⸗ deſten der Vorhof der Hölle iſt. Es iſt wahr, lachte die Herzogin, der einzige glück⸗ liche Moment in meiner Ehe war der, als mein Ge⸗ mahl ſtarb. Denn dadurch bin ich glücklicher als meine Mutter, die ihren Tyrannen immer noch lebend um ſich hat. Ach, wie bedaure ich meine Mutter! Wage es nicht, unſern edlen Vater zu läſtern! rief der Graf faſt drohend. Gott allein weiß, wie viel er durch unſere Mutter gelitten hat, und wie viel er noch leidet. Nicht er iſt Schuld an ſeiner unglückli⸗ chen Ehe.— Aber nicht um über dieſe traurigen und — 124— beſchämenden Familienverhältniſſe zu ſprechen biſt Du ekkommen, Schweſter! Du wollteſt mich warnen, fegteſt Du? 4 Ja, Dich warnen! ſagte die Herzogin zärtlich, in⸗ dem ſie die Hand ihres Bruders nahm und ihn zu der Ottomane führte. Komm, laß uns hier nieder⸗ ſitzen, Henry, und einmal ſo vertraulich und herzlich plaudern, wie es Geſchwiſtern ziemt. Sage mir, wer iſt Geraldine? ch Ein Phantom, ein Luftgebilde! Ich ſagte es Dir on! Du liebſt alſo wirklich keine Dame dieſes Hofes? Nein, keine! Es iſt unter all' dieſen Ladies, mit welchen die Königin ſich umgiebt, nicht Eine, welche ich zu lieben vermöchte. Ach, Dein Herz iſt alſo frei, Henry, und Du wirſt um ſo leichter geneigt ſein, die Wünſche des Königs zu erfüllen. Was wünſcht der König? Sie legte ihren Kopf auf ihres Bruders Schulter, und flüſterte leiſe: daß die Familien Howard und Seymour ſich endlich verſöhnen, daß ſie endlich durch feſte, innige Bande der Liebe, den Haß, der ſie ſeit Jahrhunderten getrennt, verſöhnen möchten. Ach, das wünſcht der König! rief der Graf ſpöt⸗ tiſch. Nun wahrlich, er hat einen guten Anfang ge⸗ macht, um dieſe Verſöhnung herbeizuſühren. Er hat mich vor ganz Europa beſchimpft, indem er mich meines Kommando's entſetzte und den Seymour mit meinem Rang und meiner Würde bekleidete, und er verlangt, daß ich dafür dieſen übermüthigen Grafen lieben ſoll, der mir geraubt, was mir gebührte, der ſo lange Ränke geſchmiedet und mit Lügen und Ver⸗ „ — 125— leumdungen das Ohr des Königs belagert hat, bis er ſein Ziel erreicht und mich verdrängt ete. Es iſt wahr, der König rief Dich von der Armee zurück, aber es geſchah, um Dir eine der erſten Stellen an ſeinem Hofe zu geben, um Dich zum Ober⸗ kammerherrn der Königin zu ernennen. Henry Howard erbebte und ſchwieg. Es iſt wahr, murmelte er dann, ich verdanke dem Könige dieſe Stelle. Und dann, fuhr die Herzogin arglos fort, dann glaube ich auch nicht, daß Lord Hertford die Schuld an Deiner Zurückberufung trägt. Um Dir dies zu beweiſen, hat er dem Könige und— auch mir einen Antrag gemacht, der Dir und der ganzen Welt ein Zeugniß geben ſoll, wie ſehr Lord Hertford es für eine Ehre erachtet, den Howards, und vor allen Din⸗ gen Dir, durch die heiligſten Bande verwandt zu ſein. Ach, dieſer edle, großmüthige Lord, rief Henry Howard mit einem bittern Lachen. Da es mit den Lorbeeren nicht recht vorwärts gehen will, verſucht er's mit den Myrthen; da er keine Schlachten ge⸗ winnen kann, will er Ehen ſtiften. Nun, laß hören, Schweſter, was hat er vorzuſchlagen? Eine Doppelheirath, Henry! Er bittet für ſeinen Bruder Thomas Seymour, um meine Hand, voraus⸗ ietzt daß Du ſeine Schweſter, Lady Margaretha, zu Deiner Gemahlin wählſt. Nimmermehr! rief der Graf. Nie wird Henry Howard ſeine Hand einer Tochter dieſes Hauſes reichen, nie ſich ſo weit erniedrigen, eine Seymour zu ſeiner Gemahlin zu erheben. Das iſt gut genug für einen König, nicht für einen Howard! Bruder, Du läſterſt den König! E — 126— Nun wohl, ſo läſtere ich ihn! Er hat mich auch geläſtert, indem er dieſen unwürdigen Plan gefaßt! Bruder, bedenke, die Seymours ſind mächtig und ſtehen hoch in der Gunſt des Königs. Ja, in der Gunſt des Königs ſtehen ſie hoch! Allein das Volk kennt ihren ſtolzen, grauſamen und hochmüthigen Sinn, und Volk und Adel verachtet ſie. Die Seymours haben die Stimme des Königs, die Howards die Stimme des ganzen Landes für ſich, und das gilt mehr. Der König kann die Seymours erhöhen, denn ſie ſtehen tief unter ihm! Er kann die Howards nicht erhöhen, denn ſie ſind Seinesgleichen! Er kann ſie nicht einmal erniedrigen! Katharina ſtarb auf dem Schaffot, der König iſt dadurch nur ein Henker geworden, unſer Wappen ward nicht befleckt durch dieſe That! Das ſind ſehr ſtolze Worte, Henry! Sie ziemen einem Sohn der Norfolks, Roſabella! Ach, ſeht dieſen kleinen Lord Hertford, Grafen von 1 Seymour. Es gelüſtet ihn für ſeine Schweſter nach einer Herzogskrone. Er will ſie mir zur Gemahlin geben, denn wie lange, und unſer armer Vater ſtirbt, und ich trage ſeine Krone. Hochmüthige Emporkömm⸗ linge! Der Schweſter meine Krone, dem Bruder Deine Krone in das Wappen. Nie, ſage ich, wird das geſchehen! Die Herzogin war blaß geworden, und ein Zittern durchflog ihre ſtolse Geſtalt. Ihre Augen flammten, und ein zorniges Wort ſchwebte ſchon auf ihrer Lippe, aber ſie hielt es noch zurück, ſie zwang ſich mit Ge⸗ walt zur Ruhe und Beſonnenheit* Ueberlege es noch einmal, ſcheide noch nicht ſogleich. — y, ſagte ſie, ent⸗ 4 ſp. ſichſt von unſerer — 127— Größe, aber Du bedenkſt nicht der Seymour'’s Machtl Ich ſage Dir, ſie ſind mächtig genug, uns, trotz aller Größe, in den Staub zu treten. Und ſie ſind nicht allein mächtig in der Gegenwart, ſie werden es auch in der Zukunft ſein, denn man weiß es wohl, in welchem Geiſt und Sinn der Prinz von Wales erzogen wird. Der König iſt alt, ſchwach und hin⸗ fällig, der Tod lauert ſchon hinter ſeinem Thron und wird bald genug ihn in ſeine Arme drücken. Dann iſt Eduard König; mit ihm ſiegt die Ketzerei des Pro⸗ teſtantismus, und ſo groß und vollzählig unſere Partei auch immer ſein mag, wir werden doch ohnmächtig und beſiegt, ja, wir werden die Unterdrückten und Verfolgten ſein. Wir werden alsdann zu kämpfen, und wenn es ſein muß, auch zu ſterben wiſſen! rief ihr Bruder. Es iſt ehrenvoller auf dem Schlachtfelde zu ſterben, dun ſein Leben durch eine Demüthigung erkauft zu aben. Ja, es iſt ehrenvoll auf einem Schlachtfeld ſterben, aber, Henry, es iſt eine Schmach, auf dem Schaffot zu enden. Und das, mein Bruder, kann Dein Schickſal ſein, wenn Du diesmal Deinen Stolz nicht beugſt, wenn Du die Hand, die Dir Lord Hertford zur Ver⸗ ſöhnung darreicht, nicht ergreifſt, ſondern ihn auf's Tödtlichſte beleidigſt. Er wird ſich blutig rächen, wenn er dereinſt zur Macht gelangt iſt. Thue er's, wenn er kann! Mein Leben ſteht in Gottes Hand! Mein Haupt gehört dem König, mein Herz aber gehört mir, und das will ich nicht zu einer Waare erniedrigen, für die ich mir ein wenig Sicherheit und Königsgunſt einhandeln kann. Bruder, ich beſchwöre Dich, überlege es! rief die Herzogin, nicht mehr im Stande ihr leidenſchaftliches — 128— Naturell zu bändigen, und ganz erglühend in wildem Zorn. Wenge es nicht, in ſtolzem Uebermuth auch meine Zukunft zu zerſtören! Mögeſt Du auf dem Schaffot ſterben, wenn Du willſt, ich aber, ich will glücklich ſein, ich will endlich, nach ſo viel Jahren des Kummers und der Schmach, auch meinen Antheil an der Lebensfreude haben. Er gebührt mir, und ich werde ihm nicht entſagen, und Du ſollſt ihn mir nicht entreißen dürfen. Wiſſe es alſo, mein Bruder, ich liebe Thomas Seymour, mein ganzes Sehnen, mein genzes Hoffen iſt auf ihn gerichtet, und ich will dieſe iebe nicht aus meinem Herzen reißen, ich will ihm nicht entſagen! Nun, wenn Du ihn liebſt, ſo heirathe ihn! rief ihr Bruder. Werde die Gemahlin dieſes Thomas Seymour! Bitte den Herzog, unſern Vater, um ſeine Einwilligung zu dieſer Vermählung und ich bin gewiß, er wird ſie Dir nicht verweigern, denn er iſt klug und beſonnen und wird beſſer, als ich, den Vortheil berechnen, den eine Verbindung mit den Seymours unſerer Familie gewähren kann. Thue das, Schweſter, unn heirah⸗ Deinen Vielgeliebten, ich hindere Dich nicht Ja, Du hinderſt mich, Du allein! rief ſeine Schweſter in Zorn erglühend. Du willſt die Hand Margarethens ausſchlagen, Du willſt die Seymours tödtlich beleidigen! Dadurch machſt Du meine Ver⸗ bindung mit Thomas Seymour unmöglich! In dem ſtolzen Egoismus Deines Hochmuths ſiehſt Du nicht, daß Du mein Glück zerſchmetterſt, indem Du nur daran denkſt, die Seymours beleidigen zu wollen. Ich ſage Dir aber: ich liebe Thomas Seymour, nein, ich bete ihn an, er iſt mein Glück, meine Zukunft und meine Seligkeit. Habe alſo Erbarmen mit mir, — 129— Henry! Gieb mir dies Glück, welches ich wie eine Segnung des Himmels von Dir erflehe. Beweiſe mir, daß Du mich liebſt und mir dies Opfer darzubringen Willens biſt. Henry, auf meinen Knieen beſchwöre ich Dich! Gieb mir den Mann, welchen ich liebe, beuge Dein ſtolzes Haupt, werde Margaretha Seymour's Gemahl, damit Thomas Seymour der meine werde. Sie war wirklich auf ihre Kniee niedergeſunken und das Antlitz von Thränen überſtrömt, zauberhaft ſchön in ihrer leidenſchaftlichen Bewegung, blickte ſie flehend zu ihrem Bruder empor. Aber der Graf hob ſie nicht empor, ſondern trat lächelnd einen Schritt zurück. Wie lange iſt es her, Herzogin, fragte er ſpöttiſch, daß Ihr ſchwurt, Euer Secretair, Herr Wilford, ſei der Mann, welchen Ihr liebtet? Wahrhaftig, ich glaubte es Euch, ich glaubte es ſo lange, bis ich Euch eines Tages in den Armen Eures Pagen fand. An jenem Tage ſchwur ich mir, niemals wieder daran zu glauben, wenn Ihr mir mit noch ſo heiligen Eiden gelobtet, daß Ihr einen Mann liebtet. Nun ja, Ihr liebt den Mann, aber welchen gilt gleich, er heißt heute Thomas, morgen Archimbald oder Eduard, wie Ihr wollt! Zum erſten Mal zog der Graf den Schleier von ſeinem Herzen fort und ließ ſeine Schweſter all' die Verachtung und den Zorn ſehen, welchen er für ſie empfand. Auch fühlte ſich die Herzogin von ſeinen Worten wie von einem glühenden Eiſen verwundet. Sie ſprang von ihren Knieen empor, und mit hochfliegendem Athem, mit zornſprühenden Blicken, jede Muskel ihres Antlitzes zuckend und bebend, ſtand ſie vor ihrem Bruder da. Heinrich VII. 2. 9 — 130— Sie war nicht mehr ein Weib, ſie war eine Löwin, welche mitleidslos und ohne Erbarmen Den erwürgen will, welcher ſie zu reizen gewagt. Graf von Surrey, Ihr ſeid ein Unverſchämter, ſagte ſie mit zuſammengepreßten, zitternden Lippen. Wäre ich ein Mann, ſo würde ich Euch in's Antlitz ſchlagen und Euch einen Schurken nennen. Aber beim ewigen Gott, Ihr ſollt nicht ſagen, daß Ihr es ungeſtraft gethan! Noch einmal und zum letzten Male frage ich Euch jetzt: wollt Ihr Lord Hertfords Wunſch erfüllen? Wollt Ihr Euch Lady Margaretha ver⸗ mählen und mich mit Thomas Seymour zum Altar geleiten? Nein, ich will es nicht und ich werde es niemals! rief ihr Bruder feierlich. Die Howards beugen ſich nicht vor den Seymours, und niemals wird Henry Hepd ſich einem Weibe vermählen, welches er nicht iebt Ah, Du liebſt ſie nicht! ſagte ſie athemlos, zähne⸗ knirſchend. Du liebſt Lady Margaretha nicht, und deshalb muß Deine Schweſter ihrer Liebe entſagen und dieſen Mann aufgeben, welchen ſie anbetet. Ach, Du liebſt dieſe Schweſter Thomas Seymour's nicht? Sie iſt nicht die Geraldine, welche Du anbeteſt, wel⸗ cher Du Deine Verſe weiheſt? Nun wohl, ich werde ſie ausfindig machen, Deine Geraldine, ich werde ſie entdecken, und dann wehe Dir und ihr! Du ver⸗ weigerſt mir Deine Hand, um mich mit Thomas Seymour zum Altar zu führen, nun wohl, ich werde eines Tages Dir meine Hand darreichen, um Dich und Deine Geraldine auf das Schaffot zu geleiten! Und als ſie ſah, wie der Graf zuſammenſchrak und erbleichte, fuhr ſie mit einem höhniſchen Lachen fort: Ah, Du erſchrickſt und ein Grauen überſchleicht Dich! — 131— Dein Gewiſſen mahnt Dich, daß der ſtrenge Tugend⸗ held doch auch zuweilen ſtraucheln kann? Du glaubteſt Dein Geheimniß zu verbergen, wenn Du es mit den Schleiern der Nacht verhüllteſt, gleich Deiner Geral⸗ dine, die, wie Du jammernd in jenem Gedicht da Lagſt, ſich Dir niemals ohne nächtlichen ſchwarzen Schleier zeigt. Warte nur, warte! Ich werde Euch ein Licht anzünden, vor welchem all' Eure nächtlichen Schleier zerreißen ſollen, ich werde Euch die Nacht Eurer Geheimniſſe mit einer Fackel beleuchten, welche groß genug ſein wird, den Scheiterhaufen in Brand fun feben, den Du mit Deiner Geraldine beſteigen ollſt! Ah, jetzt läßt Du mich erſt Dein wahres Antlitz ſehen, ſagte Henry Howard achſelzuckend. Die En⸗ gelsmaske fällt von Deinem Geſicht und ich ſehe die Furie, welche darunter verborgen war. Jetzt biſt Du die echte Tochter Deiner Mutter, und in dieſem Mo⸗ ment begreife ich erſt, was mein Vater gelitten hat, und weshalb er ſelbſt die Schmach einer Scheidung nict heüte um nur von einer ſolchen Megäre befreit zu ſein. Oh ich danke Dir, ich danke Dir! rief ſie mit einem wilden Lachen. Du machſt das Maaß Deiner Verbrechen voll. Nicht genug, daß Du Deine Schweſter zur Verzweiflung bringſt, ſchmähſt Du auch Deine Mutter! Du ſagſt, daß wir Furien ſind, nun wohl denn, eines Tages werden wir es für Dich ſein und wir wollen Dir unſer Meduſen⸗Antlitz zeigen, vor welchem Du zu Stein erſtarren ſollſt. ſenry Howard, Graf von Surrey, von dieſer Stunde an bin ich Deine unverſöhnliche Feindin; hüte den Kopf auf Deinen Schultern, denn ich hebe meine Hand auf wider ihn und in meiner Hand iſt ein Schwert! Hüte das 9* — 132— Geheimniß, welches in Deiner Bruſt ſchläft, denn Du haſt mich zu einem Vampyr gemacht, welcher Dein Herzblut ſaugen will. Du haſt meine Mutter geſchmäht, und ich werde hingehen, es ihr zu ſagen. Sie wird mir glauben, denn ſie weiß es wohl, daß Du ſie haſſeſt, und daß Du der ächte Sohn Deines Vaters biſt, das heißt, ein frömmelnder Heuchler, ein elender Menſch, welcher die Tugend auf den Lippen und das Laſter im Herzen trägt. Höre auf, ſage ich, höre auf, rief der Graf, wenn ich nicht vergeſſen ſoll, daß Du ein Weib und meine Schweſter biſt! Vergiß es immerhin, ſagte ſie höhniſch. Ich habe es längſt vergeſſen, daß Ihr mein Bruder ſeid, wie Ihr es längſt vergeſſen habt, daß Ihr Eurer Mutter Sohn ſeid. Lebt wohl, Graf Surrey, ich verlaſſe Euch und Euren Palaſt und werde von dieſer Stunde an bei meiner Mutter, der geſchiedenen Frau des Herzogs von Norfolk, wohnen. Aber merkt Euch dies: Wir Beide ſcheiden uns von Euch in unſerer Liebe, nicht aber in unſerm Haß! Unſer Haß bleibt Euch ewig und unveränderlich, und eines Tages wird er Euch zerſchmettern! Lebt wohl, Graf von Surrey, beim König ſehen wir uns wieder! Sie ſtürzte der Thüre zu— Henry Howard hielt ſie nicht zurück. Er blickte ihr lächelnd nach, wie ſie das Kabinet verließ, und faſt mitleidig murmelte er: Armes Weib! Ich habe ſie vielleicht um einen Lieb⸗ haber betrogen und das wird ſie mir niemals ver⸗ eihen. Nun, mag es ſein! Möge ſie immerhin meine Peindin ſein und mich mit kleinen Nadelſtichen quälen, wenn ſie nur Ihr nicht ſchaden kann. Ich hoffe doch, daß ich mein Geheimniß gut gehütet habe und ſie den eigentlichen Urſprung meiner Weigernng nicht ahnen — 433— konnte. Ach, ich mußte mich in dieſen thörichten Fa⸗ milienſtolz einhüllen und den Hochmuth zum Deck⸗ mantel meiner Liebe machen. Oh Geraldine, Dich würde ich wählen, wärſt Du eines Bauern Tochter; und mein Wappen hielte ich nicht geſchmäht, wenn ich um Dich einen Balken darüber hinziehen müßte — Aber horch! Es ſchlägt vier Uhr! Mein Dienſt beginnt! Lebe wohl, Geraldine, ich muß zur Königin! Und während er ſich in ſein Toilettenzimmer be⸗ gab, um zum großen Hoffeſt ſeine Staatsgewänder anzulegen, kehrte die Herzogin von Richmond bebend und zitternd vor Zorn in ihre Gemächer zurück. Mit haſtiger Eilfertigkeit durchſchritt ſie dieſelben und begab ſich in ihr Bondoir, wo Graf Douglas ſie erwartete. Nunè fragte er, ihr mit ſeinem ſanften, lauernden Lächeln entgegen tretend. Hat er eingewilligt? Nein, ſagte ſie zähneknirſchend. Er ſchwört, nie⸗ mals eine Verbindung mit den Seymours eingehen zu wollen. Ich wußte es wohl, murmelte der Graf. Und was beſchließt Ihr jetzt, Mylady? Ich will mich rächen! Er will mich verhindern glücklich zu ſein, ich werde ihn dafür unglücklich machen! Ihr werdet wohl daran thun, Mylady. Denn er iſt ein Abtrünniger und Meineidiger, ein treuloſer Sohn der Kirche, er neigt ſich der ketzeriſchen Sekte zu und hat den Glauben ſeiner Väter vergeſſen. Ich weiß es! ſagte ſie athemlos.. Graf Douglas blickte ſie erſtaunt an und fuhr fort: Er iſt aber nicht blos ein Gottesleugner, ſondern auch ein Hochverräther und mehr als einmal hat er — 134— ſeinen König geſchmäht, dem er in dem Stolz ſeines Herzens ſich weit überlegen glaubt. Ich weiß es! wiederholte ſie. 3 So ſtolz iſt er, fuhr der Graf fort, ſo voll von gottesläſterlichem Hochmuth, daß er ſeine Hand nach der Krone von England ausſtrecken möchte. Ich weiß es! ſagte die Herzogin wieder. Als ſie aber die erſtaunten und zweifelnden Blicke des Grafen ſah, fügte ſie mit einem grauſamen Lächeln hinzu: ich weig Alles, was Ihr wollt, daß ich wiſſen ſoll! Beſchuldigt ihn nur, klagt ihn nur an, ich werde Alles beſtätigen, Alles bezeugen, was ihn in's Ver⸗ derben führen kann. Meine Mutter iſt unſere Bun⸗ desgenoſſin, ſie haßt den Vater ſo glühend, wie ich den Sohn. Klagt alſo an, Graf Douglas, wir ſind Eure Zeugen! Niicht doch, Mylady, ſagte er mit ſeinem ſanften, einſchmeichelnden Lächeln. Ich weiß gar nichts, habe nichts gehört, wie kann ich alſo anklagen? Ihr wißt Alles, zu Euch hat er geſprochen! Ihr müßt ſeine Anklägerin ſein! Nun denn, führt mich zum Königl ſagte ſie. Erlaubt Ihr mir, Euch zuvor noch einen Rath zu ertheilen? Thut es, Graf Douglas! Seid vorſichtig in der Wahl Eurer Mittel, ver⸗ ſchwendet ſie nicht auf einmal, damit, wenn Euer erſter Schwertſtreich nicht trifft, Ihr hinterher nicht waffenlos ſeid. Es iſt beſſer und weit weniger ge⸗ fährlich, den Feind, welchen man haßt, mit einem langſamen, ſchleichenden Gift allmälig und Tag um Tag ganz ſicher zu tödten, als ihn auf einmal mit einem Dolch zu ermorden, der indeß an einer Rippe — 135— zerbrechen und unwirkſam werden kann. Sagt alſo das, was Ihr wißt, nicht auf einmal, ſondern nach und nach! Gebt dem König Eure Arzenei, welche ihn wüthend machen ſoll, allmälig ein, und wenn Ihr heute Euren ſeind nicht trefft, ſo denkt, daß Ihr es morgen um ſo ſicherer thun werdet. Vergeßt auch nicht, daß wir nicht bloß den ketzeriſchen Henry Howard zu ſtrafen haben, ſondern vor allen Dingen die ketzeriſche Königin, deren Unglauben den Zorn des Höchſten über dieſes Land herauf beſchwören weed. Kommt zum König, ſagte ſie haſtig. Unterwegs könnt Ihr mir ſagen, was ich bekennen und was ich verſchweigen ſoll. Ich werde genau thun, was Ihr ſagt! Nun, Henry Howard, ſagte ſie leiſe in ſich hinein, halte Dich bereit, der Kampf beginnt! Du haſt mich in Deinem Stolz und Deinem Egoismus um das Glück meines Lebens, ja um meine ewige Seligkeit gebracht. Ich liebte Thomas Seymour, ich hoffte an ſeiner Seite das Glück zu finden, das ich ſo lange und ſo vergeblich in den Irrgängen des Lebens ge⸗ ſucht habe. Durch dieſe Liebe wäre meine Seele ge⸗ rettet, und der Tugend wieder gegeben worden. Mein Bruder hat es nicht gewollt. Er hat mich dazu verdammt, ſtatt eines Engels ein Dämon zu ſein. Ich werde meine Beſtimmung erfüllen, ich werde für ihn ein böſer Dämon ſein!*) 8 Der Graf von Surrey gab durch ſeine Weigerung, Mar⸗ garetha Seymour zu heirathen, die Veranlaſſung zu dem Bruch der projectirten Verbindung zwiſchen Thomas Seymour und der erzogin von Richmond, Feine Schweſter. Seitdem haßte die Herzogin ihn tödtlich und verband ſich mit ſeinen Feinden wider ihn. Die Herzogin von Richmond wird von allen Geſchichts⸗ ſchreibern ihrer Jelt als„die ſchönſte Frau ihres Jahrhunderts aber auch als eine ſchamloſe Meſſaline“ bezeichnet. Siehe Tytler pag. 390. Ferner Burnet Vol. I pag. 134, Leti Vol. 1 pag. 83, und Nott'’s Life of Henry Howard. Die Coilette der Rönigin. Die Feſtlichkeiten des Tages waren beendet, und die tapfern Ritter und Kämpfer, welche heute zur Ehre ihrer Dame eine Lanze gebrochen, konnten ausruhen von ihren Siegen auf ihren Lorbeeren. Das Turnier des Kampfes war beendet und jetzt ſollte das Turnier des Geiſtes beginnen. Die Ritter hatten ſich daher entfernt, um den Harniſch mit dem goldgeſtickten Sammetgewande zu vertauſchen; die Damen, um ihre leichtere Abendtoilette anzulegen, und auch die Königin hatte ſich zu dieſem Zweck in ihre Garderobe zurück⸗ gezogen, während die Damen und Herren ihres Hof⸗ ſtaates in dem großen Vorſaal ihrer harrten, um ſie in den Thronſaal zu geleiten. Draußen begann es zu dunkeln, und die Däm⸗ merung warf ihre langen Schatten durch dieſen Saal, in welchem die Hofcavaliere mit den Damen auf und abgingen und im eifrigen Geſpräch die einzelnen großen Momente des heutigen Turnieres beſprachen. Der Graf von Sudley, Thomas Seymour hatte den Preis des Tages davon getragen und ſeinen Geg⸗ ner Heury Howard beſiegt. Der König war davon entzückt geweſen. Denn Thomas Seymour war ſeit einiger Zeit, vielleicht weil er der erklärte Feind der Howard's war, ſein Liebling. Er hatte daher dem ooldnen Lorbeerkranz, welchen die Königin dem Gra⸗ een als Preis gereicht, noch eine brillantene Nadel hinzugefügt und der Königin befohlen, dieſe mit eige⸗ ner Hand in die Halskrauſe des Grafen zu Lefeligen. Katharina hatte das mit finſterm Geſicht und a ge⸗ — 137— wandten Blicken gethan, und auch Thomas Seymour hatte ſich nur ſehr wenig entzückt gezeigt von der ſtol⸗ zen Ehre, mit welcher die Königin ihn auf Befehl ihres Gemahls begnadigen mußte. Die ſtarkepapiſtiſche Hofpartei ſchöpfte daraus neue Hoffnungen und träumte von einer Umwandlung der Königin und einer Rückkehr zum wahren, ächten Glau⸗ ben, während die proteſtantiſche, die„ketzeriſche“ Par⸗ tei, mit finſterm Mißmuth in die Zukunft ſah und ſich der mächtigſten Stütze und des einflußreichen Schutzes beraubt fürchtete. Niemand hatte geſehen, daß, während die Königin ſich erhob, den Sieger Thomas Seymour zu krönen, ihr goldgeſticktes Taſchentuch ihren Händen entfiel, und daß der Graf, nachdem er es aufgehoben und der Königin wieder dargereicht, mit einer ganz zu⸗ fälligen und abſichtsloſen Bewegung ſeine Hand einen Moment in ſeine Halskrauſe geſchoben, welche eben ſo weiß war, wie das kleine zuſammengefaltete Papier, welches er darin verbarg und welches er in dem Ta⸗ ſchentuch der Königin gefunden hatte. Einer hatte es geſehen. John Heywood war dieſe kleine Liſt der Königin nicht entgangen, und er hatte ſofort mit irgend einem lwermüthigen ſanglanten Witz⸗ wort den König lachen gemacht und die Aufmerkſam⸗ keit der Hofleute von der Königin und ihrem Gelieb⸗ ten abzulenken geſucht. Er ſtand jetzt in eine Fenſterniſche gedrückt und ganz verſteckt hinter dem ſeidenen Vorhang, und ließ ſo ungeſehen ſeine Falkenaugen über den ganzen Saal dahinſchweifen. 3 Er ſah Alles, er hörte Alles, und von Niemanden bemerkt, beobachtete er Alle. — 138— Er ſah, wie der Boßf Douglas jetzt dem Erzbiſchof Gardiner ein Zeichen gab, und wie dieſer es ſchnell erwiederte. Gleichſam zufällig verließen Beide jetzt die Grup⸗ pen, in welchen ſie eben geplaudert hatten, und nä⸗ herten ſich einander, umher ſpähend nach einem Orte, wo ſie unbemerkt und abgeſondert von den Uebrigen ſich unterreden konnten. In allen Fenſterniſchen ſtan⸗ den plaudernde und lachende Gruppen, nur dieſes eine Fenſter, hinter deſſen Vorhang John Heywood ſich verborgen hielt, war leer. Dahin alſo wandten ſich Graf Douglas und der Erzbiſchof. Werden wir heute unſer Ziel erreichen? fragte Gardiner leiſe. Wir werden mit Gottes gnädigem Beiſtand alle unſere Feinde heute vernichten. Das Schwert hängt ſchon über ihren Häuptern, und bald wird es hernie⸗ derfallen und uns von ihnen befreien, ſagte Graf Douglas feierlich.. 5 Ihr ſeid alſo deſſen gewiß? fragte Gardiner, und ein Ausdruck grauſamer Freude flog über ſein tückiſches fahles Angeſicht. Aber ſagt mir, wie kommt es, daß der Erzbiſchof Cranmer nicht hier iſt? Er iſt krank und mußte deshalb in Lambeth bleiben. Möge dieſe Krankheit die Vorläuferin ſeines Todes fehne murmelte der Erzbiſchof mit frommem Hände⸗ alten. So wird es ſein, Hochwürden, Gott wird ſeine Feinde vernichten und uns ſegnen. Cranmer iſt an⸗ geklagt, und der König wird i unerbittlich richten. Und die Königin? — 139— Graf Douglas ſchwieg einen Augenblick, dann flü⸗ ſterte er leiſe: Wartet nur noch wenige Stunden und ſie wird nicht mehr Königin ſein. Statt aus dem Thronſaal in ihre Gemächer zurückzukehren, werden wir ſie in den Tower begleiten. John Heywood, ganz eingehüllt in die Falten des Vorhanges, hielt den Athem an und lauſchte. Und ſeid Ihr unſeres Sieges auch ganz gewiß? fragte Gardiner. Kann kein Zufall, kein Ungefähr ihn uns entreißen? Wenn die Königin ihm die Schleife giebt, nein! Dann alsdann wird der König in dem ſilbernen Kno⸗ ten den Liebesbrief Geraldine's finden, und ſie iſt verurtheilt. Alles kommt alſo darauf an, daß die Kö⸗ nigin die Schleife trägt und ihren Inhalt nicht ent⸗ deckt. Aber ſeht, Hochwürden, dort nähert ſich die Herzogin von Richmond. Sie giebt mir ein Zeichen. Nun, betet für uns, Hochwürden, denn jetzt werde ich mit ihr zum König gehen, und ſie wird dieſe verhaßte Katharina Parr anklagen! Ich ſage Euch, Erzbiſchof, es iſt eine Anklage auf Leben und Tod, und wenn Katharina der einen Gefahr entgeht, wird ſie in der andern untergehen. Harret meiner hier, Ew. Gna⸗ den, bald kehre ich zurück, und ſage Euch den Erfolg unſeres Planes. Auch Lady Jane wird uns hierher bald Nachricht bringen. Er trat aus der Fenſterniſche vor und folgte der Herzogin, welche den Saal durchſchritt und mit ihm durch jene Thür verſchwand, welche in die Gemächer des Königs führte. Die Damen und Herren des Hofes plauderten und lachten weiter. John Heywood ſtand mit hochklopfendem Herzen — 140— und athemloſer Angſt hinter dem Vorhang, dicht neben Gardiner, welcher die Hände gefaltet hatte und betete. Während Gardiner betete und Douglas anklagte und verleumdete, war die Königin, nichts ahnend von dieſen Complotten, welche man gegen ſie ſchmiedete, in ihrem Toilettenzimmer und ließ ſich ſchmücken von ihren Frauen. Sie war heute ſehr ſchön, ſehr prächtig anzuſehen. Ein Weib zugleich und eine Königin, ſtrahlend und ſittſam zugleich, mit einem bezaubernden Lächeln um die roſigen Lippen, und doch ehrfurchtgebietend in ihrer ſtolzen und herrlichen Schönheit. Keine von Heinrichs Königinnen hatte es ſo gut verſtanden, zu repräſentiren, und keine war ſo ſehr dabei die Frau geblieben. Wie ſie jetzt vor dem großen Spiegel ſtand, wel⸗ chen die Republik Venedig dem König als Hochzeits⸗ gabe geſandt, und welcher das von Brillanten funkelnde Bild der Königin wiederſtrahlte, lächelte ſie, denn ſie mußte ſich ſelber geſtehen, daß ſie heute ſehr ſchön ſei, und ſie dachte, daß Thomas Seymour heute mit Stolz auf ſeine Geliebte hinſchauen würde. Als ſie an ihn dachte, überzog eine Purpurröthe ihr Geſicht und ein Zittern durchflog ihre Geſtalt. Wie ſchön war er geweſen heut beim Turnier, wie herrlich war er daher geſprengt durch die Schranken, wie hatte ſein Auge geblitzt, wie verächtlich war ſein Lächeln geweſen. Und dann dieſer Blick, den er zu ihr hinübergeſandt in dem Moment, als er ſeinen Gegner Henry Howard beſiegt und ihm die Lanze aus der Hand geſchleudert hatte! Oh mein Gott, ihr der büite zerſpringen mögen vor Wonne und Ent⸗ zücken 4 — 141— Ganz ihren ſeligen Träumereien hingegeben, ſank ſie in den vergoldeten Armſeſſel und blickte träumend und lächelnd zur Erde nieder. Hinter ihr ſtanden ihre Frauen, in ehrfurchtsvollem Schweigen des Winkes ihrer Gebieterin harrend. Aber die Königin dachte gar nicht mehr an ſie; ſie glaubte ſich allein, ſie ſah Niemand als dieſes edle, ſchöne Männergeſicht, dem ſie in ihrem Herzen eine Stätte bereitet! Jetzt öffnete ſich die Thür und Lady Jane Douglas trat ein. Auch ſie war feſtlich geſchmückt und funkelte von Brillanten; auch ſie war ſchön, aber es war die bleiche, fürchterliche Schönheit eines Dämons, und wer ſie eben angeſehen, wie ſie in das Gemach trat, der würde erbebt ſein, und eine unbeſtimmte Furcht würde ſein Herz ergriffen haben. Sie warf einen ſchnellen Blick auf die in Träu⸗ men verlorene Gebieterin, und als ſie ſah, daß ihre Toilette vollendet war, winkte ſie den Frauen, welche ſchweigend ihr gehorchten und das Gemach verließen. Katharina bemerkte noch immer nichts. Lady Jane ſtand hinter ihr und beobachtete ſie im Spiegel. Als ſie die Königin lächeln ſah, verfinſterte ſich ihre Stirn, und ein wilder Zorn blitzte in ihren Augen auf. Sie ſoll nicht mehr lächeln, ſagte ſie zu ſich ſelber. Ich leide ſo furchtbar durch ſie, nun wohl, auch ſie ſoll leiden. 1 3 Leiſe und geräuſchlos ſchlich ſie in das nächſte Ge⸗ mach, deſſen Thür offen ſtand, und öffnete mit ha⸗ ſtiger Hand einen mit Bändern und Schleifen ge⸗ füllten Carton, vann zog ſie aus ihrer mit Perlen geſtickten Sammettaſche, welche von goldenen Ketten gehalten, an ihrer Seite herniederhing, eine dunkelrothe — 142— Schleife hervor, und warf ſie in den Kaſten. Das war Alles. 5 Lady Jane kehrte jetzt in das anſtoßende Gemach zurück, und ihr Antlitz, welches vorher finſter und drohend geweſen, war jetzt ſtolz und freudig. Mit einem heitern Lächeln ſchritt ſie zur Königin hin, und an ihrer Seite niederknieend drückte ſie einen innigen Kuß auf ihre herabhängende Hand. Worüber ſinnt meine Königin? fragte ſie, indem ſie ihr Haupt auf Katharinens Kniee legte und zärtlich zu ihr emporblickte. Die Königin ſchrak leicht zuſammen und richtete ihr Haupt empor. Sie ſah Lady Jane's zärtliches Lächeln und ihre doch forſchenden Blicke. Weeil ſie ſich einer Schuld, mindeſtens einer Ge⸗ dankenſchuld, bewußt fühlte, war ſie auf ihrer Hut und erinnerte ſich der Warnungen John Heywood's. Sie beobachtet mich, ſagte ſie zu ſich ſelber, ſie ſieht zärtlich aus, alſo brütet ſie über einen ſchlimmen an. 1— 3 Ach, es iſt gut, daß Du kommſt, Jane, ſagte ſie laut. Du kannſt mir helfen, denn um Dir die Wahr⸗ heit zu ſagen, ich befinde mich in einer großen Ver⸗ legenheit. Es fehlt mir ein Reim, und ich ſinne ver⸗ geblich darauf, wie ich ihn finden ſoll. Ach, Ihr macht Gedichte, Königin? Wie, Jane, das wundert Dich? Soll ich, die Kö⸗ nigin, denn gar keinen Preis erringen können? Ich gäbe mein koſtbarſtes Geſchmeide darum, wenn mir's Piingen könnte, ein Gedicht zu machen, welchem der önig den Preis zuerkennen müßte. Aber mir fehlt ein muſikaliſches Ohr, ich kann den Reim nicht finden und werde es zuletzt doch aufgeben müſſen, mir auch 143— Lorbeern zu gewinnen. Wie würde ſich indeß der König freuen! Denn, um Dir die Wahrheit zu ge⸗ ſtehen, ich glaube, er fürchtet ſich ein wenig, daß Henry Howard den Preis erringen wird, und er würde mir ſehr dankbar ſein, wenn ich ihm denſelben ſtreitig ma⸗ chen könnte. Du weißt es wohl, der König liebt die Howards nicht. Und Ihr, Königin? fragte Jane, und ſie erbleichte ſo ſehr, daß die Königin ſelber es bemerkte. Du biſt krank, Jane, ſagte ſie theilnahmsvoll. Wirklich, Jane, Du ſiehſt leidend aus. Du bedarfſt der Erholung, Du ſollteſt ein wenig ruhen. Aber Jane hatte ihre ruhige und ernſte Haltung ſchon wiedergefunden, und es gelang ihr zu lächeln. Nicht doch! ſagte ſie. Ich bin geſund und zu⸗ frieden, in Eurer Nähe ſein zu dürfen. Aber wollt Ihr mir erlauben, Königin, an Euch eine Bitte zu richten? Bitte, Jane, bitte, und es ſei Dir im Voraus ge⸗ währt, denn ich weiß, daß Jane nichts verlangen wird, was ihre Freundin ihr nicht gewähren kann. Lady Jane ſchwieg und blickte ſinnend zur Erde. Sie rang in ſich ſelber mit einem feſten Entſchluß. Ihr ſtolzes Herz bäumte ſich wild empor bei dem Ge⸗ danken, vor dieſer Frau, welche ſie haßte, ſich beugen zu ſollen, und mit ſchmeichelnder Bitte ſich ibr nahen zu müſſen. Sie empfand einen ſo tobenden Haß gegen die Königin, daß ſie in dieſer Stunde willig ihr eigenes Leben hingegeben hätte, wenn ſie zuvor ihre Feindin jammernd, zerſchmettert hätte zu ihren Füßen geſehen.— Heenry Howard liebte die Königin; Katharina hatte ihr alſo das Herz deſſen geraubt, welchen ſie anbetete. — 144— Katharina hatte ſie zu der ewigen Qual des Entſagens, zu der Folter verurtheilt, ein Glück und ein Entzücken zu genießen, welches nicht das ihre war, an einem Feuer ſich zu durchglühen, das ſie wie eine Räuberin von eines andern Gottes Altar ſich geſtohlen. Katharina war verdammt und verurtheilt. Jane hatte kein Mitleid mehr. Sie mußte ſie zer⸗ ſchmettern. Nun, fragte die Königin, Du ſchweigſt? Du ſagſt mir nicht, was ich Dir gewähren ſoll? Lady Jane ſchlug die Augen zu ihr empor und ihr Blick war heiter und ruhig. Königin, ſagte ſie, ich begegnete im Vorſaal einem Unglücklichen, tief Ge⸗ beugten. In Eurer Hand allein ſteht es, ihn wieder aufzurichten. Wollt Ihr es thun? Ob ich es will! rief Katharina lebhaft. Oh Jane, Du weißt wohl, wie ſehr mein Herz ſich ſehnt, zu helfen und den Unglücklichen dienſtbar zu ſein! Ach es werden an dieſem Hofe ſo viele Wunden geſchla⸗ gen, und die Königin iſt ſo arm an Balſam, ſie zu heilen! Gönne mir alſo dieſes Glück, Jane, und Du wirſt nicht mir, ſondern ich werde Dir dankbar ſein! Sprich alſo, Jane, ſprich ſchnell, wer iſt es, der mei⸗ ner Hülfe bedarf? 4 Nicht Eurer Hülfe, Königin, aber Eures Mitleids und Eurer Gnade. Graf Sudley hat den armen Grafen Surrey heute im Turnier beſiegt, und Ihr begreift, daß Euer Ober⸗Kammerherr ſich tief gebengt und gedemüthigt fühlt. 1 Kann ich das ändern, Jane? Warum läßt der träumeriſche Graf, der ſchwärmeriſche Dichter, ſich in einen Kampf ein mit einem Helden, der immer weiß, was er will, und immer das vollführt, was er will. — 145— Ah, es war wundervoll anzuſchauen, mit welcher Blitzesſchnelle Thomas Seymonr ihn aus dem Sattel hob, und der ſtolze Graf Surrey, der weiſe und ge⸗ lehrte Mann, der mächtige Parteiführer mußte ſich vor dem Helden beugen, der wie ein Engel Michael ihn in den Staub geworfen. Die Königin lachte. Dieſes Lachen ging wie ein ſchneidendes Schwert durch Jane's Herz. Sie ſoll mir's büßen! ſagte ſie leiſe zu ſich ſelbſt. Königin, ſagte ſie laut, Ihr habt ganz Recht, er hatte dieſe Demüthigung verſchuldet, aber nachdem er ge⸗ ſtraft iſt, ſolltet Ißr ihn erheben. Nein, ſchüttelt nicht Euer ſchönes Haupt. Thut's um Euretwillen, Kö⸗ nigin, thut's aus Klugheit. Graf Surrey iſt mit ſei⸗ nem Vater das Haupt einer mächtigen Partei, welche dieſe Demüthigung Howard's mit einem noch glühen⸗ deren Haß gegen die Seymours erfüllt, und welche dereinſt dafür blutige Rache nehmen wird. Ach, Du erſchreckſt mich! ſagte die Königin, welche jetzt ernſthaft geworden war. Lady Jane fuhr fort: Ich ſah, wie der Herzog von Norfolk die Lippen zuſammenpreßte, als ſein Sohn dem Grafen Seymour weichen mußte; ich hörte, wie man hier und da leiſe Verwünſchungen und Rache⸗ ſchwüre gegen die Seymours murmelte. Wer that das? Wer wagte das? rief Katharina, heftig von ihrem Lehnſeſſel aufſpringend. Wer iſt ſo vermeſſen an dieſem Hofe, Diejenigen kränken zu wol⸗ len, welche der König liebt? Nennt ihn mir, Jane, ich will ſeinen Namen wiſſen! Ich will ihn wiſſen, damit ich ihn beim König verklagen kann. Denn der König will nicht, daß dieſe edlen Seymounrs den Heinrich VIII, 2. 3 10 — 246— Howards den Platz räumen ſollen, er will nicht, daß ſie, die Edleren, die Beſſeren und Herrlichern ſich vor dieſen ränkeſüchtigen, herrſchſüchtigen und ehrgeizigen Papiſten beugen ſollen. Der König liebt die edlen Seymours und ſein mächtiger Arm wird ſie beſchützen gegen alle ihre Feinde. Und ohne Zweifel wird Eure Majeſtät ihm darin beiſtehen? ſagte Lady Jane lächelnd. Dieſes Lächeln brachte die Königin wieder zur Be⸗ ſinnung. Sie begriff, daß ſie zu weit gegangen, daß ſie zu viel von ihrem Geheimniß verrathen hatte. Sie mußte ni wieder gut machen und ihre Aufregung vergeſſen aſſen. Gewiß werde ich dem König beiſtehen, gerecht zu ſein, Jane, ſagte ſie daher ruhiger. Aber niemals werde ich ungerecht ſein, ſelbſt nicht gegen dieſe Pa⸗ piſten. Wenn ich ſie nicht lieben kann, ſo ſoll man indeß nicht ſagen, daß ich ſie haſſe. Und zudem ge⸗ ziemt es einer Königin, ſich über die Parteien zu erheben. Sage alſo, Jane, was kann ich für den armen Surrey thun? Womit wollen wir dieſe Wun⸗ den verbinden, welche der tapfere Seymour ihm ge⸗ ſchlagen? 3 3 Ihr habt dem Sieger beim Turnier öffentlich ein Zeichen Eurer großen Gnade gegeben, Ihr habt ihn gekrönt. haft⸗ war des Königs Befehl! rief Katharina leb⸗ aft.. Wohl! Indeß wird er Euch nicht befehlen, den Grafen Surrey auch zu belohnen, wenn er auch heute Abend den Sieg erringen mag. Thut es alſo aus freiem Antrieb, Königin. Gebt ihm öffentlich vor — 147— Eurem ganzen Hofe ein Zeichen Eurer Huld. Mein Gott, es iſt den Fürſten ſo leicht gemacht, die Men⸗ ſchen zu beglücken und die Unglücklichen zu tröſten. Ein Lächeln, ein freundliches Wort, ein Druck der Hand genügt dazu. Ein Band, das Ihr an Eurem Kleide tragt, macht Den, welchem Ihr es reicht, ſtolz und glücklich und hebt ihn hoch empor über alle An⸗ dern. Und bedenkt es wohl, Königin, ich ſpreche nicht für den Grafen Surrey, ich denke mehr an Euch! Wenn Ihr den Muth habt, öffentlich, und trotz der Ungnade, mit welcher König Heinrich die Howards bedroht, ihnen dennoch gerecht zu ſein, und ihr Ver⸗ dienſt wie das der Andern anzuerkennen, glaubt mir, wenn Ihr das thut, wird dieſe ganze mächtige Partei, welche Euch jetzt feindlich iſt, überwunden und beſiegt zu Euren Füßen niederfallen; Ihr werdet endlich die allmächtige und allgeliebte Königin von England ſein, und gleich den Ketzern werden auch die Papiſten Euch ihre Herrin und Beſchützerin nennen. Ueberlegt nicht mehr! Laßt Euer edles und großmüthiges Herz wal⸗ ten! Der tückiſche Zufall hat Henry Howard in den Staub geworfen, reicht ihm Eure Hand, Königin, damit er ſich wieder erhebe und ſtolz und ſtrahlend, wie er immer war, wieder an Eurem Hofe da ſtehe. Henry Howard verdient es wohl, daß Ihr ihm gnädig ſeid. Groß und ſtrahlend wie ein Stern leuchtet er empor über allen Männern, und Keiner iſt, der ſagen kann, er ſei klüger oder tapferer, weiſer oder gelehrter, edler oder größer als der edle, der erhabene Surrey. Ganz England hallt wieder von ſeinem Ruhm. Die Frauen wiederholen ſich mit Begeiſterung ſeine ſchö⸗ nen Sonnette und Liebeslieder, die Gelehrten ſind ſtolz darauf, ihn ihresgleichen zu nennen, und die Krieger ſprechen mit Bewunderung von ſeinen Waffenthaten. — Seid alſo gerecht, Königin! Ihr habt das Ver⸗ 10* — 148— dienſt der Tapferkeit ſo hoch geehrt, nun, ehrt auch das Verdienſt des Geiſtes! Ihr habt in Seymour den Krieger geehrt, ehrt nun in Howard den Dichter und den Menſchen! Ich will es thun, ſagte Katharina, indem ſie mit einem reizenden Lächeln in Jane's tieferglühtes, be⸗ geiſtertes Antlitz ſchauete. Ich will es thun, Jane, aber unter einer Bedingung! Und dieſe Bedingung iſt? Katharina legte ihren Arm um Jane's Nacken und og ſie näher an ihr Herz. Daß Du mir eingeſtehſt, u liebſt Henry Howard, den Du ſo begeiſtert und glühend zu vertheidigen weißt. Lady Jane zuckte in ſich zuſammen und lehnte einen Moment ihr Haupt ermattet an die Schulter der Kö⸗ nigin. Nun, fragte dieſe, geſtehſt Du's ein? Willſt Du's bekennen, daß Dein ſtolzes, kaltes Herz ſich endlich für überwunden und beſiegt erklären muß?. Ja, ich geſtehe es ein, rief Lady Jane, indem ſie ſich mit einer leidenſchaftlichen Heftigkeit zu Katharinens Füßen niederwarf. Ja, ich liebe ihn, ich bete ihn an. cch weiß, daß es eine verſchmähte, unglückſelige Liebe iſt, aber was wollt Ihr, mein Herz iſt mächtiger als alles Andere. Ich liebe ihn, er iſt mein Gott und mein Herr, ich bete ihn an, wie meinen Heiland und Herrn. Königin, Ihr wißt jetzt mein ganzes Geheim⸗ niß, verrathet mich, wenn Ihr wollt! Sagt’s meinem Vater, wenn Ihr wünſcht, daß er mir fluchen ſoll, ſagt's Henry Howard, wenn es Euch Feliſſter zu hören, wie Kand verhöhnt. Denn Er, Königin, Er liebt mich ni — 149— Arme, beklagenswerthe Jane! rief die Königin mitleidsvoll. Jane ſtieß einen leiſen Schrei aus und richtete ſich von ihren Knieen empor. Das war zu viel. Ihre Feindin bemitleidete ſie. Die, welche die Schuld trug an ihrem Jammer, die beklagte ſie! Ach, ſie hätte die Königin erwürgen, ſie hätte ihr den Dolch in's Herz ſtoßen mögen, weil ſie es wagte, ſie zu bemitleiden. Ich habe Eure Bedingung erfüllt, Königin, ſagte ſelbechathnrend. Werdet Ihr nun meine Bitte er⸗ küllen? Und Du willſt wirklich dieſem undankbaren, grau⸗ ſamen Mann, welcher Dich nicht liebt, Fürſprecherin ſein? Er geht ſtolz und kalt an Deiner Schönheit vorüber, und Du, Du bitteſt für ihn? Königin, die wahre Liebe denkt nicht an ſich, ſie giebt ſich hin! Sie fragt nicht nach dem Lohn, den ſie empfängt, ſondern nur nach dem Glück, welches ſie zu bieten hat. Ich ſah an ſeinen bleichen, gramvollen Zügen, wie viel er litt; mußte ich nicht daran denken, ihn zu tröſten? Ich trat zu ihm, ich redete ihn an, ich hörte ſeine verzweiflungsvollen Klagen über dieſen Unfall, der indeß nicht die Schuld ſeiner Gewandtheit und Tapferkeit, ſondern, wie alle Welt geſehen, die Schuld ſeines Pferdes war, welches ſcheu ward und überſchlug. Und wie er in aller Bitterkeit ſeines Schmer⸗ zes klagte, daß Ihr, Königin, ihn verachten und ver⸗ höhnen würdet, da habe ich, in vollem Vertrauen auf Euer edles und großmüthiges Herz, ihm verſprochen, daß Ihr auf meine Bitte ihm noch heut vor dem Lauzen Hofe ein Zeichen Eurer Gnade geben würdet. atharina, that ich Unrecht? — 1380— Nein, Jane, nein! Du thateſt Recht, und Du ſollſt wahrgeſprochen haben. Aber wie fange ich es an? Was ſoll ich thun? Der Graf wird heute Abend, nachdem der König die griechiſche Scene mit Croke vorgeleſen, einige neue Sonnette, die er gedichtet, vortragen. Wenn er's ge⸗ than, gebt ihm irgend ein Geſchenk, ſei's was es ſei, gleichviel, es iſt ein Zeichen Eurer Huld. Wie aber, Jane, wenn ſeine Sonnette kein Lob und keine Anerkennung verdienen? Seid gewiß, daß ſie's verdienen. Denn Henry Howard iſt ein edler und wahrer Dichter, und ſeine Verſe ſind voll himmliſcher Melodieen und erhabener Gedanken. Die Königin lächelte. Ja, ſagte ſie, Du liebſt ihn glühend, denn Du zweifelſt gar nicht an ihm. Wir wollen ihn alſo als einen großen Dichter anerkennen. Aber womit ſoll ich ihn belohnen? Gebt ihm eine Roſe, die Ihr am Buſen tragt, eine Schleife, die an Eurem Kleide befeſtigt iſt und Eure Farben zeigt. Aber ich trage leider heute weder eine Roſe, noch eine Schleife, Jane. 4— Doch könnt Ihr eine tragen, Königin! Hier auf der Achſel fehlt ſogar eine Schleife. Der Purpur⸗ mantel iſt zu nachläſſig angeheftet. Wir müſſen da eine Verzierung anbringen. Sie ging eilfertig in's Nebenzimmer und kehrte mit dem Käſtchen zurück, in welchem ſich die goldge⸗ ſticten Bänder und die mit Iunwelen verzierten Schleifen der Königin befanden. Lady Jane ſuchte und wählte lange umher. Dann nahm ſie die purpurrothe Sammetſchleife, welche ſie — 151— zuvor ſelber in den Kaſten geworfen, und zeigte ſie der Königin. Seht, ſie iſt zugleich geſchmackvoll und koſtbar, deun eine Agraffe von Brillanten hält ſie in der Mitte zuſammen. Erlaubt Ihr, daß ich dieſe Schleife an Eure Schulter befeſtige, und wollt Ihr ſie dem Grafen Surrey geben? Ja, Jane! Ich werde ſie ihm geben, weil Du es wünſcheſt. Aber, arme Jane, was gewinnſt Du da⸗ durch, daß ich es thue? Jedenfalls doch ein freundliches Lächeln, Königin. Und das iſt Dir genug? Liebſt Du ihn denn ſo ſehr? Ja, ich liebe ihn! ſagte Jane Douglas mit einem ſchmerzlichen Seufzer, indem ſie die chleife an die Achſel der Königin befeſtigte. Und jetzt, Jane, gehe und melde dem Ober⸗Cere⸗ monienmeiſter, daß ich bereit bin, ſodald der König es wünſcht, mich in die Gallerie zu begeben. Lady Jane wandte ſich, um das Zimmer zu ver⸗ laſſen. Aber ſchon auf der Schwelle kehrte ſie noch einmal zurück. Verzeiht, Königin, daß ich es wage, noch eine Bitte an Euch zu richten. Indeſſen habt Ihr mich Puts zu ſehr die edle und treue Freundin früherer age wiederfinden laſſen, als daß ich nicht an dieſe noch eine Bitte wagen ſollte. Nun, was iſt es, arme Jane? Ich habe mein Geheimniß nicht der Königin, ſon⸗ dern Katharina Parr, meiner Jugendfreundin anver⸗ traut, wird ſie es bewahren und Niemand meine Schmach und meine Demüthigung verrathen? — 152— Mein Wort darauf, Jane. Niemand außer Gott und uns ſoll jemals erfahren, was wir hier geſprochen. Lady Jane küßte demuthsvoll ihre Hand und mur⸗ melte einige Worte des Dankes, dann verließ ſie das Zimmer der Königin, um den Ober⸗Ceremonienmeiſter aufzuſuchen. In dem Vorſaal der Königin ſtand ſie einen Augenblick ſtill und lehnte ſich erſchöpft und wie zer⸗ brochen an die Wand. Niemand war hier, der ſie beobachten und belauſchen konnte. Sie hatte nicht nöthig zu lächeln, nicht nöthig unter einem ruhigen und gleichmäßigen Ausſehen all' dieſe ſtürmiſchen und verzweiflungsvollen Gefühle, die ihr Inneres durch⸗ wühlten, zu verbergen. Sie konnte ihren Haß und ihren Ingrimm, ihre Wuth und ihre Verzweiflung ausſtrömen laſſen in Worten und Geberden, in Thrä⸗ nen und Verwünſchungen, in Schluchzen und Seufzen, ſie konnte auf ihre Kniee niederſinken und Gott an⸗ flehen um Gnade und Erbarmen, und den Teufel an⸗ rufen um Rache und Vernichtung. 1 Als ſie's gethan, erhob ſie ſich, und ihre Mienen nahmen wieder ihren gewohnten kalten und ruhigen Ausdruck an. Nur waren ihre Wangen noch bleicher, nur ſprühete ein noch unheimlicheres Feuer aus ihren Augen, und ein höhniſches Lächeln umſpielte ihre ſchmalen, zuſammengepreßten Lippen. Sie durchſchritt die Zimmer und Corridore und trat jetzt in den Vorſaal des Königs ein. Als ſie Gardiner gewahrte, welcher allein und abgeſondert von den Uebrigen in der Fenſterniſche ſtand, ging ſie auf ihn zu, und John Heywood, welcher noch hinter dem Vorhang verborgen war, ſchauderte vor dem fürchterlichen und höhniſchen Ausdruck ihrer Züge. — 153— Sie reichte dem Erzbiſchof ihre Hand dar, und veruchte zu lächeln. Es iſt geſchehen, ſagte ſie onlos Wie? Die Königin trägt die Schleife? fragte Gar⸗ diner lebhaft. Sie trägt die Schleife und ſie wird ſie ihm geben. Und das Briefchen iſt darin? Es iſt unter der brillantenen Agraffe verborgen. Oh, dann iſt ſie verloren! murmelte Gardiner. Wenn der König dieſes Papier findet, ſo iſt Katha⸗ rina's Todesurtheil nigerahuct. Still! ſagte Lady Jane. Seht, dort naht ſich uns Lord Hertford. Gehen wir ihm entgegen! Sie verließen Beide die Fenſterniſche und traten in den Saal. Sofort ſchlüpfte John Heywood hinter dem Vor⸗ hang hervor und leiſe an der Wand hinſchleichend, von Niemand geſehen, verließ er den Saal. 1 Draußen ſtand er einen Augenblick ſtill und über⸗ egte. Ich muß dieſer Intrigue bis auf den Grund ſchauen, ſagte er zu ſich felber, ich muß erforſchen, durch wen, und mit wem ſie ſie verderben wollen, und endlich muß ich feſte und unleugbare Beweiſe in Händen haben, um ſie überführen und mit Erfolg beim König verklagen zu können. Daher iſt es noth⸗ wendig, vorſichtig und beſonnen zu ſein. Alſo über⸗ legen wir, was zu thun iſt; das Einfachſte wäre, die Königin zu bitten, daß ſie die Schleife nicht trägt. Aber das hieße nur für dies Mal das Gewebe zer⸗ ſtören, ohne indeß die Spinne tödten zu können, welche es gewebt. Sie muß alſo die Schleife tragen, — 154— denn ohne dieſe würde ich außerdem auch niemals er⸗ fahren können, wem ſie dieſelbe geben ſoll. Aber das Papier, welches in der Schleife verborgen iſt, das muß ich haben, das darf nicht darin ſein.„Wenn der König dies Papier findet, ſo iſt Katharinens Todesurtheil unterzeichnet.“ Nun, mein ehrwürdiger Prieſter des Teufels, der König wird dieſes Papier nicht finden, denn John Heywood will es nicht.— Aber wie fang' ich's an? Soll ich der Königin ſagen, was ich hörte? Nein! Sie würde ihre frohe Laune verlieren und befangen werden, und die Befangenheit wäre in den Augen des Königs der überzeugendſte Beweis ihrer Schuld. Nein, ich muß dieſes Papier aus der Shleſ nehmen, ohne daß die Königin es gewahrt. Muthig denn an's Werk! Ich muß dieſes Papier haben und dieſen Heuchlern eine Naſe drehn. Wie's gethan werden kann, das iſt mir noch nicht klar, aber ich werde es thun das iſt genug. Halloh, vor⸗ wärts zur Königin! Mit eilfertiger Haſt lief er durch die Säle und Corridore, während er lächelnd vor ſich hinmurmelte: Gott ſei Dank, daß ich die Ehre genieße, der Narr zu ſein; denn nur der König und der Narr haben das Privilegium, unangemeldet in jedes Zimmer, ſelbſt in das der Königin, eintreten zu können. Katharina war allein in ihrem Boudoir, als die kleine Thür, durch welche der König ſich zu ihr zu begeben pflegte, leiſe geöffnet ward. Ach, der König kommt! ſagte ſie, der Thür zu⸗ ſchreitend, um ihren Gemahl zu begrüßen. Ja, der König kommt, denn der Narr iſt ſchon da, ſagte John Heywood, welcher durch die geheime Thür eintrat, Sind wir allein, Königin, belauſcht uns Niemand? — 155— Nein, John Heywood, wir ſind ganz allein! Was bringt Ihr mir? ſind g Einen Brief, Königin. Von wem? fragte ſie, und eine glühende Röthe überflog ihre Wangen. Von wem? wiederholte John Heywood mit einem ſchalkhaften Lächeln. Ich weiß es nicht, Königin, aber jedenfalls iſt es ein Bettelbrief, und ohne Zweifel thätet Ihr wohl, ihn gar nicht zu leſen, denn ich wette, der unverſchämte Schreiber dieſes Briefes ver⸗ langt von Euch irgend eine Unmöglichkeit, ſei's ein Lächeln, oder einen Händedruck, eine Locke von Eurem Haar oder vielleicht gar einen Kuß. Alſo, Königin, leſet den Bettelbrief gar nicht. John, ſagte ſie lächelnd und doch zitternd vor Un⸗ geduld, John, gieb mir den Brief. Ich will ihn Euch verhandeln, Königin. Ich habe das vom König gelernt, der auch nichts großmüthig verſchenkt, ohne dafür mehr zu nehmen, als er giebt. Alſo laßt uns handeln. Ich gebe Euch den Brief, Ihr ebt mir die Schleife, welche Ibr da auf Eurer Schulter tragt. Nicht doch, John, wähle Dir etwas Anderes, die Schleife kann ich Dir nicht geben. Und bei den Göttern ſei's geſchworen, rief John mit komiſchem Pathos, ich gebe Euch den Brief nicht, wenn Ihr mir nicht die Schleife gebt. Närriſcher Kauz, ſagte die Königin. Ich ſage Dir, 5 kann es nicht! Wähle etwas Anderes, John, und ich beſchwöre Dich, lieber John, gieb mir den Brief. Nur dann, wenn Ihr mir die Schleife gebt. Ich habe es bei den Göttern geſchworen, und was ich — 156— denen gelobe, das halte ich! Nein, nein, Königin, nicht dieſe Rtuſtern Mienen, nicht dies unwillige Stirn⸗ falten. Wenn ich denn im Ernſt die Schleife nicht geſchenkt bekommen kann, ſo laßt es uns machen, wie die Jeſuiten und Papiſten, welche auch mit dem lieben Gott handeln und ihm ein Schnippchen ſchlagen. Meinen Schwur muß ich halten! Ich gebe Euch den Brief und Ihr gebt mir die Schleife, aber hört, Ihr leiht ſie mir nur, und wenn ich ſie einen Augenblick in der Hand gehabt, bin ich großmüthig und freigebig wie der König, und mache Euch ein Geſchenk mit Eurem Eigenthum. Die Königin riß mit einer haſtigen Bewegung die Schleife von ihrer Schulter und reichte ſie John Hey⸗ wood dar. Jetzt gieb mir den Brief, John. Hier iſt er, ſagte John Heywood, indem er die Schleife empfing. Nehmt ihn und Ihr werdet ſehen, daß Thomas Seymour mein Bruder iſt. Dein Bruder, John? fragte Katharina lächelnd, indem ſie mit zitternder Hand das Siegel bräch. Ja, mein Bruder, denn er iſt ein Narr! Ach, ich babe ſehr viele Brüder. Die Familie der Narren iſt ſo ſehr groß! 3 Die Königin hörte nicht mehr. Sie las den Brief ihres Geliebten, ſie hatte nur Augen für dieſe Schrift⸗ züge, welche ihr ſagten, das Thomas Seymour ſie liebe, ſie anbete und vergehe vor Sehnſucht nach ihr. Sie ſah nicht, wie John Heywood mit eiliger Hand die Agraffe von Brillanten aus der Schleife loslöſte und das kleine Papier, welches in den Falten des Bandes verborgen war, daraus hervornahm. Sie iſt gerettet! murmelte er, während er das ver⸗ — 157— hängnißvolle Papier in ſein Wamms ſteckte und die Agraffe wieder in der Nadel befeſtigte. Sie iſt ge⸗ rektet, und dies Mal wird der König ihr Todesurtheil nicht unterzeichnen. Katharina hatte den Brief zu Ende geleſen und verbarg ihn in ihrem Buſen. Königin, Ihr habt mir geſchworen, jeden Brief, den ich Euch von ihm bringe, zu verbrennen, denn es iſt ein gefährlich Ding um verbotene Liebesbriefe. Eines Tages könnten ſie Sprache gewinnen und wider Euch zeugen! Königin, ich werde Euch keinen andern Brief wieder bringen, wenn Ihr nicht zuvor dieſen da verbrennt. John, ich werde ihn verbrennen, wenn ich ihn erſt wirklich geleſen habe. Jetzt las ich ihn nur mit mei⸗ nem Herzen, nicht mit meinen Augen. Gönne es mir alſo, ihn noch einige Stunden auf meinem Herzen zu tragen. Schwört Ihr mir, ihn heute noch zu verbrennen? Ich ſchwöre es Dir! So will ich dies Mal zufrieden ſein. Hier iſt Eure Schleife, und gleich dem berühmten Fuchs in der Fabel, welcher die Trauben für ſauer erklärte, weil er ſie nicht bekommen konnte, ſage ich:„Nehmt Eure Schleife zurück! Ich mag ſie nicht!“ Er reichte der Königin die Schleife dar und ſie befeſtigte ſie lächelnd wieder an ihrer Schulter. John, ſagte ſie, ihm mit einem bezaubernden Lä⸗ cheln die Hand darreichend, John, wann wirſt Du mir endlich geſtatten, Dir anders als mit Worten zu danken? Wann wirſt Du Deiner Königin endlich erlauben, Dich für alle Deine Liebesdienſte anders, als mit Worten zu belohnen? — 158— John Heywood küßte ihre Hand und ſagte traurig: Ich werde an dem Tage eine Belohnung von Euch fordern, an welchem es meinen Thränen und meinen Bitten gelingen könnte, Euch zu überreden, dieſer trau⸗ rigen und gefährlichen Liebe zu entſagen. Wahrlich an dem Tage hätte ich eine Belohnun verdient, und ich würde ſie ſtolzen Herzens von Guch annehmen. Armer John, dann werdet Ihr alſo niemals Euren Lohn empfangen, denn dieſer Tag wird niemals kom⸗ men! Dann werde ich alſo wahrſcheinlich meinen Lohn empfangen, aber vom König, und es wird ein Lohn ſein, wobei man das Gehör und Geſicht, und oben⸗ drein den Kopf verliert! Nun, wir werden ſehen! Bis dahin lebt wohl, Königin, ich muß zum König, denn es könnte mich Jemand hier überraſchen und auf den klugen Gedanken kommen, daß John Heywood nicht immer der Narr, ſondern auch zuweilen der Liebesbote iſt! Ich küſſe den Saum Eures Kleides; lebt wohl, Königin!. Er ſchlüpfte wieder durch die geheime Thür. Jetzt wollen wir einmal dieſes Papier unterſuchen, ſagte er, als er den Corridor erreicht hatte und ſicher war, von Niemand geſehen zu werden. Er zog das Papier aus ſeinem Wamms hervor und öffnete es. Ich kenne die Handſchrift nicht, murmelte er, aber es iſt eine Frau, welche es ge⸗ ſchrieben hat. Der Brief lautete:„Glaubſt Du mir jetzt, mein Geliebter? Ich ſchwur, Dir heute in Gegenwart des Königs und meines ganzen Hofes dieſe Schleife zu übergeben, und ich that es. Für Dich wage ich freudig mein Leben, denn Du biſt mein Leben, und immer — 159— noch wäre es ſchöner, zu ſterben mit Dir, als zu leben ohne Dich. Ich lebe nur, wenn ich in Deinen Armen ruhe; und jene finſtern Nächte, wo Du bei mir ſein darfſt, ſie ſind die Leuchte und der Sonnen⸗ gllanz meiner Tage. Laß uns den Himmel bitten, daß dald eine dunkle Nacht komme, denn ſolche Nacht bringt mir den Geliebten und Dir Dein ſelig Weib zurück. Geraldine.“ Geraldine! Wer iſt Geraldine? murmelte John Heywood, das Papier wieder in ſein Wamms ſchie⸗ bend. Ich muß dies Gewebe von Lug und Trug entwirren, ich muß wiſſen, was dies Alles bedeutet. Denn dies iſt mehr als eine Intrigue, eine erlogene Anklage. Es handelt ſich, wie es ſcheint, um eine Wirklichkeit. Dieſen Brief ſollte die Königin einem Manne überreichen, und es wird darin von ſüßen Erinnerungen, von ſeligen Nächten geſprochen. Der alſo, welcher den Brief empfängt, iſt mit im Bunde gegen Katharina, und ich darf ſagen, ihr ſchlimmſter Feind, denn er benutzt die Liebe gegen ſie. Irgend ein Verrath, eine Tücke iſt dahinter verborgen. Ent⸗ weder täuſcht man den Mann, an den dieſer Brief gerichtet iſt, und er iſt ein willenloſes Werkzeug in den Händen der Papiſten, oder er iſt mit ihnen im Bunde und hat ſich zu dem Bubenſtück hergegeben, den Liebhaber der Königin vorzuſtellen. Aber wer kann es ſein? Vielleicht Thomas Seymour? Es wäre möglich, denn er hat ein kaltes, trügeriſches Herz und er wäre ſolchen Verrathes fähig. Aber wehe ihm, wenn er's iſt. Dann werde ich es ſein, der ihn beim König anklagt, und bei Gott, ſein Haupt ſoll fallen. Jetzt fort zum König! Eben als er in den Vorſaal des Königs eintrat, öffnete ſich die Thür des Kabinets und die Herzogin — 160— von Richmond trat mit dem Grafen Douglas heraus. Lady Jane und Gardiner ſtanden wie zufällig in der Nähe dieſer Thür. Nun, haben wir anch dort unſer Ziel erreicht? fragte Gardiner. Wir haben es erreicht, ſagte Graf Douglas. Die Herzogin hat ihren Bruder eines Liebes⸗Berhältniſſes mit der ſthsgin dnzhe8ls t. Sie hat ausgeſagt, daß er zuweilen Nachts den Palaft verlaſſe und erſt am Morgen in denſelben zurückkehre. je hat erklärt, daß ſie vor vier Nächten ſelber ihrem Bruder nachge⸗ ſchlichen ſei und geſehen habe, wie er in den von der Königin bewohnten Flügel des Schloſſes gegangen; und eine Kammerfrau der Königin hat der Her ogin mitgetheilt, daß die Königin in jener Nacht nicht in ihren Zimmern war. Und der König hörte die Anklage an und erwürgte Euch nicht in ſeinem Zorn? Er iſt noch in jenem dumpfen Zuſtand der Wuth, wo die Lava erſt gebraut wird, mit welcher ſich der Krater nachher entleeren will. Noch iſt Alles ſtill, aber ſeid gewiß, es wird eine Eruption geben, und glühende Lavaſtröme werden Diejenigen begraben, welche es gewagt, den Gott Vulkan zu reizen. Und weiß er von der Schleife? fragte Lady Jane. Er weiß Alles. Und bis zu jenem Moment wird er Niemand ſeinen Zorn und ſeine Wuth ahnen laſ⸗ ſen. Er will die Königin ganz ſicher machen, ſagt er, um dadurch den ſichern Beweis der Schuld in ſeine Hand zu bekommen. Nun, wir werden ihm ja dieſen Beweis liefern und daraus folgt, daß die Königin rettungslos verloren iſt. — 161— Aber horch! Die Thüren werden geöffnet und der Ober⸗Ceremonienmeiſter kommt, um uns in die gol⸗ dene Gallerie zu rufen. Tdcretet nur ein, murmelte John Heywood, hinter ihnen herſchlüpfend. Ich bin auch noch da, und ich werde die Maus ſein, welche das Netz zerbeißt, in welcher ihr meine großmüthige Löwin einfangen wollt. XII. Die Schleife der Rönigin. Die goldene Gallerie, in welcher das Dichterturnier ſtattfinden ſollte, bot heute einen wahrhaft bezaubern⸗ den und feenhaften Anblick dar. Spiegel von einer rieſenhaften Größe, eingefaßt in breite goldene Rahmen, mit der vollendeteſten Schnitzarbeit geziert, bedeckten die Wände und ſtrahlten in tauſendfachem Reflex die ungeheuren Kronleuchter wieder, welche mit ihren hun⸗ dert und hundert Kerzen Tageshelle in der rieſenhaften Halle verbreiteten. Hier und da ſah man vor den Spiegeln Gruppen der ſeltenſten und auserleſenſten Blumen aufgeſtellt, die ihre betäubenden und doch ſo bezaubernden Wohlgerüche durch den Saal ausſtröm⸗ ten und an Farbenglanz ſelbſt noch den türkiſchen Fußteppich überſtrahlten, welcher den ganzen Saal durchzog und den Fußboden in ein unermeßliches Blumenbeet verwandelte. Zwiſchen den Blumenbos⸗ quetten ſah man Tiſche mit goldenen Gefäßen, in denen ſich erfriſchende Getränke befanden, während am andern Ende der ungeheuren Gallerie ein Rieſen⸗ buffet ſtand, das die auserleſenſten und ſeltenſten Spei⸗ Heinrich VIII. 2. 11 — 162— ſen enthielt. Für jetzt waren die Thüren des Buffets, das, wenn es geöffnet war, ein eigenes Zimmer für ſich bildete, noch geſchloſſen.. Man war noch nicht bis zu den materiellen Ge⸗ nüſſen vorgedrungen, man war noch beſchäftigt, die geiſtigen in ſich aufzunehmen. Die glänzende und auserleſene Geſellſchaft, welche den Saal füllte, war noch für einige Zeit verdammt, zu ſchweigen und ihr Lachen und Plaudern, ihre Mediſance und Verläum⸗ dung, ihr Schmeicheln und Heucheln in ſich zu ver⸗ ſchließen. Es war eben eine Pauſe eingetreten. Der König hatte ſeinem Hofe mit Croke eine Scene aus der An⸗ tigone vorgetragen und man erholte ſich erſt von die⸗ ſem wunderbaren und erhabenen Genuß, eine Sprache vernommen zu haben, von welcher man kein Wort verſtand, die man aber ſehr ſchön fand, da der König ſie bewunderte. Heinrich der Achte hatte ſich wieder auf dem gol⸗ denen Thronſeſſel zurückgelehnt und ruhte keuchend aus von ſeiner ungeheuren Anſtrengung, und⸗während er ruhte und träumte, ſpielte ein unſichtbares Muſik⸗ chor eine von dem Könige ſelber componirte Muſik, die mit ihren feierlichen und ernſten Rhythmen wun⸗ derbar contraſtirte mit dieſem ſo glänzenden, heitern Naume, mit dieſer prachtvollen, lachenden und ſchä⸗ kernden Geſellſchaft. Denn der König hatte befohlen, daß man ſich un⸗ terhalte und luſtig ſei, daß man ſin zwangloſem Ge⸗ plauder ſich ergehe. Es war daher natürlich, daß man lachte und die Erſchöpfung und Abſpannung des Kö⸗ nigs gar nicht zu bemerken ſchien. Uebrigens hatte man Heinrich ſeit langer Zeit nicht ſo heiter, ſo jugendlich lebendig, ſo ſprudelnd von Witz — 163— und Humor geſehen, wie an dieſem Abend. Sein Mund ſtrömte über von Scherzen, welche die Herren lachen und die ſchönen, glänzenden Frauen erröthen machten, vor allen Dingen die junge Königin, welche neben ihm auf dem koſtbaren und herrlichen Throne ſaß und zuweilen nur verſtohlene und ſehnſuchtsvolle Blicke hinüber warf zu dem Geliebten, für den ſie freudig und willig ihre Königskrone und ihren Thron hingegeben hätte. Wenn der König ſah, wie Katharina erröthete, wandte er ſich zu ihr und bat ſie mit ſeinem zärtlich⸗ ſten Ton um Vergebung für ſeinen Scherz, der in ſeiner Keckheit indeſſen nur dazu gedient, ſeine Kö⸗ nigin noch ſchöner, noch bezaubernder zu machen. Seine Worte waren alsdann ſo zärtlich und innig, ſeine Blicke ſo voll Bewunderung und Liebe, daß Niemand daran zweifeln konnte, die Königin ſei bei ihrem Gemahl in der höchſten Gunſt und er liebe ſie auf das Zärtlichſte. Nur die Wenigen, welche das Geheimniß dieſer ſo offenen und ſo rückhaltslos zur Schau getragenen Zärtlichkeit des Königs kannten, begriffen ganz die Gefahr, welche die Königin bedrohte, denn der König war niemals fürchterlicher, als wenn er ſchmeichelte, und Niemanden traf ſein Zorn zerſchmetternder, als Den, welchen er eben gekuͤßt und ihn ſeiner Gnade verſichert hatte. Das war es, was Graf Douglas ſich ſagte, als er ſah, mit welchem innigen Blick Heinrich der Achte mit ſeiner Gemahlin plauderte. Hinter dem Throne des königlichen Paares ſah man John Heywood in ſeiner phantaſtiſchen und kleid⸗ ſamen Tracht, mit ſeinem zugleich edlen und ſchlauen Angeſicht, und über ſeine ſarkaſtiſchen und ſpöttiſchen — 11* — 164— Bemerkungen brach der König eben in ein lautes, ſchallendes Gelächter aus. König, mir gefällt Dein Lachen heute nicht, ſagte John Heywood ernſt. Es ſchmeckt nach Galle. Fin⸗ det Ihr nicht ſelber, Königin? Die Königin ſchreckte aus ihren ſüßen Träumereien empor, und das war es, was John Heywood gewollt hatte. Er wiederholte daher ſeine Frage. Nicht doch, ſagte ſie, ich finde, daß der König heute ganz der Sonne gleicht. Er iſt ſtrahlend und hell, wie ſie. Königin, Ihr meint nicht die Sonne, ſondern den Vollmond, ſagte John Heywood lachend. Aber ſeht nur, Heinrich, wie heiter dort drüben Graf Archimbald Douglas mit der Herzogin von Richmond plaudert. Ich liebe dieſen guten Grafen. Er ſieht immer aus wie eine Blindſchleiche, welche eben im Begriff iſt, Jemand in die Ferſe zu ſtechen, und daher kommt’s, daß ich in der Nähe des Grafen mich immer in einen Kranich verwandle. Ich ſtehe auf einem Bein, weil ich dann ſicher bin, doch das andere vor dem Stich des Grafen gerettet zu haben. König, wenn ich wie Du wäre, ich würde nicht Diejenigen tödten laſſen, welche die Blindſchleiche geſtochen hat, ſondern die Blindſchleichen würde ich ausrotten, damit die Füße ehrlicher Menſchen vor ihnen ſicher wären. Der König warf ihm einen raſchen, orſchenden Bli zu, den John Heywood mit einem Lächeln er⸗ wiederte. 1 Tödte die Blindſchleichen, König Heinrich, ſagte er, und wenn Du einmal dabei biſt, Ungeziefer zu ver⸗ nichten, ſo wird's nicht ſchaden, wenn Du auch den Pfaffen wieder einmal einen tüchtigen Fußtritt giebſt. — 165— Es iſt ſo lange her, daß wir keine verbrannt haben, und ſie werden wieder übermüthig und boshaft, wie ſie's immer waren und immer ſein werden. Ich ſehe ſogar den frommen und milden Erzbiſchof von Win⸗ cheſter, den edlen Gardiner, welcher dort drüben mit Lady Jane ſich unterhält, ſehr heiter lächeln, und das iſt ein böſes Zeichen, denn Gardiner lächelt nur, wenn er wieder eine arme Seele eingefangen und ſie ſeinem Herrn— ich meine nicht Euch, König, ſondern den Teufel— zum Frühſtück präparirt hat. Denn der Teufel iſt immer hungrig auf edle Menſchenſeelen, und wer ihm eine einfängt, dem giebt er Ablaß für ſeine Sünden auf eine Stunde. Deshalb fängt Gardiner ſo viele Seelen, denn da er jede Stunde ſündigt, be⸗ darf er jede Stunde Ablaß. Ihr ſeid heute ſehr boshaft, John Heywood, ſagte die Königin lächelnd, während der König gedankenvoll und ſinnend zu Boden blickte. John Heywoods Worte hatten die wunde Stelle ſeines Herzens berührt und ſein mißtrauiſches Herz unwillkürlich mit neuen Zweifeln erfüllt. Er mißtraute nicht bloß dem Angeklagten, ſondern auch dem Ankläger, und wenn er den Einen als Ver⸗ brecher ſtrafte, mochte er auch gern den Andern als Denuncianten ſtrafen. Er fragte ſich, welchen Zweck Graf Douglas und Gardiner gehabt, die Königin anzuklagen, und weshalb ſie ihn aus ſeiner Ruhe und aus ſeinem Zutrauen empor Gehrdat In dieſem Moment, wo er auf ſeine ſchöne Gemahlin hinblickte, welche in ſo heiterer Ruhe, unbefangen und lächelnd, neben ihm ſaß, fühlte er einen tiefen Zorn ſein Herz erfüllen, nicht gegen Ka⸗ tharina, ſondern gegen Jane, welche ſie angeklagt. — 166— Sie war ſo lieblich und ſchön, weshalb gönnte man ſie ihm nicht, weshalb ließ man ihn nicht in ſeiner ſüßen Täuſchung? Aber vielleicht war ſie auch nicht ſchuldig. Nein, ſie war es nicht. So heiter und klar iſt nicht das Auge einer Schuldigen, ſo un⸗ befangen und jungfräulich zart nicht das Weſen einer Buhlerin. Zudem fühlte der König ſich erſchöpft und blaſirt. Selbſt der Grauſamkeit kann man überdrüſſig werden, und in dieſer Stunde fühlte Heinrich ſich ganz über⸗ ſättigt vom Blutvergießen. Sein Herz, denn in ſolchen Momenten geiſtiger Erſchlaffung und körperlicher Abſpannung hatte der König ſogar ein Herz— ſein Herz war ſchon im Begriff, das Wort der Gnade auszuſprechen, da fiel des Königs Auge auf Henry Howard, der mit ſeinem Vater, dem Herzog von Norfolk, und umgeben von einem Kreis glänzender und edler Lords, unweit vom königlichen Throne ſtand. Der König fühlte einen tödtlichen Stich in ſeiner Bruſt, und ſeine Augen ſchoſſen Blitze hinüber nach jener Gruppe. Wie ſtolz und impoſant die Geſtalt des edlen Grafen ſich ausnahm, wie hoch er empor ragte über alle Andern, wie edel und ſchön ſein Angeſicht, wie königlich ſeine Haltung, ſeine ganze Erſcheinung war! Heinrich mußte ſich dies Alles eingeſtehen, und weil er's mußte, haßte er ihn. Nein, kein Erbarmen für Katharina! Wenn es wahr, was ihre Ankläger ihm geſagt, wenn ſie ihm die Beweiſe von der Schuld der Königin geben konnten, dann war ſie verurtheilt. Und wie durfte er daran zweifeln? Hatten ſie ihm nicht geſagt, daß — — 167— in der Schleife, welche die Königin dem Grafen Surrey geben würde, ein Liebesbrief von Katharina enthalten ſei, den er finden würde? Hatte Graf Surrey dies nicht geſtern in einer vertraulichen Stunde ſeiner Schweſter, der Herjobin von Richmond, mit⸗ getheilt, als er ſie zur Liebesbotin zwiſchen der Kö⸗ nigin und ihm erlaufen wollte? Hatte ſie die Königin nicht angeklagt, mit dem Grafen nächtliche Zuſam⸗ menkünfte in dem verlaſſenen Thurm zu haben? Nein, kein Erbarmen mit ſeiner ſchönen Königin, wenn Henry Howard ihr Geliebter war. Er mußte wieder hinüberblicken zu dem verhaßten Feind. Dort ſtand er noch immer neben ſeinem Vater, dem Herzog von Norfolk. Wie lebhaft und anmuthig ſich der alte Herzog bewegte, wie ſchlank ſeine Geſtalt und wie ſtolz und impoſant ſeine Haltung! Der König war jünger als der Herzog und doch war er an ſeinen Rollſtuhl gefeſſelt, doch ſaß er wie ein un⸗ beweglicher Koloß auf ſeinem Thron, während Jener frei und leicht ſich bewegte und nur ſeinem Willen, nicht der Nothwendigkeit gehorchte. Heinrich hätte ihn zerſchmettern mögen, dieſen ſtolzen, übermüthigen Herzog, der ein freier Mann war, während ſein König doch nichts als ein Gefangener ſeines eigenen Fleiſches, ein Sclave ſeines ſchwerfälligen Körpers war. Ich werde es vernichten, dieſes ſtolze übermüthige Geſchlecht der Howards! murmelte der König, indem er ſich mit einem freundlichen Lächeln an den Grafen Surrey wandte. Ihr habt uns einige Eurer Gedichte verheißen, Vetter! ſagte er. Laßt ſie uns alſo jetzt genießen, denn Ihr ſeht wohl, wie ungeduldig alle die ſchönen Damen auf Englands edelſten und groͤßten Dichter blicken und wie ſehr ſie mir zürnen würden, wenn * — 168— ich ihnen dieſen Genuß noch länger vorenthielte. Selbſt meine ſchöne Königin iſt voll Verlangen nach Euren ſchwärmeriſchen Liedern, denn Ihr wißt wohl, Howard, ſie liebt die Poeſie und vor allen Dingen die Eurige! Katharina hatte kaum vernommen, was der König geſagt. Ihre Blicke waren denen Seymour's begegnet und hatten ſich tief in die ſeinen verſenkt. Dann aber hatte ſie das Auge, noch ganz erfüllt von dem Anſchauen ihres Geliebten, zu Boden geſchlagen, um an ihn zu denken, da ſie nicht mehr wagte, ihn an⸗ zuſehen. Als der König ihren Namen nannte, ſchreckte ſie empor und blickte ihn fragend an. Sie hatte nicht gehört, was er ihr geſagt. Auch nicht einen Moment ſieht ſie nach mir her⸗ über! ſagte Henry Howard zu ſich ſelber. Oh, ſie liebt mich nicht, oder mindeſtens iſt ihr Verſtand mäch⸗ tiger als ihre Liebe. Oh Katharina, Katharina, fürch⸗ teſt Du den Tod ſo ſehr, daß Du um deßwillen Deine Liebe verleugnen kannſt? Mit einer verzweiflungsvollen Haſt zog er ſein Portefeuille hervor. Ich will ſie zwingen, auf mich ihre Blicke zu wenden, an mich zu denken und ſich ihres Schwures zu erinnern, dachte er. Wehe ihr, wenn ſie ihn nicht erfüllt, wenn ſie mir nicht die Schleife giebt, welche ſie mir mit ſo feierlichen Ge⸗ lübden zugeſagt. Thut ſie's nicht, dann breche ich dieſes ſchauervolle Schweigen und beſchuldige ſie vor ihrem König und vor ihrem Hof des Verrathes an ihrer Liebe. Sie wird dann mindeſtens ſich nicht von mir losſagen können, denn wir werden zuſammen das Blutgerüſt beſteigen. — 169— Erlaubt meine erhabene Königin, daß ich anfange? fragte er laut, ganz vergeſſend, daß der König ihm bereits den Befehl dazu gegeben, und daß nur Er es war, welcher eine ſolche Erlaubniß ertheilen konnte. Katharina ſah ihn erſtaunt an. Dann aber fiel ihr Blick auf Lady Jane Douglas, welche mit flehen⸗ dem Ausdruck zu ihr herüberſchaute. Die Königin lächelte, denn ſie erinnerte ſich jetzt, daß es der Ge⸗ liebte Jane's ſei, welcher zu ihr geſprochen, und daß ſie dem armen jungen Mädchen gelobt, den gebeugten Drſen Surrey wieder aufzurichten und ihm gnädig zu ſein. Jane hat Recht, dachte ſie, er ſieht tief niederge⸗ ſchlagen und leidend aus. Ach, es muß ſehr weh thun, denjenigen leiden zu ſehen, welchen man liebt! Ich werde alſo Jane's Bitte erfüllen, denn ſie ſagt, daß dies den Grafen wieder aufrichten könnte. Sie neigte ſich lächelnd zu dem Grafen hin. Ich bitte Euch, ſagte ſie, verleihet unſerm Feſt den ſchön⸗ ſten Schmuck, ſchmückt es mit der duftenden Blume Eurer Poeſie. Ihr ſehet, wir glühen Alle vor Ver⸗ langen, Eure Verſe zu hören. Der König erbebte vor Zorn, und ein zerſchmet⸗ terndes Wort ſchwebte ſchon auf ſeiner Lippe. Aber er hielt ſich zurück, er wollte erſt Beweiſe haben, er wollte ſie nicht blos angeklagt, ſondern auch verur⸗ theilt ſehen, und dazu bedurfte es der Beweiſe ihrer Schuld. 4 Henry Howard nahte ſich jetzt dem Thron des Königspaars, und mit ſtrahlenden Blicken, mit begei⸗ ſtertem Angeſicht, mit vor Erregung zitternder Stimme las er ſeine Liebeslieder an die ſchöne Geraldine. Ein Gemurmel des Beifalls erhob ſich, als er ſein — 170— erſtes Sonnett geleſen. Nur der König blickte finſter vor ſich hin, nur die Königin blieb theilnahmlos und kalt. Sie iſt eine vollendete Schauſpielerin, dachte Henry Howard in der Wuth ſeines Schmerzes. Nicht eine Muskel ihres Antlitzes zuckt, und doch mußte ſie dieſes Sonnett an die ſchönſten und heiligſten Momente unſerer Liebe erinnern. Die Königin blieb theilnahmlos und kalt. Aber hätte Henry Howard auf Lady Jane Douglas hinüber geblickt, ſo würde er geſehen haben, wie ſie erbleichte und erröthete, wie ſie lächelte vor Entzücken und wie ſich dennoch ihre Augen mit Thränen ſüllten. Doch Graf Surrey ſah nichts als die Königin, und ihr Anblick machte ihn erbeben vor Zorn und Schmerz. Seine Augen ſchoſſen Blitze, ſein Antlitz glühte vor Leidenſchaft, ſein ganzes Weſen war in einer verzweiflungsvollen Begeiſterung. Er hätte in dieſem Moment freudig ſein Leben zu Geraldine's Füßen ausgehaucht, wenn ſie ihn nur anerkennen, wenn ſie nur den Muth haben wollte, ihn ihren Ge⸗ liebten zu nennen. Aber ihre lächelnde Ruhe, ihre freundliche Kälte brachten ihn zur Verzweiflung. Er zerknitterte das Papier in ſeiner Hand; die Buchſtaben tanzten vor ſeinen Augen, er konnte nicht mehr leſen. Aber er wollte auch nicht ſtumm bleiben. Wie der ſterbende Schwan wollte er ſeinen Schmerz in einem letzten Lied aushauchen, und ſeiner Verzweiflung und ſeiner Qual Klang und Wort geben. Er konnte nicht mehr leſen, aber er improviſirte. Wie ein glühender Lavaſtrom floſſen die Worte — 171— von ſeinen Lippen; in feurigen Dythyramben, in be⸗ geiſterten Hymnen ließ er ſeine Liebe und ſeine Schmerzen ausſtrömen. Der Genius der Poeſie ſchwebte über ihm und leuchtete auf ſeiner edlen, ge⸗ dankenvollen Stirn. Er war ſtrahlend ſchön in ſeiner Begeiſterung, und ſelbſt die Königin fühlte ſich hingeriſſen von ſeinen Worten. Seine Liebesklagen, ſeine Sehnſuchtsſchmer⸗ zen, ſeine Entzückungen und ſeine trüben Phantaſien fanden ein Echo in rant Herzen. Sie verſtand ihn, denn ſie fühlte dieſelben Freu⸗ den, denſelben Jammer und daſſelbe Entzücken, nur daß ſie dieſes Alles nicht für ihn empfand. Aber, wie geſagt, er begeiſterte ſie, der Strom ſeiner Leidenſchaft riß ſie fort. Sie weinte bei ſeinen Klagen, ſie lächelte bei ſeinen Freudenhymnen. Als Henry Howard endlich verſtummte, herrſchte ein tiefes Schweigen in der großen, ſtrahlenden Kö⸗ nigshalle. Die Geſichter Aller waren tief bewegt, und dieſes allgemeine Schweigen war des Dichters ſchönſter Triumph, denn es zeigte ihm, daß ſelbſt der Neid und die Mißgunſt verſtummt waren, und daß der Spott ſelbſt keine Worte finden konnte.. Eine augenblickliche Pauſe trat ein; ſie glich jener ſchwülen, bangen Stille, welche dem Ausbruch eines Gewitters varherzugehen pflegt, wo die Natur einen Moment in athemloſer Stille inne hält, um Kraft zu gewinnen zum Gebrauſe des Sturms. Es war eine bedeutungsvolle, eine entſetzliche Pauſe, aber nur Wenige verſtanden ihre Bedeutung. Lady Jane lehnte ganz zerbrochen, ganz athemlos an der Wand. Sie ſch te, daß das Schwert über 8 — 172— ihrem Haupte hing und daß es ſie vernichten würde, wenn es den Geliebten traf. Graf Douglas und der Erzbiſchof von Wincheſter hatten ſich unwillkürlich einander genähert und ſtan⸗ den Hand in Hand da, vereint zum unheilsvollen Kampf, während John Heywood ſich hinter den Thron⸗ ſeſſel des Königs geſchlichen hatte und in ſeiner ſar⸗ kaſtiſchen Weiſe ihm einige Epigramme in das Ohr flüſterte, welche den König wider ſeinen Willen lächeln machten. Jetzt aber erhob ſich die Königin von ihrem Sitze und winkte Henry Howard näher zu ſich heran. Mylord, ſagte ſie faſt feierlich, ich danke Euch als Königin und als Frau für Eure edlen und erhabenen Lieder, welche Ihr gedichtet zu Ehren einer Frau! Und da mich denn die Gnade meines Königs zur erſten Frau in England erhoben hat, ſo ziemt es mir, im Namen aller Frauen Euch meinen Dank zu ſagen. Dem Dichter gebührt ein anderer Lohn, als dem Krieger. Dem Sieger auf dem Schlachtfeld reicht man eine Lorbeerkrone! Ihr habt Euch einen nicht minder ſchönen Sieg erfochten, denn Ihr habt Euch die Herzen erobert! Wir erklären uns überwunden, und im Namen aller dieſer edlen Frauen ernenne ich Euch zu ihrem Ritter! Zum Zeichen deß nehmt dieſe Schleife, Mylord! Sie berechtigt Euch, die Farben der Königin zu tragen, ſie verpflichtet Euch, der Ritter aller Frauen zu ſein! Sie löſte die Schleife von ihrer Schulter und reichte ſie dem Grafen dar. Er hatte ſich vor ihr auf ein Knie niedergelaſſen und ſtreckte ſchon die Hand aus, dieſes koſtbare und erſehnte Pfand zu empfangen. — 173— Aber in dieſem Augenblick erhob ſich der König und hielt mit einer gebieteriſchen Geberde die Hand der Königin zurück. Erlaubt, Mylady, ſagte er mit vor Zorn zitternder Stimme. Erlaubt, daß ich dieſe Schleife erſt betrachte und mich überzeuge, ob ſie würdig genug iſt, dem edlen Lord jals einziger Lohn dargereicht zu werden! Laßt mich dieſe Schleife ſehen! Katharine blickte ihm erſtaunt in das von Leiden⸗ ſchaft und Wuth zuckende Angeſicht, aber ſie reichte ihm ohne Zögern die Schleife dar. Wir ſind verloren! murmelte Graf Surrey, wäh⸗ rend Graf Douglas und Gardiner mit triumphirenden Blicken einander anſahen, und Jane Douglas in ihrem zitternden Herzen Gebete der Angſt und des Entſetzens murmelte, kaum die ſchadenfrohen und triumphi⸗ renden Worte vernehmend, welche die Herzogin von Richmond in ihr Ohr flüſterte. Der König hielt die Schleife in der Hand und betrachtete ſie. Aber ſeine Hände zitterten ſo ſehr, daß er nicht im Stande war, die Agraffe, welche ſie zuſammen hielt, abzulöſen. Er reichte ſie daher John Heywood dar. Dieſe Diamanten ſind ſchlecht, ſagte er mit kurzem, trocknem Ton. WMache die Agraffe los, Narr, wir wollen ſie durch dieſe Nadel hier erſetzen. Dann wird das Ge⸗ ſchenk für den Grafen doppelten Werth gewinnen, denn es wird ihm zugleich von mir und der Königin kommen. Wie gnädig Du heute biſt, ſagte John Heywood lächelnd. So gnädig, wie die Katze, welche noch ein wenig mit der Maus ſchäkert, bevor ſie dieſelbe ver⸗ ſchlingt. — 174— Löſe die Agraffe los! rief der König mit donnern⸗ der Stimme, nicht mehr im Stande, ſeine Wuth zu verbergen. John Heywood neſtelte mit langſamer Hand die Agraffe von dem Bande los. Er that es mit abſicht⸗ licher Zögerung und Bedächtigkeit, er ließ den König jede ſeiner Bewegungen, jede Wendung ſeiner Finger ſehen und es ergötzte ihn, Diejenigen, welche dieſe Intrigue gewebt, in der furchtbaren Spannung und Erwartung zu erhalten. Während er ganz arglos und unbefangen ſchien, — ſein ſcharfer, ſtechender Blick über die ganze Ver⸗ ammlung hin und er bemerkte ſehr wohl die zitternde Ungeduld Gardiners und des Grafen Douglas, und es entging ihm nicht, wie bleich Lady Jane, und wie erwartungsvoll geſpannt die Züge der Herzogin von Richmond waren. Sie ſind es, von denen dieſes Complott ausgeht! ſagte John Heywood zu ſich ſelber. Aber ich werde ſchweigen, bis ich ſie eines Tages überführen kann. Da, hier iſt die Agraffe! ſagte er dann laut zu dem König. Sie ſaß ſo feſt in dem Bande, wie die Bosheit in dem Herzen der Pfaffen und Höflinge! Der König riß ihm das Band aus der Hand und ſtreifte es prüfend durch ſeine Finger. Nichts, gar nichts! ſagte er zähneknirſchend, und jetzt, in ſeinen Erwartungen und Vorausſetzungen ge⸗ täuſcht, fand er nicht mehr die Kraft, dieſem brauſen⸗ den Strom ſeines Zornes, der ſein Herz überfluthete, zu widerſtehen.— Der Tiger war wieder erwacht in ihm; er hatte ruhig des Momentes geharrt, wo man das verſprochene Opfer ihm entgegen führen würde; jetzt, da es ſich ihm zu entziehen ſchien, bäumte ſein — 175— wilder, grauſamer Sinn ſich in ihm empor. Der Tiger lechzte und dürſtete nach Blut, und daß er es nicht erhalten ſollte, machte ihn raſend vor Wuth. Er warf die Schleife mit einer wilden Bewegung zur Erde hin und hob drohend den Arm gegen Henry Howard empor. Wagt es nicht, dieſe Schleife zu berühren, rief er mit donnernder Stimme, bevor Ihr Euch nicht ge⸗ rechtfertigt habt von der Schuld, der man Euch anklagt! Graf Surrey ſah ihm feſt und kühn in die Augen. Man hat mich alſo angeklagt? fragte er. So verlange ich zuerſt, daß man mir meine Ankläger gegenüber ſtelle, und daß man mir meine Schuld nenne! Ha, Verräther, Ihr wagt es, mir zu trotzen? ſchrie der König, wild mit dem Fuße ſtampfend. Nun wohl, ich werde Euer Ankläger, und ich werde Euer Richter ſein! Und ſicher, mein König und Gemahl, werdet Ihr ein gerechter Richter ſein, ſagte Katharina, indem ſie ſich flehend zu dem König hinneigte und ſeine Hand ergriff. Ihr werdet den edlen Grafen Surrey nicht verdammen, ohne ihn gehört zu haben, und wenn Ihr ihn ſchuldlos findet, werdet Ihr ſeine Ankläger ſtrafen!. Aber dieſe Vürfdrache der Königin machte den König raſend. Er ſchleuderte ihre Hand fort und ſah ſie mit ſo flammenden Zornesblicken an, daß ſie un⸗ willkürlich erbebte.. Verrätherin Du ſelber! ſchrie er wild. Sprecht nicht von Unſchuld, Ihr, die Ihr ſelber ſchuldbelaſtet ſeid, und bevor Ihr es wagt, den Grafen zu verthei⸗ digen, vertheidigt Euch ſelber! Katharina erhob ſich von ihrem Sitz und ſah mit — 176— flammenden Blicken in das zornſprühende Antlitz des Königs. König Heinrich von England, ſagte ſie feier⸗ lich, Ihr habt öffentlich vor Eurem ganzen Hofe Eure Königin eines Verbrechens beſchuldigt. Ich verlange jetzt, daß Ihr es nennt! Sie ſah wunderſchön aus in ihrer ſtolzen, kühnen Haltung, in ihrer impoſanten, majeſtätiſchen Ruhe. Der Moment der Entſcheidung war gekommen, und ſie war es ſich bewußt, daß ihr Leben und ihre Zukunft jetzt mit dem Tode um den Sieg rangen. Sie blickte hinüber zu Thomas Seymour, und ihre Blicke begegneten ſich. Sie ſah, wie er die Hand an das Schwert legte und mit lächelndem Gruß ihr zuwinkte. Er wird mich vertheidigen, und ehe er duldet, daß man mich in den Tower ſchleppt, wird er mir ſelber ſein Schwert in die Bruſt ſtoßen! dachte ſie, und eine fendige, triumphirende Zuverſicht erfüllte ihr ganzes erz. Sie ſah nichts als ihn, welcher ihr geſchworen, mit ihr zu ſterben, wenn der Moment der Entſchei⸗ dung gekommen. Sie blickte lächelnd auf dieſes Schwert, welches er halb ſchon aus der Scheide gezo⸗ gen, und ſie begrüßte es, wie einen lieben, langer⸗ ſehnten Freund. Sie ſah nicht, daß auch Henry Howard die Hand an ſein Schwert gelegt, daß auch er zu ihrer Verthei⸗ digung bereit war, feſt entſchloſſen, den König ſelber zu tödten, bevor noch ſein Mund das Todesurtheil über die Königin geſprochen. Aber Lady Jane Douglas ſah es. Sie verſtand es, in dem Antlitz des Grafen zu leſen; ſie fühlte, daß er bereit war, für die Geliebte in den Tod zu — 177— gehen, und es erfüllte ihr Herz mit Jammer und utzücken zugleich. Auch ſie war jetzt feſt entſchloſſen, nur ihrem Herzen und ihrer Liebe zu folgen, und alles Andere vergeſſend außer dieſer, eilte ſie vorwärts und ſtand jetzt neben Henry Howard. Seid beſonnen, Graf Surrey, flüſterte ſie leiſe. Zieht Eure Hand zurück vom Schwert. Die Königin befiehlt es Euch durch meinen Mund! Henry Howard ſah ſie erſtaunt und befremdet an, aber er ließ ſeine Hand von dem Griff ſeines Schwertes gleiten und blickte wieder hinüber zur Königin. Sdie hatte ihre Forderung wiederholt, ſie hatte noch einmal von dem König, welcher ſprachlos und ganz überwältigt von Zorn in ſeinen Seſſel zurückgefallen war, verlangt, ihr das Verbrechen zu nennen, deſſen man ſie zeihe. Nun denn, Mylady, Ihr fordert es, und Ihr ſollt es hören, rief er. Ihr wollt das Verbrechen kennen, deſſen man Euch anklagt? Antwortet mir alſo, Mylady! Man beſchuldigt Euch, daß Ihr nicht immer zur Nacht⸗ zeit in Eurem Schlafgemach verweilt. Man behauptet, daß Ihr es zuweilen auf viele Stunden verlaßt, und daß keine Eurer Frauen Euch begleitet, wenn Ihr durch die Corridore und über die geheimen Treppen ſchlüpft zu dem einſamen Thurme, in welchem Euer Liebhaber Euch erwartet, welcher zur ſelben Zeit durch die kleine Straßenpforte in den Thurm eintritt. Er weiß Alles! murmelte Henry Howard, und wieder legte er die Hand an das Schwert und wollte ſich der Königin nähern. Lady Jane hielt ihn zurück. Harret des Ausgangs, ſagte ſie. Zum Sterben iſt es noch immer Zeit! Heinrich VIII. 2. 3 12 — — 178— Er weiß Alles! dachte auch die Königin, und jetzt fühlte ſie in ſich den trotzigen Muth, Alles zu wagen, um mindeſtens nicht in den Augen des Geliebten als eine Verrätherin dazuſtehen. Er ſoll nicht glauben, daß ich ihm ungetreu ge⸗ weſen, dachte ſie. Ich werde Alles ſagen, Alles be⸗ kennen, damit er weiß, weshalb und wohin ich ge⸗ gangen war. Jetzt antwortet, Mylady Katharina, donnerte der König. Antwortet, und ſagt mir, ob man Euch falſch beſchuldigt hat. Iſt es wahr, daß Ihr vor acht Tagen, in der Nacht vom Montag auf den Dienſtag, um die Mitternachtſtunde Euer Schlafgemach verließet und heimlich in den einſamen Thurm ginget? Iſt es wahr, daß Ihr dort einen Mann empfinget, der Euer Geliebter iſt? Die Königin blickte mit zürnendem Stolz ihn an. Heinrich, Heinrich, wehe über Euch, daß Ihr es wagt, Eure eigene Gemahlin alſo zu beſchimpfen, rief ſie. Antwortet mir! Ihr war't in jener Nacht nicht in Eurem Schlafgemach? Nein, ſagte Katharina mit ſtolzer Ruhe. Ich war nicht dort!. Der König ſank in ſeinen Seſſel zurück, und ein wahres Gebrüll der Wuth ertönte von ſeinen Lippen. Es machte die Frauen erbleichen, und ſelbſt die Männer fühlten ſich erbeben. Katharina allein hatte gar nicht darauf geachtet; ſie allein hatte nichts vernommen, als dieſen Schrei⸗ des Entſetzens, den Thomas Seymour ausgeſtoßen, und ſie ſah nur die zornigen und vorwurfsvollen Blicke, die er zu ihr hinüber ſchleuderte. 4 Sie erwiederte dieſe Blicke mit einem freundlichen —.,— — 179— und zuverſichtlichen Lächeln und drückte ihre beiden Hände auf ihr Herz, indem ſie ihn anſah. Ich werde mich vor ihm mindeſtens rechtfertigen, dachte ſie. Der König hatte ſein erſtes Entſetzen wieder über⸗ wunden. Er richtete ſich wieder empor, und ſein Antlitz zeigte jetzt eine erſchreckende, drohende Kälte. Ihr geſteht es alſo ein, fragte er, Ihr war't in jener Nacht nicht in Eurem Schlafgemach? Ich ſagte es ſchon! rief Katharina ungeduldig. Der König preßte ſeine Lippen ſo heftig aufeinan⸗ der, daß ſie bluteten. Und ein Mann war bei Euch? fragte er. Ein Mann, welchen Ihr um dieſe Stunde zu einem Rendezvous beſtelltet, und den Ihr im ein⸗ ſamen Thurm empfinget? 3 Ein Mann war bei mir! Aber ich empfing ihn nicht im einſamen Thurm, und es war kein Ren⸗ dezvous. Wer war dieſer Mann? ſchrie der König. Ant⸗ wortet mir! Nennt mir ſeinen Namen, wenn Ihr nicht wollt, daß ich Euch ſelber erwürge! König Heinrich, ich fürchte den Tod nicht mehr! ſagte Katharina mit einem verächtlichen Lächeln. Wer war dieſer Mann? Nennt mir ſeinen Namen! ſchrie der König noch einmal. „Die Königin richtete ſich ſtolzer empor, und ihr kühner Blick überflog die ganze Verſammlung. Der Mann, ſagte ſie feierlich, welcher in jener Nacht mit mir war, er hieß—. Er hieß John Heywood! ſagte dieſer, indem er ernſt und ſtolz hinter dem Thronſeſſel des Königs hervortrat. Ja, Heinrich, Dein Bruder, der Narr 3 12* — 180— John Heywood, hatte in jener Nacht die ſtolze Ehre, Deine Gemahlin zu begleiten auf ihrem heiligen Wege, aber ich verſichere Dich, daß er weniger dem Könige glich, als der König eben dem Narren gleicht! Ein Gemurmel des Erſtaunens durchlief die Ver⸗ ſammlung. Der König lehnte ſprachlos in ſeinem Thronſeſſel. Und jetzt, König Heinrich, ſagte Katharina ruhig, jetzt will ich Euch ſagen, wohin ich in jener Nacht mit John Heywood gegangen bin! Sie ſchwieg und lehnte ſich einen Moment in ihrem Seſſel zurück. Sie fühlte, daß die Blicke Aller auf ſie gerichtet waren, ſie hörte das zornige Aechzen des Königs, ſie empfand die flammenden, vorwurfsvollen Blicke ihres Geliebten, ſie ſah das ſpöttiſche Lächeln dieſer hochfahrenden Ladies, welche es ihr niemals ver⸗ ziehen hatten, daß ſie aus einer einfachen Baroneß zu einer Königin geworden. Aber dieſes Alles machte ſie nur noch muthvoller und kühner. Sie war auf jenem Gipfelpunkt des Lebens ange⸗ langt, wo man Alles wagen muß, um nicht in den Abgrund zu verſinken. Aber auch Lady Jane war zu einem ſolchen ent⸗ ſcheidenden Moment ihres Daſeins gelangt. Auch ſie ſagte zu ſich ſelber: ich muß in dieſer Stunde Alles wagen, wenn ich nicht Alles verlieren will. Sie ſah Henry Howard's bleiches, erwartungsvolles Geſicht. Sie wußte, daß, wenn die Königin jetzt ſprach, das ganze Gewebe ihrer Intrigue ſcch ihm offenbaren werde. Sie mußte alſo der Königin zuvorkommen, ſie mußte Henry Howard warnen. 5 Fürchtet nichts! flüſterte ſie ihm zu. Wir waren — — 181— darauf vorbereitet. Ich habe Ihr die Mittel zur Rettung in die Hand gegeben! Werdet Ihr endlich jetzt ſprechen? rief der König, zitternd vor Ungeduld und Wuth. Werdet Ihr uns endlich ſagen, wo Ihr in jener Nacht geweſen? Ich werde es ſagen! rief Katharina, ſich kühn und entſchloſſen wieder erhebend. Wehe aber Denen, welche mich dazu getrieben! Denn ich ſage es Euch zuvor, aus der Angeklagten wird eine Anklägerin werden, welche Gerechtigkeit fordert, wenn nicht vor dem Throne des Königs von England, doch vor dem Throne des Herrn aller Könige!— König Heinrich von England, Ihr fragt mich, wohin ich in jener Nacht mit John Heywood gegangen? Ich könnte vielleicht als Eure Königin und Gemahlin fordern, daß Ihr mir dieſe Frage nicht vor ſo viel Zeugen, ſondern in der Stille unſres Gemaches gethan, aber Ihr ſuchtet die Oeffent⸗ lichkeit, und ich ſcheue ſie nicht! Nun, ſo hört denn die Wahrheit, Ihr Alle!— In jener Nacht vom Montag auf den Dienſtag war ich nicht in meinem Schlafgemach, weil ich eine ernſte und heilige Pflicht zu erfüllen hatte, weil eine Sterbende zu mir gerufen hatte um Hülfe und Erbarmen! Wollt Ihr wiſſen, mein Herr und Gemahl, wer dieſe Sterbende war? Es war Marie Askew! 3 Marie Askew! rief der König erſtaunt, und ſein Antlitz zeigte einen minder zornigen Ausdruck. Marie Askew! murmelten die Andern, und John Heywood ſah es ſehr wohl, wie Erzbiſchof Gardiner's Stirn ſich verfinſterte und wie der Kanzler Wriothesly erbleichte und die Augen niederſchlug. 3 Ja, ich war bei Marie Askew! fuhr die Königin fort. Bei Marie Askew, welche die frommen und weiſen Herren dort drüben verurtheilt hatten, nicht ſo — 182— ſehr wegen ihres Glaubens, ſondern weil ſie wußten, daß ich ſie liebte. Marie Askew ſollte ſterben, weil Katharina Parr ſie liebte! Sie ſollte den Scheiter⸗ haufen beſteigen, damit auch mein Herz brenne in glühenden Schmerzen! Und weil es alſo war, mußte ich Alles wagen, um ſie zu retten. Oh, mein König, ſagt ſelbſt, war ich es dieſem armen Mädchen nicht ſchuldig Alles zu verſuchen, um ſie zu retten? Um meinetwillen ſollte ſie ja dieſe Qualen erleiden. Denn man hatte mir ſchmachvoll einen Brief geſtohlen, den Marie Askew in der Noth ihres Herzens an mich ge⸗ richtet, und ſie zeigten Euch dieſen Brief, um mich bei Euch zu verdächtigen und anzuklagen. Aber Euer edles Herz wehrte die Verdächtigung zurück, und nun fiel ihr Zorn auf Marie Askew zurück, und ſie ſollte dafür leiden, daß man mich nicht ſtrafbar befunden. Sie ſollte es büßen, daß ſie es gewagt, an mich zu ſchreiben. Sie erwirkten es bei Euch, daß ſie gefoltert werde. Aber als mein Gemahl ihrem Drängen nach⸗ gab, blieb doch der edle König noch wach in ihm. „Gehet hin“, ſagte er,„foltert und tödtet ſie, aber erſt ſehet zu, ob ſie nicht widerrufen will“! Heinrich blickte ihr erſtaunt in das edle und kühne Angeſicht. Ihr wißt das? fragte er. Und doch waren wir allein, und kein Menſch war zugegen, der es Euch verrathen konnte? Wenn der Menſch nicht mehr zu helfen vermag, ſo übernimmt es Gott! ſagte Katharina feierlich. Gott war es, welcher mir befahl, zu Marie Askew zu gehen und zu verſuchen, ob ich ſie erretten könne! Und ich ging hin. Aber obwohl des edlen und größten Königs Gemahlin, bin ich immer doch nur ein ſchwaches, furchtſames Weib. Ich hatte Furcht, dieſen traurigen und gefahrvollen Weg allein zu wandeln, ich bedurfte — 183— eines männlichen, ſtarken Arms, um mich darauf zu lehnen, und John Heywood lieh mir den ſeinen! Und Ihr waret wirklich bei Marie Askew? unter⸗ brach ſie der König ſinnend. Bei dieſer verſtockten Sünderin, welche die Gnade verſchmähete und in dem Starrſinn ihrer Seele der Verzeihung nicht theilhaftig werden wollte, welche ich ihr geboten? Mein Gemahl und Herr, ſagte die Königin mit Thränen in den Augen, Diejenige, welche Ihr eben beſchuldigt, ſteht jetzt ſchon vor dem Throne des Herrn und hat von ihrem Gotte die Vergebung ihrer Sünden empfangen! Verzeihet alſo auch Ihr, und mögen die Flammen des Scheiterhaufens, welcher geſtern den edlen, jungfräulichen Leib dieſes Mädchens getragen, auch den Zorn und Haß verzehrt haben, den man in Eurem Herzen gegen ſie entflammte. Marie Askew iſt dahin gegangen als eine Heilige, denn ſie verzieh allen ihren Feinden und ſegnete ihre Peiniger. Marie Askew war eine verdammte Sünderin, welche es wagte, den Befehlen ihres Herrn und Kö⸗ nigs ſich zu widerſetzen! unterbrach ſie der Erzbiſchof Gardiner mit einem ſtechenden Zornesblick. Und wagt Ihr es zu behaupten, Mylord, daß Ihr zu jeder Zeit genau und pünktlich die Befehle Eures Königlichen Herrn erfülltet? fragte Katharina. Habt Ihr ſie inne gehalten gegen Marie Askew? Nein, ſage ich, denn der König hatte Euch nicht befohlen, ſie zu martern, er hatte Euch nicht geheißen, in got⸗ tesläſterndem Zorn ein edles Menſchengebilde zu zer⸗ fleiſchen und dieſes Ebenbild Gottes zu einer grauſen⸗ erregenden Fratze zu entſtellen. Und das, Mylord, habt Ihr gethan! Vor Gott und Eurem König klage ich Euch deſſen an, ich, die Königin! Denn wißt es jetzt, mein Herr und Gemahl, ich war dabei, als — 184— Marie Askew gefoltert ward. Ich ſah ihre Qual und John Heywood ſah es mit mir.. Aller Augen richteten ſich fragend auf den König hin, von deſſen Wildheit und Jähzorn man ſich jetzt eines heftigen Ausbruches gewärtigte. Aber diesmal hatte man ſich getäuſcht. Der König war ſo ſehr zufrieden, ſeine Gemahlin rein zu finden von dem ihr zur Laſt gelegten Verbrechen, daß er es ihr gern verzieh, ein Verbrechen minder erheblicher Art begangen zu haben. Zudem imponirte es ihm, ſeine Gemahlin ſo kühn und ſtolz ihren Anklägern gegenübertreten zu ſehen, und er empfand gegen dieſe einen eben ſo glühenden Zorn und Haß, wie er ihn zuvor gegen die Königin gehegt. Er war es zufrie⸗ den, daß die hämiſchen und nie raſtenden Verfolger ſeiner ſchönen und ſtolzen Gemahlin jetzt vor den Augen ſeines ganzen Hofes von ihr gedemüthigt wer⸗ den ſollten. Er blickte daher mit einem unmerklichen Lächeln ſeine Gemahlin an und ſagte theilnahmsvoll: aber wie konnte dies geſchehen, Mylady? Auf welchem Wege gelangtet Ihr dahin? Das iſt eine Frage, welche Jedermann, außer dem König, zu thun berechtigt iſt! König Heinrich allein kennt den Weg, den ich gegangen bin! ſagte Katha⸗ rina mit einem feinen Lächeln. John Heywood, welcher noch immer hinter dem Thronſeſſel des Königs ſtand, neigte ſich jetzt dichter an Heinrichs Ohr und ſprach raſch und leiſe lange Zeit mit ihm. Der König hörte ihm aufmerkſam zu, dann mur⸗ melte er ſo laut, daß die Nächſtſtehenden es ſehr wohl verſtehen konnten: Bei Gott, ſie iſt ein muthiges und — — 185— kühnes Weib, und wir würden ihr das zugeſtehen müſſen, wäre ſie ſelbſt nicht unſere Königin! Fahrt fort, Mylady! ſagte er dann laut, mit einem gütigen Blick ſich der Königin zuwendend. Erzählt mir, Katharina, was ſaht Ihr denn in der Folter⸗ kammer? Oh, mein König und Herr, mir graut es, nur daran zu denken, rief ſie ſchaudernd und erbleichend. Ich ſah ein armes junges Weib, das in furchtbarer Qual ſich wand, und deren ſtarre Blicke in ſtummem Flehen gen Himmel gerichtet waren. Sie bat ihre Peiniger nicht um Gnade, ſie wollte von ihnen kein Mitleid und kein Erbarmen, ſie ſchrie nicht und win⸗ ſelte nicht vor Schmerz, obwohl ihre Glieder krachten und ihr Fleiſch wie Glas auseinander ſprang. Sie faltete ihre Hände zu Gott empor, und ihre Lippen murmelten leiſe Gebete, welche vielleicht die Engel des Himmels weinen machten, aber die Herzen ihrer Pei⸗ niger nicht zu rühren vermochten. Ihr hattet be⸗ fohlen, mein Gemahl, ſie zu foltern, wenn ſie nicht widerrufen wollte. Man fragte ſie nicht, ob ſie dies wolle, man folterte ſie. Aber ihre Seele war ſtark und muthig in ihr, und unter den Qualen des Hen⸗ kers blieb ihre Lippe ſtumm. Mögen die Schriftge⸗ lehrten ſagen und entſcheiden, ob Marie Askew's Glaube ein falſcher geweſen, aber das werden ſie nicht leugnen dürfen, daß ſie in dieſes Glaubens edler Begeiſterung eine Heldin war, welche mindeſtens ihren Gott nicht verleugnete.— Endlich, erſchöpft von ſo viel nutzloſer Anſtrengung hielten die Henkersknechte inne in ihrer blutigen Arbeit, um auszurnhen von den Qualen, welche ſie Marie Askew bereitet hatten. Der Lieutenant des Towers erklärte das Werk der Folter beendigt. Man hatte die höchſten Grade derſelben angewandt, und ſie — 186— waren machtlos geblieben; die Grauſamkeit ſelbſt mußte ſich überwunden erklären. Aber die Prieſter der Kirche forderten mit wildem Ungeſtüm, daß ſie noch einmal gefoltert werde. Wagt es, dies zu leugnen, Ihr Herrn, welche ich da drüben mit todesbleichem Antlitz ſtehen ſehe! Ja, mein König, die Diener der Folter wei⸗ gerten ſich, den Dienern Gottes zu gehorchen, denn in den Herzen der Henkersknechte war mehr Erbarmen als in den Herzen der Prieſter! Und als ſie ſich wei⸗ gerten, in ihrem blutigen Werk fortzufahren, und als der Lieutenant des Towers, kraft der beſtehenden Ge⸗ ſetze, die Folter für beendigt erklärte, da ſah ich einen der erſten Diener unſerer Kirche ſein heiliges Gewand von ſich werfen, da verwandelte ſich der Prieſter Gottes in einen Henkersknecht, der mit blutdürſtiger Luſt den edlen geknickten Leib des jungen Mädchens auf's Neue zerfleiſchte, und grauſamer wie die Fol⸗ terknechte, die Glieder ſchonungslos zerbrach und aus⸗ einander ſchnitt, welche jene nur in ihre Schrauben eingezwängt*).— Erlaßt es mir, mein König, dieſe Scene des Entſetzens noch weiter auszumalen! Grau⸗ ſend und bebend floh ich von jener fürchterlichen Stelle, und kehrte zerbrochenen und traurigen Herzens in mein Zimmer zurück. Katharina ſchwieg erſchöpft und ſank in ihren Seſſel zurück. Eine athemloſe Stille herrſchte rings umher. Die Geſichter Aller waren bleich und farblos; Gardiner und Wriothesly blickten finſter und trotzig vor ſich hin, gewärtig, daß der Zorn des Königs ſie zerſchmettern und vernichten werde. Aber der König dachte kaum an ſie, er dachte nur *) Burney: History of the Reformation. Vol. I pag. 132. „ * 5 — 4187— an ſeine ſchöne junge Königin, deren Kühnheit ihm imponirte, und deren Unſchuld und Reinheit ihn mit einer ſtolzen, ſeligen Freude erfüllte. Er war daher ſehr genigt, Denen zu verzeihen, welche im Grunde weiter nichts verſchuldet, als daß ſie die Befehle ihres Herrn ein wenig zu genau und ſtrenge ausgeführt hatten. Eine lange Pauſe war eingetreten, eine Pauſe der Erwartung und der Angſt für Alle, welche in der Halle verſammelt waren. Nur Katharina lehnte ruhig in ihrem Seſſel und blickte mit ſtrahlenden Augen hinüber zu Thomas Seymour, deſſen ſchönes Antlitz ihr die Genugthuung und Zufriedenheit verrieth, welche er über dieſe Aufklärung ihrer myſteriöſen, nächtlichen Wanderung empfand. Endlich erhob ſich der König, und, ſich tief vor ſeiner Gemahlin verneigend, ſagte er mit lauter, voll⸗ tönender Stimme: Ich habe Euch, meine edle Ge⸗ mahlin, tief und bitter verletzt, und wie ich Euch öffentlich angeklagt, will ich auch öffentlich Eure Ver⸗ zeihung fordern! Ihr habt Recht, mir zu zürnen, denn mir zunächſt geziemte es, unerſchütterlich feſt an die Treue und die Ehrbarkeit meiner Gemahlin zu glauben. Mylady, Ihr habt Euch eine glänzende Rechtfertigung verſchafft, und ich, der König, beuge mich zuerſt vor Euch, und bitte, daß Ihr mir verzei⸗ hen und mir eine Buße auferlegen möget! Ueberlaßt es mir, Königin, dieſem reuigen Sünder eine Buße aufzuerlegen! rief John Heywood fröhlich. Ihr, Majeſtät, ſeid viel zu großmüthig, viel zu zag⸗ haft, um ihn ſo ſtrenge zu behandeln, als es mein Bruder, König Heinrich, verdient. Ueberlaßt es alſo mir, ihn zu ſtrafen; denn nur der Narr iſt weiſe genug, den König nach Verdienſt zu ſtrafen. — 188— Katharina nickte ihm mit einem dankbaren Lächeln zu. Sie verſtand ganz die Zartheit und den feinen Tact John Heywoods; ſie begriff, daß er durch einen Scherz ſie dieſer peinlichen Situation entheben, und dieſe öffentliche Anerkennung des Königs, welche ihr zugleich doch innerlich zu bitterm Vorwurf gereichen mußte, enden laſſen wollte. Nun, ſagte ſie lächelnd, welche Strafe alſo würdet Ihr dem König auferlegen? Die Strafe, daß er den Narren als ſeines Gleichen anerkennen ſoll! Gott iſt mein Zeuge, daß ich's thue! rief der König faſt feierlich. Narren ſind wir allzumal und mangeln des Ruhms, den wir vor den Menſchen haben. 3 Aber mein Strafdecret iſt noch nicht zu Ende, Bruder! fuhr John Heywood fort. Ich verurtheile Dich ferner, König Heinrich, daß Du ſofort auch mein Poem Dir vortragen läßeſt und Deine Ohren öffneſt, um zu hören, was John Heywood, der Weiſe, ge⸗ dichtet hat! Du haſt alſo meinen Befehl erfüllt und ein neues Interlude gedichtet? rief der König lebhaft. Kein Interlude, König, ſondern ein ganz neues, luſtiges Ding, ein Schimpf⸗ und Scherzſpiel, bei wel⸗ chem Dir die Augen übergehen ſollen, laber nicht vor Weinen, ſondern vor Lachen. Dem wohledlen Gra⸗ fen von Surrey gebührt der ſtolze Ruhm, unſerm glücklichen England die erſten Sonnette geſchenkt zu haben, nun wohl, auch ich will ihm etwas Neues geben, ich ſchenke ihm das erſte Luſtſpiel, und wie er die Schönheit ſeiner Geraldine beſingt, ſo feiere ich den Ruhm von Gammer Gnrton's Nähnadel.— Gammer Gurton's Nähnadel, ſo heißt mein Stück, — 189— und Ihr, König Heinrich, ſollt's anhören zur Strafe Eurer Sünden! Ich will es thun, rief der König heiter, voraus⸗ geſetzt, daß Ihr's erlaubt, Kathi! Aber bevor ich's thue, mache auch ich noch eine Bedingung. Eine Be⸗ dingung für Euch, Königin! Ihr habt es verſchmäht, Kathi, mir eine Buße aufzuerlegen, gewährt mir aber mindeſtens die Freude, Euch einen Wunſch erfüllen zu dürfen! Sagt mir eine Bitte, die ich Euch ge⸗ währen ſoll! Nun denn, mein Herr und König, ſagte Katha⸗ rina mit einem reizenden Lächeln, ſo bitte ich, daß Ihr des Vorfalls dieſes Tages nicht mehr gedenken, und Denen verzeihen möget, welche ich nur um des⸗ halb angeklagt, weil ihre Anklage meine Rechtferti⸗ ung war. Diejenigen, welche mich beſchuldigten, hud in dieſer Stunde ihrer eigenen Schuld Buße empfangen. Laßt es genug ſein, König, und verzeihet ihnen, wie ich es thue! Ihr ſeid immer ein edles und großes Weib, Kathi! rief der König, und indem ſein Blick mit einem faſt verächtlichen Ausdruck zu Gardiner hinüber ſchweifte, fuhr er fort: Eure Bitte iſt gewährt! Aber wehe Denen, welche es noch einmal wagen ſollten, Euch anzuklagen! Und weiter habt Ihr nichts zu fordern, Kathi? Doch noch Eins, mein Herr und Gemahl!— Sie neigte ſich dichter an des Königs Ohr, und flüſterte: Sie haben auch Euren edelſten und treueſten Diener, ſie haben Cranmer angeklagt. Verdammt ihn nicht, ohne ihn gehört zu haben, König, und wenn ich Euch um eine Gnade bitten ſoll, ſo iſt es dieſe: ſprecht ſelbſt mit Cranmer. Sagt ihm, weſſen man ihn be⸗ ſchuldigt, und hört ſeine Rechtfertigung.— — 190— So ſoll es ſein, Kathi, ſagte der König, und Du ſollſt gegenwärtig ſein! Aber dies, Kathi, ſei unſer Geheimniß, und ganz in der Stille wollen wir's voll⸗ führen. Und nun denn, John Heywood, laß uns Dein Gedicht hören, und wehe Dir, wenn es uns nicht erfüllt, was Du verſprachſt, wenn's uns nicht lachen macht! Denn Du weißt wohl, daß Du als⸗ dann rettungslos den Ruthen unſerer beleidigten Da⸗ men verfallen biſt! Sie ſollen mich zu Tode peitſchen dürfen, wenn ich Euch nicht lachen mache! rief John Heywood fröh⸗ lich, indem er ſein Manuſcript hervorzog.— Bald hallte der Saal wieder vom lauten Gelächter, und in der allgemeinen Luſtigkeit achtete Niemand darauf, daß Erzbiſchof Gardiner und Graf Douglas leiſe ſich von dannen geſchlichen. Draußen im Vorſaal blieben ſie ſtehen und ſahen einander lange und ſtumm an; ihre Mienen drückten den Zorn und Ingrimm aus, der ihr Inneres er⸗ lte und ſie verſtanden dieſe ſtumme Sprache ihrer üge. 8 „Sie muß ſterben! ſagte Gardiner kurz und haſtig. Sie iſt einmal unſeren Schlingen entſchlüpft; wir werden ſie das zweite Mal deſto feſter knüpfen! Und ich halte ſchon die Fäden in der Hand, aus denen wir dieſe Schlinge knoten werden, ſagte Graf Douglas. Wir hatten ſie heute fälſchlich eines Liebes⸗ verhältniſſes beſchuldigt. Wenn wir es wieder thun, werden wir die Wahrheit geſagt haben. Saht Ihr die Blicke, welche Katharina mit dem ketzeriſchen Grafen Sudley, Thomas Seymour wechſelte? Ich ſah ſie, Graf! An dieſen Blicken wird ſie ſterben, Mylord. Die — 191— Königin liebt Thomas Seymour, und dieſe Liebe wird ihr Tod ſein! Amen! ſagte Erzbiſchof Gardiner feierlich, indem er die frommen Blicke gen Himmel richtete. Amen! Die Königin hat uns heute ſchwer und bitter belei⸗ digt, ſie hat uns beſchimpft und gemißhandelt vor dem ganzen Hof. Wir werden es ihr eines Tages vergelten! Die Folterkammer, welche ſie mit ſo le⸗ bendigen Farben geſchildert, möge ſich eines Tages auch ihr noch öffnen, nicht damit ſie Anderer Qualen ſchaue, ſondern damit ſie ſelbſt Qualen erleide. Wir werden uns eines Tages rächen! Ende des zweiten Bandes. —3688086= 1 Mnnſenſamenaſmaanim 10 11 12 13 14 15 16 17 18